— — Leihbiblivthet f deutſcher, eiglſſcher unt franzsſiſcer Litrutnr ß Eduard Oktmaun in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256.„ ceih- und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. — — 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: ſ für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf 3.. 5 S„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ ſ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt c 5— der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7 Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. N —— Aus dem Engliſchen. Fünfundneunzigſtes Bündchen. Zanoni. Erſtes Bändchen. Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1842. Z3anoni. Ein Roman von dem Verfaſſer von„Nacht und Morgen,“„Rienzi,“ „Ernſt Maltravers,“„Alice“ u. a, Aus dem Engliſchen von Gu ſt a v i In ſechs Bändchen. Erſtes Bändchen. ——— ——— Stuttgart. Berlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1842. „Kurz, ich konnte weder Kopf noch Schwanz daran anbringen.“ Der Graf von Gabalis. Ginleitung. Vielleicht befinden ſich unter meinen Leſern einige Wenige, denen ein alter Buchladen nicht unbekannt iſt, welcher vor einigen Jahren in der Nähe von Covent Garden exiſtirte; ich ſage einige Wenige, denn ſicherlich war in den koſtbaren Bänden, welche die Arbeit und Mühe eines Lebens auf den be⸗ ſtäubten Bücherbrettern meines alten Freundes D— aufgehäuft hatte, Wenig, was die Menge anziehen konnte. Da fanden ſich keine populäre Abhandlun⸗ gen, keine unterhaltende Romane, keine Geſchich⸗ ten, keine Reiſen, keine„Bibliothek für das Volk,“ keine„Beluſtigungen für Millionen.“ Aber es ent⸗ deckte dort der Neugierige die merkwürdigſte Samm⸗ lung vielleicht in ganz Europa, die je ein enthuſta⸗ ſtiſcher Liebhaber von alchimiſtiſchen, cabbaliſtiſchen —— — —— —— und aſtrologiſchen Werken zuſammengebracht hat. Der Beſitzer hatte ein Vermögen verſchwendet auf den Ankauf von unverkaufbaren Schätzen. Aber der alte D— hatte gar keine Luſt zu verkaufen. Es ſchnitt ihm wirklich ins Herz, wenn ein Käufer in ſeinen Laden trat; er beobachtete die Bewegungen des anmaßlichen Eindringlings mit rachgierigen, eiferſüchtigen Blicken, er umſchwebte ihn mit unru⸗ higer Wachſamkeit; er runzelte die Stirne, er ſtöhn⸗ te, wenn profane Hände ſeine NDole in ihren Niſchen verrückten. Wenn es eine der Lieblingsſultaninnen ſeines Zauberharems war, die Einen anzog, und der genannte Preis nicht enorm genug war, pflegte er nicht ſelten die Summe zu verdoppeln. Zeigte man Bedenken, ſo riß er Einem in ungeſtümer Freude den ehrwürdigen Bezauberer aus den Händen ging man auf die Forderung ein, ſo wurde er das Bild der Verzweiflung. Nicht ſelten pochte er in finkender Nacht an der Thüre des Abnehmers, und flehte ihn an, ihm wieder zu beliebigen Bedingungen zu verkaufen, was derſelhe zu ſo hohem Preiſe von ihm gekauft hatte. Selbſt ein gläubiger Anhänger ſeines Averrves und Paracelſus, war er ſo abgeneigt wie die Philoſophen, welche er ſtudirte, den Profanen die von ihm geſammelte Gelehrſamkeit mitzutheilen. Es traf ſich, daß ich vor mehreren Jahren, in den jüngeren Tagen meiner Schriftſtellerei und mei⸗ nes Lebens, den Wunſch empfand, mich mit dem eigentlichen Urſprung und den Lehren der ſonder⸗ baren, und unter dem Namen der Roſenkreuzer be⸗ kannten Sekte vertraut zu machen Unbegnügt mit den dürftigen und oberflächlichen Nachrichten, die ſich in den Werken finden, auf welche man gewöhnlich in Betreff dieſes Gegenſtandes verweist, fiel mir plötzlich die Möglichkeit ein, daß Mr. D—s Samm⸗ lung, die nicht nur an Drucken, ſondern auch an Handſchriften reich war, vielleicht genauere und au⸗ thentiſchere Aufſchlüſſe über dieſe berufene Brüder⸗ ſchaft enthalte— geſchrieben etwa, Wer weiß! von Einem ihres eignen Ordens, und durch gewichtiges und ausführliches Zeugniß die Anſprüche auf Weis⸗ heit und Tugend bekräftigend, welche Bringaret den Nachfolgern der Chaldäer und Gymnoſophiſten zu⸗ geſchrieben. Demgemäß begab ich mich an den Ort, der, wie ich ohne Zweifel mit Schaam bekennen muß, einmal einer meiner Lieblingsaufenthalte war. Aber ſinden ſich denn keine Irrthümer und Täuſchungen in den Chroniken unſrer Tage, ſo abſurd wie die der alten Alchymiſten?— Unſere Zeitungen ſelbſt möchten unſern Nachkommen ſo Loll von Täuſchun⸗ gen erſcheinen, wie uns die Bücher der Alchymiſten — und doch iſt die Preſſe die Luft, vie wir athmen — und eine ungemein nebliche Luft iſt es! Als ich in den Laden trat, fiel mir das un⸗ gemein ehrwürdige Aeußere eines Kunden auf, den ich noch nie dort geſehen hatte. Noch mehr wun⸗ derte ich mich über die Achtung, mit welcher er von dem ekeln Sammler behandelt wurde.„Sir,“ rief der Letztere mit Emphaſe, als ich den Catalog durch⸗ blätterte,„Sir, Ihr ſeyd der einzige Mann, der mir in den fünfundvierzig Jahren, welche ich mit dieſen Nachforſchungen zugebracht, vorkam, welcher werth iſt, mein Kunde zu ſeyn. Wie— wo, in dieſer frivolen Zeit, konntet Ihr ſo tiefe Kenntniſſe Euch erwerben? Und jene erhabene Brüderſchaft, deren Lehren, leiſe angedeutet ſchon von den frü⸗ heſten Philoſophen, noch den ſpäteſten ein Geheim⸗ niß ſind,— ſagt mir, ob wirklich auf Erden ein Buch, ein Manuſkript exiſtirt, woraus ihre Ent⸗ deckungen, ihre Lehrſätze zu erlernen ſind?“ Bei den Worten„erhabene Brüderſchaft“ war, wie ich kaum zu ſagen brauche, meine Aufmerk⸗ ſamkeit auf einmal rege geworden, und ich lauſchte begierig auf die Antwort des Unbekannten. e e — —„ N „Ich glaube nicht,“ ſagte der alte Herr,„daß die Meiſter der Schule je anders als in dunkeln Andeutungen und mhſtiſchen Parabeln ihre wirkli⸗ chen Lehren der Welt mitgetheilt haben. Und ich tadle ſie nicht wegen dieſer Zurückhaltung.“ Hier ſchwieg er und ſchien ſich entfernen zu wollen, als ich etwas raſch zu dem Sammler ſagte: „Ich finde Nichts, Mr. D—, in dieſem Catalog, was ſich auf die Roſenkreuzer bezieht.“ „Die Roſenkreuzer!“ wiederholte der alte Herr, und jetzt faßte er ſeinerſeits mich mit bedächtlicher Ueberraſchung ins Auge.„Wer anders als ein Ro⸗ ſenkreuzer könnte die Geheimniſſe der Roſenkreuzer erklären? Und könnt Ihr Euch vorſtellen, daß Mit⸗ glieder dieſer Sekte, der eiſerſüchtigſten unter allen geheimen Geſellſchaften, ſelbſt den Schleier ſollten lüften wollen, der die Iſis ihrer Weisheit der Welt verbirgt?“ „Aha!“ dachte ich,„das iſt alſo die erhabene Brüderſchaft, von welcher Ihr geſprochen. Dem Himmel ſey Dank! Gewiß bin ich auf Einen von dem Bunde geſtoßen!“ „Aber,“ ſagte ich laut,„wenn nicht aus Bü⸗ chern, Sir, wo ſoll ich denn ſonſt Aufſchluß erlan⸗ gen? Heutzutage kann man im Druck nichts wagen S ohne Autoritäten, und man darf kaum Shakſpeare 6 1 citiren, ohne Kapitel und Vers anzugeben. Wir 1 leben in der Zeit der Thatſachen— der Zeit der 3 . Thatſachen, Sir!“ „Nun gut,“ ſagte der alte Herr mit einem wohlgefälligen Lächeln,„wenn wir uns wieder tref⸗ fen, kann ich vielleicht wenigſtens Eure Nachfor⸗ 6 ſchungen auf die eigentliche Quelle der Erkenntniß S 4 hinlenken.“ Und damit knöpfte er ſeinen Oberrock 4 3 zu, pfiff ſeinem Hunde und ging weg. Es traf ſich, daß ich dem alten Herrn genau vier Tage nach unſerem kurzen Geſpräch in Mr. D—s Buchladen wieder begegnete. Ich ritt ganz . gemächlich nach Highgate, als ich am Fuße ſeines klaſſiſchen Hügels den Unbekannten entdeckte; er ritt ein ſchwarzes kleines Pferd und vor ihm trottete ſein Hund, der auch ſchwarz war. Wenn Einer dem Mann, den er kennen zu ler⸗ nen wünſcht, zu Pferde, unten an einem langen Berge begegnet, wo er, wenn er nicht eines Freun⸗ des Lieblingspferd entlehnt hat, gemäß den Geſetzen der Menſchlichkeit gegen die vernunftloſen Geſchöpfe, Einem nicht davon reiten kann: da iſt es, fürchte ich, die eigene Schuld des nach der Bekanntſchaft Lüſternen, wenn er nicht, ehe er den Gipfel er⸗ —— —— S —,— n — reicht, weit gediehen iſt in ſeinem Wunſch und Vor⸗ haben. Kurz es gelang mir ſo gut, daß, als wir Highgate erreichten, der alte Herr mich einlud, in ſeinem, ein wenig vom Dorfe abgelegenen Hauſe auszuruhen; und ein herrliches Haus war es— klein, aber bequem, mit einem großen Garten, und mit einer Ausſicht aus den Fenſtern, wie ſie Lukrez Philoſophen empfehlen würde,— die Thürme und Cathedralen von London an einem klaren Tage deut⸗ lich ſichtbar; hier die Zurückgezogenheit des Einſied⸗ lers, und dort das große Meer der Welt. Die Wände der Hauptzimmer waren geſchmückt mit Gemälden von außerordentlichem Verdienſt, und von jener hohen Schule der Kunſt, die außer Ita⸗ lien ſo wenig verſtanden wird. Mit Ueberraſchung erfuhr ich, daß ſie alle von der Hand des Beſitzers ſelbſt waren. Meine ſichtliche Bewunderung gefiel meinem neuen Freunde und führte zu Geſprächen über ſein Talent, welche zeigten, daß er in ſeinen Kunſttheorien nicht minder erhaben, als in der Ausübung ein Adept war. Ohne den Leſer mit gleichgültigen Kritiken zu ermüden, muß ich doch wohl, um den Plan und Charakter des Werkes, dem dieſe Vorworte zur Einleitung dienen, in ein helleres Licht zu ſetzen, in der Kürze bemerken, daß —— cCcc — S er ebenſo ſehr auf dem Zuſammenhang der Künſte beſtand, wie ein berühmter Schriftſteller auf dem der Wiſſenſchaften; daß er behauptete, in allen Wer⸗ ken der Phantaſie, in Worten oder mit Farben aus⸗ geführt, müſſe der Künſtler der höheren Schulen den ſchärfſten Unterſchied machen zwiſchen dem Rea⸗ len und dem Wahren— mit andern Worten, zwi⸗ ſchen der Nachahmung der Wirklichkeit, und der Erhebung der Natur zum Idealen. „Das Eine,“ ſagte er,„macht die niederländi⸗ ſche Schule, das andere die griechiſche.“ „Sir,“ ſagte ich,„die niederländiſche iſt am meiſten in der Mode.“ „Ja, in der Malerei vielleicht,“ antwortete mein Wirth,„aber in der Literatur—“ „Von der Literatur ſprach ich. Unſre heran⸗ wachſenden Dichter ſind alle für Einfachheit und Betty Foy,* und unſere Kritiker halten es für das höchſte Lob bei einem Werke der Phantaſie, zu ſagen, daß ſeine Charaktere ganz genau dem ge⸗ meinen Leben entſprechen. Selbſt in der Skulp⸗ tur—“ *Die ländliche Heldin einer Erzählung von Words⸗ worth:„der blöde Knabe.“ — —„ —— „In der Skulptur! Nein— nein! hier wenig⸗ ſtens muß das hohe Ideale weſentlich ſeyn!“ „Verzeiht; ich fürchte, Ihr habt nicht Souter Johny und Tam O'Shante geſehen!“ „Ach!“ ſagte der alte Herr, den Kopf ſchüt⸗ telnd;„ich lebe ganz außer der Welt, wie Ihr ſeht. Ich denke, Shakſpeare hat aufgehört bewundert zu werden.“ „Im Gegentheil; die Leute nehmen die Anbe⸗ tung Shakſpeare's zur Entſchuldigung, wenn ſie Jedermann ſonſt angreifen. Aber dafür haben auch unſre Kritiker die Entdeckung gemacht, daß Shak⸗ ſpeare ſo realiſtiſch iſt!“ „Realiſtiſch! Der nie einen Charakter gezeichnet hat, dem man im wirklichen Leben begegnete— der nie herabgeſtiegen iſt zu einer Leidenſchaft, die falſch, noch zu einer Perſon, die real wäre!“ Ich wollte eben ernſtlich auf dieſes Paradaxon antworten, als ich bemerkte, daß mein Wirth et⸗ was hitzig zu werden anfing. Und wer einen Ro⸗ ſenkreuzer zu erhaſchen wünſcht, der muß ſich wohl hüten, das Waſſer zu trüben.— Ich hielt es da⸗ her für beſſer, die Unterhaltung auf etwas Anderes zu lenken. „Revenons à nos moutons,“ ſagte ich;„Ihr — — — cc verſpracht, meine Unwiſſenheit in Betreff der Roſen⸗ kreuzer aufzuklären.“ „Wohl!“ verſetzte er ziemlich herb;„aber zu welchem Behufe? Vielleicht wünſcht Ihr nur in den Tempel einzutreten, um die heiligen Gebräuche zu verſpotten.“ „Wofür haltet Ihr mich? Gewiß, hätte ich auch Luſt dazu, das Schickſal des Abbé de Villars iſt eine hinreichende Warnung für alle Menſchen, nicht ein eitles Geſchwätz von den Reichen des Sa⸗ lamanders und der Sylphen zu führen. Jedermann weiß, wie geheimnißvoll dieſer ſcharffinnige Mann ums Leben kam, zur rächenden Strafe für die witzi⸗ gen Spöttereien ſeines Grafen von Gabalis.“ „Salamander und Sylphe! Ich ſehe, daß Ihr in den gemeinen Irrthum verfallt und die allego⸗ riſche Sprache der Myſtiker buchſtäblich überſetzt.“ Damit geruhte der alte Herr in eine ſehr in⸗ tereſſante, und wie mir ſchien, ſehr gelehrte Ausein⸗ anderſetzung der Lehren der Roſenkreuzer einzugehen, deren noch Einige, wie er verſicherte, exiſtirten, und immer noch, in hehrer Heimlichkeit, ihre tiefen For⸗ ſchungen in Naturwiſſenſchaften und verborgner Phi⸗ loſophie verfolgten. „Aber dieſe Brüderſchaft,“ ſagte er,„wie — ——„„. ——+,„———„—— S V —— N u* M achtungswerth auch und tugendhaft— tugendhaft, ſage ich, denn kein Mönchsorden iſt ſtrenger in der Ausübung moraliſcher Geſetze oder brünſtiger im chriſtlichen Glauben— dieſe Brüderſchaft iſt nur ein Zweig von andern, noch überſchwänglicheren in den Kräften, die ſie ſich angeeignet, und noch er⸗ lauchteren in ihrer Abkunft. Seyd Ihr bekannt mit den Platonikern?“ „Ich habe mich gelegentlich in ihrem Labyrinthe verirrt,“ ſagte ich.„Wahrhaftig, dieſe Herrn ſind ziemlich ſchwer zu verſtehen.“ „Und doch find ihre verwickeltſten Probleme noch nie veröffentlicht worden. Ihre erhabenſten Werke ſind nur handſchriftlich vorhanden und bilden das einleitende Wiſſen nicht blos der Roſenkreuzer, ſondern auch der genannten edleren Brüderſchaften. Ernſter und erhabner noch ſind die Kenntniſſe, die aus den älteren Pythagoräern und aus den unſterb⸗ lichen Meiſterſtücken des Apollonius zu ſchöpfen ſind.“ „Apollonius! der Betrüger von Tyana! ſind ſeine Schriften vorhanden?“ „Betrüger!“ rief mein Wirth.„Apollonius ein Betrüger!“ „Ich bitte Euch um Verzeihung; ich wußte — — — —— —— ——— S —— nicht, daß er Euer Freund iſt; und wenn Ihr für ſeinen Charakter bürgt, will ich glauben, daß er ein ſehr achtbarer Mann geweſen, der nur Wahr⸗ heit ſprach, wenn er ſich rühmte, an zwei Orten zu gleicher Zeit ſeyn zu können“ „Iſt das ſo ſchwer?“ ſagte der alte Herr; „wenn dieß iſt, ſo müßt Ihr nie geträumt haben.“ Hier endete unſer Geſpräch; aber von dieſer Zeit an war zwiſchen uns eine Bekanntſchaft entſtan⸗ den, welche dauerte, bis mein ehrwürdiger Freund aus dieſem Leben ſchied. Friede ſeiner Aſche! Er war ein Mann von eigenthümlichen Angewöhnun⸗ gen und excentriſchen Anſichten; aber der größte Theil ſeiner Zeit war mit Thaten und Handlungen ruhiger und anſpruchsloſer Güte ausgefüllt. Er war ein Enthuſiaſt in den Pflichten des Samari⸗ ters, und wie ſeine Tugenden das ſanfte Gewand der mildeſten Menſchenliebe trugen, ſo waren ſeine Hoffnungen auf den hingebendſten Glauben ge⸗ gründet. Er ſprach nie von ſeiner eignen Abkunft und ſeiner Geſchichte, auch habe ich nie das Dunkel zu durchdringen vermocht, worein ſie gehüllt waren. Er ſchien viel von der Welt geſehen zu haben, und ein Augenzeuge der erſten franzöſiſchen Revolution geweſen zu ſeyn, ein Gegenſtand, über den er ebenſo 3 — — beredt als lehrreich ſprach. Dabei betrachtete er die Verbrechen dieſer ſtürmiſchen Periode nicht mit der philoſophiſchen Gelindigkeit und Nachſicht, womit aufgeklärte Schrifſteller unſerer Tage(deren Kopf ungefährdet auf ihren Schultern ſitzt) geneigt ſind, die blutigen Metzeleien der Vergangenheit zu be⸗ urtheilen, er ſprach nicht wie ein Gelehrter, der geleſen und nachgedacht, ſondern wie ein Mann, der geſehen, erlebt und gelitten hat: Der alte Herr ſchien allein zu ſtehen in der Welt; auch wußte ich nicht, daß er auch nur Einen Verwandten hatte, bis ſein Teſtamentsvollſtrecker, ein entfernter Vet⸗ ter, der außer Lands lebte, mich in Kenntniß ſetzte, welches ſchöne Legat mein armer Freund mir ver⸗ macht hatte. Dieß beſtand erſtens aus einer Summe, in Betreff deren ich es für das Beſte halte, reinen Mund zu halten, in Vorausſicht der Möglichkeit einer neuen Steuer auf reales und fundirtes Eigen⸗ thum, und zweitens aus gewiſſen koſtbaren Hand⸗ ſchriften, welchen dieſes Buch ſein Daſeyn verdankt. Ich bilde mir ein, ich bin dieß letztere Ver⸗ mächtniß einem Beſuche ſchuldig, den ich dem Wei⸗ ſen, wenn ich ihn ſo nennen darf, wenige Wochen vor ſeinem Tod abſtattete. Mein Freund, obwohl er Wenig von moder⸗ Bulwer's Romane. XCV. ner Literatur las, erlaubte mir doch mit der ihm eigenen leutſeligen Gutmüthigkeit, mit verbindlich⸗ ſter Gefälligkeit, ihn über verſchiedene literariſche Unternehmungen um Rath zu fragen, denen ich mit dem unſteten Ehrgeiz eines jungen und uner⸗ fahrenen Liebhabers der Literatur nachſann. Und zu jener Zeit erbat ich mir ſeinen Rath über ein Werk der Phantaſie, das die Wirkungen des En⸗ thuſiasmus auf verſchiedene Gattungen von Cha⸗ rakteren ſchildern ſollte. Er hörte meine Erfindung, welche proſaiſch und abgedroſchen genug war, mit ſeiner gewöhnlichen Geduld an; und dann nachdenk⸗ lich zu ſeinen Bücherbretten ſich wendend, nahm er einen alten Band herab und las mir zuerſt grie⸗ chiſch, und dann engliſch, einige Auszüge folgenden Inhalts: „Plato bezeichnet hier vier Arten von Mania, worunter ich Enthuſiasmus und göttliche Begeiſte⸗ rung verſtehen möchte. Erſtlich die muſikaliſche, zweitens die teleſtiſche oder myſtiſche; drittens die prophetiſche; und viertens die der Liebe angehörige.“ Der von ihm citirte Autor, nachdem er be⸗ hauptet, daß in der Seele etwas ſey, das höher als der Verſtand, und daß in unſerer Natur ge⸗ ſonderte Kräfte ſeyen, durch deren eine wir Wiſ⸗ ſenſchaften und Theorien mit beinahe intuitiver Schnelligkeit entdecken und erfaſſen, und eine an⸗ dere, durch welche die hohe Kunſt ihre Werke ſchafft, wie die Statuen des Phidias; behauptete dann wei⸗ ter:„Enthuſiasmus, im wahren und ächten Sinne des Wortes, beſtehe darin, daß der Theil der Seele, der höher iſt als der Verſtand, zu den Göttern auf⸗ geregt ſey und daher ſeine Begeiſterung empfange.“ Im Verlaufe ſeines Commentars zum Plato bemerkt der Autor dann weiter, daß„Eine dieſer Arten Mania ſchon hinreichen könne,(beſonders die zur Liebe gehörige,) um die Seele zu ihrer erſten Göttlichkeit und Glückſeligkeit zurückzuführen; aber daß eine innige Verbindung ſie alle zur Ein⸗ heit verknüpfe, und daß die gewöhnliche Ordnung, in welcher die Seele emporſteige, ſey: zuerſt durch die muſikaliſche, ſodann durch die teleſtiſche oder myſtiſche; drittens durch die prophetiſche, und zu⸗ ſetzt durch den Enthuſiasmus der Liebe.“ Während ich mit verwirrtem Verſtand und widerſtrebender Aufmerkſamkeit dieſen verwickelten Erhabenheiten lauſchte, ſchloß mein Rathgeber das Buch wieder, und ſagte mit Wohlgefälligkeit:„Das iſt das Motto für Euer Buch— die Theſis für Euer Thema!“ 9*5 „Davus sum, non Oedipus,“ ſagte ich, miß⸗ muthig den Kopf ſchüttelnd.„Das Alles mag aus⸗ nehmend ſchön ſeyn, aber, der Himmel vergebe es mir— ich verſtehe kein Wort davon. Die Myſte⸗ rien Eurer Roſenkreuzer und Eurer Brüderſchaften ſind nur ein Kinderſpiel gegen das Rothwelſch der Platoniker.“ „Und doch könnt Ihr, ehe Ihr dieſe Stelle recht verſteht, die höheren Theorien der Roſen⸗ kreuzer, oder der noch edleren Brüderſchaften, von welchen Ihr ſo leicht ſprecht, nicht verſtehen.“ „O, wenn das iſt, ſo ſtehe ich in Verzweif⸗ lung ab. Warum aber, da Ihr in der Materie ſo bewandert ſeyd, nehmt Ihr nicht ſelbſt das Motto für Euch zu einem Vuche?“ „Und wie, wenn ich ſchon ein Buch verfaßt hätte, deſſen Thema jener Satz bildet, wolltet Ihr es für das Publikum zurichten?“ „Mit dem größten Vergnügen,“ ſagte ich— ach, allzu raſch! „Ich werde Euch beim Wort nehmen,“ verſetzte der alte Herr,„und wenn ich nicht mehr bin, wer⸗ det Ihr die Manufkripte erhalten. Nach dem, was Ihr mir von dem herrſchenden Geſchmack in der Literatur ſagt, kann ich Euch nicht mit der Hoffnung 6 ſchmeicheln, daß Ihr mit dem Unternehmen viel ge⸗ winnen werdet. Und ich ſage Euch im Voraus, Ihr werdet das Geſchäft nicht wenig mühſam finden.“ „Iſt Euer Werk ein Roman?“ „Es iſt ein Roman und iſt es nicht. Es iſt eine Wahrheit für die, die es verſtehen können, und eine Phantaſterei für die, die es nicht können.“ Endlich kamen die Manuſkripte an, mit einem kurzen Brieſchen meines verſtorbnen Freundes, das mich an mein unvorſichtiges Verſprechen erinnerte. Mit kummervollem Intereſſe und doch mit leb⸗ hafter Ungeduld öffnete ich das Paket und putzte meine Lampe. Man denke ſich meine Ueberraſchung und meinen Verdruß, als ich das Ganze in unver⸗ ſtändlichen Chiffern geſchrieben fand. Ich gebe dem Leſer hier eine Probe: und ſofort, 940 tödtliche Blätter Propatriapapier! Ich traute kaum meinen Augen; in der That, es wollte mich nachgerade ſchon bedünken, die Lampe brenne ganz ſonderbar blau, und ſeltſame Ahnun⸗ gen von einer unheiligen Beſchaffenheit der Schrift⸗ züge, die ich ſo unvorbereitet aufgeſchlagen, ver⸗ vunden mit den wunderlichen Andeutungen und der myſtiſchen Sprache des alten Herren, bewegten ſich durch meine zerrüttete Phantaſie. Wahrhaftig, um nichts Schlimmeres zu ſagen, das ganze Ding ſah unheimlich aus! Ich war im Begriff, die Papiere haſtig in meinen Pult zu ſchleudern, mit dem frommen Entſchluß, Nichts mehr damit zu thun haben zu wollen, als mein Auge auf ein Buch fiel, hübſch in blau Maroquin gebunden, das ich in meinem Eifer bisher überſehen hatte. Ich öffnete dieſen Band mit großer Vorſicht, da ich nicht wußte, was herausſpringen könnte, und— man denke ſich meine Freude!— fand, daß es einen Schlüſſel oder ein Wörterbuch zu den Hieroglyphen enthielt. Um den Leſer nicht zu ermüden mit der Erzählung meiner Mühen, begnüge ich mich zu ſagen, daß ich mich endlich im Stande glaubte, die Charaktere zu deuten, und mich mit Ernſt ans Werk zu machen. Dennoch war es keine leichte Aufgabe, und zwei Jahre verfloßen, ehe ich bedeu⸗ tende Fortſchritte gemacht hatte. Ich erlangte da⸗ mals, um einen Verſuch mit dem Publikum zu machen, die Einrückung einiger abgeriſſener Kapitel in eine periodiſch erſcheinende Schrift, mit welcher ich einige Monate in Verbindung zu ſtehen die Ehre „ „b hatte. Sie ſchienen mehr Aufſehen und Neugier zu erregen, als ich zu vermuthen gewagt hatte; und ich ging mit neuem Muthe an mein mühſames Un⸗ ternehmen. Aber jetzt traf mich ein neues Mißge⸗ ſchick; ich fand, wie ich weiter vorrückte, daß der Verfaſſer zwei Copien ſeines Werkes gemacht hatte, die eine weit ausgearbeiteter und ausführlicher als die andere; mir war zuerſt die frühere Copie unter die Hände gekommen, und ich hatte nun das ganze Werk umzugeſtalten, hatte die ſchon geſchriebenen Kapitel aufs neue zu überſetzen. So darf ich denn ſagen, daß mich, Zwiſchenzeiten abgerechnet, welche dringenderen Geſchäften gewidmet waren, mein un⸗ ſeliges Verſprechen eine mehrjährige Arbeit koſtete, ehe ich es gänzlich erfüllen konnte. Die Aufgabe war um ſo ſchwieriger, als das Original in einer Art rythmiſcher Proſa geſchrieben iſt, wie wenn der Wunſch des Verfaſſers geweſen wäre, daß ſein Werk gewiſſermaßen als ein nach Idee und Plan poetiſches betrachtet werden ſolle. Dieſem Gerechtigkeit wider⸗ fahren zu laſſen, war nicht möglich, und bei dem Beſtreben es zu thun, habe ich ohne Zweifel ſehr oft die nachſichtige Billigkeit des Leſers in Anſpruch zu nehmen. Meine natürliche Achtung vor des alten Herren grillenhaftem Gebahren mit einer Muſe von zweideutigem Charakter muß meine einzige Entſchul⸗ digung ſeyn, wenn öfters die Sprache, ohne ſich zum üppigen Schmuck des Verſes zu erheben, Blumen entlehnt, die der Proſa kaum natürlich ſind. Auch verpflichtet mich die Wahrheit zu dem Bekenntniß, daß ich, trotz aller meiner Mühe, keineswegs gewiß bin, in jedem einzelnen Falle genau den ächten Sinn der Chiffern wiedergegeben zu haben; ja, daß hin und wieder eine Lücke in der Erzählung, oder die plötzliche Aufnahme einer neuen Chiffer, für welche kein Schlüſſel vorhanden war, mich nöthigte, zu Interpolationen auf eigene Fauſt meine Zuflucht zu nehmen, die ohne Zweifel leicht kenntlich, aber, wie ich mir ſchmeichle, nicht im Widerſpruch und Miß⸗ klang mit der Idee des Ganzen ſind. Dieß Geſtänd⸗ niß führt mich zu dem Satz, mit welchem ich ſchlie⸗ ßen will: Wenn in dieſem Buche Etwas iſt, o Leſer, was dir gefällt, ſo iſt es gewiß mein, ſo oft du aber auf etwas ſtößeſt, was dir mißfällt, ſo laß den Tadel auf den alten Herrn fallen! London, im Jahr 1841. NB. Die dem Text beigefügten Anmerkungen rühren bald vom Verfaſſer, bald vom Herausgeber her.— Ich habe gelegentlich (aber nicht immer) dieſe Unterſcheidung angegeben; aber wo ſie fehlt, wird der Scharfſinn des Leſers ſelten irre gehen. ₰ Erſtes Puch. Der Muſiker. Due Fontane Che di diverso effetto hanno liquore. Ariosto, Orlando Fur. Canto I. 4₰ Erſtes Kapitel. Vergine era D'alta beità, ma sua beltà non cura. Di natura, d'amor, de' cieli amici Le negligenze sue sono artiſici. Gerus. Lib. Canlo III. 14— 18. In Neapel lebte und blühte in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ein ehrenwerther Künſtler, Gae⸗ tano Piſani mit Namen. Er war ein Muſiker von großem Genius, aber von nicht ſehr popnlärem Ruf; in allen ſeinen Compoſitionen war etwas Launenhaftes und Phan⸗ taſtiſches, was dem Geſchmack der Muſikliebhaber in Nea⸗ pel nicht zuſagte. Er war ein Freund von fremdartigen Vorwürfen, die er mit Arien und Symphonien ausſtat⸗ tete, welche in den Hörern eine Art Angſt und Entſetzen erweckte. Die Namen ſeiner Stücke ſchon werden vermuth⸗ lich einen Begriff von ihrer Beſchaffenheit geben. Ich finde z. B. unter ſeinen Manuſkripten folgende Titel: „Das Feſt der Harpyen,“„Die Heren zu Benevento,“ „Das Hinabſteigen des Orpheus in den Hades,“„Der böſe Blick,“„Die Eumeniden,“ und manche andere, die eine gewaltige Einbildungskraft beurkunden, welche ſich im Furchtbaren und Uebernatürlichen gefällt, aber oft, vermöge einer erhabenen und zarten Phantaſie, durch Paſſagen von ausnehmender Anmuth und Schönheit er⸗ freut. Es iſt wahr, daß, bei der Wahl ſeiner Vorwürfe aus der alten Fabel, Gaetano Piſani dem fernen Ur⸗ ſprung und dem früheren Genius der italieniſchen Oper weit treuer blieb, als ſeine Zeitgenoſſen. Dieſer zwar verweichlichte Sprößling aus der alten Vermählung von Geſang und Drama hatte, als er nach langer Verborgen⸗ heit und Enthronung, einen verkürzten Scepter, obwohl einen ſchimmernderen Purpur, an den Ufern des etru⸗ riſchen Arno, oder unter den Lagunen Venedigs wieder erlangte, alle ſeine erſten Eingebungen aus den fern⸗ liegenden klaſſiſchen Quellen der heidniſchen Sage ge⸗ ſchöpft; und Piſani's„Hinabſteigen in den Hades“ war nur eine kühnere, dunklere und wiſſenſchaftliche Wiederho⸗ lung der„Eurydice,“ welche Jacopo Peri in Muſik ge⸗ ſetzt hatte bei der feſtlichen Hochzeit Heinrichs von Navarra mit Maria von Medicis.“ Dennoch, wie ſchon geſagt, behagte im Ganzen der Styl des neapolitaniſchen Muſi⸗ kers den Ohren wenig, welche durch die mehr ſüßen und ſchmeichelnden Melodien des Tages verzärtelt und ekel geworden waren; und leicht zu entdeckende Fehler und *Orpheus war der Lieblingsheld der früheren italieniſchen Oper oder des lyriſchen Drama's. Der„Orfeo“ von Angelo Poli⸗ tiano ward 1475 aufgeführt. Der Orfeo von Monteverte ward in Venedig 1667 dargeſtellt. Ausſchweifungen, die oft dem Anſchein nach ganz muth⸗ willig waren, dienten den Kritikern als Entſchuldigung ihrer Abneigung. Zum Glück— denn ſonſt hätte der arme Muſiker Hungers ſterben können— war er nicht bloß Componiſt, ſondern auch ein trefflicher ausübender Künſt⸗ ler, beſonders auf der Violine, und mit dieſem Inſtrument erwarb er ſich ein anſtändiges Auskommen als Mitglied des Orcheſters bei dem großen Theater San Carlo. Hier hielten förmlich und ſtreng vorgeſchriebene Aufgaben ſeine excentriſchen Launen nothwendiger Weiſe ſo ziemlich im Zaum, obwohl berichtet wird, daß er nicht weniger als fünf Mal von ſeinem Notenpult habe abtreten müſſen, weil er die Kenner erſchreckt, und das ganze Orcheſter in Verwirrung gebracht hatte durch improviſirte Variationen von ſo ergreifender und wahnſinniger Art, daß man wohl hätte wähnen können, die Harpyen oder Heren, welche ihm ſeine Compoſitionen eingaben, haben mit ihren Kral⸗ len ſein Inſtrument gepackt. Aber die Unmöglichkeit, einen gleich trefflichen Künſtler, wie er, in ſeinen hellen und ordentlichen Zeiten, war, aufzutreiben, hatte ſeine Wie⸗ deranſtellung geboten, und er hatte ſich jetzt faſt gänzlich mit der beſchränkten Sphäre der ihm vorgeſchriebenen Adagio's und Allegro's verſöhnt. Auch das Publikum, bekannt mit ſeinen Neigungen, bemerkte ſehr ſchnell die leiſeſte Abweichung vom Text; und wenn er einen Augen⸗ blick ſich verirrte, was ſich dem Auge ebenſo wie dem Ohr verrieth, durch eine ſeltſame Verzerrung des Geſichts und ein ominöſes Schwingen ſeines Bogens, rief ein leiſes warnendes Gemurmel den Muſiker aus ſeinem Elyſium oder Tartarus zu den nüchternen Regionen ſeines Noten⸗ pultes zurück. Dann fuhr er auf wie aus einem Trau⸗ me,— warf einen haſtigen, ängſtlichen, um Entſchuldi⸗ gung bittenden Blick um ſich, und zwang mit einem gedemüthigten kleinlauten Weſen ſein rebelliſches Inſtru⸗ ment in das ausgetretene Geleiſe der glatten Eintönigkeit zurück. Zu Hauſe aber pflegte er ſich für ſeine widerwillige Knechtsarbeit ſchadlos zu halten. Da griff er mit unge⸗ ſtümen Fingern auf der unglücklichen Violine herum, und erpreßte ihr, oft bis der Morgen heraufkam, ſeltſame, wilde Noten, welche den frühen Fiſcher am Geſtade unten mit abergläubiſchem Grauſen durchzückten, daß er ſich bekrenzte, als hätten Nixen oder Geiſter eine überirdiſche Muſik ihm ins Ohr geſtöhnt. Die Erſcheinung dieſes Mannes war ganz in Ueber⸗ einſtimmung mit dem Charakter ſeiner Kunſt. Die Züge waren edel und regelmäßig, aber ſein Geſicht hohl und mager, mit ſchwarzen, nachläßigen Locken, in ein Laby⸗ rinth von Ringeln verſchlungen, und einem ſtarren, brü⸗ tenden, träumeriſchen Blick aus den großen und tieflie⸗ genden Angen. Alle ſeine Bewegungen waren eigenthüm⸗ lich, haſtig, unzuſammenhängend, wie ihn gerade Gefühl und Gedanke beherrſchten; und wenn er durch die Straßen oder am Meeresufer hinwandelte, hörte man ihn lachen und mit ſich ſelbſt ſprechen. Im Ganzen war er ein un⸗ ſchuldiges, harmloſes, ſanftes Geſchöpf, und theilte gern ſein Bischen mit Jedem der müßigen Lazzaroni, welche zu NM M betrachten, wenn ſie ſich ſo faul und behaglich in der Sonne wärmten, er oft ausdrücklich ſtehen blieb. Doch war er gänzlich ungeſellig. Er erwarb ſich keine Freunde, ſchmei⸗ chelte keinen Gönnern, ſuchte keine von den Luſtbarkeiten auf, die ſonſt den Kindern der Muſik und des Südens ſo lieb ſind. Er und ſeine Muſik ſchienen allein für ein⸗ ander zu paſſen— beide ſeltſam, urſprünglich unweltlich⸗ unregelmäßig. Man konnte den Mann nicht ſondern von ſeiner Muſik— ſie war er ſelbſt. Ohne ſie war er Nichts, eine bloße Maſchine. Mit ihr war er König über Welten, die ganz ſein gehörten. Der arme Mann, er hatte in dieſer Welt Wenig genug!— In einer Manufakturſtadt in England iſt ein Grabſtein, deſſen Inſchrift ſpricht von einem:„Claudius Phillipps, deſſen gänzliche Verachtung des Reichthums und unnachahmliches Spiel auf der Vio⸗ line ihn zur Bewunderung Aller machte, die ihn kannten!“ Logiſche Verbindung von entgegengeſetzten Lobſprüchen! Im Verhältniß, o Genius, zu deiner Verachtung des Reichthums ſteht dein kunſtvolles Spielen der Violine. Gaetano Piſani's Talente als Componiſt hatten ſich hauptſächlich bethätigt in Muſik, welche für dieß ſein Lieblingsinſtrument berechnet war,— unſtreitig in den ihm zu Gebote ſtehenden Mitteln und ſeiner Macht über die Leidenſchaften das mannigfaltigſte, das königlichſte unter allen. Was Shakſpeare unter den Dichtern, iſt die Cremoneſer Geige unter den Inſtrumenten. Doch hatte er auch andere Muſikſtücke geſetzt von umfaſſenderen Anſprü⸗ chen und reicheren Eigenſchaften, und darunter ſeine koſtbare— ſeine unerkaufte— ſeine nicht veröffenilichte, nicht zu veroͤffentlichende und unvergängliche Oper:„Die Sirene.“ Dieß große Werk war der Traum ſeiner Jugend geweſen— die Geliebte ſeiner Mannesjahre; im vorge⸗ rückteren Alter„ſtand ſie neben ihm, wie ſeine Jugend.“ Umſonſt hatte er gerungen, ſie der Welt hinzuſtellen. Selbſt der ſanfte, uneiferſüchtige Paeſiello, der Kapell⸗ meiſter, ſchüttelte ſein mildes Haupt, als der Muſiker ihm eine Probe aus einer der erſchütterndſten Srenen mittheilte. Und doch, Paeſiello, obgleich dieſe Muſik ab⸗ weicht von Allem, was Durante dich nacheifernd erſtreben lehrte, doch mag— aber Geduld, Gaetano Piſani!— erwarte deine Zeit und halte deine Violine geſtimmt! So ſonderbar es dem ſchöneren Theil meiner Leſer erſcheinen mag, dieſer groteske Mann hatte doch auch jene Bande geknüpft, welche von gewöhnlichen Sterbli⸗ chen gern als ihr ausſchließliches Monopol betrachtet werden— er war verheirathet und hatte Ein Kind. Was noch ſeltſamer: ſeine Gattin war eine Tochter des ruhi⸗ gen, nüchternen, unphantaſtiſchen Englands; ſie war viel jünger als er; ſie war ſanft und blond, mit einem holden engliſchen Geſicht; ſie hatte ihn aus freier Wahl gehei⸗ rathet, und(werdet Ihr es glauben) ſie liebte ihn auch. Wie ſie dazu kam, ihn zu heirathen, oder wie dieſer ſcheue, ungeſellige, grillenhafte Mann je wagte, einen Heiraths⸗ antrag zu machen, kann ich nur mit der Gegenfrage be⸗ antworten, wie Ihr, wenn Ihr Euch umſeht, mir erklären wollt, wie die Hälfte der Männer und Weiber, die Euch vorkommen, je Gatten fanden? Doch bei näherer Ueber⸗ legung war dieſe Verbindung eigentlich gar nicht ſo außerordentlich. Das Mädchen war das natürliche Kind von Eltern, die zu edel waren, um ſie je anzuerkennen und zu ſich zu nehmen. Sie wurde nach Italien gebracht, um die Kunſt zu erlernen, von welcher ſie leben ſollte, denn ſie beſaß Geſchmack und Stimme; ſie war ſehr abhängig und hart behandelt, und der arme Piſani war ihr Lehr⸗ meiſter, und ſeine Stimme ſeit ihrer Wiegenzeit die ein⸗ zige, die keinen Ton des Spottes oder des Scheltens zu haben ſchien. Und ſo— nun, iſt das Uebrige natürlich? Natürlich oder nicht, ſie heiratheten ſich. Das junge Weib liebte ihren Gatten; und ſo jung und ſanft ſie war, doch könnte man beinahe ſagen, ſie habe Beide geſchützt und beſchirmt. Aus wie vielen Ungnaden bei den Deſpoten. von San Carlo und beim Conſervatorio hatte ihre ge⸗ heime, geſchäftige Vermittlung ihn gerettet! In wie vielen Kränklichkeiten— denn ſein Körper war ſchwäch⸗ lich— hatte ſie ihn gewartet und gepflegt. Oft in den dunkeln Nächten wartete ſie am Theater, um ihm mit ihrer Laterne heimzuleuchten, ihn mit ihrem feſten Arme zu unterſtützen; denn ſonſt, wer weiß, ob nicht der Mu⸗ ſiker in ſeiner träͤumeriſchen Zerſtreutheit ſeiner Sirene nach ins Meer hineingewandelt wäre. Und dann hörte ſie ſo geduldig, vielleicht auch(denn der ächten Liebe wohnt nicht eben immer der feinſte Geſchmack bei,) ſo entzückt jene Stürme excentriſcher und fieberhafter Me⸗ Bulwer's Romane. XCV. 3 lodien an, und entführte ihn— immerfort Lob und Be⸗ wunderung flüſternd— von ſeiner ungeſunden Nachtwache zu Ruhe und Schlaf! Ich habe geſagt, ſeine Muſik ſey ein Theil des Mannes geweſen, und dieß ſanfte Weſen ſchien ein Theil der Muſik; in der That, nur wenn ſie an der Seite ſaß, ſchlich ſich, was in ſeiner bunten Phantaſie Zärtliches oder Feenhaftes war, wie verſtohlen in die Harmonie ein. Ohne Zweifel wirkte ihre Gegenwart auf die Muſik, geſtaltete und milderte ſie, aber er, der nie unterſuchte, woher ſeine Begeiſterung kam, oder was ſie war, wußte es nicht. Alles, was er wußte, war, daß er ſie liebte und ſegnete. Er bildete ſich ein, er ſage ihr das zwanzig Mal des Tages; aber er that es nie, denn er war nicht ein Mann von vielen Worten, ſelbſt gegen ſeine Frau nicht. Seine Sprache war ſeine Muſik, wie die ihrige — ihr Sorgen! Erwar mittheilſamer gegen ein Barbi⸗ ton, wie der gelehrte Merſennus alle Varietäten der großen Familie der Violine zu nennen uns anräth. Ge⸗ wiß klingt Barbiton beſſer als Geige; und ſo ſey es denn Barbiton. Mit ihm ſprach er Stunden lang an Einem fort; er lobte es, ſchalt es, ſchmeichelte ihm, ja,(ſo iſt der Menſch, auch der harmloſeſte!) man hatte ihn dabei ſchwören hören; aber für dieſen Fehltritt büßte er immer mit den reuevollſten Gewiſſensbiſſen. Und das Barbiton hatte ſeine eigene Zunge, konnte ſeine eigene Rolle ſpie⸗ len, und wenn es auch ſchalt, befand es ſich am beſten dabei. Es war ein edler Kamerad, das Barbiton! ein Tyroler, das Werk des berühmten Steiner. In ſeinem hohen Alter lag etwas Geheimnißvolles. Wie viele Hände, jetzt Staub, hatten ſeinen Saiten Töne entlockt, ehe es der Hausgenoſſe und Geiſt Gaetano Piſani's ward! Selbſt ſein Behälter war ehrwürdig,— ſchoön gemalt, wie es hieß von Caracci. Ein engliſcher Sammler hatte mehr für den Behälter geboten, als Piſani je mit der Violine erworben hätte. Aber Piſani, dem es gleichgültig geweſen wäre, wenn er ſelbſt eine Hütte bewohnt hätte, war ſtolz auf den Palaſt, den ſein Barbiton hatte; ſein Barbiton — es war ſein älteres Kind! Er hatte noch ein Kind, und zu dieſem müſſen wir uns jetzt wenden. Wie ſoll ich dich ſchildern, Viola? Gewiß hatte die Muſik ihren Antheil an dem Kommen dieſes jungen Ga⸗ ſtes. Denn in ihrer Geſtalt wie in ihrem Charakter konnte man eine Familienähnlichkeit entdecken mit jenem eigen⸗ thümlichen und geiſterhaften Tonleben, das Nacht für Nacht in luſtigem und feenhaftem Spiel über das ſternfun⸗ kelnde Meer ſich ergoß... Schoͤn war ſie, aber von einer ganz ungemeinen Schönheit— eine Verſchmelzung, eine Harmonie von entgegengeſetzten Eigenſchaften:— ihr Haar von reicherem und reinerem Gold, als man ſelbſt im Norden ſieht, aber die Augen ganz voll des dunkelſten, zarteſten, ſchmachtendſten Lichtes von mehr als italieni⸗ ſchem— von beinahe vrientaliſchem Glanz; die Farbe ausnehmend ſchön, aber nie dieſelbe— lebhaft im einen Augenblick, blaß im andern. Und mit der Färbung wech⸗ ſelte auch der Ausdruck;— es gab bald nichts ſo Trauri⸗ ges, bald nichts ſo Fröhliches. Mit Bedauern muß ich ſagen, daß, was man eigent⸗ lich Erziehung nennen kann, von dieſem ſeltſamen Paare bei ihrer Tochter ſehr vernachläſſigt wurde. Freilich hatte keines von beiden viele Kenntniſſe mitzutheilen, und Ge⸗ lehrſamkeit war damals nicht Mode, wie jetzt. Aber der Zufall oder die Natur begünſtigte die junge Viola. Sie lernte, als etwas ganz Natürliches, ihter Mutter Sprache zugleich mit der ihres Vaters. Und bald konnte ſie leſen und ſchreiben; und ihre Mutter, eine Katholikin, beiläufig bemerkt, lehrte ſie bei Zeiten beten. Aber dann machten — allen dieſen geiſtigen Erwerbungen entgegenarbeitend! — die ſeltſamen Angewöhnungen Piſani's und die un⸗ abläſſige Pflege und Sorgfalt, deren er von ſeinem Weibe bedurfte, daß das Kind oft allein blieb mit einer alten Wärterin, die es zwar herzlich liebte, aber keineswegs geeignet war, ſie zu unterrichten. Dame Gianetta war jeden Zoll eine Italienerin und Neapolitanerin. Ihre Jugend war ganz Liebe geweſen, und ihr Alter war ganz Aberglauben. Sie war redſelig, zärtlich— eine Schwä⸗ tzerin. Jetzt plauderte ſie dem Mädchen vor von Cavalie⸗ ren und Prinzen zu ihren Füßen, und dann machte ſie ihr wieder das Blut erſtarren mit Maͤhrchen und Sagen, vielleicht ſo alt als die griechiſche oder etruriſche Fabel— von Dämonen und Vampyrn— von den Tänzen um den großen Wallnußbaum zu Benevento, und dem beſchädi⸗ genden Zauber des böſen Blickes. Alles das trug in der Stille dazu bei, bezaubernde Netze über Viola's Phantaſie zu weben, welche zu zerreißen Nachdenken und reifere f Jahre ſich umſonſt bemühen mochten. Und dies Alles machte ſie ganz beſonders geeignet, mit einer bangen Freude an ihres Vaters Muſik zu hängen. Dieſe geiſter⸗ haften Noten, immerdar ringend, in wilde, abgebrochene Töne die Sprache überirdiſcher Weſen zu überſetzen, um⸗ ſchwebten ſie von ihrer Geburt an. So hätte man ſagen können: ihr ganzes Gemüth ſey voll Muſik geweſen— Gemahnungen, Erinnerungen, angenehme oder ſchmerz⸗ liche Empfindungen— Alles war unauflöslich vermiſcht mit jenen Tönen, die ſie bald entzückten, bald ängſtigten — die ſie begrüßten, wenn ſie ihr Auge gegen die Sonne öffnete, und ſie zitternd weckten auf ihrem einſamen Lager im Dunkel der Nacht. Die Legenden und Mährchen Gia⸗ netta's dienten nur dazu, das Kind die Bedeutung jener geheimnißvollen Töne beſſer verſtehen zu machen, ſie lie⸗ ferten ihr die Worte zu der Muſik. Es war natürlich, daß die Tochter eines ſolchen Vaters bald einigen Geſchmack an ſeiner Kunſt zeigte. Aber dieſer entwickelte ſich haupt⸗ ſächlich im Ohr und in der Stimme. Sie war noch ein Kind, als ſie göttlich ſang. Ein großer Cardinal,— groß ebenſo im Staat wie im Conſervatorio, hörte von ihren Anlagen und ließ ſie zu ſich holen. Von dieſem Augenblick an war ihr Schickſal entſchieden; ſie ſollte der künftige Stolz Neapels, die Prima Donna von San Carlo wer⸗ den. Der Cardinal drang auf die Erfüllung ſeiner eignen Vorherſagungen, und ſorgte für die berühmteſten Lehrer für ſie. Um thr den Geiſt des Ehrgeizes und Wetteifers einzuflößen, nahm Se. Eminenz ſie eines Abends mit in ſeine Loge; es mußte einen Eindruck auf ſie machen, die Darſtellung zu ſehen,— einen noch größern, den Beifall zu hören, welchen man an die ſchimmernden Signora's verſchwendete, die ſie ſpäter ausſtechen ſollte! O! wie herrlich und glänzend ging ihr dies Leben der Bühne— dieſe Feenwelt von Muſik und Geſang auf! Es war die einzige Welt, welche ihren ſeltſamen kindiſchen Gedanken zu entſprechen ſchien. Es war ihr, als ob ſie bisher an eine fremde Küſte verſchlagen, endlich dazu gekommen wäre, die Geſtalten ihrer Heimath zu ſehen, ihre Sprache zu hören. Schöner und ächter Enthuſiasmus, reich an Verheißungen des Genius! Knabe oder Mann, du wirſt nie ein Dichter werden, wenn du nicht das Ideal, die Ro⸗ mantik, die ſich vor dir aufthuende Calypſosinſel empfun⸗ den haſt, als zum erſtenmal der magiſche Vorhang aufge⸗ zogen ward, und die Welt der Poeſie in die Welt der Proſa hereintreten ließ! Und jetzt war die Einführung und Weihe begonnen. Sie mußte leſen, ſtudiren, ausdrücken mit einer Geberde, einem Blick, die Leidenſchaften, die ſie auf den Brettern darſtellen ſollte; eine gefährliche Schule freilich für Manche, aber nicht für den reinen Enthuſiasmus, der aus der Kunſt entſpringt; denn der Geiſt, der die Kunſt recht in ſich aufnimmt, iſt nur ein Spiegel, der, was auf ſeine Fläche fällt, getreu zurückgibt, ſo lang er unbefleckt iſt. Sie bemächtigte ſich der Natur und Wahr⸗ heit mit intuitiver Sicherheit. Ihre Recitation war bald voll unbewußter Gewalt, ihre Stimme rührte das Herz zu Thränen, oder erwärmte es zu edlem Zorn. Aber dies —% S 5 S„ i„ N * — S„ D v — uu* 39 ruͤhrte von der Sympathie her, welche der Genius immer ſelbſt in ſeiner früheſten Unſchuld mit Allem hat, was nur immer fühlt, oder ſtrebt, oder leidet. Es war nicht ein frühe reifes weibliches Weſen, das die Liebe oder Eiferſucht verſtanden hätte, welche die Worte ausſprachen; ihre Kunſt war eines jener wunderbaren Geheimniſſe, die uns die Pſychologen enträthſeln mögen, wenn ſie Luſt haben, und uns ſagen: warum Kinder vom einfältigſten Gemüth und vom reinſten Herzen oft ſo ſcharfſinnig zu unterſcheiden wiſſen in den Mährchen, die man ihnen er⸗ zählt, in den Liedern, die man ihnen ſingt, den Unter⸗ ſchied zwiſchen der wahren und der falſchen Kunſt— Lei⸗ denſchaft und Jargon— Homer und Raeine,— wenn aus Herzen, die noch nicht empfunden haben, was ſie wiederholen, die melodiſchen Aecente des natürlichen Pa⸗ thos wiederhallen.— Außer ihren Studien war Vivla ein einfaches, gefühlvolles, aber etwas launenhaftes Kind; launenhaft nicht in ihrem Temperament, denn dies war ſanft und folgſam, aber in ihrer Stimmung, die, wie ich oben angedeutet, von Traurigkeit zur Fröhlichkeit, und von der Luſtigkeit zum Trübſinn ohne eine in die Augen fallende Urſache umſchlug. Wenn es eine Urſache davon gab, ſo mußte man ſie in den frühen geheimniß⸗ vollen Einflüſſen ſuchen, die oben angedeutet worden, wo ich geſucht die Wirkung zu erklären, welche auf ihre Ein⸗ bildungskraft die ſie beſtändig umſpielenden raſtloſen Ton⸗ ſtrömungen hervorbrachten, denn es iſt bemerkenswerth, daß Solchen, welche für die Wirkungen der Muſik ſehr empfänglich ſind, Melodien und Noten oft, bei den all⸗ täglichſten Geſchäften des Lebens, wieder vorkommen, ſie gleichſam verfolgen und quälen. Die Muſik, einmal in die Seele aufgenommen, wird auch eine Art von Geiſt und ſtirbt nie. Sie wandelt verſtört durch die Hallen und Gänge des Gedächtniſſes, und oft hört man ſie wieder deutlich und lebendig, wie damals, als ſie zuerſt mit ihren Schwingungen durch die Luft zitterte. Dieſe Geſpenſter von Tönen nun tauchten zu Zeiten ihrer Phantaſie wieder auf; die fröhlichen, um jedem Grübchen ein Lächeln zu entlocken; die traurigen, um einen Schatten auf ihre Stirne zu werfen, und zu machen, daß ſie ihrer kindi⸗ ſchen Fröhlichkeit vergaß, ſich bei Seite ſetzte, und vor ſich hin brütete. Mit Recht daher konnte in einem bildlichen Sinne dies holde Geſchöpf, ſo luftig in ihrer Bildung, ſo har⸗ moniſch in ihrer Schoͤnheit, ſo fremdartig in ihrem Weſen und ihren Gedanken— mit Recht konnte ſie eine Tochter — weniger des Mufikers, als— der Muſik ſelbſt genannt werden— ein Weſen, dem, wie man leicht auf den Ge⸗ danken kommen konnte, ein Geſchick vorbehalten war, das weniger der Wirklichkeit angehören mochte als der Roman⸗ tik, die, ſehenden Augen und fühlenden Herzen er⸗ kennbar, immer mit und neben dem wirklichen Leben, Strom an Strom dahingleitet, dem dunkeln Oceane zu. Und daher erſchien es nicht ſonderbar, daß Viola ſelbſt ſchon als Kind, und noch mehr als ſie in den ſüßen Ernſt der jungfräulichen Jugend hinüberblühte, ſich ein⸗ bildete, ihrem Leben ſey ein Loos— des Glückes oder des Wehes— beſtimmt und zugetheilt, das der Roman⸗ tik und Träumerei, worin ſie als in ihrer Atmoſphäre athmete, entſprechen würde. Häufig klomm ſie durch das Dickicht, das die benachbarte Grotte Poſilipo— das ge⸗ waltige Werk der alten Cimmerier— überkleidete, und hing, an dem vielbeſuchten Grabe Virgils ſitzend, jenen Geſichten nach, deren feine Nebelhaftigkeit keine Poeſie greifbar machen und geſtalten kann;— denn der Dichter, der Alle, die je geſungen, übertrifft, iſt das Herz der träumenden Jugend. Häufig auch ſaß ſie neben der Schwelle, welche das Rebenlaub umrankte, im Angeſicht der dunkelblauen, wellenloſen See, am Herbſtmittag oder in der Dämmerung des Sommers und baute ihre Luft⸗ ſchlöſſer. Wer thut nicht daſſelbe— nicht blos in der Ju⸗ gend, ſondern ſelbſt mit den getrübten Hoffnungen des Alters? Des Menſchen Vorrecht iſt es zu träumen; das gemeinſame Fürſtenrecht des Bauers und des Königs. Aber jene wachen Tagesträume Viola's waren regelmä⸗ ßiger, deutlicher und ernſter, als welchen die Meiſten von uns nachhängen. Sie ſchienen, wie die Schauungen der Griechen, Prophezeiungen, während es nur Phan⸗ tasmen waren. Zweites Kapitel. Fu stupor, fu vaghezza, fu diletto! Gerus. Lih. Canlo JI. 27. Jetzt endlich iſt die Bildung vollendet! Viola iſt beinahe ſechzehn Jahre alt. Der Cardinal erklärt, daß die Zeit gekommen, wo der neue Name eingetragen wer⸗ den ſoll in das libro d'oro, das goldne Buch, welches vorbehalten iſt den Kindern der Kunſt und des Geſanges. Ja, aber in welcher Rolle?— Weſſen Genius ſoll ſie Ge⸗ ſtalt und Verkörperung leihen? Ha, das iſt das Geheim⸗ niß! Gerüchte gehen um, daß der unerſchöpfliche Paeſiello, entzückt über ihren Vortrag ſeines„Nel cor piũ non mi sento“ und ſeines„Io son Lindoro,“ ein neues Meiſter⸗ ſtück ſchaffen werde„um die Debütantin einzuführen. Andere beſtehen darauf, daß ihre Stärke im Komiſchen liege, und daß Cimaroſa eifrigſt beſchäftigt ſey mit einem neuen„Matrimonio segreto.“ Mittlerweile aber iſt in der Diplomatie irgend etwas quer gegangen und verſtimmt. Man hat bemerkt, daß der Cardinal übler Laune iſt. Er hat öffentlich geſagt— und die Worte ſind unheilbedeu⸗ tend—„das einfältige Mädchen iſt ſo toll wie ihr Vater — was ſie verlangt iſt ganz verkehrt!“ Beſprechung folgt auf Beſprechung— der Cardinal redet dem armen Mädchen ſehr ernſtlich zu in ſeinem Cabinet— Alles umſonſt. Neapel iſt außer ſich vor Neugier und Ver⸗ muthungen. Die Ermahnung endet mit einem Streit, und 43 Viola kommt heim, mürriſch und ſchmollend, ſie will nicht auftreten— ſie hat das Engagement aufgeſagt. Piſani, zu unerfahren, um alle Gefahren der Bühne zu kennen, hatte ſich gefreut bei der Vorſtellung, daß wenigſtens Eine von ſeinem Namen, in ſeiner Kunſt neuen Ruhm erwerben werde. Des Mädchens Verkehrt⸗ heit mißfiel ihm. Er ſagte jedoch Nichts— er ſchalt nie mit Worten, aber er nahm das getreue Barbiton. O! getreues Barbiton, wie entſetzlich ſchalteſt du! Es kreiſchte — es belferte— es ſtöhnte— es grollte. Und Viola's Augen füllten ſich mit Thränen, denn ſie verſtand dieſe Sprache. Sie ſchlich zu ihrer Mutter und flüſterte ihr ins Ohr; und als Piſani ſein Geigen aufgab, ſiehe! da weinten Mutter und Tochter. Er ſtarrte ſie verwundert an, und dann, als wenn er fühlte, daß er zu hart geweſen, ſloh er wieder zu ſeinem Hausgeiſt. Und jetzt hätte man glauben können, das Wiegenlied zu hören, das eine Fee einem unruhigen ausgewechſelten Kinde ſinge, das ſie an⸗ genommen und zu beſchwichtigen ſuche. Flüſſig, leiſe, ſil⸗ berhell quollen die Töne unter dem bezauberten Bogen, der hartnäckigſte Gram hätte darauf lauſchen müſſen; und bei all dem kam zu Zeiten eine wilde, luſtige, gel⸗ lende Note, wie ein Gelächter, aber kein bitteres Geläch⸗ ter. Es war eine ſeiner gelungenſten Melodieen aus ſei⸗ ner geliebten Oper— die Sirene, im Begriff die Wellen und Winde in Schlaf zu zaubern. Der Himmel weiß, was weiter gekommen wäre, aber ſein Arm ward gehemmt⸗ Viola hatte ſich an ſeine Bruſt geworfen, und küßte ihn mit glücklichen Augen, die durch ihr ſonniges Haar hin⸗ durch lächelten. In dieſem Augenblick ging die Thüre auf — eine Botſchaft vom Cardinal. Viola mußte ſofort zu Sr. Eminenz. Ihre Mutter ging mit ihr. Alles ward ausgeglichen und abgemacht! Viola hatte ihren Willen und wählte ſich ſelbſt ihre Oper. O Ihr ſchwerfälligen, ſtumpfen Völker des Nordens mit Euren Zänkereien und Wortkämpfen, mit Eurem lär⸗ menden Leben auf der Pnyr und der Agora!— Ihr habt keine Ahnung davon, welche Aufregung in dem ganzen muſikaliſchen Neapel erregt wurde durch das Gerücht von einer neuen Oper und einer neuen Sängerin! Aber Weſ⸗ ſen Oper? Keine Cabinetsintrigue wurde je ſo geheim gehalten. Piſani kam in einer Nacht einmal ſichtlich ver⸗ ſtört und zornig vom Theater heim. Wehe Deinem Ohre, hätteſt Du in jener Nacht das Barbiton gehört! Man hatte ihn in ſeinem Amte ſuſpendirt— man fürchtete, die neue Oper und das erſte Auftreten ſeiner Tochter als Prima Donna möchte für ſeine Nerven zu viel ſeyn. Und ſeine Variationen, ſeine Teufeleien von Sirenen und Harpyen drohten in einer ſolchen Nacht mit einer Gefahr, die man ſich nicht ohne Grauſen denken konnte. Aber bei Seite geſetzt zu werden, und das in eben der Nacht, wo ſein Kind, deſſen Melodie nur ein Ausfluß ſeiner eigenen war, auftreten ſollte— um einem neuen Nebenbuhler Platz zu machen, das war zu viel für eines Muſikers Fleiſch und Blut. Zum erſten Mal ſprach er in Worten von der Sache, und fragte ernſt,— denn dieſe Frage konnte das Barbiton mit all ſeiner Beredſamkeit nicht deutlich ausdrücken— was die Oper ſey und was die Rolle? Und Viola antwortete eben ſo ernſt, daß ſie dem Cardinal ihr Wort gegeben, es nicht zu verrathen. Piſani ſagte nichts, aber verſchwand mit ſeiner Violine, und als⸗ bald hörten ſie den Hausgeiſt vom Dach des Hauſes(wo⸗ hin der Muſiker in der ſchlimmſten Laune manchmal floh,) winſeln und ſeufzen, als wäre ihm das Herz ge⸗ brochen. Die zärtlichen Gefühle Piſani's waren äußerlich wenig ſichtbar. Er war keiner von jenen zärtlichen lieb⸗ koſenden Vätern, deren Kinder immer um ihre Kniee herum ſpielen; ſein Geiſt und ſeine Seele waren ſo ganz bei ſeiner Kunſt, daß das häusliche Leben ihm dahin⸗ glitt, anſcheinend als wenn dieſes ein Traum und die Kunſt die weſenhafte Form und Leiblichkeit des Daſeyns wäre. Perſonen, die ein abſtraktes Studium treiben, ſind oft ſo; die Mathematiker ſind hierin ſprüchwörtlich ge⸗ worden. Als zu dem berühmten franzöſiſchen Philoſophen ſein Diener gerannt kam und ſchrie:„das Haus ſteht in Flammen, Herr!“ ſagte der weiſe Mann, indem er ſich wieder zu ſeinen Problemen hinſetzte:„So geh und ſag es meiner Frau, Du Narr! miſche ich mich denn je in häusliche Angelegenheiten?“ Aber was iſt Mathematik gegen Muſik— Muſik, die nicht nur Opern komponirt, ſondern auf dem Barbiton ſpielt! Wißt Ihr, was der be⸗ rühmte Giardini ſagte, als der Anfänger ihn fragte, wie viel Zeit er brauchen würde, das Violinſpielen zu lernen? Hoͤrt es und verzweifelt, Ihr, die Ihr den Bogen ſpan⸗ nen möchtet, gegen welchen der des Ulyſſes ein Kinder⸗ ſpiel war:„Zwölf Stunden täglich, zwanzig Jahre hin⸗ durch!“ Und kann nun ein Mann, der das Barbiton ſpielt, immerfort auch mit ſeinen Kindern ſpielen? Nein⸗ Piſani oft hatte die arme Viola, mit der lebhaften Em⸗ pfindlichkeit der Kinder, ſich aus dem Zimmer geſtohlen und geweint bei dem Gedanken, daß Du ſie nicht liebeſt. Und doch, unter dieſer äußerlichen Zerſtreutheit des Künſt⸗ lers, quoll eben ſo friſch und ſtark die natürliche Zärtlich⸗ keit; und als ſie heranwuchs, hatte die Träumerin den Träumer verſtanden, Und nun— er ſelbſt ausgeſchloſſen von allem Ruhm— ausgeſchloſſen ſelbſt davon, ſeiner Tochter Ruhm zu begrüßen!— und dieſe Tochter ſelbſt in der Verſchwörung gegen ihn! Schärfer als Schlan— genbiſſe war der Schmerz über dieſe Undankbarkeit, und ſchärfer als Schlangenbiſſe war das Wehllagen des bemit— leidenden Barbiton! Die verhängnißvolle Stunde iſt gekommen. Viola iſt in das Theater gegangen— ihre Mutter mit ihr. Der erbitterte Muſiker bleibt zu Hauſe. Gianetta ſtürzt ins Zimmer— des Herrn Cardinals Wagen ſteht vor der Hausthür— er ſchickt nach dem Padrone. Dieſer muß ſeine Violine weglegen— er muß ſeinen Broeatrock und ſeine Spitzenmanſchetten anziehen. Da ſind ſie— ſchnell, ſchnell! Und ſchnell rollt die vergoldete Kutſche dahin, und majeſtätiſch ſitzt der Kutſcher oben, und ſtattlich bäu⸗ men ſich die Roſſe. Der arme Piſani iſt verſunken in v W W einen Nebel unbehaglichen Erſtaunens. Er kommt am Theater an, er ſteigt bei dem großen Thor aus— er dreht ſich um und um, und ſchaut nach allen Seiten— er ver⸗ mißt Etwas.— Wo iſt die Violine? Ach, ſeine Seele, ſein tiefſtes Selbſt iſt zurückgeblieben! Er iſt nur ein Automat, das die Lakaien die Treppen hinauf führen, durch den Gang in die Loge des Cardinals. Aber jetzt— was ſtürmt auf ihn herein? Iſt es ein Traum? Der erſte Akt iſt vorüber(man ließ ihn erſt holen, als der Erfolg nicht mehr zweifelhaft ſchien). Der erſte Akt hat Alles entſchieden. Das fühlt er aus der elektriſchen Sympa⸗ thie, welche jedes einzelne Herz auf einmal mit einem großen Publikum verbindet. Er erkennt es aus der athem⸗ loſen Stille dieſer Menge— er erkennt es ſelbſt aus dem aufgehobenen Finger des Cardinals. Er ſieht ſeine Viola auf der Bühne, ſtrahlend in ihren Gewändern und Edel⸗ ſteinen— er hört ihre Stimme durch das Herz jedes Einzelnen von Tauſenden dringen! Aber die Scene— die Rolle— die Muſik! Es iſt ſein anderes Kind— ſein unſterbliches Kind— das Geiſterkind ſeiner Seele— ſein Liebling von vielen Jahren der verborgenen Geduld und des ſchmachtenden Genius— ſein Meiſterſtück— ſeine Oper: die Sirene! Das alſo war das Räthſel, das ihn ſo erbittert— das die Urſache des Streites mit dem Cardinal— dies das Geheimniß, das nicht kund werden durfte, bis der Erfolg errungen war, und die Tochter ihres Vaters Triumph mit ihrem eigenen vermählt hatte! Und da ſteht ſie, und alle Seelen beugen ſich vor ihr — ſchöner als die Sirene ſelbſt, die er aus den Tiefen der Melodie hervorgerufen! O! ſpäte und ſüße Beloh⸗ nung des mühevollen Ringens! Wo iſt auf Erden eine Wonne gleich der, welche der Genius empfindet, wenn er endlich aus ſeiner verborgnen Höhle an das Licht des Ruhmes hervortritt! Er ſprach nicht— er rührte ſich nicht— er ſtand wie angenagelt, athemlos— die Thränen rollten ihm über die Wangen— nur von Zeit zu Zeit bewegten ſich ſeine Hände in der Luft— mechaniſch ſuchten ſie nach dem treuen Inſtrument— warum war es nicht da, ſeinen Triumph zu theilen? Endlich fiel der Vorhang; aber unter welch einem Sturm und Gedröhne des Beifalls! Auf ſtand das Publi⸗ kum wie ein Mann— wie mit Einer Stimme wurde der theure Namen jauchzend gerufen. Sie trat vor— zit⸗ ternd, blaß— und von der ganzen Verſammlung ſah ſie nur ihres Vaters Antlitz. Die Anweſenden folgten den Blicken dieſer feuchten Augen— ſie erkannten mit einem ſüßen Schauer das Gefühl und den Sinn der Tochter. Der gute alte Cardinal zog ihn ſanft hervor. Wilder Muſiker! Deine Tochter hat Dir Mehr zurückgegeben, als das Leben, das Du ihr gabſt! „Meine arme Violine!“ ſagte er, ſich die Augen wiſchend—„jetzt werden ſie Dich nicht mehr ausziſchen!