S — —— c—= —— Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher franzöſi iſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Biücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von iedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 8 für wöchentlich 2Bücher: 4 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 V 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 77 5 Kbonnenten en für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern.) muß der Ladenpreis werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines Frößeren Werkes ſo iſt der L Leſer zum Erſatzt des Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird peſonvers darauf Sekeſie gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem D Diejenigen, welche die⸗ von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. „ 3 . S=— — — — C. L. Bulwer's Werke. Aus dem Engliſchen. Achtundnenrzigſtes Pändchen. Zanoni. Viertes Bändchen. Stuttgart.. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 18 2. Zanoni. Ein Roman von dem Verfaſſer von„Nacht und Morgen,“„Rienzi,“ „Ernſt Maltravers,“„Alice“ u. a. Aus dem Engliſchen von S u ſt 5 ————— In ſechs Bändchen. Viertes Bändchen. n)———————— nttgart. . Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1842. viertes Vuch. — Die Hüterin der Schwelle. Sey hinter ihm was will Ich heb' ihn auf— Er ruft's mit lauter Stimm“ Ich will ſie ſchauen! Schiller. Das verſchleierte Bild zu Sais. — Bulwer's Romane. XC VII. Es war ungefähr einen Monat nach Zanoni's Ab⸗ reiſe, und Glyndon's Bekanntſchaft mit Mejnour, als zwei Engländer Arm in Arm durch die Straße Toledo hinwandelten. „Ich ſage Euch,“ ſagte der Eine, der mit vieler Wärme ſprach,„wenn Ihr nur noch einen Gran geſunden Menſchenverſtund in Euch habt, ſo begleitet Ihr mich nach England. Dieſer Mejnour iſt ein noch gefährlichereß Betrüger als Zanoni, weil es ihm noch mehr Ernſt ift. Am Ende, auf was laufen ſeine Verſprechungen hinaus? Ihr geſteht, daß Nichts zweideutiger ſeyn kann. Ihr ſagt, er habe Neapel verlaſſen, er habe ſich einen abgelegenen Wohnſitz erwählt, paſſender als die von Menſchen wim⸗ melnden Straßen und Plätze, für die Studien, in die er Euch einweihen ſoll; und dieſer Sitz iſt an den Lieb⸗ lingsplätzen der trotzigſten Banditen Italiens— an Or⸗ Erſtes Kapitel. Come vittima io vengo all' ara. Melast. — ten, zu welchen ſelbſt die Gerechtigkeit nicht vorzudringen wagt. Eine paſſende Einſiedelei für einen Weiſen!— Ich zittre für euch. Wie, wenn dieſer Fremde— von dem Nichts bekannt iſt,— mit den Räubern verbündet wäre; und dieſe Lockungen Eurer Leichtgläubigkeit nur der Köder in der Falle für Euer Vermögen, vielleicht Euer Leben wären? Ihr würdet noch wohlfeil davon kommen mit dem Loſegeld Eures halben Vermögens. Ihr lächelt entrü⸗ ſtet! Gut; laſſen wir den geſunden Menſchenverſtand ganz aus dem Spiele; betrachten wir die Sache ganz aus Eurem eignen Geſichtspunkt. Ihr ſollt eine Prüfung durchmachen, welche Mejnour ſelbſt nicht als eine ſehr verlockende zu ſchildern wagt. Sie kann gelingen, oder mißlingen; wenn letzteres, ſo ſeyd Ihr mit den ſchwärze⸗ ſten Uebeln bedroht, und wenn erſteres, ſo ſeyd Ihr in keinem Falle beſſer daran, als der langweilige und freud⸗ loſe Myſtiker, den Ihr zu Eurem Meiſter angenommen habt. Weg mit dieſer Thorheit; genießt die Jugend, ſo lange ſie noch Euer iſt. Kehrt mit mir nach England zurück; vergeßt dieſe Träume. Betretet die für Euch ge⸗ eignete Laufbahn; faßt eine achtbarere Neigung, als die Euch eine Weile an eine italieniſche Abenteurerin feſſelte. Bemüht Euch um Euer Glück, macht Geld, und werdet ein glücklicher und ausgezeichneter Mann. Das iſt der Rath nüchterner Freundſchaft, aber die Verſprechungen, die ich Euch vorhalte, find zuverläſſiger als die Mejnours.“ „Mervale,“ ſagte Glyndon finſter,„ich kann nicht, ſelbſt wenn ich wollte, mich Euren Wünſchen fügen. Eine e⸗ 9 Macht, die über mir waltet, drängt mich vorwärts; ich kann ihrem Einfluß nicht widerſtehen. Ich will bis ans Ende vorſchreiten auf der wunderbaren Laufbahn, die ich betreten habe. Denkt nicht mehr an mich. Folgt Ihr ſelbſt dem Rathe, den Ihr mir gegeben, und ſeyd glück⸗ lich!“ „Das iſt Wahnfinn,“ ſagte Mervale;„Eure Ge⸗ ſundheit leidet ſchon; Ihr ſeyd ſo verändert, ich würde Euch kaum mehr erkennen. Kommt; ich habe ſchon Euren Namen in meinen Paß eintragen laſſen; in einer Stunde bin ich fort, und Ihr, ein Knabe, wie Ihr ſeyd, werdet ohne einen Freund zurückbleiben, den Täuſchungen Eurer eigenen Phantaſie und den Machinationen dieſes gewiſ⸗ ſenloſen Gauklers überlaſſen.“ „Genug!“ ſagte Glyndon kalt z„Ihr hört auf ein einflußreicher Rathgeber zu ſeyn, wenn Ihr Eure Vorur⸗ theile ſo ſehr durchſcheinen laßt. Ich habe ſchon reichliche Beweiſe gehabt,“ fuhr der Engländer fort, und ſeine bleiche Wange wurde noch bläſſer,„von der Macht dieſes Menſchen,— wenn er ein Menſch iſt, woran ich manch⸗ mal zweifle— und es komme nun Leben oder Tod, ich trete nicht zurück von den Pfaden, die mich anlocken. Lebt wohl, Mervale, wenn wir uns nicht mehr ſehen, — wenn Ihr an den Orten, wo wir einſt unſre fröhliche Jugend verlebten, hört, daß Clarence Glyndon den letzten Schlummer an den Küſten von Neapel, oder unter jenen fernen Bergen ſchläft, ſo ſagt den Freunden unſrer Ju⸗ gend: er ſtarb einen ehrenhaften Tod, wie tauſend Mär⸗ tyrer der Wahrheit vor ihm, in dem Suchen und Ringen nach Erkenntniß und Weisheit.“ Er preßte bei dieſen Worten Mervale's Hand⸗ ſtürzte von ihm fort, und verſchwand in der Menſchenmenge. An der Ecke der Toledoſtraße wurde er von Nicot aufgehalten. „Ach, Glyndon, ich habe Euch einen ganzen Monat nicht geſehen. Wo habt Ihr Euch verſteckt? Seyd Ihr ſo in Eure Studien begraben geweſen?“ „Ja.“ „Ich bin im Begriff, von Neapel abzureiſen, nach Paris. Wollt Ihr mich begleiten? Talent jeder Art wird dort begierig aufgeſucht und muß ſicherlich ſteigen.“ „Ich danke Euch; ich habe für jetzt andere Plane.“ „So lakoniſch!— Was fehlt Euch? Grämt Ihr Euch über den Verluſt der Piſani? Nehmt Euch ein Bei⸗ ſpiel an mir. Ich habe mich ſchon getröſtet mit der Bianca Sacchini— einem ſchönen Weibe— aufgeklärt— keine Vorurtheile. Ein koſtbaxes Geſchöpf werde ich an ihr ſin⸗ den— ohne Zweifel. Aber dieſer Zanoni!“ „Was iſts mit dem?“ „Wenn ich je einen allegoriſchen Gegenſtand male, ſo entlehne ich von ihm das Bild des Satans. Ha, ha, eine ächte Malerrache— he? Und die Art der Welt, über⸗ dieß! Wenn wir ſonſt Nichts thun können, gegen einen Menſchen, den wir haſſen, können wir wenigſtens ſein Bild malen, wie das des Teufels. Aber im Ernſt, ich verabſcheue dieſen Mann—“ — 1 —) e p„—„ ot at hr ch rd . hr 1 le, r⸗ en in ich 11 „Warum?“ „Warum? Hat er nicht das Weib und die Mügift entführt, auf die ich mein Augenmerk gerichtet hatte! doch am Ende,“ fuhr Nicot nachſfinnend fort,„hätte er mir Dienſte geleiſtet, ſtatt mir geſchadet, ich würde ihn ebenſo haſſen. Schon ſeine Geſtalt und ſein Geſicht machten mich ihn zugleich beneiden und verabſcheuen. Ich fühle, daß eine gewiſſe Antipathie in unſern Naturen liegt. Auch fühle ich, daß wir uns wieder treffen werden, wenn Jean Nicots Haß weniger ohnmächtig ſeyn wird. Auch wir, cher confrère— auch wir dürften uns wieder begegnen! Vive la république! Ich in meine neue Welt!“ An dieſem Tage noch verließ Mervale Neapel; am folgenden Morgen verließ auch Glyndon die Stadt der Wonne, allein und zu Pferde. Er ſchlug den Weg ein nach jenen maleriſchen aber gefährlichen Gegenden, welche damals von Banditen beunruhigt wurden, und welche wenige Reiſende, ſelbſt am hellen Tage, ohne eine ſtarke Eskorte zu paſſiren wagten. Eine einſamere Straße kann man ſich nicht denken, als diejenige, auf welcher der Huf⸗ ſchlag ſeines Pferdes, die Felsſtücke treffend, welche in dem vernachläßigten Weg lagen, ein dumpfes, ſchwer⸗ müthiges Echo weckten. Große Strecken wüſten Landes, nur belebt durch das üppige und verworrene Laubwerk des Südens, lagen vor ihm; gelegentlich ſchaute eine wilde Ziege hinter einer Felswand hervor, oder hörte man das mißtönende Geſchrei eines, aus ſeinem düſtern Neſt auf⸗ geſcheuchten Raubvogels über den Bergen. Das waren die einzigen Lebenszeichen; keinem menſchlichen Weſen be⸗ gegnete man— keine Hütte war ſichtbar. In ſeinen glü⸗ henden und ernſten Gedanken ganz verloren, ſetzte der L junge Mann ſeine Reiſe fort, bis die Sonne ihre Mit⸗ c tagshitze ergoſſen hatte, und ein Lüftchen, welches den i nahenden Abend verkündete, von dem ungeſehenen Meer her ſich erhob, das in weiter Ferne zu ſeiner Rechten lag. E Jetzt zeigte ihm eine Wendung der Straße eines jener lan⸗ d gen, öden, traurigen Dörfer, die man im Innern des n neapolitaniſchen Gebietes findet; und jetzt näherte er ſich a einer kleinen Kapelle auf der einen Seite der Straße mit u einem grell gemalten Bild der Jungfrau in der offenen v Niſche. Um dieſe Stelle, die, im Herzen eines chriſtlichen n Landes, noch das Gepräge der alten Idolatrie bewahrte, 2 (denn gerade ſo waren die Kapellen, die im heidniſchen n Zeitalter den Dämonen⸗Heiligen der Mythologie geweiht h waren,) hatten ſich ſechs bis ſieben unglückliche und ſchmu⸗ 1 tzige Elende verſammelt, welche der Fluch des Ausſatzes n von der Menſchheit ausgeſondert hatte. Sie erhoben ein gellendes Geſchrei, als ſie ihre geiſterhaften Geſichter nach ſ dem Reiter hin wandten; und ohne ſich von der Stelle zu t rühren, ſtreckten ſie ihre magern, gelben Arme aus, und h ſlehten um ein Almoſen im Namen der barmherzigen Mut⸗ 3 ter! Glyndon warf ihnen haſtig einige kleine Münzen hin, 2 und ſein Geſicht abwendend, gab er ſeinem Pferde die 3 3 Sporen und hemmte deſſen Schritt nicht, bis er in das Dorf kam. Auf beiden Seiten der engen und ſchmutzigen b Straße bildeten trotzige und hohläugige Geſtalten— die t 13 Einen ſich an die zerfallenen Mauern geſchwärzter Hütten lehnend, Andere auf der Schwelle ſitzend, Einige der Länge nach im Kothe liegend,— Gruppen, die zu glei⸗ cher Zeit Mitleid und Beſorgniß erweckten; Mitleid mit ihrem Schmutz, Beſorgniß wegen des Ausdrucks von Wildheit, den ihre unholden Geſtalten an ſich trugen. Sie ſtarrten ihn grimmig und trutzig an, wie er langſam die unebene Straße heranritt, flüſterten einander manch⸗ mal bedeutungsvoll zu, machten aber keinen Verſuch, ihn aufzuhalten. Selbſt die Kinder ſtellten ihr Geplauder ein, und zerlumpte Zottelbären, ihn mit funkelnden Augen verſchlingend, murmelten zu ihren Müttern hin:„Wir werden morgen einen guten Tag haben!“ Es war in der That eines jener Dörfer, wohin das Geſetz nicht ſeinen nüchternen Fuß ſetzt, wo Gewaltthat und Mord ſicher hauſen, Dörfer, wie ſie in den wilderen Gegenden Ita⸗ liens damals nicht ſelten waren, wo der Name des Bauers nur ein milderer Ausdruck für Räuber war. Glyndons Herz wurde etwas bange, als er ſich um⸗ ſah, und die Frage erſtarb ihm auf den Lippen. Endlich tauchte aus einer der unlieblichen Hütten eine Geſtalt hervor, welche beſſer ausſah als die Uebrigen. Statt des zerlumpten und geflickten Oberrocks, welcher den ganzen Anzug der Männer ausmachte, welche er bisher geſehen, zeichnete ſich der Anzug dieſes Mannes aus durch all den Putz ungeſchlachter nationaler Stutzerei. Auf ſeinem Ra⸗ benhaar, deſſen glänzende Locken einen auffallenden Con⸗ traſt bildeten zu den platten und glatten Haaren der Uebri⸗ gen, ſaß eine Tuchmütze mit einer goldenen Troddel, die bis auf ſeine Schulter herabhing, ſein Schnurrbart war ſorgfältig gepflegt, und ein ſeidnes Tuch von bunten, grellen Farben war um einen wohlgeſtalteten, muskulöſen Hals geſchlungen; eine kurze Jacke von grobem Tuch war mit einigen Reihen goldüberſponnener Knöpfe geſchmückt; ſeine Beinkleider ſchloßen ſich dem Leibe knapp an und wa⸗ ren ſeltſam bordirt; und in einem breiten, buntfarbigen Gurt ſteckten zwei Piſtolen mit ſilbernen Kolben, und das Meſſer, das die Italiener der untern Claſſen gewöhn⸗ lich tragen, in einer ſorgfältig gearbeiteten Scheide von geſchnitztem Elfenbein. Ein kleiner Karabiner von ſchöner Arbeit hing über ſeine Schulter und vollendete ſein Co⸗ ſtüme. Der Mann ſelbſt war von mittlerer Größe, athle⸗ tiſch und doch ſchlank,mit entſchiedenen und regelmäßigen Zügen, ſonnverbrannt aber nicht ſchwarz; und der Aus⸗ druck des Geſichts, obwohl keck und trotzig, hatte mehr Offenheit als Wildheit und war, wenn auch herausfor⸗ dernd, doch nicht ganz uneinnehmend. Glyndon, nachdem er dieſe Geſtalt einige Augen⸗ blicke mit großer Aufmerkſamkeit betrachtet, zog den Zügel an und fragte nach dem Weg nach dem„Schloß vom Berge.“ Der Mann lüpfte ſeine Mütze, als er die Frage hörte, trat Glyndon näher, legte die Hand auf den Hals des Pferdes und ſagte mit leiſer Stimme:„Alſo ſeyd Ihr der Cavalier, welchen unſer Patron der Signor erwartet. Er hieß mich hier auf Euch warten und Euch nach dem ie ar n, ar kt; ⸗ en ud n⸗ er o⸗ le⸗ en us⸗ ehr or⸗ en⸗ gel om age als Ihr tet. 15 Schloß führen. Und wahrhaftig, Signor, es hätte kön⸗ nen unglücklich ablaufen, wenn ich vernachläßigt hätte dem Befehle nachzukommen.“ Dann trat der Mann ein wenig auf die Seite und rief mit lauter Stimme den Umſtehenden zu:„Holla ho! meine Freunde, bezeugt hinfort dieſem würdigen Cava⸗ lier alle mögliche Hochachtung. Er iſt der Gaſt, den unſer geſegneter Patron vom Schloß vom Berge erwartet hat. Langes Leben ihm! Möge er, wie ſein Wirth⸗ ſicher ſeyn bei Tag und Nacht— auf dem Berg und in der Wüſte— gegen den Dolch und gegen die Kugel— an Leib und Leben! Verflucht ſey, Wer ein Haar auf ſeinem Haupt anrührt, oder einen Bajoeco in ſeiner Taſche. Jetzt und immer wollen wir ihn ſchützen und ehren— für das Ge⸗ ſetz oder gegen das Geſetz— mit Treu und Glauben, bis in den Tod. Amen! Amen!“ „Amen!“ wiederholten in wildem Chorus hundert Stimmen; und die zerſtreuten herumſchlendernden Grup⸗ pen drängten ſich die Straße entlang dem Reiter immer näher. „Und damit er mehr erkennbar ſey,“ fuhr der ſelt⸗ ſame Beſchützer des Engländers fort,„dem Aug und dem Ohr, lege ich ihm die weiße Schärpe an, und gebe ihm die geheiligte Loſung: Friede dem Muthigen! Signor, wenn Ihr dieſe Schärpe tragt, wird der Stol⸗ zeſte in dieſen Gegenden das Haupt entblößen und die Kniee beugen vor Euch. Signor, wenn Ihr dieſe Loſung ausſprecht, werden die tapferſten Herzen Eurem Befehle folgſam ſeyn. Wünſcht Ihr Sicherheit, oder verlangt Ihr Rache, wollt Ihr eine Schönheit gewinnen, oder Euch Eures Feindes entledigen— ſprecht nur das Wort, und wir ſind Euer— wir ſind Euer! Iſt es nicht ſo, Ka⸗ meraden?“ Und wieder brüllten die wilden Stimmen: „Amen, Amen!“ „Jetzt, Signor,“ flüſterte der Bravo,„wenn Ihr einige Münzen entbehren könnt, werft ſie unter den Hau⸗ fen und laßt uns gehen.“ Glyndon, nicht unzufrieden mit den letzten Wor⸗ ten, leerte ſeine Börſe auf die Straße aus, und während unter gemiſchten Flüchen, Segnungen, Gekreiſch und gel⸗ lenden Rufen, Männer, Weiber und Kinder um das Geld ſich balgten, ergriff der Bravo den Zügel des Pferdes, führte es einige Schritte in ſcharfem Trott durch das Dorf, lenkte dann in einen ſchmalen Gang links ein, und nach wenigen Minuten waren weder Häuſer noch Men⸗ ſchen mehr ſichtbar, und die Berge ſchloſſen zu beiden Seiten ihren Weg ein. Jetzt ließ der Führer den Zügel los, er mäßigte ſeinen Schritt, wandte ſeine dunkeln Au⸗ gen mit einem ſchlauen Ausdruck gegen Glyndon, und ſagte: „Euer Excellenz war vielleicht nicht auf den herz⸗ lichen Willkomm gefaßt, der Euch bei uns wurde?“ „Ha, in Wahrheit, ich hätte darauf gefaßt ſeyn ſollen, da der Signor, in deſſen Haus ich will, mir den Charakter ſeiner Nachbarſchaft nicht verſchwieg. Und da ne 17 Euer Name, mein Freund, wenn ich Euch ſo nennen darf?“ „Oh, keine Umſtände mit mir, Excellenz. Im Dorf nennt man mich gewöhnlich Maeſtro Paolo. Ich hatte ſonſt auch einen Zunamen, obwohl einen ſehr zweideuti⸗ gen, und den habe ich vergeſſen, ſeit ich mich von der Welt zurückgezogen habe.“ „Und geſchah es aus Ueberdruß, aus Armuth, oder in Folge eines Ausbruchs von Leidenſchaft, der Euch Strafe zugezogen hätte, daß Ihr Euch in die Berge begabt?“ „Ha, Signor,“ ſagte der Bravo mit einem mun⸗ teren Lachen,„Eremiten meiner Art find ſelten Freunde der Beichte. Indeß, ich habe keine Geheimniſſe, ſo lange mein Fuß in dieſen Schluchten wandelt, meine Pfeife in meiner Taſche iſt, und mein Karabiner auf meinem Rücken hängt.“ Damit räuſperte ſich der Räuber, als wäre ihm die Erlaubniß erwünſcht, nach ſeinem Willen zu ſchwatzen, dreimal, und begann mit vieler Laune, ob⸗ wohl im Verlauf ſeiner Erzählung die Erinnerungen, welche ſie in ihm erweckte, ihn weiter zu führen ſchienen, als er zuerſt beabſichtigt hatte; und in rückſichtlos ſich gehen laſſendem Leichtſinn, überließ er ſich jenem heftigen und wechſelnden Mienenſpiel und jener Leidenſchaftlichkeit der Geberden, welche den Gemüthsbewegungen ſeiner Landsleute ſo eigenthümlich ſind. „Ich bin in Terraeina geboren— ein ſchöner Srt, nicht wahr? Mein Vater war ein gelehrter Mönch von hoher Geburt; meine Mutter— der Himmel ſchenke ihr ſanfte Ruhe!— eines Gaſtwirths hübſche Tochter. Na⸗ türlich konnte in dieſem Fall keine Ehe ſtattfinden, und als ich geboren ward, erklärte der Mönch mit großem Ernſt meine Erſcheinung für ein Wunder. Ich ward von meiner Wiege an dem Altar gewidmet; und man behaup⸗ tete allgemein, mein Kopf habe die orthodore Form für die Kapuze. Wie ich heranwuchs, gab ſich der Mönch viele Mühe mit meiner Erziehung; und ich lernte ſo bald Latein und Pſalmenfingen, als minder wunderhafte Kin⸗ der Lallen. Auch beſchränkte ſich des heiligen Mannes Sorgfalt nicht auf meine innern Vorzüge. Obgleich er ſelbſt das Gelübde der Armuth abgelegt hatte, wußte er doch immer dafür zu ſorgen, daß meine Mutter die Ta⸗ ſchen voll hatte; und zwiſchen ihrer Taſche und der mei⸗ nigen war bald ein heimlicher Verkehr eingeführt; daher trug ich mit vierzehn Jahren ſchon meine Mütze ſchief auf dem Kopf, hatte Piſtolen in meinem Gurt ſtecken⸗ und nahm den Gang und die Haltung eines galanten Cavaliers an. Als ich ſo alt war, ſtarb meine arme Mut⸗ ter; und um dieſelbe Zeit bekam mein Vater, der eine Geſchichte der päbſtlichen Bullen in vierzig Bänden ge⸗ ſchrieben, und wie ich ſchon geſagt, von hoher Geburt war, einen Cardinalshut. Von dieſer Zeit an erachtete er für paſſend, Euren unterthänigen Diener zu verläug⸗ nen. Er überwies mich an einen ehrlichen Notar in Nea⸗ pel, und gab mir zweihundert Kronen zu meinem Unter⸗ halt. Nun, Signor, ich lernte ſo Viel vom Geſetz ken⸗ hr ta⸗ ind em on up⸗ für nch ald in⸗ nes her e er nei⸗ her hief ken, nten Nut⸗ eine ge⸗ burt htete äug⸗ Nea⸗ nter⸗ 19 nen, um mich zu überzengen, daß ich nie Spitzbube genug werden würde, um in dieſem Gewerbe zu glänzen. So, ſtatt Pergament zu verderben, machte ich der Tochter des Notars den Hof. Mein Meiſter entdeckt unſte unſchul⸗ dige Ergötzlichkeit und warf mich zur Thüre hinaus; das war unangenehm. Aber meine Ninetta liebte mich⸗ und trug Sorge, daß ich nicht mit den Lazzaroni auf den Straßen liegen mußte, die kleine Hexe! ich meine ich ſehe ſie noch, wie ſie mit bloßen Füßen und den Fin⸗ ger an den Mund gelegt, die Thüre in den Sommer⸗ nächten öffnete, und mich leiſe in die Küche ſchleichen ließ, wo, die Heiligen ſeyen dafür geprieſen! eine Flaſche und eine Semmel jederzeit den hungrigen Amoroso er⸗ warteten. Aber am Ende wurde Ninetta kalt. Das iſt ſo die Art des Geſchlechtes, Signor. Ihr Vater fand eine vortreffliche Heirathspartie für ſie in der Perſon eines verwitterten alten Gemäldehändlers. Sie nahm den Bräutigam, und ſchlug ſehr artig die Thüre dem Lieb⸗ haber vor der Naſe zu. Ich ließ mich das nicht entmu⸗ thigen, Ercellenz, nein, ich nicht! Weiber gibt es genug, ſo lange wir jung ſind. So, ohne einen Dukaten in der Taſche, und ohne eine Krume zum Kauen, machte ich mich auf, um mein Glück am Bord eines ſpaniſchen Kauffahrers zu verſuchen. Das war langweiligere Ar⸗ beit, als ich mir erwartet hatte; aber zum Glück wurden wir von einem Piraten angegriffen— die eine Hälfte der Mannſchaft wurde niedergemetzelt, die andere gefangen genommen. Ich war unter den Letzteren— immer glück⸗ 20 lich, Signor, wie Ihr ſeht— Söhne von Mönchen haben darin Etwas voraus! Der Kapitän der Seeräuber fand Geſallen an mir.„Diene bei uns!“ ſagte er.„Ich ſchätze mich glücklich,“ ſagte ich. Siehe da, ſo ward ich ein Seeräuber! Oh luſtiges Leben! wie ſegnete ich den alten Notar, daß er mich zur Thüre hinaus geworfen! Welche Feſte, welche Kämpfe, welches Werben und welche Händel! Manchmal gingen wir ans Land und beluſtigten uns wie Fürſten; manchmal lagen wir Tage lang bei Windſtille auf der lieblichſten See, die je ein Menſch befuhr. Und dann, wenn der Wind ſich erhob, und wir eines Segels anſichtig wurden— Wer war luſtiger als wir? Ich verlebte drei Jahre in dieſem köſtlichen Gewerbe; und dann, Signor, erwachte der Ehrgeiz in mir. Ich zettelte Cabalen gegen den Capitän an; es gelüſtete mich nach ſeinem Poſten. In einer ſtillen Nacht führten wir den Schlag. Das Schiff lag wie ein Klotz in der See, kein Land von der Spitze des Maſtes aus zu ſehen, die Wellen wie ein Spiegel und der Mond voll am Himmel. Wir erhoben uns, unſerer dreißig und mehr. Wir erhoben uns mit einem jauchzenden Rufe; wir ſtürzten in die Cajüte des Kapitäns, ich an der Spitze. Der wackere alte Knabe war ſchon über dem Lärmen erwacht, und ſtand unter der Thüre, eine Piſtole in jeder Hand, und ſein eines Auge(er hatte nur ein einziges,) war noch furchtbarer, als die Piſtolen. Ergebt Euch!' rief ich; Euer Leben ſoll ungefährdet bleiben'—„Nimm das!“ ſagte er, und los ging die mein und des 2 ßes, ſein Hand wie e aus n lände gegen gegen Bul haben fand chätze h ein alten gelche inbel! s wie dſtille Und egels Ich und ttelte nach rden kein ellen Wir oben tdie ckere und und noch rdet die 21 Piſtole; aber die Heiligen wachten über ihrem Schützling, und die Kugel fuhr an meiner Wange vorbei und traf den Bootsmann hinter mir. Ich packte den Kapitän, und die andere Piſtole ging in dem Kampfe los ohne Schaden zu thun. Ja, das war ein Kerl! ſechs Schuh vier Zoll ohne die Schuhe! Wir ſtürzten zu Boden, Einer über den Andern ſich wälzend. Heilige Maria! keine Zeit nur nach dem Meſſer zu greifen. Inzwiſchen war die ganze Mannſchaft auf den Beinen— die Einen für den Kapi⸗ tän, die Andern für mich— hauend und feuernd, fluchend und röchelnd, und dann und wann einen ſchweren Plump in die See! Eine hübſche Mahlzeit für die Haifiſche in jener Nacht! Endlich gewann der alte Bilboa die Ober⸗ hand; herausblitzte ſein Meſſer, nieder fuhr es, aber nicht in mein Herz. Nein! ich machte meinen linken Arm zu meinem Schilde, und die Klinge fuhr durch bis ans Heft, und das Blut ſprützte hinauf wie der Regen aus der Naſe des Wallfiſches. Durch die Gewalt und Wucht des Sto⸗ ßes, ward der ſtämmige Kerl heruntergezogen, ſo daß ſein Geſicht das meinige berührte; mit meiner rechten Hand packte ich ihn bei der Gurgel und drehte ihn um, wie ein Lamm, Signor; und wahrhaftig es war bald aus mit ihm— des Bootsmanns Bruder, ein fetter Hol⸗ länder, durchſtieß ihn mit einer Pike. „Alter Kerl', ſagte ich, als er ſein ſchreckliches Auge gegen mich wandte, eich hege keinen Haß und Bosheit gegen Euch, aber wir müſſen ſuchen in der Welt vorwärts Bulwer's Romane. XCVII. 35 zu kommen, wißt Ihr. Der Kapitän grinste und gab den Geiſt auf. Ich ging aufs Verdeck hinauf— welch ein Anblick! Zwanzig kecke Burſche ſteif und kalt, und der Mond ſchien auf die Lachen Blut ſo ruhig, als wäre es Waſſer. Nun, Signor, das Schiff war unſer, und der Sieg mein; ich herrſchte ſechs Monate lang luſtig genug. Dann griffen wir ein franzöſiſches Schiff an, zweimal ſo groß als das unſtige; welch ein Spaß das war! Und wir hatten ſo lang kein tüchtiges Gefecht gehabt; wir ka⸗ men ganz jungfräulich dazu. Wir wurden Meiſterund gewannen Schiff und Ladung. Sie hätten gerne den Ka⸗ pitän erſchoſſen, aber das war gegen meine Geſetze; ſo knebelten wir ihn, denn er ſchimpfte ſo laut, als wenn wir mit ihm verheirathet geweſen wären; ließen ihn und ſeine übrige Mannſchaft an Bord unſeres Schiffes zurück⸗ das ſchlimm zugerichtet war, ſteckten unſere ſchwarze Flagge auf dem Franzmann auf, und ſegelten mit einem friſchen, günſtigen Winde luſtig fort. Aber das Glück wurde uns untren, ſobald wir unſer eigenes, liebes altes Schiff verließen. Ein Sturm brach aus, eine Planke wurde zerriſſen; Einige von uns entkamen im Boote; wir hatten Gold genug bei uns, aber kein Waſſer! Zwei Tage und zwei Nächte litten wir fürchterlich, endlich aber liefen wir in der Nähe eines franzöſiſchen Hafens ans Land. Unſer trauriger Zuſtand erregte Mitleid, und da wir Gold hatten, hegte man keinen Verdacht gegen uns— die Leute hegen nur gegen die Armen Verdacht. Hier erholten wir uns bald von unſern Strapazen, rich⸗ 23 teten uns ſtattlich aus, und Euer unterthäniger Diener ward als ein ſo edler Kapitän betrachtet, wie nur je einer ein Verdeck betrat. Aber ach, jetzt wollte meiu Schick⸗ ſal, daß ich mich in die Tochter eines Seidehändlers ver⸗ liebte. Oh, wie ich ſie liebte, die hübſche Clara! Ja, ich liebte ſie ſo innig, daß mich ein Abſcheu vor meinem bis⸗ herigen Leben ergriff! Ich beſchloß zu bereuen und zu büßen, ſie zu heirathen und mich als ehrlicher Mann nieder zu laſſen. Demgemãß beſchied ich meine Genoſſen zu mir, erklärte ihnen meinen Beſchluß, legte mein Kom⸗ mando nieder, und beredete ſie abzureiſen. Es waren gute Kerle; ſie nahmen Dienſte bei einem Holländer, ge⸗ gen den ſie, wie ich hörte, eine glückliche Meuterei anzet⸗ telten, und ich ſah ſie nicht wieder. Ich hatte noch zwei⸗ tauſend Kronen übrig, mit dieſer Summe gewann ich die Einwilligung des Seidehändlers, und es wurde feſt⸗ geſetzt, daß ich als Theilhaber der Firma eintreten ſollte. Ich brauche nicht zu ſagen, daß Niemand argwohnte, welch ein bedeutender Mann ich geweſen, und ich galt für den Sohn eines neapolitaniſchen Goldſchmieds, ſigt für den eines Cardinals. Ich war damals ſehr glücklich, Sig⸗ nor, ſehr— ich hätte keiner Fliege ein Leid thun können! Hätte ich Clara geheirathet, ich wäre ein ſo ſanftmüthi⸗ ger Seidehändler geworden, als nur je einer das Ellmeß handhabte.“ Der Bravo ſchwieg einen Augenblick, und es war leicht zu ſehen, daß er mehr fühlte, als ſeine Worte und 3* ſein Ton verriethen.„Nun wohl, wir dürfen nicht all⸗ zuernſt in die Vergangenheit zurückſchauen— der Son⸗ nenſchein darauf treibt Einem das Waſſer ins Auge. Der Tag unſerer Hochzeit war feſtgeſetzt— er kam heran. Am Abend vor dem beſtimmten Tage gingen Clara, ihre Mutter, ihre kleine Schweſter und ich am Hafen ſpazie⸗ ren, und wie wir aufs Meer hinausſahen, erzählte ich ihnen alte Ammenmährchen von Meerfräulein und Meer⸗ ſchlangen, als ein Franzoſe mit rothem Geſicht und einer Flaſchennaſe ſich derb vor mich hinpflanzte, ſeine Brille ſehr bedächtlich auf ſeinen Rüſſel ſetzte, und laut ſchrie: Sacre mille tonnerres! das iſt der verdammte Seeräu⸗ ber, der die Niobe enterte!“, „Bleibt mir weg mit Euren Späſſen,“ ſagte ich mild. Ho, ho!' ſagte er,'ich kann mich unmöglich irren; Hülfe da!' und er faßte mich am Kragen. Ich antwor⸗ tete, wie Ihr Euch denken könnt, damit, daß ich ihn in die Goſſe legte; aber das half Nichts. Der franzöſiſche Kapitän hatte einen franzöſiſchen Lieutenant hinter ſich, der ein ebenſo gutes Gedächtniß hatte, wie ſein Oberer. Ein Volkshaufen verſammelte ſich; andere Matroſen ka⸗ men herbei, ich zog den Kürzern. Ich ſchlief die Nacht im Gefängniß, und wenige Wochen nachher wurde ich auf die Galeeren geſandt. Man ſchonte meines Lebens, weil der alte Franzoſe ſo artig war zu erklären, daß ich meiner Mannſchaft geboten, des ſeinigen zu ſchonen. Ihr könnt leicht glauben, daß das Ruder und die Kette nicht nach meinem Geſchmack waren. Ich entfloh mit zwei S— ⸗ n⸗ er 25 Andern, ſie wählten die Landſtraße zu ihrem Gewerbe, und ſind, wie ich nicht zweifle, gewiß längſt gerädert worden. Ich, eine ſanfte Seele, wollte nicht wieder ein Verbrechen begehen, um mein Brod zu erwerben, denn Clara mit ihren ſüßen Augen war noch meinem Herzen gegenwärtig, ſo beſchränkte ich meine Spitzbüberei auf den Diebſtahl der Lumpen eines Bettlers, wofür ich ihm zum Erſatz meinen Galeerenanzug ließ, und bettelte mich in die Stadt hin, wo ich Clara verlaſſen. Es war ein klarer Wintertag, als ich mich der Umgebung der Stadt näherte. Ich fürchtete keine Entdeckung, denn mein Bart und Haar waren ſo gut wie eine Maske. Oh! barm⸗ herziger Himmel, da kam mir ein Leichenzug entgegen. So nun wißt Ihr es ſchon; ich kann Euch nicht mehr ſagen. Sie war geſtorben, vielleicht aus Liebe, wahrſchein⸗ licher noch aus Schaam. Könnt Ihr errathen, wie ich die Nacht zubrachte? ich ſtahl eine Haue von einer Maurers⸗ hütte, und allein und ungeſehen grub ich unter dem kal⸗ ten Himmel die friſche Erde von dem Grabe weg; ich hob den Sarg heraus, ich riß den Deckel los; ich ſah ſie wie⸗ der— wieder! Die verwüſtende Hand des Todes hatte ſie noch nicht berührt; ſie war immer blaß im Leben! Ich hätte ſchwören können, daß ſie noch lebe! Es war eine Seligkeit, ſie noch einmal zu ſehen, und das ganz allein! Aber ach! mit Tagesanbruch ſie der Erde zurückzugeben — den Deckel wieder zu ſchließen— den Grabhügel wieder zuzuſchütten— die Steine auf den Sarg rollen zu hören — das war ſchrecklich! Signor, ich wußte zuvor nicht, und ich mag es jetzt nicht mehr bedenken, wie etwas Koſt⸗ bares es ums menſchliche Leben iſt! Mit Sonnenaufgang war ich wieder auf der Wanderung; aber nun, nachdem Clara dahin, waren meine Bedenklichkeiten verſchwun⸗ den, und ich lebte wieder im Krieg mit denen, die beſſer waren als ich. Ich brachte es endlich in O—— dahin, daß man mich an Bord eines nach Livorno ſegelnden Schiffes nahm, und verdiente meine Ueberfahrt mit Ar⸗ beit ab. Von Livorno ging ich nach Rom und ſtellte mich vor das Thor von des Cardinals Palaſt. Er kam heraus, ſein vergoldeter Wagen ſtand vor dem Thore. „Ho! Vater!“ ſagte ich;„kennt Ihr mich nicht!“ „Wer ſeyd Ihr?“ „Euer Sohn,“ flüſterte ich. Der Cardinal trat zurück, ſah mich ernſthaft an, und beſann ſich einen Augenblick.„Alle Menſchen find meine Kinder,“ ſagte er dann ſehr mild.„Hier iſt Gold für Dich, dem der einmal bettelt, gebührt ein Almoſen; dem der zweimal bettelt, ſteht der Kerker offen. Merke Dir den Wink und beläſtige mich nicht mehr. Der Him⸗ mel ſegne Dich!“ damit ſtieg er in ſeine Kutſche und fuhr nach dem Vatikan. Seine Börſe, die er mir zurückge⸗ laſſen, war gut verſehen. Ich war dankbar und zufrie⸗ den, und ſchlug den Weg nach Terracina ein. Ich wan⸗ derte noch nicht lange in den Sümpfen, als ich zwei Reiter in kurzem Galopp ſich mir nähern ſah. „Ihr ſcheint arm, mein Freund!“ ſagte Einer von ihnen, indem er Halt machte;„aber Ihr ſeyd kräftig.“ — 27 „Arme und kräftige Männer find brauchbar und gefährlich, Signor Cavalier!“ „Wohl geſprochen! folgt uns!“ „Ich gehorchte und wurde ein Bandit. Ich ſtieg all⸗ mälig; und da ich immer mild in meinem Berufe gewe⸗ ſen bin, und Börſen genommen habe, ohne die Hälſe abzuſchneiden, genieße ich eines vortrefflichen Rufes, und kann in Neapel meine Maccaroni eſſen ohne alle Gefahr für Leib und Leben. Seit den zwei letzten Jahren habe ich mich in dieſer Gegend niedergelaſſen, wo ich zu befeh⸗ len und mir Land gekauft habe. Ich heiße ein Bauer, Signor; und ich raube auch jetzt nur noch zur Belu⸗ ſtigung und um in der Uebung zu bleiben. Ich hoffe Eure Neugier befriedigt zu haben. Wir ſind nur noch hundert Schritte vom Schloſſe entfernt.“ „Und wie,“ fragte der Engländer, deſſen Intereſſe durch die Erzählung ſeines Begleiters ſehr erweckt wor⸗ den war,„und wie wurdet Ihr mit meinem Wirthe be⸗ kannt?— und durch welche Mittel hat er Euch und Eure Freunde ſo für ſich gewonnen?“ Maeſtro Paolo wandte ſeine ſchwarzen Augen ſehr ernſt auf den Fragenden.„Ey, Signor,“ ſagte er,„Ihr wißt ganz gewiß mehr von dem fremden Cavalier mit dem ſchwer auszuſprechenden Namen, als ich. Alles, was ich ſagen kann, iſt, daß ich vor vierzehn Tagen etwa zufäl⸗ lig bei einer Bude in der Straße Toledo in Neapel ſtand, als ein nüchtern ausſehender Herr mich am Arm anrührte und ſagte:„Maeſtro Paolo, ich möchte Eure Bekannt⸗ ſchaft machen; thut mir den Gefallen und kommt mit mir in die Schenke dort, eine Flaſche Laerymä zu trin⸗ ken.“„Gerne,“ ſagte ich. So traten wir in die Schenke. Als wir uns geſetzt, redete mich mein neuer Bekannter ſo an:„Der Graf von O—— hat mir ſein altes Schloß in der Nähe von B—— zum Miethen angeboten. Ihr kennt den Platz?“ „Vortrefflich; Niemand hat daſelbſt gewohnt ſeit einem Jahrhundert wenigſtens; es liegt halb in Trüm⸗ mern, Signor. Ein ſeltſamer Platz zum Miethen; ich denke der Miethzins iſt nicht bedeutend.“ „Maeſtro Paolo,“ ſagte er,„ich bin ein Philoſoph und frage nichts nach Bequemlichkeit und Pracht. Ich brauche einen ſtillen abgelegenen Ort für gewiſſe wiſſen⸗ ſchaftliche Erperimente. Dies Schloß wird mir ſehr gut zuſagen, vorausgeſetzt, daß Ihr mich zum Nachbar an⸗ nehmen, und mich und meine Freunde unter Euren be⸗ ſondern Schutz ſtellen wollt. Ich bin reich, aber ich werde in das Schloß nichts mitnehmen, was zu rauben ſich der Mühe lohnte. Ich will dem Grafen einen Miethzins be⸗ zahlen, und einen zweiten Euch.“ „Damit wurden wir bald des Handels einig, und da der ſonderbare Signor die Summe verdoppelte, die ich ſelbſt vorſchlug, ſteht er in hoher Gunſt bei allen ſei⸗ nen Nachbarn. Wir würden das alte Schloß gegen ein Heer vertheidigen. Und nun, Signor, da ich ſo offen geweſen, ſprecht auch Ihr offen mit mir. Wer iſt dieſer ſeltſame Cavalier?“ „Wer? er ſagte es Euch ja ſelbſt, ein Philoſoph, ein Weiſer.“ „Hm! und ſucht nach dem Stein der Weiſen— he? ein Stück von einem Zauberer? fürchtet ſich vor den Prie⸗ ſtern?“ „Genau ſo. Ihr habt es getroffen.“ „Ich dachte das; und Ihr ſeyd ſein Jünger?“ „Ja.“. „Ich wünſche Euch, daß Ihr gut durchkommt,“ ſagte der Räuber ernſt, indem er ſich mit vieler Andacht be⸗ kreuzte;„ich bin nicht viel beſſer als andere Leute, aber die Seele, die Einer hat, iſt einmal ſeine Seele. Ich ſchlage ein wenig ehrliche Räuberei nicht hoch an, oder daß man nöthigenfalls einen Mann auf den Kopf ſchlägt — aber einen Pakt mit dem Teufel machen! Ach! nehmt Euch in Acht, junger Herr, nehmt Euch in Acht!“ „Ihr dürft unbeſorgt ſeyn,“ ſagte Glyndon lä⸗ chelnd;„mein Lehrer iſt zu weiſe und zu gut zu einem ſolchen Vertrag. Aber jetzt ſind wir, glaube ich, an Ort und Stelle. Eine herrliche Ruine— eine prächtige Aus⸗ ſicht!“ Glyndon blieb entzückt ſtehen und betrachtete die Scene vor und unter ihm mit dem Auge eines Malers. Unvermerkt, während er dem Banditen zuhörte, war er eine anſehnliche Höhe hinangeritten, und befand ſich jetzt auf einer breiten, mit Mooſen und Zwerggeſträuchen be⸗ wachſenen Felsplatte. Zwiſchen dieſer Anhöhe, und einer andern von gleicher Höhe, worauf das Schloß gebaut war, war ein tiefer aber ſchmaler Spalt, überwachſen von dem üppigſten Laubwerk, ſo daß das Auge nur we⸗ nige Fuß unter die zerklüftete Oberflaͤche des Abgrundes hinabdringen konnte; aber auf die Tiefe konnte man leicht ſchließen aus dem dumpfen, leiſen, eintönigen Brau⸗ ſen des nicht ſichtbaren Waſſers, das unten floß, und deſſen weitern Lauf man in einiger Entfernung verfol⸗ gen konnte in einem ungeſtümen raſchen Strom, der die wüſten, öden Thäler durchſchnitt. Links ſchien die Ausſicht beinahe grenzenlos; die höchſte Klarheit eines purpurnen Aethers trug dazu bei, die Züge eines ausgedehnten Land⸗ ſtrichs ganz deutlich erſcheinen zu laſſen, den ein Erobe⸗ rer des Alterthums für ſich ſchon als ein Königreich be⸗ trachtet haben würde. So einſam und öde die Straße erſchien, auf welcher Glyndon heute gereist war, zeigte ſich jetzt doch die Landſchaft bedeckt mit Burgen, Thurm⸗ ſpitzen und Dörfern. In weiter Ferne glänzte Neapel weiß in den letzten Strahlen der Sonne, und die Roſen⸗ tinten des Horizonts verſchmolzen mit dem Azur ſeines herrlichen Meerbuſens. Noch weiter entfernt, und in einer andern Richtung der Ausſicht, konnte man, dämmernd und ſchattenhaft, gehoben durch das dunkelſte Laubwerk, die zertrümmerten Pfeiler der alten Poſidonia erblicken. Dort, inmitten ſeiner ſchwarzen unfruchtbaren Reiche, erhob ſich der unheimliche Feuerberg, während auf der andern Seite, durch mannigfach wechſelnde Ebenen ſich windend, welchen die Ferne allen ihren Zauber lieh, mancher Fuß glänzte, an welchem Etrusker und Sybari⸗ 31 ten, Römer, Sarazenen und Normannen in verſchiede⸗ nen Jahrhunderten als einfallende Eroberer ihre Zelte aufgeſchlagen hatten. Alle Anſchauungen der Vergan⸗ genheit— die ſtürmiſchen, blendenden Geſchichten des ſüdlichen Italiens, drängten ſich dem Geiſte des Künſt⸗ lers auf, wie er hier hinunter ſchaute. Und dann, lang⸗ ſam ſich umwendend, um hinter ſich zu ſchauen, ſah er die grauen, verwitternden Mauern des Schloſſes, in dem er die Geheimniſſe ſuchte, welche der Hoffnung auf die Zu⸗ kunft ein gewaltigeres Reich gewinnen ſollten, als die Er⸗ innerung an die Vergangenheit beſitzt. Es war eine jener Burgen von Baronen, mit welchen Italien im frü⸗ hern Mittelalter überſäet war, die nur Wenig von der gothiſchen Anmuth und Großartigkeit beſaß, welche die kirchliche Baukunſt derſelben Zeit auszeichnet, aber derb, ungeheuer, drohend ſelbſt im Verfall noch. Eine höl⸗ zerne Brücke war über die Schlucht erbaut, breit genug⸗ daß zwei Reiter neben einander darauf reiten konnten; und die Planken zitterten und gaben einen hohlen Ton zurück, als Glyndon ſein abgetriebenes Pferd hinüber ſpornte. Eine Straße, die einſt breit und mit rohen Steinen gepflaſtert geweſen, aber jetzt von langem Gras und wirrem Unkrant faſt bedeckt war, führte zu dem äußern Hofe des hart daran liegenden Schloſſes; die Thore waren offen, und der halbe Bau war auf dieſer Seite der Befeſtigungen beraubt, die Ruinen zum Theil verſteckt von Jahrhunderte altem Epheu. Beim Einreiten in den innern Hof aber bemerkte Glyndon— was ihm nicht leid war — daß hier Vernachläſſigung und Zerfall ſich weniger dem Auge aufdrängten; einige wilde Roſen ſchmückten wie mit einem Lächeln die grauen Mauern, und in der Mitte war ein Springbrunnen, wo noch das Waſſer kühl und mit anmuthigem Rauſchen aus dem Rachen eines rie⸗ ſenhaften Tritonen träufelte. Hier begrüßte ihn mit einem Lächeln Mejnour. „Willkommen mein Freund und Jünger,“ ſagte er; „Wer die Wahrheit ſucht, kann in dieſen Einſamkeiten eine unſterbliche Akademie finden.“ Zweites Kapitel. Und Abaris, weit entfernt, den Pythagoras, der ſolche Dinge lehrte, für einen Zauberer oder Nekro⸗ manten zu halten, verehrte und bewunderte ihn viel⸗ mehr als etwas Göttliches. Jamblich. Vit. Pythag. Die Dienerſchaft, welche Mejnour für ſeinen ſonder⸗ baren Wohnſitz angenommen, war ſo, wie ſie für einen Philoſophen von wenigen Bedürfniſſen paßte. Ein alter Armenier, den ſich Glyndon erinnerte, ſchon im Dienſte des Myſtikers in Neapel geſehen zu haben; ein großes Weib, mit harten Zügen, aus dem Dorfe, von Maeſtro Paolo empfohlen, und zwei langhaarige Jünglinge, mit glatter Zunge, aber wilden Geſichtern, ebendaher, und 33 auf die gleiche Empfehlung angenommen, bildeten die Haushaltung. Die von dem Weiſen benützten Zimmer waren bequem und gegen den Einfluß der Witterung ge⸗ ſchützt, und beſaßen noch einige Ueberbleibſel von alter Pracht an den verblichenen Arrastapeten, welche die Wände bekleideten, und den gewaltigen Tiſchen von köſt⸗ lichem Marmor und kunſtreichem Schnitzwerk. Glyndons Schlafgemach ſtand in Verbindung mit einer Art von Belvedere oder Terraſſe, welche Ausſichten von unver⸗ gleichlicher Schönheit und Weite darbot, und war auf der andern Seite durch eine lange Gallerie und eine Flucht von zehn bis zwölf Treppen von den Privatzimmern des Myſtikers getrennt. Den ganzen Ort umſchwebte eine düſtere, aber nicht unangenehme tiefe Ruhe. Er paßte ganz für die Studien, welchen er jetzt geweiht war. Einige Tage weigerte ſich Mejnour, mit Glyndon über die Gegenſtände ſich zu beſprechen, welche deſſen Herz am nächſten lagen. „Alles Aeußere,“ ſagte er,„iſt vorbereitet, aber nicht alles Innere; Eure eigene Seele muß an den Ort gewöhnt, und von der umgebenden Natur erfüllt ſeyn; denn die Natur iſt die Quelle aller Inſpiration.“ Mit ſolchen Worten ging Mejnour auf leichtere Gegenſtände über. Er ließ ſich von dem Engländer auf langen Streifzügen durch die Scenen der Umgegend be⸗ gleiten, und er lächelte beifällig, wenn der junge Künſt⸗ ler ſich dem Enthuſiasmus überließ, den ihre ſchauerliche Schönheit auch in einer gefühlloſeren Bruſt unfehlbar hätte erwecken müſſen; und dann ließ Mejnour gegen ſeinen ſtaunenden Jünger die Schätze einer Erkenntniß und Weisheit ſprudeln, welche unerſchöpflich und gren⸗ zenlos ſchien. Er gab die merkwürdigſten, anſchaulichſten und ins Einzelnſte gehenden Aufſchlüſſe von den ver⸗ ſchiedenen Stämmen,(ihren Charakteren, Gewohnheiten, ihren Sitten und ihrem Glauben,) von welchen dies ſchöne Land der Reihe nach überſchwemmt worden war. Aller⸗ dings waren ſeine Beſchreibungen nicht in Büchern zu finden, und nicht unterſtützt durch gelehrte Autoritäten, aber er beſaß den wahren Zauber des Erzählers und ſprach von Allem mit der lebendigen Zuverſicht eines Augenzeu⸗ gen. Manchmal verbreitete er ſich auch über die dauer⸗ bareren und erhabeneren Geheimniſſe der Natur mit einer Beredſamkeit und einem Tiefſinn, welche ſie mehr in die Farben der Poeſie als der Wiſſenſchaft kleideten. Unver⸗ merkt fand ſich der junge Künſtler erhoben und beruhigt durch die belehrende Mittheilung ſeines Geſellſchafters; das Fieber ſeiner wilden Wünſche hatte nachgelaſſen. Sein Geiſt wurde immer mehr in die göttliche Ruhe der Be⸗ ſchaulichkeit eingelullt; er fühlte ſich ein edleres Weſen; und in dem Schweigen ſeiner Sinne glaubte er die Stimme ſeiner Seele zu hören. In dieſen Zuſtand ſuchte Mejnour offenbar den Neo⸗ phyten zu verſetzen, und in dieſer Elementareinweihung glich der Myſtiker jedem gewöhnlicheren Weiſen. Denn wer zu entdecken ſucht, muß ſich zuerſt in eine Art von abſtraktem Idealismus verſetzen, und in hehrer und ſüßer *—— Unterwürfigkeit ſich dem beſchaulichen und imaginativen Vermögen hingeben. Glyndon bemerkte, daß auf ihren Ausflügen Mejnour oft da, wo die Vegetation am dichteſten und üppigſten war, ſtehen blieb, um eine Pflanze oder eine Blume zu brechen, und dies erinnerte ihn, daß er einmal Zanoni in derſelben Beſchäftigung geſehen hatte.„Können dieſe be⸗ ſcheidenen Kinder der Natur,“ ſagte er eines Tages zu Mejnour,„Weſen, die an einem Tage blühen und verwelken, für die Wiſſenſchaft der höhern Geheimniſſe brauchbar ſeyn? Gibt es eine Arznei für die Seele, wie für den Körper, und dienen die Erzeugniſſe des Som⸗ mers nicht blos der menſchlichen Geſundheit, ſondern auch der geiſtlichen Unſterblichkeit?“ „Wenn,“ antwortete Mejnour,„wenn ein Fremder einen wandernden Stamm beſucht hätte, ehe Eine Ei⸗ genſchaft der Kräuter ihnen bekannt geweſen wäre; wenn er den Wilden geſagt hätte, daß die Kräuter, auf wel⸗ chen ſie jeden Tag herumtreten, mit den wirkſamſten Tu⸗ genden begabt ſeyen; daß das eine einem Bruder, der am Rand des Grabes ſtehe, die Geſundheit wieder zu ſchen⸗ ken vetmöge; daß ein anderes den Weiſeſten unter ihnen in einen Zuſtand von Stumpffinn verſetze; daß ein drit⸗ tes ihren abgehärtetſten Genoſſen leblos in den Staub werfe, daß Thränen und Lachen, Kraft und Krankheit, Wahnſinn und Vernunft, Daſeyn und Auflöſung in dieſen unbeachteten Blättern verſteckt ſeyn ſollen; würden ſie ihn nicht für einen Zauberer oder einen Lügner gehalten haben? Ueber die Hälfte von den Kräften und Tugenden des Rei⸗ ches der Vegetabilien ſind die Menſchen noch in eben der Unwiſſenheit, wie die von mir Beiſpielsweiſe angenom⸗ menen Wilden. Es gibt Kräfte in uns, mit welchen ge⸗ wiſſe Kräuter eine Verwandtſchaft und über welche ſie eine Macht haben. Das Moly der Alten iſt nicht ganz eine Fabel.“ Der Charakter Mejnours, ſo wie er ſich äußerlich darſtellte, war in Vielem von dem Zanoni's verſchieden, und während er Glyndon weniger bezanberte, machte er doch einen größern, imponirenderen Eindruck auf ihn. Das Geſpräch Zanoni's zeugte von einem tiefen und all⸗ gemeinen Intereſſe für die Menſchheit— von einem, dem Enthuſiasmus nahe kommenden Gefühl für Schön⸗ heit und Kunſt. Die über ſeine Lebensweiſe umlaufen⸗ den Gerüchte erhöhten das Geheimniß ſeines Daſeyns durch Handlungen der Menſchenliebe und Wohlthätig⸗ keit. Und in all dieſem lag etwas Freundliches und Hu⸗ manes, was die Scheue, die er einflößte, milderte, und vielleicht ſogar Verdacht erregen konnte hinſichtlich der erhabeneren Geheimniſſe, die er ſich zuſchrieb. Mejnour aber ſchien ganz gleichgültig gegen die ganze wirkliche Welt. Wenn er nichts Böſes beging, ſo ſchien er auch ganz fühllos gegen das Gute. Seine Handlungen halfen keinem Mangel ab, ſeine Worte bemitleideten keine Noth. Was wir Herz nennen, ſchien ganz im Verſtand untergegangen zu ſeyn. Er bewegte ſich, dachte und lebte wie eine regel⸗ mäßige und ruhige Abſtraktion, mehr als wie ein Menſch, —„— 3„—— i⸗ er n⸗ 37 der, mit der Bildung, auch noch die Gefühle und Sym⸗ pathien ſeiner Gattung behalten hat. Einmal wagte Glyndon, als er den Ton der äußer⸗ ſten Gleichgültigkeit bemerkte, womit er von jenen Wech⸗ ſeln auf der Oberfläche der Erde ſprach, von welchen er Zeuge geweſen zu ſeyn behauptete, ſich gegen ihn zu äußern, über den Unterſchied, der ihm aufgefallen war. „Es iſt wahr,“ ſagte Mejnour kalt,„mein Leben iſt ein Leben der Beſchauung— das Zanoni's iſt ein Le⸗ ben des Genuſſes; wenn ich das Kraut pflücke, denke ich nur an ſeinen Gebrauch; Zanoni wird ſtehen bleiben, ſeine Schönheiten zu bewundern.“ „Und Ihr haltet Euer Daſeyn für das höhere und erhabenere?“ „Nein. Sein Leben iſt das der Jugend— das mei⸗ nige das des Alters. Wir haben verſchiedene Kräfte und Vermögen in uns ausgebildet. Jeder beſitzt Kräfte, nach welchen der Andere nicht ſtreben kann. Die mit ihm in Verkehr treten, leben beſſer— die ſich mir anſchließen, wiſſen Mehr.“ „Ich habe wirklich gehört,“ verſetzte Glyndon,„daß man bemerkt hat, wie ſeine Genoſſen in Neapel ſeit ihrem Umgang mit Zanoni ein reineres und edleres Leben führten; aber waren es nicht im beſten Falle ſonderbare Geſellſchafter für einen Weiſen? Und dann auch die fürch⸗ terliche Macht, die er willkürlich ausübt, wie bei dem Tod des Fürſten von——, und dem des Grafen Ughelli, Bulwer's Romane. XUCVII. 4 ziemt kaum dem ruhig und friedlich nach dem Guten Stre⸗ benden.“ „Wahr,“ ſagte Mejnour mit einem eiſigen Lächeln; „das muß immer der Irrthum jener Philoſophen ſeyn, welche ſich gerne mit dem wirklichen Leben der Menſchen⸗ kinder einließen. Ihr könnt nicht den Einen dienen, ohne den Andern zu ſchaden; Ihr könnt nicht die Guten ſchützen⸗ ohne die Böſen zu bekriegen; und wenn Ihr die Fehler⸗ haften zu beſſern wünſcht, ha! ſo müßt Ihr Euch herun⸗ tergeben und ſelbſt mit den Fehlerhaften leben, um ihre Fehler lennen zu lernen. Eben das ſagt auch Paracelſus, ein großer Mann, obwohl er oft Unrecht hat.“ Meine Thorheit iſt dieß nicht; ich lebe in der Erkenntniß— ich habe kein Leben unter den Menſchen.“ Ein ander Mal befragte Glyndon den Myſtiker über die Beſchaffenheit jener Vereinigung oder Brüderſchaft, von welcher Zanoni einmal geſprochen. „Ich glaube mich nicht zu irren,“ ſagte er,„wenn ich vermuthe, daß Ihr und er Euch als Brüder des Roſen⸗ kreuzes bekennt?“ „Bildet Ihr Euch ein,“ antwortete Mejnour,„daß es keine myſtiſche, feierliche Verbindungen von Männern gegeben, welche dieſelben Zwecke durch dieſelben Mittel anſtrebten, ehe die Araber von Damus, im Jahr 1378, einem reiſenden Deutſchen die Geheimniſſe mittheilten, „Es iſt ebenſo nothwendig, das Böſe zu kennen, als das Gute, denn Wer kann wiſſen, was gut iſt, ohne zu wiſſen, was böſe iſt? Paracelsus de Nat. Rer. Lib. III. welche die Grundlage des Inſtituts der Roſenkreuzer bil⸗ den? Ich geſtehe jedoch, daß die Roſenkreuzer eine Sekte bilden, welche von der größern und frühern Schule ab⸗ ſtammt. Sie waren weiſer als die Alchymiſten— ihre Meiſter ſind weiſer als ſie.“ „Und von dieſem frühern, urſprünglichen Orden— wie Viele ſind noch am Leben?“ „Zanoni und ich.“ „Was! nur Zwei! und Ihr rühmt Euch der Macht, Alle das Geheimniß lehren zu können, das dem Tode wehrt?“ „Euer Ahnherr war im Beſitz dieſes Geheimniſſes; er zog vor zu ſterben, als den Verluſt des einzigen We⸗ ſens, das er liebte, zu überleben. Wir haben, mein Jün⸗ ger! keine Künſte und Mittel, vermöge deren wir den Tod unſerer eigenen Wahl oder dem Willen des Himmels entziehen könnten. Dieſe Mauern können mich, ſo wie ich hier ſtehe, zermalmen. Alles, deſſen wir uns rühmen, iſt nur dieß: die Geheimniſſe des menſchlichen Leibes zu entdecken, zu wiſſen, warum manche Theile ſich verknö⸗ chern und das Blut ſtockt, und den Wirkungen der Zeit beſtändig mit hemmenden Mitteln zuvorzukommen. Das iſt nicht Magie— es iſt nur die recht verſtandene Kunſt der Medizin. In unſerem Orden halten wir für das Edelſte dasjenige Wiſſen, welches den Geiſt erhebt, dann folgt dasjenige, welches den Leib erhält. Aber die bloße Kunſt (Auszüge aus Säften und Kräutern und Steinen zu ma⸗ chen), welche die Lebenskraft wiederherſtellt und die Fort⸗ ſchritte der Zerſtörung aufhält, oder das edlere Geheimniß, das ich Dir jetzt nur andeuten will, wodurch die Hitze, oder der Wärmeſtoff, wie Ihr es nennt,— nach He⸗ raklits weiſer Lehre das Urprincip aller Dinge— in beſtändigem Verjüngungsproceß kann erhalten werden— dieſe, ſage ich, würden noch nicht zur Sicherung des Lebens genügen. Unſere Aufgabe iſt auch, den Grimm der Menſchen zu entwaffnen und zu vereiteln, die Schwer⸗ ter unſerer Feinde gegen einander zu lenken, und unſicht⸗ bar, wenn auch nicht körperlos, hinzuſchweben für Augen, über welche wir einen Nebel und Finſterniß zu werfen vermögen. Und dieß haben einige Seher für die Tugend eines Achatſteins gehalten. Abaris ſchrieb ſie ſeinem Pfeile zu. Ich will Euch in jenem Thale dort ein Kraut ſuchen, das einen zuverläßigeren Zauber abgeben wird, als der Achat und der Pfeil. Mit Einem Worte, wiſſet, daß die beſcheidenſten und niedrigſten Erzeugniſſe der Na⸗ tur diejenigen ſind, aus welchen die herrlichſten Kräfte und Tugenden ſich ziehen laſſen.“ „Aber,“ ſagte Glyndon,„im Beſitz ſolcher großen Geheimniſſe, warum ſo knickerig, ihre Verbreitung den Menſchen vorzuenthalten? Unterſcheidet ſich nicht die falſche oder charlatanmäßige Wiſſenſchaft darin von der wahren und unbeſtreitbaren, daß die letztere der Welt den Proceß mittheilt, wodurch ſie zu ihren Enideckungen gelangt, die erſtere aber ſich wunderbarer Reſultate rühmt, und ſich weigert, Urſachen und Mittel zu erklären?“ „Wohl geſprochen, o Logiker der Schulen— aber befinnt Euch noch einmal. Geſetzt, wir wollten all unſer Wiſſen allen Menſchen ohne Unterſchied mittheilen, den Laſterhaften wie den Guten— wären wir dann Wohl⸗ thäter oder Plagen? Denkt Euch den Tyrannen, den Sin⸗ nenſklaven, das böſe und verdorbene Weſen im Beſitz dieſer furchtbaren Kräfte: würde nicht ein Dämon auf der Erde losgelaſſen ſeyn? Geſetzt daſſelbe Vorrecht wäre auch den Guten eingeräumt: in welchem Zuſtand wäre dann die Geſellſchaft? In einem titaniſchen Kampf be⸗ griffen— die Guten immer genöthigt, ſich zu vertheidi⸗ gen, die Böſen immerdar angreifend. Bei dem dermali⸗ gen Zuſtand der Erde iſt das Böſe ein thätigeres Princip als das Gute, und das Böſe würde vorherrſchen. Aus die⸗ ſen Gründen ſind wir nicht nur feierlich verpflichtet, unſere Weisheit nur Solchen anzuvertrauen, die ſie nicht miß⸗ brauchen oder verkehren werden, ſondern auch, daß wir zur Probe ſolche Prüfungen machen, welche die Leiden⸗ ſchaften reinigen und die Wünſche veredeln. Und darin beaufſichtigt und hilft uns die Natur ſelbſt; denn ſie ſtellt grauenvolle Wächter und unüberſteigliche Schranken zwi⸗ ſchen den Ehrgeiz des Laſters und den Himmel des erha⸗ beneren Wiſſens.“ Dieß war nur ein geringer Theil der zahlreichen Geſpräche, welche Mejnour mit ſeinem Zögling hielt— Geſpräche, die, während ſie ſich nur an die Vernunft zu richten ſchienen, noch mehr die Phantaſie entflammten. Gerade die Abläugnung aller Kräfte, welche zu erlan⸗ gen die Natur, in rechter Weiſe erforſcht, nicht genügen würde, gab denjenigen, welche nach Mejnours Verſiche⸗ rung die Natur ſollte verleihen können, um ſo größere Wahrſcheinlichkeit. So verſtrichen Tage und Wochen; und Glyndons Geiſt, allmälig an dieß abgeſchloſſene, ſinnende Leben ſich gewöhnend, vergaß endlich die Eitelkeiten und Chimären der äußern Welt. Eines Abends hatte er bis ſpät allein auf den Wäl⸗ len verweilt, die Sterne beobachtend, wie ſie, einer nach dem andern, an dem dämmernden Himmel hervortraten. Nie hatte er ſo lebhaft die mächtige Gewalt des Himmels und der Erde über den Menſchen empfunden, und wie ſehr die Springfedern unſeres geiſtigen Weſens bewegt und beherrſcht werden durch die hehren Einflüſſe der Na⸗ tur. Wie ein Kranker, bei welchem langſam und allmälig die Wirkungen des Mesmerismus ſich zu äußern anfan⸗ gen, geſtand er ſeinem eigenen Herzen die ſteigende Macht jenes gewaltigen und allgemeinen Magnetismus ein, der das Leben der Schöpfung iſt, und den Atom an das Ganze bindet. Ein wunderhares, unausſprechliches Be⸗ wußtſeyn von Kraft, von dem großen Etwas in dem vergänglichen Staube, erweckte in ihm Gefühle— ah⸗ nungsvoll dämmernd und herrlich zugleich— wie die ſchwa⸗ che Wiedererkennung eines heiligeren, früheren Seyns. Ein innerer Drang, dem er nicht widerſtehen konnte, trieb ihn, den Myſtiker aufzuſuchen. Er wollte in dieſer Stunde noch ſeine Einweihung in die Welten über unſerer Welt verlangen— er war bereit, eine göttlichere Luft zu ath⸗ men. Er kehrte ins Schloß zurück, und ſchritt durch die ſchattenreiche, von den Sternen erleuchtete Gallerie, welche zu Mejnours Gemach führte. Drittes Kapitel. Der Menſch iſt das Auge der Weſen. Euryph. de Vit. Hum. Somit gibt es eine gewiſſe ekſtatiſche oder ver⸗ zückende Kraft, die, wenn ſie einmal durch ein glü⸗ hendes Verlangen und eine ſehr lebhafte Phantaſie geweckt oder angeregt wird, den Geiſt von dem Aeu⸗ ßerlicheren ſelbſt zu einem nicht gegenwärtigen, weit entfernten Gegenſtand hinzuverſetzen vermag. Van Helmont. Die von Mejnour bewohnten Gemächer beſtanden aus zwei in einander gehenden Zimmern, und aus einem dritten, worin er ſchlief. Alle dieſe Zimmer lagen in dem gewaltigen viereckigen Thurm, welcher über dem dunkeln, mit Gebüſch überwachſenen Abgrund ragte. Das erſte Zimmer, in welches Glyndon trat, war leer. Mit geräuſch⸗ loſem Schritte ging er weiter, und öffnete die Thüre, welche in das innere Zimmer führte. An der Schwelle trat er zuruͤck, überwältigt von einem ſtarken, ſcharfen Duft, welcher das Zimmer füllte; eine Art Nebel ver⸗ dichtete mehr die Luft, als daß er ſie verfinſterte, denn der Dampf war nicht dunkel, ſondern glich einer Schnee⸗ wolke, welche langſam, in ſchweren wellenförmigen Hebun⸗ gen und Senkungen, regelmäßig in der Luft dahinſchwebt. Eine tödtliche Kälte erfaßte des Engländers Herz und ſein Blut erſtarrte. Er ſtand da, wie eingewurzelt; und wie ſeine Augen unwillkührlich den Nebel durchdrangen, glaubte er(denn er war nicht gewiß, ob nicht ſeine Ein⸗ bildungskraft ihm etwas vorſpiegle), dämmernde, geſpen⸗ ſterartige, aber rieſenhafte Geſtalten durch den Nebel ſchweben zu ſehen; oder war es vielleicht der Nebel ſelbſt, der ſeine Dämpfe zu ſolchen ſich bewegenden, ungreif⸗ baren, körperloſen Erſcheinungen phantaſtiſch geſtaltete. Ein großer Maler des Alterthums ſoll in einem Gemälde des Hades die Ungeheuer dargeſtellt haben, welche durch den geiſterhaften Fluß der Todten gleiten, und zwar ſo kunſtvoll, daß das Auge auf den erſten Blick erkannte, daß der Fluß ſelbſt nur ein Geſpenſt ſey, und die blutloſen Weſen, ſeine Bewohner, kein Leben in ſich haben, wie ihre Geſtalten mit dem todten Waſſer verſchwammen, bis bei längerem Hinſchauen das Auge ſie nicht mehr zu unter⸗ ſcheiden vermochte von dem übernatürlichen Element, deſſen Bewohner ſie ſeyn ſollten. So waren die bewegli⸗ chen Umriſſe, die durch den Nebel wogten und ſchwebten; aber ehe Glyndon auch nur geathmet hatte in dieſer Atmoſphäre— denn ſein Leben ſelbſt ſchien erſtarrt oder in eine Art ſchauerliche Verzückung verwandelt— fühlte er ſich an der Hand ergriffen und ward von dieſem Zim⸗ mer weg in das äußere geführt. Er hörte die Thüre ſchließen— ſein Blut floß wieder durch die Adern, und er ſah Mejnour an ſeiner Seite. Heftige Krämpfe ergriffen vann plötzlich ſeinen ganzen Körper— er ſank bewußtlos zu Boden. Als er wieder zu ſich kam, fand er ſich in der freien Luft, auf einem rohen Balkon von Stein, welcher an das Zimmer anſtieß, die Sterne ſchienen hell über den dunkeln Abgrund unten, und ihr friedliches Licht beglänzte das Angeſicht des Wyſtikers, der mit gefalteten Armen neben ihm ſtand. „Junger Mann,“ ſagte Mejnour,„ermeßt aus dem, was Ihr ſo eben empfunden, wie gefährlich es iſt, die Erkenntniß zu ſuchen, ehe man vorbereitet iſt, ſie in ſich aufzunehmen. Noch ein Augenblick in der Luft jenes Ge⸗ maches, und Ihr wäret eine Leiche geweſen.“ „Dann, von welcher Art war die Weisheit und Er⸗ kenntniß, die Ihr, einſt ſterblich wie ich, ungefährdet ſuchen konntet in jener eiſigen Atmoſphäre, welche ein⸗ zuathmen für mich der Tod war?— Mejnour,“ fuhr Glyndon fort, und ſeine wilde Sehnſucht, nur noch ge⸗ ſchärft durch die Gefahr, die er ſo eben beſtanden, belebte und ſtählte ihn aufs neue,—„ich bin gefaßt und vorbe⸗ reitet, wenigſtens für die erſten Schritte. Ich komme zu Euch, wie in alten Zeiten der Lehrling zum Hierophanten, und verlange die Einweihung.“ Mejnour legte ſeine Hand auf des jungen Mannes Herz— es ſchlug laut, regelmäßig und kühn. Er blickte faſt wie mit Bewunderung in ſein leidenſchaftloſes und ſtarres Angeſicht, und murmelte halb vor ſich hin:„Wahr⸗ 46 haftig, an ſo viel Muth erkennt man endlich den ächten Jünger.“ Dann fuhr er laut fort:„Sey es ſo; des Men⸗ ſchen erſte Einweihung beſteht in Verzückung und Taumel. Mit Träumen beginnt alles menſchliche Wiſ⸗ ſen; in Träumen ſchwingt ſich über unermeßlichen Raum die erſte ſchwache Brücke zwiſchen Geiſt und Geiſt— die⸗ ſer Welt, und jenen Welten! Betrachtet feſt und ſtet jenen Stern dort!“ Glyndon gehorchte, und Mejnour zog ſich in das Zimmer zurück, aus welchem dann langſam ein Dampf herausquoll, etwas bläſſer und von ſchwächerem Geruch als derjenige, der beinahe ſeinem Leibe tödtlich geworden wäre. Dieſer dagegen verbreitete, wie er ſich um ihn herum ſchlängelte, und dann in dünnen Streifen in die Luft hin ſchmolz, einen erfriſchenden, geſunden Wohl⸗ geruch. Er hielt noch immer ſein Auge auf den Stern geheftet, und der Stern ſchien allmälig ſeinen Blick an⸗ zuziehen und zu beherrſchen. Eine Art Ermattung ergriff ſodann ſeinen Körper, doch ohne, wie ihn däuchte, ſich dem Geiſte mitzutheilen; und wie ihn dieſe beſchlich, fühlte er ſeine Schläfe mit einer flüchtigen, geiſtigen Eſſenz beſprengen. In demſelben Augenblick ſchüttelte ein leichtes Zittern ſeine Glieder und bebte durch ſeine Adern. Die Mattigkeit nahm zu— doch immer noch war ſein Auge auf den Stern geheftet; und jetzt ſchien ſein lichter Ring ſich zu dehnen und auszubreiten. Allmälig wurde ſein Licht immer milder und klarer; weiter und ſtär⸗ ker ſich ausbreitend überſtrömte es den ganzen Raum— —— der ganze Himmel ſchien davon verſchlungen zu werden. Und endlich inmitten einer ſilberglänzenden Atmoſphäre war ihm, als ob Etwas in ſeinem Gehirn ſpränge— als ob eine ſtarke Kette gebrochen wäre; und in dieſem Augenblick ſchien ihn ein Gefühl himmliſcher Freiheit, in unausſprechlichem Wohlgefühl, von Erlöſung vom Leibe, von Vogelleichtigkeit, ſelbſt in den unermeßlichen Raum hinauszutragen.„Wen von den jetzigen Erdbewohnern wünſcheſt Du zu ſehen?“ flüſterte die Stimme Mejnours. „Viola und Zanoni!“ antwortete Glyndon in ſeinem Her⸗ zen, aber er fühlte, daß ſein Mund ſich nicht bewegte. Plötzlich ſchien bei dieſem Gedanken durch den Raum, in welchem Nichts als ein mildes, durchſichtiges Licht dem Auge ſich dargeboten hatte, eine raſche Aufeinanderfolge ſchattenartiger Landſchaften dahin zu rollen— Bäume, Berge, Städte, Meere glitten vorüber, wie die wech⸗ ſelnden Bilder eines Schattenſpiels; und endlich ſah er, unbeweglich und feſt, eine Höhle auf dem anſteigenden Rand einer Seeküſte,— Myrten und Orangenbäume be⸗ kleideten die lieblichen Uferhöhen. Auf einer Anhöhe in einiger Entfernung glänzten die weißen aber zerſtörten Ueberbleibſel eines heidniſchen Baues in Ruinen; und der mit friedlichem Schimmer über Allem ſcheinende Mond badete im buchſtäblichen Sinne in ſeinem Lichte zwei Ge⸗ ſtalten vor der Höhle, zu deren Füßen die blauen Waſſer plätſcherten, und er glaubte ſie ſogar flüſtern zu hören. Er erkannte beide Geſtalten. Zanoni ſaß auf einem Fels⸗ ſtück; Viola, neben ihm halb liegend, ſchaute ihm in ſein Antlitz, das ſich zu ihr hinabbeugte, und in ihrem Ange⸗ ſicht lag der Ausdruck jenes vollkommenen Glückes, wel⸗ ches der vollkommenen Liebe eignet.„Möchteſt Du ſie reden hören?“ flüſterte Mejnour; und wieder ohne einen Ton antwortete Glyndon innerlich:„Ja!“ Jetzt erreich⸗ ten ihre Stimmen ſein Ohr, aber in Tönen, die ihm fremd vorkamen; ſo gedämpft waren ſie und ſo ferntönend, daß ſie waren wie Stimmen, welche heiligere Männer aus einer entfernten Welt gehört haben. „Und wie kommt es,“ ſagte Viola,„daß Du Freude daran finden kannſt, der Unwiſſenden zuzuhören?“ „Daher, daß das Herz nie unwiſſend iſt; weil die Geheimniſſe des Gefühls ſo voll von Wundern ſind, wie die des Geiſtes. Wenn Du zu Zeiten die Sprache meiner Gedanken nicht verſtehen kannſt, ſo höre auch ich manch⸗ mal ſüße Räthſel in der Sprache Deiner Empfindungen.“ „Ach, ſage das nicht!“ ſagte Viola, zärtlich ihren Arm um ſeinen Hals ſchlingend, und unter dieſem himm⸗ liſchen Licht erſchien ihr Angeſicht noch reizender in ſeinem Erröthen.„Denn die Räthſel ſind nur die gewöhnliche Sprache der Liebe, und die Liebe ſollte ſie auflöſen. Bis ich Dich kannte— bis ich mit Dir lebte— bis ich lernte auf Deine Schritte zu horchen, wenn Du weg biſt— und doch auch abweſend Dich immer überall zu ſehen— träumte ich nicht davon, wie ſtark und alldurchdringend der Zuſammenhang iſt zwiſchen der Natur und der menſch⸗ lichen Seele!— Und doch,“ fuhr ſie fort,„bin ich jetzt deſſen gewiß, was ich von Anfang an glaubte,— daß die ſ el⸗ Gefühle, welche mich zu Dir hinzogen, anfänglich nicht die der Liebe waren. Ich weiß das durch die Ver⸗ gleichung der Gegenwart mit der Vergangenheit— es war damals eine Empfindung ganz des Geiſtes. Jetzt könnte ich Dich nicht die Worte ſagen hören: Viola, ſey glücklich mit einem Andern““ „Und ich könnte das jetzt nicht zu Dir ſagen! Ach, Viola, werde nicht müde, mir zu verſichern, daß Du glück⸗ lich ſeyeſt!“ „Glücklich, ſo lange Du es biſt. Aber zu Zeiten, Zanoni, biſt Du ſo traurig!“ „Weil das menſchliche Leben ſo kurz iſt; weil wir end⸗ lich ſcheiden müſſen; weil der Mond dort fortſcheint, wenn die Nachtigall ihm nicht mehr ſingt. Eine kleine Friſt, und Deine Augen werden trübe werden, uno Deine Schön⸗ heit eingefallen, und dieſe Locken, mit denen ich jetzt tändle, grau und unlieblich.“ „Und Du, Grauſamer!“ ſagte Viola rührend,„an Dir werde ich nie die Spuren des Alters ſehen! Aber werden wir nicht zuſammen alt werden, und unſer Auge wird es ſich nicht an einen Wechſel gewöhnen, daran das Herz keinen Theil haben wird?“ Zanoni ſeufzte. Er wandte ſich ab und ſchien mit ſich ſelbſt zu ſprechen. Glyndons Aufmerkſamkeit wurde noch geſpannter. „Ach, wäre es nur ſo,“ murmelte Zanoni; und dann Viola ſtetig anſchauend, ſagte er mit einem halben Lä⸗ cheln.„Fühlſt Du keine Neugier, mehr von dem Gelieb⸗ 50 ten zu erfahren, den Du einſt für ein Werkzeug des Böſen halten konnteſt!“ „Nein, Alles, was man wünſcht, von dem Gelieb⸗ ten zu wiſſen, weiß ich: daß Du mich liebſt!“ „Ich habe Dir geſagt, daß mein Leben geſondert iſt von dem Anderer. Möchteſt Du nicht ſuchen, es zu theilen?“ „Ich theile es jetzt!“ „Aber wenn es möglich wäre, immerfort ſo ſchön und jung zu ſeyn, bis die Welt um uns als Ein großer Holzſtoß in Flammen auflodert!“ „Wir werden es ſeyn, wenn wir die Welt verlaſſen!“ Zanvni blieb einige Augenblicke ſtumm, dann ſagte er:„Kannſt Du Dich noch jener glänzenden, ätheriſchen Träume erinnern, die Dich einſt beſuchten, wo Du Dir einbildeteſt, Du ſeyeſt für ein Schickſal beſtimmt, fern und weit erhaben über das der gewöhnlichen Kinder der Erde?“ „Zanvni, das Schickſal iſt gefunden!“ „Und bangt Dir nicht vor der Zukunft?“ „Der Zukunft? Ich vergeſſe ſie! Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft ruhen in Deinem Lächeln. Ach! Zanoni, ſpiele nicht mit der närriſchen Leichtgläubigkeit meiner Jugend! Ich bin beſſer und demüthiger gewor⸗ den, ſeit Deine Nähe den Zaubernebel vor mir vernichtet hat. Die Zukunft!