eihbiblivthe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vo Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und geſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 2 bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Vuches wird von en Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 ücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat:— f 1 N 5 Pf. 2 Mr. Pf. 3 Ausürtige honnenten für Sin⸗ und Zurückſendung der S auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlbrene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſohd ers darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche pie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. E. L. Bulwer's W e r h e. Aus dem Engliſchen. undertundſechsundzwanzigſtes bis hundertund- dreiunddreißigſtes Vändchen. Die Cartone. Stuttgart. 8 Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1849. Die Cartonee. Ein Familiengemälde. Von Sir Edward Bulwer Lytton, Baronet. Aus dem Engliſchen von Dr. Carl Kolb. Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1849. Jede Familie birgt in ſich eine Geſchichte, ja ſogar ein Gedicht für diejenigen, welche die Blätter aufzuſchlagen verſtehen. Lamartine. Dii probos mores docili juventae, Dii senectuti placidae quietem, Romulae genti date remque, protemque, Et decus omne. HORAT. Carmen saeculare. — Vorrede. Wenn dieſes Werk ſo glücklich iſt, dem Romane leſenden Publikum einiges Intereſſe einzuflößen, ſo verdankt es dies nicht ſo faſt den gewöhnlichen Elementen der Dichtkunſt.— Der Knoten iſt ungemein leicht, und die Zwiſchenhandlun⸗ gen mit Ausnahme derer, welche auf das Schickſal Vivians Bezug haben, ſind von der Art, wie man ſie gar oft im Privatleben findet. Als Novelle betrachtet iſt der vorliegende Verſuch i Erperiment, das ſich von den früheren Werken des Verfaſſers weſentlich unterſcheidet. Hier dient der Humor zum erſten⸗ mal weniger der Satyre, als der Schilderung liebenswür⸗ diger Charaktere, und wir betrachten gleichfalls zum erſten⸗ mal den Menſchen nicht ſowohl in ſeinen thätigen Beziehun⸗ gen zu der Welt, ſondern vielmehr in ſeiner Ruhe am eigenen Herd. Mit einem Worte, der größere Theil der Leinwand wurde der Darſtellung eines einfachen Familiengemäldes ge⸗ widmet. Und ſo erſcheinen denn, in jeder Berufung an das menſchliche Herz, die gewöhnlichen hänslichen Neigungen an der Stelle jener lebhafteren oder großartigeren Leidenſchaf⸗ ten, welche ſonſt(und nicht mit Unrecht) den Vordergrund einer romantiſchen Dichtung für ſich in Anſpruch nehmen. In dem Helden, deſſen Autobiographie die verſchiedenen Charaktere und Begebenheiten des Werkes in ſich verwebt, beabſichtigt der Verfaſſer den Einfluß der Heimath auf das Benehmen und die Laufbahn der Jugend zu ſchildern. Der Ehrgeiz, welcher Piſiſtratus für eine Weile den ruhigen Beſchäftigungen entfremdet, worin der Mann der ECiviliſa⸗ tion gewöhnlich die zu Reichthum oder Ruhm führende Lehrzeit abdient, ſoll nicht das Fieber des Genie's darſtellen, welches ſich überlegener Kräfte und einer hohen Beſtimmung bewußt iſt, ſondern den natürlichen Drang eines friſchen, ſchwungkräftigen Geiſtes, in welchem, weil er mehr rüſtig g n ₰ 7 als contemplativ iſt, das Verlangen nach Thätigkeit als Symptom der Geſundheit erſcheint. In dieſer Beziehung wird Piſiſtratus(was er ſelbſt auch fühlt und andeutet) zum Typus einer Claſſe, deren Glieder ſich bei dem unaus⸗ bleiblichen Fortſchreiten der modernen Civiliſation mit jedem Tage mehren— er iſt Einer unter Vielen in der Mitte des großen Hauſens, der Repräſentant einer überquellenden Jugendkraſt, die ſich ſo zu ſagen mit dem Inſtinkt der Natur für Raum und Entwicklung von der alten Welt ab⸗ und der neuen zukehrt. Das, was ich den tieferen Sinn des Ganzen nennen möchte, habe ich durch die Nachweiſung zu vervollſtändigen geſucht, daß trotz aller unſerer Wanderungen das Glück ſtets in einem engen Kreiſe und mitten unter Gegenſtänden zu finden iſt, welche in unſerem unmittelbaren Bereich liegen. Allerdings fühlen wir dieſe Wahrheit, die ſchon durch alle philoſophiſchen Schulen wandern mußte, ſelten, ehe ſich die Nachforſchungen über einen weiteren Raum verbreitet haben. Um ſich die Segnungen der Ruhe zu ſichern, braucht der Menſch mehr Leibesbewegung, als einige Gänge im Zimmer 8 ½ auf und ab. Die Zufriedenheit gleicht jener Flüſſigkeit in dem Kriſtall, über welch Kindes und die Phantaſie eines Dichters reichlich ergoſſen e Claudian die Verwunderung eines hat— „Vivis gemma tumescit aquis.“ E. B. L. Rreuznach, im September 1849. Die Caxtone. Erſter Abſchnitt. Erſtes Kapitel. „Sir— Sir— es iſt ein Knabe!“ „Ein Knabe,“ ſagte mein Vater, der von ſeinem Buche aufſah und augenſcheinlich große Verlegenheit blicken ließ; „was iſt ein Knabe?“ Nun wünſchte mein Vater mit dieſer Frage weder den philoſophiſchen Forſchungsgeiſt zu ſpornen, noch der ehrli⸗ chen aber nichts von gelehrter Bildung wiſſenden Frau, die eben in ſein Studirzimmer geſtürzt war, eine phyſiologiſche oder philoſophiſche Löſung des Geheimniſſes abzuverlangen, das die Neugier ſo vieler Weiſen in Verlegenheit gebracht hat und noch immer in dem Satze liegt:„Was iſt der Menſch?“ Brauchen wir uns ja nicht weiter, als im nächſten beſten Wörterbuch umzuſehen, um zu erfahren, daß ein Knabe ein„männliches Kind“ iſt— das heißt, das männ⸗ liche Junge des Menſchen, und wer daher der Sache auf den Grund gehen und wiſſenſchaftlich ermitteln will, was ein Knabe ſey, muß zuerſt zu entdecken ſuchen, was der Menſch iſt. In Betreff dieſes Punktes hätte ſich nun mein Vater mit Buffon zufrieden geben oder auf Monboddo's Seite treten, mit Biſchof Berkeley übereinſtimmen oder ſich nen; es ſtand ihm frei, o, oder materiell, wie daß ein Knabe er die Wahl dem Profeſſor Combe anſchließen kön den Gattungsbegriff geiſtig, wie Epieur, aufzufaſſen. Unter der Einräumung, das männliche Junge des Menſchen iſt, hate aus einer Menge von Definitionen. Er hätte ſagen können: „der Menſch iſt ein Magen— folglich Knabe ein männ⸗ licher junger Magen. Der Menſch iſt ein Gehirn— Knabe Menſch iſt ein Bündel Bün⸗ 1 ein männliches junges Gehirn. Der — Knabe ein männliches junges von Gewohnheiten del von Gewohnheiten. Der Menſch iſt eine Maſchine— Der Menſch iſt ein Knabe eine männliche junge Maſchine. T ungeſchwänzter Affe— Knabe ein männlicher junger unge⸗ ſchwänzter Affe. Der Menſch iſt eine Zuſammenſetzung von Gaſen— Knabe eine männliche junge Zuſammenſetzung von Gaſen. Der Menſch iſt eine Erſcheinung— Knabe eine männliche junge Erſcheinung,“ und ſo weiter bis ins Un⸗ endliche. Und wenn von dieſen Bezeichnungen auch keine meinen Vater befriedigt haben würde, ſo bin ich doch voll⸗ fommen überzeugt, daß er nie zu Mrs⸗ Primmins gekommen wäre, um bei ihr eine neue zu holen. Zufällig war aber mein Vater eben in die wichtige Un Ho lad Au alt in „es ner übe wir den mit Un⸗ feine voll⸗ nmen chtige 11 Unterſuchung vertieft, ob die Iliade von einem gewiſſen Homer geſchrieben, oder nicht vielmehr eine Reihe von Bal⸗ laden ſey, die von Verſchiedenen verfaßt, endlich aber mit Auswahl zuſammengetragen und unter dem feingebildeten alten Tyrannen Piſiſtratus von einer Geſchmackscommiſſion in ein Ganzes gebracht wurden; die plötzliche Verſicherung: „es iſt eine Knabe,“ ſchien daher ganz und gar nicht zu ſei⸗ ner Gedankenkette zu gehören, weßhalb er zerſtreut und überraſcht die Frage hinwarf:„Was iſt ein Knabe?“ O „O Himmel, Sir!“ entgegnete Mrs. Primmins,„was wird ein Knabe ſeyn? Was ſonſt, als das Neugeborene?“ „Das Neu— geborene?“ wiederholte mein Vater, in⸗ dem er ſich von ſeinem Stuhle erhob.„Wie, Ihr wollt mir damit doch nicht ſagen, daß Sa „Ja, freilich will ich,“ verſetzte Mrs. Primmins mit einem Knixe;„und es iſt ſo ein hübſcher kleiner Schelm, wie nur je mein Auge einen geſehen hat.“ „Das arme, liebe Weib!“ ſagte mein Vater mitleihs⸗ voll.„So bald ſchon— ſo ſchnell!“ fügte er im Ton gedankenvoller Ueberraſchung bei.„Ei, wir haben uns ja erſt kürzlich geheirathet!“ „Gott behüte mich, Sir,“ rief Mrs. Primmins, die an dieſer Rede gewaltigen Anſtoß nahm;„es iſt zehn Monate und darüber!“ neh——?“ „Zehn Monate!“ entgegnete mein Vater mit einem Seufzer.„Zehn Monate! Und ich habe noch nicht fünfzig Seiten meiner Widerlegung von Wolfs ungeheuerlicher Theorie fertig! In zehn Monaten ein Kind! Und— wie ich 12 mir denke, ganz vollſtändig— Hände, Füße, Augen, Ohren und Naſe!— nicht wie dieſes arme Kind meines Gei⸗ ſtes,“ mein Vater legte feierlich die Hand auf ſeine Ab⸗ Va handlung,„von dem nichts geformt und gebildet iſt, nicht. einmal das erſte Gelenk des kleinen Fingers! Wahrhaftig, Ar meine Frau iſt ein koſtbares Weib! Gut, ſorgt nur dafür, daß ſie's recht ruhig hat. Der Himmel erhalte ſie, und ſchenke mir Kraft— dieſen Segen zu ertragen!“ „Aber Euer Ehren wird doch nach dem Bübchen ſe⸗. hen?— Kommt, Sir!“ Und Mrs. Primmins faßte ſchmeichelnd meinen Vater wul am Rockärmel. „Nach ihm ſehen?— natürlich,“ entgegnete mein Va⸗ ter freundlich.„Natürlich will ich danach ſehen. Ich bin S 8 8 Nä dies ja meiner armen Frau ſchuldig, nachdem ſie ſich ſo viel che Mühe gegeben hat, die liebe Seele!“ Mein Vater zog nun ſeinen Schlafrock in ſtattlichere 3 Falten und folgte Mrs. Primmins die Treppe hinauf in ein ch ſorgfältig verdunkeltes Zimmer. pe ʒ „Wie geht's Dir, meine Liebe?“ fragte mein Vater mit theilnehmender Zärtlichkeit, während er taſtend ſeinen Weg nach dem Bette ſuchte. „Jetzt beſſer— o, und ſo glücklich!“ murmelte eine 84 matte Stimme. In demſelben Augenblick zog Mrs. Primmins meinen Be Vater zurück, hob die Decke von einer kleinen Wiege, hielt ein Licht auf Zollweite in die Nähe einer unentwickelten Naſe und rief feierlich:„Da— ſegnet ihn!“ au hren Gei⸗ Ab⸗ nicht ftig, für, und ater Va⸗ hbin o viel ichere in ein Vater ſeinen e eine neinen hielt Naſe 13 „Verſteht ſich, Ma'am, ich ſegne ihn,“ ſagte mein Vater etwas mürriſch.„Es iſt meine Pflicht, ihn zu ſeg⸗ nen;— Gottes Segen über ihn! Dies iſt alſo die Art, wie wir in die Welt kommen!— roth, ſehr roth— voll Scham über all die Thorheiten, die wir zu begehen be⸗ ſtimmt ſind.“ Mein Vater nahm auf dem Stuhl der Wärterin Platz, und die Weiber drängten ſich um ihn her. Er betrachtete noch immer den Inhalt der Wiege, bis er endlich gedanken⸗ voll vor ſich hinſprach: „Und Homer war einſt auch wie dieſer!“ In dieſem Augenblick— und es war kein Wunder, wenn man bedenkt, daß ſich das Licht in ſo unmittelbarer Nähe der Geſichtsorgane befand— begann Homers kindli⸗ ches Ebenbild mit den erſten unmelodiſchen Lauten der Natur. „Homer hat ſich im Singen ſehr vervollkommt, als er älter wurde,“ bemerkte Mr. Squills, der Hebarzt, wel⸗ cher in einer Ecke des Zimmers mit einigen Geheimniſſen beſchäftigt war. Mein Vater verſtopfte ſich die Ohren. „Was doch ſo kleine Geſchöpfe für Lärm machen kön⸗ nen!“ ſagte er philoſophiſch.„Je kleiner das Ding, deſto größer das Geſchrei!“ Mit dieſen Worten ſchlich er auf den Zehen nach dem Bette, faßte die Hand, die ihm entgegenkam, und flüſterte einige Worte, welche ohne Zweifel ſehr beruhigend auf das Ohr der Hörerin wirkten, denn beſagte Hand wurde plötzlich aus der ſeinigen zurückgezogen und ſchlang ſich zärtlich um Stille vernahm man den Ton ſeinen Nacken. Durch die eines ſanften Kuſſes. „Mr. Carton,“ rief Mr. Squills im Tone des Vor⸗ wurfs,„Ihr regt meinen Patienten zu ſehr auf. Ihr müßt Euch entfernen.“ Mein Vater erho tend umher, fuhr mit dem gen, ſchlich ſich nach der Thüre und verſchwand. „Ich denke,“ ſagte eine wohlmeinende Nachbarin, die auf der anderen Seite des Wochenbettes ſaß,„ich denke, meine Liebe, Mr. Carton hätte wohl mehr Freude an den Tag legen können— mehr natürliches Gefühl, möchte ich dem Anblick des Bübchens— und ſolch eines ſagen— bei Bübchens! Aber alle Männer ſind ſo, meine Liebe— rohe laßt Euch darauf.“ Geſchöpfe— lauter rohe Geſchöpfe, ver „Der arme Auſtin!“ ſeufzte meine Mutter in mattem Tone.„Wie wenig verſteht Ihr ihn!“ „Und nun werde ich das Zimmer räumen,“ ſagte Mr. Squills.—„Ihr müßt ſchlafen, Mrs. Carton.“ „Mr. Squills,“ rief meine Mutter, und die Bettvor⸗ hänge zitterten,„ich bitte, ſorgt dafür, daß Mr. Carton nicht zu ſehr in Aufregung geräth;— und, Mr. Squills, ſagt ihm, er ſolle nicht verdrießlich werden, weil er mich miſſen muß.— Ich werde bald wieder unten ſeyn— meint Ihr nicht?“ „Ja wohl, wenn Ihr Euch ruhig verhaltet, Ma'am.“ „Ich bitte, ſagt ihm dies; und⸗ Primmins,—“ „Ja, Ma'am.“ b ſein ſanftes Geſicht, blickte abbit⸗ Rücken der Hand über ſeine Au⸗ da 3 bro n u⸗ die ke, den ich nes ohe f tem Mr. vor⸗ nicht ſagt iſſen Ihr . m. 15 „Ich fürchte, Jedermann vernachläßigt den Hausherrn. — Habt Acht“—(und die Lippen meiner Mutter kamen ganz in die Nähe von Mrs. Primmins' Ohr)—„habt Acht — daß Ihr ſelbſt— ihm die Nachtmütze lüftet.“ „Zärtliche Geſchöpfe, dieſe Weiber,“ murmelte Mr. Squills vor ſich hin. Nachdem er das Zimmer bis auf Mrs. Primmins und die Wärterin geräumt hatte, machte er ſich auf den Weg nach meines Vaters Studirzimmer. Als ihm auf der Flur der Bediente begegnete, rief er ihm zu: „John, bringt das Nachteſſen auf das Zimmer Eures Herrn— und wollt Ihr ſo gut ſeyn, uns etwas Punſch zu beſorgen, aber ſteifen?“ Zweites Kapitel. „Mr. Carton, wie ſeyd Ihr ums Himmels willen je dazu gekommen, zu heirathen?“ fragte Mr. Squills abge⸗ brochen, während er, die Füße auf den Kaminrücken ſtützend, ſeinen Punſch umrührte⸗ Dies war eine Frage über häusliche Angelegenheiten, die wohl mit Fug manchen Mann in eine ärgerliche Stim⸗ mung hätte bringen können; aber mein Vater wußte kaum, was Aerger war. „Squills,“ ſagte er, indem er ſich von ſeinen Büchern abwandte und vertraulich einen Finger auf den Arm des Wundarztes legte,„Squills, ich möchte wohl ſelbſt auch wiſſen, wie ich dazu kam.“ eiterer, gutherziger Mann von mit ſchönen Zähnen, ſo daß man ſein Lachen eben ſo gern ſah, als hörte. Er hatte vabei in ſeiner Art etwas von einem Philoſophen an ſich, der die menſchliche Matur im Heilen der Krankheiten ſtu⸗ dirte, und pflegte oft zu ſagen, Mr. Carton ſey an ſich ein beſſeres Buch, als irgend eines, das er in ſeiner Bibliothek habe. Mr. Squills lachte und rieb ſich die Hände. Mein Vater nahm gedankenvoll und im Tone eines Moraliſirenden wieder auf:— „Es gibt drei große Ereigniſſe im Leben, Sir— Ge⸗ burt, Heirath und Tod. Niemand weiß, wie er geboren wird, wenige wiſſen, wie ſie ſterben. Ich denke mir zwar, daß viele ſich den vazwiſchen liegenden Fall zu erklären ver⸗ mögen— aber ich kann's nicht.“ „Um des Geldes willen war es nicht— es muß alſo aus Liebe geſchehen ſeyn,“ bemerkte Mr. Squills;„und Eure junge Frau iſt ebenſo hübſch, als gut.“. „Ha!“ ſagte mein Vater.„Jetzt erinnere ich mich.“ „Wirklich, Sir?“ rief Squills mit großer Heiterkeit. Mr. Squills war ein h kräftigem, rundem Bau und „Nun, wie war's dabei?“ Wie es oft bei meinem er mit der Antwort und ſchien dann e mit Mr. Squills zu ſprechen. „Der liebevollſte, der b —„Abyssus eruditionis. Und zu denken, daß er mir den einzigen Reichthum hinterließ, den er beſaß, ſtatt ſeinem eigenen Fleiſch und Blut, Jack und Kitty. Alles wenigſtens, Vater der Fall war, zögerte her mit ſich ſelbſt, als ———— eſte der Männer,“ murmelte er, was tein ich ſchn war geri arm mir bin Nac raut leid Alle nes nich wur ich reit vita führ meit mit Gla g on aß tte ich, ſtu⸗ ein thek ines oren war, ver⸗ alſo „und ch.“ erkeit. ögerte „als lte er, ir den ſeinem gſtens, was ich deficiente manu erhaſchen konnte von ſeinem La⸗ teiniſchen, Griechiſchen und Orientaliſchen. Was verdanke ich ihm nicht Alles!“ „Wem?“ fragte Squills.„Gütiger Gott, von was ſchwatzt der Mann!“ „Ja, Sir,“ fuhr mein Vater ſich aufraffend ſort,„ſo war Giles Tibetts, M. A., Sol scientiarum, der Lehrer des geringen Schülers, der vor Euch ſitzt, und der Vater der armen Kitty. Er hinterließ mir ſeine Elzevirs; er hinterließ mir auch ſeine verwaiste Tochter.“ „Oh, zur Frau—“ „Nein, als Pflegkind. Sie kam zu mir ins Haus. Ich bin überzeugt, daß darin nichts Arges lag. Aber meine Nachbarn behaupteten das Gegentheil, und die Wittwe Welt⸗ raum erklärte mir, daß der Ruf des Mädchens darunter leide. Was konnte ich thun?— O ja; es fällt mir jetzt Alles wieder ein! Ich heirathete ſie, damit das Kind mei⸗ nes alten Freundes ein Dach habe über ſeinem Haupt und nicht zu Schaden komme. Ihr ſeht, daß ich gezwungen wurde, ihr dieſes Unrecht anzuthun, denn im Grunde kann ich dem armen jungen Geſchöpf nur ein trauriges Loos be⸗ reiten. Ein langweiliger Bücherwurm, wie ich— cochleae vitam agens, Mr. Squills— der das Leben einer Schnecke führt. Aber meine Schaale war Alles, was ich der Waiſe meines armen Freundes anzubieten vermochte.“ „Mr. Carton, ich verehre Euch,“ entgegnete Squills mit Nachdruck, indem er aufſprang und dabei ein halbes Glas des kochend heißen Punſches über die Beine meines Bulwer, die Cartone. 2 4 18 Vaters goß.„Ihr habt ein Herz⸗ Sir, und ich begreife m nun wohl, warum Eure Gattin Euch liebt. Ihr ſcheint be ein kalter Mann zu ſeyn, aber eben jetzt bemerke ich Thrä⸗ nen in Euern Angen.“ „Ich glaub' es wohl,“ verſetzte mein Vater, während ch er ſeine Beine rieb.„Er war kochend.“ N „Und Euer Sohn wird euch beiden zum Troſt gerei⸗ de chen,“ fuhr Mr. Squills fort, indem er wieder Platz nahm, N ohne in ſeiner theilnehmenden Aufregung an den Schmerz we „Er wird A den er einem Andern zugefügt hatte. n für eure Arche.“ „entgegnete mein Vater mit wi zu denken⸗ die Friedenstaube ſey „Ich zweifle nicht daran, kläglicher Miene;„nur finde ich in dieſen Tauben, ſo lang*5 ſie klein ſind, gar lärmende Vögel— non talium avium 6 cantus somnum reducent. Es hätte übrigens ſchlimmer et ausfallen können. Leda hatte Zwillinge.“ „So auch Mrs. Barnabas in der letzten Woche,“ er⸗ B wiederte der Geburtshelfer.„Wer weiß, was Euch noch vorbehalten iſt! Die Geſundheit des Maſter Carton, und di möge ihm ein Häuflein Brüder und Schweſtern nachfolgen!“ de „Brüder und Schweſtern? Ich bin überzeugt, Mrs. de Carton wird nie an etwas derart denken, Sir,“ unterbrach ater faſt mit Entrüſtung.„Sie iſt eine viel zu lie gute Frau, um ſich ſo aufzuführen. Einmal meinetwegel ſet iſt ſchon recht: aber zweimal— und ſo, wie es ſteht— kein Papier an ſeinem Platz und in den letzten drei Tagen kein Feder geſchnitten, während ich doch nur'euspide durius 6 eula ſchreiben kann— und auch der Baͤcker iſt zweim ihn mein V reife cheint Thrä⸗ hrend gerei⸗ nahm, chmerz r wird ter mit ſo lang avium limmert e er⸗ ich noch on, und folgen!“ t, Mrs. nterbrach e viel zu netweger t— keit gen kein durius⸗ zweim 19 mit ſeiner Rechnung zu mir gekommen. Die llithyiae ſind beſchwerliche Gottheiten, Mr. Squills.“ „Wer ſind die Ilithyiae?“ fragte der Geburtshelfer. „Das ſolltet Ihr wiſſen,“ antwortete mein Vater lä⸗ chelnd.„Sie ſind die weiblichen Dämonen, welche über dem Neogilos oder Neugebornen wachten. Ihr Name kommt von der Juno her— ſieh Homer, Buch XI. Beiläufig, ſoll mein Neogilos nach Weiſe des Hektor oder des Aſtyanar ernährt werden— videlicet durch ſeine Mutter oder durch eine Amme?“ „Was zieht Ihr vor, Mr. Carton?“ fragte Mr. Squills, während er den Zucker in ſeinem Glaſe zerſtieß.„Ich halte es ſtets für meine Pflicht, hierin den Wünſchen des Vaters Gehör zu ſchenken.“ „Dann jedenfalls eine Amme,“ entgegnete mein Va⸗ ter.„Und möge ſie ihn tragen hypo colpo, zunächſt ihrem Buſen. Ich weiß alles, was darüber geſagt iſt, daß die Mütter ihre Kinder ſelbſt ſäugen ſollen, Mr. Squills; aber die arme Kitty iſt ſo empfindlich, daß ich denke, ein geſun⸗ des kräftiges Bauernweib wird für die künftigen Nerven des Knaben am beſten ſeyn, und auch für die dermaligen und künftigen Nerven ſeiner Mutter. Ach, ich werde die liebe Frau ſehr vermiſſen. Wann kann ſie wohl wieder auf ſeyn, Mr. Squills?“ „Oh, in weniger als vierzehn Tagen!“ „Und dann ſoll der Neogilos in die Schule gehen— hypo kolpo— die Amme mit ihm, und glles wird wieder 8 Vater mit einer Miene ſchlauer, die ihm eigenthümlich war. der kaum erſt geboren wurde?“ ald damit anfangen,“ verſetzte lnſicht des Helvetius recht werden,“ ſagte mein geheimnißvoller Heiterkeit, „In die Schule— er, „Man kann nicht zu b mein Vater entſchieden.„Dies iſt die 2 und die meinige.“ Drittes Kapitel. Ich nehme für ausgemacht an, daß ich ein ſehr wunder⸗ gens ſagen, daß ich die Mit⸗ bares Kind war, muß übri theilungen der früheren Kapitel nicht meiner eigenen Wahr⸗ nehmung verdanke. Das Benehmen meines Vaters bei mei⸗ ner Geburt machte auf alle, welche Zeugen davon waren, einen nachhaltigen Eindruck, und Mr. Sauills ſowohl als Mrs. Primmins erzählte mir ſo oft davon, daß ich mit den Einzelnheiten ſo gut vertraut wurde, als es dieſe würdigen Gewährsleute ſelbſt waren. Ich glaube, meinen Vater in ſeinem dunkelgrauen Schlafrock mit dem eigenthümlichen, halb ſchlauen, halb unſchuldigen Zucken um den Mund und dem verlegen machenden Blick aus ſeinen ſchönen, ruhigen, zerſtrenten Augen vor mir zu ſehen bis zu dem Moment, als er mit Helvetius einig wurde, mich unmittelbar nach meiner Geburt in die Schule zu ſchicken. Kein Menſch wußte recht, was er aus meinem Vater machen ſollte— ſeine Gattin ausgenommen. Die Bürger pokrates kommen, um den vermeintlich wahnſinnigen De⸗ mokrit zu heilen, welcher, wie der berühmte Arzt trocken ſchaft von Abdera ließ den Hip⸗ ben beſe mei Wa Di abg ſen, keit Bib eine als um eine anfi daß ſtets ſich alt, dem gew nicht meir Jem Verl leuch Wur aus träg ider⸗ Mit⸗ ahr⸗ mei⸗ aren, . als it den digen Vater lichen, d und higen, it, als meiner recht, Gattin n Hip⸗ n De⸗ trocken 24 bemerkt,„eben damals ernſtlich mit philoſophiſchen Studien beſchäftigt war“. Dieſelben Abderiten würden ſicherlich an meinem armen Vater ſehr beunruhigende Symptome von Wahnſinn entdeckt haben; denn wie Demokrit„achtete er die Dinge, groß oder klein, mit welchen ſich die übrige Welt abgab, für gering“ Demgemäß ſahen manche einen Wei⸗ ſen, andere einen Narren in ihm. Die benachbarte Geiſtlich⸗ keit ehrte ihn als einen Gelehrten, der die Kenntniſſe ganzer Bibliotheken in ſich trug; die Damen verachteten ihn als einen zerſtreuten Pedanten, in dem nicht mehr Artigkeit ſtack, als in einem Stock oder Stein, und die Armen liebten ihn um ſeiner Wohlthätigkeit willen, obwohl ſie ihn zugleich als einen ſchwachen Mann auslachten, der ſich von Jedermann anführen ließ. Dennoch fanden die Squire und Farmer, daß er ſelbſt über landwirthſchaftliche Angelegenheiten ihnen ſtets eine belehrende Auskunft geben konnte, und wer immer ſich an ihn um Rath wandte, gleichviel ob er jung oder alt, vornehm oder gering, gelehrt oder ungelehrt ſeyn mochte, dem diente er mit mehr Beſcheidenheit als Weisheit. In den gewöhnlichen Angelegenheiten des Lebens ſchien er durchaus nicht für ſich ſelbſt handeln zu können, denn er überließ alles meiner Mutter oder wurde regelmäßig übertölpelt, wenn Jemand unverſehens an ihn kam; aber ganz in denſelben Verhältniſſen, wenn Andere ſich bei ihm Raths erholten, leuchtete ſein Auge, ſeine Stirne heiterte ſich auf, und der Wunſch, nützlich zu werden, machte ein ganz neues Weſen aus ihm— vorſichtig, gründlich und praktiſch. Langſam und träge, wo ſeine eigenen Intereſſen auf dem Spiel ſtanden, durfte nur ſein Wohlwollen in Anſpruch genommen werden, und alle Räder des Uhrwerks fühlten die Gewalt einer Mei⸗ ſterfeder. Kein Wunder, daß für andere die Nuß eines ſol⸗ chen Charakters ſchwer zu knacken wurde; aber in den Augen meiner armen Mutter war Auguſtin(in der vertraulichen Bezeichnung Auſtin) Carton das beſte und größte aller menſchlichen Weſen. Sie mußte ihn auch wohl kennen, denn ſie ſtudirte ihn aus ihrem ganzen Herzen, war mit jedem Zug ſeines Geſichtes vertraut und vermochte unter zehnen neunmal vorauszuſagen, was er ſprechen würde, noch eh' ſeine Lippen ſich geöffnet hatten. Gleichwohl gab es Tiefen in ſeinem Weſen, die das Senkblei ihres zarten Weiberver⸗ ſtandes nie zu ergründen im Stande war, und ſogar in den vertraulichſten Geſprächen kam es bisweilen vor, daß es ihr zweifelhaft wurde, ob er wirklich der einfache offene Mann ſey, für den man ihn meiſtens hielt. Es lag in der That eine Art unterdrückter, feiner Jronie in ihm, zu unkörperhaft, als daß man ſie mit dem gewöhnlichen Ausdruck Humor hätte bezeichnen können, aber doch mit unbeſtimmten Zügen eine Art von Scherz in ſich faſſend, die er ganz für ſich be⸗ hielt und die nur dann bemerklich wurde, wenn er etwas ſagte, was recht ernſt klang, oder den Ernſten als ſehr thö⸗ richt und unverſtändig vorkam. Daß ich nicht ganz ſo bald, als beabſichtigt worden, in die Schule ging— wenigſtens nicht dahin, was Mr. Squills unter dem Wort Schule verſtand— brauche ich kaum zu pemerken. In der That wußte es meine Mutter mittelſt Anbringung von doppelten Thüren in der Kindsſtube ſo gut ei V ſe ho m ha be ſta ſol nic vor „1 nöt ein wa her eine zu als entk zu wie der (den ihm die 4 T ſeufz den, Rei⸗ ſol⸗ en chen iller enn dem nen eh' efen ver⸗ den ihr ann hat haft, mor ügen be⸗ was thö⸗ n, in uills m zu ttelſt gut 23 einzuleiten, daß mein Vater meiſt ſich nach Belieben des Vorrechts erfreuen konnte, mein Vorhandenſeyn zu vergeſ⸗ ſen. Einmal, als es ſich um Vorbereitungen zu meiner Taufe handelte, wurde er dunkel daran erinnert. Nun war aber mein Vater ein menſchenſcheuer Mann, der nichts ſo ſehr haßte, als Ceremonien und öffentliches Gepränge, und er bemerkte mit großer Unruhe, daß eine Feſtlichkeit bevor⸗ ſtand, bei welcher er vielleicht eine Hauptrolle übernehmen ſollte. Trotz ſeiner gewöhnlichen Zerſtreutheit, die ihn auf nichts achten ließ, hörte er doch ein bedeutſames Geflüſter von„der Nähe des Biſchofs, die man benützen müſſe, und „zwölf neuen Gläſern für das Eingemachte, die durchaus nöthig ſeyen,“ ſo daß er überzeugt ſeyn konnte, daß es auf eine ſolche ihm auf den Tod verhaßte Förmlichkeit abgeſehen war. Als endlich die Gevatterleute gar mit der Frage frei herausrückten und die Bemerkung daran knüpften, daß dies eine ſchöne Gelegenheit ſey, die Höflichkeiten der Nachbarn zu erwiedern— da fühlte er, daß gar nichts übrig blieb, als eine Kraftanſtrengung zu verſuchen, um der Sache zu entkommen. Nachdem alſo in ſeinem Beiſeyn, ohne daß er zu hören ſchien, der Tag beſtimmt worden war und man— wie man meinte, ohne daß er es wahrnahm— die Ueberzüge der Zitzſeſſel im beſten Beſuchzimmer abgenommen hatte (denn meine Mutter hielt große Stücke auf Nettigkeit), fiel ihm plötzlich ein, daß er einer großen Bücherverſteigerung, die an einem zehn Stunden entfernten Platze vorgehen und 4 Tage dauern werde, anwohnen müſſe. Meine Mutter ſeufzte, widerſprach aber meinem Vater nie, ſelbſt wenn er —— ———— Unrecht hatte, wie hjer ſicherlich der Fall war, und warf blos die Andeutung hin,„ſie fürchte, es würde ſeltſam aus⸗ ſehen, und die Welt könnte die Abweſenheit des Vaters miß⸗ denten— ob es nicht beſſer wäre, die Taufe aufzuſchieben.“ „Meine Liebe,“ antwortete mein Vater,„es wird ge⸗ legentlich meine Pflicht werden, den Knaben zu einem Chri⸗ ſten zu machen— eine Pflicht, die ſich nicht an einem Tag abthun läßt. Vorderhand zweifle ich nicht, daß der Biſchof ohne mich zu Stande kommen wird. Laß es alſo immerhin bei dem beſtimmten Tage, oder wenn Du ihn verſchiebſt, auf Ehre, ſo glaube ich wahrhaftig, daß auch der heilloſe Aur⸗ tionär den Bücherverkauf aufſchieben wird. So viel iſt ge⸗ wiß, daß die Taufe und die Verſteigerung zu gleicher Zeit ſtattfinden werden.“ Da war nun freilich nichts zu ändern; aber ich bin überzeugt, daß meine gute Mutter von Stund an weit weni⸗ ger Muth hatte, die Ueberzüge der Zitzſeſſel im beſten Be⸗ ſuchzimmer abzunehmen. Fünf Jahre ſpäter wäre dies nicht mehr vorgekommen. Meine Mutter würde den Vater geküßt und zu ihm geſagt haben:„Bleib!“ und er hätte ihrer Bitte nicht widerſtehen können. Sie war aber damals noch ſehr jung und ſchüchtern, er dagegen der wilde Mann, nicht aus den Wäldern, ſondern aus der Bücherſtube, den die An⸗ nehmlichkeiten der Heimath noch nicht civiliſirt hatten. Kurz⸗ die Poſichaiſe wurde beſtellt und die Reiſetaſche gepackt. „Mein Lieber,“ ſagte meine Mutter am Abend vor die⸗ ſer Hegira, während ſie von ihrer Arbeit aufſah—„mein Lieher, Du haſt noch Eines ins Reine zu bringen vergeſſen. ma mie vur Ide mir auf ſag ders wer ande war ſich derh bin eni⸗ Be⸗ nicht küßt hrer noch nicht An⸗ durz, dier mein eſſen. 25 Ich bitte um Vetzeihung, wenn ich Dich ſtöre; aber es iſt wichtig— der Name des Kindes: ſollen wir es Auguſtin nennen?“ „Auguſtin?“ verſetzte mein Vater träumeriſch.„Ei, das iſt ja mein Name!“ „Und wäre es Dir nicht lieb, wenn ihn auch Dein Sohn trüge?“ „Nein,“ entgegnete mein Vater, ſich aufraffend.„Nie⸗ mand würde wiſſen, welcher von beiden es wäre. Ich könnte mich ſelbſt darüber ertappen, wie ich das lateiniſche Adjecti⸗ vum lerne oder mit Marbeln ſpiele. Nie wäre ich meiner Identität gewiß, und es könnte Mrs. Primmins einfallen, mir Brei geben zu wollen.“ Meine Mutter lächelte, legte ihre ſehr hübſche Hand auf die Schulter meines Vaters, blickte ihn zärtlich an und ſagte: „Es ſteht nicht zu beſorgen, daß Du mit Jemand an⸗ ders, und wenne 8 Dein eigener Sohn wäre, verwechſelt werden könnteſt, mein Lieber. Im Falle Du aber einen andern Namen vorziehſt— wie ſollen wir den Knaben nennen? „Samuel,“ verſetzte mein Vater.„Doktor Parr heißt Samuel.“ „Ach, mein Lieber, Samuel iſt der häßlichſte Name—“ Mein Vater achtete nicht auf dieſen Ausruf, ſt ondern war ſchon wieder in ſeine Bücher vertieft und ſprach vor ſich hin: „Barnes ſagt, Homer ſey Salomon. W enn man in der hebräiſchen W eiſe Homeros rückwärts leſe—“ „Ja, mein Lieber,“ unterbrach ihn meine Mutter. „Aber der Taufname des Knaben?“ „H oremoh— Solemoh— Salomo!“ „Salvmo! entſetzlich!“ ſagte meine Mutter. „Ja wohl entſetzlich,“ echvete mein Vater.„Ein Ver⸗ brechen gegen allen geſunden Menſchenverſtand!“ Dann fuhr er, nach einem Blick über ſeine Bücher, gedankenvoll Aber im Grunde iſt es doch ein Unſinn, anzuneh⸗ fort—„2 men, daß man über den Homer nicht ins Reine gekommen ſey bis zu ſeiner Zeit.“ „Zu weſſen Zeit?“ Mein Vater hob ſeinen Finger auf. Nach einer Pauſe fuhr meine Mutter fort: Arthur iſt ein recht hübſcher Name— auch William — Henry— Charles— Roberi. Welcher ſoll es ſehn, mein Lieber?“ „Piſiſtratus?“ ſa noch nachbrannte, im gar Piſiſtratus. „Piſiſtratus! ein ſehr ſchöner Name,“ ſagte meine Mutter erfreut—„Piſiſtratus Carton. Danke, mein Lie⸗ ber, Piſiſtratus alſo ſoll er heißen.“ „Widerſprichſt Du mir? Hältſt Du's auch mit Wolf und Heyne und jenem praktiſchen Burſchen Vico? Willſt Du etwa behaupten, daß die Rhapſodiſten—“ „Nein, gewiß nicht, mein Lieber,“ unterbrach ihn meine Mutter.„Du erſchreckſt mich.“ Homeros— S fragte meine Mutter mechaniſch. gte mein Vater, bei dem es immer Tone der Verachtung—„Ja, wohl ver lich lich ma rüh Ty hon klär erſ war Piſt geb Vat war muf n oll en am ein mer ohl eine Lie⸗ Lolf illſt ſeine 27 Mein Vater ſeufzte und warf ſich in ſeinen Stuhl zurück. Die Mutter faßte Muth und nahm wieder auf: „Piſiſtratus iſt freilich ein langer Name: aber man kann ihn ja Siſty nennen. „Siste, Viator,“ murmelte mein Vater;„das iſt abge⸗ droſchen.“ Nein, nur Siſty— kurzweg. Danke, mein Lieber.“ Vier Tage ſpäter, als mein Vater von der Bücher⸗ verſteigerung zurückkam, vernahm er zu ſeinem unausſprech⸗ lichen Entſetzen, daß„Piſiſtratus mitj jedem Tag ihm ähn⸗ licher werde.“ Nachdem man dem guten Mann endlich begreiflich ge⸗ macht hatte, daß ſein Sohn und Erbe ſich eines Namens rühmen dürfe, ſo denkwürdig in der Geſchichte, wie der des Tyrannen von Athen und des angefochtenen Sammlers der homeriſchen Geſänge— ja, wie man ihm noch weiter er⸗ klärte, daß er ſelbſt dieſen Namen verlangt habe— da wurde er ſo unwillig, als es bei ſeinem milden Weſen nur möglich war, und rief: „Aber es iſt ſchändlich! Piſiſtratus— ein Taufname! Piſiſtratus, der ſechshundert Jahre vorher lebte, eh' Chriſtus geboren ward. Gütiger Himmel, Frau, Du haſt mich zum Vater eines Anachronismus gemacht.“ Meine Mutter brach in Thränen aus; aber dem Uebel war nimmer abzuhelfen. Ich war ein Anachronismus und mußte es bleiben bis zu meinem Ende. Viertes Kapitel. „Ihr werdet natürlich bald anfangen, Euren Sohn ſelbſt zu erziehen?“ ſagte Mr. Squills. „Verſteht ſich, Sir,“ verſetzte mein Vater.„Ihr habt wohl Martinus Scriblerus geleſen?“ „Ich verſtehe Euch nicht, Mr. Carton.“ „Dann habt Ihr Martinus Seriblerus nicht geleſen, Mr. Squills!“ „Nehmt an, ich hätte es doch— was weiter „Was weiter, Squills?“ entgegnete mein Vater ver⸗ traulich.„Ihr würdet dann wiſſen, daß ein Gelehrter zwar oft ein Thor iſt, aber doch nie ein Thor in ſo hohem, ſo ſuperlativem Grade, als wenn er die erſte unbefleckte Seite der menſchlichen Geſchichte dadurch beſudelt, daß er die Ge⸗ meinplätze ſeiner eigenen Pedanterie darauf ſchreibt. Ein Gelehrter, Sir— wenigſtens einer von meinem Schlage— 3 iſt am allerwenigſten geeignet, junge Kinder zu unterrichten. Eine Mutter, Sir, eine einfache, natürliche Mutter führt 3 ein Kind am beſten ein in die Erkenntniß.“ „Wahrhaftig, Mr. Carton, ich glaube Ihr habt Recht, trotz dem Helvetius, auf den Ihr Euch an dem Abend be⸗ riefet, als der Knabe geboren wurde.“ „Ich bin wenigſtens ſo feſt davon überzeugt,“ ſagte mein Vater,„als ein armes ſterbliches Weſen von irgend etwas überzeugt ſeyn kann. Ich ſtimme allerdings mit Hel⸗ vetius überein, wenn er ſagt, das Kind müſſe von Geburt an erzogen werden; aber wie?— da ſitzt der Knoten. Es 2 gl re un da me an wa zůl der gel vor Ho das die Na ſam im junt den ſchle ten ich! und Letzt iſt— ohn abt ver⸗ war „ſo eite Ge⸗ Ein hten. ührt echt, be⸗ ſagte gend Hel⸗ eburt 29 gleich in die Schule ſchicken? Ja, denn es befindet ſich be⸗ reits in der Schule bei den zwei großen Lehrerinnen Natur und Liebe. Ihr werdet finden, daß Kindheit und Genie daſſelbe wichtige Organ, die Wißbegierde, mit einander ge⸗ mein haben. Laßt die Kindheit gewähren, und ſie wird damit anfangen, womit das Genie beginnt, findet vielleicht auch, was das Genie findet. Ein griechiſcher Schriftſteller er⸗ zählt uns von einem Manne, der ſeinen Bienen, um ihnen den mühſamen Flug zum Hymettus zu erſparen, die Flü⸗ gel ſtutzte und die ſchönſten Blumen, die er auffinden konnte, vor ſie hinlegte; aber die armen Bienen bereiteten keinen Honig. Wenn ich nun meinen Knaben lehren wollte, hieße das nicht ihm die Flügel beſchneiden und Blumen vorlegen, die er ſelbſt finden könnte? Wir wollen vorderhand die Natur und ihre nächſte liebevolle Stellvertreterin, eine wach⸗ ſame Mutter walten laſſen.“ Dabei dentete mein Vater auf ſeinen Erben, der ſich im Gras wälzte und Gänſeblümchen pflückte, während die junge Mutter ihre Stimme heiter erklingen ließ und über den Frohſinn ihres Kindes lachte. „Ich ſehe ſchon, Eure Kinderſtube wird mir zu einer ſchlechten Rechnung verhelfen,“ ſagte Mrs. Squills. In Folge dieſer Grundſätze, die an einem ſo gelehr⸗ ten Manne wohl befremden mögen, gedieh ich herrlich; ja ich lernte ſogar unter der vereinten Sorgfalt meiner Mutter und der Dame Primmins buchſtabiren und Haken machen. Letztere gehörte einem Schlage an, der wohl am Ausſterben iſt— dem Schlage alter trener Dienerinnen und mährchen⸗ 30 etzählender Kindsfrauen. Sie hatte ſchon meine Mutter erzogen; aber ihre Liebe trieb neue Zweige für den jungen Nachwuchs. Sie war von Devonſhire, und das weibliche Geſchlecht aus dieſer Gegend, namentlich wenn es ſeine Ju⸗ gend in der Nähe der Seeküſte zugebracht hat, iſt in der Regel abergläubiſch. Sie war mit einem wundervollen Vorrath von Mährchen ausgeſtattet, und noch ehe ich ſechs Jahre zählte, konnte ich als ſehr unterrichtet gelten in dieſer Erſtlingsliteratur, in welcher die Sagen aller Völker ſich auf eine gemeinſame OQuelle zurückführen laſſen— der geſtie⸗ felte Kater, Hans Däumling, Fortunio, Fortu⸗ natus, Jack, der Rieſentödter— Mährchen, welche gleich den Sprichwörtern, nur mit verſchiedenen Wendun⸗ gen, dem jugendlichen Verehrer des Budh eben ſo geläufig ſind, wie den kühneren Kindern Thors. Ich kann ohne Ei⸗ telkeit ſagen, daß ich, wenn ich in dieſen ehrwürdigen Klaſ⸗ ſikern geprüft worden wäre, ſicherlich einen Preis davon ge⸗ tragen hätte! Meine Mutter war einigermaßen beſorgt, ob aus einer ſolchen fantaſtiſchen Erziehung auch ein weſentlicher Vortheil erzielt werden dürfte, und äußerte ſchüchtern ihre Bedenken gegen meinen Vater. „Meine Liebe,“ entgegnete mein Vater mit jenem Ton der Stimme, welcher ſogar meine Mutter ſtets in Ver⸗ wirrung brachte, da ſie nicht wußte, ob er im Scherz oder im Ernſt ſprach—„in allen dieſen Fabeln könnten gewiſſe Philoſophen leicht die höchſte Moral unter ſymboliſcher Ver⸗ hüllung auffinden, Ich ſelbſt habe eine Abhandlung ge⸗ tter gen che u⸗ der len h6 ſer uf u⸗ 31 ſchrieben, um zu beweiſen, daß der geſtiefelte Kater eine Allegorie ſey auf den Fortſchritt des menſchlichen Verſtan⸗ des und aus den myſtiſchen Schulen der ägyptiſchen Prie⸗ ſter herſtamme. Es liegt darin augenſcheinlich eine Darſtel⸗ lung der Anbetung, welche dieſen Vierfüßlern aus der Katzen⸗ zunft zu Theben und Memphis zu Theil wurde, wo man ſie nicht nur zu Symbolen der Religion machte, ſondern auch als Mumien aufbewahrte.“ „Mein lieber Auſtin,“ ſagte meine Mutter, ihre blauen Augen aufſchlagend,„Du glaubſt aber nicht, daß Siſty⸗ alle dieſe ſchönen Dinge in dem geſtiefelten Kater auf⸗ finden werde!“ „Meine gute Kitty,“ erwiederte mein Vater,„als Du ſo gut warſt, es mit mir zu wagen, haſt Du wohl nicht daran gedacht, daß Du in mir nur alle die ſchönen Dinge finden werdeſt, die ich aus Büchern gelernt habe. Du kann⸗ teſt mich blos als ein harmloſes Geſchöpf, das ſo glücklich war, Deiner Neigung zu entſprechen. Nebenbei entdeckteſt Du, ich ſey nicht ſchlimmer geworden durch alle die Quart⸗ bände, die ſich in mir zu Ideen umwandelten— zu Ideen, die ſogar für mich Geheimniſſe ſind. Wenn Siſty, wie Du das Kind nennſt— die Peſt über dieſen Anachronismus, und Du thuſt gut, ihn nur in einer Doppelſylbe kund zu ge⸗ ben— wenn Siſty nicht alle Weisheit Aegyptens in dem geſtiefelten Kater entdecken kann, was macht's? Der geſtiefelte Kater iſt harmlos und gefällt ihm. Alles, was Neugierde weckt, ſo fern es unſchuldig iſt, führt zu Kenntniß— alles, was unſerer Neigung entſpricht, wandelt 32 ſich ſpäter in Liebe oder Erkenniniß um. Und ſo geh' jetzt wieder in Deine Kindsſtube zurück, meine Liebe.“ Ich würde dir jedoch Unrecht thun, v Beſter der Bäter, wenn ich die Leſer auf dem Wahn ließe, weil du dich bei mei⸗ ner Geburt ſo gleichgültig zeigteſt und in Betreff meiner frühen Erziehung unbeſorgt bliebeſt, ſo ſeyeſt du auch in deinem Herzen gleichgültig gegen den beſchwerlichen Neb⸗ gilos geweſen. Wie ich älter wurde, merkte ich mehr und mehr, daß ein väterliches Auge auf mich achtete. Ich erinnere mich mit Beſtimmtheit noch eines Vorfalls, der mir als eine Kriſis in meinem kindlichen Leben vorkommt, da er das erſte fühlbare Bindeglied nachweist zwiſchen meinem ei⸗ genen Herzen und jener ruhigen großen Seele. Mein Vater ſaß im Hofe vor dem Haus, den Stroh⸗ hut über ſeinen Augen(denn es war Sommer) und ein Buch auf ſeinem Schvoße. Plötzlich fiel ein ſchöner blau und weißer Steingut⸗Blumentopf, der auf einem Fenſterſims des oberen Stockes geſtanden hatte, krachend zu Boden, und die Scherben flogen meinem Vater um die Beine. Erhaben in ſeinen Studien, wie Archimedes bei der Belagerung, fuhr er zu leſen fort:„Inpavidum ferient ruinae!“ „O Himmel!“ rief meine Mutter, die unter dem Por⸗ tale beſchäftigt war,„mein armer Blumentopf, der mir ſo theuer war! Wer kann dies gethan haben? Primmins, Primmins!“ Mrs. Primmins ſteckte den Kopf zu dem verhängniß⸗ vollen Fenſter hinaus, nickte auf den Zuruf und kam im Nu bleich und gthemlos herunter. 33 „Oh,“ ſagte meine Mutter traurig,„wären mir lie⸗ ber bei dem Froſt im letzten Mai alle Pflanzen des Gewächs⸗ hauſes zu Grunde gegangen— ja, ich wollte meinen beſten Theeſervice darum geben! Ich habe das arme Geranium ſelbſt aufgezogen, und den lieben Blumentopf hat mir Mr. Carton zu meinem letzten Geburtstag gekauft! Das garſtige Kind muß dies gethan haben!“ Mrs. Primmins fürchtete ſich ungemein vor meinem Vater— warum, weiß ich nicht, wenn nicht etwa der Grund darin lag, daß ſehr redſelige Perſonen ſich gemeiniglich vor ſehr ſchweigſamen zu fürchten pflegen. Sie warf einen ha⸗ ſtigen Blick auf ihren Gebieter, der Zeichen von Aufmerk⸗ ſamfeit kund zu geben anfing, und rief ſchnell: „Gott behüte, Ma'am; nein, es war nicht der liebe Knabe— ich ſelbſt habe es gethan!“ „Ihr? Wie könnt Ihr auch ſo unachtſam ſeyn, da Ihr doch wußtet, wie theuer mir der Blumentopf war. O Himmel!“ Primmins begann zu ſchluchzen. „Macht keine Poſſen,“ rief jetzt eine ſchwache ſchrille Stimme, und Maſter Siſty, der mit eherner Stirne aus dem Hauſe heraus kam, fuhr fort:„Zanke nicht mit der Prim⸗ mins, Mamma; ich habe den Blumentopf hinausgeſchoben.“ „Bſt!“ ſagte die Wärterin, mehr als je erſchrocken und einen entſetzten Blick nach meinem Vater hingleiten laſſend, der bedächtig ſeinen Hut abgenommen hatte und mit ernſtem Auge achtſam dem Auftritte zuſah. „Bſt! Und wenn er ihn auch zerbrach, Ma'am, ſo Bulwer, die Cartone. 3 34 geſchah es ganz zufällig. Er ſtand ſo und hatte keine ſchlimme Abſicht dabei. Iſt's nicht wahr, Maſter Siſty?„So rede doch(dies in einem Flüſtern) oder Papa wird böſe werden.“ „Schon gut,“ ſagte meine Mutter,„ich will annehmen, daß es ein Zufall war; aber nimm Dich künftig in Acht, mein Kind. Ich ſehe, es thut Dir leid, daß Du mich be⸗ kümmert haſt. Da haſt Du einen Kuß und gräme Dich nicht weiter.“ „Nein, Mamma, Du mußt mich nicht küſſen; ich ver⸗ diene es nicht. Ich habe den Blumentopf abſichtlich hinun⸗ tergeworfen.“ Mrs. Primmins zitterte wie ein Laub. „Aus Spaß!“ ſagte ich, den Kopf hängen laſſend.„Ich wollte ſehen, was Du für ein Geſicht dazu machen würdeſt, Papa. Dies iſt die Wahrheit davon. Jetzt ſtraft mich— ſtraft mich!“ Mein Vater warf ſein Buch wohl fünfzig Schritte von ſich, beugte ſich nieder und drückte mich an ſeine Bruſt. „Junge,“ ſagte er,„Du haſt Unrecht gethan, wirſt es aber dadurch wieder gut machen, wenn Du Dein ganzes Le⸗ 8 ben über eingedenk bleibſt, daß Dein Vater Gott pries, weil er ihm einen Sohn gegeben, der ſich durch die Furcht nicht abhalten ließ, die Wahrheit zu reden. O Mrs. Primmins, ſobald Ihr es wieder verſucht, ihn ſolche Mährchen zu leh⸗ ren, ſind wir geſchiedene Leute!“ Von dieſer Stunde an wurde ich mir bewußt, daß ich meinen Vater liebte und von ihm geliebt war; von dieſer Zeit an begann er auch, ſich mit mir zu unterhalten. Wenn 35 e er mich im Garten traf, ging er nicht mehr mit einem Lä⸗ de cheln oder Kopfnicken an mir vorbei, ſondern machte Halt 3 und ſteckte ſein Vuch in die Taſche. Allerdings war ſein Geſpräch oft für meine Begriffe zu hoch; aber dennoch fühlte . ich mich glücklicher, beſſer und weniger als Kind, wenn ich über ſeine Worte nachdachte und ihren Sinn zu ergründen ſuchte; denn er hatte eine Art an ſich, ohne gerade unter⸗ richten zu wollen, mir in Andeutungen Dinge in den Kopf r. zu ſetzen, deren Ausarbeitung er mir ſelbſt überließ. Ich eines Beiſpiels, das mit dem Blu⸗ n⸗ erinnere mich namentlich mentopf und dem Geranium in Verbindung ſtand. Mr. Squills, der unverheirathet war und ſich in ſehr guten ch Verhältniſſen befand, machte mir öfters kleine Geſchenke. t. Nicht lange nach dem vorerwähnten Ereigniſſe bedachte er 5 mich mit einer Gabe, das den Werth eines gewöhnlichen Kindergeſchenks weit überſtieg— mit einem ſchönen großen u Dominoſpiel aus Elfenbein, an dem Malerei und Vergol⸗ dung nicht geſpart war. Dieſes Dominv war meine größte Luſt. Ich konnt' es nicht ſatt werden, mit Mrs Primmins zu ſpielen, und nahm die Schachtel ſogar mit mir zu Bette. Ah,“ ſagte eines Tages mein Vater, als er mich im „ Wohnzimmer die elfenbeinernen Täfelchen ordnen ſah;„ich glaube, dieſes Spielzeug iſt Dir lieber, als alle anderen?“ 5„O ja, Papa.“ „Es würde Dir wohl ſehr leid thun, wenn Mamma es aus Spaß zum Fenſter hinaus würfe und zerbräche?“ r Ich ſah meinen Vater bittend an und gab keine 1 Antwort. 3* 36 „Aber vielleicht würde es Dich freuen,“ nahm er wie⸗ der auf,„wenn plötzlich eine von den guten Feen, von denen Du geleſen haſt, die Dominoſchachtel in ein ſchönes Gera⸗ nium mit einem ſchönen blauweißen Topfe umwandelte, da⸗ mit Du das Vergnügen hätteſt, es Deiner Mamma auf den Fenſterſims zu ſtellen?“ „Ja wohl!“ entgegnete ich halbweinend. „Mein lieber Junge, ich glaube Dir; aber gute Wünſche beſſern nichts an ſchlimmen Handlungen— ſie müſſen durch gute Handlungen wieder ausgeglichen werden.“ Mit dieſen Worten ſchloß er die Thüre und ging hinaus. Seine Worte brachten mich in die größte Verwirrung, da ich nicht wußte, was ich daraus machen ſollte. Soviel weiß ich noch, daß ich an jenem Tage nicht mehr Domino ſpielte. Am andern Morgen fand mich mein Vater unter einem Baum im Garten; er blieb ſtehen und ſah mich mit ſeinen ernſten hellen Augen feſt an. „Mein Sohn,“ ſagte er,„ich mache einen Spazier⸗ gang nach—(einer etwa drei Viertelſtunden entlegenen Stadt); willſt Du mit? Beiläufig, hole doch Deine Domi⸗ noſchachtel; ich möchte ſie dort Jemand zeigen.“ Ich eilte fort, um das Verlangte zu holen, und trat, nicht wenig ſtolz darauf, mit meinem Vater auf der Land⸗ ſtraße gehen zu dürfen, mit ihm den Weg nach der Stadt an. „Papa,“ſagte ich gelegentlich,„es gibt jetzt keine Feen mehr.“ „Und was dann, mein Kind?“ „Ei, wie können Sie denn meine Dominoſchachtel in ein Geranium mit einem weißblauen Topf umwandeln?“ „Mein Lieber,“ ſagte mein Vater, indem er ſeine Hand auf meine Schulter legte,„Jedermann, dem es mit dem Gu⸗ ten ernſt iſt, hat ſtets zwei Feen bei ſich— eine hier,“ er deutete dabei auf mein Herz,„und eine hier“(auf meine Stirne weiſend). „Ich verſtehe Dich nicht, Papa.“ „Ich kann warten, bis es Dir flar wird, Piſiſtratus. Welch ein Name!“ Mein Vater hielt bei einem Kunſtgärtner an, ließ ſich ſeine Blumen zeigen und blieb endlich vor einem großen ge— füllten Geranium ſtehen. „Ah, dies iſt noch ſchöner, als das, welches Deine Mamma ſo liebte. Was koſtet es, Sir?“ „Nur 7 Schillinge 6 Pence,“ lautete die Antwort des Gärtners. Mein Vater knöpfte ſeine Taſche zu. „Ich habe heute nicht genug Geld bei mir,“ ſagte er⸗ und wir entfernten uns. Als wir in die Stadt kamen, trat er in einen Laden mit Porzellänwaaren. „Habt Ihr noch einen ſolchen Blumeutopf, wie ich vor etlichen Monaten einen kaufte? Ach, da iſt einer— mit 3 Schillingen 6 Pence ausgezeichnet. Ja, das war der Preis. Nun, wenn Deiner Mamma Geburtstag wieder kömmt, müſſen wir ihr einen andern kaufen. Aber das währt noch einige Monate. Und wir können warten, Maſter Siſty⸗ 38 In der That, was das ganze Jahr hindurch blüht, iſt beſſer, als ein armes Geranium, und ein Wort, das nie gebro⸗ chen wird, beſſer als ein Stück Steingut.“ Mein Kopf, der vorhin niedergeſunken war, hob ſich wieder; aber das freudige Strömen nach meinem Herzen er⸗ ſtickte mich beinahe. „Ich bin gekommen, um Euch eine kleine Rechnung zu zahlen,“ ſagte mein Vater, der mich jetzt nach einem Spielwaarenladen geführt hatte.„Beiläufig,“ ſetzte er hin⸗ zu, während der Kaufmann lächelnd in ſeinem Buche den Po⸗ ſten nachſchlug,„ich glaube, mein Söhnlein da kann Euch ein viel ſchöneres Pröbchen franzöſiſcher Arbeit zeigen, als jenes Arbeitskäſtchen war, zu dem Ihr letzten Winter meiner Frau ein Loos aufſchwatztet. Laß ihn Deine Dominoſchach⸗ tel ſehen, mein Lieber.“ Ich brachte meinen Schatz zum Vorſchein, und der Kaufmann war ſehr freigebig mit Lobeserhebungen. „Es iſt immer gut, mein Sohn, wenn man weiß, was eine Sache werth iſt, da man ja auf den Gedanken kommen kann, ſie wegzugeben,“ ſagte mein Vater.„Wenn mein junger Gentleman ſeines Spielzengs überdrüſſig würde, was könnt Ihr ihm dafür bezahlen?“ „Sir, entgegnete der Spielwaarenhändler,„ich fürchte, ich könnte nicht mehr als achtzehn Schillinge dafür aufwen⸗ den, wenn der junge Gentleman nicht etwa einiges von die⸗ ſen ſchönen Sachen daran nähme.“ „Achtzehn Schillinge!“ ſagte mein Vater.„Soviel würdet Ihr geben? Gut, mein Sohn; wenn Du Deiner 39 Schachtel müde wirſt, ſo haſt Du meine Erlaubniß, ſie zu verkaufen.“ Mein Vater zahlte ſeine Rechnung und verließ den La⸗ den. Ich blieb noch einige Augenblicke zurück und holte ihn am Ende der Straße wieder ein. „Papa! Papa!“ rief ich, meine Hände zuſammenſchla⸗ gend,„wir können das Geranium kaufen— wir können den Blumentopf kaufen.“ Und ich zog eine Hand voll Silber aus der Faſche. „Habe ich nicht Recht gehabt?“ ſagte mein Vater, indem er mit ſeinem Tuch über die Augen fuhr.—„Du haſt die beiden Feen gefunden!“ O wie ſtolz wie überglücklich war ich, als ich, nachdem ich die Blumenvaſe auf den Fenſterſims geſtellt hatte, meine Mutter am Kleide zupfte und ſie dadurch bewog, mir nach Ort und Stelle zu folgen. „Es iſt ſein Werk und von ſeinem Gelde beſtritten,“ ſagte mein Vater.„Er hat durch eine gute Handlung die ſchlimme wieder ausgeglichen.“ „Wie!“ rief meine Mutter, nachdem ihr der ganze Vorgang mitgetheilt worden,„und Du haſt die Dominv⸗ ſchachtel daran geſetzt, die Dir ſo lieb war? Wir wollen morgen hingehen, um ſie zurückzukaufen, und wenn ſie das Doppelte koſtete.“ „Sollen wir ſie wieder kaufen, Piſiſtratus 2“ fragte mein Vater. „O nein— nein— nein! Es würde Alles verderben,“ rief ich und verbarg mein Geſicht an ſeiner Bruſt. 40 „Frau,“ ſagte mein Vater feierlich,„dies war der erſte Unterricht, den ich unſerem Kinde ertheilte— die Hei⸗ ligkeit und das Glück der Entſagung. Vereitle nicht wie⸗ der, was er ihn lehren ſoll bis zum Tage ſeines Todes!“ Und dies iſt die Geſchichte von dem zerbrochenen Blu⸗ mentopf. Fünftes Kapitel. Zwiſchen meinem ſiebenten und achten Jahre kam ein Wechſel über mich, der vielleicht allen Eltern bekannt iſt, welche ſich des beängſtigenden Segens eines einzigen Kindes zu rühmen haben. Die gewöhnliche Lebhaftigkeit des kind⸗ lichen Alters verließ mich, und ich wurde ſtill, geſetzt und gedankenvoll. Der Mangel an Spielgefährten, die mit mir in gleichen Jahren ſtanden, und der Umgang mit gereiften Geiſtern, welcher nur mit völliger Einſamkeit abwechſelte, verliehen entweder meiner Einbildungskraft oder meinem Verſtande eine allzufrühe Zeitigung. Die abenteuerlichen Sagen, welche mir meine alte Wärterin Sommers im Zwie⸗ licht und Winters an dem Herde zuflüſterte, wie auch die Mühe, die ich mir gab, die ernſte, liebliche Weisheit in den Andeutungen meines Vaters zu erfaſſen, dienten dazu, einen Hang zu einem träumeriſchen Weſen in mir zu nähren, in welchem alle meine Seelenkräfte angeſtrengt thätig wurden wie in den Träumen, die den Menſchen heimſuchen, wenn er dem Erwachen nahe iſt. Ich konnte mit Leichtigkeit leſen, ziemlich geläufig ſchreiben und hatte auch bereits nachzuahmen 41 und zu reproduciren angefangen. Abenteuerliche Geſchichten, denen verwandt, die ich aus dem Feenlande geſammelt, hol⸗ perige Lieder, den Gedichten, die mir zufällig in die Hände ſielen, nachgebildet, begannen die Schiefertafel zu bekleckſen, die ſonſt zu den minder ehrgeizigen Zwecken der Uebung in runder Schrift und im Multiplieiren beſtimmt war. Noch mehr wurde mein Sinn getrübt durch meine Anhänglichkeit an's Haus, denn meine Liebe zu meinen Eltern hatte etwas Krankhaftes und Peinliches an ſich. Ich weinte oft bei dem Gedanken, daß ich ſo wenig für die thun konnte, welche mei⸗ nem Herzen ſo nahe ſtanden. Am liebſten baute ſich meine Einbildungskraft Schwierigkeiten für ſie auf, die mein Arm beſeitigen ſollte. Derartige Gefühle machten meine Nerven in einem hohen Grade reizbar und empfindlich. Die Natur begann einen mächtigen Eindruck auf mich zu üben, und eben daraus entſprang eine raſtloſe Begier, den Zauber zu zer⸗ gliedern, der mich ſo geheimnißvoll zu Freude oder Scheu, zum Lächeln oder zu Thränen bewegte. Ich ließ mir von meinem Vater die Elemente der Aſtronomie erklären und rang Mr. Sguills, der ein eifriger Botaniker war, einige Geheimniſſe aus dem Leben der Blumen ab. Muſik wurde jedoch meine Lieblingsleidenſchaft. Meine Mutter war zwar die Tochter eines großen Gelehrten, bei deſſen Namenser⸗ wähnung mein Vater den Hut abzuziehen pflegte, wenn er zufällig einen auf hatte, beſaß aber, wie ich ehrlich geſtehen muß, weit weniger Bücherweisheit, als in unſerem erleuch⸗ teteren Zeitalter die Töchter vieler geringer Handwerker zur Schau zu tragen vermögen; dagegen hatte ſie einige natür⸗ 42 liche Gaben, die, der Himmel weiß wie, ſich in i Vollkommenheit ausgebildet hatten. Sie zeichnete hübſch und malte recht ſchöne Blumen; auch ſpielte ſie mehr als ein Inſtrument mit Gewandtheit, nicht bloß nach Weiſe der Koſtſchülerinnen. Sie ſang zwar nur in ihrer eigenen Sprache, aber Wenige konnten ihre ſüße Stimme hören, ohne von derſelben tief ergriffen zu werden. Ihre Muſik und ihre Lieder übten einen wunderbaren Einfluß auf mich. So er⸗ faßte denn eine Art träumeriſcher, aber doch wonniger Me⸗ lancholie mein ganzes Weſen, was um ſo auffallender erſchien, da mein Temperament früher kühn, thätig und frohſinnig geweſen war. Die Veränderung in meinem Charakter be⸗ gann auch auf meinen Körper zu wirken, und das kräftige lebhafte Kind wurde zu einem blaſſen, ſchmächtigen Knaben. Ich begann zu kränkeln und kopfhängeriſch zu werden. Man berief den Mr. Squills. „Tonica,“ ſagte der Doktor,„und laßt mir ihn nicht immer über ſeinem Buch ſitzen. Schickt ihn hinaus in's Freie— er ſoll ſpielen. Komm' her, mein Junge— dieſe Organe werden zu groß,“ und Mr. Sauills, der ein Phre⸗ nolog war, legte ſeine Hand auf meine Stirne.„Alle Welt, Sir, was das für eine Idealität iſt und, Gott behüte mich — welcher Kunſiſinn!“ Mein Vater ſchob ſeine Pepiere bei Seite und ging, die Hände auf den Rücken gelegt, im Zimmer hin und her. Er ſprach kein Wort, bis ſich Mr. Squills entfernt hatte. „Meine Liebe,“ ſagte er dann zu meiner Mutter, an de L deren Bruſt ich meine ſchmerzende Idealität lehnte—„meine Liebe, Piſiſtratus muß jetzt allen Ernſtes in die Schule.“ s„Gott behüte, Auſtin!— in ſeinem Alter?“ er„Er iſt jetzt faſt acht Jahre.“ „Aber er iſt ja ſchon ſo weit voran.“ Re„Dies iſt eben der Grund, warum er in die Schule ſoll.“ 3„Ich verſtehe Dich nicht ganz, mein Lieber. Zwar weiß ich, daß ich ihn nichts mehr lehren kann; aber Du, der Du ein ſo geſcheidter—“ 4. Mein Vater ergriff die Hand meiner Mutter. 3„Wir beide können ihn jetzt nichts lehren, Kitty,“ ſagte er.„Wir ſchicken ihn in die Schule—“ ge„Zu einem Schulmeiſter, der viel weniger weiß, als n. Du„ 4.„Zu Knaben, die ihn wieder zu einem Knaben machen werden,“ entgegnete mein Vater faſt wehmüthig.„Meine ht Liebe, Du erinnerſt Dich des Kenter Gärtners, der uns 8 dieſe Lambertnußbäume ſetzte. Sie ſtanden im dritten Jahre, ſe und Du begannſt ſchon zu berechnen, was ſie einbringen würden; wie Du aber eines Morgens in den Garten kömmſt, findeſt Du ſie bis auf den Boden hinunter beſchnitten. Du 5 warſt verdrießlich und fragteſt nach dem Grund. Was ant⸗ wortete Dir der Gärtner? Es müſſe ſo ſeyn, damit ſie nicht zu frühe tragen. Es iſt hier kein Mangel an Fruchtbarkeit — aber wir müſſen die Zeit des Ertrags hinausrücken, da⸗ mit die Pflanze andaure.“ „Laßt mich in die Schule gehen,“ ſagte ich, den matten Kopf erhebend und meinem Vater zulächelnd. Ich verſtand 44 ihn mit einemmale, und es war mir, als ob die Stimme meines Lebens ſelbſt ihm antwortete. Sechstes Kapitel. Ein Jahr nach dem im vorigen Kapitel gefaßten Ent⸗ ſchluß befand ich mich die Vacanz über in der Heimath. „Ich hoffe, daß man Siſty auch recht behandelt,“ ſagte meine Mutter.„Es kömmt mir vor, als faſſe er nicht mehr ſo ſchnell, wie zur Zeit, ehe er in die Schule ging. Ich bitte Dich, Auſtin, nimm doch eine Prüfung mit ihm vor.“ „Ich habe ihn bereits geprüft, meine Liebe. Er iſt ganz ſo, wie ich erwartete, und ich bin vollkommen zufrieden.“ „Wie, Du meinſt wirklich, er ſey vorwärts gekommen?“ entgegnete meine Mutter erfreut. „Er kümmert ſich jetzt keinen Knopf mehr um Bota⸗ nik,“ ſagte Mr. Squills. „Und ſonſt hatte der liebe Knabe eine ſo große Freude an der Muſik!“ bemerkte meine Mutter mit einem Seußzer. „Gott im Himmel, was war das für ein Krachen?“ „Die Schlüſſelbüchſe Deines Sohnes im Fenſter,“ ſagte mein Vater.„Ein Glück, daß es nur den Scheiben galt; gleichwohl würde ſie ein weniger betäubendes Getöſe gemacht haben, wenn's, wie geſtern Morgen, Mr. Sguills Kopf geweſen wäre.“ „Ja, ſie hätte mir faſt das linke Ohr mitgenommen,“ ve C m fr U ur ſe ne in ſe ſt un nme 45 verſetzte Mr. Squills.„Nun, wie ſeyd Ihr zufrieden, Mr. Carton?“ „Recht wohl; ich denke der Junge iſt jetzt ein ſo großer Tölpel, wie die meiſten Knaben von ſeinem Alter,“ entgegnete mein Vater mit großer Selbſtgefälligkeit. „Um's Himmels willen, Auſtin— ein großer Tölpel!“ „Zu welchem andern Zwecke geht er denn in die Schule?“ fragte mein Vater; als er aber ein gewiſſes Entſetzen in dem Geſichte ſeines weiblichen Zuhörers und eine nicht geringe Ueberraſchung in dem des männlichen bemerkte, ſtand er auf und trat an den Herd, indem er zugleich die eine Hand in ſeine Weſte ſteckte, wie er zu thun pflegte, wenn er bei ſei⸗ nem Philoſophiren mehr als gewöhnlich auf's Einzelne einging. „Mr. Squills,“ ſagte er,„Ihr habt große Erfahrung in Familien.“ „Eine ſo gute Praxis, wie irgend einer in der Graf⸗ ſchaft,“ verſetzte Mr. Saquills ſtolz.„Mehr, als ich mei⸗ ſtern kann. Ich werde mich nächſtens nach einem Gehülfen umſehen.“ „Da werdet ihr wohl bemerkt haben,“ fuhr mein Vater fort,„daß es faſt in jeder ein junges Glied gibt, welches Vater, Mutter, Onkel und Tante für ein wunder⸗ volles Kind erklären.“ „Eines zum mindeſten,“ verſetzte Mr. Squills lächelnd. „Es iſt leicht zu ſagen,“ nahm mein Vater wieder auf, „dies ſey elterliche Vorliebe— die Sache verhält ſich den⸗ noch anders. Prüft als ein Fremder dieſes Kind, und Ihr 46 werdet ſelbſt erſtaunen. Ihr ſteht verwundert, wenn Ihr die Wißbegier, die ſchnelle Auffaſſung und die guten Antworten bemerkt. Auch findet man oft ein Vermögen beſonders ent⸗ wickelt; das Kind zeigt vielleicht Sinn für Mechanik und macht Euch das Modell eines Dampfbootes— es hat ein Ohr für Verſe und ſchreibt ein Gedicht, wie das, welches es aus dem Declamator' auswendig lernte— es legt ſich mit einer alten Jungfer Tante auf Botanik, wie Piſiſtra⸗ tus, oder ſpielt einen Marſch auf dem Pianoforte ſeiner Schweſter. Kurz, ſelbſt Ihr würdet erklären müſſen, Mr. Sguills, daß es ein wundervolles Kind ſey.“ „Auf mein Wort,“ erwiederte Mr. Squills gedanken⸗ voll,„es liegt viel Wahres in dem, was Ihr ſagt. Der kleine Tom Dobbs iſt wirklich ein wundervolles Kind— ebenſo Frank Steppington— und was den Johnny Skyles betrifft, ſo muß ich ihn Euch herbringen, damit Ihr ihn ſelbſt über Naturgeſchichte ſchwatzen hört und mit anſehen könnt, wie geſchickt er mit ſeinem kleinen Mikroſtop umzugehen weiß.“ „Der Himmel verhüte dies!“ ſagte mein Vater.„Und nun laßt mich fortfahren. Dieſe thaumata oder Wunder währen— bis wie lange, Mr. Squills? Bis der Knabe in die Schule kommt, und dann zerfließen ſie ſo oder ſo wie die Geiſter beim Hahnenſchrei in dünne Luft. Ein Jahr, nach⸗ dem das Wunderding in einer Schule geweſen iſt, quälen Euch Vater und Mutter, Onkel und Tante nicht mehr mit Berichten über ſein Thun und Treiben; das außerordent⸗ liche Weſen iſt ein ganz gewöhnlicher kleiner Knabe ge⸗ worden. Habe ich nicht Recht, Mr. Squills?“ die ten ent⸗ und ein es ra⸗ ner Nr. en⸗ er les bſt nt, 47 „Ja wohl, vollkommen, Sir. Wie ſeyd Ihr aber zu ſolchen Beobachtungen gekommen 2 Ihr ſcheint doch nie—“ „Bſt!“ unterbrach ihn mein Vater, blickte dann liebe⸗ voll auf das ängſtliche Geſicht meiner Mutter und fuhr be⸗ ſchwichtigend fort:„Sey nur getroſt; dies iſt eine weiſe Ein⸗ richtung, die auf unſer Beſtes abzielt.“ „Der Fehler muß an der Schule liegen,“ meinte die Mutter kopfſchüttelnd. „Es iſt eine Nothwendigkeit der Schule und ihre Tu⸗ gend, mein Kätchen. Behalte man nur eines dieſer Wunder⸗ Finder— und wenn es ſo wundervoll wäre, als Dir Siſty vorkam— zu Hauſe, und man wird ſehen, wie ſein Kopf immer größer und größer, ſein Körper dagegen immer ſchmächtiger und ſchmächtiger wird— iſt's nicht ſo, Mr. Sauills?— bis der Geiſt dem Leibe alle Nahrung entzieht auch den Geiſt krank ma⸗ und dieſer hinwelkt, ſeinerſeit chend. Ihr ſehi jene edle Eiche vor dem Fenſter— wenn ein Chineſe ſie erzogen hätte, wäre ſie mit fünf Jahren ein Miniaturbaum geweſen, und im Hundertſten könnte man ſie, nicht größer als im fünften Jahre, in einem Blumentopf auf den Tiſch ſtellen— als Rarität von Reife in dem einen, und von Winzigkeit in dem andern Alter. Nein, die Schule iſt die wahre Ordalie für das Talent. Man muß das ver⸗ fümmerte Männlein wieder zum Kinde machen, und dann ſoll es, wenn es kann, geſund, kühn und natürlich auf dem lang⸗ ſamen Wege ſich zur Größe emporarbeiten. Wem Größe verſagt iſt, der ſoll wenigſtens ein Mann werden, dies iſt 48 beſſer, als das ganze Leben über ein kleiner Johnny Skyles zu ſeyn— eine Eiche in einer Pillenſchachtel.“ In dieſem Augenblicke ſtürzte ich glühend und keuchend, auf den Wangen das Roth der Geſundheit und Kraft in den Gliedern, kurz wieder ganz ein lebensfrohes Kind, in das Zimmer. „O Mamma, ich habe den Drachen zum Steigen gebracht— ſo hoch!— Komm' und ſieh! Papa, komm auch mit!“ „Ja wohl,“ verſetzte mein Vater;„nur ſchrei nicht ſo laut. Drachen machen beim Steigen keinen Lärm, und doch ſiehſt du, wie weit ſie ſich über die Welt aufſchwingen. Komm', Kätchen! Wo iſt mein Hut? Ah— danke Dir, mein Sohn.“ „Kitty,“ ſagte mein Vater, während er nach dem Dra⸗ chen aufblickte, welcher, mit der Schnur an einen Pfahl be⸗ feſtigt, den ich in die Erde geſchlagen hatte, ruhig am Him⸗ mel ſchwebte,„fürchte nichts, als daß unſer Drache zu hoch fliegen könnte, denn die menſchliche Seele hat einen ſtärkeren Trieb in ſich, aufwärts ſich zu ſchwingen, als einige Bogen Papier auf einem Schindelrahmen. Du bemerkſt indeß, daß man ihn, wenn er ſich nicht in der Freiheit des Raums verlieren ſoll, leicht an der Erde befeſtigen muß, und ſiehſt ferner, meine Liebe, daß eine um ſo längere Schnur erfor⸗ derlich iſt, je höher er ſich aufſchwingt.“ Zweiter Abſchnitt. in 1 en Erſtes Kapitel. Als ich zwölf Jahre erreicht hatte, war ich der erſte in ht der Vorbereitungsſchule, in welche man mich geſandt hatte. i Nachdem ich in ſolcher Weiſe allen Sauerſtoff von Wiſſen in dieſem kleinen Recipienten aufgeſaugt hatte, ſahen ſich 3 meine Eltern nach einem weiteren Bereich für meinen ſtreb⸗ ſamen Geiſt um. Während der letzten zwei Jahre meines 5 Aufenthalts an der Schule hatte ich wieder Luſt am Lernen 8 gewonnen— eine kräftige, wache, nicht tränmeriſche Luſt, geſpornt durch den praktiſchen Wunſch, mich auszuzeichnen. Mein Vater ſüchte nicht länger mein geiſtiges Stre⸗ 3 3 ben zu zügeln. Er hatte zu große Achtung vor der Gelehr⸗ ſamkeit, um nicht zu wünſchen, daß ich wo möglich ſelbſt ein Gelehrter werde, obgleich er mehr als einmal in etwas 5 wehmüthigem Tone gegen mich bemerkte;„Bemeiſtere die Bücher, laß aber nicht ſie zum Meiſter über dich werden. Lies, um zu leben, und lebe nicht, um zu leſen. Ein Selave der Lampe iſt genug für einen Haushalt; meine Knechtſchaft ſoll nichtzu einer erblichen Dienſtbarkeit werden.“ Mein Vater ſah ſich nach einem paſſenden College um, und der Ruf von Dr. Herman's„Philhelleniſchem Inſtitut“ kam zu ſeinen Ohten. Bulwer, die Caxtone. 4 Dieſer Dr. Herman war der Sohn eines deutſchen Mu⸗ ſiklehrers und hatte ſich in England niedergelaſſen. Seine ei⸗ genen Studien hatte er auf der Univerſität in Bonn been⸗ digt: da er aber fand, Gelehrſamkeit ſey dort eine zu ge⸗ meine Waare, um den hohen Preis einzubringen, zu wel⸗ chem er ſeine eigene anſchlug, außerdem einige Theorieen über politiſche Freiheit ihm eine Vorliebe für England ein⸗ flößten, ſo beſchloß er in letzterem Lande eine Schule zu grün⸗ den, welche„Epoche machen ſollte in der Geſchichte des menſchlichen Geiſtes.“ Pr. Herman war eine der erſten von den neumodiſchen pädagogiſchen Autoritäten, welche ſich in letzter Zeit ziemlich zahlreich unter uns verbreiteten, und würde vielleicht den Grundlagen unſerer großen claſſiſchen Seminarien einen gefährlichen Stoß verſetzt haben, wenn nicht letztere weislich, obſchon mit großer Vorſicht, einige der vernünftigeren Grundſätze, welche bunt mit den Grillen und Hirngeſpinſten ihrer neuerungsſüchtigen Nebenbuhler ver⸗ mengt waren, in ſich aufgenommen hätten. Dr. Herman hatte viele gelehrte Werke gegen jede frü⸗ her beſtehende Unterrichtsmethode geſchrieben. Das, welches am meiſten Aufſehen erregte, war eine Schrift über die ſchmähliche Täuſchung in den Buchſtabirbüchern.„Ein lügenhafteres, hohlköpfigeres Blendwerk, als das, mit wel⸗ chem wir den klaren Inſtinkt der Wahrheit in unſeren Buch⸗ ſtabirſyſtemen verwirren, iſt nie vom Vater der Lüge zu⸗ ſammengebraut worden.“ So lautete die Einleitung zu dieſer famoſen Abhandlung.„Nehmen wirz. B. das ein⸗ ſiz Wort Hut. Welche eherne Stirne muß man nicht beſitzen, um einem Kind zu ſagen, es habe H, U, T— Hut zu buchſtabiren; das heißt drei Laute, die ein ganz entgegengeſetztes Gemiſch bilden— entgegengeſetzt in jedem Einzelnen und entgegengeſetzt im Ganzen— ſollen ein kleines einſylbiges Wort ausmachen, das, wenn man nur bei der einfachen Wahrheit bleibt, ein Kind ſchon durch bloßes An⸗ ſchauen leſen lernt! Wie können drei Laute, die dem Ohre ſo klingen; ha— uh— te, den Ton Hut hervorbringen? Klingen ſie nicht eher wie h a— uh—te oder haute? Wie ſoll ein Erziehungsſyſtem gedeihen, das mit einer ſo unge⸗ heuerlichen Falſchheit beginnt— einer Falſchheit, die ſo ganz im Widerſpruch mit dem Gehörſinn ſteht? Kein Wunder, daß die Mütter über dem ABC⸗Buch verzweifeln möchten.“ Aus dieſen Pröbchen wird der Leſer entnehmen, daß Dr. Herman in ſeinem Erziehungsſyſtem bei dem An⸗ fang begann!— er nahm den Ochſen friſchweg bei den Hörnern. Im Uebrigen hatte er auf der breiten Grundlage des Eelecticismus ſich jede neue Patenterfindung zugeeignet, um mit Ideen für die Jugend um ſich zu ſchießen. Den Drücker für ſein Gewehr hatte er von Hofwyl, die Watte von Hamilton und die Zündhütchen von Bell und Laneaſter. Die jugendliche Idee! er hatte ſie feſt und loſe eingeladen— bald mit bildlichen Illuſtrationen, bald im Ermahnſyſtem, kurz, in jeder erdenklichen Weiſe und mit jedem nur immer möglichen Ladſtock; indeß hege ich doch das traurige Be⸗ venken, ob bei dieſer Behandlung der Schuß der jugendlichen Idee auch nur um einen Zoll weiter trug, als unter dem alten Mechanismus von Stein und Stahl. Gleichwohl 4 65 lehrte Dr. Herman Vieles, was an andern Schulen zu ſehr vernachläſſigt wird; denn außer dem Lateiniſchen und Grie⸗ chiſchen ertheilte er auch Unterricht in vielen Lehrſtoffen, die man heutzutage in dem unbeſtimmten Ausdruck„gemein⸗ nützige Kenntniſſe“ zuſammenfaßt. Er hielt eigene Lehrer über Chemie, Mechanik und Naturgeſchichte. Die Arithme⸗ tik und die Elemente der Phyſik wurden mit Eifer und Sorg⸗ falt behandelt, und auf dem Spielplatze kamen alle Arten gymnaſtiſcher Uebung zur Anwendung. Wenn daher die ju⸗ gendliche Idee auch nicht weiter trug, verbreitete ſie doch ihre Schrote auf einen größeren Raum, und ein Knabe konnte nicht ſeine fünf Jahre in der Anſtalt ſeyn, ohne wenigſtens etwas zu lernen, ein Vortheil, der ſich nicht allen Schulen nachrühmen läßt. Immerhin lernte er ſeine Augen, Ohren und Glieder gebranchen; man gewöhnte ſich daſelbſt an Ord⸗ nung und Reinlichkeit, und die Schule gefiel den Frauen, während ſie die Herren zufrieden ſtellte. Mit einem Worte, ſie gedieh, und Dr. Herman zählte zu der Zeit, von wel⸗ cher ich ſpreche, über hundert Zöglinge. Als der Ehrenmann ſeine Aufgabe antrat, hatte er öffentlich den humanſten Ab⸗ ſchen gegen das barbariſche Syſtem körperlicher Züchtigung kundgegeben; in demſelben Maßſtabe aber, in welchem ſich ſeine Schüler mehrten, kam er leider von dieſen ehrenhaften antibirkenen Ideen zurück. Er war, mit Widerſtreben viel⸗ leicht, aber doch ohne Zweifel ehrlich, zu der Ueberzeugunz gelangt, es gebe geheime Quellen, zu deren Entdeckung nur die Zweige einer Wünſchelruthe führen können, und nachdem mit welcher Leichtigkeit der ganze Mechanis⸗ — VN 53 mus ſeines kleinen Reichs unter dem birkenen Regulator ſich leiten ließ, ſo wirbelte, je reicher, träger und fetter er wurde, das Philhelleniſche Inſtitut munter fort wie ein Kreiſel, der nur durch beharrliche Anwendung der Peitſche in leb⸗ hafter Bewegung erhalten wird. Ich glaube, daß dieſe traurige Apoſtaſie des Vorſtan⸗ des der Anſtalt dem Ruf der Schule keinen Abtrag that; im Gegentheil, ein ſolches Syſtem ſchien natürlicher und engli⸗ ſcher, weniger ausländiſch und ketzeriſch zu ſeyn. Sie be⸗ fand ſich eben im Zenith ihrer Herrlichkeit, als ich eines ſchönen Morgens mit gut herausgeflickten Kleidern und ei⸗ nem großen Pflaumenkuchen in der Reiſetruhe vor ihren gaſtlichen Thoren abgeſetzt wurde. Unter Pr. Hermans verſchiedenen Wunderlichkeiten war eine, an welcher er mit weit mehr Zähigkeit hielt, als an den antikörperlichen Strafartikeln ſeines Glaubensbekennt⸗ niſſes, um ſo mehr, da hauptſächlich ſie ihn veranlaßt hatte, über dem Eingang ſeiner Anſtalt mit großen Goldbuchſtaben die eindrucksvollen Worte„Philhelleniſches Inſtitut“ aufzu⸗ hängen. Er gehörte zu jener erleuchteten Claſſe von Ge⸗ lehrten, welche jetzt unſeren populären Mythologieen offenen Krieg erklären und jede Ideenanknüpfung umſtoßen, womit die Etonianer und Harrovianer die bekannten Namen der al⸗ ten Geſchichte in Verbindung bringen. Mit Einem Worte, er ſuchte in der verderbten Orthographie der griechiſchen Eigennamen die ſcholaſtiſche Reinheit wieder herzuſtellen. Höchlich konnte er ſich entrüſten, wenn ein kleiner Knabe ſeinem früheren Unterricht gemäß Zeus mit Jupiter, Ares mit Mars, Artemis mit Diana, kurz, die griechiſchen Gott⸗ heiten mit den römiſchen verwechſelte, und an dem Grund⸗ ſatze, dieſe beiden Reihen von Perſönlichkeiten ſcharf zu tren⸗ nen, haftete er mit einer ſolchen Starrheit, daß uns ſeine Eraminatorien in ſteter Verwirrung erhielten. „Wie“— konnte er gegen einen neuen Knaben aus⸗ rufen, der eben von einer Grammatikſchule nach dem Etv⸗ nianiſchen Syſtem herkam—„Wie, Ihr wollt Zeus mit Jupiter überſetzen? Hat der verliebte, zornige, wolkenſam⸗ melnde Gott des Olymp mit ſeinem Adler und ſeiner Aegis auch nur die mindeſte Aehnlichkeit mit dem ernſten, förmli⸗ chen und ſittenreinen Jupiter Optimus Maximus des römi⸗ ſchen Kapitols?— mit einem Gotte, Maſter Simpkins, der ſich ſchon vor dem Gedanken entſetzen würde, einem unſchul⸗ digen Fräulein unter der Maske eines Ochſen oder eines Schwanes nachzulaufen? Ich lege Euch dieſe Frage ein für allemal vor, Maſter Simpkins.“ Maſter Simpkins trug Sorge dafür, ſeine Anſicht mit der des Doktors in Ein⸗ klang zu bringen.„Und wie könnt Ihr“— fuhr Dr. Her⸗ man majeſtätiſch gegen einen anderen verbrecheriſchen Alum⸗ nus fort—„wie könnt Ihr Euch unterſtehen, den Ares des Homer mit dem dreiſten Gemeinplätz Mars zu überſetzen. Ares, Maſter Jones, der, wenn er verwundet wurde, ſo laut brüllte, wie zehntauſend Streiter oder wie Ihr mir brüllen ſollt, wenn ich Euch wieder darob erwiſche, daß Ihr mir ihn Mars nennt! Ares, der ſieben Plectra Grundes bedeckte, Ares, den Männertödter, zu verwechſeln mit dem Mars oder Mavors, welchen die Römer den Sabinern ſtah⸗ 55 len— mit dem Mars, dieſem feierlichen und ruhigen Be⸗ ſchützer Roms! Maſter Jones, Maſter Jones, Ihr ſolltet Euch vor Euch ſelbſt ſchämen!“ Bei zunehmender Begeiſte⸗ rung, in welche ſich beſonders auch ein ſtärkeres Hervortre⸗ ten der deutſchen Kehllaute und eine eigenthümliche Aus⸗ ſprache des Engliſchen miſchte, pflegte der gute Doktor die Hände mit zwei großen Ringen an den Daumen zu erheben und auszurufen:—„Und Du, Aphrodite, Du, deren Ge⸗ burt die Jahreszeiten willkommen hießen! Du, die du den Adonis in einen Sarg legteſt und dann in eine Anemone verwandelteſt, du ſollteſt von dieſem ſchnüffelnaſigen kleinen Maſter Budderfield Venus genannt werde! Venus, welche die Beſchützerin der Baumgärten, der Leichenbegängniſſe und der garſtigriechenden Abzugskanäle war! Venus Cloacina, — o mein Gott! Kommt her, Maſter Budderfield, ich muß Euch dafür peitſchen— ich muß in der That, kleiner Junge!“ Da unſer philhelleniſcher Lehrer ſeinen archäologiſchen Pu⸗ rismus auf alle griechiſchen Eigennamen übertrug, ſo war es nicht wohl möglich, daß mein unglücklicher Taufname ſeiner Aufmerkſamkeit entging. Ich unterzeichnete meine erſte ſchriftliche Uebung in meinem beſten Zuge mit„Piſiſt⸗ ratus Carton.“„Und man nennt Euren Papa einen Ge⸗ lehrten!“ ſagte der Doctor verächtlich.„Euer Name, Sir⸗ iſt griechiſch, und da er nun griechiſch iſt, ſo werdet Ihr ſo gut ſeyn, ihn mit einem e und einem o zu ſchreiben— P, E, J, S, J. S, T. R A, T, O, S; den Accent ſtets über dem i. Was läßt ſich für die Zukunft von Euch er⸗ warten, Maſter Carton, wenn Ihr nicht einmal auf Euren 56 das e, das v und den Accent? Ach, laßt mirnichts mehr von dieſer ſchnöden Verunſtaltung vor Augen kommen! Mein Gott, Pi! wenn es doch Pei heißen muß!“ Als ich das nächſtemal mit aller Beſcheidenheit mei⸗ m Vater brieflich meldete, daß es in meinem Beutel mal hergehe, daß ich wohl ein Ballrakett zu beſitzen wünſche und daß die Lieblingsgöttin unter den Knaben Gleichviel, ob ſie ſich zu den Griechen oder zu den Römern zählten) die Diva Moneta ſey, unterzeichnete ich mit einem Anflug von claſſiſchem Stolz„Euer gehorſamer Petſiſtra⸗ tos.“ Die nächſte Poſt brachte mir ein trauriges Dämpfungs⸗ mittel gegen meinen ſcholaſtiſchen Jubel. Der Brief lautete wie folgt: „Mein lieber Sohn, Ich ziehe meine alten Bekannten Thuchdides und Piſi⸗ ſtratus dem Thoukydides und Peeſiſtratos vor. Mit dem Horaz bin ich vertraut, aber den Horatius kenne ich nur als Cocles. Piſiſtratus kann mit einem Ballrakett ſpielen, aber ich finde keine rein griechiſche Autvrität, welche mich annehmen läßt, daß ſich Pecſiſtratos mit dieſer Unterhal⸗ tung abgab. Ich würde mich glücklich ſchätzen, Dir eine Drachme oder eine ähnliche Münze zu ſenden, bin aber nicht im Befitz von Geldſorten, welche in Athen Kurs hatten, als Piſiſtratus wie Petſiſtratos buchſtabirt wurde. Dein Dich liebender Vater A. Carton.“ Dies war in der That die erſte praktiſche Verlegenheit, eigenen Namen die gebührende Beachtung verwendet— auf ——— we me der W ſei de —— 57 mus hervorging, den Es geht indeß in wenn es gilt, den welche aus dem traurigen Anachronis mein Vater ſo prophetiſch beklagt hatte. der Welt nichts über die Erfahrung, Werth einer Vertragung zu beweiſen. Petſiſtratos fuhr fort, ſeine Uebungen zu unterzeichnen, und einem zweiten Brief des Piſiſtratus folgte das Ballrakett. Zweites Kapitel. Ich war ungefähr ſechszehn Jahre alt, als ich beim Beſuch der Heimath während der Ferien den Bruder meiner Mutter antraf, der zu den Laren unſeres Haushalts ſeine Zuflucht genommen hatte. Onkel Jack, wie man ihn ver⸗ traulich nannte, war ein leichtherziger, angenehmer, ent⸗ huſiaſtiſcher, redſeliger Mann, der drei kleine Vermögen durchgebracht hatte in dem Verſuch, ein großes zu erringen. Onkel Jack war ein großer Spekulant; aber in allen ſeinen Spekulationen that er nie dergleichen, als ob er dabei an ſich ſelbſt denke. Stets lag ihm nur das Wohl ſeiner Ne⸗ benmenſchen am Herzen, und in dieſer undankbaren Welt kann man ſich auf die Nebenmenſchen ſo gar nicht verlaſſen. Als er volljährig wurde, erbte er von ſeinem Großvater mütter⸗ licher Seits 6000 Pfund. Da fiel ihm denn ein, daß ſeine Nebenmenſchen von den Schneidern elend betrogen würden. Dieſer neunte Theil der Menſchheit brachte notoriſch ſeine Brucheriſtenz dadurch fort, daß er neunmal zu viel forderte für die Bekleidung, welche durch die Civiliſativn und viel⸗ leicht durch einen Wechſel des Clima's für uns nothwendi⸗ ger geworden iſt, als für unſere Vorfahren, die Picten. Aus reiner Menſchenliebe gründete daher Onkel Jack„eine uneigennützige große Nationalbekleidungsge⸗ ſellſchaft,“ welche es unternahm, das Publikum mit Bein⸗ kleidern vom beſten ſächſiſchen Tuch à7 Schillinge 6 Pence, mit ſuperfeinen Röcken à 1 Pfund 18 Schillinge, und mit einem Dutzend Weſten für denſelben Preis zu verſehen. Alles ſollte mi Dampfgeſchwindigkeit geliefert werden. So mußten itzbübiſchen Schneider hinunter, die Menſch⸗ heit wurde bekleidet, und die Philanthropen zogen(was je⸗ doch blos Nebenrückſicht war) einen reinen Nutzen von 30 Procenten. Aber trotz der augenſcheinlichen Menſchenfreund⸗ lichkeit dieſes chriſtlichen Plans und der unfehlbaren Berech⸗ nungen, auf welche er gegründet war, ſtarb die Geſellſchaft als ein Opfer der Unwiſſenheit und des Undanks unſerer Nebenmenſchen. Jack blieb von ſeinen 6000 Pfunden nicht weiter, als der vierundfünfzigſte Theil an einer kleinen Dampfmaſchine, ein großer Vorrath von bereits fertigen Beinkleidern und die Verbindlichkeiten der Direktoren. Onkel Jack verſchwand und ging auf Reiſen. Der⸗ ſelbe Geiſt der Philanthropie, welche ſeine Geldſpeculatio⸗ nen bezeichnete, machte ſich auch in Gefährdung ſeiner Per⸗ ſon geltend. Er fühlte ſich hingezogen zu allen bedrängten Gemeinſchaften; wenn es mit einem Stamm, einer Race oder einer Nation in der Welt abwärts ging, ſo warf ſich Onkel Jack derb in die Wagſchale, um das Gleichgewicht wieder herzuſtellen. Mochten es Polen, Griechen(letztere lagen — H m — endi⸗ ten. ine ge⸗ ein⸗ nce, mit hen. So iſch⸗ 30 ind⸗ haft erer icht nen gen damals eben im Kampf mit den Türken), Merikaner oder Spanier ſeyn, ⁴Onkel Jack ſteckte ſeine Naſe in alle ihre Händel. Der Himmel verhüte, daß ich mich über dich luſtig mache, armer Onkel Jack, wegen dieſer edelmüthigen Theil⸗ nahme für die Unglücklichen; aber wo immer eine Nation in⸗ Bedrängniß, gibt es ſtets auch Geſchäfte zu machen. Die polniſche Sache, die griechiſche Sache, die mexikaniſche Sache, die ſpaniſche Sache— jede ſteht nothwendig mit Anlehen und Subſcriptionen in Verbindung. Wenn die Feſtlandpatrioten mit der einen Hand das Schwert aufneh⸗ men, wiſſen ſie in der Regel mit der anderen tief in die Ta⸗ ſchen ihrer Nachbarn zu fahren. Onkel Jack ging nach Grie⸗ chenland, von da nach Spanien und von Spanien nach Mexiko. Ohne Zweifel leiſtete er da den bedrängten Völ⸗ kern weſentliche Dienſte, denn er kehrte mit einem unwider⸗ ſprechlichen Beweis ihrer Dankbarkeit in der Form von 3000 Pfunden wieder zurück. Kurz nachher erſchien ein Proſpect der„Uneigennützigen, neuen⸗ großen National⸗ verſicherungsgeſellſchaft für die gewerbtreiben⸗ den Klaſſen.“ Dieſes unſchätzbare Aktenſtück ſetzte die unendlichen Vortheile für die Menſchheit auseinander, wenn man ſich an Vorſorglichkeit gewöhne und Verſicherungsge⸗ ſellſchaften einführe, wies die ungeheure Höhe der Einla⸗ gen nach, welche die beſtehenden Anſtalten forderten, ſo daß ſie den Bedürfniſſen ehrlicher Handwerker ganz und gar nicht entſprächen, und erklärte, daß nur die reinſten Abſichten des Wohlwollens gegen den Nebenmenſchen und der Wunſch, die allgemeine Sittlichkeit zu erhöhen, die Direktoren veran⸗ die edelſten Principien und auf die mäßigſte Berechnung; dann ging es auf die Darlegung über, daß 24 ½ Procent der kleinſtmögliche Ertrag ſey, welchen die Aetionäre zu er⸗ warten hätten. Die Geſellſchaft begann unter den günſtig⸗ ſten Auſpicien, denn ein Erzbiſchof ließ ſich zu Uebernahme der Präſidentſchaft verlocken, unter der Bedingung, daß er weiter nichts als ſeinen Namen beiſteuern ſollte. Onkel Jack— euphoniſtiſcher als der„gefeierte Philanthrop John Jones Tibbets, Esquire“ bezeichnet, war Ho⸗ norarſekretär, und das Capital wurde zu zwei Millionen feſtgeſetzt. Aber die arbeitenden Claſſen waren ſo dumm und begriffen ſo wenig die Wohlthat, vom einundzwanzigſten Lebensjahr an bis zum fünfzigſten wochentlich einen Schilling neun Pence zu bezahlen, um ſich von letztgenannter Zeit an eine Jahresrente von achtzehn Pfunden zu ſichern, daß die Geſellſchaft und damit auch Onkel Jacks 3000 Pfund in dünne Luft zerfloßen. Jetzt ließ er drei Jahre lang nichts mehr von ſich ſehen oder hören. Man wußte von ſeinem Daſeyn ſo wenig, daß man nach dem Tode einer Tante, die ihm eine kleine Farm in Cornwall hinterließ, ausſchreiben mußte;„Wenn John Jones Tibbets, Esquire, etwas für ihn Vortheilhaftes zu erfahren wünſcht, ſo möge er ſich in den Stunden zwiſchen Zehn und Vier an die Herren Blunt und Tin, Lothbury, wenden.“ So ſchnell, als ein Taſchen⸗ ſpieler das Pickaß, welches du noch wohlbehalten unter deinem Fuß zu haben wähnſt, auf den Tiſch bringt— eben ſo ſchnell kam auch bei dieſem Aufruf Onkel Jack zum Vor⸗ laßt hätten, eine neue Geſellſchaft zu bilden, gegründet auf — auf ing; eent nen und ſten ing an 6¹ Selbſtzufriedenheit machte ſichs der neue Landeigenthümer auf ſeinem Gütchen behaglich. Die Farm, welche ungefähr 200 Acres umfaßte, war im be⸗ ſten Zuſtand, und einige chemiſche Verſuche ausgenommen, die Onkel Jack nach den wiſſenſchaftlichſten Grundſätzen 30 Aeres Buchwaizenſaat koſteten— die armen Aehren kamen nämlich ſo gefleckt und narbig, als ob man ihnen die Kin⸗ derpocken eingeimpft hätte— brachte er es in einigen Jah⸗ guten Auskommen. Unglücklicherweiſe mußte ren zu einem er eines Tags auf einem ſchönen mit ſchwediſchen Rüben Schon in der bepflanzten Feld eine Kohlenmine entdecken. nächſten Woche war das Haus angefüllt mit Bergbaukun⸗ digen und Naturforſchern, und einen Monat ſpäter erſchien in meines Onkels beſtem Styl, der durch die Erfahrung ſehr gewonnen hatte, ein Proſpekt der„Großen National⸗ antikohlenmonopolgeſellſchaft, gegründet zum Beſten der armen Anſäßigen von London und zu Bekämpfung des ungeheuerlichen Monopols der Londoner Kohlenwerften.“ „Ein Gang der ſchönſten Kohlen iſt auf dem Beſitzthum des gefeierten Philanthropen John Jones Tibetts, Esquire, entdeckt worden. Dieſe neue Mine, die Molly Wheal, welche auf's Befriedigendſte von dem ausgezeichneten Bergbauver⸗ ſtändigen Giles Compaß, G quire, unterſucht wurde, ver⸗ ſpricht dem Gemeinſinn und dem Reichthum der Cäpitaliſten ein unerſchöpfliches Feld. Man hat berechnet, daß die be⸗ ſten Kohlen in guter Ladung zu 18 Schillingen per Laſt bis in die Mündung der Themſe geliefert werden können und ſchein. Mit unbegreiflicher — vabei den Aktionären einen Gewinn von nicht weniger als 48 Prozent abwerfen. Die Aktie koſtet 50 Pfund, in 5 Ra⸗ ten einzuzahlen. Erforderliches Kapital Eine Million. Um Aktien wolle man ſich zeitig melden bei den Herrn Blunt und Tin, Sachwalter, Lothbury.“ Da war doch einmal etwas Greifbares für die Neben⸗ menſchen— Land, eine Mine, Kohlen— und es kamen wirklich Aktionäre und Kapital. Onkel Jack war jetzt feſt überzeugt, daß ſein Glück gemacht ſey, und brannte dabei vor Begier nach einer Betheiligung an dem Ruhm, das ungeheuerliche Monopol der Londoner Werften zu Grunde zu richten, ſo daß er ein großes Angebot für den Verkauf ſei⸗ nes Gutes zurückwies, Hauptaktionär wurde und nach London zog, wo er Equipage hielt und ſeinen Mitdirektoren Diners gab. Die Geſellſchaft gedieh drei Jahre lang trefflich. Die Leitung und Bearbeitung der Mine war ganz dem ausge⸗ zeichneten Bergbauverſtändigen Giles Compaß übertragen worden, und da dieſer Gentleman den Aktionären regel⸗ mäßig zwanzig Procent zahlte, ſo hatten ſich die Aktien um mehr als hundert Prozent gehoben. Aber eines ſchönen Mor⸗ gens, als man es am wenigſten erwartete, hieß es, Giles Compaß, Esquire, ſey nach einem weiteren Feld für ein Genie, wie das ſeinige, nach den Vereinigten Staaten entwichen, und es ſtellte ſich nun heraus, daß die Mine ſchon ſeit mehr als einem Jahre in eine große Waſſergrube ausgelaufen war, Mr. Compaß alſo die Aktionäre von ihrem eigenen Kapitale bezahlt hatte. Dießmal konnte es mei⸗ nem Onkel wenigſtens zum Troſte gereichen, daß er in ſehr gute Dok ein pag wel terg Jat im nick hie tr⸗ rei wi al lic li i ne 8 8 ——.„„ꝶ s a⸗ lm mt en⸗ en feſt bei as nde ſei⸗ don ers ge⸗ gen gel⸗ um or⸗ iles ein ten tine ube rem. nei⸗ ſehr 63 guter Geſellſchaft zu Grunde gerichtet worden war: drei Doktoren der Gottesgelehrtheit, zwei Parlamentsmitglieder⸗ ein ſchottiſcher Lord und ein Direktor der oſtindiſchen Kom⸗ pagnie befanden ſich alle in dem Bvot— in dem Boot, welches mit der Kohlenmine in der großen Waſſergrube un⸗ terging. Unmittelbar nach dieſem Ereigniſſe erinnerte ſich Onkel Jack, der dabei ſo ſanguiniſch und leichtherzig blieb, wie immer, plötzlich ſeiner Schweſter Mrs. Carton, und da er nicht wußte, wo er ſich ſonſt ein Mittageſſen holen ſollte, hielt er es fürs Beſte, ſeine Beine unter meines Vaters trabes citrea ausruhen zu laſſen— ein Wort, das der ſinn⸗ reiche W. S. Landor mit„Mahagony“ überſetzt wiſſen will. Nie hat man einen gewinnenderen Mann geſehen, als Onkel Jack war. Ueberhaupt ſind Perſonen mit ordent⸗ lichen runden Formen weit beliebter, als die hagern⸗ Es liegt etwas Heiteres und Angenehmes in einem vollen Ge⸗ ſichte. Welche Verſchwörung fonnte nicht auf Erfolg rech⸗ nen, wenn ein ausgemergelter, hungrig ausſehender Kerl, wie Caſſius, an ihrer Spitze ſtand! Hätten aber die römiſchen Patrioten einen Onkel Jack unter ſich gehabt, ſo würden ſie wohl dem Shakeſpeare nie den Stoff zu einem Trauerſpiel an die Hand gegeben haben. ⁴Onkel Jack war ſo rund, wie ein Rebhuhn— nicht ſchwerfällig, nicht corpulent, nicht fett, nicht„vastus“, was Cicero an einem Redner ſo ſehr miß⸗ fällt— ſondern jede Furche behaglich ausgefüllt. Wie bei dem Ocean„ſchrieb die Zeit keine Runzeln auf ſeine ſpie⸗ gelglatte(oder eherne) Stirne“, Seine natürlichen Linien 64 beſtanden durchweg aus Curven, ſein Lächeln war höchſt ge⸗ winnend, ſein Auge offen, und ſelbſt der Kunſtgriff, ſich die wohlgenährten engliſch ausſehenden Hände zu reiben, hatte etwas Beſchwatzendes, ein depbonnair, ein Etwas an ſich, daß man ſich wahrhaftig verlockt fühlte, ſein Geld ſo einneh⸗ menden Organen anzuvertrauen. Auf ihn ließ ſich in der That der Ausdruck trefflich anwenden—„Sedem animae in extremis digitis habet“—„die Seele ſitzt ihm in den Fin⸗ gerſpitzen.“ Die Kritiker bemerken, daß wenige Menſchen Phantaſie und wiſſenſchaftliches Talent gleich vollkommen in ſich vereinigen, und Schiller ruft:„Glücklich der, welcher die Wärme des Begeiſterten mit dem Lichte des Weltmanns verbindet!“ Aber Licht und Wärme— beides war bei Onkel Jack zu finden. Er war eine vollkommene Symphonie von hinreißendem Enthuſiasmus und überzeugender Berechnung. Dicäbpolis in den Acharnenſern bemerkt, während er den Nicharchus dem Publikum vorſtellt—„Ich geſtehe, daß er nur klein iſt, aber an ihm geht nichts verloren; Alles, was er nicht vom Narren beſitzt, hat er vom Spitzbuben.“ Als Parodie zu dieſem zweideutigen Compliment möchte ich ſagen, daß an Onkel Jack, obſchon er nicht zu den Rieſen gehörte, nichts Lerloren war. Was an ihm nicht der Phi⸗ lanthropie anheimfiel, war Arithmetik, und was nicht zur Arithmetik gehörte, war Philanthropie. Howard und Cocker würden ihn auf gleiche Weiſe geſchätzt haben. Onkel Jack war hübſch, beſaß eine feine, blühende Haut, hatte einen klei⸗ nen Mund mit guten Zähnen und trug keinen Backenbart, da im Gegentheil ſeine Wange ſo glattgeſchoren ausſah, as we vo i ge⸗ h die hatte ſich, meh⸗ der e in Fin⸗ ſchen nin ſcher mns nkel von ung. d er ehe, lles, i. ich eſen Bhi⸗ zur cker ack lei⸗ art, a1s wäre ſie eine von ſeinen großen Nationalcompagnien. Sein vormals etwas röthlichtes Haar ſtach jetzt ins Graulichte, wodurch die Achtbarkeit ſeiner äußeren Erſcheinung erhöht wurde, und er trug es an den Seiten glatt angedrückt, wäh⸗ rend es ſich über ſeinem Scheitel zu einem Kamm erhob. Die Organe ſeines Kunſtſinns und ſeiner Idealität wurden von Mr. Squills für ungemein entwickelt erklärt, und dieſe Hervorragungen verliehen ſeiner Stirne eine große Breite⸗ Dazu kam noch, daß ⁴Onkel Jack bei ſeinem ebenmäßigen Bau fünf Fuß acht Zoll maß, gerade die rechte Größe für einen rührigen Geſchäftsmann. Er trug einen ſchwarzen Frack, hatte ihn aber, damit er ſich friſcher ausnehme, mit vergoldeten Knöpfen verſehen, auf welchen eine Krone und ein Anker abgeprägt waren. In der Entfernung konnte man dieſe Knöpfe wohl für die einer königlichen Uniform halten⸗ und er gewann dadurch das Anſehen, als bekleide er eine Stelle bei Hofe. Stets trug er eine ungeſteifte weiße Halsbinde und einen gefältelten Buſenſtreif mit einer Dia⸗ mantnadel. Letztere lieferte ihm Stoff zu Bemerkungen über gewiſſe Minen in Merico und zu Kundgebung ſeines bisher unbefriedigten ſehnlichen Wunſches, ſie durch eine „Große vereinigte britiſche Nativnalcompagnie“ ausbeuten laſſen. Am Morgen war ſeine Weſte blaßgelb, Abends mit Sammt verbrämt, eine Eigenthümlichkeit, mit welcher unter⸗ ſchiedliche Entwürfe zu einer„Aſſociation für Verbeſſerung der einheimiſchen Manufakturen“ in Verbindung ſtanden. Seine Vormittagsbeinkleidung hatte die Farbe, welche man gemeiniglich„Löſchpapier“ nennt; auch trug er nie Stiefel, Bulwer, die Cartone. 5 66 welche, wie er ſagte, für einen Mann nicht paßten, der ſich viel Bewegung mache, ſondern kurze graue Kamaſchen mit ſtumpfſchnäbligen Schuhen. An ſeiner Uhrkette hing eine große Anzahl von Siegeln, von denen jedes die Deviſe einer verſtorbenen Geſellſchaft zeigte; man konnte ſie daher mit den Scalpen der Erſchlagenen vergleichen, welche die irokeſiſchen Eingebornen zu tragen pflegen. Da eben von den Irokeſen die Rede iſt, ſo muß ich hier beiläufig bemerken, daß Onkel Jack in Betreff dieſer Wilden ſich einmal mit philanthropiſchen Plänen getragen hatte, gemiſcht aus einer Bekehrung derſelben zum Chriſtenthum nach den Grundſätzen der engliſchen Staatskirche und einem vortheilhaften Aus⸗ tauſch von Bibeln, Branntwein und Schießpulver gegen Biberfelle. Daß Onkel Jack mein Herz gewann, war kein Wun⸗ der; das meiner Mutter beſaß er von ihrer früheſten Erin⸗ nerung an, als er ſie überredete, ihre große Puppe(ein Ge⸗ ſchenk der Großmutter) zum Beſten der Schornſteinfeger ausſpielen zu laſſen.„Es ſieht ihm ſo gleich— er iſt ſo gut!“ pflegte ſie vft gedankenvoll zu ſagen.„Man zahlte ſechs Pence für das Loos, deren zwanzig abgingen, und die Puppe hatte zwei Pfund gekoſtet. Aber Niemand ließ ſich weiter verlocken, und die Puppe, das arme Ding, das ſo ſchöne blaue Augen hatte, ging weg um den vierten Theil ihres Werthes. Jack aber ſagte,„Niemand werde errathen, wie gut die zehn Schillinge den Schornſteinfegern bekommen ſeyen!“ Natürlich genug, denn ich ſage, meine Mutter liebte Onkel Jack; aber mein Vater hatte ihn eben ſo gerne, und 2 2 2 2 2 — ſich mit eine viſe her die von ken, mit iner tzen us⸗ gen un⸗ in⸗ 67 Beweis, in welchem Grade er Es iſt übrigens be⸗ lehrter, wenn er Weltmann, vor dies war ein entſprechender die Gabe beſaß, für ſich einzunehmen. achtenswerth, daß ein zurückgezogener Ge einmal Intereſſe nimmt an einem thätigen anderen geneigt iſt, d mſelben ſeine Bewunderung zu ſchen⸗ fen. Die Sympathie mit einem ſolchen Gefährten ſchmei⸗ chelt ſowohl ſeiner Wißbegier, als ſeiner Indolenz; er kann mit ihm reiſen, mit ihm Entwürfe machen, mit ihm in den Kampf ſtürzen— kurz alle Abenteuer mit ihm beſte⸗ hen, die ſeine Bücher ihm ſo beredt ſchildern, ohne daß er ſich aus ſeinem Lehnſeſſel zu erheben braucht. Mein Vater ſagte,„wenn Onkel Jack erzähle, ſo meine er, den Ulyſſes Auch war Onkel Jack in Griechenland und zu hören.“ der Belagerung Kleinaſien geweſen, hatte auf der Stelle von Troja geſtanden, bei Marathon Feigen gegeſſen, im Pe⸗ loponnes Haſen geſchoſſen und auf der Spitze der großen Pyramide anderthalb Flaſchen ſtarken Braunbiers getrunken. ⁴Onfel Jack war daher für meinen Vater wie ein Buch, in welchem er nur nachzuſchlagen brauchte. Und in der That, oft ſah er ihn für ein Buch an, das er nach dem Diner mit ſich hinunter nahm, wie er mit einem Band von Dodwell oder Pauſanias gethan haben würde. Ich glaube wahrhäf⸗ tig, daß die Gelehrten, welche nie aus ihrer Zelle heraus⸗ fommen, an Neugierde, Thätigkeit und Regſamkeit Niemand nachſtehen, wenn man ſie nur richtig zu beurtheilen weiß. Sogar der alte Burton ſagte von ſich ſelbſt—„Obgleich ich's wie ein Kollegiatſtudent treibe und fern von dem Ge⸗ wühl und Lärm der Welt das Leben eines Mönches führe, 5* 68 höre und ſehe ich doch, was auswärts vorgeht, wie in den Städten und auf dem Land Andere laufen, ſich abjagen und gegenſeitig ſich quälen oder zerfleiſchen“— ein Citat, wel⸗ ches hinreichend beweist, daß Gelehrte von Natur aus die thätigſten Perſonen von der Welt ſind; nur findet bei ihnen, während ſie mit Auguſtus Ränke ſchmieden, mit Cäſar in den Kampfziehen, mit Columbus einen neuen Welttheil entdecken und mit Alerander, Attila oder Mahomed der Erde eine neue Geſtalt geben, zwiſchen jenem unteren und antipoden! Theil des menſchlichen Körpers, welchen man gemeiniglich den„Sitz der Ehre“ nennt, und dem ausgepolſterten Leder eines Armſeſ⸗ ſels eine gewiſſe geheimnißvolle Anziehung ſtatt, welche un⸗ ſere Fortſchritte in der Kenntniß des Mesmerismus ſicherlich noch zu Befriedigung der Wiſſenſchaft auftlären werden. Die Gelehrſamkeit ſinkt irgendwie nach jenem Theil hinun⸗ ter, durch welchen ſie urſprünglich hineingetrieben wurde, und erzeugt daſelbſt eine bleierne Schwere, welche den leb⸗ haften Erregungen des Gehirns entgegen arbeiten, da dieſe ſonſt die Männer des Studiums regſamer und gueckſil⸗ berner machen könnte, als das Beſtehen der hergebrachten Drdnung wünſchenswerth erſcheinen läßt. Ich möchte dieſe meine Vermuthung den Erperimentalphyſikern zur Berück⸗ ſichtigung empfehlen. Ich war noch weit mehr von Onkel Jack entzückt, als mein Vater. Er ſtack voll erheiternder Poſſen, verſtand ſich trefflich auf Taſchenſpielerkünſte, konnte einen Schlüſſelbund tanzen laſſen, und wenn man ihm eine halbe Krone gab, durfte man darauf zählen, daß er ſie im Nu in einen Halb⸗ den ind el⸗ die en, en en ue 69 penny umgewandelt hatte, obſchon es ihm nie gelingen wollte, meine Halbpence zu halben Kronen zu machen. Wir machten lange Spaziergänge miteinander; aber auch im unterhaltlichſten Geſpräch war Onkel Jack ſtets ein aufmerkſamer Beobachter. Er konnte Halt machen, um die Natur des Bodens zu unterſuchen, und pflegte dann meine Taſchen(nie ſeine eigenen) mit großen Stücken von Thon, Steinen und Getrümmer zu füllen, um ſie zu Hauſe mit Hülfe eines chemiſchen Apparats, den er von Mr. Squills geborgt hatte, zu unterſuchen. Oft ſtand er ſtundenlang vor der Thüre eines Bauernhauſes und ſah bewundernd dem Strohflechten der kleinen Mädchen zu; es fehlte aber dann nicht, daß er ſich unmittelbar darauf in die nächſten Farm⸗ häuſer begab, um der Ausführbarkeit einer„National⸗ Strohſlechtaſſociation“ das Wort zu reden. Leider ging die ganze Fruchtbarkeit ſeines Geiſtes an der ingrata terra ver? loren, auf welcher Onkel Jack leben mußte. Kein Squire wollte ſich zu dem Glauben überreden laſſen, daß ſein Mut⸗ terboden von werthvollen Mineralien ſchwanger ſey, und vie Farmer wollten nichts von ſeiner Strohflechtaſſociativn wiſſen. Wie nun ein Währwolf, nachdem er die ganze Um⸗ gegend verwüſtet hat, das hungrige Auge auf ſeine eigenen Jungen zu werſen beginnt, fieng unſerem Onkel Jack, nach⸗ dem er ſich in den ſaftigeren und erlaubteren Brocken ge⸗ täuſcht ſah, der Mund zu wäſſern an nach einem Biß gegen meinen unſchuldigen Vater. 70 Drittes Kapitel. Für Leute, die nicht Anſpruch auf Gepränge machten, lebten wir in einem recht achtbaren Style. An dem Ende eines großen Dorfes ſtand ein viereckiges rothes Ziegelhaus etwa aus der Zeit der Königin Anna. Auf dem Dach be⸗ fand ſich eine Balluſtrade— der Himmel weiß zu welchem Zwecke, denn Niemand kam je hinauf, als unſer großer Kater Ralph, der ſich gerne ſo hoch oben zu ergehen pflegte. Nun, es war einmal ſo, und man ſieht oft etwas Aehnliches von den Häuſern aus den Zeiten der Eliſabeth an bis zu denen herunter, die unter der Regierung der Königin Viktoria gebaut werden. Die Balluſtrade war durch niedrige Pfeiler abgetheilt, deren jeder oben eine Kugel hatte. Der mittlere Theil des Hauſes machte ſich durch einen Architrav in der Form eines Dreiecks kenntlich, unter welchem ſich eine Niſche befand— wahrſcheinlich zu Aufnahme einer Figur beſtimmt, die aber nie eingeſetzt wurde. Darunter war das mit ge⸗ ſchnitzten Pilaſtern eingefaßte Fenſter des Wohnzimmers meiner Mutter, und noch etwas tiefer, über einer Treppe mit 6 Stufen befand ſich eine ſehr ſchoͤne Thüre mit einem porti⸗ kusähnlichen Vorbau. Sämmtliche Fenſter, die ziemlich hohe Rahmen, aber etwas kleine Scheiben hatten, waren mit Steinhauerarbeit eingefaßt, ſo daß das Haus einen Charakter von Solidität und Wohlhäbigkeit zeigte— einer⸗ ſeits nichts Gekünſteltes, andererſeits nichts Verfallenes. Es ſtand ein wenig gegen das große Gartenthor zurück, und die Mitte dieſer Entfernung wurde durch zwei mit Vaſen n, de u6 2 7¹ verſehene Säulen bezeichnet. Manche erhoben zwar dagegen die Einwendung, daß dieſe Einrichtung ſehr unbequem ſey⸗ weil man bei regneriſchem Wetter bis zu dem Wagen eine Strecke zu Fuß zurücklegen müſſe; dem Uebelſtand beugten wir aber dadurch vor, daß wir keinen Wagen hielten. An die rechte Seite des Hauſes ſchloßen ſich ein fleiner Raſen, eine Lorbeerlaube, ein viereckiges Waſſerbecken, ein beſcheidenes Gewächshaus und ein Halbduzend Beete mit Reſeden, He⸗ liotropen, Roſen, Nelken, Bartnelken und ſo weiter an. Links befand ſich der Küchengarten, von Spalierbäumen umfaßt, welche die ſchönſten Aepfel in der ganzen umgegend trugen⸗ abgetheilt, von denen und durch drei gewundene Kieswege Mauer hinlief, wo der äußerſte an der ſüdlich gelegenen Pfirſiche, Birnen und Aprikoſen in der Sonne früh ihren be⸗ kannten Wohlgeſchmack gewannen. Dieſer Weg war aus⸗ ſchließlich für meinen Vater beſtimmt. Der wackere Mann pflegte daſelbſt an ſchönen Tagen, ein Buch in der Hand, ſpazieren zu gehen, wobei er übrigens oft Halt machte, um mit dem Bleiſtift etwas anzumerken, zu geſtikuliren oder mit ſich ſelbſt zu reden. Hier konnte ihn auch meine Mutter, wenn er ſich nicht auf ſeinem Studirzimmer befand, zuverläſſig auffinden. Auf dieſen Deambulationen, wie er ſie nannte, hatte er in der Regel einen ſo außerordentlichen Begleiter, daß ich fürchte, ein Gelächter ungläubiger Verachtung über mich ergehen laſſen zu müſſen, wenn ich ihn näher beſchriebe. Gleichwohl aber kann ich betheuern, daß ich die buchſtäb⸗ liche Wahrheit und nicht die Erfindung eines übertreibenden Novellenſchreibers berichte. Meine Mutter hatte eines Ta⸗ 72 ges Mr. Carton überredet, mit ihr auf den Markt zu ge⸗ hen. Unterwegs kamen ſie an einem Raſen vorbei, wo ſich eben einige kleine Knaben das Vergnügen machen wollten, eine lahme Ente mit Steinen todt zu werfen. Es ſcheint, daß das Thier nicht auf den Markt gebracht worden, weil man die Entdeckung gemacht hatte, daß es nicht nur gelähmt war, ſondern auch nicht verdauen konnte; vielleicht wollte ſich irgend ein Gras nicht mit dem Ganglienapparat des ar⸗ men Dings vertragen. Mag dem nun ſeyn wie ihm wolle, die Eigenthümerin hatte erklärt, die Ente ſey ſo gut wie gar nichts, und ſie den Kindern auf deren Bitte überantwortet, damit ſie ſich eine unſchuldige Beluſtigung machen möchten und in ſolcher Weiſe von anderem Unfug abgehalten wür⸗ den. Meine Mutter erzählte mir nachher, ſie habe nie zuvor ihren Herrn und Meiſter ſo in's Feuer gerathen ſehen. Er jagte die Knirpſe auseinander, befreite die Ente und nahm ſie mit nach Hauſe, wo er ſie in einem Korb an's Feuer ſetzte, ihr Futter und Arznei brachte, bis ſie genas, und ihr dann das viereckige Waſſerbecken zum Tummelplatze anwies. Aber ſiehe da— die Ente kannte ihren Wohlthäter, und ſo oft mein Bater ſich vor dem Hauſe blicken ließ, ſchlug ſie mit den Flügeln, kam aus dem Waſſerbehälter auf den Raſen und wackelte, da ſie ihr linkes Bein nie ganz gebrauchen lernte, hinter ihm drein, bis ſie den Gang bei den Pftrſichen erreicht hatte. Dort ſetzte ſie ſich bisweilen nieder, um mit ernſter Miene die Deambulationen ihres Herrn zu beobach⸗ ten, oder hinkte wohl auch an ſeiner Seite hin; kurz, ſie wich nicht von ihm, bis er ſie auf dem Rückwege eigenhändig nu de — gefüttert hatte, quackte ihm dann ein friedliches Lebewohl zu und kehrte in ihr natürliches Element zurück. Mit Ausnahme des Zimmers, in welchem ſich meine Mutter Morgens am liebſten aufhielt, lagen alle übrigen Hauptgemächer— nämlich das Studirzimmer, das Speiſe⸗ s ſogenannte„beſte Beſuchzimmer“, welches zimmer und da nur bei wichtigen Anläſſen benützt wurde— gegen Süden. Hohe Buchen, Forchen, Pappeln und einige Eichen ſchirmten den hinteren Theil des Hauſes oder umgaben es vielmehr von allen Seiten, die mittägliche ausgenommen⸗ ſo daß man in gleicher Weiſe gegen die Kälte des Winters wie gegen die Hitze des Sommers geſchützt war. An Würde und Stellung war unſere Hauptdienſtperſon Mrs. Primmins, welche die Aemter einer Kammerfrau, diktatoriſchen Tyrannin über einer Haushälterin und einer das ganze Hausweſen in ſich vereinigte. Zwei andere Mägde, ein Gärtner und ein Bedienter, bildeten das übrige Geſinde. Außer einigen Wieſen, welche verpachtet wurden, war mein Vater nicht weiter mit Landbeſitz beläſtigt. Sein Einkommen beſtand aus den Intereſſen von ungefähr 15,000 Pfunden, theilweiſe in dreiprocentigen Staatspapieren, theilweiſe auf Hypotheken angelegt, und dieſes reichte bei der Wirthlichkeit meiner Mutter und der Mrs. Primmins aus, um die einzige Liebhaberei meines Vaters für Bücher, meine Erziehung und eine gelegentliche Einladung der Nach⸗ barn zum Thee, ſelten jedoch zu einem Diner, zu beſtreiten. Meine Mutter rühmte ſich, daß ihre Geſellſchaft ſehr aus⸗ erleſen ſey. Sie beſtand hauptſächlich aus dem Geiſtlichen 74 und ſeiner Familie, zwei alten Jungfern, die ſich ſehr wich⸗ tig zu machen pflegten, einem Gentleman, der in oſtindiſchem Dienſt geweſen war und ein großes weißes Haus auf dem Berge bewohnte, einem halbdutzend Squiren ſammt Wei⸗ bern und Kindern und dem immer noch unverheiratheten Mr. Squills. Einmal im Jahr wurden Karten— und wohl auch Diners gewechſelt mit gewiſſen Ariſtokraten, welche meiner Mutter viel unnöthige Ehrfurcht einflößten; ſie er⸗ klärte dieſelben ſür die umgänglichſten Leute von der Welt, die ihre Karten ſtets in den augenfälligſten Theil des Spie⸗ gelrahmens ſteckten, welcher über dem Kamin des beſten Be⸗ ſuchzimmers hing. Der Leſer ſieht alſo, daß unſere Stellung eine ſehr achtbare war, indem ſie die Solidität unſerer Fi⸗ nanzen und die Reſpektirung unſeres Stammbaumes bewies, auf den ich nachher eines Weiteren zu ſprechen kommen werde. Vorläufig begnüge ich mich mit der Andeutung, daß ſogar die ſtolzeſten aus der benachbarten Squirearchie ſtets unſere Familie als eine ſehr alte betrachteten. Mein Vater machte indeß nicht viel Weſens davon, und wenn er irgend einen Stolz auf ſeine Vorfahren an den Tag legen wollte, ſo geſchah dies nur zu Ehren des William Carton, Bürgers und Buchdruckers unter der Regierung Eduards IV. Er pflegte von ihm zu ſagen:„Clarum et venerabile nomen! — ein Ahne, auf den ein Mann der Wiſſenſchaft mit Recht eitel ſeyn darf.“ „Heus,“ ſagte mein Vater, ſeine Studien unterbrechend und die Augen von den Colloquien des Erasmus erhebend, „Salve jucundissime!“ 1. beho antn keit, emp gra mei zwi me No len Ni ner au de de 75 Onkel Jack hatte zwar von der Schule nicht viel bei⸗ behalten, verſtand aber doch noch genug Latein, um ihm zu antworten: „Salve tantundem, mi frater.“ Mein Vater lächelte beifällig. „Ihr ſeht, ich begreife wahre Urbanität oder Höflich⸗ keit, wie wir es nennen. Es liegt eine Eleganz darin, den Gatten der Schweſter als Bruder anzureden. Erasmus empfiehlt es in ſeinem Einleitungskapitel unter dem Para⸗ graphen Salutandi formulac'. Und in der That,“ fügte mein Vater gedankenvoll bei,„es iſt kein großer Unterſchied zwiſchen Höflichkeit und Zuneigung. Mein Autor hier be⸗ merkt, es ſey höflich, bei gewiſſen kleineren Nöthen der Natur einen Gruß auszudrücken. Man ſollte einem Gent⸗ leman Glück wünſchen beim Gähnen⸗ beim Schluchzen, beim Nieſen und beim Huſten— und dies augenſcheinlich aus kei⸗ nem anderen Grund, als weil man T heil nimmt an ſeinem Wohlbefinden. Beim Gähnen könnte er ſich den Unterkiefer ausrenken, das Schluchzen iſt oft Symptom einer ſchweren Krankheit, das Nieſen wird leicht den kleinen Blutgefäſſen des Kopfs gefährlich, und der Huſten deutet auf eine Affektion des Kehlkopfs, der Luftröhre, der Lungen oder der Ganglien.“ „Sehr wahr,“ verſetzte Onkel Jack.„Die Türken grüßen einander ſtets beim Nieſen und ſind überhaupt ein merkwürdig höfliches Volk. Aber, mein theurer Bruder, ich habe eben mit Bewunderung Eure Apfelbäume betrachtet. Nie ſind mir ſchönere zu Geſicht gekommen, und ich verſtehe mich auf Aepfel. Ich habe mit meiner Schweſter geſprochen 76 und finde, daß Ihr nur geringen Nutzen daraus zieht. Dies iſt Schade. Man könnte in dieſer Gegend die Cydererzeu⸗ gung einführen. Eure eigenen Felder wären dazu brauch⸗ bar und der Reſt ließe ſich miethen, ſo daß man im Ganzen — ich will ſagen— hundert Aeres beiſammen hätte. Da wäre ſchon ein Obſtgarten in großartigem Maßſtab herzu⸗ ſtellen. Ich habe eben eine Berechnung darüber gemacht, und das Ergebniß iſt gauz erſtaunlich. Nehmen wir für das Aere vierzig Bäume an— dies iſt die geeignete Durch⸗ ſchnittszahl— der Baum zu einem Schilling ſechs Pencen; Taglohn für Grabarbeiten meinetwegen zehn Pfund für das Acre— Geſammtbetrag für hundert Aeres tauſend Pfund. Das Auspflaſtern der Löcherboden, damit die Herz⸗ wurzel nicht in ſchlechten Grund gerathe— oh, Ihr ſeht, ich bin gar pünktlich und ſorgfältig bis aufs Kleinſte— bin's auch ſtets geweſen— das Auspflaſtern derſelben mit Trümmergeſtein zu ſechs Pencen für das Loch— thut für 4000 Bäume auf den hundert Aeres hundert Pfund. Dazu noch der Bodenpacht à 30 Schillinge für den Aere, macht hundertfünfzig Pfund. Und wie ſtehts nun mit der Ge⸗ ſammtſumme?“ Hier zählte Onkel Jack die einzelnen Poſten raſch an den Fingern ab: 300 Pfund Pflaſtern der Löcher... 100% Grundpacht 150% Zuſammen 1550 Pfund. kom brin wol erzi tra an ode unt 45 gri tu ei ſo R F be ſt ſe ſe —„— cen , Dies rzeu⸗ auch⸗ nzen Da erzu⸗ acht, r für urch⸗ acen; für uſend Herz⸗ ſeht, te tmit it für Dazu macht Ge⸗ ch an 77 „Dies wäre Euer Aufwand. Aber gebt Acht— wir kommen nun an den Gewinn. Die Obſtgärten in Kent bringen 100 Pfund für das Aere ein, einige ſogar 150. Wir wollen indeß nur mäßig rechnen und 50 Pfund annehmen, ſo erzielt Ihr aus einem Kapital von 1550 Pfunden einen Er⸗ trag von 5000 Pfund.— 5000 Pfund jährlich!— denkt an dies, Bruder Carton. Ziehen wir davon zehn Procent oder 500 Pfund zur Belohnung des Gärtners, für Dünger und ſo weiter ab, ſo bleibt immer noch ein Reinertrag von 4500 Pfunden. Ihr werdet reich, Mann— Ihr werdet grundreich— ich wünſche Euch Glück!“ Und Onkel Jack rieb ſich die Hände. „Ach Himmel, Vater,“ rief haſtig der junge Piſiſtra⸗ tus, der mit entzücktem Ohr jede Sylbe und Ziffer dieſer einladenden Berechnung in ſich aufgenommen hatte,„warum pollten wir nicht eben ſo reich werden wollen, wie Squire Rollick— und dann, Ihr wißt, könntet Ihr auch ein Rudel Fuchshunde halten.“ „Und eine große Bibliothek kaufen,“ fügte Onkel Jack bei, der die Menſchennatur ſchlau genug zu würdigen ver⸗ ſtand, wenn es galt, ſeinen Verlockungen Eingang zu ver⸗ ſchaffen.„Die Sammlung meines Freundes, des Erzbi⸗ ſchofs, iſt zum Verkauf ausgeſetzt.“ Langſam aufathmend ließ mein Vater ruhig ſeine Au⸗ gen zwiſchen uns hin und her gleiten; dann legte er ſeine Linke auf meinen Kopf, während die Rechte, in welcher er den Erasmus hielt, vorwurfsvoll gegen Onkel Jack aus⸗ ſtreckte, und ſprach: 78 „Seht, wie Eure Saat der Habſucht und der Geld— gier in dem jngendlichen Gemüthe ſo leicht Wurzel ſchlägt! Ach, Schwager!“ „Ihr nehmts zu ſtreng, Sir. Seht, wie der liebe Knabe den Kopf hängt! Pfui!— s iſt ein Enthuſtasmus, der in ſeinen Jahren natürlich iſt— heitre Hoffnung, durch die Phantaſie genährt', wie der Dichter ſogt. Schon um dieſes hübſchen Knaben willen ſolltet Ihr eine ſo ſichere Ge⸗ legenheit nicht von der Hand weiſen, einen Reichthum zu er⸗ werben, der ſich, möchte ich ſagen, gar nicht zählen läßt. Denn merkt wohl, dieß iſt nur der Anfang. Was hindert Euch, jedes Jahr Eure Pflanzung zu erweitern und mehr Land zu pachten oder lieber zu kaufen? Alle Welt, Sir, in zwanzig Jahren habt Ihr die halbe Grafſchaft in ein Baumgut umgewandelt. Aber wir wollen nur bei zweitan⸗ ſend Acres ſtehen bleiben— dieſe werfen einen Reingewinn von jährlichen 90,000 Pfunden ab. Das Einkommen eines Herzogs— ja eines Herzogs— und all dies für einen wah⸗ ren Bettel, möchte ich ſagen.“ „Aber die Bäume wachſen doch nicht in einem Jahr,“ bemerkte ich beſcheiden.„Ich weiß, wie unſer letzter Apfel⸗ baum gepflanzt wurde; es iſt jetzt fünf Jahre, und er war damals dreijährig. Im letzten Herbſt hat er nur ein halbes Buſhel getragen.“ „Was das nicht für ein verſtändiger Junge iſt!— Ein prächtiger Kopf das! Oh, er wird ſeinem großen Vermögen Ehre machen, Bruder,“ ſagte Onkel Jack beifällig.„Ganz recht, mein Junge; aber wir können in der Zwiſchenzeit, wie hat keit hö au Lö he da au wi ſie Ini A Held⸗ liebe mus, urch um Ge⸗ u er⸗ läßt. dert nehr Sir, ein tan⸗ vinn ines vah⸗ hr,“ fel⸗ war lbes Ein gen anz eit, wie ſie's in Kent machen, den Boden mit Stachel⸗ und Jo⸗ hannisbeeren vder mit Kohl und Zwiebeln anpflanzen. Gleichwohl fürchte ich in Anbetracht des Umſtandes, daß wir keine größe Kapitaliſten ſind⸗ wir müſſen auf einen Theil des Gewinns verzichten, um die Auslagen zu vermindern. höre, Piſiſtratus—(ſeht ihn an, Bruder— ſo einfach er auch daſteht, glaube ich doch, daß er mit einem ſilbernen Löffel im Munde geboren wurde)— höre jetzt anf die Ge⸗ heimniſſe der Spekulation. Dein Vuter ſoll in aller Stille das Land kaufen, und dann, presto geben wir einen Proſpekt aus und gründen eine Geſellſchaft. Aſſociationen können wohl fünf Jahre auf den Ertrag warten. Mittlerweile ſteigt mit jedem Jahr der Werth der Aktien. Dein Vater nimmt— wir wollen ſagen 50 à 50 Pfund, an denen er nur je zwei Pfund einzuzahlen braucht. Dann verkauft er 35 Aktien mit hundert Procent Agio und behält die übrigen fünfzehn. So kommt er auch zu einem ſchönen Vermögen⸗ nur iſt es nicht ganz ſo groß, als wenn er Alles ſelbſt in Händen behalten hätte. Was meint Ihr jetzt, Bruder Carx⸗ ton? visne edere pomum? wie wir in der Schule zu ſa⸗ gen pflegten.“ „Ich verlange keinen Schilling mehr, als ich bereits habe,“ verſetzte mein Vater mit Entſchiedenheit.„Mein Weib würde mich darum nicht mehr lieben, mein Eſſen könnte mir nicht beſſer ſchmecken, mein Junge würde aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach nicht halb ſo oder nicht den zehnten Theil ſo thätig werden, und— „Aber das Gute,“ unterbrach ihn Onkel Jack hart⸗ So näckig, da er den Haupteinwurf bis aufs Ende geſpart hatte —„das für das Gemeinweſen daraus hervorginge— das Emporbringen der Naturprodukte Eures Vaterlandes, das geſunde Getränk des Cyder, welches zu einem wohlfeilen Preis den arbeitenden Klaſſen zugänzlich würde. Wäre es blos um Eurer ſelbſt willen, ſo hätte ich dieſe Frage gar nicht in Anregung gebracht. Und würde ich ihr jetzt noch das Wort reden? Liegt dies in meinem Charakter? Aber 2 ich thue es wegen der Menſchheit— um unſerer Mitge⸗ ſchöpfe willen! Wahrhaftig, Sir, England könnte nicht vorwärts kommen, wenn nicht Leute von Euren Mitteln auch ein wenig Philanthropie und Spekulationsgeiſt beſäßen.“ „Papae!“ rief mein Vater;„zu denken, England könne nicht vorwärts kommen, wenn nicht Auſtin Carton ein Apfelhändler wird! Mein lieber Jack, hört mich an. Ihr erinnert mich an ein Geſpräch in dieſem Buch; wartet ein wenig— hier iſt es— Pamphagus und Cocles.— Corles erkennt den viele Jahre auswärts geweſenen Freund an ſeiner merkwürdig ausgezeichneten Naſe.— Pamphagus entgegnet etwas ärgerlich, daß er ſich ſeiner Naſe nicht ſchäme. Dich ihrer ſchämen? nein, wahrhaftig nicht, ſagt Cocles. Ich ſah nie eine Naſe, die ſich zu ſo vielen Zwecken gebrauchen läßt Ha, verſetzt Pamphagus neugierig— zu vielen Zwecken brauchbar? und zu welchen denn? Dann(epidis- Sime frater!) zählt Cocles mit einer Geſchwindigkeit, wel⸗ cher die Eurige nicht nachſteht, eine endloſe Liſte von Nutzun⸗ gen auf, für welche eine ſo großartige Entwicklung des ge⸗ dachten Organs befähigt ſey. Aus einem tiefen Keller könne — — tte as as len es zar och ber ge⸗ icht teln nne ein Ihr ein cles iner gnet Dich Ich ichen ielen dis- wel⸗ tzun⸗ ge⸗ könne 8¹ er den Wein wie mit einem Elephantenrüſſel heraufholen — wenn es an einem Blasbalg fehle, ſey ſeine Naſe im Stand, deſſen Dienſt zu verrichten— bei einer zu hell bren⸗ nenden Lampe diene ſie ihm als Lichtſchirm— als Herold tönne er ſie wie ein Sprachrohr brauchen— ſie befähige ihn, auf dem Kampfplatze die Schlachtſignale abzugeben— beim Holz fällen erſpare ſie den Keil, beim Graben den Spa⸗ ten, beim Mähen die Sichel und auf einem Schiffe den Anker.. Halt! ruft endlich Pamphagus aus; was ich doch für ein glücklicher Kerl bin! Nie habe ich gewußt, welch ein nützliches Stück Geräth ich mit mir herumtrage. 4 Mein Vater hielt inne und verſuchte zu pfeifen, brachte aber nur wenige ſehr mmsloriſche Töne hervor. Dann fügte er lächelnd bei: „Soviel, was meine Aepfelbäume betrifft, Bruder John. Ueberlaßt ſie ihrer natürlichen Beſtimmung, unſere Kuchen und Klöſe zu füllen.“ ⁴Onkel Jack war für einen Augenblick außer Faſſung, lachte aber dann mit ſeiner gewöhnlichen Herzlichkeit und ſah wohl ein, daß er der ſchwachen Seite meines Vaters noch nicht beigekommen war. Ich geſtehe, daß nach dieſem Ge⸗ ſpräch mein verehrter Erzeuger in meiner Achtung unge⸗ mein gewonnen hatte, indem ich einzuſehen begann, daß man ein Gelehrter ſeyn und doch geſunden Menſchenverſtand beſitzen könne. Lag der Grund darin, daß Onkel Jacks Be⸗ ſuch als ein mildes Reizmittel auf ſeine erſchlafften Fähig⸗ keiten wirkte, oder daß ich mit zunehmenden Jahren und gereifterer Einſicht ſeinen Charakter klarer erfaßte, jedenfalls Bulwer, die Caxtone. 6 datirt ſich von dieſen Sommerferien an der Beginn jener traulichen, herzlichen Innigkeit, welche nachher ſtets zwiſchen mir und meinem Vater beſtand. Oft deſertirte ich Onkel Jack auf ſeinen größeren Spaziergängen oder entſagte der größeren Verlockung⸗ im Dorf ein Ballſpiel mitzumachen oder einen Tag auf Squire Rollicks Teichen zu fiſchen, um mit meinem Vater an der alten Pfirſichmauer auf und ab⸗ zuwandeln— mitunter allerdings ſchweigend und bereits über der Zukunft brütend, während er ſich mit der Vergan⸗ genheit abgab, aber reichlich belohnt, wenn er ſein Buch bei Seite legte und die Schätze ſeines vielſeitigen Wiſſens vor mir entfaltete, die er durch eigenthümliche Bemerkungen angenehm zu machen oder durch jene ſokratiſche Satyre zu würzen wußte, welche nur deshalb ſich nicht bis zum Witze ſteigerte, weil ihr die Bosheit abging. Für Augenblicke wurde er ſogar wirklich beredt, und wenn er eine ſchöne he⸗ roiſche Stelle aus einem alten Buche citirte, wurde ſeine ge⸗ beugte Haltung aufrecht und ſein Auge funkelte. Man ſah dann, daß er nicht urſprünglich für die dunkle Abgeſchieden⸗ heit geſchaffen und beſtimmt war, in welcher er jetzt begnüg⸗ ſam ſeine harmloſen Tage hinbrachte. Viertes Kapitel. „Alle Hagel, Sir, die ganze Grafſchaft geht zum Hen⸗ ker! Unſere Geſinnungen ſind weder in noch außer dem Par⸗ lament vertreten. Der Graſſchafts⸗Merkur hat ſich abfan⸗ bli ein me D W che R da m m n ener chen nkel der ichen um dab⸗ reits egan⸗ ch bei 3 vor ingen re zu Witze blicke ie he⸗ ne ge⸗ an ſah ieden⸗ gnüg⸗ n Hen⸗ m Par⸗ abfan⸗ 83³ gen laſſen— möge ſeinem Herausgeber der Galgen dafür blühen!— und nun beſitzen wir in dem ganzen Shire nicht eine einzige Zeitung, in welcher der achtbare Theil der Ge⸗ meinſchaft ſeine Anſichten ausſprechen kann.“ Dieſe Rede wurde bei Gelegenheit eines der ſeltenen Diners gehalten, welche Mr. und Mrs. Carton der großen Welt aus der Nachbarſchaft zu geben pflegten, und der Spre⸗ cher war keine geringere Perſon, als Squire Rollick von Rollickhall, Präſident bei den Quartalſitzungen. Ich geſtehe, daß ich—(es war nämlich das erſtemal, daß ich nicht nur mit den Gäſten ſpeiſen, ſondern auch Kraft meiner zunehmenden Jahre und unter dem Vorbehalt, mich der Flaſchen zu enthalten, nach Entfernung der Da⸗ men noch da bleiben durfte)— ich geſtehe, ſage ich, daß ich mir nicht zu erklären wußte, warum Onkel Jack ein ſo plötzliches Intereſſe an der Grafſchaftszeitung nahm; denn er ſpitzte die Ohren wie ein Schlachtroß beim Schall der Kriegstrompete und hatte im Nu den Raum zwiſchen Squire Rollick und ihm hinter ſich. Aber freilich war der Geiſt eines ſo tiefen und wahrhaſt ausgelernten Mannes durch einen Gelbſchnabel meines Alters nicht zu ergründen. Es geht nicht, nach dem ſcheuen Salmen im See mit einer ge⸗ krümmten Stecknadel und einem Korke zu ſiſchen, wie es etwa bei Gründlingen thunlich iſt; oder um uns eines wür⸗ digeren Bildes zu bedienen, man konnte von ihm nicht ſagen, was St. Gregory von den Nebenſtrömen des Jordans ver⸗ ſichert,„ein Lamm ſey im Stande, mit Leichtigkeit durch die Furten zu waten.“ 6* „In der Grafſchaft keine Zeitung, zur Verfechtung der Rechte der—“ hier hielt mein Onkel inne, als ſey er in Ver⸗ legenheit, und flüſterte mir in's Ohr:„wie iſt ſeine Politik?“ Da ich ihm meine Unwiſſenheit darüber kund gab, ſo griff er inſtinktartig aus dem Gedächtniß eine ſchnell zur Hand liegende Phraſe auf und fuhr in einem Naſentone fort —„der Rechte unſerer bedrängten Nebenmenſchen.“ Mein Vater kratzte ſich mit dem Zeigefinger die Aug⸗ braue, wie er zu thun pflegte, wenn er zweifelhaft war; die übrige Geſellſchaft— ein ſtummes Häuflein— ſchaute auf. „Nebenmenſchen!“ ſagte Mr. Rollick—„Pah, Alfan⸗ zereien!“ Onkel Jack war klärlich irregefahren. Er kehrte vor⸗ ſichtig wieder um. „Ich meine,“ ſagte er,„unſerer achtbaren Neben⸗ menſchen.“ und dann ſiel ihm plötzlich ein, daß ein„Grafſchafts⸗ Merkur“ natürlich die Agriculturintereſſen vertreten werde, und wenn Mr. Rollick dem Herausgeber deſſelben den Gal⸗ gen wünſchte, ſo gehörte er ohne Zweifel zu jenen Politi⸗ kern, welche bereits das Intereſſe des Landbaus einen „Vampyr“ genannt hatten. Geſteigert durch dieſe einge⸗ bildete Entdeckung, brauste Onkel Jack fort, in der Abſicht, in dem ſo glücklich geleiteten Strom all' den„Unrath““ mitzunehmen, der ſich ſpäter in Coventgarden und in der Handelshalle aufhäufte. Als wir begannen, ſchwatzten wir kläglichen Unrath,“ ſagt Mr. Cobden in einer ſeiner Reden. Ka ſqu iſt des tri ken die die Al da ge die me he me ge zu die der Ver⸗ ik?“ ſo zur fort Aug⸗ ;die auf. fan⸗ vor⸗ ben⸗ afts⸗ erde, Gal⸗ oliti⸗ einen inge⸗ ſicht, th der ſagt 85 „Ja, der achtbaren Nebenmenſchen, der Männer von Kapital und Unternehmungsgeiſt! denn was ſind dieſe Land⸗ ſquire in Vergleichung mit unſeren reichen Kaufleuten. Was iſt das Agriculturintereſſe, das ſich für die Stütze des Lan⸗ des ausgibt?“ „Ausgibt?“ rief Squire Rollick.„Es iſt wirklich die Stütze des Landes, und was die lumpigen Fabrikanten be⸗ trifft, welche den Mercur aufgekauft haben—“ „Wie, ſie haben den Mereur aufgekauft?— die Schur⸗ ken!“ ſiel ihm Onkel Jack in's Wort, der nun mit einemmale die volle Witterung hatte.„Verlaßt Euch darauf, Sir, dies iſt ein Theil des teufliſchen Syſtems, mit dem Gelde Alles zu erzwingen, und muß mannhaft bloßgeſtellt werden. — Ja, wie ich ſagen wollte, was iſt das Agriculturintereſſe, das ſie zu Grunde richten möchten, das ſie als bis zum Platzen gedunſen erklären und das ſie einen Vampyr nennen? Sie, dieſe wahren Blutſauger, dieſe giftigen Millveraten! Neben⸗ menſchen, Sir! Wohl kann ich die Mitglieder der in ſo ho⸗ hem Grade leidenden Klaſſe, welcher Ihr ſelbſt zur Zierde gereicht, bedrängte Nebenmenſchen nennen. Wer verdient mehr das Aufbieten aller Kräfte zur Abhülfe, als ein Land⸗ gentleman, wie Ihr, mit einem nominellen Einkommen von — ich will ſagen— fünftauſend Pfunden?— Er iſt ge⸗ zwungen, ein Haus zu machen, muß Fuchshunde halten⸗ die ganze Bevölkerung durch Armenſteuern ernähren, durch Zehnten den Beſtand der Kirche ſichern, die Rechtspflege, Gefängniſſe und Polizei durch Grafſchaftſtenern und die Unterhaltung der Straßen durch Weg⸗ und Brückengelder beſtreiten. Dazu noch die Verpfändungen, die Juden, die Leibgedinge, die Verſorgung der jüngeren Kinder und die ungeheuren Koſten für das Fällen des Holzes, das Düngen einer Muſterfarm und die Erzielung von rieſigen Ochſen, an welche man allein in Oelkuchen ſo viel aufwenden muß, daß den Producenten das Pfund Fleiſch auf fünf Pfund zu ſtehen kommt. Dann die Prozeſſe zum Schutz ſeines Rechts und die Plünderung nach allen Seiten hin durch Wilderer, Hunds⸗ und Schaafdiebe, Kirchenvorſteher,Aufſeher, Gärtner, Forſt⸗ hüter und vor allen durch jenen unentbehrlichen Spitzbuben, den Rentmeiſter. Wenn es je in der Welt einen bedrängten Nebenmenſchen gab, ſo iſt dies ein Landgentleman mit großem Grundbeſitz.“ Mein Vater hielt dies augenſcheinlich für ein köſtliches Stückchen Spott, denn ich bemerkte an ſeinem Mndwinkel daß er innerlich kicherte. Squire Rollick, der die Rede namentlich bei Erwähnung der Armenſtener, der Zehnten, der Graſſchaftsſteuern, der Verpfändungen und der Wilddiebe durch wiederholte beifäl⸗ lige Ausrufungen unterbrochen hatte, ſchob jetzt Onkel Jack die Flaſche zu und ſagte höflich: „Es iſt viel Wahres in dem, was Ihr bemerktet, Mr. Tibbets. Das Agriculturintereſſe geht ſeinem Untergang entgegen, und iſt's einmal zum Aeußerſten gekommen, ſo gebe ich nicht ſoviel mehr für Altengland!“ Und Mr. Rollick ſchnippte dabei mit dem Finger und dem Daumen. „Aber was iſt anzufangen— was läßt ſich thun für die Grafſchaft? Da ſitzt der Knoten.“ ent ſch un au die die gen an daß hen und ds⸗ rſt⸗ en, ten mit hes kel, ung der fäl⸗ Jack Mr. ang „ſo Mr. nen. die 87 „Ich wollte eben auf dieſen Punkt zu ſprechen kommen,“ entgegnete Onkel Jack.„Ihr ſagt, daß Ihr keine Graf⸗ ſchaftszeitung habt, welche Eurer Sache das Wort ſpräche und Eure Feinde an den Pranger ſtellte.“ „Nein, nicht mehr, ſeit die Whigs den— ſhire Mercur aufgekauft haben.“ „Ei, gütiger Himmel, Mr. Rollick, wie könnt' Ihr erwarten, daß man Euch Gerechtigkeit widerfahren laſſe, wenn Ihr heutigen Tags die Preſſe vernachläſſiget? Die Preſſe, Sir— da ſitzt es— dies iſt Lebensluft! Was Ihr braucht, iſt ein großes National— nein nicht National— ein Provinzial⸗Wochenblatt, freigebig und nachhaltig un⸗ terſtützt von jener mächtigen Partei, deren ganze Eriſtenz auf dem Spiele ſteht. Ohne eine ſolche Zeitung ſeyd Ihr hin, todt, geſtorben und lebendig begraben; mit einer ſolchen Zeitung aber, gut geleitet und redigirt durch einen Mann von Welt und wiſſenſchaftlicher Bildung, der praktiſche Er⸗ fahrung beſitzt über Agricultur und Menſchennatur, Minen, Korn, Dünger, Verſicherungsanſtalten, Parlamentsakten, Viehausſtellungen, Parteien im Staat und die wahren Intereſſen der Geſellſchaft— mit einem ſolchen Mann und einer ſolchen Zeitung werdet Ihr Alles vor Euch nieder⸗ werfen. Dies muß übrigens durch gemeinſames Zuſam⸗ menwirken, Subſcription, Aſſociation, kurz durch eine große uneigennützige Agriculturantineuerungs⸗ Provinzialgeſell⸗ ſchaft geſchehen.“ „Alle Hagel, Sir, Ihr habt Recht!“ ſagte Mr. Rollick, ſich auf den Schenkel klopfend;„und ich will gleich morgen zu unſerem Lord⸗Lieutenant hinüber reiten. Sein Sohn möchte gern für die Grafſchaft ins Parlament kommen.“ „Und er wird's, wenn Ihr die Preſſe unterſtützt und ein Jvurnal gründet,“ ſagte Onkel Jack, indem er ſich die Hände rieb, ſie dann ſanft ausſtreckte und allmälig wieder zuſammenzog, als umfaßte er in dieſem luftigen Kreiſe be⸗ reits die argloſen Guineen der ungeborenen Aſſociation. Alles Glück liegt mehr in der Hoffnung, als in dem Beſitz, und ich möchte darauf ſchwören, Onkel Jack fühlte in dieſem Moment ein lebhafteres Entzücken circum prac- cordia, das ihm ſeine Eingeweide wärmte und durch ſeinen ganzen fünf Fuß acht Zoll hohen Körper die prophetiſche Glut der Magna Diva Moneta verbreitete, als wenn er ſich zehn Jahre lang einer wirklichen Benützung von König Kröſus' Privatbörſe hätte erfreuen dürfen. „Ich hätte Onkel Jack nicht für einen Tory gehalten,“ bemerkte ich am andern Tage gegen meinen Vater. Mein Vater, der ſich nicht um Politit kümmerte, ſchlug die Augen auf. „Seyd Ihr ein Torh, oder ein Whig, Papa?“ fuhr ich fort. „Hum,“ verſetzte mein Vater—„es läßt ſich über beide Seiten der Frage viel ſagen. Du ſiehſt, mein Sohn, daß Mrs. Primmins gar viele Formen für unſere Butter⸗ bällchen hat. Bisweilen kommen ſie mit einer Krone, bis⸗ weilen unter dem populäreren Eindruck einer Kuh. Dieje⸗ nigen, welche die Butter Auftiſchen, können ſie modeln nach ihrem Geſchmack oder nach ihrer Geſchicklichkeit; es genügt, wer daf mie Di füt iſt den im hei we ſch daf W jäh drä Fr N w den die ohn und die der be⸗ em lte nen ſche ſich nig n,„ lug uhr ber hn, ach gt, 89 wenn wir unſer Brod damit beſtreichen, dem lieben Gott dafür danken und das Butterweib bezahlen. Verſtehſt Du mich?“ „Nicht im Geringſten, Vater.“ „Dann war Dein Namensvetter Piſiſtratus weiſer, als Du,“ ſagte mein Vater.„Doch wir wollen jetzt die Ente füttern. Wo iſt Dein Onkel?“ „Er hat das Pferd des Mr. Squills geborgt, Sir, und iſt mit Squire Rollick zu dem vornehmen Lord geritten, von dem geſtern die Rede war.“ „Oho!“ verſetzte mein Vater.„Schwager Jack iſt im Begriff, ſeine Butter zu drücken!“ Und in der That ſpielte Onkel Jack bei dieſer Gelegen⸗ heit ſeine Karten ſo gut und legte dem Lordlientenant, mit welchem er eine perſönliche Beſprechung hatte, einen ſo ſchönen Proſpekt mit einer ſo pünktlichen Berechnung vor, daß er noch vor Ablauf meiner Ferien in der Hauptſtabt der Grafſchaft ein recht hübſches Bureau nebſt den erforderlichen Wohngelaſſen beziehen konnte— dazu einen Gehalt von jährlichen 500 Pfunden für Verfechtung der Sache ſeiner be⸗ drängten Nebenmenſchen, einſchließlich der Edelleute, Squire, Freiſaſſen, Farmer und ſämmtlicher Abonnenten auf das Neue— ſhirer Agriculturantineuerungs⸗ wochenblatt. Als Deviſe ließ Onkel Jack über ſeine Zeitung eine Krone, von Sichel und Flegel unterſtützt, mit dem Motto ſetzen:„Pro rege et grege.“— Dies war die Art, wie Onkel Jack ſeine Butterbällchen drückte. Fünftes Kapitel. Als ich wieder nach der Schule zurückkehrte, kam es mir vor, als hätte ich einen großen Sprung im Leben ge⸗ macht. Ich fühlte mich nicht mehr als Knabe. Onkel Jack hatte mich aus ſeiner eigenen Börſe mit dem erſten Paar Wellingtonſtiefel beſchenkt, während die Mutter durch Schmei⸗ chelworte ſich bewegen ließ, daß meiner bisher kurzen Jacke ein kleiner Schweif angefügt werden durfte. Der Hemdkra⸗ gen, der mir ſonſt nach Weiſe der Wachtelhunde flach über den Hals niederfiel, ſtand nun wie das Ohr eines Spitzers aufrecht und wurde durch einen Damm von Fiſchbein, Steif⸗ leinwand und ſchwarzer Seide begränzt. Ich ſtand aller⸗ dings nahe an meinem ſiebenzehnten und fieng an, mich wie ein Mann zu geberden. Es muß hier bemerkt werden, daß die Kriſis des jugendlichen Alters, welche zuerſt einen Maſter Siſty in einen Mr. Piſiſtratus, oder Piſiſtratus Carton, Esq. umwandelt und in welcher wir unter ſtillſchweigendem Zugeſtändniß älterer Perſonen uns den langerſehnten Titel eines„jungen Mannes“ anmaßen, ſtets ein plötzliches Auf⸗ ſchießen, eine Erhebung aus dem Stegreif zu ſeyn ſcheint. Wir bemerken die allmäligen Vorbereitungen dazu nicht und erinnern uns nur einer beſtimmten Periode, in welcher alle Zeichen und Symptome zumal zum Ausbruch kommen— Wellingtonſtiefel, Klappenjacke, Vatermörder bis an die Oberlippe, der Gedanke an Raſirmeſſer, Träumereien von jungen Damen und eine neue Art von Gefühlspoeſie. Ich begann nun mit mehr Eifer zu leſen, das Geleſene zu we We ſiel ich es ge⸗ zack aar nei⸗ acke kra⸗ iber tzers teif⸗ ller⸗ wie daß aſter rton, ndem Titel Auf⸗ heint. t und ralle en— m die n von leſene 91 zu verſtehen und einige ängſtliche Blicke auf die Zukunft zu werfen, unter dem unbeſtimmten Eindruck, daß ich in der Welt eine Stellung erringen müſſe und nichts ſich erzielen laſſe ohne Ausdauer und Arbeit. So ging es fort, bis ich ſiebenzehn Jahre alt und der Erſte in der Schule war, als ich die beiden nachſtehenden Briefe erhielt. 1.— Von Auguſtin Carton, Esn. Mein lieber Sohn, Ich habe Dr. Herman mitgetheilt, daß Du nach den nächſten Ferien nicht in ſeine Anſtalt zurückkehren werdeſt; Du biſt alt genug, um Dich jetzt nach den Umarmungen un⸗ ſerer geliebten Alma Mater umzuſehen, und hoffentlich auch fleißig genug, um mit Erfolg nach den Ehren zu ringen, welche ſie an ihre würdigeren Söhne verleiht. Ich habe Dich bereits in dem Trinity einſchreiben laſſen und meine, in Deinem Bilde meine eigene Jugend zurückkehren zu ſehen. Ich kann mir vergegenwärtigen, wie Du luſtwandelſt, wo der Cam durch die herrlichen Gärten ſich hinzieht, und rufe mir, mein Ich mit dem Deinigen verwechſelnd, die alten Träume ins Gedächtniß, die mich umſchwebten, wenn das Geläute der Glocken über das ruhige Waſſer herübertönte; „Verum secretumque Mouseion, quam multa dictatis, quam multa invenitis!“ An jenem herrlichen College wirſt Du Dich, wenn anders das Geſchlecht nicht entartet iſt, mit jungen Rieſen meſſen— wirſt unter ihnen diejenigen ſehen, welche in der Rechtspflege, in der Kirche, im Staat oder in den ſtillen Klöſtern der Gelehrſamkeit beſtimmt ſind, die her⸗ 92 vorragenden Leiter ihrer Zeit zu werden. Mit ihnen in glei⸗ cher Reihe zu ſtehen, iſt kein unerlaubtes Beſtreben. Wer in der Jugend das Vergnügen gering ſchätzen kann und die Tage der Mühe liebt, darf ſeinem Ehrgeiz wohl ein hohes Ziel geben. „Dein Onkel Jack ſagt, er habe ſchon Wunder gewirkt mit ſeiner Zeitung, obſchon Mr. Rollick brummt und der Mei⸗ nung iſt, ſie ſey voll von Theorien und bringe die Farmer nur in Verwirrung. Onkel Jack dagegen behauptet, er müſſe ſich ein Publikum ſchaffen, nicht blos ein ſolches anreden, und ſeufzt, daß ſein Genie in einer Provincialſtadt zu Grunde gehe. Eriſt in der That ein ſehr geſcheidter Mann, und ich glaube wohl, daß er in London viel zu wirken vermöchte. Seine Energie iſt wundervoll und— anſteckend. Kannſt Du Dir vorſtellen, daß er wirklich durch wiederholte Stöße mit dem Schüreiſen die Flamme meiner Eitelkeit angefacht hat? Metapher bei Seite— ich ſammle jetzt meine Notizen und Aufzeichnungen; es iſt zum Verwundern, wie leicht ſie in Methode fallen und die Geſtalt von Kapiteln und Bü⸗ chern annehmen. Ich kann mich eines Lächelns nicht erweh⸗ ren, wenn ich beifüge, daß mir wirklich die Luſt gekommen iſt, ein Autor zu werden— noch mehr, wenn ich denke, daß Dein Onkel Jack einen ſo hochſtrebenden Ehrgeiz in mir geweckt hat. Ich habe übrigens Deiner Mutter einige Stellen aus meinem Buche vorgeleſen, und ſie erklärt ſie für „ungemein ſchön“, was wenigſtens einige Ermuthigung iſt. Deine Mutter hat viel Verſtand, obſchon ich damit nicht ſa⸗ gen will, daß ſie viel Gelehrſamkeit beſitze— allerdings v —— glei⸗ Wer d die ohes wirkt Mei⸗ rnur e ſich und runde id ich öchte. annſt Stöße efacht otizen ht ſie d Bü⸗ rweh⸗ mmen e, daß n mir einige ſie für ng iſt. cht ſa⸗ rdings 93 ein Wunder, wenn man bedenkt, daß Pie de la Mirandola ein wahrer Stümper war gegen ihren Vater. Und doch ſtarb der theure große Mann, ohne je eine Zeile drucken zu laſſen— während ich— in der That, ich erröthe, wenn ich an meine Verwegenheit denke! „Lebe wohl, mein Sohn, und benütze noch die Zeit Deines Aufenthalts in dem Philhellenicum recht gut. Ein voller Geiſt iſt der wahre Pantheismus— plena Jovis. Wo immer Wiſſen, da iſt Gott. Nur in dem Winkel des Gehirns, den wir leer laſſen, kann das Laſter Wohnung nehmen. Klopft es an Deiner Thüre an, mein Sohn, ſo mußt Du im Stand ſehn können, zu ſagen:— Kein Platz da für Euer Gnaden— nur weiter!“ Dein Dich liebender Vater A. Carton.“ — Von Mrs. Carton. „Mein theurer Siſty, „Du kömmſt nach Hauſe!— Mein Herz iſt ſo voll von dieſem Gedanken, daß ich meine, ich könne von gar nichts Anderem ſchreiben. Liebes Kind, Du kömmſt nach Hauſe— biſt fertig mit der Schule, fertig mit den Frem⸗ den— Du gehörſt wieder uns, biſt wieder ganz unſer Sohn! Ja, Du gehörſt wieder mir, wie in der Wiege, in der Kindsſtube und in dem Garten, Siſty, wo wir uns mit Gänſeblümchen zu werfen pflegten! Du wirſt über mich 6 lachen, wenn ich Dir ſage: ſobald ich gehört hatte, Du kommeſt jetzt als fertig zurück, ſchlich ich aus dem Zimmer und ging nach der Commode, wo ich, wie Du weißt, alle meine Schätze aufbewahre. Da war die kleine Mütze, die ich ſelbſt gefertigt hatte, und Deine arme Nankingjacke, die Du ſo ſtolz bei Seite warfeſt— oh, und viele andere Reliquien von Dir aus einer Zeit, als Du noch der kleine Siſty hießeſt und ich nicht die kalte, förmliche»Mutter, wie Du mich jetzt nennſt, ſondern die liebe Mama war. Ich küßte ſie, Siſty, und ſagte: mein Kindlein kömmt wieder zu mir zurück. Wie thöricht, daß ich die lange Reihe der entſchwundenen Jahre vergeſſen und mir einbilden konnte, ich dürfe Dich wieder auf den Armen tragen und ſchmeichelnd Dich dazu bewegen, daß Du„Grüß Gott, Papa“ ſageſt. Sieh, ich ſchreibe jetzt zwiſchen Lachen und Weinen. Du kannſt nicht mehr werden, was Du warſt, biſt aber doch noch immer mein theurer Sohn— Deines Vaters Sohn— und mir lieber, als Alles auf der Welt— dieſen Vater ausgenommen. „Auch bin ich hoch erfreut, daß Du ſo bald kommen wirſt. Komm' nur, ſo lang Dein Vater noch warm hinter ſeinem Buche iſt, damit Du ihn ermuthigen und dabei er⸗ halten kannſt. Denn warum ſollte er nicht groß und be⸗ rühmt werden? Warum ſollten ihn nicht Andere ebenſo bewundern, wie wir? Du weißt, wie ſtolz ich immer auf ihn war; aber ich ſehne mich auch darnach, die Welt den Grund davon wiſſen zu laſſen. Und doch liegt am Ende derſelbe nicht blos darin, weil er ſo viel Gelehrſamkeit be⸗ ſitzt, ſondern weil er ſo gut iſt und ein ſo großes, edles Herz „Du mmer alle die ich ie Du iquien hießeſt h jetzt Siſty, urück. ndenen e Dich dazu eh, ich ſt nicht immer d mir mmen. ommen hinter bei er⸗ ind be⸗ ebenſo ter auf lt den Ende keit be⸗ s Herz hat. Darum muß ſich in ſeinem Buch ſein Herz ſo gut zei⸗ gen, als ſeine Gelehrſamkeit; denn obgleich ſo viele Dinge varin vorkommen, die ich nicht verſtehe, fällt mir doch hin und wieder etwas auf, was mir faßlich iſt— und da meine ich, als ſpreche ſich dieſes Herz gegen alle Welt aus. „Dein Onkel hat es über ſich genommen, es in den Druck zu bringen, und ſo bald der erſte Band fertig iſt, will Dein Vater mit ihm wegen dieſer Angelegenheit nach London gehen. „Alles iſt vollkommen wohl, die arme Mrs. Jones aus⸗ genommen, die am Wechſelfieber ſchlimm darnieder liegt. Primmins hat ihr ein Amulet zum Anhängen gegeben, und Mrs. Jones verſichert, ihr ſey es bereits viel beſſer. Man kann nicht läugnen, daß in ſolchen Dingen oft beſondere Kräfte liegen, obſchon ſie ganz gegen die Vernunft zu gehen ſcheinen. Ja, ſogar Dein Vater hat einigen Glauben daran. Er ſagt: Ein Zauber muß von dem lebhaften Wunſch des Zauberers begleitet ſeyn, daß er Erfolg habe— und was iſt der Magnetismus anders als ein Wunſch? Ich verſtehe dies zwar nicht ganz, bin aber überzeugt, daß— wie bei Allem, was Dein Vater ſpricht— mehr darin liegt, als man auf den erſten Blick wahrnimmt. „Nur noch drei Wochen bis zur Vacanz, und dann keine Schule mehr, Siſty— keine Schule mehr! Dein Stübchen ſoll friſch herausgeputzt und Alles hübſch zugerichtet werden; ſchon morgen geht man daran. „Die Ente iſt recht wohl und, wie es mir vorkommt, nicht mehr garz ſo lahm, wie ſonſt. „Gott behüte Dich⸗ mein liebes theures Kind!— Deine Dich liebende, glückliche Mutter K. C.“ —— Die Zeit zwiſchen dieſen Briefen und dem Morgen⸗ an welchem ich nach Hauſe zurückkehren ſollte, kam mir wie einer von jenen langen, raſtloſen und doch halb träumeriſchen Tagen vor, die ich während einer Kinderkrankheit auf dem nicht zu kühlenden Lager zugebracht hatte. Ich machte meine Aufgaben mechaniſch durch und ſchrieb eine griechiſche Ab⸗ ſchiedsode an das Philhellenicum, die Dr. Herman für ein Meiſterwerk erklärte, mein Vater aber, welchem ich ſie im Triumph zuſchickte, mit einem Brief erwiederte, in welchem er alle meine griechiſchen Barbarismen durch Nachahmung derſelben in der Mutterſprache mit falſchem Engliſch paro⸗ dirte. Ich verſchluckte jedoch die Pille und tröſtete mich mit der angenehmen Erinnerung, nachdem ich ſechs Jahre varauf verwendet hatte, um ein ſchlechtes Griechiſch ſchreiben zu lernen, werde ich fürderhin keine Gelegenheit mehr haben, von einer ſo koſtbaren Errungenſchaft Gebrauch zu machen. Und ſo kam der letzte Tag heran. Allein und in einer Art wehmüthiger Luſt beſuchte ich jeden der alten Tummel⸗ plätze: die Rauberhöhle die wir einmal Winters gegraben und ſechs Mann ſtark gegen die geſammte Polizei des kleinen Königreichs behauptet hatten— den Platz bei den Paliſaden, wo ich meine erſte Schlacht gekämpft— den alten Buchen⸗ ſtun pfle nen ver ſtal die unſ mö vor Se As ſüf hal ſtir au zei 97 ſtumpf, auf welchem ich die Briefe aus der Heimath zu leſen pflegte. Mit meinem Meſſer, das außer einem Kortzieher, ei⸗ nem Federſpalter und einem Knopfhacken mit ſechs Klingen verſehen war, ſchnitt ich in großen lateiniſchen Anfangsbuch⸗ ſtaben meinen Namen über meinem Pulte ein. Dann kam die Nacht, die Glocke läutete, und wir begaben uns auf unſere Zimmer. Ich öffnete das Fenſter und ſchaute hinaus. Die Sterne funkelten am Himmel, und ich hätte wohl wiſſen mögen, welches der meinige ſey, der mir zu Ruhm und Glück voranleuchten ſollte. Hoffnung und Ehrgeiz erfüllten meine Seele— und doch ſtand im Hintergrunde die Melancholie. Ach, wer unter euch, meine Leſer, kann ſich jetzt alle jene ſüßen und traurigen Gedanken, jenes unausgeſprochene nur halbbewußte Leid über die Vergangenheit und jenes unbe⸗ ſtimmte Sehnen nach der Zukunft vergegenwärtigen, die aus dem Blöbeſten in der letzten Nacht, ehe er die Knaben⸗ zeit und die Schule für immer verläßt, einen Dichter machen! Dritter Abſchnitt. Erſtes Kapitel. An einem ſchönen Sommernachmittag ſetzte mich die Kutſche vor dem Thore meines Vaters ab. Mrs. Prim⸗ mins eilte heraus, um mich zu bewillkommnen, und ich war Bulwer, die Cartone. 7 uck ihrer freundlichen Hand entwiſcht, Armen meiner Mutter umſchlungen kaum dem warmen Dr als ich mich von den fühlte. Sobald ſich dieſe liebevolle Frau überzeugt hatte, daß ich nicht hungere, ſintemal ich nur zwei Stunden früher mein Mittagmahl bei Dr. Herman eingenommen, führte ſie mich durch den Garten nach der Laube hin. „Du wirſt dort Deinen Vater ſehr vergnügt finden ſagte ſie, indem ſie ſich eine Thräne aus dem Auge wiſchte. „Sein Bruder iſt bei ihm.“ Ich blieb ſtehen. Sein Bruder! Wird es der Leſer wohl glauben? Es war mir nie zu Ohren gekommen⸗ daß er einen Bruder hatte— ſo wenig wurden in meiner Ge⸗ genwart Familienangelegenheiten verhandelt. „Sein Bruder?“ ſagte ich.„Habe ich denn eben ſo gut einen Onkel Caxton als einen Onkel Jack?“ „Ja, mein Lieber,“ verſetzte meine Mutter und fügte vann bei:„Dein Vater und er ſtanden nicht ſo gut mit ein⸗ ander, als wohl recht geweſen wäre— und der Kapitän befand ſich im Ausland. Doch Gott ſey Dank jetzt ſind ſia wieder verſohnt.“ Wir hatten keine Zeit zu weiterer Beſprechung, da wir in der Laube angelangt waren. Hier ſaßen nun die Gent⸗ lemen hinter einem mit Wein und Obſt beſetzten Tiſch bei ihrem Deſſert. Die Gentlemen beſtanden aus meinem Va⸗ ter, Onkel Jack, Mr. Sauills und einem großen, hageren, bis an's Kinn zugeknöpften Mann von aufrechter, kriege⸗ riſcher, majeſtätiſcher und eindrucksvoller Haltung, der eines — r 5„ 5„— c— 70 —— *— 8 ſo te än nd wir ut⸗ bei Va⸗ ren, ege⸗ ines 99 Platzes meines großen Ahnherrn„Buch der Ritterſchaft“ würdig zu ſeyn ſchien. Alle erhoben ſich bei meinem Eintritt; aber mein ar⸗ mer Vater, der immer langſam war in ſeinen Bewegungen, kam zuletzt an mich. Onkel Jack ließ den gewaltigen Ein⸗ druck ſeines großen Sigelrings auf meinen Fingern zurück; Mr. Squills klopfte mich auf die Schulter und meinte, ich ſey„wunderbar gewachſen“; mein neugefundener Verwand⸗ ter ſagte mit großer Würde:„Neffe, Eure Hand, Sir— ich bin Kapitän de Carton,“ und ſogar die lahme Ente hatte ihre gewöhnliche Begrüßung angebracht, indem ſie den Schnabel unter ihrem Flügel hervorzog und ihn ſanft zwiſchen meinen Beinen rieb, ehe mein Vater ſeine blaſſe Hand auf meine Stirne legte und, nachdem er mich einen Mo⸗ ment mit unausſprechlicher Lieblichkeit angeſehen, die Worte ſprach: „Mehr und mehr Deiner Mutter ähnlich— Gott ſegne Dich!“ Zwiſchen meinem Vater und ſeinem Bruder war ein Stuhl für mich freigelaſſen worden. Die ungewöhnliche Innigkeit in dem Gruße meines Vaters hatte mich tief er⸗ griffen, und mit prickelndem Roth auf den Wangen, während mir die Stimme in der Kehle ſtockte, nahm ich haſtig Platz. Jetzt erſt kam mir meine neue Stellung zum Bewußtſeyn. Ich war nicht länger als Schulknabe für die kurze Dauer der Ferien in der Vakanz, ſondern unter den Schirm des väterlichen Daches zurückgekehrt, um eine ſeiner Stützen zu werden. Endlich fühlte ich mich als einen Mann, welcher den theuren Weſen Beiſtand und Troſt zu bringen, die bisher ſo viel ohne allen Erſatz an mir ge⸗ than hatten. Es iſt eine eigenthümliche Kriſis in unſerem Leben, wenn wir als„fertig“ nach Hauſe kommen. Die Heimath erſcheint uns als etwas ganz Anderes; früher iſt man nur als eine Art Gaſt darin erſchienen, der bewill⸗ kommt und gehätſchelt wurde, indem man zugleich einige kleine Feſtlichkeiten hielt zu Ehren des erlösten und glück⸗ lichen Kindes. Kommt man aber als„fertig“ zurück und hat man Knabenzeit und Schule abgeſtreift, ſo iſt man nicht mehr der Gaſt, nicht mehr das Kind. Man ſoll fortan theilnehmen an den Sorgen und Pflichten des täg⸗ lichen Lebens— eintreten in das häͤusliche Vertrauen. Iſt es nicht ſo? Ich hätte mein Geſicht verhüllen und weinen mögen! Mein Vater hatte bei all ſeinem zerſtreuten Weſen und ſeiner Einfachheit bisweilen eine Art an ſich, die einem gerade zu Herzen ging. Ich glaube wahrhaftig, er konnte alle Gefühle meines Innern leſen, als wären ſie Griechiſch geweſen. Er ſchlang ſanft ſeinen Arm um meinen Leib und flüſterte.„Bſt!“ Dann erhob er ſeine Stimme und rief laut: „Bruder Roland, Du mußt Dich von Jack nicht ſchla⸗ gen laſſ en.“ „Bruder Auſtin,“ verſetzte der Kapitän mit großer Förmlichkeit,„Mr. Jack, wenn ich mir die Freiheit nehmen varf, ihn ſo zu nennen— „Ei, warum deun nicht?“ entgegnete Onkel Jack⸗ vas Vorrecht beſaß⸗ d n te ſch ib nd la⸗ ßer nen 101 „Sir,“ ſagte der Kapitän ſich verbeuzend,„es iſt eine Vertraulichkeit, die ich mir zur Ehre ſchätze. Ich wollte bemerken, daß Mr. Jack das Feld bereits geräumt hat.“ „Weit entfernt,“ meinte Mr. Sguills, während er ein aufbrauſendes Pulver in eine chemiſche Miſchung rührte, die er eben mit großer Aufmerkſamkeit aus Sherry und Citronenſaft bereitete;—„weit entfernt. Mr. Tibbets— deſſen Kampforgan, beilänſig bemerkt, ſehr ſchön entwickelt iſt— wollte ſagen—“ „Daß es eine Sünde und Schmach für das neunzehnte Jahrhundert ſey—“ nahm Onkel Jack auf—„wenn ein Mann, wie mein Freund Kapitän Carton—“ „De Caxton, Sir— Mr. Jack.“ „De Carton, ein Mann von den höchſten militäriſchen Talenten und der angeſehenſten Abkunft— ein Held, von Helden entſproſſen, ſo viele Jahre und mit ſolcher Auszeich⸗ nung in Seiner Majeſtät Dienſt ſtehen muß, ohne es wei⸗ ter zu bringen, als zu einem Halbſoldkapitän. Ich behaupte, dies rührt von dem ſchändlichen Kaufſyſtem her, welches die höchſten Ehren dem Gelde zugänglich macht, wie es im rö⸗ miſchen Reich der Fall war—“ Mein Vater ſpitzte die Ohren; aber Onkel Jack ſtürmte vorwärts, ehe der erſtere ſeine Streitkräfte aufbieten konnte, um ihn zu unterbrechen. „Von einem Syſtem, dem man mit einiger Anſtrengung und einigem Zuſammenwirken ſo leicht ein Ende machen könnte. Ja, Sir—“ und Jack klopfte auf den Tiſch, daß ein Paar Kirſchen in die Höhe und Kapitän de Carton an die Naſe flogen—„ja, Sir, ich wag' es zu behaupten, daß ich die Armee auf einen ganz anderen Fuß ſetzen wollte. Wenn ärmere oder verdienſtvollere Gentlemen, wie Kapitän de Carton, ſich zu einer großen antiariſtokratiſchen Aſſocia⸗ tion vereinigen und vierteljährlich je eine kleine Summe ʒah⸗ len würden, ſo ließe ſich ein Kapital zuſammenbringen, das zureichen dürfte, alle dieſe werthloſen Subjekte auszukaufen, ſo daß doch jeder würdige Mann die ihm gebührende Aus⸗ ſicht auf Beförderung hätte.“ „Alle Welt, Sir,“ ſagte Saquills,„darin liegt etwas Grofartiges— meint Ihr nicht, Kapitän?“ „Nein, Sir,“ verſetzte der Kapitän mit großem Ernſte. „In Monarchien gibt es nur eine Grundlage der Ehre. Es träte da ein Widerſpruch ein gegen die erſte Pflicht eines Soldaten— gegen die Achtung vor ſeinem Souverän.“ „Im Gegentheil,“ meinte Mr. Squills;„es wären ja eben die Souveräns, denen man die Beförderung ver⸗ dankte.“ „Ehre,“ fuhr der Kapitän mit Feuer fort, ohne die witzige Unterbrechung des Aztes zu beachten,„iſt der Lohn des Soldaten. Was kümmerts mich, wenn ein junger Ha⸗ ſenfuß mir eine Obriſtenſtelle vor der Naſe wegkauft? Sir, meine Wunden und meine Dienſte kann er nicht kaufen— ebenſowenig die Medaille, die ich bei Waterloo errungen habe. Er iſt reich und ich bin arm; man nennt ihn Oberſt, weil er für den Namen Geld bezahlt hat. Dies gefällt ihm— wohl und gut. Mir würde es nicht gefallen; denn ich bin lieber Kapitän und mir meiner Würde bewußt— —— ⁸ ie hn ir, en ſt, llt un 103 nicht der Würde, die im Titel, ſondern die in den Dienſten liegt, welche mir ihn errungen haben. Eine bettelhafte, ſchuftige Aſſociation von Aktienſpekulanten— denn was wäre es anders?— ſollte mir eine Kompagnie kaufen! Ich mag nicht unhöflich ſeyn, ſonſt würde ich ſagen, zum Henker mit ihnen, Mr.— Sir— Jack.“ Der Rede des Kapitäns folgte eine feierliche Stille, und ſelbſt Onkel Jack ſchien gerührt zu ſeyn, denn er ſah den narbenvollen Veteranen mit großen Augen an und ſchwieg. Da die Pauſe endlich beklemmend wurde, ſo unter⸗ brach ſie Mr. Squills mit den Worten: „Ich möchte wohl Eure Waterloo⸗Medaille ſehen— habt Ihr ſie nicht bei Euch?“ „Mr. Squills,“ antwortete der Kapitän,„ſo lange ich lebe wird ſie ſtets zunächſt meinem Herzen liegen. Sie ſoll mit mir begraben werden, und aufs Kommandowort ſtehe ich auf mit ihr am Tage der großen Heerſchau!“ Mit dieſen Worten knöpfte er gemächlich ſeinen Rock auf, machte von einem geſtreiften Band ein ſo häßliches Stück Silberarbeit los, als nur je eines auf Koſten des Geſchmacks das Verdienſt belohnte, und legte die Medaille auf den Tiſch. Sie ging, ohne daß ein Wort geſprochen wurde, von Hand zu Hand. „Es iſt ſonderbar,“ ſagte endlich mein Vater,„daß dergleichen Kleinigkeiten ſolchen Werth gewinnen können und in dem einen Zeitalter der Menſch ſein Leben an eine Sache ſetzen mag, für welche das nächſte keinen Knopf geben würde. Olivenblätter, in einen Kranz gewunden und ihm aufs Haupt geſetzt, das Höchſte— heut zu Tage würde man dieſe Kopfverzierungen ſehr lächerlich finden. Ein amerikaniſcher Indianer hält eine Reihe menſch⸗ licher Kopfhäute für den ehrenvollſten Schmuck, während wir alle— etwa den Mr. Squills ausgenommen, welcher an derartige Dinge gewöhnt iſt— einſtimmig der Anſicht ſeyn werden, ſie ſeyen eine recht abſcheuliche Zugabe zu den perſönlichen Reizen eines Menſchen; und mein Bruder ſchätzt dieſes Stückchen Silber, welches einen Werth von etwa fünf Schillingen hat, höher, als Jack eine Goldmine oder ich die Bibliothek des Londoner Muſeums. Es wird eine Zeit kommen, in welcher die Menſchen eine ſolche Me⸗ daille für einen eben ſo eiteln Zierrath halten werden, wie vie Olivenblätter und die Scalpe.“ „Bruder,“ ſagte der Kapitän,„die Sache hat nichts Befremdliches, ſondern iſt jedem, der ſich auf die Principien ver Ehre verſteht, ſo klar wie ein Lanzenſchaft.“ „Möglich,“ entgegnete mein Vater in mildem Tone. „Ich möchte übrigens doch hören, was du über Ehre zu ſa⸗ gen haſt. Sicherlich würde es uns allen ſehr zur Erbauung gereichen.“ Dem Griechen waren einige Zweites Kapitel. Onkel Rolands Vernehmlaſſung über Ehre. itän, nachdem dieſe „Gentlemen,“ begann der Kap Gentle⸗ unverholene Aufforderung an ihn ergangen war— „— t tt ch h⸗ nd er cht zu der on ine ird Re⸗ wie chts pien one. 1 ſa⸗ mung dieſe entle⸗ men, Gott hat die Erde geſchaffen, aber der Menſch ſchuf den Garten. Gott machte den Menſchen, aber der Menſch ſchafft ſich ſelbſt aufs Neue.“ „Allerdings, durch Kenntniſſe,“ ſagte mein Vater. „Durch Gewerbfleiß,“ meinte Onkel Jack. „Durch die phyſiſchen Verhältniſſe ſeines Körpers,“ er⸗ klärte Mr. Squills.„Er wäre nicht im Stande geweſen⸗ ſich zu etwas anderem zu machen, als er urſprünglich in den Wäldern und Wildniſſen war, wenn er Floßen hätte, wie ein Fiſch, oder nur plappern könnte, wie ein Affe. Hände und Zunge, Sir— dies ſind die Wertzeuge des Fort⸗ ſchritts.“ „Mr. Squills,“ bemerkte mein Vater mit einem bei⸗ fälligen Nicken,„in Betreff der Hände hat vor Euch ſchon Anaragoras faſt das Nämliche geſagt.“ „Iſt nicht meine Schuld,“ verſetzte Mr. Squills.„Man vürfte gar keine Lippe mehr öffnen, wenn man etwas ſagen müßte, was früher Niemand geſprochen hat. Aber im Grunde liegt unſer Vorzug nicht ſo faſt in den Händen, als in der Größe der Daumen.“ „Albinus, de Scelelo, und unſer gelehrter William Lawrence haben eine ähnliche Bemerkung gemacht,“ flocht mein Vater wieder ein. „Zum Henker, Sir!“ rief Squills.„Müßt Ihr denn auch gar Alles wiſſen?“ „Alles? Nein. Aber die Daumen ſind Gegenſtände, über die der einfachſte Verſtand Betrachtungen anſtellen kann,“ entgegnete mein Vater beſcheiden. 106 „Gentlemen,“ nahm Onkel Roland wieder auf;„Dau⸗ als die Ge⸗ men und Hände haben die Eskimos ſo gut⸗ zum Henker, ſind ſie darum lehrten und Wundärzte— und, geſcheidter? Sirs, ihr könnt uns nicht zu bloßen Maſchinen machen, ſondern müßt ins Innere ſchauen. Der Menſch⸗ ſage ich⸗ ſchafft ſich ſelbſt aufs Neue. Wie? Dur ch das Princip der Ehre. Sein erſtes Verlangen iſt, an⸗ dere zu übertreffen— ſein erſter Impuls, Auszeichnung vor ſeinen Nebenmenſchen. Der Himmel hat in ſeine Seele, gleichſam wie in einen Kompaß, eine Nadel gelegt, welche nämliche Richtung weist, daß man nämlich ſtets in die 1 Ehre erweiſe demjenigen, was unſere umgebung für ehren⸗ werth hält. Deshalb war, weil der Menſch anfänglich mit wilden Beſtien und ebenſo wilden Menſchen zu kämpfen hatte, der Muth die erſte Eigenſchaft, welche geehrt zu werden verdiente. Deshalb iſt auch der Wilde muthig— deshalb ſehnt er ſich nach einer lobenden Anerkennung ſeines Muthes— und deshalb ſchmückt er ſich mit den Häuten der von ihm erlegten Thiere oder mit den Sealpen der er⸗ ſchlagenen Feinde. Sirs, ihr müßt mir nicht ſagen wollen, daß die Häute und Scalpe blos Fett und Leder ſeyen. Nein, ſie ſind die Trophäen der Ehre. Ihr behauptet, ſolche Tro⸗ phäen ſeyen abſcheulich und lächerlich. Nein, ſie gewinnen eine Verherrlichung, weil ſie den Beweis liefern, daß der Wilde aufgetaucht iſt aus ſeiner urſprünglichen thieriſchen Selbſtſucht und einen Werth ſetzt in das Lob, welches die Menſchen nur einem Wirken zu Theil werden laſſen, das ihre Wohlfahrt ſichert oder vorwärts bringt. Beil äufig, Sirs, die te ha ei he m as an⸗ vor ele, lche nlich ren⸗ mit pfen rt zu ſeines äuten er er⸗ vollen, Nein, e Tr⸗ winnen daß der eriſchen ches die das ihre Sirs, die 107 Wilden wiſſen, daß ſie nicht ſicher unter einander leben könn⸗ ten, wenn nicht unter ihnen die Uebereinkunft getroffen wäre, ſtets gegen einander die Wahrheit zu ſagen. Des⸗ halb gewinnt die Wahrheit einen Werth und wird zu einem Princip der Ehre. Bruder Auſtin kann uns ohne Zweifel bezeugen, daß in den Zeiten des Alterthums Wahr⸗ heitsliebe ſtets eine Eigenſchaft der Helden war.“ „Richtig,“ verſetzte mein Vater.„Homer legt ſie ausdrücklich dem Achilles bei.“ „Aus der Wahrheit entſpringt das Bedürfniß nach ir⸗ gend einer rohen Art von Recht und Rechtspflege. Deshalb beginnen die Menſchen außer dem Muth am Krieger und der Wahrheit allenthalben die Aelteren zu ehren, welchen ſie die Wahrung des Rechts anvertrauen. So entſtand das Geſetz, Sirs—“ „Aber die erſten Geſetzgeber waren Prieſter,“ bemerkte mein Vater. „Sirs, ich komme ſchon auf dies zu ſprechen. Woraus entſpringt das Verlangen nach Ehre, wenn nicht aus dem Bedürfniß, ſich auszuzeichnen— mit anderen Worten, ſeine Fähigkeiten zum Wohl ſeiner Nebenmenſchen auszubilden, obgleich man oft, dieſer Folge unbewußt, nur nach dem Lobe ringt? Aber das Trachten nach Ehre iſt unaustilgbar, und es liegt in der Natur des Menſchen, daß er ihren Lohn gern in das Jenſeits mit hinüber nehmen möchte. Deshalb neigt ſich derjenige, welcher am meiſten Löwen oder Feinde erlegt hat, zu dem Glauben hin, in einem anderen Leben werde ihm das beſte Jagdgebiet zu Gebot ſtehen und er bei 108 Feſtgelagen den erſten Platz einnehmen. In all ihrem Wirken legt die Natur dem Menſchen die Idee einer unſicht⸗ baren Gewalt nahe, und das Princip der Ehre— das heißt, der Wunſch nach Lob und Belohnung— macht ihn begierig nach dem Beifall dieſer Gewalt. Daher kommt die erſte rohe Idee der Religion, und der Wilde ſingt in ſeiner Todeshymne am Folterpfahle prophetiſche Lieder von den Auszeichnungen, die ſeiner harren. Die Geſellſchaft ſchrei⸗ tet fort; Dörfer werden gebaut, und das Eigenthum gewinnt eine anerkannte Grundlage. Wer mehr beſitzt als der an⸗ dere, hat auch mehr Macht als dieſer. Macht bringt Ehre. Der Menſch ſehnt ſich nach der Ehre, welche an der Macht des Beſitzes haftet. So wird der Boden urbar gemacht; man baut Flöße, und ein Stamm tritt in Tauſchverkehr mit dem andern. Wir haben hier die Begründung des Han⸗ dels und den Anfang der Civiliſation. Sirs, alles dies ſcheint, wenn wir uns den gemeinen Tagen der Gegen⸗ wart nähern, durchaus nichts mit Ehre zu ſchaffen zu haben, leitet aber doch ſeinen Urſprung aus derſelben ab, da nur ihre Principien mißbraucht wurden. Wenn es heut zu Tage Höcker und Krämer gibt— ja, wenn ſogar hohe militäriſche Poſten zum Kauf ausgeboten und von Schuften für baares Geld erworben werden— ſo rührt doch Alles von dem Ver⸗ langen nach Ehre her, welche die alternde Geſellſchaft den äußeren Zeichen von Titeln und Gold zutheilt, während ſie ſonſt nur an den innern Werth, an Muth, Wahrheitsliebe und Unternehmungsgeiſt vergabt wurde. Ich wiederhole da m fü w ke ne em ht⸗ ßt, rig ſte ner den nnt an⸗ cht ht; mit n⸗ lles en⸗ en, nur age ſche res er⸗ den ſie ebe ole 109 daher, Sirs, die Ehre iſt die Grundlage von allem wahren menſchlichen Fortſchritt.“ „Du haſt deinen Beweis wie ein Schulmann durchge⸗ führt, Bruder,“ ſagte Mr. Carton bewundernd.„Um jedoch wieder von dieſem runden Stückchen Silber zu ſprechen— kehren wir nicht zu den barbariſchſten Zeiten zurück, wenn wir eine ſo hohe Bedeutung auf Dinge legen, die an ſich kei⸗ nen wirklichen Werth haben und eben ſo wenig dem Geiſt Gelegenheit zur Ausbildung bieten?“ „Man könnte kein Paar Stiefel damit bezahlen,“ fügte Onkel Jack bei. „Oder erſpart es Euch nur ein einziges Kneipen jenes verwünſchten Rhevmatismus,“ fuhr Mr. Squills fort,„den Ihr Euch für Lebenszeit beim Bivouakiren unter den por⸗ tugieſiſchen Sümpfen geholt habt?— der Kugel in Eurem Cranium und des Korkbeines gar nicht zu gedenken/ welches doch die Wirkſamkeit der für Eure Konſtitution nothwendi⸗ gen Spaziergänge ſehr beeinträchtigen muß.“ „Gentlemen,“ erwiederte der Kapitän, ohne ſich aus ſeiner Faſſung bringen zu laſſen,„mit der Rückkehr zu jenen barbariſchen Zeiten kehre ich auch zu dem wahren Princip der Ehre zurück. Dieſes Stückchen Silber iſt gerade deshalb, weil es auf dem Markte keinen Werth hat, unbezahlbar, denn es erſcheint dadurch einfach als ein Beweis des Verdienſtes. Was hätte die Medaille im Dienſt für einen Sinn, wenn ich damit mein Bein zurückkaufen oder ſie für 40,000 Pfund jährlich verſchachern könnte? Nein, Sirs, ihr Werth be⸗ ſteht darin, daß die Leute, wenn ich ſie auf der Bruſt trage⸗ ſagen werden: der ſteife alte Kerl iſt doch nicht ſo nutzlos, wie er zu ſeyn ſcheint. Er war einer von denen, welche Eng⸗ land retteten und Europa befreiten. Und ſelbſt wenn ich ſie hier verberge,“ er küßte ſie bei dieſen Worten mit Innig⸗ feit, knüpfte das Band daran und brachte ſie wieder an ih⸗ ren früheren Ruheplatz,„wo ſie kein Auge ſieht, wird ſie mir noch werthvoller durch den Gedanken, daß mein Vckter⸗ land die alten und wahren Principien der Ehre nicht ſo weit herabgewürdigt hat, um einen ſchlachtengrauen Krieger mit verſelben Münze abzulohnen, mit welcher Ihr, Mr. Jack, Sir, Eure Schuhmachersrechnung bezahlt. Nein, nein, Gentlemen. Da der Muth die erſte von der Ehre erzeugte Tugend war, die erſte, von welcher alle Sicherheit und alle Civiliſation ausging, ſo ſind wir befugt, wenigſtens dieſe einzige Tugend rein und unbefleckt zu erhalten von all den geldſüchtigen und feilen Abſcheulichkeiten, welche die Laſterer⸗ zeugniſſe, nicht aber die Tugenden der Civiliſation ſind.“ Onkel Roland hatte ſich jetzt ganz ausgeſprochen. Er füllte ſein Glas, erhob ſich und ſagte feierlich: „Dieſes letzte Glas, Gentlemen— den Todten, die für England ſtarben!“ Drittes Kapitel. „In der That, mein Lieber, du mußt ſie nehmen. Du haſt dich erkältet, denn ich habe vich dreimal hintereinander nieſen hören.“ — e— — c— lle ieſe den rer⸗ d.“ die nder 111 „Ja, Mutter, weil ich mir von Onkel Rolands Tabak eine Priſe holte, nur um ſagen zu können, ich habe aus ſei⸗ ner Doſe geſchnupft— Ihr wißt, die Ehre davon.“ „Und was haſt du denn für eine ſchöne Bemerkung dabei gemacht, die deinem Vater ſo wohl geſiel— von Pulver und dem College?“ „Pulver und— ah! pulverem Olympicum collegisse juvat, meine liebe Mutter; dies will heißen, es ſey ein Vergnügen, aus der Doſe eines wackeren Mannes eine Priſe zu nehmen. Stellt doch die Molkenbrühe nieder, Mutter — ich will ſie ja nehmen. Setzt Euch her zu mir— ſo iſts recht— und erzählt mir alles, was Ihr von dieſem fa⸗ moſen alten Kapitän wißt. Zuvorderſt— er iſt älter, als mein Vater?“ „Ich wills meinen,“ rief meine Mutter unwillig. „Sieht er doch um zwanzig Jahre älter aus, obſchon der wirkliche Unterſchied nur fünf beträgt. Dein Vater muß immer jung ausſehen.“ „Und warum ſetzt Onkel Roland jenes abgeſchmackte franzöſiſche de vor ſeinen Namen— warum war mein Va⸗ ter mit ihm entzweit— iſt er verheirathet— und hat er Kinder?“ Schauplatz dieſer Beſprechung— mein Stübchen, neu⸗ tapezirt für den„fertig“ Zurückgekommenen— die Tapeten Glanzpapier mit Blumen und Vögeln— alles ſo friſch, ſo neu, ſo reinlich und heiter— meine Bücher auf hübſchen Geſimſen, und bei dem Fenſter ein Schreibtiſch; zum Fenſter herein aber leuchtet ein heller Sommermond. Das Fenſter 112 iſt angelehnt, ſo daß der Duft der Blumen und des friſch⸗ gemähten Heu's hereindringt. Eilf Uhr vorbei; und der Knabe iſt allein mit ſeiner theuren Mutter. „Ei, ei, mein Schatz, du ſtellſt viele Fragen auf einmal.“ „So antwortet eben nicht darauf. Fangt von vorne an, wie es Mrs. Primmins mit ihren Mährchen hält— es war einmal—“ „Gut,“ ſagte meine Mutter, indem ſie mich zwiſchen die Augen küßte.„Es war einmal ein gewiſſer Geiſtlicher in Cumberland, der zwei Söhne hatte. Er beſaß nur eine kleine Pfründe, und den Knaben blieb daher nichts anderes in Ausſicht, als ſich ſelber durch die Welt zu ſchlagen. Ganz nahe bei dem Pfarrhauſe, auf einem Hügel, lag eine Ruine, von der nur noch ein Thurm ſtand; aber ſie ſowohl, als auch faſt alles Land in der umgegend hatte vor Zeiten der Fa⸗ milie des Geiſtlichen gehört. Man hatte nach und nach alles verkaufen müſſen, ſo daß zuletzt nichts mehr übrig blieb, als die Präſentation auf die Pfründe(das ſogenannte Patro⸗ natsrecht war auch verkauft worden), und dieſe wurde dem letzten Glied der Familie geſichert. Der ältere von jenen Söhnen war dein Onkel Roland, der jüngere dein Vater. Nun glaube ich, daß der erſte Zwiſt der Brüder aus dem ab⸗ geſchmackteſten Anlaß, wie dein Vater ſagt, entſprang; aber Roland war ungemein empfindlich in allen Dingen, welche auf ſeine Vorfahren Bezug hatten. Er brütete ſtets über dem alten Stammbaum, wenn er nicht etwa unter den Ruinen umherging oder Geſchichtenbücher von fahrenden Rittern las. Ich weiß nicht, mit wem dieſer Stammbaum — — P n n 113 begann; aber es ſcheint, daß König Heinrich M. einige Län⸗ dereien in Cumberland einem gewiſſen Sir Adam de Carton ſchenkte. Von dieſer Zeit an führte der Stammbaum regel⸗ mäßig vom Vater auf den Sohn bis zu Heinrich V. Dann kam, augenſcheinlich in Folge der Verwirrung, welche, wie dein Vater ſagt, durch die Kämpfe der beiden Roſen her⸗ beigeführt wurde, eine traurige Lücke— nur einer oder zwei Namen waren eingezeichnet ohne Datum oder Ver⸗ mählungsangabe, bis zur Zeit Heinrichs VII., mit der all⸗ einigen Ausnahme, daß unter der Regierung Edwards IV. ein William Carton(ſo nannte ihn die Urkunde) angemerkt war. Nun ſtand in der Dorfkirche ein ſchönes ehernes Grabmal, die Ueberreſte eines Sir William de Carton be⸗ deckend, der in der Schlacht bei Bosworth für den ſchänd⸗ lichen König Richard III. geſtritten hatte und auf dem Wahlplatze geblieben war. Ungefähr um dieſelbe Zeit lebte, wie du weißt, auch der berühmte Buchdrucker William Cax⸗ ton. Dein Vater nun hatte ſich während eines Beſuchs bei ſeiner Tante in London alle Mühe gegeben, die alten Pa⸗ piere, die er auf dem Heroldenamt auffinden konnte, durch⸗ zuſtöbern, und war hocherfreut über die Entdeckung, daß er nicht von jenem armen Sir William, der im Kampf für eine ſo ſchlechte Sache den Tod fand, ſondern von dem großen Buch⸗ drucker abſtammte, welcher einem füngern Zweig derſelben Fa⸗ milie angehörte und auf deſſen Nachkömmlinge unter der Regierung Heinrichs VIII. die Güter übergingen. Wegen dieſes Umſtandes entzweite ſich Onkel Roland mit ihm; und Bulwer, die Cartone. 8 in der That, ich zittre ſchon bei dem Gedanken, daß ſie den Gegenſtand des Haders aufs Neue berühren könnten.“ „Dann muß ich ſagen, meine liebe Mutter, daß der Onkel, ſo weit der geſunde Menſchenverſtand dabei in Frage kommt, ſehr unrecht hatte; indeß kann ich mir wohl denken, wie es zuging. Sicherlich war jedoch dies nicht der einzige Grund der Entfremdung?“ Meine Mutter blickte zur Erde und fuhr ſanft mit der einen Hand über die andere, wie ſie zu thun pflegte, wenn ſie verlegen war. „Nun, was fand weiter ſtatt, Mütterchen?“ ſagte ich ſchmeichelnd.. „Ich glaube— das heißt⸗ ich— ich vermuthe, daß Beide eine Neigung für dieſelbe junge Dame fühlten.“ „Wie, Ihr wollt mir vamit doch nicht zu verſtehen geben, daß mein Vater je in eine andere als in Euch ver⸗ liebt war?“ „Ja, Siſty— ja! und ſehr ernſtlich!“ Nach einer kurzen Pauſe fuhr meine Mutter mit einem leiſen Seufzer fort.„In mich war er nie verliebt, und was noch mehr iſt, er nahm ſich die Freiheit, mir dies zu ſagen.“ „Und doch habt Ihr—“ „Ihn geheirathet— ja!“ entgegnete meine Mutter, und ihre ſanften blauen Augen erhoben ſich— Augen, wie ſie nur je ein Liebhaber wünſchen konnte, um ſein Schickſal darin zu leſen. „Ja, denn die alte Liebe war hoffnungslos. Ich wußte, daß ich ihn glücklich machen konnte— wußte, daß er mich end⸗ er er hr r, ie ſal te, d⸗ 1¹5 lich lieben würde, und dies iſt nun wirklich der Fall. Mein Sohn, Dein Vater liebt mich!“ Während ſie ſo ſprach überflog ein Roth⸗ ſo unſchuldig, wie nur je eines das Antlitz einer Jungfrau zierte, die zar⸗ ten Wangen meiner Mutter, und ſie ſah dabei ſo ſchön, ſo gut und ſo jung aus, daß Jedermann geſagt haben würde, Duſius, der Teufel der Teutonen, Nock, der ſcandinaviſche Seekobold, von dem die Gelehrten unſere modernen Dämo⸗ nen ableiten wollen, oder Meiſter Urian müſſe leibhaftig in meinem Vater ſtecken, wenn er nicht lernen konnte, ein ſolches Weſen zu lieben. Ich drückte ihre Hand an meine Lippen, denn mein Herz war zu voll, als daß ich für den Augenblick hätte Worte finden können. Dann wechſelte ich theilweiſe den Gegenſtand des Geſprächs. „Gut; und dieſe Nebenbuhlerſchaft entfremdete ſie noch mehr? Wer war denn das Frauenzimmer?“ „Dein Vater ſagte es mir nicht, und ich habe ihn nicht darnach gefragt,“ antwortete meine Mutter mit großer Einfachheit.„Soviel weiß ich übrigens, daß ſie ſehr ver⸗ ſchieden von mir war— ſehr talentvoll, ſehr ſchön und von vornehmer Abkunft.“ „Demohngeachtet war mein Vater ein glücklicher Mann, daß er ihr entging. Nur fort! Was that der Kapitän weiter?“ „Um dieſelbe Zeit ſtarb Dein Großvater und bald nachher eine Tante mütterlicher Seits, welche ſehr reich und ſparſam geweſen war. So erbte jeder der Brüder ſechszehn⸗ 8* tauſend Pfund. Dein Onkel brachte mit ſeinem Antheil zu einem ungeheuern Preiſe das Schloß ſammt deſſen Umge⸗ bung wieder an ſich, und ich hore, daß ihm das Ganze jährlich nicht dreihundert Pfund einbringe. Mit dem We⸗ nigen, was ihm übrig blieb, kaufte er ſich eine Offiziers⸗ ſtelle in der Armee, und die Brüder ſahen ſich nicht mehr, bis in der letzten Woche Roland plötzlich bei uns anlangte.“ „Er hat wohl die talentvolle junge Dame nicht gehei⸗ rathet?“ „Nein; er verband ſich mit einer andern und iſt jetzt Wittwer.“ „Nun, da gab er an Unbeſtändigkeit meinem Vater nichts nach, und ich bin überzeugt, ohne einen ſo guten Entſchuldigungsgrund. Wie kam dies?“ „Ich weiß es nicht. Er ſpricht nicht davvn.“ „Hat er Kinder?“ „Zwei; einen Sohn— doch beiläufig bemerkt, über dieſen darfſt Du nie mit ihm reden⸗ Als ich ihn nach ſei⸗ ner Familie fragte, antwortete er kurz angebunden: Ich habe ein Mädchen— einſt auch einen Sohn, aber— „Er iſt todt? rief Dein Vater im Tone theilneh⸗ menden Mitgefühls.“ „Todt für mich, Bruder— und ich bitte Dich, ſeiner nie mehr eine Erwähnung zu thun! Du hätteſt ſehen ſollen, welche finſtere Miene Dein Onkel bei dieſen Worten machte. Ich erſchrack darüber.“ „Aber das Mädchen— warum hat er ſie nicht mit hieher gebracht?“ — „Sie iſt noch in Frankreich; aber er ſpricht davon, ſie zu holen⸗ und wir haben ihm halb und halb zugeſagt, ſie beide in Cumberland zu beſuchen.— Doch Gott behüte! Schon zwölf— und die Molken ſind ganz kalt!“ „Nur noch ein Wort, theuerſte Mutter— noch ein Wort. Meines Vaters Buch— geht es damit vorwärts?“ „Ja wohl,“ rief meine Mutter, die Hände zuſammen⸗ ſchlagend,„und er muß es Dir eben ſo gut wie mir vor⸗ leſen, da Du es viel beſſer verſtehen wirſt. Ich habe mich immer ſoſehr danach geſehnt, daß die Welt ihn kennen und ſtolz auf ihn ſeyn möchte, wie wir— oh, und wie ich mich danach ſehnte!— denn, wenn er jene vornehme Dame geheirathet hätte, Siſty, ſo würde er ſich vielleicht aufgerafft haben und ehrgeiziger geworden ſeyn— und ich konnte ihn ja nur glücklich, nicht auch groß machen!“ „So hat er Euch endlich Gehor gegeben?“ „Mir?“ antwortete meine Mutter lächelnd und mit leichtem Kopfſchütteln;„nein, aber Deinem Onkel Jack, und ich freue mich, Dir ſagen zu können, daß dieſer einen recht guten Einfluß auf ihn übt.“ „Einen guten Einfluß, meine liebe Mutter? Nehmt Euch vor Onkel Jack in Acht, wenn wir nicht alle in einer Kohlenmine verſinken oder mit einer großen Natonalcvm⸗ pagnie zu Fertigung von Schießpulver aus Theeblättern in die Luft fliegen ſollen!“ „Böſes Kind!“ ſagte meine Mutter lachend. Dann nahm ſie das Licht, zögerte noch, bis ich meine Uhr auf⸗ gezogen hatte, und fügte nachſinnend bei:—„Gleichwohl iſt Jack ſehr, ſehr geſcheidt— und wenn wir um Deinet⸗ willen ein ſchönes Vermögen erwerben könnten, Siſty—“ „Ihr erſchreckt mich, daß ich den Verſtand darüber ver⸗ f lieren könnte, Mutter! Es iſt Euch doch hoffentlich nicht Ernſt?“ „Und wenn mein Bruder das Mittel würde, ihn zu heben in der Welt—“ „Euer Bruder würde hinreichen, alle Schiffe im Kanal zu verſenken, Mutter,“ ſagte ich unehrerbietig, erſchrack aber, noch eh' mir die Worte ganz aus dem Munde waren, ſchlang meine Arme um den Hals meiner Mutter und küßte den Schmerz hinweg, den ich Ihr bereitet hatte. Als ich mich allein in meiner Krippe befand, wo ich ſtets ſo weich und ruhig geſchlafen hatte, kam es mir vor, als liege ich auf geſchnittenem Stroh. Ich warf mich hin und her, ohne zu einem Schlummer zu kommen. Ich ſtand auf, warf meinen Schlafrock um, zundete das Licht an und ſetzte mich an den Tiſch bei dem Fenſter. Zuerſt ſtellte ich Be⸗ trachtungen an über die unvollſtändigen Einzelzüge aus dem Jugendleben meines Vaters, die ſo plötzlich vor mir ent⸗ hüllt worden waren. Meine Phantaſie füllte die Lücken aus und gelangte dadurch zu einem Gemälde, welches die Muth⸗ maßungen, die mich oft verwirrt hatten, völlig zu erklären ſchien. Ich begriff— vermuthlich aus einer Sympathie in meinem eigenen Weſen, da ich bei meiner Erfahrung noch wenig genug Menſchenkenntniß gelernt haben konnte— wie ein glühender, ernſter, forſchender Geiſt mit ſeinem leiden⸗ ſchaftlichen Ringen nach Wiſſen plötzlich und in beklagens⸗ — 119 werther Weiſe dieſem Sporn die Spitze abzubrechen und in die Ruhe eines paſſiven, zielloſen Studiums zu verſinken ver⸗ mochte. Ich begriff, wie in dieſer Läſſigkeit einer glückli⸗ chen, aber leidenſchaftsloſen Verbindung mit einer ſo ſauf⸗ ten, ſorglichen und achtſamen Gefährtin, die ſo wenig ge⸗ eignet war, einen von Natur ruhigen und beſchaulichen Geiſt zu wecken, aufzumuntern und zu entzünden, Jahre um Jahre hinſchleichen konnten in dem gelehrten Müßigang ei⸗ nes abgeſchiedenen Büchermannes. Ich begriff ferner, wie mein Vater beim Eintritt in die Periode des mittleren Le⸗ bens, in welcher die Männer vorzugsweiſe ſich dem Ehr⸗ geiz zuneigen, langſam und allmälig dem lange zum Schwei⸗ gen gebrachten Flüſtern wieder Gehör ſchenkte und der Geiſt, endlich ſich des Bleigewichts entſchlagend, welches ihm ein in ſeinen Hoffnungen getäuſchtes Herz aufgelegt hatte, wie⸗ der einmal ſo ſchön wie in den Tagen der Jugend den ein⸗ zigen wahren Gebieter des Genies vor ſich ſah— den Ruhm! „O, welchen Anklang fand nicht in mir der milde Triumph meiner Mutter. Ein ueberblick über die Vergan⸗ genheit belehrte mich, wie ſie ſich Jahr um Jahr mehr in das innerſte Herz meines Vaters eingeſchlichen hatte— wie das Wohlwollen zur Liebe erwarmte— wie die Gewohn⸗ heit und die zahlloſen Glieder, welche die Kette einer glück⸗ lichen Heimath bilden, in dem geiſtvollen Mann jene Sym⸗ pathie erzeugten, die man Anfangs bei dem nur ſeinen Stu⸗ dien lebenden Gelehrten vermißte. Zunächſt dachte ich an den grauköpfigen, adleraugigen alten Soldaten mit ſeinem verfallenen Thurm und ſeinen öden Aeckern. Ich ſah vor mir ſein ſtolzes, vorurtheilvol⸗ les, am Ritterweſen haftendes Knabenalter, wie er durch die Ruinen ſchlich oder über dem ſporichten Stammbaum brütete. Und ſein Sohn— verſtoßen— wegen welchen ſchnöden Vergehens?— Ein kalter Schauer rieſelte über mich hin. Und dieſes Mädchen— ſein Lämmchen— ſein Alles— war es ſchön? Hatte es blaue Augen, wie meine Mutter, oder eine hohe römiſche Naſe mit hervorragenden Brauen, wie Kapitän Roland? Ich ſann, ſann und ſann— das Licht ging aus— und die Mondnacht wurde heller und ſtiller, bis ich endlich mit Onkel Jack in einem Luftballon ſegelte. Ich war eben mit dieſem Fahrzenge ins rothe Meer niedergeſtürzt, als die wohlbekannte Stimme des Mrs. Primmins durch den Ruf mich wieder ins Leben brachte: „Gott behüte mich! der Junge iſt die ganze ewig lange Nacht gar nicht ins Bett gekommen!