“ ſie en 49 Drittes Kapitel. „Fra si contrarie tempre in ghiaccia e in foco In riso e in pianto e fra paura e spene, L'ingannatrice Donna—“ Gerus. Lib. Canto IV. 93. Trotz des Triumphs der Sängerin und der Oper war dennoch während des erſten Akts ein Moment ge⸗ weſen,— mithin vor der Ankunft Piſani's, wo die Wage mehr als zweifelhaft ſchwankte. Es war bei einem Chor, ganz voll von den Eigenthümlichkeiten des Componiſten. Und als dieſer Maalſtrom von capriecci brauste und ſchäumte, und Ohr und Sinn durch alle Wechſel der Töne riß, erkannte das Publikum im gleichen Augen⸗ blicke die Hand Piſani's. Man hatte der Oper einen Na⸗ men gegeben, welcher bisher alle Vermuthung ihrer Herkunft verhindert hatte; und die Ouvertüre und der Anfang, wo die Mufik regelmäßig und ſanft war, hatten das Publikum glauben machen, es wehe darin der Genius ſeines geliebten Paeſiello. Lang gewohnt, die Beſtrebun⸗ gen und Anſprüche Piſani's als Componiſt zu verſpotten und beinahe zu verachten, wollte ſie es jetzt bedünken, als wären ſie durch einen Betrug und auf ungebührliche Weiſe zu dem Beifall vermocht worden, womit ſie die Ouver⸗ türe und die erſten Scenen begrüßt hatten. Ein ominöſes Gemurmel durchflog das Haus;— die Singenden, das Orcheſter, von einer elektriſchen Empfindlichkeit für die Bulwer's Romane. XCV. 4 Eindrücke und Gefühle des Publikums, wunden ſelbſt un⸗ ruhig und verlegen, und ließen in der Energie und Prä⸗ ciſion nach, welche allein der grotesken Muſik den Sieg verſchaffen konnten. In jedem Theater gibt es immer viele Rivale eines neuen Autors, eines neu aufſtrebenden Künſtlers— eine Partei, die immer unmächtig iſt, ſo lang Alles gut geht, aber ein gefährlicher Hinterhalt, im Augenblick wo ein Zufall den Marſch auf das Ziel des Triumphes zu in Ver⸗ wirrung bringt. Ein Ziſchen erhob ſich; zwar beſchränkte es ſich auf Wenige, aber das bedeutſame Verſtummen alles Applauſes ſchien den bevorſtehenden Augenblick zu weiſſagen, wo das Mißfallen anſteckend werden würde. Ein Hauch konnte die drohende Lawine in Bewegung ſetzen. In dieſem kritiſchen Augenblick tauchte Viola, die Sire⸗ nenkönigin, zuerſt aus ihrer Meereshoͤhle hervor. Als ſie gegen die Lampen vortrat, machte die Neuheit ihrer Lage, die froſtige Fühlloſigkeit des Publikums, das im Anfang nicht einmal durch den Anblick einer ſo eigenthümlichen Schönheit aufgeregt wurde, das Geflüſter der übelwollen⸗ den Sängerinnen auf der Bühne, das Flimmern der Lichter, und mehr, weit mehr als alles Uebrige, das jüngſt⸗ entſtandene Ziſchen, das ſie in ihrem Verſteck vernommen hatte, das Alles machte ihre Kräfte erſtarren und lähmte ihre Stimme. Und ſtatt der großen Anrufung, in welche ſie hätte haſtig ausbrechen ſollen, ſtand die königliche Sirene, wieder in das zitternde Mädchen umgewandelt, 51 blaß und ſtumm vor dem ſtrengen, kalten Heer dieſer zahl⸗ loſen Augen. In dieſem Angenblick, wo das Bewußtſeyn ſelbſt ſie zu verlaſſen drohte, gewahrte ſie, als ſie einen ſcheuen, flehenden Blick über die ſtumme Menge hinſchweifen ließ, in einer Loge nahe bei der Bühne ein Angeſicht, das auf einmal, wie ein Jauber, auf ihr Gemüth eine nie zu erklärende und unvergeßliche Wirkung hervorbrachte. Es war ein Geſicht, das eine unklare, ſie umſchwebende Er⸗ innerung erweckte, als hätte ſie es ſchon in jenen wachen Träumen geſehen, welchen ſie von Kindheit an nachzu⸗ hängen gewohnt geweſen. Sie konnte ihren Blick nicht abwenden von dieſem Geſicht, und wie ſie darnach ſchaute, ſchwand die Angſt und Kälte, welche ſie zuvor ergriffen, wie Nebel vor der Sonne. In dem dunkeln Glanz der Augen, welche den ihrigen begegneten, lag in der That ſo viel zarte Aufmunterung, ſo viel wohlwollende und theilnehmende Bewunderung, ſo viel Erwärmendes, Belebendes, Nervenſtärkendes, daß jeder Schauſpieler oder Redner, der je einmal den Ein⸗ druck empfunden hat, den ein einziger, tiefgefühlter und freundlicher Blick unter einer Verſammlung, welche an⸗ geredet und gewonnen werden ſoll, auf das Gemüth macht, leicht den plötzlichen und begeiſternden Einfluß ſich erklä⸗ ren kann, welchen das Auge und das Lächeln des Unbe⸗ kannten auf die Debütantin ausübte. Und während ſie noch hinſchaute, und die Wärme in ihr Herz wiederkehrte, ſtand der Unbekannte halb auf, als wollte er im Publikum das Bewußtſeyn wieder er⸗ wecken, von der Artigkeit, die man einem ſo ſchönen und jungen Weſen ſchulde; und im Augenblick, wo ſeine Stimme das Zeichen gab, fiel das Publikum mit einem Ausbruch großmüthigen Applauſes ein. Denn dieſer Frem⸗ de ſelbſt war ein angeſehener Mann und ſeine kürzlich erfolgte Ankunft in Neapel hatte ſich mit der neuen Oper in das Geſchwätz der Stadt getheilt. Und dann„als der Applaus nachließ, ſtrömte klar, voll, und befreit von allen Feſſeln, wie ein Geiſt vom Erdenſtaub— die Stimme der Sirene ihre bezaubernde Muſik aus. Von dieſem Au⸗ genblick an vergaß Viola die Menge, die Gefahr, die ganze Welt— außer der Feenwelt, die ſie jetzt beherrſchte. Es war als diente die Gegenwart des Fremden dazu, nur noch mehr jene Illuſion zu ſteigern, in welcher der Künſt⸗ ler keine Schöpfung mehr ſieht, außer dem Kreiſe ſeiner Kunſt; es war ihr, als flößten dieſe klare Stirne, dieſe glänzenden Augen, ihr vorher nie gekannte Kräfte ein, und, wie eine Sprache ſuchend, um die durch ſeine Gegen⸗ wart erregten wunderbaren Empfindungen auszudrücken, flüſterte dieſe Gegenwart ſelbſt ihr die Melodien und den Geſang zu. Erſt als Alles vorüber war, und ſie ihren Vater ſah, und ſeine Wonne fühlte, verſchwand dieſer wunderbare Zauber vor dem ſüßeren der heimiſchen, kindlichen Liebe. Doch ſchaute ſie, als ſie von der Bühne abtrat, noch einmal unwillkührlich zurück, und des Fremden ruhiges 53 und halb melancholiſches Lächeln ſenkte ſich in ihr Herz — um darin fortzuleben und mit verworrenen, halb freu⸗ digen, halb ſchmerzlichen Erinnerungen, wieder aufge⸗ friſcht zu werden. Wir übergehen die Glückwünſchungen des guten Car⸗ dinalvirtuoſo, der erſtaunt war zu finden, daß er und ganz Neapel bisher im Irrthum geweſen über einen Gegen⸗ ſtand des Geſchmacks— und noch mehr erſtaunt darüber, daß jetzt er und ganz Neapel einſtimmig es bekannten; wir übergehen die geflüſterten Verzückungen der Bewun⸗ derung, welche das Ohr der Sängerin beſtürmten, als ſie wieder in ihrem ſittſamen Schleier und ihrer einfachen Kleidung dem Schwarm von galanten Herren entrann, welche jeden Zugang hinter der Seene belagerten; wir übergehen die ſüße Umarmung von Vater und Kind, welche durch die ſternhellen Straßen und über die verödete Chiaja in des Cardinals Wagen nach Hauſe kehrten; wir halten uns nicht dabei auf, die Thränen und Ausrufungen der guten, treuherzigen Mutter zu ſchildern... wir ſehen ſie zurückgekehrt— ſehen das wohlbekannte Zimmer, veni- mus ad larem nostrum— ſehen die alte Gianetta mit dem Nachteſſen beſchäftigt, und hören Piſani, wie er das Barbiton aus ſeinem Gehänſe nimmt, und dem klugen Hausgeiſt alles Vorgefallene erzählt; wir hören der Mut⸗ ter fröhliches, leiſes, engliſches Lachen.— Warum, Vio⸗ la, ſonderbares Kind, ſitzeſt Du ſo bei Seite, Dein Geſicht auf die ſchönen Hände ſtützend, Deine Augen in den leeren Raum hinaus ſtarrend? Auf! ermanne Dich! Jedes 54 Grübchen auf der Wange der Häuslichkeit muß in dieſer Nacht lächeln!* Und eine glückliche Wiedervereinigung war es um dieſen beſcheidenen Tiſch herum! ein Mahl, das Lukullus hätte beneiden mogen in ſeinem Ap lloſaal, bei den ge⸗ trockneten Weinbeeren, und den leckern Sardellen, und der köſtlichen Polenta, und dem alten Laerymä, ein Ge⸗ ſchenk des guten Cardinals. Das Barbiton, auf einen Stuhl gelegt, einen großen Stuhl mit hoher Lehne, neben dem Muſiker, ſchien an dem feſtlichen Mahle Theil zu nehmen. Sein ehrliches, geſirnißtes Geſicht glänzte beim Licht der Lampe; und in ſeinem Schweigen ſelbſt lag ein dämoniſcher, ſchlauer Ernſt, wenn ſein Herr, zwiſchen jeden Mundvoll Eſſen hinein, ſich wieder zu ihm wandte, um von Etwas zu erzählen, was er zuvor vergeſſen hatte. Das gute Weib ſah in liebevoller Rührung Allem zu und konnte vor Freuden nicht eſſen; aber plötzlich ſtand ſie auf und drückte auf des Künſtlers Stirne einen Lorbeerkranz, den ſie in zärtlicher Ahnung vorher ſchon gewunden hatte; und Viola, auf der andern Seite ihr Bruder, das Bar⸗ biton, rückte den Kranz ganz zurecht, und ſtreichelte ihres Vaters Haare glatt, und flüſterte:„Caro Padre, jetzt laßt Ihr mich von dieſem nicht mehr ſchelten!“ Jetzt wandte ſich der arme Piſant, halb außer ſich zwiſchen Beiden hin und her gezogen, aufgeregt von dem Laerymäwein und ſeinem Triumph, zu ſeinem jüngern * Ridete, quidquid est domi cachinnorum. Catull. ad Sirm. Penin. 55 Kind mit einem ſo naiven und komiſchen Stolze:„Ich weiß nicht Wem am meiſten danken. Du ſchenkſt mir ſo viel Freude, Kind— ich bin ſo ſtolz auf Dich und auf mich. Aber ich und der da, der arme Kerl, ſind ſo oft miteinander unglücklich geweſen!“ Viola's Schlummer war unruhig; das war natür⸗ lich. Der Rauſch der Eitelkeit und des Triumphes, das Glück im Glücke, das ſie geſchaffen, das Alles war beſſer als Schlaf. Aber dennoch flogen von all dieſem immer und immer wieder ihre Gedanken zu jenen ihre Seele nicht loslaſſenden Augen, zu jenem Lächeln, mit welchem für immer das Gedächtniß ihres Triumphes und Glückes verbunden bleiben ſollte. Ihre Gefühle waren, wie ihr Charakter, ſonderbar und eigenthümlich. Es waren nicht die Gefühle eines Mädchens, deſſen Herz, zum erſtenmal berührt durch das Auge, in der natürlichen, bewußtloſen Sprache der erſten Liebe ſeufzt. Es war nicht ſo ſehr Bewunderung, obgleich das Angeſicht, das ſich in jeder Welle ihrer raſtloſen Phantaſieen abſpiegelte, an Maje⸗ ſtät und Schönheit von der ſeltenſten Art war; auch nicht eine ſchmeichelnde, verliebte Erinnerung, die der Anblick dieſes Fremden in ihr zurückgelaſſen hatte; es war das rein menſchliche Gefühl der Dankbarkeit und Freude, ge⸗ miſcht mit den geheimnißvolleren Empfindungen der Furcht und Scheu. Gewiß hatte ſie früher ſchon dieſe Züge ge⸗ ſehen; aber wann und wie? Nur da, wenn ihre Gedanken geſtrebt hatten, ihre Zukunft zu geſtalten, und wenn, trotz allen Verſuchen ein aus Blumen und Sonnenſchein ge⸗ wobenes Geſchick träumend zu erſchauen, eine dunkle und eiskalte Ahnung ſie in ihr tieſſtes Selbſt zurückbeben ge⸗ macht hatte. Es war ein plötzlich gefundenes Etwas, das lange ſchon tauſend raſtloſe Wünſche und eine unbe⸗ ſtimmte Sehnſucht, weniger des Herzens als des Geiſtes, geſucht hatten; nicht wie wenn die Jugend den Einen, ihrer Liebe beſtimmten entdeckt, ſondern wie wenn der Gelehrte, lang dem Schlüſſel einer Wahrheit in der Wiſ⸗ ſenſchaft nachgehend, ihn halbdämmernd vor ſich glänzen, ihn winken, zurückweichen, locken, und dann wieder ver⸗ ſchwinden ſieht. Sie ſank zuletzt in einen unruhigen Schlummer, geſtört und gequält von ungeſtalten, fließen⸗ den, formloſen Phantomen; und erwachend als die Son⸗ ne, durch einen Schleier trüber Wolken, mit kränklichem Strahle durch das Fenſter hereinblinzte, hörte ſie ihren Vater frühe wieder zu ſeiner Einen Beſchäftigung zu⸗ rückgekehrt und ſeinem Hausgeiſt eine leiſe trauernde Weiſe, wie einen Klaggeſang um Todte, entlockend. „Und warum,“ fragte ſie, als ſie in das untere Zimmer hinuntergeſtiegen war,„warum, mein Vater, war Eure Begeiſterung ſo traurig nach der Freude der letzten Nacht?“—„Ich weiß es nicht, Kind. Ich gedachte fröhlich zu ſeyn und eine Melodie Dir zu Ehren zu kom⸗ poniren, aber der da iſt ein eigenſinniger Geſell,— und er wollte es ſo haben.“ ——————— Viertes Kapitel. E cosi j pigri e timidi desiri Sprona. Gerus. Lib. Canto IV. 58. Es war Piſani's Gewohnheit, wenn nicht gerade die Pflichten ſeines Berufs ſeine Zeit beſonders in Anſpruch nahmen, eine gewiſſe Zeit des Mittags dem Schlafe zu widmen— eine Angewöhnung, die nicht ſowohl Gemäch⸗ lichkeit als Nothwendigkeit war bei einem Manne, der während der Nacht ſehr wenig ſchlief. In der That waren die Mittagsſtunden gerade diejenigen, wo Piſani, auch wenn er gewollt hätte, nicht im Stande geweſen wäre thätig zu ſeyn, ſey es komponirend oder ſpielend. Sein Genius glich jenen Quellen, die am Morgen und Abend voll, bei Nacht überſtrömen, um Mittag ganz trocken ſind. Während dieſer Zeit, die ihr Gatte der Ruhe wid⸗ mete, ſtahl ſich gewoöhnlich die Signora fort, um die für den kleinen Haushalt nöthigen Einkäufe zu machen, oder, wie jede Frau thut, ſich ein wenig im Geplauder mit Dieſer und Jener ihres Geſchlechts zu erholen und zu er⸗ quicken Und am Tag nach einem ſo glänzenden Trium⸗ phe, wie viele Glückwünſche hatte ſie da zu erwarten! Um dieſe Zeit war Viola's Gewohnheit ſich vor die Thure des Hauſes zu ſetzen unter eine ausgeſpannte Decke, welche gegen die Sonne ſchützte, ohne die Ausſicht zu verſperren; und da iſt ſie jetzt, mit ihrem Notenbuch über dem Knie, auf dem ſie von Zeit zu Zeit ihr Auge gedankenlos hinlaufen läßt, zu ſehen, wie das Rebenlaub von dem Bogengitter über der Thüre hinten ſie umrankt, und die trägen Boote mit weißen Segeln auf der See hinſchwimmen, die ſich vor ihr ausbreitet. Wie ſie ſo, mehr träumend als denkend, ſaß, ging ein Mann, von der Seite des Poſilipo herkommend, mit lang⸗ ſamen Schritten und niedergeſchlagenen Augen, dicht am Hauſe vorüber, und Viola, die plötzlich aufſchaute, fuhr in einer Art Schrecken auf, als ſie den Fremden erkannte. Sie ſtieß einen unwillkührlichen Ruf aus, und der Ca⸗ valier wandte ſich um, ſah ſie, und blieb ſtehen. Er ſtand ein paar Augenblicke zwiſchen ihr und dem ſonnbeglänzten Ocean, und betrachtete mit einem Schwei⸗ gen, zu ernſt und zu ſanft für die Keckheit der Galanterie, das erröthende Antlitz und die junge, ſchlanke Geſtalt vor ihm; endlich ſprach er. „Seyd Ihr glücklich, mein Kind;“ ſagte er in einem beinahe väterlichen Tone,„über die Laufbahn, die vor Euch liegt? Von Sechszehn bis Dreißig iſt die Muſik des tönenden Applauſes ſüßer, als alle Muſik, die Eurer Stimme entſtrömt.“ „Ich weiß nicht,“ verſetzte Viola ſtammelnd, aber ermuthigt durch die fließende Sanftheit des Tones, wo⸗ mit ſie angeredet wurde.—„Ich weiß nicht, ob ich jetzt glücklich bin, aber ich war es vorige Nacht. Und ich fühle auch, Eccellenza, daß ich Euch zu danken habe, obwohl Ihr vielleicht kaum wißt, warum.“ „ W*— W *5 „Ihr irrt Euch!“ ſagte der Cavalier mit einem Lä⸗ cheln.„Ich weiß wohl, daß ich zu Eurem verdienten Triumphe mit behülflich war, und Ihr ſeyd es, die kaum weiß, wie. Das warum will ich Euch ſagen: weil ich in Eurem Herzen einen edlern Ehrgeiz ſah, als den der weiblichen Eitelkeit; die Tochter war es, die meine Theil⸗ nahme erregte. Vielleicht wünſchet Ihr mehr, daß ich die Sängerin bewundert hätte!“ „O! nein, nein!“ „Wohl, ich glaube Euch. Und nun, da wir uns ſo getroffen haben, will ich etwas verweilen, um Euch zu rathen. Wenn Ihr das nächſtemal ins Theater kommt, werdet Ihr die ganze galante Jugend von Neapel zu Euern Füßen haben. Armes Kind! die Flamme, die das Auge blendet, kann die Schwinge verſengen. Bedenke, daß die einzige, nicht befleckende Huldigung diejenige iſt, welche dieſe galanten Herren Dir nicht darbringen werden. Und was immer Deine Träume von der Zukunft ſeyen— und ich ſehe, während ich mit Dir ſpreche, wie wild und kühn ſie ins Weite ſchweifen— mögen nur diejenigen er⸗ füllt werden, welche um den häuslichen Herd kreiſen!“ Er ſchwieg, indeß Viola's Bruſt unter dem Ge⸗ wande ſich hob. Und in einem Ausbruch natürlicher und unſchuldiger Bewegungen, kaum, obwohl eine Italiene⸗ rin, das Ernſte in ſeinem Rathe faſſend, rief ſie aus: „Ach, Eecellenza, Ihr wißt gar nicht, wie theuer mir ſchon dieſer häusliche Herd iſt. Und mein Vater— ohne ihn, Signor, gäbe es gar keine Heimath!“ Wind hat den Keim, aus Ein tiefer, melancholiſcher Schaiten legte ſich über das Antlitz des Cavaliers. Er ſchaute auf nach dem ſtillen Hauſe, das unter den Reben verſteckt war, und blickte dann wieder in das belebte, beſeelte Antlitz der jungen Schauſpielerin. „Es iſt gut,“ ſagte er.„Ein einfältiges Herz kann ſich ſelbſt der beſte Führer ſein, und ſo fahrt fort und ſeyd glücklich. Adieu, ſchöne Sängerin!“ „Adieu, Eecellenza; aber,“ und Etwas, das ſich nicht abweiſen ließ, ein ängſtliches, ſchmerzliches Gefühl von Furcht und Hoffnung, trieb ſie zu der Frage:„Ich werde Euch wieder ſehen, oder nicht, in San Carlo?“ „Nein, wenigſtens für einige Zeit nicht. Ich ver⸗ laſſe heute Neapel.“ „Wiltklich?“ und Viola ſank das Herz; und die Poeſie der Bühne war dahin. „Und,“ ſagte der Cavalier, zurückkommend, und ſanft ihre Hand in die ſeinige nehmend,„und vielleicht, ehe wir uns wieder ſehen, habt Ihr ſchon zu leiden gehabt; — habt ſchon die erſten bittern Schmerzen des Menſchen⸗ lebens empfunden, habt ſchon erfahren, wie wenig das, was der Ruhm gewinnen mag, vergütet, was das Herz verlieren kann; aber ſeyd muthig und weicht nicht— ſelbſt nicht dem, was man die Pietät des Kummers nennen könnte. Bemerkt jenen Baum in Eures Nachbars Garten. Seht, wie er aufwächst, gekrümmt und verzogen. Ein dem er emporwuchs, in die Spalten des Felſens getrieben; faſt erſtickt und ummauert len ckte en von Steinen und Gebäuden, von der Natur und von den Menſchen, iſt ſein Leben Ein Kampf ums Licht geweſen; — ums Licht, das für dieß Leben Nothwendigkeit und Prinzip iſt; Ihr ſeht, wie er ſich gewunden und gekrümmt hat, wie er, auf einen Punkt, auf eine Schranke ſtoßend, mit Stamm und Zweigen ſich am Ende zum klaren Him⸗ mel durchgerungen und gearbeitet hat. Was hat ihn er⸗ halten trotz aller Ungunſt der Geburt und der Umſtände? warum ſind ſeine Blätter ſo grün und ſchön wie der Rebe hinter Euch, die mit allen ihren Armen den offnen Sonnen⸗ ſchein faſſen kann? Mein Kind, vermöge eben des In⸗ ſtinktes, der zum Ringen antrieb— weil das Mühen und Streben nach dem Licht endlich ans Licht ſich durchrang. So, wenn man mit einem tapfern Herzen, trotz allen widrigen Zufällen, trotz Kummer und Schickſal, ſich nach der Sonne kehrt, nach dem Himmel ſtrebt— das iſt es, was dem Starken Einſicht und dem Schwachen Glück ver⸗ leiht. Ehe wir uns wieder ſehen, werdet Ihr trübe und thränenſchwere Augen zu dieſen ruhigen Zweigen erhe⸗ ben, und wenn Ihr die Vögel darin ſingen hört, und den Sonnenſchein durch Felſen und Giebel dringen ſeht, um mit ihren Blättern zu ſpielen, dann beherzigt die Lehre, welche die Natur Euch ertheilt, und ſtrebt durch Dunkel zum Lichte!“ Mit dieſen Worten ſchritt er langſam weiter, ließ Viola verwundert zurück— ſchweigend— betrübt über ſeine dämmernde Prophezeiung bevorſtehenden Uebels, und doch, in ihrer Betrübniß erfreut. Unwillkürlich folgten —— ————————————— ihm ihre Augen— unwillkürlich ſireckte ſie ihre Arme aus, als wollte ſie ihn mit dieſer Geberde zurückrufen; ſie hätte Welten dafür gegeben, ihn umkehren zu ſehen— noch einmal ſeine leiſe, ruhige, ſilberklare Stimme zu hö⸗ ren, noch einmal die leichte Berührung ſeiner Hand mit der ihrigen zu fühlen. Wie Mondlicht, das jede Kante, auf die es fällt, zur Schönheit ſänftigt, ſchien ſeine Ge⸗ genwart— wie das Mondlicht verſchwindet, und alle Dinge wieder ihr gewöhnliches, rauhes und gemeines Ausſehen annehmen, ſo entſchwand er ihren Augen,— und die ganze Scene um ſie her war wieder die nackte All⸗ täglichkeit. Der Fremde ſchritt weiter auf jener langen und ſchö⸗ nen Straße, die zuletzt zu den Paläſten gegenüber den öffentlichen Gärten und zu den bevölkerteren Stadtquar⸗ tieren führt. Eine Gruppe junger, vergnügungsluſtiger Höflinge, unter dem Eingang eines Hauſes herumſchlendernd, das geöffnet war für den Lieblingszeitvertreib jener Tage— der Sammelplatz der reicheren und vornehmeren Spieler, machte ihm Platz, als er mit einer höflichen Verbengung an ihnen vorbei kam. „Per fede,“ ſagte der Eine,„iſt das nicht der reiche Zanoni, von welchem die Stadt ſpricht?“ „Ja; ſie ſagen, ſein Reichthum ſey unberechenbar.“ „Sie ſagen,— Wer find die ſie? Was iſt die Au⸗ torität? Er iſt jetzt doch ſchon manchen Tag in Neapel⸗ und ich kann noch immer Niemand finden, der Etwas von — ſeinem Geburtsort, ſeiner Abkunft, oder, was noch wich⸗ tiger, von ſeinen Gütern wüßte.“ „Das iſt wahr; aber er kam an in einem trefflichen Schiffe, das, ſo ſagen ſie, ſein eigen iſt. Seht— nein, von hier aus kann man es nicht ſehen— aber dort liegt es in einer Bucht vor Anker. Der Bankier, mit welchem er verkehrt, ſpricht mit ſcheuer Ehrfurcht von den Sum⸗ men, die ihm zur Verfügung ſtehen.“ „Woher kommt er?“ Von einem Seehafen im Orient. Mein Kammer⸗ diener erfuhr von Matroſen auf dem Molo, daß er viele Jahre im Innern von Indien gelebt habe.“ „Ha; ich habe mir ſagen laſſen, daß dort die Leute Gold aufleſen wie Kieſelſteine, und es gebe Thäler, wo die Vögel ihre Neſter von Smaragden bauen, um die Motten anzulocken. Da kommt unſer Fürſt der Spieler, Cetoxa; gewiß muß er ſchon mit einem ſo reichen Cava⸗ lier Bekanntſchaft gemacht haben; er hat die Anziehungs⸗ kraft fürs Gold, wie der Magnet fürs Eiſen. Nun, Cetora, was für friſche Neuigkeiten von den Dukaten des Signor Zanoni?“ „Oh!“ ſagte Cetora nachläſſig hinwerfend,„mein Freund—“ „Ha, ha! hört nur! ſein Freund!“ „Ja; mein Freund Zanoni geht auf eine kurze Zeit nach Rom; wenn er zurückkommt, hat er mir verſprochen, einen Tag feſtzuſetzen, mit mir zu ſpeiſen, und dann will ich ihn mit Euch und der beſten Geſellſchaft von Neapel bekannt machen. Piavolo! aber er iſt ein höchſt angeneh⸗ mer und witziger Mann!“ „Bitte, ſagt uns, wie Ihr ſo plötzlich ſein Freund wurdet?“ „Mein lieber Belgioſo, Nichts natürlicher als das. Er wünſchte eine Loge in San Carlo; aber ich brauche Euch nicht zu ſagen, daß die Erwartung einer neuen Oper (ach, wie ſuperb ſie iſt,— dieſer arme Teufel, Piſani — Wer hätte das geglaubt²) und einer neuen Sängerin —(welch ein Geſicht, und welche Stimme, ach!) gemacht hatte, daß jeder Winkel des Hauſes in Beſchlag genommen war. Ich hörte von Zanoni's Wunſch, das Talent von Neapel zu ehren, und mit meiner gewöhnlichen Artigkeit gegen ausgezeichnete Fremde ſchickte ich zu ihm und ſtellte meine Loge zu ſeiner Verfügung. Er nimmt ſie an— ich mache ihm zwiſchen den Akten meine Aufwartung— er iſt hoͤchſt einnehmend— ladet mich zum Nachteſſen ein— cospetto! welch eine Dienerſchaft! Wir bleiben bis ſpät in die Nacht ſitzen— ich erzählte ihm alle Neuig⸗ keiten von Neapel— wir werden Buſenfreunde— er drängt mir dieſen Diamanten auf, ehe wir ſcheiden— es ſey eine Kleinigkeit, ſagt er mir— die Juweliere ſchätzen ihn zu 5000 Piſtolen! der luſtigſte Abend, den ich ſeit zehn Jahren verlebt habe!“ Die Cavaliere drängten ſich um ihn her, den Dia⸗ manten zu bewundern. „Mein Herr Graf Cetora,“ ſagte ein ernſt ausſehen⸗ ver, finſterer Mann, der ſich während des Neapolitaners ——+„+—„—„. v 51 1 65 Erzählung zwei oder drei Mal bekreuzt hatte,„wißt Ihr Nichts von den ſeltſamen Gerüchten, die über dieſe Perſon umlaufen, und fürchtet Ihr Euch nicht, von ihm ein Ge⸗ ſchenk anzunehmen, das die unglücklichſten Folgen mit ſich führen kann? Wißt Ihr nicht, daß man von ihm ſagt, er ſey ein Zauberer, ſey behaftet mit dem böſen Blick— daß—“ „Ich bitte Dich, verſchone uns mit Deinem veralte⸗ ten Aberglauben,“ unterbrach ihn Cetvra verächtlich.„Er iſt außer der Mode. Nichts gilt jetzt, als Skepticismus und Philoſophie. Und auf was laufen alle dieſe Gerüchte, wenn man ſie ſichtet, hinaus? Sie haben keinen andern Urſprung als dieſen— ein einfältiger, alter Mann von ſechs und achtzig Jahren, ganz kindiſch, verſichert feier⸗ lich, er habe eben dieſen Zanoni vor ſiebzig Jahren(wo er ſelbſt, der Erzähler, nur erſt ein Knabe war,) in Mai⸗ land geſehen. Während doch dieſer Zanoni, wie Ihr alle ſeht, wenigſtens ſo jung iſt als Ihr oder ich, Belgioſo.“ „Aber das,“ ſagte der ernſthafte Signor,„das iſt eben das Geheimniß. Der alte Avelli verſichert, Zanoni erſcheine nicht einen Tag älter, als da ſie ſich in Mailand getroffen. Er ſagt, daß eben damals, in Mailand— merkt dieß!— wo dieſer Zanoni unter einem andern Namen mit demſelben Glanz auftrat, er auch von demſelben Ge⸗ heimniß umgeben geweſen ſey. Und auch, daß ein alter Mann dort ſich erinnert habe, ihn ſechzig Jah“ ſrüher in Schweden geſehen zu haben.“ Bulwer's Romane. XCV. 5 „Still!“ verſetzte Cetoxa,„daſſelbe iſt auch von dem Charlatan Caglioſtro behauptet worden— reine Fabeln. Ich will daran glauben, wenn ich dieſen Diamanten zu einem Wiſch Heu werden ſehe. Uebrigens(ſetzte er ernſt hinzu,) betrachte ich dieſen erlauchten Signor als meinen Freund; und ein Wort gegen ſeine Ehre oder ſeinen Ruf geflüſtert, wird in Zukunft ſo viel ſeyn wie eine Belei⸗ digung gegen mich ſelbſt.“ Cetora war ein gefürchteter Fechter und hatte ſeine Stärke in einem ganz eigenthümlichen, gefährlichen Ma⸗ noeuvre, womit er ſelbſt die Mannigfaltigkeit der stoccata bereichert hatte. Der ernſthafte Herr, wie angefochten immer um das geiſtliche Heil des Grafen, hatte doch auch gleiche Sorge für ſein eignes leibliches Wohl. Er be⸗ gnügte ſich mit einem Blicke des Mitleids, und durch den Vorbau ſich wendend, ſtieg er die Treppen zu den Spiel⸗ tiſchen hinauf. „Ha, ha!“ ſagte Cetora,„unſer guter Loredano iſt neidiſch auf meinen Diamanten. Ihr Herrn, Ihr ſpeist heute Nacht mit mirz; ich verſichere Euch, ich ſah nie eine angenehmere, geſelligere, und unterhaltendere Perſon, als meinen theuern Freund, den Signor Zanoni.“ Fünftes Kapitel. Quello lppogrifo, grande e strano augello Lo porta via. Orl. Fer. Canlo V. 18. Und jetzt, um dieſen geheimnißvollen Zanoni zu be⸗ gleiten, bin ich genöthigt, Neapel ein kurzes Lebewohl zu ſagen. Steige hinter mir auf, Leſer, ſteige hinter mir auf— ſetze Dich nach Bequemlichkeit zurecht. Ich habe das Kiſſen dieſer Tage von einem Poeten gekauft, der Be⸗ haglichkeit liebt; es iſt neu gepolſtert worden, ausdrücklich für Deinen Gebrauch. So, ſo, wir ſchweben empor! Sieh⸗ wie wir hoch reiten! ſchau! ſey ohne Furcht! Hippogry⸗ phen ſtraucheln nie; und jeder Hippogryph in Italien trägt ganz ſicher ältliche Herren— ſieh hinab auf die vor⸗ überfliegenden Landſchaften! Dort— nahe bei den Rui⸗ nen des alten Atella der Osker, erhebt ſich Averſa, einſt die ſtarke Feſte der Normannen; dort ſchimmern die Säu⸗ len von Capua, über dem Vulturniſchen Strom. Gruß Euch, Kornfelder und Weinberge, berühmt durch den alten Falerner! Gruß Euch, goldene Orangenwälder von Mola di Gaeta! Gruß Euch, ſüßduftende Stauden, und wilde Blumen, omnis copia narium, die Ihr die Berggürtel des ſchweigenden Lautulä bekleidet. Sollen wir verweilen bei dem Volsciſchen Anrur— dem modernen Terracina — wo der hochragende Fels daſteht wie der Rieſe, der — die letzten Grenzen des ſüdlichen Landes der Liebe be⸗ wacht? Fort, fort, und halte den Athem an, während wir über die pontiniſchen Sümpfe hinfliegen. Traurig und verödet iſt ihr Miasma für die Gärten, die wir über⸗ flogen, was die faule Alltäglichkeit des Lebens dem Her⸗ zen iſt, wenn es die Liebe hinter ſich gelaſſen hat. Ernſte Campagna, du empfängſt uns mit deinem majeſtätiſchen Trübſinn. Rom, Siebenhügelſtadt! empfange uns, wie das treue Gedächtniß den müden Wanderer empfängt; empfange uns mit Schweigen, unter Ruinen! Wo iſt der Reiſende, den wir verfolgen? Gib dem Hippogry⸗ phen Freiheit zu graſen; er liebt den Akanthus, der um jene zerbrochenen Säulen ſich ſchlingt. Ja, das iſt der Bogen des Titus, des Eroberers von Jeruſalem— das das Coloſſeum. Durch jenen zog der Triumph des ver⸗ götterten Kriegsfürſten, in dieſem ſiel der geſchlachtete Gladiator. Denkmale des Mordes, wie arm ſind die Ge⸗ danken, wie niedrig die Erinnerungen⸗ die Ihr erweckt, verglichen mit denjenigen, welche zum Herzen des Men⸗ ſchen ſprechen auf den Höhen von Philä, oder bei deinem einſamen Erdhügel, graues Marathon! Wir ſtehen unter Unkraut und Dornhecken, und langem, wallendem Graſe. Wo wir ſtehen, herrſchte Nero— hier waren ſeine ge⸗ würfelten Fußböden; hier„mächtig im Himmel, ein zwei⸗ ter Himmel“ ſchwebte das Gewölbe ſeiner Dächer von Elfenbein— hier Bogen an Bogen, Pfeiler an Pfeiler, ſchimmerte der Welt der goldene Palaſt ihres Gebieters * entgegen— das goldene Haus des Nero. Wie die Eidechſe 69 uns beobachtet mit ihrem glänzenden, furchtſamen Auge! Wir ſtören ihre Herrſchaft. Pflücke die wilde Blume; das goldene Haus iſt verſchwunden— aber die wilde Blume iſt vielleicht verwandt mit denen⸗ welche des Fremden Hand über des Tyrannen Grab ſtreute;— ſieh! über dieſen Boden, das Grab Roms, ſtreut die Natur noch die wilden Blumen! Mitten in dieſer Oede und Verwüſtung iſt ein altes Gebäude aus dem Mittelalter. Hier haust ein eigenthüm⸗ licher Einſiedler. In der Zeit der Malaria flieht der ein⸗ heimiſche Bauer vor der giftigen Vegetation rings umher: aber er, ein Fremder und ein Ausländer, athmet unge⸗ fährdet die peſtilenzialiſche Luft. Er hat keine Freunde, keine Geſellſchafter, keine Genoſſen als wiſſenſchaftliche Inſtrumente und Bücher. Man ſieht ihn oft wandern über die grasbewachſenen Hügel, oder durch die Straßen der neuen Stadt wandeln, nicht mit der zerſtreuten Stirne und dem unbekümmerten Weſen von Gelehrten, ſondern mit beobachtenden, durchdringenden Augen, die in die Herzen der Vorübergehenden ſich zu begraben ſcheinen. Ein alter Mann, aber nicht unkräftig— aufrecht und ſtattlich, wie in ſeinen beſten Jahren. Niemand weiß, ob er reich oder arm iſt. Er bittet um keine Almoſen und gibt keine— er thut nichts Böſes und ſcheint auch nichts Gutes zu wirken. Er iſt ein Mann, der keine andere Welt zu haben ſcheint, als ſich ſelbſt; aber der Schein trügt oft; und die Wiſſenſchaft, ſo gut wie das Wohlwollen, lebt im Univerſum. In dieſe Wohnung, zum erſtenmal ſeit ſie dieſen Inhaber hat, tritt ein Beſuch. Es iſt Zanoni. Du ſiehſt ſie bei einander ſitzen im ernſten Geſpräche. Lange und viele Jahre ſind verfloſſen, ſeit ſie ſich zuletzt geſehen— körperlich wenigſtens, und von Angeſicht zu Angeſicht. Aber wenn ſie Weiſe ſind, kann Gedanke dem Gedanken, Geiſt dem Geiſt begegnen, wenn auch Meere ihre Leiber trennen. Selbſt der Tod trennt die Weiſen nicht. Du begegneſt dem Plato, wenn dein Auge feucht wird über'm Phädon. Möge Homer immerdar mit allen Menſchen leben! Sie beſprechen ſich— ſie beichten ein⸗ ander— ſie beſchwören die Vergangenheit herauf und bevölkern ſie aufs Neue; aber bemerke, welch einen ver⸗ ſchiedenen Eindruck dieſe Erinnerungen auf die Beiden machen! Auf Zanoni's Angeſicht, trotz ſeiner gewohnten Ruhe, wechſeln und verſchwinden die Gemüthsbewegun⸗ gen. Er hat gehandelt in der Vergangenheit, die er über⸗ blickt; aber nicht eine Spur des menſchlichen Gefühls, das an Freude und Kummer Theil nimmt, iſt zu entdecken auf dem leidenſchaftsloſen Geſicht ſeines Geſellſchafters; die Vergangenheit iſt ihm, wie jetzt die Gegenwart, nur geweſen, was die Natur dem Weiſen, das Buch dem Ge⸗ lehrten— ein ruhiges und geiſtiges Leben— ein Stu⸗ dium— eine Beſchauung. Von der Vergangenheit wenden ſie ſich zur Zukunft. Ach! am Schluſſe des vorigen Jahrhunderts ſchien die Zu⸗ kunft etwas Greifbares,— ſie war verwoben mit aller Men⸗ ſchen Befürchtungen und Hoffnungen in der Gegenwart. 71 „An des Jahrhunderts Neige ſtand der Menſch, der reifſte Sohn der Zeit,“* wie am Todtenbette der alten Welt, und ſchaute die neue Scheibe, blutroth unter Wol⸗ ken und Dünſten— ungewiß, ob ein Komet oder eine Sonne. Schau die eiſige und tiefe Verachtung auf der Stirne des Alten— die erhabene, aber rührende Traurig⸗ keit, welche das herrliche Angeſicht Zanoni's umwölkt. Iſt es etwa, daß der Eine mit Verachtung den Kampf und ſeinen Ausgang betrachtet, und der Andere mit Schauer oder Mitleid? Weisheit, in der Betrachtung der Menſchheit, führt nur zu zwei Reſultaten: Mitleid oder Verachtung. Wer an andere Welten glaubt, kann ſich ge⸗ wähnen, dieſe ſo anzuſehen, wie der Naturforſcher die Veränderungen, die mit einem Ameiſenhaufen oder Blatte vorgehen. Was iſt die Erde gegen die Unendlichkeit— was eine Zeitfriſt gegen die Ewigkeit! O! wie viel grö⸗ ßer iſt die Seele Eines Menſchen, als die Wechſel und Schickſale des ganzen Erdballs! Kind des Himmels und Erbe der Unſterblichkeit, wie wirſt du dereinſt von einem andern Stern zurück ſchauen auf den Ameiſenhügel und ſeine Erſchütterungen, von Chlodwig bis auf Robespierre, von Noah bis auf das Feuer des Weltendes! Die der Betrachtung fähige, nur im Geiſtigen lebende Seele kann zu ihrem Sterne ſich erheben mitten aus der Gräberſtätte, Erde genannt, und während noch der Sarkophag, Leben genannt, in ſeinem Lehm das Ewige umſchloſſen hält! *Schiller, die Künſtler. Aber du, Zanoni, du haſt es verſchmäht, einzig im Geiſtigbegrifflichen zu leben,— du haſt dein Herz nicht abgetödtet— dein Puls ſchlägt noch mit der ſüßen Muſik ſterblicher Leidenſchaft— dein Geſchlecht iſt dir noch etwas Wärmeres als eine Abſtraktion— du möchteſt dieſe Revo⸗ lution ſehen in ihrer Wiege, welche die Stürme ſchaukeln — du möchteſt die Welt ſehen, während ihre Elemente noch durch das Chaos ſich ringen! Geh hin! Sechstes Kapitel. Précepteurs ignorans de ce faible univers. Voltatne. Nous étions à table chez un de nos confrè- res à l'Académie, grand Seigneur et homme d'esprit. La Harpe. Eines Abends, wenige Monate nach dem Zeitpunkt unſeres letzten Kapitels, war in Paris eine Geſellſchaft von einigen der ausgezeichnetſten ſchönen Geiſter im Hauſe eines Mannes verſammelt, der eben ſo angeſehen war vermöge ſeiner edeln Geburt, als durch Eigenſchaften höherer Bildung. Beinahe alle Anweſenden waren den damals als Mode herrſchenden Anſichten zugethan. Denn wie nachher eine Zeit kam, wo Nichts ſo unpopulär war als das Volk, ſo war damals die Zeit, wo Nichts ſo gemein war wie die Ariſtokratie. Der erhabenſte feine Mann und ——„—— — c — 73 der hochmüthigſte Adelige ſchwatzten von Gleichheit und flüſterten von Aufklärung. Unter den merkwürdigeren Gäſten war Condorcet, damals in der Blüthe ſeines Rufes, der Correſpondent des Königs von Preußen, der Vertraute Voltaire's, Mit⸗ glied der Hälfte der Akademieen Europa's, edel von Ge⸗ burt, fein und vornehm in ſeinen Sitten, Republikaner nach ſeinen Meinungen. Da war auch der ehrwürdige Malesherbes,„die Liebe und das Entzücken der Na⸗ tion.““ Da war Jean Silvain Bailly, der talentvolle Gelehrte, der hochfinnige Politiker. Es war eines jener petits soupers, wegen welcher die Hauptſtadt aller ge⸗ ſelligen Genüſſe ſo berühmt war. Die Unterhaltung, wie man ſich denken kann, betraf literariſche und intellektuelle Gegenſtände, und war belebt durch anmuthigen Scherz. Manche von den Damen jenes alten und ſtolzen Adels— denn der Adel eriſtirte noch, obwohl ſeine Stunden ſchon gezählt waren,— erhöhten den Reiz der Geſellſchaft, und von ihnen gingen die keckſten Urtheile und oft die freiſin⸗ nigſten Anſichten aus. Ein vergebliches Bemühen wäre es von mir, ein vergebliches Beſtreben beinahe für die ernſte engliſche Sprache, völlige Gerechtigkeit den ſchimmernden Para⸗ doren widerfahren zu laſſen, welche von Mund zu Mund ſtroͤmten. Das Lieblingsthema war der Vorzug des Mo⸗ dernen vor dem Alten. Condorcet ſprach über dieſen Punkt beredt und für Manche der Anweſenden wenigſtens hochſt * So genannt von ſeinem Biographen Gaillard. waren Wenige geneigt in Abrede zu ſtellen. Scharf war der auf die ſtumpfſinnige Pedanterie ausgegoſſene Spott, die alles Alte nothwendig erhaben findet. „Und doch,“ ſagte der einnehmende Marquis de—, als der Champagner in ſeinem Kelche perlte,„noch lächer⸗ licher iſt der Aberglauben, der alles Unbegreifliche für heilig hält! Aber die Intelligenz breitet ſich aus, Con⸗ dorcet; wie das Waſſer findet ſie den ihr gebührenden gleichen Stand. Mein Haarkräusler ſagte dieſen Morgen zu mir:„Obgleich ich nur ein armer Kerl bin, Mon⸗ ſeigneur, glaube ich doch ſo wenig als der feinſte Herr von Stande!“ „Unſtreitig, die große Revolution nähert ſich ihrem endlichen, vollſtändigen Abſchluß— à pas de géant, wie Montesquieu von ſeinem unſterblichen Werk ſagte.“ Dann entſtrömten Allen— Schöngeiſtern und Edel⸗ leuten, Höflingen und Republikanern laute Weiſſagungen durcheinander, einſtimmig nur in der ſichern Erwartung der glänzenden Dinge, welche„die große Revolution“ gebären würde. Hier iſt Condorcet noch beredter als zuvor. „Es iſt durchaus nothwendig, daß der Aberglauben und der Fanatismus der Philoſophie Platz machen. Kös⸗ nige verfolgen die Perſonen, Prieſter die Meinungen. Ohne Könige müſſen die Menſchen ungefährdet, und ohne Prieſter müſſen die Geiſter frei ſeyn.“ öberzeugend. Daß Voltaire größer ſey als Homer, das „Ha,“ murmelte der Marquis,„wie oe cher Diderot ſo gut geſungen hat: Et des boyaux du dernier prétre Serrez le cou du dernier roi!“ „Und dann,“ fuhr Condorcet fort,„dann beginnt das Zeitalter der Vernunft!— Gleichheit im Unterricht — Gleichheit in den Inſtitutionen— Gleichheit des Ver⸗ mögens! Die großen Hinderniſſe der Aufklärung ſind: erſtlich der Mangel einer gemeinſamen Sprache, und dann die kurze Dauer des Lebens. Aber was das Erſte betrifft — wenn alle Menſchen Brüder ſind, warum nicht eine gemeinſame Sprache? Was das Zweite anbelangt— die organiſche Perfektibilität der vegetabiliſchen Welt iſt un⸗ beſtreitbar— iſt die Natur weniger mächtig bei der edle⸗ ren Eriſtenz des denkenden Menſchen? Schon die Aufhe⸗ bung der zwei einflußreichſten Urſachen der phyſiſchen Ent⸗ artung— üppiger Reichthum auf der einen, nieder⸗ drückende Armuth auf der andern Seite, müſſen nothwen⸗ dig die allgemeine Dauer des menſchlichen Lebens verlän⸗ gern.“ Die medieiniſche Kunſt wird dann geehrt ſeyn, ſtatt des Krieges, welcher die Kunſt des Mordes iſt; das edelſte Studium der ſcharfſinnigſten Geiſter wird dann der Entdeckung und Beſeitigung der Urſachen der Krankheiten gewidmet ſeyn. Das Leben, ich gebe es zu, kann nicht zur Ewigkeit ausgedehnt, aber es kann beinahe unendlich verlängert werden. Und wie das niedriger ſtehende Thier *Vergl. Condorcets nachgelaſſenes Werk über den Fortſchritt des menſchlichen Geiſtes.(Der Herausgeber.) ſeine Kraft ſeinem Sprößling vererbt, ſo wird der Menſch ſeine erhöhte Organiſation, die körperliche und geiſtige, auf ſeine Söhne übertragen. O ja einer ſolchen Vollen⸗ dung nähert ſich unſer Zeitalter!“ Der ehrwürdige Malesherbes ſeufzte. Vielleicht fürch⸗ tete er, dieſe Vollendung möchte nicht mehr zu rechter Zeit für ihn kommen. Der ſchöne Marquis de—, und die Damen, noch ſchöner als er, verriethen in ihren Bli⸗ cken Ueberzeugung und Freude. Aber zwei Männer waren da, unmittelbar neben ein⸗ ander ſitzend, welche nicht an dem allgemeinen Geſpräche Theil nahmen; der Eine, ein kürzlich in Paris angekom⸗ mener Fremder, dem daſelbſt ſein Reichthum, ſeine Per⸗ ſönlichkeit und ſeine Talente ſchon Ruf und ſchmeichelhafte Anerkennung verſchafft hatten; der Andere, ein alter Mann, etwa ein Siebziger, der witzige und tugendhafte, muthige und noch immer leichtherzige Cazotte, der Ver⸗ faſſer von Le Diable Amoureux. Dieſe Beiden beſprachen ſich vertraulich, abgeſondert von den Uebrigen, und gaben nur durch ein gelegentli⸗ ches Lächeln ihre Aufmerkſamkeit auf das allgemeine Ge⸗ ſpräch zu erkennen. „Ja,“ ſagte der Fremde,„ja wir haben uns früher ſchon getroffen.“ „Ich dächte, ich könnte Euer Angeſicht nicht vergeſ⸗ ſen; und doch ſuche ich vergebens unter meinen Erinne⸗ rungen an die Vergangenheit.“ „Ich will Euch behülflich ſeyn. Erinnert Euch der 77 h Zeiten, wo Ihr aus Neugier, oder vielleicht von dem e, edleren Wunſche nach Wiſſen beſeelt, die Einweihung in ⸗ den geheimnißvollen Orden des Martines de Pasqualis nachſuchtet.“ ⸗„Ha! iſt es möglich! Ihr ſeyd Einer von dieſer r theurgiſchen Brüderſchaft?“ „Nein, ich wohnte nur ihren Ceremonien an, um zu“ E * So wird von Cazotte berichtet. Von Martines de Pasqualis iſt Wenig bekannt; ſelbſt das Land, welchem er angehörte, iſt 1⸗ Gegenſtand der unſichern Vermuthung. Ebenſo die Gebräuche, e Ceremonien und das Weſen des kabbaliſtiſchen Ordens, den 1 er ſtiftete. Saint⸗Martin war ein Jünger der Schule, und das wenigſtens ſpricht zu ihren Gunſten; denn, ſeines Myſti⸗ . eismus ungeachtet, hat doch kein wohlthätigerer, großmüthi⸗ te gerer, reinerer und tugendhafterer Mann als Saint⸗Martin er das vorige Jahrhundert geziert. Vor Allem unterſchied ſich e, Keiner mehr als er von dem Schwarme der ſkeptiſchen Philo⸗ ſophen durch den Muth und die Wärme, womit er den Mate⸗ . rialismus bekämpfte, und die Nothwendigkeit des Glaubens mitten in dem Chaos des Unglaubens behauptete. Es mag rt auch hier bemerkt werden, daß Cazotte, was er auch ſonſt von i⸗ der Brüderſchaft des Martines lernen mochte, Nichts annahm, was der Trefflichkeit ſeines Lebens und der Aufrichtigkeit ſei⸗ e⸗ nes religiöſen Glaubens Eintrag gethan hätte. Mild und muthig zugleich, hörte er nie auf, den Ausſchweifungen der er Revolution ſich zu widerſetzen. Bis ans Ende war er, un⸗ ähnlich den Liberalen ſeiner Zeit, ein frommer und aufrichti⸗ 5 ger Chriſt. Vor ſeiner Hinrichtung verlangte er eine Feder 6 und Papier, und ſchrieb folgende Worte: ma femme, mes e⸗ enfans, ne me pleurez pas, ne m'oubliez pas, mais sou- venezvous surlout, de ne jamais offenser Dieu. (Der Herausgeber.) ſehen, wie vergeblich ſie ſich abmühten, die alten Wunder der Kabbala wieder zu beleben.“ „Solche Studien ziehen Euch an? Ich habe den Einfluß abgeſchüttelt, den ſie einſt über meine Einbildungs⸗ kraft ausübten.“ „Ihr habt ihn nicht abgeſchüttelt,“ verſetzte der Fremde ernſt;„er beherrſcht Euch noch, beherrſcht Euch in dieſer Stunde; er pocht in Eurem Herzen; er brennt in Eurer Vernunſt; er wird ſprechen mit Eurer Zunge!“ Und dann fuhr der Fremde mit noch leiſerer Stimme fort, zu ihm zu ſprechen, und erinnerte ihn an gewiſſe Ceremonien und Lehren— erläuterte und bekräftigte ſie durch Hinweiſungen auf die wirkliche Erfahrung und Ge⸗ ſchichte ſeines Zuhörers, mit welcher einen Fremden ſo vertraut zu finden, Cazotte mit kaltem Schauer erfüllte. Allmälig wurde des Alten freundliches und wohl⸗ wollendes Geſicht umwölkt, und er richtete von Zeit zu Zeit forſchende, neugierige, unruhige Blicke auf ſeinen Nachbar. Die reizende Herzogin de G— deutete den lebhaften Gäſten boshaft hin auf das zerſtreute Weſen und die umwölkte Stirne des Dichters; und Condorcet, der es nicht liebte, daß in ſeiner Anweſenheit ein Anderer die Aufmerkſamkeit auf ſich zog, ſagte zu Cazotte:„Nun⸗ und was weiſſagt Ihr von der Revolution— welchen Einfluß wird ſie auf uns wenigſtens haben?“ Bei dieſer Frage ſchrack Cazotte zuſammen— ſeine Wangen wurden bleich— große Schweißtropfen ſtanden ine 79 auf ſeiner Stirne— ſeine Lippen zuckten. Seine muntern Tiſchgenoſſen ſtarrten ihn erſtaunt an. „Sprecht!“ flüſterte der Fremde, ſanft die Hand auf den Arm des alten Schöngeiſtes legend. Bei dieſem Wort wurde Cazotte's Geſicht ganz ſtarr und todt, ſeine Augen ſtierten ins Leere hinaus, und mit leiſer, hohler Stimme antwortete er Folgendes:* „Ihr fragt, welchen Einfluß ſie auf Euch haben werde— Euch, ihre gelehrteſten und ihre ſelbſtſüchtigſten Beförderer. Ich will antworten: Ihr, Marquis de Con⸗ doreet, werdet ſterben im Kerker, aber nicht durch die Hand des Nachrichters. In dem friedlichen Glücke jenes Tages wird der Philoſoph nicht das Lebenselixir bei ſich tragen, ſondern das Gift.“ „Mein armer Cazotte,“ ſagte Condorcet mit ſeinem ſanften Lächeln,„was haben Kerker, Nachrichter und Gift zu ſchaffen mit einem Zeitalter der Freiheit und Brü⸗ derſchaft.“ „Im Namen der Freiheit und der Brüderſchaft werden die Gefängniſſe dampfen und die Henker ſich ſättigen.“ *Die folgende Prophezeiung(Manchen meiner Leſer vielleicht ſchon bekannt), findet ſich, mit einigen leichten Abweichungen und ausführlicher in La Harpe's nachgelaſſenen Werken. Das Manuſcript ſoll noch in La Harpe's eigener Handſchrift vor⸗ handen ſeyn, und die Erzählung iſt mitgetheilt auf den Be⸗ richt Petitots hin, Bd. I. S. 62. Es iſt nicht meine Sache, nachzuforſchen, ob Zweifel gegen die Thatſächlichkeit der Ge⸗ ſchichte ſprechen. „Ihr denkt an Prieſtertücke, nicht an Philoſophie, Cazotte,“ ſagte Champfort.“„Und was iſt's mit mir?“ „Ihr werdet Euch ſelbſt die Adern öffnen, um der Brüderſchaft Cains zu entgehen. Beruhigt Euch; die letzten Tropfen werden nicht dem Schnitte des Raſier⸗ meſſers folgen. Für Euch, ehrwürdiger Malesherbes— für Euch, Aimar Nicolai— für Euch, gelehrter Bailly — ſehe ich ſie das Schaffot aufſchlagen. Und dieſe ganze Zeit über, o Ihr großen Philoſophen, werden Eure Mör⸗ der kein anderes Wort als Philoſophie im Munde führen!“ Die Stille war tief und allgemein, als der Zögling Voltaire's,— der Fürſt der akademiſchen Skeptiker, der heiße La Harpe, mit ſarkaſtiſchem Lachen rief:„Schmei⸗ chelt mir nicht, o Prophet, durch eine Ausnahme von dem Schickſal meiner Genoſſen. Soll ich keine Rolle zu ſie⸗ len haben in dieſem Drama Eurer Phantaſie?“ Bei dieſer Frage verlor Cazotte's Angeſicht ſeinen unnatürlich finſtern und unheimlichen Ausdruck; der ihm ſo gewohnte ſardoniſche Humor kehrte darauf zurück und ſpielte in ſeinen aufglänzenden Augen. „ Champfort, einer der Männer der Literatur, die, obwohl ver⸗ führt durch den erſten glänzenden Schein der Revolution, ſich voch weigerten, den ſchlimmeren Männern der That bei ihren entſetzlichen Ausſchweifungen zu folgen, hat noch die mörde⸗ riſche Philanthropie ihrer Werkzeuge und Beförderer mit dem beſten Witzwort jener Zeit bezeichnet. Als er an den Mauern den Anſchlag las:„raternité ou la mort!“ bemerkte er, die⸗ ſen Satz müſſe man ſo umſchreiben:„Soi mon frère, ou je te tue.“ —„„„—„—— e⸗ m je 81¹ „Ja, La Harpe, die wunderbarſte Rolle unter Allen. Ihr werdet— ein Chriſt werden!“ Das war zu viel für die Geſellſchaft, die einen Au⸗ genblick zuvor ernſt und nachdenklich ſchien, und ſie brachen nun in ein unmäßiges Gelächter aus, während Cazotte, wie erſchöpft von ſeinen Weiſſagungen, in ſeinen Stuhl zurückſank, und hart und ſchwer athmete. „Nein,“ ſagte Madame de G—,„Ihr, der uns ſo arge Dinge vorhergeſagt, Ihr müßt auch jetzt von Euch ſelbſt prophezeien.“ Ein krampfhaftes Beben ſchüttelte den Propheten wider Willen; es ging vorüber, und dann war ſein Ant⸗ litz von einem Ausdruck ruhiger Ergebung verklärt.„Ma⸗ dame,“ ſagte er,„während der Belagerung von Jeruſalem ging, ſo erzählt uns der Geſchichtſchreiber derſelben, ein Mann ſieben Tage nach einander um die Wälle herum und rief:„Wehe dir Jeruſalem, wehe mir ſelber!“ „Nun, Cazotte, nun?“ „Und am ſiebenten Tag, wie er ſo ſprach, zerſchmet⸗ terte ihn ein Stein von den Wurfgeſchoſſen der Römer zu Atomen.“ Mit dieſen Worten ſtand Cazotte auf, und die Gäſte, erſchüttert und ſchaudernd wider Willen, brachen bald nachher auf und entfernten ſich. Bulwer's Romane. XCV. Siebentes Kapitel. Oui done va donné la mission d'annoncer au peuple, que la divinité n'existe pas? quel avan- tage trouves-tu à persuader à Fhomme, qu'une force aveugle préside à ses destinées et frappe au hasard le crime et la vertu? Rohespierre. Discours 7. Mai 1794. Es war noch nicht ganz Mitternacht, als der Fremde nach Hauſe kam. Seine Wohnung lag in einem jener ungeheuren Gebäude, die man einen Auszug von Paris ſelbſt nennen könnte. Die Keller gemiethet von Arbeitern, kaum einen Schritt von den Armen entfernt, oft von Ver⸗ worfenen und Flüchtigen vor dem Geſetz— oft von einem verwegenen Schriftſteller bewohnt, der, nachdem er unter dem Volk Lehren ausgeſtreut, die auf Umſturz aller Ord⸗ nung zielten, oder den Charakter der Prieſter, der Mini⸗ ſter, des Königs aufs Gehäſſigſte angriffen, ſich unter die Ratten zurückzog, um der Verfolgung zu entgehen⸗ welche die Tugendhaften bedroht— das Parterre einge⸗ nommen von Läden und Buden— das Entreſol von Künſtlern— die Hauptſtockwerke von Edelleuten, und die Bodenkammern von Taglöhnern oder Griſetten. Wie der Fremde die Treppen hinauf ging, ſtreifte ein junger Mann von äußerſt uneinnehmender Geſtalt und Geſichtsbildung, aus einer Thüre im Entreſol heraus tretend, an ihm vorbei. Sein Blick war verſtohlen, finſter⸗ wild, und doch furchtſam; das Geſicht des Menſcheu war 1- 8 te lt 16 r ar 83 von einer Aſchenbläſſe, und ſeine Züge arbeiteten krampf⸗ haft. Der Fremde blieb ſtehen und betrachtete ihn mit nachdenklicher Miene, wie er die Treppen hinunter eilte. Während er ſo da ſtand, hörte er ein Stoͤhnen von dem Zimmer her, das der junge Mann eben verlaſſen; der Letztere hatte die Thüre mit haſtigem Ungeſtüm zugewor⸗ fen, aber wahrſcheinlich ein Stück Brennholz hatte ge⸗ hindert, daß ſie ſich nicht ſchloß, und ſie war jetzt nur an⸗ gelehnt; der Fremde öffnete ſie und trat ein. Er ging durch ein kleines, gering meublirtes Vorzimmer, und ſtand dann in einem Schlafzimmer von ſchmutziger Aerm⸗ lichkeit und Unbehaglichkeit. Auf dem Bett ausgeſtreckt, in Schmerzen ſich windend, lag ein alter Mann; ein ein⸗ ziges Licht erhellte das Zimmer und warf ſeinen kränkli⸗ chen Strahl auf das durchfurchte, todtenähnliche Geſicht des Kranken. Keine Bedienung war da; er ſchien allein ſeinem Tode entgegen gehen zu müſſen.„Waſſer!“ ſtöhnte er ſchwach—„Waſſer— ich lechze— ich brenne!“ Der Eingetretene näherte ſich dem Bette, beugte ſich über ihn und ergriff ſeine Hand—„O, Segen über dich, Jean, Segen über dich!“ ſagte der Leidende;„haſt du den Arzt ſchon mitgebracht! Herr, ich bin arm, aber ich kann Euch wohl bezahlen. Ich möchte noch nicht ſterben, um dieſes jungen Menſchen willen.“ Und er ſetzte ſich in dem Bette aufrecht und heftete ſeine trüben Augen ängſtlich auf ſeinen Beſuch. „Was ſind Eure Klagen, Eure Krankheit?“ 6* — „Feuer— Feuer— Feuer im Herzen, in den Ein⸗ geweiden— ich brenne!“ „Wie lang iſt es, daß Ihr gegeſſen habt?“ „Gegeſſen? Ich habe nur dieſe Brühe genommen. Da iſt der Napf, Alles was ich ſeit ſechs Stunden ge⸗ nommen. Ich hatte ſie kaum getrunken, als die Schmer⸗ zen begannen.“ Der Fremde ſah in den Napf; es war noch etwas von der Brühe darin. „Wer gab Euch das zu trinken?“ „Wer? Jean! Wer denn ſonſt? Ich habe keinen Diener— keinen! Ich bin arm, ſehr arm, Herr. Aber nein! Ihr Herren Aerzte kümmert Euch nicht um die Armen. Ich bin reich! könnt Ihr mich heilen?“ „Ja, wenn es des Himmels Willen iſt. Wartet nur ein paar Augenblicke.“ Der alte Mann drohte ſchnell zu erliegen unter der raſchen Wirkung des Giftes. Der Fremde begab ſich auf ſeint Zimmer und kehrte nach wenigen Augenblicken zu⸗ rück mit einer Arznei, welche die augenblickliche Wirkung eines Gegengiftes hatte. Die Schmerzen ließen nach; die hohle und blaue Farbe der Lippen verlor ſich; der Alte verſank in einen tiefen Schlaf. Der Fremde zog die Vorhänge um das Bett, nahm das Licht und beaugen⸗ ſcheinigte die Wohnung. Die Wände beider Gemächer waren mit Zeichnungen von meiſterhafter Trefflichkeit be⸗ hangen. Ein Portefeuille war mit gleich vorzüglichen Skizzen angefüllt, aber dieſe letzteren behandelten größ⸗ tentheils Gegenſtände, welche das Auge erſchreckten und — v— — 85⁵ den Geſchmack empörten; ſie zeigten die menſchliche Ge⸗ ſtalt in jeder Mannigfaltigkeit des leidenden Zuſtandes, — die Folter, das Rad, der Galgen. Alles was die Grauſamkeit erfunden hat, die Qualen des Todes zu ſchärfen, erſchien noch fürchterlicher durch die leidenſchaft⸗ liche Neigung und die ernſte Kraft des Zeichners. Und manche Geſichter von den ſo Gezeichneten waren hinläng⸗ lich entfernt vom Ideal, um zu zeigen, daß es Portraits waren; mit großer, kühner und regelmäßiger Hand war unter die Zeichnungen geſchrieben:„Die Zukunft der Ariſtokraten.“ In einer Ecke des Zimmers, dicht neben einem alten Schreibtiſch, war ein kleiner Bündel, worüber, wie um ihn zu verſtecken, nachläſſig ein Mantel geworfen war. Einige Bretter waren mit Büchern gefüllt; dieſe waren beinahe ſämmtlich die Werke der Philoſophen der Zeit— der Philoſophen von der materialiſtiſchen Schule, beſonders Enchklopädiſten, welche Robespierre nachmals ſo eigenthümlich angriff, als der Feige es nicht ſicher und gerathen fand, ſeine Herrſchaft ohne einen Gott zu laſſen.“ *Dieſe Sekte(die Enchyklopädiſten), verbreitete mit vielem Eifer die Lehre des Materialismus, welche unter den Großen und unter den Schöngeiſtern herrſchend wurde; man verdankt ihm zum Theil jene Art praktiſcher Philoſophie, welche den Egvis mus zum Syſtem ausbildend, die menſchliche Geſellſchaft als einen Krieg der Liſt und Schlauheit, den Erfolg als den Maßſtab des Rechts und Unrechts, die Rechtſchaffenheit als Geſchmacksſache, die Welt als ein Erbtheil gewandter Spitz⸗ buben betrachtet. Rede Robespierre's, 7. Mai 1794. Ein Buch lag auf dem Tiſch; es war eines von Vol⸗ taire; und das aufgeſchlagene Blatt enthielt ſeine Be⸗ hauptung und Beweis von dem Daſeyn des höchſten We⸗ ſens.“ Der Rand war bedeckt mit Anmerkungen, mit Bleiſtift geſchrieben, von der ſteifen, aber zitternden Hand des Alters, alles Verſuche, die Logik des Weiſen von Ferney zu widerlegen, oder lächerlich zu machen; Vol⸗ taire ging dem Notenmacher nicht weit genug! Die Glocke ſchlug zwei, als man draußen den Laut von Schritten hörte. Der Fremde ſetzte ſich ſchweigend auf das äußerſte Ende des Bettes, und deſſen Vorhänge verbargen ihn, wie er ſo ſaß, dem Auge eines Mannes, der jetzt auf den Zehen hereintrat; es war derſelbe, der ihm auf der Treppe begegnet. Der Menſch nahm das Licht und näherte ſich dem Bette. Der Alte hatte ſein Geſicht in dem Kiſſen begraben; aber er lag ſo ſtill, und ſein Athem war ſo un⸗ hörbar, daß dieſer haſtige ſcheue Blick des Schuldigen ſei⸗ nen Schlaf wohl für die Ruhe des Todes nehmen konnte. Der neue Ankömmling zog ſich zurück, und ein grimmiges Lächeln flog über ſein Geſicht; er ſtellte das Licht wieder auf den Tiſch, öffnete mit einem Schlüſſel, den er aus ſeiner Taſche holte, den Schreibtiſch und belud ſich mit mehreren Rollen Gold, die er in den Schubladen fand. In dieſem Augenblicke fing der Alte an zu erwachen. Er richtete ſich auf, ſah auf; er richtete ſeine Blicke nach dem Licht, das jetzt nur ſchwach in ſeiner Dille brannte; * Histoire de Jenni. 6„— W M e 87 er ſah den Räuber in ſeinem Werke begriffen; er ſaß einen Angenblick aufrecht da, wie angenagelt, mehr noch von Erſtaunen, als von Schrecken. Endlich ſprang er aus ſeinem Bette: „Gerechter Himmel! träume ich! Du— Du— Du, für den ich arbeitete und darbte!— Du!“ Der Räuber fuhr zuſammen, das Gold entfiel ſeiner Hand und rollte auf dem Boden umher. „Was!“ ſagte er,„biſt Du noch nicht todt? Hat das Gift nicht gewirkt?“ „Gift! Knabe! Ha!“ kreiſchte der Alte, und bedeckte ſich das Geſicht mit den Händen; dann, mit plötzlicher Energie rief er aus:„Jean, Jean! nimm dies Wort zurück! Beraube, plündere mich, wenn Du willſt, aber ſage nicht, daß Du den ermorden könnteſt, der nur für Dich lebte! Da, da, nimm das Gold; ich habe es nur für Dich aufgehaäͤuft. Geh— geh!“ und der Alte, der in ſeiner Aufregung das Bett verlaſſen, fiel nieder zu den Füßen des Meuchelmörders, dem ſein Anſchlag mißlun⸗ gen, und wand ſich am Boden— in geiſtigen Qualen, die noch unerträglicher waren, als die körperlichen, die er eben erſt durchgemacht hatte. Der Räuber ſah ihn an mit harter Verachtung. „Was habe ich Dir je gethan, Unglücklicher?“ ſchrie der Alte;„was Anderes, als Dich geliebt und gepflegt? Du warſt ein Waiſe, ein Ausgeſtoßener. Ich ernährte, hegte, nahm Dich als meinen Sohn an! Wenn die Leute mich einen Geizhals nennen, ſo war ich es doch nur, da⸗ mit Niemand Dich, meinen Erben, geringſchätzen ſollte, weil die Natur Dich verkürzt und mißgeſtaltet hat, wenn ich nicht mehr wäre. Du ſollteſt Alles haben nach meinem Tode. Konnteſt Du mir nicht noch einige Monate oder Tage gönnen— ein Nichts für Deine Jugend, Alles was meinem Alter noch bleibt? Was habe ich Dir gethan?“ „Du haſt ſo lange fortgelebt und wollteſt kein Teſta⸗ ment machen.“ „Mon Dieu! Mon Pieu!“ „Jon Dieu! Dein Gott! Narr! Haſt Du mir nicht von Kindheit an immer geſagt, es ſey kein Gott? Haſt Du mich nicht mit Philoſophie aufgeſäugt? Haſt Du mir nicht geſagt: Sey tugendhaft, ſey gut, ſey gerecht um der Menſchheit willen, aber es gibt kein anderes Leben nach dieſem! Die Menſchheit! warum ſollte ich die Menſchheit lieben? Häßlich und mißgeſtaltet, ſehen mich die Men⸗ ſchen mit Hohn an, wenn ich durch die Straßen gehe. Was haſt Du für mich gethan? Du haſt mir, der ich der Spott dieſer Welt bin, die Hoffnung auf eine andere ge⸗ nommen! Gibt es kein anderes Leben? Gut denn, ſo brauche ich Dein Geld, um mir dies wenigſtens recht bald möglichſt zu Nutze zu machen!“ „Ungeheuer! Flüche treffen Deine Undankbarkeit, Deine—“ „Und Wer hoͤrt Deine Fluͤche? Du weißt, es iſt kein Gott! Höre mich an! ich habe Alles zur Flucht vorbe⸗ reitet. Ich habe meinen Paß; meine Pferde warten drau⸗ ßen, unterlegte Pferde ſind beſtellt. Ich habe Dein Gold.“ 89 (Und der Elende, wie er ſo ſprach, fuhr kaltblütig fort, ſich mit den Rollen zu bepacken.)„Und jetzt, wenn ich Deines Lebens ſchone, wie ſoll ich ſicher ſeyn, daß Du mich nicht angibſt?“ Bei dieſen Worten trat er mit einem finſtern, mürriſchen Geſicht und einer drohenden Geberde vor. Des Alten Zorn verwandelte ſich in Furcht. Er kroch vor dem Wilden.„Laß mich leben— laß mich leben! daß— daß—“ „Daß— was?“ „Ich Dir verzeihen kann! Ja, Du haſt Nichts von mir zu fürchten. Ich ſchwöre es!“ „Schwören? Aber bei Wem, und bei Was, Alter! Ich kann Dir nicht glauben, wenn Du nicht an einen Gott glaubſt! Ha, ha, ſiehe da die Frucht Deiner Lehren!“ Noch einen Augenblick, und dieſe mörderiſchen Fin⸗ ger hätten ihre Beute erwürgt. Aber zwiſchen dem Mör⸗ der und ſeinem Opfer erhob ſich eine Geſtalt, welche Beiden beinahe wie ein Beſuch aus der Welt erſchien, die ſie Beide leugneten— ſtattlich mit majeſtätiſcher Stärke, herrlich in ehrfurchtgebietender Schoͤnheit. Der Böſewicht bebte zurück, ſah auf, zitterte, wandte ſich dann und floh aus dem Zimmer. Der Alte ſank wieder bewußtlos zu Boden. 90 Achtes Kapitel. Um zu wiſſen, wie ein ſchlechter Menſch handeln wird, wenn er zur Macht gelangt, nimm das Gegen⸗ theil von allen Lehren, die er predigt, ſo lang er in Niedrigkeit lebt. S. Montagu. Antipathieen machen auch einen Theil der(fälſch⸗ lich) ſo genannten Magie aus. Der Menſch hat von Natur denſelben Inſtinkt wie die Thiere, der ſie un⸗ willkührlich warnt vor den ihnen feindlichen, ihrem Leben gefährlichen Geſchöpfen. Aber er vernachläßigt ihn ſo oft, daß er einſchläft. Nicht ſo der wahre Pfle⸗ ger der großen Wiſſenſchaft... Trismegiſtus der Vierte. (Ein Roſenkreuzer.) Als der Fremde am folgenden Tag den Alten wie⸗ der beſuchte, fand er ihn ruhig und zum Verwundern gefaßt und erholt von der Seene und den Leiden der Nacht. Er drückte ſeinem Retter ſeine Dankbarkeit mit thränen⸗ reicher Inbrunſt aus, und erzählte, er habe ſchon nach einem Verwandten geſchickt, welcher Anordnungen treffen würde für ſeine künftige Sicherheit und Lebensweiſe;„denn ich habe noch Gold übrig,“ ſagte der Alte,„und habe hinfort keinen Grund mehr, ein Geizhals zu ſeyn.