— ha, wenn ich Urſache habe, davor bange zu ſeyn, will ich zum Himmel aufblicken, und be⸗ denken, Wer unſer Schickſal lenkt.“ 51 Wie ſie die Augen nach Oben erhob, ſchwebte plötzlich eine dunkle Wolke über die Scene. Sie hüllte die Oran⸗ genbäume, den azurnen Ocean, die ſandige Küſte ein; aber die letzten Bilder, welche ſie dem bezauberten Auge Glyndons verhüllend entzog, waren die Geſtalten Viola's und Zanoni's;— das Angeſicht der Erſteren entzückt, heiter, ſtrahlend, das des Andern finſter, nachdenklich, mit einem mehr als gewöhnlich ſtarren Ausdruck melancholi⸗ ſcher Schönheit und tiefer Ruhe. „Ermanne Dich,“ ſagte Mejnour;„Deine Prüfung hat begonnen. Es gibt Leute, welche auf die hehre Wiſ⸗ ſenſchaft Anſpruch machen, und welche Dir die Abweſen⸗ den hätten zeigen können, die Dir, in ihrem charlatan⸗ mäßigen Jargon von den verborgenen Elektricitäten und dem magnetiſchen Fluidum vorgeſchwatzt hätten, von deren wahren Eigenſchaften ſie nur den Keim und die Elemente inne haben. Ich will Dir die Bücher dieſer prächtigen Narren leihen, und Du wirſt finden, wie viele irrende Schritte in den dunkeln Zeiten geſtrauchelt ſind über der Schwelle der gewaltigen Wiſſenſchaft, und wie ſie wähn⸗ ten, eingedrungen zu ſeyn in den Tempel. Hermes, und Albertus und Paracelſus, ich kannte Euch Alle! aber, edel wie Ihr geweſen, waret Ihr doch dazu beſtimmt, getäuſcht zu werden. Ihr hattet keine Seelen von dem Glauben und dem Muth, wie ſie erforderlich ſind für das von Euch angeſtrebte Ziel. Aber Paracelſus,— der be⸗ ſcheidene Paracelſus,— hatte einen Hochmuth, der höher hinauf trachtete, als alle unſere Weisheit. Ho, ho!— er glaubte ein Menſchengeſchlecht durch ſeine Chemie ſchaf⸗ fen zu können; er maßte ſich die göttliche Gabe an— den Athem des Lebens! Er wollte Menſchen ſchaffen, und am Ende geſtand er doch ſelbſt, daß es nur Pygmäen werden könnten! Meine Kunſt geht dahin, übermenſch⸗ liche Menſchen zu machen. Aber Ihr werdet ungeduldig über meine Abſchweifungen. Verzeiht mir. Alle jene Männer(ſie waren große Tränmer, wie Ihr zu werden wünſcht,) waren vertraute Freunde von mir. Aber ſie ſind todt und Staub. Sie ſchwatzten von Geiſtern— gber ſie fürchteten ſich, in anderer Geſellſchaft zu ſeyn, als der von Menſchen. Wie Redner, die ich, als ich auf der Pnyr zu Athen ſtand, gehort, welche in der Verſammlung ſtrahl⸗ ten mit Worten wie Cometen, und deren Feuer im Felde erloſch wie eine Rakete an einem Feſttage. Ho, ho! De⸗ moſthenes, meine Heldenmemme, wie flüchtig waren bei Chäronea Deine Ferſen! Und du biſt noch immer unge⸗ duldig! Ich könnte Dir ſolche Wahrheiten erzählen von der Vergangenheit, die Dich zum Licht der Schulen ma⸗ chen würden! Aber Dich gelüſtet nur nach den Schatten der Zukunft. Du ſollſt Deinen Wunſch haben. Aber zuerſt muß der Geiſt geübt und geſchult werden. Geh' in Dein Zimmer und ſchlafe; faſte ſtrenge; lies keine Bücher; ſinne nach, phantaſire, träume, betäube Dich, wenn Du willſt. Der Gedanke geſtaltet ſich am Ende ſein eignes Chaos. Vor Mitternacht ſuche mich wieder auf!“ —————————— W N 53 Viertes Kapitel. Es iſt billig, daß wir, die wir uns zu einer ſo er⸗ habenen Stufe emporzuſchwingen ſuchen, zuerſt uns befleißen, fleiſchliche Lüſte, die Schwächen der Sinne, die der Materie angehörenden Leidenſchaften hinter uns zu laſſen; zweitens, daß wir lernen, durch welche Mittel wir die Leiter des reinen Geiſtes erklimmen mögen, verbunden mit den höhern Mächten, ohne welche wir nie die Wiſſenſchaft der geheimen Dinge gewinnen können, noch die Magie, welche wahre Wunder wirkt. Tritemius über verborgene Dinge und verborgene Geiſter. Es war einige Minnten vor Mitternacht, als Glyn⸗ don ſich wieder in dem Gemache des Myſtikers einfand. Er hatte das ihm auferlegte Faſten ſtrenge gehalten, und in den lebhaften, verzückten Träumereien, in welche ſeine aufgeregte Phantaſie ihn verſetzt hatte, war er nicht nur unempfindlich gegen die Bedürfniſſe des Fleiſches— er fühlte ſich über ſie hinaus. Mejnour, neben ſeinen Jünger ſich ſetzend, redete ihn ſo an: „Der Menſch iſt anmaßend in dem Verhältniß als er unwiſſend iſt. Des Menſchen natürlicher Hang iſt auf Egoismus gerichtet. Der Menſch, in der Kindheit ſeines Wiſſens, meint, die ganze Schöpfung ſey für ihn gemacht. Jahrhunderte lang ſah er in den zahlloſen Velten, welche Bulwer's Romane. XCVII. 5 54 durch den unendlichen Raum funkeln wie die Schaumbla⸗ ſen eines uferloſen Meeres, nur die hübſchen Lichter, die nützlichen Fackeln, welche der Vorſehung gefallen habe anzuzünden, zu keinem andern Zweck, als um dem Men⸗ ſchen die Nacht angenehmer zu machen. Die Aſtronomie hat dieſe Täuſchung der menſchlichen Eitelkeit berichtigt; und der Menſch geſteht jetzt mit Widerſtreben zu, daß die Sterne Welten ſind, größer und herrlicher als die ſei⸗ nige, daß die Erde, auf der er herumkrabbelt, ein kaum ſichtbarer Punkt iſt auf der ungeheuern Karte der Schö⸗ pfung. Aber im Kleinen wie im Großen ſtrömt Gott das Leben gleich verſchwenderiſch aus. Der Wanderer ſieht hinauf zum Baume, und bildet ſich ein, ſeine Zweige ſeyen dazu beſtimmt, ihm vor der Sommerſonne Schatten zu gewähren, oder Brennſtoff in der Kälte des Winters. Aber in jedem Blatt auf dieſen Zweigen hat der Schöpfer eine Welt geſchaffen; es wimmelt von unzählbaren Thier⸗ geſchlechtern. Jeder Tropfen Waſſer in jenem Teich iſt eine Kugel, bevölkerter als ein Königreich es mit Men⸗ ſchen iſt. Ueberall daher in dieſem unermeßlichen Plane bringt die Wiſſenſchaft neues Leben zu Tage. Das Leben iſt das Eine, allverbreitete Prinzip, und ſelbſt das Weſen, das zu ſterben und zu vermodern ſcheint, erzeugt neues Leben und geht in neue Formen der Materie über. Daher nach augenfälliger Analogie zu ſchließen— wenn jedes Blatt, jeder Tropfen Waſſers, nicht minder als jener Stern, eine bewohnbare und athmende Welt iſt— ja, wenn der Menſch ſelbſt eine Welt iſt für andre Leben, und ———„—„———„ — ——— ie be n⸗ ie as zu s. fer er⸗ iſt en⸗ me en en, tes her des ner ja, ind 55 Myriaden und Millionen in den Bächen ſeines Blutes hauſen, und den Leib des Menſchen bewohnen, wie der Menſch die Erde: ſollte der gemeine Menſchenverſtand (wenn Eure Schulgelehrte ihn hätten!) genügen um ſie zu belehren, daß die die Erde umfließende Unendlichkeit, welche Ihr den Raum nennt— das grenzenloſe Ungreif⸗ bare, das die Erde vom Mond und von den Sternen trennt— auch erfüllt iſt von ihm entſprechendem, eigen⸗ thümlichem Leben. Iſt es nicht eine handgreifliche Abge⸗ ſchmacktheit, zu glauben, während jedes Blatt von Weſen wimmelt, werden ſie fehlen in der Unermeßlichkeit des Raumes? das Geſetz des großen Syſtems verbietet die Verſchleuderung auch nur eines Atoms; es kennt keinen Ort, wo nicht etwas Lebendiges athmet. Das Beinhaus ſelbſt iſt eine Stätte der Erzeugung und Belebung. Iſt dieß wahr? Nun dann könnt Ihr noch annehmen, daß der Raum, welcher die Unendlichkeit ſelbſt iſt, allein eine Oede, allein leblos ſey, minder entſprechend dem Einen Plane des allgemeinen Seyns als das Gerippe eines Hun⸗ des, als das bevölkerte Blatt, als der wimmelnde Waſ⸗ ſertropfen? Das Mikroskop zeigt Euch die Geſchöpfe auf dem Blatte; noch iſt der mechaniſche Tubus nicht erfun⸗ den, um die edleren und begabteren Weſen zu entdecken, welche im unbegrenzten Aether ſich umtreiben. Und doch⸗ iſt zwiſchen dieſen letztern und dem Menſchen eine geheim⸗ nißvolle und furchtbare Verwandtſchaft. Und daher iſt durch Sagen und Legenden, die nicht ganz falſch und nicht ganz wahr, von Zeit zu Zeit der Glaube an Erſchei⸗ nungen und Geſpenſter entſtanden. Wenn dieſer bei den früheren, einfacheren Geſchlechtern gewöhnlicher war, als bei den Menſchen Eurer ſtumpferen Zeit, ſo rührt dieß nur daher, daß bei Jenen die Sinne ſchärfer und lebhafter waren. Und wie der Wilde auf Meilen die Spur eines Feindes ſieht oder wittert, welche den plumpen Sinnen des civiliſirten Thieres ganz entgeht, ſo iſt auch die Schei⸗ dewand zwiſchen Jenem und den Geſchöpfen der Luftwelt weniger dicht und dunkel. Hört Ihr mir zu?“ „Mit ganzer Seele?“ „Aber zuerſt, um dieſe Scheidewand zu durchdrin⸗ gen, muß die Seele, mit welcher Ihr mir zuhoͤrt, durch lebhaften Enthuſiasmus geſchärft, von allen irdiſcheren Wünſchen gereinigt werden. Nicht ohne Grund haben die ſogenannten Magier in allen Ländern und zu allen Zeiten auf Keuſchheit und enthaltſame Beſchaulichkeit gedrungen, als die vermittelnden Vorbereitungen zur In⸗ ſpiration. Nach dieſer Vorbereitung kann ihr die Wiſſen⸗ ſchaft zu Hülfe kommen; das Geſicht ſelbſt kann feiner die Nerven ſchärfen, der Geiſt kann empfänglicher und mehr nach Außen gekehrt— und das Element ſelbſt— die Luft, der Raum— kann durch gewiſſe Geheimniſſe der höhern Chemie greifbarer und klarer gemacht werden. Und auch dieß iſt nicht Magie, wie es die Leichtgläubigen nennen; — wie ich ſchon ſo oft geſagt. Zauberei, oder ein Wiſſen, das die Naturgeſetze verletzt, gibt es nicht; es iſt nur das Wiſſen, wodurch die Natur gelenkt werden kann. Im ——— e e—,————— — — M — — 57 Raume nun gibt es Millionen von Weſen, nicht eigentlich geiſtig, denn ſie haben alle, wie die dem unbewaffneten Auge unſichtbaren Thierchen, gewiſſe materielle Geſtal⸗ ten, obwohl die Materie ſo zart, fein, luftig iſt, daß die Hülle des Geiſtes beinahe nur ein Nebel, oder wie von Sommerfäden, iſt. Daher die lieblichen Phantome, wie Sylphen und Gnomen, der Roſenkreuzer. In der That aber ſind die Geſchlechter und Stämme dieſer Weſen mehr von einander verſchieden, als der Kalmuke vom Griechen— verſchieden in Eigenſchaften und Macht. Im Waſſertropfen ſeht Ihr, wie die Thierchen verſchieden find, wie gewaltig und ſchrecklich manche von den mikro⸗ ſtopiſchen Ungeheuern find, verglichen mit andern. Ehen⸗ dieß iſt der Fall bei den Bewohnern der Atmoſphäre; Einige find von ausnehmender Weisheit, Andere von fürchterlicher Bosheit; Manche feindſelig gegen die Men⸗ ſchen wie Teufel, Manche freundlich geſinnt wie Boten zwiſchen Himmel und Erde. Wer in Gemeinſchaft treten will mit dieſen mannigfaltigen Weſen, der gleicht dem Reiſenden, der in unbekannte Länder eindringen möchte. Er iſt ſeltſamen Gefahren und unerwarteten Schreckniſſen ausgeſetzt. Wenn Du einmal dieſen Verkehr und dieſe Gemeinſchaft angeknüpft haſt, kann ich Dir nicht für die Wechſelfälle und Gefahren ſtehen, welchen Deine Reiſe ausgeſetzt iſt. Ich kann Dich nicht auf Pfade weiſen, die frei wären von den Streifereien der tödtlichſten Feinde. Du mufßt allein und mit eigener Kraft Allen entgegentreten und ſie beſte⸗ ſchen. Aber wenn Du eine ſolche Liebe zum Leben haſt, daß Dir nur daran liegt, fort zu leben, einerlei für welche Zwecke, und nur die Nerven und die Adern mit dem Lebenselixir der Alchymiſten aufzufriſchen; dann, warum Dich ſolchen Gefahren von Seiten der in den Lüften lebenden Weſen abſichtlich ausſetzen? Denn eben das Elirir, das ein reicheres, ſtolzeres Leben in den Kör⸗ per ſtrömt, ſchärft die Sinne ſo, daß jene Larven der Luft Dir ſichtbar und hörbar werden; ſo daß, wenn man nicht allmälig ſich gewöhnt hat, jene Phantome zu ertragen und ihre Bosheit zu bewältigen, ein Leben mit ſolcher Begabung das entſetzlichſte Schickſal ſeyn müßte, das ein Menſch ſich wählen könnte. Daher kommt es, daß, ob⸗ 1 wohl das Elixir aus den einfachſten Kräutern gebraut iſt, doch nur deſſen Leib zu ſeiner Aufnahme vorbereitet iſt, der die ſchärfſten Prüfungen durchgemacht hat. Ja, Ei⸗ nige, durch die Geſichte, welche auf ihr Auge beim erſten Zug einſtürmten, in das unerträglichſte Grauſen und Entſetzen hineingeängſtigt, haben den Trank weniger kräftig gefunden zu erhalten und zu ſtärken, als die ar⸗ beitende Todesangſt und Pein der Natur, zu zerſtören. So iſt für den Unvorbereiteten das Elixir nur das tödt⸗ 1 lichſte Gift. Unter den Bewohnern des die Schwelle bil⸗ denden Mittelreichs iſt auch Ein Weſen, das an Bosheit und Haß Alle ſeines Geſchlechtes übertrifft— Eines, deſſen Augen die Muthigſten gelähmt haben, und deſſen Macht über den Geiſt genau im Verhältniß von deſſen Furcht zunimmt. Wankt Dein Muth!“ — — — t t t 59 „Nein; Deine Worte entzünden ihn nur.“ „So folge mir denn, und unterwirf Dich den Geſchäf⸗ ten der Einweihung.“ Damit führte ihn Mejnour in das innere Zimmer und erklärte ihm ſofort verſchiedene chemiſche Operatio⸗ nen, die, obwohl an ſich höchſt einfach, doch, wie Glyn⸗ don bald merkte, höchſt außerordentliche Ergebniſſe zeigten. „In den älteren Zeiten,“ ſagte Mejnour lächelnd, „war unſere Brüderſchaft oft genöthigt, zu Täuſchungen ihre Zuflucht zu nehmen, um Wirkliches ſicher zu ſtellen; und als gewandte Mechaniker oder geſchickte Chemiker bekamen ſie den Namen Zauberer. Bemerke, wie leicht der geſpenſtige Löwe hervorzubringen iſt, welcher den be⸗ rühmten Leonardo da Vinei begleitete!“ Und Glyndon ſah mit entzücktem Erſtaunen die ein⸗ fachen Mittel, durch welche ſich die wildeſten Täuſchungen der Einbildungskraft bewirken laſſen. Die magiſchen Land⸗ ſchaften, an welchen Baptiſta Porta ſich erfreute, die ſcheinbare Verwandlung der Jahreszeiten, womit Alber⸗ tus Magnus den Grafen von Holland in Erſtaunen ſetzte; ja ſogar auch jene furchtbareren Täuſchungen des Bildes und des Geiſtes, womit die Nekromanten von Heraklea das Gewiſſen des Siegers von Platäa erweckten*— das Alles zeigte Mejnour ſeinem Schüler, wie der Taſchenſpie⸗ ler zitternde Kinder an einem Weihnachtsabend mit ſeiner Zauberlaterne und ſeinen Phantasmagorien bezaubert. * Pauſanias. Vergl. Plutarch. „Und nun lacht immerdar über Magie! wenn dieſe Streiche, dieſe Späſſe und Spielereien der Wiſſenſchaft die Thaten waren, welche die Menſchen mit Abſchen be⸗ trachteten, und Inquiſitoren undKönige mit Folter und Pfahl belohnten!“. „Aber die Verwandlungen der Metalle durch die Alchymiſten—“ „Die Natur ſelbſt iſt ein Laboratorium, worin Me⸗ talle und alle Elemente in einem beſtändigen Wechſel begriffen ſind. Wie leicht, Gold zu machen— noch leich⸗ ter, noch bequemer, noch wohlfeiler, die Perle, den Dia⸗ mant, den Rubin zu machen. Oh! ja; kluge Männer fanden auch hierin Zauberei; aber ſie ſahen keine Zaube⸗ rei in der Entdeckung, daß ſie durch die einfachſte Zu⸗ ſammenſetzung der alltäglichſten Dinge einen Teufel her⸗ aufbeſchworen, der Tauſende ihres Geſchlechtes mit dem Athem verzehrenden Feuers niedermäht. Entdecke was das Leben zerſtört, ſo biſt Du ein großer Mann;— was es verlängert, ſo biſt Du ein Betrüger! Mache eine Erfindung in Maſchinen, welche die Reichen noch reicher, die Armen noch ärmer macht, und ſie ſetzen Dir eine Statue! Entdecke ein Geheimniß in der Kunſt, das phyſiſche Ungleichheiten ausgleichen würde, und ſie wer⸗ den ihre Häuſer zuſammenreißen, um Dich zu ſteinigen! Ha, ha! mein Zögling! Das iſt die Welt, die Zanoni noch am Herzen liegt; Du und ich, wir wollen dieſe Welt ſich ſelbſt überlaſſen. Und jetzt, nachdem Du einige wenige — N— 1 61¹ der Wirkungen der Wiſſenſchaft geſehen, fange an ihre Grammatik zu lernen.“ Hierauf gab Mejnour ſeinem Schüler gewiſſe Auf⸗ gaben, über welchen der Reſt der Nacht verſtrich. Fünftes Kapitel. Viel Arbeit hat der ſanfte Calidore Und Müh erduldet... Da eines Tags— Erſpäht' er eine Art von Schäferburſchen Auf Pfeifen blaſend, hellauf dazu jubelnd. Zur Seit' daneben Sah er ein ſchönes Mägdelein. Spenſer. Die Feenkönigin IX. Eine beträchtliche Zeit war jetzt Mejnours Zögling in Arbeiten vertieft, welche die wachſamſte Aufmerkſam⸗ keit, die pünktlichſte und genaueſte Berechnung erforder⸗ ten. Erſtauliche und mannigfaltige Reſultate belohnten ſeine Mühe und ſpornten ſein Intereſſe. Auch beſchränk⸗ ten ſich dieſe Studien nicht auf chemiſche Entdeckungen, worin, ſo Viel darf ich hier ſagen, die wunderbarſten Wirkungen auf die Organiſation des phyſiſchen Lebens durch Erperimente mit der belebenden Kraft der Wärme hervorgebracht zu werden ſchienen. Im Uebrigen fand Glyndon mit Ueberraſchung, daß Mejnour ſehr den ab⸗ ſtruſeren Myſterien zugethan war, welche die Pythagoräer der geheimen Wiſſenſchaft der Zahlen zuſchrieben. In dieſer letzten Hinſicht dämmerte ſeinem Auge neues Licht auf, und er fing an zu bemerken, daß ſelbſt das Vermö⸗ gen, künftige Ereigniſſe vorherzuſagen, oder vielmehr zu berechnen, wohl durch——“ Aber er beobachtete, daß den letzten kurzen Prozeß, wodurch bei allen dieſen Verſuchen der wunderbare Erfolg bewirkt ward, Mejnour ſich allein vorbehielt, und ihm das Geheimniß nicht mittheilte. Die Antwort, welche er auf ſeine Vorſtellungen über dieſen Punkt erhielt, war mehr ſtreng als befriedigend. „Meinſt Du,“ ſagte Mejnour,„daß ich dem angehen⸗ den Jünger, deſſen Eigenſchaften noch nicht erprobt ſind, Kräfte übergeben möchte, welche das Ausſehen der ſocia⸗ len Welt verändern könnten? Die letzten Geheimniſſe werden nur dem anvertraut, von deſſen Tugend der Mei⸗ ſter überzeugt iſt. Geduld! Arbeit ſelbſt iſt das große Reinigungsmittel des Geiſtes; und allmählig werden die Geheimniſſe Dir ſelbſt aufgehen, ſo wie Dein Geiſt reifer wird, ſie aufzunehmen.“ Endlich erklärte ſich Mejnour zufrieden mit den Fort⸗ ſchritten, die ſein Zögling gemacht.„Die Stunde kommt jetzt,“ ſagte er,„wo Du die große aber luftige Scheide⸗ wand durchbrechen, wo Du allmälig der ſchrecklichen Hüterin der Schwelle gegenüber treten kannſt. Setze Deine Arbeiten fort— unterdrücke fortwährend Dein ungedul⸗ diges Verlangen nach Reſultaten, bis Du die Urſachen *Hier iſt im Manuſkript Einiges ausgelöſcht. 63 ergründen kannſt. Ich verlaſſe Dich auf einen Monat; wenn nach Ablauf dieſes Zeitraums, wo ich zurückkehre, die Dir geſtellten Aufgaben vollendet find, wenn Dein Geiſt durch Beſchauung und ſtrenges Nachdenken vorbe⸗ reitet iſt für die Probe, ſo verſpreche ich Dir, dieſe Probe ſoll dann beginnen. Nur Eine Warnung gebe ich Dir— betrachte ſie als einen gemeſſenen Befehl— betritt dieß Zimmer nicht!“(Sie ſtanden jetzt in demjenigen, wo ſie hauptſächlich ihre Erperimente gemacht hatten, und wo Glyndon in der Nacht, da er den einſamen Myſtiker aufgeſucht hatte, beinahe das Opfer ſeiner raſchen Zu⸗ dringlichkeit geworden wäre.)„Betritt dieß Zimmer nicht bis zu meiner Rückkehr; oder vor Allem, wenn Du je durch das Suchen nach Materialien, die für Deine Ar⸗ beiten nöthig, in dieß Zimmer gelockt werden ſollteſt, unterlaß es ja, die Naphtha in jenen Gefäßen aufzu⸗ decken und die Gefäße auf jenen Ständern zu öffnen. Ich laſſe den Schlüſſel zu dem Zimmer in Deiner Hand zurück, um Deine Enthaltſamkeit und Selbſtbeherrſchung zu er⸗ proben. Junger Mann, dieſe Verſuchung ſelbſt iſt ein Theil der Prüfung!“ Damit händigte ihm Mejnour den Schlüſſel ein; und mit Sonnenuntergang verließ er das Schloß. Einige Tage verſenkte ſich Glyndon ganz und gar in Beſchäftigungen, welche alle Kräfte ſeines Geiſtes aufs Aeußerſte anſpannten. Selbſt der geringſte Erfolg hing ſo ganz ab von der Sammlung des Geiſtes und von der Pünktlichkeit ſeiner Berechnungen, daß kaum für andere Gedanken Raum war, als für die ganz und gar auf die Aufgaben bezüglichen. Und ohne Zweifel war dieſe be⸗ ſtändige Anſtrengung der Geiſteskräfte der eigentliche Zweck Mejnours bei Aufgaben, welche nicht in unmittelbarem Zuſammenhang mit den nächſten Zwecken zu ſtehen ſchie⸗ nen. Wie z. B. das Studium der Elementarmathematik nicht ſo nützlich iſt durch die Auflöſung von Problemen, welche uns in unſerem ſpätern Berufe entbehrlich find, als förderlich dadurch, daß es den Geiſt zum Verſtändniß und zur Löſung allgemeiner Wahrheiten ſchult und bildet. Aber in weniger als der Hälfte der Zeit, auf welche Mejnour die Dauer ſeiner Abweſenheit feſtgeſetzt hatte, war von dem Schüler Alles geleiſtet, was der Myſtiker ihm zu bearbeiten aufgegeben hatte; und jetzt ſuchte ſein Geiſt, befreit von peinlichen und mechaniſchen Beſchäf⸗ tigungen, wieder Beſchäftigung in dämmernden Vermu⸗ thungen und raſtloſen Phantaſten. Seine ungeſtüme und grübelnde Natur begann ſich gegen das Verbot Mejnours zu empören, und er betraf ſich nur zu oft darüber, wie er mit unruhiger, kecker Neugier den Schlüſſel des ver⸗ botenen Gemaches betrachtete. Er begann nachgerade un⸗ willig zu werden über eine Probe ſeiner Feſtigkeit, die ihm muthwillig und kindiſch erſchien. Welche Ammen⸗ mährchen vom Blaubart und ſeinem Gemach waren da aufgewärmt, um ihm bange zu machen und ihn abzu⸗ ſchrecken. Wie konnten die bloßen Wände eines Zimmers, wo er ſo oft ungefährdet ſeine Arbeiten betrieben, eine wirkliche Gefahr auf ihn loslaſſen? Wenn es darin ſpuckte, ſo konnten es doch nur jene Trugbilder ſeyn, welche zu verachten ihn Mejnour gelehrt hatte. Ein ſchattenhafter Löwe— ein chemiſches Phantasma! Still! ſtill! er ver⸗ lor ſeine halbe Ehrfurcht vor Mejnour, wenn er dachte, daß der Weiſe durch ſolche Streiche könnte wirken wollen auf den Geiſt, den er ſelbſt geweckt und gelehrt hatte! Immer noch widerſtand er aber dem Drange ſeiner Neu⸗ gier und ſeines Stolzes, und um ihren Zuflüſterungen zu entgehen, machte er große Ausflüge auf den Bergen oder in den Thälern, welche das Schloß umgaben, und ſuchte durch körperliche Anſtrengungen den raſtloſen Geiſt zu beſchwichtigen. Eines Tages, als er plötzlich aus einer dunkeln Schlucht hervortrat, ſtieß er auf eine jener italie⸗ niſchen Scenen ländlicher Feſilichkeit und Freude, in wel⸗ chen die klaſſiſche Zeit wieder aufzuleben ſcheint. Es war ein halb religiöſes, halb auf den Feldbau bezügliches Feſt, welches die Bauern dieſes Bezirks jährlich hielten. Verſammelt in der Umgebung eines Dorfes, bildeten ſich belebte Schaaren, eben zurückgekehrt von der Prozeſſion nach einer nahen Kapelle, jetzt in Gruppen, die Alten um den Wein zu koſten, die Jungen um zu tanzen⸗ Alle um heiter und glücklich zu ſeyn. Dieß ihm plötzlich ſich auf⸗ drängende Bild behaglicher Freude und ſorgloſer Unwiſſen⸗ heit, einen ſo ſtarken Contraſt bildend mit den angeſtreng⸗ ten Studien und dem lechzenden Verlangen nach Weisheit, worin ſeit ſo langer Zeit ſein ganzes Leben beſtand, und das in ſeinem Herzen brannte, machte einen lebhaften Eindruck auf Glyndon. Wie er in einiger Entfernung 66 ihnen zuſah, fühlte der junge Mann einmal wieder, daß er jung war. Die Erinnerung an Alles, was er ſo gleich⸗ müthig aufgeopfert, ſprach zu ihm wie die ſcharfe Stimme der Reue. Die ſchwebenden Geſtalten der Frauen in ihrer maleriſchen Tracht, ihr glückliches Lachen, das durch die kühle ſtille Luft des Herbſtmittags ſchallte, brachte ſeinem Herzen, oder vielleicht noch mehr ſeinen Sinnen die Bil⸗ der ſeiner Vergangenheit zurück, die„goldenen Schäfer⸗ ſtunden,“ wo Leben nur Genießen war. Er näherte ſich immer mehr der Scene, und plötz⸗ lich umringte ihn eine lärmende Truppe; und Maeſtro Paolo, ihm vertraulich auf die Schultern klopfend, rief mit herzlichem Tone:„Willkommen, Eccellenza! wir freuen uns, Euch unter uns zu ſehen!“ Glyndon war im Begriff, ſeinen Gruß zu beantworten, als ſein Auge auf dem Geſicht eines jungen Mädchens ruhen blieb, das ſich auf Paolo's Arm lehnte, von ſo anziehender Schönheit, daß ihm das Blut in die Wangen ſtieg und ſein Herz pochte, als ſein Blick dem ihrigen begegnete. Ihre Augen funkelten von ſchelmiſcher, muthwilliger Fröh⸗ lichkeit, ihr halb geöffneter Mund zeigte Zähne wie Per⸗ len; wie ungeduldig darüber, daß ihr Tänzer während des luſtigen Tobens der Uebrigen eine Pauſe machte, ſtampfte ihr kleiner Fuß den Boden zu einer Melodie, die ſie halb ſummte, halb ſang. Paolo lachte, als er den Ein⸗ druck ſah, den das Mädchen auf den jungen Fremden ge⸗ macht hatte.“ „Wollt Ihr nicht tanzen, Eccellenza? Kommt, legt 67 Eure Vornehmheit bei Seite und ſeyd luſtig wie wir arme Teufel. Seht, wie unſre hübſche Fillide nach einem Tänzer ſchmachtet. Erbarmt Euch ihrer!“ Fillide ſchmollte bei dieſer Rede; und ſich von Pao⸗ lo's Arm losmachend, wandte ſie ſich weg, warf aber über die Schulter dem Engländer einen halb einladenden, halb Trotz bietenden Blick zu. Glyndon trat, beinahe un⸗ willkührlich, auf ſie zu und redete ſie an. Ja, ja! Er redet ſie an! Sie ſchaut zur Erde und lächelt. Paolo überläßt ſie ſich ſelbſt, und hüpft mit einem Weſen fort, das ſagt: Ich kümmere mich den Teufel dar⸗ um. Fillide ſpricht jetzt und ſchaut dem Jünger der Wiſ⸗ ſenſchaft boshaft einladend ins Geſicht. Er ſchüttelt den Kopf; Fillide lacht, und ihr Lachen iſt Silberklang. Sie deutet auf einen muntern Bergbewohner, der fröhlich zu ihr herantrippelt. Warum fühlt Glyndon Eiferſucht? Ha, wie ſie wieder ſpricht, ſchüttelt er den Kopf nicht mehr? Er bietet ihr die Hand; Fillide erröthet, und ergreift ſie mit demüthiger Koketterie. Was! es iſt ſo, wahrhaftig! ſie wirbeln in den geräuſchvollen Kreis der Fröhlichen hinein. Ha! ha! iſt das nicht beſſer, als Kräuter deſtil⸗ liren, und ſich den Kopf über Pythagoräiſchen Zahlen zerbrechen? Wie leicht Fillide dahinhüpft? Wie ihr ſchlan⸗ ker Leib ſich Deinem umſchlingenden Arm anſchmiegt! Tara— ra— tara, Tarara— ri. Was Teufel iſt in dem Takt, daß er das Blut wie Queckſilber durch die Adern laufen macht? Gab es je ein Paar Augen wie die der Fillide? Nichts da von den kalten Sternen! Aber wie blinzeln und lachen ſie Dir zu? Und dieſer roſige, aufgeworfene Mund, der ſo ſparſam auf Deine Schmeiche⸗ leien antwortet, als wären Worte ein Zeitverderb, und nur Küſſe die geeignete Sprache für ſie! Oh! Zögling Mejnours! oh Du angehender, ſeynwollender Roſen⸗ kreuzer— Platoniker— Magier— ich weiß nicht was Alles! Ich ſchäme mich für Dich! Was, im Namen des Averrves, und Burri, und Agrippa, und Hermes, iſt aus Deinen ſtrengen Betrachtungen geworden? Gabſt Du darum Viola auf? Ich denke Du haſt nicht den leiſeſten Gedanken mehr an die Kabbala oder das Lebenselirir. Nehmt Euch in Acht! Was wollt Ihr thun, Sir? War⸗ um drückt Ihr ſo die kleine Hand, die in der Eurigen eingeſchloſſen iſt? Warum laßt Ihr— Tara— rara tara— ra, tara— rara— ra, rarara, tarara— ra! Zieht das Auge zurück von dieſen feinen Knöcheln und von dem Scharlachmieder! Tara— rara— ra! da kom⸗ men ſie wieder ſich drehend! Und jetzt ruhen ſie aus unter den großen Bäumen. Das fröhliche Toben hat ſich von ihnen weggewirbelt. Sie hören— oder hören ſie nicht? — das Lachen in der Ferne. Sie ſehen— oder wenn ſie ihre Augen offen haben, ſollten ſie wenigſtens ſehen — Paar um Paar vorübergleitend, von Liebe flüſternd und Liebe in allen Blicken! Aber ich will eine Wette eingehen, wie ſie dort unter dem Baume ſitzen, und die runde Sonne hinter den Bergen untergeht, daß ſie ſehr Wenig ſehen oder hören außer ſich einander! „Holla! Signor! Eccellenza! wie gefällt Euch Eure 69 Tänzerin? Kommt und nehmt Theil an unſerem Mahle, Ihr Ausreißer! man tanzt noch luſtiger auf den Wein!“ Unter geht die runde Sonne, herauf kommt der herbſt⸗ liche Mond. Tara, tara, rarara, rarara, tarara— ra! Wieder Tanz; es iſt ein Tanz, oder eine noch munterere, lautere, wildere Bewegung? Wie ſi ſchimmern und blitzen durch die nächtlichen Schatten— dieſe fliegenden Geſtal⸗ ten! Welche Verwirrung!— welche Ordnung! Ha, das iſt der Taranteltanz! Maeſtro Paolo ſtampft ihn wacker! Piavolo! welche Wuth! die Tarantel hat ſie alle geſtochen. Tanzen oder ſterben; es iſt Wuth— die Korybanten— die Mänaden— die— ho, ho! noch mehr Wein! der Hexenſabbat bei Benevento iſt ein Spaß gegen dieß! Von Wolke zu Wolke wandert der Mond— jetzt ſchei⸗ nend, jetzt ſich verbergend. Dunkelheit, während das Mäd⸗ chen erröthet; Helle, während das Mädchen lächelt. „Fillide, Du biſt eine Zauberin!“ „Buona notte, Eecellenza; Ihr werdet mich wieder ſehen!“ „Ha, junger Mann,“ ſagte ein alter, gebrechlicher, hohläugiger, achtzigjähriger Mann, auf ſeinen Stab ſich ſtützend,„benützt nur recht Eure Jugend. Auch ich hatte einmal eine Fillide! Ich war damals ſchöner als Ihr! Ach! wenn man allzeit jung bleiben könnte!“ „Allzeit jung!“ Glyndon fuhr zuſammen, wie er den Blick von dem ſchönen, friſchen, roſigen Geſicht des Mäd⸗ chens abkehrte, und die triefenden Augen, die gelbe ver⸗ ſchrumpfte Haut, den ſchlotternden Leib des Alten ſah. Bulwer's Romane. XCVIII. 6 „Ha, ha!“ ſagte das abgelebte Geſchöpf, ihm näher humpelnd und mit einem boshaften Lachen.„Aber auch ich war einmal jung! Gebt mir einen Bajoeco zu einem Glas Aquavit!“ Tara, rara, ra— rara, rara, rara, rara— ra! dort tanzt die Jugend! Hülle Dich in Deine Lumpen ein und trolle Dich, ſchwaches Alter! Sechstes Kapitel. Indeß der ſchönen Maid folgt Callidore, Vergeſſend des Befehls und des Gelübd's, Das er der Feenkönigin zuſchwur. Spenſer. Feenkönigin. X. 1. Es war die Zeit des grauen, verworrenen, unklaren Kampfes zwiſchen der Nacht und dem Anbruch des Mor⸗ gens, als Clarence wieder in ſeinem Gemache ſtand. Die auf ſeinem Tiſche liegenden abſtruſen Berechnungen fielen ihm ins Auge und überfüllten ihn mit einer Empfindung von Ueberdruß und Ekel. Aber—„Ach! wenn man nur allzeit jung ſeyn könnte! Oh! Du gräßliches Geſpenſt des triefäugigen Alten! Welche häßlichere und verhaß⸗ tere Erſcheinung, als Du biſt, kann das myſliſche Gemach vorgaukeln? Ach ja! wenn man allzeit jung bleiben könnte! Aber— denkt der Neophyte jetzt— aber nicht, um immerdar zu arbeiten an den krauſen Figuren und dieſen kalten Gebräuen von Kräutern und Pulvern. Nein! — — 8 S 8 S 5„ 5 — 71 um zu genießen/ zu lieben, zu ſchwärmen! Was ſollte die Geſellſchaft der Jugend ſeyn, als das Vergnügen? — und die Gabe der ewigen Jugend kann mein werden noch in dieſer Stunde! Was will jenes Verbot Mejnours? iſt es nicht von derſelben Art, wie ſeine ungroßmüthige Zurückhaltung in Betreff ſelbſt der geringfügigſten Ge⸗ heimniſſe der Chemie, oder der Zahlen ſeiner Kabbala, — wo er mich nöthigt, alle mühſeligen Geſchäfte zu beſor⸗ gen, und mir doch die Einſicht in das krönende Reſultat vorenthält. Ohne Zweifel wird er mir nach ſeiner Rück⸗ tehr wieder zeigen, daß das große Geheimniß erreicht und gewonnen werden kann; aber mir immer noch weh⸗ ren, es zu gewinnen. Iſt es nicht, als wollte er meine Ingend zum beſtändigen Sklaven ſeines Alters machen? mich ganz von ſich abhängig machen? mich an einen Ta⸗ gelöhnersdienſt ketten durch beſtändige Aufregung, durch Wißbegier und den Anblick der Früchte, die er aufhängt, wo mein Mund ſie nicht erreichen kann?“ Solche und manche noch bitterere Gedanken beunruhigten und reizten ihn. Erhitzt vom Wein— erhitzt von der wilden Luſtbar⸗ keit, von welcher er her kam, konnte er nicht ſchlafen. Das Bild des entſetzlichen Alters, dem ihn die Zeit, wenn er ſie nicht überwand, entgegenführen mußte, befeuerte noch die Lebhaftigkeit ſeines Verlangens nach der glänzen⸗ den, unvergänglichen Jugend, die er Zanoni zuſchrieb. Das Verbot diente nur, den Geiſt des Trotzes und Miß⸗ trauens in ihm zu erwecken. Der wiederauflebende Tag, freundlich durch ſeine Fenſtergitter lachend, zerſtreute all die abergläubiſchen Befürchtungen, welche der Nacht an⸗ gehören. Das myſtiſche Gemach ſtellte ſich ſeiner Einbil⸗ dungskraft ſo dar, als unterſcheide es ſich in Nichts von jedem andern Zimmer des Schloſſes. Welche ſchnöde und boshafte Erſcheinung konnte ihm ſchaden im Licht dieſer ſegensreichen Sonne? Es war der eigenthümliche, und im Ganzen höchſt unglückliche Widerſpruch in Glyndons Weſen, daß, während ſeine Denkweiſe ihn zum Zweifel geneigt machte— und der Zweifel machte ihn im mora⸗ liſchen Handel nnentſchloſſen und unſtet— er ſeiner phy⸗ ſiſchen Natur nach muthig war bis zur Verwegenheit. Und dieß iſt nicht ungewöhnlich; Skepticismus und an⸗ maßende Keckheit find oft Zwillinge. Wenn ein Menſch von dieſem Charakter ſich zu einer That entſchließt, ſo ſchreckt ihn perſönliche Furcht nie ab, und was morali⸗ ſche Bedenklichkeiten betrifft, ſo iſt der Eigenwille mit jeder Sophiſterei zufrieden. Beinahe ohne ſich den geiſti⸗ gen Prozeß klar zu machen, durch welchen ſeine Nerven ſich härteten und ſeine Glieder ſich bewegten, ſchritt er durch den Corridor, erreichte Mejnours Gemach und öff⸗ nete die verbotene Thüre. Alles war, wie er es zu ſehen gewohnt geweſen, nur daß auf einem Tiſch mitten im Zimmer ein großes Buch aufgeſchlagen war. Er näherte ſich und betrachtete die Züge des Blattes; ſie waren in Chiffernſchrift, deren Studium einen Theil ſeiner Arbei⸗ ten ausgemacht hatte. Mit geringer Schwierigkeit glaubte er den Sinn der erſten Sätze ſich deutlich gemacht zu haben, und er las, wie folgt: Das innere Leben ſchlürfen heißt das äußere Leben ſehen; der Zeit zum Trotz leben heißt im Ganzen leben. Wer das Elixir entdeckt, entdeckt was im Raume liegt; denn der Geiſt, welcher den Körper belebt, ſchärft die Sinne. Es iſt eine Anziehungskraft in dem elementaren Prineip des Lichtes. In den Lampen der Roſenkreuzer iſt das Feuer das reine elementare Princip. Zünde die Lampen an, während Du das Gefäß öffneſt, welches das Elixir enthält, und das Licht zieht die Weſen an, deren Leben jenes Licht iſt. Hüte Dich vor der Furcht; Furcht iſt der tödtlichſte Feind des Wiſſens.“ Hier veränderten die Chiffern ihren Charakter und wurden unverſtändlich. Aber hatte er nicht genug geleſen? War nicht der letzte Satz hinreichend?„Hüte Dich vor Furcht!“ Es war, als hätte Mejnour abſichtlich dieß Blatt aufgeſchlagen gelaſſen— als wäre in der That dieſe Probe das Gegen⸗ theil von der vorgeblichen— als hätte der Myſtiker einen Verſuch mit ſeinem Muth anſtellen wollen, während es nach ſeinem Vorgeben ein ſolcher mit ſeiner Geduld ſeyn ſollte. Nicht Keckheit, ſondern Furcht war als der tödt⸗ lichſte Feind des Wiſſens bezeichnet. Er trat hin zu den Geſtellen, auf welchen die kryſtallenen Gefäſſe ſtanden; mit nicht zitternder Hand zog er aus einem den Stöpſel, und ein köſtlicher Wohlgeruch verbreitete ſich ſogleich durch vas Zimmer. Die Luft funkelte wie von Diamantenſtaub. Eine Empfindung überirdiſcher Wonne— eines Daſeyns, das ganz Geiſt ſchien, durchflammte ſeinen ganzen Kör⸗ per; und eine ſchwache, leiſe, aber überaus herrliche Muſik ſäuſelte, ans Herz dringend, durch das Gemach. In die⸗ ſem Augenblick hörte er eine Stimme im Corridor, die ſeinen Namen rief; und gleich darauf wurde an die Thüre außen gepocht.„Seyd Ihr da, Signor?“ rief die klare Stimme Maeſtro Paolo's. Glyndon ſchloß haſtig wieder das Gefäß und ſtellte es an ſeinen Ort; hieß dann Paolo ihn in ſeinem eigenen Zimmer erwarten, und verweilte noch, bis er die Schritte des unwillkommenen Beſuchs weggehen hörte; dann verließ er mit Widerſtreben das Zimmer. Wie er die Thüre verſchloß, hörte er noch das verhallende Erſterben jener himmliſchen Muſik; und mit leichtem Schritt und fröhlichem Herzen begab er ſich zu Paolo, innerlich entſchloſſen, das Zimmer zu einer Stunde wieder zu beſuchen, wo ſein Experiment vor jeder Unter⸗ brechung ſicher ſeyn würde. Wie er über ſeine Schwelle ſchritt, fuhr Paolo zu⸗ rück und rief:„Ha, Eccellenza! ich erkenne Euch kaum wieder! Luſtige Unterhaltung iſt, wie ich ſehe, ein mäch⸗ tiges Verſchönerungsmittel für die Jungen! Geſtern ſaht Ihr ſo blaß und hohläugig aus; aber Fillidens luſtige Augen haben mehr an Euch gethan als der Stein der Weiſen(vergeben es mir die Heiligen, daß ich ihn ge⸗ nannt!) je an den Zauberern gethan hat.“ Und Glyndon, wie er bei Paolo's Worten in den alten venetianiſchen Spiegel ſchaute, war kaum weniger erſtaunt als Paolo über den Wechſel in ſeiner Miene und in ſeinem ganzen 75 Weſen. Seine Geſtalt, zuvor niedergebeugt vom Nach⸗ denken, ſchien ihn um einem halben Kopf höher; ſo bieg⸗ ſam und aufrecht erhob ſich ſein ſchlanker Wuchs, ſeine Augen leuchteten, ſeine Wangen blühten von Geſundheit und innerer, alldurchdringender Wonne. Wenn der bloße Duft des Elirirs ſchon ſo mächtig war, wohl mochten dem Trinken deſſelben die Alchymiſten Leben und Geſundheit zuſchreiben!“ „Ihr müßt mir verzeihen, Eecellenza, daß ich Euch geſtört,“ ſagte Paolo, einen Brief aus der Taſche ziehend; „aber unſer Patron hat mir ſo eben geſchrieben, daß er morgen hier ſeyn wolle, und mir aufgetragen, Euch ohne den mindeſten Zeitverluſt das eingeſchloſſene Billet zu übergeben.“ „Wer brachte den Brief?“ „Ein Reiter, der auf keine Antwort wartete.“ Glyndon öffnete den Brief und las, wie folgt: „Ich komme eine Woche früher zurück, als ich beab⸗ ſichtigt hatte, und Ihr habt mich morgen ſchon zu erwar⸗ ten. Dann werdet Ihr die Probe zu beſtehen haben, nach der Ihr verlangt; aber vergeßt nicht, daß Ihr in dieſem Falle alles Daſeyn ſo weit als möglich auf den Geiſt zurückzuführen habt. Die Sinne müſſen unterjocht und abgetödtet ſeyn— nicht das Flüſtern einer Leidenſchaft darf ſich hören laſſen. Du kannſt Meiſter der Kabbala und der Alchymie werden; aber Du mußt auch Meiſter werden über Fleiſch und Blut— über Liebe und Eitelkeit, 76 Ehrgeiz und Haß. Ich hoffe vertrauensvoll, Dich ſo zu finden. Faſte und denke nach, bis wir uns wieder ſehen!“ Glyndon drückte den Brief mit einem verächtlichen Lächeln in ſeiner Hand zuſammen. Was! noch weitere Quälereien— noch mehr Enthaltſamkeit! Jugend ohne Liebe und Genuß! Ha, ha, getäuſchter Mejnour, Dein Zögling wird in den Beſitz Deiner Geheimniſſe gelangen ohne Deinen Beiſtand!“ „Und Fillide! Ich kam auf meinem Wege an ihrer Hütte vorbei— ſie erröthete und ſeufzte, als ich ſie mit Euch aufzog, Eccellenza!“ „Gut, Paolo! Ich danke Dir für eine ſo reizende Bekanntſchaft. Du mußt ein entzückendes Leben führen!“ „Ach, Eecellenza, ſo lange wir jung ſind, geht Nichts über Abenteuer— ausgenommen Liebe, Wein und La⸗ chen!“ „Sehr wahr. Lebt wohl, Meiſter Paolo. In weni⸗ gen Tagen ſprechen wir Mehr miteinander.“ Dieſen ganzen Morgen war Glyndon beinahe über⸗ wältigt von dem neuen Gefühle des Glückes, das in ſeiner Seele eingezogen war. Er ſtreifte hinaus in die Wälder, und er empfand eine Luſt, die ihn an ſein früheres Leben als Künſtler erinnerte, aber eine noch innigere und leben⸗ digere Luſt an den bunten Farben des herbſtlichen Laubes. Wirklich ſchien ihm die Natur näher gerückt zu ſeyn; er begriff Alles beſſer, was Mejnour ihm oft gepredigt hatte von dem Geheimniß der Sympathien und der Anziehungs⸗ kräfte. Er ſtand auf dem Punkte, in den Bereich deſſelben 77 Geſetzes zu treten, wie dieſe ſtummen Kinder des Forſtes. Er ſollte die Erneuerung des Lebens kennen lernen; die Jahreszeiten, die die Wintererſtarrung brachten, ſoll⸗ ten ihm auch wieder die Blüthe und Luſt des Frühlings bringen. Des Menſchen gewöhnliches Daſeyn iſt wie Ein Jahr der Welt der Vegetation; er hat ſeinen Frühling, ſeinen Sommer, ſeinen Herbſt und Winter— aber nur Einmal. Aber die Rieſeneichen um ihn her machen einen immer wiederkehrenden Kreislauf von Grünen und Jugend durch, und das friſche Laub des hundertjährigen Baumes iſt ſo lebhaft in den Strahlen des Mais, als das des Schößlings an ſeiner Seite.„Mein ſoll Euer Frühling werden, aber nicht Euer Winter!“ rief der ah⸗ nungsvolle Jünger. In dieſen hoffnungsreichen, freudigen Träumen ver⸗ ſunken, fand ſich Glyndon, nachdem er die Wälder ver⸗ laſſen, unter angebauten Feldern und Weinbergen, wo⸗ hin er noch nie auf ſeinen Wanderungen gekommen war; und da ſtand, am Ausgang eines grünen Pfades, der ihn an das grünende England erinnerte, ein beſcheidenes Haus— halb Hütte, halb Pachthof. Die Thüre ſtand offen, und er ſah ein Mädchen an ihrem Rocken arbeitend. Sie blickte auf, ſtieß einen leiſen Schrei aus, und als ſie fröhlich in den Gang heraus trippelte und zu ihm trat, erkannte er die ſchwarzäugige Fillide. „Still!“ ſagte ſie, ſchalkhaft den Finger auf den Mund legend;„ſprecht nicht laut! Meine Mutter ſchläft 78 drinnen; und ich wußte, Ihr würdet kommen, mich zu ſehen. Das iſt freundlich!“ Glyndon nahm mit einer kleinen Verlegenheit das ſeiner Freunblichkeit gezollte Compliment an, das er nicht eigentlich verdiente.„Ihr habt alſo an mich gedacht, holde Fillide?“ „Ja,“ antwortete das Mädchen erröthend, aber mit jener offenen, kecken Freimüthigkeit, welche die Italiene⸗ rin, beſonders die der unteren Claſſen und in den ſüdli⸗ chen Provinzen charakteriſirt—„Oh! ja. Ich habe ſonſt an Wenig gedacht. Paolo ſagte mir, Ihr würdet mich beſuchen.“ „Und wie iſt Paolo mit Euch verwandt?“ „Gar nicht; nur ein guter Freund von uns Allen. Mein Bruder iſt Einer von ſeiner Bande.“ „Einer von ſeiner Bande? Ein Räuber?“ „Wir in den Bergen nennen Einen, der in den Ber⸗ gen ſich umtreibt, nicht Räuber, Signor!“ „Ich bitte um Verzeihung. Zittert Ihr nicht manch⸗ mal für Eures Bruders Leben? Das Geſetz—“ „Das Geſetz wagt ſich nie in dieſe Bergſchluchten. Für ihn zittern? Nein. Mein Vater und Großvater trie⸗ ben daſſelbe Gewerbe. Ich wünſche mir oft ein Mann zu ſeyn.“ „Bei dieſen Lippen! ich freue mich unendlich, daß Euer Wunſch nicht in Erfüllung gehen kann!“ „Pfui, Signor! Und liebt Ihr mich wirklich?“ „Von ganzem Herzen!“ 79 „Und ich Dich!“ ſagte das Mädchen mit einer Offen⸗ heit, die unſchuldig ſchien, indem ſie ihn ihre Hand faſſen und drücken ließ. „Aber,“ fuhr ſie fort,„Du wirſt uns bald verlaſſen; und ich“— ſie ſtockte und die Thränen traten ihr ins Auge. Es war etwas Gefährliches in all dieſem, man muß es geſtehen. Allerdings beſaß Fillide nicht die ſeraphiſche Holdſeligkeit Viola's, aber wohl eine Schönheit, welche mindeſtens ebenſo ſehr die Sinne rührte. Vielleicht hatte Glyndon Viola nie wirklich geliebt; vielleicht waren die Gefühle, die ſie ihm eingeflößt, nicht von jener glühenden Art, welche den Namen Liebe verdient. Wie dem ſey, er glaubte, als er in dieſe dunkeln Augen ſah, nie zuvor ge⸗ liebt zu haben. „Und könnteſt Du Deine Berge nicht verlaſſen?“ flüſterte er, indem er noch näher trat. „Fragſt Du mich?“ ſagte ſie zurücktretend und ihm feſt ins Geſicht ſchauend.„Weißt Du, was die Töchter der Berge ſind? Ihr muntern, glatten Cavaliere der Städte meint ſelten das, was Eure Zunge ſpricht. Bei Euch iſt die Liebe eine Unterhaltung und Kurzweil; bei uns— Leben. Dieſe Berge verlaſſen! Ha! meine Natur würde ich nicht aufgeben!“ „Behalte immerhin Deine Natur— ſie iſt hold und ſanft.“ „Ja, ſanft, ſo lange Du treu biſt; wild, wenn Du treulos wirſt. Soll ich Dir ſagen, was ich bin, was die 80 Mädchen dieſes Landes find? Töchter von Männern, die Ihr Räuber nennt, trachten wir die Lebensgefährtinnen unſerer Geliebten oder Gatten zu ſeyn. Wir lieben glü⸗ hend— wir geſtehen es kühn. Wir ſtehen in der Gefahr Euch zur Seite; wir dienen Euch im Zuſtand der Sicher⸗ heit wie Sklavinnen; wir ändern nie unſere Geſinnung, und wir ahnden eine Sinnesänderung. Ihr könnt uns ſchelten, uns ſchlagen, uns mit Füßen treten wie Hunde, — wir ertragen Alles ohne Murren; aber verrathet uns, und kein Tiger iſt erbarmungsloſer und grauſamer als wir. Seyd treu, und unſer Herz belohnt Euch; ſeyd falſch⸗ und unſere Hand übt die Rache!— Liebſt Du mich jetzt?“ Während dieſer Rede hatte das Geſicht der Italiene⸗ rin höchſt beredt ihre Worte unterſtützt— abwechſelnd ſanft, offen, trotzig und wild,— und bei der letzten Frage ſenkte ſie demüthig ihren Kopf, und ſtand vor ihm, wie in banger Erwartung ſeiner Antwort. Der ernſte, mu⸗ thige, wilde Geiſt, in welchem das, was der Frauennatur zuwider ſchien, doch noch, wenn ich ſo ſagen darf, weib⸗ lich war, ſtieß Glyndon nicht zurück, er nahm ihn eher ein. Er antwortete raſch, kurz und freimüthig: „Ja, Fillide.“ Oh!„ja!“ wahrhaftig, Clarence Glyndon! Jede leichtſinnige Natur antwortet leichthin„ja!“ auf eine ſolche Frage von ſo roſigen Lippen! Nimm dich in Acht — nimm Dich in Acht! Warum Henkers, Mejnour, gibſt Du Deinen Zögling von vierundzwanzig Jahren rück⸗ ſichtslos dieſen wilden Pantherkatzen preis? Predige im⸗ 81 mer Faſten und Enthaltſamkeit, und erhabene Verzicht⸗ leiſtung auf alle Täuſchungen der Sinne! Recht ſchon von Dir, guter Herr, der Du, der Himmel weiß wie viele Jahrhunderte alt biſt! aber mit vierundzwanzig Jah⸗ ren würde Dich Dein Hierophant fern von einer Fillide gehalten haben, oder Du hätteſt wenig Geſchmack mehr an der Kabbala gefunden! Und ſo ſtanden ſie, und plauderten, und gelobten und flüſterten, bis des Mädchens Mutter im Hauſe ein Geräuſch machte, worauf Fillide wieder zu ihrem Rocken ſprang, wieder den Finger auf den Mund legend. „Es iſt mehr Magie in Fillide als in Mejnour,“ ſagte Glyndon bei ſich ſelbſt, als er fröhlich heim wan⸗ derte;„aber bei reiferem Nachdenken weiß ich doch nicht, ob mir ein zur Rache ſo raſch entſchloſſener Charakter ſo ganz gefällt! Aber Wer das wirkliche Geheimniß beſitzt, kann ſelbſt die Rache eines Weibes vereiteln, und jede Gefahr entwaffnen!“ Ei, ei! Denkſt Du wirklich ſchon an die Möglichkeit des Verrathes? Oh! mit Recht hat Zanoni geſagt:„rei⸗ nes Waſſer in den kothigen Brunnen gießen, heißt nur den Koth aufrühren!“ Siebentes Kapitel. Cernis, custodia qualis Vestibulo sedeat? facies quea limina servet? Aeneid. Lih. VI. 574. Und es iſt tiefe Nacht. Alles iſt zur Ruhe in dem alten Schloſſe— Alles iſt athemlos unter den ſchwer⸗ müthigen Sternen. Jetzt iſt die Zeit. Mejnour, mit ſei⸗ ner herben Weisheit— Mejnour, der Feind der Liebe — Mejnour, deſſen Auge in Deinem Herzen leſen, und Dir die verheißenen Geheimniſſe verweigern wird, weil Fillidens ſonniges Angeſicht den lebloſen Schatten ſtört, den er Ruhe nennt,— Mejnour kommt morgen! Benütze die Nacht! Halte Dir die Furcht fern! In dieſer Stunde oder nie! So wackerer Jüngling— wacker, trotz aller Deiner Irrthümer, ſo, mit gleichmäßigem Puls, ſchließt Deine Hand wieder die verbotene Thüre auf! Er ſtellte ſeine Lampe auf den Tiſch neben das Buch, das noch offen da lag: er ſchlug die Blätter um, konnte aber ihren Sinn nicht entziffern, bis er auf folgenden Abſchnitt ſtieß: „Wenn denn der Lehrling ſo eingeweiht und vorbe⸗ reitet iſt, laß ihn das Fenſter öffnen, die Lampen anzün⸗ den, und ſeine Schläfe mit dem Elixir waſchen. Er muß ſich hüten, daß er nicht allzu raſch und anmaßend den flüchtigen, feurigen Geiſt in ſtarken Zügen trinke. Davon koſten, ehe wiederholte Einathmungen den Körper all⸗ 83 mälig an die verzückende Flüſſigkeit gewöhnt haben, hieße nicht Leben, ſondern den Tod ſich holen.“ Weiter konnte er in den Anweiſungen nicht vorwärts dringen; die Chiffern änderten ſich wieder. Er ſah ſich jetzt ernſt und aufmerkſam in dem Zimmer um. Der Mond⸗ ſchein ſtrömte friedlich durch das Gitterfenſter, als jetzt ſeine Hand es öffnete, und wie er auf dem Boden ruhte und die Wände beſchien, war es, als wäre eine geiſter⸗ hafte, ſchwermüthige Macht anweſend. Er ſtellte die my⸗ ſtiſchen Lampen, neun an der Zahl, um den Mittelpunkt des Zimmers her auf, und zündete ſie der Reihe nach an. Eine filberne und blaugefärbte Flamme quoll aus allen hervor und erleuchtete das Gemach mit einem ruhigen und doch höchſt blendenden Glanze; ſofort aber wurde dieß Licht ſanfter und dämmernder, da eine dünne graue Wolke, wie ein Nebel, allmälig über das Zimmer ſich ausbreitete; und ein eiſiger Schauer ſchoß durch das Herz des Engländers und es überlief ihn raſch wie der Froſt des Todes. Inſtinktmäßig der Gefahr bewußt, in der er ſchwebte, ſchwankte er, obwohl mit Mühe, denn ſeine Glieder waren wie ſtarr und ſteinern, zu dem Geſtell, wo die kryſtallenen Gefäſſe ſtanden; haſtig athmete er den Geiſt ein, und wuſch ſich die Schläfe mit der funkelnden Flüſſigkeit. Daſſelbe Gefühl von Kraft, Jugend, Freude und ätheriſcher Leichtigkeit, das er am Morgen empfun⸗ den hatte, trat auch jetzt augenblicklich an die Stelle der tödtlichen Betäubung und Erſtarrung⸗ welche ſo eben in die Burg des Lebens hatte eindringen wollen. Er ſtand, 84 mit auf der Bruſt gekreuzten Armen, aufrecht und uner⸗ ſchrocken da, harrend, was weiter kommen würde. Der Dunſt hatte jetzt beinahe die Dichtigkeit und anſcheinende Feſtigkeit von einer Schneewolke angenom⸗ men; die Lampen ſchienen durch wie Sterne. Und jetzt ſah er deutlich Geſtalten, die im Umriſſe einigermaßen der menſchlichen Bildung glichen, langſam und mit regel⸗ mäßigen Bewegungen und Wendungen durch die Wolke gleiten. Sie ſchienen blutlos; ihre Körper waren durch⸗ ſichtig und bald zuſammengezogen, bald ausgedehnt, wie die Ringe einer Schlange. Wie ſie ſich in majeſtätiſcher Ordnung bewegten, hörte er einen leiſen Ton— den Geiſt gleichſam von einer Stimme— den jede von der andern auffaßte und wiederholte; ein leiſer aber muſikaliſcher Ton, welcher der Geſang einer unaus ſprechlich ruhigen Freude zu ſeyn ſchien. Keine von dieſen Erſcheinungen beachtete ihn. Sein lebhaftes Verlangen, ſie anzureden, zu ihnen zu gehören, an dieſen Bewegungen ätheriſchen Glückes Theil zu nehmen— denn ſo ſchien es ihm,— machte, daß er ſeine Arme ausſtreckte, und laut zu rufen verſuchte, aber nur ein unartikulirter Laut kam aus ſei⸗ nem Munde; und die Bewegung und die Muſik gingen ganz gleich fort, wie wenn kein Sterblicher da wäre. Langſam ſchwebten ſie im Kreis herum und in die Höhe, bis ſie, in derſelben majeſtätiſchen Ordnung eine nach der andern durch das Fenſter ſchwebten und im Mondſchein verſchwanden; dann, wie ſein Auge ihnen folgte, wurde das Fenſter verdunkelt von einem Gegenſtand, der auf den 85 erſten Blick nicht zu unterſcheiden war, aber doch hin⸗ reichte, um auf geheimnißvolle Weiſe das bisher gefühlte Entzücken Glyndons in unſägliches Entſetzen zu verwan⸗ deln. Allmälig nahm dieſer Gegenſtand eine Geſtalt für ſein Auge an. Es war, wie ein Menſchenkopf, mit einem dunkeln Schleier bedeckt, durch welchen mit gelbem, dä⸗ moniſchem Feuer Augen glotzten, welche ihm das Mark in den Knochen gefrieren machten. Nichts ſonſt war von dem Angeſicht zu ſehen— Nichts als dieſe unerträgli⸗ chen Augen; aber ſein Entſetzen, welches auszuhalten gleich Anfangs die Kraft der menſchlichen Natur zu über⸗ ſteigen ſchien, war tauſendfach geſteigert, als nach einer Weile das Phantom langſam in das Gemach huſchte. Die Wolke zog ſich von ihm zurück, wie es vorrückte; die hellen Lampen wurden matt und flackerten unruhig, wie von ſeiner Gegenwart Hauche berührt. Die übrige Geſtalt war verhüllt wie das Angeſicht, aber der Umriß war der eines weiblichen Weſens; aber es bewegte ſich nicht, wie ſich ſelbſt die Geiſter bewegen, die den Schein des Lebens annehmen. Es ſchien eher zu kriechen, wie ein mißgeſtaltetes Gewürm; und ſtilleſtehend kauerte es ſich endlich neben dem Tiſch nieder, auf welchem das myſti⸗ ſche Buch lag, und heftete wieder ſeine Augen durch den dunſtigen Schleier auf den kecken Beſchwörer. Alle Phan⸗ taſien, ſelbſt die groteskeſten von Mönch oder Maler des Nordens in der alten Zeit wären nicht im Stande gewe⸗ ſen, dem Geſicht eines Kobolds oder Teufels dieſen Aus⸗ Bulwer's Romane. XCVMI. 7 druck von tödtlicher Bosheit zu geben, welcher aus dieſen ¹ Augen allein ſprechend, die menſchliche Natur ſchaudern machte. Alles ſonſt ſo dunkel— verhüllt— verſchleiert — larvenähnlich. Aber dieſer brennende Blick, aus den 5 gelben Augen, ſo angeſtrengt und doch ſo lebendig, hatte Etwas, das beinahe menſchlich zu nennen war, in ſei⸗ nem leidenſchaftlichen Haß und ſpöttiſchen Hohn— Etwas das anzeigte, daß der ſchattenhafte Greuel nicht ganz nur Geiſt war, ſondern wenigſtens ſo weit an der Mate⸗ rie Theil hatte, um für irdiſch⸗materielle Weſen ein nur noch tödtlicherer und furchtbarerer Feind zu ſeyn. Wie er, mit der krampfhaften Anſtrengung der Todesangſt an den Wänden ſich haltend— mit geſträubtem Haar— mit hervorgedrängten Augäpfeln immer noch nach dem ent⸗ ſetzlichen Auge hinſtierte— ſprach das Gebilde zu ihm — und ſeine Seele mehr als ſein Ohr faßte die Worte, die es ſagte. „Du biſt eingedrungen in das unermeßliche Reich. Ich bin die Hüterin der Schwelle. Was willſt Du von mir? Stumm! Fürchteſt Du mich? Bin ich nicht Deine Geliebte? Haſt Du nicht meinetwegen den Freuden Dei⸗ nes Geſchlechts entſagt? Du möchteſt weiſe werden. Mein iſt die Weisheit der zahlloſen Jahrhunderte. Küſſe mich, mein ſterblicher Liebhaber!“ Und der Greuel kroch näher und näher zu ihm hin; er kroch an ſeine Seite, ſein Athem berührte ſeine Wange! Mit einem gellenden Schrei fiel er bewußtlos zur Erde, und wußte Nichts mehr von ſich⸗ bis er am Mittag des nächſten Tages die Augen aufſchlug ——— 87 und ſich in ſeinem Bette liegend fand— die Sonne ſtrömte prächtig durch das Gitterfenſter und bei ihm war der Bandite Paolo, beſchäftigt ſeinen Karabiner blank zu putzen, und ein ealabreſiſches Liebeslied pfeifend. Achtes Kapitel. T ãogeoß̃öhevo⸗ Kevorcitdu ooplcv, Aei dc Jahngorcrov Baivovres dpoc atipos, Ea zo' cywde Fnta Teoidas Moioas Jeyovo⸗ Zand Aohonia ꝙteoat. Eurip. Med. I. 834. Auf einer der Inſeln, über deren Geſchichte die unvergängliche Literatur und der Ruhm Athens noch ein melancholiſches Intereſſe verbreiten, und welcher die Na⸗ tur(in der Nichts melancholiſch iſt) noch immer eine Herrlichkeit der landſchaftlichen Scenerie und des Klima's leiht, die gleich ſtrahlend iſt für den Freien und für den Sklaven— den Jonier, den Venetianer, den Gallier, den Türken, oder den raſtloſen Britannier, hatte Zanoni den Wohnſit ſeiner jungen Häuslichkeit aufgeſchlagen. Hier trägt die Luft die Wohlgerüche der Ebenen meilenweit 88 auf das blaue, durchſichtige Meer hinein.“ Von einer ihrer grünen, ſanftanſteigenden Höhen aus geſehen, ſchien die Inſel, die er ſich gewählt, Ein köftlicher Garten. Die Thürme und Giebel ihrer Hauptſtadt glanzten mit⸗ ten unter Orangen⸗ und Citronenwäldern; Weinberge und Olivenwälder erfüllten die Thäler und zogen ſich an den Seiten der Berge hinauf, und Landhaus, Pachthof und Hütte waren überdeckt mit üppigen Gewinden von dunkelgrünem Laub und purpurnen Früchten. Denn hier ſcheint die verſchwenderiſche Schönheit noch halb jene an⸗ muthigen Dichtungen eines Glaubens zu rechtfertigen; der, zu ſehr von Liebe für die Erde erglühend, mehr die Gottheiten dem Menſchen näherte, als den Menſchen zu ihrem minder anlockenden und wolluſtvollen Olymp em⸗ porhob: „Durch die Schöpfung floß da Lebensfülle!“ ***— „An der Liebe Buſen ſie zu drücken, Gab man höhern Adel der Natur!“** Und noch lächelt den Fiſchern, die noch auf dem Sand ihre antiken Tänze ſchlingen, dem Mädchen, das noch mit mancher ſilbernen Spange vie glänzend ſchwar⸗ zen Haare ſchmückt unter dem Baum, der ihre ruhige Hütte beſchattet, dieſelbe große Mutter, die über dem Weiſen von Samos, und über der Demokratie von Cor⸗ eyra, der anmuthsvollen und tiefgelehrten Lieblichkeit von *Vergl. Dr. Hollands Reiſen nach den joniſchen Inſeln u. ſ. w. S. 18. * Die Götter Griechenlands. 16 r⸗ ge r on 89 Milet wachte, ſo freundlich als vor Jahrhunderten zu. Für den Norden ſind Philoſophie und Freiheit weſentliche Beſtandtheile des menſchlichen Glückes. In den Ländern, welche zu beherrſchen Aphrodite aus den Wellen empor⸗ ſtieg, während die Jahreszeiten Hand in Hand zu ihrer Bewillkommnung am Ufer ſtanden,* iſt die Natur all⸗ genugſam. Die Inſel, welche Zanoni gewählt hatte, war eine der lieblichſten in jenem göttlichen Meere. Seine Woh⸗ nung, etwas entfernt von der Stadt, aber nahe bei einer der Buchten der Küſte, gehörte einem Venetianer, und be⸗ ſaß, obwohl klein, doch mehr Zierlichkeit, als die Einge⸗ borenen gewöhnlich in ihren Häuſern anzubringen ſich angelegen ſeyn ließen. Auf der See, ſo daß man es im Angeſicht hatte, lag ſein Schiff vor Anker. Seine Indier beſorgten, wie ſonſt, in ſchweigſamem Ernſte den Dienſt der Haushaltung. Kein Platz konnte ſchöner, keine Ein⸗ ſamkeit ungeſtörter ſeyn. Der geheimnißvollen Weisheit Zanoni's, der harmloſen Unwiſſenheit Viola's war die geſchwätzige, prächtige Welt der civiliſirten Menſchen gleich wenig beachtenswerth. Der liebende Himmel und die liebliche Erde ſind Geſellſchaft genug für die Weisheit und für die Unwiſſenheit, ſo lange ſie lieben! Obgleich, wie ich früher ſchon geſagt, in den zu Tage liegenden Beſchäftigungen Zanoni's Nichts war, was einen Jünger der geheimen Wiſſenſchaften verrathen konnte, war doch ſeine Art und ſeine Lebensweiſe die * Homeriſcher Hymnus. 90 eines Mannes, der in Erinnerungen und im Nachdenken lebt. Er liebte es, allein umherzuſtreifen, beſonders mit Anbruch des Morgens, oder bei Nacht, wenn der Mond klar ſchien, und zumal, jeden Monat beim Aufgang des Vollmonds, bis Meilen weit hinein in die reichen innern Gegenden der Inſel, um Kräuter und Blumen zu pflücken, die er mit eiferſüchtiger Sorgfalt aufbewahrte. Manch⸗ mal in der Todtenſtille der Nacht wurde Viola geweckt durch einen Inſtinkt, der ihr ſagte, daß er nicht an ihrer Seite ſey, und wenn ſie die Arme ausſtreckte, fand ſie, daß der Inſtinkt ſie nicht getäuſcht. Aber ſie merkte bald, daß er über ſeine eigenthümlichen Gewohnheiten zurück⸗ haltend war, und wenn auch zu Zeiten ein Bangen, eine Ahnung, ein argwöhniſcher Schauer fie beſchlich, unter⸗ ließ ſie es doch, ihn zu befragen. Aber er machte ſeine Ausflüge nicht immer unbegleitet, er hatte auch Freude an minder einſamen Wanderungen. Oft, wenn das Meer wie ein See vor ihm lag, und die traurige Oede und Unfruchtbarkeit der gegenüberliegenden Küſte von Cepha⸗ lonia einen Contraſt bildete zu den von ihnen bewohnten lächelnden Küſten, brachten er und Viola ganze Tage damit zu, langſam die Küſte zu umkreuzen,/ oder auf den benachbarten Inſeln Beſuche zu machen. Jeder Fußbreit des griechiſchen Bodens, dieſes ſchönen Fabellandes, ſchien ihm bekannt; und wie er von der Vergangenheit und ihren köſtlichen Traditionen ſprach, lehrte er Viola das Volk lieben, von welchem die Poeſie und die Weis⸗ heit der Welt ſtammen. Je genauer Viola Janoni kennen *——— 8 — 9¹ lernte, um ſo mehr fand ſie an ihm, was den Jauber, der ſie von Anfang an ihn gefeſſelt hatte, verſtärkte. Seine Liebe für ſie war ſo zärtlich, ſo aufmerkſam, und hatte jene beſte und dauerndſte Eigenſchaft, daß ſie mehr dank⸗ bar ſchien für das Glück in ihrer Sorgſamkeit, als eitel auf das Glück, das ſie ſchuf und gewährte. Seine ge⸗ wöhnliche Stimmung gegenüber Allen, die ſich ihm nä⸗ herten, war ruhig und fanft, beinahe bis zur Gleichgül⸗ tigkeit. Ein zürnendes Wort kam nie über ſeinen Mund — ein zürnender Blick flog nie aus ſeinem Auge. Einmal waren ſie einer, in jenen damals halbwilden Ländern nicht ungewöhnlichen Gefahr ausgeſetzt geweſen. Seeräuber, welche die benachbarten Küſten beunruhigten, hatten von der Ankunft der Fremden gehört, und die Seeleute in Zanoni's Dienſten hatten von ihres Herrn Reichthum geplaudert. Eines Nachts, nachdem Viola ſich zur Ruhe begeben, wurde ſie durch ein leiſes Geräuſch unten ge⸗ weckt. Zanoni war nicht bei ihr; ſie lauſchte mit einiger Beſorgniß. War das ein Stöhnen, was in ihr Ohr drang? Sie fuhr auf, ſie ging an die Thüre; Alles war ſtill. Schritte näherten ſich jetzt langſam, und Zanoni trat ein, ruhig wie gewöhnlich, und ſchien ihre Beſorg⸗ niſſe gar nicht zu ahnen. Am nächſten Morgen fand man drei todte Männer an der Schwelle des Haupteingangs, deſſen Thüre erbrochen war. Man erkannte ſie in der Nachbarſchaft als die blutdürſtigſten und gefürchtetſten Küſtenräuber— Männer, mit tauſendfachem Mord be⸗ fleckt, denen bisher noch kein Angriff mißlungen, wozu ſie die Raubgier getrieben hatte. Die Fußtapfen von vie⸗ len Andern verfolgte man bis zur Küſte. Es ſchien als müßten die Mitſchuldigen nach dem Fall ihrer Führer geflohen ſeyn. Aber als der venetiäniſche Proveditore, die oberſte Behörde der Inſel, kam, um die Sachen zu unterſuchen, umhüllte das unerklärlichſte Geheimniß die Art und Weiſe, wie die Böſewichter den Tod gefunden hatten. Zanoni hatte keinen Fuß aus dem Gemache geſetzt, wo er gewöhnlich ſeine chemiſchen Studien betrieb. Kei⸗ ner der Diener war auch nur im Schlafe geſtört worden. Keine Spuren von Gewaltthat waren an den Leichnamen zu entdecken. Sie ſtarben und deuteten nicht. Von dieſem Augenblick an war Zanoni's Haus, ja, die ganze Nach⸗ barſchaft, wie geheiligt. Die benachbarten Dörfer, er⸗ freut von einer ſchweren Plage befreit zu ſeyn, betrach⸗ teten den Fremden als einen Mann, den die Pagiana (oder Jungfrau) unter ihren beſondern Schutz genommen habe. In der That bewahrten die lebhaften Griechen der Umgegend, leicht empfänglich für alle äußeren Eindrücke, und erſtaunt über die eigenthümliche, majeſtätiſche Schön⸗ heit des Mannes, der ihre Sprache wie ein Eingeborener verſtand, der ſie oft in ihren kleinen Bekümmerniſſen aufrichtete, und deſſen Hand ſich nie bei ihren Bedürf⸗ niſſen verſchloß, noch lange nachdem er ihre Küſten ver⸗ laſſen hatte, ſein Andenken in dankbaren Ueberlieferungen, und zeigten noch die hohe Platane, unter der ſie ihn oft allein und nachdenklich, in der Hitze des Mittags hatten fitzen ſehen. Aber Zanoni hatte auch Aufenthaltsorte, die 93 den Blicken weniger offen dalagen, als der Schatten der Platane. Auf dieſer Inſel ſind die Erdharzquellen, von welchen Herodot erzählt. Oft ſah ihn bei Nacht der Mond wenigſtens aus den Myrten⸗ und Cyſtusgebüſchen her⸗ vortreten, welche die Hügel um den Sumpf bekleiden, der die Quellen mit dem entzündlichen Stoffe einſchloß, deſ⸗ ſen ſämmtliche mediciniſche Anwendungen, in der Wirk⸗ ſamkeit auf die Nerven des organiſchen Lebens, die neuere Wiſſenſchaft vielleicht noch nicht ergründet hat. Doch öfter noch verbrachte er ſeine Stunden in einer Höhle, auf dem einſamſten Theil der Küſte, wo die Stalaktiten beinahe wie von der Hand der Kunſt geordnet ſcheinen, die der Aberglaube der Bauern in wenigen alten Sagen in Verbindung ſetzt mit den zahlreichen und beinahe un⸗ aufhörlichen Erdbeben, welchen die Inſel ſo ganz beſon⸗ ders unterworfen iſt. Was immer die Beſtrebungen ſeyn mochten, welche ihn zu dieſen Wanderungen trieben und dieſe Orte bei ihm in Gunſt ſetzten: entweder ſtanden ſie in Verbindung mit— oder waren ſie ſonſt untergeordnet Einem herr⸗ ſchenden Hauptwunſch, den jeder neue Tag, verlebt in der ſüßen menſchlichen Geſellſchaft Viola's, beſtärkte und bekräftigte. Die Seene, von welcher Glyndon in ſeiner Ver⸗ zückung Augenzeuge geweſen, war der Wahrheit getreu. Und bald nach jener Nacht bekam Viola eine dämmernde Ahnung, daß ein Einfluß, ſie wußte nicht welcher Art, Macht über ihr glückliches Leben zu gewinnen rang. Ge⸗ ſichte, undeutlich aber ſchön, wie diejenigen, welche fie in ihren früheren Tagen gehabt hatte, aber beharrlicher und eindrucksvoller, begannen ihr bei Tag und Nacht vor⸗ zuſchweben, wenn Zanoni abweſend war; in ſeiner Gegen⸗ wart erblaßten ſte, und ſchienen weniger ſchön als dieſe. Zanoni befragte ſie lebhaft und genau über dieſe Heimſu⸗ chungen, ſchien aber nicht befriedigt und manchmal be⸗ troffen über ihre Antworten. „Sage mir nichts,“ ſagte er eines Tages,„von dieſen unzuſammenhängenden Bildern, dieſen Verſchlin⸗ gungen ſternheller Geſtalten in einem Chortanze, oder den köſtlichen Melodien, welche Dir der Muſik und Spra⸗ che der fernen Sphären anzugehören ſcheinen. Iſt nicht Eine Geſtalt Dir deutlicher und ſchöner erſchienen als die übrigen— hat nicht Eine Stimme mit Deiner Zunge geſprochen, und Dir von ſeltſamen Geheimniſſen und feier⸗ licher Wiſſenſchaft zugeflüſtert?“ „Nein; Alles iſt verworren in dieſen nächtlichen oder wachen Träumen; und wenn ich beim Laut Deiner Schritte zu mir ſelbſt komme, behält mein Gedächtniß nur einen unbeſtimmten Eindruck von Glück. Wie verſchieden— wie kalt gegen die Wonne, an Deinem Lächeln zu hän⸗ gen, und Deiner Stimme zu lauſchen, wenn ſie ſagt: Ich liebe Dich!“ „Aber wie kommt es denn, daß Geſichte, weniger ſchön als dieſe, Dir einſt ſo lockend erſchienen? Wie kommt es, daß ſie damals Deine Phantaſie erregten und Dein Herz erfüllten? Einſt ſehnteſt Du Dich nach einem 95 Feenland, und jetzt ſcheinſt Du mit dem gemeinen Leben zufrieden!“ „Hab' ich es Dir nicht zuvor ſchon erklärt? Iſt es denn das gemeine Leben, wenn man liebt, und mit dem Geliebten lebt? Mein wahres Feenland iſt gewon⸗ nen! ſprich mir von keinem Andern!“ Und ſo überraſchte ſie die Nacht an der einſamen Küſte; und Zanoni, weggelockt von ſeinen erhabeneren Abſichten, und ſich über dieß zärtliche Antlitz hinbeugend, vergaß, daß in der harmoniellen Unendlichkeit, die ſich ringsum ausdehnte, noch andere Welten ſeyen als Ein Menſchenherz! Neuntes Kapitel. Es gibt ein Prinzip der Seele, erhaben über alle Natur, durch welches wir im Stande ſind, über die Ordnung und die Syſteme der Welt hin⸗ auszugreifen. Wenn die Seele erhoben iſt zu Na⸗ turen, vorzüglicher als ſie ſelbſt, dann iſt ſie gänz⸗ lich getrennt von untergeordneten Naturen, dann vertauſcht ſie dieſes Leben mit einem andern, und die Ordnung der Dinge, mit welcher ſie verknüpft war, verlaſſend, verbindet und vermiſcht ſie ſich mit einer andern. Jamblichus. „Adon⸗Ai! Adon⸗Ai! erſcheine, erſcheine!“ Und in der einſamen Höhle, aus der einſt die Orakel eines heidniſchen Gottes erſchollen, bewegte ſich aus den . 96 Schatten phantaſtiſcher Felſen hervor eine leichte und rie⸗ ſenhafte Säule, glänzend und den Ort wechſelnd. Sie glich dem glänzenden aber nebligen Schaum und Giſcht, den ein Springbrunnen, von ferne geſehen, in einer ſternhellen Nacht emporzuſprudeln ſcheint. Der Glanz beleuchtete die Stalaktiten, die Felſen, die Bogen der Höhe, und goß ein blaſſes, zitterndes Licht über Zano⸗ ni's Züge. „Sohn des ewigen Lichtes,“ ſagte der Beſchwörer, „Du, zu deſſen Erkenntniß ich, Stufe um Stufe, Ge⸗ ſchlecht um Geſchlecht, endlich auf den weiten Ebenen Chaldäa's gelangte— Du, von dem ich ſo Viel über⸗ kommen von der unausſprechlichen Weisheit, welche zu erſchöpfen doch die Ewigkeit nicht hinreichte— Du, der mit mir gleich geſtimmt, ſo weit die Verſchiedenheit unſe⸗ res Weſens geſtattet, Jahrhunderte lang mein Freund und Vertrauter geweſen,— antworte und rathe mir!