——.——L—— S — — — Leihbibliothet deutſcher, engliſcher franzi ſiſcher Literatur Eduard Ottmunn in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256 cLeih- und 1. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. beträgt: für wöchentlich auf 1 Monat: 1 Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 6 Bücher: —— 2 Mt.— Pf. 4 Bücher: Mk. V 25 Bücher: F— Vr 5. Auswärtige Ibonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Die Tragikomödie der Hofintrike, welche ſeit der Gelangung des Hauſes Oeſtreich auf den Thron jeder⸗ zeit in Spanien ihren Hauptſchauplatz gefunden hatte, ward mit beſonders anziehender Verwicklung der Er⸗ eigniſſe und ausgezeichnetem Glanze der Darſtellung aufgeführt unter der Regierung Philipps III. Dieſer Monarch, ſchwach, indolent und abergläubiſch, über⸗ ließ die Zügel der Regierung den Händen des Herzogs von Lerma. Der Herzog von Lerma ſeiner Seits mild, geſchmeidig, prachtſüchtig und ſchmachvoller Corruption ergeben, trat die ihm ſo zugefallene Machtfülle an Roderigo Calderon ab, einen geſchickten und entſchloſ⸗ ſenen Emporkömmling, welchen Natur und Glück gleicherweiſe zu begünſtigen und mit ihren Grſchenken zu überhäufen ſchienen. Aber nicht ſo ſehr ſeinen aller⸗ dings großen Talenten, als der Politik religiöſer Ver⸗ folgungen, die er unterſtützt und durchgeſetzt hatte, verdankte Roderigo Calderon ſein Emporkommen. Der ———— —— 6 König und die Inquiſition hatten einige Jahre vor dem Zeitpunkt, mit welchem unſere Geſchichte beginnt, die allgemeine Vertreibung der Morisken— des reich⸗ ſten, thätigſten und gewerbſamſten Theils der Bevöl⸗ kerung beſchloſſen. „Lieber wollte ich,“ ſagte der bigotte König— und ſeine Worte wurden von dem Enthuſiasmus der Kirche begrüßt und gerühmt—„mein Königreich ent⸗ völkern, als einem einzigen Ungläubigen den Aufent⸗ halt darin geſtatten.“ Der Herzog von Lerma ging in den Plan ein, der Spanien vieler ſeiner ſchätzbarſten Unterthanen be⸗ raubte, mit dem Eifer eines frommen Katholiken, der auf den Kardinalshut ſpannt, den er auch nachmals davontrug. Aber in dieſen Plan brachte Calderon eine Energie, eine Entſchiedenheit— eine Gewaltſamkeit und Spürkraft des Haſſes, welche mehr nach perſön⸗ licher Rachſucht als nach religiöſem Verfolgungsgeiſt ſchmeckte. Seine Beharrlichkeit in dieſem guten Werke befeſtigte ihn gründlich in des Königs Gunſt, und unter⸗ ſtützt ward er hiebei durch die Freundſchaft nicht nur Lerma's, ſondern auch des Fray Lonis de Aliaga, eines berühmten Jeſuiten und Beichtvaters des Königs. Das Unheil und die Leiden, welche dieſer barbariſche Kreuz⸗ zug zur Folgd hatte, der die königlichen Einkünfte ſehr herabdrückte und die Güter der vornehmſten Barone ernſtlich beſchädigte, aus deren Beſitzungen die fleißigen und einſichtsvollen Morisken vertrieben wurden, zogen zuletzt der Perſon Calderons einen tiefen und allge⸗ ——— meinen Haß zu. Aber ſeine außerordentliche Gewandt⸗ heit und rüſtige Thatkraft, ſeine vollendete Meiſter⸗ ſchaft in der Wiſſenſchaft der Intrike, erhielten ihm nicht nur ſeine Macht, ſondern ſteigerten ſie noch fort⸗ während. Obgleich der König noch in ſeinen beſten, mittleren Jahren ſtand, war doch ſeine Geſundheit ſchwach und ſein Leben unzuverläſſig. Calderon hatte, während er die Gunſt des regierenden Monarchen ſich bewahrte, ſich zugleich zum Freund und Geſellſchafter des muthmatlichen Erben zu machen gewußt. Hierin hatte er wirklich nur der Politik des Königs ſelbſt ſich zu unterwerfen den Schein angenommen; denn Phi⸗ lipp IIMI. hatte entſetzliche Angſt vor dem möglichen Ehrgeiz ſeines Sohnes, welcher frühe ſchon Talente an den Tag legte, die ihn hätten furchtbar machen können, wären nicht ſeine Leidenſchaften geweſen, die ihn zu den laſterhafteſten Vergnügungen und den un⸗ mäßigſten Ausſchweifungen verleiteten. Die Schlauheit des Königs gefiel ſich in dem liſtigen Plan, in die Nähe der Perſon des Infanten einen ihm ſelbſt erge⸗ benen Mann zu bringen; und ſo fromm er war, em⸗ pörte ſich doch ſein Gewiſſen keineswegs über ſeines Sohns wüſtes Leben, welches, wie es hieß, ſein Günſt⸗ ling theilte und vielleicht gar beförderte; denn je weniger populär der Prinz, um ſo mächtiger war der König. Mittlerweile aber ward eine mächtige Kabale an⸗ geſponnen gegen den Herzog von Lerma wie gegen Don Rodrigo Calderon, und zwar von einer Seite, 8 von wo man es am wenigſten erwartet hätte. Der Kardinal⸗Herzog, natürlich ängſtlich beſorgt, ſein An⸗ ſehen zu befeſtigen und dauernd zu machen, hatte ſeinen Sohn, den Herzog von Uzeda, auf einen Poſten geſetzt, der ihm beſtändigen Zutritt zum Monarchen gab. Dik Ausſicht auf Macht bewirkte, daß Uzeda Luſt bekam, mit Einemmal all ihre Vortheile ſich zu⸗ zueignen; und es ward die Aufgabe ſeines Lebens, ſeinen Vater auszuſtechen. Dieß wäre auch leicht ge⸗ weſen, ohne den Geiſt und die Wachſamkeit Calderons, den er als Nebenbuhler haßte, als Emporkömmling verachtete und als Feind fürchtete. Philipp merkte bald den Kampf zwiſchen den beiden Faktionen, aber im ächten Geiſte ſpaniſcher Königstücke, richtete er ſein Augenmerk darauf, ſich immer der einen gegen die andere zu bedienen. Und ſo mächtig Calderon war, durfte er doch nicht offen darnach trachten, Uzeda zu ſtürzen; während Uzeda, ungeſtümer und vielleicht offe⸗ ner, tauſend Plane zum Sturze des erſten Günſtlings ſchmiedete. Die häufigen Sendungen, hauptſächlich nach Por⸗ tugal, zu welchen in neueſten Zeiten Calderon ver⸗ wendet worden war, hatten Uzeda möglich gemacht, ſich mehr und mehr in Beſitz des königlichen Vertrauens zu ſetzen; während gerade die Mittel, welche Don Rodrigo gewählt hatte, ſeinen Einfluß auf die Dauer zu befeſtigen, indem er ſich dem Prinzen angenehm und nothwendig machte, natürlich ſeine Aufmerkſam⸗ keit von den Intriken ſeines Nebenbuhlers abziehen ——. 9 mußten. Vielleicht ließ gerade auch die Größe von Caldérons Talenten ihn die Machinationen des Herzogs allzu hochmüthig verachten, der, obgleich nicht ohne einige Fähigkeiten als Höfling, doch völlig untüchtig war zu den Obliegenheiten und Geſchäften eines Mi⸗ niſters, worauf ſein ehrſüchtiges Trachten ging. Dieß war der Stand der Parteien am Hofe Phi⸗ lipps III. zu der Zeit, wo unſere Erzählung beginnt, deren Schauplatz das Vorzimmer des Don Rodrigo Calderon iſt. „Es iſt nicht zu dulden,“ ſagte Don Felir de Caſtro, ein alter Edelmann, deſſen ſcharfe Züge und kleiner Wuchs die Reinheit ſeines Bluts und das Alter ſeiner Abkunft bezeugten. „Gerade drei Viertelſtunden und fünf Minuten habe ich auf Audienz gewartet bei einem Burſchen, der einſt ſichs zur Ehre geſchätzt hätte, wenn ich ihm befohlen hätte, meinen Wagen zu beſtellen,“ ſagte Don Diego Sarmiento de Mendoia. „Nun, wenn es Euch ſo wurmt, Ihr Herren, warum kommt Ihr denn überhaupt hieher? Ich möchte faſt behanpten, Don Rodrigo kann Eurer Aufwartun⸗ gen entbehren.“ Dieſe Worte ſagte in derbem Ton ein junger Edelmann von gutem Ausſehen, deſſen ungeſtümes und reizbares Temperament ſich durch eine Ungeduld in Be⸗ wegungen und Geberden verrieth, wie ſie bei ſeinen Landsleuten nicht gewöhnlich. Manchmal wandelte er mit ungleichen Schritten in den Gemächern auf und 10 ab, nicht achtend auf die ſtattlichen Gruppen, an denen er anſtieß, oder die vorwurfsvollen Blicke, die er auf ſich zog; manchmal blieb er plötzlich ſtehen, richtete die Augen in die Höhe, murmelte etwas, zupfte an ſeinem Mantel oder ſpielte mit ſeinem Degenknopf; oder auch wandte er ſich raſch gegen ſeine ernſten, gravitätiſchen Nachbarn, wenn eine Bemerkung über ſein ſeltſames Weſen ihm zu Ohren kam und trieb das Blut in manche hochmüthige Wange durch ſeinen finſtern, Trotz und Verachtung ausſprechenden Blick. Es war leicht zu merken, daß dieſer Mann zu der Klaſſe heftiger, eitler, junger Menſchen gehörte, welche immer begierig ſind Beleidigungen zu ahnden und Händel zu ſuchen. Dennoch hatte der Kavalier edle und große Eigenſchaften. Den Höfen fremd, war er im Lager berühmt wegen ſeiner ritterlichen Großmuth und einer maßloſen Tapferkeit, welche mit der der alten Helden ſpaniſcher Romanzen und Lieder wetteiferte. Sein Morgen war von der Art, daß er einen heißen Mittag und einen herrlichen Abend verſprach. Der Name dieſes tapfern Soldaten war Martin Fonſeca. Er war von einem alten aber verarmten Haus und in weitläuftigem Grade mit dem Herzog von Lerma verwandt. In ſeiner früheſten Ingend hatte er Grund gehabt, ſich als muthmaßlichen Erben eines reichen Oheims von mütterlicher Seite zu betrachten; und un⸗ ter dicſen Ausſichten war er, noch als Knabe, von dem Kardinal⸗Herzog an den Hof geladen worden. Aber hier hatte die rohe und derbe Geradheit ſeines 11 Weſens an den heuchleriſchen Formen des Hofs ſo an⸗ geſtoßen und mehr als einmal den Miniſter ſo ernſilich beleidigt, daß ſein mächtiger Verwandter alle Hoffnung aufgab, Fonſeca's Glück in Madrid zu fördern, und auf einen ſcheinbaren Vorwand ſann, ihn vom Hof zu verbannen. um dieſe Zeit heirathete der bisher kinderloſe reiche Oheim zum zweiten Mal, und ward mit einem Erben geſegnet. Jetzt war es nicht mehr nöthig, viele Umſtände mit Don Martin zu machen; und er erhielt plötzlich Befehl, ſich zu dem an der Grenze ſtehenden Heer zu begeben. Hier zeichnete er ſich bald durch ſeinen Muth aus; aber ſeine Rechtlich⸗ keit und Geradheit ſtanden auch jetzt ſeinem Vorrücken im Wege. Einige Jahre verſtrichen und ſeine Beför⸗ derung war unendlich langſamer von Statten gegangen als bei Männern, die ebenſo an Geburt als an Ver⸗ dienſten weit unter ihm ſtanden. Vor einigen Mona⸗ ten war er wieder nach Madrid zurückgekehrt, um ſeine Anſprüche bei der Regierung geltend zu machen; ſtatt aber ſeine Zwecke zu fördern, hatte er es zu einem ernſtlichen Bruch mit dem Kardinal gebracht und hatte plötzlich Befehl erhalten, ſich wieder ins Lager zu be⸗ geben. Noch einmal kam er jetzt nach Madrid, aber dießmal nicht, um ſeine Verdienſte geltend zu machen und Ehrenauszeichnungen zu begehren. In jedem andern Land als in Spanien unter der Regierung Philipps Ml. wäre Martin Fonſeta bald zu hohen Würden emporgeſtiegen⸗ Aber, wie ſchon geſagt, er beſaß nicht die Talente des Schmeichlers oder Heuchlers; und es war ein Gegenſtand des Erſtaunens für die berechnenden Leute um ihn her, als ſie den Don Martin Fonſeca ſahen im Vorzimmer des Ro⸗ drigo Calderon, Grafen Oliva, Marquis von Siete Igleſias, Seeretärs des Königs und Paraſiten und Günſtlings des Infanten von Spanien. „Warum kommt Ihr überhaupt hieher?“ wieder⸗ holte der junge Soldat. „Sennor,“ erwiederte Don Felir de Caſtro mit vieler Gravität,„wir haben Geſchäfte mit Don Ro⸗ drigs. Männer von unſerem Stand müſſen ſich den Staatsangelegenheiten wiomen, ohne Rückſicht darauf, mit Wem wir zu verhandeln haben.“ „Das heißt, Ihr müßt auf den Knieen kriechen, und um Penſionen und Gouverneursſtellen betteln, und die Staatsangelegenheiten beſorgen, indem Ihr Eure Hände in ſeine Geldkiſten ſteckt.“ „Sennor!“ grollte Don Felir zürnend, indem ſeine Hand mit der Degenkuppel ſpielte. „Bſcht!“ ſagte der junge Mann verächtlich, und drehte ſich auf der Ferſe um. Die Flügelthüren wurden aufgeriſſen und allé Geſpräche verſtummten bei dem Eintritt des Don Ro⸗ drigo Calderon. Dieſer merkwürdige Mann hatte ſich von dem Poſten eines Geheimſchreibers des Herzogs von Lerma zu dem nominellen Rang eines Seeretärs des Königs — und zu der wirklichen Gewalt eines Beherrſchers von Spanien aufgeſchwungen. Die Geburt dieſes 13 Günſtlings des Glücks war ausnehmend obſtur. Lang hatte er geſtrebt ſie zu verbergen; als er aber merkte, daß die Neugierde ernſtliche Nachforſchungen über ſeine Herkunft anſtellte, hatte er plötzlich aus der Noth eine Tugend zu machen geſchienen; er erklärte freiwillig und laut, daß ſein Vater ein gemeiner Soldat in Valla⸗ dolid ſey; ja er lud ſogar ſeinen niedrigen Erzenger nach Madrid ein und beherbergte ihn in ſeinem eigenen Pallaſt. Dieſe kluge Offenheit entwaffnete die Bosheit, welche ihn an der Blöße der Geburt zu packen meinte. Als aber der alte Soldat ſtarb, verbreiteten ſich Ge⸗ rüchte, er habe auf ſeinem Sterbebette gebeichtet, daß er in keiner Weiſe mit Calderon verwandt ſey; er habe ſich zu einem Betrug bequemt, der ſeinen alten Tagen ein ſo ſtattliches und üppiges Aſpl gewährte; und er wiſſe nicht, in welcher Abſicht Calderon ihm die Ehre einer falſchen Vaterſchaft aufgedrungen habe. Dieſe Erzählung, die von den Meiſten verſpottet, doch von Einigen geglaubt wurde, veranlaßte noch ſchwär⸗ zere Gerüchte und Angaben über einen Mann, auf welchen die Augen ganz Spaniens ſich richteten. Man nahm an, er habe noch andere Beweggründe gehabt, ſeine wahre Abkunft und Namen zu verhehlen, außer⸗ dem daß er ſich ihrer Niedrigkeit geſchämt. Was für ein anderer Beweggrund konnte dieß ſeyn, als die Furcht vor der Entdeckung einer ſchwarzen, verbrecheri⸗ ſchen That aus ſeiner frühern Jugend her, wegen wel⸗ cher er die Ahndung des Geſetzes fürchtete? Diejeni⸗ gen, welche ſein Aeußeres genau zu beobachten ſich ———————————————₰———— — — 14 die Miene gaben, verſicherten, daß oft mitten unter ſeinen luſtigſten Feſten und ſtolzeſten Triumphen ſeine Stirne ſich umwölke— der Ausdruck ſeines Geſichts ſich ändere— und daß er nur mit ſichtbarer peinbcher Anſtrengung die beſonnene Selbſtbeherrſchung des Geiſtes wieder erkämpfe. Seine Laufbahn, welche gänzliche Verachtung gegen die gewöhnlichen Regeln und Bedenk⸗ lichkeiten verrieth, welche ſonſt ſelbſt den Abenteurer zum Schein der Ehrbarkeit und Tugend vermögen, ſchien gewiſſermaßen dieſe Gerüchte zu rechtfertigen. Zu Zeiten aber brachen Blitze von glänzender und plötzlicher Großherzigkeit hervor, welche die Neugieri⸗ gen ſtaunen machten, die Kenner des menſchlichen Herzens verwirrten und ganz im Gegenſatz ſtanden zu der geſammten Art und Weiſe, wie der ehrſüchtige und gewiſſenloſe Mann ſeinen Weg zur Macht ſich gebahnt hatte. Sein Geiſt war von Jedermann anerkannt, aber es war ein Genins, der in keiner Weiſe die In⸗ tereſſen des Landes förderte. Er diente nur dazu, ihn ſelbſt zu ſtützen, zu vertheidigen und vorwärts zu bringen— Schwierigkeiten zu trotzen— Feinde zu ſchlagen— jeden Zufall, jedes eintretende Ereigniß zu neuen Stufen ſeines Emporſteigens zu benützen. Was auch ſeine Herkunft, das war klar, daß er alle Vortheile der Erziehung genoſſen; und Gelehrte rühm⸗ ten ſeine Gelehrſamkeit und waren ſtolz auf ſeine Gönnerſchaft. Während einerſeits in neuerer Zeit die wilden und frechen Ausſchweifungen des liederlichen Prinzen, unter dem Volke auf die Anleitung Calderons ——— 1⁵ geſchoben wurden und den allgemeinen Haß gegen ihn ſteigerten, ſchien andererſeits ſein Einfluß über den künftigen Monarchen ſeiner Autorität ein neues Feld und eine verlängerte Friſt zu verheißen, und erfüllte die Verſammlungen ſeiner Feinde mit Furcht. In der That ſchien die Macht des Emporkömmlings von Mar⸗ quis ſo feſt gewurzelt, die vor ihm liegende Laufbahn ſo glänzend, daß es ſogar nicht an Leuten fehlte, welche flüſternd dem Rodrigo Calderon noch zu ſeinen andern Verbrechen hin auch die Benützung der ſchwar⸗ zen Kunſt aufbürdeten. Aber die ſchwarze Kunſt, in welche der feine Höfling eingeweiht war, war eine ſolche, die mit der Nekromantie nichts zu ſchaffen hat. Es war die Kunſt, den höchſten Verſtand für die ſelbſt⸗ ſüchtigſten Zwecke zu verwenden— eine Kunſt, mit der man es eine Zeit lang in der großen Welt erträglich weit bringt. Er war einige Wochen in einer geheimen Sendung von Madrid abweſend geweſen; und zu dieſem ſeinem erſten Lever nach ſeiner Rückkehr drängte ſich der ganze Adel und Ritterſchaft Spaniens. Die Maſſe wich zurück, als mit bochmüthiger Haltung, in der Reife der Mannesjahre, der Marquis von Siete Igleſias vorſchritt. Er verſchmähte alles Auszeichnende der Kleidung, wodurch der Eindruck ſei⸗ nes ausnehmend überraſchenden Aeußern hätte gehoben werden können. Sein Mantel und Unterkleid von ſchwarzem Tuch und vom einfachſten Schnitt waren nicht mit Juwelen verziert, welche damals die gewöhn⸗ 16 lichen Abzeichen des hohen Rangs ausmachten. Sein Haar, ſchwarz und glänzend wie das Gefieder des Raben, ringelte ſich nach hinten von der hohen Herrſcher⸗ ſtirne, die, Eine tiefe Furche zwiſchen den Augen ab⸗ gerechnet, nicht nur ſo weiß, ſondern auch ſo glatt war wie Marmor. Seine Geſichtsbildung war adler⸗ artig und regelmäßig, und die tiefe Olivenfarbe ſeiner Haut erſchien weiß und klar im Kontraſt mit ſeinem vollen Schnurr⸗ und Spitzbart. Die Leichtigkeit ſeiner großen und ſchlanken, aber doch muskulöſen Geſtalt ließ ihn jünger erſcheinen als er warz und ohne den anmaßenden und verächtlichen Hochmuth der Haltung, welcher ſo ſelten edler Geburt eignet, hätte Calderon ſich unter die größten Magnaten Europa's miſchen können, und jeder Beobachter hätte ihn für den Statt⸗ lichſten unter der Gruppe erklärt. Es war eine von jenen ſeltenen Geſtalten, welche ganz dazu gemacht find, das eine Geſchlecht zu beherrſchen und das andre zu bezaubern. Bei tieferer Prüfung aber hätte wohl die Unruhe und Unſtetigkeit des glänzenden Auges, das Zucken der Oberlippe, eine gewiſſe Haſt in Benehmen und Sprache, gezeigt, daß die Größe neben dem Stolz auch Verdacht ihm eingepflanzt hatte. Die Zuſchauer ſahen den Jäger auf der Höhe;— der Jäger ſah den Abgrund unten und athmete ſchwer in der Luft dieſer Höhe. Die Höflinge näherten ſich Einer um den Andern dem Herzog, der ſie mit ſehr ungleicher Artigkeit em⸗ pfing. Gegen den gemeinen Haufen war er ſcharf, — — 17 trocken und bitter; gegen die Großen war er geſchmei⸗ dig, doch mit einer gewiſſen Anmuth und Männlichkeit des Benehmens, welche ſelbſt der Servilität einen höhern Charakter lieh; und immer lauerte, ſo tief er ſich vor einem Medina, einem Guzman, verbengte, ein faſt unmerklicher Spott in ſeinen Mundwinkeln, der anzudeuten ſchien, daß, während ſeine Politik kroch, ſein Herz ſie verachtete. Gegen Zwei oder Drei, die er entweder perſönlich leiden mochte, oder aufrichtig achtete, war er in ſeinen Reden vertraulich aber kurz; gegen Solche, die er zu versbſcheuen oder zu fürchten Grund hatte— gegen ſeine Feinde und die an ſeinem Sturz Arbeitenden nahm er eine noch größere Offen⸗ heit an, verbunden mit der einſchmeichelndſten Freund⸗ lichkeit in Stimme und Benehmen. Abgeſondert von dem Haufen, mit gefalteten Ar⸗ men und mit einem Ausdruck im Geſicht, worin große Bewunderung ſich mit einiger Neugier und ein wenig Verachtung miſchte, betrachtete Don Martin Fonſeca den Günſtling. „Ich habe dieſem Mann eine Gunſt erwieſen,“ dachte er,„ich habe zu ſeinem erſten Steigen beige⸗ tragen— jetzt bin ich ein Bittender bei ihm! Wahr⸗ haftig! Ich, der ich nie Aufrichtigkeit und Dankbar⸗ keit im Lager fand, komme um dieſe verborgenen Schätze an einem Hof zu ſuchen. Nun, wir ſind doch ſeltſame Puppen, wir Sterbliche!