“ Viertes Kapitel. Sobald ich angekleidet war, eilte ich die Treppe hin⸗ unter, denn ich ſehnte mich danach, die alten Tummelplätze wieder zu beſuchen— das Gartenbeet, das ich mit Anemo⸗ nen und Kreſſe anzuſäen pflegte, den Gang bei der Pfirſich⸗ mauer und den Waſſerbehälter, aus dem meine Angel hin und wieder einen Barſch oder eine Groppe herausholte. Beim Eintritt in die Halle bemerkte ich Onkel Roland 12¹ in großer Verlegenheit. Das Dienſtmädchen reinigte eben die Steine vor der Hallenthüre; ſie war von Natur aus ſehr wohl beleibt, und es iſt erſtaunlich, wie viel breiter ſich eine Weibsperſon ausnimmt, wenn ſie ſich auf allen Vieren be⸗ wegt! Die Magd hatte ihre Putzerei eben unter der Thüre, und ihr Geſicht war von dem Kapitän abgekehrt, während dieſer, der augenſcheinlich einen Ausflug beabſichtigte, mit einem verwirtten Geſicht auf den hindernden Gegenſtand niederſchaute und ſich laut räuſperte. Leider aber hörte die Magd nicht gut. Ich blieb ſtehen, neugierig, wie ſich Onfel Roland aus dieſer Klemme helfen würde. Als mein Onkel fand, daß auf ſein Räuſpern keine Rückſicht genommen wurde, machte er ſich ſo klein als mög⸗ lich und glitt dicht an der linken Seite der Wand hin; im nämlichen Augenblick aber wendete ſich die Magd plötzlich nach rechts und verſperrte dadurch den einzigen Spalt, durch welchen ihrem Gefangenen ein Hoffnungsſtrahl aufgetaucht war. Mein Onkel blieb wie angebannt ſtehen und hätte auch in der That ſich nicht einen Zoll weit bewegen kön⸗ nen, ohne in perſönliche Berührung mit den abgerundeten Reizen zu kommen, welche ſeinem Vorrücken Halt geboten. Er nahm den Hut ab und rieb ſich in großer Verwirrung die Stirne. Durch eine leichte Flankenbewegung gab ihm jetzt der Feind Gelegenheit, ſich wieder zurückzuziehen, ver⸗ ſperrte ihm aber zugleich alle Ausſicht, auf dieſer Seite hinauszukommen. Onkel Roland trat haſtig den Rückzug an und zeigte ſich jetzt auf dem rechten gegneriſchen Flügel; aber kaum war dieß geſchehen, als der blockirende Theil⸗ 122 ohne rückwärts zu ſchauen, den Zuber, welcher die weiteren Operationen deſſelben hinderte, bei Seite ſchob und ſo auf⸗ ſtellte, daß er eine furchtbare Barrikade bildete, welche dem hölzernen Beine meines Onkels ein unüberſteigliches Hemm⸗ niß in den Weg legte. Kapitän Roland erhob jetzt ſeine Augen flehentlich gen Himmel, und ich hörte ihn deutlich ausrufen— „Wollte Gott, es wäre ein Geſchöpf in Hoſen!“ Zum Glück wandte in dieſem Augenblicke die Magd plötzlich den Kopf um, und als ſie den Kapitän bemerkte, ſtand ſie ſogleich auf⸗ ſtellte den Zuber bei Seite und machte einen ſchüchternen Knir. Onkel Roland langte an ſeinen Hut. „Ich bitte tauſendmal um Verzeihung, mein gutes Mädchen,“ ſagte er mit einer leichten Verbeugung und glitt ins Freie hinaus. „Das nenne ich Soldatenhöflichkeit, Onkel,“ rief ich⸗ indem ich meinen Arm in den ſeinigen ſchlang. „Bſt, mein Junge,“ entgegnete er mit einem ernſten Lächeln und bis an die Schläfe erröthend—„bſt, ſagt lieber vie eines Gentleman! Für uns iſt jede Weibsperſon ein ſ Frauenzimmer, kraft ihres Geſchlechts.“ Ich hatte oft Gelegenheit, mir dieſen Satz meines Onkels ins Gedächtniß zu rufen, und es wurde mir daraus klar, wie ein Mann, der in Betreff des Familienſtolzes mit ſo vielen Vorurtheilen behaftet war, nie einen Anſtoß darin ſinden konnte, daß mein Vater ein Mädchen geheirathet⸗ vas einen ſo gar kleinen Stammbaum beſaß, wie meine ——„ — us nit rin et, ine 123 liebe Mutter. Wäre ſie eine Montmorenei geweſen, ſo hätte er ſich nicht achtungsvoller und höflicher benehmen können, als dies dem beſcheidenen Abkömmling der Tibbetſe gegen⸗ über der Fall war. Ueberhaupt hielt er an einer Anſicht feſt, die meines Wiſſens kein auf ſeine Familie ſtolzer Mann je gebilligt oder unterſtützt hat— an einer Anſicht, die er aus folgenden Schlüſſen ableitete. Erſtens, die Geburt hat an ſich ſelbſt keinen Werth, ſondern gewinnt ihn nur durch die Vererbung gewiſſer Eigenſchaften, welche die Abkömm⸗ linge eines Geſchlechtes von Kriegern fortzupflanzen berufen ſind— nämlich der Wahrheitsliebe, des Muthes und der Ehre. Zweitens, wie wir von der weiblichen Seite unſere intellektuelleren Fähigkeiten ableiten, ſo ſtammen von der männlichen unſere ſittlichen her; ein geſcheidter und witzi⸗ ger Mann hat gewöhnlich eine geſcheidte und witzige Mut⸗ ter, ein tapferer und ehrenhafter aber einen tapferen und ehrenhaften Vater. Daher ſind alle die Eigenſchaften, welche ſich von Geſchlecht zu Geſchlecht fortpflanzen ſollten, die männlichen, welche ausſchließlich vom Vater herrühren. — Ferner behauptete er, während der Adel höhere und rit⸗ terliche Anſichten habe, beſitze das Volk in der Regel ſchär⸗ fere und aufgewecktere Ideen. Um deßhalb zu verhüten, daß Gentlemen nicht in vollſtändige Hefenköpfe ausarten, ſey eine Vermiſchung mit dem Volke, ſtets vorausgeſetzt, daß dieſe nur den weiblichen Theil betreffe, nicht bloß entſchul⸗ digbar, ſondern ſogar zweckmäßig. Und ſchließlich war mein Onkel des Dafürhaltens, während der Mann ein rohes ſinn⸗ liches Geſchöpf ſey, welches zu ſeiner Veredlung Berührun⸗ 124 gen aller Art brauche, trage das Weib von Natur aus den Sinn für alles Schöne und Edle in ſich, ſo daß ſie nur ein wahres Weib zu ſeyn nöthig habe, um eine geeignete Ge⸗ fährtin für einen König zu ſeyn. Eigenthümliche und etwa verfehrte Anſichten ohne Zweifel, die, ſoweit die Lehre von der Abſtammung in Frage kömmt(wofern ſie überhaupt haltbar iſt), vielen Widerſpruch finden dürften; indeß ver⸗ hielt ſich die Sache einfach ſo, daß Onkel Roland ein er⸗ centriſcher, widerſpruchsvoller Mann war— wie— wie— nun ja, mein lieber Leſer, wie du und ich— eine Wahrheit, vie ſich wohl herausſtellen dürfte, wenn wir es einmal wagen wollten, uns ſelbſt zu prüfen.. „Nun, Sir, auf welchen Beruf habt Ihr es abgeſe⸗ hen?“ fragte mein Onkel., Ich fürchte, wohl nicht auf den Soldatenſtand „Ich habe über dieſen Punkt noch nie nachgedacht.“ „Dem Himmel ſey Dank,“ ſagte mein Onkel,„wir hatten in unſerer Familie noch nie einen Advokaten, einen Börſenmäkler oder einen Gewerbsm— ahem!“ Ich ſah, daß in dieſem Ahem plötzlich mein großer Vorfahr, der Buchdrucker, zum Vorſchein kam. „Ei, Onkel, es gibt ehrenwerthe Männer in allen Be⸗ rufsarten.“ „Allerdings, Sir. Aber nicht in allen Berufsarten iſt die Ehre das Prinzip der Thätigkeit.“ „Doch kann ſie es werden, Sir, wenn ein Mann von Ehre einem ſolchen Berufe folgt. Auch unter den Soldaten hat es ſchon große Schurken gegeben.“ — — ten oon ten 125 Mein Onkel gerieth in Verlegenheit, und ſeine dunkeln Brauen furchten ſich gedankenvoll. „Ihr mögt Recht haben, Neffe,“ entgegnete er in mil⸗ dem Tone.„Aber glaubt Ihr, daß es mir ſo viel Vergnü⸗ gen machen würde, meinen alten verfallenen Thurm anzuſe⸗ hen, wenn ich wüßte, er ſey von irgend einem Heringshändler gekauft worden? Nein, es geſchieht deßhalb, weil Heinrich Plantagenet ihn für treugeleiſtete Dienſte in Aquitanien und in der Gascogne einem Ritter und Gentleman ſchenkte, der von einem Anglodänen aus der Zeit des Königs Alfred ab⸗ ſtammte. Meint Ihr etwa, ich würde derſelbe Mann geweſen ſeyn, wenn ich mir nicht von Kindheit auf beim Anblick jenes alten Thurmes vergegenwärtigt hätte, was ſeine Eigenthü⸗ mer als Ritter und Gentlemen waren und ſeyn ſollten? Sir, ich wäre ſicherlich ein ganz anderes Weſen, wenn an der Spitze meines Stammbaumes ein Heringskrämer ſtünde, obſchon ich damit nicht ſagen will, daß dieſer nicht ein ebenſo wackerer Mann hätte ſeyn können, als der Anglodäne war, dem Gott eine ſelige Urſtänd geben möge!“ „Und aus demſelben Grunde denkt Ihr vermuthlich, Sir, daß mein Vater nimmermehr das Weſen geworden wäre, das er iſt, wenn er nicht in Betreff unſerer Abkunft von dem großen Buchdrucker William Carton jene merkwür⸗ dige Entdeckung gemacht hätte.“ Mein Onkel ſprang auf, als hätte ihn eine Kugel ge⸗ troffen— unvorſichtig genug in Anbetracht des Materials, aus welchem ſein eines Bein beſtand— und wäre ſicherlich 126 in ein Erdbeerbeet gefallen, wenn ich ihn nicht am Arm ge⸗ faßt hätte. „Ei, Du— Du— Du junger Naſeweis,“ rief der Kapitän, indem er mich abſchüttelte, ſobald er ſein Gleich⸗ gewicht wieder gewonnen hatte.„Haſt Du auch die ſchimpf⸗ liche Grille geerbt, die ſich mein Bruder in den Kopf geſetzt hat? Willſt Du den Sir William de Carton, welcher bei Bosworth kämpfte und ſiel, gegen den Handwerker ver⸗ tanſchen, der in dem Sanctuary von Weſtminſter gothiſch gedruckte Flugblätter verkaufte?“ „Dies hängt nur von den Beweiſen ab⸗ Onkel.“ „Durchaus nicht, Sir, ſondern es beruht gleich allen edlen Wahrheiten auf dem Glauben. Aber freilich,“ fuhr mein Onfel mit einem Blicke unausſprechlicher Verachtung fort,„will man heutzutage, daß jede Wahrheit bewieſen werden ſolle.“ „Und dies iſt freilich ohne Zweifel ein trauriger Wahn unſerer Zeit, mein theurer Onkel. Aber wie können wir wiſſen, daß eine Wahrheit wirklich eine Wahrheit ſey, ehe der Beweis vorliegt?“ Ich meinte mit dieſer ſehr ſcharfſinnigen Frage ihn völlig gefangen zu haben; aber mit nichten. Er ſchlüpfte mir durch wie ein Aal. „Sir,“ ſagte er,„was immer in einer Wahrheit das Herz wärmer und die Seele reiner macht, das iſt der Glaube, nicht das Wiſſen. Der Beweis, Sir, iſt eine Handſchelle— der Glaube ein Flügel! Einen Beweis zu fordern über einen Anherrn aus König Richards Zeit! Sir, er ch⸗ pf⸗ tzt bei ſch len uhr ing ſen ahn wir ehe ihn pfte heit der eine s zu 127 Ihr könnt nicht einmal zur Befriedigung eines Logikers be⸗ weiſen, daß Ihr der Sohn Eures Vaters ſeyd. Ein reli⸗ giöſer Mann, Sir, unterſucht ſeine Religion nicht mit Syl⸗ logismen— ſie iſt keine Mathematik. Die Religion muß gefühlt, nicht bewieſen werden. In der Religion eines recht⸗ ſchaffenen Mannes gibt es ſehr viele Dinge, die nicht im Katechismus ſtehen. Beweis,“ fuhr mein Onkel mit größe⸗ rer Heftigkeit fort—„der Beweis, Sir, iſt ein ſchlechter, gemeiner, Alles gleichmachen wollender, ſchurkiſcher Jakobi⸗ ner— der Glaube ein pflichtgetreuer, edelmüthiger, ritterli⸗ cher Gentleman! Nein, nein, beweist meinetwegen, was Ihr wollt, aber nimmer werdet Ihr mir den Glauben rau⸗ ben, das, was mich gemacht hat zu—“ „Dem edelherzigſten Geſchöpf, das nur je Unſinn ſchwatzte,“ ſiel mein Vater ein, welcher wie der deus er machina des Horaz gerade im rechten Augenblicke zu uns trat.„An was willſt Du denn glauben, Bruder, gleich⸗ viel wenn auch alle Beweiſe gegen Dich wären?“ Mein Onkel verſtummte und bohrte mit großer Em⸗ ſigkeit die Spitze ſeines Rohres in den Sand. „Er will nicht glauben an unſern großen Ahnherrn, den Buchdrucker,“ ergriff ich boshaft das Wort. Meines Vaters ruhige Stirne wurde mit einemmal umwölkt. „Bruder,“ ſagte der Kapitän ſtolz;„Du haſt wohl ein Recht an Deine eigenen Ideen, ſollteſt Dich aber hüten, Dein Kind damit zu entehren.“ „Entehren?“ entgegnete mein Vater, und zum erſten⸗ male ſah ich ſein Auge zornig aufblitzen; er zügelte ſich jedoch ſogleich wieder.„Nimm dieſes Wort zurück, lieber Bruder.“ „Nein, Sir, ich werde es nicht zurücknehmen und damit vie Familienberichte Lügen ſtrafen.“ „Berichte! Eine Erztafel in einer Donfkirche gegen die ganze Regiſtratur des Heroldenamtes!“ nns „Ich ſollte einen Ahnherrn verläugnen, der eines rit⸗ terlichen Todes auf dem Schlachtfelde ſtarb!“ „In der allerſchlechteſten Sache, für die nur je ein Schwert gezogen wurde.“. „Für ſeinen König!“ „Der ſeine Neffen ermordet hatte.“ „Ein Ritter, der unſer Wappen auf ſeinem Helme führte!“ „Und kein Gehirn darunter hatte, denn ſonſt hätte er ſich nicht wegen eines ſo blutdürſtigen Böſewichts den Schädel einſchlagen laſſen.“ „Ein ſchuftiger, ſich abeſelnder, geldgieriger Buch⸗ drucker!“ „Der weiſe und glorreiche Einführer einer Kunſt, welche die ganze Welt erleuchtet hat. Ich ſollte einem Vorfahren, deſſen Namen der Gelehrte und Weiſe nie ohne Verehrung nennt, einem werthloſen, unbekannten, einfältigen Tölpel im Panzerhemd vorziehen, deſſen einziges auf die Nachwelt ge⸗ kommenes Erinnerungszeichen eine Erztafel in einer Dorf⸗ kirche iſt!“ Mein Onkel wandte ſich leichenblaß um. „Genug, Sir— genug! Ich bin jetzt hinreichend n er el h⸗ n, ng im 3e⸗ rf⸗ end 129 beſchimpft. Zwar hätte ich's erwarten können. Ich wünſche Euch und Eurem Sohne guten Tag.“ Mein Vater erſchrack bis in's Innerſte. Der Capitän hinkte dem eiſernen Thore zu; noch ein Augenblick, und er hätte ſich unſerem Boden entzogen gehabt. Ich eilte ihm nach und hing mich an ihn. „Onkel, es iſt Alles meine Schuld,“ ſagte ich.„Unter uns, ich bin ganz auf Eurer Seite; ich bitte, vergebt uns beiden. Was mochte ich nur auch denken, daß ich Euch ſo reizen konnte! Und mein Vater, den Euer Beſuch ſo glück⸗ lich machte!“ Onkel Roland hielt inne und taſtete nach der Klinke des Thores. Mein Vater kam nun auch heran und ergriff ſeine Hand. „Was ſind alle Buchdrucker, die je lebten, und alle Bücher, die je gedruckt wurden, gegen eine einzige Kränkung Deines edeln Herzens, Bruder Roland? Ich muß mich ſchä⸗ men, aber Du weißt— es iſt die ſchwache Seite eines Bü⸗ chermanns! Du haſt vollkommen Recht, Bruder Roland, ich hätte den Jungen nie etwas lehren ſollen, was Dir Schmerz bereiten konnte— obſchon ich mich nicht erinnern kann,“ fuhr mein Vater mit verwirrter Miene fort,„daß ich es je gethan hätte. Piſiſtratus, wenn Dir mein Segen theuer iſt, ſo achte in Sir William de Carton, dem Helden von Bosworth, Deinen Ahnherrn. Komm, komm, Bruder!“ „Ich bin ein alter Narr,“ ſagte Onkel Roland,„mag man die Sache betrachten, wie man will. Ah— und Du, junger Schlingel, lachſt uns beide aus!“ Bulwer, die Caxtone. 9 130 „Ich habe das Frühſtück auf den Raſen beſtellt,“ ſagte meine Mutter, mit ihrem freundlichen Lächeln aus dem Portal herauskommend.„Ich denke, der Seeteufel wird heute nach Eurem Geſchmack ſeyn, Schwager Roland.“ „Wir haben leider ſchon genug Teufelei gehabt, meine Liebe,“ entgegnete mein Vater, während er ſich die Stirne wiſchte. Die Vögel ſangen über unſeren Häuptern oder hüpften zutraulich über den Raſen, um die ihnen hingeworfenen Krumen aufzupicken, die Sonne ſtand noch kühl im Oſten und die Blätter rauſchten in der lieblichen Morgenluft, wäh⸗ rend wir mit vollkommen verſöhnten Herzen und erfüllt mit friedlichem Danke gegen Gott für die ſchöne Welt um uns her bei Tiſche ſaßen, als ſey der Fluß nie geröthet worden durch den blutigen Wahlplatz von Bosworth und als habe dertreffliche Mr. Carton nie die Menſchheit hintereinander gehetzt durch eine aufreizende Erfindung, welche tauſendmal mehr geeignet iſt, die Organe der Kampfluſt in Thätigkeit zu rufen, das Schmettern der Trompete und das Wehen des Banners! Fünftes Kapitel. „Bruder,“ ſagte Mr. Carton,„wir wollen mit ein⸗ ander das römiſche Lager beſuchen.“ Der Kapitän fühlte, daß mein Vater ihm mit dieſem Erbieten das größte Sühnopfer zu bringen beabſichtigte, m te, 134 denn erſtlich war der Weg ſehr weit und mein Vater ein abgeſagter Feind von allen langen Spaziergängen, und zweitens opferte er damit die Arbeit eines ganzen Tages an dem großen Werke. Gleichvohl nahm Onkel Roland mit jenem Zartgefühl, deſſen nur der Edle fähig iſt, bereitwillig den Vorſchlag an, weil er wußte, daß eine Ablehnung mei⸗ nem Vater für einen ganzen Monat das Herz ſchwer ge⸗ macht haben würde. Und wie hätte das große Werk fort⸗ ſchreiten können, wenn den Verfaſſer alle Augenblicke Ge⸗ wiſſensbiſſe ſtörten! Eine halbe Stunde nach dem Frühſtück brachen die Brüder Arm in Arm auf, und ich folgte in kleiner Entfer⸗ nung nach, nicht wenig erſtaunt, mit welcher Haſtigkeit der alte Soldat, ſeiner Korkbeine zum Trotz, über den Grund ſchritt. Es war angenehm genug, ihrer Unterhaltung zu⸗ zuhören und die Gegenſätze in dieſen beiden excentriſchen Abgüſſen aus der Mutter Natur ſtets wechſelndem Model zu beobachten— denn die Natur gießt nichts ſtereotyp, und ich glaube nicht, daß auch nur zwei Flöhe aufgefunden wer⸗ den können, die einander vollkommen gleich ſind. Mein Vater war weder ein raſcher noch ein ſorgfälti⸗ ger Beobachter von ländlichen Schönheiten. Das Organ des Ortſinns fehlte ihm ſo ganz und gar, daß ich vermuthe, er hätte ſich in ſeinem eigenen Garten verirren können. Da⸗ gegen war der Kapitän äußerſt empfänglich für äußere Ein⸗ drücke und ließ keinen Zug der Landſchaft an ſich verloren gehen. Bei jedem phantaſtiſch verwachſenen Weidenſtumpf machte er Halt, um ihn zu betrachten; ſein Auge folgte der 9 3 132 vor ſeinen Füßen ſich aufſchwingenden Lerche, und wenn ein friſcherer Luftzug vom Hügel herkam, erweiterte ſich ſeine Naſe, als ſey es eine Wohlluſt, ſolchen Hochgenuß einzu⸗ athmen. Mein Vater war bei all ſeiner Gelehrſamkeit und ſeiner Bekanntſchaft mit den literariſchen Schätzen aller Sprachen nur ſelten beredt; in den Worten aber, welche der Kapitän mit tiefer, bebender Stimme und ſeelenvollen Geberden vortrug, lag eine Glut und Leidenſchaftlichkeit, welche der Hälfte von dem, was er ſprach, einen poetiſchen Schwung verliehen. Jeder Satz⸗ jeder Ton der Stimme und jedes Spiel ſeiner Züge trug das Gepräge des Stolzes, wäh⸗ rend mein Vater, wenn ihm nicht gerade ſein Steckenpferd, der buchdruckerliche Ahn, in den Wurf kam, von dieſer Ei⸗ genſchaft ſo wenig beſaß, als ein Homöopath in ein Streu⸗ kügelchen zu bringen vermag. Er war nicht einmal ſtolz auf ſeinen Mangel an Stolz. Mochte man ihm alle ſeine Federn ausrupfen, ſo konnte man doch nur die Taube in ihm wecken. Mein Vater war langſam und mild, mein Onkel raſch und feurig— mein Vater räſonirte, mein Onkel ima⸗ ginirte— mein Vater hatte ſelten Unrecht, mein Onkel nie ganz Recht; aber wie mein Vater von ihm ſagte;„Roland ſchlägt auf den Buſch, bis der Vogel herausfliegt, den wir haben wollten. Er hat nie Unrecht, ohne uns damit nicht zugleich anzudeuten, was das Rechte iſt.“ An meinem Onkel war Alles ernſt, rauh und eckig, an meinem Vater Alles lieblich, zart und zu einer natürlichen Anmuth abgerundet. Der Charakter meines Onkels warf eine Menge von Schat⸗ ten gleich einem gothiſchen Rünſter unter einem uördlichen ir ht kel es et. at⸗ e „ 133 Himmel, während mein Vater heiter im Lichte ſtand wie ein griechiſcher Tempel um die Mittagszeit eines ſüdlichen Klimas. Und ihrem Weſen entſprach auch ihre Außenſeite. Die hohen Ablerzüge meines Onkels, ſeine dunkle Farbe, das raſche Feuer ſeiner Augen und die ſtets zuckende Ober⸗ lippe— alles dies bildete einen lebhaften Gegenſatz zu mei⸗ nes Vaters zartem Geſichtsſchnitt, dem ruhigen, ze ſtreuten Blick und der Lieblichkeit, die in ſeinem geiſtvollen Lächeln lag. Rolands Stirne war auffallend hoch und ſpitzte ſich in der Richtung zu, in welche die Phrenologen das Organ der Ehrfurcht verlegen; aber es fehlte ihr an Breite, und tiefe Furchen lagerten ſich auf derſelben. Die meines Va⸗ ters mochte wohl eben ſo hoch ſeyn; aber weiche, ſeidene Haare wehten achtlos darüber hin und verbargen wohl die Höhe, aber nicht die große Breite, auf welcher auch nicht eine Runzel zu bemerken war. Und dennoch fand eine große Familienähnlichkeit zwiſchen den beiden Brüdern ſtatt. Wenn Roland von einem weicheren Gefühl mild geſtimmt wurde, hatte er ganz den Blick Auguſtins, und wenn eine hohe Er⸗ regung meinen Vater beſeelte, hätte man ihn für Roland halten können. In der größeren Menſchenkenntniß, die mir das ſpätere Leben verſchaffte, machte ich mir oft Gedanken darüber, ob nicht, wie ſeltſam auch dieſe Anſicht ſeyn mag, von den beiden Brüdern jeder mehr Glück in der Welt ge⸗ macht haben würde, wenn ſie in frühen Jahren ihre Be⸗ ſtimmungen vertauſcht hätten, indem Roland zur Literatur griff, mein Vater aber in ein Feld der Thätigkeit gezwungen worden wäre. Erſterem hätte ſeine Leidenſchaftlichkeit und 134 Energie einen ſchnellen und nachdrücklichen Erfolg ſeiner Studien ſichern müſſen, ſo daß er ſich wahrſcheinlich als Ge⸗ ſchichtſchreiber oder Dichter ausgezeichnet haben würde, da nicht das Studium allein, ſondern auch die Kraft den Schriftſteller ausmacht. Wenn im Geiſte das Feuer heiß und raſch brennen ſoll, muß man, wie am Kamin, den Zug ver⸗ engern. Wäre dagegen mein Vater in die praktiſche Welt hineingedrängt worden, ſo hätte ſeine ruhige Tiefe der Auf⸗ faſſung, die Klarheit ſeines Verſtandes und die Richtigkeit der Anſichten, welche er nach reifer Erwägung zu den ſeinigen machte, vereint mit einer Gemüthsart, die durch Ungemach und Verluſt nicht aufzubringen war, und dem gänzlichen Mangel an Eitelkeit, Eigenliebe, Porurtheil und Leiden⸗ ſchaft vielleicht einen weiſen Rathgeber in den großen An⸗ gelegenheiten des Lebens, einen Rechtsgelehrten, einen Dip⸗ lomaten, einen Staatsmann, ja wohl auch einen großen General aus ihm geſtempelt, wenn nicht etwa ſeine warme Menſchenfreundlichkeit der militäriſchen Mathematik hinder⸗ lich geworden wäre. So aber— mit dem langſamen Pulſe, der nie durch eine Nothwendigkeit des Handelns geſpornt und nicht einmal durch den Gelehrtenehrgeiz aufgeregt wurde— erweiterte ſich der Geiſt meines Vaters mehr und mehr, bis die Kreiſe ſich in dem großen Ocean der Betrachtung verloren, während Rolands leidenſchaftliche Energie— durch jedes Hinderniß im Kampf mit ſeinem Geſchlecht bis zum Fieber geſteigert und immer mehr eingeengt, da ſie ſich in den Kanälen der militäriſchen Diseiplin und der Pflicht halten mußte— ihre W 135 angemeſſene Laufbahn ganz verfehlt hatte. Was zum Dich⸗ ter hätte werden können, war zum bloßen Humoriſten zu⸗ ſammengeſchrumpft. Und dennoch— wer, der euch je kannte, hätte wün⸗ ſchen mögen, daß einer von euch anders wäre, ihr argloſe, liebevolle, ehrliche und einfache Geſchöpfe? Beide einfach, trotz der Gelehrſamkeit des Einen, und ungeachtet der Vor⸗ urtheile, der Reizbarkeit, der Launen und Grillen des An⸗ dern Da ſitzt ihr nun auf der Höhe des alten Römerlagers, mein Vater einen Band der Kriegskunſt des Poliänus(oder iſt es Frontinus ²) aufgeſchlagen im Schooß, während die Schafe in den Furchen der Umſchanzungen graſen und der Stier von dem Platze aus, wo die römiſchen Cohorten mit blitzenden Waffen hinausbrachen, neugierig nach dir hinſieht. Euer jugendlicher Biograph ſteht mit verſchlungenen Armen hinter euch, und während der Gelehrte vorliest, deutet der Soldat mit ſeinem Stocke jeden eingebildeten Kriegspoſten an, ſo die idylliſche Landſchaft mit den Adlern Agricolas und den Sichelwägen Boadiceas erfüllend! Sechstes Kapitel. „In dieſem Lande iſt es nie zwei Stunden hinter einan⸗ der gleich,“ ſagte Onkel Roland, als wir nach dem Mittag⸗ eſſen oder vielmehr nach dem Nachtiſch meine Mutter in dem Beſuchzimmer aufſuchten. In der That war auch während der letzten zwei Stun⸗ 136 ven ein kalter Nebelregen eingetreten, und obſchon wir noch im Juli ſtanden, hatte ſich doch die Witterung zu einem ſo froſtigen Nachmittag umgewandelt als wäre es Oktober. Meine Mutter flüſterte mir zu und ich ging hinaus. Nach zehn Minuten loderten die Scheiter, denn wir wohnten in einer holzreichen Gegend, luſtig hinter dem Kamingitter. Warum konnte nicht meine Mutter die Klingel ziehen und der Magd Befehl ertheilen, Feuer anzuzünden? Mein lie⸗ ber Leſer, Kapitän Roland war arm und hielt die Spar⸗ ſamkeit für eine Kapitaltugend! Die beiden Brüder rückten ihre Stühle in die Nähe des Herds, mein Vater links, mein Onkel rechts, während ich mich mit meiner Mutter zu einem „Fuchs⸗ und Gänſeſpiel“ niederſetzte. Der Kaffee kam— nur eine einzige Taſſe für den Kapi⸗ tän— denn wir anderen vermieden dieſes aufregende Getränk. Und auf dieſer Taſſe befand ſich das Porträt— Seiner Gna⸗ den, des Herzog von Wellington! Während unſeres Spaziergangs nach dem Römerlager hatte meine Mutter Mr. Squills' Chaiſe geborgt und war nach unſerer Marktſtadt gefahren, um die Augen des Kapi⸗ tän mit dem Anblick ſeines alten Generals erfreuen zu können. Mein Onkel wechſelte die Farbe, ſtand auf, führte die Hand meiner Mutter nach ſeinen Lippen und ſetzte ſich ſchweigend wieder nieder. „Ich habe gehört,“ ſagte der Kapitän nach einer Pauſe,„daß der Marquis von Haſtings, an dem jeder Zoll ein Soldat und ein Gentleman iſt(und dies will nicht wenig heißen, da er von der Zehe bis zum Wirbel fünfundſiebenzig 137 Zolle mißt), als er den damals in der Verbannung lebenden Louis XVIII. in Donnington empfing, die Gemächer des hohen Gaſtes gerade ſo herrichten ließ, wie die, welche Seine Majeſtät in den Tuillerien bewohnt hatte. Dies war eine königliche Aufmerkſamkeit— Ihr wißt, daß Lord Haſtings von den Plantagenets abſtammt— eine königliche Auf⸗ merkſamkeit gegen einen König. Die Sache koſtete einiges Geld und machte ziemlich Aufſehen. Hier aber zeigt eine Frau daſſelbe königliche Zartgefühl in dieſem Stückchen Porcellan und thut dies ſo ruhig, daß wir Männer es für etwas ganz Gewöhnliches halten, Bruder Auſtin.“ „Da Du ein ſo großer Verehrer der Frauen biſt, Ro⸗ land, ſo müſſen wir es in der That bedauern, daß Du ſo einzeln ſtehſt. Du mußt wieder heirathen!“ Mein Onkel lächelte anfangs, furchte dann die Stirne und ſeufzte endlich tief auf. „Die Zeit wird Dir gar langſam hingehen in Deinem alten Thurme, armer Bruder,“ fuhr mein Vater fort, „wenn du nur Dein kleines Mädchen zur Geſellſchaft haſt.“ „und die Vergangenheit!“ verſetzte mein Onkel.„Die Vergangenheit, dieſe gewaltige Welt—“ „Liebſt Du noch immer Deine alten Ritterbücher, Froiſſart und die Chroniken, Palmerin von England und Amadis von Gallien?“ „Ich habe verſucht,“ entgegnete mein Onkel,„mich mit etwas gediegeneren Studien abzugeben. Und“— fügte er mit einem ſchlauen Lächeln bei—„Dein großes Buch wird 138 „ mir künftig für manchen langen Winter hinreichend Beleh⸗ rungsſtoff bieten.“ „Hum!“ räuſperte ſich mein Vater verlegen. „Du weißt doch,“ bemerkte mein Onkel,„daß Dame Primmins eine ſehr verſtändige Frau iſt, voll Phantaſie und eine treffliche Mährchenerzählerin?“ „Sicherlich iſt ſie dies, Onkel!“ rief ich, indem ich mei⸗ nen Fuchs in einer Ecke ließ.„O, wenn Ihr ſie hättet mit anhören können, wie ſie mir von König Arthur und dem Zauberſee oder von der grimmigen weißen Frau erzählte!“ „Ich habe ſie bereits beides erzählen hören,“ verſetzte mein Onkel. „Den Henker auch— was haſt du, Bruder? Frau, da müſſen wir aufſehen. Solche Kapitäne ſind gefährliche Gent⸗ lemen für einen ordentlichen Haushalt. Aber ich bitte, wie fandeſt du denn Gelegenheit zu ſolchen Privatunterhaltungen mit Mrs. Primmins?“ „Einmal blieb ich auf ihrem Zimmer,“ entgegnete Onkel Roland bereitwillig,„während ſie mir meine Hals⸗ binde ausbeſſerte, und das anderemal—“ Er hielt inne und blickte zu Boden. „Nun, und das anderemal?— heraus damit!“ „Unterhielt ich mich mit ihr, als ſie mir das Bett wärmte,“ fuhr Onkel Roland in halbem Flüſtern fort. „Du meine Güte!“ ſagte meine Mutter unſchuldig. „Dies war wohl damals, als das garſtige Loch in die Mitte des Leintuchs kam. Ich dachte mirs gleich, es ſey die Wärm⸗ pfanne.“„ 139 „Ich bin ganz erſchüttert,“ ſtotterte mein Onkel. „Haſt auch Urſache dazu,“ ſagte mein Vater.„Eine Weibsperſon, die bisher über allen Verdacht erhaben gewe⸗ ſen iſt! Doch genug davon,“ fügte er bei, als er die trau⸗ rige Miene meines Bruders bemerkte, der ohne Zweifel im Geiſte den wahrſcheinlichen Preis von zweimal ſechs Ellen holländiſcher Leinwand berechnete,„genng davon; du biſt ſtets ſelbſt ein tüchtiger Rhapſodiſt oder Geſchichtenerzähler geweſen. Laß uns einmal etwas von dir hören— etwas aus der eigenen Erfahrung, da dir ſicherlich manche tiefe Eindrücke vorgekommen ſind.“ „Wir wollen zuerſt die Lichter anzünden laſſen,“ ſagte meine Mutter. Die Lichter wurden gebracht, die Vorhänge niederge⸗ laſſen, und wir alle rückten unſere Stühle an den Herd. Mittlerweile aber war mein Onkel in ein düſteres Träumen verſunken, und als wir ihn aufforderten anzufangen, ſchien er mit Gewalt irgend eine ſchmerzliche Erinnerung abzu⸗ ſchütteln. „Ihr wünſcht von mir,“ ſagte er endlich,„daß ich euch eine Geſchichte aus meiner Erfahrung erzähle, die in meiner Erinnerung einen tiefen Eindruck zurückließ. So hört denn. Die Geſchichte betrifft zwar nicht mich ſelbſt, iſt mir aber ſeitdem oft durch den Sinn gegangen. Sie iſt traurig und eigenthümlich, Ma'am.“ „Ma'am, Schwager?“ verſetzte meine Mutter vor⸗ wurfsvoll, indem ſie ihre kleine Hand auf die große, ſonn⸗ 140⁰ verbrannte ſinken ließ, mit welcher der Kapitän während ſei⸗ ner Worte ihr zugewinkt hatte. „Auſtin, du haſt einen Engel geheirathet!“ ſagte mein Onkel; und er war, glaube ich, der einzige Schwager, der ſich je eine ſo gewagte Behauptung erlaubte. Siebentes Kapitel. Onkel Rolands Erzählung. „In Spanien— gleichviel, wo oder wie— hatte ich das Glück, einen franzöſiſchen Offizier von gleichem Rang mit mir, einen Lieutenant, gefangen zu nehmen. In unſe⸗ rer Geſinnungsweiſe lag ſo viel Aehnliches, daß wir warme Freunde wurden— er war mir der theuerſte Freund, Schwä⸗ gerin, den ich je außerhalb dieſes lieben Kreiſes beſaß. Er gehörte unter die rauhen Soldaten, welche von der Welt nicht gut behandelt wurden, ſchmähte aber nie über die Welt und behauptete, daß ihm nichts ſeine Verdienſte rau⸗ ben könne. Die Ehre war ſein Jol, und dieſes Gefühl ent⸗ ſchädigte ihn für den Verluſt alles Uebrigen. „Wir beide waren zu gleicher Zeit Freiwillige in einem fremden Dienſte— in dem ſchlimmſten aller Dienſte, dem Bürgerkrieg— er auf der einen, ich auf der andern Seite— und vielleicht beide getäuſcht in der Sache, für die ſie ſich erklärt hatten. „Auch in unſerem häuslichen Verhältniß fand Aehn⸗ lichkeit ſtatt. Er hatte einen Sohn, der ihm ſein Alles im Leben war neben ſeinem Vaterlande und ſeiner Pflicht. Auch ich hatte damals einen ſolchen Sohn, zwar jünger an Jahren.“(Der Kapitän hielt einen Moment inne; wir ſahen einander an, und ein peinliches Gefühl von Spannung bemächtigte ſich aller Zuhörer.)„Wir waren gewöhnt, Bruder, von dieſen Kindern zu ſprechen, uns ihre Zukunft auszumalen und unſere Hoffnungen und Träume zu ver⸗ gleichen. Wir hofften und träumten in derſelben Weiſe. Eine kurze Zeit genügte, dieſes Vertrauen herbeizuführen. Mein Gefangener wurde ins Hauptquartier geſchickt und bald nachher ausgewechſelt. „Erſt im letzten Jahre trafen wir uns wieder. Da ich gerade in Paris war, ſo erkundigte ich mich nach meinem alten Freunde und erfuhr, daß er zu R—, in kleiner Entfer⸗ nung von der Hauptſtadt, lebte. Ich wollte ihn beſuchen, fand aber ſein Haus leer und verlaſſen. Am nämlichen Tage war er, eines ſchweren Verbrechens beſchuldigt, in's Gefäng⸗ niß abgeführt worden. Ich ſuchte ihn daſelbſt auf und ver⸗ nahm aus ſeinem eigenen Munde ſeine Geſchichte. Sein Sohn war, wie er in der Wärme ſeines Herzens wähnte, in den Grundſätzen ehrenhafter Perſonen erzogen worden und kam, nachdem ſeine Ausbildung beendigt, nach R—, um im väterlichen Hauſe zu wohnen. Der junge Menſch ging oft nach Paris. Ein junger Franzoſe liebt Vergnügungen, Schwägerin, und dieſe ſind zu Paris in reichem Maße zu fin⸗ den. Der Vater hielt es für natürlich und entzog ſeinem Alter einige Bequemlichkeiten, damit der Sohn ſeine Jugend genießen möge. „Kurz nach der Ankunft des jungen Mannes bemerkte mein Freund, daß er beſtohlen wurde. Aus ſeinem Kaſten fam Geld abhanden, ohne daß er auf das Wie oder auf den Thäter rathen konnte. Die Diebſtähle mußten bei Nacht geſchehen. Er verbarg ſich und lauerte auf. Verſtohlen ſchlich eine Geſtalt herein, und er ſah, wie ein Nachſchlüſſel in das Schloß geſteckt wurde— er ſtürzte hervor, ergriff den Verbrecher und erkannte in dem Dieb ſeinen Sohn. Was hätte der Vater thun ſollen? Ich frage nicht Euch⸗ Schwä⸗ gerin, ſondern dieſe Männer; euch frage ich, Sohn und Vater!“ „Ihn aus dem Hauſe ſtoßen,“ rief ich. „Seine Pflicht erfüllen und den unglücklichen Elenden beſſern,“ ſagte mein Vater.„Nemo repentè turpissimus semper fuit— Niemand iſt gleich von vorneherein ganz ſchlecht.“ „Der Vater that, wie Du ihm gerathen haben wür⸗ veſt, Bruder. Er behielt den jungen Menſchen bei ſich und machte ihm Vorſtellungen— ja, er that noch mehr— er übergab ihm den Schlüſſel zur Geldeaſſe. Nimm, was ich habe, ſagte er; llieber will ich ein Bettler ſeyn, als das Bewußtſeyn in mir tragen, daß mein Sohn ein Dieb iſt.“ „Recht ſo,“ rief mein Vater.„Und der junge Menſch bereute und wurde ein ehrlicher Mann?“ Capitän Roland ſchüttelte den Kopf. „Er verſprach Beſſerung und ſchien reuig zu ſeyn, in⸗ dem er ſich zugleich mit den Verlockungen von Paris, den Spieltiſchen und was weiß ich ſonſt noch entſchuldigte. Die 143 täglichen Beſuche der Hauptſtadt wurden eingeſtellt, und es hatte den Anſchein, als lege er ſich fleißig auf Studien. Bald nachher wurde die Nachbarſchaft durch Gerüchte von nächtlichen Straßenräubereien in Schrecken geſetzt. Verlarvte bewaffnete Männer plünderten die Reiſenden und wagten ſogar Einbrüche in die Häuſer. „Die Polizei wurde aufmerkſam. In einer Nacht klopfte ein alter Waffenbruder an die Thüre meines Freun⸗ des. Es war ſpät. Der Veteran—(heiläufig bemerkt ein Krüppel, wie ich— ſeltſames Zuſammentreffen!)— lag in ſeinem Bette, kam aber eiligſt herunter, als der Bediente, welcher ihn weckte, ihm die Mittheilung machte, ein verwun⸗ deter und blutender alter Freund ſuche eine Zuflucht unter ſeinem Dache. Die Wunde war jedoch nur leicht. Man hatte den Reiſenden unterwegs angefallen und beraubt. Am andern Tage wurde der Stadtbehörde Anzeige davon gemacht. Der Beraubte beſchrieb ſeinen Verluſt— einige fünfhundert Frankenzettel in einem Taſchenbuch, auf wel⸗ ches ſein Name und die Krone eines Vicomte(er bekleidete nämlich dieſen Rang) geſtickt war. Der Gaſt blieb beim Mittagmahl. Nachmittags ſpät blickte der Sohn in's Zim⸗ mer. Der Gaſt fuhr bei ſeinem Anblick zuſammen, und mein Freund bemerkte deſſen Bläſſe. Bald nachher zog ſich der Vicomte unter dem Vorwande einer Schwächeanwand⸗ lung auf ſein Zimmer zurück und ließ ſeinen Wirth zu ſich bitten. „Mein Freund, ſagte er, wollt Ihr mir eine Gunſt 144 erweiſen? Ich bitte, ſchickt doch ſogleich auf das Polizeiamt und laßt das von mir abgegebene Zeugniß zurücknehmen. „Unmöglich, verſetzte mein Freund. Welche Grille ficht Euch an? „Der Gaſt ſchauderte. Peste! ſagte er, Ich wünſche in meinen alten Tagen nicht hart gegen Andere zu verfah⸗ ren. Wer weiß, was den Räsber verlockt haben mag und wer ſeine Verwandte ſind— vielleicht ehrenhafte Lente, die ſein Verbrechen für immer beſchimpfen würde! Gütiger Himmel, wird er entdeckt, ſo trifft ihn die Galeere, die Ga⸗ leere“ „Und was dann? Der Räuber wußte wohl, welcher Gefahr er ſich ausſetzte“ „Aber wenn ſein Vater es erführe? rief der Gaſt. „Ein Licht blitzte vor meinem unglücklichen Freunde auf. Er ergriff die Hand des Vicomte.— Ihr wurdet blaß beim Anblick meines Sohnes— wo habt Ihr ihn je zuvor ge⸗ ſehen? „In der letzten Nacht auf dem Wege nach Paris. Die Maske verſchob ſich. Ich bitte, verlangt mein Zeugniß zurück. „Ihr ſeyd im Irrthum„ verſetzte mein Freund ru⸗ hig. Ich habe meinen Sohn in ſeinem Bette geſehen und ihn geſegnet, ehe ich ſelbſt zur Ruhe ging“ „Ich will Euch glauben/ entgegnete der Gaſt, und nie ſoll der übereilte Verdacht über meine Lippen kommen — aber verlangt das Zeugniß zurück“ „Der Gaſt machte ſich vor Einbruch der Dunkelheit auf d uf 14⁵ den Weg nach der nicht ſehr fernen Hauptſtadt. Der Vater unterhielt ſich mit dem Sohn über den Gegenſtand ſeiner Studien, begleitete ihn nach ſeinem Zimmer, wartete, bis er im Bette lag, und wollte ſich eben entfernen, als ihm der Sohn noch zurief: Vater, Ihr habt Euern Segen ver⸗ geſſen. „Der Vater kehrte zurück, legte die Hand auf das Haupt des Jünglings und betete. Er war leichtgläubig— alle Väter ſind es! Sein Freund mußte ſich nothwendig getäuſcht haben. Er begab ſich zur Ruhe und entſchlief. Plötzlich erwachte er mitten in der Nacht, und es war ihm (ich führe hier ſeine eigenen Worte an) es war mir, ſagte er, als ob mich eine Stimme geweckt hätte, die mir zu⸗ rief: Steh' auf und ſuche nach! Ich erhob mich ſo⸗ gleich, ſchlug Licht und begab mich nach dem Zimmer mei⸗ nes Sohnes. Die Thüre war verſchloſſen. Ich klopfte ein⸗ mal, zweimal, dreimal— keine Antwort. Da ich es nicht wagte, laut zu rufen, weil ich das Geſinde zu wecken fürch⸗ tete, ſo ſtieg ich die Treppe hinunter— öffnete die Hinter⸗ thür— und ging nach dem Stalle. Mein Pferd war da, nicht aber das meines Sohnes. Das Thier wieherte; es war alt, wie ich ſelbſt— mein altes Schlachtroß von Mount St. Jean! Ich ſchlich zurück, verſteckte mich unfern der Thüre meines Sohns im Schatten der Wand und löſchte mein Licht aus. Es war mir, als ſey ich ſelbſt ein Dieb.“ „Schwager,“ unterbrach ihn meine Mutter mit verhal⸗ tenem Athem;„ſprecht in Euren eigenen Worten, nicht in denen jenes unglücklichen Vaters. Ich weiß nicht, wie Bulwer, die Caxtone. 10 146 es kommt, aber ich glaube, die Geſchichte würde mich dann weniger erſchüttern.“ Der Capitän nickte. „Vor Tagesanbruch hörte mein Freund leiſe die Hin⸗ terthüre aufgehen, ein Fußtritt kam die Treppe herauf, ein Schlüſſel knarrte im Schloß der nahen Zimmerthüre, und der Vater ſchlich hinter dem Sohne, welchen er in der Dun⸗ kelheit nicht bemerken konnte, in das Gemach. „Er hörte das Klappern des Feuerzeugs und das An⸗ ſchlagen des Lichtes, welches ſchnell ſeine Helle durch das Zimmer verbreitete, fand aber noch Zeit, ſich hinter einen nahen Fenſtervorhang zu verbergen. Die Geſtalt vor ihm ſtand einige Angenblicke regungslos da und ſchien zu hor⸗ chen, denn ſie wandte ſich bald rechts, bald links; das Ge⸗ ſicht war mit einer häßlichen ſchwarzen Maske bedeckt, wie man ſich ihrer bei Carnevalen bedient. Langſam wurde die Maske bei Seite gelegt. Konnte dies das Geſicht ſeines Sohnes— des Sohnes eines tapfern Mannes ſeyn?— Es war bleich und leichenhaft von der Angſt eines Schurken; der ſchnöde Schweiß der Furcht ſtand in großen Tropfen auf ſeiner Stirne, und das eingeſunkene Auge war von Blut unterronnen. Das Jammerbild ſah aus wie eine Memme, die den Tod vor Augen hat. „Der junge Menſch ging oder wankte vielmehr nach dem Schreibtiſch, ſchloß ihn auf und öffnete eine verborgene Schublade, in welcher er den Inhalt ſeiner Taſchen und vie ſchreckliche Maske verwahrte. Der Vater näherte ſich ihm leiſe, ſchaute über ſeine Schulter und bemerkte in dem 147 Schubfach das mit dem Namen ſeines Freundes geſtickte Taſchenbuch. Inzwiſchen hatte der Sohn ſeine Piſtolen her⸗ ausgenommen, den Hahn vorſichtig in Ruhe gebracht und wollte ſie eben gleichfalls verbergen, als der Vater ſeinen Arm feſthielt. Räuber, dieſe müſſen erſt noch gebraucht werden“ „Die Kniee des jungen Menſchen ſchlugen zuſammen und ein Ruf um Gnade entrang ſich ſeinen Lippen; als er ſich aber von der Erſchütterung ſeiner feigen Nerven erholt hatte und er bemerkte, daß ſein Arm nicht von einem Mieth⸗ linge des Geſetzes, ſondern von der Hand eines Vaters um⸗ krallt war, kehrte die ſchnöde Frechheit, welche nur von einer körperlichen Urſache etwas fürchtet, aber nicht die nieder⸗ ſchmetternde Gewalt der Scham kennt, wieder zurück. „Stille, ſagte er, verſchwendet Eure Zeit nicht mit Vorwürfen, denn ich fürchte, die Gensd'armen ſind mir auf der Spur. Es iſt gut, daß Ihr hier ſeyd; Ihr könnt ſchwö⸗ ren, daß ich die Nacht im Hauſe zugebracht habe. Laßt mich los, alter Mann— ich habe dieſe Zeugen noch zu ver⸗ bergen, und er deutete auf die naſſen, von Straßenkoth be⸗ ſudelten Kleider. Kaum hatte er ausgeſprochen, als die Wände erdröhnten und ſich vom Pflaſter draußen der ſchwere Hufſchlag vieler Roſſe vernehmen ließ. „Sie kommen! rief der Sohn, Hinweg, alter Narr! Rettet Euern Sohn von der Galeere. „Die Galeere, die Galeere! ſagte der Vater zurück⸗ bebend; es iſt wahr— er ſagte, die Galeere!““ „Am Thore wurde laut geklopft. Die Gensd'armen 10* 148 umringten das Haus. Aufgemacht im Namen des Ge⸗ ſetzes?“ Es folgte keine Antwort und die Thüre blieb ge⸗ ſchloſſen. Einige von den Reitern begaben ſich nach der Hinterſeite des Hauſes, wo der Stall lag. Aus dem Fenſter in dem Zimmer ſeines Sohnes ſah der Vater die plötzliche Helle von Fackeln und die ſchattenhaften Geſtalten der Menſchenjäger. Er vernahm das Geklirr der Waffen, als ſie ſich von ihren Roſſen ſchwangen, und hörte eine Stimme rufen: Hier iſt der Grauſchimmel des Räubers— ſeht, er dampft noch vom Schweiß?! Und hinten und vorn, von jeder Thüre her erſcholl wieder das Klopfen und der Ruf⸗ aufgemacht im Namen des Geſetzes“ „Dann begannen ſich die Fenſter der Nachbarhäuſer zu erhellen. Der Raum füllte ſich ſchnell mit Neugierigen, die aus ihrem Schlaf geſtört worden waren; alles kam auf die Beine, um zu erfahren, welches Verbrechen oder welche Schandthat Zutritt gewonnen hatte zu dem Hauſe des alten Soldaten. „Plötzlich hörte man im Innern den Knall einer Feuer⸗ waffe. Eine Minute ſpäter wurde die Vorderthüre geöffnet und der Soldat erſchien. „Tretet ein, ſagte er zu den Gensd'armen. Was wollt ihr?“„ „Wir fahnden auf einen Räuber, der ſich innerhalb Eurer Mauern befindet. „Ich weiß es; kommt und ſucht ihn— ich will Euch den Weg weiſen.“ „Er ſtieg mit ihnen die Treppe hinan und riß das Zimmer ſeines Sohnes auf. Die Diener der Gerechtigkeit drangen hinein, und am Boden lag die Leiche des Räubers⸗ „Sie ſahen ſich erſtaunt an. Nehmt hin, was noch übrig iſt von ihm/ ſagte der Vater. Nehmt den Todten, vem die Galeere erſpart iſt, und nehmt auch den Lebenden mit, an deſſen Hand das Blut des Todten klebt „Ich war bei dem Prozeſſe meines Freundes zugegen. Die Thatſachen hatten ſich ſchon vorher unter dem Volke Bahn gebrochen. Da ſtand er mit ſeinem grauen Haar, ſeinen zerſtümmelten Gliedern, der tiefen Narbe in ſeinem Geſicht und dem Kreuz der Ehrenlegion auf der Bruſt— und nachdem er ſeine Geſchichte vorgebracht hatte, ſchloß er mit den Worten— Ich habe dem Sohn, den ich für Frankreich erzogen, einen Urtheilsſpruch erſpart, welcher das Leben ſchont, um es mit Schande zu brandmarken. Iſt dies ein Verbrechen? Ich gebe euch mein Leben zum Tauſch für die Schmach meines Sohnes. Bedarf mein Vaterland eines Opfers? Ich habe für den Ruhm deſſelben gelebt und kann zufrieden ſterben, wenn damit ſeinen Geſetzen Genüge ge⸗ ſchieht. Nehme ich doch die Ueberzengung mit mir, daß diejenigen, welche mir Vorwürfe machen, mich nicht verachten, und daß die Hände, welche mich dem Henker überliefern, mein Grab mit Blumen beſtreuen werden. Ich bekenne Alles. Als Soldat blicke ich umher auf ein Volk von Soldaten, und im Namen des Sternes, der auf meiner Bruſt glänzt, fordere ich die Väter Frankreichs heraus, mich zu ver⸗ dammen! „Sie ſprachen den Soldaten frei oder gaben wenigſtens 15⁰ ein Verdikt ab, welches man in unſeren Gerichtshöfen mit dem Ausdruck vechtfertigbare Tödtung bezeichnen würde. Durch den ganzen Saal erſcholl ein Jubel, den keine Beam⸗ tenſtimme zu ſtillen vermochte, und die Menge würde ihn im Triumph nach Hauſe getragen haben, wenn ſein Blick nicht ſolche Eitelkeiten zurückgewieſen hätte. Er kehrte wohl nach Hauſe zurück, aber am andern Tage fand man ihn todt neben der Wiege, dieſer Zeugin ſeines erſten Gebets, das er über ſein ſündenloſes Kind hingehaucht hatte. Nun frage ich Euch, Vater und Sohn, verdammt Ihr dieſen Mann?“ 1 Achtes Kapitel. Mein Vater ging dreimal im Zimmer auf und ab, blieb vann vor ſeinem Herde ſtehen, faßte Onkel Roland in's Auge und ſprach folgendermaßen: „Ich verdamme ſeine That, Roland! Im beſten Falle war er nur ein ſtolzer Egviſt. Ich kann begreifen, warum Brutus ſeine Söhne tödten ließ; denn durch dieſes Opfer rettete er ſein Vaterland! Was rettete aber dieſer arme Mann, der ſich durch ein übertriebenes Gefühl bethören ließ, anderes, als ſeinen eigenen Namen? Er konnte von der Seele ſeines Sohnes weder das Verbrechen wegnehmen, noch war er im Stande, das Andenken an denſelben von Schande zu befreien. Es handelte ſich nur um Befriedigung ſeines Stolzes, und ohne daß er es wußte, wurde ihm jene That von dem Erzfeind eingegeben, der dem Menſchenherzen — 151 ſtets zuflüſtert: Fürchte die Anſichten der Menſchen mehr, als das Gebot Gottes? O mein lieber Bruder, Gemüther, wie das Deinige, ſollten nie vergeſſen, daß nicht die Ge⸗ meinheit das Schlimmſte im Böſen iſt— weit ſchlimmer noch iſt es, wenn das Böſe im Lichte eines falſchen Adels auftritt, indem es die königliche Majeſtät der Tugend als Maske vornimmt.“ Mein Onkel trat an das Fenſter, öffnete es und ſchaute einen Augenblick hinaus, als wolle er friſche Luft einathmen; dann ſchloß er es wieder leiſe und kehrte nach ſeinem Sitz zurück. Aber in der kurzen Zeit, während welcher das Fen⸗ ſter offen geſtanden, war ein Nachtfalter hereingeflogen. „Geſchichten, wie dieſe,“ nahm mein Vater im Tone des Mitleids wieder auf—„mögen ſie nun von einem großen Trauerſpieldichter vder in Deinem einfachen Style erzählt werden, Bruder— Geſchichten, wie dieſe haben übrigens auch ihren Nutzen. Sie dringen zum Herzen und machen es weiſer; aber alle Weisheit iſt beſcheiden, mein Roland. Sie laden uns ein, die Frage, die Du ſtellteſt, an uns ſelbſt zu richten.— Können wir dieſen Mann verdammen* und die Vernunft antwortet, wie ich es that.— Wir bemitlei⸗ den den Menſchen, verwerfen aber ſein Handeln. Wir— gib Acht, meine Liebe; der Schmetterling wird in's Licht jliegen. Wir— hu⸗iſch!— huiſch!“— Und mein Va⸗ ter hielt inne, um den Falter zu verſcheuchen. Onkel Roland wandte ſich um, nahm das Taſchentuch, mit welchem er den untern Theil ſeines Geſichts verhüllt hatte, um die Aufre⸗ gung ſeiner Züge zu verbergen, und ſuchte durch Schwenkung 152 deſſelben das geflügelte Inſekt von der Flamme abzuhalten. Meine Mutter ſtellte die Lichter in größere Entfernung, und ich bemühte mich, mit dem Strohhut meines Vaters den Schmetterling zu fangen. Aber der Teufel ſtack in dem Thiere, und alle unſere Mühe blieb vergeblich; es kreiste bald an der Decke hin, bald wieder um die verhängnißvollen Lichter her. Wie in Folge eines gemeinſchaftlichen An⸗ triebs brachte jetzt mein Vater das eine und Onkel Roland das andere Licht näher, und in demſelben Momente, in wel⸗ chem der Falter hin und her ſchwebte, unſchlüſſig, welche der Flammen er zu ſeinem Scheiterhaufen wählen ſollte, waren beide ausgelöſcht. Das Feuer brannte im Kamine nur noch ſchwach, und in der plötzlichen Dunkelheit nahm ſich die weiche liebliche Stimme meines Vaters wie die eines un⸗ ſichtbaren Weſens aus—„Wir verſetzen uns ſelbſt in Fin⸗ ſterniß, um einen Schmetterling vom Untergang zu retten, Bruder; dürfen wir weniger für unſere Mitmenſchen thun? Löſcht aus, ja löſcht menſchenfreundlich aus das Licht unſe⸗ res Verſtandes, wenn die Dunkelheit unſer Erbarmen mehr begünſtigt.“. Noch ehe die Lichter wieder angezündet waren, hatte mein Onkel das Zimmer verlaſſen. Sein Bruder folgte ihm. Ich aber und meine Mutter, wir rückten näher zuſammen und ſprachen mit einander in Flüſtertönen. 153 Pierter Abſchnitt. Erſtes Kapitel. Ich war ſtets ein Frühaufſteher. Glücklich der Menſch, der dies von ſich ſagen kann! Jeden Morgen erſcheint ihm der Tag mit jungfräulicher Liebe, roſig, friſch und rein. Die Jugend der Natur iſt anſteckend, wie der Frohſinn eines glücklichen Kindes. Ich zweifle, ob ein Menſch, der früh aufſteht und ſeine Morgenſpaziergänge macht, alt' genannt werden kann. Ach, und die Jugend— glaubt mir!— die Jugend, welche in Pantoffeln und Schlafrock bis zum Mittag über ihrem Frühſtück trödelt, iſt ein gar welkes und unheim⸗ liches Bild derjenigen gegenüber, welche die Sonne unter den Bergen erglühen und die Thautropfen unter den Blumen der Gehäge blitzen ſieht. Als ich an dem Studierzimmer meines Vaters vorbei⸗ kam, war ich nicht wenig verwundert, die Fenſter offen zu ſe⸗ hen; noch mehr aber überraſchte es mich, als ich beim Hin⸗ einſchauen meinen Vater über ſeinen Büchern bemerkte, da er ſonſt ſeine Studien erſt nach dem Frühſtück zu beginnen pflegte. Studirende gehören in der Regel nicht zu den Frühaufſtehern, da ſie leider, in welchem Alter ſie ſich be⸗ finden mögen, ſelten jung ſind. Ja; das große Werk mußte allen Ernſtes gefordert werden. Es handelte ſich 154 nicht länger um ein Spielen mit Gelehrſamkeit; hier war Arbeit.. Ich trat durch das Gartenthor in die Straße hinaus. Einige der Bauernhäuſer entfalteten bereits Zeichen des zurückkehrenden Lebens; aber die Stunde der Arbeit war noch nicht gekommen, und kein„Guten Morgen, Sir,“ begrüßte mich auf dem Wege. Da wurde ich plötzlich an einer Wen⸗ dung, welche mir eine überhängende Buche verborgen hatte, meines Onkels Roland anſichtig. „Wie, Ihr hier, Sir? Schon ſo früh? Hört; es ſchlägt eben fünf Uhr!“ „Nicht ſpäter? Nun, ſo bin ich für einen lahmen Mann recht rüſtig ausgeſchritten. Ich mußte anderthalb Stunden weit gehen und wieder zurück.“ „Ihr ſeyd in— geweſen, doch wohl nicht Geſchäfte hal⸗ ber? Ihr würdet keinen Menſchen auf getroffen haben.“ „Ja, aber in den Wirthshäuſern iſt ſtets Jemand auf. Die Stallknechte ſchlafen nie. Ich habe mir eine beſchei⸗ dene Chaiſe mit ein Paar Pferden beſtellt, da ich euch heute verlaſſe, Neffe.“ „Ach, Onkel, wir haben Euch beleidigt. Es war thoͤ⸗ richt von mir— jener verwünſchte Buchdruck—“ „Pah!“ unterbrach mich mein Onkel raſch.„Mich veleidigt, Junge! Ich biete Dir Trotz!“ Und er drückte mir rauh die Hand. „Aber dieſer plötzliche Entſchluß! Erſt geſtern noch habt Ihr in dem Römerlager mit meinem Vater einen Aus⸗ ſing nach C— Caſtle verabredet.“ un h kte och 16 155 „Kehre Dich nicht an einen launigen Mann. Ich muß heute Abend in London ſeyn.“ „Um morgen wieder zurückzukehren 7 „Ich weiß nicht, wann dies geſchehen wird,“ verſetzte mein Onkel und blieb für einige Augenblicke ſtumm; dann aber lehnte er ſich leicht auf meinen Arm und fuhr fort: „Junger Mann, Du gefällſt mir. Ich liebe Deine offene, kecke Stirne, auf welche die Natur geſchrieben hat: Ver⸗ traue mir. Ich liebe dieſe klaren Augen, die dem Mann männlich in's Geſicht ſehen. Wir müſſen näher bekannt werden— viel näher. Beſuche mich einmal in dem bau⸗ fälligen Horſt Deiner Vorfahren.“ „Dies werde ich gewiß— und Ihr zeigt mir dann den alten Thurm—“ „Und die Reſte der Außenwerke,“ rief mein Onkel, ſei⸗ nen Stock ſchwingend. „Und den Stammbaum—“ „Ja, und Deines Urältervaters Rüſtung, die er bei Marſton Moor trug—“ „Und die Erztafel in der Kirche, Onkel.“ „Der Teufel ſteckt in dem Jungen! Komm her— komm her; ich habe gute Luſt, Euch den Schädel einzuſchla⸗ gen, Sir!“ „Es iſt Schade, daß nicht Jemand ein Gleiches that an vem ſchuftigen Buchdrucker, eh'er die Unverſchämtheit hatte, uns dadurch zu beſchimpfen, daß er Familie hatte, Onkel.“ Kapitän Roland verſuchte, ein finſteres Geſicht zu ma⸗ chen, war es aber nicht im Stande. 156 „Pah,“ ſagte er, indem er ſtehen blieb und eine Priſe nahm.„Die Welt der Todten iſt weit; warum ſollten uns die Geiſter beläſtigen?“ K „Wir können den Geiſtern nie entgehen, Onkel. Sie umſpucken uns allenthalben. Wir können nicht denken oder handeln, ohne daß uns die Seele eines Verſtorbenen den Weg weist. Die Todten ſterben nie, namentlich ſeit—“ „Seit was, Junge? Du ſprichſt gut.“ „Seit unſer großer Ahnherr den Bücherdruck einführte,“ ſagte ich majeſtätiſch. Mein Onkel pfiff„Malbrook s'en va-t-en guerre.“ „Ich hatte nicht das Herz, ihn weiter zu quälen. „Friede,“ ſagte ich, indem ich mich vorſichtig in den Bereich ſeines Stockes ſchlich.“ „Nein! Ich warne Dich—“ „Friede! und heſchreibt mir mein Bäschen, Eure hübſche Tochter— denn hübſch muß ſie ſeyn, davon bin ich über⸗ zeugt.“ „Friede,“ entgegnete mein Onkel lächelnd.„Aber Du mußt kommen und Dir ſelbſt ein Urtheil bilden.“ Zweites Kapitel. Onkel Roland war fort. Vor ſeiner Abreiſe hatte er ſich eine Stunde mit meinem Vater eingeſchloſſen„der ihn ſodann nach dem Thore begleitete; wir alle waren um ihn verſammelt, als er in den Wagen ſtieg. Nach der Entfer⸗ hn hn r⸗ 157 nung des Kapitäns verſuchte ich, meinen Vater über den Grund einer ſo plötzlichen Abreiſe auszuholen; aber dieſer blieb in allem, was die Geheimniſſe ſeines Bruders betraf, völlig unzugänglich. Ob ihm der Kapitän die Urſache ſei⸗ ner Unzufriedenheit mit dem Sohne vertraut hatte, oder nicht— ein Geheimniß, daß mir viele Anfechtungen machte — mein Vater verhielt ſich ſtets ſtumm darüber, ſowohl gegen meine Mutter, als gegen mich. Zwei oder drei Tage lang zeigte übrigens Mr. Carton eine ſehr augenfällige Un⸗ ruhe; ſogar das große Werk wurde vernachläßigt, und er ging viel allein oder nur von der Ente begleitet ſpazieren, ohne daß er ein Buch bei ſich hatte. Allmälig kehrte jedoch die Gewohnheit des Gelehrten zurück. Meine Mutter ſchnitt ihm ſeine Federn, und das Werk machte Fortſchritte. Da ich, namentlich morgens, mir viel ſelbſt übe laſſen war, ſo begann ich raſtlos über meine Zukunft nachzudenken. Wie undankbar, daß das Glück der Heimath aufgehört hatte, mich zu befriedigen! Ich hörte in der Ferne das Toſen der großen Welt und ſehnte mich ungeduldig an die ufer dieſes Oceans. Endlich, eines Abends, entſprach mein Vater nach einigem beſcheidenen Räuſpern und mit einer ungekünſtelten Röthe auf ſeiner ſchönen Stirne der ihm oft vorgetragenen Vitte, indem er mir einige Abſchnitte aus dem großen Werke vorlas. Ich kann nicht ausſprechen, welche Gefühle dieſe Vorleſung in mir hervorrief— ſie waren mit einer Art heiliger Ehrfurcht verwandt. Die Anlage des Buches war ſo unabſehbär, und zur Ausführung gehörte eine ſo um⸗ 158 faſſende Gelehrſamkeit nach allen Richtungen hin, daß es mir vorfam, als thue ſich eine neue Welt vor mir auf, die immer zu meinen Füßen gelegen hatte, obſchon ſie vor mei⸗ ner menſchlichen Blindheit bisher verborgen gehlieben. Die unſägliche Geduld, mit welcher alle dieſe Materialien Jahr um Jahr geſammelt worden waren— die Leichtigkeit, mit welcher ſie jetzt unter dem ruhigen Einfluſſe eines Genies von ſelbſt in ein Syſtem zu fallen und harmoniſch ſich an⸗ einander anzureihen ſchienen— die argloſe Beſcheidenheit, mit welcher der Gelehrte die Schätze eines arbeitſamen Lebens ausbreitete— alles vereinigte ſich, um mir meinen eigenen raſtloſen Ehrgeiz zum Vorwurf zu machen, während es mich mit einem Stolz auf meinen Vater erfüllte, welcher meiner verletzten Selbſtſucht den Schmerz erſparte. Hier ward in der That eines jener Bücher, welche ein ganzes Daſeyn in ſich faſſen, wie Bayles hiſtoriſches Wörterbuch, die Geſchichte von Gibbon oder die Fasti hel- lenici von Klinton— ein Buch, zu welchem Tauſende von Büchern beigetragen hatten, nur um die Originalität des einzelnen Geiſtes kühner und klarer hervortreten zu laſſen. In der Eſſe waren die goldenen Gefäſſe aller Jahrhunderte geſchmolzen worden, aber aus der Form kam eine neue Münze hervor mit einem ihr eigenthümlichen Gepräge. und zum Glück hinderte der Gegenſtand des Werks den Verfaſſer nicht, ſeiner naiven, humoriſtiſchen Jronie mit ihrer Ruhe und Tiefe Raum zu geben. Meines Vaters Buch führte den Titel:„Geſchichte des menſchlichen Irr⸗ thums.“ Es war daher eine Sittengeſchichte unſeres Ge⸗ n⸗ ich che es ⸗ on des en. rte eue ge. den mit ers rr⸗ Ge⸗ 159 ſchlechts, vorgetragen mit Ernſt und Wahrheit, obſchon zu⸗ gleich auch mit einem ſchalkhaften, nicht böswilligen Lächeln. Bisweilen griff dieſes Lächeln wohl auch bis zu Thränen an, denn in allem ächten Humor liegt der Keim des Pathe⸗ tiſchen. Oh! bei der Göttin Moria oder Thorheit, wie war er zu Hauſe in ſeinem Thema! Er betrachtete den Men⸗ ſchen zuerſt im Zuſtande der Wildheit und zog dabei die beſtimmten Berichte neuerer Reiſenden den unſicheren My⸗ then des Alterthums oder den Träumen der Philoſophen über die Urzeit vor. Aus Auſtralien und Abyſſinien entwarf er ſchmuckloſe Bilder ſterblicher Weſenheit mit einem Feuer, als ob er ſein ganzes Leben unter Buſchmännern und Wil⸗ den zugebracht hätte. Dann ſetzte er über das atlantiſche Weltmeer und zeichnete den amerikaniſchen Indianer mit ſei⸗ nem edeln Weſen, wie er eben im Begriff war, ſich zur Ci⸗ viliſation emporzuneigen, als ihn Freund Penn um ſein Geburtsrecht betrog und der Angloſachſe ihn zurücktrieb in die Finſterniß. Er zeigte die Analogie und den Gegenſatz zwiſchen dieſer Spielart unſeres Geſchlechtes und anderen, die gleichweit entfernt waren von den äußerſten Gränzen des wilden Zuſtandes und der Cultur. Der Araber in ſeinem Zelt, der Teutone in ſeinen Utwäldern, der Grönländer in ſeinem Boot und der Finne in ſeinem Rennthierſchlitten. Da kamen die rohen Götter des Nordens und der wieder⸗ erweckte Druidismus, von ſeinem früheren tempelloſen Glau⸗ ben übergehend zu der ſpäteren Verderbniß des Götzendienſts — ihnen zur Seite der Saturn der Phönizier, der myſtiſche Budh Indiens, die Elementargottheiten der Pelasger, der 160 Naith und Serapis Egyptiens, der Ormudz der Perſer, der Bel von Babylon und die geflügelten Genien des anmuthi⸗ gen Etruriens. Wie Natur und Leben die Religion bilde⸗ ten— wie die Religion die Sitten umwandelte— wie und durch welche Einflüſſe einige Stämme für den Fortſchritt reiften— wie andere beſtimmt waren, ſtehen zu bleiben, durch den Bruderkrieg verſchlungen oder in Knechtſchaft geführt zu werden— alles dies war mit einer Genauig⸗ keit ausgeführt, ſo klar und zwingend, wie die Stimme des Schickſals. Nicht nur Alterthumsforſcher und Sprachen⸗ kundiger, ſondern auch Anatom und Philoſoph, behandelte mein Vater auch alle die wichtigen Punkte und prüfte die verſchiedenen Anſichten, welche auf den Unterſchied der Race Bezug haben. Er zeigte, wie letztere bis zu einem ge⸗ wiſſen Grad durch Vermiſchung vervollkommnet werden könne, wie eben die gemiſchten Racen die einſichtsvollſten ſeyen und wie ſie in demſelben Verhältniß, in welchem örtliche Verhältniſſe und der religiöſe Glaube eine Mengung verſchiedener Stämme geſtatteten, in Aufſchwung kamen und in den Verfeinerungen der Civiliſation Fortſchritte machten. Er folgte der Erhebung und Zerſtreuung der Hellenen von ihrer mythiſchen Wiege in Theſſalien an und wies nach, wie die Küſtenbewohner, die dem Handel und dem Verkehr mit Fremden nicht ausweichen konnten, Griechenland ſeine wun⸗ derbare Vervollkommnung in Künſten und Wiſſenſchaften, dieſen Blüten der alten Welt, gaben. Wie andere,. B. die Spartaner, welche ſtets im Lager ſich aufhielten und vor ihren Nachbarn auf der Hut ſeyn mußten, bei dem ſtrengen 161 Feſthalten an ihrer doriſchen Abkunft weder Künſtler noch Dichter oder Philoſophen erzeugten, um zu der goldenen Schatzkammer des Geiſtes ihren Zoll abzutragen. Dann betrachtete er die alten Stämme der Kelten und Kimmern, indem er die Kelten, welche, wie in Wales, den ſchottiſchen Hochlanden, der Bretagne und dem unerklärlichen Irland, ihre alten Charakterzüge und die Reinheit des Blutes be⸗ wahrten, mit denen zuſammenhielt, welche von Paris aus über die Sitten und Revolutionen der Welt gebieten. Den Normannen in ſeiner alten ſcandinaviſchen Heimath ver⸗ glich er mit jenem Wunder von Einſicht und Ritterlichkeit, zu dem er ſich bildete, als allmälig das Blut des Franken, des Gothen und des Angloſachſen ſich mit dem ſeinigen miſchte— den Sachſen, welcher im Lande des Horſa an der Scholle klebt, mit dem Koloniſten, welcher den Erdball civiliſirt, nachdem er— Gott weiß, aus welchen Kanälen, franzöſiſchen, flämiſchen, däniſchen, welſchen, ſchottiſchen und iriſchen— ſanguiniſchere Elemente in ſich aufgenommen hat. Und aus allen dieſen Betrachtungen, denen ich nur eine übereilte, ſpärliche Gerechtigkeit wiederfahren laſſe, ge⸗ langte er zu der geſegneten Wahrheit, welche auch dem Lande des Kaffern und der Hütte des Buſchmanns einen hoffnungsvollen Troſt bringt, daß weder in dem abgeplat⸗ teten Schädel, noch in der ſchwarzen Haut etwas liege, was in Widerſpruch trete mit dem göttlichen Geſetz des Beſſerwerdens— und daß man nach dem nämlichen Prin⸗ zipe, welches den Hund, im wilden Zuſtande ein ſo gemei⸗ nes Thier, durch Vermiſchung der Spielarten zu dem edel⸗ Bulwer, die Cartone. 11 ſten nach dem Menſchen umwandle, die Auswürflinge der Menſchheit, welchen jetzt nur unſer Mitleid oder unſere Verachtung zu Theil wird, zu Nationen voll Majeſtät und Macht erheben könne. Wenn aber mein Vater in das Mark ſeines Thema's gerieth— wenn er, von dieſen einleitenden Betrachtungen abgehend, auf die ſogenannte 2 Leisheit der Weiſen niederfuhr— wenn er auf die Civiliſation ſelbſt zu ſprechen kam mit ihren Schulen, Säulenhallen und Akade⸗ mien— wenn er, die Thorheiten bloßſtellte, die unter den Kollegien der Aegypter und unter den Sympoſien der Grie⸗ chen verborgen waren— wenn er nachwies, daß die Griechen ſogar in ihrem Lieblingsſtudium, der Metaphyſik, nur Kin⸗ der und ſelbſt die Römer auf ihrem praktiſcheren Gebiete, der Politik, blos Träumer und Stümper waren— wenn er, dem Strom des Irrthums durch ſpätere Perioden folgend, die Puerilitäten des Agrippa und die Unvergohrenheit des Cardan berührte, um ſodann mit ſeinem ruhigen Lächeln überzugehen auf die Salons der plapperſüchtigen Pariſer Witzlinge im achtzehnten Jahrhundert; oh! dann war ſeine Ironie die eines Lucian, gemildert durch den edeln Geiſt eines Erasmus. Denn nicht einmal hier ſtreifte ſein Spott an die höhniſche Kälte der mephiſtopheliſchen Schule. Aus dieſer Darſtellung des Irrthums leitete er die großartigen Aeren der Wahrheit ab, indem er zeigte, daß ernſte Männer nie vergeblich denken, wie irrthümlich auf ihre Gedanken ſeyn mögen. Er bewies, wie in weiten Kreiſen ein Jahr⸗ hundert ums andere der menſchliche Geiſt fortſchreite— gleich dem Ocean hier zurückweichend und dort vorrückend; 163 wie von den Spekulationen der Griechen alle wahre Phi⸗ loſophie ausging, wie ſich aus den Staatseinrichtungen der Römer alle Beſtand habende Regierungsſyſteme entwickel⸗ ten; wie den kräftigen Thorheiten des Nordens der Ruhm der Ritterlichkeit, das zarte Ehrgefühl unſerer Periode und der veredelnde Einfluß des Weibes entſtammte. Er führte die Ahnenſchaft unſerer Sidney's und Bayarde bis auf die Hengiſte, Genſeriche und Attila's zurück. Voll von ent⸗ ſprechenden und unterhaltenden Anekdoten, originell in den Beleuchtungen und reich an jenen gelehrten Feinheiten, welche nur einem auf's Edelſte ausgebildeten Geſchmack entquellen, unterhielt das Buch, während es zugleich hinriß und bezau⸗ berte. Die Belehrung verlor ihr pedantiſches Gewand bald in der Einfachheit eines Montaigne, bald in dem durch⸗ vringenden Geiſt eines La Bruyère. Er lebte in jeder Zeit, die er ſchilderte, und die Zeit lebte in ihm wieder auf. Ah⸗ welch' einen Romanſchreiber hätte er nicht gegeben, wenn — wenn was? Wenn ep eben ſo traurige Erfahrungen ge⸗ macht hätte über die Leidenſchaften der Menſchen, als er eine glückliche Anſchauung ihrer Wunderlichkeiten beſaß. Doch wer das ufer ſich abſpiegeln ſehen will, muß dazu den Fluß, nicht das Meer wählen. Der ſchmale Strom gibt den knorrigen Baum, die graſende Heerde, den Dorfkirchthurm und die ganze Romantik der Landſchaft wieder, während die See nur den gewaltigen Umriß der Küſte und die Lichter des ewigen Himmels reflektirt. 11* Drittes Kapitel. „Es iſt ein Bazar gegen ein Maikäferhäuschen,“ be⸗ merkte Onkel Jack. „Sind die Wahrſcheinlichkeiten zu Gunſten des Ruhms, dem Fehlſchlagen gegenüber, ſo groß? Ihr ſchweigt— wie ich fürchte, aus Erfahrung,“ entgegnete mein Vater, indem er ſich niederbeugte, um die Ente hinter dem linken Ohr zu kitzeln. „Aber Jack Tibbets iſt nicht Auſtin Caxton. Jack Tibbets iſt kein Gelehrter, kein Genie, kein—“ „Halt!“ rief mein Vater. „Im Grunde hat Mr. Tibbets doch nicht weit fehlge⸗ ſchoſſen,“ ſagte Mr. Squills—„ohne alle Schmeichelei. Der Abſchnitt in Eurem Buche, welcher die Crania oder Schädel der verſchiedenen Racen vergleicht, iſt prächtig. Lawrence oder Dr. Prichard hätte den Gegenſtand nicht ſchoner behandeln können. Ein ſolches Buch darf der Welt nicht verloren gehen, und ich bin mit Mr. Tibbets einver⸗ ſtanden, daß Ihr es ſo bald als möglich drucken laſſen ſolltet.“ „Es iſt zweierlei, zu ſchreiben und das Geſchriebene im Druck zu veröffentlichen, verſetzte mein Vater unſchlüſ⸗ ſig.„Wenn man alle die großen Männer berückſichtigt, welche ihre Werke herausgaben, wenn man bedenkt, man wolle ſich dreiſt eindringen in die Geſellſchaft eines Ariſto⸗ teles, eines Bacon, eines Locke, eines Herder— mit einem Wort, in die Geſellſchaft aller der ehrwürdigen Philoſo⸗ 165 phen, welche mit erhabenem Geiſt über die Natur nach⸗ vachten— da kann man wohl zaudern und—“ „Pah!“ unterbrach ihn Onkel Jack,„die Wiſſenſchaft iſt kein Club, ſondern ein Ocean, der dem Kahn ſo gut offen ſteht, als der Fregatte. Der Eine befährt ihn mit werthvollen Handelsgütern, der Andere will eine Ladung Heringe heimbringen. Wer kann das Meer ausſchöpfen? Wer ſagt zu dem Geiſte, die Tiefen der Philoſophie ſind bereits ergründet.“ „Bewundernswürdig!“ rief Squills. „Es iſt alſo wirklich Euer Rath, meine Freunde,“ ſagte mein Vater, dem Onkel Jacks beredter Schwung ein⸗ zuleuchten ſchien,„daß ich meine Haushaltgötter verlaſſen ſoll, um, weil meine Bibliothek meinen Bedürfniſſen nicht mehr entſpricht, nach London zu ziehen, in der Nähe des britiſchen Muſeums eine Wohnung zu nehmen und wenig⸗ ſtens den erſten Theil in einem Zuge zu beendigen?“ „Es iſt eine Pflicht, die Ihr dem Vaterlande ſchul⸗ det,“ ſagte Onkel Jack feierlich. „Und Euch ſelbſt,“ drängte Squills.„Mun muß die natürlichen Ausleerungen des Gehirns unterſtützen. Ja, lächelt nur, Sir; ich habe die Wahrnehmung gemacht, daß der Menſch, wenn er viel in ſeinem Kopf hat, einen Aus⸗ weg dafür ſuchen muß, oder es macht ihm Beſchwerden und Pringt ſein ganzes Syſtem in Verwirrung. Die Zerſtrent⸗ heit geht allmälig in ein betäubtes Weſen über, und die Laſt des Druckes greift die Nerven an. Ich möchte Euch nicht vafür ſtehen, ob Ihr nicht von einem Schlag gerührt werdet.“ „Ach, Auſtin!“ rief meine Mutter zärtlich, indem ſie ihren Arm um den Hals des mit einer ſo ſchlimmen Aus⸗ ſicht bedrohten Mannes ſchlang. „Gebt Euch nur, Vater— Ihr ſeyd beſiegt,“ ſagte ich. „Und was ſoll aus Dir werden,„Siſty?“ fragte mein Vater.„Willſt Du mit uns? Aber der Aufenthalt in Lon⸗ don wird Dich zu ſehr zerſtreuen, ehe Du die Univerſität be⸗ ziehſt.“ „Onkel Roland hat mich nach ſeinem Schloß eingela⸗ den. Bis ich ihn beſuchen kann, will ich hier bleiben und fleißig arbeiten, dabei auch für die Ente Sorge tragen.“ „Ganz allein?“ fragte meine Mutter. „Nein, nicht ganz allein! Ich hoffe, Onkel Jack wird ſeine Beſuche gerade ſo fortſetzen, wie bisher.“ Onkel Jack ſchüttelte den Kopf. „Nein, mein Junge— ich muß mit Deinem Vater nach London. Du verſtehſt nichts von ſolchen Dingen. Ich werde ſtatt ſeiner die Buchhändler beſuchen, denn ich weißi, wie man mit dieſen Herren umſpringen muß. Ich werde die literariſchen Kreiſe auf die Erſcheinung des Buches vor⸗ bereiten. Ich weiß allerdings, es iſt ein Opfer, das ich eurem Intereſſe bringe, da meine Zeitung darunter leiden wird. Aber die Freundſchaft und das Wohl meines Vater⸗ landes geht allem vor!“ „Mein lieber Jack,“ ſagte meine Mutter mit Wärme. „Ich kann dies nicht zugeben,“ rief mein Vater.„Ihr habt ein gutes Einkommen und thut wohl, wenn Ihr bleibt, wo Ihr ſeyd. Was das Beſuchen der Buchhändler betrifft, 167 ſo iſt noch Zeit genug dafür vorhanden, wenn ich mit dem Werke fertig bin. Ihr mögt dann etwa eine Woche nach London kommen und dieſe Angelegenheit ins Reine bringen.“ „Mein lieber, guter Auſtin,“ verſetzte Onkel Jack mit der Miene der Ueberlegenheit und des Mitleids.„Eine Woche!— Sir, das Erſcheinen eines Buches, welches Glück machen ſoll, bedarf einer Vorbereitung von Mona⸗ ten. Pah! Ich bin kein Genie, aber ein praktiſcher Mann und weiß ein Bischen von der Welt. Laßt mich nur machen.“ Aber mein Vater blieb hartnäckig, und Onkel Jack hörte endlich auf, in der Sache weiter zu drängen. Die Reiſe nach London und zum Ruhme war ſomit beſchloſſen. Indeß wollte mein Vater nichts davon hören, daß ich zurückbleiben ſollte. Nein; Piſiſtratus mußte gleichfalls nach London, um daſelbſt die Welt zu ſehen. Die Ente konnte inzwiſchen wohl für ſich ſelbſt ſorgen. Viertes Kapitel. Wir hatten die Vorſicht beobachtet, am Tag vor un⸗ ſerer Abreiſe in oder auf jenem ſchnellen Familienwagen, der kürzlich unter dem Titel„die Sonne“ zur beſonderen Vequemlichkeit der Umgegend ſeinen Lauf begonnen hatte, vier Plätze(denn Mrs. Primmins ſollte auch mitreiſen) zu beſtellen. Dieſes Geſtirn, welches in einer drei Stunden entlege⸗ 168 nen Stadt aufging, beſchrieb anfänglich eine ſehr erratiſche Linie durch die benachbarten Dörfer, ehe es in die Hochſtraße des Lichts einbog und nun ſeinen Weg Angeſichts der Menſch⸗ heit mit der majeſtätiſchen Geſchwindigkeit von dritthalb Stunden in einer fortſetzte. Wir erwarteten am Garten⸗ thore die Ankunft des himmliſchen Gaſtes— mein Vater die Taſchen mit Bücher gefüllt und einen Quartband von „Gebelin's Urwelt“ als leichte Reiſelektüre unter dem Arm — meine Mutter mit einem Körbchen, welches ſelbſtge⸗ backene Sandwiches und Zwiebackſchnitten enthielt— Mrs. Primmins mit einem für dieſen Anlaß neugekauften Sonnen⸗ ſchirm und einem Käfig, in welchem ſich ein Kanarienvogel befand, der ihr mehr um ſeines Alters und eines von ihr ge⸗ heilten Pipſes willen, als wegen ſeines Geſanges theuer war — und meine Wenigkeit ohne irgend eine Belaſtung als müßiger Lungerer. Der Gärtner ſtand mit einem Schub⸗ karren voll Koffern und Reiſeſäcken ein wenig in der Vor⸗ hut, und der Bediente, welcher nach Auffindung eines paſ⸗ ſenden Quartiers nachfolgen ſollte, hatte ſich auf eine Anhöhe begeben, um dem Dämmerlichte der erwarteten„Sonne“ entgegen zu ſehen und uns ihre Ankunft durch ein verabre⸗ detes Signal mit dem an ſeinen Stock gebundenen Taſchen⸗ tuch kund zu thun. Das hübſche, alte Haus ſah aus allen ſeinen verlaſſenen Fenſtern traurig auf uns nieder. Die vom Packen übrig gebliebenen Reſte vor der Thür und in der offenen Halle, die Heu⸗ und Strohwiſche, die Körbe und Truhen, welche man unterſucht und zurückgewieſen hatte, andere, die von „ 169 Stricken umwunden und zuſammengeſtellt, mit dem Be⸗ dienten nachkommen ſollten, und die beiden erhitzten Mägde, welche flüſternd halbwegs zwiſchen der Thüre und dem Gar⸗ tenthore ſtanden und dabei ausſahen, als ob ſie eine ganze Woche nicht geſchlafen hätten— alles dies verlieh dem ſonſt ſo reinlichen und geordneten Platze das pathetiſche Aeußere der Verlaſſenheit. Der Genius der Heimath ſchien uns Vorwürfe zu machen. Ich fühlte, die Omina waren gegen uns, und wandte den ſehnſüchtigen Blick von dem Tummel⸗ platze hinter uns mit einem Seufzer ab, als die Kutſche in all ihrer Großartigkeit vor uns auffuhr. Eine wichtige Per⸗ ſon, der Condukteur, welcher trotz der Hitze des Tages in eine Menge von Pelzwerk gehüllt war, in deſſen Mitte ein ver⸗ goldeter Fuchs gallopirte, ſtieg aus, um uns in aller Höf⸗ lichkeit die Mittheilung zu machen, daß nur drei Plätze, zwei innen und einer außen, noch zur Verfügung ſtünden, weil die übrigen ſchon vierzehn Tage vor unſerer Meldung beſtellt worden ſeyen. Ich wußte, wie unentbehrlich Mrs. Primmins für die Bequemlichkeit meiner geehrten Eltern war, um ſo mehr, „da ſie einmal in London gelebt hatte, folglich ſich dort gut auskennen mußte, und machte daher den Vorſchlag, ſie ſolle den Außenplatz nehmen und ich wolle den Weg zu Fuß ma⸗ chen— eine Reiſeart, die wohl ihr Angenehmes hat für einen jungen Menſchen mit lebhaftem Geiſte und kräftigen Gliedern. Der ausgeſtreckte Arm des Condukteurs ließ mei⸗ ner Mutter wenig Zeit, gegen dieſen Vorſchlag Einſpruch zu thun, und mein Vater ertheilte mit einem ſtummen Hän⸗ „ devruck ſeine Zuſtimmung. Nachdem ich verſprochen hatte, mit ihnen in dem Familienhotel unfern des Strandes wieder zuſammen zu treffen, das von Mr. Squills als beſonders an⸗ ſtändig und ruhig empfohlen worden war, winkte ich meiner armen Mutter, die ihr liebes Angeſicht nicht vom Fenſter entfernte, bis die Kutſche gleich einem der Helden Homers in einer Staubwolke dahin ſauste, das letzte Lebewohl zu und kehrte in das Haus zurück, um einen Torniſter, den ich unter dem Gerümpel geſehen und der meinem Großvater mütterlicher Seits gehört hatte, mit einigen nothwendigen Reiſeeffekten zu füllen. So bepackt und mit einem guten Stock in der Hand trat ich meine Wanderung nach der großen Stadt ſo rüſtigen Schrittes an, als gehe es nur nach dem nächſten Dorfe. Gegen Mittag wurde ich müd' und hungrig. Am Wege ſtand eines jener hübſchen Wirthshäuſer, die jetzt noch England eigenthümlich ſind, aber, Dank ſey es den Eiſenbahnen, bald zu den vorſündfluthlichen Dingen gehören werden. Ich ſetzte mich unter einigen beſchnittenen Linden an einen Tiſch, ſchnallte meinen Torniſter ab und beſtellte mit der Würde eines Menſchen, der zum erſtenmal in ſei⸗ nem Leben über ein Mittageſſen mit ſich zu Rath geht und es aus der eigenen Taſche bezahlt, mein einfaches Mahl. Während ich eben mit einer Schinkenſchnitte und einem Krug Ale, das der Wirth ſelbſt als„vom rechten“ bezeich⸗ nete, beſchäftigt war, hielten zwei Fußgänger, welche deſ⸗ ſelben Wegs kamen, den ich zurückgelegt hatte, draußen an, warfen gleichzeitig einen Blick auf meine Arbeit und nah⸗ men dann, ohne Zweifel durch meinen Appetit verlockt, unter 171 denſelben Linden, obſchon am anderen Ende des Tiſches Platz. Ich betrachtete die Ankömmlinge mit der Neugierde, welche meinen Jahren natürlich war. Der Aeltere von den Beiden mochte etwa dreißig Jahre zählen, obſchon verſchiedene tiefe Linien und die früher blü⸗ hende, jetzt aber verblichene Farbe auf Erſchöpfung, Sorge oder Ausſchweifung hinzudeuten ſchienen, ſo daß er vielleicht etwas älter ausſah, als er wirklich war. In ſeinem Aeußeren lag nichts beſonders Einladendes. Seine Kleidung zeigte eine Anſpruchsfülle, die ſich ſchlecht mit einem Fußreiſenden zuſammenreimte. Sein Rock war knapp anliegend und wat⸗ tirt; zwei ungeheure durch eine Kette mit einander verbun⸗ dene Nadeln zierten eine ſehr ſteife Halsbinde von blauem mit gelben Sternen getüpfeltem Atlas; ſeine Hände ſtacken in ſehr ſchmutzigen ehmals ſtrohgelben Handſchuhen, und beſagte Hände ſpielten mit einem Fiſchbeinſtock, an deſſen oberem Ende ſich ein ſo furchtbarer Knopf befand, daß man ihn wohl für einen„life-preserver“ halten konnte. Als er den weißen, haarloſen Hut abnahm, den er aufs Sorgfäl⸗ tigſte mit dem rechten Aermel abwiſchte, verrieth eine Maſſe ſteifer Locken ſogleich die Kunſt des Mannes, denn dieſe ver⸗ mochten in der That Niemand zu täuſchen. Die Perücke ging — wie man dies auf den jugendlichen Portraits Georgs 1W. ſieht— tief über die Stirne herein und war oben zu ei⸗ nem Buſch aufgerollt. Auch an Pomade fehlte es ihr nicht, und letztere hatte viel Staub eingeſaugt, ſo daß man die Spuren von beiden deutlich auf der Stirne und den Wangen des Perückenbeſitzers unterſcheiden konnte. Im Uebrigen 172 war der Ausdruck ſeines Geſichtes etwas ſorglos und unver⸗ ſchämt, aber nicht ohne eine gewiſſe Drolligkeit in den Augenwinkeln. Der jüngere mochte von meinem Alter ſeyn, vielleicht ein Paar Jahre älter, wenn eher nach ſeinem gedrungenen ſehnichten Bau, als nach ſeinem jugendlichen Geſicht geur⸗ theilt werden durfte. Und das letztere, ſo knabenhaft es auch ausſah, konnte nicht verfehlen, die Aufmerkſamkeit ſogar des ſorgloſeſten Beobachters auf ſich zu ziehen. Es hatte nicht nur die Farbe, ſondern auch den Charakter eines Zi⸗ geunergeſichts, mit großen funkelnden Augen und raben⸗ ſchwarzem langem, wehendem, ungelocktem Haare; die Züge hatten einen feinen adlerartigen Schnitt, und wenn der Fremde ſprach, kamen Zähne zum Vorſchein, ſo blendend wie Perlen. Es war unmöglich, die eigenthümliche Schön⸗ heit dieſes Anklitzes nicht zu bewundern, und doch zeigte ſich darauf jener verſtohlene, wilde Ausdruck, welchen der Krieg gegen die Geſellſchaft den Geſichtslinien jener Race aufge⸗ prägt hat, an die mich ſein Aeußeres erinnerte. Bei alle⸗ dem aber war etwas von der Haltung eines Gentleman an dieſem jungen Wanderer nicht zu verkennen. Sein Anzug beſtand aus einer ſchwarzen Jagdjacke oder vielmehr einem furzen Rock, der mit einem breiten Lederband gegürtet war weiten weißen Beinkleidern und einer Fouragirmütze, die er, während er ſeine Stirne abtrocknete, ſorglos auf den Tiſch warf. Ungeduldig und mit einigem Stolz ſich von ſeinem Begleiter abwendend, warf er mir einen ſcharfen muſternden Blick aus ſeinen durchbohrenden Augen zu, ſtreckte ſich dann r⸗ en cht en ur⸗ uch zar tte Zi⸗ en⸗ üge der en ön⸗ ſich rieg fge⸗ alle⸗ nan nzug inem war e er, Tiſch inem nden dann der Länge nach auf die Bank und ſchien entweder zu ſchlum⸗ mern, oder nachzuſinnen, bis in Gemäßheit der Befehle ſei⸗ nes Gefährten ſich der Tiſch mit allen kalten Vorräthen der Speiſekammer bedeckte. „Ochſenfleiſch!“ ſagte der Letztere, eine Tombacklorg⸗ nette in ſein rechtes Auge ſchraubend.„Ochſenfleiſch;— muffig— ſieht wie Kuhfleiſch aus— hum. Lamm;— alt— rauh— ſchöpſig, hum. Paſtete;— alt, von Kalb⸗ fleiſch?— nein, von Schweinefleiſch. Ah! was wollt Ihr haben?“ „Greift zu,“ entgegnete der junge Mann verdrießlich, indem er ſich aufrichtete, die Speiſen verächtlich überſchaute und zuerſt die eine, dann die andere unter vielem Achſel⸗ zucken und halblauten Ausrufen der Unzufriedenheit koſtete. Plötzlich blickte er auf und verlangte Branntwein, worauf er ſehr zu meinem Erſtaunen und— wie ich fürchte— auch zu meiner Bewunderung faſt ein halbes Glas voll die⸗ ſes unverdünnten Giftes mit einer Ruhe hinunterſtürzte, welche bewies, daß er an dergleichen gewöhnt war. „Nicht gut!“ ſagte ſein Begleiter, indem er die Flaſche an ſich nahm und den Alkohol in ſorgfältigem Verhältniß mit Waſſer miſchte.„Gar nicht gut! Die Magenwan⸗ dungen ſind bald abgenützt, wenn man mit einer ſolchen Bürſte über ſie kommt. Beſſer man bleibt beim gäſchtigen Schaum', wie der große Will ſagt. Dieſer junge Gentleman gibt Euch ein gutes Beiſpiel.“ Bei dieſen Worten nickte mir der Sprecher vertraulich zu. In meiner Unerfahrenheit nahm ich dies für eine An⸗ 174 deutung, daß er die Bekanntſchaft des ſo begrüßten Nach⸗ bars zu machen wünſchte, und hatte mich hierin nicht ge⸗ täuſcht. „Nichts da, was Euch verführen könnte?“ fragte dieſe geſellige Perſon nach einer kurzen Pauſe, indem ſie mit dem Meſſer einen Halbkreis um die Platten beſchrieb. „Ich danke, Sir. Ihr ſeht, ich habe mein Mittag⸗ mahl bereits eingenommen.“ „Was thuts? Brecht aus zum zweiten unglückſel'gen Rennen'“, wie der Schwan empfiehlt— der Schwan von Avon, Sir! Nicht? So fordr' ich Euch heraus mit dieſem Becher Sekt! Reist Ihr weit, wenn ich mir die Freiheit nehmen darf, zu fragen?“ „Nach London, wenn ich hinkommen kann.“ „Oh!“ ſagte der Reiſende— während ſein junger Gefährte die Augen aufrichtete; und ich war abermals be⸗ troffen über das merkwürdige Feuer und das Durchdringende ſeines Blickes. „London iſt der beſte Platz von der Welt für einen geiſtvollen jungen Mann. Wollt das Leben dort ſehen— des guten Tones und der Mode Spiegel'. Freund vom Theater, Sir?“. „Ich habe in meinem Leben nie ein Theater geſehen.“ „Iſt's möglich!“ rief der Gentleman, indem er den Griff ſeines Meſſers ſinken ließ und die Spitze horizontal heraufbrachte.„Dann, junger Mann,“ fügte er feierlich bei,„müßt Ihr— doch ich will nicht ſagen, was Ihr ſehen müßt. Nein, ich will's nicht ſagen, ſelbſt nicht, wenn Ihr ch⸗ eſe em en on em eit tal ich en hr 175 dieſen Tiſch mit goldenen Guineen bedecktet und mit dem edelmüthigen Feuer, das an der Jugend ſo einladend iſt, ausriefet: Mr. Peacock, all dies iſt Euer, wenn Ihr mir nur ſagt, was ich zu ſehen habe'.“ Ich lachte hell hinaus— möge man mir meine Ruhm⸗ redigkeit verzeihen, aber ich hatte in der Schule den Ruf, daß ich ſehr angenehm lache. Das Geſicht des jungen Mannes wurde bei dieſem Tone düſter; er ſchob ſeinen Teller zurück und ſeufzte. „Ei,“ fuhr ſein Freund fort,„mein Gefährte da, der, wie ich vermuthe, in Eurem Alter ſtehen wird, könnte Euch wohl ſagen, was das Theater— was das Leben iſt. Er hat die Manieren der Stadt beobachtet, den Handelsmann ſtudirt', wie der Schwan poetiſch bemerkt. Iſt's nicht ſo, mein Junge— eh?“ Bei dieſer unmittelbaren Anrede blickte der Jüngling mit einem geringſchätzigen Lächeln um die Lippen auf. „Ja, ich weiß, was das Leben iſt,“ ergriff er das Wort,„und ſage, daß das Leben wie die Armuth ſeltſame Schlafkameraden zuſammen führt. Fragt Ihr mich jetzt, was das Leben ſey, ſo antworte ich, ein Melodrama— fragt Ihr mich zwanzig Jahre ſpäter, ſo werde ich ſagen—“ „Eine Poſſe?“ flocht ſein Begleiter ein. „Nein, ein Trauerſpiel oder eine Komödie, wie ſie Mo⸗ lière ſchrieb.“ „Und warum dies?“ fragte ich, überraſcht und angezo⸗ gen zugleich von dem Tone, in welchem mein Altersgenoſſe ſprach. 176 „Weil das Luſtſpiel mit dem Triumph des geſcheidte⸗ ſten Spitzbuben endigt. Mein Freund hier hat keine Aus⸗ ſicht!“ „Lob von Sir Hubert Stanley', hum— ja— Heinz Peacock mag geſcheidt ſeyn, aber er iſt kein Spitzbube.“ „Dies iſt nicht gerade der Sinn von dem, was ich ſa⸗ gen wollte,“ verſetzte der Jüngling trocken. „Eine Feige für Euren Sinn, wie der Schwan ſagt. Heda— holla, Sir! Wirth, räumt den Tiſch ab! Friſche Gläſer— heißes Waſſer— Zucker— Citronen— und die Flaſche iſt auch leer! Rauchen, Sir?“ Und Mr. Peacock bot mir eine Cigarre an. Nach meiner Ablehnung drehte er zwiſchen den Fingern ein ſehr uneinladendes Eremplar von einer fabelhaften Ha⸗ vannah, netzte es über und über an, wie etwa eine Rieſen⸗ ſchlange einen Ochſen für ihre Verdauungswerkzeuge vorbe⸗ reitet, biß das eine Ende ab und ſteckte das andere mit einer kleinen Maſchine, die er aus ſeiner Taſche hervorzog, in Brand. Der Proceß einer Vergiftung der umgebenden Luft koſtete ihn jedoch keine geringe Anſtrengung, da die in den Blättern haftende Feuchtigkeit ſich als ein großes Hin⸗ verniß erwies. Durch das Beiſpiel angeſteckt oder vielleicht auch zur Selbſtvertheidigung zog jetzt der junge Gentleman aus ſeinem Beutel ein ſehr ſchönes Cigarren⸗Etuis von Sammt, auf welches, augenſcheinlich von ſchöner Hand, in ſehr leſerlichen Zügen der Name„Julia“ geſtickt war, nahm daraus eine Cigarre, welche beſſer ausſah, als die ſeines * e e Begleiters, und ſchien mit dem Taback eben ſo vertraut zů ſeyn, wie mit dem Branntwein. „Ekel, Sir— ein ſehr wähleriſcher— junger Menſch das,“ bemerkte Mr. Peacock in den kurzen Zwiſchenräumen, welche ihm der entſchloſſene Kampf mit ſeinem nicht ein⸗ ladenden Opfer geſtattete—„nichts gut genug—(Cpuff, vuff)— für ihn, als—(pfh, pfh)— ächte Syl— Syl — Sylva— does. Ausgegangen, beim Himmel! Der Schlund der Finſterniß hat es verſchlungen.“ Und wieder nahm Mr. Peacock ſeine Zuflucht zu dem Phosphorfeuerzeug. Diesmal trugen Geduld und Ausdauer den Sieg davon, und das Herz der Cigarre antwortete in einem trübrothen Funken(die Seiten blieben völlig unge⸗ rührt) auf den unermüdlichen Eifer ihres Freiers. Nachdem dieſe Heldenthat vollbracht war, rief Mr⸗ Peacock triumphirend: „Und was ſagt Ihr jetzt zu einem Kartenſpiel, meine jungen Herren?— Wir ſind unſerer drei— Whiſt mit einem Blinden? Nichts Beſſeres— eh?“ Während er ſprach, brachte er aus ſeiner Rocktaſche ein rothſeidenes Tuch, einen Schlüſſelbund, eine Nachtmütze, eine Zahnbürſte, ein Stückchen Raſierſeife, vier Stückchen Zucker, die Reſte von einem Backwerk, ein Raſiermeſſer und ein Kartenpaket zum Vorſchein. Nachdem er das letztere ausgeleſen und das andere Gemengſel wieder in den Abgrund verſorgt hatte, aus dem es hervorgegangen, ſchlug er mit einem Ruck ſeines Daumens und Zeigefingers den Kreuzbu⸗ Bulwer, die Cartone. 12 ben um, legte ihn oben auf die übrigen Karten und klopfte mit dem ganzen Päckchen nachdrücklich auf den Tiſch. „Ihr ſeyd ſehr gütig, aber ich kann nicht Whiſt ſpielen.“ „Nicht Whiſt ſpielen— ſeyd noch in keinem Theater geweſen— raucht nicht! Dann bitte ich Euch, mir zu ſagen, junger Mann,“ fügte er mit einem majeſtätiſchen Stirnrunzeln bei,„was in aller Welt Ihr denn eigentlich könnt.“ Sehr beſtürzt über dieſe unumwundene Aufforderung und mich ſchämend, daß ich ſo gar nichts von dem verſtund, was Mr. Peacock für die Cardinalpunkte der Bildung hielt, ſenkte ich den Kopf und ſchaute zu Boden. „So recht,“ nahm Mr. Peacock in wohlwollendem Tone wieder auf;„ich bemerke an Euch die unverfälſchte Scham der Jugend. Dies iſt verheißungsvoll— die De⸗ muth iſt der jungen Ehrſucht Leiter, wie der Schwan ſagt. Beſteigt die erſte Sproſſe und lernt Whiſt ſpielen, Sirpenny⸗ points zum Anfang.“ Ungeachtet meiner Neuheit im wirklichen Leben war ich doch ſo glücklich geweſen, auf dem Wege, der mir zu Ge⸗ bote ſtand, einiges zu lernen, aus den vielgeſchmähten No⸗ vellen nämlich, die oft für die innere Welt werden, was Landcharten für die äußere ſind. Unterſchiedliche Erinne⸗ rungen aus„Gil Blas“ und dem„Landprediger von Wake⸗ field“ kamen mir in den Sinn. Ich wünſchte nicht, den wür⸗ digen Moſes nachzuahmen, und fühlte, ich dürfte mich in meinen Geſchäften mit dieſem neuen Mr. Jenkinſon nicht ein⸗ mal rühmen können, daß ich doch noch mit Schagrinbrillen ar e⸗ o⸗ as ne⸗ ke⸗ ir⸗ in in⸗ len 179 davon gekommen ſey. Ich ſchüttelte daher den Kopf und forderte weine Rechnung. Als ich die von meiner Mutter geſtrickte Börſe herauszog, in welcher das eine Ende ein Goldſtück, das andere verſchiedene Silbermünzen barg, ſah ich, daß Mr. Peacocks Augen blinzelten. „Geringer Muth, Sir! Geringer Muth, junger Mann! O dieſer Geiß ſteckt tief', wie der Schwan ſo ſchön bemerkt. Nichts wagen, nichts haben.““ „Nichts haben, nichts wagen,“ entgegnete ich, indem ich meine Herzhaftigkeit zuſammen nahm. „Nichts haben?— Junger Sir, bezweifelt Ihr meine Solidität— mein Capital— mein golden Lüſtchen?“ „Sir, ich ſprach von mir ſelbſt. Ich bin nicht reich genug um mich mit Spielern einzulaſſen.“ „Mit Spielern!“ rief Mr. Peacock, eine tugendhafte Entrüſtung an den Tag legend. Mit Spielern— was wollt Ihr damit ſagen, Sir? Ihr beſchimpft mich.“ Und er erhob ſich drohend, den weißen Hut auf ſeine Perücke klopfend. „Pah! Laßt ihn unangefochten, Heinz,“ ſagte ſein jugendlicher Begleiter verächtlich und fügte dann gegen mich bei:„Wenn er unverſchämt wird, ſo gebt ihm eins auf's Dach.“ „Unverſchämt?— mir eins auf's Dach?“ rief Mr. Peacock mit glutrothem Geſichte; als er jedoch den höhni⸗ ſchen Zug um die Lippen ſeines Begleiters bemerkte, ſo ſetzte er ſich wieder und beobachtete fortan ein verdrießliches Schweigen. 12 180 Mittlerweile hatte ich meine Rechnung bezahlt. Nach⸗ dem dieſe Obliegenheit, welche ſelten eine erfreuliche iſt, erfüllt hatte, ſah ich mich nach meinem Torniſter um und bemerkte, daß er ſich in den Händen des Jünglings befand. Er las ganz kaltblütig die Adreſſe, die ich wegen eines mög⸗ lichen Unfalls vorſorglich darauf befeſtigt hatte— Piſiſtra⸗ tus Caxton Esq.— Hotel,— Street,— Strand. „Mehr überraſcht durch einen ſolchen Verſtoß gegen die gute Sitte von Seiten eines jungen Gentleman, der das Leben ſo gut kannte, als wenn ſich Mr. Peacock eines ähnlichen unterfangen hätte, nahm ich ihm meinen Torniſter ab. Er entſchuldigte ſich nicht, ſondern nickte mir ein Lebe⸗ wohl zu und ſtreckte ſich wieder auf der Bank aus. Mr. Pea⸗ cock, der jetzt in ein Geduldſpiel vertieft zu ſeyn ſchien, wür⸗ digte meinen Abſchiedsgruß keiner Erwiederung, und im nächſten Augenblicke zog ich allein auf der Landſtraße wei⸗ ter. Meine Gedanken weilten noch lange bei dem jungen Manne, den ich eben verlaſſen; denn wenn mich auch eine inſtinktartige mitleidige Ahnung beſchlich, daß ſolche Gewohn⸗ heiten und eine ſolche Geſellſchaft eine ſchimme Zukunſt nach ſich ziehen werde, ſo mußte ich doch nicht ſo faſt ſein gutes Aeußere, ſondern vielmehr ſeine Ruhe, ſeine Kühnheit und das ſorgloſe Uebergewicht bewundern, das er ſeinem ſo viel älteren Begleiter gegenüber behauptete. Der Tag ging auf die Neige, als ich der Thürme einer Stadt anſichtig wurde, in welcher ich zu übernachten ge⸗ dachte. Der Schall eines Poſthorns hinter mir bewog mich⸗ rückwärts zu ſchauen, und wie die Kutſche an mir vorbeikam, ⸗ m 181 bemerkte ich auf den Außenplätzen Mr. Peacock, der noch immer mit einer Cigarre kämpfte— es fonnte wohl kaum die nämliche ſeyn— und ſeinen jungen Freund, welcher ſich auf dem Dach unter dem Gepäcke ausſtreckte und, den ſchönen Kopf auf die Hand geſtützt, weder mich noch ſonſt Jemand wahrzunehmen ſchien. Fünftes Kapitel. Ich bemeſſe gerne— vielleicht iſt mein Urtheil egoi⸗ ſtiſch, aber meine Erfahrung führte mich dazu— den ſoge⸗ nannten praktiſchen Erfolg in den Ausſichten eines jungen Mannes aus Eigenſchaften, die bei dem erſten Blick als ſehr gemein erſcheinen mögen, nämlich aus ſeiner Neugier und ſeiner Lebhaftigkeit. Eine Neugierde, welche Anlaß gibt, alles zu unterſuchen, was Belehrung herbeiführen könnte— eine eifrige Regſamkeit, die an Raſtloſigkeit ſtreift und den, welcher ein Ziel im Auge hat, nicht leicht müde werden läßt— dieſe beiden Eigenſchaften bilden meiner Anſicht nach einen ſehr hoffnungsvollen Grundſtock, mit dem man in der Welt ſchon einen Anfang machen kann. Nachdem ich mich gewaſchen und in dem kleinen Caffee⸗ zimmer des Wirthshauſes, in welchem ich Quartier genom⸗ men, mich an dem beſten Getränke des Fußgängers, dem bekannten und oft geſchmähten Thee gelabt hatte, konnte ich trotz meiner Müdigkeit der Verlockung der breiten, ge⸗ ränſchvollen Straße, welche mich mit ihrer Gasbeleuchtung 182 durch die trüben Fenſter des Caffeezimmers anſah, nicht widerſtehen. Ich war nie zuvor in einer großen Stadt ge⸗ weſen, und der Gegenſatz zwiſchen einer von Lampen erhell⸗ ten, geſchäftigen Nacht in den Straßen und der nüchternen, verlaſſenen Dunkelheit in den Gäßchen und auf den Feldern machte einen tiefen Eindruck auf mich. Ich ſchlenderte daher, bald ſelbſt anſtoßend, bald von andern geſtoßen, draußen umher, betrachtete das eine Mal die Ladenfenſter und ließ mich dann wieder von der Fluth des Lebens mit fortreißen, bis ich endlich vor einer Speiſewirth⸗ ſchaft ſtand, um welche ſich ein Häuflein Männer, Weiber und hungrige Kinder geſammelt hatte. Während ich dieſe Gruppe betrachtete und verwunderte Betrachtungen anſtellte, wie es doch komme, daß bei der Mehrzahl der Menſchen das Hauptgeſchäft in dem Gedanken beſtehe, wann und wo ſie eſſen ſollen, ſchlugen an mein Ohr die Worte: „In Troja iſt der Schauplatz, wie der herrliche Will bemerkt.“ Als ich mich umſah, wurde ich Mr. Peacock's gewahr, der mit ſeinem Stock nach einer offenen Thüre neben der Speiſewirthſchaft deutete; die Halle jenſeits war mit Gas beleuchtet, und auf einer Glasſcheibe über der Thüre las man in ſchwarzen Buchſtaben das Wort„Billard“. Dem Worte die That folgen laſſend, ſtürzte der Spre⸗ cher unverweilt durch die Oeffnung hinein und verſchwand. Sein jugendlicher Begleiter folgte ihm aber langſam nach, als ſein Auge meiner anſichtig wurde. Ein lichtes Roth überflog ſeine dunkeln Wangen; er blieb ſtehen, lehnte ſich 183 gegen einen Thürpfoſten und faßte mich geraume Zeit ins Auge, ehe er zu ſprechen anfing: „Freut mich, Euch wieder zu ſehen, Sir! Ihr findet es wohl ſchwer, Euch an dieſem langweiligen Platz zu unter⸗ halten. Außerhalb Londons ſind die Nächte gar lang.“ „Oh,“ verſetzte ich unſchuldig,„hier unterhält mich Alles— die Lichter, die Läden und die vielen Menſchen. Freilich iſt mir auch alles ganz neu.“ Der Jüngling trat von ſeinem Thürpfoſten weg und ging weiter, als wolle er mich zu einem Spaziergang einla⸗ den; dann ſprach er mit einer bittern Verſtimmung, die ſich durch die Melancholie ſeiner Worte unterſcheiden ließ— „Eines wenigſtens kann Euch nicht neu ſein; es iſt eine alte Wahrheit, die wir lernen, ehe wir die Kinderſtube verlaſſen— was immer des Beſitzes werth iſt, muß gekauft werden; wer daher nicht kaufen kann, hat nichts, was ſich der Mühe des Habens verlohnt.“ „Ich Hlaube nicht,“ verſetzte ich altklug,„daß die Dinge, welche am meiſten Werth haben, überhaupt gekauft wer⸗ den können. Ihr ſeht jenen armen, waſſerſüchtigen Juwe⸗ lier vor ſeiner Ladenthüre ſtehen— ſein Laden iſt der ſchönſte in der Straße— und ich wette, er würde ihn gern Euch oder mir abtreten, wenn er ſich damit unſere gute Geſundheit und unſere kräftigen Glieder erkaufen könnte. Ich theile hierin die Anſicht meines Vaters— alles, was des Beſitzes werth iſt, wurde auch allen verliehen;— das heißt Natur und Arbeit'.“ „Euer Vater ſagt dies, und Ihr geht nach ſeinen 184 Worten. Natürlich haben alle Väter dieſe und noch viele andere guten Lehren ihren Söhnen an's Herz gelegt, ſeit Adam dem Kain predigte; aber ich bemerke nicht, daß ſie an ihrem Nachwuchs ſehr gläubige Zuhörer gefunden haben.“ „Um ſo ſchlimmer für dieſen Nachwuchs,“ entgegnete ich mit Derbheit. „Die Natur,“ fuhr mein neuer Bekannter fort, ohne auf meinen Ausruf zu achten—„die Natur gibt uns allerdings viel und weist auch jeden von uns an, wie er ihre Geſchenke benützen ſoll. Verleiht ſie Euch die Liebhaberei, Euch abzuplacken, ſo werdet Ihr Euer Lebenlang ein Joch ziehen; legt ſie mir aber den Ehrgeiz in's Herz, mich empor zu ſchwingen und die Arbeit zu verachten, ſo gelingt es mir vielleicht mit dem erſtern— jedenfalls bleibt ſo viel gewiß, daß ich mich mit letzterer nicht befaſſen werde.“ „Oh,“ ſagte ich,„ſo theilt Ihr, wie es ſcheint, die Anſicht des Mr. Squills, welcher meint, daß wir alle durch die Hervorragungen an unſern Schädeln geleitet⸗würden?“ „Und durch das Blut in unſern Adern, durch die Milch, die wir von unſerer Mutter eingeſogen. Wir erben noch andere Dinge als die Gicht und die Schwindſucht. Ihr thut alſo immer, was Euch Euer Vater ſagt? Guter Junge!“ Ich fühlte mich gekränkt, denn ich konnte nie begreifen, warum wir uns ſchämen ſollten, wenn wir um des Guten willen verhöhnt würden. Obſchon übrigens ſeine Worte et⸗ was demüthigend auf mich wirkten, antwortete ich dennoch mit Feſtigkeit: te Ue ſat W zu ſel ſag den wo gar Se dab Wo in n ſein dari eit 185 „Wenn Ihr einen ſo guten Vater hättet, wie ich, ſo würdet Ihr es nicht für etwas ſo gar Außerordentliches hal⸗ ten, ſeinen Anweiſungen Folge zu leiſten.“ „Ah! Da muß er wohl ein ſehr guter Vater ſein. nberauyt ſcheint er großes Vertrauen in Eure Enthalt⸗ ſamkeit und Feſtigkeit zu ſetzen, weil er Euch ſo allein in der Welt umher wandern läßt.“ „Ich bin auf dem Wege, mich in London ihm wieder an⸗ zuſchließen.“ „In London? Oh, er wohnt alſo dort?“ „Wenigſtens hat er im Sinne, ſich eine Zeitlang da⸗ ſelbſt aufzuhalten.“ „Dann treffen wir vielleicht wieder zuſammen. Auch ich gehe nach London.“ „Oh, dann werden wir uns zuverläßig wieder ſehen,“ ſagte ich mit unverhohlener Freude, denn mein Intereſſe für den jungen Mann war durch ſeine Reden nicht gemindert worden, obſchon mir die darin ausgedrückten Geſinnungen gar nicht gefallen wollten. Der Jüngling lachte in einem eigenthümlichen Tone. Sein Lachen war gedämpft und muſikaliſch, klang aber dabei hohl und erkünſtelt. „Zuverläßig wiederſehen? London iſt ein großer Platz. Lo wird man Euch finden fönnen?“ Ich gab ihm ohne Bedenken die Adreſſe des Gaſthofes, in welchem ich meinen Vater anzutreffen erwartete, obſchon ſeine bedächtliche Muſterung meines Torniſters ihn bereits darüber belehrt haben mußte. Er hörte aufmerkſam zu und 186 wiederholte die Ortsbeſtimmung zweimal, als wolle er ſie ſeinem Gedächtniß einprägen; dann gingen wir ſchweigend weiter, bis wir, in einen ſchmalen Durchgang einbiegend⸗ uns plötzlich in einem großen Kirchhof befanden. Ein mit Flieſenſteinen belegter Pfad führte quer durch denſelben nach dem Marktplatz, an welchen er grenzte. In dieſem Kirchhof ſaß auf einem der Grabſteine ein junger Savoyarde, der einen Leierkaſten, oder wie man ſonſt ſein Inſtrument nennen mochte, auf dem Schooß hatte. Er kaute an einer Brodrinde und fütterte einige weiße Mäuschen, die mit ihren Hinterbeinen auf dem Leierkaſten ſtanden, ſo wohlgemuth, als hätte er ſich den fröhlichſten Ruheplatz von der Welt aus⸗ geſucht. Wir beide blieben ſtehen. Der Savoyarde, der unſerer anſichtig wurde, drehte den ſchelmiſchen Kopf auf die eine Seite, zeigte alle ſeine weißen Zähne in jenem ſeiner Race eigenthümlichen glücklichen Lächeln, worin die Armuth ſo erfolgreich zu betteln verſteht, und begann, die Handhabe ſeines Inſtruments in Bewegung zu ſetzen. „Das arme Kind!“ ſagte ich. „Aha, ihr bemitleidet ihn! Ich ſehe keinen Grund ein. Nach Eurer Regel, Mr. Carton, iſt er nicht ſo ſehr zu beflagen, denn der waſſerſüchtige Juwelier würde ihm für ſeine Geſundheit eben ſo viel geben, wie für die unſrige! Wie kömmt es— antwortet mir, Sohn eines ſo weiſen Vaters— daß Niemand den waſſerſüchtigen Juwelier be⸗ klagt und Alles Mitleiden hat mit dem geſunden Savoyar⸗ den? Der Grund, Sir, liegt in der ernſten Wahrheit, welche Le „u det jetz her tig gek und ehr hm ge! iſen be⸗ ar⸗ lche 187 lauter ſpricht, als alle ſpartaniſchen Lehren— Armuth iſt das Grundübel der Welt. Blickt um Euch her, läßt Armuth ihre Zeichen über den Gräbern zurück? Betrachtet dieſen prächtigen umzäunten Grabſtein und leſet die lange Inſchrift:— Tugenden— Beſter der Gatten— lliebe⸗ voller Vater— untröſtlicher Schmerz— ſſchläft in der freudigen Hoffnung', u. ſ. w. Meint Ihr, jene ſteinloſen Grabhügel bergen nicht den Staub von Menſchen, die eben ſo gut waren? Aber keine Grabſchrift ſpricht von ihren Tugenden, ſchildert den Schmerz ihrer Wittwen, oder ver⸗ ſpricht ihnen frendige Hoffnung!“ „Hat Dies etwas zu bedeuten? Kümmert ſich Gott um Grabſchriften und prächtige Monumente?“ „Date qualche cosa!“ ſagte der Savoyarde noch im⸗ mer lächelnd in ſeinem rührenden Patvis, indem er die kleine Hand ausſtreckte. Ich ließ eine kleine Münze hineinfallen. Der Knabe bezeugte ſeine Dankbarkeit, indem er aufs Neue ſeinen Leierkaſten zu drehen anfieng. „Dies iſt keine Arbeit,“ bemerkte mein Begleiter, „und hättet Ihr ihn an einem Geſchäft gefunden, ſo wür⸗ det Ihr ihm nichts gegeben haben. Doch auch ich muß jetzt mein Inſtrument ſpielen und nach meinen Mäuſen ſe⸗ hen. Lebt wohl!“ Er winkte mir mit der Hand zu und ſchritt unehrerbie⸗ tig über die Gräber in die Richtung zurück, aus welcher wir gekommen waren. Ich blieb vor dem prachtvollen Monumente mit ſeiner 188 ſchönen Grabſchrift ſtehen, und der Savoyarde ſah mich auf⸗ merkſam an. ne 2 le G Sechstes Kapitel. iſt Der Savoyarde ſah mich aufmerkſam an. Ich wünſchte B mich in ein Geſpräch mit ihm einzulaſſen— allerdings keine leichte Aufgabe; aber ich begann:— S Piſiſtratus.—„Du mußt oſt hungrig genug ſeyn,“ mein armer Knabe? Nähren Dich denn Deine Mäuſe?“ 3 Savoyard ſenkt den Kopf auf die eine Seite, ſchüt⸗ 6 telt ihn und ſtreichelt ſeine Thierchen. 2 Piſiſtratus.—„Du liebſt wohl die Mäuſe ſehr; 30 ich fürchte, ſie ſind Deine einzigen Freunde.“ Savoyard, der augenſcheinlich Piſiſtratus verſteht, L reibt ſein Geſicht ſanft gegen die Mäuſe, ſetzt ſie dann auf e ein Grab nieder und dreht wieder an dem Leierkaſten. Die lä Mäuſe ſpielen ſorglos auf dem Grabe. w Piſiſtratus, der zuerſt auf die Thiere, dann auf das Inſtrument deutet.—„Was liebſt Du am meiſten, vo die Mäuſe oder den Leierkaſten?“ 3 1 Savoyard zeigt ſeine Zähne— beſinnt ſich— ſtreckt le ſich auf dem Graſe aus— ſpielt mit den Mäuſen— und be antwortet mit ſehr geläufiger Zunge. 2 Piſiſtratus begreift mit Hilfe ſeines Lateiniſchen, 8 daß er ſagt, die Mäuſe ſeyen lebendig, der Leierkaſten aber* nicht.—„Ja, ein lebendiger Freund iſt beſſer, als ein todter. Mortua est lyra!“ uß⸗ chte ine 189 Savvyard ſchüttelt den Kopf ungeſtüm— Nö— nö! Excellenza, non a mortè!“ Und dann beginnt er eine lebhafte Weiſe auf dem geſchmähten Inſtrument. Das Geſicht des Savoyarden klärt ſich auf, und ſeine Miene iſt glücklich. Die Mäuſe ſchlüpfen vom Grab aus in ſeine Bruſttaſche. Piſiſtratus iſt gerührt und ſeellt in lateiniſcher Sprache die Frage an ihn, ob er einen Vater habe. Savoyard(mit umwölktem Geſicht).— Nö— Ex- cellenza!“ Nachdem er eine Weile geſchwiegen, ſagt er raſch:„Si— Si!“ ſpielt eine feierliche Arie auf dem Leier⸗ kaſten— hält inne— ſtützt die eine Hand auf ſein Inſtru⸗ ment und erhebt die andere gen Himmel. Piſiſtratus verſteht ihn. Der Vater iſt wie der Leierkaſten, zu gleicher Zeit todt und lebend. Das Werk⸗ zeng iſt etwas todtes, aber die Muſik lebt. Piſiſtratus läßt abermals eine kleine Münze auf den Boden fallen und wendet ſich von dannen. Gottes Segen und Beiſtand über Dich, kleiner Sa⸗ voyarde! Du haſt auf Piſiſtratus einen trefflichen Einfluß geübt, indem Du ihm die herbe Klugheit des jungen Gent⸗ leman in der Sammtjacke zurecht legteſt. Piſiſtratus iſt ein beſſerer Menſch geworden, ſeitdem er bei Dir ſtand, um Dich anzuhören. An dem Eingang des Kirchhofs angelangt, ſchaute ich zurück. Der Savoyarde ſaß noch immer in Mitte der Menſchengräber, aber unter Gottes freiem Himmel. Er hlickte mir fortwährend aufmerkſam nach, und als er meines 490 Auges anſichtig wurde, drückte er die Hand ans Herz und lächelte. Gottes Segen und Beiſtand über dich, kleiner Savoyarde! Fünfter Abſchnitt. Erſtes Kapitel. Als ich am nächſten Morgen aufbrach, theilte mir der Hausknecht, deſſen Herz ich durch ein Extra⸗Sixpenceſtück für zeitiges Wecken gewonnen hatte, gutmüthig mit, daß ich eine halbe Stunde Wegs erſparen und obendrein einen recht angenehmen Spaziergang gewinnen könne, wenn ich den Fußpfad durch den Park eines Gentleman einſchlage, deſſen Pförtnerhäuschen ich ungefähr drei Stunden von der Stadt erblicken werde. „Man zeigt auch den Park,“ ſagte der Hausknecht, „wenn Ihr Luſt habt, zu verweilen und ihn zu betrachten. Ihr müßt aber nicht zu dem Gärtner gehen— der fordert eine halbe Krone. Im Pförtnerhäuschen wohnt eine alte Frau, die Euch alles Sehenswürdige, die Gänge und den großen Waſſerfall, für eine Kleinigkeit zeigen wird. Ihr könnt Euch dabei auf mich berufen,“ fügte er ſtolz bei— „Bob Hausknecht im Löwen. Sie iſt eine Tante von mir und nimmt ſich um diejenigen, die ich ihr ſende, ganz beſon⸗ ders an.“ lã ic a ni h n ſie und ner der ſtück daß inen ich age, der echt, en. dert alte den Ihr — mir ſon⸗ 191 Da ich nicht daran zweifelte, dieſe Rathſchläge ent⸗ ſprängen der reinſten Philanthropie, ſo dankte ich meinem ſtrobelköpfigen Freunde und fragte ihn nachläßig, wem der Park gehöre. „Dem Mr. Trevanion, dem großen Parlamentsmann,“ antwortete der Hausknecht.„Schätz' wohl, Ihr habt ſchon von ihm gehört, Sir?“ Ich ſchüttelte den Kopf, ſtündlich mehr und mehr er⸗ ſtaunt bei der Entdeckung, wie wenig ich darin habe. „Im Lamm hält man den„Gemäßigten,“ und in der Schenkſtube dort ſagen ſie, er ſei einer von den ge⸗ ſcheidteſten Burſchen im Unterhaus,“ fuhr der Hausknecht in vertraulichem Flüſtern fort.„Bei uns im Löwen aber liest man den„Volksdonnerkeil,“ und wir kennen dieſen Mr. Trevanion beſſer. Er iſt nur ein Wetterhahn, in alle Sättel gerecht— leere Schlippermilch— kein Redner— nichts vom rechten Schlag— Ihr verſteht mich?“ Vollkommen überzeugt, daß ich nichts davon verſtand, lächelte ich und antwortete mit einem„Oh ja!“ Dann warf ich meinen Torniſter über und trat meine weiteren Abenteuer an, während mir der Hausknecht noch nachrief:„Vergeßt nicht, Sir, meiner Tante zu ſagen, daß ich Euch geſchickt habe.“ Während ich durch die Straßen ſchritt, gab die Stadt nur langſam Merkmale des wiederkehrenden Lebens von ſich. Ein blaſſer kränklicher Zug auf dem Geſichte des ſchläfrigen Phöbus war der hektiſchen Fieberaufregung der vergangenen Nacht gefolgt; ein Paar Handwerksleute, denen 192 ich begegnete, glitten hager und niedergeſchlagen an mir vorbei, und nur einige Frühläden ſtanden vffen. Ein Paar Betrunkene tauchten aus den Seitengaſſen auf, mit zerbro⸗ chenen Pfeifen im Munde heimwärts eilend, und Zettel mit großen lateiniſchen Anfangsbuchſtaben, welche die Auf⸗ merkſamkeit des Publikums auf den„Beſten Familienthee, das Pfund zu 4 Schillingen,“ die„Ankunft von Mr. Slo⸗ mans großer Menagerie“ und Dr. Do'ems„paracelſiſche Unſterblichkeitspillen“ lenkten, ſtarrten in dem froſtigen Sonnenaufgang, der alle Poeſie erſtickte, langweilig von den Wänden unbewohnter baufälliger Häuſer nieder. Ich war froh, als ich die Stadt hinter mir hatte und zu der Arbeit der Mähder in den Kornfeldern die Vögel ihre Liedchen ſangen. Endlich erreichte ich das Pförtnerhäuschen, von dem mir der Hausknecht geſagt hatte— ein hübſches länd⸗ liches Gebäude, halb von Buſchwerk und Bäumen ver⸗ borgen, mit zwei großen eißernen Thoren für die Freunde des Eigenthümers und einem kleinen Nebenpförtchen für das Publikum, welches in Folge einer traurigen Vernach⸗ läßigung von Seiten des Beſitzers, oder weil ihm die be⸗ nachbarten Obrigkeiten unhold waren, noch immer das Recht anſprach, die Güter des reichen Mannes zu begehen und ſeine Herrlichkeiten zu betrachten— eine Freiheit, die ver⸗ mittelſt einer Tafel nur durch das mild ausgedrückte und ſehr vernünftige Erſuchen,„die Pfade einzuhalten,“ beſchränkt wurde. Da es noch nicht acht Uhr war, ſo hatte ich hin⸗ reichend Zeit, auch von dem Parke Einſicht zu nehmen. Den öeonomiſchen Wink des Hausknechts benützend, trat ich in das m w fa no na mir ßaar rbro⸗ ettel Auf⸗ thee, Slo⸗ ſiſche tigen nden war rbeit cher von änd⸗ ver⸗ unde für tach⸗ be⸗ techt und ver⸗ ſehr änkt hin⸗ Den das 193 Pförtnerhäuschen und fragte nach der alten Frau, Bob's Tante. Eine junge Weibsperſon, die eben mit Anfertigung eines Frühſtücks beſchäftigt war, nickte mir hierauf mit gro⸗ ßer Höflichkeit zu, eilte nach einem Kleiderbündel hin, den ich jetzt in einer Ecke bemerkte, und rief: „Großmutter, hier iſt ein Gentleman, der den Waſſer⸗ fall ſehen will.“ Das Kleiderbündel drehte ſich im Kreiſe und zeigte ein menſchliches Geſicht, welches große Freude auszudrücken ſchien, während die Enkelin, ſich gegen mich wendend, mit viel Ein⸗ fachheit in ihrem Weſen bemerkte: „Sie iſt ein altes, ehrliches Geſchöpf, liebt es aber noch immer, ein Sirpenceſtück zu verdienen.“ Die Alte nahm einen Krückenſtock zur Hand, während ihr die En— kelin einen Hut aufſetzte, und trat nun mit einer Geſchwin⸗ digkeit, die mich ſtaunen machte, ihre Wanderung an. Ich verſuchte, mich mit meiner Führerin in ein Ge⸗ ſpräch einzulaſſen; ſie ſchien aber nicht ſehr zur Geſelligkeit geneigt zu ſeyn, und die Schönheit des mit freien Plätzen abwechſelnden Buſchwerks, welches ſich jetzt vor meinen Au⸗ gen ausbreitete, verſöhnte mich leicht mit ihrem Schweigen. Ich habe ſeitdem viele ſchöne Plätze geſehen, aber keine Landſchaft, die in ihrem eigenthümlichen engliſchen Charak⸗ ter ſo lieblich geweſen wäre, als die, welche ich jetzt er⸗ blickte. Sie hatte nichts von den Feudalabzeichen der alten Parke, keine rieſigen Eichen, keine phantaſtiſch gekappte Bäume, keine mit Farren bedeckte Schluchten, an deren Seiten ſich Hirſche zeigten, ſondern man gewann im Gegen⸗ Bulwer, die Cartone. 13 194 theil ungeachtet einiger ſchönen Bäume, welche hauptſäch⸗ lich aus Buchen beſtanden, den Eindruck, daß der Platz neu — ein gemachter— war. Auf dem Raſen ſah man noch Spuren, welche zeigten, daß man hier Gehäge beſeitigt hatte; die Weiden waren durch neue Drahtzäune in Fächer abgetheilt, und junge Pflanzungen, mit dem gewählteſten Geſchmack angelegt, aber ohne die ehrwürdige Förmlichkeit der Alleen und Kreuz⸗ Gehölze, an welchen man die Parke aus der Zeit der Eliſa⸗ beth und König Jakob's kennt, wechſelten mit reichen Wieſen⸗ gründen. Statt der Hirſche weideten hier kurzhörnige Rin⸗ der von der ſchönſten Zucht und Schafe, die bei einer Agrikultur⸗Ausſtellung den Preis davon getragen haben wür⸗ den. Alles deutete auf Verbeſſerungen— kräftigen Betrieb — und Capital, obſchon man wohl bemerkte, daß Letzteres nicht blos um des Ertrags willen angelegt war. Das zur Zierde Dienende herrſchte unter dem Gewinnbringenden vor, und man ſah deutlich, daß der Eigenthümer nicht den höch⸗ ſten Ertrag aus ſeinem Lande erzielen, ſondern eben einen guten Gebrauch von ſeinem Gelde machen wollte. Die Gier der Alten jedoch, ſechs Pence zu verdienen, hatte mir eine ſehr ungünſtige Meinung von dem Charakter des Parkinhabers beigebracht.„Hier,“ ſagte ich zu mir ſelber,„ſind alle Abzeichen des Reichthums, und doch muß ſich dieſe arme alte Frau, die ſo zu ſagen an der Schwelle des Ueberfluſſes lebt, abmühen, um einige Pence zu er⸗ werben.“ Dieſe Vermuthungen, bei welchen ich mir ſelbſt auf ge gt, uz⸗ ſa⸗ en⸗ in⸗ ner ür⸗ ieb res zur or, öch⸗ nen ten, kter mir nuß elle er⸗ auf 195 meinen Scharfſinn nicht wenig zu gute that, kräftigten ſich zur Ueberzeugung durch die wenigen Sätze, die ich endlich der Alten zu entlocken ſo glücklich war. „Mr. Trevanion muß ein reicher Mann ſein,“ ſagte ich. „O ja, reich genug!“ brummte meine Führerin. Ich betrachtete die Ausdehnung des Geſträuchs oder überkleideten Grundes, durch welchen unſer Weg führte, der bald in Wieſen und Weideplätze auftauchte, bald von ſelte⸗ nen Gartenbäumen geſäumt war, da ſich in eine Vertiefung ſenkte(denn jede Unebenheit des Grundes war zum Vortheil der Landſchaft benützt worden), dort die Abhänge hinan⸗ führte oder ſtellenweiſe die Ausſicht auf irgend einen durch Natur oder Kunſt bezaubernden Gegenſtand beſchränkte. „Hier müſſen wohl viele Hände beſchäftigt ſein,“ ſagte ich.„An Arbeit wird es nicht fehlen.“ „Ja, ja— ich will nicht ſagen, daß es nicht Arbeit gebe für ſolche, denen es darum zu thun iſt. Aber's iſt nicht mehr der nämliche Platz, wie er es war in meiner 3 „Ihr könnt Euch alſo ſeiner erinnern, als er noch in andern Händen war?“ „O freilich! Als ihn die Hogtone hatten— ehren⸗ werthe Leute! mein ſeliger Mann war der Gärtner— keiner von jenen aufgeſchoſſenen feinen Gentlemen, die nicht einmal eine Spate in die Hand nehmen können.“ Arme Alte— wie wahr ſprichſt Du! Ich begann den unbekannten Eigenthümer zu haſſen. Angenſcheinlich hatte hier ein Glückspilz die alte, einfache, 13* 196 gaſtfreundliche Familie ausgekauft und vernachläßigte die alten Diener derſelben, indem er ſie für ihre tägliche Nah⸗ rung auf das Zeigen von Waſſerfällen anwies und ihre Au⸗ gen durch den Anblick ſeines ſelbſtſüchtigen Reichthums ver⸗ letzte. „Hier iſt das Waſſer, alles verderbt— ſo war es nicht in meinen Tagen,“ ſagte die Führerin. Ein Bach, deſſen Gemurmel ich längſt gehört hatte, wurde nun plötzlich ſichtbar und verlieh der Scene ihren krö⸗ nenden Zauber. Ich verſank wieder in Schweigen, und wir folgten ſeinem waldigten Bette unter niedertauchenden Ka⸗ ſtanien und ſchattigen Linden. Das Haus ſelbſt wurde auf der entgegengeſetzten Seite ſichtbar— ein moderner Bau von weißem Geſtein mit dem edelſten korinthiſchen Portikus, den ich je in England geſehen habe. „In der That ein ſchönes Gebäude,“ ſagte ich.„Hält ſich Mr. Trevanion hier viel auf?“ „Ei nein— ich will damit nicht ſagen, daß er immer fort bleibt, aber es iſt nicht, wie es in meinen Tagen war, als die Hogtone Jahr aus Jahr ein in ihrem warmen Hauſe lebten— nicht in jenem dort.“ Gute alte Frau, und ihr armen verbannten Hogtone! dachte ich. Welch' ein abſcheulicher Emporkömmling! Ich freute mich, wenn eine krumme Linie im Geſträuche mir den Anblick des Hauſes entzog, obſchon in Wirklichkeit uns jeder Schritt demſelben näher brachte. Endlich kam der ge⸗ rühmte Waſſerfall, deſſen Rauſchen ich ſchon einige Zeit gehört hatte. 197 Unter den Alpen würde ein ſolcher Anblick unbedeutend ſein; aber im Gegenſatz zu dem Baumſchlag des erhöhten Grundes, wo ſich keine andern kühnen Züge dem Auge dar⸗ boten, konnte man die Wirkung der Kaskade ſchlagend, ja ſogar großartig nennen. Die Ufer waren hier zuſammen⸗ gedrängt; zum Theil natürliche, zum Theil ohne Zweifel künſtliche Felſen verliehen dem Rande einen Charakter von Rauhheit, und das Waſſer ſtürzte aus einer beträchtlichen Höhe im ein Strombett hernieder, das meine zahnloſe Füh⸗ rerin für„ſterblich tief“ erklärte. „An der Stelle, wo Ihr ſteht, iſt ein Wahnſinniger hinüber geſprungen,“ ſagte die Alte;„im letzten Juni waren es zwei Jahre.“ „Ein Wahnſinniger?“ verſetzte ich, mit einem Auge, das auf dem Turnplatz des Philhelleniſchen Inſtituts geübt worden war, den ſchmalen Raum zwiſchen den über der Tiefe befindlichen Ufern meſſend.„Ei, meine gute Frau, man muß nicht gerade ein Wahnſinniger ſein, um einen ſolchen Sprung auszuführen.“ So ſprechend und unter einem plötzlichen Antriebe, welchen man mit Unrecht der edlen Eigenſchaft des Muthes zuſchreiben würde, holte ich um einige Schritte aus und ſetzte über den Abgrund. Als ich jedoch jenſeits auf meine Helden⸗ that zurückblickte und daraus erſah, daß ein Mißlingen des Sprungs mir unfehlbar den Tod gebracht hätte, bemächtigte ſich meiner eine Zaghaftigkeit, und ich fühlte, daß ich das nämliche Wagniß nicht mehr hätte beſtehen mögen, und 198 wenn dadurch die ganze Domäne mein Eigenthum gewor⸗ den wäre. „Und wie ſoll ich nun wieder zurückkommen?“ rief ich mit kleinmüthiger Stimme der Alten zu, welche von der an⸗ dern Seite her mich mit großen Augen anſtierte.„Ah, ich ſehe, dort unten iſt eine Brücke.“ „Aber Ihr könnt dort nicht herüber; es iſt ein Thor daran, zu dem der Herr ſelbſt den Schlüſſel hat. Ihr ſeid jetzt auf dem geſchloſſenen Eigenthum. Du lieber Himmel! wie wird der Squire zornig werden, wenn er es erfährt. Ihr müßt wieder zurück— ja, und man ſieht Euch vom Hauſe aus! Ach, du lieber— du grundgütiger Himmel, was ſoll ich anfangen! Könnt Ihr denn nicht wieder herüberſprin⸗ gen?“ Durch dieſe kläglichen Ausrufe bewegt, und weil ich nicht wünſchte, die arme alte Frau dem Zorne eines Gebie⸗ ters auszuſetzen, der augenſcheinlich ein gefühlloſer Tyrann war, beſchloß ich, allen meinen Muth zuſammen zu nehmen, und den Rückſprung über den gefährlichen Abgrund zu wagen. „O ja— ſeid unbeſorgt,“ entgegnete ich ihr.„Was einmal gethan wurde, muß auch, wenn's Noth thut, zum zweitenmal geſchehen. Seid nur ſo gut, mir aus dem Weg zu treten.“ Ich holte einige Schritte aus auf einem Boden, der viel zu rauh war, um einen Anlauf zu begünſtigen; aber das Herz ſchlug mir gegen die Rippen. Ich fühlte, daß nur ein ſchneller Antrieb bei fehlenden Vorbereitungen Wunder zu thun im Stande iſt. er as in zu 199 „So tummelt Euch doch!“ rief mir die Alte zu. Das ſchreckliche Weibsbild! ſie begann ſehr in meiner Achtung zu ſinken. Ich preßte meine Zähne zuſammen und war eben im Begriffe, vorwärts zu ſtürzen, als eine Stimme dicht neben mir ſagte: „Haltet, junger Mann; ich will Euch durch das Thor laſſen.“ 2 Ich drehte mich raſch um und bemerkte dicht an meiner Seite— ſo, daß ich mich wunderte, ihn nicht ſchon früher geſehen zu haben— einen Mann, deſſen einfache, aber nicht auf einen Arbeiter dentende Tracht in mir die Ver⸗ muthung rege machte, daß ich den Obergärtner vor mir habe, von dem meine Führerin geſprochen. Er ſaß unter einem Kaſtanienbaume auf einem Stein und hatte einen häß⸗ lichen Köter zu ſeinen Füßen, der mein Umwenden ſogleich mit einem Kläffen begrüßte. „Ich danke Euch, guter Mann!“ rief ich freudig;„denn offen geſtanden, vor dieſem Sprunge war mir gewaltig bange.“ „O ho! Und doch ſagtet Ihr, was geſchehen, könne auch zum zweitenmal ausgeführt werden.“ „Ich ſagte nicht es könne, ſondern es ausge⸗ führt werden.“ „Hum! Das iſt beſſer geſagt.“ Der Mann erhob ſich jetzt— der Hund kam heran und beroch meine Beine; nachdem er ſich auf dieſe Weiſe, wie es ſchien, von meiner Achtbarkeit überzeugt hatte, we⸗ delte er mit ſeinem Stumpfſchwanz. Als ich wieder über den Waſſerfall zurückſchaute, be⸗ merkte ich zu meiner großen Ueberraſchung, daß die Alte, ſo ſchnell ſie konnte, wieder heimwärts humpelte. „Ah!“ ſagte ich lachend,„das arme alte Geſchöpf fürchtet, Ihr werdet ſie ihrem Herrn verrathen— denn Ihr ſeid doch wohl der Obergärtner? Indeß trifft in der Sache blos mich ein Vorwurf. Ich bitte laßt dies nicht außer Acht, wenn Ihr überhaupt des Vorfalls Erwähnung thut.“ Und ich zog eine halbe Krone heraus, die ich meinem neuen Führer anbot. Er ſchob das Geld mit einem dumpfen„Hum— iſt nicht nöthig,“ zurück und fuhr dann mit lanterer Stimme fort: „Es iſt kein Grund vorhanden, mich zu beſtechen, denn ich habe ja alles ſelbſt mit angeſehen.“ „Ich fürchte nur, Euer Gebieter ſey etwas hart ge— gen die alten Diener der armen Hogtone.“ „Wirklich? Oh, hum— mein Gebieter. Ihr meint wohl Mr. Trevanion?“ * „Nun, und ich will wohl glauben, daß ihm die Leute dies nachſagen. Hier iſt der Weg,“ fügte er bei, indem er mich in ein kleines Thal hinab führte, das vom Waſſer⸗ fall abgelegen war. Jedermann muß ſchon an ſich bemerkt haben, daß er nach einer überſtandenen oder umgangenen Gefahr wunder⸗ bar aufgeräumt wurde— man befindet ſich dann in einem Zuſtande der angenehmſten Aufregung. Ebenſo erging es 201 mir. Ich unterhielt mich mit dem Gärtner à coeur ouvert, wie die Franzoſen ſagen, und bemerkte nicht, daß ſeine kurzen einſylbigen Erwiederungen nur beht dienten, meine ganze kleine Geſchichte herauszulocken— das Ziel meiner Reiſe, meine Schule unter Dr. Herman und die Fertigung des gro⸗ ßen Buches, welche mein Vater beabſichtigte. Ich bemerkte erſt die Vertraulichkeit, die zwiſchen uns entſtanden war, als wir nach einem weiten Schlangenweg den Bach wieder er⸗ reichten und vor einem von ſteinernen Bogen eingefaßten Thore ſtanden, denn jetzt fragte mich mein Begleiter mit großer Einfachheit: „Und Euer Name, junger Gentleman? Wie nennt Ihr Euch?“ Ich zögerte einen Augenblick; da ich jedoch gehört hatte, daß ſolche Fragen gewöhnlich an diejenigen geſtellt würden, welche ſich fremde Plätze zeigen laſſen, ſo antwortete ich: „Oh, es iſt ein ſehr ehrwürdiger Name, wie Euch Euer Gebieter bezeugen wird, wenn er anders ein Freund der al⸗ ten engliſchen Literatur iſt. Ich heiße Carton.“ „Carton?“ rief der Gärtner mit einiger Lebhaftigkeit. „Es gibt in Cumberland eine Familie dieſes Namens—“ „Dies iſt die meinige. Mein Onkel Roland iſt das Haupt derſelben.“ „Und Ihr ſeyd der Sohn von Auguſtin Carton?“ „Ja. Ihr habt alſo ſchon von meinem lieben Vater gehört?“ „Laſſen wir dieſes T hor nur liegen. Kommt mit mir — in dieſe Richtung.“ 202 Und mein Führer wandte ſich plötzlich um, ſchritt auf einem ſchmalen Pfade weiter, und ehe ich mich von meiner Ueberraſchung erholen konnte, ſtanden wir etwa hundert Schritte von dem Hauſe. gerzeiht mir,“ ſagte ich;„aber wohin wollt Ihr mich denn führen, mein guter Freund? „Guter Freund— guter Freund! Wohlgeſprochen, Sir. Ihr ſeyd jetzt unter guten Freunden. Ich war mit Eurem Vater auf dem College, und er war mir ſehr theuer. Auch Euren Onkel kannte ich ein wenig. Mein Name iſt Trevanion.“ Blinder junger Einfaltspinſel, der ich war! So bald mir mein Führer ſeinen Namen genannt hatte, wußte ich mich vor Erſtaunen über meinen unerklärlichen Mißgriff kaum zu faſſen. Die kleine unſcheinbare Figur gewann mit einemmale in meinem Auge den Charakter der Würde, und der gewöhnliche Anzug von rauhem Tuche erſchien mir jetzt als die natürliche und völlig paſſende Kleidung eines Land⸗ gentleman auf ſeinen eigenen Gütern. Sogar der häßliche Köter wurde zum ſchottiſchen Dachs von der reinſten Zucht. Mein Führer lächelte gutmüthig über meine Beſtür⸗ zung, klopfte mich auf die Schulter und ſagte: „Nicht gegen mich, ſondern gegen meinen Gärtner müßt Ihr Euch entſchuldigen. Er iſt ein ſchöner Mann, der ſeine ſechs Fuß mißt.“ Ehe ich meine Sprache wieder fand, waren wir unter dem Porticus eine breite Treppenflucht hinangeſtiegen, durch eine geräumige, mit Sta tuen und duftigen Orangenbäumen ve ei n ald ich griff mit und jetzt and⸗ liche ucht. ſtür⸗ müßt ſeine unter durch iumen 203 verzierte Halle gekommen und in ein kleines mit Gemälden behangenes Zimmer getreten, wo bereits aller Zubehör zu einem Frühſtück auf dem Tiſche ſtand. Mein Begleiter ſagte nun zu einer Dame, die ſich hinter einer Theeurne erhob: „Meine liebe Ellinor, ich ſtelle Dir hier den Sohn un⸗ ſeres alten Freundes Auguſtin Carton vor. Sprich ihm zu, daß er ſo lange bei uns bleibt, als er kann. Junger Gentleman, betrachtet Lady Ellinor Trevanion als eine alte Bekannte— Familienfreundſchaft ſollte auch auf die Nach⸗ kömmlinge übergehen.“ Mein Wirth ſprach dieſe letzten Worte in einem nach⸗ vrücklichen Tone, leerte dann einen Briefbeutel auf den Tiſch aus, nahm einen Haufen Schreiben und Zeitungen an ſich, warf ſich in einen Lehnſtuhl und ſchien bald meine An⸗ weſenheit völlig vergeſſen zu haben. Die Dame blieb einen Augenblick in ſtummer Ueber⸗ raſchung ſtehen, und ich ſah, daß ſie bald erröthete, bald er⸗ blaßte. Dann aber kam ſie mit der bezaubernden Anmuth einer unerkünſtelten Freundlichkeit auf mich zu, nahm mich bei der Hand, zog mich nach einem Sitz neben den ihrigen und fragte mich ſo herzlich nach meinem Vater, meinem Onkel und meiner ganzen Familie, daß ich mich in fünf Mi⸗ nuten wie zu Hauſe fühlte. Lady Ellinor hörte mit einem Lächeln, bei dem ſich oft ihre Augen feuchteten, ſo daß ſie dieſelben hin und wieder abwiſchen mußte, meinen naiven Erzählungen zu. Endlich fragte ſie:— „Habt Ihr Euern Vater nie von mir ſprechen hören— ich meine, von uns— von den Trevanionen?“ „Nie, antwortete ich mit Derbheit;„doch dies darf Niemand Wunder nehmen, denn Ihr werdet wiſſen, daß mein lieber Vater ein ſehr wortkarger Mann iſt.“ „Wirklich? er war doch ſehr lebhaft, als ich ihn kannte,“ ſagte Lady Ellinor, und während ſie ihr Antlitz ab randte, entquoll ein leiſer Seufzer ihrer Bruſt. In dieſem Moment trat eine junge Dame ein, ſo friſch, ſo blühend und ſo lieblich, daß mit einemmale jeder andere Gedanke aus meinem Kopfe verſchwand. Sie kam ſingend, ſo heiter wie ein Vogel, und ſchien meinem bewundernden Blicke in gleicher Weiſe mit dem Himmel verwandt zu ſein. „Fanny,“ ſagte Lady Ellinor,„gib Mr. Carton die Hand; er iſt der Sohn eines Mannes, den ich nicht mehr geſehen habe, ſeit ich ein wenig älter war als Du, obſchon 3 ich mich ſeiner wie von geſtern her erinnere.“ Miß Fanny erröthete, lächelte und bot mir ihre Hand mit einer ungezwungenen Freimüthigkeit entgegen⸗ die ich vergeblich nachzuahmen ſuchte. Während des Frühſtücks fuhr Mr. Trevanion fort, ſeine Briefe zu leſen und mit dem gelegentlichen Ausrufe„Pfui!“ oder„Gewäſche!“ die Zei⸗ tungen zu überblicken; zwiſchen hinein trank er mechaniſch ſeinen Thee oder genoß einige Biſſen von einer Röſtſchnitte. Dann erhob er ſich mit der Schnelligkeit, welche ſeinen Be⸗ wegungen eigenthümlich war, und blieb eine Weile in Ge⸗ danken vertieft vor dem Kamine ſtehen. Jetzt, nachdem der e entfernt und das Plötz⸗ breitrandige Hut von ſeiner Stirn liche ſeiner erſten Bewegung der nachherigen Geſetztheit ge⸗ wichen war, feſſelte der Mann meine neugierige Aufmerk⸗ F ie kr rf aß hn litz ſch, ere nd, den ein. die ehr chon an ich tücks dem Zei⸗ niſch nitte. Be⸗ Ge⸗ m der Plötz⸗ it ge⸗ merk⸗ 205 ſamkeit in einem Grade, daß ich mich mehr als je meines Irrthums ſchämte. In ſeinem lebhaften, aber doch ge⸗ danfenvollen Antlitz mit den hohlen Augen und den tiefen Furchen ſprach ſich Sorge aus: aber es war eines jener Ge⸗ ſichter, welche ihre Würde und Feinheit jener geiſtigen Aus⸗ bildung verdanken, die ein Eigenthum des wahren Ariſto⸗ kraten, nämlich des Mannes von ſcharfem Verſtande und edler Erziehung iſt. Das Geſicht mußte in jüngeren Jah⸗ ren ſehr ſchön geweſen ſein, denn die Züge waren unge⸗ mein beſtimmt; die theilweiſe kahle Stirne ragte breit und edel hervor, und in der Krümmung der Lippe lag faſt eine weibliche Zartheit. Der ganze Ausdruck des Antlitzes war gebieteriſch, aber traurig. Bei zunehmender Lebens⸗Erfah⸗ rung habe ich oft verſucht, in dieſen eindrucksvollen Zügen die Geſchichte eines thatkräftigen Ehrgeizes zu verfolgen, der durch eine ſtolze Philoſophie und ein zartes Gewiſſen ge⸗ zügelt wird; was ich aber damals ſehen konnte, war nur der Abdruck einer nicht näher beſtimmbaren, unzufriedenen Schwermuth, welche mich ſelbſt niederdrückte, ohne daß ich mir einen Grund dafür angeben konnte. Mr. Trevanion kehrte bald wieder nach dem Tiſche zu⸗ rück, raffte ſeine Briefſchaften zuſammen, begab ſich lang⸗ ſam nach der Thüre und verſchwand. Die Blicke ſeiner Gattin folgten ihm zärtlich. Ihre Augen erinnerten mich an die meiner Mutter, wie es, glaube ich, in der That bei allen der Fall war, die Liebe ausſpra⸗ chen. Ich rückte ihr etwas näher und ſehnte mich danach, die weiße Hand zu faſſen, die ſo ſorglos vor mir lag. 206 „Wollt Ihr nicht mit uns einen Spaziergang machen?“ fragte Miß Trevanion, ſich an mich wendend. Verbeugung und ſah mich in wenigen Ich machte eine Minuten allein. Während der Abweſenheit der Damen, welche ſich entfernt hatten, um ihre Halstücher und Hüte zu holen, nahm ich, um doch etwas zu thun, die Zeitungen auf, welche Mr. Trevanion auf den Tiſch geworfen hatte. Mein Auge ſiel zuerſt auf ſeinen eigenen Namen, der ſich oft— ja, in allen Blättern wiederholte. In dem einen wurde er mit Verachtung behandelt, während ihm ein anderes hohes Lob ſpendete; ein Artikel jedoch in einem Journale, das eine unparteiiſche Haltung zu beobachten ſchien, fiel mir in einem Grade auf, daß ich mich des Inhalts noch gut er⸗ innern kann, obſchon ich nicht gerade die ſelben Worte wieder⸗ zugeben vermag. Der Aufſatz lautete ungefähr folgender⸗ maßen:— „Bei der gegenwärtigen Stellung der Parteien haben rlich unſere Zeitſchriften den Anſprüchen oder vanion viel Raum gewidmet. Es iſt ein Name, der unzweifelhaft hoch im Hauſe der Gemeinen ſteht, aber eben ſo unzweifelhaft wenig Sympathien im Lande findet. Mr. Trevanion iſt weſentlich und vorzugs⸗ weiſe ein Parlaments⸗Mitglied⸗ billig und gewandt in der Debatte und bewunderungswürdig, wo er in den Co⸗ mités den Vorſitz führt. Obſchon er nie ein Staatsamt bekleidete, hat doch langjährige Erfahrung und ſtete un⸗ belohnte Aufmerkſamkeit auf die öffentlichen Angelegenhei⸗ ten ihm einen hohen Rang angewieſen unter jenen prakti⸗ ganz natü Mängeln des Mr. Tre S 24 zen en, üte gen tte. ſich urde eres ale, mir t er⸗ eder⸗ der⸗ aben oder Fs iſt einen n im zugs⸗ vandt n Co⸗ tsamt te un⸗ enhei⸗ prakti⸗ 207 ſchen Politikern, aus denen die Miniſter gewählt werden. Man muß ihn ohne Zweifel als einen Mann von flecken⸗ loſem Charakter und vortrefflichen Abſichten betrachten, und jedes Kabinet würde in ſeiner Perſon ein ehrenhaftes, nütz⸗ liches Mitglied gewinnen. Hier endet jedoch alles, was wir zu ſeinem Lobe ſagen können. Als Redner fehlt ihm das Feuer und die Begeiſterung, womit man die Sympathien des Volkes gewinnt. Er gebietet über das Ohr des Hau⸗ ſes, nicht aber über das Herz des Landes. In bloſen Ge⸗ ſchäftsangelegenheiten untrüglich, weiß er ſich in den gro⸗ ßen Fragen der Politik nicht recht zu finden. Er hält es nie aus vollem Herzen mit einer Partei und nimmt ſich kei⸗ ner Frage in einer Weiſe an, als ob es ihm ganz ernſt da⸗ mit ſei. Die Mäßigung, auf welche er ſich dem Verneh⸗ men nach ſo viel zu gute thut, äußert ſich oft in wähleriſchen Launen und in dem Verſuch, eine philoſophiſche Origina⸗ lität von Offenheit an den Tag zu legen, ſo daß er ſich da⸗ durch bei ſeinen Feinden längſt den Ruf eines Wetterhahns errungen hat. Einem ſolchen Manne mögen wohl die Um⸗ ſtände zeitweilige Gewalt zuwerfen; aber kann er ihr einen bleibenden Einfluß verſchaffen? Nein, möge Mr. Trevanion auf dem Platze bleiben, welchen ihm Natur und Stellung anweiſen— auf dem eines biedern, unabhängigen, tüchti⸗ gen Parlaments⸗Mitglieds, welches berufen iſt, die Män⸗ ner beider Seiten zu verſöhnen, wenn die Parteien in Er⸗ treme auseinander gehen. Zum Kabinets⸗Miniſter taugt er nicht. Seine Bedenklichkeit würde jedes Regieren un⸗ moglich machen, und an ſeiner Unentſchloſſenheit müßte bald 208 ſein eigener Ruf ſcheitern, wenn ſich's, wie in allen menſch⸗ lichen Angelegenheiten, darum handelte, einige Irrthümer nachzuſehen, um dadurch ein großes Gut zu erringen.“ Ich hatte eben dieſen Artikel zu Ende geleſen, als die Damen wieder zurückkehrten. Meine Wirthin bemerkte die Zeitung in meiner Hand und ſagte mit erzwungenem Lächeln: „Vermuthlich wieder ein Angriff auf Mr. Treva⸗ nion?“ „Nein,“ verſetzte ich linkiſch, denn vielleicht war der Aufſatz, der mir ſo unparteiiſch vorkam, der bitterſte An⸗ griff von allen.„Nein, dies nicht gerade.“ „Ich leſe jetzt nie mehr Zeitungen— wenigſtens nicht die ſogenannten leitenden Artikel— es iſt zu ſchmetzlich. Und einſt machten ſie mir ſo viel Freude. Dies war in der Zeit, als die Laufbahn begann und der Ruf noch nicht fer⸗ tig war.“ Lady Ellinor öffnete jetzt das Fenſter, welches in den Hof hinausführte, und einige Augenblicke ſpäter befanden wir uns in jenem Theile des Luſtparkes, welchen die Familie der öffentlichen Neugierde entzogen hatte. Wir kamen an ſeltenen Strauchpflanzen, ausländiſchen Blumen und langen Gewächshäuſern vorbei, in welchen die ganze wunderbare Pflanzenwelt Afrika's und beider Indien lebte und blühte. „Mr. Trevanion iſt wohl ein großer Freund von Blu⸗ men?“ ſagte ich. Die ſchöne Fanny lachte.„Ich glaube daß er die eine von der andern zu unterſcheiden weiß.“ en en lie an en re 209 „Mir ergeht es ebenſo,“ verſetzte ich;„das heißt wenn ich die Roſe oder die Roſenpappel aus dem Geſicht verliere.“ „Dann wird die Farm wohl mehr Intereſſe für Euch haben,“ bemerkte Lady Ellinor. Wir kamen zu den neuen Wirthſchaftsgebäuden, die ohne Zweifel nach den beſten Grundſätzen hergeſtellt waren. Lady Ellinor zeigte mir die neuen Maſchinen und ſonſtigen Vorrichtungen zu Abkürzung der Arbeit und Vervollkomm⸗ nung der mechaniſchen Operationen im Feldbau. „So iſt wohl Mr. Trevanion ein großer Freund von Landwirthſchaft?“ Die hübſche Fanny lachte wieder. „Mein Vater iſt eines der großen Orakel in der Agri⸗ cultur, einer der eifrigſten Beſchützer aller ihrer Verbeſſe⸗ rungen— ob aber ein großer Freund der Landwirthſchaft? — Ich zweifle, ob er es weiß, wenn er über ſeine eigenen Felder reitet.“ Wir kehrten nach dem Hauſe zurück, und Miß Treva⸗ nion, deren offenes freundliches Weſen bereits einen allzu⸗ tiefen Eindruck auf das jugendliche Herz von Piſiſtratus dem Zweiten gemacht hatte, erbot ſich, mir die Gemälde⸗Gallerie zu zeigen. Die Sammlung enthielt blos Werke engliſcher Künſtler, und Miß Trevanion machte mich auf die Haupt⸗ ſchönheiten der Gallerie aufmerkſam. „Nun, ſo muß Mr. Trevanion wenigſtens ein Freund von Gemälden ſein!“ „Abermals fehlgeſchoſſen,“ verſetzte Fanny mit einem ſchalkhaften Kopfſchütteln.„Mein Vater ſoll zwar ein ans⸗ Bulwer, die Cartone. 14 gezeichneter Kenner ſein, kauft aber die Bilder nur aus Pflichtgefühl— um unſere vaterländiſchen Künſtler aufzu⸗ muntern. Iſt ein Gemälde einmal erworben, ſo glaube ich kaum, daß er es je wieder anſieht!“ „Ja, was thut er denn—“ Ich hielt inne, denn ich fühlte wohl, daß meine beab⸗ ſichtigte Frage ſehr ungezogen ſich ausnehmen würde. „Ihr wolltet ſagen, was einen beſondern Reiz für ihn habe? Ich kenne ihn natürlich, ſo lange ich denken kann, habe aber nie entdeckt, daß er für Etwas eine beſondere Nei⸗ gung hätte. Nein— nicht einmal für die Politik, obſchon er in dieſer lebt und webt. Ihr macht ein verwirrtes Ge⸗ ſicht? Nun, ich hoffe, Ihr werdet ihn mit der Zeit ſchon beſſer kennen lernen, obſchon es Euch wohl nie gelingen dürfte, das Geheimniß zu löſen, an was Mr. Trevanion eine Freude hat.“ „Du haſt Unrecht,“ ſagte Lady Ellinor, die, ohne daß wir ſie hörten, nach uns in's Zimmer getreten war.„Ich kann Dir ſagen, an was Dein Vater eine Freude hat— ja, was er ſogar liebt, da er ihm dient, jede Stunde ſeines edlen Lebens— Gerechtigkeit, Wohlthätigkeit, die Ehre und ſein Vaterland. Einen Mann, der ſolche Liebhabe⸗ reien hat, kann man wohl entſchuldigen, wenn er gleichgültig iſt gegen ein friſch angekommenes Geranium oder einen neuen Pflug, ja ſogar(was bei Dir freilich den größten Anſtoß erregt, Fanny) gegen ein eben von der Staffelei kommendes Meiſterwerk von Landſeer oder die neueſte Mode, die ſich Mr. Trevanion anzueignen beliebt.“ 211 „Mamma!“ rief Fanny, und Thränen quollen in ihren . Augen. Lady Ellinor aber erſchien mir, während ſie ſo ſprach, wirklich erhaben; ihre Augen leuchteten und ihre Bruſt wogte. Die Frau, welche Partei für den Gatten nahm gegen das k Kind und ſo wohl begriff, was dieſes bei aller täglichen Erfahrung nicht fühlte und was die Welt bei aller Wach⸗ ſamkeit ihres Lobs und ihres Tadels nie erfahren konnte— dies war ein Bild nach meinem Geſchmacke, ſchöner als 2 eines in der Sammlung. Ihr Geſicht wurde milder, als ſie in Fanny's hellen nußbraunen Augen die Thränen bemerkte; ſie ſtreckte ihre Hand aus, und die Tochter küßte dieſelbe mit Innigkeit, in⸗ dem ſie flüſterte: e„Ihr müßt nicht ſo ſehr auf das thörichte Wort achten, Mamma, ſonſt werdet Ihr mir jede Minute etwas zu ver⸗ ß geben haben.“ Dann glitt Miß Trevanion aus dem Zimmer. „Habt Ihr eine Schweſter?“ fragte mich Lady Ellinor. 6*„Nein.“ e„Und Trevanibn hat keinen Sohn,“ſagte ſie traurig. Das Blut rauſchte gegen meine Wangen. Oh, aber⸗ 8 mals junger Einfaltspinſel! Wir ſtanden ſtumm bei ein⸗ n ander, als die Thüre aufging und Mr. Trevanion eintrat. „Hum,“ ſagte er bei meinem Anblicke lächelnd— und ei ſein Lächeln war bezaubernd, obgleich ſelten. e, „Hum, junger Sir, ich bin gekommen um Euch aufzu⸗ ſuchen. Ich fürchte, daß ich unhöflich gegen Euch geweſen 14* 212 bin, und bitte Euch daher um Verzeihung. Sobald mir dies einfiel, verließ ich meine blauen Bücher, an denen mein Gehülfe ſcharf fortarbeitet, um Euch zu bitten, ein halbes Stündchen mit mir zu gehen— eine halbe Stunde iſt alles, was ich auf Euch verwenden kann— um Ein Uhr eine Depu⸗ tation! Natürlich, nehmt Ihr Euer Mittagsmahl bei uns ein und bleibt hier über Nacht?“ „Ach, Sir, meine Mutter wird ſehr umuhig werden, wenn ich nicht heute Abend in London eintreffe.“ „Pah!“ verſetzte das Parlaments⸗Mitglied.„Ich will ihr's durch einen Erpreſſen ankündigen laſſen.“ „O, nicht doch! ich danke Euch.“ „Warum nicht?“ Ich zögerte. „Ihr ſeht, Sir, daß mein Vater und meine Mutter noch fremd in London ſind; zwar findet bei mir derſelbe Fall ſtatt, aber dennoch könnten ſie meiner bedürfen, und ich wäre vielleicht in der Lage, ihnen nützlich zu werden.“ Während ich ſo ſprach, legte Lady Ellinor ihre Hand auf meinen Kopf und ſtreichelte mir die Haare nieder. „Recht ſo, junger Mann— ganz recht; es wird Euch gut gehen in der Welt, ſo ſchlimm ſie auch iſt. Ich will zwar damit nicht ſagen, daß Ihr Euer Glück machen werdet, wie es die Schelmen nennen— dies iſt eine andere Frage; aber wenn Ihr Euch auch nicht aufſchwingt, ſo werdet Ihr doch nicht fallen. Nun, nehmt Euern Hut, und kommt mit mir; wir wollen mit einander nach dem Pförtnerhäuschen gehen — Ihr werdet noch zeitig genug ankommen für eine Kutſche.“ en 213 Ich verabſchiedete mich von Lady Ellinor und hätte wohl gerne einige Komplimente an Miß Fanny angebracht; aber die Worte blieben mir in der Kehle ſtecken, und mein Wirth ſchien ungeduldig zu ſein. „Ihr müßt Euch bald wieder bei uns ſehen laſſen,“ ſagte Lady Ellinor freunblich, als ſie uns nach der Thüre folgte. Mr. Trevanion ging raſch und ſchweigend vorwärts— die eine Hand in ſeiner Bruſt, in der andern nachläßig einen dicken Spazierſtock ſchwingend. „Aber ich muß über die Brücke zurück,“ ſagte ich,„da ich dort meinen Torniſter liegen ließ. Ich warf ihn ab, ehe ich meinen Sprung machte, und die alte Frau hat ihn ſicher⸗ lich nicht in ihre Obhut genommen.“ „So kommt denn in dieſe Richtung. Wie alt ſeyd Ihr?“ „Siebenzehn und ein halb.“ „Und Ihr könnt vermuthlich lateiniſch und griechiſch, wie man es an den Schulen lernt?“ „Ich denke, daß ich darin ziemlich ordentlich beſchla⸗ gen, Sir.“ „Iſt Euer Vater gleichfalls dieſer Anſicht?“ „Mein Vater nimmt es freilich haarſcharf; indeß ge⸗ ſteht er zu, daß er im Ganzen zufrieden iſt.“ „Nun ſo muß ichs wohl auch ſein. Mathematif?“ „Ein Wenig.“ „Gut.“ Jetzt ſtockte die Unterhaltung eine Weile. Ich hatte 214 meinen Torniſter wieder gefunden und aufgeſchnallt, und wir waren ſchon in der Nähe der Hütte, als Mr. Trevanion plötzlich ſagte: „Redet, mein junger Freund, redet; ich höre Euch ſo gerne ſprechen— es erfriſcht mich. Niemand hat in den letzten zehn Jahren ſo natürlich mit mir geſprochen.“ Dieſe Aufforderung war das wirkſamſte Dämpfungs⸗ mittel meiner jugendlichen Beredſamkeit, denn ich hätte jetzt nicht natürlich ſprechen können, und wenn es mich das Leben gekoſtet hätte. „Ich ſehe, ich habe einen Mißgriff gethan,“ ſagte mein Begleiter gutmüthig, als er meine Verlegenheit bemerkte. „Doch wir ſind jetzt vor dem Pförtnerhäuschen und die Kutſche wird in fünf Minuten vorüberfahren. Ihr könnt die Zwiſchenzeit damit zubringen, daß Ihr dem alten Weib zuhört, wie ſie die Hogtone lobt und auf mich ſchimpft. Merkt es Euch aber, Sir— kümmert Euch nie um Lob oder Tadel, denn beides iſt Schaum. Lob und Tadel ſind hier!“ Und er ſchlug faſt mit Leidenſchaftlichkeit die Hand auf ſeine Bruſt.„Nehmt an mir ein Beiſpiel. Dieſe Hogtone waren der Krebsſchaden des Platzes— geizig und ohne alle Er⸗ ziehung; ihr Land ſah wie eine Wildniß aus und ihr Dorf wie ein Schweinſtall. Ich komme mit Kapital und Einſicht, mache den Boden nutzbar, verbanne den Pauperismus und civiliſire alles um mich her. Es iſt kein Verdienſt von mir — ich bin nur der Ausdruck des durch Bildung geleiteten Kapitals— eine Maſchine. Und doch iſt dieſe alte Frau nicht die einzige Perſon, welche Euch ſagen wird, die Hog⸗ —, 2¹⁵ tone ſeien Engel geweſen, um mich ganz im gegentheiligen Lichte darſtellen zu können. Was noch mehr iſt, Sir, das alte Weib bezieht wöchentlich zehn Schillinge von mir, und weil ſie ihr Herz an dem Nebenerwerb von weiteren ſechs Penceſtücken geſetzt hat— und ich will ihr dieſen Gewinn nicht verkümmern— ſo muß jeder Beſuchende die Vorſtel⸗ lung mit ſich fortnehmen, daß ich, der reiche Mr. Trevanion, ſie verhungern ließe, wenn ſie nicht hin und wieder bei Schauluſtigen etwas verdienen könnte. Doch dies hat nichts zu bedeuten. „Gott befohlen. Sagt Eurem Vater, ſein alter Freund müſſe nach ihm ſehen, und von ſeiner ruhigen Weisheit Nutzen ziehen— ſein alter Freund ſei bisweilen ein Thor und ſchweren Herzens. Wenn ihr eingerichtet ſeid, ſo ſchreibt mir eine Zeile nach St. James Square, damit ich weiß, wo ich euch aufſuchen muß. „Hum! Und damit genug.“ Mr. Trevanion drückte mir die Hand und begab ſich weiter. Ich wartete nicht auf die Kutſche, ſondern ging auf das Pförtchen zu, wo die Alte, welche aus der Ferne das Trinkgeld, von dem ich die Perſonifikation war, entweder ge⸗ ſehen oder gewittert hatte— „In grimmer Ruh' ſich barg, der Morgenbeute harrend.“ Meine Anſichten über ihren gedrückten Zuſtand und die Tugenden der abgeſchiedenen Hogtone hatten ſich inzwiſchen etwas verändert, weshalb ich mich begnügte, in ihre offene Handfläche genau die Summe fallen zu laſſen, über die wir 216 urſprünglich einig geworden waren. Aber die Hand blieb noch immer vffen, und die Finger der andern faßten mich, während ich in der Krümmung des Drehkreuzes wie ein Stöpſel in einem Patent⸗Korktzieher ſtack. „Und drei Pence für den Neffen Bob,“ ſagte die Alte. „Drei Pence für den Neffen Bob, und warum?“ „'s iſt ſeine Gebühr, wenn er einen Gentleman re⸗ commandirt. Ihr werdet doch nicht von mir verlangen, daß ich es aus meinem eigenen Erwerb zahlen ſoll— denn er verlangt es einmal oder würde lieber mein Geſchäft zu Grund richten. Arme Leute müſſen bezahlt werden für ihre Mühe.“ Hart gegen dieſe Berufung und im Geiſte Bob zu einem Gebieter wünſchend, deſſen Füße ſich nur um ſo beſſer aus⸗ nehmen würden, wenn er einen Stiefelputzer brauchte, gab ich dem Dreikreuz einen Ruck und entwiſchte. Gegen Abend erreichte ich London. Wer hat London je zum erſtenmale geſehen, ohne ſich in ſeinen Erwartungen getäuſcht zu fühlen? Die langen Vorſtädte, welche ohne Abgrenzung mit der Hauptſtadt zuſammenfließen, machen jede Ueberraſchung unmöglich, denn allmälige Uebergänge ſtören jeden Zauber. Ich hielt es für zweckmäßig, eine Miethkutſche zu nehmen, und holperte ſo meines Weges nach dem— Hotel, deſſen Eingang ſich in einer ſchmalen Seiten⸗ ſtraße des Strandes befand, während der größere Theil des Gebäudes nach der Hauptſtraße hinausging. Ich fand mei⸗ nen Vater in einem Zuſtande großer Unzufriedenheit; das ihm angewieſene InterimQuartier war ein kleines Stüb⸗ — N 217 chen, in welchem er gleich einem neu gefangenen Löwen in ſeinem Käfig auf und ab ſchritt. Meine arme Mutter hatte eine Menge Beſchwerden, und zum erſtenmal in ihrem Leben fand ich ſie wirklich verdrießlich. Dieß war eine ſehr un⸗ paſſende Zeit, über meine Abenteuer Bericht zu erſtatten, und ich hatte genug damit zu thun, die Klagen meiner El⸗ tern anzuhören. Sie waren den ganzen Tag auf den Bei⸗ nen geweſen, um eine geeignete Wohnung zu ſuchen, aber vergeblich. Meinem Vater hatte man ein neues oſtindiſches Tuch aus der Taſche geſtohlen. Primmins, von der man ge⸗ glaubt hatte, ſie kenne ſich ſo gut in London aus, wußte gar nichts davon und erklärte, das Unterſte ſei zu oberſt gekehrt, und alle Straßen hätten ihre Namen verändert. Der neue ſeidene Sonnenſchirm, den man fünf Minuten unbewacht in der Halle gelaſſen, war gegen einen alten Gingham, mit drei Löchern darin, vertauſcht worden. Erſt als ſich meine Mutter erinnerte, wenn ſie nicht ſelbſt nach der gehörigen Lüftung meines Bettes ſehe, werde ich zuverläßig am andern Morgen von Rhevmatismen ganz gelähmt ſein, und daher mit Mrs. Primmins und einer naſe⸗ weiſen Stubenmagd, die zu glauben ſchien, wir veranlaßten mehr Mühe, als wir werth ſeien, ſich unſichtbar machte, fand ich Gelegenheit, meinem Vater von meiner neuen Bekannt⸗ ſchaft mit Mr. Trevanion zu erzählen. Er ſchien nicht auf mich zu achten, bis ich des Namens Trevanion erwähnte. Er wurde dann ſehr blaß, ſetzte ſich ruhig nieder und hieß mich fortfahren, als er bemerkte, daß ich inne hielt und ihn anſah. 218 Nachdem ich ihm alles mitgetheilt und die freundlichen Aufträge ausgerichtet hatte, mit welchen ich von Mr. und Mrs. Trevanion betraut worden war, flog ein mattes Lä⸗ cheln über ſein Geſicht, das er ſodann mit ſeiner Hand ver⸗ hüllte. Er ſchien über etwas nachzuſinnen— über nichts Angenehmes vielleicht, denn ich hörte ihn ein oder zweimal ſeufzeh. „Und Ellinor,“ ſagte er endlich, ohne aufzublicken. „Lady Ellinor wollte ich ſagen— ſie iſt wohl ſehr, ſehr—“ „Was meint Ihr damit, Vater?“ „Noch ſehr ſchön?“ „Schön? Ja, allerdings ſchön; aber ich achtete mehr auf ihr Benehmen, als auf ihr Geſicht. Und dann Fanny — Miß Fanny iſt ſo jung!“ „Ah!“ ſagte mein Vater, einige griechiſche Verſe vor ſich hinmurmelnd, die in der Uebertragung etwa folgender⸗ maßen lauten: Blättern des Baumes, fürwahr, iſt das Menſchengeſchlecht zu vergleichen, Jugendlich heut im Grün und morgen am Boden ver⸗ welkend. „Gut, ſie wünſchen mich alſo zu ſehen. Sagte dies El⸗ linor, Lady Ellinor, oder ihr— ihr Gatte?“ „Ihr Gatte allerdings— Lady Ellinor deutete es eher an, als ſie es ausſprach.“ „Wir wollen ſehen,“ ſagte mein Vater.„Oeffne das Fenſter. Dieſes Zimmer iſt zum Erſticken ſchwül.“ Ich öffnete das Fenſter, das nach dem Strande hinaus⸗ 2¹19 ſah. Der Lärm— die Stimmen— das Getrappel von Füßen und das Rollen der Räder wurde nun deutlich hör⸗ bar. Mein Vater lehnte ſich eine Weile hinaus, und ich ſtand an ſeiner Seite. Er wandte ſich mit einem heiteren Geſichte an mich und ſagte: „Jede Ameiſe auf dem Hügel trägt ihre Bürde, und ihre Heimath beſteht nur aus den Laſten, die ſie beiſchafft. Wie glücklich bin ich— und wie ſollte ich Gott preiſen! Wie leicht iſt meine Bürde— wie ſicher meine Heimath Er hatte kaum ausgeſprochen, als meine Mutter ein⸗ trat. Er ging auf ſie zu, ſchlang den Arm um ihren Leib und küßte ſie. Solche Liebkoſungen hatten bei ihm ihren zärtlichen Zauber durch die Gewohnheit nicht verloren; die vorher etwas krauſe Stirne meiner Mutter heiterte ſich ſo⸗ gleich auf. Gleichwohl erhob ſie mit einiger Ueberraſchung ihren Blick zu dem ſeinigen. „Ich dachte eben,“ ſagte mein Vater, als wolle er ſich entſchuldigen,„wie viel ir verdanfe und wie ſehr ich Dich liebe.“ Zweites Kapitel. Und nun, lieber Leſer, ſiehſt Du uns drei Tage nach unſerer Ankunft in allem Prunk und in der ganzen Groß⸗ artigkeit eines eigenen Hauſes, das in Ruſſell Street, Bloomsburh unfern der Bibliothek des Muſeums liegt. Mein Vater verwendet ſeine Morgenſtunden auf jene lata Silentia, das weite Schweigen, wie Virgil die Welt jen⸗ ſeits der Gräber nennt. Und eine Welt jenſeits des Grabes fönnen wir wohl jenes Gebiet der Geiſter nennen, das durch eine Bücherſammlung vargeſtellt wird. „Piſiſtratus,“ ſagte mein Vater eines Abends, wäh⸗ rend er, nachdem er ſeine Notizen vor ſich geordnet hatte, ſeine Brille abrieb,„Piſiſtratus, eine große Biblivthek iſt ein ſchauerlicher Platz! Hier ſind alle Ueberreſte der Men⸗ ſchen ſeit der Sündfluth begraben.“ „Ja, wohl ein Begräbnißplatz bemerkte Onkel Ru⸗ land, der uns an dieſem Tage aufgefunden hatte. „Es iſt ein Heraclea!“ ſagte mein Vater. „Ich bitte, bediene Dich keiner ſo unverdaulichen Worte,“ verſetzte mein Onkel mit einem Kopfſchütteln. „Heraclea war die Stadt der Zauberer, in welcher man die Todten heraufbeſchwor. Will ich mit Cicero ſprechen? — Ich rufe ihn herbei. Verlangt's mich nach einem Ge⸗ plauder auf dem Marktplatz von Athen und wünſche ich Neuigkeiten von zweitauſendjährigem Alter zu hören? Ich ſchreibe meine Bannformel auf einen Streifen Papier, und ein ernſter Magier beſchwört mir den Ariſtophanes herauf. Und alles dieſes verdanken wir unſerem Vorf—“ „Bruder!“ „Unſeren Vorfahren, welche Bücher ſchrieben— ich vanke Dir für Deine Erinnerung.“ Onkel Roland bot jetzt meinem Vater ſeine Tabakdoſe an; dieſer ſchnaubte, obſchon er den Schnupftabak nicht lei⸗ den konnte, gutmüthig eine Priſe ein und mußte fünfmal hen nan en? Ge⸗ ich Ich und auf. ich kdoſe t lei⸗ fmal 22¹ darauf nieſen— ein Vorwand für Onkel Roland, eben ſo oft mit großer Salbung zu ſagen:„Helf Dir Gott, Bruder Auſtin!“ Sobald ſich mein Vater wieder erholt hatte, nahm er mit Thränen in den Augen, aber ſo ruhig, wie vor der Unterbrechung— denn er hielt es mit der Philoſophie der Stoiker— wieder auf: „Aber nicht dies iſt's, was den Platz ſchauerlich macht, ſondern die Anmaßung mit ſolchen auserleſenen Geiſtern zu wetteifern und zu ihnen zu ſagen: Raum gegeben— auch ich ſpreche meinen Platz an unter den Auserwählten. Auch ich will noch mit den Lebenden verkehren, Jahrhunderte nach dem Tode, der meinen Staub verzehrt. Auch ich— Ach, Piſiſtratus, ich wollte, Onkel Jack wäre in Jericho geweſen, als daß er mich nach London heraufbringen und in die Mitte dieſer Lenker der Welt ſtellen mußte!“ Während mein Vater ſprach, war ich eben beſchäftigt, ein hängendes Geſims für die„auserleſenen Geiſter“ anzu⸗ fertigen; denn meine Mutter, die auf die Bequemlichkeit ihres Gatten ſtets ſorglich Bedacht nahm, hatte die Noth⸗ wendigkeit einer ſolchen Einrichtung in einem gemietheten Hauſe vorausgeſehen und nicht nur meinen kleinen Werkzeug mitgebracht, ſondern auch ſelbſt im Laufe des Morgens das Rohmaterial dazu eingekäuft. Den Hobel in ſeinem Wege über das glatte Brett einhaltend, ſagte ich: „Mein lieber Vater, wenn ich im Philhelleniſchen In⸗ ſtitut vor den dicken Burſchen, die mir vorangegangen ſind, ſo große Angſt gehabt hätte, wie Ihr, ſo wäre ich in alle 222 Cwigkeit auf der Eſelbank der unterſten Abtheilung ſitzen geblieben—“ „Piſiſtratus, Du biſt ein eben ſo großer Agitator, als Dein Namensvetter,“ verſetzte mein Vater lächelnd.„Wir wollen uns alſo um die dicken Burſche nicht kümmern.“ Meine Mutter trat jetzt in ihrem hübſchen Abendhäub⸗ chen ein, voll Lächeln und guter Laune, denn ſie hatte eben ein Zimmer für Onkel Roland hergerichtet, eine vortheil⸗ hafte Uebereinkunft mit der Wäſcherin getroffen und mit Mrs. Primmins Rath gehalten über die beſte Art und Weiſe, ſich gegen nebervortheilung von Seiten der Londoner Ge⸗ werbsleute zu ſchützen. Mit ſich ſelbſt und aller Welt ver⸗ gnügt, küßte ſie meinen Vater auf die über ſeine Notizen niedergebeugte Stirne und trat nun an den Theetiſch, der nur noch auf ihr Präſidium gewartet hatte. Onkel Roland fuhr, den Keſſel in der Hand(denn unſere Urne war noch nicht ausgepackt), mit ſeiner gewöhnlichen Galanterie vom Sitze auf und entledigte ſich in Soldatenart des von ihm freiwillig angebotenen ritterlichen Dienſtes. Nachdem er damit fertig war, ſah er mir bei meiner Arbeit zu und ſagte:. „Es gibt wohl ein beſſeres Stück Eiſen für die Hände eines wohlgebornen Jünglings, als einen Zimmermanns⸗ hobel—“ „Aha, Onkel— doch das hängt—“ „Nun, wo hängt's?“ „Von dem Gebrauch ab, den man davon macht.— Peter der Große war viel beſſer beſchäftigt, während er m ir b⸗ en il⸗ nit iſe, e⸗ er⸗ zen der and woch om ihm er und ände nns⸗ d er 223 Schiffe zimmerte, als Karl XII, der den Leuten die Schä⸗ del einſchlug.“ „Der arme Karl!“ rief mein Onkel mit einem pa⸗ thetiſchen Seufzer.„Er war ein großer Held!“ „Schade, daß er den Frauen ſo gar abhold war.“ „Kein Menſch iſt vollkommen!“ ſagte mein Onkel ſen⸗ tenziös.„Aber im Ernſt, Du biſt jetzt die männliche Hoff⸗ nung der Familie— Du biſt jetzt—“ Er hielt inne, und ſein Geſicht verdüſterte ſich. Ich bemerkte, daß er an ſeinen Sohn dachte— an jenen ge⸗ heimnißvollen Sohn! Während ich ihn mit Innigkeit an⸗ blickte, gewahrte ich zum erſtenmal, daß ſeine tiefen Linien viel tiefer und ſeine grauen Haare noch grauer geworden waren. Auf ſeinem Geſichte lagen die Merkmale eines neuen Leidens, und obſchon er über den Beweggrund, der ihn uns ſo plötzlich entführte, kein Wort gegen uns hatte verlauten laſſen, bedurfte es doch keines großen Scharfblicks ſehen, das ſein damaliges Anliegen von keinem Erfolg begleitet geweſen ſein mußte. Mein Onkel nahm wieder auf— „Seit unfürdenklichen Zeiten hat jede Generation un⸗ ſeres Hauſes dem Vaterland wenigſtens einen Soldaten gegeben. Ich ſchaue umher: nur ein einziger Zweig grünt noch auf dem alten Baume, und—“ „Ach Onkel! Aber was würden ſie ſagen? Glaubt Ihr, ich möchte nicht ſelbſt gerne Soldat werden? Verſucht mich nicht!“ Mein Onkel nahm ſeine Zuflucht zu der Schnupfta⸗ „um zu günſtigen baksdoſe, und im nämlichen Augenblicke wurde— vielleicht ſehr zum Nachtheile für die Lorbeere, die ſich ſonſt Piſiſtra⸗ tus von England um die Schläfe gewunden hätte— unſere Unterhaltung durch den plötzlichen geräuſchvollen Eintritt Onkel Jacks unterbrochen. Kein Geſpenſt hätte unerwar⸗ teter auftauchen können. „Hier bin ich, meine lieben Freunde. Wie geht's euch — was treibt ihr mit einander? Kapitän de Carton, von Herzen der Eurige. Ja, ich bin erlöst— dem Himmel ſey Dank! Ich habe die Plackerei an jenem erbärmlichen Pro⸗ vincialblatt aufgegeben. Ich war nicht dafür geſchaffen. Ein Ocean in einer Theetaſſe! Ich war in der That— klein, ſchmutzig, mußte den engherzigſten Intereſſen dienen — ich, deſſen Seele die ganze Menſchheit umfaßt! Ihr könntet ebenſo gut einen Kreis in ein gleichnamiges Dreieck umwandeln.“ „Gleichſchenklig—“ ſagte mein Vater, indem er ſeuf⸗ zend ſeine Notizen bei Seite ſchob und allmälig der Bered⸗ ſamkeit ſein Ohr lieh, die für heute alle Ausſicht auf ein weiteres Vorrücken des großen Buches vernichtete.„In ein gleichſchenkliges Dreieck, Jack Tibbets— nicht gleichnamig.“ „Gleichſchenklig oder gleichnamig, dies iſt ganz daſ⸗ ſelbe,“ verſetzte Onkel Jack, indem er raſch nach einander drei Manöver ausführte, die ſich keineswegs mit ſeiner Lieb⸗ lingstheorie von dem größten Glück der größten Zahl' ver⸗ trugen. Erſtlich leerte er in eine Taſſe, die er den Händen meiner Mutter entnahm, den halben Inhalt einer Londo⸗ ner Rahmkanne; zweitens ſchmälerte er den Umfang eines cht ra⸗ ere itt ar⸗ uch on ſey ro⸗ en. nen Ihr ieck uf⸗ red⸗ ein ein ig.“ daſ⸗ ider ieb⸗ ver⸗ den ndo⸗ ines 225 Butterkuchens dadurch, daß er ſich drei nahezu gleichſchenk⸗ lige Dreiecke herausſchnitt, und prittens verbreitete er, wäh⸗ rend er an das aus Rückſicht für Kapitän de Carton ange⸗ zündete Feuer ſchritt, davor die Rockſchöße unter den Arm nahm und ſo ſeinen Thee ſchlürfte, einen weiteren Kreis, welcher die Eigenthümlichkeit beſaß, gegen die ganze Menſch⸗ heit das davon ausgehende Licht zu verfinſtern. „Gleichſchenklig oder gleichnamig— dies iſt ganz daſ⸗ ſelbe. Der Menſch iſt um ſeiner Mitgeſchöpfe willen da. Ich habe längſt die Einmengung dieſer ſelbſtſüchtigen Squirear⸗ chen verabſcheut. Eure Abreiſe brachte meinen Entſchluß zur Reife. Ich habe Verhandlungen mit einer Londoner Firma von Muth, Kapital und großartigen philanthropiſchen Ideen abgeſchloſſen. Letzten Sonnabend zog ich mich zurück aus dem Dienſt der Oligarchen. Ich bin jetzt in meiner wahren Eigenſchaft, ein Beſchützer von Millionen. Mein Proſpekt iſt gedruckt— hier habe ich ihn in der Taſche.— Noch eine Taſſe Thee, Schweſter, ein wenig mehr Rahm und noch etwas Butterkuchen. Soll ich läuten?“ Nachdem ſich Onkel Jack ſeiner Taſſe entledigt hatte, zog er aus ſeiner Taſche einen noch feuchten Bogen bedruck⸗ ten Papiers hervor. Oben ſtand mit großen lateiniſchen Anfangsbuchſtaben:„Die Antimono volzeitung, oder Der Volkskämpe.“ Er ſchwenkte das Blatt triumphi⸗ rend vor den Augen meines Vaters. „Piſiſratus,“ ſagte mein Vater,„ſieh her. Dies iſt die Art, wie Dein Onkel Jack jetzt ſeine Butterbällcher Bulwer, die Cartone. 15 226 drückt.— Eine Freiheitsmütze, die aus einem offenen Buch herauswächst! Gut, Jack— gut, ſehr gut!“ „Es iſt jacobiniſch!“ rief der Kapitän. „Wohl möglich,“ entgegnete mein Vater;„aber Wiſ⸗ ſenſchaft und Freiheit ſind die beſten Deviſen von der Welt, wenn ſich's darum handelt, den Butterballen, die man auf den Markt bringen will, eine verlockende Form zu geben.“ „Butterballen? ich verſtehe dies nicht,“ ſagte On⸗ kel Jack. „Je weniger Du es verſtehſt, deſto beſſer wird die But⸗ ter an den Mann gebracht werden, Jack,“ verſetzte mein Vater und kehrte dann wieder zu ſeinen Notizen zurück. Drittes Kapitel. Onkel Jack hatte ſich vorgenommen, bei uns zu woh⸗ nen, und es wurde daher meiner Mutter nicht ganz leicht, ihm begreiflich zu machen, daß man für ihn kein Bett übrig habe. „Dies iſt doch recht leidig,“ ſagte er.„Kaum in der Stadt angelangt, wurde ich von allen Seiten mit Einladun⸗ gen gequält; aber ich wies ſie zurück, um mich für Euch auf⸗ zubehalten.“ „Recht freundlich von Dir und Dir ſo ganz gleich!“ verſetzte meine Mutter;„aber Du ſiehſt ſelbſt—“ „Schon gut; ich muß alſo fort, um mir ein Zimmer aufzuſuchen. Doch nehmts euch nicht ſo zu Herzen, denn Buch Wiſ⸗ Welt, mauf n.“ On⸗ But⸗ mein oh⸗ icht, Bett der un⸗ uf⸗ ner nn 227 ihr wißt, ich kann ja immerhin mein Frühſtück und Mit⸗ tageſſen bei euch einnehmen— das heißt, wenn meine an⸗ deren Freunde mich frei laſſen. Man wird mir ſchrecklich zuſetzen.“ Mit dieſen Worten packte Onkel Jack ſeinen Proſpekt wieder in die Taſche und wünſchte uns gute Nacht. Es hatte eilf Uhr geſchlagen, und meine Mutter war bereits zu Bette gegangen, als mein Vater von ſeinen Bü⸗ chern aufblickte und die Brille in ihr Futteral ſteckte. Ich hatte meine Arbeit vollendet und ſaß nun vor dem Feuer, bald an Fanny Trevanions nußbraune Augen denkend, bald mit ebenſo hochklopfendem Herzen mir Schlachten, Schlacht⸗ felder, Ruhm und Lorbeere vergegenwärtigend, während Onkel Roland geſenkten Hauptes und mit über der Bruſt gekreuzten Armen dem Verglimmen der Aſche zuſah. Mein Vater ließ den Blick im Zimmer umher ſchweifen und ſagte, nachdem er ſeinen Bruder eine Weile betrachtet hatte, faſt in flüſterndem Tone:— „Mein Sohn hat die Trevanione geſehen. Sie erin⸗ nern ſich unſerer, Roland.“ Der Kapitän ſprang auf und begann zu pfeifen— eine Gewohnheit, die ich ſtets an ihm bemerkte, wenn er ſehr ver⸗ ſtört war. „Und Trevanion wünſcht uns zu beſuchen. Piſiſtratus verſprach ihm unſere Adreſſe; ſoll er ſie ihm zuſenden, Ro⸗ land?“ „Wie Du willſt,“ antwortete der Kapitän mit militä⸗ 56 riſcher Haltung, indem er ſich aufrichtete, daß er wie ein Mann von ſieben Fuß ausſah. „Ich möchte wohl,“ verſetzte mein Vater mild.„Es iſt zwanzig Jahre her, ſeit wir uns nicht mehr geſehen haben.“ „Mehr als zwanzig,“ ſagte mein Onkel mit einem düſtern Lächeln.„Und die Zeit— es war die Zeit des fal⸗ lenden Laubes!“ „Der Menſch erneuert die Faſern und das Material ſeines Körpers alle ſieben Jahre,“ entgegnete mein Vater. „In dreimal ſieben Jahren hat er Zeit gehabt, ſeinen in⸗ neren Menſchen zu erneuern. Können zwei Perſonen, die in jener Straße dort wandeln, einander unähnlicher ſein, als die Seele vor zwanzig Jahren und die Seele von heute? Bruder, nicht vergeblich geht der Pflug über den Boden und die Sorge über das Menſchenhetz. Neue Ernten verändern den Charakter des Landes, und der Pflug muß in der That tief gehen, bis er das Muttergeſtein aufwühlt.“ „Wir wollen Trevanion ſehen,“ rief mein Onkel. Dann wandte er ſich plötzlich mit der Frage an mich:„Hat er Fa⸗ milie?“ „Eine Tochter.“ „Keinen Sohn?“ „Nein.“ „Dies muß dem armen, thörichten, ehrgeizigen Mann ſehr ſchmerzlich fallen. Ah, Du biſt wohl ein Bewunderer dieſes Mr. Trevanion? Ja, das Feuer ſeines Weſens, ſeine 229 ſchönen Worte und kühnen Gedanken ſind wohl geeignet, die Jugend zu blenden.“ 8„Schöne Worte, mein lieber Onkel— Feuer? Ich n möchte eher ſagen, Mr. Trevanions Unterhaltung ſei ſo ein⸗ fach, daß man ſich wundern muß, wie er als öffentlicher n Sprecher ſolchen Ruf erringen konnte.“ 5„Wirklich?“ „Auch hier hat der Pflug ſeine Furchen zurückgelaſſen,“ i bemerkte mein Vater. .„Aber nicht der Pflug des Kummers. Er iſt reich, be⸗ rühmt, hat Ellinor zur Gattin— und keinen Sohn!“ 6„Als Grund, warum er uns beſuchen will, gibt er an, daß ihm das Herz bisweilen traurig ſei.“ Roland ſah zuerſt meinen Vater, dann mich mit großen Augen an. „Dann möge er in Gottes Namen kommen,“ rief mein t Onkel aus vollem Herzen.„Ich kann ihm die Hand drücken wie einem alten Kriegskameraden. Armer Trevanion! n Schreibe ihm nur bald, Siſty.“ a⸗ Ich ſetzte mich nieder, um dieſer Aufforderung ſogleich zu entſprechen. Nachdem ich mein Schreiben geſiegelt hatte, blickte ich auf und bemerkte, daß Roland ſein Nachtlicht an dem meines Vaters anzündete. Letzterer nahm ihn bei der Hand und flüſterte ihm leiſe etwas zu. Ich konnte mir wohl ün denken, daß dieſe geheime Verhandlung den Sohn meines rer Onkels betraf, denn der Kapitän ſchüttelte den Kopf und antwortete mit düſterer hohler Stimme:„Erneue immer⸗ 230 hin den Schmerz, wenn es Dir Freude macht— nur nicht die Schande. Ueber dieſen Gegenſtand— ſtille!“ Viertes Kapitel. Da ich den früheren Theil des Tages mir ſelbſt über⸗ laſſen war, ſo wanderte ich allein und neugierig durch die ungeheure Wildniß Londons. Ich gewöhnte mich allmälig an die Einſamkeit inmitten einer großen Bevölkerung und hörte bald auf, mich nach den grünen Feldern zu ſehnen. Die rührige Thätigkeit rings um mich her, die mich An⸗ fangs wehmüthig ſtimmte, wurde bald belebend und übte ues einen anſteckenden Einfluß auf mich. Für einen reg⸗ ſamen Geiſt iſt nichts ſo verführeriſch, als der Anblick des Gewerbfleißes. Die goldenen Feiertage einer unbeſchäftig⸗ ten Kindheit begannen mir zu entleiden; ich fing an, nach Thätigkeit zu ſeufzen und mich nach einer Laufbahn umzu⸗ ſehen. Die Univerſität, auf die ich mich früher ſo ſehr ge⸗ freut hatte, trat mehr und mehr in eine trübe, klöſterliche Ferne, und nur in den emſigen Gruppen, welche ich in Lon⸗ vons Straßen bemerkte, ſchien mir wahres Leben zu ſein. Tag um Tag erwachte mein Geiſt mehr; er trat heraus aus dem roſigen Morgenroth der Knabenzeit und fühlte das Ur⸗ theil Kain's unter der hochſtehenden Sonne der Menſchheit. QOnkel Jack hatte mit ſeiner neuen Speculation im Intereſſe des allgemeinen Wohls bald ſo viel zu thun, daß wir ihn nur wenig ſahen— die Eſſenszeiten natürlich aus⸗ ——-— r—— — ht 231 genommen; denn ich muß ihm die Gerechtigkeit wiederfah⸗ ren laſſen, daß er dieſe pünktlich einhielt, obſchon er uns jedesmal zu verſtehen gab, welche Opfer er um unſererwillen bringe, da er ſchon wieder eine Einladung abgelehnt habe. Auch der Kapitän wurde in der Regel nach dem Frühſtück unſichtbar, ſpeiste ſelten mit uns zu Mittag und kehrte oft ſehr ſpät zurück. Er hatte einen eigenen Hausſchlüſſel und konnte ſich daher öffnen, wann er wollte. Sein Schlafgemach befand ſich neben dem meinigen, und hin und wieder weckte mich ſein Tritt auf der Treppe; mitunter hörte ich ihn auch unruhig in ſeinem Zimmer hin und hergehen, und es kam mir gelegentlich vor, als ob der alte Mann tief aufſeufze. Sein Ausſehen wurde mit jedem Tage kummervoller und ſein Haar grauer. Dennoch benahm er ſich in der Unterhaltung mit uns ruhig und ſogar heiter, ſo daß ich der einzige im Hauſe ſein mußte, welcher den nagenden Schmerz bemerkte, über den der ſtandhafte alte Spartaner den Mantel des Anſtandes warf. Mitleid, mit Bewunderung verbunden, machte nich neugierig, wie er wohl die Tage, welche ihm ſo unruhige Nächte bereiteten, zubringe; denn ich fühlte in mir die Ueber⸗ zeugung, wenn ich in den Beſitz ſeines Geheimniſſes gelan⸗ gen könne, werde ich wohl auch den richtigen Weg finden, ihn mit Troſt und Beiſtand zu unterſtützen. Nach vielen Gewiſſensbedenken, die ich übrigens bald durch meine Beweggründe zum Schweigen brachte, beſchloß ich endlich, eine Befriedigung meiner entſchuldigbaren Neu⸗ gierde zu verſuchen. 232 Eines Morgens, als ich ihn das Haus verlaſſen ſah, ſchlich ich mich ſeiner Spur nach und folgte ihm in der Ent⸗ fernung. Der Leſer muß mir nun durch die Windungen des Ta⸗ ges folgen. Mein Onkel ging Anfangs trotz ſeines Kork⸗ beins mit feſtem Schritte dahin— ſeine hagere Figur auf⸗ recht und die Bruſt unter dem fadenſcheinigen, aber ſauber⸗ gehaltenen Rock ſoldatiſch vorgeſchoben. Zuerſt ſchlug er den Weg in die Umgegend von Leiceſter Square ein und ſchritt mehreremale auf dem Iſthmus hin und her, der von Pie⸗ cadilly aus nach dem Revier der Fremden und nach den Gaſſen und Höfen führt, welche ſich von da gegen St. Mar⸗ tin hinziehen. Nachdem er einige Stunden ſo verbracht hatte, wurde ſein Gang langſamer, und er nahm oft den glatten, haarloſen Hut ab, um ſich die Stirne zu wiſchen. Endlich ſchlug er die Richtung nach den beiden großen Schauſpielhäuſern ein, blieb vor den Theaterzetteln ſtehen, als ſinne er ernſthaft nach, ob ſich hier wohl eine Ausſicht auf Unterhaltung biete, wanderte langſam durch die ſchma⸗ len Straßen, welche dieſe Tempel der Muſen umgeben, und gelangte zuletzt an den Strand. Hier gönnte er ſich etwa eine Stunde in einer kleinen Speiſewirthſchaft Ruhe, und als ich, an dem Fenſter vorgehend, hineinblickte, ſah ich ihn bei einem einfachen Mahle ſitzen, das noch faſt unbe⸗ rührt vor ihm ſtand, während er über den Ankündigungs⸗ ſpalten der Times brütete. Nachdem er mit der Zeitung fertig war, genoß er mit ſichtlichem Widerwillen noch einige Biſſen, legte dann einen Schilling auf den Tiſch, ſteckte die ar⸗ icht den en. ßen en, icht ma⸗ und twa und ich nbe⸗ ngs⸗ ung nige e die 233 herausgegebenen Pence zu ſich, und ich gewann kaum noch Zeit genug, bei Seite zu ſchlüpfen, als er ſchon wieder auf der Schwelle erſchien. Zögernd blickte er umher; aber ich nahm mich wohl in Acht, daß er mich nicht entdecken konnte. Dann machte er ſich nach den faſhivnableren Stadttheilen auf den Weg. Es war jetzt Nachmittag, und trotz der frü⸗ hen Stunde wimmelte doch die Straße von Leben. Als er auf dem Waterlooplatz anlangte, galoppirte auf einem ſchö⸗ nen Fuchſen ein ſchmächtiger Mann vorüber, der, wie mein Onkel, den Rock über der Bruſt zugeknöpft trug und dem jedes Auge nachſchaute. Onkel Roland blieb ſtehen und legte die Hand an ſeinen Hut; der Reiter brachte den Vorder⸗ finger an den ſeinigen und galoppirte weiter, während mein Onkel ſich umwandte und ihm nachſah. „Wer iſt—“ fragte ich einen Ladenjungen unmittel⸗ bar vor mir, der dem Manne gleichfalls nachglotzte—„wer iſt jener Gentleman zu Pferd?“ „Ei, wer ſonſt, als der Herzog,“ antwortete der Junge in verächtlichem Tone. „Der Herzog?“ „Wellington— Tölpel!“ „Danke ſchön,“ verſetzte ich demüthig. Onkel Roland war jetzt ſchnelleren Schritts in Regent⸗ ſtreet eingetreten, denn der Anblick des alten Führers hatte dem alten Soldaten wohlgethan. Hier wandelte er wieder auf und ab, bis ich, der ich ihn von der anderen Seite des Weges aus beobachtete, vor Ermüdung faſt zuſammenbrach, obſchon ich für einen rüſtigen Fußgänger galt. Aber das 234 Tagwerk des Kapitäns war noch nicht hälftig vorbei. Er nahm ſeine Uhr heraus, hielt ſie ans Ohr, ſteckte ſie dann wieder ein, und begab ſich nach Bond⸗ſtreet, von wo aus er nach Hydepark ging. Dort lehnte er ſich in augenſcheinlicher Erſchöpfung an das Geländer unfern der Bronce⸗Statue, und ſeine Haltung drückte große Niedergeſchlagenheit aus. Ich ſetzte mich unfern der Statue in das Gras und blickte nach ihm hin. Der Park konnte im Vergleich mit den Stra⸗ ßen leer genannt werden; aber dennoch ſah man hin und wieder einen müßigen Reiter und viele Spaziergänger. Mein Onkel betrachtete die Vorübergehenden aufmerkſam, und gelegentlich machte wohl auch ein alter Offizier— ich hatte nämlich dieſe Gentlemen ſelbſt in Civilkleidung bereits ent⸗ decken gelernt— Halt, um ihn anzureden; aber es kam mir vor, als ob ſich der Kapitän ſolcher Begrüßungen ſchäme. Er gab kurze Antworten und wandte ſich wieder ab. Der Tag ſchwand dahin— der Abend kam— der Ka⸗ pitän ſchaute wieder auf ſeine Uhr, ſchüttelte den Kopf und ſuchte ſich eine Bank, auf welcher er— den Hut in die Stirne gedrückt und die Arme gekreuzt— regungslos ſitzen blieb bis der Mond aufging. Ich hatte ſeit dem Frühſtück nichts genoſſen und fühlte daher einen wahren Wolfshunger, hielt aber doch auf meinem Poſten aus wie eine alte römiſche Schildwache. Endlich erhob ſich der Kapitän und kehrte wieder nach Piecadilly zurück. Aber wie verſchieden war ſeine Miene und Haltung! Müde, gebeugt, die Bruſt eingeſunken, das Haupt geneigt und ein Bein das andere nachſchleppend, ſo daß ſeine kl Er ann s er cher tue, us. ickte tra⸗ und dein und atte ent⸗ kam gen ab. Ka⸗ und die itzen ſtück ger, iſche nach und mpt eine 235 Gelähmtheit ſchmerzlich bemerkbar wurde. Welch ein Ge⸗ genſatz zwiſchen dem gebrochenen Invaliden am Abend und dem mannhaften Veteran am Morgen! Wie ſehnte ich mich, vorwärts zu eilen und ihm mei⸗ nen Arm anzubieten! Aber ich wagte es nicht. Der Kapitän machte an einem Miethkutſchenſtande Halt. Er griff in die Taſche, zog ſeine Börſe heraus und fuhr mit den Fingern über das Netzwerk; aber der Beutel glitt wie⸗ der in die Taſche zurück, und mein Onkel richtete, als koſte es ihn ſchwere Anſtrengung, den Kopf auf, um mannhaft weiter zu gehen. „Wohin jetzt zunächſt?“ dachte ich.„Sicherlich nach Hauſe! Nein; er kennt kein Erbarmen.“ Der Kapitän hielt nicht wieder an, bis er eines der kleinen Theater im Strand erreicht hatte; dann las er den Zettel und fragte, ob der Halbpreis bereits ſtattfinde.„So eben,“ lautete die Antwort, und Onkel Roland trat ein. Ich nahm gleichfalls ein Billet und folgte. Als ich an die offene Thüre des Erfriſchungszimmers gelangte, ſtärkte ich mich mit etwas Zwieback und Sodawaſſer. Und in der näch⸗ ſten Minute erblickte ich zum erſtenmal in meinem Leben ein Theater. Aber das Spiel hatte keinen Zauber für mich. Es war die Mitte eines launigen Nachſtücks, und rings um mich her tönte ſchallendes Gelächter. Ich konnte durchaus nichts zum Lachen entdecken, und während ich meine ſcharfen Augen in allen Ecken umherſchweifen ließ, bemerkte ich endlich in der oberſten Reihe ein Geſicht, das ebenſo ernſt war, wie das meinige.— Heureka! Es war das des Kapitäns! „Warum geht er aber in ein Theater, wenn es ihm ſo wenig Genuß bereitet?“ dachte ich.„Der arme Mann hätte doch wahrhaftig ſeinen Schilling beſſer auf ein Kabriolet ver⸗ wendet!“ Bald ſammelten ſich einige geſchniegelte Männer und noch geputztere Damen in des armen Kapitäns einſamer Ecke. Er wurde unruhig— erhob ſich— und verſchwand. Ich verließ meinen Platz und ſtellte mich in dem Bogengang auf, um ihm abzupaſſen. Er kam die Treppe herunter ge⸗ ſtelzt— ich trat in den Schatten zurück. Nachdem er eine Weile zweifelnd Halt gemacht hatte, trat er keck in das Er⸗ friſchungszimmer oder den Salon. Letzterer war, ſeit ich ihn das Letztemal beſucht hatte, gedrängt voll geworden, ſo daß ich unbemerkt hineinſchlüpfen konnte. Es war ſeltſam, unheimlich und doch ergreifend⸗ ven alten Soldaten in Mitte dieſes lebensfrohen Schwarmes zu ſehen. Er ragte über ihn hinaus, wie ein homeriſcher Held, denn er war um einen Kopf höher, als der Größte; auch erregte ſein Aeußeres ſo viel Aufſehen, daß ſich die Auf⸗ merkſamkeit der Schönen augenblicklich ihm zuwandte. In meiner Einfalt hielt ich es für die natürliche Em⸗ pfindſamkeit dieſes liebenswürdigen und ſcharfblickenden Ge⸗ ſchlechts, welches ſo leicht den Kummer entdeckt und ihn zu lindern bemüht iſt, was drei Damen in ſeidenen Klei⸗ dern— die eiüe hatte einen Federhut und die beiden andern trugen eine Fülle von Locken— bewog, eine kleine Gruppe von Herren, die ſich mit ihnen unterhalten hatten, zu ver⸗ la mi ve die M bet ale zu fül die in da zuſ ten Au wil gin dur ha nig doch ver⸗ und mer and. zang ge⸗ eine Er⸗ atte, ipfen ifend, mes iſcher ößte; Auf⸗ Em⸗ n Ge⸗ dihn Klei⸗ ndern zruppe u ver⸗ laſſen, um ſich vor meinem Onkel aufzupflanzen. Ich ſtahl mich im Gedränge näher, um zu hören, was vorgieng. „Ich bemerke, daß Ihr Jemand ſucht,“ ſagte die eine vertraulich, indem ſie mit ihrem Fächer ihn auf den Armklopfte. Der Kapitän fuhr zuſammen. „Ma'am, Ihr habt nicht Unrecht,“ verſetzte er. „Iſt es mit mir nicht eben ſo gedient?“ ſagte einer dieſer autleidigen Engel mit himmliſcher Süßigkeit. „Ihr ſeyd ſehr gütig. Ich danke Euch— nein, nein, Ma'am,“ entgegnete der Kapitän mit ſeiner beſten Ver⸗ bengung. „Genießt ein Glas Glühwein,“ ſagte eine Andere, als ihre Freundin ihr Platz machte.„Ihr ſcheint ermüdet zu ſeyn, und ich bin's auch. Kommt hieher!“ Und ſie faßte ſeinen Arm, um ihn nach dem Tiſche zu führen. Der Kapitän ſchüttelte wehmüthig den Kopf. Dann — als entdecke er plötzlich die Natur der Aufmerkſamkeit, die an ihn ſo reichlich verſchwendet wurde— ſah er, ohne in ſeiner ritterlichen Verehrung gegen das ſchöne Geſchlecht, das er auch in ſeinen Auswürflingen achtete, die Hand ab⸗ zuſchütteln, mit einem Blicke ſo milden Vorwurfs und zar⸗ ten Mitleids auf die holden Armiden nieder, daß jedes dreiſte Auge beſchämt ſich ſenkte. Die Hand wurde ſcheu und un⸗ willkührlich von ſeinem Arm zurückgezogen, und mein Onkel ging ſeines Weges. Er verlor ſich im Gedränge und verließ das Theater urch die entlegenere Thüre. Ich errieth ſeine Abſicht und harrte ſeiner auf der Straße. d 238 „Nun endlich nach Hauſe— dem Himmel ſey Dank!“ dachte ich. Wieder fehlgeſchoſſen! Mein Onkel begab ſich zuerſt nach jenem bekannten Schlupfwinkel, der, wie ich ſeitdem erfuhr, den Namen„Schatten“ führt, kam aber bald wieder heraus und klopfte endlich in einer der Straßen außerhalb St. James an die Thüre eines Privathauſes. Sie wurde Lorſichtig geöffnet und hinter ihm ſogleich wieder abgeſchloſ⸗ ſen, während ich außen ſtehen blieb. Was mochte dies für ein Haus ſeyn? Ich ſtand da und harrte; einige andere Männer kamen heran— abermals ein gedämpfter Einzeln⸗ ſchlag— wieder das vorſichtige Aujgehenp der Thüre und das verſtohlene Eintreten. Ein Polizeidiener ging einigemal an mir vorbei. „Laßt Euch nicht verführen, junger Mann,“ ſagte er, mich ſcharf anſehend.„Folgt meinem Rath und geht nach Hauſe.“ „Was iſt denn dies für ein Haus?“ fragte ich, und eine Art Schauder überflog mich bei dieſer bedeutungsvollen Warnung. „Oh, Ihr werdets wohl wiſſen.“ „Nein; ich bin fremd in London!“ „Es iſt eine Hölle,“ verſetzte der Polizeidiener, dem mein offenes Weſen die Ueberzeugung gegeben hatte, daß. ich die Wahrheit ſprach. „Gott behüte mich! Eine— was? Unmöglich kann ich Euch recht verſtanden haben.“ „Eine Hölle— ein Spielhaus!“ 239 k„Oh— und ich ging weiter. Kounte Kapitän Roland, dieſer ſtarre, ſparſame und terſt karge Mann ein Spieler ſeyn? Mit einemmale ging mir dem ein Licht auf. Der unglückliche Vater ſuchte ſeinen Sohn! eder Ich lehnte mich gegen einen Pfoſten und gab mir alle Mühe, halb mein Schluchzen zu unterdrücken. urde Bald hörte ich die Thüre aufgehen. Der Kapitän kam loſ⸗ heraus und trat den Heimweg an. Ich eilte voraus und er⸗ für reichte unſere Wohnung zuerſt, zur unausſprechlichen Er— dere leichterung meiner Eltern, die mich ſeit dem Frühſtück nicht eln⸗ mehr geſehen hatten und über mein langes Ausbleiben höch⸗ das lich beſtürzt waren. Ich ließ mich geduldig ausſchmälen, indem ich mich damit entſchuldigte, daß ich den Raritäten Londons nachgegangen und dabei verirrt ſey. Ich bat um er, Einiges zum Nachteſſen und ſchlich mich zu Bette; fünf nach Minuten ſpäter ſchleppte ſich der müde Schritt des Kapitäns die Treppe hinan. und llen Fechster Abſchnitt. dem daß Erſtes Kapitel. kann„Ich weiß dies nicht,“ ſagte mein Vater. Und was weiß mein Vater nicht? Er weiß nicht, daß „Glück unſeres Daſeyns Ziel und Ende ſey.“ und wie kommt mein Vater ſachgemäß zu einer ſo ſtep⸗ tiſchen Erwiederung auf eine Behauptung, die ſo wenig an⸗ gefochten wird? Lieber Leſer, Mr. Trevanion ſitzt ſchon ſeit einer hal⸗ ben Stunde in unſerem kleinen Beſuchzimmer. Er hat von der ſchönen Hand meiner Mutter zwei Taſſen Thee empfan⸗ gen und ſich's ganz heimiſch gemacht. Mit Mr. Trevanion iſt noch ein anderer alter Freund meines Vaters gekommen, den er ſeit ſeinem Abgang vom College nicht mehr geſehen hat— Sir Sedley Beaudeſert. Es iſt ein warmer Abend, ein wenig nach neun Uhr— ein Abend zwiſchen dem ſcheidenden Sommer und dem nahen⸗ den Herbſt. Die Fenſter ſtehen offen; wir haben einen Bal⸗ kon vor denſelben, den die Sorgfalt meiner Mutter mit Blu⸗ men füllte. Obgleich wir in London ſind, iſt die Luft friſch und angenehm— die Straße ruhig, nur daß hin und wieder eine Equipage oder ein Mietheabrivlet vorbeiraſſelt— einige Fußgänger gehen auf ihrem Heimwege geräuſchlos ab und zu. Wir befinden uns auf elaſſiſchem Boden— in der Nähe des alten ehrwürdigen Muſeums, jener klöſterlichen Gebäudemaſſe mit ihren Schätzen von Gelehrſamkeit, welche der Geſchmack des Jahrhunderts noch immer geſchont hat — und die Ruhe eines Tempels ſcheint die Umgebung zu heiligen. Kapitän Roland ſitzt bei dem Kamine, obſchon kein Feuer darin brennt, und beſchattet ſein Geſicht mit einem Handſchirm; mein Vater und Mr. Trevanion haben in der Mitte des Zimmers ihre Stühle zuſammengerückt; Sir Sedley Beaudeſert lehnt in der Nähe des Fenſters an der al⸗ on in⸗ ion en, en en⸗ al⸗ lu⸗ iſch der ige und der hen lche hat e chon nem der Sir der 244 Wand; im Hintergrunde befindet ſich meine Mutter, die nur um ſo hübſcher und lieblicher ausſieht, weil ihr Auſtin ſeine alten Freunde um ſich hat; und ich betrachte, den Ellen⸗ bogen auf den Tiſch und mein Kinn auf die Hand geſtützt, mit großer Bewunderung den Sir Sedley Beaudeſert. Seltenes Muſterbild eines raſch dahinſchwindenden Schlages!