“ Aus der Säule trat jetzt eine Geſtalt von unſägli⸗ cher Herrlichkeit hervor. Ihr Angeſicht war das eines Mannes in der beſten Jugendkraft, aber feierlich ernſt, wie vom Bewußtſeyn der Ewigkeit und dem innern Frie⸗ den der Weisheit: Licht floß, wie Sternenſtrahlen, durch ſeine durchſichtigen Adern; aus Licht beſtanden die Glieder ſelbſt, und Licht ſchlängelte ſich in unaufhörlichem Glanze durch die Wellen ſeiner blendenden Haare. Mit über der Bruſt gefalteten Armen ſtand er wenige Schritte von Za⸗ noni entfernt, und ſeine Stimme flüſterte leiſe:„Einſt waren Dir meine Räthe ſüß; und einſt vermochte Nacht 97 für Nacht Deine Seele meinen Schwingen zu folgen durch den ungeſtörten Glanz der Unendlichkeit. Jetzt haſt Du Dich wieder an die Erde gebunden mit ihren ſtärkſten Ket⸗ ten, und die Anziehungskraft des Staubes iſt mächtiger als die Sympathien, welche zu Deinem Zauber den Be⸗ wohner der Sternſtrahlen und des Aethers herabzogen. Als das letzte Mal Deine Seele mir zuhörte, ſtörten ſchon die Sinne Deinen Geiſt und verdunkelten Deine Sehkraft. Noch einmal komme ich zu Dir; aber ſelbſt Deine Kraft, mich vor Dich zu fordern, erbleicht in Deinem Geiſte, wie der Sonnenſchein in der Welle, wenn die Winde die Wolke zwiſchen das Meer und den Himmel jagen.“ „Ach, Adon⸗Ai!“ verſetzte der Seher traurig,„ich kenne nur zu wohl die Bedingungen des Daſeyns, das ſonſt Deine Gegenwart zu beglücken pflegte. Ich weiß, daß unſere Weisheit nur entſpringt aus der Gleichgül⸗ tigkeit gegen die Dinge der Welt, welche die Weisheit be⸗ herrſcht. Der Spiegel der Seele kann nicht Himmel und Erde zugleich zurückſtrahlen; und Eins von Beiden ver⸗ ſchwindet von ſeiner Oberfläche, ſobald das Andere ſeiner Tiefe ſich einprägt. Aber nicht, um mich wieder einzu⸗ ſetzen in jene erhabene Abgezogenheit, worin der Geiſt, frei und körperlos, von einer Region zur andern empor⸗ ſteigt bis zu den Sphären, habe ich Dich noch einmal, mit der Mühe und Todesqual geſchwächter Macht, zu meiner Hülfe angerufen. Ich liebe; und in der Liebe fange ich an, in den ſüßen Menſchlichkeiten eines andern Weſens zu leben. Wenn auch noch weiſe in Allem, was 98 die mir drohenden Gefahren zu entwaffnen dient, oder auch diejenigen, welche Perſonen bevorſtehen, auf die ich von der ruhigen Höhe gleichgültigen Wiſſens herab⸗ zuſchauen vermag, bin ich doch blind wie der gewöhnlichſte Sterbliche in Betreff des Schickſals desjenigen Geſchöpfs, für das mein Herz in jener meinen Blick verdunkelnden Leidenſchaft ſchlägt!“ „Was thuts!“ antwortete Adon⸗Ai.„Deine Liebe kann doch nur ein Mißbrauch dieſes Namens ſeyn; Du kannſt nicht lieben wie Jene, welcher der Tod und das Grab harrt. Eine kurze Zeit!— wie ein Tag in Deinem nicht durch Zahlen zu erreichenden Leben, und die Geſtalt, für welche Du ſchwärmſt, iſt Staub! Andere von der nie⸗ dern Welt gehen Hand in Hand mit einander bis ans Grab; Hand in Hand ſteigen ſie von der Stätte der Würmer zu neuen Kreiſen des Daſeyns empor. Für dich ſind Jahrhunderte, für fie nur Stunden. Und für ſie und für dich— oh Armer, aber Mächtiger!— wird es für Euch dereinſt auch nur eine Verbindung geben? Welche Grade und Himmel des vergeiſtigten Daſeyns wird ihre Seele ſchon hinter ſich haben, wenn du, einſamer Nach⸗ zügler, von den Dünſten der Erde zu den Thoren des Lichts gelangſt?“ „Sohn des Sternenſtrahls, glaubſt du, dieſer Ge⸗ danke begleite mich nicht beſtändig? und ſiehſt du nicht, daß ich dich heraufbeſchworen habe, um mein Vorhaben anzuhören und mir dabei zu helfen? Lieſeſt du nicht in meiner Seele meinen Wunſch und Traum, ihr Weſen 99 zu der Art des meinigen zu erheben? Du, Adon⸗Ai, der du die himmliſche Wonne, die dein Leben ausmacht, in den Meeren des ewigen Glanzes badeſt, du kannſt nicht ahnen, außer durch die Sympathie der Erkenntniß, was ich, der Abkömmling von Sterblichen, fühle— ausge⸗ ſchloſſen ſchon von den Gegenſtänden des furchtbaren und erhabenen Ehrgeizes, die zuerſt meine über den Staub ſich erhebenden Wünſche beflügelten— wenn ich mich ge⸗ nöthigt ſehe, allein in dieſer niedrigen Welt zu ſtehen. Ich habe unter meinem Geſchlecht nach Genoſſen geſucht und umſonſt. Endlich habe ich eine Genoſſin gefunden. Der wilde Vogel und das wilde Thier haben die Ihrigen; und meine Herrſchaft über die boshaften Rotten des Schre⸗ ckens kann ihre Larven verſcheuchen von dem Pfade, der ſie hinauf führen ſoll, bis die Luft der Ewigkeit den Körper fähig macht des Elirirs, das den Tod beſiegt.“ „Und du haſt die Einweihung begonnen und es iſt dir mißlungen! Ich weiß es. Du haſt die ſchönſten Ge⸗ ſichte ihrem Schlummer herauf beſchworen; du haſt die lieblichſten Kinder der Luft angerufen, ihrer Verzückung Mufik vorzuflüſtern, und ihre Seele achtet ihrer nicht, und zur Erde zurückkehrend, entflieht ſie ihrem Einfluß. Blinder, warum? Kannſt du es nicht entdecken? Weil in ihrer Seele Alles Liebe iſt. Da iſt keine vermittelnde Leidenſchaft, mit welcher die Dinge, durch welche du ſie bezaubern wollteſt, Zuſammenhang und Verwandtſchaft hätten. Ihre Anziehungskraft geht nur auf die Wünſche und Begehrungen des intellektuellen Weſens. Was haben 100 ſie gemein mit der Leidenſchaft, die von der Erde iſt, und der Hoffnung, die geradezu nach dem Himmel geht?“ „Aber gibt es denn keine Vermittlung— kein Bin⸗ deglied— worin unſere Seelen, wie unſere Herzen, ver⸗ einigt ſeyn können, ſo daß die meinige Einfluß hätte auf die ihrige?“ „Frage mich nicht— du wirſt mich nicht verſtehen!“ „Ich beſchwöre dich! Rede!“ „Wenn zwei Seelen getrennt ſind, weißt du nicht, daß eine dritte, in welcher Beide ſich begegnen und leben, das Bindeglied zwiſchen ihnen iſt?“ „Ich verſtehe dich, Adon⸗Ai,“ ſagte Zanoni mit einem Strahl von mehr menſchlicher Freude in ſeinem Antlitz, als man je zuvor darauf geſehen;„und wenn mein Schickſal, das hierin meinem Auge dunkel iſt, mir das glückliche Loos der Riedrigen gewährt— wenn ich je ein Kind an meine Bruſt drücken und mein nennen darf!—“ „Und darum haſt du geſtrebt, Mehr als Menſch zu ſeyn, um am Ende nur Menſch zu ſeyn?“ „Nur ein Kind! eine zweite Viola!“ murmelte Za⸗ noni, kaum auf den Sohn des Lichtes achtend;„eine junge Seele friſch vom Himmel, die ich aufziehen kann vom erſten Augenblick an, wo ſie die Erde berührt— deren Schwingen ich üben kann, den meinigen zu folgen durch die Herrlichkeit der Schöpfung, und durch welche die Mutter ſelbſt über das Reich des Todes empor geführt werden kann!“ 101 „Hüte— beſinne dich! Weißt du nicht, daß dein ſchwärzeſter Feind im Reiche des Wirklichen haust? Deine Wünſche bringen dich immer näher der Menſchheit!“ „Ha, die Menſchheit iſt ſüß!“ antwortete Zanoni. Und wie der Seher ſo ſprach, zuckte ein ſtrahlendes Lächeln über Adon⸗Ai's Antlit. Zehntes Kapitel. Aeterna aeternus tribuit, mortalia confert Mortalis; divina Deus, peritura caducus. Aurel. Prud. Contr. Symmachum. Lib. II. Auszüge aus Zanoni's Briefen an Meinvur. Erſter Brieſ. Du haſt mir keine Nachrichten gegeben von den Fort⸗ ſchritten deines Lehrlings; und ich fürchte, ſo ganz an⸗ ders geſtalten die Verhältniſſe den Geiſt der Generationen, welche wir nunmehr erlebt haben, verglichen mit den ern⸗ ſteren und geſammelteren Kindern der früheren Welt, daß ſelbſt deine ſorgſamſte und fleißigſte Führung und Leitung ihres Zweckes verfehlen müßte, ſogar bei erhabeneren und reineren Naturen, als der des Neophyten, den du in deine Thore aufgenommen haſt. Selbſt jener dritte Zuſtand des Seyns, den der indiſche Weiſe* mit Recht annimmt * Die Brahminen ſagen von Brahm:„Für den Allwiſſenden ſind die drei Arten des Dafeyns, Schlaf, Wachen und Ver⸗ Bulwer's Romane. XCVIII. 8 102 zwiſchen dem Schlaf und dem Wachen, und ungenügend mit dem Namen„Verzückung“ bezeichnet, iſt den Kindern der nordiſchen Welt unbekannt; und faſt Alle würden ſich ſträuben, ihr ſich hinzugeben, indem ſie ihre bevölkerte Ruhe für die Maja, die Täuſchung des Geiſtes anſehen. Statt dieſen ätheriſchen Boden zu reifen und anzubauen, aus welchem die Natur, richtig erkannt, ſo reiche Früchte und ſo ſchöne Blumen hervorlocken kann, ſtreben ſie nur, ihn von ihrem Blick auszuſchließen; ſie achten dieß Rin⸗ gen des Geiſtes von der engen Menſchenwelt weg nach der unendlichen Heimath des Geiſtes, für eine Krankheit, welche der Arzt vertreiben muß mit Arzneien und Mirtu⸗ ren, und wiſſen nicht einmal, daß von dieſem Zuſtand ihres Daſeyns, in ſciner ganz unvollkommenen und kin⸗ diſchen Form, Poeſie, Muſik, Kunſt— Alles was einer Idee der Schönheit angehört, für welche weder Schla⸗ fen noch Wachen einen Urtypus gibt, noch damit wirk⸗ liche Aehnlichkeit hat— ihre unſterbliche Abkunft her⸗ leiten. Als wir, o Mejnour! in längſt vergangener Zeit ſelbſt Neophyten und begierige Jünger waren— da ge⸗ hörten wir einer Claſſe an, welcher die wirkliche Welt verſchloſſen und verriegelt war. Unſere Ahnen hatten kei⸗ nen anderen Zweck im Leben als Erkenntniß. Von der Wiege an waren wir beſtimmt und auferzogen zur Weis⸗ heit, als zu einem Prieſterthum. Wir fingen da mit un⸗ ſerer Forſchung an, wo die heutige Vermuthung ihre zückung, nicht vorhanden,“ womit deutlich genug die Verzü⸗ ckung als eine dritte, ebenbürtige Daſehnsweiſe anerkannt iſt. N 103 glaubensloſen Schwingen faltet. Und bei uns waren das die gemeinen Elemente des Wiſſens, was die Weiſen von Heute als tolle Chimären verachten, oder woran fie, als an unergründlichen Geheimniſſen, verzweifeln. Selbſt die Fundamentalprincipien, die großen und doch einfachen Theorien der Elektricität und des Magnetismus, liegen trüb und dunkel da unter den Zänkereien ihrer verblen⸗ deten Schulen; und doch auch in unſeren jungen Jahren — wie Wenige erreichten je auch nur den erſten Kreis der Brüderſchaft, und nachdem ſie mühſelig die angeſtrebten hohen Vorrechte genoſſen, verließen ſie freiwillig das Licht der Sonne, und ſanken ohne Widerſtreben ins Grab, wie Pilger in einer pfadloſen Wüſte, der ſchauerlichen Stille ihrer Einſamkeit erliegend, und entſetzt über den Mangel eines Zieles. Du, in welchem Nichts zu leben ſcheint, als der Wunſchzuwiſſen— du, der du, gleichgültig ob es zum Heil oder zum Weh führt, dich Jedem wid⸗ meſt, der den Pfad der geheimnißvollen Wiſſenſchaften betreten möchte, ein Buch in Menſchengeſtalt, fühllos gegen die Lehren, die es ertheilt,— du haſt immer noch Zuwachs für unſere Zahl geſucht, und ihn oft gefunden. Aber dieſen Jüngern wurden immer nur theilweiſe die Geheimniſſe gewährt; Eitelkeit und Leidenſchaft machte ſie der übrigen unfähig; und jetzt, ohne ein anderes In⸗ tereſſe als das eines Experiments in der Wiſſenſchaft, ohne Liebe, und ohne Mitleid, ſetzeſt du dieſe neue Seele dem Wagniß der entſetzlichen Probe aus! Du denkſt, ein ſo 8* 104 wißbegieriger Eifer, ein ſo rückſichtsloſer und unerſchrocke⸗ ner Muth könne zum Siege hinreichen, der einem gedie⸗ generen, härteren Geiſte und reinerer Tugend ſo oft ent⸗ ging! Du meinſt auch, der Keim der Kunſt, der in des Malers Gemüth liegt, da er in ſich ſchon ganz den Em⸗ bryo der Kraft und der Schönheit enthalte, könne wohl zu der prächtigen Blume der goldenen Wiſſenſchaft ſich ent⸗ falten. Es iſt für dich ein neues Experiment. Verfahre mild mit deinem Reophyten, und wenn ſeine Natur deine Hoffnungen auf den erſten Stufen des Proceſſes täuſcht, entlaß ihn wieder zum Wirklichen, ſo lange es noch Zeit iſt das kurze, äußerliche Leben zu genießen, das in den Sinnen wohnt, und das mit dem Grab zu Ende geht. Und wenn ich dich ſo ermahne, o Mejnour, wirſt du lächeln über meine unbeſtändigen Hoffnungen? Ich, der ich mich ſo beharrlich geweigert, Andere in unſere My⸗ ſterien einzuweihen, ich fange endlich an zu begreifen, warum das große Geſetz, das den Menſchen an ſeine Gat⸗ tung bindet, ſelbſt wenn er am meiſten ſtrebt, über ihren Zuſtand ſich zu erheben, deine kalte und blutloſe Wiſſen⸗ ſchaft zum Bindeglied zwiſchen dir und deinem Geſchlecht gemacht hat; warum du Lehrlinge und Convertiten geſucht haſt, warum du, nachdem du ein Leben nach dem andern freiwillig aus unſerem ſternhellen Orden ſinken ſaheſt, noch immer darnach trachteſt, die Entſchwundenen zu er⸗ neuen, die Verlorenen zu erſetzen— warum du unter deinen Berechnungen, raſtlos und nie ſtille ſtehend, wie die Räder der Natur ſelbſt, vor dem Gedanken zurück⸗ 105 bebſt, allein zu ſeyn! So geht es auch mir, endlich ſuche auch ich Convertiten— meines Gleichen— auch ich ſchaudere davor, allein zu ſeyn! Wovor du mich ge⸗ warnt haſt, das tritt ein. Die Liebe führt alle Dinge auf ſich zurück. Entweder muß ich zu der Natur der Geliebten herabgezogen, oder muß ihr Weſen zum meinigen erhöht werden. Wie Alles, was der ächten Kunſt angehoͤrt, immer nothwendig eine Anziehungskraft für uns gehabt hat, deren innerſtes Weſen in dem Idealen beſteht, wo⸗ her die Kunſt ſtammt, ſo habe ich in dieſem ſchönen Ge⸗ ſchöpf endlich das Geheimniß erkannt, das mich vom erſten Blick an ſie band. Die Tochter der Muſik wurde, indem die Muſik in ihr Weſen überging, Poeſie. Es war nicht die Bühne mit ihren hohlen Lügen, was ſie anzog,— es war das Land in ihrer eigenen Phantaſie, das die Bühne zu concentriren und darzuſtellen ſchien. Hier fand die Poeſie eine Stimme— hier erkämpfte ſie ſich eine unvoll⸗ kommene Geſtalt, und dann, als dieſer Boden ſich unge⸗ nügend zeigte, fiel ſie auf ſich ſelbſt zurück. Sie färbte ihre Gedanken, ſie durchglühte ihre Seele; ſie brauchte keine Worte, ſie erſchuf keine Weſen; ſie erzeugte nur Empfindungen und verſchwendete ſich an Träume. Endlich kam die Liebe; und da, wie ein Fluß ins Meer, ergoß ſie ihre raſtloſen Wellen, und wurde ſtumm, tief und ſtill — der ewige Spiegel des Himmels. Und kann ſie nicht mittelſt dieſer Poeſie, die in ihr liegt, in die große Poeſie des Weltalls eingeführt wer⸗ den? Oft höre ich ihrem ſorgloſen Geſchwätze zu, und 106 finde Orakel ſeiner unbewußten Schönheit, wie wir wun⸗ derbare Tugenden in einer einſam blühenden Blume finden. Ich ſehe ihren Geiſt unter meinen Augen reifen, und in ſeiner holden Fruchtbarkeit, welche ewig ſchwellende neue Gedanken! O Mefnour! wie Viele unſeres Geſchlechtes haben die Geſetze des Weltalls entwickelt, haben die Räthſel der äußern Natur gelöst— und das Licht aus der Finſterniß abgeleitet! Und iſt nicht der Dichter, der Nichts ſtudirt als das menſchliche Herz, ein größerer Philoſoph als ſie Alle? Wiſſenſchaft und Atheismus ſind unverträglich! Die Natur erkennen, heißt erkennen, daß ein Gott ſeyn muß! Aber braucht es das, um die Methode und die Architektur der Schöpfung zu erforſchen? Mich dünkt, wenn ich ein reines Gemüth anſchaue, wenn auch noch ſo unwiſſend und kindiſch, ich ſehe den erhabenen, körperloſen Einen klarer als in allen den ſichtbaren Welt⸗ kugeln, welche auf Sein Geheiß durch den Raum kreiſen. Mit Recht iſt es das Fundamentalgeſetz unſeres Or⸗ dens, daß wir unſere Geheimniſſe nur den Reinen mit⸗ theilen dürfen. Der ſchrecklichſte Theil der Prüfung liegt in den Verſuchungen, welche unſere Macht dem Verbre⸗ cher entgegenführt. Wenn es möglich wäre, daß ein übel⸗ wollendes Weſen unſere Kräfte erlangte, welche Unord⸗ nung könnte es in der Welt aurichten! Ein Glück, daß es nicht möglich iſt. Die Bosheit würde die Macht ent⸗ waffnen. Auf die Reinheit Viola's baue ich, wie du eitler auf den Muth oder Genius deiner Zöglinge gebaut haſt. Bezenge es mir, Mejnour! Nie ſeit dem längſt ver⸗ gangenen Tage, wo ich in das Geheimſte unſerer Weis⸗ heit eindrang, habe ich je ihre Geheimniſſe zu unwürdi⸗ gen Zwecken zu mißbrauchen geſucht; obwohl, leider, die Ausdehnung unſeres Daſeyns uns Vaterland und Hei⸗ math raubt; obwohl das Geſetz, das alle Wiſſenſchaft wie alle Kunſt, bedingt durch die Abgezogenheit von den lär⸗ menden Leidenſchaften und dem ſtürmiſchen Ehrgeiz des wirklichen Lebens, uns verbietet, Einfluß zu üben auf die Schickſale der Nationen, für welche der Himmel derbere und blindere Werkzeuge erwählt, habe ich doch, wohin immer mich meine Wanderungen geführt haben, Noth zu lindern, und von der Sünde zu bekehren geſucht. Meine Macht iſt nur dem Schuldigen feindſelig entgegengetreten; und doch mit all unſerer Einſicht und Weisheit, wie find wir bei jedem Schritte darauf beſchränkt, nur die gedul⸗ deten Werkzeuge der Macht zu ſeyn, welche uns die unſrige blos zugeſteht, um ſie zu lenken. Wie ſchrumpft all unſere Weisheit in Richts zuſammen, verglichen mit derjenigen, welche dem geringſten Kraut ſeine Tugenden verleiht, und den kleinſten Tropfen mit der für ihn paſſenden Welt be⸗ völkert! Und während uns zu Zeiten ein Einfluß auf das Glück Anderer geſtattet iſt, wie geheimnißvoll verdichten ſich die Schatten um unſer eigenes künftiges Geſchick! Können wir uns ſelbſt nicht Propheten ſeyn? Mit welcher zitternden Hoffnung hege ich den Gedanken, meiner Ein⸗ ſamkeit das Licht eines lebendigen Lächelns erhalten zu können! W 108 Auszüge aus dem zweiten Priefe. Mich ſelbſt nicht rein genug erachtend, um ein ſo reines Herz einzuweihen, rufe ich zu ihrer Verzückung jene holdeſten und zärtlichſten Bewohner der Lüfte an, welche der Ppeſie, die die Schöpfung inſtinktartig errathet, die Ideen der Sylphen und Glendoveer's an die Hand ge⸗ geben haben. Und ſelbſt dieſe waren minder rein, als ihre Gedanken, und minder zärtlich als ihre Liebe! Sie könnten ſich nicht über ihr menſchliches Herz erheben, denn dieſes hat ſchon ſeinen Himmel in ſich.. Ich habe ſie ſo eben im Schlafe betrachtet!— ich habe ſie meinen Namen hauchen gehört. Ach! was Andern ſo ſüß iſt, hat für mich ſeine Bitterkeit; denn ich denke, wie bald die Zeit kommen kann, wo dieſer Schlaf ohne einen Traum ſeyn— wo das Herz, das dieſen Namen ausſprechen heißt, kalt ſeyn wird, und die Lippen, die ihn ausſprechen, ſtumm. Welche doppelte Geſtalt hat doch die Liebe! Wenn wir ſie nur in ihrem groben Weſen unter⸗ ſuchen— wenn wir nur ihre fleiſchlichen Bande anſehen — ihre augenblicklichen Genüſſe— ihr ſtürmiſches Fieber und ihre ſtumpfe Erſchlaffung— wie ſonderbar ſcheint es dann, daß dieſe Leidenſchaft das höchſte und letzte Trieb⸗ rad der Welt ſeyn ſoll— daß ſie es iſt, die die größten Opfer eingegeben, und auf Geſellſchaften und alle Zeiten gewirkt hat, daß ihr der erhabenſte und liebenswürdigſte Genius jederzeit ſeine Huldigung gewidmet hat;— daß k 1. 109 es ohne Liebe keine Civiliſation, keine Muſik, keine Poeſie, keine Schönheit, kein anderes als ein thieriſches Leben gäbe. Aber man betrachte ſie in ihrer himmliſcheren Geſtalt — in ihrer gänzlichen Selbſtverläugnung— in ihrem innigen Zuſammenhang mit Allem, was nur zart und edel am Geiſte iſt— ihrer Macht über alles Schmutzige des Daſeyns— ihrer Herrſchaft über die Götzen eines niedrigeren Cultus— ihrer Macht, einen Palaſt aus der Hütte, eine Oaſe in der Wüſte, im Eisland einen Som⸗ mer zu ſchaffen, wo ſie athmet, befruchtet und glühen macht: und das Wunderbare wird vielmehr das, daß ſie ſo Wenige in ihrem heiligſten Weſen erſchauen. Was die Sinnenmenſchen ihre Genüſſe nennen, ſind die gering⸗ ſten ihrer Freuden. Wahre Liebe iſt weniger eine Lei⸗ denſchaft, als ein Symbol. Mejnour, wird die Zeit kom⸗ men, wo ich Dir von Viola ſprechen kann als von einem Geſchopf, das geweſen?. Auszug aus dem dritten Prieſe. Weißt Du wohl, daß ich mich in neueſten Zeiten manchmal gefragt habe: Iſt keine Schuld in einer Er⸗ kenntniß, die uns ſo von unſerer Gattung geſchieden hat? Es iſt wahr, je höher wir ſteigen, um ſo haſſenswerther erſcheinen uns die Laſter der kurzlebenden Bewohner des Staubes; um ſo mehr durchdringt und durchglüht uns das Gefühl der Güte des Allguten, um ſo unmittelbarer ſcheint unſer Glück von Ihm auszuſtrömen. Aber ande⸗ 110 rerſeits, wie viele Tugenden nigen, die in einer Welt des Todes leben und ſich weigern zu ſterben! J icht dieſer müſſen todt liegen, in Denje⸗ keit, dieſe unabhängige, in ſich ſelbſt verſunkene Majeſtät des Daſeyns eine Verzichtleiſtung auf jenen Edelmuth, der unſer Wohl, unſere Freuden, unſere Hoffnungen und Be⸗ fürchtungen unauflöslich mit denen Anderer verſchmilzt? Leben ohne Furcht vor Feinden, ungeſchwächt durch Kranf⸗ heit, ſicher bei den Sorgen und frei von den Krankheiten des Fleiſches— das iſt ein Schauſpiel, das unſern Stolz lockt. Und doch— bewunderſt Du nicht den mehr, der für einen Andern ſtirbt? Seit ich ſie liebe, Mejnour, ſcheint es mir beinahe Feigheit, ſich dem Grabe zu entziehen, welches die Herzen verſchlingt, die uns in ihren innerſten Falten trugen. Ich fühle es— die Erde überwältigt meinen Geiſt— du hatteſt Recht; ewiges, heiteres, lei⸗ denſchaftloſes Alter iſt ein glückſeligeres Gut, als ewige Jugend, mit ihren Wünſchen und Begehrungen. Bis da⸗ hin, wo wir ganz Geiſt ſeyn können, muß die Ruhe der Einſamkeit— Gleichgültigkeit ſeyn.. Auszüge aus dem vierten Brieſe. Ich habe deine Mitt ſo? Hat dein Zögling dei armer Zögling. Aber— heilungen erhalten. Ha! iſt es ne Hoffnungen getäuſcht? Ach, ihr ger ler — 1 — — — c 11¹ (Hier folgen Betrachtungen über die Ereigniſſe in Glyndons Leben, die dem Leſer ſchon bekannt ſind, oder ihm ſofort erzählt werden ſollen, mit ernſten Beſchwörun⸗ gen an Mejnour, dennoch über das Schickſal ſeines Schü⸗ lers zu wachen.).. Aber ich hege denſelben Wunſch mit wärmerem Herzen. Mein Zögling! wie die Schreckniſſe, welche ſich um deine Prüfung drängen müſſen, mich warnen⸗, den Verſuch nicht zu wagen Noch einmal will ich den Sohn des Lichts auf⸗ ſuchen.. Ja, Adon⸗Ai, lang meinem Rufe taub, hat ſich end⸗ lich dazu verſtanden, meinem Auge zu erſcheinen und die Herrlichkeit ſeiner Gegenwart in der Geſtalt der Hoffnung mir zurückgelaſſen. Oh! nicht unmöglich, Viola! nicht unmöglich, daß wir noch, Seele mit Seele, vereinigt werden! Auszug aus dem ſünften Priefe. (Viele Monate nach dem Vorigen.) Mejnour! erwache aus Deiner Fühlloſigkeit— freue Dich! Eine neue Seele wird der Welt geboren werden! Eine neue Seele, die michVater nennen wird! Ha, wenn ſie, für welche alle Beſchäftigungen und Hülfsquellen des menſchlichen Lebens vorhanden ſind— wenn ſie vor köſt⸗ licher, wonnevoller Rührung beben bei dem Gedanken, ihre eigne Kindheit wieder im Antlitz ihrer Kinder zu begrüßen— wenn durch dieſe Geburt ſie ſelbſt wiederge⸗ boren werden in die heilige Unſchuld, welche der erſte Zu⸗ ſtand des Daſeyns iſt— wenn ſie zu fühlen vermögen, daß dem Menſchen beinahe die Pflicht eines Engels zufällt, wenn er ein Leben von der Wiege an zu leiten, eine Seele für den Himmel zu erziehen bekommt— welches Entzücken muß es für mich ſeyn, einen Erben all der Gaben zu bewillkommnen, die ſich verdoppeln, indem man ſie theilt. Wie ſüß das Vermögen zu bewachen und zu behüten— Erkenntniß einzuflößen, Uebel abzuwen⸗ den, den Bach eines Lebens in einen reichern, breitern und tiefern Strom zurückzuführen, zum Paradieſe von wannen er fließt! Und an dieſem Bache ſollen unſere Seelen ſich begegnen, holde Mutter! Unſer Kind ſoll die Sympathie ergänzen, die uns noch fehlt; und welche Geſtalt ſollte Dich heimſuchen, welches Schreckniß Dich entmuthigen, wenn Deine Einwethung geſchieht neben der Wiege Deines Kindes! m 113 Elftes Kapitel. So wird die Zeit vertrieben und verträumt, Bis ſich die Wuth des Sturms begann zu legen; Doch haben ſie den vor'gen Pfad verſäumt, Wie ſie zurück ſich wähnen zu bewegen, Und wandern hin und her auf unbekannten Wegen. Spenſer. Feenkönigin I. 1, 10. Ja, Viola, Du biſt ein anderes Weſen, als wie Du an der Schwelle Deines Hauſes in Italien Deinen dämmernden Phantaſien durch das Schattenland folgteſt, oder als Du vergebens Stimme zu leihen ſuchteſt einer idealen Schönheit auf den Brettern, wo die ſceniſche Täu⸗ ſchung Himmel und Erde eine Stunde lang darſtellt, bis der ermüdete Sinn, erwachend, nur noch die Flitter und die Maſchinerie der Couliſſen ſieht. Dein Geiſt ruht in ſeinem eignen Glück. Seine Wanderungen haben ein Ziel gefunden. In einem Augenblick iſt da oft das Bewußt⸗ ſeyn der Ewigkeit enthalten; denn, wenn innig glücklich, wiſſen wir, daß es unmöglich iſt zu ſterben. Wenn immer die Seele ſich ſelbſt fühlt, ſo fühlt ſie ewiges Leben! Die Einweihung iſt verſchoben— Deine Tage und Nächte ſind mit keinen andern Geſichten beſchäftigt, als mit ſol⸗ chen, womit ein zufriedenes Herz eine harmloſe Phan⸗ taſie erfreut. Glendoveers und Sylphen, verzeiht, wenn ich den Zweifel wage, ob dieſe Viſionen nicht lieblicher ſind als ſelbſt Ihr! Wir ſtehen am Ufer und ſehen die Sonne ins Meer 114 ſinken. Wie lange weilen ſie jetzt ſchon auf dieſer Inſel?. Einerlei!— es mögen Monate, oder Jahre ſeyn— was liegt daran? Warum ſollte ich, oder ſollten ſie Rech⸗ nung führen über dieſe glückliche Zeit? Wie im Traum eines Augenblickes Menſchenalter zu verſtreichen ſcheinen, ſo müſſen wir Entzücken oder Leid meſſen nach der Länge des Traumes, oder nach der Zahl der Gefühle und Ge⸗ müthsbewegungen, die der Traum in ſich ſchließt! Die Sonne ſinkt langſam hinunter; die Luft iſt trocken und ſchwül; auf der See liegt das ſtattliche Schiff regungslos; auf der Küſte bewegt ſich kein Blatt auf den Bäumen. Viola drängte ſich näher an deti ein Vorgefühl, das ſie nicht beſchreiben konnte, machte ihr Herz raſcher ſchlagen; und als ſie ihm ins Geſicht ſah, war ſie betroffen über deſſen Ausdruck, welcher ängſtlich, zerſtreut, verſtört war. „Dieſe Stelle ängſtigt mich,“ flüſterte ſie. Zanoni ſchien ſie nicht zu hören. Er murmelte vor ſich hin, und ſeine Angen ſahen ſich unruhig nach allen Seiten um. Sie wufßte nicht warum, aber dieſer Blick, der ſich in den leeren Raum einzubohren ſchien, dieſe in einer fremden Sprache murmelnde Stimme belebten dun⸗ kel wieder ihren früheren Aberglauben. Sie war furcht⸗ ſamer ſeit dem Tage, da ſie wußte, daß ſie Mutter wer⸗ den ſollte. Wunderbare Kriſe im Leben des Weibes und in ihrer Liebe! Ein noch Ungebornes fängt ſchon an ihr ſel? ech⸗ um en, nge Be⸗ iſt hiff en hl⸗ er en or 11⁵ Herz zu theilen mit dem, der zuvor ſein einziger Koͤnig geweſen! „Sieh mich an, Zanoni,“ ſagte ſie, ſeine Hand drückend. Er wandte ſich zu ihr—„Du biſt blaß, Viola; Deine Hand zittert!“ „Es iſt wahr. Mir iſt zu Muth, als ſchliche ein Feind in unſere Nähe.“ „Und dieſer Inſtinkt täuſcht Dich nicht. Ein Feind iſt wirklich in der Nähe, ich ſehe ihn durch die ſchwere Luft; ich höre ihn in dieſer Stille— den Geiſterhaften⸗ den Verwüſter— die Peſt! Ach, ſiehſt Du, wie die Blät⸗ ter von Inſekten wimmeln, die nur dem angeſtrengten Auge ſichtbar ſind? Sie folgen dem Hauche der Peſt!“ Wie er ſprach, ſiel ein Vogel von den Zweigen zu Viola's Füßen nieder; er flatterte, er zuckte einen Augenblick; und war todt. „Oh! Viola!“ rief Zanoni leidenſchaftlich,„das iſt der Tod. Fürchteſt Du nicht zu ſterben?“ „Dich zu verlaſſen? Ach, ja!“ „Und wenn ich Dich lehren könnte, wie man dem Tode trotzen kann— wenn ich für Deine Jugend den Lauf der Zeit aufhalten könnte— wenn ich im Stande wäre—“ Er hielt plötzlich inne, denn Viola's Auge verrieth nur Schrecken; ihre Wangen und ihr Mund waren blaß. „Sprich nicht ſo— ſchau nicht ſo drein,“ ſagte ſie, vor ihm zurückbebend.„Du erſchreckſt mich! Ach, ſprich 116 nicht ſo, ſonſt muß ich zittern— nein, 46 um meinet⸗ 2 aber um Deines Kindes willen.“ „Deines Kindes willen. Aber würdeſt Du für Dein Kind eben dieſe herrliche Gabe verſchmähen?“ „Zanoni!“ „Nun?“ „Die Sonne iſt unſern Augen niedergehend ent⸗ f ſchwunden, nur um den Augen Anderer aufzugehen. Aus dieſer Welt verſchwinden, heißt in der Welt über uns leben. O Geliebter! oh, mein Gatte!“ fuhr ſie fort mit plötz⸗ licher Energie,„ſage mir, Du habeſt bloß geſcherzt, nur mit meiner Thorheit getändelt! In der Peſt liegt mir weniger Entſetzliches, als in Deinen Worten!“ Zanoni's Stirne verfinſterte ſich; er ſah ſie einige Augenblick ſchweigend an, und ſagte dann, beinahe ſtreng und rauh: „Was haſt Du von mir erfahren, daß Du mir miß⸗ trauſt?“ „Oh! Verzeihung, Verzeihung!— Nichts!“ rief ſ Viola, ſich an ſeine Bruſt werfend und in Thränen aus⸗ brechend.„Ich will ſogar Deinen eigenen Worten nicht glauben, wenn ſie Dir zu nahe zu treten ſcheinen!“ Er. küßte die Thränen von ihren Augen, antwortete aber Nichts. „Und— ach!“ begann ſie wieder mit einem bezau⸗ bernden, kindlichen Lächeln,„wenn Du mir einen Talis⸗ man gegen die Peſt geben willſt, ſiehe, ich will ihn von —„.— ——„—+————— inet⸗ Dein ent⸗ Aus ben. lötz⸗ mir nige eng niß⸗ rief us⸗ ich Er ber au⸗ lis⸗ von 117 Dir annehmen.“ Und ſie legte ihre Hand auf ein kleines, antikes Amulet, das er auf der Bruſt trug. „Du weißt, wie oft dieſes mich eiferſüchtig gemacht hat auf die Vergangenheit; gewiß eine Liebesgabe, Za⸗ noni? Aber nein, Du haſt die Geberin nicht ſo geliebt, wie Du mich liebſt! Soll ich Dein Amulet ſtehlen?“ „Kind!“ ſagte Zanoni zärtlich;„ſie, die dieß um meinen Hals band, hielt es in der That für einen Talis⸗ man, denn ſie war abergläubiſch, wie Du, aber für mich iſt es mehr als der höchſte Zauber,— es iſt eine Reliquie einer ſüßen entſchwundenen Zeit, wo kein Herz, das mich liebte, mir mißtrauen konnte.“ Er ſagte dieſe Worte in einem ſolchen Tone melan⸗ choliſchen Vorwurfs, daß er Viola ins Herz ſchnitt; aber der Ton nahm dann eine Feierlichkeit an, welche die Auf⸗ wallung ihrer Gefühle erkältend zurücktrieb, als er fort⸗ fuhr:„Und dieß, Viola, werde ich vielleicht eines Tages von meiner Bruſt auf die Deinige übertragen; ſobald Du mich beſſer verſtehen wirſt— ſobald die Geſetze un⸗ ſeres Daſeyns dieſelben ſeyn werden!“ Er brach leiſe auf. Sie kehrten langſam nach Hauſe zurück; aber noch war das Herz Viola's voll Angſt, ob⸗ wohl ſie ſie abzuſchütteln ſuchte. Sie war Italienerin und Katholikin— mit all den abergläubiſchen Meinungen des Landes und der Confeſſion. Sie ſchlich ſich in ihr Ge⸗ mach und betete vor einer kleinen Reliquie des San Gennaro, welche ihr der Prieſter ihres Hauſes als Kind Bulwer's Romane. XCVIII. 9 118 gegeben und die ſie auf allen ihren Wanderungen beglei⸗ tet hatte. Sie hatte früher es nie für möglich gehalten, ſich davon zu trennen. Jetzt aber, wenn es ein Talisman gegen die Peſt war,— fürchtete ſie die Peſt für ſich ſelbſt? Am nächſten Morgen beim Erwachen fand Zanoni die Reliquie des Heiligen neben ſeinem myſtiſchen Amu⸗ let an ſeinem Halſe hängen. „Ha! jetzt wirſt Du nichts von der Peſt zu fürchten haben,“ ſagte Viola, halb lächelnd, halb in Thränen; „und wenn Du wieder ſo zu mir ſprechen wollteſt, wie geſtern Nacht, wird der Heilige es Dir verwehren.“ Nun, Zanoni! kann es je eine wirkliche Gemein⸗ ſchaft des Gedankens und des Geiſtes geben, auſſer unter Gleichen und Ebenbürtigen? Ja, die Peſt brach aus— der Sitz auf der Inſel mußte verlaſſen werden. Mächtiger Seher, Du haſt nicht die Macht, die zu retten, die Du liebſt! Fahre wohl, Du bräutliches Dach!— ſüße Freiſtatt ohne Sorgen, lebe wohl! Ebenſo milde Climate mögen Euch begrüßen, Ihr Liebenden— ein eben ſo heiterer Himmel, Waſſer ebenſo blau und ruhig. Aber dieſe Zeit— kann ſie wiederkehren? Wer will behaupten, das Herz ändere ſich nicht mit der Scene— dem Platz, wo wir zuerſt mit dem Gegenſtand unſerer Liebe weilten? Jeder Punkt hier hat ſo viele Erinnerungen, welche der Ort allein ins Gedächtniß zurückrufen kann. Die Ver⸗ gangenheit, die ihn umſchwebt, ſcheint ſolche Beſtändig⸗ keit für die Zukunft zur Pflicht zu machen! Wenn ein ——— — W— 119 minder freundliches, minder zutrauensvolles Gefühl uns beſchleichen will, verſetzt uns der Anblick eines Baumes, unter welchem ein Gelübde ausgetauſcht, eine Thräne weggeküßt worden, wieder in die Stunden der erſten, gött⸗ lichen Entzückung zurück. Aber in einer Heimath, wo Nichts uns von den erſten Wonnen der Ehe ſpricht, wo keine Beredſamkeit der Erinnerungen uns anweht, wo keine heilige Grabesſtätten der Rührungen ſind, deren Geiſter Engeln gleichen!— ja, Wer, der die traurige Geſchichte der Liebe und Zärtlichkeit durch gelebt hat, wird uns be⸗ haupten wollen, das Herz verändere ſich nicht mit der Scene? Weht friſch, ihr günſtigen Winde! ſchwellt fröh⸗ lich, ihr Segel! Weg vom Lande, wo der Tod eingebrochen iſt, das Scepter der Liebe zu entreißen! Die Küſten glei⸗ ten vorüber; neue Ufer folgen auf die grünen Hügel und die Orangenhaine der Brautinſel. Von ferne ſchimmern jetzt im Mondſchein die noch ſtehenden Säulen eines Tem⸗ pels, welchen die Athener der Weisheit weihten; und auf dem Schiffe ſtehend, das in dem friſchen Winde da⸗ hintanzte, murmelte der Prieſter, der die Gottheit überlebt hatte, vor ſich hin: „Hat die Weisheit von Jahrhunderten mir keine glücklicheren Stunden gebracht, als wie ſie auch dem Schäfer und dem Hirten zu Theil werden, die keine Welt kennen außer ihrem Dorfe— keinen höhern Wunſch, als den Kuß und das Lächeln der Heimath?“ Und der Mond, gleichmäßig ſein Licht ergießend 120 über die Tempeltrümmer des entſchwundenen Glaubens — über die Hütte des lebenden Bauern— über den ſeit WMenſchengedenken ragenden Berggipfel, und die vergäng⸗ lichen Pflanzen, die ſeinen Abhang bekleiden, ſchien in verachtender Ruhe ſeine Antwort zuzulächeln dem Ge⸗ ſchöpfe, das vielleicht den Tempel hatte erbauen ſehen, und das in ſeinem unerforſchlichen Daſeyn, vielleicht noch den Berg von ſeinen Grundfeſten ſich loßreißen ſehen ſollte. C. L. Bulwers k e. —— der Aus dem Engliſchen. Mennnndneunzigſtes Vändchen. . Zanoni. Fünftes Bändchen. —————— Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1842. Zanoni. (E. Ein Roman von dem Verfaſſer von„Nacht und Morgen,“„Rienzi,“ „Ernſt Maltravers,“„Alice“ u. a. Aus dem Engliſchen von Guſt av Pfizer. In ſechs Bändchen. Fünftes Bändchen. Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1842. —— Fünftes Puch. — Die Wirkungen des Elixirs. Frommt's, den Schleier aufzuheben, Wo das nahe Schpeckniß droht? Nur der Irrthum iſt das Leben, Und das Wiſſen iſt der Tod. Schiller. Caſſandra. Erſtes Kapitel. Seelen ach! meiner Was ſtehſt Du ſo und vic erſtaunt hinauss Fauſt. Man wird ſich erinnern, daß wir Meiſter Paolo an Glyndons Bett verlaſſen haben! und als der Seele des Engländers, erwacht aus ſeinem tiefen Schlummer, die Erinnerungen an die vergangene Nacht fürchterlich wieder auftauchten, ſtieß er einen Schrei aus, und bedeckte ſich mit den Händen das Geſicht. „Guten Morgen, Eccellenza,“ ſagte Paolo munter. „Corpo di Bacco, Ihr habt geſund geſchlafen!“ Der Ton von dieſes Mannes Stimme, ſo luſtig, hell und geſund, diente das Phantom zu verſcheuchen, welches noch Glyndon in der Erinnerung ängſtigte. Er richtete ſich in ſeinem Bette auf.„Und wo habt Ihr mich gefunden? Warum ſeyd Ihr hier?“ „Wo ich Euch gefunden?“ wiederholte Paolo er⸗ ſtaunt;„in Eurem Bette, ganz gewiß. Warum ich hier 8 bin? Weil der Padrone mich Euer Erwachen abwarten, und Eure Befehle vollziehen hieß.“ „Der Padrone! Mejnour! Iſt er angekommen?“ „Angekommen und wieder abgereist, Signor. Er hat dieſen Brief für Euch zurückgelaſſen.“ „Gebt ihn mir, und wartet draußen, bis ich ange⸗ kleidet bin.“ „Zu Euren Dienſten. Ich habe ein herrliches Früh⸗ ſtück beſtellt; Ihr müßt hungrig ſeyn. Ich bin ein ziem⸗ lich guter Koch; eines Mönchs Sohn muß das ſeyn! Ihr werdet ſtaunen über mein Genie, einen Fiſch zuzu⸗ richten. Mein Singen, hoffe ich, wird Euch nicht ſtören. Ich ſinge immer, wahrend ich Salat anmache; es bringt die verſchiedenen Beſtandtheile in Einklang.“ Und ſeinen Katabiner über die Schulter werfend, ſchlenderte Paolo zum Zimmer hinaus und machte die Thüre zu. Glyndon war ſchon ganz verſunken in den Inhalt folgenden Briefes: „Als ich Dich zuerſt zum Zögling annahm, verſprach ich Zanoni, falls mich Deine erſten Proben überzeugten, daß Du ſtatt die Zahl unſeres Ordens, nur das Verzeich⸗ niß der Opfer vermehren würdeſt, welche vergebens nach der Aufnahme in ihn trachteten, ich Dich nicht zu Deinem eigenen Elend und Verderben weiter führen, ſondern Dich wieder in die Welt zurück entlaſſen wolle. Ich erfülle mein Verſprechen. Deine Prüfung war die leichteſte, die je ein Neophyte beſtand. Ich verlangte Nichts als Ent⸗ haltſamkeit im Sinnlichen, und eine kurze Bewährung en, 9 Deiner Geduld und Deines Glaubens. Geh zurück in Deine Welt! Du haſt nicht die Natur, um nach der unſrigen zu ſtreben!“ „Ich war es, der Paolo anwies, Dich bei dem Feſte zu empfangen; ich, der den alten Bettler veranlaßte, Al⸗ moſen von Dir zu betteln. Ich ließ das Buch aufgeſchla⸗ gen zurück, in welchem Du nicht leſen konnteſt, ohne meine Gebote zu verletzen. Nun, Du haſt geſehen, was Dich an der Schwelle der Erkenntniß erwartet. Du haſt dem erſten Feind ins Angeſicht geſchaut, der den bedroht, den die Sinne noch anziehen und feſſeln. Wunderſt Du Dich, wenn ich Dir die Thore für immer ſchließe? Begreifſt Du nicht endlich, daß es einer Seele bedarf, gemäßigt und gereinigt und erhaben, nicht durch äußere Zauber⸗ mittel, ſondern durch ihren eigenen Adel und Kraft, um die Schwelle überſchreiten, und den Feind verachten zu können. Elender! alle meine Wiſſenſchaft nützt dem Unbe⸗ ſonnenen, dem Sinnlichen, dem der unſere Geheimniſſe ſich wünſcht, nur um ſie zu grobem Genuſſe und ſelbſt⸗ ſüchtigem Laſter entweihend zu mißbrauchen, Nichts! Wie ſind die Betrüger und Jauberer früherer Zeiten unterge⸗ gangen eben durch ihre Verſuche, in die Myſterien einzu⸗ dringen, welche reinigen und nicht herabwürdigen ſollen! Sie haben ſich des Steins der Weiſen gerühmt, und find in Lumpen geſtorben; des Elirirs der Unſterblichkeit— und ſind, vor der Zeit grau, ins Grab geſunken. Die Sagen erzählen, daß der böſe Feind ſie in Stuͤcke geriſſen habe. Ja, der böſe Feind ihrer eigenen unheiligen Wünſche 10 und verbrecheriſchen Anſchläge! Nach was ſie gelüſtete, gelüſtete auch Dich; und wenn Du die Flügel eines Se⸗ raphs hätteſt, Du könnteſt nicht über den Schlamm Dei⸗ ner Sterblichkeit Dich emporheben. Dein Verlangen nach Erkenntniß— Nichts als muthwilliger Vorwitz! Dein Durſt nach Glückſeligkeit— nur das krankhafte Verlangen nach den unſauberen, ſchmutzigen Waſſern körperlichen Wohllebens; ſelbſt Deine Liebe, die doch gewöhnlich auch den Niedrigen erhebt, eine Leidenſchaft, die ſchon in der erſten Glut der gierigen Luſt auf Verrath finnt!— Du, Einer der Unſrigen? Du, ein Bruder des hehren Ordens? Du ein Jünger, nach den Sternen trachtend, welche in der Schemaja der chaldäiſchen Lehre glänzen. Der Abler kann nur das Adlerjunge zum Sonnenflug heranziehen. Ich überlaſſe Dich Deiner Dämmerung! „Aber zum Unglück für Dich, Ungehorſamer und Profaner! haſt Du das Elixir eingeathmet; Du haſt in Deine Nähe einen geſpenſtiſchen, mitleidsloſen Feind an⸗ gezogen. Du ſelbſt mußt das Phantom vertreiben, das Du heraufbeſchworen. Du mußt in die Welt zurückkehren; aber nicht ohne Strafe und große Anſtrengung kannſt Du wieder die Ruhe und Freude des Lebens gewinnen, das Du verlaſſen hatteſt. Zu Deinem Troſte will ich Dir dieß ſagen: Wer auch nur ſo Wenig von der flüchtigen, lebens⸗ kräftigen, ätheriſchen Eſſenz in ſeinen Körper eingeſogen hat, wie Du, hat Kräfte in ſich erweckt, die nicht mehr ſchlafen können, Kräfte, die noch bei demüthiger Geduld, bei geſundem Glauben, und bei einem Muthe, der nicht 1¹ phyſiſch iſt, wie der Deinige, ſondern dem entſchloſſenen und tugendhaften Geiſt eignet, wo nicht die Erkenntniß, die droben herrſcht, ſo doch hohe Auszeichnung auf der Laufbahn der Menſchen erreichen. Du wirſt jenen raſt⸗ loſen Einfluß ſpüren, in Allem, was Du unternehmen magſt. Dein Herz wird, unter gemeinen Freuden, nach etwas Heiligerem verlangen; Dein Ehrgeiz, unter grö⸗ berer Aufregung, nach etwas Unerreichbarem trachten. Aber wähne nicht, daß dieß allein ſchon zum Ruhme genügen werde. Eben ſo gut kann Dich dieſer Trieb zu Schaam und Schuld führen. Es iſt nur eine unvollkom⸗ mene, neugeborene Thatkraft, die Dich nicht wird ruhen laſſen. Je nachdem Du ſie lenkſt und beherrſchſt, mußt Du ſie für einen Ausfluß Deines guten oder Deines böſen Ge⸗ nius halten!“ „Aber wehe Dir, Inſekt, das Du Dich in den Ma⸗ ſchen des Netzes mit Gliedern und Flügeln gefangen und verwickelt haſt! Du haſt nicht blos das Elirir eingeath⸗ met, Du haſt das Geſpenſt heraufbeſchworen; unter allen Geſchlechtern des weiten Raumes iſt kein Feind ſo bos⸗ haft geſinnt gegen den Menſchen— und Du haſt den Schleier von Deinem Auge gelüftet. Ich kann Dir die glückliche Blindheit Deines Geſichts nicht wieder geben. Wiſſe wenigſtens, daß wir Alle, ſelbſt die Höchſten und die Weiſeſten— die in nüchterner Wahrheit die Schwelle überſchritten, zur erſten furchtbaren Aufgabe hatten, ihre grauenvolle, entſetzliche Hüterin zu bemeiſtern und zu bezwingen. Wiſſe, daß Du Dich befreien kannſt von die⸗ 12 ſen fahlgelben Augen— wiſſe, daß ſie Dir Nichts zu Leide thun, wenn auch Dich verfolgen können, falls Du den Gedanken widerſtehſt, zu welchen ſie Dich verſuchen, und dem Entſetzen, womit ſie Dich erfüllen. Fürchte ſie am meiſten, wenn Du ſie nicht ſiehſt! Und ſo, Sohn des Wurmes, ſcheiden wir! Alles, was ich Dir ſagen kann, Dich zu ermuthigen, aber zugleich, Dich zu warnen und zu leiten, habe ich Dir in dieſen Zeilen ge⸗ ſagt. Nicht von mir, von Dir ſelbſt iſt die düſtere Prü⸗ fung gekommen, aus der Du, ſo hoffe ich noch, Dich zum Frieden emporarbeiten wirſt. Ein Typus der Erkenntniß, der ich diene, vorenthalte ich dem Jünger voll reinen Strebens keine Lehre; dem gewohnlichen Suchenden bin ich ein dunkles Räthſel. Da des Menſchen einziger un⸗ zerſtörbarer Beſitz ſein Gedächtniß iſt, ſo liegt es nicht im Bereich meiner Kunſt, in Stoff zu zerbroͤckeln die ſtoff⸗ loſen Gedanken, die in Deiner Bruſt erwachſen ſind. Der Lehrling könnte wohl dieß Schloß in Staub zermalmen, und den Berg in die Ebene herabſtürzen. Der Meiſter ſelbſt hat nicht die Macht zu ſagen;„Höre auf zu exiſti⸗ ren!“ zu Einem Gedanken, den ſein Wiſſen eingeflößt hat. Du kannſt den Gedanken in neue Formen gießen; Du kannſt ihn verdünnen und ſublimiren zu feinerem Geiſt; aber Du kannſt nicht vernichten, was keine andere Heimath hat als im Gedächtniß— keine andere Weſenheit hat, als die Idee. Jeder Gedanke iſt eine Seele! Umſonſt wäre es daher, wollte ich oder wollteſt Du das Vergan⸗ gene ungeſchehen machen, oder Dir die frohe Blindheit ir e⸗ 13 Deiner Jugend wieder ſchenken. Du mußt den Einfluß des Elirirs erproben und erdulden, das Du eingeſogen, Du mußt ringen mit dem Geſpenſt, das Du beſchworen haſt!“ Der Brief entſiel Glyndons Hand. Eine Art Starr⸗ ſucht folgte auf die verſchiedenartigen Gemüthsbewegun⸗ gen, die einander während des Leſens gejagt hatten— eine Starrſucht, ähnlich derjenigen, welche auf die plötz⸗ liche Zerſtörung einer glühenden, lange genährten Hoff⸗ nung im menſchlichen Herzen, ſey es eine Hoffnung der Liebe, der Habſucht oder des Ehrgeizes, einzutreten pflegt. Die Welt, nach der er ſo gedürſtet, für die er ſich ſo abgemüht und ſo viel geopfert hatte, war ihm auf immer verſchloſſen, und das durch ſeine eigene Schuld, ſeine Unbeſonnenheit und ſeinen Vorwitz. Aber Glyndons Weſen war nicht von der Art, daß er ſich lange dazu ver⸗ ſtanden hätte, ſich ſelbſt zu verdammen. Seine Entrüſtung begann aufzulodern gegen Mejnour, der geſtand, daß er ihn verſucht habe, und der ihn jetzt verließ, ihn jetzt der Gegenwart eines Geſpenſtes preis gab. Die Vorwürfe des Myſtikers erbitterten ihn mehr, als ſie ihn demü⸗ thigten. Welches Verbrechen hatte er begangen, um eine ſo harte und verachtende Sprache zu verdienen? War es eine ſo arge Verworfenheit, an Fillidens Lächeln und Augen Wohlgefallen zu finden? Hatte nicht Zanoni ſelbſt ſeine Liebe zu Viola geſtanden?— war er nicht in ihrer Geſellſchaft geflohen? Glyndn hielt ſich nie damit auf, Bulwer's Romane. XCIX. 2 14 zu erwägen, ob kein Unterſchied ſey zwiſchen der einen Art von Liebe und der andern. Und was war auch der große Fehler, wenn er einer Verſuchung nachgegeben hatte, die nur für den Muthigen vorhanden war? Hatte nicht das myſtiſche Buch, das Mejnour abſichtlich ofſen zurückgelaſ⸗ ſen, ihn nur ermahnt, ſich vor Furcht zu hüten? War daher nicht jede abſichtliche, übelwollende Aufforderung den ſtärkſten Trieben des menſchlichen Geiſtes als Lockung vorgehalten in dem Verbot, das Gemach zu betreten— in dem Beſitz des ſeine Neugier erweckenden Schlüſſels, in dem Buche, welches die Art und Weiſe anzugeben ſchien, wie die Neugier zu befriedigen ſey? Wie dieſe Gedanken raſch durch ſeine Seele flogen, begann er Mejnours gan⸗ zes Benehmen entweder als einen treuloſen Anſchlag an⸗ zuſehen, um ihm zu ſeinem Unglück eine Falle zu ſtellen, oder als den Kniff eines Betrügers, der wußte, daß er ſeine großen, prahleriſchen Verſprechungen nicht erfüllen konnte. Wie er noch einmal die geheimnißvollen Drohun⸗ gen und Warnungen in Mejnours Briefe überlief, ſchie⸗ nen ſie ihm auf die Sprache der bloßen Allegorie und Parabel hinauszulaufen— den Jargon der Platoniker und Pythagoräer. Allmälig kam er auf die Anſicht, daß auch die Geſpenſter, die er geſehen, ſelbſt jenes Eine Phantom von ſo gräßlichem Ausſehen nur Trugbilder ge⸗ weſen welche aufſteigen zu laſſen Mejnour durch ſeine Wif⸗ ſenſchaft befähigt ſey. Das kräftige Sonnenlicht, das jeden Winkel ſeines Zimmers erfüllte, ſchien die Schreckniſſe der vergangenen Nacht wegzulachen. Sein Stolz und ſeine Er⸗ 15 bitterung ſtählten ſeinen natürlichen Muth; und als er, nachdem er ſich haſtig angekleidet, Paolo aufſuchte, da trat er zu ihm mit flammender Wange und mit ſtolzem Schritte. „So, Paolo,“ ſagte er,„der Padrone, wie Ihr ihn nennt, hatte Euch aufgetragen, mich bei Eurem dörflichen Feſt zu erwarten und zu bewillkommnen?“ „Ja, durch eine Botſchaft, die ein elender, alter Krüppel brachte. Das überraſchte mich damals, denn ich wähnte ihn weit entfernt. Aber dieſem großen Philoſo⸗ phen ſind zwei oder dreihundert Meilen nur ein Spaß.“ „Warum ſagtet Ihr mir nicht, daß Ihr Nachrichten von Mejnour hattet?“ „Weil der alte Krüppel es mir verboten hatte.“ „Saht Ihr den Mann nachher, während des Tan⸗ zes, nicht mehr?“ „Nein, Eccellenza.“ „Erlaubt mir, Euch zu bedienen,“ ſagte Paolo, in⸗ dem er Glyndons Teller verſorgte und dann ſein Glas füllte.„Ich wünſchte, Signor, nun der Padrone weg iſt⸗ nicht“(fuhr Paolo fort, indem er einen ziemlich ängſt⸗ lichen und argwohniſchen Blick im Zimmer herumlaufen ließ,)„nicht als ob ich Etwas zu ſeiner Mißachtung ſagen wollte,— ich wünſchte, ſage ich, jetzt, nachdem er weg iſt, daß Ihr Euch über Euch ſelbſt erbarmtet, und Euer eigenes Herz befragtet, wozu denn Eure Jugend beſtimmt ſey? Doch nicht dazu, Euch lebendig in dieſen alten Rui⸗ 2* 16 nen zu begraben, und Leib und Seele zu gefährden durch Studien, die gewiß kein Heiliger billigen würde.“ „Sind denn alſo die Heiligen Eurem Gewerbe ſo ge⸗ neigt, Maeſtro Paolo?“ „Ha,“ antwortete der Bandit, etwas verlegen,„ein Herr mit einer Menge Piſtolen in der Börſe, braucht ſich natürlich nicht nothwendig ein Gewerbe daraus zu machen, andern Leuten ihre Piſtolen abzunehmen. Bei uns armen Schelmen iſt es ein anderer Fall. Am Ende widme ich auch immer einen Zehenten von meinem Ge⸗ winn der Jungfrau, und das Uebrige theile ich menſchen⸗ freundlich mit den Armen. Aber eſſen, trinken, ſich luſtig machen— ſich vom Beichtvater abſolviren laſſen für all die kleinen Sünden, und keine zu ſtarke Rechnung auf ein⸗ mal auflaufen laſſen— das iſt mein Sinn und Rath. Eure Geſundheit, Eccellenza! Pah, Signor, das Fa⸗ ſten, außer an den einem guten Katholiken vorgeſchriebe⸗ nen Tagen, das erzeugt nur Phantome!“ „Phantome!“ „Ja! der Teufel verſucht immer den leeren Magen. Begehren— Haſſen— Stehlen— Rauben— Morden, das ſind die natürlichen Gelüſten eines Menſchen, der hungert. Mit einem vollen Bauch, Signor, haben wir Frieden mit aller Welt. Das iſt recht! Ihr liebt die Rebhühner! Cospetto! Wenn ich ſelbſt zwei oder dret Tage in den Bergen zugebracht habe, mit Nichts vom Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang als einem Stück ſchwarzen Brodes und einer Zwiebel, da werde ich wild 17 wie ein Wolf. Und das iſt noch nicht das Schlimmſte. Zu ſolchen Zeiten ſehe ich kleine Kobolde vor mir tanzen. Ach, ja! das Faſten erzeugt ſo viele Geſpenſter als ein Schlachtfeld!“ Glyndon dachte, in dem Räſonnement ſeines Geſell⸗ ſchafters ſey einige geſunde Philoſophie; und wirklich, je mehr er aß und trank, deſto mehr erbleichte in ſeiner Seele die Erinnerung an die letzte Nacht und an Mej⸗ nours Brief und Weggehen. Das Fenſter war offen— es wehte ein Lüftchen, die Sonne ſchien— die ganze Na⸗ tur war fröhlich; und ſo fröhlich wie die Natur ſelbſt wurde Maeſtro Paolo. Er plauderte von Abenteuern, von Reiſen, von Weibern, mit einem herzlichen Wohlbehagen⸗ das anſteckend war. Aber mit noch größerem Wohlge⸗ fallen horchte Glyndon, als Paolo mit einem ſchlauen Lächeln auf das Lob der Augen, der Zähne, der Knöcheln und der Geſtalt der reizenden Fillide überging. Dieſer Mann ſchien in der That die Perſoniſication des ſinnlich thieriſchen Lebens. Er wäre für Fauſt ein gefährlicherer Verführer geweſen als Mephiſtopheles. Um ſeinen Mund ſchwebte kein Hohnlächeln über die Ge⸗ nüſſe, welche er mit ſo belebter Stimme rühmte. Für Einen, in welchem das Bewußtſeyn von der Eitelkeit des Wiſſens erwachte, war dieß ſorglos und unwiſſend genuß⸗ ſüchtige Temperament verführeriſcher und verderblicher, als all die eiskalten Spöttereien eines gelehrten böſen Feindes. Als aber Paolo ſich verabſchiedete mit dem Ver⸗ ſprechen, am andern Tag wieder zu kommen, verſetzte ſich 18 das Gemüth des Engländers wieder in eine ernſtere, nachdenklichere Stimmung. Das Elixir ſchien wirklich die erhebenden Wirkungen zurückgelaſſen zu haben, die ihm Mejnour zuſchrieb. Wie Glyndon den einſamen Corridor auf⸗ und abſchritt, oder, ſtehen bleibend, auf die weit vor ihm ſich dehnende herrliche Scenerie hinabſchaute, da zogen hohe Gedanken des Unternehmungsgeiſtes und Ehr⸗ geizes, herrliche Geſichte des Ruhms, in raſcher Aufein⸗ anderfolge durch ſeine Seele. „Mejnvur verweigert mir ſeine Wiſſenſchaft. Gut,“ ſagte der Maler ſtolz,„meine Kunſt hat er mir doch nicht geraubt!“ Wie? Clarence Glyndon! kehrſt du zu dem zurück, wovon deine Laufbahn ausging? hatte am Ende Zanoni doch Recht? Er befand ſich im Zimmer des Myſtikers: kein Ge⸗ fäß— kein Kraut! das feierliche Buch iſt verſchwunden — das Elixir ſoll ihm nie mehr funkeln! aber immer noch ſcheint in dem Zimmer die Atmoſphäre eines Zaubers zu haften. Raſcher und heftiger brennt es in dir, das Ver⸗ langen zu wirken, zu ſchaffen! Du ſehnſt dich nach einem Leben außer der Sinnlichkeit! aber nach dem Leben, das jedem Genius geſtattet iſt, das in dem unſterblichen Werke athmet, und in dem unvergänglichen Namen dauert. Wo ſind die Geräthſchaften deiner Kunſt? Still! wann fehlte es dem rechten Arbeiter je an ſeinen Werk⸗ zeugen? Du biſt wieder in deinem Gemache;— die wei⸗ ßen Wände deine Leinwand— ein Stück Kohle dein 19 Pinſel. Das genügt wenigſtens, die Conception in Um⸗ riſſen feſtzuhalten, die ſonſt bis morgen verſchwinden könnte. Die Idee, welche die Phantaſie des Künſters ſo an⸗ regte, war ohne Frage edel und großartig. Sie gründete ſich auf den egyptiſchen Brauch, welchen Diodorus be⸗ richtet: das Gericht der Lebenden über die Todten.*Wenn der Leichnam gehörig einbalſamirt, an das Ufer des ache⸗ ruſiſchen See's gebracht worden iſt, iſt, ehe er der Barke übergeben wird, die ihn über das Waſſer zu ſeiner letzten Ruheſtätte bringen ſoll, den beſtellten Richtern erlaubt⸗ alle Anklagen gegen das vergangene Leben des Todten anzuhören, und wenn ſie bewieſen werden, dem Leichnam die Ehren des ordentlichen Begräbniſſes zu verſagen. Ohne daß der Künſtler ſelbſt es wußte, waren es Mejnvurs Schilderungen dieſes Gebrauchs, den er durch verſchiedene, in Büchern nicht zu findende Anekdoten be⸗ leuchtete, die ihm jetzt dieſe Idee an die Hand, und der Ausführung Realität und Kraft gaben. Er dachte ſich einen mächtigen und verbrecheriſchen König, gegen den im Leben kaum ein Flüſtern ſich zu erheben wagte, aber gegen den, nachdem ſein Athem entflohen, der Sklave mit ſeinen Feſſeln, das verſtümmelte Opfer aus ſeinem Kerker auftraten, gelb und ſchmutzig, als wären ſie ſelbſt auch ſchon todt, und mit lechzenden Lippen die Gerechtigkeit anriefen, die über das Grab hinaus lebt. Welch ein wunderbarer, inbrünſtiger Eifer, o Künſt⸗ *Piod. Lib. I. 20 ler, der da plötzlich hervorbricht unter den Nebeln und dem Dunkel hervor, womit die geheime Wiſſenſchaft ſo lang deine Phantaſie umhüllt hat! und wie ſeltſam, daß die Rückwirkung von dem Entſetzen der Nacht und der ſchmerzlichen Enttäuſchung des Tages dich zu deiner hei⸗ ligen Kunſt zurückführt! Ha, wie frei entwirft deine kühne Hand die großen Umriſſe! Wie ſpricht daraus, trotz der rohen Materialien, nicht mehr der Lehrling, ſon⸗ dern der Meiſter! Wie verleihſt Du, friſch glühend noch von dem herrlichen Elirir, deinen Geſchöpfen das höhere Leben, das dir ſelbſt verſagt iſt! Eine Kraft, die nicht die deinige ſcheint, ſchreibt die großen Symbvle an die Mauer! Im Hintergrund erhebt ſich das gewaltige Grab, ein Ruheplatz der Todten, über deſſen Erbauung tauſend Leben ſich verzehrten. Dort ſitzen in einem Halbkreis die ernſten Richter. Schwarz und unheimlich wallt der See. Da liegt die königliche Mumie. Zitterſt Du ob den fin⸗ ſtern Falten ſeiner lebendig ſcheinenden Stirne? Ha! tüchtig gemacht iſt es, o Künſtler!— aufſtehen die hohl⸗ äugigen Geſtalten!— blaß ſprechen die geſpenſtigen Ge⸗ ſichter! Soll nicht das Menſchengefühl ſich nach dem Tod rächen an der Macht? Deine Idee, Clarence Glyndon, iſt eine erhabene Wahrheit; Deine Zeichnung verheißt Ruhm dem Genius. Beſſer dieſe Magie, als die Zauber des Buches und des Gefäſſes! Stunde um Stunde iſt verſtrichen; Du haſt die Lampe angezündet; die Nacht findet Dich noch an Deiner Arbeit. Barmherziger Him⸗ mel! was erkältet die Atmoſphäre?— warum brennt die 21 Lampe ſo matt? warum ſträubt ſich Dein Haar? Dort! vort! dort! am Fenſter! es ſtarrt nach Dir, das finſtere, in einen Mantel gehüllte, ekelhafte Weſen! Dort, mit ihrem teufliſchen Hohne, mit ihrer häͤßlichen Tücke, glotzen Dich dieſe ſcheußlichen Augen an! Er ſtand da und ſtarrte hin. Es war keine Täu⸗ ſchung— es ſprach nicht, bewegte ſich nicht, bis er, unfähig noch länger dieſen durchbohrenden brennenden Blickzu ertragen, ſich das Geſicht mit den Händen bedeckte. Mit entſetztem Auffahren, mit einem eiſigen Schauer zog er ſie wieder weg; er fühlte die größere Nähe des namen⸗ loſen Weſens. Da kauerte es auf dem Boden neben ſeiner Zeichnung! und ſiehe da, die Geſtalten ſchienen aus der Wand hervorzutreten! Dieſe blaſſen, anklagenden Geſich⸗ ter, dieſe Geſtalten, die er ſelbſt geſchaffen, ſchauten ihn finſter an und plapperten. Mit einer gewaltigen Anſtren⸗ gung, welche ſein Weſen krampfhaft erſchütterte und ſei⸗ nen Körper mit dem Schweiß des Todeskampfes übergoß, bemeiſterte der junge Mann ſein Entſetzen. Er ſchritt auf das Phantom zu; er ertrug den Blick ſeiner Augen; er redete es an mit feſter Stimme; er fragte, was es wolle, und bot ſeiner Macht Trotz. Und dann ertönte ſeine Stimme, wie der Wind aus einem Beinerhauſe. Was es ſagte, was offenbarte, iſt dem Mund verwehrt zu wiederholen, der Hand, aufzu⸗ zeichnen. Nur das erhöhte Leben, das noch den Koͤrper durchglühte, welchem die Einathmungen des Elixirs Stärke und Lebenskraft verliehen hatten, wie ſie der Robuſteſte 22 nicht hatte, konnte dieſe grauenvolle Stunde überleben. Beſſer in den Katakomben wachen, und die Begrabenen aus ihren Wachsleinwandhüllen aufſtehen ſehen, und die böſen Geiſter bei ihren gräßlichen Orgien ſehen, unter den Geiſterſchauern modernder Verweſung, als dieſen Zü⸗ gen gegenüberſtehen, wenn der Schleier zurückgeſchlagen war, und das Flüſtern dieſer Stimme hören!. Am nächſten Tage floh Glyndon aus dem zertrüm⸗ merten Schloß. Mit welchen Hoffnungen auf ſternhelles Licht war er über die Schwelle getreten! mit welchen Er⸗ innerungen, die ihn immer vor der Finſterniß ſchaudern machten, ſchaute er zurück nach ſeinen düſtern, von der Zeit zerfreſſenen Thürmen! Zweites Kapitel. Fauſt. Wohin ſoll es nun gehen? Mephiſtopheles. Wohin es Dir gefällt; Wir ſehen die kleine, dann die große Welt. Fauſt. Den Stuhl zum Feuer gerückt, den Heerd rein ge⸗ wiſcht, die Lichter geputzt! Oh, Heimath der Sauberkeit, Drdnung, Gediegenheit, Behaglichkeit! Oh, was iſt es doch etwas Treffliches um dich, tüchtige Realität! Einige Zeit iſt ſeit dem Datum unſeres letzten Ka⸗ pitels verſtrichen. Da ſind wir jetzt, nicht auf mondbe⸗ * 23 ſchienenen Inſeln, oder in zerbröckelnden Kaſtellen, ſon⸗ dern in einem Zimmer ſechsundzwanzig Fuß lang und zweiundzwanzig tief— mit ſchönen Teppichen— beque⸗ men Polſtern— ſoliden Armſtühlen und acht wie ſchlech⸗ ten Gemälden in wie ſchönen Rahmen an den Wänden! Thomas Mervale, Esq. Kaufmann in London, Ihr ſeyd ein beneidenswerther Kerl! Es war das leichteſte Ding von der Welt für Mer⸗ vale, als er von ſeiner Lebensepiſode auf dem Continent zurückkam, ſich wieder hinter ſeinem Pult anzugewöhnen — ſein Herz war immer da geweſen. Der Tod ſeines Vaters gab ihm, als Geburtsrecht, eine hohe Stellung in einer achtbaren Firma, zwar nur zweiten Ranges. Seine Handlung zum erſten Rang zu erheben, war ein ehrenhaftes Streben— es war ſein Ehrgeiz! Er hatte türzlich geheirathet— nicht ganz nach Geld— nein! er war mehr weltlich als geldgierig. Er hatte keine roman⸗ nſchen Ideen von der Liebe; aber er war ein zu vernünf⸗ tiger Mann, um nicht zu erkennen, daß eine Frau eine Lebensgefährtin ſeyn ſoll, nicht eine bloße Speculation. Er fragte nicht nach Schönheit und Talenten; aber er wünſchte Geſundheit und eine gute Gemüthsart, nebſt einem gewiſſen Maße nützlichen Hausverſtandes. Er wählte eine Frau nach ſeiner Vernunft, nicht nach dem Herzen, und traf eine ſehr gute Wahl. Mrs. Mervale war eine treffliche junge Frau— geſchäftig, haushälteriſch, ſparſam, aber wohlwollend und gut. Sie hatte ihren eigenen Willen, war aber keine boſe Sieben. Sie hatte 24 hohe Begriffe von den Rechten einer Frau, und eine leb⸗ hafte Vorſtellung von den Eigenſchaften, welche das Be⸗ hagen ſicher ſtellen. Sie hätte es ihrem Gatten nie ver⸗ ziehen, wenn ſie ihn auch nur über der flüchtigſten Nei⸗ gung für eine Andere betroffen hätte; aber dafür beſaß ſie auch für ſich ſelbſt das bewundernswürdigſte Schick⸗ lichkeitsgefühl. Sie verabſcheute allen Leichtſinn, alles verliebte Tändeln, alle Koketterie— kleine Fehler, welche oft häusliches Glück zu Grunde richten, aber in welche eine flatterhafte Natur oft ganz unbedacht und unbewußt verfällt. Aber ſie hielt es nicht für recht, wenn man den Gatten allzuſehr liebte. Sie behielt einen Ueberſchuß von Zärtlichkeit zurück für alle ihre Verwandte, alle ihre Freun⸗ dinnen, einige Bekannte, und für die Möglichkeit einer zweiten Heirath, falls dem Mr. Mervale etwas Menſchli⸗ ches zuſtoßen ſollte. Sie hielt einen guten Tiſch, wie es ſich für ihre Stellung in der Welt ziemte, und ihre Ge⸗ müthsart galt für mild, obwohl feſt; aber ſie konnte ein paar ſcharfe Worte ſagen, wenn Mr. Mervale nicht pünkt⸗ lich auf die Minute erſchien. Sie hielt ſehr angelegentlich darüber, daß er die Schuhe wechſelte, wenn er heimkam; die Fußteppiche waren neu und koſtbar. Sie war nicht mürriſch, noch leidenſchaftlich— der Himmel ſegne ſie da⸗ für!— aber wenn ihr Etwas mißfiel, zeigte ſie es— er⸗ theilte einen würdevollen Vorwurf und Verweis— ſpielte auf ihre Tugenden an— auf ihren Oheim, der Admiral war, und auf die dreißigtauſend Pfund, die ſie dem Gegenſtand ihrer Wahl zugebracht hatte. Aber da Mr. ßt on n⸗ ter li⸗ e⸗ in kt⸗ 25 Mervale ein gutmüthiger und gutlaunigter Mann war, ſeine Fehler zugeſtand, und ihre Vortrefflichkeit willig unterſchrieb, war der Verdruß bald vorüber. Jede Haushaltung hat ihre kleinen Mißſtände, nicht leicht eine weniger als die von Mr. und Mrs. Mervale. Mrs. Mervale, ohne auf den Anzug einen ungehörigen Werth zu legen, widmete ihm doch die gebührende Auf⸗ merkſamkeit. Man ſah ſie nie auſſer ihrem Schlafzimmer mit Papieren in den Haaren, oder in jenem alle Illuſio⸗ nen am ärgſten zerſtörenden Aufzug— einem Morgen⸗ mantel. Um halb neun Uhr jeden Morgen war Mrs. Mer⸗ vale gekleidet für den Tag— das heißt, bis ſie ſich wie⸗ der zum Mittageſſen ankleidete;— ihre Schnürbruſt wohl geſchnürt— ihre Haube friſch,— ihr Rock, Sommer und Winter, von dichtem, ſchönem Seidenzeuge. Die Damen trugen zu jener Zeit einen ſehr kurzen Leib; das that auch Mrs. Mervale. Ihr Morgenſchmuck beſtand in einer ſchwe⸗ ren goldenen Kette, woran eine goldene Uhr hing— keine von jenen zerbrechlichen Zwergen der Mechanik, die ſo hübſch ausſehen, und ſo ſchlecht gehen— ſondern eine ſchöne Repetiruhr, welche Mutter Zeit auf die Sekunde hin kontrolirte; auch in einer Moſaikbroche; ferner in einem Miniaturbild ihres Oheims, des Admirals, in ein Bracelet gefaßt. Für den Abend hatte ſie einen doppelten Schmuck— Halsband, Ohrringe und Bracelets, ganz vollſtändig, einen von Amethyſten, den andern von To⸗ paſen. Zu dieſen war ihr Anzug meiſt ein goldfarbiger Satin und ein Turban, in welchem ſie auch gemalt war. 26 Mrs. Mervale hatte eine Adlernaſe, gute Zähne, blondes Haar und helle Augenwimpern, eine ziemlich lebhafte Geſichtsfarbe, was man eine hübſche Büſte zu nennen pflegt, volle Wangen, große, brauchbare Füße, zum Gehen geſchaffen, große, weiße Hände, mit Philbertnägeln, an welchen man nie, auch in ihrer Kindheit nicht, auch nur ein Pünktchen Staub ſich hatte anſetzen ſehen. Sie ſah ein wenig älter aus, als ſie wirklich war; aber das mochte von einem gewiſſen würdevollen Weſen, und von eben ver⸗ meldeter Adlernaſe herrühren. Gewöhnlich trug ſie kurze Handſchuhe ohne Finger. Nie las ſie andere Gedichte als von Goldſmith oder Cowper. Sie hatte keine Freude an Romanen, doch auch kein Vorurtheil dagegen. Sie liebte ein Schauſpiel und Pantomimen, mit einem feinen Abendeſſen nachher. Concerte und Opern liebte ſie nicht. Mit Eintritt des Winters wählte ſie ſich ein Buch zum Leſen und eine Handarbeit zum Anfangen. Beide währ⸗ ten ihr bis zum Frühling, wo ſie zwar die Arbeit noch fortſetzte, das Leſen aber aufgab. Ihr Lieblingsſtudium war die Geſchichte, die ſie in Mr. Goldſmiths Werken las. Ihr Lieblingsſchriftſteller in der ſchönen Literatur war natürlich Dr. Johnſon. Eine würdigere und geachte⸗ tere Frau war nicht zu finden— auſſer in einer Grab⸗ ſchrift! Es war eine Herbſtnacht. Mr. und Mrs. Mervale kürzlich zurückgekehrt von einem Ausflug nach Weymouth⸗ ſind im Geſellſchaftszimmer,— die Dame ſaß auf dieſer, der Herr auf jener Seite. 27 „Ja, ich verſichere Dich, meine Liebe, daß Glyndon, mit all ſeinen Excentricitäten, ein recht einnehmender, liebenswürdiger Kerl war. Du hätteſt ihn gewiß gern gehabt— alle Weiber hatten ihn gern.“ „Mein lieber Thomas, Ihr werdet mir die Bemer⸗ kung verzeihen,— aber dieſer Euer Ausdruck— alle Weiber hatten ihn——“ „Ich bitte Dich um Verzeihung,— Du haſt Recht. Ich wollte ſagen, er war allgemein der Liebling Eures reizenden Geſchlechtes.“ „Ich verſtehe; ein ziemlich frivoler Charakter wohl!“ „Frivol! nein, nicht eigentlich; ein wenig unſtet,— ſehr eigen— aber gewiß nicht frivol; anmaßend und hart⸗ näckig dem Charakter nach, aber beſcheiden und ſcheu in ſeinem Benehmen— faſt nur zu ſehr— gerade wie Ihr es gern habt. Indeß, um wieder darauf zu kommen ich bin ernſtlich in Unruhe über die Nachrichten, die ich heute über ihn gehört habe. Er hat, wie es ſcheint, ein ſehr ſonderbares und unregelmäßiges Leben geführt, iſt von einem Ort zum andern gereist, und muß ſchon viel Geld verzehrt haben.“ „Apropos von Geld,“ ſagte Mrs. Mervale;„ich fürchte, wir müſſen unſern Metzger ändern; er ſteht gewiß im Bund mit dem Koch!“ „Das iſt Schade; ſein Ochſenfleiſch iſt ausgezeichnet gut. Dieſe Dienſtboten in London ſind doch ſo ſchlimm wie die Carbonari. Aber, was ich ſagen wollte, der arme Glyndon—“ 28 Hier hörte man an die Thüre pochen.„Gott tröſte mich,“ ſagte Mrs. Mervale,„es iſt zehn Uhr vorbei! Wer in aller Welt kann das ſeyn?“ „Vielleicht Dein Oheim, der Admiral,“ ſagte der Ehemann in etwas verdrießlichem Tone.„Er beglückt uns meiſt in dieſer Zeit mit ſeinem Beſuche.“ „Ich hoffe, mein Lieber, daß Keines von meinen Verwandten ein unwillkommener Beſuch in Eurem Hauſe iſt. Der Admiral iſt ein höchſt unterhaltender Mann und — ſein Vermögen iſt ganz zu ſeiner freien Verfügung.“ „Ich achte keinen Menſchen höher,“ ſagte Mr. Mer⸗ vale mit Emphaſe. Der Diener machte die Thüre auf und melbdete Mr. Glyndon an. „Mr. Glyndon!