“ Don Diego Sarmiento de Mendoza hatte eben Bulwer's Romane. LXXIV. 2 — ———————— — 18 den lächelnden Gruß Calderons empfangen, als das Auge des Letzteren auf die ſchönen Züge Fonſeca's fiel. Das Blut ſtieg ihm ins Geſicht; er verſprach dem Don Diego Alles, was er verlangte; und haſtig durch die Verſammelten hindurch zurückeilend, begab er ſich in ſein Privat⸗Kabinet. Das Lever war aufgelöst. Als Fonſeca, der den Blick des Seeretärs bemerkt hatte, und dieß plötzliche Verſchwinden für keine gün⸗ ſtige Vorbedeutung anſah, ſich langſam umwandte, um mit den Uebrigen wegzugehen, berührte ihn ein junger Mann, einfach gekleidet, an der Schulter. „Ihr ſeyd Sennor Don Martin Fonſeca?“ „Der bin ich.“ „Folgt mir, wenn es Euch beliebt, Sennor, zu meinem Herrn, Don Rodrigo Calderon.“ Fonſeca's Antlitz klärte ſich auf; er folgte der Auf⸗ forderung; und im nächſten Augenblick befand er ſich im Kabinet des Sejanns von Spanien. m er zu uf⸗ ich Zweites Kapitel. Der Liebhaber und der Vertraute. Calderon empfing den jungen Soldaten an der Thüre ſeines Zimmers mit auffallender und beinahe herzlicher Achtung. „Don Martin,“ ſagte er, und in dem Zittern ſeiner volltönenden und weichen Stimme ſchien wirkli⸗ ches Gefühl ſich leiſe zu verrathen,„ich bin Euch ver⸗ pflichtet für die größte Schuld, wofür ein Mann dem Andern verbunden ſeyn kann— Eure Hand war es, die meinem Fuß den erſten Trittſtein auf der Bahn zur Macht unterſchob. Ich habe mein Glück von der Stunde an zu rechnen, wo ich als Euer Lehrer in Euers Vaters Haus kam. Als der Kardinal⸗Herzog Euch nach Madrid lud, war ich Euer Begleiter; und als Ihr ſpäter in das Heer tratet, und der Dienſte des friedlichen Gelehrten nicht mehr bedurftet, da er⸗ batet Ihr Euch von Eurem erlauchten Verwandten nur die Eine Gunſt— daß für Calderon geſorgt wer⸗ 2 20 den möchte. Ich war ſchon ſo glücklich geweſen, dem Herzog perſönlich bekannt zu werden, und von dieſem Tag an ging es reißend ſchnell mit meinem Steigen. Seit damals haben wir uns nicht mehr geſehen. Darf ich hoffen, daß es jetzt in Calderons Macht ſteht, ſich als nicht undankbar zu bewähren?“ „Ja!“ ſagte Fonſeca lebhaft,„es ſteht in Eurer Macht, mich von dem grenzenloſen Elend zu retten, das mich treffen kann. Es ſteht in Eurer Macht, we⸗ nigſtens glaube ich ſo, mich zum glücklichſten Menſchen zu machen!“ „Setzt Euch, ich bitte Euch, Sennor. Und wie? Ich ſtehe zu Euren Dienſten.“* „Du weißt,“ ſagte Fonſeca,„daß ich, obwohl der Verwandte, noch keineswegs der Liebling des Herzogs von Lerma bin.“ „Nein, nein!“ unterbrach ihn Calderon ſanft und mit freundlichem Lächeln,„Ihr mißkennt meinen er⸗ lauchten Gönner; er liebt Euch, nicht aber Eure Un⸗ beſonnenheiten.“ „Ja! die Redlichkeit iſt etwas ſehr Unbeſonnenes! Ich kann mich nicht in das Vorzimmerleben fügen und ſchicken; ich kann nicht, wie der Herzog von Lerma, meinen nächſten Verwandten verabſcheuen, wenn ſein Schatten die Linie meiner Intereſſen kreuzt. Ich bin von dem Stamm Pelayo's, nicht Oppas; und mein Beruf, eher der eines alten Perſers als eines moder⸗ nen Spaniers, iſt, Roſſe zu tummeln, das Schwert zu ſchwingen und die Wahrheit zu ſagen.“ em ſem en. arf ſich rer en, we⸗ hen ie? der og8 ind er⸗ Un⸗ es! ind na, ein bin ein er⸗ ert 21 Es lag ein Ausdruck von Ernſt und Hochſinn in des jungen Mannes Mienen, Haltung und Stimme pei dieſen Worten, welcher den ſtärkſten Kontraſt bildete mit dem unerforſchlichen Antlitz und der künſtlichen Sanftheit Calderons, und für den Augenblick wirklich dieſen ſchlauen und feinen Abenteurer mit dem Gefühl unwillkürlicher Demüthigung erfüllte. „Aber,“ fuhr Fonſeca fort,„laſſen wir das; ich komme auf meine Geſchichte und meine Bitte. Wißt Ihr oder wißt Ihr nicht, daß ich ſchon eine Zeitlang eine Neigung für Beatriz Coello hege?“ „Beatriz,“ wiederholte Calderon zerſtreut mit veränderter Miene,„es iſt ein wohlklingender Name — es war der Name meiner Mutter.“ „Eurer Mutter! ich glaubte gehört zu haben, ihr Name ſey Mary Sandalen geweſen?“ „Ganz recht— Mary Beatriz Sandalen,“ ver⸗ ſetzte Calderon leichthin.„Aber fahrt fort in Eurer Erzählung. Ich hörte nach Eurer letzten Anweſenheit in Madrid, wo ich auf meiner Reiſe nach Portugal abweſend und darum nicht ſo glücklich war Euch zu ſehen, Ihr hättet den Herzog beleidigt durch Euer Verlangen, eine Eurer Geburt unangemeſſene Heirath zu ſchließen. Wer iſt denn dieſe Beatriz Coello?“ „Eine Waiſe von niedriger Abkunft und Beruf. Als Kind war ſie der Sorge einer Fran überlaſſen ge⸗ blieben, welche, glaube ich, ihre Amme geweſen; ſie nahmen ihren Wohnſitz in Sevilla, und der alten Wärterin Arbeit in Stickereien erhielt ſie beide, bis Beatriz vierzehn Jahre alt war. Um dieſe Zeit wurde die arme Frau durch einen Gichtanfall untüchtig, ihre Arbeiten fortzuſetzen; und Beatriz, das gute Kind, ſuchte, begierig die erhaltenen Wohlthaten zu vergel⸗ ten, jetzt ihrerſeits ihre Pflegerin zu ernähren. Sie beſaß die Gabe einer wunderbar ſchönen Stimme. Dieß Talent kam zur Kenntniß des Oberaufſehers des Theaters zu Sevilla; und er machte ihr die vortheil⸗ hafteſten Anträge auf die Bühne zu gehen. Beatriz, das unſchuldige Kind, ahnte nichts von den Gefahren dieſes Gewerbes; ſie ergriff gern das Mittel, wodurch ſie dem dahinſinkenden Leben ihrer einzigen Freundin Hülfe und Erleichterung verſchaffen konnte— ſie wurde Schauſpielerin. Um jene Zeit waren wir in Sevilla einquartirt, um ein Auge zu haben auf die verdächti⸗ gen Morisken.“ „Ha! die verhaßten Ungläubigen!“ murmelte Cal⸗ deron grimmig zwiſchen den Zähnen. „Ich ſah Beatriz und liebte ſie auf den erſten Blick.„Ich ſage nicht,“ fuhr Fonſeca mit einem Er⸗ röthen fort,„daß meine Bewerbung, im Anfang, eine ſolche geweſen ſey, die ihrer allein würdig war; aber ihre Tugend gewann bald ebenſo meine Achtung wie meine Liebe. Ich verließ Sevilla um meinen Vater aufzuſuchen und ſeine Einwilligung zu einer Vermäh⸗ lung mit Beatriz zu erlangen. Ihr kennt die Vorur⸗ theile eines Hidalgo— ſie find unüberwindlich. In⸗ zwiſchen drang der Ruf der Schönheit und der Stimme der jungen Schauſpielerin bis nach Madrid, und auf 23 königlichen Befehl ward ſie von Sevilla dorthin be⸗ rufen. So eilte denn auch ich nach Madrid, unter dem Vorwand um Beförderung zu bitten. Ihr waret, wie Ihr geſagt, abweſend in Portugal, auf einer Staatsſendung. Ich ſuchte den Herzog von Lerma auf. Ich flehte ihn an, mir irgend einen Poſten zu geben, wo auch immer— in welchem Himmelsſtrich des weiten ſpaniſchen Reichs es ſey— wo ich, ent⸗ fernt von Geburts⸗ und Standesvorurtheilen, und im Beſitz anderer, weniger unzuverläſſiger Mittel, als die vom Schwert abhängen, Beatriz zu meiner Gattin machen könnte. Der artige, feine Herzog war noch unerbittlicher als der herbe Hidalgo⸗ Ich flog zu Bea⸗ triz; ich ſagte ihr, ich hätte nichts als mein Herz und meine Rechte ihr zu bieten⸗ Sie weinte und ſchlug mich aus.“ „Weil Ihr nicht reich waret?“ „Pfui über Euch! nein, ſondern weil ſie nicht darein willigen wollte, mein Glück zu zerſtören und mich aus meiner Heimath zu verbannen. Am nächſten Tag erhielt ich gemeſſenen Befehl, mich wieder zum Heer zu begeben, und dieſen Befehl begleitete ein Be⸗ förderungspatent. Obgleich Liebhaber, bin ich doch Spanier; dem Befehl nicht gehorchen, wäre in meinen Augen unehrenhaft geweſen. Hoffnung dämmerte mir, ich konnte ſteigen; ich konnte reich werden. Wir tauſch⸗ ten die Gelübde der Treue miteinander. Ich kehrte in das Lager zurück. Wir wechſelten Briefe. Zuletzt be⸗ unruhigten mich ihre Briefe. Trotz aller ihrer Zurück⸗ —* ————* haltung erkannte ich, daß ſie Widerwillen gegen ihren Beruf empfand und Angſt vor den Verfolgungen, wel⸗ chen er ſie ausſetzte; die alte Frau, ihre einzige Leite⸗ rin und Geſellſchafterin, war ſterbend; ſie war nieder⸗ geſchlagen und unglücklich; ſie verzweifelte an unſerer Verbindung; ſie drückte ihre Sehnſucht nach der Zu⸗ fluchtsſtätte eines Kloſters aus. Endlich kam dieſer Brief, worin ſie mir für immer Lebewohl ſagt. Ihre Verwandte war todt; und mit dem wenigen Geld, das ſie ſich erſpart, hatte ſie ſich die Aufnahme in das Kloſter der h. Maria vom weißen Schwert erkauft. Denkt Euch meine Verzweiflung! Ich erwirkte mir einen Urlaub— ich flog nach Madrid. Beatriz iſt ſchon innerhalb der Mauern ihres traurigen Aſls; ſie hat ſchon ihr Noviziat angetreten.“ „Iſt das der Brief von dem Ihr ſprecht?“ ſagte Calderon die Hand ausſtreckend. Fonſeca gab ihm den Brief. So hart und kalt der Charakter Calderons ge⸗ worden war, doch war etwas in dem Ton dieſes Briefs— in ſeinen reinen und edeln Gefühlen, ſeiner Unſchuld und Zärtlichkeit— was eine geheime Saite in ſeinem Herzen rührte. Er ſeufzte indem er ihn weglegte. „Ihr ſeyd, wie wir Alle, Don Martin,“ ſagte er mit einem bittern Lächeln,„der Narr, der auf eines Weibes Treue baut. Aber Ihr müßt ſelbſt Euch Er⸗ fahrung kaufen; und wenn Ihr wirklich meine Dienſte in Anſpruch nehmt, um Euch für den Augenblick el⸗ te⸗ ⸗ er u⸗ ſer re as as ft. tir 25 Seligkeit und für die Zukunft bittere Täuſchung zu be⸗ reiten, ſo ſind dieſe Dienſte Euer. Es wird, denke ich, nicht ſchwer halten, die Königin zu Euren Gunſten zu ſtimmen; laßt mir dieſen Brief; er iſt von der Art, daß er wohl das Herz eines Weibes rühren kann. Wenn es uns mit der Königin gelingt, welche die Pa⸗ tronin des Kloſters iſt, ſo dürfen wir mit Zuverſicht hoffen, einen Befehl vom Hof zur Freigebung der No⸗ vize zu erlangen; der nächſte Schritt aber iſt ſchwieri⸗ ger. Es iſt nicht genug, Beatriz wieder in Freiheit zu ſetzen— wir müſſen auch Eure Familie mit der Heirath ausſöhnen. Das kann nicht geſchehen⸗ ſo lange ſie nicht adlig; aber Patente(hier lächelte Calderon) vermochten ſchon manchen Glückspilz zu adeln— Euer unterthäniger Diener iſt ein Beiſpiel davon. Solche Briefe können erkauft oder erbettelt werden; ich will es über mich nehmen, einen anzuſchaffen. Auch kann Euer Vater leicht ein den Titel begleitendes Heirath⸗ gut ausfindig machen in Geſtalt eines hohen und ehren⸗ vollen Poſten für Euch. Ihr habt große Verdienſte; Ihr ſeyd beliebt bei dem Heer; Ihr habt Euch einen rühmlichen Namen in der Welt gewonnen. Ich fühle mich beſchämt, daß man Euer Glück ſo überſehen und vernachläſſigt hat.„Aus den Augen aus dem Sinn,“ ach ja! das iſt ein wahres Sprüchwort. Ich geſtehe, daß ich, gls ich Euch in dem Vorzimmer ſah, über meine frühere Vergeßlichkeit erröthete. Nun es thut nichts— ich will meinen Fehler gut machen. Die Leute ſagen, ich mißbrauche meinen Einfluß und meine 26 Gunſt— ich will durch Eure Beförderung das Gegen⸗ theil beweiſen.“ „Großmüthiger Calderon!“ ſagte Fonſeea ſtam⸗ melnd,„ich habe immer die Urtheile des Pöbels ge⸗ haßt. Man verleumdet Euch— aber das iſt nur der Neid.“ „Nein,“ ſagte Calderon kalt,„ich bin ſchlimm ge⸗ ng; aber ich bin doch ein Menſch. Zudem iſt Dank⸗ barkeit meine Politik; ich habe immer gefunden, daß es ein gutes Mittel iſt, in der Welt vorwärts zu kom⸗ men, wenn man denen dient, die uns dienen.“ „Aber der Herzog?“ „Fürchtet nichts; ich beſitze ein Oel, das alle Wel⸗ len auf dieſer Oberfläche beſänftigen wird. Was den Brief betrifft, ſo ſage ich, laßt ihn mir; ich will ihn der Königin zeigen. Morgen will ich Euch wieder ſehen.“ —— W Prittes Bapitel. Ein Nebenbuhler. Calderons Auge heftete ſich ſinnend auf die Thüre, welche hinter Fonſecas kriegeriſcher und edler Geſtalt ſich ſchloß. „Große Contraſte unter den Menſchen!“ ſagte er halblaut.„Alle Klaſſen, in welche je die Naturforſcher die Thierwelt eintheilten, würden nicht die Mannigfal⸗ tigkeit erſchöpfen, die zwiſchen den verſchiedenen Men⸗ ſchen beſteht. Und doch treffen wir Alle in Einem Streben unſeres Weſens zuſammen— wir Alle ver⸗ folgen uns und machen auf einander Jagd! Ruhm⸗ ſucht, was nichts Anderes iſt als Durſt nach Blut, macht jenen Krieger zum Tiger ſeiner Gattung; andere Leidenſchaften haben mich zur Schlange gemacht, Beide trotzig, grauſam, rückſichtslos— Beide! Held und Höfling! Tapferkeit und Schlauheit! Hm! ich will die⸗ ſem jungen Mann dienen— er hat mir gedient. Als alle andern Herzen ſich von mir wegwandten, lächelte er, damals ein Knabe, mich an und gab ſich meiner 2———— ————————ᷣ— 28 Liebe hin. Warum iſt er ſo lange vergeſſen worden? er iſt nicht von dem Stamm, den ich verabſcheue; kein mauriſches Blut fließt in ſeinen Adern; auch ge⸗ hört er nicht zu den Großen und Mächtigen, die ich fürchte; noch auch zu den Kriechenden und Knechtiſch⸗ geſinnten, die ich verachte; es iſt ein Mann, den ich ohne Erröthen unterſtützen kann.“ Während Calderon dieß Selbſtgeſpräch führte, ward die Tapetenthüre bei Seite geſchoben, und ein Kava⸗ lier, nuf deſſen Wangen der erſte Flaum der Mann⸗ heit ſproßte, trat in das Gemach. „Ss, Rodrigo, allein! willkommen bei Deiner Rückkehr nach Madrid. Rein, ſetze Dich, Mann— ſetze Dich.“ Calderon verbeugte ſich mit der tiefſten Ehrerbie⸗ tung; und einen großen Lehnſtuhl dem Fremden hin⸗ ſtellend ſetzte er ſich ſelbſt auf einen Stuhl in einer kleinen Entfernung. Der Neuangekommene war von dunkler und trüber Geſichtsfarbe, im Ganzen aber waren ſeine Züge an⸗ ſprechend und ſein prächtiger Anzug funkelte von einem Uebermaß von Juwelen. Obſchon er noch faſt ein Knabe war, lag doch ein nachläſſiger Stolz, eine vor⸗ nehme Leichtigkeit in ſeinen Geberden— in dem Tra⸗ gen des Kopfes, in der Bewegung ſeiner Hand, was, in Verbindung mit der faſt knechtiſchen Unterthänigkeit des anmaßenden Günſtlings auch dem oberflächlichſten Beobachter die Gewißheit gegeben hätte, daß er dem allerhöchſten Rang angehörte. Ein zweiter Blick hätte v — w — v v — — M 29 in der vollen öſtreichiſchen Lippe, in der hohen aber ſchmalen Stirne, in dem dunkeln, wollüſtigen aber ſchlauen und lauernden Auge die Züge des Abkömm⸗ lings von Carl V. gefunden. Es war der Infant von Spanien, der im Zimmer ſeines ehrſüchtigen Lieblings ſtand. „Das iſt bequem, dieſer geheime Eingang in Dein Privatheiligthum, Rodrigo. Er entzieht mich den ſpä⸗ henden Augen Uzeda's, der immer dem Vater dadurch zu ſchmeicheln ſucht, daß er den Sohn ausſpionirt. Wir wollen ihn aber dieſer Tage dafür bezahlen. Er liebt Euch weniger als ſeinen Prinzen.“ „Ich trage ihm darum keinen Groll nach, Ew. Hoheit. Er trachtet nach dem Lächeln der aufgehenden Sonne, und zürnt über den niedrigen Gegenſtand, der ihm, wie er meint, ihren Strahl verſperrt.“ „Er dürfte darüber ruhig ſeyn; ich haſſe den Mann und ſeine kalte Förmlichkeit. Er bildet ſich immer ein, wir Fürſten ſeyen ſo erpicht auf die Staatsangelegen⸗ heiten, und vergißt, daß wir ſterblich find, und daß die Jugend das Alter iſt für das Luſtzelt, nicht für den Rathsſaal. Mein koſtbarer Calderon, das Leben wäre mir ſchaal ohne Dich; wie freue ich mich über Deine Rückkehr, Du glücklicher Erfinder von Genüſſen, wel⸗ chen die Sattheit ſich nur immer wünſchen konnte! Nein, erröthe nicht! manche Leute verachten Dich we⸗ gen Deiner Talente; ich aber huldige Dir darum. Bei meines Urgroßvaters Bart, es ſoll eine luſtige Zeit ————————ͤ—— am Hofe werden, wenn ich einmal Monarch bin und Du Miniſter!“ Calderon ſchaute den Prinzen ernſt an, aber ſein forſchender Blick diente nicht dazu, einen gewiſſen Ver⸗ dacht gegen die königliche Aufrichtigkeit zu zerſtreuen, welcher dann und wann mitten unter den ſanguiniſch⸗ ſten Tränmen des Prinzen auftauchte. Bei aller Luſtig⸗ keit Philipps lag etwas Gezwungenes und Lauerndes in ſeinem zweideutigen Lächeln und ſeinem ruhigen, tiefliegenden, glänzenden Auge. Calderon, an Geiſt ihm unermeßlich überlegen, war vielleicht kaum dieſem bartloſen Knaben gewachſen an Heuchelei und Tücke, an ſelbſtfüchtiger Kälte, an gereifter Verdorbenheit. „Nun,“ fuhr der Prinz fort,„ich ſage Euch dieſe ſchönen Sachen nicht ohne eine beſtimmte Abſicht. Ich hin Eurer benöthigt— ſehr benöthigt; nie bedurfte ich ſo dringend Eurer Dienſte als in dieſem Augenblick; nie hatte ich eine ſo große Bitte und Aufgabe für Eure Erfindungskraft, Gewandtheit und Euern Muth. Wißt, Calderon, ich liebe!