“ Er erzählte ſofort in der Kürze die Entſtehung und die näheren Umſtände ſeines Verhältniſſes zu Dem, der an ihm hatte zum Moͤrder werden wollen. Es ſcheint, daß er im früheren Leben ſich mit ſeinen Verwandten entzweit hatte in Folge einer Verſchiedenheit —„ 6— 4₰—„— —c r—„H————„—„— N B 91 der Anſichten in Glaubensſachen. Alle Religion als eine Fabel verwerfend, hatte er doch Gefühle gehegt— denn obgleich ſein Verſtand ſchwach, war doch ſeine Gemüths⸗ art gut— die ihn zu jener falſchen übertriebenen Em⸗ pfindſamkeit hinneigen machten, welche ſo oft von den Einfältigen, die damit behaftet ſind, für Wohlwollen gehalten wird. Er hatte keine Kinder; er beſchloß ein enfant du peuple zu adoptiren. Er beſchloß dieſen Kna⸗ ben ganz nach der„Vernunft“ zu erziehen. Er wählte einen Waiſen von der niederſten Herkunft, deſſen körper⸗ liche Gebrechen und Unſchönheit nur noch mehr ſein Mit⸗ leid erregten, und der am Ende ſeine ganze Zärtlichkeit gewann. In dieſem Verſtoßenen liebte er nicht blos einen Sohn, ſondern auch eine Theorie! Er zog ihn höchſt phi⸗ loſophiſch auf. Helvetius hatte ihm bewieſen, daß die Erziehung Alles thun kann; und ehe der kleine Jean acht Jahre alt war, waren ſeine Lieblingsausdrücke: La lumière et la vertu. Der Knabe zeigte Talente, beſon⸗ ders in der Kunſt. Der Beſchützer ſuchte ihm einen Mei⸗ ſter, der ebenſo frei war vom„Aberglauben“ wie er ſelbſt, und wählte den Maler David. Dieſer Mann, ſo häßlich wie ſein Schüler, deſſen Lebenswandel ebenſo laſterhaft, als ſeine Talente als Künſtler unbeſtreitbar waren, war ſicherlich ſo frei vom„Aberglauben,“ als der Beſchützer nur wünſchen mochte. Es war Robespierre vorbehalten, den blutdürſtigen Maler nachmals an das Btre supréme glauben zu machen. Der Knabe hatte früh ein lebhaftes Gefühl ſeiner beinahe unnatürlichen Häßlichkeit. Sein 92 Wohlthäter fand ſeine Bemühungen fruchtlos, ihn durch ſeine philoſophiſchen Aphorismen mit der Bosheit der Na⸗ tur auszuſöhnen; aber als er ihm bemerklich machte, daß in dieſer Welt das Geld, wie die Liebe, die Menge der Fehler und Mängel decke, da horchte der Knabe begierig und war getröſtet. Geld zuſammen zu ſparen für ſeinen Schützling— das einzige Weſen auf der Welt, das er liebte— das wurde jetzt ſeines Gönners Leidenſchaft. In der That, er hatte ſeinen Lohn gefunden. „Aber ich bin dankbar dafür, daß er entkommen iſt,“ ſagte der Alte, ſich die Augen wiſchend.„Hätte er mich auch als Bettler zurückgelaſſen, ich hätte ihn doch nie an⸗ klagen können.“ „Nein, denn Ihr ſeyd der Urheber ſeiner Verbrechen.“ „Wie! Ich, der ich ihm unabläſſig die Schönheit der Tugend einprägte? Erklärt Euch!“ „Ach! wenn Dein Zögling Dir das in der vergan⸗ genen Nacht nicht mit eigenem Munde klar gemacht hat, o moͤchte vergebens ein Engel vom Himmel kommen, es Dir zu predigen!“ Der Alte bewegte ſich unruhig und war im Begriff zu antworten, als der Verwandte, nach welchem er ge⸗ ſchickt hatte, und der, von Nancy gebürtig, zu der Zeit gerade in Paris war, in das Zimmer trat. Es war ein Mann etwas über die Dreißig, mit einem trockenen, braungelben, mageren Geſicht, unruhigen Augen und zu⸗ ſammengekniffenem Munde. Er hoͤrte, unter vielen Aus⸗ rufungen des Abſcheus, die Erzählung ſeines Verwandten tr ſe u1 w 93 an, und ſuchte ihn dann ernſtlich, aber vergebens, zu bewegen, als Angeber ſeines Schützlings aufzutreten. „Still, ſtill, René Dumas!“ ſagte der Alte;„Ihr ſeyd ein Advokat. Ihr ſeyd dazu erzogen, das Menſchen⸗ leben mit Verachtung anzuſehen. Uebertritt nur irgend Einer ein Geſetz, ſo brüllt Ihr: Richtet ihn hin!“ „Ich!“ rief Dumas, die Hände erhebend, und die Augen aufſchlagend,„ehrwürdiger Weiſer, wie falſch be⸗ urtheilt Ihr mich! Ich beklage mehr als irgend Einer die Strenge unſeres Geſetzbuches. Ich glaube, der Staat ſollte nie einem Menſchen das Leben nehmen— nein, nicht einmal einem Mörder. Ich ſtimme ganz dem jun⸗ gen Staatsmann bei— Marimilian Robespierre— daß der Scharfrichter eine Erfindung des Tyrannen ſey. Meine brünſtige Hoffnung ſogar zu unſerer voranſchreitenden Revolution iſt, daß ſie dieſe geſetzliche Schlächterei ver⸗ tilge. Der Advokat ſchwieg, außer Athem. Der Fremde be⸗ trachtete ihn feſten Blickes und wurde blaß. „Ihr wechſelt die Farbe, Herr,“ ſagte Dumas.„Ihr ſeyd nicht meiner Meinung.“ „Verzeiht, ich unterdrückte in dieſem Augenblick eine unbeſtimmte Furcht, die wie prophetiſch ſchien—“ „Und dieſe Furcht—“ „Wir möchten uns wieder begegnen zu einer Zeit, wo Eure Anſichten von der Todesſtrafe und von der Phi⸗ loſophie der Revolutionen ganz verändert ſeyn dürften.“ „Nimmermehr!“ „Ihr entzückt mich, Coufin René,“ ſagte der Alte, welcher ſeinem Verwandten mit großer Freude zugehört hatte.„Ach ich ſehe, Ihr habt ganz richtige Anſichten von Gerechtigkeit und Philanthropie. Warum habe ich nicht früher Eure Bekanntſchaft geſucht! Ihr bewundert die Revolution? Ihr verabſcheut, wie ich, die Barbarei der Könige und den Betrug der Prieſter?“ „Verabſcheuen! wie könnte ich die Menſchheit lie⸗ ben, wenn ich das nicht thäte?“ „Und,“ ſagte der Alte zögernd,„Ihr glaubt nicht, mit dieſem edeln Herrn, daß ich geirrt habe in den Leh⸗ ren, die ich jenem Unglücklichen beibrachte?“ „Geirrt? War Sokrates zu tadeln, wenn Alcibia⸗ des ein Ehebrecher und Verräther war?“ „Ihr hört ihn— Ihr hört ihn! Aber Sokrates hatte auch einen Plato; hinfort ſollt Ihr mein Plato ſeyn. Ihr hört ihn?“ rief der Alte, zu dem Fremden ſich wendend. Aber dieſer war ſchon an der Schwelle. Wer ſollte ſreiten mit der verſtockteſten unter allen Bigotterien— mit dem Fanatismus des Unglaubens? „Geht Ihr?“ rief Dumas,„und ehe ich Euch noch gedankt, Euch geſegnet habe für die Rettung des Lebens dieſes theuren, ehrwürdigen Mannes! O, wenn ich Euch je vergelten kann— wenn Ihr je das Herzblut René Dumas' verlangt“— ſo mit Gewandtheit ſich ſelbſt los⸗ machend, folgte er dem Fremden bis zur Schwelle des zweiten Gemaches, hielt ihn hier ſanft und leiſe zurück, ſah über die Achſel ſich um, ſich zu verſichern, daß ihn e e— der Herr der Wohnung nicht höre, und flüſterte dann: „Ich ſollte nach Naney zurückkehren. Man verliert nicht gerne ſeine Zeit;— Ihr glaubt nicht, Herr, daß jener Schurke alles Geld des alten Narren mitnahm?“ „Sprach ſo Plato vou Sokrates, Monſieur DumasL“ „Ha, ha! Ihr ſeyd kauſtiſch. Nun, Ihr habt das Recht. Herr, wir ſehen uns wieder.“ „Wieder!“ murmelte der Fremde, und ſeine Stirne umwölkte ſich. Er eilte auf ſein Zimmer, er brachte den Tag und die Nacht allein zu, in Studien,— welcher Art gehört nicht hieher— ſie dienten nur, ſeinen Trübſinn zu ſteigern. Was konnte je ſein Schickſal mit Rene Dumas, oder mit dem flüchtigen Meuchelmörder in Verbindung brin⸗ gen? Warum ſchien ihm die heitere Luft von Paris ſchwer vom Dampfe des Blutes— warum trieb ihn ein In⸗ ſtinkt, aus dieſen glänzenden, ſprühenden Kreiſen zu flie⸗ hen, aus dieſem Brennpunkt der erwachten Hoffnungen der Welt, und warnte ihn vor der Rückkehr?— ihn, deſſen erhabenes Daſeyn Trotz bietet— doch weg mit dieſen Träumen und Vorbedeutungen! Er läßt Frankreich hinter ſich. Zurück, o Italien, zu deinen majeſtätiſchen Trüm⸗ mern! Auf den Alpen athmet ſeine Seele wieder die freie Luft! Ach, mögen die Welttheiler ihre ganze Chemie er⸗ ſchöpfen: der Menſch wird nie ſo frei ſeyn auf dem Markt wie auf dem Berge! Aber wir, Leſer, auch wir entfliehen dieſen Schauplätzen falſcher Weisheit, in deren Hülle gottloſes Verbrechen ſich kleidet. Fort wieder —„zu den heitern Regionen, Wo die reinen Formen wohnen.“ fort, zu dem erhabenen Königreich, wo die reinen Be⸗ wohner ſind. Unbefleckt von der Wirklichkeit, lebt das Ideale allein mit Kunſt und Schönheit. Holde Viola an den Küſten der blauen Parthenope, an Virgils Grab und der Cimmeriſchen Höhe, zu Dir kehren wir wie⸗ der zurück. Neuntes Kapitel. Come si presso è Ilppogrifo a terra:— Che non vuol che'l destrier più vada in alto; Poi l0 lega nel margine marino A un verde mirto in mezzo un lauro e un pino. Orl. Fer. Canto V. 23. O Muſiker! Biſt Du jetzt glücklich? Du biſt wie⸗ der eingeſetzt vor Dein ſtattliches Notenpult— Dein treues Barbiton hat ſeinen Antheil an dem Triumphe. Es iſt Dein Meiſterſtück, was Dein Ohr erfüllt— Deine Tochter füllt die Scene— Mufik und Sängerin ſo eins, daß der Beifall, der Einen geſpendet, Beifall für Beide iſt. Sie machen Dir Platz im Orcheſter— ſie ſpotten und winken nicht mehr, wenn Du mit heſtiger Zärtlichkeit Deinen vertrauten Freund liebkoſeſt, der unter Deiner er⸗ barmungsloſen Hand klagt und wimmert und ſchilt und grollt. Sie verſtehen jetzt, wie unregelmäßig ſelbſt die Symmetrie des wahren Genius iſt. Die Unebenheiten e— 8 N 97 auf ſeiner Oberfläche machen den Mond leuchtend für die Menſchen. Giovanni Paeſiello, Maestro di Capella, wenn Deine ſanfte Seele des Neides fähig wäre, es müßte Dich kränken, Deinen Elfrida und Deinen Pirro bei Seite gelegt, und ganz Neapel in phantaſtiſchem Taumel der Sirene nachlaufen zu ſehen, über deren Takte Du Dein ſanftes Haupt bekümmert ſchüttelteſt. Aber Du, Paeſiello, ruhig in dem langen Glück Deines Ruh⸗ mes, weißt, daß das Neue ſeinen Tag haben will, und tröſteſt Dich, daß die Elfrida und der Pirro ewig leben werden. Vielleicht ein Irrthum, aber mittelſt ſolcher Irr⸗ thümer ſiegt der ächte Genins über den Neid. Du wün⸗ ſcheſt unſterblich zu leben, ſagt Schiller, lebe im Ganzen! Um über die Stunde erhaben zu ſeyn, lebe in Deiner Selbſtachtung. Das Publikum würde jetzt willig ſein Ohr für die Variationen und Paſſagen hingeben, die man einſt auszuziſchen pflegte. Nein!— Piſani hat zwei Drittheile ſeines Lebens ſchweigend an ſeinem Meiſterſtücke gearbei⸗ tet; dieſem kann er Nichts mehr hinzufügen, wie ſehr er auch die Meiſterſtücke Anderer zu verbeſſern ſuchen mochte. Iſt das nicht gewöhnlich? der geringſte kleine Kritiker, wenn er ein Werk der Kunſt beurtheilt, pflegt zu ſagen:„Schade für dies, und Schade für jenes,“— „das ſollte verändert— das weggelaſſen werden.“ Ja, mit ſeiner drahtenen Violinſaite wird er ſelbſt ſeine ver⸗ fluchten Variationen knarrend aufſpielen. Aber laßt ihn hinſitzen und ſelbſt komponiren! dann ſieht er nicht, was Bulwer's Romane. XCV. 7 bei Variationen herauskommen ſoll. Jeder kann ſeine Geige beherrſchen, wenn es ſein eigenes Werk iſt, mit dem ſeine Grillen den Teufel ſpielen möchten. Und Viola iſt der Abgott, das Tagesgeſpräch von Neapel. Sie iſt die verwöhnte Sultanin der Bretter. Ihr Spiel zu verderben mag leicht genug ſeyn— werden ſie auch ihre Natur verderben 2 Nein, ich denke nicht. Da, zu Hauſe iſt ſie noch gut und einfach, und unter dem Zelt⸗ tuch vor der Thüre, da ſitzt ſie noch, in himmliſchen Träu⸗ mereien. Wie oft, krummſtämmiger Baum, ſchaut ſie auf nach deinen grünen Zweigen! wie oft ringt ſie, wie Du, in ihren Träumen und Phantaſien, nach dem Licht empor;— nicht nach dem Licht der Bühnenlampen. Pah, Kind, begnüge dich mit den Lampen, ſelbſt mit den Bin⸗ ſenlichtern! Eine Pfennigkerze paßt beſſer für die Pflich⸗ ten der Häuslichkeit, als die Sterne. Wochen verſtrichen und der Fremde erſchien nicht wieder; Monate waren verfloſſen, und ſeine Prophezeiung von Leid und Kummer war noch nicht in Erfüllung ge⸗ gangen. Eines Abends ward Piſani von einer Krankheit ergriffen. Sein Erfolg hatte zur Folge gehabt, daß an den lange vernachläſſigten Componiſten dringende Bitten um Concerte und Sonaten, ſeiner ausgezeichneten, eigen⸗ thümlichen Kunſt auf der Violine entſprechend, ergingen. Einige Wochen hatte er Tag und Nacht an einem Stücke gearbeitet, in welchem er ſich ſelbſt zu übertreffen hoffte. Er nahm, wie gewohnlich, einen jener dem Anſchein nach gar nicht zu bewältigenden Vorwürfe, welche der aus⸗ 111 Hier wählt ſie einen Berg nach ihrem Zwecke, Wüſt, unbewohnt, gehüllt in Dunkelheit, Und giebt, durch Zauber, rings ihm eine Decke Von tiefem Schnee; das Haupt nur bleibt befreit Und grün und lieblich, und zum Sitz der Freude Schafft ſie an einem See ein Prachtgebäude.* *Taſſo's befreites Jeruſ. XVI. 70. 74. C. L. Bulwer's Werke. Aus dem Engliſchen. Sechsundneutzigſtes Vändchen. Zanoni. Zweites Bändchen. Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1812. 1 Zanon Ein Roman von dem Verfaſſer von„Nacht und Morgen,“„Rienzi,“ „Ernſt Maltravers,“„Alice“ u. a. Aus dem Engliſchen —————————— von Guſt av Pfizer. In ſechs Bändchen. Zweites Bändchen. ————————————————————— Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1842. Bweites Puch. — Kunſt, Liebe, Wunder. Diversi aspetii in un confusi e misti. Gerus. Lib. Canto IV. 3. —— —— Erſtes Kapitel. Centauri, e Sfingi, e pallide Gorgoni. Gerus. Lih. Canto IV. 5. In einer Mondnacht ſaßen in den Gärten von Nea⸗ pel vier bis fünf Herren unter einem Baum, ihren Sorbet ſchlürfend, und in den Pauſen des Geſpräches der Muſik lauſchend, welche dieſen heitern Lieblingsplatz einer trä⸗ gen Bevölkerung belebte. Einer von dieſer kleinen Ge⸗ ſellſchaft war ein junger Engländer, der das Leben der ganzen Gruppe geweſen, aber der ſeit den letzten Augen⸗ blicken in eine düſtere und zerſtreute Träumerei verſunken war. Einer ſeiner Landsleute bemerkte dieſen plötzlichen Trübſinn und ſagte, ihm auf den Rücken klopfend:„Was fehlt Cuch, Glyndon? Seyd Ihr krank? Ihr ſeyd ganz blaß geworden— Ihr zittert. Iſt es eine plötzliche Erkäl⸗ tung? Ihr thätet beſſer, heimzugehen; dieſe italteniſchen Nächte ſind oft für unſere engliſchen Naturen gefährlich.“ „Nein, ich fühle mich jetzt wohl, es war nur ein vor⸗ übergehender Schauder. Ich kann es mir ſelbſt nicht er⸗ klären.“ Ein Mann, dem Anſchein nach etwa dreißig Jahre alt, und von einer Haltung und Geſichtsbildung, die ihn ſichtlich von ſeiner Umgebung auszeichneten, wandte ſich raſch um, und ſchaute Glyndon ſtet und feſt an. „Ich glaube zu verſtehen, was Ihr meint,“ ſagte er; „und vielleicht,“ fuhr er mit einem ernſten Lächeln fort, „könnte ich es beſſer erklären, als Ihr ſelbſt.“ Hier wandte er ſich zu den Andern und fuhr fort:„Ihr Alle, Ihr Her⸗ ren, ſammt und ſonders, müßt oft ſchon, beſonders wenn Ihr bei Nacht allein da geſeſſen, eine ſonderbare, uner⸗ klärliche Empfindung von Kälte und Unheimlichkeit Euch beſchleichen gefühlt haben; das Blut gerinnt und das Herz ſteht ſtille; die Glieder zittern, das Haar ſträubt ſich; man fürchtet ſich, aufzuſchauen, das Auge nach den dunkeln Winkeln des Zimmers zu wenden; man hat eine entſetz⸗ liche Einbildung, etwas Ueberirdiſches ſey in der Nähe; plötzlich geht der ganze Zauber, wenn ich es ſo nennen darf, vorüber, und Ihr ſeyd geneigt, über Eure eigene Schwäche zu lachen. Habt Ihr nicht oft empfunden, was ich ſo unvollkommen geſchildert habe? Wenn dieß iſt, ſo könnt Ihr verſtehen, was unſer junger Freund ſo eben empfunden hat mitten unter der Wonne dieſer magiſchen Scene und unter den balſamiſchen Hauchen einer Julius⸗ nacht.“ „Herr,“ verſetzte Glyndon, ſichtlich höchſt erſtaunt, „Ihr habt ganz genau und richtig die Natur des Schau⸗ ders beſchrieben, der mich überfiel. Aber wie konnte mein äußeres Weſen ein ſo getreuer Anzeiger und Spiegel mei⸗ ner innern Empfindungen ſeyn?“ „Ich kenne die Anzeichen dieſes Anfalls,“ verſetzte der Fremde ernſt;„Einer von meiner Erfahrung kann ſich darüber nicht täuſchen.“ Alle anweſenden Herren erklärten, daß ſie wohl be⸗ griffen, und ſelbſt ſchon empfunden hätten, was der Fremde geſchildert. „Nach einem Nationalaberglauben von uns,“ ſagte Mervale, der Engländer, der zuerſtzu Glyndon geſprochen, „geht in dem Augenblick, wo Ihr Euer Blut ſo gerinnen und das Haar ſich ſo ſträuben fühlt, Jemand über den Platz, wo Euer Grab ſeyn wird.“ „Es ſfind in allen Ländern verſchiedene abergläubiſche Meinungen und Erklärungen von einem ſo gewöhnlichen Begegniß,“ verſetzte der Fremde;„eine Sekte unter den Arabern behauptet, in dieſem Augenblick entſcheide Gott über die Stunde entweder Eures Todes oder die des Todes einer Euch ſehr lieben Perſon. Der afrikaniſche Wilde, deſſen Einbildungskraft verfinſtert iſt durch die gräulichen Gebräuche ſeiner düſtern Götzendienerei, glaubt, der böſe Geiſt zerre Einen da an den Haaren zu ſich: ſo vermiſcht ſich das Groteske und das Schreckliche.“ „Es iſt offenbar ein rein phyſiſcher Zufall— eine Unordnung im Magen— ein Froſt im Blute,“ ſagte der junge Neapolitaner, mit welchem Glyndon einigermaßen bekannt worden war. „Aber warum wäre es dann, bei allen Nationen, mit einer abergläubiſchen Ahnung oder Bangigkeit verbunden — mit einem Verhältniß zwiſchen dem körperlichen Leib und der Welt über uns, die wir glauben? Ich meines Theils— ich glaube—“ „Ja, was glaubt Ihr, Herr?“ fragte Glyndon neu⸗ gierig. „Ich glaube,“ fuhr der Fremde fort,„daß es der Widerwille und Abſcheu iſt, womit unſere mehr menſchli⸗ chen Elemente zurückbeben vor Etwas, das zwar aller⸗ dings unſichtbar, aber unſerer Natur zuwider und feind⸗ lich iſt, und vor einer Erkenntniß, vor der wir zum Glück geſichert find durch die Unvollkommenheit unſerer Sinne.“ „Ihr glaubt alſo an Geiſter?“ ſagte Mervale mit einem ungläubigen Lächeln. „Nein, ich ſprach nicht eben ausdrücklich von Gei⸗ ſtern; aber es kann ſtoffhafte Geſtalten geben, für uns ſo unſichtbar und ungreifbar, wie die mikroskopiſchen Thier⸗ chen in der Luft, die wir athmen— in dem Waſſer, das in jenem Becken plätſchert. Solche Weſen können Leiden⸗ ſchaften und Kräfte haben, den unſrigen ähnlich— wie die Thierchen, mit welchen ich ſie verglichen habe. Das Ungeheuer, das in einem Waſſertropfen lebt und ſtirbt— fleiſchfreſſend, unerſättlich, ſich nährend von Geſchöpfen kleiner als es ſelbſt— iſt nicht minder tödtlich in ſeiner Wuth, nicht minder wild ſeiner Natur nach, als der Tiger der Wüſte. Es kann Weſen um uns her geben, die dem Menſchen feindlich und gefährlich wären, hätte nicht die Vorſehung eine Mauer zwiſchen ihnen und uns gezogen, einfach durch verſchiedene Modifikationen der Materie.“ „Und denkt Ihr, dieſe Mauer könne nie beſeitigt werden?“ fragte der junge Glyndon plötzlich.„Sind die Sagen von Zauberern und Schwarzkünſtlern, ſo allge⸗ mein verbreitet und unvordenklich alt, reine Fabeln?“ „Vielleicht ja— vielleicht nein,“ antwortete der Fremde gleichgültig.„Aber Wer wollte in einem Zeit⸗ alter, wo die Vernunft ihre Grenzen ſich ſelbſt gewählt hat, wahnſinnig genug ſeyn, die Scheidewand zu durch⸗ brechen, die ihn von der Boa und vom Löwen trennt— ſich zu beklagen über— ſich zu empören gegen das Ge⸗ ſetz, welches den Haifiſch auf das große Meer beſchränkt? Genug von dieſen eiteln Spekulationen.“ Hiemit ſtand der Fremde auf, rief den Aufwärter, bezahlte ſeinen Sorbet, und verſchwand bald, nach einer leichten Verbeugung gegen die Geſellſchaft, unter den Bäumen. „Wer iſt dieſer Mann?“ fragte Glyndon begierig. Die Uebrigen ſahen einander einige Augenblicke ohne zu antworten an. „Ich habe ihn früher nie geſehen,“ ſagte Mervale endlich. „Ich auch nicht.“ „Ich auch nicht.“ „Ich kenne ihn wohl,“ ſagte der Neapolitaner, der kein Anderer war als der Graf Cetora.„Wenn Ihr Euch erinnert— als mein Begleiter kam er in Eure Geſell⸗ —S—= ſchaft. Er beſuchte Neapel vor etwa zwei Jahren, und iſt jüngſt wieder gekommen; er iſt ſehr reich, ja ganz enorm! Ein höchſt angenehmer Mann. Es that mir leid, ihn dieſen Abend ſo ſeltſam reden zu hören; es dient dieß nur, den vielen thörichten Gerüchten, die über ihn im Um⸗ lauf find, Nahrung und Ermunterung zu geben.“ „Und gewiß,“ ſagte ein anderer Neapolitaner,„der Vorfall, der ſich erſt dieſer Tage zutrug, und Euch, Ce⸗ tora, ſo wohl bekannt iſt, beſtätigt die Gerüchte, die Ihr zurückzuweiſen Euch die Miene gebt.“ „Ich und meine Landsleute,“ ſagte Glyndon,„ver⸗ kehren ſo wenig mit Neapolitaniſcher Geſellſchaft, daß uns vieles entgeht, was wohl eines lebhaften Intereſſes werth ſcheint. Darf ich fragen, was die Gerüchte ſind, und was der Vorfall, wovon Ihr ſprachet?“ „Was die Gerüchte betrifft, meine Herren,“ ſagte Cetora, ſich höflich gegen die beiden Engländer wendend, „ſo mag es genügen zu erwähnen, daß ſie dem Signor Zanoni gewiſſe Eigenſchaften beilegen, welche Jeder für ſich ſelbſt wünſcht, aber wegen deren er jeden Andern, der ſie beſitzt, verdammt. Der Vorfall, auf welchen Signor Belgioſo anſpielte, ſetzte jene Eigenſchaften ins Licht und iſt, ich muß geſtehen, etwas befremdend. Ihr ſpielt ver⸗ muthlich, meine Herren?“ Hier hielt Cetora inne; und da die beiden Engländer wahrſcheinlich einige wenige Seudi auf den öffentlichen Spieltiſchen eingeſetzt hatten, nickten ſie ſeiner Vermuthung Bejahung zu. Cetora fuhr fort:„Nun denn, vor wenigen Tagen, und eben an dem Tage, wo Zanoni nach Neapel zurückkehrte, traf es ſich, daß ich ziemlich hoch geſpielt und anſehnlich verloren hatte. Ich ſtand vom Tiſche auf, entſchloſſen, das Glück nicht länger zu verſuchen, als ich plötzlich Zanoni, deſſen Be⸗ kanntſchaft ich früher gemacht hatte,(und der, wie ich ſa⸗ gen darf, eine kleine Verpflichtung gegen mich hatte,) als Zuſchauer daſtehen ſah. Ehe ich meine Freude über dieß unverhoffte Wiederſehen ausdrücken konnte, legte er ſeine Hand auf meinen Arm.„„Ihr habt Viel verloren,““ ſagte er;„„Mehr, als Ihr vertragen könnt. Ich für mei⸗ nen Theil kann das Spiel nicht leiden; aber ich wünſche doch an dem, was eben jetzt hier geſpielt wird, Antheil zu nehmen. Wollt Ihr mit dieſer Summe für mich ſpielen? Die Gefahr iſt mein— der halbe Gewinn Euer.““ Ich war, wie ihr denken könnt, betroffen über eine ſolche An⸗ rede; aber Zanoni hatte einen Ton und ein Weſen an ſich, welchem unmöglich war zu widerſtehen; zudem brannte ich vor Begierde, meine Verluſte wieder gut zu machen, und wäre nicht aufgeſtanden, hätte ich noch irgend Geld bei mir gehabt. Ich erklärte ihm, ich wolle ſein Anerbie⸗ ten annehmen, mit der Bedingung, daß ich die Gefahr ebenſo wie den Gewinn theilte.„Wie Ihr wollt,““ ſagte er lächelnd;„„wir brauchen keine Bedenklichkeiten zu haben, denn Ihr gewinnt gewiß.““ Ich ſetzte mich hin; Zanoni ſtand hinter mir; mein Glück fing an, ich gewann unaufhörlich. In der That, ich ſtand als ein reicher Mann vom Tiſch auf.“ „Es kann kein falſches Spielen bei den öffentlichen Spieltiſchen ſtatt finden, zumal wenn das falſche Spiel zum Schaden der Bank wäre?“ Dieſe Frage warf Glyn⸗ don auf. „Gewiß nicht,“ antwortete der Graf.„Aber unſer Glückwar in der That wunderbar, ſo außerordentlich, daß ein Sicilianer(die Sicilianer ſind ſämmtlich ungezogene, hitzige Burſ che,) zornig und unverſchämt wurde.„„Herr,““ ſagte er, ſich gegen meinen neuen Freund wendend,„„Ihr habt nicht nöthig, ſo nahe an dem Spieltiſch zu ſtehen. Ich verſtehe dieß nicht; Ihr habt nicht redlich gehandelt.““ Zanoni verſetzte mit großer Ruhe und Faſſung, er habe Nichts gegen die Spielregeln gethan— er bedaure ſehr, daß Einer nicht gewinnen könne, ohne daß der Andere ver⸗ liere; und er könne nichts Unredliches thun, ſelbſt wenn er dazu Luſt hätte. Der Sicilianer hielt des Fremden Milde für Furchtſamkeit und ſchimpfte noch lauter. In ver That, er ſtand vom Tiſch auf und trat auf Zanoni zu in einer Weiſe, die, um das Gelindeſte zu ſagen, her⸗ ausfordernd war für jeden Cavalier, der ein etwas feuri⸗ ges Temperament, oder eine Geſchicklichkeit in Führung des Degens hat.“ „Und,“ unterbrach ihn Belgioſo,„das Merkwürdigſte am Ganzen war mir, daß dieſer Janoni, der meinem Platze gegenüber ſtand, und deſſen Geſicht ich genau ſah, kein Wort äußerte, keine Erbitterung blicken ließ. Er heftete ſein Auge feſt auf den Sicilianer; nie werde ich dieſen Blick vergeſſen! es iſt unmöglich, ihn zu beſchrei⸗ ben, er machte mir das Blut in den Adern erſtarren. Der Sieilianer taumelte zurück wie vom Blitz getroffen. Ich ſah ihn zittern, er ſank auf die Bank. Und dann—“ „Ja, dann,“ ſagte Cetora,„kehrte zu meinem un⸗ endlichen Erſtaunen unſer Ehrenmann, ſo durch einen Blick Zanoni's entwaffnet, ſeinen ganzen Groll gegen mich— den— aber vielleicht wißt Ihr nicht, meine Herren, daß ich in einigem Ruf ſtehe wegen Führung der Waffen?“ „Der beſte Fechter in Italien,“ ſagte Belgioſo. „Ehe ich errathen konnte, warum und wofür,“ fuhr Cetora fort,„befand ich mich im Garten hinter dem Hau⸗ ſe; Ughelli(das war des Sicilianers Name,) mir gegen⸗ über, und fünf bis ſechs Herren, die Zeugen des Duells, das ſtatthaben ſollte, um uns her. Zanoni winkte mich bei⸗ ſeite.„„Dieſer Mann wird fallen,““ ſagte er.„„Wenn er am Boden liegt, geht zu ihm hin, und fragt ihn, ob er neben ſeinem Vater in der Kirche San Gennarxo be⸗ graben ſein wolle.““„So fennt Ihr alſo ſeine Familie?“ fragte ich mit großem Erſtaunen. Zanoni gab mir keine Antwort, und im nächſten Augenblicke war ich im Kampf mit dem Sicilianer begriffen. Um ihm Gerechtigkeit wi⸗ derfahren zu laſſen, ſein improgliato war prachtvoll, und ein flinkerer Fechter zückte nie einen Degen, dennoch,“ fuhr Cetora mit ſelbſtgefälliger Beſcheidenheit fort,„ward er durch den Leib gerannt. Ich ging zu ihm hin, er konnte kaum ſprechen. Habt Ihr einen Wunſch— habt Ihr An⸗ gelegenheiten in Ordnung zu bringen?“ Er ſchüttelte mit dem Kopfe.„Wo wünſcht Ihr begraben zu werden?“ Er deutete nach der ſiciliſchen Küſte.„Was?“ ſagte ich erſtaunt,„nicht neben Eurem Vater in der Kirche San Gennaro?“ Wie ich dieß ſagte, veränderte ſich ſein Ge⸗ ſicht fürchterlich— er ſtieß einen durchdringenden Schrei aus— das Blut ſtrömte ihm aus dem Mund und er ſank todt hin. Der ſeltſamſte Theil der Geſchichte kommt noch. Wir begruben ihn in der Kirche San Gennaro. Hiebei huben wir ſeines Vaters Sarg auf; der Deckel ſchlug um, als man ihn rückte, und das Gerippe ward ſichtbar. In der Höhlung des Schädels fanden wir einen ſehr dünnen Draht von ſcharfem Stahl; dieß erregte Er⸗ ſtaunen und Nachforſchung. Der Vater, reich und geizig, war plötzlich geſtorben, und, wegen der heißen Witterung, wie man ſagte, ſehr ſchnell begraben worden. Nachdem einmal der Verdacht rege geworden, wurde eine genaue Unterſuchung angeſtellt. Des alten Mannes Diener ward peinlich verhört, und geſtand endlich, daß der Sohn den Vater gemordet habe; das Mittel war ſinnreich; der Draht war ſo dünn, daß er bis ins Hirn drang und nur Ein Tropfen Blut heraustrat, den die grauen Haare verſteck⸗ ten. Der Mitſchuldige wird hingerichtet werden.“ „Und Zanoni— legte er Zeugniß ab? erklärte er wie—“ „Nein,“ unterbrach der Graf;„er erklärte, er habe zufällig an dem Morgen die Kirche beſucht; er habe den Grabſtein des Grafen Ughelli betrachtet; ſein Führer habe ihm geſagt, deſſen Sohn ſey in Neapel, ein Ver⸗ ſchwender und Spieler. Während wir am Spiele ſaßen, S—„— di tri ta de ſell W 8—* habe er den Namen des Grafen am Tiſche nennen hören; und als die Ausforderung erfolgt und angenommen wor⸗ den, ſey ihm beigekommen, den Ort des Begräbniſſes zu nennen, vermöge eines Inſtinkts, den er weder erklären könne noch wolle.“ „Eine ſehr lahme Geſchichte,“ bemerkte Mervale. „Ja, aber wir Italiener ſind abergläubiſch; der vor⸗ gebliche Inſtinkt ward von Vielen als die leiſe Stimme der Vorſehung betrachtet. Am nächſten Tage wurde der Fremde der Gegenſtand der allgemeinſten Theilnahme und Neugier. Sein Reichthum, ſeine Lebensweiſe, ſeine außer⸗ ordentlich ſchöne Perſon haben auch beigetragen, ihn in wüthende Mode zu bringen; zudem machte es mir Ver⸗ gnügen, einen ſo ausgezeichneten Mann mit unſern ſtatt⸗ lichſten Cavalieren und unſern ſchönſten Damen bekannt zu machen.“ „Eine höchſt intereſſante Geſchichte,“ ſagte Mervale aufſtehend.„Kommt, Glyndon; ſuchen wir unſer Hotel, — es iſt beinahe ſchon Morgen. Adieu, Signor!“ „Was haltet Ihr von dieſer Geſchichte?“ ſagte Glyn⸗ don, während die jungen Männer heimgingen. „Ha, es iſt ſehr klar, daß dieſer Zanoni ein Be⸗ trüger— ein ſchlauer Spitzbube iſt; und der Neapoli⸗ taner theilt die Beute und ſtaffirt ihn und poſaunt ihn aus mit all dem abgedroſchenen Charlatanismus des Wun⸗ dr Jaren. Ein unbekannter Abenteurer kommt in die Ge⸗ fellſchaft, dadurch, daß man ihn zum Gegenſtand der Bulwer's Romane. XCVI. 2 18 Neugier und ſcheuer Ehrfurcht macht;— er iſt unge⸗ wöhnlich ſchön und die Weiber find ganz zufrieden, ihn zu empfangen ohne weitere Empfehlung als ſein Geſicht und Cetora's Fabeln.“ „Ich kann Euch nicht beiſtimmen. Cetora, obwohl ein Spieler und Wüſtling, iſt ein Edelmann von guter Ge⸗ burt, und ſteht in hohem Ruf des Muthes und der Ehre. Zudem hat dieſer Fremde, mit ſeiner edeln Erſcheinung und ſeinem erhabenen Weſen— ſo ruhig— ſo gar nicht zudringlich, gar Nichts von der vorlauten Geſchwätzig⸗ keit eines Betrügers.“ „Mein lieber Glyndon, verzeiht mir, aber Ihr habt noch gar keine Weltkenntniß Euch erworben; der Fremde zieht allen Vortheil aus ſeiner ſchönen Perſon, und ſein vornehmes Weſen iſt nur ein Handwerkskniff. Aber, auf etwas Anderes zu kommen, wie rückt die Liebesangelegen⸗ heit vor?“ „Ach, Viola konnte mich heute nicht ſprechen.“ „Ihr müßt ſie nicht heirathen. Was würden Alle zu Hauſeſagen?“ „Laßt uns die Gegenwart genießen,“ ſagte Glyn⸗ don lebhaft,„wir ſind jung, reich, gutausſehend, denken wir nicht an morgen!“ „Bravo, Glyndon Da ſind wir ja an unſerm Hotel. Schlaft geſund, und träumt nicht von Signor Zanoni!“ Zweites Kapitel. Prende, giovine audace e impaziente, L'occassione offeria avidamente! Gerus. Libh. Canto V. 29. Clarence Glyndon war ein junger Mann von zwar nicht großem, aber ihm eine bequeme Unabhãngigkeit ſichernden Vermögen. Seine Eltern waren todt, und ſeine nächſte Verwandte war eine einzige Schweſter, in England unter der Obhut ihrer Tante zurückgeblieben, um viele Jahre jünger als er. Frühe im Leben hatte er ein vielverſprechendes Talent für die Malerei gezeigt, und mehr aus Kunſtbegeiſterung als durch die Nothwendig keit zu einem einträglichen Beruf gezwungen, hatte er be⸗ ſchloſſen, ſich einer Laufbahn zu widmen, auf welche der engliſche Künſtler in der Regel mit Enthuſtasmus und mit hiſtoriſchen Compoſitivnen anfängt, um mit habgie⸗ riger Berechnung und mit Portraits vom Alderman Simp⸗ kins zu ſchließen. Glyndon galt bei ſeinen Freunden da⸗ für, ein nicht unbedeutendes Genie zu beſitzen, aber es war von haſtiger und anmaßlicher Art. Er war beharr⸗ licher und ſtetiger Arbeit abgeneigt, und ſein Ehrgeiz war mehr darauf gerichtet, die Früchte zu pflücken, als den Baum zu pflanzen. Wie ſo viele Künſtler in ihrer Jugend, war er ein Freund des Vergnügens und der Aufregung, und gab ſich mit wenig Ueberlegung Allem hin, was einen Eindruck auf ſeine Phantaſie machte, oder ſeine Leiden⸗ ſchaften reizte. Er hatte die berühmteren Städte Europa's durchreist, mit der ausdrücklichen Abſicht und dem ernſt⸗ lichen Vorſatz, die göttlichen Meiſterwerke ſeiner Kunſt zu ſtudiren. Aber überall hatte das Vergnügen ihn nur zu oft dem Ehrgeiz ungetreu gemacht; und die lebendige Schönheit machte der fühlloſen Leinwand ſeine Huldi⸗ gung abwendig. Muthig, abenteuerluſtig, eitel, raſtlos, vorwitzig, war er immer in kecke Anſchläge und angenehme Gefahren verwickelt— ein Geſchöpf des augenblicklichen Triebes und Einfalls, und der Sklave der Einbildungs⸗ kraft. Es war damals die Periode, wo ein ſieberhafter Geiſt der Veränderung ſich den Weg bahnte zu jenem hãäß⸗ lichen, ſpöttiſchen Zerrbild menſchlicher Beſtrebungen: der franzöſiſchen Revolution. Und aus dem Chaos, in wel⸗ ches ſchon die Heiligthümer des ehrwürdigen Glaubens der Welt mißtönend zuſammenſtürzten, ſtiegen viele ge⸗ ſtaltloſe und unförmliche Chimären empor. Brauche ich den Leſer daran zu erinnern, daß, während das die Zeit war des verfeinertſten Skepticismus und eingebildeter Weisheit, es auch die Zeit war der ausbündigſten Leicht⸗ gläubigkeit und des myſtiſchſten Aberglaubens— die Zeit, wo Magnetismus und Magie Convertiten machten unter den Schülern Diderots— wo Prophezeihungen in dem Munde Aller umliefen— wo der Salon eines philoſophi⸗ ſchen Deiſten in ein Heraklea umgewandelt wurde, wo die Nekromantie ſich rühmte, die Schatten der Todten her⸗ aufbeſchwören zu können— wo der Krummſtab und das heilige Buch verſpottet und an Mesmer und an Caglio⸗ ſtro geglaubt wurde. In dieſem falſchen Morgenauf⸗ gang, welcher die neue Sonne verkündete, vor der alle Dünſte verſchwinden ſollten, wandelten aus ihren Grä⸗ bern in den Feudalzeiten alle die Phantome hervor, welche dem Auge eines Paracelſus und Agrippa vorgeſchwebt waren. Geblendet von der Morgenröthe der Revolution fühlte ſich Glyndon noch mehr angezogen von den ſie be⸗ gleitenden Erſcheinungen, und bei ihm wie bei Andern, war es natürlich, daß die Phantaſie, welche in den Hoff⸗ nungen eines ſocialen Utopia herumtaumelte und ſchwelg⸗ te, mit Begierde nach Allem griff, was, von den ſtaubigen Spuren der herkömmlichen Wiſſenſchaft ablenkend, die kühnen Entdeckungen eines wunderbaren Elyſium verhieß. Auf ſeinen Reiſen hatte er mit lebhaftem Intereſſe wenigſtens, wenn nicht mit unbedingtem Glauben, auf die Wunder gelauſcht, die man von jedem berühmteren Gei⸗ ſterſeher erzählte, und ſein Gemüth war daher vorbe⸗ reitet für den Eindruck, welchen der räthſelhafte Zanoni beim erſten Blick auf ihn gemacht hatte. Ein anderer Grund mochte noch ſeyn bei ſeiner Hin⸗ neigung zu ſolchem Glauben. Ein entfernter Vorfahrer Glyndon's von mütterlicher Seite hatte ſich einen nicht unbedeutenden Namen als Philoſoph und Alchymiſt er⸗ worben. Sonderbare Geſchichten waren im Umlauf über dieſen weiſen Stammvater. Man ſagte, er habe ein Alter erreicht, das die gewöhnlichen Grenzen des menſchlichen Daſeyns weit überſchritten, und bis ans Ende das Aus⸗ ſehen eines Mannes von mittleren Jahren behalten. Er war endlich, wie man glaubte, aus Schmerz geſtorben äber den plötzlichen Tod eines Urenkels, des einzigen Ge⸗ ſchöpfes, das er je, wie es ſchien, geliebt hatte. Die Werke vieſes Philoſophen waren, obwohl ſelten, noch vorhanden, und fanden ſich in der Bibliothek von Glyndons Hauſe. Ihr platoniſcher Myſticismus, ihre kecken Behauptungen, die hohen Verheißungen, die man hinter ihrer ſigürlichen and typiſchen Phraſeologie finden konnte, hatten früh einen tiefen Eindruck gemacht auf Clarence Glyndons jugend⸗ liche Einbildungskraft. Seine Eltern, nicht aufmerkſam auf die Folgen davon, wenn man Phantaſien ermunterte, welchen entgegen zu arbeiten oder zu vernichten ihnen ſchon die Aufklärung der Zeit hinlänglich ſchien, ſprachen in den langen Winternächten gerne von der ſagenhaften Geſchichte dieſes ausgezeichneten Ahns. Und Clarence ſchanderte in banger Freude, als ſeine Mutter ſcherzend eine auffallende Aehnlichkeit zwiſchen den Zügen des jun⸗ gen Erben, und dem verblichenen Bilde des Alchymiſten entdeckte, das über ihrem Kamin hing, der Stolz ihres Hauſes, und die Bewunderung ihrer Freunde war. Das Kind iſt in der That öfter als wir glauben„der Vater des Mannes.“ Ich habe geſagt, daß Glyndon das Vergnügen ge⸗ kebt habe. Leicht, empfänglich, wie der Genius immer ſeyn muß, für heitere Eindrücke, war er bei ſeinem ſorg⸗ boſen Künſtlerleben, ehe das Künſtlerleben ſich mit Ernſt 5 auf die Arbeit wirft, von Blume zu Blume geflogen. Er hatte, beinahe bis zur widerſtehenden Sättigung die fröhlichen, taumelnden Vergnügungen Neapels genoſſen, als er ſich in das Angeſicht und die Stimme der Viola Piſani verliebter Aber ſeine Liebe war, wie ſein Ehrgeiz, unſtet und flüchtig. Sie befriedigte nicht ſein ganzes Herz, füllte nicht ſein ganzes Weſen aus; nicht wegen Mangel an ſtarker und edler Leidenſchaft, ſondern weil ſein Ge⸗ müth noch nicht genug gereift und feſt war für ihre Entwick⸗ lung. Wie es eine Jahreszeit gibt für die Blüthe, eine andere für die Frucht, ſo reift auch erſt, wenn die Blüthe der Phantaſie zu erbleichen anfängt, das Herz für die Lei⸗ denſchaften, welchen die Blüthe weiſſagend vorangeht. Frohlich ebenſo vor ſeiner einſamen Staffelei, wie unter ſeinen guten Cameraden, hatte er noch nicht genug Sorge und Kummer empfunden, um tief zu lieben. Denn der Mann muß in den geringern Dingen des Lebens Krän⸗ kungen und Enttäuſchungen erfahren haben, ehe er den vollen Werth des Größten zu faſſen vermag. Die ſeichten Senſualiſten Frankreichs ſind es, die in ihrer Salon⸗ ſprache die Liebe eine Thorheit nennen. Die Liebe, rich⸗ tiger begriffen, iſt Weisheit. Auch galt dem Clarence Glyndon die Welt zu viel. Sein Künſtlerehrgeiz war gebunden an den Beifall und die Schätzung jener ärm⸗ lichen Minorität der Oberflächlichen, die wir Publikum nennen. Wie Alle, die täuſchen, fürchtete er ſelbſt auch immer, die dupe Andrer zu werden. Er mißtraute der ſüßen Un⸗ 24 ſchuld Viola's. Er konnte nicht den Muth zu dem Wag⸗ ſtück finden, einer italieniſchen Schauſpielerin in gutem Ernſt einen Heirathsantrag zu machen; aber die ſittſame Würde des Mädchens und eine gewiſſe Güte, etwas Edles in ſeiner eignen Natur, hatten ihn bisher zurückbeben machen vor weltlicheren, aber minder ehrenhaften Abſich⸗ ten. So ſchien die Vertraulichkeit zwiſchen ihnen mehr auf Wohlwollen und Achtung, als auf Leidenſchaft zu beruhen. Er beſuchte das Theater; er ſchlich ſich hinter die Scene, um mit ihr zu ſprechen; er füllte ſein Porte⸗ feuille mit zahlloſen Skizzen einer Schönheit, die ihn als Künſtler eben ſo wie als Liebenden bezauberte. Und Tag für Tag ſchwankte er auf einem wechſelnden Meere von Zweifel und Unentſchloſſ enheit, von Zärtlichkeit und Miß⸗ trauen. Und freilich wurde das letztere, gegen ſeine eigne beſſere Vernunft und Einſicht, beſtändig unterhalten und genährt durch die nüchternen Warnungen Mervale's, eines Mannes der thatſächlichen Proſa. Am Tag nach dem Abende, womit dieſer Abſchnitt meiner Geſchichte begann, ritt Glyndon allein an der Küſte des neapolitaniſchen Meeres hin, jenſeits der Grotte des Poſilipo. Es war Mittag vorüber; die Sonne hatte ihre frühere Glut verloren, und ein kühles Lüftchen wehte köſtlich von der ſchimmernden See herüber. Da ſah er, einen Stein am Wege ſich beugend, die Geſtalt eines Mannes, und als er näher kam, erkannte er Zanoni. Der Engländer grüßte ihn höflich.„Habt Ihr eine Antike entdeckt?“ fragte er lächelnd.„Auf dieſer Straße ſind ſie ſo gemein wie Kieſelſteine.“ „Nein,“ antwortete Zanoni,„es iſt nur eine von den Antiken, die ihren Urſprung in der That vom Anfang der Welt datiren, aber welche die Natur ewig verwelken und ſich verjüngen macht.“ Mit dieſen Worten zeigte er Glyndon eine kleine Pflanze mit einer blaßblauen Blume und ſteckte ſie dann ſorgfältig an ſeine Bruſt. „Ihr ſeyd ein Botaniker?“ „Ja.“ „Es iſt, wie ich mir habe ſagen laſſen, ein höchſt intereſſantes Studium.“ „Für Solche, die es verſtehen, ohne Zweifel.“ „Iſt die Kenntniß deſſelben denn ſo ſelten?“ „Selten! die tiefere Kenntniß deſſelben gehört viel⸗ leicht gar zu den Künſten, welche der modernen Philoſo⸗ phie der oberflächlichen Gemeinplätze ganz verloren ge⸗ gangen ſind. Meint Ihr, jene Traditionen haben keinen Grund gehabt, welche dämmernd von fernen Zeitaltern herüberreichen— wie Muſcheln, die man jetzt auf Berg⸗ gipfeln findet, uns belehren, wo das Waſſer geſtanden? Was war die alte Colchiſche Magie Anderes als das ge⸗ naueſte Studium der Natur in ihren geringſten Werken Was die Fabel von der Medea, als ein Beweis von den Kräften, die man aus Keimen und Blättern ziehen kann? Die begabteſte unter allen Prieſterſchaften, die geheim⸗ nißvollen Schweſterſchaften von Cuth, über deren Be⸗ ſchwörungen die Gelehrten ſich vergebens in dem Laby⸗ 26 rinth von Sagen bis zur Verwirrung abarbeiteten, ſuch⸗ ten in den gemeinſten Kräutern, was die Babyloniſchen Weiſen vielleicht umſonſt in den höchſten Sternen. Die Tradition berichtet uns noch, daß es ein Geſchlecht“ gab von Menſchen, die ihre Feinde von ferne, ohne Waffen, ohne eine Bewegung, tödten konnten. Das Kraut, das wir niedertreten, beſitzt vielleicht tödtlichere Kräfte, als Eure Ingenieurs ihren gewaltigſten Kriegswerkzeugen verleihen können. Könnt Ihr Euch denken, daß zu dieſen italiſchen Küſten— nach dem alten Vorgebirg der Circe, der Weiſe von dem fernſten Orient kam, um Pflanzen und Kräuter zu ſuchen, die Eure Pharmaeiſten hinter dem Ladentiſch als Unkraut wegwerfen würden? Die erſten Kräuterkundigen— die Meiſterchemiker der Welt— wa⸗ ren jener Stamm, dem die Ehrfurcht der Alten, den Na⸗ men Titanen beilegte.““ Ich erinnere mich, wie ich ein⸗ mal am Hebrus, während der Herrſchaft—— aber dieß Geſchwätze,“ ſagte Zanoni plötzlich abbrechend und mit einem kalten Lächeln,„iſt nur ein Verderb Eurer und meiner Zeit.“ Er ſchwieg, ſchaute Glyndon ſcharf an, und fuhr fort?„Junger Mann, meint Ihr, unbeſtimmte Neu⸗ gier könnte ernſte Arbeit und Mühe vertreten? Ich leſe in Eurem Herzen. Ihr wünſcht, mich kennen zu lernen, und nicht dieſe beſcheidene Pflanze; aber reitet nur zu; Euer Wunſch kann nicht befriedigt werden.“ „Ihr beſitzt nicht die Artigkeit Eurer Landsleute,“ * Plut. Symp. V. 7. ** Syncellus p. 14. „— ſagte Glyndon, die Faſſung etwas verlierend.„Geſetzt ich wäre verlangend, Eure nähere Bekanntſchaft zu ma⸗ chen, warum ſolltet Ihr mein Entgegenkommen zurück⸗ weiſen?“ „Ich weiſe keines Menſchen Entgegenkommen zurück,“ antwortete Zanoni;„ich muß ſie kennen lernen, wenn ſie es ſo wünſchen; aber mich können ſie ihrerſeits doch nicht begreifen. Wenn Ihr meine Bekanntſchaft wünſcht, ſo wird ſie Euch zu Theil, aber ich möchte Euch warnen, mich zu meiden.“ „Und warum ſeyd Ihr denn ſo gefährlich?“ „Auf dieſer Erde ſind die Menſchen oft dazu be⸗ ſtimmt, ohne ihr eignes Dazuthun Andern gefährlich zu werden. Wenn ich Euch Euer Schickſal verkündigen wollte nach den eiteln Berechnungen der Aſtrologen, ſo würde ich Euch in ihrem verächtlichen Jargon ſagen, daß mein Planet finſter Euer Haus des Lebens bedroht. Kommt mir nicht in den Weg, wenn Ihr es vermeiden könnt. Ich warne Euch jetzt zum erſten und letzten Male.“ „Ihr verachtet die Aſtrologen und doch ſprecht Ihr in einem ebenſo räthſelhaften Jargon wie ſie. Ich bin weder ein Spieler noch ein Raufer; warum ſollte ich Euch nun fürchten?“ „Wie Ihr wollt; ich habe das Meinige gethan.“ „Laßt mich offen reden, Euer Geſpräch in der vort⸗ gen Nacht intereſſirte und verwirrte mich.“ „Ich weiß es; Gemüther, wie das Eurige, werden vom Geheimnißvollen angezogen.“ Glyndon war etwas empfindlich über dieſe Worte, obgleich in dem Tone, womit ſie geſprochen wurden, keine Verachtung lag. „Ich ſehe, Ihr achtet mich Eurer Freundſchaft nicht würdig. Sey es ſo! Guten Tag!“ Zanoni erwiederte kalt den Gruß, und kehrte, während der Engländer ſeines Weges ritt, zu ſeiner botaniſchen Beſchäftigung zurück. In derſelben Nacht ging Glyndon, wie gewöhnlich, ins Theater. Er ſtand hinter den Couliſſen, Viola betrach⸗ tend, welche in einer ihrer glänzendſten Rollen auf der Bühne ſtand; das Haus ertönte von Beifallsbezeugungen. Glyndon war ganz außer ſich in der Leidenſchaft und im Stolz eines jungen Mannes.„Dieß herrliche Geſchöpf,“ dachte er,„kann noch die Meinige werden!“ Während er ſo in wonnevolle Träumerei verſunken war, fühlte er eine leiſe Berührung ſeiner Schulter; er wandte ſich um und erblickte Zanoni.„Ihr ſeyd in Ge⸗ fahr,“ ſagte der Letztere.„Geht heute Nacht nicht zu Fuß nach Haus, oder doch nicht allein.“ Ehe Glyndon ſich von ſeiner Ueberraſchung erholt hatte, verſchwand Zanoni; und als der Engländer ihn wieder ſah, befand er ſich in der Loge eines Neapolitani⸗ ſchen Edelmanns, wohin ihm Glyndon nicht folgen konnte. Viola verließ jetzt die Bühne, und Glyndon redete ſie mit ungewöhnlich warmer Galanterie an. Viola aber, ganz ihrer gewohnten Sanftheit entgegen, wandte ſich mit ſichtlicher Ungeduld von der Begrüßung ihres Anbe⸗ ters ab. Sie nahm Gianetta, die ſie beſtändig ins Thea⸗ ter begleitete, bei Seite, und ſagte ihr flüſternd, aber ernſt ins Ohr: „Oh, Gianetta! Er iſt wieder da!— der Fremde, von dem ich Dir geſprochen!— und wieder hat er allein, im ganzen Theater, mir ſeinen Beifall vorenthalten.“ „Welcher iſt es, mein Liebchen?“ ſagte die Alte mit zärtlicher Stimme.„Er muß in der That ganz ſtumpf ſeyn, keines Gedankens würdig!“ Die Sängerin zog Gianetta näher gegen die Bühne und deutete ihr auf einen Mann in einer der näheren Lo⸗ gen, auffallend vor allen Andern durch die Einfachheit ſeiner Kleidung, und die außerordentliche Schönheit ſei⸗ ner Züge. „Keines Gedankens würdig, Gianetta!“ wiederholte Viola—„keines Gedankens würdig! Ach, an ihn nicht denken, ſcheint mir wie gar nicht mehr denken!“ Der Souffleur gab der Signora Piſant das Zei⸗ chen.„Suche ſeinen Namen zu erfahren, Gianetta,“ ſagte ſie, langſam nach der Bühne gehend, an Glyndon vorbei, der ſie mit einem Blick des bekümmerten Vor⸗ wurfs anſah. Die Scene, in welcher die Schauſpielerin jetzt auf⸗ trat, war die der endlichen Cataſtrophe, wo all die aus⸗ gezeichneten Eigenſchaften ihrer Stimme und Kunſt im höchſten Grade ſich entfalten mußten. Das Haus hing an jedem Worte mit athemloſer Huldigung; aber Vio⸗ la's Augen ſuchten nur die des einzigen ruhigen und un⸗ bewegten Zuſchauers; ſie ſpielte wie eine wahrhaft Begei⸗ ſterte. Zanoni horchte und betrachtete ſie mit aufmerk⸗ ſamem Blick, aber kein Beifallsruf kam über ſeinen Mund; kein wechſelnder Ausdruck ſeiner kalten und halb verach⸗ tenden Miene verrieth eine innere Bewegung. Viola, welche als eine ohne Erwiederung Liebende auftrat, fühlte nie ſo lebhaft und ſcharf die Rolle, die ſie zu ſpielen hatte. Ihre Thränen waren wahr;— ihre Leidenſchaft war Natur, es war beinahe zu ſchrecklich zum Anſchauen. Sie ward erſchöpft und bewußtlos von der Bühne getra⸗ gen; unter ſolch einem Sturm von bewunderndem Ent⸗ zücken, wie nur das Publikum auf dem Continent ihn er⸗ heben kann. Die Menge ſtand auf— Taſchentücher wehten— Guirlanden und Blumen flogen auf die Bühne — Männer wiſchten ſich die Augen und Frauen ſchluchz⸗ ten laut. „Beim Himmel!“ ſagte ein Neapolitaner von hohem Rang,„ſie hat mich entflammt, daß ich es nicht mehr er⸗ tragen kann. Heute Nacht, heute Nacht noch ſoll ſie mein ſeyn! Ihr habt Alles vorgeſehen, Mascari?“ „Alles, Signor. Und falls dieſer junge Engländer ſie heim begleiten ſollte?“ „Der anmaßende Barbare! In jedem Falle laßt ihn bluten für ſeine Thorheit. Ich will keinen Neben⸗ buhler haben.“ „Aber ein Engländer! Es werden immer Nachfor⸗ ſchungen angeſtellt nach den Leichnamen von Engländern.“ „Narr! iſt nicht die See tief genug, oder die Erde nicht verſchwiegen genug, um darin Einen todten Maun — — zu verbergen? Unſere Mörder ſind ſtumm wie das Grab ſelbſt:— und ich!— Wer ſollte ſich erfrechen, Verdacht zu äußern, anzutaſten den Fürſten von——² Sorgt da⸗ für— laßt ihn beobachten und die beſte Gelegenheit be⸗ nützen. Ich vertraue ihn Euch an.— Räuber ermorden ihn— Ihr verſteht mich;— das Land wimmelt von ihnen, plündert ihn, zieht ihn aus, um dem Gerücht deſto mehr Glauben zu verſchaffen. Nehmt drei Männer; die Uebrigen ſollen meine Begleitung ſeyn.“ Maseari zuckte die Achſeln und verbeugte ſich unter⸗ würfig. Die Straßen von Neapel waren damals nicht ſo ſicher wie jetzt, und Wagen waren theils weniger theuer, theils nothwendiger. Das Fuhrwerk, das von der jun⸗ gen Schauſpielerin regelmäßig gemiethet wurde, war nicht zu finden. Gianetta, die Schönheit ihrer Gebieterin und die Menge ihrer Bewunderer zu gut kennend, als daß ſie hätte ohne Unruhe daran denken können, zu Fuß nach Hauſe zu gehen, theilte ihre Verlegenheit Glyndon mit, und dieſer bat Viola, welche ſich nur langſam wieder erholte, ſeinen Wagen zu nehmen. Vor dieſer Nacht hätte ſie vielleicht eine ſo geringfügige Gefälligkeit nicht abge⸗ lehnt. Jetzt lehnte ſie ſie, aus welchem Grunde es nun ſeyn mochte, ab. Glyndon wollte ſich eben, beleidigt, mürriſch zurückziehen, als Gianetta ihn aufhielt.„Bleibt Signor,“ ſagte ſie begütigend;„die theure Signora iſt nicht wohl— zürnt ihr nicht; ich will ſchon machen, daß ſie Euer Anerbieten annimmt.“ Glyndon blieb, und nach wenigen Augenblicken, wäh⸗ rend welcher Gianetta Vorſtellungen machte und Viola widerſtrebte, war das Anerbieten doch angenommen. Gia⸗ netta und ihre Schutzbefohlene ſtiegen in den Wagen, und Glyndon blieb vor der Thüre des Theaters zurück, um zu Fuß heimzugehen. Die geheimnißvolle Warnung Zano⸗ ni's ſiel ihm jetzt plötzlich ein; er hatte ſie vergeſſen in ſeinem Liebhaberverdruß über Vivla's Benehmen. Jetzt erachtete er für räthlich, vor einer Gefahr auf der Hut zu ſeyn, welche ihm von ſo myſteriöſen Lippen verkündet worden war; er ſah ſich nach Bekannten um; das Thea⸗ ter entleerte ſich von ſeiner Zuſchauermenge; ſie ſtießen und drängten und preßten ihn von allen Seiten, aber er entdeckte kein bekanntes Geſicht. Während er unentſchloſſen daſtand, hörte er Mervale's Stimme ihm rufen, und zu ſeinem großen Troſt ſah er, wie dieſer Freund durch das Gedränge ſich einen Weg bahnte. „Ich habe Euch,“ ſagte er,„einen Platz im Wagen des Grafen Cetora beſprochen. Kommt mit, er wartet auf uns.“ „Wie gütig von Euch! Wie fandet Ihr mich denn?“ „Ich begegnete Zanoni im Gange.„„Euer Freund ſteht vor der Thüre des Theaters,““ ſagte er;„„laßt ihn heute Abend nicht zu Fuß heim gehen; die Straßen ſind nicht immer ſicher.““ Ich erinnerte mich ſogleich, daß Einer der calabreſiſchen Bravo's ſeit den letzten paar Wochen ſein Weſen in der Stadt treibt; und da ich plötz⸗ lich auf Cetora ſtieß— doch hier iſt er ſelbſt.“ 0 2 ni fü — N Die weitere Erklärung ward abgeſchnitten, denn ſie traten jetzt zu dem Grafen. Als Glyndon in den Wagen ſtieg und das Glasfenſter hinaufzog, ſah er vier Män⸗ ner beiſeite auf dem Pflaſter ſtehen, die ihn aufmerkſam ins Auge zu faſſen ſchienen. „Cospetto!“ ſchrie Einer,—„das iſt der Englän⸗ der!“ Glyndon verſtand den Ausruf nur halb, da der Wagen fortfuhr. Er erreichte wohlbehalten ſeine Woh⸗ nung. Die innige, zärtliche Vertraulichkeit, welche in Ita⸗ lien beſteht zwiſchen der Amme und dem Kind, das ſie aufgezogen, und welche Shakſpeare's„Romeo und Julie⸗ keineswegs übertreibt, mußte nothwendig noch inniger und feſter als gewöhnlich werden in einer ſo freundloſen Lage, wie die der verwaisten Sängerin war. In Allem, was die Schwächen des Herzens angeht, hatte Gianetta eine reiche Erfahrung, und als drei Nächte vorher Viola, bei der Nachhauſekunft vom Theater, bitterlich geweint hatte, war es der Amme gelungen, ihr das Geſtändniß zu entlocken, daß ſie einen Mann geſehen, den ſie in zwei langen und ereignißreichen Jahren nicht geſehen, aber nie vergeſſen, und der, ach! nicht durch das leiſeſte Zeichen verrathen hatte, daß er ſie wieder erkenne! Gia⸗ netta konnte nicht all die unbeſtimmten, unſchuldigen Ge⸗ fühle begreifen, welche in dieſem Kummer zuſammenflo⸗ ßen; aber ſie löste ſie alle mit ihrem einfachen, derben Verſtand in das Eine Gefühl der Liebe auf. Und da Bulwer's Romane. XCVI. 5 war ſie ganz geeignet und im Stande mitzufühlen und zu tröͤſten. Eine Vertraute von Viola's ganzem, tiefem Her⸗ zen konnte ſie nimmermehr ſeyn, denn dieß Herz konnte nie Worte jinden für alle ſeine Geheimniſſe. Aber das Ver⸗ trauen, das ihr Viola ſchenken konnte, war ſie bereit, mit dem vorwurfsloſeſten Mitleid und der größten Dienſt⸗ willigkeit zu erwiedern. „Habt Ihr herausgebracht, Wer er iſt?“ fragte Vio⸗ la, als ſie jetzt mit Gianetta allein in dem Wagen ſich befand. „Ja, es iſt der berühmte Signor Zanoni, über wel⸗ chen alle die vornehmen Damen närriſch geworden ſind. Sie ſagen, er ſey ſo reich! o! ſo viel reicher als alle die Inglesi— nicht, als ob nicht Signor Glyndon—“ „Halt ein!“ unterbrach ſie die junge Schauſpielerin. „Zanoni! Sprich nicht mehr von dem Engländer!“ Der Wagen kam jetzt in den minder bevölkerteñ, entfernteren Theil der Stadt, wo Viola's Haus lag, als er plötzlich hielt. Gianetta, beunruhigt, ſtreckte den Kopf durch das Fenſter und ſah bei dem blaſſen Licht des Mondes, daß der Kutſcher, von ſeinem Sitz herabgeriſſen, ſchon in den Armen zweier Manner gebunden lag, im nächſten Augen⸗ blick war der Schlag heftig aufgeriſſen, und eine große Geſtalt in Maske und Mantel erſchien. „Seyd ohne Furcht, holdeſte Piſani;“ ſagte er mit ſanfter Stimme,„kein Leid ſoll Euch geſchehen!“ Da⸗ mit ſchlang er ſeine Arme um den Leib der ſchönen Sän⸗ 5 v Wi—J * gerin und ſuchte ſie aus dem Wagen zu heben. Aber Gia⸗ netta war keine gewöhnliche Bundesgenoſſin— ſie ſließ den Angreifer mit einer Kraft zurück, die ihn beſtürzt machte, und ließ auf den Stoß eine Ladung der kräftig⸗ ſten Vorwürfe folgen. Die Maske zog ſich zurück und brachte den zerrütteten Mantel in Ordnung. „Corpo di Bacco!“ ſagte er halb lachend,„die iſt gut beſchützt. He, Luigi Giovanni! packt die Here— ſchnell!— was zögert Ihr?“ Die Maske zog ſich von dem Wagenſchlag zurück und eine andere, noch größere Geſtalt zeigte ſich.„Seyd ruhig, Viola Piſani,“ ſagte dieſe mit leiſer Stimme;„bei mir ſeyd Ihr in Wahrheit ſicher!“ damit hob er ſeine Maske auf, und zeigte die edeln Züge Zanoni's.„Seyd ruhig, macht keinen Lärm— ich kann Euch retten!“ Er verſchwand und ließ Viola in Staunen, Unruhe und Ent⸗ zücken verloren zurück. Es waren im Ganzen neun Mas⸗ ken; zwei waren mit dem Kutſcher beſchäftigt, eine ſtand vorn bei den Wagenpferden, eine vierte hütete die wohl⸗ geſchulten Pferde der Truppe; drei andere(außer Za⸗ noni und demjenigen, der zuerſt Viola angeredet) ſtanden beiſeite neben einem Wagen, welcher neben der Straße hielt. Dieſen Dreien winkte Zanoni; ſie traten vor; er deutete auf die erſte Maske, welche in Wahrheit der Fürſt von—— war, und zu ſeinem unbegreiflichen Erſtaunen fühlte ſich der Fürſt plötzlich von hinten gepackt. „Verrath!“ ſchrie er.„Verrath unter meinen eige⸗ nen Leuten! Was bedeutet das?“ „Setzt ihn in ſeinen Wagen! Wenn er ſich wider⸗ ſetzt, komme ſein Blut auf ſein eigenes Haupt!“ ſagte Zanoni ruhig. Er näherte ſich den Männern, welche den Kutſcher feſt hielten. „Ihr ſeyd übermannt und überliſtet,“ ſagte er;„folgt Eurem Herrn; Ihr ſeyd drei, wir ſechs, bis an die Zähne bewaffnet. Dankt es unſerer Barmherzigkeit, daß wir Eures Lebens ſchonen. Geht!“ Die Männer wichen entmuthigt zurück. Der Kutſcher ſtieg wieder hinauf. „Haut die Stränge an ihren Wagen und die Zügel ihrer Pferde durch!“ ſagte Zanoni, indem er in den Wagen ſtieg, worin Viola ſaß, der nun raſch dahinſlog, während der getäuſchte Entführer in einem ſchwer zu be⸗ ſchreibenden Zuſtand von Wuth und Staunen zurückblieb. „Laßt mich Euch dieß Geheimniß erklären,“ ſagte Zanoni.„Ich entdeckte den Anſchlag gegen Euch— ei⸗ nerlei, wie; ich vereitelte ihn ſo: das Haupt dieſes Pla⸗ nes iſt ein Edelmann, der Euch lange vergebens verfolgt hat. Er und zwei ſeiner Creaturen paßten Euch auf und folgten Euch vom Eingang des Theaters an, nachdem er ſechs Anderen Befehl gegeben, ihn auf dem Platze zu er⸗ warten, wo Ihr angegriffen wurdet; ich und fünf meiner Diener nahmen ihre Stelle ein und wurden von ihm für ſeine Helfershelfer gehalten. Ich war zuvor allein an — XW den Platz geritten, wo die Männer warteten, und hatte ihnen geſagt, ihr Gebieter bedürfe für dieſe Nacht ihrer Dienſte nicht. Sie glaubten mir und zerſtreuten ſich dem⸗ gemäß. Dann begab ich mich wieder zu meiner Truppe, die ich zurückgelaſſen hatte; jetzt wißt Ihr Alles. Wir ſind vor Eurem Hauſe.“ Drittes Kapitel. In quale scuola Da qual maestro s'apprende La tua si lunga e dubbia arte d'amare? Aminta. 4t. 2. Zanoni begleitete die iunge Neapolitanerin in ihr Haus; Gianetta verſchwand— ſie waren allein. Allein in dieſem Zimmer, das ſo oft, in den alten, glücklichen Tagen erfüllt worden war von Piſani's wilden Melodien; und jetzt, wie ſie dieſen geheimnißvollen, faſt unheimlichen, und doch ſchönen und ſtattlichen Fremden auf eben dem Platze ſtehen ſah, wo ſie, erſchüttert und bezaubert, zu ihres Vaters Füßen geſeſſen hatte— da war ihr beinahe, in ihrer vhantaſtiſchen Weiſe, ihre eige⸗ nen luftigen Vorſtellungen zu perſonificiren, als ob jene geiſtige Muſik Geſtalt und Leben angenommen hätte und herrlich in der angenommenen Bildung vor ihr ſtände. Sie war ſich dabei ihrer eigenen Holdſeligkeit gar nicht bewußt. Sie hatte ihren Hut und Schleier bei Seite gelegt; ihre Haare, etwas in Unordnung gerathen, fielen über den elfenbeinernen Hals, welchen die Kleidung zum Theil ſehen ließ; und wie ihre dunkeln Augen in dankba⸗ ren Thränen ſchwammen, und ihre Wange von der jüngſt erlebten Aufregung flammte: da hatte der Gott des Lichts und der Mußik ſelbſt in ſeinen arkadiſchen Thälern nie, in ſeiner ſterblichen Hülle, um eine ſchönere Jung⸗ frau oder Nymphe ſchmeichelnd geworben. Zanoni betrachtete ſie mit einem Blick, worin Be⸗ wunderung nicht ohne Beimiſchung von Mitleid zu ſeyn ſchien. Er murmelte einige Worte für ſich, und ſprach dann laut zu ihr: „Viola, ich habe Euch aus einer großen Gefahr ge⸗ rettet, Euch nicht blos vor Entehrung, ſondern vielleicht auch vor dem Tod bewahrt. Der Fürſt von—— iſt, unter einem ſchwachen Deſpoten und einer feilen Ver⸗ waltung, ein beinahe über das Geſetz erhabener Mann. Er iſt jedes Verbrechens fähig; aber bei ſeinen Leiden⸗ ſchaften beſitzt er auch ſo viel Klugheit, wie ſonſt dem Ehrgeiz zukommt; hättet Ihr Euch nicht in Eure Schande ergeben und damit verſöhnt, ſo wäret Ihr nimmer in die Welt zurückgekehrt, um Eure Geſchichte zu erzählen. Der Entführer hat kein Herz, um zu bereuen, wohl aber eine Hand, die morden kann. Ich habe Euch gerettet, Vio⸗ la; vielleicht möchtet Ihr mich fragen, warum?“ Zanoni hielt inne und lächelte ſchmerzlich, als er fortfuhr:„Ihr werdet mir nicht ſo Unrecht thun und denken: der Euch gerettet, ſey nicht minder ſelbſtfüchtig, als der Euch Un⸗ — 1„„„ 1 ſt —„— v 8 heil bereitete. Waiſe! ich rede nicht zu Dir in der Sprache Deiner Anbeter; genug, daß ich das Mitleid kenne, und nicht undankbar bin gegen Liebe und Zärtlichkeit. Warum erroͤthen, warum zittern bei dem Worte? Ich leſe in Eurem Herzen, während ich ſpreche, und ſehe nicht Einen Gedanken darin, deſſen Ihr Euch zu ſchämen hättet. Ich ſage nicht, daß Ihr mich ſchon liebt, leicht kann die Phantaſie erregt werden, lange ehe das Herz ergriffen iſt. Aber es iſt mein Schickſal geweſen, Euer Auge zu bezau⸗ bern, Eure Einbildungskraft zu beherrſchen. Um Euch zu warnen vor dem, was Euch nur Kummer bringen könnte, ſo wie ich Euch einſt warnend auf Kummer und Sorgen vorbereitete, bin ich jetzt Euer Gaſt. Der Engländer Glyndon liebt Dich innig— mehr vielleicht, als ich je lieben kann; wenn auch jetzt Deiner noch nicht würdig, darf er Dich nur noch beſſer kennen lernen, um Dich noch mehr zu verdienen. Er kann Dich heirathen, er kann Dich in ſein freies und glückliches Land führen, das Land, aus dem Deine Mutter ſtammte. Vergiß mich; befleiße Dich, ſeine Liebe zu erwiedern und zu verdienen, und ich ſage Dir, Du wirſt geehrt und glücklich ſeyn!