— ——, — S—S 3 22 ———— —,—— — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Ceih- und Seſebedingungen. 1 Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages den angenommen. 3. Caution. Un eines Buches, eine geliehenen Buches wird von iſt zu 24 Stun⸗ bekannte Perſonen. müſſen, bei Entgegennahme dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich auf 1 Myonat: 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— 1 Mk.— Pf. 1 Rt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. „ 6. Schadenersatz. 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Es war im Sommer des Jahres 1491, und die Stadt Granada von den Heeren Ferdinands und Iſa⸗ bella's umſchloſſen. Die Nacht war nicht weit vorgeſchritten; ruhig ſchien der Mond aus Andaluſiens durchſichtiger Luft auf das ungeheure, dumpf toſende Lager der Spanier herab und ſtrömte ſein Dunſtlicht auf die Schneekuppen der Sierra Vevada, die mit dem üppigen, durch keine Verwüſtung ganz verdrängbaren Srün des reizenden Thales einen eigenthümlichen Gegenſatz bildeten. In den Straßen der mauriſchen Stadt verweilte noch manche Gruppe. Einige horchten, als wüßten ſie nichts von der Belagerung, ganz ruhig auf die Saiten der Laute, oder die Erzählungen irgend eines arabiſchen Improviſators; Andere unterhielten ſich mit einer ——— 6 Lebhaftigkeit des Geberdenſpiels, die nur eine außer⸗ ordentliche Aufregung der würdevollen Stille, die man bei jedem orientaliſchen Volke trifft, abgewinnen konnte. Allein die öffentlichen Plätze, auf welchen ſich dieſe verſchiedenen Gruppen geſainmelt hatten, hoben das öde, feierliche Schweigen, das auf der übrigen Stadt brütete, nur um ſo eindringlicher hervor. Um dieſe Stunde ſah man einen Mann, nieder⸗ geſchlagenen Blicks und die gekreuzten Arme in das wallende, bis auf die Füße hinab reichende Gewand gebüllt, einſam und achtlos auf Alles um ihn her, durch die Straßen gehen. Dieſe Achtloſigkeit wurde jedoch von den Menſchenhaufen, an welchen er von Zeit zu Zeit nachdenklich vorüberſtreifte, keineswegs getheilt. „Gott iſt groß!“ bemerkte ein Mannz„das iſt der Zauberer Almamen!“ „Er hat die Mannheit Boabdil's el chico mit dem Schlüſſel ſeines Zaubers verſchloſſen,“ ſagte ein Anderer, den Bart ſtreichend;„ich möchte ihn ver⸗ fluchen, wenn ich dürfte!“ „Aber er habe ja verſprochen, wenn die Menſchen unterlägen, ſo würden die Geiſter für Granada ſtrei⸗ ten,“ entgegnete halb ungläubig ein Dritter. „Allah Akbar! was iſt, iſt; was werden ſoll, wird!“ rief ein Vierter mit all der feierlichen Weisheit eines Propheten. Mochten jedoch ihre Empfindungen Ehrfurcht oder Verwünſchung, Schrecken oder Hoffnung ſeyn, jede P i W 7 Gruppe wich zurück, wenn Almamen vorbeikam und hielt das Geflüſter, das er nicht hören durfte, an. Ueber den Zacatin(die den großen Bazar durchſchnei⸗ dende Straße) hin wandelnd näherte ſich der ſoge⸗ nannte Zauberer einer engen, ſich aufwärts windenden Gaſſe, und gelangte endlich vor die Mauer, welche den befeſtigten Palaſt Alhambra umſchloß. Die Wache am Thor grüßte und ließ ihn ſchwei⸗ gend ein; und nach ein Paar Augenblicken hatte ſich ſeine Geſtalt unter dem Baumdickicht verloren, durch deſſen zahlreiche Oeffnungen das Perlenſpiel der ara⸗ biſchen Springbrunnen im Mondlicht flimmerte, wäh⸗ rend weiter oben die bewehrten Höhen der Alhambra und rechts die„Rothen Thürme“ aufſtiegen, deren Urſprung ſich in die früheſte Zeit phöniziſcher Unter⸗ nehmungen verhüllt. Almamen hielt an und ſah um ſich.„War das Paradies lieblicher?“ murmelte er;„und ſoll ein ſo ſchöner Ort vom Fuß des Nazareniſchen Siegers ge⸗ treten werden? Doch was liegt daran? Glaube ver⸗ drängt Glauben, Geſchlecht Geſchlecht, bis die Zeit zu ihrem Ausgangspunkt zurückkehrt, und den Herrſcher⸗ thron an die älteſte Religion und das älteſte Volk zu⸗ rückgegeben ſieht. Das Horn unſrer Kraft ſoll noch erhöht werden.