“ „Mein Fürſt,“ ſagte der Marguis lächelnd,„gewiß iſt es keine erſte Liebe. Wie oft hat Eure Hoheit—“ „Nein,“ fiel ihm der Prinz haſtig ins Wort,— „nein, ich habe nie geliebt bis jetzt. Man kann nie lieben, was man ſo leicht gewinnen kann; aber dieß Herz, Calderon, dieß Herz wäre eine Eroberung. Höre mich an. Ich war geſtern mit der Königin in der Ka⸗ pelle des Kloſters der h⸗ Maria vom weiſſen Schwert. Du weißt, daß die Aebtiſſin früher Kammerfrau war, ⸗ 6 n iſt e, ſe ch ich 7 re ßt, iß nie ieß 6re da⸗ ert. 31 und daß die Königin ſie liebt. Wir Beide wurden ge⸗ rührt und erſtaunten über die Stimme einer Chorſän⸗ gerin,— es war die einer Novize. Nach dem Gottes⸗ dienſt erkundigte ſich die Königin nach dieſer neuen heiligen Cecilia; und Wer meinſt Du daß es iſt? Nein, Du wirſt es nie errathen. Die früher gefeierte Sängerin— die ſchöne, die unnachahmliche Beatriz Coello! Ach! wohl magſt Du erſtaunen! wenn Schau⸗ ſpielerinnen Nonnen werden, dann iſt es wohl bald für Calderon und Philipp an der Zeit, Mönche zu werden. Nun müßt Ihr wiſſen, Rodrigo, daß ich, ſo ein unwürdiger Menſch ich bin, doch die Urſache dieſer Metamorphoſe geweſen. Da iſt ein gewiſſer Martin Fonſeca, ein Verwandter von Lerma— Du kennſt ihn wohl. Vor einiger Zeit erfuhr ich von dem Herzog, daß dieſer junge Orlando ganz wahnſinnig verliebt ſey in ein Mädchen von niedriger Geburt— ja, daß er ſie zu heirathen begehre. Die Erzählung des Herzogs reizte meine Neugier. Ich fand, daß es die junge Beatriz Coello war, die ich ſchon auf der Bühne be⸗ wundert hatte. Ach Calderon, ſie ging glänzend auf und wieder unter während Deiner langweiligen Sen⸗ dung nach Liſſabon! Ich ſuchte eine Gelegenheit ſie zu beſuchen. Ich war erſtaunt über ihre Schönheit, die noch blendender war im Zimmer als auf der Bühne. Ich war eifrig in meiner Anbetung— umſonſt. Cal⸗ deron, haſt Du das gehört? umſonſt! Warum wareſt Du nicht da? Deine Künſte und Liſten ſchlagen nie fehl, mein Freund! Sie lebte mit einer alten Ver⸗ ———— wandten oder Erzieherin zuſammen. Die alte Ver⸗ wandte ſtarb plötzlich— ich benützte ihre Verlaſſenheit — ich ſchlich mich bei Nacht in das Haus. Bei St. Jago, ihre Tugend verwirrte und ſchlug mich. Am nächſten Morgen war ſie fort; und meine Nachforſchun⸗ gen konnten auf keine Spur von ihr kommen, bis ich in dem Convent der heiligen Maria in der jungen Novize die verlorne Schauſpielerin wieder erkannte. Sie iſt in das Kloſter geflohen, um Fonſecs treu zu blei⸗ ben; ſie muß aus dem Kloſter fliehen, um den Prinzen zu beglücken! Das iſt meine Geſchichte; ich bedarf Deiner Hülfe.“ „Prinz,“ ſagte Calderon ernſt,„Du kennſt die Geſetze Spaniens— die Strenge der Kirche. Ich wage nicht—“ „Pah! keine ſolche Bedenklichkeiten! mein Stand wird Dich vor jeder Anfechtung ſchützen. Nein, ſchau nicht ſo verſtört drein; hal auch Du haſt, wie ich ſehe, Deine Armida. Dieß Billet von weiblicher Handſchrift — Himmel und Erde! Calderon! Was für ein Name iſt das? Beatriz Coello? Haſt Du Dir erlaubt, meine Bahn zu kreuzen? Sprecht, Herr!— ſprecht!“ „Eure Hoheit,“ ſagte Calderon mit einer Miſchung von Ehrerbietung und Würde in ſeinem Weſen— „Eure Hoheit wolle mich anhören. Mein erſter Wohl⸗ thäter, mein geliebter Zögling, mein früheſter Gönner war eben der Don Martin Fonſeca, welcher um dieß Mädchen mit tugendhafter Liebe wirbt. Dieſen Mor⸗ gen hat er mich beſucht, und mich um meine Verwendung and hau he, rift ame eine un ohl⸗ nner dieß Mor⸗ dung 33 zu ſeinen Gunſten angefleht. Oh! Prinz! wendet Euch nicht ab! Ihr kennt ſeine Verdienſte nicht zur Hälfte. Ihr kennt nicht den Werth ſolcher Unterthanen— Männer von dem alten ehernen Schlag Spanier. Di haſt ein edles und königliches Herz; ſey micht der Re⸗ benbuhler des Vertheidigers Deiner Krone. Mach dieſen tapfern Soldaten glücklich— ſchone dieſe arme Waiſe— und Eine großmüthige Handlung der Selbſt⸗ verläugnung wird Dir Verzeihung erwirken für tauſend Luſtgenüſſe!“ „Das von Rodrigo Calderon!“ ſagte der Prinz mit einem bittern Hohnlächeln.„Menſch, begreife Deine Stellung und Deinen Beruf. Wenn es mir um Pre⸗ digten zu thun iſt, ſuche ich meinen Beichtvater auf; wenn ich eine Sünde beſchloſſen habe, komm' ich zu Dir. Laß mich in Ruhe mit Deinen hohlen Redens⸗ arten. Was Fonſeca betrifft, ſo ſoll er getröſtet wer⸗ den; und wenn er erfährt, wer ſein Nebenbuhler iſt, ſo müßte er ja ein Verräther ſeyn, wenn er ſich nicht zufrieden in ſein Lvos ergeben wollte. Du ſollſt mich unterſtützen, Calderon!“ „Eure Hoheit möge mir verzeihen— nein!“ „Höre ich recht? Nein!— Biſt Du nicht mein Günſtling— mein Werkzeug? Kann ich Dich nicht zerſtören, wie ich Dich habe emporheben helfen? Dein Glück yat Dir den Kopf verdreht. Der König hat ſchon Verdacht und Widerwillen gegen Dich; Dein Feind, uzeda, hat ſein Ohr. Das Volk verwünſcht Bulwer's Romane. LKXIV. Zit Dich. Wenn ich Dich verlaſſe, biſt Du verloren. Das bedenke!“ Calderon blieb ſtumm und aufrecht ſtehen, die Arme auf der Bruſt gefaltet und die Wange flammend von unterdrückten Leidenſchaften. Philipp ſah ihn ernſt⸗ haft an, und dann, vor ſich hin murmelnd, näherte er ſich dem Günſtling mit verändertem Weſen. „Komm, Calderon— ich bin zu haſtig geweſen— Du haſt mich toll gemacht; ich wollte Dir nicht wehe thun. Du biſt redlich, und ich glaube Du liebſt mich; und ich will geſtehen, daß unter gewöhnlichen Umſtän⸗ den Dein Rath gut, Deine Bedenklichkeiten löblich wären. Aber ich ſage Dir, daß ich dieß Mädchen an⸗ bete; daß ich alle meine Hoffnungen auf ſie geſetzt habe; daß ſie um jeden Preis, auf jede Gefahr, mein werden muß. Willſt Du mich verlaſſen? Willſt Du, auf deſſen Treue ich mich immer ſo. zuverſichtlich ſtützte, Deinen Freund und Deinen Prinzen verlaſſen um die⸗ ſes händelſüchtigen Soldaten willen? Nein, ich thue Dir Unrecht!“ „Oh!“ ſagte Calderon mit einer ziemlich glücklich erheuchelten Bewegung—„ich wollte mein Leben Eu⸗ rem Dienſt weihen, und ich habe oft mein Gewiſſen Eurem leiſeſtem Wunſch unterworfen und gebeugt. Aber das wäre eine gar zu niederträchtige Treuloſigkeit von mir! Er hat das Leben ſeines Lebens meinen Händen anvertraut. Wie könnteſt ſelbſt Du auf meine Treue bauen, wenn Du wüßteſt, daß ich gegen einen Andern falſch handle?“ s die n erte ehe ich; än⸗ „Falſch! biſt Du nicht falſch gegen mich? Hab' ich Dir nicht vertraut, und biſt Du es nicht der mich ver⸗ läßt— ja vielleicht verräth? Wie willſt Du denn dieſem Fonſeca dienen? Wie die Novize befreien?“ „Durch einen Befehl des Hofs. Eure königliche Mutter—“ „Genug!“ ſagte der Prinz heftig.„Mach' es ſo. Du ſollſt Zeit genug zur Reue haben!“ So ſprechend ſchritt Philipp der Thüre zu. Calde⸗ ron, beunruhigt und ängſtlich, ſuchte ihn aufzuhalten; aber der Prinz riß ſich mit Verachtung los und Calde⸗ ron war wieder allein. ———————————————— viertes Kapitel. Bürgerlicher und kirchlicher Ehrgeiz. Kaum hatte ſich der Prinz entfernt, als die Thüre vom Vorzimmer her ſich öffnete und ein alter Mann, in geiſtlicher Tracht, in des Secretärs Gemach trat. „Störe ich nicht, mein Sohn?“ fragte der Kirchen⸗ mann. „Nein, Vater, nein; ich ſehnte mich nie ſo ſehr nach Eurer Anweſenheit, Eurem Rath. Es geſchieht nicht oft, daß ich unentſchloſſen ſchwanke und ſchwebe zwiſchen den zwei Magneten des Intereſſe's und Ge⸗ wiſſens; jetzt befinde ich mich in einem ſolchen ſeltenen Dilemma.“ Hier erzählte Calderon in der Kürze das Weſent⸗ liche ſeines Geſprächs mit Fonſeca und von ſeiner darauf folgenden Verhandlung mit dem Prinzen. „Ihr ſeht,“ ſagte er beim Schluß,„wie kritiſch meine Lage iſt. Auf der einen Seite meine Verpflich⸗ tungen gegen Fonſeca, mein Verſprechen gegen einen Wohlthäter, einen Freund, einen Knaben den ich auf⸗ „ üre nn, en⸗ ſehr ieht ee nen ent⸗ iner tiſch lich⸗ inen auf⸗ 37 ziehen geholfen; und das iſt noch nicht Alles! Der Prinz verlangt von mir, ich ſolle ihm behülflich ſeyn zur Entführung einer Novize aus einem geheiligten Hauſe, Welche Gefahr— welches Wagniß! Auf der andern Seite, wenn ich mich weigere, das Mißfallen, die Rache des Prinzen, deſſen Gunſt mich ſchon halb und halb die des Königs gekoſtet hat, und der, ſähe er mich einmal mit ungnädigen Augen an⸗ alle meine Feinde ermuthigen würde— und das iſt ſo viel ge⸗ ſagt als: den ganzen Hof— zu einem einmüthigen Verſuche mich zu ſtürzen.“ „Es iſt eine herbe Verſuchung,“ ſagte der Mönch ernſt,„eine ſolche, die wnhl Eure Furcht rege machen kann.“ „Furcht, Aliaga!— ha, ha! Furcht!“ ſagte Cal⸗ deron, verächtlich lachend.„Wußte wahrer Ehrgeiz je etwas von Furcht? Haben wir nicht das alte kaſtiliſche Sprüchwort, das uns ſagt: Wer die erſte Stufe zur Macht erklommen hat, der hat die Angſt tauſend Mei⸗ len hinter ſich gelaſſen? Nein, nicht die Furcht iſt es, die mich unentſchloſſen macht: es iſt Klugheit; und ein Anflug, ein gewiſſer Reſt von Menſchlichkeit— Philo⸗ ſophen würden es Tugend, Ihr Prieſter würdet es Religion nennen.“ „Mein Sohn,“ ſagte der Prieſter,„als ich, als Glied des erhabenen Standes, der uns befähigt, wn⸗ ſere unbeſchuhten Füße auf den Nacken der Könige zu ſetzen, erkannte, daß ich Macht hatte Euch zu dienen und zu erheben; als ich, Philipps Beichtvater, die —— Gönnerſchaft Lerma's unterſtützte, Euch der beſondern Berückſichtigung des Königs empfahl und in den Sonnen⸗ ſchein der königlichen Gunſt brachte: da geſchah es, weil ich in Eurem Herzen und Kopf jene Eigenſchaften geleſen hatte, welche die geiſtlichen Herren der Welt immer für ihre Sache zu benützen ſuchen. Ich kannte Dich als muthig, ſchlau, hochſtrebend, rückſichtslos. Ich wußte, daß Du nicht zurückſcheuen würdeſt vor den Mitteln, welche Dir einen großen Zweck verbürgten. Ja, als ich Dich vor Jahren am Thale des Fenil Deine Hände im Blute Deines Feindes baden ſah, und Dein Lachen des triumphirenden Haſſes hörte;— als ich, einziger Mitwiſſer Deines Geheimniſſes, Dich nachmals von Deiner Heimath fliehen ſah, befleckt von einem zweiten Mord, aber immer noch ruhig, ernſt und Herr Deiner Vernunft, da ſagte mir meine Men⸗ ſchenkenntniß: aus ſolchen Männern laſſen ſich gewal⸗ tige Bekehrte und mächtige Werkzeuge machen!“ Der Prieſter ſchwieg; denn Calderon hörte nicht auf ſeine Worte. Seine Wange war gelb, ſeine Au⸗ gen geſchloſſen, ſeine Bruſt arbeitete ſchwer. „Gräßliche Erinnerung!“ murmelte er;„unglück⸗ ſelige Liebe— fürchterliche Rache! Inez— Inez, was haſt Du zu verantworten!“ „Tröſte Dich mein Sohn! Ich wollte nicht den Verband von Deiner Wunde reißen.“ „Wer ſpricht da?“ rief Calderon auffahrend.„Ha, der Prieſter, der Prieſter! Ich glaubte die Todten zu hören. Sprich weiter, ſprich weiter; ſprich von der —„—(— ——+———„ en⸗ es, ten elt nte os. den nil ah, ich on enſt en⸗ al⸗ cht lu⸗ ick⸗ s en Welt— der Inquifition— von Deinen Ränken— der Tortur— dem Galgen! Sprich von was Du willſt, nur daß es mich von der Vergangenheit abzieht!“ „Nein! laß mich für einen Augenblick Dich zu ihr zurückführen, um Dir die Zukunft zu ſchildern, die Deiner wartet. Als ich Dich bei Nacht fand— den mit Blut befleckten Flüchtling— Dich duckend und kauernd unter dem Schatten des Waldes— erinnerſt Du Dich noch, wie ich meine Hand auf Deinen Arm legte, und zu Dir ſagte: Dein Leben iſt in meiner Hand? Von jener Stunde an ließ mich Deine Ver⸗ achtung meiner Drohungen, meiner Perſon, Deines eigenen Lebens— dieß Alles ließ mich Dich als einen Mann anſehen, dazu geboren, unſere unſterbliche Sache zu fördern. Ich brachte Dich zu Deiner Sicherung weit hinweg; ich gewann Deine Freundſchaft und Dein Ver⸗ trauen. Du wurdeſt Einer der Unſrigen— ein Mit⸗ glied des großen Ordens Jeſu. Später brachte ich Dich unter als Lehrer des jungen Fonſeca, damals Erben von großem Vermögen. Die zweite Heirath ſeines Oheims, und der Erbe, der, aus dieſer Ehe entſprungen, zwiſchen ihn und die Ehre ſeines Hauſes trat, machten die gehoffte Verbindung mit dem Jüng⸗ ling für uns nutzlos. Aber Du hatteſt ſeine Freund⸗ ſchaft erworben. Er ſtellte Dich dem Herzog von Lerma vor. Ich ward eben damals zum Beichtvater des Kö⸗ nigs ernannt; ich fand, daß die Jahre Deinen Genius gereift und daß die Erinnerung alle Zärtlichkeit des Fleiſches und der Verwandtſchaft in Dir erſtickt hatte. Vor Allem aber machte Dich Dein tödtlicher Haß ſchon gegen den Namen der Mauren zum auserwählten Mann, uns beizuſtehen in unſerem großen Plan, den verfluchten Stamm aus den ſpaniſchen Landen zu ver⸗ treiben. Genug— ich diente Dir, und Du vergalteſt uns. Du haſt Dein Verbrechen abgewaſchen im Blut der Ungläubigen— Du biſt ſicher vor der Entdeckung. Wer wird in Rodrigo Calderon, Marquis von Siete Igleſias den Rodrigo Nuerez— den eines Mords ſchuldigen Studenten von Salamanca vermuthen?2 Unſere Liſt mit dem falſchen Vater brachte auch die Neugier zum Schweigen. Du kannſt ganz auf die Zu⸗ kunft Dein Auge richten, und vor keinem Schatten in der Vergangenheit zittern. Die glänzendſten Hoffnun⸗ gen liegen vor uns Beiden; aber um ſie zu Wirklich⸗ keiten zu machen, müſſen wir auf demſelben Wege fortſchreiten. Wir dürfen uns durch kein Hinderniß auf unſerer Bahn aufhalten laſſen. Wir dürfen für kein Verbrechen anſehen, was immer unſere gemein⸗ ſchaftlichen Plane fördert. Maſche um Maſche müſſen wir den künftigen Monarchen in unſer Gewebe ver⸗ wickeln; Du durch die Netze der Vergnügungen, ich durch die des Aberglaubens. Der Tag, der Philipp den Vierten den Thron beſteigen ſieht, muß ein Tag des Jubels für die Brüderſchaft und die Inguiſition ſeyn. Wenn Du erſter Miniſter biſt— und ich Groß⸗ Inquiſitvr— dieſe Zeit muß kommen— dann werden wir die Macht haben, die Herrſchaft der Jüngerſchaft „ — 8 ————„— on en T⸗ eſt ut te Loyola's bis an die Grenzen der chriſtlichen Welt auszudehnen. Die Inguiſition ſelbſt unſer Werkzeug! Die Nachwelt wird uns als die Apoſtel des geiſtigen Glaubens anſehen. Und meinſt Du wir dürfen, wo es die Erreichung ſo großer Zwecke gilt, die zarten Bedenklichkeiten der gewöhnlichen Menſchen haben? Mögen tauſend Fonſeea's— zehntauſend Novizen zu Grund gehen, ehe Du nur um ein Haarbreit Deine Macht und Handhabe über die Stimme und die Seele des zügelloſen Philipp aufgibſt! Was es auch koſte, bewahre Dir Deine Macht; denn es ſind daran ge⸗ bunden, wie Matroſen an eine Planke, die Hoffnun⸗ gen Derer, die den Geiſt zu ihrem Scepter machen!“ „Der Enthuſiasmus verblendet und mißleitet Dich, Aliaga,“ ſagte Calderon kalt.„Was mich betrifft, ſo erkläre ich Dir jetzt, wie ich Dir früher erklärt habe, daß ich mich keinen Strohhalm um Deine großen Plane bekümmere. Laß die Menſchheit für ſich ſelbſt ſorgen — ich ſehe nur auf das Meinige. Aber ſey unbeſorgt wegen meiner Treue; meine Intereſſen und mein Leben ſelbſt ſind unauflöslich verflochten mit Dir und Deinen Ritfanatikern. Wenn ich Dich verlaſſe, ſo biſt Du zu tief in meine Geheimniſſe eingeweiht, als daß Du mich nicht verderben ſollteſt; und wollte ich Dich umbringen, um Dein Zeugniß zum Schweigen zu bringen: ſo kenne ich Deine Brüderſchaft hinläng⸗ lich, um zu wiſſen, daß ich mir dann nur eine Menge von Rächern auf den Hals ziehen würde. Was dieſe Angelegenheit betrifft, ſo gebt Ihr mir einen klugen, wenn auch keinen frommen Rath. Ich will es mir wohl überlegen. Adieu! die Stunde ruft mich, dem König meine Aufwartung zu machen. Fünftes Kapitel. Die wahre Fata Morgansd. In dem königlichen Gemach vor einem mit Pa⸗ pieren bedeckten Tiſch ſaßen der König und ſein Secre⸗ tär. In dem gewöhnlichen Weſen Philipps III. ernſt, finſter und ſchweigſam, war wenig, was ſelbſt dem erfahrenſten Hofmann die äußern Zeichen von Gunſt oder Laune zu erkennen gab. Seine Erziehung hatte ihn für das Kloſter geeignet gemacht, aber die Noth⸗ wendigkeiten des Deſpotismus hatten dem ſtlaviſchen Aberglauben auch tückiſchen Scharfblick zugeſellt. Das Geſchäft, deſſenwillen Calderon war berufen worden, war abgemacht, unter einem Schweigen, das nur ein⸗ ſolbige Worte des Königs und kurze Erläuterungen von Seiten des Secretärs unterbrachen; und Philipp gab aufſtehend Calderon das Zeichen, ſich zurückzu⸗ ziehen. Jetzt richtete der König ein blödes aber ſtetes Auge auf den Marquis und ſagte mit einer Art von Anſtrengung, als ob das Reden ihm ſchwer fiele, zu ihm: ————————————————— 44 „Der Prinz hat mich nur eine Minute vor Eurem Eintreten verlaſſen— habt Ihr ihn geſprochen ſeit Eurer Rückkehr?“ „Euer Majeſtät, ja. Er beehrte mich dieſen Mor⸗ gen mit ſeinem Beſuch?“ „In Staatsangelegenheiten?“ „Euer Majeſtät weiß, hoffe ich, daß Euer Diener über Staatsangelegenheiten einzig und allein mit Eurer erhabenen Perſon oder Euern beſtellten Miniſtern ver⸗ handelt.“ „Der Prinz hat Euch ſeine Gunſt geſchenkt, Don Rodrigo.“ „Euer Majeſtät befahl mir dieſe Gunſt zu ſuchen.“ „Es iſt wahr. Glücklich der Monarch, deſſen treuer Diener der Vertraute des Erben ſeiner Krone iſt!“ „Könnte der Prinz auch nur Einen Eurer Maje⸗ ſtät mißfälligen Gedanken hegen, ich glaube ich würde ihn entdecken und in der Geburt erſticken. Aber Euer Majeſtät iſt mit einem dankbaren Sohn geſegnet.“ „Ich glaube es. Seine Vergnügungsſucht lockt ihn vom Ehrgeiz ab— ſo ſoll es ſeyn. Ich bin kein ſtrenger und mürriſcher Vater. Erhaltet Euch ſeine Gunſt, Don Rodrigo; es iſt mir angenehm. Haſt Du ihn in irgend etwas beleidigt?“ „Ich hoffe nicht, daß mir ein ſo großes Unglück zugeſtoßen iſt.“ „Er ſprach von Dir nicht mit ſeinen gewöhnlichen Lobeserhebungen— ich bemerkte es. Ich ſage Dir das, damit Du wieder in Ordnung bringen kannſt, —„—— ——— —„—„ it r⸗ 3 2 NM was etwa verfehlt worden iſt. Du kannſt mir nicht beſſer dienen, als wenn Du ihn vor allen und jeden Freundſchaften bewahrſt, ausgenommen mit Solchen, auf deren Anhänglichkeit an mich ich bauen kann. Ich habe genug geſagt.“ „Das war immer mein Beſtreben. Aber ich bin nicht ſo jung mehr, wie der Prinz, und die Leute reden mir Schlimmes nach, daß ich, um ſein Vertrauen zu gewinnen, ſeine Unterhaltungen und Zerſtreuungen theile.“ „Es iſt gleichgültig was ſie von Dir ſagen. Treue Miniſter werden ſelten von dem Pöbel oder vom Hof gelobt. Du kennſt meine Geſinnung; ich wiederhole Dir, verſcherze die Gunſt des Prinzen nicht!“ Calderon verbeugte ſich tief und ging weg. Als er die Gemächer des Palaſtes durchſchritt, kam er durch eine Gallerie, wo er den jungen Prinzen und ſeinen Erzfeind, den Herzog von Uzeda, an einem Fenſter ſtehend erblickte. Im ſelben Augenblick trat von einer entgegengeſetzten Thüre der Kardinal⸗Herzog von Lerma ein; und die nämliche unwillkommene Conjunctur feind⸗ ſeliger Planeten ſiel dem ränkevollen Miniſter widrig ins Auge. Gerade weil Uzeda des Herzogs Sohn war, war er der Mann, den der Herzog auf der ganzen Welt am meiſten fürchtete und beargwohnte. Wer mit der ſpaniſchen Komödie einigermaßen be⸗ kannt iſt, der hat gewiß die Verſchwendung von In⸗ triken und Gegenintriken bemerkt, auf welchen das Intereſſe derſelben beruht. Hierin war die ſpaniſche 46 Komödie der treue Spiegel des ſpaniſchen Lebens, vor⸗ züglich in den Cirkeln des Hofs. Die Menſchen lebten da in einem vollſtändigen Labyrinth von Komplotten und Gegenkomplotten. Der Geiſt der Feinheit, des Manöuvre's, der Schlauheit und Doppelſinnigkeit durch⸗ drang jede Familie. Kein Haus, das nicht in ſich ſelbſt getheilt geweſen wäre! Als Lerma ſein Auge wegwandte von dem unwill⸗ kommnen Schauſpiel einer ſo plötzlichen Vertraulichkeit zwiſchen Uzeda und dem muthmaßlichen Thronerben— eine Vertraulichkeit, welche zu hintertreiben ſein Haupt⸗ augenmerk geweſen war— fiel ſein Blick auf Calde⸗ ron. Er winkte ihm ſtillſchweigend zu, und zog ſich unbemerkt von den beiden ſich Unterredenden, durch dieſelbe Thüre wieder zurück, durch die er eingetreten war. Calderon hatte den Wink bemerkt und folgte ihm. Der Herzog trat in ein kleines Zimmer und ſchloß ſorgfältig die Thüre. „Was iſt das, Calderon?