— Muſterbild eines ächten feinen Gentleman, ehe das Wort„Dandy“ bekannt war und der Ausdruck „Erquiſit“ zum Subſtantivum wurde— laß mich hier inne halten, um dich zu ſchildern! Sir Sedley Beaudeſert war ein Altersgenoſſe Trevanions und meines Vaters, ſah aber ohne alle Erkünſtelung noch jung aus. Anzug, Ton, Blick, Benehmen— alles war jung, aber mit einer gewiſſen Würde gepaart, die nicht der Jugend angehörte. Im Alter von fünfundzwanzig hatte er errungen, was den Ruhm eines franzöſiſchen Marquis vom alten Regime ausgemacht haben würde— er war nämlich der bezauberndſte Mann des Ta⸗ ges, von den Männern ſehr geſchätzt und ein Liebling der Damen. Es iſt, denke ich, ein Irrthum, wenn man annimmt, daß es keines Talents bedürfe, um in die Mode zu kommen; jedenfalls war Sir Sedley in der Mode und hatte Talent. Er war viel gereist, hatte viel geleſen— namentlich Me⸗ moiren, Geſchichtswerke und Belletriſtik— machte anmuthige Verſe, in welchen ſich eine vriginelle Leichtigkeit des Witzes und höfiſche Feinheit ausſprach, entzückte durch ſeine Unter⸗ haltung, zeigte in ſeinem Benehmen die feinſte Bildung, war tapfer und ehrenhaft und fonnte wohl mit Worten ſchmeicheln, während er in den Thaten aufrichtig blieb. Bulwer, die Cartone. 16 Sir Sedley Beaudeſert hatte nie geheirathet. Wie hoch er auch in den Jahren ſtehen mochte, ſo ſah er doch immer noch jung genug aus, daß eine Dame den Bund der Ehe aus Liebe mit ihm hätte eingehen können. Er war hoch⸗ geboren⸗ reich und, wie ich bereits bemerkte, allgemein be⸗ liebt. Dennoch lag auf ſeinem ſchönen Antlitz ein Ausdruck von Schwermuth und auf der Stirne— rein von den Furchen des Ehrgeizes und der Laſt des Studiums— ein Schatten unverkennbarer Trauer. „Ich weiß dies nicht,“ ſagte mein Vater.„Ich habe in meinem Leben noch nie einen Menſchen gefunden, der das Glück zu ſeinem Ziel und Ende machte. Der Eine will ſich ein Vermögen erringen, der Andere es hinausjagen— dem Einen iſt's um eine Stelle, dem Andern um einen Namen zu thun; aber ſie alle wiſſen recht wohl, daß es nicht das Glück iſt, wonach ſie ringen. Ein Utilitarier hat ſich nie von Selbſtſucht leiten laſſen, wenn ſich der arme Mann nieder⸗ ſetzte, um ſeine unpopulären Einfälle über die Allgemein⸗ heit der Selbſtſucht zu Papier zu bringen; und was jene merkwürdige Unterſcheidung zwiſchen gemeiner Selbſtſucht und einer edeln betrifft, ſo bin ich der Anſicht, daß wir uns von der letzteren um ſo weniger leiten laſſen, je mehr ſie dieſes Prädicat verdient. Wenn Ihr dem jungen Mann, der eben ein ſchönes Buch geſchrieben oder eine ſchöne Rede gehalten hat, vorzuſtellen ſucht, ſelbſt wenn er ſich den Ruf eines Miltons oder die Macht eines Pitts erringe, werde er doch nicht glücklicher ſeyn, denn um ſich ſein Glück zu bauen⸗ müſſe er eine Farm kultiviren, auf dem Lande leben und ie och der be⸗ uck den ein abe das ſich dem men das von eder⸗ nein⸗ jene ſucht wir mehr kann, Rede Ruf rde er auen, nund 243 in ſolcher Weiſe ſich Gicht und Verdauungsſchwäche bis zum Ende der Tage vom Leibe halten— ſo wird er Euch un⸗ verholen die Antwort geben:— Ich weiß dies Alles ſo gut als Ihr; aber ich mache mir keine Gedanken darüber, ob ich glücklich ſein werde, oder nicht. Ich habe mir's nun einmal in den Kopf geſetzt, wenn es geht, ein großer Schrift⸗ ſteller oder Premierminiſter zu werden. So iſt's bei allen regſamen Weltkindern. Vorwärtsdrängen— dies iſt ein Geſetz der Natur. Man kann ebenſo wenig zu den Menſchen und Völfern als zu den Kindern ſagen:— Bleibt ruhig ſitzen, damit ſich eure Schuhe nicht abnützen!“ „Wenn ich Euch alſo ſage,“ verſetzte Mr. Trevanion, „daß ich nicht glücklich bin, ſo habt Ihr nur die Antwort darauf, ich gehorche hierin einem unabänderlichen Geſetze?“ „Nein! Ich behaupte nicht, es ſeh ein unabänderliches Geſetz, daß der Menſch nicht glücklich ſey, wohl aber, daß er gegen ſeinen Willen für etwas leben müſſe, was höher ſteht, als ſein Glück. Wie egoiſtiſch auch Einer ſeyn mag, ſo kann er doch nicht in ſich ſelbſt oder für ſich ſelbſt leben. Jeder ſeiner Wünſche bringt ihn mit Anderen in Verbin⸗ dung. Der Menſch iſt keine Maſchine, ſondern bildet nur einen Theil derſelben.“ „Du haſt Recht, Bruder— der Soldat iſt Soldat, aber keine Armee,“ bemerkte Onkel Roland. „Das Leben iſt ein Drama, kein Monolog,“ fuhr mein Vater fort.„Drama ſtammt von einem griechiſchen Zeitwort ab, das thun bedeutet. Jeder Schauſpieler im Drama hat etwas zu thun, was zum Fortſchritt des Ganzen 16* beiträgt— dies iſt das Ziel, das ihm der Autor angewieſen hat. Handelt in Eurer Rolle, und laßt das große Spiel ſeinen Fortgang nehmen.“ „Ah!“ entgegnete Trevanion raſch;„aber eben in vieſem Handeln liegt die Schwierigkeit. Jeder Mitſpielende hilft die Cataſtrophe herbeiführen, und doch muß er in ſeiner Rolle fortfahren, ohne daß er weiß, wie Alles enden wird. Wirft er bei einem Trauerſpiel mit oder bei einem Luſtſpiel? Hört mich an— ich will Euch das eine Geheimniß meines öffentlichen Lebens mittheilen— dasjenige, welches ſein Fehlſchlagen(denn ungeachtet meiner Stellung habe ich doch meinen Weg verfehlt) und ſein Leid erklärt— es ge⸗ bricht mir die Ueb erzeugung!“ „Ganz richtig,“ erwiederte mein Vater. daher, weil jede Frage zwei Seiten hat und Ihr ſie beide in's Auge faßt.“ „Ihr habt es mit einemmale ausgeſprochen,“ entgeg⸗ nete Trevanion gleichfalls lächelnd.„Für's öffentliche Leben ſollte der Mann einſeitig ſeyn. Er muß mit einer Partei handeln, und dieſe beſteht darauf, daß der Schild ſilbern ſey⸗ während man, ſobald man ſichenur die Mühe nimmt, die Ecte umzubiegen, entdecken kann, daß die Kehrſeite aus Gold beſtehe. Wehe dem Manne, der dieſe Entde macht, denn ſeine Partei wird immer noch auf den bloßen . Silbergehalt ſchwören— und dies nicht nur einmal im Leben, ſondern jeden Abend.“ „Ihr habt völlig genug geſagt, um mich zu überzeu⸗ daß Ihr nicht zu einer Partei gehören mogt,“ verſetzte „Dies rührt „ ckung nur allein n g⸗ en tei ey, die old lein ßen im zeu⸗ etzte 245 „mein Vater,„aber nicht genug um mich darüber aufzuklären, warum Ihr nicht ſolltet glücklich ſeyn können.“ „Erinnert Ihr Euch nicht einer Anekdote des erſten Herzogs von Portland?“ ſagte Sir Sedley Beaudeſert. „Er hatte in dem großen Stall ſeines Landhauſes in Hol⸗ land eine Galerie, von welcher aus wochentlich ein Concert gegeben wurde, um ſeine Pferde aufzumuntern und zu unterhalten. Ich zweifle nicht daran, daß die Thiere da⸗ bei recht gut gediehen. Unſerem Freund Trevanion fehlt wochentlich ein Concert. Bei ihm heißt's immer Sattel und Sporn. Und doch, wer ſollte ihn im Grunde nicht beneiden? Wenn das Leben ein Drama iſt, ſo ſteht ſein Name hoch oben auf dem Theaterzettel, und man liest ihn mit fetter Schrift gedruckt an den Wänden.“ „Mich beneiden?“ rief Trevanion—„mich?— Nein, Ihr ſeyd der beneidenswerthe Mann— Ihr, der Ihr nur einen einzigen Kummer in der Welt habt, und zwar noch obendrein einen ſo albernen, daß ich Euch das Roth in's Geſicht jagen will, wenn ich ihn enthülle. Hört nur, o weiſer Auſtin, v mannhafter Roland!— Olivares wurde von einem Geſpenſt umſpuckt, dem Sir Sedley Beaudeſert aber macht die Furcht vor dem Alter zu ſchaffen.“ „Ei, ich denke,“ ſagte meine Mutter ernſt,„man braucht doch einen tiefen religiöſen Sinn oder jedenfalls eigene Kin⸗ der, in denen man ſich wieder verjüngt, wenn man ſich mit dem Altwerden verſöhnen ſoll.“ „Meine liebe Madam,“ verſetzte Sir Sedley, der bei Trevanivns Beſchuldigung leicht erröthet war, nun aber ſeine ganze ruhige Faſſung wieder gewonnen hatte,„Ihr habt ſo bewunderungswürdig geſprochen, daß ich den Muth gewinne, meine Schwäche einzugeſtehen. Ich fürchte mich allerdings vor dem Alter. Alle Freuden meines Lebens ſind vie Freuden der Jugend geweſen. Das bloße Gefühl des Lebens hat für mich etwas ſo ausgeſucht Wonniges, daß das heranrückende Alter mich durch ſeine trüben Augen und ſeine grauen Haare erſchreckt. Ich habe wie ein Schmetter⸗ ling dahin gelebt. Der Sommer iſt vorüber; meine Blu⸗ men welken und meine Schwingen werden lahm beim erſten Winterlüftchen. Ja; ich beneide Mr. Trevanion; denn im öffentlichen Leben iſt der Menſch nie jung, und ſo lang er thätig zu ſeyn vermag, kann er nicht altern.“ „Mein theurer Beaudeſert,“ ſagte mein Vater,„als der heilige Amable, der Schutzpatron von Riom in der Auverne nach Rom pilgerte, verſah bei ihm die Sonne die Stelle eines Dieners, indem ſie in der Hitze den Mantel und die Handſchuhe für ihn trug und bei einer Wetterverände⸗ rung wie ein Schirm den Regen von ihm abhielt. Ihr möchtet nun die Sonne zu demſelben Zwecke benützen. Darin habt Ihr wohl Recht, aber Ihr ſeht ſelbſt ein, daß Ihr zu⸗ vor ein Heiliger werden müßt, ehe Ihr der Sonne ſolche Dienſtleiſtungen anmuthen könnt.“ Ein bezauberndes Lächeln flog über Sir Sedleys Ge⸗ ſicht, verwandelte ſich aber in einen Seufzer, als er er⸗ wiederte: „Ich denke nicht, daß es mir ſonderlich um eine Heili⸗ genglorie zu thun wäre, wenn die Sonne nur meine Schild⸗ s er die ind rin zu⸗ lche Ge⸗ er⸗ eili⸗ 247 wache ſtatt eines Bedienten ſeyn wollte. Ich verlange von ihr nichts, als daß ſie ſtill ſtehen ſoll. Ihr ſeht, ſie be⸗ wegte ſich ſogar vor dem heiligen Amable her. Meine liebe Madame, Ihr und ich, wir beide verſtehen einander. Es iſt in der That hart, alt werden zu müſſen, wenn man ſich doch alle Mühe gibt, jung zu bleiben.“ „Was ſagſt Du zu dieſen beiden Malcontenten, Ro⸗ land?“ fragte mein Vater. Der Kapitän drehte ſich unruhig in ſeinem Stuhle, denn der Rheumatismus zerrte in ſeiner Schulter und ſchnei⸗ dende Schmerzen ſchoßen durch ſein zerſtümmeltes Bein. „Ich bin der Meinung,“ antwortete Roland,„daß ſie ein Marſch von Brentford nach Windſor ermüdet hat— ſie wiſſen nichts von einem Bivonat oder einer Schlacht.“ Die beiden Unzufriedenen richteten ihre Blicke auf den Veteran; die Augen hafteten zuerſt auf den gefurchten kum⸗ mervollen Zügen ſeines Adlergeſichts, ſenkten ſich dann nach dem ſteifen ausgeſtreckten Korkbein und wandten ſich end⸗ Inzwiſchen war meine Mutter leiſe aufgeſtanden, beugte ſich unter dem Scheine, als ſuche ſie auf dem Tiſch in der Nähe des alten Soldaten ihre Arbeit, zu ihm nieder und drückte ihm die Hand. „Gentlemen,“ ſagte mein Vater,„ich denke nicht, daß mein Bruder je etwas von dem griechiſchen Komödiendichter Nichocorus hörte, und doch hat er ihn trefflich kommentirt. Nichocorus ſagt, das beſte Heilmittel für Betrunkenheit ſey ein plötzliches Unglück. Auf die chroniſche Trunkenheit müßte wohl eine fortgeſetzte Reihe wirklicher unglücksfälle ſehr heilſam wirken.“ Die Malcontenten blieben die Antwort ſchuldig, und mein Vater griff nach dem großen Buche. Zweites Kapitel. „Meine Freunde,“ ſagte mein Vater, von ſeinem Buche aufblickend und ſich an ſeine zwei Gäſte wendend,„ich kenne ein Heilmittel, milder als das unglück, welches euch beiden ſehr gute Dienſte leiſten würde.“ „Und das wäre?“ fragte Sir Sedley. „Ein Safranſack, den man in der Magengrube tragen muß.“ „Mein lieber Auſtin!“ ſagte meine Mutter vorwurfsvoll. Mein Vater aber achtete nicht auf dieſe Unterbrechung, ſondern gravitätiſch fort: „Es zibt nichts beſſeres für die Lebensgeiſter! Roland bedarf eines ſolchen Mittels nicht, weil er ein Kriegsmann iſt und die Kampflaſt ſowohl als die Hoffnung des Sieges den Lebensgeiſtern ſo viel Hitze zuführt, als für ein langes Leben und die Erhaltung des Organismus wünſchenswerth erſcheint.“ „Pah!“ ſagte Trevanivn. „Aber Gentlemen in eurer Lage müſſen zu künſtlichen Mitteln ihre Zuflucht nehmen. Salpeter in Fleiſchbrühe zum Beiſpiel— ungefähr drei bis zehn Grane— Gieh⸗ em ich uch gen oll. ng⸗ and ann ges ges erth chen rühe zieh⸗ 249 dem man Salpeter in's Futter miſcht, wird fett)— oder erdige Gerüche, wie man ſie im Kohl und in den Gurken findet. Ein gewiſſer großer Lord ließ ſich jeden Morgen nach dem Erwachen eine in ein Tellertuch gewickelte friſche Erdſcholle unter die Naſe halten. Leichte Einreibungen von Oel, mit Salz und Roſenblättern digerirt, ſind nicht ſchlecht; aber am allerbeſten wirkt doch der Safranſack, auf die—“ „Mein lieber Siſty, willſt Du nicht nach meiner Scheere ſehen?“ ſagte meine Mutter. „Welchen Unſinn ſchwatzt Ihr da! Umfrage— Um⸗ frage!“ rief Mr. Trevanion. „Unſinn?“ rief mein Vater ſeine Augen weit öffnend. „Ich gebe Euch den Rath des Lords Bacon.— Es iſt Euch um Ueberzeugung zu thun— Ueberzeugung guillt aus der Leidenſchaft, die Leidenſchaft aus den Lebensgeiſtern, und die Lebensgeiſter erhalten ihren Sporn von dem Safranſack. Ihr, Beaudeſert, wünſcht die Jugend feſtzuhalten. Der⸗ jenige erhält ſie am längſten, welcher am längſten lebt. Nichts trägt mehr zu einem langen Leben bei, als ein Safranſack, vorausgeſetzt, daß man ihn ſtets auf der—“ „Siſiy meinen Fingerhut!“ ſagte meine Mutter. „Ihr macht Euch mit Recht über uns luſtig,“ entgeg⸗ nete Beaudeſert lächelnd,„und ich will wohl glauben, daß das nämliche Mittel uns beide heilen würde.“ „Ja,“ ſagte mein Vater—„kein Zweifel daran. In der Magengrube liegt jenes große Centralgewebe von Ner⸗ ven, welches man das Ganglion solare nennt; dieſes ſteht 250 mit dem Gehirn und dem Herzen in Verbindung. Mr. Squills hat uns dies auseinander geſetzt⸗ Siſty.“ „Ja,“ verſetzte ich;„aber ich habe Mr. Squills nie von einem Safranſack ſprechen hören.“ „O thörichter Knabe, es iſt nicht der Safranſack, ſondern der Glaube an denſelben. Wende den Glauben auf ein Nervencentrum an und es wird alles gut gehen,“ ſagte mein Vater. Drittes Kapitel. „Aber es es iſt ein Teufelsding, wenn man in ein gar zu zartes Gewiſſen hat!“ bemerkte das Parlamentsmitglied. „Und ich ſehe auch nichts Engliſches darin, wenn man ſeine Vorderzähne verliert,“ ſeufzte der feine Gentleman. Jetzt erhob ſich mein Vater und entledigte ſich, more suo vie Hand in ſeine Weſte ſteckend, ſeiner famoſen Predigt über den Buſammenhang zwiſchen Glauben und Erfolg. Famos war ſie in unſerm häuslichen Kreiſe, denn ſie iſt bis jetzt nicht über denſelben hinausgekommen. Und da der Leſer wahrſcheinlich die Cartonmemviren nicht in der Er⸗ wartung durchblättert, Predigten darin zu finden, ſo möge ihr Ruhm auf dieſen Kreis beſchränkt bleiben. Nur ſoviel muß ich darüber bemerken, daß es eine ſehr ſchöne Predigt war und daß ſie, für mich wenigſtens, den unanfechtbaren Beweis von der hohen Wirkſamkeit eines auf das Sonnen⸗ ar tan 800 nſie d da Er⸗ nöge oviel edigt baren nnen⸗ 251 geflecht gelegten Safranſackes lieferte. Aber der weiſe Ali ſagt:„Ein Thor weiß nicht, warum er ſo klein ausſieht, und wird auch dem kein Gehör ſchenken, der ihm Rath ertheilen will.“ Ich kann nicht behaupten, daß meines Vaters Freunde Thoren waren; indeß fielen ſie ſicherlich unter dieſe Defi⸗ nition der Thorheit. Viertes Kapitel. Denn es folgte darauf nicht Ueberzeugung, ſondern eine Debatte; Trevanion war logiſch, Beaudeſert ſentimental. Mein Vater hielt feſt an dem Safranſack. Als Jacob I. ſeine Betrachtungen über das Gebet des Herrn dem Herzog von Buckingham widmete, gab er ſehr vernünftig als Grund an, warum er den gnädigen Herrn mit dieſer Ehre bedacht habe—„ſie ſind angeſtellt über ein ſehr kurzes und ein⸗ faches Gebet und paſſen daher trefflich für einen Hofmann; denn meiſt haben die Höflinge weder Luſt noch Muße, lange Gebete zu ſprechen, da ſie es lieber mit der courte messe et long disner halten.“ Vermuthlich leitete meinen Vater ein ähnlicher Beweggrund, als er darauf beſtand, dem Par⸗ lamentsmitglied und dem feinen Gentleman ſtets dieſe ſein „kurze und einfache“ Moral zu Gemüthe zu führen— näm⸗ lich den Safranſack. Augenſcheinlich war er der Ueberzeu⸗ gung, wenn er ſie nur bewegen könne, von dem Mittel Ge⸗ brauch zu machen, ſo ſey alles Erforderliche geſchehen; aber ſie hatten weder Luſt noch Muße für weitere Belehrung. Und dieſer Safranſack— in jede Argumentation plumpte er „ 252 als Schlußſatz hinein. Man hätte meinen Vater für einen der plebejiſchen Kämpfer in den beliebten Ordalien halten können, welche, weil ihnen der Gebrauch von Schwert und Lanze unterſagt war, ſich mit einem an einen Flegelgriff befeſtigten Sandſack vertheidigten— ſchon mit einer Füllung von Sand eine niederſchmetternde Waffe, aber ganz unwider⸗ ſtehlich, wenn der Sack mit Safran gefüllt war! Obgleich mein Vater einer gegen zwei war, vermochten ſie es doch nicht, einem ſo verhenkerten Angriffswerkzeuge gegenüber Stand zu halten. Nach dem unzählbaren„Pfui!“ oder „fort damit!“ des Parlamentsmanns und unterſchiedlichen Grimaſſen von Seiten Beaudeſerts gaben beide weich, ob⸗ gleich keiner zugeſtehen wollte, daß er geſchlagen ſey. „Genug,“ ſagte Mr. Trevanion;„ich ſehe wohl, daß Ihr mich nicht begreift. Ich muß fortfahren, nach meinem eigenen Antriebe zu ziehen.“ Meines Vaters Lieblingsbuch waren die Colloquien des Erasmus, und er pflegte zu ſagen, jede Seite davon biete eine Beleuchtung des Lebens. Aus dieſen Colloquien ant⸗ wortete er nun dem Parlamentsmitglied: „Rabirius wollte ſeinen Diener Syrus zum Aufſtehen eranlaſſen und rief ihm zu, er ſolle ſich anziehen. Ich ziehe', ſagt Syrus. Ich ſehe wohl, daß Du ziehſt, ver⸗ ſetzt Rabirius, aber Du ziehſt nichts. Um auf den Saf⸗ ranſack zurückzukommen—“ „Zum Henker mit dem Safranſack!“ rief Mr. Tre⸗ vanion in großem Aerger. Dann wandte er ſich, während er die Handſchuhe an⸗ n b⸗ aß m es ete nt⸗ hen Ich er⸗ af⸗ re⸗ zog, ſeinen Blick mildernd, an meine Mutter und ſagte zu ihr mit mehr Höflichkeit, als bei ihm natürlich oder wenigſtens gewöhnlich war:— „Beiläufig, meine liebe Mrs. Caxton, muß ich Euch mittheilen, daß Lady Ellinor morgen in die Stadt kommt, um Euch zu beſuchen. Wir werden uns einige Zeit hier auf⸗ halten, Auſtin; und obgleich jetzt London ziemlich leer iſt, ſo ſind doch einige Perſonen von Bedeutung anweſend, denen ich Euch vorſtellen möchte, um Euch—“ „Nicht doch,“ verſetzte mein Vater.„Eure Welt und die meinige iſt nicht dieſelbe. Für mich Bücher und für Euch Männer. Wir beide, Kitty und ich, können nicht von unſeren Gewohnheiten abgehen, ſelbſt nicht um der Freundſchaft willen; ſie hat ein großes Stück Arbeit zu vollenden, und bei mir iſt es der gleiche Fall. Berge können ſich nicht be⸗ wegen, namentlich wenn ſie kreiſen; aber Mahomet iſt in der Lage, zu den Bergen zu kommen, ſo oft es ihm beliebt.“ Doch Mr. Trevanion wollte ſich nicht abweiſen laſſen, und auch Sir Sedley Beaudeſert machte mild ſeine eigenen Anſprüche geltend. Beide rühmten ſich ihrer Bekanntſchaft mit Männern von literariſchem Rufe und meinten, mein Vater werde ſich gewiß angenehm unterhalten, wenn er mit ihnen zuſammentreffe. Mein Vater dagegen zweifelte, ob dieſe ſchriftſtelleriſchen Notabilitäten an Beredtſamkeit dem Cicero oder an Witz dem Ariſtophanes gleichkämen, und wenn es je der Fall ſey, ſo wolle er ſie lieber aus ihren Schriften, als im Beſuchzimmer kennen lernen. Kurz, er blieb unerſchütterlich, und guch Kapitän Roland ließ ſich nicht überreden, obſchon er mit ſeinen Gegengründen ſpar⸗ ſamer war. Dann wandte ſich Mr. Trevanion an mich. „Jedenfalls ſollte Euer Sohn etwas von der Welt ſehen,“ ſagte er. Die ſanften Augen meiner Mutter leuchteten. „Mein theurer Freund, ich vanke Euch,“ verſetzte mein Vater gerührt.„Ich will mit Piſiſtratus darüber reden.“ Unſere Gäſte hatten ſich entfernt, und wir vier ſam⸗ melten uns an dem offenen Fenſter, um ſchweigend die kühle Luft des mondhellen Abends zu genießen. „Auſtin,“ ſagte endlich meine Mutter,„ich fürchte, es geſchieht um meinetwillen, daß Du nicht zu Deinen alten Freunden gehen willſt. Du weißt, ich würde in ſteter Angſt leben unter ſo vornehmen Leuten, und—“ „Und wir ſind mehr als achtzehn Jahre glücklich geweſen ohne ſie, Kitty. Meine armen Freunde ſind nicht glücklich, aber wir können uns deſſen rühmen. Das Fürſichbleiben iſt eine goldene Regel, welche alle übrigen des Pythagoras aufwiegt. Die Frauen von Bubaſtis, meine Liebe, einem Ort in Egypten, wo die Katzen angebetet wurden, hielten ſich unverbrüchlich ferne von den Gentlemen in Athribis, welche den Spitzmäuſen göttliche Verehrung erwieſen. Katzen ſind Hausthiere, die Spitzmäuſe aber traurige Schwenk⸗ felder; Du kannſt Dir nichts Beſſeres zum Muſter nehmen, meine Kitty, als, die Damen von Bubaſtis!“ „Wie ſich Trevanion verändert hat!“ ſagte Roland ge⸗ 14 vankenvoll—„er, der ſonſt ſo lebhaft und glühend war! 255 „Er iſt Anfangs zu ſchnell bergan gelaufen und ſeitdem nicht wieder zu Athem gekommen,“ verſetzte mein Vater. „Und Lady Ellinor,“ ſagte Roland zögernd—„wirſt Du morgen bei ihrem Beſuche zugegen ſeyn?“ „Ja!“ entgegnete mein Vater ruhig. Während Kapitän Roland ſprach, ſchien etwas im Ton ſeiner Frage meiner Mutter wie eine Ueberzeugung durchs Herz zu zucken, denn Frauen faſſen in ſolchen Din⸗ gen gar ſchnell; ſie zog ſich zurück, erblaßte, daß es ſogar im Mondſchein bemerklich wurde, und heftete ihre Blicke auf meinen Vater, während ich fühlte, daß ihre Hand, welche die meinige umfaßt hielt, krampfhaft zitterte. Ich verſtand ſie. Ja, dieſe Lady Ellinor war die frühe Nebenbuhlerin, welche ſie bisher nicht einmal dem Namen nach gekannt hatte. Sie heftete ihre Blicke auf meinen Vater, athmete wieder freier, als ſie in ſeinem Ton und Weſen ſo viel Ruhe gewahrte, und entzog mir ihre Hand⸗ um ſie liebevoll auf die Schulter ihres Gatten zu legen. Einige Momente nachher ſtanden Kapitän Roland und ich allein an dem Fenſter. „Du biſt jung, Neffe,“ ſagte mein Onkel,„und haſt den Namen einer gefallenen Familie wieder in Aufnahme zu bringen. Dein Vater thut wohl, daß er Dir den Eintritt in die große Welt nicht verſagt, den Trevanion Dir anbietet. Was mich betrifft, ſo ſcheint mein Geſchäft in London vor⸗ über zu ſeyn, denn ich habe nicht finden können, was ich zu ſuchen gekommen war! Meine Tochter iſt zurückgerufen, und wenn ſie anlangt, nehme ich ſie mit mir nach meinem alten Thurme. Der Mann und die Ruine können dann mit⸗ einander zerfallen.“ „Nicht doch, Onkel. Ich will thätig ſein und Geld zu verdienen ſuchen; dann ſtellen wir den Thurm wieder her und kaufen das alte Beſitzthum zurück. Mein Vater kann das rothe Backſteinhaus veräußern; wir richten ihm in der Veſte eine Bibliothek ein und leben dann vereint im Frieden mit⸗ einander, ſo herrlich wie vor uns unſere Vorfahren.“ Während ich ſo ſprach, waren die Augen meines Onkels auf eine Ecke der Straße geheftet, wo eine Geſtalt regungs⸗ los halb im Mondlicht, halb im Schatten ſtand. „Ah!“ ſagte ich, ſeinem Auge folgend,„ich habe dieſen Mann ſchon zwei oder dreimal auf der andern Seite des Wegs hin und hergehen ſehen, wobei er den Kopf gegen unſer Fenſter wandte. Unſere Gäſte waren damals noch bei uns und mein Vater in eifrigem Geſpräch begriffen, ſonſt würde ich—“ Ehe ich meinen Satz vollenden konnte, riß ſich mein Onkel, einen Ausruf erſtickend, los, eilte aus dem Zimmer, holperte die Treppe hinunter und befand ſich bereits auf der Straße, während ich noch immer vor Erſtaunen wie an die Stelle gebannt war. Ich blieb an dem Fenſter, und mein Auge ruhete auf der Geſtalt. Der Kapitän eilte mit un⸗ bedecktem grauen Haupte über die Straße hinüber; der Fremde fuhr zuſammen, bog um die Ecke und entfloh. Dann folgte ich meinem Onkel und kam eben noch zu rechter Zeit, um ihn vor dem Fallen zu bewahren. Er lehnte ſein Haupt an meine Bruſt, und ich hörte ihn murmeln— zu nd as ſen des gen bei onſt nein ner, der die nein un⸗ der ch zu ehnte — 257 „Er iſt's— er iſt's! bereut!“ Er hat hat uns aufgeſucht!— er Fünftes Kapitel. Am nächſten Tag machte Lady Ellinor ihren Beſuch, aber zu meinem großen Leidweſen ohne Fanny⸗ Ob die Freude über den Vorfall der geſtrigen Nacht dazu beigetragen hatte, meinen Onkel wieder zu verjüngen, oder nicht, iſt mir unbekannt; ſo viel aber kann ich ſagen, daß er mir um zehn Jahre jünger vorkam, als Lady Ellinor eintrat. Wie ſorgfältig der zugeknöpfte Rock ausgebürſtet war— wie neu und glänzend die ſchwarze Halsbinde aus⸗ ſah! Der Stolz des armen Kapitäns war wieder zurückge⸗ kehrt— ja, und gewaltig ſtolz nahm er ſich dabei aus! Seine Wange glühte und ſein Auge funkelte. Den Kopf zurückgeworfen, die ganze Haltung gefaßt, ernſt, kriegeriſch und majeſtätiſch— ſo daß man hätte glauben könuen, er erwarte an der Spitze ſeiner Abtheilung einen Angriff fran⸗ zöſiſcher Küraſſire. Mein Vater war dagegen wie gewöhnlich in ſeinem leichten Morgenkleide und Pantoffeln— denn erſt zum Mit⸗ tageſſen kleidete er ſich aus Achtung gegen ſeine Kitty ſehr vünktlich. Nur ein gewiſſes Zuſammenpreſſen ſeiner Lippen, das man den ganzen Morgen über an ihm bemerken konnte, deutete auf den Beſuch, den er erwartete, oder auf die Auf⸗ regung, welche derſelbe in ihm hervorrief. Bulwer, die Caxtone, 17 Lady Ellinor benahm ſich ſehr gut. Sie konnte ein ge⸗ wiſſes Beben nicht verheimlichen, als ſie die ausgeſtreckte Hand meines Vaters entgegennahm⸗ und machte dem Ka⸗ pitän einen rührenden Vorwurf wegen ſeiner ſtattlichen Ver⸗ beugung, indem ſie ihm die linke freie Hand mit einem Blicke hinbot, welcher Roland ſogleich an ihre Seite brachte. Es war ein Verlaſſen ſeiner Fahne, gegen das in der Geſchichte nichts als Neys ſchamvolles Benehmen bei Napoleons Rück⸗ kehr von Elba ein Seitenſtück bot. Ohne auf eine Vor⸗ ſtellung zu warten und eh' überhaupt ein Wort geſprochen wurde, näherte ſich Ladh Ellinor meiner Mutter ſo herzlich, ſo liebevoll— ſie legte in ihr Lächeln, ihre Stimme und ihr ganzes Weſen eine ſo gewinnende Anmuth, daß ich der ich das einfache liebende Herz meiner ätmen Mutter ſo gut kannte, mich nur wundern mußte, wie ſie ſich enthalten fonnte, die Arme um den Nacken ihres Gäſtes zu ſchlingen und denſelben rundweg zu küſſen. Es mußte ſie eine große Ueberwindung gekoſtet haben, es nicht zu thun! Zunächſt kam die Reihe an mich. Es wurde von mir und über mich geſprochen, ſo daß bald alle Theile ſich recht behaglich fühl⸗ ten, wenigſtens dem Anſcheine nach. Was alles in Anregung kam, weiß ich nicht mehr, und ich denke, daß dies pei uns allen der Fall iſt. Aber es ent⸗ rann eine Stunde, ohne daß in der Unterhaltung eine Lücke einttat. Nit neugierigem Intereſſe und einem Blicke, der un⸗ purteiiſch zu ſehn bemüht war, verglich ich Lady Ellinor mit meiner Mutter; und ich vegriff den Zauber, welchen die hoch⸗ 5 ngen roße ächſt mich fühl⸗ „und ent⸗ Lücke er un⸗ or mit hoch⸗ 259 geborne Dame in ihrer Jugend auf die beiden ſich ſo unähn⸗ lichen Brüder geübt haben mußte. Denn Zauber war das charakteriſche Merkmal der Lady— ein unbeſchreiblicher Zauber. Es war nicht die bloße Anmuth einer feinen Bil⸗ dung, obſchon dieſe überall durchblickte, ſondern ein Zau— ber, welcher einer natürlichen Sympathie zu entquellen ſchien. Mit wem ſie auch ſprechen mochte, die angeredete Perſon ſchien für den Angenblick ihre volle Aufmerkſamkeit zu feſſeln und ihren ganzen Geiſt in Anſpruch zu nehmen. Sie beſaß eine eigenthümliche Unterhaltungsgabe, indem ſie das, was ſie ſprach, gleichſam zu einer Fortſetzung deſſen machte, was ihr geſagt wurde, ſo daß man meinen konnte, ſie gehe in die innerſten Gedanken des Redenden ein und laſſe ſie laut wer⸗ den. Ihr Geiſt war augenſcheinlich mit großer Sorgfalt gebildet, obſchon man ihr nirgends etwas von dem Dünkel der Schule anmerkte. Ein Wink, eine Andeutung genügte, dem Unterrichteten zu zeigen, wie viel ſie wußte, ohne daß der Unwiſſende dadurch in Verlegenheit odet Verwirrung gerieth. Ja, hier war ohne Zweifel das einzige weibliche Weſen, welches für den Geiſt meines Vaters hätte können eine Gefährtin ſeyn— das an ſeiner Seite durch den Gar⸗ ten des Wiſſens zu wandeln und die Blumen zu ſammeln vermochte, während er zum Zwecke einer freieren Ausſicht das Buſchwerk lichtete. Andererſeits lag in Lady Ellinors Geſinnungen ein eingeborner Adel, der die empfindlichſte Saite in Onkel Rolands Weſen anſchlagen mußte— ein Adel, der ſich beredt in Blick, Miene und in der lieblichen Würde ausſprach, welche ſogar jede Bewegung ihres Kopfes 4 260 begleitete. Sicherlich wäre ſie eine paſſende Orinda für ei⸗ ugen Amadis geweſen. Man fonnte unmöglich ver⸗ nen ju kennen, daß Lady Ellinor ehrgeizig war— daß ſie den Ruhm um ſeiner ſelbſt willen liebte— daß ſie Stolz beſaß— und daß ſie(ſogar in krankhafter Weiſe) einen hohen Werth ſetzte auf die Meinung der Welt. Dies trat namentlich her⸗ vor, wenn ſie von ihrem Gatten oder auch von ihrer Tochter ſprach. Es ſchien mir, als würdige ſie den Geiſt des einen und die Schönheit der anderen nach dem Maße der öffent⸗ lichen Auszeichnung oder dem faſhionabeln Eelat. So be⸗ rechnete ſie demnach den Werth einer Gabe, wie Pr. Her⸗ man mich die Höhe eines Thurmes beſtimmen gelehrt hatte — aus der Länge des auf den Boden fallenden Schattens. Mein lieber Vater, mit einer ſolchen Gattin würdeſt Du nicht achtzehn Jahre gelebt haben, um noch immer vor der Veröffentlichung eines großen Buches zu ſchaudern! Mein lieber Onkel, ſolch' ein Weib Dir zur Seite, und Du hätteſt Dich nicht begnügt mit einem Korkbeine und einer Waterloomedaille!— Ich begreife wohl, warum Mr. Tre⸗ vanion, der, wie Du ſagteſt, ſonſt ſo„lebhaft und glühend“ war, mit einem Herzen⸗ das nach Erfolg im praktiſchen Leben trachtete, die Hand der Erbin gewann. Nun— ihr ſeht, es iſt Mr. Trevanion nicht gelungen glücklich zu werden! An der Seite meiner bewundernd zuhörenden Mutter mit ihren feuchten blauen Augen und den halboffenen Korallen⸗ lippen verblichen Lady Ellinors Reize. War ſie wohl je ſo lieblich geweſen als meine Mutter jetzt iſt? Gewiß nicht! Allerdings viel ſchönet— denn welche Zartheit in ihrem 3 8 deſt vor und iner Tre⸗ end“ een ſcht, den! rmit allen⸗ lje ſo nicht! ihrem 261 Profil bei aller Beſtimmtheit der Züge! Die Brauen ſo mar⸗ kirt— der Schnitt ihres Geſichtes etwas adlerartig— die gewölbte Naſe, welche, wenn die Phyſtognomen Recht haben, auf eine leicht erregbare Empfindſamkeit deutet— und die klaſſiſche Lippe, die ohne jenes Grübchen ſo ſtolz ſich aus⸗ nehmen würde! Aber die Zeit hat ihre Spuren zurückge⸗ laſſen auf dieſem Geſichte und das leicht erregbare Tempe⸗ rament dazu beigetragen, ein Leben voll Ehrgeiz zu ver⸗ kümmern. Mein lieber Onkel, ich kenne Deine früheren Verhältniſſe noch nicht; was aber meinen Vater betrifft, ſo bin ich überzeugt, daß er bei einer Verbindung mit Lady Ellinor vielleicht mehr auf Erden geleiſtet hätte, aber auch dabei weit weniger paſſend geworden wäre für den Himmel. Endlich war dieſer Beſuch, welchem ſicherlich wenig⸗ ſtens drei von der Geſellſchaft mit Bangen entgegengeſehen, vorüber, nachdem ich zuvor hatte verſprechen müſſen, daß ich am nämlichen Tage bei Mr. Trevanion mein Mittag⸗ mahl einnehmen wolle. Als wir wieder allein waren, athmete mein Vater tief auf, ſah vergnügt um ſich her und ſagte: „Da Piſiſtratus uns verläßt, ſo wollen wir uns für ſeine Abweſenheit ſchadlos halten. Laßt den Schwager Jack rufen; wir gehen dann alle vier nach Richmond hinunter, um daſelbſt unſern Thee einzunehmen.“ „Ich danke Dir, Auſtin,“ verſetzte Roland;„aber ich verſichere Dir, bei mir iſt es nicht nöthig.“ „Auf Ehre?“ entgegnete mein Vater mit halbem Flüſtern. „Auf Ehre!“ „Bei mir auch nicht! Nun denn, Kitty und Roland, ſo wollen wir einen Spaziergang machen und in Zeiten wie⸗ der zurückkehren, vamit wir ſehen, ob dieſer junge Anachro⸗ nismus ſo ſchön ausſieht, als ſich von ſeinen neuen in Lon⸗ don gemachten Kleidern erwarten läßt. Eigentlich ſollte er mit einem Apfel in der Hand und einer Taube auf der Bruſt hingehen. Doch nein, ich erinnere mich— dies wurde bei den Athenern erſt in den Zeiten des Aleibiades Mode.“ Sechstes Kapitel. Der Leſer mag die Wirkung ermeſſen, welche das Di⸗ ner bei Mr. Trevanion nebſt einer darauf folgenden langen Unterhaltung mit Lady Ellinor auf meinen Geiſt machte, wenn ich ihm mittheile, daß ich, nachdem bei meiner Rück⸗ kehr alle Fragen der elterlichen Neugierde zur Zufriedenheit peantwortet waren, mit niedergeſchlagenem Blicke und be⸗ klommenem Tone ſagte:— „Mein lieber Vater— es würde mich ſehr freuen, wenn ihr nichts dagegen hättet— daß— daß— „Was, mein Sohn?“ fragte mein Vater freundlich. „Daß ich auf ein Auerbieten eingehe, welches mir Lady Ellinor im Namen des Mr. Trevanion machte. Es fehlt ihm an einem Secretär. Er will gütige Nachſicht haben dy lt en 263 mit meiner Unerfahrenheit und meint, ich werde mich bald in das Geſchäft und in ſeine Art und Weiſe finden. Lady Ellinor ſagt“— fuhr ich mit Würde fort—„dies ſei für mich eine werthvolle Einführung ins öffentliche Leben; und jedenfalls, lieber Vater, werde ich viel von der Welt ſehen und Dinge lernen, die mir in Wirklichkeit weit nützlicher ſcheinen, als Alles, was man mich je in einem College leh⸗ ren kann.“ Meine Mutter blickte ängſtlich nach meinem Vater hin. „Dies wäre in der That für Siſty recht ſchoͤn,“ ſagte ſie ſchüchtern und fuhr dann, ihren Muthzuſammennehmend, fort —„und gerade eine Lebensweiſe, wie für ihn geſchaffen.“— „Hum!“ verſetzte mein Onkel. Mein Vater rieb gedankenvoll ſeine Brille und erwie⸗ derte nach einer langen Pauſe:— Du magſt Recht haben, Kitty. Ich glaube nicht, daß Piſiſtratus große Neigung zum Studiren hat— Thätigkeit wird ihm weit beſſer zuſagen. Aber zu was ſoll dieſe Stelle führen?“ „Zu einem öffentlichen Amt, Vater,“ entgegnete ich dreiſt.„In den Dienſt des Vaterlands.“ „Wenn dies der Fall iſt, ſo habe ich kein Wort dagegen einzuwenden,“ bemerkte Onkel Roland.„Indeß hätte ich geglaubt, daß für einen Jüngling von Muth, einen Ab⸗ kömmling der alten De Cartone, die Armee—“ „Die Armee?“ rief meine Mutter, die Hände zuſammen⸗ ſchlagend und unwillkührlich einen Blick auf das Korkbein meines Onkels werfend. 264 „Die Armee?“ wiederholte mein Vater verdrießlich. „Gott behüte mich, Roland— es kömmt mir vor, Du mei⸗ neſt, der Menſch ſey zu nichts anderem da, als um todt⸗ geſchoſſen zu werden! Du möchteſt wohl nicht gerne Soldat werden, Piſiſtratus?“ „Nicht, wenn es Euch und meiner lieben Mutter miß⸗ fällt, Vater. Anderenfalls freilich—“ „Papae!“ unterbrach mich mein Vater.„Dies rührt ganz davon her, Frau, daß Du ihm dieſen unglückſeligen ehrgeizigen Namen gegeben haſt. Was ließ ſich auch von einem Piſiſtratus anders erwarten, als daß er einem das Leben zur Plage mache? Der Gedanke, ſeinem Vaterland zu dienen, iſt Piſiſtratus ipsissimus vorn und hinten. Wenn ich je einen anderen Sohn hätte(dii meliora), ſo brauchte er blos Heroſtratus zu heißen, und er würde die St. Pauls⸗ kirche niederbrennen— beiläufig bemerkt, ſie wurde, wenn ich nicht irre, anfänglich aus den Steinen eines Dianentempels gebaut. Wenn's einmal gedient ſeyn muß⸗ ſo dienſt Du mir deinem Vaterland lieber mit einem Gänſekiel, als dadurch, daß Du irgend einem unglücklichen Indianer das Bajonet in die Rippen ſtößſt. Ich glaube wenigſtens nicht, daß es zur Zeit nöthig iſt, andere Leute umzubringen— eh, Ro⸗ land?“ „Indien iſt ein ſehr ſchönes Feld der Thätigkeit,“ ſagte Onkel Roland ſententiss.„Es iſt die Pflanzſchule der Ka⸗ pitäne.“ „So? Es ſcheint, dieſe Pflanzen brauchen viel Boden⸗ um erfolgreich cultivirt werden zu können. Und in ber That, — 265 wenn man bedenkt, daß die größten Kapitäne von der Welt zuletzt in eine Truhe verſetzt werden, die im äußerſten Fall nicht über ſteben Fuß Länge hat, ſo muß man ſich wundern, welche Menge Raum dieſe Species von dem arpor mortis während ihres Wachsthums wegnimmt. Um jedoch auf Dein Anliegen zurückzukommen, Piſiſtratus, ich will mich dar⸗ über bedenken und mit Trevanian ſprechen.“ „Oder lieber mit Lady Ellinor,“ entgegnete ich un⸗ klugerweiſe. Meine Mutter durchzuckte ein leichtes Beben, und ſie zog ihre Hand aus der meinigen. Ich fühlte einen Stich durchs Herz, als ich meine Unvorſichtigkeit bemerkte. „Dies kann, denke ich, Deine Mutter am beſten aus⸗ richten,“ verſetzte mein Vater trocken,„wenn's ihr darum zu thun iſt, daß Jemand nach einer gehörigen Lüftung Deiner Hemden ſehe. Denn vermuthlich wirſt Du bei Trevanion wohnen müſſen.“ „O nein!“ rief meine Mutter.„Er kann dann ebenſo gut auf die Univerſität gehen. Ich dachte, er werde bei uns bleiben— morgens zwar hingehen, aber natürlich bei uns ſchlafen.“ „Wenn ich anders Trevanion recht kenne,“ ſagte mein Vater,„ſo wird er von ſeinem Sekretär erwarten, daß er ſich ohne Schlaf behelfe. Armer Junge, Du weißt nicht, was Du Dir wünſcheſt! Und doch, in Deinem Alter hätte ich—“ er hielt inne.„Nein!“ nahm er nach einem lan⸗ gen Schweigen gleichſam im Selbſigeſpräch plötzlich wieder auf—„Nein, man iſt ſtets auf gutem Wege, ſo lange man 266 für Andere lebt. Der Philoſoph, der vom Felſen aus zu⸗ ſieht, iſt ein weniger evles Bild, als der Matroſe, der mit dem Sturme kämpft. Warum ſollten wir unſerer Zwei ſeyn? Und könnte er überhaupt ein alter ego werden, ſelbſt wenn ich es wünſchte?“ Er drehte ſich in ſeinem Stuhle, legte das linke Bein aufs rechte Knie und ſagte lächelnd, während er ſich zu mir niederbeugte, um mir voll ins Geſicht zu ſehen:— „Aber, Piſiſtratus, Du verſprichſt mir doch, ſtets den Safranſack zu tragen Siebentes Kapitel. Ich mache nun einen langen Schritt in meiner Erzäh⸗ lung. Mein Quartier iſt bei den Trevanionen. Eine ſehr kurze Unterhaltung mit dem Staatsmann genügte für mei⸗ nen Vater, ſeinen Entſchluß zu faſſen, und das Mark davon lag in dem einfachen, von Trevanion ausgeſprochenen Satze —„Eines verſpreche ich Euch— er ſoll nie müßig ſeyn.“ Wenn ich zurückblicke, gewinne ich die Ueberzeugung⸗ ater Recht hatte und meinen Charakter ſowohl, daß mein V am meiſten zugänglich als die Verlockungen, welchen ich war, gut kannte, als er mir geſtattete, die Univerſität auf⸗ zugeben und ſo früh in die öffentliche Welt einzutreten. Ich war von Natur aus ſo lebensfroh, daß ich meine Collegien⸗ laufbahn zu einem Feiertag gemacht und hintendrein aus Neue mich ſchwindſüchtig gearbeitet haben würde. en äh⸗ ehr nei⸗ von atze . ung, ohl, glich auf⸗ Ich gien⸗ aus 267 Auch war die Anſicht meines Vaters vollkommen rich⸗ tig, daß ich nicht zu einem Gelehrten geſchaffen ſey, ob⸗ ſchon ich hätte ſtudiren können. Im Grunde war die Sache eben ein Verſuch. Ich hatte wohl Zeit übrig, und wenn das Erperiment auch fehl⸗ ſchlug, ſo war die Zögerung eines Jahrs auch nicht noth⸗ wendig ein Verluſt deſſelben. Ich wohne alſo bei Mr. Trevanion, und zwar ſchon ſeit einigen Monaten. Das Parlament und die Winter⸗ Saiſon haben begonnen. Ich arbeite ſcharf— der Himmel weiß, ſchärfer als ich je auf der Univerſität gearbeitet hätte. Ein Tag möge als Beiſpiel dienen. Trevanion ſteht um acht Uhr auf und macht bei jeder Witterung eine Stunde vor dem Frühſtück einen Spazier⸗ ritt. Um neun Uhr nimmt er ſeinen Morgenimbiß in dem Boudoir ſeiner Gattin ein und um halb zehn erſcheint er in ſeinem Studierzimmer. Er erwartet ſodann, daß ſein Se⸗ kretär die Arbeit, die ich nun beſchreiben werde, gefer⸗ tigt habe. Wenn er nach Hauſe kommt, oder vielmehr ehe er zu Bette geht, was gewöhnlich nach drei Uhr geſchieht, pflegt er auf dem Tiſche ſeines Studierzimmers eine Liſte von An⸗ weiſungen für ſeinen Sekretär zurückzulaſſen. Wie viel⸗ ſeitig dieſe war, wird man aus nachſtehender Aufzählung entnehmen können, die ich auf's Gerathewohl aus der Menge, die ich aufbewahrt habe, herausgreife: ¹) Seht nach in den Protokollen— Commiſſton des Ober⸗ hauſes für die letzten ſieben Jahre— alles, was über 268 Zeichnet die Stellen die Flachserzeugung geſagt iſt. für mich an. 2) Desgleichen—„iriſche Auswanderung.“ 3) Sucht mir in dem zweiten Band von Kames! Ge⸗ ſchichte des Menſchen die Stelle, in welcher von „Reid's Logik“ die Rede iſt. Ich weiß nicht, wo ſich das Buch befindet. 4) Wie endigt die Stelle:„lumina conjurent, inter“ u. ſ. w.? Steht ſie im Gray? Seht nach! 5) Frascatorius ſchreibt—„Quantum hoe infecit vitium, quot adiverit urbes.“ Sollte es nicht richtig grammatiſch inkecerit ſtatt infecit heißen?— Wenn Ihr's nicht wißt, ſo ſchreibt an Euren Vater. 6) Fertigt die vier Bri fe aus, zu denen ich Euch die No⸗ tizen zurückgelaſſen— d. h. über die kirchlichen Col⸗ legien. 7) Seht in den Bevölkerungsliſten nach und macht eine Durchſchnittsberechnung über die Todes⸗ und Ge⸗ burtsfälle in Devonſhire und Lancaſhire während der letzten fünf Jahre. 8) Beantwortet die ſech höflich. 9) Die anderen ſechs an die Wähler—„daß ich keinen Einfluß bei der Regierung habe.“ 10) Wenn Eure Zeit reicht, ſo ſeht nach, ob keines von den Büchern auf dem runden Tiſch Gewäſche iſt. 1¹) Ich möchte Alles wiſſen über das Welſchkorn. 12) Longinus ſagt irgendwo etwas im Aerger über frucht⸗ . s Bettelbriefe;„Nein— n it ſtig No⸗ Fol⸗ eine Ge⸗ der einen s von n. rucht⸗ 269 loſe Bemühungen(vermuthlich öffentliche Geſchäfte betreffend). Wie lautet es? NB. Longinus ſteht nicht auf meinem Londoner Catalog, aber ich weiß, daß er hier iſt— wahrſcheinlich in einem Koffer der Gerüm⸗ velfammer. Durchgeht die Berechnung, die ich über die Armen⸗ ſteuer anfertigte; ich habe irgendwo einen Fehler ge⸗ macht, u. ſ. w. u. ſ. w. Mein Vater kannte Mr. Trevanion recht gut, als er ſagte, er werde erwarten, daß ſich ſein Sekretär ohne Schlaf behelfen könne. Um mit der obigen Liſte zu der erforder⸗ lichen Zeit fertig zu werden, ſtehe ich beim Kerzenlicht auf. Um halb zehn Uhr ſuche ich noch immer nach Longinus, und Mr. Trevanion tritt mit einem Pack Briefe ein. Die Antworten auf die Hälfte der beſagten Briefe fal⸗ len mir zu, und die Anweiſung dafür wird mir mündlich in einer Art leichten Geſprächs gegeben. Während ich ſchreibe, liest Mr. Trevanion die Zeitungen, durchgeht meine Aus⸗ fertigungen, macht ſich Notizen daraus, einige für das Par⸗ lament, andere für die Unterhaltung und wieder andere für die Correſpondenz, überfliegt die Parlamentsblätter des Mor⸗ gens und notirt ſich Anweiſungen zu Auszügen, Abkürzungen oder Vergleichung derſelben mit andern, die vielleicht ſchon zwanzig Jahre alt ſind. Um eilf Uhr begibt er ſich in eine Commiſſion des Unterhauſes und läßt mir reichliche Arbeit zurück, bis er um halbvier wieder zurückkehrt. Um vier Uhr ſteckt Fanny ihren Kopf in's Zimmer— und ich verliere den meinigen. Viermal in der Woche verſchwindet von dieſer 13) 270 Zeit an Mr. Trevanion für den Reſt des Tages, um bei Bellamy oder in einem Club zu ſpeiſen, erwartet mich aber um acht Uhr am Parlamentsgebäude, im Falle ihm etwas einfällt, und er irgend einer Thatſache oder einer Citation bedarf. Dann entläßt er mich— in der Regel mit einer neuen Liſte von Aufträgen. Demungeachtet habe ich auch meine Feiertage. Mittwochs und Sonnabends gibt Mr. Trevanion Tafel, und ich treffe hier mit den ausgezeichnet⸗ ſten Männern von beiden Seiten des Hauſes zuſammen. Denn Trevanion iſt ſelbſt auf beiden Seiten, oder vielmehr auf gar keiner, was auf das Nämliche hinausläuft. Don⸗ nerſtags gibt mir Lady Ellinor ein Billet für die Oper, und ich komme wenigſtens noch zeitig genng hin für das Ballet. Ich habe bereits viele Einladungen zu Bällen und Abendgeſellſchaften erhalten, denn man betrachtet mich als einen einzigen Sohn von großen Ausſichten. Ich werde behandelt, wie es einem Carton gebührt, der das Recht hat, wenn er will, ein De vor ſeinen Namen zu ſetzen. Ich bin ſehr geſchniegelt geworden und kleide mich mit Eleganz— eine Leidenſchaft, die im achtzehnten Jahre natürlich iſt. Alles, was ich thue, und meine ganze Umge⸗ bung gefällt mir. Ich bin über Kopf und Ohren verliebt in Fanny Trevanion, die mir aber demungeachtet das Herz bricht; denn ſie coquettirt mit zwei Peers, einem Leibgarde⸗ Offizier, drei alten Parlamentsmitgliedern, Sir Sedley Beaudeſert, einem Geſandten und allen ſeinen Attachés und am Ende gar(die kecke Hexe!) mit einem fettbauchigen Bi⸗ . 274 ſchof in voller Perücke, der, wie ich höre, ſich wieder zu ver⸗ heirathen beabſichtigt. Piſiſtratus hat Farbe und Fleiſch verloren. Seine Mutter ſagt, er ſey dadurch viel ſchöner geworden— er aber nimmt dies für die natürliche Wirkung der von Stultz und Hoby angefertigten Kleider. Onkel Jack ſagt, er habe ſich„herunterverfeinert“. Sein Vater ſieht ihn an und ſchreibt an Trevanion:— „Mein lieber Trevanion!“ „Ich habe einen Gehalt für meinen Sohn zurückgewie⸗ ſen. Gebt ihm ein Pferd und geſtattet ihm täglich zwei Stunden zu einem Ausritt. Der Eurige Am andern Tag bin ich Beſitzer eines hübſchen Fuchſen und reite an der Seite von Fanny Trevanion ſpazieren. Ach! Achtes Kapitel. Ich habe meines Onkels Roland nicht mehr Erwäh⸗ nung gethan. Er iſt fort— in Frankreich— um ſeine Tochter zu holen. Seine Abweſenheit währt länger, als wir erwarteten. Sucht er noch immer ſeinen Sohn— dort ebenſo, wie hier? Mein Vater iſt mit dem erſten Theil ſei⸗ nes Werkes, zwei dicke Bände umfaſſend, fertig geworden. Onkel Jack, der ſeit einiger Zeit melancholiſch ausſieht und nur ſelten ſeine Wohnung verläßt= die Sonntage aus⸗ genommen, an welchen wir alle bei meinem Vater zu⸗ —————————— 272 ſammenkommen und ein gemeinſchaftliches Mittagsmahl ein⸗ nehmen— Onkel Jack, ſage ich, hat ſich der Aufgabe unter⸗ zogen, es zu verkaufen. „Ihr müßt aber nicht allzuviel erwarten,“ meint Onkel Jack, indem er das Manuſtript in zwei rothe Portefeuilles mit einem Schlitz in den Deckeln, die einer von den verbli⸗ chenen Geſellſchaften angehörten, einſchließt.„Ihr dürft wegen des Preiſes nicht überſanguiniſch ſeyn. Die Buch⸗ händler wagen nie viel auf einen erſten Verſuch. Es koſtet ſchon viele Ueberredungskunſt, wenn man ſie nur veranlaſſen will, das Werk anzuſehen.“ „O!“ ſagte mein Vater,„wenn es nur auf Gefahr des Buchhändlers gedruckt wird, ſo beſtehe ich auf keinen andern Bedingungen. Nichts Großes„ſagt Dryden, kam je von einer käuflichen Feder““ „Eine ſehr thörichte Bemerkung von dieſem Dryden,“ verſetzte Onkel Jack.„Er hätte dies beſſer wiſſen ſollen.“ „Und er verſtund es auch beſſer,“ ſagte ich,„denn er benützte ſeine Feder dazu, ſeine Taſchen zu füllen— der arme Mann!“ „Aber ſeine Feder war keine käufliche, Meiſter Ana⸗ chronismus,“ entgegnete mein Vater.„Ein Bäcker kann nicht käuflich genannt werden, wenn er ſeine Laibe verkauft, ſondern nur wenn er ſelbſt feil iſt. Dryden verkaufte nur ſeine Laibe.“ „Und wir müſſen die unſrigen verkaufen,“ erwiederte Onkel Jack mit Nachdruck.„Tauſend Pfund für den Band vürften vielleicht recht ſeyn— eh 24 el es li⸗ rft ch⸗ en es ern on n. er der na⸗ ann uft, nur erte zand 273 „Tauſend Pfund für einen Band?“ rief mein Vater. „Ich glaube, Gibbon hat nicht mehr erhalten.“ „Wohl möglich; aber Gibbon hatte keinen Onkel Zuck der ſich ſeiner annahm,“ ſagte Mr. Tibbels lachend, indem er ſeine glatten Hände rieb.„Nein! Zweitauſend Pfund für die beiden Bände!— Ich weiß, es iſt ein Opfer; aber gleichwohl rathe ich zu einem mäßigen Fordern.“ „Es wird mich allerdings freuen, wenn das Buch et⸗ was einbringt,“ verſetzte mein Vater, augenſcheinlich bezau⸗ bert,—„denn dieſer junge Gentleman iſt etwas koſtſpielig; und Ihr, mein theurer Jack— vielleicht könnte die Hälfte der Summe Euch von Nutzen ſeyn!“ „Mir, mein lieber Schwager?“ rief Onkel Jack— „mir? Wenn meine neue Speculation gelingt) ſo werde ich ein Millivnär ſeyn!“ „Habt Ihr eine neue Spekulation im Kopf, Onkel?“ fragte ich ängſtlich.„Worin beſteht dieſe?“ „Bſt!“ ſagte mein Onkel, den Finger an ſeine Lip⸗ pen legend, und ſich im ganzen Zimmer umſehend—„bſt!! — bſt!!!“ Piſiſtratus.—„Eine großartige Natibnalfom⸗ pagnie, um beide Parlamentshäuſer in die Luft zu ſpren⸗ gen?“ Mr. Carton.—„Bei meiner Seele, ich hoffe, er hat ſich auf etwas Neueres beſonnen; denn wenn man ſich aus den Zeitungen ein Urtheil bilden darf, brauchen ſie den Beiſtand des Schwagers Jack nicht, um ſich gegenſeitig in die Luft zu ſprengen!“ Bulwer, die Cartone. 274 Onkel Jack(geheimnißvoll).—„Zeitungen? Ihr lest wohl nicht oft eine Zeitung, Auſtin Carton?“ Mr. Carton.—„Ich gebe dies zu, John Tib⸗ bets.“ Onkel Jack.—„Aber wenn nun meine Spekulation Euch veranlaßt, jeden Tag eine zu leſen?“ Mr. Carton(erſtaunt).—„Mich veranlaßt, jeden Tag eine Zeitung zu leſen?“ Onkel Jack(erwarmend und ſeine Hände gegen das Feuer ausſtreckend).—„Ja, eine Zeitung, und zwar ſo groß, wie die Times!“ Mr. Caxton unruhig.—„Jack, Ihr erſchreckt mich!“ Onkel Jack—„Und Ihr ſollt noch obendrein ſelbſt hineinſchreiben— leitende Artikel!“ Mr. Carton, der ſeinen Stuhl zurückſchiebt, greift nach der einzigen ihm zu Gebot ſtehenden Waffe und ſchleu⸗ dert einen griechiſchen Satz nach Onkel Jack.— Jovs ken yce svot oelenovs, d0c kct avboomopayben 9 Onkel Jack(ſich nicht einſchüchtern laſſend).—„Ja, und Ihr könnt ſo viel griechiſch hineinſetzen, als Euch be⸗ liebt! Mr. Caxton(ſehr erleichtert und milder werdend). „„Einige ſind ſo roh, daß ſie Menſchenfleiſch eſſen.“ Dieſe Stelle des Strabo bezieht ſich auf die Seythen. Ich nenne hier den Autor, denn Strabo iſt kein ſo bekannter Schriftſteller, als daß man erwarten dürfte, irgend ein Menſch, der nicht gerade mit einem ſo wichtigen Werk beſchäftigt iſt, als die Geſchichte des menſch⸗ lichen Irrthums war, werde ihn auswendig können. en aß m — 275 —„Mein lieber Jack, Ihr ſeyd ein großer Mann— laßt einmal hören!“ Und Onkel Jack begann. Vielleicht haben meine Leſer bereits bemerkt, daß dieſer ausgezeichnete Spekulant in Wirk⸗ lichkeit glücklich war in ſeinen Ideen. Seine Spekulationen hatten im Kern ſtets etwas Geſundes, wie mager auch die Frucht ſeyn mochte, und dies war es, was ſie ſo gefährlich machte. Der Gedanke, welchen er bei dieſer Gelegenheit auf⸗ gegriffen, wird, wie ich vollkommen überzeugt bin, in unſern Tagen das Glück eines Mannes machen, und ich ſage dies mit einem Seufzer, wenn ich bedenke, wie viel dadurch mei⸗ ner Familie entgangen iſt. Der Entwurf trug ſich mit nichts Geringerem, als mit der Herausgabe eines Tagblatts nach dem Plane der Times, das übrigens ganz der Kunſt, der Li⸗ teratur und Wiſſenſchaft— mit einem Wort dem geiſti⸗ gen Fortſchritte gewidmet ſeyn ſollte; ich ſage nach dem Plan der Times, denn es wurde beabſichtigt, die gewaltige Maſchinerie dieſes täglichen Welterleuchters nachzuahmen. Die Zeitung ſollte der literariſche Salmoneus des politi⸗ ſchen Jupiter werden und ihre Donner rollen laſſen über der Brücke des Wiſſens. Alle Theile des Erdballs ſollten Korre⸗ ſpondenten liefern, und Alles, was ſich auf die Kronik des Geiſtes bezog, von der Arbeit des Miſſionärs in den Süd⸗ ſeeinſeln oder den Unterſuchungen eines Reiſenden an, der die Timbuctuſpiegelung ergründen will, bis zum letzten neuen Pariſerroman oder der letzten großen Verbeſſerung einer griechiſchen Partikel auf einer deutſchen Univerſität, ſollte Platz finden in dieſem Fokus des Lichtes. Der Zweck war 18* Unterhaltung, Belehrung— kurz gar Alles. Jebermann in der ganzen Leſewelt, nicht nur in den drei Königreichen, nicht nur in Britannien, ſondern unter dem gauzen Gewölbe des Himmels ſollte irgendwo angefaßt werden, entweder im Kopf, oder im Herzen, oder in der Taſche Das grillenhafteſte Mitglied des intellectuellen Gemeinweſens konnte dem Plane nach in dieſen Ställen ſein eigenes Steckenpferd finden. „Denkt nur an den Fortſchritt des Geiſtes,“ rief Onkel Jack—„an die Leidenſchaft, mit welcher man nach wohl⸗ feiler Belehrung greift— und faßt dabei ins Auge, wie wenig die vierteljährigen, monatlichen oder wochentlichen Journale den Hauptbedürfniſſen der Zeit entſprechen. Man könnte ebenſo gut ſich mit einem Wochenblatt über Politit behelfen, als mit einem wöchentlichen Jvurnal über alle diejenigen Dinge, die für die Maſſe des Publikums weit mehr Intereſſe haben, denn die Politik. Sind meine litera⸗ riſchen Times einmal ins Leben getreten, ſo werden die Leute ſich wundern, wie ſie je ohne dieſelben beſtehen konnten! Sir! ohne ſie war kein Leben da— man hat nur vegetirt— nur in Löchern und Höhlen gehaust, wie die Trogglediken.“ „Troglodyten,“ verbeſſerte ihn mein Vater mit Milde —„von rooly, die Höhle, und övst hinunterkriechen. Sie lebten in Aekhiopien und hatten ihre Weiber gemein⸗ ſchaftlich.“ „Was den letzteren Punkt betrifft, ſo will ich dem armen Publifum nicht nachſagen, daß es ſo weit geſunken iſt,“ räumte Onkel Jack aufrichtig ein;„aber kein Gleichniß hält in allen ſeinen Theilen Stich. Indeß muß man die Leſe⸗ 277 welt doch den Troggledieeinen, oder wie Ihr ſie nennt, an die Seite ſtellen, wenn man ins Auge faßt, was ſie ſeyn wird, wenn ſie unter dem Licht meiner literariſchen Di⸗ mes lebt. Sir, es wird dadurch eine Revolution in der Welt hervorgerufen werden. Die neue Zeitung wird die Literatur von den Wolken herunter in das Wohnzimmer, in die Bauernhütte, ja ſogar in die Küche bringen. Der mü⸗ ßigſte Dandy, die feinſte unter den eleganten Damen ſoll etwas nach ihrem Geſchmack, der geſchäftigſte Mann des Marktes oder hinter dem Ladentiſch eine Erweiterung ſeiner praktiſchen Kenntniſſe darin finden. Wer allgemeine Beleh⸗ rung liebt, wird ſehen, welche Fortſchritte die Theologie, die Mediein und ſogar die Rechtsgelehrſamkeit machen. Sir, der Hindu lies mich unter dem Banyan; man findet mich in den Serailen des Morgenlandes, und der amerikaniſche In⸗ dianer wird über meinen Bogen das Calumet des Friedens rauchen. Der Politik weiſen wir die ihr gebührende Stelle in den Angelegenheiten des Lebens an und erheben die Li⸗ teratur zu der hohen Stufe, welche ſie in den Gedanken und Geſchäften der Menſchen einzunehmen berufen iſt. Es iſt ein großartiger Gedanke, und das Herz ſchwillt mir von Stolz, wenn ich Betrachtungen darüber anſtelle.“ „Mein lieber Jack,“ ſagte mein Vater ernſt, während er ſich in großer Erregung von ſeinem Stuhle erhob,„es iſt in der That ein großartiger Gedanke, und ich ehre Euch darum! Ihr habt vollkommen Recht— es wird eine Revo⸗ lution zur Folge haben! So geſchieht die Heranbildung des menſchlichen Geſchlechts unmerklich. Bei meinem Leben, ich würde mir's zur Ehre rechnen, wenn ich einen leitenden oder ſonſtigen Artikel in die Zeitung ſchreiben könnte. Jack, Ihr macht Euch noch unſterblich.“ „Ich glaube dies ſelbſt auch,“ verſetzte Onkel Jack beſcheiden;„indeß habe ich noch kein Wort geſprochen von dem Hauptanziehungspunkt des Ganzen—“ „Ah, und der wäre?“ „Die Ankündigungen!“ tief mein Onkel, die Hände ausbreitend und alle Finger in Winkel biegend wie die Fäden eines Spinngewebes.„Die Ankündigungen— ſchon der Gedanke daran— ein eigentliches Eldoradv. Rach der mäßigſten Berechnung müſſen die Ankündigungen jährlich 50,000 Pfund abwerfen, Sir. Mein lieber Piſi⸗ ſtratus, ich werde nie heirathen— Du biſt mein Erbe. Uumarme mich!“ Mit dieſen Worten ſtürzte ſich Onkel Jack auf mich und drückte den Athem aus dem klugen Bedenken, das ſich eben gegen meine Lippen erheben wollte. Zwiſchen Lachen und Schluchzen ſtotterte meine Mutter heraus— „Und es iſt mein Bruder, der ſeinem Sohn Alles er⸗ ſetzen wird, was er um meinetwillen aufgegeben hat. Mittlerweile ging mein Vater aufgeregter, als ich ihn je vorher geſehen hatte, im Zimmer auf und ab und mur⸗ melte vor ſich hin: „Ich bin bisher doch ein kläglich unnützer Menſch ge⸗ weſen. Ja, ich möchte in der That der Welt meine Dienſte widmen.“ 279 Diesmal hatte Onkel Jack trefflich gearbeitet und in der ganzen Welt den einzigen Köder aufgefunden, mit dem ein ſo ſcheuer Karpfe wie mein Vater zu fangen war— „häeret lethalis arundo.“ Ich ſah, daß die todbringende Angel nur einen Zoll von der Naſe meines Vaters abſtand und er danach hinſchaute mit dem feſten Entſchluſſe, anzu⸗ beißen. Aber wenn es meinem Vater Vergnügen machte? Ich war zu jung, um weiter zu blicken, und muß geſtehen, daß mich vielleicht auch die kindiſche Schadenfreude verblendete, meinen verehrten Erzeuger in eine Verlegenheit gerathen zu ſehen. Der junge Karpfe hatte ſeine Luſt an dem neckiſchen Wellenſpiel, wenn der alte mit ſeinem Schwanz wedelte und ſich mit den Floßen aufrichtete. „Aber ſtille!“ ſagte Onkel Jack, mich loslaſſend.„Kein Wort gegen Mr. Trevanion oder irgend Jemand.“ „Warum dies?“ „Warum?— Gott behüte mich— er fragt noch— warum? Wenn mein Plan ruchbar wird, glaubſt Du, es ſetze nicht ſogleich irgend ein Anderer ſeine Segel aus, um mir den Wind abzugewinnen? Du erſchreckſt mich, daß ich den Verſtand darüber verlieren könnte. Verſprich mir ehr⸗ lich und 6 daß Du darüber ſchweigen wolleſt wie das Grab— „Ich möchte e doch Mr. Trevanions Anſicht von der Sache hören—“ „Eben ſo gut könnteſt Du's durch den ſſener ve der ganzen Stadt kund thun laſſen. Neffe, ich habe Deiner Ehre vertraut— am häuslichen Herd ſind alle Geheimniſſe heilig. Neffe, ich—“ „Lieber Onkel Jack, Ihr habt vollkommen genug ge⸗ ſprochen. Keine Sylbe ſoll über meine Lippen kommen.“ „Ich wußte wohl, daß Du auf ihn bauen kannſt, Jack,“ ſagte meine Mutter. „Nun, ich traue ihm auch— wollte ihm ungezählte Summen anvertrauen,“ entgegnete mein Onkel.„Darf ich Dich um ein wenig Waſſer bitten— etwas Branntwein darein— und um ein Stückchen Zwieback, oder auch um eine Butterſchnitte. Dieſes Sprechen hat mich ganz hungrig gemacht.“ Während Onkel Jack ſo redete, betrachtete ich ihn näher. Armer Onkel Jack— wie ſchmächtig war er geworden! Siebenter Abſchnitt. Erſtes Kapitel. Dr. Luther ſagte:„Als ich bemerkte, daß Dr. Gode ſeine im Kamin hängenden Würſte zu zählen anfing, erklärte ich ihm, daß er nicht mehr lange leben werde!“ Es wäre mir lieb, wenn ich dieſe Stelle aus„den Tiſch⸗ geſprächen“ in großer Frakturſchrift abgeſchrieben und am 281 Morgen vor jenem verhaͤngnißvollen Abend, an welchem Onkel Jack meinen Vater bereſete, ſeine Würſte zu zählen, ihm beim Frühſtück vorgelegt hätte. Allerdings, bei näherer Erwägung muß ich ſagen, daß Onkel Jack zwar die Würſte in den Kamin hängte, aber doch meinen Vater nicht dahin bringen konnte, ſie zu zählen. Außer einer unbeſtimmten Vermuthung, daß die Hälfte der Tomacula des Rauchfangs ein Frühſtück für Onkel Jack abgeben dürfte und der jugendliche Appetit des Piſiſtratus den übrigen verſorgen werde, ſchenkte mein Vater den näh⸗ renden Eigenſchaften der Würſte keinen weiteren Gedanken — ich meine den zweitauſend Pfunden, welche, Dank ſey es dem Mr. Tibbets, den Schornſtein herunterbimmelten. So weit das große Werk in Frage kam, kümmerte ſich mein Vater nur um deſſen Veröffentlichung, nicht um den daraus erzielbaren Ertrag. Ich will nicht behaupten, daß es ihn nicht nach Lob gelüſtete, bin aber überzeugt, daß er die Wurſt nicht eines Knopfes werth achtete. Gleichwohl war ſchon der Anblick und das Pendeln was immer für einer Wurſt ſo recht über der Kaminecke ein unglückliches und fin⸗ ſteres Vorzeichen für Auſtin Carton, wenn dieſelbe von Onkel Jacks glatten Händen angefertigt war; denn leider hatte ſich keine von den Würſten, welche der arme Mann während ſeines Lebens für den eigenen oder für anderer Leute Kamin zuſammengebunden, als etwas Wirkliches ausgewieſen— ſie waren ſtets nur die Eidola, die Erſcheinungen, die Phan⸗ tome und Geſpenſter von Würſten geweſen. Es fragt ſich, ob Onkel Jack viel von Demoerit aus Abdera wußte; aber 282 ſicherlich war er von der Philoſophie dieſes wunderlichen Weiſen angeſteckt. Er belebte die Luft mit Bildern von co⸗ loſſaler Größe, die ſich allen ſeinen Träumen und Divina⸗ tionen einprägten und von deren Einflüſſen ſogar ſeine Ge⸗ fühle und Gedanken ausgingen. So war im Schlafen oder Wachen ſein ganzes Daſeyn eine bloſe Spiegelung von gro⸗ ßen, geſpenſtiſchen Würſten. Sobald Mr. Tibbets ſich in den Beſitz der zwei Bände über die„Geſchichte des menſchlichen Irrthums“ geſetzt hatte er nothwendig auch jenen Anhaltspunkt an meinen Vater gewonnen, der bisher ſtets mit einer Aalglätte ſeinen Hän⸗ den entwiſcht war. Wornach er ſo lange vergeblich ſeufzte, das point C'appui, worin er die archimediſche Schraube be⸗ feſtigen konnte, war gefunden. Er bohrte ſie mit Macht in die„Geſchichte des menſchlichen Irrthums“ und bewegte die Carton'ſche Welt. Einen Tag oder zwei nach der in meinem letzten Ka⸗ pitel erwähnten Unterhaltung ſah ich Onkel Jack zu den Mahagonithüren des Bangquiers meines Vaters herauskom⸗ men, und Lon dieſer Zeit an ſchien kein Grund mehr vor⸗ handen zu ſeyn, warum Mr. Tibbets ſeine Verwandten an Wochentagen nicht ebenſo gut beſuchen ſollte, wie an Sonn⸗ tagen. Es verging in der That kein Tag, ohne daß er lanze Geſpräche mit meinem Vater hielt, da er natürlich über ſeine Verhandlungen mit den Buchhändlern Bericht er⸗ ſtatten mußte. Bei ſolchen Gelegenheiten kam er jedesmal auf die großartige Idee der literariſchen Times zurück, welche die Phantaſie meines armen Vaters ſo ſehr geblendet hatte, „ un ni ter ich de W de G lic ſa ed fü bã 1 ſic ge th ſer ſa Lo che ſei ſch we tte ter in⸗ te, be⸗ cht gie Ka⸗ den om⸗ vor⸗ an nn⸗ ß er rlich t er⸗ zmal elche atte, 283 und Onkel Jack war ein zu geſcheidter Mann, um das Eiſen nicht zu ſchmieden, ſo lange es heiß war. Wenn ich an die Einfalt denke, welche mein weiſer Va⸗ ter bei dieſer Kriſis ſeines Lebens an den Tag legte, ſo muß ich geſtehen, daß ich weniger von Mitleid, als von Bewun⸗ derung für dieſen armen hochherzigen Gelehrten bewegt bin. Wir haben geſehen, daß aus der zwanzigjährigen Trägheit des Bücherwurms der Ehrgeiz, welcher jedem Mann von Genie eingeboren iſt, aufgetaucht war, und die ernſte Zu⸗ bereitung des großen Buches für die Leſewelt hatte unmerk⸗ lich die Anſprüche an dieſe geräuſchvolle Welt in dem ſchweig⸗ ſamen Einzelweſen wieder hergeſtellt. Daher denn auch der edle Vorwurf, den er ſich machte, daß er bisher ſo wenig für ſein Geſchlecht gethan habe. War es genug, Quart⸗ bände über die vergangene Geſchichte des menſchlichen Irr⸗ thums zu ſchreiben? Lag es nicht in ſeiner Pflicht, wenn ſich ihm eine gute Gelegenheit dazu darbot, auf den ge⸗ genwärtigen, täglichen und ſtündlichen Krieg mit dem Irr⸗ thum einzugehen, welcher der wahre Ritterdienſt des Wiſ⸗ ſens iſt? Der heilige Georg hat nicht todte Drachen zu⸗ ſammengehauen, ſondern mit den lebendigen gekämpft. Und London mit jener magnetiſchen Atmoſphäre, die in großen Hauptſtädten den Athem des Lebens mit ſtimulirenden Theil⸗ chen füllt, trug gleichfalls dazu bei, den langſamen Puls des Gelehrten zu beſchleunigen. Auf dem Lande las er nur ſeine alten Schriftſteller und durchlebte mit ihnen die ent⸗ ſchwundenen Jahrhunderte; in London dagegen muſterte er während der Ruhepunkte, welche ihm das große Buch ge⸗ * 284 ſtattete, und noch mehr jetzt, als dieſes zu einer Pauſe ge⸗ kommen war, auch die Literatur ſeiner eigenen Zeit. Sie machte einen wunderbaren Eindruck auf ihn. Er gehörte nicht zu dem gewöhnlichen Schlag von Gelehrten oder von Leſern überhaupt, welche in ihrer abergläubiſchen Huldi⸗ gung gegen die Todten ſtets ſich bereitwillig zeigen, die Le⸗ bendigen zum Opfer zu bringen, ſondern ließ der wunder⸗ baren Fruchtbarkeit der Einſicht, welche die Literatur der gegenwärtigen Zeit bezeichnet, volle Gerechtigkeit wieder⸗ fahren. Unter der gegenwärtigen Zeit verſtehe ich jedoch nicht blos die neueſte, ſendern ich beginne ſie mit dem Jahr⸗ hundert.„Was die Literatur unſerer Periode charakteriſirt,“ ſagte mein Vater eines Tags während einer Diſputation mit Trevanion,„iſt das menſchliche Intereſſe. Wir ſehen hier allerdings nicht, wie ſich Gelehrte an Gelehrte wenden; aber der Menſch ſpricht zu dem Menſchen. Der Gelehrten ſind darum nicht weniger; doch das leſende Pu⸗ blikum iſt größer. Die Schriftſteller aller Jahrhunderte be⸗ handeln das, was für ihre Leſer Intereſſe hat, und was ein paar Duzend Mönche oder Bücherwürmer intereſſirt, hat nicht die nämliche Bedeutung für ein großes Gemeinweſen. Die literariſche Polis war ehedem eine Oligarchie, iſt aber jetzt zur Republik geworden. Der allgemeine Glanz der Atmoſphäre hindert uns, die Größe eines jeden einzelnen Sternes zu würdigen. Scht ihr nicht, daß mit der Bil⸗ dung der Maſſen auch die Literatur der Gefühle erwacht iſt? Jedes Einzelne findet einen Ausleger, ein Orakel. Gleich dem Epimenides habe ich in einer Hohle geſchlafen und ſehe „———— ge⸗ Sie rte on ldi⸗ Le⸗ der⸗ der der⸗ och hr⸗ pt tion Wir hrte Der Pu⸗ ebe⸗ ein hat eſen. aber der elnen Bil⸗ tiſt? leich ſehe — 285 nun diejenigen, welche ich als Kinder gekannt, als bärtige Männer; in den Gegenden, die ich als einſame Wüſten ver⸗ laſſen, ſind inzwiſchen ganze Städte entſtanden.“ Hieraus wird der Leſer die Urſachen des Wechſels zu erkennen vermögen, der über meinen Vater gekommen war. Von ihm galt, was Robert Hall, wenn ich nicht irre, über Doktor Kippis ſagt—„er hat ſo viele Bücher auf die obere Seite ſeines Kopfes gelegt, daß ſein Gehirn ſich nicht bewegen kann.“ Aber die Elertrizität war jetzt zum Her⸗ zen gedrungen, und die beſchleunigte Kraft dieſes edlen Organs ſetzte das Gehirn in die Lage, ſich wieder zu rühren. Inzwiſchen überlaſſe ich jedoch meinen Vater dieſen Ein⸗ flüſſen und den fortgeſetzten Beſprechungen mit Onkel Jack, um an dem Faden meines eigenen Ichs weiter fortzuſpinnen. Ich hatte es Mr. Trevanion zu danken, daß meine Le⸗ bensweiſe keine ſolche war, welche eine Freundſchaft mit Müßiggängern begünſtigte: indeß machte ich doch einige Bekanntſchaften unter jungen Männern, einige Jahre älter als ich, welche in den Kanzleien untergeordnete Stellen bekleideten, oder ſich für die Advokatenbank vorbereiteten. Es waren fähige Leute unter dieſen Gentlemen, obſchon ſie ſich nicht in die ernſte Proſa dieſes Lebens gefunden hatten, und die Arbeit des Tages machte ſie nur um ſo geneigter, ſich der Stunden der Erholung zu erfreuen. Wir bildeten vaher, wenn wir zuſammenkamen, ein heiteres leichtherziges Häufchen. Keiner von uns hatte Geld genug, um viel über die Schnur zu hauen, und für Ausſchweifungen fehlte es an Muße; aber wir konnten uns gleichwohl recht gut ver⸗ 286 n wunderbar bewan⸗ Von der Oper bis zum Ballet, von Hamlet bis zur neueſten franzöſiſchen Poſſe konnten ſie die Bühnen⸗Literatur an den Fingerſpitzen ihrer gnügen. Meine neuen Freunde ware dert in Allem, was die Theater betraf. ſtrohfarbigen Handſchuhe herzählen. Sie hatten eine ziem⸗ lich ausgedehnte Bekanntſchaft unter den Schauſpielern und Schauſpielerinnen und waren vollkommene Walpoluli in den kleineren Skandalen des Tages. Um ihnen jedoch Gerech⸗ tigkeit widerfahren zu laſſen, muß ich ſagen, vaß ſie nicht gleichgültig waren gegen das männlichere Wiſſen welches in„dieſer ſchlechten Welt“ nöthig iſt. Sie ſprachen von den handelnden Perſonen des Lebens mit eben ſo viel Sach⸗ kenntniß, wie von denen auf der Bühne, und konnten bis aufs Haar hin die wetteifernden Anſprüche ſich bekämpfen⸗ der Staatsmänner zurecht legen. Zwar behaupteten ſie nicht, tief eingeweiht zu ſeyn in die Myſterien fremder Ka⸗ binete(mit Ausnahme eines einzigen jungen Gentleman peim Miniſterium der auswärtigen Angelegenheiten, welcher ſich rühmte, er wiſſe genau, was die Ruſſen mit Indien an⸗ fangen würden— vorausgeſetzt, daß ſie es hätten!), um ſich jedoch dafür ſchadlos zu halten, war die Mehrzahl der⸗ ſelben vollkommen in die Geheimniſſe unſeres eigenen ein⸗ gedrungen. In Gemäßheit einer paſſenden Vertheilung der Arbeit hatte jeder die ausſchließliche Beobachtung irgend eines beſondern Miniſters über ſich genommen, gerade wie die geſchickteſten Anatomen bei all ihrer tiefen Kenntniß in dem allgemeinen Bau unſeres Körpers ihren literariſchen Ruf auf das Licht gründen, das ſie auf beſondere Theile bis ſſe rer m⸗ und den ech⸗ icht ches von ach⸗ bis fen⸗ n ſie Ka⸗ eman elcher nan⸗ „um l der⸗ nein⸗ ng der irgend de wie tniß in riſchen Theile 287 deſſelben geworfen haben— der eine wählt für ſeine Ar⸗ beit das Gehirn, der andere den Dünndarm und ein dritter die Wirbelſäule, während vielleicht ein vierter, Meiſter all' der Symptome iſt, die durch einen ſchwebenden Finger ange⸗ deutet werden. So hatte ſich Einer meiner Freunde das Miniſterium des Innern und ein Anderer die Colonien zu⸗ geeignet, während ein Dritter, den wir Alle für einen künf⸗ tigen Talleyrand oder wenigſtens einen de Retz hielten, ſich dem ausſchließlichen Studium des Sir Robert Peel gewid⸗ met hatte, ſo daß er aus der Art, mit welcher dieſer tiefe und unerforſchliche Staatsmann ſeinen Rock öffnete, jeden Gedanken erkannte, der in ſeinem Innern vorging. Moch⸗ ten ſie nun mit dem Rechte ſich befaſſen oder Kanzleiange⸗ hörige ſeyn, alle hatten eine große Meinung von ſich ſelbſt — hohe Begriffe von dem, was ſie einſt ſeyn würden— weit mehr als von dem, was ſie eines Tages zu thun ge⸗ dächten. Wie der König der modernen feinen Gentlemen in Umſchreibung des Voltaire von ſich ſelbſt ſagte,„hatten ſie Briefe mit der Adreſſe an die Nachwelt in ihren Taſchen, aber leider auch die Ausſicht vor ſich, daß rie Ueberlieferung derſelben vergeſſen würde.“ Allerdings mochte auch„einige Naſeweisheit“ an ihnen ſeyn, aber im Ganzen waren ſie doch weit intereſſanter, als bloſe, dem Vergnügen nach⸗ ziehende Müßiggänger. Als Züge einer allgemeinen Fa⸗ milienähnlichkeit bemerkte man an ihnen eine ſchwungkräf⸗ tige Rührigkeit des Lebens— ein heiteres Ueberquellen des Ehrgeizes— leichtherzigen Ernſt, wenn ſie bei der Ar⸗ 288 beit ſaßen— und den Frohſinn eines Schulknaben während ver Erholungsſtunden. Einen großen Gegenſatz zu dieſen jungen Männern bildete Sir Sedley Beaudeſert, der ſich ausgezeichnet wohl⸗ wollend gegen mich benahm und deſſen Junggeſellenhaus mir Nachmittags immer offen ſtand. Vor dieſer Zeit war Sir Sedley für Niemanden, als für ſeinen Kammerdiener, ſichtbar. Und es war in der That eine Junggeſellenwirth⸗ ſchaft— die Fenſter der Wohnung nach dem Park hinaus⸗ gehend und in den Fenſterniſchen Sophas, auf welchen man gemächlich lungern konnte, wie der Philoſoph im Luerez— „Despicere unde qucas alios, passimque videre, PErrare,“— Man ſah die fröhlichen Haufen in Rotten⸗Rov reiten und fahren, ohne daß man die Mühe hatte, ſich ihnen an⸗ zuſchließen, namentlich wenn der Wind aus Oſten ging. In den Zimmern bemerkte man keine erkünſtelte Koſt⸗ barkeit, keine Recherche, wie es die Tapezierer nennen, wohl aber eine wunderbare Summe von Gemächlichkeit. Jeder Patentſeſſel, der in der Kunſt, ſich's bequem zu machen, eine Abwechslung zeigte, fand hier ſeine Stelle, und bei jedem Stuhl ſtand ein kleiner Tiſch, auf den man ſein Buch legen oder ſeine Kaffeetaſſe niederſtellen konnte, ohne daß man mehr als die Hand zu bewegen brauchte. Zur Winters⸗ zeit konnte man ſich nichts Wärmeres denken, als die durch⸗ nähten Vorhänge und die Arminſter Teppiche; Sommers nichts Luftigeres und Kühleres, als die Muſſelindraperien und die indianiſchen Matten. Auch fordere ich Jeden heraus, end ern hl⸗ aus war ner, rth⸗ us⸗ man eiten an⸗ Koſt⸗ wohl Jeder chen, d bei Buch e daß nters⸗ durch⸗ nmers perien eraus, 289 mir zu ſagen, zu welcher Vollkommenheit ſich ein Diner bringen laſſe, wenn er nicht bei Sir Sedley Beaudeſert geſpeist hat. Wäre dieſer ausgezeichnete Mann ein Egoiſt geweſen, ſo hätte er der glücklichſte unter den Menſchen ſein können; ſo aber war er zu ſeinem Unglück ungemein liebens⸗ würdig und wohlwollend. Er hatte zwar die bonne di- gestion, aber nicht das andere Erforderniß des weltlichen Wohlergehens— des mauvais coeur. Er fühlte ein auf⸗ richtiges Mitleiden mit Jedem, der nicht in Zimmern mit Patentſeſſeln und kleinen Deſſerttiſchen lebte und deſſen Fen⸗ ſter nicht mit in den Niſchen angebrachten Sophas nach dem Park hinausſahen. Wie Heinrich IV. jedem ſeiner Unter⸗ thanen ſeinen pot au feu wünſchte, ſo würde Sir Sedley Beaudeſert, wenn er ſeinen Willen gehabt hätte, männig⸗ lich mit einer frühen Gurke zum Fiſch und einem Glaſe Eis⸗ waſſer zu Brod und Käſe haben bedienen laſſen. Ueber Politik legte er eine naive Einfalt an den Tag, welche einen entzückenden Gegenſatz bildete zu ſeinem feinen Urtheil in Dingen des Geſchmacks. Ich erinnere mich, daß er bei einer Debatte über die Bierbill ſagte:„Wen ſollte die Armen kein Bier trinken laſſen, weil es zu Rheumatismen geneigt macht. Das beſte Getränk bei ſchwerer Arbeit iſt nicht mouſ⸗ ſirender Champagner. Ich habe dies ausgefunden, als ich in den Mooren zu jagen pflegte.“ So indolent Sir Sedley auch war, hatte er es doch einzuleiten gewußt, daß ſein Reichthum eine außerordent⸗ liche Zahl von Abfluß⸗Kanälen fand. Erſtlich war er Landeigenthümer, und die Bittſchriften Bulwer, die Cartone. 19 290 unglücklicher Farmer, betagter Armen, der Wohlthätigkeits⸗ Geſellſchaften und der Wilddiebe, welche brodlos geworden waren, weil er ſeinen Pächtern zu Gefallen ſeine Jagden hatte eingehen laſſen, nahmen kein Ende. Zunächſt hatte das ganze weibliche Geſchlecht an ihn, als an einen Lebemann, die rechtmäßigſten Anſprüche. Von der troſtloſen Herzogin an, deren Porträt perdu unter einer geheimen Feder ſeiner Tabaksdoſe lag, bis zu der verwitt⸗ weten Wäſcherin, welcher er vielleicht ein Kompliment ge⸗ macht hatte über die vollkommenen Falten eines Buſen⸗ ſtreifs, war es vollkommen zureichend, eine Tochter Evas zu ſeyn, um an Sir Sedleys adamiſche Erbſchaft gerechte An⸗ ſprüche zu erheben. Ferner fiel es ihm, als einem Kunſtfreund und ach⸗ tungsvollen Diener jeder Muſe, zu, alle Diejenigen zu patro⸗ niſiren, welche das Publikum vergeſſen hatte. Maler, Schauſpieler, Dichter und Muſiker— alle wandten ſich, wie die ſterbenden Sonnenblumen nach der Sonne, dem mitleids⸗ vollen Lächeln des Sir Sedley Beaudeſert zu. Rechnen wir hiezu die ungeheure, gemiſchte Menge, welche von Sir Sedleys hohem Wohlthätigkeitsſinn gehört hatte', ſo kann man ſich wohl denken, wie theuer ihn ſein Ruf zu ſtehen kam. In der That, obgleich Sir Sedley nicht den fünften Theil ſeines ſehr ſchönen Einkommens für„ſich ſelbſt“ ver⸗ wenden konnte, ſo zweifle ich doch nicht, daß es ihm ſchwie⸗ rig wurde, es ſo einzuleiten, um mit dem Ganzen das Jahr hindurch auszureichen; und wenn ihm dies auch gelang, ſo dankte er es vielleicht nur den zwei Regeln, von welchen 291 ſeine Philoſophie nie abging: er machte nämlich unter keinen Umſtänden Schulden und ſpielte nie. Dieſe beiden bewun⸗ derungswürdigen Ausnahmen von der gewöhnlichen Lebens⸗ weiſe feiner Gentlemen hatten, glaube ich, ihren Grund in der Weichheit ſeines Charakters. Die Unglücklichen, welche von Glänbigern verfolgt wurden, erfüllten ihn mit großem Mitleid.„Der arme Menſch!“ konnte er ſagen; „es muß ihm wohl ſehr peinlich ſeyn, ſein ganzes Leben mit Verneinungen hinzubringen.“ So wenig kannte er jene Klaſſe von Verſprechern— als ob ein von Schulden Ge⸗ plagter überhaupt je Nein ſagte! Wie Beau Brummell, wenn er gefragt wurde, ob er Gemüſe liebe, zugeſtand, er habe einmal eine Erbſe gegeſſen, ſo räumte Sir Sedley Beaudeſert ein, daß er einmal hoch im Piquet geſpielt habe. „Ich war ſo unglücklich, zu gewinnen,“ ſagte er, wenn er von dieſer Unbeſonnenheit ſprach,„und werde nie das Leid in dem Geſichte des Mannes vergeſſen, der mich bezahlen mußte. Wemn ich nicht immer verlieren könnte, wäre es ein wahrhaftes Fegfeuer für mich, zu ſpielen.“ Niemand konnte in der Art, wie ſie ihren Wohlthätig⸗ keitsſinn in Anwendung brachten, verſchiedener ſeyn, als Sir Sedley und Mr. Trevanion. Letzterer verachtete nichts ſo ſehr, als Almoſen an einzelne Perſonen, und ſteckte daher ſelten die Hand in ſeinen Beutel, obſchon er oft große An⸗ weiſungen an ſeinen Banquier ſchrieb, War eine Gemeinde ohne Kirche, ein Dorf ohne Schullhber ein Fluß ohne Brücke, ſo fing Mr. Trevanion an zu rechnen, fand die erforderliche Summe auf's Haar hindurch ein algebraiſches 19* 292 1—, und zahlte ſie aus, wie er einen Fleiſcher bezahlt haben würde. Es muß zwar eingeräumt werden, daß der unglückliche, welchen er für verdienſtvoll anerkannte, ſich nicht vergeblich an ihn wandte; indeß war es doch erſtaun⸗ lich, wie wenig er in dieſer Weiſe ausgab, denn es hielt ſehr ſchwer, ihn zu überzeugen, daß ein verdienſtvoller Mann je in eine Lage gerathen könne, um wohlthätiger Un⸗ terſtützung zu bedürfen. Gleichwohl glaube ich, daß Trevanion unendlich mehr wahrhaft Gutes wirkte, als Sir Sedley, obſchon dies bei ihm nur als eine geiſtige Operation, keineswegs als ein vom Herzen kommender Antrieb betrachtet werden konnte. Es thut mir leid, ſagen zu müſſen, daß der Hauptunter⸗ ſchied darin beſtand— das unglück ſchien ſich ſtets um Sir Sedley anzuhäufen, in Trevanions Gegenwart aber zu ver⸗ ſchwinden. Wo der letztere mit ſeinem thätigen durchdringen⸗ den Geiſt hinkam, erwachte Thatkraft, welche Verbeſſe⸗ rungen zur Folge hatte; zeigte ſich aber der Erſtere mit ſei⸗ nem warmen, wohlwollenden Herzen, ſo verbreiteten die Strahlen deſſelben eine Art von Erſchlaffung und die Leute legten ſich nieder, um ſich in dieſer Sonne von Freigebig⸗ keit zu wärmen. In dem einen zeigte ſich die Natur wie ein friſcher kräftigender Winter, in dem anderen wie ein träge machender italieniſcher Sommer. Der Winter iſt ohne Zweifel ein trefflicher Beleber, aber wir alle ziehen doch den Sommer bei weitem vor. Ein Beweis, wie liebenswürdig Sir Sedley war, liegt in dem Umſtand, daß ich ihn liebte und voch nur mit eifer⸗ 293 ſüchtigem Auge auf ihn blicken konnte. Von allen Satel⸗ liten, die meine ſchöne Cynthia Fanny Trevanion um⸗ ſchwärmten, fürchtete ich dieſes freundliche Geſtirn am mei⸗ ſten Vergeblich hielt ich mir mit der Anmaßung der Ju⸗ gend vor, daß Sir Sedley Beaudeſert von demſelben Alter ſey, wie Fanny's Vater; denn wenn man ſie beieinander ſah, hätte er recht wohl für Trevanions Sohn gelten kön⸗ nen. Unter dem jüngeren Geſchlecht war keiner auch nur „ halb ſo ſchön, als Sir Sedley, und wenn er auch beim erſten Anblick durch den prunkhaften Eindruck üppigerer Locken und einer lebhafteren Farbe verdunkelt werden konnte, ſo brauchte er nur zu ſprechen oder zu lächeln, um ein ganzes Bataillon von Dandies in den Schatten zu ſtellen. Es lag etwas ſo Bezauberndes in dem Ausdruck ſeines Geſichts, etwas ſo Liebliches in ſeiner zwangloſen Offenheit und in ſeinem wohl⸗ wollenden Weſen— auch verſtand er dabei die Frauen ſo gut. Er ſchmeichelte ihren Schwächen ſo unmerklich und be⸗ . herrſchte ihre Gefühle mit ſo anmuthiger Würde. Vor . Allem aber gelang es, neben ſeinen ſonſtigen Vorzügen, dem te Rufe, in dem er ſtand, ſeinem langen eheloſen Leben und ⸗ der ſanften Melancholie in ſeinem Weſen, ihnen ſtets In⸗ tereſſe einzuflößen. Es gab keine bezanbernde Frau, bei „ welcher es nicht den Anſchein gewann, als ſei dieſer bezau⸗ bernde Mann eben im Begriff, in ihre Angel zu beißen. So ſchwimmt im durchſichtigen Bach gedankenvoll die ſilber⸗ glänzende Forelle um die Lockfliege her, bald wollend, bald gt nicht. Und ſolch' eine Forelle! Es wäre Jammerſchade, ſie aufzugeben, da ſie augenſcheinlich zum Anbeißen ſo ge⸗ 294 neigt war! Aber die Forelle, ſchöne Jungfrau oder zarte Wittwe, würde dich hingehalten haben, Strom auf und ab mit deiner Fliege klatſchend, vom Morgen bis zum thaui⸗ gen Abend. Sicherlich hätte ich meinem ſchlimmſten Feind im fünfundzwanzigſten nichts Aergeres wünſchen können, als einen Nebenbuhler wie Sedley Beaudeſert im ſiebenundvier⸗ zigſten. Fanny verwirrte mir den Sinn ganz und gar. Bis⸗ weilen kam es mir vor, als fände ſie Wohlgefallen an mir; aber kaum hatte mich dieſe Einbildung mit ihrem Entzücken durchbebt, als ſie ſchon wieder vor dem Froſt eines gleich⸗ gültigen Blickes oder dem erkältenden Wetterleuchten eines ſpöttiſchen Lachens dahinſchwand. Sie war der verzogene Liebling der Welt und erſchien in ihrem überguellenden Glücke ſo unſchuldig, daß man alle ihre Mängel in der Atmoſphäre der Frende vergaß, welche ſie um ſich her verbreitete. Und trotz ihrer allerliebſten Keckheit barg ſie doch ein ſo wohl vollendetes Frauenherz unter der Oberfläche! Wenn ſie ein⸗ mal ſah, daß ſie Einem weh gethan hatte, ſo zeigte ſie ſich ſo weich, ſo gewinnend und demüthig, bis die Wunde wieder geheilt war. Bemerkte ſie aber, ſie habe Einem allzuviel gefallen, ſo fand die kleine Here weder Raſt, noch Ruhe, bis ſie ihn wieder gequält hatte. Als Erbin eines ſo reichen Vaters oder vielmehr einer ſo reichen Mutter(denn das Vermögen rührte von Lady Ellinor her) war ſie natürlich ſtets von nicht ganz eigennutzloſen Bewunderern umgeben, und ſie that wohl daran, dieſe zu quälen— aber mich! Armer Jüngling, der ich war— doch warum ſollte ich un⸗ 295 eigennütziger ſcheinen, als Andere, und wie konnte ſie all' us wahrnehmen, was in der Tiefe meines jugendlichen Her⸗ zens verborgen lag? War ich nicht, ſofern die weltlichen Anſprüche in Frage kamen, der unwürdigſte ihrer Verehrer, und konnte es deshalb nicht den Anſchein gewinnen, als ſey mein Sinn am meiſten auf ihre zeitliche Habe erpicht? Und doch dachte ich nie an ihr Vermögen, oder wenn es je geſchah, ſo durchzuckte es mich mit Eiſeskälte und meine Wangen er⸗ blaßten. Allerdings verſchwand dies wieder bei ihrem er⸗ ſten Blick wie ein Geſpenſt vor der Dämmerung. Wie ſchwer hält es, die Jugend, welche ihre ganze Zukunft nur im gol⸗ denen Lichte vor ſich ſieht, von den Ungleichheiten des Lebens zu überzeugen! In meiner phantaſtiſchen, romantiſch ge⸗ ſteigerten Stimmung blickte ich hinaus in das große Jen⸗ ſeits, ſah mich ſelbſt als Redner, Staatsmann, Miniſter, Geſandten, oder der Himmel weiß was ſonſt noch, und legte meine Lorbeeren, die ich irrthümlich für ein Einkommens⸗ verzeichniß hielt, zu Fannys Füßen nieder. Was immer auch Fanny über den Zuſtand meines Her⸗ zeſs entdeckt haben mochte, es ſchien ein Abgrund zu ſein, in den zu ſchauen weder Trevanion noch Lady Ellinor für der Mühe werth hielt. Wie man ſich vorſtellen kann, war der Erſtete viel zu beſchäftigt, um an ſolche Kleinigkeiten zu venken, und Lady Ellinor behandelte mich bei all' ihrer Güte gegen mich als einen bloſen Knaben— ja, faſt wie ein eige⸗ nes Kind. Sie achtete jedoch nicht viel auf die Dinge, die in ihrer unnittelbaren Umgebung lagen. Im Schimmer der Unterhaltung mit Dichtern, ſtarken Geiſtern und Staats⸗ 296 männern— in ihrer Sympathie mit den Anſtrengungen ihres Gatten oder in ſtolzen Entwürfen für die Vergröße⸗ rung ſeines Ruhms, war ihr Leben, ſtets ein Leben der Aufregung. Ihre großen, funkelnden Augen, funkelnd von irgend einer fieberiſchen Unzufriedenheit, ſchauten in die Ferne, als gälte es, neue Welten zu erobern, während die zu ihren Füßen ihrem Geſichtskreis entging. Sie liebte ihre Tochter, war ſtolz auf ſie und vertraute ihr mit der Ruhe der Zuverſicht, wachte aber nicht über ſie. Lady Ellinor ſtand allein auf einem Berge mitten in einer Wolke. Zweites Kapitel. Eines Tags waren die Trevanione auf's Land gegan⸗ gen, um einen abgetretenen Miniſter zu beſuchen, der ent⸗ fernt mit Lady Ellinor verwandt und einer der wenigen Männer war, bei welchen Trevanion Rath zu holen ſich her⸗ abließ. Ich hatte faſt einen Feiertag und machte daher bei Sir Sedley Beaudeſert einen Beſuch. Stets hatte mich ver⸗ langt, ihn über einen Gegenſtand auszuholen, ohne daß ich es je gewagt hätte; aber dießmal beſchloß ich, all' mei⸗ nen Muth zuſammenzunehmen. „Ah! mein junger Freund!“ ſagte er, ſich von der Be⸗ trachtung eines ärmlichen Bildes erhebend, welches er in ſeiner Herzensgüte eben einem jungen Maler abgekauft hatte, „ich dachte dieſen Morgen an Euch. Wartet einen Augen⸗ blick— Summers(dies zu ſeinem Kammerdiener), habt 297 die Güte, dieſes Bild fortzunehmen, laßt es einpacken und beſorgt es nach meinem Landhaus. Es iſt ein Gemälde,“ fügte er gegen mich gewandt fort,„das eines großen Hau⸗ ſes bedarf. Ich habe dort eine alte Gallerie mit wenig Fenſtern, die kein Licht einlaſſen— es iſt erſtaunlich, wie bequem mir dies wird.“ Sobald das Gemälde fort war, athmete Sir Sedley tief auf, als ob er ſich erleichtert fühle, und fügte in heite⸗ rem Tone bei.— „Ja ich dachte an Euch, und wenn Ihr eine Einmen⸗ gung in Eure Angelegenheiten einem alten Freund Eures Vaters zu gut halten wollt, ſo würde ich mich ſehr ge⸗ ehrt fühlen durch Eure Erlaubniß, Trevanion zu fragen, ob er denn denke, daß zuletzt etwas Gutes dabei herauskomme, wenn er Euch ſo ſchrecklich mit Arbeiten überhäuft.—“ „Aber mein theurer Sir Sedley, Beſchäftigung macht mir Vergnügen und ich bin vollkommen zufrieden. Ihr werdet doch nicht immer der Sekretär eines Man⸗ nes bleiben wollen, der, wenn er unter den Leuten nichts zu thun hätte, ſich hinſetzen würde, um die Ameiſen ihre Hügel nach beſſeren architektoniſchen Grundſätzen bauen zu lehren? Mein theurer Sir, Trevanion iſt ein entſetzlicher, ein erſtaunlicher Mann, und man wird ſchon müde, wenn man nur drei Minuten mit ihm ſich im nämlichen Zimmer befindet. In Eurem Alter— in einem Alter, das glücklich ſein ſollte,“ fuhr Sir Sedley mit einer wahrhaft engelglei⸗ chen Theilnahme fort—„iſt es traurig, wenn man ſich deſ⸗ ſen ſo wenig erfreuen kann.“ 298 „Aber ich verſichere Euch, Sir Sedley, daß Ihr im Irr⸗ thume ſeyd. Ich habe wohl meine Vergnügungen, und hörte ich nicht ſelbſt aus Eurem eigenen Munde, daß man müßig und doch nicht glücklich ſeyn könne?“ „Dies räumte ich nicht früher ein, als bis ich auf der Kehrſeite der Vierzigen ſtand—“ ſagte Sir Sedley mit einem leichten Schatten auf ſeiner Stirne. Niemand würde es glauben, daß Ihr bereits ſo weit vorgerückt ſeyd,“ verſetzte ich mit ſchlauer S Schmeichelei, in⸗ dem ich meinem Gegenſtand näher rückte.„Miß Trevanion zum Beiſpiel.“ Ich hielt inne. Sir Sedley ſah mich aus ſeinen glän⸗ zenden, dunkelblauen Augen ſcharf an. „Nun, was wollt Ihr mit Miß Trevanion?“ „Miß Trevanion, um die ſich die ſchönſten Jünglinge Londons ſchaaren, zieht Euch augenſcheinlich allen dieſen vor,“ entgegnete ich, und die letzten Worte blieben mir faſt in der Kehle ſtecken. Jedenfalls war ich aber hartnäckig dar⸗ auf erpicht, die Begründung meiner Beſorgniſſe zu erkunden. Sir Sedley ſtand auf, legte ſeine Hand freundlich auf die meinige und ſagte: „Laßt Euch durch Fanny Trevanion nicht noch it quälen, als es ihr Vater bereits thut!“ „Ich verſtehe Euch nicht, Sir Sedley!“ „Aber wenn ich Euch verſtehe, ſo gehört dies mehr zur Sache. Ein Mädchen, wie Miß Trevanion, iſt grauſam, bis ſie entdeckt, daß ſie ein Herz hat. Es iſt nicht räthlich, ſein eigenes an ein Frauenzimmer zu ſetzen, bis es aufgehört M 299 hat, eine Coquette zu ſeyn. Mein lieber junger Freund, wenn Ihr das Leben weniger ernſt nähmet, ſo würde ich Euch den Schmerz dieſer Winke erſparen. Einige Menſchen ſäen Blumen, andere pflanzen Bäume— Ihr pflanzt einen Baum und werdet bald finden, daß keine Blume darunter gedeihen wird. Schon gut, wenn der Baum ſo lange aus⸗ dauert, bis er Früchte bringt und Schatten gibt; aber nehmt Euch in Acht, daß Ihr ihn nicht eines Tags aus⸗ reißen müßt, denn dann— was dann? Ja nun, Ihr werdet finden, daß die Wurzeln Euer ganzes Leben mit⸗ nehmen werden!“ Sir Sedley ſprach dieſe letzten Worte mit einem ſo ern⸗ ſten Nachdruck, daß ich aus der Verwirrung aufgerüttelt wurde, in welche mich der erſte Theil ſeiner Anrede verſetzt hatte. Er ſchwieg lange, klopfte auf ſeine Doſe, ſchnaubte langſam eine Priſe ein und fuhr mit ſeiner gewohnten Leb⸗ haftigkeit wieder fort: „Geht, ſo viel ihr könnt, in die Welt— ich ſage Euch noch einmal: genießt dieſelbe! Und wieder muß ich Euch fragen, was ſoll all' Eure Anſtrengung Euch nützen? Man⸗ chen Perſonen, die lange nicht ſo hoch ſtehen, als Treva⸗ nion, würde ſie die Pflicht auferlegen, Euch zu einer prakti⸗ ſchen Laufbahn zu verhelfen, Euch in einem öffentlichen Amt unterzubringen. Bei ihm iſt dies nicht der Fall. Er würde keinen Zoll von ſeiner Unabhängigkeit verpfänden, indem er ſich von einem Miniſter eine Gunſt erbäte. Er hält Be⸗ ſchäftigung für eine ſolche Luſt, daß er Euch aus reiner Zuneigung in ſeine Dienſte genommen hat, und denkt dabei nicht entfernt an Eure Zukunft. Er meint, dafür werde ſchon Euer Vater ſorgen, und berückſichtigt nicht, daß inzwi⸗ ſchen Eure Arbeit zu nichts führt. Ueberlegt Alles dies wohl. Ich habe Euch jetzt hinreichend gelangweilt.“ Ich war verwirrt und vermochte kein Wort zu erwie⸗ dern. Wie doch dieſe praktiſchen Weltmänner Einen durch Ueberraſchung zu nehmen verſtehen! Ich war hergekommen, um Sir Sedley auszuholen, und wurde ſelbſt ausgeholt, geeicht, gemeſſen und mein Innerſtes nach Außen gekehrt, ohne daß ich auch nur einen Zoll unter die Oberfläche jener lächelnden, glatten Ruhe gelangt wäre. Dennoch hatte bei ſeinem ſtets gleichen Zartgefühl und ungeachtet all' dieſer ſchrecklichen Offenheit Sir Sedley kein Wort geſprochen, was ſeiner Anſicht nach dem empfindlicheren Theil meiner amour propre hätte verletzen können— kein Wort über das Unpaſſende meiner Anmaßung, im Ernſte an Fanny Tre⸗ vanion zu denken. Wären wir der Seladon und die Chloe eines Bauerndörfchens geweſen, ſo hätte er, was die Welt anbelangt, uns nicht mehr als auf dem Fuße der Gleich⸗ heit ſtehend anſehen können. Und im Uebrigen deutete er eher an, die arme Fanny, die große Erbin, ſey meiner nicht würdig, als daß er mir das Umgekehrte zu verſtehen gege⸗ ben hätte. Ich fühlte wohl, daß es nicht klug war, erröthende Ver⸗ neinungen herauszuſtottern, weshalb ich Sir Sedley meine Hand hinbot, nach meinem Hute griff und mich entfernte. unwillkührlich lenkte ich meine Schritte nach der Wohnung meines Vaters, bei dem ich viele Tage nicht geweſen war. ⸗ t 301 Nicht nur die mannigfaltige Beſchäftigung hatte mich hie⸗ von abgehalten, ſondern ich ſchämte mich auch, ihm zu geſte⸗ hen, daß das Vergnügen meine Mußeſtunden in Anſpruch nahm. Namentlich waren dieſe ſo ſehr der Miß Trevanion ge⸗ weiht, daß ich ohne die mindeſte Ahnung meinen Vater immer ſchwächer und ſchwächer in Onkel Jack's Netze ſich abzappeln ließ. In Ruſſel Street angelangt, fand ich die Fliege und die Spinne hart bei einander. Bei meinem Ein⸗ treten ſprang Onkel Jack auf und rief. „Gratulire Deinem Vater, gratulire ihm. Nein, S tulire der Welt!“ „Wie Onkel,“ verſetzte ich mit einer traurigen Anſtren⸗ gung, eine lebhafte Theilnahme kund zu geben,„ſind, die Literariſchen Times endlich vom Stapel gelaſſen?“ „O, dies iſt Alles längſt bereinigt. Hier iſt eine Probe der Schrift, die wir für die leitenden Artikel gewählt haben.“ Und Onkel Jack, deſſen Taſche ſtets einen naſſen Bo⸗ gen einer oder der anderen Art barg, zog ein dampfendes Papierungeheuer hervor, das ſeinem Umfange nach gegen die politiſchen Times' ſich wie ein Mammuth gegen einen Elephanten ausnahm. „Damit hat es ſeine Richtigkeit. Wir ſorgen nur noch für Correſpondenten und werden in der nächſten oder ander⸗ nächſten Woche unſer Programm ausgeben. Nein, Piſiſtra⸗ tus, ich meine das große Werk.“ „Mein lieber Vater, ich bin herzlich erfreut. Wie, es iſt alſo wirklich verkauft?“ „Hum!“ entgegnete mein Vater. „Verkauft!“ brach Onkel Jack hervor.„Verkauft?— Nein, Sir, wir verkaufen es nicht! Und wenn alle Buch⸗ händler vor uns auf die Kniee niederfielen, wie ſie eines Tags thun werden, dieſes Buch wird nicht verkauft! Neffe, dieſes Buch iſt eine Revolution— es iſt eine Aera— es iſt der Befreier des Genius von fröhneriſcher Knechtſchaft. Dieſes Buch!—“ Ich blickte fragend von meinem Onkel auf meinen Vater und nahm im Geiſte meine Glückwünſche wieder zu⸗ rück. Leicht erröthend und ſchüchtern ſeine Brille abreibend, begann ſodann Mr. Carton: „Du ſiehſt, Piſiſtratus, daß es dem armen Jack bei der unſäglichen Mühe, die er ſich gegeben hat, nicht gelun⸗ gen iſt, die Buchhändler zur Anerkennung des Werths zu vermögen, den er in der Geſchichte des menſchlichen Irr⸗ thums entdeckt hat.“ „Weit gefehlt; ſie alle wiſſen die wunderbare Gelehr⸗ ſamkeit zu würdigen—“ „Allerdings; aber ſie glauben, es ſey nicht gut ver⸗ käuflich, und weigern ſich daher ſehr ſelbſiſüchtig, es zu kau⸗ fen. Einer hat ſich wohl geneigt gezeigt, auf Unterhand⸗ lungen einzugehen, wenn ich Alles über die Hottentoten und Kaffern, die griechiſchen Philoſophen und ägyptiſchen Prieſter auslaſſe, mich blos auf die gebilvete Geſellſchaft beſchränke N NM — — 303 und dem Werk den Titel gebe:„Anekdoten von den alten und neuen europäiſchen Höfen.“ „Der Elende!“ ſtöhnte Onkel Jack. „Ein Anderer meinte, man könne es in kleine Abhand⸗ lungen zerlegen, die Citate auslaſſen und dei Titel dafür wählen: Menſchen und Sitten.“ „Ein Dritter war freundlich genug, zu bemerken, ob⸗ gleich gerade dieſes Werk ganz und gar unverkäuflich ſey, ſo ſcheine ich ihm doch einige hiſtoriſche Bildung zu be⸗ ſitzen, und er würde ſich glücklich ſchätzen, einen hiſtoriſchen Roman zu übernehmen von meiner graphiſchen Feder— nicht wahr, Jack, ſo lauteten ſeine Worte?“ Jacks Bruſt war zu voll, als daß er hätte ſprechen können. „Vorausgeſetzt, daß ich ein paſſendes Liebesverhältniß darin anbringe und das Ganze drei Oktavbände fülle, drei⸗ undzwanzig Zeilen auf die Seite, weder mehr noch weniger. Ein ehrlicher Kerl wurde endlich aufgefunden, der mir ein ſehr achtbarer und in der That auch unternehmender Mann zu ſeyn ſchien. Er ſtellte ſeine Berechnungen an, und da ſich dabei zeigte, daß kein möglicher Gewinn damit zu er⸗ zielen war, ſo erbot er ſich großmüthig, mir die Hälfte dieſes negativen Profits zu überlaſſen, vorausgeſetzt, daß ich für die Hälfte des ſehr poſitiven Aufwands einſtehe. Ich ging eben mit mir zu Rathe, ob es nicht zweckmäßig ſey, dieſen Vorſchlag anzunehmen, als Dein Onkel von einer erhabe⸗ nen Idee ergriffen wurde, welche mein Buch in einer braut von Erwartung mit ſich fortriß.“* 304 „Und dieſe Idee?“ verſetzte ich kleinlaut: „Die Idee,“ nahm Onkel Jack, der ſich jetzt wieder er⸗ holt hatte, das Wort,„iſt kurz und einfach dieſe. Seit unfürdenklichen Zeiten ſind die Schriftſteller ſtets die Beute der Buchhändler geweſen. Große Autoren haben in Dach⸗ ſtübchen gelebt— ja ſind ſogar auf der Straße an einer un⸗ erwarteten Brodkruſte erſtickt, wie jener arme Trauerſpiel⸗ dichter!“ „Otway,“ ergänzte mein Vater.„Die Geſchichte iſt freilich nicht wahr— doch dies thut nichts zur Sache.“ „Milton hat, wie Jedermann weiß, ſein verlorenes Paradies für zehn Pfund verkauft— für zehn Pfund, Neffe! Kurz, derartige Beiſpiele ſind zu zahlreich, als daß ich ſie hier aufführen könnte. Aber die Buchhändler, Neffe— ſie ſind Leviathane, ſie wälzen ſich in Meeren von Gold. Von den Schriftſtellern nähren ſie ſich, wie die Vampyre von den kleinen Kindern. Aber zuletzt hat die Geduld ihr Ende erreicht— das Fiat iſt erſchollen— die Lärmglocke der Freiheit hat getönt, und die Autoren haben ihre Feſſeln zerbrochen. Die große Anti⸗Buchhan⸗ dels⸗Autoren⸗Verbindung iſt ins Le⸗ ben getreten, und durch ſie— merke wohl auf, Piſiſtratus — durch ſie wird jeder Schriftſteller zu ſeinem eigenen Ver⸗ leger— das heißt jeder Schriftſteller, der ſich der Ge⸗ ſellſchaft anſchließt. Man braucht da keine unſterblichen Werke mehr einer gewinnſüchtigen Berechnung, einem ſchmutzigen Geſchmack zu unterſtellen; das bedrückende Din⸗ gen und Mäkeln, die gebrochenen Herzen haben aufgehört; —,* 305 keine Brodfruſten erſticken mehr große Trauerſpieldichter auf der Straße, und verlorene Paradieſe werden nicht länger für zehn Pfund verkauft! Der Autor legt ſein Werk einem für dieſen Zweck ernannten auserleſenen Comité vor, das aus Männern von Zartgefühl, Erziehung und Bildung be⸗ ſteht. Dieſe müſſen natürlich ſelbſt Schriftſteller ſeyn, leſen das ihnen Mitgetheilte und die Geſellſchaft läßt es drucken. Der Kaſſier händigt ſodann dem Schriftſteller den Gewinn ein und macht dabei nur einen beſcheidenen Abzug, der den Fonds der Geſellſchaft zufällt.“ „In dieſem Falle, Onkel, wird natürlich jeder Autor, der ſonſt nirgends einen Verleger finden kann, zu der Ge⸗ ſellſchaft kommen. Ich verſpreche mir eine ſehr zahlreiche Genvoſſenſchaft!“ „Ich mir auch.“ „Und die Spekulation— wird ſie nicht zu Grunde rich⸗ tend ſeyn?“ „Zu Grunde richtend— warum?“ „Weil in allen kaufmänniſchen Geſchäften ein Capital verloren iſt, wenn man es auf Gegenſtände verwendet, die nicht geſucht werden. Ihr unternehmt es, Bücher drucken zu laſſen, welche die Verleger nicht brauchen können. Warum nicht? Weil ſie keinen Abſatz dafür haben! Iſt es wohl wahrſcheinlich, daß ihr ſie beſſer werdet verkaufen können, als die Buchhändler? Je ausgedehnter alſo Euer Geſchäft iſt, deſto größer wird der Ausfall ſeyn, und je mehr ihr Ge⸗ ſellſchaftsmitglieder zählt, deſto unheilsvoller muß ſich eure Lage geſtalten. Q. E. D.“ Bulwer, die Caxtone. 20 306 „Pah! das Comité wird entſcheiden, welche Bücher gedruckt werden ſollen.“ „Wo zum Henker iſt dann der Vortheil für die Schrift⸗ ſteller? Ich will doch eben ſo gern mein Werk der Beur⸗ theilung eines Buchhändlers überlaſſen, als einem auserle⸗ ſenen Comits von Autoren. Jedenfalls iſt der Buchhändler nicht mein Nebenbuhler und muß ſich doch wohl am beſten auf ein Buch verſtehen— ebenſo, wie von einem Geburts⸗ helfer ein Urtheil über den Neugeborenen erwartet werden kann.“ „Auf mein Wort, Neffe, Du machſt dem großen Werke Deines Vaters, mit welchem die Buchhändler nichts zu ſchaffen haben wollen, ein ſchlechtes Compliment.“ Dieſe Erwiederung war ſo verfänglich geſtellt, daß ich nichts mehr entgegnen konnte. Mr. Caxton bemerkte nun mit einem entſchuldigenden Lächeln— „Die Sache verhält ſich nämlich ſo, mein lieber Piſi⸗ ſtratus, daß ich mein Buch drucken laſſen möchte ohne Ver⸗ minderung des kleinen Vermögens, welches Dir eines Tags zufallen ſoll. Onkel Jack thut deshalb eine Geſellſchaft auf, damit die Herausgabe in ſolcher Weiſe geſchehen kann. — Möge Onkel Jacks Geſellſchaft lange leben und blühen! Dem geſchenkten Pferd ſieht man nicht nach den Zähnen.“ Meine Mutter trat jetzt ein, roſig von einem Ausflug in die Londoner Läden, welchen ſie mit Mrs. Primmins ge⸗ macht hatte; und in ihrer Freude, als ſie vernahm, daß ich beim Mittageſſen bleiben konnte, wurde Alles Andere vergeſſen. Durch ein Wunder, welches ich nicht bedauerte, 307 war Onkel Jack an dieſem Tage wirklich anderwärts zu einem Diner eingeladen. Er hatte noch andere Eiſen im Feuer, außer den„literariſchen Times“ und der„Anti⸗Buch⸗ handels⸗Autoren⸗Verbindung,“ indem er tief in einem Ent⸗ wurfe ſtack, Dachgiebel aus Filz anzufertigen— eine Auf⸗ gabe, die, wie ich glaube, ſeitdem unter andern Händen gelungen iſt. Er hatte einen reichen Mann(vermuthlich einen Hutmacher) aufgefunden, der dem Projekte geneigt zu ſeyn ſchien und ihn zu einem Diner einlud, damit er ihm ſeine Anſichten weiter entwickle! Drittes Kapitel. Nach dem Mittageſſen ſitzen wir drei um das offene Fenſter her, ſo traulich wie in den alten Zeiten, und meine Mutter unterhält ſich leiſe mit mir, um den Vater nicht zu ſtören, der in Gedanken vertieft zu ſeyn ſcheint. Kr⸗kr⸗krrr⸗kr⸗kr! Ich fühle es— ich habe es! Wo! Was! Wo! Nieder damit— ſtreift es ab! Ums Himmels willen, ſeht danach!— Krrrr— krrrrr— da— hier— in meinem Haar— in meinem Aermel— in meinem Ohr! — Kr⸗kr. Ich erkläre feierlich und bei dem Wort eines Chriſten, daß, als ich mich niederſetzte, um dieſes Kapitel zu begin⸗ nen, die Feder unwillkürlich meiner Hand entſchlüpfte. Ich befand mich in einer düſtern Stimmung, lehnte mich in meinem Stuhle zurück und ſtarrte in das Feuer hinein. Es 20* 308 iſt Ende Juni und ein merkwürdig kalter Abend— ſogar für dieſe Jahreszeit. Und während ich ſo vor mich hinſah, fühlte ich gerade in meinem Nacken etwas krabbeln. Mechaniſch und inſtinktartig, aber noch immer nachſinnend, fuhr ich darnach und erwiſchte— was? Eben dieſes Was iſt es, was mich in Verzweiflung ſetzt. Es war ein Ding— ein dunkles Ding— viel größer, als ich erwartet hatte. Der Anblick überraſchte mich ſo, daß ich die Hand heftig ſchüttelte, und das Ding entwiſchte— wohin— weiß ich nicht. Das Was und das Wo ſind die Knotenpunkte in der ganzen Frage! So bald es fort war, reute es mich, daß ich es nicht näher unterſucht hatte, um wenigſtens zu wiſſen, was es für ein Geſchöpf geweſen. Vielleicht war es ein Ohrenkriebler— ein ſehr großer mütterlicher Ohrenkriebler— ein Ohren⸗ kriebler, weit vorgerückt auf dem Wege, in welchem Ohren⸗ kriebler zu ſeyn wünſchen, wenn ſie ihre Ehegenoſſen lieben. Ich habe einen großen Abſcheu vor Ohrenkrieblern und glaube feſt, daß ſie einem ins Ohr kommen. Dies iſt ein Gegenſtand, über den man vergeblich mit naturgeſchichtlichen Gründen gegen mich ankämpft. Ich erinnere mich noch leb⸗ haft einer Geſchichte, die mir Mrs. Primmins erzählte— wie eine Dame viele Jahre lang unter dem peinlichſten Kopfweh litt, wie„alle Kunſt der Aerzte vergeblich war“, wie ſie ſtarb, und wie man bei Oeffnung ihres Schädels ein ſolches Neſt mit Ohrenkrieblern fand— und welch ein Neſt!— Die Ohrenkriebler ſind die fruchtbarſten Geſchöpfe und lieben ihre Nachkommenſchaft! ſie ſitzen auf ihren Eiern, wie die Hühner— und die Jungen, ſobald ſie ausgeſchlüpft 309 ſind, kriechen Schutz ſuchend unter die Mutter— ganz rüh⸗ rend anzuſehen! Denke man ſich nun eine ſolche Familien⸗ Niederlaſſung hinter dem Trommelfell eines Menſchen! Aber das Thier war ſicherlich größer, als ein Ohren⸗ kriebler. Vielleicht gehörte es zu dem genus in der Fa⸗ milie Forficulidae, welches den Namen Labidoura führt— Ungeheuer, deren Fühlhörner 30 Gelenke haben! Es gibt eine Spezies dieſes Geſchöpfs in England, viel größer, als der gemeine Ohrkriebler oder die Forſtcula auriculana, die aber zum großen Bedauern der Naturforſcher und zur großen Ehre der Vorſehung nur ſehr ſelten gefunden wird. Konnte es eine frühe Horniſſe geweſen ſeyn? Sie hatte jedenfalls einen ſchwarzen Kopf und große Fühlhörner. Gegen Horniſſe hege ich wo möglich einen noch größern Abſcheu, als gegen Ohrenkriebler. Zwei Horniſſe können einen Menſchen und drei ein ſechszehn Fauſt hohes Wagenroß tödten. Wie dem übrigens ſeyn mochte, das Geſchöpf war fort.— Ja aber wo? Wohin hatte ich es ſo raſch abgeſchüttelt? Viel⸗ leicht ſtack es in einer Falte meines Schlafrocks— in meinen Pantoffeln— oder mit Einem Worte irgendwo in den ver⸗ ſchiedenen Schlupfwinkeln, welche die Kleidung eines Gentle⸗ man Ohrenkrieblern und Horniſſen darbietet. Ich überzeuge mich endlich, ſo weit ich kann— da ich nicht allein im Zim⸗ mer bin— es müſſe ſich an mir befinden. Ich ſehe mich um— auf dem Teppich— dem Herdfries— dem Stuhl— dem Kamin. Non est inventum. Barbariſch hoffe ich, es brate hinter jener großen Kohle in dem Roſte. Ich raffe meinen Muth zuſammen und begebe mich klüglich nach dem andern Ende des Zimmers— nehme meine Feder auf— beginne mein Kapitel— und mache mir ſehr ſchöne Gedan⸗ 1 ken über das Ganze. Kaum bin ich in meinen Gegenſtand hineingekommen, als es wieder— kr⸗kr⸗kr⸗krekr— kr⸗kr⸗ kr⸗kr⸗kr— kriebelte und krabbelte. Genau an derſelben Stelle, wo es vorhin geweſen! Oh, bei allen Mächten! Ich vergaß meine wiſſenſchaftliche Reue, daß ich zuvor nicht unterſucht hatte, ob es dem genus Auriculana oder Lahi- doura angehörte, und fuhr mit beiden Händen darnach, zwiſchen denen etwas um ſich ſchlug und krabbelte. Die Beſtie iſt fort. Ja, aber wieder wohin? Ich wiederhole es, dieſes Wo iſt eine ſchreckliche Frage. Der Umſtand, daß das Unthier trotz aller meiner Vorſichtsmaßregeln zweimal gekommen iſt und ſich genau dieſelbe Stelle gewählt hat, deutet auf den Hang, das Quartier nicht zu wechſeln und eine Niederlaſſung auf mir zu gründen; es liegt etwas Schreck⸗ liches— etwas Uebernatürliches darin. Ich verſichere Euch, daß kein Theil an mir war, der nicht kr⸗kr⸗kr machte— der nicht ſeitdem zappelte, krabbelte und ohrkriebelte, und ich frage, welch ein Kapitel ich werde zu Stande bringen können nach ſolch einem— Mein gutes Mädchen, wollt ihr nicht das Licht nehmen und ſorgfältig unter den Tiſch ſehen? So recht, meine Liebe! Ja, in der That ſehr ſchwarz, mit zwei Hörnern und zur Korpulenz geneigt. Die Gentlemen und Ladies, welche die Bekanntſchaft mit der phöniciſchen Sprache kultivirt haben, wiſſen, daß Belzebub nach allen etymolo⸗ giſchen und entomologiſchen Unterſuchungen nichts mehr und nichts weniger iſt, als Baalzebub—„der Fliegen⸗ 311 Jupiter“— ein Emblem des zerſtörenden Attributs, welches in der That unter allen Inſektenzünften in höherem oder niedrigerem Grade gefunden wird. Deshalb— wie Mr. Payne Knigt in ſeiner Unterſuchung der ſymboli⸗ ſchen Sprachen bemerkt— ſchoren ſich auch die ägyp⸗ tiſchen Prieſter am ganzen Leibe, ſogar bis auf die Aug⸗ brauen, damit ſie nicht etwa, ohne es zu wiſſen, irgend einem von den kleineren Zebuben des großen Baal Herberge gäben. Wäre ich nur im mindeſten mehr überzeugt, daß der ſchwarze Kr⸗kr noch an mir weile und das Opfer meiner Augbrauen ihn dieſes Obdachs berauben würde— bei den Seelen der Ptolemäer! auch ich würde ihrem Beiſpiele folgen. Zieht doch die Klingel, meine Liebe! John,— meine— meine Cigarrendoſe! Es gibt kein Kr in der Welt, das den Wolken der Havanna Stand halten kann! Pah, mein lieber Leſer, ich bin nicht der einzige Mann, der ſeine erſten Gedanken auf kaltem Stahl enden läßt, wie dieſes Kapitel ausgeht in— Pf!— pf— pß—! Viertes Kapitel. Alles in der Welt hat ſeinen Nutzen, ſogar ein ſchwarzes Ding, das Einem über den Nacken kriecht. Entſetzliches un⸗ bekanntes Weſen, ich will dich— zu einer Vergleichung be⸗ nützen! Ich denke, Madame, Ihr werdet mir zugeben, daß, wenn ein Unfall, wie der eben von mir beſchriebene, Euch 3¹2 befallen hat, und Ihr einen gebührenden damenartigen Ab⸗ ſcheu hegt vor Ohrkrieblern—(wie mütterlich zärtlich ſie auch gegen ihre Nachkommenſchaft ſeyn mögen), vor frühen Hornißen und überhaupt vor allen unbekannten Dingen aus der Inſektenzunft mit ſchwarzen Köpfen, zwei großen Hör⸗ nern, Fühlfäden oder Scheeren, namentlich im Falle, daß ſie ſich in der Nähe Eures Ohrs befinden— ich denke, Ma⸗ dame, Ihr werdet mir zugeben, daß es Euch, nach einem ſolchen Vorfalle ſchwer werden dürfte, in Eurer früheren heitern Stimmung bei Eurer unſchuldigen Nätherei ſitzen zu bleiben. Ihr würdet ſtets ein Etwas fühlen, das Euch die Nerven angriffe und über Euren ganzen Körper kriebelte und krabbelte, wie die Kinder zu ſagen pflegen. Und das Schlimmſte dabei iſt, daß die Scham Euch hinderte, davon zu ſprechen. Ihr würdet Euch für verpflichtet halten, eine heitere Miene zu machen, an dem Geſpräch Theil zu neh⸗ men und keine große Unruhe blicken zu laſſen, könntet alſo nicht immer Eure Rockſchöße ausſchütteln und die dunkleren Falten Eurer Schürze unterſuchen. So geht es mit vielen andern Dingen im Leben, außer den ſchwarzen Inſekten. Man hat eine geheime Sorge— einen Gedanken— ein Etwas zwiſchen der Erinnerung und dem Gefühl, ähnlich dem ſchwarzen krabbelnden Kr, das man nicht zu zerglie⸗ dern wagt. So ſaß ich bei meiner Mutter und verſuchte, wie ehedem zu lächeln und zu ſprechen; aber ſtets fühlte ich dabei einen Drang, umher zu gehen, mich umzuſchauen, meiner eigenen Einſamkeit zu entwiſchen, die Gewänder meines Geiſtes abzuſtreifen und mich von dem zu überzengen, 3¹3 was mich ſo ängſtigte und ſchreckte— denn Schrecken und Beklommenheit lagen auf meiner Seele. Und meine Mutter, die(der Himmel ſegne ſie), immer ſo viel zu fragen wußte über Alles, was ihren lieben Anachronismus betraf, war an dieſem Abend ganz beſonders neugierig. Ich mußte ihr ſagen, wo ich geweſen, was ich gethan und wie ich meine Zeit zugebracht hatte— und Fanny Trevanion(ich bemerke hier beiläufig, daß ſie dieſelbe drei oder viermal geſehen und für die hübſcheſte Perſon in der Welt erklärt hatte)— oh, ſie mußte genau wiſſen, was ich von Fanny Trevanion dachte! Und alles dies, während mein Vater in Gedanken ver⸗ tieft zu ſein ſchien. Den Arm über meiner Mutter Stuhl gelegt und meine Hand in der Ihrigen, antwortete ich auf ihre Fragen bisweilen mit einem Stottern, bisweilen mit einer Anſtrengung von Zungengeläufigkeit, bis ich endlich bei einer Nachforſchung, die mir prickelnd zum Herzen ging, unruhig wurde. Die Augen meines Vaters hafteten jetzt feſt auf den meinigen— ebenſo feſt, wie damals, als ich dahinſiechte, ohne daß Jemand einen Grund anzugeben wußte, und mein Vater ſagte:„er muß in die Schule gehen.“ Feſt, mit ruhiger, wachſamer Zärtlichkeit. Ach nein, ſeine Gedanken waren nicht bei dem großen Werke geweſen; er hatte ſich in die Seiten des werthloſeren vertieft, für das er aber doch mehr als ſchriftſtelleriſche väterliche Sorge fühlte. Ich begegnete dieſen Augen, ſehnte mich, an ſeine Bruſt zu ſinken— und ihm Alles zu ſagen. Was ihm zu ſagen? Meine liebe Leſerin, ich wußte dies eben ſo wenig, als ich das ſchwarze Ding kannte, das mich dieſen ganzen geſegneten Abend ſo ſehr gequält hat! „Piſiſtratns!“ begann mein Vater mit Milde,„ich fürchte, Du haſt den Safranſack vergeſſen.“ „Nein, gewiß nicht, Vater,“ verſetzte ich lächelnd. „Wer den Safranſack trägt,“ fuhr mein Vater fort, „hat einen heitereren, ruhigeren Geiſt, als Du zu beſitzen ſcheinſt, mein armer Junge.“ „Lieber Auſtin, er iſt ja recht heiter, meine ich,“ ſagte meine Mutter ängſtlich. Mein Vater ſchüttelte den Kopf und ging einigemal im Zimmer auf und ab. „Soll ich nach Licht läuten, Vater? Es wird dunkel. Ihr wünſcht vielleicht zu leſen?“ „Nein, Piſiſtratus, Du ſollſt mir jetzt leſen, und dieſe Stunde des Zwielichts paßt am beſten zu dem Buche, das ich vor Dir aufſchlagen will.“ Mit dieſen Worten rückte er einen Stuhl zwiſchen mich und meine Mutter, ließ ſich ernſt darauf nieder und blickte eine geraume Zeit ſchweigend zu Boden; dann ſah er uns beide abwechſelnd an. „Mein liebes Weib,“ ſagte er endlich faſt in feierlichem Ton,„ich will von mir ſelbſt ſprechen, wie ich war, ehe ich Dich kannte.“ Sogar in der Dämmerung bemerkte ich, daß in dem Geſicht meiner Mutter die Farbe ſich veränderte. „Du haſt meine Geheimniſſe zärtlich und ehrenhaft — 315 geachtet, Catharina. Jetzt iſt die Zeit gekommen, in welcher ich ſie Dir und unſerem Sohne mittheilen kann.“ Fünftes Kapitel. Meines Vaters erſte Liebe. „Ich verlor meine Mutter früh. Mein Vater war ein wackerer Mann, aber ſo unbeweglich, daß er nur ſelten ſeinen Seſſel verließ und oft ganze Tage, ohne zu ſprechen, hinbrachte, wie ein indianiſcher Derviſch. So blieben Ro⸗ land und ich, wir beide, uns ſelbſt überlaſſen, um uns nach unſerem Geſchmacke ſelbſt zu erziehen. Roland jagte und fiſchte, las alle Gedichte und Ritterbücher, die ſich reichlich in meines Vaters Bibliothek vorfanden, und fertigte viele Ab⸗ ſchriften von dem alten Stammbaum, dem einzigen Gegen⸗ ſtande, für den mein Vater je ein lebhaftes Intereſſe an den Tag legte. Schon in früher Jugend hatte ich eine Vorliebe für ernſtere Studien und fand zum Glück in Mr. Tibbets einen Lehrer, der, wenn er nicht ſo beſcheiden geweſen wäre, Kitty, dem Porſon an die Seite hätte treten können. Was den Fleiß betraf, ſo war er ein zweiter Budäus; auch pflegte er ganz daſſelbe zu ſagen, was dieſer Gelehrte, daß nämlich der einzige verlorne Tag in ſeinem Leben der ſeiner Hochzeit geweſen, weil ihm an dieſem nur ſechs Stunden zum Stu⸗ diren geblieben ſeyen. Unter einem ſolchen Meiſter konnte es nicht fehlen, daß ich ſelbſt auch in der Gelehrſamkeit gute Fortſchritte machte. Ich verließ die Univerſität mit einer Auszeichnung, welche mich berechtigte, mit den ſchönſten Hoffnungen auf meine Laufbahn in der Welt hinzublicken. „Ich kehrte nach dem ſtillen Pfarrhaus meines Va⸗ ters zurück, um mir Erholung zu gönnen und darüber nach⸗ zudenken, welchen Pfad zum Ruhm ich einſchlagen ſollte. Das Pfarrhaus lag am Fuße des Hügels, auf deſſen Höhe die Trümmer des Schloſſes ſtanden, das Roland ſeitdem ge⸗ kauft hat. Obgleich ich nicht dieſelbe romantiſche Ehr⸗ furcht vor den Ruinen hegte, wie mein Bruder(denn meine Tagträume waren mehr von claſſiſchen, als ritterlichen Er⸗ innerungen gefärbt), ſo Fletterte ich doch gerne, ein Buch in der Hand, den Berg hinan, um mitten in den Trümmern, welche die Zeit auf der Erde umhergeſtreut hatte, meine Luft⸗ ſchlöſſer zu bauen. „Eines Tages, als ich den alten, mit Gras überwachſe⸗ nen Schloßhof betrat, ſah ich auf meinem Lieblingsplätzchen eine Dame ſitzen, welche die Nuinen abzeichnete. Sie war jung und dünkte meinen Augen ſchöner, als irgend ein Frauenzimmer, das mir je zu Geſicht gekommen. Mit einem Worte, ich war bezaubert und— wie die abgedro⸗ ſchene Phraſe lautet— wie an die Stelle gebannt.“ Ich ſetzte mich in einiger Entſernung nieder und betrachtete ſie, ohne ein Verlangen zu tragen, ſie anzureden. Bald nach⸗ her kam von einem andern Theile der Ruinen her, die da⸗ mals unbewohnt waren, ein großer, Achtung einflößender ältlicher Herr von wohlwollendem Ausſehen; er hatte einen leinen Hund bei ſich, der bellend auf mich losfuhr. Dies lenkte die Aufmerkſamkeit der Dame ſowohl als des Gentle⸗ 1 tit ro⸗ ch ſie, da⸗ der nen ies tle⸗ 317 man auf mich. Der Letztere näherte ſich mir, rief den Hund zurück und entſchuldigte ſich gegen mich mit vieler Höflichkeit. Nachdem er eine Weile mich etwas neugierig betrachtet hatte, begann er Fragen an mich zu ſtellen über den alten Platz und ſeine früheren Eigenthümer, deren Namen und Abkunft ihm wohl bekannt war. Allmälig kam auch hernus, daß ich von dieſer Familie abſtammte und ihr als der jüngere Sohn des armen Pfarrers angehorte, welcher jetzt das Haupt der⸗ ſelben war. Der Gentleman ſellte ſich nun mir als den Grafen von Rainsforth vor, den größten Grundbeſitzer in der Umgegend, der übrigens während meiner Kindheit und meiner Jugend das Land ſo ſelten zu beſuchen pflegte, daß ich ihn nie zuvor zu Geſicht bekommen hatte. Sein einzi⸗ ger Sohn übrigens, ein junger Mann von hoffnungsvollen Anlagen, war mit mir während meines erſten Univerſitäts⸗ jahrs in demſelben College geweſen. Der junge Lord gab ſich viel mit elaſſiſchen Studien ab, und wir waren ein wenig mit einander bekannt geworden, eh' er ſeine Reiſen antrat. „Wie Lord Rainsforth meinen Namen hörte, nahm er mich herzlich bei der Hand und führte mich mit den Worten ſeiner Tochter zu: Denke nur, wie glücklich, Ellinor; dies iſt der Mr. Carton, von dem Dein Bruder ſo oft geſprochen hat. „Kurz, mein lieber Piſiſtratus, das Eis war gebrochen, die Bekanntſchaft angeknüpft, und Lord Rainsforth drang in mich, ihn zu beſuchen, da er ſeine lange Abweſenheit vom Land wieder gut zu machen und den größern Theil des Jahrs über in Compton zu wohnen beabſichtigte. Ich machte von 318 der Einladung Gebrauch. Lord Rainsforth gewann mich immer lieber, und ich beſuchte ihn oft.“ Mein Vater hielt inne, und als er ſah, daß meine Mutter ihre Augen mit einer Art wehmüthigen Ernſtes auf ihn geheftet hatte, während er ihre Hände feſt mit den ſei⸗ nigen umfaßt hielt, beugte er ſich zu ihr nieder und küßte ſie auf die Stirne. „Es iſt kein Grund vorhanden, mein Kind!“ ſagte er. Es war das einzigemal, daß ich ihn je meine Mutter ſo väterlich anreden hörte. Aber auch nie zuvor hatte er ſo ernſt und feierlich geſprochen— nicht einmal eine einzige Ci⸗ tation— es war unglaublich! Nein, nicht mein Vater redete, ſondern ein ganz anderer Mann. „Ja, ich ging vft hin,“ fuhr er fort.„Lord Rainsforth war ein merkwürdiger Mann. Sein zurückhaltendes Weſen, dem ſich jedoch— ein ſeltener Fall— durchaus kein Stolz beimiſchte, und die Vorliebe für ſtille, literariſche Thätig⸗ keit hatten ihn gehindert, am öffentlichen Leben jenen per⸗ ſönlichen Antheil zu nehmen, für den er ſo reichlich befähigt war; gleichwohl verdankte er ſeinem ehrenhaften Rufe und ſeiner Popularität einen nicht unbedeutenden Einfluß ſogar auf die Bildung der Cabinete, wie ich glaube, und einmal hatte er ſich bewegen laſſen, im Ausland eine hohe diplo⸗ matiſche Stellung zu übernehmen, in der er ſich jedoch ohne Zweifel ſo unglücklich fühlte, wie nur irgend ein recht⸗ ſchaffener Mann, über den etwas Schlimmes ergeht. Es bereitete ihm jetzt einen Genuß, ſich zurückzuziehen, um durch die Ritzen ſeiner Abgeſchiedenheit auf die Welt en, olz tig⸗ er⸗ igt und gar mal plo⸗ hne cht⸗ Es um Lelt 319 niederſchauen zu können. Lord Rainsforth wußte das Talent zu ſchätzen und hegte namentlich eine warme Theilnahme für junge Männer, die damit begabt zu ſein ſchienen. Ueber⸗ haupt hatte ſich ſeine Familie durch geiſtige Fähigkeiten ge⸗ hoben und ſtets darin ausgezeichnet. Sein Ahne, der erſte Peer, war ein berühmter Rechtsgelehrter geweſen; ſein Vater hatte im Rufe hoher wiſſenſchaftlicher Bildung ge⸗ ſtanden, und ſeine Kinder Ellinor und Lord Pendarvis be⸗ ſaßen die trefflichſten geiſtigen Anlagen. So verkörperte ſich in dieſer Familie die Ariſtokratie der Intelligenz, welche von ihren Anſprüchen an die niedriger ſtehende des Ranges nichts zu wiſſen ſchien. Ihr dürft dies im Laufe meiner Erzäh⸗ lung nie aus dem Auge verlieren. „Lady Ellinor theilte ihres Vaters Liebhabereien und Denkweiſe. Sie war damals noch keine Erbin. Lord Rains⸗ forth ſprach mit mir über meine Laufbahn. Es war eine Zeit, in welcher die franzöſiſche Revolution die Staats⸗ männer bewog, mit Beſorgniß umherzuſchauen und die be⸗ ſtehende Ordnung der Dinge durch einen Bund mit jenen Angehörigen der heranwachſenden Generation zu kräftigen, welche durch ihre Fähigkeiten einen Einfluß auf ihre Zeitge⸗ noſſen in Ausſicht ſtellten. „Auf der Univerſität errungene Auszeichnungen ſind, wie ehedem, immer noch anerkannte Päſſe für den Eintritt in's öffentliche Leben. Lord Rainsforth hatte mich allmälig ſo lieb gewonnen, daß er darauf hindeutete, er wünſche mir einen Sitz im Unterhaus zu verſchaffen. Ein Parlaments⸗ mitglied konnte ſich zu Allem erheben, und Lord Rainsforth 320 beſaß hinreichenden Einfluß, um meine Erwählung durchzu⸗ ſetzen. Dies war eine glänzende Ausſicht für einen jungen Studenten, der friſch vom Thuchdides herkam und den Demoſthenes noch warm auf der Zungenſpitze hatte. Du ſtehſt, mein lieber Sohn, ich war damals nicht ganz, was ich jetzt bin— mit Einem Worte, ich liebte Ellinor Comp⸗ ton und ließ mich daher vom Ehrgeiz hinreißen. Ihr wißt, wie hochſtrebend ſie noch immer iſt; aber ich konnte meinen Ehrgeiz nicht nach dem ihrigen modeln. Schon der Ge⸗ danke ſchreckte mich, in den Senat meines Vaterlandes als der Abhängige einer Partei oder eines Beſchützers zu treten — als ein Mann, der dort ſein Glück machen wollte und der bei jeder Abſtimmung überlegen mußte, um wie viel ſie ihn einem ſchönen Einkommen näher führe. Ich wußte nicht einmal gewiß, ob Lord Rainsforth's Anſichten über Politik mit den meinigen übereinſtimmen würden. Konnte überhaupt die Politik eines erfahrenen Weltmanns die näm⸗ liche ſein, wie die eines warmblütigen jungen Studenten? Aber ſelbſt im entgegengeſetzten Falle fühlte ich doch, daß ich in ſolcher ſchleichenden Weiſe mich nicht zu einer Gleich⸗ heit mit der Tochter eines Beſchützers erheben konnte. Nein! ich war bereit, meine Vorliebe für die claſſiſchen Studien aufzugeben, alle meine Thatkraft der Rechtsgelehrſamhit zuzuwenden, mir gewaltſam Bahn zu brechen zum Glück, und wenn ich mir eine unabhängige Stellung errungen hätte, —— was dann? Je nun, ich dachte, daß ich dann das Recht habe, von Liebe zu ſprechen und nach Macht und Ein⸗ fluß zu ringen. Dies war jedoch nicht Ellinor Comptons —— Anſicht. Das Studium des Rechts ſchien ihr eine langwei⸗ en lige, nutzloſe Plackerei zu ſein, da nichts darin ihre Einbil⸗ en dungskraft feſſelte. Sie hörte mich mit jenem Zauber an, u der noch immer an ihr haftet und durch welchen ſie ſich mit a8 denen, die zu ihr reden, zu identifteiren ſcheint. Sie konnte p⸗ mir einen bittenden Blick zuwerfen, wenn ihr Vater ſich über t, die herrlichen, von ihm viel zu hoch angeſchlagenen Ausſich⸗ en ten einer erfolgreichen parlamentariſchen Laufbahn verbrei⸗ e⸗ tete; denn obſchon er ſelbſt nie darnach geſtrebt, hatte er doch 16 mit Männern dieſer Klaſſe vielen Umgang gehabt und ſchien en ſtets zu wünſchen, einen derartigen Einfluß in der Perſon nd eines Anderen geltend machen zu fönnen. Wenn ich dagegen ſie meinerſeits von Unabhängigkeit und von der Advokatenbank te ſprach, wurde Ellinors Antlitz umwölkt. Die Welt— die er Welt lag in ihr und der Ehrgeiz der Welt, der ſtets nach te Macht oder Aufſehen trachtet! Ein Theil des Hauſes war ⸗ dem Oſtwind ausgeſetzt und ich meinte eines Tages, man 2 ſolle an jener Seite den Abhang hälftig mit Bäumen be⸗ ß pflanzen. Mit Bäumen?' rief Lady Ellinor;'es wird zwan⸗ zig Jahre anſtehen, ehe ſie groß geworden ſind. Nein, mein theurer Vater, laßt lieber eine Mauer bauen und ſie mit en Kriechpflanzen überwachſen! Dies dient zur Beleuchtung it ihres ganzen Charakters. Sie konnte nicht warten, bis die Bäume groß wurden; eine todte Mauer war ſchneller auf⸗ e, geführt, und der paraſitiſche Epheu verlieh ihr ein hübſcheres 6 Ausſehen. Gleichwohl war ſie ein großes und edles Weſen. n⸗ Und ich— in ſie verliebt! Nicht ſo hoffnungslos gerade, als 1½ 18 ihr glauben mögt; denn Lord Rainsforth ließ oft einen Bulwer, die Cartone. 21 322 Wink der Ermuthigung fallen, den ſogar ich kaum miß⸗ deuten konnte. Da er ſich nicht um den Rang kümmerte und für ſeine Tochter kein größeres Vermögen wünſchte, als zu einem anſtändigen Auskommen erforderlich war, ſo ſah er in mir alles Erforderliche einen Gentleman von alter Herkunft, in welchem ſein eigener regſamer Geiſt jene Art innerlichen Ehrgeizes verfolgen konnte, die in ihm über⸗ ſtrömte, obſchon er ihr noch nie Luft gemacht hatte. Und Ellinor!— Der Himmel verhüte, daß ich behaupten ſollte, ſie hätte mich geliebt— aber Etwas ſagte mir in meinem Innern, daß es vielleicht ſo weit kommen konnte. Unter ſolchen Umſtänden machte ich, alle meine Hoffnungen unter⸗ vrückend, einen kühnen Verſuch, die Einflüſſe um mich her zu überwinden und jene Laufbahn zu ergreifen, die mir von allen als die würdigſte erſchien. Ich ging nach London, um mich für die Advofatenbank vorzubereiten.“ „Für die Advokatenbank? Iſt's möglich?“ rief ich. Mein Vater lächelte wehmüthig. „Damals ſchien mir Alles möglich. Ich ſtudirte einige Monate, lernte ſchon in dieſer kurzen Zeit den Weg vor mir erfaſſen, begriff, welche Schwierigkeiten mir in Ausſicht ſtanden, und begann zu fühlen, daß etwas in mir lag, was mich befähigte, ſte zu überwinden. Ich machte Ferien und kehrte nach Cumberland zurück. Dort traf ich Roland an. Er war immer ein unſteter, abenteuerlicher Charakter gewe⸗ ſen und obſchon er damals noch nicht in die Armee getreten, hatte er doch im Laufe von mehr als zwei Jahren faſt ganz Großbritanien und Irland zu Fuß durchwandert. Es — 323 war ein junger fahrender Ritter, der mich umarmte und der mich mit Vorwürfen überhäufte, weil ich mich für den Ad⸗ vokatenſtand vorbereitete. Es habe nie einen Advokaten in der Familie gegeben! Ich glaube, in dieſe Zeit fiel es, als ich ihn durch die Entdeckung von dem Buchdrucker faſt verſtei⸗ nerte! Ich wußte mir nicht gerade einen Grund anzugeben — war es Eiferſucht, Furcht oder eine Ahnung— ſo viel aber iſt gewiß, daß ſich ein Schmerzgefühl meiner bemäch⸗ tigte, als ich von Roland erfuhr, daß er mit den Bewohnern von Comptonhall auf's Genaueſte bekannt ſey. Roland und Lord Rainsforth hatten ſich in dem Hauſe eines benachbarten Gentleman getroffen und Letzterer war dem neuen Bekann⸗ ten, Anfangs vielleicht wegen meiner, ſpäter aber um ſeiner ſelbſt willen, mit Liebe entgegengekommen. „Ich hätte um's Leben Roland nicht fragen können,“ fuhr mein Vater fort,„wie ihm Ellinor gefalle; als ich aber fand, daß er dieſelbe Frage gegen mich umging, ſozitterte ich. „Wir gingen gemeinſchaftlich nach Compton, obſchon wir unterwegs nur wenig mit einander ſprachen, und blieben einige Tage dort.“ Mein Vater ſteckte jetzt die Hand in ſeine Weſte. Alle Menſchen haben ihre kleinen Manieren, welche viel bedeuten, und wenn mein Vater vie Hand in ſeine Weſte ſteckte, ſo war es ſtets ein Zeichen, irgend einer geiſtigen Anſtrengung — er wollte dann beweiſen, argumentiren, moraliſiren oder predigen. Deshalb glaube ich, daß ich, obſchon ich zuvor mit größter Aufmerkſamkeit zugehört hatte, magnetiſch und mesmeriſch geſprochen, ein Ertra⸗Paar Ohren und einen 21* 324 neuen Sinn erhielt, ſobald mein Vater dieſe Handbewegung vornahm. Sechstes Kapitel, worin mein Vater in ſeiner Geſchichtefort⸗ fährt. „Es gibt keine myſtiſche Schöpfung, kein Bild, kein Symbol und keine pvetiſche Erfindung zur Bezeichnung des Dunkeln, Verborgenen und Unbegreiflichen, ohne daß dazu die Repräſentanten aus dem weiblichen Geſchlecht gewählt wären“ ſagte mein Vater, der die Hand ganz in ſeiner Weſte begraben hatte.„Da iſt die Sphinr, die Chimäre und die Iſis, deren Schleier kein Menſch je gelüftet hat— ſie alle ſind Weiber, Kitty, durchgängig alle! Ebenfy die Perſer⸗ phone, die ſtets entweder im Himmel, oder in der Hölle ſein mußte— und die Hecate, welche bei Nacht das Eine, bei Tag das Andere war. Die Sibyllen waren Frauenzimmer, desgleichen die Gorgonen, die Harpien, die Furien, die Par⸗ zen, die teutoniſchen Valeyrien, die Nornen und Hela ſelbſt — kurz, alle Darſtellungen von dunkeln, unergründlichen und bedeutſamen Ideen ſind weiblich.“ Der Himmel ſegne meinen Vater! Auſtin Carton war wieder er ſelbſt! Ich begann zu fürchten, der Faden ſeiner Geſchichte ſey ihm wieder entſchlüpft in dieſem Labyrinth von Gelehrſamkeit. Zum Glück aber fiel ſein Blick, als er inne hielt, um Athem zu holen, auf die ehrliche freie Stirne und die klaren blauen Augen meiner Mutter, die ſicherlich —— 325 nichts gemein hatten mit Sphinren, Chimären, Parzen, Furien oder Valkyrien. Ob ihn nun eine Art Reue an⸗ wandelte, oder ob ſich ſein Verſtand einräumen mußte, daß er in eine ganz falſche und ungeſunde Kette von Behauptun⸗ gen verfallen ſey— ich weiß es nicht; ſo viel aber iſt gewiß, daß ſeine Stirne ſich erheiterte und er mit einem Lächeln wie⸗ der begann: „Ellinor wäre die letzte Perſon in der Welt geweſen, die irgend Jemand abſichtlich hätte tänſchen können. War es wohl eine Täuſchung gegen mich und Roland, wenn wir beide, obſchon wir keine dünkelvollen Jünglinge waren, der Ein⸗ bildung Raum gaben, daß wir es nicht vergeblich gewagt hätten, von Liebe zu ſprechen, falls wir uns nur zu einer offenen Erklärung ermuthigen konnten? Oder glaubſt Du, Kitty, daß ein Mädchen wirklich(ielleicht nicht gerade viel, aber doch ein wenig) zwei, drei oder ein halb Dutzend auf Einmal lieben könne?“ „Unmöglich!“ rief meine Mutter.„Und was dieſe Lady Ellinor betrifft, ſo bin ich ganz entſetzt über ſie— ich weiß nicht, wie ich es nennen ſoll.“ „Auch ich nicht, meine Liebe!“ ſagte mein Vater, indem er langſam ſeine Hand aus der Weſte nahm, als ſey die Anſtrengung zu groß für ihn und das Problem ein unlös⸗ liches.„Ich muß übrigens um Verzeihung bitten, wenn ich die Anſicht ausſpreche, daß ein Mädchen, ehe es ſeine Neigung wirklich, wahrhaftig und herzlich einem einzigen Gegenſtand zuwendet, gerne ihrer Phantaſie, dem Verlangen nach Gewalt, der Neugier oder der Himmel weiß wem ſonſt 326 noch geſtattet, ſogar dem eigenen Geiſte bleiche Reflere des noch nicht aufgegangenen Lichtes vorzuſpielen— Nebenſon⸗ nen, welche der wahren vorangehen. Du darfſt Roland nicht nach dem beurtheilen, Piſiſtratus, wie Du ihn jetzt ſiehſt— grämlich, grau und förmlich; denke Dir eine Natur, die ſich hoch auſſchwingt unter kühnen Gedanken oder über⸗ ſtrömt von der namenloſen Pveſie des jugendlichen Lebens — eine Geſtalt von unvergleichlicher Spannkraft— ein Auge, leuchtend von ſtolzem Feuer— ein Herz, aus dem edle Gefühle ſprühten, wie die Funken von einem Ambos. „Lady Ellinor beſaß eine glühende, forſchbegierige Phantaſie. Ein ſo kühnes, feuriges Weſen mußte ihr In⸗ tereſſe auregen. Anderſeits war ihr Geiſt in hohem Grade gebildet und leicht faſſend. Erſcheint es wohl als Eitel⸗ keit, wenn ich nach Verfluß ſo vieler Jahre ſage, daß in meinem Geiſt der ihrige einen verwandten fand? Wenn das Weib liebt, ſich verehlicht und ein Hausweſen führt, dann wird ſie erſt ein Ganzes, ein vollſtändiges Weſen. Aber ein Mädchen, wie Ellinor, birgt viele Weiber in ſich. Selbſt veränderlich, haben alle Abwechslungen Reiz für ſie. Ich glaube, wenn einer von uns kühn das bedeutungsvolle Wort ausgeſprochen, ſo hätte Lady Ellinor ſich in ihr eigenes Herz zurückgeflüchtet, es unterſucht, geprüft und eine freie, offene Antwort gegeben. Und wer zuerſt das Wort ergriffen, würde vielleicht die beſſere Ausſicht gehabt haben, nicht mit einem Nein abgefertigt zu werden. Aber keiner von uns fahren, ob ſie Eindruck gemacht hatte, als darauf erpicht, beiden ſprach. Und vielleicht war ſie eher neugierig, zu er⸗ ————— ——— 327 einen ſolchen hervorzurufen. So täuſchte ſie uns alſo nicht mit Abſicht, Won ihre ganze Atmoſphäre aus einem Blend⸗ werk beſtand. Die Nebel kommen vor dem Sonnenaufgang. Wie dem iee ſein mochte, es ſtund nicht latß⸗ an, bis Roland und ich, wir uns gegenſeitig, auf die Spur kamen. Dadurch entſprang zuerſt Kälte, dann Eiferſucht und endlich Streit.“ „O, mein Vater, Eure Liebe muß in der That gewal⸗ tig geweſen ſein, de ſie einen Bruch zwiſchen den Herzen zweier ſolchen Brüder herbeiführen konnte!“ „Ja,“ verſetzte mein Vater.„Es war in Mitte der alten Schloßruinen, dort, wo ich Ellinor zum erſtenmal ge⸗ ſehen hatte— ich fand ihn unter dem Strauchwerk und Ge⸗ ſtein ſitzend, das Geſicht von ſeinen Händen verhüllt. Da ſchlang ich meinen Arm um ſeinen Nacken und ſagte zu ihm: Bruder, wir beide lieben dieſes Mädchen! Mein Weſen iſt ruhiger, als das Deinige, und ich werde den Verluſt we⸗ niger fühlen. Bunder⸗ gib mir Deine Hand— Gvott behüte Dich, denn ich gehe!“ „Auſtin,“ murmelte meine Mutter, indem ſie den Kopf an ſeine Bruſt ſinken ließ. „Und dadurch geriethen wir in Streit. Denn Ro⸗ land beſtand darauf, während ihm die Thränen über die Wangen rollten und er mit dem Fuß auf den Boden ſtampfte, daß er der Eindringling, der Zwiſchenläufer ſey— für ihn gebe es keine Hoffnung. Er ſey ein Narr, ein Wahnſinni⸗ ger geweſen— und für ihn zieme es ſich, zu gehen! Wäh⸗ rend wir uns ſo mit Worten bekämpften, erſchien der alte 328 Diener meines Vaters an dem einſamen Ort mit einem Billet von Lady Ellinor, in welchem ſie mich bat, ihr ein Buch zu borgen, das ich gelobt hatte. Roland erkannte die Handſchrift, und während ich noch das Briefchen unſchlüſſig hin und her drehte, ehe ich das Siegel erbrach, war er ver⸗ ſchwunden. „Er kehrte nicht nach dem väterlichen Hauſe zurück, und wir erfuhren nicht, was aus ihm geworden war. Mich aber ſetzte ſeine Entfernung in große Unruhe, da mich das Ungeſtüm ſeines vuleaniſchen Weſens ſchreckte. Ich unter⸗ nahm es, ihn aufzuſuchen, entdeckte endlich ſeine Spur und fand ihn nach vielen Tagen in einer ärmlichen Hütte mitten in der traurigſten der traurigen Oeden, welche einen ſo großen Theil von Cumberland bilden. Er war ſo verän⸗ dert, daß ich ihn kaum mehr kannte. Um mich kurz zu faſſen, wir kamen endlich zu einer Vertragung. Wir woll⸗ ten mit einander nach Compton zurückgehen, und da die Ungewißheit unerträglich war, ſo ſollte wenigſtens Einer von uns ſeinen Muth zuſammenraffen, um ſein Schickſal zu erfahren. Aber wer ſollte zuerſt ſprechen? Wir loosten darum und das Glück begünſtigte mich. „Und nun ich wirklich über den Rubikon ſetzen, nun ich jener geheimen Hoffnung, welche mich ſo lang beſeelt hatte und für mich ein neues Leben geweſen war, Worte leihen ſollte— wie waren da meine Gefühle beſchaffen? Mein lieber Sohn, verlaß' Dich darauf, jenes Alter iſt das glück⸗ lichſte, in welchem Empfindungen, wie meine damaligen, uns nicht mehr auftegen können. Sie ſind Fehltritte in 329 8 der ruhigen Ordnung jenes majeſtätiſchen Lebens, weſches der Himmel für den Denker beſtimmt hat. Unſere Seelen ſollten ſeyn, was die Sterne für die Erde— nicht aber Me⸗ teore und in wechſelnde Bahnen gezwungene Cvmeten. Was konnte ich Ellinor, was ihrem Vater bieten? Was ſonſt als eine Zukunft voll geduldiger Arbeit? Und wie die Ant⸗ wort auch ausfallen mochte— welch ein Elend auf beiden Seiten!— hier mein Daſein erſchüttert, dort Rolands edles Herz gebrochen! d „Wir gingen nach Compton. Bei unſeren früheren Beſuchen waren wir faſt die einzigen Gäſte geweſen, denn Lord Rainsforth fand kein ſonderliches Wohlgefallen an dem Umgang mit den Landſquiren, die damals weit ungebildeter waren, als heut zu Tage. Und zur Entſchuldigung für Elli⸗ nor ſowohl als für uns, muß ich bemerken, daß wir faſt die einzigen Männer ihres Alters waren, welche ſie in jenem großen, öden Hauſe geſehen hatte. Aber jetzt war die Lon⸗ doner Saiſon vorbei und das Haus mit Gäſten angefüllt. Es fand nicht länger jene trauliche und ungehemmte Zwie⸗ ſprache mit der Gebieterin der Halle ſtatt, welche uns ſo zu ſagen als Familien⸗Angehörige erſcheinen ließ. Man ſah ſie ſtets von hohen Damen oder feinen Herren umgeben, ſo daß ein Blick, ein Lächeln, ein flüchtiges Wort Alles war, was ich mit Recht von ihr erwarten konnte. Und dann die Unterhaltung— wie verſchieden! Früher konnte ich von Büchern reden, denn da war ich zu Hanſe, während Roland von ſeinen Träumen, ſeiner ritterlichen Vorliebe für die Vergangenheit und ſeinem kühnen Trotz gegen die unbe⸗ 330 kannte Zukunft ſprach. Die gebildete, phantaſiereiche El⸗ linor konnte mit beiden ſympathiſiren— desgleichen ihr Vater, der ebenſogut ein Gelehrter, als ein Gentleman war. Aber jetzt—“ Siebentes Kapitel, in welchem mein Vater zur Löſung des Knotens kommt. „Was nützt es in der Welt,“ ſagte mein Vater,„wenn man alle durch Grammatiken erklärte und in Wörterbüchern zerſplitterte Sprachen kennt, wofern man nicht die Sprache der Welt gelernt hat? Sie iſt ein Geſpräch bei Seite, Kitty“ rief mein Vater, der jetzt warm wurde.„Sie iſt ein Anaglyph— ein Anaglyph in Worten, meine Liebe! Wenn Du alle Hieroglyphen ſo gut kennteſt, wie das Abe, aber nichts von dem Anaglyph verſtündeſt, ſo könnteſt Du auch von den wahren Myſterien der Prieſter nichts erfahren.“ „Keiner von uns, weder Roland noch ich, kannte auch nur einen einzigen ſymboliſchen Buchſtaben des Anaglyphs. Reden, reden und immerfort reden über Perſonen, von denen wir nie gehört hatten, oder über Dinge, um die wir uns nichts kümmerten! Alles, was wir für wichtig hielten, erſchien als knabenhaft oder als pedantiſche Spielerei, wäh⸗ rend dagegen Alles, was uns ſo abgedroſchen und kindiſch * Das Anaglyph war den ägyptiſchen Prieſtern eigenthümlich, das Hieroglyph aber allen Gebildeten bekannt. 331 vorkam, zu einer großen, bedeutungsvollen Lebensfrage wurde! Wenn Du während des halben Vakanztages einen fleinen Schuljungen fändeſt, der mit einer krummen Steck⸗ nadel nach Gründlingen fiſcht, und ihm erzählen wollteſt von allen Wundern der Tiefe, den Geſetzen der Ebbe und Fluth und den antediluvianiſchen neberreſten des Iguanodon und Ichthyoſaurus— ja wenn Du nur von Perlenfiſchereien und Corallenbänken oder Waſſergeiſtern und Najaden mit ihm ſprächeſt, würde er nicht unmuthig ausrufen: quäle mich nicht mit all' dieſem Unfinn und laß mich im Frieden meine Gründlinge fangen? Ich denke, der Knabe hat Recht in ſeiner Art— der arme Burſche iſt wegen des Fiſchens her⸗ ausgekommen, nicht aber um Geſchichten von den Igua⸗ nodonen und Waſſergeiſtern zu hören. „So ſiſchte die Geſellſchaft nach Gründlingen, und wir konnten kein Wort ſagen von unſern Perlenfiſchereien und Korallenbänken. Ob wir ſelbſt auch nach Gründlingen an⸗ gelten?— mein lieber Sohn, wir wären weniger in Ver⸗ wirrung gerathen, wenn man uns gefragt hätte, ob wir nach einer Meerjungfer fiſchten. Du bemerkſt wohl jetzt den einen Grund, warum ich Dich ſo frühzeitig in die Welt hinausließ? Aber unter dieſen Grundelfiſchern war Einer, der ſeine Angel in einer Weiſe handhabte, daß ſeine Gründ⸗ linge größer ausſahen, als Salmen. „Trevanion war mit mir in Cambridge geweſen, und wir ſtanden ſogar auf einem ſehr vertrauten Fuße zu einan⸗ der. Er war ein junger Mann, wie ich, der ſich erſt einen Weg in der Welt bahnen mußte, ſo arm wie ich und von 332 einer Familie, mit welcher ſich die meinige meſſen konnte — alt zwar, aber heruntergekommen. Gleichwohl fand zwiſchen uns beiden der Unterſchied ſtatt, daß er Verbindun⸗ gen in der großen Welt hatte, ich aber nicht. Wie bei mir beſtand ſein Haupteinkommen aus einem Collegiatsſtipen⸗ dium. Trevanion hatte ſich nämlich auf der Univerſität gro⸗ ßen Ruf erworben, obſchon er denſelben weniger den klaſſi⸗ ſchen Studien, in denen er übrigens nicht unbewandert war, als ſeinen übrigen ausgezeichneten Eigenſchaften verdankte, welche in ihm einen Mann erkennen ließen, der ſich im Leben heben würde. Was er angriff, betrieb er mit Nachdruck. Er zielte nach Allem— verlor das Eine und errang das Andere. Als Mitglied eines politiſch⸗ökonomiſchen Clubbs galt er in Geſellſchaften, ſobald es zum Debattiren kam, als ein trefflicher Redner. Er wurde dabei nie müde— ſein Vortrag war glänzend, abwechſelnd, parador und blü⸗ hend— ganz anders, als jetzt; denn da er ſich vor dem Fluch der Phantaſie fürchtet, ſo hat er während ſeiner Laufbahn nnabläſſig bemüht ſein müſſen, denſelben zu zügeln. Indeß war ſein Sinn ſtets auf das gerichtet, was wir in England ſolid nennen. Er war ein großer Geiſt, nicht etwa wie ein ſchöner Wallfiſch, meine liebe Kitiy, der durch das Meer des Wiſſens aus Luſt am Schwimmen ſegelt, ſondern wie ein Polyp, der alle ſeine Arme ausſtreckt, um Etwas zu faſſen. Trevanion hatte ſich von der Univerſität aus ſogleich nach London begeben, und ſein Ruf ſowohl, als ſeine Rede⸗ Gewandtheit machte nicht mit Unrecht einen blendenden Ein⸗ druck auf ſeine Bekannten. Sie gaben ſich Mühe für ihn 333 und brachten ihn in's Parlament, wo ſeine Reden mit gro⸗ ßem Beifall aufgenommen wurden. In der Blütezeit ſeines jungfräulichen Ruhmes kam er nach Compton. Ihr habt ihn geſehen mit ſeinem kummervollen Geſichte und ſeinem abgebrochenen trockenen Weſen, wie ihn der ewige Ring⸗ kampf bis auf Haut und Knochen abgezehrt hat; aus die⸗ ſem Bilde könnt ihr euch aber keine Vorſtellung machen, wie der Mann war, als er zum erſtenmal in die Arena des Lebens eintrat. „Ihr ſeht, meine Lieben, daß ihr ſtets in Erinnerung tragen müßt, wir Leute von mittlerem Alter ſeien damals jung geweſen— das heißt, wir waren von dem, was wir jetzt ſind, ſo verſchieden, wie der grüne Zweig des Sommers ron dem dürren Holze, aus dem wir ein Schiff oder einen Thorpfoſten zimmern. Weder der Menſch, noch das Holz paßt für die Nutzung des Lebens, bis das grüne Laub ab⸗ geſtreift und der Saft dahin iſt. Das Leben verwandelt uns ſodann in ſeltſame Dinge mit anderem Namen; der Baum iſt nicht mehr Baum, ſondern ein Thor oder ein Schiff, der Jüngling nicht mehr Jüngling, ſondern ein ſtelzbeiniger Soldat, ein hohläugiger Staatsmann oder ein Gelehrter mit Brille und Pantoffeln. Als Michllus“— und wäh⸗ rend mein Vater ſo fortfuhr, ſchlüpfte ſeine Hand wieder in die Weſte—„als Michllus den Hahn, welcher vordem Pythagoras geweſen, fragte, ob es ſich mit dem trojani⸗ ſchen Krieg wirklich ſo verhalte, wie Homer es erzählt, ant⸗ wortete der Hahn mit Geringſchätzung: Wie konnte Ho⸗ mer etwas von der Sache wiſſen— er war damals ein Kameel in Baktria.“ Piſiſtratus, nach der Lehre von der Seelenwanderung biſt Du vielleicht auch ein bactrianiſches Kameel geweſen, als bei den Vorgängen, welche bei meinem Leben die Belagerung von Troja vorſtellten, Roland und Trevanion vor den Mauern ſtanden. „Man kaun noch immer ſehen, daß Trevanion ſchön war. Die Schönheit ſeines Geſichtes hob ſich noch mehr durch das fortwährende Spiel ſeiner Züge, in denen ſich das Feuer ſeines Geiſtes ausſprach. Seine Unterhaltung war gewinnend, abwechſelnd, voll Leben und namentlich in hohem Grade reichhaltig, wenn die Angelegenh eiten des Tages zur Sprache kamen. Wenn er ſchon fünfzig Jahre ein Prieſter des Serapis geweſen wäre, ſo hätte ihm das Anaglyph nicht beſſer bekannt ſein können. Er füllte jede Ritze und Spalte jener hohlen Geſellſchaft mit ſeinem vielfach gebrochenen, forſchbegierigen und kecken Lichte aus. Darum wurde er bewundert, man ſprach von ihm, hörte ihm zu, und Jeder⸗ mann ſagte: Trevanion iſt ein Mann, dem eine ſchöne Zukunft bevorſteht.“ „Gleichwohl ließ ich ihm damals nicht die Gerechtig⸗ keit widerfahren, wie ich es ſpäter that, denn die Gelehrten und abſtrakten Denker ſind in ihrer erſten Jugend nur zu ſehr geneigt, mehr die Tiefe von dem Geiſt oder Wiſſen eines Mannes, als die darüber hingehende Oberfläche in's Auge zu faſſen. In einem nur vier Fuß tiefen Strom kann mehr Waſſer und jedenfalls mehr Kraft und Geſund⸗ heit ſein, als in einem trägen Teiche, deſſen Boden dreißig „ Luecian der Traum des Miehllus. der es em nd ön ehr s var em zur ſter icht ite en, er er⸗ öne tig⸗ ten zu ſſen che rom nd⸗ ißig 335 Ellen tief liegt. Wie geſagt, ich ließ Trevanion keine Ge⸗ rechtigkeit widerfahren und entdeckte nicht, wie natürlich er Lady Ellinors Ideal verwirklichte. Ich habe ſchon früher bemerkt, daß in ihr viele Weiber verborgen waren, und Tre⸗ vanion faßte tauſend Männer in Einem zuſammen. Er be⸗ ſaß gelehrte Bildung genug, um ihren Geiſt anzuſprechen, Beredtſamfeit, um ihre Phantaſie zu blenden, Schönheit, um ihrem Auge zu gefallen, genau jene Art von Ruf, der ihre Eitelkeit verlocken mußte, und einen ehren- und gewiſ⸗ ſenhaften Charakter, ſo daß auch ihr Urtheil Befriedigung fand. Vor Allem war er ehrgeizig— nicht ehrgeizig wie ich oder Roland, ſondern ehrgeizig, wie Ellinor es war. Ehrgeizig, nicht um irgend ein großartiges Ideal in dem ſchweigenden Herzen zu verwirklichen, ſondern um die prakti⸗ ſchen, poſitiven Weſenheiten, die außer ihm lagen, zu er⸗ faſſen. „Ellinor war ein Kind der großen Welt, und von ihm mußte das Nämliche geſagt werden. „Von alle dem bemerkte weder ich, noch Roland, ir⸗ gend etwas, und Trevanion ſchien Ellinor keine ausgezeich⸗ nete Aufmerkſamkeit zu ſchenken. „Aber es kam die Zeit, da ich ſprechen ſollte. Das Haus begann ſich zu leeren. Lord Rainsforth fand Muße, ſeine zwangloſen Unterhaltungen mit mir wieder aufzuneh⸗ men, und als wir eines Tages mit einander im Garten ſpazieren gingen, erſah ich meine Gelegenheit. Ich brauche Dir nicht erſt zu ſagen, Piſiſtratus,“ fuhr mein Vater fort, indem er mich in's Auge faßte,„daß es die Pflicht eines 336 jeden Mannes von Ehren iſt, namentlich, wenn er in welt⸗ licher Beziehung nur untergeoronete Anſprüche beſitzt, zuerſt mit den Eltern zu ſprechen, deren Vertrauen ihm eine ſolche Offenheit auferlegt haben, eh' er ſein Herz ernſtlich der Tochter aufſchließen kann.“ Ich ſenkte den Kopf und erröthete. „Ich weiß nicht, wie es kam,“ nahm mein Vater wieder auf,„aber Lord Rainsforth lenkte die Unterhaltung ſelbſt auf Ellinor. Nachdem er von den Ausſichten ſeines Sohnes geſprochen, der bald nach Hauſe zurückkehren ſollte, fügte er bei: Natürlich wird er in's öffentliche Leben ein⸗ treten, vorausſichtlich bald heirathen und ein eigenes Haus⸗ weſen führen, ſo daß ich nicht hoffen darf, viel von ihm zu ſehen. Meine Ellinor!— ich kann den Gedanken nicht er⸗ tragen, mich ganz von ihr zu trennen. Und dies iſt in der That, wie ſelbſtfüchtig es auch klingen mag, einer der Gründe, warum ich nie wünſchte, daß ſie ſich mit einem reichen Manne verbinde und ſo mich für immer verlaſſe. Es wäre mir lieb, wenn ſie einen Gatten wählte, der ſichs gefallen läßt, wenigſtens einen großen Theil des Jahrs bei mir zu wohnen— der mich mit einem zweiten Sohn be⸗ glückt, nicht aber mir die Tochter ſtiehlt. Damit will ich allerdings nicht ſagen, daß er ſein Leben auf dem Lande ver⸗ geuden ſoll, denn ſeine Beſchäftigungen werden ihn wahr⸗ ſcheinlich nach London führen, aber ich kümmere mich nicht darum, wo mein Haus ſteht, wenn ich nur mein Heim⸗ weſen behalte. Ihr wißt', fuhr er mit einem Lächeln fort, das mir als bedeutungsvoll vorkam— wie oft ich Euch — M 337 andeutete, daß ich wegen Ellinor's keinem gemeinen Ehr⸗ geiz Raum gebe. Ihre Morgengabe wird ſehr Flein ſein, denn meine Güter ſind bedeutend verſchuldet, und ich habe während meines ganzen Lebens zu viel von meinem Ein⸗ fommen auſgebraucht, als daß ich hoffen könnte, jetzt noch viel zu erſparen. Aber ihre Liebhabereien fordern keinen Aufwand, und ſo lange wenigſtens ich lebe, braucht ſie hierin keine Veränderung eintreten zu laſſen. Sie kann daher einem Mann ihr Jawort geben, deſſen Talente im Ein⸗ klang ſtehen mit den Ihrigen und ihm eine Laufbahn bre⸗ chen werden, welche wohl geſichert ſein dürfte, ehe ich ſterbe. Lord Rainsſorth hielt inne, und nun— wie und in welchen Worten es geſchah— weiß ich nicht— brach Alles hervor — meine lang unterdrückte, ſchüchterne, ängſtliche, zwei⸗ felnde, furchtſame Liebe— der auffallende Eifer, welchen ſie in einer bisher ſo zurückgezogenen und ruhigen Natur her⸗ vorgerufen— meine juridiſchen Studien— meine Zuver⸗ ſicht, daß es mir mit einem ſolchen Preis vor Augen ge⸗ lingen müſſe, da ſich's ja nur darum handle, ein Studium mit dem andern zu vertauſchen. Thätigkeit könne alle Hin⸗ derniſſe überwinden, und die Gewohnheit auch das weni⸗ ger Angenehme verſüßen. Die Advokatenbank ſey zwar eine weniger glänzende Laufbahn, als der Senat; aber das erſte Ziel eines unbemittelten Mannes müſſe Unabhängigkeit ſehn. Kurz, Piſiſtratus, in niedriger Selbſtſucht vergaß ich für den Augenblick Roland ganz und gar und ſprach nur wie ein Mann, welcher fühlte, daß ſein Leben an ſeinen Worten hing. 3 Bulwer, die Cartone. 22 „Nachdem ich fertig war, ſah mich Lord Rainsforth mit einem Geſicht voll Innigkeit an; aber der Ausdruck ſeiner Züge war nicht heiter. „Mein lieber Carton' verſetzte er in bebendem Tone, ich geſtehe, daß ich dieſes einmal wünſchte, daß ich es von der Stunde an wünſchte, als ich Euch näher kennen lernte; aber warum habt Ihr ſo lange— es kam mir nie eine Ahnung davon— und ſicherlich meiner Tochter ebenſo we⸗ nig Er hielt inne und fügte dann raſch bei— Geht übrigens zu Ellinor und redet mit ihr⸗ wie Ihr eben mit mir geſprochen habt. Geht; vielleicht iſt es noch nicht zu ſpät. Und doch— aber geht“ „Zu ſpät! was meinte er wohl mit dieſen Worten? Lord Rainsforth hatte ſich haſtig in einen andern Garten⸗ gang begeben und ließ mich allein, ſo daß ich Zeit hatte, mich zu beſinnen, was wohl hinter dieſem Räthſel verborgen ſein möchte. Langſam trat ich meinen Weg nach dem Hauſe an und ſuchte Lady Ellinor auf, halb hoffend, halb fürch⸗ tend, ſie allein zu finden. Neben dem Gewächshaus be⸗ fand ſich ein kleines Zimmer, in welchem ſie ſich Morgens aufzuhalten pflegte; dorthin lenkte ich meine Schritte. „Dieſes Zimmer— ich ſehe es noch! die Wände waren mit Zeichnungen von ihrer eigenen Hand bedeckt, viele davon Stizzen von Plätzen, welche wir gemeinſchaftlich beſucht hat⸗ ten. Die einfache Verzierung nahm ſich frauenhaft, nicht weibiſch zart aus, und auf dem Tiſch lagen noch dieſelben Bücher, die mir durch liebe Erinnerungen theuer geworden waren. Ja, hier war der Taſſo, in welchem wir mit einan⸗ 339 der die Epiſode der Clorinda geleſen— dort der Aeſchy⸗ lus, aus welchem ich ihr den Prometheus überſetzt hatte. Manche mögen dies für Pedanterien halten, und ſie waren es vielleicht auch, lieferten aber doch zugleich den Beweis von der Geiſtesverwandtſchaft, welche den Mann der Bücher an die Tochter der Welt geknüpft hatte. Dieſes Zimmer— es war die Heimath meines Herzens! und eine ſolche, dachte ich, in meinem eiteln Wahne, müßte auch die Luft werden, die jede künftige Heimath umgäbe. Ich blickte umher, un⸗ ruhig, verwirrt und ſchüchtern an der Thüre ſtehen bleibend. Ellinor befand ſich vor mir, das Antlitz auf ihre Hand ge⸗ ſtützt, ihre Wangen mehr als gewöhnlich geröthet und in ihren Augen perlten Thränen. Schweigend trat ich ihr näher, und als ich meinen Stuhl an den Tiſch rückte, fiel mein Auge auf einen am Boden liegenden Handſchuh. Es war der Handſchuh eines Mannes. Ich muß hier bemer⸗ ken,“ flocht mein Vater ein,„daß ich einmal in früher Ju⸗ gend ein niederländiſches Gemälde ſah, der Handſchuh be⸗ titelt, und der Gegenſtand davon war ein Mord. Die Land⸗ ſchaft zeigte einen mit Schilf bewachſenen Sumpf und ſah ſo öde und unheimlich aus, daß man ſich dabei des Gedan⸗ kens an Unthaten und Schreckniſſe nicht erwehren konnte. Zwei Männer trafen ſich wie zufällig an dieſem Sumpfe. Der Finger des einen deutete auf einen blutbefleckten Hand⸗ ſchuh, und die Augen beider waren ſich gegenſeitig zuge⸗ wendet, als ob es da keiner weiteren Worte bedürfe. Der Handſchuh erklärte die ganze Geſchichte! Während meiner Knabenjahre ging mir dieſes Bild lange nach, obſchon es nie 22 340 ein ſo unruhiges und banges Gefühl in mir weckte, als der wirkliche Handſchuh auf dem Voden. Warum wohl? Mein lieber Piſiſtratus, die Lehre von den Ahnungen faßt eine von jenen Fragen in ſich, bei denen wir uns vergeblich nachdem Warum umſehen. Mit mehr Zaghaftigkeit, als ſich in meinem Herzenserguß gegen den Vater kund gegeben, nahm ich endlich meinen Muth zuſammen und ſprach mit Elli⸗ nor—“ Mein Vater hielt inne; der Mond war aufgegangen, und die in's Zimmer fallenden Strahlen beleuchteten ſein Geſicht. Sein Anklitz ſah ganz verändert aus; die Erre⸗ gungen der Jugend hatten die Jugend wieder zurückgeführt und mein Vater erſchien uns wie ein Jüngling. Aber wel⸗ cher Schmerz lag in ſeinen Zügen! Wenn die Erinnerung allein hervorrufen konnte, was im Grunde doch nur ein ge⸗ ſpenſtiſcher Schatten ſeiner Leiden war, wie mußte die leben⸗ dige Wirklichkeit geweſen ſeyn! Ich ergriff unwillkührlich ſeine Hand. Mein Vater drückte ſie krampfhaft und fuhr nach einem tiefen Athemzuge fort: „Zu ſpät! Trevanion war Lady Ellinor's angenom⸗ mener verlobter, glücklicher Liebhaber. Meine theure Ca⸗ tharina, ich beneide ihn jetzt nicht mehr. Blicke auf! liebes Weib, blicke auf!“ Achtes Kapitel. „Ellinor— ich muß ihr dieſe Gerechtigkeit widerfah⸗ ren laſſen— war erſchüttert über meine ſtumme Auf⸗ 341 regung. Keine menſchliche Lippe hätte eine zartere Theil⸗ nahme ausdrücken oder ſich edlere Selbſtvorwürfe machen können; aber dies war kein Balſam für meine Wunde. Ich verließ das Haus, gab meine juridiſchen Studien auf, und da jeder Antrieb, jeder Beweggrund zu ernſter Anſtrengung meinem Weſen entriſſen zu ſein ſchien, ſo kehrte ich zu mei⸗ nen Büchern zurück. In dieſer Weiſe würde ich kleinmüthig, träumend und in unnützer Trauer meine Tage verlebt haben, wenn mir der Himmel in ſeinem Erbarmen nicht Deine Muſter in den Weg geſchickt hätte, Piſiſtratus! Ja, Tag und Nacht danke ich Gott und ihr, denn ich war glücklich und bin— o, in der That, ich bin noch ein glücklicher Mann!“ Meine Mutter warf ſich un die Bruſt meines Vaters, ſchluchzte heftig und ging dann, ohne ein Wort zu ſprechen, aus dem Zimmer. Das in Thränen ſchwimmende Auge meines Vaters folgte ihr. Nachdem er einigemale ſchwei⸗ gend im Zimmer auf und abgegangen, kehrte er zu mir zu⸗ rück, ſtützte ſeinen Arm auf meine Schulter und flüſterte: „Kannſt Du jetzt errathen, warum ich Dir all' die⸗ ſes erzählt habe?“ „Ja, zum Theil— ich danke Euch, Vater,“ ſtotterte ich und ließ mich auf den Stuhl nieder, denn es war mir, als ſollte ich ohnmächtig werden. „Manche Söhne,“ fuhr mein Vater fort, indem er an meiner Seite Platz nahm,„würden in den Thorheiten und Irrthümern ihres Vaters eine Entſchuldigung für ihre eigenen ſuchen— von Dir erwarte ich dies nicht, Piſi⸗ ſtratus.“ „Ich ſehe hier keine Thorheit keinen Irrthum, Vater — nur Natur und Kummer.“ Halt inne, ehe Du dieſem Gedanken Raum gibſt,“ ſagte mein Vater.„Es war eine große Thorheit, ein ſchwerer Irrthum, einer Einbildung nachzuhängen, die keine Grundlage hatte— den ganzen Nutzen meines Lebens an den Willen eines Weſens zu ketten, welches wie ich nur ein ſterbliches Geſchöpf war. Der Himmel beabſichtigte nicht, daß die Leidenſchaft der Liebe eine ſolche Tyrannei ausübe, und in der Maſſe, unter dem Gewühl des menſchlichen Le⸗ beus iſt es auch gewöhnlich nicht der Fall. Stubengelehrte, wie ich, oder halbe Dichter, wie der arme Roland, ſind Träu⸗ mer, die ſich ihre eigene Krankheit ſchaffen. Wie viele Jahre verſchwendete ich, ſelbſt nachdem ich meine Heiterkeit wieder gewonnen hatte und Deine Mutter mir eine Heimath ſchuf, die ich lange nicht zu würdigen wußte. Die Hauptfeder meines Daſeins war zerſprungen— ich achtete nicht mehr auf die Zeit. Und deshalb ſiehſt Du jetzt, wie auch ſpät im Leben noch die Nemeſis erwacht. Mit Schmerz blicke ich zurück auf die vernachläßigten Kräfte und die entſchwunde⸗ nen Gelegenheiten, ſuche die durch Mangel an Benützung halbgelähmte Thatkraft galvaniſch zu ſtärken, und Du ſiehſt jetzt, wie ich mich lieber von einem Onkel Jack ohne Zweifel zu traurigen Thorheiten beſchwatzen laſſe, als daß ich ferner wie ein ruhiger Taugenichts dahin leben möchte! Und wenn ich jetzt Ellinor betrachte, muß ich mir nicht verwundert —, — 343 ſagen— all dieſer Kummer, dieſe ganze Starrſucht um jenes hageren Geſichtes, jenes weltlich geſinnten Geiſtes willen? Aber ſo geht es ſtets im Leben. Sterbliche Dinge ſchwinden dahin, und mit jedem Schritt zum Grabe ſchießen mit fri⸗ ſcher Kraft unſterbliche auf. „Ach!“ fuhr mein Vater mit einem Seufzer fort,„es wäre nicht ſo gegangen, wenn ich in deinem Alter ſchon das 1. Geheimniß des Safranſackes aufgefunden hätte! Neuntes Kapitel. „Und Roland, Vater,“ fragte ich—„wie nahm er die Kunde auf?“ „Mit der ganzen Entrüſtung eines ſtolzen, unverſtän⸗ digen Mannes. Der arme Burſche grollte übrigens mehr um meiner, als um ſeinetwillen. Und ſo verletzte und kränkte er mich durch Alles, was er über Ellinor ſagte— er be⸗ gann gegen mich zu toben, weil ich ſeinen Grimm nicht thei⸗ len wollte— und dies führte abermals zu Streit. Wir trennten uns und ſahen uns viele Jahre nicht wieder. Da kamen wir endlich plötzlich in den Beſitz unſeres kleinen Ver⸗ mögens. Du weißt, daß er mit dem ſeinigen die alte Ruine ankaufte und ſich eine Offiziersſtelle in der Armee erwarb, wonach er längſt getrachtet hatte— und ſo ging er voll Bitterkeit ſeines Weges. Mein Antheil gab mir einen Vor⸗ wand, meine ruhigen Studien fortzuſetzen, da er allen mei⸗ nen Bedürfniſſen entſprach; auch konnte ich, als mein alter 344 Lehrer ſtarb und ſein junges Kind mein Mündel, ſpäter aber — gleichviel, wie dies zuging— meine Frau wurde, auf mein Collegiats⸗Stipendium verzichten und ſo ſtill unter meinen Büchern leben, als ob ich ſelbſt ein Buch wäre. Vor meiner Verheirathung hatte ich mich noch eines Troſtes zu erfreuen, den auch Roland, wie er mir ſeitdem ſagte, dafür anſah. Ellinors Bruder war geſtorben und ſie eine Erbin geworden, ſo daß das ganze Beſitzthum, welches nicht auf die männliche Linie übergehen mußte, an ſie kam. Dieſes Vermögen öffnete eine Kluft zwiſchen uns„faſt ſo weit, als ihre Vermählung. Für die arme, trotz ihres Ranges mit⸗ giftloſe Ellinor hätte ich arbeiten, ringen und mich ab⸗ placken können; aber der Gedanke, daß ſie reich ſey, würde mich erdrückt haben. Dies war ein Troſt. Gleichwohl la⸗ ſtete die Vergangenheit, das ewige ſchmerzliche Gefühl von einem Etwas, welches meinem Leben ſeine weſentlichſten Be⸗ ſtandtheile entzogen zu haben ſchien, mehr und mehr auf mir. Was zurückgeblieben, war nicht Schmetz, ſondern eine Leere. Hätte ich mehr unter Menſchen und weniger in Träumen und Büchern gelebt, ſo wäre mein Geiſt kräftig genug geweſen, die vereitelten Hoffnungen einer einzigen Leidenſchaft zu ertragen; aber in der Einſamkeit welken wir dahin. Keine Pflanze bedarf ſo ſehr der Sonne und der Luft, wie der Menſch. Ich begreife nun, warum unſere beſten und weiſeſten Männer meiſt in Hauptſtädten lebten, und wiederhole daher, daß ein Gelehrter in einer Familie ge⸗ nug ſey. Deinem geſunden Herzen und Deinem Ehrgefühl F iey 5 hrgeſuh vertrauend, ließ ich Dich ſo zeitig in die Welt hinaus. Habe 345 ich Unrecht gethan? Liefere mir den Beweis von dem Ge⸗ gentheil, mein Kind. Weißt Du, was ein ſehr wackerer Mann geſagt hat?— Höre und befolge meine Lehre, nicht mein Beiſpiel. „Der Zuſtand der Welt iſt von der Art, und es hängt ſo viel von der Thätigkeit ab, daß Alles dem Menſchen laut zuzurufen ſcheint: thue etwas— handle— handle!“* Ich war tief ergriffen und erhob mich gekräftigt und hoffnungsvoll, als plötzlich die Thüre aufging und— wer oder was in der Welt hereinkam? Aber ſicherlich der Er, die Sie, das Es oder die Sie ſollen keine Aufnahme finden in dieſem Kapitel! Ueber dieſen Punkt ſteht mein Entſchluß feſt. Nein, meine ſchöne, junge Leſerin, es iſt mir zwar un⸗ gemein ſchmeichelhaft, und ich habe Mitgefühl mit Deiner Neugierde; aber wahrhaftig keinen Blick— nicht einmal durchs Schlüſſelloch! Und doch— ſey es darum, wenn Du es einmal haben willſt und mich mit gar ſo gar beſchwatzender Miene anſiehſt— wer oder was ſollte ſo plötzlich und uner⸗ wartet ankommen, daß es uns den Athem benimmt, und uns nicht Zeit läßt,„mit Eurem Wohlnehmen“ zu ſagen, ſondern macht, daß wir überraſcht mit aufgeſperrtem Munde daſtehen und das Auge weit offen vor ſich hin ſtarrt, als— das Ende des Kapitels. Nachlaß des ehrwürdigen Richard Cecil, Seite 319. Achter Abſchnitt. Erſtes Kapitel. Da betrat das vordere Beſuchzimmer meiner väter⸗ lichen Wohnung in Ruſſell Street— eine Elfe!!! weiß ge⸗ Fleidet, klein, zart, mit pechſchwarzen Locken über die Schul⸗ tern und Augen ſo groß und glänzend, daß ſie durch das Zimmer leuchteten, wie unmöglich bloſe menſchliche Augen zu leuchten im Stande ſind. Die Elfe kam näher und blieb vor uns ſtehen. Der Anblick war ſo unerwartet und die Er⸗„ ſcheinung ſo ſeltſam, daß wir einige Augenblicke in beſtürz⸗ tem Schweigen ſitzen blieben. Endlich hatte mein Vater als ver dreiſtere und weiſere von uns beiden, welcher daher am beſten geeignet war, mit den geſpenſtiſchen Weſen einer an⸗ dern Welt zu verkehren, die Kühnheit, auf das kleine Ge⸗ ſchöpf zuzugehen; er beugte ſich zu ihm nieder, um ſein Ge⸗ ſicht zu unterſuchen, und begann: „Was willſt Du, mein hübſches Kind?“ Hübſches Kind! War es alſo am Ende nur ein hüb⸗ ſches Kind? Ach, wie gut wäre es, wenn Alle, die wir auf den erſten Blick für Feen halten, ſich nur in hübſche Kinder. auflöſen würden! „Kommt!“ antwortete das Kind mit ausländiſchem Accent und ergriff meinen Vater beim Schvoße ſeines Rockes. — 347 „Kommt! Der arme Papa iſt ſo krank! Ich bin ſo in Angſt! Kommt— und rettet ihn—“ „Sogleich!“ rief mein Vater raſch.„Wo iſt denn mein Hut, Siſty? Sogleich, mein Kind! Wir wollen gehen und den Papa retten.“ „Aber wer iſt der Papa?“ nahm nun Piſiſtratus das Wort— eine Frage, die meinem Vater nimmermehr ein⸗ gefallen wäre. Er erkundigte ſich nie danach, wer oder was die kranken Papas armer Kinder waren, wenn die Kinder ihn am Rockſchooß zupften.„Wer iſt der Papa?“ Das Kind blickte mich ſcharf an, und ſchwere Thränen rollten ihm aus den großen, glänzenden Augen; aber es blieb ſtumm. In dieſem Momente zeigte ſich eine erwach⸗ ſene Geſtalt unter der Thüre und bot uns, aus dem Schat⸗ ten auftauchend, den Anblick einer kräftigen, ſauberen jun⸗ gen Frauensperſon dar. Sie machte einen Knir und ſagte dann geziert: „O, Miß, Ihr hättet auf mich warten und die Her⸗ ren nicht erſchrecken ſollen, indem Ihr ſo die Treppe herauf⸗ lauft. Mit Erlaubniß, Sir, ich mußte vorher mit dem Kutſcher in's Reine kommen, und er war ſo unverſchämt. Die gemeinen Geſellen ſind dies ſtets, wenn ſie es nur mit uns armen Frauenzimmern zu thun haben, Sir, und—“ „Aber um was handelt ſich's denn?“ rief ich, denn mein Vater hatte beſchwichtigend das Kind in ſeine Arme genommen, welches jetzt an ſeiner Bruſt weinte. „Ja, ſeht ihr, Sir(wieder ein Knir), der Herr iſt erſt geſtern Nacht in unſerm Hotel angekommen, Sir— im 348 Lamm, bei der Londoner Brücke— und er wurde krank— und iſt noch immer nicht recht bei Sinnen. Wir ſchickten deshalb nach dem Doctor, und der Doctor ſah nach dem Meſſingſchild auf dem Mantelſack des Herrn, Sir, und dann ſchlug er den Wegweiſer auf und ſagte: Es wohnt ein Mr. Carton in Great Ruſſell Street— iſt er ein Ver⸗ wandter? Und dieſes junge Frauenzimmer ſagte: Es iſt der Bruder meines Papa, und wir wollen zu ihm gehen. Da nun der Hausknecht nicht zu Hauſe war, Sir, ſo ſtieg ich in das Cabtiolet und die Miß wollte mit, und—“ „Roland— Roland krank!— Geſchwind— hurtig, hurtig!“ rief mein Vater und eilte mit dem Kinde, das er noch immer in ſeinen Armen hatte, die Treppe hinunter. Ich folgte ihm mit ſeinem Hute, den er natürlich ver⸗ geſſen hatte. Zum Glück fuhr eben ein Cabriolet an un⸗ ſerer Thüre vorüber; aber die Stubenmagd wollte uns nicht eher einſteigen laſſen, bis ſie ſich überzeugt hatte, es ſei nicht das nämliche, in welchem ſie hergekommen. Nachdem dieſe vorläufige Unterſuchung beendigt war, nahmen wir unſere Plätze ein und fuhren nach dem Lamm. Die Stubenmagd, welche auf der Rückſeite ſaß, ver⸗ brachte ihre Zeit mit wirkungsloſen Erbietungen, meinem Vater das kleine Mädchen abzunehmen, das ſich noch im⸗ mer an ſeine Bruſt neſtelte— mit einem langen, von vielen Epiſoden unterbrochenen Epos über die Gründe, welche ſie bewogen hatten, den vorigen Kutſcher zu entlaſſen, da der⸗ ſelbe es für paſſend gehalten hatte, zur Erhöhung des Fahr⸗ preiſes einen weiten Umweg zu machen— und mit gelegent⸗ lichen Rucken an ihrer Haube, einem Niederſtreichen ihres Kleides und mit Entſchuldigungen, daß ſie ſo ausſehe; letz⸗ teres wart namentlich der Fall, wenn ihre Augen auf meiner Atlashalsbinde ruhten oder ſich nach meinen blanken Stie⸗ feln ſenkten. Im Lamm angelangt, führte uns die Stubenmagd mit ſelbſt bewußter Würde eine Treppe hinan, die kein Ende nehmen zu wollen ſchien. Als ſie in der Gegend des drit⸗ ten Stockes angelangt war, hielt ſie inne, um Athem zu ſchöpfen und uns entſchuldigend mitzutheilen, daß das Haus voll ſey— wenn aber der Herr über den Freitag bleibe, werde er auf Nr. 45 kommen, wo er„eine Ausſicht und einen Kamin habe.“ Mein kleines Bäschen entſchlüpfte nun den Armen meines Vaters, eilte die Treppe hinan und winkte uns ihm zu folgen. Wir thaten dies und gelangten an eine Thüre, vor welcher das Kind Halt machte und horchte. Es nahm dann ſeine Schuhe ab und ſchlich ſich auf den Zehen hinein. Wir betraten nach ihr das Zimmer. Bei dem Lichte einer einzigen Kerze bemerkten wir das Geſicht meines armen Onkels: es war vom Fieber gers⸗ thet, und die Augen hatten jenen glänzenden, ſtarren Aus⸗ druck, der ſo ſchrecklich anzuſehen iſt.— Einen weniger er⸗ ſchütternden Eindruck macht ein abgezehrter Körper und ein Antlitz, auf welchem ſich das ſchwere Ringen um das Leben ſcharf abprägt, als der Ausdruck eines Geſichtes, in welchem ſich die Abweſenheit des Geiſtes kund gibt— eines Auges, das Niemand mehr zu erkennen vermag. Ein ſolcher An⸗ blick wirkt im hohen Grade erſchreckend auf den unbewußten 350 gewohnten Maierialismus, mit welchem wir die Gegenſtände unſerer Liebe zu betrachten pflegen; denn wenn wir den Geiſt, das Herz und die Aeußerungen der Zuneigung ver⸗ miſſen, welche der unſrigen entgegenkam, ſo gewahren wir mit einemmal, daß es ein Etwas innerhalb der Form, nicht die Form ſelbſt ſey, was uns ſo theuer war. Letztere iſt vielleicht an ſich nur wenig verändert; aber die Lippe, die kein Willkommen lächelt, das Auge, welches über uns wie über Fremde hingleitet, das Ohr, das unſere Stimmen nicht mehr unterſcheidet— alles dies zeigt uns an, der Freund, den wir ſuchten, ſey nicht zugegen. Und ſogar unſere Liebe weicht erkältet zurück und wird zu einer Art un⸗ beſtimmten, abergläubiſchen Schreckens. Ja, nicht die noch immer vor uns liegende Materie flößte uns alle jene zarten, namenloſen Gefühle ein, die unter dem Begriff„Liebe“ zuſammenfallen, ſondern jenes luftige, ungreifbare, eler⸗ triſche Etwas, deſſen Abweſenheit uns jetzt mit Entſetzen erfüllt. Ich blieb ſprachlos ſtehen; mein Vater ſchlich an das Bett und ergriff die Hand, die ſeinen Druck nicht erwie⸗ derte. Nur das Kind ſchien unſere Erregung nicht zu thei⸗ len, ſondern klammerte ſich an das Lager des Kranken au, legte die Wange auf die Bruſt des Vaters und war ſtille. „Piſiſtratus,“ flüſterte endlich mein Vater, und ich näherte mich ihm, meinen Athem unterdrückend, auf den Zehen—„Piſiſtratus, wenn nur Deine Mutter hier wäre!“ Ich nickte; der nämliche Gedanke war uns beiden zu gleicher Zeit gekommen. Seine tiefe Weisheit ſowohl, als * 351 meine rührige Jugend, beide fühlten in dieſem Moment ihre Nichtigkeit; ſie waren hilflos in dem Krankenzimmer, dem es an der liebreichen Sorgfalt des Weibes gebrach. Ich ſchlich mich aus dem Gemach, ſtieg die Treppen hinunter und blieb mit einer Art betäubten Staunens im Freien ſtehen. Erſt die Fußtritte der Vorübergehenden, das Rollen der Wagenräder und der Lärm Londons brachten mich wieder zur Beſinnung. Dieſe Anſteckung des praktiſchen Le⸗ bens, welche das Herz zum Schlummern bringt und das Gehirn ſpornt— welch' ein geiſtiges Geheimniß liegt nicht in ſeiner alltäglichen Atmoſphäre! Im nächſten Moment hatte ich gleichſam wie aus Inſpiration in der langen Reihe jener Diener unſerer Trivia das am leichteſten gebaute Ca⸗ briolet mit dem ſtärkſten Pferde ausgeleſen und befand mich auf dem Wege— nicht nach dem Hauſe meiner Mutter, ſondern nach dem des Doktors M— H— in Mancheſter Square, den ich als den Hausarzt der Trevanione kannte. Zum Glück traf ich dieſen ebenſo wohlwollenden als tüchtigen Arzt zu Hauſe, und er verſprach mir, ſich bei dem Leidenden einzufinden, noch eh' ich ſelbſt zurückgekehrt ſein würde. Dann fuhr ich nach Ruſſel Street und brachte meiner Mutter ſo behutſam, als es mir möglich war, die Kunde bei, die ich ihr mitzutheilen hatte. Als wir in dem Lamm anlangten, trafen wir bereits den Doktor, der ſein Recept aufſchrieb und die erforderlichen Weiſungen ertheilte. Das ſchnelle Handeln, auf welchem der Arzt beſtand, verkündigte die Gefahr. Ich eilte fort, um den Chirurgen zu holen, der ſchon früher herbeigernfen worden war. Glücklich ſind diejenigen welche nichts wiſſen von jener nicht beſchreiblichen ſtummen Regſamkeit, die bis⸗ weilen ein Krankenzimmer darbietet— nichts von jenem Kampf zwiſchen Leben und Tod, wo der ganze bewußtloſe Körper ohne Widerſtand hingegeben iſt dem Angriff ſeines ſchrecklichen Feindes— von dem dunkeln entſtrömenden Blute — von der Hand auf dem Puls und der ſtummen Span⸗ nung, womit jeder Blick an den Furchen auf der Stirne des Arztes haftet— von den Senfteigen auf die Fußſohlen, von den Eisumſchlägen auf den Kopf und von der unzuſammen⸗ hängenden Stimme des Leidenden, die ſich hin und wieder durch die allgemeine Stille oder das leiſe Flüſtern verneh⸗ men läßt, vielleicht von grünen Gefilden und Zauberländern faſelnd, während den Umſtehenden das Herz brechen möchte! Dann endlich der Schlaf— in dieſem Schlaf vielleicht die Kriſis— das athemloſe Beobachten, das langſame Er⸗ wachen, die erſten vernünftigen Worte— das alte Lä⸗ cheln wieder, nur matter— die entſtrömenden Thränen und vas halberſtickte—„Gott ſey Dank! Gott ſey Dank!“ Male dir dieſes Alles ſelbſt aus, lieber Leſer, es iſt vorüber. Roland hat geſprochen— ſeine Beſinnung iſt zurückgekehrt— meine Mutter beugt ſich über ihn nieder— die kleinen Hände ſeines Kindes ſind um ſeinen Nacken ge⸗ ſchlungen— der Wundarzt, welcher während der letzten ſechs Stunden nicht aus dem Zimmer gekommen iſt, hat ſeinen Hut aufgenommen, mit frohem Lächeln uns ein Lebewohl zuwinkend— und mein Vater lehnt an der Wand⸗ ſein Antlitz mit den Händen bedeckt. 353 Zweites Kapitel. Alles dies war— um mich einer abgedroſchenen Phraſe zu bedienen, da es keine ausdrucksvollere gibt— ſo plötzlich an uns vorübergegangen, wie ein Traum. Ich fühlte ein unbedingtes, gebieteriſches Bedürfniß nach Einſamkeit und freier Luft. Der Strom der Dankbarkeit erſtickte mich faſt — das Zimmer ſchien mir zu enge zu ſein für die Ueberfülle meines Herzens. In der Jugend finden wir, wenn wir un⸗ ſere Gefühle nicht beherrſchen können, es ſchwer, ihnen in der Gegenwart Anderer Luft zu machen. Wenn uns auf der Lenz⸗ ſeite der Zwanzig etwas ergreift, ſtürzen wir fort, um uns in unſerem Zimmer einzuſchließen, oder durch Straßen und Felder zu ſtreifen; in unſeren frühen Jahren ſind wir noch die Wilden der Natur, und wir folgen dem Beiſpiel des armen unvernünftigen Thiers— der verwundete Hirſch ver⸗ läßt die Herde, und wenn einem Hund etwas auf dem treuen Herzen liegt, verkriecht er ſich in eine Ecke. In gleicher Weiſe ſchlich ich mich aus dem Hotel und wanderte durch die völlig verlaſſenen Straßen. Es war um die erſte Stunde des grauenden Morgens— die unbehag⸗ lichſte Stunde des Tages, namentlich in London! Aber ich fühlte in der rauhen Luft nur die Friſche, und das öde Schweigen wirkte beſchwichtigend auf mich. Die Liebe, welche mir mein Onkel eingeflößt hatte, war von ganz eigen⸗ thümlicher Beſchaffenheit— nicht jene ruhige Zuneigung, mit welcher ſich Perſonen, die im Leben vorgerückt ſind, ge⸗ wöhnlich begnügen müſſen, ſondern mit dem lebhafteren In⸗ 23 Bulwer, die Cartone. 354 tereſſe verbunden, welches die Ingend zu wecken pflegt. Es lag in ihm ſo viel Glut und Feuer, in ſeinen Verirrungen und Grillen ſo viel von der Selbſttäuſchung des Jünglings, daß man ſich ihn nicht anders, denn als jung vorſtellen konnte. Die donquirotiſch übertriebenen Anſichten von Ehre, die Romantit ſeiner Gefühle, welche weder durch Drangſal⸗ noch Kummer, weder durch Sorge, noch durch getäuſchte Er⸗ wartungen hatten verwiſcht werden können, ſchienen ihm— namentlich in einem Zeitalter, in welchem ſich junge Män⸗ ner bereits im zweiundzwanzigſten für blaſirt erklären— allen Zauber der Knabenzeit gelaſſen zu haben. Eine ein⸗ zige Saiſon in London hatte mich mehr zum Weltmann und in meinem Herzen älter gemacht, als er war. Dann der Gram, der zwar ſtumm, aber doch mit ſolcher Bitterkeit an ſeinem Innern zehrte! Nein— Kapitän Roland war einer von jenen Menſchen, welche die Gedanken feſſeln und mit dem eigenen Leben ſich verſchmelzen. Der Gedanke, daß er ſterben könnte— ſterben mit der Laſt auf ſeinem uner⸗ leichterten Herzen— es war ein Gedanke, der eine Feder aus dem Triebwert der Natur, einen Haupttreffer aus den — Zielpunkten des Lebens— meines Lebens wenigſtens— zu reißen ſchien. Denn ich hatte es mir zu einer Aufgabe mei⸗ nes Daſeins gemacht, den Sohn zum Vater zurückzubringen und jener abwärts gekrümmten ehernen Lippe ihr Lächeln wieder zu geben, das einſt ſo heiter geweſen ſein mußte. Ro⸗„ land war zwar jetzt außer Gefahr, aber doch zitterte ich, wie Einer, der dem Schiffbruch entging, vor dem Rückblicke; die Stimme der ſchlinggierigen Tiefe dröhnte noch immer in v meinen Ohren. Während ich in meine Träumereien ver⸗ ſenkt war, blieb ich mechaniſch ſtehen, um auf das Schla⸗ gen einer Thurmuhr zu hören. Es war die vierte Stunde. Als ich umherſchaute, bemerkte ich, daß ich das Herz der City hinter mir hatte und mich in einer der Straßen befand, die von dem Strand abführen. Unmittelbar vor mir auf den Thürtreppen eines großen Ladens, deſ ſſen geſchloſſene Läden ein ſo hartnäckiges Schweigen kund gaben, als ſeien ſie in einer Straße Pompejis durch die Geheimniſſe von ſieben⸗ zehn Jahrhunderten gehütet worden, lag eine Geſtalt im tiefen Schlafe Der Arm war auf den harten Stein ge⸗ ſtützt und diente dem Kopf zur Unterlage, während die Glie⸗ der ſich unbehaglich über die Treppe hin ausbreiteten. Der Anzug des Schlafenden war beſchmutzt und zerlumpt, zeigte aber doch die Ueberreſte einer gewiſſen Eleganz. Ein Anflug von verblichener, ſchäbiger, dern höchſten Mangel Preis ge⸗ gebener Gentilität macht die Armuth nur um ſo peinlicher, weil er anzudeuten daß es an der fehlte, ge⸗ gen ſie anzukämpfen. Das Geſt cht des Obdachloſen war eingefallen und bleich, hatte aber ſogar im Schlaf einen harten und trotzigen Ausdruck. Ich trat näher und näher. Das Geſicht, die regelmäſigen Züge, das Rabenhaar und— die eigenthümliche Anmuth des Bau's war mir bekannt; ich hatte den Jüngling vor mir, welchen ich in dem Stra⸗ ſenwirthshaus getroffen und der mich mit dem Savoyarden und ſeinen Mäuſen allein auf dem Kirchhof zurückgelaſſen hatte. Ich blieb hinter dem Schatten einer Säule des Por⸗ tals und lehnte mich an das Geländer, unſchlüſſig mit mir 23* 356 zu Rathe gehend, ob mich die kurze Bekanntſchaft wohl be⸗ rechtige, den Schläfer zu wecken, als ein Polizeidiener, der plötzlich aus einer Seitenſtraße auftauchte, mit der Ent⸗ ſchiedenheit ſeines Berufs meinen Erwägungen ein Ende machte. Er faßte den Arm des jungen Mannes, ſchüttelte ihn rauh, und rief: „Ihr dürft hier nicht liegen bleiben! Steht auf und. geht nach Hauſe!