“ Bei dieſem Gedanken ſank der Seher in ſein Still⸗ ſchweigen zurück und blickte lange und aufmerkſam auf die Sterne, deren Stralen, zahlreicher und glänzender mit jedem Schritt der vorrückenden Nacht, auf die ————— 8 ſpielenden Fontänen fielen und das mannigfache, von keinem Hauch bewegte Laub in Silber hüllten. So unverrückt war ſein Emporſchauen, ſo tief ſein Nach⸗ denken, daß er die Annäherung eines Mauren nicht bemerkte, deſſen glänzende Waffen und ſchneeweißer, reich mit Smaragden beſetzter Turban in dem Gehölz widerſchimmerten. Der Ankömmling war über den gewöhnlichen Wuchs ſeines im Durchſchnitt kleinen und ſchmächtigen Volks⸗ ſtammes, ohne doch die hohe Geſtalt, die mächtigen Verhältniſſe der Stärkern unter den ſpaniſchen Kriegern zu erreichen. Aber in ſeiner Perſon und ſeinem Be⸗ nehmen lag Etwas, das ihm in der ſtolzeſten Verſamm⸗ lung chriſtlicher Ritter noch das Anſehn emporragender Herrſchaft gegeben haben würde. Sein Tritt war zu⸗ gleich leicht und ſtolz, als ob er die Erde verachtete, und in der Haltung des kleinen, aufrechten Kopfes und ſchlanken Halſes ſprach ſich jene nicht näher zu bezeich⸗ nende Würde aus, die ſo gut zu unſerer Vorſtellung von dem Sprößling eines Heldengeſchlechtes und einem edlen, wenn auch gebieteriſchen, Geiſte paßt. Der Fremde näherte ſich und blieb plötzlich wenige Schritte vor dem Zauberer ſteben. Schweigend blickte er ihn ein paar Sekunden an, und als er endlich die Stimme erhob, geſchah es mit kaltem, ſpöttelndem Tone. „Eindringling in die dunkeln Geheimniſſe,“ ſprach er,„lieſeſt Du in den Sternen jene Geſchicke der Menſchen und Völker, die der Prophet durch Feldherrn⸗ geiſt und Kriegerarm herbeiführte?“ — — v — V u N — — — —— — 13 N 9 „Fürſt,“ erwiederte Almamen, ſich langſam um⸗ wendend und den Störer ſeiner Betrachtungen erken⸗ nend,„ich bedachte nur, wie viele Umwälzungen, welche die Erde bis ins Herz erſchütterten, dieſe leuchtenden Kreiſe theilnahmlos und unverändert mit angeſehen haben.“ „Theilnahmlos!“ entgegnete Jener,„und doch glaubſt Du an ihren Einfluß auf die Erde?“ „Du thuſt mir Unrecht,“ antwortete Almamen mit leichtem Lächeln;„Du verwechſelſt Deinen Diener mit dem nichtigen Volk der Sterndeuter.“ „Ich rechnete die Sterndeutekunſt unter die Künſte der zwei Engel Harut und Marut.“* „Möglich; aber ich kenne dieſe Kunſt nicht, obwol ich Mitternachts im alten Babel gewandelt bin.“ „So lügt alſo das Gerücht?“ verſetzte der Maure mit einiger Verwunderung. „Das Gerücht macht nie Anſprüche auf Wahrheit,“ erwiederte Almamen ruhig und ſeines Weges gehend; „Allah ſey mit Dir, Prinz; ich begebe mich zum König.“ „Halt! eben komm' ich von ihm, und hab' ihn, wie ich hoffe, in Gedanken gelaſſen, wie ſie dem Be⸗ * * Die Künſte der Zauberei nämlich, worin dieſe bei⸗ den Engel nach dem Glauben der Mohammedauer die Menſchen unterrichteten, für welche Sünde ſie in einen Brunnen des alten Babels gebannt wur⸗ den, wo man ſich noch immer Raths bei ihnen er⸗ holen kann. —— —— 10 herrſcher von Granada ziemen; Gedanken, die ich von einem Menſchen, deſſen Waffen nicht Speer und Schild ſind, keineswegs ſtörend unterbrochen haben möchte.“ „Edler Muſa,“ gab ihm Almamen zurück,„fürchte nicht, daß meine Stimme die Begeiſterung ſchwäche, welche die Deinige in Boabdils Bruſt gehaucht. Ach! würde auf meinen Rath geachtet, ſo würdeſt Du Gra⸗ nada's Krieger weniger von Muſa und mehr vom König ſprechen hören. Aber das Schickſal oder Allah haben auf den Thron eines ſchwankenden Geſchlechts einen Mann geſetzt, der, wenn auch tapfer, ſchwach, wenn auch weiſe, ein Träumer iſt, und Du wirſſt Verdacht auf den Rathgeber, wenn Du die Schwäche der Natur in dem Berathenen findeſt. Iſt Dies ge⸗ recht?“ Muſa ſchaute lange und ſtreng in Almamens Ge⸗ ſicht; dann legte er ſanft die Hand auf ſeine Schulter und ſprach: „Fremdling, wenn Du falſches Spiel mit uns ſpieleſt, ſo bedenk, daß dieſer Arm den Helm manches Feindes geſpalten hat und den Turban eines Verräthers nicht ſchonen wird.“ „Und bedenk Du, ſtolzer Fürſt,“ erwiederte Al⸗ mamen unerſchüttert,„daß ich blos Allah über mein Inneres Rechenſchaft gebe, gegen Menſchen Ser meine Handlungen vertheidigen kann.