“ Viola hörte mit ſtummer, unausſprechlicher Ge⸗ müthsbewegung und brennender Röthe dieſe ſeltſame Rede an, und als er geendigt, bedeckte ſie ſich das Angeſicht mit den Händen und weinte. Und doch, ſo geeignet ſolche Worte waren, zu demüthigen oder zu reizen, Entrüſtung oder Schaam zu erregen, waren doch das nicht die Ge⸗ fühle, welche ihre Augen überfließen und ihr Herz ſchwel⸗ —— 40 len machten. Das Weib ging in dieſem Augenblick unter im Kinde; und wie ein Kind mit all ſeinem anſpruchs⸗ vollen, ſehnſüchtigen, und doch unſchuldigen Verlangen nach Liebe, in Trauer ohne allen Vorwurf weint, wenn ſein Gefühl rauh auf ſich zurückgewieſen wird— ſo, ohne Groll und ohne Beſchämung, weinte Vivla. Zanoni betrachtete ſie ſo, während ihr liebliches Haupt, überſchattet von ſeinen üppigen Flechten, ſich vor ihm ſenkte; und nach einem kurzen Bedenken näherte er ſich ihr und ſagte, mit einer Stimme voll der begütigend⸗ ſten Freundlichkeit und mit einem halben Lächeln um den Mund:„Erinnert Ihr Euch noch, als ich Euch ermahn⸗ te, nach dem Lichte zu ringen, daß ich Euch als Vorbild auf den entſchloſſenen ernſten Baum deutete; ich ſagte Euch nicht, ſchönes Kind, Ihr ſollet Euch die Motte zum Vorbild nehmen, die nach dem Sterne ſchmachtet, aber verſengt neben der Lampe niederfällt. Komm, ich will mit Dir reden. Dieſer Engländer—“ Viola zog ſich zurück und weinte noch leidenſchaft⸗ licher. „Dieſer Engländer iſt von Deinen Jahren, nicht viel über Deinem Stande, Du kannſt ſeine Gedanken im Leben theilen— Du kannſt neben ihm in demſelben Grabe ruhen im Tode! Und ich— doch dieſer Hinblick auf die Zukunft ſollte uns nicht ſtören. Schau in Dein Herz, und Du wirſt ſehen, daß, ehe mein Schatten wieder Deinen Pfad kreuzte, für dieſen, Deinen Altersgenoſſen eine reine und ruhige Neigung darin erwachſen war, die zur Liebe — N 8 gereift wäre. Haſt Du Dir nie eine Häuslichkeit ausge⸗ malt, worin Du mit Deinem jungen Anbeter lebteſt?“ „Nie,“ ſagte Viola mit plötzlicher Energie,„nie, als nur um zu fühlen, daß dieß nicht das mir beſtimmte Lvos ſey. Und o!“ fuhr ſie fort, plötzlich aufſtehend und, die Flechten zurückſtreichend, welche ihr Antlitz verſchleierten, heftete ſie ihre Blicke auf den Fragenden:„und o! Wer Du auch biſt, der Du in meiner Seele leſen und meine Zukunft geſtalten willſt, mißdeute nicht das Gefühl, das — das,“(ſie ſtammelte einen Augenblick und fuhr mit niedergeſchlagenen Augen fort)„das meine Gedanken au Dich gefeſſelt hält. Glaube nicht, daß ich eine ungeſuchte und unerwiederte Liebe nähren könnte. Es iſt nicht Liebe, was ich für Dich fühle, Fremder! Wie ſollte ich? Du haſt nur zu mir geſprochen, mich zu warnen— und jetzt, mich zu verwunden!“ Wieder hielt ſie inne, wieder behte ihre Stimme; die Thränen zitterten ihr an den Wimpern; ſie wiſchte ſie weg und fuhr fort:„Nein, nicht Liebe— wenn das Liebe iſt, was ich gehört und wovon ich geleſen, und was ich auf der Bühne zu erheucheln geſucht habe— ſon⸗ dern eine ernſtere, furchtbarere, und ſo ſcheint es mir, bei⸗ nahe übernatürliche Anziehung, welche macht, daß ich wachend oder träumend Dich mit Bildern in Verbindung ſetze, die mich zugleich entzücken und ängſtigen. Meinſt Du, wenn es Liebe wäre, könnte ich ſo mit Dir ſpre⸗ chen? meinſt Du,“(ſie erhob plötzlich ihr Auge gegen das ſeinige,)„mein Auge könnte ſo das Deinige ſuchen und ſeinen Blick aushalten? Fremder! ich verlange Dich nur von Zeit zu Zeit zu ſehen, zu hören! Fremder, ſprich mir nicht von Andern! Warne, ſchelte, zerſchlage mein Herz, verſchmähe die nicht unwürdige Dankbarkeit, die es Dir darbringt, wenn Du willſt, aber komm nicht immer als ein Vorbote von Schmerz und Unruhe zu mir. Manchmal habe ich Dich in meinen Träumen geſehen, umgeben von herrlichen, lichten Geſtalten, Deine Miene ſtrahlend von einer himmliſchen Freude, die ſie jetzt nicht an ſich trägt. Fremder, Du haſt mich gerettet, und ich danke Dir, ich ſegne Dich. Iſt das auch eine Huldigung, die Du verwirſſt?“ Mit dieſen Worten ſchlug ſie ſanft ihre Arme über dem Buſen zuſammen und beugte ſich tief vor ihm. Auch erſchien ihre Demuth nicht unweiblich oder ſich wegwerfend, nicht wie die einer Geliebten gegen den Liebhaber, einer Sklavin gegen den Herrn, ſondern meht wie die eines Kindes gegen ſeinen Vormund, einer Neo⸗ phitin der alten Religion gegen ihren Prieſter. Zanoni's Stirne war nachdenklich und ſchwermüthig. Er ſah ſie an mit einem ganz eigenen Ausdruck von Freundlichkeit, von Kummer, und doch von zartem Gefühl in ſeinen Augen; aber ſeine Lippen waren ſtreng, ſeine Stimme kalt, als er antwortete: „Wißt Ihr, was Ihr verlangt, Viola? Ahnt Ihr die Gefahr für Euch— vielleicht für uns Beide, nach welcher Ihr gelüſtet? Wißt Ihr, daß mein Leben, wenn getrennt von dem ſtürmiſchen Schwarme der Menſchen, Eine Huldigung der Schönheit iſt, aus der ich zu verban⸗ nen ſuche, was das Schöne in den Meiſten entzündet? Als ein Unheil meide ich, was dem Manne als das ſchönſte Lovos erſcheint— die Liebe der Töchter der Erde. Jetzt noch kann ich Dich warnen und bewahren vor manchen Uebeln; wenn ich Dich öfter ſehe, würde mir dies Vermö⸗ gen bleiben? Ihr verſteht mich nicht. Was ich noch hin⸗ zufügen will, wird leichter zu verſtehen ſeyn. Ich bitte Dich, verbanne aus Deinem Herzen alle Gedanken an mich, es ſey denn, als an einen Mann, welchen zu mei⸗ den Dir die Zukunft laut zuruft. Glyndon, wenn Du ſeine Huldigung annimmſt, wird Dich lieben, bis das Grab ſich über Euch Beiden ſchließt. Auch ich,“— fügte er bewegt hinzu,—„auch ich könnte Dich lieben!“ „Ihr!“ rief Viola mit der Heſtigkeit eines plötzli⸗ chen Gefühls von Wonne, von Entzücken, das ſie nicht unterdrücken konnte; aber im nächſten Augenblick hätte ſie Welten darum gegeben, den Ausruf zurücknehmen zu können. „Ja, Viola ich könnte Dich lieben; aber in dieſer Liebe— welcher Kummer und welche Wechſel! Die Blume gibt dem Felſen Duft, an deſſen Herz ſie wächst. Eine kleine Weile, und die Blume iſt todt; aber der Fels be⸗ ſteht noch. Der Schnee auf ſeiner Bruſt— der Sonnen⸗ ſchein auf ſeinem Gipfel. Beſinne Dich— denke recht nach. Gefahr bedroht Dich noch jetzt. Einige Tage wirſt Du ſicher ſeyn vor dem gewiſſenloſen Verfolger; aber bald kommt die Stunde, wo Deine einzige Rettung— Flucht iſt. Wenn der Engländer Dich würdig liebt, wird ihm Deine Ehre theuer ſeyn wie ſeine eigene; wo nicht, ſo gibt es noch andere Länder, wo die Liebe treuer, die Tugend weniger in Gefahr ſeyn wird vor Tücke und Ge⸗ walt. Lebewohl! mein eigenes Verhängniß kann ich nicht vorausſehen, als nur durch Schatten und Wolken. Ich weiß wenigſtens, daß wir uns wiederſehen werden; aber vor dieſem Zeitpunkt lerne, ſüße Blume, daß es anmu⸗ thigere Ruheplätze gibt, als Felſen!“ Mit dieſen Worten wandte er ſich und erreichte die äußere Thüre, wo Gianetta beſcheiden ſtand. Zanoni legte leicht ſeine Hand auf ihren Arm. Mit dem mun⸗ tern Ton eines ſcherzenden Cavaliers ſagte er: „Der Signor Glyndon bewirbt ſich um Eure Ge⸗ dieterin; er kann ſie heirathen. Ich kenne Eure Liebe zu ihr. Heilt ſie von der Laune, deren Gegenſtand ich bin. Ich bin ein Vogel immer im Fluge begriffen.“ Unter dieſen Worten ließ er eine Börſe in Gianetta'e Hand gleiten und war weg. vr al — Viertes Kapitel. Les intelligences célestes se ſont voir et se oommuniquent plus volontiers dans le silence et dans la tranquillité de la solitude. On aura donc une petite chambre, ou un cabinet secret, etc. Les Clavicules de Rabbi Salomon. chap. 3. traduites ewactement du lewte hehrer, var M. Pierre Marissonneau, profes- Seeer des langues orientates el Sectateur de la philosophie des Sages cahaltstes. (Manuscript.) Der von Zanoni bewohnte Pallaſt befand ſich in einem der weniger beſuchten Stadttheile. Er ſteht noch ietzt, zerfallen in Ruinen, ein Denkmal von dem Glanz eines längſt aus Neapel, mit den ſtattlichen Geſchlechtern der Normannen und der Spanier verſchwundenen Ritter⸗ thums. Als er in die Zimmer trat, welche für ſeinen aus⸗ ſchließlichen Gebrauch beſtimmt waren, empfingen ihn zwei Indier, in der Tracht ihres Landes, an der Schwelle mit den erſten Begrüßungen des Orients. Sie hatten ihn von den fernen Ländern begleitet, in welchen er, den Gerüchten nach, viele Jahre ſich aufgehalten hatte. Aber ſie konnten keinen Aufſchluß geben, die Neugier zu be⸗ friedigen, oder den Verdacht zu rechtfertigen. Sie ſpra⸗ chen nur die Sprache ihrer Heimath. Mit Ausnahme von dieſen Beiden beſtand ſeine fürſtliche Dienerſchaft aus gemietheten Eingeborenen Neapels; und dieſe machte ſeine verſchwenderiſche, aber auch gebieteriſche Groß⸗ muth zu unbedingten Werkzeugen und Creaturen ſeines Willens. In ſeinem Hauſe und ſeinem Thun und Treiben, ſo viel man davon ſah, war Nichts, was die Gerüchte erklären konnte, welche im Umlauf waren. Er ward nicht, wie man uns von Albertus Magnus oder dem großen Leonardo da Vinei erzählt, von Luftgeiſtern bedient, und kein metallenes Bild, die Erfindung des magiſchen Mecha⸗ nismus, theilte ihm die Influenzen der Sterne mit. Nichts von dem Apparate des Alchymiſten— Tigeln und Metal⸗ len— gab ſeinen Zimmern ein feierliches Ausſehen oder erklärte ſeinen Reichthum; nicht einmal ſchien er ſich für jene heiterere Studien zu intereſſiren, von welchen man vermuthen konnte, daß ſie ſeine eigenthümliche Unterhal⸗ tung mit abſtrakten Begriffen und oft mit verborgener Gelehrſamkeit färbten. Keine Bücher unterhielten ihn in ſeiner Einſamkeit; und wenn er je aus ihnen ſein Wiſſen geſchöpft hatte, ſo ſchien es jetzt, als ſey das einzige Blatt das er leſe, das große der Natur, und ein unermeßli⸗ ches, ſtaunenswerthes Gedächtniß gebe ihm alles Uebrige an die Hand. Eine Ausnahme jedoch bemerkte man in ſeiner ſonſt anſcheinend ganz gewöhnlichen und alltägli⸗ chen Lebensweiſe, welche, nach der Autorität, welche wir dieſem Kapitel vorgeſetzt haben, den Jünger der geheimen Wiſſenſchaften anzeigen mochte. In Rom und in Nea⸗ vel, ja in der That überall, wo er ſeinen Wohnſitz auf⸗ ſchlug, wählte er ſich ein von den übrigen Gemächern des Hauſes entferntes Zimmer aus, welches verſchloſſen ward WW M N 88 — mit einem Schloß, kaum größer als das Siegel an einem Ringe, aber ſtark genug, um den ſinnreichſten Inſtru⸗ menten des Schloſſers zu trotzen— wenigſtens hatte einer ſeiner Diener, von unwiderſtehlicher Neugier getrieben, den Verſuch vergebens gemacht; und obgleich er wähnte, er habe es in der günſtigſten, geheimſten Zeit verſucht — in der Todtenſtille der Nacht— wo keine Seele in der Nähe— Zanoni ſelbſt von Hauſe abweſend war— ſo gab ihm doch ſein Aberglauben, oder ſein Gewiſſen, dieß als den Grund davon an, daß ihn am nächſten Tage der Hausverwalter in aller Ruhe verabſchiedete. Er entſchädigte ſich für dieß Mißgeſchick dadurch, daß er ſeine Geſchichte überall ausbreitete, und zwar mit tau⸗ ſend beluſtigenden Uebertreibungen. Er verſicherte, daß, wie er ſich der Thüre genähert, unſichtbare Hände ihn wegzuzerren geſchienen; und wie er das Schloß berührt, ſey er wie vom Schlage gerührt zu Boden geſunken. Ein Wundarzt, der die Geſchichte hörte, bemerkte zum Miß⸗ fallen der Wunderkrämer, möglicherweiſe habe Zanont einen geſchickten Gebrauch von der Elektrieität machen kön⸗ nen. Wie dem ſey, dieß Zimmer, einmal ſo verwahrt und geſichert, ward nie von einem Andern als von Zanoni ſelbſt betreten. Die feierliche Stimme der Zeit, von der benach⸗ barten Kirche her, erweckte endlich den Herrn des Palaſtes aus der tiefen, regungsloſen Träumerei, die mehr eine Verzückung als Nachſinnen zu ſeyn ſchien, worin ſeine Seele verſunken war. —— ——— 48 „Es iſt wieder ein Sandkorn mehr aus dem gewal⸗ tigen Stundenglas heraus,“ ſagte er vor ſich hin mur⸗ melnd,„und doch vermag die Zeit kein Atom dem Unend⸗ lichen weder hinzuzufügen noch zu entziehen! Du meine Seele, Du Lichtes, Du Augoeides!“ warum ſteigſt Du aus Deiner Sphäre herab— warum aus dem ewigen, ſternenähnlichen, leidenſchaftloſen Heitern trittſt Du zu⸗ rück in die Nebel des dunkeln Sarkophages? Wie lange, durch zu herbe Erfahrung belehrt, daß Gemeinſchaft mit den Weſen, welche ſterben, bei aller Süßigkeit doch nur Kummer bringt, haſt Du begnügt in Deiner majeſtätiſchen Einſamkeit gehaust und gelebt?“ Wie er ſo vor ſich hinmurmelte, brach einer der frü⸗ heſten Vögel, welche den Morgen begrüßen, plötzlich in Geſang aus unter den Orangenbäumen im Garten unter ſeinem Fenſter. Plötzlich antwortete Geſang dem Geſang, und der Gatte, erweckt durch die Töne, gab dem * Ayoeiyc— ein bei den myſtiſchen Platonikern be⸗ liebtes Wort; opaga xns ayoetdye, öran ente enrervyrat ent e, Myte eoo oroen hnre o Sar]], cl por Ahutau, 0 r ccA beta o T oor, u e er Marc. Ant. II. Der Sinn dieſes ſchönen Satzes der alten Philoſophie, den, wie Bayle in ſeinem Artikel über Cornelius Agrippa rich⸗ tig bemerkt, die neuern Quietiſten, wiewohl ohne Glück, nachzuahmen verſucht haben, iſt der: daß die Sphäre der Seele licht ſey, wenn nichts Aeußerliches mit der Seele ſelbſt in Berührung komme; von ihrem eignen Licht aber erleuchtet, ſchaue ſie die Wahrheit aller Dinge, und die Wahrheit in ihr ſelbſt. „„—„ Vogel eine ſelige Antwort. Er lauſchte; und nicht die Seele, die er befragt, ſondern das Herz antwortete. Er ſtand auf, und ging mit raſtloſen Schritten in dem engen Zimmer auf und ab.„Fort von dieſer Welt!“ rief er endlich mit ungeduldigem Tone.„Kann keine Zeit ihre unſeligen Bande lockern? Wie die Anziehung, welche die Erde im Raum feſthält, iſt die Anziehung, welche die Seele an die Erde bannt. Fort von dieſem dunkelgrauen Planeten! Brecht, Ihr Bande erhebt Cuch, Ihr Flügel!“ Er ſchritt durch die ſchweigenden Gänge, die hohen Treppen hinauf, und trat in das geheime Zimmer. Fünftes Kapitel. Oh, quante sono incantatrici; oh quanti Incantator tra noi, che non si sanno! Ori. Fur. VIII. 1. Am nächſten Tage lenkte Glyndon ſeine Schritte nach Zanoni's Pallaſt. Des jungen Mannes Einbil⸗ dungskraft, von Natur ſchon entzündbar, war ſeltſam aufgeregt durch das Wenige, was er von dieſem merk⸗ würdigen Weſen geſehen und gehört hatte— ein Zauber, den er weder bemeiſtern noch erklären konnte, zog ihn zu dem Fremden hin. Zanoni's Macht ſchien geheimnißvoll und groß, ſeine Triebfedern gut und wohlwollend, und doch war ſein Benehmen froſtig und abſtoßend. Warum Bulwer's Romane. XCVl. S 50 im einen Augenblick Glyndons Bekanntſchaft zurückweiſen, im andern ihn aus einer Gefahr retten? Wie hatte Ja⸗ noni ſo Kunde bekommen von Feinden, von welchen Glyn⸗ don ſelbſt Nichts wußte? Sein Intereſſe war tief erregt, ſeine Dankbarkeit in Anſpruch genommen; er beſc loß⸗ noch einen Verſuch zu machen, den unverbindlichen Bota⸗ niker zu gewinnen. Der Signor war zu Hauſe und Glyndon war in einen geräumigen, hohen Saal geführt, wo Zanoni nach wenigen Augenblicken erſchien. „Ich komme, Euch für Eure Warnung in der letz⸗ ten Nacht zu danken,“ ſagte er,„und Euch zu bitten, das Maß meiner Verbindlichkeit voll zu machen, indem Ihr mich belehrt, von welcher Seite ich mich vor Feindſchaft und Gefahr zu hüten habe.“ „Ihr ſeyd ein galanter Mann,“ ſagte Zanoni mit einem Lächeln und in engliſcher Sprache,„und ſeyd ſo wenig mit dem Süden bekannt, daß Ihr nicht wißt, daß galante Männer immer Rivale haben?“ „Sprecht Ihr im Ernſt?“ fragte Glyndon erröthend. „In vollſtem Ernſt. Ihr liebt Viola Piſani; Ihr habt Einen der mächtigſten und gewiſſenloſeſten neapo⸗ litaniſchen Fürſten zum Nebenbuhler. Eure Gefahr iſt in der That groß.“ „Aber verzeiht— wie wurde es Euch bekannt?“ „Ich gebe ſterblichen Menſchen keine Rechenſchaft von mir,“ verſetzte Zanoni hoch herab;„und mir gilt es gleich, ob Ihr meine Warnung beachtet oder verſchmäht.“ „Gut, wenn ich Euch nicht fragen darf, ſey es ſo; aber wenigſtens rathet mir, was thun?“ „Wollt Ihr meinem Rathe folgen?“ „Warum nicht?“ „Weil Ihr von Natur muthig ſeyd; Ihr liebt Auf⸗ regung und Geheimniß, Ihr liebt es, der Held eines Romans zu ſeyn. Riethe ich Euch, Neapel zu verlaſſen: würdet Ihr es thun, ſo lange Neapel einen Feind enthält, mit dem Ihr Euch meſſen, eine Geliebte, der Ihr Eure Huldigung fortwährend darbringen möchtet?“ „Ihr habt Recht,“ ſagte der junge Engländer mit Energie.„Nein! und Ihr könnt mich um eines ſolchen Entſchluſſes willen nicht tadeln!“ „Aber es bleibt Euch noch eine andere Bahn offen; liebt Ihr Vivola Piſani aufrichtig und innig? Wenn dieß, ſo heirathet ſie und bringt eine junge Frau in Eure Hei⸗ math mit.“ „Aber,“ antwortete Glyndon verwirrt,„Viola iſt nicht von meinem Stande. Auch ihr Beruf iſt— kurz, ich bin gefeſſelt durch ihre Schönheit, aber ich kann ſie nicht heirathen.“ Zanoni runzelte die Stirne. „Dann iſt eure Liebe nur ſelbſtſüchtige Luſt, und ich rathe Euch zu Eurem eigenen Glück nicht mehr. Junger Mann, das Schickſal iſt weniger unerbittlich, als es ſcheint. Die Mittel und Wege des großen Beherrſchers des Welt⸗ alls ſind nicht ſo dürftig und beſchränkt, daß er den Men⸗ 4* ——— 52 ſchen das göttliche Vorrecht des freien Willens verſagte; wir Alle können uns unſern eignen Weg vorzeichnen, und Gott kann machen, daß unſre Widerſprüche ſelbſt mit ſei⸗ nen ernſten und großen Zwecken zuſammenſtimmen. Ihr habt die Wahl vor Euch. Ehrenhafte und großmüthige Liebe kann ſelbſt jetzt noch Euer Glück ſchaffen und Euch zur Rettung helfen; eine wahnſinnige, ſelbſtiſche Leiden⸗ ſchaft wird Euch nur ins Elend und zum Untergang führen.“ „Ihr behauptet alſo, die Zukunft leſen zu können?“ „Ich habe Alles geſagt, was mir beliebt Euch mit⸗ zutheilen.“ „Während Ihr ſo gegen mich den Moraliſten macht, Signor Zanoni,“ ſagte Glyndon mit einem Lächeln, „ſeyd Ihr denn ſelbſt ſo gleichgültig gegen Jugend und Schönheit, daß Ihr gegen ihre Lockungen den Stoiker ſpielt?“ „Wenn es nothwendig wäre, daß das Thun mit der Lehre ganz zuſammenſtimmte,“ ſagte Zanoni mit einem bittern Lächeln,„ſo hätten Wenige das Recht, uns zu ermahnen und zu warnen. Das Thun oder die Hand⸗ lungsweiſe des Individuums beſchreibt nur einen kleinen Kreis außer ihm; das bleibende Gute oder Böſe, das er für Andere wirkt, liegt mehr in den Gefinnungen, die er verbreiten kann. Seine Thaten ſind beſchränkt und augen⸗ blicklich; ſeine Gefinnungen können die Welt durchdrin⸗ gen und Generationen begeiſtern bis zum Tage des Ge⸗ richts. Alle unſre Tugenden, alle unſere Geſetze ſind aus 53 Büchern und Marimen geſchöpft, welche Gefinnungen und Gedanken ſind, nicht aus Thaten. Im Handeln hatte Julian die Tugenden eines Chriſten, und Conſtantin die Laſter eines Heiden. Die Geſinnungen Julians lockten Tauſende zum Heidenthum zurück, die Conſtantins dien⸗ ten, nach des Himmels Willen, die Nationen der Erde unter das Chriſtenthum zu beugen. Im Leben und Wan⸗ del kann der geringſte Fiſcher dort am Meere, der an die Mirakel von San Gennaro glaubt, ein beſſerer Menſch ſeyn als ſelbſt Luther. Den Geſinnungen Luthers verdankt der Geiſt des modernen Europa die edelſte Revolution, die er erlebte. Unſere Meinungen, junger Engländer, find der Engelstheil an uns; unſere Thaten der Erdentheil.“ „Ihr habt tief nachgedacht für einen Italiener,“ ſagte Glyndon. „Wer hat Euch geſagt, daß ich ein Italiener ſey?“ „Seyd Ihr keiner? Und doch, wenn ich Euch meine Sprache wie einen gebornen Engländer ſprechen höre, — „Still!“ unterbrach ihn Zanont, ſich ungeduldig wegwendend. Dann nach einer Pauſe begann er wieder mit milder Stimme:„Glyndon, verzichtet ihr auf Viola Piſani? Wollt Ihr Euch einige Tage nehmen zur Ueber⸗ legung deſſen, was ich Euch geſagt habe?“ „Auf ſie verzichten— nie!“ „Alſo wollt Ihr ſie heirathen?“ „Unmöglich!“ „Sey es ſo; dann wird ſie Guch entſagen. Ich ſage Euch, Ihr habt Nebenbuhler.“ „Ja; den Fürſten von——; aber ich fürchte ihn nicht.“ „Ihr habt noch einen Andern, den Ihr mehr fuͤrch⸗ ten werdet.“ „Und Wer iſt der?“ „Ich ſelbſt.“ Glyndon wurde blaß und fuhr von ſeinem Sitz auf. „Ihr, Signor Zanoni!— Ihr— und Ihr wagt mir das zu ſagen?“ „Wagen! Ach! Es gibt Zeiten, wo ich wünſchte, daß ich fürchten könnte!“ „Dieſe hochmüthigen Worte waren nicht in hochmü⸗ thigem Tone, ſondern im Ton der niedergeſchlagenſten Bekümmerniß geſprochen. Glyndon war wüthend, ver⸗ wirrt, und empfand doch eine ehrfürchtige Scheu. Indeſ⸗ ſen hatte er ein muthiges engliſches Herz in der Bruſt, und er faßte ſich raſch wieder. „Signor,“ ſagte er ruhig,„ich laſſe mich nicht zum Narren haben mit dieſen feierlichen Phraſen und myſti⸗ ſchen Vorgebungen. Ihr möget Kräfte beſitzen, die ich nicht faſſen, mit denen ich nicht wetteifern kann, oder Ihr könnt auch ein ſchlauer und kühner Betrüger ſeyn.“ „Nun, und weiter!“ „So möchte ich Euch denn,“ fuhr Glyndon fort, entſchloſſen, obwohl etwas aus der Faſſung gebracht,„ſo möchte ich Euch denn zu wiſſen thun, daß, obgleich ich —————— mich von einem Fremden weder überreden noch zwingen laſſen werde, Viola Piſani zu heirathen, ich darum nicht minder entſchloſſen bin, ſie nimmermehr einem Andern friedlich und zahm abzutreten!“ Zanoni ſah den jungen Mann, deſſen funkelnde Au⸗ gen und erhöhte Farbe bezeugten, daß er Muth und Ent⸗ ſchloſſenheit genug beſitze, ſeinem Worte Nachdruck zu geben, ernſt an, und verſetzte dann:„So kühn! gut; es ſteht Euch wohl an. Aber nehmt meinen Rath an; war⸗ tet noch neun Tage, und dann ſagt mir, ob Ihr das holdeſte und reinſte Geſchöpf heirathen wollt, das Euch je auf Eurem Lebenspfade begegnete.“ „Aber wenn Ihr ſie liebt, warum— warum—“ „Warum ich wünſche, daß ſie einem Andern ſich ver⸗ mähle: um ſie vor mir zu retten! Hört mich an. Dieß Mädchen, ſo beſcheiden und wenig gebildet ſie iſt, trägt in ſich die Keime der erhabenſten Eigenſchaften und Tu⸗ genden. Sie kann dem Manne, den ſie liebt, Alles ſeyn — Alles was der Mann von einem Weib oder einer Ge⸗ liebten wünſchen kann. Ihre Seele, durch Zärtlichkeit ent⸗ wickelt, wird die Eurige erheben; ſie wird auf Euer Ver⸗ mögen Einfluß üben, Eure Beſtimmung erhöhen; Ihr werdet ein angeſehener und glücklicher Mann werden. Wenn ſie dagegen mir zufällt, weiß ich nicht, was ihr Loos ſeyn mag, aber ich weiß, daß es eine Probe iſt, die Wenige durchmachen können, und die bisher noch kein Weib überlebt hat.“ Bei dieſen Worten wich alle Farbe aus Janoni's Geſicht, und in ſeiner Stimme lag Etwas, das das warme Blut ſeines Zuhörers gefrieren machte. „Was iſt das Geheimniß, das Euch umgibt?“ rief Glyndon, unfähig eine Bewegung zu unterdrücken.„Seyd Ihr wirklich ein von andern Menſchen verſchiedenes We⸗ ſen? Habt Ihr die Grenze erlaubter Wiſſenſchaft über⸗ ſchritten? Seyd Ihr, wie Einige behaupten, ein Zauberer, oder nur ein—“ „Still!“ unterbrach ihn Zanoni ſanft und mit einem eigenthümlichen, aber melancholiſch milden Lächeln;„habt Ihr Euch das Recht erworben, mir ſolche Fragen vorzu⸗ legen? Obgleich Italien ſich noch einer Inquiſition rühmt, iſt doch ihre Macht eingeſchrumpft wie ein Blatt, vas der erſte Wind herunterweht. Die Zeiten der Tortur und Verfolgung ſind vorüber; und es kann Einer leben, wie es ihm gefällt, und ſchwatzen was ihm beliebt, ohne Furcht vor dem Pfahl und der Folter. Da ich der Ver⸗ folgung trotzen kann, müßt Ihr mir verzeihen, wenn ich der Neugier nicht nachgebe.⸗ Glyndon erröthete und ſtand auf. Trotz ſeiner Liebe zu Viola und ſeiner natürlichen Furcht vor einem ſolchen Nebenbuhler, fühlte er ſich doch unwiderſtehlich zu eben dem Manne hingezogen, den er zu beargwohnen und zu fürchten am meiſten Urſache hatte. Er bot Zanoni die Hand dar mit den Worten:„Gut denn„wenn wir Rivale ſeyn ſollen, ſo müſſen unſere Degen unſere Rechte ent⸗ ſcheiden; bis dahin wün ſchte ich, daß wir Freunde blieben.“ „Freunde! Ihr wißt nicht, was Ihr verlangt!“ „Wieder Räthſel!“ „Räthſel,“ rief Zanoni leidenſchaftlich;„ja, könntet Ihr wagen ſie zu löſen? dann erſt könnte ich Euch meine Rechte geben und Euch Freund nennen!“ „Ich könnte Alkes und Jedes wagen um die Erwer⸗ bung übermenſchlicher Weisheit,“ ſagte Glyndon; und ſein Angeſicht glühte auf in wildem, heftigem Enthu⸗ fiasmus. Zanonibetrachtete ihn mit nachdenklichem Schweigen. „Der Samen des Vorfahren lebt in dem Sohne,“ murmelte er;„er kann— noch“— er brach raſch ab; vann ſagte er laut:„Geht Glyndon! wir werden uns wie⸗ der ſehen, aber ich will nicht eher eine Antwort von Euch verlangen, als die Stunde zur Entſcheidung drängt.“ Sechstes Kapitel. Es iſt gewiß, daß dieſer Mann Beſitzungen hat von fünfzigtauſend Livres, und eine Perſon von ven größten Talenten zu ſeyn ſcheint. Aber dann, wenn er ein Zauberer iſt, ſind denn Zauberer mit ſolcher treuen Hingebung zugethan, wie dieſer Mann zu ſeyn ſcheint! Kurz, ich konnte weder Kopf noch Schwanz daran anbringen. (Graf von Gabalis nach der, der zweiten Ausgabe des Lockenraubes angehängten Uebertragung.) „Von allen Schwächen, über welche kleine Men⸗ ſchen ſpotten, iſt keine, die ſie geneigter find lächerlich zu ——— 58 machen, als die Neigung zum Glauben. Und von allen Anzeichen eines verderbten Herzens und eines ſchwachen Kopfes iſt der Hang zum Unglauben das ficherſte. „Aechte Philoſophie ſucht mehr zu löſen als zu läug⸗ nen. Während wir jeden Tag die kleinen Monopoliſten der Wiſſenſchaft von den Abſurditäten der Alchymie, und von dem Traum des Steines der Weiſen ſchwatzen hören, weiß eine gründlichere Gelehrſamkeit wohl, daß von den Alchymiſten die größten Entdeckungen in der Wiſſenſchaft gemacht worden ſind, und Vieles, was uns noch abſtrus erſcheint, dürfte uns, hätten wir die Schlüſſel zu der iny⸗ ſtiſchen Phraſeologie, welche ſie anzunehmen genöthigt waren, den Weg zu noch edleren Erwerbungen eröffnen. Der Stein der Weiſen ſelbſt iſt manchen der tüchtigſten Chemikern ſelbſt des jetzigen Jahrhunderts nicht als eine träumeriſche Chimäre erſchienen.“ Der Menſch kann den Geſetzen der Natur nicht widerſtehen. Aber find alle Ge⸗ ſetze der Natur ſchon entdeckt? „Gebt mir einen Beweis Eurer Kunſt!“ ſagt der nüchterne, verſtändige Forſcher. Wenn ich die Wirkung geſehen, will ich mit Euch mich der Urſachen zu verge⸗ „Mr. vIsraeli in ſeinen„Merkwürdigkeiten der Literatur“ be⸗ merkt, nachdem er die ſanguiniſchen Anſichten moderner Che⸗ miker über die Verwandlung der Metalle angeführt, von einer noch größern und neuern Autorität, als Glyndon im Sinne haben konnte:„Sir Humphrey Dauy ſagte mir, er halte dieſe noch unentdeckte Kunſt nicht für unmöglich; aber wenn ſie je entdeckt werden ſollte, ſo werde ſie ganz gewiß nutzlos ſeyn.“ Unter dem Artikel Alchymie. 4— 6 8 * wiſſern ſuchen.“ So ungefähr, wie das Obige, waren die erſten Gedanken von Clarence Glyndon, als er Za⸗ noni verließ. Aber Clarence Glyndon war kein„nüch⸗ terner, verſtändiger Forſcher.“ Je unbeſtimmter und ge⸗ heimnißvoller Zanoni's Sprache, um ſo mehr imponirte ſie ihm. Ein Beweis wäre etwas Greifbares geweſen. womit er geſucht hätte zu ringen und fertig zu werden. Und es hätte nur ſeine Neugier verdrießlich gemacht, wenn er das Uebernatürliche auf das Natürliche zurückgeführt geſehen Er bemühte ſich umſonſt, in einigen Augen⸗ blicken von der Leichtgläubigkeit ſich erhebend zu dem Skep⸗ ticismus, der ihm zuwider war, das was er gehoört hatte, in Uebereinſtimmung zu bringen mit den denkbaren Be⸗ weggründen und Abſichten eines Betrügers. Unähnlich einem Mesmer und Caglioſtro, machte Zanoni, was auch ſeine Vorgebungen waren, ſie nicht zu einer Quelle des Gewinnes; auch war Glyndons Stellung und Rang im Leben nicht ſo ausgezeichnet, daß die Erlangung eines Einfluſſes auf ſeinen Geiſt, Entwürfen der Habſucht oder des Ehrgeizes großen Vorſchub leiſten konnte. Dennoch ſuchte er ſich hin und wieder mit dem, dem weltlichen Wiſſen eigenen Argwohn, zu bereden, daß Zanoni wenig⸗ ſtens irgend einen unredlichen Zweck dabei habe, ihn zu einer Heirath mit der armen Schauſpielerin zu verleiten, die ihm bei ſeinem Stolz und Denkweiſe als Engländer nicht anſtändig und würdig genug erſchien. Konnten nicht Viola und der myſtiſche Mann im Bunde mit einander ſeyn? Konnte nicht dieſer ganze Jargon von Prophezei⸗ 60 hungen und Drohungen nur Liſten ſeyn, ihn zu bethören? Er empfand eine ungerechte Erbitterung gegen Viola, daß fie einen ſolchen Bundesgenoſſen gewonnen. Aber mit vieſer Erbitterung war eine ſehr natürliche Eiferſucht ge⸗ miſcht. Zanoni bedrohte ihn mit ſeiner Rivalität. Za⸗ noni, der, was auch ſein Charakter und ſeine Künſte ſeyn mochten, wenigſtens alle äußeren Eigenſchaften beſaß, um zu blenden und zu herrſchen. Verdrießlich über ſeine eigenen Zweifel ſtürzte er ſich in die Geſellſchaft der Be⸗ kannten, die er in Neapel gemacht hatte— hauptſächlich Künſtler, wie er ſelbſt, Männer der Literatur und reiche Handelsleute, die ſchon mit dem Glanze der Edelleute wett⸗ eiferten, obgleich noch ausgeſchloſſen von ihren Vorrechten. Hier hörte er Viel von Zanoni, der ſchon auch für ſie, wie für die müſſigeren Stände, ein Gegenſtand der Neugier und der Muthmaßungen geworden war. Es war ihm als etwas Bemerkenswerthes aufge⸗ fallen, daß Zanoni mit ihm engliſch geſprochen hatte, und das mit einer ſo vollkommenen Herrſchaft über die Sprache, daß er für einen geborenen Engländer hätte gelten können. Andererſeits drückte ſich Zanoni mit glei⸗ cher Leichtigkeit im Italieniſchen aus. Glyndon erfuhr, daß es derſelbe Fall ſey mit Sprachen, welche von Frem⸗ den ſeltener erlernt werden. Ein Maler aus Schweden, der mit ihm ſich unterhalten, glaubte ſteif und feſt, er ſey ein Schwede; und ein Kaufmann von Konſtantinopel, der einige ſeiner Waaren an Zanoni verkauft hatte, ſprach ſeine Ueberzeugung aus, daß Niemand als ein Türke, ————„—.—,——,——„ ———— ee it 61 oder wenigſtens ein geborner Orientale die ſanften Töne des Morgenlandes ſo vollkommen in der Gewalt haben könne. Und doch, bei allen dieſen Sprachen, wenn ſie alle ihre Erinnerungen mit einander verglichen, war ein leiſer, kaum wahrnehmbarer Unterſchied nicht in der Aus⸗ ſprache, nicht einmal im Aecent, aber in der Tonart und im Klang der Stimme, ſo zu ſagen, zwiſchen ihm und einem Eingebornen. Dieß Vermögen war es, wie Glyn⸗ don ſich erinnerte, daß jene Sekte, deren Lehren und Kräfte immer nur höchſt unvollkommen erforſcht und er⸗ kundet worden, die Roſenkreuzer, ſich ganz beſonders zu⸗ ſchrieben. Er erinnerte ſich, in Deutſchland von dem Werke des John Bringaret* gehört zu haben, welcher behauptete, alle Sprachen der Erde ſeyen der ächten Brüderſchaft des Roſenkreuzes bekannt und geläufig. Gehörte Zanoni die⸗ ſer myſtiſchen Brüderſchaft an, die in einem frühern Zeit⸗ alter ſich ſolcher Geheimniſſe rühmte, daß der Stein der Weiſen das kleinſte darunter war; die ſich als Erben alles deſſen betrachteten, was die Chaldäer, die Magier, die Gymnoſophiſten und die Platoniker gelehrt hatten; und die ſich von allen dunkleren Söhnen der Magie unterſchie⸗ den durch die Tugend ihres Lebens, die Reinheit ihrer Lehren, die von ihnen, als Grundlage aller Weisheit, ſtreng geforderte Unterjochung der Sinne, und die In⸗ nigkeit ihres religiöſen Glaubens? Eine herrliche Sekte, wenn ſie nicht logen! Und in Wahrheit, wenn Zanoni höhere Kräfte beſaß, als das Geſchlecht der weltlichen * Gedruckt 1615. 62 Weiſen, ſo ſchien er ſie nicht unwürdig zu gebrauchen. Das Wenige, was man von ſeinem Leben wußte, ſprach zu ſeinen Gunſten. Einige Handlungen von nicht unbe⸗ ſonnener, ſondern einſichtsvoller Großmuth und Wohl⸗ thätigkeit wurden erzählt; aber dennoch ſchüttelten die Er⸗ zähler ſelbſt, welche davon berichteten, den Kopf darüber, und drückten ihr Erſtaunen aus, wie ein Fremder eine ſo ins Einzelne gehende Kenntniß habe beſitzen können von der Noth und den Bedürfniſſen der in ruhiger Dunkelheit lebenden Menſchen, denen er geholfen. Zwei oder drei Kranke, die von ihren Aerzten aufgegeben worden, hatte er beſucht und allein behandelt. Sie waren geneſen; ſie ſchrieben ihm ihre Geneſung zu; doch fonnten ſie nicht ſagen, mit welchen Arzneien er ſie geheilt habe. Sie konnten nur ausſagen, daß er gekommen, mit ihnen ge⸗ ſprochen, und ſie geheilt worden ſeyen; gewöhnlich jedoch war der Geneſung ein tiefer Schlaf vorangegangen. Ein andrer Umſtand fing auch an bemerkt zu werden und ſprach noch mehr zu ſeinem Lobe. Diejenigen, mit welchen er hauptſächlich verkehrte— die luſtigen, vergnü⸗ gungsſüchtigen, gedankenloſen Leute, die Zöllner und Sün⸗ der der feineren Welt— Alle ſchienen ſchnell, und doch ihnen ſelbſt unbewußt, zu reinerer Geſinnung und Denk⸗ weiſe, zu einem geregelteren Leben wie neu zu erwachen. Selbſt Cetora, der Fürſt der Wüſtlinge, Duellanten und Spieler, war gar nicht mehr derſelbe ſeit jener Nacht, deren ſonderbare Ereigniſſe er Glyndon erzählt hatte Das erſte Zeichen der Aenderung ſeines Lebenswandels war, daß er ſich von den Spielhäuſern zurückzog; das zweite ſeine Verſöhnung mit einem Erbfeinde ſeines Hau⸗ ſes, welchen in Händel zu verwickeln, die ihm die Aus⸗ führung ſeines unnachahmlichen Manöuvre's mit der stoccata möglich machen ſollten, ſeit ſechs Jahren beſtän⸗ dig ſein Beſtreben geweſen war. Auch ſchien es nicht, wenn man Cetora und ſeine jungen Genoſſen von Zanoni reden hörte, als wäre dieſe Verwandlung durch nüchterne Er⸗ mahnungen und Predigten bewirkt worden. Sie ſchilder⸗ ten Alle Zanoni als einen Mann von lebhafter Empfäng⸗ lichkeit für Lebensgenuß— in ſeinem Benehmen das Gegentheil von aller Förmlichkeit— nicht gerade luſtig⸗ aber gleichgeſtimmt, heiter und fröhlich; immer bereit dem. wenn auch müßigen, Geſchwätz Anderer zuzuhören, oder Aller Ohren zu bezaubern mit einem unerſchöpflichen Schatz glänzender Anekdoten und Welterfahrung. Alle Le⸗ bensweiſen, alle Nationen, alle Abſtufungen der Menſchen ſchienen ihm genan bekannt. Zurückhaltend war er nur, wenn je eine Anſpielung auf ſeine Geburt oder Geſchichte gewagt wurde. Die verbreitetere Abſicht von ſeiner Her⸗ kunft ſchien allerdings die beifallswerthere. Sein Reich⸗ thum, ſeine Bekanntſchaft mit den Sprachen des Orients, ſein Auſenthalt in Indien, ein gewiſſer Ernſt, der auch in ſeinen fröhlichſten und vertraulichſten Stunden nie von ihm wich, das glänzende Dunkel ſeiner Augen und Haare, und ſelbſt die Eigenthümlichkeiten ſeiner Bildung, die Zartheit und Kleinheit der Hand, und die arabiſche Hal⸗ tung und das Tragen des ſchönen Kopfes, ſchien ihn wenig⸗ 64 ſtens zum Angehörigen eines der orientaliſchen Stämme zu ſtempeln. Und ein Dilletant in den vrientaliſchen Spra⸗ chen ſuchte ſogar den einfachen Namen Zanoni, welchen ein Jahrhundert früher ein harmloſer Naturforſcher* in Bologna geführt hatte, auf die Wurzelwörter der erloſche⸗ nen Sprache zurückzuführen. Zan war unſtreitig die chal⸗ däiſche Benennung der Sonne. Selbſt die Griechen, welche jeden orientaliſchen Namen verſtümmelten, hatten in die⸗ ſem Falle den rechten Namen beibehalten, wie die Cre⸗ tiſche Inſchrift auf dem Grabe des Zeus*“* bedeutungsvoll zeigte. Was das übrige Wort betrifft, ſo war Zan oder Zaun bei den Sidoniern nicht ſelten dem On vorgeſetzt. Adonis war nur ein Andrer Name für Zanonas, von deſ⸗ ſen Cultus in Sidon Heſychius berichtet. Dieſer tiefſin⸗ nigen und unwiderſprechlichen Ableitung lauſchte Mervale mit großer Aufmerkſamkeit, und bemerkte, daß er jetzt auch wage, eine gelehrte Entdeckung anzukündigen, die er ſelbſt längſt gemacht, nemlich, daß die zahlreiche Familie der Smiths in England ohne Zweifel die alten Prieſter des phrygiſchen Apollo ſeyen.„Denn,“ ſagte er,„war nicht Apollo's Zuname in Phrygien Smitheus? Wie klar find alle folgenden Verſtümmlungen des erhabenen Namens — Smintheus— Smitheus— Smithé— Smith! Und ſelbſt jetzt noch darf ich bemerken, daß die älteren Zweige dieſer erlauchten Familie, in unbewußtem Beſtreben, we⸗ nigſtens um einen Buchſtaben dem wahren Namen näher *DerVerfaſſer zweier Werke über Botanik und ſeltene Pflanzen. **Not tyas nenta Zay. Cyrill. contra Jul. 65 zu kommen, ein frommes Vergnügen daran finden, ihren Namen Smithe zu ſchreiben!“ Der Philologe war ſehr erfreut über dieſe Entdeckung und erbat ſich von Mervale die Erlaubniß, ſie aufzuzeich⸗ nen als eine paſſende Erläuterung für ein Werk, das er herauszugeben gedachte über den Urſprung der Sprachen, welches Babel heißen und in drei Quartbänden auf Subſeription erſcheinen ſollte. Siebentes Kapitel. Lerne geiſtig arm ſeyn, mein Sohn, wenn du ein⸗ dringen willſt in die heilige Nacht, welche die Wahr⸗ heit umgibt. Lerne von den Weiſen, den Teufeln keine Gewalt einzuräumen in der Natur, da ja der ver⸗ hängnißvolle Stein ſie in der Tiefe des Abgrundes eingeſchloſſen hat. Lerne von den Philoſophen, immer natürliche Urſachen ſuchen bei allen außerordentlichen Ereigniſſen, und wenn ſolche natürliche Urſachen feh⸗ len, ſo nimm deine Zuflucht zu Gott. Der Grafvon Gabalis. Alle dieſe Vermehrungen ſeines Wiſſens von Zanoni, die er an den verſchiedenen von ihm beſuchten Erholungs⸗ und Vergnügungsorten zuſammenbrachte, befriedigten Glyndon nicht. In dieſer Nacht ſpielte Viola nicht auf dem Theater; und am folgenden Tage ſchlenderte Glyn⸗ don, noch verſtört von wirren Phantaſien, und der nüch⸗ Bulwer's Romane. XCVI. 5 — 66 ternen, ſarkaſtiſchen Geſellſchaft Mervale's abgeneigt, nach⸗ finnend in die öffentlichen Gärten, und blieb unter eben dem Baume ſtehen, unter welchem er zuerſt die Stimme gehoͤrt, die einen ſo eigenthümlichen Einfluß auf ſeine Seele übte. Die Gärten waren leer. Er warf ſich auf einen der im Schatten angebrachten Sitze; und wieder, mitten in ſeiner Träumerei, überfiel ihn jener kalte Schauer, den Zanoni ſo genau beſchrieben und den er von einer ſo außerordentlichen Urſache abgeleitet hatte. Er raffte ſich mit einer plötzlichen Anſtrengung auf, und ſah mit Erſtaunen neben ſich ſitzen eine Geſtalt, häßlich genug, um eines der mißwollenden Weſen vorzuſtellen, von welchen Zanoni geſprochen hatte. Es war ein kleiner Mann, gekleidet nach einem Schnitt, der in auffallendem Wider⸗ ſpruch ſtand mit dem zierlichen Coſtüme der Zeit; es ver⸗ rieth ſich eine geſuchte Dürftigkeit und Armſeligkeit, die an Schmutz grenzte, in den weiten Beinkleidern, grob wie Schiffsſegel— in der groben Jacke, in welche muthwil⸗ lig Löcher geriſſen ſchienen— und in den ſchwarzen, ſtrup⸗ pigen, verwirrten Locken, die ihrer Haft unter einer wol⸗ lenen Mütze zu entfliehen ſuchten, die ſonderbar abſtach gegen andere Stücke, welche vergleichungsweiſe Wohl⸗ habenheit verriethen. Das Hemd, am Hals offen, war geheftet mit einer Broche von ſchimmernden Steinen— und zwei herabhängende maſſive goldene Ketten verriethen den geckenhaften Ueberfluß von zwei Uhren. Die Geſtalt des Mannes war, wo nicht eigentlich mißgeſchaffen, doch erſtaunlich übel geſchaffen; ſeine Schul⸗ ie 1e uf r„ ſo ⸗ ⸗ ar ch 67 tern waren hoch und vierſchroͤtig; ſeine Bruſt platt, wie eingedrückt; ſeine Hände ohne Handſchuhe hatten an den Gelenken Knoten, und groß, beinigt und muskulös, bau⸗ melten ſie an langen, mageren Handgelenken, wie wenn ſie nicht dazu gehorten. Seine Züge hatten die peinliche Verzerrung, die man nicht ſelten im Geſicht von Krüppeln bemerkt— groß, übertrieben, die Naſe beinahe das Kinn berührend; die Augen klein, aber glühend in tückiſchem Feuer, wie fie auf Glyndon verweilten; und der Mund war zu einem Grinſen verzogen, das ſchiefe, ſchwarze, zer⸗ brochene Zahnreihen zeigte. Und über dieß entſetzliche Angeſicht hin ſpielte doch eine Art von unangenehmer Intelligenz, ein zugleich verſchmitzter und kecker Ausdruck; und als Glyndon, ſich von dem erſten Eindruck erholend, ſeinen Nachbar wieder betrachtete, erröthete er ſelbſt über ſein Entſetzen, und erkannte einen franzöſiſchen Künſtler, mit welchem er Bekanntſchaft gemacht hatte, und der ein nicht unanſehnliches Talent für ſeinen Beruf beſaß. Es war in der That bemerkenswerth, daß dieß Geſchöpf, deſſen Aeußeres von den Grazien ſo verſäumt war, eine beſondere Freude hatte an Compoſitionen, welche auf Groß⸗ artigkeit und Majeſtät Anſpruch machten. Obgleich ſein Colorit hart und ſeicht war, wie gewöhnlich bei der fran⸗ zöſiſchen Schule jener Zeit, waren doch ſeine Zeichnun⸗ gen bewundernswerth wegen ihrer Symmetrie, einfachen Eleganz und klaſſiſchen Lebendigkeit; dabei fehlte es ihnen unſtreitig an idealer Grazie. Er liebte es, Gegenſtände 5* 68 aus der römiſchen Geſchichte zu wählen, mehr als aus der reichen Welt griechiſcher Schönheit, oder aus den noch erhabeneren Schätzen der Ueberlieferungen der hei⸗ ligen Schrift, welcher Raphael und Michel Angelo ihre Inſpirationen entlehnten. Seine Größe war die von Sterblichen, nicht von Göttlichen und Heiligen. Seine Darſtellung der Schönheit war diejenige, welche das Auge nicht tadeln, aber die Seele nicht anerkennen kann. Mit Einem Wort, wie man von Dionyſius ſagte, er war ein Anthropographos, ein Menſchenmaler. Es war auch ein merkwürdiger Widerſpruch bei dieſem Menſchen, welcher den ausſchweifendſten Exceſſen in jeder Leidenſchaft, des Haſſes und der Liebe, ſich hingab, unverſöhnlich in ſeiner Rachſucht, unerſättlich in ſeiner Genußſucht war, daß er die ſchönſten Empfindungen hochſfinniger Reinheit und wohlwollender Menſchenliebe zu äußern pflegte; die Welt war nicht gut genug für ihn; er war, um das bezeich⸗ nende deutſche Wort zu gebrauchen, ein Weltverbeſ⸗ ſerer! Dennoch ſchien ſein ſarkaſtiſcher Mund oft die Geſinnungen und Empfindungen, die er ausſprach, zu ver⸗ ſpotten, als wollte er zu verſtehen geben, daß er ſelbſt über die Welt erhaben ſey, die er konſtruiren wollte. Endlich ſtand dieſer Maler in vertrautem Briefwech⸗ ſel mit den Republikanern von Paris, und galt für Einen jener Miſſionäre, welche, von der früheſten Periode der Revolution an, die Erneuerer der Menſchheit in die ver⸗ ſchiedenen, entweder von wirklicher Tyrannei oder von wohlthätigen Geſetzen noch geknechteten Staaten auszu⸗ — W 69 ſenden beliebten. Gewiß, wie der italieniſche Geſchicht⸗ ſchreiber Botta bemerkt, war keine Stadt in Italien, wo dieſe neuen Lehren mit größerer Gunſt aufgenommen werden mußten, als Neapel, theils vermöge des lebhaften Temperaments dieſes Volkes, theils weil die verhaßteſten feudaliſtiſchen Privilegien, obwohl einige Jahre zuvor theilweiſe verkürzt und beſchränkt durch den großen Mini⸗ ſter Tanuceini, doch noch ſo viele im täglichen Leben höchſt empfindliche Mißſtände darboten, daß eine Veränderung einen viel weſenhafteren Reiz an ſich trug, als die bloße, verführeriſche und eitle Blüthe auf der Wange der Buh⸗ lerin— Neuheit. Dieſer Menſch, den ich Jean Nicot nennen will, war deßwegen ein Orakel unter den jungen und kühneren Geiſtern Neapels; und ehe Glyndon mit Zanoni zuſammengetroffen, war auch er Einer von den nicht am wenigſten durch die beredten Verheißungen und Beſtrebungen des häßlichen Philanthropen Geblendeten geweſen. „Es iſt ſo lang, daß wir uns nicht mehr geſehen, cher confrère,“ ſagte Nicot, mit ſeinem Stuhle Glyndon näher rückend,„daß es Euch nicht überraſchen kann, wenn ich Euch jetzt mit Entzücken begrüße, und mir ſelbſt die Freiheit nehme, Eure Meditationen zu ſtören.“ „Sie waren nicht angenehmer Art,“ ſagte Glyn⸗ don,„und nie war eine Störung willkommener.“ „Ihr werdet entzückt ſeyn zu vernehmen,“ ſagte Nicot, indem er einige Briefe aus dem Buſen zog,„daß das gute Werk mit wunderbarer Schnelligkeit vorſchreitet. SS— 70 Mirabeau zwar iſt nicht mehr! aber mort Diable! das franzöſiſche Volk iſt ſelbſt ein Mirabeau!“ Nach dieſer Bemerkung las und kommentirte ſofort Monſieur Nicot mehrere lebhafte und intereſſante Stellen aus ſeiner Cor⸗ reſpondenz, worin das Wort Tugend ſiebenundzwanzig⸗ mal, und Gott gar nie genannt war. Und dann, erwärmt durch die fröhlichen Ausſichten, die ſich ihm ſo eröffneten, begann er jenen Schwärmereien von der Zukunft nachzu⸗ hängen, deren Umriſſe wir ſchon in der beredten Ueber⸗ ſchwänglichkeit Condorcets geſehen haben. Alle alte Tu⸗ genden waren entthront, um dem neuen Pantheon Platz zu machen; Patriotismus war ein beſchränktes Gefühl; Philanthropie ſollte ſeine Nachfolgerin werden. Keine Liebe, die nicht die Menſchheit umarmte, eben ſo warm für den Hindu und für den Polen, wie für den heimiſchen Heerd, war der Bruſt eines großherzigen Mannes würdig. Die Meinung ſollte ſo frei ſeyn wie die Luft; und um dieß zu bewirken, war es nothwendig, alle Diejenigen auszurot⸗ ten, deren Meinungen nicht dieſelben waren wie die Mon⸗ ſieurs Jean Niecot. Vieles hievon beluſtigte, Vieles em⸗ pörte Glyndon; aber als der Maler ſodann länger verweilte bei einer Wiſſenſchaft, die Alles umfaſſen, und deren Re⸗ ſultate Alle genießen ſollten— einer Wiſſenſchaft, die, dem Boden gleicher Inſtitutionen und gleicher Geiſtesbil⸗ dung entwachſen, allen Geſchlechtern der Menſchheit Reich⸗ thum geben ſollte ohne Arbeit, und ein Leben, länger als das der Patriarchen ohne Sorgen,— da hoͤrte ihm Glyndon zu mit Intereſſe und Bewunderung, worein ſich 71 auch einige ſcheue Ehrfurcht miſchte.„Bemerkt,“ ſagte Ricot,„wie Vieles, was wir jetzt als eine Tugend hegen⸗ dann als Niederträchtigkeit wird verworfen werden. Unſere Unterdrücker, zum Beiſpiel, predigen uns von der Schön⸗ heit der Dankbarkeit. Dankbarkeit, das Geſtändniß der Unterordnung! Was iſt einem edeln Geiſt ſo verhaßt, als das demüthigende Gefühl der Verbindlichkeit und Ver⸗ pflichtung? Aber wo Gleichheit iſt, da gibt es keine Mittel für die Macht, das Verdienſt ſo zu knechten. Der Wohlthäter und der Klient werden mit einander aufhoͤ⸗ ren, und—“ „Und inzwiſchen,“ ſagte eine leiſe Stimme ganz nahe,„inzwiſchen, Jean Nicot?“ Die beiden Künſtler fuhren auf und Glyndon erkannte Zanoni. Er ſtarrte mit ungewohnlich finſterer Stirne Nicot an, der, im Sitzen, ganz zuſammengeſunken, fragend und mit dem Ausdruck von Furcht und Verdruß in ſeinem verzerrten Geſicht zu ihm aufſah. „Ei, ei! Meſſire Jean Nicot, Du, der Du weder Gott noch den Teufel fürchteſt, warum fürchteſt Du das Ange eines Menſchen?“ „Es iſt nicht das erſte Mal, daß ich ein Zeuge ge⸗ weſen bin von Euren Anſichten über die Schwäche der Dankbarkeit,“ ſagte Zanoni. Nicot unterdrückte einen Ausruf, und nachdem er Za⸗ noni finſter, mit einem tückiſchen und ſcheuen Ange, aber voll ohnmächtigen und unausſprechlichen Haſſes angeſe⸗ hen, ſagte er: „Ich kenne Euch nicht— was begehrt Ihr von mir?“ „Eure Entfernung; verlaßt uns.“ Nicot ſprang einen Schritt vor, mit geballten Fäu⸗ ſten, und die Zähne von einem Ohr bis zum andern zei⸗ gend, wie ein gehetztes wildes Thier. Zanoni ſtand re⸗ gungslos da und lächelte verächtlich gegen ihn. Nicot blieb plötzlich ſtehen, wie durch den Blick gebannt und verzaubert, ſchauderte vom Kopf bis zu den Füßen, und wandte ſich plötzlich weg, mit einer ſichtbaren Anſtrengung⸗ wie von einer fremden Macht getrieben.“ Glyndons Blicke folgten ihm mit Staunen. „Und was wißt Ihr von dieſem Manne?“ ſagte Zanoni. „Ich kenne ihn als Einen Meinesgleichen— einen Juͤnger der Kunſt.“ „Der Kunſt! Entweiht nicht ſo dieß herrliche Wort. Was edle Natur für Gott iſt, das ſollte die Kunſt dem Menſchen ſeyn— eine erhabene, wohlthätige, heitere und warme Schöpfung. Dieſer Elende mag ein Maler ſeyn, aber kein Künſtler.“ „Und verzeiht, wenn ich frage, was Ihr wißt von dem Manne, den Ihr ſo herabwürdigt.“ „Ich weiß ſo Viel, daß Ihr meiner Sorge und Obhut unwerth ſeyd, wenn es nöthig iſt, Euch vor ihm zu warnen; ſein eigner Mund bezeugt die Häßlichkeit ſei⸗ M V 73 nes Herzens. Was ſollte ich Euch von den Verbrechen ſagen, die er begangen? Er ſpricht Verbrechen!“ „Ihr ſcheint, Signor Zanoni, kein Bewunderer der anbrechenden Revolution zu ſeyn. Vielleicht ſeyd Ihr gegen den Mann eingenommen, weil Euch die Meinungen mißfallen.“ „Welche Meinungen?“ Glyndon beſann ſich, in einiger Verlegenheit, wie er ſich ausvrücken ſollte; endlich aber ſagte er:„Nein, ich thue Euch wohl Unrecht, denn Ihr könnt, denke ich, zuletzt unter allen Menſchen die Lehre mißbilligen, welche den anendlichen Fortſchritt der Menſchheit predigt.“ „Ihr habt Recht; die Wenigen in jedem Zeitalter führen die Vielen vorwärts; die Vielen mögen jetzt ſo klug ſeyn, als die Wenigen einſt waren; aber der Fort⸗ ſchritt iſt ins Stocken gerathen, wenn Ihr mir ſagt, daß die Vielen jetzt ſo klug wie die Wenigen ſind.“ „Ich verſtehe Euch; Ihr wollt das Geſetz der allge⸗ meinen Gleichheit nicht gelten laſſen!“ „Geſetz! Wenn die ganze Welt ſich verſchwüre, die Lüge herrſchend zu machen, ſie könnte ſie nicht zum Ge⸗ ſetz erheben. Macht heute alle Verhältniſſe und Stände gleich und eben, und Ihr räumt nur der Tyrannei am nächſten Tage alle Hinderniſſe aus dem Wege. Eine Na⸗ tion, die nach Gleichheit trachtet, iſt nicht für die Freiheit geſchaffen. Durch die ganze Schöpfung, vom Erzengel bis zum Wurm, vom Olymp bis zum Kieſel⸗ vom ſtrahlenden, vollendeten Planeten bis zum Nebel, —— —,—— — 74 der ſich in Jahrhunderten aus Dunſt und Schleim zur bewohnbaren Welt verdichtet, iſt das erſte Geſetz der Natur: Ungleichheit!“ „Eine harte Lehre in der Anwendung auf Staaten! Sollen die grauſamen Ungleichheiten im Leben nie auf⸗ hören?“ „Die Ungleichheiten im phyſiſchen Leben? O ja! laßt uns das hoffen! Aber die intellektuellen und moraliſchen Ungleichheiten— nie! Allgemeine Gleich⸗ heit der Intelligenz, des Gemüthes, des Genius, der Tugend!— kein Lehrer mehr in der Welt, kein Menſch weiſer, beſſer als Andere— wäre es nicht ein unmögli⸗ cher Zuſtand, welch eine hoffnungsloſe Ausſicht für die Menſchheit! Nein! ſo lange die Welt ſteht, wird die Sonne den Berggipfel vergolden, ehe ſie auf die Ebene ſcheint! Vertheilt heute alles Wiſſen, das auf Erden iſt, unter die ganze Menſchheit, und morgen wer⸗ den ſchon Einige weiſer ſeyn als die Andern. Und das iſt nicht ein hartes, ſondern ein liebevolles Geſetz— das wahre Geſetz des Fortſchrittes! je weiſer die Wenigen in einer Generation, deſto weiſer wird die Menge in der nächſten ſeyn!“ Wie Zanoni ſo ſprach, ſchritten ſie durch die lächeln⸗ den Gärten, und der ſchöne Meerbuſen lag ſchimmernd im Mittagslicht da. Ein ſanfter Lufthauch kühlte eben die Sonnenſtrahlen und kräuſelte das Meer; und in der un⸗ ansſprechlichen Klarheit der Atmoſphäre lag Etwas, das „er— e—— die Sinne erfreute. Die Seele ſelbſt ſchien lichter und reiner zu werden in dieſem durchſichtigen Aether. „Und dieſe Menſchen fangen ihr Zeitalter des Fort⸗ ſchritts und der Gleichheit damit an, daß ſie eiferſüchtig ſind auf den Schöpfer ſelbſt. Sie möchten einen bewußten Geiſt— einen Gott läugnen!“ ſagte Zanoni, wie unwill⸗ kührlich.„Seyd Ihr ein Künſtler, und könnt, wenn Ihr die Welt anſeht, einen ſolchen Lehrſatz anhören? Zwiſchen Gott und dem Genius iſt ein nothwendiges Band— es iſt beinahe eine korreſpondirende Sprache. Schön hat der Pythagoräer* geſagt:„ein richtiger Verſtand iſt der Chor der Gottheit!“ Betroffen und gerührt von dieſen Empfindungen, die er nimmermehr aus dem Munde eines Mannes zu hören erwartete, dem er ſolche Kräfte zuſchrieb, wie ſie die aber⸗ gläubiſchen Meinungen der Kindheit den dunkleren Mäch⸗ ten beilegen, ſagte Glyndon:„Und doch habt Ihr bekannt, daß Euer Leben, getrennt von dem Anderer, ein ſolches ſey, das zu theilen Menſchen ſich ſcheuen müßten. Beſteht denn eine Verbindung zwiſchen Magie und Religion?“ „Magie! Und was iſt Magie? Wenn der Reiſende in Perſien die Ruinen von Paläſten und Tempeln betrach⸗ tet, ſo belehren ihn die unwiſſenden Einwohner, ſie ſeyen das Werk von Zauberern geweſen. Von dem, was über ihre Kräfte hinausgeht, kann die Menge nicht begreifen, daß es geſetzmäßig in der Macht Anderer ſtehe. Aber wenn Ihr unter Magie verſteht ein beſtändiges Forſchen nach „Serxtus der Pythagoräer. —— — Allem, was in der Natur verborgen und dunkel iſt, ſo iſt meine Antwort: ich bekenne mich zu dieſer Magie, und Wer ſie übt, der kommt nur der Quelle alles Glaubens näher. Weißt du nicht, daß in den Schulen vor Alters Magie gelehrt wurde? Aber wie und von Wem? als die letzte und feierlichſte Lehre von den Prieſtern, welche den Tempeldienſt beſorgten.“ Und Ihr, der Ihr ein Maler ſeyn wollt, erlennt Ihr keine Magie in der Kunſt, in der Ihr es weiter bringen möchtet? Müßt Ihr nicht, nach langem Studium des Schönen, das geweſen iſt, neue und erhabene Anſchauungen und Vorſtellungen faſſen von einer Schönheit, die erſt werden ſoll! Seht Ihr nicht, daß die höhere Kunſt des Dichters oder Malers, immer nach dem Wahren ſuchend, doch das Wirkliche verſchmäht, daß Ihr die Natur als Beherrſcher ergreifen müßt, nicht ihr als Sklave dienen? Ihr verlangt Beherrſchung der Vergangenheit, ahnende Anſchauung der Zukunft. Hat nicht die Kunſt, die wahrhaft edle, die Zukunft und die Vergangenheit zu ihrem Reiche? Ihr möchtet die unſicht⸗ baren Weſen mit Eurem Zauber beſchwören; und was iſt die Malerei anders, als die weſenhafte Firirung des Unſichtbaren? Seyd Ihr mit dieſer Welt unzufrieden? dieſe Welt war nicht für den Genius beſtimmt! Um zu ſeyn, muß er eine neue ſchaffen! Welcher Zauber kann Mehr, ja, welche Wiſſenſchaft kann ſo Viel thun? Es gibt zwei Wege, die von den kleinen Leidenſchaften und den traurigen Bedraͤngniſſen der Erde weg führen; beide ** Psellus de Daemon. 3— „„— e en ler der ach eue n ß ach ht, icht der Hat die cht⸗ was des en? zu ann Es und eie — 7 leiten zum Himmel und von der Hölle ab— Kunſt und Wiſſenſchaft. Aber die Kunſt iſt göttlicher als die Wiſſen⸗ ſchaft; die Wiſſenſchaft entdeckt, die Kunſt ſchafft! Ihr habt Anlagen, womit Ihr der Kunſt Meiſter werden könnt; begnügt Euch mit Eurem Loos. Der Aſtronom, der die Sterne verzeichnet, kann dem Weltall nicht einen Atom zuſetzen; der Dichter kann eine Welt aus einem Atom hervorrufen; der Chemiker kann mit ſeinen Stoffen die Krankheiten des menſchlichen Körpers heilen; der Maler oder Bildhauer ſtellt in ewiger Jugend göttliche Geſtalten hin, die keine Krankheit verwüſten, keine Zeit entſtellen kann. Entſagt dieſen unſteten Phantaſien, die Euch bald zu mir hinziehen, und bald zu jenem Redner des menſchlichen Geſchlechtes. Euer Pinſel iſt Euer Zau⸗ berſtab; Eure Leinwand kann ſchönere utopien darſtellen, als von welchen Condorcet träumt. Ich dränge Euch noch nicht zur Entſcheidung; aber welcher Mann von Genius verlangte je Mehr, um ſeinen Pfad zum Grabe zu ver⸗ ſchönern, als Liebe und Ruhm?“ „Aber,“ ſagte Glyndon, ſeine Blicke ernſt auf Za⸗ noni heftend,„wenn es nun eine Macht gibt, dem Grabe ſelbſt zu trotzen—“ Janoni's Stirne verdunkelte ſich.„Und wäre dem auch ſo,“ ſagte er nach einer Pauſe,„wäre es denn ein ſo ſüßes Loos, Alle zu überleben, die man liebt, und vor jedem menſchlichen Bande zurückzubeben? Vielleicht die ſchönſte Unſterblichkeit auf Erden iſt die eines edeln Na⸗ mens.“ —— —— 78 „Ihr antwortet mir nicht— Ihr macht Ausflüchte. Ich habe von Fällen langen Lebens geleſen, weit über die Dauer hinaus, welche die gewöhnliche Erfahrung den Menſchen zuſchreibt,“ verſetzte Glyndon, nicht ablaſſend, „deſſen ſich einige Alchymiſten erfreut haben ſollen. Iſt das goldene Elixir eine bloße Fabel?“ „Wenn auch nicht, wenn jene Männer es entdeckt haben, ſo ſind ſie doch geſtorben, weil ſie nicht mehr leben wollten! Es kann eine traurige Warnung in Eurer Vermuthung liegen. Wendet Euch wieder zum Pinſel und zur Leinwand!“ Mit dieſen Worten winkte Zanoni mit der Hand, und wandte ſich mit niedergeſchlagenen Augen und lang⸗ ſamen Schritten nach der Stadt zurück. Achtes Kapitel. Die Göttin Weisheit, Einem iſt ſie die hohe, die himmliſche Göttin, dem Andern Eine tüchtige Kuh, die ihn mit Butter verſorgt. Schiller. Die letzte Unterredung mit Zanoni ließ in Glyndons Seele einen beruhigenden, heilſamen Eindruck zurück. Aus den verworrenen Nebeln ſeiner Phantaſie glänzten wieder hervor jene glücklichen, goldenen Entwürfe, welche von dem jugendlichen Kunſtehrgeiz ausgehen, in der Luft zu ſpielen, den Raum zu erleuchten, wie Strahlen, die der kt r r el d. 16 e ft Sonne entglühen. Und mit dieſen Entwürfen vermiſchte ſich auch das Traumgeſicht einer reineren und heitereren Liebe, als er bisher in ſeinem Leben gekannt hatte. Sein Geiſt kehrte zu jener ſchönen Kindheit des Genius zurück, wo die verbotene Frucht noch nicht gekoſtet worden iſt, und er von keinem Lande weiß außer dem Eden, das ihm verſchönt iſt durch eine Eva. Unvermerkt ſtiegen vor ſei⸗ nem Auge die Seenen einer Häuslichkeit auf, wo ſeine Kunſt alle genügende Aufregung bot, und Viola's Liebe um die Beſchäftigung einen Kreis von Glück und Zufrie⸗ denheit ſchlang; und mitten aus dieſen Phantaſien von einer Zukunft, über die er vielleicht zu gebieten hatte, rief ihn in die Gegenwart zurück die helle, ſtarke Stimme Mervale's, des Mannes des nüchternen Verſtandes. Wer ſchon das Leben von Perſonen ſtudirt hat, bei welchen die Einbildungskraft ſtärker iſt, als der Wille, welcher ihrer eigenen Kenntniß des wirklichen Lebens miß⸗ trauen, und ihrer Zugänglichkeit für Eindrücke von Auſſen ſich bewußt ſind— wird wohl ſchon den Einfluß beobach⸗ tet haben, den ein einfacher, kräftiger, weltgeübter Ver⸗ ſtand über ſolche Naturen gewinnt. So war es bei Glyn⸗ don. Sein Freund hatte ihn oft aus Gefahren gezogen und ihn vor den Folgen von Unbeſonnenheiten bewahrt; und es lag ſchon in Mervale's Stimme Etwas, das ſeinen Enthuſiasmus dämpfte, und machte, daß er ſich oft edler Aufwallungen mehr ſchämte, als einer ſchwachen Hand⸗ lungsweiſe. Denn Mervale, obwohl ein gerader, ehrli⸗ cher Mann, konnte ſich mit der Ueberſchwänglichkeit der 80 Großmuth ſo wenig befreunden, als mit der Anmaßung und Leichtgläubigkeit. Er ſchritt auf der geraden Linie des Lebens hin, und empfand die gleiche Verachtung gegen Jeden, der auf den Bergen zur Seite hinwanderte, mochte es nun ſeyn, um einem Schmetterling nachzujagen, oder eine Ausſicht auf das Meer zu gewinnen. „Ich will Euch Eure Gedanken ſagen, Clarence,“ ſagte Mervale, lachend,„obgleich ich kein Zanoni bin. Ich errathe ſie aus Euren feuchten Angen und dem hal⸗ ben Lächeln um Euren Mund. Ihr ſinnt und brütet über das ſchöne Verderben— die kleine Sängerin von San Carlo!