“ Der Schläfer erwachte mit einem raſchen Auffahren, rieb ſich die Augen aus, ſchaute umher und heftete dann ſeinen Blick ſo ſtolz auf den Polizeidiener, daß dieſer erfah⸗ rene Würdenträger wahrſcheinlich glanbte, der junge Mann habe nicht aus purer Nothwendigkeit ein ſo unpaſſendes La⸗ ger gewählt, und mit der Miene größerer Achtung fortfuhr: „Ihr habt wohl zu tief ins Glas geguckt, junger Mann— könnt Ihr Euch nach Hauſe finden?“ „Ja,“ verſetzte der Jüngling, ſich wieder zurücklehnend. „Ihr ſeht, ich habe mich ſchon zurecht gefunden!“ „Bei Freund Hain!“ murmelte der Polizeidiener,„ich glaube gar, er will wieder einſchlafen. Kommt, kommt! Vorwärts, oder ich muß Euch abführen.“ Mein alter Bekannter wandte ſich um. „Polizeidiener,“ ſagte er mit einem ſeltſamen Lächeln, „was meint Ihr, wie viel dieſes Quartier werth ſey?— ich will nicht ſagen für die Nacht, denn Ihr ſeht, ſie iſt vorüber, aber für die nächſten zwei Stunden? Das Obdach erinnert zwar an die Urzeit, aber es ſagt mir zu; ich dächte, 357 ein Schilling wäre doch ein hübſcher Preis dafür. Seyd Ihr nicht auch der Anſicht?“ „Ah, Ihr liebt einen Spaß, Sir,“ verſetzte der Polizei⸗ diener, und ſeine Stirne wurde glatter, während er zugleich mechaniſch ſeine Hand öffnete. „Ein Schilling alſo— es gilt! Ich miethe Euch das Quartier auf Borg ab. Gute Nacht und weckt mich um ſechs Uhr.“ So ſprechend machte ſichs der junge Menſch mit ſolcher Entſchloſſenheit auf den Steinen beguem und das Geſicht des Polizeidieners legte eine ſolche Verwirrung an den Tag, daß ich in ein lautes Lachen ausbrach und aus meinem Ver⸗ ſtecke hervorkam. Der Polizeidiener ſah mich an. „Kennt Ihr dieſen— dieſen—“ „Dieſen Gentleman?“ verſetzte ich gravitätiſch.„Ja; Ihr könnt ihn mir überlaſſen.“ Uund mit dieſen Worten ließ ich dem Polizeidiener den bedungenen Preis für das Quartier in die Hand gleiten. Er betrachtete zuerſt den Schilling, dann mich, ſchaute die Straße auf⸗ und abwärts, ſchüttelte den Kopf und ging von dannen. Ich näherte mich nun dem Jüngling, berührte ihn und ſagte: „Könnt Ihr Euch meiner erinnern? Was habt Ihr mit Mr. Peacock angefangen?“ Fremder(nach einer Pauſe).— Ich erinnere mich Eurer. Ihr heißt Carton. 358 Piſiſtratus.— Und Ihr? Fremder.— Armer Teufel, wenn meine Taſchen die Antwort geben ſollen, und die Taſchen ſind ja doch die Sym⸗ bole des Menſchen— Trotz dem Teufel, wenn Ihr mein Herz fragt.(Er muſterte mich vom Kopfbiszum Fuße.) Die Welt ſcheint Euch gelächelt zu haben, Mr. Caxton! Schämt Ihr Euch nicht, mit einem Elenden zu ſprechen, der auf den Steinen liegt? Doch freilich, es ſieht Euch Niemand.“ Piſiſtratus(bedeutungsvoll).— Hätte ich im vori⸗ gen Jahrhundert gelebt, ſo würde ich vielleicht Samuel Johnſon in derſelben Lage gefunden haben. Fremder(aufſtehend).— Ihr habt mir den Schlaf verderbt; freilich ſeyd Ihr dazu berechtigt, da Ihr mein Ouartier bezahlt habt. Laßt mich einige Schritte mit Euch gehen; Ihr braucht nichts zu fürchten— ich bin kein Ta⸗ ſchendieb. So weit iſt's noch nicht gekommen. Piſiſtratus.— Ihr ſagt, die Welt habe mir ge⸗ lächelt; ich fürchte, Euch hat ſie gezürnt. Ich will Euch nicht Muth zuſprechen, da Ihr deſſen hinreichend zu beſitzen ſcheint, möchte Euch aber auf die Geduld verweiſen, welche die ſeltenere von dieſen beiden Eigenſchaften iſt. Fremder. Hm!(Wieder mich ſcharfanſehend). — Wie kömmt es, daß Ihr anhaltet, um mit mir zu ſpre⸗ chen— mit einem Menſchen, von dem Ihr nichts wißt, oder Schlimmeres als nichts? Piſiſtratus.— Weil ich oft an Euch gedacht habe; weil ich Intereſſe für Euch fühle; weil ich— verzeiht mir — — M — — Guch helfen möchte— wenn ich kann; das heißt— wenn ihr der Hilfe bedürftig ſeyd. Fremder— Ob ich bedürftig bin!— Ich bin ein einziges Bedürfniß! Ich bedarf des Schlafes— ich bedarf der Nahrung— ich bedarf der Geduld, die Ihr empfehlt — der Geduld, um zu verhungern und zu vermodern. Ich bin zu Fuß von Paris bis Boulogne gereist mit zwölf Svus in der Taſche. Von dieſen zwölf Sous erſparte ich vier, ging mit ihnen zu Bonlogne in ein Billardzimmer und ge⸗ wann damit eine gerade zureichende Summe, um meine Ueberfahrt nach England zu bezahlen und drei Semmeln zu kaufen. Ihr ſeht, ich brauche nur einen Grundſtock, um mir ein Vermögen zu erwerben. Wenn ich mit vier Sous in einer Nacht zehn Franken gewinnen kann, was könnte ich nicht mit einem Capital von vier Svouverains im Laufe des Jahres gewinnen?— Dies iſt eine Anwendung der Regel de Tri, mit welcher ich ſchnell im Reinen ſeyn würde, wenn mich nicht eben der Kopf ſo ſehr ſchmerzte. Dieſe drei Sem⸗ meln ernährten mich drei Tage und die letzte Kruſte mußte mir geſtern Abend als Nachteſſen dienen. Nehmt Euch da⸗ her in Acht, wenn Ihr mir Geld anbieten wollt, denn dies iſt es doch, was die Menſchen gemeiniglich unter Hülfe ver⸗ ſtehen. Ihr ſeht, ich habe keine andere Wahl, als es anzu⸗ nehmen, ſage Euch aber zum Voraus, daß Ihr von mir feine Dankbarkeit erwarten dürft!— Dieſes Gefühl hat keinen Boden in meinem Innern. Piſiſtratus.— Ihr ſeyd nicht ſo ſchlimm, als Ihr Euch ſelbſt malt, und wenn ich kann, möchte ich wohl etwas 360 mehr für Euch thun, als Euch das Wenige borgen, über das ich zu verfügen habe. Wollt Ihr offen gegen mich ſeyn? Fremder.— Das hängt— nun, ich dächte, ich ſey bisher offen genug geweſen. Piſiſtratus.— Ihr habt Recht, und ich fahre des⸗ halb ohne Bedenken fort. Ich will weder Euren Namen, noch Eure Lage kennen, wenn Euch ein ſolches Vertrauen ſchwer fällt; aber ſagt mir, ob ihr keine Verwandte habt, an die Ihr Euch wenden könnt. Ihr ſchüttelt den Kopf. Wohlan denn, ſeyd Ihr geneigt, für Euren Unterhalt zu arbeiten, oder— verzeiht mir— iſt es nur die Billard⸗ tafel, auf welcher Ihr den Verſuch machen könnt, vier Sous in zehn Franken umzuwandeln? Fremder(nachſinnend).— Ich verſtehe Euch. Bis jetzt habe ich noch nie gearbeitet, denn die Arbeit iſt mir ein Abſcheu. Indeſſen habe ich nichts dagegen, einen Verſuch zu machen, wenn es in mir liegt. Piſiſtratus.— Es liegt wohl in Euch. Ein Mann, der mit zwölf Sous in der Taſche von Paris nach Boulogne wandern und noch vier davon für einen Zweck erſparen kann — der im Stande iſt, im ruhigen Vertrauen auf ſeine Ge⸗ ſchicklichkeit dieſe vier Sous ſogar an ein Billard zu ſetzen — der ſich von drei Semmeln drei Tage lang nährt und am vierten von dem Straßenpflaſter einer Hauptſtadt mit einem Auge und einem Geiſte, ſo ſtolz, wie die Eurigen, zu erwachen vermag, hat alle Erforderniſſe in ſich, das Glück zu zwingen. Fremder.— Arbeitet Ihr? Ihr? 361 Piſiſtratus.— Ja— und zwar angeſtrengt. Fremder.— So bin ich gleichfalls bereit zu arbeiten. Piſiſtratus.— Gut. Aber was fönnt Ihr leiſten? Fremder(mit ſeinem ſeltſamen Lächeln).— O,ich verſtehe mich auf viele nützliche Dinge. Ich kann mit einer Kugel die Schneide eines 3 dermeſſers treffen, kenne die ge⸗ heime Terz des Fechtmeiſters Coulon, ſpreche außer dem Engliſchen zwei Sprachen wie ein Eingeborner, ſelbſt bis auf ihr Patvis herunter, kenne jedes Kartenſpiel, kann mich brauchen laſſen in der Komödie, Tragödie und Poſſe, trinke mit Bacchus ſelbſt in die Wette und verſtehe mich darauf, jedes Frauenzimmer in mich verliebt zu machen, das heißt, jedes Frauenzimmer, das vornweg nichts taugt. Kann ich mir mit all dieſem einen hübſchen Unterhalt erwerben, da⸗ bei Glacchandſchuhe tragen und ein Cabriolet halten? Ihr ſeht, meine Wünſche ſind beſcheiden! Piſiſtratus.— Ihr ſagt, daß Ihr zwei Sprachen redet, wie ein Eingeborner— vermuthlich iſt eine davon die franzöſiſche? Fremder.— Ja. Piſiſtratus.— Wollt Ihr Unterricht darin er⸗ theilen? Fremder(ſtlz).— Nein. Je suis gentilhomme, was mehr oder weniger bedeutet als Gentleman. Gentilhomme bezeichnet einen wohlgeborenen, einen freigeborenen Mann. Lehrer ſind Sklaven! Piſiſtratus(der unwillkürlich Mr. Trevanion nach⸗ ahmte).— Unſinn! 362 Fremder(macht anfänglich eine beleidigte Miene, lacht aber ſpdann)— Ihr habt Recht; Stelzen paſſen nicht zu Schuhen, wie die meinigen ſind; aber ich kann nicht Unter⸗ richt ertheilen. Möge der Himmel denen gnädig ſeyn, welche ich unterrichten müßte!— Nichts Anderes? Pifiſtratus.— Nichts Lenderes!— Ihr laßt mir eine weite Grenze. Ihr verſteht alſo Franzöſiſch aus dem Grunde und ſchreibt es ebenſo gut, als Ihr's ſprecht? Das iſt viel. Bezeichnet mir einen Ort, wo ich Euch finden kann. Oder wollt Ihr zu mir kommen? Fremder.— Nein! In der Dämmerung kann ich jeden Abend mit Euch zuſammentreffen. Ich habe keine Adreſſe anzugeben und kann dieſe Lumpen nicht an eines Anderen Thüre zeigen. Piſiſtratus.— Alſo am nächſten Donnerſtag Abends neun Uhr hier in dem Strand. Vielleicht habe ich bis dahin etwas aufgefunden, was Euch zuſagen wird. In⸗ zwiſchen(er läßt ſeine Börſe in die Hand des Fremden gleiten. NßB.— Die Börſe iſt nicht ſehr ſchwer). Fremder ſteckt mit der Miene eines Mannes, der eine Gunſt erweist, den Beutel zu ſich. In der Abweſen⸗ heit aller Erregung über eine ſo zufällige Rettung vom Hungertod liegt etwas ſo Auffallendes, daß Piſiſtratus ausruft:— „Ich weiß nicht, warum ich dieſe Vorkiebe zu Euch ge⸗ faßt habe, Mr. Trotz dem Teufel, wenn dies anders der Name iſt, der Euch am beſten gefällt. Das Holz, aus dem Ihr gebaut ſeyd, ſcheint gegen den Strich zu laufen und — — — b. M ½. 363 voll Knoten zu ſeyn; aber doch könnte es in Händen eines geſchickten Schnitzers ſehr werthvoll werden.“ Fremder(betroffen). Meint Ihr? meint Ihr? Nie⸗ mand hat, glaube ich, je zuvor rdieſem Gedanken Raum ge⸗ geben. Aber aus dem Holze, das zu einem Galgen ver⸗ wendet wird, ließ e ſich vielleicht auch der Maſt eines Kriegs⸗ ſchiffs zimmern. Ich will Euch übrigens ſagen, warum Ihr dieſe Vorliebe zu mir gefaßt habt: der Starke ſympathiſirt mit dem Starken. Auch Ihr könnt das Glück zwingen. Piſiſtratus.— Halt, wenn dem ſo wäre— wenn eine geiſtige Verwandtſchaft zwiſchen uns ſtattfände, ſo ſollte die Zuneigung wechſelſeitig ſeyn. Sprecht dies aus, denn die Hälfte meiner Ausſicht, Euch Hilfe zu bringen, beſteht darin, daß es mir gelingt, Euer Herz zu rühren⸗ Fremder(augenſcheinlich in milderer Stimmung). — Wenn ich ein ſo großer Schurke wäre, als ich ſeyn könnte, ſo würde mir die Antwort leicht genug werden. Wie aber die Sachen ſtehen, will ich noch damit zögern. Lebt wohl. — Am Donnerſtag. Der Fremde verſchwindet in dem Labyrinth von Gäßchen um Leiceſter Square. Drittes Kapitel. Als ich nach dem Lamm zurückkam, fand ich meinen Onkel in einem ſanften S Schlaf. Der Wundarzt machte am Abend einen Beſuch, und da er uns die Verſicherung gab, das Fieber nehme ſchnell ab, und wir hätten keinen weiteren 364 Grund zur Beſorgniß, ſo hielt ich es für nöthig, nach Tre⸗ vanions Hauſe zurückzugehen und über die Urſache meiner Abweſenheit über Nacht Auskunft zu geben. Die Familie war jedoch noch nicht vom Lande zurückgekehrt. Erſt Nach⸗ mittags kam Mr. Trevanion auf einige Stunden herauf und bezeugte große Theilnahme an der Krankheit meines armen Onkels. Obgleich er, wie gewohnlich, alle Hände voll zu thun hatte, begleitete er mich doch nach dem Lamm, um meinen Vater zu beſuchen und ihn aufzuheitern. Mit Rolands Zuſtande ging es fortwährend beſſer, wie der Wund⸗ arzt ſich ausdrückte, und als wir nach St. James' Square zurückkehrten, war Trevanion ſo rückſichtsvoll, mich für die nächſten Paar Tage des Ruders in ſeiner Galeere zu entheben. Da ich wegen Rolands nicht mehr beſorgt zu ſeyn brauchte, ſo kehrte jetzt mein Geiſt zu meinem neuen Freunde zurück. Ich hatte den jungen Mann nicht ohne Grund über ſeine Kenntniß des Franzöſiſchen ausgefragt. Trevanion führte eine ausgedehnte Correſpondenz mit dem Auslande, für welche er ſich dieſer Sprache bediente, und ich konnte ihm darin nur wenig Aushlfe leiſten. Er ſelbſt ſprach und ſchrieb zwar ein geläufiges und grammatiſch richtiges Franzöſiſch, kannte aber doch dieſe feinſte und diplomatiſchſte aller Sprachen nicht ſo genau, daß ſich ſein klaſſiſcher Puris⸗ mus hätte zufrieden geben können; denn er war ein ſchreck⸗ licher Wortwäger. Sein Geſchmack war die Plage meines Lebens und ſeines eigenen. Seine vorbereiteten Reden ober vielmehr Perorationen konnten mit den feinſten Proben kalter Diction, die unter dem Marmorportikus der * — N S F— N * — M W 365 Stviker erſonnen wurden, verglichen werden— ſie waren ſo gefeilt und gedrechſelt, ſo geziert und zahm gehalten, daß nie ein Satz darin aufkam, welcher das Herz hätte erwärmen oder das Ohr beleidigen können. Vor gemeinen Ausdrücken hatte er, wie Canning, einen ſo großen Abſcheu, daß er ſich, um das Wort Katze zu vermeiden, einer Umſchreibung von einigen Zeilen bedient haben würde. Nur in ſeinen Reden aus dem Stegreife konnte hin und wieder ein Strahl ſeines Genius unbeſonnener Weiſe ſich verrathen. Denke man ſich, welche Mühe ein ſo überfeiner Geſchmack einem Mann auflegen mußte, wenn er in einer fremden Sprache an hochgeſtellte Staatsmänner oder an irgend ein gelehrtes Inſtitut ſchrieb, da er dieſe Sprache gerade gut genug Lerſtand, um zu erkennen, daß es ihm unmöglich ſey, die zierliche Ausdrucksweiſe derſelben zu erreichen. Denn Tre⸗ vanion war eben jetzt mit einem ſtatiſtiſchen Dokument be⸗ ſchäftigt, welches einer Geſellſchaft in Kopenhagen, deren Ehrenmitglied er war, mitgetheilt werden ſollte. Dieſes Aktenſtück hatte ſchon ſeit drei Wochen das ganze Haus ge⸗ quält, namentlich die arme Fanny, deren Franzöſiſch als das Beſte uns Allen zur Verfügung ſtand. Trevanion aber hielt ihre Ausdrucksweiſe für zu geziert, zu weibiſch, zu ſehr nach dem Boudoir riechend. Dies gab mir alſo eine Gelegen⸗ heit, meinen neuen Freund einzuführen und die Fähigkeiten, welche ich ihm zutraute, auf die Probe zu ſtellen. Nicht ohne einiges Bangen brachte ich daher die„Bemerkungen über die Mineralſchätze Großbritanniens und Irlands“(denn dies war der Titel des Werks, welches die Gelehrten Däne⸗ marks belehreh ſollte) zur Sprache, und durch gewiſſe ſinn⸗ reiche Umſchweife, die allen gewandten Bittſtellern bekannt ſind, gelang es mir, meiner Bekannt ſchaft mit einem jungen Gentleman zu erwähnen, der ein vorzüglicher Kenner der franzöſiſchen Sprache ſey und des halb bei Reviſion des Ma⸗ nuſeripts von gutem Nutzen ſeyn dürfte. Ich kannte Tre⸗ vanion gut genug, um mir ſelbſt ſagen zu müſſen, daß ich die Umſtände nicht berühren dürfe, unter denen ich den jungen Mann kennen gelernt hatte; denn mein Principal war ein zu praktiſcher Mann, als daß ihn nicht ſchon der Ge⸗ danke in den Tod erſchreckt hätte, ſeine klaſſiſche Leiſtung einem ſo gemeinen Bruder Lüderlich anzuvertrauen. Da jedoch ſein Geiſt in dieſem Augenblick von tauſend andern Dingen erfüllt war, ſo griff er begierig meinen Wink auf und übergab mir, ohne mich viel über den Gegenſtand aus⸗ zufragen, ehe er London verließ, das Manuſpript. „Mein Freund iſt arm,“ bemerkte ich ſchüchtern⸗ „O, was dies betrifft,“ rief Trevanion haſtig,„wenn ſich's um ein Werk der Wohlthätigkeit handelt, ſo ſteht Euch meine Börſe zur Verfügung, aber ihm nicht mein Manuſeript. Bei Geſchäftsſachen iſt es etwas ganz Anderes, und ich muß zuvor aus ſeiner Arbeit beurtheilen, was ſie werth iſt— r nichts!“ So hart war dieſer vortreffliche Mann bei mn ſeinen ten „Es iſt in der That eine Geſchäftsſache,“ verſetzte ich⸗ „und als ſolche wollen wir ſie betrachten.“ In dieſem Falle,“ entgegnete Trevanion, indem er die „ Verhaudlung zum Abſchluß brachte und ſeine Taſchen zu⸗ fnöpfte,„wenn mir ſeine Arbeit nicht gefällt, nichts; ſagt ſie mir zu— zwanzig Guineen. Wo ſind die Abend⸗ zeitungen?“ In dem nächſten Ang Mitglied den Statiſten vers gen Bemerkungen über den Glo be oder die Sun⸗ Am Donnerſtag hatte ſich mein Onkel ſo weit wieder erholt, daß er nach meiem Hauſe gebracht werden konnte, und am nämlichen Abend trat ich meinen Gang an, um der Beſtellung gemäß mit dem Freiden zuſammenzutreffen. Die Glocke ſchlug Neun, als er ſich einſtellte, und die Palme der Pünktlichkeit konnte unter uns getheilt werden. Er hatte die Friſt ſeit unſerer letzten Begegnung dazu benützt⸗ vie augenfälligeren Mängel in ſeiner Garderobe auszu⸗ beſſern, und obgleich ſich in ſeinem Aeußern noch immer etwas Wildes, Lüderliches und Ausländiſches kundgab, lag doch in der Schwungkraft ſeines Auftretens und in der entſchloſſenen Zuverſichtlichkeit ſeiner Haltung dasjenige, was die Natur ihrer eigenen Ariſtokratie verleiht; denn ſo weit meine Be⸗ obachtungen reichen, iſt der ſogenannte„grand air“, welcher ſich ſo ſehr von dem feinen Weſen over der höflichen Anmuth vornehmer Bildung unterſcheidet, ſiets begleitet oder vielleicht die Folge von zwei Eigenſchaften— dem Muthe und dem Verlangen, zu gebieten. Man ſieht ihn weit hänfiger bei Halbwilden, als bei ganz eiviliſirten Naturen. Der Araber beſitzt ihn, wie der amerikaniſche Indiauer, und ich vermuthe, daß er unter den Rittern und Baronen des Mittelalters ablick hatte das Parlaments⸗ en und machte ſeine mißfälli⸗ weit häufiger war, als unter den feinen Gentlemen der modernen Salone. Wir ſchüttelten uns die Hände und gingen eine Meile ſchweigend mit einander. Endlich begann der Fremde folgendermaßen: „Ich fürchte, Ihr habt es ſchwerer gefunden, als Ihr's Euch dachtet, den leeren Sack zum Stehen zu bringen, Wenigſtens der dritte Theil von denjenigen, welche zur Ar⸗ beit geboren ſind, kann keine finden— warum ſollte es bei mir der Fall ſeyn?“ Piſiſtratus.— Ich bin hartherzig genug, zu glauben⸗ daß es denen nie an Arbeit gebricht, welche ſie in gutem Ernſte ſuchen. Man erzählt ſich von einem Manne, der wegen des ſtrengen Haltens an ſeinem Worte berühmt war, „wenn er Jemand eine Eichel verſprochen hätte und auf allen Eichen in England keine zu finden geweſen wäre, ſo würde er nach Norwegen danach geſchickt haben.“ Wäre es mir um Arbeit zu thun und in der alten Welt keine zu haben, ſo würde ich meinen Weg nach der neuen finden. Um übrigens zur Sache zu kommen— ich habe wirklich etwas für Euch aufgetrieben, wogegen Euer Geſchmack nichts ein⸗ zuwenden haben wird und das Euch vielleicht zu einer ehrenhaften Unabhängigkeit Bahn bricht. Ich kann mich jedoch nicht gut in der Straße weiter darüber erklären; wohin wollen wir gehen?“ Fremder(nach einigem Zaudern).— Ich habe eine Wohnung hier in der Nähe und brauche nicht zu erröthen —— 369 Euch dahin zu bringen; das heißt, ich führe Euch nicht unter Spitzbuben und Auswürflinge. Piſiſtratus(nimmt ſehr erfreut den Arm des Frem⸗ den).— So kommt denn. Piſiſtratus und der Fremde gehen über die Waterlvo⸗ brücke und machen vor einem kleinen anſtändig ausſehenden Hauſe Halt. Der Fremde öffnet mit einem Hausſchlüſſel, geht nach dem dritten Stocke voran, ſchlägt ein Licht und macht in einem kleinen aber reinlichen und geordneten Zimmer die Honneurs. Piſiſtratus geht unverweilt auf die zu fer⸗ tigende Arbeit über und zieht das Manuſcript hervor. Der Fremde rückt bedächtig ſeinen Stuhl gegen das Licht und läßt ſeine Blicke raſch über die Seiten gleiten. Piſiſtratus zittert, als er ihn vor einer langen Reihe von Zahlen und Berechnungen inne halten ſieht. Allerdings ſieht die Sache nicht einladend aus; aber, puh! es iſt kaum ein Theil der Aufgabe, die ſich blos auf Verbeſſerung des Ausdrucks beſchränkt. Fremder(kurz).— Hier muß ein Fehler ſeyn. Halt! ich ſehe— er blättert um einige Seiten zurück und ver⸗ beſſert mit ſchnellfertiger Sicherheit einen Irrthum in einer etwas verwickelten und duhtkeln Berechnung. Piſiſtratus(überraſcht).— Ihr ſcheint ein tüchtiger Arithmetiker zu ſeyn. Fremder.— Habe ich Euch nicht geſagt, ich ſei ge⸗ wandt in allen Spielen, die Geſchicklichkeit und Glückfordern? Dazu gehört ein berechnender Kopf; in einem Kartenſpieler des erſten Ranges iſt ein Finanzmann verloren. Ich bin Bulwer, die Cartone 24 überzeugt, Ihr werdet nie einen glücklichen Mann auf der Wettbahn oder am Spieltiſch ſehen, der nicht einen ausge⸗ zeichneten Sinn hat für Jahlen. Nun, dieſes Franzöſiſch iſt augenſcheinlich gut genug— nur hie und da ein Ausdruck, der, genau genommen, mehr engliſch als franzöſiſch klingt. Aber das Ganze iſt eine Arbeit, die kaum eine Bezahlung verdient. Piſiſtratus.— Das Erſtlingsgeſchäft bringt einen Preis ein, der nicht nach der Quantität, ſondern nach der Qualität bemeſſen wird. Wann kann ich es wieder holen? Fremder.— Morgen.(Und er legt das Manuſeript in eine Schublade.) Wir unterhielten uns dann faſt eine Stunde über ver⸗ ſchiedene Dinge, und ich gewann dadurch nur eine um ſo beſſere Meinung von der Fähigkeit dieſes jungen Mannes. Sie war aber ſo ſchief und in ihren Richtungen ſowohl, als in ihren Triebfedern ſo verkehrt, wie die eines franzöſiſchen Romanſchreibers. Er erſchien im hohen Grade den zäheren Theil des räſonnirenden Vermögens zu beſitzen, aber faſt ganz jener ſchalkhaften Ausſchmückerin und jener holden Reinigerin des bloßen Verſtandes, der Einbildungskraft zu entbehren. So ſehr man unseauch anweist, uns vor ihr zu hüten, ſo halte ich ſie doch mit Kapitän Roland ſür das göttlichſte in der Vernunft, das uns am wenigſten irre führt. In der Jugend allerdings leitet ſie uns leicht auf Abwege, die aber in der Regel nicht von ſchmutziger oder herabwürdi⸗ gender Beſchaffenheit ſind. Newton ſagt, eine Endewir⸗ fung der Kometen beſtehe darin, paß ſie durch Verdichtung 371 ihrer Dünſte die Meere und die Planeten recrutiren; ebenſo erweitern die unſtäten Blitze einer geſunden und kernhaften Einbildungskraft unſer Wiſſen und laſſen unſere Lichter glänzender leuchten— ſie reerutiren unſere Meere und unſere Sterne. Solche Blitze konnte man freilich meinem neuen Freund ſo wenig zum Vorwurf machen, als es der ſtrengſte Thatſachenmenſch nur wünſchen mag. Einbildungen hatte er zwar in Fülle, und zwar ſehr ſchlimme, aber von Einbil⸗ dungskraft war kein Funke vorhanden. Sein Geiſt war einer von denen, die in der Logik gefangen leben und nicht über die Stangen ihres Käfigs hinausſehen können oder wollen. Eine ſolche Natur iſt ebenſo entſchieden, als ſkeptiſch. Der junge Mann hatte es für paſſend gehalten, mit einem Mal über die zahlloſen Verwicklungen der ſocialen Welt nach ſeinen herben Erfahrungen abzuſprechen. Für ihn war das ganze Syſtem ein Krieg und ein Betrug. Wäre das Weltall ausſchließlich aus Schurken zuſammengeſetzt geweſen, ſo würde er ſicherlich ſich eine Bahn gebrochen haben. Wenn ſich nun mit einem ſo gewaltigen Geiſt, der ebenſo ver⸗ ſchmitzt, als unliebenswürdig war, ein träges Temperament verbunden hätte, ſo wäre mit ihm nicht ſo übel zu fahren geweſen; aber er drohte ſchrecklich und gefährlich zu werden in einem Menſchen, der bei Ermanglung aller Einbildungs⸗ kraft eine Ueberfülle von Leidenſchaftlichkeit beſaß, wie dies bei denjungen Verſtoßenen der Fall war. In ihm umſchloß die Leidenſchaft viele der ſchlimmſten Regungen, welche gegen das menſchliche Glück ankämpfen. Man durfte ihm nicht widerſprechen, wenn er nicht in ſchnellem Zorn aufbrauſen 24* ſollte, und man konnte nicht von Reichthum reden, ohne daß ſeine Wange von verzehrendem Neid erblaßte. Die auf⸗ fallenden natürlichen Vortheile dieſes armen Jünglings— ſeine Schönheit, ſeine ſchnelle Faſſungskraft, der kühne Geiſt, welcher wie eine Glutatmoſphäre ihn umwehte— hatten das ihm eigenthümliche Selbſtvertrauen zu einer An⸗ maßung geſteigert, welche ſogar ſeine gerechtfertigten An⸗ ſprüche auf Bewunderung in Vorurtheile gegen ihn ver⸗ kehrten. Jähzornig, neidiſch und anmaßend ſind freilich ſchlimme Eigenſchaftsworte, in dem vorliegenden Falle aber noch nicht die ſchlimmſten, denn alle dieſe vorſpringenden Ecken waren mit einem kalten, abſtoßenden Cynismus über⸗ kleidet, und ſeine Leidenſchaften pflegten ſich in einem ſpöt⸗ tiſchen Hohne Luft zu machen. Für das Sittliche ſchien er gar keinen Sinn zu haben und ebenſo wenig, oder doch faſt ebenſo wenig für ein wahres Ehrgefühl— wirklich eine auffallende Erſcheinung bei einer ſo ſtolzen Natur! Dagegen beſaß er in einem krankhaften Uebermaß jenes Verlangen, ſich in der Welt zu heben, welches der gemeine Sinn Ehr⸗ geiz nennt, wenn auch das Trachten nach Ruhm, nach der Achtung und Liebe ſeiner Nebenmenſchen dabei fehlt; es war bei ihm nur die ſchroffe Begier, daß es ihm gelingen möge, nicht ſcheinen oder dienen zu müſſen, um ſo das Recht zu gewinnen, eine Welt zu verachten, die ihm ſeinen Dünkel verbitterte, und ſich der Lüſte zu erfrenen, nach denen das aufgeregte, ſchwungkräftige Leben in ihm ſich ſehnte. Dies waren die augenfälligen Eigenſchaften eines Charakters, der bei allen ſchlimmen Anzeichen Intereſſe für mich gewann ine en en, hr⸗ der ar ge⸗ zu kel as ies rs, nn 373 und vielleicht der Welt wieder zu gewinnen war, da er immer⸗ hin die rohen Elemente einer gewiſſen Größe in ſich zu bergen ſchien. Konnte nicht noch etwas Rechtes werden aus einem Jüngling unter zwanzig Jahren, der mit einer ſo trefflichen Faſſungsgabe auch den Muth zu jeder Unterneh⸗ mung verband? Andererſeits bergen alle Fähigkeiten, welche Größe erzielen können, auch die Anlage zu Erringung des Guten in ſich. In dem wilden Skandinavier und in dem erbarmenloſen Franken lagen die Keime zu einem Sidney und einem Bayard. Was wäre der Beſte unter uns, wenn er plötzlich in die Lage käme, mit der ganzen Welt im Krieg zu leben? Und dieſer ſtolze Geiſt lag im Krieg mit der ganzen Welt— in einem ſelbſtgeſuchten vielleicht, aber dennoch in einem Kriege. Man muß dem Wilden zuvor den Frieden ſichern, ehe man die Tugenden des Friedens von ihm verlangen kann. Ich weiß nicht, ob mir eine einzige Beſprechung alle dieſe Ueberzeugungen beibrachte, möchte übrigens eher glau⸗ ben, daß ſie die Frucht eines Zuſammenfaſſens der Eindrücke waren, die ich erhielt, als ich mehr von dem Menſchen ſah⸗ deſſen Schickſal ich unter meine Obhut zu nehmen mich er⸗ dreiſtet hatte. Ehe ich mich entfernte, ſagte ich zu ihm: „Jedenfalls müßt Ihr in Eurer Wohnung einen Namen haben. Nach wem ſoll ich fragen, wenn ich Euch morgen wieder beſuche? „O, Ihr dürft jetzt meinen Namen wohl kennen,“ ent⸗ gegnete er lächelnd.„Ich heiße Vivian— Francis Vivian.“ 374 Viertes Kapitel. Ich erinnere mich, daß ich als Knabe eines Morgens müßig vor einer alten Mauer ſtand, um die Thätigkeit einer Gartenſpinne zu beobachten, deren Netz beſonders geſucht zu ſeyn ſchien. Als ich ſie anfänglich bemerkte, war ſie ganz ruhig mit einer Fliege von der species domestiea beſchäftigt, die ſie mit würdiger Gelaſſenheit bearbeitete. Wie ſie ſich übrigens eben am eifrigſten mit dieſer Beute zu ſchaſſen machte, verfingen ſich ein Paar Frühlingsfliegen, dann eine Schnacke und dann eine Schmeißmücke in den verſchiedenen Winkeln des Gewebes. Nie war eine arme Spinne ſo ver⸗ wirrt über ihr gutes Glück, und ſie wußte augenſcheinlich nicht, welche Gottesgabe ſie zuerſt in Empfang nehmen ſollte. Das urſprüngliche Opfer wurde verlaſſen, und ſie glitt halb⸗ wegs gegen die Frühlingsfliegen hin, dann wurde eines von den acht Augen der Schmeißmücke anſichtig, und ſie ſchoß in dieſer Richtung weiter, bis das Sumſen der Schnacke ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Mitten in dieſer Verlegenheit kam— klaps— voll ungeſtümmer Leidenſchaft eine junge Weſpe in das Netz geflogen. Jetzt verlor die Spinne augen⸗ ſcheinlich ihre Geiſtesgegenwart und wurde aller weitern Be⸗ ſinnung unfähig; nachdem ſie betäubt und regungslos ein Paar Minuten in der Mitte ihrer Maſchen, ſtillgeſtanden hatte eilte ſie, was ſie laufen konnte, nach ihrem Loch und ließ ihre Gäſte für ſich ſelbſt ſorgen. Ich geſtehe, daß ich mich einigermaßen in ähnlicher Lage befand, wie das anzie⸗ hende, liebenswürdige Inſeft, das ich eben ſchilderte. Es — ſchäften übrig blieb, bei meiner Familie zubringen. Ich 375 zing mir gut genug, ſo lange ich uur nach meiner Haus⸗ fliege zu ſehen hatte, aber nun in allen Enden meines Netzes etwas flattert(namentlich ſeit der Ankunft jener lei⸗ denſchaftlichen jungen Weſpe, die in der nächſien Ecke dampft und um ſich ſchlägt), weiß ich wahrhaftig nicht, mit was ich zuerſt anbinden ſoll. Leider habe ich, ungleich der Spinne, nicht einmal ein Loch, wo ich mich verbergen kann, um das Gewebe ſich ſelbſt zu überlaſſen. Indeß will ich doch die Spinne ſo weit nachahmen, als ich kann, und, während die Uebrigen unbeachtet ihr ungeduldiges Stündchen hinſummen und ſich abkämpfen, mich in das innere Labyrinth meines eigenen Lebens zurückziehen. Die Krankheit meines Onkels und meine erneuerte Be⸗ kanntſchaft mit Vivian hatten natürlich zugereicht, meine Gedanken von der übereilten hoffnungsloſen Liebe abzulenken, die Fanny Trevanion mir einflößte. So lange die Familie von London abweſend war(und ſie blieb geraume Zeit länger aus, als ſich erwarten ließ), hatte ich Muße, mir die rührende Geſchichte meines Vaters und die Lehre, welche ſo deutlich daraus ſprach, mir wieder zu vergegenwärtigen, und ich faßte ſo viele gute Entſch üſſe, daß ich, als Miß Trevanion endlich wieder nach London kam, ſie ohne eine zitternde Hand bewillkommen konnte; auch vermied ich ſo viel möglich den verhängnißvollen Zauber ihrer Geſellſchaft. Die langſame Reconvalescenz meines Onkels galt als genügender Vor⸗ wand, unſere gemeinſchaftlichen Spazierritte auszuſetzen, denn ich mußte die Zeit, welche mir nach Trevanions Ge⸗ beſuchte keine Bälle, keine Geſellſchaften mehr und blieb ſogar von den Diners weg, welche Trevanion von Zeit zu Zeit gab. Miß Trevanion grollte mir anfangs mit ihrer gewöhnlichen, lebhaften Bosheit, weil ich mich ſo ſehr zu⸗ rückzog; aber ich beſtand würdig mein Märtyrerthum und trug Sorge dafür, daß ja kein vorwurfsvoller Blick über die Heiterkeit, mit welcher ſie meine Seele quälte, mein Geheim⸗ niß verrathe. Fanny ſpielte nun entweder die Beleidigte, oder that ſehr hoch und vermied es ganz und gar, das Studierzimmer ihres Vaters zu betreten. Mit einemmale veränderte ſie ihre Taktik und wurde von einer befremdlichen Wißbegierde befallen, welche ſie wohl zehnmal des Tags nach unſerem Gemach führte, um daſelbſt nach einem Buch zu ſehen oder eine Frage zu ſtellen. Ich hielt mannhaft Stand, muß aber doch der Wahrheit gemäß zugeben, daß ich mich im höchſten Grad elend fühlte, und wenn ich jetzt zurückblicke, ergreift mich noch immer ein Entſetzen bei der Erinnerung an meine Leiden. Meine Geſundheit litt ernſtlich Noth, und ich fürchtete ebenſo die Prüfungen des Tages, als den einſamen Kummer der Nacht. Meine einzigen Zer⸗ ſtreuungen beſtanden in den Beſuchen bei Vivian und in der Flucht nach dem lieben heimiſchen Kreiſe. Letzterer war für mich ein Sicherungs⸗ und Erhaltungs⸗Mittel in dieſer Kriſis meines Lebens. Die Atmoſphäre anſpruchsloſer Ehren⸗ haftigkeit und ruhiger Tugend, die daſelbſt wehte, kräftigte alle meine Entſchlüſſe, ſtählte mich für den Kampf gegen die ſtärkſte Leidenſchaft, die in der Jugend Wurzel faßt, und wirkte den ſchlimmen Dünſten der Luft entgegen, in welchen 377 Vivians vergifteter Geiſt athmete und ſich bewegte. Wenn es mir auch gelungen wäre, als ein Ehrenmann gegen die⸗ jenigen zu handeln, in deren Haus ich mich als vertrauter Gaſt befand, ſo glaube ich doch nicht, daß ich ohne den Einfluß einer ſolchen Heimath der Anſteckung jener böswilli⸗ gen und krankhaften Bitterkeit gegen Schickſal und Welt, welche nur zu leicht aus einer durch äußere Glücksverhältniſſe geſtörten Liebe entſteht, hätte widerſtehen können— einer Bitterkeit, welche Vivian nicht ohne die Beredſamkeit des Ernſtes, ob demſelben nun Wahrheit oder Falſchheit zu Grunde liegen mochte, an den Tag zu legen wußte. Wie dem übrigens ſein mochte, nie verließ ich das Stübchen, wo ſich ein ſo ſchweres Leiden ausdrückte in dem Geſichte des alten Soldaten, deſſen Lippe ich nie murren hörte, obſchon ſte oft vom Schmerz bebte— die ruhige Weisheit, welche den frühen Prüfungen meines Vaters(Prüfungen gleich den meinigen) gefolgt war, das liebevolle Lächeln auf dem zarten Antlitz meiner Mutter und die unſchuldige Kindheit der kleinen Blanche, welche wir nur die Elfe nannten und die ich bereits als Schweſter liebte— ohne zu finden, daß dieſe 4 Mauern genug in ſich faßten, um meine Welt wieder zu verſüßen, und wenn ſie auch bis an den Rand mit Yſop und Galle gefüllt geweſen wäre. Trevanion war mit Vivians Leiſtung mehr als zufrieden geweſen— ſie hatte ihn ſogar in Erſtaunen geſetzt. Denn obſchon die Verbeſſerungen in der bloßen Ausdrucksweiſe nur ſehr beſchränkt geweſen, gingen ſie doch weiter, indem ſie Worte andeuteten, durch welche die Gedanken veredelt wurden; 378 auch bezeichneten außer der bereits berührten Correction eines Rechnungsfehlers, welche Trevanion bei der Art ſeiner gei⸗ ſtigen Thätigkekt vielleicht zu hoch anſchlug, einige kühn ge⸗ wagte kurze Randbemerkungen, wie da oder dort ein ſtärkeres Glied in einer Kette von Folgerungen oder ein nachdrück⸗ licherer Beweis für eine Behauptung zu liefern ſeyn dürfte. Und all dieſes blos aus der natürlichen, nackten Logik eines ſcharfen Geiſtes, ohne daß derſelbe auch nur durch die mindeſte Kenntniß des behandelten Gegenſtandes unterſtützt worden wäre! Trevanion gab Vivian hinreichend Beſchäftigung und belohnte ihn dafür ſo freigebig, daß meine Zuſage einer un⸗ abhängigen Stellung wohl verwirklicht werden konnte. Mehr als einmal wünſchte er von mir, daß ich ihm meinen Freund vorſtelle; aber ich wich dieſem Anſinnen beharrlich aus— der Himmel weiß, nicht aus Eiferſucht, ſondern weil ich fürchtete, Vivians Weſen und Redeweiſe könnte einem Manne mißfallen, dem nichts mehr zuwider war, als Anmaßung⸗ und der außer ſeinen eigenen keine anderen Ercentricitäten begriff. Dennoch hatte Vivian, deſſen Fleiß eine kräftige Schwinge, aber nur für kurze Flüge beſaß, blos etwa für einige Stunden des Tags Beſchäftigung, und ich fürchtete, das Müßigſeyn könnte ihn zu ſeinen alten Gewohnheiten und Freundſchaften zurückführen. Seine eyniſche Offenheit ge⸗ ſtand zu, daß beide unachtbar genug ſeyen, um von einem ſolchen Ende ernſte Beſorgniſſe zu rechtfertigen, weshalb ich mir Abends Zeit zu nehmen ſuchte, ihm die Langeweile da⸗ durch zu vertreiben, daß ich ihn auf Spaziergängen durch — — „ 379 die gasbeleuchteten Straßen begleitete, oder gelegenheitlich auf ein Stündchen in ſeiner Geſellſchaft eines der Theater beſuchte. Nachdem Vivian zu einigen Mitteln gelangt war, ließ er ſichs zuerſt angelegen ſein, ſie auf ſein Aeußeres zu ver⸗ wenden, und Beobachtung ſowohl als Nachahmung— zwei Vermögen, welche ſchnell faſſende Geiſter ſtets in ſo aus⸗ gezeichnetem Grabe beſitzen— hatten ihn befähigt, ſich jene anmuthige Zierlichkeit in der Tracht anzueignen, welche man gewöhnlich an dem engliſchen Gentleman findet. Während der erſten paar Tage ſeiner Umwandlung ließen ſich allerdings noch Spuren der ihm inwohnenden Prunkliebe oder einer ge⸗ meinen Genoſſenſchaft an ihm bemerken; aber es verſchwand bald eine um die andere. Zuerſt wich eine bunte Halsbinde mit niedergeſchlagenem Hemtkragen, dann ein Paar Sporen, und zuletzt mußte ein diaboliſches Inſtrument, das er ein Rohr nannte, welches aber vermittelſt einer laufenden Kugel an dem einen Ende als Knittel dienen konnte, während es am andern einen Dolch verbarg, einem gewöhnlichen Spazier⸗ ſtock Platz machen, der mehr für unſere friedliebende Haupt⸗ ſtadt paßte. Ein ähnlicher Wechſel, obſchon in geringerem Grade, fand allmälig in ſeinem Benehmen und in ſeiner Unterhaltung ſtatt. Das erſtere wurde weniger ſchroff, die letztere ruhiger und vielleicht auch heiterer. Es war augen⸗ ſcheinlich, daß er nicht gefühllos blieb gegen das erhebende Vergnügen, durch eine preiswürdige Anſtrengung für ſich ſelbſt ſorgen und zum erſtenmal ſich ſagen zu können, daß ſein Verſtand ihm in einer anſtändigen Weiſe nützlich ſey. Eine neue Welt, obſchon noch trübe und wie durch Dunſt und Rebel geſehen, begann vor ihm aufzudämmern. So groß iſt die Eitelkeit in uns armen Sterblichen, daß meine Theilnahme für Vivian wahrſcheinlich ſehr erhöht und meine Abneigung gegen Vieles, das in ihm lag, weſent⸗ lich gemäßigt wurde durch die Wahrnehmung, ich habe eine Art Uebergewicht über ſein wildes Weſen gewonnen. Als wir zum erſtenmal in dem Straßenwirthshaus zuſammen⸗ trafen und ſpäter in dem Kirchhof uns mit einander unter⸗ hielten, war das Uebergewicht ſicherlich nicht auf meiner Seite, jetzt aber kam ich aus einer weiteren Sphäre der Geſellſchaft, als die war, in welcher er ſich bisher zu bewegen pflegte. Ich hatte die erſten Männer Englands geſehen und gehört. Was damals nur blendend auf mich einwirkte, erregte jetzt mein Mitleid. Andererſeits mußte ſein regſamer Geiſt nothwendig den Wechſel in mir bemerken, und lag nun der Grund im Neid oder in einem beſſern Gefühl, er zeigte ſich bereitwillig, von mir zu lernen, wie er mich verdunkeln und ſeine frühere Ueberlegenheit wieder gewinnen könne; denn nichts war ihm empfindlicher, als wenn er ſah, daß er Andern nachſtund. Gelehrig hörte er mir zu, wenn ich ihn auf die Bücher aufmerkſam machte, welche die verſchiedenen Gegen⸗ ſtände behandelten, die ſeiner Bearbeitung vertraut wurden. Er hatte zwar weit weniger Schule, als mir von irgend einem mit ſeinen geiſtigen Begabungen bekannt war, und in Anbetracht der Gedankenfülle, die er erworben, und des Prunkens mit den wenigen Werken, mit denen er ſich aus freien Stücken vertraut gemacht, nur wenig geleſen; aber 381 gleichwohl ſetzte er ſich entſchloſſen zum Studium nieder und obſchon dies augenſcheinlich gegen ſeine Natur lief, ver⸗ ſprach ich mir doch viel von ſolchen Merkmalen der Ent⸗ ſchloſſenheit, ſich für künftige Zwecke einem vorderhand pein⸗ lichen Geſchäfte zu unterziehen. Ob ich ſeinen Eifer hätte billigen können, wenn die Urſache deſſelben mir völlig klar geweſen wäre, iſt eine andere Frage. Sowohl in der Ver⸗ gangenheit, als in dem Charakter dieſes jungen Mannes gab es Abgründe, die ich nicht zu erforſchen vermochte. Mit all ſeiner rückſichtsloſen Offenheit verband er eine Zurück⸗ haltung, die ſtets auf der Hut war. Die erſtere zeigte ſich augenfällig in ſeinem Geſpräch über die Gegenſtände, die unmittelbar vor uns lagen, und in der gänzlichen Vernach⸗ läßigung eines jeden Verſuchs, beſſer ſcheinen zu wollen, als er war; letztere aber gab ſich ebenfalls kund in dem ſchlauen Umgehen jeder Art von Vertraulichkeit, die mich in Geheim⸗ niſſe ſeines Lebens hätte einweihen können, welche er zu verbergen wünſchte. Wo er geboren und erzogen worden— wie es kam, daß er ſich ſo ganz auf ſeine eigenen Hülfs⸗ quellen verwirſen ſah— wie es ihm damit anfänglich ge⸗ lungen und wie er ſein Fortfommen gefunden hatte— dies waren lauter Dinge, über welche ihm Harpokrates, der Gott des Schweigens, einen Eid auferlegt zu haben ſchien⸗ Und doch wußte er ſo Vieles zu erzählen von dem, was er geſehen, und von den ſeltſamen Gefährten, mit denen er zuſammengetroffen, obſchon er nie ihre Namen nannte. Um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, muß ich hier be⸗ merken, daß er nie einen entſchiedenen Bruch der Ehren⸗ 382 haftigkeit an ſich ſelbſt verrieth, obſchon er ſeine frühreife Erfahrungen aus Löchern und Winkeln, aus den Abzugs⸗ kanälen und Klvaken des Lebens geſammelt zu haben und die Unehrenhaftigkeit ihm keinen Widerwillen einzuflößen ſchien, da er Tugend oder Laſter mit eben ſo ruhiger Gleichgültig⸗ keit betrachtete, wie etwa ein großer Dichter, der in beiden nur die Diener ſeiner Kunſt ſieht. Er konnte lachen über die Geſchichte irgend eines ſinnreichen Betrugs, deſſen Zeuge er geweſen, ohne daß er für die Schändlichkeit deſſelben einen Sinn hatte, obſchon er davon nur im Tone eines gleich⸗ gültigen Zeugen, nicht eines Mitſchuldigen ſprach. Als wir jedoch vertrauter wurden, kam ihm allmälig jene inſtinkt⸗ artige Scham zum Bewußtſeyn, welche unwillkürlich der umgang mit Menſchen hervorruft, die gewohnt ſind, zwiſchen Recht und Unrecht zu unterſcheiden, und ſolche Geſchichten hörten auf. Nur einmal erwähnte er ſeiner Familie, und zwar in folgender ſeltſamen und abgebrochenen Weiſe: „Ach!“ rief er eines Tages, als er plötzlich vor einem Buchladen Halt machte,„wie erinnert mich dieſes Bild an meine liebe, theure Mutter.“ „Welches?“ fragte ich haſtig, da ich nicht wußte, pb er einen Kupferſtich von Raphaels„Madonna“ oder einen andern,„das Weib des Räubers“ darſtellend, meinte. Vivian befriedigte meine Neugierde nicht, ſondern zog mich trotz meines Widerſtrebens weiter. 5 „Ihr liebtet alſo Eure Mutter?“ nahm ich nach einer Pauſe wieder auf. „Ja, wie ein junger Tiger die Tigerin“ 383 „Dies iſt eine ſeltſame Vergleichung.“ „Oder wie ein Bullenbeißer den Preisfechter, ſeinen Herrn. Gefällt Euch dieſe beſſer?“ „Ich könnte dies nicht ſagen. Iſt es eine Vergleichung, die Eurer Mutter gefallen würde?“ „Meiner Mutter gefallen?“ verſetzte er mit einigem Zaudern.„Sie iſt todt!“ Ich drückte ſeinen Arm ſtärker an den meinigen. „Ich verſtehe Euch,“ ſagte er mit ſeinem eyniſch ab⸗ ſtoßenden Lächeln.„Aber Ihr thut Unrecht, Theil zu nehmen an meinem Verluſt. Ich fühle ihn, aber Niemand, der ſich um mich kümmert, ſollte mit meinem Schmerz ſympathiſiren.“ „Warum?“ „Weil meine Mutter nicht das war, was die Welt eine gute Frau nennen würde. Aber ich liebte ſie darum nicht weniger. Laßt uns übrigens auf etwas Anderes über⸗ gehen.“ „Nicht doch, Vivian; da Ihr ſo viel geſagt habt, ſo laßt Euch erbitten, fortzufahren. Lebt Euer Vater noch?“ „Steht das Monument noch?“ „Ich denke ſo, aber was ſoll dies?“ „Ei, es kümmert weder mich noch Euch ſonderlich, und meine Frage entſpricht der Eurigen.“ Ich konnte nicht mehr aus ihm herausbringen und kam auch ſpäter um keinen Schritt weiter. Allerdings muß ich geſtehen, wenn auch Vivian nicht ſehr freigebig mit ſeinem Vertrauen war, ſo ſuchte er ebenſowenig ſich in das meinige einzudrängen. Er hörte mit Theilnahme zu, wenn ich von — 384 Trevanion ſprach(denn ich machte kein Geheimniß aus meiner Verbindung mit dieſem Manne, obſchon man ſich denken kann, daß ich nichts von Fanny ſagte), oder von der glänzenden Welt erzählte, die mir der Aufenthalt in einem ſo angeſehenen Hauſe aufſchloß. Wenn ich jedoch in der ueberfülle meines Herzens von meinen Eltern oder meiner Heimath zu ſprechen anfing, ſo legte er einen ſo ungebühr⸗ lichen Ueberdruß an den Tag oder antwortete mir in einem ſo erkältenden Hohne, daß ich gewöhnlich mit unwilliger Entrüſtung ihn verließ. Einmal bat ich ihn, mir zu geſtat⸗ ten, daß ich ihn meinem Vater vorſtelle. Dies war mir ein ernſtes Anliegen; denn ich hielt es für unmöglich, daß der Teufel in ihm nicht durch eine ſolche Berührung gebannt werden müſſe— er aber erwiederte mir darauf mit ſeinem dumpfen, verächtlichen Lachen—* „Mein lieber Caxton, als ich noch ein Kind war, wurde ich ſo ſehr mit dem Telemach gequält, daß ich, um es nur aushalten zu können, ihn traveſtirte.“ „Nun?“ „Fürchtet Ihr nicht, derſelbe boshafte Hang könnte auf Euren Ulyſſes eine Carricatur machen?“ Nach dieſer Entgegnung ſah ich Mr. Vivian drei Tage nicht mehr und würde wohl ihn noch länger vermieden haben, wenn ich nicht zufällig unter der Säulenhalle des Opernhauſes mit ihm zuſammengetroffen wäre. Vivian lehnte an einer der Säulen und ſah der langen Prozeſſion zu, welche nach dieſem einzigen modiſchen Tempel der Kunſt im engliſchen Babel wallfahrtete. Cquipagen mit Wappen — 4 e 8 und Kronen und Cabriolete(Las Brougham hatte ſie da⸗ mals noch nicht verdrängt) von nüchterner Farbe, aber ge⸗ wählter Ausſtattung, mit rieſigen Pferden und zwerghaften „Tigern“ ſtürzten und rollten an ihm vorüber. Schöne Frauen und prachtvoller Putz, Sterne und Bänder, der Rang und die Schönheit der patrieiſchen Welt wogten durch den Eingang. Ich konnte dem Mitleide nicht widerſtehen, welches der einſame, freundliche, unzufriedene Geiſt mir ein⸗ flößte, der dieſem prunkvollen Gewühle zuſah und dabei mit der Glut des Verlangens und der Verzweiflung des Ausgeſchloſſenſeyns ſich einbildete, er ſey dazu geſchaffen, an ſolchen Plätze zu glänzen. Ein einziger Blick auf das düſtere Geſicht reichte zu, mir zu ſagen, was in dem noch düſtereren Herzen vorgit Seine Gefühle konnten aller⸗ dings keine liebenswürdigen und ſeine Gedanken ebenſo wenig weiſe genannt werden; aber waren ſie unnatürlich? Hatte ich doch ſchon ſelbſt etwas Aehnliches erfahren— zwar nicht bei dem Anblicke prächtig geputzter Menſchen, die in Reichthum und Müßiggang der Luſt und der Mode fröhnten, wohl aber an den Thüren des Parlaments, wenn Männer, die ſich edle Namen errungen hatten und deren Wort ſchwer in die Wagſchaale fiel, bei dem Schickſal des herrlichen Englands, achtlos dahineilten zu ihrem groß artigen Kampf⸗ platz, oder wenn ich mitten in dem Feiertagsgedränge unedler Prunkſucht von dem Ruhme einiger anweſender aus⸗ gezeichneter Künſtler vder Schriftſteller murmeln hörte. Ich fühlte natürlich den Gegenſatz zwiſchen dem Ruhme, der mir in meiner eigenen Dunkelheit ſo nahe und doch ſo ferne Bulwer, die Cartone. 25 386 ſtand— wem wäre es nicht ebenſo ergangen? Ach, mancher Jüngling, der nicht zu einem Themiſtokles beſtimmt iſt, wird gleichwohl empfinden, daß ihn die Trophäen eines Miltiades nicht ſchlafen laſſen! Ich trat an Vivians Seite und legte meine Hand auf ſeine Schulter. „Ah!“ ſagte er in ſanfterem Tone, als gewöhnlich, „es ſteut mich, Euch zu ſehen, und ich bitte Euch um Ver⸗ zeihung, da ich Euch letzthin beleidigt habe. Freilich dürft Ihr keine ſehr holden Antworten von den Seelen im Feg⸗ feuer erwarten, wenn Ihr ihnen von den Seligkeiten des Himmels vorſchwatzt. Ich bitte, redet nie mehr mit mir über Heimath und Väter! Genug, ich ſehe, Ihr verzeiht mir. Warum geht Ihr nicht in die Oper? Ihr könnt es.“ „Und Ihr auch, wenn Ihr wollt. Ein Billei iſt allerdings ſchamlos theuer; aber wenn Ihr ein Freund von Muſik ſeyd, ſo liegt dieſer Genuß wohl im Bereich Eurer Mittel.“ „O, Ihr ſchmeichelt mir, wenn Ihr meint, die Klug⸗ heit des Sparens halte mich zurück! Ich bin erſt kürzlich in der Oper geweſen, werde ſie aber nicht wieder beſuchen. Muſik!— wenn Ihr in die Oper geht, thut Ihr es um der Muſik willen?“ „Nur theilweiſe, denn ich geſtehe, daß die Scenetie für mich ebenſo anziehend iſt. Indeß glaube ich, daß die Oper für keinen von uns beiden ſonderlich paßt. Für reiche, müßige Leute mag ſie wohl eine ſo unſchuldige Vergnügung ſeyn, wie irgend eine andere; aber ich ſinde, daß ſie die Nerven kläglich abſpannt.“ ⸗ ich 387 „Ich bin hier gerade der gegentheiligen Anſicht— ſie erſcheint mir als ein furchtbares Stimulans! Carton, wißt Ihr auch, daß ich, ſo undankbar es auch klingen mag, dieſer ehrenhaften Wne herzlich müde bin? Wozu ſoll ſie führen?— zu Koſt, Kleidung und Quartier; aber kann ſie mir je 6 weiter einbringen?“ „Anfangs beſchränktet Ihr Eure Wünſche auf Glacé⸗ handſchuhe und ein Cabriolet, Vivian. Die Glacéhand⸗ ſchuhe ſind bereits da und gelegentlich wird auch das Cabriolet kommen.“ „Unſere Begierden wachſen, je mehr ſie Nahrung finden. Ihr lebt in der großen Welt und könnt Aufregung haben, ſo oft Ihr wollt. Ich bedarf der Anfregung, bedarf der Welt und brauche Raum für meinen Geiſt. Verſteht Ihr mich?“ „Vollkommen, und ich kann mit Euch fühlen, armer Vivian; aber es wird Alles kommen. Geduld!— Ich muß Euch dies jetzt immer predigen, wie zur Zeil⸗ als jener Morgen ſo unbehaglich über die Straßen Londons auf⸗ dämmerte. Eure Zeit iſt nicht verloren— erfüllt Euren Geiſt mit Kenntniſſen, lest, ſtudirt und befähigt Euch dadurch für den Ehrgeiz. Warum wünſcht Ihr zu fliegen, noch ehe Euch die Schwingen gewachſen ſind? Lebt vorder⸗ hand in den Büchern; ſie ſind herrliche Paläſte, die ſich für reich und arm in gleicher Weiſe aufthun.“ „Bücher, Bücher!— freilich Ihr ſeyd der Sohn eines Büchermanns! Aber nicht durch Bücher kommt der Menſch in die Welt und erfreut ſich dabei des Lebens.“ 25* 388 „Ich weiß dies nicht, aber ich ſehe, mein Freund, Ihr möchtet gern beides mit einander verbinden— Euch ſo ſchnell in der Welt vorwärts bringen, als es nur der Arbeit möglich iſt, und zugleich das Leben ſo behaglich genießen, wie dies nur die Unthätigkeit thun kann. Ihr wünſcht zu leben wie ein Schmetterling und möchtet doch allen Honig der Bienen haben; ja, und was noch am Ganzen das Ver⸗ teufeltſte iſt, ſogar als Schmetterling verlangt Ihr, daß jede Blume in einem Moment aufwachſe, und als Biene, daß der ganze Stock in einer Viertelſtunde mit Vorräthen ver⸗ ſehen ſey! Geduld— Geduld— Geduld!“ Vivian ſeufzte unmuthig auf. „Ich fürchte,“ ſagte er nach einer unruhigen Pauſe, „der Landſtreicher und der Geächtete gewinnen die Oberhand über mich, denn ich ſehne mich darnach, zurückzueilen zu meinem alten Weſen, das voll Handlungen war und mir daher keine Zeit zum Nachdenken geſtattete.“ Während er ſo ſprach, hatten wir die Säulenhalle umwandelt und befanden uns in dem engen Gange, welcher zu den Privatlogen der Oper führt. Dicht an den Thüren dieſes Eingangs ſtanden zwei oder drei junge Männer. Als Vivian innehielt, hörten wir einen derſelben augenſcheinlich in Beantwortung einer Frage⸗ lachend ſagen: „O, ich kenne einen viel ſchnelleren Weg zum Glück, als dieſen. Ich gedenke eine Erbin zu heirathen.“ Vivian blieb betroffen ſtehen und blickte nach dem Sprecher hin, der ein recht hübſch ausſehender junger Mann war. Er muſterte denſelben bedächtig vom Kopf bis zum em un um 389 Fuß und wandte ſich dann mit einem zufriedenen, gedanken⸗ vollen Lächeln ab. „Ihr habt hierin allerdings Recht,“ ſagte ich ernſt, indem ich mir ſein Lächeln deutete.„Euer Ausſehen iſt beſſer, als das von dieſem Erbinnenjäger.“ Vivian erröthete; aber ehe er antworten konnte, ſagte ein anderer der jungen Männer, ſobald tie Gruppe ſich von dem heiteren Gelächter über die ſorgloſe Geckenhaftig⸗ keit ihres Gefährten erholt hatte— „Wenn es Euch um eine Erbin zu thun iſt, ſo kommt eben hier eine der reichſten in England. Aber freilich darf man kein jüngerer Sohn mit drei geſunden Leben zwiſchen ſich und einer iriſchen Peerage, ſondern muß zum mindeſten ein Graf ſeyn, wenn man nach Fanny Trevanions Hand trachten will.“ Die Erwähnung dieſes Namens bebte mir durch alle Nerven. Ich fühlte, daß ich zitterte, und als ich aufblickte, ſah ich Lady Ellinor und Miß Trevanion aus ihrer Equipage auf den Eingang des Opernhauſes zueilen. Beide erkannten mich, und Fanny rief: „Ihr hier? Ei, das trifft ſich glücklich! Ihr müßt zu uns in die Loge kommen, ſelbſt wenn Ihr einen Augen⸗ blick nachher wieder Reißaus nehmt.“ „Aber ich bin nicht für die Oper gekleidet,“ entgegnete ich mit einiger Verlegenheit. „Und warum nicht?“ fragte Miß Trevanion und fügte dann mit gedämpfter Stimme bei;„Warum flieht Ihr uns ſo eigenſinnig?“ „ 390 Sie legte ihre Hand auf meinen Arm, und ſo wurde ich unwiderſtehlich in die Vorhalle gezogen. Die jungen Männer an der Thüre machten uns Platz und ſahen mir ohne Zweifel neidiſch nach. 5 „Ihr vergeßt,“ verſetzte ich mit einem erkünſtelten Lachen, als ich ſah, daß Miß Trevanion eine Antwort er⸗ wartete,„wie wenig ich iett. zu ſolchen Vergnügungen habe,— und mein Onkel— „O, Mamma und ich haben heute Euren Onkel beſucht und er befindet ſich beinahe wieder ganz wohl. Iſt's nicht ſo, Mamma? Ich kann Euch nicht ſagen, wie ſehr er mir gefällt. Er iſt gerade ſo, wie ich mir einen Douglas der alten Zeit vorſtelle. Aber Mamma wird ungeduldig. Nun, Ihr müßt morgen mit uns ſpeiſen— verſprecht mir dies! Kein 4 dieu, ſondern au revoir.“ Uund Fanny glitt an dem Arm ihrer Mutter weiter. Lady Ellinvr, die gegen mich ſtets ſehr freundlich und höflich war, hatte gutmüthig das Ende dieſes Dialogs abgewartet. Als ich in den Gang zurückkehrte, ſah ich Vivian auf⸗ und abgehen; er hatte ſeine Cigarre angezündet und rauchte mit Macht. „Dieſe große Erbin,“ ſagte er lächelnd,„welche, ſoviel ich unter ihrem Hut ſehen konnte, an Schönheit mit ihrem Reichthum ſich meſſen zu können ſcheint, iſt vermuthlich die Tochter des Mr. Trevanion, deſſen Ergießungen Ihr ſo freundlich meiner Ueberarbeitung zuweist. Er iſt alſo ſehr reich? Ihr habt mir nie etwas davon geſagt, obſchon ich es hätte errathen können; aber Ihr ſeht, ich weiß gar nichts — — ch fel en r⸗ en cht cht nir in, 8! dy ar, uf⸗ hte iel em die ſo ehr es hts 394 Nacht erfahren, ſtn von Eurem peau monde und muß erſt hente daß Miß Trevanion eine der größten Erbinnen in England i „Ja, Mr. Trevanion iſt reich,“ verſetzte ich, einen Seufzer unterdrückend—„ſehr reich.“ „Und Ihr ſeyd ſein Sekretär! Mein lieber Freund, Ihr könnt mich wohl auf die Geduld verweiſen, denn hoffentlich wird Euch ein großer Vorrath von der Eurigen überftüſſig ſeyn.“ „Ich verſtehe Euch nicht.“ „Und doch habt Ihr jenen jungen Gentleman ſo gut gehört, wie ich. Ihr wohnt mit der Erbin in dem nämlichen Hauſe!“ „Vivian!“ „Nun, was habe ich denn ſo Ungehenerliches geſagt?“ „Pah! Da Ihr Euch auf den jungen Gentleman bezieht, ſo werdet Ihr auch gehört haben, was ihm ſein Gefährte ſagte— man müſſe zum mindeſten ein Graf ſeyn, um nach Fanny Trevanions Hand zu trachten.“ „O, geht mir damit! Ebenſo gut könnte man ſagen⸗ man müſſe ein Millionär ſeyn, um nach einer Million zu ſtreben! Gleichwohl glaube ich, daß Diejenigen, welche ſich Millionen erringen, in der Regel mit Penten anfangen.“ „Dieſer Glaube ſollte Euch ein Troſt und eine Er⸗ muthigung ſeyn, Vivian. Und nun, gute Nacht! Ich habe noch viel zu thun.“ „Gute Nacht!“ entgegnete Vivian. Und wir trennten uns. Ich begab mich nach Mr. Trevanions Haus und auf 392 das Studirzimmer, wo ein furchtbarer Rückſtand von Ge⸗ ſchäften auf mich wartete. Entſchloſſen ſetzte ich mich An⸗ fangs zur Arbeit nieder, fand aber allmälig, daß meine Gedanken bei den ewigen blanen Büchern nicht zu haften vermochten, und die Feder entglitt meiner Hand mitten in einem Auszug aus einem, über Sierra Leone. Mein Puls ſchlug laut und raſch; ich befand mich in einem ſo angegriffenen, fieberiſchen Zuſtande, wie ihn nur die Auf⸗ regung hervorrufen kann. Fanny's ſüße Stimme klang in meinen Ohren; ihre Augen, wie ich ſie zum letztenmal geſehen, blickten mich ungewöhnlich ſanft, faß bittend an, wohin ich mich immer wendete, und dann vernahm ich wieder wie im Hohn jene Worte—„man muß zum min⸗ deſten ein Graf ſeyn, um—“ Aber trachtete ich denn nach ihrer Hand? War ich eitler Thor ſo wahnſinnig— ein ſo vollendeter Verräther an dem Hauſe, das mich aufge⸗ nommen? Nein, nein! Aber was that ich unter demſelben Dache?— Warum blieb ich, um das ſüße Gift einzuſaugen, welches die ganze Schwungkraft meines Lebens verzehrte? Bei dieſer Frage, die ich, wenn ich ein oder i Jahre älter geweſen wäre, längſt an mich geſtellt hätte, erfaßte mich ein tödtlicher Schrecken; Alles Blut ſrmie aus meinem Herzen und ließ mich kalt— eiskalt. Das Haus verlaſſen! Fauny verlaſſen!— Nie wieder jene Augen zu ſehen— nie mehr ihre Stimme zu hören!— Lieber ſterben an dem ſüßen Gift, als in einſamer Verbannung! Ich ſtand auf, öffnete die Fenſter und ging im Zimmer auf und ab, konnte aber zu keinem Entſchluß, ja, nicht einmal zum Denken 393 kommen. Mein ganzer Geiſt war in Aufruhr. Mit einer gewaltſamen Anſtrengung mich ſelbſt zu bezwingen, näherte ich mich wieder dem Tiſche. Ich beſchloß, an meiner Auf⸗ gabe fortzumachen, wäre es auch nur, um meine Fähig⸗ keiten wieder zu ſammeln, damit ſie mich in den Stand ſetzten, meine Qual zu ertragen. Ungeduldig warf ich die Bücher umher, als plötzlich mein Auge— dem ſchalkhaften, aber vorwurfsvollen Antlitz Fanny's begegnete! Ihr Miniatur⸗Porträt, welches, wie ich wußte, vor einigen Tagen von einem jungen Künſtler aufgenommen worden, den Trevanion begünſtigte, war unter den Büchern liegen geblieben. Vermuthlich hatte es ihr Vater mit auf ſein Studirzimmer genommen, um es daſelbſt näher zu betrach⸗ ten, und es ſodann vergeſſen. Der Maler war glücklich geweſen in der Auffaſſung von Fanny's eigenthümlichem Ausdruck, ihrem unausſprechlichen Lächeln, das ſich bei aller Bosheit ſo bezaubernd ausnahm; ſogar ihre Lieblings⸗ haltung hatte er treulich wieder gegeben— der kleine Kopf über die runde, Hebe⸗gleiche Schulter gedreht und das Auge unter den Locken hervorblitzend. Ich weiß nicht, welcher Wechſel jetzt in meinen Wahnſinn kam; aber ich ſank auf meine Kniee nieder, küßte das Bild wieder und wieder und brach in Thränen aus. Solche Thränen! Ich hörte nicht, daß die Thüre aufging— ſah auch nicht den Schatten am Boden hinſchleichen; eine leichte Hand legte ſich auf meine Schulter, die unter d er Berührung bebte. Ich fuhr zuſammen; Fanny ſelbſt beugte ſich über mich nieder! „Was gibt es?“ fragte ſte theilnehmend.„Was iſt 394 vorgefallen? Euer Onkel, Eure Familie— doch Alles wohl? Warum weint Ihr?“ Ich konnte nichts darauf erwiedern, ſondern hielt meine Hände über dem Portrait geſchloſſen, damit ſie nicht ſehen möchte, was es enthielt. „Wollt Ihr nicht antworten? Bin ich nicht Eure Freundin— faſt Eure Schweſter? Sprecht— ſoll ich die Mamma rufen?“ „Ja— ja—; geht— geht!“ „Nein, jetzt will ich erſt nicht gehen. Was habt Ihr da?— Was verſteckt Ihr vor mir?“ Und unſchuldig nach Art einer Schweſter faßten ihre Hände die meinigen; und ſo— und ſo— wurde das Bild ſichtbar. Es folgte eine Todtenſtille. Ich blickte durch meine Thränen auf. Fanny war um einige Schritte zurück gewichen; ihre Wange glühte, und ihre Angen ſuchten den Boden. Es war mir, als hätte ich ein Verbrechen begangen und als hafte Schande und Schn ach auf mir. Gleichwohl unterdrückte ich— ja, dem Himmel ſey Dank! ich unter⸗ vrückte den Ruf, der ſich von meinem Herzen aus mit Macht gegen meine Lippen drängte—„Habt Mitleid mit mir; denn ich liebe EGuch!“ Ich unterdrückte ihn und nur ein ſchwerer Seufzer entrang ſich meiner Bruſt— die Wehklage um ein verlorenes Glück! Dann erhob ich mich, legte das Bild auf den Tiſch und ſagte mit einer Stimme, die mir feſt zu ſeyn ſchien: „Miß Trevanion, Ihr ſeyd gegen mich ſo freundlich hl. eine hen ure die Ihr ihre Bild urch rück den ngen wohl nter⸗ kacht mir; ein klage e das rfeſt adlich 395 geweſen, wie eine Schweſter, und deßhalb ſagte ich Eurem Portrait ein brüderliches Lebewohl. Es iſt Euch ſo ähnlich! „Ein Lebewohl?“ wiederholte Fanny, noch immer nicht aufſehend. „Ja, ein Lebewohl— Schweſter! So, ich habe das Wort kühn ausgeſprochen; denn— denn—“ ich eilte nach der Thüre, wandte mich daſelbſt um und fügte mit einem vermeintlichen Lächeln bei—„denn zu Hauſe meint man, ich ſey nicht wohl; die Anſtrengung ſey zu groß für mich. Ihr wißt, Mütter ſind gerne thöricht und— ich will daher morgen mit Eurem Vater ſprechen. Gute Nacht— Gott behüte Euch, Miß Trevanion.“ Meunter Abſchnitt. * Erſtes Kapitel. Und mein Vater ſchob ſeine Bücher bei Seite. O junger Leſer, wer du auch ſeyn magſt— oder wenig⸗ ſtens Leſer, der du jung geweſen biſt— kannſt du dich nicht einer Zeit erinnern, da du mit deinen noch im Geheimen getragenen wilden Schmerzen und Sorgen zurückkamſt aus jener ſtrengen, harten Welt, welche ſich dir aufthut, ſobald du deinen Fuß über die Schwelle der Heimath hinausſetzeſt— zurückkamſt zu den vier ruhigen Mauern, innerhalb welcher 396 im Frieden deine Eltern ſaßen— und mit einer Art weh⸗ müthigen Erſtaunens bemerkteſt, wie ruhig und ungeſtört hier Alles war? Die Generation, welche dir auf dem Pfad der Leidenſchaften vorangegangen iſt— die Generation deiner Eltern— wie unendlich ferne ſcheint ſie nicht in ihrer ſtillen Ruhe deiner ungeſtümen Ingend zu liegen, obſchon vielleicht der Unterſchied der Jahre nicht ſo groß iſt! Sie birgt eine Stille in ſich, wie das claſſiſche Alterthum, und ſieht ſo antik aus, wie die Statuen der Griechen. Jene ruhige Eintönig⸗ keit in der Lebensweiſe deiner Eltern— die Beſchäftigungen, die ſie für ihr Glück am häuslichen Herde als genügend erfunden haben— für jedes von beiden ein Armſtuhl und eine Kaminecke— welch' ſeltſamen Gegenſatz bildet dies nicht zu deiner eigenen fieberiſchen Aufregung! Und ſie machen Platz für dich, heißen dich willkommen und verſinken wieder in ihre gewohnte Weiſe, als ob nichts vorgefallen wäre. Nichts vorgefallen— während vielleicht in deinem Herzen die ganze Welt aus ihrer Are gewichen zu ſeyn ſcheint und alle Elemente mit einander im Krieg leben! Du ſitzeſt nieder, erdrückt von dem ſtillen Glücke, das du nicht mehr theilen kannſt, lächelſt mechaniſch und blickſt ins Feuer. Es iſt Zehn gegen Eins zu wetten, daß du ſo bleibſt, ohne ein Wort zu ſprechen, bis die Zeit zum Schlafen kommt; dann nimmſt du dein Licht auf und ſchleichſt unglücklich nach deinem einſamen Zimmer. Wenn bei tiefem Winter drei Reiſende warm und behag⸗ lich in einer Poſtkutſche ſitzen und ein vierter beſchneit und erfroren von einem Außenplatz herunterſteigt, um ſich's im e„ r— — ier der ner len icht ine ntik ig⸗ en, end und ies ſie iken llen em eint tzeſt ehr ein ann nem ag⸗ und im 397 Innern bequem zu machen, wechſeln ſogleich die Drei ihre Plätze, ziehen unruhig ihre Mantelkrägen in die Höhe, rücken ihre„Tröſter“ zurecht und geben dadurch ihren Aerger über den Verluſt an Wärmeſtoff zu erkennen— der Ein⸗ dringling hat wenigſtens Aufſehen gemacht. Aber wenn du all' den Schnee der Alpen in deinem Herzen hätteſt, ſo könnteſt du unbeachtet eintreten, ſofern du nur Sorge trügeſt, deinem gegenüberſitzenden Nachbar nicht auf die Zehen zu treten; keine Seele kümmert ſich darum, und kein„Tröſter“ rührt ſich auch nur um einen Zoll! Ich hatte keinen Augenblick geſchlafen, ja mich nicht einmal niedergelegt in der Nacht, in welcher ich Fanny Trevanion Lebewohl ſagte— und am andern Morgen mit dem Aufgang der Sonne wanderte ich ins Freie— wohin, weiß ich ſelbſt nicht. Eine dunkle Rückerinnerung ſchwebt mir noch vor von langen, grauen, einſamen Straßen— von dem Fluſſe, der in dumpfem Schweigen dahin zu ſtrömen ſchien, weit weg in eine unſichtbare Ewigkeit— von Bäumen, Raſenplätzen und frohen Kinderſtimmen. Ich muß von dem einen Ende des großen Babel bis zu dem andern gekommen ſeyn; aber mein Erinnerungsvermögen wurde erſt klar und beſtimmt, als ich gegen Mittag an der Thüre des väter⸗ lichen Hauſes klopfte, ſchweren Tritts die Treppe hinauf⸗ ſtieg und in dem Beſuchzimmer, dieſem Sammelplatz der kleinen Familie, anlangte; denn ſeit unſerem Aufenthalt in London hatte mein Vater nicht ſein geſondertes Studir⸗ zimmerchen, ſondern begnügte ſich mit einer ſogenannten Ecke, die übrigens weit genug war, um zwei große Tiſche, einen 398 Drehtiſch und Stühle nach Belieben zu bergen, die insge⸗ ſammt mit Büchern überſtreut waren. Dieſer geräumigen Ecke gegenüber ſaß mein Onkel, der jetzt beinahe wieder her⸗ geſtellt war und mit ſteifer militäriſcher Hand gewiſſe Zahlen in ein kleines, rothes Rechenbuch einzeichnete, denn der Leſer weiß bereits, daß Onkel Roland in ſeinen Ausgaben der methodiſchſte Mann von der Welt war. Meines Vaters Geſicht war freundlicher, als gewöhn⸗ lich, denn vor ihm lag ein Correcturbogen— der erſte Correcturbogen ſeines erſten Werkes— ſeines Werkes— des großen Buchs! Ja, es hatte in der That eine Preſſe ge⸗ funden! Und der erſte Druckbogen eines erſten Werkes— man muß einen Schriftſteller fragen, wenn man erfahren will, was dies iſt! Meine Mutter war mit der getrenen Miß Primmins ausgegangen, ohne Zweifel in die Läden oder auf den Markt; während alſo die Brüder ſich in ſolcher Weiſe beſchäftigten, war es natürlich, daß mein Eintritt nicht ſo viel Lärm machte, wie etwa eine Bombe, ein Sänger, ein Donnerſchlag, die„letzte große Novelle der Saiſon,“ oder irgend etwas Anderes, was in unſeren Tagen Auſſehen zu erregen im Stande iſt. Denn was kann jetzt überhaupt Aufſehen machen— jetzt, wo das Erſtaunlichſte von Allem gerade unſer ruhiges Hinnehmen von erſtaunlichen Dingen iſt— wenn wirz. B. gleichgültig ſagen,„wieder eine Revo⸗ lution in Paris,“ oder„beiläufig, auch in Wien iſt der Teufel los!“— wenn der Prinz de Joinville in den Teichen von Claremont Fiſche fängt und man ſich kaum umwendet, — —— 399 ge⸗ um auf dem Brightoner Damm nach dem Fürſten Metternich en zu ſehen! er⸗ Mein Onkel nickte und murmelte unbeſtimmt etwas len vor ſich hin; mein Vater— der„Schob ſeine Bücher bei Seite, wie wir bereits gehört en haben.“ Lieber Leſer, du biſt ſehr im Irrthum, denn nicht jetzt hn⸗ ſchob er ſeine Bücher bei Seite, da er damit gar nichts zu ſte thun hatte— er las ſeinen Correcturbogen. Und er lächelte — und deutete pathetiſch darauf hin(auf den Correcturbogen ge⸗ meine ich), als wolle er mit einer Art Humor ſagen— 5„Was kannſt Du mehr verlangen, Piſiſtratus?— mein ren Neugeborner in kurzen Höschen oder in Garmond, was ganz ten das Nämliche iſt!“ der Ich rückte einen Stuhl zwiſchen ſie, ſah zuerſt den einen, eiſe dann den andern an und fühlte— der Himmel vergebe mir! ſo— einen rebelliſchen, undankbaren Groll gegen beide. Die ein Bitterkeit meiner Seele muß in der That tief geweſen ſeyn, der daß ſie in dieſer Richtung überſtrömen konnte; aber es war zu ſo. Der Schmerz der Jugend iſt ſtets abſcheulich ſelbſt⸗ upt ſüchtig. Ich ſtand von dem Stuhle auf und trat an das em Fenſter; es war offen, und draußen hing in ſeinem Käſicht gen der Kanarienvogel der Miß Primmins. Die Londoner Luft vo⸗ ſagte ihm zu, und er ſang luſtig darauf los. Als der Vogel der mich ſeinem Käſicht gegenüber ſah, wie ich es ernſt und, hen ohne Zweifel, auch mit ſehr düſterer Miene betrachtete, hielt et, er inne, ſenkte den Kopf auf die eine Seite und blickte ſchräg und argwöhniſch nach mir hin. Wie er fand, daß ich ihm 400 1 nichts zu leid that, begann er ſcheu und fragend mit einigen abgebrochenen Noten, zwiſchen denen er jedesmal eine Pauſe eintreten ließ; da ich dabei ſtille blieb, kam er augenſchein⸗ lich auf die Anſicht, der Zweifel ſey gelöst und ich mehr zu bemitleiden, als zu fürchten— denn er ging allmählig in eine ſo ſanfte, klangreiche Melodie über, daß ich wahrhaftig glaube, er ſang, um mich zu tröſten— mich ſeinen alten Freund, den er ungerecht beargwöhnt hatte. Nie drang niir eine Muſik ſo ſehr in's Innere, als jene lange, klagende Cadenz. Und als der Vogel aufhörte, klammerte er ſich an die Drähte des Käſichts an und muſterte mich ſtetig aus ſeinen klaren, klugen Augen. Ich fühlte, daß in den meini⸗ gen das Waſſer ſtand, wandte mich um und trat in die Mitte des Zimmers, unſchlüſſig, was ich thun oder wohin ich gehen ſollte. Mein Vater war mit dem Correcturbogen fertig und hatte ſich wieder in ſeine Foliobände vertieft. Roland klappte ſein rothes Rechnungsbuch zu, ſteckte es in ſeine Taſche, wiſchte ſorgfältig ſeine Feder ab und beobachtete mich jetzt unter ſeinen buſchigen Brauen hervor. Plötzlich ſtand er von ſeinem Sitze auf, ſtampfte mit ſeinem Kork⸗ bein auf den Herd und rief: „Laſſ einmal Deine verwünſchten Bücher liegen, Bruder Auſtin! Was iſt denn in dem Geſichte dieſes Jungen? Deute mir dies, wenn Du kannſt!“ igen auſe ein⸗ rzu in ten ang nde an us ni⸗ die hin en ft. in ete ich rk⸗ er ite 401 Zweites Kapitel. Und mein Vater ſchob ſeine Bücher bei Seite und ſtand haſtig auf. Er nahm ſeine Brille ab und rieb ſie mechaniſch, ſagte aber nichts, worauf mein Onkel, der ihn erſtaunt über ſein Schweigen eine Weile mit großen Augen angeſehen hatte, in die Worte ausbrach: „O! ich ſehe— er iſt in eine Klemme gerathen, und Du zürnſt! Pah! junges Blut will ſich vertoben, Auſtin! Dies geht nicht anders. Da hilft kein Mäkeln— es iſt nur, wenn— komm her, Siſiy! Donnerwetter, Menſch— komm' her!“ Mein Vater ſtreifte ſanft die Hand des Käpitäns ab⸗ trat auf mich zu und öffnete ſeine Arme. Im nächſten Augenblick lag ich ſchluchzend an ſeiner Bruſt. „Aber was gibt's denn?“ rief Kapitän Roland.„Will mir Niemand ſagen, was vorgegangen iſt? Geld, ver⸗ muthlich— Geld— Du verwetterter, liederlicher junger Schlingel. Zum Glück haſt Du einen Onkel, dem mehr zu Gebot ſteht, als er zu verwenden weiß. Wie viel?— Fünfzig?— hundert?— zweihundert? Aber wie kann ich die Anweiſung ſchreiben, wenn Ihr nicht ſprechen wollt?“ „Bſt, Bruder! Dein Geld kann dieſe Angelegenheit nicht ausgleichen. Mein armer Junge— habe ich recht ge⸗ rathen? Errieth ich letzthin, als—“ „Ja, Vater— ja! O, wie elend war mir dabei zu Muthe. Doch jetzt iſt's beſſer— ich kann Euch nun Alles ſagen.“ Bulwer, die Cartone. 26 402 Mein Onkel bewegte ſich langſam nach der Thüre, denn ſein Zartgefühl gab ihm die Ueberzengung, daß er nicht an ſeinem Platze ſey, wo ſich's um eine vertrauliche Mittheilung zwiſchen Sohn und Vater handelte. „Nein, Onkel,“ rief ich, indem ich ihm meine Hand ent⸗ gegenhielt,„bleibt! Auch Ihr könnt mir rathen— mich ermuthigen. Bis jetzt habe ich meine Ehre bewahrt— helft mir, dies auch fernerhin zu thun.“ Bei dem Wort Ehre blieb Kapitän Roland ſtumm hen und richtete raſch den Kopf auf. und nun erzählte ich Alles— Anfangs zwar unzu⸗ ₰ ſammenhängend genug, aber im weiteren Verlauf klar und männlich. Ich weiß jetzt, daß es bei Liebenden nicht üblich iſt, ſich Vätern und Onkeln anzuvertrauen. Nach jenen Spiegeln des Lebens, den Schauſpielen und Romanen, zu urtheilen, treffen ſie eine beſſere Wahl; Bediente und Kam⸗ mermädchen— Freunde, welche ſie auf der Straße aufge⸗ leſen, wie es bei mir und dem armen Franeis Vivian der Fall war— gegen dieſe erleichtern ſie ihre bekümmerte Bruſt. Gegen Väter und Onkel aber ſind ſie verſchloſſen, unzu⸗ gänglich und„bis an's Kinn zugeknöpft.“ Die Cartone waren eine ercentriſche Familie und be⸗ trieben eine Sache nie, wie andere Leute. Nachdem ich zum Schluſſe gekommen war, erhob ich meine Augen und fragte flehentlich: „Sagt mir jetzt, iſt denn keine Hoffnung othee— gar keine?“ „Warum denn nicht?“ rief Kapitän Roland haſtig. N denn tan lung ent⸗ mich mm nzu⸗ und lich nen zu am⸗ fge⸗ der uſt. izu⸗ be⸗ um gte 403 „Die De Cartone ſind eine ſo gute Familie, als die Tre⸗ vanione, und was Dich betrifft, ſo will ich weiter nichts ſagen, als daß die junge Dame für ihr Glück eine ſchlechtere Wahl treffen könnte.“ Ich drückte meinem Onkel die Hand und wandte mich in banger Beſorgniß meinem Vater zu, denn ich wußte, daß ungeachtet ſeiner zurückgezogenen Lebens veiſe nicht leicht Jemand auch in weltlichen Angelegenheiten ein richtigeres urtheil hatte, wenn er einmal veranlaßt wurde, dieſelben näher zu betrachten. Es iſt etvas Wunderbares um jene einfache Weisheit, welche Gelehrte und Dichter oft für Andere beſitzen, obſchon ſie ſich ſelten dazu herablaſſen, für ſich ſelbſt davon Gebrauch zu machen. Und wie in aller Welt mögen ſie dazu gelangt ſeyn? Ich blickte meinen Vater an, und die unbeſtimmte Hoffnung, welche Roland geweckt hatte, brach wieder zuſammen. „Bruder,“ ſagte er langſam, indem er den Kopf ſchüttelte,„die Welt, welche den in ihr Lebenden Geſetze und Geſetzbücher gibt, kümmert ſich nicht viel um einen Stamm⸗ baum, wenn nicht ein Beſitztitel auf ausgedehnte Ländereien daran haftet.“ „Trevanion hatte an Reichthum nichts vor Piſiſtratus voraus, als er Lady Ellinor heirathete,“ bemerkte mein Onkel. „Wohl wahr; aber Lady Ellinor war damals noch⸗ keine Erbin und ihr Vater hegte in ſolchen Dingen An⸗ ſichten, wie vielleicht kein anderer Peer in England. Was Trevanion betrifft, ſo gibt er ſicherlich wegen der Stellung 26* 404 keinem Vorurtheile Raum; aber er beſitzt einen geſunden Verſtand und thut ſich ſelbſt viel darauf zu gut, daß er ein praktiſcher Mann ſey. Es wäre Thorheit, wenn man ihm von Liebe und Jugendneigungen vorſchwatzen wollte, und der Sohn von Auſtin Carton, deſſen Hülfsmittel blos aus dem Zinſenertrag von fünfzehn oder ſechszehntauſend Pfunden beſtehen, würde ihm ſeiner Tochter gegenüber als eine Partie erſcheinen, die kein kluger Mann in ſeiner Stellung billigen kann. Lady Ellinor ihrerſeits—“ „Sie verdankt uns viel, Auſtin!“ rief Roland und ſein Geſicht verdüſterte ſich. „Lady Ellinor iſt nun, was ſie immer zu werden in Aus⸗ ſicht ſtellte, wenn wir ſie beſſer verſtanden hätten— das ehr⸗ geizende, prachtliebende und Plane ſchmiedende Weltweib. Habe ich nicht recht, Piſiſtratus?“— Ich ſagte nichts, denn die Gefühle erſtickten meine Worte. „Und gefällſt Du dem Mädchen— doch ich denke, dies iſt klar!“ rief Roland.„O Schickſal— Schickſal; es iſt eine verhängnißvolle Familie für uns geweſen Aber, Donner⸗ wetter, die Schuld liegt an Dir, Auſtin. Warum ließeſt Du ihn hingehen?“ „Mein Sohn iſt jetzt ein Mann— wenigſtens dem Herzen, wenn auch nicht den Jahren nach— durfte ich ihn gegen Gefahr und Verſuchung abſperren? Beides hat mich auch in dem alten Pfarrhaus aufgefunden!“ entgegnete mein Vater im milden Tone. Mein Onkel ging oder ſtelzte vielmehr dreimal im nden rein ihm und aus nden eine lung ſein Aus⸗ ehr⸗ veib. teine dem ihn mich nete im 405 Zimmer auf und ab, blieb dann ſtehen, ſchlug die Arme über⸗ einander und kam zu einer Entſcheidung. „Wenn Du dem Mädchen gefällſt, ſo iſt Deine Pflicht doppelt augenfällig— Du darſſt keinen Vortheil davvn ziehen. Ich billige es, daß Du das Haus verlaſſen willſt, denn die Verſuchung könnte allzu ſtark werden.“ „Aber wie ſoll ich mich gegen Mr. Trevanion ent⸗ ſchuldigen?“ erwiederte ich mit tonloſer Stimme.„Welches Mährchen kann ich erfinden? So unbekümmert er auch ſonſt iſt in ſeinem Vertrauen, ſieht er doch ſcharf, wenn er einmal Argwohn ſchöpft— er wird daher alle meine Aus⸗ flüchte durchſchauen, und— und—“ „Die Sache iſt ſo klar wie ein Lanzenſchaft“, fiel mir mein Onkel in's Wort,„und es bedarf da ganz und gar keiner Ausflüchte. Ich muß Euch verlaſſen, Mr. Trevanion— Warum? ſagt er.— Fragt mich nicht.— Er beſteht darauf.— Wohlan denn, Sir, wenn Ihr es wiſſen müßt, ich liebe Eure Tochter. Ich habe nichts, ſie iſt eine große Erbin. Ihr werdet dieſe Liebe nicht billigen, und deßhalb verlaſſe ich Euch? Dies iſt der Weg, der einem engliſchen Gentleman ziemt.— Meinſt Du nicht, Auſtin?“ „Du haſt nie Unrecht, wenn Du Deinen innern An⸗ trieb ſprechen läßſt, Roland,“ verſetzte mein Vater.„Kannſt Du ſo reden, Piſiſtratus, oder ſoll ich es für Dich thun?“ „Ueberlaſſ' es ihm ſelbſt,“ ſagte Roland,„und er mag ſich dann aus der Antwort ein Urtheil bilden. Er iſt jung, verſtändig und kann vielleicht Figur in der Welt machen. Möglich, daß Trevanion antwortet: Gewinn die Dame, 406 nachdem Du Dir den Lorbeer errungen haſt, wie die Ritter des Alterthums. Jedenfalls wirſt Du das Schlimmſte hören.“ „Ich will gehen,“ verſetzte ich mit Feſtigkeit, nahm meinen Hut auf und verließ das Zimmer. Als ich in der Flur anlangte, ſchlich ſich ein leichter Tritt die obere Treppe herunter und eine kleine Hand faßte die meinige. Ich wandte mich raſch um und begegnete den ſchwarzen, aber ungemein lieblichen Augen meines Bäschens Blanche. „Geh noch nicht fort, Siſiy!“ ſagte ſie einſchmeichelnd. „Ich habe auf Dich gewartet, denn ich hörte Deine Stimme und mochte nicht in's Zimmer kommen, weil ich Dich zu ſtören fürchtete.“ „Und warum haſt Du auf mich gewartet, meine kleine Blanche?“ „Warum? blos um Dich zu ſehen. Aber Deine Augen ſind roth. O, Vetter!“ Und ehe ich ihrer kindlichen Regung gewahr wurde, hatte ſie ſich an mir emporgearbeitet, ihre Hand um meinen Hals geſchlungen und mich geküßt. Nun aber war Blanche nicht wie andere Kinder und that ſehr ſparſam mit ihren Liebkoſungen, dieſer Kuß kam alſo aus den Tiefen eines theil⸗ nehmenden Herzens. Ohne ein Wort zu ſprechen, gab ich ihn ihr zurück, ſetzte ſie ſanft wieder nieder, eilte die Treppe hinunter und befand mich auf der Straße. Ich war indeß noch nicht weit gekommen, als ich die Stimme meines Vaters hörte; er holte mich ein, legte ſeinen Arm in den meinigen und ſagte: da we .“ m itt die en ns gen rde, nen nche ren eil⸗ ich ppe ndeß ters igen 407 „Leiden wir nicht Beide gemeinſchaftlich?— Laſſ' uns 1 daher mit einander aushalten! Ich drückte ſeinen Arm, und wir gingen ſchweigend weiter. Als wir jedoch in die Nähe von Mr. Trevanions Wohnung kamen, ſagte ich ſtockend: „Wäre es nicht beſſer, Vater, wenn ich allein ginge? Wenn es zwiſchen Mr. Trevanion und mir zu einer Erklärung fömmt, würde es nicht den Anſchein gewinnen, als ob Eure Gegenwart eine Bitte enthielte, die uns Beide erniedrigen fönnte, oder einen Zweifel gegen mich, daß ich—“ „Du gehſt natürlich allein. Ich werde auf Dich warten.“ „Doch nicht auf der Straße— o nein, Vater,“ rief ich in unausſprechlicher Rührung; denn alles Dieſes war ſo gar gegen meines Vaters Gewohnheiten, daß ich bereute, durch meinen jugendlichen Schmerz die ruhige Würde ſeines heitern Lebens getrübt zu haben. „Mein Sohn, Du weißt nicht, wie ich Dich liebe, und ich habe es ſelbſt erſt in der letzten Zeit erfahren. Du ſiehſt, ich lebe jetzt in Dir, mein Erſtgeborener— nicht in meinem andern Sohn, dem großen Buch. So laß mir meinen Willen. Geh' hinein— ich glaube, dies iſt die Thüre?“ Ich drückte die Hand meines Vaters und fühlte damals, daß, ſo lange die ſeinige meinen Druck erwiedern konnte, ſelbſt der Verluſt Fanny Trevanions die Welt nicht in eine Oede umzuwandeln vermochte. Wie viel haben wir nicht vor uns im Leben, ſo lange uns unſere Eltern zur Seite ſtehen! Wie viel zu erſtreben und zu hoffen! Und welch' 408 ein gewichtiger Beweggrund, unſern eigenen Schmerz nieder⸗ zukämpfen, damit ſie nicht mit uns leiden möchten! Drittes Kapitel. Ich trat in Trevanions Studirzimmer. Es war eine Stunde, in welcher er ſich ſelten zu Hauſe befand. Ich hatte dies nicht bedacht und war daher gar nicht verwundert, als er ganz gegen ſeine Gewohnheit in ſeinem Armſtuhl ſaß und, ſtatt in einem Comitézimmer des Unterhauſes ſich umzutrei⸗ ben, in einem ſeiner Lieblings⸗Claſſiker las. „Ihr ſeyd mir ein ſauberer Vogel,“ ſagte er, von ſeinem Buche aufſehend,„daß Ihr mich ſo sans fagon den ganzen Morgen allein laßt. Und die Commiſſionsſitzung iſt verſchoben— der Vorſitzende krank— Leute, die krank werden, ſollten ſich nicht in das Haus der Gemeinen wählen laſſen. So bin ich jetzt hier und ſehe mich im Properz um. Parr hat Recht— er iſt kein ſo zierlicher Schriftſteller, als Tibull. Aber was zum Henker treibt Ihr! Warum ſetzt Ihr Euch nicht nieder? Hum! Ihr ſeht ſo ernſt aus,— habt etwas zu ſagen,— ſprecht!“ Und Trevanion legte ſeinen Properz nieder, während ſeine ſcharfen Züge auf einmal einen Ausdruck von Ernſt und Aufmerkſamkeit annahmen. „Mein theurer Trevanion,“ begann ich mit ſo viel Feſtigkeit, als mir möglich war,„Ihr ſeyd ſtets ſehr gütig gegen mich geweſen, und außer meiner eigenen Familie kenne ich Niemand, den ich mehr liebte und achtete.“ er⸗ ine tte als nd, von den ing ank len m. als etzt end nſt iel tig ilie 409 Trevanion.— Hum! Was wollt Ihr mit alle dem? —(für ſich) Soll ich da vielleicht angeführt werden? Piſiſtratus.— Haltet mich alſo nicht für undankbar, wenn ich Euch ſage, daß ich gekommen bin, um auf meine Stelle zu verzichten und aus dem Hauſe zu ſcheiden, wo ich ſo glücklich war. Trevanion.— Aus dem Hauſe zu ſcheiden? Pah! — Ich habe Euch zu viel zugemuthet, will aber in Zukunft barmherziger ſeyn. Ihr müßt einem National⸗Oeconomen verzeihen— es iſt allerdings ein Fehler meiner Secte, daß ſie die Menſchen als Maſchinen betrachtet. Piſiſtratus(mit einem matten Lächeln).— O nein, in der That— dies iſt es nicht! Ich habe mich über nichts zu beklagen— würde nichts geändert wünſchen, wenn ich bleiben könnte. Drevanion(der mich gedankenvoll muſtert).— Und iſt Euer Vater damit einverſtanden, daß Ihr mich in dieſer Weiſe verlaßt? Piſiſtratus.— Ja, vollkommen. Trevanion(einen Angenblick nachſinnend).— Ich ſehe, er will Euch auf die Univerſität ſchicken und Euch zu einem Bücherwurm machen, wie er es ſelbſt iſt. Pah! Das geht nicht.— Ihr werdet nie ganz ein Mann der Bücher werden— es liegt nicht in Euch. Ich erſcheine vielleicht als achtlos, junger Mann, kann aber doch, wenn ich will, recht ſchnell einen Charakter erfaſſen. Ihr thut Unrecht, daß Ihr von mir geht; Ihr ſeyd für die große Welt ge⸗ ſchaffen, und ich kann Euch eine ſchöne Laufbahn aufſchließen. 41⁰ Auch wünſche ich, dies zu thun. Lady Ellinor wünſcht es — ja ſie beſteht darauf— ſowohl wegen Eures Vaters, als um Eurer ſelbſt willen. Miniſter habe ich nie um eine Gefälligkeit angegangen und werde es auch nie thun. Aber—(Trevanion erhob ſich jetzt plötzlich und fuhr mit aufrechter Haltung und einer raſchen Bewegung ſeines Armes fort)— aber ein Miniſter kann nach Belieben über ſeine Gunſt verfügen. So hört mich an— es iſt zwar noch ein Geheimniß, und ich baue auf Eure Ehrenhaftigkeit. Noch eh' das Jahr um iſt, muß ich in dem Kabinet ſeyn. Bleibt bei mir— ich verbürge Euch Euer Glück. Vor drei Monaten würde ich noch nicht ſo geſprochen haben. Bei Gelegenheit will ich das Parlament für Euch öffnen.— Ihr ſeyd noch nicht volljährig— arbeitet bis dahin. Und nun ſetzt Euch und ſchreibt meine Briefe! Es iſt ein trauriger Rückſtand vorhanden!“ „Mein lieber, theurer Mr. Trevanion!“ entgegnete ich mit einer Aufregung, die mich kaum ſprechen ließ, indem ich ſeine Hand ergriff und ſie zwiſchen den meinigen drückte —„ich wage es nicht, Euch zu danken— es iſt mir unmög⸗ lich! Aber Ihr kennt mein Herz nicht— es handelt ſich nicht um eine Frage des Ehrgeizes. Nein, wenn ich nur unter den alten Bedingungen hier bleiben könnte— hier— (ich blickte dabei mit einer Jammermiene nach der Stelle, wo Fanny den Abend vorher geſtanden hatte)— aber es iſt unmöglich!— Wenn Ihr Alles wüßtet, wäret Ihr wohl ſelbſt der Erſte, der mich gehen hieße!“ g⸗ ich ur le, iſt hl 411 „Ihr habt Schulden,“ ſagte der Weltmann mit kalter Ruhe.„Schlimm, ſehr ſchlimm— dennoch—“ „Nein, Sir; nein, etwas Schlimmeres—“ „Es kann kaum ſchlimmer ſeyn, junger Mann— kaum ſchlimmer! Aber wie Euch beliebt. Ihr wollt mich ver⸗ laſſen, ohne einen Grund anzugeben. Gott befohlen! Warum zögert Ihr noch? Gebt mir die Hand und geht!“ „Ich kann Euch ſo nicht verlaſſen. Ich— ich— nein, Sir, die Wahrheit muß heraus. Ich bin übereilt und wahnſinnig genug geweſen, Miß Trevanion nicht ſehen zu können, ohne zu vergeſſen, daß ich arm— und—“ „Ha!“ unterbrach mich Trevanion in ſanftem Tone, während zugleich ſein Antlitz erblaßte,„dies iſt in der That ein Unglück! Und ich konnte davon reden, daß ich einen Charakter zu erfaſſen verſtehe Wahrhaftig, wir, die wir uns für practiſche Männer halten, ſind Thoren— große Thoren! Und Ihr habt meiner Tochter Eure Liebe erklärt?“ „Sir! Mr. Trevanion!— nein— nie, nie kam mir eine ſo ſchnöde Handlung zu Sinne.— In Eurem Hauſe— in Eurem Vertrauen— wie könnt Ihr nur etwas Solches denken? Ich wagte es vielleicht, ſie zu lieben— jedenfalls zu fühlen, daß ich nicht unempfindlich ſeyn könne gegen eine Verſuchung, die zu ſtark für mich war. Aber es Eurer Tochter zu ſagen, ſie um Gegenliebe zu bitten— eben ſo ſeicht hätte ich Eure Kaſſe erbrechen können! Offen geſtehe ich Euch meine Thorheit— es iſt eine Thorheit, an der aber keine Schande klebt.“ Trevanion trat plötzlich auf mich zu, während ich an 412 dem Bücherſchrank lehnte, ergriff mit Hetzlichkeit meine Hand und ſprach: „Verzeiht mir! Ihr habt Euch benommen, wie es einem Sohne Eures Vaters ziemt. Ich beneide ihn um einen ſolchen Sohn! Doch hört mich jetzt an— ich kann Euch meine Tochter nicht geben—“ „Glaubt mir, Sir, nie—“ „Stille, laßt mich ausreden! Ich kann Euch meine Tochter nicht geben. Ich will nicht von Ungleichheit ſprechen — alle Gentlemen ſind gleich; und wenn auch nicht, ſo würde jede ungebührliche Ziererei von Ueberlegenheit in einem ſolchen Falle ſchlecht für einen Mann paſſen, welcher ſelbſt ſein Vermögen ſeinem Weibe verdankt! „Doch wie die Sachen ſtehen, habe ich in der Welt ein Ziel zu erringen, das nicht blos durch Vermögen gewonnen wird, ſondern durch die Anſtrengung eines ganzen Lebens, durch die Unterdrückung meines halben Weſens, durch Plackerei, Kampf und Zügelung alles deſſen, was den Ruhm und die Frende meiner Jugend ausmachte. Alles dies war erforderlich, um mich zu dem harten Thatſachengeſchöpf zu machen, das nach der Anſicht der engliſchen Welt ein Staa ts⸗ mann ſeyn muß. Dieſe Stellung hat allmälig die natür⸗ liche Folge nach ſich gezogen— die Macht! Ich ſage Euch, bald werde ich einen hohen Poſten einnehmen in der Regie⸗ rung— ich hoffe, dem Vaterlande große Dienſte zu leiſten, denn was auch der Pöbel und die Preſſe ſagen mögen, ſo ſind doch die engliſchen Politiker keine ſelbſtſüchtigen Stellen⸗ jäger. Schon vor zehn Jahren wies ich ein Amt zurück, ſo ind es um mn eine hen irde iem bſt ein men ens, urch hm war f zu ts⸗ tür⸗ uch, gie⸗ ſten, „ ſo llen⸗ „ſo 413 hoch als das, welchem ich jetzt entgegenſehe. Wir vertrauen auf unſere Meinungen und heißen die Gewalt willkommen, weil ſie uns in die Lage ſetzt, ſie in Ausführung zu bringen. Ich werde in dieſem Kabinet Feinde haben. O, glaubt nicht, daß wir an den Thoren von Downing Street die Eiferſucht hinter uns laſſen. Ich werde in der Minorität ſtehen. Ich weiß wohl, was kommen muß; gleich allen Ge⸗ walthabern wird es mir obliegen, mich auch noch durch andere Köpfe und Hände zu kräftigen. Meine Tochter ſoll mich in Verbindung bringen mit jenem Haus in England, das mir unerläßlich nöthig iſt. Mein Leben fällt zuſammen wie die Kartenpyramide eines Kindes, wenn ich das Kräfti⸗ gungsmittel, welches mir in der Hand Fannyh Trevanions zur Verfügung ſteht— ich will nicht ſagen an Euch, ſondern überhaupt an Männer von zehnmal größerem Vermögen (gleichviel wie groß auch das Eurige ſein mag) verſchwende. Dieſem Ende habe ich entgegengeſehen, obſchon die Mutter Entwürfe dafür machte; denn dergleichen häusliche Ange⸗ legenheiten liegen zwar in den Hoffnungen des Mannes, ge⸗ hören aber der Politik der Frau an. So viel über unſere Stellung. Euch aber, mein lieber, offener und hochſinniger junger Freund— Euch würde ich, wenn ich nicht Fanny's Vater, ſondern Euer nächſter Verwandter wäre und Fanny mit all ihrer fürſtlichen Morgengabe(denn ſie iſt fürſtlich) durch eine einfache Anfrage gewonnen werden könnte, den Rath ertheilen, eine Laſt zu fliehen, die HerzGeiſt, Stolz und Thatkraft lähmt und die unter zehntauſend Männern kaum Einer ertragen kann— zu fliehen vor dem Fluche— 414 Alles einem Weibe verdanken zu müſſen! Es iſt eine Ver⸗ kehrung der ganzen natürlichen Stellung— ein Schlag, der alle Mannheit in uns ertödtet. Ihr wißt nicht, was dies iſt, aber ich weiß es. Das Vermögen meiner Gattin kam zwar erſt nach der Verheirathung an ſie, und ſo weit iſt die Sache gut; denn mein Ruf blieb dadurch bewahrt vor dem Vorwurf, als ſey ich ein bloßer Glücksjäger. Gleich⸗ wohl kann ich Euch das aufrichtige Geſtändniß ablegen, daß ich, wäre es ganz ausgeblieben, ein ſtolzerer, größerer und glücklicherer Mann ſeyn würde, als ich mit all' den Vor⸗ theilen, welche mir der Reichthum brachte, je war oder ſeyn kann. Er wird mir zu einem wahren Mühlſtein am Halſe, obſchon Ellinor noch nie ein Wort verlauten ließ, das meinen Stolz hätte verletzen können. Würde ihre Tochter ebenſo nachſichtig ſeyn? So ſehr ich Fanny liebe, zweifle ich doch⸗ ob ſie das große Herz ihrer Mutter beſitzt. Ihr macht eine ungläubige Miene— begreiflich. Ihr glaubt, ich wolle das Glück meines Kindes dem politiſchen Ehrgeiz opfern! O der jugendlichen Thorheit! Fanny würde unglücklich mit Cuch ſeyn. Jetzt denkt ſie vielleicht nicht ſo, aber nach fünf Jahren mag es wohl ganz anders ausſehen. Fanny wird eine bewunderungswürdige Herzogin, Gräfin oder ſonſtige große Dame abgeben; aber die Gattin eines Mannes, der ihr Alles zu danken hat?— Nein, nein— ſchlagt Euch ſolche Gedanken aus dem Sinn! Verlaßt Euch darauf, ihr Glück ſoll nicht zum Opfer gebracht werden. Ich ſpreche offen wie ein Mann gegen einen Mann, als ein Mann von der Welt zwar gegen einen, welcher erſt in die „„— ———— e„ —„ nit ach ny der nes uch Ich ein die 415 Welt eintritt, aber doch Mann gegen Mann. Was habt Ihr darauf zu erwidern?“ „Ich will über das, was Ihr mir geſagt habt, nach⸗ venken, denn ich weiß, daß Ihr ſo edelmüthig mit mir ſprachet, wie es ein Vater thun würde. Ich bitte Euch, entlaßt mich jetzt. Moge Gott Euch und die Eurigen behüten!“ „Geht, ich erwiedere Euren Segenswunſch— geht! Ich will Euch jetzt nicht mit Dienſtanerbietungen kränken, aber vergeßt nicht, daß Ihr ein Recht habt, ſie von mir zu verlangen— in jeder Weiſe und zu jeder Zeit. Halt! — Nehmt noch dieſen Troſt mit Euch— jetzt freilich ein leidiger, ſpäter aber ſicherlich ein großer Troſt. In einer Stellung, welche Aerger, Verachtung und Mitleiden hätte erregen können, habt Ihr das dürre Herz eines Mannes gezwungen, Euch zu ehren und zu bewundern. Ihr, faſt noch ein Knabe, habt mich alten Graukopf bewogen, beſſer von der ganzen Welt zu denken. Sagt dies Eurem Vater.“ Ich ſchloß die Thüre und ſchlich hinaus, leiſe— leiſe. Als ich in der Halle anlangte, öffnete Fanny plötzlich die Thüre des Frühſtückzimmers und ſchien mich durch Blick und Geberde zum Eintreten aufzufordern. Ihr Antlitz war ſehr bleich und an den ſchweren Augenlidern ließen ſich Spuren von Thränen erkennen. Ich blieb einen Augenblick ſtehen, und das Hetz ſchlug ungeſtüm in meinem Innern. Dann murmelte ich undeutlich etwas vor mich hin, machte eine tiefe Verbeugung und eilte nach der Thüre. * Ich meinie— aber vielleicht täuſchten mich meine Ohren, daß ich meinen Namen ausſprechen hörte; zum Glück war jedoch der Pförtner ſchon von ſeiner Zeitung und ſeinem Lederſtuhl aufgeſprungen, und die Thüre ſtand offen. Draußen ſchloß ich mich meinem Vater wieder an. „Es iſt alles vorüber,“ ſagte ich mit einem entſchloſſenen Lächeln.„Und nun, mein lieber Vater, fühle ich, wie ſehr ich Euch zu Dank verpflichtet bin für alles, was mich Euer Unterricht und Euer Leben gelehrt hat; denn glaubt mir, ich bin nicht unglücklich.“ Viertes Kapitel. Wir kehrten in die Wohnung meines Vaters zurück und begegneten auf der Treppe meiner Mutter, welche durch Rolands ernſte Miene und die befremdliche Abweſenheit ihres Auſtin in Unruhe verſetzt worden war. Mein Vater ging gelaſſen nach dem Stübchen voran, das meine Mutter für ſich und Blanche in Anſpruch genommen hatte, legte daſelbſt meine Hand in diejenige, welche ihn ſelbſt vom ſteinigten Pfade in die ruhigen Thäler des Lebens geleitet hatte, und ſagte zu mir: „Die Natur gibt Dir hier eine Tröſterin.“ Mit dieſen Worten verließ er das Zimmer. So verhielt ſich's auch. O, meine Mutter, daß die Natur in Deine einfache, liebende Bruſt ſo tiefe Quellen des Troſtes legen konnte! Von den Männern verlangen wir ick m en en hr ter ir, und uch res ing für lbſt ten und die llen wir Philoſophie, von den Frauen Tröſtung. Und die tauſend Schwächen und Schmerzen— die ſcharfen Sandkörner der kleinſten Einzelnheiten, welche in ihrem Zuſammenwirken unſern Kummer ausmachen— alles, was ich keinem Manne hätte vertrauen können— ſelbſt dem nicht, der für mich der theuerſte und liebevollſte unter allen Männern war— ohne Scheu ſchloß ich ſie vor Dir auf! Deine Thränen, die auf meine Wangen niederfielen, wirkten wie der Balſam Arabiens, und mein Herz fand endlich Ruhe und Frieden unter Deinen feuchten, ſanften Augen. Ich nahm mich zuſammen und ſchloß mich beim Mitiag⸗ eſſen dem kleinen Kreiſe an. Dankbar erkannte ich es, daß Niemand den gewaltſamen Verſuch machte, mich zu er⸗ muntern— während der ganzen Mahlzeit keine andere Aeußerung, als die einer ſanften, ruhigen Liebe. Selbſt die kleine Blanche hörte auf zu plaudern, als fordere ſie ihr Inneres zum Mitgefühl auf, und ſchien ſogar leiſer aufzu⸗ treten, als ſie an meine Seite ſchlich. Nach Tiſch, als wir uns in dem Beſuchzimmer verſammelten, die Lichter hell brannten und die Vorhänge niedergelaſſen waren, ſo daß nür etwa das raſche Rollen eines vorüberfahrenden Wagens uns daran erinnerte, es gebe außen auch noch eine andere Welt, begann mein Vater zu ſprechen. Er hatte alle ſeine Arbeit bei Seite gelegt; das jüngere, aber unvergäng⸗ lichere Kind war vergeſſen, und er hub in folgender Weiſe an: „Es iſt eine wohlbekannte Thatſache, daß gewiſſe Arznei⸗ ſtoffe oder Kräuter nur für eigenthümliche Krankheiten des Körpers paſſen. Wenn wir leidend ſind, vffnen wir nicht Bulwer, die Caxtone. 27 418 unſern Medikamentenkaſten auf Gerathewohl und nehmen das nächſte beſte Pulver oder die erſte Flaſche heraus, die uns unter die Hand kömmt. Ein geſchickter Arzt richtet die Größe der Gabe nach der Krankheit ein.“ „Dies kann keinem Zweifel unterliegen,“ verſetzte Capitän Roland,„und ich erinnere mich noch eines denkwür⸗ digen Beiſpiels von der Wahrheit deſſen, was Du ſagſt. Als ich in Spanien war, erkrankte mein Pferd und ich zu gleicher Zeit. Wir beide erhielten Arznei, und durch ein hölliſches Verſehen verſchluckte ich die Roßmediein, während das arme Pferd die meinige einnehmen mußte.“ „und was war der Erfolg davon?“ fragte mein Vater. „Das Pferd ging zu Grunde,“ antwortete Roland trautig—„ein werthvolles Thier— Fuchs mit einem Stern!“ „Und Du!“ „Ei, der Doctor meinte, ich hätte den Tod davon haben können; aber es gehörte mehr dazu, als eine lumpige Flaſche Arznei, um einen Mann in meinem Regiment umzubringen.“ „Gleichwohl kommen wir zu dem nämlichen Schluß,“ fuhr mein Vater fort—„ich mit meiner Theorie und Du mit Deiner Erfahrung— daß wir nämlich nicht die Arznei nehmen dürfen, die uns der Zufall an die Hand gibt, denn ein Fehlgreifen in den Flaſchen könnte ein Pferd umbringen. Wenn ſich's aber um die Arznei für den Geiſt handelt, wie wenig denken wir dann an die goldene Regel, welche der gewöhnliche Menſchenverſtand auf den Körper anwendet.“ „Welche Arznei gäbe esd enn für den Geiſt?“ ver⸗ nen die die etzte oür⸗ Als cher ches me ter. land inem aben aſche gen.“ uß,“ d Du rznei denn ngen. „wie e der t.“ ver⸗ 419 ſetzte der Kapitän.„Shakeſpeare ſagt etwas über den Gegenſtand und meint, wenn ich mich recht erinnere, daß mit einem kranken Geiſt nichts anzufangen ſey.“ „Ich denke nicht, Bruder; er ſagt nur, Arznei(unter der er Latwergen und Kolben verſteht) werde nichts aus⸗ richten. Jedenfalls darf man von Shakeſpeare am aller⸗ wenigſten erwarten, daß er ſeiner Kunſt einen ſolchen Vor⸗ wurf machte, denn er iſt in der That ein großer Arzt für den Geiſt geweſen.“ „Ah, ich ſehe jetzt, auf was es hinaus läuft, Bruder — wieder Bücher! Du meinſt alſo, wenn Einem das Herz bricht, wenn Einer ſein Vermögen verliert oder ſeine Tochter —(Blanche, liebes Kind, komm her zu mir)— ſo braucheſt Du nur ein Pflaſter von Druckpapier auf die wunde Stelle zu pappen, und Alles ſei wieder in Reinen? Ich wünſchte, Du könnteſt mich in ſolcher Weiſe kuriren.“ „Willſt Du den Verſuch damit machen?“ „Wohl, wenn es nicht griechiſch iſt,“ antwortete mein Onkel. Fünftes Kapitel. Meines Vaters Anſicht über die Heilkraft der Bücher. „Wenn wir,“ begann mein Vater— und ſeine Hand befand ſich dabei tief in der Weſte—„wenn wir der Auto⸗ rität des Diodor Glauben ſchenken über die Inſchrift an der großen ägyptiſchen Bibliothek— und ich ſehe nicht ein, warum 27 420 Diodor die Wahrheit nicht ebenſogut treffen ſollte, als irgend ein Anderer?“ fügte er fragend bei, indem er ſich umwandte. Meine Mutter hielt ſich ſelbſt für die angeredete Perſon und nickte der Autorität des Diodor einen gnädigen Beifall zu. Nachdem mein Vater ſeine Anſicht in dieſer Weiſe be⸗ kräftigt ſah, fuhr er fort:— „Wenn wir, ſage ich, der Autorität des Diotor Glauben ſchenken, ſo lautete die Inſchrift der ägyptiſchen Bibliothek: Arznei für den Geiſt. Dieſe Phraſe iſt bekanntlich jetzt abgedroſchen, und ohne etwas dabei zu denken, ſprechen es die Leute nach, daß Bücher für den Geiſt Arznei ſehen. Ja — aber wie die Arznei anwenden? Dies iſt die Hauptſache!“ „Du haſt uns dies wenigſtens ſchon zweimal geſagt, Bruder,“ bemerkte der Kapitän derb,„und ich weiß eben⸗ ſowenig, als der Mann im Mond, was Diodor damit zu ſchaffen hat.“ „So komme ich freilich nicht vorwärts,“ verſetzte mein Vater in einem Tone, der zwiſchen Vorwurf und Bitte mitte inne lag. „Wollt ihr gute Kinder ſeyn, Roland und Blanche?“ rief meine Mutter, die in ihrer Arbeit inne hielt und drohend ihre Nadel erhob, ja, ſogar der Schulter des Kapitäns einen leichten Stich verſetzte. „Rem acu teti gisti, meine Liebe,“ ſagte mein Vater, für dieſe Gelegenheit Ciceros Wortſpiel borgend.“„Und „ Cicero ſcherzt über einen Senator, welcher der Sohn eines Schneiders war—„du haſt die Sache ſcharf getroffen,“(oder mit der Nadel— acu). er, nd nes mit 42⁴ nun wollen wir auf Sammt gehen⸗ Ich ſage alſo, daß Bücher, ohne Unterſchied aufgegriffen, keine Krankheit, kein Leiden des Geiſtes zu heilen vermögen. Es gehört eine Welt von Wiſſen dazu, das Paſſende zu wählen. Ich habe einige Leute gekannt, die in großem Leid ihre Zuflucht zu einem Roman oder ſonſt einer leichten Lekture nahmen, die eben in der Mode war. Ebenſogut könnte man mit Roſen⸗ waſſer die Peſt curiren! Leichte Lekture hilft nichts, wo das Herz ſchwer iſt. Ich ließ mir ſagen, Göthe habe, als er ſeinen Sohn verlor, das Studium einer Wiſſenſchaft auf⸗ genommen, die ihm neu war. Göthe war freilich ein Arzt, der wußte, was er trieb. In einem großen Schmerz, wie der ſeinige, darf man den Geiſt nicht kitzeln und zerſtreuen; man muß das Leid ausreißen, in einen Abgrund vergraben, in ein Labyrinth verſtricken. Für den unheilbaren Kummer des mittleren und höheren Alters empfehle ich daher das eifrige Studium einer zum ernſten Denken ſpornenden Wiſ⸗ ſenſchaft. Dies iſt ein Gegenreiz, und das Gehirn wird durch ſeine Thätigkeit veranlaßt, auf das Herz zurückzu⸗ wirken. Wem das Studiren zuwider iſt— denn nicht Alle haben mathematiſche Köpfe— der mag ſich etwas aneignen, was im Bereich des beſcheidenſten Verſtandes liegt, aber doch den höchſten hinreichend in Anſpruch zu nehmen vermag— eine neue Sprache zum Beiſpiel— griechiſch, arabiſch, ſchwe⸗ diſch, chineſiſch oder wäliſch. Handelt ſich's um den Verluſt von Vermögen, ſo muß die Doſis weniger unmittelbar dem Verſtand angepaßt ſein.— Ich würde in einem ſolchen Falle eher etwas Elegantes und Herzſtärkendes anwnden 422 Denn wie bei einem Verluſt, der im Kreiſe unſerer Lieben ſtattfindet, das Herz gebeugt und zerriſſen iſt, ſo leidet und ſchmerzt bei ſchweren Geldbenachtheiligungen hauptſächlich der Kopf. Hier finden wir bei der höheren Klaſſe der Dichter ein ſehr werthvolles Heilmittel. Ihr dürft nämlich nicht außer Betracht laſſen, daß die Dichter von großartigem und umfaſſenden Genius zwei geſonderte Menſchen in ſich bergen, die von einander ganz verſchieden ſind— den Phantaſiemenſchen und den praktiſchen, weshalb denn auch die glückliche Miſchung dieſer beiden vorzugsweiſe für jene Kranfheiten des Geiſtes paßt, die halb imaginativer, halb praktiſcher Natur ſind. So verliert ſich Homer bald unter den Göttern, und iſt bald bei den Niedrigſten zu Hauſe, findet ſich alſo in alle Verhältniſſe, wie Gray ganz richtig von ihm bemerkt; Hamit verbindet er gleichwohl Phantaſie genug, um auch den trägſten Kopf zu beſchwatzen, daß er für eine Weile die kleine Stelle auf ſeinem Pult vergißt, die er mit ſeinem Banquierbuch bedecken kann. Virgil ſteht in dieſer Beziehung weit unter ihm, und Cowley drückt ſich darüber ganz gut aus:— „Sein Vers hat wohl den höchſten Gang, Doch nimmer einen Flug.“ Gleichwohl beſitzt Virgil Genie genug, um auch in ſich den Doppelmenſchen darzuſtellen; denn er führt uns ins Feld hinaus, nicht nur um auf die Hirtenflöte und das Summen der Biene zu hören, ſondern auch, um uns zu zeigen, wie man den Boden und den Rebſtock am beſten benützen kann. Wir haben ferner den Horaz, dieſen bezau⸗ 423 vernden Weltmann, der gefühlvoll Theil nehmen wird an dem Verluſt unſeres Vermögens, da er die guten Dinge dieſes Lebens keineswegs unter ihrem Werth anſchlägt, gleich⸗ wohl aber zu zeigen vermag, daß ein vile modicum oder parva rura auch glücklich machen können. Endlich ſpricht ſich vor ällen Dichtern in Shakſpeare der geheimnißvolle Dua⸗ lismus von ſcharfem Verſtand und glühender Phantaſie aus — ja, und noch viel mehr, was ich nicht namhaft zu machen brauche. Wenn man nach ſeinen Schriften greift, ſo ſagt er einem nicht mit ruhiger Gelaſſenheit, wie dies der bloſe Philoſoph und der unvernünftige Stoiker zu thun pflegt, daß man nichts verloren habe, ſondern er holt uns unmerklich weg aus dieſer Welt mit ihren Verluſten und Sorgen, um uns, ehe wir wiſſen, wo wir ſind, in eine andere zu entführen— in eine Welt, wo man ebenſo willkommen iſt, obſchon man von den verlorenen Aeckern nicht mehr Erde behalten hat, als an den Schuhſohlen klebt. Was nun weiter die Hypochondrie und den Lebensüberdruß betrifft, was gäbe es da Beſſeres, als die ſchnelle Abwechslung von Reiſe⸗ abenteuern, namentlich von Abenteuern aus frühen Zeiten und in entfernten Ländern— wunderbare und legendenhafte Reiſegeſchichten? Wie dieſe den Geiſt erfriſchen und den Menſchen aus dem gähnenden Schlafhaubenzuſtand reißen, in dem er ſich befindet! Sieh mit Herodot das junge Griechen⸗ land ins Leben ſpringen, betrachte mit ihm, wie die wunder⸗ bare alte vrientaliſche Welt bereits in ihrem Rieſenſturz zuſammenbröckelt, oder reiſe mit Carpini und Rubruguis in die Tartarei, wo die Wagen der Zagathay mit Haͤuſern 42⁴ beladen ſind und eine große Stadt auf dich zuwandert. Be⸗ trachte das ungeheure, wilde Reich der Tartaren, wo die Abkömmlinge von Dſchingis Chan über die endloſe Wüſte, unbegrenzt wie der Ocean, ſich vermehren und zerſtreuen. Segle mit den erſten nordiſchen Entdeckern und dring ein in das Herz des Winters unter Seeſchlangen, Bären und ſcharf⸗ zahnigen Seepferden mit Menſchengeſichtern. Was hältſt du ferner von Columbus, von dem unbeugſamen Geiſte des Cortes, von dem Königreich Merico und der wunderlichen Goldſtadt der Peruaner mit ihrem kühnen und rohen Pi⸗ zarro? von den Polhneſiern und vor allen anderen von den alten Bretonen? von den amerikaniſchen Indianern und den Südſeeinſulanern? Wie keck, jung, rührig und abenteuer⸗ luftig muß nicht ein Hypochondriſt unter einer ſolchen Be⸗ handlung werden? Wir kommen nun zu jenem Gebrechen der Seele, welches ich den ſektireriſchen Sinn nenne. Ich habe dabei nicht die religiöſe Bedeutung des Worts im Auge, ſondern die kleinen, lichten, engherzigen Vorurtheile, die den Menſchen veranlaſſen, ſeinen nächſten Nachbar zu haſſen, weil er ſeine Eier röſtet, während er ſeine eigenen ſiedet— das klatſchſüchtige Spähen in anderer Leute Angelegenheiten, die hämiſche Verläumdungsſucht und den Wahn, Himmel und Erde müſſen zuſammenfallen, wenn ein Beſen über ein Spiungewebe kommt, das Einer über dem Fenſtergeſims ſeines Gehirns ſich hat ausbreiten laſſen. Was kann hier beſſere Dienſte leiſten, als ein großartiger, in edlem Sinne aufgeſaßter, mild abführender— ich bitte um Verzeihung meine Liebe— hiſtoriſcher Curſus?. Wie räumt er auf mit Ze⸗ die ſte, 42⁵ all den Dünſten des Kopfs— weit beſſer, als die Nieß⸗ wutz, mit welcher die Aerzte des Mittelalters das kleine Gehirn purgirten! Unter der großen Windsbraut und dem Sturmbad der Reiche, Völker und Jahrhunderte erhebt ſich der Geiſt weit über jene kleine, fieberiſche Gehäſſigkeit gegen John Styles oder über die unglückliche Meinung, daß die ganze Welt Intereſſe haben müſſe für deine Beſchwerden gegen Tom Stokes und ſein Weib. „Ihr ſeht, ich kann nur einige Ingredienzien in dieſer großartigen Apotheke berühren— ihre Hülfsmittel ſind endlos, fordern aber die größte Umſicht in der Anwendung. Ich erinnere mich, einen untröſtlichen Wittwer, der jede andere Arznei hartnäckig zurückwies, durch die Geologie geheilt zu haben. Ich tauchte ihn tief in den Gneiß und in den Glimmerſchiefer. Mitten in der erſten Schichte ließ ich die wäſſrige Aection auf kühlenden, eryſtalliſirten Maſſen ſich erſchöpfen, und als ich ihn mit der Zeit in die tertiäre Periode, zu dem Uebergangskalk von Maſtricht und dem Muſchelmarmor von Goſau gebracht hatte, war er bereit, wieder ein Weib zu nehmen. Meine liebe Kitty, die Sache iſt nicht lächerlich. Eine nicht minder merkwürdige Kur vollbrachte ich an einem Studenten in Cambridge, der für die Kirche beſtimmt war, aber plötzlich von dem kalten Fieber des Freidenkens mit ſchweren Fröſten befallen wurde⸗ weil er bis über den Kopf in die Tiefen des Spinoza gewatet war. Von den Theologen, mit welchen ich anfänglich einen Verſuch machte, hat keiner auch nur das mindeſte Gute geleiſtet; ich ſchlug daher ein neues Blatt auf und dokterte 426 ſachte mit den Capiteln des Glaubens in Abraham Tuckers Buch fort(Du ſollteſt dies leſen, Siſty). Zwiſchen hinein wandte ich ſtarke Doſen von Fichte an; dann brachte ich ihn auf die ſchottiſchen Metaphyſiker und die Sturzbäder in ge⸗ wiſſen deutſchen Tranſeendentaliſten. Erſt nachdem ich ihn überzeugt hatte, daß der Glaube kein unphiloſophiſcher Geiſteszuſtand ſey und er ſich wohl damit befaſſen könne, ohne ſeinem Verſtand eine Blöße zu geben— denn in dieſer Beziehung war er gewaltig eingebildet— griff ich wieder zu den Theologen, die er jetzt zu verdauen geeignet war; ja, ſeine theologiſche Conſtitution iſt ſeitdem ſo robuſt geworden, daß er ſchon zwei Pfründen und eine Dechanten⸗Beſoldung verſchlungen hat! In der That, ich habe einen Plan zu einer Bibliothek, welche, ſtatt ſich in Fächer, wie Philologie, Naturwiſſenſchaft, Poeſie' ze. abzutheilen, die Aufſchriften der körperlichen und geiſtigen Kranfheiten erhalten ſoll, wogegen die einzelnen Werke ſich dienſtbar erweiſen— von dem ſchweren Unglück und den Schmerzen der Gicht an ab⸗ wärts bis zu dem Anfall von Spleen oder dem leichten Catarrh. In dieſe letzte Reihe fäme die ſogenannte leichte Lekture zu ſtehen, welche mit den Molken und dem Malz⸗ trank den gleichen Rang einnimmt. Wenn übrigens“— fuhr mein Vater ernſter fort—„wenn übrigens ein Leid, das noch heilbar iſt, den Geiſt gleich einer Monomanie er⸗ faßt, wenn Du wähnſt, Dein ganzes Leben ſey eine Oede geworden, weil der Himmel Dir dies oder das verſagte, woran Du Dein Herz ſetzteſt— v, dann halte Dich an die Biographien— an die Biographien guter und großer Männer, Ue im ein ni hi Le we Ar de m hi m kers tein ihn ge⸗ ihn cher nne, eſer rzu ja, den, un nzu ogie, iften ſoll, von ab⸗ chten ichte Nalz⸗ 4. Leid, e er⸗ Oede agte, n die inner. 427 neberzeuge Dich, welch' einen leinen Raum ein einziges Leid im Leben einnimmt. Sieh, vielleicht kaum eine Seite iſt einem Schmerz gewidmet, welcher Aehnlichkeit mit dem Dei⸗ nigen hat, und wie triumphirend ſchreitet das Leben darüber hinaus! Du meinſt, die Schwinge ſey gebrochen!— Bei Leibe nicht— es war nur eine zerdrückte Feder! Sieh, was das Leben zurückläßt, wenn Alles vorbei iſt!— eine Aufzählung von wirklichen Thatſachen, weit aus dem Bereich des Schmerzes und des Leides, von Thatſachen, die ſich auch mit der übrigen Welt verflechten. Ja, die Biographie iſt hier die Arznei! Roland, Du haſt geſagt, Du wolleſt mit meinem Recept einen Verſuch machen— hier iſt es.“ Und mein Vater nahm ein Buch auf, das er dem Kapitän hinreichte. Letzterer blätterte darin. „Leben des ehrwürdigen Robert Hall? Bru⸗ der, er war ein Diſſenter, und ich gehöre, dem Himmel ſey Dank, mit Leib und Seele der Staatskirche an.“ „Robert Hall war ein wackerer Mann und ein treuer Soldat unter dem großen Befehlshaber,“ ſagte mein Vater ſchalkhaft. Der Kapitän fuhr mechaniſch mit dem Zeigefinger an ſeine Stirne und begrüßte das Buch achtungsvoll in ſeiner militäriſchen Weiſe. „Ich habe noch ein Exemplar für dich, Piſiſtratus— das, welches ich Roland geborgt habe, iſt das meinige. Dieſes hier kaufte ich erſt heute, und Du magſt es behalten.“ „Danke ſchön, Vater,“ verſetzte ich gleichgültig, denn ich ſah nicht ein, was mich das Leben des Robert Hall nützen 428 konnte, oder warum die nämliche Arznei ſowohl für den ver⸗ witterten alten Onkel, als für den Neffen, der noch in den Zehnen ſtand, paſſen ſollte. „Ich habe nichts geſagt—“ nahm mein Vater mit einer leichten Verbeugung wieder auf—„von dem Buch der Bücher; denn dieſes iſt das lignum vitae, die Cardinal⸗ Mediein für alle. Die anderen ſind nur Hülfstruppen. Du wirſt Dich erinnern, meine liebe Kitty, daß ich ſchon früher ſagte— man könne das Syſtem nie ganz in Ordnung er⸗ halten, wenn man nicht auf den Mittelpunkt des großen Ganglien⸗Syſtems, von wo aus die Nerven den Einfluß ruhig durch den übrigen Körper fortpflanzen— den Sa fran⸗ ſack legt!“ Sechstes Kapitel. Am andern Morgen nach dem Frühſtück nahm ich meinen Hut auf, um auszugehen. Mein Vater ſah mich an, bemerkte an meinem Geſichte, daß ich nicht geſchlafen hatte, und ſagte ſanft: „Mein lieber Piſiſtratus, Du haſt noch keinen Ver⸗ ſuch gemacht mit meiner Mediein.“ „Mit welcher Medicin, Vater?“ „Mit Robert Hall.“ „Nein, in der That noch nicht,“ verſetzte ich lächelnd. „So thu es, mein Sohn, eh' Du ausgehſt. Verlaß Dich darauf, Dein wird Dir dann weit Genuß bereiten.“ Auf zurt Bef Lel der Ka bie nut Un Ro mo the de Je ih za m m he G u V ver⸗ den mit h der inal⸗ Du üher ger⸗ oßen nfluß ran⸗ n ich mich lafen Ver⸗ nd. erlaß mehr 429 Ich geſtehe, daß ich nur mit Widerſtreben mich in dieſe Aufforderung fügte, ging aber dennoch nach meinem Zimmer zurück und ſetzte mich entſchloſſen zu der Aufgabe nieder. Befindet ſich wohl unter meinen Leſern Einer, der das geben des Robert Hall nicht geleſen hätte? Wäre dies der Fall, ſo möchte ich ihm mit den Worten des großen Kapitän Cuttle zurufen:„Wenn Ihrs gefunden habt, ſo biegt ein Ohr ein.“ Gleichviel, welcher theblogiſchen Mei⸗ nung Du auch zugethan ſeyn magſt— Staatskirchlicher, Presbyterianer, Baptiſt, Pädobaptiſt, Independent, Quäcker, Unitarier, Philoſoph oder Freidenker— ſchaffe Dir den Nobert Hall an! Ja, wenn auf Erden noch Anhänger der Erzketzereien vorhanden ſind, die zu ihrer Zeit ſo viel Lärm machten— Menſchen, welche den Glauben des Saturninus theilen, die Welt ſey von ſieben Engeln geſchaffen; oder den des Baſilides, es gebe ſo viele Himmel, als Tage im Jahr; oder mit den Nikolaiten meinen, die Männer ſollten ihre Weiber gemeinſchaftlich haben(allerdings noch eine zahlreiche Sekte, namentlich in der rothen Republik); oder mit ihren Nachfolgern, den Gnoſtikern, daß Jaldaboth, oder mit den Carpokratianern, daß der Teufel die Welt geſchaffen habe; oder mit den Cerynthianern, Ebioniten, Nazariten (welche die Entdeckung machten, Noas Weib habe Ouria geheißen und die Arche in Brand geſteckt) und Valentinia⸗ nern annehmen, es gebe dreißig Aeonen, Weltalter oder Welten, die aus dem Manne„Tiefe“(Bathos) und dem Weibe„Schweigen“ geboren wurden; oder mit den Marciten, Colarbaſiern und Heraclevniten gleichfalls das Geſalbader 430 über Aeonen, den Herrn Tiefe und die Frau Schweigen fort⸗ pflanzen; oder mit den Ophiten die Schlange anbeten; oder mit den Cainiten einen ſinnreichen Grund aufgefunden haben, den Judas zu verehren, weil er vorausſah, welches Heil aus ſeinem Verrath an dem Erlöſer für die Menſchheit erwachſen würde, oder mit den Sethiten den Seth zu einem Theil des göttlichen Weſens machen; oder es mit den Archontiken, Aſcothypten, Cerdonianern, Marcioniten, den Lehren des Apelles und Severus(letzterer muß ein Nichts⸗als⸗Thee⸗ trinker geweſen ſeyn, weil er meinte, der Weinſtock ſey von Satan erzeugt) oder Tatian halten, welcher alle Abkömm⸗ linge Adams ſeine eigene Sekte ausgenommen, für unwider⸗ ruflich verdammt erklärte(ſolcher Tatianer ſind ſicherlich noch viele vorhanden!); oder mit den Cataphrygiern, welche auch Tascodragiten hießen, weil ſie zum Zeichen ihrer An⸗ dacht die Zeigfinger in die Naſenlöcher ſteckten; oder mit den Pepuzianern, Quintilianern und Artotyriten— doch gleich⸗ viel, wie ſie alle heißen mögen. Wollte ich alle Thorheiten der Menſchen in Erforſchung der Wahrheit durchgehen, ſo würde ich nie an das Ende meines Kapitels oder auf Robert Hall zurückkommen. Deshalb— wer Du auch ſein magſt— orthodor oder heterodor— ſuche Dir das Leben des Robert Hall zu verſchaffen. Es iſt das Leben eines Mannes, deſſen Be⸗ trachtung auch auf das Mannesalter einen wohlthätigen Einfluß üben muß. Ich war mit der nicht langen Biographie zu Ende ge⸗ kommen und machte mir eben Gedanken darüber, als ich fort⸗ oder aben, laus chſen l des tiken, des hee⸗ n mm⸗ ider⸗ erlich elche An⸗ t den eich⸗ eiten ſo bert oder lzu Be⸗ igen ge⸗ ich 43¹ auf der Treppe das Korkbein des Kapitäns hörte. Ichöffnete ihm die Thüre, und er trat ein, ſein Buch in der Hand, während ich, gleichfalls mit dem Buche bewaffnet, bereit ſtand, ihn zu empfangen. „Nun, Neffe,“ ſagte Roland, indem er ſich niederſetzte, „wie hat das Rezept bei Dir angeſchlagen?“ „Sehr gut, Onkel.“ „Bei mir auch. Beim Jupiter, Siſty, dieſer Hall war ein trefflicher Mann! Ich möchte nur wiſſen, ob die Arznei bei uns beiden durch die nämlichen Kanäle gewandert iſt. Etzähle mir zuerſt, welchen Eindruck ſie auf Dich ge⸗ macht hat.“ „Imprimis, mein lieber Onkel, bin ich der Anſicht, daß ein Buch, wie dieſes, auf alle eine gute Wirkung üben muß, die nach der gewöhnlichen Weiſe in der Welt leben, indem es uns in einen Lebenskreis einführt, an den wir, wie ich vermuthe, nur wenig denken. Wir haben da einen Mann, der ſich unmittelbar ein himmliſches Ziel vorſteckt und zu dieſem ausſchließlichen Zwecke bedeutende Fähigkeiten ent⸗ wickelt; er ſucht ſeine Seele nach Kräften zu vervollkommnen, damit er auf Erden möglichſt viel Gutes wirken und ein höheres Daſeyn im Himmel fortführen könne. Er hat ſtets eine hohe, heilige Pflicht im Auge, lebte hinieden ſchon wie einer der Seligen und war ſo erfüllt von dem Bewußtſeyn der Unſterblichkeit, ſo gekräftigt in der Verbindung zwiſchen Gott und Menſchen, daß er, ohne affektirten Stvicismus, ohne Unempfänglichkeit für den Schmerz— denn ſeine empfindſame Gemüthsart ließ ihn denſelben vielleicht bitter 432 genug fühlen— ſich eines Glückes erfreute, das kein menſchliches Leiden zu trüben vermochte. Unmöglich kann man jene feierliche Hingabe ſeines Ichs an Gott leſen, ohne daß man von einer Bewunderung durchſchauert wird, die ebenſo erhebend einwirkt, als ſie den Geiſt mit einer heiligen Scheu erfüllt. Dieſe Aufopferung von Seele und Leib, Zeit, Geſundheit, Ruf und Geiſtesgaben an das gött⸗ liche und unſichtbare Urgute fordert uns dringlichſt auf, das Selbſtſüchtige in unſern Meinungen und Hoffnungen in's Auge zu faſſen, und weckt uns aus dem Egvismus, der Alles erzwingen und auf nichts verzichten will. „Am kräftigſten hat aber das Buch die Saiten meines Herzens berührt in jenem Charakterzug, der, wie mein Vater andeutet, allen Biographien eigenthümlich iſt. Wir haben ein Leben vor uns von merkündiger Fülle, reich an Studium und Gedanken, und groß im Handeln. Dennoch“ — fuhr ich erröthend fort— welch' kleinen Platz nehmen jene Gefühle ein, welche ihre Zwingherrſchaft über mich übten und ahs andere Leben für mich zu einer leeren Oede umwandeltèn. Nicht als ob der Mann ein kalter und harter Asret wäre; denn man ſieht leicht neben dem warmen Herzen auch den ſtarken Eigenwillen und die Leidenſchaftlich⸗ keit aller kräftigen Naturen. Ja, ich verſtehe jetzt beſſer, wie das Leben eines wahren Mannes beſchaffen ſeyn ſollte.“ „Alles dieſes iſt recht gut geſagt,“ bemerkte der Kapitän, „hat aber nicht gerade dieſen Eindruck auf mich gemacht. Was mir an dieſem Buche beſonders gefällt, iſt der Muth⸗ Wir haben da ein armes Weſen, das ſich in herben Schmerzen kein ann ſen, ird, iner und ött⸗ das in's lles nes tein Wir eich ch nen ich ren und nen ich⸗ ſer, e än, ht. 433 auf dem Teppich wälzt— von Kindheit an bis zum Tode gefoltert durch eine geheimnißvolle, unheilbare Krankheit— durch eine Krankheit, die uns als innerlicher Tortur⸗Apparat geſchildert wird. Dieſer Menſch erträgt durch ſeinen He⸗ rvismus nicht nur dieſe Pein, ſondern benimmt ihr auch die Macht, auf ihn einzuwirken; und obgleich— die Stelle lautet folgendermaßen—'er bei Tag und Nacht zu unab⸗ läßigem Schmerz beſtimmt war, bereitete ihm doch das Geſetz ſeines Daſeins eine hohe Freude. Robert Hall liest mir da den Tert— mir, einem alten Soldaten, welcher ſich über das Hinnehmen ſolcher Lehren erhaben fühlte— wenigſtens was den Muth betrifft. Und als ich zu der Stelle kam, wo er in den peinlichen Anfällen vor ſeinem Tode ſagt: Herr, ich habe mich nicht beklagt und will mich nicht beklagen,— als ich zu dieſer Stelle kam, ſprang ich auf und rief: Roland de Carton, du biſt ein Feigling geweſen! Trotz deiner Verdienſte hätte man dich längſt kaſſiren und aus dem Regimente ſtoßen ſollen!“ „So hatte alſo mein Vater nicht Unrecht— er ſtellte ſein Geſchütz gehörig auf und feuerte eine gute Kugel ab.“ „Er muß es unter einem Winkel von ſechs bis acht Graden über dem Kamm der Böſchung gethan haben,“ ſagte mein Onkel gedankenvoll—„denn nach meiner Anſicht iſt dieſes die beſte Elevation zu Beſtreichung eines Werkes ſo⸗ wohl für Kanonenkugeln, als für Bomben.“ „Was ſagt Ihr nun, Kapitän? Auf mit den Torniſtern und vorwärts Marſch!“ Bulwer, die Cartone. 28 wie eine Säule. „Rechts umkehrt— euch!“ rief mein Onkel ſo aufrecht, „Kein Zurückſchauen, wenn wir's ändern können!“ „Voll in die Front des Feindes!— Auf, ihr Garden, und dran!?“ „England erwartet, daß jeder Mann ſeine Pflicht thue.“ „Cypreſſen vder Lorbeer!“ rief mein Onkel, das Buch über ſeinem Kopfe ſchwenkend. Siebentes Kapitel. Ich ging aus, und zwar in der Abſicht, Francis Vivian aufzufuchen; denn da ich Mr. Trevanion verließ, ſo war mir bange wegen der künftigen Verſorgung meines neuen Freun⸗ des. Da ich ihn nicht zu Hauſe traf, ſo ſchlenderte ich von ſeiner Wohnung aus in die Vorſtadt auf der andern Seite des Fluſſes und begann ernſtlich nachzudenken über die beſte Richtung, die ich jetzt einſchlagen konnte. Indem ich meine bisherige Beſchäftigung aufgab, verzichtete ich auf weit glän⸗ zendere Ausſichten und viel ſchneller erreichbare Glücksver⸗ hältniſſe, als ich je auf irgend einer andern Laufbahn ver⸗ wirklicht zu ſehen hoffen durfte. Aber ich fühlte, wie nöthig es für meine geiſtige Geſundheit ſey, mich einer ernſten, an⸗ haltenden und männlichen Beſchäftigung zu widmen. Meine Gedanken eilten nach der Univerſität zurück und die Ruhe ihrer Klöſter gewann einen einladenderen Anblick für mich, denn bisher hatte mich der grelle Glanz der Londoner Welt cht, den, S uch vian mir eun⸗ von Seite beſte teine län⸗ ver⸗ ver⸗ thig an⸗ keine Ruhe mich, Welt 435 geblendet, obſchon er mir jetzt in ſeiner Wechſelloſigkeit unheimlich erſchien, nachdem der Schmerz die Schärfe meiner Hoffnungen und Wünſche ein wenig abgeſtumpft hatte. Jene Anſtalten boten mir, was mir am meiſten nöthig war— einen neuen Schauplatz, eine neue Arena und eine theilweiſe Rückkehr in die Knabenzeit, Ruhe für die frühzeitig geweckten Leidenſchaften und Thätigkeit für den Verſtand in einer friſchen Richtung. Meine Zeit in London war keine verlorene zu nennen; denn wenn ich auch den rein klaſſiſchen Studien ziemlich fremd wurde, hatte ich doch die Gewohnheit der Thätigkeit beibehalten und dabei nicht nur meine allgemeine Faſſungsgabe geſchärft, ſondern auch meine Hülfsquellen erweitert. Ich beſchloß bei meiner Rückkehr nach Hauſe mit meinem Vater darüber zu ſprechen. Er war mir jedoch bereits zuvorgekommen, und als ich in's Haus trat, nahm mich meine Mutter mit einem Lächeln, das durch das meinige veranlaßt worden, ſogleich nach ihrem Stübchen hinauf, um mir mitzutheilen, daß ſie und ihr Auſtin es für's Beſte halten, wenn ich ſobald als möglich London verlaſſe; mein Vater könne jetzt die Muſeumsbibliothek für einige Monate entbehren, und da die Zeit, für welche ſie die Wohnung gemiethet, in einigen Tagen abgelaufen, auch der Sommer weit vorgerückt war, ſo wollten wir nach Haus zurückkehren, weil jetzt doch die Stadt ſo langweilig und das Land ſo ſchön ſey. Dort konnte ich mich bis zum Abfluß der langen Vakanz für Cambridge vorbereiten. Meine Mutter fügte zögernd und mit einer einleitenden Warnung, ich möchte doch meine Geſundheit ſchonen, bei, mein Vater, 28* 436 deſſen Einkommen die erforderliche Unterſtützung nur ſchwer erſchwingen könne, zähle darauf, daß ich ihm dieſe Laſt bald durch Erringung eines Stipendiums erleichtere. Ich fühlte, welche vorſorgliche Liebe in all' dieſem lag— ſelbſt in der Hinweiſung auf das Stipendium, das meine Geiſteskräfte durch den Sporn dankbarer Anerkennung zu neuem Ehrgeiz antreiben ſollte. Ich fühlte mich ebenſo erfreut, als zu innigem Danke geſtimmt. „Aber der arme Roland,“ ſagte ich,„und die kleine Blanche— werden ſie mit uns gehen?“ „Schwerlich,“ verſetzte meine Mutter,„denn Roland ſehnt ſich nach ſeinem Thurme zurück und wird in ein paar Tagen wohl kräftig genug ſeyn, um den Umzug anzutreten.“ „Glaubt Ihr nicht, liebe Mutter, daß in einer oder der andern Weiſe jener verlorene Sohn mit Rolands Krank⸗ heit zuſammenhängt und letztere ebenſowohl geiſtiger, als körperlicher Art war?“ „Ich zweifle nicht daran, Siſty. Welch ein kläglich ſchlechtes Herz muß nicht dieſer junge Menſch haben!“ „Der Onkel ſcheint auf alle Hoffnung verzichtet zu haben, ihn in London aufzufinden, da wir ihn ſonſt ſicherlich trotz ſeines Unwohlſeyns nicht zu Hauſe hätten halten können. Er geht alſo nach dem alten Thurm zurück? Der arme Mann— er wird es dort öde genug finden! Wir müſſen ſehen, daß wir ihm einen Beſuch machen. Spricht Blanche je von ihrem Bruder?“ „Nein, denn es ſcheint, vaß ſie nicht mit einander erzo⸗ gen wurden— jedenfalls erinnert ſie ſich ſeiner nicht. Wie — 1 wer bald hlte, der äfte geiz zu eine land aar oder ank⸗ als lich en, rotz en. rme ſſen iche zo⸗ Pie 437 lieblich ſie iſt! Ihre Mutter muß wohl ſehr ſchön geweſen ſeyn.“ „Sie iſt allerdings ein recht artiges Kind, obſchon eine eigenthümliche Art von Schönheit— ſo ungeheuer große Augen! Aber ſie hat ein warmes Herz und liebt ihren Vater, wie ſich's gebührt.“ Und damit ließen wir die Unterhaltung fallen. Nachdem wir uns für die Rückkehr entſchieden hatten, durfte ich keine Zeit verlieren, um Vivian aufzuſuchen und einige Vorkehrungen für ſeine Zukunft zu treffen. Sein Benehmen hatte ſo viel von der früheren Schroffheit ver⸗ loren, daß ich glaubte, ich könne es wohlwagen, ihn perſönlich Mr. Trevanion zu empfehlen; auch wußte ich nach dem, was vorgegangen war, daß letzterer keinen Anſtand nehmen würde, mir eine Gefälligkeit zu erweiſen. Ich beſchloß, mich mit meinem Vater darüber zu berathen. Dieſer war ſtets ſo beſchäftigt geweſen, daß ich nie Gelegenheit fand, die Sache gegen ihn zur Sprache zu bringen, und wenn er von mir verlangt haben würde, ihm meinen neuen Freund vor⸗ zuſtellen, welche Antwort hätte ich ihm geben können, nach⸗ dem Vivian ſich in ſo eyniſcher Weiſe dagegen verwahrt hatte? Da wir jedoch London zu verlaſſen im Begriff ſtan⸗ den, verlor die letztere Rückſicht ihre Bedeutung, und was die erſtere betraf, ſo hatte der Gelehrte noch nicht ganz zu ſeinen Büchern zurückkommen können. Ich erſah daher die Zeit, als mein Vater nach dem Muſeum ging, nahm ſeinen Arm in den meinigen und theilte ihm unterwegs in ſchneller Kürze mit, wie ich dieſe ſeltſame Bekanntſchaft angeknüpft hatte und in welcher Lage ich mich jetzt befand. Die Sache intereſſirte meinen Vater nicht ſo ſehr, als ich erwartet hatte, und er begriff auch die Verworrenheit in Vivians Charakter nicht— wie wäre dies auch möglich geweſen?— denn er antwortete mir in Kürze: „Ich denke, für einen jungen Mann ohne alle Mittel, deſſen Erziehung ſo unvollkommen geweſen zu ſeyn ſcheint, kann ein Unterkommen bei Trevanion ſtets nur vorübergehend und unſicher ſeyn. Sprich mit Deinem Onkel Jack darüber — ohne Zweifel kann er einen Platz für ihn ausfindig machen — vielleicht den eines Correktors in einer Druckerei oder den eines Berichterſtatters für ein Journal, wenn er anders ſich dafür eignet. Willſt Du ihm Geſetztheit beibringen, ſo muß ſeine Beſchäftigung eine regelmäßige ſeyn.“ Damit ließ mein Vater den Gegenſtand fallen und verſchwand durch die Thore des Muſeums. Die Stelle eines Correktors bei einem Buchdrucker oder die eines Berichter⸗ ſtatters bei einem Journal für einen jungen Gentleman von Vivians ſtolzen Anſichten und anmaßender Eitelkeit!— ſchwang ſich ja bereits ſein Ehrgeiz weit über die Glacé⸗ handſchuhe und das Cabrivlet hinaus! Es war ein hoff⸗ nungsloſer Gedanke, und verwirrt und zweifelnd trat ich meinen Gang nach Vivians Wohnung an. Ich traf ihn zu Hauſe; er ſtand unbeſchäftigt und mit verſchlungenen Armen ſo tief in ſeine Träume verſenkt am Fenſter, daß er meiner erſt gewahr wurde, als ich ihn auf die Schulter klopfte. „Ha!“ ſagte er dann mit einem ſeiner kurzen, raſchen, el, nt, end ber hen der ers ſo und nes ter⸗ von acé⸗ off⸗ tich ihn enen daß ulter chen, 439 ungeduldigen Seufzer,„ich glaubte Ihr hättet mich aufge⸗ geben und vergeſſen— aber Ihr ſeht blaß und bekümmert aus. Faſt möchte ich ſagen, Ihr ſeyet während der letzten paar Tage ſchmächtiger geworden.“ „O laßt Euch durch mich nicht anfechten, Vivian; ich bin gekommen, um von Euch mit Euch zu reden. Ich habe Trevanion verlaſſen, und es iſt nun beſtimmt, daß ich die Univerſität beziehen ſoll. Wir alle ziehen in einigen Tagen von London fort.“ „In einigen Tagen?— alle?— wer ſind dieſe alle?“ „Meine Familie— Vater, Mutter, Onkel, Bäschen und ich. Aber, mein lieber Freund, wir müſſen jetzt ernſtlich darüber nachdenken, was ſich für Euch thun läßt. Ich kann Euch bei Trevanion einführen.“ „Ha!“ „Trevanion iſt übrigens bei all ſeiner Vortrefflichkeit ein zäher Mann, und da er außerdem mit den Gegenſtänden, die ihn in Anſpruch nehmen, fortwährend wechſelt, ſo wäre es leicht möglich, daß er in einem Monat oder ſo keine Be⸗ ſchäftigung mehr für Euch hätte. Ihr habt Euch zur Arbeit bereit erflärt— würdet Ihr es Euch wohl gefallen laſſen, wenn dieſe gerade nicht in Glacéhandſchuhen verrichtet werden könnte? Junge Männer, die ſich in der Welt hoch aufſchwangen, haben bekanntlich mit Preß⸗Corrèkturen an⸗ gefangen. Die Stellung iſt achtbar und, da ſie ſehr geſucht wird, nicht leicht zu erhalten; dennoch meine ich—“ Vivian unterbrach mich haſtig— „Ich danke Euch tauſendmal! gber was Ihr mir mit⸗ theilt, bekräftigt nur den Entſchluß, den ich gefaßt habe, eh Ihr hieher kamt. Ich will mich mit meiner Familie vergleichen und nach Haus zurückkehren.“ „O, dies freut mich in der That ſehr. Es iſt ſehr weiſe von Euch!“ Vivian wandte raſch den Kopf ab— „Eure Schilderungen von Familienleben und häus⸗ lichem Frieden,“ ſagte er,„haben, wie Ihr ſeht, verlocken⸗ der auf mich gewirkt, als Ihr glaubtet. Wann verlaßt Ihr London?“ „Ich denke, zu Anfange der nächſten Woche.“ „So bald ſchon!“ entgegnete Vivian gedankenvoll. „Nun, vielleicht bitte ich Euch noch, mich zuvor bei Mr. Trevanion einzuführen— denn wer weiß— vielleicht ver⸗ trage ich mich nicht mit meiner Familie. Ich will es jedoch zuvot überlegen. Wenn ich nicht irre, habt Ihr mir ge⸗ ſagt, dieſer Trevanion ſey ein ſehr alter Freund von Eurem Vater oder von Eurem Onkel?“ „Er, oder vielmehr Lady Ellinor, iſt von frühen Zeiten mit Beiden bekannt.“ „Und deßhalb würde er Eurer Empfehlung Gehör ſchenken? Doch vielleicht bedarf ich ihrer nicht. Ihr habt ihn alſo gerlaſſen— aus eigenem Antrieb eine Stelle auf⸗ gegeben, die, wie ich meine, doch viel angenehmer iſt, als ein Stübchen in einem College?— aufgegeben— warum habt Ihr ſie aufgegeben?“ Und Vivian heftete ſeine funkelnden Angen voll und durchbohrend auf die meinigen. pl e, lie 18 en⸗ hr ll. er⸗ och ge⸗ em ten hör abt uf⸗ als um 441 „Ich war nur für eine Weile zur Probe da,“ verſetzte ich ausweichend—„in der Pflege ſo zu ſagen, bis mir die alma mater ihre Arme öffnete; denn alma muß ſie in der That für den Sohn meines Vaters ſeyn.“ Vivian war augenſcheinlich durch meine Erklärung nicht befriedigt, ſtellte aber keine weitere Frage. Er gab ſelbſt zuerſt dem Geſpräch eine andere Wendung, und zwar mit einer gefühlvolleren Herzlichkeit, als bei ihm gewöhnlich der Fall war. Er fragte mich im Allgemeinen über unſere Plane, über die Wahrſcheinlichkeit unſerer Rückkehr nach London, und ließ ſich von mir eine Schilderung unſeres ländlichen Tuseulums geben. Ruhig und gelaſſen hörte er mir zu; ja ein⸗ oder zweimal kam es mir ſogar vor, als ob ſeine leuchtenden Augen feucht würden. Wir trennten uns mit einer ſtärkern Beimengung von jener rückhaltsloſen Innig⸗ keit jugendlicher Freundſchaft— wenigſtens war dies meiner⸗ ſeits der Fall, und auch er ſchien wärmer geworden zu ſeyn — als ſich bisher in unſere ſeltſame Vertraulichkeit ge⸗ miſcht hatte; denn das Bindemittel herzlicher Zuneigung mußte wohl in einem Verkehre fehlen, in welchem der eine Theil alles Vertrauen verweigerte und bei dem anderen das theilnehmende Intereſſe und die mitleidsvolle Bewunderung nicht frei blieb von Furcht und Mißtrauen. Am nämlichen Abend, ehe die Lichter hereingebracht wurden, wandte ſich mein Vater an mich und fragte mich plötzlich, ob ich meinen Freund geſprochen habe und was er zu thun beabſichtige. „Er hat im Sinne, zu ſeiner Familie zurückzukehren,“ verſetzte ich. Roland, von dem ich geglaubt hatte, er ſchlummere, ſeufzte unruhig auf. „Wer kehrt zu ſeiner Familie zurück?“ fragte der Kapitän. „Ah,“ ſagte mein Vater,„Du weißt noch nicht, daß Siſty einen Freund aufgefiſcht hat, von dem er freilich keine Auskunft geben kann, die einen Polizeimann zufrieden ſtellen würde, und deſſen Schickſal, wie er ſelbſt einräumt, des Schutzes bedarf. Du haſt von Glück zu ſagen, Siſty, daß er Dir nicht die Taſchen ausmauste— oder war es am Ende wirklich der Fall? Wie heißt er?“ „Vivian,“ antwortete ich,„Francis Vivian“. „Ein guter Name, der aus Kornwallis ſtammt,“ ſagte mein Vater.„Einige leiten ihn von den Römern ab — Vivianus, andere von einem celtiſchen Wort, welches ſo viel wie—“ „Vivian!“ unterbrach ihn Roland—„Vivian!— Ich möchte doch wiſſen, ob er der Sohn des Obriſten Vivian iſt.“ „Jedenfalls iſt er der Sohn eines Gentleman,“ verſetzte ich;„er hat mir jedoch nie etwas Näheres über ſeine Fa⸗ milie und ſeine Verwandten mitgetheilt.“ „Vivian,“ wiederholte mein Onkel—„der arme Obriſt Vivian. Der junge Mann will alſo wieder zu ſeinem Vater! Ohne Zweifel iſt es derſelbe. Ach 1— „Was wißt Ihr von Obriſt Vivian oder ſeinem Sohne?“ jun un t 7 nab s ſo iſten ſetzte Fa⸗ briſt ter! ne?“ 443 fragte ich.„Habt die Güte, es mir mitzutheilen; denn der junge Mann hat großes Intereſſe für mich.“ „Ich weiß von Beiden weiter nichts, als was mir vom Hörenſagen bekannt wurde,“ entgegnete mein Onkel düſter. „Wie ich vernahm, iſt Obriſt Vivian ein trefflicher Offizier und Ehrenmann, in— in—(Rolands Stimme bebte)— in großen Kummer verſetzt worden— durch ſeinen Sohn, den er, als er noch ein bloßer Knabe war, von einer un⸗ paſſenden Heirath zurückhielt; der junge Menſch hat ihn darauf verlaſſen und iſt, wie man meinte, nach Amerika durchgegangen. Die Geſchichte machte damals einen tiefen Eindruck auf mich,“ fügte er bei, indem er ruhig zu ſprechen verſuchte. Wir ſchwiegen Alle, da wir fühlten, warum Roland ſo verſtört war und der Kummer des Obriſten Vivian ihn ſo tief betroffen hatte. Aehnliche Leiden verbrüdern uns auch mit Unbekannten. „Du ſagſt, er gehe nach Haus zu ſeiner Familie— ich bin herzlich erfreut darüber!“ bemerkte der alte Soldat mit Feſtigkeit, obſchon man ihm anſah, daß er ſeinen Leidens⸗ bruder beneidete. Die Lichter kamen nun herein, und einige Minuten ſpäter ſtacken Roland und ich dicht bei einander. Ich las über ſeiner Schulter weg, und ſein Finger ruhte auf der Stelle, die einen ſo tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatte —„Herr, ich habe mich nicht beklagt und werde mich nicht beklagen!“ 444 Zehnter Abſchnitt. Erſtes Kapitel. Die Muthmaßung meines Onkels über Franeis Vivians Herkunft ſchien mir eine entſchiedene Thatſache zu ſeyn; denn nichts dünkte mir wahrſcheinlicher, als daß der eigenſinnige junge Menſch ein Liebesverhältniß angeknüpft hatte, welchem kein Vater ſeine Zuſtimmung ertheilen konnte, und daß er in ſeinem gereizten Starrſinn ſich ſelbſt in die Welt hinaus⸗ geworfen. Eine derartige Deutung war mir um ſo ange⸗ nehmer, da ſie Alles aufklärte, was in dem Geheimniß, welches Vivian umgab, mir unachtbar vorgekommen war. Nie konnte ich dem Gedanken Raum geben, daß er irgend eine gemeine oder verbrecheriſche That begangen habe, ob⸗ ſchon ich ihm recht wohl ein übereiltes, thörichtes Benehmen zutraute. Es war natürlich, daß der freundloſe Wanderer in eine Geſellſchaft gerathen mußte, deren zweideutiger Charakter nicht gerade empörend einwirkte auf die Kühnheit eines forſchenden, abenteuerlichen Geiſtes, ebenſo aber auch, daß die frühen Gewohnheiten einer edeln Familie und die ſtille Erziehung, welche engliſche Gentlemen ſchon von der Wiege an genießen, ihn wenigſtens vor einer Befleckung ſeiner eigenen Ehre bewahrten. Jedenfalls waren der Stolz und die hohe Meinung von ſich, dieſe Mängel einer guten Ge⸗ burt, in voller Kraft geblieben— warum nicht auch die ans enn nige hem er us⸗ ige⸗ niß, var. end ob⸗ men erer iger heit uch, die der iner und Ge⸗ die 445 beſſeren Eigenſchaften, wenn ſie auch für eine Weile erſtickt worden? Ich freute mich ungemein über den Gedanken, daß Vivian zurücktehre zu einem Element, in welchem er ſeinen Geiſt läutern und ſich für die Sphäre befähigen konnte, welcher er angehörte— der frohen Hoffnung Raum gebend, wir könnten mit der Zeit wieder zuſammentreffen und unſere dermalige halbe Vertraulichkeit zu einer geſunden Freund⸗ ſchaft heran reifen laſſen. Unter ſolchen Gedanken griff ich am andern Morgen nach meinem Hute, um Vivian aufzuſuchen und mich zu überzeugen, ob wir wirklich den rechten Schlüſſel aufgefunden hätten, als ich durch einen Ton aufgeſchreckt wurde, der an unſerer Thüre eine Seltenheit war— durch das Klopfen des Briefträgers. Mein Vater befand ſich in dem Muſeum und meine Mutter ſaß im hohen Rath mit Miß Primmins, um die Vorbereitungen für unſere nahe Abreiſe zu beſprechen, ſo daß nur Roland, ich und Blanche im Zimmer waren. „Der Brief iſt nicht an mich,“ ſagte Piſiſtratus. „Natürlich auch nicht an mich,“ bemerkte der Capitän. Unmittelbar darauf trat der Bediente ein und wider⸗ legte ſeine Vermuthung; denn das Schreiben war wirklich an ihn. Er nahm es verwundert und argwöhniſch auf, wie etwa Glumdalelitch den Gulliver, oder ein Naturforſcher itgend ein unbekanntes Geſchöpf, von dem er nicht gewiß weiß, ob es nicht beiße oder ſteche. Ach! es hat Dich ge⸗ ſtochen oder gebiſſen, Capitän Roland, denn Du fährſt zu⸗ ſammen und wechſelſt die Farbe— Du unterdrückſt einen Ausruf, während Du das Siegel erbrichſt— und Du athmeſt ſchwer auf während des Leſens. Der Brief ſcheint zwar kurz zu ſeyn, nimmt aber doch viel Zeit in Anſpruch, denn Du fängſt wieder und wieder von vorne an. Dann legſt Du ihn zuſammen— zerknitterſt ihn— ſteckſt ihn in Deine Bruſttaſche— und ſiehſt Dich um, wie ein Mann, der aus einem Traume erwacht. Iſt es ein ſchmerzlicher oder ein freudiger Traum? In der That, ich kann es nicht er⸗ rathen; denn weder Schmerz, noch Freude läßt ſich in den Zügen dieſes Avlergeſichts erkennen, eher Furcht, Aufregung und Verwirrung. Gleichwohl ſind die Augen klar, und ein Lächeln ſchwebt um die eherne Lippe. Mein Onkel, ſage ich, blickte umher, rief haſtig nach Stock und Hut und begann den Rock über der breiten Bruſt zuzuknöpfen, obſchon der Tag heiß genug war, um in den Tropen lieber jede Bruſt zu entblößen. „Ihr wollt doch nicht ausgehen, Onkel?“ „Ja, ja.“ „Aber ſeyd Ihr auch kräftig genug dazu? Soll ich Euch nicht begleiten?“ „Nein, Neffe; meine Blanche, komm her!“ Er nahm das Kind auf ſeine Arme, betrachtete es ge⸗ dankenvoll uud küßte es. „Du haſt mir nie Kummer gemacht, Blanche. Sprich: Gott ſegne Dich und ſchenke Dir Gedeihen, Vater!“ „Gott ſegne Dich und ſchenke Dir Gedeihen, mein lieber, theurer Papa,“ ſagte Blanche, indem ſie wie im Gebet ihre Händchen zuſammenlegte. „So, dies muß mir Glück bringen, Blanche,“ rief ar nn gſt ine der der er⸗ den ing ein ach ruſt den ich ge⸗ rich: ber, ihre rief 447 der Capitän heiter und ſetzte ſie wieder nieder. Dann nahm er dem Bedienten den Stock ab, ſetzte mit entſchloſſener Miene ſeinen Hut auf und ging mannhaft weiter. Ich ſah ihm von dem Fenſter aus nach, wie er ſo wohlgemuth die Straßen dahinmarſchirte, als gälte es der Belagerung von Badajoz. „Gott ſchenke Dir Gedeihen!“ ſprach ich unwillkürlich vor mich hin. Und Blanche faßte meine Hand und ſagte in ihrer hübſcheſten Weiſe(ſie hatte gar viele hübſche Weiſen an ſich)— „Ich wünſche, Du kämeſt mit uns, Vetter Siſth, und hälfeſt mir den Papa lieben. Der arme Papa! er wird uns beide brauchen— wird alle Liebe brauchen, die wir ihm geben können!“ „Ja wohl, meine liebe Blanche, und ich halte es für einen großen Fehler, daß wir nicht Alle bei einander leben. Dein Papa ſollte nicht nach ſeinem Thurm zurückkehren, der an der Welt Ende liegt, ſondern in unſer gemächliches, hübſches Haus kommen mit ſeinem Garten voll Blumen— Du kannſt dann die Maienkönigin darin ſeyn vom Mai bis in den November— von der Ente gar nicht zu reden, die ein weit klügeres Thier iſt, als irgend eines in den Fabeln, die ich Dir kürzlich erzählt habe.“ Blanche lachte und ſchlug ihre Hände zuſammen— „O, das wäre ſo hübſch! Aber,“ ſie hielt gravitätiſch inne und fügte dann bei—„aber Du ſiehſt, es wäre dann 448 der Thurm nicht da, den der Papa ſo liebt; und ich bin über⸗ zeugt, der Thurm muß ihn dafür auch ſehr lieben.“ Die Reihe des Lachens kam jetzt an mich. „Ich ſehe ſchon,“ ſagte ich,„Du kleine Hexe willſt uns beſchwatzen, bei euch und den Eulen zu leben! Herzlich gerne, ſo weit blos ich in Frage komme.“ „Siſty,“ ſagte Blanche mit einer erſchütternden Feier⸗ lichkeit in ihrem Geſichte:„weißt Du, was ich eben gedacht habe?“ „Nein, mein Fräulein— und was wäre das?— Ich bemerke, es iſt etwas ſehr Tiefes— etwas Schreckliches ſogar, fürchte ich, weil Du ſo ernſt ausſiehſt.“ „Ich habe eben gedacht,“ fuhr Blanche fort, ohne eine Muskel zu verziehen oder auch nur im Mindeſten zu er⸗ röthen—„ich habe eben gedacht, daß ich Deine kleine Frau ſeyn wolle, und dann müſſen wir natürlich Alle bei einander wohnen.“ Blanche erröthete nicht, wohl aber ich. „Frag' mich zehn Jahre ſpäter, wenn Du es wagſt, Du unverſchämtes kleines Ding! Und nun gehe zu Miß Primmins und ſag' ihr, ſie ſoll Acht auf Dich haben; denn ich muß Dir jetzt guten Morgen wünſchen.“ Aber Blanche ging nicht und ſchien ſich in ihrer Würde ungemein verletzt zu fühlen durch die Art, wie ich ihren beun⸗ ruhigenden Vorſchlag aufgenommen hatte; denn ſie zog ſich ſchmollend in eine Ecke zurück, und ſetzte ſich mit großer Majeſtät nieder. Ich verließ ſie, und trat meinen Weg zu Vivian an — — ve ber⸗ villſt lich eier⸗ dacht Ich iches ohne u er⸗ Frau ander agſt, Miß denn Lürde beun⸗ g ſich roßer nan⸗. 449 Et war ausgegangen; da ich aber Bücher auf ſeinem Tiſch liegen ſah und nichts zu thun hatte, ſo beſchloß ich⸗ Rückkehr abzuwarten. Ich hatte genug von meinem Vater in mir, um ſogleich in den Büchern Geſellſchuft zu ſuchen, und fand neben einigen ernſteren Werken, die ich meinem Schützling empfohlen, auch franzöſiſche Romane, die er ſich aus einer Leihbibliothek geholt hatte. Die Neugierde veranlaßte mich, nach letzteren zu greifen, denn außer den alten claſſiſchen Novellen Frankreichs war mir dieſer ge⸗ waltige Zweig einer unter den Franzoſen ſo beliebten Literatur damals noch ganz neu. Die Lecture gewann bald Intereſſe für mich, aber welch' ein Intereſſe!— das Intereſſe, welches etwa ein Alp erregt, wenn man plötzlich aus dem Schlaf erwacht und ſich ängſtlich umſieht, ob das Geſpenſt noch vorhanden ſey. Neben einem blendenden Scharfſinn welche tiefe Vertrautheit mit allen jenen Höhlen und Ecken im menſchlichen Weſen, von denen Göthe geſprochen haben muß, wenn er irgendwo ſagt—(ich kann freilich nicht dafür ſtehen, ob ich mich recht erinnere und nicht etwa falſch eitire) —„in dem Herzen eines jeden Menſchen liegt etwas, das uns, wenn wir es kennten, veranlaſſen würde, ihn zu haſſen.“ Neben alledem und noch viel mehr, was eine erſtaunliche Kühnheit und Kraft des Verſtandes zeigte„welche befremd⸗ liche Uebertreibung— welche Aefferei in den Adel der Ge⸗ ſinnung— welche unbegreifliche Verkehrtheit der Folge⸗ rungen— welche verdammenswürdige Demoraliſation! Der wahre Künſtler wird uns nothwendig— ſey es im Rontan oder im Drama Intereſſe einflößen für einen laſterhaften Bulwer, die Caxtone. 29 450 oder verbrecheriſchen Charakter, läßt uns aber nicht im Unklaren darüber, daß das Laſter und Verbrechen wirklich verdammlich ſey. Hier fand ich mich jedoch aufgefordert, nicht nur ein Intereſſe zu fühlen für den Schurken(dies wäre vollkommen zuläſſig; denn Macbeth und Lovelace haben großes Intereſſe für mich), ſondern auch die Schurkerei ſelbſt zu bewundern und mit ihr zu ſympathiſiren— Indeß war es nicht die Verwirrung von Recht und Unrecht in einem individuellen Charakter, was mich am meiſten erſchütterte, ſondern vielmehr die Anſicht von der Geſellſchaft überhanpt, die in ſo häßlichen Farben abgemalt war, daß ſie, wäre das Bild der Wahrheit getren geweſen, ſtatt einer Revolution eine Sündfluth auf ſich hätte herabziehen müſſen; es war der eingeflößte Haß des Armen gegen den Reichen— es war der Krieg, der zwiſchen Klaſſe und Klaſſe kochte— es war der Neid gegen alle Ueberlegenheit, welcher ſich gern darin zeigt, daß er die Tugend nur einer Blouſe zugeſteht und die Behauptung aufſtellt, der Menſch müſſe ſchon deßhalb ein Schurke ſeyn, weil er einem Rang in der Geſellſchaft angehöre, in welchem ſchon um der Erziehung und der äußerlichen Verhältniſſe willen Schurkerei am wenigſten wahrſcheinlich oder natürlich iſt. Alles dies und tauſendmal ſchlimmere Dinge ſetzten mein Gehirn in einen wirbelnden Zuſtand, ſo daß Stunde um Stunde entwich und ich noch immer wie bezaubert dieſe Chimären und Typhone, dieſe Symbole des zerſtörenden Prinzips, anſtarrte.„Armer Vivian,“ ſagte ich, als ich endlich aufſtand,„wenn Du ſolche Bücher mit Vergnügen oder aus Gewohnheit lieſeſt, ſo al 45¹ nimmt es mich nicht Wunder, daß Du ſo abgeſtumpft biſt gegen Recht und Unrecht und eine große Eintiefung da ſich finden muß, wo an Deinem Gehirn der Höcker der Ge⸗ wiſſenhaftigkeit ſcharf hervorſpringen ſollte!“ Um übrigens den Teufelswerfen Gerechtigkeit wider⸗ fahren zu laſſen, muß ich geſtehen, daß mir unter ihrer ver⸗ peſteten Beihülfe die Zeit ganz unmerklich entſchwunden war, und ich ſtaunte nicht wenig, als mir meine Uhr an⸗ zeigte, wie ſpät es geworden. Ich wollte eben ein Billet ſchreiben, um Vivian auf morgen zu beſtellen, und mich dann entfernen, als ich ſein Klopfen vernahm— ein Klopfen von großartigem Charakter— ſtolz, ungeduldig, unregel⸗ mäßig, kein ſäuberliches, ſymmetriſches, harmoniſches, an⸗ ſpruchsloſes Klopfen, ſondern ein Klopfen, das dem ganzen Haus und der Straße Trotz zu bieten ſchien— heraus⸗ fordernd, prunkhaft, anſtößig und beleidigend—„impiger“ und„iracundus“. Der Tritt übrigens, welcher die Treppe herauf kam, ſtand nicht im Einklang mit dieſem Pochen; er war leicht, aber doch ſeſt, langſam, aber ſchwungkräftig. Das Dienſtmädchen, welches ihm die Thüre geöffnet, hatte Vivian bereits von meinem Beſuche benachrichtigt, denn er ſchien nicht überraſcht zu ſeyn, mich hier zu ſehen; wohl aber warf er jenen haſtigen, argwöhniſchen Blick im Zimmer umher, mit welchem ein Mann ſich umſieht, wenn er ſeine Papiere offen daliegen ließ und irgend ein Müßig⸗ gänger, auf deſſen Zuverläſſigkeit er in keiner Weiſe bauen möchte, mitten in den unbewachten Geheimniſſen ſitzt. Der 29* 45² Blick war nicht ſchmeichelhaft; aber mein Gewiſſen machte mir ſo wenig einen Vorwurf, daß ich die Schuld auf Vivians argwöhniſchen Charakter im Allgemeinen ſchob. „Ich bin wenigſtens ſchon drei Stunden hier,“ bemerkte ich boshaft gegen ihn. „Drei Stunden!“— Abermals derſelbe Blick. „Und dies iſt das ſchlimmſte Geheimniß, das ich auß⸗ gefunden habe.“ Ich deutete dabei auf die literariſchen Manichäer. Oh!“ verſetzte er gleichgültig—„franzöſiſche Ro⸗ mane— da wundert es mich nicht, daß Ihr ſo lang geblieben ſeyd. Die engliſchen Novellen kann ich nicht leſen, ſie ſind platt und unſchmackhaft. In dieſen hier liegt Wahrheit und Leben.“ „Wahrheit und Leben?“ rief ich, und jedes Haar auf meinem Haupte ſträubte ſich vor Erſtaunen.„Dann will ichs lieber mit der Lüge und dem Tod halten!“ „Sie gefallen Euch nicht— über Geſchiatlsſuchen läßt ſich nicht rechten.“ „Ich bitte um Verzeihung. Ich möchte wohl mit Eurem Geſchmack rechten, wenn Ihr wirklich ſolche Unge⸗ heuer von Schändlichkeit und Laſter für Wahrheit und Leben nehmt. Um's Himmels willen, mein lieber Freund, glaubt doch ja nicht, daß irgend ein Menſch in England weiter kommen, überhaupt anderswohin kommen könne, als nach Old Bailey oder Norfolk Island, wenn er ſein Benehmen nach den verfehrten Weltanſichten einrichtet, welche ich hier hte ns kte uß to⸗ en nd nd uf ilt 453 „Um wie viel Jahre ſeyd Ihr älter, als ich,“ fragte Vivian höhniſch,„daß Ihr meinen Mentor ſpielen und mir Unbekfanntſchaft mit der Welt vorwerfen wollt?“ „Es iſt nicht das Alter und die Erfahrung, Vivian, welche hier ſprechen, ſondern etwas Weiſeres als dieſe— die innere Stimme des menſchlichen Herzens und die Ehre eines Gentleman.“ „Schon gut,“ verſetzte Vivian etwas verwirrt,„laßt nur die armen Bücher im Frieden. Ihr kennt ja mein Glaubensbekenntniß— Bücher üben wenig Einfluß auf uns, weder in dieſer noch in jener Weiſe.“ „Bei der großen egyptiſchen Bibliothek und der Seele des Diodor, ich wünſchte, Ihr könntet meinen Vater über dieſen Punkt hören! Kommt,“ fügte ich mit innigem Mit⸗ leid bei—„kommt, es iſt noch nicht zu ſpät— laßt mich Euch meinem Vater vorſtellen. Ich will Euch verſprechen, mein Leben lang franzöſiſche Romane zu leſen, wenn nicht eine einzige Unterredung mit Auſtin Carton Euch mit glück⸗ licheren Gefühlen erfüllt, ſo daß Ihr leichteren Herzens heimziehen könnt. Erlaubt mir, Euch nach meinem Hauſe zu bringen, und eßt heute mit uns zu Mittag.“ „Ich kann nicht,“ entgegnete Vivian in großer Ver⸗ legenheit—„ich kann nicht, denn ich bleibe heute nicht in London. Ein andermal vielleicht, denn“ fügte er, aber nicht ohne Herzlichkeit bei—„wir werden uns wohl wieder ſehen.“ „Ich hoffe es,“ ſagte ich, indem ich ihm die Hand drückte,„um ſo mehr, da ich trotz Eurer Verſchwiegenheit 454 Eurem Geheimniß— dem Geheimniß Eurer Geburt und Abkunft— auf die Spur gekommen bin.“ „Wie!“ rief Vivian, der jetzt erblaßte und ſich in die Lippen biß—„was wollt Ihr damit ſagen?— Sprecht!“ „Wohlan denn, ſeyd Ihr nicht der verlorne Sohn des Obriſten Vivian? Sagt mir die Wahrheit— laßt uns Vertraute ſeyn.“ Vivian ſeufzte mehreremal in ſeiner abgebrochenen Weiſe tief auf und ſetzte ſich dann nieder; er beugte verwirrt ſein Geſicht über den Tiſch, ohne Zweifel, weil er ſah, daß er entdeckt war. „Ihr ſeyd nahe am Ziel,“ ſagte er endlich,„aber fragt mich nicht weiter. Eines Tages,“ rief er heftig, indem er plötzlich wieder aufſprang—„eines Tages ſollt Ihr Alles erfahren. Ja, im Fall ich's erlebe, eines Tages, wann mein Name hochſtehen wird in dieſer Welt und die Welt zu meinen Füßen liegt!“ Er ſtreckte dabei ſeine rechte Hand aus, als wollte er den Raum erfaſſen, und ſein ganzes Geſicht leuchtete von einer wilden Begeiſterung. Die Glut ſchwand wieder dahin, und mit einer leichten Rückkehr ſeines verächtlichen Lächelns fügte er bei: „Noch ſind's Träume— Träume! Und jetzt ſeht dieſes Papier an.“ Er zog ein Blatt heraus, das mit Zahlen überkritzelt war. „Dies iſt, denke ich, der Betrag meiner Geldſchuld an Euch; in wenigen Tagen werde ich ſie bezahlen. Gebt mir Eure Adreſſe.“ 5 und h in 5 des uns enen virrt daß aber dem Ihr ges, die te er von hin, elns eſes var. dan mir „Oh,“ verſetzte ich ſchmerzlich berührt,„wie moͤgt Ihr mit mir von Geld ſprechen, Vivian?“ „Es iſt einer jener Inſtinkte der Ehre, auf die Ihr mich ſo oft hingewieſen habt, antwortete er erröthend. „Verzeiht mir!“ „Dies iſt meine Adreſſe,“ entgegnete ich, indem ich mich zum Schreiben niederbeugte, um meine verwundeten Gefühle zu verbergen.„Ihr werdet dieſelbe, hoffe ich, oft benützen und mir mittheilen, daß Ihr wohl und glücklich ſeyd.“ „Wann ich glücklich bin, ſollt Ihr es erfahren.“ „Und Ihr wünſcht nicht, daß ich Euch bei Trevanion einführe?“ Vivian zögerte. „Nein, ich denke nicht. Wenn es je der Fall iſt, ſo will ich Euch ſchriftlich darum angehen.“ Ich nahm meinen Hut auf und wollte mich entfernen, denn ich fühlte mich noch immer gekränkt. Da kam Vivian, wie in Folge eines unwiderſtehlichen Antriebs, haſtig auf mich zu, ſchlang ſeine Arme um meinen Nacken und küßte mich, wie ein Knabe ſeinen Bruder küßt. „Habt Nachſicht mit mir!“ rief er mit bebender Stimme. „Ich dachte nicht, daß ich je irgend Jemanden ſo lieben könnte, wie Ihr mir Liebe gegen Euch eingeflößt habt, ob⸗ gleich unſere Charaktere ſo ſehr verſchieden ſind. Wenn Ihr nicht mein guter Engel ſeyd, ſo iſt es nur deßhalb nicht der Fall, weil Natur und Gewohnheit zu gewaltſam gegen Eure gute Meinung ankämpfen. Sicherlich werden wir 456 eines Tages wieder zuſammentreffen. Mittlerweile habe ich Zeit, zu ſehen, ob nicht die Welt wirklich meine Auſter iſt, die ich mit dem Schwerte bffnen kann. Bei mir heißt es aut Cäsar, aut nihil! Dies iſt nahezu all' mein Latein. Trifft der Cäſar ein, ſo werden mir die Menſchen alle Mittel nachſehen, die mich zu dieſem Ziele führten; lautet es aber nihil, ſo hat Londen einen Fluß und in jeder Straße kann man ſich einen Strick kaufen. „Vivian! Vivian!“ „Geht jetzt, mein lieber Freund, ſo lange mein Herz noch weich iſt— geht, ehe ich Euch durch die Rückkehr ves eingebornen Adam wieder erſchrecke. Geht— geht!“ Und er nahm mich fanft beim Arm, zog mich aus dem Zimmer, kehrte wieder zurück und ſchloß ſeine Thüre ab. Ach, hätte ich ihm ſtatt jener fluchwürdigen Typhone den Robert Hall zurücklaſſen können! Aber würde die Arzuei wohl für ſeinen Fall gepaßt haben, oder mußte die bittere Erfahrung mit ihrer eiſernen Hand herbere Recepte für ihn aufzeichnen? Zweites Kapitel. Ich langte unmittelbar vor dem Diner zu Hauſe an. Roland war noch nicht da und lehrte erſt ſpät Abends zurück. Alle unſere Augen waren auf ihn gerichtet, und wir erhoben uns zumal, um ihn zu bewillkommnen; aber ſein Geſicht war wie eine Maske— verſchloſſen, ſtarr und un⸗ leſerlich. abe ſter ißt ein. ttel ber inn erz ehr 1 em one die die pte an. wir ſein un⸗ Er ſchloß die Thüre ſorgfältig hinter ſich zu, trat an den Herd, wo er einige Augenblicke aufrecht und ruhig ſtehen blieb und fragte ſodann: „Iſt Blanche zu Bette gegangen?“ „Ja,“ verſetzte meine Mutter,„aber nicht um zu ſchlafen. Ich habe ihr verſprechen müſſen, es ihr zu ſagen, wenn Ihr zurückkämet.“ Rolands Stirne wurde glatter. „Habt die Güte, Schwägerin,“ ſagte er langſam, „morgen einen paſſenden Traueranzug für ſie zu beſorgen. Mein Sohn iſt todt.“ „Todt!“ riefen wir mit Einer Stimme und umringten ihn wie aus gemeinſchaftlichem Antriebe. „Todt! Unmöglich— Ihr könntet es uns ſonſt nicht ſo ruhig mittheilen. Todt!— wie habt Ihr es erfahren? — Iyr ſeyd vielleicht getänſcht worden. Wer ſagte es Euch? Warum denkt Ihr ſo?“ „Ich habe ſeine Ueberreſte geſehen,“ verſetzte mein Onkel mit derſelben düſtern Ruhe.„Wir wollen Alle um ihn trauern. Piſiſtratus, Du biſt jetzt der Erbe meines Namens, wie Du der Erbe des Namens Deines Vaters biſt. Gute Nacht; entſchuldigt mich, alle— alle, die Ihr mir lieb und theuer ſeyd! Ich bin müde.“ Roland zündete ſeine Kerze an und entfernte ſich⸗ während wir wie vom Donner gerührt im Zimmer blieben; er kam jedoch wieder zurück, ſchaute ſich um, nahm ſein Buch auf, das bei jener Lieblingsſtelle aufgeſchlagen war, nickte uns nochmals zu und verſchwand. Wir blickten ein⸗ 458 ander an, als hätten wir ein Geſpenſt geſehen. Dann er⸗ hob ſich mein Vater, verließ das Zimmer und blieb bei Roland, bis die Nacht beinahe vorüber war. Ich und meine Mutter gingen nicht zu Bette, bis er zurückkehrte. Sein wohlwollendes Geſicht zeigte einen Ausdruck tiefer Trauer. „Wie ſteht es Vater? Könnt Ihr uns mehr mittheilen?“ Mein Vater ſchüttelte den Kopf. „Roland bittet Euch, Ihr möchtet ihm fortwährend die⸗ ſelbe Nachſicht zu Theil werden laſſen, die Ihr ihm bisher erzeigt habt, und gegen ihn nie den Namen ſeines Sohnes erwähnen. Friede mit den Lebenden, wie mit den Todten! Kitty, dies verändert unſern Plan. Wir müſſen jetzt alle nach Cumberland gehen— denn ſo können wir Roland nicht verlaſſen!“ „Der arme, arme Roland!“ rief meine Mutter unter Thränen.„Und dabei denken zu müſſen, daß Vater und Sohn nicht mit einander verſöhnt waren! Aber Roland verzeiht ihm jetzt— o ja— jetzt!“ „Auf Roland fällt kein Vorwurf,“ verſetzte mein Vater faſt mit Heftigkeit.„Die Schuld liegt— doch genug! Wir müſſen ſobald wie möglich die Stadt verlaſſen. Roland wird in der heimiſchen Luft ſeiner alten Ruinen wieder ge⸗ neſen.“ Wir gingen voll Trauer zu Bette.„Und ſo endet die eine große Aufgabe meines Lebens!“ dachte ich.„Mit welcher Sehnſucht hing ich nicht an der Hoffnung, die ———„„„ — „„—— —„— „ er⸗ bei und rte. efer n?“ die⸗ zher nes en! alle and iter und and ter ug! and ge⸗ die Nit die 459 beiden wieder zuſammen zu bringen! Aber ach, das Grab iſt der beſte Friedensſtifter! Drittes Kapitel. Mein Onkel kam drei Tage lang nicht aus ſeinem Zimmer und ſchloß ſich oft mit einem Rechtsgelehrten ein. Mein Vater ließ einige Worte fallen, welche anzudeuten ſchienen, daß der Verſtorbene Schulden hinterlaſſen habe und deßhalb der arme Kapitän einiges Kapital auf ſein kleines Eigenthum aufnehme. Da Roland geſagt hatte, er habe die Ueberreſte ſeines Sohnes geſehen, ſo zweifelte ich an⸗ fänglich nicht daran, daß wir der Beerdigung anwohnen würden; aber es wurde kein Wort weiter darüber geſprochen. Am vierten Tage beſtieg Roland in tiefer Trauer mit dem Rechtsgelehrten eine Miethkutſche und blieb ungefähr zwei Stunden aus. Wahrſcheinlich hatte er in aller Stille dem Hingeſchiedenen den letzten traurigen Dienſt erwieſen. Nach ſeiner Rückkehr ſchloß er ſich wieder für den Reſt des Tages ein und wollte nicht einmal meinen Vater ſehen; am andern Morgen aber erſchien er wieder wie gewöhnlich, und es kam mir ſogar vor, er ſehe heiterer aus, als ich ihn je gekannt hatte. Ob er wohl eine Rolle ſpielte, oder ob das Schlimmſte jetzt wirklich vorüber und das Grab weniger grauſam war, als die Ungewißheit? Am folgenden Tag brachen wir alle nach Cumberland auf. In der Zwiſchenzeit war Onkel Jack faſt unabläſſig 460 bei uns geweſen, und ich muß ihm die Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen, daß er ungehenchelte, erſchütterte Theilnahme an dem Unglück, welches Roland befallen hatte, an den Tag legte. Es fehlte Onkel Jack in der That nicht an Herz, wenn man geradenwegs auf daſſelbe losging; nur konnte man ſchwer dazu gelangen, wenn man dabei den Umweg durch die Taſchen wählte. Der würdige Spekulant hatte, ehe wir die Stadt verließen, viel mit meinem Vater abzu⸗ machen. Die Antibuchhändlergeſellſchaft war ins Leben getreten, und durch die hebärztliche Beihülfe dieſer Genoſſenſchaft ſollte das große Buch in die Welt eingeführt werden. Das neue Journal, die literariſchen Times, war gleichfalls weit vorgerückt— allerdings noch nicht aus⸗ gegeben; denn das Ausgeben ſollte zuerſt an meinen Vater kommen. Es fanden Vorbereitungen für ſein Erſcheinen im großartigſten Maßſtabe ſtatt, und zwei oder drei ſchwarz gekleidete Männer, von denen der eine wie ein Advokat, der andere wie ein Buchdrucker und der dritte auf und nieder wie ein Jude ausſah, kamen zweimal mit Papieren ins Haus, die einen gar unheimlichen Anblick boten. Nachdem alle dieſe Einleitungen abgethan waren, hörte ich noch die letzten Worte des Onkels Jack, welcher meinen Vater auf den Rücken klopfte und ſagte: „Nuhm und Vermögen, für beides iſt jetzt geſorgt— Ihr könnt ruhig ſchlafen, denn Ihr laßt mich mit weit offenen Augen zurück. Jack Tibbets ſchläft nie!“ Es kam mir befremdlich vor, daß ſeit meinem plötzlichen Austritte aus dem Hauſe des Mr. Trevanion weder dieſer, 461 noch Laby Ellinor irgend Jemanden von uns auch nur die mindeſte Aufmerkſamkeit geſchenkt hatte. Doch am Abend vor unſerer Abreiſe lief ein freundliches Schreiben von Mr. Trevanion an mich ein, das mit einem Geſchenk von einigen ſeltenen Büchern an meinen Vater begleitet und von ſeinem Lieblings⸗Landſitz aus datirt war; er theilte mir darin kürz⸗ lich mit, daß es in ſeiner Familie eine Erkrankung gegeben habe, die ihn nöthigte, um einer Luftveränderung willen die Stadt zu verlaſſen— Lady Ellinor aber werde meine Mutter in der nächſten Woche beſuchen. In ſeiner Bibliothek habe er einige ſeltene Werke aus dem Mittelalter gefunden, darunter eine vollſtändige Ausgabe des Cardan, welche, wie er wiſſe, meinem Vater Freude machen werde. Jede An⸗ ſpielung auf das, was zwiſchen uns vorgegangen, war ſorg⸗ fältig vermienen. Nachdem ich in der Rückantwort ihm den gebührenden Dank meines Vaters vermeldet hatte, der den Cardan (Lyoner Ausgabe, 1663, 10 Foliobände) wie der Seiden⸗ wurm ein Lorbeerlaub aufnahm, drückte ich unſer vereintes Bedauern aus, daß wir nicht mehr hoffen dürften, Lady Ellinor zu ſehen, weil wir eben im Begriff ſeyen, London zu verlaſſen. Ich wollte noch etwas über den Verluſt, den mein Onkel erlitten hatte, beifügen; aber mein Vater meinte, da Roland ſogar unter ſeinen nächſten Verwandten jede Er⸗ wähnung ſeines Sohnes ſo mißliebig aufnehme, ſo ſey es wohl augenfällig ſein Wunſch, das ihm zugeſtoßene Leid nicht anßerhalb dieſes Kreiſes zur Schau zu ſtellen. Es hatte alſo in Trevanions Familie eine Erkrankung 462 ſtatt gefunden Wer war wohl davon betroffen worden? Ich konnte mich mit dieſem allgemeinen Ausdruck nicht zufrieden geben und trug die Antwort, ſtatt ſie durch die Poſt beſorgen zu laſſen, ſelbſt nach Trevanions Haus. Auf meine ange⸗ ſtellten Erkundigungen ertheilte mir der Pförtner die Aus⸗ kunft, daß die ganze Familie mit dem Schluß der Woche zu⸗ rückerwartet werde; er habe davon gehört, daß Lady Ellinor und Miß Trevanion etwas unwohl geweſen wären, beide befänden ſich aber jetzt beſſer. Ich ließ mein Schreiben mit der Weiſung, es zu beſorgen, zurück, und auf dem Heimweg fingen meine Wunden aufs Neue zu bluten an. Wir hatten auf unſerer Reiſe die Kutſche ganz für uns. Es war eine ſchweigſame Fahrt, bis wir eine kleine Stadt ungefähr drei Stunden von dem Wohnort meines Onkels erreichten, nach dem man nur auf einem Feldwege gelangen konnte. Der Kapitän beſtand darauf, noch in der nämlichen Nacht allein dahin zu reiſen; denn obgleich er vor unſerem Aufbruch unſer Eintreffen angekündigt hatte, machte es ihm doch Sorge, ob der arme Thurm ſich auch ſo gut als möglich ausnehme. Er reiste uns deßhalb voraus, und wir übernachteten in einem Wirthshaus. Am andern Tag mietheten wir bei Zeit eine Geſchwind⸗ kutſche, da eine Chaiſe nicht Raum genug für uns und meines Vaters Bücher geboten haben würde, und holperten durch ein Labyrinth von erbärmlichen Nebenwegen, die kein Marſchall Wade je aus ihrem urſprünglichen Chaos hervor⸗ gezogen hat. Die arme Mrs. Primmins und der Canarien⸗ vogel ſchienen jedoch allein gegen die Stöße empfindlich zu ſeyn. Die erſtere, welche uns gegenüber ſaß und zwiſchen eine Menge von Gepäck eingekeilt war, das insgeſammt die Aufſchrift hatte:„die obere Seite wohl in Acht zu nehmen“ (warum dieſe Warnung vorhanden war, begriff ich nicht, denn der Inhalt beſtand blos aus Büchern, bei denen es wohl nicht ſonderlich darauf ankam, ob die obere Seite unten oder die untere oben lag)— die erſtere, ſage ich, breitete ihre Arme über dieſe disjecta membra aus, mit der rechten Hand den einen und mit der linken den andern Fenſter⸗ ſims faſſend, ſo daß ſie daſaß, wie der geſpreizte Adler des öſterreichiſchen Kaiſerthums— und es wäre in der That wünſchenswerth, wenn beſagter geſpreizter Adler heutzu⸗ tage eben ſo feſt ſäße, wie Mrs. Primmins! Was den Canarienvogel betrifft, ſo verſäumte er nié, mit einem er⸗ ſtaunten Pip auf jedes Barmherziger Himmel! und Gott behüte uns! zu antworten, das bei jedem Plump in eine Fahrleiſe oder bei dem Ruck wieder heraus mit dem ganzen emphatiſchen Schmerz des„at ai“ in einem griechiſchen Chor von Mrs. Primmins' Lippen brach. Mein Vater, den breiten Hut über ſeine Stirne ge⸗ drückt, war in tiefe Gedanken verſunken. Die Stcenen ſeiner Jugend tauchten wieder vor ihm auf, und ſeine Erinnerung ging glatt wie ein Geiſterfittich über die Plumpe und Rucke hinweg. Meine Mutter, die ihm zur Seite ſaß, hatte ihren Arm um ſeine Schulter geſchlungen und beobachtete eiferſüchtig ſein Geſicht. Glaubte ſie wohl, in dem gedanken⸗ vollen Antlitz ſpreche ſich der Schmerz um die alte Liebe aus? Blanche, die ſehr traurig und vft in Thränen geweſen 464 war, ſeitdem ſie den Traueranzug erhalten und man ihr geſagt hatte, daß ſie keinen Bruder mehr habe, obſchon ſie ſich des Verlorenen nicht erinnern kounte, begann nun eine kindiſche Neugierde an den Tag zu le gen und war ſehr darauf erpicht, den geliebten Thurm ihres Vaters zuerſt zu entdecken. Sie ſaß auf meinem Schooße und ich theilte ihre Ungeduld. Endlich erblickten wir einen Kirchthurm— eine Kirche— ein einfaches, viereckiges Gebände daneben, das Pfarrhaus (meines Vaters alte Heimath), eine lang geſtreckte Straße von Bauernhänſern und ärmlichen Läden, unter Lenen hie und da eine Wohnung von beſſerer Beſchaffenheit ſichtbar eine graue, unförmliche Maſſe von Gemäuer und Ruinen auf einer jener Anhöhen, auf welchen die Dänen gerne ihre Lager aufzuſchlagen oder Befeſtigungswerke anzulegen pflegten; in Mitte derſelben ragte ein hoher, kunſtloſer anglonormaniſcher Thurm hervor. Darum her ſtanden einige Bäume, entweder Pappeln oder Forchen, und erſt bei größerer Annäherung bemerkten wir eine einzige gewaltige Eiche, welche noch ganz und unbe⸗ ſchädigt in die Höhe ſtieg. Der Weg führte nun hinter dem Pfarrhaus eine Steige hinan. Aber welch ein Weg! Man hätte die ganze Dorfgemeinde dafür auspeitſchen ſollen! Wenn ich auch nur auf der Karte einen ſolchen Weg zu Pr. Hermann hätte zurücklegen müſſen, ſo wäre ich wohl die ganze nächſte Woche nicht zu einem ruhigen Sitzen gekommen! Die Geſchwindkutſche wich auf einmal nicht mehr von Stelle. „Wir wollen ausſteigen,“ rief ich, indem ich den de — 9 p la li m ihr ſie eine auf en. uld. us aße hie bar che en, der en on en Schlag öffnete und hinausſprang, um den Andern mit einem guten Beiſpiel voranzugehen. Blanche folgte, und meine Eltern kamen nach. Als jedoch Mrs. Primmins ſich gleichfalls in Bewegung ſetzen wollte, rief ihr mein Vater zu: „Papae! ich glaube, Ihr müßt drinnen bleiben, Mrs. Primmins, um die Bücher an ihren Plätzen zu erhalten.“ „Gott ſtehe mir bei!“ entgegnete Mrs. Primmins entſetzt. „Die Entfernung einer ſolchen Maſſe oder moles— geſchmeidig und elaſtiſch, wie alles Fleiſch iſt, und ſo gut vaſſend in die harten Ecken der trägen Materie— eine ſolche Subtraction, Mrs. Primmins, würde ein vacuum zurück⸗ laſſen, welches kein natürliches Syſtem, ſicherlich keine künſt⸗ liche Organiſation auszuhalten vermöchte. Es gebe dabei einen regelmäßigen Tanz von Atomen, Mrs. Primmins; meine Bücher würden dahin und dorthin fliegen— auf den Boden, zum Fenſter hinaus! Corporis officium est quoniam omnia deorsum. Die Aufgabe eines Körpers, wie der Eurige, Mrs. Primmins, beſteht darin, alle Dinge niederzudrücken— ſie feſt bei einander zu erhalten, wie Ihr eines Tags erfahren werdet— das heißt, wenn Ihr mir den Gefallen erweiſen wollt, den Lucrez zu leſen und Euch jene materielle Philo⸗ ſophie zu eigen zu machen, von der ich ohne Schmeichelei ſagen kann, daß Ihr, Mrs. Primmins, ein lebendiger Beleg derſelben ſeyd.“ 1 Dies waren die erſten Worte, die mein Vaier geſpro⸗ Bulwer, die Caxtone, 30 466 chen, ſeitdem wir das Wirthshaus verlaſſen hatten, und ſie ſchienen meiner Mutter die Verſicherung zu geben, daß ſie über den Charakter ſeiner Gedanken keine Beſorgniß zu he⸗ gen brauchte; denn ihre Stirne heiterte ſich auf und ſie ſagte lachend: „Sieh nur die arme Primmins an und dann dieſen Berg!“ „So ſubtrahire meinetwegen die Primmins, wenn Du für den Reſt einſtehen willſt, Kitty. Aber ich ſage Dir zum Voraus es iſt gegen alle Geſetze der Phyſik.“ Mit dieſen Worten eilte er leichten Fußes vorwärts, bemächtigte ſich meines Armes, blieb ſtehen, ſah ſich um und athmete tief auf, wie wir die heimathliche Luft einzuſchnau⸗ ben pflegen. „Und doch,“ ſagte mein Vater nach dieſer angenehmen und wonnigen Inſpirativn—„und doch muß man zugeſtehen, daß man außerhalb Cambridgeſhire keine garſtigere Land⸗ ſchaft ſehen kann.““ „Nicht doch,“ verſetzte ich;„ſie iſt kühn, großartig und hat eine eigenthümliche Schönheit. Dieſe endloſen, wellen⸗ förmigen, unbebauten, baumloſen Strecken bieten auch in ihrer wilden Einſamkeit einen Zauber! Und wie das Ganze * Dies kann allerdings von Cumberland im Allgemeinen nicht behauptet werden, da es eine der ſchönſten Grafſchaften in Groß⸗ britannien iſt. Bezirk jedoch, auf welchen Mr. Caxton's Aus⸗ ruf ſich unmitte bezieht, iſt— wenn auch nicht gerade garſig ſo doch 1 wild, rauh und öde. —, d ſie ſie he⸗ agte ieſen Du zum irts, und au⸗ men hen, ind⸗ und len⸗ in nze icht roß⸗ us⸗ ſtig, 467 im Einklang ſteht mit der Ruine! Hier iſt Alles ritterlich — ich verſtehe Roland jetzt beſſer.“ „Gebe nur der Himmel, daß der Cardan nicht zu Scha⸗ den kömmt!“ rief mein Vater.„Er iſt ſehr ſchön gebunden und paßte allerliebſt gerade in den fleiſchigſten Theil dieſer unruhigen Primmins.“ Blanche war uns inzwiſchen weit vorausgelaufen, und ich folgte ihr raſch nach. Es waren noch die Ueberreſte jenes tiefen Grabens vorhanden(die Ruinen auf drei Seiten um⸗ gebend und auf der vierten an eine ſchroffe Bergſpitze ſich anſchließend), aus welchem die Lieblingsbefeſtigung aller teu⸗ toniſchen Stämme beſtand. Eine Straße auf Backſteinbogen, welche jetzt die Stelle einer Zugbrücke verſah, und das äußere Thor bildeten eine Maſſe maleriſchen Getrümmers. Beim Eintritt in den Hof oder die Balley wurde man des alten Schloßdamms, auf welchem die alten Ritter Recht zu ſpre⸗ chen pflegten, anſichtig; er erhob ſich höher, als die Lerfalle⸗ nen Mauern in der Nachbarſchaft und war theilweiſe von Geſträuch überwachſen. Und da ſtand nun, beziehungsweiſe als ein Ganzes, der Thurm oder die Veſte, aus deren Por⸗ tale der alte kriegeriſche Eigenthümer auftauchte. Seine Vorfahren würden uns vielleicht mit mehr Prunk anfgenommen haben, hätten uns aber ſicherlich nicht wärmer begrüßen können. In der That ſchien Roland auf ſeiner eige⸗ nen Domäne ein ganz anderer Mann zu ſehn. Seine Steif⸗ heit, welche ein wenig abſtoßend auf Diejenigen wirkte, die ſie nicht verſtanden, war völlig verſchwunden. Auch zeigte er weniger Stolz, weil auf einem ſolchen Boden er und ſein 30* 468 Stolz auf recht gutem Fuß mit einander ſtanden. Wie galant er— nicht ſeinen Arm, wie es in unſeren modernen Zeiten üblich iſt— ſondern ſeine rechte Hand gegen meine Mutter ausſtreckte; wie ſorgfältig er ſie über„Stock und Stein“ durch das niedrige gewölbte Thor führte, wo ein langer Dienſtmann, der, wie leichtlich zu erſehen, früher Soldat ge⸗ weſen war— ohne Zweifel genau in der Livree, welche durch vie heraldiſchen Farben gerechtfertigt wurde(denn er trug rothe Strümpfe), bolzgerade als Schildwache ſtand. Und erſt die Halle— wir waren nicht wenig überraſcht— denn ſte ſah wirklich heiter aus. In dem großen Kamin brannte ein mächtiges Feuer, obſchon es noch Sommer war; dies ſchien jedoch ganz am Orte zu ſehn, denn die Mauern waren von Stein, das hohe Dach bis auf das Sparrenwerk offen und die kleinen ſchmalen Fenſter ſo hoch und ſo tief in die Ma eingeſenkt, daß man in einem Gewölbe zu ſeyn wähnte leichwohl nahm ſich, wie ich ſage, der Raum ge⸗ ſellig und heiter aus— ein Umſtand, den er hauptſächlich dem Feuer und zum Theil auch einem ſehr ſinnreichen Ge⸗ menge von alten Tapeten an dem einen Ende und von Tep⸗ pichen an dem andern verdankte, welche an dr untern Seite der Wände befeſtigt waren. Dazu kam noch eine Anordnung des Meubelwerks, welche dem Geſchmack meines Onkels für das Maleriſche Ehre machte. Nachdem wir uns zu unſerer Herzen Zufriedenheit umgeſehen und unſere Bewunderung ausgeſprochen hatten, führte uns Roland nicht auf einer jener edeln Trep, welche man in den ſpäteren Herren⸗ ſitzen wahrnimmt, ſondern vermittelſt einer Kleinen ſteinernen nt 469 Wendeltreppe nach den Gemächern, die ſeinen Gäſten zum Aufenthalt dienen ſollten. Da war zuerſt ein kleines Ge⸗ mach, welches er meines Vaters Studirzimmer nannte— in Wahrheit, es würde für jeden Philoſophen oder Heiligen gepaßt haben, der ſich gegen die Welt abzuſchließen wünſchte, und hätte wohl auch für das Innere einer jener Säulen gelten können, welche die Styliten bewohnten; denn man mußte eine Leiter hinanklettern, um zum Fenſter hinaus zu ſehen; und wenn dann das Sehvermögen eines nicht kurz⸗ ſichtigen Mannes über den Zwiſchenraum in der dicken Mauer hinausreichte, ſo bot ſich dem Geſichtskreiſe doch nicht weiter dar, als ein cumberländiſcher Himmel, an dem gelegentlich eine Mandelkrähe hinflog. Ich glaube übrigens ſchon früher bemerkt zu haben, daß ſich mein Vater nicht viel um eine ſchöne Landſchaft kümmerte, weshalb er ſich mit großer Zu⸗ friedenheit in dem ihm angewieſenen Winkel umſah. „Die Geſimſe für Deine Bücher werden im Nu aufge⸗ ſchlägen ſeyn,“ ſagte mein Onkel, ſeine Hände reibend. „Dies wäre ein Werk der Barmherzigkeit,“ verſetzte mein Vater,„denn die armen Dinger haben ſo lange liegen müſſen, daß es ihnen wohl lieb ſeyn wird, wenn ſie ſich ein wenig ſtrecken können. Mein lieber Roland, dieſes Zimmer iſt wie gemacht für Bücher— ſo rund und ſo tief. Ich werde hier ſitzen wie die Wahrheit in einem Brunnen. „Und hier iſt ein Gelaß für Euch, Schwägerin, gerade neben an,“ fuhr Onkel Roland fort, indem er eine kleine, niedrige, gefängnißartige Thüre nach einem recht hübſchen Zimmer öffnete, denn es hatte ein niedriges Fenſter mit 470 einem eiſernen Balkon.„Dann kömmt das Was Dich betrifft, Piſiſtratus, mein Junge, ſo fürchte ich, daß Du Dich mit einem Soldatenquartier wirſt begnügen müſſen. Doch laß Dich's nicht kümmern; noch einen Tag oder zwei, und wir wollen Alles herſtellen, daß ſich ſogar der General Deines berühmten Namens nicht daran ſchämen dürfte. Piſiſtratus der Erſte war doch wohl ein großer Ge⸗ neral— iſt's nicht ſo, Bruder?“ „Wie es bei allen Tyrannen der Fall iſt“ entgegnete der Vater.„Das Soldatenſpiel iſt Ihnen unentbehrlich.“ „O, Du magſt hier ſagen, was Dir beliebt!“ verſetzte Roland in höchlich guter Laune und führte mich dann die Treppe hinunter, noch immer wegen meines Quartiers ſich angelegentlich entſchuldigend, ſo daß ich darauf gefaßt war, in eine Oubliette verſetzt zu werden. Auch minderte ſich mein Argwohn nicht, als ich ſah, daß wir die Veſte verlaſſen und uns durch einen bloßen Schutthaufen, wie es mir vor⸗ kam, nach der rech en Seite des Hofes ſchlagen mußten. Ich wurde jedoch aufs Angenehmſte überraſcht, als ich mitten in dieſen Trümmern nach einem Zimmer mit einem edlen Fenſter gelangte, von dem man die ganze Landſchaft über⸗ ſchauen konnte; unmittelbar darunter befand ſich ein zum Garten umgewandelter Grund. Die Meubel waren groß, aber doch heimiſch, Boden und Wände gut mit Teppichen verſehen, und ich dachte im Ganzen, daß ich nicht beſſer hätte einquartiert werden können, trotz der Unbequemlichkeit, daß ich, um zum übrigen Hauſe zu gelangen, über den Hof Schlafgemach. ach. ich, gen ag ar en je⸗ 47¹ gehen und den neumodiſchen Lurus einer Glocke ganz und gar entbehren mußte. Aber dies iſt ja ein wahres Feengemach, mein lieber „* Onkel! Sicherlich wurde es von den Damen de Carton be⸗ wohnt, denen der Himmel eine ſelige urſtänd geben möge!“ „Nein,“ verſetzte mein Onkel gravitätiſch,„ich ver⸗ muthe eher, daß es das Zimmer des Kaplans war, denn rechts davon ſtand die Kapelle. In früheren Zeiten befand ſich eine andere in dem Thurm— denn man kann kaum von einer ächten Veſte reden, wenn nicht Kapelle, Brunnen und Halle in ihr vorhanden ſind. Von der erſteren kann ich dir noch einen Theil des Daches zeigen, und die beiden letz⸗ teren ſind noch wohl erhalten; namentlich iſt der Brunnen ſehr intereſſant, denn er bildet einen Theil der Mauer in einer Ecke der Halle. In den Zeiten Karls I. ließ unſer Vorfahr ſeinen einzigen Sohn in einem Eimer hinunter und verbarg ihn da ſechs Stunden lang, während ein boshafter Pöbel den Thurm ſtürmte. Ich brauche nicht zu ſagen, daß unſer Ahnherr es verſchmähte, ſich vor ſolchem Geſindel zu verbergen, denn er war ein erwachſener Mann. Der Knabe wurde ſpäter ein trauriger Verſchwender und benützte den Brunnen zu nichts Anderem, als um ſeinen Wein darin kühl zu erhalten. So iſt denn manches ſchöne Stück Feld ſeine Kehle hinuntergerollt.“ „An Eurer Statt würde ich ihn aus dem Stammbaum auskratzen. Habt Ihr jedoch nicht das Gemach entdeckt, wel⸗ ches der große Sir William bewohnte, über den mein Vater ſo ſchamlos ſteptiſch iſt?“ 472 „Ich will Dir ein Geheimniß mittheilen,“ antwortete der Kapitän, indem er mir einen ſchlauen Rippenſtoß ver⸗ ſetzte;„ich habe Deinen Vater darin einquartirt. Ueber dem Kamin befindet ſich die Yorkiſche Roſe, und in die Spitzen derſelben ſind die Anfangsbuchſtaben W. C. und die Jahres⸗ zahl, drei Jahre vor der Schlacht bei Bosworth, eingelaſſen.