“ Mit dieſen Worten wickelte der Zabete das lange Gewand um ſich und verſchwand im Gebüſche. Zweites Kapitel. Der König im Palaſte. In einem jener Gemächer, deren wollüſtiger Zau⸗ ber nur den Bewohnern eines milden Himmelſtriches bekannt iſt— halb Zimmer, halb Grotte— ſaß zu⸗ rückgelehnt ein junger Maure, gedankenvollen Anſehens. Den in Gold und Himmelblau ſchimmernden Pla⸗ fond aus Cedernholz trugen dünne Säulen vom weiße⸗ ſten Alabaſter, zwiſchen welchen ſich offene Bögen, leicht und grazienhaft wie die Rebengänge Italiens, und ausgefüllt mit jenem, der arabiſchen Architektur allgemein zukommenden, zarten Filigran⸗Geflechte, hin⸗ zogen. Durch dieſe Arkaden gewahrte man im Licht der Alabaſterlampen das Perlen von Fontänen, deren liebliches Geplätſcher in erfriſchenden, muſikaliſchen Takten ins Ohr fiel. Die eine Seite des Zimmers öffnete ſich ihrer ganzen Breite nach auf einen ausge⸗ dehnten Balkon, der über dem Ufergewinde des vom Mond erleuchteten Darro ſchwebte, und in der Klar⸗ heit der weichen Nacht konnte man deutlich die wellen⸗ förmigen Hügel, die Gehölze und Orangegruppen unterſcheiden, die noch jetzt die unvergleichliche Land⸗ ſchaft Granadas bilden. Das Gemach füllten Ottomanen und Ruhebetten vom reichſten Himmelblau, mit ſeltſamen Stickereien aus Gold und Silber wunderhaft verziert, und über 12 dem Lager, worauf der Maure ruhte,— dem Balkon gerade gegenüber— hingen an einem Pfeiler der runde Schild, der leichte Wurfſpieß und der gekrümmte Säbel der mauriſchen Kriegstracht. So dicht beſetzt mit koſtbaren Juwelen waren dieſe Waffen, daß ſie allein ſchon den Rang ihres Beſitzers genugſam ange⸗ deutet haben würden, wäre derſelbe auch nicht durch deſſen prachtvolle Kleidung verrathen worden. Ein offe⸗ nes Manuſcript lag auf einem ſilbernen Tiſchchen un⸗ geleſen vor dem Manne, der, das Haupt auf die Hand geſtützt, mit träumeriſchen Augen auf die Berg⸗ gipfel hinausſchaute, die dämmernd aus dem wolken⸗ loſen, fernen Horizont hervortraten. Niemand hätte auf das Geſicht des Daſitzenden blicken können, ohne ſich von demſelben mit einer ge⸗ wiſſen traurigen Empfindung angeſprochen zu fühlen. Es lag viel von jener Vorahnung des Unglücks darin, die wir auf den Zügen unſeres Karl des Erſten„ zu erkennen glauben. Seiner Schönheit drückte eine ernſte, gehaltene Trauer ein eigenthümliches Gepräge auf, das vurch die Jugend und ungewohnte Zartheit des Antlitzes noch ſtärker hervortrat. Ungleich den Abzeichen mau⸗ riſchen Volksſtammes waren das Haar und der ge⸗ kräuſelte Bart von tiefem Goldblond, und in der breiten Stirn, den großen Augen lag eine ruhige, nachdenkliche Milde, die man ſonſt auf den gebräunten * Der bekannte, unter Cromwell enthauptete engliſche König, 13 Seſichtern der feurigen Kinder der Sonne ſelten findet. So die äußere Erſcheinung von Boabdil el Cbhico, dem letzten Maurenfürſten in Spanien. „Dieſe Rollen arabiſcher Weisbheit,“ ſprach er zu ſich ſelbſt,„was lehren ſie? Reichthum und Macht zu verachten, das Herz für den Sören Thron der Herrſchaft zu halten. Das alſo Weis ibeit Doch wollte ich dieſen Grundſätzen folgen, wär' ich weiſe? Ach! die ganze Welt würde mich. einen Träumer, einen Raſenden erklären. So iſt's immer. Die Weis⸗ heit der Vernunft gibt uns Lehren, in deren Ver⸗ achtung die Weisheit des handelnden Lebens beßteht. Heiliger Prophet, welche Narren wären die Menſchen, ginge ihre Schurkerei nicht noch über ihre Narrheit!“ Auf ſeine Kiſſen zurück warf ſich der junge König hei dieſen Worten, die für einen Fürſten, dem die Krone ſo loſe auf dem Haupt ſaß, etwas zu philoſophiſch klangen. Nach wenigen Momenten des Nachdenkens, die ihn zu mißſtimmen ſchienen, fuhr er wieder unruhig auf.„Meine Seele verlangt nach dem Bade der Mußik,“ ſprach er;„dieſe Wanderungen in ein pfadloſes Land haben ſie ermattet; die Ströme des Wohllauts er⸗ friſchen den müden Pilger wieder.“ Er klatſchte in die Hände und aus einer der Ar⸗ kaden ſtürzte ein bisher unſichtbar geweſener Knabe hervor; nach einem leichten, kaum bemerkbaren Zeichen des Königs verſchwand er wieder und nach wenigen Sekunden kamen, hell durch die reizenden Pfeiler und 14 perlenden Springbrunnen glänzend, die kleinen, licht⸗ ſchimmernden Füße arabiſcher Mädchen. Wie dieſe mit ihren durchſichtigen Tuniken und weißen Armen echolos durch das kühle, üppige Gemach daher ſchritten, hätten ſie wohl für die Peris der morgenländiſchen Märchen⸗ welt gelten können, aufgeboten den Ueberdruß eines jugendlichen Salomon zu verſcheuchen. Mit ihnen kam eine Jungfrau von höherer Schönheit, obwol kleine⸗ rem Wuchs als die Uebrigen, die eine mauriſche Laute trug, und ein leichtes, müdes Lächeln zuckte über Boabvils ſchönes Geſicht, als ſeine Augen auf dieſer anmuthigen Geſtalt und dem dunkellichten Glanz ihrer orientaliſchen Züge ruhten. Sie allein trat bis zum König heran, küßte ſchüchtern ſeine Hand und begann