“ „Die kleine Sängerin von San Carlo!“ Glyndon wurde roth, als er antwortete. „Würdet Ihr ſo von ihr ſprechen, auch wenn ſie mein Weib wäre?“ „Nein, denn dann würde die Verachtung, die ich etwa gegen ſie zu fühlen wagte, Euch ſelbſt treffen. Man kann den, der betrügt, haſſen, aber den Betrogenen ver⸗ achtet man.“ „Seyd Ihr ſo gewiß, daß ich bei einer ſolchen Ver⸗ bindung der Betrogene wäre? Wo fände ich ein ſo lie⸗ benswürdiges und unſchuldiges Geſchöpf— wo Eine, deren Tugend die Probe ſolcher Verſuchungen beſtanden hätte? Befleckt auch nur ein Hauch der Verläumdung den Namen der Viola Piſani?“ „Ich kenne nicht alles Geklatſche von Neapel und kann deßwegen nicht antworten; aber das weiß ich, daß — 81 in England kein Menſch daran glauben würde, daß ein junger Engländer von anſehnlichem Vermögen und acht⸗ barer Geburt, der eine Sängerin von einem Theater in Neapel heirathet, nicht jämmerlich eingefangen worden ſey. Ich möchte Euch einen ſo unwiederbringlichen Scha⸗ den in Eurer Stellung in der Geſellſchaft erſparen. Be⸗ denkt, wie vielen Kränkungen Ihr ausgeſetzt ſeyn werdet; wie viele junge Männer Euer Haus beſuchen, und wie viele junge Frauen es eben ſo ſorgfältig meiden werden?“ „Ich kann meine eigene Lebensbahn wählen, für welche die alltägliche Geſellſchaftswelt nicht weſentlich iſt. Ich kann die Achtung der Welt meiner Kunſt verdanken, und nicht den Zufällen der Geburt und des Vermögens.“ „Das heißt, Ihr beharrt noch immer bei Eurer zweiten Thorheit— dem abgeſchmackten Ehrgeiz, Lein⸗ wand zu überſchmieren. Der Himmel verhüte, daß ich Etwas ſagen ſollte gegen die löbliche Induſtrie eines Mannes, der einen ſolchen Beruf treibt um ſeines Unter⸗ halts willen; aber bei Mitteln und Verbindungen, die Euch im Leben emporbringen können, warum fteiwillig zum Künſtler Euch erniedrigen? Als ein Talent für müßige Stunden iſt es in ſeiner Art ganz ſchön und gut; aber als Lebensberuf iſt es ein Wahnſinn.“ „Künſtler ſind die Freunde von Fürſten geweſen.“ „Sehr ſelten, glaube ich, im nüchternen England. Dort, im großen Mittelpunkt der politiſchen Ariſtokratie, iſt, was die Leute reſpektiren, das Praktiſche, nicht das Bulwer's Romane. XCVI. 6 82 Ideale. Laßt nur mich auch einmal Euch zwei Gemälde entwerfen. Clarence Glyndon kehrt nach England zurück; er heirathet eine Dame ihm gleich an Vermögen, mit Freunden und Verwandten, welche einen vernünftigen Ehrgeiz begünſtigen. Er hat ein Haus, wo er ſelche empfangen kann, deren Bekanntſchaft ein Vortheil und eine Ehre iſt; er hat Muße, die er nützlichen Studien widmen kann; ſein Ruf, auf ſolidem Fundamente ruhend, wächst im Munde der Menſchen. Er ſchließt ſich an eine Paftei an, ertritt ein in das politiſche Leben; ſeine neuen Verbindungen fördern ſeine Zwecke. Mit fünfundvierzig Jahren— was mag da, aller Wahrſcheinlichkeit nach, Clarence Glyndon ſeyn? Da Ihr Ehrgeiz beſitzt, über⸗ laſſe ich Euch die Entſcheidung dieſer Frage. Jetzt zu dem andern Gemälde! Clarence Glyndon kehrt nach England zurück mit einer Frau, die ihm kein Geld zubringen kann, wenn er ſie nicht der Bühne preis gibt; ſo ſchön, daß Jedermann fragt: Wer ſie ſey, und Jedermann hört: die berühmte Sängerin Piſani. Clarence Glyndon ſchließt ſich ein, um Farben zu reiben und Gemälde zu malen im Styl der großen hiſtoriſchen Schule, die kein Menſch kauft. Es herrſcht ſelbſt ein Vorurtheil gegen ihn vor, weil er nicht auf der Akademie ſtudirt hat, als ſey er nur ein Dilettant. Wer iſt Mr. Clarence Glyndon? O! der Gatte der berühmten Piſani! Was ſonſt? Ol er ſeellt ſo große Gemälde aus. Der arme Mann! ſie haben wohl in ihrer Art Verdienſt; aber Teniers und Watteau ſagen Einem mehr zu und ſind beinahe ebenſo wohlfeil. Cla⸗ de ; nit che nd en d, ne en zig ch, er⸗ em nd in, aß die len ſch or⸗ mr der ellt ohl gen la⸗ 83 vence Glyndon, als lediger Mann im Beſitz eines ordent⸗ lichen Vermogens, hat viele Kinder, und ſein Vermögen, durch die Heirath nicht vermehrt, reicht nur eben hin, dieſe zu noch plebejiſcheren Berufen, als der ſeinige, auf⸗ zuziehen. Er zieht ſich aufs Land zurück, um zu ſparen und zu malen, er wird mürriſch und unzufrieden;„„die Welt würdigt ihn nicht,““ ſagt er, und läuft vor der Welt davon. Mit fünfundvierzig Jahren— was wird da Clarence Glyndon ſeyn? Auch dieſe Frage ſoll Euer Ehrgeiz entſcheiden!“ „Wenn alle Menſchen ſo weltlich geſinnt wären, wie Ihr,“ ſagte Glyndon aufſtehend,„ſo hätte es nie einen Künſtler oder Dichter gegeben!“ „Vielleicht ſtände es ebenſo gut um uns ohne ſie,“ antwortete Mervale.„Iſt es noch nicht Zeit, ans Mit⸗ tageſſen zu denken? Die Barben hier ſind ausnehmend fein und köſtlich!“ Neuntes Kapitel. Wollt Ihr hoch auf ihren Flügeln ſchweben Werft die Angſt des Irdiſchen von Euch! Flüchtet aus dem engen, dumpfen Leben In des Ideales Reich! Schiller. Das Ideal und das Leben. Wie ein unverſtändiger Meiſter den Geſchmack des Schülers herunterzieht und verunreinigt dadurch, daß er 6* 84 ſeine Aufmerkſamkeit auf das von ihm fälſchlich ſo ge⸗ nannte Natürliche hinlenkt, das in der That das Alltäg⸗ liche und Gemeine iſt, und nicht begreift, daß die Schön⸗ heit in der Kunſt geſchaffen wird durch das, was Raphael ſo ſchön beſchreibt: nämlich durch die Idee der Schönheit in des Malers eigenem Geiſte; und daß in jeder Kunſt, bediene ſie ſich zu ihren Schöpfungen der Worte oder des Marmors, der Farben oder der Töne, die knechtiſche Nach⸗ ahmung der Natur nur die Sache der handwerksmäßigen Arbeiter und der Neulinge iſt; ſo verunreinigt und lähmt im Leben der Mann der Welt den kühnen Enthuſiasmus erhabenerer Naturen durch die beſtändige Zurückführung alles Großherzigen und Zuverſichtlichen auf das Gemeine und Alltäglichrohe. Ein großer deutſcher Dichter hat den Unterſchied zwiſchen der Klugheit und der höherſtehenden Weisheit treffend bezeichnet. Der letztern iſt eine gewiſſe Raſchheit eigen, welche von jener verſchmäht wird. Die Blöden ſehen die flieh'nde Küſte nur, Nicht die, wohin ſie trägt die kühne Fluth. Und doch liegt in dieſer Logik der Klugen und Weltlichen oft ein Räſonnement, das in ſeiner Art unwiderleg⸗ lich iſt. Du mußt ein Gefühl haben— einen Glauben an das Aufopferungsvermögen, an das Göttliche— in der Religion oder Kunſt, im Ruhm oder in der Liebe— ſonſt wird der gemeine Verſtand Dir das Opfer wegdiſputiren, und ein Syllogismus wird das Göttliche zu einem Markt⸗ artikel erniedrigen. NM*—— NM W — Jeder ächte Kritiker in der Kunſt, von Ariſtoteles und Plinius, von Winkelmann und Vaſari an, bis auf Reynolds und Füßli, hat den Maler zu belehren geſucht, daß man die Natur nicht kopiren, ſondern erhöhen müſſe; vaß die erhabenſte Art der Kunſt, welche nur die erhaben⸗ ſten Gegenſtände und Anſchauungen wählt, das beſtän⸗ dige Ringen des Menſchlichen iſt, ſich der Gottheit zu nähern. Der große Maler zwar, wie der große Schrift— ſteller, verkörpert, was dem Menſchen möglich, aber nicht, was unter den Menſchen das Gewöhnliche iſt. Wahrheit iſt in Hamlet; in Maecbeth und ſeinen He⸗ ren; in Desdemona; in Othello; in Proſpero und in Caliban. Wahrheit iſt in den Cartons von Raphael; Wahrheit im Apollo, im Antinvus, im Laokvon. Aber man begegnet den Originalien der Dichtung, der Car⸗ tons, der Statuen, nicht in Oxford⸗Street oder St. James. Sie alle, um auf Raphael zurückzukommen, ſind die Geſchöpfe der Idee im Geiſte des Künſtlers. Dieſe Idee iſt nicht angeboren; ſie iſt einem tiefen Studium entſprungen. Aber dieß Studium war das Studium des Idealen, welches vom Poſitiven und Wirklichen abgezogen und zum Großartigen und Schönen geſteigert werden kann. Das gewöhnlichſte Modell gibt Dem die herrlich⸗ ſten Anſchauungen und Gedanken an die Hand, der dieſe Ideen in ſich trägt; eine Venus von Fleiſch und Blut würde gemein werden durch die Nachahmung Deſſen, der ſie nicht in ſich hat. Befragt, woher er ſeine Modelle habe, rief Guido 86 einen gemeinen Laſtträger von ſeinem Geſchäft ab, und zeichnete nach einem gemeinen Original einen Kopf von außerordentlicher Schönheit. Er glich dem Laſtträger, aber idealiſirte ihn zum Herven. Er war wahr, aber nicht die Wirklichkeit. Es gibt Kritiker, die Einem ſagen, der Bauer von Teniers ſey naturwahrer, als der Laſtträger Guido's. Das gewöhnliche Publikum verſteht kaum das Prinzip des Idealiſirens, ſelbſt in der Kunſt nicht. Denn hoher Kunſtſinn iſt ein erworbener Geſchmack! Doch, um auf meine Vergleichung zu kommen: noch viel weniger wird der verwandte Grundſatz im Leben be⸗ griffen. Und der Rath der weltlichen Klugheit möchte eben ſo oft von den Wagniſſen der Tugend als von den Strafen des Laſters abſchrecken; und doch gibt es im Leben wie in der Kunſt eine Idee des Großen und Schö⸗ nen, mittelſt deren die Menſchen das Abgedroſchene und Gemeine des Lebens erheben und ſteigern ſollten. Nun fühlte Glyndon die nüchterne Klugheit von Mervale's Vorſtellungen; er ſcheute zurück vor dem Gemälde ſeiner wahrſcheinlichen Zukunft für den Fall, daß er ſich dem Einen Haupttalent hingab, das er beſaß, und der Einen großen Leidenſchaft, die, richtig geleitet, ſein ganzes We⸗ ſen läutern und reinigen konnte, wie ein ſtarker Wind die Luft reinigt. Aber, wenn gleich er es nicht über ſich vermochte, gegen ſo vernünftige Argumentationen ſich zu entſcheiden, konnte er ſich doch auch nicht entſchließen, die Bewerbung um Viola ſofort aufzugeben. Fürchtend durch Zanoni's Räthe und ſein eigenes Herz beherrſcht zu werden, hatte er die letzten zwei Tage eine Zuſammenkunft mit der jun⸗ gen Schauſpielerin vermieden. Aber nach der Nacht, welche auf ſein letztes Geſpräch mit JZanoni folgte und auf das eben berichtete mit Mervale— einer Nacht von Träu⸗ men gefärbt, ſo deutlichen, daß ſie prophetiſch ſchienen — von Träumen, welche ſo ganz ſeine Zukunft, entſpre⸗ chend den Andeutungen Zanoni's, darzuſtellen ſchienen, daß er ſich beinahe einbildete, Zanoni ſelbſt habe ſie aus dem Hauſe des Schlafes ſeinem Kiſſen zugeſendet, be⸗ ſchloß er, Viola wieder aufzuſuchen, und er folgte, wie⸗ wohl ohne klare und beſtimmte Abſicht, dem Antriebe ſeines Herzens. Zehntes Kapitel. O sollecito dubbio e fredda tema, Che pensando l'accresci. Tasso Canz. VI. Sie ſaß vor ihrer Thüre— die junge Schauſpie⸗ lerin! Das Meer vor ihr in jener himmliſchen Bucht ſchien im buchſtäblichen Sinne zu ſchlafen in den Armen der Küſte; während rechts, in nicht großer Ferne, die finſtern, verworrenen Felſen, auf welche der heutige Rei⸗ ſende pflichtmäßig geführt wird, um das Grab Virgils zu betrachten, oder den Bogengang von Highgate⸗Hill mit der Höhle des Pofilipo zu vergleichen. Es waren da ——— 88 einige wenige Fiſcher an den Felſen herum beſchäftigt, wo ihre Netze zum Trocknen hingen; und in einiger Ent⸗ fernung unterbrach der Ton einer ländlichen Pfeife(in jenen Tagen gewöhnlicher als jetzt), dann und wann ſich miſchend mit den Glocken der trägen Maulthiere, die wolluſtvolle Stille— die Stille des ſcheidenden Mittags an den Küſten von Neapel; nicht eher, als bis Ihr es empfunden, nicht eher, als bis Ihr ſeinen ganzen entner⸗ venden, aber köſtlichen Zauber gekoſtet habt, glaubet je die ganze Bedeutung des Polce far niente faſſen zu kön⸗ nen; und wenn Ihr dieſe Worte kennen gelernt, wenn Ihr dieſe Atmoſphäre eines Feenlandes geathmet habt, dann werdet Ihr Euch nicht mehr wundern, wie doch das Herz ſo plötzlich und üppig zur Frucht reife unter dem ro⸗ ſigen Himmel und dem prachtvollen Sonnenſchein des Südens. Die Augen der Schauſpielerin waren auf das weite, blaue Meer vor ihr gerichtet. In der ungewohnten Nach⸗ läſſigkeit ihrer Kleidung konnte man die Zerſtreutheit ihres Geiſtes leſen. Ihre ſchönen Haare waren loſe hin⸗ auf gebunden und zum Theil bedeckt von einem Tuche, deſſen Purpurfarbe den Goldglanz der Locken noch erhöhte. Eine einzelne Locke war dem Tuch entſchlüpft und fiel den anmuthsvollen Hals herab. Ein weites Morgengewand, mit einer Binde gegürtet, ließ das dann und wann von der See herüberwehende Lüftchen auf der halb enthüllten Büſte erſterben; und der winzige Pantoffel, welchen Cin⸗ derella hätte tragen können, ſchien viel zu weit für den t⸗ in winzigen Fuß, den er kaum bedeckte. Es war vielleicht die Hitze des Tages, welche die ſanfte Blume der Wan⸗ gen tiefer färbte und den großen, dunkeln Augen eine ungewohnte ſchmachtende Mattigkeit lieh. In allem Prunk ihres Bühnenanzuges— in aller Gluth der Aufregung vor den berauſchenden Lampen— nie hatte Viola ſo lieb⸗ lich ausgeſehen. Neben der Schauſpielerin, und den Eingang aus⸗ füllend, ſtand Gianetta, die Arme bis auf die Ellbogen in zwei rieſigen Taſchen auf den beiden Seiten ihres Rockes begraben. „Aber ich verſichere Euch!“ ſagte die Amme in jenem ſcharfen, raſchen, ohrzerreißenden Tone, worin die alten Weiber des Südens denen des Nordens mehr als nur die Wage halten;„aber ich verſichere Euch, mein Liebchen, es iſt kein feinerer Cavalier in ganz Neapel und kein ſchönerer, als dieſer Inglese; und ich habe mir ſagen laſſen, daß alle dieſe Inglesi viel reicher ſeyen, als ſie ſcheinen. Obgleich ſie keine Bäume in ihrem Lande haben, die armen Leute! und ſtatt vierundzwanzig Stunden nur zwölf auf den Tag haben, hoͤre ich doch, daß ſie ihre Pferde mit Skudi beſchlagen, und weil ſie nicht,(die armen Ketzer!) Wein aus Trauben machen können, denn ſie haben keine Trauben, ſo machen ſie Arzneien aus Gold, und nehmen ein oder ein paar Gläſer Piſtolen, ſo oft ſie von der Kolik befallen werden. Aber Ihr hört mich nicht— mein kleiner Augapfel. Ihr hoͤrt mich nicht!“ „Und ſolche Dinge flüſtert man von Zanoni!“ ſagte 90 Viola halb zu ſich ſelbſt, und nicht achtend auf Gianetta's Lobeserhebungen auf Glyndon und die Englaͤnder. „Geſegnete Maria! ſprecht doch nicht von dieſem ſchrecklichen Zanoni. Ihr könnt es für gewiß glauben, daß ſein ſchönes Geſicht, wie ſeine noch ſchönere Piſtolen, eitel Hexerei iſt. Ich betrachte das Geld, das er mir dieſer Tage gegeben, jede Viertelſtunde, um zu ſehen, ob es noch nicht in Kieſelſteine verwandelt iſt.“ „Glaubt Ihr denn wirklich,“ ſagte Viola mit ſchüch⸗ ternem Ernſt,„daß es noch Zauberei gibt?“ „Glauben!— Glaube ich an den geſegneten San Gennaro? Wie meint Ihr denn, daß er den alten Fe⸗ lippo, den Fiſcher, kurirt habe, als der Doktor ihn auf⸗ gab? Wie meint Ihr denn, daß er es angefangen, daß er nun wenigſtens dreihundert Jahre lebt? Wie meint Ihr, daß er Jedermann nach ſeinem Gefallen mit einem Blick bezaubert, wie die Vampyre thun?“ „Ha, iſt das nur Zauberei? Es ſieht ſo aus, es muß ſo ſeyn!“ murmelte Viola und wurde ſehr bleich. Gia⸗ netta ſelbſt war kaum abergläubiſcher als die Tochter des Muſikers. Und ihre Unſchuld ſelbſt, erſchrocken über das noch fremde Gefühl erſter Leidenſchaft, konnte wohl das der Magie zuſchreiben, was erfahrenere Herzen eben auf die Liebe zurückgeführt haben würden. „Und dann, warum iſt dieſer mächtige Fürſt von— — ſo von ihm eingeſchüchtert worden? Warum hat er aufgehört uns zu verfolgen? Warum iſt er ſo ruhig und ſtill geworden? Iſt in all dieſem keine Zauberei?“ — c — „So glaubt Ihr alſo,“ ſagte Vivla mit holder Wan⸗ delbarkeit ihrer Geſinnung,“ daß ich dies Glück und dieſe Sicherheit ſeinem Schutze verdanke? O, laßt mich das glauben! Schweige Gianetta! Warum kann ich nur Dich und meine eigene Angſt zu Rathe ziehen? O ſchoͤne Son⸗ ne!“ und das Mädchen preßte mit wilder Energie ihre Hand ans Herz,„Du beleuchteſt jeden Ort außer dieſem! Gianetta, laß mich!“ „Ja in der That iſt es Zeit, daß ich Euch verlaſſe, denn die Polenta wird verbrennen und Ihr habt den gan⸗ zen Tag Nichts gegeſſen. Wenn Ihr nicht eßt, werdet Ihr Eure Schönheit einbüßen, mein Liebling, und dann wird Niemand nach Euch fragen. Niemand fragt nach uns, wenn wir häßlich werden; das weiß ich; und dann müßt Ihr, wie die alte Gianetta, Euch eine eigene Viola zum Verhätſcheln bekommen. Ich will gehen, und nach der Polenta ſehen.“ „Seit ich dieſen Mann kenne,“ ſagte das Mädchen halb laut,„ſeit ſeine dunkeln Augen auf mir gehaftet haben, bin ich nicht mehr dieſelbe. Es verlangt mich, mir ſelber zu entfliehen— mit dem Sonnenſtrahl über die Berggipfel zu ſchweben— Etwas zu werden, was nicht von dieſer Erde iſt. Phantome ſchweben vor mir bei Nacht; und ich ſpüre ein Flattern, wie vom Flügel eines Vogels, in meinem Herzen, als ob der erſchrockene Geiſt aus ſeinem Käfig brechen wollte.“ Während ſie dieſe unzuſammenhangenden Empfin⸗ dungen vor ſich hin murmelte, näherten ſich ungehoͤrt 92 Schritte der Schauſpielerin, und eine leichte Hand be⸗ rührte ihren Arm. „Viola! Bellisissima! Viola!“ Sie wandte ſich um und ſah Glyndon. Der Anblick ſeines ſchönen jungen Geſichts beruhigte ſie ſogleich. Seine Anweſenheit machte ihr Vergnügen. „Viola,“ ſagte der Engländer, ihre Hand ergreifend, und ſie wieder zu der Bank ziehend, von welcher ſie auf⸗ geſtanden war, indem er ſich neben ſie ſetzte,„Ihr ſollt mich anhören! Du mußt ſchon wiſſen, daß ich Dich liebe! Es war nicht Mitleiden oder Bewunderung allein, was mich immer und immer in Deine theure Nähe zog; es mögen Gründe gewaltet haben, warum ich bisher nicht zu Dir geſprochen habe, außer mit den Augen; aber heute — ich weiß nicht wie es kommt— fühle ich einen gefaß⸗ teren und entſchiedeneren Muth, zu Dir zu ſprechen, und das Glücklichſte oder das Schlimmſte zu erfahren. Ich habe Nebenbuhler, ich weiß— Nebenbuhler, die mäch⸗ tiger ſind, als der arme Künſtler; ſind ſie auch mehr be⸗ günſtigt?“ Viola erröthete leicht; aber ihr Angeſicht war ernſt, und bekümmert zu Boden ſchauend und mit der Spitze ihres Pantoffels hieroglyphiſche Figuren in den Staub zeichnend, antwortete ſie mit einiger Zögerung und mit dem vergeblichen Verſuch, einen muntern Ton anzuneh⸗ men:„Signor, Wer immer ſeine Gedanken an eine Schauſpielerin wegwirft, muß ſich gefallen laſſen, Neben⸗ —————— „—— buhler zu haben. Es iſt unſer unglückliches Schickſal, e* nicht einmal uns ſelbſt heilig zu ſeyn.“ „Aber Ihr liebt dies Schickſal nicht, ſo glänzend es ck auch ſcheint; Euer Herz iſt nicht bei dem Berufe, den e Eure Talente zieren.“ „Ach nein!“ ſagte die Schauſpielerin, und ihre d, Augen füllten ſich mit Thränen.„Einſt hatte ich Freude ⸗ daran, die Prieſterin des Geſanges und der Mufik zu ſeyn! t jetzt fühle ich nur, daß es ein elendes Loos iſt, die Skla⸗ vin der Menge zu ſeyn.“ 8„So fliehe denn mit mir!“ ſagte der Künſtler lei⸗ 6 denſchaftlich.„Verlaß für immer den Beruf, der dies Herz theilt, welches ich gern allein beſitzen möchte. Theile e mein Schickſal jetzt und immerdar— mein Stolz,meine 2 Wonne, mein Ideal! Du ſollſt meine Leinwand und mei⸗ . nen Geſang begeiſtern; Deine Schönheit ſoll heilig und berühmt zugleich werden. In den Gallerien der Fürſten ſollen ſich Schaaren drängen um das Bild einer Venus oder einer Heiligen, und ein Geflüſter umlaufen:„Es iſt Viola Piſani!“ Ach Viola, ich bete Dich an; ſage mir, daß ich Dir nicht vergebens meine Huldigung darbringe.“ „Du biſt gut und redlich,“ ſagte Viola, ihren Lieb⸗ haber anblickend, als er ihr näher rückte, und ihre Hand mit der ſeinigen faßte.„Aber was ſollt ich Dir dagegen geben?“ „Liebe— Liebe— nur Liebe!“ „Die Liebe einer Schweſter?“ „Ach! ſprich nicht mit ſo grauſamer Kälte!“ 94 „Das iſt Alles, was ich für Dich habe. Hört mich an, Signor; wenn ich in Euer Geſicht ſehe, wenn ich Eure Stimme höre, ſo überſchleicht mich eine gewiſſe heitere und friedliche Ruhe, und lullt Gedanken ein— o! ſo fieberiſche, ſo wilde! Wenn Du fort biſt, ſo ſcheint mir der Tag um eine leiſe Schattirung dunkler; aber bald flieht der Schatten. Ich vermiſſe Dich nicht; ich denke nicht an Dich; nein, ich liebe Dich nicht, und ich will mich nur hingeben, wo ich liebe.“ „Aber ich wollte Dich lehren, mich zu lieben, ſey unbeſorgt. Ja, ſolche Liebe, wie Du fſie beſchreibſt, iſt in unſern kälteren Climaten die Liebe der Unſchuld und Ingend!“ „Der Unſchuld?“ ſagte Viola.„Iſt es ſo? Viel⸗ leicht“— ſie hielt inne und fuhr dann mit einer gewalt⸗ ſamen Anſtrengung fort:„Fremdling! und Du wollteſt der Waiſe dich vermählen! Ha, Du wenigſtens biſt groß⸗ müthig! Nicht die Unſchuld willſt Du verderben!“ Glyndon trat zurück und ſein Gewiſſen ſchlug ihn. „Nein, es kann nicht ſeyn!“ ſagte ſie aufſtehend, aber nichts ahnend von den Empfindungen der Schaam und des Verdachtes, welche durch die Seele ihres Anbeters zogen.„Verlaßt mich und vergeßt mich. Ihr verſteht nicht, konnt nicht begreifen die Natur Derjenigen, die Ihr zu lieben glaubt. Von meiner Kindheit an war es mir beſtändig, als wäre ich beſtimmt für ein ſeltſames, unna⸗ türliches Schickſal; als wäre ich aus- und abgeſondert von meiner Gattung. Dieſes Gefühl,(und oh! zu Zeiten nke ill iſt nd 95 iſt es begleitet von wahnfinnigem, ſchwindelndem Ent⸗ zucken, zu andern vom ſchwärzeſten Trübſinn,) wird mit jedem Tage tiefer in mir. Es iſt wie der Schatten des Zwielichts, langſam und feierlich ringsumher ſich aus⸗ breitend. Meine Stunde naht; eine kleine Weile noch, und es wird Nacht ſeyn!“ Wie ſie ſo ſprach, hörte ihr Glyndon mit ſichtlicher Bewegung und Aufregung zu.„Viola!“ rief er, als ſie aufhörte,„Eure Worte ketten mich mehr als je an Euch. Wie Euch zu Muthe iſt, ſo auch mir. Auch ich bin immer verfolgt worden von einer ſchauernden, überirdi⸗ ſchen Ahnung. Im drängenden Schwarme der Menſchen habe ich mich allein gefühlt. Bei allen meinen Vergnü⸗ gungen, meinen Arbeiten, meinen Beſtrebungen, hat mir eine warnende Stimme ins Ohr geflüſtert:„die Zeit hat ein dunkles Geheimniß Deinen Mannesjahren vorbehal⸗ ten! Wie Ihr ſprachet, da war es wie die Stimme mei⸗ ner eigenen Seele!“ Viola ſah ihn mit Verwunderung und Furcht an. Ihr Geſicht war weiß wie Marmor, und dieſe Züge, ſo göttlich in ihrem ſeltnen, reinen Ebenmaß, hätten dem Griechen zum Studium für die weiſſagende Pythia dienen können, wie fie in der myſtiſchen Höhle über der ſchäu⸗ menden Quelle zuerſt die Stimme des begeiſternden Got⸗ tes vernimmt. Allmälig ließ die Starrheit und Span⸗ nung dieſes wundervollen Antlitzes nach, die Farbe kehrte wieder, der Puls ſchlug, das Herz belebte den Körper. „Sagt mir,“ begann ſie, ſich halb auf die Seite 96 wendend,„ſagt mir— habt Ihr geſehen— kennt Ihr — einen Fremden in dieſer Stadt? Einen, von welchem wunderbare Geſchichten im Umlauf ſind?“ „Ihr ſprecht von Zanoni? Ich habe ihn geſehen— ich kenne ihn— und Ihr? Ach! auch er möchte mein Rival ſeyn! auch er möchte Dich mir entreißen!“ „Ihr irrt Euch,“ ſagte Viola haſtig und mit einem tiefen Seufzer;„er ſpricht Euch das Wort; er ſetzte mich von Eurer Liebe in Kenntniß; er drang in mich, ſie nicht— ſie nicht zu verwerfen!“ „Sonderbares Weſen! unbegreifliches Räthſel! war⸗ um nanntet Ihr ihn?“ „Warum? ach! ich wollte fragen ob, als Ihr ihn zuerſt ſahet, die Ahnung, der Inſtinkt, wovon Ihr ge⸗ ſprochen, furchtbarer, verſtändlicher als zuvor über Euch gekommen— ob Ihr Euch zugleich von ihm abgeſtoßen und doch auch zu ihm hingezogen gefühlt— ob Ihr em⸗ pfunden habt(hier ſprach die Schauſpielerin mit haſtiger Lebhaftigkeit), daß mit ihm das Geheimniß Eures Le⸗ bens verflochten ſey?“ „Alles das habe ich gefühlt,“ antwortete Glyndon mit zitternder Stimme,„als ich das erſte Mal in ſeiner Nähe war. Obgleich Alles um mich herum heiter war— Muſik unter lampenerhellten Bäumen, fröhliches Geſpräch um mich her, und ein wolkenloſer Himmel über mir— ſchlugen doch meine Kniee zuſammen, mein Haar ſträubte ſich, und mein Blut erſtarrte wie Eis. Seither hat er mit Dir in meine Gedanken ſich getheilt.“ „Nicht weiter, nicht weiter!“ ſagte Viola in faſt er⸗ ſticktem Tone;„darin muß die Hand des Schickſals ſeyn. Ich kann jetzt nicht mehr mit Euch ſprechen. Lebt wohl!“ Sie ſprang hinter ihm weg in das Haus und ſchloß die Thöre. Glyndon folgte ihr nicht, und empfand auch, ſo ſeltſam es lauten mag, keine Neigung dazu. Der Ge⸗ danke und die Erinnerung an jene Mondſcheinſtunde in den Gärten, an die ſeltſame Rede Zanoni's, machte alle menſchliche Leidenſchaft erſtarren. Viola ſelbſt, wenn er ſie auch nicht vergaß, trat wie ein Schatten in die Tiefen ſeiner Bruſt zurück. Er ſchauderte, wie er in das Son⸗ nenlicht hinaustrat, und lenkte tiefſinnend ſeine Schritte in die bevölkerteren Theile dieſer lebhafteſten unter allen italieniſchen Städten. Bulwer's Romane. XCVI. Prittes Buch. enße. Cavalier sen vanno Dove il pino fatal gli attende in porio. Geres. Lib. C. XV. Argom⸗ Erſtes Kapitel. Was aber die Brüderſchaft ganz beſonders aus⸗ zeichnet, iſt ihre wunderbare Kenntniß aller Mittel und Quellen der Heilkunſt. Sie wirken nicht durch Zauberkräfte, ſondern durch einfache Naturmittel. Handſchriftlicher Bericht von dem Ur⸗ ſprung und den Eigenſchaften der äch⸗ ten Roſenkreuzer von J. von D-—. Um dieſe Zeit traf es ſich, daß Viola Gelegenheit bekam, die Güte zu erwiedern, welche ihr der freundliche Muſiker erwieſen, deſſen Haus ſie zuerſt aufgenommen und ihr ein Obdach gewährt hatte, als ſie, eine Waiſe, einſam in der Welt daſtand. Der alte Bernardi hatte drei Söhne zu ſeinem eigenen Berufe herangezogen, und ſie hatten vor Kurzem Neapel verlaſſen, um ihr Glück in den reicheren Städten des nördlichen Europa's zu ſuchen, wo der muſikaliſche Markt weniger überführt war. Um ſein und ſeines betagten Weibes häusliches Leben zu erheitern, blieb nur noch ein lebhaftes, redſeliges, dunkeläugiges Mädchen von etwa acht Jahren zurück, das Kind ſeines zweiten Sohnes, deſſen Mutter über ſeiner Geburt ge⸗ 102 ſtorben war. Es hatte ſich getroffen, daß etwa einen Monat vor dem Zeitpunkt, bei welchem unſere Geſchichte jetzt angekommen, ein Anfall von Lähmung oder Gicht Bernardi zu Erfüllung ſeines Berufs unfähig gemacht hatte. Er war immer ein geſelliger, harmloſer, unbeküm⸗ merter, großmüthiger, luſtiger Mann geweſen, der Tag für Tag ſeinen Verdienſt verzehrt hatte, als ob die Tage der Krankheit und des Alters nie kommen würden. Ob⸗ gleich er eine kleine Penſion für ſeine früheren Dienſte erhielt, ſo reichte dieſe doch nicht für ſeine Bedürfniſſe, auch war er nicht frei von Schulden. Armuth ſtand an ſei⸗ nem Herde,— als Viola's dankbares Lächeln und frei⸗ gebige Hand kam, die grimmige Feindin zu verſcheuchen. Aber einem wahrhaft wohlwollenden Herzen genügt es nicht, zu ſchicken und zu geben; noch liebevoller iſt es, zu beſuchen und zu tröſten.„Vergiß deines Vaters Freund nicht!“ So ging beinahe täglich das glänzende Idol Neapels in Bernardi's Haus. Plötzlich traf ein noch ſchwe⸗ rerer Schlag als ſelbſt Armuth und Lähmung den alten Muſiker. Seine Enkelin, ſeine kleine Beatrice, wurde krank, plötzlich und gefährlich krank, an einem jener ſchnel⸗ len, im Süden ſo häufigen Fieber; und Viola ward von ihren ſonderbaren und ängſtlichen Träumereien von Liebe und ihren Phantaſieſchlöſſern weg an das Krankenbette des leidenden Kindes gerufen. Das Kind liebte Viola außerordentlich, und die alten Leute meinten, ſchon ihre Gegenwart würde ihm Geneſung bringen; aber als Viola ankam, war Beatrice ——„—— W M M 103 bewußtlos. Zum Glück war an dieſem Abend keine Vor⸗ ſtellung in San Carlo, und ſie beſchloß, die Nacht über zu bleiben, und deren ängſtliche Sorge und die gefähr⸗ liche Nachtwache zu theilen. Aber während der Nacht wurde das Kind ſchlimmer, der Arzt(die Zunft des Aeskulap war in Neapel nie ſehr geſchickt!) ſchüttelte ſeinen gepuderten Kopf, hielt ſich ſeine Aromata unter die Naſenlöcher, verordnete ſeine Palliative, und ging. Der alte Bernardi ſetzte ſich in finſterem Schweigen neben das Bett; das war das letzte Band, das ihn ans Leben knüpfte! Wohl! laßt den Anker brechen und das viel gepeitſchte Schiff untergehen! Es war eine eiſerne Entſchloſſenheit, ſchrecklicher als Kummer. Ein alter Mann, mit einem Fuß im Grabe, wachend am Bette eines ſterbenden Kindes, iſt eines der ergreifendſten Schauſpiele menſchlichen Jammers. Das Weib war thätiger, geſchäftiger, hoffnungs⸗ und thrä⸗ nenreicher. Viola nahm ſich aller Drei an. Aber gegen Tagesanbruch wurde Beatricens Zuſtand ſo auffallend be⸗ unruhigend, daß Viola ſelbſt anfing die Hoffnung zu ver⸗ lieren. Um dieſe Zeit ſah ſie die alte Frau plötzlich auf⸗ ſtehen vor dem Bild des Heiligen, vor welchem ſie gekniet hatte, ſich in ihren Mantel und Kapuze hüllen, und ſtill das Zimmer verlaſſen. Viola ſchlich ihr nach. „Es iſt kalt für Dich, gute Mutter, der Luft Dich auszuſetzen. Laß mich den Arzt holen.“ „Kind, ich will nicht zum Arzt. Ich habe von Einem in der Stadt gehört, der ſo gütig gegen die Armen ge⸗ 104 weſen, und der, ſo ſagen ſie, Kranke geheilt hat, wenn die Aerzte Nichts vermochten. Ich will zu ihm und ihm ſagen: Signor, wir ſind Bettler in Allem ſonſt, aber geſtern noch waren wir reich durch Liebe. Wir ſtehen am Ende unſeres Lebens, aber wir lebten in der Kindheit unſeres Enkels. Gebt uns unſern Reichthum— gebt uns unſere Jugend zurück. Laßt uns ſterben mit der Lobprei⸗ ſung Gottes dafür, daß das Weſen, welches wir lieben, uns überlebt.“ Sie war fort. Warum ſchlug dein Herz ſo, Viola? des Kindes gellende Schmerzenstöne riefen ſie an das Bett zurück; und da ſaß noch der alte Mann, Nichts wiſſend von ſeines Weibes Vorhaben, ſich nicht rührend, mit Augen, die von Thränen verdunkelt wurden, wäh⸗ rend ſie die ſchmerzlichen Zuckungen des zarten Körpers beobachteten. Allmälig erſtarb das Schmerzenswimmern in ein leiſes Stöhnen— die Zuckungen wurden ſchwächer, aber häufiger— die Glut des Fiebers ging über in die blaue, blaſſe Färbung, welche am Ende das blutloſe Mar⸗ morantlitz bedeckt. Das Tageslicht drang heller und ſtärker durch die Fenſter— man hörte Schritte auf der Treppe— die alte Frau trat haſtig ein; ſie eilte auf das Bett zu, warf einen Blick auf die Kranke:„Sie lebt noch, Signor,— ſie lebt!“ Viola erhob ihre Blicke— des Kindes Haupt lag an ihrer Bruſt— und ſie ſah Zanoni. Er lächelte ihr mit liebevollem, ſanftem Beifall zu, und nahm das Kind — 105 aus ihren Armen. Aber ſelbſt jetzt noch, als ſie ihn ſchweigend ſich über das bleiche Antlitz beugen ſah, miſchte fich abergläubiſche Furcht in ihre Hoffnungen.„Mochte es wohl erlaubte— heilige Kunſt ſeyn, die“ ihr Selbſt⸗ geſpräch brach plötzlich ab; denn ſein dunkles Auge wandte ſich auf ſie, als läſe er in ihrer Seele, und ſeine Miene verklagte ihr Gewiſſen wegen ihres Argwohns, denn ſie ſprach Vorwurf aus, nicht ohne eine Beimiſchung von Verachtung. „Seyd getroſt!“ ſagte er, ſich mild zu dem alten Manne wendend,„die Gefahr iſt nicht über den Bereich menſchlicher Geſchicklichkeit hinaus;“ und ein kleines Cry⸗ ſtallgefäß aus dem Buſen ziehend, miſchte er einige Tro⸗ pfen daraus mit Waſſer. Kaum befeuchtete dieſe Arznei die Lippen des Kindes, ſo ſchien ſie auch ſchon eine er⸗ ſtaunliche Wirkung hervorzubringen. Die Farbe belebte raſch wieder Mund und Wangen; nach wenigen Augen⸗ blicken ſchlief die Kranke ruhig, mit den regelmäßigen Athemzügen ſchmerzloſen Schlummers. Und dann ſtand der alte Mann auf— ſtarr, wie etwa ein Leichnam auf⸗ ſtehen würde— ſah auf ſie nieder— horchte, und dann leiſe fortkriechend ſchlich er in die Ecke des Zimmers, und weinte und dankte dem Himmel! Nun war der alte Bernardi bisher von ſchwachem und kaltem Glauben geweſen; Kummer hatte ihn nie zu⸗ vor über die Erde erhoben. So alt er war, hatte er doch nie, wie die Alten ſollten, an den Tod gedacht— das bedrohte Leben des Kindes hatte die ſorgloſe Seele des 106 Alten geweckt. Zanoni flüſterte der Frau Etwas ins Ohr und ſie zog den Alten in aller Stille aus dem Gemache. „Fürchteſt Du dich, mich eine Stunde bei Deinem Pflegling allein zu laſſen, Vivla? glaubſt Du noch immer, dieß Wiſſen rühre vom böſen Feind her?“ „Ach,“ ſagte Vivla, gedehmüthigt und doch freudig⸗ „vergebt mir, vergebt mir, Signor. Ihr heißet die Jun⸗ gen leben und die Alten beten. Meine Gedanken ſollen Euch nie mehr zu nahe treten!“ Ehe die Sonne aufging, war Beatrice außer Ge⸗ fahr; um Mittag entfloh Zanoni den Segnungen des be⸗ tagten Paares, und als er die Thüre des Hauſes ſchloß, fand er Viola, die ſeiner außen wartete. Sie ſtand ſchüchtern vor ihm, die Hände demüthig über der Bruſt gekreuzt, die niedergeſchlagenen Augen in Thränen ſchwimmend. „Laßt mich nicht die einzig Unglückliche bleiben!“ „Und welche Heilung können die Kräuter und ſchmerz⸗ ſtillende Mittel an dir bewirken? Wenn Du ſo leicht Schlimmes von Denen glauben kannſt, die Dir geholfen haben, und Dir noch gerne dienen möchten, ſo liegt Deine Krankheit im Herzen, und— nein, weine nicht! Pflegerin der Kranken und Tröſterin der Traurigen, ich ſollte Dich vielmehr loben als ſchelten. Dir vergeben! Dem Leben, das immer der Vergebung bedarf, iſt es erſte Pflicht, zu vergeben.“ „Nein, vergebt mir noch nicht! Ich verdiene keine Verzeihung; denn jetzt ſelbſt, während ich fühle, wie —„—„ 8 m r, 107 undankbar es von mir war, in argem Verdacht meinem Retter Unrecht und Lügen zuzutrauen fließen meine Thrä⸗ nen aus Wonne, nicht aus Reue. Oh!“ fuhr ſie fort, mit einer aufrichtigen Glut, in ihrer Unſchuld und edeln Rüh⸗ rung ſich ſelbſt nicht bewußt, welche Geheimniſſe alle ſie verrieth—„Du weißt nicht, wie bitter es für mich war, Dich nicht für beſſer, reiner, heiliger zu halten als die ganze Welt. Und als ich Dich ſah— den Reichen⸗ den Edeln, den von Allen Aufgeſuchten, aus Deinem Palaſt kommen ſah, um den Kranken der Hütte beizuſtehen— als ich die Segnungen der Armen Deinen ſcheidenden Schritten nachziehen hörte, da fühlte ich mein eigenes Selbſt erhöht— gut in Deiner Güte— edel wenigſtens in den Gedanken, welche Dir nicht Unrecht thaten.“ „Und meinſt Du, Viola, in einer bloßen Handlung der Wiſſenſchaft ſey ſo viel Tugend? der gemeinſte Arzt beſorgt den Kranken für ſeine Bezahlung. Sind Gebet und Segen ein geringerer Lohn als Gold? „Und die meinigen alſo ſind nicht werthlos? Du willſt ſie von mir annehmen?“ „Ach, Viola!“ rief Zanoni mit einer plötzlichen Leidenſchaft, welche ihr Antlitz mit Röthe übergoß,„nur Du allein, dünkt mich, haſt von allen Menſchen auf der Welt die Macht, mich zu kränken oder zu erfreuen.“ Er hielt an ſich und ſein Geſicht wurde ernſt und traurig. „und das,“ fuhr er mit verändertem Tone fort,„weil mich dünkt, wenn Du meine Räthe beachten wollteſt, ich 108 könnte ein argloſes Herz zu einem glücklichen Schickſal führen!“ „Deine Räthe! ich will ſie alle befolgen. Mache aus mir, was Du willſt. In deiner Abweſenheit bin ich wie ein Kind, das ſich vor jedem Schatten im Dunkeln fürch⸗ tet; in Deiner Nähe dehnt ſich meine Seele aus, und die ganze Welt ſcheint mir im Frieden eines himmliſchen Mit⸗ tags zu ruhen. Verſage mir dieſe Gegenwart nicht. Ich bin vaterlos, und unwiſſend, und allein.“ Zanoni wandte ſein Angeſicht weg und verſetzte nach einem augenblicklichen Schweigen ruhig: „Sey es ſo. Schweſter, ich will Dich wieder beſuchen!“ ——————— Zweites Kapitel. Oh, se sempre tranquille Fosser le luci vaghe! Onde i fioretti e Perbe Fi ſan vaghe e superhe; E par la terra di diamanti aspersa. Tass. Canz. XV. Werwar jetzt ſo glücklich wie Viola! Eine dunkle Laſt war ihr vom Herzen genommen, ihr Fuß ſchien auf der Luft zu ſchweben; ſie hätte vor Wonne ſingen mögen, wie ſie heim ging. Es iſt eine ſolche Seligkeit für die Rei⸗ nen, zu lieben,— aber oh! noch mehr als Seligkeit, an den Werth des Geliebten zu glauben! Es mochten zwiſchen — — —„ e— al ie ⸗ ie * 5 109 ihnen menſchliche Hinderniſſe beſtehen— Reichthum, Rang, die kleinliche Menſchenwelt! Aber es beſtand nicht mehr jene dunkle Kluft, vor deren Anblick die Einbil⸗ dungskraft zurückbebt, und welche auf immer Seele von Seele trennt. Er erwiederte ihre Liebe nicht. Sie lieben! Aber verlangte ſie denn Liebe? Liebte ſie ſelbſt? Nein; ſonſt wäre ſie nimmermehr ſo demüthig und ſo kühn zu⸗ gleich geweſen. Wie luſtig flüſterte ihr das Meer ins Ohr; in wie ſtrahlendem Lichte ſtellte ſich ihr der ge⸗ wöhnlichſte Vorübergehende dar! Sie erreichte ihr Haus — ſie ſchaute nach dem Baum, der mit phantaſtiſchen Zweigen in der Sonne glänzte.„Ja, mein Bruder!“ ſagte ſie, in ihrer Freude lachend,„wie Du habe ich nach dem Lichte gerungen!“ Sie hatte bisher noch nie, ſo wie die unterrichte⸗ teren Töchter des Nordens, ſich an jene köſtliche Art der Beichte gewöhnt, an die Ausſtrömung der Gedanken durch Schreiben. Jetzt fühlte plötzlich ihr Herz den Drang da⸗ zu; ein neugeborner Inſtinkt, der es zur Zwieſprache mit ſich ſelbſt trieb, um ſein Gewebe goldner Phantaſien aufzulöſen, gab ihr den Wunſch ein, ihr innerſtes Selbſt wie in einem Spiegel zu beſchauen. Es entſprang der Umarmung von Liebe und Seele— Eros und Pſyche— ihr ſchöner Sprößling, der Genius! Sie erröthete, ſie ſeufzte, ſie zitterte, als ſie ſchrieb. Und von der friſchen Welt— weg, die ſie ſich erbaut, wurde ſie geweckt, um ſich für die ſchimmernde Bühne vorzubereiten. Wie lang⸗ weilig wurde ihr die Muſik, wie dämmernd die Scene, 110 ihr ſonſt ſo lieblich und ſo glänzend! O Bühne, du biſt das Feenland für die Träume der Weltlichgeſinnten. O Phantaſie, deren Muſik nicht vernommen wird von Men⸗ ſchen, deren Seenen ſich nicht verändern unter ſterblichen Händen: was die Bühne der Welt der Gegenwart, biſt du für die Vergangenheit und für die Zukunft! ——————— Drittes Kapitel. Ate, le luci mie Volgo, o Slella, che serri ed apri'1 die! Tass. Cans. XV. Am folgenden Tage beſuchte Zanoni um Mittag Vio⸗ la; und den nächſten, und den darauf folgenden und im⸗ mer wieder;— Tage, die ihr wie eine ganz boſondere Zeit erſchienen, abgetrennt vom ganzen übrigen Leben. Und doch ſprach er nie zu ihr in der Sprache der Schmei⸗ chelei und beinahe der Anbetung, an welche ſie gewöhnt worden war. Vielleicht trug ſeine Kälte ſelbſt, die dabei doch ſanft und freundlich war, bei zu dieſem geheimniß⸗ vollen Zauber. Er ſprach ihr viel von ihrem vergangenen Leben, und ſie war kaum überraſcht(an Schrecken dachte ſie jetzt gar nie mehr), als ſie bemerkte, wie viel von dieſer Vergangenheit ihm ſchon bekannt ſchien. Er veranlaßte ſie, ihm von ihrem Vater zu ſprechen, ihm einige Melodien von Piſani's wilder Muſik zu ſingen. 111 biſt Und dieſe Melodien ſchienen ihn zu entzücken und in Träu⸗ O nerei einzulullen. en⸗„Was ihm die Muſik,“ ſagte er,„das kann die Wiſ⸗ en ſenſchaft dem Weiſen werden. Euer Vater ſah ſich um iſt in der Welt. Alles war Mißklang zu den ſchönen Sym⸗ pathien, die er fühlte, zu den Harmonien, welche bei Tag und Nacht zu dem Throne des Himmels emporſchweben. Das Leben, mit ſeinem gerauſchvollen Ehrgeiz und ſeinen gemeinen Leidenſchaften, iſt ſo arm und niedrig! Aus ſeiner Seele ſchuf er das Leben und die Welt, für welche ſeine Seele paßte. Viola! Du biſt die Tochter dieſes gebens und wirſt die Bürgerin dieſer Welt ſeyn!“ Bei ſeinen erſten Beſuchen ſprach er nicht von Glyn⸗ von. Bald kam der Tag, wo er wieder auf den Gegen⸗ o⸗ ſtand zurückkam. Und ſo groß, ſo vertrauensvoll, ſo ge⸗ m⸗ horſam und ſo völlig war jetzt die Hingebung, mit wel⸗ ere cher Viola ſeiner Herrſchaft ſich unterwarf, daß, ſo un⸗ n. willkommen ihr der Gegenſtand war, ſie doch ihr Herz ei⸗ bemeiſterte und ihm ſchweigend zuhörte. nt Endlich ſagte er:„Du haſt verſprochen, meinem ei Rathe zu folgen, und wenn, Viola, ich Dich nun bäte, ja, ß⸗ Dich beſchwüre, dieſes Fremden Hand anzunehmen und en ſein Schickſal zu theilen, falls er Dir dieß Loos anböͤte te— würdeſt Du es abſchlagen?“ on Und jetzt drängte ſie die Thränen zurück, die ihr ins Auge traten— und mit einer wunderbaren Freude mit⸗ n, ten im Schmerz— der Freude eines Herzens, das ſich ſelbſt demjenigen opfert, welcher über es gebietet, ant⸗ 112 wortete ſie ſtammelnd:„Wenn du es gebieten kannſt— ha—2 „Sprich weiter!“ „So verfüge über mich wie Du willſt!“ Zanoni ſtand einige Augenblicke ſchweigend da; er ſah den Kampf, den das Mädchen ſo gut zu verbergen wähnte; er machte unwillkührlich eine Bewegung auf ſie zu und drückte ihre Hand an ſeine Lippen; es war das erſte Mal, daß er auch nur ſo weit die Grenzen einer gewiſſen Strenge überſchritt, vermöge welcher ſie viel⸗ leicht ihn und ihre eigenen Gedanken weniger fürchtete. „Viola!“ ſagte er, und ſeine Stimme zitterte,„die Gefahr, die ich nicht mehr abwenden kann, wenn Du noch länger in Neapel verweilſt, rückt dir mit jeder Stunde näher! Am dritten Tage von heute an muß dein Schick⸗ ſal entſchieden ſeyn. Ich nehme dein Verſprechen an. Vor der letzten Stunde jenes Tages werde ich dich, komme was da wolle, wieder ſehen, hier, in deinem eigenen Hauſe. Bis dahin lebe wohl!“ Viertes Kapitel. Das Leben— zwiſchen zweien Welten ſchwankt's, Wie zwiſchen Nacht und Morgen ſchwankt ein Stern. Byron. Als Glyndon Viola verließ, wie im Schlußkapitel der zweiten Abtheilung dieſes Buches erzählt worden, w — er gen ſie das ner iel⸗ die och nde ick⸗ an. me en rn. tel en, war er wieder ganz verſunken in jene myſtiſchen Wünſche und Vermuthungen, welche die ihn umſchwebende Erinne⸗ rung an Zanoni immer in ihm erweckte. Und wie er durch die Straßen wanderte, war er ſich ſelbſt kaum bewußt, wohin er ging, bis er ſich, in Kraft mechaniſcher Gewohn⸗ heit, mitten in einer jener edeln Gemäldeſammlungen be⸗ fand, die den Stolz jener italieniſchen Städte ausmachen, deren Ruhm auf der Vergangenheit beruht. Dahin war er gewohnt ſich beinahe täglich zu begeben, denn die Gal⸗ lerie enthielt einige der ſchönſten Werke eines Meiſters, welcher ganz beſonders Gegenſtand ſeines Studiums und ſeiner Bewunderung Har. Hier hatte er oft in tiefer und ernſter Ehrfurcht vor den Werken Salvators verweilt. Das auffallend Charakteriſtiſche an dieſem Künſiler iſt die Lebendigkeit des Willens; entbehrend der hö⸗ hern Idee der abſtrakten Schönheit, welche dem Genius von noch erlauchterem Range ſein Vorbild und ſeinen Archetypus an die Hand gibt, haut dieſer Mann mit ſei⸗ ner eigenthümlichen Energie ſich eine ganz eigene Würde uus dem Felsblock. Seine Bilder haben die Majeſtät nicht des Gottes, ſondern des Wilden; gänzlich frei, wie die erhabeneren Schulen, von der Alltäglichkeit der Nach⸗ ahmung— entfernt, mit ihnen, von der konventionellen Kleinheit des Wirklichen— ergreift er mächtig die Ein⸗ bildungskraft, und zwingt ſie, ihm zu folgen, nicht zum Himmel, ſondern durch Alles, was nur recht wild und phantaſtiſch iſt auf Erden;— eine Zauberei, nicht des ſternbeſäten Magiers, ſondern des düſtern Herenmeiſters Bulwer's Romane. XCVI. 8 114 — ein Mann des Romans, deſſen Herz kräftig ſchlug, der die Kunſt mit eiſerner Hand packte, und ſie zwang, die Scenen ſeines wirklichen Lebens zu idealiſiren. Vor die⸗ ſem mächtigen Willen trat Glyndon bewundernder und ehrfurchtsvoller zurück, als vor der ruhigen Schönheit, welche aus der Seele Raphaels, wie Venus aus der Mee⸗ restiefe, emporſtieg. Und jetzt, wie aus ſeiner Träumerei erwachend, ſtand er gegenüber dieſem wilden und prächti⸗ gen Trübſinn der Natur, der ihn von der Leinwand finſter anſchaute, und wo die Blätter ſelbſt auf den gnomenar⸗ tigen, verkrümmten Bäumen ihm ſibylliniſche Geheimniſſe ins Ohrzu raſcheln ſchienen. Dieſe rauhen, düſtern Apen⸗ ninen, der Waſſerfall, der dazwiſchen herunterſtürzte, ſag⸗ ten der Stimmung und dem Ton ſeiner Seele mehr zu, als dieſe Scenen ſelbſt in der Wirklichkeit gethan haben würden. Die finſtern, unholden Geſtalten auf den Felſen unten ruhend, zu Zwergen einſchrumpfend vor der rie⸗ ſenhaften Maſſe der um ſie her herrſchenden Materie⸗ machten ihm einen tiefen Eindruck von der Macht der Natur und von der Kleinheit des Menſchen. Während bei dem Genius von geiſtigerer Art, der lebendige Menſch und die in ihm lebende Seele gefliſſentlich in den Bildern am meiſten hervortreten, und die Scenerie, mehr als Bei⸗ werk behandelt, beſcheiden zurücktritt, gleichſam um anzu⸗ deuten, daß der aus dem Paradieſe Vertriebene doch noch der König der äußern Welt iſt: ſo wird in den Land⸗ ſchaften Salvators der Baum, der Berg, der Waſſerfall zur Hauptſache, und der Menſch ſchrumpft zum Beiwerk ei V 3 M ein. Die Materie ſcheint allgewaltig zu herrſchen, und ihr eigentlicher Herr unter ihrem furchtbaren Schatten ſich zu verkriechen. Die Materie verleiht der menſchlichen Geſtalt Intereſſe, nicht die Geſtalt der Materie. Eine furchtbare Philoſophie in der Kunſt! Während Etwas von dieſen Gedanken durch die Seele des Malers zog, fühlte er eine Berührung ſeines Armes und ſah Nicot neben ſich. „Ein großer Meiſter,“ ſagte Nicot,„aber ich liebe die Schule nicht.“ „Ich liebe ſie auch nicht, aber ſie flößt mir ſchaudernde Ehrfurcht ein. Wir lieben das Schöne und Heitere, aber wir haben ein nicht minder tiefes Gefühl für das Schreck⸗ liche und Finſtere.“ „Wahr,“ ſagte Nicot nachdenklich.„Und doch iſt dieß Gefühl nur ein Aberglaube. Die Ammenſtube, mit ihren Geiſter⸗ und Geſpenſtergeſchichten, iſt die Wiege von vielen unſerer Eindrücke und Empfindungen in der Welt. Aber die Kunſt ſollte nicht bei unſerer Unwiſſenheit die Rolle der Kupplerin ſpielen; die Kunſt ſollte nur Wahrheiten darſtellen. Ich geſtehe, daß Raphael ſelbſt mir weniger gefällt, weil ſeine Gegenſtände mich nicht anſprechen. Seine Heiligen und Jungfrauen ſind mir nur Männer und Weiber.“ „Und aus welcher Quelle ſollte denn die Malerei ihre Vorwürfe entlehnen?“ „Von der Geſchichte, ohne Frage!“ verſetzte Nicot 8* 146 keck abſprechend,—„von jenen großen Thaten der Römer, welche den Menſchen die Gefühle der Freiheit und Tapfer⸗ keit, die Tugenden einer Republik einflößen. Ich wünſchte, die Cartons von Raphael hätten die Geſchichte der Ho⸗ ratier veranſchaulicht; aber es bleibt Frankreich und ſeiner Republik vorbehalten, der Nachwelt die neue und wahre Schule zu geben, welche in einem Lande der Prieſterſchlan⸗ heit und des Betrugs nimmermehr erſtehen konnte.“ „Und Raphaels Heilige und Jungfrauen ſind Euch nur Männer und Weiber?“ wiederholte Glyndon, ganz verdutzt auf Nicots aufrichtiges Geſtändniß zurückkom⸗ mend, und kaum die Folgerungen hörend, die der Fran⸗ zoſe aus ſeinen Vorderſätzen ableitete. „Gewiß. Ha, ha!“ und Nicot erhob ein häßliches Gelächter;„verlangt Ihr von mir, ich ſolle an den Kalen⸗ der glauben, oder was?“ „Aber das Ideale?“ „Das Ideale!“ unterbrach ihn Nicot.„Dummes Zeug! Die italieniſchen Kunſtrichter und Eure engliſchen Reynolds haben Euch den Kopf verdreht. Sie ſind ſo ver⸗ liebt in ihren„gusto grande“ und ihre„ideale Schön⸗ heit, die zur Seele ſpricht!“— Seele!— gibt es eine Seele? Ich verſtehe einen Menſchen, wenn er davon ſpricht, zu komponiren für einen verfeinerten Geſchmack — für eine gebildete, intelligente Vernunft— für einen Sinn, der Wahrheiten begreift. Aber mit der Seele— vah! wir ſind eben Modifikationen der Materie, und Ma⸗ lerei iſt auch Modifikation der Materie!“ 117 Glyndon wandte ſeine Blicke von dem Gemälde vor ihm auf Nicot, und von Nicot auf das Gemälde. Der Theoretiker gab den Gedanken, welche der Anblick des Bil⸗ des in ihm erweckt hatte, Stimme und Ausdruck. Er ſchüttelte den Kopf, ohne zu antworten. „Sagt mir,“ begann Nicot auf einmal,„der Be⸗ trüger— der Zanoni? oh! ich habe jetzt ſeinen Namen und ſeine Quackſalbereien erfahren, gewiß— was ſagte er Dir von mir?“ „Von Dir? Nichts; aber er warnte mich vor Dei⸗ nen Lehren.“ „Ah! war das Alles?“ ſagte Nicot.„Er iſt ein mertwürdiger Lügner, und da ich, ſeit wir uns zuletzt tra⸗ fen, ſeine Täuſchungen aufgedeckt habe, dachte ich, er fönnte ſich durch verläumderiſche Erzählungen an mir rä⸗ chen wollen.“ „Seine Täuſchungen aufgedeckt!— wie?“ „Eine lange und langweilige Geſchichte; er wollte einem alten, kindiſchen Freund von mir ſeine Geheimniſſe von Verlängerung des Lebens und philoſophiſcher Alchy⸗ mie mittheilen. Ich rathe Dir, einer ſo wenig Ehre brin⸗ genden Bekanntſchaft zu entſagen.“ Damit nickte Nicot — W— M W — bedeutſam und ging, da er nicht weiter Rede zu ſtehen Luſt hatte, ſeines Wegs. Glyndons Geiſt hatte ſich in jenem Augenblick ganz auf ſeine Kunſt gewendet, und die Bemerkungen und die Gegenwart Nicot's waren ihm eine unwillkommene Stö⸗ rung geweſen. Er wandte ſich ab von der Landſchaft Sal⸗ 118 vators, und wie jetzt ſein Auge auf eine„Geburt“ von Corregio ſiel, da ging ihm der Contraſt zwiſchen den bei⸗ den Gattungen von Genius wie eine neue Entdeckung auf. Dieſe köſtliche Ruhe— dieſer vollkommene Schönheits⸗ ſinn— dieſe Kraft ohne Anſtrengung— dieſer ſittliche Hauch hoher Kunſt, die durchs Auge zum Geiſt ſpricht, und durch inniges Gefühl, Zärtlichkeit und Liebe die Gedanken in die Regionen der Bewunderung und Ehr⸗ furcht emporhebt,— ja! das mußte die wahre Schule ſeyn! Er verließ die Gallerie mit widerſtrebenden Schrit⸗ ten und begeiſternden Ideen; er eilte nach Hauſe. Zufrie⸗ den, den nüchternen Mervale hier nicht zu finden ſtützte er ſein Geſicht in ſeine Hände, und ſuchte ſich die Worte Zanvni's bei ihrer letzten Unterredung zurückzurufen. Ja, er fühlte, daß ſelbſt Nicots Reden über die Kunſt Ver⸗ brechen waren; ſie würdigten die Phantaſie ſelbſt zum Mechanismus herab. Konnte er, der in der Seele Richts ſah, als eine Verbindung von Materie, von Schulen ſchwatzen, die einen Raphael übertreffen ſollten? Ja, Kunſt mußte Magie ſeyn; und indem er die Wahrheit dieſes Satzes anerkannte, begriff er auch, daß bei der Magie Religion ſeyn kann, denn Religion iſt der Kunſt weſentlich. Sein alter Ehrgeiz, ſich befreiend von der falten Klugheit, womit Mervale alle minder ſubſtantiellen Bilder, als das goldene Kalb der Welt, zu entheiligen ſtrebte, belebte ſich wieder, regte, entſlammte ſich. Die tief⸗ eindringende Entdeckung des, von ihm jetzt dafür erkann⸗ ten Irrthums in der Schule, welcher er bisher gefolgt i⸗ ſ. he ht, ie r⸗ tle ie⸗ ste rte er⸗ um hts len Ja, eit der nſt der len gen ief⸗ nn⸗ gt 1¹9 war, ihm noch einleuchtender gemacht durch Nicots grin⸗ ſenden Commentar, ſchien ihm eine neue Welt der Er⸗ findung zu eröffnen. Er ergriff den glücklichen Augenblick — er holte Farben und Leinwand herbei. Verloren in ſeinen Ahnungen und Anſchauungen eines neuen Ideals erhob ſich ſein Geiſt hoch in die ätheriſchen Reiche der Schönheit; dunkle Gedanken, unheilige Wünſche ver⸗ ſchwanden. Zanoni hatte Recht; die materielle Welt ſchrumpfte vor ſeinem Blick zuſammen; er ſah die Natur von ferne wie von einem Berggipfel; und wie die Wellen ſeines unruhigen Herzens friedlich und ſtille wurden, ſtrahl⸗ ten wieder Viola's Engelsaugen darauf wie ein heiliger Stern. Er ſchloß ſich in ſeinem Zimmer ein, und lehnte ſelbſt Mervale's Beſuche ab. Berauſcht von der reinen Luft ſeines neuen Daſeyns blieb er drei Tage, und beinah auch drei Nächte, ganz verſunken in ſeine Arbeit; aber am vierten Morgen trat die Reaktion ein, welche jede Arbeit bedroht. Er erwachte mißmuthig und erſchöpft; und als er ſeinen Blick auf die Leinwand warf, ſchien alle Glorie davon entflohen. Demüthigende Erinnerungen an die großen Meiſter, mit welchen er zu wetteifern trachtete, drängten ſich ihm auf; vorher nicht bemerkte Mängel vergroßerten ſich in ſeinen matten und mißmuthigen Augen zu Häßlichkeiten. Er touchirte und retouchirte, aber die Hand verſagte ihm; er warf ſeine Inſtrumente in Ver⸗ zweiflung weg; er öffnete ſein Fenſter; der Tag draußen war hell und lieblich, die Straße wimmelte von jenem Le⸗ 120 ben, das bei der belebten Bevölkerung von Neapel im⸗ ſt mer ſo fröhlich und wogend iſt. Er ſah den Liebhaber, B wie er im Vorbeigehen mit der Geliebten ſich beſprach m mittelſt jener ſtummen Geberden, welche alle Wechſel der T Sprache überlebt haben, und jetzt noch dieſelben ſind, wie w damals, als der Etrusker jene Vaſen im Museo Bor- bonico malte. Das Leben draußen lockte ſeine Jugend zu C ſeiner Fröhlichkeit und Luſt; und die einförmigen Wände, 4 eben noch geräumig genug, Himmel und Erde in ſich zu h faſſen, erſchienen ihm jetzt eng und drückend, wie der Ker⸗ t ker eines Miſſethäters. Der Schritt Mervales an ſeiner g Schwelle war ihm willkommen und er ſchloß die Thüre d auf. „Und das iſt Alles, was Ihr gemacht habt,“ ſagte Mervale mit einem geringſchätzigen Blick auf die Lein⸗. wand.„Deßwegen habt Ihr Euch eingeſchloſſen und die ſonnigen Tage und die Mondſcheinnächte von Neapel ver⸗ ſäumt?“— „So lange der Anfall währte, wärmte ich mich an einer glänzenderen Sonne und ſog die wolluſtvolle Sü⸗ ßigkeit eines milderen Mondes ein.“ „Ihr geſteht, daß der Anfall vorüber iſt. Gut, das 1 iſt doch ein Zeichen der zurückkehrenden Beſinnung. Und am Ende iſt es doch noch beſſer, wenn Ihr drei Tage lang Leinwand verſchmiert, als Euch Zeit Eures Lebens zum Narren macht. Dieſe kleine Sirene?“ „Still! Ich haſſe es, ſie von Euch nennen zu hören.“ Mervale rückte mit ſeinem Stuhl Glyndon näher, —— — S 6 w ſteckte ſeine Hände tief in ſeine Hoſentaſchen, ſtreckte die Beine aus, und war im Begriff, eine lange, ernſte Er⸗ mahnung und Vorſtellung zu beginnen, als man an der Thüre pochen hörte, und Nicot, ohne den Ruf der Ant⸗ wort abzuwarten, ſeinen häßlichen Kopf hereinſchob. „Guten Tag, mon cher confrère. Ich wünſchte Euch zu ſprechen. Hm! Ihr habt gearbeitet, wie ich ſehe. Das iſt gut— recht gut! Ein kecker Umriß— viele Frei⸗ heit in dieſer rechten Hand. Aber halt! iſt die Compoſi⸗ tion gut? Ihr habt nicht die große pyramidaliſche Form getroffen. Meint Ihr nicht auch, daß Ihr bei dieſer Figur den Vortheil des Contraſtes verſäumt habt; da das rechte Bein vorgeſetzt iſt, ſollte doch ſicherlich der rechte Arm zurückgehen. Peste! aber dieſer kleine Finger iſt ſehr hübſch!“ Mervale verabſcheute Nicot. Denn alle ſpeculativen Theoretiker, Utopier, Weltverbeſſerer und Abtrünnige von der breiten Heerſtraße waren ihm gleich verhaßt; aber in dieſem Augenblick hätte er den häßlichen Franzoſen um⸗ armen können. Er las in Glyndons ausdrucksvollem Ge⸗ ſicht allen Verdruß und Widerwillen, den dieſer empfand. Nach einer ſo begeiſterten Arbeit ſich vorſchwatzen laſſen zu müſſen von pyramidaliſchen Formen, und rechten Ar⸗ men und rechten Beinen— dem Beiwerk der Kunſt— die ganze Idee und Compoſition überſehen, und die Kritik endigend mit einem Lobe des kleinen Fingers! „Oh!“ ſagte Glyndon, indem er verdrießlich die Decke über ſeine Malerei zog,„genug jetzt von meiner armen Darſtellung. Was iſt es, das Ihr mir zu ſagen habt?“ „Fürs erſte,“ ſagte Nicot, auf einen Stuhl plumpend, „fürs erſte— dieſer Signor Zanoni— dieſer zweite Cag⸗ lioſtro— der meine Lehren beſtreitet!(ohne Zweifel ein Spion des Mannes, des Capet) ich bin nicht rachſüchtig; wie Helvetius ſagt: unſere Irrthümer entſpringen aus unſern Leidenſchaften!' ich halte die meinigen in Ord⸗ nung; aber es iſt tugendhaft, zu haſſen im Intereſſe der Menſchheit; ich wollte, ich hätte den Signor Zanoni in Paris zu denunciren und zu richten.“ Und Nicots kleine Augen ſprühten Feuer und er fnirſchte mit den Zähnen. „Habt Ihr neuen Grund, ihn zu haſſen?“ „Ja!“ ſagte Nicot trotzig.„Ja, ich höre, er macht dem Mädchen den Hof, das ich zu heirathen denke.“ „Ihr? Von Wem ſprecht Ihr?“ „Von der gefeierten Piſani! Sie iſt himmliſch ſchön. Sie würde mein Glück machen in einer Republik. Und eine Republik werden wir haben, eh' ein Jahr herum iſt.“ Mervale rieb ſich die Hände und kicherte. Glyndon wurde roth vor Wuth und Schaam. „Kennt Ihr die Signora Piſani? Habt Ihr je mit ihr geſprochen 2“ „Noch nicht. Aber wenn ich einmal Etwas bei mir beſchließe, ſo iſt es bald gethan. Ich bin im Begriff, nach Paris zurückzukehren. Man ſchreibt mir, ein ſchones Weib ſey der Laufbahn eines Patrioten ſehr förderlich. Das Zeitalter der Vorurtheile iſt vorbei. Man fängt an die n 2 in 3 16 er in ne cht n. nd t mit mir ach zeib Das die 123 erhabeneren Tugenden zu verſtehen. Ich werde das ſchönſte Weib in Europa heim bringen.“ „Seydruhig! Was wollt Ihr beginnen?“ ſagte Mer⸗ vale, Glyndon faſſend, als er ihn mit funkelnden Augen und geballten Fänſten auf den Franzoſen zugehen ſah. „Herr!“ ſagte Glyndon, zwiſchen den Zähnen mur⸗ melnd,„Ihr wißt nicht, von Wem Ihr ſo ſprecht. Seyd Ihr ſo keck, Euch einzubilden, Viola Piſani werde Euch nehmen?“ „Nein, wenn ſie einen beſſern Antrag bekommen tönnte,“ ſagte Mervale, an die Decke hinaufſchauend. „Einen beſſern Antrag? Ihr verſteht mich nicht,“ ſagte Nicot.„Ich, Jean Nicot, trage dem Mädchen die Ehe an;— ich will ſie heirathen! Andere mögen ihr liberalere Anträge machen, aber Niemand, fürchte ich⸗ einen ſo ehrenhaften. Ich allein erbarme mich ihrer freundloſen Lage. Zudem wird man⸗ bei dem jetzt auf⸗ dämmernden Stand der Dinge in Frankreich, immer im Stande ſeyn, eines Weibes los zu werden, ſobald man es wünſcht. Wir werden neue Cheſcheidungsgeſetze be⸗ kommen. Bildet Ihr Euch ein, ein italieniſches Mädchen — und in keinem Lande der Welt ſind, wie es ſcheint, die Mädchen keuſcher,(obwohl die Weiber ſich mit philoſo⸗ phiſcheren Tugenden tröſten mögen)— würde die Hand eines Künſtlers ausſchlagen, den Anerbietungen eines fie unterhaltenden Fürſten zulieb? Nein, ich denke beſſer von der Piſani als Ihr! Ich werde eilen, mich ihr vorzu⸗ ſtellen.“ 124 „Ich wünſche Euch den beſten Erfolg, Monſieur Nicot,“ ſagte Mervale aufſtehend und ihm herzlich die Hand ſchüttelnd. Glyndon warf einen verachtenden Blick auf Beide. „Vielleicht, Monſieur Nicot,“ ſagte er endlich, ſeine Lippen zu einem bittern Lächeln zwingend,„ielleicht dürftet Ihr doch Nebenbuhler haben!“ „Um ſo beſſer,“ verſetzte Monſieur Nicot gleichgül⸗ tig, ſchlug die Ferſen an einander, und ſchien ganz ver⸗ loren in der Bewunderung der Form ſeines großen Fußes. „Ich ſelbſt bewundere Viola Piſani.“ „Das muß jeder Maler!“ „Ich kann Ihr ſo gut wie Ihr die Heirath anbieten.“ „Das wäre eine Thorheit von Euch, ſo klug es von mir iſt. Ihr wüßtet nicht, wie Ihr aus der Speeulation Gewinn ziehen ſolltet! Cher confrère, Ihr habt Vor⸗ urtheile!“ „Ihr wollt doch nicht ſagen, daß Ihr von Eurem eignen Weibe Gewinn zu ziehen gedenkt?