“ Ich konnte mir's nicht verſagen, in das grimmige dumpfe Lachen über dieſen charakteriſtiſchen Scherz einzuſtimmen, und nachdem ich ihm über den Scharfſinn, mit welchem er ſeinen Beweis zu führen gedachte, ein Compliment gemacht hatte, fragte ich ihn, wie es ihm möglich geworden ſey, die Ruine ſo gut zu unterhalten, namentlich da er ſie ſeit Erwerbung derſelben faſt nie bewohnt hatte. „Vor einigen Jahren,“ entgegnete er,„wurde der arme Kerl, in dem Du jetzt meinen Bedienten ſiehſt, obſchon er zugleich auch Gärtner, Vogt, Seneſchal, Kellermeiſter und überhaupt Alles iſt, wozu man ihn verwenden will, auf die Invalidenliſte geſetzt und aus dem Heer entlaſſen. Ich ſchickte ihn deshalb hieher, und da er ein trefflicher Zimmer⸗ mann iſt, dabei auch eine recht ordentliche Erziehung genoſſen hat, ſo theilte ich ihm mit, wie ich's haben wollte, und ſtellte ihm jedes Jahr eine kleine Summe für Ausbeſſerungen und Meubel zur Berfügung. Es iſt erſtaunlich, wie wenig mich Alles gekoſtet hat, denn Bolt, ſo heißt der arme Burſche, faßte die Sache im rechten Geiſte auf und kaufte die meiſten Meubel, die, wie Du fiehſt, alterthümlich und Fanz paſſend ſind, in den verſchiedenen Bauernhäuſern und Meiereien der Nachbarſchaft zuſammen. Wir haben übrigens noch weit 473 mehr Zimmer— nur gebrach es mir letzter Zeit,“ fügte er bei, indem er leicht ſeine Farbe wechſelte,„an Geld. Doch komm jetzt,“ nahm er mit einer ſichtlichen Anſtrengung wie⸗ der auf—„komm und ſieh mein Standquartier; es be⸗ findet ſich anf der andern Seite der Halle und hat früher ohne Zweifel als Vorrathskammer gedient.“ Wir erreichten den Hof und trafen daſelbſt die Ge⸗ ſchwindkutſche, die mit ihrem Schneckengange eben angelangt war. Meines Vaters Kopf ſtack tief in dem Fuhrwerk— er ſammelte ſeine Päcke und entſandte orakelartig unterſchied⸗ liche Scheltworte und Anathemas über Mrs. Primmins und ihr Vacuum, während die ſchwer verkannte Dame daneben ſtand und ihre Schürze ausgebreitet hielt, um zu gleicher Zeit die Päcke und die Bannſtrahlen aufzunehmen; letztere ertrug ſie mit der Milde eines Engels, indem ſie ihre Augen zum Himmel erhob und etwas von„armen alten Knochen“ murmelte. Freilich, was Mrs. Primmins Knochen betraf, ſo waren ſie ſchon ſeit 26 Jahren mythiſch geweſen, und man hätte eben ſo gut in dem fetten Boden von Romney Marſh einen Pleſioſaurus finden können, als ein Bein in den flei⸗ ſchigen Schichten, in denen mein Vater ſeinen Cardan für ſo ſorgfältig geſchützt gehalten hatte. Wir ließen jedoch die beiden mit ſich ſelbſt zurecht kom⸗ men, traten unter das niedrige Portal und gelangten in Rolands Zimmer. Bolt hatte in der That den Geiſt der Sache aufgefaßt. Denn er war ſogar bis auf das Pathos eingegangen, das in den Tiefen von Rolands Charakter lag. Buffon ſagt:„der Styl iſt der Menſch;“ hier aber war das 474 Zimmer der Menſch. Zuerſt fiel die unbeſchreibliche, ſol⸗ datenartige, methodiſche Zierlichkeit auf, die eine Eigen⸗ thümlichkeit Rolands war— und in gleicher Weiſe verhielt ſich der Charakter des Ganzen. Wenn wir auf die Einzeln⸗ heiten eingehen wollen, ſo ſtanden auf ſtarken, eichenen Sim⸗ ſen die Bücher, über die mein Vater gegen ſeinen phantaſie⸗ reicheren Bruder ſo gerne ſpöttelte— Froiſſart, Barante, Poinville, Arthurs Tod, Amadis von Gallien, Spenſer's Feen⸗Königin, ein ſchönes Eremplar von Strutts Horda, Mallets nordiſche Alterthümer, Perey's hinterlaſſene Schrif⸗ ten, Pope's Homer, Werke über Artillerie, über den Ge⸗ brauch des Bogens, Falkenbeize und Befeſtigungskunſt— alter Ritterdienſt und neuer Krieg, Wange an Wange. Alter Ritterdienſt und neuer Krieg— betrachte jenen Turnierhelm mit dem hohen Buſch der Caxtone und jene Trophäe daneben, einen franzöſiſchen Küraß— jenes alte Banner(eines Ritters Fähnlein), umgeben von ſich kreuzen⸗ den Bajonetten. Und über dem Kaminmantel— blank und reinlich(ich ſtehe dafür, daß Alles täglich abgeſtäubt wurde) — Rolands eigener Degen, ſeine Holftern und Piſtolen, ja ſogar der von Kugeln durchſchoſſene und zerriſſene Sattel, aus dem er geſtürzt war, als er ſein Bein—— ich haſchte nach Luft, fühlte all' dieſes mit einem Blick und ſchlich mich leiſe nach der Stelle hin, wo ich, wenn ich nicht Roland zum Zeugen gehabt haben würde, den Degen mit einer Ehrfurcht hätte küſſen mögen, als wäre er der eines Bayard oder Sidney geweſen. Mein Onkel war zu beſcheiden, um meine Gefühle zu 475 errathen, und meinte im Gegentheil, ich wende mein Geſicht ab, um mein Lächeln über ſeine Eitelkeit zu verbergen, denn er ſagte im Tone verlegener Entſchuldigung—„Bolt, der närriſche Kerl, hat Alles ſo angeordnet.“ Viertes Kapitel. Unſer Wirth behandelte uns mit einer Gaſtlichkeit, die einen merkwürdigen Gegenſatz bildete zu der ſparſamen Le⸗ bensweiſe, die er in London zu führen pflegte. Natürlich hatte Bolt den großen Hecht gefangen, der beim Feſtmahle obenan ſtand, und ohne Zweifel auch die ſchönen Hühner ab ovo erziehen helfen; auch ſtammte zuverläſſig von ſeiner kunſtfertigen Hand der treffliche ſpaniſche Eierkuchen. Was das Uebrige betraf, ſo waren wohl die Produkte der Schaaf⸗ waide und des Gartens als freiwillige Hülfstruppen herzu⸗ gekommen— ſehr verſchieden von den feilen Rekruten, durch welche die großſtädtiſchen Condottieri, die Fleiſcher und Ge⸗ müſehändler, das Verderben jenes bedanuernswürdigen Ge⸗ meinweſens herbeiführon, das man mit dem Namen„gentile Armuth“ bezeichnet. Der Abend entſchwand uns heiter, und gegen ſeine Ge⸗ wohnheit führte Roland hauptſächlich das Wort. Es war ſchon 11 Uhr, als Bolt mit einer Laterne erſchien, um mich über den Hof nach meiner Schlafſtätte unter den Ruinen zu führen— eine Ceremonie, die er jede Nacht pünktlich erfüllte, mochte es nun dunfel oder mondhell ſeyn. 476 Es ſtund lange an, ehe ich einſchlafen oder überhaupt glauben konnte, es ſeyen nur ſo wenige Tage entſchwunden, ſeit Roland Kunde erhalten hatte von dem Tode ſeines Soh⸗ nes— eines Sohnes, deſſen Schickſal ihm lange ſo ſchwer auf dem Herzen gelegen; und doch hatte der Kapitän nie ſo ſorgenfrei ausgeſehen! War dies natürlich oder erkünſtelt? Mehrere Tage entſchwanden, ehe ich mir dieſe Frage beant⸗ worten konnte, und auch dann fiel ſie nicht ganz zu meiner Befriedigung aus. Immerhin aber bemerkte ich, daß es ihn Anſtrengung koſtete, oder vielmehr, daß er einem entſchiede⸗ nen ſyſtematiſchen Entſchluſſe folgte. Auf Augenblicke konnte Roland den Kopf ſinken laſſen, und dann falteten ſich ſeine Brauen, während der ganze Mann zuſammen zu brechen ſchien. Doch waren dieß nur Momente, und er raffte ſich dann ſchnell wieder auf, wie ein ſchlummerndes Streitroß beim Schall der Trompete, um die ihn bedrückende Laſt ab⸗ zuſchütteln. Mochte indeß die Kraft ſeines Entſchluſſes oder irgend eine andere Gedankenkette dazu mitwirfen, jedenfalls entging mir nicht, daß Rolands Trauer in Wirklichkeit we⸗ niger ſchwer und bitter war, als früher der Fall geweſen, oder als man naturgemäß hätte annehmen ſollen. Er ſchien mit jedem Tage mehr ſeine Zuneigung von den Todten auf ſeine Umgebung, namentlich auf Blanche und mich zu übertragen, und ließ es deutlich merken, daß er jetzt mich als ſeinen rechtmäßigen Nachfolger und den künftigen Träger ſeines Namens betrachtete. Ich wurde in alle ſeine kleinen Planen eingeweiht und von ihm darüber zu Rath gezogen. Er führte mich auf ſeiner Domäne herum, von der ich ſpäter „—— mehr ſprechen werde, zeigte mir von jeder Anhöhe aus, die wir erkletterten, wo die ausgedehnten Ländereien ſeiner Ah⸗ nen ſich bis an den Horizont erſtreckt hätten, entfaltete vor mir mit behutſamer Hand den vermürbten Stammbaum und ließ ſeinen Finger zögernd bei den Namen verweilen, deren Träger einen kriegeriſchen Poſten bekleidet hatten oder auf dem Feld der Ehre geſtorben waren. Da war ein Kreuz⸗ fahrer, welcher Richard nach Ascalon begleitet, dort ein Rit⸗ ter, der bei Agincourt gefochten, hier ein Cavalier, deſſen Bild mit ſchönen Locken noch vorhanden war, welcher bei Worceſter den Tod gefunden— ohne Zweifel derſelbe, wel⸗ cher ſeinen Sohn ſich in dem Brunnen verkühlen ließ, dem letzterer eine angenehmere Beſtimmung anzuweiſen wußte. Unter allen dieſen Ehrenmännern war jedoch keiner, dem mein Onkel, vielleicht aus Luſt am Widerſpruch, einen ſo hohen Werth beilegte, als jenem apveryphiſchen Sir Wil⸗ liam. Und warum?— weil, als der abtrünnige Stanley dem Schlachtenglück bei Bosworth eine andere Wendung gab und der Ruf der Verzweiflung—„Verrath— Ver⸗ rath!“ von den Lippen des letzten Plantagenet brach, dieſer wackere Krieger„treu erfunden wurde unter den Treuloſen“ und ſein Leben endigte in dem löwenartigen Sturm, mit welchem Richard gegen den Feind anrannte.„Dein Vater hält mir immer entgegen, Richard ſey ein Mörder und Kro⸗ nenräuber geweſen,“ bemerkte mein Onkel.„Dem mag ſehn, wie ihm will; jedenfalls ziemte es ſeinem Gefolge nicht, auf dem Schlachtfeld über den Charakter des Herrn, der ihnen vertraute, zu rechten, namentlich wenn ihm eine Legion aus⸗ 478 ländiſcher Miethlinge gegenüberſtand. Ich möchte nicht von dieſem falſchen Stanley abſtammen, und wenn ich damit all' die Ländereien gewinnen könnte, deren ſich die Grafen von Derbey zu rühmen haben. Pflichtgetreue Krieger kämpfen und ſtreiten ſtets für ein großartiges Prineip und für ein er⸗ habenes Gefühl. Der wackere Sir William zahlte dem letzten Plantagenet die Wohlthaten zurück, die er von dem erſten erhalten hatte!“ „Und doch dürfte es zweifelhaft ſeyn,“ verſetzte ich bos⸗ haft,„ob nicht William Carton, der Buchdrucker—“ „Feuer, Seuche und Peſtilenz auf William Carton, den Buchdrucker ſammt ſeiner Erfindung!“ rief mein Onkel bar⸗ bariſch.„So lange es nicht viele Bücher gab, waren dieſe wenigſtens gut; jetzt aber hat man deren ſo viele, die nur das Urtheil verkehren, den Verſtand verwirren, gute Werke verdrängen und wie ein neu erfundener Pflug über jede alte Landmarke hingehen; ſie verführen die Weiber, verweich⸗ lichen die Männer, ſtürzen Staaten, Thronen und Kirchen um, ziehen ein Geſchlecht ſchwatzhafter, dünkelvoller Laffen heran, die in ihren Büchern ſtets eine Menge Ausflüchte finden, um nur nicht ihre Schuldigkeit thun zu dürfen, ma⸗ chen den Armen unzufrieden, den Reichen launen⸗ und grillen⸗ haft und merzen all' die mannhaften alten Tugenden durch Witzeleien und ſchaale Sentimentalität aus! Früher ver⸗ wandte die Phantaſie ihre Kräfte auf ein edles Wirken, auf Abenteuer, große Thaten und ein ruhmvolles Streben; jetzt nennt man aber nur den phantaſiereich, der in der falſchen Aufregung von Leidenſchaften, die er nie fühlte, und in Ge⸗ —— M on fen er⸗ ten en fahren, die er nie theilte, ſeine Nahrung ſucht. So zerſtückt er denn Alles, was noch von Leben in ihm übrig iſt, in dem erdichteten Liebesleid von Bond Street und St. James. Neffe, mit dem Aufkommen der Preſſe iſt die Ritterlichkeit zu Grunde gegangen! Und von allen Menſchen, die je gelebt und geſündigt haben, mir gerade den als Ahnherrn aufheften zu wollen, der am meiſten zur Zerſtörung deſſen beitrug, was ich vorzugsweiſe ſchätzte— der, beim Himmel! mit ſeiner fluchwürdigen Erfindung die Achtung vor den Ahnen nahezu völlig vertilgte— dies iſt eine Grauſamkeit, welcher mein Bruder nie fähig geworden wäre, wenn es ihm nicht jener hölliſche Drucker angethan hätte!“ Daß ein Mann im 19ten Jahrhundert der Gnade ein ſolcher Vandal ſeyn und Onkel Roland in einer Weiſe ſpre⸗ chen konnte, deren ſich ſogar Totila geſchämt haben würde — und noch obendrein ſo kurze Zeit nach meines Vaters wiſſenſchaftlicher und gelehrter Rede über die Heilkraft der Bücher— dies war genug, Einen an dem Fortſchritt des Geiſtes und der Vervollkommnungsfähigkeit unſeres Ge⸗ ſchlechts verzweifeln zu laſſen. Und gleichwohl hatte ſicherlich mein Onkel ein paar Bücher in der Taſche, unter denen ſich Robert Hall befand. In der That! er hatte ſich in eine Leidenſchaft hineingeredet und wußte nicht, welchen Unſinn er ſprach. Aber dieſe Exploſton des Kapitäns hat den Faden meines Gegenſtandes abgeriſſen. Uff! ich muß athmen und wieder von Neuem anfangen! Ja, trotz meiner Unverſchämtheit gewann mich doch der alte Soldat augenſcheinlich immer lieber und lieber. Wir 480 ſtellten gemeinſchaftlich kritiſche Unterſuchungen über das frühere Eigenthum der Cartone und den Stammbaum an; auch führte er mich auf langen Ausflügen nach entlegenen Dörfern, wo man vielleicht noch den Denkſtein eines verſtor⸗ benen Carton, ein Wappen oder ein Grabmahl ſehen konnte. Ferner mußte ich über topographiſchen Werken und Graf⸗ ſchafts⸗Chroniken ſtudiren(der Vandale vergaß dabei ganz und gar, daß er alle dieſe Autoritäten nur dem verſchmähten Drucker verdankte!), um die verſchiedenen Hiſtörchen über ſeine geliebten Todten aufzufinden! In Wahrheit zeigte die Grafſchaft auf ſtundenweite Umgebung die vestigia jener alten Caxtone, und ihre Handſchrift war auf mancher zer⸗ brochenen Mauer zu finden. So unbekannt ſie übrigens auch waren in Vergleichung mit jenem großen Techniker im Sanctuarium von Weſtminſter, auf den mein Vater ſo große Stücke hielt, ſchien doch klar aus der allgemeinen Achtung und aus der traditionellen Anhänglichkeit, die ich in jedem Dörfchen und in jeder Hütte dieſem Namen gegenüber fand, hervorzugehen, daß die Vergangenheit, welche ihnen auf dem Wege allen Staubes geleuchtet, kein grelles Licht hatte werfen können auf entehrte Wappenſchilde. Es war ange⸗ nehm, Zeuge der Verehrung zu ſeyn, welche man dieſem oder jenem kleinen Hidalgv von dreihundert und etlichen Jah⸗ ren her erwies, und mit welcher patriarchaliſchen Zuneigung ſie erwiedert wurde. Roland war ein Mann, der keinen An⸗ ſtand nahm, in die geringſte Hütte zu treten, ſein Korkbein an dem Herde ausruhen zu laſſen und Stunden lang über das zu ſprechen, was den Bewohnern zunächſt am Herzen S 48¹ lag. Unter den Ackerbauern herrſcht ein eigenthümlicher Geiſt von Ariſtokratie; ſie lieben alte Namen und Familien und — identifiziren ſich mit den Ehren eines Hauſes, als ob es ihrem Geſchlechte angehöre. Um Reichthum kümmern ſie ſich nicht ſo viel, wie die mittleren Klaſſen und die Bewohner der Städte, weshalb ſie denn auch eine achtungsvolle Theil⸗ nahme für ihren armen Adel bewahren. Dazu konnte Ro⸗ land— der doch in gewöhnlichen Speiſehäuſern ſich auf ſeinen Schilling den Ueberſchuß herausgeben ließ und den zu Grunde richtenden Lurus eines Miethkabriolets zu vermeiden ſuchte— entſchieden verſchwenderiſch genannt werden in ſeiner Freigebigkeit gegen ſeine Umgebung. Auf ſeinen väterlichen Gütern ſchien er ein gar anderes Weſen zu ſeyn; denn der ſchäbiggentile Halbſoldkapitän, der ſich in dem Strudel von London verlor, ſchwelgte hier in einer behag⸗ lichen Würde, die ſelbſt Cheſterfield bewundert haben würde. and wenn Zuneigung die Folge ächter Höflichkeit iſt, ſo wün⸗ ſche ich nur, lieber Leſer, du hätteſt die Geſichter ſehen kön⸗ nen, welche Kapitän Roland von allen Seiten lächelnd zu⸗ nickten, ſobald er ſich in dem Dorfe blicken ließ. Eines Tages hielt uns ein herzhaftes, freimüthiges altes Weib an, die Roland als Knaben gekannt hatte Da ſie ihn auf meinem Arm lehnen ſah, ſo meinte ſie in ihrer derben Sprache, ſie wolle mich nur auch„anlugen.“ Zum Glück war ich ſtämmig genug, um auch in den Augen einer Cumberländer Matrone die Muſterung paſſiren zu können, und nach einem Komplimente, welches Roland Bulwer, die Cartone. 31 482 ſehr zu gefallen ſchien, ſagte ſie zu mir, indem ſie dabei auf den Kapitän deutete: „Nun, Herrlein, Ihr habt noch eine ſchöne Zeit vor Euch und müßt eben verſuchen, ſo wacker zu werden, wie er. Na, wenn Euch Gott das Leben ſchenkt, wird's ſchon gehen, denn es hat nie einen Schlechten gegeben in dieſem Stamm. Köpfe, freundlich geneigt auch gegen den Geringſten, und mannhaft erhoben gegen den Höchſten— ſo wart ihr alle, ſeit ihr aus der Arche kamet. Gottes Segen über den alten Namen— obſchon nicht viel Mammon bei ihm geblieben iſt, hat er doch einen ſo guten Klang im Ohr des armen Mannes, wie ein Goldſtück!“ „Siehſt Du jetzt,“ ſagte Roland, als wir weiter gin⸗ gen,„was wir einem Namen und unſern Vorvätern zu danken haben?— Wird Dir daraus nicht klar, warum der entfernteſte Ahn ein Recht auf unſere Achtung und Berück⸗ ſichtigung hat?— denn er war ein Vater. Ehret eure Eltern— die Gebote ſagen nicht: lehret eure Kinder! Wenn ein Kind uns Schande macht und den Todten und der Heiligkeit in dem großen Erbe ihrer Tugenden— dem Na⸗ men— wenn er das thut—“ Roland hielt plötzlich inne und fügte dann mit Wärme bei: „Doch Du biſt jetzt mein Erbe, und ich habe keine Furcht! Was liegt auch an dem Leid eines thörichten alten Mannes? — Dem Himmel ſey Dank— der Name, dieſes Eigenthum von Generationen, der Name iſt gerettet!“ Das Räthſel war jetzt gelöst, und ich begriff, warum bei allem natürlichen Leid um den Verluſt eines Sohnes der um um der 483 ſtolze Vater ſich tröſten konnte. Denn er ſelbſt war mehr Sohn als Vater— Sohn der längſt Verſtorbenen. Aus jedem Grabe, wo ein Ahne ſchlief, hatte er die Stimme eines Vaters gehört. Er konnte den eigenen Verluſt ver⸗ ſchmerzen, wenn nur ſeine Vorfahren nicht entehrt wurden. Roland war mehr als hälftig ein Römer— der Sohn mochte noch immer wurzeln in ſeiner Liebe, aber die Laren bildeten einen Theil ſeiner Religion. Fünftes Kapitel. Aber ich ſollte eifrig arbeiten, um mich für Cambridge vorzubereiten. Zum Henker, wie kann ich? Die Hauptſache in der akademiſchen Vorbereitung, die ich mir noch mehr zueignen muß, iſt die griechiſche Compoſition. Ich komme zu meinem Vater, der, wie man meinen könnte, hierin genug zu Hauſe war; aber man findet in der That ſelten einen großen Gelehrten, der zugleich auch ein guter Lehrer wäre. Mein lieber Vater! wenn man ſich's gefallen ließ, in Deine Weiſe einzugehen, ſo gab es nie einen bewunderungs⸗ würdigeren Lehrer für das Herz, den Kopf, die Grundſätze oder den Geſchmack, ſobald Du nur erſt entdeckt hatteſt, daß es wirklich eine Wunde zu heilen vder einen Mangel zu ver⸗ beſſern galt; Du brauchteſt dann nur Deine Brille abzu⸗ reiben, und mit der Hand in jenen Winkel zwiſchen Deinem Buſenſtreif und der Weſte zu fahren. Aber kurz und trocken, eindringlich und regelmäßig mit dem Uebungsbuch in der 3 484 Hand zu Dir zu gehen— Zeuge zu ſeyn von der ſchmerz⸗ lichen Geduld, mit welcher Du Dich in den Flitterwochen des Beſitzes losreißeſt von jenem großen Bande des Cardan — und dann zu ſehen, wie die milden Augenbrauen ſich all— mälig in wirre Diadonalen verziehen über irgend eine falſche Quantität oder eine barbariſche Wortverſtellung bis zuletzt jenes ſchreckliche„Papac“ hervorbricht, welches von Deinen Lippen ſicherlich mehr beſagen will, denn in den Zeiten, als das Latein eine lebende Sprache und„Papae!“ ein natür⸗ licher, unpedantiſcher Ausruf war!— Nein, lieber wollte ich mich tauſendmal durch die Finſterniß hindurchtappen, als mein Binſenlicht an der Lampe jenes phlegethoniſchen„Pa- pae!“ anzünden. Und dann pflegte mein Vater weiſe und freundlich, aber mit wunderbarer Langſamkeit drei Viertheile der Verſe, die man für vörtrefflich gehaltenz auszuſtreichen und andere einzuſchalten, die freilich äußerſt gewählt waren, aber doch den Komponiſten im Zweifel über den Grund ließen. Wenn man ihn nach dem Warum fragte, ſo ſchüttelte er verzwei⸗ felnd den Kopf und meinte—„Du ſollteſt das Warnm fühlen!“ Mit Einem Worte, es ging ihm mit ſeiner Gelehrſam⸗ keit, wie mit der Poeſie; er konnte ſie einem Andern ebenſo wenig beibringen, als Pindar im Stande geweſen wäre, Einen zu lehren, wie er eine Ode machen müſſe. Man athmete wohl den Duft, konnte ihn aber ebenſo wenig er⸗ faſſen und zergliedern, als man mit einem Oeffnen und Schließen der Hand den Geruch einer Roſe mitzunehmen 485 vermag. Ich ließ meinen Vater bald im Frieden bei ſeinem Cardon und dem großen Buche, das allmälig, aber nur langſam fortſchritt. Onkel Jack war nämlich darauf beſtan⸗ den, daß es in Quart mit Illuſtrationen herausgegeben wer⸗ den ſolle, und die Kupfertafeln koſteten nicht nur ungemein viel Zeit, ſondern auch eine ungeheure Summe Geldes— voch letzteres war Sache der Antibuchhändlergeſellſchaft. Wie kann ich übrigens fortarbeiten. Kaum bin ich auf mein Zimmer gekommen— penitus ab orbe divisus, wie ich meine— ſo läßt ſich ſchon ein Klopfen an meiner Thüre vernehmen. Es iſt meine Mutter, welche in der wohlwollen⸗ den Abſicht begriffen iſt, alle Fenſter mit Vorhänge zu ver⸗ ſehen(eine Kleinigkeit, die Bolt entweder vergeſſen oder zu berückſichtigen verſchmäht hatte), und nun wiſſen möchte, wie die Draperien bei Mr. Trevanion ausſehen— freilich nur ein Vorwand, mich in ihrer Nähe zu haben und ſich mit eigenen Augen zu überzengen, daß ich mich nicht abhärme; denn ſobald ſie hort, ich habe mich in meinem Zimmer ein⸗ geſchloſſen, ſo glaubt ſie nicht anders, als daß mein Liebes⸗ leid daran Schuld ſey. Dann kömmt Bolt, der die Bücher⸗ geſimſe für meinen Vater anfertigt und mich alle Augenblicke etwas zu fragen hat, namentlich da ich ihm eine gothiſche Zeichnung mittheilte, die ihm ungemein wohl gefällt. Ihm folgt Blanche, gegen die ich mich in einer ſchlimmen Stunde anheiſchig machte, ſie das Zeichnen zu lehren; ſie ſchleicht anf den Zehen herein, verſpricht mir feierlich, mich nicht ſtören zu wollen, und ſitzt dabei ſo ruhig da, daß mir alle Geduld darüber vergeht. Endlich, und dies bei weitem am 486 ofteſten, erſcheint der Kapitän, der mit mir fiſchen, ſpazieren gehen oder einen Ausritt machen möchte. O Schutzpatron der Jagd, heiliger Hubertus! da muß auch der Anguſt ſo herrlich ſeyn, und auf den unbebauten, freien Gründen gibt es ſo viel Moorwild. Onkel Roland hat mir das Gewehr gegeben, mit welchem er zu ſchießen pflegte, als er in mei⸗ nem Alter ſtand— eine Flinte mit einfachem Lauf und Steinſchloß— aber du würdeſt nicht darüber gelacht ha⸗ ben, lieber Leſer, wenn du geſehen hätteſt, welche ſeltſame Heldenthaten ſie verrichtete in Rolands Händen, während v ſo lange ſie in den meinigen war, ſtets die Schuld auf a8 Strinſchloßſ ſchieben mußte! Mit Einem Worte, die Zeit teit mir raſch, und wenn Einer von uns beiden, Ro⸗ land oder ich, ſeine düſteren Stunden hatte, ſo jagten wir ſie weg, ehe ſie ſich feſtſetzen konnten— ſchoßen ſie beim Aufflug durch die Schwinge. Obgleich die unmittelbare Umgebung von Rolands Wohnſitz ſo rauh und öde war, bot doch die Landſchaft in größerer Entfernung viele Gegenſtände des Intereſſes dar — Gegenden, die eigentlich pvetiſch großartig oder lieblich genannt werden konnten. Hin und wieder ſchmeichelten wir auch den Vater von dem Cardan hinweg und verbrachten ganze Tage am Rande eines herrlichen Sees. Neben dieſen Ausflügen machte ich auch einmal einen allein nach dem Hauſe, in welchem mein Vater das Glück und den Schmerz jener erſten Liebe kennen gelernt hatte, deren Wunden noch friſch in meiner Erinnerung klafften. Das große, anſehnliche Gebäude war verſchloſſen, da die 487 Trevanione ſich ſeit Jahren daſelbſt nicht hatten blicken laſſen, und der Luſtpark auf den kleinſtmöglichen Raum be⸗ ſchränkt. Man ſah zwar nichts von Verfallenheit und Trüm⸗ mern, denn ſo weit hätte es Trevanion nie kommen laſſen, aber gleichwohl machten ſich überall die traurigen Zeichen langer Abweſenheit bemerklich. Mit Hilfe meiner Karte und einer halben Krone drang ich in das Innere des Hauſes ein. Ich ſah jenes denkwürdige Bondvir und konnte mir ſogar die Stelle vergegenwärtigen, auf welcher mein Vater das Ur⸗ theil vernahm, das dem Strom ſeines Lebens eine andere Richtung auwies. Und als ich wieder zu Hauſe anlangte, betrachtete ich mit friſcher Innigkeit die ruhige Stirne mei⸗ nes Vaters und ſegnete aufs Neue jene zärtliche Gefährtin, welche durch ihre geduldige Liebe jeden Schatten davon ver⸗ ſcheucht hatte. Einige Tage nach unſerer Ankunft hatte ich einen Brief von Vivian erhalten. Er war der gegebenen Adreſſe gemäß nach meiner väterlichen Wohnung geſchickt und daſelbſt mit einer neuen Aufſchrift verſehen worden. Der Inhalt beſtand aus weuigen Worten; aber der Schreiber ſchien heiter zu ſeyn. Er theilte mir mit, er glaube endlich den rechten Weg getroffen zu haben und wolle auf demſelben bleiben — er ſey jetzt mit der Welt beſſer befreundet, als je zuvor, und die einzige Art, dieſe Freundſchaft aufrecht zu erhalten, beſtehe darin, daß man ſie wie einen zahmen Tiger behandle. in der einen Hand eine tüchtige Keule, während man mit der andern der Beſtie ſchmeichle. Er hatte eine Banknote in einem Betrag beigeſchloſſen, der ſeine Schuld an mich 488 um Einiges überſtieg, und erſuchte mich, ihm den Ueber⸗ ſchuß auszufolgen, wenn er einmal als Millionär Anſpruch darauf mache. Seinem Schreiben war keine Adreſſe beige⸗ fügt, aber das Poſtzeichen deutete an, daß es in Goldal⸗ ming aufgegeben worden. Ich war ſo ungebührlich neugierig, in einem alten topo⸗ graphiſchen Werk über Surrey nachzuſchlagen, und fand in einem angehängten Wegweiſer die Stelle:„Links von dem Buchenwald, etwas über eine Stunde von Goldalming, er⸗ blickt man den ſchönen Wohnſitz des Francis Vivian, Esquire.“ Der Jahreszahl des Werkes nach zu urtheilen, hätte der beſagte Francis Vivian der Großvater meines den glei⸗ chen Namen führenden Freundes ſeyn können, und die Her⸗ kunft dieſes verlorenen Sohnes blieb mir nicht länger zwei⸗ felhaft. Die lange Vakanz war nun nahezu vorüber, und ſämmt⸗ liche Gäſte ſtanden jetzt im Begriff, den armen Kapitän zu verlaſſen. Wir hatten in der That lange genug auf ſeine Gaſtfreundlichkeit geſündigt. Es wurde beſchloſſen, daß ich meine Eltern zu ihren vernachläſſigten Penaten begleiten und von dort nach Cambridge aufbrechen ſollte. Unſer Abſchied war ſchmerzlich— ſogar Mrs. Prim⸗ mins weinte, als ihr Bolt die Hand reichte. Freilich war Bolt ein alter Soldat und natürlich ein Damenmann. Die Brüder drückten ſich nicht blos die Hände, ſondern umarm⸗ ten ſich zärtlich, wie heutigen Tages die Brüder ſelten an— derswo zu thun pflegen, als auf der Bühne. Und Blanche, die einen Arm um den Hals meiner Mutter und den andern e 489 um den meinen geſchlungen hatte, ſchluchzte mir in's Ohr: —„Aber ich will ja gern Deine kleine Frau werden.“ Zum Schluſſe nahm die Geſchwindkutſche uns alle wieder auf, die arme Blanche ausgenommen, die wir in unſerem Kreiſe ſehr vermißten. Sechstes Kapitel. Alma mater! Alma mater! Das neumodiſche Volk mit ſeinen weiten Ideen über Erziehung mag Mängel an Dir ſinden; aber Du biſt eine ächt ſpartaniſche Mutter— hart und ſtreng wie die alte Matrone, die den erſten Stein zur Einmauerung ihres Sohnes Pauſanias herbeibrachte— hart und ſtrenge ſage ich gegen die Werthloſen, aber voll majeſtätiſcher Innigkeit gegen die Würdigen. Für einen jungen Mann, der blos Brauchs halber nach Cambridge geht(von Orford will ich nicht reden, da ich es nicht kenne), um ſeine drei Jahre bis zu Erwerbung eines Grades unter dem großen Haufen hinzulungern— für einen ſolchen kann Opford Street ſelbſt, welche der unſterbliche Opiumeſſer ſo bitter angelaſſen hat, keine gleichgültigere und hartherzigere Mutter ſeyn. Wem es aber um Studium zu thun iſt— wer die dargebotenen ſeltenen Vortheile be⸗ nützt und dabei ſeine Freunde mit Vorſicht ausliest— ja, unter dieſer ungehenren Gährung jugendlicher Ideen in ihrer üppigen Kraft nur gute Genoſſenſchaft wählt und die ſchlechte zurückweist— der kann ſeine drei Jahre reich machen an 490 unvergänglichen Früchten, drei Jahre edel verbringen, ſelbſt wenn er über die Eſelsbrücke gehen muß, um in den Tempel der Ehre zu gelangen. In dem akademiſchen Syſtem waren neneſter Zeit wich⸗ tige Veränderungen angekündigt worden, und die ehren⸗ vollen Auszeichnungen fallen fortan auch jenen Studirenden zu, welche in der Moral und in den Naturwiſſenſchaften etwas Tüchtiges leiſten. Neben dem alten Throne der Ma⸗ theſis ſtehen jetzt auch zwei ſehr nützliche Fautenils a la Voltaire. Ich habe nichts dagegen; aber in dieſen drei Jah⸗ ren des Lebens kömmt es nicht ſo faſt anf die gelernten Ge⸗ genſtände, als vielmehr auf die beharrliche Ausdauer in Erlernung von etwas Gediegenem au. In einer Beziehung war es ein Glück für mich, daß ich ein wenig von der wirklichen Welt, von der Hauptſtadt ge⸗ ſehen hatte, ehe ich in jene mimiſche, die klöſterliche, kam; denn was man in der letzten Vergnügungen nanute, die mich hätten verlocken können, wenn ich friſch von der Schule weg⸗ gekommen wäre, hatte jetzt keinen Reiz für mich. Das ſtarke Trinken und das hohe Spiel, eine gewiſſe Miſchung von Rohheit und Ausſchweifung gehörten, als ich sub con- sule Planco auf der Univerſität und Wordsworth Vorſtand von Trinity war, unter den Müſſiggängern der Univerſität zur Tagesordnungz jetzt iſt es vielleicht anders geworden. Ueber ſolche Verlockungen war ich bereits hinaus, ſo daß ich mich natürlich aus der Geſellſchaft der Müſſigen ausgeſchloſſen und in die der Thätigen einigermaßen hinein⸗ gedrängt ſah. ſelbſt mpel vich⸗ ren⸗ nden ften Ma⸗ a la Fa h⸗ Ge⸗ rin ich ge⸗ am; nich veg⸗ Das ung on— tand ſität . ſo igen ein⸗ 491 Gleichwohl muß ich offen geſtehen, daß ich nicht mehr die alte Freude an den Büchern hatte. Wenn meine Be⸗ kanntſchaft mit der großen Welt die Verlockung zu knaben⸗ haften Ausſchweifungen unſchädlich machte, ſo hatte ſte den mir inwohnenden Hang zur praktiſchen Thätigkeit geſteigert. Und ach, trotz all' des Guten, das bei Robert Hall zu erholen war, gab es doch Zeiten, in welchen mir die Er⸗ innerung ſo peinlich wurde, daß mir keine andere Wahl blieb, als aus dem einſamen Zimmer, in welchem ich von gefähr⸗ lich ſchönen Phantomen umſpuckt wurde, hinauszuſtürzen und das Fieber des Herzens durch eine gewaltige körperliche Anſtrengung zu ernüchtern. Das Feuer der Jugend, welches am beſten auf die Erwerbung von Kenntniſſen verwendet wird, war frühzeitig in den Bann von weniger ſtreng ge⸗ heiligten Altären gerathen. Wenn ich daher auch thätig war, ſo verließ mich dabei doch nicht das volle Gefühl der Arbeit, welches, wie ich in einer viel ſpäteren Periode meines Lebens entdeckte, der wahre Studirende nie kennt. Die Gelehrſamkeit— dieſes Marmorbild— gewinnt nicht durch die Anſtrengung des Meiſels, ſondern durch die Phan⸗ taſie des Bildners ihre Lebenswärme, während der mechani⸗ ſche Arbeiter nichts findet, als den ſtummen Stein. Bei Onkel Roland hatte ich nur ſelten eine Zeitung geſehen; in Cambridge dagegen nahm ſelbſt bei den fleißig⸗ ſten Studenten die Lekture der Journale die ihr gebührende Stelle ein. Man gab ſich viel mit Politik ab, und ich war noch nicht drei Tage in Cambridge geweſen, als ich ſchon Trevanions Namen nennen hörte. Die Zeitungen hatten 492 daher einen Zauber für mich⸗ Was Trevanion von ſich ſelbſt prophezeit hatte, ſchien in Erfüllung zu gehen, und man trug ſich mit Gerüchten über eine Veränderung im Kabinet. Trevanions Name wurde hin- und hergeworfen, wie ein Weberſchifflein, bald hoch erhoben, bald wieder tief heruntergedrückt. Gleichwohl trat der vermeintliche Wechſel nicht ein, und das Miniſterium hielt ſich. Kein Wort in der Morningpoſt unter der Aufſchrift„ faſhionable Neuigkeiten“ über Gerüchte, die mich mehr aufgeregt haben würden, als die Bildung und der Sturz von Kabine⸗ ten— keine Hindeutung auf„die baldige Vermählung der Tochter und einzigen Erbin eines hochſtehenden und reichen Unterhausmitglieds!“ Nur hin und wieder bei Aufz ählung der prunkvollen Gäſte in dem Hauſe irgend eines Partei⸗ führers ſchluckte ich das Herz wieder hinunter, das mir nach den Lippen ſtürzen wollte, wenn ich die Namen Lady Ellinor und Miß Trevanion las. Aber unter all' den fruchtbaren Erzeugniſſen der periv⸗ diſchen Preſſe, dieſen entfernten Abkömmlingen von meinem großen Namensvetter und Vorfahr(denn ich hielt es mit der Anſicht meines Vaters) konnte ich nirgends die lite⸗ rariſchen Times bemerken. Was hatte ihre verſprochene Blüthe ſo lange verzögert? Kein Blättlein in der Form von Ankündigungen war noch aus ihrer mütterlichen Erde aufgetaucht. Ich hoffte von Herzen, der ganze Plan ſey aufgegeben worden, und mochte auch in meinen Briefen nach Hauſe der Sache nicht erwähnen, damit nicht einmal der Gedanke daran in's Leben trete. Aber obſchon die lite⸗ ſich ind im en, tief ſel in ble egt ne⸗ der hen ung tei⸗ ach nor rio⸗ nem mit ite⸗ ſene efen mal ite⸗ —————— 493 „rariſchen Times ausblieben, erſchien doch ein neues Jour⸗ nal, und zwar ein tägliches, ein langer, dünner, magerer Aufſchößling mit einem ungeheuren Kopf in der Form eines Proſpektes, der drei Wochen lang an der Spitze der leitenden Artikel paradirte, mit einem ſchönen und feinen Korreſpon⸗ denzenleib und den kleinſten Beinen von Ankündigungen, auf denen je eine arme Zeitung ſtand! Und dennoch hatte dieſes ſchwindſüchtige Journal einen derben und vollblütigen Titel, einen Titel, der nach Schildkröten und Wildpret ſchmeckte, einen aldermaniſchen, ſtattlichen, großartigen Titel— es hieß der Kapitaliſt. Und alle die ſchönen, feinen Artifel waren mit Recepten geſpickt, wie man Geld machen könne. In einem jeden Satz lag ein Eldorado. Wenn man jener Zeitung glauben durfte, ſo hätte man meinen ſollen, kein Menſch habe je von ſeinen Pfunden, Schillingen und Pencen einen entſprechenden Ertrag erzielt. Ueber zwanzig Prorent wurde nur die Naſe gerümpft. Es ſtand viel über Irland darin— dem Himmel ſey Dank, nicht über ſein erlittenes Unrecht, ſondern über ſeine Fiſchereien. Dann kam eine lange Unterſuchung, was wohl aus den Perlen geworden ſey, um derenwillen Britannien ehedem ſo berühmt war— eine ge⸗ lehrte Abhandlung über gewiſſe verlorene Goldminen, die man jetzt glücklicherweiſe wieder entdeckt habe— ein ſehr ſinnreicher Vorſchlag, durch einen neuen chemiſchen Prozeß den Rauch Londons in Dünger zu verwandeln— ein Rath an die Armen, ihre Hühner gleich den alten Aegyptiern im Ofen ausbrüten zu laſſen— landwirthſchaftliche Entwürfe, die unbebauten Ländereien in England mit Zwiebeln zu 494 beſäen, nach dem bei Bedford üblichen Syſteme, welches einen Reinertrag von hundert Pfunden auf das Aere abwerfe. Kurz, nach dieſem Blatte hätte jede Ruthe Boden recht wohl ihren Mann ernähren und jeder Schilling, wie in Hobſon's Seckel, der fruchtbare Vater von hundert Andern werden müſſen. Drei Tage lang ſprach man in dem Zei⸗ tungszimmer des Unionsklubs über dieſes Journal. Einige ſpotteten, Andere höhnten und wieder Andere wunderten ſich⸗ bis endlich ein übelwollender Mathematiker, der eben erſt ſeinen Grad gewonnen und daher übrige Zeit hatte, an das Morning-Croniele ein langes Schreiben einſandte, worin er in einem Artikel, auf welchen der arme Schelm von Her⸗ ausgeber des Kapitaliſten namentlich die Aufmerkſamkeit der Leſer zu lenken verſucht hatte, mehr als hinreichend Fehler nachwies, um damit die ganze Inſel Laputa pflaſtern zu können. Von dieſer Zeit an las keine Seele mehr den Kapitaliſten. Wie lang er ſein Daſeyn hinſchleppte, weiß ich nicht; ſo viel übrigens war ſicher, daß er nicht an einer maladie de langueur ſtarb. Als ich mit über den Kapitaliſten lachte, dachte ich wenig, daß ich ihm lieber hätte in Flor und Trauergewand zu Grab folgen ſollen. Gefühlloſer Elender, der ich war! Aber wie ein Dichter, v Kapitaliſt! wurdeſt Du nicht entdeckt, geſchätzt, gewürdigt und betrauert, bis Du todt und begraben warſt und die Rechnung für Dein Monument einlief! Das erſte Semeſter meiner Univerſitätslaufbahn nahte ſich ſeinem Ende, als ich von neiner Mutter einen ſo aufge⸗ ien fe. cht in rn ei⸗ ige ich, erſt as er er⸗ eit end ern den eiß ner ich ind ar⸗ cht ind ent hte ge⸗ — 495 regten, beunruhigenden und bei dem erſten Leſen ſo unver⸗ ſtändlichen Brief erhielt, daß ich daraus nur erſehen konnte, es müſſe uns ein ſchweres Unglück befallen haben. Ich hielt inne und ſank auf meine Kniee nieder, um für das Leben und die Geſundheit derjenigen zu bitten, welche jenes Un⸗ glück hauptſächlich zu bedrohen ſchien. Dann aber— gegen das Ende des letzten halbverwiſchten Satzes, welchen ich zwei⸗ bis dreimal überlas— konnte ich rufen:„Gott ſey Dank, Gott ſey Dank— es iſt alſo nur von Geld die Rede!“ Eitfter Abſchnitt. Erſtes Kapitel. Am andern Tage ſaß auf einem Anßenplatze des Cam⸗ bridger Telegraphen ein Paſſagier, der ſeinen Reiſegefährten wohl eine ſehr achtunggebietende Vorſtellung von ſeiner Kenntniß der todten Sprachem einflößen mußte, denn in einer lebendigen ließ er keine Sylbe verlauten von dem Augen⸗ blicke an, als er jene ſchlimme Höhe' erſtiegen hatte, bis zu dem Moment, welcher ihn wieder der Muttererde zurück⸗ gab.„Der Schlaf,“ ſagt der ehrliche Sancho,„bedeckt den Menſchen beſſer als ein Mantel.“ Ich ſchäme mich für Dich, ehrlicher Sancho! Du biſt ein trauriger Plagiarius; denn vor Dir hat Tibull faſt das Nämliche geſagt— 496 „Te somnus fusco velavit amictu.“* Aber iſt nicht das Schweigen ein ſo guter Mantel, wie der Schlaf? Hüllt es den Menſchen nicht mit eben ſo dun⸗ keln, undurchdringlichen Falten ein? Schweigen— welch eine Welt bedeckt es nicht!— welche geſchäftige Entwürfe 1 — welche glänzende Hoffnungen und düſtere Beſorgniſſe— welchen Ehrgeiz oder welche Verzweiflung! Sieht man je einen Mann ſtundenlang in einer Geſellſchaft ſitzen, ohne ein unruhiges Verlangen zu fühlen, durch die Mauerzu dringen, die er zwiſchen ſich und Andern aufgebaut hat? Hat er nicht weit mehr Intereſſe für dich, als der prunkhafte Sprecher zu deiner Linken und der nie ruhige Witzling zu deiner Rech⸗ ten, deſſen Pfeile an der düſtern Schranke des ſchweigenden Mannes abprallen? Schweigen, dunklere Schweſter von Nor und Erebus, wie erſtreckſt du dich, Schichte auf Schichte, Schatten auf Schatten und Finſterniß auf Finſterniß, von der Hölle bis zum Himmel über deinen beiden Lieblings⸗ t plätzen, dem menſchlichen Herzen und dem Grab! In meinen Ueberrock und in mein Schweigen gehüllt, vollbrachte ich alſo die Reiſe, und am Abend des zweiten Tages erreichte ich das alte Backſteinhaus. Wie ſchrill tönte die Klingel in meine Ohren! Wie ſeltſam und Unheil ver⸗ kündend erſchien meiner Ungeduld das Licht, das durch die v Fenſter der Halle blinkte! Mein Herz pochte laut, als ich das Geſicht des Dieners muſterte, welcher auf mein Läuten die Thüre öffnete. „Alles wohl?“ rief ich. 2 * Tibullus III, 4, 55. wie dun⸗ elch ürfe nje ein gen, icht rzu ech⸗ den von hte, von 8 llt, iten nte er⸗ die ich ten 497 „Ja, Alles wohl, Sir,“ autwortete der Bediente hei⸗ ter.„Mr. Sguills iſt zwar bei dem Herrn, aber ich denke nicht, daß dies etwas zu bedeuten hat.“ Jetzt erſchien meine Mutter auf der Schwelle, und ich lag in ihren Armen. „Siſty, Siſty!— mein lieber, lieber Sohn!— ach, Du biſt vielleicht zum Bettler geworden— und durch meine — meine Schuld!“ „Durch Eure?— Kommt doch in dieſes Zimmer, daß man Euch nicht hören kann.— Durch Eure Schuld?“ „Ja, ja!— denn hätte ich keinen Bruder gehabt oder mich nicht verführen laſſen— wenn ich, wie ich geſollt, den armen Auſtin gebeten hätte, ſich nicht—“ „Meine liebe, theure Mutter, Ihr legt Euch Dinge zur Laſt, die, wie es ſcheint, durch das Unglück meines On⸗ kels— ſicherlich nicht durch ſeine Schuld herbeigeführt wur⸗ den!(Dieſe Tröſtung ging mir ſchwer vom Herzen.) Nein, legt den Vorwurf auf die rechten Schultern— auf die Schultern jenes ſchrecklichen verſtorbenen Ahnherrn, des Buchdruckers William Carton; denn obſchon ich die Ein⸗ zelnheiten des Vorgefallenen noch nicht kenne, will ich doch eine Wette darauf eingehen, daß Alles mit jener verhängniß⸗ vollen Erfindung des Bücherdrucks zuſammenhängt. Nun, wie ſteht's mit dem Vater— er iſt doch wohl?“ „Ja, dem Himmel ſey Dank!“ „Und auch Ihr, und ich, und Roland, und die kleine Blanche! Nun, dann haben wir wohl ein Recht, dem Him⸗ mel zu danken, denn unſere wahren Schätze ſind unange⸗ Bulwer, die Cartone. 32 498 taſtet. Doch ich bitte, ſetzt Euch nieder, und erklärt mir die Sache.“ „Ich kann ſie nicht erklären, denn ich verſtehe weiter nicht davon, als daß er, mein Bruder— ach, der meinige! — Auſtin verſtrickt hat, in— in—“(ein neuer Erguß von Thränen). Ich tröſtete, ſchmälte, lachte, predigte und beſchwor in Einem Athem; dann ergriff ich den Arm meiner Mutter und führte ſie ſanft mit fort nach dem Studirzimmer meines Vaters. An dem Tiſche ſaß Mr. Squills, die Feder in der Hand und ein Glas ſeines Lieblingspunſches zur Seite. Mein Vater ſtand vor dem Kamine; ſein Geſicht war um einen Schatten bleicher, zeigte aber einen entſchloſſenen Ausdruck, der bei ſeiner indolenten gedankenvollen Sanftmuth etwas Neues war. Als die Thüre aufgieng, erhob er die Augen, legte, wie er meiner Mutter anſichtig wurde, den Finger an ſeine Lippen und ſagte heiter: „Der Schaden iſt nicht ſo groß. Glaube Ihr nicht. Weiber übertreiben ſtets und machen aus ihren Aengſten eine Wirklichkeit. Es iſt ein Fehler ihrer lebhaften Einbildungs⸗ kraft, welche, wie Wierus klar nachweist, den unſchuldigen Kindern, noch ehe ſie geboren ſind, Muttermale und Haſen⸗ ſcharten anhängt. Mein lieber Sohn,“ fügte er bei, als ich ihn mit einem Kuß begrüßte und ihm lächelnd ins Geſicht ſah,„ich danke Dir für dieſes Lächeln. Gott ſegne Dich!“ Er drückte mir die Hand und wandte ſich ein wenig bei Seite ge! von vor ter nes nd ein nen uck, as en, ger ht. ine 499 „Es iſt ein großer Troſt,“ nahm mein Vater nach einer kurzen Pauſe wieder auf,„bei einem eintretenden Un⸗ glück zu wiſſen, daß man es nicht ändern kann. Squills hat eben entdeckt, daß mir der Höcker der Vorſicht fehle und ich, craniologiſch geſprochen, ſicherlich meinen Kopf an einer an⸗ dern Unklugheit verrannt haben würde, wenn ich dieſer entgangen wäre.“ „Ein Mann mit Eurer Schädelbildung iſt dazu geſchaf⸗ ſen, hintergangen zu werden,“ bemerkte Mr. Squills tröſtend. „Hörſt Du dies, liebe Kitty— und haſt Du das Herz⸗ dem Jack länger Vorwürfe zu machen— einem armen Ge⸗ ſchöpfe, das leider mit einem Höcker verſehen iſt, um die Stockbörſe zu ſtürmen? Kann man wohl den Einflüſſen eines ſolchen Höckers widerſtehen, Squills?“ „Unmöglich!“ verſetzte der Wundarzt im Tone einer unumſtößlichen Gewißheit. „Früher oder ſpäter muß er Einen mit ſeinen luftigen Maſchen verſtricken— iſt's nicht ſo, Squills?— den dazu Beſtimmten faſſen in ſeiner verhängnißvollen Gehirnzelle. So lauert das Schickſal auf ihn wie der Ameiſenlöwe in ſeiner Gruhe.“ „Nur zu wahr,“ entgegnete Squills.„Welche treff⸗ liche phrenologiſche Vorleſungen hättet Ihr nicht halten können!“ „So geh denn, meine Liebe,“ ſagte mein Vater,„und mache Niemand mehr einen Vorwurf, als dieſer meiner trau⸗ rigen Eintiefung, wo die Vorſicht— nicht vorhanden iſt! Geh' und beſorge für Siſty ein Nachteſſen; denn Squills 32* 500 ſagt, ſeine mathematiſchen Organe ſeyen ſchön entwickelt, und wir bedürfen ſeiner Hülfe. Wir ſtecken tief in Zahlen, Piſiſtratus.“ Meine tief bekümmerte Mutter gehorchte unterwürſig und ſchlich ſich, ohne ein Wort zu erwiedern, nach der Thüre. Als ſie jedoch die Schwelle erreicht hatte, wandte ſie ſich und winkte mir, ihr zu folgen. Ich flüſterte meinem Vater zu und ging hinaus. Meine Mutter erwartete mich in der Halle. Ich ſah beim Licht der Lampe, daß ſie ihre Thränen getrocknet hatte und ihr Ge⸗ ſicht gefaßter war, obſchon ſie noch immer ſehr traurig ausſah. „Siſty,“ ſagte ſie mit gedämpfter Stimme, indem ſie verſuchte, mit Feſtigkeit zu reden,„verſprich mir, daß Du mir Alles ſagen willſt, das Schlimmſte, Siſty. Sie halten es vor mir geheim, und dies iſt für mich die härteſte Strafe; denn wenn ich nicht Alles weiß, was er— was Auſtin leidet, ſo iſt es mir, als habe ich ſein Herz verloren. Oh⸗ Siſty! mein Kind, mein Kind! beſorge nichts von mir! Was uns auch befallen mag, ich werde glücklich ſeyn, wenn ich nur mein Vorrecht wieder zurückerhalte— mein Vor⸗ recht, zu tröſten und Theil zu nehmen!— Verſtehſt Du mich?“ „Ja wohl, meine theure Mutter! und Ihr werdet mit Eurem theilnehmenden Sinn und Eurem klaren Frauenver⸗ ſtand der beſte Berather ſeyn, den wir finden können, ſobald Ihr fühlt, wie ſehr wir ſolcher Eigenſchaften bedürfen. Macht Euch daher keine Sorge— wir Beide haben keine Geheimniſſe vor einander.“ — ſig re. nd ine ze⸗ h. ſie Du ten tin h, ir! nn or⸗ Du nit er⸗ ald en. ine 501¹ Meine Mutter küßte mich und entfernte ſich mit weniger ſchweren Tritten. Als ich in das Zimmer zurückkehrte, kam mein Vater auf mich zu und umarmte mich. „Mein Sohn,“ ſagte er mit bebender Stimme,„wenn Deine beſcheidenen Ausſichten im Leben zu Grunde gerichtet ſind—“ „Vater, Vater, könnt Ihr in einem ſolchen Augenblick an mich denken! An mich!— Iſi's möglich, einen jungen, geſunden, kräftigen Menſchen zu Grunde zu richten! Mich zu Grunde zu richten mit ſolchen Muskeln und Sehnen— mit der Erziehung, die Ihr mir gegeben habt— dieſen Sehnen und Muskeln des Geiſtes! O nein— unter ſol⸗ chen Umſtänden ſind die Tücken Fortuna's machtlos! Und Ihr vergeßt, Vater,— den Saffranſack!“ Squills ſprang auf, wiſchte ſich mit der einen Hand die Augen und verſetzte mir mit der andern einen ſchallen⸗ den Klaps auf die Schulter. „Ich bin ſtolz auf die Sorgfalt, die ich Eurer Kindheit zu Theil werden ließ, Maſter Carton. So muß es kommen, wenn man in früheſter Jugend die Verdauungsorgaue ge⸗ hörig kräftigt. Eine ſolche Geſinnung iſt ein Beweis, daß die Ganglien ſich in vollfommener Ordnung befinden. Wenn Einer eine Zunge hat, ſo glatt und rein, wie die Eurige zu⸗ verläſſig ſeyn muß, ſo entſchlüpft er dem Unglückwie ein Aal.“ Ich lachte laut hinaus, und mein Vater verzog die Lippen zu einem matten Lächeln. Dann ſetzte ich mich nie⸗ der, nahm ein Blatt auf, das Squills mit ſeinen Notizen bedeckt hatte, und ſagte: 502 „Es gilt alſo, die unbekannte Größe aufzufinden. Um's Himmels willen, was iſt dies? Anſchlag der Bücher 750 Pfund'. O Vater! dies iſt unmöglich. Ich war auf Alles gefaßt, nur auf Dieſes nicht. Eure Bücher— ſie ſind Euer Leben!“ „Nicht doch,“ verſetzte mein Vater;„ſie ſind in dem vorliegenden Falle hauptſächlich der ſchuldige Theil und müſſen daher zuerſt als Opfer fallen. Außerdem habe ich, wie ich glaube, das Meiſte von ihnen im Kopfe. Uebrigens zeichnen wir hier nur unſere Habſeligkeiten auf, damit wir (fügte er ſtolz bei) nicht entehrt daſtehen, mag kommen, was da will.“ „Laßt ihn gewähren,“ flüſterte Squills;„wir werden die Bücher ſchon zu retten wiſſen.“ Dann fügte er laut bei, indem er Finger und Daumen auf meinen Puls legte— „eins, zwei, drei, ungefähr ſiebenzig— vortrefflicher Puls — weich und voll— er kann die ganze Doſis wohl ertragen. Alſo her damit.“ Mein Vater nickte— „Allerdings. Aber, Piſiſtratus, wir müſſen vorſichtig umgehen mit Deiner lieben Mutter. Ich ſehe nicht ein, warum man ſie auf dem Glauben laſſen ſollte, ſie müſſe ſich Vorwürfe machen, weil der arme Jack einen falſchen Weg einſchlug, um uns zu bereichern. Freilich ſind, wie ich ſchon früher zu bemerken Gelegenheit hatte, Sphinr und Aenigma weibliche Namen.“ Mein armer Vater! dies war ein fruchtloſer Verſuch, en. her auf ind em ind ich, ens wir as tig in, ſich geg on ma ch, 503 deinen gewohnten unſchuldigen Humor in Anwendung zü bringen. Seine Lippen bebten. Dann kam die Geſchichte heraus. Als man die Ver⸗ öffentlichung der literariſchen Times zu unternehmen beſchloſſen hatte, waren durch Onkel Jack's unermüdliche Anſtrengungen eine Anzahl Actionäre zuſammengetreten⸗ und auf der Unterzeichnungsliſte figurirte der Name meines Vaters augenfällig als der des Inhabers von dem vierten Theil der Geſammtactien. Wenn mein Vater eine ſolche Unklugheit begangen⸗ ſo hatte er wenigſtens nichts gethan⸗ was nach den gewöhnlichen Berechnungen eines von der Welt abgeſchiedenen Gelehrten hätte zu Grunde richtend werden können. Aber gerade in der Zeit, als wir ſo haſtig London verließen, ſtellte Jack meinem Vater vor, es dürfte nöthig ſeyn, den Plan der Zeitung ein wenig zu ändern und, um einen größeren Leſerkreis anzulocken, auch die ge⸗ wöhnlichen Neuigkeiten und Intereſſen des Tages zu berüh⸗ ren. Eine Veränderung des Plans konnte möglicherweiſe auch einen andern Titel fordern, weßhalb er meinem Vater die Zweckmäßigkeit zu Gemüthe führte, ihm über den tech⸗ niſchen Namen und die Form der Veröffentlichung völlig freie Hand zu laſſen. Mein Vater ertheilte arglos ſeine Zu⸗ ſtimmung, weil ihm die Verſicherung gegeben wurde, daß die übrigen Actionäre vollkommen damit einverſtanden wären. Mr. Peck, ein wohlhabender Buchdrucker von ſehr achtbarem Namen, hatte ſich anheiſchig gemacht, auf die Garantie der beſagten Actienunterzeichnungen und eines zugäblichen Bürg⸗ ſchaft⸗Dokumentes, in welchem mein Vater Mr. Tibbets 504 ermächtigte, unter Zuſtimmung der übrigen Actionäre die Form oder den Titel der Zeitſchrift in jeder räthlich erſchei⸗ nenden Weiſe zu ändern— die erforderliche Summe für Veröffentlichung der erſten Nummern vorzuſchießen. Nun ſcheint es, daß Mr. Peck in ſeinen früheren Conferenzen mit Mr. Tibbets viel kalt Waſſer auf die Idee der literari⸗ ſchen Times gegoſſen und einen Gedanken angeregt hatte, welcher das Geld beſitzende Publicum' fangen ſollte. Es ſtellte ſich nämlich nachher heraus, daß der Buchdrucker, deſſen Unternehmungsgeiſt dem des Onkel Jack verwandt war, bei drei oder vier Speeulationen ſich betheiligt hatte, und es mußte ihm natürlich ſehr angenehm ſeyn, eine Ge⸗ legenheit zu finden, durch welche er die Aufmerkſamkeit des Publikums auf ſeine anderen Unternehmungen lenken konnte. Mit Einem Worte, mein armer Vater hatte London kaum den Rücken zugekehrt, als die litera riſchen Times auf⸗ gegeben wurden und Mr. Peck und Mr. Tibbets ihre licht⸗ vollen Anſichten in jener glänzenden und cometenartigen Erſcheinung zu concentriren begannen, welche zuletzt unter dem Titel„der Kapitaliſt“ hervorloderte. Von dieſem veränderten Unternehmen hatte ſich der klügere und zahlungsfähigere Theil der urſprünglichen Activ⸗ näre ganz und gar zurückgezogen. Es war allerdings noch eine Mehrheit vorhanden, die aber meiſt aus Actionären beſtand, welche den Einflüſſen Onkel Jacks am eheſten zu⸗ gänglich und bereit waren, Actien auf Alles zu nehmen, da ſie in der That Herren über Nichts waren. Durch die Bürgſchaft meines Vaters geſichert, konnte 505 der waghalſige Peck den Kapitaliſten kühn vom Stapel laſſen. Alle Mauern wurden mit Ankündigungen beklebt, und Cirkulare liefen von einem Ende des Königreichs bis zum andern. Man warb Agenten und Correſpondenten in Maſſe, ſo daß der Einfall des Ferres in Griechenland nicht großartiger vorbereitet ſehn konnte, als der Sturm, welchen der Kapitaliſt auf die Leichtgläubigkeit und die Habſucht des menſchlichen Geſchlechts beabſichtigte. Aber wie die Vorſehung den Fiſchen das Werkzeug der Floßen verliehen hat, damit ſie ſich im Gleichgewicht halten und auch die ſchnellſten Bewegungen durch die pfadloſen Tiefen lenken können, ſo begabt dieſelbe ſchützende Macht die kaltblütigen Geſchöpfe unſerer eigenen Art, welche man unter dem genus Geldmacher zuſammenfaſſen kann, mit den floßenartigen Eigenſchaften der Klu heit und Vorſicht, vermittelſt deren der ächte Geldmann mit majeſtätiſcher Sicherheit durch die großen Meere der Spekulation ſchwimmt. Kurz, ſchon das erſte Klatſchen des ausgeworfenen Netzes ſchenchte ſchnell alle Fiſche von hinnen. Sie kamen zwar heran und ſchnüffelten mit ihren hayfiſchartigen Kumpfnaſen an den Maſchen, ließen aber dann jene unſchätzbaren Floßen ſpielen und machten ſich davon, ſo ſchnell ſie konnten, bald in den Schlamm tauchend, bald unter Klippen und Korallen⸗ bänken ſich verbergend. Metapher bei Seite, die Kapitaliſten knöpften ihre Taſchen zu und wollten nichts mit ihrem Na⸗ mensvetter zu ſchaffen haben. Von dieſem Wechſel, ſo ab⸗ ſchreckend er auch für die Denkweiſe des armen Auſtin Car⸗ ton ſeyn mochte, hatte weder Peck, noch Tibbets auch nur 506„ Ein Sterbenswörtchen verlauten laſſen. Mein Vater aß, ſchlief, arbeitete an dem großen Buche und drückte nur hin und wieder ſeine Verwunderung aus, warum man nichts von der Herausgabe der literariſchen Times höre, ohne eine Ahnung von der ſchweren Verantwortlichkeit zu haben, in welche ihn der Kapitaliſt verſtrickte; denn von dieſem wußte er ſo wenig, als von dem letzten Anlehen der Roth⸗ ſchilde. Für jedes menſchliche Weſen, meinen Vater ausgenom⸗ men, hätte es wohl ſchwer werden müſſen, nicht ein ent⸗ rüſtetes Anathema über den planmachenden Kopf des Schwa⸗ gers auszuſtoßen, welcher die heiligſten Pflichten des Ver— trauens und der Verwandtſchaft verletzt und einen nur der Einſamkeit lebenden, argloſen Mann in ſolcher Weiſe ver⸗ ſtrickt hatte. Wir müſſen übrigens Jack Tibbets die Gerech⸗ tigkeit widerfahren laſſen, daß er der feſten Ueberzeugung lebte, der Kapitaliſt müſſe meinen Vater zu einem reichen Manne machen, und wenn er ihm die ſeltſame und regel⸗ widrige Entwicklung nicht mittheilte, mit welcher die ur— ſprünglichen literariſchen Times ihre ſchlummernde Puppe zu ihrem bedeutungsvollen Flug durchbrochen hatten, ſo geſchah dies rein und ausſchließlich in dem Bewußtſeyn, daß meinen Vater ſeine„Vorurtheile“, wie er ſie nannte, hindern könnten, ein Kröſus zu werden. Onkel Jack hatte ſo von ganzer Seele an ſein Projekt geglaubt, daß er ſich ganz in Mr. Pecks Hände gab, auf ſeinen eigenen Namen Wechſel in fabelhaftem Betrag ausſtellte und jetzt wirklich in dem Fleet ſaß, von wo aus ſein reumüthiges, verzweifeltes 507 Bekenntniß datirt war. Mit letzterem lief gleichzeitig ein furzes Schreiben des Mr. Peck ein, in welchem dieſer acht⸗ bare Buchdrucker meinem Vater mittheilte, er habe auf eigene Gefahr die Veröffentlichung des Kapitaliſten ſo lange fortgeſetzt, als es eine kluge Sorge für ſeine Familie räthlich erſcheinen ließ; er brauche ihm übrigens nicht zu ſagen, daß ein neues tägliches Journal ein koſtſpieliger Ver⸗ ſuch und der Aufwand für eine Zeitung, wie der Kapita⸗ liſt, unendlich größer ſey, als der für eine bloße literariſche Zeitſchrift, wie dies urſprünglich beabſichtigt worden; er ſehe ſich jetzt genöthigt, die Artionäre um die vorgeſchoſſenen Summen anzugehen, die ſich auf mehrere Tauſende beliefen, und bitte meinen Vater, die Sache ſchleunigſt auszugleichen. Er ließ dabei die zarte Andeutung fallen, Mr. Carton möge ſelbſt ſo gut wie möglich mit den andern Actionären zurecht kommen, obſchon er bedaure, beifügen zu müſſen, daß ihn Mr. Tibbets verleitet habe, Perſonen für vermöglich zu hal⸗ ten, welche in Wirklichkeit nicht über einen Strohhalm zu verfügen hätten! Dies war jedoch noch nicht alles Unheil. Die„Große Autibuchhändlerverlagsgeſellſchaft,“ welche eine Zeitlang ihr Daſeyn fortgeſchleppt und Lebenszeichen von ſich gegeben hatte durch Ankündigungen unterſchiedlicher Werke von ſoli⸗ dem und dauerndem Intereſſe, unter denen neben einer pomp⸗ haften Liſte von„Gedichten“„Schauſpielen, nicht für die Bühne beſtimmt,“„Verſuche von Phileutheros, Philan⸗ thropos, Philopolis, Philodemus und Philalethes“—„die Geſchichte des menſchlichen Irrthums, l. und 1I. Band, 508 Quart mit Illuſtrationen,“ obenan ſtand— die Antibuch⸗ händlergeſellſchaft, ſage ich, welche bisher durch ſolche Aus⸗ wüchſe aus ihrem zarten Stamm werdendes und blüthen⸗ treibendes Leben an den Tag gelegt hatte, ſtarb an einem plötzlichen Frühlingsfroſt dahin, ſpbald ihre Sonne, nämlich Onkel Jack, in den kimmeriſchen Regionen des Fleet unter⸗ gegangen war. Ein höflicher Brief von einem andern Buch⸗ drucker(vWilliam Caxton, William Carton, verhängniß⸗ voller Ahn) unterrichtete meinen Vater von dieſem Ereigniß und machte ihm das Kompliment, er werde ſich an ihn„als das achtbarſte Mitglied der Geſellſchaft“ wegen des Auf⸗ wandes halten, welcher nicht nur durch die ſehr koſtbare Ausgabe der Geſchichte des menſchlichen Irrthums, ſondern auch durch den Druck der„Gedichte,“ der„Schauſpiele, nicht für die Bühne beſtimmt,“ der„Prrſuche von Philen⸗ theros, Philanthropos, Philopolis, Philodemus und Phila⸗ lethes,“ desgleichen mehrerer anderer Werke veranlaßt wurde, die ohne Zweifel ſehr werthvoll wären, aber noth⸗ wendig einen beträchtlichen Geldverluſt in Ausſicht ſtellten. Ich geſtehe, daß ich mich verwirrt und betäubt in mei⸗ nen Stuhl zurücklehnte, nachdem ich obige liebliche That⸗ ſachen erfahren und von Mr. Squills die Mittheilung erhal⸗ ten hatte, es ſcheine, daß mein Vater allerdings geſetzlich zu Befriedigung dieſer Forderungen verpflichtet ſey. „Du ſiehſt alſo,“ ſagte mein Vater,„daß wir bis jetzt noch im Dunkeln mit den Ungeheuern kämpfen— und in der Dunkelheit ſieht jedes Unthier größer und häßlicher aus. Sogar der Kaiſer Auguſtus, der doch gewiß ſich nie ein 509 Bedenken daraus machte, die Geiſterwelt nach Gutdünken zu bevölkern, hatte großen Reſpekt vor einem Beſuch aus der⸗ ſelben und blieb daher nie allein in tenebris. Wie hoch ſich die Summen belaufen, die man von mir in Anſpruch nimmt, wiſſen wir nicht, und ebenſo dunkel und unbeſtimmt iſt, was ſich etwa von den andern Actionären erzielen läßt; aber zu⸗ erſt müſſen wir darauf denken, den armen Jack aus dem Ge⸗ fängniß zu erlöſen.“ „Den Onkel aus dem Gefängniß zu erlöſen?“ rief ich. „Wahrhaftig, Vater, dies heißt die Vergebung zu weit treiben.“ „Warum? Er ſäße nicht in Haft, wenn ich nicht ſo blindlings die Schwächen des armen Mannes vergeſſen hätte! Ich hätte ihn beſſer kennen ſollen! Aber meine Eitelkeit verleitete mich, und ich mußte ein großes Buch drucken laſſen, als ob es(Mr. Carton ſah ſich dabei nach ſeinen Geſimſen um) nicht große Bücher genug in der Welt gäbe! Ich mußte ferner darauf denken, das Wiſſen in der Form eines Journals zu fördern und in Umlauf zu bringen — ich, der ich nicht einmal den Charakter meines eigenen Schwagers hinreichend zu beurtheilen verſtand, um das Ver⸗ derben von mir abzuhalten! Mag kommen, was da will — ich würde mich ſelbſt für den gemeinſten Menſchen hal⸗ ten, wenn ich vieſes arme Geſchöpf, deſſen ſire Idee ich kannte, im Gefängniß modern ließe, weil es mir— dem Auguſtin Carton— an geſundem Menſchenverſtand fehlte. Und er iſt Deiner Mutter Bruder, Piſiſtratus,“ fügte er entſchloſſen bei.„Ich wäre jetzt ſchon in London; aber wie 510 ich hörte, Deine Mutter habe Dir geſchrieben, wollte ich noch zuwarten, um ihr in Deiner Geſellſchaft doch Hoffnung und Troſt zurücklaſſen zu können— ein doppelter Segen, der jeder Mutter aus einem Sohne, wie Du biſt, zulächelt. Morgen trete ich die Reiſe an.“ „Keine Rede davon,“ ſagte Mr. Sguills mit Feſtig⸗ keit.„Als Euer ärztlicher Berather verbiete ich Euch, vor Ablauf der nächſten ſechs Tage das Haus zu verlaſſen.“ Zweites Kapitel. „Sir,“ fuhr Mr. Squills fort, indem er das Ende einer Cigarre abbiß, die er aus ſeiner Taſche hervorzog,„Ihr gebt mir doch zu, daß Ihr wegen einer ſehr wichtigen An⸗ gelegenheit nach London zu gehen beabſichtigt?“ „Dies kann keinem Zweifel unterliegen,“ verſetzte mein Vater. „Und die gute oder ſchlimme Ausführung eines Ge⸗ ſchäftes hängt ganz von dem Zuſtande ab, in welchem ſich der Körper befindet!“ rief Mr. Squills triumphirend⸗ „Wißt Ihr, Mr. Carton, daß, während Ihr ſo gelaſſen ausſeht und ſo ruhig ſprecht— nur um Euren Sohn zu ermuthigen und Eure Frau zu täuſchen— wißt Ihr auch, daß Euer Puls, welcher gewöhnlich nicht viel mehr als ſechszig Schläge zählt, jetzt nahezu hundert hat? Wißt Ihr, Sir, daß Eure Schleimhäute in einem Zuſtand großer Auf⸗ regung ſich befinden, wie man an den Papillen auf der —. 511 Spitze Eurer Zunge bemerkt? Und wenn Ihr mit einem ſolchen Puls und einer ſolchen Zunge Geldgeſchäfte abzu⸗ machen gedenkt gegen eine Bande von verſchlagenen Ge⸗ werbsleuten, ſo kann ich nur ſagen, daß Ihr ein zu Grund gerichteter Mann ſeyd.“ „Aber—“ begann mein Vater. „Hat nicht Squire Rollick,“ fuhr Mr. Squills fort— „Squire Rollick, der doch der härteſte Kopf iſt, den ich kenne— hat er nicht jene hübſche, kleine Meierei, Seranny Holt, für dreißig Procent unter ihrem Werth verkauft? Und was war die Urſache, Sir?— Die ganze Grafſchaft ſtaunte darüber!— Was war die Urſache davon? Nichts anderes, als ein beginnender Anfall von Gelbſucht, der ihn bewog, das menſchliche Leben und die Landwirthſchaft in einem trüben Lichte anzuſehen! Andererſeits, hat nicht der Advokat Cvol, dieſer klügſte Mann in allen drei Königrei⸗ chen— Advokat Cvol, der ſo methodiſch war, daß alle Thurm⸗ uhren der Grafſchaft nach ſeiner Taſchenuhr gerichtet wur⸗ den, eines Morgens Hals über Kopf ſich in eine unſinnige eti zu Kultivirung der Sümpſfe in Irland einge⸗ aſſen?(Seine Uhr ging die nächſten drei Monate nicht mehr richtig, ſo daß unſere ganze Graſſchaft den übrigen um eine Stunde voran war.) Und was war die Urſache da⸗ von? Niemand wußte es, bis ich gerufen wurde und die Entveckung machte, daß ſeine Gehirnhäute ſich in einem Zu⸗ ſtande akuter Aufregung befanden, wahrſcheinlich juſt in der Gegend der Organe des Erwerbtriebes und der Idealität. Nein, Mr. Caxton, Ihr werdet zu Hauſe bleiben und ein 512 beruhigendes Präparat aus Lattichblättern und Sumpfmal⸗ ven einnehmen, das ich Euch ſchicken will. Aber ich— Cügte Squills bei, indem er ſeine Cigarre anzündete und ein paar entſchloſſene Züge thath, ich will nach London gehen i Angelegenheit für Euch ins Reine bringen. Dieſer ſoll mich begleiten, denn ſein Verdauungs⸗ vermögen iſt gerade in einem Zuſtand, daß er ungefährdet mit jenen ſchrecklichen Elementen der Dyspepſie, den Advo⸗ faten, ſich befaſſen kann.“ Während Mr. Squills ſo ſprach voll ſeinen Fuß auf den meinigen. „Aber,“ nahm mein Vater in mildem Tone wieder auf, „obgleich ich Euch für Euer freundliches Anerbieten ſehr dankbar bin, Squills, ſo ſehe ich doch die Nothwendigkeit nicht ein, es anzunehmen. Ich bin kein ſo ſchlimmer Phi⸗ loſoph, als Ihr zu glauben ſcheint, und der erlittene Schlag hat meine phyſiſche Organiſation nicht in einem Grade ver⸗. wirrt, daß ich dadurch unfähig würde, meine Angelegenhei⸗ ten zu beſorgen.“ ſetzte er bedentungs⸗ „„ „Hum!“ hrummie Squills, indem er aufſprang und meines Vaters Handgelenk faßte.„Sechsundneunzig— ſechsundneunzig auf den Schlag hin! und die Zunge, Sir!“ „Pah!“ verſetzte mein Vater;„Ihr habt ja meine Zunge noch nicht einmal geſehen!“ „Iſt auch nicht nöthig, denn ich erkenne dies an dem Zuſtand der Augenlieder— Spitze ſcharlachroth, Seiten rauh, wie ein Muskatnußreiber.“ al⸗ nd en er 6⸗ et U= „Pah!“ entgegnete mein Vater auf's Neue, diesmal aber ungeduldig. „Gut,“ ſagte Squills feierlich.„Es iſt meine Pflicht, Euch darauf aufmerkſam zu machen(hier trat meine Mutter ein, um mir mitzutheilen, daß mein Nachteſſen bereit ſey), und auch Euch ſage ich es, Mrs. Carton, und Euch, Mr. Piſiſtratus Carton, da ihr doch am meiſten dabei betheiligt ſeyd— wenn Ihr in dieſer Angelegenheit nach London geht, Sir, ſo ſtehe ich nicht für die Folgen.“ „Auſtin, Auſtin!“ rief meine Mutter, indem ſie auf ihren Gatten zueilte und ihre Arme um ſeinen Nacken ſchlang, während ich, den der ernſte Ton und das Ausſehen des Arztes weniger beunruhigten, meinem Vater guf's Kräf⸗ tigſte vorſtellte, wie nutzlos es ſey, wenn er gleich Anfangs ſich ſelbſt in die Sache miſche. Er könne ja doch nicht weiter thun, als nach ſeiner Ankunft in London die Angelegenheit einem geſchickten Advokaten übergeben, und dies ſey ein Ge⸗ ſchäft, welches wir in ſeinem Namen ebenſo gut zu beſor⸗ gen im Stande wären; es ſey Zeit genug, ihn herbei zu be⸗ ſcheiden, wenn ſich einmal der Umfang des Unglücks Karer herausgeſtellt habe. Inzwiſchen ließ Mr. Saquills den Puls meines Vaters nicht los, und meine Mutter hielt ſeinen Nacken umſchlungen. „Sechsundneunzig— ſtebenundneunzig!“ ſtöhnte Squills mit hohler Stimme. „Ich glaube es nicht!“ rief mein Vater faſt leidenſchaft⸗ lich.—„Ich bin in meinem Leben nie wohler, nie ruhiger geweſen.“ Bulwer, die Caxtone. 33 und die Zunge.— Seht nur ſeine Zunge an⸗ Mrs. Carton— eine Zunge, Madame, ſo feurig, daß Ihr dabei leſen könntet!“ „O Auſtin, Auſtin!“ ch verſichere Dir, meine Liebe, an meiner Zunge iſt kein Fehler,“ verſetzte mein Vater durch die Zähne ſpre⸗ chend,„und dieſer Mann da weiß von ihr ſo wenig, als von den Myſterien zu Eleuſis.“ „So ſtreckt ſie heraus“ rief Squills,„und wenn es nicht ſo iſt, wie ich ſage, ſo ſollt Ihr meine Erlaubniß haben, nach London zu gehen und dort Euer ganzes Vermögen in vie zwei großen Gruben zu werfen, die Ihr dafür gegraben habt. Streckt ſie heraus!“ „Mr. Squills!“ entgegnete mein Vater, und das Blut ftieg ihm in's Geſicht—„Mr. Sguills ſchämt Euch.“ „Lieber, theurer Auſtin! Deine Hand iſt ſo heiß— wahrhaftig⸗ Du mußt ein Fieber haben.“ Kein Gedanke daran.“ „Aber ſo laßt doch Mr. Squills ſeinen Willen, Vater,“ ergriff jetzt ich einſchmeichelnd das Wort. Da, da!“ ſagte mein Vater, den wir ſo zur Fügſam⸗ keit geheizt hatten, denn er ließ jetzt für einen Augenblick das äußerſte Ende ſeines beſiegten Beredtſamkeits⸗Organs ſehen. L Sauills ſtürzte mit Luchsaugen herbei. „Roth, wie ein geſottener Krebs, und rauh, wie ein Stachelbeerbuſch!“ rief der Doktor im Tone wilder Freude. 5¹15 Drittes Kapitel. Wie war es möglich für eine einzige Zunge, die ſo ge⸗ ſchmäht, verfolgt, gedemüthigt, beſchimpft und im Triumphe behandelt wurde, drei anderen zu widerſtehen, welche ſich gegen ſie verbündet hatten?“ Mein Vater gab endlich nach, und Squills erklärte mit großer Heiterkeit, er wolle mit mir zu Nacht ſpeiſen und vafür ſorgen, daß ich nichts genieße, was ſeinem Vertrauen auf mein Syſtem Unehre machen könnte. Meine Mutter blieb bei ihrem Anſtin zurück, während der gute Wundarzt mich beim Arme nahm. Wir hatten kaum das nächſte Zimmer erreicht, als er ſorgfältig die Thüre ſchloß, ſich die Stirne wiſchte und zu mir ſagte; „Ich denke, wir haben ihn gerettet!“ „Ihr glaubt alſo, die Reiſe hätte wirklich meinem Va⸗ ter ſo nachtheilig werden können?“ „So nachtheilig?— Ei, Ihr thörichter junger Mann, ſeht Ihr denn nicht ein, daß er bei ſeiner Geſchäftsunkennt⸗ niß in allen Dingen, die ihn ſelbſt betreffen— obſchon für die Angelegenheiten Anderer weder Rollick noch Cool ein beſſeres Urtheil beſitzt— und bei ſeinen verwünſchten quixo⸗ tiſchen Begriffen von Ehre, die noch obendrein ſich jetzt in einem Zuſtand großer Aufregung beſinden, geradenwegs zu Mr. Tibbets hineinſtürzen und ausrufen würde: Wie viel ſeyd Ihr ſchuldig? Hier iſt es? In gleicher Weiſe hätte er mit dieſen Buchdruckern traktirt und wäre ohne ein Sixpenceſtück wieder heimgekommen, während wir beide, Ihr 33* und ich, kaltblütige Umſchau halten und die Entzündung auf das Minimum zurückbringen können!“ „Ich ſehe dies ein und danke Euch von Herzen⸗ Squills.“ „Außerbem,“ fuhr der Wundarzt mit mehr Gefühl fort,„hat Euer Vater in der That eine edle Selbſtüber⸗ windung an den Tag gelegt. Er leidet mehr, als Ihr glaubt, nicht um ſeinetwillen(denn ich bin überzeugt, falls er allein in der Welt wäre, ſo würde er ſich vollkommen zufrieden geben, wenn er ſich nur jährlich fünfzig Pfunde und ſeine Bücher erhalten könnte), ſondern wegen Eurer Mutter und wegen Eurer. Wäre nun noch eine weitere Aufregung zu der getreten, welche mit einer Reiſe nach London in einer ſolchen Angelegenheit verbunden iſt, ſo hätte die Sache wohl mit einem Schlagfluß oder mit einem epileptiſchen Anfalle endigen können. Jetzt aber bleibt er geborgen hier, und die ſchlimmſte Neuigkeit, die wir ihm mittheilen können, wird immerhin noch beſſer ſeyn, als das, auf was er ſich gefaßt gemacht hat. Aber Ihr eßt ja nicht.“ „Eſſen! Wie kann ich? Mein armer Vater!“ „Die Einwirkung, welche der Kummer vermittelſt des Nervenſyſtems auf die Magenſäfte übt, iſt merkwürdig,“ ſagte Mr. Squills philoſophiſch, indem er ſich zu einem Stückchen Braten verhalf;„ſie erhöht den Durſt, während ſie den Hunger vertreibt. Nein— laßt nur den Portwein ſtehen!— er iſt erhitzend. Teres und Waſſer.“ ————— 517 Viertes Kapitel. Die Hausthüre ging hinter Mr. Squills zu— er hatte verſprochen, am nächſten Morgen zum Frühſtück zu kommen, ſo daß wir mit einander von dem Gartenthor aus in den Wagen ſteigen konnten, und ich ſaß allein bei meinem Nacht⸗ eſſen, das Vernommene bei mir erwägend, als mein Vater hereintrat. „Piſiſtratus,“ ſagte er ernſt, indem er im Zimmer um⸗ herſchaute,„Deine Mutter!— wenn es zum Aeußerſten käme, ſo müßte es Deine erſte Sorge ſeyn, zu verſuchen, ob Du nicht etwas für ſie retten kannſt. Du und ich, wir beide ſind Männer— uns kann es nie fehlen, ſo lange unſer Geiſt und Körper geſund bleibt; aber eine Frau— und wenn mir etwas zuſtieße—“ Meines Vaters Lippe bebte, als er dieſe kurzen Sätze ſprach. „Mein lieber, theurer Vater,“ verſetzte ich, mit Mühe meine Thränen unterdrückend,„wie Ihr ſelbſt bemerkt habt, ſieht ein Uebel, das man noch fürchtet, viel ſchlimmer aus, als es iſt. Unmöglich kann Euer ganzes Vermögen auf dem Spiele ſtehen, denn die Zeitung erſchien ja nur einige Wo⸗ chen, und von Eurem Werke iſt blos der erſte Band gedruckt. Außerdem ſind ja auch noch andere Aktionäre vorhanden, die ihre Dividende zahlen müſſen. Glaubt mir, ich habe die beſte Hoffnung für den Erfolg meiner Sendung. Was meine arme Mutter betrifft— verlaßt Euch darauf, ſo iſt es nicht der 318 Vermögensverluſt, der ſie verwunden wird, denn an dieſen denkt ſie ſehr wenig, ſondern der Verluſt Eures Vertrauens.“ „Meines Vertrauens?“ „Ja. Theilt ihr alle Eure Beſorgniſſe und Hoffnungen mit. Laßt nicht Euer liebevolles Mitleid ſie aus irgend einem Winkel Eures Herzens ausſchließen.“ „Das iſt es— ja, das iſt es, Auſtin,— mein Gatte — meine Freude— mein Stolz— meine Seele— mein Alles!“ rief eine ſanfte gebrochene Stimme. Meine Mutter war hereingeſchlichen, ohne daß wir es bemerkt hatten. WMein Vater ſah uns beide an, und die Thränen, wel⸗ che ſchon vorher in ſeinen Augen geperlt hatten, rannen ihm jetzt über die Wangen. Er öffnete ſeine Arme, in welche ſich ſeine Kitty wonnig warf, erhob die feuchten Augen gen Himmel, und ich ſah an der Bewegung ſeiner Lippen, daß er Gott dankte. Ich ſchlich mich aus dem Zimmer, denn ich fühlte, daß dieſe beiden Herzen allein gegen einander ſchlagen mußten. Und ich bin überzeugt, daß von dieſer Stunde an Auguſtin Carton eine weit kräftigere Philoſophie in ſich aufgenommen hatte, als die der Stoiker. Die Standhaftigkeit des ver⸗ hehlten Schmerzes war nicht länger nöthig, da der Schmerz nicht mehr gefühlt wurde. — 5¹9 Fünftes Kapitel. Wir beide, Mr. Squills und ich, vollendeten unſere Reiſe ohne Abenteuer und ohne viel Unterhaltung, da wir nicht allein in der Kutſche waren. Wir nahmen unſere Her⸗ berge in einem kleinen Wirthshaus der City, und am andern Morgen machte ich mich auf den Weg, um Trevanion zu beſuchen, denn wir waren darüber einig geworden, daß er uns am beſten werde berathen können. Leider mußte ich in St. James Square hören, daß die ganze Familie vor drei Tagen nach Paris abgereist war und erſt bis zum näch⸗ ſten Zuſammentritt des Parlaments wieder zurückerwartet wurde. Dies war eine traurige Entmuthigung, denn ich hatte viel auf Trevanions klaren Kopf und ſeine außerordentliche Einſicht in allen Geſchäftsſachen gerechnet— eine Einſicht ins praktiſche Leben, die meinem alten Gönner ſelbſt ſeine bitterſten Feinde nicht abſprechen konnten. Zunächſt lag uns varan, Trevanions Sachwalter aufzufinden(denn Trevanion war einer von den Männern, welche ſicherlich ihre Geſchäfte nur ſehr tüchtigen und thätigen Anwälten vertrauten). Freilich überließ er den Advokaten ſo wenig, daß ich wäh⸗ rend ſeiner ganzen Bekanntſchaft mit ihm nie Gelegenheit hatte, etwas von ſeinen Rechtsfreunden zu erfahren, und ich kannte daher keinen auch nur dem Namen nach. Ebenſowenig konnie mir der Pförtner, welchem die Obhut des Hauſes anvertraut worden war, hierüber Auskunft geben. Zum Glück entſann ich mich des Sir Sedley Beaudeſert, welcher 520 mir wahrſcheinlich die gewünſchte Mittheilung machen ober jedenfalls einen andern Advokaten empfehlen konnte. Zu ihm lenkte ich jetzt meine Schritte. Ich fand Sir Sedley beim Frühſtück mit einem jungen Gentleman, der ungefähr zwanzig Jahre zu zählen ſchien. Der gute Baronet war entzückt, mich zu ſehen, ſchien aber — bei ſeiner ungezwungenen Herzlichkeit ein ſeltener Fall — ein wenig in Verlegenheit zu gerathen, als er mich ſei⸗ nem Vetter, dem Lord Caſtleton, vorſtellte. Der Name war mir bekannt, obſchon ich ſeinen hochadeligen Träger nie zuvor geſehen hatte. Der Marquis von Caſtleton war in der That ein Ge⸗ genſtand ſowohl des Neides für junge Müßiggänger, als des Intereſſes für graubärtige Politiker. Ich hatte oft von dem „glücklichen Caſtleton“ gehört, der, ſobalder majorenn wurde, ein ſo großes Vermögen antreten ſollte, daß man die Träume Aladdins damit verwirklichen konnte— ein Vermögen, das während ſeiner Minderjährigkeit ſich mehr und mehr angehäuft hatte. Auch war ich oft Zeuge geweſen, wie die ernſteren Plauderer ſich in Muthmaßungen ergingen, ob Caſtleton wohl am öffentlichen Leben thätigen Antheil neh⸗ men und den Familieneinfluß aufrecht erhalten werde. Seine noch lebende Mutter war eine treffliche Frau und hatte von ſeiner Kindheit an ſtets ſich bemüht, ihm den Verluſt des Vaters zu erſetzen und ihn für ſeine hohe Stellung zu be⸗ fähigen. Er ſtand in dem Rufe eines geiſtvollen jungen Mannes, benn er war durch einen Hofmeiſter von großer akabemiſcher Auszeichnung etzogen worden und hatte ſich in er m 321 Orford um akademiſche Preiſe beworben. In der That war dieſer junge Marquis das Haupt einer von jenen wenigen noch in England vorhandenen Familien, welche die Bedeut⸗ ſamkeit des alten Adels aufrecht erhalten. Seinen Einfluß verdankte er nicht nur ſeinem Rang und ſeinem ungeheuren Reichthum, ſondern auch einem ausgedehnten Kreiſe mäch⸗ tiger Verwandten, der Tüchtigkeit ſeiner beiden Vorfahren, welche feine Politiker und Kabinetsminiſter geweſen waren, dem Nimbus, welchen ſie ſeinem Namen hinterließen, der eigenthümlichen Lage ſeiner Beſitzungen, welche ihm nicht weniger als ſechs Parlamentsſitze in Großbritannien und Irland zur Verfügung ſtellte, und noch außerdem jenem mit⸗ telbaren Uebergewicht, welches das Haupt der Caſtletone ſtets über viele hochſtehende und edle Verbündete dieſes fürſt⸗ lichen Hauſes geübt hatte. Ich wußte nicht, daß er mit Sir Sedley verwandt war, deſſen Wirkungskreis dem politiſchen ſo ferne ſtand, und vernahm daher nicht ohne Ueberraſchung, jedenfalls aber mit einigem Intereſſe die Ankündigung, daß ich vielleicht vom Rande tiefſter Verarmung aus dieſen jun⸗ gen Erben eines fabelhaften Eldorados vor mir ſah. Es war leicht zu bemerken, daß Lord Caſtletons Er⸗ ziehung darauf hingewirkt hatte, ihm ſeine künftige Größe und ihre ernſte Verantwortlichkeit fühlen zu laſſen. Wie unendlich hoch ſtand er nicht über allen jenen Neigungen, die man gewöhnlich bei der Jugend des niedrigeren Adels wahrnimmt; man hatte ihn nicht gelehrt, ſich ſelbſt nach dem Schnitte eines Rockes oder nach der Form eines Hutes ab⸗ zuſchätzen. Seine Welt lag weit über St. James Street und den Cluben. Er war einfach, obſchon in einem ihm eigenthümlichen Style gekleidet— eine weiße Halsbinde, welche damals für den Morgengebrauch nicht ſo ganz unge⸗ wöhnlich war, wie heut zu Tage, Beinkleider ohne Stege, leichte Schuhe und Gamaſchen. Sein Benehmen zeigte nichts von der hochmüthigen Apathie, welche den Dandy charakteriſirt, wenn ihm Jemand vorgeſtellt wird, bei dem er zweifelt, ob er ihm auch aus Whites Bogenfenſter zu⸗ winken könne— von ſolchen gemeinen Geckenhaftigkeiten hatte Lord Caſtleton nichts an ſich; und doch konnte man nicht leicht einen jungen Gentleman ſehen, der mit mehr Emphaſe den Namen eines Dandy verdiente. Ohne Zweifel hatte man ihm geſagt, als das Haupt eines Hauſes, wel⸗ ches an ſich ſchon eine Partei im Staate bildete, müſſe er fein und höflich gegen alle Menſchen ſeyn; und dieſe Pflicht, auf eine eigenthümlich kalte und ungeſellige Natur gepfropft, verlieh ſeiner Höflichkeit etwas ſo Steifes und Herablaſſen⸗ des, daß Einem darüber das Blut nach den Wangen ſchoß — obſchon der augenblickliche Aerger durch den faſt lächer⸗ lichen Gegenſatz in ſeiner gnävig majeſtätiſchen Haltung und ſeiner bedeutungsloſen Figur mit dem knabenhaft bartloſen Geſichte aufgewogen wurde. Lord Caſtleton begnügte ſich nicht mit einer bloßen Verbeugung gegen mich, als der Ba⸗ ronet mich ihm vorſtellte; denn zu meiner großen Verwun⸗ derung, wie er wohl zu den an den Tag gelegten Kennt⸗ niſſen gekommen ſeyn mochte, hielt er an mich eine kleine Anrede nach Art Ludwigs XIV., wenn er einen Landadelichen vor ſich hatte— ſorgfältig modellirt nach jenem königlichen ihm nde, ge⸗ ege, igte ndy dem iten ran ehr ifel 523 Grundſatze leutſeliger Politik, welcher einem König auferlegt, von der Geburt, Herkunft und Familie auch des geringſten Edelmanns Etwas zu wiſſen. Es war eine kleine Rede, in welche meines Vaters Gelehrſamkeit, meines Onkels Kriegsdienſte und die liebenswürdigen Eigenſchaften meiner Wenigkeit gar zierlich eingewoben waren— vorgetragen in einem Falſett⸗Tone, als ſey ſie auswendig gelernt, obſchon ſie nothwendig nichts Anderes, als ſeine Anſprache aus dem Stegreif ſeyn konnte. Dann ſetzte er ſich und machte mit dem Kopf ſowohl, als mit der Hand eine huldreiche Be⸗ wegung, wie wenn er mich ermächtigen wollte, ein Gleiches zu thun. Die nun folgende Unterhaltung beſtand aus galvani⸗ ſchen Stößen und krampfhaften Anläufen— eine Unterhal⸗ tung, durch welche Lord Caſtleton den armen Sir Sedley ganz aus ſeiner gewohnten, behaglichen Weiſe zu bringen wußte, ſo daß dieſer entzückende Mann, welcher verdienter⸗ maßen gewohnt war, an ſeinem eigenen Tiſche der Coryphäus zu ſeyn, völlig zum Schweigen gebracht wurde. Seine leichte Lekture, ſein reicher Anecdotenſchatz und ſeine launige Kenntniß der Salonwelt gab ihm kaum ein Wort an die Hand, das zu den großen, gewaltigen und ernſten Dingen paßte, welche Lord Caſtleton, während er an ſeiner Röſtſchnitte nagte, auf den Tiſch warf. Nur die bedeutungsvollſten und praktiſchſten Gegenſtände des menſchlichen Intereſſes ſchienen für dieſen künftigen Leiter unſeres Geſchlechts einen Reiz zu beſitzen. Die Sache verhielt ſich nämlich ſo, daß man Lord Caſtleton Alles gelehrt hatte, was zu dem Eigenthum in Beziehung ſteht— ein Wiſſen, das einen ſehr weiten Kreis beſchreibt. Man hatte ihm geſagt:„Ihr werdet ein unermeßliches Eigenthum beſitzen, deshalb ſind Kenntniſſe weſentlich für Eure Selbſterhaltung. Man wird Euch jeden Tag Eures Lebens zu verwirren, zu betrügen, lächerlich zu machen und zu bethören ſuchen, wenn Ihr nicht vertraut ſeyd mit Allem, wodurch das Eigenthum angegriffen oder ver⸗ theidigt, geſchwächt oder erhöht werden kann. Ihr habt eine unabſehbare Aufgabe im Land— müßt alſo alle In⸗ tereſſen Europa's, ja der ganzen civiliſirten Welt kennen lernen, denn ſie wirken auf Euer Vaterland zurück, und die Intereſſen Englands ſind von größter Wichtigkeit für die In⸗ tereſſen des Marquis von Caſtleton.“ So der Zuſtand des Continents— die Politik Metternichs— die Verhältniſſe der päbſtlichen Staaten— die Zunahme des Radikalismus — die geeignete Methode, mit dem Geiſt der Demokratie umzugehen, der in den europäiſchen Monarchien epidemiſch iſt— das Wechſelverhältniß der ackerbauenden und fabrici⸗ renden Bevölkerung— die Krongeſetze, die Geld⸗Curſe und die Geſinde Ordnung— die Kritik über die Hauptwortführer im Unterhaus nebſt einigen diseurſiven Bemerkungen über die Wichtigkeit der Viehmaſt— die Einführung des Flachſes in Irland— die Auswanderung— die Lage der Armen— die Lehren des Mr. Owen— die Kartoffelkrankheit— die Wechſelbeziehung zwiſchen Kartoffeln, Pauperismus und Patriotismus; dieſe und ähnliche ſtaunenerregende Betrach⸗ tungsgegenſtände, die ſammt und ſonders mehr oder weniger von der einzigen Idee des Caſtleton'ſchen Eigenthums aus⸗ ten ein iſſe den zu yd er⸗ abt n⸗ en die In⸗ des iſſe 525 gingen, beſprach und fertigte der junge Lord in einem halben Dutzend gezierten, wohlabgewogenen Sätzen ab, und ich muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß er dabei umfaſſende Kenntniſſe und eine gewaltig feierliche Geiſtes⸗ richtung an den Tag legte. Das Komiſche dabei war, daß die ſo ausgewählten und behandelten Gegenſtände nicht ſo faſt von einem jungen Advokaten oder einem frühreifen National⸗Oekonomen in Anregung gebracht wurden, ſondern von einer ſo prunkvollen Lilie des Feldes. Von einem Manne, der weniger hoch im Range ſtand, würde man ſicherlich geſagt haben,„geſcheidt, aber naſeweis;“ es lag aber wirklich etwas Achtbares in einer Perſon, die zu einem ſolchen Vermögen geboren war und wohl ſich hätte damit begnügen können, im Sonnenſchein ihres Glücks zu ſchwel⸗ gen, wenn ſie freiwillig ſich alle Mühe gab, um ihre eigenen Intereſſen, die Intereſſen des Caſtleton'ſchen Beſitzes, mit den Angelegenheiten geringerer Sterblichen zu identificiren, ſo daß man fühlte, der junge Marquis trage den Stoff in ſich, ein ganz ausgezeichneter Mann zu werden. Der arme Sir Sedley, der in allen dieſen Dingen ſo fremd war, wie in der Theologie des Talmud, gab nach eini⸗ gen vergeblichen Anſtrengungen, die Unterhaltung in ein leichteres Geleiſe zu bringen, ſich für überwunden und nahm mit einem mitleidigen Lächeln auf ſeinem ſchönen Geſicht ſeine Zuflucht zu dem Armſeſſel und zu der Betrachtung ſei⸗ ner Tabaksdoſe. Endlich kündigte zu unſerer großen Erleichterung der Bediente Lord Caſtletons Wagen an, und der gnädige Herr rede von hinreißender Leutſeligkeit gehalten und Sir Sedley kalt die Hand gedrückt hatte. Das Frühſtückzimmer ſah nach der Straße hinaus, und ich trat mechaniſch an das Fenſter, während Sir Sedley ſeinem Gaſte folgte. Eine Reiſeequipage mit vier Poſtpfer⸗ den ſtand an der Thüre, und ein Bedienter, der wie ein Aus⸗ länder ausſah, wartete unten mit dem Mantel ſeines Ge⸗ bieters. Als Lord Caſtleton in die Straße hinaustrat und ſich in den koſtbaren, mit Zobelpelzwerk beſetzten Mantel hüllte, bemerkte ich erſt recht die Schmächtigkeit ſeiner hin⸗ fälligen Geſtalt und die ungewöhnliche Bläſſe ſeines hageren, freudearmen Geſichtes. Statt Neid empfand ich jetzt Mit⸗ leid mit dem Eigenthümer aller dieſer Pracht und Größe— ich fühlte, daß ich meine derbe Geſundheit, meinen leichten Humor und meine lebhafte Empfänglichkeit für die Freu⸗ den, die im Bereich aller Menſchen liegen, nicht hätte ver⸗ tauſchen mögen gegen den Reichthum und die Größe, welche dieſer arme Jüngling vielleicht um ſo mehr verdiente, weil er ſie ſo wenig zum Dienſte des Vergnügens in Anſpruch nahm. „Nun,“ ſagte Sir Sedley,„was haltet Ihr von ihm?“ „Er iſt ganz ein Mann, welcher dem Mr. Trevanion gefallen würde,“ verſetzte ich ausweichend. „Ihr habt Recht,“ antwortete Sir Sedley mit ernſter Stimme, wobei er mich eben ſo ernſt anblickte. „Habt Ihr's ſchon gehört?— doch nein, Ihr könnt noch nichts davon erfahren haben.“ ging ſeines Weges, nachdem er abermals au mich eine An⸗ ———„— — —-— o —„——— ter nt 327 „Von was erfahren?“ „Mein lieber junger Freund,“ verſetzte der wohlwol⸗ lendſte und zartfühlendſte von allen feinen Gentlemen, indem er bei Seite trat, um nicht Zeuge der Aufregung zu ſeyn⸗ die er hervorrief,„Lord Caſtleton reist nach Paris, um ſich den Trevanionen anzuſchließen. Das Ziel, welches Lady Ellinor ſchon ſeit Jahren am Herzen lag, iſt erreicht, und unſere ſchöne Fanny wird Marquiſe von Caſtleton werden, ſobald ihr Verlobter majorenn iſt— das heißt in ſechs Mo⸗ naten. Die beiden Mütter haben Alles unter ſich abge⸗ macht!“ Ich gab keine Antwort, ſondern ſah fortwährend zum Fenſter hinaus. „Dieſe Verbindung war das einzige,“ nahm Sir Sed⸗ ley wieder auf,„was noch fehlte, um Trevanions Stellung zu ſichern. Wenn das Parlament wieder zuſammentritt, wird er Miniſter werden. Der arme Mann— wie beklage ich ihn! Ich kann gar nicht begreifen,“ fuhr Sir Sedley fort, indem er im Zimmer auf- und abſchritt, um wohl⸗ wollend mir volle Zeit zu laſſen, mich wieder zu faſſen,„wie anſteckend die Krankheit iſt, welche man in unſerem neblich⸗ ten England das Geſchäftsleben nennt. Ihr ſeht, nicht nur Trevanion leidet an ihr in der ſchlimmſten und verwickelſten Form, ſondern auch mein lieber armer Vetter da, der noch ſo jung iſt(hier ſeufzte Sir Sedley) und ſich's ſo wohl ſeyn laſſen könnte, iſt ſchlimmer daran, als Ihr in der Zeit waret, während welcher Euch Trevanion faſt zu Tod plagte. Aber freilich ein Name und eine Stellung, wie die eines 528 Caſtleton, muß eine ſchwere Laſt ſeyn für einen gewiſſenhaf⸗ ten Mann. Ihr ſeht, wie alt ihn das Gefühl ſeiner Ver⸗ antwortlichkeit ſchon gemacht hat— wahrhaftig zwei große Runzeln unter ſeinen Augen. Nun, im Grunde bewundere ich ihn doch und achte ſeinen Erzieher, denn der von Natur aus wahrſcheinlich ſehr magere Boden iſt aufs Sorgfältigſte kultivirt worden. Mit Trevanions Beihülfe wird Caſtleton ohne Zweifel der erſte Mann in der Peerskammer— eines Tags wohl gar Premier⸗Miniſter werden. Und wenn ich daran denke, wie dankbar ich ſeinem Vater und ſeiner Mut⸗ ter ſeyn ſollte, die ihn noch in ihrem reiferen Alter zeug⸗ ten,— denn wäre er nicht geboren worden, ſo gehörte ich vielleicht jetzt unter die unglücklichſten Menſchen— ja nicht nur vielleicht, da dann ſicherlich jenes ſchreckliche Marquiſat auf mich gekommen wäre! Nie denke ich an Horace Walpoles Leidweſen, als er die Grafſchaft Orfort antrat, ohne die tiefſte Theilnahme und ohne einen Schauder vor dem Ge⸗ danken, deſſen mich die gute Lady Caſtleton ſo freundlich überhoben hat— es war eine Folge des Emſerbrunnens, den ſie nach zwanzigjähriger Ehe brauchte! Nun, mein innger Freund, wie ſtehts zu Hauſe?“ Wie wenn irgend ein berühmter Schauſpieler noch nicht hinter den Couliſſen angelangt iſt, da ihn ſein Anzug zu lange in Anſpruch nimmt oder er ſich von einem Ertraglas auf⸗ regender Flüſſigkeit noch nicht ganz erholt hat und deshalb, weil der grüne Vorhang ungebührlich lange nicht aufgehen will, das Orcheſter ſich barmherzig mit einem erſtaunlich langen Vorſpiel abmüht, um, ehe Lodoiska oder der Frei⸗ — 6) 8 8 8 haf⸗ Ber⸗ roße dere tur gſie ton nes ich tut⸗ ug⸗ ich icht iſat les die He⸗ lich ns, ein icht nge uf⸗ b, en ich ei⸗ 5²⁵ ſchütz auftritt, dem harrenden Publikum die Zeit zu ver⸗ treiben und dem zögernden Hyſtrio hinreichend Muße zu laſſen, ſeine fleiſchfarbenen Pantalons auzuziehen und ſich den für einen Corivlan oder Macbeth paſſenden Anſtrich zu geben— ebenſo hatte auch Sir Sedley dieſe lange Anrede, welche keiner Erwiederung bedurfte, gehalten, bis er bemerkte, daß die Zeit gekommen ſey, um kunſtreich mit dem Schnörkel einer Schlußfrage zu ſchließen und dem armen Piſiſtratus Carton Gelegenheit zu geben, ſich zu ſammeln und vorzu⸗ treten. Es liegt gewiß etwas ausgeſucht Freundliches und ein ſinniges Wohlwollen in jener ſeltenen Gabe— in der feinen Bildung; und als ich mich jetzt, ermannt und entſchloſſen, umwandte und Sir Sedley's ſanftes blaues Auge ſcheu, aber gütig mir zugewendet ſah, während er mit einer Anmuth, die ſeit Pope's Tagen wohl nie ein anderer Tabakſchnupfer an den Tag gelegt hat, ruhig ſich mit einer Priſe von der berühmten Beaudeſert Miſchung erfriſchte— da fühlte ich mein Herz ſo ſehr von Dank gegen ihn erfüllt, wie wenn er mir wunder welche Gefälligkeit erwieſen hätte. Seine Schlußfrage—„Wie ſteht es zu Hauſe?“ gab mir meine Faſſung wieder und zerſtreute für den Augenblick die Bitterkeit meiner Gedanken. Ich theilte ihm in Kürze die Lage meines Vaters mit, obſchon ich mit der Ausdehnung unſerer Beſorgniſſe an mich hielt und von der Sache nur als von einer Verlegenheit, nicht aber von einer Verſtrickung ſprach, die möglicherweiſe uns zu Grunde tichten konnte. Zum Schluß bat ich Sir Bulwer, vie Caxtone 34 530 Sedley, mir die Adreſſe von Trevanions Rechtsfreund zu geben. Der gute Baronet hörte mir mit großer Aufmerkſam⸗ keit zu und der durchdringende Geiſt des Weltmanns ließ ihn bald entdecken, daß ich den Gegenſtand weit leichter berührt hatte, als einem getreuen Berichterſtatter ziemte. Er ſchüttelte den Kopf, ſetzte ſich auf das Sopha und winkte mir, an ſeiner Seite Platz zu nehmen; dann lehnte er ſeinen Arm über meine Schultern und ſagte in ſeiner ver⸗ führeriſchen gewinnenden Weiſe: „Wir zwei junge Burſche ſollten einander verſtehen, wenn wir von Geldangelegenheiten ſprechen. Zu Euch kann ich ſagen, was ich Eurem trefflichen Vater, der— wenig⸗ ſtens drei Jahre älter iſt, als ich, nicht zu ſagen im Stande wäre. Offen alſo— ich vermuthe, dies iſt eine ſchlimme Angelegenheit. Ich weiß nicht viel von Zeitungen, mit Ausnahme einer Subſeription auf ein Journal in meiner Grafſchaft, die mich ein kleines Einkommen koſtet; ſo viel aber iſt mir bekannt, daß ein Londoner Tagblatt einen Mann in wenigen Wochen zu Grunde richten kann. Und was die Actionäre betrifft, mein lieber Carton, ſo ließ ich mich ein⸗ mal beſchwatzen, mich bei einem Actienunternehmen zu Her⸗ ſtellung eines Kanals, der über meine Güter gehen ſollte, zu betheiligen, und dieſer Kanal ſchwemmte mir zuletzt reine dreißig Tauſend Pfund fort! Die anderen Actionäre ertran⸗ ken darin wie Pharao und ſein Heer im rothen Meere. Doch Euer Vater iſt ein großer Gelehrter und darf nicht mit derlei Sachen gequält werden. Ich bin noch tief in ſeiner d zu ſam⸗ ihn rührt und hnte ver⸗ hen, kann nig⸗ ande nme mit iner viel ann die ein⸗ er⸗ „zu eine an⸗ och mit ner 531¹ Schuld; denn er war in Cambridge ſehr freundlich gegen mich und brachte mir die Liebhaberei für Lektüre bei, welcher ich die angenehmſten Stunden meines Lebens verdanke. Wenn Ihr alſo durch die Advokaten habt ausfindig machen laſſen, wie weit ſich das Unglück erſtreckt, ſo müſſen eben wir beide zuſehen, wie wir es am beſten wieder gut machen können. „Ei zum Henker, mein junger Freund— ich habe keine Beläſtigung, wie das unhoöfliche Bedientenvolk Weiber und Kinder zu nennen pflegt, und bin kein unglücklicher, reich⸗ begüterter Millionär, wie dieſer arme, gute Caſtleton, wel⸗ chem ſo viele Pflichten gegen die Geſellſchaft obliegen, daß er keinen Schilling ausgeben kann, es ſey dann in einer groß⸗ artigen Weiſe und rein zum Beſten des Publikums. Geht alſo zu Trevanions Rechtsfreund, mein Junge— er iſt auch der meinige. Ein geſcheidter Kerl— ſcharf wie eine Nabel. Mr. Pike, in Great Ormond Street— ſein Name ſteht auf einem Meſſingſchild; und wenn er den Betrag ermittelt hat, ſo wollen wir junge Luftſpringer einander aushelfen, ohne daß die alten Leutlein ein Wörtchen davon zu erfahren brauchen.“ Wie wohlthuend wirkt es nicht auf das ganze Leben, wenn man in der Jugend ſolcher Freundlichkeit und ſolchem Edelmuth begegnet! Ich brauche kaum zu ſagen, daß ich ein zu treuer Re⸗ präſentant von dem Gelehrtenſtolze und dem Unabhängig⸗ keitsſinne meines Vaters war, um dieſes Erbieten anzuneh⸗ men, und wahrſcheinlich ließ ſich Sir Sedley, ſo reich und ſreigebig er auch war, nicht träumen, bis zu welcher Aus⸗ 34* dehnung ihn mein Vorſchlag verſtricken konnte. Ich gab ihm ieboch meinen Dank in einer Weiſe zu erkennen, welche an⸗ genehm und rührend einwirkte auf dieſen letzten Abkömmling der de Coverley, und verfügte mich von ſeinem Hauſe aus geraden Wegs nach dem Bureau des Mr. Pike, an den mir Sir Sedley ein kleines Empfehlungsſchreiben mitgab. Ich fand in Mr. Pike genau den Mann, wie ich ihn mir aus Trevanions Charakter vorgeſtellt hatte— kurz, raſch und ſchnell faſſend in Frage und Antwort— eindrucksvoll und etwas hoch in ſeinem Weſen, nicht zu ſehr mit Arbeit über⸗ häuft, aber doch hinreichend beſchäftigt, um ſich Erfahrung und eine achtbare Stellung zu ſichern— weder alt, noch jung— weder eine pedantiſche Pergamentmaſchine, noch ein leichtfertiger, hudelnder Laffe mit den Manieren von Weſtend. „Es iſt eine garſtige Geſchichte,“ ſagte er,„und ſie bedarf recht ſehr einer geeigneten Behandlung. Laßt übri⸗ gens Alles drei Tage lang bei mir und hütet Euch, inzwi⸗ ſchen weder Mr. Tibbets, noch Mr. Peck in die Nähe zu kommen. Wenn Ihr dann nächſten Sonnabend um zwei Uhr bei mir vorſprechen wollt, ſo ſollt Ihr meine Anſicht über das Ganze erfahren.“ Bei dieſen Worten blickte Mr. Pike nach ber Uhr, weß⸗ wegen ich meinen Hut aufnahm und mich entfernte. Es gibt keinen entzückenderen Platz als eine große Hauptſtabt, wenn man ſich gemächlich darin eingewohnt hat, methobiſch über ſeine Zeit verfügen kann und Geſchäftsſtun⸗ den ſowohl, als die Zeit für das Vergnügen in gehörigem ch ch on ſie ri⸗ i⸗ zu ei ht ße t, n⸗ 533 Verhältniß abzutheilen weiß. Ein flüchtiger, unbefriedigen⸗ der Beſuch jedoch— der Aufenthalt in einem Wirthshaus — und zwar in einem Wirthshaus der City— mit einem drückend ſchweren Anliegen auf der Seele, von dem man erſt nach drei Tagen etwas Näheres hören ſoll, und einem ſchmerzenden, eiferſüchtigen, troſtloſen Leide auf dem Herzen⸗ wie es bei mir der Fall war— einem Leide, das Einen nicht nur nicht zur Thätigkeit kommen läßt, ſondern auch jede Luſt am Vergnügen erſtickt— oh, unter ſolchen Ver⸗ hältniſſen wird eine große Hauptſtadt in der That etwas höchſt Peinliches! Sie iſt das Schloß der Unthätigkeit, nicht wie Thomſon es baute, ſondern wie Beckford in ſeiner Halle von Eblis es zeichnet— ein ſtetes Hin⸗ und Herwandern, ein Ab⸗ und Zugehen in einem ſchauderhaft großen Raume, wobei man die Hand auf's Herz drückt, und— oh, was iſt dagegen ein Ritt auf einem halbgezähmten Pferde durch die unabſehbaren grünen Oeden von Auſtralien! Dies iſt der Platz für einen Mann, der in dem modernen Babel keine Heimath findet und deſſen Hand ſtets an dem Herzen liegt, um den ewig brennenden Gram zu bewältigen. Mr. Squills verlockte mich am zweiten Abend in eines der kleinen Theater und fühlte ſich überglücklich in Allem, was er ſah und hörte. Während ich mit einer krampfhaften Anſtrengung meiner Kinnbacken gleichfalls zu lachen ver⸗ ſuchte, erkannte ich plötzlich in einem der Schauſpieler, wel⸗ cher in der Ehrfurcht gebietenden Rolle eines Dorfbüttels auftrat, ein Geſicht, das ich ſchon früher geſehen hatte. Ei⸗ nige Minuten ſpäter war ich von der Seite meines Begleiters 53⁴ verſchwunden und befand mich in Mitte jener ſeltſamen Welt— hinter den Couliſſen. Mein Büttel war zu geſchäftig und hatte zu gewich⸗ tige Angelegenheiten zu beſorgen, um mir vor Beendigung des Stücks eine gute Gelegenheit zu geben, ihn anzureden. Dann faßte ich ihn, wie er eben freundſchaftlich einen Krug Porter leerte mit einem Gentleman in ſchwarzen Kniehoſen und einer Bortenweſte, welcher in dem dreiaktigen bürger⸗ lichen Schauſpiel, das die Beluſtigung des Abends ſchloß, die Rolle des troſtloſen Vaters ſpielen ſollte. „Entſchuldigt mich,“ ſagte ich einleitend;„aber wie der Schwan ganz paſſend bemerkt— was ſich kennet, darf ſich nicht vergeſſen.“ „Der Schwan, Sir?“ rief der Büttel entſetzt.„Der Schwan hat ſich nie zu dieſem verdammten ſchottiſchen Sprüchwort herabgelaſſen!“ „Der Tweed hat ſo gut ſeine Schwäne, wie der Avon, Mr. Peacock.“ „Bſt— bſt— ſtille— ſtille— ſti— i— lle! flüſterte der Büttel in großer Unruhe, indem er mich wild unter ſei⸗ nen mit Kork bemalten Augbrauen hervor anſah. Dann nahm er meinen Arm und riß mich fort. Nachdem er mich ſo weit gebracht hatte, als es die engen Grenzen der kleinen Bühne geſtatteten, fuhr er fort: „Sir, Ihr habt einen Vortheil vor mir, denn ich kann mich Eurer nicht entſinnen. Ah, Ihr braucht die Augen nicht ſo aufzuſperren. Alle Hagel, Sir, ich laſſe mich nicht durch eine eiſenfreſſeriſche Miene einſchüchtern— es ging Alles in er z 8 — nn 535 ehrlichem Spiele zu. Wenn Ihr mit Gentlemen ſpielen wollt, Sir, ſo müßt Ihr Euch auch die Folgen gefallen laſſen.“ Ich beeilte mich, den Ehrenmann zu beſchwichtigen. „In der That, Mr. Peacock, wenn Ihr Euch beſinnen. wollt, ſo weigerte ich mich, mit Euch zu ſpielen. Es fällt mir nicht ein, Euch beleidigen zu wollen, ſondern ich bin im Gegentheil gekommen, Euch über die treffliche Durchführung Gurer Rolle ein Kompliment zu machen und zu fragen, ob Ihr letzterer Zeit nichts von unſerem jungen Freunde, dem Mr. Vivian, gehört habt?“ „Vivian?— nie was gehört von dieſem Namen, Sir. Vivian! Pah, Ihr wollt mich zum Beſien haben. Sehr gut!“ „Ich verſichere Euch, Mr. Peac——“ „Bſt— bſt— wie zum Henker wißt Ihr denn, daß ich einmal Peac— hieß, das heißt, man nannte mich Peac—, ein Spitzname unter Freunden, weiter nicht— laßt ihn fallen, Sir, oder Ihr erfüllet mich mit edlem Zorn'!“ „Schon gut; die Roſe duftet ſüß, was auch ihr Name ſey, wie wenigſtens diesmal der Schwan ſehr richtig be⸗ merkt. Aber auch Mr. Vivian ſcheint andere Namen zur Verfügung zu haben. Ich meine einen jungen, ſchönen. Mann oder vielmehr Jüngling von dunkler Geſichtsfarbe, den ich eines Morgens in Eurer Geſellſchaft unter den Lin⸗ den eines Straßenwirthshauſes traf.“ „O—h!“ verſetzte Mr. Peacock mit ſehr erleichterter Miene,„ich weiß, wen Ihr meint, obſchon ich mich nicht 536 erinnere, früher das Vergnügen gehabt zu haben, Euch zu ſehen. Nein, ich habe in letzter Zeit nichts von dem jungen Manne gehoͤrt. Ich wünſchte wohl zu erfahren, wo er ſich umtreibt. Er war'ein Gentleman nach meiner Art. Der herrliche Will hat ihn auf's Haar getroffen, wenn er ſagt: Es einet ſich in ihm Aug'“ Schwert und Zunge Des Höflings, Kriegers und Gelehrten.“ Eine ſolche Hand mit einem Billardſtock!— Ihr hättet ſehen ſollen, wie er die Saifenblaſe Ruhm vor der Kanonenmün⸗ dung' ſuchte. Ich darf wohl ſagen,“ fuhr Mr. Peacock mit Nachdruck fort,„daß er ein regelmäßiger Trumpf war. Trumpf?“ wiederholte er betroffen, als ob er dieſes Wort bereue.„Trumpf— nein er war ein Eck ſtein!“ Dann heftete er die Augen auf mich, ließ ſeine Arme ſinken, wobei er die Finger in der Weiſe des Talma bei dem berühmten„Ou'en dis-tu?“ verſchlang, und fuhr mit hoh⸗ ler Stimme langſam und beſtimmt fort: „Wann— ſaht— Ihr— ihn,— jung— er M— m— a— n— nn?“ Als ich bemerkte, daß Mr. Peac— den Stiel gegen mich umwandte, und ich keine Luſt hatte, ihm auf die Spur des armen Vivian zu helfen, der alſo, wie ich mit großer Zufriedenheit wahrnahm, dieſe nicht ſehr achtbare Bekannt⸗ ſchaft aufgegeben hatte, ſo ſuchte ich durch einige auswei⸗ chende Sätze die Neugierde dieſes Ehrenmannes abzuwen⸗ den, bis er in aller Eile aufgeboten wurde, ſeinen Anzug für das bürgerliche Schauſpiel zu wechſeln. Und ſo ſchieden wir. h zu ngen ſich Der agt: ehen nün⸗ mit war. Lort lrme dem hoh⸗ oßer nnt⸗ wei⸗ 537 Sechstes Kapitel. Ich haſſe Weitſchweifigkeiten ebenſo ſehr wie mein Leſer und will mich daher mit der Angabe begnügen, daß Mr. Pike zwar nicht nach Ablauf von drei Tagen, aber doch nach drei Wochen mit unſerer Angelegenheit zu Stande gekommen war. Er hatte die Sache ſo bewundernswürdig eingeleitet, raß nach dieſer Zeit Onkel Jack ſeine Haft verlaſſen konnte und mein Vater mit einem Drittheil der Summe, welche uns Anfangs zu unſerem entrüſteten Entſetzen abgefordert wurde, davon kam— letzteres noch obendrein in einer Weiſe, welche das Gewiſſen des pünktlichſten Formaliſten zufrieden geſtellt haben würde, deſſen Beitrag zum Nationalſchatz we⸗ gen unterlaſſener Zahlung der Einkommenſteuer je der Kanzler des Staatsſchatzes anzuerkennen die Chre hatte. Gleich⸗ wohl war die Summe im Verhältniß zu dem Einkommen meines Vaters ſehr groß. Da kamen zuerſt Jacks Schul⸗ den, dann die Anſprüche des Druckers, welchen die Anti⸗ buchhändlergeſellſchaft beſchäftigt hatte(einſchließlich der ſo weitläufig beſprochenen ſehr koſtſpieligen Kupferplatten für die Geſchichte des menſchlichen Irrthums, die großentheils fertig dalagen), vor Allem aber die Verbind⸗ lichkeiten, welche für den Kapitaliſten aufgelaufen waren, deſſen Zubehör mit der Pflanze, wie Mr. Peck techniſch einen großen Upasbaum nannte, der in Typen, Kiſten, Buch⸗ druckerpreſſen, Dampfmaſchinen u. ſ. w. ſich verzweigte, jetzt um den dritten Theil des Ankaufpreiſes wieder verkauft wer⸗ den ſollte— dazu die Ankündigungen und Zettel, mit wel⸗ 538 chen man alle verfallenen, im Schutt ſtehenden Mauern der drei Königreiche beklebt hatte, die Honorare für die Bericht⸗ erſtatter und Schriftſteller, welche wenigſtens auf ein Jahr für den Kapitaliſten gedungen worden waren und deren An⸗ ſprüche den Unglücklichen übetlebten, nachdem ſie ihn längſt getödtet und begraben hatten— kurz Alles, was der ver⸗ einte Scharfſinn des Onkels Jack und des Druckers Peck erſinnen konnte, um die Cartonſſche Familie gänzlich zu Grunde zu richten. Aber ſelbſt nach allen Abzügen und Schmälerungen, wie auch mit den Beiträgen, die ſich gerech⸗ ter Weiſe von den Vermöglicheren unter jenen Schatten, vie da Actionäre hießen, ſich erholen ließen, wurde meines Va⸗ ters Vermögen doch auf wenig mehr als achttauſend Pfund geſchmälert, die, zu vier Prozent auf Hypothek ausgeliehen, jährlich genau die Summe von breihundertundzweiundſiebenzig Pfund zehn Schillinge abwarfen— genug für meinen Vater, um davon zu leben, aber lange nicht hinreichend, um auch ſeinem Sohn Piſiſtratus die Vortheile einer Bildung im Trinitykollege von Cambridge zu Theil werden zu laſſen. Der Schlag traf daher eher mich, als meinen Vater, und meine jungen Schultern ertrugen ihn ohne viel Beſchwerbe. Nachdem dieſe Angelegenheit zu unſerer ollgemeinen Befriedigung abgefertigt war, begab ich mich zu Sir Sedley Beaudeſert, um ihm meinen Abſchiedsbeſuch zu machen. Er hatte ſich während meines Aufenthalts in London meiner ſehr gütig angenommen. Ich wurde ziemlich oft von ihm zum Frühſtück oder Mittageſſen eingeladen und hatte ihm auch Mr. Squills vorgeſtellt, der kaum dieſe prächtige Körper⸗ der ht⸗ hr ln⸗ gſt er⸗ nd mn 539 bildung erblickte, als er auch ſchon ihren Charakter mit der größten Pünktlichkeit als die nothwendige Folge einer ſol⸗ chen Gehirnentwicklung für die roſigen Freuden des Lebens ſchilderte. Sir Sedley fand viel Vergnügen und Troſt in den Theorien des guten Arztes. Fannys Verheirathung war nicht ein einziges Mal von uns berührt worden, und wir beide vermieden es, auch nur den Namen der Trevanione zu erwähnen. Bei dieſem letzten Beſuche aber berührte der Ba⸗ ronet ohne Rückhalt den des Vaters, obſchon er in Betreff Fannys das frühere Zartgefühl walten ließ. „Nun, mein junger Athener,“ ſagte er, nachdem er mir über den Erfolg meiner Geſchäfte Glück gewünſcht und aber⸗ mals, obſchon vergeblich, verſucht hatte, mich zu bereden, vaß er wenigſtens einen Theil an den Verluſten meines Va⸗ ters tragen dürfe—„ich ſehe, daß ich in dieſer Sache nicht weiter in Euch dringen darf; wohl aber werdet Ihr mir ge⸗ ſtatten, meinen kleinen Einfluß aufzubieten, um für Euch in einem unſerer Kollegien eine Anſtellung zu erringen. Tre⸗ vanion könnte natürlich weit mehr für Euch thun, aber ich begreife wohl, daß er nicht gerade der Mann iſt, an den Ihr Euch wenden möchtet.“ „Darf ich Euch geſtehen, mein theurer Sir Sedley, daß ich den Kanzleigeſchäften gar keinen Geſchmack abge⸗ winnen kann? Meine Freiheit iſt mir zu theuer, und ſeit ich in dem alten Thurm meines Onkels geweſen bin, erkläre ich mir die Hälfte meines Charakters aus dem Grenzbewoh⸗ nerblut, das in mir fließt. Ich zweiſle, ob ich für das Leben der großen Städte geſchaffen bin, und es ſchwimmen mir 540 allerlei beſondere Vorſtellungen durch den Kopf, die mich unterhalten werden, wenn ich nach Hauſe komme, um daſelbſt meine Plane in Ordnung zu bringen. Um jedoch von etwas Anderem zu ſprechen, darf ich fragen, wer mir in meiner Stelle als Sekretär des Mr. Trevanion nachgefolgt iſt?“ „Er hat jetzt einen breitſchulterigen, ſchiefrückigen Bur⸗ ſchen mit Brille und Baumwollenſtrümpfen eingethan, der, glaube ich, über Renten' geſchrieben hat— in dieſem Falle wohl eine ſehr eingebildete Arbeit, wie ich fürchte, denn er hat ſicherlich nie eine Rente eingenommen und iſt wohl auch nicht oft damit betraut worden,Renten auszubezahlen. Er gehört übrigens zu unſern Nativnalökonomen und will ſeine Bilder als unproduktives Kapital' an Trevanion verkaufen. Weniger mild als Pope's Narciſſa, würde er ſicherlich lie⸗ ber das Kind röſten, als dafür waſchen laſſen. Außer die⸗ ſem vffiziellen Sekretär ſetzt jedoch Trevanion großes Ver⸗ trauen in einen gewandten, gut ausſehenden jungen Gentle⸗ man, der bei ihm hoch in Gunſten ſteht.“ „Wie iſt ſein Name?“ „Sein Name?— Oh, Gower— ein natürlicher Sohn, wie ich glaube, von Einem aus der Familie Gower.“ Jetzt traten zwei der feinen Gentlemen ein, welche zu Sir Sedley's Genoſſenſchaft gehörten, und mein Beſuch hatte ein Ende. mich ſelbſt twas einer 2“ Bur⸗ der, Falle in er auch ſeine ufen. lie⸗ die⸗ Ver⸗ ntle⸗ ohn, e zu eſuch Siebentes Kapitel. „Ich ſchwöre,“ rief mein Onkel,„daß es ſo ſeyn ſoll!“ Und mit einem finſtern Stirnerunzeln und trotziger Miene ergriff er das verhängnißvolle Inſtrument. „Oh, nicht doch, Bruder,“ verſetzte mein Vater, ſeine blaſſe, ſchulmäßige Hand mild auf Kapitän Rolands braune, kriegeriſche, knochige Fauſt legend, während er den andern Arm ausſtreckte, um das bedrohte, zitternde Opfer zu be⸗ ſchützen. Roland hatte kein Wort von unſerer Bedrängniß ver⸗ nommen, bis Alles bereinigt und die Summe bezahlt war, denn wir Alle wußten wohl, daß er bei dem erſten heftigen Sturm ſeiner liebevollen Großmuth ſeinen alten Thurm zum Opfer gebracht und an irgend einen benachbarten Squire oder an einen ſchleichenden Attorney verkauft haben würde. Auſtin in Gefahr— Auſtin zu Grunde gerichtet!— er hätte keinen Augenblick Ruhe gehabt, bis er zu ſeiner Be⸗ freiung herbeieilen konnte, das baare Geld in der Hand. Deshalb ſchrieb ich erſt nach Erledigung der ganzen Geſchichte an den Kapitän und theilte ihm heiter mit, was vorgefallen war. Wie leicht ich übrigens auch über unſer Mißgeſchick hinweg ging, ſo brachte ihn doch mein Brief noch am näm⸗ lichen Abend, an welchem ich ſelbſt etwa eine Stunde ſpäter die Heimath erreichte, nach dem rothen Backſteinhauſe. Er hatte ſeinen Thurm nicht verkauft, war aber gekommen, um uns vi et armis nach demſelben zu entführen. Wir ſollten bei ihm auf ſeine Koſten leben, das Backſteinhaus vermiethen oder verkaufen und den Reſt von dem Einkommen meines Vaters auf Zinſen ausborgen, damit ſich das Vermögen wieder mehre. Als übrigens mein Onkel fand, daß mein Vater ihm hartnäckigen Widerſtand entgegenſetzte und er ſo nicht zum Ziele kam, begab er ſich wieder in die Halle, wo er ſein Reiſegepäck niedergelegt hatte, und kehrte mit einem alten Futteral aus Eichenholz zurück; er drückte an eine Fe⸗ der und herausflog— der Stammbaum der Cartone. Er flog heraus— den ganzen Tiſch bedeckend und nil⸗ artig überfluthend, bis er ſich über die Bücher, die Papiere, den Arbeitskorb meiner Mutter und den Theeſervice hinge⸗ breitet hatte(der Tiſch war nämlich groß und umfangreich, ſinnbildlich den Geiſt ſeines Eigenthümers vorſtellend)— dann wallte er auf den Teppich hinunter und rollte auf demſelben fort, bis ihm der Kamin Halt gebot. „Es hat nie zwiſchen uns einen Zwiſt gegeben, Auſtin,“ ſagte mein Onkel feierlich,„wenn wir zwei Anläſſe dazu ausnehmen. Der eine iſt beſeitigt, und warum ſollte der andere fortbeſtehen? Oh, ich weiß wohl, warum Du nicht Ja ſagen willſt; Du fürchteſt, wir könnten uns wieder dar⸗ über entzweien!“ „Ueber was, Roland?“ „Ueber— ach, Du weißt es wohl; aber ich will ver⸗ dammt ſeyn, wenn es ſo weit kommen ſoll!“ rief der Kapitän erröthend.„Ich dachte viel über die Sache nach und zweifle nun nicht mehr, daß Deine Anſicht die richtige iſt. Ich habe deshalb das alte Pergament mitgebracht, und Du ſollſt ſelbſt Zeuge ſeyn, daß ſich die Lücke gerade ſo ausfülle, wie Du ines gen nein r ſo wo nem Fe⸗ nil⸗ iere, nge⸗ eich, 28 auf tin,“ dazu der nicht dar⸗ ver⸗ itän eifle habe elbſt Du es wünſcheſt. Aber dann kömmſt Du doch und wohnſt bei mirk denn von einem Streit fann ſortan nicht mehr die Rede ſeyn.“ Bei dieſen Worten ſah Onkel Roland ſich nach Feder und Dinte um, und nachdem er ſie nicht ohne Mühe gefun⸗ den, denn ſie waren von den Wellen des Stammbaums über⸗ ſluthet worden, ſchickte er ſich an, die Lacuna oder den Hia⸗ tus, welcher früher ſo denkwürdige Zwiſtigkeiten herbei⸗ führte, mit dem Namen„William Caxton, Buchbrucker in dem Sanctarium,“ auszufüllen; mein Vater aber, der lang⸗ ſam wieder zu Athem gekommen war und ſeines Bruders Abſicht bemerkte, trat hindernd dazwiſchen. Es würde dei⸗ nem Herzen wohl gethan haben, lieber Leſer, ſie jetzt anzu⸗ hören; denn in der Unbeſtändigkeit der menſchlichen Natur hatten beide ihre Parteiſtellung in der Frage völlig gewech⸗ ſelt— mein Vater war nunmehr ganz für William de Car⸗ ton, den Helden von Bosworth, mein Onkel dagegen für den unſterblichen Buchdrucker. Und in dieſem Widerſtreit ging es ſehr lebhaft zu; ihre Augen funkelten und ihre Stim⸗ men ſteigerten ſich— die von Roland wurde tief und don⸗ nernd, die von Auſtin ſcharf und eindringlich. Mr. Squills hielt ſich die Ohren zu. So waren ſie bis bei dem Punkte angelangt, als mein Onkel ſtörriſch jede weitere Argumen⸗ tation mit den Worten abzuſchneiden ſuchte:„Ich ſchwöre, daß es ſo ſeyn ſoll,“ und mein Vater mit der letzten An⸗ ſtrengung des Pathos flehentlich in Rolands Augen blickte, indem er in einem Tone, ſo ſanſt wie der des Erbarmens, ſprach;„Oh, nicht doch, Pruder.“ Inzwiſchen raſſelte, knitterte und zitterte das trockene Pergament in allen Poren ſeiner gelben Haut. „Aber ich ſehe nicht ein,“ begann ich, als ich eben ſo gelegen, wie der Gott des Horaz eintrat,„daß Einer von Euch Herrn das Recht haben ſoll, über meine Vorfahren zu verfügen. Es fällt in die Augen, daß Niemand zu einem Beſitz in der Nachwelt befugt iſt. Die Nachkommenſchaft mag ſich rühmen, einen Vorfahr zu beſitzen, aber er ſelbſt wird nie auch nur um ein Haar beſſer daran ſeyn, weil viel⸗ leicht Urenkel aus ihm hervorgehen!“ Squills— Hört, hört! Piſiſtratus(warm werdend).— Die Vorfahren üb⸗ rigens ſind als ein entſchiedenes Eigenthum zu betrachten. Wie viel kann man nicht nur an Grundſtücken, ſondern auch von der Konſtitution, der Gemüthsart, dem Venehmen, dem Charakter und der Natur eines Ahnen ererben, der vielleicht um zehn Glieder von uns abſteht. Ja, wäre man ohne dieſen Ahn je geboren worden und hätte überhaupt ein Squills Gelegenheit gefunden, den Nachkommen in die Welt zu för⸗ dern, oder eine Amme, ihn hypo colpo zu tragen? Squills. Hört, hört! Piſiſtratus(mit würdevoller Aufregung).— Nie⸗ mand iſt daher berechtigt, einen Andern mit dem Strich einer Feder eines Vorfahren zu berauben, mögen die Beweggründe auch noch ſo liebevoll ſeyn. In dem vorliegenden Falle ſagt ihr vielleicht, der fragliche Ahn ſey apokryphiſch— denn es könne ebenſo gut der Buchdrucker, als der Ritter gemeint ſeyn. Zugegeben— aber darf, wo uns die Geſchichte im in ſa ei ſte ar T lic lo ſo von zu em haft lbſt iel⸗ üb⸗ ten. uch dem eicht eſen rills för⸗ Nie⸗ iner ünde ſagt nes eint e im 545⁵ Stiche läßt, ein bloßes Gefühl den Ausſchlag geben? Bei dem obwaltenden Zweifel eignet ſich meine Einbildungskraft beiden zu. Das einemal kann ich in dem Buchdrucker Ge⸗ werbfleiß und Gelehrſamkeit, das anderemal in dem Ritter Tapferkeit und aufopfernde Anhänglichkeit verehren. Eben dieſem wohlwollenden Zweifel verdanke ich zwei große Ahnen und durch ſie zwei Gedankenketten, die unter verſchiedenen Umſtänden Einfluß üben können auf mein Benehmen. Ich geſtatte Euch nicht, Kapitän Roland, mich eines Vorfahren oder einer Ideenanknüpfung zu berauben. Laßt alſo dieſe geheiligte Lücke unausgefüllt und unentweiht und geht in ritterlicher Höflichkeit die Vertragung ein: ſo lange mein Vater ſich bei dem Kapitän aufhält, wollen wir an den Drucker glauben; an anderen Orten aber ſtehen wir feſt ein für den Ritter.“ „Gut!“ rief Onkel Roland, als ich, etwas außer Athem, inne hielt. „Und ich denke, Auſtin,“ bemerkte meine Mutter in ſanftem Tone,„daß es einen Ausweg gibt, die Sache in einer Weiſe zu bereinigen, welche alle Parteien zufrieden ſtellen dürfte. Es iſt ein recht trauriger Gedanke, daß der arme Roland und die liebe kleine Blanche ſo allein in ihrem Thurme wohnen, und ich bin überzeugt, daß wir viel glück⸗ licher ſeyn würedn, wenn wir beiſammen wären.“ „Da hörſt Du ſelbſt!“ rief Roland triumphirend. „Wenn Du nicht das ſtarrſinnigſte, hartnäckigſte, gefühl⸗ loſeſte Unthier in der Welt biſt— und ich traue Dir dies Bulwer, die Caxtone. 35 nicht zu, Bruder Auſtin— ſo kann ich nach der wirklich ſchönen Rede Deiner Frau kein Wörtchen weiter ſagen.“ „Aber Du haſt ja Kitty gar nicht ausſprechen laſſen, Roland.“ „Ich bitte tauſendmal um Verzeihung, Madame— Frau Schwägerin,“ verſetzte der Kapitän mit einer Ver⸗ beugung. „Ich wollte nur noch beifügen,“ fuhr meine Mutter fort,„daß wir mit Euch ziehen, bei Euch leben und unſere kleine Habe zuſammen werfen wollen, Roland. Blanche und ich, wir beide beſorgen das Hausweſen, und ſo werden wir vereint gerade noch einmal ſo reich ſeyn, als wir bei einer getrennten Wirthſchaft wären.“ „Dies wäre mir eine ſaubere Art von Gaftfreundſchaft,“ brummte der Kapitän.„Ich erwartete nicht, daß Ihr mir ſo in den Weg kämet. Nein, nein; Ihr müßt für den Jun⸗ gen da etwas aufſtecken— was ſoll aus ihm werden?“ „Wir ſtecken dann alle für ihn auf,“ entgegnete meine Mutter einfach—„Ihr ſowohl als Auſtin. Wir werden mehr übrig behalten, wenn wir beiderſeits mehr aufwenden 3. können. 4 e „Ah, übrig behalten!— dies iſt leicht geſagt. Da hä ich meine Freude am Uebrigbehalten!“ erwiederte der Ka⸗ pitän traurig. „Und was ſoll aus mir werden?“ rief Squills in gro⸗ ßem Verdruß.„Soll ich allein hier bleiben in meinem Al⸗ ter, ohne daß ich eine vernünftige Seele hätte, mit der ich ſprechen kann, oder einen andern Platz im Dorf, wo ein au ſag Se unt ſet mit die ein ſich ver auf kon blie drö ſtin gro Tri Uel kalt Va beei abe klich . iſſen, — Ver⸗ utter nſere e und n wir einer aft,“ r mir Jun⸗ E meine erden enden hätte r Ka⸗ gro⸗ m Al⸗ er ich o ein 547 Tröpflein anſtändigen Punſches zu haben wäre? Die Peſt auf eure beiden Häuſer, wie der Kerl letzthin in der Komödie ſagte.“ „In der Nachbarſchaft iſt Platz für einen Doktor, Mr. Squills,“ ſagte der Kapitän.„Ich weiß, der Arzt, welcher uns beräth, wünſcht ſein Geſchäft zu verkaufen.“ „Hum!“ verſetzte Squills—„wahrſcheinlich eine ent⸗ ſetzlich geſunde Gegend!“ „Sie hat leider dieſes Unglück, Mr. Squills; aber mit Eurer Hülfe,“ meinte mein Onkel ſchlau,„könnte in dieſer Beziehung bald eine große Veränderung zum Beſſern eintreten.“ Mr. Squills wollte eben etwas darauf erwiedern, als ſich von dem Gartenthore her ein ſo raſches, ungeduldiges, vertrautthuendes Klingeln vernehmen ließ, daß wir Alle auffuhren und uns gegenſeitig überraſcht anſahen. Wer konnte möglicherweiſe ſich ſo ungeberdig anmelden? Wir blieben nicht lange im Zweifel, denn im nächſten Augenblicke dröhnte Onkel Jacks Stimme, die ſtets ſehr klar und be⸗ ſtimmt war, durch die Halle. Noch ſahen wir einander mit großen Augen an, als Mr. Tibbets mit einem nagelneuen Tröſter um den Hals und einem ganz beſonders gemächlichen Ueberrock— ebenfalls neu vom beſten Doppelſächſiſchen — in das Zimmer ſtürzte und eine ſehr beträchtliche Menge kalter Luft mitbrachte, die er zuerſt in den Armen meines Vaters und dann in denen meiner Mutter aufzuthauen ſich beeilte. Auch gegen den Kapitän nahm er einen Anlauf; aber dieſer verſchanzte ſich hinter dem Drehtiſch mit einem: 35* „Hem! Mr.— Sir— Jack— Sir— hem— hem!“ Da es Mr. Tibbets hier nicht gelang, ſo rieb er den noch vorhandenen Reif auf ſeinem Doppelſachſen an meiner We⸗ nigkeit ab, klopfte Saquills vertraulich auf den Rücken und nahm dann ſeine Lieblingsſtellung vor dem Feuer ein. „Das nenne ich eine Ueberraſchung!“ ſagte Onkel Jack, ſich vor dem Kamine ausſchälend.„Doch nein— nicht Ueberraſchung; ihr kennt ja Jacks Herz— Ihr wenigſtens, Auſtin Caxton, der Ihr Alles wißt, müßt geſehen haben, daß es von den liebevollſten und brüderlichſten Regungen überſtrömte. Sobald ich aus jenem verwünſchten Fleet be⸗ freit war(Ihr könnt Euch gar keine Vorſtellungen machen, was dies für ein Platz iſt, Sir), hatte ich weder bei Tag, noch bei Nacht Ruhe, bis ich arme, verwundete Taube hieher fliegen konnte nach dem theuren Familienneſt,“ fügte Onkel Jack pathetiſch bei, indem er ſein Taſchentuch aus dem Doppelſachſen herauslangte, welchen er über meines Vaters Lehnſtuhl geworfen hatte. Keine Sylbe der Erwiederung auf dieſe beredte An⸗ ſprache mit ihrer rührenden Peroration. Meine Mutter ſenkte ihren hübſchen Kopf, und Scham ſprach ſich aus in ihrer Miene. Onkel Roland hatte ſich ganz in die Ecke geflüchtet und den Drehtiſch nachgezogen, ſo daß er ſich hinter einem vollſtändigen Bollwerk befand. Mr. Squills nahm die Feder auf, die Roland weggeworfen hatte und begann wüthend daran zu beſſern— das heißt, ſie in Splitter zu ſchneiden — dadurch ſymboliſch andeutend, wie er mit Onkel Jack umgehen würde, wenn er ihn einmal feſt und ſicher unter ſein ba ſch rer der ger ſell gel ſch au Sc vol kun liſt ne wü übe Die haß ſein den Abe tali m!“ noch We⸗ und Jack, nicht tens, ben, ngen t be⸗ hen, Tag, eher nkel dem ters An⸗ nkte hrer htet nem eder hend iden Jack ſein 549 chirurgiſches Meſſer bekäme. Ich beugte mich über den Stamm⸗ baum, und mein Vater rieb ſeine Brille ab. Das Schweigen würde jeden andern Menſchen einge⸗ ſchüchtert haben; aber Onkel Jack war nicht ſo leicht zu Paa⸗ ren zu treiben. Onkel Jack wandte ſich dem Feuer zu und wärmte zuerſt den einen, dann den andern Fuß. Nach Vollendung dieſer gemächlichen Ceremonie kehrte er ſich wieder gegen die Ge⸗ ſellſchaft und begann gedankenvoll, als ob er auf einige ein⸗ gebildete Vorſtellungen antworten müſſe: „Ja, ja— Ihr habt hierin Recht— und die Ge⸗ ſchichte hat ſich als eine verteufelt unglückliche Spekulation ausgewieſen. Aber der Kerl, der Peck, überſchrie mich. Sage ich zu ihm— ſage ich— Kapitaliſt? Pah— kein volksthümliches Intereſſe darin— ſpricht das große Publi⸗ kum nicht an! Sehr eng beiſammen die Klaſſe der Kapita⸗ liſten; beſſer ſich keck an's Volk wenden. Ja, ſagte ich, nennt es den Antikapitaliſten. Beim Jupiter, Sir, wir würden Alles vor uns niedergeworfen haben; aber ich wurde überſchrien. Der Antikapitaliſt— welch ein Gedanke! Dies hätte der ganzen Leſewelt gegolten, Sir. Jedermann haßt die Kapitaliſten— Jedermann möchte gern das Geld ſeines Nächſten haben. Der Antikapitaliſt— Sir, in den Fabrikſtädten wären wir aufgekommen wie ein Lauffeuer. Aber was konnte ich machen?“— „John Tibbets,“ ſagte mein Vater feierlich,„Kapi⸗ taliſt oder Antikapitaliſt, Du hatteſt ein Recht, ſo wie ſo Deiner Neigung zu folgen, aber ſtets vorausgeſetzt, daß es 55⁰ mit Deinem eigenen Gelde geſchah. Du betrachteſt die Sache nicht im rechten Geſichtspunkte, John Tibbets, und ein we⸗ nig Reue denen gegenüber, welche Du ſo ſchwer in Nachtheil gebracht haſt, würde dem Sohne Deines Vaters und dem Bruder Deiner Schweſter nicht übel anſtehen!“ Nie war ein ſo ſchwerer Vorwurf über Anſtin Cax⸗ ton's milde Lippen gegangen, und mit einem mitleidigen Schauder erhob ich meine Augen, erwartend, John Tibbets werde allmälig verſinken und durch den Teppich verſchwinden. „Reue?“ rief Onkel Jack, indem er aufſprang, als ſey er von einer Kugel getroffen worden.„Und glaubt Ihr, ich habe ein Herz von Kieſel, von Bimsſtein?— Glaubt Ihr, ich bereue nicht? Ich habe nichts gethan, als bereut — und werde bereuen bis zu meinem Sterbetage.“ „Dann iſt nichts mehr darüber zu ſagen, Jack,“ rief mein Vater erweicht, indem er ihm ſeine Hand entgegenhielt. „Ja!“ rief Mr. Tibbets, die Hand erfaſſend und an das Herz drückend, welches er von dem Verdachte, es könnte von Bimsſtein ſeyn, in ſo nachdrücklicher Weiſe gereinigt hatte—„Ja— daß ich dieſem donnerköpfigen, ſpitzbübiſchen, filzigen Peck traute— daß ich ihm trotz meiner entgegenge⸗ ſetzten Ueberzeugung geſtattete, die Zeitung den Kapitali⸗ ſten zu nennen, während doch der Anti—“ „Pah!“ unterbrach ihn mein Vater, der jetzt ſeine Hand wieder zurückzog. „John,“ ſagte meine Mutter ernſt und mit von Thränen erſtickter Stimme,„Du vergißſt, wer Dich aus dem Ge⸗ Sache nwe⸗ theil dem Cax⸗ digen bbets nden. als Ihr, aubt ereut rief hielt. d an nnte inigt chen, enge⸗ a li⸗ ſeine änen Ge⸗ 55¹ fängniß erlöst hat— Du vergißſt, wen Du beinahe ſelbſt dem Gefängniß überantworteteſt, Du verg—“ „Bſt— bſt!“ fiel mein Vater ein,„laß dieß; denn Du bedenkſt nicht, meine Liebe, welche Verpflichtungen wir gegen Jack haben. Allerdings iſt durch ihn mein Vermögen um die Hälfte geſchmälert worden; aber ich glaube in der That, er hat die drei Herzen, in welchen meine wahren Schätze liegen, zweimal ſo groß gemacht, als ſie vorher waren. Piſiſtratus, mein Sohn, zieh' die Klingel.“ „Meine liebe Kitty,“ rief Jack in wimmerndem Tone, indem er ſich an die Seite meiner Mutter ſchlich,„ſey nicht ſo hart gegen mich. Ich hoffte, das Glück von Euch allen zu machen. Ja wahrhaftig.“ Hier trat der Bediente ein. „Sorgt dafür, daß das Gepäcke des Mr. Tibbets auf ſein Zimmer gebracht und daſelbſt ein gutes Feuer ange⸗ ſchürt werde,“ ſagte mein Vater. „Und ich werde noch Euer Glück machen,“ fuhr Jack hochtrabend fort.„Ich habe es hier!“ Und er ſchlug mit der Hand an ſeine Stirne. „Halt einen Augenblick,“ rief mein Vater dem Be⸗ dienten zu, welcher nach der Thüre zurückgekehrt war.„Halt einen Augenblick,“ fügte er mit der Miene großen Schreckens bei.„Vielleicht zieht Mr. Tibbeis das Wirthshaus vor?“ „Auſtin,“ entgegnete Onkel Jack mit Erregung,„wenn ich ein Hund wäre ohne eine andere Heimath, als eine Hundehütte, und Du kämeſt zu mir um ein Obdach, ſo 552 würde ich hinauskriechen, um Dir das Beſte von dem Stroh zu überlaſſen!“ Dies brachte meinen Vater ganz und garzum Schmelzen. „Primmins wird dafür ſorgen, daß Mr. Tibbets Alles behaglich findet,“ ſagte er, mit der Hand dem Bedienten zuwinkend.„Etwas Gutes zum Nachteſſen, liebe Kitty— und den größten Punſchnapf. Du trinkſt doch den Punſch gerne, Jack?“ „Punſch, Auſtin!“ verſetzte Onkel Jack, indem er ſein Taſchentuch nach den Augen brachte. Der Kapitän ſchob den Drehtiſch bei Seite, ſchritt durch das Zimmer und drückte Onkel Jack die Hand; meine Mutter verbarg das Antlitz in ihrer Schürze und verließ ſchnell das Zimmer, während Saquills mir in's Ohr raunte: „Alles eine Folge der Gallenentleerungen. Wer ver⸗ möchte ſich auch dies zu erklären, wenn er nicht bekannt wäre mit der eigenthümlich ſchönen Organiſation von Eures Vaters— Leber?“ wölfter Abſchnitt. Erſtes Kapitel. Die Hegira iſt vollendet— wir alle ſind in dem t Thurme aufgeſeſſen. Ein Wagen hat die Bücher meines roh en. lles ten iſch ein ritt ine ieß te: er nnt res ten 553 Vaters nachgeführt, und ſie befinden ſich jetzt ruhig an ihrem neuen Aufenthaltsort, indem ſie das Zimmer, welches ihrem Eigenthümer gewidmet iſt, nebſt dem Schlafgemach und zwei Vorſtuben ausfüllen. Auch die Ente iſt unter dem Fittich der Miſtreß Primmins angelangt und hat ſich ſchon mit dem Fiſchweiher befreundet, neben welchem ein Weg meinen Vater für die Pfirſichmauer entſchädigt, um ſo mehr, da der wackere Mann bereits in Bekanntſchaft ge⸗ treten iſt mit einigen achtbaren Karpfen, welche, nachdem er die Ente abgefertigt hat, ſich von ihm füttern laſſen— ein Vorrecht, auf welches er natürlich ſich viel zu gut thut, da die Karpfen im Nu verſchwinden, ſobald ſich Jemand an⸗ ders nähert. Alle Vorrechte ſind natürlich nur im Verhält⸗ niſſe der Ausſchließlichkeit ihres Beſitzes werthvoll. Von dem Augenblick an, als der erſte Karpfe das von meinem Vater ihm zugeworfene Brod aufgezehrt hatte, faßte Mr. Auſtin Carton den Beſchluß, daß ein ſo vertrauensvolles Geſchlecht nie der Ceres und Primmins geopfert werden ſollte. Aber alle Fiſche auf meines Onkels Eigenthum ſtanden unter der beſondern Obhut des Proteus Bölt, und dieſer war nicht der Mann, von welchem zu erwarten ſtand, er werde die Karpfen ihr Brod verzehren laſſen, ohne daß ſie ihren vollen Antheil zu den Bedürfniſſen des Gemeinwe⸗ ſens beitrügen. Doch, wie der Herr, ſo der Diener! Bolt war ein ſo eingefleiſchter Ariſtokrat, wie nur je Einer den Laternenpfahl geziert hat. Er überbot ſogar Roland in der Achtung vor klangvollen Namen und alten Familien, und durch dieſen Köder fing ihn mein Vater mit ſolcher Ge⸗ 554 ſchicklichkeit, daß man glauben muß, wenn Auſtin Carton ein Fiſcher geweſen wäre, ſo müßte er zu jeder Tageszeit, bei Sonnenſchein oder Regen, ſeinen Korb voll gehabt haben. „Ihr bemerkt, Bolt,“ begann mein Vater mit ſchlauer Einleitung,„daß dieſe Fiſche, ſo dumm ſie Euch auch viel⸗ leicht vorkommen, Geſchöpfe ſind, welche zu ſchließen ver⸗ mögen; denn da ſie ſehen, wie ſie bei aller ihrer Höflichkeit gegen mich von Euch decimirt werden, ſo ſtecken ſie Paar⸗ weiſe die Köpfe zuſammen und wollen nichts mehr von mei⸗ ner Bekanntſchaft wiſſen.“ „Dies iſt gerade ſo einfältig nicht von ihnen,“ ver⸗ ſetzte Bolt.„In der That, mancher gute Chriſt iſt nicht halb ſo klug.“ „Der Menſch iſt ein Thier,“ antwortete mein Vater ge⸗ dankenvoll,„der oft weit weniger zu ſchließen vermag, als viele Geſchöpfe, von denen man gemeiniglich annimmt, ſie ſeyen ihm untergeordnet. Ja, laßt nur Einen von dieſen Cy⸗ priniden mit ihrem feinen Sinn für Logik wahrnehmen, daß ihre Mitſiſche beim Brodeſſen plötzlich aus ihrem Ele⸗ ment geriſſen werden und für immer verſchwinden, ſo mögt Ihr einen ganzen Laib in Krumen zerbröckeln— das Thier wird gleichwohl in verſtändiger Geringſchätzung mit dem Schwanz nach Euch ſchnalzen. Wenn ich ſo ſyllogiſtiſch ge⸗ weſen wäre,“ fuhr mein Vater im Selbſtgeſpräch fort, „wie dieſe ſchuppigen Logiker, ſo würde ich nicht jene Angel verſchluckt haben, die,— hum! es iſt einmal ſo, und je we⸗ niger man darüber ſpricht, deſto beſſer iſt's. Um jedoch auf die Cypriniden zurückzukommen, Mr. Bolt—“ 555 „Was iſt doch dies für ein harter Name, mit welchem Euer Ehren die Karpfen da bezeichnet?“ fragte Bolt. „Cypriniden, eine Familie aus der Abtheilung Ma⸗ lacoptergii Abdominales,“ verſetzte Mr. Caxton;„ihren Zähnen nach nähern ſie ſich den Pharyngäern, und ſie haben nur wenige Branchioſtegenſtrahlen— Merkmale der Unter⸗ ſcheidung von gemeinen Raubſiſchen.“ „Sir,“ ſagte Bolt mit einem Blicke nach dem Weiher, „wenn ich gewußt hätte, daß ſie eine Familie von ſolcher Wichtigkeit ſind, ſo würde ich ſie zuverſichtlich mit mehr Achtung behandelt haben.“ „Sie ſind eine ſehr alte Familie, Bolt, und haben ſich ſchon ſeit dem vierzehnten Jahrhundert in England ſeßhaft gemacht. Ein jüngerer Zweig davon ſchlug ſeinen Wohnſitz auf in einem Teich der Gärten von Peterhof— dies iſt der berühmte Palaſt Peter des Großen, Bolt, eines Kaiſers, der bei meinem Bruder hoch in Achtung ſteht, denn er tödtete eine Menge Menſchen ſehr glorreich in der Schlacht, deren nicht zu gedenken, welche er zu ſeiner Privatbeluſti⸗ gung niederſäbelte. In dem kaiſerlichen Haushalt befindet ſich ein Beamter oder Diener, deſſen Aufgabe darin beſteht, durch das Läuten einer Glocke dieſe ruſſiſchen Cypriniden zum Diner zu rufen, und dann kann man ſehen, wie der Kaiſer und die Kaiſerin mit ihrem ganzen Hofſtaat in Equi⸗ pagen herbeifahren, um Zeugen zu ſeyn, wie ſtattlich die Cypriniden ihr Mahl verzehren. Ihr bemerkt alſo, Bolt, daß es ein republikaniſches und jakobiniſches Verfahren wäre, die Mitglieder einer Familie, welche bei dem königlichen 556 Geblüt in ſo hoher Achtung ſteht, in die Bratpfanne zu werfen.“ „Du meine Güte, Sir!“ erwiederte Bolt,„es iſt mir ſehr lieb, daß Ihr mir dies geſagt habt. Ich hätte übrigens wiſſen können, daß es gentile Fiſche ſeyn müſſen, weil ſie ſo mächtig ſcheu thun— gerade ſo, wie alle vom ächten Schlage.“ Mein Vater lächelte und rieb ſich leicht die Hände. Er hatte ſeine Abſicht erreicht, und fortan waren die Cyprini⸗ den von der Abtheilung Malacoptergii Abdominales in Bolts Augen ſo heilig, wie die Katzen und Ichneumone in denen eines Prieſters von Theben. Mein armer Vater! mit welcher ächten und anſpruchs⸗ loſen Philoſophie fügteteſt du dich in den größten Wechſel, den dein ruhiges, harmloſes Leben erfahren hatte, ſeit es herausgeſchritten war aus dem engen Glutkreis der Leiden⸗ ſchaften. Die Heimath war dahin— eine Heimath, dir ſo theuer durch viele geräuſchloſe Siege des Geiſtes— durch die mannigfaltigen ſtummen Erlebniſſe des Herzens— denn nur der Gelehrte weiß, welcher tiefe Zauber in der Ein⸗ tönigkeit, in den alten Gewohnheiten und in dem gleichför⸗ migen Uhrengang einer friedlichen Zeit liegt. Allerdings kann eine Heimath wieder erſetzt werden— das Herz baut ſie ſich überall neu— und der alte Thurm bietet vielleicht Erſatz für den Verluſt des Ziegelhauſes, während der Spa⸗ ziergang an dem Fiſchweiher dir wohl ebenſo theuer werden kann, wie der an der ſonnigen Pfirſichmauer. Aber was kann dir den glänzenden Traum deines unſchuldigen Ehr⸗ geizes zurückgeben— dieſe Engelsſchwinge, welche über 557 deinem Mannesalter glänzte in der Stunde zwiſchen dem Mittag und dem Niedergang? Was erſetzt dir das magnum opus— das große Buch— dieſen ſchönen, weithin ſich breitenden Baum, der einſam ſtand inmitten der gleichför⸗ migen Landſchaft, jetzt aber mit den Wurzeln ausgeriſſen iſt! Der Sauerſtoff wurde deiner Lebensluft entzogen. Denn erfahre, o theilnehmender Leſer, daß mit dem Tode der Antibuchhändlergeſellſchaft die Blutſtröme des großen Bu⸗ ches ſtille ſtanden; ſein Puls verſiegte, und ſein volles Herz ſchlug nicht mehr. Dreitauſend Abzüge der erſten ſieben Bogen in Quart nebſt verſchiedenen unvollendeten anato⸗ miſchen, architektoniſchen und graphiſchen Platten: die unterſchiedlichen Entwicklungen des menſchlichen Schädels (dieſes Tempels menſchlichen Irrthums), nachgewieſen an dem des Hottentoten bis zu dem des Griechen; Skizzen alter Gebände, cyklopiſch und pelasgiſch; Pyramiden und Pur⸗ tore— lauter Abzeichen der Racen, deren Handſchriften ſich auf den Mauern befanden; Landſchaften, um den Ein⸗ fluß der Natur auf die Gewohnheiten, die Glaubensbekennt⸗ niſſe und die Philoſophie der Menſchen zu zeigen(wie zum Beiſpiel die weiten chaldäiſchen Wüſten zu der Betrachtung der Sterne führten), und Illuſtrationen des Zodiacus, um die Geheimniſſe der Symbolenverehrung zu beleuchten; phantaſtiſche Erdabriſſe, friſch von der Sündfluth, dazu die⸗ nend, einem frühen Aberglauben Ehrfurcht einzuflößen vor den rohen Gewalten der Natur; Anſichten der Felſenpäſſe von Laconien; Sparta und in deſſen Nähe das ſtille „Amyeclä,“ ſo zu ſagen, geographiſch die ehernen Sitten der Kriegerkolonien erklärend(ein Erztoryſtaat inmitten des wechſelnden Getümmels helleniſcher Demokratien), im Ge⸗ genſatz zu den Meeren, Küſten und Buchten Athens und Joniens, welche zu Abenteuern, Handel und Ortsveränderung verlockten. Ja, mein Vater hatte in ſeinen Andeutungen gegen den Verfertiger der wenigen unvollkommenen Platten ſo viel Licht auf die Kindheit der Erde und ihrer Geſchlech⸗ ter geworfen, als durch die„glänzenden Worte,“ die dem ruhigen Sternenhimmel ſeines Wiſſens entſtrömten! Platten und Abzüge, Alles ruhte nun in Staub und Frieden— „von Dunkelheit umhüllt und Tod“— auf den grabartigen Simſen eines Vorgemachs, wo kein Sonnenſtrahl die un⸗ vollendeten Welten beſchien. Der Prometheus war gefeſſelt, und das vom Himmel geſtohlene Feuer lag eingebettet in den Geſteinen ſeines Felſen. Denn ſo koſtbar war die Form, in welche Onkel Jack und die Antibuchhändlergeſellſchaft dieſe Darlegung des Menſchlichen Irrthums zu gießen ge⸗ wußt hatten, daß jeder Buchhändler ſchon bei dem Anblick ſcheu zurückwich, wie eine Eule vor dem Tageslicht oder der menſchliche Irrthum vor der Wahrheit. Vergeblich hatten Squills und ich vor unſerem Abgange von London ein rie⸗ ſiges Eremplar des magnum opus in den Hinterſtübchen der reichſten und unternehmendſten Firmen herumgetragen. Buch⸗ händler um Buchhändler fuhr zurück, als hätte man ihm eine Piſtole vor das Ohr gehalten. Ganz Paternoſter Row ſtieß ein„Gott behüte uns!“ aus. Der Menſchliche Irr⸗ thum fand Niemand, der in ſo ausgezeichnetem Grade ſein Opfer geweſen wäre, um dieſe beiden Quartbäͤnde, welche 559 noch zwei weitere in Ausſicht ſtellten, auf eigene Koſten zu vervollſtändigen. Nun hatte ich ernſtlich gehofft, mein Vater werde ſich um der Menſchheit willen bereden laſſen, einen Theil— vielleicht einen nicht geringen— des ihm übrig gebliebenen Kapitals auf den Schluß eines ſo prachtvoll begonnenen Unternehmens zu verwenden; aber er blieb hierin unerbittlich. Keine hohen Worte von Menſchheit und Vortheilen für die ungebornen Geſchlechter vermochten ihn auch nur einen Zoll weiter zu bringen.„Poſſen!“ pflegte Mr. Carton verdrießlich zu ſagen.„Die Pflicht eines Man⸗ nes für die Menſchheit und die Nachwelt beginnt bei ſeinem Sohne, und nachdem ich die Hälfte Deines Erbtheils in die Winde geworfen habe, will ich von dem armſeligen Ueberreſt nicht noch einen gewaltigen Brocken abſchneiden, um meine Eitelkeit zu befriedigen. Denn dies iſt doch die einfache Wahrheit in der Sache. Der Menſch muß für ſeine Sünden durch Buße Genugthuung leiſten; mit dieſem Buche habe ich geſündigt, und es ſoll daher das Sühnopfer wer⸗ den. Laßt die Bogen nur an ihrem Platze, damit wenig⸗ ſtens Ein Menſch weiſer und demüthiger werde durch den Anblick des menſchlichen Irrthums, ſo oft er an einem ſo ungeheuerlichen Denkmale deſſelben vorübergeht.“ Ich weiß in der That nicht, wie es meinem Vater mög⸗ lich wurde, den Anblick dieſer ſtummen Trümmer ſeiner ſelbſt zu ertragen— eine Schichte der Carton'ſchen Formation auf der andern, als ſeyen ſie gepackt und aufbewahrt für den forſchenden Genius irgend eines moraliſchen Murchiſon oder Mantell. Was mich betrifft, ſo konnte ich ſie nie in 560 ihrer dunkeln Ruhe ſehen, ohne dabei zu denken—„Muth, Piſiſtratus, Muth! Es gibt etwas für Dich, was ſich der Mühe des Lebens verlohnt. Sey unermüdlich thätig, werde reich, und das große Buch ſoll zuletzt doch noch heraus⸗ kommen.“ Mittlerweile durchwanderte ich die Gegend und knüpfte Bekanntſchaften an mit den Bauern und mit Trevanions Verwalter, der ein ſehr tüchtiger Mann und ein treff⸗ licher Landwirth war. Auf dieſe Weiſe gewann ich nach⸗ gerade eine beſſere Anſicht von der Beſchaffenheit der de Carton'ſchen Domänen. Sie erſtreckten ſich über einen weiten Flächenraum, obſchon ſie vor der Hand, mit Aus⸗ nahme eines kleinen Maierhofes, von keinem Werth waren. Land derſelben Art war kürzlich durch einen einfachen Ent⸗ wäſſerungsprozeß, der jetzt in Cumberland wohl bekannt iſt, in nutzbaren Boden umgewandelt worden, und mit Kapital ließen ſich Rolands öde Moorgründe zu einem ſtattlichen Eigenthum heranbilden. Aber woher ſollte das Kapital kommen? Die Natur gibt uns Alles, nur die Mittel nicht, ihr eine markbare Bedeutung zu geben— wie der alte Plau⸗ tus ſo witzig ſagt:„Tag, Nacht, Waſſer, Sonne und Mond ſind umſonſt zu was das übrige betrifft— weg mit dem Staub!“ uth, der erde aus⸗ ipfte ions reff⸗ tach⸗ r de inen Aus⸗ ren. Ent⸗ t iſt, ital chen ital icht, lau⸗ ond mit 56⁴ Zweites Kapitel. Onkel Jack ließ Nichts von ſich hören. Ehe wir das Backſteinhaus verließen, lud ihn der Kapitän nach dem Thurm ein— wie ich vermuthe, mehr um meiner Mutter ein Kompliment zu machen, als weil ihn ſeine eigene Nei⸗ gung dazu bewog; aber Mr. Tibbets antwortete mit einer höflichen Ablehnung. Während ſeines Aufenthalts in unſe⸗ rer alten Heimath hatte er eine Menge Briefe erhalten und geſchrieben— einige der erſteren lagen in der That noch auf dem Poſtbureau des Dorfes unter den alphabetiſchen Adreſſen A B oder 4 P; denn kein Mißgeſchick war je im Stande, Onkel Jacks Thatkraft zu lähmen. Allerdings verſchwand er im Winter der Widerwärtigkeit, aber ſelbſt im Verſchwinden vegetirte er noch fort. Er glich jenen Algen, Protococci nivales genannt, welche dem ſie bergen⸗ den Polarſchnee eine roſenrothe Farbe verleihen und uner⸗ wartet aufblühen mitten in der allgemeinen Auflöſung der Natur. Onkel Jack war damals ſo regſam und hoffnungs⸗ voll, wie nur je, obgleich er in unbeſtimmten Winken ſeine Abſicht zu erkennen gab, fortan die allgemeine Sache ſeiner Nebenmenſchen fallen zu laſſen und rein für eigene Rechnung zu handeln— ein Vornehmen, über das mein Vater viel Vergnügen ausdrückte und dadurch meinen Glau⸗ ben an ſeine Philanthropie ſehr erſchütterte. Auch vermuthe ich ſehr, daß Onkel Jack, als er ſich in ſeinen Doppel⸗ ſachſen wickelte und endlich von dannen ging, etwas mehr mit ſich fortnahm, als blos meines Vaters gute Wünſche, da Bulwer, die Caxtone, 36 562 ihm dieſe bei ſeiner Bekehrung zu einer ſo egviſtiſchen Phi⸗ loſophie keinen ſonderlichen Vorſchub geleiſtet haben würden. „Dieſer Menſch kömmt doch noch auf,“ ſagte mein Vater, als wir Onkel Jack zum letztenmal im Cabriolet der Poſtkutſche neben dem Poſtknecht aufſtehen ſahen— zum Theil um uns, die wir noch an dem Thore ſtanden, mit der Hand zuzuwinken, zum Theil, um ſichs in dem ſechskragigen Ueberrocke, den ihm der Kutſcher geborgt hatte, bequemer zu machen. „Glaubt Ihr dies wirklich, Vater?“ fragte ich zwei⸗ felnd.„Und warum ſeyd Ihr dieſer Anſicht?“ Mr. Caxton.— Wegen ſeiner Katzennatur— er purzelt ſo leicht. Wirf ihn von dem Thurm der Sankt Pauls⸗ kirche herunter, und das Nächſtemal wirſt Du ihn ſchon wie⸗ der nach der oberſten Spitze des Monuments hinanklettern ſehen. Piſiſtratus.— Aber auch die zäheſte Katze hat nur neun Leben, und Onkel Jack muß in dem achten ſchon weit vorangeſchritten ſeyn. Mr. Caxton(nicht auf dieſe Antwort achtend, den er hat bereits ſeine Hand in die Weſte geſteckt).— Apu⸗ lejus ſagt in ſeiner Abhandlung über die Philoſo⸗ phie des Plato, die Erde beſtehe aus rechtwinkligen, Feuer und Luft aber aus ſchiefwinkligen Dreiecken, deren Winkel, wie ich kaum zu ſagen brauche, ſehr verſchieden ſind. Nun glaube ich, daß es in der Welt Menſchen gibt, die man nur richtig beurtheilen kann, wenn man auf ihre ur⸗ ſprüngliche Bildung dieſen mathematiſchen Grundſatz an⸗ we her das bil tio den iſt reg wä Mi beh hen ſey ged ſchi gar ſche Ja und hof mel mit Tu De ſche glü irden. mein et der zum it der gigen er zu zwei⸗ — er auls⸗ wie⸗ ttern t nur weit denn Apu⸗ oſo⸗ igen, eren eden die 563 wendet; ſofern Luft oder Feuer in unſerer Natur vor⸗ herrſcht, ſind wir ſchiefwinklige Dreiecke— hat die Erde das Uebergewicht, ſo ſind wir nach dem rechten Winkel ge⸗ bildet. Da ſich nun die Luft ſo merkwürdig in Jacks Forma⸗ tion kundgibt, ſo muß er nolens volens im Einklange mit dem bei ihm vorherrſchenden Element geſchaffen ſeyn. Er iſt ein ſchiefwinkliges Dreieck und muß daher auch nach un⸗ regelmäßigen, ſchiefſeitigen Grundſätzen beurtheilt werden, während Du und ich als gewöhnliche Sterbliche nach dem Muſter des in uns vorwaltenden Elements, der Erde, aus behaglichen und vollſtändigen rechtwinkligen Dreiecken beſte⸗ hen. Für dieſen Segen wollen wir der Vorſehung dankbar ſeyn und mit chriſtlicher Liebe diejenigen tragen, welche noth⸗ gedrungen windig und gaſig ſind wegen des unglücklichen ſchiefwinkligen Dreiecks ihrer Bildung, das, wie Du ſiehſt, ganz im Widerſpruch ſteht mit der mathematiſchen Be⸗ ſchaffenheit der Erde. Piſiſtratus.— Es freut mich ſehr, Vater, Onkel Jacks Eigenthümlichkeiten in einer ſo einfachen, leichten und verſtändlichen Weiſe erklären zu hören, obſchon ich hoffe, daß künftig die Seiten ſeines ſchiefen Dreiecks nicht mehr mit unſern rechten Winkeln zuſammenſtoßen. Mr. Carton(von ſeinen Stelzen herunterſteigend und mit einer Miene ſo milden Vorwurfs, als hätte ich an den Tugenden des Sokrates eine Makel gefunden).— Du thuſt Deinem Onkel Unrecht, Piſiſtratus. Er iſt ein ſehr ge⸗ ſcheidter Mann und— wie ich überzeugt bin, trotz der un⸗ glücklichen ſchiefen Winkel— guch ehrlich; das heißt(fügte 36* 564 Mr. Carton ſich ſelbſt verbeſſernd bei) nicht romanhaft oder herviſch ehrlich— ſondern ehrlich im gewöhnlichen Sinne, ſofern er nur lange genug ſeinen Kopf über dem Waſſer er⸗ halten kann. Du begreifſt übrigens wohl— ſelbſt wenn der beſte Mann von der Welt im Prozeſſe des Sinkens begriffen iſt, ſo haſcht er nach Allem, was ihm in den Weg kömmt, und zieht ſogar den Freund mit in die Tiefe, welcher herbei⸗ ſchwimmt, um ihn zu retten. Piſiſtratus.— Vollkommen wahr, Vater; aber Onkel Jack macht ſich ein Geſchäft daraus, immer zu ſinken. Mr. Caxton(mit Naivetät).— Und wie war dies anders möglich, ſo lange er alle ſeine Nebenmenſchen mit in den Hoſentaſchen herumſchleppte? Nun er dieſen Ballaſt los hat, ſollte es mich nicht Wunder nehmen, wenn er ſchwämme wie ein Kork. Piſiſtratus(der ſeit dem Antikapitaliſten ein ſtarrer Antijackianer geworden iſt).— Wenn Ihr aber wirklich der Anſicht ſeyd, Vater, Onkel Jacks Nächſtenliebe ſey lauter geweſen, ſo war dies in der That nicht die ſchlimmſte Seite an ihm. Mr. Carton.— O Wortklauber, der Du ſo blöde biſt gegen die ächte Logik einer attiſchen Ironie, begreiſſt Du denn nicht, daß ein Gefühl ächt und doch ſeiner Natur nach im Verhältniß zu andern unlauter ſeyn kann? Der Fall iſt doch denkbar, daß man ſeine Nebenmenſchen in Wahrheit zu lieben glaubt, obſchon man ſie verbrennen läßt wie Torquemada, oder zur Guillotine führt wie St. Juſt! Zum Glück gibt Jacks ſchiefwinkliges Dreieck, da es oder inne, rer⸗ der iffen nmt, vbei⸗ aber ken. dies it in los nme rrer der uter eite löde eifſt atur Der in men St. es 565 mehr der Luft, als dem Feuer entſtammt, ſeiner Philantro⸗ pie nicht jenen zündenden Charakter, welcher das Wohl⸗ wollen der Inguiſitoren und der Revolutionsmänner be⸗ zeichnet. Die Menſchenliebe nimmt daher eine luftigere, un⸗ ſchuldigere Form an und erſchöpft ihre Kraft im Beſteigen von papiernen Ballonen, in denen Jack ſich ſelbſt feſtſetzt mit allen jenen Mitgeſchöpfen, die er durch Schmeichelworte be⸗ wegen kann, an der Fahrt Theil zu nehmen. Ohne Zweifel iſt Onkel Jacks Philantropie aufrichtig, wenn er die Schnur abſchneidet und in unabſehbare Höhen ſich aufſchwingt; aber dieſe Aufrichtigkeit heilt keine von den Quetſchungen⸗ wenn er ſelbſt und ſeine Mitgeſchöpfe Hals über Kopf wieder herunterpurzeln. Ein Herz muß ſehr weit ſeyn, wenn es das ganze menſchliche Geſchlecht ſoll faſſen können— auch bedarf es einer ſtarken Muskulatur, um dieſe Ausdehnung zu ertragen. Es gibt allerdings ſolche Herzen, dem Himmel ſey Dank— und ſie verdienen volle Anerkennung; aber das des Onkel Jack iſt nicht von dieſer Beſchaffenheit. Er iſt ein ſchiefwinkliges Dreieck, kein Kreis. Und doch, wenn er es nur ein wenig zur Ruhe kommen läßt, ſo hat er ein gutes Herz— ein ſehr gutes Herz,“ fuhr mein Vater fort, in⸗ dem er in Anbetracht aller Dinge zu einer wahrhaft kind⸗ lichen Innigkeit erwarmte.„Der arme Jack! Wie ſchön er von ſich ſelbſt ſagte— wenn er ein Hund wäre und keine andere Heimath hätte, als eine Hundehütte, ſo würde er hinauskriechen und mir das Beſte des Strohs überlaſſen“ „Armer Schwager Jack.“ Damit endigte die Verhandlung, während Onkel Jack 566 wie der kurzſichtige Gentleman in dem Zuſchauer ſich aus⸗ eichnete, durch ein tiefes Schweigen. 3 8 Drittes Kapitel. Blanche hat es einzuleiten gewußt, daß ſie mir— zwar nicht in meinen rührigeren Unterhaltungen, wenn ich in der Gegend umherſtreiche und mich mit den Bauern be⸗ freunde— wohl aber in meinem ruhigeren häuslichen Trei⸗ ben Geſellſchaft leiſtet. Es weht ein ſtiller Zauber um ſie, der ſchwer zu beſchreiben iſt; aber er ſcheint aus einer Art eingebornen Mitgefühls mit den Launen und Stimmungen derjenigen hervorzugehen, welche ſie liebt. Iſt man heiter, ſo liegt in ihrem ſilbernen Lachen eine Lieblichkeit, welche der Frohſinn ſelbſt zu ſeyn ſcheint; iſt man aber traurig und verkriecht ſich in eine Ecke, um den Kopf mit den Händen zu verhüllen und ſeinen Gedanken nachzuhängen— ſieht man gelegentlich und juſt in den rechten Augenblick auf, wann die Gedanken überquellen und das Hetz ſich nach etwas Erfriſchendem und Kräftigendem ſehnt, ſo fühlt man zwei unſchuldige Arme um den Nacken— und der Blick begeg⸗ net Blanche's ſanften Augen voll der ſinnigſten, theilneh⸗ mendſten Innigkeit. Sie beſitzt dabei ſo viel Takt, nicht zu fragen; denn es iſt genug für ſie, zu leiden mit Deinem Leid— um weiter kümmert ſie ſich nicht. Ein ſeltſames Kind!— Furchtlos und doch ſo erpicht auf Dinge, welche Kindern Furcht einflößen— erpicht auf Etzählungen von ich be⸗ ie, lrt en er, che en ht uf, as vei eg⸗ eh⸗ em es Feen, Kobolden und Geiſtern, welche Mrs. Primmins friſch und neu aus ihrem Gedächtniß hervorzieht, wie ein Gauk⸗ ler ſiedendheiße Pfannkuchen aus ſeinem Hut herausholt. Und doch iſt Blanche in ihrer Unſchuld ſo ſicher, daß der⸗ gleichen Spucke nie ihre Träume in dem einſamen Stübchen beunruhigen, das voll iſt von finſtern Ecken und Niſchen, während der Wind um die einſamen Ruinen ſtöhnt und die Fenſterrahmen heißer raſſeln in der kerkerartigen Mauer. Sie würde ſich nicht geſcheut haben, im Dunkeln durch die ge⸗ ſpenſtiſche Veſte zu wandeln oder über den Kirchhof zu gehen um die Zeit, „Wo bei dem boshaft trügeriſchen Licht Des Mondes—“ die Grabſteine ſo geiſterhaft ausſehen und der Schatten der Eibenbäume ſo ruhig niederfällt auf den Raſen. Wenn Rolands Stirne am düſterſten iſt und aus den zuſammen⸗ gepreßten Lippen ſein Gram am peinlichſten ſpricht, ſitzt Blanche ſicherlich zu ſeinen Füßen und harrt des Augen⸗ blickes, in welchem mit einem ſchweren Seufzer die Mus⸗ keln erſchlaffen; und ſie darf ſeines Lächelns gewiß ſeyn, wenn ſie an ſeinem Knie hinanklettert. Es iſt allerliebſt, zufällig ihr zu begegnen, wenn ſie die verfallenen Thurmtreppen hinangleitet oder wenn ſie ſchweigſam in der Niſche eines zerbrochenen, ſcheibenloſen Fenſters ſteht; welche Gedanken unbeſtimmter Scheu und feierlicher Luſt mögen wohl unter dieſer ſtillen, kleinen Stirne thätig ſeyn? Sie faßt Alles ſchnell, was man ſie lehrt, und nimmt bereits die Erziehungskunſt meiner Mutter voll in Anſpruch. 568 Mein Vater mußte ſeine Bibliothek nach Büchern durch⸗ ſtören, um ihr Verlangen nach„weiterer Belehrung“ zu nähren(oder auszutilgen); daneben hat er ihr Unterricht im Franzöſiſchen und Italieniſchen verſprochen, freilich ſie auf die goldene Zeit eines ſchattenhaften„Gelegentlich“ ver⸗ tröſtend— aber auch dies fand eine ſo dankbare Aufnahme, daß man hätte glauben ſollen, Blanche halte den Telemach und die Novelle Morali für Puppenſtuben und Puppen. Gebe der Himmel, daß ſie mit beſſerem Erfolg durch das Franzöſiſche und Italieniſche komme, als dies unter Mr. Cartons Unterricht im Griechiſchen bei ſeinem Sohne der Fall war. Nach der Erklärung meiner Mutter, welcher hierin ein Urtheil zuſteht, hat ſie ein treffliches, muſikaliſches Gehör, und zum Glück lebt in einer vier Stunden entlegenen Stadt ein alter Italiener, der ein trefflicher Muſiklehrer ſeyn ſoll und wochentlich zweimal einen Umgang hält bei der benach⸗ barten Squirearchie. Ich habe ſie im Zeichnen unterrichtet — eine Kunſt, in der ich nicht ohne Geſchick bin— und ſie nahm bereits eine Skizze nach der Natur auf, die, wenn man von der Perſpektive abſieht, nicht ſo übel iſt; überhaupt verdankt ſie ihrem Naturinſtinkt die Idee des„Idealiſirens,“ was künftige Originalität verſpricht, und ſie hat der alten Rüſter, welche über den Strom hereinhängt, gerade den Zweig noch gegeben, welcher ihr fehlte, um ins Waſſer zu tauchen und die harten Umriſſe zu mildern. Meine einzige Furcht beſteht darin, Blanche möchte zu träumeriſch und nachdenkſam werden. Das arme Kind hat Niemand, mit dem es ſpielen kann, weshalb ich mich für ſie umſah, um ihr einen munteren jungen Hund zu verſchaffen, der vor allen ſitzenden Beſchäftigungen einen Abſcheu hat— ein kleines, kohlſchwarzes Wachtelhündchen, deſſen Ohren bis auf den Boden niederhängen. Ich gebe ihm den Namen „Juba“, Addiſon's Cato zu Ehren und in Berückſichtigung ſeiner ſchwarzen Locken und ſeiner mauritaniſchen Farbe. Blanche ſcheint bei ihrem Gleiten durch die Ruinen nicht mehr ſo luftig und elfenartig zu ſeyn, wenn Juba an ihrer Seite bellt und die Vögel aus dem Epheu ſcheucht. Eines Tages ſchritt ich in der leeren Halle auf und ab, und der Anblick der Rüſtungen und Porträts— ſtumme Be⸗ weiſe von dem rührigen und abenteuerluſtigen Leben der alten Bewohner, welche mir meine eigene thatloſe Dunkel⸗ heit vorzuwerfen ſchienen— hatte mich eben auf eines jener pegaſtaniſchen Steckenpferde geſetzt, auf welchen die Ju⸗ gend gern ſich gen Himmel aufſchwingt, Jungfrauen an den Felſen befreit und Gorgonen und Ungeheuer erlegt, als Juba hereinſprang und Blanche, den Strohhut in der Hand, ihm folgte. Blanche.— Ich dachte mir wohl, Du werdeſt hier ſeyn, Siſty. Darf ich bleiben? Piſiſtratus.— Ei, mein liebes Kind, der Tag iſt ſo ſchön; ſtatt ihn hinter den Thüren zu verlieren, ſollteſt Du mit Juba auf den Feldern herumlaufen. Juba.— Bau— wau! Blanche.— Willſt Du nicht mitkommen? Wenn 570 Siſty zu Hauſe bleibt, kümmert ſich Blanche nicht um die Schmetterlinge. Piſiſtratus ſieht, daß der Faden ſeiner Tagträume zer⸗ riſſen iſt, und fügt ſich mit der Miene der Ergebung. An der Thüre angelangt, bleibt Blanche ſtehen und macht ein Geſicht, als ob ihr etwas auf dem Herzen liege. Piſiſtratus.— Nun, was gibt's jetzt, Blanche? Warum machſt Du Knoten in Dein Band und zeichneſt mit der Spitze Deines geſchäftigen Füßchens unſichtbare Cha⸗ raktere auf den Boden? Blanche(geheimnißvoll).— Ich habe ein neues Zimmer gefunden, Siſty. Meinſt Du nicht, daß wir es an⸗ ſehen ſollten? Piſiſtratus.— O freilich, wenn es Dir nicht irgend ein Blaubart von Deiner Bekanntſchaft verboten hat. Wo iſt es? Blanche. Droben— links. Piſiſtratus.— Die kleine alte Thüre, zu welcher zwei ſteinerne Stufen hinunterführen und die immer ver⸗ ſchloſſen iſt? Blanche.— Ja, aber heute iſt ſie offen. Die Thüre war angelehnt und ich guckte hinein; mehr aber mochte ich nicht thun, bis ich Dich gefragt hatte, ob es nicht vielleicht unrecht ſey. Piſiſtratus.— Sehr ſchön von Dir, mein verſtän⸗ diges Bäschen. Ohne Zweifel iſt es eine Geiſterhalle. Unter Jubas Schutz übrigens können wir mit einander es ſchon wagen. die zer⸗ An ein he? mit e⸗ ues an⸗ end Wo cher er⸗ üre ich icht än⸗ lle. 574 Piſiſtratus, Blanche und Juba ſteigen die Treppe hinan und ſchlagen einen dunkeln Gang ein, der links von den bewohnten Zimmern abführt. Wir erreichen die Spitz⸗ bogenthüre, die rauh aus eichenen Planken zuſammenge⸗ nagelt iſt, drücken ſie auf und bemerken, daß eine kleine Treppe von dem Gemach abwärts führt, welches ſich un⸗ mittelbar über Rolands Schlafzimmer befindet. Das Gemach hat einen dumpfen Geruch und iſt wahr⸗ ſcheinlich der Lüftung wegen geöffnet worden, denn der Wind zieht durch das offene Fenſter herein, und auf dem Herd liegt ein brennendes Holzſcheit. Der Platz hat den an⸗ ziehenden Zauber einer Gerümpelkammer— denn ich wüßte nichts, was ſo viel Anſprechendes für die Phantaſie junger Leute beſäße. Welche Schätze für ſie liegen nicht oft unter den Siebenſachen verborgen, welche ältere Geſchlechter als unnütz bei Seite geſchafft haben! Alle Kinder ſind von Natur aus Alterthumsforſcher und Reliquienjäger. Gleich⸗ wohl herrſcht in der Art, wie die Gegenſtände untergebracht ſind, eine Ordnung und Genauigkeit, welche die Vorſtel⸗ lung von Gerümpel Lügen ſtraft— nichts von dem Moder und Staub, welche Dingen, die dem Verfall überlaſſen ſind, eine ſo wehmüthige Bedeutſamkeit verleihen. In der einen Ecke ſind Truhen und militäriſche Koffer von fremdartigem Ausſehen aufgehäuft, an deren Seiten, aus eingeſchlagenen Meſſingnägeln gebildet, die Buchſtaben R. D. C. ſich befinden. Mit unwillkührlicher Achtung wende ich mich von ihnen 572 ab und rufe Juba zurück, der ſich in Verfolgung einer eingebildeten Maus hinter ihnen eingekeilt hat. In der andern Ecke aber ſteht ein Stück Möbel, das mir eine Kinderwiege zu ſeyn ſcheint— allerdings keine engliſche; ſie iſt aus ſpaniſchem Roſenholz und hat an der Hinterſeite ein Geländer mit gewundenen Säulen. Ich würde das Geräth kaum für eine Wiege gehalten haben, wenn nicht das leichte Polſter und die kleinen Kiſſen ſeine Beſtimmung angedeutet hätten. An der Wand über der Wiege hingen allerlei kleine Gegenſtände, die vielleicht ehedem ein Kinderherz erfreut hatten— zerbrochenes Spielzeug mit abgeriebener Farbe, ein kleiner Säbel und ein Trompetchen, desgleichen einige zerriſſene, meiſtens ſpaniſche Bücher— ihrer Form und ihrem Ausſehen nach ohne Zweifel Kinderſchriften. Unfern davon ſtund auf dem Boden ein Bild, deſſen Vorderſeite der Wand zugekehrt war. Juba hatte die Maus, welche in ſeiner Einbildung fortexiſtirte, hinter dieſes Gemälde verfolgt, und während er ſich plötzlich zurückzog, fiel mir der Rahmen in die Hand, den ich vor dem Umſturz bewahrte. Als ich die Vorderſeite gegen das Licht kehrte, war ich nicht wenig überraſcht, blos ein altes Familienporträt zu finden; es war das eines Gentle⸗ man in dem geblümten Leibrock und der ſteifen Halskrauſe aus den Zeiten der Königin Eliſabeth— eines Mannes mit kühnem und edlem Geſichte. In der Ecke war ein verbliche⸗ nes Wappen angebracht, und unter demſelben las man die ner das ine der Ich en, ine ine eut be, ige tem von and ung er den eite los tle⸗ mſe mit che⸗ die 573 Inſchrift—„HERBERT DE CAXTON, EO: AbR: AETAT: 35.“ Als ich das Bild wieder gegen die Wand lehnte, be⸗ merkte ich auf der Hinterſeite der Leinwand einen Streifen von Rolands Schrift, obgleich in einer jüngeren und geläu⸗ figeren Hand. Die Worte lauteten:—„Der Beſte und Tapferſte unſeres Geſchlechts. Er focht an Sidneys Seite auf dem Feld von Zütphen und in Drake's Schiff gegen die ſpaniſche Armada. Wenn ich je einen—“ Der Reſt des Papierſtreifens ſchien abgeriſſen worden zu ſeyn. Ich wandte mich ab und machte mir beſchämende Vor⸗ würfe, daß ich ſo weit meiner Neugierde nachgegeben hatte — wenn anders das gewaltige Intereſſe, welches mich ſo ganz in Anſpruch nahm, einen ſo harten Namen verdiente. Ich ſah mich nach Blanche um; ſie war von meiner Seite nach der Thüre zurückgegangen, hielt die Hände vor ihre Angen und weinte. Als ich mich zu ihr hinſchlich, fiel mein Blick auf ein Buch, das ſeitwärts von dieſen Ueberreſten einer einſt reinen und heitern Kindheit neben dem Fenſter auf einem Stuhle lag. Aus den altmodiſchen Silberklampen erkannte ich Rolands Bibel, und es war mir, als hätte ich mich durch mein gedankenloſes Eindrängen einer Ent⸗ weihung ſchuldig gemacht. Ich zog Blanche mit mir fort, und wir ſtiegen geräuſchlos wieder die Treppe hinunter. Erſt als wir auf unſerem Lieblingsplätzchen, unter den Trüm⸗ mern auf dem Hügel der ritterſchaftlichen Gerichtsbarkeit, anlangten, ſuchte ich ihre Thränen wegzuküſſen und ſie nach der Urſache zu fragen. 574 „Mein armer Bruder,“ ſchluchzte Blanche.„Das müſſen ſeine Sachen geweſen ſeyn— und wir werden ihn nie, nie wieder ſehen!— Und des armen Papa's Bibel, in der er liest, wenn er ſehr, ſehr traurig iſt! Ich habe nicht genug geweint, als mein Bruder ſtarb. Jetzt weiß ich beſſer, was der Tod iſt. Armer Papa, armer Papa! Du mußt einſt auch ſterben, Siſty!“ Mit der Schmetterlingsjagd war es dieſen Morgen vorbei, und es ſtund lange an, ehe ich Blanche beruhigen konnte. Ueberhaupt ließen ſich die Spuren der Niederge⸗ ſchlagenheit in ihren ſanften Blicken viele, viele Tage be⸗ merken, und ſie fragte mich vft unter Seufzen:„Meinſt Du nicht, es ſey ſehr unrecht von mir geweſen, Dich dort⸗ hin zu nehmen?“ Arme, kleine Blanche, ächte Tochter Eya's — ſie wollte mich nicht den mir gebührenden Antheil an der Schuld tragen laſſen und hielt es ganz mit der adamiſti⸗ ſchen Gerechtigkeit der Urzeit—„das Weib verführte mich und ich aß.“ Von dieſer Zeit an ſchien Blanche noch liebevoller gegen ihren Vater zu werden und verläßt mich jetzt beinahe ganz, um ſich ſtets inniger und inniger an ihn anzuſchmie⸗ gen, bis er aufblickt und ſagt:„Mein Kind, Du biſt blaß; geh' und jage den Schmetterlingen nach.“ Dann ſagte ſie— nicht zu mir, ſondern zu ihm:„Komm auch mit!“ und zieht ihn hinaus in das Licht der Sonne, ohne ſeine Hand loszu⸗ laſſen. Von Rolands ganzem Geſchlecht war alſo dieſer Her⸗ bert de Carton der Beſte und Tapferſte geweſen und doch as hn in ht ch 575 hatte er dieſes Verfahren nie gegen mich erwähnt, nie ir⸗ gend einen Ahn in Vergleichung geſtellt mit jenem zweifel⸗ haften und mythiſchen Sir William. Ich erinnerte mich zwar, daß mir bei Durchgehung des Stammbaums der Name Herbert— der einzige Herbert in der Liſte— aufge⸗ fallen war und ich ihn fragte:„Was wißt Ihr von ihm, Onkel?“ Aber Roland murmelte etwas Unverſtändliches vor ſich hin und wandte ſich ab. Desgleichen entſann ich mich, daß ſich in Rolands Zimmer an der Wand eine Spur be⸗ fand, wo vordem ein Gemälde von gleicher Größe gehangen hatte. Es war ſchon vor unſerem erſten Beſuche entfernt worden und mußte Jahre lang da gehangen haben, um ein ſolches Merkzeichen zurückzulaſſen. Vielleicht hatte Bolt während Rolands langem Aufenthalt auf dem Feſtland ihm dort ſeine Stelle angewieſen.„Wenn ich je einen—“ wie mochten wohl die fehlenden Worte lauten? Ach, bezogen ſie ſich nicht vielleicht auf den Sohn, der zwar für immer fehlte, aber augenſcheinlich noch nicht vergeſſen war. Viertes Kapitel. Mein Onkel ſaß auf der einen, meine Mutter auf der anderen Seite des Kamins, und ich hatte zwiſchen beiden einen kleinen Tiſch, um das Ergebniß ihrer Beſprechung aufzuzeichnen; denn ſie hielten hohen Rath, das Zuſam⸗ menwerfen ihres Vermögens und den Beſchluß betreffend, was zu dem gemeinſchaftlichen Vorrath beigetragen, was 576 für die Civilliſte ausgeworfen und was als Amortiſations⸗ fond bei Seite gelegt werden ſollte. Nun hatte meine Mutter als ächtes Weib eine weibliche Vorliebe für eine anſpruchs⸗ loſe Schauſtellung und wollte in den Augen der Nachbar⸗ ſchaft auch„eine gentile Figur“ machen; ſechs Pence ſoll⸗ ten nicht nur ſoweit gehen, als es ſechs Pencen möglich war, ſondern dabei auch einen milden eindruckmachenden Glanz verbreiten— nicht etwa ein prachtvolles Funkeln, gleich dem des Nordlichtes, was kaum in den beſcheidenen Idiv⸗ ſyncraſien von ſechs Pencen lag— ſondern einen ſanften, wohlwollenden Schein, nur um zu zeigen, wo ein Sir⸗ penceſtück geweſen war, damit man ſagen konnte:„Siehe,“ bevor „der Schlund der Finſterniß es hat verſchlungen.“ Wie ich ſchon früher dem Leſer zu bemerken Gelegen⸗ heit fand, hatten wir auf ſolche Weiſe in der Umgebung un⸗ ſeres viereckigen Backſteinhauſes ſtets eine ſehr achtbare Stellung behauptet, ſo geſellig gelebt, als es die Gewohn⸗ heiten meines Vaters geſtatteten, und unſere kleinen Thee⸗ partien oder gelegentlich unſere Diners gegeben. Aller⸗ dings verſuchten wir dabei nicht, mit unſeren reicheren Nach⸗ barn wettzueifern; aber unter den wirthlichen Händen mei⸗ ner Mutter hatten die gut angewendeten ſechs Pence eine ſo ausgeſuchte Zierlichkeit, eine ſo denkwürdige Haushaltungs⸗ kunſt und eine ſo ſinnreiche Anordnung an den Tag gelegt, daß im Umkreis von zwei Stunden keine alte Jungfer lebte, die nicht unſere Theepartien für vollkommen erklärte. Ja ſelbſt die große Mrs, Rollick, die doch jährlich einer be⸗ 577 rühmten Köchin und Haushälterin vierzig Guineen be⸗ zahlte, pflegte regelmäßig, ſo oft wir in Rollick⸗Hall ſpeis⸗ ten, über den Tiſch hinüber ſich wegen des Erdbeerſaftes gegen meine Mutter zu entſchuldigen, die darüber bis zu den Ohren erröthete. Wenn wir wieder zu Hauſe waren, ſpielte allerdings meine Mutter auf das ſchmeichelhafte und zarte Compliment in einem Tyne an, welcher den Dünkel des menſchlichen Herzens verrieth; mein Vater aber pflegte — ſey es, um Kitty's Eitelkeit zum Sinne chriſtlicher De⸗ muth zu ernüchtern, oder in Folge der ſeltſamen Schlau⸗ heit, die ihm inwohnte— darauf zu erwiedern, daß Mrs. Rollick eine unzufriedene Natur ſey und kein Compliment gegen meine Mutter beabſichtigte, ſondern nur die aner⸗ fannte Köchin und Haushälterin gerne geärgert hätte, wel⸗ cher natürlich der Bediente die hämiſche Entſchuldigung ſogleich hinterbrachte. Bei der Ueberſiedelung nach dem Thurm und der Ueber⸗ nahme des Hausweſens war es meiner Mutter natürlich ſehr darum zu thun, daß beſagter Thurm, obgleich er nur ein ver⸗ witterter Invalide wax, dennoch ſein beſtes Bein voranſtellen ſollte. Ungeachtet der dünn bevölkerten Umgebung waren einige Karten an der Thüre abgegeben wordenz verſchiedene Einladungen, welche mein Onkel bisher abzulehnen pflegte, hatten ſeinen Aufenthalt in der alterthümlichen Ruine be⸗ grüßt, und waren um ſo zahlreicher, als die Nachricht von unſerer Ankunft in Umlauf kam, ſo daß meine Mutter ein ſehr paſſendes Feld für ihre Wirthſchaftskünſte vor ſich ſah — ein zureichender Grund für ihren Ehrgeiz⸗ daß der Thurm Bulwer, die Cartone. 37 578 ſeinen Kopf aufrecht halten ſollte, wie es einem Thurm ziemte, welcher das Haupt der Familie barg. um Dir übrigens nicht Unrecht zu thun, liebe Mutter, die Du ſo hübſch und nett dem grämlichen Kapitän gegen⸗ über ſitzeſt— Deine Schürze ſo weiß, Dein Haar ſo glatt und glänzend und Deine Morgenhaube mit den blauen Bändern ſo gefallſüchtig angeordnet, als fürchteſt Du, daß Dir die mindeſte Vernachläſſigung von Deiner Seite das Herz Deines Auſtin verlieren könnte— um Dir nicht Un⸗ recht zu thun, indem ich Deinen frauenhaften Träumen von den geſelligen Annehmlichkeiten des Lebens nur leichtfertige Beweggründe unterſtelle, muß ich ſagen, daß Dein Herz in ſeiner vorſorglichen Wärme bei den wirthſchaftlichen Ge⸗ danken, die ſich beſchäftigten, ebenſo viel betheiligt war, wie es nur je Deine Eitelkeit ſeyn konnte. Zuerſt und zuvörderſt war es der Wunſch Deiner Seele, daß Dein Auſtin ſo wenig als möglich an den Wechſel in ſeinen Vermögensverhältniſſen erinnert werde; er ſollte jene Unterbrechungen in ſeinen ab⸗ geſchiedenen Studien nicht vermiſſen, über die er allerdings ärgerlich zu thun und ſein Papae auszurufen pflegte, die aber gleichwohl günſtig auf ihn wirkten und den Strom ſeiner Gedanken erfriſchten. Und zunächſt war es die Ueber⸗ zeugutg Deines Verſtandes, daß ein wenig heitere Geſell⸗ ſchaft, das ſtolze Vergnügen im Zeigen der Ruine und der Vorſitz in der Halle ſeiner Ahnen Roland den düſteren Fräumereien entreißen würde, in welche er von Zeit zu Zeit verfiel. Und was drittens das junge Volk betraf— war für Blanche nicht der Umgang mit Kindern des eigenen Ge⸗ hurm utter, egen⸗ glatt lauen 1, daß e das t Un⸗ en von fertige erz in n Ge⸗ r, wie örderſt wenig tniſſen en ab⸗ rdings e, die Strom Ueber⸗ Heſell⸗ nd der üſteren u Zeit — war n Ge⸗ 579 ſchlechtes und Alters nöthig? Lag doch bereits in jenen ſchwarzen Augen etwas Melancholiſches und Brütendes, wie es in der Regel bei Kindern der Fall iſt, die nur mit älteren Perſonen in Berührung kommen; und was konnte für Pi⸗ ſiſtratus mit ſeinen veränderten Ausſichten und der einen nagenden großen Erinnerung im Herzen, die er zwar vor ſich ſelbſt zu verbergen ſuchte, aber einer Mutter gegenüber, die auch geliebt hatte, nicht zu verhüllen vermochte— was konnte für ihn wohl angemeſſener ſeyn, als ein Verkehr mit der umgebenden Welt, wie ihn bei aller Beſchränktheit der letzteren eine Frau, dieſe holde, Knüpferin aller geſelligen Bande, kunſtreich herbeizuführen wußte?— Du gingſt daher nicht, wie der unheimliche Florentin „Sopra lor vanita che par persona,“ über leichte Schatten, welche die Weſenheit wirklicher Ge⸗ ſtalten nachäfften, ſondern es waren vielmehr die wirk⸗ lichen Geſtalten, die als Schatten oder vanita auftraten. Welch eine Abſchweifung! Kann ich denn nie meine Ge⸗ ſchichte in einfacher, gerader Weiſe vorbringen? Ich muß wahrhaftig unter dem Zeichen des Krebſes geboren ſeyn, denn alle meine Bewegungen ſind weit ausholend, ſeitwärts gehend und krabbenartig. Fünftes Kapitel. „Ich denke, Roland,“ ſagte meine Mutter,„das Haus⸗ weſen iſt jetzt ganz in der Ordnung. Bolt gilt wenigſtens für drei Bediente, Primmins beſorgt die Küche und die 37* 580 Haushaltung und Molly iſt ein gutes, vühriges Mädchen — auch willig, obſchon ich mit dem armen Ding meihe MNoth habe, ſie zu überreden, daß ſie ſich nicht Auna Maria nennen laſſe. Der Lohn dieſer drei Perſonen macht nur eine kleine Summe aus, mein lieber Roland.“ „Hem!“ verſetzte Roland,„da wir nicht mit weniger Dienſtboten bei geringerem Lohn ausreichen können, ſo wer⸗ den wir, denke ich, die Summe wohl klein nennen müſſen.“ „Sie iſt es auch,“ ſagte meine Mutter mit milder Ent⸗ ſchiedenheit.„Und wenn wir noch das Wildpret, die Fiſche, den Ertrag des Gartens und Hühnerhofs, desgleichen die ei⸗ gene Schäferei in Anſchlag bringen, ſo wird der Aufwand für die Haushaltung nahe an nichts zu ſtehen kommen.“ „Hem!“ entgegnete abermals der ſparſame Roland mit einer leichten Furche auf ſeiner Stirne.„Er mag ſo nahe an Nichts ſtehen, Frau Schwägerin, wie ein Metz⸗ gerladen an Northumberland⸗Houſe; aber es iſt doch eine gewaltige Scheidewand zwiſchen Nichts und dem nächſten Nachbar, den Ihr ihm gegeben habt.“ Dieſe Redewendung glich ſo ganz denen meines Vaters und war eine ſo naive Nachahmung der von ihm pft ge⸗ brauchten rhetoriſchen Figur, welche man Anthana- elasis oder Wiederholung derſelben Worte in einem an⸗ dern Sinne nennt, daß ich lachte und meine Mutter lä⸗ chelte. Ihr Lächeln war jedoch ehrfurchtsvoll, und ſie dachte nicht an die AnthangelRsis als ſie ihre Hand auf Nolgſpe. Nn legte und in der noch fürchterlicheren Rede⸗ en ine ria iur nd ſo ine ten ers ge⸗ an⸗ lä⸗ hte auf de⸗ 58¹ figur, welche Epiphonema oder Zuruf heißt, erwie⸗ derte: „Und doch wolltet ihr bei all' Eurer Sparſamkeit haben⸗ daß wir—“ „Bſt!“ rief mein Onkel, das Epiphonem a mit einer meiſterhaften Aposiopesis oder einem Abbrechen der Rede abwehrend.„Bſt! Hättet Ihr gethan, wie ich wünſchte, ſo würde ich mehr Vergnügen haben für mein Geld!“ Die rhetoriſche Rüſtkammer meiner armen Mutter lie⸗ ferte keine Waffe, um dieſer ſchlauen Aposiopesis zu begegnen, weshalb ſie die Rhetorik ganz fallen ließ und mit jener„ſchmuckloſen Beredtſamkeit“, welche ihr, wie an⸗ dern großen Finanzreformern, natürlich war, fortfuhr: „Gut, Roland, aber ich verſichere Euch, ich führe eine gute Hauswirthſchaft und— Ihr müßt nicht ſchmälen; doch dies thut Ihr nie— ich meine, Ihr müßt nicht ein Geſicht machen, als ob Ihr ſchmälen wolltet. Die Sache Lerhält ſich nämlich ſo, daß, ſelbſt wenn wir jährlich hundert Pfund für unſere kleinen Partien bei Seite legen—“ „Kleine Partien?— jährlich hundert Pfund?“ rief der Kapitän entſetzt. Meine Mutter fuhr in ihrer Weiſe ſchonungslos fort! „Dies läßt ſich wohl erſchwingen; und ohne daß wir Eure Penſion in Anſchlag bringen, die Ihr als Taſchengeld und für Eure und Blanche's Garderobe behalten müßt, können wir meiner Berechnung nach dem Piſiſtratus jähr⸗ lich hundertundfünfzig Pfund auswerfen, die für ihn neben 582 dem Stipendium, das er erhalten wird, in Cambridge wohl ausreichen.“ Ich ſchüttelte hierüber zweifelhaft den Kopf, da das Stipendium eben nur in den Freuden der Hoffnung lag. „Bei alle dem,“ fuhr meine Mutter fort, ohne auf die⸗ ſes Zeichen der Verwahrung zu achten,„werden wir immer noch Etwas auf die Seite legen können.“ Das Geſicht des Kapitäns nahm einen poſſierlichen Ausdruck von Mitleid und Entſetzen an; er ſchien zu glauben, das Mißgeſchick, welches uns betroffen, müſſe meiner Mutter den Kopf verkehrt haben. Sein Quälgeiſt ließ aber nicht ab. „Denn,“ ſagte meine Mutter mit einem hübſchen be⸗ rechnenden Kopfſchütteln und einem Bewegen des Zeige⸗ fingers gegen die Finger der linken Hand,„dreihundertund⸗ ſiebzig Pfund— die Intereſſen von Auſtins Vermögen— und fünfzig Pfund, die wir für Vermiethung unſeres Hauſes rechnen können, machen jährlich vierhundertundzwanzig Pfund⸗ Dazu Eure jährlichen dreihundertunddreißig Pfund von der Maierei, der Schafwaide und den Hütten, die Ihr zu ver⸗ miethen habt— ſo ſtellt ſich die Geſammtſumme auf ſieben⸗ hundertundfünfzig Pfund. Nebſt dem, was wir, wie ich be⸗ reits bemerkte, umſonſt für die Haushaltung haben, können wir mit fünfhundert Pfund jährlich recht gut auskommen und dabei noch eine anſehnliche Figur machen. Wenn wir alſo hundertundfünfzig Pfund für Siſty beſtimmen, ſo bleiben noch hundert Pfund für Blanche übrig.“ „Halt, halt, halt!“ rief der Kapitän in großer Aufte⸗ die⸗ ner hen en, ter 583 gung;„wer hat Euch geſagt, daß mein Einkommen in jähr⸗ lichen vreihundertundfünfzig Pfunden beſtehe?“ „Bolt ſagte es— doch Ihr müßt ihm nicht zürnen.“ „Bolt iſt ein Eſel. Zieht von vreihundertundfünfzig Pfund jährlich zweihundert ab, und der Reſt iſt, außer meiner Penſion, Alles, über was ich zu verfügen habe.“ Meine Mutter machte große Augen und ich gleichfalls. „Zu dieſen hundertunddreißig Pfund könnt Ihr meinet⸗ wegen hundertunddreißig legen. Alles, was Euch übrig bleibt, liebe Schwägerin, gehört Euch, Auſtin, oder Eurem Sohne; aber kein Schilling ſoll ausgegeben werden für das Wohlleben eines amſeligen alten Invaliden. Habt Ihr mich verſtanden?“ „Nein, Roland,“ verſetzte meine Mutter,„ich verſtehe Euch ganz und gar nicht. Werfen denn Eure Güter nicht einen Jahresertrag von dreihundertunddreißig Pfund ab?“ „Ja, aber es ruht eine Schuld darauf, deren Intereſſen jährlich zweihundert Pfund wegnehmen,“ ſagte der Kapitän düſter und nicht ohne Widerſtreben. „Oh, Roland,“ rief meine Mutter mit Wärme und näherte ſich ihm ſo ſehr, daß ich überzeugt bin, wenn mein Vater ſich im Zimmer befunden hätte, wäre ſie ſo dreiſt geweſen, den finſtern Kapitän zu küſſen, obſchon ich ihn nie ſo ernſt und weniger küſſenswürdig geſehen hatte.„Oh⸗ Roland!“ rief ſie, das prachtvolle Ep iphonema wel⸗ ches früher meines Onkels Aposiopes is in der Blüthe geknickt hatte, zum Schluſſe bringend,„und doch wolltet Ihr 564 haben, daß wir, die wir zweimal ſo 6 ſind, Euch dieſes Wenigen berauben!“ „Ah,“ verſetzte Roland, indem er zu lächeln verſuchte; „aber dann wäre ich in meinem eigenen Weſen geblieben, und Ihr hättet mir ſchrecklich Hunger leiden ſollen. Alſo nichts mehr von den Hleinen Partien und dergleichen. Ihr müßt übrigens jetzt nicht den Stiel gegen mich um⸗ kehren und Eure vierhundertundzwanzig Pfund gegen meine hundertunddreißig als Folie brauchen.“ „Ei,“ verſetzte meine Mutter freigebig,„Ihr vergeßt den Geldeswerth, den Ihr beitragt— Alles, was Eure Güter liefern und was uns dadurch erſpart bleibt. Dies muß jährlich wenigſtens dreihundert Pfund ausmachen.“ „Madame— Schwägerin,“ ſagte der Kapitän,„ich bin überzeugt, Ihr wollt mich nicht beleidigen. Ich habe hierauf blos zu erwiedern— wenn Ihr zu dem, was ich bei⸗ ſteure, eine gleiche Summe hinzufügt, damit die alte Ruine aufrecht erhalten werden kann, ſo iſt dies das Aeußerſte, was ich mir gefallen laſſe. Den Reſt wird Piſiſtratus wohl brauchen können.“ Mit dieſen Worten ſtand der K Knpitãn auf, verbeugte ſich und ſtelzte, ehe Jemand von uns ihn konnte, aus dem Zimmer. „Ach Gott, Siſh!“ rief meine Wuter, ihre Hände ringend,„ſicherlich habe ich ihn gekränkt. Aber wie konnte ich mir denken, daß er eite ſo große Schuld auf den Gütern habe!“ —— eſes hte; ben, Alſo hen. um⸗ eine geßt ure „ich abe bei⸗ line rſte, ohl igte nte, nde mte ern 585 „Hät er nicht die Schulden ſeines Sohnes bezahlt? Iſt nicht vies der Grund, warum—“ „Ach,“ unterbrach mich meine Mutter faſt weinend, „und dies war es, was ihn ſo betrübte, ohne daß ich eine Ahnung davon hatte! Was ſoll ich thun?“ „Macht eine neue Berechnung, liebe Mutter, und laßt ihm ſeinen Willen.“ „Aber dann,“ ſagte meine Mutter,„wird ſich Dein Onkel zu Tod träumen und Dein Vater keine Erholung haben, denn Du ſiehſt ja, daß er bei ſeinen Büchern nicht mehr den frühern Zweck im Auge hat. Und Blanche— und Du! wenn wir nur ſo viel beitragen ſollen, wie der gute Roland, ſo ſehe ich nicht ein, wie wir mit zweihundertund⸗ ſechszig Pfund jährlich unſere Nachbarn um uns verſam⸗ meln können! Was wohl Auſtin ſagen würde! Ich habe halb im Sinn— nein, ich will gehen und mit Primmins noch einmal die Wochenbücher muſtern.