“ fragte er, aber in ſcheuem Tone, denn der ſchwache alte Mann fürchtete ſich ſelbſt halb und halb vor ſeinem Günſtling.„Wo⸗ her dieß neue und höchſt drohende, unheilverkündende Bündniß?“ „Ich weiß nicht, Euer Eminenz; bedenkt, daß ich erſt geſtern nach Madrid zurückgekehrt bin; es ſetzt mich nicht minder als Euer Ercellenz in Erſtaunen.“ „Suche der Sache auf den Grund zu kommen, mein guter Calderon; der Prinz gab immer vor, Uzeda zu haſſen. Bringe ihn wieder auf dieſe Geſinnungen —,—— f ———— ich ten m. loß in ete zo⸗ de etzt en, eda gen zurück; Du giltſt Alles in Allem bei Seiner Hoheit! Wenn Uzeda wieder ſein Ohr gewinnt, ſo biſt Du verloren.“ „O nein!“ rief Calderon ſtolz.„Mein Dienſt iſt dem König geweiht; ich habe ein Recht auf ſeinen königlichen Schutz, denn ich habe Anſprüche auf ſeine königliche Dankbarkeit.“ „Täuſche Dich nicht ſelbſt!“ ſagte der Herzog leiſe flüſternd.„Der König kann nicht mehr lange leben; ich hab' es von der beſten Autorität, von ſeinem Arzt; und dieß iſt noch nicht Alles— eine furchtbare Ver⸗ ſchwörung beſteht gegen Dich am Hof. Ohne mich und des Königs Beichtvater würde Philipp ſeine Einwilli⸗ gung zu Deinem Verderben geben. Der ſtarke Halt, den Du bei ihm haſt, liegt in Deinem Einfluß auf den Infanten— ein Einfluß, der, wie er weiß, geübt wird im Intereſſe ſeiner ängſtlichen und eiferſüchtigen Politik; iſt dieſer Einfluß dahin, ſo vermögen weder ich noch Aliaga mehr Dich gehörig zu ſchützen. Genug! Verſchließe Uzeda jeden Zugang zu Philipps Herz!“ Calderon verbeugte ſich ſchweigend und der Herzog eilte in das königliche Gemach. „Welch ein Thor war ich, daß ich glaubte, ich könnte noch auf mein Gewiſſen hören!“ murmelte Cal⸗ deron mit höhniſch verzogener Lippe; aber, Uzeda, ich will noch Deine Plane vereiteln!“ Am nächſten Morgen fand ſich der Marquis von Siete Igleſias beim Lever des Prinzen von Spanien ein. 48 um den Günſtling, deſſen ſtolzer Wuchs über alle Andern emporragte, ſchäarten ſich die unterthänigen Granden herum. Das hochmüthige Lächeln war nöch auf ſeiner Lippe, als die Thüre ſich öffnete und der Prinz eintrat. Die Verſammelten wichen plötzlich aus⸗ einander und ließen Calderon unmittelbar dem Infan⸗ ten gegenüber allein ſtehen; dieſer, nachdem er ihn einen Augenblick finſter betrachtet, kehrte ſich mit auf⸗ fallender Unhöflichkeit von dem ihm tiefe Ehrfurcht be⸗ zeigenden Günſtling weg und knüpfte eine leiſe, lächelnde Unterredung mit Gonſalez de Leon, einem von Calde⸗ rons offenen Feinden an. Die Verſammelten wechſelten Blice der Ueber⸗ raſchung und Freude; und alle die Edeln, die zuvor ſo mit Höflichkeit um den Miniſter gebuhlt hatten, wichen ihm vorſichtig aus. Seine Kränkung hatte nur erſt angefangen. Gleich darauf erſchien Uzeda, bisher faſt nie in dieſen Ge⸗ mächern ſichtbar; der Prinz eilte auf ihn zu, und in wenigen Minuten ſah man den Herzog ihm in ſein Privat⸗ gemach folgen. Die Sonne von Calderons Gunſt ſchien untergegangen. So dachten die Höflinge, aber nicht ſo der hochmüthige Günſtling. Auf ſeiner Lippe war ſogar ein Lächeln des Triumphs ſichtbar— eine ſan⸗ guiniſche Röthe auf ſeiner blaſſen Wange, als er gleichgültig ſich von dem Gewühl wegwandte, in ſeinen Wagen ſtieg und ſich wieder nach Haus begab. Kaum war er wieder in ſein Kabinet getreten, ———— le der u6⸗ n⸗ ihn uf⸗ be⸗ de de⸗ 49 cils ihm Fonſeca angemeldet wurde, der getreu der Verabrednug ſich einfand. „Was für Zeitungen mein boſter Freund?“ rief der Soldat aus. öc Calderon ſchüttelte tummervoll den Kopf. P „Mein lieber Zögling,“ ſagte er im Tone glücklich etheuchelter Theilnahme,„für Dich iſt keine Hoffnung. Vergiß dieſen eiteln Traum— vegib Dich zum Heer zurück. Ich kann Dir Beförderung, Rang, Ehren⸗ ſtellen verſprechen; aber die Hand von Beatriz Coello liegt außer meiner Macht.“ „Wie?“ ſagte Fonſeca erblaſſend und auf einen Stuhl ſinkend.„Wie kommt dieß? woher dieſer plötz⸗ liche Wechſel? hat die Königin—2“ Ich habe Ihre Majeſtät nicht geſehen; aber der König iſt hinſichtlich dieſes Punkts feſt entſchloſſen; ebenſo auch die Inquiſition. Die Kirche führt Klage wegen neuerlicher, zahlreicher Fälle von unheiliger und unpolitiſcher Schwächung ihrer gefürchteten Gewalt. Der Hof wagt nicht ſich darein zu miſchen. Der No⸗ vize ſelbſt muß die Wahl anheimgeſtellt bleiben.“ „Und iſt keine Hoffnung?“ „Keine. Kehre zu dem aufregenden Leben Deiner tapfern Laufbahn zurück.“ „Rie!“ tief Fonſeca mit großer Heftigkeit.„Wenn ich zum Lohn für alle meine Dienſte, mein oft gewag⸗ tes Leben, mein verſprütztes Biut⸗ nicht einmal eine mir ſo leicht zu gewährende Gunſt erlange, ſo entſage Butwer's Romaue. LXXIV. ich einem Dienſt, in welchem ſelbſt der Ruhm ſeinen Zauber für mich verloren hat. Und hört es wohl Cal⸗ deron. Ich ſage Euch, daß ich dieſer Bewerbung nicht entſagen will. Ein ſo ſchönes, ſo unſchuldiges Opfer ſoll nicht zu dieſem lebenden Grabe verdammt werden. Durch die Mauern des Nonnenkloſters, durch die Spione der Ingquiſition wird die Liebe ihren Weg finden; und in einem fernen Land will ich noch Glück und Ehre vereinbaren. Ich fürchte die Verbannung nicht; ich fürchte keine Widerwärtigkeit; ich fürchte ſelbſt die Ar⸗ muth nicht mehr. Alle Länder, in denen der Klang der Trompete nicht unbekannt iſt, bieten dem Soldaten eine Laufbahn, der vom Himmel kein anderes Gut begehrt, als ſeine Geliebte und ſein Schwert.“ „So wollt Ihr alſo ſuchen Beatriz zu entführen?“ ſagte Calderon ruhig und nachdenklich.„Ja— es mag das Beſte ſeyn was Ihr thun könnt, wenn Ihr die gehörigen Vorſichtsmaßregeln trefft. Aber könnt Ihr ſie zu ſehen bekommen, könnt Ihr Verabredungen mit ihr treffen?“ „Ich denke wohl. Ich hoffe ſchon den Weg zu einer Beſprechung gebahnt zu haben. Geſtern, nach⸗ dem ich Dich verlaſſen, ſuchte ich das Kloſter auf; und da die Kapelle eine der öffentlichen Sehenswürdig⸗ keiten der Stadt iſt, nahm ich die Neugierde zum Vor⸗ wand. Zum Glück erkannte ich in dem Pförtner des Convents einen alten Diener meines Vaters; er hatte mich von Kind an gekannt— er hat keine Freude an ſeinem Beruf— er will einwilligen, uns auf unſerer Flucht zu begleiten, unſer Geſchick zu theilen; er hat mir verſprochen, einen Brief von mir an Beatriz zu beſtellen, und mir ihre Antwort zu überbringen.“ „Die Sterne lächeln Dir, Don Martin. Wenn Du mehr erfahren haſt, frage mich wieder um Rath. Jetzt ſehe ich Mittel und Wege, Dir beizuſtehen. Sechstes Bapitel. Gewebe über Gewebe. Am nächſten Tage ſah man, zum großen Verdruß der Höflinge, Calderon und den Infanten von Spa⸗ nien wieder bei einander öffentlich, auf der Parade, und der Secretär war Einer der wenigen Begünſtig⸗ ten, welche den Prinzen ins Theater begleiteten. Seine Gunſt war größer, ſeine Macht glänzender, als man es je früher geſehen hatte. Da kein Grund des Bruchs und der Wiederausſöhnung ruchbar wurde, ſchoben es die Einen auf eine Laune, Andere ſahen darin den tückiſchen Plan des verſchmitzten Calderon zur Demü⸗ thigung Uzeda's, auf den, wie es ſchien, man nur darum ein Lächeln der aufgehenden Sonne hatte fallen laſſen, damit man ihn mit um ſo größerem Aufſehen wieder in den Schatten drängen konnte. Mittlerweile gelang dem Fonſeca Alles beinah über Erwarten und Hoffen, Jung, glühend, ſangui⸗ niſch war die arme Novize von ihrer ruhigen Behau⸗ ſung und der Behaglichkeit ibrer freien Gedanken ge⸗ — —— 8 flohen, in die erkältende Einſamkeit des Kloſters— nicht ahnend, die Größe dieſes Wechſels. Mit einem Herzen, das von den warmen Empfindungen der Liebe und der Jugend überſtrömte, erſchrack und entſetzte ſie ſich über die geiſterhaften Geſtalten, welche ſie um⸗ ſchwebten; über die eiſigen Formen, das ſtarre Cere⸗ moniell dieſes Lebens, das nur eine Nachahmung des Todes iſt. Daß ſie gegen einen königlichen und höchſt gefährlichen, weil rückſichtsloſen, Anbeter ihre Treue gegen den abweſenden Fonſeca behauptet hatte, war ihr einziger Troſt. Noch ein weiterer Umſtand außer dem Verluſt ihrer Beſchützerin und der Trennung von Don Martin hatte dazu beigetragen, ſie trübe zu ſtimmen und ſie ins Kloſter zu führen. An dem Sterbebette der alten Frau, die an ihr Mutterſtelle vertreten, hatte ſie ein Ge⸗ heimniß erfahren, das man ihrer zarten Jugend bis⸗ her verhehlt hatte. Dunkel und unheilvoll waren die Einflüſſe des Sterns, der über ihrer Geburt gewaltet; düſter das Erbe der Erinnerungen, welche an ihrer Abſtammung hafteten. Ein Brief, der jetzt ihr Ge⸗ heimniß und ihr Schatz wurde— ein Brief von der Hand ihrer Mutter— entlockte ihr bittrere und tiefere Thränen, als ſie je um ihrer ſelbſt willen geweint hatte. In dieſem Brief las ſie die Stärke und die Treue, den Kummer und das ſchmerzliche Schickſal weiblicher Liebe; und eine düſtere Ahnung ſagte ihr, daß der Schatten des Geſchicks ihrer Mutter auch auf das ihres Kinds gefallen ſey. Dieſe Geſühle hatten 54 ihr das Kloſter willkommen gemacht, bis ſie die troſt⸗ loſe Einſamkeit dieſer Zufluchtsſtätte erprobte und er⸗ kannte. Als aber durch die Vermittlung des Pförtners Fonſeca's Brief an ſie gelangte, da wichen alle andern Gefühle dem Ausbruch natürlicher und leidenſchaftlicher Gemüthsbewegung. Der Entfernte war zurückgekehrt, wärb wieder um ſie, war noch treu. Das furchtbare Gelübde war noch nicht geſprochen— ſie konnte noch die ſeinige werden. Sie antwortete; ſie ſchalt ihnz ſie ſprach von Zweifel, von Gefahr, von Beſorgniß für ihn; von magdlicher Schaam; aber ihre Zärtlichkeit färbte jedes Wort und der Brief war voll Hoffnung. Der Briefwechſel dauerte fort; die kräftigen und feuri⸗ gen Vorſtellungen Fonſeca's, die reine und glühende Neigung der Novize führten immer raſcher und ſicherer dem unvermeidlichen Endergebniß entgegen. Beatriz gab den Bitten ihres Geliebten nach; e willigte in den Plan der Entführung und Flucht, den er vor⸗ ſchlug⸗ Spät Abends ſuchte Fonſeca Calderon auf. Der Marquis war im Garten ſeines prächtiges Hauſes. Das Mondlicht übergoß viele Reihen Orangen⸗ und Granatbäume— manche weiße und reich gear⸗ beitete Vaſen auf dem marmornen Fußgeſtell— man⸗ chen Springquell, der ſeine leiſe Muſik durch die athemloſe Luft verbreitete. Auf einer Terraſſe, welche die ſtattliche Ausſicht auf die Thürme und Paläſte von Madrid beherrſchte, ſtand Calderon allein; neben ihm warf eine einzelne rieſenhafte Aloe ihren tiefen, düſtern — —„— —„— ſie ür eit ie 55 Schatten; und ſeine unbewegliche Stellung, ſeine ge⸗ falteten Arme, ſein halb zu dem ſternbeſä'ten Himmel emporgerichtetes Antlitz— dieß Alles verrieth den Ernſt und die Innigkeit ſeiner Empfindungen. „Warum kommt dieſer Schauer über mich?“ ſagte er halb laut.„So war es auch in jener unglücklichen Stunde, welche der Erkenntniß meiner Schmach vor⸗ herging— der That einer ſchwarzen Rache— dem Umſchwung meines ereignißreichen, wunderbaren Lebens! Ach! wie glücklich war ich einſt! ein zufriedener und ruhiger Mann der Wiſſenſchaften! voll Glauben an die Augen, die mir waren was die Sterne dem Aſtrologen. Aber das goldene Alter verwandelte ſich in ein ehernes. Und jetzt,“ ſetzte Calderon mit Hohnlächeln gegen ſich ſelbſt hinzu,„kommt das Zeitalter, das die Poeten noch nicht verzeichnet haben; denn Tücke, Heuchelei und Laſter ſind den Poeten fern!“ Fonſeca's raſcher Schritt unterbrach des Höflings Präumereien. Er wandte ſich um, runzelte die Stirne und ſeufzte ſchwer, wie wenn er ſich ſelbſt zu einer Anſtrengung ſtählte! aber ſeine Stirne war wieder glatt, ſein Antlitz heiter, ehe Fonſeca an ſeiner Seite ſtand. „Wünſcht mir Glück, wünſcht mir Glück, lieber Calderon! ſie yat eingewilligt. Und nun Euern ver⸗ heißenen Beiſtand!“ „Könnt Ihr Euch auf die Treue Eures vertrauten Pförtners verlaſſen?“ „Auf Tod und Leben!“ . 3 f 6 56 „Iſt ein Hauptſchlüſſel zu der Hinterthüre der Ka⸗ pelle gefertigt worden?“ „Seht, hier habe ich ihn.“ „Und Beatriz kann es ſo veranſtalten, daß ſie ſich zur Zeit des Abendgebets im Beichtſtuhl verſteckt?“ „Es iſt kein Zweifel, daß ſie dieß mit aller Sicher⸗ heit thun kann. Die Zahl der Novizen iſt ſo groß, daß man Eine darunter nicht vermißt.“ „Dieß alſo wäre Eure Rolle bei dem Unternehmen, Nun zur meinigen. Ihr kennt das einſame Haus in der Vorſtadt, an der Landſtraße nach Fuencarral, das ich Euch geſtern zeigte? Nun, der Eigenthümer iſt eine meiner Kreaturen. Dort ſollen Pferde in Bereit⸗ ſchaft ſtehen, Vermummungen ſollen Eurer warten. Beatriz muß nothwendig das klöſterliche Gewand ab⸗ legen; für Euch thätet Ihr gut, gemeine Kleider zu wählen. Laßt die Hidalgo's⸗Titel fallen, worauf Euer Pater ſo ſtolz iſt und gebt Euch und die Novize für einen Notar und ſeine Frau aus, im Begriffe nach Frankreich zu gehen wegen eines Erbſchaftsprozeſſes. Einer meiner Secretäre ſoll Euch mit einem Paß ver⸗ ſehen. Indeß werde ich morgen der Erſte ſeyn, der offiziell von der Flucht der Novize hört; und ich will die Verfolger ſchon auf eine falſche Spur bringen. Habe ich nicht Alles ganz trefflich eingeleitet, mein Fonſeca?“ „Ihr ſeyd unſer Schutzengel!“ rief Don Nartion feurig.„Die Gebete von Beatriz für Euch werden droben zu Buche gebracht werden— Gebete, welche —— n, s iſt en. b⸗ ter für es. er⸗ der iül en. ein on en den Thron des Ewigen ſo leicht erreichen werden von den oſſenen Thälern Frankreichs aus, als von den düſtern Klöſtern Madrids. Morgen um Mitternacht ſuchen wir das uns von Euch bezeichnete Haus.“ „Ja, um Mitternacht ſoll Alles bereit ſeyn.“ Mit leichtem Schritt und jauchzendem Herzen ent⸗ fernte ſich Fonſeca aus Calderons Pallaſt. Von Natur ſanguiniſch und vertrauensvoll ſchwebten ihm ietzt Träume von Hoffnung und Wonne vor dem Auge; und die Zukunft erſchien ihm als ein Land, das nur den zwei Gottheiten: Ruhm und Liebe angehöre, Er hatte etwa die Mitte der Straße erreicht, in welcher Calderons Wohnung lag, als ſechs Männer, die ihn einige Augenblicke in kleiner Entfernung beob⸗ achtet, ſich ihm näherten. „Ich glaube,“ ſagte der Eine, welcher das Haupt der Bande ſchien,„ich habe die Ehre mit Sennor Don Martin Fonſeca zu ſprechen?“ „Das iſt mein Name.“ „Im Namen des Königs, wir verhaften Euch. Folgt uns.“ „Verhaften! weßwegen? was iſt mein Vergehen?“ Es iſt in dieſem Verhaftbefehl bezeichnet, unter⸗ ſchrieben von Sr. Eminenz, dem Kardinal⸗Herzog von Lerma. Ihr ſeyd beſchuldigt des Verbrechens der Deſertion.“ n „Du lügſt, Schurke. Ich hatte freie Erlaubniß des Generals, das Lager zu verlaſſen⸗“ D Ph „Wir haben Alles geſagt— folgt uns.“ nnn —————————————————— 58 Fonſeca, von Natur ſchon höchſt ungeſtümer und leidenſchaftlicher Gemüthsart, war in dieſem Augen⸗ blick nicht in der Faſſung, um alle Folgen der Wider⸗ ſetzlichkeit kalt zu überlegen. Verhaftung— Einkerke⸗ rung— am Vorabend des Tags, der ihn als den Befreier von Beatriz ſehen ſollte, Das enthielt für ihn ein ſo verzweiflungsvolles Urtheil, daß alle andere Ueberlegungen vavor verſchwanden. Er biß die Zähne feſt übereinander, zog ſein Schwert, ſtieß den Alguazil beiſeite, der ihm den Weg zu vertreten ſuchte, und ſchritt grimmig vorwärts, die eine geballte Hand trotzig ſchüttelnd, und in der andern die gute Toledv⸗ klinge ſchwingend, die oft in den erſten Reihen der Schlacht erglänzt hatte, unter dem Kriegsgeſchrei: St. Jago und Spanien! Die Alguazils umringten den Soldaten und ſchon hörte man das Klirren der Schwerter; als plötzlich hochgetragene Fackeln ihren Schimmer über die im Mondſchein ruhende Straße warfen, und zwei haſtige Läufer ausriefen:„Macht Platz für den ſehr edeln Marquis von Siete Igleſias!“— Bei dieſem Namen ließ Fonſeca die Spitze ſeiner Waffe ſinken; die Al⸗ guazils zogen ſich zurück; und die ſchlanke Geſtalt und das blaſſe Anklitz Calderons zeigte ſich unter der Gruppe. Was ſoll dieſer Hader auf offener Straße zu dieſer ſpäten Stunde?“ ſagte der Miniſter finſter. „Calderon!“ rief Fonſeca;„das iſt wahrlich ein Glück. Dieſe Hunde haben ſich erfrecht, Hand anzu⸗ legen an einen Soldaten Spaniens und ihrer Schurkerei ind en⸗ er⸗ rke⸗ den für re hne azil und and do⸗ der St. hon lich im tige deln men Al⸗ und ppe. ein nzu⸗ 59 fülſchlich den Namen ſeines eigenen Vetters“ des Her⸗ zogs von Lerma unterzulegen.“ „Eure Beſchuldigung gegen dieſen Herrn?“ fragte Calderon ruhig, indem er ſich gegen den Anführer der Alguazils wandte, welcher den Verhaftbefehl in des Secretärs Hand gab, Calderon las ihn mit Bedacht, und lüftete ſeinen Hut, als er ihn dem Alguazil zu⸗ rückſtellte; dann zog er Fonſeca bei Seite. „Seyd Ihr toll?“ fragte er flüſternd.„Meint Ihr dem Geſetz Widerſtand leiſten zu können? Wäre ich“ nicht ſo zu rechter Zeit dazu gekommen, Ihr hättet eine leichte Beſchuldigung zu einem Kapitalverbrechen verwandelt. Geht mit dieſen Männern; fürchtet nichts; ich will den Herzog aufſuchen und Eure unverzügliche Freilaſſung bewirken. Morgen will ich Euch beſuchen und heim begleiten.“ Fonſeca, noch halb außer ſich vor Wuth, wollte antworten, aber Calderon legte bedeutungsvoll den Finger an den Mund und wandte ſich zu den Alguazils: „Es jſt hier ein Mißverſtändniß; es wird morgen ins Reine gebracht werden. Behandelt dieſen Kavalier mit aller Achtung und Ehrerbietung, die ſeiner Geburt und ſeinen Verdienſten gebühren. Geht, Don Martin, geht,“ ſetzte er in leiſerem Ton hinzu;„geht, wenn Ihr nicht Beatriz für immer verlieren wollt. Nichts als Gehorſam kann Euch vor der Einkerkerung auf halbe Lebenszeit retten!