ſofort, ſich wieder ihren Gefährtinnen zugeſellend, fol⸗ genden Geſang, nach deſſen Melodie ſie ihre Füße im Tanz bewegten, während die Silberglöckchen des muſi⸗ kaliſchen Inſtruments, das jede Tänzerin trug, mit dem Chor der Stimmen erklangen. Leit', o Klang, auf leiſen Wogen, Leit' dies Blütenblatt, gezogen Aus des Liedes voller Roſe, In der Abendlüfte Schooße, Daß der duftige Geſandte An des Freundes Herzen lande, Flut' ihn fort! Sieh! wir tragen Wohllauts Keime, Wie des Paradieſes Bäume,* „ Nach dem Glauben der Mohammedaner hangen mufika⸗ Wenn der Hauch von Gottes Throne Sie bewegt mit ſüßem Tone; Horch! wie wir in Wechſel⸗Reihen Der Akkorde Knoſpen ſtreuen! Wo du biſt, iſt Paradies! Holde Saite, die ich rührte, Daß auch ich zum Klange würde, Hinzufliehn an ſeine Bruſt! Schmeichelnd um ſein Lächeln werben, Dann, wie du, teglückend ſterben Ihm am Herzen, welche Luſt! Die Mufik verhallte; die Tänzerinnen blieben be⸗ wegungslos in ihren anmuthigen Stellungen, als wären ſie in Bildſäulen von Alabaſter verwandelt, und die junge Sängerin warf ſich auf einen Pfühl zu Füßen des Königs, von wo ſie zärtlich, obwol ſchweigend, in ſeine noch immer traurigen Augen blickte, als man einen Mann, deſſen Eintritt nicht bemerkt worden, im Gemach ſtehen ſah. Er war von mittlerem Wuchs— hager, nervig und kraftvoll, obgleich dünne gebaut. Ein einfaches, ſchwarzes Gewand, einigermaßen der Tracht der Ar⸗ menier ähnelnd, floß lang und loſe über ein ſcharlach⸗ rothes Unterkleid, von deſſen breitem Gurt ein kleiner goldner Schlüſſel herabhing, während auf der linken Seite der Juwelengriff eines gekrümmten Dolches her⸗ vorſah. Seine Züge waren nach größern, mächtigern liſche Glöckchen an den Bäumen des Paradieſes, und werden durch einen von Gortes Thron her wehenden Wind in Bewegung geſetzt. 16 Verhältniſſen gebildet, als die ſpaniſchen Mauren in der Regel zeigten: die Stirne breit, maſſiv und aus⸗ gezeichnet hoch; die ſchwarzen Augen von ungewöhn⸗ lichem Schnitt und Feuer; der kurze, dunkelglänzende Bart verbarg den untern Theil des Geſichtes ganz, ſo daß man nur den feſten, entſchloſſenen Ausdruck des vollen, gewölbten Mundes ſehen konnte; die Naſe war hoch, adlerhaft und wohl gebildet, und der Geſammt⸗ Charakter des Kopfes(der im Verhältniß zur übrigen Geſtalt faſt zu groß und gigantiſch ſchien) deutete auf außerordentliche Energie und Macht. Auf den erſten Blick mochte der Fremdling kaum an der Grenze des mittlern Alters angekommen ſeyn; bei genauerer Be⸗ ſichtigung jedoch verriethen die tiefen Linien und Falten auf der Stirn und um die Augen eine vorgerücktere Lebensperiode. Die Arme über der Bruſt gefaltet, ſtand er neben dem König, ſchweigend des Augenblicks harrend, wo ſeine Gegenwart bemerkt werden würde. Er wartete nicht lange. Augen un Bewegung des zu Boabdils Füßen ſitzenden Mädchens leiteten die Aufmerkſamkeit des Erſtern nach dem Ort, wo der Ankömmling ſtand: des Königs Blick leuchtete, als er auf denſelben fiel. „Almamen,“ rief Boabdil lebhaft,„ſey mir will⸗ kommen.“ Damit winkte er den Tänzerinnen, ſich zu entfernen. „Darf ich nicht bleiben? Herz meines Herzens, Dein Vogel iſt in ſeinem Neſte!“ flüſterte die Sängerin zu des Könias Füßen. 17 „Süße Amine,“ entgegnete Boabdil, indem er ihr zärtlich die Locken zurückſtrich und ſich niederbeugte, um ſie auf die Stirne zu küſſen;„ſey Du nur die Zeugin meiner frohen Stunden; Mühe und Geſchäft haben nichts mir Dir Verwandtes; ich werde bei Dir ſeyn, ehe die Nachtigall dem Mond ihr letztes Lied geſungen hat.“ Amine ſeufzte, ſtand auf und verſchwand mit den Gefährtinnen. „Freund,“ hob der König an, als er allein mit Almamen war,„Dein weiſer Rath hat mir oft lin⸗ dernde Ruhe gebracht; doch in ſolchen Stunden iſt Ruhe ein Frevel. Allein was thun?