“ Meine Mutter entferute ſich bekümmert, und ich blieb allein. Dann betrachtete ich die ſtattliche alte Halle, großartig ſogar in ihrem Verfall. Und die Träume, die ich in meinem Herzen zu hegen begonnen hätte, ſchwebten an mir vorüber und riſſen mich fort— weit weg in das goldene Land⸗ wohin der Jugend die Hoffnung winkt. Meines Vaters Vermögen wiederherzuſtellen— die zerbrochenen Kettenglieder des Ehr⸗ geizes, welche ſeinen Genius mit der Welt verknüpft hat⸗ ten, neu zu befeſtigen— die verfallenen Mauern wieder aufzubauen— die öden Moorgründe urbar zu machen— 586 dem alten Namen neues Leben zu geben— das Alter des wackeren Kriegers zu erfreuen— und beiden Brüdern der Sohn zu ſeyn, welchen Roland verloren hatte— dies waren meine Träume, und als ich aus ihnen erwachte— ſtehe, da hatten ſie einen feſten Vorſatz, ein beſtimmtes Ziel zurückgelaſſen. Träume, vJugend— träume mannhaft und edel, und Deine Träume werden zu Propheten werden. Sechstes Kapitel. Brief des Piſiſtratus Caxton an Albert Trevanion, Esq., Parlamentsmitglied. (Bekenntniß eines Jünglings, welcher findet, daß er in der alten Welt zu viel iſt.) „Mein theurer Mr. Trevanion,“ „Ich danke Euch im Namen von uns Allen herzlich für die Antwort auf meinen Brief, in welchem ich Euch von den ſchurkiſchen Schlingen Mittheilung machte, denen wir zwar nicht mit heiler Haut, aber doch mit dem Leben und gliedganz entronnen ſind— mehr, als ſich füglicher⸗ weiſe erwarten ließ, wenn man bedenkt, daß es drei Fallen mit ſcharfen Zähnen waren. Wir haben uns wie die Füchſe in die Wüſte verkrochen, und ich glaube nicht, daß ſich ein Köder auffinden läßt, welcher den Papa Fuchs wieder ver⸗ locken wird. Was den Fuchs Sohn betrifft, ſo iſt der Fall ein anderer, und ich bin im Begriffe, Euch zu beweiſen, daß er ein brennendes Verlangen hat, die Schmach der Familie wieder auszuwetzen. Ach, mein theurer Mr. Trevanion, des der ren he, ziel ind n, ten 587 wenn Ihr bei Ankunft dieſes Briefes mit den blauen Bü⸗ chern beſchäftigt ſeyd, ſo haltet hier inne und legt mein Schreiben für eine gelegenere Zeit, die freilich bei Euch ſelten genug vorkömmt, pei Seite. Ich möchte Euch mein Herz auf⸗ ſchließen und Euch, der Ihr die Welt ſo gut kennt, um Eure Beihilfe bitten, da ſich's darum handelt, die flammantia moenia zu jliehen, mit denen, wie ich finde, die Welt überall umgürtet und eingeſchloſſen iſt. Ihr und mein Vater hattet vollkommen Recht, als Ihr meintet, daß ich für ein bloßes Bücherleben nicht geſchaffen ſey. Und doch, was wäre nicht Bücherleben für einen jungen Mann, der auf den gewöhn⸗ lichen, konventionellen Pfaden ſein Glück ſucht? Alle Be⸗ rufsgattungen ſind ſo von Büchern umgeben, eingeengt und vollgepfropft, daß meine kräftigen Hände überall, wo ſie Raum zum Handeln ſuchen, auf eine Schanze von Oktav⸗ bänden und auf Wälle von Quartbänden ſtoßen. Ich habe dabei zuvörderſt das Univerſitätsleben im Auge, das mit Ge⸗ lehrſamkeit beginnt und im glücklichen Falle(ganz nach dem Wunſche unſerer Nativnalbkonomen) mit jenem Prämium auf den Cölibat, der malthuſianiſchen Kollegepfründe, endigt! „Drei Jahre Bücher auf Bücher— drei lange Jahre ein großes todtes Meer vor ſich⸗ und alle Aepfel, die an dem ufer wachſen, angefüllt mit der Aſche der Cicero⸗ und Garmondſchriften! Nach Ablauf dieſer drei Jahre iſt die Pfründe vielleicht gewonnen— aber dennoch immer wieder Bücher und Bücher, wenn ſich nicht etwa die ganze Welt vor dem Thore des Kollegiums ſchließt. Will der Student zu einem Literaten, zu einem Schriftſteller von Beruf auf⸗ blühen?— Bücher— Bücher! Will ich in die praktiſche Laufbahn des Rechtes übergehen? Bücher— Bücher. Ars longa, vita previs, was in einer Umſchreibung ſo viel be⸗ ſagen will, als man müſſe ſich lang abplagen, bis mam es zu einer Kundſchaft bringt, von der man leben kann. Werde ich ein Arzt? Mit was ſonſt, als mit Büchern kann ich meine Zeit todtſchlagen, bis mir etwa im vierzigſten Le⸗ bensjahr ein glücklicher Zufall geſtattet, Jemand anders zu tödten? Die Kirche(und ich muß in der That geſtehen, daß ich für ſie nicht gut genug bin)? Bieſe iſt vorzugsweiſe Bücherleben, denn auch der ärmſte und ruhmloſeſte Geiſt⸗ liche muß durch lange Reihen von Theologen und Kirchen⸗ vätern wandern; trachtet der Ehrgeiz nach einem Biſchofs⸗ ſitz, ſo muß man die verdorbenen Stellen nicht des menſch⸗ lichen Herzens, ſondern eines griechiſchen Tertes verbeſſern und durch Engpäſſe von Scholaſten und Comentatoren ſich zu dem Stuhl Bahn brechen. Mit Einem Worte, könnt Ihr mir außer dem edlen Gewerbe der Waſſen, das, wie Ihr wohl wißt, nicht gerade der Weg zu Vermögen iſt, ein Mittel angeben, durch welches man dieſen ewigen Büchern, dieſem geiſtigen Maſchinenleben bei körperlicher Abſpannung zu entgehen vermag? Wo kann ſich die Lebensluſt, die in meinen Adern ſtürmt, Luft machen? Wo können dieſe kräf⸗ tigen Glieder und dieſe breite Bruſt Werth und Bedeutung gewinnen in dieſem Treibhaus für Gehirnentzündung und Verdauungsſchwäche? Ich weiß, was in mir liegt, und bin überzeugt, daß mir die Fähigkeiten inwohnen, welche einen —— auf⸗ tiſche Ars 1 be⸗ mes erde ich Le⸗ 8 zu daß eiſe eiſt⸗ hen⸗ ofs⸗ iſch⸗ ſern ſich innt wie ein ern, ung e in räf⸗ ung und bin nen 589 kräftigen Bau begleiten ſollten. Ich beſitze einen einfachen geſunden Verſtand, einige Gewandtheit, in gewiſſem Grade Luſt an Gefahr und einige Standhaftigkeit im Ertragen von Schmerz— Fähigkeiten, für die ich dem Himmel nicht genug zu danken vermag, denn ſie ſind im Privatleben ſehr gut und nützlich, obſchon ſie vor dem Forum der Menſchen und auf dem Markt des Glückes nur als fooci, nauci, nibili erſcheinen⸗ „Mit Einem Worte, mein theurer Herr und Freund, in dieſer überfüllten alten Welt iſt nicht mehr derſelbe Raum, ven unſere kühnen Vorväter fanden, als der Mann noch umhergehen und ſich mit ſeinen Nachbarn tummeln konnte. Nein— man muß ſitzen bleiben wie ein Schulknabe auf ſeiner Bank und mit gebückten Schultern und ſchmerzenden Fingern ſeine Aufgaben ausarbeiten. Es hat ein Zeitalter des Hirtenlebens, der Jagd und des Kriegs gegeben; jetzt ſind wir bei dem des Sitzens angelangt. Wer das beſte Sitz⸗ fleiſch hat, wirft Alles vor ſich nieder— ſchmächtige, durch⸗ ſichtige Bürſchlein mit Händen, die eben ſtark genug ſind, um eine Feder zu lenken— mit Augen ſo triefend vom Ge⸗ brauch der mitternächtlichen Lampe, daß ſie keine Freude mehr haben an der ſchönen Sonne, welche mich hinauszieht ims Freie, wie das Leben einen magnetiſchen Zug ausübt auf das Leben— und mit Verdauungsorganen⸗ abgenützt und geſchwächt durch das ſchonungsloſe Anſpornen des Ge⸗ hirns, Freilich, wenn dies die Herrſchaft des Geiſtes iſt, ſo flagt man vergeblich, und es führt zu nichts, gegen den Stachel zu keckenz aber wäpe es denn wahr; daß alle thãä⸗ 590 tigeren Eigenſchaften, die in uns ſind, ſo gar keinen Werth haben? Wäre ich reich und glücklich, im Geiſt ſowohl als in den äußeren Verhältniſſen— wohl und gut; ich würde jagen, Ackerbau treiben, reiſen, mich des Lebens erfreuen und die Finger ſchnippen nach dem Ehrgeiz. Wäre ich ſo arm und ſo gering erzogen, daß ich Wildhüter oder Hunde⸗ führer werden könnte— Verrichtungen, zu welchen ſich in früheren Zeiten allerdings arme Gentlemen hergaben— auch wohl und gut; ich könnte das unruhige Leben in mir er⸗ ſchöpfen durch nächtliche Kämpfe mit Wilddieben und Sprünge über weite Gräben und Mauern. Wäre ich ſo arm an Geiſt, daß ich, ohne mir Vorwürfe machen zu müſ⸗ ſen, von meines Vaters geringen Mitteln leben und mit Claudian ausrufen könnte: die Erde gibt mir Feſtmahle, welche nichts koſten— wieder wohl und gut; es wäre ein Leben, das für eine Pflanze oder einen Liederdichter paßt. So aber, wie die Sachen ſtehen!— Ich muß hier ein an⸗ deres Blatt meines Herzens vor Euch aufſchlagen! Wenn ich Euch ſage, daß ich als ein armer Menſch mir Ver⸗ mögen erringen möchte, ſo ſage ich weiter nichts, als daß ich ein Engländer bin. Sich an's Poſitive zu halten iſt eine Eigenthümlichkeit unſerer praktiſchen Race. Selbſt wenn wir in unſern Träumen Luftſchlöſſer bauen, ſind es keine Schlöſſer der Unthätigkeit— ſie haben über⸗ haupt ſehr wenig von einem Schloß an ſich und ſehen mehr aus wie Hvare's Bank auf der Oſtſeite von Temple Bar. Mein Verlangen geht alſo nach Vermögen. Gleichwohl unterſcheide ich mich hierin von meinen Landsleuten, denn rth als rde uen ſo de⸗ in uch und ſo mit hle, ein ßt. an⸗ enn er⸗ daß iſt lbſt es er⸗ ehr ar. ohl enn 594 erſtlich trachte ich nur nach Dem, was Ihr reichen Leute ein kleines Vermögen nennt, und zweitens wünſche ich, daß mich die Erringung deſſelben nicht mein ganzes Leben koſten möge. Ihr ſeht nun, in welcher Lage ich mich befinde. „Unter gewöhnlichen Umſtänden muß ich damit beginnen⸗ daß ich mir eine große Schnitte von dem Einkommen meines Vaters zueigne, welches eine ſolche Schmälerung nicht gut ertragen kann. Nach meiner Berechnung brauchen meine Eltern und mein Onkel Alles, was ſie haben— und die jährliche Summe, von welcher Piſiſtratus leben ſoll, bis er ſich durch ſeine eigene Anſtrengung ernähren kann, wäre ein Abzug, den ſeine Verwandten in Beſchränkung aller anſtändigen Bequemlichkeiten des Lebens zu fühlen hätten. Gehe ich nach Cambridge, ſo muß ich bei aller Sparſamkeit vie res angusta domi noch mehr ſchmälern; und iſt die Uni⸗ verſitätslaufbahn vorüber, und bin ich losgelaſſen gegen die Welt— es iſt wahrſcheinlich genug, daß ich eine Kollegiats⸗ pfründe nicht erringe— wie viele Jahre muß ich in der Ge⸗ richtsſtube, die am Ende doch das beſte für mich wäre, ar⸗ beiten vder vielmehr nicht arbeiten, ehe ich meinerſeits für Diejenigen ſorgen kann, die ich bisher fortwährend zu be⸗ rauben genöthigt war? Ich ſtehe dann in der Mitte meines Lebens und ſie ſind alt und hinfällig; das Klingen des golde⸗ nen Bechers tönt nur noch hohl bei der entſchwundenen Flüſſigkeit! Wenn ich's zu Geld bringen kann, ſo wünſche ich, daß Diejenigen, welche ich liebe, ſich deſſen erfreuen mögen, ſo lange ſie noch der Freude fähig ſind— daß mein Vater die Geſchichte des menſchlichen Irrthums 592 vollſtändig in ruſſiſch Leder gebunden auf ſeihem Simſe ſähe — daß meiner Mutter die unſchuldigen Freuden zu Theil werden, welche ihrem beſcheidenen Herzen genügen, ehe das Alter ihr glückliches Lächeln ſeines Lichtes beraubt— daß Roland, ehe noch ſein Haar ſchneeweiß iſt(leider wird der Schnee darauf immer dichter), ſich auf meinen Arm lehnen könne, während wir mit einander ausmachen, wo die Rui⸗ nen wieder hergeſtellt oder wo ſie den Eulen überlaſſen wer⸗ den, und wo die traurige, unfruchtbare Einöde rings umher von dem lieblichen Gold des Getreides lachen ſoll. Denn Ihr kennt die Natur dieſes Cumberlandbodens, da Ihr ſelbſt ſo viel davon beſitzt und ſo manchen ſchönen Acker der Wildniß abgerungen habt. Ihr wißt, daß meines Onkels Grund⸗ beſitz, von dem, mit Ausnahme einer einzigen Maietei, das Acre kaum ſieben Schillinge werth iſt, nur des Kapitals bedarf, um ein werthvolleres Gut zu werden, als es je in den Händen ſeiner Vorfahren war. „Da Ihr Euer Kapital auf ein Land von detſelben Be⸗ ſchaffenheit verwendet habt, ſo muß Euch bekannt ſehn (obſchon Ihr in Eurer Londoner Bibliothek kaum daran denken werdet), welchen Segen Ihr ſchufet, wie vielen Meu⸗ ſchen Ihr dadurch Nahrung gebt, und wie viele Hände Ihr beſchäftigt. Ich habe berechnet, wie meines Oükels Moore, welche jetzt kaum ʒwei oder drei Schäfer ernähren, durch das Düngungsmittel des Geldes dahin gebracht werden könnten, daß ſie zweihundert Familien Arbeit und Brod gewährten. Alles dies iſt wohl; des Verſuches werth, und deshalb möchte Piſiſtratus Geld erringen Nicht zu viel! er Pbedaf le! lic ſähe heil das daß der men Kui⸗ ver⸗ her Ihr ſo niß nd⸗ 6 als in 593 keiner Millionen— etliche tauſend Pfunde würden weit reichen, und mit einem beſcheidenen Kapital zum Anfang könnte Roland ein ächter Squire, ein wirklicher Land⸗ eigenthümer werden, während er jetzt blos Herr über eine Einöde iſt. Wohlan denn, theurer Sir, rathet mir, wie ich mit den Eigenſchaften, die ich beſitze, zu dieſem Kapital ge⸗ langen kann— ja, und zwar ehe es zu ſpät iſt— denn ich möchte mich mit dem Gelderwerben nicht bis zum Rande des Grabes abgeben müſſen. „Da ich an unſerer civiliſirten Welt verzweifle, ſo habe ich meine Blicke auf eine weit ältere geworfen, die aber doch noch in einer rieſigen Kindheit liegt. Hier Indien— dort Auſtralien. Was ſagt Ihr, Sir— Ihr, der Ihr leiden⸗ ſchaftslos die Dinge betrachtet, die vor meinen Augen in einem goldenen Nebel, großartig in der Entfernung, ſchwim⸗ men? Mein Vertrauen zu Eurer Einſicht iſt ſo groß, daß ich ohne Murren gehorchen werde, wenn Ihr mir ſagt: Thor, gib Dein Eldorado auf und bleibe zu Hauſe— ver⸗ krieche Dich hinter die Bücher und das Schreibpult— ver⸗ nichte die überquellende Lebenskraft in Dir— werde eine geiſtige Maſchine. Deine phyſiſchen Gaben nützen Dich nichts; nimm deinen Platz ein unter den Sclaven der Lampe. Wenn ich aber nicht irre— wenn ich in mir Eigen⸗ ſchaften habe, die hier keinen Markt finden— wenn mein Sehnen nur ein Inſtinkt der Natur iſt, der aus dieſer ver⸗ lebten Civiliſation heraus und ſich Luft machen will, um in dem jungen Streben eines rauheren kräftigeren geſellſchaft⸗ lichen Syſtems Wachsthum zu gewinnen— dann gebt mir, Bulwer, die Caxtone. 38 594 ich bitte Euch, den Rath, welcher meiner Idee einen prak⸗ tiſchen, greifbaren Körper zu verleihen vermag. Ich hoffe, mich hinreichend verſtändlich gemacht zu haben. „Wir bekommen hier ſelten eine Zeitung zu Geſicht, obſchon ich hin und wieder eine Nummer aus dem Pfarrhaus erhalte. Ein Artikel, welcher mit Gewißheit in Ausſicht ſtellt, daß Ihr bald in das Kabinet eintreten werdet, hat mir große Freude gemacht. Ich ſchreibe Euch, ehe Ihr Mi— niſter ſeyd, und Ihr ſeht, daß es mir nicht um eine mini⸗ ſterielle Gönnerſchaft zu thun iſt. Ein Winkel in einer Kanz⸗ lei— oh, dies wäre ſchlimmer für mich, als Alles. Ich habe allerdings ſcharf bei Euch gearbeitet, aber— dies war etwas Anderes! Ich ſchreibe Euch ſo offen, weil ich Euer warmes Herz kenne— ſchreibe an Euch, als ob Ihr mein Vater wäret. Erlaubt mir, meine beſcheidenen, aber tief gefühlten Glückwünſche beizufügen zu Miß Treva⸗ nions bevorſtehender Vermählung mit einem Manne, der, wenn auch nicht ihrer Perſon, ſo doch ihrer Stellung wür⸗ dig iſt. Ich thue damit nur, was einem Manne ziemt, dem Ihr das Recht zugeſtanden habt, für Euer und der Eurigen Glück fortwährend zu beten. „Mein theurer Mr. Trevanion, dies iſt ein langer Brief, und ich wage es nicht einmal, ihn zu überleſen, weil ich fürchte, daß ich ihn dann nicht abſenden würde. Nehmt ihn hin mit allen ſeinen Mängeln und heurtheilt ihn mit dem Wohlwollen, das Ihr ſtets zu Theil werden ließet Eurem dankbaren und ergebenen Diener Piſiſtratus Carton. — t prak⸗ hoffe, eſicht, rhaus tsſicht „hat Mi⸗ mini⸗ Kanz⸗ Ich dies il ich aber reva⸗ der, wür⸗ dem igen rief, lich ihn dem ener 595 Brief von Albert Trevanion, Esg., Parlamentsmit⸗ glied, an Piſiſtratus Carton. „Bibliothek des Unterhauſes, Dienſtag Abends. „Mein lieberPiſiſtratus! „„**** ſteht auf der Rednerbühne, und wir hetzen uns ſchon zwei ſterblich lange Stunden herum. Ich flüchte mich nach der Bibliothek, um meine Zeit Euch zu widmen. Werdet nicht eingebildet, aber das Bild, das Ihr mir von Euch ſelbſt entwarft, hat den vollen Eindruck der Origi⸗ nalität auf mich gemacht. Der Gemüthszuſtand, den Ihr mir ſo lebhaft ſchildert, muß in unſerer Zeit der Civiliſa⸗ tion ſehr allgemein ſeyn, obſchon er mir nie in ſo lebhaften und charakteriſtiſchen Farben vorgeführt wurde. Ihr ſeyd mir den ganzen Tag nicht aus dem Sinne gekommen. Ja, wie viele junge Männer muß es nicht in dieſer alten Welt ge⸗ ben, die, wie Ihr, fähig, einſichtsvoll, thätig und be⸗ harrlich genug ſind, aber doch ſich keinen Erfolg verſprechen dürfen in unſern konventionellen Berufszweigen— ſtumme, ruhmloſe Raleighe. Euer Brief, junger Maler, iſt eine bildliche Darſtellung der Theorie des Coloniſirens. Nachdem ich ihn geleſen habe, wird mir das Colonieſyſtem der alten Griechen verſtändlicher; ſie ſchickten nicht nur ihre Armen, die Hefe eines übervölkerten Staates, ſondern auch einen großen Theil der beſſeren Klaſſe aus, Männer voll Kraft und Saft, voll überquellenden Lebensmuths, wie Ihr, indem ſie ſo weislich in den Cleruchiis einen gewiſſen Theil des ariſtokratiſchen Elements mit dem demokratiſchen vermeng⸗ ten. Sie ließen nicht ihren Pöbel los gegen einen neuen 38* 596 Boden, ſondern verpflanzten in die fremden Gebiete alle Grundlagen eines harmoniſchen Zuſtandes, analog dem in dem Mutterlande, da es ihnen nicht darum zu thun war, blos hungernde Munde fortzuſchaffen, ſondern auch dem Ueber⸗ ſtrömen der Einſicht und des Muthes Raum zu geben, wel⸗ ches in der Heimath ſelten nöthig und oft eher ſchlimm als gut iſt; denn hier werden dadurch unſere künſtlichen Uferbauten bedroht, während dort der Strom, in einen Aequäduet gefaßt, einer Wüſte Leben zu verleihen vermag. „In meinem Ideal von Coloniſativn würde ich mei⸗ verſeits es gerne ſehen, wenn jede Ausfuhr menſchlicher We⸗ ſen wie vor Alters ihre Häuptlinge und Führer hätte, die nicht blos nach dem Rang, ſondern oft auch aus den nie⸗ drigeren Klaſſen zu nehmen wären, obſchon ſie immerhin Männer ſeyn müßten, die einen gewiſſen Grad von Erziehung Gewandtheit, Schnelligkeit im Handeln und Schmiegſamkeit verdanken— mit einem Worte Männer, auf welche ihre Begleiter Vertrauen ſetzen können. Die Griechen verſtan⸗ den dies. Ja, wenn die Colonie fortſchreitet und die erſte Stadt ſich zu der Würde einer Hauptſtadt erhebt, zu einer Polis, welche der Politik bedarf, ſo denke ich bisweilen, es dürfte weiſe ſeyn, noch weiter zu gehen und nicht nur eine hohe Stufe von Civiliſation dahin überzupflanzen, ſondern das neue Gebiet noch enger in Verbindung zu bringen mit dem Mutterſtaat und den Austauſch von Verſtand, Er⸗ ziehung und Bildung dadurch zu erleichtern, daß man ſo⸗ gar die überflüſſigen Zweige des königlichen Hauſes dahin ſendete. Ich weiß zwar, daß viele meiner Kiberalen' v alle m in blos ber⸗ wel⸗ mm chen nen g. nei⸗ We⸗ die tie⸗ hin ng eit hre n⸗ er es ne — 597 Freunde über dieſe Anſicht in ein Puh ausbrechen würden, bin aber gleichwohl überzeugt, daß die Colonie, wenn ſie einmal in der Lage iſt, die Einfuhr zu ertragen, nur um ſo. beſſer dabei führe. Und wenn einmal der Tag kömmt(wie es bei allen geſunden Colonien früher oder ſpäter der Fall ſeyn muß), daß die Anſiedlung zu einem unabhängigen Staate heranwächst, ſo haben wir hiedurch vielleicht die Saat zu einer Conſtitution und Civiliſation gelegt, welche der unſrigen ähnlich iſt— mit ſelbſt entwickelten Formen von Monarchie und Ariſtokratie, wenn auch von einfache⸗ rem Wuchs, als die einer alten Geſellſchaft, ohne daß ein wir⸗ res Chaos von Demokratie ſich abkämpfen müßte, ein ungeſchlachter, leichenhafter Rieſe, vor dem ein Frankenſtein wohl zittern dürfte, nicht weil er ein Rieſe, ſondern weil er ein halb vollendeter Rieſe iſt.“ Verlaßt Euch darauf, die neue Welt wird der alten feindlich oder freundlich gegen⸗ überſtehen, nicht im Verhältniß der Stammes⸗ verwandtſchaft, ſondern im Verhältniß der Aehnlichkeit von Sitten und Inſtitutionen— eine gewaltige Wahrheit, gegen welche unſere Coloniſatoren ſtets blind geweſen ſind. „Gehen wir übrigens von dieſen ferneſtehenden Be⸗ ** Dieſe Seiten wurden in den Druck gegeben, ehe der Autor Mr. Wakefield's neuen Bericht über die Coloniſation zu Geſicht bekam, in welchem die hier ausgedrückten Anſichten mit großem Ernſt und vielem Scharfſinn verfochten werden. Der Autor freut ſich ſehr über dieſes Zuſaminentreffen der Geſichtspunkte, obſchon er das Unglück hat, theilweiſe mit der ſonſt trefflichen Thevrie des Mr. Wakefield nicht übereinſtimmen zu können. trachtungen zu dem vorliegenden Falle über. Aus dem, was ich ſagte, erſeht Ihr bereits, daß ich mit Eurem Vor⸗ haben ſympatheſire— daß ich mir es deute, wie Ihr es von mir wünſcht. Ich faſſe Eure Natur und Euren Zweck ins Auge; ſo nehmt denn meinen Rath in zwei Worten: wandert aus. „Mein Rath gründet ſich jedoch auf eine Voraus⸗ ſetzung— daß es Euch nämlich vollkommen ernſt damit iſt — daß Ihr zufrieden ſeyd mit einem rauhen Leben und einem mäßigen Vermögen am Schluß Eurer Prüfungszeit. Laßt Euch das Auswandern nicht einfallen, wenn Ihr eine Million oder auch nur den zehnten Theil einer Million, er⸗ ringen wollt. Denkt nicht an's Auswandern, wenn Ihr den Mühſeligkeiten nicht eine Freude abgewinnen könnt — ſie zu ertragen iſt nicht genug! „Wie Ihr vorauszuſetzen ſcheint, iſt Auſtralien das Land für Euch. Es paßt für zwei Klaſſen von Auswande⸗ rern, einmal für ſolche, welche nichts haben, als ihren Ver⸗ ſtand und zwar dieſen im Uebermaß— ferner für ſolche, welche ein kleines Capital beſitzen und ſich damit begnügen, es im Lauf von zehn Jahren zu verdreifachen. Ich zähle Euch zu der letzteren Klaſſe. Nehmt dreitauſend Pfund mit, und eh' Ihr dreißig Jahre alt ſeyd, könnt Ihr mit zehn⸗ oder zwölftauſend wieder zurückkehren. Wenn Euch dies genügt, ſo denkt ernſtlich an Auſtralien. Ich will Euch morgen mit dem Poſtwagen die beſten Bücher und Be⸗ richte über den Gegenſtand zuſenden und mir für Euch eine umſtändliche Auskunft von dem Colonialminiſterium auszu⸗ 599 wirken ſuchen. Habt Ihr alles Dies geleſen und leidenſchaft⸗ los darüber nachgedacht, ſo treibt Euch noch einige Monate auf den Schaſweiden Cumberlands um und laßt Euch von allen Schäfern belehren, die Ihr auffindet, vom Thyrſis an bis zum Menalcas. Ja noch mehr, bereitet Euch in jeder Weiſe vor für das Leben im Gebüſch, wo die Theorie von der Theilung der Arbeit noch unbekannt iſt. Lernt überall Hand anlegen. Macht Euch etwas vom Schmied, vom Zimmermann zu eigen— thut Euer Beſtes mit dem wenig⸗ ſten Werkzeug. Uebt Euch wohl im Schießen und verſucht alle wilden Pferde und Fohlen zu zähmen, die Ihr durch gute Worte zur Verfügung kriegen könnt. Selbſt wenn Ihr all' dies in Eurer Anſiedlung nicht braucht, ſo iſt es doch gut, es gelernt zu haben, denn Ihr bereitet Euch dadurch auf manches Andere vor, was ſich jetzt noch nicht vorherſehen läßt. Streift den feinen Gentleman ab vom Scheitel bis zur Zehenſpitze und werdet dadurch nur um ſo ariſtokrati⸗ ſcher; denn mehr als ein Ariſtokrat, ja, ein König iſt derje⸗ nige, der ſich ſelbſt in allen Dingen genügt— der ſein eigener Herr iſt, weil er keine Valetaille nöthig hat. Ich denke, Seneeca hat dies ſchon vor mir ausgeſprochen, und ich würde die Stelle eitiren, wenn ich nicht fürchtete, das Buch ſey in der Bibliothek des Unterhauſes nicht aufzufinden. Aber jetzt—(Geſchrei, beim Jupiter! Ver⸗ muthlich iſt** erlegen! Ja, ganz richtig; und C— be⸗ tritt die Rednerbühne. Dem Geſchrei folgt ein ſcharfes Ziſchen über mich. Wie ſehr wünſchte ich in Eurem Alter zu ſtehen und Euch nach Auſtralien begleiten zu können!) 600 Aber jetzt— um meinen unterbrochenen Satz wieder aufzu⸗ nehmen— zu dem wichtigſten Punkte, dem Kapital. Dies müßt Ihr mitnehmen, wenn Ihr nicht als Schäfer ausziehen wollt, und dann gute Nacht zehntauſend Pfund in zehn Jahren. Ihr ſeht alſo, es hat doch den Anſchein, als ob Ihr zu Eurem Vater kommen müßtet. Allerdings, werdet Ihr mir entgegenhalten, geſchieht es mit dem Unterſchied, daß Ihr das Kapital borget und jede Ausſicht auf Zurücker⸗ ſtattung vorhanden iſt, ſo daß Ihr nicht genöthigt ſeyd, Jahr um Jahr von dem väterlichen Einkommen zu zehren, bis Ihr Eure achtunddreißig oder vierzig auf dem Rücken habt. Dennoch werdet Ihr auch hiebei Euer Ziel nicht mit einem Sprung erreichen, Piſiſtratus, und mein lieber alter Freund ſollte nicht ſeinen Sohn und ſein Geld zugleich ver⸗ lieren. Ihr ſagt mir, Ihr ſchreibet an mich, wie an einen Vater. Ihr wißt, ich haſſe Betheuerungen, und wenn's Euch mit dieſen Worten nicht ernſt war, ſo habt Ihr mich ſchwer gekränkt. Als Vater nun nehme ich die Rechte eines Vaters in Anſpruch und ſpreche offen. Ein Freund von mir, ein Geiſtlicher, Namens Bolding, hat einen Sohn— einen wilden Menſchen, der in England wahrſcheinlich in alle Arten von Klemmen gerathen wird, aber gleichwohl viel Gutes in ſich hat; er iſt offen, kühn und es fehlt ihm auch nicht an Talent, wohl aber an Klugheit, ſo daß er ſich leicht zu Ausſchweifungen verlocken und verführen läßt. In Verbindung mit einem jungen Manne wie Ihr würde er einen trefflichen Coloniſten abgeben, da es im Gebüſch keine ſolche Verſuchungen gibt. Wenn Ihr alſo wollt, ſo ſchlage fzu⸗ ies hen ehn ob det ied, ker⸗ yd, en, ken nit ter 60¹ ich vor, daß ihm ſein Vater fünfzehnhundert Pfund mitgebe, die jedoch nicht in ſeine Hände kommen, ſondern Euch als dem Haupttheilhaber an der Firma anvertraut werden ſollen. Ihr bringt dieſelbe Summe bei, die ich Euch auf drei Jahre ohne Intereſſen anborgen will. Nach Ablauf die⸗ ſer Zeit beginnt die Verzinſung und das Kapital ſoll nach Eurer Rückkehr ſammt den Intereſſen vom Beginne des vier⸗ ten Jahres an mich oder meine Erben zurückbezahlt werden. Habt Ihr Euch ein Jährchen oder zwei im Gebüſch um⸗ getrieben und etwas dabei gelernt, ſo daß Ihr einen Weg vor Euch ſeht, ſo könnt Ihr ohne Gefährde von Eurem Va⸗ ter weitere fünfzehnhundert Pfund borgen; in der Zwi⸗ ſchenzeit wird die Summe von dreitauſend Pfunden für Euch und Euren Geſchäftstheilhaber zureichen, da ſich damit ſchon etwas anfangen läßt. Ihr ſeht, bei dieſem Vorſchlage han⸗ delt es ſich nicht um ein Geſchenk, und ſelbſt Euer Tod bringt mich in keine Gefahr. Wenn Ihr zahlungsunfähig ſterben ſolltet, ſo verſpreche ich Euch, mich an Euren Vater zu halten; denn der arme Mann wird dann wenig Freude mehr haben an dem, was er noch beſitzt, und ſich nicht viel darum kümmern. So— ich habe mich jetzt ausgeſprochen und werde Euch nie vergeben, wenn Ihr einen Beiſtand zu⸗ rückweist, der Euch ſo weſentliche Dienſte leiſten kann und mich ſo wenig koſtet. „Ich danke Euch für Eure Glückwünſche zu Fanny's Verlobung mit Lord Caſtleton. Wenn Ihr aus Auſtralien zurückkehrt, werdet Ihr noch ein junger Mann ſeyn, wäh⸗ rend ſie dann, obſchon ſie in Euren Jahren ſteht, faſt zu den 602 Frauen vom mittleren Alter gehört und den Kopf voll Pracht und Eitelkeit hat. Dem Mädchen iſt nur eine kurze Friſt für die Mädchenhaftigkeit zugemeſſen; wird ſie eine Frau, ſo tritt ſie ein unter die Frauen ihrer Klaſſe. Was mich und das mir vom Gerücht beigelegte Amt betrifft, ſo wißt Ihr, was ich Euch zum Abſchied ſagte, und— Doch da kömmt J— und ſagt mir, man erwarte, daß ich das Wort ergreife gegen N— welcher eben voll Gift und Galle von der Tribüne donnert. Das Haus iſt gedrängt voll und hungert nach Perſönlichkeiten, ſo muß denn der Mann der alten Welt ſeine Lenden gürten und in Euch mit einem Seufzer die friſche Jugend der neuen verlaſſen— „Ne libi sit duros acuisse in proelia dentes.“ Euer theilnehmender Albert Trevanion.“ Siebentes Kapitel. Lieber Leſer, du biſt jetzt in das Geheimniß meines Lebens eingeweiht. Wundre dich nicht, daß ich, der Sohn eines Bücher⸗ manns und in gewiſſen Perioden meines Lebens ſelbſt ein Büchermann, wie niedrig auch die Stufe ſeyn mag, die ich in dieſer verehrlichen Klaſſe einnehme— wundre dich nicht, daß ich mich in der Uebergangsperiode vom Jüngling zum Manne ungeduldig von den Büchern abwende.— Die mei— — — 8— 603 ſten Studirenden haben in einer oder der andern Zeit ihres Daſeyns das gebieteriſche Verlangen jenes raſtloſen Urſtoffs in der menſchlichen Natur empfunden, die jeden Adamsſohn auffordert, ſeinen Antheil beizutragen zu dem unendlichen Schatz menſchlicher Thaten. Und obgleich große Gelehrte nicht nothwendig pder überhaupt nur gewöhnlich Männer der That ſind, ſo haben doch die Helden, welche die Geſchichte unſeren Blicken vorführt, in der Regel einen gewiſſen Grad von gelehrter Bildung genoſſen. Die Ideen, welche durch Bücher in's Leben gerufen werden, ſind nicht immer durch Bücher zu befriedigen; und wenn auch der königliche Zög⸗ ling des Ariſtoteles mit dem Homer unter ſeinem Kiſſen ein⸗ ſchlief, ſo geſchah dies wohl nicht in der Abſicht, von Ver⸗ faſſung epiſcher Gedichte, ſondern von Eroberung neuer Ilione im Oſten zu träumen. Wie Mancher, der mit Ale⸗ rander keine Aehnlichkeit hat, mag ſich vornehmen, ein Ziel zu erobern, das nur durch Thätigkeit errungen werden kann, und ſo wird wohl das Buch unter ſeinem Kiſſen der ärgſte Feind ſeiner Ruhe. Die ernſten Parzen, in deren Hände das Geſchick des Menſchen gegeben ſeyn ſoll, ſpinnen ihre erſten zarten Fäden in die früheſten Erinnerungen des Kindes. Die Mährchen, mit welchen die leichtgläubige alte Amme meine Kindheit täuſchte— die Erzählungen von Wundern, fahrenden Rittern und Abenteuern hatten Keime zurückgelaſſen, die lange verborgen lagen— Samen, die ſich vielleicht nie über den Boden erhoben haben würden, wäre nicht meine Jugend früh in das heiße Treibhaus der Lon⸗ doner Welt verſetzt worden. Dort brach ſelbſt mitten unter Büchern und Studien lebhafter Beobachtungsgeiſt und kecker Ehrgeiz hervor aus dem üppigen Blätterwerk der Roman⸗ tik, dieſer unfruchtbaren Vollſaftigkeit einer poetiſchen In⸗ gend. Die Liebe, welche in allen Elementen des Menſchen eine Revolution zur Folge hat, rief einen neuen Zuſtand des Daſeyns hervor, raſch und gährend; die alten Angewöh⸗ nungen und die conventionellen Formen ſind zu Grabe ge⸗ gangen, und die Aſche zeigt an, wo das Feuer gelodert hat. Ferne ſey von mir, wie von jedem nur halbwegs männli⸗ chen Geiſte, der Verſuch, dadurch Intereſſe zu erregen, daß ich ein Langes und Breites bei den Kämpfen gegen eine übereilte, unpaſſende Neigung verweile, die meine Pflicht mich überwinden hieß; aber wie ich ſchon vorhin andeutete, jede ſolche Liebe hält es gewaltig mit der Partei des Um⸗ ſturzes und wo— „Je ſolcher Feentanz geſchah, — Wächst nimmermehr das Gras.“ Wieder einzutreten in die Knabenzeit, mit demüthiger Ge⸗ lehrigkeit in ihrem geregelten Gang fortzumachen— wie ſchwer fand ich eine ſolche Rückkehr in der klöſterlichen Ein⸗ tönigkeit eines Colleges! Die Liebe zu meinem Vater und meine Fügſamkeit in ſeine Wünſche hatten mir zwar einige Luſt für ein Ziel verliehen, das mir ſonſt zuwider war; aber da durch meinen Beſuch der Univerſität meine Angehörigen nothwendig beraubt wurden, ſo kam mir ſchon der Gedanke daran als abſcheulich vor. Unter dem Vorwande, ich habe bei einer Prüfung meiner Selbſt gefunden, daß ich noch nicht hinreichend vorbereitet ſey, um dem Namen meines Vaters Ehre zu machen, wirkte ich mir leicht die Erlaubniß aus, den Beginn des nächſten Curſus zu umgehen und zu Hauſe meine Studien fortzuſetzen. Dies gab mir Zeit, meine Plane vorzubereiten und ſie— aber wie werde ich je meine abenteuerlichen Abſichten Denen beizubringen im Stande ſeyn, die ich zu verlaſſen gedenke? Es iſt ſchwer, ſehr ſchwer, ſich in der Welt fortzubringen; aber der pein⸗ lichſte Schritt dabei iſt derjenige, welcher uns von der Schwelle einer geliebten Heimath wegführt. Wie— ja, in der That, wie!„Nein, Blanche, Du kannſt heute nicht mit mir; ich bleibe viele Stunden aus, und es wird ſpät werden, eh' ich wieder nach Hauſe komme.“ Nach Hauſe!— das Wort liegt erſtickend auf mir. Juba ſchleicht untröſtlich zu ſeiner jungen Gebieterin zurück; Blanche blickt mir betrübt von unſerem Lieblingshügel nach, und die Blumen, die ſie geſammelt hat, ujale unbeachtet ihrem Korbe. Ich höre die Stimme meiner Mutter leiſe vor ſich hinſingen, während ſie bei offenem Fenſter an ihrer Arbeit ſitzt. Wie— ach, freilich, wie! Yreizehnter Abſchnitt. Erſtes Kapitel. Der heilige Chryſoſtomus vertheidigt in ſeinem Werke über das Prieſterthum die Täuſchung, wenn ſie zu ei⸗ nem guten Zwecke geübt wird, mit vielen Beiſpielen aus der Schrift, ſchließt ſein erſtes Buch mit der Behauptung, ſie ſey oft nöthig und wohlthätig, und beginnt das zweite mit der Bemerkung, man ſollte ſie nicht Täuſchung, ſon⸗ dern„zweckmäßiges Verfahren“ nennen. So will ich denn auch die unſchuldigen Künſte, mit welchen ich jetzt für meinen Plan die Gunſt und Zuſtimmung meiner nichtsahnenden Familie zu gewinnen ſuchte, zweck⸗ mäßiges Verfahren nennen. Den Anfang machte ich bei Roland. Es wurde mir leicht, ihn zu veranlaſſen, einige der von Trevanion mir zugeſandten Bücher zu leſen, welche den Reiz des Lebens in Auſtralien ſchildern, und zum Glück entſprachen dieſe Bilder ſeinem Geſchmack für's Abenteuer⸗ liche und der freien, halbwilden Natur, welche in dem rau⸗ hen, hochherzigen Soldaten lag, ſo ſehr, daß er gleichſam ſelbſt das in mir brennende Verlangen anzuſchüren ſchien — denn wie der von Sorgen gedrückte Trevanion ſeufzte auch er,„wenn er nur in meinem Alter ſtünde,“ und blies dadurch mehr und mehr die Flamme an, die mich verzehrte. Als ich eines Tages mit ihm über die wilden Moore wan⸗ N derte, begann ich, da ich ſeinen Widerwillen gegen Juri⸗ ſterei und Advokaten kannte: „Es iſt ein Jammer, Onkel, daß mir nichts übrig bleiben ſoll, als die Gerichtsbank!“ Kapitän Roland ſchlug mit ſeinem Stock in einen Torfballen und rief: „Donnerwetter, Neffe, Advokatur und Lüge gehen Arm in Arm, während die Wahrheit und eine Welt, friſch von Gottes Hand, vor Dir liegt!“ „Eure Hand, Onkel, wir verſtehen einander. Aber Ihr müßt mir bei den beiden ſtillen Herzen zu Hauſe behülflich ſeyn.“ „Die Peſt auf meine Zunge— was habe ich gethan?“ entgegnete der Kapitän mit entſetzter Miene. Er dachte dann eine Weile nach, wandte mir ſein dunkles Auge zu und brummte:„Junger Burſche, ich vermuthe, Du haſt mir eine Falle gelegt, und ich alter Narr bin mir nichts Dir nichts hineingepurzelt.“ „Oh, Onkel, wenn Ihr die Gerichtsbank vorzieht—“ „Spitzbube!“ „Oder vielleicht könnte ich als Commis bei einem Kaufmann ein Unterkommen finden?“ „Wenn Du dies ſo kratze ich Dich aus dem Stammbaum!“ „Alſo wohl auf it Auſtralien!“ „Nun, ſchon gut,“ ſagte mein Onkel mit einem Lächeln auf ſeiner Lippe und einer Thräne im Auge;„das Blut der alten Seekönige wird ſich Bahn brechen. Ein Soldat oder 608 ein Abenteurer— es gibt keine andere Wahl für Dich. Wir werden zwar um Dich trauern und Dich vermiſſen; aber wer kann die jungen Adler an ihren Horſt feſſeln?“ Eine ſchwerere Aufgabe hatte ich bei meinem Vater, der mir Anfangs zuzuhören ſchien, als ſpräche ich von ei⸗ nem Ausflug nach dem Mond. Ich warf jedoch gewandt eine Doſis von den alten griechiſchen Cleruchiais hinein, die Tre⸗ vanion citirt hatte, und dies ſetzte ihn auf ſein Steckenpferd, auf welchem er luſtig forttrabte, bis er nach Beendigung ei⸗ nes kurzen Abſtechers nach Euböa und dem Cherſones ſich mitten in den Colonien Kleinaſiens verlor. Dann verlockte ich ihn allmälig und ſchlau in ſeine Lieblingswiſſenſchaft, die Völkerkunde, und während er ſich in Vermuthungen erging über die Herkunft der amerikaniſchen Wilden, dabei die wetteifernden Anſprüche der Kimmerier, Iſraeliten und Seandinavier vergleichend, ſagte ich ruhig: „Und Ihr, Vater, der Ihr denkt, alle menſchliche Veredlung hänge pon einer Vermiſchung der Racen ab— Ihr, deſſen ganze Theorie eine Lobrede iſt auf die Auswan⸗ derung, auf die Verpflanzung und Vermengung unſerer Species— Ihr, Vater, ſolltet der letzte Mann ſeyn, der ſeinen Sohn an die Scholle feſſelt, ſeinen älteren Sohn, wäh⸗ rend der jüngere ein wahrer Miſſionär für die Abenteurer iſt.“ „Piſiſtratus,“ verſetzte mein Vater,„Du räſonnirſt durch Synecdoche— zierlich zwar, aber unlogiſch.“ Und damit ſtand er auf und zog ſich in ſein Studier⸗ zimmer zurück, entſchloſſen nichts weiter hören zu wollen. Aber ſein Auge war jetzt geſchärft und folgte von dieſem n Tage an allen meinen Stimmungen und Launen. Et wurde ſtill und nachdenkſam und hielt zuletzt lange Beſprechungen mit Roland. Das Reſultat war folgendes. An einem Früh⸗ lingsabend lag ich achtlos in den Kräutern und Farren, die unter den trübſeligen Ruinen aufſchoßen, als ich mit einem Male eine Hand auf meiner Schulter fühlte und beim Auf⸗ blicken meines Vaters anſichtig wurde. Er ſetzte ſich an meiner Seite auf einen Stein und ſagte mit bewegter Stimme: „Piſiſtratus, laß uns mit einander ſprechen. Ich hätte von Deinem Studium des Robert Hall einen beſſern Erfolg erwartet.“ „Oh, lieber Vater, die Arznei hat bei mir trefflich angeſchlagen. Ich klage ſeitdem nicht mehr und blicke feſt und wohlgemuth auf's Leben. Aber Robert Hall hat ſeine Aufgabe erfüllt, und ein Gleiches möchte auch ich thun.“ „Gibt es denn keine Aufgabe für Dich in Deinem Vaterland, Du planetiſcher und exalliotriſcher? Geiſt?“ fragte mein Vater mit mitleidigem Vorwurf. „Leider ja! aber was der Trieb des Genius für den Großen iſt der Berufsinſtinkt für den Mittelmäßigen. In jedem Menſchen liegt ein Magnet, und das, was er am be⸗ ſten ausführen kann, iſt die Laſt, die er anzieht.“ „Papae!“ verſetzte mein Vater, ſeine Augen auf mich heftend.„Und gibt es für Dich keine ſolche Laſten, die nä⸗ her liegen, als der große Meerbuſen von Auſtralaſten?“ * Worte, von Mr. Carton geprägt aus nAyrinòg, unſtät, und ekalAoroioo, ausführen, entfremden. Bulwer, die Caxtone. 39 61⁰ „Ach, Vater, wenn Ihr zur Ironie greift, kann ich nichts mehr ſagen.“ Mein Vater blickte zärtlich auf mich nieder, während ich verſtimmt und beſchämt den Kopf ſinken ließ. „Mein Sohn,“ ſagte er,„glaubſt Du, ich könne ſcher⸗ zen, wenn ſich's um die Frage handelt, ob ſich weite Meere und lange Jahre zwiſchen uns legen ſollen?“ Ich ſchmiegte mich näher an ihn an und gab keine Antwort. „Aber ich habe Dich letzter Zeit beobachtet,“ fuhr mein Vater fort,„und die Bemerkung gemacht, daß Dir Deine alten Studien zuwider geworden ſind. Ich ſprach mit Roland darüber und ſehe, Deine Sehnſucht wurzelt tiefer, als die bloße Grille eines Knaben. Dann fragte ich mich ſelbſt, welche Ausſichten ich Dir in der Heimath bieten könne, um Dich zum Hierbleiben zu veranlaſſen. Da ich keine finde, ſo würde ich unverholen zu Dir ſagen: Gehe Deinen Weg und Gott ſchirme Diche Aber, Piſiſtratus Deine Mutter?“ „Ach, Vater, dies iſt freilich ein Punkt, vor dem ich zurückbebe. Wie ich übrigens die Sache betrachten mag — ob ich mich in den Gerichtsſtuben oder in einer Kanzlei umtreibe— immerhin müßte ich von ihr und von der Hei⸗ math ferne ſeyn. Und dann Ihr, Vater— ſie liebt Euch ſo innig, daß—“ „Nein,“ unterbrach mich mein Vater,„mit ſolchen Ge⸗ genvorſtellungen kannſt Du ein Mutterherz nicht bewegen. Nur Ein Grund wird hier verfangen; geſchieht es zu Deinem Beſten, daß Du ſie verläſſeſt? Iſt dies der Fall, „ — h 6 — 61¹ ſo werden keine weiteren Worte nöthig ſeyn. Ueber dieſe Frage dürfen wir aber nicht voreilig entſcheiden; wir wollen die nächſten Paar Monate gemeinſchaftlich darüber zu Rathe gehen.— Bring mir Deine Bücher und bleibe bei mir ſitzen. Willſt Du ausgehen, ſo klopfe mich auf die Schulter und ſage:„kommt!“ Nach Ablauf dieſer zwei Monate will ich Dir ſagen, ob Du gehen oder bleiben ſollſt. Du mußt übrigens volles Vertrauen in mich ſetzen; und wenn ich Dich bleiben heiße, willſt Du gehorchen? „O ja, Vater— ja.“ ——— Zweites Kapitel. Nachdem dieſer Vortrag geſchloſſen war, riß ſich mein Vater von allen ſeinen Studien los, widmete ſeine Ge⸗ danken ausſchließlich mir, ſuchte mit all' ſeiner milden Weis⸗ heit unmerklich mich abzuführen von der in mir feſt gewur⸗ zelten tyranniſchen Idee und durchſtörte ſeine große Bücher⸗ Apotheke nach Arzneien, welche alterirend einwirken könn⸗ ten auf das Syſtem meiner Gedanken. Wie wenig ahnete er, daß gerade dieſe Zärtlichkeit und Weisheit ihm ent⸗ gegen arbeitete, denn bei jedem neuen Belege davon rief mir mein Herz laut zu:„O, mein Vater, ich will ja eben des⸗ halb in das fremde Land ziehen, damit Deine Liebe belohnt und Deine Weisheit von der Welt anerkannt werde!“ Die zwei Monate waren abgelaufen, und als mein Vater ſah, daß der Magnet unabänderlich ſeine Laſt in dem 39* 612 großen auſtralaſiſchen Meerbuſen ſuchte, ſo ſagte er zu mir:„Gehe hin und tröſte Deine Mutter. Ich habe ihr Deinen Wunſch mitgetheilt und ihm durch meine Zuſtim⸗ mung Kraft gegeben, denn ich glaube jetzt, daß es zu Deinem Beſten iſt.“ Ich fand meine Mutter in dem kleinen Gemache, das ſie ſich neben dem Studierzimmer meines Vaters zugeeignet hatte. In dieſem Stübchen waltete ein rührender Charak⸗ ter, den ich nicht durch Worte auszudrücken vermag; denn meiner Mutter ſanfte, edle, weibliche Seele ſprach ſich hier aus, ſo daß man es als das Herz der Heimath anſehen konnte. Die Sorgfalt, mit welcher ſie all' die beſcheide⸗ nen Erinnerungszeichen alter Zeiten, ihrem Herzen ſo theuer, aus dem Backſteinhauſe überſiedelt und geordnet hatte— die ſchwarze Papier⸗Silhouette meines Vaters in vollem akademiſchen Pomp mit Mütze und Mantel(denn ſo nur hatte er für den Schattenriß ſitzen wollen) unter Glas und Rahmen auf dem Ehrenplatz über dem kleinen Herd— knabenhafte Skizzen von meiner Hand aus dem helleniſchen Inſtitut, Erſtlingsverſuche in Sepia und Tuſch, um die Wände zu beleben und ihr, wenn ſie in der Dämmerung ſitzend allein daſaß, die wonnigen Stunden zurückzurufen, als Siſty und die junge Mutter ſich gegenſeitig mit Gänſe⸗ blümchen bewarfen— und unter einer großen Glasglocke, die ſie jeden Tag eigenhändig abſtäubte, der Blumentopf, welchen Siſty von dem Ertrag der Dominoſchachtel bei je⸗ ner denkwürdigen Gelegenheit gekauft hatte, als er lernte, „wie böſe Handlungen durch gute wieder verbeſſert werden zu ihr im⸗ zu das net rak⸗ enn ſich hen ide⸗ uer, lem nur und — chen die ung fen, inſe⸗ ocke, opf. i je⸗ nte, rden „ 613 müßten.“ In einer Ecke ſtand vas kleine Piano, deſſen ich mich von früheſter Jugend an erinnere— altmodiſch und mit klimperndem, verlebtem Tone, aber doch an Melodien erinnernd, wie wir ſie nach den Tagen der Kindheit nie mehr hören! Und in dem beſcheidenen Hängeſims, der ſo leb⸗ haft mit Bändern, Quaſten und ſeidenen Schnüren geſchmückt war, meiner Mutter eigene Bibliothek, die mehr zum Her⸗ zen ſprach, als alle die kalten, weiſen Dichter, deren Seelen mein Vater in ſeinem großartigen Heraclea heraufbeſchwor. Die Bibel, über welche ich mit Augen⸗ die noch keinen Buch⸗ ſtaben zu unterſcheiden wußten, in unbeſtimmter Ehrfurcht und Liebe hinſchaute, wenn ſie aufgeſchlagen im Schooße meiner Mutter lag und ſie mit ihrer ſüßen, bei ſolchen Ge⸗ legenheiten aber ſtets ernſten Stimme mir die darin enthal⸗ tenen Wahrheiten auslegte. Auch meine erſten Leſebücher waren hier wie Schätze aufbewahrt. Und in Blau und Gold gebunden, aber ſorgfältig in Papier eingemacht, Cow⸗ per's Gedichte— ein Geſchenk meines Vaters aus den Tagen ſeines Freierſtandes— ein Heiligthum, das nicht einmal ich berühren durfte und das meine Mutter nur in den großen Prüfungen des ehelichen Lebens herunternahm, wenn etwa den Lippen des zerſtreuten Gelehrten ein min⸗ der freundliches Wort entfiel. Ach, alle dieſe armen Haus⸗ götter ſchienen mit mildem Vorwurf auf mich niederzublicken und mir zuzurufen:„Grauſamer, Du willſt uns verlaſſen!“ Und unter ihnen ſaß meine Mutter, troſtlos wie Rachel, in ſtillem Weinen. 614 „Mutter! Mutter,“ rief ich, ihr um den Hals fallend, „vergebt mir! Es iſt vorbei— ich kann Euch nicht verlaſſen!“ Drittes Kapitel. „Nein— nein! es dient zu Deinem Beſten— Auſtin gibt mir dieſe Verſicherung. Geh— es iſt nur die erſte Er⸗ ſchütterung.“ Dann öffnete ich vor meiner Mutter die Schleuſen jener Tiefe, die ich vor dem Gelehrten und dem Kriegs⸗ manne ſorgfältig verborgen hatte. Ihr theilte ich die wil⸗ den, unruhigen Gedanken mit, welche durch die Ruinen einer zerſtörten Liebe wanderten— ihr bekannte ich, was ich mir ſelbſt kaum zugeſtanden hatte. Erſt nachdem ich ihr die dunklere Seite von dem Bilde meines Geiſtes gezeigt, konnte ich mit ſtolzerem Geſichte und weniger gebrochener Stimme von dem edleren Ziele und den männlichen Hoffnungen ſpre⸗ chen, welche mir einen Ausweg zeigten aus Wildniß und Trümmern. „Habt Ihr nicht ſelbſt einmal zu mir geſagt, Mutter, es treffe Euch wie ein Gewiſſens⸗Vorwurf, daß meines Vaters Geiſt ſo geräuſchlos dahingehe, wobei Ihr halb das Glück anklagtet, welches Ihr ſeinem zufriedenen Sinn für den Tod ſeines Ehrgeizes gabet? Lerntet Ihr nicht ein neues Lebensziel kennen, als der Ehrgeiz endlich wieder erwachte und Ihr ſchon den Beifall der Welt um die Zelle Eures Gelehrten zu hören wähntet? Nahmt Ihr nicht Theil an den Tagträumen, die Euer Bruder heraufbeſchwor, 6. lend, 5 ſtin iſen g6⸗ ril⸗ nen ich die nte me re⸗ ind w 61⁵5 und riefet: Wenn mein Bruder das Mittel werden könnte, in der Welt ihn zu heben!— und als Ihr dachtet, wir hätten den Weg zu Ruhm und Reichthum gefunden, ſchluchztet Ihr nicht aus der Fülle Eures Herzens: Und es iſt mein Bruder, der ſeinem Sohne alles zurückzahlen wird— Alles, was er um meinetwillen aufgab?“ „Oh, hör auf, hör' auf, Siſty— ich kann dies nicht ertragen!“ „Nicht? Dann habt Ihr mich noch nicht verſtanden. Wird es nicht um ſo beſſer ſeyn, wenn Euer Sohn— der Eurige— Eurem Auſtin alles Verlorene wieder erſetzt, gleichviel wie es geſchehen mag? Wenn Ihr durch Euren Sohn, Mutter, die Welt etwas hören laßt von dem Geiſte Gures Gatten— wenn Ihr ſo ſeine Spannkraft wieder her⸗ ſtellt und ſeinem Streben zu dem verdienten Ruhme helft — wenn Ihr ſogar jenen prunkvollen Familien⸗Namen wiederherſtellt, welcher der Stolz unſeres ſeines Sohnes beraubten Rolands iſt— wenn Euer Sohn aus dem Staub von Generationen das Haus wieder aufbaut, in das Ihr eintratet als ein beſcheidener, ſchützender Engel?— Ach, Mutter, wenn dies geſchehen kann, ſo wird es Euer Werk ſeyn; denn ſofern Ihr nicht meinen Ehrgeiz zu theilen ver⸗ mögt— wenn Ihr nicht im Stande ſeyd, dieſe Augen zu trocknen, mir zuzulächeln und mich mit heiterer Stimme gehen zu heißen, ſo ſchmilzt all' mein Muth dahin, und ich ſage wieder— ich kann Euch nicht verlaſſen!“ Dann ſchlang meine Mutter ihre Arme um mich. Wir — 616 weinten, ohne ein Wort ſprechen zu können; gleichwohl fühlten wir heide uns glücklich. Viertes Kapitel. Das Schlimmſte war jetzt vorüber und meine Muiter benahm ſich unter uns Allen am Heroiſchſten. Ich be⸗ gann nun in gutem Ernſte meine Vorbereitungen zu treffen und kam Trevanions Weiſungen mit einer Beharrlichkeit nach, die ich auf das todte Bücherleben nie hätte verwen⸗ den können. Die Cumberlander Schafweiden dienten mir als gute Schule in den einfachen Elementen der ländlichen Kunſt, welche in einem Hirtenzuſtand erforderlich iſt. Mr. Sidney empfiehlt in ſeinem bewunderungswürdigen Hand⸗ buch für Auſtralien den jungen Gentlemen, welche ſich im Gebüſch anſiedeln wollen, ein dreimonatliches Bivouac auf der Salisbury⸗Ebene. Das Buch war damals noch nicht geſchrieben, da ich mir ſonſt wahrſcheinlich dieſen Rath zu Nutzen gemacht hätte; indeß glaube ich doch mit aller Achtung vor einer ſolchen Autorität, daß ich eine Vorbe⸗ reitungsſchule durchkämpfte, welche ebenſo gut darauf be⸗ rechnet war, einen künftigen Auswanderer für die erfolg⸗ reiche Ausführung ſeines Vorhabens zu befähigen. Ich unterhielt einen unabläſſigen Verkehr mit freundlichen Bauern und Handwerksleuten, die meine Lehrer wurden. Mit wel⸗ chem Stolz machte ich nicht meinem Vater ein Schreibpult und meiner Mutter ein Arbeitstiſchchen zum Geſchenk, die ich eigenhändig verfertigt hatte! Bolt lieferte ich ein Schloß — ———————— 617 für ſeine Silbertruhe, und als letztes Meiſterſtück brachte ich eine alte Thurmuhr wieder in Gang, die ſeit unfürdenklichen Zeiten ſtets die Stunde Zwei verkündigt hatte. So oft ihre Glocke tönte, freute ich mich des Gedankens, daß die tiefen Klänge diejenigen, welche ſie vernahmen, an mich erinnern würden. Doch die Heerden feſſelten meine Hauptaufmerk⸗ ſamkeit. Die Schafe, die ich beſorgte und ſcheeren half, das Lamm, das ich aus dem großen Sumpf herausholte, und die drei ehrwürdigen Mutterſchafe, die ich während einer geheimnißvollen Seuche zum Erſtaunen der ganzen Nachbarſchaft verpflegte— ſind ſie nicht eingetragen in deine liebevolle Chronik, o Haus Carton? Da nun der Erfolg meines Verſuchs großentheils von dem freundlichen Verhältniß abhing, in welchem ich zu meinem beabſichtigten Geſchäftstheilhaber ſtand, ſo ſchrieb ich an Trevanion und bat ihn, den jungen Gentleman, der mit mir reiſen und deſſen Kapital ich verwalten ſollte, zu veranlaſſen, daß er uns beſuche. Trevanion entſprach meiner Bitte, und eines Tages langte ein mehr als ſechs Fuß hoher ſchmächtiger Burſche an, der auf den Namen Guy Bolding antwortete, eine Hundspfeife in das Knopfloch ſei⸗ nes Jagdwamſes geknüpft hatte und graue Beinkleider mit Gamaſchen nebſt einer Weſte trug, welche mit ſpitzbübiſchen Taſchen aller Art ausgeſtattet war. Guy Bolding hatte anderthalb Jahre als„flotter Burſche“ in Orford gelebt — ſo„flott“ zwar, daß es kaum einen Gewerbsmann der Univerſitätsſtadt gab, in deſſen Kreditregiſter er ſich nicht verrannt hätte. 618 Sein Vater mußte ihn von der Univerſität zurück⸗ nehmen, wo der Jüngling für„den kurzen Gang“ die Ehre gehabt hatte, tüchtig gerupft zu werden; und als man ihn fragte, zu welchem Beruf er wohl am meiſten geeignet ſey, antwortete er mit ſelbſtbewußtem Stolze,„er könne kutſchi⸗ ren,“ Der alte Herr, welcher Mr. Trevanion ſeine Pfründe verdankte, ging in ſeiner Verzweiflung dieſen Staatsmann um Rath an, und der Rath lautete dahin, daß man den jungen Gentleman mir als Expatriationsgenoſſen mitgeben ſolle. Mein erſtes Gefühl, als ich den flotten Burſchen be⸗ grüßte, war allerdings das einer ſchwer getäuſchten Er⸗ wartung und eines tiefen Widerwillens. Indeß hatte ich mir vorgenommen, nicht allzu ekel zu ſeyn, und da ich mich ziemlich gut in alle Charaktere ſchicken konnte(eine Eigen⸗ ſchaft, ohne welche ja Niemand an den großen auſtralaſi⸗ ſchen Meerbuſen denken ſollte), ſo gelang es mir vor Ablauf der erſten Woche, in ſo vielen Punkten mit ihm anzuknüpfen, daß wir die beſten Freunde von der Welt wurden. In der That hätte die Schuld nur auf meiner Seite gelegen, wenn dies nicht der Fall geweſen wäre, denn bei allen ſeinen Mängeln war Guy Bolding eines von jenen vortrefflichen Geſchöpfen, die Niemands Feinde ſind, als ihre eigenen. Seine gute Lanne war unerſchöpflich, und keine Beſchwerde oder Entbehrung kam ihm ungelegen.„Welch ein Witz!“ lautete die Phraſe, die ſtets lachend über ſeine Lippen ſpru⸗ delte, wenn ein Anderer geflucht oder geſtöhnt hätte. Ver⸗ irrten wir in den weiten, pfadloſen Mooren, kamen wir um —,—————— 6¹9 unſer Mittageſſen und waren wir halb ausgehungert, ſo rieb Guy ſeine Hände, mit denen er einen Ochſen hätte nie⸗ derſchlagen können, und kicherte:„Welch ein Witz!“ Blie⸗ ben wir in einem Sumpfe ſtecken, wurden wir von einem Donnerwetter überfallen, oder warfen uns die wilden Foh⸗ len, die wir zu zähmen verſuchten, Hals über Kopf zu Bo⸗ den, ſo lautete Guy Boldings Elegie blos:„Welch ein Witz!“ Dieſes großartige Schibolet von Philoſophie verließ ihn nur bei dem Anblick eines offenen Buches, und ich glaube, daß er damals nicht einmal im Don Quirote einen„Witz“ gefunden haben würde. Bei ſeinem fröhlichen Temperament war er auch durchaus nicht gefühllos, denn nie hatte ein gutmüthigeres Herz geſchlagen, obſchon es allerdings in einem ſeltſamen, unruhigen, tarantelartigen Takte klopfte, durch welchen es in einem ewigen Tanz erhalten wurde. Es machte ihn zu einem jener dienftfertigen guten Kame⸗ raden, die ſelbſt nie zu Ruhe kommen und, wenn es von ihnen abhängt, auch andere nicht zu Ruhe kommen laſſen. Guy's Hauptfehler in dieſer klugen Welt beſtand übrigens varin, daß er durchaus das Geld nicht halten konnte. Hätte man ihm am Morgen einen Euphrat von Gold in die Taſche geleitet, ſo wäre ſie um zwölf Uhr Mittags ſchon wieder ſo trocken geweſen, wie die große Sahara. Was er mit dem Gelde anfing, war für ihn ſowohl, als für Jedermann anders ein Geheimniß. Sein Vater theilte mir in einem Briefe mit, er habe mit angeſehen, wie er mit„halben Kronen Sperlinge fortſcheuchte,“ und es ſchien daraus klar hervorzugehen, daß ein ſolcher junger Mann in England 620 nicht aufkommen konnte. Gleichwohl erzählt man ſich von vielen großen Männern, die ihre Tage nicht in dem Armen⸗ haus beſchloſſen, daß ſie mit dem Gelde ebenſo wenig um⸗ zugehen wußten. Wenn Schiller nichts anderes mehr zu ver⸗ ſchenken hatte, gab er die Kleider vom Leibe weg, und Gold⸗ ſmith hielt es ebenſo mit den Leintüchern ſeines Bettes. Zarte Hände fanden es für nöthig, zu Hauſe Beethoven die Taſchen zu leeren, eh' er ausging. Große Helden, die ſich kein Gewiſſen daraus machten, die ganze Welt zu be⸗ rauben, ſind ebenſo verſchwenderiſch geweſen, wie arme Dichter und Muſiker. Alexrander behielt bei Vertheilung der Beute nichts als die„Hoffnung“ für ſich, und Julius Cäſar hatte zwei Millionen Schulden, als er in Gallien ſeine letzte halbe Krone den Sperlingen nachwarf. Durch ſo erlauchté Beiſpiele ermuthigt, hatte ich Hoffnung auf Guy Bolding, und je mehr er ſein Gebrechen einſah, deſto bereitwilliger fügte er ſich in die Anordnung, welche mich zum Schatzmeiſter ſeines Geldes beſtellte; ja er bat mich ſogar, unter keinen Umſtänden ihm etwas davon unter die Hände kommen zu laſſen, möge er bitten oder betteln, wie er wolle. Es war mir in der That gelungen, ein großes Uebergewicht über dieſe einfache, edle, gedankenloſe Natur zu gewinnen, und als ich mich auf ſein Herz berief und ihm vorſtellte, wie ſehr er ſeinem Vater verpflichtet ſey für ſo viele zweckloſe Opfer und wie es ihm obliege, ſeiner kleinen Schweſter, deren Erbtheil er zur Hälfte durch ſeine Univer⸗ ſitätsſchulden aufgebraucht habe, für Mitgift be⸗ ,— N — — 62¹ ſorgt zu ſeyn— da ſiel ihm endlich ein, daß es doch etwas in der Welt gebe, für das er ſparen ſollte. Für unſere Cleruchia las ich noch drei andere Ge⸗ fährten aus. Der erſte war der Sohn unſeres alten Schä⸗ fers, welcher erſt kürzlich geheirathet hatte und noch nicht mit Kindern belaſtet war— ein guter Schäfer und ein ein⸗ ſichtsvoller, zuverläſſiger Burſche. Der zweite hatte einen ganz anderen Charakter und war bisher der Schrecken der ganzen Squirearchie geweſen, da es weit und breit keinen kühnern und gewandteren Wild⸗ dieb gab. Meine Bekanntſchaft mit dieſem Menſchen, wel⸗ cher Will Peterſon hieß, gemeiniglich aber nur„Will o' the Wisp““ genannt wurde, hatte in folgender Weiſe be⸗ gonnen.— Eine halbe Stunde von dem Thurm lag ein Fleines Gehölz, das einzige Stück Boden auf den Be⸗ ſitzungen meines Onkels, das man Höflichkeits halber„ei⸗ nen Wald“ nennen konnte, und Bolt hatte daſelbſt eine junge Colonie von Faſanen angelegt, die er mit dem würde⸗ vollen Titel„Wildgehege“ bezeichnete. Dieſe Colonie wurde nun in frecher Weiſe kläglich entvölkert trotz der zwei Wächter, welche nebſt Bolt ſieben Nächte hinter einander den Schlummer der jungen Anſiedelung hüteten. Die An⸗ griffe waren ſo unverſchämt, daß das Puff, Puff des diebi⸗ ſchen Gewehrs hinten und vorn fortging, nur wenige Schritte von den Schildwachen, der Schütze aber mit der Beute ſich aus dem Staube gemacht hatte, noch ehe die Hüter die Stelle emeij konnten. Die Kühnheit und Geſchick⸗ „ Irrwiſch. 622 lichkeit des Feindes ließ die erfahrenen Wächter in demſelben bald den Will o'the Wisp erkennen; aber man fürchtete den Muth und die Kraft dieſes Burſchen und die Hüter des Wildgeheges verzweifelten ſo ſehr daran, ſeiner Geſchwin⸗ vigkeit und Schlauheit zuvorkommen zu können, daß ſie nach dem Dienſt einer Woche jeden weitern Auszug verweigerten, während der arme Bolt ſelbſt von einem Anfall bettliege⸗ rig wurde, den ein Doktor vielleicht Rheumatismus, ein Moraliſt aber Aerger genannt haben würde. Durch dieſes verdrüßliche Fehlſchlagen wurde mein Unwille und meine Theilnahme geweckt, um ſo mehr, da ich von Will o'the Wisp viele intereſſante Anekdoten gehört hatte. Ich be⸗ waffnete mich deshalb mit einem tüchtigen Knüttel, ſchlich mich Nachts hinaus und ſchlug meinen Weg nach dem Ge⸗ holz ein. Die Bäume ſtanden noch im Laub, und ich konnte nicht begreifen, wie es dem Wilddieb gelang ſeiner Opfer nur anſichtig zu werden; aber gleichwohl feuerte er fünf gute Schüſſe ab, ohne daß i6 im Stande war, den Schützen zu bemerken. Ich zog mich ſodann an den Saum des Ge⸗ hölzes zurück und wartete geduldig an einer Ecke, wo ich die Grenze nach zwei Seiten hin überſchauen konnte. Mit An⸗ bruch der Dämmerung ſah ich meinen Mann etwa zwanzig Schritte vor mir aus dem Gehölz auftauchen. Ich hielt den Athem an, ließ ihn eine kleine Strecke weit gehen, ſchlich dann vorwärts, um ihm den Rückzug abzuſchneiden, und hurr— ſchoß ich auf ihn los! Meine Hand lag auf ſeiner Schulter— prr, prr— kein Aal war je ſo glatt. Er entglitt mir wie etwas Weſenloſes und uſchte mit einer 623 Geſchwindigkeit über die Moore hin, welche wohl im Stande war, die Bemühungen der täppiſchen Bauern zu vereiteln — eines Schlages, deſſen Waden gewöhnlich in den Fer⸗ ſen der genagelten Schuhe ſtecken. Aber das helleniſche Inſtitut mit ſeiner klaſſiſchen Gymnaſtik hatte ſeine Zög⸗ linge in allen körperlichen Uebungen ausgebildet, und ob⸗ gleich der Will o' the Wisp zu ſchnell war für einen Bau⸗ ren, konnte er ſich doch an Geſchwindigkeit nicht mit einem Jüngling meſſen, deſſen Knabenzeit am Reck und Barren und in andern Turnerſpielen geübt worden war. Ich er⸗ reichte ihn endlich und brachte ihn zum Stehen. „Zurück!“ rief er keuchend, indem er mit ſeinem Ge⸗ wehre anſchlug;„es iſt geladen!“ „Ja,“ verſetzte ich;„aber obgleich Ihr ein gewandter Wilddieb ſeyd, wagt Ihr es doch nicht, auf einen Neben⸗ menſchen Feuer zu geben. Liefert augenblicklich Euer Ge⸗ wehr aus.“ Meine Anrede machte ihn betroffen, und er ſeuerte nicht. Ich ſchlug ihm den Lauf in die Höhe und rang mit ihm. Während wir ſo ſcharf an einander waren, ging das Gewehr los. Mit einem Male ließ er von mir ab und rief mit ſtotternder Stimme: „Gott ſey mir gnädig— ich habe Euch doch nicht ge⸗ troffen?“ „Nein, mein guter Burſche,“ ſagte ich.„Doch laßt uns jetzt Gewehr und Knüttel bei Seite legen und die Sache wie Engländer ausfechten, oder zuſammenſitzen und freundſchaftlich att ſprechen.“ 624 Der Will o' the Wisp kratzte ſich im Kopf und lachte. „Ihr ſeyd ein kurioſer Herr— aber meinetwegen,“ entgegnete er, indem er ſein Gewehr fallen ließ und ſich nie⸗ derſetzte. Wir ſprachen mit einander, und ich erhielt von Peterſon das Verſprechen, daß er fortan das Wildgehege reſpektiren wolle. Darüber wurden wir ſo herzlich, daß er mich nach Hauſe begleitete und mir unter ſcheuen Entſchuldi⸗ gungen die fünf Faſanen zum Geſchenk machte, welche er geſchoſſen hatte. Von dieſer Zeit an ſuchte ich ihn auf. Er war ein junger Menſch von noch nicht vierundzwanzig und hatte aus Liebhaberei zu dem Wilddieben gegriffen, um ſo mehr, da er meinte, die Natur habe jedem Menſchen das Recht gegeben, ſich das Wild des Waldes zuzueignen. Ich fand bald, daß der junge Menſch zu etwas Beſſerem be⸗ ſtimmt ſey, als ein halbes Jahr im Gefängniß zu ſitzen und am Ende ſein Leben wegen Tödtung eines Wildhüters am Galgen zu endigen. Dies ſchien ihm mit aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit in der alten Welt zu blühen, und ſo brachte ich ihm ein glühendes Verlangen nach der neuen bei, wo er ſich im Gebüſch als ein ſehr werthvoller Gefährte erwies. Meine dritte Wahl traf eine Perſon, die als Beihülfe wenig phyſiſche Kraft mitbringen konnte, aber mehr Geiſt beſaß, als alle übrigen zuſammengenommen, obſchon ſich manche ſeltſame Auswüchſe in demſelben befanden. Ein achtbares Ehepaar im Dorf hatte einen Sohn, der wegen ſeines in Vergleichung mit dem Cumberland⸗ ſchlage kleinen und ſchwächlichen Körperbaus vom Bauern⸗ — —,— 625 geſchäft ausgeſchloſſen und noch als Knabe nach einer Fa⸗ brikſtadt geſchickt worden war. Er ſtand jetzt in ſeinem dreißigſten und war, da ihn lange Krankheit arbeitsuntüchtig gemacht hatte, zur Erholung nach Hauſe gekommen. Bald hörten wir von nichts, als von den verpeſtenden Lehren, mit welchen er unſere urſprünglichen Dorfbewohner anſteckte oder ihnen Entſetzen einflößte. Wenn man dem Gerüchte glauben durfte, ſo hatte Coreyra nie einen wilderen Demo⸗ kraten hervorgebracht. Der arme Menſch befand ſich in einem ſehr leidenden Zuſtande, und ſeine Eltern waren ſehr arm; aber ſeine unglückſeligen Anſichten brachten alle Ströme der Mildthätigkeit zum Verſiegen⸗ die ſonſt durch unſer wohl— wollendes Dörſchen rieſelten. Der Geiſtliche, ein trefflicher Mann, aber von der alten Schule, ging an dem Hauſe vorbei, als ob es vervehmt wäre. Der Apotheker meinte, Miles Square ſollte Wein haben, ſchickte ihm aber keinen. Die Bauern verwünſchten ihn, denn er hatte alle Taglöhner angeſtiftet, wochentlich einen Schilling mehr Lohn zu ver⸗ langen; und ohne den alten Thurm würde Miles Square bald ſeinen Weg gefunden haben nach der einzigen Repu⸗ lit, in welcher er jene demokratiſche Brüderlichkeit finden konnte, nach der er ſeufzte,— denn ich vermuthe, daß der einzige Staat, welcher jener todten Fläche geſellſchaftlicher Gleichheit Raum gibt, vor der das Leben ſo entſetzlichen Ab⸗ ſchen hegt, im Grabe geſucht werden muß. Mein Onkel machte Miles Square einen Beſuch und kam ganz purpurroth wieder zurück. Der Kranke hatte ihm eine lange Predigt Jehalten über die Unheiligkeit des Krieges. Bulwer, die Cartone. 40 626 „Wie, auch bei Vertheidigung des Königs und des Vater⸗ landes?“ lautete die entrüſtete Erwiderung des Kapitäns, und Miles Square antwortete darauf mit einer Bemerkung über Könige im Allgemeinen, die Roland nicht hätte wie⸗ derholen mögen, ohne beſorgen zu müſſen, der alte Thurm falle ihm über den Ohren zuſammen, und mit einer Hindeu⸗ tung auf das Vaterland im Beſondern, des Inhalts,„das Vaterland würde viel beſſer daran ſehn, wenn es beſiegt wäre!“ Bei Anhörung dieſer loyalen und patrivtiſchen Ent⸗ gegnungen brach mein Vater in ſein Papae aus, entriß ſich ſeiner gewohnten philoſophiſchen Ruhe und ging ſelbſt zu dem Kranken, kehrte aber ebenſo blaß, als mein Onkel roth, wieder zurück.„Es iſt ein trauriger Gedanke,“ ſagte er wehmüthig,„daß in der Stadt, aus welcher dieſer Menſch kommt, ſeiner Verſicherung nach zehntauſend andere Got⸗ tesgeſchöpfe ſich befinden ſollen, welche das Werk der Ei⸗ viliſation dadurch zu fördern wähnen, daß ſie die Geſetze derſelben mit Füßen treten!“ Aber weder Vater, noch Onkel erhoben einen Einwurf, als meine Mutter mit einem Korbe, den ſie mit Wein, Pfeil⸗ wurzmehl und einer hübſchen, braun gebundenen kleinen Bibel beladen hatte, ihren Weg nach der ercommunieirten Hütte antrat. Ihr Beſuch ſchlug in derſelben Weiſe fehl, wie die früheren. Miles Square wies den Inhalt des Korbes zurück; er ſey nicht der Mann, welcher Almoſen an⸗ nehme und das Brod der Barmherzigkeit eſſe; und als meine Mutter in frommem Sinne andeutete, wenn Mr. Miles Square ſich nur Zeit nehmen wolle, i Bibel hineinzu⸗ — — 627 ſehen, ſo werde er finden, daß die Mildthätigkeit keine Sünde ſey, weder für den Geber noch für den Empfänger— über⸗ nahm es Mr. Miles Square, den Beweis zu führen, daß er nach der Bibel ebenſo viel Recht an meiner Mutter Ei⸗ genthum habe, wie ſie ſelbſt— alle Dinge ſollten Gemein⸗ gut ſeyn, und wenn es einmal ſo weit gekommen, was werde da aus der Mildthätigkeit werden? Nein; er könne nich meines Onkels Pfeilwurz eſſen und ſeinen Wein trinken, ſo lange derſelbe ungebührlich ihm und ſeinen Nebenmenſchen ſo viele ertragloſe Grundſtücke vorenthalte, denn das Land gehöre dem Volk. Die Reihe des Beſuchens kam jetzt an Piſiſtratus. Er zögerte nicht und wiederholte oft ſeine Be⸗ ſuche. Das Streiten und Argumentiren zwiſchen ihm und Miles Square endigte damit, daß beide gegenſeitig an ſich Gefallen fanden, denn der arme Kranke war nicht halb ſo ſchlimm, als ſeine Lehren. Seine Irrthümer entſprangen aus der innigen Theilnahme an den Leiden, deren Zeuge er geweſen, in dem Elend, welches die Herrſchaft des Mil⸗ lokratismus begleitet, und aus der unbeſtimmten Sehn⸗ ſucht eines halb gebildeten, glühenden, ernſten Geiſtes. Es gelang mir allmälig, ihn zu bereden, daß er den Wein trank und die Pfeilwurz aß, ehe noch das Reich der Herr⸗ lichkeit gekommen war, welches dem Volk das Land zurück⸗ geben ſollte. Dann kam meine Mutter wieder, übte einen beſchwichtigenden Einfluß auf ſein Herz und goß zum er⸗ ſtenmal in ſeinem Leben das warme Licht menſchlicher Dank⸗ barkeit in ſeine kalten, verſchrobenen Anſichten. Ich borgte ihm einige Pihe. darunter auch etliche über Auſtralien. 40* 628 Eine Stelle in einem der letzteren, in welcher geſagt wird, daß ein verſtändiger Handwerker gewöhnlich ſich weit beſſer fortbringe, als der bloſe Bauer, ſelbſt wenn er ſich nur mit der Schafzucht abgebe, machte einen tiefen Eindruck auf ſeine Phantaſie und gab ſeinen Beſtrebungen eine geſunde Richtung. Als er endlich wieder hergeſtellt war, bat er mich, ihm zu geſtatten, daß er mich begleite. Da ich vielleicht nicht wieder auf Miles Square zurück⸗ komme, ſo wird es hier am Orte ſeyn, anzugeben, daß er mit mir nach Auſtralien ging, mit einer Schäferei begann, ſpäter als Aufſeher verwendet wurde und ſich Geld erſparte, um zuletzt Land erwerben zu können. Ungeachtet ſeiner An⸗ ſichten über die Unheiligkeit des Krieges ſah er ſich kaum im Beſitz eines gemächlichen Blockhauſes, als er daſſelbe auch nit ungewöhnlicher Tapferkeit gegen jeden Angriff der Ein⸗ gebornen vertheidigte, deren Recht an den Boden im min⸗ deſten Falle ebenſo gut war, als ſeine Anſprüche an meines Onkels Grundſtücke. Die ſpätere Erwerbung eines neuen Stück Landes mit dem dazu gehörigen Viehſtand weihte er mit einer kleinen, zu Sidney gedruckten Flugſchrift über die Heiligkeit der Eigenthumsrechte ein, und als ich die Colonie verließ, hatten ihn zwei widerſpenſtige„Helfer,“ mit welchen er ſein Hausweſen vergrößert, ſo in Harniſch gebracht, daß er ſich durch eine ſehr antigleichmachende Vor⸗ leſung über die Pflichten der Dienſtboten gegen ihre Brod⸗ herrn auszeichnete. Was würde die alte Welt für dieſen Mann gethan haben?„ 629 Fünftes Kapitel. Ich beeilte mich nicht, meine Vorbereitungen zu Ende zu bringen, denn abgeſehen von meinem Wunſche, mich mit den kleinen nützlichen Künſten zu befreunden, welche mir in einem Leben nothwendig werden konnten, in dem der Ein⸗ zelne für ſich ſelber daſtehen muß, war es mir natürlich da⸗ rum zu thun, meine Verwandte an den Gedanken der Tren⸗ nung zu gewöhnen. Meine fruchtbare Einbildungskraft beſchäftigte ſich daher unabläſſiig mit Planen, wie es einzu⸗ leiten ſeyn dürfte, um ihnen durch Zerſtreuung oder andere Hülfsmittel einen Erſatz für meinen Verluſt zu geben. Zu⸗ vörderſt bewog ich um Blanch's, Rolands und meiner Mutter willen den lange widerſtrebenden Kapitän, auf den Vorſchlag ſeiner Schwägerin einzugehen und das Einkommen beider Theile zuſammenzuwerfen ohne Rückſicht darauf, von wel⸗ cher Seite her das Meiſte beitragen würde. Ich gab ihm zu bedenken, wenn ſein Stolz nicht dieſes Opfer bringe, ſo werde meine Mutter alle jene kleinen häuslichen Freuden entbehren müſſen, die einer Frau ſo theuer ſeyen; unter ob⸗ waltenden Umſtänden dürfe man an einen geſelligen Um⸗ gang mit der Nachbarſchaft nicht denken, und wenn meine Mutter mit ihrer Zeit ſo ganz auf ſich ſelbſt beſchränkt ſey, bleibe ihr nichts anderes übrig, als an den Abweſenden zu denken und ſich über ihn zu grämen. Ich erklärte ihm dabei unverholen, wenn er auf ſeinem falſchen Stolze beharre, werde ich in meinen Vater dringen, daß er den Thurm ver⸗ laſſe. Dieſe Vorſtellungen fruchteten. Bereits hatte die 630 — Ganichkeit in der alten Halle begonnen und ein Häuſchen von Frau Baſen ſich um meine Mutter geſammelt. Grup⸗ pen von lachenden Kindern erfreuten Blanche's ruhiges An⸗ tlis, und auch der Kapitän fühlte ſich heiterer und mehr zur Geſelligkeit geneigt. Die nächſte Aufgabe war nun, mei⸗ nen Vater zu Vollendung des großen Buches zu veranlaſſen. „Ach, Vater,“ ſagte ich,„gebt mir einen Sporn für die Anſtrengung, einen Lohn für meinen Fleiß. Laßt mich bei iedem lockenden Vergnügen, beijeder koſiſpieligen Verſuchung denken— nein, nein, ich will für das große Buch ſparen, da⸗ mit ſo das Andenken an den Vater den Sohn von Irrthü⸗ mern abhalte. Mr. Trevanion hat mir ein Anlehen von fünfzehnhundert Pfunden angeboten, die für den Beginn nöthig ſind; aber Ihr habt großmüthig erklärt, ich dürfe meine neue Laufbahn nicht mit einer Schuldenlaſt anfan⸗ gen. Ich wußte, daß Ihr hierin Recht hattet, und gab nach — fügte mich um ſo dankbarer darein, weil ich mir nun von dem gerechten Stolz der Mannheit nichts zu vergeben brauchte, indem ich mich einer ſolchen Verpflichtung unterzog gegen den Vater von Miß Trevanivn. Ich habe deshalb dieſe Summe von Euch angenommen, eine Summe, die faſt zugereicht haben würde, Euer jüngeres und würdigeres Kind für immer in der Welt zu verſorgen. So geſtattet mir denn, es dieſem Kinde zurückzuzahlen, oder ich nehme es gar nicht an. Laßt mich es als anvertrautes Gut für das große Buch betrachten und verſprecht mir, daß es fertig ſeyn ſoll, wenn Euer Wanderer zurückkehrt und nach dem feh⸗ lenden Talente fragt.“— —. „ 63¹ Mein Vater wollte zwar anfangs nichts davon wiſſen und rieb den Thau ab, der ſich auf ſeiner Brille geſammelt hatte. Aber ich ließ ihm keine Ruhe, bis er mir ſein Wort gegeben hatte, das große Buch ſolle in à pas du géant fortſchreiten, und gab mich nicht früher zufrieden, bis ich ſelbſt Zeuge geweſen war, daß er wohlgemuth ſich dazu nie⸗ derſetzte und das Rad wieder umging in dem ruhigen Mechanismus dieſes edlen Lebens. Schließlich und als Höhenpunkt meiner Diplomatik bewirkte ich den Ankauf einer benachbarten Apotheke ſammt der ärztlichen Kundſchaft für Squills, auf deſſen Bedingun⸗ gen der Letzere bereitwillig einging, denn der arme Mann hatte den Verluſt ſeiner Lieblingspatienten ſchmerzlich empfun⸗ den, obſchon der Himmel weiß, daß ſie wenig genug zu ſei⸗ nem Einkommen beitrugen. Und was meinen Vater betrifft, ſo gab es Niemanden, welcher mehr zu ſeiner Zerſtreuung beitrug, als Squills, obgleich er demſelben zur Laſt legte, er ſey ein Materialiſt, und ſeine ganze Meuthe von Weiſen auf ihn hetzte, von Plato und Zenvan bis zu Reid und Abra⸗ ham Tucker. Ich habe den Flug der Zeit nur ſehr flüchtig ange⸗ deutet; aber gleichwohl entſchwand ein ganzes Jahr von dem Tag unſerer Niederlaſſung im Thurme an bis zu dem, welcher für meine Abreiſe beſtimmt war. Zeitungen waren zwar eine ſeltſame Erſcheinung unter uns, aber demungeachtet waren wir doch von den Lauten der fern hin gährenden Welt nicht ſo ganz abgeſchnitten, daß uns nicht auch die Kunde erreicht hätte, das bisherige Mi⸗ 632 niſterium ſey abgetreten und Mr. Trevanion dem neuen Cabinet einverleibt worden. Nach dem Briefe, welcher den früher angedeuteten Beſuch Guy Boldings veranlaßte, hatte ich jede weitere Correſpondenz mit dem Staatsmann unterlaſſen; jetzt aber ließ ich ihm ein Glückwunſchſchrei⸗ ben zugehen, auf das er nur kurz und in Eile antwortete. Drei Monate vor meiner Abreiſe erhielt ich durch Trevanions Verwalter eine MWittheilung, die einen erſchüt⸗ ternden Eindruck auf mein Herz machte. Lord Caſtletons Vermählung, welche beim Antritt ſeiner Volljährigkeit ge⸗ eiert werden ſollte, war wegen der leidenden Geſundheit des Bräutigams verſchoben worden. Er hatte die Univerſi⸗ tät mit den Ehren einer„doppelt erſten Klaſſe“ verlaſſen und ſchien ſich von den Wirkungen eines Studiums, das auf ihn nachtheiliger wirken mußte, als auf einen Jüng⸗ ling von leichter faſſenden und glänzenderen Fähigkeiten, eben zu erholen, als er nach einem Grafſchafts⸗Meeting, in welchem ſein erſtes öffentliches Auftreten ſo anſprach, daß ſeine Partei die wärmſten Hoffnungen auf ihn ſetzte, von ei⸗ nem Catarrhfieber befallen wurde, welches in eine Lungen⸗ entzündung überging und einen tödtlichen Ausgang nahm. Welch ein erſchütternder Gegenſatz drang ſich nicht meinem Geiſte auf— hier der plötzliche Tod und eine kalte Leiche— dort die Jugend in ihrer erſten Blüthe, fürſtlicher Rang, un⸗ erſchöpflicher Reichthum, die hoffnungsfrohe Erwartung ei⸗ ner glänzenden Laufbahn und die Ausſicht auf das Glück, welches aus den Augen Fanny's lächelte. Dieſe beiden Bil⸗ der erfüllten mich mit einer nie gefühlten Scheu. Der Tod N ——— 633 ſcheint uns ſo nahe zu ſeyn, wenn er diejenigen trifft, welche das Leben am meiſten mit ſeinen Liebkoſungen und Schmei⸗ cheleien überhäuft hat. Woher jene ſeltſame Theilnahme der Menſchen an denen, welche hochſtehen in der Welt, wenn die Sanduhr gerüttelt wird und die Senſe niederfällt? Wenn das berühmte Zuſammentreffen zwiſchen Diogenes und Alerander nicht vor, ſondern nach den Heldenthaten ſtattgeſunden hätte, welche letzterem den Namen des Großen erwarben, ſo glaube ich wohl, daß der Cyniker den Helden nicht beneidet haben würde um ſeine Vergnügungen, we⸗ der um die Zanber von Statira, noch um die Tiare des Meders; hätte ſich aber den Tag nachher der Ruf verbrei⸗ tet:„Alexander der Große iſt todt!“ ſo würde ſicherlich auch Diogenes in ſeiner Tonne zurückgebebt ſeyn und dem Ge⸗ fühle Raum gegeben haben, mit dem Schatten des ſtatt⸗ lichen Helden ſey auch etwas von der Herrlichkeit und der Wärme der Sonne entſchwunden, welche nicht mehr einen ſolchen Körper beleuchten konnte. In der Natur auch des geringſten und härteſten Menſchen liegt etwas, was auflebt im Schönen oder Glücklichen; die Hoffnung und die Sehn⸗ ſucht eignen ſichs zu, wäre es auch nur in den Eitelkeiten eines kindiſchen Traums. 634 Sechstes Kapitel. „Warum biſt Du hier ſo allein, Vetter? Wie kalt iſt es unter den Gräbern!“ „Setz Dich zu mir nieder, Blanche; es iſt auf einem Kirchhof nicht kälter, als auf dem Raſen des Dorfes.“ Und Blanche nahm neben mir Platz, ſchmiegte ſich dicht an mich und lehnte ihr Köpfchen an meine Schulter. So ſaßen wir lange ſchweigend. Es war ein ruhiger, ſchöner Lenzabend, und die roſenrothen Streifen verſchwan⸗ den allmälig von dem dunkeln Grau der langen, ſchmalen phantaſtiſchen Wolken. Hohe, laubloſe Pappeln, die in re⸗ gelmäßiger Linie auf dem Tiefland zwiſchen dem Kirchhof und dem Schloßberg ſtanden, prägten ihre Gipfel ſcharf an dem Horizont ab. Doch die Schatten ſchlangen ſich ſchwer⸗ fällig um das Immergrün, welches den Kirchhof ſäumte, ſo daß ihre Umriſſe ſich nur wirr und unbeſtimmt ausnah⸗ men, und verbreiteten ein tiefes, düſteres Schweigen, welches nur unterbrochen wurde, wenn die Droſſel aus dem niedrigen Gebüſch flog und die ſtarren Lorbeerblätter ſich rührten, um alsbald wieder in eine ſteife Ruhe zurückzu⸗ kehren. In den Abenden eines Frühlenzes liegt eine gewiſſe Wehmuth, die ſich unter jenen Einflüſſen der Natur, welche am allgemeinſten anerkannt werden, am ſchwerſten erklären läßt. Die ſtumme Thätigkeit des wieder erwachenden Le⸗ bens, die noch nicht in den“ äußern Zeichen der Knoſpen und Blüthen bemerkt wird, ſondern nur ſich zu erkennen gibt in einer weicheren Klarheit der Luft, in den zögern⸗ — — deren einer Atm ſang Still fruch rigen genb das kleid der mit! Ged Stit wele Ge kind roh nich ihre bler We und Zei her — * „ 635 deren Pauſen des langſam ſich verlängernden Tages, in einer zarteren, balſamiſcheren Friſche der Dämmerungs⸗ Atmoſphäre, in dem lebhafteren, aber noch unruhigen Ge⸗ ſang der Vögel, die im Gebüſche niſten, und bei all' dieſer Stille, welche noch das Gewand kalter, winterlicher Un⸗ fruchtbarkeit trägt, in dem unbeſtimmten Gefühl des rüh⸗ rigen Wechſels, welcher in jeder Stunde, ja mit jedem Au⸗ genblick thätig iſt, um die Jugend der Welt zu erneuern und das Gerippe der Gegenſtände mit lebhaften Blüthen zu be⸗ kleiden. Alle dieſe ſtummen Mahnungen aus dem Herzen der Natur an das Herz der Menſchen ſind wohl geeignet, uns mit Rührung zu erfüllen. Aber warum mit Wehmuth? Kein Gedanke von unſerer Seite knüpft ſich an die leiſen ſanften Stimmen und deutet ſie. Doch es iſt nicht der Gedanke, welcher antwortet und Schlüſſe macht— nein, ſondern das Gefühl, das hört und träumt. Suche nicht, o Menſchen⸗ kind— ſuche nicht jene geheimnißvolle Wehmuth mit dem rohen Auge deines Verſtandes zu zergliedern; du kannſt ſie nicht einengen in das Gehäge deiner dornigen Logik und ihren Zauberkreis nicht mit den auswendig gelernten Pro⸗ blemen der Schule bemeſſen. Du ſtehſt an der Grenze zweier Welten, der todten und der lebendigen; lauſche auf die Töne und beuge deine Seele vor den Schatten, welche ſich in der Zeit eines ſolchen Wechſels von dem dunkeln Grenzlande herüberſtehlen! Blanche—(im Flüſterton).— An was denkſt Du? — Ich bitte Dich, ſprich! Piſiſtratus.— Ich dachte nichts, Blanche; oder 636 wenn es je der Fall war, ſo iſt der Gedanke wieder ent⸗ ſchwunden bei dem bloßen Verſuch, ihn zu faſſen oder feſtzu⸗ halten. Blanche—(nach einer Pauſe).— Ich weiß, was Du meinſt. Mir ergeht es oft, o, ſehr oft auch ſo, wenn ich ſtille für mich allein daſitze. Es iſt gerade wie in dem Geſchichtchen, welches Primmins letzthin uns erzählte. „Da war eine Frau in ihrem Dorf, die ſah Dinge und Leute in einem Stück Cryſtall, nicht größer als meine Hand.“ Sie gingen vorbei wie in Lebensgröße und waren doch nur Bilder in dem Cryſtalle“ Seit ich die Geſchichte gehört habe, möchte ich zu der Tante, wenn ſie mich fragt, was ich denke, oft ſagen:„ich denke nicht, ſondern ſehe Bil⸗ der in dem Cryſtall.“ Piſiſtratus.— Dies mußt Du meinem Vater ſa⸗ gen; er wird eine Freude darüber haben. Es liegt mehr Philoſophie darin, als Du weißt, Blanche. Viele Weiſe haben ſchon die ganze Welt mit ihrer Pracht, ihrem Stolz und ihrer Umſtändlichkeit für nichts Anderes erklärt, als für ein Phantom— ein Bild in dem Cryſtall. Blanche.— Und ich werde Dich ſehen— uns beide „Im Weſten von England gibt es alte Dörfer, wo noch immer der Glaube herrſcht, oder doch vor noch nicht vielen Jahren herrſchte, man könne Abweſende in einem Stück Cryſtall ſehen. Ich ſelbſt habe einmal einen dieſer magiſchen Spiegel, die, beiläufig bemerkt, Spencer ſo ſchön beſchreibt, in Handen gehabt. Sie ſind von der Größe und Form eines Schwaneneis; aber nicht Jeder kann in dem Cryſtall Geſtalten ſehen, da dies eine beſondere Gabe iſt, ähnlich der des zweiten Geſichts. ſehen, gegan wenn und 2 des, ein le ihn 1 küßte oft h Dich mußt Gott dern zu 9 könn And was ſollſ und ſch Va ſein bei er: abo De ent⸗ ſtzu⸗ was venn dem hlte. und neine aren ichte ragt, Bil⸗ r ſa⸗ mehr Leiſe Stolz s für. beide noch ahren ſehen. äufig ſind Jeder Gabe 637 ſehen, wie wir hier ſitzen— und den Stern, der dort auf⸗ gegangen iſt— Alles werde ich in meinem Cryſtall ſehen, wenn Du fort biſt! Ach, fort Vetter!“ Blanche ließ ihr Köpſchen ſinken. Es lag eine Ruhe und Tiefe in der Innigkeit dieſes armen mutterloſen Kin⸗ des, welche nicht blos oberflächlich anſprachen⸗ wie etwa ein lauter augenblicklicher Erguß, von dem man weiß, daß ihn das nächſte Spielzeug wieder verdrängen wird. Ich küßte das bleiche Geſicht meines Bäschens und ſagte: „Auch ich habe meinen Cryſtall, Blanche, und will oft hineinſchauen; ſehe ich Dich dann traurig und einſam Dich grämend, ſo werde ich ſehr zornig werden. Denn Du mußt wiſſen, Blanche, daß dies lauter Selbſtſucht iſt. Gott hat uns nicht dazu geſchaffen, nur nach Cryſtallbil⸗ dern zu ſehen, eiteln Träumen nachzuhängen, ſich einſam zu grämen und über das zu trauern, was wir nicht ändern können, ſondern wir müſſen behend und beweglich ſeyn und Andere glücklich zu machen ſuchen. Merke jetzt auf, Blanche, was ich Dir für ein Vermächtniß hinterlaſſen will. Du ſollſt meine Stelle erſetzen bei Allen, von denen ich ſcheide, und überall Sonnenſchein hinbringen, wohin immer Dein ſchüchterner, leichter Tritt gleitet— ſey es bei Deinem Vater, wenn Du ſiehſt, daß ſeine Stirne ſich furcht und ſeine Arme ſich kreuzen—(doch dies thuſt Du immer), oder bei dem meinigen, wenn das Buch ſeiner Hand entſinkt und er unruhig und vor ſich hinmurmelnd im Zimmer auf⸗ und abgeht. Bemerkſt Du dies, ſo ſchleiche Dich zu ihm hin, lege Deine Hand in die ſeinige, führe ihn zu ſeinen Büchern zu⸗ rück und flüſtere ihm zu: Was wird Siſty ſagen, wenn bei ſeiner Rückkehr ſein jüngerer Bruder, das große Buch, nicht groß geworden iſt?— Und meine arme Mutter, Blanche!— Ach, wie kann ich Dir hier einen Rath geben — wie Dir ſagen, wo Du Troſt finden wirſt für ſie? Nur dies, Blanche, ſtiehl Dich in ihr Herz ein und ſey ihre Jochter. Aber um dieſes dreifache Vermächtniß zu erfüllen, darfſt Du Dich nicht damit begnügen, nach den Bildern im Cryſtall zu ſehen— haſt Du mich verſtanden?“ „O ja,“ verſetzte Blanche, indem ſie ihre Augen auf⸗ ſchlug, aus denen die Thränen niederrollten, und entſchloſſen ihre Arme auf der Bruſt kreuzte. „Und ſo faſſe Dir denn,“ fuhr ich fort,„wie wir beide daſitzen auf dieſem ſtillen Kirchhof, ein neues Herz für die Pflichten und Sorgen des Lebens. Siehſt Du, Blanche, wie die Sterne hervorkommen, einer nach dem andern, und uns zulächeln? Denn auch dieſe herrlichen Lichtwelten haben eine ihnen zugewieſene Aufgabe. Alles ſcheint im Verhältniß zu ſeiner Lebensfülle und Bewegung Gott näher zu rücken, und von allen Dingen ſollte die Seele des Menſchen am wenig⸗ ſten unthätig und träge ſeyn. Wie das Gras aufſchießt über den Gräbern— es wächst ſchnell heran in ſeinem friſchen Grün— aber doch nicht ſo ſchnell und ſo grünend, meine Blanche, wie Troſt und Hoffnung über menſchlichem Leide. wenn Buch, utter, geben Nur ihre üllen, rn im nauf⸗ oſſen beide ür die„ e, wie d uns neine niß zu „und enig⸗ chießt einem nend, ichem * 639 Vierzehnter Abſchnitt. Erſtes Kapitel. Bei Dante findet ſich eine auffallend ſchöne Stelle, wel⸗ cher vielleicht nicht die verdiente Aufmerkſamkeit zu Theil geworden iſt— ich meine die, in welcher der ernſie Florentin Fortuna gegen die gewöhnlichen Beſchuldigungen verthei⸗ digt. Nach ihm iſt ſie eine Engelsmacht, vom höchſten Weſen dazu beſtimmt, den Lauf des menſchlichen Glanzes zu lenken und zu ordnen; ſie gehorcht dem göttlichen Willen, iſt geſegnet, hört nicht diejenigen, welche ſie läſtern, geht ru⸗ hig und erhaben unter den übrigen Engelsmächten ihren Sphärengang fort und freut ſich in ihrer Seligkeit.“ Dies iſt eine Vorſtellung, ſehr verſchieden von der ge⸗ wöhnlichen Anſicht, welche Ariſtophanes in ſeinem treuen Inſtinkt für volksthümliche Dinge dem verdrüß ichen Plutus in den Mund legt. Dieſer Gott erklärt ſeine Blindheit mit den Worten„wie er noch ein Knabe geweſen, habe er unklugerweiſe das Gelübde gethan, nur die Guten heimzu⸗ ſuchen,“ und Jupiter, welcher auf die Guten neidiſch wurde, blendete deshalb den armen Geldgott. Chremylus fragt *Dante bringt hier augenſcheinlich Fortuna mit den planeta⸗ riſchen Einflüſſen der Aſtrologie in Verbindung. Es iſt zweifel⸗ haft, ob Schiller je den Dante geleſen hat; aber in einem ſeiner gedankenreichſten Gedichte übernimmt er dieſelbe Vertheidigung des Glücks, indem er das Glückliche dem Schönen an die Seite ſetzt. 640 ihn nun, ob er demſelben Grundſatz folgen würde, wenn er ſein Geſicht wieder erhielte, und Plutus antwortet ihm: „Gewiß, denn ich habe ſo lange Zeit keine gute Menſchen mehr geſehen.“„Auch ich nicht,“ erwiedert Chremylus mit Nachdruck,„obſchon mir beide Augen weit offen ſtehen.“ Doch dieſe mi anthropiſche Antwort des Chremylus findet hier keine Anwendung und lenkt uns nur von der eigentlichen Frage ab, von der nämlich, ob Fortuna ein himmliſcher, chriſtlicher Engel, oder eine blind zutappende alte heidniſche Gottheit ſey. Ich für meine Perſon halte es mit Dante und könnte, wenn ich Luſt oder in dieſer Pe⸗ riode meiner Memviren ein halbdutzend Seiten übrig hätte, viele gute Gründe dafür angeben. Eines iſt übrigens voll⸗ kommen klar— mag nun Fortuna dem Plutus gleichen oder einem Engel, ſo nützt es nichts, auf ſie zu ſchmähen, da man ebenſogut Steine nach dem Mond werfen könnte. Ich bin der⸗Anſicht, wenn man ihre Thätigkeit genau in's Auge faßt, ſo kann man bemerken, daß ſie jedem Menſchen wenig⸗ ſtens einmal in ſeinem Leben eine Ausſicht öffnet; ergreift und benützt er ſie, ſo wiederholt ſie ihre Beſuche; wo nicht — itur ad astra! Dies erinnert mich an einen Vorfall, den Mariana in ſeiner, Geſchichte von Spanien“ erzählt. Die Armee der ſpaniſchen Könige wird in den Gebirgen bei dem Paß von Loſa aus einer traurigen Verlegenheit befreit durch einen Schäfer, welcher ihr den Weg zeigt. Ma⸗ riana fügt nun in einer Parentheſe bei:„Einige ſagen, der Schäfer ſey ein Engel geweſen, denn man wurde ſeiner nie wieder anſichtig, nachdem er dem Heere dieſen Dienſt ge⸗ wenn ihm: ſchen mit ylus der ein ende alte Pe⸗ tte, oll⸗ der da Ich uge ig⸗ eift cht en ie em eit a⸗ er ie e⸗ 64¹ leiſtet hatte.“ Das heißt, die Engelsnatur des Führers gab ſich in dem Umſtande zu erkennen, daß er nur ein ein⸗ zigesmal geſehen wurde, und nachdem er die Armee aus ihrer Bedrängniß befreit hatte, überließ er es ihr, zu kämpfen oder davon zu laufen, wie ſie eben Luſt hatte. Dieſer Schäfer oder Engel gibt mir ein ſehr gutes Gegen⸗ bild wenigſtens für meine Fortuna. Die Erſcheinung zeigte mir meinen Weg aus den Felſen nach dem großen„Kampf⸗ platz des Lebens,“ und dann galt es eben, Stand zu halten und wacker dreinzuſchlagen. Ich bin jetzt mit Onkel Roland in London. Meine ar⸗ men Eltern wünſchten natürlich, mich zu begleiten und dem Abenteurer mit ihren Blicken bis an Bord des Schiffes zu folgen; da ich jedoch wußte, der Abſchied am häuslichen Herde würde ihnen weniger ſchwer fallen, ſo lange ſie ſich ſagen konnten:„er iſt bei Roland— er hat das Vaterland noch nicht verlaſſen,“ ſo beſtand ich darauf, daß ſie zurück⸗ bleiben ſollten, und der Abſchied fand ſtatt. Aber Roland, der alte Soldat, hatte mir ſo viele praktiſche Anweiſungen zu geben und konnte mir bei meiner Ausrüſtung und bei den Vorbereitungen für die Reiſe ſo vielfach behülflich ſeyn, daß ich ſein Geleite nicht zurückweiſen mochte. Guy Bol⸗ ding, der abgereist war, um ſeinem Vater Lebewohl zu ſa⸗ gen, ſollte nebſt den beſcheideneren Cumberlander Reiſege⸗ fährten in London wieder mit mir zuſammentreffen. Da mein Onkel und ich, wir beide, in Beziehung auf Dekonomie gleichen Sinnes waren, ſo mietheten wir uns ein Quartier in der City, und auf dieſe Weiſe wurde ich zum Pulwer, die Cartone, 41 erſtenmal mit einem Strich von London bekannt, der einem großen Theil von meinen vornehmeren Leſern wohl fremd iſt. Ich will damit nicht über die City ſelbſt ſpötteln, denn dies wäre ein abgedroſchener Witz, mein lieber Alderman. Auch habe ich nicht die Straßen, Höfe und Gaſſen im Auge, ſondern etwas, was man auch im Weſtende ſehen kann, nur nicht ſo gut wie im Oſten, ich meine— die Dachgiebel! Zweites Kapitel. Handelt von Dachgiebeln. Die Dachgiebel! Welchen ernüchternden Einfluß übt nicht die Ausſicht nach ihnen auf den Geiſt! Es gehört übrigens viel dazu, bis man den rechten Geſichtspunkt ge⸗ troffen hat. Es iſt nicht genug, ſich eine Wohnung unter dem Dach zu verſchaffen, und man darf ſich ja nicht mit ei⸗ nem vordern Dachſtübchen abſpeiſen laſſen, deſſen Fenſter nach der Straße hinausgehen. Erſtlich muß es unanfecht⸗ bar ein hinteres Dachſtübchen ſeyn; zweitens ſoll ſich das Haus, in welchem es liegt, ein wenig über die benachbarten erheben; drittens darf das Fenſter nicht, wie es gewöhnlich bei Dachſtübchen der Fall iſt, ſchräg in's Dach eingeſetzt ſeyn, da man in dieſem Falle nur eine Ausſicht nach dem bleiernen Gewölbe gewinnt, welches die bethörten Londoner Himmel nennen, ſondern muß ſenkrecht ſtehen, ohne zur Hälfte durch jenen Graben verſperrt zu werden, welchen man eine Rinne nennt; und ſchließlich muß die Lage eine ſolche Beſchaffenheit haben, daß man nirgends auf das Pfla⸗ 643 ſter ſieht; denn wenn das Auge mit der untern Welt in Ver⸗ bindung treten kann, ſo geht der Zauber der oberen verloren. Biſt du mit allen dieſen Erforderniſſen im Reinen, ſo öffne dein Fenſter, ſtütze das Kinn auf beide Hände, mache es den Ellenbogen auf dem Simſe bequem und betrachte die außerordentliche Seene, die ſich vor dir ausbreitet. Es wird dir ſchwer werden, zu glauben, daß in der Höhe das Leben ſo ruhig ſeyn könne, während es unten ſo geräuſchvoll ſich tummelt. Welche ſtaunenerregende Stille! Eliot War⸗ burton, der verführeriſche Zanberer, empfiehlt eine Thal⸗ fahrt auf dem Nil, wenn man den bekümmerten Geiſt ein⸗ ſchläfern will. Leichter und wohlfeiler iſt's jedoch, ſich in Holborn ein Dachſtübchen zu miethen! Zwar ſiehſt du keine Crocodile, aber Thiere, die in Egypten nicht weniger ge⸗ heiligt ſind— Katzen! Und wie harmoniſch dieſe ruhige Geſchöpfe in die Ausſicht paſſen— wie geräuſchlos ſie in der Ferne dahin gleiten, ſtehen bleiben, umherſpähen und verſchwinden. Nur von dem Dachſtübchen aus vermag man das Maleriſche zu würdigen, das in dem Geſchlecht unſerer Haustiger liegt. Die Ziege muß man auf den Alven, die Katze auf einem Hausgiebel ſehen. Allmälig erfaßt das nengierige Auge die Scenerie im Einzelnen, und zuerſt fällt ihm die phantaſtiſche Abwechs⸗ lung in der Höhe und Geſtalt der Schornſteine auf. Die einen gleich hoch in einer Reihe, einförmig und achtbar, aber völlig unintereſſant, andere dagegen allen Verhältniſſen des Ebenmaßes ſpottend und den Geiſt gebieteriſch zu Muth⸗ maßungen auffordernd, warum ſie wohl ſo anſtrebend ſind. Der Verſtand antwortet, es ſey nur ein einfaches Auskunfts⸗ mittel, um dem Rauch freieren Abzug zu geſtatten; dann aber ſpricht die Einbildungskraft mit und vergegenwärtigt dir all' den Aerger und Verdruß, womit ſich der Eigenthü⸗ mer des Schornſteins, jetzt des höchſten von allen, plagte, eh' er ihn höher baute und ſo des widerlichen Dunſtes los wurde. Du ſiehſt den Jammer der Köchin, wenn der rußige Eeindringling„wie ein Wolf auf den Schafſtall“ vollen Sprungs auf den Sonntagsbraten niederſtürzt— hörſt die Ausrufe der Frau(ielleicht einer kurz erſt verheiratheten, die ihr Haus neu meublirt hat), wenn ſie ſich mit weißer Schürze und Haube in das Beſuchzimmer wagt und von dem luſtigen Tanz jener Monaden begrüßt wird, welche man gewöhnlich Kohlenſtaub nennt— fühlſt eine männliche Entrüſtung über den rohen jungen Ehegatten, der zur Thüre herausſtürzt, während beſagte Atome ihm nachjagen, und ſich fluchend vernehmen läßt:„Wieder durch den Rauch vertrieben! Bei dem Erzraucher ſelbſt, ich will gehen und in dem Club zu Mittag ſpeiſen!“ Alles dies war vielleicht geſchehen, eh die Schornſteinſpitze dem Himmel einige Fuß näher gerückt wurde, und nun beſitzt möglicherweiſe die Fa⸗ milie nach langem Leiden die glücklichſte Heimath in der Straße. Solche Liſt um des Rauches los zu werden! Und nicht jeder erhöht nur ſeinen Schornſtein; andere ſetzen dem hohlen Quälgeiſt alle Arten von ſeltſamer Kopfzier an. Hier vertreten Patentvorrichtungen die Stelle von Wetter⸗ hähnen und ſchwingen ſich in dem Winde hin und her. Dort ſiehen andere ſo feſt, als hätten ſie durch ein sio 64⁵5 jubeo ihr Geſchäft völlig ins Reine gebracht. Bei allen den Häuſern, an denen man ohne Ahnung, wie es innen be⸗ ſchaffen ſeyn mag, in der Straßa vorbeigeht, iſt unter hun⸗ derten nicht Eines, an denen man nicht ſeine Teufelsnoth gehabt hätte, um die Schornſteine vom Rauchen zu kuriren. Nach dieſer Betrachtung gibt die Philoſophie das Thema auf und entſcheidet ſich dahin: mag einer in einer Hütte oder im Palaſt leben, ſo ſehe er zuerſt nach dem Herd und ſorge dafür, daß er des Rauches los werde. Neue Schönheiten nehmen uns in Anſpruch. Welche endloſe Wellenlinien in den verſchiedenen An⸗ und Abſtei⸗ gungen— hier ſchief, dort im Zickzack! Mit welcher maje⸗ ſtätiſchen Verachtung ſteigt nicht dort zur Linken das Dach auf! Ohne Zweifel ein Palaſt der Genien oder Gin“(denn letzteres iſt das rechte arabiſche Wort für die Erbauer von Paläſten aus Nichts, welche durch Aladdin beſchäftigt wur⸗ den). Welche heitere Betrachtungen knüpfen ſich nicht an dieſen Palaſt, von welchem nur das Dach kühn den Horizont unterbricht! Vielleicht blinkt ein Stern darüber, und du denkſt dabei an ein weit entferntes, ſanftes Auge, während unten an der Schwelle— nein, Phantome, wir ſehen euch nicht von unſerem Dachſtübchen aus. Betrachte doch jenen gähen Abſturz— wie riſſig und klippig die Dachlandſchaft ſich in einen Schlund verliert. Wer zu Fuß durch den Paß jenes Deſilés wandelt, von dem man nur die maleriſchen Spitzen ſieht, hält ſich die Naſe zu, wendet die Augen ab, bewacht ſeine Taſchen und eilt weiter durch den Unflath der * Das engliſche Wort bedeutet zugleich Branntwein. garſtigen Londoner Lazzaroni. Aber von oben geſehen, welcher edle Bruch in der Linie des Himmels! Es wäre Entweihung, dieſe ſchöne Schlucht gegen eine todte Fläche von langweiligen Dachgiebeln auszutauſchen. Schaut dort⸗ hin— wie entzückend! jenes einſam ſtehende Haus, welches gar kein Dach hat, ausgeweidet und abgeſtreift durch den letzten Londoner Brand! Ihr ſeht noch die armen grünen und weißen Tapeten an den Wänden kleben— ſeht die Oeff⸗ uung, welche ehedem ein Schrank war, und die ſchwarzen Schatten um den Durchbruch des vormaligen Herdes! Von unten an geſehen, wie bald würdet ihr eures Weges gehen Jener große Riß deutet auf eine Lawine; du hältſt den Athem an, damit ſie nicht auf dein Haupt herunterſtürze. Aber welchen Zauber der Theilnahme und der Neugier bietet nicht das trümmerhafte Gerippe, wenn man es von oben betrachtet! Wie vielſeitig wird die Phantaſie in An⸗ ſpruch genommen! Sie bevölkert die Gemächer wieder, hört das letzte, frohe gute Nacht in dieſem baldigen Pom⸗ veji und ſchleicht mit der Mutter auf den Zehen heran, wenn dieſe ihrem ſchlummernden Säugling den letzten Blick zuwirft. Es iſt jetzt Mitternacht und Alles ſtille. Dann zuckt die rothe Schlange leckend heraus. Sieh ihren Athem — hörſt du ihr Ziſchen? Windung auf Windung ſchleppt ſie ſich weiter; jetzt ſchwingt ſie ſich aufrecht in die Höhe mit ſtolzem Kamm und geſpaltener Zunge— eine fürchter⸗ liche Schönheit! Dann das Auffahren vom Schlaf, das ängſtliche Erwachen, das Hin⸗ und Herrennen, das Stürzen der Mutter nach der Wiege; das Geſchrei aus dem Fenſter, — 647 das Klopfen an die Thüre und das Eilen der obern Be⸗ wohner nach der Treppe, die unten zur Sicherheit führt, während der Rauch in die Höhe qualmt wie eine Woge aus der Hölle! Entſetzt und geblendet weichen ſie zurück, und der Boden unter ihnen wankt wie ein Schifflein auf dem Meere. Horch! das dumpfe Geraſſel der Räder; näher und näher kömmt die Feuerſpritze. Legt die Leitern an— dort dort! an dem Fenſter, wo die Mutter mit dem Säug⸗ ling ſteht! Ziſchend und klatſchend kömmt der Waſſerſtrahl und tilgt ſtellenweiſe für einen Moment die Flamme, die dann nur um ſo heller aufflackert. Der Feind trotzt dem Feind, Element dem Elemente. Wie erhaben iſt dieſer Krieg! Doch die Leiter, die Leiter! dort an dem Fenſter! Alles Andere iſt gerettet: der Schreiber mit ſeinen Büchern, der Advvcat mit ſeiner Aeten⸗Kapſel, der Hausbeſitzer mit ſeiner Verſicherungs⸗Police, der Geizhals mit ſeinem Gold und ſeinen Banknoten— alle ſind gerettet bis auf den Säugling und die Mutter. Welch' ein Gedränge in den Straßen! Die Flammen verbreiteten ein Scharlachlicht über hunderte un? hunderte von Zuſchauern! Alle dieſe Geſichter haben nur einen einzigen Ausdruck— den der Furcht. Niemand will die Leiter hinan. Doch ja— wacke⸗ rer Burſche! Gott begeiſtere— Gott ſchütze dich! wie deutlich ich ihn ſehe!— ſeine Augen ſind geſchloſſen, ſeine Zähne auf einander gebiſſen. Die Schlange hüpft auf, die geſpaltene Zunge ſchießt nach ihm hin und der Qualm ihres Athems hüllt ihn ein. Die Menge iſt zurückgefluthet wie ein Meer und der Nauch ſtürzt über Alle hin. Ha, welche unbeſtimmten Formen auf der Leiter! Räher und näher— krachend fallen die Ziegel. Ach und ach!— Nein; ein Ruf der Freude— ein„Gott ſey Dank!“ und die Weiber dringen vorwärts durch die Männer, um ſich zu ſammeln um das Kind und die Mutter. Alles iſt dahin, nichts übrig als jenes trümmerhafte Gerippe. Aber man muß die Ruine von oben ſehen. O Kunſt, ſtudire das Leben von den Dachgiebeln aus! 6 Drittes Kapitel. Ich traf Trevanion wieder nicht. Das Parlament hielt ſeine Oſterferien, und er befand ſich auf dem Landſitze eines ſeiner Collegen im Norden von England. Lady Ellinor war jedoch in London und ich wurde ihr vorgeſtellt. Sie empfing mich mit aller Herzlichkeit, obſchon man ihrem bleichen, bekümmerten Antlitz anſah, daß ihr Geiſt gedrückt war. Nachdem ſie ſich aufs Theilnehmendſte nach mei⸗ nen Eltern und dem Capitän erkundigt hatte, ging ſie zu meinen Entwürfen und Planen über, die ihr Trevanion mit⸗ getheilt hatte. Die angelegentliche Fürſorge meines alten Beſchützers, obſchon er dergleichen that, als zürne er über die Zurückweiſung des von ihm angebotenen Darlehens, hatte nicht nur mir und meinen Reiſegefährten alle Mühe wegen der Landzutheilungs⸗Anweiſungen erſpart, ſondern auch von den erfahrenſten Männern uns einen Rath über die Wahl des Bodens ausgewirkt, der uns ſpäter ſehr nütz⸗ tuf en as als ine en 649 lich wurde. Als Lady Ellinor mir ein kleines Packet Papiere übergab, die Trevanion mit ſcharfſichtigen Randbemerkun⸗ gen begleitet hatte, ſagte ſie mit einem halben Seufzer zu mir:„Albert hat mir aufgetragen, Euch zu ſagen, er wünſche, daß er ſeinem Erfolg im Cabinet ebenſo hoffnungs⸗ voll entgegenſehen könnte, wie dem Eurigen im Gebüſch.“ Sie ging ſodann zu der Erhebung ihres Gatten und ſeinen Ausſichten über, wobei ihr Antlitz ganz anders wurde, denn ihre Augen funkelten und ihre Wangen rötheten ſich.— „Doch Ihr ſeyd von den Wenigen, die ihn kennen,“ unter⸗ brach ſie plötzlich ſich ſelbſt.„Ihr wißt, wie er ſeinem Va⸗ terlande Alles opfert— Freude, Ruhe und Geſundheit. In ſeinem ganzen Weſen iſt nicht ein ſelbſtſüchtiger Ge⸗ danke. Und doch noch immer ſo viel Neid, ſo viel Hinder⸗ niſſe! und“— ihr Auge ſenkte ſich nach ihrem Gewand, und ich bemerkte, daß ſie Trauer trug, obſchon dieſe keine tiefe war—„und außerdem hat es dem Himmel gefallen, ihm einen Mann von der Seite zu nehmen, welcher der Ver⸗ bindung mit ihm würdig geweſen wäre“ Ich fühlte Theilnahme für die hohe Frau, vbſchon ihre Erregung mehr die des Stolzes, als die des Leides zu ſeyn ſchien. Vielleicht war in ihren Augen Lord Caſtletons höchſtes Verdienſt das geweſen, daß er der Macht ihres Gatten und ihrem eigenen Ehrgeiz dienen würde. Ich ſenkte ſchweigend mein Haupt und dachte an Fanny. Grämte auch ſie ſich um den verlornen Rang, oder trauerte ſie um den ihr entriſſenen Geliebten? Nach einer Weile ſagte ich zögernd: „Ich darf mich kaum erdreiſten, Euch mein Beileid zu bezeugen, Lady Ellinor; glaubt mir indeß, daß mich wenige Dinge je ſo erſchüttert haben, wie der von Euch berührte Todesfall. Ich hoffe, Miß Trevanions Geſundheit hat darunter nicht zu ſehr gelitten. Werde ich ſie nicht noch ſehen, ehe ich England verlaſſe?“ Lady Ellinor heftete ihr ſcharfes, blitzendes Auge forſchend auf mein Geſicht. Die Muſterung ſchien ſie zu be⸗ friedigen, denn ſie hielt mir mit einer faſt zärtlichen Frei⸗ müthigkeit die Hand entgegen und ſagte— „Hätte ich einen Sohn, ſo wäre es der theuerſte Wunſch meines Herzens, Euch mit meiner Tochter verbunden zu ſehen“* Ich fuhr zuſammen— das Blut ſtürzte nach meinen Wangen und ließ dann eine Todtenbläſſe zurück. Vorwurfs⸗ voll blickte ich Lady Ellinor an und meine Lippen ſtammelten das Wort„grauſam.“ „Ja,“ fuhr Lady Ellinor wehmüthig fort,„dies war mein innigſter Gedanke, mein Schmerz, als ich Euch zum erſtenmal ſah. Aber wie die Verhältniſſe ſtehen, müßt Ihr mich nicht für zu hart und weltlich geſinnt halten, wenn ich das ſtolze alt franzöſiſche Sprichwork anführe: Noplesse oplige'. Hört mich an, mein junger Freund— wir ſehen uns vielleicht nie wieder, und ich möchte nicht, daß Eures Vaters Sohn eine ſchlimme Meinung von mir mitnähme, trotz aller meiner Fehler. Von früheſter Jugend an war ich ehrgeizig— nicht, wie Weiber gewöhnlich ſind, nach bloßem Rang und Reichthum— ſondern ehrgeizig in at V m zu v in zu ge rte och ſch zu nen rfs⸗ ten war um üßt ten, hre: d— icht, mir gend ſind, g in 651 der Weiſe edler Männer nach Macht und Ruhm. Solchem Ehrgeize kann eine Frau nur nachhängen, indem ſie ihn auf Jemand anders überträgt. Nicht Reichthum, nicht Rang feſſelte mich an Albert Trevanion, ſondern eine Natur, die des Reichthums entbehren und über den Rang gebieten kann. Ja,“ fuhr Lady Ellinor mit einem leichten Leben in ihrer Stimme fort,„vielleicht ſah ich in meiner Jugend, eh' ich Trevanion kannte, einen Mann“— ſie hielt einen Augen⸗ blick inne und fügte dann ſchneller bei—„einen Mann, der nur des Ehrgeizes bedurfte, um mein Ideal zu verwirk⸗ lichen. Selbſt als ich heirathete— und es geſchah, wie man ſagt, aus Liebe— liebte ich viel weniger mit meinem gan⸗ zen Herzen, als mit meinem ganzen Geiſte. Ich darf jetzt wohl ſo ſprechen, denn jeder Schlag dieſes Pulſes gehört nunmehr ganz und ausſchließlich dem, mit welchem ich Ent⸗ würfe gemacht und gerungen habe, mit dem ich in Eins ver⸗ wachſen bin, deſſen Kämpfe ich theilte und deſſen Triumph ich mitfeire, die Träume meiner Jugend verwirklichend.“ Wieder brach das Licht aus den Augen dieſer groß⸗ artigen Frau, die ein ſo prächtiges Bild jenes moraliſchen Widerſpruchs war— eines ehrgeizigen Weibes. „Ich kann Euch nicht ſagen,“ nahm Lady Ellinor milder wieder auf,„wie ſehr ich mich darüber freute, als Ihr zu uns ins Haus kamet. Vielleicht hat Euch Euer Vater von mir und unſerer erſten Bekanntſchaft erzählt?“ Lady Ellinor hielt plötzlich inne und ſchaute mir ſcharf ins Auge. Ich blieb ſtumm. „Vielleicht auch mir Vorwürfe gemacht,“ fuhr ſie fort, und ihre Wange röthete ſich. „Dies iſt nie geſchehen, Lady Ellinor.“ „Er hatte ein Recht dazu— obſchon ich zweifle, ob er es aus dem wahren Grund gethan haben würde. Doch nein; nie konnte er mir ſo Unrecht thun, wie dies vor vie⸗ len Jahren durch Mr. de Carton in einem Briefe geſchah, deſſen Bitterkeit allen Zorn entwaffnete, indem er mich be⸗ ſchuldigte, ich habe mit Auſtin— ja, ſogar mit ihm ſelbſt mein Spiel getrieben! Erwenigſtens hatte kein Recht, mir Vorwürfe zu machen,“ fuhr Lady Ellinor mit Wärme fort, und ihre ſtolze Lippe verzog ſich,„denn wenn mir auch ſein wilder Durſt nach romantiſcher Herrlichkeit Intereſſe ein⸗ flößte, ſo gab ich demſelben nur in der Hoffnung Raum, was den einen Bruder ſo raſtlos machte, könnte zuletzt auch in dem andern den Ehrgeiz und die Thatkraft wecken, die ſeinem Geiſte ziemte. Doch dies ſind alte Geſchichten von entſchwundenen Thorheiten und Selbſttäuſchungen. Nur ſo viel will ich noch ſagen, daß ich nie an Euren Vater oder an Euren ernſteren Onkel denken konnte, ohne daß mich mein Gewiſſen an eine Schuld erinnerte, die ich abzutragen mich ſehnte— wenn auch nicht an ſie, ſo doch an ihre Kin⸗ der. Glaubt mir daher, als ich Euch kennen lernte, wurde mir ſogleich Euer Wohl und Eure Zukunft eine Hauptauf⸗ gabe. Ich habe mich in Euch geirrt, als ich Euren Eifer ſo glühend ernſten Gegenſtänden zugewendet ſah und dabei die friſche Schwungkraft Eures Geiſtes bemerkte. Ganz in An⸗ ſpruch genommen von Entwürfen und Planen, welche weit —— — fort, ob er Doch vie⸗ chah, hbe⸗ ſelbſt „mir fort, ſein ein⸗ aum, auch „ die von ur ſo oder mich tagen Kin⸗ vurde tauf⸗ fer ſo ei die An⸗ weit —— — 653 außer dem gewöhnlichen häuslichen Bereiche des Weibes lie⸗ gen, träumte ich, ſo lange Ihr unſer Gaſt waret, nie von Ge⸗ fahr für Euch oder Fanny. Verzeiht mir, wenn ich Euch wehthue, aber ich muß mich rechtfertigen. Ich wiederhole, hätten wir einen Sohn zum Erben unſeres Namens, der im Stande wäre, die Laſt zu tragen, welche die Welt denen auf⸗ legt, die dazu geboren ſind, einen Einfluß zu üben auf die Geſchicke der Welt, ſo gäbe es Niemanden, welchem Tre⸗ vanion und ich lieber das Glück einer Tochter anvertraut haben würden. Aber meine Tochter iſt die einzige Ver⸗ treterin des mütterlichen Stammes und des väterlichen Namens, und ich konnte daher nicht blos ihr Glück in's Auge faſſen. Sie hat eine Pflicht— eine Pflicht gegen ihre Geburt, eine Pflicht für die Laufbahn des edelſten von Englands Patrioten, und ohne Uebertreibung kann ich ſagen— eine Pflicht für das Vaterland, dem das Ringen dieſes Patrioten gilt!“ „Sprecht nicht weiter Lady Ellinor; ſprecht nicht weiter. Ich verſtehe Euch. Ich habe keine Hoffnung— habe der Hoffnung nie Raum gegeben— es war ein Wahn⸗ ſinn— und iſt jetzt vorüber. Nur als Freund möchte ich noch die Bitte ſtellen, in Eurer Gegenwart Miß Treva⸗ nion noch einmal zu ſehen, ehe— ehe ich einſam hinziehe in dieſe lange Verbannung, um vielleicht meinen Staub zu mengen mit fremder Erde! Ja, ſeht mich nur an— unmöglich könnt Ihr Mißtrauen ſetzen in meine Entſchloſ⸗ ſenheit, meine Ehre und meine Wahrheitsliebe. Nur noch einmal, Lady Ellinor— nur noch ein einzigesmal! Richte ich meine Bitte vergeblich an Euch?“ Lady Ellinor war augenſcheinlich ſehr bewegt. Ich beugte mich faſt zu der Haltung eines Knieenden nieder, und ſie legte die eine Hand, während ſie mit der andern ihre Thränen abwiſchte, zärtlich auf mein Haupt, mit erſtickter Stimme ſprechend: „Ich bitte, verlangt dies nicht von mir— verlangt nicht, meine Tochter zu ſehen. Ihr habt gezeigt, daß Ihr nicht ſelbſtſüchtig ſeyd— überwindet Euch noch mehr. Wie, wenn eine ſolche Begegnung bei aller Behutſamkeit doch einen zu gewaltigen Eindruck machte auf mein Kind, ſeinen Frieden zerſtörte und ſchwer laſtete auf—“ „O redet nicht ſo— ſie hat meine Gefühle nie ge⸗ theilt!“ „Dürfte eine Mutter es zugeſtehen, wenn es ſo wäre? Beruhigt Euch und denkt, wie jung ihr beide noch ſeyd. Wenn Ihr wieder zurückkehrt, werden alle dieſe Träume ver⸗ geſſen ſeyn. Dann können wir uns wieder entgegentreten, wie ehedem— ich will dann Eure zweite Mutter ſeyn und abermals für Eure Zukunft Sorge tragen; denn Ihr dürft nicht glauben, daß wir Euch ſo lange in dieſer Verban⸗ nung laſſen werden, als Ihr zu glauben ſcheint. Nein, es iſt nur eine Reiſe— ein Ausflug, nicht ein Ringen nach Vermögen. Euer Glück— überlaßt dies uns, wenn Ihr zurückkehrt!“ „Ich ſoll ſie alſo nicht mehr ſehen!“ murmelte ich, in⸗ dem ich mich erhob und ſchweigend nach dem Fenſter ging, — ichte Ich und ihre ckter angt Ihr Wie, doch inen ge⸗ äre? ſeyd. ver⸗ eten, und dürft ban⸗ n, es nach Ihr ,in⸗ ging, um mein Geſicht zu verhüllen. Die großen Kämpfe im Leben beſchränken ſich auf Angenblicke. Zu dem Sinkenlaſſen des Kopfes, zu dem Druck der Hand auf die Stirne brauchen wir in dem ſiebenzigſten kaum eine Sekunde; aber welche Stürme mögen in unſerem ganzen Weſen vorgegangen ſeyn, während dieſes einzelne Sandkorn geräuſchlos niedergleitet in die untere Hälfte des Stundenglaſes! Mit feſtem Tritte kam ich zu Lady Ellinor zurück und begann ruhig: „Meine Vernunft ſagt mir, daß Ihr Recht habt, und ich füge mich. Vergebt mir und haltet mich nicht für un⸗ dankbar oder überſtolz, wenn ich beifüge, daß Ihr mir den Lebenszweck laſſen müßt, welcher mich in Allem tröſtet und ermuthigt.“. „Und dieſer Zweck wäre?“ fragte Lady Ellinor zögernd. „Unabhängigkeit für mich und ein ruhiges Alter für diejenigen, um derenwillen mir das Leben noch theuer iſt. Dies iſt mein doppeltes Ziel, und die Mittel zu Erringung deſſelben müſſen von meinem Herzen und meinen Händen kommen. Ich bitte Euch, Eurem Gatten meinen herzlichen Dank auszudrücken, und nehmt meine wärmſten Wünſche hin für Euch und ſie, die ich nicht mehr nennen will. Lebt wohl, Lady Ellinor.“ „Nein, Ihr müßt mich nicht ſo eilig verlaſſen; ich habe noch manche Dinge mit Euch zu beſprechen— wenig⸗ ſtens Euch zu fragen. Sagt mir, wie Euer Vater ſein Miß⸗ geſchick erträgt— ſagt mir, ob wir nicht für ihn wenig⸗ ſtens etwas thun können. Bei Trevanions Einfluß wird es ihm ein Leichtes ſeyn, eine Stelle für ihn zu erringen, die ſogar der eigenſinnigen Indolenz eines Büchermannes zuſagen dürfte. Setzt Euch nieder und ſprecht offen mit mir.“ Ich konnte ſo viel Güte nicht widerſtehen, nahm Platz und antwortete mit möglichſter Faſſung auf Lady Ellinors Fragen, indem ich ſie zu überzeugen ſuchte, daß mein Vater ſeine Verluſte nur inſoweit fühlte, als ſie mich betrafen, und daß wohl nichts, was in Trevanions Macht lag, ihn aus ſeiner Zurückgezogenheit hervorzulocken oder für die Verän⸗ derung in ſeinen Gewohnheiten zu entſchädigen vermöge. Nachdem wir lange von meinen Eltern geſprochen hatten, erkundigte ſich Lady Ellinor nach Roland, und als ſie er⸗ fuhr, daß er ſich mit mir in London befinde, drückte ſie den lebhaften Wunſch aus, ihn zu ſehen. Ich verſprach ihr, ihm dies mitzutheilen, und ſie er⸗ wiederte darauf gedankenvoll— „Wenn ich nicht irre, ſo hat er einen Sohn, mit wel⸗ chem er in einem unglücklichen Zwieſpalt lebt.“ „Wer kann Euch dies geſagt haben?“ fragte ich über⸗ raſcht, weil ich wohl wußte, wie verſchloſſen Roland in Be⸗ treff dieſes Familienleides war. „Oh, ich hörte davon durch einen Mann, welcher Kapi⸗ tän Roland kannte. Auf die Perſon und den Ort, wo da⸗ von geſprochen wurde, kann ich mich nicht mehr erinnern— aber iſt es nicht eine Thatſache?“ „Mein Onkel Roland hat keinen Sohn.“ „Wie!“ „Sein Sohn iſt todt.“ 657 „Wie ſehr muß ihn ein ſolcher Verluſt bekümmern!“ Ich ſchwieg. 5*„Aber weiß er auch gewiß, daß ſein Sohn todt iſt?“ Welche Freude, wenn er getänſcht worden wäre— wenn ſein Sohn noch lebte!“ 5„Mein Onkel hat ein ſtandhaftes Herz und iſt voll . Ergebung. Aber, verzeiht mir— habt Ihr etwas von die⸗ 3 ſem Sohne gehört?“ 8„Ich?— was ſollte auch ich hören? Indeſſen ncht . ich doch von Curem Onkel ſelbſt erfahren, was er mir von * ſeinem Kummer mitzutheilen für gut hält— oder ob in der That nicht die Möglichkeit vorhanden iſt, daß—“ .„Daß— Ihr ſchweigt?“ .„Daß— ſein Sohn noch lebe.“ „Ich glaube nicht,“ verſetzte ich,„und zweifle über⸗ haupt, ob Ihr von meinem Onkel viel erfahren werde l⸗ Gleichwohl liegt etwas in Euren Worten, was mit Eu e Erklärung im Widerſpruch ſteht und mich argwöhnen läßt, Ihr wiſſet mehr, als Ihr ſagen wollt.“ e⸗„Wie diplomatiſch!“ entgegnete Lady Ellinor halb lä⸗ chelnd; dann aber nahm ihr Geſicht einen ernſten faſt ſtren⸗ gen Ausdruck an, und ſie fügte bei:„Es iſt ſchrecklich, 3 denken zu müſſen, daß ein Vater ſeinen Sohn haſſen könne!“ „Haſſen!— Roland ſeinen Sohn haſſen? Woher kömmt dieſe Verläumdung?“ „Es iſt alſo nicht der Fall? Gebt mir dieſe Verſiche⸗ rung, und ich wil mich freuen, daß ich falſch berichtet wurde.“ Bulwer, die Cartone. 4² 658 „Ich kann Euch nur ſo viel ſagen— denn weiter iſt mir ſelbſt nicht bekannt— wenn je die Seele eines Vaters ganz an einem Sohne hing und Furcht, Hoffnung, Freude und Leid von den Schatten im Leben des Sohnes ſich in dem Herzen des Vaters wiederſpiegelten, ſo war Roland dieſer Vater, ſo lange ſein Sohn noch auf Erden wandelte.“ „Ich muß Euch wohl glauben,“ rief Lady Ellinor im Tone der Ueberraſchung.„Nun, gut— tragt Sorge da⸗ für, daß mich Euer Onkel beſuche.“ „Ich will mein Beſtes thun, ihn dazu zu veranlaſſen, damit er von Euch erfahre, was Ihr augenſcheinlich vor mir verbergt.“ Lady Ellinor antwortete ausweichend auf dieſe Andeu⸗ tung, und hald nachher verließ ich das Haus, in welchem ich das Glück der Thorheit und den Schmerz kennen gelernt hatte, welcher Weisheit zurückläßt. Viertes Kapitel. Ich hatte ſtets warme, faſt kindliche Zuneigung zu Lady Ellinor gefühlt, abgeſehen von ihrer Verwandtſchaft mit Fanny und den Empfindungen der Dankbarkeit, die ihr Wohlwollen mir einflößte; denn es gibt eine in ihrer Natur eigenthümliche Zuneigung, welche zu einem ſehr hohen Grade ſteigen kann und das Ergebniß von Gefühlen iſt, welche man nicht oft vereinigt findet— nämlich des Mitleids und der Bewunderung. Es war unmöglich, die ſeltenen Bega⸗ r iſt ters ude in and im ſen, mir eu⸗ te, 659 bungen und die hohen Fähigkeiten der Dame nicht zu be⸗ wundern; aber ebenſoſehr mußte man auch Mitleid haben mit den Sorgen und Beängſtigungen einer Frau, welche mit der ganzen Fülle weiblichen Gefühls thätig eingriff in die rauhe Welt der Männer. Meines Vaters Bekenntniß hatte die Achtung gegen Lady Ellinor etwas beeinträchtigt und in meinem Geiſt den beunruhigenden Eindruck zurückgelaſſen, ſie habe mit ſeinem tiefen Herzen und Rolands ungeſtümen Gefühlen ihr Spiel getrieben. Das eben mitgetheilte Geſpräch geſtat⸗ tete mir, ſie mit mehr Gerechtigkeit zu beurtheilen; denn ich konnte daraus erſehen, daß ſie wirklich die Neigung theilte, die ſie dem Studenten eingeflößt hatte, obſchon ihr Ehrgeiz ſtärker geweſen war, als die Liebe— ein Ehrgeiz, den man vielleicht unregelmäßig und unweiblich, keinesfalls aber gemein und ſchmutzig nennen konnte. Aus ihren Win⸗ ken und Andeutungen entnahm ich ferner einen ſehr triftigen Entſchuldigungsgrund für den Umſtand, daß Roland ihr ſcheinbares Intereſſe an ihm mißdeutet hatte, indem ſie in der wilden Energie des älteren Bruders nur ein Mittel ſah, durch welches die ruhigen Fähigkeiten des jüngeren geweckt werden konnten. Sie hatte in dem ſeltſamen Kometen, der vor ihr blitzte, einen Hebel geſucht, der den Stern in Bewe⸗ gung ſetzen ſollte. Auch konnte ich meine Verehrung einer Frau nicht verſagen, welche, wenn ſie auch nicht gerade aus Liebe geheirathet, doch ihr ganzes Leben ſo innig ihrem Gatten weihte, als wäre er der Gegenſtand ihrer erſten Romantik und ihrer früheſten Neigungen geweſen, ſobald ſie ihr Weſen 42* 660 an den Mann gekettet hatte, der ihrer nicht unwürdig war. Wenn ſogar ihr Kind dem Gatten nachſtand— wenn ſie in dem Schickſal dieſes Kindes nur ein Mittel ſah, der großartigen Beſtimmung Trevanions Vorſchub zu leiſten, ſo konnte man doch nicht Zeuge dieſer Verirrung einer ehlichen Aufopferung ſeyn, ohne die Gattin zu bewundern, obſchon man vielleicht die Mutter verurtheilte. Von dieſen Be⸗ trachtungen mich abwendend, fühlte ich bei aller Trauer über den Gedanken, daß ich Fanny nicht mehr ſehen ſollte, doch den ſelbſtſüchtigen freudigen Schauer eines Liebenden. Hatte es ſeine Richtigkeit mit dem, was Lady Ellinor ſo zurt andeutete— daß Fanny noch immer die Erinnerung an mich im Herzen bewahrte und daß eine kurze Zuſammen⸗ kunft, ein letztes Lebewohl ihren Frieden gefährden konnte? Doch dies war ein Gedanke, dem nachzuhängen mir nicht zuſtand. Was konnte Lady Ellinor von Roland und ſeinem Sohn gehört haben? War es möglich, daß der Verlorne noch lebte? Während ich noch dieſe Fragen bei mir erwog, langte ich in unſerer Wohnung an, wo ich den Kapitän an⸗ traf, der eben mit Beſichtigung einiger für einen auſtraliſchen Abenteurer nothwendigen rohen Geräthſchaften beſchäftigt war. Der alte Soldat ſtand am Fenſter und unterſuchte eben die Güte einer Handſäge, einer Zapfenſäge, eines Beils und eines Schneidmeſſers. Als ich ihm näher trat, ſah er mit grämlicher Theilnahme unter ſeinen dunkeln Brauen hervor und redete mich verdrießlich an— „Schöne Waffen das für den Sohn eines Gentleman! 661 Ein Stückchen Stahl in der Form eines Schwertes wäre mehr werth, als ſie alle.“ „Jede Waffe, mit welcher wir das Geſchick überwin⸗ den, iſt edel in der Hand eines wackern Mannes, Onkel!“ „Der Burſche hat doch ſtets eine Antwort auf Alles,“ bemerkte der Kapitän lächelnd, während er ſeine Börſe heraus⸗ zog und den Ladendiener abfertigte. Als wir allein waren, ſagte ich zu ihm: „Onkel, Ihr müßt der Lady Ellinor einen Beſuch ma⸗ chen. Sie hat Euch etwas mitzutheilen.“ „Pah!“ „Ihr wollt nicht?“ „Nein!“ „Onkel, ich glaube, ſie hat Euch etwas zu ſagen wegen — wegen— verzeiht mir!— wegen Eures Kindes.“ „Wegen Blanche.“ „Nein, nein— ich meine den Verwandten, den ich nie ſah.“ Roland wurde blaß, ſank auf einen Stuhl zurück und ſtotterte— „Ihn— meinen Sohn?“ „Ja; aber ich glaube nicht, daß ſichs um eine Kunde handelt, die Euch betrüben könnte. Wißt Ihr auch gewiß, Onkel, daß mein Vetter todt iſt?“ „Ha!— wie unterſtehſt Du Dich!— wer zweifelt da⸗ ran? Todt— todt für mich auf immer! Knabe, willſt Du haben, daß er fortlebe, um dieſe grauen Haare zu be⸗ ſchimpfen?“ 662 „Verzeiht— verzeiht mir Onkel. Aber gleichwohl muß ich Euch bitten, Lady Ellinor zu beſuchen; denn was ſie Euch auch mitzutheilen haben mag— ich wiederhole meine Ueber⸗ zeugung, daß es nichts iſt, was Euch verwunden könnte.“ „Nichts, was mich verwunden könnte— und doch ſteht es in Verbindung mit ihm!“ Es iſt unmöglich, dem Leſer einen Begriff von der Ver⸗ zweiflung beizubringen, welche in dieſen Worten lag. Nach einer langen Pauſe nahm ich mit gedämpfter Stimme wie⸗ der auf: „Möglich, daß ich irre, denn ich war ſchüchtern. Aber vielleicht— wenn er todt iſt— hat er noch vor ſeinem Hinſcheiden alle ſeine Verirrungen bereut.“ „Bereut! ha, ha!“ „Oder wenn er noch lebte—“ „Stille, Knabe— ſtille!“ So lange noch Leben vorhanden iſt, darf man die Hoffnung auf Reue nicht aufgeben.“ „Sieh, Neffe,“ ſagte der Kapitän, indem er aufſtand und entſchloſſen die Arme über der Bruſt kreuzte—„ſieh, ich habe verlangt, daß man dieſes Namens mit keinem Hauch mehr vor mir erwähne. Ich habe meinem Sohn noch nicht geflucht; käme er wieder in's Leben, ſo könnte es ſo weit kommen! Du weißt nicht, welche Folter mir Deine Worte bereitet haben in demſelben Augenblicke, als ich mein Herz einem andern Sohn geöffnet und dieſen Sohn in Dir gefunden hatte. In Betreff des Verlornen habe ich nur noch eine Bitte, und Du kennſt ſie— die Bitte eines gebroche⸗ ß h r⸗ 663 nen Herzens, daß ſein Name mir nie mehr zu Ohren komme!“ Ich wagte es nicht, auf dieſe Schlußworte etwas zu erwiedern, und der Kapitän ging mit langen, unſteten Schritten im Zimmer auf und ab. Plötzlich griff er, als werde ihm der Raum zu eng und die Luft zu erſtickend, nach ſeinem Hut und eilte in's Freie. Sobald ich mich von mei⸗ nem Erſtaunen und meiner Beſtürzung erholt hatte, ging ich ihm nach; aber er befahl mir mit einer ſo ſtrengen und doch ſo traurigen Stimme, daß mir nur die Wahl des Gehorchens blieb, ihn ſeinen Gedanken zu überlaſſen. Wußte ich ja aus eigener Erfahrung, wie nothwendig die Einſamkeit in Augenblicken iſt, in welchen der Gram am ſchwerſten auf uns laſtet und unſere Gedanken am verſtörteſten ſind. Fünftes Kapitel. Es entſchwanden Stunden, ohne daß der Kapitän zu⸗ rückkehrte. Ich wurde unruhig und ging aus, um ihn zu ſuchen, obſchon ich nicht wußte, wohin ich meine Schritte lenken ſollte. Wahrſcheinlich kam mir übrigens vor, er habe der Verſuchung nicht widerſtehen können, bei Lady Ellinor vorzuſprechen, weshalb ich mich zuerſt nach St. James Square begab. Meine Vermuthung erwies ſich als richtig, denn der Kapitän war vor zwei Stunden dort geweſen. Kutz nach ſeinem Beſuch war Lady Ellinor ſelbſt ausge⸗ fahren. Während der Portier mir dieſe Mittheilung machte, 664 hielt ein Wagen an der Thüre, und ein Bedienter übergab dem Thürhüter ein Billet mit einem Päckchen, dem Anſcheine nach Bücher enthaltend, indem er einfach ſagte:„Von dem Marquis von Caſtleton.“ Wie ich dieſen Namen hörte, wandte ich mich haſtig um und erkannte in dem Wa⸗ gen Sir Sedley Beandeſert, der mit niedergeſchlagenem, verſtimmtem Geſichtsausdrucke zum Fenſter herausſah— wie verſchieden von ſeinem früheren Aeußeren, wenn nicht etwa die ſeltene Erſcheinung eines grauen Haars oder ein Anflug von Zahnweh ihn daran erinnerte, daß er nicht mehr fünfundzwanzig ſey. Die Veränderung war in der That ſo groß, daß ich zweifelnd ausrief:—„Iſt dies wirk⸗ lich Sir Sedley Beaudeſert?“ Der Bediente ſah mich an, langte an ſeinen Hut und ſagte mit einem herablaſſen⸗ den Lächeln:„Ja, jetzt der Marquis von Caſtleton.“ Jetzt zum erſtenmal ſeit dem Tod des jungen Lord erinnerte ich mich der Dankergüſſe des Baronet gegen Lady Caſtleton und den Emſer Brunnen, weil ſie ihn mit„dieſem ſchrecklichen Marquiſat“ verſchont hatten. Mittlerweile war mein alter Freund auf mich aufmerfſam geworden und rief mir zu:— „Wie, Mr. Carton? Es freut mich, Euch zu ſehen. Oeffnet den Schlag, Thomas. Ich bitte, kommt herein, kommt herein! Ich gehorchte, und der neue Lord Caſtleton machte mir an ſeiner Seite Platz. „Habt Ihr Eile?“ fragte er.„Wenn dies der Fall iſt, wohin ſoll ich Euch bringen?— wo nicht, ſo ſchenkt ab ine on en Ja⸗ m, cht ein cht der ⸗ ich en⸗ rd dy ar 665 mir ein halbes Stündchen von Eurer Zeit, während ich nach der City fahre.“ Da ich nun nicht wußte, in welcher Richtung ich den Kapitän am eheſten auffinden konnte, ſo hielt ich es für räthlich, zuerſt in unſerer Wohnung nachzufragen, ob er nicht zurückgekehrt ſey, und antwortete deshalb, daß ich mir eine Ehre daraus mache, ſeine Gnaden zu begleiten,„ob⸗ gleich die City,“ fügte ich lächelnd bei,„ein fremdes Wort iſt auf den Lippen des Sir Sedley— bitte um Verzeihung, ich wollte ſagen, des Lord—“ „O ſprecht mir nicht ſo und laßt mich wieder den angenehmen Klang Sedley Beaudeſert hören. Schließt den Schlag, Thomas. Nach Grarecurch Street— zu Meſſrs. Fudge und Fidget.“ Der Wagen fuhr ab. „Ein trauriges Loos hat mich befallen,“ begann der Marquis,„und Niemand iſt, der Mitleid mit mir hätte!“ „Und doch müſſen alle, ſelbſt wenn ſie den verſtorbenen Lord nicht kannten, erſchüttert worden ſeyn durch den Tod eines ſo jungen und hoffnungsvollen Mannes.“ „Er war in jeder Weiſe geeignet, die Laſt des großen Namens und Eigenthums der Caſtletone zu tragen, und doch ſeht Ihr, daß er dadurch unter den Boden gebracht worden iſt! Ach, wäre er nur ein einfacher Gentleman oder we⸗ niger gewiſſenhaft in dem Verlangen, ſeine Pflichten zu erfüllen, geweſen, ſo könnte er noch lange leben. Ich weiß bereits, welche Bürde über mich gekommen iſt. Oh, wenn Ihr nur die Briefhaufen ſehen würdet, die auf meinem 666 Tiſche liegen! Ich fürchte mich wahrhaftig vor jeder Poſt. Ich ſoll jetzt die rieſigen Verbeſſerungen der Güter zu Ende bringen, die der arme Junge angefangen hat. Was meint Ihr wohl, welchts Geſchäft mich zu Fudge und Fidget führe? Sie ſind die Agenten für eine hölliſche Kohlenmine, welche mein Vetter in Durham wieder geöffnet hat, um mich mein Leben lang zu plagen mit weiteren dreißigtauſend Pfund jährlich. Wie ſoll ich das Geld ausgeben, wie damit fertig werden? Da iſt ein kaltblütiger Oberrentmeiſter, welcher ſagt, die Wohlthätigkeit ſey das größte Verbrechen, das ein Mann in einer hohen Stellung begehen könne, weil es die Armen demoraliſire. Als mir ein Halbdutzend Farmer eine Vorſtellung zugehen ließen, des Inhalts, daß ihr Pacht zu hoch ſey, und ich ihnen zurückſchrieb, daß ihre Lei⸗ ſtungen ermäßigt werden ſollten, hättet Ihr ſehen ſollen, welch ein Heyho darüber losging; man hätte glauben ſollen, Himmel und Erde ſtürzen zuſammen. Wenn ein Mann in der Stellung des Marquis von Caſtleton mit dem Beiſpiel vorangehe, das Land unter ſeinem Werthe zu verpachten, wie fönnten da die ärmeren Squire in der Grafſchaft be⸗ ſtehen? Oder wenn ſie auch beſtehen könnten, welche Un⸗ gerechtigkeit ſey es nicht, ſie der Beſchuldigung Preis zu ge⸗ ben, als ſeyen ſie gierige Grundherren, Vampyre und Blut⸗ ſauger? Wenn Lord Caſtleton den Pacht ermäßige, der ohnehin zu niedrig ſtehe, ſo gebe er augenſcheinlich, wenn ſie ſeinem Beiſpiele folgten, dem Eigenthum, oder im an⸗ dern Falle dem Charakter ſeiner Nachbarn einen Todesſtoß. Niemand kann ſagen, wie ſchwer es iſt, Gutes zu thun, wenn 667 ihm nicht das Glück jährlich hunderttauſend Pfund zuweist und ſagt— verwende es jetzt zu guten Zwecken! Sedley Beaudeſert durfte ſeinen Launen folgen, und man konnte höchſtens von ihm ſagen, er ſey ein gutmüthlger, einfältiger Geſelle! aber wenn Lord Caſtleton ſeinen Neigungen nach⸗ geben wollte, ſo würde man glauben, er ſey ein zweiter Catilina, der den Frieden einer ganzen Nation umſtürze und ihren Wohlſtand untergrabe!“ Der unglückliche Mann hielt inne und ſeußzte tief auf; dann fuhr er fort, als hätten ſeine Gedanken in einen neuen Kanal des Jammers eingebogen. „Ach, wenn Ihr nur das trübſelige große Haus ſehen könntet, das ich bewohnen ſoll— umgeben von todten Mauern; und dagegen meine hübſchen Zimmer, deren Fen⸗ ſter nach dem Park hinausgehen. Man erwartet von mir, daß ich Bälle gebe und das parlamentariſche Intereſſe der Familie aufrecht erhalte. Da iſt mir denn auch der ſchuf⸗ tige Antrag gemacht worden, Hofmarſchall oder Kammer⸗ herr zu werden, weil es meinem Rang zuſtehe, eine Art Dienſtmann zu ſeyn. O, Piſiſtratus— was ſeyd Ihr nicht für ein glücklicher Kerl! Noch nicht Einundzwanzig und wahrſcheinlich mit keinen zweihundert Pfunden im Jahr be⸗ laſtet!“ Der arme Marquis fuhr fort, ſein ſchlimmes Geſchick zu beklagen, bis er zuletzt im Tone noch tieferer Verzweiflung ausrief: „Und dazu ſagt noch Jedermann, ich müſſe heirathen, damit der Stamm der Caſtletone nicht erlöſche! Die Beau⸗ X 668 deſerte find eine gute Familie, alt genug— meines Wiſſens ſo alt wie die Caſtletone; aber das britiſche Reich würde keinen Verluſt erleiden, wenn alle in das Grab der Ca⸗ pulete ſänken.“ Dagegen wäre der Gedanke, daß die Caſtleton⸗Peerage ausſterben ſollte, ſo verbrecheriſch und ſchauderhaft, daß ſich alle Mütter in England in Maſſe da⸗ gegen erheben würden! Und ſo muß denn, ſtatt nach der Bibel die Sünden der Väter heimgeſucht werden an den Söhnen, der Vater geopfert werden zum Beſten der dritten und vierten Generation!“ Obſchon ich alle Urſache zum Ernſt hatte, konnte ich mich doch eines Lachens nicht entwehren, und mein Gefährte warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu. „Wenigſtens hat Lord Caſtleton einen Troſt in ſeinem Jammer,“ ſagte ich, indem ich mein Geſicht in ernſtere Falten legte.„Wenn er heirathen muß, ſo kann er wählen nach Belieben.“ „Dies iſt's eben, was Sedley Beaudeſert durfte, der Lord Caſtleton aber nicht ihun kann,“ verſetzte der Marquis düſter.„Der Rang des Sir Sedley Beaudeſert war ruhig und behaglich— es ſtand ihm frei, die Tochter eines Pfar⸗ rers oder eines Herzogs zu heirathen und ſo ſein Auge zu vergnügen oder ſein Herz zu grämen, wie ihn die Laune an⸗ wandelte. Doch der Lord Caſtleton darf nicht nach einer Gattin, ſondern muß nach einer Marquiſe ſich umſehen— eine Frau heirathen, die für ihn ſeinen Rangträgt, die Mühe des Glanzes ſeinen Händen abnimmt und ihm geſtat⸗ tet, ſich in eine Ecke zurückzuziehen und davon zu träumen, * ſens irde Ca⸗ die und da⸗ der den tten ich hrte nem tere en der ſuis hig far⸗ zu an⸗ iner — die tat⸗ 669 daß er einmal Sedley Beaudeſert war! Ja, ſo muß es ſeyn— dem Schlußopfer muß der Altar das Siegel auf⸗ drücken. Doch laſſen wir jetzt meine Beſchwerden. Ich höre von Trevanion, daß Ihr nach Auſtralien gehen wollt — kann dies wahr ſeyn?“ „Vollkommen wahr.“ „Man ſagt, es ſey dort ein kläglicher Mangel an Frauenzimmern.“ „Deſto beſſer— ich werde dann nur um ſo geſetzter ſeyn.“ „Es liegt etwas Wahres darin. Habt Ihr Lady Ellinor geſehen?“ „Ja— dieſen Morgen.“ „Die arme Frau!— ein ſchwerer Schlag für ſie. Wir haben verſucht, einander zu tröſten. Ihr werdet wiſſen, daß ſich Fanny zu Orton in Surrey bei Lady Caſtleton aufhält — die arme Lady liebt ſie ſehr, und Niemand hat ſie ſo ge⸗ tröſtet, wie Fanny.“ „Es war mir unbekannt, daß Miß. Trevanion ſich nicht in London aufhalte.“ „Nur für einige Tage; dann reist ſie mit Lady Ellinor in den Norden zu Trevanion. Ihr wißt, er iſt bei Lord N— und macht Maßregeln mit ihm aus; aber leider berathen ſie mich jetzt auch über dergleichen Dinge und drängen mir ihre Geheimniſſe auf. Es ſtehen mir der Himmel weiß wie viele Stimmen zu Gebot. Ich Armer! Auf mein Wort, wenn Lady Ellinor eine Wittwe wäre, würde ich mich ſicherlich an ſie machen— eine ſehr geſcheidte Frau, die 670 durch nichts gelangweilt wird.“(Der Marquis gähnte— Sir Sedley Beaudeſert hatte dies nie gethan.)„Trevanion hat ſeinen ſchottiſchen Sekretär untergebracht und iſt gegen⸗ wärtig beſorgt, beim Miniſterium der auswärtigen Angele⸗ genheiten auch dem jungen Burſchen Gower eine Stelle zu verſchaffen, obſchon derſelbe, unter uns geſagt, mir gar nicht gefällt. Er hat übrigens Trevanion ganz für ſich ein⸗ genommen.“ „Was iſt dieſer Mr. Gower für ein Menſch?— Ich erinnere mich, daß Ihr mir mittheiltet, er ſey gewandt und von gutem Ausſehen.“ „Allerdings, aber es iſt nicht die Gewandtheit der Jugend: er verbindet damit eine Härte und einen Sarcas⸗ mus, als ſey er ſchon fünfzigmal betrogen worden und habe hundertmal ſelbſt betrogen. Auch ſein gutes Ausſehen iſt nicht jener offene Empfehlungsbrief, der, wie man ſagt, ein ſchönes Geſicht ſeyn ſoll. Seine Phyſiognomie hat einen Ausdruck, welcher mich ganz an den von Lord Hertford's Lieblingsſchweißhund erinnert, wenn ein Fremder in's Zim⸗ mer kommt. Es iſt allerdings ein glattes, ſchönes Thier, manierlich und wohl auch ſehr zahm; aber man darf nur ſeine Augenwinkel anſehen, um ſich ſelbſt ſagen zu müſſen, daß nur die Gewöhnung an's Beſuchzimmer die dem Ge⸗ ſchöpfe inwohnende Luſt unterdrücke, Euch lieber an der Kehle zu packen, ſtatt Euch die Pfote zu geben. Gleich⸗ wohl hat dieſer Mr. Gower einen ſehr auffallenden Kopf — es iſt etwas Mauriſches oder Spaniſches daran wie an e— nion gen⸗ gele⸗ telle gar ein⸗ Ich andt der cas⸗ habe n iſt ein inen ord's Zim⸗ hier, nur ſſen, Ge⸗ der eich⸗ Kopf e an 671 einem Gemälde von Murillo. Ich vermuthe halb und halb, er ſey eher ein Zigeuner als ein Gower.“ Wie!“ rief ich, mit athemloſer Aufmerkſamkeit die⸗ ſer Schilderung zuhörend.„Es iſt wohl ein dunkler Mann mit hoher, ſchmaler Stirne, einem ſehr feinen, leicht adler⸗ artigen Geſichtsſchnitt und ſo blendend weißen Zähnen, daß ſein ganzes Angeſicht zu funkeln ſcheint, wenn er lächelt, ob⸗ gleich an dieſem Lächeln nur die Lippe, nicht das Auge Theil nimmt?“ „Ganz wie Ihr ſagt. Ihr habt ihn ſchon geſehen?“ „Ich weiß dies nicht gewiß, wenn er wirklich Gower heißt.“ „Er ſagt wenigſtens, dies ſey ſein Name,“entgegnete Lord Caſtleton trocken, indem er eine Priſe der Beaudeſert⸗ miſchung einſchnaubte. 6 „Und wo iſt er jetzt— bei Mr. Trevanion?“ „Ja, ich glaube ſp. Ah! da ſind wir bei Fudge und Fidget! Aber vielleicht,“ fügte Lord Caſtleton mit einem Strahl von Hoffnung in ſeinem blauen Auge bei—„viel⸗ leicht ſind ſie nicht zu Hauſe!“ Leider war dies„ein Traum der Phantaſie,“ wie die Poeten des neunzehnten Jahrhunderts ungekünſtelt ſich aus⸗ zudrücken pflegen. Die Herren Fudge und Fidget waren nie abweſend, wenn Clienten kamen, wie der Marquis von Caſtleton. Mit einem tiefen Seufzer und einem ganz ver⸗ änderten Geſichtsausdruck ſtieg dieſes Opfer Fortuna's lang⸗ ſam aus ſeinem Wagen. „Ich kann Euch nicht zumuthen, auf mich zu warten,“ 672 ſagte er;„denn der Himmel weiß, wie lange ſte mich feſt⸗ halten werden! Nehmt den Wagen mit, wohin Ihr wollt, und ſchickt mir ihn wieder zurück.“ „Tauſend Dank, mein theurer Lord; ich will lieber zu Fuß gehen. Ihr geſtattet mir aber doch, Euch zu beſuchen, ehe ich London verlaſſe.“ „Ob ich's Euch geſtatte? Nein, ich beſtehe darauf. Meine Wohnung iſt noch die alte, unter dem Vorwande,“ bemerkte der Lord mit einem ſchlauen Blinzeln ſeines Au⸗ genlids,„daß Caſtleton Houſe eines neuen Anwurfs bedürfe.“ „Alſo morgen um zwölf Uhr?“ „Morgen um zwölf Uhr? Leider iſt dies die Stunde, auf welche Mr. Serew, der Agent für das Londoner Be⸗ ſitzthum(zwei Square, ſieben Straßen und eine Gaſſe), bei mir angeſagt iſt.“ „Vielleicht komme ich um zwei Uhr gelegener?“ „Zwei Uhr?— Um dieſe Zeit will Mr. Plauſible, eines der Caſtletoner Parlamentsmitglieder, mich beſuchen, um mir zu ſagen, warum ihm ſein Gewiſſen nicht geſtatte, mit Tre⸗ vanion zu ſtimmen.“ „Drei Uhr?“ „Drei! Da kömmt der Sekretär der Schatzkammer, welcher verſichert hat, er werde Mr. Plauſible's Gewiſſen ſchon zufrieden ſtellen. Aber nehmt bei mir Euer Diner ein— freilich werdet Ihr da die Teſtaments⸗Erecutoren treffen.“ „Nicht doch, Sir Sedley— mein theurer Lord, wollte feſt⸗ ollt, rzu hen, auf. e. Au⸗ nde, ines mir Tre⸗ ner, ſſen iner ren llte 673 ich ſagen. Ich will es auf den Zufall ankommen laſſen und nach dem Diner vorſprechen.“ „Thut ſo; meine Gäſte ſind nicht ſehr lebhaft! Wel⸗ chen feſten Tritt dieſer Schelm hat. Nur zwanzig glaube ich— zwanzig! und keinen Morgen Land, der ihn plagen könnte!“ Bei dieſen Worten ſchüttelte der Marquis kläglich ſeinen Kopf und verſchwand durch die geräuſchloſen Maha⸗ gonithüren, hinter welchen die Herren Fudge und Fidget mit den Rechnungen der großen Caſtletoner⸗Mine warteten. Sechstes Kapitel. Auf dem Wege nach unſerer Wohnung beſchloß ich in dem beſcheidenen Wirthshaus einzuſprechen, in deſſen Kaffec⸗ zimmer der Kapitän und ich, wir Beide gewöhnlich unſer Mittagsmahl einzunehmen pflegten. Es war ungefähr um die Zeit, und Roland wartete vielleicht auf mich. Ich ſtand ſchon auf der Schwelle, als ein Poſtwagen über das Pflaſter rollte und vor einem anſpruchsvolleren Wirthshaus Halt machte, welches um einige Thüren von dem unſerigen ab⸗ lag. Wie der Wagen hielt, wurde mein Auge der Treva⸗ nion ſchen Livree anſichtig— ein Umſtand, der mir ſehr auf⸗ fallend vorkam. Da ich Anfangs meinen Sinnen nicht traute, ſo trat ich dem Träger der Livree näher, der eben vom Dach heruntergeſtiegen war und, während er den Kutſcher bezahlte, dem aus dem Gaſthof auftauchenden Kell⸗ Bulwer, die Cartone. 43 674 ner den Befehl ertheilte:„Halb und halb; es iſt kalt außen!“ ⸗ Der Ton der Stimme kam mir bekannt vor, und als der Mann aufſchaute, konnte ich Mr. Peacocks Züge unter⸗ ſcheiden. Ja, es fehlte nicht— er war es. Der Backenbart ge⸗ ſchoren, in dem Haare oder in der Perücke noch Spuren von Puder, und die Livree der Trevanione ſammt Wappenknopf und Allem an derſelben ſtattlichen Figur, welche ich das letz⸗ temal in der würdevolleren Amtstracht eines Büttels geſe⸗ hen hatte! Peacock war zwar traveſtirt, aber gleichwohl noch immer Peacock. Ehe ich mich von meinem Erſtaunen erholt hatte, ſtieg aus einem Cabriolet eine Weibsperſon, die auf die Ankunft der Kutſche gewartet zu haben ſchien, eilte auf Mr. Peacock zu und ſagte in dem lauten, ungeduldigen Ton, welcher auch der Schönſten unter dem ſchönen Geſchlechte eigen⸗ thümlich iſt, wenn ſie Eile hat— „Wie ſpät kommt Ihr doch— ich wollte eben wieder fort, denn ich muß heut Abend noch in Orton eintreffen.“ Orton— Miß Trevanion befand ſich in Orton! Ich ſtand dicht hinter dem Paar und horchte mit ganzer Seele. „Dies könnt Ihr auch, meine Liebe— dies könnt Ihr auch. Wollt Ihr nicht auf eine kurze Weile mit herein⸗ kommen?“ „Nein, nein; ich habe nur noch zehn Minuten Zeit, wenn ich mit ber Kutſche fort will. Habt Ihr einen Brief — 2 675 alt an mich von Mr. Gower? Wie kann ich wiſſen, wenn ich es nicht von ſeiner eigenen Hand leſe, daß—“ ls„Bſt!“ verſetzte Peacock, indem er ſeine Stimme ſo ſehr r⸗ dämpfte, daß ich nur die Worte vernehmen konnte:„keinen Namen, Brief, ich will's Euch mündlich ausrichten!“ e Er zog ſie ſodann bei Seite und flüſterte eine Weile on mit ihr. Ich beobachtete das Geſicht der Weibsperſon, wel⸗ pf ches ihrem Gefährten zugewendet war und einen ſehr ver⸗ t⸗ ſchmitzten Ausdruck zeigte. Sie nickte mehr denn einmal e⸗ mit dem Kopfe, als gebe ſie ungeduldig ihre Zuſtimmung hl zu Dem, was geſprochen wurde, und eilte, nachdem ſie Mr. Peacock die Hand gereicht hatte, dem Cabriolet zu. Plötz⸗ lich kam ſie aber wieder zurück, als ſey ihr noch was einge⸗, ft. fallen und ſagte: ck„Wenn jedoch meine Lady nicht ginge— wenn der er Plan abgeändert würde?“ n⸗„Verlaßt Euch darauf, es wird nichts geändert— morgen ganz beſtimmt— nicht zu früh; Ihr verſteht mich?“ er„Ja, ja; lebt wohl!“ Und die Frauensperſon, welche mit ſo beſcheidener ch Zierlichkeit gekleidet war, daß man in ihr die Zofe kaum ver⸗ kennen konnte(ſchwarzer Mantel mit langer Kaputze von je⸗ r nem eigenthümlichen Seidenſtoff, der ausdrücklich für Kam⸗ ⸗ merjungfern gewoben zu ſeyn ſcheint— dazu ein Hut mit rothen und ſchwarzen Bändern), eilte von hinnen, und im . nächſten Augenblick fuhr das Cabriolet in wüthendem Ga⸗ f lovv davon. Was konnte all' dies zu bedeuten haben? Der Kellner 43* 676 hatte inzwiſchen Mr. Peacock den Halb und Halb gebracht.. Er fertigte das Getränk eiligſt ab und begab ſich ſodann nach einem benachbarten Miethkutſchenſtand. Ich folgte ihm. Er winkte einem der Fuhrwerke heran, und nachdem er ſich darin verborgen hatte, ſprang ich auf den Tritt und nahm an ſeiner Seite Platz. „Ihr werdet die Güte haben, Mr. Peacock,“ hegann ich,„mir unverholen mitzutheilen, wie Ihr dazu kommt, dieſe Livree zu tragen, oder ich ertheile dem Kutſcher Auf⸗ trag, bei Lady Ellinor Trevanion vorzufahren, damit ich an ſie dieſe Frage ſtellen kann.“ „Und wer zum Teufel!— Ah, Ihr ſeyd der junge Gentleman, der zu mir hinter die Guliſe⸗ kam. Ich er⸗ innere mich jetzt.“ „Wohin, Sir?“ fragte der Kutſcher. „Nach— nach der Londoner Brücke,“ antwortete Mr. Peacock. Der Kutſcher ſtieg auf den Bock und fuhr weiter. „Nun, Mr. Peacock, ich erwarte Eure Antwort. Ich ſehe es Eurem Geſichte an, daß Ihr mir Etwas vorlügen wollt; wenn ich Euch aber gut zu Rath bin, ſo bleibt Ihr bei der Wahrheit.“ „Ich weiß nicht, wie Ihr dazu kommt, mich in's Ver⸗ hör zu nehmen,“ verſetzte Mr. Peacock verdrüßlich. Er erhob ſodann den Blick von ſeinen geballten Fäuſten und ließ ihn mit ſo kampfluſtiger Bedeutſamkeit über mich hingleiten, daß ich die Muſterung mit den Worten unter⸗ brach: racht. dann ihm. r ſich nahm gann mmt, Auf⸗ it ich junge ch er⸗ eMr. Ich ügen Ihr Ver⸗ uſten mich nter⸗ „Habt Ihr keine Scheu vor dem Hauſe? wie der Schwan ſich fragend vernehmen läßt— ſoll ich dem Kutſcher Auftrag geben, nach St. James Saquare zu fahren?“ „O, Ihr kennt meine ſchwache Seite, Sir. Wer den Will, den ſüßen Will eitiren kann, hat mich gewonnen,“ entgegnete Mr. Peacock, ſein Geſicht glättend und die Hand⸗ flächen über ſeinen Knien ausbreitend.„Doch wenn ein Menſch in der Welt herunterkommt und, nachdem er ſelbſt Dienerſchaft gehalten, ſich genöthigt ſieht, ſelbſt zu die⸗ nen, ſo —„ſcheu' ich mich nicht, zu ſagen, was ich bin.“ „Der Schwan ſagt,'zu ſagen, was ich war, Mr. Peacock. Doch laſſen wir ſolche Spielereien. Wer brachte Euch in den Dienſt des Mr. Trevanion?“ Mr. Peacock blickte einen Moment zu Boden, heftete dann ſeine Augen auf mich und ſagte— „Nun, ich brauche es vor Euch nicht zu verheimlichen. Bei unſerer letzten Begegnung habt Ihr mich über einen jungen Gentleman befragt— über den Mr.— Mr. Vivian.“ Piſiſtratus.— Fahrt fort. Peacock.— Ich weiß, daß Ihr ihm keinen Scha⸗ den zufügen wollt. Außerdem,„er hat die Kunſt, das Glück zu bannen,“ und eines Tages— merkt auf meine Worte oder vielmehr auf die meines Freundes Will— „Wird er die enge Welt durchſchreiten Wie ein Koloß.“ „Ja, bei meinem Leben, das wird er— wie ein Koloß. „Und wir ſind arme Menſchen.“ 678 Piſiſtratus—(unmuthig).— Fahrt fort in Eurer Erzählung. Peacock—(ſchnippiſch).— Ich bin ja eben daran, und Ihr bringt mich daraus. Wo blieb ich— v— ach, ja. Ich war eben ganz ausgezogen— kein Penny in mei⸗ ner Taſche; und wenn Ihr meinen Rock hättet ſehen können— doch der war noch beſſer, als die Beinkleider. Gut; es war in Orford Street— doch nein, in dem Strand, nicht weit von dem Lowther— „Die Sonne ſtand am Himmel und der Tag War ſtolz geleitet von der Luſt der Welt.“ Piſiſtratus—(das Fenſter niederlaſſend).— Nach St. James Square. 4 Peacock.— Nein, nein; nach der Londoner Brücke.« „Wie die Gewöhnung doch Gewohnheit zeugt!“ Ich will ja fortfahren— auf Ehre! So traf ich mit Mr. Vivian zuſammen. Er hatte mich in beſſeren Tagen ge⸗ fannt, und da ſein Herz gut iſt, ſo ſagte er— „Horatio— wenn ich mich recht entſinne.“ Piſiſtratus legt ſeine Hand wieder an den Zug. Peacock—(ſich verbeſſernd).— Ich wollte ſagen: „Ei, Johnſon, mein guter Freund—“ 7 Piſiſtratus.— Johnſon?— So iſt alſo dies Euer Name nicht Peacock? Peacock.— Beides— Johnſon und Peacock.(Mit Würde.) Wenn Ihr einmal die Welt ſo gut kennt, wie ich, Sir, ſo werdet Ihr finden, daß es in dieſer„ſchlechten 8 urer ran, ach, mei⸗ hen der. dem ach cke.* ge⸗ ies it ch, en 679 Welt“ nicht gut reiſen iſt, wofern man nicht einen andern Namen in ſeinem Felleiſen hat. „Johnſon,“ ſagte er,„mein guter Freund,“ und zog ſeine Börſe heraus.„Sir,“ ſage ich,„könnt' ich nur außer jenem öffentlichen Tummelplatz' etwas zu thun krie⸗ gen, wenn dieſer Troß alle iſt. In London predigen aller⸗ dings die Steine, aber'es iſt nicht für Alles gut— eine Bemerkung, die ich gegen den Schwan zu machen mir die Freiheit nehmen würde, wenn er nicht leider das boden⸗ loſe Werk der Viſion wäre. Piſiſtratus.— Nehmt Euch in Acht! Peacock—(haſtig).— Dann ſagt Mr. Vivian: „Wenn Ihr Euch nichts daraus macht, eine Livree zu tra⸗ gen, bis ich Euch paſſender unterbringen kann, mein alter Freund, ſo iſt eben jetzt eine Stelle bei Mr. Trevanion offen.“ Ich ging auf den Vorſchlag ein, Sir, und ſo kam es, daß ich jetzt dieſe Livree trage. Piſiſtratus.— Und was habt Ihr mit der jungen Frauensperſon zu verhandeln gehabt, die, wie ich vermuthe, Miß Trevanions Dienerin iſt? Warum verläßt ſie Orton, um mit Euch zuſammenzutreffen? Ich hatte erwartet, dieſe Fragen würden Mr. Pea⸗ eock in Verwirrung bringen; aber wenn wirklich etwas darin lag, was eine ſolche Folge haben konnte, ſo verſtand ſich doch der vormalige Schauſpieler zu ſehr auf ſein altes Ge⸗ werbe, um es blicken zu laſſen. Er lächelte blos, ſtrich ſich einen ſehr zerknitterten Buſenſtreif nieder und ſagte: „O pfui, Sir— 680 Aus ſolchem Stoff Iſt Amors ſchlauer Pfeil geſchnitzt.“ Wenn Euch darum zu thun iſt, Kunde zu erhalten von mei⸗ nen Liebesangelegenheiten, ſo will ich Euch anvertrauen, daß dieſes junge Frauenzimmer mein Schatz iſt, wie das gemeine Volk zu ſagen pflegt.“ „Euer Schatz!“ rief ich und fühlte mich ſehr erleich⸗ tert, da mir dieſe Angabe ſehr wahrſcheinlich dünkte.„Doch, wenn dies der Fall iſt,“ fügte ich argwöhniſch bei,„warum erwartet ſie, daß Mr. Gower ihr ſchreibe?“ „Ihr habt ein feines Ohr, Sir; aber wenn auch Voll Pflichtgefühl, voll Liebe und Gehorſam, Voll Demuth und Geduld und Ungeduld,“ will doch das junge Frauenzimmer keinen Livreebedienten heirathen— eine ſtolze Perſon, ſehr ſtolz!— und Mr. Gower, ſeht Ihr, der die Sachlage kennt und Mitleid mit mir hat, ſagte ihr, ſie ſolle, wenn ich mir gegen den Schwan eine ſolche Freiheit nehmen darf— WMNicht an Johnſons Seite liegen Mit dem ſchweren Gram im Herzen indem er ihr zugleich verſprach, mir für ein Pöſichen beim Stempelamt beſorgt zu ſeyn. Das einfältige Mädchen ſagte, ſie wolle es Schwarz auf Weiß haben— als ob Mr. Gower ihr ſchreiben würde! „Und nun, Sir,“ fuhr Mr. Peacock mit einfacherer Würde fort,„ſteht es Euch natürlich frei, meiner gnädigen Frau zu ſagen, was Euch beliebt. Ich hoffe übrigens nicht, daß Ihr den Verſuch macht, mir das Brod vor dem Munde 681 wegzunehmen, weil ich eine Livree trage und thöricht ge⸗ nug bin, mich in eine dienende Perſon zu verlieben— ich, Sir, der ich hätte Damen heirathen können, welche die erſten Rollen im Leben ſpielten— auf der Bühne der Haupt⸗ ſtadt.“ Ich konnte auf dieſe Vorſtellungen nichts erwiedern, da ſie ſcheinbar genug klangen, und obgleich ich Anfangs geargwöhnt hatte, Peacock greife zu der Hanswurſterei ſei⸗ ner Citativnen nur, um Zeit zum Erfinden zu gewinnen oder meine Aufmerkſamkeit von irgend einem Mangel in ſei⸗ ner Erzählung abzuleiten, ſo war ich doch am Schluß gerne geneigt, ſeine Buffonerie als einen Charakterzug des Manns zu betrachten, da die gegebene Auskunft ganz den Anſchein der Wahrheit hatte. Ich begnügte mich deshalb mit der Frage— „Und woher kommt Ihr jetzt? „Von Mr. Trevanion. Er hat mich mit Briefſchaften an Lady Ellinor abgeſchickt.“ „Ah, und das junge Frauenzimmer wußte, daß Ihr nach Lonton kämet?“ „Ja, Sir. Mr. Trevanion hat mir ſchon vor eini⸗ gen Tagen die Zeit anberaumt, in welcher ich aufbrechen müſſe.“ 7 „Und was habt Ihr und die junge Perſon für morgen im Sinne, wenn keine Aenderung des Planes ſtattfindet?“ Ich glaubte hier eine leichte, obſchon kaum merkliche Veränderung in Mr. Peacocks Geſicht wahrzunehmen; er antwortete jedoch ohne Anſtand: 682 „Auf Morgen?— eine kleine Beſtellung, wenn wir abkommen können— Wirb um mich, ich bin jetzt in Feſttagsſtimmung Und werd' am eheſten willfahren“ Wieder der Schwan, Sir.“ e „Hum!— alſo iſt Mr. Gower und Mr. Vivian ein und dieſelbe Perſon?“ Peacock zögerte. „Dies iſt nicht mein Geheimniß, Sir; ein heiliges Gelübde bindet mich. Doch Ihr ſeyd zu ſehr Gentleman, um einen Mann, der die Spuren der Peitſche trägt, ich meine damit kurze Plüſchhoſen und Achſelquaſten— über die Geheimniſſe eines Andern auszuholen, an den er ge⸗ bunden iſt durch ſeine Pflicht.“ Wie ein Mann von Dreißigen einen von kaum zwanzig im Schach zu halten vermag! Welche Ueberlegenheit gibt nicht die bloße Thatſache des Längergelebthabens dem ein⸗ fältigſten Menſchen! Ich biß mich auf die Lippe und ſchwieg. „Und wenn Ihr wüßtet,“ fuhr Mr. Peacock fort,„wie Mr. Vivian, nach dem Ihr Euch erkundigtet, Euch liebt! Als ich ihm zufällig erzählte, daß mich ein junger Gentle⸗ man hinter Couliſſen aufgeſucht habe, um nach ihm zu fragen, mußte ich ihm eine Schilderung von Euch geben, und er ſagte dann ganz wehmüthig: Wenn ich je bin, was ich zu werden hoffe, wie glücklich werde ich mich füh⸗ len, wieder einmal dieſe freundliche Hand zu drücken— ſeine eigenen Worte, Sir— auf Ehre! wir ein ges an, ber e ig ibt in⸗ 683 Nie gab es, glaub' ich, in der Chriſtenheit Solch einen Mann, der weniger vermag Sein Haſſen zu verbergen oder Lieben.“ Und wenn Mr. Vivian Gründe dafür hat, ſich noch immer verborgen zu halten, wenn ſein Glück oder ſein Untergang davon abhängt, daß Ihr ſein Geheimniß noch eine Weile bewahrt, ſo glaube ich nicht⸗ daß Ihr der Mann ſeyd, den er zu fürchten hat. Bei meinem Leben— Wär' ich nur eines guten Mahls ſo ſicher,“ wie der Schwan rührend ausruft. Ich wette, dieſer Wunſch ſchwebte oft auf den Lippen des Schwans, wenn er ſich in der Zurückgezogenheit ſeines häuslichen Lebens befand.“ Mein Herz fühlte ſich milder geſtimmt nicht durch das Pathos des viel entweihten und herabgewürdigten Schwan, ſondern durch Mr. Peacocks ſchmuckloſe Wiederholung von Vivians Worten. Ich wandte mein Geſicht ab von den ſcharfen Augen meines Gefährten und das Cabriolet machte jetzt Halt am Fuß der Londoner Brücke. Ich hatte nichts mehr zu fragen; aber dennoch laſtete eine unruhige Neugierde auf meiner Seele, die ich mir kaum erklären konnte. Hatte ſie vielleicht ihren Grund in Eifer⸗ ſucht? Der ſchöne, dreiſte Vivian— er konnte wenigſtens die reiche Erbin ſehen, ohne daß Lady Ellinor an eine Ge⸗ fahr dachte. Aber—— ich war noch immer verliebt und— nein ſolche Gedanken waren in der That Thorheit! „Mein guter Mann,“ ſagte ich zu dem Ercomödian⸗ ten,„ich wünſche weder Mr. Vivian, wenn ich ihn ſo nennen muß, noch Euch, der Ihr im Tragen von mehreren 684 Namen ſein Beiſpiel zum Muſter genommen habt, einen Nachtheil zuzufügen, erkläre Euch aber offen, daß mir Euer Aufenthalt in Mr. Trevanions Hauſe gar nicht gefällt. Ich rathe Euch daher, dieſen Dienſt ſo bald wie möglich wieder zu verlaſſen. Vorderhand will ich nicht weiter ſagen, denn ich brauche Zeit, um wohl zu erwägen, was Ihr mir mitge⸗ theilt habt.“ x Mit dieſen Worten eilte ich von hinnen, und Mr. Peacock ſetzte allein ſeine Wanderung über die Londoner Brücke fort. Siebentes Kapitel. Bei all dem, was an dieſem ereignißrollen Tage mein Herz zerriß oder meine Gedanken grälte, fühlte ich wenigſtens eine frendige Erregung, als ich beim Eintreten in unſer kleines Beſuchzimmer meinen Onkel daſitzen ſah. Auf dem Tiſche vor dem Kapitän lag die große Bibel, die er von der Hauswirthin geborgt hatte. Er pflegte zwar auf Reiſen ſtets ſeine eigene mitzunehmen, aber der Druck derſelben war klein und ſeine Augen leiſteten ihm bei Licht nicht die früheren treuen Dienſte. Dieſe Bibel war mit großer Schrift gedruckt, und zu jeder Seite derſelben ſtand ein Licht. Der Kapitän ſtützte ſeine Ellenbogen auf den Tiſch und hielt die Hände an die Stirne gedrückt, als wolle er den Verſucher ausſchließen und mit Gewalt ſeine ganze Seele dem Inhalt der aufgeſchlagenen Seiten zu⸗ wenden. der Linie der ſtarren Form ſprach ſich Entſchloſſenheit aus. So ſaß er da— ein Bild ehernen Muthes, und in je⸗ „Ich will nicht auf mein Herz hören, ſondern dieſes Buch leſen und daraus dulden lernen, wie es einem Chriſten ziemt.“ Es lag ein Pathos in der Haltung des ernſten Dulders, daß man in ihr dieſe Worte ſo deutlich leſen konnte, als hätten ſeine Lippen ſie ausgeſprochen. Alter Krieger, du haſt dich tapfer gehalten auf man⸗ chem blutigen Schlachtfeld; aber wenn ich der Welt deine wackere Soldatenſeele anſchaulich machen wollte, würde ich dich malen, wie ich dich damals ſah— doch meine Hand iſt nur die eines Stümpers! Bei dem Geräuſch, daß ich machte, blickte der Ka⸗ pitän in die Höhe, und auf ſein Geſicht war in leſerlichen Zügen der Kampf geſchrieben, den er durchgemacht hatte. „Es hat mir gut gethan,“ ſagte er einfach und ſchloß das Buch. Ich rückte meinen Stuhl und legte meinen Arm über ſeine Schulter. „Alſo keine frohe Kunde?“ fragte ich in flüſterndem Tone. Roland ſchüttelte den Kopf und legte ſanft den Zeige⸗ finger auf ſeine Lippen. 656 Achtes Kapitel. Es war mir unmöglich, mich Rolands Gedanken, von welcher Beſchaffenheit ſie auch ſeyn mochten, mit einem um⸗ ſtändlichen Bericht über die Ereigniſſe aufzudrängen, welche in mir ein tiefes, ängſtliches Intereſſe an Dingen geweckt hatten, die ſeinem Leide fremd waren. Unruhig warf ich mich auf meinem Bette umher und machte mir Gedanken über Vivians Wiederaufnahme einer Verbindung mit einem Manne von dem zweideutigen Cha⸗ rakter des Mr. Peacock, die Unterbringung eines ſo fähigen und gewiſſenloſen Werkzeugs für die eigenen Zwecke im Dienſt Trevanions, die Sorgfalt, womit er die Veränderung ſeines Namens vor mir geheim gehalten, und ſein Anſehen in demſelben Hauſe, in welchem ich ihn offen einzuführen mich erboten hatte; über die Vertraulichkeit, die ſeine Krea⸗ tur mit Mr. Trevanions Mädchen anzuknüpfen gewußt, die Worte, die zwiſchen ihnen gefallen— denn wie wahrſchein⸗ lich die Erklärung auch klang, konnte ſie doch meinen Arg⸗ wohn nicht ganz bannen— und vor Allem über Vivians rückſichtsloſen Ehrgeiz und ſeine aller gediegenen Grund⸗ ſätze baare Geſinnung— ja, ich erinnerte mich ſogar mit Schmerz daran, wie einige auf's Ungefähr hingeworfene Worte über Fanny's Vermögen und das Glück, eine Erbin zu gewinnen, zugereicht hatten, eine lebhafte Einwirkung auf ſeine erhitzte Phantaſie und ſeinen kühnen Sinn zu üben. Während dieſe Gedanken mit aller Glut und Stärke im Dunkel der Nacht auf mich hereinbrachen, ſehnte ich mich nach einem Vertrauten, der mehr Welterfahrung beſaß, als ich, und mir über die einzuſchlagenden Schritte Rath er⸗ theilen konnte. Sollte ich Lady Ellinor warnen? Aber vor was?— Vor dem Charakter des Dieners oder vor den Ent⸗ würfen des falſchen Gower? Gegen Erſteren konnte ich, wenn auch nichts Beſtimmtes, ſo doch genug vorbringen, um ſeine Entlaſſung als räthlich erſcheinen zu laſſen; aber was durfte ich von Gower oder Vivian ſagen, ohne nicht ſo faſt ſein Vertrauen zu verrathen, da er mir dieſes nie ge⸗ ſchenkt hatte— aber ohne die Verſicherung von Freund⸗ ſchaft Lügen zu ſtrafen, mit denen ich gegen ihn ſo frei⸗ gebig geweſen war? Möglich, daß er ſogar Trevanion ein⸗ geweiht hatte in ſeine wahren Geheimniſſe, und wenn auch nicht, ſo mußte ich doch fürchten, ſeine Ausſichten zu ver⸗ nichten, wenn ich ſeine verſchiedenen Namen zur Sprache brachte. Aber warum Aufklärungen geben und vor Was warnen? Wegen eines Argwohns, den ich mir ſelbſt nicht erklären konnte— wegen des verdächtigen Anſcheins von Dingen, über die mir bereits eine befriedigende Auskunft er⸗ theilt worden war? Der Morgen kam heran, und ich war noch immer un⸗ ſchlüſſig, was ich thun ſollte. Auf Rolands Geſicht zeigte ſich ein Ausdruck ſchwerer Sorge, ſo daß mir keine andere Wahl blieb, als die vertrauliche Mittheilung aufzuſchie⸗ ben, zu welcher mich ſein ſcharfer Verſtand und ſein nie ir⸗ rendes Ehrgefühl verführeriſch lockte. So ging ich aus in der Hoffnung, ich könne in der friſchen Luft meine Gedan⸗ ken ſammeln und zu einer Löſung der Aufgabe kommen, die mich verwirrte. Einige Stunden wurde ich durch uuter⸗ ſchiedliche kleine Au e für meine Reiſe und durch Be⸗ ſtellungen für Volding in n Anſpruch genommen. Nachdem dies bereinigt war, lenkten ſich meine Schritte weſtwärts, da ſo zu ſagen unwillkührlich mir halb und halb der Ent⸗ ſchluß gekommen war, Lady Ellinor zu beſuchen und ſie gleichſam zufällig über Gower und den neuen Bedienten auszufragen. Ich befand mich in Regent Street, als ein Wagen mit Poſtpferden raſch über das Pflaſter dahinſauste, alle gerin⸗ geren Equipagen nach rechts und links zerſtreuend und nach der breiten Hauptſtraße, welche Portland-Place zuführt, als ob ſich's um Leben und Tod handle. So raſch auch die Räder dahin rollten, hatte ich doch deutlich in dem Wagen das Geſicht von Fanny Trevanion ge⸗ ſehen, in welchem ſich ein befremdlicher Ausdruck von Angſt und Kummer kund zu geben ſchien; und an ihrer Seite — war ties nicht die Frauensperſon. die ich bei Peacock geſehen hatte? Ich kannte ihr Geſicht nicht, meinte aber den Mantel, den Hut und die eigenthümliche Haltung des Kopfs zu erkennen. Wenn ich mich indeß auch hierin täuſchte, ſo konnie ich weuigſtens in Betreff des Dieners nicht irren, der hinten auf dem Sitz ſaß. EinFleiſcherjunge, der beinahe überfahren worden wäre, rächte ſich dafür durch alle Verwünſchungen, welche die Pirae des Londoner Pöbel⸗Dialects eingeben konuten, und als ſich der Mann nach ihm umſah, vermochte ich deutlich Mr. Peacocks Züge zu unterſcheiden. ——— 689 Sobald ich mich von meiner Ueberraſchung erholt hatte, war mein erſter Gedanke, dem Wagen nachzuſtürzen, und in der Haſt dieſes innern Antriebs rief ich—„Haltet ſie an!“ Aber die Equipage war mir im Nu aus dem Geſicht, und mein Ruf verlor ſich in der Luft. Nachdem ich in der Ahnung irgend eines unbekannten Uebels eine kurze Weile ſtehen geblieben war, ſchlug ich eine andere Richtung ein und hielt nicht eher an, bis ich mich keuchend und athemlos in St. James Square— an der Thüre von Trevanions Haus und in der Halle befand. Der Pförtner hatte, als er mich einließ, eben eine Zeitung in der Hand. „Wo iſt Lady Ellinor? Ich muß ſie ſogleich ſprechen.“ „Doch keine ſchlimmeren Nachrichten von dem S hoffe ich, Sir?“ „Schlimmere Nachrichten von was— von wem— von Mr. Trevanion?“ „Habt Ihr nicht gewußt, daß er plötzlich krank gewor⸗ den iſt, Sir, und daß geſtern Nacht ein Bedienter als Erpreſſer eintraf, um die Kunde zu überbringen? Lady Ellinor iſt ſchon um zehn Uhr aufgebrochen, um nach dem Herrn zu ſehen.“ „Um zehn Uhr— geſtern Nacht?“ „Ja, Sir; der Bericht des Bedienten hat die gnädige Frau ſehr erſchreckt.“ „War es der neue Bediente, den Mr. Gower empfohlen hat?“ „Ja, Sir,— der Henry,“ antwortete der Pförtner, mich mit großen Augen anſtaunend.„Wenn Ihr's leſen Bulwer, die Caxtone. 44 690 wollt, Sir— hier iſt ein Bericht über den Anfall unſeres Herrn in der Zeitung. Vermuthlich hat ihn Henry nach dem Bureau getragen, ehe er hieher kam, und dies war ſehr un⸗ recht von ihm; aber ich fürchte, er iſt ein ſehr thörichter Menſch.“ „Laßt dies jetzt. Miß Trevanion— ich ſah ſie eben erſt— ſie wenigſtens iſt nicht mit ihrer Mutter gegangen. Wohin fuhr ſie?“ „Ei, Sir— aber wollt Ihr nicht in das Zimmer treten?“ 8 „Nein, nein— ſprecht!“ „Ei, Sir, eh' Lady Ellinor abreiste, fürchtete ſie, es könnte vielleicht eine Zeitungsnachricht Miß Fanny beun⸗ ruhigen. Sie ſchickte daher Henry zu Lady Caſtleton und ließ Ihre Gnaden bitten, die Sache Miß Trevanion ſo leicht als möglich vorzuſtellen; aber es ſcheint, daß Henry das Schlimmſte gegen Mrs. Mole geplappert hat.“ „Wer iſt Mrs. Mole?“ „Miß Trevanions Kammermädchen, Sir— erſt kürz⸗ lich in Dienſt getreten; und Mrs. Mole plauderte gegen die junge Lady, ſo daß dieſe in ihrem Schrecken darauf beſtand, nach London zu kommen. Lady Caſtleton, welche ſelbſt krank iſt und das Bette hütet, konnte ſie vermuthlich nicht zurück⸗ halten— namentlich da Henry ſagte, obſchon er es hätte heſſer wiſſen ſollen, ſie werde noch zeitig genug anfommen, eh' unſere gnädige Frau abreiſe? Die arme Miß Tre⸗ vanion war ganz troſtlos, als ſie fand, daß ihre Mamma ſchon fort war. Sie wollte dann ſogleich friſche Pferde be⸗ n⸗ id ht 8 z⸗ ie id, nk tte en, re⸗ na he⸗ 691 ſtellen und auch abreiſen, obſchon Mrs. Bates— Ihr wißt, dies iſt die Haushälterin, Sir— ſehr zornig auf Mrs. Mole war, welche der Miß zuſprach, und—“ „Gütiger Himmel! Warum iſt nicht Mrs. Bates mit ihr gegangen?“ „Ei, Sir, Ihr wißt ja, wie die alte Mrs. Bates iſt, und meine junge Lady iſt ſtets ſo rückſichtsvoll, daß ſie nichts davon hören wollte, weil ſie im Sinne hatte, Tag und Nacht zu reiſen; und Mrs. Mole ſagte, ſie ſey mit ihrer letzten Gebieterin in der ganzen Welt herumgekommen und könne daher—“ „Ah, ich durchſchaue Alles! Wo iſt Mr. Gower.“ „Mr. Gower, Sir?“ „Ja! Könnt Ihr nicht antworten?“ „Ich glaube, bei Mr. Trevanion, Sir.“ „Im Norden— wie iſt die Adreſſe?“ „Lord N—, C— Hall, bei W—“ Ich hörte nicht weiter. Wie ein Blitz durchzuckte mich die Ueberzeugung, daß es ſich hier um eine ſchurkiſche Schlinge handle. Wenn Trevanion wirklich krank war, warum hatte der falſche Be⸗ diente es vor mir geheim gehalten? Warum verſchwen⸗ dete er mit mir ſeine Zeit, ſtatt zu Lady Ellinor zu eilen? Wenn Mr. Trevanions plötzliches Erkranken ihn nach London geführt hatte, wie konnte er den Tag ſeiner An⸗ kunft ſo lang vorauswiſſen, um mit der Kammerjungfer ein Stelldichein zu verabreden? Wenn kein Plan mit Miß Trevanion obwaltete, warum vereitelte er die ſorgliche Vor⸗ 44* ſicht der Mutter— warum zog er Vortheil aus der natür⸗ lichen Sehnſucht der Liebe und aus dem raſchen Antrieb der Jugend, um ein Mädchen fortzuſchleppen, das ſchon um ſeiner Stellung willen eine ſolche Reiſe nicht ohne paſſenden Schutz antreten durfte— und dies zwar ganz gegen den Wunſch und klärlich auch gegen die ausdrücklichen Weiſun⸗ gen der Mutter? Allein— allein! Fauny Trevanion be⸗ fand ſich alſo in den Händen zweier dienenden Perſonen, welche die Werkzeuge und Vertrauten eines Abenteurers waren, wie Vivian. Dazu noch das Geſpräch zwiſchen die⸗ ſen beiden— die abgebrochenen Hindeutungen auf morgen in Verbindung mit dem Namen, den Vivian angenommen hatte, bedurfte der nicht irrende Inſtinkt der Liebe mehr Gründe zum Erſchrecken— zu einer um ſo ſchwärzeren Veſorgniß, weil gerade die Geſtalt, in welcher ſie auftrat, ſo dunkel und unbeſtimmt war? Ich eilte aus dem Hauſe. Auf Haymarket angelangt, nahm ich ein Kabriolet und fuhr ſo ſchnell ich konnte nach Hauſe, da ich für die beab⸗ ſichtigte Reiſe nicht Geld genug bei mir hatte. Ich ließ ſogleich durch den Diener des Hauſes einen vierſpännigen Wagen beſtellen, eilte auf unſer Zimmer, wo ich zum Glück Roland noch antraf, und rief: „Onkel, kommt mit mir!— Nehmt Geld mit— viel Geld!— Ich weiß, eine Schurkerei, die ich noch nicht ganz durchſchaue, iſt an den Trevanionen verübt worden. Viel⸗ leicht können wir ſie noch vereiteln. Unterwegs will ich Euch Alles ſagen— Kommt, kommt!“ 693 „Freilich. Aber Schurkerei— und gegen Leute in ſol⸗ cher Stellung— pah!— ſammle Dich. Wer iſt der Schurke?“ „Der Menſch, den ich als einen Freund liebte— der Menſch, dem ich ſelbſt zu ſeiner Bekanntſchaft mit Treva⸗ nion half— Vivian— Vivian!“ „Vivian! Ah, der junge Mann, von dem ich Dich ſprechen hörte. Aber wie ging es zu?— Schurkerei ge⸗ gen wen— gegen Trevanion?“ „Ihr foltert mich mit Euren Fragen. So hört denn — dieſer Vivian(ich kenne ihn)— hat in dem Hauſe einen Menſchen als Diener untergebracht, der ſich zu jeder Hinter⸗ liſt und zu jedem Betrug gebrauchen läßt. Dieſer Diener iſt ihm behülflich geweſen, ihre Kammerjungfer auf ſeine Seite zu bringen— Fanny's— Miß Trevanions Kam⸗ merjungfer. Miß Trevanion iſt eine Erbin und Vivian ein Abenteurer. Der Kopf ſchwindelt mir, und ich bin außer Stande, mich jetzt weiter gegen Euch zu erklären. Ha! ich will eine Zeile an Lord Caſtleton ſchreiben— ihm meine Beſorgniſſe, meinen Argwohn mittheilen— ich weiß, er wird uns folgen oder doch ſonſt ſein Beſtes thun.“ Ich griff haſtig nach Tinte und Papier und ſchrieb. dein Onkel kam heran und blickte mir über die Schulter. Plötzlich rief er, indem er meinen Arm faßte: „Gower, Gower— wie kömmſt Du zu dieſem Na⸗ men? Haſt Du nicht Vivian' geſagt?“ „Vivian oder Gower— beide ſind eine und dieſelbe Perſon.“ Mein Onkel eilte aus dem Zimmer. Ich fand dies begreiflich, weil ſich's darum handelte, ſchnelle Vorbereitun⸗ gen für unſere Abreiſe zu treffen. Ich beendigte mein Schreiben, ſiegelte es und übergab es, als fünf Minuten ſpäter der Wagen vor der Thüre an⸗ langte, dem mit den Pferden kommenden Stallknecht, indem ich ihm die Weiſung ertheilte, den Brief unverzüglich an Lord Caſtleton ſelbſt abzuliefern. Mein Onkel war jetzt gleichfalls heruntergekommen und verließ feſten Trittes die Schwelle. „Tröſte Dich,“ ſagte er, als er in den Wagen ſtieg, in welchem ich bereits mit ſtürmiſcher Eile Platz genommen. „Es kann doch ein Irrthum obwalten.“ „Ein Irrthum? Ihr kennt dieſen jungen Mann nicht. Er beſitzt alle Eigenſchaften, die im Stande ſind, ein Mäd⸗ chen wie Fanny zu beſtricken, aber leider nicht eine Spur von Ehrgefühl, die ſeinem Ehrgeiz hindernd in den Weg treten könnte. Ich beurtheile ihn jetzt wie aus einer höhe⸗ ren Eingebung— zu ſpät— o Himmel, wenn es zu ſpät märe!“ Ein Aechzen brach durch Rolands Lippen. Ich ſah darin einen Beweis ſeiner Theilnahme an meinen Gefühlen und ergriff ſeine Hand. Sie war ſo kalt, wie die eines Todten. 695 Fünfzehnter Abſchnitt. Erſtes Kapitel. Es war allerdings Nichts vorhanden, was den mich quälenden Argwohn rechtfertigen konnte, als der Lin den ich von Vivians Charakter hatte. Leſer, haſt du nie in der leichten, ſorgloſen Geſelligkeit der Jugend Bekanntſchaft angeknüpft mit Jemanden, in deſſen gewinnenderen Eigenſchaften du— nicht gerade jenen Wi⸗ derwillen gegen Mängel oderLaſter vergaßeſt, welcher einem Alter ſo natürlich iſt, in dem wir, ſelbſt wenn wir irren, das Gute verehren und mit Begeiſterung für edle Geſinnung und tugendhaftes Handeln erglühen— nein, dieſer Wider⸗ wille gegen das Schlimme und das feine Gefühl dafür verliert ſich nicht ſo leicht— aber haſt du nicht ein lebhaf⸗ tes Intereſſe gefühlt für den Kampf zwiſchen dem Böſen, das dich empörte, und dem Guten, das dich in der Perſon deines Gefährten feſſelte? Er iſt dir vielleicht für geraume Zeit aus dem Geſicht gekommen, und plötzlich hörſt du, er habe irgend etwas ungewöhnlich Gutes oder Böſes ge⸗ than. Was nun von beidem der Fall ſeyn möge— dein Geiſt kehrt ſchnell zurück zu alten Erinnerungen, und du ſagſt:„Wie natürlich!— nur Der und Der hat ſo handeln können!“ So erging es mir mit Vivian. Die ausgezeichnet⸗ ſten Eigenſchaften in ſeinem Charakter waren ſcharfe Be⸗ 696 rechnungsgabe und vor nichts zurückſchreckende Kühnheit — Eigenſchaften, die zu Ruhm oder Schande führen, je nachdem das ſittliche Gefühl ausgebildet iſt und die Leiden⸗ ſchaften ſich leiten laſſen. Hätte ich ſie in einer Wirkſamkeit erkannt, die augenſcheinlich auf das Gute abzielte, und es wäre mir noch zweifelhaft geweſen, ob Vivian wirklich mitwirkte, ſo würde ich gerufen haben:„Er iſt es! und der beſſere Engel hat in ihm geſiegt!“ Mit derſelben inſtinktartigen Schnelligkeit, ja ſogar noch eher fühlte ich in der ſchlimmen Thätigkeit bei ebenfalls zweifelhaftem An⸗ ſtiften, daß dieſe Eigenſchaften ihren Mann verriethen und der böſe Dämon triumphirt haben müſſe. Meile um Meile, Station um Station wurde zurück⸗ gelegt auf der traurigen, endloſen Nordſtraße. Ich theilte meinem Begleiter in verſtändlicherer Rede, als es bisher ge⸗ ſchehen war, die Gründe zu meiner Beſorgniß mit. Der Ka⸗ pitän hörte mir Anfangs begierig zu und unterbrach mich dann plötzlich.„Vielleicht iſt hinter der ganzen Sache nichts,“ rief er.„Wir müſſen jetzt Männer ſeyn und uns den Kopf ruhig, den Verſtand klar erhalten. Sage mir nichts weiter!“ Er lehnte ſich im Wagen zurück, ſprach nicht mehr und ſchien, als die Nacht vorrückte, zu ſchlafen. Ich hatte Mitleid mit ſeiner Ermüdung, obſchon ſich in dieſem Schweigen mein Herz faſt aufzehrte. Auf jeder Station hörten wir von den Perſonen, denen wir nachſetzten. Auf der erſten oder zweiten hatten ſie kaum einen Vorſprung von einer Stunde; allmälig aber verloren wir trotz unſerer ver⸗ ſchwenderiſchen Freigebigkeit gegen die Poſtillivne mehr Bo⸗ —+ 68——— — e—— n ſi ic ———— 697 den. Ich vermuthete endlich, der Grund unſerer verhält⸗ nißmäßigen Langſamkeit liege in dem Umſtand, daß wir auf jeder Station ſowohl Wagen als Pferde wechſeln mußten, und als ich an unſerem Haltplatz um Mitternacht Roland dieſe meine Anſicht mittheilte, beſchied er ſogleich den Wirth vor ſich und zahlte demſelben, was er verlangte, für die Erlaubniß, den Wagen bis zum Ende der Reiſe behalten zu dürfen. Dies ſtimmte ſo gar nicht mit der gewöhnlichen Knickerei zuſammen, die Roland an den Tag legte, ob ſich's nun um ſein eigenes, oder um mein Geld handelte, und ich konnte deshalb nicht umhin, einige Worte der Entſchuldigung we⸗ gen des großen Aufwands zu murmeln, zu dem ich Anlaß gegeben hatte. „Kannſt Du wohl errthen, warum ich ein Geizhals war?“ verſetzte Roland mit Ruhe. „Ein Geizhals?— davon iſt ja gar nicht die Rede! nur klug— man findet dies oft bei alten Soldaten.“ „Ich wat ein Geizhals,“ wiederholte der Kapitän mit Nachdruck.„Ich begann damit, als mein Sohn noch ein Kind war. Ich hielt ihn für hochſinnig und zählte dabei auf Geſchmack an koſtſpieligen Vergnügungen. Sey es darum, ſagte ich zu mir ſelbſt, ich will für ihn ſparen, denn junge Leute genießen gerne ihre Jugend. Später, als er nicht mehr Kind war oder wenigſtens die Laſter des Mannes ſich zuzueignen begann, tröſtete ich mich mit den Worken: Geduld— er wird ſchon beſſer werden; wo nicht, ſo will ich gleichwohl fortſparen, um wenigſtens einen Einfluß über ſeine Selbſtſucht zu gewinnen, wenn ich ſeinem Herzen nicht beizukommen vermag. Ich will ihn für die Ehre beſtechen Und dann— und dann— Gott ſah meinen Stolz, und ich wurde geſtraft. Laß ſchneller fahren— ſchneller— warum denn in dieſem Schneckengange!“ Die ganze Nacht und den darauf folgenden Tag bis zum Abend ſetzten wir unſere Reiſe fort, ohne anzuhalten oder ein anderes Mahl einzunehmen, als ein Stückchen Brod und ein Glas Wein. Hiedurch gewannen wir den ver⸗ lorenen Grund wieder und minderten den Vorſprung. Die Nacht war bereits eingebrochen als wir eine Station er⸗ reichten, wo der Weg zu Lord N—s Landſitz von der gera⸗ den Nordſtraße abbog. Wir ſtellten hier wie gewöhnlich unſere Nachforſchungen an, und mein ſchlimmſter Argwohn ſollte ſich jetzt beſtätigen. Der Wagen, welchem wir nachſetz⸗ ten, hatte vor einer Stunde die Pferde gewechſelt, aber nicht die Richtung zu Lord N— eingeſchlagen, ſondern die un⸗ mittelbare Straße nach Schottland verfolgt. Die Wirths⸗ leute hatten, weil es ſchon dunkel geweſen, die Dame im Wagen nicht geſehen, wohl aber den Bedienten, der die Pferde beſtellte und deſſen Livree ſie beſchrieben. Die letzte Hoffnung, daß allem Anſchein zum Trotz doch keine Hinterliſt beabſichtigt worden ſey, war jetzt ver⸗ ſchwunden. Der Kapitän ſchien anfangs mehr außer ſich zu ſeyn, als ich, faßte ſich aber ſchneller wieder.„Wir wollen den Weg zu Pferd fortſetzen,“ ſagte er, und eilte nach dem Stalle. Alle Einwürfe verſiegten bei dem Anblick ſeines Goldes. fa nä fa ha un un nã me vo vo: ſta zig kne un der fen aut geſ Hu den mit ſchl Lar nicht en d ich rum bis Uten chen ver⸗ Die ner⸗ era⸗ nlich vohn ſetz⸗ nicht un⸗ ths⸗ im die Lrotz ver⸗ ſich Wir eilte ldes. 699 Fünf Minuten ſpäter ſaßen wir im Sattel, und ein gleich⸗ falls berittener Poſtillon begleitete uns. Wir erreichten die nächſte Station in wenig mehr als zwei Drittheilen der Zeit, die wir zum Fahren gebraucht haben würden, und ich fand es überhaupt ſchwer, mit Roland gleichen Schritt zu halten. Wir beſtiegen neue Pferde. Der Wagen war uns nur fünfundzwanzig Minuten voraus. Wir fühlten uns überzeugt, daß wir ihn einholen mußten, ehe er die nächſte Stadt erreichen konnte. Der Mond ſtand am Him⸗ mel. Wir konnten weit vor uns hinſehen und ritten in vollem Galopp. Meilenſtein um Meilenſtein glitt an uns vorbei— kein Wagen! Wir erreichten die nächſte Poſt⸗ ſtadt oder vielmehr das Poſtſtädtchen, wo ſich nur ein ein⸗ ziges Poſthaus befand. Ohne Säumen wurden die Stall⸗ knechte herausgeklopft. Es war kein Wagen unmittelbar vor uns angelangt— überhaupt ſeit Mittag keiner mehr durch den Ort gekommen. Was war dies für ein Geheimniß? „Zurück, zurück, Junge!“ rief Roland mit dem ſchar⸗ fen Blick eines Soldaten, indem er ſein abgehetztes Thier aus dem Hofe ſpornte.„Sie werden einen Seitenweg ein⸗ geſchlagen haben. Wir wollen ſie ausſpüren nach dem Huftritt der Pferde oder nach den Radleiſen.“ Der Poſtillon brummte und deutete auf die keuchen⸗ den Roſſe. Als Antwort öffnete Roland ſeine Hand, die mit Gold gefüllt war. So ging es denn zurück durch das ſchlafende Städtchen— zurück auf die breite, mondhelle Landſtraße. Wir kamen zu einem Seitenweg nach rechts, 700 aber die Spur, welcher wir folgten, führte noch immer gerade aus. Wir hatten nahezu die Hälfte des Weges nach der Station, auf welcher wir zum letztenmal die Pferde gewechſelt, zurückgelegt, als aus einer Nebenſtraße zwei Poſtillone mit ihren Roſſen auftauchten. Bei dieſem Anblick rief unſer Begleiter laut, ritt uns vor und grüßte ſeine Kameraden. Einige Worte gaben uns die gewünſchte Auskunft. Der Wagen hatte gerade an der Biegung der Straße ein Rad verloren und die junge Dame mit ihrem Dienſtperſonal ihre Zuflucht zu einem klei⸗ nen Wirthshaus genommen, das in nicht großer Entfer⸗ nung am Wege ſtand. Nach Fütterung der Roſſe entließ der Diener die Poſtillone mit der Weiſung, ſie ſollten am an⸗ deren Morgen wieder kommen und zur Ausbeſſerung des Rads einen Schmied mitbringen. „Wie ging es zu mit dem Verlieren des Rades?“ fragte Roland in ſtrengem Tone. „Ei, ich denke, Sir, der Achsnagel war durchroſtet, und ſo flog das Rad ab.“ „Iſt der Diener unterwegs und ehe der Unfall ſtattfand, von ſeinem Sitze abgeſtiegen?“ „Ja wohl. Er ſagte, die Räder könnten Feuer fan⸗ gen, denn ſie hätten keine Pateeſen⸗ und er habe vergeſſen, ſie ſchmieren zu laſſen.“ „Und er ſah nach den Rädern, und bald nachher u das Rad ab— iſt's ſo?“ „Der Tauſend, Sir,“ verſetzte der Poſtillon, 3 Augen weit aufſperrend.„Ja, freilich war es ſo!“ bre alt M — Se ger ruf Un erſ kne hön ein 3 nmer ees ferde zwei uns aben erade unge klei⸗ itfer⸗ tließ nan⸗ des es?“ oſtet, fand, fan⸗ eſſen, r flog „die 704 „Komm, Piſiſtratus— wir S Zeit; aber bete zu Gott— bete zu Gott— daß—“ Der Kapitän drückte dem zr den Sporn in die Seite, und der Reſt ſeiner Worte ging für mich verloren. Einige Schritte von der Straße ab und hinter einem breiten Raſenſtück ſtand das Wirthshaus— ein finſteres, altmodiſches Gebäude aus grauem Sandſtein, das ſich im Monblichte ganz leichenhaft ausnahm, während auf der einen Seite ſchwarze Forchen hälftig ihren unheimlichen Schatten darüber warfen. So einſam; kein Haus, keine Hütte in der Nähe! Wenn die Wirthsleute von der Art waren, daß Schurkerei auf ihren Vorſchub rechnen konnte und die Un⸗ ſchuld an ihrer Beihülfe verzweifeln mußte, ſo war nir⸗ gends eine Zuflucht, nirgends ein Nachbar, der dem Hülfe⸗ ruf Folge leiſten konnte. Ein gut gewählter Platz. Die Thüren des Wirthshauſes waren verſchloſſen. Unten ſahen wir noch Licht, aber vor den Fenſtern des erſten Stocks waren die äußern Läden eingezogen. Mein Onkel hielt einen Augenblick inne und ſagte zu dem Poſt⸗ knecht: „Kennt Ihr den hintern Zugang zu dem Hauſe?“ „Nein, Sir; ich komme nicht oft dieſes Weges. Die Wirthsleute ſind neu und haben nicht viel Einkehr, wie ich höre.“ „Klopft an die Thüre— wir wollen uns inzwiſchen ein wenig bei Seite aufſtellen. Fragt Euch Jemand, was Ihr wollt, ſo ſagt nur, Ihr möchtet mit dem Bedienten 702 ſprechen— Ihr hättet einen Beutel mit Geld gefunden— hier, zeigt ihnen den meinigen.“ Roland und ich waren abgeſtiegen; er zog mich dicht an die Mauer neben der Thüre. Da er bemerkte, daß ſich meine Ungeduld nicht gut in das fügen wollte, was mir als unnütze Einleitung vorkam, ſo flüſterte er mir zu: „Bſt! Wenn es drinnen etwas zu verbergen gibt, ſo wird man die Thüre nicht öffnen, ohne daß Jemand re⸗ cognoscirt hat. Sieht man uns dann, ſo läßt man uns gar nicht ein. Bleibt übrigens blos der Poſtillon vorne, den ſie Anfangs wahrſcheinlich für einen von denen halten, welche den Wagen hergebracht haben, ſo wird kein Argwohn dadurch rege. Halte Dich gefaßt, einzudringen, ſobald der Riegel der Thüre zurückweicht.“ Meinen Onkel täuſchte ſeine alte Kriegserfahrung nicht. Es folgte eine lange Stille, ehe auf das Klopfen des Poſtknechts geantwortet wurde. Das Licht ging raſch vor dem Fenſter hin und her, als ob ſich drinnen Perſonen bewegten. Roland gab dann dem Poſtillion durch Zeichen zu verſtehen, daß er wieder klopfen ſolle. Dies geſchah zwei⸗ bis dreimal; und endlich kam aus einem Dachſtübchen ein Kopf zum Vorſchein, während eine Stimme rief: „Wer ſeyd Ihr?— was wollt Ihr?“ „Ich bin der Poſtknecht aus dem rothen Löwen und möchte mit den Bedienten des braunen Wagens ſprechen. Ich habe dieſen Geldbeutel gefunden!“ „Oh, weiter nichts, als dies?— Wartet ein wenig.“ Der Kopf verſchwand. Wir ſchlichen unter der vor⸗ — 8 6 — — 8 n— dicht ſich r als t, ſo d re⸗ uns orne lten, vohn d der rung pfen raſch onen ichen chah chen 703 ſpringenden Dachrinne des Hauſes weiter, hörten den Rie⸗ gel der Thüre zurückweichen und die Thüre ſelbſt vorſichtig aufgehen. Mit Einem Sprunge ſtand ich innen und ſtemmte meinen Rücken gegen die Thüre, um Roland einzulaſſen. „Ho, Hilfe!— Diebe!— Hilfe!“ rief eine laute Stimme, und ich fühlte eine Hand nach meiner Kehle greifen. Aufs Ungefähr führte ich in der Dunkelheit einen Streich, der ſeine Wirkung nicht verfehlte, denn meinem Schlage folgte ein Stöhnen und ein Fluch. Mittlerweile hatte Roland von der Flur aus durch die Spalten einer Thüre Licht entdeckt, welches ihn nach dem Zimmer mit dem Fenſter führte, in dem wir von außen das bewegliche Licht wahrgenommen hatten. Er riß die Thüre auf und ich eilte ihm nach. In einer Stube ſaßen zwei Weibsperſonen— die eine war mir fremd und ohne Zweifel die Wirthin, in der andern aber erkannte ich ſogleich die verrätheriſche Zofe. Schrecken war der Ausdruck ihrer Geſichter. „Weibsbild,“ rief ich, indem ich die Letztere hart an⸗ faßte,„wo iſt Miß Trevanion?