“ „Dertugendhafte Cato lieh ſeine Frau einem Freunde. Ich liebe die Tugend, und kann nichts beſſeres thun, als Cato nachahmen. Aber, um ernſt zu reden— ich fürchte Euch nicht als Rival. Ihr ſeyd hübſch und ich bin häßlich. Aber Ihr ſeyd unentſchloſſen und ich entſchieden. Wäh⸗ rend Ihr ſchöne Phraſen vorbringt, werde ich einfach ſagen:„„Ich habe einen pon 6tat. Wollt Ihr mich heirathen?““ So thut denn Euer Schlimmſtes, cher confrére. A revoir, hinter den Couliſſen!“ ſal un ur ie 125 Mit dieſen Worten ſtand Nicot auf, ſtreckte ſeine langen Arme und kurzen Beine, gähnte, daß man alle ſeine zerbrochenen Zähne von einem Ohr bis zum andern ſah, drückte ſeine Mütze mit trotzig herausforderndem Weſen auf ſeinen buſchigten Kopf und hüpfte aus dem Zimmer, dem entrüſteten Glyndon einen Blick des Triumphes und der Bosheit über die linke Schulter zuwerfend. Mervale brach in ein ſchallendes Gelächter aus. „Seht nur, wie Eure Viola von Eurem Freunde geſchätzt wird! Ein ſchöner Sieg, ſie dem häßlichſten Hunde zwi⸗ ſchen Lappland und den Kalmücken zu entreißen!“ Glyndon war noch zu entrüſtet, um zu antworten, als ein neuer Beſuch kam. Es war Zanoni ſelbſt. Mer⸗ vale, welchem die Erſcheinung und das Aeuſſere dieſes Mannes, trotz ſeinem Widerſtreben, eine Art Ehrerbie⸗ tung einflößte, die er ſich nicht gern eingeſtand, und noch weniger vor Andern verrathen wollte, nickte Glyndon zu, ſagte nur:„Ein Weiteres, wenn ich Euch wieder ſehe,“ und verließ den Maler und ſeinen unerwarteten Beſuch. „Ich ſehe,“ ſagte Zanoni, die Decke von der Leinwand aufhebend,„daß Ihr den Rath nicht verachtet habt, den ich Euch gab. Muth, junger Künſtler, das iſt Etwas, womit Ihr den Schulen entflieht! das iſt voll von dem kühnen Selbſtvertrauen des ächten Genius. Ihr hattet keinen Nicot, keinen Mervale in Eurer Nähe, als Ihr die Idee zu dieſem Bilde wahrer Schönheit faßtet!“ Wieder in den Zauberkreis ſeiner Kunſt verſetzt durch dieß unerwartete Lob, verſetzte Glyndon beſcheiden:„Ich 126 hatte eine gute Meinung von meiner Zeichnung bis dieſen Morgen; da aber fühlte ich mich entzaubert, meinen glücklichen Wahn zerſtört.“ „Sagt vielmehr, daß Ihr, nicht gewohnt an fort⸗ geſetzte Arbeit, erſchöpft geweſen ſeyd von Eurer Anſtren⸗ gung.“ „Das iſt wahr. Soll ich es geſtehen? Ich fing an, die äußere Welt zu vermiſſen. Es war mir, als ob ich, während ich mein Herz und meine Jugend an Träume von Schönheit verſchwende, die ſchöne Wahrheit des wirk⸗ lichen Lebens verlöre. Und ich beneidete den luſtigen Fi⸗ ſcher, wie er fingend unter meinem Fenſter vorüberging, und den Liebenden, der mit ſeiner Geliebten ſich unter⸗ hielt.“ „Und,“ ſagte Zanoni mit ermuthigendem Lächeln, „tadelt Ihr Euch ſelbſt wegen der natürlichen und noth⸗ wendigen Rückkehr zur Erde, auf welcher ſelbſt der ge⸗ übteſte Wanderer in den Himmeln der Erfindung ſeine Erholung und Raſt ſucht? Des Menſchen Genius iſt ein Vogel, der nicht immer ſchwebend ſich erhalten kann; wenn die Sehnſucht nach der wirklichen Welt ſich fühlbar macht, ſo iſt dieß ein Hunger, der geſtillt werden muß. Die am beſten über das Ideale gebieten, genießen immer auch am meiſten das Reale Seht den ächten Künſtler, wenn er in den Gaſſen und an den Ecken der Menſchen ſteht, wie er immer beobachtet, immer in das Herz hinab⸗ taucht, immer empfänglich achtet auf die geringſten wie auf die größten der verwickelten Wahrheiten des menſch⸗ lic da lö im 127 lichen Daſeyns; wie er ſich herabläßt zu dem, was Pe⸗ vanten trivial und frivol nennen würden. Aus jeder Maſche am ſocialen Gewebe vermag er eine Grazie zu löſen. Und für ihn ſchwimmt jeder luftige Sommerfaden im Golde des Sonnenſcheins. Wißt Ihr nicht, daß um das mikroskopiſche Thierchen, das im Waſſer ſpielt, ein lichter Glanz ſchwebt, wie um den Stern,*der in leuch⸗ tendem Zeitvertreib ſeine Bahn durch den unendlichen Raum beſchreibt? Aechte Kunſt findet die Schönheit überall. Auf der Straße, auf dem Markt, in der Hütte ſammelt ſie Schätze für die Kammer ihrer Gedanken. Im Koth der Politik laſen Dante und Milton Perlen auf für den Kranz der Dichtung. Wer in aller Welt hat Euch geſagt, Raphael habe das äußere Leben nicht genoſſen, während er freilich überall die Eine, innerliche Idee der Schönheit in ſich trug, welche mit ihrem Bernſtein jeden Strohhalm anzog und umſchloß, den der Fuß des Stumpf⸗ ſinnigen in den Koth trat. Wie ein König des Waldes nach ſeiner Beute umherſtreift, und ſie über Berg und Thal aufſpürt und verfolgt, durch Buſch und Dorn, aber wenn erſie endlich ergriffen, den Raub nach ſeiner von kei⸗ nem Zeugen belauſchten Höhle trägt— ſo ſucht der Genius durch Wald und Wüſte, unermüdet und begierig⸗ alle Sinne wach, jeder Nerv geſpannt zu Eile und Kraft, „Die monas mica, die man in den reinſten ſtehenden Waſ⸗ ſern findet, iſt von einem Lichtkreis eingeſchloſſen. Und daſ⸗ ſelbe findet man häufig bei manchen andern Arten dieſer Thierchen. 128 nach den zerſtreuten, flüchtigen Bildern der Dinge, die er endlich mit ſeinen gewaltigen Pranken erfaßt und mit ich in Einſamkeiten trägt, wohin kein Fußtritt dringen kann. Geht, ſucht die äußere Welt auf; ſie iſt für die Kunſt die unerſchöpfliche Weide, die Nahrung für die innere Welt!“ „Ihr beruhigt mich,“ ſagte Glyndon ſich erheiternd. „Ich hatte gewähnt, mein Ueberdruß ſey ein Beweis meiner Unzulänglichkeit! Aber nicht von dieſen Arbeiten wollte ich Euch jetzt ſprechen. Verzeiht mir, wenn ich von der Mühe auf den Lohn übergehe. Ihr habt halb⸗ dunkle Prophezeiungen über meine Zukunft ausgeſprochen, falls ich ein Mädchen heirathe, das, nach dem nüchternen Urtheil der Welt, nur meine Ausſichten verdunkeln und meinem Ehrgeiz Hinderniſſe in den Weg legen würde. Sprecht Ihr in Kraft derjenigen Weisheit, welche Er⸗ fährung iſt, oder derjenigen, welche Anſpruch macht auf Verkündigung der Zukunft?“ „Sind nicht beide verbunden? Iſt es nicht derjenige, welcher des Rechnens am erfahrenſten iſt, der auf einen Blick jedes neue Problem der Wahrſcheinlichkeitsberech⸗ nung zu löſen weiß?“ „Ihr weicht meiner Frage aus.“ „Nein, aber ich will meine Antwort recht Eurer Faſſungskraft anbequemen, denn eben wegen dieſes Punkts habe ich Euch aufgeſucht. Hört mich an!“ Zanoni heftete ſeine Augen ernſt auf ſeinen Zuhörer und fuhr fort:„Zur Erreichung von allem Großen und Erhabenen iſt die klare Einſicht der Wahrheiten das erſte — 131 Eure Natur entbehrt noch der Harmonie, der Muſik, welche, wie die Pythagoräer treffend lehrten⸗ zugleich erhebt und beglückt. Ich biete Euch dieſe Muſik in ihrer Liebe an.“ „Aber bin ich verſichert, daß ſie mich liebt?“ „Künſtler, nein; ſie liebt Euch jetzt noch nicht; ihre Gefühle ſind noch von einem Andern erfüllt. Aber wenn ich auf Euch, wie der Magnetſtein ſeine Anziehungskraft auf den Magnet überträgt, die Liebe, die ſie für mich fühlt, übertragen, wenn ich bewirken könnte, daß ſie in Euch das Ideal ihrer Träume ſehe—“ „Iſt eine ſolche Wirkung in der Macht eines Men⸗ ſchen?“ „Ich biete es Euch an, wenn Eure Liebe rechter Art, wenn Euer Glauben an die Tugend und an Euch ſelbſt tief und aufrichtig iſt; wo nicht, meint Ihr, ich würde ſie durch die Wahrheit entzaubern, um ſie die Lüge anbeten zu machen?“ „Aber wenn,“ beharrte Glyndon,„wenn ſie Alles iſt, was Ihr mir ſagt, und wenn ſie Euch liebt, wie könnt Ihr Euch ſelbſt einer ſo unſchätzbaren Perle berauben?“ „Oh ſeichtes und niedriges Menſchenherz!“ rief Za⸗ noni mit ungewohnter, leidenſchaftlicher Heftigkeit,„be⸗ greifſt Du ſo wenig die Liebe, daß Du nicht weißt, wie ſie Alles opfert— die Liebe ſelbſt— um des Glückes des geliebten Weſens willen? Höre mich an!“ und Zanoni's Antlitz wurde blaß.„Höre mich an! Ich dränge ſie Dir auf, weil ich ſie liebe, und weil ich fürchte, ihr Schickſal 9* 132 möchte mit mir weniger glücklich ſeyn als mit Dir. War⸗ um?— das frage nicht, denn ich will Dir das nicht ſagen. Genug! die Zeit drängt jetzt zu einer Antwort; Ihr dürft ſie nicht mehr lang aufſchieben. Vor der Nacht des drit⸗ ten Tages von heute an wird Euch keine Wahl mehr ge⸗ laſſen ſeyn!“ „Aber,“ ſagte Glyndon, immer noch zweifelnd und argwöhniſch,„aber warum dieſe Haſt?“ „Menſch, Ihr ſeyd ihrer nicht werth, wenn Ihr mich ſo fragt. Alles, was ich Euch jetzt ſagen kann, ſoll⸗ tet Ihr ſelbſt eingeſehen haben. Jener Entführer, jener Mann von feſtem Willen, der Sohn des alten Visconti gibt, Euch ganz unähnlich— beharrlich, entſchloſſen, feſt, ſelbſt in ſeinen Verbrechen— nie einen Zweck auf. Aber Eine Leidenſchaft zügelt ſeine Begier— ſeine Hab⸗ ſucht. Am Tag nach ſeinem Angriff auf Viola ließ ihn ſein Oheim, der Cardinal——, von dem er viel Gut und Gold zu erwarten hat, zu ſich beſcheiden, und ver⸗ bot ihm, bei Strafe aller Beſitzungen verluſtig zu gehen, welche er ſich in ſeinen Planen ſchon angeeignet hatte, mit unehrenhaften Anſchlägen Diejenige zu verfolgen, welche der Cardinal von ihrer Kindheit an in Schutz genom⸗ men und geliebt hatte. Das iſt der Grund der gegen⸗ wärtigen Einſtellung ſeiner Verfolgung. Während wir hier ſprechen, hört dieſer Grund auf. Ehe der Zeiger der Uhr die Stunde des Mittags erreicht, wird der Car⸗ dinal—— nicht mehr ſeyn. In dieſem Augenblick iſt Dein Freund, Jean Nicot, bei dem Fürſten von——.“ en. rft it⸗ ge⸗ nd hr ⸗ er nti n, uf. b⸗ hn ut ⸗ n, it „Er! warum?“ „Um ſich zu erkundigen, welche Mitgift Viola Piſani bekommen ſolle an dem Morgen, wo ſie den Palaſt des Fürſten verlaſſe.“ „Und wie wißt Ihr das Alles?“ „Thor! ich ſage Dir noch einmal, weil ein Lieben⸗ der Wache hält bei Tag und bei Nacht; weil die Liebe nie ſchläft, wenn Gefahr die Geliebte bedroht!“ „Und Ihr habt den Cardinal—— in Kenntniß ge⸗ ſetzt?“ „Ja; und was meine Obliegenheit war, hätte eben ſowohl auch die Deinige ſeyn ſollen. Sprich— Deine Antwort.“ „Ihr ſollt ſie haben am dritten Tage von heute an.“ „Sey es ſo. Schiebe, armer Zauderer, Dein Glück bis in die letzte Stunde hinaus! Am dritten Tage von heute an werde ich Dich nach Deinem Entſchluß fragen.“ „Und wo werden wir uns treffen?“ „Vor Mitternacht, wo Ihr mich vielleicht am wenig⸗ ſten erwartet. Ihr könnt mir nicht entfliehen, obwohl Ihr es vielleicht verſuchen werdet!“ „Verzieht noch einen Augenblick! Ihr verdammt mich als zweifelſüchtig, unentſchloſſen, argwöhniſch. Habe ich keinen Grund dazu? Kann ich ohne Kampf der ſonder⸗ baren Bezauberung mich hingeben, die Ihr auf meinen Geiſt ausübt? Welches Intereſſe könnt Ihr für mich, einen Fremden, haben, das Euch berechtigte, mir ſo zur 134 ernſteſten Handlung im Leben des Menſchen zuzureden? Meint Ihr nicht, Jeder, der ſeine volle Beſinnung hat, würde auch zögern, und überlegen, und ſich fragen: War⸗ um iſt denn dieſer Fremde ſo beſorgt für mich?“ „Und doch,“ ſagte Zanoni,„wenn ich Dir ſagte, ich könne Dich einweihen in die Geheimniſſe der Magie, welche von der Philoſophie der ganzen heutigen Welt als eine Chimäre oder als Betrug behandelt wird— wenn ich Dir zu zeigen verſpreche, wie man die Weſen der Luft und des Meeres beherrſche, wie man Reichthümer auf⸗ häufe, leichter als ein Kind Kieſel an der Meeresküſte; in Deine Hände den Auszug der Kräuter zu geben, welche das Leben von Jahrhundert zu Jahrhundert verlängern, das Geheimniß jener Anziehungskraft, mittelſt deren man allen Gefahren trotzt, alle Gewalt entwaffnet, und den Menſchen bezwingt, wie die Schlange den Vogel bezau⸗ bert; wenn ich Dir ſagte, das Alles beſitze ich und ver⸗ möge es mitzutheilen; ſo würdeſt Du mir zuhoͤren und mir ohne einen Zweifel gehorchen!“ „Es iſt wahr; und ich kann das nur erklären durch die lückenhaften Erinnerungen meiner Kindheit— durch die Traditionen in unſerm Hauſe von—“ „Eurem Ahnen, der zur Zeit des Wiederauflebens der Wiſſenſchaften, die Geheimniſſe des Apollonius und Paracelſus ſuchte.“ „Was!“ ſagte Glyndon erſtaunt;„ſo bekannt ſeyd Ihr mit den Annalen eines berühmten Hauſes?“ „Dem Mann, der nach dem Wiſſen trachtet, ſollte —— e— ₰ at, ar⸗ ich ie, als enn uft uf⸗ in che rn, an den u⸗ er⸗ ind rch rch s nd yd lte Keiner der geringſten Jünger der Wiſſenſchaft unbekannt bleiben. Ihr fragt mich, warum ich ſolche Theilnahme an Curem Schickſal zeige? Einen Grund hievon habe ich Euch noch nicht geſagt. Es gibt eine Brüderſchaft, über deren Geſetze und Myſterien die ſcharfſinnigſten und for⸗ ſchendſten Gelehrten im Dunkeln ſind. Durch dieſe Ge⸗ ſetze ſind Alle verpflichtet, ſelbſt die entfernteſten Abkömm⸗ linge von Männern, welche mit den Geheimniſſen des Ordens, wenn auch vergeblich, wie Euer Ahnherr, ſich beſchäftigt haben, zu warnen, zu unterſtützen, zu leiten. Wir ſind verbunden, ihnen zu ihrer Wohlfahrt zu rathen; ja, noch mehr— wenn ſie es von uns verlangen, müſſen wir ſie als unſere Zöglinge annehmen. Ich bin ein Ueber⸗ lebender jenes Bundes von unvordenklichem Alter. Das iſt es, was mich zuerſt an Dich band; das zog auch viel⸗ leicht Dich, Sohn unſerer Brüderſchaft, unbewußt zu mir hin!“ „Wenn dieß ſo iſt, ſo gebiete ich Dir im Namen der Geſetze, denen Du gehorchſt, mich als Deinen Zögling anzunehmen!“ „Was verlangt Ihr!“ ſagte Zanoni leidenſchaftlich. „Erfahrt erſt die Bedingungen. Kein Neophyte darf bei ſeiner Einweihung eine Neigung oder einen Wunſch ha⸗ ben, die ihn an die Welt feſſeln. Er muß rein ſeyn von der Liebe zum Weibe, frei von Habſucht und Ehrgeiz, frei ſelbſt von den Träumen der Kunſt und der Hoffnung irdi⸗ ſchen Ruhmes. Das erſte Opfer, das Du bringen mufßt, iſt— Viola ſelbſt. Und wofür? Für eine Prüfung, welche ———— 136 der unerſchrockenſte Muth nur aushalten, die ätheriſch⸗ ſten Naturen allein überleben können! Du biſt nicht ge⸗ eignet für das Wiſſen, das mich und Andere zu dem ge⸗ macht hat, was wir ſind oder waren; denn Dein ganzes Weſen iſt Eine Furcht!“ „Furcht!“ rief Glyndon, erröthend vor Verdruß, und ſich in ſeiner ganzen Länge aufrichtend. „Furchti und die ſchlimmſte Art Furcht— Furcht vor der Meinung der Welt; Furcht vor den Nicots und Mervale's; Furcht vor Deinen eigenen, ſelbſt den groß⸗ müthigſten, Regungen und Gefühlen; Furcht vor Deinen eignen Kräften, wenn Dein Genius am kühnſten iſt; Furcht, die Tugend ſey nicht ewig; Furcht, es lebe kein Gott im Himmel, um die Erde zu bewachen; Furcht, die Furcht der kleinen Menſchen; und dieſe Furcht iſt den Großen unbekannt!“ Mit dieſen Worten verließ Zanoni haſtig den Künſt⸗ ler— gedemüthigt, verwirrt, und nicht überzeugt. Er blieb mit ſeinen Gedanken allein, bis er durch das Schla⸗ gen der Uhr aufgeweckt wurde; da erinnerte er ſich plötz⸗ lich an Zanoni's Prophezeiung von des Cardinals Tode, und von einem heſtigen Verlangen ergriffen, ſich von ihrer Wahrheit zu überzeugen, eilte er auf die Straßen hinab— erreichte des Cardinals Palaſt. Fünf Minuten vor zwölf Uhr war Se. Eminenz verſchieden nach einem Krankheitsanfall von kaum einer Stunde. Zanoni's Be⸗ ſuch hatte länger gewährt als die Krankheit des Cardi⸗ nals. Beſtürzt und entſetzt kehrte er von dem Palaſt zu⸗ ruck, und wie er über die Chiaja wanderte, ſah er Jean Nicot aus dem Portal des Fürſten von—— heraustreten. — O E. L. Bulwer's Aus dem Engliſchen. Siebennndnennzigſtes Bändchen. Zanoni. Drittes Bändchen. —.——— Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1812. Zanon Ein Roman von dem Verfaſſer von„Nacht und Morgen,“„Rienzi,“ „Ernſt Maltravers,“„Alice“ u. a. Aus dem Engliſchen von Guſtan Pfizer. In ſechs Bändchen. Drittes Bändchen. „-————————— Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1812. S S S S Se„ S S 5 S— 5 8 — Fünftes Kapitel. Col tuo lume mi giro. Tasso Canz. Canio XV. Ehrwürdige Brüderſchaft! ſo heilig und ſo wenig gekannt, aus deren geheimen und koſtbaren Archiven die Materialien zu dieſer Geſchichte entnommen ſind; Euch, die Ihr, von Jahrhundert zu Jahrhundert Alles gerettet, was die Zeit verſchont hat von der erhabenen und ehr⸗ würdigen Wiſſenſchaft,— Dank Euch, wenn jetzt zum erſten Mal einige Nachrichten von den Gedanken und Thaten eines nicht falſchen und nur ſich ſelbſt ſo nennen⸗ den Lichtes Eures Ordens, wiewohl unvollkommen, der Welt mitgetheilt werden! Viele haben ſich Angehörige Eures Bundes genannt; Viele mit unächten Anſprüchen find ſo genannt worden von der gelehrten Unwiſſenheit, welche am Ende immer, getäuſcht und verwirrt, zu dem Geſtändniß ſich getrieben ſieht, daß ſie Nichts weiß von Eurem Urſprung, Euren Ceremonien und Lehren, ja nicht einmal, ob Ihr auch eine Wohnung und Stätte auf Erden habt. Dank Euch, wenn ich, der Einzige mei⸗ * 6 nes Landes in dieſem Zeitalter, mit profanem Fuße in Eure geheimnißvolle Akademie zugelaſſen,“ durch Euch unterwieſen und ermächtigt worden bin, dem Verſtändniß der Uneingeweihten einige wenige der ſternhellen Wahr⸗ heiten anzubequemen, welche die große Schemaja der Lehre der Chaldäer beglänzten, und trüber ſtrahlten durch das verdunkelte Wiſſen ſpäterer Jünger, die, wie Pſel⸗ lus und Jamblichus ſich mühten, die Kohlen des Feuers wieder zu beleben, das in den Hamarim des Orients lebte. Obgleich uns, den Kindern einer alten, ergrau⸗ ten Welt, der Name nicht aufbehalten iſt, der, ſo ſagen die älteſten Orakel der Erde,„in die unendlichen Welten ſich ergießt duohnt orpopclyyn*,** ſo kommt es uns doch zu, den wiederauflebenden Wahrheiten nach⸗ zuſpüren und ſie zu verfolgen durch jede neue Entdeckung des Philoſophen und Chemikers. Die Geſetze der Anzie⸗ hungskraft, der Elektrieität, und der noch geheimniß⸗ volleren Wirkſamkeit jenes großen Lebensprincips, nach deſſen Entfernung das Weltall nur als ein Grab zurück⸗ bliebe, waren nur der Coder, worin die Theurgie der Alten die Führer ſuchte, welche ſie zu einer eignen Ge⸗ ſetzgebung und Wiſſenſchaft leiteten. Aus Worten die Bruchſtücke dieſer Geſchichte wieder herzuſtellen, däuchte mich, wie wenn ich in feierlich⸗ernſter Verzückung durch die Ruinen einer Stadt geführt würde, deren einzige „ Der Leſer wird ſich gütigſt erinnern, daß hier der Verfaſſer des Originalmanuſkripts ſpricht, nicht der Herausgeber. ** Fxcerpta Orac. Chald. ap. Procl. niß hr⸗ der rch ſel⸗ ers ents au⸗ ſo hen nmt ach⸗ ung zie⸗ niß⸗ tach ück⸗ der Ge⸗ die chte urch zige ſſer Ueberbleibſel Gräber ſind. Vom Sarkophag und der Urne erweckte ich den Genius mit der ausgelöſchten Fackel, und ſo genau gleicht ſeine Geſtalt dem Eros, daß ich zu Zeiten kaum recht weiß, Wer mir die Worte eingibt— O Liebe! O Tod! Und ſie regte ſich in der Jungfrau Herzen— dieß neue, unergründliche, göttliche Gefühl! War es nur die gewöhnliche Ergriffenheit des Pulſes und der Phantaſie, des Anges durch die Schönheit, des Ohres durch die Beredtſamkeit, oder rechtfertigte es nicht ſelbſt den Be⸗ griff, den ſie davon gefaßt hatte, daß es nicht aus den Sinnen geboren, daß es weniger irdiſche und menſchliche Liebe war, als die Wirkung eines wunderbaren, doch nicht unheiligen Zaubers? Ich habe geſagt, daß von dem Tage an, wo ſie ſich, nicht mehr voll zitternder Scheue, dem Einfluß Zanoni's hingab, ſie verſuchte, ihre Gedanken in Worte zu faſſen. Mögen die Gedanken ſelbſt Zengniß ablegen von ihrem Weſen. Selbſtgeſtändniß. „Iſt es das Tageslicht, was auf mich ſcheint, oder die Erinnerung Deiner Gegenwart? Wohin ich blicke, ſcheint mir die Welt voll von Dir; in jedem Strahle, der auf dem Waſſer zittert, der auf den Blättern lächelt, ſehe ich nur ein Abbild Deines Auges. Was iſt dieſer Wechſel, der nicht nur mich verwandelt, ſondern auch die ganze Welt und ihre Erſcheinung? „Wie plötzlich ſprang die Macht ins Leben, mit ——————— S 8 welcher Du mein Herz beherrſcheſt in ſeiner Ebbe und Fluth. Tauſende waren um mich her, und ich ſah nur Dich. Das war die Nacht, wo ich zuerſt in die Welt ein⸗ trat, welche das Leben in ein Drama bannt, und keine andere Sprache hat als Muſik. Wie ſeltſam und wie plötzlich verſchlang ſich dieſe Welt immer mehr mit Dir! Was den Andern die Täuſchung der Bühne, das war mir Deine Gegenwart. Auch mein Leben ſchien ſich in jene kurzen Stunden zuſammenzudrängen, und von Dei⸗ nen Lippen hörte ich eine Muſik, unvernehmlich für jedes Ohr, außer das meinige. Ich ſitze in dem Zim⸗ mer, das mein Vater bewohnte. Hier verkroch ich mich in jener glücklichen Nacht, vergeſſend, warum ſie ſo glücklich war, in den Schatten und ſuchte zu errathen, was Du mir ſeyeſt; und meiner Mutter leiſe Stimme weckte mich, und ich ſchmiegte mich an meines Vaters Seite feſt— feſt— aus Furcht vor meinen eigenen Ge⸗ danken. „Ach! ſüß und traurig war der Morgen nach jener Nacht, wo Dein Mund mich vor der Zukunft warnte. Jetzt eine Waiſe— Wer lebt mir noch, an den ich den⸗ ken, von dem ich träumen, den ich verehren kann, als Du?“ „Wie zärtliche Vorwürfe haſt Du mir gemacht we⸗ gen des bittern Unrechts, das ich Dir in meinen Gedan⸗ ken that! Warum mußte ich ſchaudern, als ich fühlte, wie Du auf meine Gedanken ſchauteſt, wie der Sonnen⸗ ſtrahl auf den einſamen Baum, mit dem Du mich einmal — n⸗ ſo ſchön verglicheſt? Es war— es war, weil ich, wie der Baum, nach dem Licht rang, und das Licht kam. Sie ſprechen mir von Liebe, und mein Leben ſelbſt auf der Bühne haucht mir die Sprache der Liebe in den Mund. Nein; noch und noch einmal, ich weiß, das iſt nicht Liebe, was ich für Dich fühle!— es iſt nicht eine Leidenſchaft, es iſt ein Gedanke! Ich verlange nicht wieder geliebt zu werden. Ich murre nicht darüber, daß Deine Worte ſtreng ſind und Deine Blicke kalt. Ich frage nicht, ob ich Nebenbuhlerinnen habe; ich ſeufze nicht darnach, Deinen Augen hold zu erſcheinen. Mein Geiſt iſt es, der ſich mit dem Deinigen vereinigen möchte. Ich gäbe Welten darum, wenn wir auch ge⸗ trennt wären, wenn auch Meere zwiſchen uns ihre Wo⸗ gen rollten, die Stunde zu wiſſen, wo Dein Blick zu den Sternen ſich erhebt— wo Dein Herz ſich im Gebet ergießt. Sie ſagen mir, Du ſeyeſt ſchöner als die Mar⸗ morbilder, die doch ſchöner ſind als alle Menſchengeſtal⸗ ten; aber ich wagte nie, Dir ſo feſt ins Angeſicht zu ſchauen, daß Dich die Erinnerung hätte mit den Uebri⸗ gen vergleichen können. Nur Deine Augen und Dein ſanftes, friedevolles Lächeln ſchweben mir immer vor. Wie, wenn ich nach dem Mond ſchaue, Alles was in mein Herz eingeht, nur ſein ſchweigendes Licht iſt.“ ⸗** „Oft ſchon, wenn die Luft ruhig war, glaubte ich die Töne von meines Vaters Muſik zu hören; oft, ob⸗ wohl längſt im Grabe verſtummt⸗ haben 3 ie mich aus Bulwer' Romane. XCVII. 10 den Träumen der feierlich ernſten Nacht geweckt. Mich dünkt, ich hoͤre ſie, ehe Du zu mir kommſt, mir Dein Nahen verkündigen. Mich dünkt, ich höre ſie wimmern und ächzen, wenn ich bei Deinem Weggehen in mich ſelbſt zurückſinke. Du gehörſt zu dieſer Muſik— biſt ihr Geiſt, ihr Genins. Mein Vater muß Dich und Deine hei⸗ mathlichen Regionen geahnt haben, wenn die Winde ſich legten, um ſeinen Tönen zu lauſchen, und die Welt ihn für wahnſinnig hielt! Ich höre, wo ich ſitze, das ferne Gemurmel der See. Murmelt fort, ihr geſegne⸗ ten Waſſer! Die Wellen ſind der Puls der Küſte. Sie ſchlagen daran an mit der Fröhlichkeit des Morgenwin⸗ des— ſo ſchlägt mein Herz in der Friſche und dem Licht, worin die Gedanken an Dich beſtehen! „Oft in meiner Kindheit habe ich geſonnen und ge⸗ fragt, wofür ich geboren ſey und meine Seele ant⸗ wortete meinem Herzen und ſagte: Du biſt geboren zur Anbetung! Ja! ich weiß, warum mir die wirkliche Welt immer ſo falſch und ſo kalt erſchienen iſt. Ich weiß, warum die Welt der Bühne mich bezaubert und geblen⸗ det hat. Ich weiß, warum es mir ſo ſüß war, abge⸗ ſondert und allein dazuſitzen, und mein ganzes Weſen in den fernen Himmel hineinzuſchauen. Meine Natur iſt nicht geſchaffen für dieſes Leben, ſo glücklich ſie Andern erſcheint. Ihr Mangel iſt gerade der, daß ſie immer ein Bild, erhabener als ſie ſelbſt, vor ſich hat! Fremder! in welchem Reiche droben wird, wenn das Grab hinter ihr —„ 1—— in rn bſt ſi ei⸗ de elt as e⸗ ie — R= e⸗ tt⸗ ur elt ß, n⸗ e⸗ in iſt rn in in liegt, meine Seele, Stunde um Stunde, vor derſelben Quelle mit der Deinigen anbeten?“ „In dem Garten meines Nachbars iſt ein kleiner Springbrunnen. Ich ſtand dieſen Morgen nach Son⸗ nenaufgang neben ihm. Wie er mit ſeinem leichten Schaum in die Sonnenſtrahlen aufſprang! Und dann dachte ich, ich würde Dich heute auch wieder ſehen, und ſo ſprang mein Herz dem neuen Morgen entgegen, den Du mir vom Himmel bringſt!“ „Ich habe Dich wieder geſehen, Dir wieder zuge⸗ hoͤrt. Wie kühn ich geworden bin! Ich fuhr heraus mit meinen kindiſchen Gedanken und Geſchichten, meinen Er⸗ innerungen aus der Vergangenheit, als hätte ich Dich von Kindheit an gekannt. Plötzlich ergriff mich das Be⸗ wußtſeyn meiner Anmaßung. Ich ſtockte und ſuchte ſchüch⸗ tern Dein Ange.“ „Nun, als Du fandeſt, daß die Nachtigall nicht ſin⸗ gen wollte?“ „Ach!“ ſagte ich,„was iſt für Dich dieſe Geſchichte des Herzens eines Kindes?“ „Viola!“ antworteteſt Du mit jener ſo unausſprech⸗ lich ruhigen und ernſten Stimme;„Viola! die Dunkel⸗ heit von eines Kindes Herz iſt oft nur der Schatten ei⸗ nes Sterns! Sprich weiter! Und Deine Nachtigall, als man ſie fing und einſperrte, wollte nicht mehr fingen?“ „Und ich ſtellte den Käſig dorthin unter das Re⸗ 2* 12 benlaub, und nahm meine Laute und ſprach zu ihr mittelſt der Saiten; denn ich dachte, alle Mufik ſey ihre angeborene Sprache, und ſie würde verſtehen, daß ich ſie zu tröſten ſuche.“ „Ja,“ ſagteſt Du,„und endlich antwortete ſie Dir, aber nicht mit Geſang— mit einem kurzen gellenden Schrei, ſo klagend und traurig, daß Deine Hände die Laute fallen ließen und Dir die Thränen aus den Augen ſtürzten. So riegelteſt Du ſanft den Käfig auf und die Nachtigall flog in jenes Dickicht, und Du hoörteſt das Laub raſcheln, und im Mondlicht ſpähend ſahen Deine Augen, daß ſie den Gatten gefunden hatte. Dann ſang ſie Dir aus dem Gebüſch ein langes, lautes, fröhliches Jubellied. Und Du ſanneſt nach und fühlteſt, daß nicht das Rebenlaub oder der Mondſchein den Vogel die Nacht mit Melodien erfüllen machten! daß das Geheimniß ſei⸗ ner Muſik die Gegenwart des Geliebten war.“ „Wie kennſt Du meine Gedanken aus jener Kinder⸗ zeit beſſer als ich ſelbſt ſie kannte? Wie iſt Dir das be⸗ ſcheidene Leben meiner vergangenen Jahre, mit ſeinen geringfügigen Ereigniſſen, ſo räthſelhaft bekannt, glän⸗ zender Fremdling! Ich ſtaune— aber ich wage Dich nicht mehr zu fürchten!“ Einſt beklemmte mich der Gedanke an ihn und drückte mich nieder. Wie ein Kind, das nach dem Monde langt, ſo war mein ganzes Weſen Ein unbeſtimmtes Verlangen nach etwas nie zu Erreichendem. Jetzt dagegen iſt mir ——— „ S 8c— — 13 eher, als ob der Gedanke an Dich hinreichte, jede Feſ⸗ ſel von meinem Geiſte abzuſtreifen. Ich ſchwimme in dem ſtillen Meere des Lichts, und nichts ſcheint zu hoch für meine Schwingen, zu glanzvoll für mein Auge. Meine Unwiſſenheit war es, welche mich Dich fürchten machte. Ein Wiſſen, wie es nicht in Büchern vorhan⸗ den, ſcheint Dich wie eine Atmoſphäre zu umwehen. Wie Wenig habe ich geleſen!— wie Wenig gelernt! Und doch, wenn Du an meiner Seite biſt, iſt mir, als wäre der Schleier von aller Weisheit und von der ganzen Natur weggehoben. Ich fahre zuſammen, wenn ich nur die Worte anſehe, die ich ſo eben geſchrieben; es iſt mir, als kämen ſie nicht von mir ſelbſt, ſondern wären die Zei⸗ chen einer andern Sprache, die Du mein Herz gelehrt und die meine Hand raſch hinzeichnet, als diktirteſt Du ſie ihr. Manchmal, wenn ich finne oder ſchreibe, könnte ich mir faſt einbilden, ich hoͤre leichte Flügel mich um⸗ flattern, und ſehe dämmernde, ſchöne Schatten um mi ſchweben und mir zulächelnd verſchwinden. Kein unru⸗ higer und fürchterlicher Traum kommt mir jetzt je im Schlafe, und doch iſt mein Schlafen und mein Wachen gleicherweiſe nur wie Traum. Im Schlaf wandere ich mit Dir— nicht auf den Pfaden der Erde, ſondern durch unfaßbare Luft— eine Luft, welche Mufik ſcheint— aufwärts und aufwärts, wie die Seele emporſteigt bei den Toͤnen einer Leier! Bis ich Dich kannte, war ich eine Sklavin der Erde, Du haſt mir die Freiheit des „ 14 Weltalls gegeben! Früher war es Leben, jetzt iſt mir, als hätte ich die Ewigkeit angefangen!“ *** „Früher, wenn ich auf der Bühne zu erſcheinen hatte, ſchlug mein Herz lauter. Ich zitterte vor das Publikum hinzutreten, an deſſen Athem Schaam und Ruhm hing; und jetzt habe ich keine Furcht vor ihnen. Ich ſehe ſie, beachte ſie, höre ſie nicht! Ich weiß, daß in meiner Stimme Muſik ſeyn wird, denn es iſt eine Hymne, die ich Dir ausſtröme. Du kommſt nie ins Theater, und das betrübt mich nicht mehr. Du biſt mir zu heilig geworden, als daß Du mir wie ein Theil der gemeinen Welt erſcheinen ſollteſt, und ich bin froh, daß Du nicht da anweſend biſt, wo die große Menge das Recht hat mich zu beurtheilen.“ „Und er ſprach zu mir von einem Andern; einem Andern wollte er mich zuweiſen! Nein, es iſt nicht die Liebe, was ich für Dich fühle, Zanoni; denn ſonſt, wie konnte ich Dich ohne Zorn anhören? warum erſchien mir Dein Befehl nicht als eine Unmöglichkeit? Wie die Saiten des Inſtruments der Hand des Meiſters gehor⸗ chen, ſo beherrſcht und modulirt Dein Anblick die wil⸗ deſten Saiten meines Herzens nach Deinem Willen. Wenn es Dir ſo gefällt,— ja ſey es ſo, Du biſt Herr meines Schickſals; es kann ſich nicht wider Dich empö⸗ ren! Ich meine faſt, ich könnte den lieben, Wer es auch ſeyn mag, auf welchen Du die Strahlen ausgößeſt, die 15 r, Dich umfließen. Alles was Du berührt haſt, das liebe ich; wovon Du ſprichſt, das liebe ich. Deine Hand hat mit dieſen Rebenblättern geſpielt; ich trage ſie an mei⸗ en nem Buſen. Du ſcheinſt mir die Quelle aller Liebe; zu as hoch und zu glänzend, um ſelbſt geliebt zu werden, aber nd Licht werfend auf andere Gegenſtände, auf welche das n. Auge, weniger geblendet, hinſchauen kann. Nein, nein! aß es iſt nicht Liebe, was ich für Dich fühle, und darum ne erröthe ich auch nicht, mein Gefühl zu nähren und zu be⸗ n8 kennen. Schande über mich, wenn ich liebte, da ich doch ir weiß, welch ein werthloſes Weſen ich bin gegen Dich!“ er aß„Ein Andrer!— Mein Gedächtniß wiederholt im⸗ as mer dieß Wort. Ein Andrer! Willſt Du damit ſagen, daß ich Dich nicht mehr ſehen ſolle? Es iſt nicht Trau⸗ rigkeit— es iſt nicht Verzweiflung, was mich ergreift. em Ich kann nicht weinen. Es iſt ein Gefühl gänzlicher die Verlaſſenheit. Ich bin zurückgeſunken in das gewöhnliche iſt, Leben; und ein kalter Schauer ergreift mich in der Ein⸗ en ſamkeit. Aber ich will Dir gehorchen, wenn Du willſt. die Werde ich Dich nicht wiederſehen jenſeits des Grabes? or⸗ Oh, wie ſüß wäre es, zu ſterben!“ il⸗„Warum ringe ich mich nicht los von dem Netze, en. in welchem mein Wille ſo verwickelt iſt? Haſt Du ein err Recht, ſo über mich zu verfügen? Gib mir zurück— ö⸗ gib mir zurück das Leben, das ich kannte, ehe ich das uch Leben ſelbſt an Dich hingab. Gib mir zurück die ſorglo⸗ ſen Träume meiner Jugend— die Freiheit meines Her⸗ 16 zens, das laut ſang im Hinwandeln über die Erde. Du haſt mir den Zauber von Allem zerſtört, was nicht Du und von Dir iſt. Was war es denn für Sünde, an Dich zu denken wenigſtens— Dich zu ſehen? Dein Kuß glüht noch auf meiner Hand; iſt dieſe Hand mein zum Ver⸗ geben? Dein Kuß eignete und heiligte ſie Dir. Fremd⸗ ling, ich will Dir nicht gehorchen!“ „ 8 5 „Wieder ein Tag, einer von den verhängnißvol⸗ len Dreien iſt verſtrichen! Es iſt mir wunderbar, daß ſeit dem Schlaf von letzter Nacht eine tiefe Ruhe ſich über meine Bruſt gelagert hat. Ich fühle mich ſo ver⸗ ſichert, daß mein ganzes Seyn ein Theil von Dir gewor⸗ den, daß ich nicht glauben kann, mein Leben könne vom Deinigen getrennt werden; und in dieſer Ueberzeu⸗ gung finde ich Ruhe, und lächle ſogar über Deine Worte und meine Befürchtungen. Du liebſt Eine Ma⸗ rime, die Du in tauſend Formen wiederholſt: die Schön⸗ heit der Seele ſey Glaube— was ideale Lieblichkeit dem Bildhauer, das ſey der Glaube dem Herzen— der Glau⸗ be, recht verſtanden, erſtrecke ſich über alle Werke des Schöpfers, die wir nur durch Glauben erkennen können — er umfaſſe ein ruhiges Vertrauen in uns ſelbſt, und eine heitere Beruhigung über unſte Zukunft— er ſey das Mondlicht, das die See des menſchlichen Herzens beherrſche,— dieſen Glauben verſteh' ich jetzt. Ich werfe alle Furcht weg. Ich weiß, daß ich das Ganze, welches mein inneres Leben ausmacht, unauflöslich mit — M X N ——— Sb 17 Dir verwoben habe; und Du kannſt mich nicht von Dir reißen, auch wenn Du wollteſt. Und dieſer Uebergang vom Kampf zur Ruhe kam nur mit dem Schlaf— einem Schlaf ohne Traum; aber als ich erwachte, da hatte ich ein geheimnißvolles Gefühl von Glück— eine unklare Erinnerung von einem beſeligten Zuſtand— wie wenn Du von fern ein Lächeln auf meinen Schlummer gewor⸗ ſen hätteſt. Am Abend war ich ſo betrübt; keine Blüthe, die ſich nicht geſchloſſen hätte, als wollte ſie ſich nie mehr der Sonne öffnen; und die Nacht ſelbſt hat, im Herzen wie auf der Erde, die Blüthen zu Blumen gereift. Die Welt iſt wieder ſchön, aber ſchön in der Ruhe,— nicht ein Lüftchen bewegt Deinen Baum— nicht ein Zweifel meine Seele!“ Sechstes Kapitel. Tu vegga o per violenza o peringan on Palire o disonare mortalo danno. Ort. Vur. Canto XIII. 7. Es war ein kleines Kabinet; die Wände waren mit Gemälden bedeckt, von welchen Eines mehr werth war als der ganze Stammbaum des Beſitzers des Palaſtes. Oh, ja! Zanoni hat Recht! der Maler iſt ein Zaube⸗ rer; das Gold wenigſtens, das er aus ſeinem Tiegeb ſchopft, iſt keine Täuſchung. Ein venetianiſcher Edel⸗ mann konnte ein Geck ſeyn, oder ein Meuchelmörder,— 18 ein Schurke oder ein Dummkopf; werthlos, oder noch ſchlimmer als werthlos, aber er konnte dem Titian fitzen, und ſein Portrait iſt vielleicht unſchätzbar! Ein paar Zolle übermalte Leinwand tauſendmal ſchätzbarer als ein Mann mit ſeinen Adern und Muskeln, Gehirn, Willen, Herz und Verſtand! In dieſem Cabinet ſaß ein Mann von etwa drei⸗ undvierzig Jahren; mit dunkeln Augen, gelbfahl, mit kurzen, hervorſtehenden Zügen, mit auffallend ſtarken Kie⸗ fern, und dicken, ſinnlichen, aber Entſchloſſenheit verra⸗ thenden Lippen; dieſer Mann war der Fürſt von——. Seine Geſtalt war über mittlere Größe und ziemlich zur Wohlbeleibtheit hinneigend; gekleidet war er in einen weiten Schlafrock von prächtigem Brokat. Auf einem Tiſch vor ihm lag ein altmodiſcher Degen und Hut, eine Maske, Würfel und Würfelbecher, ein Portefeuille, und ein kunſtreich gearbeitetes filbernes Tintenfaß. „Nun, Mascari,“ ſagte der Fürſt, ſeinen Paraſiten anblickend, der an der Einfaſſung des tiefen, vergitter⸗ ten Fenſters ſtand,—„nun, der Cardinal iſt zu ſeinen Vätern verſammelt. Ich bedarf des Troſtes bei dem Ver⸗ luſt eines ſo vortrefflichen Verwandten; und wo iſt eine honigſüßere Stimme als die der Viola Piſant?“ „Spricht Eure Excellenz im Ernſte? So bald nach dem Tode Sr. Eminenz?“ „Deſto weniger wird man davon ſprechen und mich im Verdacht haben. Haſt Du den Namen des Uebermü⸗ thigen in Erfahrung gebracht, der uns in jener Nacht n in er n, 19 unſern Plan vereitelte und am folgenden Tag den Car⸗ dinal davon in Kenntniß ſetzte?“ „Noch nicht.“ „Weiſer Mascari! Ich will ihn Dir ſagen. Es war der ſeltſame Unbekannte.“ „Der Signor Zanoni! Wißt Ihr es gewiß, mein Fürſt?“ „Ja, Mascari! dieſes Mannes Stimme hat einen Ton, in welchem ich mich nie täuſchen kann; ſo klar und ſo gebieteriſch,— wenn ich ihn höre, bilde ich mir faſt ein, es gebe Etwas wie ein Gewiſſen. Indeſſen, wir müſſen uns eines Unverſchämten entledigen. Mascari, Signor Zanoni hat unſer armes Haus noch nicht mit ſei⸗ ner Gegenwart beehrt. Er iſt ein ausgezeichneter Frem⸗ der— wir müſſen ihm zu Ehren ein Bankett geben.“ „Ha! und der Cyperwein! Die Cypreſſe iſt ein paſſendes Emblem des Grabes.“ „Hievon ſogleich. Ich bin abergläubiſch; es ſind ſonderbare Geſchichten im Umlauf von ſeiner Macht und Vorausſicht; denke an den Tod Ughelli's! Einerlei! und wäre der böſe Feind ſein Verbündeter, er ſollte mir mei⸗ nen Preis nicht rauben; ja, und auch meine Rache nicht!“ „Eure Excellenz iſt bezaubert; die Schauſpielerin hat Euch behert.“ „Masecari,“ ſagte der Fuͤrſt mit einem hochmüthi⸗ gen Lächeln,„durch dieſe Adern rollt das Blut der alten Visconti— jener Männer, die ſich rühmten, daß kein 20 Weib je ihrer Begierde entrann, und kein Mann ihrer Rache. Die Krone meiner Väter iſt eingeſchrumpft zu einem Spielzeug und einem Tand; ihr Ehrgeiz und ihr Geiſt find noch unzerſtört. Meine Ehre iſt jetzt bei dieſer Nachſtellung betheiligt— Viola muß mein werden!“ „Noch ein Hinterhalt?“ ſagte Mascari forſchend. „Nein, warum nicht in das Haus ſelbſt eindrin⸗ gen? es iſt einſam gelegen und die Thüre iſt nicht von Eiſen.“ „Aber wie, wenn ſie, nach Hauſe zurückgekehrt, von unſerer Gewaltthat ſpricht? In ein Haus eingebrochen — eine Jungfrau geſtohlen! Bebenkt! obgleich die feu⸗ daliſtiſchen Vorrechte noch nicht vernichtet ſind, ſteht doch ein Visconti auch jetzt nicht über dem Geſetz!“ „Nicht, Mascari? Narr! in welchem Zeitalter der Welt, ſelbſt wenn die wahnfinnigen Franzoſen ihre Chi⸗ mären durchſetzen, wird nicht das Eiſen des Geſetzes ſich biegen laſſen wie ein Weidenzweig von der Hand der Macht und des Goldes? Aber erblaſſe nicht ſo, Mas⸗ eari, ich habe ſchon Alles vorher angelegt. An dem Tage, wo ſie dieſen Palaſt verläßt, wird ſie nach Frank⸗ reich gehen mit Monſieur Jean Nicot.“ Ehe Mascari antworten konnte, meldete der Kam⸗ merdiener den Signor Zanoni. Der Fürſt fuhr unwillkührlich mit der Hand nach dem auf dem Tiſche liegenden Degen, dann ſtand er, mit einem Lächeln über jene Regung, auf, und empfing ſei⸗ — — MW—— ————— nen Beſuch vor der Schwelle mit all der überſtrömenden, ehrerbietigen Höflichkeit italieniſcher Verſtellungskunſt. „Das iſt eine hoch anzuſchlagende Ehre,“ ſagte der Fürſt.„Ich habe mich lang geſehnt, die Hand zu drü⸗ cken eines ſo ausgezeichneten—.“ „Und ich gebe ſie Euch in dem Geiſte, in welchem Ihr darnach verlangt,“ verſetzte Zanoni. Der Neapolitaner beugte ſich über die Hand, die er drückte; aber wie er ſie berührte, überfiel ihn ein Schauer und ſein Herz ſtand ſtill. Zanoni heftete auf ihn ſeine dunkeln, lächelnden Augen und ſetzte ſich dann mit ganz familärem Weſen nieder. „So iſt ſie denn gezeichnet und verſiegelt; unſere Freundſchaft meine ich, edler Fürſt. Und jetzt will ich Euch den Zweck meines Beſuchs nennen. Ich finde, Erx⸗ cellenz, daß wir, vielleicht ohne es zu wiſſen, Rivale geworden find. Können wir nicht unſere Anſprüche ver⸗ gleichen?“ „Ha!“ ſagte der Fürſt in gleichgültigem Tone,„alſo waret Ihr der Cavalier, der mich des Lohns meiner Jagd beraubte? Nun, alle Liſten ſind erlaubt, in der Liebe wie im Kriege. Unſere Anſprüche verſöhnen! Gut; hier iſt der Würfelbecher; laßt uns um ſie würfeln. Wer am niederſten wirft, ſoll ſeine Anſprüche aufgeben.“ „Und wollt Ihr verſprechen, Euch durch dieſe Ent⸗ ſcheidung für gebunden zu halten?“ „Ja, bei meinem Worte.“ 22 „Und welche Strafe ſoll den treffen, der ſein ſo verpfändetes Wort bricht?“ „Das Schwert liegt dem Würfelbecher am näch⸗ ſten, Signor Zanoni. Möge der, der nicht ſein Ehren⸗ wort hält, durchs Schwert fallen.“ „Und Ihr ruft dieſes Urtheil auf Jeden von uns Beiden herab, der ſein Wort nicht hält. Sey es ſo; laßt den Signor Mascari für uns werfen!“ „Wohlgeſprochen! Mascari, die Würfel!“ 3 Der Fürſt warf ſich in ſeinen Stuhl zurück; und ſo geübt er in weltlicher Verſtellung war, konnte er doch ein ſtrahlendes Lächeln des Triumphs und der Genug⸗ thung nicht unterdrücken, das ſich über ſein Antlitz ver⸗ breitete. Mascari nahm die drei Würfel und raſſelte damit laut im Becher. Zanoni ſtützte die Wange in die Hand, beugte ſich über den Tiſch, und heftete ſeine Augen ſcharf auf den Paraſiten; umſonſt ſtrebte Mascari ſich dieſem forſchenden Blicke zu entziehen; er wurde blaß und zitterte— er ſetzte den Würfelbecher nieder. „Ich gebe Eurer Excellenz den erſten Wurf. Sig⸗ nor Mascari, ſeyd ſo gut und macht unſrer Ungewißheit ein Ende.“ Wieder ergriff Mascari den Becher; wieder zitterte 1 ſeine Hand ſo, daß die Würfel innen klapperten. Er warf: die Augen waren ſechszehn. „Es iſt ein hoher Wurf,“ ſagte Zanoni ruhig; „dennoch, Signor Mascari, verzweifle ich noch nicht.“ M W NM———*— Mascari ſammelte die Würfel wieder, ſchüttelte den Becher, und ließ ſie noch einmal über den Tiſch hinrollen; die Zahl war die höchſte, die man werfen konnte— acht⸗ zehn. Der Fürſt ſchleuderte einen Feuerblick auf ſeinen Günſtling, der mit aufgeſperrtem Maul daſtand, die Würfel anſtierend und zitternd vom Kopf bis zum Fuß. „Ich habe gewonnen, wie Ihr ſeht,“ ſagte Zanoni; „bleiben wir dennoch FreundeL“ „Signor,“ ſagte der Fürſt, ſichtlich kämpfend mit Unmuth und Verwirrung,„der Sieg iſt ſchon Euer. Aber, verzeiht, Ihr habt nur ſo leicht hin von dieſem jungen Mädchen geſprochen— könnte Euch Etwas bewe⸗ gen, Eure Anſprüche aufzugeben?“ „Oh! denkt nicht ſo ſchlecht von meiner Galanterie; und,“ fuhr Zanoni mit einem ſtrengen, bedeutungsvollen Tone fort,„vergeßt nicht die Strafe des Wortbruches, die Euer Mund ſelbſt genannt hat!“ Der Fürſt runzelte die Stirne, hielt aber die hoch⸗ müthige Antwort zurück, die ihm ſchon auf der Zunge lag. „Genug!“ ſagte er, ſich zu einem Lächeln zwingend; „ich gebe nach. Laßt mich Euch beweiſen, daß ich nicht mit ſchlechter Art nachgebe; wollt Ihr mich beglücken mit Eurer Gegenwart bei einem kleinen Feſte, das ich im Sinne habe zu geben, zu Ehren“— und mit einem ſar⸗ doniſchen Spott fügte er hinzu—„der Erhöhung mei⸗ nes Verwandten, des Cardinals, frommen Andenkens, zu dem wahren Sitze St. Peters?“ 24 „Es iſt in der That ein Glück, Einen Wunſch von Euch zu hören, dem ich Folge leiſten kann.“ Zanoni lenkte das Geſpräch auf Anderes; plauderte leicht und munter und ging dann bald. „Schurke!“ rief jetzt der Fürſt, Mascari beim Kragen packend,„Du haſt mich verrathen!“ „Ich verſichere Euer Excellenz, die Würfel waren ganz recht arrangirt; er hätte zwölf werfen ſollen; aber er iſt der Teufel, und das iſt Alles.“ „Es iſt keine Zeit zu verlieren,“ ſagte der Fürſt, und ließ ſeinen Paraſiten los, der ruhig ſeine Halsbinde wieder in Ordnung brachte. „Mein Blut iſt erregt— ich will dieß Mädchen ge⸗ winnen, und ſollte es mein Tod ſeyn! Was iſt das für ein Getöſe?“ „Es iſt nur das Schwert Eures erlauchten Ahn⸗ herrn, das vom Tiſche gefallen iſt.“ Siebentes Kapitel. In ne faut appeler aucun ordre, si ce nest en temps clair et serein. Les Cavicules du Rabbi Salomon. Brief Zanoni's an Mejnour. Meine Kunſt iſt ſchon getrübt und geſtört. Ich habe die Ruhe verloren, worin die Macht beſteht. Ich kann die Entſcheidung Derer nicht beherrſchen, die ich am lieb⸗ ev M ſten in den Hafen geleiten möchte; ich ſehe ſie weiter und tiefer in den gränzenloſen Ocean hinausſchweifen, wo unſere Barken immer dem vor uns fliehenden Horizont zuſegeln. Erſtaunt und entſetzt, zu finden, daß ich da nur warnen kann, wo ich beherrſchen möchte, habe ich in meine eigene Seele geſchaut. Es iſt wahr, daß irdiſche Wünſche mich an die Gegenwart ketten und mich aus⸗ ſchließen von den hehren Geheimniſſen, welche der von allen Schlacken des Staubes gereinigte Geiſt allein er⸗ forſchen und überſchauen kann. Die ſtrenge Bedingung, unter welcher wir unſere edleren und göttlicheren Gaben beſitzen, trübt unſern Blick in die Zukunft Derer, für welche wir die menſchlichen Schwachheiten der Eiferſucht, des Haſſes oder der Liebe empfinden. Mejnour, Alles um mich her iſt Nebel und Dunſt; ich bin zurückgeſchrit⸗ ten in unſerm erhabenen Daſeyn; und dem Grunde der unvergänglichen Jugend, welche nur im Geiſte blüht, entkeimt die dunkle Giftblume menſchlicher Liebe. Dieſer Mann iſt ihrer nicht werth— ich erkenne dieſe Wahrheit; und doch iſt in ſeiner Natur der Samen des Guten und des Großen, wenn nur das Unkraut und die tauben Aehren weltlicher Eitelkeit und Aengßlichkeit ihn aufgehen ließen. Wäre ſie ſein, und hätte ich auf einen andern Boden die Leidenſchaft verpflanzt, welche mein Auge verfinſtert und meine Macht entwaffnet, ſo könnte ich ungeſehen, ungehört, unerkannt über ſeinem Schickſal wachen, geheim ſein Thun lenken, und durch — Bulwer's Romane. XCvII. 5 26 ſeine Wohlfahrt zu der ihrigen beitragen. Aber die Zeit drängt! Durch die mich umringenden Schatten ſehe ich die ſchwärzeſten Gefahren ſich um ſie zuſammenziehen. Keine Wahl, als Flucht— keine Rettung, als mit ihm oder mit mir! Mit mir! Der entzuͤckende Gedanke, die ſchreckliche Ueberzeugung! Mit mir! Mejnour, wunderſt Du Dich darüber, daß ich ſie vor mir retten möchte? Ein Augenblick in einem Jahrhunderte langen Leben— eine Schaumblaſe auf dem uferloſen Meere— was An⸗ deres kann mir menſchliche Liebe ſeyn? Und in dieſer ihrer köſtlichen Natur, reiner, geiſtiger noch in ihren jungen warmen Gefühlen, als je bisher die zahlloſen Bücher des Herzens, Geſchlecht um Geſchlecht, meine Blicke geoffenbart haben— iſt doch ein tiefbegrabenes Gefühl, das mich vor unvermeidlichem Weh warnt. Du, ſtrenger und mitleidloſer Hierophant— Du, der Du für unſere Brüderſchaft jeden Geiſt zu gewinnen geſucht haſt, der Dir nur recht hochſinnig und kühn ſchien— ſelbſt Du weißt, aus entſetzlicher Erfahrung, wie eitel die Hoffnung iſt, aus dem Herzen des Weibes die Furcht zu verban⸗ nen. Mein Leben würde für ſie Ein grauſes Wunder ſeyn. Andrerſeits, ſelbſt wenn ich ſie durch die Reiche des Schreckens zum Licht zu führen ſuchte,— denke an den Hüter an der Schwelle, und ſchaudere mit mir vor dem gräßlichen Wageſtück! Ich habe geſucht, den Ehr⸗ geiz des Engländers für die wahre Herrlichkeit ſeiner Kunſt zu begeiſtern; aber der raſtloſe Geiſt ſeines Ahn⸗ herrn ſcheint noch in ihm zu flüſtern, und ihn zu den Zeit ich en hm die erſt te? An⸗ eſer ren ſen eine nes Du, für aſt, Du ung an⸗ der iche an vor hr⸗ ner hn⸗ den 27 Sphären zu ziehen, wo er ſelbſt umirrend den Weg ver⸗ lor. Es liegt ein Geheimniß in dem, was der Menſch von ſeinen Vätern ererbt. Geiſteseigenthümlichkeiten, wie körperliche Krankheiten, ruhen und ſchlafen Genera⸗ tionen hindurch, und leben dann neu auf in einem ent⸗ fernten Abkömmling, aller Behandlung und aller Ge⸗ ſchicklichkeit ſpottend. Komm zu mir aus Deiner Ein⸗ ſamkeit unter den Trümmern Roms! Ich ſchmachte nach einem lebenden Vertrauten— nach Einem, der ſelbſt vor Zeiten Eiferſucht und Liebe gekannt hat. Ich habe Um⸗ gang geſucht mit Adon⸗Ai; aber ſeine Gegenwart, die mir einſt ſo himmliſche Zufriedenheit mit der Wiſſenſchaft und ein ſo heiteres Vertrauen zum Schickſal einflößte, beunruhigt und verwirrt mich jetzt nur. Von der Höhe herab, von welcher ich in die Schatten der künftigen Dinge hinabzuſpähen ſuche, ſehe ich verworrene, drohende und zornige Geſpenſter. Mich dünkt, ich ſehe eine geiſter⸗ hafte Grenze dem wunderbaren Daſeyn geſteckt, das ich bisher führte— mich dünkt, ich ſehe nach Jahrhunder⸗ ten idealen Lebens meinen Lauf in dem ſtürmiſchen Stru⸗ del des Realen untergehen. Wo mir die Sterne ihre Thore öffneten, da ragt ein Schafott— dicke Dämpfe von Blut ſteigen empor, wie aus einem Schlachthauſe. Was mir noch ſeltſamer iſt— ein Geſchöpf hier, ein wahrer Typus des falſchen Ideals der gemeinen Menſchen — am Körper und Geiſt ein häßliches Widerſpiel und eine Carikatur der Kunſt, welche das Schöne darſtellt, 3* 28 und der Sehn ucht, welche das Vollkommene ſucht, ſchwebt immer in meinen verſtörten, unzuſammenhängenden, umwölkten Geſichten von der Zukunft und ihren Ge⸗ ſchicken. An jenem ſchattenhaften Schafott ſteht es, und plappert zu mir, und Schlamm und Blut triefen von ſei⸗ nem Munde. Komm, o Freund der fernen Zeit; für mich wenigſtens hat Deine Welsheit Deine menſchlichen Gefühle nicht hinweg geſpult. Gemäß den Satzungen unſeres hehren Ordens, der ietzt ſich beſchränkt auf Dich und mich, die einzigen Ueberlebenden von ſo vielen ſtol⸗ zen und herrlichen Jüngern, biſt auch Du verpflichtet, den Abkömmling Derer zu warnen, die in früherer Zeit Dein Rath in das große Geheimniß einzuweihen ſuchte. Der Letzte von dem Stamme des kühnen Visconti, der einſt Dein Zögling war, iſt der gewiſſenloſe Verfolger des ſchö⸗ nen Kindes. Mit Gedanken von Wolluſt und Mord gräbt er ſich ſelbſt ſein Grab; Du kannſt ihn vielleicht noch zurückſcheuchen von ſeinem Verderben. Und auch ich bin, räthſelhaſter Weiſe, durch dieſelbe Satzung verpflichtet, einem minder ſchuldigen Abkömmling eines nicht glück⸗ lichen, aber edleren Lehrlings zu gehorchen, wenn er es befiehlt. Wenn er meinen Rath verwirft, und auf der Satzung beſteht, Mejnour, wirſt Du wieder einen Nev⸗ phiten bekommen! Hüte Dich vor einem neuen Opfer! Komm zu mir! Dieſer Brief wird Dir ſchnell zukommen. Beantworte ihn mit dem Druck einer Hand, die ich kühn⸗ lich faſſen darf! Achtes Kapitel. N lupo Jerito, credo, mi conobbe e'ncontro Mi venne con la bacca sanguinosa. Aminta, At. 1V. Sc. 1. In Neapel wird das Grab, das über der Grotte Poſilipo ragt, verehrt nicht mit den Gefühlen, welche das Gedächtniß des Dichters weihen ſollten, ſondern mit jener Scheu, welche dem Gedächtniß des Zauberers an⸗ hängt. Seinem Zauber ſchreibt man die Aushöhlung dieſes Ganges durch den Berg zu; und die Tradition läßt ſein Grab noch bewachen von den Geiſtern, die er zum Ban des hohlen Ganges beſchworen. Dieſer Platz, in der unmittelbaren Nähe von Viola's Wohnung, hatte oft auf ihren einſamen Wanderungen ſie angezogen. Sie hatte die feierlichen dämmernden Phantaſien geliebt, welche in ihr aufſtiegen, wenn ſie in die lange, düſtere Grotte hineinſchaute, oder, zum Grabmal hinaufſtei⸗ gend, von dem Felſen herabſah auf die zwerghaften Ge⸗ ſtalten der geſchäftigen Menge, die Inſekten gleich auf den Pfaden und Windungen des Bodens unten zu krie⸗ chen ſchienen; und jetzt,— es war Mittag— lenkte ſie auch wieder nachdenklich dorthin ihre Schritte. Sie be⸗ trat den ſchmalen Pfad, ſie ging aurch den düſtern Wein⸗ berg, der ſich den Fels hinaufzieht, und erreichte den luftigen Platz, grün von Moos und üppigem Laubwerk, 30 wo der Staub deſſen, der noch jetzt den Geiſt der Men⸗ ſchen erhebt und erfreut, nach der Sage ruhen ſoll. In der Ferne ſtieg das gewaltige Fort St. Elmo empor, fin⸗ ſter dräuend unter Thurmſpitzen und Giebeln, die in der Sonne glänzten. In ſeinem azurnen Glanze lag ruhig eingelullt das Meer der Sirenen, und der graue Rauch des Veſuvs wirbelte, in der klaren Ferne, wie eine be⸗ wegliche Säule zu dem durchſichtigen Himmel ſich empor. Regungslos am Rande des jähen Vorſprungs, ſchaute Viola auf die liebliche und lebendige Welt hinab, die ſich vor ihr ausdehnte; und der finſtere Dampf des Veſuvs bezanberte ihr Auge noch mehr als die zerſtreuten Gär⸗ ten, oder das ſchimmernde Capri, lächelnd in dem lä⸗ chelnden Meere. Sie hörte nicht die Schritte, die ihr auf ihrem Wege gefolgt waren, und fuhr zuſammen, als ſie ganz in ihrer Nähe eine Stimme hörte. So plötzlich war die Erſcheinung der Geſtalt, die jetzt, aus den die Felſen umkleidenden Gebüſchen hervortretend, neben ihr ſtand, und ſo ſeltſam harmonirte ſie in ihrer unholden Häßlichkeit mit der wilden Natur der unmittelbar ſie um⸗ gebenden Scene, und den zaubermäßigen Traditionen des Platzes, daß die Farbe aus ihren Wangen entwich und ein leiſer Schrei ihrem Munde entfuhr. „Still! hübſche, zitternde Kleine!— erſchrick nicht über mein Geſicht!“ ſagte der Mann mit einem bittern Lächeln.„Nach dreimonatlicher Ehe iſt kein Unterſchied mehr zwiſchen Häßlichkeit und Schönheit. Gewohnheit gleicht Alles aus. Ich kam an Euer Haus, als ich Euch 31 es verlaſſen ſah; und ſo wagte ich, da ich Euch wichtige Angelegenheiten mitzutheilen habe, Euern Schritten zu folgen. Mein Name iſt Jean Nicot, der ſchon günſtig bekannte Name eines franzöſiſchen Künſtlers. Die Kunſt der Malerei und die Kunſt der Muſik find nahe verwandt, und die Bühne iſt ein Altar, der beide vermählt.“ Es lag etwas Freimüthiges und Unverlegenes in des Mannes Anrede, was dazu beitrug, die Furcht zu ver⸗ ſcheuchen, welche ſeine Erſcheinung erweckt hatte. Er ſetzte ſich, wie er ſo redete, auf einen Felsblock neben ihr, und fuhr, indem er ihr ſtets ins Geſicht ſchaute, fort: „Ihr ſeyd ſehr ſchön, Viola Piſani, und ich wun⸗ dere mich nicht über die große Zahl Eurer Anbeter. Wenn ich ſo kühn bin, mich auch in deren Reihe zu ſtellen, ſo iſt es, weil ich der Einzige bin, der Dich in Ehren liebt und redlich um Dich wirbt. Nein, ſieh mich nicht ſo entrüſtet an! Höre mir zu. Hat der Fürſt von—— Dir je von Heirathen geſprochen? oder der ſchöne Betrüger Zanoni?— oder der junge, blauäugige Engländer, Cla⸗ rence Glyndon? Die Ehe, eine Heimath, Sicherheit, guten Ruf— das Alles biete ich Dir an. Und dieß dauert, wenn die ſchlanke Geſtalt gebeugt wird, und die glän⸗ zenden Augen trübe. Was ſagt Ihr?“ und er verſuchte ihre Hand zu faſſen. Viola bebte vor ihm zurück und wandte ſich ſchwei⸗ gend, um wegzugehen. Er ſtand raſch auf und vertrat ihr den Weg. 32 „Schauſpielerin, Ihr müßt mich hören! Wißt Ihr, was dieſer Bühnenberuf in den Augen des Vorurtheils — das heißt der gemeinen Meinung der Menſchen iſt? Der: eine Prinzeſſin zu ſeyn vor den Lampen und eine Paria am hellen Tage. Niemand glaubt an Eure Tu⸗ gend; kein Menſch traut Euren Betheurungen; Ihr ſeyd die Puppe, die ſie gerne mit Zierrathen behängen und ausſtatten zu ihrem Ergötzen, nicht ein Götterbild für ihre Verehrung. Seyd Ihr ſo verliebt in dieſe Laufbahn, daß Ihr ſelbſt den Gedanken an Sicherheit und Chre verſchmäht? Vielleicht ſeyd Ihr anders, als Ihr ſcheint. Vielleicht lacht Ihr über das Vorurtheil, das Euch herabwürdigen möchte, und möchtet klüglich Vortheil daraus ziehen. Sprecht offen zu mir; ich habe auch keine Vorurtheile. Meine Holde, ich bin gewiß, wir taugten zu⸗ ſammen. Nun, dieſer Fürſt von——, ich habe eine Botſchaft von ihm. Soll ich ſie ausrichten?“ Nie hatte Viola gefuhlt, was ſie jetzt fühlte; nie hatte ſie ſo offen alle Gefahren ihres preisgegebenen Standes und ihres fürchterlichen Rufes überſchaut. Nicot fuhr fort: „Zanoni möchte ſich hlos mit Deiner Eitelkeit belu⸗ ſtigen; Glyndon würde ſich ſelbſt verachten, wenn er Dir ſeinen Namen anböte— und Dich, wenn Du ihn annäh⸗ meſt; aber dem Fürſten von—— iſt es Ernſt, und er iſt reich. Höre mich an!“ Nicot näherte ſeinen Mund ihrem Ohre und zi⸗ ſchelte einige Worte, die ſie ihn nicht ganz ausſprechen V ließ. Sie fuhr von ihm zurück mit einem Blick von un⸗ ausſprechlicher Verachtung. Wie er ſich ihres Armes wieder zu bemächtigen ſuchte, glitt er aus, und fiel am Felſen hinunter, bis ihn, zerquetſcht und zerriſſen, ein Fichtenzweig aufhielt, daß er nicht in den unten gähnen⸗ den Abgrund hinabſtürzte. Sie hörte ihn vor Schmerz und Wuth aufſchreien, indem ſie den Pfad hinabſprang, und ohne ſich auch nur Einmal umzuſehen, erreichte fie ihr Haus. An dem Eingang ſtand Glyndon, mit Gia⸗ netta ſich unterhaltend. Sie ging haſtig an ihm vorbei, trat in das Haus, und auf den Boden niederfinkend, weinte ſie laut und bitterlich. Glyndon, der ihr erſtaunt gefolgt war, ſuchte ſie vergebens zu tröſten und zu beruhigen. Sie wollte ihm auf ſeine Fragen nicht antworten, ſie ſchien auf die Be⸗ theurungen ſeiner Liebe nicht zu hören, bis ſich ihr plötz⸗ lich Nicots fürchterliche Schilderung des Urtheils der Welt über den Beruf, der ihren Gedanken früher als ein Dienſt des Geſanges und des Schönen ſich darge⸗ ſtellt hatte, dufdrängte. Sie erhob ihr Angeſicht, das ſie in ihren Händen verſteckt hatte, und ſagte, den Engländer ſtarr anblickend:„Falſcher, ſprichſt Du mir von Liebe?“ „Bei meiner Ehre, mir fehlen die Worte, Dir zu ſagen, wie ich Dich liebe!“ „Willſt Du mir Dein Haus— Deinen Namen geben? Begehrſt Du mich zur Gattin?“ Und hätte ihr in dieſem Augenblick Glyndon geantwortet, wie ihm wohl ſein guter Engel rieth, vielleicht in dieſem Aufruhr ihres 34 ganzen Gemüthes, welchen Nicots Worte veranlaßt hat⸗ ten, ſo daß ſie ſich ſelbſt verachtete, ihre erhabenen Träume ihr vergiftet waren, ſie an der Zukunft verzweifelte und ihrem ganzen Ideal mißtraute— vielleicht, ſage ich, hätte er, indem er ihr die Selbſtachtung wieder gegeben, hätte er ihr Vertrauen gewonnen und am Ende ihre Liebe ſich erworben. Aber, gegen die Stimme ſeiner edleren Natur, erhoben ſich bei dieſer plötzlichen Frage alle jene Zweifel, welche, wie Zanoni ſo richtig bemerkt, die wah⸗ ren Feinde ſeiner Seele waren. Sollte er ſich ſo plötzlich in einer Schlinge fangen laſſen, welche Betrüger vielleicht ſeiner Leichtgläubigkeit geſtellt hatten? War ſie nicht viel⸗ leicht angewieſen, den Augenblick zu ergreifen, um ihm eine Zuſage abzunöthigen, welche die Klugheit bereuen mußte? Spielte nicht die große Schauſpielerin eine wohlüberlegte Rolle? Er wandte ſich um, als dieſe Ge⸗ danken, die Kinder der Welt, ihm durch die Seele gin⸗ gen, denn er bildete ſich im buchſtäblichem Sinn ein, draußen das ſarkaſtiſche Lachen Mervale's zu hören. Auch täuſchte er ſich nicht. Mervale ging vor dem Hauſe vor⸗ über und Gianetta hatte ihm geſagt, ſein Freund ſey drinnen. Wer kennt nicht die Wirkung von dem Lachen der Welt? Mervale war die Perſonifikation der Welt. Die ganze Welt ſchien in dieſen gellenden Tönen ihren Spott und Hohn auszuſchütten. Er zog ſich zurück— er wich ſcheu aus. Viola folgte ihm mit ernſten, unge⸗ duldigen Augen. Endlich ſtotterte er heraus—:„Ver⸗ langen Alle von Deinem Berufe, ſchöne Viola, die Hei⸗ „4 35 rath als einzige Bedingung der Liebe?“ Oh⸗ bittere Frage! Oh, giftiger Spott! Er bereute es gleich im nächſten Augenblick. Ihn erfaßte heftige Reue der Ver⸗ nunft, des Gefühls, des Gewiſſens. Er ſah ihre Geſtalt gleichſam zurückbeben bei ſeinen grauſamen Worten. Er ſah die Farbe kommen und gehen, und am Ende die zu⸗ ckenden, welken Lippen wie Marmor werden; und dann, mit einem traurigen, ſanften Blick des Mitleids mit ſich ſelbſt mehr als des Vorwurfs, drückte ſie die Hände feſt auf ihren Buſen und ſagte: „Er hatte Recht! Verzeiht mir, Engländer! Ich ſehe jetzt wirklich, daß ich die Paria und die Ausgeſtoßene bin!“ „Höre mich! Ich widerrufe Alles! Viola, Viola! an Dir iſt es zu vergeben!