— wie kämpfen 2 — wie handeln? Ach, mit Recht fügte man Boabdils Namen in der Stunde ſeiner Geburt das Beiwort El Zogoibi? bei. Das Unglück drückte ſein dunkles Siegel auf meine Stirn, eh meine Lippen noch ein Gebet gegen ſeine Macht ertönen laſſen konnten. Mein grimmer Vater, deſſen finſterer Blick wie der Blick Asraels** war, haßte mich in der Wiege; in meiner Jugend ward mein Name gegen meinen Willen von Empörern zum Werkzeug gebraucht, und eingekerkert von dem Vater, den Giftbecher oder Dolch jede Stunde vor den Augen, wurde ich nur durch die Liſt meiner Mutter gerettet. Als Alter und Gebrechlichkeit das eiſerne Scepter des Königs gebrochen, ſetzte man mein Recht auf den Thron hintan, und mein Oheim, El *Der unglückliche. ** Der Todesengel. Bulwer's Romane. LXXV. 18 Zagal, maßte ſich der mir zuſtehenden Befugniß an. Unter offenem Krieg und heimlichem Verrath kämpfte ich um meine Krone; und jetzt, da ich Granada's ein⸗ ziger Beherrſcher bin, jetzt endlich, wo, wie ich zu ſchnell geglaubt, mein Oheim durch ſeine Unterwerfung unter den Chriſtenkönig und die Annahme eines Lehens von ihm, jeden Anſpruch auf die Liebe meines Volkes verloren haben ſollte, finde ich, daß meine unglücklichen Unterthanen eben das Verbrechen El Zagals mir ſelbſt aufbürden und behaupten, nur meine Thatloſigkeit ſey ſchuld, daß er unterlegen. Im Augenblick, wo ich von meinem Nebenbuhler befreit werde, ſeh' ich mich von den Meinen mit Verwünſchungen empfangen und darf, in meine Burg Alhambra zurückgetrieben, es nicht wagen, mich an die Spitze meiner Heere zu ſtellen oder meinem Volk ins Antlitz zu ſchauen; und doch nennt man mich ſchwach und unentſchloſſen, während Stärke und Entſchloſſenheit mir unmöglich gemacht find. Wie das Waſſer von jenem Felſen fließt, der keine Kraft hat, es zurückzuhalten, ſo ſeh' ich den Strom der Herrſchaft meinen Händen entfluten.“ Der junge König ſprach warm und bitter, und maß im Aufruhr ſeiner Gedanken mit ſchnellen, un⸗ regelmäßigen Schritten das Gemach. Almamen ſah ſeiner Bewegung mit ſtarrer Ruhe in Blick und Mund zu. „Licht der Gläubigen,“ begann er, als Boabdil geſchloſſen,„die Mächte über uns beſtimmen einen Menſchen nie zu fortwährender Qual oder fortwährender verl glat ß an. mpfte ein⸗ ch zu rfung ehens olkes ichen ſelbſt t ſey ich mich und „ es ellen doch ren find. keine trom und un⸗ ſah und bdil inen nder 19 Luſt; Wolken und Sonnenſchein gehören dem Himmel unſeres Schickſals gleich weſentlich an; haſt Du in der Jugend gelitten, ſo haſt Du die Bitterkeit des Ge⸗ ſchickes ausgetrunken, und Dein Mannesalter wird glückſtralend, Deine Greiſenzeit heiter ſeyn.“ „Duch ſprichſt als ob Ferdinands Heere nicht be⸗ reits um meine Mauern ſtänden,“ entgegnete Boabdil ungeduldig. „Die Heere Sanheribs waren eben ſo mächtig,“ gab ihm Almamen zurück. „Weiſer Seher,“ erwiederte der König in halb ſpottendem, halb feierlichem Ton,„wir, die Moosle⸗ min Spaniens, ſind nicht die blinden Fanatiker des Morgenlandes. Das Licht der Philoſophie und Wiſſen⸗ ſchaft hat uns beſchienen, und wenn die Hellſehendern unter uns äußerlich immer noch die Formen und Fabeln der Menge verehren, ſo geſchieht Dies aus weiſer Klugheit, nicht in thörichtem Glauben. Führ' mir daher keine Beiſpiele aus verjährten Religionsbüchern an; die Boten Gottes für dieſe Welt find, gegenwärtig mindeſtens, Menſchen und keine Engel, und warte ich bis Ferdinand das Loos Sanheribs theilt, ſo warte ich nur bis das Banner des Kreuzes auf den Rothen Thürmen weht.“ „Aber,“ erwiederte Almamen,„wenn mein Herr, der König, den Fanatismus des Glaubens verwirft, verwirft er auch den Fanatismus der Verfolgung? Du glaubſt nicht an die Geſchichten der Hebräer, aber Du 22 20 läſſeſt die Hebräer ſelbſt, dieſen alten, blutsverwand⸗ ten arabiſchen Stamm, in Staub treten, verurtheilt und gefoltert von Deinen Richtern, Deinen Räthen, Deinen Kriegern, Deinen Unterthanen?“ „Die niedrigen Knauſer! ſie verdienen ihr Schick⸗ ſal,“ antwortete ihm Boabdil ſtolz.„Gold iſt ihr Gott und der Marktplatz ihr Vaterland; unter den Thränen und Seufzern der Völker haben ſie blos Mit⸗ empfindungen für die Zu⸗ und Abnahme des Handels; was Wunder, daß, während dieſe Diebe der ganzen Welt ihre Hand in Jedermanns Kaſſen haben, ſie die Hand Jedermanns gegen ihre Kehlen reizen? Schlim⸗ mer als der Stamm Hanifa's, der ſeinen Gott nur zur Zeit der Hungersnoth aß,* würde das Geſchlecht Moiſa's** die ſieben Himmel um den Strich auf dem Dattelkern*** verkaufen.