— welch ein auſſerordentlicher—“ rief Mrs. Mervale, aber ehe ſie den Satz beendigen konnte, ſtand Glyndon im Zimmer. Die zwei Freunde begrüßten ſich mit aller Wärme, die bei alten Erinnerungen und langer Trennung natür⸗ lich war. Eine geziemende, ſtolze Vorſtellung vor Mrs. Mervale folgte; und Mrs. Mervale hieß mit einem wür⸗ devollen Lächeln, und einem verſtohlenen Blick auf ſeine Stiefeln, den Freund ihres Gatten in England willkommen. Glyndon war ſehr verändert, ſeit Mervale ihn zu⸗ letzt geſehen hatte. Obwohl nicht ganz zwei Jahre ſeit damals verſtrichen, war doch ſeine helle Geſichtsfarbe gebräunter und männlicher. Tiefe Linien, von Sorgen, Nachdenken oder Genuß herrührend, waren an die Stelle —m z— 29 der glatten Umriſſe der glücklichen Jugend getreten. Statt des ſonſt ſanſten und geglätteten Benehmens zeigte er jetzt eine gewiſſe Rückſichtsloſigkeit in Miene, Ton und Haltung, welche die Gewohnheiten einer Geſellſchaft ver⸗ rieth, wo man wenig um den ruhigen Anſtand konventio⸗ neller Leichtigkeit ſich kümmerte. Doch bezeichnete eine Art von keckem und rauhem Adel, den man vorher nicht bei ihm bemerkte, ſeine Erſcheinung, und verlieh der Freiheit ſeiner Sprache und Geberden eine gewiſſe Würde. „Alſo Ihr habt Euch jetzt häuslich niedergelaſſen/ Mervale— ich brauche Euch nicht zu fragen, ob Ihr glücklich ſeyd. Innerer Werth, Verſtand, Vermögen, Charakter, und eine ſo ſchöne Lebensgefährtin verdienen Glück und gebieten über es.“ „Beliebt Euch Thee, Mr. Glyndon?“ fragte Mrs. Mervale freundlich. „Dank Euch— nein. Ich ſchlage meinem alten Freunde einen belebenderen Trunk vor. Wein, Mervale, Wein, he? oder eine Bowle altengliſchen Punſch! Eure Gattin wird uns entſchuldigen— wir wollen die Nacht vabei ſißen bleiben.“ Mrs. Mervale rückte ihren Stuhl zurück, und gab ſich Mühe, ihr Entſetzen nicht in ihrer Miene zu ver⸗ rathen. Glyndon ließ ſeinem Freund keine Zeit zur Antwort. „So bin ich endlich in England,“ ſagte er, ſich im Zimmer umſehend, mit einem leichten höhniſchen Lächeln — Bulwer's Romane. XCIX. 0 30 um den Mund;„gewiß muß dieſe nüchterne Luft ihren Einfluß auf mich haben; gewiß werde ich hier werden wie die Uebrigen!“ „Seyd Ihr krank geweſen, Glyndon?“ „Krank! ja. Hm, Ihr habt ein ſchönes Haus. Ent⸗ hält es ein leeres Zimmer für einen einſamen Reiſenden?“ Mr. Mervale warf ſeiner Gaktin einen Blick zu und Mrs. Mervale ſchaute ſtarr auf den Fußteppich nieder. „Beſcheiden und ſcheu in ſeinem Benehmen— faſt nur zu ſehr!“ Mrs. Mervale war im ſiebenten Himmel der Entrüſtung und des Staunens. „Meine Liebe?“ ſagte endlich Mr. Mervale, ſanft⸗ müthig und fragend. „Mein Lieber!“ erwiederte Mrs. Mervale unſchuldig und ſäuerlich. Wir können ein Zimmer herrichten für meinen alten Freund, Sarah?“ Der alte Freund hatte ſich in ſeinen Stuhl zurück⸗ ſinken laſſen; und ſtarr ins Feuer ſehend, während er die Füße bequem auf das Geländer legte, ſchien er ſeine Frage ganz vergeſſen zu haben. Mrs. Mervale biß ſich in die Lippen, ſah nachdenklich aus, und verſetzte endlich kalt:„Gewiß, Mr. Mervale, Eure Freunde haben Recht, daß ſie thun, wie wenn ſie zu Hauſe wären.“ Damit zündete ſie ein Licht an und ſchritt majeſtätiſch aus dem Zimmer. Als ſie zurück kam, waren die beiden Freunde weg und in Mr. Mervale's eigenem Zimmer. ————— W S W— —— 31 Es ſchlug zwölf— ein— zwei Uhr! Dreimal hatte Mrs. Mervale in das Zimmer geſchickt und fragen laſſen — zuerſt, ob ſie Etwas bedürften; ſodann, ob Mr. Glyn⸗ don auf einer Matratze oder einem Federbett ſchlafe; das dritte Mal, ob Mr. Glyndons Koffer, den er mitgebracht, ausgepackt werden ſolle. Und den Antworten auf dieſe Fragen hatte der Gaſt mit einer lauten Stimme, einer Stimme, die von der Küche bis zur Dachkammer drang, beigefügt:„Noch eine Bowle— ſtärker, wenn Ihr ſo gut ſeyn wollt, und ſchnell!“ Endlich erſchien Mr. Mervale im ehelichen Gemach, — nicht bußſertig, nicht demüthig entſchuldigend— nein, kein Gedanke daran! Seine Augen blinzelten, ſeine Wange ſtammte, ſeine Füße taumelten; er ſang— Mr. Mervale ſang wirklich! „Mr. Mervale! iſt es möglich, Sir!——“ „Der alt' König Cole war'ne luſtige Seel'——“ „Mr. Mervale! Sir! laßt mich allein, Sir!“ „Eine luſtige Seele, juchhei—“ „Welch ein Beiſpiel für die Dienerſchaft!“ „Pfeif' und Bowle zu bringen gab er Befehl—“ „Wenn Ihr nicht mit Euren Händen zu Hauſe bleibt, Sir, ſo rufe ich nach—“ „Und rief ſeine Fiedler drei ————— Drittes Kapitel. In die Welt weit Aus der Einſamkeit, Wo Sinnen und Säfte ſtocken, Wollen ſie Dich locken. Fauſt. Am nächſten Morgen beim Frühſtück ſah Mrs. Mer⸗ vale aus, als ob alle Unbilden gekränkter und mißhan⸗ delter Weiber auf ihrer Stirne ſäßen. Mr. Mervale war das lebendige Bild zerknirſchter Schuld und rachſüchtiger Erbitterung. Er redete Wenig, außer daß er über Kopf⸗ weh klagte, und verlangte, daß man die Eier vom Tiſche wegnehme. Clarence Glyndon, undurchdringlich, unbe⸗ wußt, ohne Schmerzen und ohne Reue, war in ſehr geräuſchvoller Laune und ſchwatzte für drei. „Der arme Mervale! er hat ganz die Gewohnheiten guter Kameradſchaft verloren, Madame! Noch eine oder zwei Nächte, ſo wird er wieder er ſelbſt ſeyn!“ „Sir,“ ſagte Mrs. Mervale, indem ſie eine wohl⸗ überlegte Rede mit mehr als Johnſonſcher Würde ablegte, „erlaubt mir, Euch zu erinnern, daß Mr. Mervale jetzt ein verheiratheter Mann iſt, künftiger Familienvater und jetzt ſchon Herr einer Haushaltung.“ „Eben die Gründe, warum ich ihn ſo ſehr beneide. Ich ſelbſt habe große Luſt, zu heirathen. Das Glück iſt anſteckend.“ M M W 8 33 „Malt Ihr auch noch?“ fragte Mervale matt, indem er ſeinem Gaſte die Laibe heimzugeben ſuchte. „Ach nein! Ich habe Euren Rath befolgt. Keine Kunſt, kein Ideal— nichts Erhabeneres jetzt für mich als das Alltägliche. Wenn ich wieder malte, ich glaube wirk⸗ lich, Ihr würdet meine Gemälde kaufen! Macht ſchnell und beendigt Euer Frühſtück, Mann; ich wünſchte Euch um Rath zu fragen. Ich bin nach England gekommen, um nach meinen Angelegenheiten zu ſehen. Mein Ehrgeiz iſt, Geld zu machen; Eure Erfahrung und Euer Rath müſſen mir hiebei nothwendig ſehr foͤrderlich ſeyn!“ „Ha! Ihr wurdet bald enttäuſcht mit Eurem Stein der Weiſen! Du mußſt wiſſen, Sarah, daß Glyndon, als ich ihn zuletzt verließ, damit umging, ein Magier und Alchymiſt zu werden.“ „Ihr ſeyd heute witzig, Mr. Mervale.“ „Auf meine Ehre, es iſt wahr. Habe ich es Dir nicht früher ſchon erzählt?“ Glyndon ſtand raſch auf. „Warum dieſe Erinnerungen an Thorheit und An⸗ maßung wieder aufwecken? Habe ich nicht geſagt, daß ich in meine Heimath zurückgekommen, um die geſunden Beſtrebungen der andern Menſchen zu theilen? O, ja! was iſt ſo geſund, ſo edel, ſo unſerer Natur angemeſſen, als was Ihr das praktiſche Leben nennt? Wenn wir Ta⸗ lente haben, wozu dienen ſie uns, als ſie vortheilhaft zu verkaufen? Kauft Kenntniſſe ein, wie Waaren und Gü⸗ 34 ter; kauft ſie zum wohlfeilſten Preiſe, und verkauft ſie zum theuerſten. Habt Ihr noch nicht gefrühſtückt?“ Die Freunde gingen durch die Straßen ſpazieren, und Mervale bebte zurück vor der Ironie, womit Glyn⸗ don ihm Complimente machte über ſeine Achtbarkeit, ſeine Stellung, ſeine Beſtrebungen, ſeine glückliche Ehe, und ſeine acht Gemälde in ihren ſchönen Rahmen. Früher hatte der nüchterne Mervale einen beherrſchenden Einfluß auf ſeinen Freund ausgeübt; auf ſeiner Seite war der Sarkasmus geweſen, auf Glyndons Seite die unentſchloſ⸗ ſene Beſchämung wegen ſeiner Sonderbarkeiten. Jetzt war das Verhältniß umgekehrt. Es lag ein trotziger Ernſt in Glyndons verwandelter Gemüthsſtimmung, welcher den ruhig alltäglichen Charakter ſeines Freundes einſchüchterte und zum Schweigen brachte. Er ſchien eine boshafte Freude daran zu haben, ihn zu überzeugen, daß ſein nüchternes Weltleben verächtlich und gemein ſey. „Ach!“ rief er aus,„wie Recht hattet Ihr, daß Ihr mir riethet, achtbar zu heirathen; mir eine ſolide Stellung zu verſchaffen; in anſtändiger Furcht vor der Welt und meinem Weibe zu leben; und den Neid der Armen, die gute Meinung der Reichen zu erwecken! Ihr habt ausge⸗ führt, was Ihr predigt. Köſtliches Daſeyn! Das Kauf⸗ mannspult und die Gardinenpredigt! Ha! ha! wollen wir wieder ſo eine Nacht feiern?“ Mervale, verlegen und gereizt, lenkte das Geſpräch auf Glyndons Angelegenheiten. Er war überraſcht über die Weltkenntniß, welche der Kuͤnſtler ſich plötzlich erwor⸗ 35 ben zu haben ſchien: noch mehr überraſcht über den Scharfblick und den Nachdruck, womit er von den Spe⸗ kulationen redete, die jetzt die lebhafteſten und beliebteſten auf dem Markt waren. Ja, es war Glyndon gewiß ernſt! er wünſchte reich und achtbar zu werden— und ſein Geld wenigſtens zu zehn Procent umzutreiben! Nachdem er noch einige Tage bei dem Kaufmann zugebracht, während welcher Zeit er den ganzen Gang des Haushalts zu desorganiſiren, Nacht in Tag, Eintracht in Mißklang zu verwandeln, die arme Mrs. Mervale faſt zum Wahnſfinn zu treiben, und ihren Gatten zu überzeu⸗ gen wußte, daß er entſetzlich unter dem Pantoffel gehalten werde, verließ ſie der unſelige Gaſt ebenſo plötzlich, wie er gekommen war. Er miethete ſich ein eigenes Haus; er ſuchte die Geſellſchaft von gediegenen Perſonen; er wid⸗ mete ſich dem Geldmarkts er ſchien ein Geſchäftsmann geworden zu ſeyn; ſeine Entwürfe waren kühn und koloſ⸗ ſal, ſeine Berechnungen raſch und tief. Er überraſchte Mervale durch ſeine Energie und blendete ihn durch ſeine Erfolge. Mervale begann ihn zu beneiden— unzufrie⸗ den zu werden mit ſeinem regelmäßigen und langſamen Gewinn. Wenn Glyndon in den Fonds kaufte oder ver⸗ kaufte, ſtrömte ihm das Geld zu wie Meexesfluthen; was mühevolle Jahre in der Kunſt ihm zicht hätten einbringen können, das brachten ihm ein päar Monate ein, durch eine Reihe von Glücksfällen in Spekulationen. Plötzlich jedoch ließ er in dieſer ſeiner Thätigkeit nach; neue Ge⸗ genſtände des Ehrgeizes ſchienen ihn anzuziehen. Wenn 36 er eine Trommel auf der Straße hörte— welche Herr⸗ lichkeit glich der des Soldatenlebens? Wenn ein neues Gedicht erſchien— welcher Ruhm war edler als der des Dichters? Er fing literariſche Werke an, welche Treff⸗ liches verſprachen, um ſie mit Ekel wieder auf die Seite zu werfen. Ganz auf einmal verließ er die anſtändige und geſetzte Geſellſchaft, die er kultivirt hatte; er ſchloß ſich an junge, zerſtreuungsſüchtige Genoſſen an; er ſtürzte ſich in die wildeſten Exeeſſe der großen Stadt, wo Gold über Mühe und Genuß gebietet. Ueberall bewährte er eine gewiſſe Kraft und Wärme der Seele. In jeder Ge⸗ ſellſchaft ſtrebte er zu herrſchen— bei allen Beſtrebungen ſich hervorzuthun. Aber was immer die herrſchende Lei⸗ denſchaft des Augenblicks— immer trat eine ſchreckliche Reaktion von Trübſinn ein. Er verſank zu Zeiten in die tiefſte und dunkelſte Träumerei. Sein Fieber war das eines Geiſtes, der der Erinnerung entfliehen wollte— ſeine Ruhe die eines Gemüthes, welches die Erinnerung wieder erfaßt und als ihre Beute verſchlingt. Mervale ſah ihn jetzt wenig mehr; ſie mieden einander. Glyndon hatte keinen Vertrauten und keinen Freund. ——— 37 Viertes Kapitel. Ich fühle dich mir nahe, Die Einſamkeit belebt, Wie über ſeinen Welten Der Unſichtbare ſchwebt. Uhland. Aus dieſem Zuſtand beſtändiger Unruhe und Auf⸗ regung mehr als anhaltender Thätigkeit wurde Glyndon herausgeriſſen durch einen Beſuch, der den wohlthätig⸗ ſten Einfluß auf ihn zu äußern ſchien. Seine Schweſter, verwaist mit ihm, hatte ſich auf dem Lande bei ihrer Tante aufgehalten. In den früheren Jahren der Hoffnung und Häuslichkeit hatte er dies Mädchen, viel jünger als er, mit aller Zärtlichkeit eines Bruders geliebt. Bei ſei⸗ ner Rückkehr nach England ſchien er ihr Daſeyn ganz ver⸗ geſſen zu haben. Sie rief ſich ſelbſt ſein Andenken zurück bei dem Tod ihrer Tante durch einen rührenden und me⸗ lancholiſchen Brief;— ſie hatte jetzt keine Heimath als bei ihm,— keine Zuflucht als ſeine Zärtlichkeit;— er weinte, als er ihn las und wartete ungeduldig auf Adela's Ankunft. 326. Dieß Mädchen, etwa achtzehn Jahre alt, barg unter einem ſanften und ruhigen Aeußern nicht Wenig von dem romantiſchen Enthuſtasmus, der im gleichen Alter ihren Bruder ausgezeichnet hatte. Aber ihr Enthuſtasmus war von viel reinerer Art und in gehörigen Grenzen gehalten, theils durch die Milde einer hoͤchſt weiblichen Natur, 38 theils durch eine ſtrenge und methodiſche Erziehung. Sie unterſchied ſich von ihm hauptſächlich durch eine Schüch⸗ ternheit ihres Charakters, weit größer, als die ſonſt die⸗ ſem Alter gewöhnliche, die jedoch durch die ihr zur Ge⸗ wohnheit gewordene Selbſtbeherrſchung nicht minder ſorg⸗ fältig verhehlt wurde, als dieſe Schüchternheit ſelbſt das romantiſche Weſen verhehlte, welches ich ihr zuſchrieb. Adela war nicht ſchön; ſie hatte eine Farbe und Ge⸗ ſtalt, welche eine zarte Geſundheit verriethen; und eine zu feine Organiſation der Nerven machte ſie empfänglich für jeden Eindruck, der mittelſt der Mitleidenſchaft mit dem Gemüth einen Einfluß auf die Geſundheit des Kör⸗ pers üben konnte.— Aber da ſie nie klagte, und die aus⸗ nehmende, milde Heiterkeit ihres Weſens eine Gleichmü⸗ thigkeit zu verrathen ſchien, welche bei dem großen Hau⸗ fen für Gleichgültigkeit hätte gelten können, hatte ſie ihre Leiden ſo lange unbeachtet ertragen, bis es keine Anſtren⸗ gung mehr für ſie war, ſie zu verhehlen. Obgleich, wie geſagt, nicht ſchön, war doch ihr Geſicht intereſſant und gefällig, und es war eine ſchmeichelnde Freundlichkeit, ein gewinnender Zauber in ihrem Lächeln, ihrem Be⸗ nehmen, ihrer Befliſſenheit zu erfreuen, zu tröſten, zu beruhigen, welche ſogleich zum Herzen ſprach, und ſie liebenswürdig machte— weil ſie ſo liebevoll war.. So war die Schweſter, welche Glyndon ſo lange vernachläſſigt hatte, und die er jetzt ſo herzlich bewill⸗ kommnete. Adela hatte manches Jahr verlebt als ein Opfer der Launen, als Pflegerin der Krankheiten einer — B N WM MN N W, N * 39 ſelbſtſüchtigen, anſpruchsvollen Verwandten. Die zarte, edelmüthige und achtungsvolle Zärtlichkeit ihres Bruders war ihr nicht minder neu als entzückend. Er fand Ver⸗ gnügen an dem Glück, das er ſchuf; er entwöhnte ſich all⸗ mälig von anderer Geſellſchaft; er empfand den ſüßen Zauber der Häuslichkeit. Daher iſt es nicht überraſchend, daß dieß junge Geſchöpf, frei und unberührt von jeder glühenderen Neigung, alle ihre dankbare Liebe auf dieſen ſchützenden Blutsverwandten zuſammenhäufte. Ihr Sinnen bei Tag, ihr Traum bei Nacht war, ihm ſeine Liebe zu vergelten. Sie war ſtolz auf ſeine Talente, nahm den innigſten Antheil an ſeiner Wohlfahrt; die ge⸗ ringſte Kleinigkeit, die für ihn von Intpreſſe ſeyn konnte, ſteigerte ſich in ihren Augen zur wichtigſten Angelegenheit des Lebens. Kurz all den lang aufgeſparten Enthuſias⸗ mus, der ihr gefährliches und einziges Erbe war, über⸗ jrug ſie auf dieſen Einen Gegenſtand ihrer heiligen Zärt⸗ lichkeit, ihres reinen Ehrgeizes. Aber in dem Verhältniß, wie Glyndon jene Auf⸗ regungen mied, mit welchen er ſo lange ſeine Zeit auszu⸗ füllen, oder ſeine Gedanken zu zerſtreuen geſucht hatte, wurde der Trübſinn ſeiner ruhigeren Stunden tiefer und beſtändiger. Er ſcheute ſich immer und ganz beſonders, allein zu ſeyn; er konnte es nicht ertragen, daß ſeine neue Geſellſchafterin ihm aus dem Auge kam; er ritt mit ihr, ging mit ihr ſpazieren, und mit ſichtbarem Wider⸗ ſtreben, welches beinahe an Grauſen grenzte, begab er ſich zur Ruhe zu einer Stunde, wo ſelbſt die Fröhlichkeit 40 beim Gelage ermattet. Dieſer Trübſinn war nicht von der Art, daß man ihn mit dem ſanften Namen der Me⸗ lancholie benennen konnte— er war viel aufgeregter und heftiger, er glich eher der Verzweiflung. Oft nach einem Todesſchweigen,— ſo tief, gedankenlus, regungslos war er— fuhr er plötzlich auf und warf ſcheue, haſtige Blicke um ſich— ſeine Glieder zitterten, ſeine Lippen waren blaß, ſeine Stirne von Schweiß bethaut. Ueberzeugt, daß ein geheimer Kummer an ſeiner Seele nage, und ſeine Geſundheit verzehren müſſe, hatte Adela keinen heißeren und natürlicheren Wunſch, als ſeine Vertraute und Trö⸗ ſterin zu werden Sie bemerkte mit dem raſchen Takt des Zartgefühls, daß er nicht leiden konnte, wenn ſie von ſeinen düſtern Stimmungen ſchmerzlich berührt wurde, oder ſie nur zu bemerken ſchien. Sie zwang ſich, ihre Beſorgniſſe und ihre Gefühle zu unterdrücken. Sie wollte ihn nicht um ſein Vertrauen bitten— ſie ſuchte ſich in daſſelbe zu ſtehlen. Allmälig fühlte ſie, daß es ihr gelang. Zu ſehr verſunken in ſein eigenes, ſonderbares Daſeyn, um ein ſcharfer Beobachter fremder Charaktere zu ſeyn, hielt Glyndon die Selbſtgenügſamkeit einer großmüthigen und beſcheidenen Liebe fälſchlich für natürliche Seelen⸗ ſtärke; und dieſe Eigenſchaft gefiel ihm und ſprach ihn an. Seelenſtärke iſt es, was das kranke Gemüth von dem Vertrauten verlangt, den es zu ſeinem Arzte wählt. Und wie unwiderſtehlich iſt der Trieb ſich mitzutheilen! Wie oft dachte der einſame Mann bei ſich ſelbſt:„Mein 41 Herz würde erleichtert werden von ſeinem Elend, wenn es einmal gebeichtet hätte!“ Auch fühlte er, daß gerade die Jugend, die Unerfah⸗ renheit und die poetiſche Stimmung Adela's ihm ver⸗ ſpreche, an ihr eine Seele zu finden, die beſſer ihn ver⸗ ſtehen und ihm tragen helfen könnte, als eine ſtrengere und praktiſchere Natur. Mervale hätte ſeine Mittheilun⸗ gen als die Fieberträume des Wahnſinns betrachtet, und die meiſten Männer, im beſten Fall, äls die krankhaf⸗ ten Chimären, die optiſchen Täuſchungen des körperlich Leidenden. So bereitete er ſich allmälig vor zu der Er⸗ leichterung, wornach er lechzte, und der Augenblick für ſeine Eröffnungen wurde folgendergeſtalt herbeigeführt. Eines Abends, als ſie allein bei einander ſaßen, war Adela, welche einen Theil von ihres Bruders Kunſt⸗ talent auch geerbt hatte, mit Zeichnen beſchäftigt, und Glyndon, aus Gedanken erwachend, die weniger düſter waren als gewöhnlich, ſtand auf, ſchlang ſeinen Arm zärtlich um ihren Leib, und ſah über ſie hin, wie ſie daſaß. Ein Austuf des Unmuths und Schreckens entfuhr ſeinem Munde— er riß ihr die Zeichnung aus der Hand: „Was machſt Du da? Was für ein Portrait iſt dieß?“ „Lieber Clarence, erinnerſt Du Dich des Originals nicht mehr? es iſt eine Copie von jenem Portrait unſeres weiſen Ahnherrn, das, wie unſere arme Mutter zu ſagen pflegte, Dir ſo auffallend glich. Ich dachte, es würde Dir eine Freude machen, wenn ich es aus dem Gedächt⸗ niß kopirte.“ 42 „Verflucht war die Aehnlichkeit!“ ſagte Glyndon düſter.„Erräthſt Du den Grund nicht, warum ich es vermieden habe, in das Haus meiner Väter zurückzukeh⸗ ren? Weil ich fürchtete, dieſem Portrait zu begegnen!— weil— weil— aber verzeih mir— ich beunruhige Dich!“ „Ach, nein— nein, Clarence; Du beunruhigſt mich nie, wenn Du ſprichſt, nur wenn Du ſchweigſt! Oh! wenn Du mich Deines Vertrauens würdig hielteſt! oh, wenn Du mir das Recht gegeben hätteſt, mit Dir mich über den Kummer und die Sorgen zu beſprechen, die ich lechze zu theilen!“ Glyndon antwortete nicht, ſondern ging einige Au⸗ genblicke mit unregelmäßigen Schritten im Zimmer auf und ab. Endlich blieb er ſtehen und ſah ſie ernſthaft an. „Ja, auch Du biſt ein Abkömmling von ihm! Du weißt, daß ſolche Menſchen gelebt und gelitten haben,— Du wirſt mich nicht verhöhnen— Du wirſt nicht meinen Worten den Glauben verweigern! Höre denn! Horch! was für ein Ton iſt das?“ „Nur der Wind im Giebel des Sſes Clarence — nur der Wind.“ „Gib mir Deine Hand, laß mich ihren lebendigen Druck fühlen, und wenn ich Dir Alles geſagt habe, ſo komm nie wieder auf die Erzählung zurück. Verhehle ſie Jedermann— ſchwöre, daß ſie mit uns ſterben ſoll— den Letzten unſeres prädeſtinirten Stammes!“ „Nie will ich Dein Vertrauen verrathen— ich ſchwöre es— nie!“ ſagte Adela feſt; und ſie rückte ihm näher. Jetzt begann Glyndon ſeine Erzählung. Das was vielleicht geſchrieben, und für Gemüther, die bereit ſind zu bezweifeln und nicht zu glauben, kalt und gar nicht ſchauerlich erſcheinen mag, nahm ſich anders aus, er⸗ zählt von dieſen entfärbten Lippen mit all der Wahrheit des Schmerzens, welche überzeugt und entſetzt. Vieles verhehlte er noch, Vieles milderte er unwillkürlich; aber er offenbarte noch genug, um ſeine Geſchichte ſeiner blaſ⸗ ſen und zitternden Zuhörerin verſtändlich zu machen.„Bei Tagesanbruch,“ erzählte er,„verließ ich den unheim⸗ lichen, verabſcheuten Platz. Ich hatte noch Eine Hoffnung — ich wollte Mejnour in der ganzen Welt aufſuchen— ihn zwingen, den Feind, der meine Seele peinigte, zur Ruhe zu verweiſen. In dieſer Abſicht reiste ich von Stadt zu Stadt. Ich ließ durch die Polizei von Italien die wach⸗ ſamſten Nachforſchungen anſtellen. Ich nahm ſelbſt die Dienſte der Inquiſitivn in Rom in Anſpruch, welche kürzlich erſt ihre alte Macht wieder geltend gemacht hatte in der Verfolgung des minder gefährlichen Caglivſtro. Alles war umſdnſt— keine Spur von ihm war aufzu⸗ findem Ich war nicht allein, Adela.“ Hier hielt Glyndon einen Auhenblick inne, wie verlegen und verwirrt; denn ich brauche kaum zu ſagen, daß er in ſeiner Erzählung nur undeutlich auf Fillide angeſpielt hatte, in welcher wohl der Leſer ſeine Begleiterin erräth.„Ich war nicht allein, aber die Genoſſin meiner Wanderungen war nicht von der Art, daß meine Seele ihr vertrauen konnte— ſie war treu und liebevoll, aber ohne Erziehung, ohne die Fä⸗ 44 higkeiten mich zu begreifen, mehr mit natürlichen Inſtink⸗ ten, als mit einer gebildeten Vernunft— ein Weſen, dem ſich das Herz in ſorgloſen Stunden hingeben konnte, aber mit dem das Gemüth keine vertraute Gemeinſchaft pflegen, an welchem der verwirrte Geiſt keine Führerin finden konnte. Doch beunruhigte mich in Geſellſchaft die⸗ ſer Perſon der Dämon nicht. Laß mich Dir die fürchter⸗ lichen Bedingungen und Verhältniſſe ſeiner Erſcheinungen noch genauer erklären. In roher Aufregung, im alhtäg⸗ lichen Leben, im taumelnden Gelage, in wilden Exeeſſen, in der ſtumpfſinnigen Lethargie des ſinnlichen Daſeyns, das wir mit den Thieren gemein haben, waren ſeine Augen nicht zu ſehen, war ſein Flüſtern nicht zu hören. Aber ſo⸗ bald die Seele einen höhern Schwung nahm, ſobald die Phantaſie ſich zu Erhabenerem entzündete, ſobald das Bewußtfeyn unſerer eigentlichen Beſtimmung ankämpfte gegen das unwürdige Leben, das ich führte— da, Adela, da kauerte es neben mir im Licht des Mittags, oder ſaß an meinem Bett— eine Dunkelheit, im Dunkeln ſichtbar. Wenn in den Gallerien der göttlichen Kunſt die Träume meiner Jugend den früheren Wetteifer weckten— wenn ich mich zu den Gedanken dev Weiſen wandte— wenn das Beiſpiel der Großen— wenn der Verkehr mit den edeln Geiſtern den verſtummten Geiſt in mir weckte, war der Dämon, wie durch einen Zauber hergebannt, bei mir. Endlich, eines Abends, in Genud, in welche Stadt ich auch auf meiner Verfolgung des Myſtikers gereist war, erſchien dieſer plötzlich, und als ich es am wenigſten er⸗ 45 k⸗ wartete, vor mir. Es war die Zeit des Carnevals. Es 1, war bei einer jener halbwahnſinnigen Scenen von Ge⸗ 3 lärme und ſchwärmendem Jubel— Fröhlichkeit kann man ft kaum ſagen— welche mitten in einem chriſtlichen Feſt die n heidniſchen Saturnalien einführen. Ermüdet vom Tanzen, ⸗ war ich in ein Zimmer getreten, wo einige der Gäſte ⸗ ſaßen, trinkend, fingend, jauchzend, und bei ihren phan⸗ n taſtiſchen Anzügen und häßlichen Masken ſchien es eine ⸗ kaum menſchliche Orgie. Ich miſchte mich unter ſie, und n, in jener entſetzlichen Aufregung der Lebensgeiſter, von 3, welcher die Glücklichen Nichts wiſſen, war ich bald der n Lärmendſte unter Allen. Das Geſpräch kam auf die fran⸗ zöſiſche Revolution, welche für mich immer einen hin⸗ ie reißenden Zauber gehabt hatte. Die Masken ſprachen von dem tauſendjährigen Reiche, das ſie auf Erden einführen te werden,— nicht als Philoſaphen, welche ſich der Ankunft „ des Lichts freuten, ſondern als Böſewichter, die über die Vernichtung der Geſetze jubelten. Ich weiß nicht, wie es 5 kam, aber ihre zügelloſe Sprache ſteckte mich ſelbſt an; e und immer begierig, der Erſte zu ſeyn in jedem Kreiſe, n übertraf ich bald ſelbſt jene Schreier mit Deklamationen n über das Weſen der Freiheit, welche alle Geſchlechter der n Erde zu umfaſſen im Begriff ſey— einer Freiheit, die nicht blos die öffentliche Geſetzgebung, ſondern auch das r. häusliche Leben durchdringen werde— eine Emancipa⸗ h tion von allen Feſſeln, welche die Menſchen ſich ſelbſt ge⸗ , ſchmiedet. Mitten in dieſer Tirade flüſterte mir eine der ⸗ Masken zu: Bulwer's Romane. XCIX. 4 46 „Nehmt Euch in Acht! Es hört Euch Jemand zu, der ein Spion zu ſeyn ſcheint!“ „Meine Augen folgten denen der Maske, und ich be⸗ merkte einen Mann, der am Geſpräch keinen Antheil nahm, aber deſſen Blick auf mich geheſtet war. Er war vermummt, wie die Uebrigen, doch erfuhr ich durch ein allgemeines Geflüſter, daß ihn Keiner hatte eintreten ſehen. Sein Schweigen, ſeine Aufmerkſamkeit, hatte die Beſorgniß der andern Zecher erregt,— mich reizte ſie nur um ſo mehr. Von meinem Gegenſtand hingeriſſen, verfolgte ich ihn, gleichgültig gegen die Winke derer, die mich umga⸗ ben; und mich ganz an die ſchweigſame Maske wendens, die ällein, abgeſondert von der Gruppe, daſaß, bemerkte ich nicht einmal, daß die Gäſte, Einer nach dem Andern, davon ſchlichen, und ich und mein ſchweigender Zuhörer allein blieben, bis ich endlich in meiner hitzigen und ſtürmiſchen Deklamation inne haltend, ſagte: „Und Ihr, Signor— was iſt Eure Anſicht von die⸗ ſer gewaltigen Aera? Freie Meinung ohne Verfolgung — Brüderſchaft ohne Eiferſucht— Liebe ohne Feſſeln—“ „Und Leben ohne Gott, fuhr die Maske fort, als ich mich auf neue Bilder beſann. „Der Ton dieſer wohlbekannten Stimme gab meinen Gevanken eine ganz veränderte Richtung. Ich ſprang vor und ſchrie: „Betrüger oder Teufel, treffen wir uns endlich!“ „Die Geſtalt ſtand auf, wie ich mich ihr näherte, legte die Masfe ab, und zeigte die Züge Mejnours. Sein d zu, be⸗ ahm, mmt, eines Sein gniß m ſo e ich mga⸗ dend, erkte dern, hörer und die⸗ gung — als einen or 17 ert, Sein 47 auf mich geheftetes Auge— ſeine majeſtätiſche Erſchei⸗ nung machte mich ſchauern und zurückbeben. Ich ſtand da wie eingewurzelt. „Ja, ſagte er feierlich, wir treffen uns, und ich habe dieſe Zuſammenkunft geſucht. Wie haſt Du meine Ermahnungen befolgt! Sind das die Scenen, wo der nach der heiteren Wiſſenſchaft Trachtende dem feind⸗ lichen Geſpenſt zu entfliehen glaubt? Drücken die Ge⸗ danken, die Du ausgeſprochen— Gedanken, die alle Ord⸗ nung aus der Welt verſcheuchen würden, die Hoffnungen des Weiſen aus, der zur Harmonie der ewigen Sphären ſich erheben möchte?“ „Es iſt Deine Schuld— ja, die Deinige rief ich. Vertreibe das Phantom! nimm das quälende Schreckniß von meiner Seele „Mejnour ſah mich einen Augenblick mit kalter, chniſcher Verachtung an, die meine Furcht und Wuth zugleich weckte, und antwortete: „Mein, Narr deiner eigenen Sinnen! Nein; Du mußt die volle, ganze Erfahrung der Täuſchungen durch⸗ machen, zu welchen das Wiſſen ohne Glauben auf ſeinem Titanenweg emporklimmt. Du lechzeſt nach jenem tau⸗ ſendjährigen Reich.— Du ſollſt es ſchauen! Du ſollſt Eine der handelnden Perſonen in der Aera des Lichts und der Vernunft ſeyn. Ich ſehe, während ich ſpreche, das Phantom, vor welchem Du fliehſt, an Deiner Seite — es beherrſcht Deine Bahn— es hat noch Macht über 48 Dich— eine Macht, die der meinigen trotzt. In den letz⸗ ten Tagen jener Revolution, die Du begrüßeſt, unter den Trümmern der Ordnung, die Du als Unterdrückung ver⸗ fluchſt, ſuche die Erfüllung Deines Verhängniſſes, und erwarte Deine Heilung!““ „In dieſem Augenblick ſtürmte eine Schaar Masken, ſchreiend, berauſcht, taumelnd und ſich dabei drängend, in das Zimmer, und trennten mich von dem Myſtiker. Ich brach durch ſie durch, und ſuchte ihn überall, aber umſonſt. Alle meine Nachforſchungen am folgenden Tage waren eben ſo fruchtlos. Wochen gingen hin über dieſem Beſtreben— keine Spur von Mejnour war zu entdecken. Ueberdrüſſig der unächten Vergnügungen, aufgeſchreckt durch wohlverdiente Vorwürfe, in Folge von Mejnours Prophezeiung zurückbebend vor der Scene, wo ich Be⸗ freiung ſuchen wollte, kam ich endlich auf den Gedanken, in der nüchternen Luft meiner Heimath, unter ſeinen or⸗ dentlichen und angeſtrengten Beſtrebungen, könnte ich vielleicht meine Erlöſung von dem Geſpenſt erreichen. Ich verließ Alle, denen ich bisher freundlich geweſen und angehangen hatte— ich kam hieher. Unter geldſüchtigen Planen und ſelbſtſüchtigen Spekulationen fand ich dieſelbe Erleichterung wie in Exceſſen und Ausſchweifungen. Das Phantom zeigte ſich nicht; aber dieſe Beſchäftigungen wurden mir bald ebenſo zum Ekel, wie alles Uebrige. Im⸗ mer und immer wieder fühlte ich, daß ich für etwas Edle⸗ res geboren war, als für ſchmutzigen Gewinn— daß das Leben ebenſo werthlos, die Seele ebenſo erniedrigt wer⸗ 49 den kann durch die eiskalte Luſt der Habgier, als durch die ungeſtümeren Leidenſchaften. Ein höherer Ehrgeiz hoörte nie auf mich zu peinigen. Aber, aber,“— fuhr Glyndon fort mit erbleichendem Munde und ſichtbarem Schaudern,„bei jedem Verſuch, zu einem edleren Da⸗ ſeyn mich zu erheben, kam dieſe häßliche Geſtalt. Düſter ſtand ſie neben meinem Pinſel. Vor den Büchern des Dichters und des Weiſen ſtand ſie mit ihren brennenden Augen in der Stille der Nacht, und ich wähnte ihr ent⸗ ſetzliches Geflüſter zu hören, Verſuchungen mit zurau⸗ nend, die nie ausgeſprochen werden dürfen.“ Er ſchwieg, und die Tropfen ſtanden auf ſeiner Stirne. „Aber ich,“ ſagte Adela, ihre Furcht bemeiſternd, und ihre Arme um ihn ſchlingend,„aber ich will hinfort kein Leben haben als im Deinigen. Und in dieſer ſo rei⸗ nen, ſo heiligen Liebe wird Dein Schreckbild erbleichen.“ „Nein, nein!“ rief Glyndon, von ihr ſich loßreißend. „Das Schlimmſte habe ich Dir erſt noch zu offenbaren. Seit Du hier biſt— ſeit ich ernſt und entſchloſſen jeden Ort, jede Beſchäftigung mir unterſagt habe, wo der übernatürliche Feind mich nicht beunruhigte, habe ich— ich— o Himmel! Erbarmen— Erbarmen! Da ſteht es— da— neben Dir— da— da!“ Und er ſank be⸗ wußtlos zu Boden. 50 Fünftes Kapitel. Wie Sterbenden zu Muth, Wer mag es ſagen? Doch wunderbar ergriff mich's dieſe Nacht; Die Glieder ſchienen ſchon in Todes Macht. Uhland. ——— c c„8 Ein Fieber, von Delirium begleitet, beraubte Glyn⸗ don einige Tage des Bewußtſey ns; und als er, durch Ade⸗ la's Sorgfalt mehr als durch die Geſchicklichkeit der Aerzte, Leben und Beſinnung wieder gewann, war er un⸗ ſäglich beſtürzt über die Veränderung in dem Aeußern ſeiner Schweſter. Zuerſt kröſtete er ſich in ſeiner Zärtlich⸗ keit mit der Hoffnung, ihre vom Nachtwachen angegriffene Geſundheit werde ſich mit der ſeinigen wieder beſſern. . Bald aber ſah er, mit einem Schmerz, der durch Reue vergiftet war, daß die Krankheit tief wurzle— tiefer als Aeskulap und ſeine Arzneien reichen konnten. Ihre Phan⸗ taſie, nicht viel weniger lebhaft als die ſeinige, war ent⸗ ſetzlich aufgeregt worden durch die Bekenntniſſe, die ſie angehört, durch die Fieberträume ſeines Deliriums. Im⸗ mer und immer wieder hatté er geſchrieen:„Es iſt da— da— neben Dir, meine Schweſter!“ Er hatte in ihre Phantaſie das Geſpenſt übergetragen, und das Entſetzen, das ſeines Lebens Fluch war. Er errieth dieß nicht aus ihren Worten, ſondern aus ihrem Schweigen,— aus den ins Leere hinaus ſtarrenden Augen— aus dem Zittern, das ihren Körper befiel— aus ihrem ſchreckhaften Auf⸗ fahren— aus dem Blick, der ſich nicht umzuſehen wagte. . K N NM M M 51 Bitter bereute er ſein Bekenntniß— bitter fühlte er, daß zwiſchen ſeinen Leiden und menſchlicher Sympathie keine zärtliche und heilige Gemeinſchaft beſtehen könne; um⸗ ſonſt ſuchte er zurückzunehmen— das Geſchehene unge⸗ ſchehen zu machen— Alles für Chimären eines über⸗ mäßig erhitzten Gehirnes zu erklären. Und muthig und edelherzig war dieſe Selbſtverläug⸗ nung; denn oft, oft, wenn er in dieſem Sinne ſprach, ſah er das furchtbare Weſen neben ihr ſchweben, und ihn anglotzen, während er deſſen Exiſtenz läugnete. Aber was ihn, wo möglich, noch mehr äͤngſtigte und betrübte, als ihre hinſchwindende Geſtalt und ihre bebenden Nerven, war die Veränderung in ihrer Liebe zu ihm; eine inſtinkt⸗ artige Scheue war an ihre Stelle getreten. Sie wurde bläſſer, wenn er ſich ihr näherte— ſie ſchauderte, wenn er ihre Hand faßte. Von der übrigen Welt geſchieden, gähnte jetzt die Kluft der abſcheulichen Erinnerung zwi⸗ ſchen ſeiner Schweſter und ihm. Er konnte nicht mehr die Gegenwart der Einen ertragen, deren Leben durch das ſeinige verbittert worden war. Er brachte einige ent⸗ ſchuldigende Vorwände für ſeine Abreiſe vor, und ſah mit einem vernichtenden Gefühle, daß ſie mit lebhafter Zufriedenheit aufgenommen wurden. Den erſten Strahl von Freude, den er ſeit jener verhängnißvollen Nacht auf Adela's Antlitz entdeckt hatte, ſah er, als er flüſterte: „Lebe wohl!“ Er reiste einige Wochen durch die wildeſten Gegenden Schottlands; Scenen, welche zum Künſtler machen ſollten, waren ohne Reiz ſür ſeine hohlen Augen. 52 Ein Brief rief ihn nach Londön zurück auf den Flügeln neuer Furcht und Todesangſt; er fand, zurückgekehrt, ſeine Schweſter in einem körperlichen und geiſtigen Zu⸗ ſtand, der über ſeine ſchlimmſten Beſorgniſſe noch hin⸗ ausging. Ihr leerer Blick— ihre lebloſe Haltung entſetzten ihn; ſie war wie Eine, die den Kopf der Meduſa ange⸗ blickt, und ohne einen Kampf allmälig das menſchliche Weſen ſich zur Bildſäule verſteinern gefühlt hatte. Es war nicht Wahnſinn, es war nicht Blödfinn— es war eine Geiſtesentfreindung, eine Fühlloſigkeit, ein Schlafen im wachen Zuſtand. Nur als es in der Nacht auf die elfte Stunde ging, die Stunde, wo Glyndon ſeine Erzählung geſchloſſen, wurde ſie ſichtlich unruhig, ängſtlich, verſtört. Da murmelten ihre Lippen, ihre Hände zuckten; ſie ſchaute ſich um mit einem unausſprechlichen, Hülfe, Schutz ſuchenden Blick; und plötzlich, wenn die Stunde ſchlug, ſank ſie mit einem Schrei, kalt und leblos zu Boden. Mit Mühe und nur durch die ernſteſten Bitten ließ ſie ſich von Glyndon bewegen, auf ſeine angſtvollen Fragen zu ant⸗ worten; endlich geſtand ſie, daß ſie zu dieſer Stunde, und allein zu dieſer Stunde, wo immer ſie ſich befinde, und mit was immer beſchäftigt, deutlich die Erſcheinung einer alten Unholdin ſehe, die, nachdem ſie dreimal an der Thüre gepocht, in's Zimmer trete, auf ſie zu humple mit einem, von häßlicher Wuth und Drohung verzerrten Geſicht, und ihr die eiskalten Finger auf die Stirne lege; von dieſem Augenblick an, ſagte ſie, verlaſſe ſie die Beſinnung; und „ im te 55 Sechstes Kapitel. La loi, dont le règne vous épouvante, a son glaive levé sur vous: elle vous frappera tous; le genre humain a besoin de cet exemple. Couthon. „Oh! Freude, Freude!— Du biſt endlich gekom⸗ men! das iſt Deine Hand— das Dein Mund. Sage, daß Du mich nicht aus Liebe zu einer Andern verlaſſen— ſag' es noch einmal— ſag' es immer wieder!— Dann ver⸗ zeihe ich Dir alles Uebrige!“ „Alſo haſt Du Dich um mich betrübt!“ „Betrübt!— Und Du warſt ſo grauſam, mir Gold zurückzulaſſen— da iſt es— da— unberührt!“ „Armes Kind der Natur! Wie haſt Du denn in dieſer fremden Stadt Marſeille Brod und Obdach ge⸗ funden?“ „Ehrlich, Seele meiner Seele! ehrlich und redlich, und doch durch das Geſicht, daß Du einſt für ſo ſchön er⸗ kärteſt; kommt es Dir noch ſo vor?“ „Ja, Fillide, ſchöner als je. Aber was willſt Du da⸗ mit ſagen?“ „Es iſt ein Maler hier— ein vornehmer Mann, Einer von den großen Männern zu Paris— ich weiß nicht, wie man ſie nennt; aber er gebietet über Alles hier — Leben und Tod; und er hat mich reichlich bezahlt da⸗ für, daß ich ihm ſaß zu meinem Portrait. Es iſt für ein Gemälde, das er der Nation ſchenken will; denn er malt 56 nur für den Ruhm. Denke nur Deiner Fillide Berühmt⸗ heit!“ Und des Mädchens wilde Augen funkelten; ihre Eitelkeit war erregt.„Und er hätte mich geheirathet, wenn ich gewollt hätte!— ſich von ſeiner Frau ſcheiden laſſen, um mich zu heirathen! Aber ich wartete auf Dich, Un⸗ dankbarer!“ Es wurde an der Thüre gepocht— ein Mann trat ein. „Nicot!“ „Ha! Glyndon! Hm!— Willkommen! Wäs, Du biſt zum zweitenmal mein Rival! Aber Jean Nicot trägt keine Bosheit nach! Die Tugend iſt mein Traum— mein Vaterland, meine Geliebte. Diene meinem Lande, Bür⸗ ger, und ich vergebe Dir den Vorzug der Schönheit. Ca ira! ga ira!/ Aber wie der Maler ſprach, erſchallte, erdröhnte durch die Straßen der feurige Geſang— die Marſeil⸗ laiſe! Ein Haufen— eine Menge— ein Volk war auf den Beinen, mit Fahnen und Waffen, Enthuſiasmus und Geſang;— mit Geſang, mit Enthuſtasmus, mit Fahnen und Waffen! Und Wer konnte errathen, daß dieſe mar⸗ tialiſche Bewegung nicht dem Kriege, ſondern einer Metzelei galt— Franzoſen gegen Franzoſen! Denn es find zwei Parteien in Marſeille und Arbeit genug für Jvurdan den Kopfabſchneider! Aber das begriff der eben angekommene Engländer, allen Factionen fremd, nicht. Er begriff Nichts als den Geſang, den Enthuſiasmus, die. Waffen und die Fahnen, welche der Sonne die prächtige „— —— —— u in Lüge entgegenſchwenkten: Le peuple frangais, debout contre les tyrans! Die finſtere Stirne des unglücklichen Reiſenden be⸗ lebte ſich; er ſchaute vom Fenſter hinab auf den unten, unter ihrer wallenden Oriflamme marſchirenden Haufen. Sie jauchzten, als ſie den Patrivten Nicot, den Freund der Freiheit, und des mitleidloſen Hebert, neben dem Fremden am Fenſter ſahen. „Ja, jauchzt noch einmal!“ ſchrie der Maler— „jauchzt zu dem braven Engländer, der ſeine Pitt's und Coburg's abſchwört, um der Bürger der Freiheit und Frankreichs zu ſeyn!“ Tauſend Stimmen zerriſſen die Lüfte und wieder ſtieg majeſtätiſch die Marſeiller Hymne empor. „Gut; und wenn unter dieſen hohen Hoffnungen und dieſem braven Volke das Phantom vexſchwinden und die Heilung eintreten ſollte!“ murmelte Glyndon, und er meinte das Elixir wieder durch ſens Adern lodern zu fühlen. „Du ſollſt Mitglied des Convents mit Paine und Cloots werden— ich will Alles für Dich beſorgen!“ ſchrie Nicot, ihm auf die Schulter klopfend—„und Paris—“ „Ha, wenn ich nur Paris ſehen könnte!“ rief Fillide mit ihrer fröhlichen Stimme. Fröhlich! Alles war fröh⸗ lich, die ganze Zeit, die Stadt, die Luft— auſſer wo, ungehört, der Schrei der Todesangſt und die gellende Stimme des Mordes erſcholl! Schlafe ruhig in Deinem Grabe, kalte Adela! Freude, Freude! In dem Jubelfeſt 58 der Menſchheit ſollen alle perſönlichen Schmerzen auf⸗ hören. Sieh, der ungeheure Wirbel reißt Dich in ſeine ſtürmiſche Tiefe! Hier iſt das Individium Nichts! Alles iſt nur im Ganzen! Oeffne Deine Thore, ſchönes Paris, für den Fremdbürger! Nehmt in Eure Reihen, Ihr ſanf⸗ ten Republikaner, den neuen Ritter der Freiheit, der Ver⸗ nunft der Menſchheit auf!„Mejnour hat Recht; durch Tugend, durch Kraft, durch glorreiches Ringen für das menſchliche Geſchlecht ſoll das Geſpenſt in ſein Reich der Finſterniß verſcheucht werden!“ Und Nicots gellende Stimme belobte ihn; und der ſchmächtige Robespierre:„Flambeau, colonne, pierre angulaire de P'édifice de la Republique““ lächelte ihn verhängnißvoll an mit ſeinen blutunterlaufenen Augen; und Fillide preßte ihn mit leidenſchaftlichen Armen an ihre zärtliche Bruſt. Und bei ſeinem Aufſtehen und Nie⸗ derſitzen, bei Tiſch und im Bett, führte ihn die Namenloſe, obgleich er ſie nicht ſah, mit den bämoniſchen Augen, zu der See, deren Wellen Blut waren. »Lettre du citoyen P——, Papiers inédits trouvés cher Robespierre XI. 127. Sechstes Buch. — Oö y 707] newovs oe ßleneu Aow ohM releoeic, Ore ras oxa6 elyo res aen Telerov cno vovg⸗ Oracl. Chald ad. Procl. . Erſtes Kapitel. Daher wurden die Genien gemalt mit einer Schüſſel voll Kränzen und Blumen in der einen Hand, und einer Peitſche in der andern. Alerander Roß. Mystag. Poét. Nach der Reihenfolge der in dieſer Erzählung berich⸗ teten Ereigniſſe muß die Abreiſe Zanoni's und Viola's von der griechiſchen Inſel, wo ſie zwei glückliche Jahre verlebt zu haben ſcheinen, etwas ſpäter fallen, als die An⸗ kunft Glyndon's in Marſeille. Im Laufe des Jahrs 1791 muß Viola mit ihrem räthſelhaften Geliebten von Nea⸗ pel geflohen ſeyn, und Glyndon Mejnour auf dem ver⸗ hängnißvollen Schloß aufgeſucht haben. Jetzt, gegen Ende des Jahrs 1793 kehrt unſere Geſchichte wieder zu Zanoni zurück. Die winterlichen Sterne ſchienen nieder auf die Lagunen Venedigs. Das Getöſe des Rialto war verſtummt— die ſpäteſten Gäſte hatten den Markusplatz verlaſſen, und nur in ſparſamen Zwiſchenräumen hörte Bulwer's Romane. XCIX. 5 62 man die Ruder der raſchen Gondeln, wie ſie einen luſtigen Zecher oder einen Liebhaber heimführten. Aber noch flim⸗ merten da und dort Lichter durch die Fenſter eines der von Palladio erbauten Paläſte, deren Schatten in dem gro⸗ ßen Kanal ſchliefen; und in dem Palaſte wachten die Zwillingseumeniden, die dem Menſchen nie ſchlafen— Furcht und Schmerz. „Ich mache Dich zum reichſten Mann in ganz Vene⸗ dig, wenn Du fie retteſt!“ „Signor,“ ſagte der Arzt,„Euer Gold kann dem Tod nicht gebieten und dem Willen des Himmels;— Sig⸗ nor, wenn nicht binnen der nächſten Stunde ein wohlthä⸗ tiger Wechſel eintritt, ſo ſtählt Euren Muth für das 3 Schlimmſte!“ Ho! ho! Zanoni! Mann des Geheimniſſes und der Macht, der Du unter den Leidenſchaften der Welt umher⸗ wandelteſt, ohne daß ein Wechſel auf Deiner Stirne ſicht⸗ bar ward, biſt Du endlich auf die Wellen der ſtürmi⸗ ſchen Furcht hinaus geſtoßen? Schwankt Dein Geiſt hin und her? kennſt Du endlich die Stärke und Majeſtät des Todes? Er floh zitternd vor dem bleichen Angeſicht des Man⸗ nes der Kunſt— floh durch prächtige Säle und lange Cor⸗ ridors, und erreichte ein entlegenes Gemach des Pala⸗ ſtes, das kein anderer Fuß entweihen durfte auſſer dem ſeinigen. Fort mit Deinen Kräutern und Gefäßen. Brich aus den verzauberten Elementen hepvor, o ſilbernazurne Flamme! Warum kommt er nicht, der Sohn des Ster⸗ ⸗ e— p—— — — 3 —— 1—— 3„ — im⸗ von r⸗ die em ig⸗ hä⸗ das der er⸗ cht⸗ mi⸗ hin des an⸗ or⸗ la⸗ dem rich rne ter⸗ nenſtrahls? Warum iſt Adon⸗Ai taub gegen Deinen feier⸗ lichen Ruf? Es naht Dir nicht— das leichte entzückende Weſen! Cabbaliſt, ſind Deine Zauber nichtig? Iſt Dein Thron verſchwunden aus den Königreichen des Raumes? Du ſtehſt blaß und zitternd da. Blaſſer Zitternder! ſo ſahſt Du nicht aus, als die herrlichen Weſen auf Deinen Zauberſpruch ſich um Dich verſammelten. Dem blaſſen Zitternden beugen ſich nimmermehr die herrlichen Weſen; — die Seele, nicht die Kräuter, nicht die filbern⸗azurne Flamme, nicht die Chemie der Cabbala, beherrſcht die Kinder der Luft; und Deine Seele iſt durch Liebe und Tod des Scepters und der Krone beraubt worden! Endlich zittert die Flamme,— die Luft wird kalt, wie der Wind, der aus Beinhäuſern ſtreicht. Etwas Un⸗ irdiſches iſt gegenwärtig— ein nebelhaftes, geſtaltloſes Weſen. Es kauert in einiger Entfernung— ein ſtummer Greuel! es erhebt ſich,— es kriecht— es nähert ſich Dir in ſeinem düſtern Nebelmantel; und unter ſeinem Schleier ſchaut es Dich an mit ſeinen gelben, boshaften Augen — das Weſen mit den boshaften Augen! „Ha, junger Chaldäer! jung mit Deinen zahlloſen Jahrhunderten— jung wie damals, als Du, kalt gegen Genuß und Schönheit, auf dem alten Feuerthurme ſtan⸗ deſt, und das Schweigen der Sterne Dir das letzte Ge⸗ heimniß ins Ohr hauchen ließeſt, das dem Tode trotzt — fürchteſt Du endlich den Tod? Iſt Dein Wiſſen nur ein Cirkel, der Dich zum Ausgangspunkte Deiner Wan⸗ 5 64 derungen zurückführt? Generationen und Generationen d ſind vahingewelkt, ſeit wir Beide uns zuletzt ſahen. Siehe, 2 jetzt ſchauſt Du mich wieder!“ „Aber ich ſchaue Dich ohne Furcht! Obgleich unter Deinen Blicken Tauſende untergegangen ſind; obgleich da, wohin ſie brennen, die ſchnöden Gifte des menſchlichen e Herzens emporſpringen, und diejenigen, die Du Deinem 2 Willen zu unterwerfen vermagſt, Deine Gegenwart in die n Träume des tobenden Wahnſinns hineinglotzt, oder den Kerker des verzweifelnden Verbrechens für ſie ſchwärzt, biſt Du doch nicht meine Beſiegerin, ſondern meine Skla⸗ vin!“ „Und wie eine Sklavin will ich Dir dienen! Ge⸗ beut Deiner Sklavin, o ſchöner Chaldäer! Horch! ein Weibergewinſel! horch, das gellende Kreiſchen Deiner Geliebten! Der Tod iſt in Deinem Palaſt! Adon⸗Ai er⸗ ſcheint nicht auf Deinen Ruf. Nur wo keine Wolke der Leidenſchaft oder des Fleiſches das Auge des heitern und klaren Verſtandes verſchleiert, können die Söhne des Ster⸗ nenſtrahls zum Menſchen herabſchweben. Aber ich kann Dir helfen! Horch!“ Und Zanoni hoͤrte deutlich in ſeinem Herzen, trotz der weiten Entfernung ihres Zimmers, die Stimme Viola's, die im Delirium nach ihrem Geliebten rief. „Und ich kann Dich nicht retten!“ rief der Seher lei⸗ denſchaftlich.„Meine Liebe zu Dir hat mich meiner Macht beraubt!“ „Nicht Deiner Macht beraubt, ich kann Dich mit en he, ter da, en em die en tzt. la⸗ 65 der Kunſt begaben, ſie zu retten— ich kann Dir das Mittel der Heilung in die Hand geben!“ „Für Beide? für Kind und Mutter— für Beibe? 2“ „Für Beide!“ Ein Krampf machte die Glieder des Sehers beben— ein mächtiger Krampf ſchüttelte ihn wie ein Kind; die Menſchheit und die drängende Stunde ſiegen über den widerſtrebenden Geiſt. „Ich ergebe mich! Mutter und Kind— rette Beide!“ Im dunklen Zimmer lag Viola, in der Todesangſt der heftigſten Wehen; das Leben ſchien ſich zu verzehren in dem Stöhnen und Schreien, das mitten im Wahnſinn den Schmerz verrieth, und unter Stöhnen und Schreien rief ſie immer nach Zanoni, ihrem Geliebten. Der Arzt ſah nach der Uhr; es pochte immer fort, dieß Herz der Zeit, regelmäßig und langſam— dieß Herz, das nie mitgefühlt hat mit dem Leben, nie ſtill geſtanden iſt beim Tod!„Das Schreien wird ſchwächer,“ ſagte der Arzt; „in zehn Minuten wird Alles vorüber ſeyn!“ Thor! die Minuten lachen Deiner; eben jetzt lächelt die Natur, wie ein blauer Himmel durch einen halbzer⸗ ſtörten Tempel, durch den gequälten Körper. Der Athem wird ruhiger und leiſer— die Stimme des Deliriums verſtummt— ein ſüßer Traum iſt über Viola gekommen. Iſt es ein Traum, oder iſt es die Seele, die ſieht? Sie glaubt plötzlich bei Zanoni zu ſeyn, ihr brennendes Haupt an ſeine Bruſt zu legen; ihr iſt, wie er ſie anſchaut, als ob ſeine Augen die Martern verſcheuchen, die an ihr 66 nagen— die Berührung ſeiner Hand kühlt das Fieber ihrer Stirne; ſie hört ſeine Stimme flüſtern— es iſt eine Muſik, vor welcher die Feinde fliehen. Wo iſt der Berg, der auf ihre Schläfe zu drücken geſchienen? Wie ein Dunſt rollt er weg. Im Froſt der Winternacht ſieht ſie die Sonne am prächtigen Himmel lachen— ſie hört das Flüſtern der grünen Blätter! die ſchöne Welt, Thal und Strom und Waldgrund liegen vor ihr, und ſprechen mit Einer Stimme zu ihr:„Wir ſind noch nicht dahin für Dich!“ Narr mit Deinen Arzneien und Rerepten, ſchau auf Deinem Zifferblatt!— der Zeiger iſt vorgerückt; die Minuten ſind hei der Cwigkeit; die Seele, welcher Dein Mund ſchon das Urtheil der Trennung geſprochen, weilt noch auf den Küſten der Zeit. Sie ſchläft; das Fieber legt ſich; die Krämpfe ſind vorüber; die lebendige Roſe glüht auf ihrer Wange; die Kriſe iſt vorbei! Gatte, Dein Weib lebt! Liebender, Deine Welt iſt keine Ein⸗ ſamkeit. Herz der Zeit, poche nur zu! Eine Weile— eine kleine Weile— Freude! Freude! Freude!— Vater! umarme Dein Kind! Zweites Kapitel. Tristis Erinnys Practulit infaustas Sanguinolenta faces. * Ovid. Und ſie legten das Kind in des Vaters Arme! Wie er ſich ſchweigend darüber beugte, ſtürzten Thränen— wie — 67 menſchliche Thränen!— aus ſeinen Augen wie Regen! Und das Kleine lächelte durch die Thränen, die ſeine Wan⸗ gen benetzten! Ach, mit welchen glücklichen Thränen be⸗ willkommnen wir den Ankömmling in unſerer ſorgenvollen Welt! Mit wie ſchmerzlichen Thränen entlaſſen wir den Scheidenden zurück zu den Engeln! Unſelbſtſüchtige Freude! aber wie ſelbſtiſch iſt der Kummer! Und jetzt vernimmt man in dem ſchweigenden Ge⸗ mach eine ſchwache, ſüße Stimme— der jungen Mutter Stimme! „Ich bin hier; ich bin an Deiner Seite!“ flüſterte Zanoni. Die Mutter lächelte, und drückte ſeine Hand, und fragte nicht weiter; ſie war zufrieden. Viola erholte ſich mit einer Schnelligkeit, die den Arzt ſtaunen machte, und der junge Ankömmling gedieh, als liebte er ſchon die Welt, in welche er herabgekom⸗ men. Von dieſer Stunde an ſchien Zanoni in des Kindes Leben zu leben; und in dieſem begegneten ſich die Seelen von Vater und Mutter als in einem neuen Bande. Nichts ſchöneres als dieß Kind hatte man je geſehen. Es kam den Wärterinnen ſeltſam vor, daß es nicht mit Wimmern ans Tageslicht trat, ſondern das Licht anlächelte, wie et⸗ was ihm zuvor ſchon Vertrautes. Es that nie einen Schrei kindiſchen Unbehagens. In ſeiner Ruhe ſelbſt ſchien es auf eine ſelige Stimme in ſeinem Herzen zu lauſchen; es ſchien ſelbſt ſo glücklich. In ſeinen Augen konnte man 68 wähnen, ſchon das Licht des Geiſtes entzündet zu ſehen, obgleich es noch keine Sprache gefunden. Schon ſchien es ſeine Eltern zu erkennen; ſchon ſtreckte es die Aermchen aus, wenn ſich Zanoni über das Bett hinbeugte, worin es athmete und blühte— die Blumenknoſpe! Und von dieſem Bett entfernte er ſich ſelten; es anſchauend mit ſeinen heitern, entzückten Augen, ſchien ſeine Seele die des Kindes mit ſich zu nähren. Bei Nacht und bei völli⸗ ger Dunkelheit blieb er immer da; und oft hörte ihn Viola darüber Etwas murmeln, wenn ſie in halbem Schlafe da lag. Aber was er murmelte, war in einer ihr fremden Sprache; und manchmal, wenn ſie es hörte, fürch⸗ tete ſie ſich, und unbeſtimmte, abergläubiſche Vorſtellungen kehrten wieder in ihrer Seele ein— der Aberglauben der früheren Jugend. Eine Mutter fürchtet Alles für ihr Neugeborenes, ſogar die Götter. Die Sterblichen kreiſch⸗ ten laut auf in den alten Tagen, als ſie die große Deme⸗ ter bemüht ſahen, ihr Kind unſterblich zu machen! Aber Zanoni, verſunken in die erhabenen Plane, welche die menſchliche Liebe beſeelten, deren Gefühl jetzt in ihm erwacht war, vergaß Alles, Alles ſogar, was er gewagt und verwirkt hatte, in ſeiner ihn verblendenden Liebe. Aber das dunkle geſtaltloſe Weſen, obgleich er es weder anrief noch ſah, kroch oft, oft um ihn herum; und oft ſaß es neben dem Lager des Kindes mit ſeinen häßli⸗ chen Angen. en, es hen rin on mit die lli⸗ hn em hr er 69 Drittes Kapitel. Fuscis tellurem amplectitur alis. virg. Brief Zanoni's an Mejnour. Mejnour, das Leben der Menſchheit, mit all ſeinen Sorgen und Freuden, iſt wieder das meinige. Tag für Tag ſchmiede ich mehr an meinen Feſſeln. Ich lebe in Andrer ſtatt in meinem Leben, und damit habe ich mehr als meine halbe Macht verloren. Ich hebe ſie nicht em⸗ por, ſie ziehen mich durch die ſtarken Bande der Zärtlich⸗ keit zu ihrer Erde hinab. Verbannt von den Weſen, die nur dem abgezogenſten Geiſte ſichtbar ſind, hat der grim⸗ mige Feind, der die Schwelle hütet, mich in ſein Netz ver⸗ wickelt. Wirſt Du mir es glauben können, wenn ich Dir ſage, daß ich ſeine Gaben angenommen habe, und die Buße dafür erdulde? Menſchenalter müſſen vergehen, ehe die glänzenderen Weſen wieder dem Geiſte gehorchen tön⸗ nen, der ſich gebeugt hat vor dem geſpenſtiſchen! Und— In dieſer Hoffnung denn, Mejnour, triumphire ich noch; ich habe noch die höchſte Macht über dieß junge Leben. Unbemerkt und unhörbar ſpricht meine Seele zu der ſeinigen, und bereitet ſie ſchon jetzt vor. Du weißt, daß für den reinen, unbefleckten Kindergeiſt die Prüfung keine Schreckniſſe, keine Gefahr hat. So nähre ich es un⸗ abläſſig mit nicht unheiligem Licht; und ehe es noch der 70 Gabe ſich bewußt iſt, wird es die Vorrechte gewinnen, die ich habe erkämpfen müſſen; das Kind wird allmälig und faſt unmerklich ſeine Eigenſchaften der Mutter mit⸗ theilen; und zufrieden, ewig ſtrahlende Jngend auf der Stirne der zwei Weſen zu ſehen, die jetzt die ganze Unend⸗ lichkeit meiner Gedanken genügend erfüllen, werde ich mich noch grämen um das ätheriſchere Königreich, das mit jeder Stunde mehr meinen Händen entſchwindet? Aber Du, deſſen Blick noch klar und heiter iſt, ſchau Du in die fernen, meinem Auge verſchloſſenen Tiefen, und rathe mir oder warne mich! Ich weiß, daß die Gaben des Weſens, deſſen Stamm dem unſrigen ſo feindſelig iſt, für den gewöhnlichen Bewerber ſo unheilvoll und treulos ſind, als es ſelbſt. Und daher, wenn an den Gränzen der Erkenntniß, welche die Menſchen in früheren Zeiten Ma⸗ gie nannten, ſie den Weſen aus den feindlichen Geſchlech⸗ tern begegneten, hielten ſie dieſe Erſcheinungen für höl⸗ liſche Feinde, und wähnten, ſie hätten durch Unterzeichnung eingebildeter Pakte ihre Seele verhandelt; als ob der Menſch für eine Ewigkeit das hingeben könnte, worüber er nur, ſo lange er lebt, Macht hat! Dunkel, und für immer verhüllt dem menſchlichen Auge, wohnen die rebel⸗ liſchen Dämonen in ihrem undurchdringlichen Reiche; in ihnen iſt kein Hauch des Göttlichen. In jeder menſchlichen Creatur athmet der Göttliche; und er allein kann nach dieſem Leben richten über das, was Sein iſt, und ihm eine neue Laufbahn, eine neue Heimath zutheilen. Könnte der Menſch ſich ſelbſt dem böſen Feinde verkaufen, ſo könnte — 71 er ſich ſelbſt Unrecht thun, und ſich die Verfügung über die Ewigkeit anmaßen. Aber dieſe Geſchöpfe, obwohl Modifikationen der Materie, und einige von mehr als menſchlicher Bosheit⸗ fönnen wohl der Furcht und dem unvernünftigen Aberglauben als die Stellvertreter von Teufeln erſcheinen. Und von dem ſchwärzeſten und mäch⸗ tigſten darunter habe ich ein Geſchenk angenommen— das Geheimniß, das den Tod von den mir Theuerſten abwehrte. Kann ich nicht hoffen, daß mir noch genug Kraft bleibt, um das Phantom zu täuſchen oder ihm zu trotzen, wenn ich die Gabe zu verkehren ſuche? Antworte mir, Mejnour; denn in dem Dunkel, das mich umhüllt, ſehe ich nur die reinen Augen des Neugebornen; ich höre nur das leiſe Pochen meines Herzens. Antworte mir, Du, deſſen Weisheit ohne Liebe iſt! Mejnour an Zanoni. Rom. Gefallener! ich ſehe, Deiner warten Uebel und Tod und Wehe! Du Adon⸗Ai verlaſſen, und dem namenloſen Greuel zufallen— die himmliſchen Sterne vertauſchen mit dieſen greulichen Augen! Du am Ende das Opfer werden der Larve der entſetzlichen Schwelle, die bei Dei⸗ nem erſten Noviziat zuckend und faſt vernichtet floh vor Deinem königlichen Angeſicht! Als bei den erſten Stufen der Einweihung der Zögling, den ich von Dir übernahm an den Küſten der verwandelten Parthenope, bewußtlos und ſich krümmend niederſank vor dem Schattenphantom, 72 da wußte ich, daß ſein Geiſt nicht geſchaffen war zur An⸗ ſchauung der höhern Welten; denn Furcht iſt es, was den Menſchen zur irdiſchſten Erde hinzieht; und ſo lang er fürchtet, kann er nicht emporſtreben. Aber Du, ſiehſt Du nicht, daß lieben nichts Anderes iſt als fürchten? ſiehſt Du nicht, daß die Macht über die Boshafte, deren Du Dich rühmſt, ſchon dahin iſt? Sie macht Dir Angſt, ſie beherrſcht Dich; ſie wird ihren Spott mit Dir haben, und Dich verrathen. Verliere keinen Augenblick; komm zu mir. Wenn noch genügende Sympathie zwiſchen uns iſt, ſo ſollſt Du durch meine Augen ſehen, und vielleicht kannſt Du Dich noch hüten vor den Gefahren, die jetzt noch geſtaltlos, und durch die Schatten dämmernd ſchwan⸗ kend, ſich um Dich und diejenigen, die Deine Liebe ſelbſt dem Unheil geweiht hat, drängen. Komm, reiße Dich los von allen Banden Deiner zärtlichen Menſchlichkeit; ſie werden nur Dein Auge verdunkeln. Reiße Dich los von allen Deinen Befürchtungen und Hoffnungen, Deinen Wünſchen und Leidenſchaften. Komm, denn nur in ſeiner Alleinigkeit kann der Geiſt Monarch und Seher ſeyn, durchleuchtend die Hülle, worin er wohnt, ein reiner, ein⸗ drucksloſer, erhabener Verſtand! — e er 1 73 Viertes Kapitel. Plus que vous ne pense? ce moment est terrible. Laharpe, le comte de Warwick. III. 5. Zum erſten Mal ſeit ihrer Verbindung trennten ſich Zanoni und Viola— Zanoni reiste nach Rom in wich⸗ tigen Angelegenheiten.„Es ſey,“ ſagte er,„nur auf we⸗ nige Tage,“ und er reiste ſo plötzlich ab, daß wenig Zeit zur Ueberraſchung wie zur Betrübniß blieb. Aber die erſte Trennung iſt immer melancholiſcher als billig; es ſcheint eine Unterbrechung des Daſeyns, das Liebe mit Liebe theilt; ſie macht das Herz fühlen, welch eine Leere das Leben ſeyn wird, wenn die letzte Trennung, die doch ein⸗ mal kommen muß, auf die erſte folgen wird. Aber Viola hatte eine neue Seele zur Geſellſchaft, ſie erfreute ſich der köſtlichen Neuheit, die immer die Jugend der Frauen verjüngt, und ihr Auge plendet. Als Geliebte— als Weib — lehnte ſie ſich an einen Andern; ihr Glück, ihr Da⸗ ſeyn find von einem Andern zurückgeſpiegelt— wie ein Geſtirn, das von ſeiner Sonne Licht empfängt. Als Mut⸗ ter dagegen erhebt ſie ſich aus dem Verhältniß der Ab⸗ hängigkeit zu dem der Macht; ein Anderes lehnt ſich an ſie an— ein Stern iſt in den Weltraum geſprungen, dem ſie ſelbſt Sonne geworden iſt! Nur wenige Tage— aber ſie werden ſüß ſeyn trotz der bekümmerten Sorge! Wenige Tage— von welchen jede Stunde dem Kind eine Aera ſcheint, über dem Augen und Herz ſorgſam wachen. Von ſeinem Erwachen zu ſei⸗ nem Schlaf, von ſeinem Schlaf zu ſeinem Erwachen, iſt ein Umſchwung in der Zeit! Jede Geberde muß bemerkt werden— jedes Lächeln ſcheint ein neuer Schritt vorwärts in der Welt, die zu beglücken es gekommen iſt! Zanont iſt fort— das letzte Klatſchen des Ruders iſt verhallt— das letzte Fleckchen der Gondel iſt verſchwunden in den Meerſtraßen Venedigs! Ihr Kind ſchläft in der Wiege zu der Mutter Füßen; und ſie denkt in ihren Thränen, welche Geſchichten von dem Feenland, das mit tauſend Wundern unermeßlich ſich dehnt in dieſem ſchmalen Bett⸗ chen, ſie dem Vater zu erzählen haben werde! Lächle nur — weine nur, junge Mutter! Schon iſt das ſchönſte Blatt in dem ſeltſamen Buche für Dich geſchloſſen! und der Finger wendet das Blatt um!. an ba Rialtobrice nben Vetttter— glühende Republikaner und Demokraten— welche die franzöſiſche Revolution als das Erdbeben betrachteten, das ihre eigene erſterbende, fehlerhafte Verfaſſung um⸗ ſtürzen, und Venedig Gleichheit der Stände und der Rechte ſchenken müſſe. „Ja, Cottalto,“ ſagte der Eine,„mein Correſpon⸗ dent in Paris hat verſprochen, alle Hinderniſſe zu beſeiti⸗ gen, aller Gefahr zu trotzen. Er will mit uns die Stunde des Aufſtandes verabreden, wenn die Legionen des Frank⸗ reichs ſo nahe find, daß ſie unſere Kanonen hören können. ₰n 70 An einem Tage in dieſer Woche, um dieſe Stunde, will er mich hier treffen. Heute iſt erſt der vierte Tag.“ Er hatte kaum dieſe Worte geſprochen, als ein Mann, in ſeinen Roquelaure gehüllt, aus einer der engen Stra⸗ ßen zur Linken hervorkam, vor den Beiden ſtehen blieb, und nachdem er ſie ein paar Augenblicke mit ernſtem, prü⸗ fendem Blick betrachtet, flüſterte:—„Salut!“ „Et fraternité,“ antwortete der zuerſt geſprochen. „Alſo ſeyd Ihr der wackere Dandolo, mit welchem zu korreſpondiren mich das Comité beauftragt hat? Und dieſer Bürger—?“ „Iſt Cottalto, deſſen meine Briefe ſo oft erwähnten.““ „Heil ihm und Brüderſchaft! Ich habe Euch Bei⸗ den Viel mitzutheilen. Ich will Euch heute Nacht auf⸗ ſuchen, Dandolo. Aber auf den Straßen könnten wir beobachtet werden.“ „Und ich kann Euch nicht in mein Haus einladen; die Tyrannei macht unſere Wände ſelbſt zu Spionen. Aber der hier bezeichnete Ort iſt ſicher;“ und er drückte eine Adreſſe in die Hand ſeines Correſpondenten. „Heute Nacht alſo, um neun Uhr! Inzwiſchen habe ich andere Geſchäfte zu beſorgen!“ Der Mann hielt inne, er wechſelte die Farbe, und mit lebhafter, aufgeregter Stimme begann er wieder: *Ich weiß nicht, ob der Verf. der Handſchrift mit dieſen Na⸗ men den wahren Cottalto und den ächten Dandolo aufzu⸗ führen beabſichtigt, die im Jahr 1797 ſich durch ihre Sym⸗ pathie für Frankreich und ihren demokratiſchen Eifer her⸗ vorthaten. 76 „Euer letzter Brief erwähnte des reichen und ge⸗ heimnißvollen Fremden— des Zanoni. Iſt er noch in Venedig?“ „Ich höre, daß er heute Morgen abgereist iſt; aber ſeine Frau iſt noch hier.“ „Seine Frau— das iſt gut.“ „Was wißt Ihr von ihm? Meint Ihr, er würde ſich uns anſchließen? Sein Reichthum würde—“ „Sein Haus, ſeine Abreſſe— ſchnell!“ unterbrach ihn der Mann. „Der Palazzo di——, am großen Kanal.“ „Ich danke Euch. Um neun Uhr treffen wir uns.“ Der Mann eilte fort durch die Straße, aus der er hervorgekommen war; und als er an dem Hauſe vorbei kam, wo er ſein Quartier genommen(er war in der Nacht zuvor in Venedig angekommen), ergriff eine Frau, die unter der Thüre ſtand, ſeinen Arm. Monsieur,“ ſagte ſie franzöſiſch,„ich habe Eure Rückkehr abgewartet. Verſteht Ihr mich? Ich will Allem trotzen, Alles wagen, um mit Euch nach Frankreich zurück⸗ zukehren— um im Leben und im Tod meinem Gatten zur Seite zu ſtehen.“ „Citoyenne, ich verſprach Eurem Gatten, daß ich, falls dieß Eure Wahl ſey, mein eigenes Leben daran ſetzen würde, Euch behülflich zu ſeyn. Aber bedenkt es noch ein⸗ mal! Euer Gatte gehört zu der Faktion, welche Robes⸗ pierre ſich ſchon ins Auge gefaßt hat; er kann nicht fliehen. Ganz Frankreich iſt ein Gefängniß für die Verdächtigen — en — 5„, — bei 77 geworden. Ihr ſetzt durch Eure Rückkehr nur Euch der Gefahr aus. Offen geſprochen, citoyenne, das Schickſal, das Ihr zu theilen wünſcht, dürfte die Guillotine ſeyn. Ich ſpreche(wie Ihr aus ſeinem Briefe wißt), wie Euer Gatte mich beauftragte zu thun.“ „Monsieur, ich will mit Euch zurückkehren,“ ſagte die Frau mit einem Lächeln in ihrem blaſſen Geſicht. „Und doch habt Ihr Euren Gatten verlaſſen während des ſchönen Sonnenſcheins der Revolution, um unter ihren Stürmen und Gewittern zu ihm zurückzukehren!“ ſagte der Mann im Ton halb der Verwunderung, halb des Vorwurfs. „Weil meines Vaters Tage bedroht waren; weil ihm teine Rettung blieb, als Flucht ins Ausland; weil er alt und ohne einen Groſchen Geld war, und Niemand hatte, für ihn zu arbeiten, als mich; weil mein Gatte damals nicht in Gefahr war, wohl aber mein Vater; er iſt todt — todt! Jetzt iſt mein Gatte in Gefahr. Die Pflichten der Tochter ſind erfüllt— die des Weibes kommen jetzt an die Reihe!“ „Sey es ſo, eitoyenne; in der dritten Nacht reiſe ich ab. Bis dahin könnt Ihr immer noch Euren Entſchluß ändern.“ „Nimmer!“ Ein finſteres Lächeln zuckte über des Mannes Ge⸗ ſicht.„O Guillotine!“ ſagte er,„wie viele Tugenden haſt Du ans Licht gebracht! Wohl moͤgen ſie Dich eine Heilige Mutter nennen, o blutige Guillotine!“ Er ſchritt, Bulwer's Romane. KCIX. 78 vor ſich hin murmelnd, weiter, rief eine Gondel an, und befand ſich bald auf den belebten Waſſern des großen Kanals. Fünftes Kapitel. Ce que j'ignore Est plus triste peut-tre et plus affreux encore. Laharpe. Le Comte de Warwick. V. 1. Das Fenſter ſtand offen und Viola ſaß daran. Unten glänzten die breiten Waſſer im kalten aber wolkenloſen Sonnenſchein; und nach dieſer ſchönen Geſtalt, dieſem halbabgewendeten Antlitz richtete ſich das Auge manches galanten Cavaliers, als die Gondeln vorüberfuhren. Endlich aber, mitten im Canal, blieb ein ſolches ſchwarzes Fahrzeug unbeweglich ſtehen, während ein Mann durch das Fenſterchen ſeinen Blick auf dieſen ſtattlichen Palaſt heftete. Er gab den Ruderern Befehl— das Schifflein näherte ſich dem Land. Der Fremde verließ die Gondel; er ſchritt die breiten Treppen hinauf, er trat in den Palaſt. Weine nur!— lächle nicht mehr, junge Mutter! das letzte Blatt iſt umgewendet! Ein Diener trat in das Zimmer und gab Viola eine Karte, worauf die Worte in engliſcher Sprache:„Viola, ich muß Euch ſehen! Clarence Glyndon.“ Ach ja, mit welcher Freude mußte Viola einwilli⸗ gen ihn zu ſehen! wie froh mit ihm von ihrem Glück c—— ind en„ re⸗ ten ſen es es nn en as ieß rat ige ine la, li⸗ ück 79 ſprechen, von Zanoni! wie froh ihm ihr Kind zeigen! Der arme Clarence! Sie hatte ihn bis jetzt vergeſſen, wie das ganze Fieber ihres früheren Lebens— ſeine Träume, ſeine Eitelkeiten, ſeine armſelige Aufregung die Lampen des prächtigen Theaters, den Beifallsruf der lärmenden Menge. Er trat ein. Sie erſchrack bei ſeinem Anblick, ſo ver⸗ ändert war ſeine trübfinnige Stirne, ſeine entſchloſſenen, gramverzehrten Züge, verglichen mit der gefälligen Bil⸗ dung und dem ſorgenloſen Antlitz des liebenden Künfllers. Seine Kleidung, obwohl nicht gering, war grob, ver⸗ nachläſſigt, unordentlich. Ein trotziges, verzweiflungsvol⸗ les, halb wildes Weſen hatte jene anſprechend offene Miene verdrängt— mißtrauiſch in ihrer Anmuth, und ernſt in ihrem Mißtrauen— welche einſt den jungen Anbeter der Kunſt, den nach himmliſcher Weisheit trachtenden Träu⸗ mer ausgezeichnet hatte „Seyd Ihr es?“ ſagte ſie endlich.„Aber Clarence, wie verändert!“ „Verändert!“ ſagte er haſtig, em er ſich neben ſie ſetzte.„Und Wem danke ich dieß als den böſen Fein⸗ den— den Zauberern— welche ſich Deines Daſeyns be⸗ mächtigt haben wie des meinigen? Viola, höre mich. Vor wenigen Wochen erreichte mich die Kunde, daß Ihr in Venedig ſeyd. Unter andern Vorwänden und unter un⸗ zähligen Gefahren bin ich hieher gekommen, Freiheit, vielleicht Leben aufs Spiel ſetzend, falls mein Name und mein Thun und Treiben in Venedig bekannt würde, um 6* 80 Euch zu warnen und zu retten. Verändert nennt Ihr mich! veraͤndert im Aeußeren; aber was iſt das gegen die Ver⸗ wüſtungen im Innern! Laßt Euch, laßt Euch warnen noch zur rechten Zeit!