“ Erſchüttert und gelähmt durch dieſe Drohung ſteckte Fonſeca in düſterem Schweigen ſein Schwert in die 60 Scheide und folgte finſter den Alguazils. Calderon ſah ſie mit nachdenklicher und zerſtreuter Miene weggehen; dann fuhr er aus ſeiner Träumerei auf, befahl ſeinen Fackelträgern weiter zu gehen, und ſetzte ſeinen Weg fort zu dem Prinzen von Spanien. Sirbentes Kapitel. Das offene Geſ cht, die verborgnen getauten. Am folgenden Tag, Vormittags, beſuchte Calde⸗ ron Fonſeca in ſeiner Haft. Der junge Mann ſaß an einem Fenſter, das die Ausſicht auf einen großen öden Hofraum, mit einem vernachläßigten und zerbro⸗ chenen Brunnen in der Mitte hatte, und er ſtützte ſeine Wange auf die Hand. Sein langes Haar flat⸗ terte aufgelöst um ihn, ſeine Kleidung war unordent⸗ lich, unvein düſtrer Groll verfinſterte eine von Natur offene und aufgeweckte Geſichtsbildung. Er ſprang auf als Calderon ſich ihm näherte. „Meine Freilaſſing— Ihr bringt meine Freilaſ⸗ ſung— laßt uns fort!“ „Mein theurer Zögling faßt Euch, ſeyd uhigt Ich habe den Herzog geſprochenz die Urſache Eurer Verhaftung iſt was ich vermuthete. Einige unvorſichtige Worte, erlauſcht vielleicht nur von Eurem Kammer⸗ viener, entſchlüpften Euch— Worte, die Euren Vor⸗ ſatz ausſprachen, Beatriz nicht aufzugeben. Ihr kennt ———— 6 4 3 1 14 62 Euern Verwandten, einen Mann voll Zweifel und Furcht, voll Formen, Ceremonien und Bedenklichkeiten. Gerade aus Liebe für ſeine Verwandtſchaft und für Euch hat er Eure Verhaftung eingeleitet; alle meine Gegenvorſtellungen ſind fruchtlos geweſen. Ich fürchte Eure Einkerkerung dauert ſo lange, bis entweder Ihr ein feierliches Verſprechen ablegt, allen Verſuchen, Beatriz von dem förmlichen Gelübde abzureden, für immer zu entſagen, oder bis ſie es ausgeſprochen hat.“ Fonſeca, wie vom Donner gerührt, ſtarrte Cal⸗ deron einen Augenblick an und brach dann in ein wildes Gelächter aus⸗ Calderon fuhr fort— „Dennoch verzweifelt nicht. Seyd geduldig; ich bin immer um die Perſon des Herzogs; ja, ich habe in Eurer Sache den Muth, mich ſogar an den König ſelbſt zu wenden.“ n2 „Und heute Nacht erwartet ſie mich— heute Nacht ſollte ſie frei werden!“ tdt m aiun 2tr Wir können ihr die Nachricht Eures Unfalls zu⸗ ſtellen; der Pförtner wird Euch den Gefallen thun.“ „Fort, falſcher Freund, oder ohnmächtiger Be⸗ ſchützer, der Ihr ſeyd! Habt Ihr dazu Eure Ver⸗ ſprechungen von Hülfe gegeben? Aber ich frage nichts darnach; meine Sache, das Unrecht das ich erlitten, ſoll dem König vorgelegt werden; ich will ins Klare kommen und erforſchen, ob Philipp MIMI. ſo die Ver⸗ theidiger ſeiner Krone behandelt? Don Rodrigo Cal⸗ deron, wollt Ihr meine Schrift in die Hände Eures Eus ſtür Her We tret wen kalt was pun auf Her auf flöl He ent ür ne hte hr en, t 4 al⸗ ein ich abe önig acht zu⸗ Be⸗ Ver⸗ ichts tten, klare Ver⸗ Cal⸗ Eures 63 königlichen Herrn abliefern? Thut dieß und ich will Euch dankbar ſeyn.“ „Nein, Fonſeca, ich will Euch nicht ins Verderben ſtürzen; der König würde Eure Beſchwerdeſchrift dem Herzog von Lerma übergeben. Pah! das iſt nicht der Weg, wie geſcheute Männer dem Mißgeſchick entgegen⸗ treten müſſen. Meint Ihr, ich wäre was ich jetzt bin, wenn ich bei jeder Widerwärtigkeit getobt hätte, ſtatt kalt zu überlegen? Setzt Euch und laßt uns bedenken, was geſchehen kann.“ „Nichts, wenn nicht bis Sonnenuntergang die Gefängnißthüre ſich öffnet.“ „Halt, ein Gedanke durchzückt mich. Der End⸗ punkt Eurer Haft tritt ein, ſobald Ihr die Hoffnung aufgebt, Beatriz zu beſitzen. Wie, wenn man den Herzog glauben machen könnte, Beatriz habe Euch aufgegeben? Zum Beiſpiel, wenn ſie aus dem Kloſter flöhe, wie Ihr den Plan dazu hattet, und wir den Herzog bereden könnten, ſie ſey mit einem Andern entflohen?“ „Ha, ſchweigt!“ „Nein, welche Vortheile bei dieſem Plan— welche Sicherheit! Wenn ſie allein, oder vorgeblich mit einem Andern entflieht, wird der Herzog kein Intereſſe zur Verfolgung, zur Strafe haben. Sie iſt nicht von ſol⸗ cher Geburt, daß der Staat ſich die Mühe nehmen ſollte, ſich ſehr thätig darein zu miſchen; ſie kann un⸗ gekränkt Frankreich erreichen; ja, tauſendmal ſicherer, als wenn ſie mit Euch, einem Hidalgo und Mann von 64 Stand flöhe, welchen der Staat ein Intereſſe hätte, zurückzufordern, und welchem die Inquiſition, den Adel haſſend, das Verbrechen der Verletzung des Hei⸗ ligthums aufbürden würde. Es iſt ein krefflicher Ge⸗ danke! Eure Einkerkerung kann Euer Beider Retiung ſeyn; Euer Plan kann noch beſſer gelingen, ohne Ettre perſönliche Theilnahme; und nach wenigen Tagen wird der Herzog, im Glauben, daß nothwendig Erbitterung an vie Stelle Eurer Liebe treten müſſe, Eure Frei⸗ laſſung befehlen; Ihr könnt Beatriz an der Grenze treffen und mit ibr nach Frankreich fliehen.“ „Aber,“ ſagte Fonſeca, überraſcht aber nicht über⸗ zeugt durch den Rath Calderons,„Wer ſoll meine Stelle bei Beatriz vertreten? Wer in den Garten eindringen? Wer ſie aus dem Convent wegtragen?“ „„Das will ich Euch zu Liebe thun. Vielleicht,“ ſetzte Calderon lächelnd hinzu,„kann ein Höfling eine ſolche Intrike ſelbſt mit mehr Gewandtheit durchführen, als ein Soldat. Ich will ſie in das Haus tragen, von dem wir ſprachen; dort kann ſie, weiß ich, in Sicherheit bleiben, bis die ſchläfrigen Nachforſchungen von Beamten, die kein Intereſſe an der Sache haben, aufhören, und von dort kann ich leicht Mittel finden, ſie unter ſicherem und ehrenhaftem Geleite an jeden beliebigen Ort zu bringen, den Ihr mir nur angeben dürft.“ 1n „Und meint Ihr, Beatriz werde mit Euch, einem Unbekannten, fliehen wollen? Unmößlich! Euer Plan gefällt mir nicht.“ „die find köm biet Fon wen Drr und Wet wir nãc verl den er Gla ſpre run, ſchlo zu k Ver der and lich! Aus te, en ei⸗ ze⸗ ng tre ird g ei⸗ nze er⸗ ine ten 24 t, ine en, en, in gen en, en, den ben nem lan 65 „Er gefällt auch mir nicht,“ ſagte Calderon kalt; „die Gefahren, denen ich mich auszuſetzen mich erbot, ſind zu drohend, als daß man eine Freude daran haben könnte; ich danke Euch, daß Ihr mich meines Aner⸗ bietens entlaßt; auch hätte ich es gar nicht gemacht, Fonſeca, ohne die Eine Beſorgniß: was wird es ſeyn, wenn morgen der Herzog ſelbſt(bedenkt er iſt ein Mann der Kirche!) die Novize ſieht? wenn er ſie mit Drohungen gegen Euch ängſtigt? wenn er die Aebtifſin und die Kirche veranlaßt, das Noviziat abzukürzen? Wenn Beatriz durch Zwang oder Furcht gedrängt wird, den Schleier zu nehmen? wenn Ihr auch gleich nächſten Morgen frei gelaſſen werdet und ſie für Euch verloren findet?“ „Sie können— ſie dürfen das nicht!“ „Der Herzog kann und erlaubt ſich Alles, wo es den Ehrgeiz gilt; Eure Vermählung mit Beatriz würde er für eine ſeinem Haus angethane Schmach halten. Glaubt nicht, meine Warnungen ſeyen grundlos— ich ſpreche als ein gut Unterrichteter; dieß iſt die Verfah⸗ rungsweiſe, zu welcher der Herzog von Lerma ent⸗ ſchloſſen iſt. Nichts ſonſt könnte mich bewogen haben zu dem Anerbieten, Euretwillen allen Gefahren einer Verletzung der Geſetze und den drohenden Schreckniſſen der Inquiſition zu trotzen. Aber laß uns über einen andern Plan nachdenken. Iſt Eure Entweichung mög⸗ lich? Ich fürchte ſehr: nein! Nein, Ihr müßt meiner Ausſicht vertrauen, den Herzog zu bereden, daß er Bulwer's Romane. LXXIV. 5 ——— 66 die Sache nicht weiter verfolge; Ihr müßt vertrauen auf einen gewaltigen Plan, der alle ſeine Gedanken in Anſpruch nimmt; auf eine Anwandlung von guter Laune nach ſeiner Sieſta; oder vielleicht auf einen An⸗ fall der Gicht oder einen Schlagfluß. Das ſind am Ende die Bedingungen der Wechſelfälle menſchlichen Glücks, das ſind die Zapfen, um welche das ernſte Rad des menſchlichen Lebens ſich dreht!“ Fonſeca antwortete einige Augenblicke nicht; er ging mit haſtigen und ungleichen Schritten im Gemach auf und ab und blieb zuletzt plötzlich ſtehen⸗ „Calderon, hier bleibt keine Wahl; ich muß mich Eurem Edelmuth, Eurer Treue, Eurer Freundſchaft übergeben; ich will an Beatriz ſchreiben; ich will ihr ſagen, ſie ſolle um meinetwillen Euch vertrauen.“ Wie er ſo ſprach wandte ſich Don Martin gegen den Tiſch und ſchrieb ein haſtiges und leidenſchaftliches Billet, worin er die Novize dringend bat, ſich den Anweiſungen Don Rodrigo Calderons, ſeines beſten, ſeines einzigen Freunds, anzuvertrauen; und wie er dieſen Brief in die Hände des Höflings gab, wandte er ſich ab, um ſeine Bewegung zu verhehlen. Calde⸗ ron ſelbſt war tief ergriffen; ſeine Wange flammte und ſeine Hand ſchien zu zittern, als ſie den Brief nahm. „Bedenkt,“ ſagte Fonſeca,„daß ich Euch das Leben meines Lebens anvertraue. Wie Ihr gegen mich treu ſeyd, ſo möge der Himmel Euch barmherzig ſeyn!“ uen nken uter An⸗ am chen rnſte mach mich ſchaft ll ihr gegen liches den eſten, i er andte Lalde⸗ immte Brief das n mich cherzig 67 Calderon antwortete nicht, ſondern wandte ſich gegen die Thüre. „Halt,“ ſagte Fonſeca;„ich hatte dieß vergeſſen — hier iſt der Hauptſchlüſſel.“ „Wahr; wie einfältig ich war. Und der Pförtner — wird er Deinem Stellvertreter Folge leiſten?“ „Zweifelt nicht daran; redet ihn an mit dem Wort:„Grenada“— aber er zählt darauf, ein Ge⸗ noſſe der Flucht zu ſeyn.“ „Das läßt ſich machen. Morgen ſollt Ihr vom Gelingen meines Unternehmens hören. Lebt wohl!“ Achtes Kapitel. Die Flucht. Es ſchlug Mitternacht in der Kapelle des Kloſters. Das Mondlicht ſchien mit ausnehmender Helle durch die großen Fenſter und übergoß mit einem geiſterhaften Schein von Leben die Marmorbilder der Heiligen und Märtyrer, welche ihre langen Schatten über den geheiligten Boden warfen. Nicht leicht konnte man ſich etwas Traurigeres, Feierlicheres und Grab⸗ ähnlicheres denken, als dieſen heiligen Raum— ſeine gedehnten, von der Zeit geheiligten Mauern— die undurchdringliche Maſſe von Finſterniß, welche in den Vertiefungen gelagert war, in welche das Mondlicht nicht dringen konnte, die alten, maſſiven Gräber, über welchen das gemeißelte Abbild irgend einer abgeſchie⸗ denen Patronin oder Aebtiſſin lehnte, welche ein leben⸗ diges Grab mit den Behauſungen der Seligen ver⸗ tauſcht hatte. Aber hier— o wunderbares Menſchen⸗ herz— ſelbſt hier, an dieſem Platz, der in der That eine Predigt und Warnung war gegen menſchliche ers. elle em der tten inte ab⸗ eine die den licht iber hie⸗ ben⸗ ver⸗ hen⸗ Lhat liche 69 Neigungen und ſterbliche Hoffnungen— ſelbſt hier konnteſt du pochen in einer ſo heftigen, glänzenden und reinen Leidenſchaft, als je eine die Bruſt ſchwellte oder in den Augen der Schönheit leuchtete in der freien Luft, welche die Guadiana kräuſelt, oder unter den in der Dämmerung aufgeführten Tänzen kaſtilia⸗ niſcher Jungfrauen! Eine ſchlanke Figur, vom Kopf bis zum Fuß in einen Mantel gehüllt, ſchritt langſem die Kirche ent⸗ lang. Aber ſo leicht und vorſichtig der Schritt war, doch weckte er ein leiſes, hohles, ominöſes Echo, das mehr als der Schritt ſelbſt die Heiligkeit des Ortes zu ſtören ſchien. Sie blieb ſtehen gegenüber einem Beichtſtuhl, der in den ihn umgebenden Schatten nur in dämmernden Umriſſen ſichtbar war. Und dann tauchte daraus ſchüchtern eine weibliche Geſtalt hervor; und eine ſanfte Stimme flüſterte—:„biſt Du es, Fonſeca?“ „Bſcht!“ war die Antwort,„er wartet draußen. Beeilt Euch; ſprecht nicht; kommt.“ Beatriz wich in Ueberraſchung und Angſt bei der Stimme eines Unbekannten zurück; aber der Mann faßte ſie bei der Hand, zog ſie haſtig aus der Kapelle und eilte mit ihr durch den Garten, durch eine Hinter⸗ thüre, welche offen ſtand, in eine dunkle Straße, welche an die Kloſtermauern ſtieß. Hier ſtand der har⸗ rende Pförtner mit einem Bündel in der Hand, das er öffnete und einen langen Mantel herausnahm, wie ihn die Frauen mittlern Standes in Madrid zur 70 Winterszeit trugen, nebſt der landesüblichen Mantilla oder Schleier. Hiermit hüllte, noch immer ohne zu ſprechen, der Unbekannte haſtig die Geſtalt der Novize ein, und eilte wieder mit ihr weiter, bis er, etwa hundert Schritte vor dem Gartenthor, an einen Wagen kam, in welchen er Beatriz hob, dem Pförtner einige Worte zuflüſterte, ſich ſelbſt neben die Novize ſetzte und den Wagen raſch zufahren hieß. Es währte einige Angenblicke, bis Beatriz ſich wieder von ihrer erſten Beſtürzung und Unruhe ſo weit erholte, daß ſie die ganze Seltſamkeit ihrer Lage deut⸗ lich empfand. Sie war allein mit einem Fremden— wo blieb Fonſeca? Sie wandte ſich plötzlich zu ihrem Geſellſchafter. „Wer biſt Du?“ ſagte ſie;„wohin führſt Du mich — und warum——“ „Warum nicht Don Martin neben Dir ſitze? Ver⸗ zeih mir, Sennora; ich habe einen Brief von Fonſeca für Dich; in wenigen Minuten wirſt Du Alles er⸗ fahren.“ Jetzt gerieth eben der Wagen plötzlich mitten un⸗ ter einen Zug von Läufern und Equipagen hinein, welcher den Weg ſperrte. Es war eine glänzende Ge⸗ ſellſchaft bei dem franzöſiſchen Geſandten, und dahin ſrömte Alles was in Madrid vornehm und ritterlich war. Calderon ließ die Blenden herunter und ſchärfte Beatrizen haſtig Stillſchweigen ein. Es dauerte einige Minuten, bis der Fuhrmann ſich wieder aus dem Ge⸗ wühl herausarbeitete; und dann trieb er, wie um den in, ert m, rte en eit ut⸗ nich er⸗ eca er⸗ un⸗ ein, Ge⸗ hin rlich irfte nige Ge⸗ 71 Verzug hereinzubringen, die Pferde zur raſcheſten Eile und wählte ſorgfältig die obſturſten und einſamſten Straßen. Endlich erreichte das Fuhrwerk die Vorſtädte, welche noch heutiges Tages der von Madrid nach Frank⸗ reich Reiſende auf ſeinem Wege durchſchneidet. Die Pferde hielten vor einem einzelnen Hauſe, welches ein wenig von der Straße abſeits ſtand und das, nach dem Styl ſeiner Architektur, von beträchtlichem Alter zu ſeyn ſchien. Der Unbekannte ſtieg aus und pochte zweimal an die Thüre; ſie wurde geöffnet von einem alten Mann, deſſen unmäßig ſcharfe Züge, gebückte Haltung und langer Bart ihn als einen Genoſſen des Volkes Israel bezeichneten. Nach einem kurzen, flüſternd geführten Geſpräch, kehrte der Unbekannte wieder zu Beatriz zurück, half ihr mit ernſtem Anſtand aus dem Wagen ſteigen, führte ſie über die Schwelle und eine Flucht roher Treppen, dämmernd beleuchtet, hinauf, und trat mit ihr in ein reich eingerichtetes Zimmer. Die Wände waren mit Stoffen von prächtiger Fär⸗ bung und kunſtvoller Zeichnung behangen. Fußgeſtelle vom weißeſten Marmor, in allen Ecken des Zimmers ſtehend, unterſtützten ſilberne Candelaber. Die Sopha's und Pfühle waren von der ſchweren aber koſtbaren Art, welche damals in den Palläſten Frankreichs und Spaniens Mode war, und deren urſprüngliche Erfin⸗ derin wahrſcheinlich Venedig war— das eigentliche Vorbild der barbariſchen Dekorationen, womit Louis XIV. den Geſchmack von Paris verderbte. In einem Alkove, unter einem ſeidenen Baldachin, war ein Tiſch bereitet, 72 beladen mit Weinen, Früchten und Fleiſch; und durch⸗ aus ſtand die Eleganz und der Lurus, welche dieß Gemach auszeichneten, in auffallendem und lebhaftem Kontraſt mit dem halb verfallenen Aeußern der Woh⸗ nung, dem finſtern und rohen Eingang in das Gemach, und dem gemeinen und knechtiſchen Ausſehen des Ju⸗ den, der, als wartete er auf weitere Befehle, an der Thüre ſtand oder vielmehr kauerte. Mit einem Schüt⸗ teln der Hand entließ der Unbekannte den Juden; und dann ſich Beatriz nähernd, reichte er ihr Fonſeca's Brief. Während mit einer bezaubernden Miſchung von Sittſamkeit und Begierde ſich Beatriz, mit halb ab⸗ gewandtem Geſicht, über die wohlbekannten Züge beugte, betrachtete Calderon ſie mit forſchendem und neugierigem Blicke. Der Höfling war in dieſem Falle nicht völlig der Schurke, wofür ihn der Leſer nach dem äußern An⸗ ſchein mag genommen haben. Sein Plan war der: er hatte beſchloſſen, ſich den Wünſchen des Prinzen zu fügen— ſeine Sicherheit hing von dieſer Nachgiebig⸗ keit ab. Aber Fonſeca ſollte nicht rückfichtslos geopfert werden. Bei ſeiner tiefen Menſchenverachtung und ſeiner feſten Ueberzeugung von ihrem natürlichen Hang zu Verrath und Trug, konnte Calderon nicht glauben, daß die Schauſpielerin der Engel des Lichts und der Reinheit ſey, als der ſie dem verliebten Fonſeca er⸗ ſchien. Er hatte beſchloſſen, ſie der Probe der Bewer⸗ bung des Prinzen zu unterwerfen. Wenn ſie unterlag er it⸗ 8 73 — ſollte er ſeinen Freund nicht davor bewahren, der Narr einer ſchlauen Intrigantin zu werden?— mußte er nicht den Dank Don Martins verdienen gerade für die Verſuchung, welcher Beatriz jetzt ſollte ausgeſetzt werden? Wenn er Fonſeca von ihrer Falſchheit über⸗ zeugen konnte, ſo mußte er gerechtfertigt vor ſeinem Freund ſtehen, während er ſich die Gunſt des Prinzen rettete. Wenn aber im Gegentheil Beatriz fleckenlos die Probe beſtand; wenn der Prinz, erbittert über ihre hartnäckige Tugend, drohen ſollte, von der wer⸗ benden Huldigung zur Gewaltthat überzugehen, dann wußte Calderon wohl, daß nicht bei der erſten oder zweiten Unterredung ſchon eine wirkliche Gefahr für die Novize zu beſorgen war; und daß er Muße haben würde, ihre Entweichung durch Mittel zu begünſtigen, welche den Prinzen vollſtändig über ſeine Mithülfe zu ihrer Flucht täuſchen müßten. Dieß war das Abkom⸗ men, das Calderon zwiſchen ſeinem Gewiſſen und ſei⸗ nem Ehrgeiz getroffen. Aber während er die Novize anſtarrte, drängten, obgleich ihr Antlitz von ihm ab⸗ gewendet und halb von der Kopfbedeckung, welche ſie aufgeſetzt, verſchleiert war, ſeltſame Gefühle, beun⸗ ruhigend und Unheil weiſſagend, wie jene Erinnerun⸗ gen an die Vergangenheit, welche zuweilen in der Ge⸗ ſtalt von Prophezeiungen der Zukunft kommen, ver⸗ worren und dämmernd auf ſein Herz herein. Die un⸗ bewußte, außerordentliche Anmuth ihrer Geſtalt, ihre rührende Jugend, das über ſie ausgegoſſene Weſen der Unſchuld, ein Etwas in der Zartheit ihrer ſchönen 74 aber feenhaften Verhältniſſe, was den Schutz des Mannes für die Hülfloſe in Anſpruch nahm, ſchien ihm ſeine Verrätherei vorzuwerfen, und was noch von Mitleid und menſchlicher Sanftmuth in ihm war, in ſeinem Herzen zu wecken. Die Novize hatte den Brief geleſen; und wie ſie ſich in der Haſt der Ueberraſchung und Unruhe gegen Calderon, Aufklärung heiſchend, umwandte, ſah ſie zum erſten Mal ſeine Züge und ſein Aeußeres; denn er hatte jetzt ſeinen Mantel und den breiten ſpaniſchen Hut mit den ſchweren Federn abgelegt. So begegne⸗ ten ſich ihre Augen, und wie dieß geſchah, da fuhr Beatriz von ihrem Sitz auf und ſtieß einen gellenden Schrei aus: „Und Dein Name iſt Calderon— Don Rodrigo Calderon! iſt es möglich! Hatteſt Du nie einen andern Namen?