“ Aber Viola winkte ihn von ſich weg; und kummer⸗ voll lächelnd, als ſie an ihm vorbei kam, ſchlüpfte ſie aus dem Zimmer; und er wagte nicht, ſie zurückzuhalten. Neuntes Kapitel. Dafne. Ma chi lung' è d'Amor? Tirsi. Chi teme e fugge. Dafne. Eche giova fuggir da lui, ch'ha d'ali? Tirsi. Amor nascente ha corte Pali! Aminta. At⸗ I. Sc. 2. Als Glyndon ſich außer dem Hauſe Viola's befand, ergriff Mervale, der noch dort herum ſchlenderte, ſeinen Arm. Glyndon machte ſich heftig von ihm los. 36 „Du mit Deinen Räthen,“ ſagte er bitter,„haſt mich zu einer Memme und zu einem Elenden gemacht. Aber ich will heim gehen— ich will ihr ſchreiben. Ich will meine ganze Seele vor ihr ausſtroͤmen; ſie wird mir noch verzeihen.“ Mervale, ein Mann von unerſchütterlicher Kaltbhlü⸗ tigkeit, machte ſeine Manſchetten zurecht, welche ſeines Freundes zornige Bewegung etwas in Unordnung ge⸗ bracht hatte, und erſt, nachdem Glyndon ſich eine Weile erſchopft hatte durch leidenſchaftliche Ausrufe und Vor⸗ würfe, fing der erfahrene Angler an, die Schnur etwas anzuziehen. Dann entlockte er Glyndon die Erklärung des Vorgefallenen, und ſuchte ihn, ſchlau, nicht zu rei⸗ zen, ſondern zu begütigen. Mervale war in der That kein ſchlimmer Mann; er hatte ſtrengere moraliſche Be⸗ griffe, als man ſie gewöhnlich unter der Jugend findet. Er machte ſeinem Freund ernſtlich gemeinte Vorwürfe darüber, daß er unehrenhafte Abſichten hinſichtlich der Schauſpielerin genährt hatte.„Wenn ich nicht wollte, daß Du ſie zur Frau nehmeſt, ſo dachte ich deßwegen doch nicht im Traume daran, daß Du ſie zu Deiner Geliehten herabwürdigen ſolleſt. Immer noch beſſer eine unkluge Heirath als eine unerlaubte Verbindung. Aber beſinne Dich noch; handle nicht nach der raſchen Eingebung des Augenblicks.⸗ „Aber es iſt keine Zeit zu verlieren. Ich habe Za⸗ noni verſprochen, ihm bis morgen Nacht meine Antwort zu geben. Nach dieſer Friſt hat alle Wahl ein Ende.⸗ er vo we nu cht. ird „Ha!“ ſagte Mervale,„das ſcheint verdächtig. Erklärt Euch genauer!“ Und Glyndon, im ernſten Eifer ſeiner Leidenſchaft, erzählte ſeinem Freunde, was zwiſchen ihm und Zanoni vorgefallen— wobei er nur, er wußte ſelbſt nicht recht warum? die Erwähnung ſeines Ahnherrn und der ge⸗ heimnißvollen Brüderſchaft verſchwieg. Dieſe Erzählung gab Mervale allen Vortheil, den er nur wünſchen konnte. Himmel! mit welchem geſunden, ſchlauen Menſchenverſtand er ſchwatzte! Wie augenfällig eine charlatanmäßige Coalition zwiſchen der Schauſpie⸗ lerin und ihm, der vielleicht— Wer mochte es wiſſen? — ihr vom Beſitz geſättigter, heimlicher Beſchützer war? Wie zweideutig der Charakter des Einen,— die Stellung der Andern! Welche Liſt in der Frage der Schauſpielerin! Wie gründlich hatte Glyndon, dem erſten Impuls ſeiner nüchternen Vernunft folgend, die Schlinge durchſchaut! Was! ſollte er mit ſolchen myſtiſchen Poſſen in eine übereilte Ehe ſich hineinſchmeicheln und ſcheuchen laſſen, weil Zanoni, ein ihm ganz Fremder, ihm mit ernſtem Geſicht geſagt hatte, er müſſe ſich entſcheiden, ehe die Uhr eine gewiſſe Stunde geſchlagen? „Thue wenigſtens dieß,“ ſagte Mervale höchſt ver⸗ nünftig,—„warte, bis die Friſt verſtrichen iſt; es iſt nur ein Tag weiter. Mache Zanoni's Plan zunichte. Er ſagte Dir, er wolle Dich vor morgen Mitternacht tref⸗ fen, und bietet Dir Trotz, ihn zu meiden. Pah! laß uns aus Neapel weg nach einem benachbarten Orte gehen, 38 wo er uns, wenn er nicht wirklich der Teufel iſt, un⸗ möglich finden kann. Zeige ihm, daß Du Dich wenig⸗ ſtens nicht blindlings in Etwas hineinführen läßt, was Du ſelbſt zu thun geſonnen biſt. Verſchieb es, ihr zu ſchreiben, oder ſie zu ſehen, bis übermorgen. Das iſt Alles was ich verlange. Dann beſuche ſie und entſcheide Dich ſelbſt.“ Glyndon ſchwankte. Er konnte die Gründe ſeines Freundes nicht beſtreiten; er war nicht überzeugt, aber er zögerte; und in dieſem Augenblick kam Nicot an ihnen vorbei. Er wandte ſich, und blieb ſtehen, als er Glyndon gewahrte. „Nun, und Ihr denkt noch an die Piſani?“ „Ja; und Ihr?“ „Ich habe ſie geſehen und mit ihr geredet. Sie ſoll Madame Nicot werden binnen heut und acht Tagen! Ich gehe in das Café in der Straße Toledo; und hört, wenn Ihr das nächſte Mal Euren Freund, den Signor Zanoni ſeht, ſagt ihm, er habe zweimal meinen Weg ge⸗ kreuzt. Jean Ricot, obwohl ein Maler, iſt ein einfacher, ehrlicher Mann, und bezahlt immer ſeine Schulden.“ „Das iſt ein guter Grundſatz in Geldſachen,“ ſagte Mervale;„was die Rache betrifft, ſo iſt er da nicht ſo moraliſch und gewiß nicht ſo klug. Aber hat Zanoni Eu⸗ ren Weg durchkreuzt in Eurer Liebe? Wie das, wenn Eure Bewerbung ſo gut von Statten geht?“ „Fragt das die Viola Piſani. Bah! Glyndon, ſie ines aber nen don Sie en ört, nor ge⸗ cher, agte t ſo Eu⸗ enn „ſie 39 ſpielt die Prüde nur gegen Dich! Aber ich habe keine Vorurtheile. Noch einmal, lebt wohl!“ „Ermanne Dich, Menſch!“ ſagte Mervale, Glyn⸗ don auf die Schulter klopfend;„Was denkt Ihr jetzt von Eurer Schönen?“ „Dieſer Menſch muß lügen!“ „Wollt Ihr ſogleich an fie ſchreiben?“ „Nein; wenn ſie wirklich ein abgekartetes Spiel ſpielt, ſo könnte ich ihr ohne einen Seufzer entſagen. Ich will ſie genau bewachen; und in jedem Falle ſoll Za⸗ noni nicht der Herr meines Schickſals ſeyn. Laßt uns, wie Ihr rathet, Neapel morgen mit Tagesanbruch ver⸗ laſſen!“ Zehntes Kapitel. O chiunque tu sia, che fuor d'ogni uso Pieghi Natura ad opre altere e strane, E spiando i segreti, entro al piu chiuso Spazj à tus voglia delle menti umane, Deh-dimmi. Gerus. Lib. Canto X. 18. Früh am nächſten Morgen beſtiegen die jungen Eng⸗ länder ihre Pferde und ſchlugen den Weg nach Bajä ein. Glyndon hinterließ in ſeinem Hotel, falls Signor Za⸗ noni nach ihm frage, ſo ſey er in der Nachbarſchaft die⸗ ſes einſt berühmten Badeorts der Alten zu finden. Sie kamen an Viola's Haus vorbei, aber Glyndon 40 widerſtand der Verſuchung hier anzuhalten; und nachdem ſie die Grotte Pofilipo durchritten, wandten ſie ſich auf einem Umweg in die Vorſtädte von Neapel zurück und ſchlugen die entgegengeſetzte Straße ein, die nach Portict und Pompeji führt. Es war ſpät Mittags, als ſie am erſtgenannten Orte ankamen. Hier machten ſie Halt, um zu ſpeiſen; denn Mervale hatte viel gehört von der Vortrefflichkeit der Maccaroni in Portici, und Mervale war ein Bonvivant. Sie ſtellten ihre Pferde in einem Gaſthaus von ſehr beſcheidenen Anſprüchen ein, und ſpeisten unter einem Zeltdach. Mervale war munterer als gewöhnlich, ſprach ſeinem Freunde zu dem Lacrymä zu und plauderte ganz fröhlich. „Nun, mein lieber Freund, wir haben dem Sig⸗ nor Zanoni wenigſtens eine ſeiner Vorherſagungen zu nichte gemacht. Hinfort werdet Ihr nicht mehr an ihn glauben.“ „Die Iden kommen, ſie ſind noch nicht vorüber!“ „Still, wenn er der Wahrſager iſt, ſo ſeyd doch Ihr nicht Cäſar! Eure Eitelkeit macht Euch leichtgläubig. Dank dem Himmel, ich halte mich nicht für eine ſo wich⸗ tige Perſon, daß die Operationen der Natur verändert werden ſollten, um mich zu ängſtigen.“ „Aber warum ſollten denn die Operationen der Na⸗ tur verändert werden? Es kann eine tiefere Philoſophie geben, als von der wir träumen— eine Philoſophie, f d ct t — 1 — — M 41 welche die Geheimniſſe der Natur entdeckt, aber ihre Wir⸗ kungen nicht ändert, wenn ſie ſie auch ergründet.“ „Ach! Ihr fallt in Eure ketzeriſche Leichtgläubigkit zurück; Ihr haltet Zanoni in allem Ernſte für einen Pro⸗ pheten— Einen, der die Zukunft leſen kann; vielleicht einen Genoſſen der Genien und der Geiſter!“ Hier trat der Wirth, ein kleiner, fetter, ölichter Kerl, mit einer friſchen Flaſche Laerymä ein.„Er hoffe,“ ſagte er,„Ihre Excellenzen ſeyen zufrieden. Er ſey ſehr gerührt — bis ins Herz gerührt, daß ihnen die Maccaroni ſchmeck⸗ ten. Ob Ihre Excellenzen auf den Veſuv gehen wollten? Es ſey ein kleiner Ausbruch; ſie könnten ihn von da aus, wo ſie jetzt ſich befänden, nicht ſehen, aber er ſey hübſch, und werde nach Sonnenuntergang noch hübſcher werden.“ „Eine Capitalidee!“ rief Mervale.„Was ſagt Ihr dazu, Glyndon?“ „Ich habe noch keinen Ausbruch geſehen; es wäre mir ſehr angenehm.“ „Aber iſt keine Gefahr dabei?“ fragie der vorſichtige Mervale. „O gar nicht; der Berg iſt dermalen ganz artig. Er ſpielt nur ein Wenig, bloß um Ihre Ercellenzen, die Herren Engländer, zu beluſtigen.“ „Nun gut, ſo beſtellt die Pferde und bringt die Rech⸗ nung; wir wollen aufbrechen, ehe es dunkel iſt. Clarence, mein Freund— Nunc est bibendum; aber hütet Euch vor dem pede libero, was nicht eben anginge, um auf der Lava hinzuſchreiten!“ Bulwer's Romane. XCVI. à 42 Die Flaſche ward geleert, die Rechnung bezahlt; die Herren ſtiegen zu Pferde, der Wirth machte Bücklin⸗ ge, und ſie ſchlugen in der Kühle des köſtlichen Abends den Weg nach Reſina ein. Der Wein, vielleicht auch die Aufregung ſeiner Ge⸗ danken, machte Glyndon ſehr lebhaft, deſſen oft wechſelnde Stimmung zu Zeiten oft ſo luſtig und glänzend war, wie die eines losgelaſſenen Schulknaben, und das Gelächter der nordiſchen Touriſten erſchallte oft und fröhlich über die melancholiſchen Marken begrabener Städte. Heſperus hatte ſeine Lampe an dem gerötheten Him⸗ mel angezündet, als ſie in Reſina ankamen. Hier ließen ſie ihre Pferde zurück und nahmen Maulthiere und einen Führer. Wie der Himmel dunkler und dunkler wurde, brannte das Feuer des Berges in lebhaftem Glanze. In verſchiedenen Streifen und Bächen ſtrömte der Flammen⸗ quell von dem dunkeln Gipfel herunter, und die Englän⸗ der begannen im Hinaufreiten immer lebhafter jenes Ge⸗ fühl ernſter, unheimlicher Scheue zu empfinden, welches ſo zu ſagen die Atmoſphäre zu bilden ſcheint, die den Rie⸗ ſen der Ebenen des alten Hades umſchwebt. Es war Nacht, als ſie die Maulthiere zurückließen, und von ihrem Führer und einem Bauern, der eine rohe Fackel trug, begleitet, zu Fuß weiter hinauf klimmten. Der Führer war ein umgänglicher, redſeliger Burſche, wie die Meiſten ſeines Berufes und ſeines Landes, und Mervale, der eine geſellige Gemüthsart beſaß, unterhielt tei ler M wi vor un laf — 3 3 N oder unterrichtete ſich gerne bei jeder ſich zufällig darbie⸗ tenden Gelegenheit. „Ach, Excellenz,“ ſagte der Führer,„Eure Lands⸗ leute haben eine lebhafte Leidenſchaft für den Vulkan! Mögen ſie lange leben! ſie tragen uns viel Geld ein! Wenn unſer Einkommen von den Neapolitanern abhienge, würden wir verhungern.“ „Wahr, die haben keine Neugier,“ ſagte Mervale. „Erinnert Ihr Euch noch der Verachtung, Glyndon, mit welcher jene alte Graf zu uns ſagte: Ihr werdet wohl auch auf den Veſuv ſteigen, denke ich? Ich bin nie dort geweſen; warum ſollte ich auch? man hat Kälte, man hat Hunger, man hat Anſtrengungen, man hat Gefahren zu beſtehen, und das Alles für Nichts, als um Feuer zu ſehen, das ſich eben ſo gut ausnimmt in einem Ofen, als auf einem Berge. Ha, ha! Der alte Kerl hatte Recht!“ „Aber, Excellenz!“ ſagte der Führer;„das iſt nicht Alles; manche Cavaliere laſſen ſich einfallen, den Berg ohne unſere Hülfe zu beſteigen. Die verdienen doch ge⸗ wiß in den Krater hinabzupurzeln.“ „Das müſſen kecke Burſche ſeyn, die allein gehen; — es kommen Euch nicht oft Solche vor?“ „Manchmal unter den Franzoſen, Signor. Aber vor ein paar Nächten— ich war in meinem Leben nie ſo in Angſt— war ich mit einer engliſchen Geſellſchaft oben; und eine Dame hatte ein Taſchenbuch auf dem Berg ge⸗ laſſen, wo ſie gezeichnet hatte. Sie bot mir eine anſehn⸗ 4* 44 liche Summe, wenn ich umkehrte, um es zu holen, und es ihr nach Neapel brächte. So ging ich denn Abends hin⸗ auf. Ich fand es allerdings, und war im Begriff umzu⸗ kehren, als ich eine Geſtalt ſah, die aus dem Krater ſelbſt emporzutauchen ſchien. Die Luft dort war ſo peſt⸗ artig, daß ich nicht gedacht hätte, ein menſchliches Weſen könne ſie einathmen, ohne zu ſterben. Ich war ſo ange⸗ donnert, daß ich da ſtand wie ein Stein, bis die Geſtalt über die heiße Aſche daher kam und ſich Stirn gegen Stirn vor mich hinſtellte. Santa Maria, welch ein Kopf!“ „Wie, ſo häßlich?“ „Nein! ſo ſchön, aber ſo ſchrecklich. Er hatte nichts Menſchliches in ſeinem Ausſehen.“ „Und, was ſagte der Salamander?“ „Nichts! Er ſchien mich nicht einmal zu bemerken, obgleich ich ihm ſo nahe ſtand, wie jetzt Euch; ſondern ſeine Augen ſchienen in die Luft hinaus zu ſpähen. Er ging raſch an mir vorbei, und über einen Strom bren⸗ nender Lava ſchreitend, verſchwand er bald auf der andern Seite des Berges. Ich war neugierig und tollköpfig, und beſchloß zu verſuchen, ob ich auch die Atmoſphäre er⸗ tragen könne, welche dieſer Beſuch verlaſſen hatte; aber obgleich ich mich nicht auf dreißig Schritte der Stelle näherte, wo er zuerſt erſchienen war, wurde ich doch ſchon durch einen Dampf zurückgetrieben, der mich bei⸗ nahe erſtickt hätte. Cospetto, ich habe ſeitdem Blut ge⸗ ſpieen!“ „Nun will ich eine Wette eingehen, daß Ihr Euch eit me tzu⸗ ter einbildet, dieſer Feuerkönig müſſe Zanoni ſeyn,“ flüſterte Mervale lachend. Die kleine Geſellſchaft war jetzt beinahe auf dem Gipfel des Berges angekommen, und unausſprechlich groß⸗ artig war das Schauſpiel, das ſich ihnen darbot. Aus dem Krater ſtieg ein Dampf empor, ganz ſchwärzlich dunkel, der den ganzen Hiütergrund des Himmels über⸗ zog, und in der Mitte deſſelben ſtieg eine Flamme auf, die eine eigenthümlich ſchöne Geſtalt annahm. Man hätte ſie mit einem Buſch von rieſigen Federn vergleichen kön⸗ nen, einem Diadem des Berges, hochgewölbt und ſich niederſenkend mit zart abgeſchatteten Farben, und das Ganze ſchwankend und zitternd, wie das Gefieder auf eines Kriegers Helm. Die Gluth der Flamme ergoß ſich, grell und dunkelroth, über den rauhen, dunkeln Boden, auf welchem ſie ſtanden, und ließ eine zahlloſe Mannig⸗ faltigkeit von Schatten über Spalten und Schluchten ſich lagern. Eine erſtickende ſchwefelichte Ausdünſtung trug noch dazu bei, das erhaben und düſter Schreckliche des Ortes zu erhöhen. Aber wenn man ſich von dem Berge nach dem fernen, unſichtbaren Meere zuwandte, war der Contraſt wunderbar groß; der Himmel heiter und blau, die Sterne ſtill und ruhig wie die Augen göttlicher Liebe. Es war, wie wenn die Reiche der entgegengeſetzten Mächte des Böſen und des Guten in Einem Anblick vor das menſchliche Auge hingeſtellt wären! Glyndon— jetzt wie⸗ der der Enthuſiaſt, der Künſtler— war gefeſſelt und hin⸗ geriſſen von unbeſtimmten, wunderbaren, halb ſüßen, 46 halb ſchmerzlichen Gemüthsbewegungen. Auf die Schul⸗ ter ſeines Freundes gelehnt, ſchaute er ſich um und hörte mit immer ſteigendem geheimem Schauer das Toſen der Erde drunten, die Räder und Stimmen des Prozeſſes der Natur in ihrer dunkelſten und unerforſchlichſten Tiefe. Plötzlich, wie eine Bombe aus einem Mörſer, ward ein gewaltiger Stein mehrere hundert Fuß aus dem Rachen des Kraters emporgeſchlendert, und mit mächtigem Kra⸗ chen auf den Felſen zurückfallend, zerſprang er in zehn⸗ tauſend Stücke, welche funkelnd und ächzend unterwegs, an den Seiten des Berges hinunterrollten. Eines, das größte Stück, ſchlug nieder auf dem engen Raum zwi⸗ ſchen den Engländern und ihrem Führer, nicht drei Schritte von dem Platz entfernt, wo die Erſteren ſtanden. Mervale ſtieß einen Ausruf des Schreckens aus, und Glyndon hielt den Athem an und ſchauderte. „Diavolo!“ rief der Führer.„Steigt hinab, Ex⸗ cellenzen— ſteigt hinab! wir haben keinen Augenblick zu verlieren. Folgt mir auf dem Fuße nach!“ Mit dieſen Worten flohen der Führer und der Bauer mit aller ihnen nur möglichen Geſchwindigkeit. Mervale, immer gefaßter und raſcher als ſein Freund, ahmte ihrem Beiſpiel nach, und Glyndon, mehr verwirrt als in Angſt, folgte ihm auf dem Fuße. Aber ſie hatten noch nicht viele Schritte zurückgelegt, als mit einer plötzlich außziſchen⸗ den Lohe aus dem Krater eine ungeheure Dampfſäule hervorbrach. Sie verfolgte ſie— holte ſie ein— bedeckte ſie ganz. Sie verſchlang alles Licht des Himmels. Alles chul⸗ örte der der iefe. ein chen dra⸗ hn⸗ egs, das wi⸗ itte ale ielt uer ale, em gſt. ele ule kte ward plotzlich äußerſte Finſterniß; und durch das Dunkel hörte man das Schreien des Führers, ſchon in ziemlicher Entfernung, und im Augenblick verhallend unter dem Ge⸗ töſe des brauſenden Windes und dem Stöhnen der Erde unten. Glyndon blieb ſtehen. Er war getrennt von ſeinem Freunde— von dem Führer. Er war allein— mit der Finſterniß und dem Schrecken. Der Dampf wälzte ſich düſter fort; die Geſtalt des federbuſchartigen Feuers wurde wieder dämmernd ſichtbar, und ſein ſich durchdringender, verſtörter Wiederſchein goß wieder eine Helle über die Schreckniſſe des Weges. Glyndon faßte ſich wieder und eilte vorwärts. Unten hörte er die Stimme Mervale's nach ihm rufen, obgleich er ſeine Geſtalt nicht mehr ſah. Der Laut diente ihm als Führer. Schwindelnd und athemlos ſprang er hinab, als— horch!— ein dumpfer, langſam rollender Ton in ſein Ohr drang. Er machte Halt— er wandte ſich, um zurück zu ſchauen. Das Feuer hatte ſein Bette überfluthet; es hatte ſich einen Kanal zwiſchen den Furchen des Berges geöffnet. Der Strom verfolgte ihn ſchnell— ſchnell; und der heiße Athem des ihn verfol⸗ genden übernatürlichen Feindes berührte näher und näher ſeine Wange! Er wendete ſich ſeitwärts; er klimmte in verzweiflungsvoller Anſtrengung mit Händen und Füßen Nuf ein Felsſtück, das zur Rechten den verſengten und verbrannten Boden unterbrach. Der Strom wälzte ſich neben und unter ihm hin, und dann, plötzlich um die Stelle herum ſich biegend, wo er ſtand, trat er mit ſeinem flüſſigen Feuer— einer breiten und unüberſchreitbaren 48 Schranke— zwiſchen ſeinen Zufluchtsort und die Mög⸗ lichkeit der Flucht. Da ſtand er jetzt, der Weg abwärts abgeſchnitten, ohne eine andere Wahl, als wieder den Krater hinan zu klimmen, und von dort, ohne einen Füh⸗ rer und eine Spur, ſich einen andern Pfad zu ſuchen. Einen Augenblick verließ ihn der Muth; er rief in Verzweiflung, und mit jener ſich überſchreienden Stimme, die man nie weit hört, dem Führer— Mervale zu, ſie ſollten umkehren, ihm zu helfen. Keine Antwort erfolgte; und der Engländer, ſo auf ſeine eigenen Kräfte angewieſen, fühlte ſeinen Geiſt und ſeine Energie im Angeſicht der Gefahr wachſen. Er kehrte um, und wagte ſich ſo weit den Krater hinauf, als die ſchädliche Ausdünſtung geſtatten wollte; dann ſchaute er hinab und ſuchte ſich mit ſorgfältigem Bedacht einen Pfad vorzuzeichnen, auf welchem er die von dem Feuerſtrom eingeſchlagene Richtung zu vermeiden hoffte, und ſchritt dann feſt und raſch über die zuſammenſtürzenden und hei⸗ ßen Schichten und Schollen hin. Er hatte etwa fünfzig Schritte gemacht, als er plötzlich Halt machte; ein unausſprechlicher und unerklär⸗ licher Schauer, wie er bisher in all ſeiner Gefahr nicht empfunden hatte, überſiel ihn. Er zitterte an allen Glie⸗ dern— ſeine Muskeln verſagten ihm den Dienſt— er fühlte ſich gleichſam gelähmt und vom Todeshauch an⸗ geweht. Der Schauer war, wie ich ſagte, unerklärlich, denn der Pfad ſchien ſicher und ohne Hinderniß. Das Feuer oben und hinten brannte hell und weithin; und die — —+ c„ —— in 1, ſie uf 49 Sterne gewährten ihm ihre ermunternde Fuͤhrung. Keine Hemmung war ſichtbar— keine Gefahr ſchien in der Nähe. Wie er ſo verzaubert und in paniſchem Schrecken wie an den Boden gefeſſelt daſtand— ſeine Bruſt arbei⸗ tend— große Tropfen von ſeiner Stirne rinnend— und die Augen wild aus ihren Hoͤhlen hervorſtarrend— ſah er vor ſich, in einiger Entfernung, allmälig immer deut⸗ licher, vor ſeinem Auge ſich geſtaltend, einen koloſſalen Schatten— einen Schatten, der zum Theil von der menſchlichen Geſtalt entlehnt ſchien, aber unermeßlich die menſchliche Größe überragend, ſchwankend, dunkel, bei⸗ nahe formlos, und, er wußte ſelbſt nicht wo oder wie, nicht nur von den Verhältniſſen, ſondern auch von den Gliedern und Umriſſen eines Menſchen verſchieden. Die Glut des Vulkans, die vor dieſer entſetzlichen und rieſenhaften Erſcheinung zurückzubeben und zuſammen⸗ zufinken ſchien, warf dennoch ihr rothes und ſtetiges Licht auf eine andere Geſtalt, die ruhig und regungslos dane⸗ ben ſtand; und es war vielleicht der Contraſt zwiſchen dieſen Beiden— dem Weſen und dem Schatten— was dem Betrachter den Unterſchied zwiſchen ihnen— dem Menſchen und dem Uebermenſchlichen, ſo lebhaft fühlbar machte. Es währte nur einen Angenblick, ja, nur den zehnten Theil eines Augenblickes, daß dieſer Anblick dem Wanderer geſtattet ward. Ein zweiter Strom von ſchwe⸗ felichten Dämpfen verbreitete ſich noch raſcher, noch dich⸗ ter als der erſte, aus dem Vulkan hervorbrechend, über den Berg; und entweder die Art der Ausdünſtung oder 50 das Uebermaß ſeines Entſetzens machte, daß Glyndon, nachdem er einmal heftig nach Athem gekeucht, bewußtlos zu Boden ſank. —.———— Elftes Kapitel. Was hab“ ich Wenn ich nicht Alles habe?— ſprach der Jüngling. Schiller. Das verſchleierte Bild zu Sais. Mervale und die Italiener erreichten wohlbehalten den Ort, wo ſie die Maulthiere gelaſſen hatten; und erſt nachdem ſie ſich von der eigenen Angſt erholt und wieder zu Athem gekommen waren, dachten ſie an Glyndon. Aber da, wie die Minuten verſtrichen und er nicht kam, wurde Mervale, deſſen Herz wenigſtens ſo gut war als die menſchlichen Herzen gewöhnlich find, ernſtlich beſorgt. Er beſtand darauf umzukehren, um ſeinen Freund aufzuſu⸗ chen; und durch verſchwenderiſche Verſprechungen gelang es ihm endlich, den Führer zu bewegen, ihn zu begleiten. Der untere Theil des Berges lag friedlich und weiß im Sternenlicht da; und des Führers geübtes Auge konnte in einer ziemlichen Entfernung alle Gegenſtände auf der Oberfläche wohl unterſcheiden. Sie waren jedoch noch nicht ſehr weit gekommen, als ſie zwei Geſtalten gewahr⸗ ten, die ſich ihnen langſam näherten. Wie ſie näher kamen, erkannte Mervale die Ge⸗ don, tlos ing. ſten erſt der ber rde die Er ſu⸗ g te er * 51 ſtalt ſeines Freundes.„Dank dem Himmel, er iſt geret⸗ tet!“ rief er, zu dem Führer ſich wendend. „Heilige Engel beſchützt uns!“ ſagte der Italiener zitternd—„Schaut! eben das Weſen, das mir letzten Freitag Nacht begegnete. Er iſt es! aber ſein Antlitz iſt jetzt menſchlich!“ Signor Inglese,“ ſagte die Stimme Zanoni's, als Glyndon, blaß, verſtört und ſchweigend, ganz antheillos den fröhlichen Gruß Mervale's erwiederte,—„Signor Inglese, ich hatte Eurem Freunde geſagt, wir würden uns heute Nacht treffen. Ihr ſeht, Ihr habt meine Vor⸗ herſagung nicht vereitelt!“ „Aber wie?— aber wo?“ ſtammelte Mervale in großer Verwirrung und Ueberraſchung. „Ich fand Euern Freund auf dem Boden ausge⸗ ſtreckt, überwältigt von der mephitiſchen Ausdünſtung des Kraters. Ich trug ihn in eine reinere Atmoſphäre; und da ich den Berg gut kenne, habe ich ihn ſicher zu Euch geleitet. Das iſt unſre ganze Geſchichte. Ihr ſeht, Sir, daß ohne dieſe Prophezeiung, die Ihr zu vereiteln wünſch⸗ tet, Euer Freund zu dieſer Friſt ſchon eine Leiche wäre; noch eine Minute länger, und der Dampf hätte ſeine Wirkung gethan. Adien; gute Nacht, und angenehme Träume!“„ „Aber mein Retter, Ihr wollt uns doch nicht ver⸗ laſſen!“ ſagte Glyndon eifrig, jetzt erſt wieder ſprechend; „wollt Ihr nicht mit uns umkehren? Zanoni beſann ſich und zog Glyndon bei Seite.„Jun⸗ 52 ger Mann,“ ſagte er ernſt,„es iſt nothwendig, daß wir uns in dieſer Nacht noch einmal ſehen. Es iſt nothwen⸗ dig, daß Ihr, vor der erſten Morgenſtunde, über Euer Schickſal entſcheidet. Ich weiß, daß Ihr die gehöhnt und gekränkt habt, die Ihr zu lieben behauptet. Es iſt noch nicht zu ſpät zur Reue. Zieht Euren Freund nicht zu Rathe; er iſt verſtändig und klug; aber jetzt iſt ſeine Klugheit nicht am Platz. Es gibt Fälle im Leben, wo die Weisheit aus der Phantaſie, nicht aus der Vernunft kommen muß; und für Euch iſt jetzt ein ſolcher Fall einge⸗ treten. Ich verlange nicht jetzt Eure Antwort. Sam⸗ melt Eure Gedanken— faßt Eure zerſtreuten und ge⸗ lähmten Lebensgeiſter. Es iſt noch zwei Stunden bis Mitternacht. Vor Mitternacht bin ich bei Euch!“ „Unbegreifliches Weſen!“ verſetzte der Engländer, „ich würde das Leben, das Ihr mir gerettet, in Eurer Hand laſſen; aber was ich heute Nacht geſehen, hat ſelbſt Viola aus meinen Gedanken verſcheucht. Eine wil⸗ dere Sehnſucht, als die der Liebe, brennt in meinen Adern — der Wunſch, meinem Geſchlecht nicht zu gleichen, ſon⸗ dern über es hinauszuſteigen— der Wunſch, in das Ge⸗ heimniß Eures Daſeyns einzudringen und es zu theilen — der Wunſch nach übernatürlicher Einſicht und überir⸗ diſcher Macht. Ich treffe meine Wahl. In meines Ahn⸗ herrn Namen beſchwöre und erinnere ich Dich an Deine Zuſage. Unterweiſe mich, belehre mich; mache mich zum Deinigen; und ich überlaſſe Dir ſofort und ohne Murren — 1 — das Weib, das zu erlangen ich, bis ich Dich ſah, einer Welt Trotz geboten hätte.“ „Ich bitte Dich, überlege es wohl; auf der einen Seite Viola, eine ruhige Häuslichkeit, ein glückliches und heiteres Leben. Auf der andern Seite iſt Alles Dunkel⸗ heit— Dunkelheit, die ſelbſt meine Augen nicht zu durch⸗ dringen vermögen.“ „Aber Du haſt mir geſagt, wenn ich Viola heirathe, müſſe ich mich mit dem alltäglichen Daſeyn begnügen; — wenn ich ſie ausſchlage, ſo iſt es, weil ich nach Dei⸗ ner Einſicht und Deiner Macht trachte.“ „Eitler Mann! Einſicht und Macht ſind nicht Glück!“ „Aber beſſer als Glück! Sprich! Wenn ich Vivla heirathe, willſt Du mein Meiſter, mein Führer ſeyn? Sag mir dies zu, und ich bin entſchloſſen!“ „Es wäre unmöglich.“ „Dann entſage ich ihr! Ich entſage der Liebe. Ich entſage dem Glück. Willkommen Einſamkeit— willkom⸗ men Verzweiflung, wenn ſie die Pforten zu Deinem dun⸗ keln und erhabenen Geheimniß ſind.“ „Ich will jetzt nicht Deine Antwort annehmen. Vor der letzten Stunde der Nacht ſollſt Du mir ſie geben in Einem Wort: Ja, oder Nein. Bis dahin lebe wohl!“ Zanoni winkte mit der Hand; und raſch hinabſtei⸗ gend ward er nicht mehr geſehen. Glyndon kam wieder zu ſeinem ungeduldig warten⸗ den, verwunderten Freund; aber als Mervale ihm ins Geſicht ſchaute, ſah er, welche große Veränderung hier 54 vorgegangen. Der bewegliche, ungewiſſe Ausdruck der Jugend war für immer dahin. Die Züge waren ſtarr, verſchloſſen, finſter; und ſo verblichen war die natürliche Blüthe, daß eine Stunde das Werk von Jahren gethan zu haben ſchien. Zwölftes Kapitel. Was iſt's, Das hinter dieſem Schleier ſich verbirgt? Schiller. Das verſchleierte Bild zu Sais. Vom Veſuv oder von Pompeji zurückkehrend, kommt man nach Neapel durch ſein belebteſtes, durch das am meiſten neapolitaniſche Quartier— durch dasjenige, wo das moderne Leben am meiſten dem der Alten gleicht; und wo, wenn an einem ſchönen Tag Straße und Platz von Müßigkeit und Gewerbſamkeit zugleich wimmelt, man auf einmal lebhaft erinnert wird an jenes raſtloſe, lebendige Geſchlecht, von welchem die Bevölkerung Neapels ihren Urſprung ableitet; ſo daß man an Einem Tag in Pompeji die Wohnungen eines entfernten Zeitalters ſehen, und auf dem Molo in Neapel man ſich einbilden kann, die Geſchöpfe ſelbſt zu ſchauen, mit welchen jene Wohnungen bevölkert geweſen. Aber jetzt, als die Engländer langſam durch die ver⸗ ödeten Straßen eilten, erleuchtet nur von den Lampen des Himmels, war alle Fröhlichkeit des Tages verſtummt in athemloſer Stille. Da und dort, ausgeſtreckt unter einem Portikus oder einer ſchmutzigen Bretterhütte, waren ſchlafende Gruppen obdachloſer Lazzaroni, ein Geſchlecht, deſſen indolente Individualität jetzt unter einer energi⸗ ſchen und thätigen Bevölkerung mehr und mehr untergeht. Die Engländer eilten ſchweigend ihres Weges; denn Glyndon ſchien die Fragen und Bemerkungen Mervale's weder zu beachten noch zu hören, und Mervale ſelbſt war beinahe ſo müde als das abgemattete Thier, das er ritt. Plötzlich ward das Schweigen von Erde und Meer unterbrochen durch den Hall einer fernen Glocke, welche die Viertelſtunde vor Mitternacht verkündigte. Glyndon fuhr aus ſeiner Träumerei auf und ſah ſich ängſtlich um. Als der letzte Schlag erſtarb, ertönte das Getöſe von Hufen auf den großen Pflaſterſteinen; und aus einer engen Straße rechts kam die Geſtalt eines einzelnen Reiters her⸗ vor. Er näherte ſich den Engländern, und Glyndon er⸗ kannte die Züge und Haltung Zanoni's. „Was! treffen wir Euch wieder, Signor?“ ſagte Mervale in verdrießlichem und ſchläfrigem Tone. „Euer Freund und ich haben Etwas zuſammen zu beſprechen,“ verſetzte Zanoni, indem er ſein Pferd auf Glyndons Seite hinüberlenkie.„Aber es wird hald ab⸗ gemacht ſeyn. Vielleicht, Sir, reitet Ihr weiter nach Eurem Hotel.“ „Allein?“ „Es iſt gar keine Gefahr da!“ erwiederte Zanont 56 mit einem leiſen Ausdruck von Verachtung auf ſeiner Stirne. „Für mich nicht; aber für Glyndon?“ „Gefahr von mir? Ach, vielleicht habt Ihr Recht!“ „Reitet weiter, mein lieber Mervale,“ ſagte Glyn⸗ don;„ich hole Euch ein, ehe Ihr das Hotel erreicht habt.“ Mervale nickte, pfiff, und ſetzte ſein Pferd in eine Art Paßgang. „Jetzt Eure Antwort— ſchnell!“ „Ich habe mich entſchieden. Die Liebe zu Viola iſt aus meinem Herzen entſchwunden. Meine Bewerbung iſt zu Ende.“ „Ihr habt Euch entſchieden!“ „Ja; und jetzt meine Belohnung!“ „Deine Belohnung! Gut, vor dieſer Stunde mor⸗ gen ſoll ſie Dich erwarten.“ Zanoni ließ ſeinem Pferde den Zügel; es ſprengte mit einem Satze davon; die Funken ſtoben unter ſeinen Hufen, und Roß und Reiter verſchwanden in dem Schat⸗ ten der Straße, aus welcher ſie hervorgekommen waren. Mervale war überraſcht, ſeinen Freund eine Minute, nachdem ſie ſich getrennt, wieder an ſeiner Seite zu ſehen. „Was iſt zwiſchen Euch und Zanoni vorgegangen?“ „Mervale, fragt mich heute Nacht Richts; ich bin in einem Traume.“ „Ich wundere mich nicht darüber, denn ich ſelber bin wie im Schlaf. Laßt uns weiter reiten.“ nun der beg ſam ſey 1. n⸗ ht iſt iſt —— In der Einſamkeit ſeines Zimmers ſuchte Glyndon ſeine Gedanken wieder zu ſammeln. Er ſetzte ſich unten auf ſein Bett hin und drückte die Hände feſt auf die klo⸗ pfenden Schläfen. Die Ereigniſſe der letzten paar Stun⸗ den; die Erſcheinung des rieſenhaften und ſchattenartigen Genoſſen der myſtiſchen Mächte unter den Flammen und Wolken des Veſuvs; die ſeltſame Begegnung mit Zanoni ſelbſt an einem Orte, wo er nach gewöhnlicher Wahr⸗ ſcheinlichkeitsberechnung nimmermehr errathen ober ver⸗ muthen konnte, Glyndon zu finden, erfüllten ſein Gemüth mit Bewegungen und Empfindungen, unter welchen Schrecken und Grauſen am wenigſten vorherrſchten. Ein Feuer, das ſchon lange vorbereitet geweſen, war in ſei⸗ nem Herzen angezündet— das Asbeſtfeuer, das, einmal entflammt, ſich nicht mehr löſchen läßt. Alle ſeine frü⸗ hern Beſtrebungen— ſein Jugendehrgeiz— ſein Ver⸗ langen nach dem Lorbeer, waren untergegangen in der Einen leidenſchaftlichen Sehnſucht, die Grenzen des ge⸗ wöhnlichen menſchlichen Wiſſens zu überſpringen und den hehren Ort zwiſchen zwei Welten zu gewinnen, wo der geheimnißvolle Unbekannte ſeine Heimath zu haben ſchien. Weit entfernt, daß die Erinnerung an die Erſchei⸗ nung, worüber er ſich ſo entſetzt, ihn aufs neue mit Schau⸗ der erfüllt hätte, diente ſie vielmehr nur dazu, ſeine Wiß⸗ begier zu entzünden und in einen brennenden Fokus zu⸗ ſammenzudrängen. Er hatte richtig geſagt: die Liebe ſey aus ſeinem Herzen verſchwunden! es war Vulwer's Romane. XCVI. 5 58 kein friedliches Plätzen mehr unter ſeinen verſtörten Ele⸗ menten, wo menſchliche Neigung walten und athmen konnte. Der Enthuſiaſt war von der Erde weggerafft; und er hätte Alles, was die Schönheit je verhieß, was ſterb⸗ liche Hoffnung je zuflüſterte, hingegeben für Eine Stunde mit Zanoni jenſeits der Pforten der ſichtbaren Welt. Er ſtand auf, fieberhaft beklommen von den neuen Gedanken, die in ihm tobten, und riß ſein Fenſter auf, friſche Luft zu ſchöpfen. Das Meer lag da von Sternen⸗ licht getränkt, und die Stille des Himmels predigte nie beredter dem Wahnſinn irdiſcher Leidenſchaften die ſchöne Lehre des Friedens. Aber Glyndons Stimmung war ſo, daß ſelbſt dies hehre Schweigen nur dazu diente, die wil⸗ den Wünſche, die an ſeiner Seele nagten, noch tiefer einwurzeln zu machen. Und die feierlichen Sterne, ſelbſt ſchon Geheimniſſe, ſchienen mit verwandter Sympathie die Schwingen des Geiſtes zu beflügeln, der mit ſeinem Käfig nicht mehr zufrieden war. Wie er hinausſchaute, ſchoß ein Stern von ſeinen Brüdern weg, und verſchwand aus dem unermeßlichen Raum. X5 W N Dreizehntes Kapitel. Fra gli occulti pensieri Che vuol? ch'io tema o speri? Tasso Canz. VI. Die junge Schauſpielerin und Gianetta waren vom Theater zurückgekommen, und Viola, ermüdet und er⸗ ſchöpft, hatte ſich auf ein Sopha geworfen, während Gianetta ſich mit den langen Flechten zu ſchaffen machte, welche dem Netz, das ſie umſchloſſen hatte, entquollen, wie ein Schleier von goldenen Fäden die Geſtalt der Schauſpielerin halb bedeckten. Während ſie die üppigen Locken ſtreichelte, durchlief die alte Amme mit ihrem Ge⸗ ſchwätze die kleinen Vorfälle der Nacht, den Skandal und die Politik der Couliſſen und des Ankleidezimmers. Gia⸗ netta war eine würdige Seele. Almanzor, in Drydens Tragödie Almahide, wechſelte nicht Ton und Partei mit galanterer Gleichgültigkeit als die muſterhafte Amme. Sie war endlich bekümmert und ärgerlich, daß Viola ſich nicht Einen beſtimmten Cavalier erwählt hatte. Die Wahl ſelbſt überließ ſie ganz ihrem ſchönen Pflegkinde. Zegri oder Abencerrage, Glyndon oder Zanoni— es hätte ihr ganz gleich gegolten, nur daß die Gerüchte über den Letz⸗ tern, welche ſie geſammelt, verbunden mit ſeiner eigenen Anempfehlung ſeines Nebenbuhlers, dem Engländer den Vorzug gegeben hatten. Sie legte den ungeduldigen und ſchweren Seußzer, womit Viola ihre Lobpreiſungen Glyn⸗ 60 dons beantwortete, und ihre Verwunderung, daß er neue⸗ rer Zeit in ſeiner Aufmerkſamkeit hinter den Couliſſen ſo nachläſſig geworden, falſch aus, und ſie erſchöpfte alle ihre panegyriſchen Kräfte im Preiſe des vermeintlichen Ge⸗ genſtandes des Seufzers.„Und dann auch,“ ſagte ſie, „wenn ſich ſonſt Nichts gegen den andern Signor einwen⸗ den ließe, ſo iſt ſchon das genug, daß er im Begriffe ſteht, Neapel zu verlaſſen.“ „Neapel zu verlaſſen!— Zanont?“ „Ja, Liebchen! Wie ich heute über den Molo ging, war ein Volkshaufen um einige ausländiſch ausſehende Matroſen verſammelt. Sein Schiff iſt dieſen Morgen an⸗ gekommen und ankert in der Bucht. Die Matroſen ſagen, ſie ſeyen bereit, mit dem erſten Wind abzuſegeln, fie nahmen friſche Vorraͤthe ein. Sie—“ „Verlaß mich Gianetta! Verlaß mich!“ Die Zeit war ſchon nicht mehr, wo das Mädchen ihr Vertrauen der Gianetta ſchenken konnte. Ihre Ge⸗ danken waren ſchon zu dem Punkte gelangt, wo das Herz vor allem Vertrauen zurückbebt, und fühlt, daß es nicht begriffen werden kann. Jetzt allein im Hauptgemach des Hauſes ging ſie in dieſem engen Raume mit zitternden und unruhigen Schritten auf und ab; ſie erinnerte ſich an die fürchterliche Bewerbung Nicots, an den kränkenden Spott Glyndons, und ſie fühlte ſich krank am Herzen bei der Erinnerung an die hohlen Beifallsbezeugungen, die, der Schauſpielerin, nicht dem Weibe geltend, ſie nur der Beſchimpfung und Schmach ausſetzten. In dieſem Zimmer — 61 ſtieg die Erinnerung an ihres Vaters Tod, den verwit⸗ terten Lorbeer und die zerriſſenen Saiten erkältend in ihr auf. Ihr, das fühlte ſie, war ein traurigeres Schickſal beſchieden— die Saiten konnten reißen, ſo lang der Lor⸗ beer noch grünte. Die Lampe, in ihrer Dille zu erlö⸗ ſchen drohend, brannte blaß und trüb zund ihre Augen wandten ſich inſtinktmäßig von dem dunkleren Theile des Zimmers weg. Waiſe! am Herde Deiner Eltern fürch⸗ teſt Du die Anweſenheit der Todten! Und ſtand Zanoni wirklich im Begriff, Neapel zu verlaſſen? Sollte ſie ihn nicht mehr ſehen? O, wie thö⸗ richt, zu glauben, daß es ſonſt einen ſchmerzlichen Ge⸗ danken gebe. Die Vergangenheit— die war dahin! Die Zukunft! Es gab keine Zukunft für ſie— Zanoni ab⸗ weſend! Aber dieß war die Nacht des dritten Tages, wo Zanoni ihr verſprochen hatte, ſie wieder zu beſuchen, es komme, was da wolle. Es trat jetzt, wenn ſie ihm glau⸗ ben wollte, eine beſtimmte Entſcheidung in ihrem Schick⸗ ſal ein; und wie ſollte ſie ihm Glyndons haſſenswürdige Worte erzählen? Die reine und ſtolze Seele kann einem Andern nie die erlittenen Unbilden anvertrauen, nur ihre Triumphe und ihr Glück. Aber konnte Zanoni zu dieſer ſpäten Stunde noch ſie beſuchen— konnte ſie ihn anneh⸗ men? Mitternacht war nahe. Noch verweilte ſie in un⸗ beſtimmtem Zweifel, in heftiger Angſt in dem Zimmer. Die letzte Viertelſtunde vor Mitternacht ſchlug dumpf und fern. Alles war ſtill, und ſie ſtand im Begriff, in ihr Schlafgemach ſich zu begeben, als ſie den Hufſchlag 62 eines daherjagenden Pferdes hörte; das Getöſe hörte auf; es wurde an die Thüre gepocht. Ihr Herz ſchlug ge⸗ waltſam, aber die Furcht wich einem andern Gefühle, als ſie eine ihr nur zu wohl bekannte Stimme ihren Namen rufen hörte. Sie beſann ſich, und dann mit der Furcht⸗ loſigkeit der Unſchuld ſtieg ſie hinab und riegelte die Thüre auf. Zanoni trat ein mit leichtem, haſtigem Schritte. Sein Reitermantel ſchloß ſich ſeiner edeln Geſtalt genau an; und ſein breiter Hut warf einen tiefen Schatten über ſein ehrfurchtgebietendes Geſicht. Das Mädchen folgte ihm in das Zimmer, das ſie eben verlaſſen, zitternd und tief erröthend, und ſtand vor ihm mit der Lampe in der Hand, welche ihr Licht auf ihre Wange warf, und mit den langen Haaren, welche wie ein Lichtſtrom über die halbentblösten Schultern und die ſich hebende Büſte fielen. „Viola,“ ſagte Zanoni mit einer Stimme, welche tiefe Bewegung verrieth,„ich bin wieder zu Dir gekom⸗ men, um Dich noch einmal zu retten. Kein Augenblick iſt zu verlieren. Du mußt mit mir fliehen, oder das Opfer des Fürſten von—— werden. Ich hätte gern die Ob⸗ liegenheit, die ich nun erfülle, einem Andern zugetheilt; Du weißt, ich wollte es,— aber er iſt Deiner nicht werth, der kalte Engländer! Ich werfe mich Dir zu Füßen; habe Vertrauen zu mir und fliehe mit mir!“ Er ergriff leidenſchaftlich ihre Hand, indem er aufs ge⸗ als en ht⸗ üre tau ber vor hre wie die che m⸗ lick fer Ob⸗ ilt; th, abe ufs — Knie ſank, und ſchaute ihr mit glänzenden, flehenden Au⸗ gen ins Geſicht. „Mit Dir fliehen!“ ſagte Viola, kaum ihren Sinnen trauend. „Mit mir. Name, Ruf, Ehre— alles wird geopfert, wenn Du es nicht thuſt!“ „Alſo— alſo,“ ſagte das Mädchen ſtammelnd, und das Antlitz wegwendend;„alſo bin ich Dir nicht gleich⸗ gültig? Du willſt mich nicht einem Andern geben?“ Zanoni ſchwieg; aber ſeine Bruſt arbeitete, ſeine Wangen flammten, ſeine Augen ſprühten dunkles, leiden⸗ ſchaftliches Feuer. „Sprich!“ rief Viola, in eiferſüchtigem Verdacht wegen ſeines Schweigens. „Mir gleichgültig! Nein; aber ich darf noch nicht ſagen, daß ich Dich liebe!“ „Dann was gilt Dir mein Schickſal?“ ſagte Viola erblaſſend und von ihm zurücktretend;—„verlaß mich — ich fürchte keine Gefahr. Mein Leben, und daher auch meine Ehre ſind in meiner eignen Hand.“ „Sey nicht ſo wahnſinnig,“ ſagte Zanoni.„Horch! Hörſt Du das Wiehern meines Pferdes? es iſt ein Lärm⸗ zeichen, das uns vor der nahenden Gefahr warnt. Eile, oder Du biſt verloren!“ „Warum kümmerſt Du Dich um mich?“ ſagte das Mädchen bitter.„Du haſt in meinem Herzen geleſen; Du weißt, daß Du der Herr meines Schickſals geworden biſt. Aber unter dem Gewicht einer kalten Verpflichtung zu 64 erliegen, eine Bettlerin zu ſeyn vor dem Auge der Gleich⸗ gültigkeit; mich wegzuwerfen an Einen, der mich nicht liebt,— das wäre in der That die ſchnödeſte Sünde meines Geſchlechts. Ach, Zanoni, lieber laß mich ſterben!“ Sie hatte ihr wallendes Haar aus dem Geſicht ge⸗ ſtrichen, wie ſie ſo ſprach; und wie ſie nun daſtand, die Arme kummervoll herabgeſunken, und die Hände gefaltet in der ſtolzen Bitterkeit ihres eigenſinnigen Geiſtes, wo⸗ durch ihre eigenthümliche Schoͤnheit neuen Reiz und Zau⸗ ber gewann: da war es unmöglich, ſich einen für Sinne und Herz unwiderſtehlicheren Anblick zu denken. „Verſuche mich nicht zu Deiner eigenen Gefahr— vielleicht Deinem Verderben!“ rief Zanoni mit bebender Stimme.„Du kannſt nicht ahnen, was Du zu fordern im Begriff ſtehſt! Komm!“ und vortretend ſchlang er ſeinen Arm um ihren Leib.„Komm, Viola; glaube wenigſtens an meine Freundſchaft, meine Ehre, meinen Schutz—“ „Und nicht Deine Liebe,“ ſagte die Italienerin, vorwurfsvolle Blicke auf ihn heftend. Dieſe Augen be⸗ gegneten den ſeinigen, und er konnte ſich dem Zauber ihres Blickes nicht entziehen. Er fühlte ihr Herz an dem ſeini⸗ gen klopfen; ihr Athem berührte warm ſeine Wange. Er zitterte— er, der erhabene, der geheimnißvolle Zanoni, der hoch über ſeinem Geſchlecht zu ſtehen ſchien! Mit einem tiefen, brennenden Seufzer flüſterte er:„Viola, ich liebe Dich!— Oh!“ fuhr er leidenſchaftlich fort, und ſie loslaſſend, warf er ſich ihr plötzlich zu Füßen.„Ich bin nicht mehr der Gebieter— wie man um das Weib 65 werben ſoll, ſo werbe ich um Dich! Vom erſten Blicke dieſer Augen an, ſeit dem erſten Ton Deiner Stimme wurdeſt Du mir zu verhängnißvoll theuer! Du ſprichſt von Bezauberung— ſie lebt und athmet in Dir! Ich floh von Neapel, um aus Deiner Nähe zu fliehen— Deine Gegenwart verfolgte mich. Monate, Jahre verſtrichen, und Dein holdes Antlitz warf immer noch ſeinen Glanz auf mein Herz. Ich kehrte zurück, weil ich mir Dich allein und bekümmert in der Welt dachte, und erfuhr, daß Ge⸗ fahren, aus welchen ich Dich retten konnte, ſich drohend über Deinem Haupte ſammelten. Schöne Seele, deren Blätter ich mit Ehrfurcht geleſen, um Deinetwillen, Dei⸗ netwillen allein hätte ich Dich gern Einem gegeben, der Dich hätte glücklicher machen können auf Erden, als ich es kann. Viola! Viola! Du weißt nicht— kannſt nie wiſſen— wie theuer Du mir biſt!“ Es wäre vergeblich, Worte zu ſuchen, um das Ent⸗ zůcken, das volle, ganze, überſtrömende Entzücken zu ſchil⸗ dern, welches das Herz der Neapolitanerin erfüllte. Der, den ſie als zu erhaben angeſehen für die Liebe— er jetzt demüthiger gegen ſie, als Jene, die ſie halb verachtet! Sie war ſtumm, aber ihr Auge redete zu ihm; und dann allmälig, als beſaͤnne ſie ſich endlich, daß die menſch⸗ liche Liebe der idealen vorangeeilt, bebte ſie wieder zurück mit der Aengſtlichkeit einer ſittſamen und tugendhaften Natur. Sie wagte nicht— ſie dachte nicht daran, an ihn die Frage zu richten, welche ſie Glyndon ſo furchtlos vor⸗ gelegt hatte; aber ſie fühlte eine plötzliche Kälte— eine 66 Empfindung, daß noch eine Schranke zwiſchen Liebe und Liebe ſey.„Oh, Zanoni!“ flüſterte ſie mit niedergeſchla⸗ genen Augen,„bitte mich nicht, mit Dir zu fliehen, ver⸗ ſuche mich nicht zu meiner Schaam. Du wollteſt mich vor Andern ſchützen. Oh! ſchütze mich vor Dir ſelbſt!“ „Arme Waiſe!“ ſagte er zärtlich,„und kannſt Du glauben, ich verlange von Dir irgend ein Opfer— und gar das größte, das ein Weib der Liebe bringen kann? Als mein Weib möchte ich Dich an mich feſſeln, mit allen Banden, allen Gelübden, welche die Zärtlichkeit heiligen und theuer machen können. Ach! ſie haben in der That die Liebe bei Dir verläumdet, wenn Du die Religion nicht fennſt, die zu ihr gehört! Die wahrhaft lieben, die ſuchen gern für den Schatz, den ſie erlangen, jedes Band und Pfand, um ſich ſeiner auf immer zu verſichern. Viola, weine nicht, wenn Du mir nicht das heilige Recht gibſt, Deine Thränen wegzuküſſen.“ Und das ſchöne Antlitz, nicht mehr abgewendet, ſank an ſeine Bruſt; und wie er ſich bückte, ſuchten ſeine Lip⸗ pen den roſigen Mund; ein langer, brennender Kuß— Gefahr— Leben— die Welt war vergeſſen! Plötzlich riß ſich Zanoni von ihr los. „Hörſt Du den Wind, wie er ſeufzt und dahinſtirbt? Wie dieſer Wind, ſo iſt meine Macht, Dich zu retten, Dich zu behüten, das Gewitter an Deinem Himmel vor⸗ herzuſehen, verſchwunden. Einerlei. Eile, eile; und möge die Liebe den Verluſt von Allem erſetzen, was ſie zu opfern gewagt hat! Komm!“ nd la⸗ er⸗ ich A Du nd 12 en ht nd . ſt, nk * ch 67 Viola zögerte nicht mehr. Sie warf ihren Mantel über die Schultern und band ihre aufgelösten Haare auf; ein Augenblick und ſie war bereit, als man unten einen plötzlichen Krach hörte. „Zu ſpät! Thor, der ich war! zu ſpät!“ rief Za⸗ noni in gellendem Tone der Todesangſt, indem er nach der Thüre rannte. Er öffnete ſie, wurde aber ſogleich durch das Andrängen bewaffneter Männer zurückgetrieben. Das Zimmer wimmelte im buchſtäblichen Sinne von den Leuten des Entführers, maskirt und bis an die Zähne be⸗ waffnet. Viola war ſchon in den Händen von Zweien der Männer. Ihr Schrei drang zerſchneidend in Zanoni's Ohr. Er ſprang vor, und Viola hörte ſeinen wilden Ausruf in einer fremden Sprache! Sie ſah die Klingen der Böſewichter auf ſeine Bruſt gezückt! Sie verlor die Beſinnung; und als ſie wieder zu ſich kam, fand ſie ſich geknebelt in einem Wagen, der ſchnell dahinfuhr, neben einer maskirten, regungsloſen Geſtalt. Der Wagen hielt vor dem Portal eines düſtern Hauſes. Die Thoren wurden geräuſchlos geöffnet; eine breite Treppenflucht, glänzend erleuchtet, lag vor ihr. Sie befand ſich im Palaſt des Fürſten von——. 68 Vierzehntes Kapitel. Ma lasciamo, per Dio, Signore, ormai Di parlar d'ira e di cantar di morte. Orl. Fer. Canto XVI. 17. Die junge Schauſpielerin ward in ein Zimmer ge⸗ führt, und darin allein gelaſſen, das ausgeſchmückt war mit all dem üppigen und halb morgenländiſchen Ge⸗ ſchmack, der einſt die Paläſte der großen Herrn in Ita⸗ lien auszeichnete. Ihr erſter Gedanke galt Zanoni. Lebt er wohl noch? War er unverletzt den Klingen der Feinde entkommen— ihr neu errungener Schatz— das neue Licht ihres Lebens— ihr Herr, und endlich ihr Ge⸗ liebter? Sie hatte wenig Zeit zum Nachſinnen. Sie hoͤrte Schritte ſich dem Zimmer nähern; ſie zog ſich zurück, aber ſie zitterte nicht. Ein ihr ſonſt gar nicht eigener Muth, den ſie früher nie gekannt, glänzte in ihren Augen und ſchien ſie größer und höher zu machen. Lebendig oder todt, Zanoni wollte ſie immer treubleiben. Das war ein neuer Beweggrund für die Reinerhaltung ihrer Ehre. Die Thüre öffnete ſich, und der Fürſt trat ein in dem prächtigen und glänzenden Coſtüme, wie man es damals noch in Neapel trug. „Schöne Grauſame,“ ſagte er, vortretend mit einem halben Hohnlächeln um den Mund,„Du wirſt die Gewalt⸗ that der Liebe nicht allzu hart tadeln.“ Er verſuchte bei dieſen Worten ihre Hand zu ergreifen. 2 S8 8 ſo re S S 6S 8 — N 2 69 „Nein,“ ſagte er, als ſie zurückwich,„bedenke, daß Du jetzt in der Gewalt eines Mannes biſt, der nie in der Verfolgung, ſelbſt eines ihm mindern theuern Zweckes, als Du ihm biſt, ſich irre machen ließ. Dein Liebhaber, ſo anmaßend er iſt, iſt doch nicht bei der Hand, Dich zu retten. Mein biſt Du; aber ſtatt Dein Herr laß mich Dein Sklave ſeyn.“ „Fürſt,“ ſagte Viola mit ſtrengem Ernſt,„Euer Rühmen iſt umſonſt. Eure Macht! Ich bin nicht in Eurer Macht. Leben und Tod ſtehen in meiner eigenen Hand. Ich will Euch nicht trotzig herausfordern; aber ich fürchte Euch nicht! Ich fühle— und in manchen Gefühlen,“ fuhr Vivla mit einer herzergreifenden Feier⸗ lichkeit fort,—„liegt alle Stärke und alle Göttlichkeit des Wiſſens, ich fühle, daß ich ſogar hier ſicher bin; aber Ihr — Ihr, Fürſt von——, Ihr habt Gefahr über Euer Haus und Euern Herd gebracht!“ Der Neapolitaner ſchien betroffen über einen Ernſt und eine Kühnheit, auf die er nicht vorbereitet war. Er war jedoch ein Mann, der ſich nicht leicht einſchüchtern oder von einem einmal gefaßten Vorſatz abſchrecken ließ; und Viola ſich nähernd, ſtand er im Begriff, mit vieler, wirklicher oder erheuchelter Wärme zu antworten, als man an die Thüre des Zimmers pochen hörte. Der Laut ward wiederholt, und der Fürſt, erzürnt über die Störung, öffnete die Thüre und fragte ungeduldig, Wer es gewagt habe, ſeinen Befehlen zuwider zu handeln und ſeine Muße zu unterbrechen. Maseari ſtellte ſich dar, bleich und un⸗ 70 ruhig:„Gnädiger Herr,“ flüſterte er,„verzeiht mir; aber ein Fremder iſt unten, der darauf beſteht, Euch zu ſpre⸗ chen; und nach einigen Worten, die er fallen ließ, hielt ich es für gerathen, ſelbſt Eurem Befehle zuwider zu handeln.“ „Ein Fremder!— und zu dieſer Stunde! Welches Anliegen kann er zu haben vorgeben? Warum ward er überhaupt eingelaſſen?“ „Er verſichert, Euer Leben ſey in drohender Ge⸗ fahr. Woher dieſe komme, das will er Euer Excellenz allein eröffnen.“ Der Fürſt runzelte die Stirn, aber er wechſelte die Farbe. Er ſann einen Augenblick nach; dann trat er wieder in das Gemach, näherte ſich Viola, und ſagte: „Glaube mir, holdes Geſchöpf, ich habe gar nicht die Abſicht, Vortheil von meiner Macht zu ziehen. Ich möchte lieber allein der ſanfteren Fürſprache der Liebe mich anvertrauen. Betrachte Dich innerhalb dieſer Mauern als eine unumſchränktere Königin, denn Du je auf den Brettern eine geſpielt haſt. Für heute Nacht lebe wohl! Möge Dein Schlaf ruhig ſeyn, und Deine Träume mei⸗ nen Hoffnungen günſtig!“ Mit dieſen Worten zog er ſich zurück; und nach we⸗ nigen Augenblicken ſah ſich Viola von einer eifrig befliſ⸗ ſenen Dienerſchaft umgeben, die ſie endlich mit einiger Schwierigkeit entließ. Sie ſelbſt verſchmähte es, ſich zur Ruhe zu begeben, und brachte die Nacht damit zu, das Zimmer zu unterſuchen, welches ſie überall wohl geſchloſſen —* — und verwahrt fand, und mit Gedanken an Zanoni, zu deſſen Macht ſie ein beinahe übernatürliches Vertrauen fühlte. Mittlerweile ſtieg der Fürſt die Treppen hinab und begab ſich in das Zimmer, in welches man den Fremden gewieſen hatte. Er fand den Beſuch vom Kopf bis zum Fuß in ein langes Gewand— halb Kutte, halb Mantel— gehüllt; wie es damals manchmal Geiſtliche trugen. Das Geſicht dieſes Fremden war auffallend! So ſonnverbrannt und ſchwärzlich war ſeine Farbe, daß er augenſcheinlich von den Stämmen des fernſten Orients abſtammen mufßte. Seine Stirne war hoch, und ſeine Augen ſo durchdrin⸗ gend, und doch ruhig in ihrem Blick, daß der Fürſt davor zurückbebte, wie wir zurückbeben vor einem Frager, wel⸗ cher die ſchuldhafteſten Geheimniſſe aus unſerer Bruſt zieht. „Was wollt Ihr von mir?“ fragte der Fürſt, dem Beſucher winkend ſich zu ſetzen. „Fürſt von——“ ſagte der Fremde mit einer tiefen und wohllautenden Stimme, aber mit einem fremden Accente;„Sohn des energiſchſten und namhafteſten Ge⸗ ſchlechts, das je göttlichen Genius im Dienſte menſchli⸗ chen Willens, mit all ſeiner ſchleichenden Verruchtheit und ſeinem verſtockten Hochmuthe mißbrauchte; Abkömmling des großen Visconti, in deſſen Thatenbuch die Geſchichte Italiens in ſeiner ſonnigſten Zeit enthalten iſt, und in deſſen Steigen die Entwicklung des mächtigſten Geiſtes fichtbar ward, gereift durch den rückſichtsloſeſten Ehrgeiz: 72 ich komme, den letzten Stern an einem ſich verdunkelnden Firmament zu betrachten. Morgen um dieſe Stunde wird der ewige Raum Nichts mehr von ihm wiſſen. Menſch! wenn nicht Dein ganzes Weſen ſich ändert, ſo ſind Deine Tage gezählt!“ „Was ſoll dieſer Jargon?“ ſagte der Fürſt mit ſicht⸗ licher Beſtürzung und geheimem Grauſen.„Kommſt Du, um mir zu drohen in meinen eigenen Sälen, oder willſt Du mich vor einer Gefahr warnen? Biſt Du ein wan⸗ dernder Taſchenſpieler oder ein unvermutheter Freund? Sprich, und gerade heraus. Welche Gefahr droht mir?“ „Zanoni und Deines Ahnherrn Schwert,“ verſetzte der Fremde. „Ha, ha!“ ſagte der Fürſt, verächtlich lachend,„das vermuthete ich von Anfang hinter Dir. Alſo biſt Du der Mitſchuldige oder das Werkzeug dieſes höchſt gewandten, aber für jetzt beſiegten Charlatans? Und ich denke, Du willſt mir ſagen, daß, wenn ich eine gewiſſe Gefangene, die ich gemacht, los ließe, die Gefahr verſchwinden, und der Zeiger der Uhr zurückgeſtellt werden würde?“ „Urtheile von mir, wie Du willſt, Fürſt von——. Ich bekenne mein Wiſſen von Zanoni. Auch Du wirſt ſeine Macht kennen lernen, aber erſt, wenn ſie Dich ver⸗ zehrt. Ich möchte Dich retten, daher warne ich Dich. Fragſt Du mich warum? Ich will es Dir ſagen. Erin⸗ nerſt Du Dich, ſeltſame Sagen von Deinem Ahnherrn gehört zu haben?— von ſeinem Verlangen nach einer Weisheit, welche die der Schulen und Klöſter überträfe? ird ine — von einem fremden Mann aus dem Morgenland, der ſein Vertrauter und ſein Meiſter in einer Lehre war, gegen die der Vatikan von einem Zeitalter zum andern ſeinen nachgemachten Donner geſchleudert hat? Erinnerſt Du Dich des Schickſals Deines Ahnherrn?— wie er in ſei⸗ ner Jugend Wenig als einen Namen erbte?— wie er nach einem wilden und wüſten Leben, wie das Deinige, von Mailand verſchwand, arm, ſich ſelbſt verbannend? — wie er nach Jahren, die er, Niemand wußte, in wel⸗ chen Ländern und mit welchen Beſtrebungen zugebracht, wieder die Stadt beſuchte, wo ſeine Ahnen geherrſcht hat⸗ ten? wie mit ihm jener weiſe Mann aus dem Orient kam, der myſtiſche Mejnour?— wie die, die ihn ſahen, mit Staunen und Furcht entdeckten, daß die Zeit keine Furchen auf ſeine Stirne gegraben; daß wie durch einen Zauber die Jugend in ſeinem Antlitz und in ſeiner Geſtalt feſtge⸗ bannt ſchien? Weißt Du nicht, daß von dieſer Stunde an ſein Glück ſtieg? Die entfernteſten Vetter ſtarben; Güter auf Güter fielen dem heruntergekommenen Edelmann zu. Er verbündete ſich mit dem Königsgeſchlecht von Oeſt⸗ reich; er wurde der Lenker von Fürſten, der erſte Mag⸗ nate Italiens. Er gründete von Neuem das Haus, deſſen letzter Stammhalter Du jetzt biſt, und trug ſeinen Glanz von Mailand auf die ſiciliſchen Königreiche über. Träume hohen Ehrgeizes umſchwebten ihn bei Tag und bei Nacht. Hätte er länger gelebt, Italien hätte eine neue Dynaſtie bekommen, und die Visconti hätten über Großgriechenland Bulwer's Romane. XCVII. 6 74 geherrſcht. Er war ein Mann, wie die Welt ſie ſelten ſieht; aber ſeine zu irdiſchen Endabſichten waren im Widerſpruch c mit den von ihm geſuchten Mitteln. Wäre ſein Ehrgeiz größer oder kleiner geweſen: er wäre würdig geweſen eines i Reiches, mächtiger als die Cäſare beherrſchten; würdig( unſeres hehren Ordens; würdig des Bundes mit Mejnour, u den Du jetzt vor Dir ſiehſt!“ ſi „Der Fürſt, der mit tiefer, athemloſer Aufmerkſam⸗ keit den Worten ſeines ſonderbaren Gaſtes gelauſcht hatte, fuhr bei den letzten Worten von ſeinem Sitze auf.„Be⸗ trüger!“ ſchrie er,„wagſt Du ſo mit meiner Leichtgläu⸗ f bigkeit zu ſpielen? Sechzig Jahre ſind verfloſſen, ſeit mein 3 Großvater ſtarb; lebte er noch, er wäre über hundert d und zwanzig Jahre alt; und Ihr, in einem noch aufrechten v und kraftvollen Alter, habt die Frechheit zu behaupten, g daß Ihr ſein Zeitgenoſſe geweſen! Aber Ihr habt Eure g Erzählung nicht völlig eingelernt. Ihr wißt, ſcheint es, d nicht, daß mein Großvater, weiſe und erleuchtet allerdings 3 in Allem, außer ſeinem Glauben an einen Charlatan, ſe todt in ſeinem Bette gefunden wurde in eben der Stunde, 2 wo ſeine koloſſalen Plane reif waren zur Ausführung, it und daß Mejnour dieſes Mordes ſchuldig war.“ li „Ach!“ verſetzte der Fremde im Tone tiefer Trau⸗ ir rigkeit,„hätte er nur auf Mejnour gehört, hätte er nur ſi die letzte und gefährlichſte Prüfung kühner Weisheit ver⸗ ſt ſchoben, bis die erforderliche Einſchulung und Einweihung S 3 vollendet geweſen, Euer Ahnherr hätte ſich mit mir auf d die Höhe geſchwungen, welche die Wellen des Todes ſelbſt ch eiz es ig r, n immerdar beſpülen, aber nicht überfluthen können. Euer Großvater widerſtand meinen brünſtigſten Bitten, ge⸗ horchte meinen gemeſſenſten Befehlen nicht und ging unter in der erhabenen Tollkühnheit einer Seele, welche nach Geheimniſſen ſchmachtete, in deren Beſitz der nach Reichen und Sceptern Lüſterne nie gelangen kann,— das Opfer ſeines eigenen Wahnſinnes.“ „Er ward vergiftet und Mejnour floh.“ „Mejnour jloh nicht!“ antwortete der Fremde ſtolz; „Mejnour konnte nicht fliehen vor Gefahren; denn Ge⸗ fahren ſind Etwas, das längſt hinter ihm liegt. An dem Tag, ehe der Herzog den verhängnißvollen Trank nahm, der, wie er glaubte, dem Sterblichen das unſterbliche Gut verleihen ſollte, mit deſſen Fund meine Macht über ihn geendet hätte, überließ ich ihn ſeinem Schickſal. Aber genug hievon; ich liebte Euren Großvater! Ich möchte den Letzten ſeines Stammes retten. Stelle Dich nicht Zanoni gegenüber! Stelle nicht Deine Seele Deinen ſchlechten Leidenſchaften gegenüber! Tritt zurück von dem Abgrund, ſo lange es noch Zeit iſt. In Deiner Stirne, in Deinen Augen entdecke ich noch Etwas von dem gött⸗ licheren Glanze, der Deinem Geſchlecht eignete. Du haſt in Dir noch Keime von ihrem erblichen Genius, aber ſie ſind erſtickt von ſchlimmern als Deinen angeerbten La⸗ ſtern. Erinnere Dich, daß durch des Genius Kraft Dein Haus ſtieg; das Laſter hinderte es immer, ſeine Macht dauernd zu machen. In den Geſetzen, welche das Weltall 6* ——— 76 regeln, iſt beſtimmt, daß nichts Schlechtes lang dauern dann. Sey weiſe und laß Dich die Geſchichte warnen. Du ſtehſt auf der Grenze zweier Welten, der Vergangenheit und der Zukunft; und Stimmen von beiden rufen Vorbe⸗ deutungen in Dein Ohr. Ich bin zu Ende. Ich ſage Dir Lebewohl!“ „Nicht ſo! Du ſollſt dieſe Mauern nicht verlaſſen. 6 Ich möchte Deine gerühmte Macht auf die Probe ſtellen. 1 Heda! drauſſen! hallo!“ Der Fürſt ſchrie laut; das Zimmer füllte ſich mit ſeinen Creaturen. „Ergreift dieſen Mann!“ ſchrie er, und deutete auf die Stelle, wo die Geſtalt Mejnours geſtanden. Zu ſeinem unbeſchreiblichen Erſtaunen und Grauſen war die Stelle leer. Der geheimnißvolle Fremde war wie ein Traum ver⸗ ſchwunden. Aber ein dünner, ſcharf duftender Nebel ſchwebte in blaſſen Wirbeln und Wellen um die Wände des Gemaches.„Seht nach dem gnädigen Herrn!