“ Die Stimme Glyndons, hohl und wie aus dem Grabe kommend, erſchreckte Viola noch mehr als ſelbſt ſeine Worte. Blaß, hohläugig, abgemagert, war er beinahe wie Einer, der von den Todten erſtanden, um ſie zu entſetzen, ihr bange zu machen. „Was,“ ſagte ſie endlich mit ſtammelnder Stimme, „was für wilde Reden bringt Ihr da vor? Könnt Ihr—“ „Hört!“ unterbrach ſie Glyndon, ſeine Hand auf ihren Arm legend, und ihre Berührung war kalt wie der Tod—„Hört mich an! Ihr habt wohl die alten Geſchich⸗ ten vernommen von Menſchen, welche einen Bund mit Teufeln machten, um übernatürliche Kräfte zu erlangen. Dieſe Geſchichten ſind keine Fabeln. Solche Menſchen leben. Ihre Luſt iſt, den unheiligen Kreis ſolcher Elen⸗ den, wie ſie ſind, zu vermehren. Wenn ihre Proſelyten in der Probe nicht glücklich find, ſo erfaßt ſie der Dämon in dieſem Leben ſchon, wie er mich erfaßt hat! wenn ſie darin beſtehen, Weh, ja ein noch längeres Weh! Es gibt ein anderes Leben, wo keine Zauber den Böſen bin⸗ den, oder die Marter mildern können. Ich komme von einem Schauplatz, wo Blut in Strömen fließt— wo der Tod neben den Muthigſten und Höchſten ſteht, und der einzige Monarch die Guillotine iſt; aber alle irdiſchen Gefahren, welche die Menſchen bedrohen können, find Nichts gegen nich! Ver⸗ noch rabe orte. iner, ihr nme, 4 auf e der hich⸗ mit gen. ſchen len⸗ yten mon n ſie Es bin⸗ nem Tod izige ren, egen 8¹ das Entſetzliche eines Gemaches, wo das Grauſen, das über den Tod geht, waltet und haust!“ Jetzt erzählte Glyndon mit kalter und klarer Genauig⸗ keit, ebenſo wie er bei Adela gethan hatte, die Einwei⸗ hung, die er durchgemacht. Er beſchrieb mit Worten, welche das Blut ſeiner Zuhörerin erſtarren machten, die Erſchei⸗ nung des geſtalkloſen Phantoms, mit den Augen, welche das Gehirn derer, die es ſchauten, verſengte und ihnen das Mark in den Knochen gefrieren machte. Einmal geſe⸗ hen ließ es ſich nicht mehr bannen. Es kam, wenn es ihm beliebte, gab ſchwarze Gedanken ein— flüſterte ſeltſame Verſuchungen. Nur auf dem Schauplatz ungeſtümer Auf⸗ regung fand es ſich nicht ein! Einſamkeit— Heiterkeit— die kämpfende Sehnſucht nach Frieden und Tugend— das waren die Elemente, wo es ſich gern einſtellte! Betäubt, wie angedonnert vor Entſetzen, eine Beſtätigung der ſelt⸗ ſamen Erzählung findend in den unklaren Eindrücken und Ahnungen, daß Zanoni's Leben und Weſen nicht dem an⸗ derer Sterblichen gleich ſey, die ſie in der Innigkeit und im Vertrauen ihrer Neigung nie recht genau geprüft, ſondern mehr, ſo wie ſie ſich in ihr regten, verſcheucht hatte, wegen welcher thre Liebe ſich ſelbſt bisher getadelt hatte, als wegen eines unbilligen, kränkenden Verdachts, und die ſo beſchwichtigt, vielleicht nur dazu beigetragen hatten, die Zauberketten, worin er ihr Herz und ihre Sinne gefangen hielt, noch feſter zu ſchmieden, die aber jetzt, da Glyndons grauenvolle Erzählung ſie auch mit un⸗ heimlichem Entſetzen anſteckte, ſchon halb den Zauber lös⸗ 82 ten, welchen ſie früher um ſie gewoben— Viola fuhr auf voll Furcht— nicht um ſich; und drückte ihr Kind in ihre Arme! „Unglückſeligſte!“ rief Glyndon ſchaudernd,„haſt Du wirklich einem Opfer das Leben gegeben, das Du nicht retten kannſt?“ Verſage ihm die Nahrung— laß es umſonſt von Dir ſeinen Unterhalt mit Blicken fordern! Im Grab iſt wenigſtens Ruhe und Frieden!“ Jetzt ward in Viola's Seele die Erinnerung gegen⸗ wärtig an Zanoni's Nachtwachen bei dieſer Wiege, und die Furcht, welche ſie ſchon da beſchlichen, als ſie ſeine gemurmelten, halbgeſungenen Worte vernommen. Und wie das Kind ſie anblickte mit ſeinem klaren feſten Auge, da lag in der wunderbaren Verſtändigkeit dieſes Blickes Etwas, das ihr Grauen noch vermehrte. So ſtanden denn die Mutter und der Warnende ſchweigend da— die Sonne lächelte auf ſie durch das Fenſter; und dunkel ſaß bei der Wiege, obgleich ſie es nicht ſahen, das unbewegliche ver⸗ hüllte Weſen! Allmälig kehrten der jungen Mutter beſſere, gerech⸗ tere, dankbarere Erinnerungen aus der vergangenen Zeit zurück. Die Züge des Kindes bekamen, wie ſie es betrach⸗ tete, den Ausdruck des abweſenden Vaters. Eine Stimme ſchien aus dieſen roſigen Lippen hervorzubrechen und trau⸗ rig zu ſagen:„Ich rede zu Dir in Deinem Kinde! Zur Vergeltung aller meiner Liebe für Dich und das Deinige mißtrauſt Du mir, beim erſten Wort eines Wahnſinnigen, der mich anklagt?“ auf ihre haſt laß ern! en⸗ und eine Und uge, ckes enn nne der ver⸗ Zeit ch⸗ ime au⸗ Zur ige en, 83 Ihre Bruſt hob ſich— ihre Geſtalt dehnte ſich— ihre Augen glänzten in einem heitern und heiligen Licht. „Geh, armes Opfer. Deiner eigenen Täuſchungen!“ ſagte ſie zu Glyndon;„ich würde meinen eigenen Sinnen nicht glauben, wenn ſie ſeinen Vater anklagten! Und was weißt Du von Zanoni? Welchen Zuſammenhang haben Mejnour und die greulichen Geſpenſter, die er beſchwor, mit dem ſtrahlenden Bild, mit welchem Du ſie verknüpfen möchteſt?“ „Du wirſt es nur zu bald erfahren,“ verſetzte Glyn⸗ don düſter.„Und das Phantom ſelbſt, das mich verfolgt, flüſtert mir mit ſeinen blutloſen Lippen zu: ſeine Schreck⸗ niſſe erwarten Dein Kind und Dich! Ich nehme Deine Entſcheidung noch nicht an; ehe ich Venedig verlaſſe, ſehen wir uns noch einmal.“ Er ſagte es und ging fort. Sechstes Kapitel. Quel est Tégarement oů ton àame se livre? Laharpe, le Comte de Warwick. IV.. Ach, Zanoni! Hochſtrebender! Dunkelglänzender! meinteſt Du, der Bund zwiſchen dem, der Jahrhunderte überlebt, und der Tochter des Tages könne dauern? Sahſt Du nicht voraus, daß bis nach Erſtehung der Probe keine Gleichheit ſeyn könne zwiſchen Deiner Weisheit und ihrer Liebe? Biſt Du jetzt abweſend, und ſuchſt unter Deinen 84 ernſten Geheimniſſen die heiligen Schutzmittel für Kind und Mutter, und vergißſt, daß das Phantom, das Dir gedient, Macht hat über ſeine Gaben, über das Leben derer, die es Dir vom Grabe zu retten behülflich war? Weißt Du nicht, daß Furcht und Mißtrauen, einmal in das Herz der Liebe geſäet, aus kleinem Saamen zu einem Wald aufſchießen, der die Sterne nicht mehr ſehen läßt? Dunkelglänzender! die verhaßten Augen glotzen neben der Mutter und dem Kinde! Dieſen ganzen Tag war Viola hin und her bewegt von tauſend Gedanken und Schreckniſſen, welche zwar flohen, ſobald ſie ſie genauer prüfte, aber nur um deſto ſchwärzer ſich wieder einzuniſten. Sie erinnerte ſich, daß, wie ſie einſt Glyndon geſagt hatte, ſchon ihre Kindheit heimgeſucht ward von ſeltſamen Ahnungen, ſie ſey für ein außerordentliches Schickſal auserſehen! Sie erinnerte ſich, daß, wie ſie ihm dieß geſagt, an der See ſitzend, die in den Armen der Bucht von Neapel ſchlummerte, auch er von den gleichen Ahnungen aus eigener Erfahrung geſprochen, und eine räthſelhafte Sympathie ihr beider⸗ ſeitiges Geſchick zu verbinden geſchienen habe. Beſonders aber erinnerte ſie ſich, daß, bei Vergleichung ihrer ver⸗ worrenen Gedanken, ſie ſich damals Beide geſtanden⸗ daß beim erſten Erblicken Zanoni's die Ahnung, der In⸗ ſtinkt, vernehmlicher als vorher zu ihrem Herzen geſpro⸗ chen und ihnen zugeflüſtert habe:„mit ihm ſey das Ge⸗ heimniß des nicht zu errathenden Lebens verflochten.“* * Vrgl. Buch fl. Kap. 10. MW M—— W N—„ „1 Und jetzt, als Glyndon und Viola ſich wieder ſahen, erwachten die damals beſprochenen bangen Ahnungen der Kindheit wieder aus ihrem Zauberſchlafe. Sie fühlte eine Sympathie mit Glyndons Angſt, gegen welche ihre Ver⸗ nunft und ihre Liebe vergebens kämpften. Und doch, wenn ſie ihre Blicke auf ihr Kind richtete, ſchaute es ſie immer mit einem ſo feſten, ernſten Auge an, und ſeine Lippen bewegten ſich, als wollte es zu ihr ſprechen— aber kein Ton kam aüs ſeinem Munde. Das Kind wollte nicht ſchlafen. So oft ſie ſein Geſichtchen anſah) immer die⸗ ſelben wachſamen, beobachtenden Augen!— und in ihrem Ernſte lag etwas Schmerzliches, Vorwurfsvolles, Ankla⸗ gendes. Sie machten ſie erbeben; wenn ſie ſie anſah. Un⸗ fähig, allein dieſe plötzliche, völlige Umkehrung aller Gefühle zu ertragen, die bisher ihr Leben ausgemacht hatten, faßte ſie einen für ihr Land und ihren Glauben ganz natürlichen Entſchluß; ſie ſchickte nach dem Prieſter, der ſie in Venedig gewöhnlich beſucht hatte, und ihm beich⸗ tete ſie, mit leidenſchaftlichem Schluchzen und heftiger Angſt, die Zweifel, die auf ſie einſtürmten. Der gute Pater, ein würdiger und frommer Mann, aber von wenig Bildung und noch weniger Verſtand, der(wie Viele von den untern Claſſen in Italien noch heutzutage) ſelbſt einen Dichter für eine Art Zauberer hielt, ſchien ihrem Herzen die Thore der Hoffnung ganz zu ſchließen. Seine Vorſtel⸗ lungen waren dringend, denn ſein Abſcheu war ungeheu⸗ chelt. Er vereinigte ſeine flehentlichen Bitten mit denen Glyndons, zu fliehen, wenn ſie auch nur den leiſeſten 86 Argwohn habe, daß die Beſtrebungen und Beſchäftigun⸗ gen ihres Gatten ſolche ſeyen, wegen deren Ausübung die römiſche Kirche wohlwollend ſo viele Gelehrte ver⸗ brannt habe. Und ſchon das Wenige, was Viola zu er⸗ zählen wußte, ſchien dem unwiſſenden Ascetiker ein un⸗ widerleglicher Beweis von Zauberei und Hererei: er hatte wirklich früher ſchon von den ſonderbaren Gerüchten ge⸗ hört, welche ſich an Zanoni's Schritte knüpften, und war daher vorbereitet, das Schlimmſte zu glauben; der gute Bartolomeo würde ſich kein Gewiſſen daraus gemacht haben, Watt auf den Scheiterhaufen zu ſchicken, hätte er ihn von der Dampfmaſchine ſprechen hören! Viola aber, ebenſo wenig gebildet wie er, ward eingeſchüchtert durch ſeine rauhe und heftige Beredtſamkeit; eingeſchüchtert, denn mit jenem Scharfblick, welchen katholiſche Prieſter, wenn auch von ſchwachem Geiſte, in der Regel ſich erwer⸗ ben durch ihre ungemeine Kenntniß des menſchlichen Her⸗ zens, das ſich ſtündlich ihrem prüfenden Auge offen dar⸗ legt/ ſprach Bartolomeo weniger von ihrer als von ihres Kindes Gefahr.„Zauberer,“ ſagte er,„haben immer am meiſten die Seelen der Jungen, ja der Kinder, anzu⸗ ködern und zu verführen geſucht;“ und damit ging er über zu einer langen Reihe legendenhafter Fabeln, die er als hiſtoriſche Thatſachen anführte; Alles, worüber eine Eng⸗ länderin gelächelt haben würde, entſetzte die zärtliche, aber abergläubiſche Neapolitanerin; und als der Prieſter fie verließ, unter feierlichen Vorwürfen und ernſten Beſchul⸗ digungen der Verſäumung ihrer Pflichten gegen ihr Kind, 87 & wenn ſie ſich bedenke mit ihm von einem Orte weg zu flie⸗ 8 hen, der durch dunkle Gewalten und unheilige Künſte . entweiht ſey, da verſank Viola, immer noch das Bild Zanoni's umklammernd, in eine thatloſe Lethargie, welche 8 ſelbſt ihre Vernunft lähmte. te Die Stunden verſtrichen; die Nacht brach ein; das 8 Haus war ſtill; und Viola, allmälig erwacht aus der r Betäubung und Starrſucht, welche alle ihre Geiſtes⸗ e kräfte gefangen gehalten hatten, warf ſich unruhig und t verſtört auf ihrem Lager herum. Die Stille wurde ihr r unerträglich; aber noch unerträglicher der Laut, der allein ⸗ ſie unterbrach, das Picken der Uhr, welches Augenblick h um Augenblick zum Grabe läutete. Die Augenblicke ſchie⸗ nen am Ende ſelbſt eine Stimme zu finden, eine Geſtalt ⸗ zu gewinnen. Sie wähnte ſie, blaß und feenhaft aus dem Schvoße der Dunkelheit ſpringen zu ſehen— und ehe ſie wieder, erlöſchend⸗ in dieſen Schvoß, ihr Grab, zurückſanken, murmelten ihre leiſen, dünnen Stimmen! „Weib, wir berichten der Ewigkeit Alles, was in der Zeit gethan wird! Was ſollen wir von Dir berichten! o Hüte⸗ rin einer neugeborenen Seele?“ Sie merkte, daß ihre Phantaſieen ſie in eine Art von partiellem Delirium ver⸗ ſetzt hatten, daß ſie ſich in einem Zuſtand zwiſchen Schla⸗ ſen und Wachen befand, als plötzlich Ein Gedanke über alle übrigen herrſchend wurde. Das Gemach, welches in dieſem und in jedem Hauſe, das ſie bewohnten, ſelbſt auf der griechiſchen Inſel, Zanoni ſich vorbehielt für eine Ein⸗ ſamleit, in welche Niemand ſich eindrängen durfte, über deſſen Schwelle ſelbſt Viola's Fuß nicht ſchreiten durfte, — und nie bisher, in jener ſüßen Ruhe des Vertrauens, wie ſie der befriedigten Liebe eigen iſt, hatte ſie je auch nur ein vorwitziges Gelüſten in ſich geſpürt, dem Verbot ungehorſam zu ſeyn— das Gemach zog ſie jetzt zu ſich hin. Dort war vielleicht Etwas zu finden, was das Räthſel löste, was den Argwohn zerſtreute oder beſtätigte; dieſer Gedanke wurde immer lebhafter und mächtiger in ihr, er erfaßte ſie wie mit äußerlichem, unwiderſtehlichem Griffe; er ſchien ihre Glieder ohne ihren Willen zu beherrſchen, zur Bewegung zu zwingen. Und jetzt ſchwankſt Du durch das Gemach, die Gänge entlang, o holde Geſtalt! eine Schlafwandlerin und doch wach Der Mond beſcheint Dich, wie Du dahin ſchwebſt, an Fenſter um Fenſter vorbei, weißgekleideter wandelnder Geiſt!— Die Arme über die Bruſt gekreuzt, die Augen ſtarr und offen, mit durchſchauerter, aber gefaßter und Nichts fürchtender Seele. Mutter! Dein Kind iſt es, das Dich führt. Die geiſterhaften Augenblicke gehen vor Dir her. Du hörſt immer noch das Picken der Uhr, wie ihr Grabgeläute hinter Dir. Weiter, ſchwebende Geſtalt, Du haſt die Thüre erreicht; kein Schloß ſchließt Dich aus, kein magiſcher Zauber treibt Dich zurück, Tochter des Staubes! Du ſtehſt allein mit der Nacht in dem Gemache, wo blaß und zahllos die Heere des unendlichen Raumes um den Seher ſich verſammelt haben! 89 Siebentes Kapitel. Des Erdenlebens Schweres Traumbild ſinkt, und ſinkt, und ſinkt.. Schiller. Dus Ideal und das Leben. Sie ſtand in dem Zimmer und ſah ſich um; keine Spuren und Zeichen, woran ein Inquiſitor der älteren Zeit den Jünger der ſchwarzen Kunſt erkannt hätte, waren ſichtbar. Kein Tiegel oder Keſſel, keine in Metall gebundene Bücher und Gürtel mit Chiffern, keine Schädel und gekreuzte Todtenbeine. Ruhig ſtrömte das volle Mond⸗ licht in das einſame Gemach mit ſeinen nackten, weißen Wänden. Einige wenige Büſchel welker Kräuter, einige antike Gefäße von Bronze, nachläſſig auf ein hölzernes Geſtell geſetzt, das war Alles, was der neugierige Blick in Verbindung bringen konnte mit den Beſchäftigungen des abweſenden Eigenthuͤmers. Die Magie, wenn ſie vorhanden war, mußte in dem Inhaber der Kunſt ſelbſt wohnen, und die Materialien waren für andere Hände nur Kräuter und Bronze. So iſt es immer mit Deinen Werken und Wundern, o Genius! der Du die Sterne ſuchſt Worte ſelbſt ſind das gemeinſame Beſitzthum aller Menſchen; und doch aus Worten ſelbſt thürmſt Du, Bau⸗ meiſter von Unſterblichkeiten, Tempel auf, welche die Py⸗ ramiden überleben werden, und das Papyrusblatt ſelbſt wird ein mit Thürmen prangendes Schinar, um welches die Fluth der Jahrhunderte vergebens brauſen und toben wird. Aber hat in dieſer Einſamkeit die Gegenwart deſſen, der hier ihre Wunder beſchworen hatte, nicht ihren eige⸗ nen Zauber zurückgelaſſen? Es ſchien ſo; denn wie Viola in dieſem Zimmer ſtand, fühlte ſie, daß ein geheimniß⸗ voller Wechſel in ihrem Innern vorging. Ihr Blut ſtrömte raſch, und mit einem Gefühl von Wonne für ſie, durch ihre Adern— es war ihr, als fielen ihr Ketten von den Gliedern, als rollte Wolke um Wolke vor ihren Blicken weg. All die verworrenen Gedanken, welche in ihrer hal⸗ ben Betäubung ſie bewegt, kamen zur Ruhe und koncen⸗ trirten ſich in der Einen lebhaften Sehnſucht, den Ab⸗ weſenden zu ſehen, bei ihm zu ſeyn. Die Monaden, welche den Raum und den Aether erfüllen, ſchienen mit einer geiſtigen Anziehungskraft begabt,— ſchienen ein Medium zu werden, durch das ihr Geiſt von ſeiner Staub⸗ hülle ſich los machen, und mit dem Geiſt verkehren zu können ſchien, zu welchem ein unausſprechliches Verlan⸗ gen ihn hintrieb. Eine Schwäche kam über ſie; ſie ſchwankte nach dem Sitz, wo die Gefäße und Kräuter lagen, und wie ſie ſich niederbeugte, ſah ſie in einem der Gefäße eine kleine Kryſtallflaſche. Durch einen unwillkührlichen, in⸗ ſtinktartigen Trieb genöthigt, faßte ihre Hand das Fläſch⸗ chen; ſie öffnete es, und die flüchtige Eſſenz, die es ent⸗ hielt, leuchtete auf, und verbreitete in dem ganzen Zim⸗ mer einen durchdringenden köſtlichen Wohlgeruch. Sie athmete den Wohlgeruch ein, ſie wuſch ſich die Schläfe mit der Flüſſigkeit, und plötzlich ſchien ihr Leben aus der M 8— MN MWN M N W — M MN 1 91 vorherigen Schwäche ſich zu erheben, aufzuſtreben, zu ſchweben, ſich auszudehnen, wie auf Vogelsſittigen. Das Zimmer entſchwand ihren Augen. Fort— fort — über Länder und Meere, und den Raum fliegt dahin die ungeſtüme Sehnſucht der entkerkerten Seele! Auf einem Stratum, das nicht von dieſer Welt war, ſtanden die von der Welt geborenen Geſtalten der Söhne der Wiſſenſchaft; auf einer Embryo⸗Welt— auf einer unreifen, blaſſen, verdünnten Maſſe von Materie, auf einem der Nebulae, welche die Sonnen der Myriaden Sy⸗ ſteme hinausſchleudern, während ſie ſich um den Thron des Schöpfers ſchwingen,“ um ſelbſt neue Welten voll „WDie Aſtronomie belehrt uns, daß im Urzuſtand des Son⸗ nenſyſtems die Sonne der Keim einer Nebel⸗ oder Lichtmaſſe war, die ſich um ihre Are drehte, und ſich weit über alle Bahnenkreiſe der ſämmtlichen Planeten erſtreckte. Allmälig verminderte ſich ihre Temperatur, und als durch Erkühlung Zuſammenziehung eintrat, nahm die Rotation an Geſchwin⸗ digkeit zu, und Zonen von Nebelmaſſe wurden eine nach der andern hinausgeſchleudert, als eine Folge des Ueberwiegens der Centrifugalkraft über die Centralanziehungskraft. Die Verdichtung dieſer abgeſonderten Maſſen bildete die Planeten und die Trabanten. Aber dieſe Anſicht von der Verwandlung der gasförmigen Materie in planetariſche Körper iſt nicht auf unſer Syſtem beſchränkt; ſie erſtreckt ſich auf die Formation der unzähligen Sonnen und Welten, welche durch das ganze Allvertheilt ſind. Die großartigen Entdeckungen neuerer Aſtro⸗ nomen haben gezeigt, daß jeder Theil der Reiche des Raumes viele große, ausgedehnte Maſſen verdünnter Materie, nebu- lae genannt, enthält, welche das Licht regelmäßig zurück wer⸗ fen, verſchieden geſtaltet und in verſchiedenem Zuſtand der —— 92 Symmetrie und Herrlichkeit zu werden:— Planeten und Sonnen, die für immer und immer ihrerſeits ihr glänzen⸗— des Geſchlecht vervielfältigen und die Väter von künftigen Sonnen und Planeten ſeyn ſollen. Da, in dieſer unermeßlichen Einſamkeit einer noch im Kindheitszuſtand befindlichen Welt, die erſt Tauſende und Tauſende von Jahren zur Form reifen können, ſah der Geiſt Viola's die Geſtalt Zanoni's, oder vielmehr das Bild, das Simulacrum, die Lemure ſeiner Geſtalt, nicht ſein menſchliches, körperliches Weſen,— als wenn, wie bei ihr, der Geiſt geſchieden wäre von der Hülle; und wie die Sonne in ihrer glühenden Umkreiſung in den fernſten Raum hinaus dieß nebelbafte Abbild von ſich geſchleudert, ſo hatte das irdiſche Weſen, in der Thätig⸗ keit ſeines lichteren und dauerbareren Weſens, ſein Bild auf den neugeborenen Gaſt unter den Himmelskörpern hingeworfen. Da ſtand das Phantom, ein Phantom von Mejnour ihm zur Seite. In dem gigantiſchen Chaos rings umher tobten und kämpften die entbrannten Ele⸗ mente— Waſſer und Feuer, Dunkel und Licht im Krieg mit einander— Dunſt und Wolken zu Bergen erhärtend, und der Hauch des Lebens wie ein ſietiger Glanz über Allem webend! Wie die Träumerin ſchauernd hinſchaute, ſah ſie, daß Dichtigkeit, von der einen zerſtreuten Lichtmaſſe, bis zu der von Sonnen und Planeten wie die unſrigen.“. Aus Mantells ſchönem und beredtem Werk: Die Wunder der Geologie. Bd. I. S. 22. nd M ch de ah hr lt, n, 93 ſelbſt hier die zwei menſchlichen Phantome nicht allein waren. Dämmernde Ungeheuergeſtalten, welche dieß un⸗ ordentliche Chaos allein gebären konnte, die erſten koloſſa⸗ len Reptiliengeſchlechter, welche durch die früheſte Schicht einer ins Leben ſich ringenden Welt ſich bäumen und krie⸗ chen, zuckten in der ſchlammigten Materie oder ſchwebten durch die meteoriſchen Dünſte. Aber auf dieſe ſchienen die beiden Forſcher nicht zu achten; ihr Blick war auf einen Gegenſtand im fernſten Raume geheftet. Mit den Augen des Geiſtes folgte Viola den ihrigen, mit einem weit⸗grö⸗ ßeren Schrecken, als das Chaos und ſeine häßlichen Be⸗ wohner ihr erregten, ſah ſie ein ſchattenhaftes Abbild eben des Zimmers, in welchem ihre leibliche Geſtalt noch weilte, mit ſeinen weißen Wänden, dem Mondſchein auf dem Boden, dem offenen Fenſter, die friedlichen Dächer und Dome von Venedig über das Waſſer herüber lugend, das unten ſeufzte— und in dieſem Zimmer ihr eigenes geiſterhaftes Bild! Dieß doppelte Phantom— hier ſie ſelbſt als Phantom— dort nach einem Phantom vor ſich ſchauend, hatte etwas Grauſenhaftes, was keine Worte ſchildern können, kein noch ſo langes Leben vergeſſen ma⸗ chen kann. Aber gleich darauf ſah ſie das Bild vor ſich langſam aufſtehen, mit geräuſchvollen Schritten das Zimmer ver⸗ laſſen— es geht durch den Corridor— es kniet an der Wiege! Barmherziger Himmel! ſie ſieht ihr Kind!— noch immer mit ſeiner wunderbaren Kindesſchönheit und ſeinen ſchweigend wachſamen Augen. Aber neben dieſer Bulwer's Romane. XCIX. 7 94 Wiege hockt, wie in einen Mantel gehüllt, eine ſchatten⸗ hafte Geſtalt— nur noch fürchterlicher und geiſterhafter in ihrer undeutlichen, weſenloſen Düſterkeit. Die Wände dieſes Zimmers ſcheinen ſo offen wie die Scene eines Theaters. Ein entſetzlicher Kerker— Straßen, durch welche ſchattenhafte Schaaren wogen— Grimm und Haß, und die Leidenſchaften von Dämonen in ihren geiſterhaften Geſichtern,— ein Platz des Todes— ein Mordinſtrument — ein Schlachthaus voll Menſchenfleiſch— ſie ſelbſt— ihr Kind— Alles, Alles jagte einander, eine raſche Phantasmagorie. Plötzlich wandte ſich das Phantom Za⸗ noni's; es ſchien ihrer— ihres zweiten Ichs, anſichtig zu werden. Es ſprang gegen ſie; ihr Geiſt konnte nicht Mehr ertragen. Sie kreiſchte auf; ſie erwachte! Sie fand daß ſie wirklich jenes unheimliche Gemach verlaſſen hatte; — die Wiege ſtand vor ihr— das Kind! Alles, Alles wie ſie es in der Verzuͤckung geſehen, und ſelbſt jenes dunkle, geſtaltloſe Weſen, in die Luft verſchwindend! „Mein Kind! mein Kind! Deine Mutter ſoll Dich noch retten!“ * ⸗ ig ht nd ez es 95 Achtes Kapitel. Qui? Toi! m'abondonner, ou vas tu: non! demeure, Demeure! Laharpe, le Comte de Warwick. IV. 5. Brief Viola's an Zanoni. „Dahin iſt es gekommen!— Ich reiße mich zuerſt los! Ich, die Ungetreue, ſage Dir Lebewohl für immer! Wenn Deine Augen auf dieſe Zeilen fallen, wirſt Du mich als eine Todte betrachten. Denn, o Du, der Du mein Leben warſt, und noch biſt,— ich bin für Dich ver⸗ loren! O Geliebter! O Gatte! O noch Geliebter und An⸗ gebeteter! wenn Du mich je geliebt haſt, wenn Du noch mich zu bemitleiden vermagſt, ſo ſuche nicht die Spuren Derer zu entdecken, die jetzt vor Dir flieht! Wenn Deine Zauber mich aufzuſpüren und zu entdecken vermögen: ſchone meiner! ſchone unſeres Kindes! Zanoni, ich will es aufziehen in der Liebe zu Dir, es ſoll Dich Vater nen⸗ nen! Zanoni, ſeine jungen Lippen ſollen für Dich beten! Ach, ſchone Deines Kindes, denn Kinder ſind die Heili⸗ gen der Erde, und ihre Vermittlung wird pielleicht dro⸗ ben erhört! Soll ich Dir ſagen, warum ich fliehe? Nein! Du, der ſchrecklich Weiſe kannſt errathen, was die Hand zu ſchreiben zittert; und während ich ſchaudere vor Deiner Macht,— während ich fliehe vor Deiner Macht,(unſer Kind an meiner Bruſt!) iſt mir doch der Gedanke ein Troſt, daß Deine Macht im Herzen zu leſen vermag! Du weißt, 7* ——— um, und mich dünkt, ich ſehe Dich überall. Du ſprichſt 96 daß es die treue Mutter iſt, die Dir ſchreibt; es iſt nicht die treuloſe Gattin! Iſt Sünde bei Deinem Wiſſen, Za⸗ noni? Sünde muß Kummer in ihrem Gefolge haben; und es wäre ſüß— oh! wie ſüß, Deine Tröſterin zu ſeyn! Aber das Kind, das Kind, die Seele, die von der meinigen Schutz verlangt! Zauberer, ich ringe Dir dieſe Seele ab Verzeihe, verzeihe, wenn meine Worte Dir Un⸗ recht thun. Siehe, ich falle auf meine Knie nieder, um das Uebrige zu ſchreiben! „Warum ſcheute ich nie zurück vor Deiner geheimniß⸗ vollen Weisheit? warum bezauberte mich ſelbſt die Fremd⸗ heit Deines unirdiſchen Lebens nur mit einem entzücken⸗ den Bangen? Weil, wenn Du auch ein Zauberer, oder ein Engeldämon warſt, Niemanden Gefahr drohte, als mir; und auch mir keine, denn meine Liebe war das Himmliſchſte an mir; und meine Unwiſſenheit in allen Dingen, die Kunſt Dich zu lieben ausgenommen, ver⸗ ſcheuchte jeden Gedanken, der nicht licht und herrlich war, wie Dein Bild in meinen Augen. Aber jetzt iſt ein ande⸗ res Weſen da! Siehe, warum ſchaut es mich immer ſo an— warum dieſer nie ſchlafende, ernſte, vorwurfsvolle Blick? Haben Deine Zauber es ſchon umſchloſſen? Haſt Du, Grauſamer, es bezeichnet für die Schreckniſſe Dei⸗ ner unausſprechlichen Kunſt? Mache mich nicht wahnſin⸗ nig— mache mich nicht wahnſinnig— löſe den Zauber! „Horch! die Ruder drauſſen! Sie kommen,— ſie kommen, mich von Dir weg zu führen. Ich ſchaue mich — ht a⸗ n zu er ſe n⸗ m 97 zu mir aus jedem Schatten, von jedem Stern. Hier, am Fenſter drückte ſich zuletzt Dein Mund auf den meinigen, hier, hier auf dieſer Schwelle kehrteſt Du Dich noch ein⸗ mal um, und Dein Lächeln ſprach Dein ſo zuverſichtliches Vertrauen zu mir aus! Zanoni!— Gatte!— Ich will bleiben! Ich kann nicht von Dir ſcheiden! Nein, nein! Ich will in das Zimmer gehen, wo Deine theure Stimme mit ihrer ſanften Muſik die Qual der Wehen linderte! wo⸗ hörbar durch die ſchaurige Nacht, ſie zuerſt mir ins Ohr flüſterte: Viola, du biſt Mutter“— Mutter! ja, ich ſtehe auf vom Knieen— ich bin Mutter! Sie kommen! Ich bin feſt, lebe wohl!“ Ja! ſo plötzlich, ſo grauſam, ſey es im Wahnſinn eines blinden, keiner Ueberlegung fähigen Aberglaubens, oder mit der Entſchloſſenheit der aus dem Pflichtgefühl entſpringenden Ueberzeugung, verließ das Weſen, um deſſen willen er ſo viel Macht und Herrlichkeit geopfert hatte, Zanoni. Dieſe nie vorhergeſehene, nie vermuthete Flucht der Geliebten war doch nur ein Loos, wie es ge⸗ wöhnlich diejenigen trifft, welche den Geiſt über die Erde emporheben, und doch das Herz in ihr hegen und bewah⸗ ren möchten. Unwiſſenheit wird immer und immer vor der Einſicht ſcheu zurückbeben. Aber nie ſchloß ſich noch aus edleren und reineren Beweggründen der Selbſtauf⸗ opferung menſchliche Liebe an einen Andern an, als, aus welchen jetzt das fliehende Weib den Abweſenden verließ. Denn mit Recht hatte ſie geſchrieben, nicht die treuloſe Gattin, die treue Mutter ſey es, die fliehe vor Allem, was der Inbegriff ihres irdiſchen Glückes geweſen. So lange die Leidenſchaft und Inbrunſt, die ſie zu der Handlung trieben, ſie mit einem künſtlichen Fieber beſeelten, drückte ſie ihr Kind an ihre Bruſt, und war ge⸗ tröſtet— ergeben. Aber welche bittere Zweifel über ihre eigene Handlungsweiſe, welche eiskalte Schauer ſchmerz⸗ licher Reue durchzuckten ihr Herz, als ſie, wie ſie einige Stunden auf dem Wege nach Livorno raſteten, die Frau, welche ſie und Glyndon begleitete, um Leben und Geſund⸗ heit beten hörte, um zu ihrem Gatten zu gelangen, und um Stärke, die Gefahren zu theilen, die ſie dort erwarten würden! Schrecklicher Contraſt zu ihrer Flucht! Sie bebte zurück in das Dunkel ihres Herzens,— und jetzt tröſtete ſie keine Stimme in ihrem Innern! Neuntes Kapitel. Zukunft haſt Du mir gegeben, Doch Du nahmſt den Augenblick! Schiller. Caſſandra. „Mejnour, ſieh Dein Werk Weg, weg mit unſeren kleinen Eitelkeiten auf unſere Weisheit!— pfui über un⸗ ſere Jahrhunderte alte Erkenntniß und Lebensdauer! Um ſie vor Gefahren zu retten, verließ ich ihre Nähe, und die Gefahr hat ſie in ihre Krallen gepackt!“ „Schelte nicht Deine Weisheit, ſondern Deine Lei⸗ — w N 8 d M 99 venſchaften! Gib auf Deine eiteln Hoffnungen auf Wei⸗ berliebe! Sieh den unvermeidlichen Fluch Derer, die das Erhabene mit dem Niedrigen vermählen möchten; Dein ganzes Weſen nicht verſtanden— Deine Opfer nicht geahnt! Das Niedrige ſieht in dem Erhabenen nur einen Nekromanten oder einen Teufel. Titane, kannſt Du wei⸗ nen?“ „Ich weiß es jetzt— ich ſehe jetzt Alles! Ihr Geiſt war es, der neben dem unſrigen ſtand und meiner luftigen Umarmung entſchlüpfte! O mächtige Sehnſucht der Müt⸗ terlichkeit und der Natur, die Du alle unſere Geheim⸗ niſſe entſchleierſt, den Raum durchdringſt und Welten durcheilſt!— Mejnour, welche grauenvolle Erkenntniß liegt in der Unwiſſenheit des Herzens, das liebt!“ „Das Herz,“ antwortete der Myſtiker kalt;„ja, ſeit fünf Jahrtauſenden habe ich die Geheimniſſe der Schö⸗ pfung durchforſcht; aber noch habe ich nicht alle Wunder im Herzen des einfachſten Bauern entdeckt!“ „Aber unſere feierliche Beſchwörung täuſchte uns nicht; die prophetiſchen Schatten, dunkel von Schrecken und roth von Blut, haben doch geweiſſagt, daß ich, ſogar im Kerker und aus den Händen des Henkers,— noch die Macht habe, ſie Beide zu retten!“ „Aber um den Preis eines nicht zu errathenden, für Dich höchſt verhängnißvollen Opfers!“ „Für mich! Eiskalter Weiſer, die Liebe weiß von keinem Ich! Ich gehe. Ja, allein, ich bedarf Deiner nicht. Ich brauche jetzt keinen andern Führer, als den 100 Inſtinkt menſchlicher Gefühle und Zärtlichkeit. Keine Höhle ſo dunkel, keine Einſamkeit ſo unermeßlich, um ſie zu verbergen. Wenn auch meine Kunſt mich im Stich läßt— wenn auch die Sterne meiner nicht achten— wenn auch der unendliche Raum mit ſeinen hehren Myriaden für mich nur wieder die azurne Leere iſt; ich kehre nur zur Liebe, zur Tugend und zur Hoffnung zurück! wann haben die je verfehlt zu triumphiren und zu retten? Siebentes Buch. Die Schreckensherrſchaft. Den ſtolzen Geiſt erhöht dem Schreckenvollen Der Ungeſtalt furchtbare Majeſtät. Der rothen Augen Paar, von Gift gequollen, Flammt wie ein unheilbringender Komet; Sein Kinn umhüllt ein Bart, der dick geſchwollen, Bis auf die borſt'ge Bruſt hernieder weht. Es öffnen ihm, gleich ungeheuren Tiefen, Die Kiefern ſich, die ſchwarz vom Blute triefen. Taſſo's Befr. Jeruſ. VI. 7. Erſtes Kapitel. Qui suis- je, moi, qu'on accuse? Un esclave de la liberté, un martyr vivant de la République. Piscours de Robespierre, 8 thermidor. Er brüllt— der Strom der Hölle, deſſen erſtes Hervorbrechen beſungen ward als das Strömen eines Kanals nach Elyſium. Wie erſchloßen ſich zu blühenden Hoffnungen ſchöne Herzen, die ſich gelabt hatten an dem diamantnen Thau der roſigen Frühe, als die Freiheit aus dem dunkeln Ocean und den Armen des abgelegten Skla⸗ venthums hervortrat— Aurora aus dem Bette Tithons! Hoffnungen, ihr ſeyd zur Frucht gereift, und die Frucht iſt Blut und Aſche! Schöne Roland, beredter Vergniaud⸗ träumeriſcher Condorcet, hochherziger Malesherbes!— ſchöne Geiſter, Philoſophen, Staatsmänner, Patrioten, — Träumer! ſchaut das tauſendjährige Reich, für welches Ihr gearbeitet und gewagt habt! Ich rufe die Geiſter an! Saturn hat ſeine eignen — 104 Kinder verſchlungen,* und lebt allein fort— unter ſei⸗ nem wahren Namen, als Moloch! Es iſt die Zeit der Schreckensherrſchaft, Robespierre ſein König! Die Kämpfe zwiſchen der Rieſenſchlange und dem Löwen ſind vorüber; die Schlange hat den Löwen verſchlungen und verdaut ſchwerfällig den Fraß;— Dan⸗ ton iſt gefallen und Camille Desmoulins⸗Danton hatte vor ſeinem Tode geſagt:„Der feige Prahler Robespierre — ich allein hätte ihn retten können!“ Von dieſer Stunde an umwölkte in der That das Blut des todten Rieſen den ſchlauen Sinn„Maximilians des Unbeſtechlichen,“ wie es am Ende, unter dem Getöſe des empörten Convents, ſeine Stimme erſtickte.““ Wenn nach dieſem letzten, für ſeine Erhaltung vielleicht nothwendigen Opfer, Robespierre das Ende der Schreckensherrſchaft verkündigt, und im Sinne der Gnade gehandelt hätte, welche Danton zu predigen be⸗ gonnen, er hätte vielleicht als Monarch gelebt, wäre als ſolcher geſtorben. Aber die Kerker dämpften fort, das Mordbeil ſiel immer fort; und Robespierre ſah nicht, daß ſeine Pöbelhaufen bis zum Ueberdruß mit Tod und Mord geſättigt waren, und die ſtärkſte Aufregung, die ein Häuptling hervorbringen konnte, in einer Verwand⸗ lung der Teufel in Menſchen beſtand. * La révolution est comme Saturne, elle dévorera tous ses enfans. Vengniaud. **„Le Sang de Panton t'étouffe,“ ſagte Garnier de LAube als an dem verhängnißvollen neunten Thermidor Robespierre mit ſchwacher Stimme keuchend ſtotterte:„Pour la dernidre kois, président des assassins, je te demande la parole.“ 105 Wir ſind in ein Zimmer im Hauſe des Bürgers Dupleir, des Tiſchlers, verſetzt, im Julius 1794; oder nach dem revolutionären Kalender war es der Thermidor des Jahres II. der Einen und untheilbaren Republik! Obgleich das Zimmer klein war, war es doch mit ſorg⸗ fältigem, ins Einzelnſte gehenden Bemühen und Eleganz und Geſchmack meublirt und ausgeſchmückt. Es ſchien in der That der Wunſch des Beſitzers, ebenſo ſehr das Rohe und Gemeine, als auch das Prächtige und Ueppige zu vermeiden. Es war ein ſolider, anſtändiger, pünkt⸗ licher Sinn für das Anmuthige und Schickliche, der die klaſſiſchen Stühle geformt, die großen Vorhänge geord⸗ net, die Spiegel ohne Rahmen in den Wänden eingefugt, Büſten und Bronzen auf ihren Piedeſtals aufgeſtellt, und die Niſchen da und dort mit hübſchgebundenen Büchern angefüllt hatte, welche in regelmäßigen Reihen genau aufgeſtellt waren. Ein Beobachter hätte ſagen können: „Dieſer Mann wünſcht Einem die Meinung beizubrin⸗ gen: ich bin nicht reich; ich bin nicht prunkſüchtig; ich bin nicht üppig; ich bin kein träger Sybarite mit Kiſſen von Eiderdunen und Gemälden, welche die Sinne kitzeln; ich bin kein hochmüthiger Edelmann mit geräumigen Sä⸗ len und Gallerien, wo ein Echo ſich hören läßt. Um ſo größer aber iſt mein Verdienſt, wenn ich dieſe Ausſchwei⸗ fungen des Stolzes oder der Bequemlichkeit verſchmähe, da ich doch die Eleganz liebe und Geſchmack habe! Andere mögen einfach und ehrlich ſeyn vermöge der rohen Derb⸗ heit ihrer Lebensgewohnheiten; während ich, bei ſo ver⸗ 106 feinertem und zartem Geſchmack, einfach und ehrlich bin; — bedenkt das, und bewundert mich!“ An den Wänden dieſes Zimmers hingen viele Por⸗ traits, von welchen die meiſten nur Ein Geſicht darſtell⸗ ten; auf den ſtattlichen Piedeſtals ſtanden viele Büſten, meiſt nach Einem Kopfe gemeißelt. In dieſem kleinen Ge⸗ mach ſaß der Egoismus oben an und machte die Künſte zu ſeinen Spiegeln. Aufrecht ſaß in einem Stuhl, vor einem großen, mit Briefen bedeckten Tiſch, das Original der Büſten und Gemälde, der Eigenthümer des Gema⸗ ches. Er war allein, und doch ſaß er aufrecht, förmlich, ſteif, abgemeſſen, als wage er nicht einmal in ſeinem Hauſe es ſich bequem zu machen. Seine Kleidung ſtand in Uebereinſtimmung mit ſeiner Haltung und ſeinem Zim⸗ mer, fſie trug eine ganz eigenthümliche Sauberkeit und Zierlichkeit zur Schau— gleich weit entfernt von den koſtbaren Moden der entſetzten Edelleute, als von der ſchmutzigen Rohheit der Sanscülotten. Er war gekräu⸗ ſelt und coiflé, nicht ein Haar war aus ſeiner Ordnung, kein Stäubchen lag auf dem glänzenden blauen Rock, keine Falte entſtellte die ſchneeweiße Weſte, mit ihrem blaßrothen Unterfutter. Auf den erſten Blick ſah man in dieſem Geſicht vielleicht nur die ungünſtigen Züge eines kränklichen Mannes. Auf einen zweiten Blick entdeckte man vielleicht, daß es doch eine eigenthümliche Kraft und Charakter ausdrückte. Die Stirne, zwar nieder und zu⸗ ſammengedrückt, war nicht ohne jenen Ausdruck von Denkkraft und Intelligenz, den, wie hier bemerkt werden M* WW 107 mag, die Breite zwiſchen den Augbraunen beinahe immer verleiht; die Lippen waren feſt und ſcharf zuſammengezo⸗ gen; doch zitterten ſie dann und wann, und verzogen ſich beſtändig. Die Augen, finſter und mürriſch, waren doch durchdringend und voll concentrirter Kraft, die nicht eben unterſtützt zu werden ſchien von dem magern, ſchwächli⸗ chen Körper, oder der grünlich⸗fahlen Farbe ſeines Ge⸗ ſichts, welche von Aengſtlichkeit und Krankheit zeugte. So war Marimilian Robespierre; ſo das Zimmer über der Tiſchlerwerkſtätte, aus welchem die Edikte her⸗ vorgingen, welche Heere auf die Bahn des Ruhmes ſchleu⸗ derten, und ein künſtliches Verfahren anordneten, um das Blut abzuleiten, das die Hauptſtadt des kriegeriſchſten Volkes der Erde überſchwemmte! So war der Mann, der einer Richterſtelle lieber entſagt hatte,(das frühe Ziel ſeines Ehrgeizes!) als daß er ſeine philanthropiſchen Grundſätze verletzt hätte durch Einwilligung in das To⸗ desurtheil über Ein Mitgeſchöpf!— ſo war der jung⸗ fräuliche Feind der Todesſtrafen, und ſo war,— ein Schlächterdiktator jetzt!— der Mann, deſſen reine und ſtrenge Sitten, deſſen unbeſtechliche Ehrlichkeit, deſſen Haß gegen die Ausſchweifungen in Wein und Liebe, ihn, wenn er fünf Jahre früher geſtorben wäre, zu einem Muſter gemacht hätten, das kluge Väter und ſorgſame Bürger ihren Söhnen aufſtellen konnten. So war der Mann, der kein Laſter zu haben ſchien, bis die Lage der Umſtände, dieß Treibhaus, die zwei hervorkeimen macht?, die in ge⸗ wöhnlichen Zeiten am tieſſten verborgen im menſchlichen 108 Herzen liegen— Feigheit und Neid. Auf einen dieſer beiden Beweggründe iſt jeder Mord zurückzuführen, wel⸗ chen dieſer Erzfeind und Teufel beging. Seine Feigheit war von eigenthümlicher, ſeltſamer Art; denn ſie war gepaart mit dem rückſichtsloſeſten und entſchiedenſten Wil⸗ len— einem Willen, den Napoleon mit Achtung aner⸗ kannte, einem Willen von Eiſen— und dabei doch Ner⸗ ven wie Eſpenblätter! Geiſtig war er ein Held— phyſiſch eine Memme! Wenn nur der leiſeſte Schatten von Ge⸗ fahr ſeine Perſon bedrohte, ſo erzitterte der Leib, aber der Wille ſchleuderte die Gefahr in das Schlachthaus. So ſaß er da, bolzgerade,— ſeine kleinen dürren Finger krampfhaft zuſammengeballt— ſeine düſtern Augen ins Leere hinausſtarrend, das Weiße darin gelb gefärbt von Streifen ungeſunden Blutes— ſeine Ohren im buchſtäb⸗ lichen Sinne ſich hin⸗ und herbewegend, wie bei den un⸗ edleren Thieren, um jeden Laut aufzuhaſchen— ein Dio⸗ nyſius in ſeiner Höhle— aber ſeine Haltung anſtändig und geſammelt, und— zierlich gekräuſelte Haar an ſeiner Stelle. „Ja, ja,“ ſagte er, vor ſich hinmurmelnd,„ich höre ſie; meine guten Jakobiner ſfind an ihrem Poſten auf der Treppe. Schade, daß ſie ſo fluchen! Ich habe ein Geſetz gegen das Fluchen— die Sitten des armen und tugend⸗ haften Volkes müſſen reformirt werden. Wenn Alles in Ordnung und ſicher iſt, würden ein oder ein paar Exem⸗ pel, die man ſtatuirte, unter dieſen guten Jakobinern, von großer Wirkung ſeyn. Treue Burſche! wie ſie mich lieben! 109 6 hm! was für ein Fluch war das? ſie ſollten nicht ſo laut ⸗ fluchen! und gar auf meiner Treppe! Es beeinträchtigt it meinen Ruf! Ha! Schritte!“ 4 Der mit ſich ſelbſt Redende warf einen Blick in den Spiegel vor ihm, und nahm ein Buch in die Hand;— k. er ſchien in deſſen Inhalt verſunken, als ein großer Kerl, einen Knittel in der Hand, einen Gürtel, worin Piſtolen h ſtaken, um den Leib, die Thüre öffnete und zwei Beſuche 6 anmeldete. Der eine war ein junger Mann, der, wie mai behauptete, Robespierre in ſeiner Perſon glich; aber 8 von einem viel entſchiedeneren und entſchloſſeneren Aus⸗ 6 druck des Geſichtes. Er trat zuerſt ein, und nach einem Blick in das Buch in Robespierre's Hand, denn dieſer 3 ſchien noch immer eifrig mit ſeiner Lektüre beſchäftigt, S rief er: „Was! Rouſſeau's Helviſe! Eine Liebesgeſchichte!“ „Lieber Payan, es iſt nicht die Liebe, es iſt die Phi⸗ 8 loſophie, die mich bezaubert. Welche edeln Gefühle! welche 6 Inbrunſt der Tugend! Wenn nur Jean Jacques dieſen Tag erlebt hätte!“ Während der Diktator ſo ſeinen Lieblingsſchriftſteller belobte, welchen nachzuahmen er ſich in ſeinen Reden hart abmühte, ward der zweite Beſuch in einem Stuhl ins Zimmer gerollt. Dieſer Mann ſtand auch in dem Alter, welches für die Meiſten das beſte und kräftigſte iſt, d. h. i er war etwa achtunddreißig Jahre alt; aber er war förm⸗» lich todt an den untern Gliedern; verkrüppelt, gelähmt, verzerrt, war er aber doch, wie er nun bald wirklich ge⸗ Bulwer's Romane. XCIX. 8 140 nannt werden ſollte,— ein Herkules im Verbrechen! Aber das ſüßeſte menſchliche Lächeln weilte auf ſeinen Lippen, eine beinahe engelhafte Schönheit zeichnete ſeine Züge aus;* ein unausſprechlicher Ausdruck von Güte und die Ergebung leidenden aber heiteren Wohlwollens gewannen ihm die Herzen derer, die ihn zuerſt ſahen. Mit der liebe⸗ vollſten, ſilbernen, flötenartigen Stimme begrüßte der Bürger Couthon den Bewunderer von Jean Jacques. „Nein— ſage nicht, es ſey nicht die Liebe, was Dich anzieht: es iſt die Liebe! aber nicht die grobe, ſinn⸗ liche Neigung des Mannes für das Weib. Nein! das er⸗ habene Gefühl für das ganze menſchliche Geſchlecht, ja für Alles, was lebt und athmet!“ Und der Bürger Couthon beugte ſich hinab und lieb⸗ koste dem kleinen Hündchen, das er immerdar in ſeinem Buſen mit ſich führte, ſelbſt in den Convent, als ein Ab⸗ leitungsmittel für die überſchwängliche Empfindſamkeit⸗ wovon ſein zärtliches Herz überſtrömte.“ „„Figure d'ange,“ ſagte Einer ſeiner Zeitgenoſſen in einer Schilderung Couthons. Die, wahrſcheinlich von Payan, am 9ten Thermidor, nach Robespierre's Verhaftung entworfene Adreſſe erwähnt des krüppelhaften Collegen mit folgenden Worten:„Couthon, ce citoyen vertueux, qui waque le coeuret latétede vivants, mais qui les a brůlant de patriotisme.“ „Dieſe Zärtlichkeit für ein Lieblingsthierchen war nicht Couthon allein eigen: ſie ſcheint faſt eine allgemeine Mode geweſen zu ſeyn bei den empfindſamen Schlächtern der Revolution. M. Georg Duval erzählt uns(Souvenirs de la Terreur P. 183. v. VIII.), daß Chaumette ein Vogelhaus hatte, dem er ſeine —„— c lb⸗ ner am ene den 1e ant hon zu M. 183. eine 111 „Ja, für Alles, was lebt und athmet,“ erwiederte Robespierre empfindſam.„Guter Couthon— armer Cou⸗ thon! Ach, die Bosheit der Menſchen! wie falſch werden wir geſchildert! wie werden wir verläumdet, als die Hen⸗ ker unſerer Collegen! Ha, das ſchneidet ins Herz! Ein Gegenſtand des Schreckens für die Feinde unſeres Landes zu ſeyn— das iſt edel! aber ein Gegenſtand des Schre⸗ ckens zu ſeyn für die Guten, die Patriotiſchgeſinnten, für Diejenigen, die man liebt und verehrt— das iſt die ſchrecklichſte aller menſchlichen Qualen; wenigſtens für ein empfindliches, redliches Herz!“** „Wie höre ich ihm ſo gerne zu!“ ſprudelte Couthon heraus. harmloſen Mußeſtunden widmete; der mörderiſche Fournier trug auf den Schultern ein zierliches kleines Eichhorn mit ſich herum, an einer ſilbernen Kette befeſtigt; Panis wandte den Ueberfluß ſeiner zärtlichen Gefühle zwei Goldfaſanen zu; und Marat, der nicht Einen von den dreimalhunderttauſend Köpfen, die er verlangte, nachlaſſen wollte, zog Tauben auf! Bei Cvuthons Hündchen fällt mir eine ergötzliche Anekdote ein, welche Duval erzählt von Sergent, der mit Einer der un barmherzigſten Anſtifter des Blutbades vom September war. Eine Dame kam, ſeinen Schutz zu erflehen für Einen ihrer Verwandten, der in der Abtei eingeſperrt war. Er würdigte ſie kaum einer Antwort. Als ſie ſich in Verzweiflung entfern⸗ te, trat ſie zufällig ſeinem Lieblingshündchen auf den Fuß. Sergent wandte ſich um, und rief entrüſtet und wüthend: „Madame, habt Ihr kein menſchliches Gefühl!“ Um den Leſer nicht mit Anmerkungen zu ermüden, bemerke ich hier nur, daß heinahe jeder im Tert Robespierren in den Mund gelegte, Satz in ſeinen verſchiedenen Reden zu finden iſt. X 112 „Hm!“ ſagte Payan mit einiger Ungeduld.„Aber jetzt zu Geſchäften!“ „Ha! zu Geſchäften!“ ſagte Robespierre mit einem unglückverheißenden Blick aus ſeinen blutunterlaufenen Augen. „Die Zeit iſt gekommen,“ begann Payan,„wo die Sicherheit der Republik eine vollſtändige Concentration ihrer Kräfte erheiſcht. Die prahleriſchen Schwätzer vom Wohlfahrtsausſchuß können nur zerſtören; ſie können nicht aufbauen. Sie haßten Dich, Maximilian, von dem Augen⸗ blick an, wo Du verſuchteſt, Inſtitutionen an die Stelle der Anarchie zu ſetzen. Wie ſpotten ſie über das Feſt, bei welchem die Anerkennung eines höchſten Weſens verkün⸗ digt wurde; ſie wollen keine Beherrſcher haben, nicht einmal im Himmel! Dein klarer und ſcharfer Verſtand ſah, daß, nachdem man eine alte Welt zertrümmert, es nothwendig wurde, eine neue zu geſtalten. Der erſte Schritt zum Aufbau muß ſeyn: die Zerſtörer zu vernichten. Während wir überlegen, handeln Deine Feinde. Beſſer, noch in dieſer Nacht die Handvoll Gensdarmen angreifen, die ihnen zur Wache dienen, als den Bataillons die Spitze bieten müſſen, die ſich morgen erheben können!“ „Nein,“ ſagte Robespierre, der vor dem entſchloſ⸗ ſenen Geiſt Payan's zurückbebte,„ich habe einen beſſern und ſicherern Plan. Heute iſt der ſechste Thermidor; am zehnten— am zehnten begibt ſich der Convent in ſeiner Geſammtheit zu der Féte Décadaire. Ein Pöbelhaufen ſoll ſich zuſammenrotten; die Kanoniere, die Truppen lo ſa w V T 8 nen die ion om icht en⸗ elle bei ün⸗ icht and „es rſte ten. ſſer⸗ fen, itze oſ⸗ ſern am iner ufen pen 113 Henriot's, die jungen Zöglinge der école de Mars ſollen ſich unter den Haufen miſchen. Dann iſt es leicht, die Verſchwörer zu treffen, die wir unſern Agenten bezeichnen werden. An demſelben Tage ſollen auch Fouquier und Dumas nicht feiern; und eine hinlängliche Zahl von Ver⸗ dächtigen ſoll, um ein heilſames Grauen zu nähern, und die revolutionäre Aufregung aufrecht zu erhalten, durch das Schwert des Geſetzes umkommen. Der zehnte ſoll der große Tag des Handelns ſeyn.— Payan, haſt Du eine Liſte von dieſen letzten Schuldigen entworfen?“ „Hier iſt ſie,“ verſetzte Payan lakoniſch, ihm ein Pa⸗ pier reichend. Robespierre warf einen raſchen Blick darüber;„Col⸗ lot d'Herbois! gut! Barrère! ja, Barrère war es, der ſagte: Schlagen wir zu, nur die Todten kommen nicht wieder!“* Vadier, der wilde Spaßmacher!— Gut, gut! Vadier vom Berge. Er hat mich Mahomet' genannt! Der Verbrecher, der Läſterer!“ „Mahomet kommt zu dem Berge,“ ſagte Couthon mit ſeiner Silberſtimme, indem er dem Hündchen liebkoste. „Aber was iſt das? Ich finde den Namen Tallien nicht! Tallien— ich haſſe dieſen Mann; das heißt,“ ſagte Robespierre ſich verbeſſernd mit jener Heuchelei oder Selbſttäuſchung, welche die, die den Rath dieſes Phra⸗ ſenmachers bildeten, auch unter ſich gewohnheitsmäßig übten und beibehielten,—„das heißt, die Tugend und *Frappons! il n'y a que les morts qui ne reviennent pas. (Barrére.) 114 unſer Vaterland haſſen ihn! Im ganzen Convent iſt kein Mann, der mir ſolchen Abſcheu einflöst, wie Tallien. Couthon, ich ſehe tauſend Dantons, wo dieſer Tallien ſitzt“ „Tallien hat den einzigen Kopf, der dieſem häßli⸗ chen Körper gehört,“ ſagte Payan, deſſen verbrecheriſche Grauſamkeit, wie die St. Juſt's, nicht ohne Talente von ungemeiner Art war.„Wäre es nicht beſſer, den Kopf wegzuziehen, ihn zu gewinnen, zu erkaufen für den Augen⸗ blick, um dann freier über ihn verfügen zu können, wenn er allein daſteht. Er mag Dich haſſen, aber er liebt das Geld!“ „Nein,“ ſagte Robespierre, den Namen Jean Lam⸗ bert Tallien mit langſamer Hand, die jeden Buchſtaben mit ſtrenger Pünktlichkeit malte, hinſchreibend:„dieſer Eine Kopf iſt meine Nothwendigkeit!“ „Ich habe eine kleine, Liſte hier,“ ſagte Couthon ſanft—„eine ſehr kleine Liſte. Ihr ſäubert den Berg, es iſt nothwendig auch auf der Ebene einige wenige Erem⸗ vel zu ſtatuiren. Dieſe Gemäßigten ſind wie Strohhalme, die dem Winde folgen. Sie haben ſich geſtern im Convent gegen uns gewendet. Ein kleiner Schrecken wird die Wet⸗ terhähne beſſern. Arme Geſchöpfe! Ich habe keinen böſen Willen gegen ſie! ich könnte um ſie wimmern. Aber vor Allem la chère patrie!“ Der ſchreckliche Blick Robespierre's verſchlang die Liſte, welche ihm der Mann der Empfindſamkeit vorlegte. „Ha! die ſind recht gut gewählt; Männer, nicht ausge⸗ 1¹⁵ ein zeichnet genug, um viel vermißt und bedauert zu werden, en. was die beſte Politik bei den Trümmern dieſer Partei iſt: ien auch einige Ausländer,— ja, die haben keine Verwandte in Paris. Die Weiber und Eltern fangen an gegen uns li⸗ zu klagen. Ihre Klagen demoraliſiren die Guillotine!“ che„Couthon hat Recht,“ ſagte Payan;„meine Liſte on enthält diejenigen, die gerathen ſeyn wird en masse weg⸗ opf zuſchaffen bei dem Volksgewühle, das ſich am Feſte ver⸗ en⸗ ſammelt. Seine Liſte wählt diejenigen heraus, welche nn die Klugheit räth, dem Geſetze zu überweiſen. Soll fie as nicht ſogleich unterzeichnet werden?“ „Sie iſt unterzeichnet,“ ſagte Robespierre, förmlich m⸗ ſeine Feder wieder auf den Tintenzeug niederlegend.„Jetzt en zu wichtigeren Angelegenheiten. Der Tod von dieſen ſer wird keine Aufregung veranlaſſen; aber Collot d'Herbois, Bourdon de lOiſe, Tallien,“ bei Nennung dieſes letzten 0n Namens keuchte Robespierre nach Athem—„das ſind rg, die Häupter von Parteien. Das iſt Leben oder Tod für ⸗ ſie oder uns.“ ne,„Ihre Köpfe ſind die Fußſchemel zu Deinen kuruli⸗ ent ſchen Stühlen,“ ſagte Payan halb flüſternd.„Es iſt gar et⸗ keine Gefahr, wenn wir nur kühn ſind. Richter, Geſchwo⸗ ſen rene, Alle find von Dir gewählt. Du erfaſſeſt mit der einen vor Hand das Heer, mit der andern das Geſetz. Deine Stimme beherrſcht noch das Volk—“ die„Das arme und tugendhafte Volk!“ murmelte Ro⸗ te. bespierre. „Und ſelbſt,“ fuhr Payan ſort,„wenn unſer An⸗ 116 ſchlag mit dem Feſte fehlſchlägt, dürfen wir noch nicht ängſtlich werden über die uns zu Gebot ſtehenden Hülfs⸗ quellen. Bedenke! Henriot, der General des Heeres von Paris, liefert Dir die Truppen zum Verhaften; der Ja⸗ kobinerklub ein Publikum, das ſeine Billigung ausſpricht, der unerbittliche Dumas Richter, die nie freiſprechen. Wir müſſen kühn ſeyn!“- „Und wir ſind kühn!“ rief Robespierre, mit plötz⸗ licher Leidenſchaft, und ſchlug im Aufſtehen mit der Hand auf den Tiſch, indem er mit dem Kopf ſteif ſich emporreckte, wie eine Schlange, die auf ihre Beute losfahren will. „Wenn ich die Menge von Laſtern ſehe, welche der Strom der Revolution mit Bürger⸗Tugenden vermengt, zittere ich, in den Augen der Nachwelt befleckt zu werden durch die unreine Nachbarſchaft dieſer verkehrten Menſchen, die ſich unter die aufrichtigen Vertheidiger der Menſchheit drängen. Was!— ſie denken das Land wie eine Beute zu theilen! Ich danke ihnen für ihren Haß gegen Alles, was tugendhaft und würdig iſt! Dieſe Menſchen,“ und er zer⸗ drückte die Liſte von Payan in ſeiner Hand—„dieſe!— nicht wir— haben die Grenzlinien zwiſchen ſich gezogen und denjenigen, die Frankreich lieben.“ „Wahr! wir müſſen allein herrſchen!“ murmelte Payan;„mit andern Worten, der Staat bedarf Einheit des Willens;“ und ſo leitete er mit ſeinem kräftigen, praktiſchen Geiſte das Corollarium ab aus der Logik ſeines die Worte ängſtlich wählenden Collegen. „.+y+yp— te, m re ch ie zu as r⸗ en lte eit n, 1es 117 „Ich will in den Convent,“ fuhr Robespierre fort. „Ich habe mich zu lang davon entfernt gehalten— damit es nicht ſcheine, als wolle ich die Republik zu ſehr ein⸗ ſchüchtern, die ich geſchaffen habe. Fort mit ſolchen Be⸗ denklichkeiten! Ich will das Volk vorbereiten! Ich will die Verräther mit einem Blick niederſchmettern!“ Er ſprach mit der furchtbaren Feſtigkeit des Redners, dem noch Nichts fehlgeſchlagen, des moraliſchen Willens, der wie ein Krieger gegen eine Batterie anmarſchirt. In dieſem Augenblick ward er unterbrochen, ein Brief ward ihm gebracht; er öffnete ihn; ſein Geſicht verwandelte ſich — er zitterte an allen Gliedern; es war eine jener ano⸗ nymen Warnungen, mit welchen der Haß und die Rachſucht Derer, die noch lebten, um ihn zu bedrohen, den Vertheiler der Todeslooſe marterte. „Du biſt beſchmiert,“ ſo lauteten die Zeilen,„mit dem beſten Blute Frankreichs. Lies Deinen Urtheilsſpruch! Ich erwarte die Stunde, wo das Volk Dich dem Henker übergeben wird. Wenn mich meine Hoffnung täuſcht, wenn es zu lange anſteht— horch!— lies! Dieſe Hand, welche Dein Auge vergebens zu entdecken ſuchen wird, ſoll Dein Herz durchbohren. Ich ſehe Dich jeden Tag— ich bin jeden Tag um Dich. Zu jeder Stunde erhebt ſich mein Arm gegen Deine Bruſt. Elender! lebe noch eine Weile, doch nur wenige, traurige Tage— lebe, um an mich zu den⸗ ken,— ſchlafe, um von mir zu träumen! Dein Schrecken und Dein Gedanke an mich ſind die Herolde Deines Ver⸗ 118 derbens. Adieu! heute noch komme ich, um mich an Dei⸗ ner Angſt zu weiden!“* „Eure Liſten find noch nicht zahlreich genug!“ ſagte der Tyrann mit hohler Stimme, als das Papier ſeinen zitternden Händen entfiel.„Gebt ſie mir— gebt ſie mir! Beſinnt Euch noch einmal— beſinnt Euch! Barrère hat Recht— Recht! Zugeſchlagen! nur die Todten kommen nicht wieder!“ Zweites Kapitel. La haine dans ces lieux n'a qu'un glaive assassin Elle marche dans l'ombre. Laharpe, Jeanne de Naples. IV. 1. Während dieß die Anſchläge und Befürchtungen Ma⸗ rimilian Robespierre's waren, vereinigten gemeinſame Gefahr, gemeinſamer Haß, und was noch in den Theil⸗ nehmern der Revolution von Menſchlichkeit und Tugend übrig war, ſeltſame Gegenſätze in der Feindſchaft gegen den allgemeinen Mörder. Zwar war eine wirkliche Ver⸗ ſchwörung gegen ihn im Werke unter Männern, die nicht viel weniger als er ſelbſt mit unſchuldigem Blute be⸗ ſprützt waren. Aber dieſe Verſchwörung für ſich allein würde nutzlos geweſen ſeyn, trotz der Talente von Tallien und Barras(der einzigen dabei betheiligten Männer, Vergl. Unveröffentlichte Papiere, die man bei Robespierre fand. Bd. II. pag. 155. Nr. IX. in * e 119 welche durch Vorausſicht und Thatkraft den Namen von Führern verdienten). Die ſichern zerſtörenden Elemente, welche gegen den Tyrannen ſich erhoben, waren Zeit und Naturz; jene, der er nicht mehr entſprach; die ſe, ſofern er an ihr gefrevelt und ſie in der menſchlichen Bruſt em⸗ pört hatte. Die wüthendſte, gräßlichſte Partei der Revo⸗ lntion, die Freunde Heberts, der zu ſeiner letzten Rechen⸗ ſchaft hingegangen war, die Schlächter und Atheiſten, die, indem ſie Himmel und Erde entweihten, doch für ſich noch unverletzliche Heiligkeit in Anſpruch nahmen, war eben ſo wüthend über die Hinrichtung ihres Scheuſals von Haupt, wie über die Verkündigung eines höchſten Weſens. Der Pöbel, ſo brutal er geweſen war, erwachte doch wie ans einem blutigen Traume, als ſein rieſenhafter Abgott, Danton, nicht mehr die Bühne des Schreckens erfüllte, und das Verbrechen populär machte durch jene Verbin⸗ dung von ſorgloſer Freimüthigkeit und beredter Energie, welche dem großen Haufen ſeine Helden lieb macht. Das Meſſer der Guillotine hatte ſich gegen ſie ſelbſt gekehrt! Sie hatten gejauchzt und gebrüllt, geſungen und getanzt, wenn das ehrwürdige Alter, oder die blühende, glänzende Ingend, aus den Reihen der Ariſtokratie oder der Litera⸗ tur, auf den düſtern Karren durch ihre Straßen gezogen war; aber ſie ſchloßen ihre Läden, und flüſterten murrend unter einander, als die Reihe an ihre Klaſſe kam, und Schneider und Schuhſlicker, Arbeiter und Taglöhner in die Umarmungen der„Heiligen Mutter Guillotine“ mit ſo wenig Umſtänden geſchoben und gehoben wurden, als 120 wären ſie von den Montmoreney's oder La Tremuuille's, Malesherbes' oder den Lavoiſiers' geweſen. Um dieſe Zeit hatte Couthon Recht, zu ſagen:„die Schatten Danton's, Hebert's und Chaumette's wandeln unter uns herum!“ Unter denjenigen, welche die Lehren des Atheiſten Heberts getheilt hatten, und jetzt ſeine Schickſale fürch⸗ teten, war der Maler Jean Nicot. Gekränkt und wüthend darüber, daß er jetzt durch den Tod ſeines Gönners ſeine Laufbahn geſchloſſen ſah; und daß er, im Zenith der Re⸗ volution, für welche er gearbeitet hatte, in Höhlen und Kellern herumkriechen mußte, ärmer, unbekannter, ver⸗ achteter als er im Anfang derſelben geweſen war,— nicht einmal wagend, ſeine Kunſt auszuüben, und jede Stunde fürchtend, ſein Name werde die Liſte der Ver⸗ urtheilten vermehren, war er natürlich einer der bitter⸗ ſten Feinde Robespierre's und ſeiner Regierung. Er hielt geheime Zuſammenkünfte mit Collot d'Herbois, der vom gleichen Geiſte beſeelt war; und mit der ſchleichenden, ver⸗ ſtohlenen Schlauheit, welche ſeine Fähigkeiten eigenthüm⸗ lich bezeichnete, wußte er unentdeckt Flugſchriften und Schmähungen gegen den Diktator zu verbreiten, und unter dem„armen und tugendhaften Volke“ Alles für den großen Schlag und Ausbruch vorzubereiten. Aber ſo feſt ſchien doch immer noch den Augen ſelbſt tieferer Politiker, als Jean Nicot war, die unheimliche Macht des unbe⸗ ſtechlichen Marimilian, ſo furchtſam war die Bewegung gegen ihn, daß Nicot, eben ſo wie viele Andere, ſeine Hoffnung mehr auf den Dolch eines Meuchelmörders, als 121 den Aufſtand der Menge ſetzte. Aber Nicot, obwohl nicht eigentlich eine Memme, ſcheute doch ſelbſt zurück vor dem Schickſale des Märtyrers; er hatte Verſtand genug, um einzuſehen, daß, wenn auch alle Parteien ſich des Mordes freuen möchten, ſie doch wahrſcheinlich ſich vereinigen würden, den Meuchelmörder um einen Kopf kürzer zu machen. Er beſaß nicht die Tugend, ein Brutus werden zu wollen. Seine Abſicht war, einen Vice⸗Brutus zu be⸗ geiſtern; und mitten unter einer ſo entzündlichen Bevöl⸗ kerung war dieß eine nicht unwahrſcheinliche Hoffnung. Unter den lauteſten und ergrimmteſten Gegnern der Blutherrſchaft,— unter denen, welche am gründlichſten in ihren Hoffnungen und Anſichten von der Revolution enttäuſcht und entzaubert, am meiſten über ihre Ausſchwei⸗ fungen entſetzt waren, befand ſich, wie man ſich denken kann, der Engländer Clarence Glyndon. Der Witz und die Talente, die unſichern Tugenden, welche mit einzel⸗ nen lebhaften Strahlen den Geiſt Camille Desmoulins' erleuchtet, hatten Glyndon angezogen und bezaubert, mehr als die Eigenſchaften irgend eines andern Revolutions⸗ helden. Und als dieß glühende Kind des Genius und des Irrthums, entſetzt(denn Camille Desmoulins hatte ein Herz, das in den Meiſten ſeiner Zeitgenoſſen todt oder zu ſchlafen ſchien,) über die Hinmetzlung der Girondiſten, und ſeine feindſeligen Beſtrebungen gegen ſie bereuend, Robespierre's Schlangentücke durch neue Lehren von Barmherzigkeit und Duldung zu reizen begann, da er⸗ faßte Glyndon ſeine Anſichten mit ſeiner ganzen Kraft 122 und Seele. Camille Desmoulins ging unter, und Glyn⸗ don, verzweifelnd an ſeinem eigenen Leben zugleich und an der Sache der Menſchheit, ſuchte von dieſer Zeit an nur eine Gelegenheit zur Flucht von dem allverſchlingen⸗ den Golgatha. Er hatte zwei Leben zu behüten außer dem ſeinigen; für ſie zitterte er; und für ſie ſann er auf Mittel zur Flucht, und bot hiefür Allem auf. Obgleich Glyndon die Grundſätze, die Partei? und die Laſter Nicot's haßte, theilte er doch mit dem darbenden Maler ſeine Unterhalts⸗ mittel; und Jean Nicot hegte dafür den Plan, Glyndon zu der Unſterblichkeit eines Brutus zu verhelfen, vor wel⸗ cher er ſelbſt mit beſcheidener Scheue zurückbebte. Er grün⸗ dete ſeine Hoffnung auf den natürlichen Muth, auf die wilde, zügelloſe Phantaſie des engliſchen Künſtlers, und auf den heftigen Haß, den entrüſteten Ekel; mit welchem er die Regierung Marimilians unverhohlen betrachtete. Zu derſelben Stunde deſſelben Tages im Julius, wo Robespierre, wie wir geſehen haben, mit ſeinen Verbün⸗ deten ſich berieth, ſaßen zwei Perſonen in einem kleinen Zimmer in einer der Straßen, die aus der Rue St. Honoré führten; die eine, ein Mann, ſchien mit Ungeduld und mit umwölkter Stimme ſeiner Geſellſchafterin zuzuhören, *Niemand trat den Hebertiſten ſchärfer entgegen als Camille Desmoulins und ſeine Freunde. Es iſt merkwürdig und belu⸗ ſtigend zu ſehen, wie dieſe Führer des Pöbels den Pöbel heute: das Volk, nennen, und morgen; die Canaille, wie es ihnen gerade paßt.„Ich weiß,“ ſagt Camille,„daß ſie, die Heberti⸗ ſten, die ganze Canaille auf ihrer Seite haben.“ —„— k⸗ 123 einer Frau von ausnehmender Schönheit, aber mit einem fecken und wilden Ausdruck; und ihr Geſicht war, wie ſie redete, belebt von den Leidenſchaften einer heftigen, halb wilden Natur. „Engländer!“ ſagte die Frau,„hütet Euch! Ihr wißt, daß auf der Flucht oder auf dem Platz des Todes, ich Allem trotzen würde, um an Eurer Seite zu ſeyn— Ihr wißt das! Sprecht!“ „Gut, Fillide; zweifelte ich je an Eurer Treue?“ „Daran zweifeln könnt' Ihr nicht; errathen könnt Ihr ſie. Ihr ſagt mir, Ihr müſſet auf der Flucht noch Jemand außer mir zur Begleitung haben, und zwar eine Frau. Das ſoll nicht ſeyn!“ „Soll nicht!“ „Es ſoll nicht ſeyn!“ wiederholte Fillide feſt, und treuzte die Arme über der Bruſt; ehe Glyndon antworten konnte, hörte man ein leiſes Pochen an der Thüre, und Nicot drückte die Klinke auf und trat ein. Fillide ſank in ihren Stuhl zurück, ſtützte ihr Ge⸗ ſicht auf die Hände, und ſchien den neuen Ankömmling und das nun folgende Geſpräch nicht zu beachten. „Ich kann Dir nicht guten Tag bieten, Glyndon,“ ſagte Nicot, indem er in ſeiner Sanscülottenart auf den Künſtler zuging, ſeinen zerlumpten Hut auf dem Kopf, die Hände in den Taſchen, und einen ſeit einer Woche nicht geſchorenen Bart um's Kinn,—„ich kann Dir nicht guten Tag bieten, denn ſo lange der Tyrann lebt, iſt jede Sonne leidig, die ihre Strahlen über Frankreich ergießt.“ 124 „Es iſt wahr; und was nun. Wir haben Wind ge⸗ ſäet, ſo müſſen wir Sturm ernten.“ „Und doch,“ ſagte Nicot, anſcheinend die Antwort überhörend, und als ſänne er bei ſich nach;„es iſt ſeltſam, wenn man bevenkt, daß der Schlächter eben ſo ſterblich iſt als der Geſchlachtete— daß ſein Leben an einem eben ſo dünnen Faden hängt,— daß zwiſchen der Oberhaut und dem Herzen nur ein ſo kurzer Weg iſt— kurz, daß Ein Stoß Frankreich befreien und die Menſchheit retten kann!“ Glyndon maß den Redenden mit einem ſtolzen, ver⸗ achienden, gleichgültigen Blick und antwortete nicht. „Und,“ fuhr Nicot fort,„ich habe mich manch⸗ mal umgeſehen nach dem Mann, der zu dieſer Beſtim⸗ mung geboren wäre, und ſo oft das geſchah, führten mich meine Schritte hieher.“ „Sollten ſie Dich nicht vielmehr zu Marimilian Ro⸗ bespierre hingeführt haben?“ ſagte Glyndon mit einem höhniſchen Lächeln. „Nein,“ verſetzte Nicot kalt,„nein; denn ich bin ein Verdächtiger— ich könnte mich nicht unter ſein Gefolge miſchen; ich könnte mich ſeiner Perſon nicht auf hundert Schritte nähern, ohne daß man mich packte: Ihr ſeyd bis jetzt ſicher. Hört mich!“ Und ſeine Stimme wurde ernſt und ausdrucksvoll,—„hört mich! dieſe That ſcheint gefährlich, aber ſie iſt es nicht. Ich bin bei Collot d'Her⸗ bois und Billaut⸗Varenne geweſen; ſie wollen dem ſein Leben verbürgen, der den Streich führt; das Volk würde ort m, en aut aß en er⸗ ch⸗ m⸗ ich o⸗ em Dir zu Hülfe eilen; der Convent würde Dich als ſeinen Befreier begrüßen— Dir—“ „Halt, Menſch! wie wagſt Du meinen Namen mit der That eines Meuchelmörders in Verbindung zu brin⸗ gen? Laß die Sturmglocke von jenem Thurm ertönen zu einem Krieg zwiſchen der Menſchlichkeit und dem Tyran⸗ nen, und ich werde nicht der Letzte auf dem Platze ſeyn; aber die Freiheit hat in einem Verbrecher noch nie ihren Vertheidiger gnerkannt!“ Es lag etwas ſo Muthiges und Eoles in Glyndons Stimme, Geiſt und Weſen, wie er ſo ſprach, daß Nicot ſogleich verſtummte, er erkannte ſogleich, daß er den Mann falſch beurtheilt hatte. „Nein,“ ſagte Fillide, ihr Antlitz von ihren Hän⸗ den erhebend,—„Nein! Euer Freund hat einen klügeren Plan in Bereitſchaft; er will Euch einander erwürgen laſſen. Er hat Recht; aber—“ „Flucht!“ rief Nicot;„iſt es möglich? Flucht! Wie? wann? durch welche Mittel? Ganz Frankreich iſt umſtellt mit Spionen und Wachen! Flucht! Wollte Gott, ſie ſtände in unſerer Macht!“ „Wünſcheſt denn auch Du, der geſegneten Revolu⸗ tion zu entrinnen?“ „Ob ich es wünſche? Oh!“ ſchrie Nicot plötzlich, fiel nieder und umſchlang Glyndon's Kniee,—„Oh! rette mich mit Dir! Mein Leben iſt eine Marter; jeden Au⸗ genblick ſteht die Guillotine grinſend vor mir. Ich weiß, daß meine Stunden gezählt ſind: ich weiß, daß der Tyrann Bulwer's Romane. XCIX. 9 126 nur ſeine Zeit abwartet, um meinen Namen in ſeine un⸗ erbittliche Liſte einzutragen; ich weiß, daß Réné Dumas, der Richter der nie freiſpricht, von Anfang an meinen Tod beſchloſſen hat. Oh! Glyndon, bei unſerer alten Freundſchaft, bei unſerer gemeinſchaftlichen Kunſt, bei Deiner loyalen engliſchen Treue und Deinem gut engli⸗ ſchen Herzen flehe ich Dich, laß mich Deine Flucht theilen!“ „Wenn Du willſt, ſey es ſo!“ „Dank! Mein ganzes Leben ſoll Dir danken! Aber wie haſt Du die Mittel dazu anſchaffen können— die Päſſe, die Verkleidung, das—“ „Ich will es Dir ſagen, Du kennſt C——, vom Convent— er hat große Macht und iſt geldgierig. Qu'on me méprise, pourvu que je dine, ſagte er, als man ihm ſeine Habſucht vorwarf.“ „Nun?“ „Mit Hülfe dieſes tüchtigen dinter„ der Freunde genug im Comité hat, habe ich das zur Flucht Nothwendige mir verſchafft; ich habe mir es erkauft; für eine Erkenntlichkeit kann ich auch für Dich einen Paß be⸗ kommen.“ „Dein Reichthum beſteht alſo nicht in Aſſignaten?“ „Nein, ich habe Gold genug für uns Alle.“ Jetzt winkte Glyndon Nicot in das nächſte Zimmer, erklärte ihm zuerſt kurz und raſch den entworfenen Plan und die Verkleidungen, die ſie in Gemäßheit der Päſſe annehmen müßten, und fuhr dann fort:„Jur Vergeltung des Dienſtes, den ich Dir leiſte, thue mir einen Gefallen, ei li⸗ er cht für be⸗ 24 er an e ng en, 131 das Geld; nimm was Du willſt; aber enttäuſche mich! Wer iſt das Weib, das Dein Freund beſucht?