“ rief ſie aus; und unter dieſen Worten näherte ſie ſich ihm langſam und ſchüchtern. „Dame, Calderon iſt mein Name,“ verſetzte der Marquis mit ſchwankender Stimme.„Der Deinige aber— der Deinige— iſt er wirklich Beatriz Cvello?“ Beatriz antwortete nicht, ſondern trat ihm immer näher, bis ihr Athem ſeine Wange berührte; dann legte ſie ihre Hand auf ſeinen Arm, und ſchaute ihm ins Angeſicht mit ſo ernſtem, innigem und ſtetigem Blick, daß Calderon, wäre nicht ein ſeltſamer und ſchrecklicher Gedanke— halb Staunen, halb Verdacht — geweſen, der allmälig ſeine Seele beſchlichen hatte, und ſich jetzt ihrer ganz bemächtigte, hätte können 75 zweifelhaft werden, ob die Vernunft der armen Novize ganz in der Ordnung ſey? Nach und nach wandte Beatriz ihr Auge ab und ihr Auge fiel auf einen großen Spiegel ihr gegenüber, welcher das Antlitz Calderons und das ihrige in vollem Licht zurückwarf. Jetzt— wo ihre natürliche Blüthe einer Bläſſe gewichen hatte, nicht viel weniger ſtatuen⸗ artig als die, welche Calderons Antlitz ſelbſt anszeich⸗ nete, wo das holde Spiel und die Beweglichkeit der Züge einer ſtarren, marmorhaften Ruhe des Ausdrucks Platz gemacht hatte— jetzt trat eine auffallende Aehn⸗ lichkeit zwiſchen dieſen beiden Perſonen ſichtbar und erſchreckend hervor. Dieſe Aehnlichkeit fiel gleicherweiſe und im ſelben Augenblick Beatriz und Calderon auf; und Beide, in den Spiegel ſchauend, ſtießen einen unwillkürlichen, plötzlichen Ausruf aus. Mit zitternder, haſtiger Hand ſuchte die Novize in den Falten ihres Kleids und zog eine kleine lederne Taſche, mit ſilbernen Klammern geſchloſſen, hervor. Sie berührte die Feder und nahm ein Miniaturbild heraus, auf welches ſie einen raſchen, wilden Blick warf; dann, ihr Auge zu Calderon emporrichtend, rief ſie:—„Es muß ſo ſeyn— es iſt, es iſt mein Vater!“ und fiel ihm bewegungslos zu Füßen. Calderon bemerkte einige Augenblicke den Zuſtand der Novize nicht; dieß Zimmer, das beabſichtigte Opfer, die Gegenwart, das Unheil der Zukunft— Alles war ihm aus der Seele gewiſcht; er war in die Zukunft zurückverſetzt von den beiden furchtbaren Geiſtern: Er⸗ ———————— ————— 76 innerung und Gewiſſen! Seine Kniee ſchlugen anein⸗ ander, ſein Geſicht ward gelb, der kalte Schweiß ſtand ihm anf der Stirne; er murmelte unzuſammenhängende Worte und bückte ſich dann wieder und nahm das Bild auf. Es war der Kopf eines Maunes in der vollen Tracht eines Studenten von Salamanca und in der erſten Blüthe der Jugend; die edle Stirne hei⸗ ter und ruhig, mit dem Gepräge der Aufrichtigkeit und des Muths; die glatte Wange, prangend in den Farben der Geſundheit; die Lippen, zu einem Lächeln des Glücks ſich öffnend und beredt von Wonne und Hoffnung; es war das Antlitz dieſes ſchlauen, begehr⸗ lichen, ehrſüchtigen, gewiſſenloſen Mannes, als das Leben noch keine Sünden auf ihn gehäuft hatte; es war als wäre der Geiſt der Jugend zurückgekommen, um die Verbrechen des Mannes zu verklagen! Das Bild entfiel ſeiner Hand— er ſtöhnte laut. Dann, die ausgeſtreckte Geſtalt der Novize anſtarrend, ſagte er:„Arme Unglückſelige! kann ich glauben, daß Du wirklich von meinem Stamm und Blut biſt; oder viel⸗ mehr, täuſcht und verſpottet mich nicht die Natur, welche Deinem Antlitz dieſe Züge aufprägte? Wenn ſie, Deine Mutter, log— warum dann nicht die Na⸗ tur ſelbſt auch?“ Er hob die Novize in ſeinen Armen auf und be⸗ trachtete lange und mit tiefem Nachſinnen ihre lebloſen aber höchſt lieblichen Züge. Sie rührte ſich nicht— ſie ſchien kaum zu athmen; aber er bildete ſich ein, er höre wieder die Stimme, die ihn: Vater! begrüßte. ——————————— ———— —.————— 77 Sein Herz ſchlug laut, der göttliche Inſtinkt überwog Alles, er preßte einen leidenſchaſtlichen Kuß auf ihre Stirne, und ſeine Thränen floßen heftig und warm auf ihre Wange. Aber wieder durchzuckte ihn die dunkle Erinnerung, und er ſchauderte, legte die Novize haſtig auf einen der Pfühle und ſchrie laut. Der Jude erſchien und erhielt Befehl, Jacinta zu berufen. Ein junges Weib von derſelben Religion, von rauhem und unlieblichem Aeußern, trat ein, und ihrer Sorgfalt übergab Calderon mit kurzen Worten die noch bewußtloſe Beatriz. Während Jacinta ihr die Kleider aufſchnürte und die Schläfe der Novize rieb, ſchien Calderon in düſte⸗ res Nachſinnen verſunken. Zuletzt ſchritt er langſam fort, als wollte er das Zimmer verlaſſen, als er mit dem Fuß gegen das Käſichen des Gemäldes ſtieß und ſein Auge auf ein Papier ſiel, das darin gefaltet und verſteckt lag. Er nahm es auf, ſchlug die Vorhänge zurück und eilte in ein kleines, nur von einer einzelnen Lampe erleuchtetes Gemach. Hier las Calderon, allein und ungeſehen, folgenden Brief: „An Rodrigo Nunez. „Wird dieſer Brief Dir je zu Geſicht kommen? Ich weiß nicht; aber es iſt mir ein Troſt, auf dem Sterbebette an Dich zu ſchreiben; und wäre nicht der mich gräßlich auälende Gedanke, daß Du mich— mich, deren innigſtes Leben Deine Liebe war— für treulos und entehrt hältſt, ſo wäre mir ſelbſt der Tod nur ſüßer, weil er die Folge Deines Verluſtes iſt. Ja, 78 eine Stimme in mir ſagt mir, daß dieſe Zeilen nicht umſonſt werden geſchrieben ſeyn; daß Du ſie einſt leſen wirſt, wenn dieſe Hand regungslos und dieß Haupt zur Ruhe iſt, und daß Du dann fühlen wer⸗ deſt: ich hätte nicht ſo an Dich zu ſchreiben vermocht, wäre ich nicht unſchuldig geweſen; daß Du in jedem Wort ein Zeugniß leſen werdeſt, ſtark wie die Stimme von Tauſenden— ein einfaches aber feierliches Zeug⸗ niß der Treue und Wahrheit. Wie! wenn ich Deinet⸗ wegen Alles verließ— die Heimath, eines Vaters Liebe, Reichthum, und den Namen den ich von Mau⸗ ren geerbt, welche zu ihrer Zeit Monarchen geweſen waren— konnteſt Du glauben, ich habe nicht meine Liebe zu Dir zum Herzen, zum Leben, zum Mark meines ganzen Weſens gemacht?— und Ein kurzes Jahr habe hingereicht, meine Treue zu erſchüttern?— Ein Jahr der Ehe, und zwei Monate der Trennung? Du verließeſt mich, verließeſt die trauliche Heimath am ſilbernen Tenil. Denn die Liebe genügte Dir nicht; der Ehrgeiz begann in Dir rege zu werden und Du nannteſt ihn Liebe. Du ſagteſt: es ſchmerze Dich, daß ich arm ſey; daß Du mir nicht den Reichthum und Ueberfluß wieder verſchaffen könneſt, die ich ver⸗ loren.(Ach! warum wandteſt Du ſo ungläubig Dein Ohr weg von meiner Verſicherung, daß in Dir, in Dir allein mein Ehrgeiz und Stolz alle ihre Befriedigung finde?²) Du behaupteteſt, die richtigen Sterndeuter hätten an Deiner Wiege verkündigt, daß Du zu hohen Ehren und glänzender Macht geboren ſeyeſt, und daß 79 dieſe Prophezeiung von ſelbſt zur Erfüllung reifen würde. Du verließeſt mich, um in Madrid Deinen Verwandten aufzuſuchen, der ſich zur Gunſt eines Miniſters aufgeſchwungen hatte, und von deſſen Liebe Du Dir die Eröffnung einer Laufbahn für Dich ver⸗ ſprachſt. Erinnerſt Du Dich noch wie wir ſchieden, wie Du meine Thränen wegküßteſt, und wie ſie von neuem hervorbrachen— wie Du wieder und immer wieder ſagteſt: Lebewohl! und immer und immer wieder kameſt, als ob wir uns nie trennen könnten! Und ich nahm mein, erſt vor wenigen Wochen gebornes Kind, aus ſeiner Wiege, und legte es in Deine Arme und ließ Dich ſehen, wie es ſchon Dein Lächeln kenne; und waren das die Zeichen der Untreue? Oh wie ich ſchmachtete nach dem Laut Deines Schrittes, als Du weg wareſt! wie der ganze Sommer mir verſchwunden war von der Landſchaft; und wie ich, zu dem Kind zurückkehrend, Dich wieder zu ſehen glaubte! Den Tag, nachdem Du weg wareſt, pochte es an der Thüre des Landhauſes; die Wärterin öffnete, und herein trat Dein früherer Nebenbuhler, den mein Vater mir auf⸗ zudrängen geſucht hatte, der Reichſte unter den Ab⸗ kömmlingen der Mauren, Arraez Ferrares. Warum lange verweilen bei dieſem verhaßten Gegenſtand? Er hatte unſer Haus aufgeſpürt, er hatte Deine Entfer⸗ nung erfahren, er kam mich mit ſeinen Liebesverſiche⸗ rungen zu quälen und zu beſchimpfen. Bei der gebe⸗ nedeiten Mutter, welche Du mich anbeten gelehrt haſt, bei den Schreckniſſen und Qualen des Todes, bei — 80 meiner Hoffnung auf den Himmel, ich bin unſchuldig, Rodrigo, ich bin unſchuldig! Oh! wie konnteſt Du Dich ſo täuſchen laſſen? Er verließ das Haus grollend und wüthend; wieder und wieder ſuchte er mich auf; und als ihm die Thüre verſchloſſen ward, lauerte er mir auf jedem Schritt und Tritt auf. Obgleich wir allein und wehrlos waren, Dein Weib und Dein Kind, mit nur Einer Dienerin, fürchtete ich ihn doch nicht; aber ich zitterte vor Deiner Rückkehr, denn ich wußte, daß Du ein Spanier, ein Caſtilianer ſeyeſt, und daß unter Deinem ruhigen und ſanften Aeußern Stolz, Eiferſucht und Nachgier laure. Dein Brief kam an, Dein einziger Brief ſeit Deiner Abreiſe, der letzte Brief von Dir über dem ich weinen, den ich an mein Herz legen darf. Dein Verwandter war todt und ſein Vermögen bereicherte einen nähern Erben. Du ſtandeſt im Begriff heimzukehren. Der Tag, an welchem ich Deiner Ankunft entgegenſehen durfte, näherte ſich— er kam. Während der letzten acht Tage hatte ich von Ferrares nichts mehr geſehen und gehört. Ich hoffte, er werde endlich die Fruchtloſigkeit ſeiner Beſtrebungen eingeſehen haben. Ich ging in das Thal, Dein Kind auf meinem Arm, Dir entgegen; aber Du kameſt nicht. Die Sonne ging unter und das Licht Deiner Augen trat nicht an die Stelle des verſinkenden Tages. Ich kehrte nach Haus zurück und blieb die ganze Nacht, Deiner harrend, wach; aber umſonſt. Am nächſten Morgen ging ich wieder in das Thal, und wieder kehrte ich mit krankem Herzen in meine öde Behauſung 81 zurück. Es war jetzt Mittag. Als ich mich der Thüre näherte, ward ich Ferrares' anſichtig. Er drängte fich mit Gewalt ein. Ich ſagte ihm ven Deiner erwarte⸗ ten Rückkehr und drohte ihm mit Beiner Rache. Er verließ mich; und geängſtigt von tauſend unbeſtimmten Ahnungen ſetzte ich mich hin und weinte. Die Wärterin, Leonarda, wachte im innern Zimmer an der Wiege unſers Kindes. Ich war allein. Plötzlich öffnete ſich die Thüre. Ich hörte Deinen Schritt; ich kannte ſeine Muſik. Ich fuhr auf; Heilige des Himmels, welche Begegnung— welche Rückkehr! Blaß, hohläugig, Hände und Kleider triefend von Blut, Deine Angen funkelnd von wahnfinnigem Feuer, ein fürchterliches Lächeln des Hohns auf der Lippe— ſo ſtandeſt Du vor mir. Ich wollte mich an Deine Bruſt werfen; Du ſchlenderteſt mich von Dir; ich fiel auf meine Kniee und die Spitze Deiner Klinge ward auf mein Herz gezückt— das Herz, das ſo voll war von Dir!„Er iſt todt!“ ſagteſt Du in hohlem Tone,„er iſt todt, Dein Buhle! Nimm jetzt Dein Bett neben ihm!“ Ich weiß nicht was ich ſagte, aber es ſchien Dich zu rühren; Deine Hand zitterte und die Spitze Deiner Waffe ſenkte ſich. Jetzt ſtürzte Leonarda, Deine Stimme hörend, ins Zimmer und trug Dein Kind in ihren Armen.„Sieh!“ rief ich,„ſieh Deine Tochter; ſiehe, ſie ſtreckt ihre Händchen nach Dir aus! ſie bittet für ihre Mutter!“ Bei dieſem Anblick wurde Dein Ange⸗ ſicht wieder finſter, der Dämon erfaßte Dich wieder. Bulwer's Romane. LXKXIV. 6 8² „Mein Kind!“ waren Deine grauſamen Worte— ſie gellen mir noch im Ohr—„nein! es ward vor der Zeit geboren— ha, ha!— Du verrietheſt mich von Anfang an!“ Damit erhobeſt Du Dein Schwert; aber auch da noch(o beſeligender Gedanke, auch da noch!) lähmten Gewiſſensbiſſe und Liebe Deine Hand und wandten Dein Auge weg; der Streich war nicht tödt⸗ lich. Ich ſank bewußtlos zu Boden, und als ich wie⸗ der zu mir kam, warſt Du weg. Fieberphantaſieen traten ein; und als Befinnung und Vernunft mir wiederkehrten, ſah ich einen heiligen Prieſter an meiner Seite, und von ihm erfuhr ich allmälig Alles was mir bisher dunkel geweſen. Ferrares war, in ſeinem Blute ſchwimmend, im Thal gefunden worden. In ein benachbartes Kloſter gebracht lebte er noch ein paar Tage, während welcher er den an Dir begange⸗ nen Verrath bekannte, in ſeinen letzten Stunden den chriſtlichen Glauben annahm und mit ſeiner eigenen Namensunterſchrift ſein Verbrechen bezeugte. Er be⸗ auftragte den Mönch, der ihn bekehrte und ſeine Beichte gehört hatte, dieſen Beweis meiner Unſchuld in meine Hände zu überliefern. Sieh ihn hier beigeſchloſſen. Wenn je dieſer Brief Dir zukommt, wirſt Du erken⸗ nen, wie treu Dein Weib Dir im Leben war und deßhalb das Recht hat, Dich noch im Tod zu ſegnen!“ Bei dieſer Stelle ließ Calderon den Brief aus der Hand finken und ward von einer Art von Läh⸗ mung ergriffen, die ihn einige Augenblicke ſelbſt des Lebens zu berauben ſchien. Als er wieder zu ſich kam, der oon ber h1) und ie⸗ een mir ner vas tem ꝙ ein ge⸗ den nen be⸗ chte eine ſen. ken⸗ und n!“ aus des am, 83 griff er haſtig nach einem in dem Brief eingeſchloſſenen Papier, das er bisher außer Acht gelaſſen. Auch jetzt noch war ſeine Bewegung ſo heftig, daß ſein Auge verdunkelt und getrübt war, und es dauerte lange bis er die ihm vor dem Auge ſchwimmenden Schriftzüge leſen konnte, welche die Zeit beinahe verfärbt hatte. „An Inez. „Ich habe nur noch wenige Stunden zu leben;— laß mich ſie hinbringen mit Buße und Gebet, weniger für mich als für Dich. Du weißt nicht, wie wahn⸗ finnig ich Dich liebte, und wie Dein Haß oder Deine Gleichgültigkeit jede Leidenſchaft zur Marter ſteigerte. Laſſen wir das. Als ich Dich wieder ſah— die Ab⸗ trünnige von Deinem Glauben— arm, unangeſehen und zum Leben einer Bäuerin verdammt— da ge⸗ ſtalteten ſich mir kühne Hoffnungen zu kecken Entwür⸗ fen. Als ich Dich unerbittlich fand, kehrte ich meine Künſte und Liſten gegen Deinen Gatten. Ich kannte ſeine Armuth unud ſeinen Ehrgeiz; wir Mauren haben die Habſucht der Chriſten hinreichend kennen zu lernen Gelegenheit gehabt! Ich trug einem Mann, dem ich vertrauen konnte, auf, ihn in Madrid aufzuſuchen. Schätze— reiche Schätze— Schätze die einem Spa⸗ nier alle Pforten der Macht aufſchließen konnten, wur⸗ den ihm geboten, wenn er Dir für immer entſagen wollte. Ja, um alle Liebe in ſeiner Bruſt zu erſticken, wurde ihm geſagt: ich habe das frühere Recht— Du habeſt Dich meiner Bewerbung hingegeben, ehe Du 6* 84 mit ihm geflohen— Du habeſt ſeine Liebe benützt, um Deiner Entehrung zu entfliehen— Dein Kind ſelbſt ſey von einem andern Vater. Ich hatte erfahren— und ich wußte dieſe Kunde zu benützen— daß es vor ſeiner Zeit geboren war. Wir hatten uns über die Wirkung dieſer Vorſtellungen, unterſtützt und beglau⸗ bigt durch nachgemachte Briefe, verrechnet. Statt Dich zu verlaſſen, dachte er nur darauf, ſeine Schmach zu rächen. Als ich Dein Haus verließ, das letzte Mal, wo ich in Dein zürnendes Auge ſah, fand ich den Rächer auf meinem Wege! Er hatte mich Dein Dach verlaſſen ſehen— es bedurfte für ihn keiner weitern Beſtätigung der ihm erzählten Geſchichte. Ich fiel in die Grube, die ich Dir gegraben. Das Gewiſſen ent⸗ nervte meine Hand und ſtumpfte mein Schwert; kaum kreuzten ſich unſere Klingen, als ſeine Waffe mich zu Boden ſtreckte. Man ſagt mir, er ſey vor der Ahn⸗ dung des Geſetzes geflohen; er mag ohne Furcht zu⸗ rückkehren. Feierlich und auf dem Sterbebette, und im Angeſicht des letzten Gerichtes, bezeuge ich vor der Gerechtigkeit und vor der Welt, daß wir ehrlich ge⸗ fochten und daß ich verdientermaßen ſterbe. Ich habe Deinen Glauben angenommen, obgleich ich ſeine Ge⸗ heimniſſe noch nicht begreifen kann. Es genügt mir, daß er mir die einzige Hoffnung gewährt, daß wir uns wieder ſehen werden. Ich will, daß dieſe Zeilen an Dich beſtellt werden ſollen— ein ewiges Zeugniß Deiner Unſchuld und meiner Schuld. Ach, kannſt Du 8 6 ſe 8⁵ mir vergeben? Ich wußte von keiner Sünde, bis ich Dich ſah. Arraez Ferrares.“ Calderon hielt inne, ehe er den Schluß von ſeiner Gattin Brief las; und obgleich er regungs⸗ und ſprach⸗ los blieb, nie waren doch Todesangſt und Verzweif⸗ lung furchtbarer auf dem Antlitz eines Menſchen aus⸗ geprägt. Schluß von Inez Brief. „Und was nützt mir dieß Zeugniß meiner Treue? Du biſt geflohen; man findet nirgends Deine Spuren; ich werde Dich auf Erden nicht mehr ſehen. Ich ſterbe ſchnell dahin, aber nicht an der Wunde, die ich von Dir empfing; laß nicht dieſen Gedanken Deine Seele verfinſtern, mein Gatte! Nein! Dieſe Wunde iſt ge⸗ heilt. Der Gedanke iſt ſchärfer als das Schwert.— Ich habe mich im Gram verzehrt über Deinen und Deiner Liebe Verluſt! Kann der Schatten leben ohne die Sonne? Und wirſt Du nie Deine Hand auf mei⸗ ner Tochter Stirne legen und ſie ſegnen um ihrer Mutter willen? Ach, ja— ja! die Heiligen, die über der Menſchen Schickſalen wachen, werden ſie eines Tags Dir in den Weg führen; und die Stunde, welche Dir eine Tochter ſchenkt, wird auch das Andenken Deines Weibes Dir reinigen und heiligen.... Leo⸗ narda hat gelobt, unſerem Kind eine Mutter zu ſeyn, es zu pflegen, für es zu arbeiten, es, wenn auch in Armuth, doch in der Tugend, aufzuziehen. Ich über⸗ — gebe dieſe Briefe Leonarda's Verwahrung, nebſt Deinem Bilde— das nicht von meiner Bruſt kommen ſoll, bis das Herz darunter hat aufgehört zu ſchlagen. Nicht eher als bis Beatriz(ſo habe ich ſie getauft— es war Deiner Mutter Name D in das Alter getreten iſt, wo die Vernunft ringen kann mit dem Kummer im Herzen, ſoll ihre Jugend verdüſtert werden durch die Kunde unſeres Schickſals. Leonarda hat mich be⸗ redet, Beatriz ſolle nicht Deinen Namen Nunez an⸗ nebmen. Unſere Geſchichte hat Grauſen und Abſcheu erregt— denn man verſteht den Zuſammenhang nicht — und Du wirſt der Mörder Deines Weibes genannt; und die Geſchichte unſeres Jammers würde immer am Leben unſerer Tochter haften, und ihr zu Ohren kom⸗ men, und vielleicht ihr Geſchick vergiften. Aber ich weiß, Du wirſt ſie dennoch auffinden, denn die Natur hat ihre eigene Vorſehung. Wenn Du ſie endlich auf⸗ findeſt: ſchütze, bewahre, liebe ſie— die Dir geheiligt iſt und bleiben wird— das reine aber kummervolle Vermächtniß der Liebe und des Todes. Ich bin zu Ende; ich ſegne Dich ſterbend! Inez.