“ rief Mascari. Der Fürſt war bewußtlos zu Boden geſunken. Viele Stunden ſchien er in einer Art von Taumel. Als er wieder zu ſich kam, entließ er ſeine Diener, und man hörte ihn in ſeinem Gemache mit ſchweren und unregel⸗ mäßigen Schritten hin und hergehen. Erſt eine Stunde vor ſeinem Bankett am folgenden Tage ſchien er wieder ganz ſeine gewöhnliche Stimmung gewonnen zu haben. —„— —— rn u eit e⸗ ge m le 77 Fünfzehntes Kapitel. Olimé! come poss' io Altri trovar, se me trovar non posso? Amint. Al. J. Sc. 2. Glyndons Schlaf in der Nacht nach ſeiner letzten Unterredung mit Zanoni war ungewöhnlich tief; und die Sonne ſtrahlte ihm ſchon glänzend und voll in die Augen, als er ſie dem Tag öffnete. Er ſtand erfriſcht auf und mit einem wunderbaren Gefühl von Ruhe, das mehr das Er⸗ gebniß des feſten Entſchluſſes als der Erſchöpfung zu ſeyn ſchien. Die Vorfälle und Gemüthsbewegungen der ver⸗ gangenen Nacht hatten ſich zu klaren und deutlichen Ein⸗ drücken geſtaltet. Er dachte daran nur obenhin— er dachte mehr an die Zukunft. Er war wie einer, der in die alten egyptiſchen Myſterien Einzuweihenden, der durch das Thor geſchritten, nur um noch ſehnſüchtiger nach dem innern Heiligthum zu verlangen. Er kleidete ſich an, und erfuhr zu ſeinem Troſte, daß Mervale eine Geſellſchaft von Landsleuten auf einem Ausflug nach Ischia begleitet hatte. Er brachte den hei⸗ ßen Mittag in nachdenklicher Einſamkeit zu, und allmäh⸗ lig kehrte das Bild Viola's in ſein Herz zurück. Es war ein heiliges— denn es war ein menſchliches Bild. Er hatte auf ſie verzichtet; und obgleich er es nicht be⸗ reute, ſo war er doch unruhig bei dem Gedanken, daß die Reue zu ſpät gekommen wäre. Er fuhr ungeduldig von ſeinem Sitz auf und eilte 78 mit raſchen Schritten nach der beſcheidenen Wohnung der Schauſpielerin. Die Entfernung war bedeutend und die Luft drückend. Glyndon kam erhitzt und athemlos an ihrer Thüre an. Er vochte; keine Antwort erfolgte. Er drückte die Klinke auf und trat ein. Er ſtieg die Treppen hinauf; kein Laut, kein Lebenszeichen begegnete dem Auge und dem Ohr. Im andern Zimmer, auf einem Tiſch, lag die Guitarre der Schauſpielerin und einige Rollen der Lieblingsopern im Manuſtript. Er blieb ſtehen, faßte endlich Muth, und taſtete an der Thüre herum, die ins innere Gemach zu führen ſchien. Die Thüre war nicht zu, und da er drinnen keinen Laut horte, riß er ſie auf. Es war das Schlafge⸗ mach der jungen Schauſpielerin, die heiligſte Stelle für einen Liebenden, und wohl war der Platz der dort herr⸗ ſchenden Gottheit entſprechend; einerſeits war Nichts von dem Flitterſtaat und den Siebenſachen ihres Berufs dort zu ſehen: und andererſeits auch Nichts von der nachläſſi⸗ gen und ſchmutzigen Unordnung, welche bei den niedern Ständen im Süden ſo gewöhnlich iſt. Alles war rein und einfach; ſelbſt die Verzierungen waren die eines un⸗ ſchuldigen Schönheitsſinnes; einige wenige Bücher ſorg⸗ fältig auf Brettern aufgeſtellt, einige halbverwelkte Blu⸗ men in einer thönernen Vaſe, in etruriſchem Geſchmack geformt und bemalt. Das Sonnenlicht ergoß ſich über die ſchneeweißen Vorhänge des Bettes, und einige Klei⸗ dungsſtücke auf dem Stuhl daneben. Viola war nicht hier; aber die Amme— war ſie auch fort? Er machte das —„ 79 ganze Haus ertönen von dem Namen Gianetta, aber nicht einmal ein Echo antwortete. Endlich, als er mit Wider⸗ ſtreben die öde ſtehende Wohnung verließ, ſah er Gianetta auf der Straße gegen ſich kommen. Die arme Alte ſtieß einen Freudenſchrei aus, als ſie ihn erblickte; aber zu ihrer beiderſeitigen Betrübniß hatte Keines dem Andern fröhliche Botſchaft oder befriedigende Aufklärung mitzu⸗ theilen. Gianetta war in der vorigen Nacht aus ihrem Schlaf aufgeweckt worden durch ein Getöſe unten in den Zimmern; aber bis ſie ſich das Herz faßte, hinunterzu⸗ ſteigen, war Viola fort! Sie fand an der Thüre außen die Spuren von Gewalt; und Alles, was ſie ſeither in der Nachbarſchaft in Erfahrung hatte bringen können, war: daß ein Lazzarone von ſeinem nächtlichen Schlafplatz auf der Chiaja aus im Mondſchein einen Wagen, welchen er als dem Fürſten von—— zugehörend erkannte, etwa um die erſte Stunde des Morgens auf dieſer Straße hatte hin und zurück fahren ſehen. Glyndon, nachdem er aus den verwirrten Worten und dem gebrochenen Schluchzen der alten Amme die Hauptpunkte dieſes Berichts errathen, verließ ſie raſch und begab ſich nach dem Palaſte Zano⸗ ni's. Hier wurde ihm geſagt, der Signor ſey zu dem Bankett des Fürſten von—— gegangen und werde erſt ſpät heimkommen. Glyndon ſtand regungslos vor Ver⸗ wirrung und Verdruß da; er wußte nicht was glauben, oder wie handeln. Selbſt Mervale war nicht bei der Hand, ihm zu rathen. Sein Gewiſſen machte ihm bittere Vor⸗ würfe. Er hatte die Macht gehabt, die Geliebte zu retten, 80 und hatte dieſe Macht aus der Hand gegeben; aber wie kam es, daß es Zanoni ſelbſt mißlang? Wie kam es, daß er zum Bankett des Entführers ging? Wußte wohl Za⸗ noni, was vorgefallen war? Wenn nicht, ſollte er einen Augenblick verlieren, ihn davon in Kenntniß zu ſetzen? Obgleich geiſtig unentſchloſſen, war er doch phyſiſch der herzhafteſte Mann. Er wollte ſich augenblicklich in den Palaſt des Fürſten ſelbſt begeben; und wenn Zanoni die Schutzpflicht nicht erfüllte, die er ſich halb und halb an⸗ zumaßen geſchienen, ſo wollte er, der beſcheidene Frem⸗ de, die durch Liſt und Gewalt Geraubte und Gefangene zurückfordern in den Sälen und vor den verſammelten Gäſten des Fürſten von—— ſelbſt. Sechszehntes Kapitel. Ardua vallatur duris sapientia scrupis. Hadr. Mun. Emhlem. 37. Wir mäſſen jetzt in unſrer Erzählung um einige Stunden zurück gehen. Es war das erſte ſchwache, all⸗ mälige Aufdämmern eines Sommermorgens; und zwei Männer ſtanden auf einem Balkon über einem Garten, der von den Wohlgerüchen der erwachenden Blumen duf⸗ tete. Die Sterne waren noch nicht am Himmel verſchwun⸗ den— die Vögel ſchwiegen noch auf den Aeſten; Alles war ſtill, gedämpft und ruhig; aber wie verſchieden iſt doch die Ruhe des wiederauflebenden Tages von der feier⸗ — e++—— 1—„———„——— —,——.—„— X vn 8 „ 8 M lichen Ruhe der Nacht! In der Muſik des Schweigens find tauſend Abwechslungen. Die Männer, welche allein in ganz Neapel wach ſchienen, waren Zanoni und der ge⸗ heimnißvolle Fremde, der erſt vor ein paar Stunden den Fürſten von—— in ſeinem üppigen Palaſte ſo er⸗ ſchreckt hatte. „Nein,“ ſagte der Letztere,„hätteſt Du die Annahme der hohen Gabe verſchoben, bis Du die Jahre erreicht, und alle die vereinſamenden Verluſte und Beraubungen durchgemacht hätteſt, welche mich erkälteten und ertödte⸗ ten, ehe meine Forſchungen ſie mir errungen hatten, ſo würdeſt Du dem Fluche entgangen ſeyn, über den Du jetzt klagſt, Du würdeſt nicht trauern über die Kürze der menſch⸗ lichen Neigung und Zärtlichkeit, verglichen mit der Dauer Deines Daſeyns; denn Du hätteſt dann den Wunſch und Traum der Frauenliebe ſelbſt überlebt. Der Glänzendſte, und ohne dieſe Verirrung vielleicht der Erhabenſte des geheimen und hehren Geſchlechts, das in der Schöpfung den Zwiſchenraum zwiſchen den Menſchenkindern und den Kindern des Empyräums ausfüllt, wirſt Du Jahrhundert um Jahrhundert die ſchimmernde Thorheit bereuen, welche Dir den Wunſch eingab, die Schönheit und die Leiden⸗ ſchaften der Jugend in die traurige Größe irdiſcher Un⸗ ſterblichkeit einzuführen.“ „Ich bereue es nicht, und werde es nie bereuen,“ antwortete Zanoni.„Das Entzücken und der Kummer⸗ ſo wild durch einander gemengt, welche eine Bewegung und Abwechslung in mein Schickſal brachten, find beſſer 82 als das friedliche, blutloſe Einerlei Deines einſamen Weges. Du, der Du Nichts liebſt, Nichts haſſeſt, Nichts fühleſt! und durch die Welt wandelſt mit geräuſch- und freudloſen Schritten eines Traumes!“ „Ihr irrt Euch,“ verſetzte der Andere, der ſich Mejnour genannt hatte,—„obgleich ich mich nicht um Liebe küm⸗ mere, und todt bin für jede Leidenſchaft, welche die Söhne des Staubes bewegt, bin ich doch nicht fühllos für ihre heiterern Genüſſe. Mich begleiten den Strom der zahl⸗ loſen Jahre hinab nicht die ſtürmiſchen Wünſche der Ju⸗ gend, wohl aber die ruhigen, geiſtigen Freuden des Al⸗ ters. Mit weiſer Ueberlegung entſagte ich der Jugend auf immer, als ich mein Schickſal von dem der Menſchen trennte. Laßt uns einander nicht beneiden, noch uns Vorwürfe machen. Ich hätte gerne dieſen Neapolitaner gerettet, Zanoni(wenn Du Dich jetzt ſo nennen läßſth, theils weil ſein Großvater nur durch die letzte, luftige Schranke von unſter Brüderſchaft getrennt war— theils weil ich weiß, daß in dem Manne ſelbſt die Elemente des⸗ Muthes und der Kraft ſeiner Ahnen ſchlummern, die ihn in frühern Jahren befähigt hätten, Einer der Unſrigen zu werden. Die Erde trägt nur Wenige, denen die Natur die Eigenſchaften verlieh, die große Probe zu beſtehen! Aber Zeit und Ausſchweifung, welche die gröberen Sinne geſteigert, haben die Phantaſie abgeſtumpft. Ich überlaſſe ihn ſeinem Verhängniß.“ „Und alſo immer noch, Mejnour, hegt Ihr den Wunſch, unſern Orden, der jetzt auf uns Beide allein —, — . —,— 7„— c——— ———„— e c—— N M M 83 ſich beſchränkt, durch neue Jünger und Bundesgenoſſen wieder zu beleben; gewiß— gewiß— Deine Erfahrung hätte Dich belehren können, daß kaum Einmal in tauſend Jahren das Geſchöpf geboren wird, welches durch die entſetzlichen Pforten zu dringen vermag, die zu den jen⸗ ſeitigen Welten führen. Iſt nicht Dein Weg ſchon über⸗ ſäet mit Deinen Opfern? Steigen nicht ihre in Furcht und Todesangſt geiſterhaft verzerrten Geſichter— der blutbefleckte Selbſtmörder, der tobende Wahnſinnige— ſteigen ſie nicht vor Dir auf, und warnen die Dir noch gebliebene menſchliche Sympathie, abzuſtehen von Deinem unſinnigen Ehrgeiz?“ „Nein,“ antwortete Mejnour;„hab' ich nicht ſo viel Erfolg gehabt, um dem Mißlingen die Wage zu hal⸗ ten? Und kann ich entſagen dieſer erhabenen und herrli⸗ chen Hoffnung, würdig allein unſrer hohen Stellung— der Hoffnung, ein mächtiges und zahlreiches Geſchlecht zu gründen mit hinreichender Stärke und Macht, um ſie offen vor der Menſchheit ihre majeſtätiſchen Eroberungen und ihre Herrſchaft bekennen zu laſſen— um die wahren Herren dieſes Planeten zu werden— in andern vielleicht ſiegend einzufallen— die Meiſter über die feindſeligen und boshaften Stämme, von welchen wir im jetzigen Augenblick umringt ſind— ein Geſchlecht, das, in ſei⸗ nem vom Tod freien Schickſal, von einer Stufe himmli⸗ ſcher Herrlichkeit zur andern fortſchreiten, und am Ende ſeinen Platz einnehmen mag unter den nächſten Dienern und Mächten, welche verſammelt ſind um den Thron der 84 Throne? Was ſind tauſend Opfer gegen Einen für unſern Bund gewonnenen Jünger! Und Du, Zanoni,“ fuhr Mejnour nach einer Pauſe fort—„Du, ſelbſt Du, ſollte dieſe Neigung zu einer ſterblichen Schönheit, die Du, gegen beſſeres Wiſſen, zu nähren wagteſt, mehr als eine vorübergehende Laune und Phantaſie ſeyn,— ſollte ſie, einmal in Deine innerſte Natur eingedrungen, Theil neh⸗ men an ihrem leuchtenden und dauernden Weſen— ſelbſt Du magſt leicht noch Allem trotzen, um Deine Geliebte zum Weſen Deinesgleichen zu erheben. Nein, unterbrich mich nicht. Kannſt Du ſehen, wie Krankheit ſie bedroht— Gefahr ſie umſchwebt— die Jahre ſie beſchleichen— die Augen trübe werden— die Schoͤnheit welkt— während das Herz, noch jugendlich, ſich an das Deinige anſchließt und anklammert— kannſt Du dies ſehen, und weißt, daß Dein—“ „Halt!“ rief Zanoni heftig.„Was iſt jedes andere Schickſal, verglichen mit dem Tod des Schreckens? Ha! wenn man den kälteſten Weiſen— den heißblütigſten En⸗ thuſiaſten— den härteſten Krieger mit Nerven von Eiſen — todt in ihren Betten gefunden hat, mit verdrehten Augapfeln und ſträubendem Haare, bei dem erſten Schritt auf dem furchtbaren Pfad des Fortſchrittes— glaubſt Du, daß dies ſchwache Weib, von deren Wange ein Klir⸗ ren des Fenſters, das Aechzen der Nachteule, der Anblick eines Tropfen Blutes auf dem Schwert eines Mannes, alle Farben verjagen würde, auch nur Einen Blick aus⸗ halten könnte von—— Weg! Der bloße Gedanke von „— 6— r e d —. N— 1— TS 85 ſolchen Schauſpielen in ihrer Seele macht ſelbſt mich zur Memme!“ „Als Ihr ihr ſagtet, daß Ihr ſie liebtet, ſie an Eure Bruſt drücktet: da entſagtet Ihr Aller Macht, ihr künftiges Lvos vorherzuſehen oder ſie gegen Leid zu ſchützen. Hinfort ſeyd Ihr für ſie nur Menſch, bloßer Menſch. Wie wißt Ihr nun, zu Was Ihr verſucht werden könntet?— Wie wißt Ihr, was Ihre Neugier erfahren, und was ihr Muth beſtehen mag? Doch genug hievon— Ihr bleibt bei Eurer Werbung?“ „Das entſcheidende Wort iſt geſprochen.“ „Und morgen?“ „Morgen um dieſe Stunde, wird unſre Barke über das Meer dort hintanzen, und das Gewicht von Jahr⸗ hunderten wird von meinem Herzen gefallen ſeyn! Ich bemitleide Dich, o thörichter Weiſer— Du haſt Deine Jugend aufgegeben!“ 86 Siebzehntes Kapitel. Alchym. Du ſprichſt immer in Räthſeln. Sage mir, ob Du der Quell biſt, von wel⸗ chem Bernard Lord Trevizan ſchreibt? Merk. Ich bin nicht dieſer Quell, aber ich bin das Waſſer. Der Quell umgibt mich. Sandigovius, das neue Licht der Alchymie. Der Fürſt von—— war nicht der Mann, welchem Neapel das Hängen an abergläubiſchen Einbildungen zutrauen konnte. Doch herrſchte damals im ſüdlichen Ita⸗ lien, und herrſcht noch, ein gewiſſer Geiſt der Leichtgläu⸗ bigkeit, welcher hin und wieder ſelbſt zwiſchen den keckſten Dogmen der Philoſophen und Skeptiker durchſchimmert. In ſeiner Kindheit hatte der Fürſt ſeltſame Erzählungen gehört von dem Ehrgeiz, dem Genius und der Laufbahn ſeines Großvaters,— und insgeheim hatte er, vielleicht in Kraft des Einfluſſes des großväterlichen Beiſpiels, in früherer Jugend ſelbſt ſich mit der Wiſſenſchaft beſchäf⸗ tigt, und nicht nur ihre ordentliche Bahn, ſondern auch ihre älteren Labyrinthe verfolgt. Man hat mir in der That in Neapel ein kleines Buch gezeigt, mit dem Wap⸗ pen der Visconti geſchmückt, das man dieſem Edelmann zuſchreibt, und welches von der Alchymie in halb ſpot⸗ tendem, halb ehrfurchtsvollen Ton handelt. Genuß und Zerſtreuungen zogen ihn bald von ſolchen Spekulationen ab, und ſeine unſtreitig großen Talente „ — —— wurden ganz in ausſchweifenden Intriguen vergeudet, oder richteten ſich auf die Verfeinerung einer ſchimmernden Prunkſucht mittelſt einiger claſſiſcher Grazie. Sein un⸗ geheurer Reichthum, ſein gebieteriſcher Stolz, ſein rück⸗ ſichtsloſer und kecker Charakter machten ihn zum Gegen⸗ ſtand einer nicht kleinen Furcht von Seiten eines ſchwa⸗ chen und ſchüchternen Hofes; und die Miniſter der indo⸗ lenten Regierung ſahen gern durch die Finger bei Exceſ⸗ ſen, welche ihn wenigſtens von Entwürfen des Ehrgeizes abzogen. Der ſeltſame Beſuch und das noch ſeltſamere Verſchwinden Mejnours erfüllten die Bruſt des Neapo⸗ litaners mit Staunen und Grauſen, wogegen all der hochmüthige Stolz und gelehrte Skepticismus ſeiner rei⸗ feren Mannesjahre umſonſt ankämpfte. Die Erſcheinung Mejnours diente in der That dazu, Zanoni den Augen des Fürſten in einem Lichte erſcheinen zu laſſen, worin er ihn bisher nicht betrachtet hatte. Er empfand eine ſelt⸗ ſame Unruhe über den Nebenbuhler, dem er getrotzt— uͤber den Feind, den er herausgefordert hatte. Als er, kurz vor ſeinem Bankett, ſeine Selbſtbeherrſchung wieder gewann, da brütete er auch mit düſterer, wilder Ent⸗ ſchloſſenheit über den treuloſen Anſchlägen, die er zuvor ſchon gemacht hatte. Es war ihm, als wäre der Tod des räthſelhaften Zanoni nothwendig zur Erhaltung ſeines eignen Lebens, und wenn er zu einer frühern Zeit ihrer Nebenbuhlerſchaft ſchon ſeinen Entſchluß über das Schick⸗ ſal Zanoni's gefaßt hatte, ſo dienten Mejnours War⸗ nungen nur, denſelben zu beſtärken., 88 „Wir wollen einen Verſuch machen, ob ſein Zauber ein Antidoton gegen den Trank erfinden kann,“ ſagte er halb laut und mit einem finſtern Lächeln, als er Mascari vor ſich forderte. Das Gift, welches der Fürſt mit eigener Hand unter den für ſeinen Gaſt beſtimmten Wein miſchte, war gemiſcht aus Stoffen, deren Geheimniß eines der ſchätzbarſten Erbſtücke jener talentvollen und ſchlimmen Familie war, welche Italien ſeine klügſten und ruchloſe⸗ ſten Tyrannen gab. Seine Wirkung war ſchnell— doch nicht plötzlich— es verurſachte keine Schmerzen— es hinterließ keine grauſenhaften Verzerrungen der Glieder, keine Purpurflecken auf der Haut, wodurch Verdacht ent⸗ ſtehen konnte— man konnte jedes Glied und jede Fiber des Leichnams zerſchneiden und durchgraben, ohne daß das ſchärfſte Auge eines Arztes die Anweſenheit des feinen Lebensfeindes entdeckt hätte. Zwölf Stunden lang fühlte das Opfer Nichts, als eine fröhliche und erhebende Auf⸗ regung des Blutes— dann folgte eine ſüße Ermattung, der ſichere Vorbote des Schlagfluſſes. Dann konnte keine Lanzette helfen! der Schlagfluß war ſehr häufig in den Familien der Feinde der Visconti vorgekommen. Die Stunde des Feſtes kam— die Gäſte verſammel⸗ ten ſich. Da war die Blüthe der neapolitaniſchen Signo⸗ rie; die Abkömmlinge der Normannen, der Teutonen, der Gothen; denn Neapel hatte damals einen Adel, aber es hatte ihn vom Norden überkommen, der in der That die Nutrix Leonum geweſen iſt, die Amme der löwenherzigen Ritterſchaft der Welt. zu 89 er Zuletzt von allen Gäſten kam Zanoni; und der Hau⸗ er fen der Gäſte machte Platz, als der glänzende Fremde ri auf den Herrn des Palaſtes zu ging. Der Fürſt begrüßte er ihn mit einem bedeutungsvollen Lächeln, worauf Zanoni e, flüſternd antwortete:„Wer mit falſchen Würfeln ſpielt, er gewinnt nicht immer!“ en Der Fürſt biß ſich in die Lippe; und Zanoni, weiter 5 ſchreitend, ſchien ſich bald tief in eine Unterhaltung mit ch dem ſchmeichelnd ſchwänzelnden Mascari eingelaſſen zu s haben. r,„Wer iſt des Fürſten Erbe?“ fragte der Gaſt. t⸗„Ein entfernter Verwandter von mütterlicher Seite; 5 mit Sr. Excellenz ſtirbt die männliche Linie aus.“ ß„Iſt der Erbe anweſend bei unſers Wirthes Bankett?“ „Nein; ſie ſind keine Freunde.“ te„Einerlei; ſo wird er morgen hier ſeyn!“ f⸗ Mascari ſtarrte ihn erſtaunt an; aber das Zeichen 3 zum Bankett ward gegeben und die Gäſte wurden an die te Tafel geführt. Wie damals der Brauch war, begann das Feſt bald nach Mittag. Es war ein langer, ovaler Saal, auf der einen Seite ganz ſich öffnend, mittelſt einer Mar⸗ . morkolonnade, gegen einen Hof oder Garten, wo das 3 Auge befriedigt ausruhte auf kühlen Springbrunnen und * Statuen vom weißeſten Marmor, halb bedeckt von Oran⸗ 3 genbäumen. Jedes Mittel, das der Lurus erfinnen konnte, um Friſche und Kühle in die ſchwüle, regungsloſe Hitze * des Tages zu bringen,(ein Tag, an welchem die Herr⸗ Bulwer's Romane. XCVII. 7 ———— 90 ſchaft des Sirocco waltete,) waren aufgeboten worden. Künſtliche Luftzüge durch unſichtbare Röhren, ſeidene Jalvuſten, die ſich hin und her bewegten, gleichſam den Sinnen die Täuſchung eines Aprillüftchens vorſpiegelnd, und kleine Springbrunnen in jeder Ecke des Saales gaben den Italienern daſſelbe Gefühl von Vergnügen und Com- fort,(wenn ich das Wort brauchen darf,) wie den Kin⸗ dern kälterer Climate die wohlzugezogenen Vorhänge und das lodernde Feuer des Herdes. Das Geſpräch war etwas lebhafter und geiſtreicher als es gewöhnlich bei den matten und ſchlaffen Vergnü⸗ gungsjägern des Südens zu ſeyn pflegte, denn der Fürſt, ſelbſt gebildet und talentvoll, ſuchte ſeine Bekanntſchaften nicht nur unter den beaux esprits ſeines eignen Landes, ſondern auch unter den glänzenderen Fremden, welche die Einförmigkeit der neapolitaniſchen Kreiſe ſchmückten und hoben. Es waren zwei oder drei der glänzenden Franzo⸗ ſen des alten Regimes anweſend, welche ſchon vor der vorſchreitenden Revolution ſich geflüchtet hatten, und ihre eigenthümliche Denkweiſe und ihr Witz waren ganz geeig⸗ net für die Stimmung einer Geſellſchaft, welche das Polce far niente zu ihrer Philoſophie und zu ihrem Glauben machte. Der Fürſt jedoch war ſchweigſamer als gewöhnlich: und als er ſich aufzuraffen ſuchte, war ſeine geiſtreiche Laune erzwungen und übertrieben. Mit dem Benehmen ſeines Wirthes machte das Zanoni's einen auf⸗ fallenden Contraſt. Die Haltung dieſes eigenthümlichen Mannes zeichnete ſich jederzeit aus durch eine ruhige und 8 un w SP artige, bequeme Leichtigkeit, welche von den Hofleuten der langen Gewohnheit des geſelligen Umgangs zuge⸗ ſchrieben wurde. Er konnte kaum munter genannt werden, und doch trugen Wenige ſo viel dazu bei, die gute Laune eines geſelligen Kreiſes zu beleben. Er ſchien vermöge einer Art von intuitivem Inſtinkt bei Jedem in der Ge⸗ ſellſchaft die Eigenſchaften hervorzulocken, worin er ſich am meiſten auszeichnete; und wenn gelegentlich ein leiſer Ton geheimen Spottes ſeine Bemerkungen über die Ge⸗ genſtände, worauf das Geſpräch kam, charakteriſirte, ſo ſchien es Leuten, welche Nichts ernſt nahmen, die Sprache des Witzes und der Weisheit zugleich. Die Franzoſen ins⸗ beſondere fanden Urſache zum Staunen in ſeiner vertrau⸗ ten Bekanntſchaft mit den kleinſten Vorfällen in ihrer Hauptſtadt und in ihrem Lande, und in ſeiner tiefen Durchſchauung der vornehmſten Charaktere, welche damals eine Rolle ſpielten auf der großen Bühne der Continen⸗ talintriguen— die ſich jedoch nur in Epigrammen und Sarkasmen äußerte. Während dies Geſpräch ſich belebte, und das Feſt ſeinen Höhepunkt erreichte, kam Glyndon in dem Palaſt an. Der Thürhüter, aus ſeinem Anzug erkennend, daß er keiner der geladenen Gäſte ſey, ſagte ihm, Se. Excellenz ſey beſchäftigt und dürfe unter keiner Bedingung geſtört werden; und jetzt erſt erkannte Glyn⸗ don, wie ſonderbar und beſchwerlich die Pflicht war, die er auf ſich genommen. Sich den Eintritt zu erzwingen in den Bankettſaal eines vornehmen und mächtigen Edel⸗ 7* 92 manns, umgeben von dem ganzen Adel Neapels, und 2 von ihm Rechenſchaft zu verlangen für Etwas, das ſei⸗ i nen edeln Genoſſen wohl nur als ein Stückchen Galan⸗ pr terie erſchien, war ein Beginnen, das unfehlbar ebenſo unmächtig als lächerlich ausfallen mußte. Er beſann ſich ſa einen Augenblick; dann drückte er dem Thürhüter ein S Goldſtück in die Hand, ſagte, er ſey beauftragt, den Sig⸗ ſ nor Zanoni aufzuſuchen in einer Angelegenheit, welche Leben und Tod betreffe, und gewann nun leicht den Ein⸗ 6 tritt über den Hof in das innere Gebäude. Er ſchritt die breite Treppe hinauf, und die Stimmen und die Luſtigkeit ket der Gäſte drangen ſchon von Weitem in ſein Ohr. Beim Eingang der Empfangzimmer fand er einen Pagen, den er mit einem Auftrag an Zanoni ſandte. Der Page be⸗ 3 ſtellte den Auftrag, und Zanoni, als er den Namen Glyn⸗ M don flüſtern hörte, wandte ſich gegen ſeinen Wirth. 5 „Verzeiht mir, gnädiger Herr; ein engliſcher Freund wi von mir, der Signor Glyndon,(dem Namen nach Euer Excellenz nicht unbekannt,) wartet draußen— die Ange⸗ 1 legenheit, wegen welcher er mich zu einer ſolchen Stunde aufgeſucht hat, muß in der That dringend ſeyn. Ihr M werdet entſchuldigen, wenn ich mich einen Augenblick ent⸗ ſal ferne.“ el „Aber, Signor,“ verſetzte der Fürſt höflich, aber 25 mit einem unheimlichen Lächeln in ſeinem Geſicht,„wäre Se es nicht beſſer, wenn Euer Freund in unſere Geſellſchaft käme? Ein Engländer iſt überall willkommen; und wäre Gl es auch ein Holländer, Eure Freundſchaft würde ſeiner nic 93 Anweſenheit Annehmlichkeit und Reiz verleihen. Bittet ihn einzutreten, wir möchten Euch auch nicht einen Augen⸗ blick miſſen.“ Zanoni verbeugte ſich— der Page ward mit der ſchmeichelhafteſten Botſchaft an Glyndon abgeſandt— ein Sitz ward ihm neben Zanoni geſtellt, und der junge Eng⸗ länder trat ein. „Ihr ſeyd ſehr willkommen, Sir. Ich hoffe, Euer Geſchäft mit unſerem edlen Gaſte iſt von guter Vorbe⸗ deutung und angenehmer Art. Wenn Ihr böſe Neuig⸗ keiten bringt, ſo ſchiebt es auf, ich bitte Euch.“ Glyndons Stirne war finſter, und er ſtand im Be⸗ griffe, die Gäſte durch ſeine Antwort aufzujagen, als Za⸗ noni, ſeinen Arm berührend, ihm mit bedeutungsvoller Miene engliſch zuflüſterte:„Ich weiß, warum Ihr mich aufgeſucht habt. Schweigt, und wartet ab, was folgen wird.“ „Ihr wißt alſo, daß Viola, welche aus der Gefahr zu retten Ihr Euch rühmtet, die Macht zu beſitzen—“ „In dieſem Hauſe iſt? Ja. Ich weiß auch, daß der Mord zur Rechten unſers Wirthes ſitzt. Aber ſein Schick⸗ ſal iſt jetzt für immer vom ihrigen getrennt; und der Spie⸗ gel, welcher es meinem Auge zeigt, iſt klar durch den Dampf des Blutes hindurch. Schweigt, und erkennet, welches Schickſal die Ruchloſen erwartet!“ „Gnädiger Herr,“ ſagte Zanoni laut,„der Signor Glyndon hat mir Zeitungen gebracht, die mir in der That nicht ganz unerwartet kommen. Ich bin genöthigt, Nea⸗ 94 pel zu verlaſſen— ein Beweggrund mehr, die jetzige Stunde aufs beſte zu nützen.“ „Und was, wenn ich mir die Frage erlauben darf, mag die Urſache ſeyn, welche die ſchönen Damen Neapels mit ſolchem Leidweſen heimſucht?“ „Es iſt der herannahende Tod von Jemand, der mich mit ſeiner loyalſten Freundſchaft beehrte,“ verſetzte Za⸗ noni ernſt.„Laßt uns nicht weiter davon ſprechen; Schmerz kann den Zeiger der Uhr nicht rückgängig machen. Wie wir mit friſchen Blumen die in unſern Vaſen verwelkenden erſetzen, ſo iſt es das Geheimniß der weltlichen Weisheit, mit neuen Freundſchaften die von unſerm Pfade verſchwin⸗ denden zu vergüten.“ „Wahre Philoſophie!“ rief der Fürſt.„Nichts bewundern! war des Römers Grundſatz; nietrauern! iſt der meinige. Es gibt Nichts im Leben, worüber man ſich zu grämen hätte, als freilich wohl, Signor Zanoni, wenn eine junge Schönheit, auf die wir unſer Herz geſetzt, unſern Händen entſchlüpft. In einem ſolchen Augenblick bedürfen wir aller unſerer Weisheit, um nicht der Ver⸗ zweiflung zu unterliegen und dem Tod die Hand zu ſchüt⸗ teln. Was ſagt Ihr, Signor? Ihr lächelt! Das konnte nie Euer Geſchick ſeyn. Thut mir Beſcheid auf einen Trink⸗ ſpruch: Langes Leben dem glücklichen Liebhaber— bal⸗ dige Befreiung dem betrogenen Anbeter!“ „Ich thue Euch Beſcheid,“ ſagte Zanoni— Und wie der verhängnißvolle Wein in ſein Glas gegoſſen wurde, — w e 1—— — ge rf, ich a⸗ erz ie en it, in⸗ s tan ni, lick er⸗ üt⸗ nte ink⸗ al⸗ Und rde, 95 wiederholte er, ſeine Augen auf den Fürſten heftend:„Ich thue Euch Beſcheid, ſelbſt in dieſem Weine!“ Er hob das Glas an den Mund. Der Fürſt war geiſterblaß, während der Blick ſeines Gaſtes ſich auf ihn heftete mit einer feſten Strenge und einem Glanze, die den von ſeinem Gewiſſen geſchlagenen Wirth faſt vernichteten. Erſt, als er das Glas geleert und es wieder auf den Tiſch geſtellt hatte, verwandte Zanoni ſein Auge von dem Für⸗ ſten, und ſagte dann:„Euer Wein iſt zu lang aufbe⸗ wahrt worden; er hat ſeine Tugenden verloren. Er könnte Manchem übel bekommen, aber ſeyd ohne Furcht; er wird mir nicht ſchaden, Fürſt. Signor Mascari, Ihr ſeyd ein Kenner von Weinen; wollt Ihr uns gütigſt Eure Mei⸗ nung ſagen?“ „Nein,“ antwortete Mascari mit gut erheuchelter Faſſung,„ich liebe die Cyperweine nicht; ſie erhitzen ſo ſehr. Vielleicht hat Signor Glyndon nicht dieſelbe Abnei⸗ gung dagegen. Man ſagt, die Engländer lieben einen warmen und ſtarken Trunk.“ „Wünſcht Ihr, daß mein Freund auch dieſen Wein koſte, Fürſt?“ ſagte Zanoni.„Bedenkt, nicht Jeder kann ihn ſo ungeſtraft trinken, wie ich!“ „Nein,“ ſagte der Fürſt haſtig,„wenn Ihr den Wein nicht loben könnt, ſo verhüte der Himmel, daß wir unſere Gäſte dazu nöthigen ſollten! Mein Herr Herzog,“ damit wandte er ſich zu Einem der Franzoſen;„Ihr habt den wahren Boden des Bacchus. Was haltet Ihr von dieſer Flaſche Burgunder? Hat ihm die Reiſe nicht geſchadet?“ 96 „Ha!“ ſagte Zanoni,„laßt uns den Wein und das The na wechſeln.“ Jetzt zeigte ſich Zanoni noch belebter und glänzender. Nie ſprühte funkelnderer, leichterer, erheitenderer Witz von den Lippen eines Zechers. Seine Laune bezauberte alle Anweſenden,— ſogar den Fürſten ſelbſt, ſogar Glyn⸗ don— mit einer wunderbaren, wilden Anſteckung. Der Erſtere, den Zanoni's Worte und Blicke, als er ſein Gift trank, mit bangen Ahnungen erfüllt hatten, begrüßte jetzt in der glänzenden Beredſamkeit ſeines Witzes ein ſicheres Zeichen von der Wirkſamkeit des Trankes. Der Wein kreiste raſch; aber Niemand ſchien ſeine Wirkungen zu beachten. Einer nach dem Andern von der übrigen Geſell⸗ ſchaft verſank wie in ein verzaubertes, die Zunge bin⸗ dendes Stillſchweigen, als Zanoni fortfuhr, Witz auf Witz, Anekdote auf Anekdote zu ſprudeln. Sie hingen an ſeinem Munde, ſie hielten beinahe den Athem an, ihm zuzuhören. Und doch! wie bitter war ſeine Fröhlichkeit! wie voll Verachtung gegen die anweſenden, armſeligen Menſchen, und die Armſeligkeiten, die ihr Leben aus⸗ machten. Die Nacht brach an; im Saal wurde es dämmernd, und das Feſt hatte mehrere Stunden länger gewährt, als die gewöhnliche Dauer ſolcher Bankette in jener Zeit war. Noch immer aber brachen die Gäſte nicht auf, und immer noch fuhr Zanoni fort, mit leuchtendem Auge und ſpotten⸗ dem Munde ſeine Schätze von Geiſt und Anekdoten zu ver⸗ ſchwenden, als plötzlich der Mond aufſtieg, und ſeine 97 Strahlen über die Blumen und Springbrunnen draußen ergoß, während der Saal ſelbſt halb im Schatten blieb, halb von einem leiſen, geiſterhaften Licht überflogen war. Jetzt ſtand Zanoni auf.„Nun, meine Herren,“ ſagte er,„wir haben, hoffe ich, unſern Wirth noch nicht er⸗ müdet; und ſein Garten bietet eine neue Verſuchung, unſer Bleiben noch zu verlängern. Habt Ihr keine Muſi⸗ ker unter Eurer Dienerſchaft, Fürſt, die unſern Ohren ſchmeicheln könnten, während wir den Duft jener Oran⸗ genbäume einathmen?“ „Ein herrlicher Gedanke!“ ſagte der Fürſt.„ Mas⸗ cari, ſorge für die Muſik!“ Die Geſellſchaft ſtand gleichzettig auf, um ſich in den Garten zu begeben: und jetzt erſt ſchien ſich die Wirkung des getrunknen Weines bei ihnen fühlbar zu machen. Mit flammenden Wangen und unſichern Schritten kamen ſie in die freie Luft, die noch mehr beitrug, das glü⸗ hende Fieber des Rebenſafts zu ſteigern. Als gälte es, das Schweigen zu vergüten, mit welchem die Gäſte bisher Zanoni zugehört hatten, war jetzt jede Zunge gelost— Jeder plauderte— Niemand hörte. Es lag etwas Un⸗ heimliches und Fürchterliches in dem Contraſt zwiſchen der ruhigen Schoͤnheit der Nacht und der Scene, und dem Gelärme und Geſchrei dieſer unordentlichen Zecher. Einer von den Franzoſen insbeſondere, der junge Herzog von R——, ein Edelmann vom höchſten Range und von dem raſchen, lebhaften, jähzornigen Temperament ſeiner Landsleute, war auffallend laut und aufgeregt. Und da 98 Umſtände, deren Erinnerung noch in gewiſſen Kreiſen Neapels lebt, es ſpäter nothwendig machten, daß der Herzog ſelbſt von dem dort Vorgefallenen Zeugniß ablegte, will ich hier den kurzen Bericht, den er aufſetzte, übertra⸗ gen, der mir mit vieler Güte vor einigen Jahren von mei⸗ nem lebhaften und talentvollen Freund, dem Cavaliere di B—— mitgetheilt wurde. „Ich erinnere mich nicht,“ ſchreibt der Herzog,„je meine Lebensgeiſter ſo aufgeregt gefühlt zu haben, wie an jenem Abend; wir waren ganz wie ebenſo viele aus der Schule losgelaſſene Knaben, wir ſtießen und drängten einander, wie wir die ſieben oder acht Treppen, die von der Colonnade in den Garten führten, herunter taumel⸗ ten oder ſprangen,— die Einen lachend, die Andern jauchzend, Einige ſcheltend, Andere plaudernd. Der Wein hatte gleichſam eines Jeden innerſten Charakter heraus⸗ gekehrt. Einige waren laut und händelſüchtig, Andere empfindſam und weinerlich; Einer, den man bisher für langweilig gehalten, höchſt luſtig, ein Anderer, der immer für beſcheiden und ſchweigſam gegolten, höchſt geſchwätzig und lärmend. Ich erinnere mich, daß mitten in unſerer lärmenden Fröhlichkeit mein Auge auf den Cavalier, Sig⸗ nor Zanoni, fiel, deſſen Unterhaltung uns Alle ſo bezaubert hatte; und ich fühlte mich von einem gewiſſen Schauer durchrieſelt, als ich bemerkte, daß daſſelbe ruhige und untheilnehmende Lächeln auf ſeinem Angeſicht lag, das es charakterifirt hatte bei ſeinen eigenthümlichen und merk⸗ würdigen Geſchichten vom Hofe Louis XIV. Ich ſpürte 99 in der That halb und halb Luſt in mir, Streit zu ſuchen mit einem Manne, deſſen gefaßte Haltung beinahe eine beleidigende Rüge unſrer unordentlichen Wirthſchaft war. Dieſe Wirkung ſeiner gleichſam ſpottenden und heraus⸗ fordernden Ruhe beſchränkte ſich nicht auf mich allein. Mehrere von der Geſellſchaft haben mir ſeither erklärt, daß ſie beim Blick auf Zanoni ihr Blut noch mehr ſich erhitzen, und ihre Luſtigkeit in Erbitterung ſich verwan⸗ deln gefühlt hätten. In ſeinem eiskalten Lächeln ſchien eine wahre Zauberkraft verborgen, die Eitelkeit zu verletzen und den Zorn herauszufordern. In dieſem Augenblick kam der Fürſt auf mich zu, und ſeinen Arm in den meinigen legend, führte er mich etwas abſeits von den Uebrigen. Gewiß hatte er demſelben Uebermaß ſich hingegeben, wie wir, aber es brachte bei ihm nicht dieſelbe Wirkung lär⸗ mender Aufregung hervor. Es lag im Gegentheil ein gewiſſer kalter Hochmuth und ein herabſehender Stolz in ſeinem Benehmen und in ſeiner Sprache, die, während er ſo viel ſchmeichelnde Höflichkeit gegen mich zeigte, doch meine Eigenliebe gegen ihn reizten. Es war, als hätte ihn Zanoni angeſteckt; und indem er das Betragen ſeines Gaſtes nachzuahmen ſchien, übertraf er das Original. Er zog mich auf wegen einer kleinen Klatſcherei, welche mei⸗ nem Namen die Ehre erwieſen hatte, ihn mit einer gewiſ⸗ ſen ſchönen und ausgezeichneten ſicilianiſchen Dame in Verbindung zu bringen, und gab ſich die Miene, mit Verachtung zu behandeln, was, wenn es wahr geweſen wäre, ich mir zur hohen Ehre gerechnet hätte. Er redete 100 in der That, als wenn er alle Blumen von Neapel ge⸗ pflückt und uns Fremden nur die Nachleſe der von ihm verſchmähten gelaſſen hätte. Hierdurch ward meine natür⸗ liche und meine Nationalgalanterie gereizt und verletzt, und ich antwortete mit einigen Sarcasmen, die ich gewiß unterdrückt hätte, wäre mein Blut kühler geweſen. Er lachte herzlich, und verließ mich in einer ſeltſamen Auf⸗ wallung von Erbitterung und Verdruß. Vielleicht, ich muß die Wahrheit geſtehen, hatte der Wein mich in eine aufgeregtere Stimmung verſetzt, Beleidigungen zu ahn⸗ den und Händel anzufangen. Als der Fürſt mich verließ, wandte ich mich um, und ſah Zanoni neben mir.“ „Der Fürſt iſt ein Großſprecher, ſagte er, mit dem⸗ ſelben Lächeln, das mir vorher ſchon mißfiel. Er möchte alles Glück und alle Liebe für ſich allein in Anſpruch neh⸗ men. Nehmen wir unſer Revenge““ „Und wie?“ „Er hat, in dieſem Augenblick, in ſeinem Hauſe die bezauberndſte Sängerin in Neapel— die gefeierte Viola Piſani. Sie iſt allerdings nicht aus eigener Wahl hier; er hat ſie mit Gewalt hieher geſchleppt, aber er wird be⸗ haupten, ſie bete ihn an. Dringen wir darauf, daß er uns dieſen verborgenen Schatz zeigt,— und wenn ſie ein⸗ tritt, kann der Herzog von R—— nicht daran zweifeln, daß ſeine Schmeicheleien und Aufmerkſamkeiten die Dame bezaubern und die eiferſüchtigen Befürchtungen unſers Wirths erwecken werden. Es wäre das eine herrliche Rache für ſeine gebieteriſche Einbildung.“ — 1 1 e — 1 3 1„„„ 101 „Dieſer Vorſchlag entzückte mich. Ich eilte hin zu dem Fürſten. In dieſem Augenblick hatten gerade die Muſiker angefangen; ich winkte mit der Hand, hieß die Muſik ſchweigen, und mich zu dem Fürſten wendend, der inmitten einer der frohlichſten Gruppen ſtand, beklagte ich mich über ſeinen Mangel an Gaſtlichkeit, daß er uns ſo armſelige Künſtler producire, während er ſich zu ſeiner eigenen Herzſtärkung die Laute und die Stimme der erſten Sängerin Neapels vorbehalte. Ich verlangte, halb la⸗ chend, halb im Ernſt, er ſolle uns die Piſani produciren. Mein Verlangen ward von den Uebrigen mit jubelndem Beifall aufgenommen. Wir erſtickten die Antworten unſe⸗ res Wirthes mit tobendem Geſchrei und wollten keine Weigerung. Meine Herren, ſagte endlich der Fürſt, als er ſich Gehör verſchaffen konnte, ſelbſt wenn ich Eurem Vorſchlage beiſtimmen wollte, ſo könnte ich die Signora nicht dazu vermögen, ſich vor einer Geſellſchaft zu pro⸗ duciren, die ebenſo ausgelaſſen als edel iſt. Ihr habt zu viel Ritterlichkeit, um Zwang gegen ſie zu gebrauchen obgleich der Herzog von R—— ſich ſo weit vergißt, ihn mir anzuſinnen.““ „Ich war erbittert über dieſen Stich, ſo wohlver⸗ dient er auch war. Fürſt, ſagte ich,'ich habe für die Indelikateſſe des Zwangs ein ſo erlauchtes Beiſpiel, daß ich mich nicht bedenken kann, den Weg zu verfolgen, den Eure eigenen Fußtapfen geadelt haben. Ganz Neapel weiß, daß die Piſani Euer Gold wie Eure Liebe verachtet — daß Gewalt allein ſie unter Euer Dach bringen konnte; 102 und daß Ihr Euch weigert, ſie erſcheinen zu laſſen, weil Ihr ihre Klagen fürchtet, und die Ritterlichkeit, über welche Eure Eitelkeit hohnlächelt, gut genug kennt, um Euch verſichert zu fühlen, daß die Edelleute von Frankreich ebenſo geneigt find, die Schönheit gegen Mißhandlung zu ſchützen, als ihr Huldigung zu beweiſen.“ „Ihr ſprecht gut, Herr,“ ſagte Zanoni ernſt.„Der Fürſt wagt nicht, ſeine Beute zu produciren.“ „Der Fürſt blieb einige Augenblicke ſprachlos, wie vor Entrüſtung. Endlich brach er in die beleidigendſten und beſchimpfendſten Ausdrücke gegen Signor Zanoni und mich aus. Zanoni antwortete nicht, ich war hitziger und haſtiger. Die Gäſte ſchienen an unſerm Streit Freude zu haben. Niemand, auſſer Mascari, den wir bei Seite ſcho⸗ ben und zu hören verſchmähten, ſuchte Frieden zu ſtiften; die einen ſchlugen ſich auf dieſe; die andern auf jene Seite. Der Ausgang war leicht zu errathen. Man forderte und brachte Schwerter. Zwei wurden mir von einem aus der Geſellſchaft angeboten. Ich wollte das eine wählen, als Zanvni mir das andere in die Hand gab, das, nach ſei⸗ nem Griffe, von alter Arbeit ſchien. Im ſelben Augen⸗ blick ſah er den Fürſten an und ſagte lächelnd: Der Her⸗ zog nimmt Eures Großvaters Schwert. Fürſt, Ihr ſeyd ein zu muthiger Mann zum Aberglauben; Ihr habt die Buße vergeſſen“ Unſer Wirth ſchien mir bei dieſen Wor⸗ ten zurückzubeben und zu erblaſſen; dennoch erwiederte er Zanoni's Lächeln mit einem trotzig herausfordernden Blicke. Im nächſten Augenblick war Alles Unordnung und — — — —„ e———— S S S 8 N Kampf. Es mochten etwa ſechs oder acht Perſonen in eine ſeltſame, verwirrte Art von Handgemenge verwickelt ſeyn: aber der Fürſt und ich allein ſuchten uns einander auf. Der Lärm um uns her, die Verwirrung der Gäſte, das Geſchrei der Muſiker, das Klirren unſerer eigenen Waffen diente nur, unſere unſelige Wuth noch anzuſpor⸗ nen. Wir fürchteten, durch die Umſtehenden unterbrochen zu werden, und fochten wie Wahnſinnige, ohne Kunſt und Methode. Ich ſchlug zu und parirte mechaniſch, blind und toll, wie wenn ein Dämon in mich gefahren wäre, bis ich den Fürſten in ſeinem Blute gebadet, zu meinen Fü⸗ ßen liegen ſah, und Zanoni, der ſich über ihn beugte und ihm ins Ohr flüſterte. Dieſer Anblick kühlte uns Alle ab. Der Kampf hörte auf; wir ſammelten uns voll Schaam, Reue und Entſetzen um unſern unglücklichen Wirth— aber es war zu ſpät— die Augen rollten ihm fürchter⸗ lich im Kopfe. Ich habe viele Menſchen ſterben ſehen; aber keinen mit ſolchem Grauſen im Angeſicht. Endlich war Alles vorüber. Zanoni erhob ſich neben dem Leich⸗ nam, nahm mit großer Faſſung das Schwert aus mei⸗ ner Hand, und ſagte ruhig: Ihr ſeyd Zeugen, Ihr Her⸗ ren, daß der Fürſt ſelbſt ſein Schickſal ſich zuzog. Der Letzte dieſes erlauchten Hauſes iſt in einer Rauferei um⸗ gekommen?““ „Ich ſah Zanoni nicht mehr. Ich eilte zu unſerm Geſandten, um den Vorfall zu erzählen und den Ausgang abzuwarten. Ich bin der neapolitaniſchen Regierung und dem erlauchten Erben des unglücklichen Edelmanns dank⸗ 104 bar für die milde, großmüthige, obwohl gerechte Ausle⸗ gung, die ſie einem Unglück gaben, deſſen Andenken mir bis zur letzten Stunde meines Lebens ſchmerzlich ſeyn wird. (Unterzeichnet) Louis Victor, Duc de R.“ In der obigen Denkſchrift findet der Leſer die genaueſte und ausführlichſte bis jetzt erſchienene Darſtellung eines Ereigniſſes, das in Neapel damals das größte Aufſehen machte. Glyndon hatte keinen Antheil an dem Kampfe, auch an den Ausſchweifungen des Gelages nur wenig Antheil genommen. Daß er bei beiden ſich entfernt hielt, hatte er vielleicht den ihm zugeflüſterten Warnungen Zanoni's zu danken. Als dieſer von dem Leichnam aufſtand und von der Scene der Verwirrung ſich entfernte, bemerkte Glyndon, daß er, wie er durch den Haufen ſchritt, Mascari an der Schulter berührte, und ihm etwas ſagte, was der Engländer nicht verſtand. Glyndon folgte Zanoni in den Bankettſaal, der, auſſer da, wo der Mondſchein den Mar⸗ morboden traf, in die traurigen und düſtern Schatten der vorrückenden Nacht gehüllt war. „Wie konntet Ihr dieß ſchreckliche Ereigniß vorher⸗ ſagen? Er fiel ja nicht durch Euern Arm!“ ſagte Glyn⸗ don mit hohler, zitternder Stimme. „Der General, der auf den Sieg rechnet, kämpft nicht in Perſon,“ antwortete Zanoni;„laßt das Vergan⸗ gene mit den Todten ruhen und ſchlafen. Trefft mich um Mitternacht am Strand, eine halbe Meile von Eurem le⸗ nir yn im 105 Hotel, links. Ihr werdet die Stelle an einem rohen Pfei⸗ ker erkennen— dem einzigen der in der Nähe— woran eine zerbrochene Kette befeſtigt iſt. Dort, und zu der ge⸗ nannten Stunde, ſollſt Du, wenn Du unſere Lehre ken⸗ nen lernen willſt, den Meiſter finden. Geh!— ich habe hier noch Geſchäfte. Erinnere Dich, Viola iſt noch im Hauſe des Todten!“ Hier näherte ſich Mascari, und Zanoni, zu dem Italiener ſich wendend, winkte Glyndon mit der Hand⸗ und zog den Erſtern bei Seite. Glyndon entfernte ſich langſam. „Mascari,“ ſagte Zanoni,„Euer Gönner iſt nicht mehr; Eure Dienſte werden ſeinem Erben werthlos ſeyn— einem nüchternen Manne, den die Armuth vor Laſtern bewahrt hat. Was Euch ſelbſt betrifft, dankt es mir, daß ich Euch nicht dem Scharfrichter überliefere; denkt an den Wein von Cypern! Nun, zittert nicht Mann, er konnte auf mich nicht wirken, obwohl er auf Andere übel zurück⸗ wirken mochte; und darin iſt er ein allgemein gültiger Ty⸗ pus des Verbrechens. Ich vergebe Euch; und falls der Wein mich tödten ſollte, verſpreche ich Euch, daß mein Geiſt einen ſolchen Ehrenmann von reuigem Sünder nicht verfolgen ſoll. Genug hievon, führt mich in das Zimmer von Viola Piſani. Ihr bedürft ihrer nicht weiter. Der Tod des Kerkermeiſters öffnet die Zelle der Gefangenen. Macht ſchnell, ich möchte fortkommen.“ Mascari murmelte einige unverſtändliche Worte, Bulwer's Romane. XCVII. 8 106 verbengte ſich tief, und führte Zanoni in das Gemach, wo Viola eingeſperrt war. Achtzehntes Kapitel. Merk. Daher ſag mir, wornach Du ſuchſt und was Du haben möchteſt, Was verlangſt Du denn zu machen? Alchym. Den Stein der Weiſen. Sandigovius. Es waren noch einige Minuten bis Mitternacht, als Glyndon ſich an den ihm bezeichneten Ort begab. Die geheimnißvolle Herrſchaft, die ſich Zanoni über ihn er⸗ worben, war noch kräftiger befeſtigt worden durch die ernſten Ereigniſſe der letzten paar Stunden; der plötz⸗ liche Tod des Fürſten, mit ſo überlegter Berechnung in dem Blatte der Zukunft geleſen, und doch anſcheinend ſo zufällig herbeigeführt durch die alltäglichſten Veranlaſ⸗ ſungen, und doch in Verbindung ſtehend mit den pro⸗ phetiſchſten Worten, erfüllte ihn mit den tiefſten Gefühlen der Bewunderung und der ſchauernden Ehrfurcht. Es war, als ob dieß dunkle und wunderbare Weſen die gewöhn⸗ lichſten Ereigniſſe und die gemeinſten Werkzeuge zu Dien⸗ ſten ſeines unerforſchlichen Willens werben und verwan⸗ deln könnte; aber wenn dieß, warum ließ er die Entfüh⸗ rung Viola's zu? Warum verhütete er nicht lieber das Verbrechen, als daß er den Verbrecher ſtrafte? Und en —— „ chſt Vas als Die er⸗ die ötz⸗ in ſo aſ⸗ ro⸗ len ar, hn⸗ en⸗ n⸗ ih⸗ 107 pfand Zanoni wirklich Liebe für Viola? Liebe! und doch ihm den Antrag machen, ſie ihm abzutreten! einem Ne⸗ benbuhler, den ſeine Künſte doch nothwendig hätten aus⸗ ſtechen müſſen. Er kam nicht mehr auf den Glauben zu⸗ rück, daß Zanoni oder Viola ihn durch Ueberliſtung zur Heirath hätten verleiten wollen. Seine Furcht und ſcheue Achtung vor dem Erſteren unterſagten ihm jetzt den Ge⸗ danken an einen ſo armſeligen Betrug. Liebte er ſelbſt Viola noch? Nein, als er dieſen Morgen von ihrer Gefahr gehört, da kehrten allerdings die Sympathien und die Beſorgniſſe der Zärtlichkeit in ſeine Seele zurück; aber mit dem Tode des Fürſten erblich ihr Bild wieder in ſei⸗ nem Herzen, und er empfand keinen eiferſüchtigen Schmerz bei dem Gedanken, daß ſie von Zanoni gerettet worden— daß ſie in dieſem Augenblick vielleicht unter ſeinem Dache ſey. Wer je in ſeinem Leben der allverſchlingenden Lei⸗ denſchaft des Spieles ſich hingegeben, wird ſich erinnern, wie alle andere Beſtrebungen und Zwecke aus ſeinem Ge⸗ müthe ſchwanden; wie einzig er verſunken war in den Einen wilden Taumel, mit welchem Seepter einer magi⸗ ſchen Gewalt dieſer deſpotiſche Dämon alle Gefühle und Gedanken beherrſchte. Weit heftiger als die Leidenſchaft des Spielers war das wahnſinnige aber erhabene Ver⸗ langen, welches Glyndons Bruſt beherrſchte. Er wollte der Nebenbuhler Zanoni's werden, nicht in menſchlichen, vergänglichen Neigungen und Gefühlen, ſondern in über⸗ natürlicher, ewiger Erkenntniß und Weisheit. Er hätte 8* 108 ſein Leben hingelegt mit Zufriedenheit— ja, mit Wonne, als den Preis für die Erlernung jener hehren Geheimniſſe, welche den Fremden von den Menſchen ſonderten. In Liebe erglühend für die Göttin der Göttinnen ſtreckte er die Arme aus— der wilde Irion— und umarmte eine Wolke! Die Nacht war höchſt lieblich und heiter, und die Wellen kräuſelten ſich kaum zu ſeinen Füßen, als der Engländer an dem kühlen, ſternhellen Geſtade hinwan⸗ delte. Endlich kam er bei dem Platze an, und hier er⸗ blickte er, an den zerbrochenen Pfeiler gelehnt, einen Mann, in einen langen Mantel gehüllt, in der Stellung tiefer Ruhe. Er näherte ſich und nannte den Namen Zanoni's, die Geſtalt wandte ſich um, und er ſah das Angeſicht eines Fremden; ein Geſicht, das nicht die glänzende Schönheit Zanoni's an ſich trug, aber ebenſo majeſtätiſch anzuſchauen war, und vielleicht einen noch tiefern Eindruck machte, vermöge des gereifteren Alters und der leidenſchaftloſen Tiefe des Gedankens, welche die breite und hohe Stirne und die tiefliegenden, durchdringenden Augen charakte⸗ riſirten. „Ihr ſucht Zanoni,“ ſagte der Unbekannte;„er wird ſogleich hier ſeyn; aber vielleicht ſteht der, den Ihr vor Euch ſeht, in engerer Verbindung mit Eurem Schickſal, und iſt geneigter, Eure Träume zu realiſtren.“ „Hat denn die Erde einen zweiten Zanoni?“ „Wenn nicht,“ verſetzte der Fremde,„wie könnt Ihr dann die Hoffnung und den kecken Glauben hegen, ſelbſt 109 eln Zanoni zu werden? Meint Ihr, keine Andern haben in demſelben göttlichen Traume geglüht? Wer, in Wahr⸗ heit, in der erſten Jugend— in der Jugend, wo die Seele noch näher dem Himmel, von dem ſie ſtammt, und ihre göttlichen und urſprünglichen Wünſche noch nicht alle aus⸗ gelöſcht ſind durch die ſchmutzigen Leidenſchaften und klein⸗ lichen Sorgen, die in der Zeit entſtehen— Wer hätte in ſeiner Jugend nicht den Glauben gehegt, daß die Welt Geheimniſſe enthalte, welche dem großen Haufen nicht bekannt ſind,— hätte nicht geſchmachtet, wie der Hirſch lechzet nach den Waſſerquellen, nach den Brunnen, welche fern weg verborgen liegen unter der ungeheuren Wildniß pfadloſer Wiſſenſchaft? Die Muſik der Quelle wird von der Seele innen vernommen, bis die Schritte, getäuſcht und verirrt, von dem Waſſer weg ſchweifen, und der Wan⸗ derer in der gewältigen Wüſte ſtirbt. Meint Ihr, Keiner von denen, welche die Hoffnung gehegt, habe die Wahr⸗ heit gefunden? oder das Verlangen nach der unausſprech⸗ lichen Weisheit ſey uns ganz umſonſt gegeben? Nein! Jede Sehnſucht im menſchlichen Herzen iſt nur ein Schim⸗ mer und eine ſchwache Anſchauung von Dingen, die vor⸗ handen ſind, fern und göttlich. Nein! in der Welt ſind von einer Zeit zur andern einige glänzendere und glück⸗ lichere Geiſter geweſen, welche den Aether erreicht haben, worin die über den Menſchen ſtehenden Weſen weben und athmen. Zanoni, ſo groß er iſt, ſteht nicht allein. Er hat ſeine Vorgänger gehabt, und lange Reihen von Nach⸗ folgern können noch kommen.“ 110 „Und wollt Ihr mir andeuten,“ ſagte Glyndon,„daß ich in Euch ſelbſt Einen jener wenigen Gewaltigen ſehe, welchen Zanoni an Macht und Weisheit nicht überlegen iſt?“ „In mir,“ antwortete der Fremde,„ſeht Ihr Einen, von dem Zanoni ſelbſt einige ſeiner erhabenſten Geheim⸗ niſſe lernte. An dieſen Küſten, auf dieſer Stelle ſtand ich in Jahrhunderten, die Eure Chroniſten nur ſchwach er⸗ reichen. Die Phönieier, die Griechen, die Oscier, die Römer, die Lombarden— Alle habe ich geſehen! fröh⸗ liche und glänzende Blätter am Stamme des allgemeinen Lebens, zerſtreut in der geſetzlichen Jahreszeit, und wie⸗ der erneut; bis endlich derſelbe Stamm, der der alten Welt ihre Herrlichkeit gab, der neuen eine zweite Jugend verlieh. Denn die reinen Griechen, die Hellenen, deren Abkunft Eure träumenden Gelehrten verwirrt hat, waren von derſelben großen Familie wie der Stamm der Nor⸗ mannen, geboren, die Herrn der Welt, und in keinem Land auf Erden beſtimmt, die Holzhauer zu ſeyn. Selbſt die trüben Traditionen der Gelehrten, welche die Söhne von Hellas von den ausgedehnten, unbeſtimmten Ländern des nördlichen Thraciens herkommen laſſen, ſie zu Siegern über die hirtlichen Pelasger und zu Stiftern des Geſchlechts der Halbgötter machen;— welche einer unter der weſt⸗ lichen Sonne gebräunten Bevölkerung die blauäugige Mi⸗ nerva und den gelbgelockten Achilles(phyſiſche charakte⸗ riſtiſche Eigenthümlichkeiten des Nordens) zuſchreiben;— die unter einem Hirtenvolk kriegeriſche Ariſtokratien und ——„„— —— 3.„—— — beſchränkte Monarchien, den Feudalismus der klaſſiſchen Zeit,— einführen;— ſelbſt ſie könnten dazu beitragen, Euch die urſprünglichen Wohnſitze der Hellenen in der⸗ ſelben Gegend ſuchen zu machen, woher in ſpäteren Zei⸗ ten die Normannenkrieger auf die ſtumpfen und wilden Horden der Celten hervorbrachen und die Griechen der chriſtlichen Welt wurden. Aber das intereſſirt Euch nicht, und Ihr ſeyd weiſe in Eurer Gleichgültigkeit. Nicht im Wiſſen von äußern Dingen, ſondern in der innern Voll⸗ kommenheit der Seele liegt die Herrſchaft der Menſchen⸗ die mehr als Menſchen zu ſeyn trachten.“ „Und welche Bücher enthalten dieſe Wiſſenſchaft— in welchem Laboratorium wird ſie bereitet?“ „Die Natur liefert die Materialien; ſie liegen um Euch her auf Euren täglichen Wanderungen. In den Kräutern, welche das Thier verſchlingt und der Chemiker zu pflücken verſchmäht; in den Elementen, aus welchen die Materie in ihren niedrigſten und in ihren hochſten Ge⸗ ſtalten abgeleitet iſt; in dem weiten Buſen des Aethers; in den ſchwarzen Abgründen der Erde— überall ſind den Sterblichen die Schätze und Bibliotheken unſterblicher Weisheit dargeboten. Aber wie die einfachſten Probleme in den allereinfachſten Studien Dem dunkel bleiben, der nicht ſeinen Geiſt zum Begreifen derſelben anſtrengt und ſtählt, wie der Ruderer auf jenem Schiff Euch nicht ſagen fann, warum zwei Kreiſe ſich nur in Einem Punkte berüh⸗ ren können, ſo würden, wenn auch die ganze Erde über⸗ ſchrieben und durchſchnitten wäre von den Buchſtaben - 1¹12 göttlicherer Erkenntniß, doch dieſe Züge Dem werthlos ſeyn, der nicht ſtehen bleiben mag, um die Sprache ver⸗ ſtehen zu lernen und der Wahrheit nachzudenken. Junger Mann, wenn Deine Phantaſie lebhaft, Dein Herz kühn, Deine Wißbegier unerſättlich iſt, will ich Dich zu meinem Schüler annehmen. Aber die erſten Lektionen ſind ſtreng und furchtbar.“ „Wenn Du darüber Meiſter geworden, warum ſollte ich es nicht?“ antwortete Glyndon keck.„Ich habe von meinen Knabenjahren an gefühlt, daß wunderbare Ge⸗ heimniſſe meiner Lebensbahn vorbehalten ſeyen; und von den ſtolzeſten Zielen gewöhnlichen Ehrgeizes hat ſich mein Blick hingewendet in die Wolken und das Dunkel, welche darüber hinausgehen. Im Augenblick, wo ich Zanoni ſah, war mir, als hätte ich den Führer und Vormünder gefun⸗ den, nach welchem meine Jugend eitel geſchmachtet und vergebens gelechzt hat.“ „Und mir iſt dieſe Pflicht übertragen,“ verſetzte der Fremde.„Dort liegt in der Bucht vor Anker das Schiff, auf welchem Zanoni eine ſchönere Heimath ſucht; eine kleine Weile, und ein Wind wird ſich erheben, und das Segel wird ſchwellen, und der Fremde wird weg ſeyn, wie ein Wind. Aber, wie der Wind, läßt er in Deinem Her⸗ zen den Samen zurück, der Blüthen und Früchte tragen kann. Zanoni hat ſeine Aufgabe erfüllt; er iſt nicht weiter erforderlich; der Vollender ſeines Werkes ſteht neben Dir. Er kommt! Ich höre das Klatſchen der Ruder. Die Wahl wird Euch anheimgeſtellt werden. Je nachdem Ihr Euch 1¹3 entſcheidet, werden wir uns wieder ſehen.“ Mit dieſen Worten entfernte ſich der Unbekannte langſam und ver⸗ ſchwand unter dem Schatten der Felſen. Ein Boot glitt raſch über das Waſſer; es landete; ein Mann ſprang ans ufer, und Glyndon erkannte Zanoni. „Ich gebe Dir, Glyndon, ich gebe Dir nicht mehr die Wahl glücklicher Liebe und heikeren Genuſſes anheim. Die Stunde dafür iſt jetzt verſtrichen, und das Schickſal hat die Hand, welche die Deinige hätte werden konnen, mit der meinigen verbunden. Aber ich habe Dirgroße Ga⸗ ben zu verleihen, wenn Du die Hoffnung aufgeben willſt, die an Deinem Herzen nagt, und deren Erfüllung vor⸗ auszuſehen ſelbſt ich nicht in meiner Macht habe. Laß Deinen Ehrgeiz den eines Menſchen ſeyn, ſo kann ich ihn im vollſten Maße befriedigen. Die Menſchen wün⸗ ſchen vier Dinge im Leben— Liebe, Reichthum, Ruhm⸗ Macht. Die erſte kann ich Dir nicht mehr geben, die übrigen ſtehen mir zur Verfügung. Wähle, was Du da⸗ von willſt, und laß uns dann im Frieden ſcheiden!“ „Das ſind nicht die Gaben, nach welchen mich ge⸗ lüſtet. Ich wähle Erkenntniß(die in der That, wie der Gelehrte ſagt, Macht iſt, und zwar die höchſte); dieſe Er⸗ fenntniß muß Dein ſeyn. Für fie, und für ſie allein habe ich Viola's Liebe hingegeben; ſie, und ſie allein, muß meine Belohnung ſeyn.“ „Ich kann Dir nicht widerſprechen, wohl aber Dich warnen. Der Wunſch, zu lernen, ſchließt nicht immer das Vermögen, zu erwerben, in ſich. Ich kann Dir, es iſt — 114 wahr, den Lehrer geben— das Uebrige hängt von Dir ſelbſt ab. Sey klug bei Zeiten, und nimm das, was ich Dir zuſichern kann.“ „Beantwortet mir nur folgende Fragen, und nach Eurer Antwort will ich meinen Entſchluß faſſen. Steht es in der Gewalt des Menſchen, in Verkehr mit den Weſen anderer Welten zu treten? Steht es in der Ge⸗ walt des Menſchen, die Elemente zu beherrſchen, und ſein Leben gegen Waffen und Krankheiten zu ſichern?“ „Alles dieß mag möglich ſeyn,“ antwortete Zanoni ausweichend,„für einige Wenige. Aber gegen Einen, der zum Beſitz ſolcher Geheimniſſe gelangt, können Millionen über dem Verſuch untergehen.“ „Noch eine Frage. Du——“ „Hüte Dich! Ueber mich ſelbſt, wie ich früher ge⸗ ſagt, gebe ich keine Rechenſchaft!“ „Gut, denn; darf ich Dem glauben, was der Unbe⸗ kannte, den ich dieſe Nacht hier traf, von ſich rühmte? Iſt er in Wahrheit Einer der auserwählten Seher, von denen Ihr geſteht, daß ſie die Geheimniſſe bemeiſtert haben, welche zu ergründen mein Wunſch iſt?“ „Unbeſonnener Mann,“ ſagte Zanoni im Tone des Mitleidens,„die Friſt der Entſcheidung iſt verſtrichen, und deine Wahl iſt getroffen! Ich kann Dir nur Kühnheit und Glück wünſchen; ja, ich übergebe Dich einem Meiſter, der die Macht und den Willen hat, Dir die Thore einer unheimlichen Welt zu öffnen. Dein Wohl und Dein Wehe ſind ein Nichts in den Augen ſeiner fühlloſen Weisheit. Ich wollte ihn wohl bitten, Deiner zu ſchonen, aber er wird nicht auf mich achten. Mejnour! empfange Deinen Zögling!“ Glyndon wandte ſich, und das Herz ſchlug ihm⸗ als er ſah, daß der Unbekannte, deſſen Schritte er auf den Kieſeln nicht gehört, deſſen Annäherung er im Mond⸗ ſcheine nicht geſehen hatte, wieder an ſeiner Seite ſtand! „Lebe wohl,“ begann wieder Zanoni;„Deine Prü⸗ fung beginnt. Wenn wir uns das nächſte Mal ſehen, wirſt Du das Opfer oder der Sieger ſeyn!“ Glyndons Augen folgten der ſich entfernenden Ge⸗ ſtalt des geheimnißvollen Mannes. Er ſah ihn in das Bovot ſteigen, und jetzt erſt bemerkte er, daß neben den Ruderern eine Frau ſich darin befand, welche aufſtand, als Zanoni das Boot erreichte. Selbſt in der Entfernung erkannte er die einſt angebetete Geſtalt Viola's. Sie winkte ihm mit der Hand, und durch die ſtille, glänzende Luft drang ihre Stimme, traurig und ſüß, in der Sprache ihrer Mutter:„Lebe wohl, Clarence ich vergebe Dir— lebe wohl! lebe wohl!“ Er verſuchte zu antworten, aber die Stimme berührte eine Saite ſeines Herzens, und die Worte verſagten ihm. So war alſo Viola verloren auf immer; fort mit dieſem unheimlichen Fremden; Finſterniß umgab ihr Loos! Und er ſelbſt hatte ihr Schickſal und ſein eigenes entſchieden! Das Bvoot flog dahin, die linden Wellen ſchimmerten und leuchteten unter den Ruderſchlägen, und Ein mondbe⸗ ſchienener Sapphirſtreifen bezeichnete die Bahn, auf wel⸗ cher das ſchwache Fahrzeug die Liebenden dahintrug. Wei⸗ 116 ter und immer weiter entzog ſich das raſche Boot ſeinem Blicke, bis es endlich, als ein kaum mehr ſichtbarer Punkt, an dem Schiff anlangte, welche regungslos in dem herr⸗ lichen Meerbuſen lag. In dieſem Augenblick erhob ſich, wie durch einen Zauber, mit einem fröhlichen Säuſeln der ſpielende, erfriſchende Wind; und Glyndon wandte ſich gegen Mejnour und brach das Schweigen: „Sage mir(wenn Du in der Zukunft leſen kannſt), ſage mir, daß ihr Loos heiter ſeyn wird, und daß ihre Wahl wenigſtens weiſe iſt?“ „Mein Zögling!“ antwortete Mejnour, mit einer Stimme, deren Ruhe ganz zu den erkältenden Worten paßte,„Dein erſtes Beſtreben muß ſeyn, alle Deine Ge⸗ danken, Deine Gefühle und Sympathien von Andern abzu⸗ ziehen. Die Elementarſchule der Weisheit iſt, daß Du Dein Selbſt, und Dein Selbſt allein, zu Deinem Stu⸗ vium und zu Deiner Welt machſt. Du haſt über Deine Laufbahn entſchieden; Du haſt der Liebe entſagt; Du haſt Reichthum, Ruhm und den gemeinen Prunk der Macht verſchmäht. Was ſind Dir nun die Menſchenkinder alle? Dein Vermögen zu vervollkommnen, Deine Gefühle zu koncentriren muß hinfort Dein einziges Ziel ſeyn.“ „Und wird Glück das Ende davon ſeyn?“ „Wenn es ein Glück gibt,“ antwortete Mejnour,„ſo muß es ſeinen Mittelpunkt in einem Ich haben, dem jede Leidenſchaft unbekannt iſt. Aber Glück iſt der letzte Zu⸗ ſtand des Seyns; und bis jetzt ſtehſt Du noch an der Schwelle des erſten.“ Wie Mejnour ſprach, breitete das ferne Schiff ſeine Segel dem Winde aus und entfernte ſich langſam dem offenen Meere zu. Glyndon ſeufzte; und der Jünger und der Meiſter begaben ſich nach der Stadt zurück. „o — —— r 8 — — ————— 2½—„. 1 ₰ 7. ————