— und liebt er ſie?“ Nicots Augen funkelten, und ſeine Hände thaten ſich auf und zu, und zu und auf, wie er die Goldſtücke an⸗ ſtarrte. Doch mit Mühe dem Inſtinkt des Goldes wider⸗ ſtehend, ſagte er mit erheuchelter Bitterkeit—„Meinſt Du mich beſtechen zu können?— und wäre das auch, ſo kann es nicht mit Gold geſchehen. Aber was iſt es auch, wenn er eine Nebenbuhlerin liebt? wenn er Dich verräth? was iſt es, wenn er, Deiner Eiferſucht über⸗ drüſſig, Dich bei ſeiner Flucht zurückzulaſſen gedenkt?— würde es Dich glücklicher machen, wenn Du das wüßteſt?“ „Ja,“ antwortete die Italienerin heftig;„ja, denn es wäre ein Glück, ihn haſſen und mich rächen zu können! O, Du weißſt nicht, wie ſüß der Haß denen iſt, die wirk⸗ lich geliebt haben!“ „Aber willſt Du mir ſchwören, wenn ich Dir das Geheimniß offenbare, daß Du mich nicht verrathen, daß Du nicht, wie die Weiber pflegen, in ſchwache Thränen und zärtliche Vorwürfe ausbrechen willſt, wenn Dein Verräther zurückkommt?“ „Thränen! Vorwürfe! Die Rache hüllt ſich in Lächeln!“ „Du biſt ein wackeres Geſchopf!“ ſagte Nicot bei⸗ nahe bewundernd.„Noch eine Bedingung! Dein Ge⸗ liebter beabſichtigt, mit ſeiner neuen Geliebten zu fliehen, Dich Deinem Schickſal zu überlaſſen; wenn ich Dir dieß beweiſe, und Dir zur Rache an Deiner Rivalin helfe, willſt Du mit mir fliehen? Ich liebe Dich! Ich will Dich heirathen!“ Fillidens Augen ſprühten Feuer; ſie ſah ihn mit unausſprechlicher Verachtung an und ſchwieg. Nicot fühlte, daß er zu weit gegangen; und mit jener 132 Kenntniß des ſchlimmeren Theils unſerer Natur, welche ſein eigenes Herz und die Gewöhnung an Verbrechen ihn gelehrt hatte, beſchloß er, das Uebrige den Leidenſchaften der Italtenerin getroſt zu überlaſſen, wenn ſie einmal zu dem Grade, wie er hoffte und ſtrebte, geſteigert wären. „Verzeiht mir,“ ſagte er;„meine Liebe hat mich zu kühn gemacht; und doch iſt es nur dieſe Liebe— mein Mitgefühl für Dich, ſchöne Verrathene, was mich bewe⸗ gen kann, mit meinen Enthüllungen einem Manne zu ſchaden, den ich als meinen Bruder betrachtet habe. Ich kann mich auf Deinen Schwur verlaſſen, vor Glyndon Alles zu verhehlen?“ „Auf meinen Schwur, auf meine erlittene Miß⸗ handlung und mein Gebirgsblut!“ „Genng! hole Deinen Hut und Mantel und folge mir!“ Als Fillide das Zimmer verließ, hafteten Nicots Augen wieder auf dem Gold; es war viel!— weit mehr als er zu hoffen gewagt hatte; und wie er in die Schub⸗ lade ſchielte und andere Behälter öffnete, gewahrte er ein Bündel Briefe von der ihm wohlbekannten Hand Ca⸗ mille Desmoulins. Er ergriff— er öffnete das Paket; ſeine Miene verklärte ſich, als er einige Sätze durchlau⸗ fen.„Das würde fünfzig Glyndons unter die Guillotine bringen!“ murmelte er, und ſchob das Paket in ſeinen Buſen. O Künſtler! O Gehetzter und Verfolgter! O irren⸗ der Genius! Schau die zwei ſchlimmſlen Feinde— das falſche Ideal, das von keinem Gott weiß, und die falſche Liebe, die in der Verdorbenheit der Sinne brennt, und keinen Glanz von der Seele empfängt! O o E. L. Bulwer's Werke. de Aus dem Engliſchen. Hundertſtes Bändchen. . Zanoni. Sechstes Bändchen. ———————————— Stuttgart.— Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1842. Zanoni. Ein Roman von dem Verfaſſer von„Nacht und Morgen,“„Rienzi,“ „Ernſt Maltravers,“„Alice“ u. a. Aus dem Engliſchen von Guſt av Pfizer. In ſechs Bändchen. Sechstes Bändchen. Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1842. —„— S— S S Drittes Kapitel. Liebe ſonnt das Reich der Nacht. Der Triumph der Liebe. Brief Zanoni's an Mejnour. Paris. Erinnerſt Du Dich noch der alten Zeit, wo die Schönheit noch in Griechenland wohnte, wie wir beide in dem gewaltigen Theater zu Athen Zeugen waren von der Geburt göttlicher Werke, ſo unſterblich wie wir? Er⸗ innerſt Du Dich des Schreckensſchauers, der die mächtige Verſammlung durchzuckte, als die wilde Caſſandra ihr un⸗ heimliches Schweigen brach, um zu ihrem mitleidsloſen Gott zu ſchreien? Wie geiſterhaft, beim Betreten von Atreus Haus, das ihr Grab werden ſollte, ihre Ausru⸗ fungen ertönten voll ahnungsvollen Jammers:„Ha! götterverhaßtes Haus, du von unzähliger Schuld Zeuge, von Strick, von Wechſelmord, von Mannes Opferbecken, blutbeſpritzt!““ Erinnerſt Du Dich, wie ich, während des athemloſen, ſchauernden Schweigens dieſer verſam⸗ *Aeſchylus Agamemnon. 1098. 6 melten Tauſende Dir näher rückte und zuflüſterte:„Wahr⸗ lich, kein Prophet kommt dem Dichter gleich! Dieſe Scene erdichteten Grauſens gemahnt mich wie ein Traum, der in einem Bilde meine eigene entfernte Zukunft abſchat⸗ tet!“ Beim Eintritt in dieß Schlachthaus fällt mir jene Scene wieder ein, und die Stimme Caſſandra's gellt mir wieder im Ohr. Eine feierlich ernſte, warnende Beſorgniß umſchwebte mich, als wäre auch ich gekommen ein Grab zu finden, und als hätte mich das Netz des Hades ſchon in ſein Gewebe verſtrickt! Welche dunkle Schatzkammern von Wechſel und Jammer haben ſich in unſerem Gedächt⸗ niß gebildet! Was iſt unſer Leben geworden, als die Ge⸗ ſchichte des erbarmungsloſen Todes! Es iſt mir, als wäre es geſtern erſt geweſen, daß ich in den Straßen dieſer Stadt der Gallier ſtand, wie ſie von befiederter Ritter⸗ ſchaft erglänzten, und die Luft in ſeidener Pracht rauſchte. Der junge Louis, der Monarch und der Liebhaber, war Sieger beim Tournier im Carouſſel; und ganz Frankreich fühlte ſich glanzverherrlicht im Glanze ſeines prächtigen Herrn! Jetzt ſteht hier weder Thron mehr, noch Altar: und was iſt an ihre Stelle getreten? Dort ſehe ich es— die Guillotine! Es iſt traurig unter den Ruinen ver⸗ modernder Städte zu ſtehen, die Schlange und die Ei⸗ dechſe aufzujagen unter den Trümmern von Perſepolis und Theben; aber trauriger noch iſt es, dazuſtehen, wie ich— der Fremde aus Reichen, die aufgehört haben zu ſeyn— jetzt daſtehe unter den noch grauſenhafteren Trüm⸗ mern von Geſetz und Ordnung, die von den Menſchen ahr⸗ cene der hat⸗ jene mir gniß rab chon nern icht⸗ Ge⸗ väre ieſer tter⸗ chte. war reich igen tar: 3 ver⸗ Ei⸗ olis wie n zu üm⸗ 7 ſelbſt zerſtört worden ſind! Doch auch hier, auch hier kann die Liebe, die Allverſchönerin, die meine Schritte ge⸗ leitet hat, mit unerſchrockener Hoffnung durch die Wüſte des Todes wandern! Wunderbar iſt die Leidenſchaft, die für ſich ſelbſt eine Welt ausmacht, die den Einzelnen unter der Menge individualiſirt, die nach allen Wechſeln meines ernſten Lebens noch kräftig iſt, obgleich Ehrgeiz, Haß und Zorn todt ſind; der Eine, einſame Engel, der über einer Welt von Gräbern ſchwebt auf ſeinen zwei ſchwan⸗ kenden, menſchlichen Flügeln, Hoffnung und Furcht! Wie kommt es, Mejnour, daß ich, während mich doch meine himmliſcheren Kräfte verlaſſen, während ich bei meinen Nachforſchungen nach Viola nur von den ge⸗ wöhnlichſten Inſtinkten alltäglicher Sterblichen unterſtützt wurde, wie kommt es, daß ich doch nie verzagte, daß ich bei jeder Schwierigkeit das überwiegende Vorgefühl hatte, wir würden uns zuletzt wieder finden? So grauſam war jede Spur ihrer Flucht mir verborgen— ſo plötzlich, ſo heimlich war ſie geflohen, daß alle Spione, alle Behörden in Venedig mir keinen Fingerzeig zu geben vermochten. Ganz Italien durchforſchte ich vergebens— die Heimath ihrer Jugend in Neapel! Wie ſchien noch in jenen beſchei⸗ denen Gemächern der ſüße Duft ihrer Gegenwart zu haften! All die erhabenſten Geheimniſſe unſerer Wiſſen⸗ ſchaft ließen mich im Stich— konnten ihre Seele nicht der meinigen ſichtbar machen;— und doch am Morgen und bei Nacht, o Du Einſamer und Kinderloſer! am Morgen und bei Nacht kann ich, aus mir ſelbſt heraus⸗ 8 tretend, mit meinem Kinde verkehren! Hier, in dieſem ſegensvollſten, ſymboliſchſten und geheimnißreichſten aller Verhältniſſe ſcheint die Natur ſelbſt das zu gewähren, was die Wiſſenſchaft verweigern möchte. Kein Raum kann des Vaters wachſame Seele von ſeines Erſtgeborenen Wiege ſcheiden! Ich weiß Nichts von ſeinem Aufent⸗ haltsort und ſeiner Heimath— meine Geſichte ſtellen nicht das Land dar— nur das kleine und zärtliche Leben, deſſen Erbtheil auch aller Raum iſt, Denn für das Kind, ehe die Vernunft ihm dämmert, ehe des Menſchen böſe Leidenſchaften das Weſen trüben, welches er mitbringt von dem Element, dem es entſtammt, gibt es kein beſonderes Vaterland, keine Heimathſtadt, keine ſterbliche Sprache. Seine Seele iſt noch Bürgerin aller Lüfte und jeder Welt, und im Raume begegnet ſeine Seele der meinigen— das Kind verkehrt mit ſeinem Vater! Grauſame, die du mich verlaſſen— um deren willen ich der Weisheit der Sphãä⸗ ren entſagte, du, deren unheilvolle Mitgabe die Schwäche und Angſt der Menſchheit war— konnteſt du glauben, dieſe junge Seele ſey minder ſicher auf Erden, weil ich ſie immer mehr zum Himmel führen wollte? Glaubteſt du, ich könnte mein eigen Fleiſch und Bein verletzen? Wußteſt du nicht, daß in ſeinen wunderklaren Augen das Leben, das ich ihm gegeben, warnend und vorwurfsvoll zu der Mutter ſprach, die es an das Dunkel und die Schmerzen des Kerkers von Staub feſſeln wollte? Em⸗ pfandeſt du nicht, daß ich es war, der, unter des Him⸗ mels Zulaſſung, es vor Leiden und Krankheiten beſchützte? ieem aller hren, kann renen ufent⸗ ſtellen eben, Kind, böſe t von deres rache. Welt, — das mich Sphä⸗ wäche uben, il ich ubteſt tzen? ndas fsvoll d die Em⸗ Him⸗ ützte? 9 Und in ſeiner wunderbaren Schönheit ſegnete ich das heilige Medium, durch welches endlich mein Geiſt mit dem. deinigen verkehren könnte! Und wie fand ich ihre Spur hier auf? Ich erfuhr, daß Dein Zögling in Venedig geweſen. Ich konnte den jungen, feinen und zarten Neophyten von Parthenope nicht erkennen in der Beſchreibung des hohläugigen, wild⸗ ausſehenden Beſuches, der zu Viola vor ihrer Flucht ge⸗ kommen war; aber als ich ſeine Idea vor mich beſchwören wollte, gehorchte ſie meiner Aufforderung nicht, und ich erkannte, daß ſein Schickſal mit dem Viola's verflochten ſey. So habe ich ihn denn in dieſes Lazareth verfolgt; ich bin erſt geſtern angekommen; ich habe ihn noch nicht ent⸗ deckt. Ich komme ſo eben zurück von ihren Gerichtshöfen — Höhlen, wo Tiger auf ihre Beute ſich ſtürzen. Ich finde nicht, die ich ſuche. Sie ſind bis jetzt noch wohlbe⸗ halten; aber ich erkenne in den Verbrechen der Sterblichen die dunkle Weisheit des Ewigen. Mejnour! ich ſehe hier zum erſten Mal, welch etwas Majeſtätiſches und Schö⸗ nes es um den Tod iſt! Welch erhabener Tugenden be⸗ raubten wir uns, als wir, im Durſt nach Tugend, die Kunſt gewannen, durch die wir uns des Todes erwehren können! Wenn in einem glücklichen Himmelsſtrich, wo Athmen Luſt und Wonne iſt, das Gebeinhaus die Jungen und Schönen verſchlingt, wenn mitten in dem edeln Stre⸗ ben nach Wiſſenſchaft der Tod zu ihrem glühenden Jünger Bulwer's Romane. C. 2 10 tritt, und ihm das Zauberland verſchließt, das ſich ſeinen Blicken aufthat, wie natürlich iſt uns da der Wunſch zu leben; wie natürlich, ein nie aufhörendes Leben zum erſten Gegenſtand des forſchenden Strebens zu machen! Aber hier, von meiner Zeitwarte herab die dunkle Ver⸗ gangenheit und die ſternglänzende Zukunft überſchauend, erkenne ich, wie große Herzen fühlen, welche Wonne und welcher Ruhm darin liegt, zu ſterben für Weſen, die man liebt! Ich ſah einen Vater ſich für ſeinen Sohn opfern; es lagen Anſchuldigungen gegen ihn vor, die ein Wort von ihm vernichten konnte— man verwechſelte ihn mit ſeinem Sohne. Mit welcher Freude ergriff er den Irr⸗ thum— bekannte ſich zu den edeln Verbrechen der Treue und des Muthes, die der Sohn wirklich begangen hatte, und ging zum Richtplatz, jubelnd, daß ſein Tod das Leben rettete, das er nicht fruchtlos gegeben! Ich ſah Frauen, junge zarte Frauen, in der Blüthe ihrer Schönheit; ſie hatten ſich dem Kloſter geweiht. Hände, mit dem Blut von Heiligen beſudelt, öffneten das Gitter, das ſie von der Welt abgeſchloſſen hatte; man hieß ſie herauskommen, ihre Ge⸗ lübde vergeſſen, den Göttlichen abſchwören, den dieſe Teufel entſetzen wollten, ſich Geliebte und Gatten ſuchen, und frei ſeyn. Und Einige von dieſen jungen Herzen hat⸗ ten geliebt und liebten, wiewohl in ſchmerzlichen Käm⸗ pfen, noch. Schwuren ſie das Gelübde ab? Entſagten ſie dem Glauben? Lockte ſie die Liebe? Mejnour! mit Einem Munde zogen ſie vor zu ſterben! Und woher kommt dieſer Muth? Daher, daß ſolche Herzen in einem hoͤ⸗ —„— — 3„* ———— „—— inen h zu zum hen! Ver⸗ end, und man ern; Port mit Irr⸗ reue atte, eben uen, ſie von Welt dieſe chen, hat⸗ däm⸗ n ſie inem ieſer p⸗ 11 heren und heiligeren Leben als das ihrige le⸗ ben. Aber immer aufdieſer Erde leben, heißt, in nichts Göttlicherem leben, als in unſerem Ich. Ja ſelbſt in dieſer bluttriefenden Schlächterei zeigt und bewährt Gott der Ewige dem Menſchen die Heiligkeit ſeines Dieners, des Todes! Wieder habe ich dich im Geiſt geſehen; ich habe dich geſehen und geſegnet, mein ſüßes Kind! Kennſt du mich nicht auch in deinen Träumen? Fühlſt Du nicht das Pochen meines Herzens durch den Schleier deines roſigen Schlummers hindurch? Hörſt du nicht die Fittige der glänzenden Weſen, die ich noch um Dich beſchwören kann, dich zu bewachen, zu nähren, zu retten? Und wenn der Zauber bei deinem Erwachen erbleicht, wenn deine Augen ſich dem Tage öffnen, ſchauen ſie ſich nicht um nach mir, und fragen deine Mutter mit ſtummer Beredſamkeit: „warum ſie dich des Vaters beraubt habe?“ Weib, bereuſt du nicht? Aus eingebildeter Furcht fliehend, biſt du nicht in die wahre Höhle und ins Lager des Schreckens gerathen, wo die Gefahr ſichtbar und leib⸗ haftig thront? O, wenn wir uns nur finden könnten, würdeſt du nicht an die Bruſt fallen, der du ſo wehe ge⸗ than haſt, und würde dir, arme von Stürmen Umgetrie⸗ bene! nicht zu Muthe ſeyn, als hätteſt du wieder ein Ob⸗ dach gewonnen? Mejnour, noch immer ſind meine Nach⸗ forſchungen umſonſt. Ich verkehre mit allen Menſchen, ſelbſt den Richtern und den Spionen, aber ich kann noch 2 2 2 12 keine Spur auffinden. Ich weiß, daß ſie hier iſt. Ich weiß es durch einen Inſtinkt; der Athem meines Kindes ſcheint wärmer und näher. Sie ſehen mich mit giftigen Blicken an, wenn ich durch ihre Straßen ſchreite. Mit einem Blick entwaffne ich ihre Bosheit, und bezaubere die Baſilisken. Ueberall ſehe ich die Spur, wittere ich die Gegenwart der Unhol⸗ din, die auf der Schwelle weilt, und deren Opfer die Seelen werden, die nach Hohem trachten möchten und nur fürchten können. Ich ſehe ihre dämmernde Geſtalt⸗ loſigkeit vor den Blutmenſchen her gehen und ihren Weg lenken. Robespierre ging mit ſeinem verſtohlenen Schritt an mir vorbei. Jene ſchauervollen Augen nagten ſich in ſein Herz. Ich ſchaute herab auf ihren Senat, das grimme Phantom hockte drunten auf dem Boden. Es hat ſeinen Sitz in der Stadt des Schreckens aufgeſchlagen. Und was ſind in Wahrheit dieſe anmaßlichen Baumeiſter einer neuen Welt? Wie die Jünger, die vergebens nach unſe⸗ rem höchſten Wiſſen rangen, haben ſie verſucht, was über ihre Kräfte geht; ſie find aus dieſer feſten Welt der Sitten und Formen in das Land der Schatten hinüberge⸗ treten; und ihre ekelhafte Hüterin hat ſie als ihre Beute gepackt. Ich ſchaute in des Tyrannen ſchaudernde Seele, wie ſie an mir vorbei zitterte. Da, unter den Trümmern von tauſend Syſtemen, welche auf Tugend abzweckten, ſaß das Verbrechen, und bebte über ſeine Vereinſamung. Und doch iſt dieſer Mann der einzige Denker, der einzige nach Höherem Trachtende unter Allen! Er erwartet im⸗ nt ch ne ol⸗ ige mer, daß eine Zukunft des Friedens und der Gnade an⸗ breche— ja, wann? Wenn er jeden Feind vertilgt hat! Thor! Neue Feinde erwachſen aus jedem Tropfen Blutes. Geführt von den Augen der Unausſprechlichen geht er ſei⸗ nem Gericht entgegen. O Viola! Deine Unſchuld ſchützt Dich! Du, die die holden Menſchlichkeiten der Liebe ausſchloſſen ſelbſt von den Träumen der ätheriſchen und geiſtigen Schönheit, und Dein Herz zu einer Welt von Viſionen machten, ent⸗ zückender als der über den roſigen Heſperus hinaus Flie⸗ gende erſchauen kann— wird nicht daſſelbe reine Gefühl Dich ſelbſt hier mit einer Zauberatmoſphäre umgeben, und der Schrecken ſelbſt unſchädlich abgleiten an einem Leben, das zu unſchuldig zur Weisheit iſt? Viertes Kapitel. Ombra piu che di notte in cui di luce Raggio misto non è, tutto il cerconda. Nè piũ il palagio appar, nè piu le sue Vestigie; nè dir puossi— egli qui fue. Genus. Lib. XVI. 69. Die Clubs ertönen von wahnſinnigem Geſchrei und Toben; die Führer tragen ſich mit grimmigen Anſchlä⸗ gen. Der ſchwarze Henriot fliegt dahin und dorthin, und murmelt ſeinen bewaffneten Banden zu—„Robespierre, Euer Geliebter, iſt in Gefahr!“ Robespierre wandelt verſtört herum, und die Liſte ſeiner Opfer ſchwillt mit „ 14 jeder Stunde mehr an. Tallien, der Maecduff des dem Verderben geweihten Macbeth, flüſtert ſeinen blaſſen Verſchworenen Muth zu. Durch die Straßen rollen ſchwer und dumpf die Karren der Verurtheilten. Die Läden ſind geſchloſſen— das Volk iſt überſhttigt mit Blut und will keines mehr ſchlürfen. Und Nacht für Nacht ſtrömen die Kinder der Revolution nach den achtzig Theatern, um über die Späſſe der Komödie zu lachen, oder empfind⸗ ſame Thränen zu weinen über eingebildetes Weh! In einem kleinen Zimmer, im Herzen der Stadt, ſitzt die Mutter, wachend über ihrem Kinde. Es iſt ruhige, glüͤckliche Mittagszeit; das Sonnenlicht, ſich brechend an den großen Dächern in der engen Straße, dringt doch durch das offene Fenſter herein, der unparteiiſche Spiel⸗ genoſſe der Luft, heiter in Tempel und Gefängniß, im Saal und Hütte; ſo golden und ſo erfreulich, ob er der erſten Stunde des Lebens zulacht, oder mit ſeinem mun⸗ tern Zittern auf die Angſt und das Entſetzen der letzten falle! Das Kind, zu Viola's Füßen liegend, ſtreckte ſeine runden Händchen mit Grübchen aus, als wollte es die in dem Sonnenſtrahl tanzenden Stäubchen haſchen. Die Mutter wandte ihr Auge ab von dem Glanze— er machte ſie nur noch trauriger.— Sie wandte ſich weg und ſeufzte. Iſt das dieſelbe Viola, die einſt ſchöner blühte als ihre eigene Palie unter dem griechiſchen Himmel? Wie verwandelt! Wie blaß und abgezehrt! Sie ſaß zerſtreut da; die Arme ſanken ihr auf die Kniee; das Lächeln, das dem ſſen wer ſind will die um nd⸗ itt e, och el⸗ im der n⸗ ten ine die Nie te nd ie ut 15 ſonſt immer ihre Lippen umſchwebt hatte, war weg. Eine ſchwere, ſtumpfe Niebergeſchlagenheit, als wäre das Leben ihres Lebens zerſtört, ſchien auf ihrer Jugend zu laſten, und ſie dieſer beglückenden Sonne überdrüſſig zu machen. In Wahrheit, ihr Daſeyn war halb verſchmachtet, ſeit es ſich, wie ein ſchwermüthiger Bach, von der Quelle, die es nährte, losgeriſſen und entfernt hatte. Der plötzliche Enthuſtasmus von Furcht oder Aberglauben, der ſie faſt wie noch in der Bewußtloſigkeit eines Traumes getrieben hatte, von Zanoni zu fliehen, war entſchwunden ſeit dem erſten Tage, der ihr in einem fremden Lande anbrach. Da, da fühlte ſie, daß in dem Lächeln, das ſie für immer verlaſſen hatte, ihr Leben ſeine Bedeutung und ſeine Wurzel hatte. Sie bereute Nichts— ſie hätte den Ent⸗ ſchluß nicht widerrufen, der ihre Flucht beflügelte. Ob⸗ gleich die Aufregung vorüber, war doch der Aberglaube noch geblieben; ſie glaubte noch immer, ihr Kind geret⸗ tet zu haben vor jener ſchwarzen, verbrecheriſchen Zaube⸗ rei, von welcher die Sagen aller Länder ſo unendlich Viel zu erzählen wiſſen, die jedoch nirgends ſo viel Glau⸗ ben finden, oder ſolchen Schauer einflößen, wie im Sü⸗ den von Italien. Dieſer Eindruck ward verſtärkt durch die geheimnißvollen Geſpräche Glyndons, und durch ihre eigene Wahrnehmung der entſetzlichen Veränderung, welche mit einem Manne vorgegangen, der ſich ſelbſt als das Opfer der Zauberer darſtellte. Daher bereute ſie Nichts — aber ihre ganze Willenskraft ſchien dahin. kach ihrer Ankunft in Paris ſah Viola ihre Be⸗ 16 gleiterin, die treue Gattin, nicht mehr. Ehe drei Wochen verſtrichen, lebten Mann und Frau nicht mehr. Und jetzt zum erſtenmal drängten auch die Sorgen und Mühſeligkeiten dieſer harten Erde die ſchöne Neapo⸗ litanerin. Bei dem Berufe, welchem ſie ihre erſten Ju⸗ gendjahre geweiht hatte, welcher der Poeſie und dem Lied Stimme und Geſtalt gibt, liegt, ſo lange man mit gan⸗ zer Seele dabei iſt, eine Aufregung in der Kunſt ſelbſt, welche ſie über das Mühevolle eines eigentlichen Berufes erhebt. Zwiſchen einem zwiefachen Leben, zwiſchen dem Idealen und dem Realen, ſchwankt und wiegt ſich das Leben der Muſik und ver Bühne. Aber dieß Leben war für immer verloren für das Idol der Augen und Ohren von Neapel. Als ſie ſich in das höhere Reich der leiden⸗ ſchaftlichen Liebe erhoh, da war es, als ob der erkünſtelte Genius, welcher die Gedanken und Empfindungen Anderer darſtellt, ganz untergegangen wäre in demjenigen Genius, der ſelbſt ganz Gedanke und Gefühl wird. Es wäre die ärgſte Untreue gegen den Verlorenen geweſen, ſich wieder dazu herunterzugeben, vom Beifall Anderer zu leben. Und ſo fand ſie,— denn ſie wollte von Glyndon keine Almo⸗ ſen annehmen, durch die gewöhnlichſten Künſte, die ärm⸗ lichſte Handarbeit, welche ihr Geſchlecht verſteht, allein und ungeſehen, ſie, die an Zanoni's Bruſt geruht hatte, fand darin die Mittel zum Unterhalt und Obdach für ihr Kind. Wie in dem herrlichen Verſe, den wir dieſem Ka⸗ pitel vorgeſetzt, Armida ſelbſt ihren Zauberpalaſt zerſtört hat— ſo blieb nicht eine Spur von jenem Tempel, den chen gen po⸗ Ju⸗ ied an⸗ 17 früher Poeſie und Liebe gegründet hatten, um nur zu verkündigen:„er war!“ Und das Kind rächte den Vater; es blühte— es gedieh— es wuchs ſtark heran im Lichte des Lebens. Aber immer ſchien es noch umſchwebt und beſchützt zu werden durch ein anderes Weſen als die Mutter. Sein Schlaf war ein ſo tiefer, ſtarrer Schlummer, daß ein Donnerkeil ihn nicht hätte ſtören können; und in ſolchem Schlafe bewegte es oft die Aermchen, als wollte es die Luft um⸗ armenz oft zuckten ſeine Lippen; unverſtändliche Töne der Zärtlichkeit murmelnd— die nicht ihr galten; und immer lag auf ſeinen Wangen eine Farbe ſo himmliſcher Blüthe— ſchwebte um ſeine Lippen ein Lächeln voll ſo ge⸗ heimnißvoller Wonne! Dann, wenn es erwachte, richte⸗ ten ſich ſeine Augen nicht zuerſt auf ſie— nachdenklich, ernſt, unſtet ſchweiften ſie umher, und blieben am Ende auf ihrem blaſſen Geſicht mit ſtummem Vorwurf und Kum⸗ mer haften. Nie zuvor hatte Viola ſo gefühlt, wie gewaltig ihre Liebe zu Zanoni war; wie Denken, Fühlen, Herz, Seele, Leben— Alles zermalmt, und ſchlafend in der eiſigen Einſamkeit lag, zu der ſie ſich ſelbſt verdammt hatte. Sie hörte nicht das Toben drauſſen, ſie fühlte Nichts unter dieſen ſtürmiſchen Millionen,— wo jede Stunde neue Welten der Aufregung ſchmerzhaft gebar. Nur wenn Glyn⸗ don, hohläugig, abgezehrt, geſpenſtiſch, Tag für Tag ins Haus ſchlich, um ſie zu beſuchen, erfuhr die ſchöne Tochter des ſorgloſen Südens, wie ſchwer und allgemein und dieſe Geſtalt, ſo jung noch, und doch ſchon ſo ganz 18 verbreitet die Todesatmoſphäre war, die ſie überall um⸗ ſchloß. Erhaben in ihrer paſſiven Bewußlofigkeit, ihrem mechaniſchen Leben, ſaß ſie da und fürchtete Nichts, mit⸗ ten in der Höhle der Raubthiere. Die Thüre des Zimmers ging plötzlich auf und Glyndon trat ein. Sein Weſen ſchien noch ei als gewöhnlich. „Seyd Ihr es, Clarence?“ ſagte ſie, in ihrem ſanf⸗ ten, matten Tone.„Ihr kommt vor der Stunde, wö ich Euch erwartete.“ „Wer kann auf ſeine Stunden zählen in Paris?“ ver⸗ ſetzte Glyndon mit einem ſchrecklichen Lächeln.„Iſt es nicht genug, daß ich hier bin? Eure Fühlloſigkeit mitten in dieſen Sorgen und Kümmerniſſen entſetzt mich. Ihr ſagt ruhig: Lebt wohl!— ruhig bietet Ihr mir Euren Willkomm, als ob nicht in jedem Winkel ein Spion lauerte, und nicht jeder Tag hier mit einer Metzelei be⸗ zeichnet wäre!“ „Verzeiht mir! Aber in dieſen Wänden hier liegt meine Welt. Ich kann kaum all den Erzählungen Glau⸗ ben ſchenken, die Ihr mir mittheilt. Alles hier, außer dieſem,(ſie deutete auf das Kind,) ſcheint mir ſchon ſo leblos, daß kaum Eines im Grabe gleichgültiger gegen die Verbrechen ſeyn könnte, die draußen geſchehen.“ Glyndon ſchwieg einige Augenblicke, und betrachtete mit ſonderbaren, gemiſchten Empfindungen dieß Geſich um⸗ rem mit⸗ und als anf⸗ ich ver⸗ tes tten Ihr ren ion be⸗ iegt lau⸗ ußer chon gen tete ich anz 19 das Gepräge tragend jener allerſchmerzlichſten Ruhe— wo das Herz ſich alt fühlt! „Oh, Viola!“ ſagte er endlich mit der Stimme unterdrückter Leidenſchaft:„dachte ich wohl Euch je ſo zu ſehen, dachte ich je, mit dieſen Gefühlen Euch betrachten zu müſſen, als wir Beide uns zuerſt kennen lernten in der ſchönen Gegend von Neapel? Ach! warum wieſet Ihr damals meihe Liebe zurück? oder warum war die meinige Eurer nicht würdig? Nein! Bebt nicht zurück!— laßt mich Eure Hand berühren! Keine Leidenſchaft ſo ſüß als jene jugendliche Liebe kann wieder in mir einkehren! Ich habe für Euch nur das Gefühl eines Bruders für eine jüngere, einſame Schweſter. Bei Euch, in Eurer Gegen⸗ wart, ſo traurig ſie iſt, glaube ich wieder die reinere Luft meines frühern Lebens zu athmen! Hier allein, die Scenen des Kampfes und Ungeſtüms abgerechnet, läßt das Phantom ab, mich zu verfolgen. Ich vergeſſe ſelbſt den Tod, der hinter mir herſchreitet, und mich wie mein Schatten verfolgt. Aber beſſere Tage können uns noch vor⸗ behalten ſeyn. Viola, ich fange an, dämmernd zu ahnen, wie ich das Phantom, das der Fluch meines Lebens iſt, bezwingen und zu nichte machen kann— indem ich ihm trotze und es herausfordere. In Sünde und wüſtem Leben verfolgt es mich, wie ich Dir ſchon geſagt habe, nicht. Aber ich begreife jetzt, was Mejnour in ſeiner dunkeln Orakelſprache ſagte: ich ſolle das Geſpenſt am meiſten ſcheuen, wenn ich es nicht ſehe. In Stunden tugend⸗ hafter und ruhiger Entſchloſſenheit erſcheint es— ja, ich 20 ſehe es jetzt— dort— dort— mit ſeinen gelblichen Au⸗ gen!“(und die Tropfen rannen ihm von der Stirne.) „Aber es ſoll mich nicht länger von ſolcher Entſchloſſen⸗ heit weg ängſtigen. Ich trete ihm entgegen, und es ſinkt allmälig in den Schatten zurück. Er ſchwieg; und ſeine Augen verweilten mit einem furchtbaren Triumph auf der ſonnbeſchienenen Stelle; dann mit ſchwerem, tiefaufge⸗ zogenem Athem begann er wieder:„Viola, ich habe Mit⸗ tel und Wege zur Flucht gefunden. Wir wollen dieſe Stadt verlaſſen. In einem andern Lande wollen wir verſuchen, einander zu tröſten und die Vergangenheit zu vergeſſen!“ „Nein,“ ſagte Viola ruhig,„ich habe keine Luſt mehr meinen Aufenthalt zu ändern, bis ich von hier weg an den letzten Ruheplatz getragen werde. Ich habe letzte Nacht von ihm geträumt, Clarence!— geträumt von ihm zum erſten Mal, ſeit wir getrennt ſind; und, ſpottet meiner nicht, es däuchte mich, daß er der Entflohenen ver⸗ zieh, daß er mich ſeine Gattin nannte! Der Traum hei⸗ ligt dieß Zimmer. Vielleicht beſucht er mich wieder, ehe ich ſterbe!“ „Sprich nicht von ihm— von dem Halbteufel!“ rief Glyndon heftig, und ſtampfte mit dem Fuße.„Danke dem Himmel für das Schickſal, welches es auch ſey, das Dich von ihm befreit!“ „Still!“ ſagte Viola ernſt; und wie ſie fortfahren wollte, fiel ihr Auge auf das Kind. Es ſtand mitten in der geſenkten Lichtſäule, welche die Sonne in das Gemach ſtrömte; und die Strahlen ſchienen es wie ein Heiligen⸗ der erz kar n Au⸗ tirne.) loſſen⸗ s finkt ſeine uf der ufge⸗ Stadt chen, ſen!“ Luſt weg letzte von ottet er⸗ hei⸗ ehe rief ane das hren en in nach gen⸗ ſchein zu umfließen, und ruhten, wie eine Krone, auf dem Gold ſeines glänzenden Haares. In ſeiner kleinen, ſo ausnehmend ſchön geformten Geſtalt, in ſeinen großen, feſten, ruhigen Augen lag Etwas, das die Mutter ſchauern machte, während es ihren Stolz entzückte. Es ſchaute Glyndon, wie er ſprach, mit einem Blick an, der beinahe Verachtung auszudrücken ſchien, und den Viola wenigſtens als eine Vertheidigung des Abweſenden deutete, ſtärker als ihr Mund ſie hätte ausſprechen können. Glyndon brach das Schweigen. „Du wollteſt bleiben— warum? Um die Pflicht einer Mutter zu verrathen! Wenn Dir hier ein Unheil zuſtößt, was wird aus Deinem Kinde? Soll es als Waiſe auferzogen werden in einem Lande, das Deine Religion verflucht hat, und wo keine menſchliche Liebe und Barm⸗ herzigkeit mehr lebt? Ha, weine nur und preſſe es an Deine Bruſt! Aber Thränen ſchützen und retten nicht!“ „Du haſt geſiegt, mein Freund— ich will mit Dir fliehen!“ „So ſey denn morgen Nacht bereit. Ich will Dir die nöthigen Verkleidungen bringen.“ Und Glyndon bezeichnete ihr in flüchtigen Umriſſen den Weg, den ſie einſchlagen, und die Geſchichte, die ſie erzählen wollten. Viola hörte ihm zu, verſtand ihn aber kaum; er drückte ihre Hand ans Herz und ging weg. 22 Fünftes Kapitel. Van seco pur anco Sdegno ed amor, quasi due Veltri al fianco. Gerus. Lib. XX. 117. Glyndon bemerkte, wie er aus dem Hauſe eilte, nicht zwei Geſtalten, welche an der Ecke der Mauer her⸗ umſchlichen. Er ſah immer noch das Geſpenſt an ſeiner Seite ſchweben, aber er ſah nicht die noch giftigeren Augen menſchlichen Neides und weiblicher Eiferſucht, welche ſei⸗ nen Schritten begierig auflauerten. Nicot näherte ſich dem Hauſe; Fillide folgte ihm ſchweigend. Der Maler, ein alter Sanscülotte, wußte ſchon, welche Sprache er gegen den Thürhüter anzuneh⸗ men hatte. Er winkte ihm von ſeinem Stübchen weg und ſagte: „Was iſt das Bürger? Du haſt eine verdächtige Perſon im Hauſe?“ „Bürger, Du erſchreckſt mich!— wenn es ſo iſt, nenne mir ihn!“ „Es iſt kein Mann; eine geflüchtete Italienerin wohnt hier.“ „Ja, au troisieme— die Thüre links. Aber was iſts mit der? Sie kann doch nicht gefährlich ſeyn,— das arme Kind!“ „Bürger, nimm Dich in Acht! Wagſt Du ſie zu be⸗ mikleiden?“ „Ich? nein! Nein, wahrhaftig. Aber——“ ——— c — „— ianco. 7. eilte, rher⸗ ſeiner lugen e ſei⸗ ihm vußte neh⸗ und htige enne nerin was das be⸗ 23 „Sprich die Wahrheit. Wer beſucht ſie?“ „Niemand als ein Engländer.“ „Das iſts— ein Engländer, ein Spion von Pitt und Coburg!“ „Gerechter Himmel! iſt es möglich?“ „Wie, Bürger! ſprichſt Du vom Himmel! Du mußt ein Ariſtokrat ſeyn!“ „Nein, wahrlich! es war nur eine alte, böſe Ge⸗ wohnheit, und entfuhr mir unbewußt.“ „Wie oft beſucht ſie der Engländer?“ Fillide ſtieß einen Schrei aus. „Sie geht nie aus,“ ſagte der Thürſteher.„Ihre einzige Beſchäftigung beſteht in Arheiten und in der Sorge für ihr Kind.“ „Ihr Kind““ Fillide ſprang vor, Nicot verſuchte vergebens, ſie zurückzuhalten. Sie rannte die Treppen hinauf; ſie hielt nicht inne, bis ſie vor der von dem Pförtner bezeichneten Thüre ſtand; ſie war nicht geſchloſſen— ſie trat ein— ſie ſtand auf der Schwelle, und ſah dieß noch immer ſo liebliche Geſicht! Der Anblick einer ſolchen Schönheit ſchlug alle ihre Hoffnung nieder. Und das Kind, über das ſich die Mutter beugte!— ſie, die nie Mutter ge⸗ weſen! ſie gab keinen Laut von ſich— die Furien arbei⸗ teten in ihrer Bruſt! Viola wandte ſich um und ſah ſie; und erſchrocken über die fremde Erſcheinung, mit Zügen, welche den tödtlichſten Haß und Abſcheu und Rache aus⸗ 24 ſprachen, ſtieß ſie einen Schrei aus und raffte das Kind auf, an ihre Bruſt. Die Italienerin lachte laut— wandte ſich um, ſtieg die Treppen hinab, erreichte den Platz, wo Nicot noch mit dem geängſteten Pförtner ſich beſprach, und zog ihn aus dem Hauſe. Als ſie auf der offenen Straße waren, machte ſie plötzlich Halt, und ſagte:„Räche mich und beſtimme Deinen Lohn!“ „Mein Lohn, Holdſelige, iſt nur die Erlaubniß, Dich zu lieben. Du wirſt morgen Nacht mit mir fliehen; Du wirſt Dich ſelbſt in Beſitz des Paſſes und des Planes ſetzen.“ „Und ſie—“ „Sollen noch vorher in der Conciergerie ihr Aſyl finden. Die Guillotine ſoll das Unrecht vergelten, das fie an Dir gethan haben.“ „Thue das, und ich bin befriedigt,“ ſagte Fillide feſt. Und ſie redeten Nichts weiter, bis ſie das Haus wie⸗ der erreicht hatten. Aber als ſie hier, zu dem düſteren Gebäude hinaufſchauend, die Fenſter des Zimmers ſah, das der Glaube an Glyndons Liebe ihr einſt zum Para⸗ dieſe gemacht hatte, da erweichte ſich einigermaßen der Tiger in ihrem Herzen; Etwas vom Weib durchzuckte wie⸗ der ihre Natur, ſo dunkel und wild ſie war. Sie drückte den Arm, auf den ſie ſich ſtützte, krampfhaft und rief: „Nein, nein!— ihn nicht! ſie denuncire! ſie laß unter⸗ gehen! Aber ich habe an ſeiner Bruſt geſchlafen— ihn nicht!“ „ 6 ſtel ſpr ver der Bet fer dige Kind andte wo rach, traße mich Dich Du anes Aſyl s fie llide wie⸗ eren ſah, wa⸗ der vie⸗ ckte ef: ter⸗ hn 25 „Es ſoll geſchehen, wie Du willſt,“ ſagte Nicot mit teufliſchem Hohnlächeln„aber er muß für den Augen⸗ blick verhaftet werden. Kein Leid ſoll ihm geſchehen, denn kein Ankläger wird gegen ihn auftreten. Aber ſie — für ſie wirſt Du keine Barmherzigkeit mehr ver⸗ langen?“ Fillide heftete ihre Augen auf ihn, und ihr finſterer Blick war Antwort genug. Sechstes Kapitel. vider picciola nave: e in poppa quella Che guidar gli dovea„fatal doncella. Geruus. Lih. XV. 3. Post ignem aetherea domo Subductum, macies et nova febrium Terris incubuit cohors. Horat. Die Italienerin überſchätzte nicht die ſchlaue Ver⸗ ſtellungsgabe, die man ihrem Lande und ihrem Geſchlecht ſprüchwörtlich zuſchreibt. Nicht ein Wort, nicht ein Blick verrieth an dieſem Tage Glyndon den tödtlichen Wechſel, der ihre Anhänglichkeit in Haß verwandelt hatte. Freilich war er ſelbſt auch, verſunken in ſeine Entwürfe und in Betrachtungen über ſein ſeltſames Verhängniß, kein ſchar⸗ fer Beobachter. Aber ihr Benehmen, milder und geſchmei⸗ diger als gewöhnlich, hatte gegen Abend auch auf ſeine Bulwer's Romane. C. 5 26 Gedanken und Stimmung einen beſänftigenden Einfluß; er fing jetzt an, ſich mit ihr von der gewiſſen Hoffnung des Gelingens ihrer Flucht und von der Zukunft zu unterhal⸗ ten, die ihrer in minder entheiligten Ländern wohl noch warte. „Und Deine ſchöne Freundin?“ ſagte Fillide mit ab⸗ gewandtem Auge und mit einem falſchen Lächeln.„Die uns Geſellſchaft leiſten ſollte? Du haſt auf ſie verzichtet, wie mir Nicot ſagt, zu Gunſten von Einer, an deren Schickſal er Antheil nimmt. Iſt es ſo?“ „Er hat Dir das geſagt!“ verſetzte Glyndon auswei⸗ chend.„Nun! ſtellt Dich dieſer Tauſch zufrieden?“ „Verräther!“ murmelte Fillide; und ſie ſtand plötz⸗ lich auf, näherte ſich ihm, ſtrich ihm das lange Haar lieb⸗ koſend von der Stirne, und drückte krampfhaft ihre Lippen darauf. „Das wäre ein zu ſchöner Kopf für den Scharf⸗ richter,“ ſagte ſie mit einem leichten Lachen, und ſich wegwendend, ſchien ſie ſich mit Vorbereitungen zur Ab⸗ reiſe zu beſchäftigen. Am nächſten Morgen, als er aufſtand, ſah Glyndon die Italienerin nicht; ſie war außer dem Hauſe, als er es verließ. Es war nothwendig, daß er noch einmal vor ſeinem völligen Weggehen C—— beſuchte, nicht nur um das Nöthige wegen Nicots Theilnahme an der Flucht zu beſprechen, ſondern auch ſich zu verſichern, ob nicht ein Verdacht ſich hervorgethan, der ſeinen Plan durchkreuzen oder gefährden konnte. C——, obgleich nicht zur eigent⸗ e — es al⸗ och ab⸗ ie tet, ren ei⸗ tz⸗ eb⸗ en rf⸗ ſich Ab⸗ on er vor nur cht ein zen nt⸗ 27 lichen Coterie Robespierre's gehörend, und in der That heimlich feindſelig gegen ihn gefinnt, beſaß die Kunſt, mit jeder Faktion, ſo wie ſie ſich zur Macht erhob, gut zu ſtehen. Aus der Hefe des Volks entſprungen, beſaß er doch die einnehmende Lebhaftigkeit, die man ſo oft unter allen Klaſſen in Frankreich ohne Unterſchied findet. Er hatte ſich, während ſeiner raſch gemachten Laufbahn, zu bereichern gewußt, Niemand konnte ſagen wie? Er wurde wirklich am Ende Einer der reichſten Männer in Paris, und hielt damals ein glänzendes und gaſtfreies Haus. Er war einer von Denen, welche Robespierre aus verſchiede⸗ nen Gründen zu begünſtigen geruhte; und er hatte oft die Geächteten und Verdächtigen gerettet, indem er ihnen Päſſe unter andern Namen verſchaffte, und ihnen die Art und Weiſe der Flucht angab. Aber C—— war ein Mann, der ſich nur für die Reichen ſolche Mühe gab. Der„unbe⸗ ſtechliche Marimilian,“ welchem die Scharfſichtigkeit des Tyrannen nicht fehlte, durchſchaute vermuthlich dieſe Ma⸗ nöuvres und die Habſucht, welche ſich unter dem Mantel dieſer Menſchenliebe barg. Aber es war bemerkenswerth, daß Robespierre häufig ſolche Fehler zu überſehen, ja ſo⸗ gar zu ermuntern ſchien, an Männern, die er nachmals zu verderben im Sinne hatte, welche dienten, ſie in der öffentlichen Meinung herabzuſetzen, und einen Contraſt bildeten zu ſeiner eignen ſtrengen und unangreifbaren Rechtlichkeit und ſeinem Purismus. Und ohne Zweifel lachte er oft grimmig in die Fauſt über das koſtbare Haus 3* 28 und die habſüchtige Begehrlichkeit des würdigen Bür⸗ gers C——. Zu dieſem Manne alſo machte ſich Glyndon nach⸗ denklich auf den Weg. Es war wirklich ſo, wie er gegen Viola angedeutet hatte, daß in dem Verhältniß, als er dem Geſpenſt widerſtanden, deſſen gramhafte Erſcheinung an Einfluß auf ihn verloren hatte. Die Zeit war endlich gekommen, wo, nachdem er Laſter und Verbrechen in ihrer ganzen Häßlichkeit und auf einem ſo gewaltigen Schauplatz geſehen, er ſich überzeugt hatte, daß Laſter und Verbrechen ärgere Greuel ſeyen als die Augen eines un⸗ holden Geſpenſtes. Sein natürlicher Edelfinn begann ihm wieder zu kehren. Wie er durch die Straßen ging, bewegten ſich in ſeinem Gemüth Vorſätze künftiger Reue und Lebens⸗ änderung. Er dachte ſogar daran, um Fillide's treue Hingebung nach Billigkeit zu belohnen, über all die Vor⸗ urtheile ſeiner Geburt und Erziehung ihretwillen ſich weg⸗ zuſetzen. Er wollte alle Verirrungen, die er ſich ihr gegen⸗ über vorzuwerfen hatte, vergüten durch das Opfer ſeiner ſelbſt in einer Ehe mit dem ſo wenig zu ihm paſſenden Weſen. Er, der ſich einſt empört hatte gegen den Gedan⸗ ken einer Heirath mit der edeln und ſanften Viola!— er hatte in dieſer Welt des Unrechts einſehen lernen, daß Recht Recht iſt, und daß der Himmel nicht das eine Ge⸗ ſchlecht erſchaffen, um das Opfer des andern zu ſeyn. Die jugendlichen Träume vom Guten und Schönen ſtiegen wieder vor ihm auf; und auf dem dunkeln Meere ſeiner Seele lag das Lächeln der wieder erwachenden Tugend, en e⸗ ie en et 29 wie ein langer Mondſcheinſtreifen. Nie vielleicht war ſein Gemüthszuſtand ſo gehoben, ſo rein von Selbſtſucht ge⸗ weſen. Mittlerweile ſchlug Jean Nicot, ebenſo vertieft in Träume von der Zukunft, und ſchon in ſeinem Geiſte das Gold des Freundes aufs vortheilhafteſte anlegend, den er verrathen wollte, den Weg nach dem Hauſe ein, das die Ehre hatte, Robespierre zur Wohnung zu dienen. Er hatte nicht im Sinne, die Bitte der barmherziger ge⸗ ſtimmten Fillide zu erfüllen, Glyndons Leben möchte geſchont werden. Er dachte mit Barrère: Nur die Todten kommen nicht wieder! In allen Menſchen, die ſich einem Studium, einer Kunſt mit ſolchem Eifer gewidmet haben, daß ſie es zu einer gewiſſen Meiſterſchaft gebracht, muß ein Maß von Thatkraft leben, unendlich größer als bei dem gewöhnlichen Haufen. Gewöhnlich wirft ſich dieſe Thatkraft ganz auf die Gegenſtände ihres Berufsehrgei⸗ zes, und läßt ſie daher gleichgültig gegen die andern Beſtrebungen der Menſchen. Aber wo ihnen dieſe Ge⸗ genſtände und Zwecke verſagt find, wo der Strom nicht ſeinen rechtmäßigen freien Lauf hat, da nimmt jene Ener⸗ gie, gereizt und empört, das ganze Weſen in Beſitz, und wenn nicht verſchwendet an flüchtige Entwürfe, oder nicht geläutert durch Grundſätze und Gewiſſen, wird ſie ein gefährliches und zerſtörendes Element in dem ſocialen Syſtem, durch welches ſie in unordentlichem Ungeſtüm ihren Weg nimmt. Daher in allen weiſen Monarchien, ja, in allen wohl organiſirten Staaten, die beſondere 30 Sorgfalt, mit welcher für jede Kunſt und jebe Wiſſen⸗ ſchaft Kanäle geöffnet werden; daher die Ehre, die ihren Pflegern gezollt wird von feinen und denkenden Staats⸗ männern, die vielleicht für ihre Perſon in einem Ge⸗ mälde Nichts ſehen als gefärbte Leinwand— in einem Problem nur ein ſinnreiches Räthſel. Nie iſt ein Staat in größerer Gefahr, als wenn das Talent, welches dem Frieden geweiht ſeyn ſollte, keine Beſchäftigung hat als politiſche Umtriebe oder perſönliches Emporkommen. Un⸗ geehrtes Talent iſt ein Talent im Kriege mit den Menſchen. Und hier iſt es merkwürdig, daß, nachdem der Stand der Schauſpieler der von der öffentlichen Meinung des alten Regilne herabgewürdigtſte geweſen, indem ſogar ihrer ſterblichen Hülle ein chriſtliches Begräbniß verſagt wurde, gerade ſie(Einige von der bei Hofe am meiſten begůn⸗ ſtigten Geſellſchaft ausgenommen,) die Unbarmherzigſten und Rachſüchtigſten unter den Geißeln der Revolution waren. In dem wilden Collot d'Herbois, mauvais comé- dien, verkörperte ſich die Mißhandlung und die Rachgier einer ganzen Klaſſe. Nun hatte ſich die Energie Jean Nicots nie ge⸗ hörig auf die Kunſt geworfen, die er ausübte. Schon in ſeiner früheſten Jugend hatten die politiſchen Erörte⸗ rungen ſeines Meiſters David ihn von den langweilige⸗ ren Arbeiten des Pinſels abgezogen. Die Mängel und Uebelſtände ſeiner Perſon hatten ſein Gemüth erbittert, der Atheismus ſeines Wohlthäters ſein Gewiſſen getödtet. Denn Ein großer Vorzug der Religion— und vor allen e⸗ on e⸗ nd et. 31 der Religion des Kreuzes, iſt, daß ſie die Geduld zuerſt zu einer Tugend, und dann zur Hoffnung erhebt. Man nehme die Lehre von einem andern Leben hinweg, von einer künftigen Vergeltung, von dem Lächeln eines Va⸗ ters auf unſre Leiden und Proben in unſrer Prüfung hie⸗ nieden, und was wird aus der Geduld? Aber ohne Ge⸗ duld— was iſt ein Menſch? was ein Volk? Ohne Geduld kann die Kunſt nie hoch ſteigen; ohne Geduld kann die Freiheit ſich nie vervollkommnen. Durch wil⸗ des Drängen, durch ſtürmiſche Kämpfe ohne Ziel und Zweck, ſucht der Geiſt ſich aus der Armuth emporzuheben, ſucht eine Nation die Freiheit zu erringen. Und wehe— wenn ſie ſo ungekräftigt, führerlos und nicht ans Aus⸗ harren gewöhnt ſind— wehe Beiden! Nicot war ein Böſewicht ſchon als Knabe. Bei den meiſten, wenn auch noch ſo verworfenen Verbrechern findet man einen Anflug von Menſchlichkeit— Ueberbleibſel von Tugend; und der treue Zeichner der Menſchennatur zieht ſich oft den Tadel und Spott ſchlechter Herzen und ſtum⸗ pfer Geiſter zu, wenn er zeigt, wie ſelbſt das elendeſte Metall noch einige Theilchen Gold enthält, und ſelbſt die Beſten, welche die Münze der Natur ausprägt, noch einen Zuſatz von Schlacken haben. Aber es gibt Ausnah⸗ men, obwohl wenige, von der allgemeinen Regel; Aus⸗ nahmen, wo das Gewiſſen gänzlich todt daliegt, und Gut und Böſe gleichgültige Dinge geworden ſind, außer als Mittel zu einem ſelbſtſüchtigen Zweck. So war es bei dem Schützling und Zögling des Atheiſten. Neid und Haß er⸗ 32 füllten ſein ganzes Weſen, und das Bewußtſeyn ſeines ausgezeichneten Talents machte ihn nur um ſo mehr Alle verfluchen, die mit einer ſchöneren Geſtalt oder in glück⸗ licheren Umſtänden im Sonnenſchein an ihm vorbeigingen. Aber ein ſo arges Ungeheuer er ſchon war, als ſeine mörderiſchen Finger nach der Kehle ſeines Wohlthäters griffen: die Zeit, und vas Ferment aller ſchlimmen Lei⸗ denſchaften— das Blutregiment hatten in der tiefen Hölle ſeines Herzens eine noch tiefere geſchaffen. Da es ihm nicht möglich war, ſeinen Beruf auszuüben,(denn wenn er auch gewagt hätte, ſeinem Namen eine hervorſtechende Berühmtheit zu verſchaffen— Revolutionen ſind keine gute Zeiten für Maler, und kein Menſch— nein! nicht der reichſte und ſtolzeſte Magnat des Landes, hat ein ſo großes Intereſſe bei der Ruhe und Ordnung, iſt ſo weſent⸗ lich und hoch betheiligt bei dem Wohlbefinden der Ge⸗ ſellſchaft, als der Dichter und der Künſtler,) hatte ſein Geiſt, unmer raſtlos und ungeregelt, Muße, ganz und gar über den ihm am meiſten zuſagenden Bildern von Schuld und Verbrechen zu brüten. Er wußte von keiner Zukunft als in dieſem Leben; und wie waren in dieſem Leben die Männer der Gewalt um ihn her, die großen Ringer und Kämpfer um die Herrſchaft, gefahren? Alles, was nur gut, rein, unſelbſtſüchtig war, unter Royaliſten und Republikanern, in das Schlachthaus geſchleppt, und die Henker allein übrig geblieben in dem Gepränge und dem Purpur ihrer Opfer! Edlere Arme als Jean Nicot möchten verzweifeln; und die Armuth würde aufſtehen — — ech—+——— —— Alle ück⸗ gen. eine ters Lei⸗ ölle hm enn nde ine in ihren geſpenſtiſchen, bleichen Schaaren, um dem Reich⸗ thum den Hals abzuſchneiden, und dann ſich ſelbſt Glied für Glied zerſtücken und zerfetzen, wenn nicht die Geduld, der Engel der Armen, an ihrer Seite ſäße, und mit ern⸗ ſtem Finger auf das künftige Leben deutete! Und wie ſich jetzt Nicot dem Hauſe des Diktators näherte, begann er über eine Aenderung ſeiner am Tage vorher gefaßten Plane nachzudenken; nicht daß er in ſeinem Entſchluſſe wankte, Glyndon zu denuneiren,— und Viola mußte nothwendig als ſeine Freundin und Mitſchuldige ſein Schickſal theilen,— nein, hierin ſtand ſein Vorſatz feſt! Denn er haßte Beide— Gu geſchweigen von ſeinem alten, niemals zu vergeſſenden Groll gegen Zanoni!)— Viola hatte ihn verſchmäht, Glyndon hatte ihm Dienſte geleiſtet, und der Gedanke an Verpflichtung war ihm ebenſo unerträglich als die Erinnerung an Kränkungen. Aber warum ſollte er jetzt noch aus Frankreich fliehen? — er konnte ſich in Beſitz von Glyndons Gold ſetzen— er zweifelte nicht daran, Fillide durch ihren Zorn und ihre Eiferſucht ſo lenken und meiſtern zu können, um ſie zur Einwilligung in alle ſeine Vorſchläge zu bringen; die Pa⸗ piere, die er entwendet hatte— Desmoulins' Correſpon⸗ denz mit Glyndon— konnten, während ſie das Schickſal des Letztern beſiegelten, von ausnehmendem Nutzen für Robespierre ſeyn, konnten den Tyrannen vermögen, ſeine frühere Verbindung mit Hebert zu vergeſſen, und ihn unter die Verbündeten und Werkzeuge des Königs des Schreckens aufzunehmen. Hoffnungen auf hohe Aemter, 34 Reichthum, eine glänzende Laufbahn, ſtiegen wieder in ſeiner Seele auf. Dieſe Correſpondenz, aus einer Zeit kurz vor Desmoulins Tod herrührend, war mit jener ſorg⸗ loſen und kecken Unvorſichtigkeit geſchrieben, welche das verwöhnte Kind Dantons auszeichnete. Sie ſprach offen von Anſchlägen und Planen gegen Robespierre; ſie nannte Verbündete, welche zu zermalmen der Tyrann nur einen dem Volke genehmen Vorwand wünſchte. Es war ein neues Todesinſtrument in den Händen des Todesmeiſters. Welches größere Geſchenk konnte man Robespierre machen, dem Unbeſtechlichen? Dieſe Gedanken in ſich bewegend, kam er endlich vor der Thüre des Bürgers Dupleir an. Um die Schwelle waren in bewunderter Verwirrung acht bis zehn ſtämmige Jakobiner gruppirt, Robespierre's freiwillige Leibwache — große Burſche, wohlbewaffnet und übermüthig pochend auf die Gewalt, welche der Abglanz der Gewalt iſt, unter⸗ miſcht mit jungen hübſchen, luſtig geputzten Weibern, welche auf das Gerücht, daß Maximilian einen Anfall von Gallenſucht gehabt, herbeigekommen waren, um ſich zärtlich nach ſeinem Befinden zu erkundigen; denn Robes⸗ pierre, ſo ſonderbar es ſcheinen mag, war der Abgott des ſchönen Geſchlechts! Durch dieß cortège, das vor der Thüre aufgeſtellt war, die Treppe bis zu oberſt erfüllend— denn Robes⸗ pierre's Wohnung war nicht geräumig genug, um Vor⸗ zimmer genug für ſo zahlreiche und gemiſchte Frühbeſuche darzubieten,— drängte ſich Nicot durch;— und keines⸗ — e—— — — — er in Zeit ſorg⸗ das offen innte einen ein ters. chen, vor velle mige ache hend ter⸗ ern, fall ſich bes⸗ des tellt bes⸗ Bor⸗ uche nes⸗ wegs wohlwollend oder ſchmeichelhaft waren die Aus⸗ drücke, welche ſeinen Ohren zum Beſten gegeben wurden. „Aha, le joli Polichinelle!“ ſagte eine hübſche Matrone, deren Kleid von ſeinen groben und eckigen Ell⸗ bogen grauſam zerknittert wurde.„Aber wie könnte man auch Galanterie erwarten von einer ſolchen Vogelſcheuche!“ „Bürger, ich bin ſo frei Dich“aufmerkſam zu ma⸗ chen, daß Du mir auf die Füße trittſt. Ich bitte Dich um Verzeihung, denn jetzt, wie ich die Deinigen anſehe, erkenne ich wohl, daß der Vorplatz nicht breit genug für ſie iſt.“ „Hoho! Bürger Nicot,“ ſchrie ein Jakobiner, ſeinen furchtbaren Knüttel ſchulternd;„und was führt denn Dich hieher? Meinſt Du, Heberts Verbrechen ſeyen ſchon ver⸗ geſſen? Fort! komiſches Spiel der Natur! und danke dem höchſten Weſen, daß es Dich unbedeutend genug ge⸗ ſchaffen, um überſehen und geſchont zu werden.“ „Ein hübſches Geſicht, um zum Nationalfenſter““ hinauszuſchauen,“ ſagte das Weib, deſſen Kleid der Maler zerknittert hatte. * Der höfliche Gebrauch der Mehrzahl war in Paris ſtreng verboten. Die volksthümlichen Geſellſchaften hatten entſchie⸗ den, daß, wer ſich ihrer bediene, verfolgt werden ſolle als Su- spect et adulateur! An den Thoren deröffentlichen Admini⸗ ſtrationen und der Volksgeſellſchaften war angeſchrieben: Ici on s'honore du Citoyen, et on se tutoye!! Man nehme den Mord weg von der franzöſiſchen Revolution, ſo iſt es die größte Farce, die man je vor den Engeln ſpielte! * Die Guillotine. 36 „Bürger,“ ſagte Nicot, weiß von Leidenſchaft, aber ſich ſo bezwingend, daß es ſchien, er ſpreche mit knir⸗ ſchenden Zähnen,„ich habe die Ehre, Euch zu benach⸗ richtigen, daß ich den Volksvertreter in Geſchäften von höchſter Wichtigkeit für das gemeine Beſte und für ihn ſelbſt ſuche; und,“ fuhr er langſam, und ſich boshaft um⸗ ſchauend, fort,„ich fordere alle guten Bürger auf, meine Zeugen zu ſeyn, wenn ich mich bei Robespierre über die Aufnahme beklagen werde, die mir bei Einigen von Euch zu Theil geworden iſt.“ In des Mannes Miene und im Ton ſeiner Stimme lag ſo viel tiefe und gründliche Bosheit, daß die müßigen Leute zurücktraten, und da der Gedanke an das plötzliche Steigen und Fallen im revolutivnären Leben ſich ihnen aufdrängte, erhoben ſich verſchiedene Stimmen, um dem ſchmutzigen und zerlumpten Maler zu verſichern, es liege ihrem Sinne Nichts ferner, als der Gedanke, einen Bür⸗ ger beleidigen zu wollen, den ſeine bloße Erſcheinung ſchon als einen eremplariſchen Sansrülotten bewähre. Nicot nahm dieſe Entſchuldigungen mit mürriſchem Schweigen auf; er kreuzte die Arme, lehnte ſich an die Wand, und wartete mit ingrimmiger Geduld ſeine Vorlaſſung ab. Die Herumlungerer ſprachen unter einander in ge⸗ ſonderten Gruppen von zweien und dreien, und durch das allgemeine Geſumme gellte das helle, laute, ſorgloſe Pfei⸗ fen des langen Jakobiners, der an der Treppe Wache ſtand. Zunächſt bei Nicot murmelten eine alte Frau und ein junges Mädchen in ernſtem Geflüſter zuſammen, und der at belan mit g thari inſpi Erw Gerl ſich e ausr der1 besp leber „Ich nicht ſpro drän ſchw zug eine Rob biete 37 der atheiſtiſche Maler kicherte innerlich, wie er ihr Geſpräch belanſchte. „Ich verſichere Dich, meine Liebe,“ ſagte die Alte mit geheimnißvollem Kopfſchütteln,„daß die göttliche Ka⸗ tharine Theot, die jetzt die Gottloſen verfolgen, wirklich inſpirirt iſt. Es kann kein Zweifel daran ſeyn, daß die Erwählten, deren zwei große Propheten zu werden Dom Gerle und der tugendhafte Robespierre beſtimmt ſind, ſich ewigen Lebens hienieden erfreuen und alle ihre Feinde ausrotten werden. Es iſt gar kein Zweifel daran— nicht der mindeſte.“ „Wie herrlich!“ ſagte das Mädchen;„ce cher Ro- pespierre!— er ſieht doch gar nicht aus, als ob er lange leben ſollte.“ „Um ſo größer iſt das Wunder!“ ſagte die Alte. „Ich bin jetzt gerade einundachtzig, und ich fühle mich nicht um einen Tag älter, ſeit Katharine Theot mir ver⸗ ſprochen hat, daß ich Eine der Erwählten ſeyn ſolle.“ Hier wurden die beiden Frauen auf die Seite ge⸗ drängt von Neuangekommenen, welche laut und lebhaft ſchwatzten. „Ja!“ ſagte ein ſchwarzbrauner Mann, den ſein An⸗ zug als einen Fleiſcher bezeichnete, mit bloßen Armen und eine Freiheitsmütze auf dem Kopf;„ich bin gekommen, Robespierre zu warnen. Sie legen ihm eine Schlinge; ſie bieten ihm das Palais National an. On ne peut étre ami du peuple et habiter un palais.“* »Nicht veröffentlichte Papiere u. ſ. w. V. M. pag. 132. 38 „Nein wahrlich nicht,“ antwortete ein Seiler;„er gefällt mir am beſten in ſeiner kleinen Wohnung bei dem Tiſchler; da nimmt er ſich aus wie unſer Einer.“ Wieder drängte ein Haufen herein, und eine neue Gruppe ward in die Nachbarſchaft Nicots vorgeſchoben⸗ Und dieſe plauderten und plapperten noch lauter als die Uebrigen. „Aber mein Plan iſt—“ „Zum Teufel mit Deinem Plan. Ich ſage, mein Entwurf iſt—“ „uUnfinn!“ ſchrie ein Dritter.„Wenn Robespierre meine neue Methode, Schießpulver zu verfertigen, hört⸗ ſo werden die Feinde Frankreichs—“ „Bah! Wer fürchtet auswärtige Feinde?“ unter⸗ brach ein Vierter;„die Feinde, die man zu fürchten hat, ſind im Innern. Meine neue Guillotine nimmt fünfzig Köpfe auf einmal weg!“ „Und meine neue Conſtitution!“ rief ein Fünfter. „Meine neue Religion, Bürger!“ murmelte felbſt⸗ gefällig ein Sechster. „Sacré mille tonneres, silence!“ brüllte einer von den Jakobiniſchen Wachen. Und der Haufen theilte ſich plötzlich, als ein trotzig ausſehender Mann, bis ans Kinn zugeknüpft, das Schwert an der Seite raſſelnd, und die Sporen an den Ferſen klir⸗ rend, die Treppen herunterſtieg, die Wangen geſchwollen und purpurn von Unmäßigkeit, die Augen todtenhaſt und wild, wie die eines Geiers. Es war eine ſtumme Pauſe, ———+—+— „er dem eue en. die 39 während Alle mit blaſſen Wangen Platz machten für den erbarmungsloſen Henriot.“ Kaum war dieſer grimmige, eiſerne Günſtling des Tyrannen durch den Haufen ge⸗ ſchritten, als eine neue Bewegung der Achtung, der Un⸗ ruhe und Furcht durch die ſich mehrende Menge drang, als mit der Geräuſchloſigkeit eines Schattens ein lächelnder, müchtern ausſehender Bürger, einſach aber ſauber geklei⸗ det, mit niedergeſchlagenen, beſcheidenen Augen herein⸗ ſchlüpfte. Ein milderes, weicheres Geſicht konnte kein Hirtendichter ſeinem Corydon oder Thyrſis geben— war⸗ um bebte der Haufen zurück und hielt den Athem an? Wie das Frettchen in einem Bau kroch dieſe ſchmächtige Geſtalt zwiſchen den größeren und derberen Geſchöpfen hindurch, welche auf einander rückwärts drängten und preßten, wie er hindurchſchritt. Ein Wink ſeines verſtoh⸗ lenen Auges— und die gewaltigen Jakobiner räumten völlig den Gang, ohne Geräuſch und ohne eine Frage. Er ſchritt weiter, in das Gemach des Tyrannen; und dahin folgen wir ihm jetzt. „Oder Hanriot. Es iſt ſeltſam, wie unbeſtimmt nicht nur die Charaktere der franzöſiſchen Revolution ſind, ſondern ſelbſt die Orthographie ihrer Namen. Bei den Hiſtorikern liest man Vergniaud— bei den Journaliſten jener Zeit: Vergniaur. Die eine Autorität hat Robespierre, die andere Roberspierre. 40 Siebentes Kapitel. Constitutum est, ut quisquis cum hominem dixisset fuisse, capitalem penderet poenam. August. de civit. Des XV. 3. Robespierre ſaß matt zurückgelehnt in ſeinem Fau⸗ teuil, und ſein leichenhaftes Geſicht war noch erſchöpfter und gelber als gewöhnlich. Er, dem Katharine Theot un⸗ ſterbliches Leben zuſicherte, ſah in Wahrheit aus wie ein Mann an der Pforte des Todes. Auf dem Tiſch vor ihm ſtand eine Schüſſel mit Orangen, mit deren Saft allein er, wie man erzählt, die ſcharfe Galle niederſchlagen konnte, welche ſeinen Körper vergiftend durchſtrömte. Und eine alte Frau, reich gekleidet,(ſie war unter dem alten Re⸗ gime eine Marquifin geweſen,) war beſchäftigt, dem kran⸗ ken Drachen die heſperiſchen Früchte zu ſchälen, mit zarten, juwelenbedeckten Fingern. Ich habe ſchon oben geſagt, daß Robespierre der Abgott der Frauen geweſen. Seltſam, gewiß!— aber freilich waren es Franzöſinnen! Die Mar⸗ quifin, die ihn, wie Katharine Theot, Sohn nannte, ſchien ihn in der That zärtlich und uneigennützig wie eine Mutter zu lieben; und wie ſie ihm die Orangen ſchälte, und ihn mit den liebkoſendſten, freundlichſten Ausdrücken überhäufte, ſchwebte das gelbliche Geſpenſt eines Lächelns um ſeinen magern Mund. In einiger Entfernung ſaßen Payan und Couthon an einem andern Tiſch, ſchrieben eifrig, und hielten von Zeit zu Zeit in ihrer Arbeit inne, um ſich in kurzem Geflůſter mit einander zu berathen. em au⸗ fter un⸗ ein ein te, ine e⸗ n, aß m r⸗ 41 Plötzlich öffnete Einer der Jakobiner die Thüre, nä⸗ herte ſich Robespierre, und flüſterte ihm den Namen Guerin zu.“ Bei dieſem Namen fuhr der Kranke auf, als ob in dieſem Wort neues Leben wäre. „Meine gütige Freundin,“ ſagte er zu der Marquiſin, „verzeihe mir. Ich muß mich Deiner zärtlichen Sorge berauben. Frankreich ruft mich. Ich bin nie krank, wenn ich meinem Vaterlande dienen kann!“ Die alte Marquifin ſchlug die Augen zum Himmel auf und murmelte:„Quel ange!“ Robespierre winkte ungeduldig mit der Hand; und die Alte tätſchelte ihn mit einem Seufzer auf ſeine blaſſe Wange, küßte ſeine Stirne, und entfernte ſich in aller Unterwürſigkeit. Im nächſten Augenblick ſtand der lächeln⸗ de, nüchtern ausſehende Mann, den wir oben beſchrieben, fich tief verbeugend vor dem Tyrannen. Und wohl durfte Robespierre Einen der ſchlaueſten und feinſten Diener und Beförderer ſeiner Gewalt willkommen heißen— Einen, auf den er mehr baute, als auf die Clubs ſeiner Jakobi⸗ ner, die Zungen ſeiner Redner, die Bayonette ſeiner Heere; Guerin, der berühmteſte ſeiner Horcher,— der forſchende, ſpürende, allgemeine, allgegenwärtige Spion, der wie ein Sonnenſtrahl durch Spalten und Ritzen kroch, und ihm Nachrichten brachte nicht blos von den Hand⸗ lungen, ſondern auch von den Herzen der Menſchen! „Ueber die Spionerie, zu welcher Guerin verwendet wurde, vergl. die nicht veröffentlichten Papiere u. ſ. w. V. I. P. 366. N. XXVIII. Bulwer's Romane. C. 4 42 „Gut, Bürger, gut! und was von Tallien?“ „Dieſen Morgen früh zwei Minuten nach acht Uhr ging er aus.“ „So früh? hm!“ „Er ging durch Rue des quatre Fils, Rue du Tem- ple, Rue de la Réunion, au Marais, Rue Martin; nichts Bemerkenswerthes, als nur daß—“ „Daß was?“ „Er ſich an einer Bude damit beluſtigte, um einige Bücher zu handeln.“ „Um Bücher zu handeln! Aha, der Charlatan! Er möchte den Intriganten unter dem Gelehrten verſtecken. Nun!“ „Endlich, in der Rue des Fossés Montmartre re⸗ dete ihn ein Individuum in einem blauen Ueberrock(un⸗ bekannt) an. Sie gingen zuſammen einige Minuten auf der Straße weiter, und dann ſtieß Legendre zu ihnen.“ „Legendre! kommt her, Payan! Legendre! Du hörſt es!“ „Ich ging in eine Obſtbude, und miethete ein paar kleine Mädchen, daß ſie in ihrer Nähe, ſo daß ſie ihr Geſpräch hören konnten, Ball ſpielten. Sie hörten Legen⸗ dre ſagen: Ich glaube, ſeine Macht verzehrt ſich von ſelbſt. Und Tallien antwortete: Und der Mann ſelber ſich auch. Ich gäbe keine drei Monate um ſein Leben. Ich weiß nicht Bürger, ob ſie Dich meinten.“ „Ich auch nicht, Bürger,“ verſetzte Robespierre mit einem tückiſchen Lächeln, worauf aber ſein Geſicht den Uhr em- ichts inige Er cken. e re⸗ (un⸗ auf hörſt paar ihr gen⸗ von elber mit den 43 Ausdruck düſtern Sinnens annahm.„Ha!“ murmelte er, „ich bin noch jung, in den beſten Mannesjahren. Ich begehe keine Ausſchweifungen. Nein, meine Conſtitution iſt geſund— geſund. Noch Etwas von Tallien?“ „Ja. Die Frau, die er liebt, Thereſe de Fontenai — die im Gefängniß iſt; korreſpondirt noch immer mit ihm, und drängt ihn, ſie zu retten durch Deine Vernich⸗ tung. Dieß hörten meine Lauſcherinnen. Sein Diener iſt der Bote zwiſchen der Gefangenen und ihm.“ „So! Der Diener ſoll auf offener Straße in Paris ergriffen werden! Die Schreckensherrſchaft iſt noch nicht vorüber. Mit den bei ihm gefundenen Briefen will ich, wenn dieß Ihr Inhalt, Tallien von ſeinem Banke im Con⸗ vent wegreißen!“ Robespierre ſtand auf, und nachdem er einige Augen⸗ vlicke nachdenkend im Zimmer auf und ab gegangen, öffnete er die Thüre und forderte einen der Jakobiner drauſſen vor ſich. Ihm gab er ſeine Befehle, die Beobachtung und Verhaftung von Talliens Diener betreffend, dann warf er ſich wieder in ſeinen Stuhl. Wie der Jakobiner weg⸗ ging, flüſterte Guerin: „Iſt das nicht der Bürger Ariſtides?“ „Ja; ein treuer Kerl, wenn er ſich nur waſchen wollte und nicht ſo ſehr fluchte.“ „Ließeſt Du nicht ſeinen Bruder guillotiniren 2 „Ja, aber Ariſtides hat ihn denuncirt.“ „Dennoch— iſt ſolchen Leuten ganz zu trauen um Deine Perſon?“ 4* 44 „Hm! Das iſt wahr!“ Und Robespierre zog ſein Taſchenbuch heraus, ſchrieb eine Bemerkung hinein, ſteckte es wieder in ſeine Weſte und fuhr fort: „Was ſonſt von Tallien?“ „Nichts weiter. Er und Legendre gingen mit dem Unbekannten in den Jardin Egalité ſpazieren, und dort trennten ſie ſich. Ich folgte Tallien, bis er in ſein Haus trat. Aber ich habe andere Neuigkeiten. Du hießeſt mich auf diejenigen lauern, die Dich in namenloſen Briefen bedrohen!“ „Guerin! Haſt Du fſie entdeckt?— Haſt Du— haſt Du—2“ Und der Tyrann öffnete und ſchloß, wie er ſo ſprach, ſeine beiden Hände, als haſchte er ſchon nach dem Leben der Schreiber, und eine jener krampfhaften Grimaſſen, die einem epileptiſchen Anfall glichen, er geneigt. war, verzerrte ſeine Züge. „Bürger, ich glaube, ich habe einen entdeckt, Du mußt wiſſen, daß zu den Mißvergnügteſten der Maler Ni⸗ cot gehört.“ „Halt! halt!“ ſagte Robespierre, und öffnete ein beſchriebenes, in rothen Maroquin gebundenes Buch, (denn Robespierre war genau und zierlich ſelbſt in ſeinen Todesliſten,) und ſchlug im alphabetiſchen Index nach. „Nicot! ich habe ihn— Atheiſt, Sanscülotte,(ich haſſe die unſauberen Menſchen,) Freund Heberts! Aha! NßB. René Dumas weiß von ſeinem frühern Leben und ſeinen Verbrechen. Weiter!“ — ſein eckte dem dort as mich iefen ein uch, inen ach. aſſe NB. 45 „Dieſer Nicot hat ſich verdächtig gemacht, Flug⸗ ſchriften und Pamphlete gegen Dich und das Comité ver⸗ breitet zu haben. Geſtern Abend, als er ausgegangen war, ließ mich ſein Pförtner in ſein Zimmer ein, in der Rue Beau-Repaire. Mit meinem Hauptſchlüſſel öffnete ich ſeinen Pult und ſeinen Schreibtiſch. Darin fand ich eine Zeichnung, Dich auf der Guillotine darſtellend; und dar⸗ unter war geſchrieben: Henker Deines Landes, lies das Urtheil Deiner Strafe! Ich verglich die Worte mit den Fragmenten der verſchiedenen Briefe, die Du mir gabſt; die Handſchrift trifft mit Einem zuſammen. ich habe die geſchriebenen Worte weggeriſſen!“ Robespierre ſah hin, lächelte, und als wäre ſeine Rachgier ſchon befriedigt, warf er ſich in ſeinen Stuhl. „Es iſt gut! Ich fürchtete, es ſey ein mächtigerer Feind. Dieſer Mann muß ſofort verhaftet werden!“ „Und er wartet drunten. Ich ſtreifte: an ihm, wie ich die Treppen heraufſtieg.“ „Wirklich! Laß ihn ein!— nein, halt! halt! Guerin, zieh Dich in das innere Zimmer zurück, bis ich Dich wieder rufe. Lieber Payan, ſieh, ob dieſer Nicot keine verborgene Waffen bei ſich führt!“ Payan, der ſo muthig als Robespierre feig war, unterdrückte das verächtliche Lächeln, das einen Augenblick um ſeinen Mund zuckte, und verließ das Zimmer. Inzwiſchen ſchien Robespierre, den Kopf auf die Bruſt herabgeſunken, ganz verloren in tiefen Gedanken. 46 „Das Leben iſt ein trauriges Ding, Couthon!“ ſagte er plötzlich.. „Ich bitte Dich um Verzeihung, ich halte den Tod für ſchlimmer,“ antwortete der Philanthrope ſanft. Robespierre antwortete Nichts, ſondern nahm aus ſeinem Portefeuille jenen wunderbaren Brief, den man nachher unter ſeinen Papieren fand, und der in der ver⸗ öffentlichten Sammlung mit L Xl bezeichnet iſt.“ „Ohne Zweifel,“ ſo fing er an,„ſeyd Ihr in Un⸗ ruhe, daß Ihr nicht früher Nachrichten von mir erhieltet. Aengſtet Euch nicht; Ihr wißt, daß ich nur durch Euren gewöhnlichen Courier antworten ſollte; und daß er aufge⸗ halten wurde dans sa dernière course, das iſt die Ur⸗ ſache meines Zögerns. Wenn Ihr dieß erhaltet, wendet allen Fleiß und Eifer an, von einem Theater zu fliehen, wo Ihr auf dem Punkte ſteht, zum Letztenmal zu erſchei⸗ nen und zu verſchwinden. Es wäre verlorene Mühe, Euch alle die Gründe ins Gedächtniß zurückzurufen, warum Ihr Gefahren ausgeſetzt ſeyd. Der letzte Schritt, der Euch sur le sopha de la présidence führen ſollte, führt Euch nur auf das Schafott; und der Pöbel wird Euch ins An⸗ geſicht ſpeien, wie er den von Euch Verurtheilten gethan hat. Somit, da Ihr einen zum Unterhalt genügenden Schatz geſammelt habt, erwarte ich Euch mit großer Un⸗ geduld, um mit Euch zu lachen über die Rolle, die Ihr geſpielt in den Unruhen einer eben ſo leichtgläubigen als nach Neuem lüſternen Nation. Trefft Eure Entſcheidungen »Nicht veröffentlichte Papiere V. II. pag. 156. Tod aus man ver⸗ Un⸗ ltet. uren fge⸗ Ur⸗ ndet hen, chei⸗ Fuch Ihr Fuch uch An⸗ han den Un⸗ Ihr als igen 47 unſern Verabredungen gemäß— Alles iſt bereit. Ich ſchließe— unſer Courier wartet. Ich harre Eurer Ant⸗ wort.“ Nachdenklich und langſam verſchlang der Diktator den Inhalt dieſes Schreibens.„Nein,“ ſagte er bei ſich ſelbſt—„nein! Wer die Macht gekoſtet, kann keinen Ge⸗ ſchmack mehr an der Ruhe finden. Und doch, Danton, Danton! Du hatteſt Recht; beſſer, ein armer Fiſcher ſeyn, als Menſchen zu regieren!““ Die Thüre öffnete ſich und Payan trat wieder ein, und flüſterte Robespierre zu:„Alles iſt ſicher! Sprecht mit dem Mann!