“ Kaum hatte er die letzten Worte geleſen, als die Glocke ſchlug; es war die Stunde, wo der Prinz kommen ſollte. Dieſer Gedanke brachte Calderon wie⸗ der zum Bewußtſeyn der Gegenwart— der drohenden Gefahr. All die kalten Berechnungen, die er in Be⸗ treff der ihm unbekannten Novize gemacht hatte, ver⸗ — — NW NM 8 NS„ 87 ſchwanden jetzt. Er küßte leidenſchaftlich den Brief, legte ihn auf ſeine Bruſt, und eilte in das Gemach, wo er ſein Kind verlaſſen hatte. Unſere Erzählung kehrt zu Fonſeca zurück. —— Reuntes Kapitel. ——————— Das Gegenkomplott. Calderon hatte den jungen Soldaten noch nicht lang verlaſſen, als der Gouverneur des Gefängniſſes eintrat, um einem Gefangenen von ſo hoher Geburt und ſolchem militäriſchem Ruhm ſeine Achtung zu be⸗ zeigen. Fonſeca, immer von heftiger und ungeſtümmer Gemüthsart, war nicht in der Laune Komplimente zu tauſchen; aber der Gouverneur hatte ſich kaum geſetzt, als er eine Saite im Geſpräch anſchlug, welche augen⸗ blicklich die Aufmerkſamkeit und das Intereſſe des Ge⸗ fangenen anzog und feſſelte. „Seyd ohne Furcht, Herr,“ lange hier werdet bleiben Feindes iſt groß, aber ſie ſagte er,„daß Ihr müſſen; die Gewalt Eures wird nicht von langer Dauer ſeyn. Der Sturm ſammelt ſich ſchon über ſeinem Haupt; er muß mehr als ein Menſch ſeyn, wenn er dem Donnerkeil entrinnt.“ „Sprecht Ihr ſo gegen mich von meinem eigenen Verwandten, dem Herzog von Lerma?“ c —.—— —— 6c—„— — ht 8 rt = 89 „Nein, Don Martin, verzeiht. Ich ſprach vom Marquis von Siete Igleſias. Seyd Ihr denn ſo ganz ein Fremdling in Madrid und am Hof, daß Ihr meint, der Herzog von Lerma unterzeichne je eine Schrift ohne das Verlangen des Don Rodrigo? Ja, er ſehe je eine Schrift an, unter welche er ſeinen Namen ſchreibt? Verlaßt Euch darauf, Ihr ſeyd hier, um die Habſucht oder Rache der Geiſel Spaniens zu befriedigen.“ „Unmöglich!“ rief Fonſeca.„Don Rodrigo iſt mein Freund— mein Gönner. Er überhäuft mich mit ſeiner Güte.“ „Dann ſeyd Ihr ganz gewiß verloren,“ ſagte der Gouverneur im Tone des Mitleids.„Der Tiger lieb⸗ kost immer ſeine Beute, ehe er ſie verſchlingt. Was habt Ihr gethan, ſeine Güte zu verdienen?“ „Sennor,“ ſagte Fonſeca argwöhniſch,„Ihr ſprecht zu einem Unbekannten mit einem ſeltſamen Mangel an Behutſamkeit, und das gegen einen Mann, deſſen Macht Ihr ſelbſt eingeſteht.“ „Weil ich vor ſeiner Rache ſicher bin, weil die Inquiſition ſchon ihr Verderben⸗bringendes Auge auf ihn geheftet hat; weil ich dieſer Inquiſition nicht un⸗ bekannt, nicht ohne ihren Schutz bin; weil ich mit Freude und Triumph die Stunde herannahen ſehe, welche der Gerechtigkeit den Kuppler des Prinzen über⸗ liefern ſoll, den Verräther des Königs, den Räuber des Volks; weil ich Theil an Euch nehme, Don Mar⸗ tin, was Ihr wohl begreifen werdet, ſobald Ihr ——— — 90 meinen Namen erfahren habt. Ich bin Juan de la Nuza, der Vater des jungen Offiziers, dem Ihr bei dem Angriff der Mortsken in Valencia das Leben ge⸗ rettet, und ich bin Euch zu ewiger Dankbarkeit ver⸗ pflichtet.“ Es lag etwas in dem herzlichen und offenen Ton des Gouverneurs, was ihm ſogleich Fonſeca's Ver⸗ trauen gewann. Er wurde unruhig und in ſeiner Seele ſtieg ängſtlicher Verdacht gegen ſeinen frühern Lehrer und jetzigen Gönner auf. „Was, muß ich fragen, haſt Du gethan, ſeine Aufmerkſamkeit auf Dich zu lenken? Calderon iſt nicht launenhaft in ſeiner Grauſamkeit. Biſt Du reich, und hofft er, Du werdeſt Deine Befreiung mit fünftauſend Piſtolen erkaufen? Nicht! Haſt Du ihn auf der Bahn ſeines Ehrgeizes gekreuzt? Hat er Dich mit Uzeda zu⸗ ſammen geſehen? oder ſtehſt Du in Gunſt bei dem Prinzen? Alles nicht! Nun ſo haſt Du eine Gattin, Schweſter oder Geliebte von ſeltenen Vorzügen und Reizen, mit welcher Calderon die Gelüſten des aus⸗ ſchweifenden Prinzen vergnügen und ſich in ſeiner Ach⸗ tung erhalten will? Ha! Du wechſelſt die Farbe!“ „Beim Himmel, Ihr macht mich toll mit dieſen hölliſchen Vermuthungen! Sprecht einfach und gerade heraus!“ „Ich ſehe, Du kennſt Calderon nicht,“ ſagte der Gouverneur mit bitterem Lächeln.„Aber ich wohl— denn meine Nichte war ſchön und der Prinz bemühte ſich um ſie——. Doch genug davon; an ſeinem v v—— — S—„ — 91 Schafott oder an der Folter werde ich meinen Rache⸗ durſt gegen Rodrigo Calderon geſtillt ſehen. Ihr ſagtet, der Herzog von Lerma ſey Euer Verwandter; ſo ſeyd Ihr denn ebenſo auch verwandt mit ſeinem Sohn, dem Herzog von Uzeda. Wendet Euch nicht an Lerma. Er iſt Calderons Werkzeug. Wendet Euch an Uzeda; er iſt Calderons Todfeind. Während Calderon bei dem Prinzen Boden gewinnt, macht uzeda Fortſchritte beim König. Uzeda kann Dir mit einem Wort die Freiheit verſchaffen. Der Herzog kennt mich und vertraut mir. Willſt Du mir Auftrag geben, ihn mit Deiner Ver⸗ haftung bekannt zu machen und ihn um ſeine Verwen⸗ dung bei Philipp zu bitten?“ „Ihr gebt mir neues Leben. Aber keine Stunde iſt zu verlieren; dieſe Nacht— dieſen Tag— oh, barmherzige Mutter! welches Bild habt Ihr heraufbe⸗ ſchworen! Fliegt zu Uzeda, wenn Ihr meine Vernunft retten wollt! Ich ſelbſt habe ihn kaum mehr geſehen ſeit meinen Knabenjahren— Lerma verbot mir, ſeine Freundſchaft zu ſuchen. Aber ich bin von ſeinem Stamm — ſeinem Blut.“ „Seyd getroſt— ich werde den Herzog heute ſehen. Ich habe Geſchäfte mit ihm, wovon Ihr nichts ahnt. Wir bringen ſeltſame Dinge zu einer Entſcheidung. Hofft das Beſte!“ Damit verabſchiedete ſich der Gouverneur. Mit der Abenddämmerung ſtand Don Juan de la Nuza, in einen dunkeln Mantel gehüllt, vor einer kleinen Thüre, welche tief in einer maſſiven, düſtern ———— —.————— 92 Mauer angebracht war, die ſich auf der einen Seite einer öden und gemiedenen Straße hinzog. Ohne die Spur eines lebendigen Menſchen that ſich auf ſein Pochen die Thüre auf und der Gouverneur trat in einen langen und ſchmalen Gang, in Zimmer führend, welche ſchauerlichere Empfindungen erweckten, als irgend ein Gemach in ſeinem eigenen Gefängniß. Hier be⸗ gegnete er plötzlich dem Jeſuiten, Fray Louis de Aliaga, dem Beichtiger des Königs. „Wie geht es dem Großinquiſitor?“ fragte de la Nuza. „Er hat ſo eben ſein Leben ausgehaucht,“ ant⸗ wortete der Jeſuit.„Seine ſo plötzliche Krankheit trotzte aller ärztlichen Hülfe. Sandoval y Rorxas iſt bei den Heiligen.“ Der Gouvernenr, der, wie der Leſer leicht erräth, der heiligen Körperſchaft angehörte, bekreuzte ſich und antwortete:„Wem wird wohl als Nachfolger ſeine Stelle zufallen? Wer wird zuerſt das Ohr des Königs gewinnen?“ „Ich weiß nicht,“ antwortete der Jeſuit;„aber ich bin in dieſem Augenblick zu Uzeda berufen worden. Entſchuldigt meine Eile.“ Mit dieſen Worten ſchlüpfte Aliaga fort. „Mit Sandoval y Roras,“ murmelte Don Juan, „ſtirbt der letzte Beſchützer Calderons und Lerma's; wenn nicht anders der ſchlaue Marquis den König zu bereden weiß, daß er Aliaga, ſeinen Freund, zu des verſtorbenen Kardinals Nachfolger macht. Aber Aliaga 93 ſucht Uzeda auf— ſeinen Feind und Rebenbuhler. Was kann dieß zu bedeuten haben 2“ Unter dieſem Selbſtgeſpräch ſetzte der Gouverneur ſchweigend ſeinen Weg fort, bis er zu einer Thüre kam, vor welcher zwei Männer mit Masken ſtanden, die ihn mit einer ſtummen Verbengung des Kopfes grüßten. Die Thüre öffnete ſich und ſchloß ſich wieder, als der Gouverneur eingetreten war. Inzwiſchen hatte der Beichtiger den Pallaſt des Herzogs von Uzeda erreicht. Uzeda war nicht allein; es war bei ihm ein Mann, deſſen gelbe Geſichtsfarbe, unvortheilhafte Züge und einfache Kleidung einen ſelt⸗ ſamen Kontraſt bildeten zu der ſtattlichen Perſon und der koſtbaren Kleidung des Herzogs. Aber ſobald nur dieſer Mann den Mund öffnete, ſo fiel die Verglei⸗ chung nicht mehr zu ſeinem Nachtheil aus. Etwas in dem Funkeln ſeines tiefliegenden Auges— in der be⸗ zaubernden Eigenthümlichkeit ſeines Lächelns— und vor Allem in dem Ton ſeiner ſehr muſikaliſchen und ernſten Stimme, feſſelte ſogleich die Aufmerkſamkeit an ſeine Worte. Und was immer dieſe Worte ſeyn mochten— es trug dieſer Mann und ſeine Denk⸗ und Ausdruckweiſe das Gepräge eines zugleich ſchlauen und Achtung gebietenden Geiſtes. Dieſe Perſon war Gaſpar de Guzman, damals bloßer Kammerherr des Prinzen (welchen Poſten er Calderon verdankte, für deſſen Kreatur er galt), nachmals ſo berühmt in der Ge⸗ ſchichte Philipps IV. als Graf von Olivarez und erſter Miniſter Spaniens. 94 Die Unterredung zwiſchen Guzman und lzeda neigte ſich eben als der Jeſuit eintrat, zum Schluß. „Ihr ſeht,“ ſagte Uzeda,„wenn wir Calderon zermalmen wollen, müſſen wir uns auf die Inquiſition ſtützen. Jetzt iſt es an der Zeit, in dem Nachfolger von Sandoval 9 Roras einen Mann zu wählen, der zum Verderben des Günſtlings die Hand bietet. Der Grund, warum ich Aliaga wähle, iſt dieſer— Calde⸗ ron wird nie ein Mißtrauen in ſeine Freundſchaft ſetzen, und wird uns deßwegen auch beim König nicht ſtörend in den Weg treten. Der Jeſuit, der die ganze Chriſten⸗ heit um ſeiner oder ſeines Ordens Beförderung willen verkaufen würde, wird gern Calderon aufopfern für den Präſidentenſtuhl der Inquifition.“ „Ich glaube es,“ verſetzte Guzman.„Ich billige Eure Wahl; und Ihr könnt Euch auf mich verlaſſen, daß ich Calderon das Spiel beim Prinzen verderben werde. Ich habe das Mittel gefunden, Philipp zu be⸗ herrſchen; es beſteht darin, daß man ihm nie Grund gibt, ſeine Günſtlinge zu verachten; daß man ſeiner Eitelkeit ſchmeichelt, ohne ſeine Laſter zu theilen. Glaubt mir, Ihr allein, wenn Ihr meinen Räthen folgt, könnt der Miniſter des vierten Philipps ſeyn.“ Hier trat ein Page ein, um Don Fray Louis de Aliaga anzumelden. Uzeda trat zur Thüre vor und empfing den heili⸗ gen Mann mit tiefer Ehrfurcht. „Setzt Euch, mein Vater, und laßt mich ſogleich zu der Hauptſache kommen; denn die Zeit drängt und h d e.5/ 8 ——— er e 8 co+ v 95 heute Nacht muß Alles abgemacht ſeyn. Ehe Andere auf den König einen Einfluß ausüben, müſſen wir raſch in unſerem Sinn die Ernennung von Sandovals Nachfolger durchſetzen.“ „Das Gerücht ſagt, der Kardinal⸗Herzog, Euer Vater, wünſche für ſich ſelbſt den erledigten Präſiden⸗ tenſtuhl bei der Inquiſition.“ „Mein armer Vater! er iſt alt— ſeine Sonne iſt hinunter. Nein, Aliaga; ich habe an einen Mann ge⸗ dacht, paſſender für dieſen hohen und ernſten Poſten: mit Einem Wort, es kommt auf Euch an, ob Ihr die Stelle annehmen wollt. Ich kann Euch zum Groß⸗ Inquiſitor Spaniens machen— ich!“ „Mich!“ ſagte der Jeſuit und wandte ſein Geſicht weg.„Ihr ſcherzt mit mir, edler Sohn!“ „Ich rede im Ernſt— hört mich an. Wir ſind Feinde und Nebenbuhler geweſen— warum ſollte aber nicht unſer Weg einer und derſelbe werden können? Calderon hat Euch um Freunde gebracht, mächtiger als er. Seine Stunde iſt gekommen. Des Herzogs von Lerma Sturz iſt unvermeidlich; könnte er vermie⸗ den werden, ſo würde ich, ſein Sohn, wie Ihr Euch denken könnt, gern dazu die Hand bieten. Aber die Geſchäfte ermüden ihn— er iſt alt— die Angelegen⸗ heiten Spaniens find in einem kläglichen Zuſtand— ſie bedürfen jüngerer und kräftigerer Hände. Mein Vater wird ſich nicht grämen über eine Zurückgezogen⸗ heit, welche ſeinen Jahren gemäß iſt, und welche ehren⸗ voll ſeyn wird für ſeine grauen Haare. Aber irgend ————. —— 96 ein Opfer muß die Wuth des Volkes ſättigen; dieß Opfer muß der Emporkömmling Calderon ſeyn, und das Mittel ſeiner Strafe— die Inquiſition. Jetzt ver⸗ ſteht Ihr mich. Unter Einer Bedingung ſollt Ihr San⸗ dovals Nachfolger werden. Wißt, daß ich nichts ver⸗ ſpreche, was ich nicht Macht habe zu erfüllen. Im Augenblick, wo ich ſichere Kunde von des verſtorbenen Kardinals Tod erhielt, eilte ich zu dem König. Ich habe das Verſprechen der Ernennung; und noch dieſe Nacht ſoll Euer Name, wenn Ihr die Bedingung ein⸗ geht und nicht Calderon inzwiſchen den König ſieht und die Ernennung hintertreibt, die königliche Beſtä⸗ tigung erhalten⸗“ „Unſer trefflicher Aliaga kann ſich nicht bedenken,“ ſagte Don Gaſpar de Guzmann.„Der Orden Loyola's ruht auf Schultern, welche die Laſt wohl tragen können.“ Ehe das Kleeblatt ſchied, ward der Vertrag voll⸗ ſtändig abgeſchloſſen. Aliaga übte gegen ſeinen Freund die Lehre, die er ihm gepredigt hatte: daß der Zweck jedes Mittel heiligt. Kaum war Aliaga weg, als Juan de la Nuza eintrat; denn Uzeda, welcher die Inquiſi⸗ tion zum Hauptwerkzeug ſeiner Macht zu machen ſuchte, bewarb ſich um die Freundſchaft aller dabei Angeſtell⸗ ten. Er verſprach gerne, die Freilaſſung Fonſeca's zu bewirken; und wirklich war kaum Mitternacht vorüber, als im Gefängniß ein Befehl zur Freigebung Don Martin Fonſeca's eintraf, begleitet mit einem Schrei⸗ ben des Herzogs an den Gefangenen, voll zärtlicher v XV w S v N ——————————— 97 Betheurungen und mit der Bitte, ihn am folgenden Morgen zu ſprechen. So ſpät es auch war und ſo dringende Gegen⸗ vorſtellungen der Gouverneur machte, welcher ihn dieſe Nacht im Gefängniß zurückzuhalten wünſchte, in der Hoffnung ihm noch ſein Geheimniß zu entlocken: be⸗ ſtand doch Fonſeca, ſobald der Befehl anlangte, auf ſeiner Befreiung und erhielt ſie. Bulwer's Romane. LKKIV. SFehntes Rapitel. Wir ernten was wir ſäen. Mit Gefühlen triumphirender Freude, wie ſie noch nie ſeine gewiſſenloſe und verworfene Seele beſtürmt hatten, machte ſich der Infant von Spanien auf den Weg nach dem einſamen Haus an der Straße von Fuencarral. Er ſtieg aus ſeinem Wagen ungefähr hundert Schritte weit von dem Haus, und begab ſich zu Fuß an den verabredeten Platz. Der Jude öffnete dem Prinzen die Thüre mit einem häßlichen Grinſen auf ſeiner hohlen Wange; und Philipp eilte die Treppen hinauf, und erblickte, bei ſeinem Eintritt in das oben beſchriebene Zimmer, zu ſeiner unglaublichen Beſtürzung und Verdruß die Ge⸗ ſtalt der Beatriz von Calderons Armen feſt umſchlun⸗ gen, ihr Haupt an ſeiner Bruſt ruhend; während ſeine Stimme, halb erſtickt von leidenſchaftlichem Schluchzen, ſie mit den zärtlichſten liebkoſenden Namen nannte. Einen Augenblick ſtand der Prinz verzaubert und ſprachlos an der Schwelle; dann, heftig an den Griff 99 ſeines Schwertes ſchlagend, rief er:„Verräther, paſt Du ſo Dein Verſprechen gehalten? Zitterſt Du nicht vor meiner Rache?“ „Ruhig, ruhig!“ ſagte Calderon mit gebieteriſchem aber leichenhaftem Ton und die eine Hand ſchüttelnd mit einer Geberde von Ungeduld und Vorwurf, wäh⸗ rend er mit der andern das lange wallende Haar zu⸗ rückſchob, welches über das blaſſe Antlitz der noch im⸗ mer bewußtloſen Novize fiel.„Ruhig! Prinz von Spanien; Deine Stimme ſcheucht das kämpfende Leben zurück— ruhig! Schau auf, Bild und Reliquie der Verlornen— der Gemordeten— der Märtprerin! Still! hört Ihr ihren Athem? oder iſt ſie bei ihrer Mutter in dem Himmel, welcher ſich mir verſchließt? Lebe, lebe! meine Tochter— mein Kind, lebe! denn Dein Leben in der Welt ſpäter wird nicht mein ſeyn!“ „Was bedeutet dieß?“ ſagte der Prinz ſtammelnd. „Welches Gaukelwerk macht mir da Deine Liſt und Tücke vor?“ Calderon antwortete nicht; und in dieſem Augen⸗ blick ſeufzte Beatriz ſchwer und ihre Augen öffneten ſich. „Mein Kind! mein Kind!— Du biſt mein! Sprich — laß mich Deine Stimme hören— laß ſie mich noch einmal Vater nennen!“ Und Calderon ſank auf ſeine Kniee und inbrünſtig ſeine Hände faltend, ſah er ihr flehentlich ins Ange⸗ ſicht. Die Novize, jetzt allmälig wieder zum Leben 7* 100 und Bewußtſeyn erwachend, verſuchte zu ſprechen; die Stimme verſagte ihr, aber ihr Mund lächelte Calde⸗ ron an und ihre Arme ſchlangen ſich ſchwach aber zärt⸗ lich um ſeinen Hals. „Segen, Segen auf Dich!“ rief Calderon.„Segen auf Dich in Deiner holden Mutter Namen!“ Während er ſprach, fiel Beatriz' Blick auf die Geſtalt Philipps, der auf ſein Schwert gelehnt daneben ſtand. Sein Geſicht arbeitete von verſchiedenen Leiden⸗ ſchaften und ſein Mund verzog ſich in finſtrer, heftiger Verachtung. Gewohnt, das menſchliche Leben nur in ſeinen ſchändlichſten Geſtaltungen, und Calderon nur in ſeinen Laſtern und Tücken zu ſehen, hatte der Prinz kein Ohr, welchem die Stimme der Natur verſtändlich geweſen wäre. Er betrachtete Alles als einen wohl⸗ angelegten Plan— als einen Bühnenkniff; und wartete mit Ungeduld und Hohn die Entwicklung des Be⸗ trugs ab. Beim Anblick dieſes Geſichts voll Hohn ſchanderte Beatriz und ſank zurück; aber ihre Angſt ſelbſt belebte ſie wieder und ſie rief aufſpringend:„Rette mich vor dieſem ſchlimmen Mann— rette mich! Mein Vater, ich bin ſicher bei Dir!“ „Sicher!“ wiederholte Calderon,—„ja, ſicher gegen die Welt. Aber nicht,“ ſetzte er, ſich umſehend, in leiſem, murmelndem Tone hinzu,„an dieſem ſchänd⸗ lichen Orte, deſſen Luft ſchon eine Befleckung für Dich iſt. Laß uns fort; komm, komm, meine Tochter!“ und 101 ſeinen Arm um ihrem Leib ſchlingend, eilte er mit ihr der Thüre zu. „Zurück, Verräther!“ rief Philipp, ſich dem ver⸗ ſtörten und halb wahnſinnigen Vater mitten in den Weg ſtellend;„zurück! meinſt Du, ich, Dein Herr und Dein Fürſt, laſſe mich ſo hinters Licht führen und ver⸗ höhnen? Nicht zu Deiner Luſt ſollſt Du ſie wegge⸗ haſcht haben, die ich mit meiner Liebe beehrte, vom Heiligthum der Kirche. Geh, wenn Du willſt; aber Beatriz bleibt. Dieß Haus iſt meinem Willen ge⸗ widmet. Zuräck! oder Dein nächſter Schritt führt Dich in die Spitze meines Schwerts!“ „Droht nicht, ſprecht nichts weiter, Philipp— ich bin ein verzweifelter Mann. Ich bin außer mir— ich kann nicht mit Dir Erörterungen pflegen. Weg! bei Deiner Hoffnung auf den Himmel, weg! Ich bin nicht mehr Dein Günſtling, Dein Werkzeug. Ich bin ein Vater und der Beſchützer meines Kindes!“ „Ein tüchtiger Plan— eine artige Geſchichte!“ rief Philipp verächtlich und lehnte ſich mit dem Rücken an die Thüre.„Die kleine Schauſpielerin ſpielt ihre Rolle gut, das muß man geſtehen;— es iſt ihr Be⸗ ruf; aber Du biſt ein Pfuſcher, mein edler Calderon!