“ „Eure Geſetze,“ entgegnete Almamen,„laſſen ihnen keinen andern Spielraum ſich emporzuheben, als durch die Liebe des Geldes; und wie die Pflanze ihren Stengel krümmt und verzerrt, um das Haupt durch jedes Hinderniß zur Sonne emporzuwinden, ſo ver⸗ zerrt und verkehrt ſich das Menſchengemüth da, wo die geſetzlichen Wege ihm verſchloſſen ſind, um zu Anſehn und Macht, ſeinem natürlichen Element, zu gelangen. Dieſe Hebräer waren keine knauſerige Krämer * Der Stamm Hanifa's betete einen Klumpen Teig an. ** Moſes. ** Ein im Koran vorkommendes Sprichwort, um etwas möglichſt Kleines und Unbedeutendes zu bezeichnen. r—„———. we gle zu od⸗ md⸗ heilt hen, hick⸗ ihr den Nit⸗ zen die im⸗ nur echt auf ſſen als hren urch ver⸗ wo zu zu mer was 21 in ihrem heiligen Land, als ſie Eure Ahnen, die Heere des alten Arabiens, niederwarfen und ſich lieber das Fleiſch vor Hunger von den Knochen nagten, ehe ſie eine ſchwächere Stadt als Granada einem ſtärkern Feind, als dieſe Sommertagsherren Spaniens, ergeben hätten. Doch laſſen wir Das. Glaubt mein Herr, der den Glauben an die Wirkſamkeit der Engel verwirft, noch an die Weisheit der Menſchen?“ „Ja!“ verſetzte Boabdil raſch;„denn von jener weiß ich nichts, über dieſe aber kann ich ſelbſt urthei⸗ len. Almamen, mein tapferer Vetter Muſa war heute Abend bei mir. Er lag mir an, die Beſorgniß vor meinem Volke, die meinen ſebnſüchtigen Muth in dieſe Mauern feſſelt, wegzuwerfen; er lag mir an, jenen Säbel umzugürten und in der Vivarrambla an der Spitze der Edeln Granada's zu erſcheinen. Mein Herz ſchlägt hoch bei dieſem Gedanken! und kann ich als König nicht leben, ſo will ich als ſolcher mindeſtens ſterben!“ „Edel geſprochen!“ erwiederte Almamen kalt. „Du billigeſt alſo mein Vorhaben?“ „Freunde des Königs können es nicht billigen, wenn der König ſeinen Ehrgeiz darein ſetzt zu ſterben.“ „Ha!“ rief Boabdil mit veränderter Stimme,„ſo glaubſt Du denn, mir ſey es beſtimmt, in dieſem Kampf zu fallen?“ „Wie die Stunde erwählt wird, wirſt Du fallen oder ſiegen.“ „Und dieſe Stunde?“ 22 „Iſt noch nicht gekommen.“ „Lieſeſt Du die Stunde in den Sternen?“ „Laß mauriſche Juden dieſen Aberwitz des Kinder⸗ glanbens üben; Dein Diener ſieht in den Sternen mächtigere Welten, als dieſe kleine Erde, Welten, deren Licht nicht blinzen würde, wenn die ganze Erde aus den Unendlichkeiten des Raumes wegſchwände.“ „Geheimnißvoller Menſch, woher dann Deine Kunde der Zukunft?“ Almamen trat zu dem König, der auf den Balkon zugegangen war. „Sieh,“ ſprach er und zeigte auf die Fluten des Darro,„dieſer Fluß iſt von einem Element, worin der Menſch nicht athmen kann; droben in der dünnen, unfaßbaren Luft finden unſere Füße keinen Halt. Und doch helfen vermittelſt einer geringen Kunſt die Bewoh⸗ ner der Luft und des Waſſers unſern gewöhnlichſten Bedürfniſſen ab, tragen zu unſern alltäglichſten Ge⸗ nüſſen bei. So iſt's mit der wahren Kunſt der Zau⸗ berei. Glaubſt Du, während die kleine Oberfläche der Welt von Leben wimmelt, in deu Tiefen der Erde und im unendlichen Aether ſey keines? Wie der Fiſcher ſeinen Raub ködert, der Vogler ſeine Beute beſchleicht, ſo können wir durch die Kraft des Menſchengeiſtes die luftigen Bewohner derjenigen Regionen, die unſere groben Leiber nicht zu betreten, unſere groben Sinne nicht zu durchblicken im Stande ſind, uns unterwerfen. Dies iſt daher meines Wiſſens Beſchaffenheit: Von andern Welten weiß ich nichts, aber über die Dinge „n erf ſtre Be den ten Lie niß als wei mei an küm wai hab Lied gan dieſ vinn Dic! Arm er⸗ nen ten, rde nde kon des rin en, Ind oh⸗ ſten He⸗ au⸗ der und her cht, die ſere nne en. son nge 27 „Heiliger Prophet!“ rief Muſa leidenſchaftlich, „was hör' ich? Warum dies Geheimniß? Warum darf ich Deine Abkunft, Deinen Rang, Deine Eltern nicht erfahren? Glaubſt Du, ſchöne Leila, Granadas höchſt⸗ ſtrebendes Haus würde die Verbindung mit Muſa Ben Abil Gaſan verſchmähen? und,“— fügte er bei, den ſtolzen Ton zur mildeſten Zärtlichkeit herabſtimmend —„wenn Niemand ſo hoch ſteht, daß er mich verach⸗ ten dürfte, was könnte dann noch ſtreiten gegen unſre Liebe und Vermählung?“ „Ach,“ antwortete Leila weinend,„das Geheim⸗ niß, über welches Du klagſt, iſt mir ſelbſt ſo dunkel, als Dir. Wie oft hab' ich Dir geſagt, daß ich keine weitere Spur von meiner Geburt und den Schickſalen meiner Kindheit habe, als eine dämmernde Erinnerung an ein ferneres, heißeres Land, wo aus Sand und Wüſte die ewige Ceder ſproßt und das Kameel auf kümmerlichem, in der heißen Luft welkendem Gras waidet? Auch iſt mirs, als hätte ich eine Mutter ge⸗ habt: liebevolle Augen blickten auf mich und ſanfte Lieder lullten mich in Schlaf.