“ Statt aller Antwort ſtieß die Perſon einen lauten Schrei aus. Ein anderes Licht blinkte nun von der Treppe her, welche gerade auf die Thüre zulief, und ich hörte den Ruf einer Stimme, in welcher ich ſogleich die des Mr. Peacock erkannte: „Wer iſt da?— Was gibt's?“ Ich ſtürzte auf die Treppe zu. Eine ſtämmige Geſtalt — die des Wirths, welcher ſich von meinem Schlage wieder erholt hatte— trat mir für einen Augenblick in den Weg⸗ um im nächſten ihre Länge auf dem Boden zu meſſen. Schnell war ich oben auf der Treppe. Peacock erkannte mich, fuhr zurück und löſchte das Licht aus. Geſchrei und Flüche ſchallten jetzt durch die Dunkelheit. Da hoörte ich aus dem Getümmel heraus mit einem Male plötzlich den Ruf: „Hieher, hieher!— Hülfe!“ Es war die Stimme Fanny's. Ich ſchlug die Richtung nach rechts ein, von wo aus der Ruf ergangen, und erhielt einen heftigen Schlag. Zum Glick traf er den Arm, den ich ausgeſtreckt hatte, wie man zu thun pflegt, wenn man ſich im Finſtern weiter taſtet. Da nur der linke Arm getroffen worden war, ſo faßte ich mit dem rechten meinen Angreifer und rang mit ihm. Roland kam jetzt mit einem Licht. Bei dieſem Anblick entglitt mir mein Geg⸗ ner, welcher Niemand anders, als Peacock war, und eilte der Treppe zu. Aber der Kapitän hielt ihn mit eherner Fauſt feſt. Da ich von einem Kampfe mit einem einzelnen Feind nichts für Roland fürchtete und alle meine Gedanken nur von der Rettung der Dame in Anſpruch genommen wa⸗ ren, deren Stimme wieder an mein Ohr ſchlug, ſo ſtürzte ich auf eine Thüre am Ende des Ganges zu, die ich bemerkt hatte, ehe das Licht, welches der Kapitän trug, in dem Kampfe zwiſchen ihm und Peacock ausgegangen war. Sie war verſchloſſen, krachte und ächzte aber unter meinem Drucke. „Zurück, wer Ihr auch ſeyn mögt!“ rief eine Stimme von innen, ganz verſchieden von dem Nothruf, der meine Schritte geleitet hatte.„Zurück, wenn Euch Euer Leben lieb iſt!“ g⸗ en. ch, che us uf: s. tuf ück n der ten etzt eg⸗ ilte ner nen nken wa⸗ rzte erkt dem Sie ucke. mme eine eben 705 Die Stimme und die Drohung verdoppelte meine Kraft; die Thüre flog aus ihren Banden. Ich ſtand im Zimmer. Fanny warf ſich zu meinen Füßen nieder und faßte meine Hände; dann raffte ſie ſich wieder auf, lehnte ſich an meine Schulter und murmelte:„Gerettet!“ Mir gegenüber, das Geſicht von Leidenſchaft verzerrt, die Augen buchſtäblich von wildem Feuer lodernd, die Naſenlöcher aus⸗ gedehnt und die Lippen halb gesffnet, ſtand der Mann, den ich Francis Vivian genannt habe. „Fanny— Mrs. Trevanion— welche grobe Be⸗ ſchimpfung— was für eine Schurkerei iſt dieß? Ihr ſeyd mit dieſem Manne nicht aus freier Wahl zuſammenge⸗ troffen?— O ſprecht!“ Vivian trat jetzt vor. „Fragt Niemand als mich. Laßt dieſe Dame los— ſie iſt meine Verlobte— ſoll meine Gattin werden.“ „Nein, nein, nein— glaubt ihm nicht,“ rief Fanny. „Ich bin von meiner eigenen Dienerſchaft verrathen und hieher gebracht worden, ohne daß ich weiß, wie es zuging. Ich horte von dem Erkranken meines Vaters und war auf dem Wege zu ihm. Da trat mir hier dieſer Menſch ent⸗ gegen und erdreiſtete ſich—“ „Miß Trevanion— ja, ich erdreiſtete mich, Euch zu ſagen, daß ich Euch liebe.“ „Schützt mich vor ihm!— O, Ihr werdet mich ſicherlich gegen ihn ſchützen!“ „Nein, Fräulein!“ fagte eine Stimme hinter mir in tiefem Tone,„ich bin es, der das Recht in Anſpruch Bulwer, die Cartone, 45 nimmt, Euch gegen dieſen Mann zu ſchützen ich bin es, der jetzt den Arm um Euch ſchlingt, wie um ein Heiligthum, ſelbſt gegen ihn; ich bin es, der von dieſer Stelle aus auf ſein Haupt den— Fluch eines Vaters ſchleudert! Schänder des Herds! zu Schanden gemachter Ehrenräuber! gehe Deines Pez dem Geſchick entgegen, das Du Dir ſelbſt gewählt haſt. Gott wird mir noch die Barmherzigkeit er⸗ weiſen und mir ein Grab ſchenken, ehe Deine Laufbahn ihr Ende ſfindet in den Verbrecherſchiffen— oder an dem Galgen!“ Es wurde mir dunkel vor den Augen, und der Schrecken ließ das Blut in meinen Adern zu Eis erſtarren. Ich wankte zurück und ſuchte mich an der Wand zu halten. Roland hatte ſeinen Arm um Fanny geſchlungen und ſie, zuſam⸗ mengebrochen und zitternd, ſchmiegte ſich an ſeine breite Männerbruſt, indem ſie mit eniſetzter Scheu zu ſeinem Ge⸗ ſichte aufſah. Und nie hatte ich in dieſem Geſichte, durch⸗ furcht von tiefen Erregungen und düſter von unausſprech⸗ lichem Schmerz, einen Ausdruck geſehen, ſo großartig in ſeinem Zürnen und ſo erhaben in ſeiner Verzweiflung. Der Richtung ſeines Auges folgend, das ſtarr und ſtrenge war, wie der Blick eines Propheten oder eines unerbitt⸗ lichen Richters, ſchauderte ich, als ich des Sohnes anſichtig wurde. Seine Geſtalt ſchien gebrochen, als habe bereits der Fluch ſeine vernichtende Wirkung geübt. Eine Leichen⸗ bläſſe bedeckte die Wangen, welche ſonſt von dem dunkeln Roth der vrientaliſchen Jugend glühte; ſeine Kniee ſchlugen zuſammen, und endlich beugte er mit einem matten Schmerz⸗ —— 6, m, uf er he bſt er⸗ hr em ken kte nd m⸗ ite e ch⸗ ch⸗ in ig. ge tt⸗ tig its n⸗ eln en rz. 707 ausrufe, ähnlich dem eines Menſchen, welcher einen Todes⸗ ſtoß erhält, ſein Geſicht über die verklammerten Hände. So blieb er— ſtumm, aber gebengt. Inſtinktartig trat ich vor, ſtellte mich zwiſchen Vater. und Sohn und murmelte:„Schont ihn; Ihr ſeht, ſein Herz iſt zerriſſen.“ Dann ſchlich ich an die Seite des Sohnes und flüſterte ihm zu:„Geht, geht; das Verbrechen war noch nicht vollendet, und der Fluch kann wieder zurückgenommen werden.“ Doch meine Worte hatten in dieſer finſtern, wider⸗ ſpenſtiſchen Natur eine falſche Saite berührt. Der junge Mann ließ ſchnell die Hände von ſeinem Geſichte ſinfen und richtete ſich auf in leidenſchaftlichem Trotze. Mich bei Seite winkend rief er: „Hinweg! ich erkenne keine Autorität an über meine Handlungen und mein Schickſal— dulde keinen Vermittler zwiſchen dieſer Dame und mir. Sir,“ fuhr er mit einem düſtern Blick auf ſeinen Vater fort—„Sir, Ihr vergeßt unſern Vertrag. Das Band zwiſchen uns war gelöst, Eure Macht über mich vernichtet; ich verzichtete auf den Namen, den Ihr tragt; für Euch war und bin ich noch immer ein Todter. Ihr habt kein Recht, zwiſchen mich und den Ge⸗ zu treten, der mir theurer iſt, als das Leben.“ Oh!“(und hier ſtreckte er ſeine Hände gegen Fanny c—„O, Miß Trevanion, wie ſehr Ihr mich auch ver⸗ dammen mögt, ſo flehe ich doch zu Euch, mir eine einzige Bitte nicht zu verſagen. Geſtattet mir, nur einen Augen⸗ blick allein mit Euch zu ſprechen; zerlaubt mir, Euch zu be⸗ 45* 708 weiſen, daß ich bei all meiner Schuld nicht von den ſchlim⸗ men Beweggründen geleitet wurde, die man mit zur Laſt legen wird— daß ich nicht die Erbin zu verlocken, ſondern das Weib zu gewinnen ſuchte. O⸗ hört mich—“ „Nein, nein,“ murmelte Fanny, ſich feſter an Ro⸗ land anklammernd,„verlaßt mich nicht. Wenn er, wie es den Anſchein hat, Euer Sohn iſt, ſo vergebe ich ihm; aber heißt ihn gehen— mich ſchaudert ſchon bei dem Ton ſeiner Stimme!“ „Willſt Du in der That, daß ich ſogar die Erinne⸗ rung an das Band zwiſchen uns vernichte?“ rief Roland mit hohler Stimme.„Willſt Du, daß ich in Dir nur den ſchnöden Räuber, den dem Geſetz verfallenen Verbrecher ſehe — daß ich Dich der Gerechtigkeit ausliefere oder Dich als Leiche zu meinen Füßen niederſtrecke? Laß mich wenigſtens vie Erinnerung bewahren und weiche von hinnen!“ Wieder hielt ich den ſchuldigen Sohn feſt; aber er riß ſich abermals los von mir. „Mir ſteht es zu,“ indem er entſchloſſen ſeine Arme über der Bruſt kreuzte—„mir ſteht es zu, in dieſem Hauſe zu befehlen. Alle, die ſich innerhalb deſſelben befinden, ha⸗ ben ſich in meine Weiſungen zu fügen. Wie iſt es möglich, Sir, daß Ihr, der Ihr Ruf, Namen und Ehre ſo hoch ſchätzt⸗ nicht einſeht, wie Ihr Alles dies der Dame raubt, welche Ihr gegen den Schimpf meiner Liebe beſchützen wollt? Wie muß die Welt die Geſchichte von Eurer Rettung der Miß Trevanion aufnehmen? Wird ſie glauben, daß— oh⸗ ver⸗ zeiht mir Fräulein— Miß Trevanion— Fanny— ver⸗ aſt ern Ro⸗ es ber ner me⸗ and den ſehe als tens me auſe ha⸗ lich, ätzt, Ihr Wie Miß ver⸗ ver⸗ 709 zeiht mir— ich bin von Sinnen; hoört mich nur an— allein— ohne Zeugen— und wenn Ihr dann noch ſagt? hinweg', ſo will ich mich ohne Murren unterwerfen. Aber ich füge mich keinem andern Schiedsrichter, als Euch.“ Doch Fanny ſchmiegte ſich inniger und inniger an Roland an. In dieſem Augenblick hörte ich Stimmen und Fußtritte unten. In der Meinung, die Mitſchuldigen an dieſem Bubenſtreich rafften vielleicht ihren Muth zuſammen, um dem, welcher ſie bezahlte, Beiſtand zu bringen, Lerlor ich alles Mitleid, das bisher mein Entſetzen vor dem Ver⸗ brechen des jungen Mannes gemildert, und all' die Scheu, welche ſein Bekenntniß hervorgerufen hatte. Ich faßte daher den falſchen Vivian mit einer Fauſt, die er nicht mehr abſchütteln konnte, und rief in ſtrengem Tone— „Seht Euch vor, daß Ihr Euer Vergehen nicht noch erſchwert. Wenn es zu einem Kampf kömmt, ſo ſoll er nicht ſtattfinden zwiſchen Vater und Sohn, ſondern—“ Fanny eilte jetzt vorwärts. „Reizt nicht dieſen ſchlimmen, gefährlichen Menſchen. Ich fürchte ihn nicht. Ja, Sir, ich will Euch anhören, und zwar allein.“ „Nimmermehr!“ riefen ich und Roland gleichzeitig. Vivian wandte mir einen wilden Blick zu und ſchaute dann mit düſterer Bitterkeit auf ſeinen Vater. Er ſchien jetzt auf ſeine frühere Bitte zu verzichten, denn er ſagte: „Wohlan denn, ſo ſey es darum. Sogar in Gegen⸗ wart dieſer, welche mich ſo ſtreng beurtheilen, will ich we⸗ nigſtens ſprechen.“ 710 Er hielt für eine Weile inne und fuhr dann in einem Tone, der einen rührenden Eindruck hätte machen müſſen, wenn ſeine Schuld weniger empörend geweſen wäre, gegen Fanny fort: „Ich geſtehe, daß ich, als ich Euch zum erſtenmal ſah, vielleicht an Liebe dachte, wie der Arme und Ehrgeizige an den Weg zu Macht und Reichthum denkt. Bald aber ver⸗ ſchwanden ſolche Vorſtellungen, und in meinem Herzen blieb nichts zurück, als Liebe und Wahnſinn. Ich war wie in einem Fiebertraum, als ich auf dieſe Verſtrickung ſann. Nur ein Ziel ſchwebte mir vor Augen— nichts war für mich vorhanden, als ein einziges himmliſches Geſicht. O Ihr⸗ die Ihr wenigſtens mein Eigenthum ſeyd in dieſem Geſichte — ſeyd Ihr in der That für mich auf immer verloren?“ In der Stimme und in dem Weſen des Sprechenden lag etwas, das meiner Anſicht nach, mochte es nun aus vollendeter Heuchelei, oder aus einem wahren, wenn auch verkehrten Gefühle entſpringen, den Weg zum Herzen eines Weibes finden mußte, das ihn, wenn es auch jetzt gekränkt war, einmal geliebt hatte, und mit einem kalten Schauder heftete ich meine Augen auf Miß Trevanion. Mit ſicht⸗ lichem Beben wandte ſie ſich ab; ihr Blick begegnete dabei plötzlich dem meinigen, und es ſchien, daß ſie ſich meinen Zweifel deutete; denn nachdem ſie ihr Auge mit einer Art wehmüthigen Vorwurfs eine Weile auf dem meinigen hatte ruhen laſſen, krümmten ſich ihre Lippen, als werde der Stolz der Mutter in ihr übermächtig, und zum erſtenmal em en, en h, an er⸗ ieb in ur ich hr, hte en us uch les nkt der ht⸗ bei en Art tte der nal 717 in meinem Leben bemerkte ich eine zürnende Glut auf ihrer Stirne. „Es iſt gut, Sir, daß Ihr vor Zeügen ſo mit mir geſprochen habt, denn in der Anweſenheit dieſer Männer for⸗ dere ich Euch bei jener Ehre auf, welche der Sohn dieſes Gentleman wohl für eine Weile vergeſſen, aber nie ganz verſcherzen kann— fordere ich Euch auf, zu erklären, vb ich, Frances Trevanion, je durch That, Wort oder Zeichen zu dem Glauben Anlaß gaäb, daß ich das Gefühl, welches Ihr gegen mich zu hegen vorgebt, erwiederte oder Euch zu dieſem verwegenen Verſuch, mich in Eure Gewalt zu brin⸗ gen, ermuthigte.“ „Nein!“ rief Vivian ſchnell, aber mit bebender Lippe —„nein; aber wo ich ſo innig liebte und meine ganze Zu⸗ kunft auf's Spiel ſetzte für eine einzige freie Gelegenheit, mich allein gegen Euch erklären zu können, mochte ich nicht daran denken, daß eine ſolche Liebe nur Haß und Gering⸗ ſchätzung finden würde. Wie!— hat mich die Natur ſo ſtiefmütterlich behandelt, daß mir, wo ich liebe, keine Liebe antworten kann? Wie!— hat die Zufälligkeit der Geburt mich ausgeſchloſſen von dem Rechte, zu werben und eine Verbindung zu ſuchen mit den Hochgeborenen? Was we⸗ nigſtens das Letztere betrifft, ſo könnte dieſer Gentleman, der ſich hier das Richteramt anmaßt, Euch eines Andern belehren, da es ſtets ſeine Sorge geweſen iſt, mir den ſtolzen Glauben einzuflößen, meine Abkunft ſey von der Art, daß ich den kühnſten Hoffnungen und einem furchtloſen Ehrgeiz Raum geben dürfe. Meine Hoffnungen, mein Ehrgeiz— 7¹² ſie trafen in Euch zuſammen! Oh, Miß Trevanion, es iſt wahr, daß ich, um Euch zu gewinnen, den Geſetzen der ganzen Welt und jedem Feind Trotz geboten haben würde, den ausgenommen, der jetzt vor mir aufſteht. Aber glaubt mir, glaubt mir— hätte ich errungen, was ich dreiſt an⸗ zuſtreben wagte, ſo wäre Euch Eure Wahl nicht zum Schimpf geworden. Der Name, den ich nicht meinem Vater verdanke, hätte nicht verachtet werden ſollen von der Frau, die meine Anmaßung verzieh, und ebenſowenig von dem Manne, der jetzt meine Qual mit Füßen tritt und auf meine Verlaſſenheit ſeine Flüche ſchleudert.“ Roland hatte mit keinem Worte verſucht, ſeinen Sohn zu unterbrechen— ja, ſogar mit einer fieberiſchen Aufregung, die mein Herz in ſeiner geheimen Sympathie wohl begriff, begierig jeder Sylbe entgegenharrt, welche die Schwärze des Vergehens mindern oder auch nur die ſchnöden Mittel in einem weniger ſchmutzigen Lichte erſcheinen laſſen konnte. Als jedoch der Sohn mit Worten ungerechten Vorwurfs und im Tone finſterer Verzweiflung eine Vertheidigung ſchloß, die in ihrem falſchen Stolze und in ihrer verkehr⸗ ten Beredtſamkeit ein ſo gänzliches Nichtanerkennen aller Grundſätze jener Ehre kundgab, die ſtets des Vaters Idol geweſen war, bedeckte Roland mit ſeiner Hand die Augen, die vorher wie gebannt auf dem ſtarrſinnigen Verbrecher gehaftet hatten, und zog Fanny wieder an ſich, indem er ſagte: „Sein Hauch verpeſtet die Luft, in welcher Unſchuld und Ehrenhaftigkeit athmen. Er ſagt: Alles in dieſem uf g⸗ ff. rze tel te. rfs ug r⸗ ler ol n, 713 Hauſe ſtehe unter ſeinem Befehle. Warum bleiben wir— laßt uns gehen.“ Er wandte ſich der Thüre zu und Fannh mit ihm. Inzwiſchen waren die lauteren Töne unten für einige Augenblicke verſtummt, und ich hörte einen Tritt auf der Flur draußen. Vivian eilte vorwärts und trat vor uns hin. „Nein, nein, Ihr dürft mich ſo nicht verlaſſen, Miß Trevanion. Ich verzichte auf Euch— weil ich muß, ver⸗ lange ſogar nicht einmal Eure Verzeihung. Aber dieſes Haus ſo zu verlaſſen— ohne Wagen, ohne Dienerſchaft, ohne Erklärung!— Der Schimpf fällt auf mich— und es widerfährt mir, was mir gebührt. Doch geſtattet mir wenigſtens das Recht, wieder gut zu machen, was ich an dem geſchehenen Unrecht wieder gut machen kann, und Alles zu beſchützen, was mir noch von Euch bleibt— Euren Namen.“ Während er ſo ſprach, bemerkte er nicht— da ſein Geſicht uns und ſein Rücken der Thüre zugekehrt war— daß ein neuer Schauſpieler lautlos die Bühne betreten und, auf der Schwelle Halt machend, ſeine letzten Worte gehört hatte. „Den Namen der Miß Trevanion— und vor was?“ fragte der neue Ankömmling, indem er näher trat und Vi⸗ vian mit einem Blicke muſterte, der, wenn ernicht ſo ruhig ge⸗ weſen wäre, Verachtung ausgedrückt haben würde. „Lord Caſtleton!“ rief Fanny, ihr Antlitz erhebend, das ſie bisher mit den Händen verhüllt hatte. Vivian wich entſetzt zurück und knirſchte mit denZähnen. „Sir,“ ſagte der Marquis,„ich erwarte Eure Ant⸗ wort; denn nicht einmal Ihr ſollt in meiner Gegenwart andeuten dürfen, als könne auf dem Namen dieſer Lady ein Vorwurf haften.“ „Oh, mäßigt Euren Ton gegen mich, Lord Caſtleton!“ rief Vivian.„In Euch wenigſtens ſieht ein Mann vor mir, dem ich Trotz bieten darf. Um dieſe Lady zu be⸗ wahren vor dem herzloſen Ehrgeiz ihrer Eltern— um zu vethindern, daß ſie ihre Jugend und Schönheit einem Manne vpfern müſſe, der kein anderes Verdienſt hat, als ſeinen Reichthum und ſeine Titel, ließ ich mich zu dem Ver⸗ brechen verleiten, das ich beging. Dies war es, was mich bewog, Alles an eine einzige Stunde zu wagen, in welcher die Jugend wenigſtens das Wort nehmen konnte für die Ju⸗ gend, und dies gibt mir jetzt die Macht, zu erklären, daß es in meiner Hand ſteht, den Namen der Lady zu ſchützen: denn Eure Unterwürfigkeit gegen die Welt, die Ihr zu Eurem Götzen gemacht habt, geſtattet Euch jetzt nicht, ſie dem kalten Ehrgeize abzuverlangen, welcher die Tochter ſo gerne vpfern möchte der Eitelkeit ihrer Eltern. Ha! die künftige Marquiſe von Caſtleton auf dem Weg nach Schott⸗ land mit einem blutarmen Abenteurer! Ha! und wenn auch mein Mund ſchwiege, wer als ich kann die Lippen Derer verſiegeln, die in mein Geheimniß eingeweiht ſind? Das Geheimniß ſoll bewahrt bleiben, aber unter der Bedingung⸗ daß Ihr nicht triumphirt, wo ich unterliegen mußte. Ich kann das, was ich anbetete, verlieren, aber nicht an einen Andern abtreten. Ha! iſt dies nicht ein Strich durch Eure Rechnung, Lord Caſtleton? Ha, ha!“ „Nein, Sir, und ich könnte Euch faſt die Schurkerei, 7¹⁵ die Ihr nicht ausgeführt habt, verzeihen, weil Ihr mir zum erſtenmal Nachricht davon gebt, daß, wenn ich mir die Freiheit genommen hätte, um Miß Trevanion zu werben, wenigſtens ihre Eltern Nachſicht gehabt haben würden mit dieſer Anmaßung. Kümmert Euch nicht um das, was Eure Mitſchuldigen ſagen mögen. Sie haben bereits ihre und Eure Schande eingeſtanden. Mir aus dem Wege, Sir!“ Lord Caſtleton näherte ſich nun Fanny mit dem wohl⸗ wollenden Blick eines Vaters und der ſtolzen Würde eines Fürſten. Mit einem Schauder ſich umſehend, legte ſie haſtig ihre Hand in die ſeinige und verhinderte vielleicht da⸗ durch einen gewaltſamen Ausbruch von Seite Vivians, denn ſeine wogende Bruſt, das blutunterronnene Auge und der immer noch nicht gebändigte Sinn zeigten, wie wenig Einfluß ſogar die Scham auf ſeine wilderen Leidenſchaften übte. Er verſuchte jedoch nicht, ſie zurückzuhalten, und die Zunge ſchien ihm am Gaumen zu kleben. Als Fanny ſich der Thüre zu bewegte, kam ſie an Roland vorbei, der re⸗ gungslos und mit hohlen Blicken wie ein Marmorbild da⸗ ſtand. Mit ſchöner Zartheit, für die ich, ſo oft ich ſie mir auch in ſo ferner Zeit in die Erinnerung rufe, noch immer ſage:„Gott vergelte es Dir, Fauny,“ legte ſie ihre an⸗ dere Hand auf Rolands Arm und ſagte: „Kommt auch mit; ich bitte, Euren Arm!“ Aber Rolands Glieder zitterten und vermochten nicht ſich von der Stelle zu rühren. Sein Haupt war auf die Bruſt niedergeſunken und ſein Auge geſchloſſen. Sogar Lord Caſtleton, obſchon er den wahren, ſchrecklichen Grund ſeiner Erſchütterung nicht errathen konnte, war von dieſem An⸗ blick ſo betroffen, daß er den Wunſch, ſchnell vom Platze zu kommen, vergaß und in ſeiner vollen Herzensgüte rief: „Ihr ſeyd unwohl— einer Ohnmacht nahe; gebt ihm Euren Arm, Piſiſtratus.“ „Es iſt nichts,“ ſagte Roland mit mattem Tone und lehnte ſich ſchwer auf meinen Arm, während ich mit aller Bitterkeit des Vorwurfes, welche mein Herz erfüllte, den Kopf umwandte und durch meine Blicke zu verſtehen gab, daß ich den ſuchte, deſſen Platz an der Stelle ſeyn ſollte, wo jetzt die meinige war. Und, oh!— dem Himmel ſey Dank, dem Himmel ſey Dank!— der Blick war nicht ver⸗ geblich. In demſelben Moment lag der Sohn vor dem Vater auf den Knien. „O, Verzeihung— Verzeihung! Elender, verlorner Elender, der ich bin— ich beuge mein Haupt unter dem Fluche. Laßt ihn niederfallen— aber nur auf mich, und auf mich allein— nicht auch auf Euer eigenes Herz.“ Fanny brach in Thränen aus und ſchluchzte: „Vergebt ihm, wie ich ihm vergebe.“ Roland achtete nicht auf ſie. „Er meint, das Herz ſey nicht ſchon gebrochen gewe⸗ ſen, ehe der Fluch kommen konnte,“ ſagte er mit ſo ſchwacher Stimme, daß man die Worte kaum verſtehen konnte. Dann erhob er ſeine Augen zum Himmel und ſeine Lippen bewegten ſich wie zu einem innerlichen Gebet. Endlich ſtreckte er ſeine Hände über das Haupt ſeines Sohnes aus und ſprach mit abgewandtem Antlitz: ve⸗ her mn ten ine mit 717 „Ich widerrufe den Fluch. Bete zu Deinem Gott, daß er Dir verzeihe.“ Vielleicht traute er ſich ſelbſt nicht weiter, denn er riß ſich gewaltſam los und eilte aus dem Zimmer. Wir folgten ihm ſchweigend. Als wir das Ende der Flur erreichten, flog die Thüre des Zimmers, das wir eben verlaſſen hatten, mit einem dumpfen Schlage zu. Wie dieſer Ton mein Ohr traf, bemächtigte ſich mei⸗ ner ein erſchütterndes Gefühl der Verlaſſenheit, die hinter jener Thüre eingeſchloſſen war, und ich fürchtete irgend eine ſchreckliche That, welche die wilde Leidenſchaftlichkeit einem Menſchen in einer ſo verlornen Lage eingeben konnte. Un⸗ willkürlich blieb ich ſtehen und eilte dann nach dem Ge⸗ mache zurück. Da das Schloß durch das Sprengen der Thüre abgeriſſen worden war, ſo ſtellte ſich meinem Eintreten kein Hinderniß in den Weg. Ich trat näher und war jetzt Zeuge eines Jammerſchauſpiels, welches ſich nur der vor⸗ ſtellen kann, welcher einen Schmerz ſah, der keine Standhaf⸗ tigkeit aus der Vernunft, keinen Troſt aus dem Gewiſſen zu holen weiß— einen Schmerz, welcher uns ſagt, was die Erde ſeyn würde, wenn der Menſch ſeinen Leidenſchaften überlaſſen wäre und der Zufall des Gottesläugners allein die Herrſchaft führte in einem erbarmenloſen Himmel. Der Stolz in den Staub gedemüthigt, der Ehrgeiz in Trüm⸗ mer zerſchellt, die Liebe(oder die irrthümlich dafür gehal⸗ tene Leidenſchaft) in Aſche verglimmend, das Leben in ſei⸗ nem erſten Anfang der heiligſten Bande beraubt und von ſeinem treueſten Führer verlaſſen, die Schande, die nach 218 Rache lechzte, und die Gewiſſensfolter, welche kein Gebet kannte— alles dieß unter einander gemengt, aber doch deut⸗ lich unterſcheidbar, drückte ſich in dem unheimlichen Anblick des ſchuldigen Sohnes aus. und ich zählte erſt zwanzig. Mein Herz war weich ge⸗ worden in dem milden Sonnenſchein einer glücklichen Hei⸗ math; ich hatte dieſen jungen Mann geliebt als einen Fremden, und ſiehe er war Rolands Sohn!— Alles An⸗ dere vergeſſend und nur ſeinen Schmerz ins Auge faſſend⸗ warf ich mich neben der an der Erde ſich windenden Geſtalt nieder, ſchlang meine Arme um die Bruſt, die vergeblich mich zurückſtieß, und flüſterte: „Getroſt— getroſt— das Leben iſt lang. Ihr könnt die Vergangenheit wieder gut machen, den Flecken austil⸗ gen, und Guer Vater wird Euch noch ſegnen!“ Zweites Kapitel. Ich konnte mich nicht lange bei meinem unglücklichen Vetter aufhalten, blieb aber gleichwohl, bis es mir wahr⸗ ſcheinlich vorkam, Lord Caſtletons Wagen werde das Wirths⸗ haus verlaſſen haben. Da ich ihn, als ich durch die Flur ging, noch immer vor der offenen Thüre ſtehen ſah, ſo wan⸗ delte mich ein Schrecken wegen Rolands an, denn ich fürch⸗ tete, die Aufregung möchte bei ihm einen ernſtlichen Krank⸗ heitsanfall zur Folge gehab haben. Dieſe Beſorgniß war nicht ohne Grund. In dem Zimmer, wo wir die beiden — — c„ c — 28B ——— 7¹19 Weibsperſonen geſehen hatten, kniete Fanny neben dem alten Soldaten und machte Umſchläge auf ſeine Schläfe, während ihm Lord Caſtleton den Arm verband und der Kammerdiener des Marquis, der mit ſeinen andern Eigen⸗ ſchaften auch einige chirurgiſche Kenntniſſe verband, die Klinge des Federmeſſers abwiſchte, deſſen er ſich als einer Lanzette bedient hatte. Lord Caſtleton winkte mir zu und ſagte:„Beunruhigt Euch nicht weiter— nur eine kleine Anwandlung von Ohnmacht. Wir haben ihm zur Ader ge⸗ laſſen, und es iſt jetzt Alles in Ordnung. Ihr ſeht, er erholt ſich wieder.“ Als Roland ſeine Augen aufſchlug, wandte er mir einen ängſtlichen, fragenden Blick zu. Ich lächelte zu ihm nieder, küßte ſeine Stirne und flüſterte ihm mit gutem Ge⸗ wiſſen einige Worte in's Ohr, die ſowohl auf den Vater, als auf den Chriſten einen tröſtenden Einfluß üben mußten. Einige Minuten ſpäter verließen wir das Haus. Da Lord Caſtletons Wagen vorn nur zwei Perſonen faßte, ſo beſtieg der Marquis, nachdem er Miß Trevanion und Ro⸗ land zu ihren Plätzen verholfen, ruhig den Hinterſitz und gab mir durch ein Zeichen zu verſtehen, daß ich an ſeine Seite kommen ſolle, an welcher noch Raum für mich war. Sein Bedienter hatte eines der Pferde, auf denen ich mit Noland hergekommen war, benützt, um mit dem Poſtillon vorauszureiten. Unſere Fahrt ging ſehr ſchweigſam vor ſich. Lord Caſtleton ſchien tief ergriffen zu ſeyn, und auch mir ſtanden keine Worte zu Gebot. Als wir das ungefähr zwei Stunden entlegene Wirths⸗ 720 haus, wo Lord Caſtleton friſche Pferde genommen, erreicht hatten, beſtand der Marquis darauf, daß Fannh ſich für einige Stunde zur Ruhe begebe, da ſie in der That ſehr er⸗ ſchöpft war. Ich begleitete meinen Onkel auf ſein Zimmer. Er antwortete mir auf meine Verſicherung von der Renue ſei⸗ nes Sohnes nur mit einem Händedruck, trat von mir weg, begab ſich in den hinterſten Winkel des Gemachs und kniete nieder. Nachdem er ſich wieder erhoben hatte, war er ſo ge⸗ duldig und lenkſam wie ein Kind. Er geſtattete mir, ihm beim Auskleiden zu helfen, legte ſich zu Bette und wandte ſein Geſicht ruhig vom Licht ab. Nach einigen ſchweren Seufzern ſchien ihn ein barmherziger Schlaf zu beſchleichen. Ich lauſchte auf ſeine Athemzüge, bis ſie leiſer und regel⸗ mäßiger wurden, und begab mich ſodann nach dem Gaſt⸗ zimmer hinunter, wo ich Lord Caſtleton verlaſſen; denn er hatte mich flüſternd gebeten, ihn daſelbſt aufzuſuchen. Ich fand den Marquis in gedankenvoller, niedergeſchla⸗ gener Haltung vor dem Feuer. „Es iſt mir lieb, daß Ihr kommt,“ ſagte er, indem er mir an dem Herde Platz machte,„denn ich kann Euch ver⸗ ſichern, daß ich in vielen Jahren nicht ſo bekümmert geweſen bin. Wir haben einander ſo viel Aufklärung zu geben. Habt die Güte, den Anfang zu machen, denn es heißt, der Klang der Glocke verſcheuche die Donnerwolke. Und es gibt nichts, was ſo gut die Wolken zerſtreuen könnte, die uns ein⸗ hüllen, wenn wir an unſere eigenen Mängel und an die Schurkerei Anderer denken, als die Stimme eines offenen, er er⸗ ſen en. der gibt ein⸗ die nen, ehrlichen Weſens. Doch ich bitte tauſendmal um Verzeihung — dieſer junge Mann, Euer Verwandter— der Sohn Eu⸗ res wackern Onkels; iſt es möglich?“ Meine Erklärungen gegen Lord Caſtleton waren na⸗ türlich nur kurz und unvollkommen. Die Entfremdung zwiſchen Roland und ſeinem Sohn, deren Urſachen ich nicht kannte— mein Glauben an den Tod des Letzteren und meine zufällige Befanntſchaft mit dem ſogenannten Vivian— das Intereſſe, welches ich für letzteren fühlte— der Gedanke, ſeine vermeintliche Heimkehr zu ſeiner Familie enthebe mich aller weiteren Beſorgniſſe für ſein Schickſal— die Um⸗ tände, durch welche mein Argwohn geweckt wurde und de⸗ ren Erfolg meine Muthmafung rechtfertigte— alles dies war natürlich bald dargelegt. „Aber, vetzeiht mir,“ ſagte der Marquis, indem er mich unterhrach,„habt Ihr bei Eurer Freundſchaft für ei⸗ nen Mann, der ſogar nach Eurem eigenen Bericht Euch ſo unähnlich war, nie geahnet, daß Ihr mit Eurem verlornen Vettet zuſammengetroffen ſeyet?“ „Wie hätte mir auch je ein ſolcher Gedanke zu Sinne kommen können?“ Und ich muß hier bemerken, daß, obgleich der Leſer viel⸗ leicht ſchon bei der erſten Einführung Viviaus das Ge⸗ heimniß witterte, das Ahnungsvermögen eines Leſers doch etwas ganz anderes iſt, als das eines Mitſpielenden in dem Drama. Daß ich hier einen jener merkwürdigen Fälle vor mir hatte, wo mit dem wirklichen Lehen das Romanhafte zuſammentrifft, welches ein Leſer im Lauf einer Erzählung Bulwer, die Caxtone. 46 722 erwartet— dies war eine Annahme, die mir aus verſchiede⸗ nen Gründen unterſagt war. Einmal hatte Vivian nicht die mindeſte Familienähnlichkeit mit irgend einem von ſei⸗ nen Verwandten, und außerdem dachte ich mir in Rolands Sohn ſtets eine Perſon von ganz anderer Geſtalt und an⸗ derem Charakter. Unmöglich hätte meiner Anſicht nach mein Vetter ſo gleichgültig ſeyn können gegen alle unſere Fa⸗ milienangelegenheiten, ſo achtlos und ſogar verdroſſen, wenn ich von Roland ſprach; denn nie verrieth er in Wort oder Ton auch nur die mindeſte Theilnahme für ſeine Familie. Auch hatte meine andere Vermuthung, er ſey der Sohn des Obriſten Vivian, deſſen Namen er trug, alle Wahrſchein⸗ lichkeit für ſich. Man denke nur an jenen Brief mit dem Poſtzeichen Goldalming und an meinen Glauben, daß mein Vetter todt ſey. Selbſt jetzt noch nimmt es mich nicht Wunder, daß ich nie auf den Gedanken der Wahrheit kam. Nachdem ich dieſe Gründe für meinen Mangel an Scharfſinn, über den ich mich ſelbſt ärgerte, aufgezählt hatte, hielt ich inne, denn ich bemerkte, daß Lord Caſtle⸗ tons ſchöne Stirne ſich verdüſterte. „Welche Schule des Betrugs muß er durchgemacht haben,“ rief er,„eh' er in der Kunſt ein ſo vollendeter Meiſter werden konnte!“ „Dies iſt wahr, und ich kann es nicht in Abrede ziehen,“ verſetzte ich.„Aber er leidet jetzt eine fürchterliche Strafe, und wir wollen hoffen, daß auf dieſe Züchtigung die Reue folge. Allerdings war es nur ſeine Schuld, was ihn der väterlichen Heimath und Führung entriß; aber gleichwohl er —, 723 müſſen wir den Einfluß ſchlimmer Geſellſchaft auf einen ſo jungen Menſchen und dem Argwohn, welchen die Kennt⸗ niß des Böſen hervorruft und in eine Art falſcher Kenntniß der Welt umwandelt, etwas zu gute halten. In dieſer letzten und ſchlimmſten von allen ſeinen Handlungen—“ „Ah, wie wollt Ihr dieſe rechtfertigen?“ „Sie rechtfertigen?— Gütiger Himmel, es fällt mir nicht entfernt ein, ſie rechtfertigen zu wollen. Nur ſo viel, wie ſeltſam es auch ſcheinen mag, erlaube ich mir anzuführen, daß ich glaube, er habe Miß Trevanion um ihrer ſelbſt willen geliebt. Dieſes verſichert er wenigſtens aus der Tiefe eines Schmerzes, in welchem auch der unehr⸗ lichſte Menſch zu heucheln aufhört. Doch nichts mehr hie⸗ von— ſie iſt gerettet! Dem Himmel ſey Dank dafür!“ „Und Ihr glaubt,“ ſagte Lord Caſtleton nachſinnend, „er habe die Wahrheit geſprochen, als er andeutete, daß ich—.“ Der Marquis hielt inne, erröthete leicht und fuhr dann fort:„Doch nein; was immer die Gedanken Ellinors und Trevanions beſchäftigt haben mag, ſo können ſie doch nie ihre Würde ſo weit vergeſſen haben, um ihn, einen jungen Menſchen, der faſt ein Fremder iſt— ja, um überhaupt Jemanden bei einem ſolchen Segenßand in ihr Vertrauen zu ziehen.“ „Die Aufklärung, welche Vivian— ich will ſagen mein Vetter— mir hierüber gab, beſtand nur aus ab⸗ gebrochenen Sätzen und unzuſammenhängenden Worten. Lady N— jedoch, in deren Haus er wohnte, ſcheint einen 46* 724 ſolchen Gedanken unterhallen zu haben, oder gab wenigſiens meinem Vetter Anlaß zu dieſer Vermuthung.“ „Ah! Dies iſt möglich,“ ſagte Lord Caſtleton mit be⸗ ruhigterer Miene.„Lady N— und ich, wir beide ſind mit einander aufgewachſen; wir korreſpondiren mit einander, und ſie hat mir geſchrieben, daß— ah! ich ſehe— die unbeſonnene Frau. Hum! So geht's, wenn man mit Frauenzimmern korreſpondirt!“ Lord Caſtleton nahm ſeine Zuflucht zu der Beaude⸗ ſertmiſchung und begann ſodann, als ſey ihm darum zu thun, den Gegenſtand zu wechſeln, ſeine eigene Erklärung. Als er meinen Brief erhielt, glaubte er ſogar mehr, als ich, eine Schlinge vermuthen zu müſſen, denn am Morgen war bei ihm ein Schreiben von Mr. Trevanion eingelaufen, in welchem ſeiner Krankheit mit keiner Sylbe erwähut wurde. Die Zeitung, in welcher er einen Artikel mit der Aufſchrift las:„Plötzliches und beunruhigendes Erkranken des Mr. Trevanion,“ machte daher nur den Eindruck auf ihn, man verſuche hier ein Parteimanöver, oder das Ganze ſey ein herzloſer Poſſenſtreich; denn die Poſt, welche ihm Tre⸗ vanisns Brief gebracht hatte, ging jedenfalls eben ſo ſchnell, als irgend ein Bote, welcher an die Zeitungs⸗ Redaktion Nachricht bringen konnte. Er hatte jedoch ſo⸗ gleich auf dem Büreau des Jonrnals nachfragen laſſen, auf welche Autorität hin der Artikel eingerückt worden ſey, und zugleich einen Diener nach St. James Square entſendet. Von der Zeitungs⸗Redaktion kam die Antwort zurück, die Mitheilung ſey von einem Diener in Mr. Trevanions Livree 725 überbracht, aber erſt unter die Neuigkeiten eingereiht wor⸗ den, nachdem man in dem Hauſe des Miniſters Erkundi⸗ gung eingezogen und in Erfahrung gebracht habe, daß Lady Ellinor in Folge derſelben Nachricht plötzlich abgereist ſey. „Ich hatte Mitleid mit der Unruhe der armen Lady Ellinor,“ ſagte Lord Caſtleton,„und konnte mir die Sache gar nicht zurechtlegen, weil ich immer noch dachte, es könne kein Grund zu wirklicher Beſorgniß obwalten. Da traf Euer Schreiben ein. Ihr ſpracht darin Eure Ueberzeu⸗ gung aus, daß Mr. Gower bei dem Mährchen betheiligt ſey und mit dem Ganzen wohl eine Schlinge auf Fanny beabſichtigt werde. Dies ließ mit einemmal auf den Grund ſehen. Der Weg zu Lord N— ſührte bis auf die letzten Paar Stationen auch nach Schottland, und ein kühner, ge⸗ wiſſenloſer Abenteurer konnte Miß Trevanion unter dem Beiſtand ihrer Dienerſchaft wohl nach Schottland ſelbſt verlocken, wo er freies Spiel hatte, um auf ihre Furcht zu wirken oder ſie zu einer ſchottiſchen Heirath zu bewegen, falls er auf Erwiederung ſeiner Neigung hoffen durfte. Ihr könnt Euch denken, daß ich mich ſobald als möglich auf den Sprung machte. Da jedoch Euer Bote den Weg von der City aus zurücklegen mußte und wahrſcheinlich ſich auch nicht ſehr beeilte, außerdem die Beſorgung des Wageus und der Pferde einige Zeit in Anſpruch nahm, ſo blieb ich gegen Euch wohl um anderthalb Stunden zurück. Zum Glück griffen unſere Pferde gut aus und würden Euch wahrſcheinlich auf dem halben Wege eingeholt haben, wenn nicht bei der Durch⸗ fahrt zwiſchen einem Graben und einem Güterwagen meine 726 Kutſche umgeworfen worden wäre, ſo daß dadurch wieder eine Zögerung entſtand. In der Stadt angelangt, wo der Weg zu Lord N—s Landſitz abbiegt, hörte ich mit Freude, Ihr hättet die Straße eingeſchlagen, welche meiner Ueberzen⸗ gung nach die einzig richtige war, und erhielt zuletzt noch einen Fingerzeig nach dem ſchuftigen Wirthshaus aus dem Bericht der Poſtknechte, welche Miß Trevanions Wagen da⸗ hin gebracht hatten und Euch unterwegs begegnet waren. Vor dem Wirthshaus fand ich zwei Kerle, die ſich mit einander beriethen. Als wir anfuhren, flüchteten ſie ſich in's Innere; aber mein Diener Summers, der, wie Ihr wißt, ein flinker Burſche und mit mir von Norwegen bis Nubien gereist iſt, war hurtig vom Bock und hinter ihnen im Hauſe, in welches ich ihm mit einem Schritt folgte, ſo behend wie Euer eigener, Ihr junger Schelm! Alle Hagel, ich war da⸗ mals Einundzwanzig! Die zwei Kerle hatten bereits den armen Summers niedergeſchagen und zeigten ſich völlig kampffertig. Werdet Ihr's wohl glauben,“ fügte der Marquis bei, indem er ſich mit der Miene komiſch ernſter Demuth unterbrach—„würdet Ihr's wohl glauben, daß ich wirklich— nein, Ihr glaubt's nicht— aber wohl ge⸗ merkt, es iſt ein Geheimniß— daß ich wirklich mein Rohr auf der Schulter eines dieſer Burſchen abſchlug? Sceht hier!“(Und der Marquis hielt das Bruchſtück der be⸗ klagten Waffe in die Höhe.)„Und ich vermuthe halb, obſchon ich's nicht mit Beſtimmtheit ſagen kann, daß ich mich ſogar in die Nothwendigkeit verſetzt ſah, mich bis zu einem Schlag mit dieſer nackten Hand herabzuwürdigen— 8 . 727 noch obendrein mit der geballten— wieder ganz wie zu Eton— aber auf Ehre, ſo war es. Ha, ha!“ Und der Marquis, welchen ſeine gewaltigen Verhält⸗ niſſe in der vollen Blüthe von des Mannes kräftigſtem, wenn auch nicht kampfluſtigſtem Alter ſogar für ein Paar Preis⸗ fechter zu einem furchtbaren Gegner gemacht haben würden, vorausgeſetzt, daß ihm nur ein wenig von ſeiner Etoner Ge⸗ wandtheit geblieben war— lachte mit der Heiterkeit eines Schulknaben, ſey es über den Gedanken an ſeine kundgege⸗ bene Tapferkeit, oder über den Gegenſatz zwiſchen einer ſo rohen urzeitlichen Kriegsführung und ſeiner eigenen ge⸗ wohnten Trägheit ſowohl, als ſeiner faſt weiblichen Gut⸗ müthigkeit. Er erinnerte ſich jedoch ſchnell wieder, wie wenig ich ſeine Heiterkeit theilen konnte, ſammelte ſich und nahm ernſt wieder auf: „Es koſtete uns einige Zeit— nicht ſo faſt unſere Feinde zu ſchlagen, ſondern ſie zu binden, was ich für eine nothwendige Vorſichtsmaßregel hielt; und einer von den Kerlen, Trevanions Bedienter, betäubte mich die ganze Zeit über mit Citationen aus Shakeſpeare. Ich griff dann ſachte nach einem Gewand, deſſen Trägerin ſchon geraume Zeit verſucht hatte, mir mit den Nägeln nach dem Geſicht zu fahren, obgleich es ihr, da ſie zum Glück nur eine kleine Weibsperſon war, nicht gelang meine Augen zu erreichen. Aber das Kleid entwiſchte mir und flatterte nach der Küche hin. Ich folgte ihm und fand daſelbſt Trevanions Jeſabel von einer Kammerjungfer. Sie war in größtem Schrecken und that ungemein reuig. Ich geſtehe, daß ich für⸗meine 728 Perſon mich wenig um die Läſterungen eines Mannes küm⸗ mere; wenn ſich aber eine Weiberzunge gegen ein anderes Weib aufthut und namentlich dieſe Zunge in dem Mund einer Kammerjungfer ſteckt, ſo halte ich es immer für der Mühe werth, ſie zum Schweigen zu bringen. Ich willigte daher ein, dieſer Perſon unter der Bedingung zu verzeihen, daß ſie ſich noch vor morgen hier einfinde. Von ihr aus ha⸗ ben wir keinen Skandal zu beſorgen. Ihr ſeht, ſo kam es, daß einige Minuten verfloſſen, eh' ich mich Euch anſchlie⸗ ßen konnte; ich machte mir jedoch um ſo weniger daraus, da ich hörte, Ihr und der Kapitän ſeyet bereits auf dem Zimmer der Miß Trevanion. Leider ließ ich mir nicht im Traume einfallen, daß ihr mit dem Schuldigen ſo nahe ver⸗ wandt ſeyet, und wunderte mich, warum Ihr ſo lange zögertet. Ich geſtehe, daß mich dabei eine Veſorgniß an⸗ wandelte, Miß Trevanions Herz könnte verführt worden ſeyn von dieſem— hem— hem!— ſchönen— jungen Mann— hem— hem! Iſt da wohl nichts zu fürchten?“ fügte Lord Caſtleton bei, indem er ſein klares Auge auf das meinige heftete. Ich fühlte, daß mir die Glut nach der Wange ſtieg, als ich ihm mit Feſtigkeit antwortete: „Die Gerechtigkeit gegen Miß Trevanion fordert mich zu der Erklärung auf, daß der unglückliche Menſch in ihrer und meiner Gegenwart zugeſtand, er habe von ihr aus nicht die mindeſte Ermuthigung zu ſeinem Verſuch— ja, nicht entfernt einen Anlaß zu der Vermuthung erhalten, — — 729 daß ſie die Neigung billige, welche ihn ſo ganz und gar blendete und von Sinnen brachte.“ „Ich glaube Euch; denn ich denke—“ Lord Caſtleton hielt unruhig inne, heftete ſeinen Blick abermals auf mich, ſtand auf und ging in ſichtlicher Aufre⸗ gung im Zimmer hin und her; dann kehrte er, als ſey er endlich zu einem Entſchluß gekommen, zu dem Herde zurück und trat mir gegenüber. „Mein lieber, junger Freund,“ſagte er mit ſeiner un⸗ widerſtehlichen freundlichen Offenheit,„dieſer Anlaß ent⸗ ſchuldigt Alles zwiſchen uns, ſogar meine Unbeſcheidenheit. Euer Benehmen iſt vom Anfang an bis auf den letzten Au⸗ genblick von der Art geweſen, daß ich von dem Grunde mei⸗ nes Herzens wünſchte, ich könnte Euch eine eigene Tochter anbieten und Ihr möchtet gegen ſie die Gefühle hegen, die Ihr, wie ich glaube, für Miß Trevanion in Eurem Innern bergt. Dies ſind nicht bloße Worte, und Ihr braucht nicht beſchämt zu Boden zu ſchauen. Alle Marguiſate in der Welt könnten mich nicht mit dem Stolze erfüllen, den ich fühlen würde, wenn ich in meinem Leben nur eine einzige ſo mannhafte Selbſtaufopferung gegen Pflicht und Ehre auf⸗ zuzählen hätte, wie ich Sie an Euch geſehen habe.“ „Oh, mein Lord! mein Lord!“ „Laßt mich ausreden. Daß Ihr Fanny Trevanion liebt, weiß ich; daß ſie vielleicht unſchuldig, ſchüchtern und halb ohne es zu wiſſen 6 Liebe erwiederte, halte ich für wahrſcheinlich. Aber—“ 730 „Ich weiß, was Ihr ſagen wollet; ſchont mich— ich weiß Alles.“ „Nein, es iſt eine Unmöglichkeit; und wenn Lady Ellinor ihre Zuſtimmung gäbe, ſo würde auf ihrer Seele eine lebenslängliche Reue, auf der Eurigen aber eine ſolche Laſt von Verpflichtung haften, daß— Nein, ich wiederhole, es iſt unmöglich! Doch laßt uns beide jetzt an dieſes arme Mädchen denken. Ich kenne ſie beſſer als Ihr— habe ſie von Kindheit auf gekannt; ich kenne alle ihre Tugenden— ſie ſind bezaubernd; alle ihre Fehler— ſie ſetzen ſie der Gefahr aus. Ihre Eltern mit ihrem Geiſt und in ihrem Ehrgeiz mögen zwar wohl geeignet ſeyn, das Scepter über England zu ſchwingen und einen Einfluß zu üben auf die ganze Welt; aber das Geſchick ihres Kindes zu leiten— nein!“ Lord Caſtleton hielt inne, denn er war ſehr ergriffen. Ich fühlte meine alte Eiferſucht wiederkehren, aber ſie war nicht länger bitter. „Ich will nichts von der Lage ſprechen,“ fuhr der Marquis fort,„in welche Miß Trevanion ohne ihre Schuld verſetzt wurde. Lady Ellinors Weltkenntniß und Frauen⸗ witz mag zuſehen, wie all' dies am beſten wieder zurecht gebracht werden kann. Immerhin iſt ſie bedrückend und for⸗ dert große Rückſicht. Laſſen wir übrigens all' dies bei Seite. Wenn Ihr des feſten Glaubens ſeyd, Miß Treva⸗ nion ſey für Euch verloren, könntet Ihr den Gedanken ertra⸗ gen, daß ſie als bloße Null auf der Wagſchaale weltlicher Größe weggeſchleudert werde an einen hochſtrebenden Poli⸗ ——„ n — —„ — der uld en⸗ cht or⸗ bei va⸗ ra⸗ her oli⸗ — 731 tiker— verheirathet an einen Miniſter, der zu viel zu thun hat, um über ſie zu wachen, oder an einen Herzog, der mit ihrem Vermögen ſeine verpfändeten Güter einlöſen will— Miniſter aber oder Herzog, beide nur als Stützen von Trevanions Macht erſcheinend, um gegen eine Partei— Cabale zu wirken, oder ſeiner Seite im Kabinete das Ueber⸗ gewicht zu geben? Seyd verſichert, dies iſt höchſt wahr⸗ ſcheinlich ihre Beſtimmung oder vielmehr der Anfang eines noch kläglicheren Geſchicks. Nun ſage ich Euch aber, daß Fanny Trevanions künftiger Gatte während der erſten Paar Jahre ſeiner Ehe faſt kein anderes Ziel haben ſollte, als ihre Mängel zu verbeſſern und ihre Tugenden zur Ent⸗ wicklung zu bringen. Glaubt einem Manne, der ſeine Kennt⸗ niß der Weiber leider zu theuer erkauft hat— ihr Cha⸗ rakter iſt von der Art, daß er erſt gebildet werden muß. Wohlan denn, wenn dieſer Preis für Euch verloren iſt, würde es Eurem edlen Herzen einen unaustilgbaren Gram bereiten, denken zu müſſen, ſie ſey einem Manne zuge⸗ fallen, der wenigſtens ſeine Verantwortlichkeit kennt und ſein eigenes, bisher verſchwendetes Leben durch das eifrige Bemühen ſühnen will, ſie zu erfüllen? Könnt Ihr dieſe Hand nehmen und drücken, ſelbſt wenn es die eines Neben⸗ buhlers wäre?“ „Mein Lord! Dies von Euch gegen mich— es iſt eine Ehre, die—“ „Ihr wollt meine Hand nicht nehmen? Dann glaubt mir, daß nicht ich es ſeyn will, der Eurem Herzen dieſen Schmerz bereitet.“ 732 Gerührt und ergriffen durch den Edelmuth eines Man⸗ nes von ſo hohen Anſprüchen einem Jüngling von meinen Verhältniſſen gegenüber, drückte ich die edle Hand und führte ſie halb nach meinen Lippen— ein Zeichen der Ach⸗ tung, das weder ihm, noch mir Unehre gemacht hätte; aber er zog ſte in dem Inſtinkte einer natürlichen Beſcheidenheit zurück. Ich hatte damals nicht den Muth, über einen ſol⸗ chen Gegenſtand weiter zu ſprechen, ſondern ſtotterte heraus, ich wolle nach meinem Onkel ſehen, nahm ein Licht und ging die Treppe hinan. Lautlos ſchlich ich, das Licht be⸗ ſchattend, in Rolands Zimmer und bemerkte, daß das Geſicht des Kranken, trotz ſeines Schlafes ſehr unruhig war. Und dann dachte ich:„Was iſt mein junger Schmerz gegen den ſeinigen?“ Ich ſetzte mich neben ſeinem Bette nieder und hielt ſtumme Einkehr in meinem Innern. Drittes Kapitel. Um Sonnenaufgang begab ich mich in das Gaſtzimmer hinunter, um meinem Vater zu ſchreiben, daß er zu uns komme; denn die Entfernung von dem alten Thurme war nicht groß, und ich fühlte, wie ſehr Roland ſeines Troſtes und Rathes bedürfe. Zu meiner großen Ueberraſchung ſaß Lord Caſtleton noch immer vor dem Feuer; er war angen⸗ ſcheinlich nicht zu Bette gegangen. „Recht ſo,“ ſagte er.„Wir müſſen einander zuſpre⸗ chen, unſerer Natur nachzuhelfen.“ Fr Ne an ſch krä che St no ich an ein kla Eu ſeit ren Br El In Ri ihr Es Pl Na 733 Und er deutete dabei nach dem auf dem Tiſch ſtehenden Frühſtück. Ich hatte im Laufe vieler Stunden kaum irgend eine Nahrung zu mir genommen und merkte meinen Hunger nur an einem Gefühl von Schwäche. Gedankenlos aß ich und ſchämte mich faſt, als ich bemerkte, wie ſehr die Speiſe mich kräftigte. „Ihr werdet vermuthlich bald zu Lord N— aufbre⸗ chen?“ begann ich. „Nein. Habe ich Euch nicht ſchon geſagt, daß ich Summers als Erpreſſen mit einem Schreiben an Lady Elli⸗ nor abfertigte und ſie bat hierher zu kommen? Nachdem ich mir die Sache überlegt hatte, ſah ich nicht ein, wie ich anſtändigerweiſe Miß Trevanion allein und ohne irgend einen weiblichen Domeſtiken nach irgend einem Hauſe voll klatſchſüchtiger Gäſte begleiten konnte— ja, ſelbſt wenn Euer Onkel wohl genug wäre, mit uns zu gehen, ſo würde ſeine Anweſenheit nur weiteren Stoff zur Neugierde bieten. Ich habe deshalb unmittelbar nach unſerer Ankunft, wäh⸗ rend Ihr den Kapitän auf ſein Zimmer begleitetet, den Brief geſchrieben und meinen Bedienten abgeſchickt. Lady Ellinor wird, wie ich denke, vor neun Uhr hier eintreffen. Inzwiſchen habe ich mit jener ſchändlichen Kammerjungfer Rückſprache genommen und Sorge getragen, daß wir von ihrer Schwatzhaftigkeit keine Gefahr zu befürchten haben. Es wird Euch Spaß machen, wenn Ihr hört, welchen Plan ich erſonnen, um die Nengierde unſerer Freundin Mrs. Naſeweis— d. h. der Welt— zufrieden zu ſiellen, ohne 734 daß dadurch Jemand in Nachtheil käme. Wir müſſen an⸗ nehmen, daß Trevanions Bedienter verrückt war— dies iſt nur eine barmherzige und, wie Euer guter Vater ſagen würde, eine philoſophiſche Annahme. Jede große Schurkerei iſt Wahnſinn! Die Welt könnte nicht ihren Gang gehen, wenn Wahrheit und Tugend nicht die natürlichen Eigen⸗ ſchaften geſunder Geiſter wären. Verſteht Ihr mich?“ „Nicht ganz.“ „Wohlan denn, der verrückte Bediente erfand die tolle Geſchichte von Trevanions Krankheit, erſchreckte Lady Elli⸗ nor und Miß Trevanion mit ſeinem Hirngeſpenſt, daß ſie nicht wußten, was ſie thaten, und trieb eine nach der an⸗ dern Hals über Kopf fort. Ich war von Trevanion unter⸗ richtet, daß er nicht krank ſeyn konnte, als der Bediente ihn verließ, und es war daher bei einem ſo alten Freund der Familie nur natürlich, daß ich ſogleich aufbrach und die Lady gegen die Streiche eines Tollhäuslers beſchützte, der, immer mehr von Sinnen kommend, den Irrwiſch zu ſpielen begann und die Lady, der Himmel weiß wohin, durch das Land führte. Dann ſchrieb ich Lady Ellinor, ſie ſolle zu ihrer Tochter kommen. So gibt es nur ein herzliches Ge⸗ lächter auf unſere Koſten und Mrs. Naſeweis iſt zufrieden. Will man nicht von ihr bemitleidet oder hinterrücks ver⸗ läſtert werden, ſo muß man ihr etwas zu lachen geben. Sie iſt ein weiblicher Cerberus und darauf erpicht, Einen zu freſſen. Gut— ſo ſtopfe man ihr den Mund mit einem Kuchen.“. „Ja,“ fuhr dieſe beſſere Art von Ariſtipp fort, wel⸗ m m an⸗ ies gen erei en, en⸗ lle lli⸗ an⸗ ter⸗ nte und und ste, zu urch olle Ge⸗ en. er⸗ zu ſem vel⸗ 735 cher ſo weiſe war bei all ſeiner ſcheinbaren Leichtfertigkeit, „iſt in ſolcher Weiſe das Schlagwort gegeben, ſo trifft alles Uebrige günſtig zu. Wenn der ſpitzbübiſche Lakai in der Bedientenhalle ſoviel von Shakſpeare citirte, als er that, während ich ihn in der Küche knebelte, ſo reichte dies für den ganzen Haushalt zu, ihn für einen Mondſüchtigen zu erklä⸗ ren, und finden wir es nöthig, noch etwas Uebriges zu thun, ſo müſſen wir ihn eben auf einen Monat oder zwei nach Bedlam ſchaffen. Das Verſchwinden der Kammerjungfer iſt natürlich; entweder ich oder Lady Ellinor eines von uns Beiden enthebt ſie ihres Dienſtes wegen ihrer Thor⸗ heit, ſich von dem Wahnſinnigen narren zu laſſen. Wenn dies ungerecht erſcheint— je nun, ſo iſt Ungerechtigkeit ge⸗ gen Dienſtleute imöffentlichen und Privatleben häufig genug. Weder einem Miniſter, noch einem Lakaien kann vergeben werden, wenn er uns in eine Patſche bringt. Man muß ſeiner Leidenſchaft an irgend etwas Luft machen. Zeuge davon iſt mein armes Rohr, obſchon wir ein beſſeres Beiſpiel an dem Stock haben würden, welchen Ludwig XIV. an einem Kam⸗ merdiener abſchlug, weil Seine Majeſtät übel gelaunt war wegen eines Prinzen, deſſen geheiligte Schultern doch zu hoch ſtanden für den königlichen Unwillen.“ „Ihr ſeht alſo,“ ſchloß Lord Caſtleton, indem er ſeine Stimme dämpfte,„daß Euer Onkel bei all' ſeinem übrigen Anlaß zum Schmerz wenigſtens nicht zu denken braucht, ſein Name werde in dem ſeines Sohnes geſchändet. Und der junge Mann ſelbſt findet vielleicht die Beſſerung leichter, wenn er befreit iſt von jener Verzweiflung an der Möglich⸗ 736 keit eines Wiederaufſchwungs, in welche Mrs. Naſeweis diejenigen ſtürzt, welche— Muth alſo; das Leben iſt lang!“ „Meine eigenen Worte!“ rief ich,„und ſo von Euch wiederholt, Lord Caſtleton, ſcheinen ſie prophetiſch zu ſeyn.“ „Wenn ich Euch gut zu Rathe bin, ſo verliert Ihr Eu⸗ ren Vetter nicht aus dem Geſicht, ſo lange ſein Stolz gedemüthigt und ſein Herz vielleicht erweicht iſt. Ich ſage dies nicht blos um ſeinetwillen. Rein, ich habe dabei auch Euren armen Onkel im Auge— den edeln, alten Mann Und nun wird es wohl an der Zeit ſehn, gegen Lady Elli⸗ nor meine Achtung zu bezengen, indem ich ſo viel wie mög⸗ lich die Verheerungen wieder gut mache, welche drei ſchlaf⸗ loſe Nächte in dem Aeußern eines Gentleman hervorge⸗ bracht haben, der ſich auf der Schattenſeite der erbar⸗ mungsloſen Vierzig befindet.“ Lord Caſtleton verließ mich jetzt, und ich ſchrieb mei⸗ nem Vater, er möchte auf der nächſten Poſtſtation mit uns zuſammentreffen, da dies der nächſte Punkt von der Land⸗ ſtraße aus nach dem Thurm war. Der Brief wurde durch einen berittenen Erpreſſen beſorgt. Nachdem dieſes Ge⸗ ſchäft bexeinigt war, ſtützte ich den Kopf auf meine Hand, und eine tiefe Trauer bemächtigte ſich meiner„obſchon ich mir alle Mühe gab, die Zukunft kühn in's Auge zu faſſen und nur an die Pflichten, nicht aber an die Leiden des Le⸗ bens zu denken. m tu ge wi rei nu ſch ba eir me wa unt hor unt veis “ Fuch n.“ Eu⸗ tolz ſage auch anm Flli⸗ rge⸗ bar⸗ mei⸗ uns and⸗ urch Ge⸗ and, vich ſſen Le⸗ 737 Viertes Kapitel. Lady Ellinor langte vor neun Uhr an und begab ſich unverweilt auf Miß Trevanions Zimmer. Ich nahm meine Zuflucht zu dem Gemach meines Onkels. Roland war wach und ruhig, aber ſo ſchwach, daß er keinen Verſuch machte, aufzuſtehen. Seine Ruhe bereitete mir in der That am meiſten Sorge, denn es war die einer völlig erſchöpften Na⸗ tur. Als ich in ihn drang, Nahrung zu ſich zu nehmen, gehorchte er mir ſo mechaniſch, wie ein Kranker, der faſt willenlos aus der Hand ſeines Wärters Arznei nimmt. Ich redete ihn an, und er lächelte mir matt zu, antwortete aber nur durch ein Zeichen, das mich um Stillſchweigen zu bitten ſchien; dann wandte er ſein Geſicht von mir ab und ver⸗ barg es in dem Kiſſen. Ich glaubte ſchon, er ſey wieder eingeſchlafen, als er ſich plötzlich ein wenig aufraffte, nach meiner Hand taſtete und mit faſt tonloſer Stimme fragte:— „Wo iſt er?“ „Möchtet Ihr ihn ſehen, Onkel?“ „Nein, nein; dies brächte mir den Tod— und dann, was würde aus ihm werden?“ „Er hat mir verſprochen, mit mir zuſammenzukommen, und ich bin überzeugt, er wird dann Euren Wünſchen ge⸗ horchen, worin dieſe auch beſtehen mögen.“ Roland gab keine Antwort., „Lord Caſtleton hat Alles ſo eingeleitet, daß ſein Name und ſein Wahnſinn— denn ſo wollen wir es nennen— nie bekannt werde.“ Bulwer, die Caxtone. 47 738 „Stolz, Stolz— noch immer Stolz!“ murmelte der alte Soldat.„Der Name, der Name— wohl, das iſt viel; aber die lebende Seele!— Ich wollte, Auſtin wäre hier.“ „Ich habe nach ihm geſchickt, Onkel.“ Roland drückte mir die Hand und ſchwieg auf's Neue. Dann begann er— mich däuchte im Delirium— etwas vor ſich hinzumurmeln vom ſpaniſchen Krieg und vom Ge⸗ horſam gegen die Befehle; wie ein Offizier Nachts den Lord Wellesley geweckt und geſagt habe, daß irgend etwas (ich konnte das Wort nicht verſtehen, da es ein militäriſch techniſcher Ausdruck war) unmöglich ſey; Lord Wellesley fragte, wo das Befehlbuch ſey, ſah hinein und erwiederte ſodann: Durchaus nicht, unmöglich, denn es ſteht im Befehlbuch; dann wandte ſich Lord Wellesley wieder auf die Seite und fuhr fort zu ſchlafen⸗ Jetzt richtete ſich Roland plötzlich halb auf und ſagte mit feſter, klarer Stimme:„Aber Lord Wellesley, obſchon ein großer Ka⸗ pitän, war nur ein irrender Menſch und das Befehlbuch ſein eigenes ſterbliches Machwerk.— Hol mir die Bibel!“ Oh Roland, Roland! Und ich hatte gefürchtet, daß dein Geiſt irre ſey! Ich ging hinunter und borgte eine Bibel mit großer Schrift, legte ſie vor ihm auf's Bett, öffnete die Läden und ließ Gottes Tag hereinſcheinen auf Gottes Wort. Ich war kaum fertig geworden, als leiſe an die Thüre gepocht wurde. Ich öffnete, und Lord Caſtleton ſtand draußen. Auf ſeine flüſternde Frage, ob er meinen Onkel ſehen könne, zog ich ihn ſachte herein und deutete auf den der re d el n 739 Krieger des Lebens, welcher„lernte, was nicht unmöglich war,“ aus dem unfehlbaren Befehlbuch. Lord Caſtletons Geſicht wurde ernſt, und ohne meinen Onkel zu ſtören, ſchlich er wieder zurück. Ich folgte ihm und ſchloß leiſe die Thüre. „Ihr müßt ſeinen Sohn retten,“ ſagte er mit ſtottern⸗ der Stimme—„ja, dies müßt Ihr; ſagt mir nur, wie ich Euch dabei behülflich ſeyn kann. Dieſer Anblick! Keine Predigt hat mich je ſo gerührt. Doch kommt jetzt mit hinunter und empfangt Lady Ellinors Dank. Wir reiſen ab. Sie verlangt von mir, daß ich mein Mährchen unſe⸗ rer alten Freundin Mrs. Naſeweis ſelbſt erzähle, und des⸗ halb gehe ich mit. Kommt!“ Als ich in das Gaſtzimmer trat, kam Lady Ellinor auf mich zu und ſchlang mich in ihre Arme. Ich brauche ihre Dankesergüſſe nicht zu wiederholen, noch weniger ihre Lobeserhebungen, da beide nur kalt und hohl an mein Ohr ſchlugen. Mein Blick ruhte auf Fanny, welche bei Seite ſtand— die Augen, ſchwer von friſchen T hränen, zur Erde geſenkt. Und das Gefühl ihres ganzen Zaubers— die Erinnerung an die liebevolle Zartheit, die ſie dem ohn⸗ mächtigen Vater erwieſen, an die edelmüthige Verzeihung, welche ſie auf den verbrecheriſchen Sohn ausgedehnt hatte; die Blicke, welche ſie mir an jenem denkwürdigen Abend zu⸗ geſandt— Blicke, welche ein ſolches Vertrauen kund gaben zu meiner Anweſenheit— der Augenblick, in welchem ſie ſich um Schutz an mich anklammerte und ihr Athem warm auf meiner Wange wehte— all' dies beſtürmte mich jetzt, 47* 740 und ich fühlte, daß der Kampf von Monaten vergeblich ge⸗ weſen— daß ich ſie nie ſo geliebt hatte, wie eben jetzt, als ich ſie nur ſah, um ſie auf immer zu verlieren! Jetzt be⸗ mächtigte ſich zum erſtenmal— ich freue mich, denken zu dürfen, daß es nur dieſes einzigemal war— meiner eine bittere, undankbare Anklage gegen die Grauſamkeit des Glücks und die Ungleichheiten des Lebens. Was war es, was unſere Herzen ewig getrennt hielt und jede Hoffnung unmöglich machte? Nicht die Natur, ſondern äußere Glücksverhältniſſe, welche ſich der Welt als zweite Natur aufdrängen. Ach, konnte ich damals denken, eben dieſe zweite Natur ſey die Urſache, daß die Seele die Beſtimmung trägt, Prüfungen aufzuſuchen, und daß die Elemente menſchlicher Tugend ihren harmoniſchen Platz finden? Was ich ant⸗ wortete, weiß ich nicht— eben ſo wenig, wie lange ich da⸗ ſtand und den Lauten zuhörte, die für mich keinen Sinn zu haben ſchienen, bis andere Töne mich aus meinen Träumen weckten und mir das Blut in den Adern durchkälteten— der Huftritt der Pferde, das Knarren der Räder und die Stimme des Dieners an der Thüre, welche rief: „Alles fertig!“ Jetzt erhob Fanny ihre Augen, und ſie begegneten den meinigen. Haſtig und unwillkürlich trat ſie einige Schritte auf mich zu; ich drückte die rechte Hand auf mein Herz, als wolle ich ſein Klopfen zum Schweigen bringen, und blieb ſtehen. Lord Caſtleton hatte uns beide beobachtet. Ich fühlte, daß wir einen Wächter in der Nähe hatten, obſchon ich ſeinen Blicken auswich. Als ich meine Augen von Fanny —— den itte als ieb Ich on my — 741 abwandte, traf dieſer Blick voll auf mich— ſanft, theil⸗ nehmend und wohlwollend. Plötzlich wandte ſich der Mar⸗ quis mit einem Ausdruck unausſprechlichen Seelenadels zu Lady Ellinor und ſagte: „Verzeiht mir, wenn ich Euch eine alte Geſchichte er⸗ zähle. Ein Freund von mir— ein Mann von meinen Jahren hatte die Verwegenheit, zu hoffen, er könnte eines Tages die Neigung einer Lady gewinnen, die ihren Jahren nach hätte ſeine Tochter ſeyn können und welche er ſowohl um der Umſtände willen, als dem Drange ſeines Herzens zu Folge allen anderen ihres Geſchlechtes vorzog. Mein Freund hatte viele Nebenbuhler; und Ihr werdet Euch nicht darüber wundern— denn ihr habt die Lady geſehen. Unter dieſen befand ſich ein junger Gentleman, Monate lang mit ihr ein Bewohner deſſelben Hauſes—(bſt, Lady Ellinor! Ihr müßt mich ausreden laſſen, denn das Intereſſante meiner Geſchichte kömmt erſt)— welcher die Heiligkeit des Herdes, an welchem er Aufnahme gefunden, zu achten wußte und ihn verließ, ſobald er fühlte, daß er liebte— denn er war arm und die Lady reich. Einige Zeit nachher rettete der Gentleman die Lady aus einer großen Gefahr und war da⸗ mals eben im Begriff, England zu verlaſſen—(ich bitte nochmals, mich nicht zu unterbrechen 1) Mein Freund war anweſend, als dieſe beiden Perſonen vor einer wahrſchein⸗ lichen Trennung auf viele Jahre zuſammentrafen, ebenſo die Mutter der Lady, deren Hand er eines Tages zu erringen hoffte. Er ſah, daß ſein junger Nebenbuhler ohne Zeugen Abſchied zu nehmen wünſchte, denn ein Lebewohl war Alles, 742 was ihm ſeine Ehre und ſein Verſtand noch geſtatteten. Mein Freund ſah, daß die Lady den Drang des natür⸗ lichen Dankgefühls für einen großen Dienſt und das na⸗ türliche Mitleid mit einer edelmüthigen, unglücklichen Nei⸗ gung empfand; denn ſo nur, Lady Ellinor, deutete er ſich das Schluchzen, welches ſein Ohrerreichte! Was denkt Ihr nun, daß mein Freund that? Euer hoher Sinn erräth es mit einem Male. Er ſagte zu ſich ſelbſt— wenn ich je be⸗ glückt werden ſollte durch den Beſitz des Herzens, das ich trotz der Ungleichheit der Jahre noch zu gewinnen hoffe, ſo wilk ich zeigen, wie ganz ich der Biederkeit und Unſchuld deſſelben vertraue. Möge der Roman der erſten Jugend zum Schluſſe kommen— die reinen Herzen ſollen ſich ihr Lebewohl zurufen, ohne daß ihnen dies durch die eitle Eiferſucht eines gemeinen Argwohns verbittert würde. Bei dieſem Gedanken, den Ihr ſicherlich nicht tadelnswerth finden werdet, Lady Ellinor, legte er ſeine Hand auf die der edlen Mutter, zog ſie ſachte nach der Thüre und über⸗ ließ in ruhigem Vertrauen auf das Ergebniß die beiden jungen Weſen dem zeugenloſen Drang jungfräulicher Ehre und männlichen Pflichtgefühls.“ All dieſes ſprach und that er mit einer Anmuth und einem Eruſte, welche ergreifend auf die Zuhörer wirkten. Wort und Handlung folgten ſich in einer ſo unnachahm⸗ lichen Harmonie, daß der Zauber nicht früher gebrochen wurde, bis die Stimme verhallt und die Thüre geſchloſſen war. Das ſchmerzliche Glück, nach dem ich mich ſo ſehr ge⸗ „ ich uld end ihr itle rde. rth die ber⸗ den hre und ten. hm⸗ hen ſſen ge⸗ 743 ſehnt hatte, war mir beſcheert. Ich befand mich allein mit ihr, der ich in der That nach der Stimme der Ehre und des Verſtandes nicht weiter ſagen konnte, als das letzte Lebe⸗ wohl. Es ſtand einige Zeit an, ehe wir uns erholten— ehe wir fühlten, daß wir allein waren. O ihr Augenblicke, die ich in der milden und ſüßen Erinnerung mir mit ſo wenig Wehmuth vergegenwärtigen kann, ruhet heilig und unenthüllt in der tiefſten Tiefe mei⸗ nes Herzens! Ja— was immer für Bekenntniſſe von Schwäche auch ausgetauſcht werden mochten, wir waren des Vertrauens nicht unwürdig, das uns den wehmüthigen Troſt des Abſchieds geſtattete. Keine abgedroſchene Lie⸗ besgeſchichte mit Gelübden, die nicht erfüllt werden ſollten, und Hoffnungen, welche die Zukunft Lügen ſtrafen mußte, höhnte die Wirklichkeiten des Lebens, die vor uns lagen. Zwar ſahen wir an den Grenzen des Traumbildes den Tag kalt aufgehen über die Welt, aber wenn wir auch wie Kinder — denn dieſen waren wir beinahe zu vergleichen— ein wenig vor dem Licht zurückbebten, ſo läſterten wir doch die Sonne nicht durch den Ruf:„Es iſt Nacht in dieſer Dämmerung!“ Wir verſuchten nur, für das Unvermeibliche uns ge⸗ genſeitig zu tröſten und zu kräftigen, und wenn wir auch den Schmerz, den wir fühlten nicht verhehlten, ſo verſprachen wir uns doch redlich gegen denſelben anzukämpfen. Wenn Gelübde zwiſchen uns ſtattfanden, ſo war es nur das An⸗ gelöbniß, Jedes ſolle um des Andern willen bemüht ſeyn, ſich der Segnungen zu erfrenen, die uns der Himmel noch 744 gelaſſen hatte. Wohl kann ich ſagen, daß wir Kinder waren! Ich weiß nicht, ob ſich in den gebrochenen Worten, die zwi⸗ ſchen uns fielen, und in den bekümmerten Herzen, welchen dieſe Worte entquollen, ſich das ausſprach, was diejenigen, welche in der menſchlichen Leidenſchaft nur das Gewitter und die Windsbraut ſehen, die Liebe reiferer Jahre nennen würden, oder jene Glut, welche dem Liede Feuer verleiht und der Bühne die Tragödie liefert; deſſen aber bin ich mir bewußt, daß weder ein Wort, noch ein Gedanke Platz griff, welcher den Kummer der Kinder zur Empörung gegen den himmli⸗ ſchen Vater anfachte. Und wieder ging die Thüre auf. Feſten Schrittes trat Fanny an die Seite ihrer Mutter, blieb ſtehen, hielt ihre Hand gegen mich aus und ſagte, als ich mich auf die⸗ ſelbe niederbeugte:„Der Himmel wird mit Euch ſeyn!“ Ein Wort von Lady Ellinor, ein offenes Lächeln von ihm, dem Nebenbuhler, ein letzter, letzter Blick aus Fanny's ſanften Augen— und dann brach auf mich herein die Ein⸗ ſamkeit, ſtürmiſch wie etwas Sichtbares, Greifbares, Ue⸗ berwältigendes. Ich fühlte ſie in dem grellen Licht der Sonne, hörte ſie im Hauch der Luft; wie ein Geſpenſt ſtand ſie da an der Stelle, wo ſie einen Augenblick vorher ſich noch befunden! Ein Etwas ſchien für immer aus dem Weltall geſchieden zu ſeyn; ein Wechſel wie der des Todes drang durch mein Weſen, und als ich zu dem Gefühl erwachte, daß ich noch lebte, kam ich zu dem Bewußtſein, daß meine Jugend mit ihrer Poeſie dahin war. Ohne es zu ahnen hatte ich die Grenze überſchritten, über die Niemand mehr — c(6 w de kü gl he de wi en! wi⸗ 745 zurückkömmt— war ich eingetreten in die rauhe Welt des thätigen Mannes! Sechszehnter Abſchnitt. Erſtes Kapitel. „Mit Erlaubniß, Sir, iſt dieſes Billet an Euch?“ fragte der Kellner. „An mich?— ja. Dies iſt mein Name.“ Ich erkannte die Handſchrift nicht, und doch kam das Schreiben von Jemand, deſſen Züge ich oft geſehen hatte. Früher war jedoch die Schrift ſteif und ſenkrecht geweſen Eine erkünſtelte Hand, obſchon ich dies nicht wußte), jetzt war ſie haſtig, unregelmäßig, ungeduldig— kaum die Form eines Briefs, kaum ein Wort ganz ausgeſchrieben— und dennoch zum Verwundern leſerlich, wie dies die Hand eines kühnen Mannes faſt immer iſt. Ich öffnete das Billet gleichgültig und las. „Ich habe euch den ganzen Morgen beobachtet. Ich ſah ſie abreiſen. Wohl!— ich warf mich nicht unter die Hufe der Roſſe. Ich ſchreibe dies aus einem nahen Gaſt⸗ hauſe. Wollt Ihr dem Ueberbringer folgen und noch einmal den Verſtoßenen ſehen, den die ganze übrige Welt meiden wird?“ 746 Obgleich ich die Hand nicht erkannte, konnte doch über den Schreiber kein Zweifel obwalten. „Der Knabe möchte wiſſen, ob er eine Antwort er— halte,“ ſagte der Kellner. Ich nickte, nahm meinen Hut auf und verließ das Zim⸗ mer. Ein zerlumpter Junge ſtand in dem Hof, und ich wech⸗ ſelte kaum ſechs Worte mit ihm, während ich ihm durch eine enge Gaſſe folgte, welche vor dem Wirthshaus vor⸗ beiführte und mit einem Schlagbaume ſchloß. Hier hielt der Knabe an, hieß mich durch ein Zeichen weiter gehen und kehrte pfeifend um. Hinter dem Schlagbaum gelangte ich auf ein grünes Feld, auf welchem eine Reihe knorriger Wei⸗ den gegen ein Bächlein überhing. Ich ſah mich um und erblickte Vivian— wie ich ihn noch immer nennen will— in halb kniender Stellung, als betrachte er angelegentlich einen Gegenſtand im Graſe. Mein Auge folgte unwillkührlich dem ſeinigen. Ein junger Vogel, der das Neſt zu früh verlaſſen hatte, ſaß allein in dem kurzen Gras, den Schnabel wie nach Futter aufgeſperrt und den Blick ſehnſüchtig auf uns geheftet. In dem verlaſſenen Vogel ſchien mir etwas zu liegen, was mich milder ſtimmte gegen den noch verlaſſeneren Jüngling, deſſen⸗ Gegenbild er war. „Fiel wohl dieſer Vogel aus ſeinem Neſt,“ agte Vi⸗ vian, indem er halb vor ſich hin, halb zu mir ſprach,„oder verließ er es aus eigenem wildem Antrieh? Die Eltern ſchützen ihn nicht. Ich will damit nicht ſagen, daß der Feh⸗ ler an ihnen liege— vielleicht trifft die Schuld blos den Ve ſot Ka ein ſan ſtoh Au Thi nen Fuf auf faßt Thi natt ſchn ſam wol das wei milt ihr ſich e über er⸗ zim⸗ ech⸗ urch vor⸗ ielt und ich Lei⸗ und — lich Ein ſaß tter In nich ſſen⸗ Vi⸗ der ern eh⸗ den 747 Verirrten. Aber wenn auch kein ſchützender Vater da iſt, ſo doch der Feind— ſeht dort!“ Und der junge Mann deutete auf eine große, ſcheckige Katze, die nur durch unſere unwillkommene Nähe von ihrem Raub abgehalten wurde, gleichwohl aber in der Entfernung einiger Schritte auf der Lauer ſtand und ihren Schweif ſanft vor und rückwärts bewegte; dabei zeigte ſie jenen ver⸗ ſtohlenen Blick in ihren runden, von der Sonne geblendeten Augen— halb wild, halb ſchen— wie man ihn bei dieſem Thiergeſchlecht trifft, wenn es durch den Menſchen von ſei⸗ nem Opfer abgehalten wird. „Ich ſehe,“ verſetzte ich;„aber ein vorübergehender Fußtritt hat den Vogel gerettet!“ „Halt!“ ſagte Vivian mit dem alten bittern Lächeln auf ſeiner Lippe, während er mit ſeiner Hand die meinige faßte—„halt! meint Ihr, es ſey Barmherzigkeit, das Thierchen zu retten? Weshalb und vor was? vor einem natürlichen Feinde— von einem kurzen Schmerz und einem ſchnellen Tode? Pah!— Iſt dies nicht heſſer, als lang⸗ ſames Verhungern, oder, wenn Ihr beſſer dafür ſorgen wollt, als das Gitter eines Käſichts? Ihr könnt es nicht in das Neſt zurückſetzen oder die Eltern herbeirufen. Seyd weiſer in Eurem Erbarmen und überlaßt den Vogel ſeinem mildeſten Schickſal!“ Ich faßte Vivian ſcharf in's Auge; die Lippe hatte ihr bitteres Lächeln verloren. Er ſtand auf und wandte ſich ab. Ich verſuchte, den armen Vogel zu fangen; aber er kannte ſeine Freunde nicht und flüchtete ſich vor mir mit 748 fläglichem Kreiſchen— gerade nach dem Rachen ihres grim⸗ migen Feindes hin. Ich hatte kaum noch Zeit, die Katze zu verſcheuchen, welche einen Baum hinanſprang und durch die hängenden Zweige ihre Augen niederfunkeln ließ. Dann folgte ich dem Vogel und hörte, während ich dies that, ein kurzes, raſches, zitterndes Locken, obſchon ich Anfangs nicht wußte, woher der Ton kam. War er nahe, war er ferne — auf der Erde oder am Himmel?— Armer Vogel— wie die Liebe eines Vaters ſchien er bald fern, bald nahe zu ſeyn, jetzt auf der Erde, jetzt im Himmel! Und enklich, raſch und plötzlich, als ſey die Heimath nahe— ſiehe, da flatterten die kleinen Schwingen über mir! Der junge Vogel machte Halt und ich gleichfalls. „Gut,“ ſagte ich;„ihr habt einander endlich gefunden. Bringt die Sache unter euch ſelbſt in's Reine!“ Und ich kehrte zurück zu dem Verſtoßenen. Zweites Kapitel. Piſiſtratus.— Wie habt Ihr erfahren, daß wir uns in der Stadt aufhielten? WVivian.— Glaubt Ihr, ich konnte dort bleiben, wo Ihr mich verließet? Ich zog fort— wanderte hieher. Als ich in der Dämmerung durch die Straßen ging, ſah ich die Stallknechte um das Hofthor ſchlendern, hörte ihr Geſpräch und erfuhr ſo, daß ihr Alle in dem Gaſthauſe waret— alle! (er ſeufzte ſchwer auf). 8 Ei wiü wä me Ir vet au Se mi ve au der wi keh ten an mi zei du grim⸗ Katze durch Dann „ein nicht ferne — wie he zu wlich, e, da Vogel nden. wir „wo Als ch die präch alle! 749 Piſiſtratus.— Euer armer Vater iſt ſehr krank! OVetter, wie konntet Ihr ſo viel Liebe von Euchſchleudern! Bivian.— Liebe?— bei ihm? bei meinem Vater? Piſiſtratus.— Ihr glaubt alſo wirklich nicht, daß Euer Vater Euch liebte? Vivian.— Wenn ich dies hätte glauben können, ſo würde ich ihn nie verlaſſen haben. Alles Gold Indiens wäre nicht im Stande geweſen, mich zu bewegen, daß ich meine Mutter verließe! Piſiſtratus.— Dies iſt in der That ein ſeltſamer Irrthum von Eurer Seite, und wenn ich ihn zu bannen vermag, kann vielleicht Alles noch gut werden. Sind jetzt auch noch Geheimniſſe zwiſchen uns nöthig?(Zutraulich). Setzt Euch und erzählt mir Alles, Vetter. Nach einigem Zaudern willfahrte Vivian, und die Ruhe ſeiner Stirne wie auch der Ton ſeiner Stimme gab mir die Ueberzeugung, daß er nicht länger die Wahrheit zu verhüllen ſuchte. Da ich jedoch nachher die Geſchichte auch aus dem Munde des Vaters vernahm, wie ich ſie jetzt aus dem des Sohnes hörte, ſo will ich, ſtatt Vivians Worte zu wiederholen, die, wenn auch nicht abſichtlich, bei dem ver⸗ kehrten Sinne des jungen Mannes die Thatſachen entſtell⸗ ten,— das Sachverhältniß zwiſchen den ſo unglücklich ein⸗ ander gegenüberſtehenden Partien aufführen, wie es ſich für mich der Wahrheit gemäß geſtaltet zn haben ſchien. Ver⸗ zeih mir, Leſer, wenn dich mein Bericht ermüdet; und wenn du meinſt, ich verfahre nicht ſtreng genug gegen den irrenden Helden der Geſchichte, ſo bedenke dabei, daß der Bericht⸗ 750 erſtatter nicht anders urtheilte, als wie Auſtins Sohn den Sohn von Roland beurtheilen mußte. Drittes Kapitel. Vivian. An des Lebens Eingang ſitzt— die Mutter. gährend des Krieges in Spanien wurde Roland ſchwer verwundet, und das darauf fvigende Fieber bannte ihn an das Haus einer ſpaniſchen Wittwe. Seine Wirthin war einmal reich geweſen, in den allgemeinen Drangſalen des Landes aber um ihr Vermögen gekommen. Sie hatte eine einzige Tochter, welche ſie in der Verpflegung des verwundeten Eng⸗ länders unterſtützte, und als die Zeit von Rolands Abreiſe herannahte, verrieth der unverholene Schmerz der jungen Ramuna den Eindruck, welchen der Gaſt auf ihr Herz ge⸗ macht hatte. Die Dankbarkeit und vielleicht auch ein zartes Ehrgefühl unterſtützten in Rolands Bruſt den Zauber, wel⸗ chen die Schönheit ſeiner jungen Pflegerin übte, und dazu kam noch ein ritterliches Mitleid mit der verlaſſenen Lage der ihres Vermögens beraubten Familie. In einem jener haſtigen Antriebe, welche man bei edlen Weſen ſo häufig findet und welche nur zu oft verhängniß⸗ voll beweiſen, daß die Klugheit den oberſten Rang einnehme unter den Schutzmächten des Lebens, beging Roland den Irrthum, ſich mit einem Mädchen ehlich zu verbinden, von deren Verwandten er nichts wußte, und in deren Charakter lie eil an S de S G det ſei bo der Ve ert lich bri mi das St vor ver nat En lich ein ſtär den 2 wer das mal ndes zige ng⸗ reiſe igen ge⸗ rtes wel⸗ azu age dlen niß⸗ hme den von kter 751 er nicht viel weiter als die warme, auſopfernde Empfäng⸗ lichkeit des Herzens kannte. Einige Tage nach dieſer über⸗ eilten Heirath ſchloß ſich Roland der abmarſchirenden Armee an und konnte erſt nach dem Hauptſiege bei Waterloo nach Spanien zurückkehren. Durch den Verluſt eines Gliedes verſtümmelt und mit den Narben vieler neu empfangenen edlen Wunden eilte Roland zurück nach einer Heimath, deren Träume ſein Schmerzenslager gemildert hatten und nun an die Stelle der früheren Geſichte von Ruhm getreten waren. Während ſeiner Abweſenheit hatte ihm ſeine Gattin einen Sohn ge⸗ boren— einen Sohn, den er zu erziehen hoffte, damit er den von ihm verlaſſenen Platz einnehme in der Armee ſeines Vaterlandes und auf künftigen Schlachtfeldern die Laufbahn erneure, die er bei aller Romantik ſeines antiken und ritter⸗ lichen Ehrgeizes nicht hatte zu einem erfolgreichen Schluß bringen können. Die Kunde von dem Zuwachs ſeiner Fa⸗ milie war kaum bei ihm eingelaufen, als er Sorge dafür trug, das Kind mit einer engliſchen Wärterin zu verſehen, damit es neben den erſten Lauten der mütterlichen Liebe auch eine Stimme höre aus dem Lande des Vaters. Eine Verwandte von Bolt hatte ſich in Spanien niedergelaſſen und wurde veranlaßt, ſich dieſer Obliegenheit zu unterziehen. So natürlich auch dieſe Maßregel von Seiten eines warmen Engländers war, gefiel ſie doch ſeiner wilden, leidenſchaft⸗ lichen Ramuna ganz und gar nicht. Sie beſaß die Eiferſucht einer Mutter, die ſich bei einem unerzogenen Geiſte am ſtärkſten kundgibt, und den ejgenthümlichen Stolz, den man 752 bei den Spaniern jeden Standes und jeder Stellung antrifft — zwei Eigenſchaften, die durch den Anblick einer engli⸗ ſchen Wärterin an der Wiege des Kindes ſchwer verletzt wurden. Die unausbleibliche Folge einer ſolchen Verbindung war, daß Roland, als er wieder an ſeinem ſpaniſchen Herd anlangte, in den Erwartungen des Glückes, das ſeiner dort wartete, ſich ſehr getäuſcht ſah. Bei aller militäriſchen Derbheit beſaß Roland jenes feine, faſt allzu ekle Gefühl, welches ein Eigenthum aller poetiſchen Naturen iſt, und nachdem die erſten Selbſttäuſchungen der Liebe dahin ge⸗ ſchwunden waren, konnte ſein ſtattliches Weſen natürlich wenig Anklang finden bei einer Perſon, die ſich ſo ſehr von ihm unterſchied durch einen gänzlichen Mangel an Erziehung und durch die ſcharfen, obgleich unnennbaren Abgrenzungen nationaler Auſichten und Sitten. Der Kummer getäuſchter Hoffnung ging jedoch wahrſcheinlich tiefer, als es gewöhn⸗ lich bei unpaſſenden Verbindungen der Fall iſt; denn ſtatt ſeine Gattin nach dem alten Thurm zu bringen— eine Ent⸗ führung, gegen welche ſie ſich ohne Zweifel aufs Aeußerſte geſträubt haben würde— nahm er trotz aller ſeiner Ver⸗ ſtümmelungen kurze Zeit nach ſeiner Ankunft in Spanien einen militäriſchen Poſten unter Ferdinand an. Rolands ritterlicher, loyaler Sinn ließ ihn ohne Bedenken ſeinen Dienſt einem Throne weihen, zu deſſen Wiederherſtellung engliſche Waffen beigetragen hatten, während die große Unpopularität der conſtitutionellen Partei in Spanien und das Brandmal der Irreligioſität, welches ihr von den rifft igli⸗ letzt ung Herd dort ſchen fühl, und ge⸗ rlich von ung ngen chter öhn⸗ ſtatt Ent⸗ jerſte Ver⸗ mien ands einen lung roße und den 753 ⸗ Prieſtern aufgedrückt wurde, in ihm den Glauben nähren halfen, er unterſtütze einen geliebten König gegen die Anhän⸗ ger der revolutionären und jakobiniſchen Lehren, die ihm als politiſcher Atheismus erſchienen. Die Erfahrung einiger Jahre im Dienſte eines ſo verächtlichen Frömmlers, wie Ferdinand, deſſen hochſtes patriotiſches Ziel die Wieder⸗ herſtellung der Inquiſition war, fügte denen, welche bereits das Leben eines Mannes verbitterten, der in dem großen Helden des Cervantes keine dem Spott verfallene Thorheiten, ſondern nachahmenswerthe hohe Tugenden geſehen hatte, eine weitere Täuſchung bei. Selbſt ein armer Don Quirote, kam er traurend zurück nach ſeiner La Mancha, ohne für ſein irrendes Ritterthum einen andern Lohn davon getragen zu haben, als eine Decoration, die er neben ſeiner einfachen Waterlov⸗Medaille zu tragen verſchmähte, und einen Rang⸗ gegen welchen er nur mit Erröthen ſeinen beſcheideneren, aber ehrenvolleren engliſchen Titel hätte aufgeben können. Dennoch hoffnungsvoll kehrte der ſanguiniſche Mann zu ſeinen Penaten zurück. Sein Sohn war zum Knaben herangewachſen und ſollte jetzt natürlich unter ſeine Leitung kommen. Entzückende Aufgabe!— ſchon bei dem Ge⸗ danken daran lächelte ihm die Heimath wieder. Jetzt aber zeigten ſich erſt die verderblichſten Folgen ſeiner unglückſeligen Verbindung. Ramuna's Vater hatte jenem fremden geteuninoei Stamme angehört, welcher in Spanien ſo viele Züge dar⸗ bietet, verſchieden von den Merkmalen der ihm verwandten in eiviliſirteren Ländern. Der Gitano oder Zigeuner Bylwer, die Caxtone, 48 . 15 254 Spaniens iſt nicht der bloße Landſtreicher, den wir aufunſern Haiven und Straßen herumziehen ſehen. Er hat zwar viel von der urſprünglichen geſetzloſen und diebiſchen Natur ſeines Volfes heibehalten, lebt aber oft in Städten, treibt verſchie⸗ dene Gewerbe und wird nicht ſelten wohlhabend. Ein reicher Gitano hatte eine Spanierin geheirathet, und Ramuna war der Sprößling dieſer Ehe. Er ſtarb, während ſeine Tochter noch ſehr jung war, ſo daß ihre Kindheit frei blieb von den Einflüſſen ihrer väterlichen Verwandtſchaft. Die Mutter erzog ſie in ihrer eigenen Religion und verhütete jede Beimengung von dem gottloſen Glaubensbekenntniß des Gitano; aber obgleich ſie ſich nach dem Tode ihres Gat⸗ ten ganz von ſeinem Stamme trennte, galt ſie doch bei ihren eigenen Verwandten und ihrem Volk als eine Perſon, welche einer verworfenen Kaſte angehörte. Während ſie ſich bemühte, wieder zu Ehren zu kommen, verlor ſie ihr Vermögen, wel⸗ ches einzig einen Eyfolg ihrer Beſtrebungen in Ausſicht ſtellte, und ſo blieb ſie einſam und abgeſchieden, ohne Freunde, welche Ramuna in ihrer verlaſſenen Lage während der Ab⸗ weſenheit ihres Gatten hätten Troſt bringen können. Mein Onkel war noch im Dienſte Ferdinands, als die Wittwe ſtarb, und Ramuna kam nun mit keinen andern Verwandten in Berührung, als mit denen von wäterlicher Seite. So lange die Mutter lebte, hatten ſie es nicht gewagt, ihre Ver⸗ * Ein Spanier verbindet ſich ſehr ſelten mit einer Gitana oder Zigeunerin, obſchon, wie Mr. Borrow bemerkt, Ehen zwi⸗ ſchen reichen Zigeunern und Spanierinnen hin und wieder vor⸗ kommen. — 57„„— —— e in 755 wandtſchaftsanſprüche geltend zu machen; jetzt aber thaten ſie es durch Aufmerkſamkeiten und Liebkoſungen gegen ihren Sohn. Dieſes öffnete ihnen mit einem Male Ramuna's Herz und Thüre. Inzwiſchen war auch die engliſche Wär⸗ terin, welche trotz aller Plackereien, die ihr den Aufenthalt in dem fremden Hauſe verhaßt machen konnten, aus treuer Anhänglichkeit zu ihrem Pflegempfohlenen auf ihrem Poſten ausgeharrt hatte— einige Wochen nach Ramuna's Mutter geſtorben, und es fehlte jetzt an jedem geſunden Einfluß, um jenem peſtartigen entgegen zu wirken, welchem der Erbe der ehrenwerthen alten Cartone unter worfen war. Aber Roland kehrte in einer Stimmung zurück, die ihn Alles in einem heitern Lichte betrachten ließ. Freudig drückte er die Gattin an ſeine Bruſt und machte ſich im Stillen den Vor⸗ wurf, er ſeh zu nachſichtlos geweſen und habe zu viel ver⸗ langt; fortan wolle er weiſer ſeyn. Mit Entzücken erfüllte ihn die Schönheit, der Verſtand und die männliche Haltung des Knaben, der mit ſeinem Porte Epée ſpielte und mit ſeinen Piſtolen als einer guten Beute davonlief. Die Kunde von der Ankunft des Engländers hielt Anfangs die unehrbare Verwandtſchaft von dem Hauſe ab; aber der Knabe war unter den Zigeunern ſehr beliebt, und er ſelbſt hatte große Anhänglichkeit an ſie, ſo daß häufige Zuſammenkünfte zwiſchen ihm und ſeinen wilden Gefährten ſtattfanden, obſchon dies nur heimlich geſchah. Allmälig gingen Roland die Augen auf. Als der Knabe im gewöhn⸗ lichen Verkehr die Zurückhaltung ablegte, welche Scheu und Verſchmitztheit ihm anfänglich auferlegt hatten, war Roland 48* nicht wenig erſchüttert über die frechen Grundſätze, die ſein Sohn an den Tag legte, und über deſſen gänzliche Unfähigkeit, ven einfach ehrenhaften Sinn zu begreifen, welcher, wie der engliſche Soldat meinte, ſchon durch die Geburt komme und von dem Himmel ſelbſt eingepflanzt werde. Bald nachher machte Roland die Wahrnehmung, daß ſein Haus ſyſte⸗ matiſch geplündert wurde, und als er der Sache auf die Spur ging, ſtellte ſich heraus, daß die Mutter ihren Sohn in ſolcher Weiſe ſchalten ließ zum Beſten eines trägen Raub⸗ geſindels und ausſchweifender Landſtreicher. Dieſe Ent⸗ deckung würde wohl auch einen geduldigeren Mann, als Roland war, aufgebracht und einen vorſichtigeren in Ver⸗ wirrung geſetzt haben. Er ſchlug den natürlichſten Schritt ein, wobei er vielleicht nur den Fehler machte, daß er zu gebieteriſch darauf beſtand und dem ungebildeten Sinn, dem leidenſchaftlichen Weſen ſeiner Gattin nicht genug Rechnung trug: er befahl ihr, ſie ſolle ſich augenblicklich zu Verlaſſung des Platzes vorbereiten und allen Verkehr mit ihrer Ver⸗ wandtſchaft aufgeben. Die Folge davon war eine ungeſtüme Weigerung. Roland war jedoch nicht der Mann, um in einem ſolchen Punkte nachzugeben; die Gattin heuchelte Unterwerfung, und ihre ſcheinbare Reue beſchwichtigte nicht nur ſeinen Zorn, ſondern verſchaffte ihr auch ſeine Verzeihung. Sie zogen nach einem mehrere Stunden entlegenen Orte; aber wohin ſie ſich auch begeben mochten, folgten ihnen ſtets wenig⸗ ſtens einige, und zwar die ſchlechteſten von der heilloſen Brut⸗ verſtohlen nach. Was es mit der früheren Liebe Ramung's in it, er nd er te⸗ ie hn b⸗ t⸗ er⸗ itt zu m ng ng r⸗ in 757 zu Roland für eine Beſchaffenheit gehabt haben mochte, au⸗ genſcheinlich war ſie längſt untergegangen in dem völligen Mangel an Sympathie zwiſchen den Ehelenten und in jener Abweſenheit, die, während ſie eine kräftige Zuneigung erneuert, eine bereits geſchwächte völlig austilgt. Dagegen hingen Mutter und Sohn mit der ganzen Stärke ihrer kräf⸗ tigen, wilden Naturen an einander. Sogar unter gewöhn⸗ lichen Verhältniſſen iſt der Einfluß eines Vaters auf einen jungen Knaben fruchtlos, wenn die Mutter ſich dazu hergibt, ihn zu vereiteln, und welche Ausſicht hatte der derbe, ernſte, ehrenhafte Roland, welcher noch obendrein in der Zeit von ſeinem Sohne getrennt geweſen war, wo die Jugend am lenkſamſten iſt, in einer ſo unſeligen Lage den Einflüſte⸗ rungen einer Mutter gegenüber, welche den Fehlern ihres Lieblings allen Vorſchub leiſtete und alle ſeine Wünſche befriedigte? In ſeiner Verzweiflung ließ Roland die Drohung fallen, wenn man ſeine Plane in ſolcher Weiſe zu nichte mache, werde es ſeine Pflicht, den Sohn der Mutter zu entreißen. Dieſes ſcharfe Wort verhärtete ſogleich die Her⸗ zen beider gegen ihn. Ramuna ſchilderte dem Knaben ſeinen Vater als einen Tyrannen als einen Feind, als einen Mann, der alles Glück zerſtört habe, deſſen ſie ſich früher gegenſeitig erfreuten, und deſſen Strenge zeige, daß er ſein eigenes Kind haſſe. Der Knabe glaubte ihr. In dem eigenen Hauſe bildete ſich ein feſter Bund gegen Roland unter dem Schutz der Verſchmitztheit, welche die einzige Kraft des Schwa⸗ chen gegen den Starken iſt. 758 Trotz dem konnte Roland die Zärtlichkeit, mit welcher die junge Wärterin den verwundeten Krieger gepflegt hatte, und die Angelöbniſſe einer Liebe nicht vergeſſen, die in ver⸗ gangener Zeit jene ſchönen Lippen gegen ihn abgelegt hatten — damals wohl einer ächten Liebe, obſchon ſie nicht aus den Gefühlen entſprang, welche in dem Kampfe des Le⸗ bens Stand zu halten vermögen. Dieſe Gedanken mußten ſich ſtets zwiſchen ſein Herz und ſeinen Verſtand gedrängt haben, um ſeine Lage noch mehr zu verbittern, ſein Inneres noch tiefer zu verwunden. Wenn aber auch die Kraft ſeines Pflichtgefühls, dieſer ſtarken Seite ſeines Charakters, ihn zu Erfüllung ſeiner Drohung drängte, ſo zwang ihn doch jedenfalls die Menſch⸗ lichkeit, damit zuzuwarten— denn ſeiner Gattin ſtand be⸗ vor, wieder Mutter zu werden. Blanche wurde geboren. Wie konnte er den Säugling der Mutterbruſt entreißen oder die Tochter den verderblichen Einflüſſen überlaſſen, von denen er nur durch eine ſo gewaltſame Maßregel den Sohn zu befreien im Stande war? Kein Wunder, armer Roland, daß ſo tiefe Furchen deine kühne Stirne durchzogen und dein Haar gran wurde vor der Zeit! Zum Glück vielleicht für alle Theile ſtarb Rolands Gattin, als Blanche noch ein Kind war. Sie wurde von einem Fieber befallen und drückte vor dem Tode noch in ihren Delirien den Knaben an die Bruſt, zu den Heiligen betend, ſie möchten ihn vor ſeinem grauſamen Vater be⸗ ſchützen. Wie oft vergegenwärtigte ſich nicht dieſes Sterbe⸗ cher tte, er⸗ ten aus Le⸗ ten ngt res eſer ner ſch⸗ be⸗ ten. ßen von hn hen rde nds on in gen be⸗ be⸗ 759 bette dem Sohn und befeſtigte in ihm den Gedanken, daß eine väterliche Liebe in dem Herzen wohne, welches jetzt ſein einziger Schutz war gegen die Welt und ihre ſchonungslos auf ihn herabſchüttenden Gewitterſchauer! Noch einmal ſage ich, armer Roland, denn ich weiß, daß in der harten, liebloſen Trennung ſo heiliger Bande vein großes, edles Herz das erlittene Unrecht vergaß. Wieder ſahſt du die zärt⸗ lichen Blicke auf dem verwundeten Krieger haften— wieder hörteſt du in leiſem Murmeln die warme Schwäche ath⸗ men, welche einzugeſtehen die Weiber des Südens nicht durch die Scham abgehalten werden. Und nun endete Alles in jenem Wahnſinn des Haſſes, in jenem ſtarren Blick des Entſetzens! Viertes Kapitel. Der Lehrer. Roland zog nach Frankreich und wählte ſeinen Aufent⸗ halt in der Nähe von Paris Blanche brachte er in einem unfernen Kloſter unter, wo er ſie jeden Tag beſuchen konnte, und im Uebrigen widmete er ſich der Erziehung ſeines Sohnes. Der Knabe war gelehrig; aber das Verlernen war hier die Hauptaufgabe— und dieſes Geſchäft forderte entweder die leidenſchaftsloſe Erfahrung und die weiſe Nachſicht eines geübten Lehrers, oder die Liebe, das Vertranen und das fügſame Herz eines gläubigen Schülers. Roland fühlte, daß er der Aufgabe nicht gewachſen war und daß das Herz 760 ſeines Sohnes hartnäckig gegen ihn verſchloſſen blieb. Er ſah ſich um und fand in einem andern Theile von Paris ei⸗ nen, wie es ſchien, paſſenden Lehrer— einen jungen Fran⸗ zoſen von guter wiſſenſchaftlicher Bildung, mit all' der Beredtſamkeit und den hochtönenden Phraſen ſeiner Nation, welche der romantiſchen Begeiſterung des Kapitän gefielen, und hoffnungsvoll vertraute er ſeinen Sohn der Obhut dieſes Mannes. Die natürliche Faſſungsgabe des Knaben meiſterte bald Alles, was ſeinem Geſchmack zuſagte, und er lernte mit ſeltener Leichtigkeit und Pünktlichteit franzöſiſch ſprechen und ſchreiben. Sein gutes Gedächtniß und die beugſamen Organe, in welchen das Talent für Sprachen beſteht, dienten unter Beihülfe eines engliſchen Lehrers dazu, ſeine frühere Kenntniß der vaterländiſchen Zunge wieder ins Leben zu rufen, ſo daß er geläufig und correkt engliſch ſprechen konnte, obſchon in der Betonung ſtets etwas zurückblieb, was mir wie aus⸗ ländiſch aufgefallen war; indeß dachte ich dabei nicht an einen fremden Accent, ſondern nur an eine theatermäßige Ziererei. Er brachte es nicht weit in den Wiſſenſchaften— vielleicht nicht viel weiter, als zu einem Anflug franzöſiſcher Mathematik; dagegen erlangte er eine merkwürdige Geſchicklichkeit im Rechnen. Mit Gier verſchlang er die leichte Lectüre, die ihm in den Weg kam, und las ſich dabei jene Art von Kennt⸗ niß zuſammen, welche Romane und Schauſpiele bieten— gut oder ſchlimm, je nachdem das Geleſene den Verſtand erhob und die Leidenſchaften tadelte oder blos die Phantaſie verderbte und die menſchliche Natur in den Staub zog. In Allem aber, worin Roland ſeinen Sohn unterrichtet wünſchte, 761 blieb er ſo unwiſſend wie zuvor. Neben dem übrigen Un⸗ glück in dieſer verhängnißvollen Ehe hatte Rolands Weib den ganzen Aberglauben eines katholiſchen Spaniers be⸗ ſeſſen und der Knabe unwillkürlich mit dieſem auch die weit traurigeren Lehren des umnachteten Zigeunerheidenthums eingeſogen. Roland hatte für ſeinen Sohn einen proteſtantiſchen Hofmeiſter geſucht. Der Gefundene war dem Namen nach wohl ein Proteſtant, ein beißender Spötter über alles Aber⸗ gläubiſche— aber zugleich ein Proteſtant, wie es— der Aeußerung eines Vertheidigers der Voltaireſchen Religion zufolge— dieſer große Geiſt geweſen ſeyn würde, wenn er in einem proteſtantiſchen Lande gelebt hätte. Der Frarzoſe ſpottete den Knaben aus all' ſeinem Aberglauben hinaus und ließ ihm dafür nichts, als den höhniſchen Skepticis⸗ mus der Encyelopädie ohne jene verſöhnende Sitten⸗ lehre, über die alle philoſophiſchen Sekten einig ſind, obſchon man leider ein Philoſoph ſeyn muß, um ſie zu verſtehen. Der Lehrer wußte ohne Zweifel nicht, welch ein Unheil er anſtiftete. Im Uebrigen unterrichtete er den Zögling nach einem eigenen Syſteme— mild und gefällig genug und ziemlich nach der Art, die auch in England anempfohlen wird—„Bilde den Verſtand, und alles Andere wird folgen;“ „Lerne ein Buch, und du biſt gelehrt;“„Folge dem Drang in dem Geiſt des Schülers, damit der Genius ſich entwickle und ſein Streben nicht durchkreuzt werde.“ Verſtand, Geiſt, Genius— ſchöne Dinge! Aber um den ganzen Menſchen zu erziehen muß man mehr thun, als nur dieſe ausbilden. 762. Nicht aus Mangel an Geiſt, Verſtand und Genie haben Vorgia und Nero ihre Namen als Denkmale des Schreckens für das ganze menſchliche Geſchlecht hinterlaſſen. Wo war in dieſem ganzen Unterricht eine einzige Lehrſtunde, welche das Herz hätte erwärmen und die Seele leiten können? O meine Mutter, daß doch der Knabe neben deinem Knie geſtanden und von deinen Lippen gehoͤrt hätte, warum vas Leben uns gegeben wurde, in was es enden wird, und wie der Himmel uns Tag und Nacht offen ſtehe! O mein Vater, wäreſt du ſein Lehrer geweſen, nicht in der Bücher⸗ gelehrſamkeit, ſondern in der einfachen Weisheit des Herzens! O hätte er doch von dir in praktiſchen Gleichniſſen das Glück der Selbſtaufopferung kennen gelernt und wie man„ein ſchlimmes Handeln durch gute Thaten wieder gut machen müſſe!“ Es war ein Unglück für den Knaben, daß er bei ſeiner Keckheit und Schönheit mit ſeinem Aeußern und ſeinem Be⸗ nehmen etwas verband, was zur Nachſicht ſtimmte und eine Art mitleidiger Bewunderung weckte. Der Franzoſe liebte ihn, glaubte ſeiner Geſchichte und zweifelte nicht daran, daß der engliſche Soldat mit ſeinem harten Geſicht ihn miß⸗ handle. Alle Engländer waren ſo unangenehm, nament⸗ lich die engliſchen Soldaten, und der Kapitän hatte einmal den Franzoſen tödtlich gekränkt, weil er Vilainton grand homme nannte und mit roher Entrüſtung in Abrede zog, daß Napoleon von den Engländern vergiftet worden ſey! Statt alſo den Sohn zu lehren, daß er ſeinen Vater achte und liebe, zuckte der Franzoſe nur die Achſeln, wenn der hi 6 fr nu kn de de w ſe un bů aben kens war elche inem wum und mein cher⸗ ens! Hlück „ein achen einer Be⸗ eine iebte daß miß⸗ nent⸗ nmal rand zog⸗ ſey! achte n der 763 Knabe in ſeine unkindlichen Klagen ausbrach, und ſagte höchſtens:„Mais, cher enfant, ton père est Anglais,— o'est tout dire.“ Inzwiſchen wuchs der Knabe ſchnell zum frühreifen Jüngling heran, und man ließ ihm viele fteie Zeit, die er mit allem Eifer ſeiner früheren Angewöh⸗ nungen und ſeiner abenteuerlichen Gemüthsaet benützte. Er knüpfte Bekanntſchaften an mit den jungen Belagerern der Kaffeehäuſer und den Verſchwendern der Hauptſtadt— den ſtarken Geiſtern! Auf das Fechten und Piſtvlenſchießen war er trefflich eingeübt, überhaupt auch in allen Spielen ſehr gewandt, in welchen Geſchicklichkeit das Glück unterſtützt, und ſo lernte er bei Zeiten ſich durch Karten und Billard⸗ bälle mit Geld verſehen. Entzückt übrigens von dem behaglichen Unterkommen, das er gefunden, gab er ſich bei den Beſuchen ſeines Vaters alle Mühe, ſein Geſicht im Zaume zu halten und ſein Benehmen abzuglätten, die erworbenen weniger unedeln Kenntniſſe aufs Beſte zu benützen und mit der ihm eigen⸗ thümlichen Nachahmungsgabe die ſchönſten Phraſen zur Schau zu ſtellen, welche er in Schauſpielen und Romanen gefunden hatte. Welch ein Vater wäre nicht leichtgläubig! Roland glaubte und weinte Thränen der Freude. Jetzt aber dachte er, daß es Zeit ſey, den Knaben wieder zu ſich zu nehmen und mit einem würdigen Erben nach dem alten Thurme zurückzukehren. Er dankte dem Lehrer unter Se⸗ genswünſchen und holte ſeinen Sohn. Unter dem Vorwande jedoch, daß er noch Manches, ſey es im Bücherwiſſen oder in mannhaften Uebungen, zu lernen habe, bat der Jüngling ſeinen Vater, noch nicht nach England zurückzukehren und ihm zu geſtatten, noch einige Monate täglich ſeinen Hof⸗ meiſter zu beſuchen. Roland willigte ein, verließ ſein altes Quartier und bezog eine Wohnung in der nämlichen Vor⸗ ſtadt, in welcher der Hofmeiſter ſeine Behauſung hatte. Kaum aber befanden ſich die Beiden unter Einem Dache, als ſich auch die gewohnten Liebhabereien des jungen Men⸗ ſchen und ſein Trotz gegen alles väterliche Anſehen kund⸗ gaben. Ich muß meinem unglücklichen Vetter wenigſtens inſoweit Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß er, wenn ihn auch die Klugheit aufforderte, ſich eine kurze Zeit zu verſtellen, doch nicht Heuchler genug war, einen ſyſtematiſchen Betrug durchzuführen. Er konnte wohl eine Weile eine Rolle ſpielen und ſich dabei freuen über ſeine Geſchicklichkeit,war aber nicht im Stande, mit der Geduld kaltblütiger Verſtellung eine Maske zu tragen. Doch warum eingehen in die leidigen Einzelnheiten, die ſich der verſtändige Leſer leicht ſelbſt den⸗ ken kann? Die Fehler des Sohnes waren gerade von der Art, daß Roland am wenigſten Nachſicht damit haben konnte. Gegen die gewöhnlichen Verirrungen einer hochſinnigen Jugend wäre ſicherlich kein Vater milder geweſen; aber wenn ſich's um Gemeinheiten handelte, die den Gentleman und den Soldaten verletzten, ſo hätte ich nicht um Welten dem Düſter ſeiner Stirne und dem Weh entgegentreten mö⸗ gen, das wie Verachtung aus ſeiner Stimme ſprach. Alle Warnungen, alle Hinderungsverſuche blieben jedoch frucht⸗ los, und als Roland einmal um Mitternacht in einer Kneipe für der All Fü mit ſeir jug nac übe Ro! nac noc ſein hoh er a ſein wur kehr imm Sto liger und of⸗ ltes or⸗ tte. che, ten⸗ ind⸗ lens ihn llen, trug elen icht eine igen den⸗ der nte. igen aber man lten mö⸗ Alle icht⸗ eipe 765 für Spieler und Betrüger ſeinen Sohn antraf, wie er in der vollen Glut des Triumphs mit ſeinem Billardſtock gegen Alle ſeine Ueberlegenheit zeigte, während ein Haufen von Fünffrankenſtücken vor ihm lag— da mögt ihr euch denken, mit welcher Wuth der ſtolze, leidenſchaftliche Mann mi ſeinem Stock in der Hand die gemeine Genoſſenſchaft ver⸗ jagte und ihr den ſchlechterworbenen Gewinn ſeines Sohnes nachwarf, worauf der Sohn, voll von Gefühlen der Rache über dieſe Demüthigung, ihm nach Hauſe folgen mußte. Roland brachte nun den Jüngling nach England, aber nicht nach dem alten Thurm, denn der Herd ſeiner Vorfahren war noch zu heilig für den Fuß des liederlichen Erben! Fünftes Kapitel. Der Herd ohne Vertrauen und die Welt ohne einen Führer. Vergeblich nach allen Vorſtellungen greifend, die ihm ſein derber Sinn eingab, ſprach nun Roland viel und in hohem Tone von den Pflichten, die der Menſch, ſelbſt wenn er alle kindliche Liebe bei Seite legte, wenigſtens dem Namen ſeines Vaters ſchulde. Sein Stolz, der ſtets ſo lebhaft war, wurde nun hart und reizbar, ſo daß ohne Zweifel der ver⸗ kehrte Sinn des Sohnes Anſtoß daran nahm und der Liebe immer mehr entfremdet wurde. Außerdem wirkte dieſer Stolz, ohne etwas Gutes zu erzielen, nur um ſo nachthei⸗ liger, weil die Krankheit auch auf den Jüngling überging, 266 aber nur in unrechter Weiſe. Er ſagte zu ſich ſelbſt:„Aus dieſen Ahnen und hohen Worten muß ich entnehmen, daß mein Vater ein großer Mann iſt. Er hat Güter und ein Schloß— aber wie erbärmlich leben wir und wie ſehr ver⸗ kürzt er mich in Allem! Wenn er urſache hat, auf dieſe todten Perſonen ſiolz zu ſeyn— je nun, ſo iſt es bei mir der gleiche Fall. Und iſt dieſe Wohnung ſammt Zugehör ein paſſender Aufenthalt für den Gentleman, der ich ſei⸗ ner Ausſage zu Folge bin?“ Auch in England kam das Zigeunerblut wie früher zum Ausbruch, und der Jüngling fand— der Himmel weiß wie oder wo— liederliche Kameradſchaften. Seltſam aus⸗ ſehende Geſtalten, vornehm ſchäbig und gemein ſtutzerhaft, lauerten in der Straßenecke oder guckten zum Fenſter herein und ſchlichen wieder von dannen, ſobald ſie Rolands anſichtig wurden; Roland aber konnte ſich nichtzu einem Spion herab⸗ würdigen. Das Herz des Sohnes verhärtete ſich mehr und mehr gegen den Vater, und auf dem Geſichte des Letz⸗ tern war nie wieder ein Lächeln zu bemerken. Da liefen Rechnungen ein und Gläubiger klopften an die Thüre. Rech⸗ nungen und Gläubiger einem Manne gegenüber, der ſchon bei dem Gedanken an eine Schuld zurückbebte wie das Her⸗ melin vor einem Flecken auf ſeiner Haut! Und des Sohnes turze Antwort auf die Vorſtellungen lautete;„Bin ich nicht ein Gentleman?— dies ſind Dinge, deren Gentlemen be⸗ vürfen.“ Roland erinnerte ſich jetzt vielleicht an den Verſuch ſeines franzöſiſchen Freundes, ließ ſeinen Schrank unverſchloſ⸗ ſen und ſagte;„Richte mich zu Grunde, wenn Du willſt— abe ſie zar vor lin ein wa als ſter ſich ſeir mit ver Ha jun ner den zwil terr erj nich nen unte fahr mög anſt aß in er⸗ eſe ir 767 aber keine Schulden! In dieſen Schubfächern iſt Geld— ſie ſind unverſchloſſen.“ Einen Jüngling von hohem und zartem Ehrgefühl würde ein ſolches Vertrauen für immer von allen Ausſchweifungen geheilt haben; aber der Zög⸗ ling der Zigeuner verſtand dies nicht. Er ſah darin nur eine natürliche, wenn auch ungnädige Erlaubniß, zu nehmen, was er wollte— und nahm! Dem Kapitän erſchien dies als ein Diebſtahl und zwar als ein Diebſtahl der gemein⸗ ſten Art— eine Erklärung, über welche ſein Sohn höchlich ſich entrüſtete, da er meinte, in der rührenden Berufung an ſein Ehrgefühl habe nur eine Falle gelegen, damit man ihn mit Schimpf behandeln könne. Mit Einem Worte, Keiner verſtand den Andern. Roland verbot ſeinem Sohn, das Haus zu verlaſſen; in derſelben Nacht aber ſchlich ſich der junge Mann fort in die weite Welt, um trotzend ſich in ſei⸗ ner eigenen wilden Weiſe zu vergnügen. Es würde ermüden, wenn ich ihm durch ſeine denen Abentener und durch die Verſuche, das Glück zu zwingen, folgen wollte, ſelbſt wenn ich davon ſo genau un⸗ terrichtet wäre, als dies nicht der Fall iſt. Freiwillig gab er jetzt ſeinen wahren Namen auf; um übrigens den Leſer nicht durch die frühere Aliaſe zu verwirren, werde ich mei⸗ nen unglücklichen Verwandten nur bei dem Namen nennen, unter welchem ich ihn zuerſt kennen lernte, und damit fort⸗ fahren, bis er— der Himmel gebe, daß es ſo weit kommen möge— nach vorgängiger Beſſerung den eigenen wieder anſprechen kann. Durch den Anſchluß an eine herumziehende Komödianten⸗ 768 pande wurde Vivian mit Peacock bekannt. Dieſer Ehren⸗ maun, welcher ſelbſt viele Saiten für ſeinen Bogen hatte, merkte bald Vivians Geſchicklichkeit im Billardſpiel und ſah varin eine weit beſſere Methode, vereint ſich fortzuhelfen, als wenn ſie auf den Brettern eines herumziehenden Thespis ſigurirten. Vivian ſchenkte ihm Gehör, und ihre Vertraut⸗ heit war noch ganz friſch, als ich in dem Straßenwirths⸗ haus mit ihnen zuſammentraf. Dieſe zufällige Begegnung machte— wenn ich der mir gegebenen Berſicherung Glauben ſchenken darf— eine lebhafte und für den Augenblick heil⸗ ſame Wirkung auf Vivian. Die Unſchuld und Friſche eines jungen Gemüths war ihm neu; der ſchwungkräftige, geſunde Frohſinn, mit welchem dieſe Gaben begleitet waren, machte ihn betroffen, wenn er ihn mit ſeiner eigenen erzwungenen Heiterkeit und dem Düſter ſeines Innern verglich. Und dieſer Jüngling war ſein Vetter! Als er ſpäter nach London kam, wagte er es, in dem Strand⸗Hotel, nach welchem ich ihn verwieſen, nach mir zu fragen. Dort erfuhr er, wo wir wohuten, und als er eines Abends nach mir ſpähte, ſah ermeinen Onkel an dem Fenſter — ein Anblick, welcher in bewog, ſogleich die Flucht zu er⸗ greifen Er hatte damals über einiges Geld zu verfügen. Dies bewog ihn, plötzlich abzubrechen mit der Geſellſchaft, in wel⸗ cher er ſich bisher umgetrieben, und er beſchloß, nach Frankreich zurückzukehren und dort zu verſuchen, ob er nicht auf eine acht⸗ barere Weiſe ſein Daſeyn friſten könne. Die errungene Frei⸗ heit hatte ihm nicht das geträumte Glück gebracht, und das Treiben, vor welchem ihn ſein Vater vergeblich zu warnen ſu kei un ve wr he ſe ſch an ha da Lo che de: S be ho dr er ih ren⸗ tte, ſah fen, pis aut⸗ ths⸗ ung ben heil⸗ ines inde chte enen Und dem r zu ines nſter er⸗ Dies wel⸗ reich acht⸗ Frei⸗ das rnen 769 ſuchte, bot dem Ehrgeize, der in ihm zu nagen begann, keinen Raum. Sein achtbarſter Freund war ſein alter Lehrer und zu dieſem wollte er gehen. Der Lehrer aber war jetzt verheirathet und ſelbſt Vater— ein Umſtand, welcher eine wunderbare Veränderung in ſeiner praktiſchen Sittenlehre hervorgerufen hatte. Es ſchien ihm nicht mehr recht zu ſeyn, dem Sohn in ſeiner Empörung gegen den Vater Vor⸗ ſchub zu leiſten. Vivian entwickelte bei der Aufnahme, die er fand, ſeinen gewöhnlichen ſpöttiſchen Hochmuth und wurde dafür höflich gebeten, das Haus zu verlaſſen. Dann hing er ſich wieder an die ſtarken Geiſter von Paris. Leider aber gab es ſo viele, deren Geiſt weit ſtärker war als der ſeinige. Er gerieth in eine Mißhelligkeit mit der Polizei— nicht ge⸗ rade wegen eigener unehrenhafter Handlungen, ſondern weil er unvorſichtigerweiſe Bekanntſchaft angeknüpft hatte mit andern weniger bedenklichen Perſonen— und hielt es deß⸗ halb für räthlich, Frankreich zu verlaſſen. So kam es denn, daß ich ihn zerlumpt und verwahrlost in den Straßen von London wieder auffand. Mittlerweile hatte Roland nach den etſten vergebli⸗ chen Nachkorſchungen ſich ganz der Entrüſtung und dem Wi⸗ derwillen überlaſſen, welche längſt in ihm brüteten. Der Sohn war ſeiner Leitung entwichen, weil ſie ihn vor Schande bewahren wollte. Er hatte ſtrenge Vorſtellungen vom Ge⸗ horſam, und die Geduld war in ſeinem Herzen nahezu er⸗ drückt worden. Jetzt glaubte er, daß er den Gedanken ertragen könne, den Sohn ſeinem Schickſal zu überlaſſen, ihn zu verſtoßen und zu ſagen;„ich hgbe keinen Sohn mehr,“ Bulwer, die Caxtone. 49 770 In dieſer Stimmung kam er zuerſt nach unſerem Hauſe. Als jedoch an jenem denkwürdigen Abende, an welchem er die traurige Geſchichte von dem ſeinen ergriffenen Zuhörern Leid und Verbrechen eines nicht minder duldenden Vaters erzählte, in ſeinem Vortrage die ſchnell faſſende Theil⸗ nahme ſeines Bruders den eigenen Kummer erkannte, koſtete es Letzteren nicht viele Mühe, das Ganze zu erfahren oder zu errathen, und es gelang Auſtins milder Ueberredungsgabe pald, Roland zu überzeugen, daß er noch nicht Allem auf⸗ geboten habe, um den Wanderer aufzuſpüren und das ver⸗ jrrte Kind zurückzurufen. Er ging nun nach London, be⸗ ſuchte jeden ⁴Ort, wo er den Flüchtling zu finden hoffte, ſparte und brach ſich an der eigenen Nothdurft ab, um ſich die Mittel zu verſchaffen, Theater und Spielhäuſer zu be⸗ ſuchen, und durch Belohnungen die Thätigkeit der Polizei zu ſpornen. Endlich ſah er die Geſtalt, nach welcher er mit Schmerzen geforſcht hatte, in der Straße unter ſeinem Fenſter und rief in freudiger Selbſttäuſchung:„Er bereut.“ Eines Tags lief bei meinem Onkel durch ſeinen Banquier ein Schreiben von dem franzöſiſchen Hofmeiſter ein(dieſer wußte nämlich den Kapitän auf keine andere Weiſe zu er⸗ fragen, als durch das Haus, welches ihm ſeinen Gehalt ausbezahlt hatte), in welchem ihm von dem Beſuch ſeines Sohnes Anzeige gemacht wurde. Roland brach ſogleich nach Paris auf. Dort angelangt konnte er von ſeinem Sohn nur durch die Polizei Auskunft erhalten und erfuhr bei dieſer Gelegenheit, daß man denſelben in der Geſellſchaft vollendeter Ganner geſehen habe, die ſich bereits in den Händen der 774 Gerechtigkeit befänden; da jedoch der junge Mann ſelbſt keines Verbrechens ſchuldig erfunden wurde, ſo ſey ihm ge⸗ ſtattet worden, Paris zu verlaſſen, und er habe vermuthlich den Weg nach England eingeſchlagen. Dies brach end⸗ lich das Herz des Kapitän. Sein Sohn der Genoſſe von Gaunern!— konnte er überzeugt ſeyn, daß derſelbe nicht gar ihr Mitſchuldiger war? Und wenn auch nicht, wie klein iſt der Schritt von dem Umgang zur Theilnahme! Er holte das ihm noch gelaſſene Kind aus dem Kloſter, kehrte nach England zurück und wurde unmittelbar nach ſeiner Ankunft von einem nervöſen Fieber befallen— augenſcheinlich am nämlichen Tage oder einen Tag vor dem, an welchem der Sohn ohne Obdach und ohne Heller in der Taſche auf dem Straßenpflaſter von London niedergeſunken war. Sechstes Kapitel. Der Verſuch, einen Tempel des Glücks zu bauen aus den Trümmern der Heimath. „Aber als Ihrmir zu Hilfe kamet, ohne mich zu kennen,“ fuhr Vivian in ſeiner Erzählung fort,„als Ihr mir Beiſtand leiſtetet und ich von Euren Lippen zum erſtenmal Worte hörte, die mich wegen Eigenſchaften lobten, die noch werthvoll wer⸗ den könnten— ach!“ fügte er traurig bei:„ich erinnere mich noch deutlich der Worte— da ging mir ein neues Licht auf⸗ unbeſtimmt zwar und kämpfend, aber dennoch ein Licht. Der Ehrgeiz, mit welchem ich den tuckmänſeriſchen Franzoſen „ 49* aufgeſucht hatte, erwachte aufs Neue und nahm eine wür⸗ vigere, beſtimmtere Geſtalt an. Ich wollte mich über den Schlamm erheben, mir einen Namen machen und mich auf⸗ ſchwingen im Leben!“ Vivian ließ den Kopf ſinken, richtete ihn aber ſchnell wieder auf und lachte— in ſeiner alten dumpfen, höhniſchen Weiſe. Der Reſt ſeiner Erzählung läßt ſich kurz zuſammen⸗ faſſen. Die bitteren Gefühle gegen ſeinen Vater feſthaltend, beſchloß er, ſein Ineognito fortzuführen; er gab ſich einen Namen, der die Muthmaßung leicht irre führen konnte, wenn ich etwa von ihm mit meiner Familie ſprach, da ihm bekannt war, Roland wiſſe, daß ein Obriſt Vivian durch einen ent⸗ laufenen Sohn viel Kummer erlitten habe— denn in der That hatte das Geſpräch über dieſen Gegenſtand ihn zuerſt auf den Gedanken gebracht, ſelbſt auch zu entfliehen. Die Hindentung, daß er mit Trevanion bekannt werden könne, kam ihm ſehr gelegen; er hatte aber Gründe, mir ſeine Ein⸗ führung nicht verdanken zu wollen— überhaupt mich nicht wiſſen zu laſſen, wo er war, da früher oder ſpäter dies aller Wahrſcheinlichkeit nach zur Entdeckung ſeines wirk⸗ lichen Namens führen mußte. Es kam ihm deshalb für ſeine Plane ſehr erwünſcht, daß wir alle London verließen, weil ihm dann die Bühne allein überlaſſen blieb. Und nun faßte er kühn einen Entſchluß, den er für einen Meiſterzug ſeines Lebens hielt— er wollte ſich nämlich einigermaßen die Mittel zu einer unabhängigen Stellung ſichern und ſich förmlich und völlig von der väterlichen Gewalt losſagen. Da er wußte, welche ritterliche Verehrung der arme Roland 5 in nu der ſei unt aut zu nun zug ßen ſich en. and 773 gegen ſeinen Namen hegte, und ber feſten Ueberzeugung lebte, ſein Vater liebe ihn nicht, ſondern fürchte nur, der Sohn möchte ihm Schande machen, ſo nahm er ſich vor, des Ka⸗ vitäns Vorurtheile zu benützen, um ſeinen Zweckzu erreichen. Er ſchrieb an Roland einen kurzen Brief(denſelben, wel⸗ cher dem armen Manne eine ſo freudige Hoffnung eingeflößt — denſelben, nach deſſen Durchleſung er zu Blanche geſagt hatte:„Bete für mich 1) worin er einfach andeutete, er wünſche ſeinen Vater zu ſehen, und für die Zuſammenkunft ein Gaſthaus in der City namhaft machte. Die Begegnung fand ſtatt. Roland kam, Liebe und Vergebung in ſeinem Herzen— aber(wer ſollte es ihm zum Vorwurf machen ²) Würde auf der Stirne und Vorwurf in ſeinem Auge. Er näherte ſich dem Sohne, bereit, bei dem erſten Wort ſich an ſeine Bruſt zu werfen; aber Vivian, der nur die äußeren Zeichen ſah und ſie nach ſeinem ei⸗ genen Sinne deutete, wich zurück, faltete die Arme auf der Bruſt und ſagte kalt: „Verſchont mich mit allen Vorwürfen, Sir— ſie ſind nutzlos. Es iſt mir blos darum zu thun, Euch einen Vorſchlag zu machen, der Euren Namen retten ſoll; den Sohn mögt Ihr dann aus Eurer Erinnerung tilgen.“ Nur auf die Erreichung ſeines Zwecks erpicht, erklärte der unglückliche Jüngling, daß er feſt entſchloſſen ſey, nie mit ſeinem Vater zu leben, nie ſich ſeiner Leitung zu unterwerfen und ſeinen eigenen Weg fortgehen zu wollen, welcher dieſer auch ſeyn möge; eben ſo wenig ging er darauf ein, Aufklärung zu geben über die Thatſachen, die am meiſten zu ſeinem Nach⸗ 774 theil ſprachen, weil er vielleicht dachte, je ſchlimmer ihn ſein Vater beurtheile, deſto mehr Ausſicht habe er, ſeinen Zweck zu erringen.„Ich verlange weiter nichts von Euch,“ ſagte er, „als daß Ihr mir wenigſtens ſo viel gebt, um mich vor der Verſuchung zum Raub oder vor der Nothwendigkeit des Verhungerns zu bewahren. Ich verſpreche Euch dagegen⸗ Euch im Leben nie läſtig zu werden— nie Euch durch mei⸗ nen Tod herabzuwürdigen. Was auch meine Uebelthaten ſeyn mögen, ſie werden nicht auf Euch zurückfallen, denn Ihr ſollt den Miſſethäter nie erkennen. Der Name, dem Ihr einen ſo hohen Werth beilegt, ſoll geſchont werden.“ Entſetzt und empört verſuchte Roland keine Gegen⸗ vorſtellung; in dem kalten Weſen des Sohnes lag etwas, das alle Hoffnung ausſchloß und wogegen ſein Stolz ſich en⸗ rüſtete. Ein ſchwächerer Mann hätte vielleicht Vorſtellungen verſucht und zu Bitten, zu Thränen ſeine Zuflucht genom⸗ men— doch dies lag nicht in Rolands Charakter. Es blieb ihm nur die Wahl zwiſchen drei Uebeln— entweder ſeinem Sohne zu erklären:„Thor, ich befehle Dir, mir zu folgen;“ zu ſagen:„Elender, da Du mich abſchütteln willſt, wie einen Fremden, ſo rufe ich Dir als ein Fremder zu— gehe hin, verhungere oder raube, wie Du willſt!“ oder betäubt von dem Schlage ſein ſtolzes Haupt zu beugen und zu ſagen: „Du verweigerſt mir den kindlichen Gehorſam und willſt für mich todt ſeyn. Ich kann Dich nicht vom Laſter ab⸗ halten, kann Dich nicht auf die Bahn der Tugend führen. Du willſt an mich den Namen verkaufen, den ich fleckenlos — „—— 775 ererbt und ebenſo fleckenlos getragen habe. Sey es darum! — nenne Deinen Preis!“ Und ungefähr das Letztere war es, was der Vater wählte. Er hörte ihn an und ſchwieg eine geraume Zeit; dann ſagte er langſam: „Beſinne Dich, ehe Du einen Entſchluß faſſeſt.“ „Ich habe mich lange beſonnen— mein Entſchluß iſt gefaßt! Dies iſt das letztemal, daß wir uns begegnen. Ich ſehe jetzt einen Weg zum Glück vor mir— einen ſchönen und ehrenvollen Weg; Ihr könnt mir nur in der angedeu⸗ teten Weiſe dazu behülflich ſeyn. Weist Ihr mich jetzt zu⸗ rück, ſo dürfte für keinen von uns beiden je wieder eine ſolche Ausſicht kommen.“ Und dann ſagte Roland zu ſich ſelbſt: „Ich habe gedarbt und geſpart für dieſen Sohn. Habe ich nur genug, um ohne Schulden zu leben, was brauche ich mehr, als in eine Ecke zu kriechen und das Grab zu erwarten? Je mehr ich geben kann, deſto mehr Ausſicht iſt vorhanden, daß er abläßt von ſeiner ſchnöden Genoſſenſchaft und von ſeinen verzweifelten Wegen.“ 8 So trat denn Roland von ſeinem kleinen Einkommen dem widerſpenſtigen Kinde mehr als die Hälfte ab. Vivian wußte nicht, wie viel ſein Vater beſaß, und hatte keine Ahnung davon, daß die Summe von jährlichen zweihundert Pfunden in ſo ſchroffem Mißverhältniß zu Ro⸗ lands Mitteln ſtand. Gleichwohl machte ihn, als ihm dieſer 776 Betrag genannt wurde, die Großmuth eines Mannes betrof⸗ fen, welchem er ſelbſt das Recht gegeben hatte, zu ſagen: „Ich nehme Dich beim Wort— gerade genug, um nicht Hungers zu ſterben““ Aber dann flüſterte ihm jener häßliche Cynismus, den er, von ſchlechten Menſchen und aus ſchlechten Büchern aufgegriffen,„Weltkenntniß“ nannte, den Gedanken ein,„es gilt nicht mir, ſondern nur ſeinem Namen,“und er erwiederte darauf:„Ich nehme es an, Sir. Hier iſt die Adreſſe eines Advokaten, mit dem Ihr die Sache bereinigen könnt. Lebt wohl für immer!“ Bei dieſen letzten Worten fuhr Roland zuſammen und ſtreckte ſeine Arme in die Luft aus wie ein Blinder. Aber Vivian hatte bereits das Fenſter aufgeriſſen(das Zimmer lag zu ebener Erde) und war auf den Sims geſprungen. „Lebt wohl,“ wiederholte er.„Sagt der Welt, ich ſey todt.“ Er enteilte nach der Straße. Der Vater ließ die aus⸗ geſtreckten Arme ſinken, ſchlug ſich auf die Bruſt und ſagte: —„Wohlan denn, meine Aufgabe in der Welt der Lebenden iſt vorüber. Ich will zurückkehren zu dem alten Thurme— ſelbſt eine Ruine zu den Ruinen— und der Anblick der Gräber, die ich wenigſtens vor Schande bewahrt habe, ſoll mich tröſten für Alles!“ Tr D wu wa ge die Go alt Ad the zeln unb gen nem Siebentes Kapitel. Weiterer Verlauf.— Verkehrter Ehrgeiz.— Selbſt⸗ ſüchtige Leidenſchaft.— DerVerſtand verfinſtert durch die Verkehrtheit des Herzens. Vivians Entwürfe nahmen unter ſolchen Umſtänden einen günſtigen Fortgang. Er beſaß jetzt ein Einkommen, welches ihm geſtattete, als Gentleman aufzutreten, und er⸗ freute ſich einer unabhängigen Stellung, beſcheiden zwar, aber dennoch unabhängig. Wir Alle hatten London verlaſſen. Ein einziger Brief an mich mit dem Poſtzeichen der Stadt, in deren Nähe Obriſt Vivian lebte reichte zu, meinen Glauben an ſeine Herkunft und an ſeine Rücktehr zu ſeinen Verwandten zu bekräftigen. Er ſiellte ſich ſodann Mr. Trevanion als den jungen Mann vor, deſſen Feder ich im Dienſte des Parlamentsmitglieds beſchäftigt hatte, und da er wußte, ich habe ſeines Namens nie gegen Trevanion er⸗ wähnt— denn in Anbetracht ſeines ſcheinbaren Vertrauens gegen mich würde ich mich nicht für befugt gehalten haben, dies ohne ſeine Ermächtigung zu thun— ſo nannte er ſich Gower, ein Name, welchen er auf Gerathewohl aus einem alten Wegweiſer herausgriff, weil er unter dem höhern Adel Englands ſehr gewöhnlich war und deshalb den Vor⸗ theil bot, daß er ſich nicht auf die Mitglieder einer ein⸗ zelnen Familie beſchränkte, wie dies bei den alten Namen unbegüterter Gentlemen gewöhnlich der Fall iſt. Bei ſeiner gewöhnlichen Schmiegſamkeit war es ihm gelungen, aus ſei⸗ nem Benehmen Alles zu verbannen oder abzuglätten, was 778. Trevanion mißfallen konnte, und zugleich das Intereſſe zu erregen, welches dieſer edle Staatsmann ſtets der Fähig⸗ keit zollte. Eines Tags geſtand er ſogar freimüthig in An⸗ weſenheit der Lady Ellinor— denn ſeine Erfahrung hatte ihn gelehrt, wie leicht ſich die Theilnahme eines Weibs für Alles gewinnen läßt, was die Einbildungskraft anſpricht oder außerhalb des gewöhnlichen Laufs der Dinge zu liegen ſcheint— daß er Gründe habe, vorderhand ſeine Verhältniſſe geheim zu halten; er fürchte, daß ich dieſelben argwöhne und aus mißverſtandener Sorgfalt für ſein Wohl ſeinen Verwandten Nachricht geben könnte von ſeinem Aufenthalt, weshalb er Mr. Trevanion bitte, wenn er gelegentlich an mich ſchreibe, ſeiner keine Erwähnung zu thun. Trevanion verſprach dies, obſchon nur ungerne, da ihm die freiwillige Mittheilung eine ſolche Zuſage zur Pflicht zu machen ſchien. Weil ihm aber nichts mehr zuwider war, als Geheimniſſe irgend einer Art, ſo hätte dieſe Verpflichtung leicht ver⸗ hängnißvoll werden können für jede weitere Bekanntſchaft; denn unter ſo zweideutigen 2 Auſpicien würde wohl Vivian vergeblich darauf gezählt haben, in Trevanions Haus das Vertrauen zu gewinnen, um das es ihm zu thun war, wenn nicht ein Zufall ſtattgefunden hätte, welcher ihm mit einem Male den Zutritt in einem Grade öffnete, daß man ihn faſt wie zur Familie gehörig anſah. Vivian hatte ſtets eine Haarlocke, die er ſeiner Mutter auf dem Todtenbette abgeſchnitten, wie einen Schatz bei ſich aufbewahrt und während ſeines Aufenthalts bei dem fran⸗ zöſifchen Hofmeiſter ſein erſtes Taſchengeld darauf verwendet, La no kat S eir ſie tut we ich tus h mi Ue! ge er⸗ an as nn aſt ter ſich an⸗ et, 779 ein goldenes Gehäuſe dafür zu kaufen, in welches er ſeinen und ſeiner Mutter Namen eingraben ließ. Auf allen ſeinen Wanderungen hatte er dieſes Kleinod ſtets bei ſich getragen, und ſelbſt der bitterſte Mangel, der größte Hunger konnte ihn nicht veranlaſſen, ſich davon zu trennen. Eines Mor⸗ gens war das Band, an welchem das Schlößchen hing, zer⸗ riſſen, und als er die Auſſchrift darauf betrachtete, meinte er in ſeinem unvollkommenen Rechtsgefühl, daß der Vertrag mit ſeinem Vater ihm auferlege, die Namen austilgen zu laſſen. Er brachte es in dieſer Abſicht zu einem Juwelier in Pieradilly und ertheilte die betreffende Weiſung, ohne auf eine Lady zu achten, die ſich in einem andern Theile des Ladens befand. Als⸗ Vivian ſich entfernte, lag das Schloß noch auf dem Ladentiſch, und die Dame, welche jetzt heran⸗ kam, las darauf die Namen. Der eigenthümliche Ton der Stimme, welche ſie ſchon früher gehört hatte, war ihr auf⸗ gefallen, und noch am nämlichen Tag erhielt Mr. Gower ein Billet von Lady Ellinor Trevanion mit der Aufforderung, ſie zu beſuchen. Verwundert ging er hin. Mit einer Hinden⸗ tung auf das Geſchmeide ſagte ſie lächelnd:„Es gibt nur einen Gentleman in der Welt, der ſich De Carton nennt, wenn nicht außer ihm ſein Sohn das Nämliche thut. Ah, ich ſehe jetzt, warum Ihr Euch vor meinem Freund Piſiſtra⸗ tus zu verbergen wünſcht. Doch wie kömmt dies? Lebt Ihr vielleicht in Verdruß mit Eurem Vater? Vertraut mir, oder es iſt meine Pflicht, ihm zu ſchreiben.“ Die Ueberraſchung machte ſogar Vivian jede weitere Uebung ſeiner Verſtellungskunſt unmöglich, und es blieb ihm 760, keine andere Wahl, als Lady Ellinor ſein Geheimniß anzu⸗ vertrauen und ſie zu bitten, es zu achten. Er ſprach dann mit Bitterkeit von der Abneigung ſeines Vaters gegen ihn und von ſeinem Entſchluſſe, ihm die Ungerechtigkeit ſeines Haſſes dadurch zu beweiſen, daß er ſich in der Welt eine Stellung erringe. Vorderhand halte ihn ſein Vater für todt und freue ſich vielleicht dieſes Gedankens. Er wolle ihm dieſen Glauben nicht benehmen, bis er einige knaben⸗ hafte Verirrungen wieder gut gemacht und ſeine Familie gezwungen habe, einzuſehen, daß ſie auf ihn ſtolz ſeyn dürfe. Obgleich Lady Ellinor nur ſchwer zu der Annahme zu vermögen war, Roland könne ſeinen Sohn haſſen, glaubte ſie doch gerne, daß er mit einem harten aufbrauſenden Cha⸗ rakter eine ſoldatiſche Anſicht von kindlichem Gehorſam ver⸗ binde. Die Geſchichte des jungen Mannes rührte ſie und ſein Entſchluß gefiel ihrem eigenen hohen Geiſte— denn es war ſtets ein Anflug von Romantik in ihr, und ſie ſym⸗ vathiſirte gerne mit jedem ehrgeizigen Beſtreben— ſo daß ſie auf Vivians Entwürfe mit einer Lebhaftigkeit einging, die ihn ſelbſt überraſchte. Sie war entzückt von dem Ge⸗ danken, dem Glücke des Sohnes Vorſchub zu leiſten und zu⸗ letzt ihn mit dem Vater zu verſöhnen, da ſie dadurch eine Schuld gut zu machen glaubte, deren ſie der Kapitän aus alten Zeiten anklagen konnte. Das Geheimniß wurde Trevanion mitgetheilt, da ſie vor ihm nichts verborgen haben mochte, und das Parlaments⸗ mitglied willigte ein, es gegen Jedermann ſonſt zu bewahren. we mi tus ſei Ge ſo den hat Ho yn te Ich muß jetzt ein wenig abſchweifen von dem chrono⸗ logiſchen Gang meiner Etzählung und dem Leſer mittheilen, daß Lady Ellinor durch das ernſte Weſen Rolands, als er ſie beſuchte, abgehalten wurde, ihm Vivians Geheimniß zu ent⸗ decken. Bei ihrem erſten Verſuche aber, ihn auszuholen oder verſöhnlich zu ſtimmen, hatte ſie mit einigen Lobſprüchen auf Trevanions neuen Freund und Gehülfen, Mr. Gower, be⸗ gonnen und dadurch in dem Kapitän den Argwohn erregt, dieſe Perſon könnte ſein Sohn ſeyn— ein Argwohn, welcher ſeiner Mitwirkung an Miß Trevanions Rettung ein fürchter⸗ liches Intereſſe verlieh. Der arme Soldat hatte jedoch ſeine Befürchtungen ſo heldenmäßig niedergekämpft, daß er auf dem Wege ſich ſcheute, mir Fragen vorzulegen, welche, was immer auch die Antwort war, ein kräftiges Handeln, deſſen man jetzt ſo ſehr bedurfte, hätte lähmen können. „Denn ich fühlte,“ ſagte er zu meinem Vater,„daß mir das Blut gegen die Schläfe ſtieg; und hätte ich Piſiſtra⸗ tus aufgefordert, mir den Menſchen zu beſchreiben, und in ſeiner Schilderung meinen Sohn erkannt, ſo wäre bei dem Gedanken, ich könnte zu ſpät kommen, um ihn von einem ſo tückiſchen Verbrechen abzuhalten, mein Sinn irre gewor⸗ den. Deshalb wagte ich es nicht.“ Ich nehme den Faden meiner Geſchichte wieder auf. Von der Zeit an, als Vivian ſich Lady Ellinor anvertraut hatte, war ihm der Weg zu Erfüllung ſeiner ehrgeizigſten Hoffnungen aufgeſchloſſen, und obgleich es ihm an der viel⸗ ſeitigen wiſſenſchaftlichen Bildung fehlte, die ein ſo nothwen⸗ 782 diges Erforderniß für Mr. Trevanions Sekretär war, daß dieſe Stelle einem Andern übertragen werden mußte, ſo genoß er doch faſt eben ſo viel Vertrauen, wie ich, nur mit dem Unterſchiede, daß er nicht im Hauſe wohnte. Unter Vivians Entwürfen, ſich aufzuſchwingen, ſtand der Plan, die Hand und das Herz der reichen Erbin zu ge⸗ winnen, oben an. Dieſe Hoffnung wurde vernichtet, als bald nach ſeinem Eintritt in das Haus ihres Vaters ihre Verlo⸗ bung mit dem jungen Lord Caſtleton ſtattfand. Aber er konnte Miß Trevanion nicht ungeſtraft ſehen— ach! wer mit einem noch freien Herzen wäre im Stande geweſen, unempfindlich zu bleiben gegen ſolche Reize? Er ließ die Liebe— eine Liebe, wie ſie ſein abenteuerliches, halb gebildetes, halb wil⸗ des Weſen kannte— in ſeine Seele einſchleichen und daſelbſt die Oberhand gewinnen, obſchon er auf alle Hoffnung ver⸗ zichtete und keinem Plane Raum gab, ſo lange der junge Lord lebte. Mit dem Tode ihres Verlobten wurde Fanny wieder frei. Jetzt begann er zu hoffen— aber noch keine Entwürfe zu ſchmieden. Zufällig traf er mit Peacock zuſammen. Zum Theil in Folge des Leichtſinns, welcher die in ihm wohnende falſche Gutmüthigkeit begleitete, zum Theil in der unbe⸗ ſtimmten Vorſtellung, der Mann könnte ihm nützlich werden, brachte Vivian ſeinen ehemaligen Genoſſen in Trevanions Dienſt unter. Peacock kam bald Vivians Geheimniß auf den Sprung, und geblendet durch die Vortheile, die eine Ver⸗ bindung mit Miß Trevanion ſeinem Beſchützer, und ſomit theilweiſe auch ihm ſelbſt bringen mußte, dabei hoch erfreut über eine Gelegenheit, ſein dramgtiſches Talent auf der Bühns ne il⸗ bſt 783 des wirklichen Lebens zeigen zu können, übte er bald die Lehre, die er ſeinen Schauſpielen verdankte, in Anknüpfung einer untergeordneten Intrigue zwiſchen Kammerjungfer und Diener, um dadurch den Entwürfen des Liebhabers zu die⸗ nen und ihren Erfolg zu ſichern. Wenn auch Vivian hin und wieder Gelegenheit fand, ſeine Bewunderung auszu⸗ drücken, ſo gab ihm doch Miß Trevanion keine, für ſich das Wort zu nehmen, obſchon die Sanftheit ihres Weſens und die anmuthige Freundlichkeit, welche ſie wie eine Atmoſphäre umgab und vielleicht unwillkürlich aus einer mädchenhaften, harmloſen Gefallſucht entſprang, dazu dienten, ihn zu täu⸗ ſchen. Seine eigenen perſönlichen Begabungen waren ſo ſelten und ſein unſtetes Leben hatte ſein Vertrauen auf ſie in einem Grade geſteigert, daß er glaubte, er bedürfe nur einer guten Gelegenheit, ſeine Werbung anzubringen, um auch zu gewinnen. In dieſem Zuſtande geiſtiger Trunken⸗ heit nahm ihn Trevanion, welcher ſeinem ſchottiſchen Se⸗ kretär ein Unterkommen verſchafft hatte, mit nach Lord N— 8 Landſitz. Seine Wirthin war eine von jenen im mittlern Alter ſtehenden Modedamen, welche es lieben, bei jungen Männern die Beſchützerinnen zu ſpielen und ſie vor⸗ wärts zu bringen, wobei ſie den Dank für ihre Herablaſſung als eine Huldigung vor ihrer Schönheit anſehen. Vivian's Außenſeite und das Maleriſche' in ſeinem Blick und Weſen machte Eindruck auf ſie. Von Natur aus unbeſonnen und redſelig beobachtete ſie keine Zurückhaltung gegen einen Zög⸗ ling, den ſie, wie ſie ſich in den Kopf geſetzt hatte, au fait für die Geſellſchaft machen wollte. So ſprach ſie unter an⸗ 784 dern Dingen aus der modernen Welt auch über Miß Tre⸗ vanion mit ihm und drückte ihre Meinung dahin aus, daß der gegenwärtige Lord Caſtleton ſie ſtets bewundert habe; indeß ſey er erſt nach dem Antritt ſeines Marquiſats zu dem Entſchluß gekommen, zu heirathen, und da er Lady Ellinors Ehrgeiz kenne, ſo glaube er, daß der Marquis von Caſtleton den Preis davontragen dürfte, welcher dem Sir Sedley Beaudeſert wohl verweigert worden wäre. Um ihre auf's Gerathewohl hingeworfenen Prophe⸗ zeiungen zu bekräftigen, bezog ſie ſich vielleicht mit einiger Uebertreibung auf mehrere Aeußerungen, die ſte aus Lord Caſtletons Mund gehört haben wollte, als ſie über den Gegenſtand mit ihm ſprach. Vivian gerieth hiedurch in eine große Aufregung, und die ungeregelte Leidenſchaft verdunkelte leicht einen ſeit langer Zeit verkehrten Verſtand und ein gewöhnlich ſo ſtumpfes Ge⸗ wiſſen. In jeder glühenden Liebe, mag ſie nun rein oder unlauter ſeyn, liegt ein Inſtinkt, der gewöhnlich ihre Ei⸗ ferſucht prophetiſch macht. So hatte auch von Anfang an die meinige ſich unter all' den prunkenden Müſſiggängern, welche Fanny Trevanion umgaben, vorzugsweiſe auf Sir Sedley Beaudeſert geheftet, obgleich allem Anſcheine nach kein Grund dazu vorhanden war. Dieſelbe unbeſtimmte Eiferſucht hatte ſich auch Vi⸗ vians bemächtigt und in ihm einen tiefen Widerwillen gegen ſeinen vermeintlichen Nebenbuhler hervorgerufen, durch den ſeine Eigenliebe verletzt worden war. Zwar lag es nicht in dem geſchmeidigen Weſen des 785 Marquis, ſich hochmüthig oder ungezogen zu benehmen; aber doch hatte er gegen Vivian nie jene heitere Höflichkeit gezeigt, mit welcher er mich überſchüttete, und ſich von jeder nähern Bekanntſchaft mit ihm fern gehalten, während Vi⸗ vians perſönliche Eitelkeit durch jenen Saloneffekt gekränkt wurde, den der ſprüchwörtliche Gewinner aller Herzen ohne Anſtrengung erzielte— ein Effekt, welcher den Jüngling und die größere, aber unendlich weniger einnehmende Schön⸗ heit des abenteuerlichen Nebenbuhlers in den Schatten ſtellte. So vereinigte ſich der Haß gegen Lord Caſtleton mit Vivians Leidenſchaft für Fanny, um in dieſem kühnen, ſtürmiſchen Geiſte alles Schlimme aufzuregen, was Natur und Er⸗ ziehung in ihn gelegt hatten. Peacock, ſein Vertrauter, entwarf aus ſeiner Bühnen⸗ erfahrung die Umriſſe eines Anſchlags, welchen Vivians ver⸗ ſchmitzterer Geiſt ſogleich Körper und Farbe verlieh. Der erſtere hatte Mr. Trevanions Kammermädchen bereits ſo weit gebracht, daß ſie einwilligte, auf jede Maßregel einzu⸗ gehen, welche ihr Mr. Peacock als Gattin und ein lebens⸗ längliches Einkommen als Lohn ſicherte. Zwei oder drei Briefe zwiſchen ihnen brachten die vorbereitenden Schritte in's Reine. Ein Freund des vormaligen Komödianten, auf den man ſich verlaſſen konnte, hatte ſich ein Wirthshaus an der Nordſtraße erworben, und in dieſem ſollte der Verabre⸗ dung gemäß Vivian mit Miß Trevanion zuſammentreſſen, während es Peacock mit Hülfe der Zofe auf ſich nahm, ſie dahin zu verlocken. Es waltete nur noch eine Schwierigkeit ob, die wohl den meiſten Menſchen als die größte erſchienen Bulwer, die Cartone. 50 786 wäre— vob nämlich Miß Trevanion in eine ſchottiſche Hoch⸗ zeit einwilligen werde. Aber Vivian verſprach ſich Alles von ſeiner Beredtſamkeit, Liſt und Leidenſchaft und glaubte mit einer befremdlichen Inconſequenz, die übrigens bei einem ſo verkehrten Geiſte nichts Unnatürliches hatte, wenn er ihr vie Abſicht ihrer Eltern vorſtelle, ihre Jugend dem Manne zu opfern, auf deſſen gewinnende Eigenſchaften er am mei⸗ ſten eiferfüchtig war, die Ungleichheit der Jahre hervorhebe, die Schwächen ſeines Nebenbuhlers lächerlich mache, mit dem Gemeinplatz„Schönheit, die an den Ehrgeiz verkauft wird“ uſ.w. auftrete, ſo könne er auf ihre Furcht wirken und ſie dazu drängen, daß ſie ihre Wahl zu ſeinen Gunſten treffe. Der Plan nahm ſeinen Fortgang und die Zeit kam heran. Peacock brauchte den Vorwand, einen kranken Verwandten beſuchen zu müſſen, um Trevanion verlaſſen zu können, und Vivian hatte ſich einen Tag vorher Urlaub ge⸗ ben laſſen, um, wie er ſagte, von den maleriſchen Punkten der Umgegend Einſicht zu nehmen. So gedieh der Anſchlag bis zu ſeiner Kataſtrophe. „Ich brauche nicht zu fragen,“ ſagte ich, indem ich vergeblich meine Entrüſtung zu verbergen ſuchte,„wie Miß Trevanion Euer ungeheuerliches Anſinnen aufnahm!“ Vivians blaſſe Wange erbleichte noch mehr, aber er gab keine Antwort. „Und was würdet Ihr gethan haben, wenn wir nicht gekommen wären? Oh, wagt Ihr es, in den Abgrund von Schmach zu ſchauen, dem Ihr entronnen ſeyd?“ it ch iß 787 „Ich kann und will dies nicht ertragen,“ rief Vivian, indem er aufſprang.„Ich habe mein Herz nackt und bloß vor Euch hingelegt, und es iſt unedel, unmännlich, ſo in den Wunden zu wühlen. Ihr könnt wohl moraliſiren und kalt darüber ſprechen— aber ich— ich liebte!“ „Und glaubt Ihr,“ brach ich los——„glaubt Ihr, ich hätte nicht auch geliebt— länger und beſſer geliebt, als Ihr— ſchwerere Kämpfe, trübere Tage und ſchlafloſere Nächte durchgewacht?— Und dennoch—“ Vivian fiel mir in's Wort. „Bſt!“ rief er;„iſt dies wirklich der Fall? Ich dachte mir wohl, Ihr könntet eine leichte, flüchtige Neigung für Miß Trevanion gefühlt haben, hättet ſie aber ſchnell gezügelt und unterdrückt. O nein; es war unmöglich, wahr⸗ haft zu lieben und auf alle Ausſicht zu verzichten, wie Ihr thatet, als Ihr das Haus verließet und ihre Gegenwart flohet! Nein— nein, dies war nicht Liebe!“ „Allerdings war es Liebe, und ich bete zum Himmel, er moge Euch eines Tages zur Einſicht kommen laſſen, wie wenig Eure Leidenſchaft aus jenen Gefühlen entſprang, welche der wahren Liebe den erhabenen Charakter der Ehre und die heilige Weihe der Religion verleihen! O Vetter, Vetter— was hätte mit Euren ſeltenen Gaben aus Euch werden können! Was kann noch aus Euch werden, wenn Ihr die Schule der Reue und Sühne durchgemacht habt— denn ich wage zu hoffen, daß Ihr dieſer nicht ausweichen wer⸗ det. Sprecht nicht mehr von Eurer, Liebe; ich will auch vyn der meinigen ſchweigen! Die Liebe iſt aus unſerem bei⸗ 50* 788 derſeitigen Leben gewichen. Kehrt zurück zu Euren früheren Gedanken, zu Eurem ſchwereren Unrecht, zu Eurem Vater, zu dem edlen Herzen, das Ihr ſo übermüthig zerriſſen, zu der duldenden Liebe, die Ihr ſo wenig verſtanden habt!“ Dann fuhr ich mit aller Wärme der Erregung fort— zeigte ihm den wahren Charakter der Ehre und ſeines Vaters (denn beide Namen waren gleichbedeutend)— ſiellte ihm die ſchlafloſen Stunden, vie Hoffnungen und den männlichen Kampf mit dem Schmerze vor, deren Zeuge ich geweſen, und weinte— ich, der ich nicht ſein Sohn war; zeigte ihm die Armuth und Entbehrung, welcher ſich der Vater bis auf den letzten Augenblick unterworfen, damit der Sohn ja keinen Entſchuldigungsgrund haben möge für die Sünden, zu wel⸗ chen der Mangel den Schwachen verleitet. Dies und noch viel mehr drängte ich ihm, wie ich glaube, mit dem zaufn Pathos auf, das aus einem redlichen Eifer guillt— Satz um Satz— mich an keine Unterbrechung kehrend und allen Widerſpruch überwältigend. So trieb ich die Wahrheit, gleichſam um Na⸗ gel, in das verhärtete Herz ein, bis ich es in dem Ringkampf bezwungen hatte. Ja, endlich gab der finſtere, bittere, cyniſche Charakter nach; der junge Mann ſank ſchluchzend zu meinen Füßen nieder und ſprach:„Schont mich, ſchont mich— ich ſehe jetzt Alles! O welch' ein Elender bin ich geweſen!“ ers hm hen und die den nen vel⸗ woch tzen Satz llen Na⸗ mpf iſche inen ich 789 Achtes Kapitel. Als ich Vivian verließ, nahm ich mir nicht heraus, ihm Rolands unmittelbare Verzeihung zu verſprechen, und drang ebenſowenig in ihn, daß er ſeinen Vater beſuchen ſollte, denn ich fühlte, daß weder für Verzeihung, noch für die Begegnung die Zeit gekommen war. Zufrieden mit dem bereits errungenen Siege, hielt ich es für gut, daß Nach⸗ denken, Einſamkeit und Leiden die ihm ertheilte Lehre tiefer einſchärften und den Weg zu einemfeſten Beſſerungseniſchluſſe anbahnten. Ich ließ ihn an dem Bache zurück mit dem Ver⸗ ſprechen, nach dem Wirthshäuschen, wo er ſeine Wohnung aufgeſchlagen hatte, Bericht zu ſenden, wie es mit Rolands Krankheit gehe. Bei meiner Rückkehr nach dem Gaſthof bemerkte ich mit Unruhe, daß ich meinen Onkel ſehr lange allein gelaſſen hatte. Als ich jedoch auf ſeinem Zimmer anlangte, fand ich ihn zu meiner Ueberraſchung auf und angekleidet; ja es zeigte ſich ſogar bei aller Erſchöpfung in ſeinem Geſichte ein Ausdruck von Heiterkeit. Er ſtellte keine Fragen an mich, wo ich ge⸗ weſen ſey— vielleicht aus Theilnahme an meinen Gefüh⸗ len über die Trennung von Miß Trevanion, vielleicht auch, weil er muthmaßte, daß dieſe Gefühle meine Zeit nicht ganz in Anſpruch genommen hätten. „Ich glaube,“ ſagte er einfach,„von Dir gehört zu haben, daß Du nach Auſtin ſchickteſt— iſt es ſo?“ „Ja, Onkel; aber ich bezeichnete***** als den Ort, wo er mit uns zuſanimentreffen ſoll, da dieſer dem Thurme am nächſten liegt.“ So wollen wir unverweilt dahin aufbrechen. Der Wechſel wird mir gut thun. Denn hier iſt bereits die Neu⸗ gierde, die Muthmaßung geweckt— o, welche Folter!“ ſagte er, indem er ſeine Hände dicht verklammerte.„Sorge dafür, daß die Pferde ſogleich eingeſpannt werden.“ Ich verließ demgemäß das Zimmer und eilte, während vie Pferde beſorgt wurden, nach dem Platze, wo Vivian zu⸗ rückgeblieben war. Ich fand ihn noch in derſelben Haltung, das Geſicht mit den Händen bedeckt, als ob er den Anblick des Tages ausſchließen wolle. Nachdem ich ihm haſtig mitgetheilt hatte, daß es mit Roland beſſer gehe und wir unverweilt abzureiſen gedächten, bat ich ihn um eine Adreſſe in London, damit ich ihn auffinden könne. Er verwies mich nach derſelben Wohnung, in welcher ich ihn ſo oft beſucht hatte.„Wenn dort kein Platz mehr für mich iſt,“ ſagte er, „ſo könnt Ihr wenigſtens daſelbſt erfahren, wo ich aufzu⸗ finden bin. O, wie gerne wäre ich wieder da, wo ich war, ehe—“ Er beendigte den Satz nicht. Ich drückte ihm die Hand und verließ ihn. Nenntes Kapitel. Einige Tage ſind entſchwunden. Wir befinden uns in London, und mein Vater iſt bei uns. Roland hat Auſtin geſtattet, mir ſeine Geſchichte zu erzählen, und durch Auſtin uns iſtin iſtin 791 Alles erfahren, was mir Vivian mittheilte, war es nun zu Milderung der Vergangenheit, oder Hoffnung erweckend für die Zukunft. Auſtin hat einen unausſprechlich beruhi⸗ genden Einfluß geübt auf ſeinen Bruder. Rolands gewöhn⸗ liches rauhes Weſen iſt entſchwunden— ſein Blick iſt ſanft und ſeine Stimme gedämpft. Aber er ſpricht wenig und lächelt nie. An mich ſtellt er keine Fragen, nennt auch ſeinen Sohn nie vor mir und ſpricht ebenſo wenig von der Reiſe nach Auſtralien; er fragt nicht, warum ſie verſchoben wurde, intereſſirt ſich nicht wie früher für die Vorbereitungen dazu und hat überhaupt für nichts einen Muth. Die Abreiſe iſt wirklich bis zum Ausſegeln des nächſten Schiffes verſchoben worden. Mit Vivian bin ich ſeitdem zwei oder dreimal zuſammengekommen; das Ergebniß der Begegnungen aber hat meinen Hoffnungen nicht entſprochen und ſehr niederdrückend auf mich gewirkt. Es ſcheint mir, daß von dem Eindruck, den ich früher auf ihn hervorbrachte, be⸗ reits wieder viel verwiſcht iſt. Schon der Anblick des großen Babels— die Kundgebungen von Gemächlichkeit, Ver⸗ ſchwendung, Reichthum, Pracht, rührigem Leben, Armuth⸗ Hunger und Lumpen, welche ſich unausbleiblich bei den Un⸗ gleichheiten der alten Geſellſchaft in dieſem Brennpunkte der Civiliſation ſammeln— ſchienen den kampfluſtigen Sinn, den verkehrten Ehrgeiz, die Feindſeligkeit gegen die Welt, den Groll, die Verachtung, den Krieg gegen die Mitmenſchen und das rebelliſche Murren wider den Himmel aufs Neue zu wecken. Nur eine verſöhnende Eigenſchaft war noch an ihm zu bemerken— die Reue über das Unrecht 4 792 gegen ſeinen Vater; in dieſem Punkte war ſein Herz noch weich, und in Folge davon entwickelte ſich ein Zug von Ehr⸗ gefühl, wie ich dies nie an Vivian wahrgenommen hatte. Er vernichtete den Vertrag, welcher ihm auf Koſten der Ge⸗ mächlichkeit ſeines Vaters ein leidliches Auskommen geſichert hatte.„Wenigſtens hierin,“ ſagte er,„will ich ihm nicht mehr Unrecht thun.“ Während übrigens in dieſer Beziehung ſeine Reue ächt zu ſeyn ſchien, ließ ſich nicht das Nämliche in Betreff ſeines Benehmens gegen Miß Trevanion ſagen. Seine Zigenner⸗ natur, die frühere verderbte Geſeliſchaft, die ſchlechten fran⸗ zöſiſchen Romane und die theaterartige Anſchauung von Liebes⸗ Intriguen und Bühnen⸗Komplotten— alles dies ſchien ſich zwiſchen ſeinen Verſtand und die Erkenntniß des verräthe⸗ riſchen Trugs zu legen, deſſen er ſich ſchuldig gemacht hatte⸗ Er fühlte mehr Scham über die Entdeckung, als über das Vergehen, mehr Verzweiflung über das Fehlſchlagen eines Unternehmens, als Dankbarkeit für das Bewahrtbleiben vor einem Verbrechen. Mit einem Worte, die Natur eines ganzen Lebens ließ ſich nicht ſo plötzlich ummodeln— we⸗ nigſtens nicht durch einen ſo ungeſchickten Künſtler, wie ich war. Nach einer dieſer Zuſammenkünfte ſchlich ich mich in das Zimmer, in welchem Auſtin mit Roland ſaß, erſah eine günſtige Gelegenheit, als Roland, ſeine Träumereien ab⸗ ſchüttelnd, mit einem Geſichte voll eherner Entſchloſſenheit nach ſeiner Bibel griff und winkte meinem Vater hinaus. Piſiſtratus.— Ich bin wieder bei meinem Vetter — — 793 geweſen, kann aber nicht mit ihm vorwärts kommen, wie ich wünſche. Mein lieber Vater, Ihr müßt mit ihm ſprechen. Mr. Caxton.— Ich?— Ei, freilich, wenn ich dabei nützlich ſeyn kann. Aber wird er auf mich hören? Piſiſtratus.— Ich denke wohl. Ein junger Mann nimmt von einem älteren oft das mit Achtung auf, was ihm von einem Altersgenoſſen als Anmaßung erſcheint. Mr. Carton.— Du haſt vielleicht Recht.(Gedanken⸗ voller fortfahrend.)— Aber Du ſchilderſt mir den Geiſt dieſes ſeltſamen jungen Menſchen als ein Wrack; in welchem Theil des morſchen Gebälks kann ich den Enterhaken befeſtigen? Es ſcheint, daß die meiſten Stützen, auf die wir uns am ſicherſten verlaſſen können, wenn wir Jemand anders retten wollen, hier fehlen— Religion, Ehre, die Erinnerungen der Jugend, die Bande der Heimath, kindlicher Gehorſam— ja ſogar die Erkenntniß des eigenen Beſten im philoſophiſchen Sinne des Worts. Und dazu ich— ein bloßer Büchermann! Mein lieber Sohn, ich habe wenig Hoffnung! Piſiſtratus.— Verzweifelt nur nicht gleich von vorne herein. Nein, es muß Euch gelingen; denn wenn dies nicht der Fall wäre, was würde aus Onkel Roland werden? Seht Ihr nicht, wie er unter ſeinem gebrochenen Herzen mehr und mehr dahinwelkt? Mr. Carton.— Hol mir meinen Hut; ich will ge⸗ hen. Dieſer Ismael ſoll gerettet werden— ich will nicht von ihm ablaſſen, bis er gerettet iſt! Piſiſtratus.—(Einige Minuten ſpäter, während ſie auf Vivians Wohnung zugehen.)— Ihr habt mich gefragt, von welcher Stütze Ihr Gebrauch machen könnt. Es iſt eine gute und kräftige vorhanden, Vater. Mr. Carton.— Und die wäre? Piſiſtratus.— Die Liebe! Sein wildes Herz iſt einer kräftigen Liebe fähig. Er zeigte dies gegen ſeine Mut⸗ ter; Thränen ſtürzten ihm in die Augen bei ihrem Namen⸗ und er wäre lieber Hunger geſtorben, als daß er ſich des Denkzeichens an jene Liebe entäußert hätte. Der Glaube an ſeines Vaters Gleichgültigkeit oder Abneigung war es, was ihn verhärtete und verthierte, und erſt, als er hörte, wie dieſer Vater ihn liebte, gelang es mir, ſeinen Stolz zu ſchmelzen und ſeine Leidenſchaften zu zügeln. Ihr habt für Euer Wirken die Liebe zur Grundlage. Verzweifelt Ihr noch? Mein Vater ſandte mir einen Blick zu, ſo ausdrucksvoll in ſeinem milden Wohlwollen, und erwiederte in ſanftem Tone: „Nein!“ Wir erreichten das Haus, und als wir an die Thüre klopften, ſagte mein Vater zu mir: „Wenn er zu Hauſe iſt, ſo gehſt Du wieder zurück. Du haſt mir hier ein ſchweres Studium auferlegt, und ich muß allein daran arbeiten.“ Vivian war zu Hauſe, und die Thüre ſchloß ſich hin⸗ ter ſeinem Beſuch. Mein Vater blieb mehrere Stunden. Zu Hauſe angelangt, traf ich Mr. Trevanion bei mei⸗ nem Onkel. Er hatte uns aufgefunden, was ihm ſicherlich nicht leicht wurde; aber ein guter Antrieb war bei ihm nicht ſt ür in⸗ ei⸗ ich 795 von jener ſchwächlichen Art, welche beim Anblick einer Schwie⸗ rigkeit ſchon wieder umkehrt. Er war ausdrücklich in der Abſicht nach London zurückgekommen, um uns zu beſuchen und uns zu danken. Ich hätte nicht ſo viel Zartgefühl— ſo viel„ſchönes Wohlwollen“, wie ich es nennen möchte, bei einem Manne erwartet, der in dem Drange des Geſchäftslebens etwas derb und abſtoßend geworden war. Kaum erkannte ich den un⸗ geduldigen Trevanion wieder in der zarten, beſchwichtigenden Achtung, welche eher das Dankgefühl andeutete, als aus⸗ ſprach, und dem unglücklichen Vater bemerklich zu machen ſuchte, wie ſehr er ſich ihm als verpflichtet erachtete, ohne daß er dabei die vom Sohne erlittene Kränkung berührte. Aber von dieſer Zartheit, welche zeigte, wie hoch in Tre⸗ vanion der Gentleman über jener gemeinen Denkweiſe ſtand, die man gewöhnlich bei. den eigentlichen Geſchäftsmännern findet— von dieſer ſo edeln und rührenden Zartheit ſchien Roland kaum etwas zu merken. Er ſaß vor der Aſche des vernachläſſigten Feuers, mit den Händen die Armlehnen ſeines Seſſels umfaſſend und den Kopf auf die Bruſt geſenkt, während nur eine tiefe hektiſche Glut auf ſeiner Wange an⸗ deutete, daß er wohl einen Unterſchied zu machen wußte zwiſchen einem gewöhnlichen Beſuch und dem Manne, deſſen Kind er hatte retten helfen. Der Staatsminiſter— das Mitglied der Auserleſenen, die über Stellen, Peeragen, Befehlshaberſtäbe und Ordens⸗ bänder zu gebieten hatten— beſaß nichts, womit er den niedergeſchmetterten Geiſt des penſionirten Soldaten hätte 796 heilen können. Dieſer Armuth, dieſem Schmerz und dieſem Stolze gegenüber war der königliche Rath rathlos. Erſt als Trevanion ſich zum Gehen erhob, ſchien eine Art Aner⸗ kennung der wohlwollenden Abſicht, in welcher ihm dieſer Beſuch gemacht wurde, den alten Mann aus ſeinen Träumen zu wecken und oberflächlich das Eis zu brechen; denn er folgte Trevanion nach der Thüre, ergriff dort deſſen beide Hände, drückte ſie, wandte ſich ab und kehrte wieder nach ſeinem Sitze zurück. Trevanion winkte mir, und ich folgte ihm die Treppe hinunter nach einem unbewohnten Stübchen. Nach einigen Bemerkungen über Roland voll tiefen, theilnehmenden Gefühls und einer kurzen Aeußerung, daß der verbrecheriſche Verſuch des Sohnes nie vor der Welt bekannt werden ſolle, wandte ſich Trevanion mit einer Wärme und Dringlichkeit an mich, die überraſchend auf mich wirkte.„Nach dem, was vorgegangen iſt,“ rief er, „kann ich nicht zugeben, daß Ihr England verlaßt. Legt mir nicht, wie Euer Onkel, das Gefühl auf, es gebe nichts, womit ich Euch vergelten könnte— doch nein, ich muß meine Worte anders ſtellen— bleibt und dient in der Hei⸗ math Eurem Vaterlande; dies iſt meine Bitte und die mei⸗ ner Gattin. Bei alle dem, was mir zur Verfügung ſteht, müßte es ſchwer halten, wenn ich nicht Etwas auffände, was für Euch paßte.“ Und ohne mich zum Wort kommen zu laſſen, erging ſich Trevanion in ſo ſchmeichelhaften Aeuße⸗ rungen über meine Anſprüche auf eine ehrenvolle Stelle, die mir ſowohl um meiner Geburt als um meiner Fähigkeiten willen gebühre, und entwickelte vor mir ein ſo verlockendes —— 797 Bild des öffentlichen Lebens mit ſeinen Belohnungen und Auszeichnungen, daß für den Augenblick wenigſtens mein Herz lauter pochte und mein Athem ſchneller ging. Aber ſelbſt damals fühlte ich— war es etwa unvernünftiger Stolz?— es liege etwas Wehthuendes und Demüthigendes in der Vorſtellung, all' mein künftiges Glück der Abhängig⸗ keit von dem Vater des Mädchens zu verdanken, das ich liebte, ohne nach ſeiner Hand trachten zu dürfen;— ja, es kam mir ſogar als eine perſönliche Herabwürdigung vor, wenn ich mir vergegenwärtigte, daß ich in ſolcher Weiſe für einen Dienſt bezahlt und für einen Verluſt entſchädigt werden ſollte. Dies waren jedoch keine Gründe, die ich vorbringen konnte, und ſo gelang es in der That Trevanions Edelmuth und Beredtſamkeit, mich für den Moment in einem Grade zu überwältigen, daß ich nur meinen Dank hervor⸗ ſtottern und die Zuſage geben konnte, ich wolle mir ſeinen Vorſchlag überlegen und ihm dann Nachricht geben von mei⸗ nem Entſchluſſe. Mit dieſem Verſprechen mußte er ſich begnügen, worauf er mich auwies, meine Mittheilungen nach ſeinem Lieblings⸗ landſitz gelangen zu laſſen, da er noch am nämlichen Tage dahin abreiſe. Dann entfernte er ſich. Ich ſah mich in dem ärmlichen Stübchen der gemeinen Miethwohnung um, und Trevanions Worte blitzten wieder wie ein goldenes Licht vor mir auf. Dann ſchlich ich mich ins Freie und wandelte ver⸗ ſtört und aufgeregt durch die mit Menſchen überfüllten Straßen. 798 Zehntes Kapitel. Es entſchwanden mehrere Tage, und mein Vater brachte an jedem derſelben einen beträchtlichen Theil ſeiner Zeit in Vivians Wohnung zu. Indeß benahm er ſich ſehr zurück⸗ haltend in Betreff des erzielten Erfolgs und bat mich, ihn nicht zu fragen, wie auch vorläufig die Beſuche bei meinem Vetter einzuſtellen. Der Kapitän errieth die Beſchäftigung meines Vaters, oder wußte darum, denn ich bemerkte, daß ſein Auge leuch⸗ tete und ſeine Wange zu einer hektiſchen Glut ſich röthete, ſo oft Auſtin lautlos ſich entfernte. Eines Morgens kam mein Vater, den Reiſeſack in der Hand, zu mir und ſagte: „Ich werde eine Woche oder zwei abweſend ſeyn. Leiſte Roland Geſellſchaft, bis ich zurückkehre.“ „Geht Ihr mit ihm?“ „Ja.“ „Dies iſt ein gutes Zeichen.“ „Ich hoffe es. Weiter kann ich vorderhand nicht ſagen.“ Die Woche war noch nicht ganz abgelaufen, als ich von meinem Vater den Brief erhielt, welchen ich in Nachſtehen⸗ dem Dir, lieber Leſer, vorlegen will. Du magſt Dir ſelbſt daraus ein Urtheil bilden, wie ernſt ſeine Seele die freiwillig übernommene Aufgabe betrachtet haben muß, wenn du be⸗ merkſt, wie wenig beziehungsweiſe das Schreiben von den Spitzfindigkeiten und Pedanterien enthält(möge man mir dieſen Ausdruck verzeihen, da er kaum gerecht iſt), welche —— 799 mein Vater als Gelehrter in der Regel ſelbſt mitten in ſeiner Aufregung nicht wohl laſſen konnte. Er ſchien hier ſeine Bücher ganz aufgegeben und den Augen ſeines Zög⸗ lings nur das menſchliche Herz vorgeführt zu haben, indem er dazu ſagte:„Lies und verlerne!“ An Piſiſtratus Carton. „Mein lieber Sohn, Es wäre nutzlos, von den früheren Schwierigkeiten zu ſprechen, auf die ich bei meinem Pflegbefohlenen traf, oder alle die Mittel anzuführen, die ich in Folge Deiner ganz richtigen Andeutung aufbot, um lange ſchlummernde, vet⸗ wirrte Gefühle zu wecken und andere, die nur zu frühzeitig mit furchtbarer Beſtimmtheit thätig geworden waren, zum Schweigen zu bringen. Das Schlimme liegt einfach darin, daß ich mit einem Menſchen zu thun habe, der in allem Bö⸗ ſen von Grund aus erfahren, aber im Guten ſo unwiſſend iſt, wie ein Kind. Welcher wunderbare Scharfſinn in blos weltlichen Dingen— welche grobe, thörichte Stumpfheit in den einfachſten Grundſätzen von Recht und Unrecht! Das einemal mühe ich allen meinen armen Witz ab, um in einem Kampf über die knotigſten Verhältniſſe des geſell⸗ ſchaftlichen Lebens mich durchzuringen, das anderemal führe ich widerſtrebende Finger durch das ABCBuch der augen⸗ fälligſten Sittenlehre. Dort Hieroglyphen und hier Schür⸗ haken! Aber ſo lang in einem Menſchen ein Angelpunkt der Liebe ſich befindet, iſt doch Natur vorhanden, auf der man fortbauen kann! Weg alſo mit dem Geſtrüpp, das über ihr 80⁰ aufſchießt— Bahn gebrochen bis zu dieſer Natur und von vorne angefangen— dies iſt die einzige Ausſicht. Nun, ich habe mir allmälig Bahn gebrochen, indem ich geduldig zuwartete, bis das Herz, der Erleichterung ſich freuend, all ſeinen gefährlichen Stoff ausſchüttete. Kein Mäkeln— ja, nicht einmal Gegenvorſtellungen; denn ich gab mir faſt den Anſchein, als ſympathiſtre ich mit ihm, bis ich ihn ſokratiſch ſo weit gebracht hatte, daß er ſeinen Irr⸗ thum ſelbſt erfannte. Sobald ich bemerkte, daß er mich nicht länger fürchtete und meine Geſellſchaft ihm Troſt bringend wurde, machte ich ihm den Vorſchlag zu einem Ausflug, ohne ihm übrigens zu ſagen⸗ wohin wir gehen wollten. Ich vermied ſo viel wie möglich die große Nordſtraße, da ich, wie Du Dir denken kannſt, nicht wünſchte, die Zünd⸗ röhre an eine Mine von Erinnerungen zu legen, die uns bis zum Sirius hätte hinaufblaſen können⸗ Wo dieſer Weg nicht gerade umgangen werden konnte, reisten wir bei Nacht, und ſo brachte ich ihn bis in die Nähe des alten Thurms, ohne ihm jedoch den Zutritt unter deſſen Dach zu geſtatten. Du kennſt das eine Stunde davon entlegene Wirthshaus an dem Forellenbach— dort wählten wir unſern Aufenthalt. Ich habe ihn nach dem Dorfe genommen, wobei ich ihn ſein Incognito beibehalten ließ, trat mit ihm in die Bauern⸗ häuſer und lenkte das Geſpräch auf Roland. Du kennſt die Verehrung, mit welcher man Deinen Onkel allenthalben betrachtet, und weißſt, welche Anekdoten über ſeine kühne warmherzige Jugend, über ſein wohlwollendes, mildthätiges on em ich ein ich bis rr⸗ ich roſt em hen ße, nd⸗ uns Leg cht, „s, ten. an ihn ern⸗ die lben ihne iges 80¹ Alter den geſchwätzigen Lippen der Dankbarkeit entquellen. Ich ließ ihn mit eigenen Angen ſehen und mit eigenen Oh⸗ ren hören, wie alle, die Roland kannten, ihn liebten und ehrten — nur ſein Sohn nicht. Dann führte ich ihn um die Rui⸗ nen, ließ ihn aber das Haus nicht betreten, denn dieſe Trümmer ſind der Schlüſſel zu Rolands Charakter; man braucht ihrer nur anſichtig zu werden, um das Pathos in ſeiner armen Schwäche, dem Familienſtolz, zu erkennen. Hier lernt man, wie ſehr ſie ſich unterſcheidet von dem an⸗ maßenden Prunken der Glücklichen, und fühlt, daß ſie nicht viel mehr iſt, als eine fromme Ehrfurcht gegen die Todten —„der liebevolle Cult des Grabes.“ Wir ſetzten uns auf einen Haufen verwitternder Steine nieder, und hier ſagte ich ihm, was Roland in ſeiner Jugend geweſen war und welches Bild er ſich in ſeinem Sohne geträumt hatte. Ich zeigte ihm die Gräber ſeiner Vorfahren und ſetzte ihm aus⸗ einander, warum ſein Vater ſie als ſein Heiligthum betrach⸗ tete. Es war ſchon viel gewonnen, als ſich die Sehnſucht in ihm regte, die Heimath zu betreten, welche die ſeinige hätte ſeyn ſollen, und es gelang mir, ihn zu bewegen, daß er aus eigenem Antrieb inne hielt und ſagte: Nein, ich muß zuvor ihrer würdig werden! Du würdeſt gelächelt haben, boshafter Spötter, wenn Du gehört hätteſt, wie ich dieſem ſchlauen, ſtarkgeiſtigen Jüngling Alles ans Herz legte, was wir einfältigen Leute unter dem Namen der Heimath ver⸗ ſtehen— ihr trauliches Verhältniß, frei von allem Trug, die einfache Heiligkeit ihrer Bande und das unausſprechliche Gluck, das ſie bereitet, indem ſie für die Welt das wird, was Bulwer, die Cartone, 5¹ 802 für den menſchlichen Geiſt das Gewiſſen iſt. Dann brachte ich die Sprache auf ſeine Schweſter, die er bisher nie ge⸗ kannt hatte und um die er ſich kaum zu kümmern ſchien; ſie ſollte den Vater unterſtützen und der Heimath einen neuen Werth verleihen. Ihr wißt, ſagte ich zu ihm, wenn Roland ſterben ſollte, ſo wäre es die Pflicht des Bruders. an ſeine Stelle zu treten, ihre Unſchuld zu ſchirmen und ihren Namen zu beſchützen! Ein guter Name iſt alſo doch etwas werth, und Euer Vater hat ſo unrecht nicht, wenn er ihn hochſchätzt. Wahrſcheinlich wäre es Euch auch lieb, wenn der Eurige in einer ſolchen Anerkennung ſtünde, daß Eure Schweſter darauf ſtolz ſeyn könnte!' Während wir noch ſprachen, kam plötzlich Blanche heran und eilte in meine Arme. Sie betrachtete ihn als einen Fremden; aber ich ſah, daß ſeine Kniee bebten. Sie wollte ſodann auch ihm die Hand reichen; aber ich zog ſie zurück. War dies eine Grauſamkeit von mir? Er meinte es zwar; aber nachdem ich ſie entlaſſen hatte, entgegnete ich auf ſeinen Vorwurf: Eure Schweſter iſt ein Theil der Heimath. Haltet Ihr Euch derſelben für würdig, ſo geht hin, und nehmt beide in Anſpruch; ich habe nichts dagegen.— Sie hat meiner Mutter Augen, ſagte er und ging hinweg. Ich überließ ihn unter den Ruinen ſeinen Gedanken und begab mich zu Deiner armen Mutter, um ſie wegen Rolands zu beruhigen und ihr begreiflich zu machen, warum ich noch nicht zurückkehren konnte. Dieſes kurze Zuſammentreffen mit ſeiner Schweſter hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Doch ich komme S hte ge⸗ en; nen enn und och enn ieb, daß ran nen Ute ück. ar; auf th. und Sie Ich gab zu och ſter me — 80³ nunezu dem, was mir im Ganzen die Hauptſchwierigkeit zu ſeyn ſcheint. Er iſt voll Begier, ſeinen Namen zu Ehren zu bringen und die Heimath wieder zu gewinnen. So weit wäre Alles gut. Aber der Ehrgeiz erſcheint ihm noch immer nur im harten, weltlichen Geſichtspunkt. Er meint, er habe nichts zu thun, als Geld und Macht ſich zu verſchaffen und in der großen Lotterie einige hohle Treffer zu gewinnen, zu denen wir oft leichter durch unſere Sünden, als durch unſere Tugenden gelangen.(Hier folgt eine lange Stelle aus dem Seneca, die ich als überflüſſig auslaſſe.) Er verſteht mich noch immer nicht, oder wäre es auch der Fall, ſo ſieht er in mir blos den Bücherwurm, wenn ich ihm an⸗ deute, er könne arm, unbekannt und ganz auf dem Boden der Kugel des Glücks, dabei aber doch ein Mann ſeyn, auf den wir ſtolz wären. Seiner Meinung nach braucht er ſeinen Namen nur mit einem Firniß zu überkleiden, um ihn wie⸗ der gut zu machen. Glanbe nicht, daß blos der zärtliche Vater aus mir ſpricht, wenn ich meine Hoffnung aus⸗ drücke, Du werdeſt mir hier von Vortheil ſeyn. Da wir bald wieder nach London zurückkehren, ſo gedenke ich morgen Dich und Deinen Ehrgeiz zur Sprache zu bringen; Du ſollſt von dem Ergebniß in Kenntniß geſetzt werden. In dieſem Augenblick— es iſt Mitternacht vorbei— höre ich ſeinen Tritt in dem Zimmer über mir. Das Fenſter oben geht auf— ſchon zum drittenmal. Wollte Gott, er könnte die wahre Aſtrologie aus den Sternen leſen! Da ſind ſic — funkelnd, licht und wohlwollend. Und ich ſuche dieſen unſteten Kometen in der Harmonie des Himmels feſtzuhal⸗ 51* 804 ten! Eine beſſere Aufgabe, als die der Aſtrologen und der Aſtronomen obendrein! Wer unter ihnen iſt im Stande, dem Orion ſein Wehrgehäng abzulöſen?— aber wem von uns wäre es nicht von Gott geſtattet, ſeinen Einfluß zu üben auf das Handeln und den Kreislauf der menſchlichen Seele? Dein Dich liebender Vater A. C.“ Zwei Tage nach Empfang dieſes Briefes langte der nachſtehende an, und obgleich ich gerne jene Stellen unter⸗ vrücken möchte, die ich der parteiiſchen Vorliebe eines Vaters zuſchreiben muß, ſtehen ſie doch in ſo nothwendigem Zuſam⸗ menhang mit Vivian, daß mir keine andere Wahl bleibt, als die zärtlichen Schmeicheleien der wohlwollenden Nach⸗ ſicht des Leſers zu empfehlen. „Mein lieber Sohn, „Ich bin nicht zu ſanguiniſch geweſen in Beireff der Wirkung, welche Deine einfache Geſchichte auf Deinen Vet⸗ ter hervorbringen würde. Ohne einen Gegenſatz zu ſeinem eigenen Benehmen hervorzuheben, ſchilderte ich ihm die Scene, in welcher Du bei unſerer Theilnahme Zuflucht ſuchteſt und in dem Kampf zwiſchen Liebe und Pflicht uns um Rath und Beiſtand angingeſt— wie Roland Dir den derben Rath gab⸗ Trevanion Alles zu ſagen, und wie Du in Mitte eines Schmerzes, den ein jugendliches Herz kaum ertragen zu können vermeint, ſchnell den wahren Sachverhalt auffaßteſt und durch Deine Offenheit Dich glücklich vor dem Schiff⸗ bruch bewahrteſt. Ich ſprach von Deinem ſtummen, männ⸗ 80⁵ lichen Ringen— von Deinem Entſchluß, einer ſelbſtſüchtigen Leidenſchaft nicht zu geſtatten, daß ſie Dich unfähig mache für die Aufgabe jener geiſtigen Prüfungszeit, welche wir Leben nennen. Ich zeigte ihm Dein Bild, wie Du warſt, ſtets ſorglich für uns und theilnehmend an unſerem Wohle — uns zulächelnd, damit wir nicht merken ſollten, wie Du im Geheim geweint hatteſt! Oh, mein Sohn— mein Sohn! glaube ja nicht, daß ich in jenen Zeiten nicht für Dich fühlte und für Dich betete! Und während ich ſelbſt weich wurde in meiner Aufregung, ging ich von Deiner Liebe zu Deinem Ehrgeiz über. Ich machte ihn aufmerkſam dar⸗ auf, daß auch Dir die Raſtloſigkeit nicht fremd geblieben ſey, welche ein Eigenthum junger, glühender Naturen iſt— daß auch Du von Glück träumteſt und nach Erfolg rangeſt. Aber ich zeigte ihm dieſen Ehrgeiz in ſeinen wahren Farben— nicht als das Verlangen eines ſelbſtſüchtigen Geiſtes, um einige Stufen gehoben zu ſeyn auf der geſellſchaftlichen Lei⸗ ter blos wegen des Vergnügens, auf die unten herunterſehen zu können, ſondern als die wärmere Sehnſucht eines edlen Herzens. Dein Ehrgeiz trachtete danach, die Verluſte Deines Vaters wieder gut zu machen— ſogar ſeiner Schwäche und ſeinem eiteln Verlangen nach Ruhm zu dienen— Deinem Onkel zu erſetzen, was er in ſeinem natürlichen Erben ver⸗ loren hatte— den Erfolg zu ſuchen in einer nützlichen Thä⸗ tigkeit, den Ertrag derſelben Deiner Familie zuzuwenden und nach keinem andern Lohne zu trachten, als nach dem ſtolzen, dankbaren Lächeln derer, die Du liebteſt. Dies war Dein Ehrgeiz, v mein liebevoller Anachronismus, und als 806 ich die Skizze ſchloß, ſagte ich zu ihm: Verzeiht mir. Ihr könnt freilich nicht wiſſen, welches Entzücken ein Vater fühlt, wenn er von einem Sohne ſo ſprechen und denken darf, wäh⸗ rend er ihn fortſchickt, hinaus in die weite Welt! Doch Ihr ſeht, dies iſt nicht Eure Art von Ehrgeiz. Laſſen wir alſo dies und ſprechen wir lieber vom Gelderringen und vom Fahren mit Vieren durch dieſe ſchuftige Welt.— Dein Vet⸗ ter verſank in ein tiefes Träumen, und als er wieder daraus erwachte, war es wie das Erwachen der Erde nach einer Nacht im Frühling; die kahlen Bäume hatten Knoſpen hervorge⸗ trieben! Und einige Zeit nachher überraſchte er mich mit der Bitte, ich möchte ihm, wofern ſein Vater einwillige, geſtat⸗ ten, Dich nach Auſtralien zu begleiten. Die einzige Antwort, die ich ihm bis jetzt gegeben habe, iſt in der Form einer Frage geſtellt worden. Fragt Euch ſelbſt, ob ich darf. Ich kann nicht wünſchen, daß Piſiſtratus anders werde, als er iſt, und wenn Ihr nicht harmonirt mit allen ſeinen Grundſätzen und Beſtrebungen, kann ich ihn ber Gefahr ausſetzen, daß Ihr ihm Eure Weltkenntniß mittheilt und ihm Euren Ehrgeiz ein⸗ ſtößt?“ Er fühlte ſich betroffen und war ehrlich genng, keine Antwort zu verſuchen. Nun iſt aber das Bedenken, das ich gegen ihn aus⸗ vrückte, gerade das, was mir am meiſten am Herzen liegt, mein Sohn. In der That, nur durch die einfachſten Wahr⸗ heiten, nicht aber durch kunſtgerechte Argumentationen kann ich etwas ausrichten gegen dieſen ungelehrigen Schthen, der —— zu oberſt kehrten! Wohlan, die Welt iſt weit— verſuch es 807 friſch von den Steppen herkömmt, um mich in dem Porticus zu verwirren. Andererſeits— was ſoll in der alten Welt aus ihm werden? Bei ſeinem Alter und ſeinem raſtloſen Charakter wäre es unmöglich, ihn mit uns in den Cumberlander Rui⸗ nen einzuſperren; denn Langeweile und Ueberdruß wurden bald Alles wieder vernichten, was wir an ihm gutmachen können. Bücher bieten ihm kein Abhülfsmittel und werden es, fürchte ich, nie thun. Ihn hinauszuſchicken in eine der überfüllten Berufs⸗Klaſſen— ihn unter allen den Ungleich⸗ heiten des geſellſchaftlichen Lebens auf die rauhen Steine zu ſetzen, mit denen er ohnehin ſchon ohne Unterlaß ſein Herz zermahlt— ihn triftig werden zu laſſen unter den Verlockun⸗ gen, für die er am meiſten Hang hat— dies iſt, fürchte ich, ein zu gewagter Verſuch für eine ſo unvollſtändige Be⸗ kehrung. In der neuen Welt würde ohne Zweifel ſeine Thatkraft ein geeigneteres Feld finden, und ſogar die aben⸗ teuerlichen, unſteten Gewohnheiten ſeiner Kindheit dürften dort einen geſunderen Charakter gewinnen. Die Beſchwerden über die Ungleichheiten in der civiliſirten Welt kann, wie ich vermuthe, der Staatsmann weit leichter, wenn auch derber, widerlegen, als der Stviker. Sie gefallen Dir nicht, und Du findeſt es ſchwer, Dich ihnen zu unterwerfen“ ſagt der Staatsmann;'aber ſie ſind einmal die Geſetze eines civiliſirten Zuſtandes, und Du kannſt ſie nicht ändern. Weiſere Männer, als Du, haben dies ſchon verſucht, und es iſt ihnen nie gelungen, obſchon ſie auf der Erde das Unterſte 808 mit einem Zuſtand, der noch nicht ſo civiliſirt iſt. Die Un⸗ gleichheiten der alten Welt verſchwinden in der neuen. Aus⸗ wanderung iſt die Antwort der Natur auf den rebelliſchen Ruf gegen die Kunſt. So würde der Staatsmann ſagen, und ſelbſt in Deinem Falle, mein Sohn, finde ich keine Er⸗ wiederung auf dieſes Raiſonnement. Ich gebe alſo zu, daß Auſtralien die beſte Sicherheitsklappe für das unzufriedene Streben Deines Vetters ſeyn dürfte, muß aber auch eine andere Wahrheit dagegen halten, daß es unrecht wäre, wenn ein ehrlicher Mann ſich ſelbſt verderbte um anderer willen. Dies iſt faſt der einzige Grundſatz Rouſſeau's, den ich unbe⸗ dingt unterſchreibe. Fühlſt Du Dich ſtark genug, allen den Einflüſſen zu widerſtehen, welchen eine berartige Geſellſchaft Dich ausſetzen könnte— ſtark genug, neben der eigenen auch ſeine Laſt zu tragen— ſtark genug, ja, und auch rührig und wachſam genug, zu verhindern, daß dieſe Einflüſſe nicht An⸗ dern nachtheilig werden, deren Führung Du übernommen haſt und deren Geſchick Dir anvertraut iſt? Zieh' dies in reifliche Erwägung, denn Du darfſt Dich dabei nicht von einem edelmüthigen Antrieb allein leiten laſſen. Ich glaube zwar, daß Dein Vetter ſich mit einem aufrichtigen Verlangen nach Beſſerung unter Deine Obhut begeben würde; aber zwiſchen aufrichtigem Verlangen und feſter Ausführung iſt ein langer trauriger Zwiſchenraum, ſelbſt für die Beſten von uns. Wäre es nicht um Rolands willen und hätte ich nur einen Gran weniger Vertrauen zu Dir, ſo könnte ich keinen Augenblick dem Gedanken Raum geben, Deinen jun⸗ gen Schultern eine ſo große Verantwortlichkeit aufzuladen⸗ S —— 809 Aber für einen ernſten Charakter iſt jede neue Verpflichtung eine neue Stütze der Tugend, und ich verlange daher vorder⸗ hand weiter nicht von Dir, als daß Du Dir vergegenwär⸗ tigeſt, um welche ernſte und feierliche Pflicht es ſich hier handle, um eine Pflicht, deren man ſich nicht unterziehen darf, ohne zuvor ſeine Kräfte auf's Sorgfältigſte erwogen zu haben. In zwei Tagen könnt Ihr uns zu London erwarten. Bis dahin lebe wohl, mein lieber Anachronismus. Dein treuer Vater A. C.“ Ich befand mich auf meinem Zimmer, während ich die⸗ ſen Brief las, und war kaum damit fertig geworden, als ich Roland mir gegenüber ſtehen ſah. „Er iſt von Auſtin,“ ſagte er, ſchwieg eine Weile und fügte dann in einem faſt demüthigen Tone bei,„darf ich ihn leſen?— darf ich?“ Ich legte den Brief in ſeine Hände und trat ein wenig bei Seite, damit er nicht glauben möge, ich beobachte ihn während des Leſens. Auch entnahm ich erſt aus einem ſchweren, ängſtlichen, aber nicht troſtloſen Seufzer, daß er damit zu Ende gekom⸗ men war. Als ich mich umwandte, begegneten ſich unſere Augen; in Rolands Blicke lag etwas Fragendes— etwas Flehendes, möchte ich es nennen, das ich mir ſogleich deutete. „O ja, Onkel,“ ſagte ich lächelnd,„ich habe mir die Sache ſchon erwogen, und es iſt mir nicht bange vor dem Erfolg. Was mein Vater jetzt andeutet, iſt mein geheimer Wunſch geweſen, eh' er mir ſchrieb. Was unſere übrigen 8¹⁰ Begleiter betrifft, ſo ſind ſte ſchon durch ihr einfaches Weſen geſichert gegen alle Sophiſtereien, die— doch er iſt von die⸗ ſen bereits zur Hälfte geheilt. Er ſoll nur mit mir kommen und wenn er wieder zurückkehrt, wird er neben ſeiner Schwe⸗ ſter Blanche wohl eines Platzes in Eurem Herzen würdig ſeyn. Ich fühle und verſpreche Euch, baß Ihr für mich nichts zu fürchten habt. Seine Umwanblung wird mir ſelbſt als Schutzmittel dienen; denn ich werde mich hüten vor jeder Verirrung, die ich ſonſt vielleicht begehen würde, um ihm kein ſchlimmes Beiſpiel zu geben.“ Ich weiß, daß wir in der Jugend und in dem Wahn der erſten Liebe, ſo leicht dem Glauben Raum geben, die Liebe und der Beſitz des geliebten Gegenſtandes ſeyen das einzige Glück. Als mich jedoch mein Onkel in ſeine Arme ſchloß und, während die Muſik von meines Vaters Lob noch in meinem Herzen wiederklang, mich die Hoffnung ſeines Alters und die Stütze ſeines Hauſes nannte— ich verſichere dir, mein lieber Leſer, daß ich mich damals weit ſtolzer und glücklicher fühlte, als wenn Trevanion Fanny's Hand in die meinige gelegt und geſagt hätte:„Sie iſt Dein.“ Die Würfel lagen jetzt und der Entſchluß war gefaßt. Es koſtete mich keine Ueberwindung, an Trevanion zu ſchrei⸗ ben und ſeine Anerbietungen abzulehnen. Auch war das Opfer nicht ſo groß, als es Einigen erſcheinen mag; denn ſelbſt abgeſehen von dem natürlichen Stolze, zu dem ich ſchon vorher mich hinneigte, hatte ich mir doch bei aller mei⸗ ner Unruhe Mühe gegeben, das Leben von einem anderen Geſichtspunkte aus zu betrachten, als von dem, welcher iſ „n Ar ſch ne en ur 81¹¹ die Fernſicht des Ehrgeizes mit den Bildern der irdiſchen Gottheiten, der Macht und des Ranges, ſchloß. War ich nicht ſelbſt hinter den Couliſſen und deßhalb Zeuge gewe⸗ ſen, wie Trevanion jede Freude, ſeinen ganzen Frieden dem Ringen nach Gewalt opfern mußte und wie der Rang ſelbſt einem Manne von Lord Caſtletons feinen Sitten und anmuthigen Eigenſchaften kein Glück zu geben vermochte? Und doch ſchienen dieſe beiden Charaktere ſo gut— der erſtere für die Macht, der letztere für den Rang zu paſſen. Es iſt wunderbar, mit welcher Freigebigkeit die Vorſehung Erſatz leiſtet für Fortuna's parteiiſche Spenden. Unabhängigkeit oder das kräftige Ringen danach, Familienanhänglichkeit mit ihren Hoffnungen und Belohnungen, ein Leben, das durch die Kunſt nur um ſo empfänglicher für die Natur wirb — ein Leben mit reinen und geſunden Freuden, in welchem die ſittlichen Fähigkeiten ſich harmoniſch mit den geiſtigen erweitern und das Herz Frieden hält mit dem Verſtande— iſt dies ein ſo niedriges Geſchick, daß der Ehrgeiz nicht da⸗ nach trachten ſollte, und liegt es ſo weit aus dem Bereiche des Menſchen?„Lerne dich ſelbſt kennen,“ ſagte die alte— „werde beſſer,“ ſpricht die neue Philoſophie. Die große Aufgabe des Erdenwallers beſteht darin, nicht alle ſeine Leidenſchaften und Begabungen an äußere Dinge zu ver⸗ ſchwenden, die er zurücklaſſen muß, denn nur was er in ſei⸗ nem Innern ausbildet, kann er mit hinübernehmen in den ewigen Fortſchritt. Wir ſind hienieden nichts anderes, als Schulknaben, deren Leben beginnt, wo die Schule endet, und die Kämpfe, die wir mit unſern Nebenbuhlern aus⸗ theilten, und die Namen, welche wir hoch oder nieder an den Wänden oder über unſere Pulten eingruben— werden ſie uns jenſeits viel nützen können? Wenn neue Schickſale auf uns hereinbrechen, was ſind ſie mehr, als flüchtige Er⸗ innerungen, über die wir lächeln oder ſeufzen? Lieber Le⸗ ſer, blicke zurück auf deine Schultage, und gib mir Antwort. Eilftes Kapitel. Seit dem letzten Kapitel ſind wieder zwei Wochen ver⸗ floſſen, und wir haben für lange Jahre zum letztenmal auf dem engliſchen Boden geſchlafen. Es iſt Nacht und Vivian befindet ſich bei ſeinem Vater. Sie ſind ſchon mehr als eine Stunde beiſammen, und ich und mein Vater wollen ſie nicht ſtören. Aber die Glocke ſchlägt; es iſt ſpät, das Schiff ſegelt noch in der Nacht aus, und wir ſollten am Bord ſeyn. Wie wir beide unten ſtehen, geht im Zimmer oben die Thüre auf, und ein ſchwerer Tritt kömmt die Treppe her⸗ unter. Der Vater ſtützt ſich auf den Arm des Sohnes. Du hätteſt ſehen ſollen, lieber Leſer, wie ſchüchtern der Sohn den unſteten Tritt lenkt. Und jetzt, während das Licht ihre Geſichter erhellt— Thränen auf Vivians Wangen— aber das Antlitz Rolands ſcheint ruhig und glücklichzu ſeyn. Glück⸗ lich— da er im Begriff iſt, ſich vielleicht für immer von ſeinem Sohne zu trennen? Ja, glücklich; denn er hat zum erſtenmal einen Sohn gefunden, denkt nicht an die Jahre der fochten, die Spielſachen, die wir mit unſern Kameraden. Ab vo hin lan ger lel un S des rar da den. an den ſale Le⸗ ort. ver⸗ auf vian als nſie das Zord die her⸗ nes. ohn ihre aber lück⸗ von zum der 8¹³ Abweſenheit und an die Möglichkeit des Todes, ſondern iſt voll Dank gegen die göttliche Gnade und ſchwelgt in himmliſcher Hoffnung. Wenn du dich wunderſt, daß Ro⸗ land in einer ſolchen Stunde glücklich ſeyn kann, ſo habe ich vergeblich geſucht, ihn vor dir athmen, leben und ſich bewe⸗ gen zu laſſen. 6 8 — Wir ſind an Bord. Unſer Gepäck iſt uns vorangegan⸗ gen. Ich hatte Zeit gehabt, mit Hülfe eines Zimmer⸗ manns für Vivian, Guy Bolding und mich im Raume Kajüten aufzuſchlagen; denn da wir dachten, wir könnten nicht bald genug die europäiſche Vornehmthuerei beſeitigen und den feinen Gentleman abſtreifen, wie Trevanion em⸗ pfohlen, ſo hatten wir zur großen Erleichterung unſerer Finan⸗ zen unſere Plätze im Zwiſchendeck genommen. Dadurch wurde uns auch der Genuß zu Theil, unter uns zu ſeyn, und die Cumberländer, die uns umgaben, konnten uns viele freund⸗ ſchaftliche Dienſte leiſten. Wir ſind an Bord, haben zum letztenmal diejenigen geſehen, welche wir verlaſſen, und ſtehen an einander ge⸗ lehnt auf dem Deck. Wir find an Bord, und die Lichter, nah und fern, blinken von der endloſen Stadt her, während die Sterne hell und klar hoch oben wie auf die erſten Seefahrer des Alterthums zu uns niederſchauen. Seltſames Getöſe, rauhe Stimmen, das Knarren von Tauwerk, da und dort das Schluchzen von Weibern und zwiſchen hinein die Flüche der Männer. Jetzt das Schwingen und Heben des Fahr⸗ 514⁴ zeugs— das traurige Gefühl, welches den Verbannten be⸗ ſchleicht, wenn das Schiff ſich durch die Wellen hinbewegt. Und noch immer ſtanden wir da, blickten zurück und lauſchten — ſtille und gegenſeitig an einander gelehnt. Die Nacht rückte vor, die Stadt verſchwand— auch das letzte von ſeinen Myriaden Lichter! Der Strom wurde weiter und weiter. Wie kalt kömmt der Wind! Iſt dies eine Kühle von der See her? Die Sterne erbleichen— der Mond iſt hinunter. Und nun, wie verödet ſieht das Waſſer aus in dem troſtloſen Grau der Dämmerung! Wir fröſtelten, ſahen einander an und murmelten etwas, was mit aus den Tiefen nnſerer Herzen kam; dann ſchlichen wir nach unſern Lagerplätzen, feſt überzeugt, daß es uns nicht um den Schlaf zu thun ſey. Aber der Schlaf kam über uns, ſanft und wohlthuend. Das Meer wiegte die Ver⸗ bannten ein wie an einer Mutterbruſt. Siebenzehnter Abſchnitt. Erſtes Kapitel. Der Vorhang iſt niedergelaſſen. Macht es euch be⸗ quem, verehrte Zuhörer, und plaudert mit einander. Meine liebe Frau in der Loge, nehmt Euren Operngucker heraus und ſeht Euch um. Traktire Tom und die hübſche Sall mit be⸗ egt. hten auch urde dies das Wir was chen uns iber Ber⸗ ine aus 81⁵ einigen von dieſen ſchönen Orangen, o Du glücklich aus⸗ ſehende Mutter in der Zweiſchillinggallerie. Ja, ihr braven Lehrjungen in der oberſten Reihe— jedenfalls die Schrei⸗ pfeife! Und ihr,„hochmögende ernſte und verehrungswür⸗ dige Herrn“ in der Vorderreihe des Parterre's— geübte Kritiker und eifrige alte Theatergänger, die ihr die Köpfe ſchüttelt über nene Schauſpieler und dramatiſche Dichter, feſt dem ſehr achtbaren Glauben eurer Jugend anhängenb, daß wir um einen Kopf kleiner ſeyen, als unſere rieſigen Vorväter— lacht oder ſchmält, wie ihr wollt, ſo lange der Vorhang die Bühne ſchließt. Es iſt nicht mehr wie billig, als daß ihr euch in eurer eigenen Weiſe vergnügt, meine lieben Zuſchauer, denn es folgt ein langer Zwiſchenraum. Alle Schauſpieler müſſen ihre Anzüge wechſeln; die ganze Kouliſſenbedienung iſt in Thätigkeit, um die Scenerie einer neuen Welt einzuſchieben, und unter völliger Mißachtung von Zeit und Ort werdet ihr auf dem Theaterzettel leſen, daß man eurem Glauben viel zumuthet. Man berlangt von euch, daß ihr annehmet, wir ſeyen um fünf Jahre älter ge⸗ worden ſeit der Zeit, als ihr uns zum letztenmale auf der Bühne uns abmatten ſahet. Fünf Jahre! Der Autor will dieſen Glauben namentlich dadurch ermuthigen, daß er den Vorhang länger als gewöhnlich zwiſchen den Lampen und der Bühne ſchweben läßt. Spielt auf, ihr Geigen und Panken! Die Zeit iſt um. Stille jetzt mit der Schreipfeife, junger Gentleman! Köpfe nieder in dem Parterre dort! Der muſikaliſche Schnörkel iſt jetzt vorüber— der Vorhang geht auf— ſchaut vorwärts! 