“ Der Diktator, zufriedengeſtellt, gebot ſeinem Diener, dem Jakobiner, Nicot vor ihn zu führen. Der Maler trat ein mit dem Ausdruck der Furchtloſigkeit in ſeinen ent⸗ ſtellten Zügen, und ſtand aufrecht vor Robespierre, der ihn mit einem Seitenblick maß. Es iſt auffallend, daß die vornehmſten Schauſpieler im Drama der Revolution ausnehmend häßlich waren in ihrer äuſſern Erſcheinung— von der koloſſalen Häßlichkeit eines Mirabeau und Danton, oder der ſchurkiſchen Wild⸗ heit in den Geſichtern Davids und Simons, bis zu dem ekelhaften Schmutz Marat's und der unheimlichen, gal⸗ lichten Unangenehmheit von des Diktators Zügen. Aber Robespierre, von dem man ſagte, er gleiche einer Katze⸗ beſaß auch die Sauberkeit einer Katze; und ſeine ſaubere „I vaudrait mieux, ſagte Danton in ſeinem Gefängniß, étre un pauvre pécheur, que de gouverner les hommes! 48 und ſchmucke Kleidung, die Glätte ſeines wohlbarbirten Geſichts, die weibliche Weiße ſeiner magern Hände mach⸗ ten die unordentliche, wüſte Liederlichkeit noch auffallen⸗ der, welche Anzug und Haltung des ſanscülottiſchen Ma⸗ lers auszeichnete. „Und alſo, Bürger,“ ſagte Robespierre mild,„Du möchteſt mit mir ſprechen? Ich weiß, Deine Verdienſte und Bürgertugend ſind zu lange überſehen worden. Du möchteſt um eine paſſende Stelle und Verſorgung im Staat bitten? Bedenke Dich nicht! ſprich!“ „Tugendhafter Robespierre, der Du die Welt auf⸗ klärſt, ich komme nicht, eine Gunſt zu erbitten, ſondern dem Staate einen Dienſt zu leiſten. Ich habe eine Correſpon⸗ denz entdeckt, welche eine Verſchwörung enthüllt, von welcher manche Theilnehmer noch unverdächtig herum⸗ gehen.“ Und er legte die Papiere auf den Tiſch. Robee⸗ pierre ergriff ſie, und ſein Auge flog raſch und gierig dar⸗ über hin.. „Gut!— gut!“ murmelte er bei ſich ſelbſt;—„das iſt Alles, was ich brauchte. Barrère, Legendre! ich habe ſie Camille Desmoulins ließ ſich von ihnen nur zum Nar⸗ ren halten. Ich liebte ihn einſt, aber Jene nie! Bürger Nicot, ich danke Dir. Ich ſehe, dieſe Briefe ſind an einen Engländer gerichtet. Jeder Franzoſe muß dieſen engliſchen Wölfen in Schafskleidern mißtrauen! Frankreich will Richts mehr von den Weltbürgern; dieſe Farce ging mit Anacharſis Cloots zu Ende. Ich bitte um Verzeihung, Bürger Ricot; Cloots und Hebert. waren Deine Freunde!“ Du m 49 „Freilich wohl,“ ſagte Nicot ſich entſchuldigend,„wir find Alle der Täuſchung ausgeſetzt. Ich hörte auf ſie zu ehren, als Du Dich gegen ſie erklärteſt; denn ich will eher meinen Sinnen mißtrauen, als Deiner Gerechtigkeit.“ „Ja, auf Gerechtigkeit mache ich Anſpruch; das iſt die Tugend, nach der ich ſtrebe,“ ſagte Robespierre ſanft; und mit der ihm eigenen Katzennatur machte er ſich ſelbſt in dieſer kritiſchen Stunde großer Anſchläge, drohender Gefahren, ernſtlich vorbereiteter Rache, das Vergnügen mit einem einzelnen Opfer zu ſpielen.“.„Und meine Ge⸗ rechtigkeit ſoll nicht länger blind ſeyn gegen Deine Dien⸗ ſte, guter Nicot. Du kennſt dieſen Glyndon?“ „Ja, recht gut— ganz genau. Er war mein Freund⸗ aber ich würde meinen Bruder aufopfern, wenn er Einer von den Nachſichtigen wäre. Ich ſchäme mich nicht zu zeſtehen, daß ich von dieſem Mann Dienſtleiſtungen ge⸗ noſſen habe.“ 7 „Aha! und Du bekennſt ehrlich die Lehre, daß, wo ein Mann mein Leben bedroht, alle perfönlichen Dienſte und Wohlthaten vergeſſen werden müſſen?“ „Alle!“ „Guter Bürger! Freundlich geſinnter. Nicot! Sey ſo gut und ſchreibe mir die Adreſſe dieſes Glyndon auf.“ Nicot beugte ſich über den Tiſch; aber plötzlich, als „Die abſcheulichſte Anekdote von dieſer eigenthümlichen Heu⸗ chelei Robespierre's iſt, daß er, ſo wird berichtet, ſeinem alten Schulfreunde, Camille Desmoulins, zärtlich die Hand drückte an dem Tage, wo er den Verhaftbefehl gegen ihn unter⸗ zeichnete.“ 8 50 er die Feder in der Hand hielt, durchzuckte ihn ein Gedanke, und er hielt inne, verlegen und beſtürzt. „Schreib doch, freundlich gefinnter Ricot!“ Der Maler gehorchte zögernd. „Wer ſind die andern Bekannten Glyndons?“ „Das wollte ich Dir eben ſagen, Repräſentant,“ ſagte Nicot.„Er beſucht täglich eine Frau, eine Auslän⸗ derin, die alle ſeine Geheimniſſe weiß; ſie ſtellt ſich, als wäre ſie arm und ernährte ihr Kind durch ihre Handar⸗ beit. Aber ſie iſt die Frau eines Italieners von uner⸗ meßlichem Reichthum, und es iſt kein Zweifel, daß ſie viel Geld hat, das ſie zur Beſtechung der Bürger verwendet. Man ſollte ſie auch faſſen und verhaften.“ „Schreibe auch ihren Namen.“ „Aber es iſt keine Zeit zu verlieren; denn ich weiß, daß Beide den Plan haben, noch in dieſer Nacht aus Frankreich zu fliehen.“ „Unſere Regierung iſt ſchnell, guter Nicot— ſey ohne Sorge. Hm! hm!“ und Robespierre nahm das Pa⸗ pier, worauf Niecot geſchrieben hatte, und ſich darauf hin⸗ beugend, denn er war kurzſichtig, fuhr er lächelnd fort: —„Schreibſt Du immer dieſelbe Hand, Bürger! dieß ſcheinen beinahe verſtellte Schriftzüge.“ „Ich wünſchte nicht, daß ſie wüßten, Wer ſie denun⸗ cirte, Repräſentant!“ „Gut, gut!— deine Tugend ſoll belohnt werden, glaube mir. Salut et fraternité!“ W—— M M 54 Robespierre erhob ſich halb bei dieſen Worten, und Nicot entfernte ſich. „He da! draußen,“ ſchrie der Diktator, ſeine Glocke ziehend, und wie der dienſtthuende Jakobiner erſchien, ſagte er:„Folge dieſem Mann, Jean Nicot. Im Augen⸗ blick, wo er das Haus verlaſſen hat, nimm ihn feſt. So⸗ gleich in die Conciergerie mit ihm! Halt! Nichts gegen das Geſetz; hier iſt Deine Vollmacht. Der öffentliche An⸗ Häger ſoll meine Inſtruktion erhalten. Fort! ſchnell!“ Der Jakobiner verſchwand. Jede Spur von Krank⸗ heit oder Schwäche war bei dem ſiechen Manne verſchwun⸗ den; er ſtand aufrecht auf dem Flur, ſeine Züge krampfhaft zuckend und die Arme gekreuzt.„Ho! Guerin!“(Der Spion erſchien wieder)—„Nimm dieſe Adreſſen! Binnen einer Stunde müſſen dieſer Engländer und dieſe Frau im Gefängniß ſeyn; ihre Enthüllungen werden mir nützlich ſeyn gegen würdigere Feinde. Sie ſollen ſterben— ſie ſollen mit den Uebrigen umkommen am zehnten— am witten Tage von heute an. Da!“ und er ſchrieb haſtig —„da iſt auch Deine Vollmacht. Fort!“ „Und jetzt, Couthon, Payan,— jetzt wollen wir nicht länger ſpaſſen mit Tallien und ſeinen Leuten. Ich habe Nachrichten, daß der Convent dem Feſt am zehnten nicht beiwohnen wird. Wir müſſen uns nur auf das Schwert des Geſetzes verlaſſen. Ich muß meine Gedan⸗ zen ordnen— meine Harangue vorbereiten. Morgen will ich wieder im Convent erſcheinen— morgen kommt der kühne St. Juſt zu uns, friſch von unſeren fiegreichen 52 Heeren kommend— morgen will ich von der Tribüne den Donnerkeil ſchleudern auf die verkappten Feinde Frank⸗ reichs— morgen will ich, Angeſichts des Landes, die Köpfe der Verſchwörer verlangen!“ . Achtes Kapitel. Le glaive est contre toi tourné de toutes parts. Laharpe, Jeanne de Naples IV. 4. Inzwiſchen war Glyndon, nach einer ziemlich langen Audienz bei C——, wo die letzten Vorbereitungen ins Reine gebracht worden waren, in zuverſichtlicher Hoffnung eines glücklichen Ausgangs, und kein Hinderniß ſeiner Flucht vor ſich ſehend, auf dem Wege zu Fillide zurück begriffen.⸗Plötzlich, mitten in ſeinen freudigen Gedanken, wähnte er eine Stimme, ihm nur zu wohl, zu fürchter⸗ lich bekannt, ſich ins Ohr raunen zu hören:„Was! Du wollteſt mir trotzen und entfliehen! zur Tugend und Zs⸗ friedenheit zurückkehren? Es iſt umſonſt— es iſt zu ſpät. Nein, ich will Dich nicht verfolgen!— menſchliche Schrit⸗ te, nicht minder unerbittlich, ſind ſpürend hinter Dir her! Mich ſollſt Du nicht wieder ſehen, bis im Kerker, in der Mitternacht vor Deiner Hinrichtung! Schau!“ Und Glyndon, maſchinenmäßig den Kopf umwen⸗ dend, ſah dicht hinter ſich die verſtohlen ſchleichende Ge⸗ ſtalt eines Mannes, den er zuvor ſchon, aber ohne ihn 53 viel zu beachten, zweimal an ſich hatte vorübergehen ſehen, als er das Haus des Bürgers C—— verließ. Augenblicklich, inſtinktmäßig erkannte er, daß er beobach⸗ tet, daß er verfolgt wurde. Die Straße, worin er ſich befand, war obſkur und verödet, denn der Tag war drü⸗ ckend ſchwül, und es war die Stunde, wo nur Wenige in Geſchäften oder zum Vergnügen auf den Straßen waren. So kühn er war, durchfuhr doch ein eiſiger Schauer ſein Herz. Er kannte das damals in Paris herrſchende fürchter⸗ liche Syſtem zu gut, um nicht ſeine Gefahr zu ahnen. Was der Anblick der erſten Peſtbeule für das Opfer der Peſt, war der erſte Anblick des ſchattenhaften Spions für das der Revolution— die Beobachtung, die Verhaftung, das Verhör, die Guillotine— dieß waren die regelmäßi⸗ gen, raſchen Schritte des Ungeheuers, das die Anarchiſten Geſetz nannten. Er athmete ſchwer, er hörte deutlich das laute Schlagen ſeines Herzens. Und ſo blieb er ſtehen, ſill und regungslos, den Schatten anſtarrend, der auch hinter ihm Halt machte!“ Augenblicklich belebte die Einſamkeit der Straßen und der Umſtand, daß der Spion ohne allen Beiſtand war, ſeinen Muth wieder: er machte einen Schritt gegen ſeinen Verfolger, der ſich zurückzog, wie er ihm näher kam. „Bürger, Du folgſt mir,“ ſagte er.„Dein Anliegen?“ „Wahrhaftig,“ verſetzte der Mann mit einem ent⸗ ſchuldigenden Lächeln,„die Straßen ſind doch breit genug für uns Beide? Du biſt kein ſo ſchlechter Republikaner, ganz Paris für Dich allein haben zu wollen?“ 54 „So gehe Du voraus. Ich mache Dir Platz!“ Der Mann verbeugte ſich, zog hoöflich den Hut ab⸗ und ſchritt weiter. Im nächſten Augenblick bog Glyndon in ein gewundenes Gäßchen ein, und eilte raſch durch ein Labyrinth von Straßen, Gaſſen und Gängen. Allmälig faßte er ſich wieder, und als er ſich umſah, glaubte er den Verfolger getäuſcht zu haben! dann lenkte er, auf einem Umwege, ſeine Schritte wieder nach ſeiner Wohnung. Wie er in eine der breiteren Straßen heraustrat, ſtreifte ein Vorübergehender, in einen Mantel gehüllt, ſo raſch an ihm vorbei, daß er ſein Geſicht nicht ſehen konnte. indem er ihm zuflüſterte:„Clarence Glyndon, Ihr ſeyd aufgeſpürt, folgt mir!“ und der Fremde ging raſch vor ihm her. Clarence wandte ſich um, und erblickte zu ſeinem Entſetzen wieder dicht auf ſeinen Ferſen, mit demſelben ſervilen Lächeln um den Mund, den Verfolger, dem er entronnen zu ſeyn wähnte. Er vergaß die Aufforderung des Fremden, ihm zu folgen, und da er einen ganz in der Nähe um einen Carikaturenladen verſammelten Volks⸗ haufen gewahrte, ſtürzte er ſich mitten unter ſie hinein⸗ und nachdem er eine andere Straße gewonnen, änderte er die zuvor von ihm eingeſchlagene Richtung, und er⸗ reichte nach einem langen, athemloſen Laufe, ohne den Spion wieder zu ſehen, ein entferntes Quartier der Stadt. Hier ſchien wirklich Alles ſo heiter und friedlich, daß ſein Künſtlerauge, ſogar in dieſer gefahrdrohenden Stunde. mit Wohlgefallen auf der Scene ruhte. Es war ein ver⸗ gleichungsweiſe breiter Platz, gebildet durch eines der ſo W ei — 6 7 N N 55 ſchönen Quais. Die Seine ſtrömte majeſtätiſch dahin, mit Booten und Fahrzeugen ihren Spiegel bedeckt. Die Sonne vergoldete tauſend Thürme und Giebel, und ſchim⸗ merte auf den weißen Paläſten eines gefallenen Ritter⸗ thums. Hier blieb er erſchöpft und keuchend eine Weile ſtehen, und eine kühlere Luft vom Fluß her fächelte ſeine Stirne.„Eine Weile wenigſtens bin ich hier ſicher,“ mur⸗ melte er; und wie er ſo ſprach, gewahrte er, etwa dreißig Schritte hinter ſich, den Spion. Er ſtand wie angewur⸗ zelt; ermüdet und erſchöpft hielt er es nicht mehr für mög⸗ lich zu entfliehen— auf einer Seite war der Fluß, und keine Brücke in der Nähe, und auf der andern eine lange geſchloſſene Häuſerreihe. Wie er ſo ſtand, hörte er Ge⸗ lächter und obſcöne Lieder aus einem Hauſe ein wenig hinter ihm, zwiſchen ihm und dem Spion. Es war ein Café, in dieſem Quartier fürchterlich bekannt. Hieher kamen oft die ſchwarzen Banden Henriots, die Günſtlinge und Huiſſiers Robespierre's. So hatte alſo der Spion das Opfer den Hunden in den Rachen gehetzt. Der Mann ſchritt langſam vorwärts, blieb vor dem offenen Fenſter des Cafeé ſtehen, und ſtreckte den Kopf hinein, als wollte er die Bewaffneten drinnen herausrufen. In dieſem Augenblick, während der Kopf des Spions von ihm weggewandt war, ſah er den Fremden, der ihn gewarnt, unter dem halb offenen Thorweg des Hauſes unmittelbar vor ihm ſtehen; die Geſtalt, kaum zu erken⸗ nen unter dem ſie umhüllenden Mantel, winkte ihm einzu⸗ treten. Er ſprang geräuſchlos durch die willkommene Oeff⸗ 56 nung; die Thüre ſchloß ſich; athemlos folgte er dem Fremden eine breite Treppenflucht hinauf und durch eine Reihe leerer Zimmer, bis endlich, in einem kleinen Ka⸗ binet, ſein Führer den großen Hut und den langen Man⸗ tel abwarf, die bisher ſeine Geſtalt und Züge verborgen hatten, und Glyndon Zanoni vor ſich ſah. Neuntes Kapitel. Nicht durch die Kraft der böſen Engelſchaaren Verricht' ich ſolche Wunder, als Ihr ſchaut; Noch zwing' ich je— Gott möge mich bewahren!— Coeyt und Phlegeton durch Rauch und Laut. Doch aus dem Einfluß ſuch' ich zu erfahren Was ſich für Kraft verbirgt in Quell und Kraut, Und acht'auf der Natur geheimes Wirken, Der Sterne Lauf in himmliſchen Bezirken. Befreit. Jeruſ. XIV. 42. „Ihr ſeyd ſicher hier, junger Engländer!“ ſagte Za⸗ noni, und winkte Glyndon zu ſitzen.„Ein Glück für Euch, daß ich endlich Eure Fährte fand!“ „Ein weit größeres Glück, wenn wir uns nie mehr begegnet wären! doch ſelbſt in dieſen letzten Stunden mei⸗ nes Verhaͤngniſſes freue ich mich, noch einmal das Ange⸗ ſicht des geheimnißvollen, verhängnißvollen Weſens zu ſehen, dem ich alle Leiden, welche ich erduldet, zuſchrei⸗ ben darf. Hier nun ſollſt Du nicht mit mir Gaukeleien treiben oder mir entwiſchen! Hier ſollſt Du mir, ehe wir em ine da⸗ an⸗ en h, hr i⸗ e⸗ zu i⸗ en 57 uns trennen, das dunkle Räthſel, wo nicht Deines Lebens, doch des meinigen ſagen!“ „Haſt Du gelitten? Armer Neophite!“ ſagte Zanoni mitleidig.„Ja— ich ſehe es an Deiner Stirne. Aber wofür willſt Du mich anklagen? Habe ich Dich nicht ge⸗ warnt vor den Zuflüſterungen Deines Geiſtes? Habe ich Dich nicht ermahnt, abzuſtehen? Habe ich Dir nicht ge⸗ ſagt, die Prüfung ſey mit grauenvoller Gefahr und ent⸗ ſetzlichen Schreckniſſen verbunden?— ja, bot ich Dir nicht an, Dir das Herz abzutreten, das, ſo lange es mein, mächtig genug war, mich, Glyndon, zu befriedigen? War es nicht Deine eigene kecke und entſchloſſene Wahl, die Einweihung zu erzwingen? Aus eigenem freien Wil⸗ len machteſt Du Mejnour zu Deinem Meiſter, und ſeine Weisheit zu Deinem Studium!“ „Aber woher kam die unwiderſtehliche Sehnſucht nach jener unheimlichen und unheiligen Weisheit? Ich empfand ſie nicht, bis Dein boſer Blick mich traf und ich in die magiſche Atmoſphäre Deines Weſens hineingezo⸗ gen wurde!“ „Du irrſt Dich! Jene Sehnſucht war ſchon in Dir, und würde Dich in der einen oder andern Richtung mit ſich fortgeriſſen haben! Menſch, Du fragſt mich nach dem Räthſel Deines oder meines Schickſals. Schau Dich um unter allem Seyn und Weſen, ſind nicht überall Geheim⸗ niſſe? Kann Dein Auge das Keimen des Korns unter der Erde belauern? In der moraliſchen und phyſiſchen Weli gleicherweiſe liegen dunkle Wunder, weit ſeltſamer Bulwer's Romane. C. 5 58 und unbegreiflicher, als die Kräfte, die Du mir zuſchrei⸗ ben möchteſt!“ 54 „Verläugneſt Du dieſe Kräfte?— bekennſt Du Dich als Betrüger?— oder biſt Du ſo kühn, mir zu geſtehen, daß Du wirklich dem Böſen verkauft ſeyeſt? Ein Zau⸗ berer, deſſen vertrauter Geiſt mich bei Tag und Nacht verfolgt hat!“ „Es iſt gleichgültig, was ich bin,⸗ verſehie Zanoni: „es handelt ſich nur davon, ob ich Dir helfen kann, Dein ſchreckliches Phantom zu bannen, und wieder in die geſunde Luft des allgemein menſchlichen Lebens zurückzukehren. Etwas aber will ich Dir ſagen, nicht um mich zu recht⸗ fertigen, ſondern den Himmel und die Natur, welche Deine Zweifel läſtern.“ Zanoni hielt einen Augenblick inne, und fuhr dann mit einem leichten Lächeln fort: „In Deinen jüngeren Jahren haſt Du ohne Zwei⸗ fel mit Entzücken den großen chriſtlichen Dichter geleſen, deſſen Muſe, wie der Morgen, den ſie feierte, auf die Erde kam, bekränzt mit Blumen, im Paradieſe ge⸗ pflückt.* Kein Geiſt war mehr als er getränkt von dem Ritteraberglauben der Zeit; und wahrlich, der Dichter des befreiten Jeruſalems hat zur Genüge, um ſelbſt den Znuiſtor⸗ den er zu Rathe zog, zu befriedigen, Alle ver⸗ *——— l'aurea testa Di rose colte in Paradiso infiora. Vasso. IV. 7. flucht, man an Aber den Mi Tollha Anerker einer A nicht d Du Di in den weist derſcha Roſenkt zwiſche Weishe des auf die Zau Rebelle des QOr bekannt Sterne Libano Wolken Entſteh ſtell 59 flucht, welche die unerlaubten Zauberkünſte ausübten, die man anruft: „Per isforzar Cocito o Flegetonte.“ Aber weißt Du nicht, daß Taſſo in ſeinem Kummer und den Mißhandlungen, die er erlitt, in ſeiner Haft in einem Tollhauſe, ſelbſt ſeinen Troſt, ſeine Rettung fand in der Anerkennung einer heiligen und geiſtigen Theurgie— einer Magie, welche den Engel oder den guten Genius, nicht den böſen Feind zu citiren vermag? Und erinnerſt Du Dich nicht, wie er, für ſein Zeitalter ſo tief bewandert in den Geheimniſſen des edlern Platonismus, der hin⸗ weist auf die Geheimniſſe aller der ſterngeweihten Brü⸗ derſchaften, von den Chaldäern an bis auf die ſpäteren Roſenkreuzer, in ſeinen lieblichen Verſen unterſcheidet zwiſchen der ſchwarzen Kunſt Ismeno's, und der herrlichen Weisheit des Magiers, der die Ritter des heiligen Lan⸗ des auf ihrer Fahrt beräth und führt? Sein waren nicht die Zauberkünſte, gewirkt durch den Beiſtand der ſtygiſchen Rebellen,“ ſondern die Anſchauung der geheimen Kräfte des Quells und des Krautes— die Geheimniſſe der un⸗ bekannten Natur, und der verſchiedenen Bewegungen der Sterne. Sein Aufenthalt waren die heiligen Orte des Libanon und Carmel— unter ſeinen Füßen ſah er die Wolken, den Schnee, die Farben des Regenbogens, das Entſtehen des Regens und Thaues. Gebot der chriſtliche »Vergl. die merkwürdige Stelle, die eine nicht ungetreue Dar⸗ ſtellung der Lehren der Pythagoräer und ae gibt, bei Taſſo XIV, 41— 42. „ 60 Einſiedler, der den Magier bekehrte,(kein fabelhaftes Weſen, ſondern der Typus jedes Geiſtes, der durch die Natur zu Gott zu dringen trachtet,) gebot er ihm, dieſe erhabenen Studien von ſich zu thun, e solite arte e 'uso mio? nein! ſondern ſie zu hegen und auf würdige Zwecke zu richten. Und in dieſer großen Idee des Dich⸗ ters liegt das Geheimniß der ächten Theurgie, welche Eure Unwiſſenheit in gelehrteren Zeiten mit kindiſchen Beſorgniſſen, und den Traumgeſpenſten eines Fieber⸗ kranken erſchreckt.“ Wieder hielt Zanoni inne und begann dann von Neuem: „In ſehr alten Zeiten— mit einer ganz anderen Geſittung als diejenige iſt, welche jetzt das Individuum im Staat untergehen läßt, lebten Männer von glühenden Seelen und voll heftigen Verlangens nach Erkenntniß. In den mächtigen, erhabenen Königreichen, wo ſie weil⸗ ten, gab es keine irdiſche, ſtürmiſche Ableitungsmittel, um das Fieber ihrer Seele wegzuſchaffen. In die alte Form der Kaſten eingebannt, durch welche keine Geiſtes⸗ kraft dringen, keine Tapferkeit ſich den Weg bahnen konnte, herrſchte allein der Durſt nach Weisheit in den Herzen derjenigen, die ihr Studium als Erbe von Vater auf den Sohn überkamen. Daher findet Ihr ſelbſt bei Euern man⸗ gelhaften Urkunden von dem Fortſchritt der menſchlichen Erkenntniß, daß in den früheſten Zeiten die Philoſophie nicht zu dem geſchäftigen Treiben und in die Häuſer der Menſchen herabſtieg. Sie wohnte unter den Wundern der 1 aftes h die dieſe rte e rdige Dich⸗ elche ſchen eber⸗ von deren uum nden tniß. weil⸗ ittel, alte iſtes⸗ nnte, erzen f den man⸗ ichen ophie rder nder 61 erhabeneren Schöpfung; ſie ſuchte die Formation der Materie zu analyſiren— das Weſen der vorherrſchenden Seele; die Geheimniſſe der Sternbahnen zu leſen; in jene Tiefen der Natur zu tauchen, worin Zoroaſter zuerſt, nach den Schulgelehrten, die Künſte entdeckt haben ſoll, welche Eure Unwiſſenheit unter dem Namen der Magie begreift. In einem ſolchen Zeitalter nun erſtanden einige Männer, die unter den Eitelkeiten und Täuſchungen ihrer Zunft Strahlen einer glänzenderen, ſichereren Weisheit zu ent⸗ decken glaubten. Sie kamen auf den Gedanken, daß eine Verwandtſchaft beſtehe unter allen Werken der Natur, und daß in dem Niedrigſten jene geheime Anziehungskraft liege, die ſie hinauf bis zum Höchſten zu führen vermöge.* Jahrhunderte verſtrichen, und manches Leben ward an jene Entdeckungen verſchwendet; aber Schritt um Schritt wurde bezeichnet und angemerkt, und wurde der Führer für die Wenigen, die allein das erbliche Vorrecht beſaßen, ihren Pfad zu verfolgen. Endlich brach nach dieſer Däm⸗ merung einigen Augen das Licht an; aber wähne nicht, „ Wie es ſcheint in Gemäßheit der Vorſtellung des Jamblichus und Plotinus, daß das Weltall eine Art Thier ſey; ſo daß Sympathie und Verbindung herrſcht zwiſchen einem Theil und dem andern; im kleinſten Gliede kann der feinſte Nerv ſeyn. Und daher der allgemeine Magnetismus der Natur. Aber der Menſch ſieht das Weltall an, wie das mikroskopiſche Thier⸗ chen einen Elephanten. Dieſes, kaum ein Fleckchen vom Huf ſehend, würde es nicht faſſen können, daß der Rüſſel demſel⸗ ben Geſchöpf angehöre— daß die Wirkung, welche die eine Ertremität treffe, augenblicklich auch von der andern empfun⸗ den werde. 62 junger Geiſterſeher, daß Solchen, die unheilige Gedan⸗ ken hegten, über die das Urböſe Macht hatte, dieſer Licht⸗ aufgang gegönnt worden ſey! Er konnte damals wie jetzt nur zu Theil werden den reinſten Verzückungen der Phan⸗ taſie und des Gedankens, unzerſtreut durch die Sorgen eines gewöhnlichen Lebens, oder die Triebe des Leibes von Staub. Weit entfernt zum Beiſtand eines böſen Fein⸗ des ihre Zuflucht nehmen zu müſſen, hatten ſie nur den erhabenen Ehrgeiz, ſich immer mehr dem Urquell des Gu⸗ ten zu nähern; je mehr ſie ſich ſelbſt über dieſen unreinen Vorhof der Planeten erhoben, deſto mehr wurden ſie durch⸗ drungen vom Glanz und Wohlgefallen Gottes. Und wenn ſie forſchten, und am Ende entdeckten, wie dem Auge des Geiſtes alle die feineren Modifikationen des Seyns und der Materie ſichtbar gemacht werden,— wenn ſie entdeck⸗ ten, wie für die Flügel des Geiſtes aller Raum vernich⸗ tet werden,— und während der Leib ſchwer und ſtarr hienieden, wie ein verlaſſenes Grab, ſtehen blieb, die! befreite Idea von Stern zu Stern ſchweben könne;— wenn ſolche Entdeckungen in Wahrheit ihr Eigenthum wurden, ſo war die erhabenſte Wonne ihrer Erkenntniß nur die: zu ſtaunen, zu verehren und anzubeten! denn, wie ein in dieſen hohen Dingen nicht Unbewanderter es ausgedrückt hat: Es gibt ein Prinzip der Seele, höher als alle äußere Natur, und durch dieß Prinzip find wir im Stande, die Ordnung und die Syſteme der Welt zu überfliegen, und an dem unſterblichen Leben und der Thatkraft der erhabenen Himmliſchen Theil zu nehmen. — an⸗ cht⸗ jetzt an⸗ gen bes ein⸗ den Hu⸗ nen ch⸗ enn des ind ck⸗ arr 63 Wenn die Seele zu Naturen, die höher als ſie, erhoben worden, ſo verläßt ſie die Ordnung, in die ſie eine Zeit⸗ lang gebannt war, und wird durch einen religiöſen Mag⸗ netismus zu einer anderen, höheren hingezogen, mit wel⸗ cher ſie ſich verbindet und vermiſcht.““ Zugegeben nun, daß ſolche Weſen am Ende das Geheimniß fanden, den Tod aufzuhalten, Gefahren und Feinde zu bannen, un⸗ verletzt durch die Revolutionen der Erde zu ſchreiten: meint Ihr, ein ſolches Leben habe ihnen einen anderen Wunſch einflößen können, als um ſo brünſtiger nach dem Unſterblichen zu trachten, und ihren Geiſt um ſo mehr vorzubereiten für das höhere Seyn, in welches ſie, wenn Zeit und Tod nicht mehr ſind, verſetzt werden ſollten? Weg mit Euern finſteren Phantaſien von Zauberern und Dä⸗ monen!— die Seele kann nur nach dem Licht ſtreben; und ſelbſt der Irrthum unſerer erhabenen Erkenntniß war nur das Vergeſſen der Schwäche, der Leidenſchaften und der Feſſeln, die der Tod, welchen wir ſo eitel beſiegten, ganz abſtreifen und die Seele reinigen kann!“ Dieſe Rede war ſo ganz verſchieden von dem, was Glyndon erwartet hatte, daß er einige Augenblicke ſprach⸗ los blieb, und am Ende ſtammelte: „Aber warum dann mir—“ „Warum,“ ergänzte Zanoni,„warum Dir nur Qua⸗ len und Schreckniſſe— die Schwelle und das Phantom zu Theil geworden? Eitler Mann! Betrachte nur die gewöhnlichſten Anfangsgründe des gemeinen Lernens und „Jamblich. Ueber die Myſter. VII. 7. ———————— 64 Wiſſens. Kann jeder Neuling, nur ſo wie er wünſcht und begehrt, Meiſter werden? kann der Schüler, ſobald er ſeinen Euklid gekauft hat, ein Newton werden?— kann der Jüngling, den die Muſen einmal beſuchen, ſagen: Ich will es Homer gleich thun! ja! kann jener blaſſe Tyrann mit all den Pergamentgeſetzen von hundert Sy⸗ ſtemmachern und den Piken ſeiner frechen, verwegenen Menge, nach ſeiner Willkür eine Verfaſſung ſchnitzeln, die nicht fehlerhafter wäre, als die, welche der Wahn⸗ ſinn eines Pöbels ſtürzen konnte? Wenn in jener fernen Zeit, von welcher ich geſprochen, der Jünger der Wiſſen⸗ ſchaft zu den Höhen emporſtrebte, die Du mit Einem Sprunge haſt erreichen wollen, ſo ward er von ſeiner Wiege an geſchult und eingeübt für die Laufbahn, die ihm beſtimmt war. Die innere und die äußere Natur wur⸗ den ſeinen Augen klar gemacht, Jahr um Jahr, ſo wie ſie ſich mehr dem Licht öffneten. Er ward nicht zugelaſſen zur praktiſchen Einweihung, als bis nicht Ein irdiſcher Wunſch mehr jenes erhabenſte Vermögen kettete, das Ihr die Phantaſie nennt, nicht Ein fleiſchlicher Trieb mehr die durchdringende Kraft verdunkelte, welche Euch Ver⸗ ſtand heißt. Und auch dann noch, im beſten Fall, wie Wenige erreichten das letzte Geheimniß! Glücklicher, in⸗ ſofern ſie früher den heiligen Zuſtand der Herrlichkeit er⸗ reichten, zu welchem der Tod das himmliſche Thor iſt.⸗ Zanoni ſchwieg, und ein Schatten kummervollen Nachdenkens trübte ſeine himmliſche Schönheit. „Und gibt es wirklich noch Andere, außer Dir und 65 Mejnour, die ſich Deiner Eigenſchaften rühmen, und Deine Geheimniſſe errungen haben?“ „Andere find vor uns geweſen, aber jetzt ſind wir Zwei allein auf Erden.“ „Betrüger, Du verräthſt Dich ſelbſt! Wenn ſie den Tod beſiegen konnten, warum leben ſie nicht jetzt noch?“* „Kind des Tages!“ antwortete Zanoni traurig,„habe ich Dir nicht geſagt, der Irrthum unſerer Erkenntniß ſey das Vergeſſen der Wünſche und Leidenſchaften geweſen, welche der Geiſt nie ganz und für immer beſiegen kann, ſo lang dieſe Materie ihn einhüllt? Bildeſt Du Dir ein, es ſey kein Schmerz und Kummer, entweder alle menſch⸗ lichen Bande abzuſchütteln, alle Freundſchaft und alle Liebe, oder Tag für Tag Freundſchaft und Liebe von un⸗ ſerem Leben dahinwelken und ſchwinden zu ſehen, wie Blüthen vom Stengel? Kannſt Du Dich darüber wun⸗ dern, daß wir, trotz unſerer Macht, zu leben, ſo lange die Welt ſtehen wird, wir es doch, ſelbſt ehe unſere ge⸗ ſetzliche Friſt abgelaufen iſt, vorziehen können, zu ſterben? Wundere Dich vielmehr, daß es Zwei gibt, die ſo treu an der Erde hängen! Mich, ich geſteh es, mich kann die Erde noch mit Liebe feſſeln. Weil ich das letzte Geheim⸗ niß errang, ſo lange noch meine Jugend in der Blüthe ſtand, färbt mir auch jetzt noch die Jugend Alles um mich her mit ihrer glühenden, reichen Schönheit; mir iſt Ath⸗ *Glyndon ſcheint vergeſſen zu haben, daß Mejnour früher ſchon ihm dieſelbe Frage beantwortet hatte, die ihn hier ſeine Zwei⸗ felſucht zum zweiten Mal machen läßt. ——— — 66 men noch freudiges Genießen. Die Friſche iſt mir noch nicht erblichen vom Antlitz der Natur, und kein Kraut iſt, in dem ich nicht einen neuen Reiz, ein unentdecktes Wunder auffände. Wie mit meiner Jugend, ſo iſt es auch mit Mejnours Alter; er wird Dir ſagen, daß das Leben für ihn nur das Vermögen zu forſchen iſt; und ehe er alle Wunder erſchöpft hat, womit der Schöpfer die Erde über⸗ ſäet, wird er ſich keine neue Wohnungen für den erneuten Geiſt zur Erforſchung wünſchen. Wir find die Typen der zwei Elemente deſſen, was unvergänglich iſt— der Kunſt, die genießt, und der Wiſſe nſchaft, die betrachtet. Und jetzt, damit Du Dich zufrieden gebeſt, darüber, daß die Geheimniſſe Dir nicht gewährt worden, erfahre: daß ſo gänzlich die Idee ſich losmachen muß von dem, was die Beſchäftigung und Ergötzung der Menſchen ausmacht, ſo frei und ledig ſeyn muß von allen Gefühlen der Be⸗ gehrlichkeit, der Liebe und des Haſſes, daß für den Ehr⸗ geizigen, für den Liebenden und Haſſenden jene Macht wirkungslos bleibt. Und ich, endlich gebunden und geblen⸗ det durch die Bande der gewöhnlichſten Häuslichkeit, ich, in Dunkel und Hülfloſigkeit ſchmachtend, beſchwöre Dich, mich zu führen, mir Anweiſung zu geben;— wo find ſie?— o! ſage es mir! ſprich! Mein Weib— mein Kind! Stumm!— o, Du weißt jetzt, daß ich kein Zau⸗ berer, kein Feind bin. Ich kann Dir nicht geben, was Dir Deine Geiſteskräfte verſagen— ich kann nicht zu Stande bringen, was dem leidenſchaftsloſen Mejnour mißlang; aber ich kann Dir das nächſte, beſte Gut ge⸗ — — S 8— 6 8 — t 67 währen, vielleicht das ſchönſte— ich kann Dich verſöhnen mit der wirklichen Welt, und Frieden ſtiften zwiſchen Deinem Gewiſſen und Dir!“ „Willſt Du es verſprechen?“ „Bei ihrem ſüßen Leben, ich verſpreche es!“ Glyndon ſah ihn an und glaubte ihm. Er flüſterte ihm die Adreſſe des Hauſes zu, über das ſein unſeliger Schritt ſchon Weh und Verderben gebracht hatte. „Segen Dir für dieß!“ rief Zanoni leidenſchaftlich; „und Du wirſt geſegnet ſeyn! Wie! konnteſt Du nicht erkennen, daß an der Schwelle aller größeren Welten die Weſen hauſen, welche einſchüchtern und ängſtigen? Wer in Deiner alltäglichen Welt verließ je die alten Regionen der Gewohnheit und des Herkommens, und fühlte nicht den erſten Griff der geſtalt⸗ und namenloſen Furcht? Ueberall um Dich her, wo Menſchen trachten und ſtrebend ſich mühen, im Cabinet des⸗Weiſen, im Rath des Dema⸗ gogen, im Lager des Weiſen, überall, obwohl ſie es nicht ſehen, hockt und kauert finſter da das unausſprech⸗ liche Grauen. Aber da, wohin Du Dich gewagt haſt, da allein iſt das Phantom ſichtbar; und nie wird es aufhö⸗ ren, Dich zu verfolgen, bis Du übergehen kannſt zum Unendlichen, wie der Seraph, oder zum Gewöhnlichen zurückkehren, wie ein Kind! Aber antworte mir auf dieß: Wenn Du einen ruhigen, feſten Entſchluß zur Tugend faſſen wollteſt, und dann das Phantom plötzlich zu Dir hintrat; wenn ſeine Stimme Dir Verzweiflung zuflüſterte; wenn ſeine geſpenſtiſchen Augen Dich zurückſcheuchen 68 wollten zu jenen Seenen irdiſchen Treibens oder wüſter Aufregung, welchen es immer ferne bleibt, weil es Dich da ſchlimmeren Feinden der Seele überläßt— haſt Du da nie muthig dem Geſpenſt und Deinem eigenen Grau⸗ ſen widerſtanden?— haſt Du nie geſagt: Komme was da will, der Tugend will ich feſt anhängen?“ „Ach!“ verſetzte Glyndon,„erſt in neueſten Zeiten habe ich mich dazu ermannt.“ „Und Du haſt dann gefühlt, daß das Phantom un⸗ deutlicher, ſeine Macht ſchwächer wurde?“ „Es iſt wahr.⸗ „So freue Dich!— Du haſt den wahren Schrecken und das Geheimniß der Prüfung überwunden. Der feſte Entſchluß iſt der erſte Erfolg. Freue Dich, denn die Ver⸗ jagung des Geſpenſtes iſt ſicher! Du gehörſt nicht zu denen, die ein künftiges Leben läugnen, die Opfer des un⸗ erbittlichen Grauſens werden. O, wann werden endlich die Menſchen lernen, daß, wenn die große Religion ſo ſtreng die Nothwendigkeit des Glaubens einſchärft, das nicht allein darum iſt, weil der Glaube zur anderen Welt führt, ſondern daß es ohne Glauben auch keine Vor⸗ trefflichkeit in dieſer Welt gibt— den Glauben an etwas Weiſeres, Glücklicheres, Göttlicheres, als wir auf Erden ſehen!— der Künſtler nennt es das Ideale, der Prieſter nennt*s Glauben. Ideal und Glaube ſind Eines und daſſelbe. Kehre zurück, o Wanderer, kehre zurück! Em⸗ pfinde, wie viel Schönheit und Heiligkeit im Herkömm⸗ lichen und Alten wohnen! Zurück in Dein Thor ſchleiche, du Grauengeſtalt! und friedlich lächle wieder herab auf das kindliche Herz, o azurner Himmel, mit Deinem Abend⸗ und Morgenſtern, die Eines find; doch unter dem Doppelnamen„Erinnerung und Hoffnung!“ Bei dieſen Worten legte Zanoni ſanft ſeine Hand auf die brennenden Schläfen ſeines aufgeregten und ſtau⸗ nenden Zuhorers; und augenblicklich kam eine Art Ver⸗ zückung über ihn; er wähnte in die Heimath ſeiner Kind⸗ heit zurückgekehrt, und in dem kleinen Zimmer zu ſeyn, wo ſeine Mutter über ſeinem jugendlichen Schlummer gewacht und gebetet hatte. Da war es— ſichtbar, greif⸗ bar, einſam, unverändert. In einer Ecke das friedliche Bett, an den Wänden die mit heiligen Büchern ange⸗ füllten Ständer; ſogar die Staffelei, auf welcher er zuerſt das Ideale auf die Leinwand zu zaubern geſucht hatte, mit Staub bedeckt, zerbrochen, im Winkel. Unter dem Fenſter lag der alte Kirchhof; er ſah ihn grün in der Entfernung daliegen, und die Sonne ſchimmerte durch die Eibenbäume; er ſah das Grab, wo Vater und Mutter vereinigt ruhten, und die Kirchthurmſpitze, die zum Him⸗ mel deutete, das Symbol der Hoffnungen derer, die die Aſche der Erde übergaben; in ſein Ohr tönten die Glo⸗ cken, läutend wie an einem Sonntag; weit weg waren geflohen alle Geſichte voll Angſt und Grauſen, die ihn verfolgt und gemartert hatten; Jugend, Knabenjahre, Kindheit kamen ihm zurück mit ihren unſchuldigen Wün⸗ ſchen und Hoffnungen; er glaubte auf die Kniee zu fallen zum Gebet. Er erwachte— erwachte in beglückenden Thränen; er fühlte, daß das Geſpenſt für immer ver⸗ ſchwunden war. Er ſah ſich um— Zanoni war wegge⸗ gangen. Auf dem Tiſch Jagen folgende Zeilen, die Tinte noch naß: „Ich werde Mittel und Wege zu Deiner Flucht fin⸗ den. Mit Einbruch der Nacht, wenn die Glocke neun ſchlägt, ſoll ein Bvot Deiner auf dem Fluß vor dieſem Hauſe warten; der Bootsmann wird Dich an eine Zu⸗ fluchtsſtätte führen, ww Du ungefährdet bleiben kannſt, bis die Schreckensregierung, die ſich ihrem Ende nähert, vorüber iſt. Denke nicht mehr an die ſinnliche Liebe, die Dich verlockte und beinahe Dein Verderben war. Sie ver⸗ rieth Dich und wollte Dich vernichten. Du wirſt wohl⸗ behalten Dein Land wieder erreichen— lange Jahre ſind Dir noch aufbehalten, um über die Vergangenheit nach⸗ zudenken und ſie wieder gut zu machen. Für Deine Zu⸗ kunft ſey Dein Traum Dein Führer, und Deine Thränen Deine Taufe!“ Der Engländer befolgte die Anweiſungen des Briefes und fand ſie beſtätigt und wahr.— 71 Zehntes Kapitel. Quid mirare meas igt in uno corpore formas? Propert. Brief Zanoni's an Meinour. „Sie iſt in einem ihrer Gefängniſſe— ihrer uner⸗ bittlichen Gefängniſſe. Es iſt Robespierre's Befehl— ich habe die Urſache bis auf Glyndon zurück verfolgt. Das alſo war die ſchreckliche Verbindung hres beiderſeiti⸗ gen Schickſals, die ich mir nicht erklären konnte, aber die —(bis ſie getrennt ward, was jetzt der Fall iſt,) Glyn⸗ don ſelbſt in dieſelbe Wolke einhüllte, welche ſie verbarg. Im Gefängniß— im Gefängniß!— es iſt das Thor zum Grabe! Ihr Verhör, und die auf ein ſolches Verhör unvermeidlich folgende Hinrichtung, iſt am dritten Tage von heute an. Der Tyrann hat alle ſeine blutigen An⸗ ſchläge auf den zehnten Thermidor feſtgeſetzt. Während der Tod der Harmloſen und Unſchuldigen die Stadt mit Entſetzen und Angſt erfüllen wird, ſollen ſeine Satelliten ſeine Feinde niedermetzeln. Nur eine Hoffnung iſt noch übrig— daß die Macht, die jetzt den Blutrichter vor ihr Gericht zieht, mich vielleicht zu einem Werkzeuge macht, ſeinen Fall zu beſchleunigen. Nur zwei Tage noch übrig — nur zwei Tage! In meinem ganzen Ueberfluß von Zeit ſehe ich nur zwei Tage, alles Andere iſt Dunkel— Einſamkeit. Ich kann ſie vielleicht noch retten. Der Ty⸗ rann ſoll fallen am Tag vor demjenigen, den er ſich zu 72 ſeiner Schlächterei auserſehen! Zum erſtenmal miſche ich mich in die verworrenen Händel und Liſten der Menſchen, und mein Geiſt ſpringt auf aus meiner Verzweiflung⸗ bewaffnet und bereit für den Kampf.“ Ein Volkshaufen hatte ſich verſammelt um die Straße St. Honoré— ein junger Mann war ſo eben auf Robes⸗ pierre's Befehl verhaftet worden. Man wußte, daß er in Dienſten Talliens ſtand, desjenigen feindlichen Partei⸗ hauptes im Convent, welchen anzugreifen der Tyrann bisher gezittert hatte. Dieſer Vorfall hatte daher größere Aufregung verurſacht, als man ſonſt von einem ſo gewöhn⸗ lichen Umſtand erwarten durfte, als eine Verhaftung wäh⸗ rend der Schreckensregierung war. Unter dem Haufen waren viele Freunde Talliens, viele Feinde des Tyran⸗ nen; Viele, die es müde waren, den Tiger Opfer um Opfer in ſeine Höhle ſchleppen zu ſehen. Grollendes, un⸗ heilweiſſagendes Murren wurde vernommen; trotzige Au⸗ gen ſtierten die Beamten an, wie ſie ihren Gefangenen ergriffen; und obgleich ſie ſich nicht offen zu widerſetzen wagten, drängten doch die hinten Stehenden auf die Vor⸗ deren, und verſperrten den Häſchern und dem Gefangenen den Weg. Der junge Mann wehrte ſich hart um ſeine Freiheit, und durch eine gewaltige Anſtrengung riß er ſich endlich aus ihren Händen los. Der Haufen machte Platz, und ſchloß ſich dänn wieder, um ihn zu decken, wie er durch die Reihen brach und ſich dahinter verlor; aber plötzlich hörte man ganz nahe das Stampfen von P an ſa ein be ve At ih 73 ch Pferden— der wilde Henriot und ſeine Trupve ſtürzten n, ſich auf den Pöbel. Der Haufen wich erſchrocken ausein⸗ g ander, und der Gefangene ward wieder von einem Parti⸗ ſan des Diktators ergriffen. In dieſem Augenblick flüſterte eine Stimme dem Gefangenen zu:„Du haſt einen Brief e bei Dir, der, wenn man ihn findet, Deine letzte Hoffnung 3⸗ verñichtet. Gib ihn mir; ich will ihn Tallien bringen.“ n Der Gefangene wandte ſich ſtaunend um, und las in dem Auge des Unbekannten, der ihn ſo anredete, Etwas, das n ihn ermuthigte. Die Truppe war jetzt auf dem Platze; der e Jakobiner, welcher den Gefangenen gepackt hatte, ließ ihn 5 einen Augenblick fahren, um den Hufen der Pferde zu ent⸗ . rinnen.— Dieſer Augenblick wurde glücklich benützt— n der Unbekannte war verſchwunden... M . Im Hauſe Talliens waren die vornehmſten Feinde des Tyrannen verſammelt. Gemeinſame Gefahr machte * gemeinſame Sache und Geſinnung. Alle Faktionen legten 1 für jetzt ihren Hader bei Seite, um ſich gegen den furcht⸗ baren Mann zu vereinigen, der über alle Faktionen hin zu ſeinem bluttriefenden Throne ſchritt. Da war der kühne Lecvintre, ſein erklärter Feind— da der ſchleichende Bar⸗ rère, der alle Extreme verſöhnen wollte, der Held der Fei⸗ gen; Barras, ruhig und geſammelt— Collot d'Herbois, Grimm und Rache ſchnaubend, und nicht erkennend, daß nur die Verbrechen Robespierre's die ſeinigen deckten. Die Berathung war aufgeregt und unentſchloſſen. Die ſtaunende Scheue, welche das ſich gleich bleibende 6 N Bulwer's Romane. C. 74 Glück und die wunderbare Energie Robespierre's einflöß⸗ ten, behauptete noch ihre Macht über die Meiſten. Tal⸗ lien, den der Tyrann am meiſten fürchtete, und der allein ſo vielen widerſprechenden Leidenſchaften Richtung, We⸗ ſenseinheit und ein Haupt geben konnte, war durch die Erinnerung an ſeine eigenen Grauſamkeiten zu ſehr beſu⸗ delt, um ſich nicht in Verlegenheit zu fühlen bei ſeiner Stellung als Verfechter der Milde und Barmherzigkeit. „Es iſt wahr,“ ſagte er nach einer lebhaften Harangue von Lecointre,„daß der Uſurpator uns Alle bedroht. Aber er iſt noch ſo beliebt bei ſeinen Pöbelhaufen— noch ſo unterſtützt von ſeinen Jakobinern— beſſer, wir ſchieben die offene Feindſeligkeit noch auf, bis die Zeit reifer iſt. Es verſuchen und nicht durchdringen, heißt, uns mit ge⸗ bundenen Händen und Füßen der Guillotine überliefern. Jeden Tag muß ſeine Macht abnehmen. Zögerung iſt unſere beſte Hülfe und Beiſtand.“— Während er noch ſprach, und die Wirkung ſeiner Rede die von Waſſer, ins Feuer gegoſſen, war, wurde gemeldet, daß ein Fremder ihn augenblicklich zu ſprechen verlange, in Sachen, die kei⸗ nen Aufſchub duldeten. „Ich habe jetzt keine Zeit,“ ſagte der Redner unge⸗ duldig. Der Diener legte ein Billet auf den Tiſch. Tallien öffnete es und las die mit Bleiſtift geſchriebenen Worte: „Aus dem Gefängniß Thereſen's de Fontenai.“ Er wurde blaß, fuhr auf, und eilte in das Vorzimmer, wo er ein ihm ganz fremdes Geſicht ſah. „Hoffnung Frankreichs!“ ſagte der Beſuch zu ihm, — — „— — al⸗ ein e⸗ die ſu⸗ er it. ue er ſo en e⸗ iſt und der Ton ſeiner Stimme ſchon drang an's Herz— „Euer Diener iſt auf der Straße verhaftet worden. Ich habe Euch und Eurer künftigen Gattin das Leben gerettet. Ich bringe Euch dieſen Brief von Thereſe de Fontenai.“ Tallien öffnete mit zitternder Hand den Brief und las:„Soll ich Dich immer vergebens anflehen? Immer und immer wiederhole ich: Verliere keine Stunde Zeit, wenn Dir mein und Dein Leben lieb iſt. Mein Verhör und meine Hinrichtung find auf den dritten Tag von heute an feſtgeſetzt— den zehnten Thermidor. Schlage, ſo lange es noch Zeit iſt— ſchlage das Ungeheuer! Du haſt noch zwei Tage. Wenn Du mich im Stich läßſt, wenn Du zögerſt— ſo ſieh mich zum letzten Mal, wenn ich unter Deinen Fenſtern vorbeikomme auf dem Weg zur Guillo⸗ tine.“ „Ihr Verhör wird Zeugniß und Beweis gegen Euch liefern,“ ſagte der Fremde.„Ihr Tod iſt der Herold des Eurigen. Fürchtet den Pöbel nicht— der Pöbel hätte Euren Diener gern befreit! Fürchtet Robespierre nicht — er liefert ſich Euch ſelbſt in die Hände. Morgen kommt er in den Convent— morgen müßt Ihr den letzten Wurf thun um ſeinen Kopf oder den Eurigen!“ „Morgen kommt er in den Convent. Und Wer ſeyd Ihr, daß Ihr ſo genau wißt, was doch mir verborgen iſt?“ „Ein Mann wie Ihr, der das Weib, das er liebt, retten möchte.“ Ehe ſich Tallien von ſeiner Ueberraſchung erholen konnte, war der Fremde fort. 6* 76 Der Rächer ging in ſein Conelave zurück, ein ganz anderer Mann.„Ich habe Zeitungen vernommen— wel⸗ cher Art, thut jetzt Nichts zur Sache,“ rief er,„die mei⸗ nen Vorſatz geändert haben. Am zehnten ſind wir für die Guillotine beſtimmt. Ich nehme meinen Rath auf Auf⸗ ſchub zurück. Robespierre kommt morgen in den Convent; da müſſen wir ihm Stirn gegen Stirn entgegentreten und ihn zermalmen. Von dem Berg ſoll gegen ihn der grimme Schatten Dantons finſter herabſchauen— von der Ebene ſollen in ihren blutigen Leichentüchern die Geſpenſter Ver⸗ gniaud's und Condorcet's aufſteigen Frappons!“ nFrappons!6 ſchrieen Alle, ſogar Barrére, zur That⸗ kraft ermannt durch die neue Kühnheit ſeines Collegen. „Frappons! il n y a que les morts qui ne reviennent pas!“ Es war auffallend(und der Umſtand findet ſich wohl in einer der Denkſchriften aus jener Zeit), daß, während dieſes Tages und der Nacht(des ſiebenten Thermidors), ein Mann, der allen frühern Ereigniſſen dieſer ſtürmiſchen Zeit fremd geblieben, in verſchiedenen Gegenden der Stadt — in den Cafés, den Clubs, den Lieblingsorten der ver⸗ ſchiedenen Faktionen geſehen wurde,— daß er, zum Er⸗ ſtaunen und Schrecken ſeiner Hörer, laut von den Ver⸗ brechen Robespierre's ſprach, und ſeinen bevorſtehenden Fall verkündigte; und wie er ſprach, regte er die Herzen der Menſchen lebhaft an, er lockerte die Bande der Furcht, er entflammte ſie mit ungewohnter Wuth und Kühnheit. Aber was ſie am meiſten überraſchte, war, daß keine — „— 77 Stimme antwortete, keine Hand ſich gegen ihn erhob— kein Günſtling ſelbſt des Tyrannen rief:„Verhaftet den Verräther!“ In dieſer Ungeſtraftheit laſen die Menſchen, wie in einem Buche, daß das Volk den Mann des Blutes verlaſſen hatte. Nur Einmal ſprang ein trotziger, ſchwarzer Jako⸗ biner auf vom Tiſche, an dem er, tüchtig zechend, ſaß, trat auf den Unbekannten zu, und ſagte:„Ich nehme Dich feſt im Namen der Republik!“ „Bürger Ariſtides,“ antwortete der Fremde flü⸗ ſternd,„geh in die Wohnung Robespierre's; er iſt nicht zu Hauſe, und in der linken Taſche der Weſte, die er noch nicht ganz vor einer Stunde ausgezogen, wirſt Du ein Papier finden; wenn Du das geleſen, komm wieder. Ich will Dich erwarten; und wenn Du dann noch Luſt haſt, mich zu verhaften, will ich Dir ohne Gegenwehr folgen. Betrachte jetzt dieſe ſſtcne Stirnen!— rühre mich jetzt an, ſo wirſt Du in Stücke geriſſen!. Dem Jakobiner war, als müßte er wider Willen ge⸗ horchen. Er ging murrend fort; er kehrte wieder; der Fremde war noch da; mille tonnerres,“ ſagte er zu ihm, „ich danke Dir; ve feige Schelm hat meinen Namen auf ſeiner Liſte für die Guillotine.“ Damit ſprang der Jakobiner Ariſtides auf den Tiſch, und brüllte:„Tod dem Tyrannen!“ 78 Elftes Kapitel. Le lendemain, 9 thermidor, Robespierre se dẽcida à prononcer son fameux discours. Vhiers, Hist. de la Revolution. Der Morgen kam herauf— des achten Thermidors. Robespierre iſt in den Convent gegangen. Er iſt hinge⸗ gangen mit ſeiner ausgearbeiteten Rede, mit ſeinen Phra⸗ ſen von Philanthropie und Tugend; er iſt hingegangen, um ſich ſeine Beute herauszuholen. Alle ſeine dienſtbaren Freunde ſind zu ſeinem Empfang gefaßt; der heftige St. Juſt iſt von den Heeren angekommen, um ſeinen Muth zu unterſtützen, ſeinen Zorn zu entflammen. Seine vmi⸗ nöſe Erſcheinung bereitete die Verſammlung auf die Kriſe vor.„Bürger,“ kreiſchte die gellende Stimme Robes⸗ pierre's,—„Andere haben Euch ſchmeichelnde Gemälde entworfen, ich komme, um Euch nützliche Wahrheiten zu verkündigen. Und man ſchreibt mir, mir allein zu, was Grau⸗ ſames oder Schlimmes verübt wird, Robespierre iſt es, der es wünſcht, Robespierre iſt es, der es gebietet. Gibt es eine neue Steuer— Robespierre iſt es, der uns zu Grunde richtet. Sie nennen mich einen Tyrannen— und warum? Weil ich mir einigen Einfluß errungen habe; aber wie? indem ich die Wahrheit redete! und Wer he⸗ hauptet, die Wahrheit ſey ohne Kraft in dem Munde der Vertreter des franzöfiſchen Volkes? Ohne Zweifel h u 32) ——— —— 79 hat die Wahrheit ihre Macht, ihre Wuth, ihren Deſpo⸗ tismus, ihre Aecente, ergreifend— ſchrecklich, wieder⸗ hallend im reinen Herzen wie im ſchuldigen Gewiſſen, und welche die Lüge ſo wenig nachmachen kann, als Sal⸗ moneus die Donnerkeile des Himmels ſchmieden konnte. Was bin ich, den man anklagt? Ein Sklave der Freiheit — ein lebender Märtyrer der Republik— das Opfer, wie der Feind, des Verbrechens! Alle Bosheit trotzt mir; und Handlungen, bei Andern rechtmäßig, ſind bei mir Verbrechen. Es genügt mich zu kennen, um verläumdet zu werden. Sogar in meinem Eifer ſelbſt ſpüren ſie meine Schuld auf! Man nehme mir mein Bewußtſeyn, ſo bin ich der Unglückſeligſte aller Menſchen!“ Er hielt inne, und Couthon wiſchte ſich die Augen⸗ und St. Juſt murmelte Beifall, indem er mit finſtern Blicken nach dem, rebelliſchen Berg ſchaute; und es herrſchte ein tödtliches, beklommenes, eiskaltes Schwei⸗ gen in der Verſammlung. Der rührende Ausbruch von Gefühl erweckte kein Echo. Der Redner ließ ſein Auge umherſchweifen. Ha! er will dieſe Fühlloſigkeit bald aufſtacheln. Er fährt fort; er rühmt, er bemitleidet ſich ſelbſt nicht mehr. Er denuncirt, er klagt an. Ueberfließend von ſeinem Gift ſpeit er es auf Alles aus. Auf Inneres, Aeuſſeres, Finanzen, Krieg— auf Alles! Gellender und ſchärfer erhob ſich ſeine Stimme: „Eine Verſchwörung eriſtirt gegen die öffentliche Freiheit. Sie verdankt ihre Stärke einer verbrecheriſchen Coalition im Schooße des Convents ſelbſt; ſie hat Mit⸗ 80 ſchuldige im Schooße des Wohlfahrts⸗Ausſchuſſes.. Was iſt das Heilmittel gegen dieß Uebel? daß man die Verräther ſtraft; daß man dieſen Ausſchuß reinigt; daß man alle Faktionen durch die Wucht des Nationalwillens zermalmt; daß man über ihren Trümmern die Macht der Freiheit und Gerechtigkeit befeſtigt. Das ſind die Grund⸗ ſätze dieſer Reform. Muß ich ein Ehrgeiziger ſeyn, weil ich ſie offen bekenne? Dann find dieſe Grundſätze geächtet, und die Tyrannei herrſcht unter uns! Denn was könnt Ihr einem Mann vorwerfen, der Recht hat, und ſich we⸗ nigſtens deſſen bewußt iſt— er weiß zu ſterben für ſein Vaterland! Ich bin geſchaffen, das Verbrechen zu bekäm⸗ pfen, nicht es zu beherrſchen. Die Zeit, ach! iſt noch nicht gekommen, wo Männer von Tugend und Würdigkeit unge⸗ ſtraft ihrem Lande dienen können. So lange die Schurken regieren, werden die Vertheidiger der Freiheit nur die Geächteten ſeyn!“ Zwei Stunden lang ertönte vor dieſer kalten und düſtern Verſammlung die gellende Todesrede. Unter Schweigen begann, unter Schweigen ſchloß ſie. Die Feinde des Redners ſcheuten ſich, Unwillen auszudrücken; ſie kannten noch nicht“genau das Verhältniß der ſtreitenden Mächte. Seine Anhaͤnger ſcheuten ſich, ihren Beifall kund zu geben; ſie wußten nicht, Wen von ihren eigenen Freunden und Verwandten die Anklagen treffen ſollten? „Sieh zu!“ flüſterte Jeder dem Andern zu,„Du biſt es, dem er droht!“ Aber obwohl ſchweigend, war doch An⸗ fangs die Verſammlung nahezu zur Fügſamkeit geſtimmt. No all nic ß W — 81¹ Noch waltete um den furchtbaren Mann der Zauber eines alles bemeiſternden Willens. Immer war er, obwohl nicht eigentlich, was man einen großen Redner nennt, doch ein entſchloſſener und kühner Meiſter im Gebrauch der Worte, und die Worte erſchienen wie Weſenheiten im Munde eines Mannes, der mit einem Kopfnicken die Truppen Henriots in Bewegung ſetzte, und das Urtheil des René Dumas, des grimmigen Präſidenten des Tribu⸗ nals, beherrſchte. Lecointre von Verſailles erhob ſich; und eine Bewegung ängſtlich geſpannter Aufmerkſamkeit ent⸗ ſtand; denn Lecvintre war Einer der grimmigſten Feinde des Tyrannen. Wer ſchildert die Beſtürzung und den Verdruß von Talliens Faktion, Wer das wohlgefällige Lächeln Couthons, als Lecvintre bloß verlangte, die Rede ſolle gedruckt werden! Alle ſchienen wie gelähmt. Endlich ſchritt Bourdon de lOiſe, deſſen Namen auf der ſchwar⸗ zen Liſte des Diktators doppelt angeſtrichen war, auf die Tribüne zu und beantragte die kecke Gegenreſolution, die Rede ſolle an die zwei Ausſchüſſe verwieſen werden, welche eben dieſe Rede anklagte. Noch immer kein Beifall von den Verſchworenen; ſie ſaßen ſtill, wie gefroren und er⸗ ſtarrt. Der ſchüchterne Barrère, immer auf der klugen Seite, ſchaute ſich rund um, ehe er aufſtand. Er ſteht auf und tritt Lecvintre bei! Jetzt ergriff Couthon den gün⸗ ſtigen Augenblick, und von ſeinem Sitz aus,(dieß Pri⸗ vilegtum war allein dem lahmen Philanthropen zugeſtan⸗ den,)“' ſuchte er mit ſeiner melodiſchen Stimme die Kriſis „Thiers in ſeiner Geſchichte V. IV. P. 79. begeht einen ſeltſa⸗ ———— 82 in einen Triumph zu verwandeln. Er verlangte, die Rede ſolle nicht nur gedruckt, ſondern auch allen Gemeinden und allen Heeren zugeſandt werden. Es ſey nothwendig, ein mißhandeltes und zerriſſenes Herz zu heilen und zu troſten. Deputirte! Der Getreueſte angeklagt, Blut ver⸗ goſſen zu haben! Ach! wenn er zum Tode Eines Unſchul⸗ digen beigetragen hätte, er würde ſelbſt das Opfer ſeines Grames werden! Schöne Zärtlichkeit!— und wie er ſprach, liebkoste er das Hündchen in ſeinem Buſen. Bravo, Couthon! Robespierre triumphirt! Die Schreckensregie⸗ rung wird beſtehen! Die alte Unterwürfigkeit, taubengleich, kehrt in die Verſammlung wieder! Sie votiren den Druck der Todesrede, und ihre Ueberſendung an alle Municipa⸗ litäten. Von den Bänken des Berges warf Tallien un⸗ ruhig, beſtürzt, ungeduldig und entrüſtet ſeine Blicke nach der Stelle, wo das den Debatten zuhörende Publikum ſaß. Und plötzlich begegnete er dem Auge des Unbekann⸗ ten, der ihm am vorigen Tage den Brief von Thereſe de Fontenai gebracht hatte. Dieſe Augen übten eine magiſche Gewalt über ihn aus, wie er ſie ſah. In ſpätern Zeiten geſtand er oft, daß ihr Blick, feſt, ernſt, halb vorwurfsvoll und doch ermuthigend und triumphirend, ihn mit neuem Leben und Muth erfüllt habe. Sie ſprachen zu ſeinem Herzen, wie die Trompete zum Schlachtroß ſpricht. Er men Verſtoß; er ſagt: Couthon s'élance à la tribune. Der arme Cvuthon, deſſen halber Leib abgeſtorben war, der ſich immer in ſeinem Stuhl in den Convent rollen ließ, und ſitzend ſprach. „ N — W N—* 83 ſtand auf von ſeinem Sitze; er flüſterte mit ſeinen Ver⸗ pündeten; der Geiſt, den er eingeſogen, war anſteckend; die Männer, welche Robespierre insbeſondere denuncirt hatte, und welche das Schwert über ihren Häuptern ſchwe⸗ ben ſahen, erwachten aus ihrer ſtarren Betäubung. Vadier, Fambon, Billaud⸗Varennes, Panis, Amar erhoben ſich mit Einemmale— Alle verlangten zugleich das Wort. Vadier wird zuerſt gehört, die Uebrigen folgen. Er brach los, der Berg mit ſeinen Feuern und ſeiner verzehrenden Lava! Fluth auf Fluth ſtürzen ſie los eine Legion von Ficeronen gegen den erſchrockenen Catilina! Robespierre ſammelt— zögert— möchte beſchränken, zurücknehmen. Sie ſchöpfen neuen Muth aus ſeiner neuen Angſt; ſie unterbrechen ihn; ſie erſticken ſeine Stimme; ſie verlangen vie Zurücknahme des Antrags. Amar beantragt von Nenem, die Rede ſolle an die Ausſchüſſe verwieſen werden — an die Ausſchüſſe! ſeine Feinde! Verwirrung, Ge⸗ töſe, Geſchrei! Robespierre hüllt ſich in ſchweigende hoch⸗ müthige Verachtung. Blaß, geſchlagen, aber noch nicht vernichtet, fteht er da, ein Sturm mitten im Sturme! Der Antrag iſt durchgegangen. Alle ſehen in dieſer Niederlage den Fall des Diktators. Ein einzelner Ruf erhob ſich von den Gallerien; er pflanzte ſich fort— er ging durch den ganzen Saal— die Verſammlung!„A bas le tyran! Vive la république!“ Zwölftes Kapitel. Auprès d'un corps aussi avili que la Conven- tion, il restait des chances pour que Robespierre Sortit vainqueur de cette lutte. Lacretelle. V. X. Als Robespierre den Saal verließ, herrſchte eine tödtliche, ahnungsvolle Stille untet dem Volksgewühle drauſſen. Der große Haufen hält es in jedem Lande mlt dem Erfolg; und die Ratten laufen aus dem einſtürzen⸗ den Thurme davon. Aber es fehlte Robespierre, obwohl an Muth, doch nie an Stolz, und der letztere vertrat oft die Stelle des erſteren; nachdenklich und mit undurch⸗ dringlicher Stirne ſchritt er durch die Menge, auf St. Juſt ſich lehnend, und Payan und ſein Bruder folgte ihnen. Als ſie auf den offenen Platz kamen, brach Robes⸗ pierre plötzlich das Schweigen.. „Wie viele Köpfe ſollten am zehnten fallen?“ „Achtzig,“ antwortetete Pahan. „Ha, wir dürfen nicht ſo lange zögern, ein Tag kann ein Reich ſtürzen, der Terrorismus muß uns noch dienen!“ Er ſchwieg einige Augenblicke und ſeine Augen ſchweiften argwohniſch durch die Straße. „St. Juſt,“ fing er auf einmal an,„man hat jenen Engländer nicht gefunden, deſſen Enthüllungen oder deſ⸗ ſen Verhör die Amar's und Tallien's zermalmt haben —— n— „„— — 85 würden. Nein, nein! meine Jakobiner ſelbſt werden ſtumpf und blind! Aber ſie haben ein Weib verhaftet!“ „Eines Weibes Hand hat Marat erdolcht,“ ſagte St. Juſt. Robespierre blieb plotzlich ſtehen und athmete ſchwer. „St. Juſt,“ ſagte er,„wenn dieſe Gefahr vorüber, wollen wir das Reich des Friedens gründen. Häuſer und Gärten für die Alten ſollen abgeſondert angelegt werden. David zeichnet ſchon die Säulengänge. Tugendhafte Män⸗ . ner ſollen ernannt werden zu Lehrern der Jugend. Alles ſ Laſter und alle Unordnung ſollen nicht ausgerottet, nein, 6 nein! nur verbannt werden! Wir dürfen noch nicht ſter⸗ hl ben, die Nachwelt kann uns noch nicht richtig beurtheilen, ft bis unſer Werk vollendet iſt. Wir haben das höchſte Weſen 5⸗ wieder zurückgeführt; wir müſſen jetzt dieſe verdorbene it Welt wieder umgeſtalten. Alles ſoll Liebe und Brüder⸗ ſchaft werden; und— ha! Simon! Simon!— halt! Euern Bleiſtift, St. Juſt!“ Und Robespierre ſchrieb haſtig.„Dieß an den Bürger Präſidenten Dumas. Mach ſchnell, Simon! Dieſe achtzig Köpfe müſſen morgen fallen— morgen, Simon! Dumas wird ihr Verhör um einen Tag beſchleunigen. Ich will an Fouquier Tinville, den öffentlichen Ankläger, ſchreiben. Wir treffen uns bei den Jakobinern heute Abend, Simon; dort wollen wir den Convent ſelbſt de unciren! dort wollen wir die letzten Freunde der Freiheit und Frankreichs um uns verſam⸗ meln.“. Ein Jauchzen ward in einiger Entfernung hinter ihnen gehört: Vive la république! 86 Das Auge des Tyrannen ſchoß einen rachgierigen Blick. „Die Republik!— pfui! Wir haben den tauſend⸗ jährigen Thron nicht umgeſtürzt für dieſe Canaille!⸗ Das Verhör, die Hinrichtung der Opfer iſt um einen Tag früher angeſetzt! Mittelſt der geheimnißvollen Einſicht, die ihn bisher geführt und be⸗ ſeelt hatte, erkannte Zanoni, daß ſeine Liſten und Künſte vergeblich geweſen. Er wußte, daß Viola gerettet war. wenn ſie den Tyrannen nur eine Stunde überlebte. Er wußte, daß Robespierre's Stunden gezählt waren, daß der zehnte Thermidor, auf welchen er urſprünglich die Hinrichtung ſeiner letzten Opfer feſtgeſetzt hatte, ihn ſelbſt auf dem Schafott ſehen werde. Zanoni hatte gearbeitet, ſich abgemüht, Plane geſchmiedet zur Beförderung des Falls des Schlächters und ſeiner Herrſchaft. Zu welchem Ende? Ein einziges Wort des Tyrannen hatte das Er⸗ gebniß von Allem vereitelt. Die Hinrichtung Viola's iſt um einen Tag früher angeſetzt. Eitler Seher, der Du Dich zum Werkzeuge des Ewigen machen wollteſt, eben die Gefahren, die jetzt den Tyrannen umringen, beſchlen⸗ nigen nur das Schickſal ſeiner Opfer! Morgen achtzig Köpfe— und darunter das Haupt, das an Deinem Her⸗ zen geruht hat! Morgen! und Marimilian iſt heute Nacht noch ungefährdet! * 8 — 87 Dreizehntes Kapitel. Erde mag zurück in Erde ſtäuben, Flegt der Geiſt doch aus dem morſchen Haus! Seine Aſche mag der Sturmwind treiben, Seine Liebe dauert ewig aus! Schiller. Morgen!— und es iſt ſchon Dämmerung! Einer nach dem andern tauchen die milden Sterne lächelnd am Himmel hervor, die Seine, mit ihren langſamen Gewäſ⸗ ſern, zittert noch im letzten Kuſſe des roſigen Tages; und noch ſchimmert im blauen Himmel die Spitze von Notre⸗ Dame; und noch dämmert am blauen Himmel die Guillo⸗ tine bei der Barriere du Tröne. Kehren wir ein in die⸗ ſem verwitterten Gebäude, einſt Kirche und Kloſter der Predigermönche, bekannt unter dem damals heiligen Na⸗ men der Jakobiner; da hatten die Jakobiner ihren Klub; da, in dem länglichten Saale, einſt die Bibliothek der friedlichen Mönche, verſammeln ſich die Anbeter des Götzen St. Robespierre. Zwei ungeheure Tribünen, an beiden Enden errichtet, enthalten die Hefe und den Ab⸗ ſchaum des wilden Pöbels— die Mehrheit dieſes Publi⸗ kums beſteht aus den Furien der Guillotine(furies de guillotine). Mitten in dem Saale find Büreau und Stuhl des Präſidenten— der Stuhl, durch die Pietät der Mön⸗ che lang bewahrt als eine Reliquie des heiligen Thomas von Aquino! Ueber dieſem Sitze grollt Brutus' herbe Buſte. Eine eiſerne Lampe und zwei Armleuchter er⸗ 88 gießen über den gewaltigen Raum einen düſtern, nebligen Strahk, in deſſen Licht die wilden Geſichter dieſes Pan⸗ dämoniums noch grimmiger und hohläugiger erſcheinen. Da kreiſcht von der Rednertribüne herab der gellende rimm Robespierre's. Inzwiſchen iſt Alles Chaos, Unordnung, halb Kühn⸗ heit, halb Feigheit, im Rathe ſeiner Feinde. Gerüchte fliegen von Straße zu Straße, von Platz zu Platz, von Haus zu Haus. Die Schwalben fliegen niedrig, und das Vieh drängt ſich zuſammen vor einem Gewitter! Und über dieſem Toben der Weſen und Leben der kurzen Stun⸗ de, allein in ſeinem Gemache, ſtand Er, über deſſen ſternbeglänzte Jugedd— ein Symbol der. unvergänglichen Blüthe des ruhig beharrenden Ideals in der verwittern⸗ den Wirklichkeit— die Wolken von Jahrhunderten hinge⸗ rollt waren. Alle die Anſtrengungen, welche gewöhnliche Liſt und Muth an die Hand geben konnten, waren vergebens ver⸗ ſucht worden. Alle ſolche Anſtrengungen waren umſonſt, wo, bei dieſen Saturnalien des Todes, ein Leben auf dem Spiele ſtand und der Zweck war. Nichts als der Fall Robespierre's hätte ſein Opfer retten können; jetzt, zu ſpät, konnte dieſer Fall ſie nur noch rächen! Noch einmal hatte ſich der Seher, in dieſer letzten Todesangſt der Aufregung und Verzweiflung, in die Ein⸗ ſamkeit geflüchtet, um wieder den Beiſtand oder Rath jener geheimnißvollen Zwiſchenmächte zwiſchen der Erde und dem Himmel anzurufen, welche dem Verkehr mit dem — 8 89 Geiſte entſagt hatten, als er ſich den gemeinen Banden der Sterblichen unterworfen. In der gewaltigen Sehn⸗ ſucht und Qual ſeines Herzens lag vielleicht eine noch nicht aufgebotene Kraft; denn Wer hat noch nicht em⸗ pfunden, daß die Heſtigkeit des äußerſten Schmerzens viele der ſtärkſten Feſſeln der Schwäche und des Zweifels durchſchneidet und zerreißt, welche die Seelen der Men⸗ ſchen an das dumpfe Dunkel der Stunde ketten, und daß aus der Wolke und dem Gewitter oft der olympiſche Adler hervorbricht, der uns empor rafft! Und die Beſchwörung wurde gehört— die Binde der Sinne zerriß vor dem geiſtigen Geſichte. Er ſchaute hin und ſah— nein, nicht das Weſen, das er gerufen, mit ſeiner Bildung aus Licht und dem unausſprechlich fried⸗ lichen Lächeln— nicht ſeinen Vertrauten, Adon Ai, den Sohn der Herrlichkeit und des Sterns— ſondern die Un⸗ heilbedeutende, die dunkle Chimära, die unverſöhnliche Feindin, Bosheit und Triumph lodernd in ihren hölliſch glühenden Augen. Das Geſpenſt, nicht mehr ſich kauernd und in den Schatten zurückziehend, ſtand vor ihm, rie⸗ ſenhaft und aufgerichtet— das Geſicht, deſſen Schleier noch keine ſterbliche Hand aufgehoben, noch verdeckt, aber die Geſtalt deutlicher, körperhafter, und wie eine Atmoſphã⸗ re, Grauen, Wuth und Scheue um ſich verbreitend. Wie ein Eisberg erkältete der Hauch dieſes Weſens die Luft; wie eine Wolke erfüllte es das Gemach, und ſchwärzte den Himmel, daß man die Sterne nicht mehr ſah. „Sieh da!“ ſagte ſeine Stimme,„da bin ich wie⸗ Bulwer's Romane. C. 7 90 der. Du haſt mich einer geringeren Beute beraubt. Jetzt entkleide Dich ſelbſt Deiner Macht! Dein Leben hat Dich verlaſſen, um im Herzen einer Tochter des Beinhauſes und des Wurms zu leben. In dieſem Leben komme ich zu Dir mit meinem unerbittlichen Schritte! Du biſt zurück⸗ gekehrt zur Schwelle— Du, deſſen Fuß die Grenzen des Unendlichen berührte! Und wie das Geſpenſt ſeiner Phan⸗ taſie ein Kind im Dunkeln erfaßt, ſo packe ich Dich, Mäch⸗ tiger, der Du den Tod beſiegen wollteſt!“ „Zurück zu Deiner Knechtſchaft, Sklavin! wenn Du gekommen biſt auf den Ruf einer Stimme, die Dich nicht forderte, ſo iſt es wieder nicht um zu befehlen, ſondern um zu gehorchen! Du, durch deren Flüſtern ich das Gut des Lebens Derjenigen gewann, die mir theurer und lieber ſind als mein eignes Leben— ich befehle Dir, nicht ver⸗ möge Spruches und Zaubers, ſondern mit der Kraft einer Seele, die mächtiger iſt als die Bosheit Deines Weſens, diene Du mir wieder, und ſprich wieder aus das Geheim⸗ niß, das das Leben derer retten kann, die Du, mit Zu⸗ laſſung des Allgebieters der Welt, noch eine Weile mir gelaſſen haſt im Tempel von Staub!“ Gleiſſender und verzehrender brannte der Glanz in jenen glotzenden Augen; noch ſichtbarer und koloſſaler erhob ſich die ſich dehnende Geſtalt; ein noch trotzigerer und verachtenderer Haß ſprach aus der Stimme, die alſo antwortete:„Meinteſt Du, meine Gahe werde etwa an⸗ ders ſeyn als Dein Fluch? Ein Glück fur Dich, hätteſt Du getrauert über den Tod, der von der milden Hand ————— ————————— 91 der Natur kommt, hätteſt Du nie erfahren, wie der Name Mutter das Antlitz der Schönheit weiht und heiligt, und nie, über Deinen Erſtgebornen Dich beugend, die unvergängliche Süßigkeit der Naturliebe empfunden! Sie wurden gerettet— wofür? die Mutter, damit ein gewalt⸗ ſamer, ſchmählicher, blutiger Tod ſie hinraffe— daß des Scharfrichters Hand das glänzende Haar zurückſchiebe, das Deine Bräutigamsküſſe anlockte und gefangen nahm— das Kind, der erſte und letzte Sprößling von Dir, mit welchem Du hoffteſt, ein Geſchlecht zu gründen, das mit Dir die Muſik der himmliſchen Harfen vernehmen und an der Seite Deines vertrauten Geiſtes, Adon⸗Ai, durch die azurnen Ströme der Freude dahinſchweben ſollte— das Kind, um einige wenige Tage zu leben wie ein Schwamm in einem Grabgewölbe, ein Ding des ekelhaf⸗ ten Kerkers, ſterbend durch Grauſamkeit, Vernachläſſigung und Hunger. Ha, ha! Du, der Du dem Tode trotzen möchteſt, erfahre, wie die vom Tode Befreiten ſterben, wenn ſie Sterbliche zu lieben wagen. Jetzt Chaldäer, ſchau meine Gaben! Jetzt ergreife ich Dich und hülle Dich in die Peſt meiner Gegenwart; jetzt ſollen immerdar, bis Deine lange Bahn zu Ende, meine Augen in Dein Hirn brennen, und meine Arme ſollen Dich umklammern, wenn Du die Flügel des Morgens nehmen, und fliehen woll⸗ teſt vor der Umarmung der Nacht!“ „Ich ſage Dir, nein! Und wieder zwinge ich Dich, ſprich und antworte dem Herrn, der ſeinen Sklaven ge⸗ bieten kann. Ich weiß, obgleich meine Erkenntniß mich 7* 92 verläßt, und die Rohre, die ich umklammere, mir in die Bruſt dringen, ich weiß doch, daß geſchrieben iſt, daß das Leben, um welches ich ſtreite, gerettet werden kann vor der Hand des Henkers. Du hüllſt ihre Zukunft in das Dunkel Deines Schattens, aber Du kannſt ſie nicht geſtal⸗ ten. Du kannſt vielleicht das Gegengift vorher anzeigen; Du kannſt das Verderben nicht bewirken. Ich erpreſſe von Dir das Geheimniß, obgleich es für Dich eine Qual ſeyn mag, es zu nennen. Ich nähere mich Dir— ich ſchaue Dir unverzagt in die Augen. Die Seele, die liebt, kann Alles wagen. Schatten, ich trotze Dir und zwinge Dich!