“ „Deiner Mutter Seele iſt in die meinige überge⸗ gangen,“ ſagte der Maure zärtlich. Leila fuhr fort:„Hieher gebracht, ging ich in dieſen Wänden vom Kind zur Jungfrau über. Skla⸗ vinnen kommen meinen leiſeſten Wünſchen nach, und Diejenigen, die den Unterſchied von Reichthum und Armuth geſehen haben,— ich ſelbſt kenne ihn nicht— ſagen mir, Schätze und Pracht, die einen König 28 erfreuen könnten, ſepen verſchwenderiſch um mich her zerſtreut; von Verwandten jedoch, von Banden des Bluts weiß ich wenig. Mein Vater, ein ſtrenger, ſtiller Mann, beſucht mich ſelten— oft vergehen Mo⸗ nate, ohne daß ich ihn zu ſehen bekomme; aber ich fühle, er liebt mich, und eh' ich Dich kannte, Muſa, waren meine liebſten Stunden diejenigen, wo ich auf den Tritt dieſes einzigen Freundes horchen und in ſeine Arme fliegen konnte.“ „Kennſt Du ſeinen Namen nicht?“ „Weder ich noch irgend Jemand im Hauſe, aus⸗ genommen vielleicht Limen, der Aufſeher der Sklaven, ein alter, abgelebter Mann, deſſen bloßer Blick mich ängſtlich und ſtumm macht.“ „Seltſam!— doch weßhalb hältſt Du unſre Liebe für entdeckt und eine Trennung für nahe?“ „Still! Timen kam heute zu mir:„Mädchen,““ ſprach er,„„die Fußſtapfen eines Mannes find im Gar⸗ ten; erfährt dies Dein Vater, ſo haſt Du zum letzten Mal auf Granada geblickt. Wiſſe,“ ſetzte er in mil⸗ derem Ton hinzu, als er mich zittern ſah,„daß Du eher Erlaubniß erhalten würdeſt, Dich dem wilden Tiger zu vermählen, als ſelbſt den ſtolzeſten Häuptling der Morisca zum Gatten zu erleſen. Hüte Dich.“ Damit ging er. O Muſa! mein Herz iſt mir tief geſunken, und Ahnung und Schickſal ſtehen ſchwarz vor mir auf.“ „Bei meines Vaters Haupt! dieſe Hinderniſſe feuern meine Liebe nur an, und ich würde zu Dir en au ſpr ein ſen ken ein rie tap Fei in auf wel mat doch Leb grin ebet ihm ſchri nur 29 her emporklimmen, beſtünde auch jede Sproſſe in der Leiter des aus den Leibern von hundert Feinden!“ nger, Kaum hatte der feurige, hochherzige Maure ge⸗ Mo⸗ ſprochen, als von unſichtbarer Hand aus dem Gebüſch r ich ein Wurfſpieß an ihm vorbeiſchwirrte, ſo daß die ſau⸗ duſa, ſende Luft hart ſeine Wange ſtreifte, und der ſchwan⸗ au kende Schaft ſich bis an die Mitte in den Stamm d in eines Baumes grub. „Flieh! fliehl rette Dich! O Gott, ſchütze ihn!“ rief Leila und verſchwand in das Gemach. aus⸗ Der Maure wartete nicht ob ein beſſer gezielter en, Wurf nachfolgen würde; aber dem Inſtinkt ſeiner mich tapfern Natur gemäß, wendete er ſich nicht von dem Feind ab, ſondern nach ihm zu. Den gezogenen Säbel Liebe in der Hand, den halb unterdrückten Schrei der Wuth auf den Lippen, ſprang er nach der Richtung zu, aus welcher der Spieß gekommen. Mit Augen, die an Har⸗ manriſchen Hinterhalt gewöhnt waren, ſuchte er emſig, tzten doch vorſichtig, im dunkeln, ſäuſelnden Laub. Auf nichts mil⸗ Lebendiges traf ſein Blick, und endlich verließ er, Du grimmig und zögernden Schrittes, den Garten; aber iger eben als er von der Mauer geſprungen war, tönte der ihm von innen eine niedergehaltene, aber ſcharfe, amit ſchrille Stimme nach: tken,„Du biſt entkommen,“ rief ſie,„aber vielleicht uf.“ nur für ein noch kläglicheres Loos aufgeſpart.“ niſſe Dir Viertes Kapitel. Pater und Tochter. Das Zimmer, wohin ſich Leila zurückgezogen, ent⸗ ſprach der Beſchreibung, die ſie vom Innern des Hauſes gemacht. Die Art des Ausſchmuckes und der Verzierung eignete der bei den Mauren von Granada herrſchenden Sitte nicht. Es entfaltete eine maſſivere, wenn wir den Ausdruck gebrauchen dürfen, egyptiſche Pracht. An den Wänden hingen orientaliſche Zeuge herab, auf welchen ſchwere goldene Stickerei auf einem Grund vom tiefſten Purpur prangte. Wunderliche Charaktere einer fremden Sprache waren in dem eingelegten Kar⸗ nieß und dem ſchweren Plafond angebracht, um deſſen viereckige Tragpfeiler ſich Schlangen von Gold und Email wanden, deren Augen vermittelſt ungeheurer Smaragde einen grünen, lebenähnlichen Schimmer be⸗ kamen. Verſchiedene Schriftrollen und mufikaliſche In⸗ ſtrumente lagen auf Marmortiſchen umher, und eine einzige Lampe aus gediegenem Silber warf ein däfn⸗ meriges, unterdrücktes Licht ins Gemach. Der Findruck des Ganzen war, trotz des Prunks, diſſter, ſeltſam und beengend, und paßte eher für den kalten Himmel des Normannen, oder für jene dicke, höhlenartige Architektur, welche einſt die