816 Eine ſchöne, klare, durchſichtige Atmoſpäre— ſchön, wie die des Morgenlandes, aber kräftig und ſtärkend wie die Luft des Norden. Ein breiter, ſchöner Fluß zieht ſich durch breite, graſtge Ebenen; in weiter Entfernung dehnen ſich endloſe immergrüne Urwälder aus, und ſanfte Anhöhen unterbrechen die Linie des wolkenloſen Horizont. Seht jene Waiden, ar⸗ kadiſch mit Schaafen zu Hunderten und Tauſenden beſät. Thyrſis und Menalcas würden Mühe gehabt haben, ſie zu zählen, und wohl keine Zeit, fürchte ich, um auf Daphne Lieder zu ſingen. Aber leider ſind die Daphnen ſelten; feine Nymphen mit Blumengewinden und Schäf ferſtäben trippeln über dieſe Waidegründe. Wendet Eure Augen nach rechts in die Nähe des Fluſſes, nur durch einen niedrigen Zaun geſchieden von den dreißig Aeres, die zum Vergnügen oder zur Bequemlichkeit angelegt ſind, nicht aber um des Nutzens wegen. Der Zaun iſt wegen der Schaafe dort— ihr ſeht dort einen Garten. Blickt nicht ſo geringſchätzig nieder auf dieſe An⸗ fänge der Gartenkunſt, denn im Gebüſch ſind ſolche Gärten ſelten. Ich zweifle, ob jener ſtattliche Konig der Schaufel je eine größere Frende hatte an dem berühmten Gewächshauſe, durch das ihr in einer Equipage fahren könntet, als dies bei den Söhnen des Gebüſches der Fall iſt, wenn ſie ſich Pflan⸗ zen und Blüthen erziehen, welche den Geruch und den Ge⸗ ſchmack des alten Vaterlandes an ſich tragen. Geht hin und betrachtet den Palaſt der Patriarchen— er iſt zwar nur von Holz; aber ich verſichere euch, das Haus, das wir mit eigenen Händen bauen, iſt ſtets ein Palaſt. Haſt du dir je uft te, oſe en ar⸗ ät. ne en eines gebaut, als du noch ein Knabe warſt? Und die Her⸗ ren dieſes Palaſtes ſind auch Herren des Landes, faſt ſo weit vas Auge ſieht, und der zahlloſen Heerden darauf. Und was noch beſſer iſt, ſie erfreuen ſich dabei einer Geſundheit, um die ſie ein Antediluvianer hätte beneiden können, und ihre Nerven ſind om Tummeln der wilden Pferde, vom Vieh⸗ treiben und dem Kampfe mit wilden Schwarzen— einem ewigen Hin- und Herjagen auf Leben und Tod— ſo geſtählt, daß, wenn je eine Leidenſchaft die Bruſt dieſer Könige vom Buſchland quält, ſicherlich die Furcht wenigſtens aus der Liſte geſtrichen iſt. Seht da und dort in der Landſchaft rohe Hütten, wie die des Herrn— wilde und ungeſtüme Geiſter wohnen darin⸗ Aber ſie ſind zur Ordnung gebracht durch Ueberfluß und Hoffnung durch die Hand, welche zwar offen, aber feſt, vurch das Auge, das ſcharf, aber gerecht iſt. Aus jenen Wäldern jagt hurrah, hopp, hopp, hopp über die grünen, wallenden Ebenen her mit langen wildfliegenden Haaren und bärtig gleich einem Türken oder einem Pardel, ein Reiter, den ihr kennt. Der Reiter ſteigt ab, und ein anderer alter Bekannter hört auf, mit einem Schäfer über Gegenſtände zu ſprechen, die Thyrſis und Menalcas wohl nie gequält haben, da die Schaafe derſelben nichts von Klauen⸗ ſeuche und Raude gewußt zu haben ſcheinen. Er redet den Reiter an. Piſiſtratus.— Wo um aller Welt willen ſeyd Ihr geweſen, Guy? Guy— Gzieht triumphirend ein Buch aus der Taſche Bulwer, die Caxtone. 52 — 818 hervor). Da! Dr. Johnſon's Leben der Dichter. Ich konnte den Squatter nicht dazu bewegen, mir Kenilworth zu überlaſſen, obſchon ich ihm drei Schaafe dafür anbot. Ver⸗ muthlich ein langweiliger alter Burſche, dieſer Dr. Johnſon! um ſo beſſer, dann hält das Buch deſto länger. Und hier iſt auch eine Sydney⸗Zeitung, nur zwei Monate alt! Guy nimmt eine kurze Pfeife, die in dem Band ſeines Huts geſteckt hat, herunter, ſtopft ſie und zündet ſie an. Piſiſtratus.— Ihr müßt heut wenigſtens zwölf Stunden weit geritten ſeyn. Wenn ich daran denke, daß Ihr noch zu einem Bücherjäger werdet, Guy! Guy Bolding—(hiloſophiſch).— Ach, man er⸗ kennt den Werth einer Sache erſt, wenn man ſie verloren hat. Ihr habt indeß keinen Grund, über mich zu ſpotten, alter Freund, denn auch Ihr erklärtet, daß Euch die Bücher zum Sterben entleidet ſeyen, bis Ihr fandet, wie lange die Abende waren ohne ſie. Das erſte neue Buch, das wir ſo⸗ vann auftrieben, war ein alter Band des Zuſchauers!— Welch ein Witz! Piſiſtratus.— Ganz richtig. Die braune Kuh hat in Eurer Abweſenheit gekalbt. Ich denke, Guy, wir wer⸗ den dieſes Jahr keine Raude unter unſern Schaafen haben⸗ und dann läßt ſich eine ſchöne Summe beilegen. Es geht jetzt vorwärts mit uns, Guy. Guy Bolding.— Ja; ein großer Unterſchied gegen vie erſten zwei Jahre. Damals machtet Ihr ein langes Geſicht. Wie klug war es von Euch, daß Ihr darauf be⸗ ſtandet, wir ſollten zuerſt auf der Station eines Andern Er⸗ nes ölf daß 8¹9 fahrung lernen, ehe wir unſer eigenes Kapital wagten! Aber, beim Jupiter, dieſe Schaafe reichten anfänglich zu, um einen ehrlichen Mann um den Verſtand zu bringen. Da brachen die wilden Hunde ein, nachdem die Schaafe ſchon gewaſchen und zum Scheeren bereit waren; und dann erwiſchten wir das verwünſchte ſchäbige Schaaf des Jve Tim⸗ mes, welches ſo wohlgefällig ſeine Seiten an unſern argloſen armen Thieren rieb. Es nimmt mich heute noch Wunder, daß wir nicht Reißaus nahmen. Doch—„patientin ſit“— wie heißt jener Vers im Horaz? Doch gleichviel jetzt. Das Sprüchlein:„'s iſt eine lange Gaſſe, die keine Wendung hat,“ paßt hier ebenſo gut als irgend eine Stelle aus dem Horaz und dem Virgil obendrein. Iſt Vivian nicht da ge⸗ weſen? Piſiſtratus.— Nein; aber er wird zuverſichtlich heute noch kommen. Guy Bolding.— Er hat's am beſten von uns allen. Pferde⸗ und Viehzucht; dieſen wilden Teufeln nachzugalop⸗ piren; ſich in einem Wald von Hörnern zu verlieren; brül⸗ ende Beſtien, die über das Feld laufen, bohren und den Bo⸗ den aufreißen wie wilde Büffel; Pferde, die dahinjagen, berg auf, berg ab, über Felſen, Steine und Pfähle; klatſchende Peitſchen und rufende Männer— faſt am Halsbrechen herun⸗ ter; ein großer Stier rennt voll gegen Einen an! Welch ein Witz Schaafe ſind gar langweilige Dinger, wenn man nach einer Stierjagd oder nach einer Viehhetze ſich mit ihrer Hut abgeben ſoll. Piſiſtratus.— Jeder kann im Gebüſch ſeiner Lieb⸗ 2 820 haberei folgen. Man verdient ſein Geld leichter und ſicherer, mit mehr Wagniß zwar, aber auch mit mehr Vergügen, im bucbliſchen Departement, erzielt aber größeren Gewinn und kömmt ſchneller zu einem Vermögen, wenn man bei ſorgfäl⸗ tiger Behandlung Glück mit ſeinen Schaafen hat. Und ich denke doch, unſer Hauptzweck beſteht darin, daß wir ſobald wie möglich wieder nach England zurückkommen. Guy Bolding.— Hum! Ich könnte mich darein fin⸗ den, im Gebüſch zu leben und zu ſterben— es geht nichts darüber, wenn nur die Frauenzimmer nicht ſo ſelten wären. Denken zu müſſen, wie viele Jungfern zu Hauſe ledig herum⸗ laufen müſſen, und bei uns ſieht man auf zwölf Stunden Weges nicht eine einzige, Bet Goggins ausgenommen, die nur ein Auge hat. Um jedoch auf Vivian zurückzukommen — warum ſollte uns mehr daran liegen, als ihm, ſobald wie möglich wieder nach England zurückzukommen? Piſiſtratus.— Mehr freilich nicht. Aber Ihr habt geſehen, daß für ihn eine aufregendere Beſchäftigung nöthig war, als diejenige iſt, welche uns durch unſere Schaafe ge⸗ boten wird. Ihr wißt, daß er dabei ganz kleinmüthig und niedergeſchlagen wurde, und da war dann eben die Vieh⸗ Station feil. Weil nun um dieſelbe Zeit das Durhamer⸗ Vieh und die Yorkſhirer Pferde, welche Mr. Trevanion Euch und mir zum Geſchenk geſandt hatte, ſo verlockend wirkten, ſo hielt ich es für gut, wenn wir der einen Speculation auch eine andere beifügten. Einer von uns war für das bucoliſche Departement nöthig, und zwei brauchte man für das pa⸗ ſtorale; ich dachte, fürs erſtere dürfte Vivian am beſten m⸗ 52¹ paſſen, und bis jetzt haben wir noch keine Urſache gehabt, dieſe Wahl zu bereuen. Guy.— Nun, ja Vivian iſt ganz in ſeinem Element — ſtets in Thätigkeit und ſtets in Commando. Läßt man ihn überall den Erſten ſeyn, ſo gibt es keinen netteren, um⸗ gaͤnglicheren Menſchen— die hier gegenwärtige Geſellſchaft natürlich ausgenommen. Hört! die Hunde, das Klatſchen der Peitſche— da iſt er. Und nun könnten wir, denke ich, an unſer Mittageſſen gehen. Vivian(tritt auf). Seine Geſtalt iſt athletiſcher geworden und ſein Auge, feſter und weniger unſtet, blickt Einem voll in's Geſicht. Sein Lächeln iſt offener; aber in ſeinen Zügen liegt eine Melancho⸗ lie, die man faſt düſter nennen könnte. Er hat den näm⸗ lichen Anzug, wie Piſiſtratus und Guy— weiße Jacke und Beinbekleidung, ein loſe geknüpftes Halstuch von etwas bun⸗ ter Farbe, einen breiten Kohlblatthut und einen Bart, der mit mehr Sorgfalt gepflegt iſt, als die unſerigen. In der Hand trägt er eine große Peitſche, und über ſeine Schultern iſt ein Gewehr geſchlungen. Es werden Begrüßungen ausge⸗ tauſcht und wechſelſeitig Fragen geſtellt über das Vieh, die Schaafe und die Pferde, die nach dem letzten indianiſchen Markt gingen. Guh zeigt das Leben der Dichter; Vi⸗ vian fragt, ob es nicht möglich ſey, eine Biographie von Clive oder Napoleon, oder ein Exemplar des Plutarch zu erhalten. Guy ſchüttelte den Kopf und ſagt, wenn mit einem Robinſon Cruſoe gedient ſey, ſo habe er ein ſehr zerleſenes Eremplar davon geſehen, aber keinen Handel 82² ſchließen können, weil die Liebhaber ſich darum geriſſen hätten. Die Geſellſchaft begibt ſich in die Hütte. Jungge⸗ ſellen ſind in allen Ländern beklagenswerthe Geſchöpfe, am beklagenswertheſten aber im Buſchland. Der Mann in der alten Welt, wo die Ehe zur Tagesordnung gehört, weiß gar nicht, was er an einer Gehülfin hat, die dem zarteren Ge⸗ ſchlechte angehört. Im Gebüſch iſt dies anders. Das Weib wird hier buchſtäblich Fleiſch Lon deinem Fleiſch, Bein von deinem Bein— deine beſſere Hälfte, dein dienender En⸗ gel, deine Cva in Eden, kurz, alles das, was die Dichter ſingen vder junge Redner bei öffentlichen Diners ausſpre⸗ chen, wenn ſie aufgerufen werden zu einem Toaſt auf„die Frauen“. Leider ſind wir unſerer drei Junggeſellen beiſammen, aber dennoch beſſer daran, als es in der Regel bei Jung⸗ geſellen im Buſch der Fall iſt. Das Weib des Schäfers, den ich von Cumberland mitnahm, erweist mir und Bolding die Ehre, in unſerer Hütte zu wohnen und für unſere Be⸗ quemlichkeit zu ſorgen. Seit wir im Gebüſch leben, hat ſie ein Paar Kinder geboren, ſo daß um dieſes Familienzu⸗ wachſes willen ein Flügel an die Hütte angebaut werden mußte. In England würde man wahrſcheinlich die Kinder für eine klägliche Laſt halten; aber wenn man vom Sonnen⸗ aufgang bis zum Untergang von bärtigen Männern umge⸗ ben iſt, liegt wahrhaftig ſogar in dem Schreien des Säug⸗ lings etwas Humaniſtrendes, Muſikaliſches und Chriſten⸗ menſchartiges. Nun, da geht es ſogleich los— Gvtt ſegne den 823 ſen lieben Kleinen! Was meine übrigen Begleiter aus Cum⸗ berland betrifft, ſo hat der ſtrebendſte von allen, Miles ge⸗ Square, mich längſt verlaſſen und iſt gegen fünfzig Stun⸗ am den von uns Oberaufſeher bei einem großen Schäferei⸗ der beſitzer. Der Will o' the Wisp iſt auf der Viehſtation gar Vivians Obergehülfe und findet hin und wieder Zeit, ſei⸗ He⸗ ner alten Jagdliebhaberei auf Koſten von Papagayen⸗ as ſchwarzen Kakaduen, Tauben und Känguruhen nachzuhän⸗ ein gen. Der Schäfer bleibt bei uns— der ehrliche Burſche Fn⸗ ſcheint nicht daran zu denken, ſich aufbeſſern zu wollen, und ter bewahrt das alte Gefühl der Clanſchaft, das bei ihm den in re⸗ Auſtralien ſo gewöhnlichen Ehrgeiz niederhält. Und ſein „die Weib— dieſer Schatz! Ich verſichere euch, ſchon der Anblick ihres glatten, lächelnden Frauengeſichtes, wenn wir Abends ien, heimkehren, und ſogar der Faltenwurf ihres Gewands, ng wenn ſie die„Dampers“* in der Aſche umkehrt und den ers, Theetopf füllt, hat etwas Heiliges und Engelgleiches an ſich. ing Welch ein Glück, daß unſer Cumberlander Freund nicht eifer⸗ Be⸗ ſüchtig iſt! Nicht daß ein Grund dazu vorhanden wäre, ſo t ſie beneidenswerth auch der Schelm iſt; aber wo die Desdemo⸗ nzu⸗ nen ſo ſelten vorkommen, kann man ſich denken, wie gall⸗ rden ſüchtig in der Regel ihre Othellos ſind. Treffliche Ehe⸗ nder männer allerdings— auf der ganzen Welt keine beſſeren; nen⸗ aber man darf ſich zweimal bedenken, ehe man den Verſuch nge⸗ macht, im Buſchland den Caſſio zu ſpielen. Da iſt ſie äug⸗ übrigens, das liebe Geſchöpf— raſſelt unter den Beſtecken, ſten⸗„ Ein Damper iſt ein Kuchen aus Mehl ohne Hefe, der in der Aſche gebacken wird. 82⁴ ſtreicht das Tiſchtuch glatt, ſetzt das Pöckelfleiſch auf und je⸗ nen ſeltenen Lurus des Eingemachten(der letzte Topf in unſerer Vorrathskammer) ſammt den Produkten unſers Gartens und unſeres Hühnerhofs, deren ſich nur wenige Buſchmänner rühmen können. Auch die Dampers fehlen nicht, und jeder Mahlgenoſſe erhält einen Napf Thee; aber keinen Wein, kein Bier, keinen Branntwein— dies ſind Genüſſe, welche nur der Scheerzeit vorbehalten bleiben. Wir haben eben unſer Tiſchgebet geſprochen— eine Sitie, die wir aus dem heiligen Mutterlande beibehielten— als ſich draußen, Gott behüte mich, ein Lärmen, Stampfen von Roßhufen und das Bellen von Hunden vernehmen läßt. Es ſind Gäſte angekommen— ſieis eine willkommene Er⸗ ſcheinung im Buſchland! Vielleicht ein Viehkäufer, der Vi⸗ vian aufſucht, vielleicht auch der verwünſchte Squatter, deſſen Schaafe immer zu den unfrigen herüberlaufen. Gleichviel; ein herzliches Willkommen Jedem— dem Freunde, wie dem Feinde. Die Thüre geht auf; einer, zwei, drei Fremde. Mehr Teller und Meſſer— rückt eure Stühle— eben noch zu rechter Zeit! Zuerſt getafelt, dann— was Neues? Die Fremden haben ſich eben niedergelaſſen, als eine Stimme von der Thüre her erſchallt: „Gebt mir ja recht Acht auf dieſes Pferd, junger Mann. Führt es ein wenig umher und waſcht ihm den Rücken mit Salzwaſſer. Schnallt die Mantelſäcke los und gebt ſie mir. O, ſie ſind ohne Zweifel ſicher genug— aber Papiere von Wichtigkeit. Die Wohlfahrt der Colonie hängt von dieſen Papieren ab. Ich ſchaudere bei dem Gedanken, was nn. ken ere on aus uns Allen werden würde, wenn ihnen ein Unfall zu⸗ ſtieße.“ Und nun tritt herein in einem zwilchenen Jagdwamms mit vergoldeten Knöpfen, auf denen eine wohlbekannte Zeich⸗ nung abgeprägt iſt. mit einem Geſichte, von einem Kohl⸗ blatthut beſchattet, wie man es ſelten im Gebüſche ſieht, mit einem Geſichte ſo glatt, als es ein Raſirmeſſer nur ma⸗ chen kann, hübſch, zierlich und achtbar ausſehend, wie immer, den Arm voll Mantelſäcken und die Naſenlöcher leicht ausgedehnt, um den Dampf des Males einzuſaugen — wer anders als Onkel Jack? Piſiſtratus—(aufſpringend).— Iſi's möglich! Ihr in Auſtralien— Ihr im Gebüſch? Onkel Jack, der in dem auf ihn zuſtürzenden großen, bärtigen Mann Piſiſtratus nicht erkennt, weicht erſchrocken ein wenig zurück und ruft: „Wer ſey Ihr? habe Euch früher nie geſehen, Sir! Vermuthlich werdet Ihrzunächſt ſagen, daß ich Euch etwas ſchuldig ſey!“ Piſiſtratus.— Onkel Jack! Dnkel Jack—(ſeine Mantelſäcke fallen laſſend). — Neffe! — Dem Himmel ſey Dank! Komm in meine Arme! Sie umarmen ſich. Gegenſeitige Vorſtellung— auf der einen Seite Mr. Vivian und Mr. Bolding, auf der andern Major Mae Blarney, Mr. Bullion und Mr. Ema⸗ nuel Speck. Major Mae Blarney iſt ein hübſcher ſtattlicher Mann, ſpricht den Dubliner Dialekt und prückt denen, die er grüßt, die Hand, als habe er einen naſſen Schwamm auszu⸗ ringen. Mr. Bullion, ſtolz und zurückhaltend, trägt eine grüne Brille und gibt dem Begrüßten den Zeigefinger. Mr. Emanuel Speck— ungewöhnlich ſtutzerhaft für das Gebüſch, mit einer blauen Atlashalsbinde undeinem jener mit Schnur⸗ werk verzierten, in Deutſchland ſo gewöhnlichen Reiſehem⸗ den, in welchen ſich Taſchen genug befinden, daß Briareus alle ſeine hundert Hände zumal unterbringen könnte— iſt ein ſchmächtiger, höflicher herablaſſender Mann, der ſich lächelnd verbeugt und mit einer Miene zum Eſſen wieder niederſitzt, als ſey er daran gewöhnt, die Hauptſache nicht aus dem Geſicht zu verlieren. Onkel Jack—(mit gefüllten Backen). Famoſes Ochſenfleiſch!— ſelbſt gezogen, he? langweiliges Geſchäft — dieſes Viehzüchten!—(leert den Reſt des Topfs mit dem Eingemachten auf ſeinen Teller). Man muß in der neuen Welt lernen, raſch vorwärts zu kommen. Eiſenbahn⸗ zeiten dies! Wir können ihm ein oder das andere beibrin⸗ gen— was meint Ihr Bullion.—(Mir zuflüſternd). Großer Kapitaliſt dieſer Bullion! Sieh ihn nur an. Mr. Bullion—(gravitätiſch).— Ein und das an⸗ dere? Wenn er Kapital hat— ich glaube, Ihr ſagtet ſo, Mr. Tibbeis?(Er ſieht ſich nach dem Eingemachten um, und die grüne Brille bleibt auf Onkel Jacks Teller haften.) Onkel Jack.— Dieſe Colonie braucht nichts, als ei⸗ nige Männer, wie wir, mit Kapital und Unternehmungsgeiſt. Statt die Armen zu bezahlen, daß ſie auswandern, ſollte man zu⸗ ine Nr. ſch, em⸗ eus iſt ſich der icht oſes häft mit der chn⸗ rin⸗ nd). an⸗ ſo, um, ten.) s ei⸗ eiſt. man 827 lieber den Reichen Geld geben, daß ſie kommen— Was meint Ihr, Speck? Während Onkel Jack ſich gegen Mr. Speck wenbet, ſteckt Mr. Bullion ſeine Gabel in eine eingemachte Zwiebel auf Jacs Teller und bringt ſie nach ſeinem eigenen; dabei bemerkte er, nicht gerade mit Beziehung auf die Zwiebel, ſondern als eine Wahrheit im Allgemeinen: „Hier zu Lande, Gentlemen, muß man die Augen immer offen haben und den erſten beſten Vortheil benützen! Die Hülfsquellen ſind unberechenbar!“ Onkel Jack, der wieder nach ſeinem Teller ſieht und die Zwiebel vermißt, kommt Mr. Speck in Ergreifung der letzten Kartoffel zuvor, und bemerkt in demſelben philoſophi⸗ ſchen und generaliſtrenden Geiſt, wie Mr. Bullion: „Die Hauptſache hier zu Land beſteht darin, daß man ſtets in der Vorhand iſt. Entdeckung und Erfindung, Ge⸗ wandtheit und Entſchloſſenheit! So ſchiert man ſeine Schäf⸗ lein. Bei meinem Leben, unter den Eingebornen hier lernt man traurig gemeine Sprüchwörter. So ſchiert man ſeine Schäflein! Abſcheulich! Was würde dein armer Vater dazu ſagen? Wie geht es ihm, dem guten Auſtin?— Geſund? das iſt recht; und meine liebe Schweſter? Ah, dieſer ver⸗ wünſchte Peck— ſie wird wohl noch immer über den Anti⸗ apitaliſten lamentiren? Aber es ſoll Alles wieder gut gemacht werden. Gentlemen, die Gläſer geladen— einen Humpen⸗Toaſt— Mr. Speck—(in geziertem Tone).— Ich antworte darauf in einem ſtrömenden Becher. Gläſer haben wir nicht. 8²⁸ Onkel Jack.— Ein Humpen⸗Tvaſt auf das Wohl des künftigen Millionärs, den ich Euch in meinem Neffen und einzigen Erben, Piſiſtrgtus Carton, Esquire, vorſtelle. Ja, Gentlemen, ich erkläre hier öffentlich vor euch, daß dieſer Gentleman alle meine Habe erben wird— Freigüter und Pachtgüter, meine Ländereien und meine Grubenwerke. Und wenn ich im kühlen Grabe liege—(Eer nimmt ſein Ta⸗ ſchentuch heraus)— und nichts mehr von dem armen John Tibbets übrig iſt, ſo ſeht auf dieſen Gentleman und ſagt: „John Tibbets lebt wieder auf!“ Mr. Speck—(ſingend).— „Nehmt die Humpen in die Hand!“ Guy Bolding.— Hip, hip, hurrah— Dreimal drei! Welch ein Witz! Die Ordnung wird wieder hergeſtellt, der Tiſch abge⸗ räumt, und jeder Gentleman zündet ſeine Pfeife an. Vivian. Was Neues aus England? Mr. Bullion.— In Betreff der Fonds, Sir? Mr. Speck.— Ihr meint wahrſcheinlich eher in Ve⸗ treff der Eiſenbahnen. Damit wird viel Geld gewonnen, Sir; aber ich denke gleichwohl, daß unſere Speculationen hier— Vivian.— Ich bitte um Verzeihung, daß ich Euch unterbreche, Sir; aber aus den letzten Zeitungen ſcheint hervorzugehen, daß die Franzoſen eine feindſelige Miene machen. Keine Ausſicht auf einen Krieg vorhanden? Major Mac Blarney.— Auf den Krieg habt Ihr alſo Euer Hauptaugenmerk gerichtet, junger Gentlemank imal bge⸗ Be⸗ men, onen Fuch heint iene Ihr an? 829 Wenn mein Einflnß bei der Leibgarde Ench nützlich werden kann— Sakerlot, ſo macht Ihr einen ſtolzen Mann aus Ma⸗ jor Mae Blarney. Mr. Bullion—(gebieteriſch).— Rein, Sir, wir wollen nichts vom Krieg. Die Kapitaliſten von Europa und Auſtralien laſſen's nicht ſo weit kommen. Die Roth⸗ ſchilde und einige andere, die ich nicht nennen will, haben's nur ſo zu machen, Sir—(Mr. Bullion knöpft ſeine Ta⸗ ſchen zu)— und wir werden's ſo machen; was foll dann aus Eurem Kriege werden, Sir? Mr. Bullion zerbricht in dem Ungeſtüm, mit welchem er ſeine Hand auf den Tiſch bringt, ſeine Pfeife, läßt die grüne Brille umherſchweifen und bemächtigt ſich der Pfeife des Mr. Speck, welche dieſer Gentleman in einem achtloſen Augenblicke bei Seite gelegt hat. Vivian.— Aber der Feldzug in Indien? Major Mae Blarney.— Oh! Und wenn Ihr es auf die Inſchens abgeſehen habt— Bullion.—(Specks Pfeife aus Guy Boldings Ta⸗ backsbeutel füllend und den Major unterbrechend.) Indien — dies iſt etwas anderes. Hiegegen hab' ich nichts ein⸗ zuwenden. Krieg dort— eher gut für den Geldmarkt, als das Gegentheil. Vivian.— Nun, und was gibt es Neues von dort⸗ her? Bullion.— Weiß nicht— habe keine oſtindiſche Pa⸗ piere. „Mr. Speck.— Auch ich nicht. Der Tag für 83⁰ Indien iſt vorüber. Dies iſt jetzt unſer Indien.(Er ver⸗ mißt ſeine Tabackspfeife, ſieht ſie in Bullions Mund und macht ein ellenlanges Geſicht!— NB.— Die Pfeife iſt kein thönerner Stummel, ſondern ein kleiner Meerſchaum — unerſetzlich im Buſchland.) Piſiſtratus.— Ich kann mir aber gar nicht denken, Onkel, welchen neuen Entwurf Ihr in Händen haben mögt. Ohne Zweifel etwas Wohlwollendes— etwas für Eure Ne⸗ benmenſchen— für Philanthropie und Menſchheit? Mr. Bullion—(ſtutzend).— Ei, junger Mann, ſeyd Ihr noch ſo gar ungeleckt? Piſiſtratus.— Ich, Sir?— Nein— Gott behüte! Aber mein—“ Onkel Jack hebt flehentlich ſeinen Zeigefinger auf und ſchüttet ſeinen Thee über die Beinkleidung ſeines Neffen. neber die Wirkung des Thees aufgebracht und daher blind für den Wink mit dem Zeigefinger fährt Piſiſtratus fort: Aber mein Onkel iſt es!— Irgend eine grofartige, königliche Nationalcolonialantimonopolgeſellſchaft— Onkel Jack.— Pah! pah! Was dies ſür ein drolliger Junge iſt! Mr. Bullion—(feierlich).— Mit ſolchen Anſichten, die Ihr auch nicht einmal im Scherz meinem achtbaren und einſichtsvollen Freunde unterſtellen ſolltet—(Onkel Jack verbeugt ſich)— werdet Ihr es, wie ich fürchte, nicht vorwärts bringen, Mr. Carton. Ich glaube nicht, daß unſere Speculationen Euch zuſagen werden. Doch es wird ſpät, Gentlemen. Wir müſſen weiter. —— ver⸗ und iſt mum ken, ögt. Ne⸗ inn, ite! und ffen. lind tige, iger ten, aren nkel hte, icht, h es 831¹ Onkel Jack—(auſſpringend).— Und ich habe dem lieben Jungen noch ſo viel zu ſagen. Entſchuldigt uns⸗ Ihr kennt die Gefühle eines Onkels!(er nimmt mich am Arm und führt mich zur Hütte hinaus). Onkel Jack—(ſobald wir im Freien ſind).— Du wirſt uns zu Grunde richten— Dich, mich, Deinen Vater und Deine Mutter. Ja! was meinſt Du denn, für wen ich ſonſt arbeite und mich abplacke, als für Dich und die Deinigen? — Du richteſt uns alle zu Grund, ſage ich, wenn Du in ſol⸗ cher Weiſe vor Bullion ſprichſt. Sein Herz iſt ſo hart, wie die Bank von England— und er hat damit vollkommen Recht.— Nebenmenſchen— Poſſen! Ich habe mich längſt dieſes Blendwerks, der großmüthigen Thorheiten meiner Iu⸗ gend, entſchlagen und fange endlich an, für mich zu leben — das heißt für mich und meine Verwandte. Du wirſt ſe⸗ hen, diesmal gelingt es mir. Piſiſtratus.— Ich hoffe es in der That aus aufrich⸗ tigem Herzen, Onkel; und um Euch Gerechtigkeit wider⸗ fahren zu laſſen, muß ich ſagen, daß in Euren Ideen ſtets etwas Geſcheidtes lag, wenn ſie nur nicht— Onkel Jack—(mich mit einem Stöhnen unter⸗ brechend). Die Reichthümer, welche ſich andere Leute durch meine Ideen errungen haben! Schon der Gedanke daran iſt entſetzlich. Wie— und ich ſollte Vorwürfe verdienen, weil ich nicht länger leben will für eine ſolche Bande von diebiſchen, gierigen, undankbaren Halunken? Nein, nein! Nummer Eins ſoll fortan meine Marxime ſeyn; und Dich will ich zu einem Croͤſus machen, Junge— ja, das will ich. Nach einer dankbaren Anerkennung aller in Ausſicht geſtellten Wohlthaten fragt Piſiſtratus, wie lange ſchon Jack ſich in Auſtralien aufhalte, was ihn nach der Colonie geführt habe und mit welchen Entwürfen er ſich gegenwärtig trage. Zu ſeinem Erſtaunen erfährt er, daß Onkel Jack ſchon vier Jahre in der Cylonie iſt und daß er ein Jahr nach Piſi⸗ ſtratus England verließ— veranlaßt, wie er ſagt, durch die⸗ ſes herrliche Beiſpiel und durch irgend einen geheimnißvollen Auftrag(über den er ſich nicht näher ausſpricht) entweder von Seiten des Colonial⸗Miniſteriums oder einer Auswan⸗ verungsgeſellſchaft. Onkel Jack iſt wunderbar vorwärts ge⸗ kommen, ſeit er ſeine Mitmenſchen aufgegeben hat. In der Colonie angelangt, beſtand ſeine erſte Sperulativn im An⸗ kauf einiger Häuſer zu Sidpney, die er ſehr wohlfeil erwarb und ſehr theuer wieder losſchlug— Schwankungen im Preis, die in den ertremen Geiſtesſtimmungen der Coloni ſten ihren Grund haben; denn während man das einemal voll Hoffnung ſchon in dem Regenbogen eine Brücke ſieht, ſtürzt man das anderemal voll Verzweiflung in acherontiſche Abgründe. Sein Hauptverſuch ſtand jedoch in Verbindung mit der kindlichen Anſtedelung Lon Adelaide, unter deren erſte Gründer er zu gehören meint; und da in dem Strom der Auswanderung, welcher in den erſten Jahren ihres Beſtan⸗ des nach dieſer beliebten Niederlaſſung hinfinthete, in ſeinem Laufe leichtgläubige und unerfahrene Abenteurer aller Art mit ſich fortreißend— ungeheure Summen verloren gingen⸗ ſo wußte ein Mann von Onkel Jacks Gewandtheit ſich aller⸗ lei Bruchſtücke und Abfälle davon zuzueignen. Es war ihm — ——„— S+—— — ſicht Jack ührt age. iſi⸗ die⸗ len eder van⸗ ge⸗ der An⸗ varb tim loni⸗ emal ieht, iſche dung erſte der ſtan⸗ inem Art igen, ller⸗ ihm 83³3 gelungen, ſich werthvolle Empfehlungsſchreiben an die großen Herren der Colonie zu verſchaffen, und ſo kam er in Verkehr mit einigen der Hauptperſonen, welche ſich ein Landmonopol zu verſchaffen ſuchten— ein Zweck, welcher ſeitdem großen⸗ theils erreicht wurde durch Steigerung des Güterpreiſes und Ausſchließung der ärmlichen Brut kleiner Kapitaliſten. On⸗ kel Jack wußte ihnen zu imponiren als ein Mann von aus⸗ gedehntem ſtaatsmänniſchem Wiſſen, der das Vertrauen hochſtehender Engländer genoß, beträchtlichen Einfluß auf die engliſche Preſſe übte u.ſ. w. u. ſ. w. Wir wollen damit ihrem Verſtand nicht zu nah treten, denn Jack hatte, wenn er wollte, eine Art an ſich, die ganz unwiderſiehlich war. In ſolcher Weiſe war es ihm gelungen, ſich und ſeinen Er⸗ werb mit Männern zu vergeſellſchaften, die wirklich über ein großes Kapital verfügten und durch langjährige Erfahrung belehrt waren, wie es am beſten verwendet werden fönne. Er hatte ſich, ſo weit ſeine Mittel reichten, mit Mr. Bullion aſſoeirt, welcher einer der bedeutendſten Schäfereibeſitzer und Landeigenthümer in der Colonie war, obſchon dieſer Genle⸗ man, da er noch viele andere Neſter auszunehmen hatte, in Sydney ein großes Haus machte und ſeine Waiden der Obhut von Oberaufſehern und Aufſehern überließ. Jacks Hauptluſt war übrigens die Landmäklerei, und da ein deutſcher Ge⸗ lehrter kürzlich erklärt hatte, die geognoſtiſchen Verhältniſſe der Umgegend von Adelaide deuteten auf das Vorhandenſeyn von Mineralſchätzen, die ſeitdem wirklich an's Licht gefördert worden ſind, ſo beredete Mr. Tibbets ſeinen Aſſocié Bullion und die andern Gentlemen, welche ihn bei dem vorberührten Bulwer, die Caxtone. 53 83⁴ Anlaß begleiteten, von Sydney nach Adelaide eine Landreiſe zu unternehmen und in aller Stille die Richtigkeit der Vermuthung des Deutſchen zu unterſuchen, welcher man vamals nur wenig Glauben ſchenkte. Wenn nun auch dem Boden die Minen fehlten, ſo wußte Onkel Jack doch ſeine Gefährten zu überzeugen, daß ebenſo einträgliche Metall⸗ gruben in den Taſchen unerfahrener Abenteurer gefunden wer⸗ den könnten, welche bereit waren, das eine Jahr zu den theuerſten Preiſen einzukaufen, und im nächſten ſich genö⸗ thigt ſahen, zu dem wohlfeilſten wieder zu verkaufen. „Aber ich habe ſchon früher mit Minen zu thun ge⸗ habt,“ ſchloß Onkel Jack mit einem ſchlauen Blick, indem er mir einen Stoß in die Rippen verſetzte,„und weiß, was varan iſt. Ich werde Niemand als Dir Einſicht geſtatten in meinen Lieblingsplan, und wenn Du willſt, kannſt Du Dich mit Aktien betheiligen. Der Plan iſt ſo einfach, wie ein Problem des Euklid: wenn der Deutſche Recht hat und Minen vorhanden ſind, ſo müſſen ſie bearbeitet wer⸗ den. Hiezu ſind Leute nothwendig; aber die Arbeiter in den Minen müſſen eſſen, trinken und ihr Geld ausgeben. Es han⸗ velt ſich nun darum, dieſes Geld zu erhalten. Begreifſt Du?“ Piſiſtratus.— Nicht im Geringſten. Onkel Jack(majeſtätiſch).— Ein großes Magazin für Branntwein und andere Vorräthe! Die Minenarbeiter brauchen Grog und ſonſtige Dinge, kommen alſo zu Deinem Magazin, und Du nimmſt ihr Geld. Q. E. D! Aktien— was meinſt Du, Schelm? Lege ein lumpichtes Paar⸗ tauſend Pfund ein, und Du ſollſt zur Hälfte betheiligt ſeyn. en i⸗ e⸗ em as ten Du vie at er⸗ n⸗ 2 83³⁵ Piſiſtratus(mit Heftigkeit).— Nicht um alle Goldgruben von Potoſt. Onkel Jack(gutmüthig).— Nun, es ſoll Dir nicht zum Nachtheil gereichen, und ich werde mein Teſtament nicht ändern, wenn Du ſchon ſo wenig Vertrauen zu mir haſt. Aber wie iſt's mit Deinem jungen Freunde— ich glaube, Mr. Vivian nennſt Du ihn? Ein geſcheidt aus⸗ ſehender Burſche, ſchärfer als der andere, wie mir vor⸗ kömmt. Würde er wohl ſich als Aktionär betheiligen? Piſiſtratus.— Bei dem Branntweinmagazin? Da müßt Ihr ihn ſelbſt fragen! Onkel Jack.— Wie, ihr wollt die Ariſtokraten ſpielen im Gebüſch? Zu gut! Ha, ha!— Doch man ruft mir— wir müſſen fort. Piſiſtratus.— Ich will eine Strecke weit mit⸗ reiten. Was ſagt Ihr dazu, Vivian— und Ihr, Guy? Die ganze Geſellſchaft hat ſich uns jetzt angeſchloſſen. Guy zieht es vor, ſich in der Sonne zu wärmen und das Leben der Dichter zu leſen. Vivian iſt einverſtan⸗ den, und wir begleiten unſere Gäſte, bis die Sonne unter⸗ geht. Major Mac Blarney iſt ſehr verſchwenderiſch mit Dienſtanerbietungen für jeden erdenklichen Zweig des Lebens und ſchließt mit der Verſicherung, wenn wir namentlich in dem Ingenieurfach ein Unterkommen ſinden wollten, zum Beiſpiel als Bergwerksbeamte, Kartenzeichner, Geometer u ſ.w., ſo wolle er uns dazu behülflich ſeyn— Sakerlot, für Nichts oder um ein Naſenwaſſer. Wir vermuthen, Ma⸗ jor Mac Blarney ſey ein Givilingenieur, welcher unter der 53* 835 unſchuldigen Einbildung leidet, er ſey in der Armee ge⸗ weſen. Mr. Speck theilt mir in vertraulichem Flüſtern mit, daß Mr. Bullion ungeheuer reich ſey; er habe klein ange⸗ fangen und ſich vadurch ſein Vermögen erworben, daß er nie eine gute Gelegenheit unbenützt ließ. Ich denke an Onkel Jacks eingemachte Zwiebel und an Mr. Speck's Meerſchaum, mit achtungsvoller Bewunderung daraus den Schluß ziehend, Mr. Bullivn handle grundſatzfeſt nach einem einzigen großartigen Syſtem. Zehn Minuten ſpäter bemerkt Mr. Bullion in ebenſo vertraulichem Tone gegen mich, Mr. Speck ſey bei aller ſeiner lächelnden Höflichkeit doch ſo ſcharf wie eine Nadel, und wenn ich bei der neuen wünſche, ſo thue ich am beſten, ſogleich zu Bullion zu kommen, der mich nicht hintergehen werde, nicht um mein Gewicht in Gold.„Ich will zwar durchaus nichts gegen Speck ſagen,“ fügte Mr. Bullion bei.„Er bringt es vorwärts in der Welt und ſitzt warm, Sir. Und wenn ein Mann einmal warm ſitzt, ſo bin ich die letzte Perſon von der Welt, die an ſeine kleine Mängel denkt und ihm eine kalte Achſel zukehrt.“ „Lebe wohl!“ ſagte Onkel Jack, noch einmal ſein Taſchentuch herausziehend,„Grüße an Alle in der Heimath.“ Dann dämpfte er ſeine Stimme zu einem Flüſtern und fügte bei:„Wenn Du Dich in Betreff des Branntweinmagazins ich das Herz eines Onkels im Buſen trage.“ Spekulation oder überhaupt bei irgend einer anderen Aktien eines Beſſeren beſonnen haſt, Neffe, ſo wirſt Du finden, daß 837 Zweites Kapitel. Es war ſchon dunkel, als ich und Vivian langſam nach Hauſe ritten. Die Nacht in Auſtralien! Wie unmöglich iſt es, ihre Schönheit zu ſchildern! Der Himmel ſcheint in dieſer neuen Welt der Erde um ſo viel näher zu ſeyn. Jeder Stern glänzt ſo klar und helle, als komme er friſch aus der Hand des Schöpfers. Und der Mond gleicht einer großen, ſilbernen Sonne; auch der kleinſte Gegenſtand, den er be⸗ leuchtet, nimmt ſich ſo beſtimmt aus in ſeiner Ruhe.“ Hin und wieder unterbricht ein Laut das Schweigen, aber ein Laut, welcher ſo im Einklang ſteht mit der Einſamkeit, daß er nur den Zauber derſelben erhöht. Horch! der dumpfe Ruf eines Nachtvogels aus jener Schlucht zwiſchen den glänzenden, kleinen, grauen Felſen. Horch! bei vorrückender Nacht das Bellen des fernen Wacht⸗ hundes oder das dumpfe, ſeltſame Geheul eines wilden Eremplars von derſelben Species, gegen das er den Pferch vertheidigt. Horch! das Echo greift den Schall auf und trägt ihn ſpielend von Berg zu Berg— weiter, weiter uns weiter abwärts, bis am Ende Alles wieder ſtille iſt und die Blüthen geräuſchlos auf den Wanderer niederhängen, wenn er durch einen Hain von rieſigen Gummibäumen reitet. Die „Ich bin oft in einer ſolchen Nacht gereist,“ ſagte Mr. Wilkinſon in ſeinem unſchätzbaren Werk über Südauſtralien,„und während ich meinem Pferde Muße gönnte, im Schritt weiter zu gehen, unterhielt ich mich damit, daß ich in dem ſtillen Mond⸗ licht las.“ 838 Luft iſt jetzt buchſtäblich mit Wohlgeruch beladen, und das Gefühl davon wird faſt peinlich bei aller Lieblichkeit. Du beſchleunigſt Deinen Ritt und entrinnſt wieder in die offenen Ebenen, in das volle Mondlicht, um durch die ſchmächtigen Theebäume das ferne Glänzen des Fluſſes wahrzunehmen und durch die dünne Atmoſphäre ſein beruhigendes Murmeln zu hören. Piſiſtratus.— Und dieſes Land iſt das Erbtheil unſers Volkes geworden. Wenn ich umherſchaue, däucht es mich, ich ſehe den Plan des allgütigen Vaters ſich klar vor mir entwirren durch die trübe Geſchichte der Menſchheit. Wie geheimnißvoll blieben, bis Europa mehr und mehr be⸗ völkert wurde und ſeine eiviliſirende Miſſion erfüllte, dieſe Gebiete ſo lang vor ſeinen Augen verborgen und wurden uns erſt bekannt, als die Civiliſation für ihre Aufgabe der Lüf⸗ tung des Schleiers bedurfte— ein Abzugsweg für fieberiſche Thatkraft, deren Ringen in den Maſſen vereitelt wurde; Brod für den Hungernden, Hoffnung für den Verzweifelten; die neue Welt hat in der That den Beruf, das Gleichgewicht der alten wiederherzuſtellen. Hier iſt ein neues Latium für die unſteten Geiſter, „Die der wechſelnde Sturm auf verſchiedenen Meeren um⸗ herwarf.“ Hier ſpielt eine wahre Aeneide vor unſern Augen. Aus den Hütten der Verbannten, welche über dieſes derbere Italien zerſtreut ſind, kann man in der Zukunft ſehen „Der Latiner Verwandtſchaft, Den Albaneſer Senat und die Mauern der mächtigen Roma.“ 839 Vivian—(traurig).— Soll aus den Auswürflin⸗ gen der Arbeitshäuſer, der Gefängniſſe und der Verbrecher⸗ ſchiffe das zweite Rom ſich erheben? Piſiſtratus.— Es liegt etwas in dieſem neuen Bo⸗ den, in der Arbeit, die er hervorruft, in der Hoffnung, die er einflößt, in dem Bewußtſeyn des Beſitzes, welcher nach meiner Anſicht das Herz der ſocialen Moral iſt— was das Werk der Beſſerung mit wunderbarer Schnelligkeit fördert. Faſſen wir die Geſammtheit in's Auge, woher die Einzelnen auch kommen, oder welche Verhältniſſe ſie hieher gebracht haben mögen— dieſe Coloniſten ſind jetzt ein ſchönes, mann⸗ haftes, freimüthiges Geſchlecht— roh zwar, aber nicht ge⸗ mein, namentlich im Gebüſch— und ich denke, ſie werden am Ende eine ſo wackere und ehrenhafte Bevölkerung wer⸗ den, wie die, welche jetzt in Südauſtralien heranwächst, wo die Verbrecher ausgeſchloſſen ſind— und zum Glück ausge⸗ ſchloſſen ſind; denn die Auszeichnung wird den Wetteifer ſchärfen. Was das Uebrige betrifft, ſo denke ich, daß zu unmittelbarer Beantwortung Eurer Frage ſogar der eman⸗ eipirte Theil unſerer Bevölkerung um kein Haar weniger achtbar iſt, als das Raubgeſindel unter Romulus. Vivian.— Aber waren ſie nicht Soldaten— die erſten Römer, meine ich? Piſiſtratus.— Mein lieber Vetter, wir ſind gegen jene unheimliche Geächtete im Vortheil, wenn wir Land, Häuſer und Weiber gewinnen können—(hei den letzteren hat es freilich einen Haken, und es iſt gut, vaß keine weißen Sabiner in der Nachbarſchaft wohnen) ohne zu dem kriegeri⸗ 84⁰ ſchen Weſen unſere Zuflucht nehmen zu müſſen, das für ihr Beſtehen nothwendig war. Vivian—(nach einer Pauſe).— Ich habe meinem Vater und dem Eurigen ausführlicher geſchrieben. In dem einen Brief deutete ich meinen Wunſch an, in dem andern die Gefühle, aus denen er entſprungen iſt. Piſiſtratus.— Sind die Briefe ſchon abgegangen? Vivian.— Ja. Piſiſtratus.— Und Ihr habt ſie mir nicht zeigen mögen? Vivian.— Sprecht nicht ſo vorwurfsvoll. Ich gab Eurem Vater die Zuſage, mein ganzes Herz vor ihm auszu⸗ ſchütten, ſo oft es bekümmert und im Kampfe begriffen wäre. Ich verſpreche Euch jetzt, daß ich mich ganz durch ſeinen Rath leiten laſſen werde. Piſiſtratus(troſtlos).— Kann Euch denn das mili⸗ täriſche Leben, nach dem Ihr ſo ſehr verlangt, mehr Stoff für geſunde Aufregung und rühriges Wagen bieten, als dies bei Eurer gegenwärtigen Beſchäftigung der Fall iſt? Vivian.— Ich kann mich darin auszeichnen. Ihr ſeht nicht den Unterſchied, der zwiſchen uns beiden ſtattfindet. Ihr braucht blos Vermögen zu erwerben; ich aber habe einen Namen wieder gut zu machen. Ihr ſchaut ruhig in die Zukunft; doch ich muß einen dunkeln Fleck austilgen aus der Vergangenheit. Piſiſtratus— Guſprechend).— Er iſt ausgetilgt. Fünf Jahre, nicht in ſchwächlichen Klagen hingebracht, ſon⸗ dern in männlicher Neugeſtaltung, beharrlichem Fleiß und — — 34 em em n? en u⸗ re. en off s 84¹ einem ſo tabelloſen Benehmen, paß ſi ſogar Guy, den ich als die eingefleiſchte, derbe engliſche Ehrlichkeit betrachte, halb zweifelt, ob Ihr ſchlau genug ſeyet„für eine Station“— ein Leumund, der bereits ſo hoch ſteht, daß ich mich nach der Stunde ſehne, wann Ihr wieder Eures Vaters flecken⸗ loſen Namen annehmt und mir die Freude macht, unſere Verwandtſchaft vor der ganzen Welt einzugeſtehen— alles dieſes bietet ſicherlich reichen Erſatz für die Verirrungen, welche aus einer unerzogenen Kindheit und einer unſteten Jugend hervorgegangen ſind. Vivian—(ſich über ſein Pferd biegend und ſeine Hand auf meine Schulter legend).— Mein theurer Freund, wie tief bin ich Euch nicht verpflichtet?(Nachdem er ſich von ſeiner Aufregung wieder erholt hat, reitet er raſcher und fährt fort zu ſprechen.) Aber ſeht Ihr nicht ein, daß gerabe in dem Verhältniß, in welchem meine Erkenntniß des Guten flarer und kräftiger wird, auch mein Gewiſſen mir ſchmerzlichere Vorwürfe machen muß? Je mehr ich meinen ritterlichen Vater verſtehen lerne, deſto angelegentlicher muß mein Verlangen ſeyn, ſo zu werden, wie er ſeinen Sohn zu haben wünſchte. Glaubt Ihr, es würde ihn zufrieden ſtellen, wenn er mitanſehen könnte, wie ich Vieh zeichne und mit Ochſentreibern handle? War es nicht der ſehnlichſte Wunſch ſeines Herzens, ich möchte ſeine eigene Laufbahn betreten, und habe ich Euch nicht ſelbſt ſagen hören, er würde, wenn Eure Mutter nicht geweſen wäre, auch Euch zum Soldaten gemacht haben? Ich habe keine Mutter! Und wenn ich mir auch Tauſende oder Zehntauſende durch dieſen unedlen 8⁴¹² Beruf gewänne, könnten ſie meinem Vater nur halb ſoviel Freude machen, als er fühlen würde, wenn er meinen Namen in einer Depeſche ehrenvoll erwähnt läſe? Nein, nein! Ihr habt das Zigeunerblut verbannt, aber jetzt bricht das des Soldaten in mir los. O, welch ein herrlicher Tag wäre es nicht, der mich befähigte, mir Bahn zu ſchaffen zu einem ehrenvollen Ruhm, wie ihn unſere Väter vor uns erwarben — wenn Thränen ſtolzer Freude den Augen entſtrömen könn⸗ ten, die ſo viele heiße Tropfen geweint haben über meine Schande— wenn auch ſie in ihrer hohen Stellung an der Seite jenes glatten Lord ſagen müßte: ſein Herz war im Grunde doch nicht ſo ſchlecht“ Kommt mir nicht mit Gegen⸗ vorſtellungen— ſie ſind vergeblich! Unterſtützt vielmehr meine Bitte, daß mir geſtattet werde, meinen Weg nach meinem eigenen Sinne zu ſuchen; denn ich ſage Euch— wenn ich dazu verdammt bin, hier bleiben zu müſſen, ſo murre ich vielleicht nicht laut und mache die Runde meiner niedrigen Obliegenheiten durch, wie das Vieh, welches das Rad einer Mühle treibt; aber mein Herz muß ſich dabei ver⸗ zehren, und Ihr werdet bald auf meinen Grabſtein die In⸗ ſchrift jenes armen Dichters zu ſchreiben haben, von dem Ihr mir erzähltet und deſſen ſchlimmſte Krankheit der Durſt nach Ruhm war— hier liegt einer, deſſen Namen in's Waſſer geſchrieben iſt. Ich konnte ihm nichts antworten, denn ſein Ehrgeiz war anſteckend; mir ſelbſt lief dabei das Blut wärmer durch die Adern, und mein Herz pochte mit lauteren Schlägen. Mitten in der idylliſchen Landſchaft und unter dem ruhigen rau Wi wir jetz ſchl ihr ente ſteit Tre unſ tom um ren vor wor aus kein viel nen Ihr des es em ben nn⸗ eine der im gen⸗ tehr ach „ſo iner das ver⸗ In⸗ Ihr nach aſſer geiz urch gen. 84³ Monblicht der neuen Welt erhob die alte auch in mir, dem rauhen Buſchmann, für eine Weile Anſpruch auf ihren Sohn. Wie wir jedoch weiter ritten, gab die Luft, die bei all' ihrer Schwungkraft beruhigend wie ein ſchmerzſtillendes Mittel wirkte, mich der friedlichen Natur wieder zurück! Wir ſahen jetzt die Heerden gleich Schneefeldern unter den Sternen ſchlafen. Horch— der Willkomm der Wachthunde! Seht ihr das Licht, bas uns aus einem Spalt der Thüre weit her entgegenblinkt? Ich hielt inne und ſagte laut: „Nein, es liegt mehr Ruhm darin, dieſe rohen Grund⸗ ſteine zu einem mächtigen Staate zu legen, wenn auch kein Trompetenſchall unſeren Sieg begleitet und kein Lorbeer unſer Grab umſchattet— als in dem Drange, unſerem Volk Achtung zu verſchaffen durch brennende Städte und Heka⸗ tomben von Menſchen!“ Ich ſah mich in Erwartung einer Antwort nach Vivian um; aber ehe ich geſprochen, hatte er ſeinem Pferd die Spo⸗ ren in die Seite gedrückt, und ich ſah, wie die wilden Hunde vor dem Hufſchlag ſeines Thieres zurückwichen, während er im Galopp über den mondhellen Raſen dahinritt. Drittes Kapitel. Wochen und Monate entſchwanden, bis endlich die Ant⸗ wort auf Vivians Briefe einlief. Ich konnte mir zum Vor⸗ aus ihren Inhalt denken. Mein Vater mochte natürlich keinen Einſpruch erheben gegen den wohlerwogenen Lieb⸗ 844 lingswunſch eines Mannes, der jetzt die volle Kraft ſeines Verſtandes erlangt hatte und dem es daher überlaſſen bleiben mußte, über den Pfad durch's Leben ſeine eigene Wahl zu treffen. Erſt viel ſpäter bekam ich Vivians Brief an meinen Vater zu Geſicht, und ſogar ſein Geſpräch hatte mich kaum auf das Ergreifende in dem Bekenntniſſe eines Geiſtes vor⸗ bereitet, der ſich in ſeiner Kraft ebenſo auszeichnete, wie in ſeiner Schwäche. Wäre er in einem Zeitalter religiöſer Be⸗ geiſterung geboren worden, oder den Einflüſſen derſelben preisgegeben geweſen, ſo würde ſein Weſen, aus dem Schlaf der Sünde erwachend, ſich nicht mit den nüchternen Pflichten, welche die Mittelſtraße des Guten fordert, begnügt, ſondern in die wilden Tiefen mönchiſchen Fanatismus verſinkend, in Einöden mit dem Teufel gerungen oder er baarfuß die Wan⸗ derung angetreten haben nach dem Lande der Unglänbigen, ſtatt der Rüſtung das härene Kleid auf dem Leib und ſtatt des Schwertes ein Kreuz in der Hand. So aber ſchlug das ungeduldige Verlangen nach Sühne eine weltlichere Richtung ein, obſchon demſelben etwas beigemiſcht war, was in ſeiner Innigkeit faſt geiſtig genannt werden konnte. Und dieſe Glut ſtrömte durch Schichten einer ſo tiefen Melancholie! Ver⸗ weigerte man ihr den Ausgang, ſo ſiechte ſie vielleicht zur Starrſucht dahin oder ſteigerte ſich zum Wahnſinn; doch machte man ihr Luft, ſo konnte ſie beleben und befruchten, wohin immer ihr Lauf ging. Die Antwort meines Vaters auf ſeinen Brief fiel aus, wie ſich erwarten ließ. Er legte Vivian ſanft die alten Leh⸗ ren an's Herz über den Unterſchied zwiſchen dem Ringen nach Sel iſt ren ſont fene In eine einz thut und wei deut ſuch wer aus es Sel Sol nich ged Sol obſe weg Kur hatt geſe ines iben l zu inen aum vor⸗ ie in Be⸗ lben chlaf hten, dern din Van⸗ igen, ſtatt das tung einer Glut Ver⸗ t zut doch hten, aus, Leh⸗ nach 615 Selbſtvervollkommnung— einem Ringen, das nie vergeblich iſt— und dem krankhaften Trachten nach Beifall von ande⸗ ren, welches nicht in der eigenen Bruſt Befriedigung ſucht, ſondern ſich an die babyloniſche Verwirrung des großen Hau⸗ fens wendet, um bei ihr den ſogenannten„Ruhm“ zu ſuchen. In ſeinen Rathſchlägen bemühte ſich jedoch mein Vater nicht, einem Geiſte entgegenzuarbeiten, der ſo ſtarrſinnig auf einen einzigen Weg erpicht war, indem ihm vielmehr darum zu thun war, ihn auf der Bahn, die er gehen wollte, zu leiten und zu kräftigen. Die Meere des menſchlichen Lebens ſind weit. Die Weisheit kann wohl die Richtung der Fahrt an⸗ deuten, aber man muß zuerſt den Zuſtand des Schiffes unter⸗ ſuchen und die Art der Ladung in's Auge faſſen, welche ver⸗ werthet werden ſoll. Nicht jedes Schiff, das von Tarſus ausfährt, kann das Gold von Ophir zurückbringen; aber ſoll es deshalb im Hafen vermodern? Nein; man gebe ihm Segel und überlaſſe es dem Winde! Ich hatte übrigens erwartet, Rolands Brief an ſeinen Sohn werde voll Jubel und Freude ſehn; von erſterem war nichts zu bemerken, und die letztere vrückte ſich nur ernſt und gedämpft aus. In die ſtolze Zuſtimmung, welche der alte Soldat dem Wunſche ſeines Sohnes ertheilte, miſchte ſich, obſchon er die ſeinem eigenen Weſen ſo nahe verwandten Be⸗ weggründe vollkommen zu würdigen wußte, ein ſichtlicher Kummer, und es hatte den Anſchein, als ob er nur ungern Ja ſagte. Erſt nachdem ich den Brief wiederholt geleſen hatte, konnte ich mir die Gefühle deuten, mit welchen Roland geſchrieben haben mußte. Jetzt, ſo lange Zeit nachher, 84⁵ begreife ich ſie vollkommen. Hätte er von ſeiner Seite weg einen Knaben, der noch ein Reuling war im Leben und in der Sünde, mit einer ſo reinen und warmherzigen Begeiſte⸗ rung, wie die ritterliche Glut ſeiner eigenen Jugend geweſen, in einen edlen Krieg ſenden können, ſo würde er mit der ganzen Freude eines Kriegers ſeinen Beitrag geliefert haben zu den Heeren Englands; hier aber erkannte er, obſchon vielleicht nur unbeſtimmt, nicht den freien kriegeriſchen Sinn, ſondern nur den ernſten Drang nach Sühne— und bei die⸗ ſem Gedanken gewannen trübe Ahnungen in ihm Raum⸗ die er ſonſt wohl zurückgewieſen hätte, ſo daß am Schluß des Briefs nicht der feurige, kriegsluſtige Roland, ſondern viel⸗ mehr eine ſchüchterne, ingſtliche Mutter zu ſchreiben ſchien. Warnungen und Bitten, Aufforderungen zur Vorſicht und Verſicherungen, daß die beſten Soldaten ſtets auch die klüg⸗ ſten ſeyen— waren dies wohl die Rathſchläge eines Vete⸗ ranen, ber ſelbſt, den Degen zwiſchen den Zähnen, an der Spitze einer verlorenen Hoffnung die Mauern von ſtiegen hatte? Welcher Art übrigens Rolands Ahnungen ſeyn moch⸗ ten, er hatte der Bitte ſeines Sohnes ſogleich nachgegeben und war unmittelbar nach Empfang des Briefs nach London geeilt, um für ihn einen Poſten in einem Regiment auszu⸗ wirken, das eben in Indien ſchlagfertig ſtand. Die Beſtal⸗ lung nebſt dem Befehl ſich ſobald wie möglich, bei dem Re⸗ giment einzufinden, war der Antwort des Vaters beige⸗ ſchloſſen. 8 Sꝛ weg d in iſte⸗ ſen, der aben chon inn, die⸗ „die des viel⸗ hien. und klüg⸗ ete⸗ der er⸗ noch⸗ eben ndon szu⸗ eſtal⸗ Re⸗ eige⸗ 847 Vivian deutete auf den Namen der Adreſſe und ſagte zu mir: „Jetzt kann ich in der That von dieſem Namen wieder Gebrauch machen, und er ſoll mir nächſt Gott ein Heilig⸗ thum ſeyn! Er wird mich zum Ruhme führen oder mein Vater ſoll ihn ohne Beſchämung auf meinem Grahe leſen können! Ich ſehe ihn noch vor mir, wie er baſtand— die Haltung aufrecht, ſeine dunkeln Augen feierlich in ihrem Leuchten, eine Heiterkeit in ſeinem Lächeln und eine Größe auf ſeiner Stirne, wie ich nie was Aehnliches an ihm bemerkt hatte. War dies derſelbe Menſch, vor deſſen chniſchem Hohn ich ehedem zurückbebte, den ich ſchaudernd als einen kühnen Ver⸗ räther betrachtete oder über den ich weinte als über einem gedemüthigten Verſtoßenen? Wie wenig hängt der Adel des Aeußern von dem Ebenmaße des Geſichts oder den bloſen Verhältniſſen der Geſtalt ab! Welche Würde bekleidet den Mann, der von einem erhabenen Gedanken erfülit iſt! Viertes Kapitel. Er iſt fort! In meinem Leben hat er eine Lücke zurück⸗ gelaſſen. Er war mir theuer geworden, und Stolz erfüllte meine Seele, wenn ich ihn loben hörte. Meine Liebe war eine Art Selbſtliebe— ich hatte ihn theilweiſe als das Werk meiner eigenen Hände betrachtet. Es ſtund lange an, bis ich wohlgemnth wieder an meine Hirtenboſchäftigung 848 gehen konnte. Ehe mein Vetter abreiste, warfen wir un⸗ ſern Gewinn zuſammen und bereinigten die Theilung. Als er auf die Summe verzichtete, welche ihm ſein Vater als Jahrgehalt bewilligt hatte, gab mir letzterer im Geheim für ihn eben ſo viel mit, als ich und Guy Bolding zum gemein⸗ ſchaftlichen Kapital beigetragen hatten. Roland hatte das Geld auf ſeine Güter aufgenommen, und während die Zinſen in Vergleichung mit der früheren Belaſtung ſein Einkommen nur unbedeutend ſchmälerten, wurde das Kapital ſeinem Sohn viel nützlicher, als ein bloßer jährlicher Zuſchuß. Wir hatten alſo mit der für auſtraliſche Anſiedler nicht unbeträcht⸗ lichen Summe von viertauſendfünfhundert Pfunden begon⸗ nen. Die erſten paar Jahre kamen wir zu nichts, da der größere Theil des erſten Jahres darauf verwendet wurde, auf der Station eines alten Anſiedlers die nöthigen Vor⸗ theile kennen zu lernen. Zu Ende des dritten jedoch hatten, ſich unſere Heerden ſchon beträchtlich ausgedehnt und wir erzielten einen Ertrag, der unſere kühnſten Erwartungen überſtieg. Als mein Vetter im ſechsten Jahre unſerer Verban⸗ nung von uns ſchied, betrug der Antheil eines jeden von uns viertauſend Pfund, den Werth der beiden Stationen nicht mit eingerechnet. Mein Vetter hatte Anfangs gewünſcht, ich ſolle die ihn treffende Summe ſeinem Vater ſchicken. Da er jedoch bald einſah, Roland werde ſie nicht nehmen, ſo kamen wir ſchließlich dahin überein, daß das Geld in meinen Händen bleiben und ich es für ihn verwalten ſollte; die In⸗ tereſſen zu fünf Prozent berechnet, ſolle ich ihm ſchicken, was zu un⸗ Als als für ein⸗ das nſen men nem Wir icht⸗ gon⸗ der rde, gor⸗ tten wir igen ban⸗ uns icht ſcht, Da „ſo inen In⸗ was 849 aber mehr gewonnen werde, zu ſeinem Kapital ſchlagen. Ich hatte daher jetzt über zwölftauſend Pfund zu gebieten, und wir konnten uns ſchon als ſehr achtbare Kapitaliſten betrachten. Die Viehſtation behielt ich unter Beihülfe des Will o' the Wisp noch zwei Jahre nach Vivians Abreiſe, ſo daß wir ſie im Ganzen fünf Jahre beſeſſen hatten. Nach Ablauf dieſer Zeit verkaufte ich ſie ſammt dem Viehſtand mit großem Nutzen. Da inzwiſchen auch die Schaafe, deren „Zeichen“ mich in hohen Ruf gebracht hatte, wunderbar ge⸗ diehen waren, ſo glaubte ich, wir könnten jetzt unſere Spe⸗ kulativnen wohl auf neue Verſuche ausdehnen. Ein Wechſel der Gegend kam mir gleichfalls erwünſcht, und ſo ließ ich denn Bolding bei den Heerden zurück, während ich mich Adelaide zuwandte, da der Ruf dieſer neuen Anſiedlung be⸗ reits den Frieden des Gebüſches geſtört hatte. Onkel Jack wohnte in der Nähe von Adelaide in einem ſehr ſchoͤnen Landhaus unter allem Zubehör von Kolonialwohlſtand, und ich glaube kaum, daß das Gerücht den Gewinn, welchen er gemacht hatte, übertrieb. Hatte er doch ſo viele Schnüre für ſeinen Bogen, und dießmal ſchien jeder Pfeil in's Schwarze zu treffen. Ich glaubte nun hinreichend Sachkenntniß und Vorſicht erworben zu haben, um mir Onkel Jacks Ideen zu Nutze machen zu können, ohne mich dadurch zu Grunde zu richten, indem ich ſie in Gemeinſchaft mit ihmzur Ausführung brachte; denn ich ſah eine Art vergeltender Gerechtigkeit darin, daß ich ſein Gehirn zum Beſten Derjenigen ſpornte, welche nach Squills ſeine Idealität und ſein Kunſtſinn faſt an den Bet⸗ Bulwer, die Caxtone. 54 8⁵⁰ telſtab gebracht hätte. Ich muß hier dankbar anerkennen, daß mir dieſes unregelmäßige Genie ſehr zu ſtatten kam. Die Nachforſchungsreiſe nach den vermeintlichen Minen hatte Mr. Bullion nicht befriedigt, und ſie wurden erſt einige Jahre ſpäter wirklich entdeckt. Aber Jack war von ihrem Vorhandenſeyn ſo feſt überzeugt geweſen, daß er für eigene Rechnung einige öde Ländereien um„ein Naſenwaſſer“ er⸗ warb und ihnen den wohlklingenden Namen„Tibbets' Heil“, welchen ſie auch ſpäter behielten, beilegte, da er ſich's nicht nehmen ließ, ſie müßten ſich eines Tages als ein zweites Golconda ausweiſen. Der Umſtand, daß die Bebauung der Minen verzögert wurde, ſchob auch glücklicherweiſe die Er⸗ richtung des Magazins für Branntwein und andere Vorräthe auf, und Onkel Jack arbeitete jetzt an Gründung des Fort Philipp mit. Seinen Rath benützend, wagte ich in dieſer neuen Niederlaſſung einige ſchüchterne, vorſichtige Ankäufe, die mir bei einer ſpäteren Wiederveräußerung beträchtliche Vortheile brachten. Inzwiſchen darf ich nicht verabſäumen, in Kürze anzudeuten, wie es ſeit meiner Abreiſe von England mit Trevanions miniſterieller Laufbahn ergangen war. Das feine, ekle Weſen und die Bedenklichkeit eines politiſchen Gewiſſens, die ihm ſchon als unabhängigem Par⸗ lamentsmitglied anklebten und oft in der Meinung von Freunden und Feinden dazu dienten, einem Geiſte, der in allen Einzelnheiten ſo weſentlich praktiſch war, das Prädikat der Praktikloſigkeit im Allgemeinen beizulegen — würde vielleicht Trevanions Ruf als Miniſter gegründet haben, wenn er als Miniſter ohne Kollegen hätte regieren en, en ige em ene er⸗ [ cht der Er⸗ the ort eſer ufe, iche ten, and nes zar⸗ von r in das gen ndet eren 85¹ können. Alleinſtehend und von der nöthigen Höhe herab hätte er ſicherlich klar und einfach vor der Welt ſeine vollen⸗ dete Ehrenhaftigkeit und den Umfang ſeiner wunderbar tief gehenden Staatskunſt entfalten können. Aber Trevanion vermochte nicht, ſich mit andern zu verſchmelzen oder die Grundſätze eines Kabinets zu unterſchreiben, in welchem er nicht oben anſtand, namentlich in einer Politik, die einer ſol⸗ chen Natur ein wahrer Abſcheu ſeyn mußte— in einer Poli⸗ tik, die letzter Zeit nicht nur einer Faktion eigenthümlich war, ſondern ſich den Hauptführern beider Seiten in einem Grade aufgezwungen zu haben ſchien, daß diejenigen, welche die Sache vom mildeſten Geſichtspunkt aus betrachten, den Grund vielleicht im Drange der Zeit ſuchen, welcher durch die Stimmung des Publikums genährt wird— ich meine die Politik der Thunlichkeit. Ich will jedoch in dieſem Buche das aufregende Element der Parteienpolitik nicht zur Sprache bringen, denn wie ſollte ich auch viel davon wiſſen? Mag ſie nun richtig oder unrichtig ſeyn, ich habe nur zu bemerken, daß ſie jeden Augenblick mit allen Grundſätzen von Treva⸗ nions Staatskunſt in Widerſtreit kommen und jede Fiber ſeines moraliſchen Weſens aufreiben mußte. Die ariſtokra⸗ tiſchen Verbindungen, welche ſeine Anknüpfung an das Caſtleton⸗Intereſſe ihm zur Verfügung geſtellt hatte, dien⸗ ten vielleicht dazu, ſeine Stellung in dem Kabinet zu kräfti⸗ gen; aber was konnte der Einfluß des Adels viel nützen gegen eine Epidemie des Zeitalters, welche in der Luft zu liegen ſchien? Wie drückend ſeine Stellung auf ſeinen Geiſt wirken mußte, konnte ich aus einem Zeitungsartikel des 54* 85⁵² Inhalts entnehmen,„man wiſſe aus guter Ouelle, daß Mr. Trevanion um ſeine Entlaſſung gebeten habe, übrigens ver⸗ anlaßt worden ſey, ſein Geſuch wieder zurückzunehmen, da ſein Abtreten in dieſem Augenblick die Auflöſung des ganzen Kabinets zur Folge haben würde.“ Einige Monate ſpäter meldete ein anderer Artikel, Mr. Trevanion ſey plötzlich er⸗ krankt, und es ſtehe zu fürchten, daß die Folgen ſeines Lei⸗ dens ihn hindern werden, ſeine amtlichen Verrichtungen wie⸗ ver aufzunehmen.“ Um jene Zeit wurde das Parlament vertagt, und ehe es wieder zuſammentrat, berichteten öffent⸗ liche Blätter Mr. Trevanions Erhebung zum Grafen von ulverſtone— ein Titel, der früher ein Eigenthum ſeiner Familie geweſen war; dieſer Nachricht war die Bemerkung beigefügt, er ſey aus dem Miniſterium getreten, weil er ſich außer Stande fühle, der Anſtrengung ſeines Poſtens ferner nachzukommen. Dem gewöhnlichen Menſchen mußte die Er⸗ hebung in den Grafenſtand mit Umgehung der geringeren Ehren in der Peerage als würdiger Schluß einer politiſchen Laufbahn erſcheinen; aber ich fühlte, welcher tiefe Verzweif⸗ lungskampf gegen das Prinzip der Thunlichkeit— welcher Zwieſpalt mit ſeinen Kollegen, die er weder mit gutem Gewiſſen unterſtützen, noch ſeinen hohen altmodiſchen Be⸗ griffen von Parteiehrenhaftigkeit und Etiquette zufolge nach⸗ drücklich befehden konnte, ihn bewogen hatte, von dem ſtürmiſchen Schauplatze abzutreten, auf welchem ihm ſein Daſeyn entſchwunden war. Das Haus der Lorde war für dieſen regſamen Geiſt daſſelbe, was für einen Krieger das Zurückziehen in die Kreuzgänge eines Kloſters. Die Zei⸗ e⸗ nt it⸗ on ng ich er Fr⸗ en if⸗ her em e⸗ ch⸗ ein für das ei⸗ —— 853 tungsnachricht über die Grafenwürde von Ulverſtone war eine Erklärung, daß Albert Trevanion nicht mehr für die öffentliche Welt lebte. Und in der That ſchwand von die⸗ ſer an ſeine Laufbahn aus den Augen. Trevanion war geſtorben, und der Graf von Ulverſtone gab kein Lebenszei⸗ chen von ſich. Ich hatte bisher im Laufe meiner Verbannung nur zweimal an Lady Ellinor geſchrieben— einmal nach der Vermählung Fanny's mit Lord Caſtleton, welche ungefähr ſechs Monate nach meiner Abreiſe von England ſtattfand, und dann wieder, als ich ihrem Gatten für eine Sendung von Pferden, Schaafen und Rindern der ſeltenſten Zucht dankte, mit welcher er Bolding und mich erfreut hatte. Nach Tre⸗ vanions Erhebung in den Grafenſtand ſchrieb ich wieder und erhielt im Laufe der Zeit eine Antwort, welche alle meine Eindrücke bekräftigte, denn das Schreiben war voll Bitterkeit und Galle, voll Klagen gegen die Welt und Beſorgniſſen für das Land. Selbſt Richelien konnte der Lage der Dinge feinen trüberen Geſichtspunkt abgewinnen, als er ſeine Le⸗ vers verlaſſen ſah und ſeine Macht vernichtet ſchien vor dem „Tag der Bethörten“. Nur ein Strahl des Troſtes fand Eingang in der Bruſt der Lady Ulverſtone und ſchien ſie über die Zukunft der Welt einigermaßen zu beruhigen: dem Lord Caſtleton war ein zweiter Sohn geboren worden. Dieſer war der künftige Erbe der Grafenwürde von Ulverſtone und der Beſitzungen, welche vermöge der Rechte ſeiner erlauchten Großmutter damit zuſammenhingen. Nie hatte es ein ſo viel verſprechendes Kind gegeben! Selbſt Virgil, als er 85⁴ vie ſicilianiſchen Muſen aufforderte, die Ankunft eines Soh⸗ nes des Pollio zu feiern, ließ ſich nicht in einem höheren Schwunge vernehmen. Der junge Menſch, der vielleicht, eben ſich damit abmühte, zweiſylbige Wörter zuſammenzuklauben, war beſtimmt— „Durch der Natur gebärend Walten, Den ſchwanken Weltbau feſtzuhalten, Zu ſorgen, daß Luft, Erd' und Atmoſphäre Zurück in die verlaß'nen Bahnen kehre, Daß auf die Völker einſt in reichem Regen Herniederſtröm' des Glückes ſchönſter Segen.“ Glücklicher Traum, welchen der Himmel den Großeltern ſendet! Wiedertaufe der Hoffnung in dem Quell, deſſen Tro⸗ pfen den Enkel beſprengen! Die Zeit entſchwindet, und unſere Angelegenheiten gedeihen mehr und mehr. Ich komme eben mit zufriedener Miene von der Bank zu Adelaide, als ich in der Straße von ſich verbengenden Bekannten angehalten werde, die mir nie zuvor die Hand reichten. Jetzt drücken ſie mir dieſelbe und rufen: „Ich wünſche Euch Glück, Sir. Der tapfere Kämpe, Guer Namensvetter, iſt natürlich ein naher Verwandter von Euch.“ „Was meint ihr damit?“ „Habt Ihr die Zeitung nicht geleſen? Hier iſt ſie.“ „Tapferes Benehmen des Fähndrichs de Carton— auf dem Schlachtfeld zum Lieutenant ernannt—“ Ich wiſche meine Augen und rufe— „Dem Himmel ſey Dank— er iſt mein Vetter Dann neues Händedrücken, neue Gruppen um mich en en n ern ro⸗ ere ben ich ten pe, von 855⁵ her. Ich fühle mich um einen Kopf höher, als ich vorher war! Wir brummbärtigen Engländer leben ſtets im Hader mit einander, und die Welt iſt nicht weit genug für uns; wenn aber in fernem Lande eine kühne That geſchieht durch einen Landsmann, ſo fühlen wir, daß wir alle Brüder ſind, und die Herzen werden warm gegen einander. Welch einen Brief ſchrieb ich nach Hauſe— und wie freudig kehrte ich in's Gebüſch zurück! Der Will o' the Wisp hat es nun zu einer eigenen Viehſtation gebracht. Ich mache einen Umweg von zwanzig Stunden, um ihm die Kunde mitzutheilen und ihm die Zeitung zu geben; denn er weiß jetzt, daß ſein alter Herr Vivian ein Cumberländer— ein Carton iſt. Armer Will o' the Wisp! Der Thee, welchen wir an jenem Abend tranken, ſchmeckte ungemein wie Wisky Punſch! Vater Ma⸗ thew möge uns vergeben!— Aber wenn Du ein Cumber⸗ länder geweſen wäreſt und den Will o' the Wisp hätteſt brüllen hören:„Blaue Mützen überall!“ ſo glaube ich, auch Dein Thee wäre nicht blos aus der Büchſe gekommen. Fünftes Kapitel. In unſerm Hausweſen hat eine große Veränderung ſtattgefunden. Guy's Vater iſt todt. Seine letzten Jahre wurden noch erfreut durch Berichte über die Geſetztheit und den Wohlſtand ſeines Sohnes, wie auch durch die rührenden Beiſe, die Guy davon lieferte. Er war nämlich darauf beſtanden, ſeinem Vater die alten Univerſitätsſchulden wieder zu erſetzen und den Vorſchuß von fünfzehnhundert Pfunden zurückzubezahlen, indem er ihn bat, das Geld als Erbtheil ſeiner Schweſter zu betrachten. Nach dem Tod des alten Gentleman hatte die Schweſter den Entſchluß gefaßt, nach Auſtralien zu kommen und bei ihrem lieben Bruder Guy zu leben. An die Hütte iſt ein weiterer Flügel angebaut wor⸗ den, und wir tragen uns mit ehrgeizigen Planen zur Er⸗ richtung eines neuen ſteinernen Gebäudes, das im folgenden Jahr begonnen werden ſoll. Aber Guy hat von Adelaide nicht nur eine Schweſter, ſondern auch zu meinem größten Erſtaunen in der Geſtalt einer ſchönen Freundin, welche mit der Schweſter gekommen iſt, eine Frau mitgebracht. Die junge Dame that wohl daran, nach Auſtralien zu kom⸗ men, wenn ſie einen Mann wünſchte. Sie war ſehr hübſch, und im Nu hatten ſich alle Junggeſellen von Adelaide um ſie geſammelt. Schon am erſten Tage war Guy verliebt— am zweiten wüthend über dreißig Nebenbuhler— am dritten in Verzweiflung— am vierten wurde die Anfrage vorge⸗ bracht— und noch vor dem fünfzehnten eilte er als ein Eh⸗ mann mit einem Schatze von dannen, Lon dem er meinte, alle Welt habe ſich verſchworen, ihn deſſelben zu berauben. Seine Schweſter war ebenſo hübſch, wie ihre Freundin, und es wunden ihr gleich nach dem Landen Anträge die Menge gemacht; aber ſie that etwas romanhaft und ſpröde, und ich denke, Guy hat ihr geſagt, daß„ich ganz für ſie geſchaffen ſey“. So bezaubernd ſie übrigens auch iſt mit ihren hüb⸗ ſchen blauen Augen und dem offenen Lächeln ihres Bruders, den eil ten ach zu or⸗ Er⸗ den ide zten lche cht. om⸗ bſch, um — itten rge⸗ Eh⸗ inte, ben. und enge dich affen hüb⸗ 857 laſſe ich mich doch nicht in Bande ſchlagen. Ich denke, ſie verlor alle Ausſicht auf mein Herz, als ſie in ſeidenen Schuhen über den Hof ging. Wenn ich im Gebüſch bleiben ſoll, brauche ich eine Frau, die reiten, über einen Graben ſpringen und, das Gewehr in der Hand, mit mir ausziehen kann auf die Känguruhjagd. Ich wage es gar nicht, die Liſte von Erforderniſſen aufzuzählen, die für die Gattin eines Buſch⸗ manns nöthig ſind. Dieſer Wechſel dient jedoch aus ver⸗ ſchiedenen Gründen dazu, mein Verlangen zur Heimkehr neu zu beleben. Zehn Jahre ſind jetzt abgelaufen, und ich habe bereits ein viel größeres Vermögen erworben, als ich urſprünglich beabſichtigte. Zu Guy's aufrichtigem Leid⸗ weſen ſchließe ich daher unſere Geſchäfte ab und löſe den Ge⸗ ſellſchaftsvertrag auf; denn er iſt entſchloſſen, ſein Leben in der Kolonie zuzubringen— was mich auch nicht wundert, da er eine hübſche Frau hat, welche ihn ſehr liebt. Guy über⸗ nimmt meinen Antheil an der Station und an dem Vieh⸗ ſtand; wir bereinigen unſere Rechnungen, und ich ſage dem Gebüſch Lebewohl. Ungeachtet aller Beweggründe, die mein Herz nach Hauſe zogen, konnte ich doch nicht ohne Schmerz von meinen alten Gefährten ſcheiden, welche ich wahrſcheinlich dieſſeits des Grabes nie wieder ſah. Der Geringſte in meinem Dienſte war mir ein Freund geworden, und als die rauhen Hände die meinige faßten und aus mancher Bruſt, die einſt in ver⸗ meſſenem Krieg gelebt hatte mit der Welt, ſanfte Segens⸗ wünſche quollen für den Heimkehrenden nebſt warmen Ge⸗ danken für das alte England, das ihnen nur eine harte 858 Stiefmutte geweſen war— da bemächtigte ſich meiner ein überwältigendes Gefühl, welches, wie ich vermuthe, in den Freundſchaften von Mayfair und St. James nur wenig bekannt iſt. Ich mußte mich mit einigen abgebrochenen Wor⸗ ten losreißen, obſchon ich mir vorgenommen hatte, mit einer langen Rede zu ſcheiden. Vielleicht gefielen die halberſtickten Ausrufe der Zuhörerſchaft nur um ſo beſſer. Ich drückte meinem Pferde die Sporen in die Seite und erreichte eine kleine Anhöhe, von welcher aus ich zurückſchaute. Da ſtan⸗ den die armen, treuen Geſellen im Kreiſe, mit abgenommenen Hüten mir nachſehend und ihre Augen vor der Sonne be⸗ ſchattend. Und Guy hatte ſich auf die Erde geworfen und ich hörte deutlich ſein lautes Schluchzen. Seine Frau lehnte ſich auf ſeine Schulter und verſuchte ihn zu beruhigen. Ver⸗ gib ihm, ſchöne Gefährtin— Du wirſt von morgen an ſein Alles in der Welt ſeyn! Und wo war die blauäugige Schwe⸗ ſter? Hatte ſie keine Thränen für den rauhen Freund, der über ihre ſeidenen Schuhe lachte und ſie lehrte, wie ſie den Zügel halten müſſe und wie ſie nicht zu fürchten brauche, daß der alte Pony mit ihr davon laufen werde? Was liegt daran! Wenn Thränen floßen, ſo geſchah es im Verbor⸗ genen. Du brauchſt Dich ihrer nicht zu ſchämen, ſchöne Ellen! Seitdem haſt Du glücklichere geweint über Deinen Erſtgebornen, und unter ihnen iſt längſt alle Bitterkeit verſchwunden aus der unſchuldigen Erinnerung an die erſte Neigung eines Mädchens. bei ein den enig Vor⸗ einer ckten ückte eine ſtan⸗ enen be⸗ und hute Ver⸗ ſein hwe⸗ der den che, liegt bor⸗ höne inen rkeit erſte im Golde wälzen könnteſt! 85⁵⁰9 . Sechstes Kapitel. (Von Adelaide aus.) Denkt euch meine Verwunderung— Onkel Jack iſt eben bei mir geweſen, und— doch ihr müßt ſelbſt unſer Geſpräch hören. Onkel Jack. Du willſt alſo unwiderruflich zurück nach dem rauchigen, muffigen alten England, während Du hier auf dem beſten Wege biſt zu einer Million? Wenigſtens zu einer Million, Neffe! Alles ſagt hier, es gebe keinen hoffnungsvolleren jungen Mann in der Kolonie. Ich glaube, ſogar Bullion würde Dich zum Aſſoeié annehmen. Warum eilſt Du denn ſo ſehr? Piſiſtratus. Ich möchte meinen Vater wieder ſe⸗ hen, meine Mutter, Onkel Roland und—(er iſt im Be⸗ griff, noch einen Namen zu nennen, hält aber inne)— Ihr ſeht, lieber Onkel, ich bin nur mit dem Gedanken heraus⸗ gekommen, wieder gut zu machen, was mein Vater in jener unglücklichen Spekulation mit dem Kapitaliſten verloren hat. Onkel Jack—(huſtet und ruft:)— Der ſpitzbübiſche Peck. Piſiſtratus.— Und einige Tauſende zur Verwen⸗ dung auf die Ländereien des armen Roland aufzutreiben. Mein Zweck iſt erreicht— warum ſollte ich länger bleiben? Onkel Jack.— Abzuziehen mit einem lumpigen paar Tauſend, während Du ſpäteſtens nach zwanzig Jahren Dich 860 Piſiſtratus.— Man lernt im Gebüſch, wie man mit reichlicher Beſchäftigung und ſehr wenig Geld glücklich leben kann. Ich will dieſe Lehre in England zur Ausübung bringen. Onkel Jack.— Du biſt alſo feſt entſchloſſen? Piſiſtratus.— Ja. Ich habe bereits meinen Platz auf dem Schiffe genommen. Onkel Jack.— Dann iſt freilich nichts mehr zu ſagen. Er betrachtet unter wiederholtem Hum und Pah ſeine ſteckenloſen feinen Nägel, wirft dann plötzlich den Kopf auf und ſagt: „Jener verwünſchte Kapitaliſt hat ſeitdem ſtets auf meinem Gewiſſen gelegen, Neffe, und nachdem ich die Sache meiner Mitmenſchen aufgegeben, denke ich, in einer und der anderen Weiſe mehr für meine Verwandten geſorgt zu haben.“ Piſiſtratus—(lächelt— da er ſich der ſchlauen Prophezeiungen ſeines Vaters erinnert).— Natürlich, mein lieber Onkel; jedes Kind, das einmal einen Stein in einen Teich geworfen hat, weiß, daß der Kreis allmälig verſchwin⸗ det, je weiter er wird. Onkel Jack.— Sehr wahr.— Ich will mir vies merken, denn es paßt in meine nächſte Rede, in welcher ich das ſogenannte„Landmonopol“ zu vertheidigen gedenke. Danke ſchön— Stein— Kreis!(Er notirt etwas in ſein Taſchenbuch.) Um jedoch auf den Hauptpunkt zurückzukommen: es geht mir jetzt gut— ich habe weder Weib noch Kind und fühle, daß ich auch einen Theil tragen ſollte von dem Verluſt kul obe jen mi die es be man klich ung Blatz gen. eine auf auf ache der en.“ en nein inen vin⸗ bies ich nke. ſein eht hle, luſt 861¹ Deines Vaters, denn es war unſere gemeinſchaftliche Spe⸗ kulation. Dein Vater, der gute, liebe Auſtin zahlte noch obendrein meine Schulden. Und wie herrlich der Punſch an jenem Abend war, als Deine Mutter ſo gute Luſt hatte, mit dem armen Jack zu zanken! Dann die dreihundert Pfund, welche mir Auſtin borgte, als ich ihn verließ! Neffe, dieſe haben wieder etwas aus mir gemacht; ſie waren die Eichel des Baums, den ich hieher verpflanzte.„Hier iſt es,“ fügte Onkel Jack mit einer herviſchen Anſtrengung bei, indem er aus ſeiner Taſche Wechſel zwiſchen drei und vier Tauſend Pfunden nahm.„So, dies wäre im Reinen — und ich werde nun beſſer darauf ſchlafen!“ Mit dieſen Worten ſtand Onkel Jack auf und ſtürzte aus dem Zimmer. Soll ich das Geld nehmen? Ich denke, ja— es iſt nicht mehr wie billig. Jack muß reich ſeyn und kann es wohl erübrigen. Will er es wieder, ſo weiß ich wohl, daß es mein Vater ihm nicht vorenthält. Jack hatte ja den Verluſt der ganzen Summe veranlaßt, die bei dem Kapi⸗ taliſten u. ſ. w. eingebüßt wurde, und dies iſt nicht ganz die Hälfte von dem, was mein Vater zahlen mußte. Aber iſt es nicht ſchön von Onkel Jack? Mein Vater hatte voll⸗ kommen Recht, wenn er Jacks ſchiefwinklige Bildung mil⸗ der beurtheilte, und es iſt hart, über einen Menſchen abzu⸗ ſprechen, wenn er ſich in dürftigen Verhältniſſen befindet. Muß man ſeinen Ideen durch das Geld des Nachbars Kraft geben, ſo können ſie ſicherlich nicht ſo großartig ſeyn, als wenn man ſie mit eigenen Mitteln zur Ausführung bringt. 862 Onkel Jack—(den Kopf zur Thüre hereinſtreckend). Und Du ſiehſt, Du kannſt dieſes Geld verdoppeln, wenn Du es noch ein paar Jahre in meinen Händen laſſen wiliſt. Du haſt keinen Begriff was ich aus Tibbets Heil machen werde! Hab' ich Dir's ſchon erzählt?— Der Deutſche hatte vollkommen Recht, und man bot mir ſchon ſiebenfach die Summe, welche ich für das Land auslegte. Aber ich ſehe mich jetzt nach einer Geſellſchaft um. Laß mich Dich we⸗ nigſtens für dieſe lumpigten Wechſel als Actionär einzeich⸗ nen. Hundert Prozent— ich verbürge Dir hundert Prozent! Und Onkel Jack ſtreckt ſeine famoſen glatten Hände aus mit einer zitternden Bewegung der beredten zehn Finger. Piſiſtratus.— Ah, mein lieber Onkel, wenn es Euch reut— Onkel Jack.— Mich reuen, wenn ich unter meiner perſoͤnlichen Bürgſchaft Dir hundert Prozent anbiete? Piſiſtratus—(ſteckt ſorgfältig die Wechſel in die Bruſitaſche ſeines Rockes).— Wenn es Euch nicht reut, mein lieber Onkel, ſo erlaubt mir, Euch die Hand zu ge⸗ ben und zu ſagen, daß ich meine Achtung und Bewunde⸗ rung vor der hohen Gewiſſenhaftigkeit, welche Euch zu die⸗ ſem Erſatz veranlaßte, nicht mindern will, indem ich Ge⸗ danken an Aktien⸗Intereſſen und Kupferminen damit in Ver⸗ bindung bringe. Da außerdem dieſe Summe an meinen Vater bezahlt wurde, ſo ſeht Ihr ein, daß ich nicht berechtigt bin, ohne ſeine Zuſtimmung darüber zu verfügen. Onkel Jack—(mit Aufregung.)— Achtung, Bewun⸗ derung, hohe Gewiſſenhaftigheit!— Dies ſind ſehr ſchöne ſt. en che ich ich ve⸗ t! us 863 Worte aus Deinem Munde, Neffe.(Dann ſchüttelt er den Kopf und lächelt.) Du biſt ein ſchlauer Spitzbube und haſt ganz recht. Laß Dir die Wechſel nur ohne Weiteres aus⸗ zahlen. Und höre— erweiſe mir den Gefallen, mir aus dem Weg zu gehen, und laß Dir ja keinen Heller mehr von mir abſchwatzen! (Onkel Jack ſchlägt die Thüre zu und ſtürzt hinaus. Piſiſtratus zieht die Wechſel vorſichtig aus ſeiner Taſche, halb fürchtend, ſie möchten ſich wie Hexengold in welkes Laub umgewandelt haben. Er überzeugt ſich allmälig, daß die Wechſel gut ſind, und gibt ſein frohes Erſtaunen durch lebhafte Geberden zu erkennen.) Die Srene wechſelt. Achtzehnter Abſchnitt. Erſtes Kapitel. Gott mit dir, du ſchönes Land! Kanaan der Verbannten und Ararat für ſo manche zerſchellte Arche! Schöne Wiege eines Geſchlechtes, für welches das unbegrenzte Erbe einer Zukunft, die kein Weiſer vermuthen, kein Prophet voraus⸗ ſagen kann, ferne liegt im goldenen Hoffnungslichte der Zeit!— beſtimmt vielleicht, aus den Sünden und Sorgen einer Civiliſation, die mit ihren eigenen Elementen des Zerfalls ringt, die Jugend der Welt zu erneuen und die große Seele Englands durch die Kreiſe eines endloſen Wech⸗ ſels zu tragen. Alle Klimen, welche die Erzeugniſſe der Erde am beſten zur Reife bringen, oder die wechſelnden Cha⸗ raktere der verſchiedenen Familien des menſchlichen Ge⸗ ſchlechts ausbilden können, laſſen ihre Einflüſſe herabregnen vom Himmel, der ſo wohlwollend denen zulächelt, welche ſich ehedem in ihren Lumpen vor dem Winde bargen oder danklos mit der Sonne zürnten. Hier iſt die kräftigende Luft der kalten Mutterinſel, dort die milde Wärme eines italieniſchen Herbſtes oder die athemverſetzende Glut der Wendekreiſe. Und auf den Strahlungen eines jeden Klima's gleitet mild die Hoffnung nieder. Von ihr kann man wohl ſagen, was ein nur zu wenig geſchätzter Dichter in den ſchönen Verſen an das Licht ausdrückt— „Auf ſanftem Weg, durch Himmel, Luft und Meer, Die insgeſammt dir öffnen ihre Poren, Strömſt du gleich einem Silberbach einher— Was Oedes in der Welt und was das Aug' erfreut, Trägt überall dein wechſelfarbig Kleid; Und wo du hineilſt, glüht in reicher Pracht, Was du behauchſt mit deines Pinſels Macht!“ Lebe wohl, freundliche Pflegerin und ſüße Nährmutter! — ein langes und letztes Lebewohl! Nie würde ich Dich verlaſſen haben, wenn mir nicht jene lautere Stimme der Natur zum Herzen gedrungen wäre, welche das Kind zurück⸗ ruft zu den Eltern und uns weglockt von den liebſten Be⸗ ſchäftigungen durch den Schall der Sabbathglocken einer Heimath. ech⸗ der ha⸗ nen lche oder nde nes der a's nan r in 6 865 Niemand kann ſagen, wie theuer die Erinnerung an das wilde Buſchleben dem wird, welcher ſich mit einem geeigneten Geiſte darin verſucht hat. Wie oft umſpuckt ſie ihn nicht auf den Gemeinplätzen civiliſirterer Länder! Die Gefahren, die geſunde Luft, die Abenteuerluſt, die Zwiſchenräume ſorgloſer Ruhe— der wilde Galopp durch ein Meer von weiten, wallenden Ebenen— Nachts der bedäch⸗ tige Schritt durch Wälder, welche ſich nie entlauben, unter einem Monde, klar wie das Sonnenlicht, deſſen Strahlen ſchräg durch die Blüthenbüſchel brechen! Welche Mühe ko⸗ ſtet es uns nicht, uns wieder zu gewöhnen an die alltäglichen Sorgen und die ärgerlichen Freuden, an das„tägliche Wech⸗ ſelfieber kalter Unverſchämtheiten“, zu denen wir zurückkehren. Wie kräftig und ſchaxf nimmt ſich nicht meine Bleiſtiftzeich⸗ nung in einer Stelle des vorhin erwähnten Dichters aus?— „Hier beſinden wir uns in Mitte der großartigen, edeln Schauplätze der Natur, dort unter dem kläglichen Noth⸗ behelf der Polizei; hier wandeln wir auf den lichten, offenen Wegen der göttlichen Güte, dort tappen wir umher in dem dunkeln, wirren Labyrinth menſchlicher Bosheit.“* Aber ich ermüde dich Leſer. Die neue Welt verſchwindet — jetzt noch eine Linie— jetzt nur noch ein Punkt; wenden wir das Antlitz der alten zu. Wie viele befinden ſich unter meinen Reiſegefährten, die unzufrieden, getäuſcht, verarmt und zu Grunde gerichtet in die Heimath zurückkehren, um auf's Neue den nichts ahnenden Verwandten zur Laſt zu * Cowley, Vergleichung von Stadt und Land in dem Ge⸗ ſpräch über den Ackerbau. Bulwer, die Caxtone. 866 fallen, welche meinten, ſie hätten ſich die vom Glücke ge⸗ haßten Taugenichtſe für immer vom Halſe geſchafft. Denn glaube ja nicht, lieber Leſer, daß jeder Auswanderer nach Auſtralien auf einen ſo günſtigen Erfolg rechnen dürfe, wie ihn Piſiſtratus hatte. Obgleich der arme Arbeiter und na⸗ mentlich der arme Handwerker von London und den großen Handelsſtädten mit ziemlicher Sicherheit einem guten Aus⸗ kommen entgegengeht, da er in der Regel mehr Geſchick im Lernen und mehr von jener Schmiegſamkeit beſitzt, die in einer neuen Kolonie nöthig iſt, als der einfache Bauer, ſo iſt doch in der Klaſſe, welcher ich angehöre, das Fehlſchlagen weit häufiger und ein glücklicher Erfolg eher zu den Aus⸗ nahmen zu rechnen— ich meine damit junge Männer mit gelehrter Erziehung und den Gewohnheiten von Gentlemen, welche mit einem kleinen Kapital und großen Hoffnungen die Wanderung antreten. Freilich liegt hier neunundneunzig⸗ mal unter hundert die Schuld nicht an der Kolonie, ſondern an den Emigranten ſelbſt. Man bedarf nicht ſo faſt vielen Verſtandes, ſondern eher einer eigenthümlichen Richtung deſſelben und einer glücklichen Vereinigung körperlicher Ei⸗ genſchaften, eines ruhigen Temperaments und eines raſchen Mutterwitzes, um aus einem kleinen Kapitaliſten ein auf⸗ kommender Buſchmann zu werden.“ Und wenn ihr nur die „ Wie wahr ſind folgende Bemerkungen:— „Thätigkeit iſt das erſte Erforderniß eines Koloniſten, der ſich mit Viehzucht und Ackerbau abgeben will. Bei einem jungen Manne iſt die Richtung ſeines Geiſtes weit wichtiger, als Alles, was er früher erlernte. Ich habe Männer von einem regſamen, thatkräftigen genügſamen Sinne gekannt, die, obſchon ſie in Wohl⸗ e⸗ nn ch ie a⸗ en 8⸗ ick ſich gen les, en, hr⸗ 867 Heufiſche ſehen könntet, die Jeden umſchwimmen, welcher in Adelaide oder Sidney mit einem oder zweitauſend Pfunden in der Taſche ſeinen Anker niedergelaſſen hat! Fort aus den Städten, ſo ſchnell du kannſt, junger Auswanderer! Höre vorderhand wenigſtens auf keinen Mäkler und Speku⸗ lanten; befreunde dich mit einem praktiſchen alten Buſch⸗ mann und bring einige Monate auf ſeiner Station zu, ehe du dein Kapital auf's Spiel ſetzeſt. Dein Gemüth muß von der Art ſeyn, daß du Alles ertragen kannſt und über nichts ſeufzeſt. Was du thuſt, thue mit vollem Herzen; ver⸗ zweifle nicht gleich, wenn dein Karren in einer Fahrleiſe ſtecken bleibt, und ob du dann Schaafe weideſt oder Vieh züch⸗ teſt, der Erfolg iſt nur eine Frage der Zeit. So viel ich übrigens auch der Natur zu danken hatte, war ich doch nicht minder vom Glück begünſtigt worden. Ich kaufte meine Schaafe für nicht viel mehr, als für ſieben Schillinge das Stück, und als ich abzog, war keines weniger, ſtand und Luxus erzogen worden waren, weit beſſer fortkamen, als der nach Brod, Bier und engliſchen Marktbraten hungernde Baner .. Wenn man träumt, während man nach dem Vieh ſehen ſollte, kann man es natürlich nicht vorwärts bringen. Manche Per⸗ ſonen, die in Europa zu träg oder zu ausſchweifend waren, um ſich ehrlich durch's Leben zu ſchlagen, ſegeln in dem Wahn nach Auſtralien, daß man dort durch eine Art von Hexerei ſchnell zu einem Ver rögen kommen könne; dieſe verbrauchen oder verlieren ihr Kapital in ſehr kurzer Zeit und kehren nach England zurück, um dort über die Kolonie, ihre Bevölkerung und Alles, was damit zuſammenhängt, zu ſchimpfen.“— Sidney's Handbuch über Auſtralien— bewun dernswürdig um ſeiner Weisheit und ſeiner gedrängten Faſſung willen. 55* 868 als fünfzehn Schillinge, die fetten ſogar ein Pfund werth.“ Ich hatte meinen trefflichen Schäfer, und Tag und Nacht war mein Sinnen auf die Veredelung der Heerden gerich⸗ tet. Zum Glück war ich nach Auſtralien gekommen, ehe das ſogenannte„Wakefieldfyſtem“* den Zufluß von Arbeits⸗ „ Damit dies nicht als Uebertreibung erſcheine, erlaube ich mir, aus einem an mich geſchriebenen Brief des Mr. George Blakeſtone Wilkinſon, Verfaſſers einer Schrift über Südauſtra⸗ lien, einen Auszug hier anzufügen „Als Beiſpiel mag ein Mann dienen, der in England Farmer war und vor ſieben Jahren mit ungefähr zweitauſend Pfunden aus⸗ wanderte. Bei ſeiner Ankunft fand er, daß der Werth der Schaafe von ungefähr dreißig Schillingen bis auf fünf oder ſechs Schillinge ſür das Stück gefallen war. Zu dieſem Preiſe kaufte er einige in gutem Stand erhaltene Heerden. Er war ſo glücklich, gute und ausgevehnte Waideplätze zu erwerben, widmete ſeine ganze Zeit der Veredelung ſeiner Thiere und ermuthigte ſeine Schäfer durch Belohnungen, ſo daß nach Ablauf von etwa vier Jahren die ur⸗ ſprüngliche Anzahl ſeiner Schaafe von zweitauſend fünfhundert Stücken, welche ihn ſiebenhundert Pfund gekoſtet hatten, zu ſieben⸗ tauſend angewachſen war. Die Zucht und die Wolle hatte er in einem Grade veredelt, vaß er zweitauſend fette Schaafe dem Stück nach zu einem Pfund verkaufen konnte, während er für die übri⸗ gen fünftauſend je fünfzehn Schillinge löste— und dies zu einer Zeit, als der allgemeine Preis der Schaafe von zehn bis zu ſechs⸗ zehn Schillingen ſtand. Hiedurch allein vermehrte er ſein ur⸗ ſprünglich auf Schaafe verwendetes Kapital von ſiebenhundert auf ſiebentauſend fünfhundert Pfunde. Der Ertrag der Wolle zahlte ſeinen ganzen Aufwand nebſt dem Lohn für ſeine Dienſtleute.“ „„ Ich fühlte mich von Anfang an überzeugt, daß dieſes Syſtem unmöglich den. Ideen des Mr. Wakefield entſpreche, da ſein gediegener Verſtand und ſeine vielſeitige Menſchenkenntniß vornweg die Vorſtellung Lügen ſtraft, er könne die plumpe Aus⸗ te es da iß 869 kräften gemindert und den Preis des Landes erhöht hatte⸗ Als dieſer Wechſel eintrat, übte er zwar, wie die meiſten von denen, welche auf Gütererwerb mit überſchüſſigem Ka⸗ pital begründet waren, eine ſehr vortheilhafte Wirkung auf den Werih meines Eigenthums, leider aber auf Koſten und zum ſchweren Nachtheil des Geſammtwohls der Colonie. Ich war außerdem in der zugäblichen Spekulation der Rin⸗ derzucht, wie auch in der Zucht von Pferden glücklich ge⸗ weſen, ſo daß ich in den fünf Jahren, welche ich dieſem Geſchäftszweige widmete, die darauf verwendete Summe verdoppelte, abgeſehen davon, daß ich auch die Waideplätze zu einem ſehr vortheilhaften Preis an den Mann brachte.“ führung einer Theorie veranlaßt haben, welche für einen geſell⸗ ſchaftlichen Zuſtand, wie der in Auſtralien, ſo durchaus unanwend⸗ bar iſt. Es freut mich, zu ſehen, daß er ſich ſelbſt gegen dieſe un⸗ achtbare Urheberſchaft verwahrt hat, obſchon ich mit Bedauern bemerke, daß er noch immer an einem Hauptirrthum feſthält, indem er von dem Erwerb kleinerer Beſitzungen abräth und, mehr ſinn⸗ reich als offen, die wichtige Frage umgeht,„was der niedrigſte Preis des Landes ſeyn ſolle.“ *„Der Ertrag einer Viehſtation iſt geringer, als der, welcher durch die Schaafzucht erzielt wird, vorausgeſetzt, daß man in letz. terer Glück hat, wovon natürlich viel abhängt; indeß iſt die Vieh⸗ zucht doch eine viel ſicherere Spekulation, die weniger Sorgfalt, Kenntniß und Fertigkeit fordert. Zweitauſend Pfund, auf ſieben⸗ hundert Stück verwendet, können, wenn man gute Waideplätze hat, das urſprüngliche Kapital in fünf Jahren zu ſechstauſend Pfunden vergrößern, abgeſehen davon, daß der Eigenthümer auch noch in der Lage iſt, von dem Geſchäft ſeinen eigenen Unterhalt zu beſtreiten, Lohn zu bezahlen u. ſ. w.“— Ungedruckter Brief des G. B. Wilkinſon. 87⁰ Ferner hatie ich, wie bereits oben angegeben wurde, auf Onkel Jack's Rath Land gekauft und es mit großem Nutzen wieder losgeſchlagen. Und ſchließlich bewahrte mich meine zeitige Abreiſe vor einer ſehr verhängnißvollen Kriſis in den Colonialangelegenheiten, die ich ganz den unſeligen Grillen engliſcher Theoretiker zuzuſchreiben mir die Freiheit nehme, welche alle Uhren nach der Greenwicher Zeit richten möchten und dabei außer Acht laſſen, daß es in einem Theil der Welt Morgen iſt, wann in einem anderen die Abendglocke geläutet wird. Zweites Kapitel. Wieder in London! Wie fremd, einſam und wild er⸗ ſcheine ich mir in den Straßen. Wenn ich die ſchmächtigen Geſtalten, die gebeugten Rücken und die blaſſen Geſichter betrachte, ſo ſchäme ich mich faſt meiner Geſundheit und Kraft. Ich ſchleiche durch das Gedränge mit der barmher⸗ zigen Schüchternheit eines gutmüthigen Rieſen und ſcheue mich, gegen Jemanden anzuſtoßen, weil ich fürchte, der ſo Betroffene könnte von dem Zuſammenprall den Tod haben. Ich gehe jenem Zwirnwickel von einem Commis aus dem Weg, und es iſt ein Wunder, daß ich nicht von den Om⸗ nibuſſen überfahren werde, obſchon ich faſt meine, daß ich ſie ſelber über den Haufen rennen könnte. Auch mache ich die Bemerkung, daß in meinem Aeußeren etwas Fremdes, Ausländiſches und Geſetzloſes liegen muß. Beau⸗Brumell —— 87¹ würde mir ſicherlich alle Anſprüche auf die Außenſeite eines Gentleman abgeſprochen haben, denn jede dritte Perſon, die an mir vorübergeht, bleibt ſtehen und ſieht mir nach. Ich kehre nach meinem Gaſthauſe zurück und ſchicke nach einem Schuhmacher, Hutmacher, Schneider und Haarkünſtler, da⸗ mit ſie mich von Kopf bis zu den Füßen humaniſiren. So⸗ gar Ulyſſes muß ſeine Zuflucht zu den Künſten der Minerva nehmen und, ohne Metapher geſprochen,„ſich herausputzen,“ ehe die treue Penelope ſich herabläßt, ihn anzuerkennen. Die Künſtler verſprechen alle Eile. Inzwiſchen ſuche ich mich mit meinem Mutterlande wieder bekannt zu ma⸗ chen, indem ich die Spalten der Times, der Poſt, des Chronicle und des Herald durchfliege. Alles kommt mir erwünſcht, die Artikel über Auſtralien ausgenommen; denn von dieſen wende ich mich ab mit dem hochmüthigen Naſerümpfen eines praktiſchen Mannes. Die leitenden Artikel ſind nicht mehr mit dem Lob oder Tadel Trevanion's angefüllt.„Perch's Sporn iſt kalt.“ Lord Ulverſtone figurirt nur noch in den Hofeirkularien oder in den„Berichten über Ereigniſſe in der vor⸗ nehmen Welt.“ Der Graf hat einen Herzog von könig⸗ lichem Geblüt mit einem Diner bewirthet, ſpeist ſeinerſeits bei dieſem Herzog, iſt nach London gekommen oder hat es wieder verlaſſen. Höchſtens ſpricht er— eine ſchwache plato⸗ niſche Erinnerung an ſein früheres Leben— im Hauſe der Lords einige Worte über eine Frage, die keine Parteiſache iſt, ohne daß man den Ruf:„hört!“ vernimmt oder über⸗ haupt von der Gallerie aus darauf achtet, obſchon ſich's 872 dabei vielleicht um die Intereſſen von Tauſenden oder Mil⸗ lionen handelt; oder er führt den Vorſitz in der Verſamm⸗ lung eines Ackerbauvereins oder dankt, wenn bei einem Diner zu Guildhall auf ſeine Geſundheit getrunken wird. Aber die Tochter hebt ſich, je mehr der Vater untergeht, obſchon in einer ganz anderen Art von Welt. „Der erſte Ball der Saiſon zu Caſtleton⸗Houſe!“ aus⸗ führliche Beſchreibung der Zimmer, der Geſellſch ft und vor Allem der Wirthin. Verſe auf das Bild der Marquiſe von Caſtleton in dem„Buch der Schönheit“ von dem ehren⸗ werthen Fitzroy Fiddledum, mit den Worten beginnend:„Biſt Du ein Engel aus—“ u. ſ. w.— ein Artikel, der mich mehr anſpricht, über„Lady Caſtleton's Kleinkinderſchule zu Raby Park;“ dann wieder—„Lady Caſtleton, die neue Patronin von Almacks;“ eine Kritik, entzückender, als ſie je einem lebenden Dichter zu Theil wurde, über Lady Caſtleton's prächtigen diamantenen Bruſtſchmuck, nen gefaßt von Storr und Mortimer, Weſtmacott's Büſte der Lady Caſtleton; Land⸗ ſeer's Portrait der Lady Caſtleton und ihrer Kinder in an⸗ tikem Coſtüm. Kein Monat in jener hohen Schichte der Morningpoſt, ohne daß Lady Caſtleton ſich unter den übrigen Frauen auszeichnet „— Velut inter ignes Luna minores.“ Das Blut ſtieg mir nach der Wange. Zu dieſem prächti⸗ gen Stern an dempatriciſchen Himmel hatte alſo meine dunkle, arme Jugend den anmaßenden Blick zu erheben gewagt! Aber was iſt dies? e— „Nachrichten aus Indien— Gewandter *s 873 Rückzug der Seapohen unter Kapitän de Carkon!“ Schon Kapitän— von welchem Datum iſt die Zeitung?— Drei Monate alt. Der leitende Artikel erwähnt den Namen mit großem Lob. Miſcht ſich nicht ein Bodenſatz von Neid in die Freude meines Herzens? Wie dunkel war meine Lauf⸗ bahn geweſen— ohne Lorbeeren mein armes Ringen mit dem widrigen Schickſal! Pfui, Piſiſtratus, ich ſchäme mich dei⸗ ner. Hat dieſe verwünſchte alte Welt mit ihrem fieberiſchen Wetteifer dich ſchon angeſteckt? Eile hurtig nach Hauſe, in die Arme deiner Mutter, deines Vaters— und höre Ro⸗ land's gebrochene Segenswünſche, weil du beigetragen haſt zu dem Ruhme jenes Sohnes. Will der Ehrgeiz in dir über⸗ mächtig werden, ſo greife ihn auf rein und unbefleckt von dem Kothe Londons. Laß ihn friſch und kühn entſtrömen in die ruhige Luft der Weisheit und nähre ihn, wie mit Thau, durch die treue Liebe der Heimath. Drittes Kapitel. Die Sonne ging eben unter, als ich mich durch die Trümmer des Schloßhofes ſchlich; denn ich hatte meinen Wagen unten am Fuße des Berges gelaſſen. Obgleich die⸗ jenigen, welche ich zu beſuchen kam, von meiner Ankunſt in England unterrichtet waren, erwarteten ſie doch meinem Schreiben zufolge mich erſt am andern Tag. Ich wollte ſie überraſchen; aber wie ſehr mich auch die Ungeduld vorwärts drängte, ſcheute ich mich doch einzutreten— ich fürchtete mich 874 vor dem Wechſel,welchen mehr als zehn Jahre in den Geſtal⸗ ten hervorgebracht hatten, für die in meiner Erinnerung die Zeit ſtillgeſtanden war. Schon bei meiner Abreiſe hatte den armen Roland das Alter zu früh ereilt. Mein Vater be⸗ fand ſich damals im Mittag des Lebens, näherte ſich aber jetzt dem Abend. Und meine Mutter, die ſo ſchön vor mei⸗ ner Erinnerung ſchwebte, als ob die Friſche ihres Herzens das weiche Roth der Wangen erhalten hätte— ich konnte den Gedanken nicht ertragen, daß ſie nicht länger jung ſey! Auch Blanche, welche ich als Kind verlaſſen— Blanche, meine beharrliche Correſpondentin während der langen Jahre der Verbannung in Briefen, die in's Kreuz und in die Queere überſchrieben waren mit all'denkleinen Einzelnheiten, in welchen die Beredtſamkeit des Briefſchreibens beſteht, ſo daß ich in jenen Epiſteln ihren Geiſt allmälig harmoniſch ſich heranbilden ſah mit den Buchſtaben; anfangs weit und kindlich— dann etwas ſteif mit dem erſten Anflug einer ge⸗ läufigen Hand— dann fließend, frei und leicht— und im letz⸗ ten Jahre meines Aufenthalts in der Fremde ſo kunſtgerecht und doch ſo luftig, ſo regelmäßig und doch ſich keiner Anſtren⸗ gung bewußt— obgleich in der That bei Vervollkommnung der Kalligraphie ich mich halb ärgerte, halb freute über die Wahrnehmung, daß in den Styl ſich eine gewiſſe Zurückhal⸗ tung einſchlich— Sehnſucht nach meiner Rückkehr, weniger von ihr ſelbſt kundgegeben, ſondern vielmehr als Auftrag von anderen; Worte der alten kindlichen Vertraulichkeit unter⸗ vrückt, und das„theuerſter Siſty“ aufgegeben gegen die kalte Form des„lieber Vetter“. Dieſe Briefe, welche mich —— an nur Phe Wit mer Ein hat ſpre tigk müt tigt Kry wen mac und Me um zul Go bei ob trä neu daß Hei Zů abe hüb al⸗ die en be⸗ ber ei⸗ ns en y he, hre die en, ſch nd ge⸗ tz⸗ cht en⸗ ng die al⸗ ger er⸗ die 875 an einem Orte trafen, wo mir die Worte Mädchen und Liebe nur als Mythen der Vergangenheit, als eitle Bilder der Phantaſie erſchienen, hatten ſich allmälig in die geheimſten Winkel meines Herzens eingeſchlichen, und aus den Trüm⸗ mern einer früheren Romantik bildete ſich die träumeriſche Einſamkeit die Feentempel einer künftigen. Meine Mutter hatte in ihren Briefen nie verabſäumt, von Blanche zu ſprechen— von ihrem Verſtand und ihrer beſorgten Thä⸗ tigkeit, von ihrem warmen Herzen und ihrem lieblichen Ge⸗ müth. Manches kleine Bild aus der Heimath vergegenwär⸗ tigte ſie mir, wie ich ſie gerne wünſchte— nicht„in den Kryſtall ſehend,“ ſondern meiner Mutter Beihülfe leiſtend, wenn dieſe ihre Gänge der Barmherzigkeit nach dem Dorf machte, die Jugend unterrichtete und dem Alter mit Rath und That an die Hand ging. So lernte ſie aus einem alten Meßbuch in meines Vaters Sammlung von ſelbſt coloriren, um meinen Onkel mit einer neuen Stammtafel überraſchen zu können, auf welche alle Schilde und Fächer gehörig in Gold, Schwarz und Silber gemalt waren, oder hielt ſich bei den Studien meines Vaters in deſſen Nähe und gab Acht, ob ſie ihm nicht ein Buch bringen könne, wenn er ſelbſt zu träge war, um danach aufzuſtehen. Sie hatte nämlich einen neuen Katalog angefertigt, den ſie ſo gut auswendig wußte, daß ſie jeden Geiſt ſchleunigſt aus irgend einer Ecke dieſer Heraklea herbeibeſchwören konnte. Ueber alle dieſe kleinen Züge hatte ſich meine Mutter in hohem Lobe ausgeſprochen, aber während der letzten zwei Jahre nie erwähnt, ob Blanche hübſch war oder nicht. Eine traurige Verſäumniß. Ich 876 hatte mich oft geſehnt, dieſe einfache Frage zu ſtellen, oder ſie wenigſtens zart und diplomatiſch anzudeuten; indeß wagte ich es nie— denn Blanche würde ſicherlich den Brief geleſen haben, und was ging es eigentlich mich an? Wenn ſie wirk⸗ lich häßlich war, ſo mußte die Frage ebenſo unbequem er⸗ ſcheinen, als die Antwort. Blanche hatte in ihrer Kindheit gerade eines von jenen Geſichtern gehabt, das im jungfräu⸗ lichen Alter ſehr liebenswürdig werden konnte, aber doch zugleich den Argwohn rechtfertigte, es könnte mit der Zeit heren⸗ und greifenartige Züge annehmen. Ja, Blanche, es iſt vollkommen wahr! Wenn in jene großen, ernſten, ſchwar⸗ zen Augen ein wildes Feuer ſich einſchlich ſtatt eines zar⸗ ten Lichtes— wenn die Naſe, welche damals noch un⸗ ſchlüſſig zu ſehn ſchien, ob ſie gerade oder adlerartig werden wollte, in die letztere Richtung einbog und den kriegeriſchen, römiſchen, gebieteriſchen Schnitt von Rolands mannhaftem Proboscis annahm— wenn das Geſicht, in der Kindheit nur allzu ſchmächtig, nach dem Roth der Jugend ſeine Zuflucht nahm zu zwei hervorſpringenden Buckeln unter den Schläfen(die Cumberlander⸗Race iſt berühmt wegen der Ausbildung ihrer Backenfnochen)— wenn all' dies ſtatt⸗ gefunden hätte, v Blanche, dann wünſchte ich, du hätteſt mir nie jene Briefe geſchrieben, und ich würde klüger gethan ha⸗ ben, wenn ich mein Herz nicht ſo hartherzig geſtählt hätte gegen die blauen Augen und die ſeidenen Schuhe der hüb⸗ ſchen Ellen Bolding. Wenn du nun alle dieſe Zweifel und Beſorgniſſe zuſammenfaſſen magſt, lieber Leſer, ſo wirſt du dich nicht wundern, warum ich mich ſo verſtohlen durch die ——, Tri hin der (lei eint im lan von dem ter. der Nei wer St ruf trã gen ſim der beh Die Pri lei jag nen r ſie agte leſen virk⸗ er⸗ heit räu⸗ doch Zeit , es war⸗ zar⸗ un⸗ rden chen, ftem dheit ſeine mter egen tatt⸗ mir ha⸗ ätte hüb⸗ und ſt du die Trümmer des Hofes nach der andern Seite des Thurmes hinſchlich, ſehnſüchtig unter dem ſchräg einfallenden Strahl der Abentſonne auf die hohen Fenſter der Halle ſchaute (leiter zu hoch, um hineinſehen zu können), und doch mich einzutreten ſcheute, ſo zu ſagen mit meinem eigenen Herzen im Kampf liegend. Tritte!— der Gehorſinn wird ſo ſcharf in dem Buſch⸗ land!— Tritte, obgleich ſo leicht, wie nur je einer den Thau von einer Wieſenhyaeinthe abſtreifte!— Ich ſchlich unter dem Schatten der von Epheu überwachſenen Strebewand wei⸗ ter. Eine Geſtalt kömmt durch die kleine Thüre an einer Ecke der Ruinen— eine Frauengeſtalt. Iſt es meine Mutter? Nein, ſie iſt größer, und auch der Tritt viel elaſtiſcher. Sie wendet ſich um das Gebäude, ſchaut zurück, und eine ſüße Stimme— eine fremde, aber doch bekannte Stimme— ruft lockend und zugleich ſcheltend einem Faullenzer zu, der träge hinten nachkömmt. Det ürme Juba ſchleppt ſeine lan⸗ gen Ohren auf dem Boden und iſt augenſcheinlich ſehr trüb⸗ ſinnig. Jetzt ſteht er ſtill und ſchnuppert mit der Naſe in der Luft. Armer Juba!— ich verkieß dich ſo ſchlank und behend— Und elfenartig leicht ſonſt von Geſtalt Biſt in den Formen runder Du geworden. Die Jahre haben dir ſeltſam mitgeſpielt und dich fett und Primmin artig gemacht. Man trug zu viel Sorge für deine ſleiſchliche Bequemlichkeit, o ſinnlicher Maurita nier; aber doch jagſt ou in jenem myſtiſchen Verſtand, welchen wir Inſtinkt nennen, etwas nach, was die Jahre aus deiner Erinnerung 878 nicht verwiſcht haben. Du biſt taub gegen die Stimme dei⸗ ner Gebieterin, trotz ihres Lockens und Scheltens. Recht ſo — nur näher— näher, Bäschen Blanche, damit ich dich auch gehörig betrachten kann. Die Peſt über den Hund, er ſchießt von ihr weg, hat die Witterung aufgefunden und eilt auf die Strebewand zu. Jetzt— huſch— er iſt gefangen und drückt in ungalantem Winſeln ſein Mißvergnügen aus. Soll ich das Geſicht noch immer nicht ſehen? Es iſt in Juba's ſchwarzen Locken begraben. Auch noch Küſſe Garſtige Blanche! An ein einfältiges Thier zu verſchwenden, was, wie ich von Herzen hoffe, manchen ehrlichen Chriſtenmenſchen über die Maßen erfreuen würde! Juba kämpft vergeblich und wird fortgetragen. Ich glaube nicht, daß dieſe Augen eine wilde Glut bergen, und unmöglich paßt Rolands Adler⸗ naſe zu jener Stimme, die ich dem Girren einer Taube vergleichen möchte. Ich verlaſſe meinen Wſteck und ſchleiche der Stimme und ihrer Eigenthümerin nach. Wohin geht ſie wohl? Nicht weit. Sie eilt auf den Hügel, auf welchem vordem die Herren des Schloſſes die Gerechtigkeit handhabten— auf den Hügel, welcher das Land weit und breithin beherrſcht und von dem aus man jetzt den Strahl der niedergehenden Sonne auffangen kann. Wie anmuthig iſt jene Haltung in ihrer gedankenvollen Ruhe! Welche zarte Wellenlinien bil⸗ det nicht harmoniſch Geſtalt und Gewand! Wie beſtimmt bei aller Weichheit nimmt ſich das regſame Bild gegen die Purpurtinten des Himmels aus! Und wieder tönt die ſüße Stimme in heiteren Trillern, gleich denen eines Vogels— da m lin An dei⸗ t ſo dich und, und gen aus. tin ſtige vas, chen blich ugen dler⸗ aube mme ohl? rdem — rſcht nden g in bil⸗ mmi die ſüße 8— 879 jetzt einen Liedervers ſingend, jetzt wieder neckiſch den blöden vierfüßigen Freund anredend. Sie ſagt ihm etwas, ob dem ſeine ſchwarzen Ohren ſich erheben, denn ich vernehme eben noch die Worte,„er kömmt“, und„Heimath!“ Von meinem Hinterhalt aus im Geſtrüpp und in den Ruinen kann ich die Sonne nicht untergehen ſehen, fühle aber, daß der leuchtende Ball aus der Landſchaft verſchwunden ſeyn muß in der friſcheren Luft der Dämmerung und in dem tie⸗ feren Schweigen des Abends. Sieh! Heſperus kömmt her⸗ vor; auf ſein Signal erſcheinen, einer nach dem andern, die Schaaren der Sterne „Ch'eran con lui, quando hamor divino, Mosse da primà quelle cose bele!“ Und die ſüße Stimme iſt verſtummt. Dann ſteigt der Lauſcher langſam an der andern Seite des Hügels herunter— die Sſtalt iſt meinen Blicken ent⸗ ſchwunden. Welcher Zauber geht doch aus von dieſer Däm⸗ merung! Sieh, dort ſchleicht ſich wieder der Tritt durch die Trümmer über den einſamen Hof. Ach, ahnungsvolles Herz, errathe ich wohl die Erinnerung, die dich führt? Ich gehe durch das Pfortchen thalabwärts an den Lorbeerbäumen vor⸗ bei und erblicke das Geſicht, das zu den Sternen aufſieht— das Geſicht, das ſich an meine Bruſt angeſchmiegt hatte im Schmerz des Scheidens vor vielen, langen Jahren. Auf dem Grabe, wo wir geſeſſen hatten, ich als Jüng⸗ ling, du als Kind— dort, o Blanche, wird mir erſt der Anblick deines ſchönen Geſichtes zu Theil— ſchöner als ——— 88⁰ der lieblichſte Traum, der mich je in meiner Verbannung erfreut hat! „Blanche, mein Bäschen wir ſehen uns wieder— Seele gegen Seele, mitten unter den Todten! Blick auf, Blanche; ich bin es.“ Viertes Kapitel. „Geht zuerſt hinein und bereitet ſie vor, liebe Blanche; ich will an der Thüre warten. Laßt ſie angelehnt, damit ich durchſehen kann.“ Roland ſteht mit dem Rücken gegen die Wand; und über dem grauen Haupte des Soldaten iſt Rüſtzeng auf⸗ gehangen. Ein Blick auf die dunfle Wange und die hohe Stirne genügt, um mich zu überzeugen, daß hier keine Veränderung zum Schlimmeren, kein neues Zeichen von Verfall eingetreten iſt. Wenn je ein Wechſel ſtattfand, ſo kömmt mir Roland eher jünger vor, als zur Zeit meiner Abreiſe. Seine Stirne iſt ruhig und ohne die Merkzeichen der Scham; die Lippen, vordem ſo zuſammengepreßt, lä⸗ cheln wieder mit Leichtigkeit und ringen jetzt nicht mehr mit dem Bemühen„keine Klage laut werden zu laſſen.“ Ein Blick zeigt mir alles dies. „Papae!“ ſagt mein Vater, und ich höre das Fallen eines Buches.„Ich kann keine Zeile leſen. Er kömmtmor⸗ gen— morgen! Wenn wir ſo alt würden, wie Methuſa⸗ lem, Kitty, ſo könnten wir doch nie den Menſchen mit der de C o de ng Philoſophie in Einklang bringen— bas heißt, wenn ber arme Menſch mit einem guten, liebevollen Sohn geplagt iſt!“ — Und mein Vater ſteht auf und geht im Zimmer hin uf, und her. Nur noch eine Minute, Vater— nur noch eine Minute— und ich liege an deiner Bruſt! Auch mit dir iſt die Zeit ſchonend umgegangen wie mit allen, in denen wilde Leidenſchaften und bittere Weltſorgen nie die Senſe der 4 ernſten Mähderin ſchärfen. Die breite Stirne ſieht wohl breiter aus, weil ſie nur ſpärlich mit dünnen Locken bedeckt che iſt; aber noch immer keine Furche! ich Woher kömmt dieſer kurze Seufzer! 1 „Wie ſind wir jetzt an der Zeit, Blanche? Haſt Du und nach der Thurmuhr geſehen? Nicht? Nun ſo geh hin und uf ſieh!“ ohe„Kitty,“ bemerkte mein Vater,„Du haſt nicht nur in eine den letzten zehn Minuten drei Mal gefragt, wie wir an der von Zeit ſeyen, ſondern es iſt auch meine Uhr, Rolands großer ſo Chronometer und die Schwarzwälder Uhr in der Küche ſtets iner vor Deinen Augen; ſie alle vereinigen ſich zu Beſtätigung chen der gleichen Wahrheit— heute iſt nicht morgen.“ lä⸗„Ich weiß, ſie gehen alle unrecht,“ ſagte meine Mutter mit mit ſanfter Beſtimmtheit;„ſind nie recht gegangen, ſeit er Ein fort iſt.“ Jetzt kömmt ein Brief heraus— denn ich höre das llen Knittern— und dann gleitet ein Tritt nach der Lampe hin. mor⸗ Oh, das liebe, holde, frauenhafte Geſicht— noch immer uſa⸗ ſchon, für mich ſchön zu jeder Zeit— ſo ſchön, wie damals, der als es ſich in der erſten Kinderkrankheit über mein Kiſſen Bulwer, die Caxtone. 56 882 niederbeugte oder als wir uns an ſonnigen Nachmittagen im Hof mit Blumen warfen! Jetzt flüſtert Blanche etwas; und nun die Verwirrung, das Auffahren, der Ruf—„Es iſt wahr! es iſt wahr! Eure Arme, Mutter. Dicht, dicht um meinen Hals. Vater! Auch Ihr, Roland! O Freude, Freude! Freude! Wieder in der Heimath— in der Hei⸗ math bis zum Tode!“ Fünftes Kapitel. Aus einem Traume vom Buſchland, heulenden Din⸗ goes* und dem Kriegsruf wilder Menſchen erwache ich und ſehe die Sonne durch den Jasmin ſcheinen, den Blanche um vas Fenſter gezogen hat. An den Wänden herum befinden ſich in zierlicher Ordnung alte Schulbücher, Fiſchruthen, Ballrackete, Rappiere und die altmodiſche Flinte; meine Mutter ſitzt neben dem Bett, und Juba winſelt und ſcharrt, um zu mir hinaufzukommen. Hatte ich deinen gemurmelten Segen für das Kriegsgeſchrei der Schwarzen gehalten, o Mutter, und Juba's dumpfes Winſeln für das Geheul der“ Dingoes? Und nun, welche Tage ſtillen Entzückens— welcher Austauſch zwiſchen Herzen und Herzen! Ich gehe mit Roland ſpazieren und erzähle ihm von dem, welcher, vordem unſere Schande, jetzt unſer Stolz iſt. Wie ſchlau es der alte * Dingoes— der Name, welchen die auſtraliſchen Eingebore⸗ nen den wilden Hunden geben, er it m te re⸗ 883 Mann einzuleiten weiß, um mich auf dieſen Spaziergängen durch das Dorf zu führen, damit da und dort irgend ein guter Freund ſtehen bleiben und fragen möge:„Was gibt's Neues von ſeinen Ehren, unſerem wackern jungen Herrn?“ Ich verſuche, meinen Onkel für meine Plane zur Wieder⸗ herſtellung der Ruinen und zum Anbau der weiten Sumpf⸗ und Moorländereien zu gewinnen. Warum wendet er ſich ab und blickt ſo verlegen zu Boden? Ah, ich errathe es! — ſein wahrer Erbe iſt ihm jetzt wieder zurückgegeben. Er kann nicht geſtatten, daß ich dieſen Troß, welchen ich nach Veröffentlichung des großen Buches zu nichts anderem zu verwenden weiß, in ein Haus und in Güter ſtecke, die ſpä⸗ ter auf ſeinen Sohn übergehen werden. Ebenſo wenig will er dulden, daß ich ſeines Sohnes Vermögen dazu benütze, welches noch immer in meiner Verwaltung ſteht. Allerdings iſt es möglich, daß mein Vetter während ſeiner Laufbahn des Geldes zu anderen Zwecken bedarf. Aber ich, der ich keine Laufbahn habe— pfui, dieſe Bedenken rauben mir die Hälfte des Glücks, welches ich mir durch ſo viele Jahre der Mühe erkaufte. Ich muß es anders einzuleiten ſuchen. Wie, wenn er mir Haus und Moorland in einem langen Kulturpacht überließe? Was das Uebrige betrifft, ſo iſt ein hübſches Gütchen in der Nähe zu verkaufen, auf das ich mich zurückziehen kann, wenn mein Vetter als Familienerbe kömmt, um vielleicht mit einer Gattin in dem Thurme zu wohnen. Ich muß mir die Sache überlegen und mit Bolt be⸗ ſprechen, ſo bald das Glück des Wiederſehens mir Muße läßt, mich ſolchen Dingen zuzuwenden. Inzwiſchen tröſte 56* 864 ich mich mit meinen Lieblingsſprüchwort—„Wenn der Wille vorhanden iſt, finden ſich auch die Mittel.“ Welches Lächeln und welche Thränen— welche Hei⸗ terkeit und welches ſorgloſe Geplauder mit meiner Mutter! Sie möchte gerne von mir wiſſen, ob ich im Buſch nie mein Herz verloren habe, und ich gebe ihr ausweichende Antwor⸗ ten, um ſie dafür zu ſtrafen, weil ſie mir nicht mittheilte, daß Blanche ſo bezaubernd war. „Ich ſtellte mir vor, Blanche ſey ihrem Vater nach⸗ geartet, ver allerdings einen ſchönen Soldatenkopf hat, aber ſich in Weiberkleidern nicht ſehr vortheilhaft ausnehmen würde! Wie konntet Ihr über einen ſo anziehenden Ge⸗ genſtand ſo zurückhaltend ſeyn?“ „Ich mußte es Blanche verſprechen.“ „Der Tauſend— warum doch auch?“ Dies gab mir Stoff zum Nachdenken. Welche ſtillen, frohen Stunden verbrachte ich nicht in dem Studierſtübchen meines Vaters oder an dem Teiche, wo Mr. Caxton noch immer die Karpfen füttert, die inzwiſchen zu wahren Leviathanen im genus eyprinus herangewachſen ſind. Die Ente iſt leider aus dem Leben geſchieden— das einzige Opfer, welches der grimmige König Tod entführt hat; ich traure, bin aber voll Ergebung gegen dieſe milde Einforderung des großen Tributs an die Natur. Leider muß ich ſagen, daß vas große Buch nur langſame Fortſchritte gemacht hat und noch keineswegs geeignet iſt für die Veröffentlichung Einem ſpäteren Beſchluſſe gemäß ſollte nicht jedesmal ein Theil, ſondern die Arbeit tota, ieves atque rotunda erſcheinen. Der 865 Stoff hat ſich weit über die urſprünglichen Grenzen hinaus erſtreckt; nicht weniger als fünf Bände, und auch dieſe noch ſehr umfangreich, werden die Geſchichte des menſchlichen Irr⸗ thums umfaſſen. Wir ſind jedoch ſchon weit im vierten, und man darf Minerva nicht übereilen. Mein Vater iſt ganz entzückt von Onkel Jacks„noblem Benehmen“, wie er es nennt, obſchon er mit mir ſchmält, daß ich das Geld genommen, und ſogar Bedenken darüber er⸗ hebt, ob er es wohl füglich behalten könne. In ſolchen Din⸗ gen iſt mein Vater ebenſo quirotiſch, wie Roland. Ich ſehe mich genöthigt, meine Mutter als Schiedsrichterin zwiſchen uns aufzubieten, und ſie bereinigt die Sache ſchnell durch eine Berufung an das Gefühl.„Ach, Auſtin, wie ſehr wür⸗ deſt Du mich demüthigen, wenn Du zu ſtolz wäreſt, von meinem Bruder anzunehmen, was er Dir ſchuldig iſt!“ „Velit, nolit, quod amica,“ entgegnete mein Vater, in⸗ dem er die Brille abnahm und die Gläſer putzte—„dies will heißen, Kitty, daß ein verheiratheter Mann keinen eige⸗ nen Willen mehr hat. Zu denken,“ fügte Mr. Carton nach⸗ ſinnend bei,„daß man in dieſer Welt nicht einmal mit der einfachſten mathematiſchen Definition ſicher geht! Du ſiehſt, Piſiſtratus, die Winkel eines ſo entſchieden ſchiefen Dreiecks, wie das Deines Onkels iſt, können am Ende doch denen des rechtwinkligen gleich werden!“* „ Da ich wohl nicht wieder auf Onkel Jack zu ſprechen komme, ſo bitte ich den Leſer um Entſchuldigung, wenn ich nur in einer Note bemerke, daß dieſer ehrenwerthe Verwandte in Auſtralien fortwährend überraſchend gute Geſchäfte macht, obgleich Tibbets Heil noch immer aus Mangel an Arbeitern ſtille ſteht. ——— 886 Lange Entbehrung der Bücher hat allen meinen Ap⸗ detit danach wieder hergeſtellt. Wie viel habe ich nachzuholen — welche umfaſſende Liſte von leſenswerthen Büchern iſt nicht von mir und meinem Vater aufgezeichnet worden! Es liegt genug vor mir, um alle freie Zeit meines Lebens aus⸗ zufüllen. Nur mit dem Griechiſchen und Lateiniſchen ſteht es ſtille, und nichts hat einen größeren Zauber für mich, als vas Italieniſche. Blanche und ich leſen den Metaſtaſio zum großen Aerger meines Vaters, welcher dieſe Lektüre„Un⸗ rath“ nennt und uns dafür den Dante empfehlen möchte. Ich will jedoch vorderhand nichts von den Seelen „Che son contenti Nel kuoco;“ denn ich gehöre bereits zu den„beate gente.“ Aber unge⸗ achtet des Metaſtaſio ſind wir beide, Blanche und ich, doch nicht ſo vertraut, als bei ſo nahen Verwandten der Fall ſeyn ſollte. Sind wir zufällig allein beiſammen, ſo werde ich ſo ſtumm, wie ein Türke, ſo förmlich, wie Sir Charles Grandiſon, und ich ertappte mich letzthin ſelbſt darüber, wie ich ſie Miß Blanche nannte. Doch ich darf dich nicht vergeſſen, ehrlicher Squills— auch nicht deine Freude über meine Geſundheit und mein Glück, oder deinen ſtolzen Ausruf, als du die eine Hand auf Wenn auch einzelne Wechſelfälle eintraten, ſo fürchtete ich doch nichts für ſeinen Erfolg; jetzt aber, im Jahre 1819, zittere ich bei dem Gedanken an die Wirkung, welche die Entdeckung der Gold⸗ minen in Californien auf ſeine lebhafte Einbildungskraft üben muß. Wenn du dieſer Schlinge entgehſt, Onkel Jack, res age, tutus eris,— du biſt geborgen für Lebenszeit 887 meinen Puls legteſt und mit der andern die feſte Musculatur meines Armes unterſuchteſt.—„Alles dies rührt von mei⸗ nem zitronſauren Eiſen her. Nichts Beſſeres für Kinder! Es wirkt auf die Gehirnentwicklung der Hoffnung und der Kampfluſt.“ Auch die arme Mrs. Primmins darf ich nicht ganz übergehen; ſie nennt mich noch immer„Maſter Siſty“ und verzweifelt faſt, daß ich die neuen Flanellleibchen nicht tragen will, an denen ſie mit ſo viel Freude gearbeitet hat. „Junge Gentlemen ſind im Wachſen ſo leicht der galoppi⸗ renden Schwindſucht ausgeſetzt!“— Sie kannte, als ſie in Torquay lebte, gerade ſo Einen, wie Maſter Siſty, der dahin⸗ welkte und auslöſchte, wie eine Lichtſchnuppe, blos deßhalb, weil er kein Flanellleibchen tragen wollte.“ Dabei macht meine Mutter ein ernſtes Geſicht und ſagt:„Man kann nicht zu vorſichtig ſeyn.“ Plötzlich geräth die ganze Nachbarſchaft in die größte Aufregung. Trevanion— ich bitte ihn um Verzeihung— Lord Ulverſtone kömmt, um ſich für beſtändig in Compton niederzulaſſen. Täglich ſind fünfzig Hände beſchäftigt, um mit möglichſter Haſt das Gut in gehörige Ordnung zu brin⸗ gen. Fracht⸗ und andere Wagen haben alle die Bedürfniſſe ausgeladen, die ein großer Mann an dem Platze braucht, wo er eſſen, trinken und ſchlafen will— Bücher, Weine, Gemälde und Möbelwerk. Ich erkenne wieder meinen alten Gönner. Er macht Ernſt in Allem, was er thut. Mein Freund, der Gutsverwalter, theilt mir mit, Lord Ulverſtone finde, daß ſein Lieblingsſitz bei London zu vielen Störungen ausgeſetzt ſey; außerdem habe er dort alle Verbeſſerungen angebracht, 858 die ſich durch Reichthum und Thatkraft erzielen laſſen, weß⸗ halb ihm jenes Gut weniger landwirthſchaftliche Beſchäf⸗ tigung, für die er mehr und mehr Vorliebe gewonnen, biete, als die weiten fürſtlichen Domänen, welche bisher das Auge des Herrn hatten entbehren müſſen.„Ich weiß, er iſt ein braver Farmer, ſo weit die Theorie geht,“ bemerkte der Verwalter,„glaube aber nicht, daß wir hier im Norden nöthig haben, von den vornehmen Herren zu lernen, wie wir den Pflug führen müſſen.“ Der Verwalter fühlt ſich in ſeiner Würde gekränkt, iſt aber ein ehrlicher Kerl und freut ſich von Herzen, daß die Familie wieder an dem alten Platz ihren Sitz nimmt. Sie ſind angekommen— mit ihnen die Caſtletone und eine ganze Schaar von Gäſten. Die Grafſchaftszeitung iſt angefüllt mit vornehmen Namen. „Was um's Himmelswillen denkt auch Lord Ulverſtone, daß er ſich den Anſchein gibt, als wolle er läſtigen Beſuchen aus dem Wege gehen?“ „Mein lieber Piſiſtratus,“ antwortete mein Vater auf dieſen Ausruf,„nicht die Gäſte, welche kommen, ſondern die⸗ jenigen, welche wegbleiben, wirken am ſtörendſten auf die Ruhe eines abgetretenen Miniſters. In der ganzen Pro⸗ ceſſion ſieht er nur die Bilder des Brutus und des Caſſius — und dieſe ſind nicht da! Zudem, verlaß Dich darauf, machte ein Bergewinkel in eine ſo große Nähe von London nicht Lärm genug. Du ſiehſt, ein abgetretener Staatsmann iſt wie jener ſchöne Karpfe— je weiter er aus dem Waſſer ſpringt, deſto ſtärker iſt das Geplätſcher, wenn er wieder in' nic bin den kön er we wit ger che Fi übe dur ſch va ten hat als zwe mi die M 889 in's Schilf nieberfällt! Doch dieſes Scherzen ziemt uns nicht,“ fügte Mr. Caxton in reuigem Tone bei,„und wenn ich mich ſo weit vergaß, geſchah es nur, weil ich herzlich froh bin, daß Trevanion jetzt vielleicht ſeinen wahren Beruf fin⸗ den wird. Sobald das vornehme Volk, welches mit ihm kömmt, ihn wieder allein läßt in ſeiner Bibliothek, hoffe ich, er wird ſich dieſem Berufe zuwenden und dadurch glücklicher werden, als er bisher je war.“ „Und dieſer Beruf beſtünde, Vater—?“ „In der Metaphyſik,“ verſetzte mein Vater.„Er wird ſich in Berkeley ganz heimiſch fühlen und Betrachtun⸗ gen darüber anſtellen, ob der Sprecherſtuhl und die amtli⸗ chen rothen Logen wirklich Dinge ſeyen, deren Ideen von Figur, Ausdehnung und Härte insgeſammt im Geiſte haften Es wird ihm großen Troſt bringen, wenn er mit Berkeley übereinſtimmen und die Entdeckung machen kann, daß er nur durch weſenloſe Phantasmata geneckt wurde.“ Mein Vater hatte vollkommen Recht. Der murrende, ſcharfdenkende und Alles auf's Genaueſte abwägende Tre⸗ vanion, welchen ſein Gewiſſen damit quälte, daß er alle Sei⸗ ten einer Frage in's Auge faſſen mußte(denn die geringſte hat mehrals zwei Seiten und iſt zum Mindeſten ein Sechseck), war viel geeigneter, den Urſprung der Ideen zu erforſchen, als Cabinete und Nationen zu überzeugen, daß zweimal zwei vier ſey— ein Satz, in Betreff deſſen er vollkommen mit Abraham Tucker übereingeſtimmt haben würde, wenn dieſer ſcharffinnigſte und gedankenvollſte von allen engliſchen Metaphyſikern bemerkt:„So überzeugt ich auch bin, daß 890 zweimal zwei vier iſt, würde ich doch jeder achtbaren, redli⸗ chen und verſtändigen Perſon, welche dies in Frage ſtellt, Gehoör ſchenken; denn die Sache iſt mir nicht gewiſſer, als der Satz, das Ganze ſey größer als ein Theil. Und doch kamen mir einmal Betrachtungen, welche die Annahme des Gegentheils zu fordern ſchienen.““ Ich kann mir eben ſo gut denken, Trevanion werde einer„achtbaren aufrichtigen und verſtändigen Perſon“ Rede ſtehen, welche gegen die gewöhnliche Annahme, daß zweimal zwei vier ſey, einen Gegenbeweis verſucht! Die Kunde von ſeiner Ankunft jedoch und der der Lady Caſtleton verurſachte in mir eine große Aufregung, ſo daß ich meine Zuflucht zu langen, einſamen Spaziergängen nahm. Während eines dieſer Ausflüge machten ſie einen Beſuch in dem Thurm— Lord und Lady Ulverſtone, die Caſtletone und ihre Kinder, alle mit einander. So war ich dieſer Höflichkeits⸗ bezeugung entronnen, und als ich wieder nach Hauſe zu⸗ rückkehrte, wurde ein gewiſſes Zartgefühl für alte Erinnerun⸗ gen beobachtet, ſo daß man in meiner Gegenwart nicht viel über dieſes wichtige Ereigniß ſprach. Roland hatte ſich gleichfalls aus dem Wege gemacht. Blanche, das arme Kind, welches nichts von den Vorgängen wußte, Par am mittheil⸗ ſamſten und wußte faſt von nichts zu reden, als von der Schonheit und Anmuth der Lady Caſtleton. * Licht der Natur.— Abſchnitt über das Urtheil. — Vergleiche die ſehr ſinnreiche Beleuchtung des Zweifels,„ob nicht bisweilen der Theil größer ſey, als da Ganze“— der Zeit oder vielmehr der Ewigkeit entnommen. ——————————— Ein nur daß wint prüf Unn nenr für Anſt lebh — n ſchöt gege zu 1 imm gewi war, Neir ſie„ gött einzi ich n mußt Treu Mor wollt li⸗ t, s —————————— 89¹ Es erging an uns alle eine dringliche und herzliche Einladung, einige Tage in dem Schloſſe zuzubringen; aber nur ich nahm ſie an und machte die ſchriftliche Mittheilung, daß ich kommen würde. Ja; ich ſehnte mich, die Stärke meiner Selbſtüber⸗ windung zu beweiſen und die Natur der Empfindungen zu prüfen, die mich beunruhigt hatten. Es war eine moraliſche Unmöglichkeit, daß irgend ein Gefühl, welches man Liebe nennen konnte, für Lady Caſtleton ſich noch in mir barg— für die Gattin eines Andern, der noch obendrein ſo viele Anſprüche auf meine Zuneigung hatte. Aber mit all' den lebhaften Eindrücken der Jugend noch in meinem Innern — mit Eindrücken, welche mir Fanny Trevanion als das ſchönſte und herrlichſte unter allen menſchlichen Weſen ver⸗ gegenwärtigte— konnte ich da die Freiheit fühlen, wieder zu lieben? Durfte ich an eine Werbung denken und für immer die ganze jungfräuliche Neigung einer Anderen zu gewinnen ſuchen, während noch die Möglichkeit vorhanden war, daß ich Vergleichungen anſtellen und bereuen könnte? Nein; entweder mußte ich fühlen, daß Fanny, ſelbſt wenn ſie wieder unvermählt wäre und mir ohne menſchliches oder göttliches Hinderniß angehören könnte, aufgehört habe, die einzige zu ſeyn, die ich in der Welt auszeichnen würde, oder ich wollte, obgleich ich die Liebe als erſtorben betrachten mußte, doch in der Erinnerung auch noch ihrer Aſche die Treue bewahren. Meine Mutter ſeufzte und ließ an dem Morgen des Tages, an welchem ich nach Compton gehen wollte, eine große Unruhe blicken. Sie ſchien ſogar— etwa ——— 892 das drittemal in ihrem Leben— ärgerlich zu ſeyn und hatte kein Compliment für Mr. Stultz, als mein Jagdwamms gegen einen ſchwarzen Frack vertauſcht wurde, welchen dieſer Künſtler für„ſplendid“ erklärt hatte; auch beehrte ſie mich nicht mit jenen kleinen Aufmerkſamkeiten auf den Inhalt meines Reiſeſacks und mit jener Sorge für meine weißen Weſten und Halsbinden, die ich ſonſt von ihrem natürlichen Inſtinkt bei ſo denkwürdigen Anläſſen gewohnt war. Selbſt in ihrem Ton, wenn ſie mit Blanche ſprach, lag eine Art zankluſtiger, mitleidsvoller Innigkeit, die ſich ganz pathetiſch ausnahm, obſchon glücklicherweiſe die Urſache davon hinter einem undurchdringlichen Schleier lag für die unſchuldige Faſſungskraft des Weſens, welches nicht ſehen konnte, wo am Quell des Lebens die Vergangenheit die Urnen der Zu⸗ kunft auffüllte. Mein Vater verſtand mich beſſer. Als ich in den Wagen ſtieg, drückte er mir die Hand und murmelte die Stelle aus dem Seneca— „Non tanquam transfuga, sed tanquam explorator!“ Nicht als Ueberläufer, ſondern um zu erforſchen“ Ganz recht. Sechstes Kapitel. Nach der gewöhnlichen Sitte vornehmer Häuſer wurde ich, ſobald ich in Compton anlangte, nach meinem Zimmer geführt, um meinen Anzug zu ordnen und mich in der Ein⸗ ſamfeit zu ſammeln. Es fehlte noch eine Stunde bis zum Din Thů nenn war in ſe die dem cherr mack und gut ganc tätsj nicht bahn Fleck kam vor, früh ſiebe ter n denn Beſu anw Ruh hatte Caſt rde mer in⸗ um 893 Diner. Ich war jedoch keine zehn Minuten allein, als die Thüre aufging und Trevanion— wie ich ihn noch immer nennen will— vor mir ſtand. Sein Gruß und Willkomm war ſeh herzlich. Wir ſetzten uns nieder, und er plauderte in ſeiner derb beredten und nachläſſig gelehrten Art fort, bis die Halbſtundenglocke läutete. Er ſprach von Auſtralien, dem Wackefield⸗Syſtem— von der Viehzucht— von Bü⸗ chern, von der Mühe, die ihm das Ordnen ſeiner Bibliothek machte— von den Entwürfen, ſeine Güter zu verbeſſern und zu verſchönern— von ſeiner Freude, daß mein Vater ſo gut ausſah, und ſeinem Entſchluß, ſich recht viel ſeines Um⸗ gangs zu erfreuen, möge nun dies ſeinem alten Univerſi⸗ tätsfreund recht ſeyn oder nicht— kurz von Allem, nur nicht von der Politik und ſeiner eigenen miniſteriellen Lauf⸗ bahn, durch dieſes Schweigen andeutend, wo der wunde Fleck ſaß. Aber abgeſehen von dem bloßen Wirken der Zeit kam er mir in ſeiner Muße angegriffener und abgehärmter vor, als in dem vollen Strom des Geſchäftslebens, und die frühere Kurzangebundenheit ſeines Weſens ſchien jetzt eine fieberiſche Aufregung in ſich zu bergen. Ich hoffte, mein Va⸗ ter werde den Umgang mit ihm nicht zu vermeiden ſuchen, denn ich fühlte, daß der müde Geiſt der Beruhigung bedurfte. Das zweite Läuten hatte kaum ausgetönt, als ich in das Beſuchzimmer trat. Es waren wenigſtens zwanzig Gäſte anweſend— ohne Zweifel jeder ein Planet in der Welt des Nuhms oder der Mode, der wieder ſeine eigenen Trabanten hatte. Aber ich ſah nurzwei Geſtalten deutlich— zuerſt Lord Caſtleton mit Stern und Band, etwas ſtärker und ſtattlicher 894 im Bau und mit einem unverhohlenen Anflug von Grau in den ſeidenen Locken ſeines Haars, aber noch immer ſich aus⸗ zeichnend durch jene Schönheit und jenen Zauber, die weni⸗ ger von der Jugend abhängen, ſondern vielmehr aus einem glücklichen Zuſammenwirken von Haltung und Benehmen, aus der ungemeinen Lieblichkeit des Ausdrucks entſpringen, welche ſich in's Herz einſchleicht und in einem Grade anſpricht, daß dem Zeugen derſelben die Bewunderung zu einer Luſt wird. Von Lord Caſtleton konnte man in der That wie von Alecibiades ſagen, er ſey'ſchön in jedem Alter. Der Athem verſagte mir faſt, und ein Nebel trat mir vor die Augen, als Lord Caſtleton mich durch die Gäſte führte und der leuchtende Traum von Fanny Trevanion— wie verändert und doch wie blendend— wieder vor mir aufging. Ich fühlte die leichte Berührung jener ſchneeigen Hand; aber kein ſündiger Schauer ſchoß durch meine Adern. Ich hörte die Stimme, muſikaliſch wie immer, gedämpfter in ihrem Tone, als ehedem, aber feſt und ohne Beben— es war nicht länger die Stimme, welche meine Seele in das Ohr verpflanzte. Das Ereigniß war überſtanden, und ich wußte, daß der Traum für immer entflohen war aus der wachenden Welt. „Noch eine alte Freundin!“ ſagte Lady Ulverſtone, als ſie aus einer kleinen Gruppe von Kindern hervortrat und einen ſchönen Knaben von neun Jahren an der Hand herbeiführte, während ein anderer von zwei oder drei Jahren ſich an ihrem Gewande feſthielt.„Noch eine alte Freundin— und“ fügte u in aus⸗ eni⸗ nem nen, gen, Luſt von hem als ende wie nd; Ich in es das der als nen rte, tem gte 895⁵ ſie nach den erſten freundlichen Begrüßungen bei,„zwei neue, wenn die alten dahin ſind.“ Die leichte Melancholie wich aus ihrer Stimme, als ſie, nachdem ſie mir den kleinen Viscount vorgeſtellt hatte, den verſchämteren Lord Albert heranzog, der in der That um Stirne und Augen etwas von dem feinen, geiſtvollen Ausdruck ſeines Großvaters hatte, deſſen Namen er trug. Lord Caſtleton's auf Alles Rückſicht nehmender Takt war ſchnell bereit, der Verlegenheit ein Ende zu machen, die gerne eine Folge ſolcher Vorſtellungen iſt; er ſtützte ſich leicht auf meinen Arm, zog mich vorwärts und machte mich mit den Gäſten bekannt, die mehr zu unſerer mittelbaren Nachbarſchaft gehörten und durch ihre warme Hetzlichkeit andeuteten, daß ſie bereits auf meine Einführung vorbe⸗ reitet waren. Das Diner wurde jetzt angekündigt, und ich freute mich auf die Erleichterung und Abgeſchiedenheit, welche ſich bieten, wenn man in einer großen, gemiſchten Geſellſchaft auf einem eigenen Stuhl Platz nehmen kann. Ich blieb drei Tage in dem Hauſe. Trevanion hatte ganz Recht, wenn er ſagte, Fanny werde eine„treffliche vor⸗ nehme Dame“ abgeben. Welcher vollkommene Einklang in ihrem Benehmen und in ihrer Stellung! Sie hatte von ver verführeriſchen mädchenhaften Heiterkeit und der bezau⸗ bernden Gefallſucht eben noch genug beibehalten, um die Würde in ihrer Haltung, welche ſie unwillkürlich angenom⸗ men— vielleicht weniger als vornehme Frau, denn als Gattin und Mutter— zu mildern. Mit welcher feinen Bildung, die 896 vielleicht nur etwas matt und gekünſtelt war in Vergleich mit der friſch und geſund dem ganzen Weſen entſprungenen ihres Gatten, obſchon in ihr nichts von jener erkältenden Herablaſſung oder von der feinen Unverſchämtheit lag, welche man ſo häufig bei den ſogenannten„Excluſiven“ des niede⸗ reren Adels findet— mit welcher Anmuth, frei von aller Sprödigkeit, nahm ſie die Schmeicheleien der Umſtehenden hin, ſich ſodann von ihnen abwendend oder zu Lord Caſtleton ihre Zuflucht nehmend, und zwar dies mit einer Ruhe, welche mit einem Male den Schirm des Herdes und der Heimath um ſie her aufpflanzte. Und unbeſtreitbar war Lady Caſtleton viel ſchöner, als Fanny Trevanion geweſen war. Alles dies erkannte ich an— nicht mit einem Seufzer und einem Schmerzgefühl, ſondern mit der reinen Empfindung ſtolzen Entzückens. Ich hatte vielleicht wahnſinnig und an⸗ maßend geliebt, wie es bei jungen Leuten oft der Fall iſt, aber meine Neigung war eine würdige geweſen; der Mann brauchte nicht darüber zu erröthen, und Fanny's Glück war eine vollkommene Kur für jede Wunde des Herzens, die vielleicht nicht früher ſchon vernarbt war. Hätte ſie unzu⸗ frieden, bekümmert und frendlos in dem geſchloſſenen Bunde gelebt, ſo durfte wohl eher zu beſorgen geweſen ſeyn, ich könnte brüten über die Vergangenheit und klagen über den Verluſt ihres Abgotts. Jetzt aber war keine ſolche Gefahr mehr vorhanden. Sogar die Ausbildung ihrer Schönheit hatte den Charakter derſelben in einem Grade verändert⸗ daß Fanny Trevanion und Lady Caſtleton zwei verſchiedene leich nen iden lche ede⸗ ller den ton lche ath als fzer ung an⸗ iſt, ann war die nzu⸗ mde ich den ahr heit ert, dene —— 897 Perſonen zu ſeyn ſchienen. Während ich ſie beobachtete und ihr zuhörte, konnte ich leidenſchaftslos die Unterſchiede in unſerem Weſen wahrnehmen, ſo daß mir Trevanion's Be⸗ hauptung, welche mir ehedem ſo ungeheuerlich erſchien, voll⸗ kommen gerechtfertigt vorkam—„wir würden nicht glück⸗ lich ſeyn, wenn auch das Schickſal unſere Verbindung geſtat⸗ tete.“ Obſchon ſie in der erkünſtelten Welt die Einfachheit und Reinheit ihres Herzens bewahrt hatte, war doch dieſe Welt ihr Element; die Intereſſen derſelben nahmen ſie ſehr in Anſpruch, und ihr Treiben bildete den Gegenſtand ihrer Unterhaltung, obſchon ſich nichts von der gewöhnlichen Klatſch⸗ und Läſterſucht darein miſchte. Um mich der Worte eines Mannes zu bedienen, der ſelbſt ein Höfling war und ſo hoch ſtand, daß er über einen Cheſterfield ſpotten durfte“—„ſie beſaß die Routine jenes Styls von Unterhaltung, welcher eine Art goldenes Laub, das heißt, eine große Verſchöne⸗ rung für alles Andere iſt, an welchem es angebracht wird.“ Ich will nicht beifügen,„obſchon es für ſich ſelbſt eine ſehr dürftige Figur macht,“— denn dies konnte man von Lady Caſtleton's Unterhaltung wahrhaftig nicht ſagen— vielleicht weil es nicht„für ſich ſelbſt“ daſtand— und das goldene Laub gewann nur durch ſeine Kleinheit, weil es nicht ein⸗ mal die Oberfläche des ſüßen, liebenswürdigen Weſens be⸗ deckte, über welches es ſich ausbreitete. Gleichwohl war dies nicht der Geiſt, in welchem ich jetzt bei gereifterer Er⸗ fahrung Sympathie mit männlicher Thätigkeit oder Theil⸗ nahme an dem Zauber intellektueller Muße ſuchen würde. * Lord Herwey's Memoiren Georg's II. Bulwer, die Caxtone. 57 898 Der ſchöne Liebling der Natur und des Glücks hatte eine gewiſſe Hülfloſigkeit an ſich, welche bei einer ſo hohen Stel⸗ lung ſogar eine Anmuth in ſich barg und vielleicht dazu beitrug, Fanny's häuslichen Frieden zu ſichern, denn ſie diente dazu, ſie an diejenigen zu feſſeln, welche Einfluß über ſie gewonnen hatten, da ſie zum Glück von einem liebevollen Sinn begleitet war. Wäre jedoch Fanny weniger begünſtigt geweſen von den Umſtänden und weniger geſchützt vor jedem Wind, der ſie allzu rauh heimſuchen konnte— hätte ſie als die Gattin eines Mannes von untergeordnetem Rang nicht jenen hohen Sitz und den ſeidenen Baldachin einnehmen kön⸗ nen, welche den verzogenen Lieblingen des Glücks vorbehalten ſind, ſo wäre dieſe Hülfloſigkeit vielleicht zankluſtig geworden. Ich dachte an die arme Ellen Bolding und ihre ſeidenen Schuhe. Fanny ſchien mit ſeidenen Schuhen in die Welt. gekommen zu ſeyn und war alſo nicht geeignet, da zu gehen, wo ſich Geſtrüpp und Steine befanden! Aus dem Geplan⸗ der um mich her vernahm ich etwas, was mir dieſe Anſicht über Lady Caſtleton's Charakter beſtätigte und zugleich meine Bewunderung gegen ihren Gatten erhöhte; denn ich erſah daraus, wie weiſe ihre Wahl geweſen war und wie entſchloſ⸗ ſen er ſich darauf vorbereitet hatte, ſein Eigenthum zu vertheidigen. Als ich eines Abends ein wenig abſeits von der übrigen Geſellſchaft neben zwei Männern von der Lon⸗ doner Welt ſaß, hörte ich in ſtummer Theilnahme ihrem Ge⸗ ſpräch zu, denn es behandelte die on dits und die Anekdoten eines Gebiets, welches mir lange fremd geweſen war. Einer von den Beiden ſagte: 899 „Ich wüßtewahrhaftig nirgend ein trefflicheres Geſchöpf zu finden, als Lady Caſtleton iſt; ſo zärtlich gegen ihre Kin⸗ der— und ihr Ton gegen Caſtleton genau ſo, wie er ſeyn ſollte— ſo voll Liebe und Achtung. Dies macht ihr um ſo mehr Ehre, da man wiſſen will, ſie habe ihn nicht ge⸗ liebt, als ſie ihn heirathete— denn bei all' ſeiner Schönheit iſt er doch zweimal ſo alt als ſie. Auch iſt keine Frau ſo von ſchmeichelnden Lotharios und Damenmördern umſchwärmt worden, wie Lady Caſtleton. Zu meiner Beſchämung muß ich geſtehen, daß Caſtleton's Glück mich in Erſtaunen ſetzt, denn er bildet eine Ausnahme zu meinen allgemeinen Er⸗ fahrungen.“ „Mein lieber*“**“ verſetzte der Andere, einer von jenen weiſen Lebemännern, welche uns gelegentlich in Verlegenheit bringen, weil wir uns nicht erklären können, wie ſie bei ihrem Geiſte ſich mit einer bloßen Salonberühmtheit be⸗ gnügen mögen— Männer, welche ſtets müßig zu ſeyn ſchei⸗ nen, und doch Alles geleſen haben, immer gleichgültig ſich zeigen gegen das, was vor ihnen vorgeht, und doch den Charakter eines Jeden kennen und ſeine Geheimniſſe er⸗ rathen.—„Mein lieber““,“ ſagte der Genfleman,„Ihr würdet nicht ſtaunen, wenn Ihr ſtatt der gnädigen Frau den Lord Caſtleton ſtudiert hättet. Von allen Eroberungen, welche Sedley Beaudeſert je machte ſeit der Zeit, als die zwei ſchönſten Damen der Faubvurg um ſeiner Gunſt willen in dem Bois de Boulogne ſich auf Piſtolen ſchlugen, hat ihn keine ſo viel Mühe gekoſtet oder ſeine Weiberkenufniß auf eine ſo ſchwere Probe geſtellt, als die ſeiner eigenen Gattin 57* 900 nach der Verheirathung. Er war nicht zufrieden mit ihrer Hand, ſondern wollte auch ihr ganzes Herz, einen ausſchließ⸗ lichen, vollkommenen Chryſolit, beſitzen, und es iſt ihm ge⸗ lungen. Nie war ein Gatte ſo wachſam und doch ſo wenig eiferſüchtig— nie einer ſo vertrauensvoll zu den guten Sei⸗ ten ſeiner Frau, und doch ſo ſchnell zur Hand, wenn es ihren Schutz galt, wo ſie am ſchwächſten war. Als im zweiten Jahr ſeiner Ehe jener gefährliche deutſche Prinz von Leiben⸗ fels der Lady Caſtleton ſo beharrlich zuſetzte und die Skandal⸗ freunde in der Hoffnung eines Opfers bereits die Ohren ſpitzten, beobachtete ich Caſtleton mit ſo viel Intereſſe, wie wenn ich Deschappelles beim Schachſpiele zuſchaue. Nie habt Ihr etwas Meiſterhafteres geſehen. Er benahm ſich Seiner Hoheit gegenüber mit der ruhigen Zuverſicht nicht eines blinden Gatten, ſondern eines glücklichen Nebenbuhlers, überbot ihn in der Zartheit ſeiner Aufmerkſamkeiten und drängte ihn durch ſeine ſorgloſe Pracht völlig in Schatten. Leibenfels hatte die Unverſchämtheit, Lady Caſtleton einen Strauß von ſeltenen Blumen, die eben in der Mode waren, zu ſenden. Eine Stunde vorher hatte Caſtleton ihren ganzen Balkon mit denſelben koſtbaren ausländiſchen Pflanzen an⸗ gefüllt, als ſeyen ſie zu gemein für Sträußer und nicht werth, für ſie nur einen Tag zu blühen. So jung und hochbegabt auch Leibenfels war, verdunkelte ihn Caſtleton doch durch ſeine Anmuth und äffte ihn durch ſeinen Witz⸗ Er legte kleine Complotte ein, um ſeinen Schnurrbart und ſeine Guitarre lächerlich zu machen, verlockte ihn zu einer Jagd mit Schweißhunden, obſchon er ſeit ſeinem Dreißigſten * ——„—„— —— 901 nicht mehr gejagt hatte, und zog den fluchenden Deutſchen aus einem Schlammgraben. Er machte ihn zum Geſpötte der Klubs und brachte ihn ganz aus der Mode— alles dies mit ſo viel Höflichkeit, Anmuth und ruhigem Ueberlegenheits⸗ gefühl, daß man ſeine Luſt haben mußte an dem Stück Ko⸗ mödie, welches da geſpielt wurde. Der arme Prinz, welcher laffenhaft genug geweſen war, mit einem Franzoſen über ſei⸗ nen Erſolg bei den engliſchen Damen im Allgemeinen und bei Lady Caſtleton im Beſonderen eine Wette einzugehen, zog mit einem ſo langen Geſichte ab, wie das des Don Quirote. Wenn Ihr ihn nur an dem Abend, eh'er unſere Inſel verließ, in S— houſe geſehen hättet und dazu ſeine komiſche Grimaſſe, als Caſtleton ihm eine Priſe von der Beaudeſer miſchung anbot! Mit Einem Worte, Caſtleton hat es zur Aufgabe ſeines Daſeyns gemacht und als Mei⸗ ſterſtück ſeiner Kunſt ſich vorgenommen, eine glückliche Hei⸗ math und den ausſchließlichen Beſitz des Herzens ſeiner Gattin ſich zu ſichern. Die erſten zwei oder drei Jahre, fürchte ich, koſtete ihn dies mehr Mühe, als ſich je zuvor ein anderer Mann, mit ſeinem eigenen Weibe wenigſtens, ge⸗ geben hät— jetzt aber kann er im Frieden ruhen. Lady Caſtleton iſt gewonnen— für immer gewonnen.“ Als der Gentleman zu ſprechen aufhorte, erhob ſich Lord Caſtletons edler Kopf über die Gruppe der Umſtehenden. Ich ſah, wie Lady Caſtleton mit einem Blicke gebildeten Ueberdruſſes ſich von einem ſchönen jungen Gecken abwandte, der ſich erlaubt hatte, während des Sprechens mit ihr ſeine Stimme zu dämpfen. Als ihr Auge auf ihren Gatten fiel, 902 ging dieſer Blick ſogleich in den einer holdlächelnden Liebe über und drückte ſo unverkennbar den weiblichen Stolz aus, welher eine Antwort auf die Verſicherung zu ſeyn ſchien: „Lady Caſtleton iſt gewonnen— für immer gewonnen.“ Ja, dieſe Geſchichte ſteigerte meine Bewunderung für Lord Caſtleton; denn fie zeigte mir, mit welcher reifen Er⸗ wägung, mit welchem ernſten Gefühl ſeiner Verantwortlich⸗ keit er die Laſt eines Lebens in Leitung eines noch unent⸗ wickelten Charakters übernommen hatte— eine redliche Sühne für den leichten Sinn, welchem ſich Sevley Beaudeſert hingegeben. Mehr als je freute ich mich darüber, daß dieſe Aufgabe einem Mann zu Theil geworden war, der durch ſeine Gemüthsart und Erfahrung ſich ſo gut dafür eignete. Der Gedanke an den deutſchen Prinzen machte mich zittern, ſowohl aus Theilnahme für den Gatten, als in einer Art Schauder für mich ſelbſt. Wäre dieſe Epiſode mir be⸗ gegnet, ſo hätte ich nie„ein Stück Komödie“ daraus machen und den fünften Akt glücklich mit einer Priſe der Beaudeſert⸗ miſchung ſchließen können. Nein, nein— meine einfache Vorſtellung von dem Leben und der Beſchäftigung eines Man⸗ nes konnte nichts Verlockendes in der Ausſicht finden, den Baum mit den goldenen Aepfeln zu bewachen, vor dem es heißt:„Wehe dem Argus, wenn es dem Merkur einmal ge⸗ lingt, ihn einzuſchläfern!“ Meine Gattin muß keines Be⸗ wachens bedürfen, es ſey denn in den Tagen des Leides und der Krankheit. Gott ſey Dank, daß mein Lebensweg nicht über die roſigen Landſtraßen führt, an welchen deutſche Prin⸗ zen Wetten eingehen auf meinen Untergang und feine Gentle⸗ ch e⸗ 903 men die Geſchicklichkeit bewundern, mit der ich um einen ſo ſchrecklichen Einſatz Schach ſpiele. Jedem Rang und jedem Temperament das Seinige. Ich räume gerne ein, daß Fanny eine vortreffliche Marquiſe und Lord Caſtleton ein unvergleichlicher Marquis iſt. Aber Blanche, wenn ich Dein einfaches, treues Herz gewinnen kann, ſo hoffe ich mit dem fünften Akt des Stücks der Komödie zu beginnen und am Altare zu ſagen— „Einmal gewonnen— für immer gewonnen!“ Siebentes Kapitel. Ich kehrte auf einem von meinem Wirthe geborgten Pferde nach Haus zurück, und Lord Caſtleton ritt eine Strecke weit mit, von ſeinen beiden Knaben begleitet, welche mann⸗ haft auf ſhetländiſchen Ponies ſaßen und vor uns hertrabten. Ich machte dem Marquis ein Kompliment über den Geiſt und Verſtand dieſer Kinder— ein Kompliment, das ſie wohl verdienten. „Nun ja,“ verſetzte der Marquis mit dem geziemenden Stolze eines Vaters,„ich hoffe, keiner von ihnen wird ſeinem Großvater Trevanion Schande machen. Albert iſt etwas zu früh reif, obſchon nicht ganz das Wunder, für welches ihn die arme Lady Ulverſtone erklärt, und ich habe meine Noth damit, daß er mir nicht durch die Schmeicheleien auf ſeinen Verſtand verderbt wird. Solche Schmeicheleien ſind meiner Anſicht nach weit ſchlimmer, als die, welche man dem 904 Range zollt— eine Gefahr, welcher der ältere Bruder mehr ausgeſetzt iſt, obſchon auch Albert ein ſchönes Erbe in Ausſicht hat. Ueber den gemeineren Dünkel des Ranges kann Eion bald Herr werden. Ich erinnere mich noch, wie Lord—(Ihrwißt, welch ein anſpruchsloſer, gutmüthiger Menſch er jetzt iſt), als ungeleckter Junge, das Kinn hoch in der Luft tragend, auf den Spielplatz ſtolzirte und der derbe Dick Johnſon(ich fürchte, er iſt jetzt ein ganzer Buſchjäger geworden) mit der Frage auf ihn zuging: Nun, Sir, und wer zum Henker ſeyd Ihr?“ Lord—, ſagte der arme Teufel in ſeiner Unſchuld, älte⸗ ſter Sohn des Marquis von— Ei der Tauſend, ruft John⸗ ſon, dann iſt hier ein Fußtritt für den Lord, und da einer und noch einer für den Marquis! Obſchon ich kein Freund von ſolchen Begrüßungen bin, ſo meine ich doch, daß nie drei Fußtritte beſſer angeſchlagen haben, als dieſe. Aber,“ fuhr Lord Caſtleton fort,„wenn man einem Knaben wegen ſeiner Geſcheidtheit ſchmeichelt, ſo iſt nicht einmal Eton im Stande, den Dünkel aus ihm hinauszuklopfen. Wenn er auch der letzte in der Bank und der größte Eſel iſt, der je die Ruthe koſtete, ſo wird es immer Leute geben, welche ſagen, die öffent⸗ lichen Schulen taugen nicht für die Entwicklung des Ge⸗ nies, und es iſt zehn gegen Eins zu wetten, daß man dem Vater ſo lange zuſetzt, bis er den Knaben nach Hauſe nimmt und ihm einen Hofmeiſter gibt, der ihn für immer zu einem Fant modelt. Ein Geck im Anzug—“ ſagte der Marquis lächelnd—„iſt ein Tändler, und es ſtünde mir übel an, ihn verurtheilen zu wollen, denn ich geſtehe, daß mir ein junger Menſch, der viel auf ſeinen Anzug hält, lieber iſt, als einer, der er zu ſei ſch na me kor Ta Ka un ode ſp ner wil hei das ter ſag der ihn vernachläſſigt; aber ein Geck in Ideen— ei, je jünger er iſt, deſtw unnatürlicher und unangenehmer erſcheint er mir. — Nun, Albert,— über dieſe Hecke, Sir!“ „Ueber dieſe Hecke, Papa? Der Pony wird es nicht zu Stande bringen.“ „Dann fürchtsich,“ ſagte Lord Caſtleton, indem er höflich ſeinen Hut abnahm,„daß wir das Vergnügen Deiner Geſell⸗ ſchaft entbehren müſſen.“ Der Knabe lachte und nahm einen ritterlichen Anlauf nach der Hecke, obſchon ich an dem Wechſel ſeiner Farbe be⸗ merkte, daß er ein wenig Angſt davor hatte. Der Pony konnte nicht über die Hecke ſetzen, war aber ein Thier von Takt, das ſich zu helfen wußte und zappelte durch wie eine Katze, wobei allerdings die raphaelblaue Jacke des Reiters unterſchiedliche Riſſe davon trug. Lord Caſtleton bemerkte lächelnd: „Ihr ſeht, ich lehre ſie, eine Schwierigkeit auf die eine oder auf die andere Weiſe zu überwinden. Unter uns ge⸗ ſprochen,“ fügte er ernſt bei,„ich bemerke, daß aus der Ge⸗ neration nach der, in welcher ich zuerſt auszog und mir's wohl ſeyn ließ, eine ganz andere Welt aufgeht. Demgemäß will ich meine Jungen erziehen. Reiche Edelleute müſſen heut zu Tag nützliche Menſchen ſeyn, und wenn ſie nicht über das Geſtrüpp ſpringen können, müſſen ſie ſich mit Durchklet⸗ tern helfen. Seyd Ihr nicht mit mir einverſtanden?“ „Von ganzem Herzen.“ „Durch das Heirathen wird der Mann viel weiſer,“ ſagte der Marquis nach einer Pauſe.„Ich muß jetzt 906 lächeln, wenn ich mir vergegenwärtige, wie oft ich bei dem Gedanken an's Altwerden geſeufzt habe. Jetzt verſöhne ich mich wohl mit meinen grauen Haaren und erfreue mich noch der Jugend, denn—“ auf ſeine Söhne deutend—„hier iſt ſie!“ „Er hat jetzt nahezu das Geheimniß des Saffranſackes aufgefunden,“ bemerkte mein Vater, der ſich vergnügt die Hände rieb, als ich ihm dieſes Geſpräch mit Lord Caſtleton erzählte.„Aber ich fürchte,“ fügte er mit einem mitleidigen Blick bei,„Trevanion iſt noch weit entfernt, den Sinn von Lord Bacon's Recept zu erfaſſen. Und Du ſagſt mir, ſeine Gattin zerre aus purer Liebe zu ihm fortwährend an dieſer einen mißtönigen Saite?“ „Ihr müßt mit ihr ſprechen, Vater.“ „Ja, das will ich,“ verſetzte mein Vater unmuthig— „und ſie noch oben drein tüchtig abkanzeln— die thörichte Frau! Ich will ihr den Rath vorhalten, den Luther dem Fürſten von Anhalt gab.“ „Worin beſtand dieſer, Vater?“ „Einfach darin, daß er ſeinen Knaben in den Fluß wer⸗ fen ſolle, weil er außer der Mutter fünf Ammen ausgeſogen hatte und deshalb nothwendig ein Wechſelbalg ſeyn müſſe. In der That, ihr Ehrgeiz wäre im Stande, alle Mutter⸗ milch in dem genus mammalium aufzuzehren. Und noch obendrein ein ſo welker, gebrechlicher, boshafter kleiner Wech⸗ ſelbalg. Bei Allem, was heilig iſt, ſie ſoll ihn ins Waſſer werfen!“ rief mein Vater, und dem Worte die That folgen laſſend, flog die Brille, welche er während der drei letzten 4 * ich ch er Minuten emſig geputzt hatte, in den Teich.„Papae!é ſtot⸗ terte mein Vater erſchrocken, während die Cypriniden, welche das Eintauchen der Brille irrthümlich für eine Einladung zur Mahlzeit hielten, angeſchwommen kamen. „Dies iſt Deine Schuld,“ ſagte Mr. Carton, ſich wie⸗ der faſſend.„Hol' mir die neue Brille mit dem Schildkrott⸗ ſchaalengeſtell und ein großes Stück Brod. Du ſiehſt, wenn Fiſche auf einen Teich beſchränkt ſind, ſo kennen ſie einen Wohlthäter, was nie der Fall iſt, wenn ſie in der weiten Welt eines Fluſſes nach Fliegen ſchnappen oder nach Wür⸗ mern wühlen. Hem!— ein Wink für die Ulverſtone. Außer dem Brod und der Bille ſieh mir auch nach der In⸗ cunable, die Fiſchpredigt des heiligen Antonius, und bring ſie mit.“ Achtes Kapitel. Seit meiner Rückkehr nach dem Thurme ſind einige Wochen entſchwunden und mit den Caſtletonen alle Gäſte Trevanions abgereist. Nach ihrer Entfernung haben wieder⸗ holte Beſuche zwiſchen den beiden Häuſern ſtattgefunden, und die Bande der Vertraulichkeit knüpfen ſich inniger. Mein Vater hat zweimal ein langes Geſpräch mit Lady Ulver⸗ ſtone unter vier Augen gehalten(meine Mutter iſt nicht ſo thöricht, ſich üͤber ſolche Vertraulichkeiten zu grämen) und der Erfolg davon tritt mehr und mehr an's Licht. Lady Ulver⸗ ſtone hat aufgehört, ſich über die Welt und das Publikum zu 908 ereifern und nährt nicht mehr den gekränkten Stolz ihres Gatten mit erbitternder Theilnahme. Sie iſt jetzt eine treue Genoſſin ſeiner dermaligen Beſchäftigungen, wie ſie es bei ſeinen früheren war, und zeigt Intereſſe für Landwirth⸗ ſchaft, Gärten, Blumen und die philoſophiſchen Pfirſiche von den akademiſchen Bäumen, welche Sir William Temple in ſeiner anmuthigen Abgeſchiedenheit heranzog. Ja noch mehr— ſie ſitzt neben ihrem Gatten in der Bibliothek, liest die Bücher, welche er liest, oder beſchwatzt ihn, wenn ſie la⸗ teiniſch ſind, ſie ihr zu überſetzen. Unmerklich führt ſie ihn zu Studien, die weiter und weiter von den blauen Büchern abliegen, und lockt ihn, meines Vaters Winken folgend „In ſchön're Welten, ſelbſt den Weg ihm bahnend.“ Sie ſind unzertrennlich. Wie Derby und Johanna ſieht man ſie zuſammen in der Bibliothek, im Garten oder in dem be⸗ ſcheidenen kleinen Pony⸗Phaeton, gegen welchen Lord Ulver⸗ ſtone den feurigen Hengſt vertauſcht hat, der vordem mit ſei⸗ nen lebhaften Augen ein treues Abbild des geſchäftigen Tre⸗ vanion war. Ein rührender, ſchöner Anblick! Und dabei zu denken, welchen Sieg über ſich ſelbſt die ſtolze Frau errungen haben mußte! Nie ein Gedanke, der zu murren ſcheint, nie ein Wort, welches den ehrgeizigen Mann zurückriefe von der Philoſophie, zu welcher ſein regſamer Geiſt Zuflucht genommen hat. Und bei der Anſtrengung iſt ihre Stirne ſo heiter geworden! Der bekümmerte Ausdruck, der ſonſt auf ihrem ſchönen Antlitz lagerte, verſchwindet mehr und mehr. Und was mich am meiſten bewegt, iſt der Gedanke, daß dieſer Wechſel, welcher ſo viel Glück in Ausſicht ſiellt, —— — —— durch Auſtins Rath, durch ſeine Berufung an ihren Ver⸗ ſtand und ihre Liebe herbeigeführt wurde.„Trevanion,“ ſagte er,„ſollte mehr als Troſt— ſollte auch Heiterkeit und Zufriedenheit bei Euch finden. Euer Kind iſt fern von Euch— die Welt fluthet dahin— und ihr beide müßt euch gegenſeitig Alles in Allem ſeyn. Sorgt dafür, daß dies ſo werde.“ Nach ſo vielen weit abführenden Wegen müſſen die Beiden, nachdem ſie in der Jugend getrennt wurden, an der Neige des Lebens ſo wieder zuſammentreffen. Dort, auf demſelben Schauplatze, wo Auſtin und Ellinor ſich zu⸗ erſt kennen gelernt hatten, hilft er ihr die Wunden heilen, welche der Ehrgeiz, der ihre Geſchicke trennte, geſchlagen, und beide gehen gemeinſchaftlich zu Rathe, wie das Glück des vorgezogenen Nebenbuhlers zu ſichern ſey. Nach all der Mühe, der Sorge und dem Ehrgeiz eines viel angefochtenen öffentlichen Lebens Trevanion und Ellinor zu ſehen, wie ſie ſich näher und näher kommen und zum er⸗ ſtenmal das häusliche Leben mit ihrem Zauber kennen lernen — in der That, dies wäre ein Thema, würdig eines Elegien⸗ dichters, wie Tibull. Inzwiſchen hat jedoch eine jüngere Liebe, aus deren Geſchichte keine befleckten Blätter auszutilgen ſind, den Sommer aufs Angenehmſte benützt.„Zwei Herzen ohne Arg finden ſich leicht zuſammen,“ ſagt ein Sprüchwort, das ſich bis auf Confucius zurückführen läßt. O ihr Tage ſtillen ſonnigen Lichtes, das von uns wiederſpiegelt— o ihr Tum⸗ melplätze, ſtets theurer werdend durch einen Blick, ein Wort, ein Lächeln oder ein entzücktes Schweigen, als ſich mit jeder 91⁰ Stunde mehr und mehr jenes Weſen vor mir entfaltete, ſo zärtlich ſchüchtern, bei allem Ernſte ſo heiter, durch einfache Sorgen ſo harmoniſch geſtimmt für häusliche Zuneigung und doch durch das weiſe Sinnen in der Einſamkeit mit ei⸗ ner Poeſie erfüllt, welche auch den unſcheinbarſten Obliegen⸗ heiten Anmuth verlieh und das Alltägliche des Lebens in Muſik ſetzte! Natur und Glück trafen hier in gleicher Weiſe zuſam⸗ men: Gleichheit der Geburt und der Anſprüche— Aehn⸗ lichkeit in Geſchmacksſachen und im Ziele des Lebens— Drang nach geſunder Thätigkeit, welche ſich in unmittelbarer Nähe fand— weder Neid gegen die Reichen, noch Wetteifer mit den Großen; beiderſeits ein Gemüth, welches das Leben nur im heiteren Lichte betrachtete und Quellen der Freude, friſch grünende Stellen auffand, wo das an die großen Städte gewöhnte Auge nur eine Wüſte mit ihrer Fata Morgana ſehen konnte. Während meines Ferneſeyns hatte ich, wie es die Pflicht des Mannes iſt, im Ringen mit dem Glück jene Mühen durchgemacht, welche dem Herzen Anlaß geben ſich von ſeinen Verluſten zu erholen, und den Werth der Liebe im erſteren Sinn der Wirklichkeit des Lebens ken⸗ nen gelernt. Der Himmel hatte an der Schwelle der Hei⸗ math den jungen Baum groß gezogen, der das Dach mit ſeinen Blüthen decken und die tägliche Luft meines Daſeins mit ſeinen balſamiſchen Düften erfreuen ſollte. Die Lieben, welche ich verlaſſen, hatten vereint darum gebetet, daß dies mein Lohn ſeyn möchte, und insgeſammt in ihren verſchiedenen Weiſen dazu beigetragen, jenes ſchöne Leben zum Schmuck lu ſic vt di u ar und zur Freude deſſen heranzubilden, der jetzt den ſehnlich⸗ ſten Wunſch hegte, es beſchützen und lieben zu dürfen. Von Roland kam das tiefe, ernſte Ehrgefühl— männlich in ſeiner Kraft und weiblich in ſeiner edeln Zartheit— von Roland jener ſchnell faſſende Sinn für alles Herrliche in der Poeſie und alles Liebliche in der Natur— das Ange, wel⸗ ches funkelte, wenn es las, wie Bayard allein auf der Brücke ſtand und ein Heer rettete, oder über dem Blatt weinte, wel⸗ ches Bericht that, wie der ſterbende Sidney den Becher von ſeinen brennenden Lippen abſetzte. Erſcheint vielleicht ir⸗ gend Jemanden ein ſolcher Geiſt allzumännlich? Nach ſeinem Belieben. Aber ich lobe mir die Frau, in welcher alles ein Echo findet, was im Manne edel iſt! Und dann konnte jenes Auge, wie das Rolands, inne halten, um jede feinere Ma⸗ ſche in dem wunderbaren Gewebe der Schönheit aufzu⸗ faſſen. Keine Landſchaft war für ſie geſtern und heute dieſelbe— ein tieferer Schatten vom Himmel konnte den Anblick der Moore verändern— das Aufſchießen friſcher wilder Blumen, ja ſogar der früher nicht vernommene Ge⸗ ſang eines Vogels lieh der weiten, ſteinigten Haide Abwechs⸗ lung. Iſt dies eine zu einfache Quelle der Luſt, daß man ſie nicht ſollte würdigen können? Mag es immer denen ſo vorkommen, welche der ſtarken Reizmittel bedürfen, wie ſie die Städte bieten. Aber wenn wir alle unſere Stunden unter ſolchen Scenen zubringen ſollen, iſt ein Sinn hoch anzuſchlagen, der in der Natur keine Eintönigkeit kennt. Alles dies kam von Roland, und mein Vater hatte mit ſinniger Weisheit genug Bücherkenntniß hinzugefügt, um einen ſolchen Geſchmack anziehender zu machen und der inſtinktartigen Auffaſſung des Schönen und Guten die Bil⸗ dung zu verleihen, welche in dem Schönen eine tiefere We⸗ ſenheit erkennt und durch Erhöhung des Standpunktes das Gute zum Beſſeren erweitert. So beſaß ſie Kenntniß ge⸗ nug, um mit dem geiſtigen Streben des Mannes zu ſympa⸗ thiſiren, nicht aber auf ſeinem eigenen Gebiete, dem der Anſichten, mit ihm zu ſtreiten. Ob übrigens in der Natur, oder im Wiſſen, immer war ſtets „Ihr Blick das ſchönſte Blumenfeld, Ihr Geiſt die reichſte Bücherwelt!“ Und doch, o weiſer Auſtin— und Du, dichteriſcher Roland, obſchon Du nie einen Vers geſchrieben haſt— wäre euer Werk unvollſtändig geblieben, wenn nicht das Weib ſich ein⸗ gemengt und die Mutter der Tochter ihrer Wahl die letzte Vollendung gegeben hätte durch die milden häuslichen Tu⸗ genden, durch das ſanfte Wort, welches den Zorn bannt, durch das engelgleiche Mitleid mit den rauheren Mängeln des Mannes, durch die Geduld, welche ihrer Zeit harrt und, keine„Rechte der Frauen“ erpreſſend, uns mit un⸗ ſichtbaren, entzückenden Banden unterjocht. Erinnerſt Du Dich, meine Blanche, jenes lieblichen Sommerabends, an welchem endlich die Gelübde, die längſt ſchon von unſeren Augen ausgetauſcht worden waren, ſich über unſere Lippen ſtahlen? Komm an meine Seite, theure Gattin— ſieh mir über die Schulter, während ich ſchreibe. Da, Deine Thränen—(jind es nicht glückliche Thränen, Blanche ²)— haben die Schrift ausgelöſcht!“ Sol ich der en ſt 913 Welt mehr ſagen? Du haſt Recht, meine Blanche— keine weiteren Worte ſollen die Stellen entweihen, auf welche dieſe Thränen gefallen ſind! ** Und hier möchte ich ſchließen. Aber ach, leider können wir in unſere Hoffnungen dieſſeits des Grabes nicht den ein⸗ ſchließen, von dem wir ſogar an dem Brauttage, welcher ſeine Schweſter meinen Armen überantwortete, ſehnlich er⸗ warteten, er werde zurückkehren zu dem Herd, wo ſein Platz jetzt leer ſtand, durch den errungenen Ruhm zufrieden ge⸗ ſtellt und endlich geeignet für das ruhige Glück, welches er durch lange Jahre der Reue und Prüfung verdient hatte. Im erſten Jahr meiner Ehe und bald nach einer ritter⸗ lichen Betheiligung an einem verzweifelten Kampfe, der ſeinen Namen mit neuen Ehren bedeckt hatte— als wir eben in der blinden Eitelkeit des menſchlichen Stolzes im Hinblick auf ihn am glücklichſten waren— kam die verhäng⸗ nißvolle Kunde. Die kurze Laufbahn war zu Ende. Er hatte den Tod gefunden, den er, wie ich wußte, ſich wünſchte — am Schluſſe eines Tages, ſtets denkwürdig in der Ge⸗ ſchichte jenes wunderbaren Reiches, welches Tapferkeit ſon⸗ der Gleichen an den Thron der Inſeln gefeſſelt hat. Er ſtarb in den Armen des Sieges, und ſein letztes Lächeln be⸗ gegnete den Augen des edeln Führers, der ſogar zu ſolcher Stunde in der Hochfluth des Triumphs Halt machen konnte bei dem Opfer, welches ſie an das blutige Geſtade ge⸗ Bulwer, die Caxtone. 9¹4 wotfen hatte.„Ich bitte Euch um eine einzige Gunſt“, ſtammelte der Sterbende,„ich habe einen Vater zu Haus — auch er iſt Soldat. In meinem Zelt liegt mein Teſta⸗ ment, welches alle meine Habe ihm übergibt— er kann es ohne Beſchämung annehmen. Doch dies iſt nicht genug! Schreibt ihm— Ihr— eigenhändig— und ſagt ihm, wie ſein Sohn fiel!“ Und der Held erfüllte die Bitte, und die⸗ ſer Brief iſt Roland theurer, als die ganze lange Reihe todter Ahnen! Die Natur hat ihre Rechte eingefordert, und die Vorväter treten zurück vor dem Sohne. In einer Seitenkapelle der alten gothiſchen Kirche, mitten unter den zerfallenden Gräbern derer, welche bei Aere und Agincourt kämpften, meldet ein neues Täfelchen den Tod Herberts de Carton mit der einfachen Inſchrift: ER FIEI. aUF DEM ScRLACHTFELD: SEIN vATERLAND TRAUERT UM IHN UND SsEIM vATRR 187 vOLL ERGEBUN6. Jahre ſind entſchwunden, ſeit die Tafel dort aufgeſtellt wurde, und brachten manchen Wechſel über den Winkel der Erde, welcher unſere kleine Welt einſchließt. Schöne Ge⸗ mächer entſtanden mitten unter den öden Ruinen, und nah und fern lachen üppige Kornfelder an der Stelle der kalten, trübſelilgen Moore. Das Land nährt mehr Grundſaſſen⸗ als ſich je zuvor um das Banner ſeiner Barone drängten, und Roland kann von ſeinem Thurm aus auf Beſitzungen niederſchauen, die Jahr um Jahr mehr der Verodung entriſſen werden, bis ihm die Pfſügſchaar eine Herrſchaft gewonnen hat, reicher und anſehnlicher als die, welche die alten ritterlichen Häuptlinge durch die Gewalt des Schwer⸗ tes behaupteten. Und die gaſtliche Heiterkeit, die aus der Ruine entflohen war, hat ſich in der Halle erneuert, und Reich und Arm, Vornehm und Gering heißen die Hebung eines alten Hauſes aus dem Staub des Verfalls willkom⸗ men. Alle Träume von Rolands Jugend ſind erfüllt; aber ſie erfreuen ſein Herz nicht ſo, wie der Gedanke, daß ſein Sohn endlich würdig war ſeiner Abkunft, und als die Hoff⸗ nung, daß kein Abgrund ſich aufthun werde zwiſchen den beiden, wenn der große Kreis abgerundet iſt und die Ver⸗ gangenheit zuſammentrifft mit der Jukunft des Menſchen am Ende der Zeiten. Nie wurde der Verlorene vergeſſen — nie ſein Name gehaucht, ohne daß Thränen in die Au⸗ gen traten, und jeden Morgen konnte der zur Arbeit ge⸗ hende Bauer Roland ſehen, wie er ins Thal hinunterſchlich nach dem niedrigen Thürchen der Kapelle. Wage es Nie⸗ mand, ſeinen Schritten zu folgen, oder ſich ſeinen feierlichen Gedanken aufzudrängen; denn dort, dem Täfelchen gegen⸗ über, ergießt er ſich im Gebet, und die Erinnerung an die Todten bildet einen Theil ſeines Verkehrs mit dem Him⸗ mel. Doch der Tritt des Greiſes iſt noch immer feſt und ſein Kopf aufrecht. In ſeinem Geſichte kann man ſehen, daß es nicht eine hohle Prahlerei iſt, wenn er erklärte, daß„der Vater voll Ergebung“ ſey. Ihr, die ihr vielleicht meint, in dieſer chriſtlichen Ergebung liege zu viel römiſche Härte — bedenkt, was es heißt, bei dem Sohn ein Leben der Schande fürchten zu müſſen, und fragt euch dann, ob ein 58* 916 Tod der Ehre bei demſelben Sohn dem Vater einen ſo bittern Schmerz bereiten konnte! Jahre ſind dahin, und zwei ſchöne Töchter ſpielen zu Blanche's Füßen oder kriechen um Auſtins Schemel, gedul⸗ vig des erſehnten Kuſſes harrend, wenn er von dem großen Buche aufſchaut, das ſich jetzt ſchnell ſeinem Ende nähert. Wenn aber Roland in's Zimmer tritt, vergeſſen ſie alle ihre nüchterne Geſetztheit und eilen, uneingeſchüchtert durch vas ſchreckliche„Papae“, lärmend auf ihn zu, daß er ſie verſprochenermaßen in dem Garten ſchaukle oder ihnen zum fünfzigſtenmale irgend ein ſhſches Mährchen erzähle. Ich für meinen Theil nehme die Güter hin, welche mir vie Götter beſcheeren, und bin zufrieden mit Mädchen, welche die Augen ihrer Mutter haben. Aber Roland, der un⸗ vankbare Mann, begiunt zu murren, daß wir die Rechte der männlichen Erben ſo ſehr vernachläſſigen. Er weiß nicht, ſoll er die Schuld Mr. Squills oder uns beimeſſen, wenn er nicht etwa gar meint, alle drei hätten ſich verſchwo⸗ ren, die Repräſentation der kriegeriſchen de Caxtone auf„die Spindelſeite“ überzupflanzen. Wer übrigens auch um die⸗ ſer ſchlimmen Verſäumniß willen Vorwürfe verdienen mochte, die gerade Linie im Stammbaum wird endlich hergeſtellt, und Mrs. Primmins ſtürzt wieder oder rollt vielmehr— denn ihre Bewegung iſt die, welche man an kugelartigen oder ſphärvidiſchen Formen findet— in das Zimimer meines Vaters mit dem Rufe: „Sir, Sir— es iſt ein Knabe!“ Db mein Vater auch diesmal mit jener Frage, vie —— —— einen metaphyſiſchen Forſcher ſo ſehr verwirren kann,„Was iſt ein Knabe?“ angeſtiegen kam, weiß ich nicht, möchte aber faſt vermuthen, daß er nicht Zeit fand zu einer ſo abſtrakten Erkundigung, denn der ganze Haushalt ſtürmte auf ihn ein, und meine Mutter riß ihn in jener Aufregung, welche den Elementen des weiblichen Geiſtes eigenthümlich iſt— eine Art Sonnenſcheingewitters zwiſchen Lachen und Weinen — mit fort, damit er den Neogilos betrachte. Einige Monate ſpäter, an einem Wintexabend, waren wir alle in der Halle verſammelt; denn dieſe iſt noch im⸗ mer unſer gemeinſchaftliches Zimmer, da ſie Jedem Raum gibt, ſeiner beſondern Beſchäftigung nachzugehen. Ein großer Schirm ſchützt die gelehrte Thätigkeit meines Vaters gegen jede Störung, und hinter dieſer undurchdringlichen Schranke, die ihn allen Blicken entzieht, ſchließt er jetzt ruhig die beredte Peroration, welche die Welt in Erſtaunen ſetzen wird, ſobald unter des Himmels beſonderer Gnade die Drucker mit der„Geſchichte des menſchlichen Irrthums“ zu Stande gefommen ſeyhn werden. In einer andern Ecke hat ſich mein Onkel verborgen und rührt ſeinen Kaffee in der nämlichen Taſſe, welche ihm meine Mutter vor ſo vielen Jahren zum Geſchenk machte und die wunderbar bisher dem gewöhnlichen Geſchick aller Töpferwaare entronnen iſt. In der andern Hand hat er einen Band des Jvanhve; aber der nordiſche Zauberer weiß ihn nicht zu bannen, und ſein Auge ſchweift ab von den Blättern. An der Wand hinter ihm hängt das Bild des Sir Herbert de Carton, des kriege⸗ riſchen Gefährten von Sidney und Drale; unter demſelben 918 iſt das Schwert ſeines Sohnes und der Brief mit der To⸗ vespoſt in Glas und Rahmen angebracht. Brief und Degen ſind die letzten, nicht am wenigſten geehrten Penaten der Halle geworden;— der Sohn iſt in die Reihe der Vorfahren eingetreten. Nicht weit von meinem Onkel ſitzt Mr. Squills und be⸗ zeichnet die phrenologiſchen Abtheilungen auf einem Gyps⸗ abguß, den er nach einem Schädel der auſtraliſchen Einge⸗ bornen angefertigt hat— ein unheimliches Geſchenk, das ich ihm ſeiner ausdrücklichen brieflichen Bitte gemäß nebſt einem ausgeſtopften Wombat und einem großen Bündel Sarſaparille mitbrachte.(Zur Beruhigung ſeiner Patien⸗ ten will ich im Einſchluſſe bemerken, daß der Schärel und der Wombat— letzterer iſt ein Thier, welches zwiſchen einem winzigen Schwein und einem kleinen Dachs die Mitte hält — nicht mit der Sarſaparille zuſammengepackt waren) In einiger Entfernung ſteht offen, aber unbenützt das neue Pianoforte, an welchem, ehe mein Vater ſein vorbereitendes Hem erſchallen ließ und ſich zu dem großen Buch niederſetzte, Blanche und meine Mutter ſich alle Mühe gegeben haben, mich in den Kanon von der Krähe und Dohle einzuüben — eine vergebliche Mühe trotz aller ihrer ſchmeichelhaften Verſicherungen, daß ich einen ſehr ſchönen Baß habe, wenn ich ihn nur ausbilden wolle. Zum Glück für die Zuhörer⸗ ſchaft iſt dieſer Verſuch jetzt aufgegeben worden. Meine Mutter iſt eifrig mit dem neueſten Tapetenmuſter beſchäf⸗ tigt, auf welchem ein rothbackiger junger Troubadour unter einem ſalmfarbigen Balkon die Laute ſpielt, während zwei kleine Mädchen, die wahrſcheinlich ſehr früh in den Trouba⸗ vour verliebt ſind, gravitätiſch zuſchauen. Blanche und ich, wir beide haben uns in eine Ecke geſchlichen, wo wir uns in Folge irgend einer ſeltſamen Verblendung für unbeobachtet halten, und in dieſer Ecke ſteht die Wiege des Neogilos. In der That, wir ſind nicht Schuld daran, daß ſie da iſt — Roland wollte es ſo haben; und das Knäblein iſt ſo gut, daß es nie ſchreit— wenigſtens behaupten dies Blanche und meine Mutter— und jedenfalls ſchreit es nicht des Nachts. Das Kind iſt wahrhaftig ein Wunder! Es ſcheint Alles zu wiſſen und auf Alles zu antworten, was in un⸗ ſeren Herzen die Oberhand hatte, als es geboren wurde. Und was noch mehriſt, ſeit Roland(wohl gegen allen Brauch) weder der Mutter, noch der Wärterin oder überhaupt ei⸗ nem weiblichen Geſchöpfe geſtattete, es über den Taufſtein zu halten, ſondern über den neuen Chriſten ſein eigenes, ſcharfzügiges Geſicht niederbeugte, damit an einen Adler erinnernd, welcher das Junge in ſeinem Neſt verbirgt und mit Fittichen darüber wacht, welche ſchon manchem Sturm Trotz geboten haben— ich ſage, von dieſem Augenblick an ſchien das Kind, welches den Namen Herbert erhielt, Ro⸗ land beſſer zu kennen, als ſeine Wärterin oder ſogar ſeine Mutter— ſchien zu wiſſen, daß wir Roland ſeinen Sohn wieder zu geben ſuchten, als wir ihm dieſen Namen beileg⸗ ten. So oft ſich der alte Mann dem Kind nähert, lächelt und jauchzt es und ſtreckt ihm ſeine kleinen Arme entgegen. Ich und die Mutter drücken uns dann gegenſeitig die Hand und ſind nicht eiferſüchtig. Wohlan denn, Blanche und 920 Piſtſtratus ſaßen in ber Nähe der Wiege und ſprachen flü⸗ ſternd mit einander, als mein Vater den Schirm bei Seite ſchob und ſagte: „So— die Arbeit iſt fertig und kann jetzt in die Druckerei gehen, ſobald Du willſt.“ Mein Vater nahm die Glückwünſche, mit welchen er jetzt überſprudelt wurde, mit ſeinem gewöhnlichen Gleich⸗ muth hin. Die Hand in ſeine Weſte geſteckt, ſtand er vor dem Herde und ſagte nachſinnend: „Unter den letzten Blendwerken des menſchlichen Irr⸗ thums mußte ich auch Rouſſeau's Phantasma von dem ewi⸗ gen Frieden und alle ähnlichen idylliſchen Träume berühren, welche das Vorſpiel zu den blutigſten Kriegen machten, die auf mehr als tauſend Jahre hinein die Erde erſchütterten.“ „Wenn man ſich aus Zeitungen ein Urtheil bilden kann,“ bemerkte ich,„ſo tauchen jetzt dieſelben Täuſchungen wieder auf. Wohlwollende Theoretiker gehen umher und prophezeien aus dem ſibylliniſchen Orakel des Hauptbuchs den Frieden als poſitive Gewißheit, fo daß wir keine Ka⸗ nonen mehr zu kaufen brauchen, wenn wir nur Wolle gegen Korn austauſchen können.“ Mr. Squills—(der ſich jetzt faſt ganz vom Ge⸗ ſchäft zurückgezogen hat und in Ermanglung einer beſſeren Beſchäftigung jüngſter Zeit unterſchiedlichen„Demonſtratio⸗ nen im Norden“ anwohnte, ſo daß er ſeitdem gerne vom Fort⸗ ſchritt, dem Geiſt der Zeit und„uns, den Männern des neunzehnten Jahrhunderts“ ſpricht).— Ich hoffe von Her⸗ zen, daß ſich dieſe wohlwollenden Theoretiker als wahre Pro⸗ pheten erweifen; denn im Lauf meiner ärztlichen Prapis habe ich gefunden, daß die Menſchen ſchnell genug aus der Welt gehen, ohne daß ſie ſich in Stücke hacken oder in die Luft ſprengen. Der Krieg iſt ein großes Uebel. Blanche—(an Squills vorbeigehend und nach Ro⸗ land hinblickend.)— Bſt! Roland bleibt ſtumm. Mr. Caxton.— Der Krieg iſt ein großes Uebel; aber auch das Böſe muß in der Hand der Vorſehung mit⸗ wirken zu den phyſiſchen und moraliſchen Zwecken der Schöpfung. Das Vorhandenſein des Böſen hat ſchon wei⸗ ſere Köpfe in Verlegenheit geſetzt, als die unſrigen ſind, Squills. Ohne Zweifel aber iſt Einer über uns, der ſeine Gründe dafür hat. Der Höcker der Kampfluſt ſcheint am menſchlichen Schädel ebenſo allgemein zu ſeyn, als der der Geſchlechtsliebe, und wenn er zu unſerer Organi⸗ ſation gehört, ſo iſt er ſicherlich nicht ohne Grund da. Es iſt weder gerecht gegen das menſchliche Geſchlecht, noch vernünftig dem Lenker aller Dinge gegenüber, annehmen zu wollen, der Krieg werde ausſchließlich und vermeſſen durch menſchliche Verbrechen und Thorheiten herbeigeführt. Wenn er auch Schlimmes in ſeinem Gefolge hat, ſo ent⸗ ſpringt er doch oft aus Bedürfniſſen, welche ſich in das Netz⸗ werk der Geſellſchaft verweben, und beſchleunigt im Ein⸗ klang mit den Planen des Allwiſſenden die große Endauf⸗ gabe des menſchlichen Geſchlechtes. Kein einziger bedeu⸗ tender Krieg hat je die Erde verwüſtet, ohne daß er Saaten zurückließ, die zu unberechenbaren Segnungen heranreiften! 922 Mr. Squills—(mit dem Stöhnen eines Mannes, welcher mit einer„Demonſtration“ nicht einverſtanden iſt). — Ohlohloh! Der unglückliche Squills! Wie wenig konnte er den Platzregen oder vielmehr die Douche von Gelehrſamkeit vor⸗ ausſehen, die klatſchend auf ſein Haupt niederfiel, als er mit jenem ungebührlichen oh! oh! den Hahn drehte. Zuerſt kam der perſiſche Krieg mit den Myriaden von Medern, welche auf ihrem Marſch durch das Morgenland alle Flüſſe austranken— dann die Künſte, die Wiſſenſchaften und die Freiheitsideen, die wir von den Griechen erbten; mein Vater ſtürmte damit fort, Squills mit ſeinen Beweiſen überſchüt⸗ tend, daß ohne den perſiſchen Krieg Griechenland ſich nie ſo weit gehoben hätte, um die Lehrerin der Welt zu werden. Ehe noch das keuchende Opfer zu Athem kommen konnte, überflutheten die Hunnen, Gothen und Vandalen Italien und Squills. „Wie, ſeht Ihr nicht ein, Sir!“ rief mein Vater,„daß von jenen Stürmen gegen das demoraliſirte Rom die Neu⸗ geburt des menſchlichen Geſchlechts ausging, die Wieder⸗ taufe der Erde von den letzten Flecken des Heidenthums und in letzter Urſache Alles, was vom Chriſtenthum noch beſteht, frei von dem Götzendienſt, mit welchem Rom den Glauben beſudelte?“ Squills hielt die Hände in die Höhe und puſtete und ſprudelte. Jetzt ſtürzte Karl der Große herunter mit ſeinen Paladinen und allem. Hierin war mein Vater großartig. Welch ein Bild entwarf er von den brüchigen, mißtönigen, —— —— wilden Elementen einer barbariſchen Geſellſchaft. Und die eherne Fauſt des großen Franken, der Ordnung in die Völ⸗ ker brachte und das jetzt beſtehende Europa gründete. Squills war der Betäubung oder dem Scheintod nahe; wie jedoch der Ertrinkende nach einem Strohhalm greift, ſtot⸗ terte er, als er das Wort„Kreuzfahrer“ hörte, hervor— „Ah! hier biete ich Euch Trotz!“ „So, Ihr bietet mir hier Trotz?“ rief mein Vater, und man hätte glauben ſollen, ein ganzes Meer ſtröme in das Becken der Douche, ſo raſſelnd kamen die Tropfen nieder. Mein Vater berührte kaum die kleineren Entſchuldigungs⸗ punkte für die Kreuzzüge, obgleich er mit ſehr geläufiger Zunge alle die humaniſtrenden Künſte aufzählte, welche im Gefolge jener Einfälle in das Morgenland nach Europa gekommen waren; er zeigte, welchen Dienſt ſie der Civili⸗ ſation geleiſtet hatten, indem ſie der rohen Kraft des Ritter⸗ weſens einen Abzugskanal bereiteten, den Keim der Zerſtö⸗ rung in die Tyrannei des Adels warfen, die Städte eman⸗ cipiren und die Leibeigenſchaft brechen halfen. Dann aber ſchilderte er in Farben, ſo lebhaft als wären ſie dem Himmel des Morgenlandes entnommen, die weite Verbreitung des Mohammedanismus und die Gefahr, womit ſie das chriſt⸗ liche Europi bedrohte, um damit auf die Gottfriede, Tan⸗ erede und Richarde überzugehen, welche im Bund mit der Zeit und der Nothwendigkeit auftraten gegen die ſchreck⸗ lichen Fortſchritte des Schwerts und des Korans.„Ihr nennt ſie Wahnſinnige,“ rief mein Vater,„aber der Wahn⸗ ſinn der Völker iſt die Staatskunſt des Schickſals! Wie ————— =— 924 könnt Ihr, ohne den Schrecken, welche die nach Jernſalem marſchirenden Heerſchaaren einflößten— wie könnt Ihr wiſſen, daß der Halbmond nicht auch über andere Reiche ge⸗ glänzt hätte, als die waren, welche Roderich an die Mau⸗ ren verlor? Wäre das Chriſtenthum nicht eine Leidenſchaft geweſen und hätte dieſe Leidenſchaft weniger ganz Europa aufgewühlt— wie könnt Ihr wiſſen, daß das Glaubensbe⸗ kenntniß der Araber, welches damals auch eine Leidenſchaft war, nicht ſeine Moſcheen aufpflanzen durfte in dem Forum von Rom oder an der Stelle von Notre Dame? Meint Ihr denn, in dem Krieg zwiſchen Glaubensbekenntniſſen großer Völkerſtämme könne die Vernunft des Weiſen einen erfolg⸗ reichen Kampf beſtehen mit der Leidenſchaft von Millionen? Der Begeiſterung muß Begeiſterung entgegentreten. Der Kreuzfahrer kämpfte um das Grab Chriſti, hat aber das Le⸗ ben des Chriſtenthums gerettet.“ Mein Vater hielt inne. Sguills benahm ſich ganz leidend; er kämpfte nicht mehr— die Fluth hatte ihn er⸗ tränkt. „So wird denn auch,“ nahm Mr. Carton ruhiger wieder auf,„wenn wir von ſpäteren Kriegen auch noch nicht einſehen, wie viel Gutes der Allweiſe aus ihren Uebeln hervorruft— unſere Nachwelt ihren Nutzen ſo deutlich le⸗ ſen, wie wir jetzt den Finger der Vorſehung erkennen in den Gräbern von Marathon oder in Peter, dem Einſiedler, der nach den Schlachtgefilden Paläſtina's vorangeht. Auch wenn wir zugeſtehen, daß der Krieg der nächſten Generation viel Unheil bringt, können wir nicht in Abrede ziehen, daß viele —,— — von den Tugenden, welche die Zierde und das Leben des Frie⸗ dens ausmachen, den Erſchütterungen des Kampfes ent⸗ ſproſſen ſind!“ Hier begann Squills wieder einige matte Lebenszeichen an den Tag zu legen; aber mein Vater ließ eines jener zahlloſen Waſſerwerke gegen ihn los, mit welchen ſein wunderbares Gedächtniß ſtets ausgerüſtet war.„Des⸗ halb hat ein wenigſtens in weltlicher Erfahrung tiefbewan⸗ derter Philoſoph nicht mit Unrecht bemerkt“—(bei dieſen Worten ſchloß Squills ſeine Augen und wurde wieder leb⸗ los)—„es iſt eine ſeltſame Vorſtellung, daß der Krieg, welcher von allen Dingen als das wildeſte erſcheint, die Lei⸗ denſchaft der heroiſchſten Geiſter ſeyn ſoll. Doch gerade im Krieg wird der Knoten der Freundſchaft am engſtengeſchloſſen; in ihm leiſtet man ſich am meiſten gegenſeitige Hilfe, unter⸗ zieht ſich gemeinſchaftlich der Gefahr und übt vorzugsweiſe vas Gebot der Nächſtenliebe— denn Hervismus und Phi⸗ lanthropie ſind faſt ein und daſſelbe.““ Mein Vater ſchwieg und ſann eine Weile nach. Squills, wenn er anders noch am Leben war, hielt es für gut, ſich noch immer ſcheintodt zu ſtellen. „Ich will zwar damit nicht ſagen,“ fuhr Mr. Caxton fort,„es ſey eine Pflicht, das zur Leidenſchaft zu ſteigern, was wir vielmehr als eine ſchreckliche Nothwendigkeit über uns ergehen laſſen müſſen. Ihr habt vollkommen Recht, Mr. Squills— der Krieg iſt ein Uebel, und weh denen, welche unter nichtigen Vorwänden die Janusthore öffnen *Shaftesburh. 926 Den grauſen Tempel und die wilden Pforten Des wuthentbrannten Gottes.“ Nach einer langen Pauſe, welche auf einige handgerech⸗ tere Mittel zur Wiederbelebung untergetauchter Körper ver⸗ wendet wird, z. B. zu Aufpflanzung in halbaufrechter Lage gegen das Feuer mit ſelbſt applicirter ſanfter Reibung der verſchiedenen Gliedmaßen und häufigem Gebrauch gewiſſer dampfenden Stimulantien, welche meine theilnehmenden Hände für den Leidenden bereitet haben, ſtreckt ſich Mr. Squills und ſagt in mattem Tone:— „Mit Einem Worte alſo, um nicht weitere Erörterun⸗ gen hervorzurufen— Ihr habt den Krieg im Aug zur Ver⸗ theidigung des Vaterlands. Halt, Sir— um Gotteswillen, halt! Ich bin mit Euch einverſtanden, vollkommen einver⸗ ſtanden. Aber zum Glück iſt jetzt wenig Ausſicht vorhanden, vaß irgend ein nener Bonaparte zu Boulogne Schiffe baut, um uns anzugreifen.“ Mr. Carton.— Ich weiß dies doch nicht gewiß, Mr. Squills.(Squills verfällt wieder in ein gläſernes Stieren, als wolle er entſetzt Abbitte leiſten.. Ich leſe die Zeitungen nicht ſehr oft; aber die Vergangenheit hilft mir die Gegen⸗ wart beurtheilen. Mein Vater empfahl nun Mr. Squills angelegentlich, mit Bedacht gewiſſe Stellen im Thuchydides unmittelbar vor dem Ausbruch des peloponneſiſchen Kriegs zu leſen(Squills nickte haſtig in der ſervilſten Zuſtimmung) und zog eine ſinn⸗ reiche Parallele zwiſchen den Vorboten jenes Ausbruchs und der Furcht vor einem nahen Kriege, welche ſich in den kürz⸗ K . lichen Hymnen auf den Frieden kund gab. Und nach einigen denkwürdigen und ſchlauen Bemerkungen, welche zu zeigen be⸗ abſichtigten, wo die Elemente des Kriegs bereits in Mitte hochtönender Anſichten und von Grund aus erſchütterter Staaten heranreiften, ſchloß er mit den Worlen: „In Anbetracht aller Dinge bin ich der Meinung, wir thun am beſten, wenn wir den kriegeriſchen Geiſt aufrecht er⸗ halten und keine Sünde in dem Aufgebot ſehen, für unſere Piſtille und Reibſchaalen, für unſere Habe und Frezheiten zum Schwert zu greifen. Eine ſolche Zeit muß kommen, frü⸗ her oder ſpäter, und wenn die ganze Welt Wolle ſpänne oder geſprenkelte Kattune druckte. Wir erleben's vielleicht nicht, Squills, aber der junge Gentleman in der Wiege, den ihr kürzlich erſt an's Licht gefördert habt, wird von Vielem Zeuge ſeyn können.“ „Und wenn es geſchieht,“ ſagte mein Onkel abgebro⸗ chen, indem er zum erſtenmal das Wort ergriff—„wenn es in der That dem Altare und dem Herde gilt—“ Mein Vater zog plötzlich ein und puſtete ein wenig, denn er ſah, daß er ſich ſelbſt in dem Gewebe ſeiner Beredtſamkeit gefangen hatte. Roland nahm jetzt das Schwert ſeines Sohnes von der Wand herunter, ſchlich ſich nach der Wiege, legte es in der Scheide an die Seite des Knaben und ſah zuerſt meinen Vater, dann uns mit einem flehenden Blicke an. Inſtinkt⸗ artig beugte ſich Blanche über die Wiege, als wolle ſie den Neogilos beſchützen; aber das Kind, welches jetzt er⸗ wachte, wandte ſich von ihrab, ſtreckte, von dem Glänzen des Griffs angezogen, luſtig die eine Hand danach aus und deutete mit der andern lachend auf Roland. „Nur unter der Bedingung meines Vaters,“ ſagte ich zögernd.„Für Herd und Altar— für nichts Geringeres!“ „Und auch in dieſem Falle darf dem Schwerte der Schild nicht fehlen,“ fügte mein Vater bei, indem er an vie andere Seite des Kindes Rolands wohlverbrauchte Bi⸗ bel legte, in der manche Seite von geheimen Thränen ver⸗ gilbt war. Da ſtanden wir alle um den jungen Mittelpunkt ſo vieler Hoffnungen und Beſorgniſſe her— im Frieden wie im Kriege gleich geboren für den Kampf des Lebens. Und er, ohne Ahnung von dem, was unſere Lippen ſtumm und unſere Angen krüb machte, hatte bereits abgelaſſen pon dem blan⸗ ken Tande des Schwerts und ſeine Arme um Rolands nieder⸗ gebeugten Nacken geſchlungen. „Herbert,“ murmelte Roland. Und Blanche zog ſachte das Schwert weg— und ließ die Bibel zurück. — * Druck der J. B. Metzler ſchen Buchvruckerei in Stuttgart. ———