“ Das Geſpenſt ſank zuſammen und wich zurück. Wie ein Dunſt, der abnimmt, ſo wie die Sonne ihn beſcheint und durchdringt, ſchrumpfte die Geſtalt zuſammen und duckte ſich zwerghaft in dämmernder, trüber Ferne, und durch das Fenſter glänzten wieder die Sterne. „Ja,“ ſagte die Stimme, mit ſchwachem und hoh⸗ lem Tone,„Du kannſt ſie retten aus den Händen des Scharfrichters; denn es iſt geſchrieben, daß das Opfer retten kann. Ha, ha!“ Und die Geſtalt dehnte ſich plötz⸗ lich wieder aus zu ihrer düſtern, rieſenhaften Höhe und ihr geſpenſtiſches Lächeln triumphirte, wie wenn der einen Augenblick getäuſchte Feind ſeine Macht wieder ge⸗ wonnen hätte.„Ha, ha! Du kannſt ihr Leben retten, wenn Du das Deinige opfern willſt! Haſt Du darum dahin⸗ ſtürzende Reiche und zahlloſe Generationen Deiner Gat⸗ tung überlebt? Endlich ſoll doch der Tod Dich zurückfor⸗ dern? Möchteſt Du ſie retten?— ſtirb für ſie! Falle, die daß ann das tal⸗ en; von eyn aue nn 5 Wie eint und und oh⸗ des fer ö⸗ und der ge⸗ enn in⸗ zat⸗ for⸗ 93 o ſtattliche Säule, über welcher Sterne, jetzt noch nicht geſtaltet, erglänzen mögen— falle, damit die Pflanze zu Deinen Füßen einige Stunden länger das Sonnenlicht und den Thau trinke! So ſtumm! Biſt Du bereit zu dem Opfer? Sieh, der Mond geht auf am Himmel. Du Schöner und Weiſer, ſoll er morgen auf Deine enthaup⸗ tete Staubhülle niederlächeln?“ „Zurück! denn meine Seele, Dir antwortend aus Tiefen, wo Du ſie nicht hören kannſt, hat wieder all ihre Herrlichkeit gewonnen; und ich höre die Schwingen Adon⸗ Ai's melodiſch durch die Luft gleiten.“ Er ſprachs; und mit einem leiſen Schrei getäuſch⸗ ten Gewinns und Haſſes war das Weſen verſchwunden, und durch das Zimmer rauſchte plötzlich und glänzend das ſilberne Lichtweſen. Wie der himmliſche Beſuch in der Atmoſphäre ſei⸗ nes eignen Glanzes ſtand, und dem Theurgen mit einer Miene voll unausſprechlicher Zärtlichkeit und Liebe ins Antlitz ſah, da ſchien der ganze Raum erhellt von ſeinem Lächeln. Entlang die blaue Luft draußen, von dem Ge⸗ mach an, wo ſeine Schwingen Halt gemacht hatten, bis zum fernſten Stern in der azurnen Unermeßlichkeit ſchien die Spur ſeines Fluges ſichtbar zu ſeyn in einem langen Lichtſtreif im Aether, ähnlich der Mondſcheinſäule auf der See. Wie die Blume, die Duft ausſtrömt, als eigentli⸗ chen Hauch ihres Lebens, ſo war die Ausſtrömung der Gegenwart dieſes Weſens— Wonne. Ueber die Welt hatten, wie millionenmal ſchneller als Licht, als Elektri⸗ eität, der Sohn der Herrlichkeit an die Seite der Liebe geeilt war, ſeine Schwingen Entzücken ausgeſchüttet, wie der Morgen Thau ausgießt. Für dieſen kurzen Augen⸗ blick hatte die Armuth aufgehört zu trauern, die Krankheit war von ihrer Veute geflohen, und die Hoffnung hauchte einen Traum vom Himmel in die Nacht der Verzweiflung. „Du haſt Recht,“ ſagte die melodiſche Stimme. „Dein Muth hat Deine Kraft wieder hergeſtellt. Noch einmal, in den irdiſchen Gefilden, zaubert mich Deine Seele zu ſich her. Weiſer jetzt, in dem Augenblick, wo Du den Tod begreifſt, als damals, wie Dein entfeſſelter Geiſt das hehre Geheimniß des Lebens kennen lernte, brin⸗ gen Dir die menſchlichen Gefühle und Neigungen, die Dich eine Weile unfrei machten und demüthigten, in dieſen letzten Stunden Deiner Sterblichkeit das erhabenſte Erbtheil Deines Geſchlechts— die Ewigkeit, die mit dem Grabe beginnt!“ „O Adon⸗Ai,“ ſagte der Chaldäer, um deſſen Ge⸗ ſtalt, umſtrömt von dem Glanze des himmliſchen Beſu⸗ ches, eine ſtrahlendere Herrlichkeit als die menſchlicher Schönheit ſich legte, ſo daß er ſchon der Ewigkeit anzuge⸗ hören ſchien, von welcher der Lichtgeiſt ſprach,„wie oft Menſchen, ehe ſie ſterben, die ihnen zuvor verborgenen Räthſel ſehen und begreifen,*ſo ſehe ich in dieſer Stun⸗ *Der größte Dichter, und einer der edelſten Denker der neueſten Zeit, ſagte auf ſeinem Sterbebette:„Vieles, was mir früher dunkel geweſen, klärt ſich mir auf und wird mir ſichtbar.“ Vergl. Carlyle's Leben Schillers. — be vie n⸗ eit te g. e. ch ne vo er n⸗ ie in ſte m 95 de, wo das Opfer meines Selbſts für ein anderes das Daſeyn von Jahrhunderten zu ſeinem Ziele führt, die Kleinheit des Lebens, verglichen mit der Majeſtät des Todes; aber, oh, himmliſcher Tröſter, ſelbſt jetzt noch⸗ ſelbſt in Deiner Gegenwart, betrüben mich die Gefühle des Herzens, die mich zum Opfer begeiſtern. Sie, für die ich ſterbe, zurückzulaſſen in dieſer ſchlimmen Welt, ohne Hülfe, ohne Schutz! die Gattin! das Kind oh! ſprich mir hier Troſt ein „Und was,“ ſagte der Beſuch mit einem leiſen Ac⸗ cent des Vorwurfs im Tone himmliſchen Mitleids,„was mit all Deiner Weisheit und Deinen ſternglänzenden Ge⸗ heimniſſen— mit all Deinem Reiche der Vergangenheit und Deinen Geſichten der Zukunft— was biſt Du gegen den Alles Lenkenden und Allwiſſenden? Kannſt Du immer noch wähnen, Deine Gegenwart auf Erden vermöge den Herzen, die Du liebſt, den Schutz zu verleihen, welchen die Niedrigſten empfangen von den Schwingen des We⸗ ſens, das im Himmel lebt? Sey Du ohne Sorge um ihre Zukunft! Ob Du lebſt oder ſtirbſt, ihre Zukunft iſt die Sorge des Höchſten! In den Kerker und aufs Schafott blickt immerdar Sein Auge, der zärtlicher iſt als Du in der Liebe, weiſer als Du in ſeiner Führung, mächtiger als Du zu retten!“ Zanoni beugte ſein Haupt; und als er wieder auf⸗ ſah, war der letzte Schatten von ſeiner Stirne verſchwun⸗ den. Der himmliſche Beſuch war weg; aber immer noch ſchien die Glorie ſeiner Gegenwart den Ort zu erhellen; zücken zu flüſtern. Und ſo wird es immer ſeyn bei denje⸗ nigen, die einmal, ſich ganz vom Leben losmachend, den Beſuch des Engels des Glaubens empfangen haben. Einſamkeit und Welt behalten den Glanz, und er ſchwebt noch wie ein Heiligenſchein über ihren Gräbern! Vierzehntes Kapitel. Dann zur Blumenflur der Sterne Aufgeſchauet liebewarm, Faſſ' ihn freundlich Arm in Arm, Trag' ihn in die blaue Ferne. Uhland. Er ſtand auf dem hohen Balkon, der die ruhige Stadt überſchaute. Obgleich in der Ferne die heftigſten Leidenſchaften der Menſchen geſchäftig waren an dem Ge⸗ webe des Kampfes und Verderbens, lag doch Alles, was ſich ſeinen Blicken darbot, friedlich und ſtill in den Strah⸗ len des Sommermondes, denn ſeine Seele war empor⸗ gerafft über die Menſchen und des Menſchen enge Sphäre, und nur die heitere Schönheit der Schöpfung war dem Auge des Sehers gegenwärtig und vorhanden. Da ſtand er, allein und nachdenklich, um den letzten Abſchied zu nehmen von dem wunderbaren Leben, das ſein geweſen war. Die Gefilde des Raumes durchſchweifend, ſchaute er immer noch ſchien die einſame Luft in zitterndem Ent⸗ NW M S n 8 97 die duftgewobenen Geſtalten, deren harmoniſche Freuden ſein Geiſt ſo oft getheilt hatte. Da kreisten ſie, Gruppe an Gruppe, in dem Sternenſchweigen, vielgeſtaltig in der undenkbaren Schönheit eines von ambroſiſchem Thau und vom heiterſten Licht genährten Daſeyns. In ſeiner Ver⸗ zückung ſah er das ganze Weltall ſich vor ihm ausdehnen; in den grünen Thälern der Ferne ſah er die Tänze der Feen; in den Eingeweiden der Berge ſchaute er das Ge⸗ ſchlecht, das die ſchwere ſchweflige Luft der Vulkane ath⸗ met, und ſich vor dem Licht des Himmels verbirgt; auf jedem Blatt in den zahlloſen Wäldern, in jedem Tropfen der grenzenloſen Meere ſchaute er deren eigenthümliche, wimmelnde Welten; weit oben, im fernſten Blau, ſah er Ball um Ball zur Geſtalt reifen, und Planeten von dem Centralfeuer ſich losreißen, um ihre zehntauſendjährige Tagereiſe anzutreten. Denn überall in der Schöpfung iſt der Athem des Schöpfers, und überall, wo ſein Athem weht, iſt Leben! Und allein, in weiter Ferne, ſchaute der Einſame ſeinen Bruder Magier. Da ſaß, beſchäftigt mit ſeinen Zahlen und ſeiner Kabbala, unter den Ruinen Roms, leidenſchaftlos und ruhig in ſeiner Zelle der my⸗ ſtiſche Mejnour; fortlebend, lebend, ſo lange die Welt dauert, gleichgültig ob ſein Wiſſen Wohl oder Wehe ſchafft; ein inſtinktmäßiger Diener und Förderer eines liebevolleren und weiſeren Willens, der jede Kraft und jeden Trieb zu ſeinen unerforſchlichen Planeten lenkt. Er lebt — lebt immer fort— wie die Wiſſenſchaft, die ſich allein um Erkenntniß kümmert, und ſich nicht mit der Erwägung 98 aufhält, wie die Erkenntniß das Glück fördere; wie der Fortſchritt der Menſchheit, durch die Civiliſation hinbrau⸗ ſend, auf ſeinem Gang Alle zermalmt, die ſich nicht an ſeinen Rädern feſtzuhalten vermögen,* und immer mit ihrer Kabbala und ihren Zahlen fortlebt, um mit ihren blutloſen Bewegungen das Ausſehen der bewohnten Welt zu verwandeln! Und„Oh, fahre wohl Du Leben!“ murmelte der er⸗ habene Träumer.„Süß, o Leben, biſt Du mir geweſen. Wie unergründlich Deine Freuden— wie entzückt iſt meine Seele vorgedrungen auf den höhern Pfaden! dem, der immer ſeine Jugend erneut in der klaren Quelle der Na⸗ tur, wie wonnevoll iſt dem ſchon das bloße Licht des Da⸗ ſeyns! Lebt wohl, Ihr Lampen des Himmels, und Ihr Millionen Geſchlechter, Ihr Volk der Lüfte! Nicht ein Stäubchen im Strahl, nicht eine Pflanze auf dem Berg, nicht ein Kieſel am Strand, nicht ein in die Wildniß weit⸗ * Ihr koloniſirt die Länder der Wilden mit dem Anglo⸗Sächſi⸗ ſchen Stamme— Ihr civiliſirt dieſen Theil der Erde: aber wird der Wilde eiviliſirt? Er wird ausgerottet! Ihr häuft Maſchinen auf Maſchinen— Ihr vermehrt die Geſammt⸗ maſſe des Reichthums; aber was wird aus der Arbeit, die Ihr verdrängt? Eine Generation wird der nächſten geop⸗ fert. Ihr verbreitet Kenntniſſe— und die Welt ſcheint hel⸗ ler zu werden; aber Unzufriedenheit mit der Armuth tritt an die Stelle der mit ihrer Krume zufriedenen Unwiſſenheit. Jede Verbeſſerung, jeder Fortſchritt in der Civiliſation benach⸗ theiligt die Einen, um Andern zu nützen und ſteigert entweder den Mangel des heutigen Tages, oder bereitet die Revolu⸗ tion für morgen vor. Stephan Montague. 99 hin verwehtes Samenkorn, das nicht beigetragen hätte zu der Erkenntniß, die in allem das Prinzip des Lebens, das Schöne, das Freudige, das Unſterbliche ſuchte! An⸗ dern iſt ein Land, eine Stadt, ein Herd ihre Heimath geweſen; meine Heimath war, wohin das Auge der Seele dringen, wo der Geiſt die Luft athmen konnte!“ Er ſchwieg, und durch den grenzenloſen Raum ge⸗ wandert, blieb ſein Auge und ſein Herz, den traurigen Kerker durchdringend, auf ſeinem Kinde ruhen. Er ſah es ſchlummern in den Armen der blaſſen Mutter und ſeine Seele ſprach zu der ſchlafenden Seele.„Vergib mir, wenn mein Wunſch Sünde war; ich träumte Dich zu der gött⸗ lichſten Beſtimmung, die meine Geſichte zu erſchauen ver⸗ mochten, heranzuziehen und zu bilden; frühe ſchon, ſo⸗ bald der ſterbliche Theil gegen Krankheit gekräftet wäre, das geiſtige Element von jeder Sünde zu reinigen; Dich⸗ Himmel um Himmel, durch die heiligen Ertaſen zu führen, welche das Daſeyn der höhern Weſengattungen ausma⸗ chen; aus Deinen erhabenen Gefühlen die reine und un⸗ zerſtörbare Gemeinſchaft zwiſchen Deiner Mutter und mir zu bilden und zu befeſtigen. Der Traum blieb ein Traum — er iſt verſchwunden! Selbſt im Angeſicht des Grabes fühle ich endlich, daß durch die Pforten des Grabes die wahre Einweihung zur Weisheit und Heiligkeit geht. Jen⸗ ſeits dieſer Pforten erwarte ich Euch Beide, geliebte Pil⸗ grime!“ Von ſeinen Zahlen und ſeiner Kabbala fuhr Mej⸗ nour in ſeiner Zelle unter den Ruinen Roms empor, 100 ſchaute auf, und empfand im Geiſte, daß der Geiſt ſeines treuen Freundes mit ihm beſchäftigt war. „Lebe Du wohl für immer auf dieſer Erde! Dein letzter Genoſſe ſcheidet von Deiner Seite. Dein Alter über⸗ lebt Aller Jugend,— und der letzte Tag wird Dich noch finden, unſere Gräber betrachtend. Ich gehe mit freiem Willen ins Land der Finſterniß; aber neue Sonnen und Syſteme flammen um uns auf hinter dem Grabe. Ich gehe dahin, wo die Seelen derjenigen, um welcher willen ich die irdiſche Hülle hingebe, meine Genoſſen in ewiger Jugend ſeyn werden. Endlich erkenne ich die ächte Prü⸗ fung und den wahren Sieg. Mejnour, wirf Dein Elixir weg! lege die Bürde Deiner Jahre ab! Wohin immer die Seele wandern mag, die ewige Seele aller Dinge waltet immer ſchützend über ihr!“ Fünfzehntes Kapitel. Us ne veulent plus perdre un moment d'une nuit si précieuse. Lacretelle. T. XII. Es war ſpät in der Nacht und René⸗Francois Du⸗ mas, Präſident des Revolutionstribunals war, vom Ja⸗ kobinerclub zurückgekehrt, wieder in ſein Cabinet getreten. Ihn begleiteten zwei Männer, von denen man ſagen konn⸗ te, daß ſie, der Eine die moraliſche, der Andere die phy⸗ 101 ſiſche Gewalt der Schreckensherrſchaft vertraten; Fou⸗ quier⸗Tinville, der öffentliche Ankläger, und Frangois Henriot, der General der Pariſer Nationalgarde, dieß furchtbare Triumvirat war verſammelt, um über die Schritte und Maßregeln des nächſten Tages zu berathen; und die drei Zauberſchweſtern, über ihrem hölliſchen Keſ⸗ ſel, waren kaum von einem teufliſcheren Geiſte beſeelt, oder mit abſcheulicheren Anſchlägen beſchäftigt, als dieſe drei Helden der Revolution in ihrer Berathung des Blut⸗ bades für den nächſten Tag. Dumas hatte ſich in ſeiner äußeren Erſcheinung nur wenig verändert, ſeit er, in dem frühern Theile dieſer Erzählung, dem Leſer vorgeführt worden, außer daß ſein Benehmen raſcher und ſtrenger, und ſein Auge noch raſt⸗ loſer war. Aber er erſchien beinahe wie ein höheres Weſen neben ſeinen Genoſſen. René Dumas, von acht⸗ baren Eltern geboren, und gut erzogen, war trotz ſeiner Grauſamkeit nicht ohne eine gewiſſe Feinheit, die ihn vielleicht dem pünktlichen und förmlichen Robespierre um ſo annehmlicher machte.“ Henriot aber war ein Lakai, ein Dieb, ein Polizeiſpion geweſen! er hatte das Blut der Madame de Lamballe getrunken, und ſich zu ſeiner dama⸗ ligen Stellung nur durch ſeine Schlechtigkeit emporge⸗ ſchwungen; und Fouquier Tinville, der Sohn eines Land⸗ wirths in der Provinz und nachher Schreiber auf dem Polizei⸗Büreau, war nicht viel weniger gemein in ſeinem *Dumas war ein Stutzer in ſeiner Art. Sein Galakleid war ein blutrother Rock von den feinſten Spitzen. 102 Benehmen; und durch eine gewiſſe ekelhafte Spaßma⸗ cherei noch empörender in ſeinen Reden; ſtierköpfig mit einer ſchmalen und fahlen Stirne, mit kleinen Augen, die immer in unheimlicher Bosheit blinzelten, grob und ſtark gebaut, ſah er dem ganz gleich, was er auch war: dem kecken Schreier eines geſetz⸗ und erbarmungsloſen Ge⸗ richtsſaals. Dumas putzte die Lichter, und beugte ſich auf die Liſte der Schlachtopfer für morgen. „Es iſt ein langes Verzeichniß!“ ſagte der Präſident; „achtzig Verhöre für Einen Tag. Und Robespierre's Be⸗ fehl, den ganzen Schub zu erledigen, iſt unzweideutig.“ „Pah!“ ſagte Fouquier mit einem rohen, lauten Ge⸗ lächter,„wir müſſen ſie en masse verhören. Ich weiß ſchon mit unſerer Jury umzuſpringen. Je pense, Ci- toyens, que vous étes convaincus du crime des ac- cusés? Ha, ha! je länger die Liſte, deſto kürzer die Arbeit!“ „Ach ja!“ brummte Henriot mit einem Fluch, wie gewöhnlich halb betrunken und auf einem Stuhl ſich deh⸗ nend, die Füße mit den Sporen auf dem Tiſche—„der kleine Tinville iſt der Mann für ſchnelle Erledigung!“ „Bürger Henriot,“ ſagte Dumas ernſt,„erlaube mir, Dich zu bitten, Dir einen andern Schemel zu wäh⸗ len; und im Uebrigen laß mich Dich warnen, daß mor⸗ gen ein kritiſcher und wichtiger Tag iſt; ein Tag, der Frankreichs Schickſal entſcheiden wird.“ „Ich frage den Teufel nach dem kleinen Frankreich! — 103 Vive le vertueux Robespierre, la Colonne de la ré- publique! Die Peſt über dieß Geſchwätze; es iſt trockenes Zeug. Haſt Du kein eau-de- vie in dem kleinen Schranke?“ Dumas und Fouquier wechſelten Blicke des Ekels, Dumas zuckte die Achſeln und ſagte: „Um Dich vor dem eau-de-vie zu bewahren, Bür⸗ gergeneral Henriot, habe ich Dich hieher zu mir geladen. Höre zu, wenn Du kannſt!“ „Oh! ſprich nur zu! Dein métier iſt Schwatzen, meines Fechten und Trinken!“ „Morgen alſo ſage ich Dir, wird das Volk auf den Beinen ſeyn; alle Faktionen werden ſich regen. Es iſt wahrſcheinlich genug, daß ſie ſelbſt unſere Karren auf dem Weg nach der Guillotine aufzuhalten ſuchen werden. Halte Deine Mannſchaft unter den Waffen und bereit; halte die Straßen ſauber; hau ohne Erbarmen nieder, Wer ſich immer Dir in den Weg ſeellt!“ „Ich verſtehe,“ ſagte Henriot, an ſein Schwert ſo laut ſchlagend, daß Dumas halb zuſammenfuhr bei dem Geraſſel,— bder ſchwarze Henriot iſt Keiner von den Nachſichtigen!“ „So ſieh denn wohl zu, Bürger, ſieh zu! Und höre,“ fuhr er mit ernſter und düſterer Stirne fort,„wenn Du Deinen eigenen Kopf auf den Schultern behalten 1 willſt, hüte Dich vor dem eau-de-vie!“ „Meinen eigenen Kopf! saéré mille tonnerres! Drohſt Du dem General der Pariſer Armee?“ Dumas, wie Robespierre, ein pünktlicher, ſchwarz⸗ 104 gallichter und hochmüthiger Mann, ſtand im Begriff, in ähnlichem Ton zu antworten, als der ſchlauere Tinville ihm die Hand auf den Arm legte, und zu dem General ſich wendend, ſagte:„Mein lieber Henriot, Dein uner⸗ ſchrockener Republikanismus, der allzu geneigt, Anſtoß zu geben, muß lernen eine Rüge von dem Vertreter des republikaniſchen Geſetzes hinzunehmen. Im Ernſt, mon cher, Du mußt die nächſten drei oder vier Tage nüchtern ſeyn; wenn die Kriſis vorüber, wollen wir, Du und ich, eine Flaſche mit einander trinken. Komm, Dumas, laß Dein herbes Weſen fahren, und ſchüttle unſerem Freund die Hand. Nur keinen Hader unter uns ſelbſt!“ Dumas beſann ſich, und ſtreckte dann die Hand aus, die der Unhold drückte; trunkene Thränen folgten auf ſei⸗ nen wilden Trotz und halb ſchluckend halb ſchluchzend ſtammelte er die Betheuerungen ſeiner Bürgergeſinnung und das Verſprechen der Nüchternheit heraus. „Gut, wir verlaſſen uns auf Dich, mon Général, ſagte Dumas,„und jetzt, da wir Alle für morgen rüſtiger Kraft benöthigt ſind, geh heim und ſchlafe geſund!“ „Ja, ich vergebe Dir, Dumas— ich verzeihe Dir. Ich bin nicht rachſüchtig— ich! Aber doch, wenn Einer mir droht— wenn Einer mich beſchimpft—“ und wieder, wie die Wechſel der Stimmung beim Rauſch ſich ſchnell folgen, ſprühten ſeine Augen Feuer durch die ſchnöden Thränen hindurch. Mit einiger Schwierigkeit gelang es endlich Fouquier, das Unthier zu begütigen und aus dem Zimmer zu führen. Aber immer noch, wie eine wilde fü —— M— 105 Beſtie, der ihre Beute entgangen, grollte und brummte er, während ſein ſchwerer Schritt die Treppe hinunter⸗ klirrte. Ein großer Soldat zu Pferd, führte Henriots Pferd die Straßen auf und ab; und wie der General unter dem Thor wartete, bis ſein Untergebener umkehrte, redete ihn ein an der Mauer ſtehender Fremder an: „General Henriot, ich habe mit Dir zu ſprechen ge⸗ wünſcht. Der Nächſte an Robespierrẽ biſt Du, oder ſollteſt Du ſeyn, der mächtigſte Mann in Frankreich.“ „Hm— ja, ich ſollte es ſeyn. Was dann? Nicht Jeder hat, was ſeinen Verdienſten gebührt!“ „Still!“ ſagte der Fremde, Dein Sold iſt kaum Deinem Rang und Deinen Bedürfniſſen gemäß.“ „Das iſt wahr.“ „Selbſt in einer Revolution ſorgt doch Einer gern* für ſein Vermögen!“ „Diable, ſprich frei heraus, Bürger!“ „Ich habe tauſend Goldſtücke bei mir; ſie ſind Dein, wenn Du mir Eine kleine Gunſt bewilligſt!“ „Bürger, ich ſage ſie zu!“ ſagte Henriot, maje⸗ ſtätiſch ſeine Hand ſchwenkend.„Etwa einen Schurken zu denunciren, der Dich beleidigt hat?“ „Nein; ſondern nur einfach dieß: ſchreibe folgende Worte an den Präſidenten Dumas— Laß den Ueber⸗ bringer dieſes vor Dich; und wenn Du ihm die Bitte, die er Dir vorträgt, gewähren kannſt, wird es eine unſchätz⸗ bare Verpflichtung ſeyn für Frangvis Henriot?“ Mit die⸗ Bulwer's Romane. C. 8 106 ſen Worten gab der Fremde Bleiſtift und Brieftaſche in die zitternden Hände des Soldaten. „Und wo iſt das Gold?“ „Hier!“ Mit einiger Schwierigkeit kritzelte Henriot die ihm angegebenen Worte hin, griff gierig nach dem Golde, be⸗ ſtieg ſein Pferd und war weg. Inzwiſchen ſagte Fouquier, nachdem er die Thüre hinter Henriot geſchloſſen, ſcharf:„Wie kannſt Du ſo wahnſinnig ſeyn und dieſen Spitzbuben in Harniſch jagen? Weißt Du nicht, daß unſere Geſetze Nichts ſind ohne die phyſiſche Stärke unſerer Nationalgarde, und daß er ihr Führer iſt?“ „Ich weiß ſo Viel, daß Robespierre muß wahnſin⸗ nig geweſen ſeyn, wie er dieſen Trunkenbold an ihre Spitze ſtellte, und beherzige meine Worte, Fouquier, wenn es zum Kampf kommt, wird dieſes Menſchen Un⸗ fähigkeit und Feigheit uns verderben! Ja, Du erlebſt es vielleicht ſelbſt, Deinen geltebten Robespierre anzukla⸗ gen, und in ſeinem Fall mit unterzugehen.“ „Bei all dem müſſen wir uns gut mit ihm ſtellen, bis wir Gelegenheit finden, ihn zu faſſen und zu köpfen. Um ſicher zu ſeyn, müſſen wir denen ſchmeicheln, die noch im Beſitz der Macht ſind, und um ſo mehr, je mehr wir wünſchen ſie abzuſetzen. Glaube nicht, daß dieſer Henriot, wenn er morgen aufwacht, Deine Drohungen vergißt. Er iſt der Rachſüchtigſte von allen Menſchen. Du mußt morgen früh zu ihm ſchicken und ihn begütigen.“ au ge ru ric m 107 „Recht,“ ſagte Dumas überzeugt.„Ich war zu ha⸗ ſtig; und jetzt glaube ich, haben wir weiter Nichts zu thun, da wir Alles angeordnet, um mit unſerem Schube morgen kurzen Prozeß zu machen. Ich ſehe auf der Liſte einen Schuft, den ich ſchon lange im Wurf hatte, ob⸗ gleich ſein Verbrechen mir einſt ein Legat verſchaffte— Nicot, den Hebertiſten.“ „Und den jungen Dichter André Chenier? Ach, ich vergaß; den haben wir heute geköpft! Die revolu⸗, tionäre Tugend ſteht auf ihrem Gipfelpunkt. Sein eige⸗ ner Bruder ließ ihn im Stich!“ „Da iſt eine Ausländerin— eine Italienerin— auf der Liſte; aber ich kann nicht finden, daß eine Anklage gegen ſie vorliegt.“ „Einerlei; wir müſſen ſie hinrichten laſſen um der runden Zahl willen; achtzig klingt beſſer als neunund⸗ ſiebzig.“ Hier brachte ein Huiſſier ein Papier, darauf Hen⸗ riots Bitte geſchrieben war. „Ha! das iſt glücklich,“ ſagte Tinville, welchem * Sein Bruder ſoll wirklich zur Verurtheilung dieſes tugend⸗ haften und berühmten Mannes mitgewirkt haben. Man hörte ihn laut rufen:„Si mon frère est coupable, qu'il pe- risse!“ Dieſer Bruder, auch Dichter und Verfaſſer von Char- les IX., ſo gefeiert in den früheren Zeiten der Revolution, erfreute ſich natürlich, nach der in der Welt herkömmlichen Gerechtigkeit, einer triumphreichen Laufbahn und wurde auf dem Champ de Mars als premier des postes frangais aus⸗ gerufen— ein Name, der ſeinem gemordeten Bruder gebührte. 8* 108 Dumas das Blatt hinſchob,—„gewähre die Bitte un⸗ bedingt; wenigſtens ſofern ſie nicht unſere Liſte von Kö⸗ pfen vermindert. Aber ich will Henriot die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, zu bezeugen, daß er nie bittet loszu⸗ laſſen, ſondern zu packen. Gute Nacht! Ich bin erſchöpft — mein Geleite wartet unten; nur bei ſolchen Veranlaſ⸗ ſungen wage ich mich überhaupt Nachts auf die Stra⸗ ßen.““ Und mit einem langen Gähnen verließ Fouquier das Zimmer. „Laß den Ueberbringer ein!“ ſagte Dumas, der welk und eingetrocknet, wie prakticirende Rechtsmänner es meiſt ſind, ſo wenig Schlaf zu bedürfen ſchien, als ſeine Per⸗ gamente. Der Fremde trat ein. „René⸗Frangois Dumas,“ ſagte er, ſich dem Prä⸗ ſidenten gegenüber ſetzend; und mit beſonderem Nach⸗ druck bediente er ſich in ſeiner Anrede der Mehrzahl, wie um ſeine Verachtung des revolutionären Jargons an den Tag zu legen;„unter den Aufregungen und Beſchäfti⸗ gungen Eures Lebens in den jüngſten Zeiten weiß ich nicht, ob Ihr Euch noch erinnern könnt, daß wir uns frü⸗ her ſchon geſehen?“ Der Richter prüfte genau die Züge ſeines Beſuchs, *Während der ſpäteren Zeiten der Schreckensregierung ging Fouquier des Nachts ſelten und nie ohne Bedeckung aus. Wäh⸗ rend der Schreckensherrſchaft waren die am meiſten vom Schrecken grten— ihre Könige! un⸗ Kö⸗ keit zu⸗ pft laſ⸗ ra⸗ tier velk eiſt er⸗ wie den fti⸗ rü⸗ hs, ing äh⸗ om ——————————————— 109 und eine ſchwache Röthe überflog ſeine gelblichen Wan⸗ gen.—„Ja, Bürger, ich erinnere mich!“ „Und Ihr erinnert Euch noch der Worte, die ich da⸗ mals ſprach! Ihr ſprachet empfindſam und philanthro⸗ piſch von Eurem Abſcheu vor Hinrichtungen— Ihr jubel⸗ tet über das Herannahen der Revolution, als den Schluß aller blutigen Strafen— Ihr führtet mit Ehrfurcht das Wort Marimilian Robespierre's, des ſteigenden Staats⸗ mannes, an; der Henker iſt die Erfindung des Tyrannen! und ich antwortete Euch: bei Euren Worten wandle mich eine Ahnung an, daß wir uns wieder begegnen würden zu einer Zeit, wo Eure Ideen von Todesſtrafen und die Philoſophie der Revolution ſich ſtark geändert haben dürf⸗ ten! Hatte ich Recht, Bürger René⸗Frangois Dumas, Präſident des Revolutionstribunals?“ „Pah!“ ſagte Dumas, mit einiger Verwirrung auf ſeiner ehernen Stirne.„Ich ſprach damals, wie Männer ſprechen, die nicht gehandelt haben. Revolutionen macht man nicht mit Roſenwaſſer! Aber genug des Geſchwätzes von alten Zeiten. Ich erinnere mich auch, daß Du da⸗ mals meinem Verwandten das Leben retteteſt, und es wird Dich freuen zu erfahren, daß der, der ihn ermorden wollte morgen guillotinirt werden wird.“ „Das geht Euch an— Eure Gerechtigkeit, oder Eure Rache. Erlaubt mir die ſelbſtſüchtige Erinnerung, daß Ihr mir damals verſprachet, daß, wenn je ein Tag kommen ſollte, wo Ihr mir dienen könntet, Euer Leben— ja die Phraſe war: Euer Herzblut' mir zu Gebote ſtehe. Glaubt nicht, geſtrenger Richter, daß ich komme eine Gunſt zu erbitten, die Euchs ſelbſt Etwas koſten könnte — ich komme nur, um einen Tag Aufſchub für eine andere Perſon zu erbitten.“ „Bürger, es iſt unmöglich! Ich habe den Befehl von Robespierre, daß nicht Eine Perſon weniger als die Geſammtzahl meiner Liſte morgen zum Verhör kommen ſolle. Was den Spruch betrifft, ſo hängt der von der Jury ab.“ „Ich verlange nicht, daß Ihr die Liſte vermindert. Hört mich weiter an! Auf Eurer Todesliſte ſteht der Name einer Italienerin, deren Jugend, deren Schönheit, deren Unſchuld, die nicht nur von jedem Verbrechen frei, ſon⸗ dern auch nicht einmal von irgend einer Anklage berührt iſt, nur Mitleid und nicht Schrecken erregen wird. Selbſt Ihr würdet zittern, ihre Verurtheilung auszuſprechen. Es wird gefährlich ſeyn, an einem Tage, wo das Volk aufgeregt ſeyn wird, wo Eure Karren angehalten werden können, Jugend und Unſchuld und Schonheit dem Mit⸗ leid und dem Muthe eines empörten Haufen darzuſtellen!“ Dumas ſchaute auf und bebte zurück vor dem Auge des Fremden. „Ich läugne nicht, Bürger, daß, was Du ſagſt, nicht ohne Grund iſt. Aber meine Aufträge lauten be⸗ ſtimmt.“ „Beſtimmt nur in Betreff der Zahl der Opfer. Ich biete Euch einen Erſatz für jenes Eine. Ich biete Euch den Kopf eines Mannes an, der Alles weiß von eben der 8 38 ——„—„———„„— + — — ine nte ere ehl die ten der me ren on⸗ hrt lbſt en. olk den it⸗ 11“ 1ge gſt. be⸗ dem noch übrigen Leben auslaſſen. Nun! Richter und 11¹ Verſchwörung, die jetzt Robespierre und Euch bedroht; und von welcher Eine leitende Spur, und Einen Faden und Schlüſſel zu erkaufen, Ihr ſechzig gewöhnliche Leben als einen wohlfeilen Preis gern hingeben würdet.“ „Das ändert die Sache,“ verſetzte Dumas lebhaft, „wenn Du das kannſt, will ich auf meine eigene Verant⸗ wortlichkeit das Verhör der Italienerin aufſchieben. Nenne einen Erſatzmann!“ „Ihr ſeht ihn vor Euch!“ „Du!“ rief Dumas, und eine Furcht, die er nicht verhehlen konnte, verrieth ſich in ſeiner Ueberraſchung. „Du!— und Du kommſt zu mir allein, bei Nacht, um Dich der Gerechtigkeit zu überliefern? Ha! das iſt eine Schlinge! Zittere, Thor! Du biſt in meiner Gewalt, und ich kann Euch Beide haben!“ „Das könnt Ihr,“ ſagte der Fremde, mit einem ruhigen Lächeln der Verachtung;„aber mein Leben iſt Euch werthlos ohne meine Enthüllungen. Sitzt ſtill! ich befehle es Euch— hört mich an!“ und das Licht dieſer unerſchrockenen Augen lähmte den Richter und ſchüchterte ihn ein.„Ihr laßt mich in die Conciergerie bringen, Ihr ſetzt mein Verhör, unter dem Namen Zanoni, an, unter Eurem Schube für morgen. Wenn ich Euch nicht durch meine Aufſchlüſſe befriedige, ſo habt Ihr das Weib als Geiſel, deren Leben zu friſten ich ſterbe. Nur einen Auf⸗ ſchub von einem Tag für ſie verlange ich. Uebermorgen werde ich Staub ſeyn und Ihr könnt Eure Rachſucht an 112 Verurtheiler von Tauſenden bedenkt Ihr Euch? Meint Ihr, der Mann, der ſich freiwillig dem Tode darbietet, werde ſich durch Einſchüchterung an Eurer Schranke auch nur eine Sylbe wider ſeinen Willen erpreſſen laſſen 2 Habt Ihr nicht genug Erfahrungen gemacht von der Un⸗ beugſamkeit des Stolzes und des Muthes? Präſident, ich ſtelle Tinte und Schreibzeug vor Euch hin. Schreibt an den Kerkermeiſter: Aufſchub von einem Tage für die Frau, deren Tod Euch Nichts nützen kann, und ich will den Befehl ſelbſt in mein Gefängniß tragen— ich, der ich Euch ſo Viel in vollem Ernſt vorläufig als einen Theil meiner Mittheilungen ſagen kann: während ich zu Euch ſpreche, ſteht Euer eigener Name, Richter, auf einer Todesliſte. Ich kann Euch ſagen, von Weſſen Händen er geſchrieben iſt, ich kann Euch ſagen, in welcher Wolke die⸗ ſer wetterſchwangern, ſchwülen Atmoſphäre das Gewitter lauert, das auf Robespierre und ſeine Herrſchaft losbre⸗ chen wird!“ 8 Dumas wurde blaß; und ſeine Augen ſuchten ver⸗ gebens dem magnetiſchen Blicke ſich zu entziehen, der ſie überwältigte und beherrſchte. Maſchinenmäßig, wie von einer fremden Macht gezwungen, ſchrieb er, was ihm der Fremde diktirte. „Nun,“ ſagte er dann mit einem erzwungenen Lä⸗ cheln um den Mund;„ich habe verſprochen, Euch zu die⸗ nen; ſeht, ich bin meinem Worte treu. Ich denke, ihr ſeyd einer jener Gefühlsnarren— jener Prahler mit antirevo⸗ lutionärer Tugend, deren ich nicht Wenige vor meinen S 8— — —— — —— * M— — X W Schranken geſehen habe. Pfui! es macht mir ganz übel, Leute zu ſehen, die ſich ein Verdienſt aus unbürgerlicher Geſinnung machen, und ſterben, um einem ſchlechten Pa⸗ trioten das Leben zu retten, weil es ein Sohn, ein Vater, Weib oder Tochter iſt, die gerettet werden ſollen.“ „Ich bin Einer von dieſen Gefühlsnarren,“ ſagte der Fremde aufſtehend.„Ihr habt es richtig errathen!“ „Und willſt Du nicht, zur Erwiederung meiner Gna⸗ de, heute Nacht noch die Enthüllungen machen, die Du für morgen ankündigſt? Komm! und vielleicht auch Du — ja, auch die Frau, Ihr erlangt vielleicht nicht nur Aufſchubsfriſt, ſondern Begnadigung!“ „Vor Eurem Tribunal, und dort allein! Auch will ich Euch nicht täuſchen, Präſident; meine Angaben nützen Euch vielleicht Nichts; und wenn ich Euch auch die Wolke zeige, kann doch der Donnerkeil fallen!“ „Genug!— Prophet, ſorge für Dich ſelbſt! Geh, Wahnfinniger, geh! Ich kenne zu gut die hartnäckige Verſtocktheit der Claſſe, der anzugehören ich Dich im Ver⸗ dacht habe, um noch mehr Worte zu verſchwenden. Dia- ble! aber Ihr werdet ſo gewohnt, den Tod anzuſchauen, daß ihr den Reſpekt vergeßt, den ihr mir ſchuldig ſehd. Da Du mir Deinen Kopf anbieteſt, nehme ich ihn an. Morgen bereuſt Du es vielleicht; dann iſt es zu ſpät!“ „Ja, zu ſpät, Präſident,“ wiederholte der kaltblütige Beſuch. „Aber vergiß nicht, es iſt nicht Begnadigung, es iſt nur Aufſchub von einem Tage, was ich dieſer Frau 114 verſprochen habe. Je nachdem Du mich morgen zufrieden ſtellſt, lebt oder ſtirbt ſie. Ich bin offen, Bürger; Dein Geiſt ſoll mich nicht verfolgen wegen Mangels an treuem Worthalten.“ „Nur um einen Tag Friſt habe ich gebeten; das Uebrige überlaſſe ich der Gerechtigkeit oder dem Himmel. Eure Huiſſiers warten unten.“ Sechzehntes Kapitel.. Und den Mordſtahl ſeh ich blinken Und das Mörderauge glüh'n! Schillers Caſſandra. Viola war in dem Gefängniß, das ſich nur für ſolche öffnete, die vor dem Urtheil ſchon verdammt waren. Seit ihrer Trennung von Zanoni ſchien ſelbſt ihre geiſtige Kraft gelähmt. Alle jene ſchöne Ueberfülle von Phantaſie, die, wenn nicht die Furcht des Genius, doch ſeine Blüthe ſchien, jener ganze Erguß köſtlicher Empfindungen und Gedanken, die, wie ihr Zanoni mit Recht geſagt hatte, in ihrer geheimnißvollen Zartfinnigkeit, ihn, den Weiſen, immer durch ihre Neuheit überraſchten— Alles war weg, vernichtet, die Blüthe gewelkt, die Quelle vertrocknet. Aus einem faſt mehr als irdiſch weiblichen Weſen, ſchien ſie gedankenlos faſt unter das Kind herabzuſinken. Mit dem begeiſterten Freunde hatte auch die Begeiſterung auf⸗ 115 1 gehört; und als ſie die Liebe verlteß, blieb auch der Ge⸗ nius zurück. 5 Sie begriff kaum, warum man ſie ſo von ihrem Hauſe und dem Mechanismus ihrer einförmigen Arbeiten wegriß. Sie wußte kaum, was die wohlwollenden Grup⸗ l. pen zu bedeuten hatten, die, erſtaunt über ihre außer⸗ ordentliche Lieblichkeit, ſich im Gefängniß um ſie verſam⸗ melten, mit bekümmerten Blicken, aber mit tröſtenden Worten. Sie, die bisher gelehrt und gewohnt war, die zu verabſcheuen, die das Geſetz wegen Verbrechen ver⸗ dammt, war erſtaunt zu hören, daß ſo mitleidige und zärt⸗ liche Weſen, mit wolkenloſen, klaren Stirnen, von ſanf⸗ zem und verbindlichen Benehmen, Verbrecher ſeyen, für welche das Geſetz keine geringere Strafe kenne als den Tod. Aber Jene, die Wilden, trotzig und drohend, die 6 ſie aus ihrem Hauſe geſchleppt, die ihr das Kind wegzu⸗ 5. reißen verſücht hatten, während ſie es mit den Armen umklammerte, und wild hohnlachten über das ſtumme Zittern ihrer Lippen— ſie waren die erwählten Bürger, S die Männer der Tugend, die Günſtlinge der Gewalt, die d Vollſtrecker des Geſetzes! Das ſind Deine ſchwarzen Lau⸗ nen, o Du immer bewegliches und verläumderiſches menſch⸗ liches Urtheil und Gericht! Eine ſchmutzige und doch muntere Welt boten die Gefängniſſe jener Zeit dar. Da waren, wie in den Grä⸗ bern, zu welchen ſie führten, alle Rangverhältniſſe mit . ausgleichender Verachtung weggeworfen. Und doch ſtellte hier die Ehrfurcht, die aus großen Erſchütterungen ent⸗ 116 ſpringt, der Natur erſtes und unvergängliches, lieblichſtes und edelſtes Geſetz wieder her— die Ungleichheit zwiſchen Menſchen und Menſchen! Da ward von den Gefangenen, Royaliſten oder Sanscülotten, achtungs⸗ voll Platz gemacht dem Alter, der Gelehrſamkeit, der Berühmtheit, der Schönheit; und die Kraft und Stärke, mit der ihr angeborenen Ritterlichkeit, hob die Hülfloſen und Schwachen zu einem gewiſſen Rang empor. Die eiſer⸗ nen Sehnen und die herkuliſchen Schultern machten Platz für das Weib und das Kind; und die Grazien der Huma⸗ nität, ſonſt überall verſchwunden, ſuchten ihre Zuflucht in dem Wohnſitz des Schreckens. E. „Und warum, mein Kind, bringen ſie Dich hier⸗ her?“ fragte ein alter grauköpfiger Prieſter. „Ich kann es nicht errathen.“ „Ha, wenn Ihr Euer Vergehen n ſo fürch⸗ tet das Schlimmſte!“ 3 „Und mein Kind?“(Man hatte ihr das Kind an ihrer Bruſt gelaſſen.) „Ach, junge Mutter! Dein Kind werden ſie leben laſſen!“ „Und dafür— eine Waiſe im Kerker!“ flüſterte das anklagende Herz Viola's,„habe ich ſeinen Sproßling aufgeſpart! Zanoni, v nicht einmal in Gedanken frage — o frage nicht, was ich mit dem Kinde gemacht, das ich Dir gebar!“ Die Nacht kam;— die Gefangenen drängten ſich — 1 6 —— M— 6 117 nach dem Gitter, um die Liſte“ vorleſen zu hören. Vio⸗ la's Name war unter den Auserleſenen. Und der alte Prieſter, beſſer vorbereitet zu ſterben, aber auf der Todes⸗ liſte fehlend, legte ihr die Hände aufs Haupt, und ſegnete ſie, und weinte. Sie hörte es, und wunderte ſich; aber ſie weinte nicht. Mit niedergeſchlagenen Augen, mit auf der Bruſt gekreuzten Armen, ergab ſie ſich unterwürſig in den auffordernden Ruf. Aber jetzt ward wieder ein Name genannt; und ein Mann, der ſich grob an ihr vorbei ge⸗ drängt hatte, um zu gaffen, oder zu horchen, ſtieß ein Geheul der Verzweiflung oder Wuth aus. Sie wandte ſich um, und ihte Blicke begegneten ſich. Trotz der langen dazwiſchenliegenden Zeit erkannte ſie doch die häßliche Ge⸗ ſtalt wieder. Nicots Geſicht nahm wieder ſein teufliſches Hohnlächeln an.„Endlich, ſchöne Neapolitanerin, wird uns die Guillotine vermählen. Oh! wir werden gut ſchla⸗ fen in unſerer Hochzeitnacht!“ Und mit einem Gelächter ſchritt er weg durch den Haufen und verſchwand in ſeiner Sie ward in ihre düſtere Zelle gebracht, um den Morgen zu erwarten. Aber das Kind ward ihr noch ge⸗ laſſen; und es kam ihr vor, als empfinde es das Grauen⸗ volle der Gegenwart. Auf ihrem Weg nach dem Gefäng⸗ niß hatte es nicht geſtöhnt noch geweint; es hatte mit ſeinen klaren Augen unerſchrocken nach den ſchimmernden * In dem ſchauerlich ſpaßhaften Jargon jener Tage: die Abend⸗ zeitung genannt. 118 Piken und den wilden Stirnen der Huiſſiers geſchaut. Und jetzt, wie ſie im Kerker allein waren, ſchlang es ſeine Aermchen um ihren Hals, und murmelte ſeine unartikulir⸗ ten Töne, leiſe und ſüß, wie eine unbekannte himmliſche Sprache des Troſtes. Und vom Himmel war ſie wirklich! Denn bei dieſem Flüſtern ſchmolz die Angſt von ihrer Seele weg— empor, von Kerker und Tod, empor, dort⸗ hin, wo die ſeligen Cherubim die Gnade des Alllieben⸗ den preiſen, flüſterte dieſe Cherubsſtimme. Sie ſank auf ihre Kniee und betete. Die Zerſtörer von Allem, was das Leben verſchönert und heiligt, hatten den Altar ent⸗ weiht und den Gott geläugnet! ſie hatten den letzten Stunden ihrer Opfer den Prieſter, die Schrift und das Kreuz verſagt! Aber der Glaube baut ſich im Kerker und im Lazareth ſeine erhabenſten Altäre; und durch Dächer von Stein, die das Auge des Himmels ausſchließen, ſteigt die Leiter empor, wo die Engel auf und nieder ſchweben— das Gebet. Und da, in der nächſten Zelle neben der ihrigen, ſitzt der Atheiſt, Nicot, dumpf in der Finſterniß, und grübelt über dem Gedanken Danton's, daß der Tod Vernichtung ſey.* Er bot nicht das Schauſpiel eines erſchrockenen und verſtörten Gewiſſens dar! Reue iſt das Echo der verlore⸗ nen Tugend, und er hatte nie die Tugend gekannt. Hätte er noch einmal zu leben, er würde wieder ſo leben. Aber ſchrecklicher als das Sterbebett eines gläubigen und ver⸗ *„Ma demeure sera bientöt le Néant!“ ſagte Danton vor ſeinen Richtern. zweifelnden Sünders iſt dieſe leere Düſterheit der Apa⸗ thie— dieſe Betrachtung des Wurms und der Ratten des Beinhauſes— dieſe grimmige, entſetzliche Vernich tung die, für ſein Auge, wie ein Leichentuch über das Univer⸗ ſum des Lebens fällt. Immer in den Raum hinausſtie⸗ rend, an ſeiner blutloſen Lippe nagend, ſchaut er in die Finſterniß, überzeugt, daß die Finſterniß walten werde immer und immer. Platz da, Platz! Noch Raum in Euern vollgeſtopf⸗ ten Zellen. Noch Einer iſt in das Schlachthaus gekommen. Wie der Schließer, die Lampe in der Hand, den Ankömmling hereinführte, berührte ihn dieſer und flüſterte ihm zu. Er zog einen Diamanten vom Finger. Piantre! wie der Diamant blitzte am Strahl der Lampe! Schätzt jeden von Euren achtzig Köpfen zu tauſend Francs, und das Juwel iſt mehr werth als alle! Der Schließer bedachte ſich, und der Diamant ſtach ihm in die geblendeten Augen. O du Cerberus! du haſt ſonſt Alles was menſchlich ſcheint, überwunden bei deinem ſchnöden Amte! Du kennſt kein Erbarmen, keine Liebe, keine Reue. Aber die Habgier über⸗ lebt Alles, und die Hauptſchlange des faulen Herzens ver⸗ ſchlingt die übrigen. Ha, ha! ſchlauer Ankömmling, du haſt geſiegt! Sie betreten den düſteren Gang; ſie kommen an der Thüre an, wo ber Schließer ſein tödtliches Zeichen gemacht hat, das er jetzt wieder auslöſchen muß, denn die Gefangene drinnen hat einen Tag Aufſchub erhalten. Der. Schlüſſel knarrt im Schloß— die Thüre gähnt— der Fremde nimmt die Lampe und tritt hinein. 120 Siebzehntes und letztes Kapitel. Cosi vince Goffredo! Gerus. Lih. XX. 44. Und Viola betete. Sie hörte nicht die aufgehende Thüre; ſie ſah nicht den dunkeln Schatten, der auf den Boden fiel. Seine Macht, ſeine Künſte waren dahin; aber das Geheimniß und der Zauber, die ihr einfältiges Herz kannte, verließen ſie nicht in den Stunden der Prü⸗ fung und Verzweiflung. Wenn die Wiſſenſchaft wie ein Feuerwerk vom Himmel zurückfinkt, den ſie erſtürmen wollte, wenn das Genie wie eine Blume welkt im Hauche des eiſigen Beinerhauſes, ſo wandelt die Hoffnung einer kindlichen Seele die Luft in Licht, und die Unſchuld des zweifelloſen Glaubens bedeckt das Grab mit Blumen. In der fernſten Ecke der Zelle kniete ſie; und das Kind, als wollte es nachahmen, was es nicht begriff, beugte ſeine zarten Glieder, und ſenkte ſein lächelndes Geſichtchen, und kniete auch mit ihr an ihrer Seite. Er ſtand und ſchaute ſie an, wie das Licht der Lampe ruhig auf ihre Geſtalten fiel. Es fiel auf dieſe Wolken von goldenen Haaren, aufgelöst, geſcheitelt, zurückgeſtri⸗ chen von der entzückten, himmliſch⸗reinen Stirne; die dun⸗ keln Augen emporgerichtet, in welchen, durch die menſch⸗ lichen Thränen, ein Licht wie von Oben ſich ſpiegelte; die Hände waren gefaltet— die Lippen geöffnet— die Geſtalt ganz beſeelt und heilig von dem wehmüthigen — iſt net lic lic „ ende den hin; tiges Prü⸗ eein men uche iner des das riff, des mpe lten tri⸗ un⸗ ſch⸗ te; die gen 121 Frieden der Unſchuld und der rührenden Demuth des Wei⸗ bes. Und er hörte ihre Stimme, obwohl ſie kaum über ihre Lippen drang— die leiſe Stimme, mit der das Herz ſpricht— laut genug für Gott, ſie zu hören! „Und wenn ich ihn nimmermehr ſehen ſoll, o Vater! kannſt du nicht ordnen, daß die Liebe, die nicht ſtirbt, auch jenſeits des Grabes noch über ſeinem irdiſchen Geſchick walte? Kannſt du ihr nicht noch geſtatten, als ein leben⸗ diger Geiſt über ihm zu ſchweben— als ein Geiſt, ſchöner als all ſeine Wiſſenſchaft zu beſchwören vermag! Oh! welches Loos immer uns Beiden zugetheilt ſey, gewähre — und wenn auch tauſend Menſchenalter zwiſchen uns rollen ſollten— gewähre, wenn wir endlich gereinigt und wiedergeboren, und fähig ſind der Entzückung einer ſol⸗ chen Wiedervereinigung,— gewähre, daß wir uns wieder finden! Und für ſein Kind— es kniet vor dir auf dem Boden des Kerkers! Morgen— und Weſſen Bruſt ſoll ſeine Wiege ſeyn, Weſſen Hand ihm Nahrung reichen! Weſſen Mund ſoll beten für ſein Wohlergehen hienieden, und für das Heil ſeiner Seele drüben?“ Sie hielt inne, Schluchzen erſtickte ihre Stimme. „Du, Viola, du ſelbſt. Er, den du verlaſſen haſt, iſt hier, die Mutter dem Kinde zu erhalten!“ Sie fuhr auf— dieſe Töne, zitternd wie ihre eige⸗ nen! Sie ſprang auf!— Er war da— in all der Herr⸗ lichkeit ſeiner nicht alternden Jugend, ſeiner übermenſch⸗ lichen Schönheit!— da, im Hauſe des Entſetzens und in Bulwer's Romane. C. 9 122 der Stunde der Trübſal!— da, Bild und Verkörperung der Liebe, welche das Thal der Todesſchatten durchdringt, und, ein ungefährdeter Gaſt vom Himmel, durch den tobenden Abgrund der Hölle ſchwebt. Mit einem Schrei, wie er vielleicht noch nie war vernommen worden in dieſem düſteren Gewölbe— einem Schrei der Wonne und des Entzückens, ſprang ſie vor und ſank zu ſeinen Füßen hin. Er beugte ſich, ſie aufzuheben, aber ſie eniglitt ſeinen Armen. Er rief ihr die ſüßen vertraulichen Namen der alten Zärtlichkeit zu, und ſie antwortete ihm nur mit Schluchzen. Wild, leidenſchaftlich küßte ſie ſeine Hände, den Saum ſeines Kleides— aber die Stimme blieb aus. „Schau auf— ſchau auf!— Ich bin da— ich bin hier, Dich zu retten! Willſt Du mir Dein holdes Angeſicht verweigern? Treuloſe Flüchtlingin, willſt Du mich immer noch fliehen?“ „Dich fliehen!“ ſagte ſie endlich mit gebrochener Stimme;„oh, wenn meine Gedanken Dir Unrecht thaten — oh, wenn mein Traum, dieſer grauenvolle Traum, mich täuſchte— kniee mit mir nieder und bete für unſer Kind!“ Dann, in einer plötzlichen Aufwallung auſſpringend, faßte ſie das Kind, legte es in ſeine Arme, und ſchluchzte in flehentlichen, demüthigen Tönen:„Nicht um mei⸗ netwillen— nicht meinetwillen habe ich Dich verlaſſen, ſondern—“ „Still!“ ſagte Zanoni;„ich weiß alle die Gedanken, die Dein verworrener und kämpfender Sinn ſich ſelbſt kaum — ung igt, den var tem und nen der mit ide, us. bin icht ner ner ten rich d“ nd, te tei⸗ en, ken, ₰ — 123 klar machen kann. Und ſieh, wie Dein Kind mit einem Blick ſie alle beantwortet!“ Und wirklich ſchien das Geſicht bieſes wunderbaren Kindes ganz ſtrahlend in ſtummer, unergründlicher Freude. Es war, als erkannte es ſeinen Vater; es hing ſich— es drängte ſich an ſeine Bruſt, ſchmiegte ſich feſt daran, heftete dann ſeine hellen Augen auf Viola und lächelte. „Beten für mein Kind!“ ſagte Zanoni traurig;„die Gedanken ſehnſüchtiger, nach dem Höheren ſtrebenden Seelen ſind alle Gebet!“ Und ſich zu ihr ſetzend, be⸗ gann er ihr Einiges von den heiligeren Geheimniſſen ſeines erhabenen Weſens zu enthüllen. Er ſprach von dem erhabenen und innigen Glauben, aus dem allein die gött⸗ lichere Erkenntniß entſpringen kann— dem Glauben, der, überall das Unſterbliche ſehend, den Sterblichen, der es fieht, reinigt und erhöht— dem herrlichen Ehrgeiz, der nicht unter den Ränken und Verbrechen der Erde heimiſch iſt, ſondern unter jenen hehren Wundern, welche nicht von Menſchen, welche von Gott zeugen— von jener Macht, die Seele von dem Staube loszureiſſen, welche dem Auge der Seele ſeine ſcharfe Sehkraft gibt, und den Flügeln der Seele das grenzenloſe Reich eröffnet— von jener reinen, ſtrengen und kühnen Einweihung, aus wel⸗ cher die Seele, wie aus dem Tod, hervorgeht zur klaren Anſchauung ihrer Verwandtſchaft mit den Urprincipien des Lebens und Lichtes, ſo daß ſie ihre Wonne in ihrem eigenen Bewußtſeyn des Schönen findet; in der friedlichen Reinheit ihres Willens ihre Macht; in ihrer Sympathie 124 mit der Jugendlichkeit der grenzenloſen Schöpfung, von welcher ſie ſelbſt ein Element und ein Theil iſt, die Ge⸗ heimniſſe, die ſelbſt den von ihnen geweihten Staub durch⸗ duften, und die Kraft des Lebens durch die Ambroſia ge⸗ heimnißvollen, himmliſchen Schlafes erneuern. Und wie er ſo ſprach, hörte ihm Viola athemlos zu. Wenn ſie ihn auch nicht verſtand, ſo wagte ſie doch nicht mehr ihm zu mißtrauen. Sie fühlte, daß in ſolchem Enthuſtasmus, mochte er nun ſich ſelbſt täuſchen oder nicht, kein böſer Feind lauern könne, und durch eine Anſchauung mehr als durch eine Thätigkeit der Vernunft, ſah ſie vor ſich, wie ein Sternenmeer, die Tiefe und die geheimnißvolle Schön⸗ heit der Seele, der ſie in ihrer Furcht Unrecht gethan. Doch als er, beim Schluß ſeiner wunderbaren Bekennt⸗ niſſe, ſagte, daß er davon geträumt habe, zu dieſem Leben in dem Leben und über dem Leben das ihrige zu erhöhen, da beſchlich ſie ein menſchliches Grauen, und er las in ihrem Schweigen, wie eitel, bei all ſeinem Wiſſen, dieſer Traum geweſen wäre! Aber als er nun ſchloß, und ſie, an ſeine Bruſt gelehnt, den Druck ſeiner ſchützenden Arme fühlte— als in Einem heiligen Kuſſe das Vergangene verziehen, und die Gegenwart vergeſſen war— da kehrten ihr die ſüßen, warmen Hoffnungen des natürlichen Lebens— des lieben⸗ den Weibes zurück. Er war gekommen ſie zu retten! Sie fragte nicht wie— ſie glaubte es ohne Frage. Sie ſoll⸗ ten endlich wieder vereinigt werden, war ihr Glaube; ſie würden fliehen fern weg von dieſen Scenen der Gewalt⸗ von Ge⸗ rch⸗ ge⸗ wie ihn zu ius, öſer als wie ön⸗ an. nt⸗ ſem zu der ſen, ruſt als und en, en⸗ Sie oll⸗ be; alt⸗ 125 thätigkeit und des Blutvergießens; ihre glückliche joniſche Inſel, ihre furchtloſe Einſamkeit würde ſie wieder auf⸗ nehmen. Sie lachte in der Freude eines Kindes, als dieß Gemälde mitten in der Düſterheit des Kerkers vor ihr auf⸗ ſtieg; Ihre Seele, treu ihren ſüßen einfachen Inſtinkten, verſchmähte es, die erhabenen Bilder in ſich aufzunehmen, welche verworren an ihr vorüber flatterten, und verſenkte ſich wieder in ihre menſchlichen, aber noch grundloſeren, Traumgeſichte von irdiſcher Glückſeligkeit und friedlicher Häuslichkeit. „Sprich mir jetzt nicht mehr, Geliebter— ſprich mir jetzt nicht mehr von der Vergangenheit! Du biſt hier, — Du willſt mich retten; wir werden noch das glückliche Leben der gewöhnlichen Wirklichkeit leben; dieß Leben mit Dir iſt mir Glück und Herrlichkeit genug. Durch⸗ eile Du, wenn Du willſt, im Stolze Deiner Seele, das Weltall, Dein Herz iſt wieder dem meinigen die Welt. Ich glaubte ſo eben, auf den Tod gefaßt zu ſeyn; ich ſehe Dich, berühre Dich, und ich erkenne wieder, wie etwas Schönes das Leben iſt! Sieh durch das Gitter die Sterne am Himmel erbleichen; der morgende Tag wird bald da ſeyn— der morgende Tag, der die Gefängnißthüre öffnen wird. Du ſagſt, Du könnteſt mich retten— ich will jetzt nicht daran zweifeln. Oh! laß uns nicht mehr in Städten wohnen! Ich hegte nie einen Zweifel an Dir auf unſerer lieblichen Inſel; keine Träume beſuchten mich dort, als nur Träume von Wonne und Schönheit; und Deine Au⸗ gen machten mir die Welt noch ſchöner und wonnevoller 126 beim Erwachen. Morgen!— warum lächelſt Du nicht? Morgen, Lieber! iſt nicht Morgen ein ſeliges Wort? Grauſamer! Du willſt mich immer noch ſtrafen, daß Du meine Freude nicht theilſt! Ha! ſieh nur unſern Kleinen, wie er mir ins Auge lacht! Ich will mit dem reden: Kind, Dein Vater iſt zurückgekommen!“ Und das Kind in ihre Arme nehmend, und ſich in einiger Entfernung von Zanoni hinſetzend, wiegte ſie es an ihrer Bruſt hin und her, und plauderte mit ihm und küßte es zwiſchen jedem Worte; und lachte und weinte ab⸗ wechſelnd heftig, wie ſie hin und wieder einen ſchalkhaft fröhlichen Blick über ihre Schulter auf den Vater warf, dem die erbleichenden Sterne trüb ihr letztes Lebewohl zulächelten. Wie ſchön war ſie, wie ſie ſo da ſaß, Nichts ahnend von der Zukunft! Selbſt noch halb ein Kind— ihr Kind lachend bei ihrem Lachen— zwei ſanfte, tän⸗ delnde Weſen am Rande des Grabes! Ueber ihren Hals fiel, wie ſie ſich niederbeugte, wie eine goldene Wolke ihr üppiges Haar; es bedeckte ihren Schatz wie ein Schleier von Licht; und des Kindes Händchen ſchoben ihn von Zeit zu Zeit zurück, um unter den getrennten Locken hervor zu lächeln, und dann wieder ſein Geſichtchen zu bedecken, und wieder hervor zu lauſchen und zu lächeln. Es wäre grau⸗ ſam geweſen, dieſe Freude zu dämpfen, noch grauſamer ſie zu theilen. „Viola,“ ſagte Zanoni endlich,„erinnerſt Du Dich noch, wie Du einſt, als wir bei der Höhle auf den mond⸗ beglänzten Strand auf unſerer Brautinſel ſaßen, Du mich 7 —— — N— 127 um dieß Amulet bateſt?— Das Zaubermittel eines Aber⸗ glaubens, der lang von der Welt verſchwunden iſt, ſammt dem Glauben, zu dem er gehorte. Es iſt die letzte Reliquie meines Heimathlandes, und meine Mutter hing es mir auf ihrem Sterbebette um den Hals. Ich ſagte Dir da⸗ mals, ich wolle es Dir geben, an dem Tage, wo die Ge⸗ ſetze unſeres Daſeyns dieſelben ſeyn würden?“ „Ich erinnere mich deſſen wohl.“ „Morgen wird es Dein ſeyn!“ „O, das theure Morgen!“ und leiſe ihr Kind nieder⸗ legend, denn es ſchlief jetzt, warf fie ſich an ſeine Bruſt, und wies nach dem Tagesgrauen hin, das jetzt allmälig am Himmel zu dämmern begann. Da, in dieſe Entſetzen athmende Mauern, ſchaute der Morgenſtern herein durch die traurigen Gitter auf dieſe drei Weſen, in welchen die zärtlichſten Bande der Menſchheit ſich zuſammendrängten,— das Geheimniß⸗ vollſte in den Verbindungen des menſchlichen Geiſtes— die ſchlafende Unſchuld; die zuverſichtliche Liebe, die, be⸗ gnügt mit einer Berührung, einem Athemzug, keinen Kummer vorherſieht; die müde Wiſſenſchaft, die, alle Ge⸗ heimniſſe der Schöpfung durchwandert, endlich vom Tod ihre Löſung erwartet, und doch noch, wie ſie ſich der Schwelle nähert, an der Bruſt der Liebe hängt. So, innen— im Kerker; drauſſen, wo ſtattlich Märkte und Hallen, Paläſte und Tempel prangen— Rache und Schre⸗ cken in ihren finſtern Anſchlägen und Gegenanſchlägen begriffen— hin und her, auf der Fluth der wechſelnden 128 Leibenſchaften, ſchwankten die Geſchicke von Menſchen und Nationen; und hart neben an ſchaute der Morgen⸗ ſtern, im Aether verſchwindend, mit parteiloſem Auge auf den Kirchthurm und die Guillotine. Auf taucht der ſegensreiche Morgen. In jenen Gärten erneuern die Vö⸗ gel ihre gewohnten Lieder. Die Fiſche ſpielen in den fri⸗ ſchen Waſſern der Seine. Die Fröhlichkeit der göttlichen Natur, das Brauſen und der Mißklang des ſterblichen Le⸗ bens erwachen wieder; der Kaufmann ſchließt ſeine Fen⸗ ſter auf— die Blumenmädchen ziehen in fröhlichen Schaaren an ihre Plätze,— geſchäftige Füße ſchreiten ſchwerfällig den täglichen Mühſeligkeiten zu, welche die Revolutionen, die doch Könige und Kaiſer nieberſtürzen, als unveränderte Cainserbſchaft den Bauern laſſen— die Wagen ächzen und raſſeln nach dem Markt— die Tyrannei, früh auf, hält ihr bleiches Levée— die Verſchwörung, die nicht geſchlafen, hört die Glocke ſchlagen, und flüſtert im Herzen:„Die Stunde naht! Eine Gruppe ſammelt ſich, mit geſpannten Augen, in der Umgegend des Convent⸗ ſaals; der heutige Tag entſcheidet über die Beherrſchung Frankreichs— um die Höfe des Tribunals iſt das gewöhn⸗ liche Geſumme und Hinundherlaufen. Aber einerlei, wie der Würfel fällt, oder Wer der Herrſcher— achtzig Köpfe werden heute fallen! Und ſie ſchlief ſo ſüß. Erſchöpft von Freude, ſicher in der Gegenwart der Augen des Wiedergewonnenen, hatte ie ſich in den Schlaf gelacht und geweint; und ſelbſt in ————„„ — M „ — M M Ww 8— dieſen Schlummer ſchien das ſeelige Bewußtſeyn hinein zu reichen, daß der Geliebte bei ihr, daß der Verlorene wieder gefunden ſey. Denn ſie lächelte und murmelte vor ſich hin, und hauchte oft ſeinen Namen, und ſtreckte die Arme aus, und ſeufzte, wenn ſie ihn nicht berührten. Er ſchaute ſie, bei Seite ſtehend, an— mit welchen Empfindungen, wäre umſonſt zu ſagen! Sie ſollte ihm nicht mehr erwa⸗ chen— ſie konnte nicht wiſſen, wie theuer dieſer ſüße Schlaf ihr erkauft war. Der von ihr ſo erſehnte Morgen — er war endlich gekommen. Wie begrüßte ſie wohl den Abend? Unter den entzückenden Hoffnungen, wo⸗ mit Liebe und Jugend in die Zukunft ſchauen, hatte ſich ihr Auge geſchloſſen. Dieſe Hoffnungen liehen ihre Iris⸗ farben noch ihren Träumen. Sie ſollte erwachen zum Le⸗ ben! Morgen— und die Schreckensherrſchaft war nicht mehr— die Gefängnißthore thaten ſich auf— ſie ging dann, mit ihrem Kinde, in dieſe Sommerwelt voll Licht hinaus! Und er? er wandte ſich, und ſein Auge ſiel auf das Kind— es wachte hell, und der klare, ernſte, nach⸗ denkliche Blick, der ihm meiſt eigen war, war auf ihn mit feierlicher Feſtigkeit gerichtet. Er beugte ſich über es und küßte ſeine Lippen. „Nie mehr,“ murmelte er,„o Du Erbe von Liebe und Schmerz, nie mehr wirſt Du mich in Deinen Träu⸗ men ſchauen— nie mehr wird das Licht dieſer Augen ge⸗ nährt werden durch himmliſchen Verkehr— nie mehr kann meine Seele von Deinem Pfühl die Unruhe und die Krankheit verſcheuchen. Nicht ſo, wie ich es in eiteln 130 Träumen geſtaltet, ſoll Dein Loos ſeyn. Gleich wie Dein ganzes Geſchlecht mußt auch Du leiden, kämpfen und irren. Aber mild ſeyen Deine menſchlichen Prüfungen, und ſtark ſey Dein Geiſt zu lieben und zu glauben! Und ſo, wie ich Dich anſchaue, ſo moͤge mein Weſen in das Deinige ſeine letzte und innigſte Sehnſucht mit dieſem Hauche verpflanzen; moöge meine Liebe zu Deiner Mut⸗ ter auf Dich übergehen, und in Deinen Blicken vernehme ſie den ſtärkenden unb tröſtenden Zuſpruch meines Geiſtes! Horch! Sie kommen! ja! Ich erwarte Euch Beide jen⸗ ſeits des Grabes!“ Die Thüre ging langſam auf; der Schließer erſchien, und durch die Oeffnung brach im ſelben Augenblick ein Sonnenſtrahl herein— er ergoß ſich über das holde, fried⸗ liche Geſicht der glücklichen Schläferin— er ſpielte wie ein Lächeln um den Mund des Kindes, das noch ſtumm und feſten Blickes die Bewegungen ſeines Vaters beobach⸗ tete. In dieſem Augenblick murmelte Viola in ihrem Schlafe:„Der Tag iſt gekommen— die Thore ſind ge⸗ öffnet! Gib mir Deine Hand; wir wollen hinaus! Zur See— zur See!— Wie der Sonnenſchein auf dem Waſ⸗ ſer ſpielt!— nach Hauſe, Geliebter, nach Hauſe!“ „Bürger, Deine Stunde iſt gekommen!“ „Still! ſie ſchläft! Einen Augenblick! So, es iſt geſchehen! Dank dem Himmel! und fie ſchläft noch!“ Er wollte ſie nicht küſſen, um ſie nicht aufzuwecken, aber er hing ihr leiſe das Amulet um den Hals, das ihr dann ſeinen Abſchied ſagen, und mit dieſem Abſchied Wieder⸗ — — e — ——,—— — 8„ 3 — 131 vereinigung verheißen ſollte! Er iſt an der Schwelle— er wendet ſich noch— noch einmal um. Die Thüre geht zu! Er iſt fort für immer!„ . Sie erwachte endlich, ſie ſchaute ſich um.„Zanoni, es iſt Tag!“ Keine Antwort, als das leiſe Wimmern ihres Kindes.„Barmherziger Himmel, war denn Alles nur ein Traum?“ Sie ſtrich die langen Locken zurück, die ihr Auge verſchleiern mußten,— ſie fühlte das Amulet auf ihrer Bruſt— es war kein Traum!„O Gott! und er iſt fort!“ Sie ſprang an die Thüre, ſie kreiſchte laut. Der Schließer kommt!„Mein Gatte! meines Kindes Vater!“ „Er iſt vor Dir hingegangen, Weib!“ „Wohin? Sprich! ſprich!“ „Zur Guillotine,“ und die ſchwarze Thüre ſchloß ſich wieder. Sie ſchloß ſich— vor der Bewußtloſen! Wie ein Blitz wurden Zanoni's Worte, ſeine Trauer, der wahre Sinn ſeiner myſtiſchen Gabe, das Opfer ſelbſt, das er für ſie gebracht, wurde das Alles einen Augenblick ihrem Geiſte klar— und dann brach Finſterniß über ihn herein, wie ein Sturm,— eine Finſterniß, die doch ihr Licht hatte! Während ſie da ſaß, ſtumm, ſtarr, ohne Stimme, wie zu Stein gefroren, ſchwebte ein Geſicht, wie ein Wind, über die Tiefe ihrer Seele!— der grimmige Gerichtshof — der Richter— die Geſchworenen— der Ankläger; und unter den Opfern die eine unerſchrockene, ſtrahlende Geſtalt. — v 132 „Du kennſt die Gefahr des Staates— geſtehe!“ „Ich kenne fie; und ich halte mein Verſprechen. Rich⸗ ter, ich enthülle Dein Todesurtheil! Ich weiß, daß die Anarchie, die Du Staat nennſt, mit Untergang der heuti⸗ gen Sonne zu Ende geht. Horch das Stampfen draußen! Horch, das Toben und Brauſen der Stimmen! Raum da, Ihr Todten! Raum in der Hölle für Robespierre und ſeine Rotte!“ Sie ſtürzen herein in den Saal— die haſtigen, blei⸗ chen Boten— da iſt Verwirrung, und Furcht, und Ent⸗ ſetzen.„Fort mit dem Verſchwörer! und morgen ſoll das Weib ſterben, das Du retten wollteſt!“ „Morgen, Präſident— da fällt das Meſſer auf Dich!“ Durch die wimmelnden, brauſenden Straßen be⸗ wegte ſich die Proceſſton des Todes. Ha, braves Volk! endlich haſt Du Dich ermannt. Sie ſollen nicht ſterben! — der Tod iſt entthront!— Robespierre iſt gefallen!— Sie ſtürzen herbei zur Befreiung! Häßlich tobte und geſtikulirte, an Zanoni's Seite, auf dem Karren die Ge⸗ ſtalt, die er in ſeinen prophetiſchen Träumen ihn ſelber auf den Todesplatz hatte begleiten ſehen.„Rettet uns! rettet uns!“ heulte der Atheiſt Nicot;„drauf muthiges Volk! wir werden gerettet werden!“ und durch den Volks⸗ haufen drängte ſich, die ſchwarzen Haare in wilder Un⸗ ordnung, mit feuerſprühenden Augen, eine weibliche Ge⸗ ſtalt—„Mein Clarence!“ ſchrie ſie in der ſanften, ſüd⸗ lichen Sprache, an welche Viola in ihrer Heimath als — c— 8— 8 3 8— 1— 133 Kind gewohnt war,„Schlächter! was haſt Du mit Cla⸗ rence gethan?“ Ihr Auge überflog die geſpannten Geſich⸗ ter der Verurtheilten; ſie ſah den Einen nicht, den ſie ſuchte. „Dank dem Himmel— dank dem Himmel! Ich bin nicht Deine Mörderin!“ Näher und naäher drängte ſich das Volk— noch einen Augenblick, und der Henker iſt um ſeine Beute be⸗ trogen. O Zanoni! warum auf Deiner Stirne immer noch die Ergebung, die keine Hoffnung verräth? Horch, das Geſtampf! durch die Straßen ſtürzt die bewaffnete Truppe daher; ſeinen erhaltenen Befehlen treu führt fie der ſchwarze Henriot. Daher ſtampfen ſie— über den zer⸗ ſtreuten zerriſſenen Volkshaufen! Dort fliehen in Unord⸗ nung— dort find in den Koth niedergeritten die krei⸗ ſchenden Befreier! Und unter ihnen, von den Säbeln der Reitern zerhauen, ihre langen Haare von Blut triefend, liegt die Italienerin; und auf ihren erſterbenden Lippen noch ſitzt Freude, indem ſie murmeln:„Clarence! ich habe Dich nicht ins Verderben geſtürzt!“ Weiter nach der Barrière du Tröne. Sie ſtarrt fin⸗ ſter in die Luft— die Rieſenmaſchine des Mordes! Einer nach dem Andern unter das Meſſer; wieder Einer, und wieder, wieder Einer! Gnade! O Gnade! Iſt die Brücke zwiſchen der Sonne und dem Schatten ſo kurz?— ſo kurz wie ein Seufzer? da, da! die Reihe iſt an ihn gekom⸗ men.„Stirb noch nicht; laß mich nicht zurück! Höre mich! höre mich!“ kreiſchte die verzückte Schläferin.„Was! und Du lächelſt noch!“ Sie lächelten, dieſe blaſſen Lip⸗ 134 pen, und mit dieſem Lächeln verſchwand der Richtplatz, der Kerker, das Grauſen! mit dieſem Lächeln ſchien der unendliche Raum übergoſſen mit ewigem Sonnenſchein. Er ſtieg empor von der Erde— er ſchwebte über ihr— ein Weſen nicht mehr von irdiſchem Stoff— ein geiſtiges Bild von Freude und Licht! Droben öffnete ſich der Him⸗ mel, eine Tiefe nach der andern; und man ſah von Ferne die Heerſchaaren der Schönheit, Reihe um Reihe; und ein„Willkommen!“ ertönte in Myriaden Melodien aus Euren zahlloſen Chören, o Völker des Himmels—„Will⸗ kommen, o Du durch Opfer Gereinigter, und Unſterbli⸗ cher durch das Grab— nur das heißt ſterben!“ Und ſtrahlend unter den Strahlenden ſtreckte das geiſtige Bild ſeine Arme aus, und flüſterte der Schläferin zu:„Ge⸗ noſſin der Ewigkeit! das heißt ſterben!“ „Ha! warum winken ſie uns von den Giebeln der Häuſer? Warum rottet ſich das Volk in den Straßen zuſammen? Warum ertönt die Glocke? Was bebeutet das gellende Sturmläuten? Hört das Feuern! das Waf⸗ Mitgefangene, iſt am Ende noch Hoffnung für uns?“ So raunen die Gefangenen feuchend einander zu. Der Tag erbleicht— der Abend bricht ein; immer fort drücken ſie ihre bleichen Geſichter ans Gitter; und immer ſehen ſie aus den Fenſtern und von den Giebeln der Häu⸗ ſer das Lächeln von Freunden— die wehenden Signale. „Hurrah!“ endlich—„Hurrah! Robespierre iſt gefallen! Die Schreckensherrſchaft iſt nicht mehr! Gott hat uns das Leben gefriſtet!“ Ja! wirf einen Blick in den Saal, wo der Ty⸗ rann und ſein Conclave das Toben draußen gehört haben! — Die Prophezeiung von Dumas erfüllend, taumelt Hen⸗ riot, trunken von Blut und Branntwein, herein, und r 135 ſtößt ſeinen blutigen Säbel auf den Boden—„Alles iſt verloren!“ „Elender! Deine Feigheit hat uns zu Grunde gerich⸗ tet!“ brüllte der wilde Coffinhal, indem er die Memme zum Fenſter hinaus ſchleuderte. Ruhig wie die Verzweiflung ſtand der finſtere St. Juſt; der lahme Couthon kriecht und krabbelt unter den Tiſch; ein Schuß— ein Knall! Robespierre wollte ſich ſelbſt entleiben! Die zitternde Hand hat ihn nur ver⸗ ſtümmelt, aber nicht getödtet! Die Glocke des Stadthau⸗ ſes ſchlägt drei Uhr. Durch die erbrochene Thüre— die düſtern Gänge entlang, in den Todesſaal, bricht der Volks⸗ haufe. Verſtümmelt, fahl und gelb, mit Blut beſpritzt, ſprachlos, aber nicht bewußtlos, ſitzt noch hochmüthig in aufrechter Stellung der Hauptmörder! Um ihn drängen ſie ſich— ſie ſchreien— ſie verwünſchen ihn! ihre Geſich⸗ ter glühen von den geſchwungenen Fackeln! Er, nicht der ſternglänzende Magier, iſt der eigentliche Zauberer! Und um ſeine letzten Stunden verſammeln ſich die Teufel, die er herauf beſchworen! Sie ſchleppen ihn fort! Oeffne deine Thore, uner⸗ bittliches Gefängniß! Die Conciergerie empfängt ihre Beute! Kein Wort mehr ſprach auf Erden Marximliian Robespierre! Ströme aus deine Tauſende und Zehntau⸗ ſende, befreites Paris! Nach dem Revolutionsplatz rollt der Karren mit dem Köntg des Schreckens,— St. Juſt, Dumas, Couthon ſind ſeine Begleiter zum Grabe! Ein Weib— ein kinderloſes Weib, mit greiſen Haaren, ſpringt zu ihm hin—„Dein Tod macht mich trunken vor Freude!“ Er ſchlug ſeine blutunterlaufenen Augen auf—„Fahre zur Hölle, mit den Flüchen der Weiber und Mütter!“ Die Henker reißen die Binde von der zerſchmetterten Kinnlade! Ein Kreiſchen— und das Volk lacht; und das Meſſer fällt, unter dem Jauchzen der zahlloſen Tauſende! 136 Und ſchwarze Nacht umhüllt Deine Seele, Maximilian Robespierre! So endetete die Herrſchaft des Schreckens. Der Tag iſt angebrochen im Kerker. Von Zelle zu Zelle eilen ſie mit der Botſchaft; Haufen um Haufen— die freudigen Gefangenen vermiſcht mit den Kerkermei⸗ ſtern, die, aus Furcht, ſich gern auch freudig anſtellen möchten— ſie ergießen ſich durch die Gänge und Höhlen des unholden Hauſes, das ſie bald verlaſſen werden. Sie brechen in eine Zelle, die ſeit dem geſtrigen Morgen ver⸗ geſſen worden. Sie finden darin eine junge Frau, auf ihrem elenden Bette ſitzend; die Arme über der Bruſt ge⸗ kreuzt, das Antlitz emporgerichtet; die Augen offen, und ein Lächeln— nicht der Heiterkeit blos, der Seligkeit um ihren Mund. In dem wilden Sturm ihrer Freude ſogar wichen ſie mit ſcheuem, ehrfurchtsvollem Staunen zurück. Nie hatten ſie das Leben ſo ſchön geſehen; und wie ſie ſich mit geräuſchloſen Schritten langſam näherten, ſahen ſie, daß die Lippen nicht athmeten, daß es die Ruhe des Marmors, daß es die Schönheit und Verzückung des To des war. Schweigend ſammelten ſie ſich um ſie her; und ſiehe da, zu ihren Füßen war ein kleines Kind, das von ihren Schritten erwachte, ſie feſt anſah, und mit ſeinen roſigen Fingern mit dem Kleide ſeiner todten Mutter ſpielte. Eine Waiſe hier im Kerkergewölbe! „Armes Kind!“ ſagte ein Weib(ſelbſt Mutter)— „und ſie ſagen, dein Vater ſey geſtern gefallen! und jetzt die Mutter todt! Allein in der Welt— was kann dein Schickſal ſeyn?“ Das Kind lächelte furchtlos die Menge an, als die Frau ſo ſprach. Und der alte Prieſter, der darunter ſtand, ſagte mild:„Weib! ſieh ⸗die Waiſe lächelt! die Vater⸗ loſen ſind die Schützlinge Gottes!“ DS =— —