“ Einen Augenblick ſtand der Höfling da— nicht unentſchloſſen, aber übermannt von den Leidenſchaften, welche bis ins Innerſte durch und durch eine Natur erſchütterten, deren heftige und ſtürmiſche Ektemente durch die Gewohnheit langer Jahre mehr nur beherrſcht als unterdrückt waren. Zuletzt, mit einem heftigen 102 Schrei, packte er plötzlich den Prinzen beim Kragen ſeines Wammſes, und eh' er von ſeiner Waffe Ge⸗ brauch machen konnte, ſchleuderte er ihn auf die Seite mit ſolcher Heftigkeit, daß er das Gleichgewicht verlor, und da ſein Fuß auf dem geglätteten Boden ausglitt, hinfiel. Darauf öffnete Calderon die Thüre, hob Bea⸗ triz mit beiden Armen empor und floh haſtig die Tyep⸗ pen hinab. Er konnte bei den Gefahren dieſes Ortes nicht mehr auf Wechſelfälle hoffen oder zu zögern wagen. Eilftes Kapitel. Wie ſich auch die Flüſſe krümmen, das Meer nimmt ſie doch alle auf. Inzwiſchen hatte Fonſeca das Kloſter erreicht; er fand den Pförtner nicht mehr, und das Herz zerriſſen von Zweifel und Angſt war er anf den Flügeln der Liebe und Furcht nach dem von Calderon bezeichneten Hauſe geeilt. Das düſtre und einſame Haus kam ihm eben zu Geſicht,— da der Mond ſein trauriges Licht über die grauen, alten Mauern ansgoß— als er ſeinen Namen nennen hörte; und der Kloſterpförtner trat her⸗ vor aus dem Schatten einer Mauer, neben der er ſich verborgen hatte. „Don Martin! Ihr ſeyd's, wahrhaftig! geſegnet ſeyen die Heiligen! Ich fing an zu fürchten— ja, ich fürchte noch, wir wurden betrogen!“ „Sprich, Mann, aber halte mich nicht auf! Sprich! Welche Schreckniſſe haſt Du zu berichten?“ „Ich kannte den Kavalier, den Du an Deiner Statt ſchickteſt. Wer kennt nicht den Rodrigo Calderon? ——.—————— ———————— 104 Ich zitterte, als ich ihn die Novize in den Wagen heben ſah; aber ich glaubte, ich würde, wie verab⸗ redet war, der Genoſſe der Flucht ſeyn. Dem war nicht ſo. Don Rodrigo befahl mir in kurzen Worten, mich dieſe Nacht, wo ich könne, zu verbergen; und morgen wolle er Anſtalten zu meiner Flucht von Ma⸗ drid treffen. Es ahnte mir Schlimmes, denn Calde⸗ rons Name iſt von manchem Fluch geſchwärzt. Ich be⸗ ſchloß dem Wagen zu folgen. Das that ich auch; aber beinahe verſagte mir der Athem und die Kraft, als zum Glück der Wagen durch ein Gewühl auf der Straße aufgehalten und verwickelt wurde. Es ſtanden keine Lakaien hinten; ſo ſtieg denn ich unbeobachtet auf den Fußtritt, und ſtieg herunter und verbarg mich, als der Wagen anhielt. Ich kannte das Haus nicht, wohl aber die Nachbarſchaft— ein Bruder von mir lebt in der Nähe. Ich ſuchte meinen Verwandten auf, um eine Nacht bei ihm ein Unterkommen zu finden. Ich erfuhr, daß dunkle Geſchichten dieſem Haus einen üblen Namen gemacht hatten. Es war eines, das der Prinz von Spanien den Ausſchweifungen geweiht hat, die ſo manche Familie in Madrid entehrt haben. Ich beſchloß wieder zu gehen und aufzulauern. Kaum hatte ich dieſen Platz erreicht, als ich einen Wagen ſich raſch nähern ſah. Ich verbarg mich hinter einem Pfeiler und ſah den Wagen halten; und ein Mann ſtieg aus und ging in das Haus. Schaut, dort— dort, bei jenem Kreuzweg hält der Wagen noch. Der Mann 10⁵ war in einen Mantel gewickelt. Ich weiß nicht, Wer er ſeyn mag; aber—“ „Himmel!“ rief Fonſeca, als ſie jetzt dicht vor der Thüre des Hauſes waren, vor welchem Fonſeca's Wagen noch ſtand;„ich höre einen Lärmen, ein Ge⸗ ſchrei drinnen!“ Kaum hatte er dieß geſagt, als die Thüre ſich öffnete. Stimmen hörte man in lautem Wortwechſel; ſofort ward die Geſtalt des Inden auf das Pflaſter geſchleudert und Calderon erſchien, einen andern Mann, der ihn ſchien aufhalten zu wollen, auf die Seite drängend— das gezogene Schwert in ſeiner Rechten, den linken Arm um Beatriz geſchlungen. Fonſeca eilte vorwärts. „Mein Geliebter! mein Bräutigam!“ rief die Stimme der Rovize;„Du biſt gekommen uns zu retten — Deine Beatriz zu retten!“ „Ja! und den Verräther zu züchtigen!“ rief Fon⸗ ſeca mit einer Donnerſtimme.„Laß Dein Opfer los, Schurke! Vertheidige Dich!“ Er machte einen verzweifelten Ausfall auf Calde⸗ ron während er ſprach. Der Marquis parirte nur ſchwach den Streich. „Halt!“ rief er,„nicht auf mich!“ „Nein— nein!“ rief Beatriz, ſich an ihres Va⸗ ters Bruſt werfend. Ihre Worte kamen zu ſpät. Blind und taub vor Wuth hatte Fonſeca noch einmal mit tödtlicherer Sicherheit ſeine Waffe gegen ſeinen ver⸗ meintlichen Feind gezückt— die Klinge traf, aber nicht 106 Calderons Herz. Es war Beatriz, in ihrem Blut ge⸗ badet, die zu den Füßen ihres wahnfinnigen Geliebten niederſank. „Tochter und Mutter, Beide!“ murmelte Calderon; und er fiel, als hätte der Stahl ihn durchbohrt, neben ſeinem Kind nieder. „Elender! was haſt Du gethan?“ ſprach eine Fon⸗ ſeca's Ohr fremde Stimme; eine Stimme, halb er⸗ ſtickt von Grauſen und vielleicht von Reue. Der Prinz von Spanien ſtand auf dem Platze und ſeine Füße badeten in dem Blut der geopferten Jungfrau. Das Mondlicht allein beleuchtete das Schauſpiel des Ver⸗ brechens und Todes; und die Geſichter Aller erſchienen geiſterhaft in ſeinen Strahlen. Beatriz wandte das Auge auf ihren Geliebten mit einem Ausdruck himm⸗ liſchen Mitleids und zärtlicher Verzeihung; dann, an Calderons Bruſt ſinkend, flüſterte ſie: „Verzeih' ihm, verzeih' ihm, Vater! Ich werde meiner Mutter ſagen, daß Du mich geſegnet haſt!“ 4 3 * 3** 3 Mehrere Tage nach dieſer Schreckensnacht pörte man bei Hof nichts von Calderovn. Seine Abweſenheit war nnerklärlich; denn obgleich natürlich die Flucht der Novize bekannt wurde, hatte man doch keine Ahnung von ihrem Schickſal; und ihr Rang war zu gering, als daß er pätte großes Intereſſe an ihrer Flucht, oder viele Lebhaftigkeit in ihrer Verfolgung verurſachen können. Aber dieſe Abweſenheit wußten die Feinde des Höflings gut zu benützen. Die Plane der Kabale waren reif, und die Hülfe der Inquiſition kam, ver⸗ möge der Anſtellung Aliaga's, noch zu den Machina⸗ tionen von Uzeda's Anhängern. Der König war ſchwer gereizt durch die geheimnißvolle Abweſenheit Calderons, für die man tauſend finnreiche Erklärungen erfand. Der Herzog von Lerma, kränklich und geſchwächt durchs Alter, war unfähig ſeinen Feinden die Spitze zu bieten. Mit ſchwachſinniger Verzweiflung rief er Calderon beim Namen; und als keine Spur dieſes mächtigen Verbün⸗ deten zu entdecken war, unterließ er ſogar, eine Be⸗ ſprechung mit dem König zu ſuchen. Plötzlich brach der Sturm los. Eines Abends erhielt Lerma den könig⸗ lichen Befehl, ſeine Aemter niederzulegen und mit Tagesanbruch den Hof zu verlaſſen. In derſelben Stunde öffnete ſich die Thüre von Lerma's Zimmer und Rodrigo Calderon ſtand vor ihm. Aber wie ver⸗ wandelt! wie ganz nicht mehr ſich ſelbſt ähnlich! wie verwüſtet! Seine Augen waren tief in die Höhlen ge⸗ ſunken und ihr Feuer erloſchen; ſeine Wangen waren hohl, ſein Körper gebeugt, und wenn er redete war ſeine Stimme wie die eines aus dem Grabe Rufenden. „Sieh da, Herzog von Lerma, endlich bin ich zurück!“ „Zurück!— ſey mir geſegnet! Wo biſt Du ge⸗ weſen? Warum haſt Du mich verlaſſen? Nun, einerlei, Du biſt zurück! Eile zum König— ſag' ihm, ich ſey nicht alt! Ich bedürfe der Ruhe nicht. Mache die 108 Schurkerei meines unnatürlichen Sohns zu Schanden! Sie wollten mich verbannen, Calderon; mich verban⸗ nen in meinen beſten Jahren! Mein Sohn ſagt, ich ſep alt— alt! ha, ha! Fliege zum Prinzen; er hat ſich auch in ſeinen Zimmern eingemauert. Er wollte mich nicht ſehen; er will Dich ſehen!“ „Ja! der Prinz! wir haben Grund einander zu lieben!“ „Freilich habt Ihr! Eile Calderon! kein Augen⸗ blick iſt zu verlieren! Verbannt! Calderon, ſoll ich verbannt werden?“ Und der alte Mann fiel, in Thrä⸗ nen ausbrechend, Calderon zu Füßen und umklammerte ſeine Kniec.—„Geh, geh, ich flehe Dich darum! Rette mich, Calderon; ich habe Dich geliebt, habe Dich immer geliebt. Sollen unſere Feinde triumphiren? Soll das Horn der Nichtswürdigen erhöht werden?“ Für einen Augenblick(ſo groß iſt die mechaniſche Macht der Gewohnheit!) kehrte jetzt Calderon etwas von ſeiner alten Energie und Geiſteskraft zurück; ein Blitz brach aus ſeinem eingeſunkenen Auge; er richtete ſich auf, der ſtattliche Mann, ſo groß er war, und ſagte:„Ich glaubte, ich ſey fertig mit den Höfen und mit dem Leben, aber ich will noch Eine Anſtrengung machen; ich will Euch nicht verlaſſen in der Stunde Eurer Noth. Ja, Uzeda ſoll wieder geſtürzt werden; ich will den König aufſuchen. Seyd ohne Furcht, Herr, ſeyd ohne Furcht; der Zauber meiner Macht iſt noch nicht gebrochen.“ Mit dieſen Worten hob Calderon den Kardinal W— N— 109 vom Boden auf, befreite ſich aus den ihn umſchlingen⸗ den Händen des alten Mannes, und ſchritt mit ſeiner gewohnten Haltung majeſtätiſchen Selbſtvertrauens auf die Thüre zu. Gerade eh' er ſie erreichte, ertönten drei leiſe aber regelmäßige Schläge an den Dielen; die Thüre öffnete ſich und der Raum draußen war an⸗ gefüllt von den dunkeln Geſtalten der Beamten der Inquiſition. „Halt,“ ſagte eine tiefe Stimme;„halt, Rodrigo Calderon, Marquis de Siete Igleſias; im Namen der allerheiligſten Inquiſition verhaften wir Dich!“ „Aliaga!“ murmelte Calderon, zurücktretend—— „Still!“ unterbrach ihn der Jeſuit.„Beamte, führt den Gefangenen ab!“ „Armer alter Mann,“ ſagte Calderon ſich gegen den Kardinal wendend, welcher wie vom Donner ge⸗ rührt und ſprachlos da ſtand—„Dein Leben wenig⸗ ſtens iſt ſicher. Und ich— ich biete dem Schickſal Trotz! Führt mich fort!“ Der Prinz von Spanien erholte ſich bald von der Erſchütterung, welche der Tod von Beatriz ihm ver⸗ urſachte. Neue Genüſſe verſcheuchten ſelbſt die Reue. Er erſchien wieder öffentlich, wenige Tage nach Cal⸗ derons Verhaftung; und er verwendete ſich kräftig zu Gunſten ſeines frühern Günſtlings. Aber hätte auch die Inquiſition gewünſcht, ihr Opfer wieder los zu laſſen, oder Uzeda ſeiner Rachgier entſagen wollen: der Jubel des Volks bei dem Sturz des gefürchteten und verhaßten Secretärs war ſo groß, und ſo zahlreich 11⁰ die Anklagen, welche der Parteihaß zu denen hinzu⸗ fügte, welche die Wahrheit ihm aufbürden konnte, daß es einen weit kühnern Monarchen erfordert hätte, als Philipp III. war, um der Stimme eines ganzen Volks einem in Ungnade gefallenen Miniſter zu lieb, zu trotzen. Der Prinz ſelbſt wurde bald von neuen Günſt⸗ lingen dahin gebracht, weitere Verwendungen von ſei⸗ ner Seite für ebenſo unpolitiſch als fruchtlos anzuſehen; und der Herzog von Uzeda und Don Gaſpar de Guz⸗ man waren ebenſo geſchmeidige Lieblinge, während ſie als Geſellſchafter unendlich mehr Achtung in Anſpruch nahmen. Eines Tages überreichte ein bei dem Lever des Prin⸗ zen anweſender Offizier, der ein beſonderer Günſtling von ihm war, eine Bittſchrift, worin um die Verwendung Seiner Hoheit gebeten wurde in Betreff einer Stelle in der königlichen Armee, die, wie er ſo eben durch einen Expreſſen erfahren, erledigt war. „Und Weſſen Tod kommt ſo gelegen für Dein Steigen, Don Alvar?“ fragte der Infant. „Don Martin Fonſeca's. Er fiel in dem letzten Gefecht, mit hundert Wunden bedeckt.“ Der Prinz fuhr zurück und wandte ſich haſtig ab. Der Offizier verlor von dieſer Stunde alle ſeine Gunſt, ohne daß er je ſeinen Fehler erfahren hätte. Mittlerweile verſtrichen Monate und Calderon ſchmachtete noch in ſeinem Kerker. Zuletzt eröffnete die Inquifition ihr ſchwarzes Anklageregiſter gegen ihn. Die erſte dieſer Anklagen war die der Zauberei, gegen 111 den König geübt; die übrigen waren größtentheils ebenſo lächerlich und ausſchweifend. Dieſen Anklagen trat Calderon mit einer Würde entgegen, welche ſeine Feinde verwirrte und den allgemein verbreiteten Glau⸗ ben hinſichtlich der Elemente ſeines Charakters Lügen ſtrafte. Auf die Folter gebracht, ertrug er ihre Mar⸗ tern ohne ein Stöhnen; und alle Hiſtoriker legen über⸗ einſtimmendes Zeugniß ab von der Geduld und dem Heroismus, welche den Schluß ſeiner wilden, meteor⸗ gleichen Laufbahn auszeichneten. Endlich ſtarb Phi⸗ lipp III. Der Infant beſtieg den Thron— dieſer Prinz, für welchen der ehrgeizige Höfling Leben und Seele aufs Spiel geſetzt hatte! Jetzt glaubte das Volk, man würde ihm ſein Opfer entziehen. Aber es irrte ſich. Der neue König hatte bereits das Daſeyn des Günſtlings des Prinzen vergeſſen. Guzman aber, der unter dem Schein, den Intereſſen Uzeda's zu die⸗ nen, heimlich nach dem Alleinbeſitz der königlichen Gunſt ſtrebte, fühlte ſich nicht ſicher, ſo lange Calderon noch lebte. Der Gang der Inquiſition war zu lang⸗ ſam für die Ungeduld ſeiner Furcht; und da dieß ge⸗ fürchtete Tribunal ſich rühmte, nie den Tod zu ver⸗ hängen, ehe der Angeklagte ſeine Schuld geſtanden, vereitelte die Feſtigkeit Calderons die Rachſucht des geiſtlichen Geſetzes. Neue Unterſuchungen wurden an⸗ geordnet: ein Leichnam ward aufgefunden, in Calde⸗ rons Garten begraben— der Leichnam einer Frau. Er ward des Mordes angeklagt. Auf dieſe Anklage hin ward er von der Inquiſition an die regelmäßigen Gerichtshöfe abgeliefert. Kein Beweis konnte gegen ihn geführt werden; aber zum allgemeinen Erſtaunen brachte er nichts zu ſeiner Vertheidigung vor, und ſein Schweigen ward als Zeugniß ſeines Verbrechens be⸗ trachtet. Er wurde zum Schafott verurtheilt; er lächelte als er den Richterſpruch vernahm. Ein unermeßliches Menſchengewühl war an einem heitern Sommertag auf dem Hinrichtungsplatz verſam⸗ melt. Ein Brüllen wilden Jubels und Frohlockens er⸗ ſchütterte die Luft, als Rodrigo Calderon, Marquis de Siete Igleſias auf dem Schafott erſchien. Aber als die Blicke der Menge— nicht auf die erhabne und ſtattliche Geſtalt, in allem Stolze der Mannskraft, ſo wie ſie in ihrer Furcht vor dem finſtern Geiſt und der eiſernen Macht des Günſtlings ſich ihn immer zu den⸗ ken gewohnt waren— nein! auf eine gebückte, geſpen⸗ ſterartige Geſtalt fielen, welche ſchon am Rand eines natürlichen Todes und Grabes zu ſiehen ſchien, mit einem Angeſicht, welchem tiefe Furchen unausſprechlichen Grams eingegraben waren, mit hohlen Augen, welche mit trübem, kaum mehr bewußtem Licht über das unten wogende und grollende Menſchenmeer hinſchauten, da veränderte ſich die Fluth der Empfindungen der Menge, an die Stelle der Wuth und des Triumphs traten Schaam und Mitleid. Keine Hand erhob ſich zur An⸗ klage— keine Stimme erhob ſich zu Vorwurf oder Frohlocken. Neben Calderon ſtand der ihm beigegebene Prieſter, Tröſtung und Beruhigung ihm zuflüſternd. „Sey ohne Furcht, mein Sohn,“ ſagte der heilige ſa er ſet bli the W v 8 8 8 — 113 Mann.„Die Qual des Leibes tilgt Jahre der Pein des Fegfeuers von Deinem Urtheilsſpruch. Daran denke und ſegne ſelbſt die Todesangſt dieſer Stunde!“ „Ja!“ murmelte Calderon;„ich ſegne dieſe Stunde. Inez, Deine Tochter hat Deinen Mord gerächt! Möge der Himmel das Opfer annehmen! und mögen meine Augen, ſelbſt über den feurigen Abgrund hinüber, er⸗ wachend auf Dir ruhen!“ Hier überflog ein heiteres und zufriedenes Lächeln das Angeſicht, auf welches die Menge mit athemloſem Schauer hinſtarrte. Noch eine Minute— und ein Aechzen, ein Schrei entfuhr dieſer zahlloſen Menge; und ein blutiges, geiſterbleiches Haupt, vom Rumpfe getrennt, ward emporgehoben. Zwei Zuſchauer dieſer Hinrichtung bofanden ſich auf einem der Balkone, die eine volle Ausſicht auf dieſe Schreckensſcene gewährten. „So geht mein ſchlimmſter Feind zu Grunde!“ ſagte Uzeda. „Wir müſſen Alles opfern, Freund und Feind, im erbarmungsloſen Fortſchritt der großen Sache,“ ver⸗ ſetzte der Großinquiſitor; aber er ſeufzte zu dieſen Worten. „Guzmann iſt jetzt bei dem König,“ ſagte Uzeda in das Zimmer tretend.„Ich erwarte jeden Augen⸗ blick zum König berufen zu werden.“ „Ich kann Deine ſanguiniſchen Hoffnungen nicht theilen, mein Sohn,“ ſagte Aliaga, den Kopf ſchüttelnd. Bulwer's Romane. LXXIV. 8 114 „Mein Beruf hat mich tiefer in den Charakteren der Menſchen leſen gelehrt. Gaſpar de Guzman wird ſich jeden Nebenbuhler aus dem Wege räumen.“ Während er ſprach trat ein königlicher Kammer⸗ herr ein. Er händigte dem Großinquiſitor und dem harrenden Herzog zwei Briefe mit der königlichen Un⸗ terſchrift ein. Es waren die Mandate der Verbannung und Ungnade. Nicht einmal der geiſterhafte Rang des Großinquifitors, nicht einmal die tiefſchlauen Manöu⸗ vres von Lerma's Sohn halfen ihnen etwas gegen die Wachſamkeit und Kraft des neuen Günſtlings. Im gleichen Augenblick verkündigte ein Jubelruf der wan⸗ delbaren Menge drunten, daß die Wahl des neuen Miniſters des Königs bekannt und gebilligt worden. Und Aliaga und Uzeda wechſelten Blicke, welche all die Leidenſchaften verriethen, die den vereitelten Ehr⸗ geiz zum ärgſten Höllenfeind machen, als ſie das ge⸗ waltige Geſchrei hörten: „Lang lebe Olivarez, der Reformator!“ Gedämpft und ſchwach kam dieſer Ruf Philipp IV. zu Ohren, als er in ſeinem Palaſt neben ſeinem neuen Miniſter ſaß. „Woher kommt dieß Geſchrei?“ fragte der König haſtig. „Ohne Zweifel ſteigt es empor aus den redlichen Herzen Eures loyalen bei der Hinrichtung Cal⸗ derons.“ Philipp bedeckte ſich das Antlitz mit der Hand und ſann einen Augenblick nach; dann mit einem ſarkaſtiſchen“ 11⁵ — der Lächeln zu Olivarez ſich wendend, ſagte er:„Siehe ſich da die Moral vom Leben eines Höflings, Graf!— Was ſpricht man von der neuen Oper?“—— r Am Schluß ſeines Lebens in Ungnade und Ver⸗ em bannung, rief ſich der gräfliche Herzog die Worte ſeines n⸗ königlichen Gebieters zum erſten Mal, ſeit ſie waren ng e geſprochen worden, ins Gedächtniß zurück.* es 6 * Das Schickſal Calderons hat zu manchen Erzählun⸗ 8. gen und Sagen Anlaß gegeben. Unter denen, welche die einen ſo ergiebigen Gegenſtand am glücklichſten be— m handelt haben, darf man den gewandten und geiſt⸗ n⸗ reichen Telesforo de Trueba nennen, in ſeinem Werk en über den Roman Spaniens. In einigen Be⸗ gebenheiten und Namen hat ſeine Erzählung, be⸗ n. titelt: Die Schickſale Calderons, Aehnlichkeit all mit der obigen Geſchichte. Verwicklung, Charaktere hr⸗ 4 und Hauptbegebenheiten ſind jedoch weit verſchieden e⸗ in unſern beiderſeitigen Behondlungen eines zwei⸗ deutigen und undefriedigenden Abſchnitts der ſpani⸗ ſchen Geſchichte. —————— ———„