Bewohner von Theben und Memphis gegen die Stralen der afrikaniſchen Sonne ſchi leic gefe ſtan es zart chen Geſt tigke Die purn düſte allzu aber gego ſchen metr zeigte werd Ausd ten C beglei Schla Leila eine( 2 ſie w und ſc „ent⸗ aues erung enden nwir racht. , a Frund aktere Kar⸗ deſſen und erer er be⸗ E In⸗ eine däin⸗ idruck ltſam mmel rtige tund onne und ſchaute hinaus. Fern, durch eine Oeffnu 31 ſchützte, als für den durchſichtigen Himmel und die leichten Zelthänſer der Orientalen Granada's. Bleich und odemlos, die Lippen geöffnet, die Hände gefaltet, die ganze Seele in dem hinhorchenden Ohr, ſtand Leila in dieſem Gemach, und nicht möglich wär⸗ es geweſen, ein vollkommeneres Ideal irgend einer zarten, glänzenden Peri, die im Palaſt eines feindli⸗ chen, düſtern Geiſtes gefangen iſt, zu entwerfen. Ihre Geſtalt verband mit der höchſten Schlankheit und Leich⸗ tigkeit die runden Formen des weiblichen Umriſſes. Die üppigen Locken waren zwar dunkel, aber ein pur⸗ purner, ſchimmernder Anhauch befreite ſie von jener düſtern Schwere, die bei den Haaren der Aſtaten nur allzuhäufig iſt, und die Hautfarbe, von Natur blaß, aber klar und licht, würde ſelbſt im Norden für reizend gegolten haben. Das Profil, die Naſe leicht dem römi⸗ ſchen Bogen annähernd, war in der vollendetſten Sym⸗ metrie gehalten und die vollen, zart gewölbten Lippen zeigten Zähne, durch welche Perlen hätten beſchämt werden mögen. Der Hauptreiz lag jedoch in einem Ausdruck von Milde und Reinheit und jenem vergeiſtig⸗ ten Gefühl, welches dieſe Art von Lieblichleit ſelten begleitet und vollends der wollüſtigen, träumeriſchen Schlaffheit der mauriſchen Mädchen ganz fremd war.— Leila aber hatte eine geiſtige Erziehung, die Statue eine Seele erhalten. Nach einigen Minuten peinlicher Ungewißheit ſchlich ſie wieder an den Gitterladen, ſchloß ihn ſachte an ing zſhen 32 den Bäumen, entdeckte ſie, obwol nur für einen Moment, die aufrechte, ſtattliche Geſtalt des Geliebten, wie er einen dunkeln Schatten auf den mondbeglänzten Raſen warf und jetzt eben, vom fruchtloſen Nachforſchen abſtehend, den Blick wieder und wieder ihrem Fenſter zuwendete. Schnell verbarg ihn das dichte Laubge⸗ flechte ihren Augen aufs Neue; aber ſie hatte genug geſehen— ſie trat ins Innere, dankbare Thränen träufelten von ihren Wangen, und auf die hohen. Kiſſen des Zimmers niederknieend ſprach ſie:„Gott meiner Väter, ſey mir gelobt!— er iſt gerettet!“ „Und doch“— fügte ſie bei, indem ein qualvoller Gedanke ſie durchfuhr—„wie kann ich für ihn beten? Wir knieen nicht vor demſelben Gotte, und man hat mich gelehrt mich vor Muſas Glauben ſchaudernd ab⸗ zuwenden! Ach, wie wird Das enden? Unglücklich war die Stunde, als er mich zuerſt in dieſem Garten ſah und über die Mauer ſprang und der Leila ſagte, ſie ſey die Geliebte des Helden, deſſen Arm der Schild, deſſen Name der Segenswunſch Granada's iſt.— Weh mir, weh mir!“ Das junge Mädchen bedeckte das Geſicht mit den Händen und ſank in ſchmerzliches Nachdenken, das umt durch ihr Schluchzen unterbrochen wurde. Einige Zeit hatte ſie ſich ihrem Kummer auf dieſe Art ungeſtört hingegeben, als der Vorhang ſanft auf die Seite geſchoben ward und ein Mann von auffallender Tracht und Hal⸗ tung ins Zimmer trat. Beim Gewahrwerden ihrer gramvollen Stellung blieb er ſtehen und betrachteie ——— ——— fie ge ſch ihr und Ein Leil ſpra mes und Hau ſtrön — erhel der! ſoll mäch Affekt haft; eben der zt einen ebten, änzten rſchen Fenſter aubge⸗ genug ränen hohen „Gott lvoller beten? n hat d ab⸗ h war en ſah ſie Schild, Weh it den 6 nut e Zeit geſtört choben d Hal⸗ ihrer achtete 33 ſie mit einem Blick, worin Mitleid und Zärtlichkeit gegen angewöhnte Strenge und Rauheit zu kämpfen ſchienen. „Leila!“ ſprach er endlich. Leila fuhr zuſammen und ein tiefes Roth überfloß ihr Antlitz. Sie wiſchte die Thränen aus den Augen und trat, mit einem ſchwachen Verſuch zu lächeln, dem Eingetretenen entgegen. „Mein Vater, willkommen!“ Dieſer ließ ſich auf ein Kiſſen nieder und winkte Leila neben ſich. „Die Thränen find friſch auf Deiner Wange,“ ſprach er ernſt;„ſie find das Abzeichen Deines Stam⸗ mes! Unſere Töchter werden geboren um zu weinen, und unſre Söhne um zu ſeufzen; Aſche liegt auf dem Haupt der Mächtigen, und die Brunnen der Schönheit ſtrömen von Galle! O daß wir nur kämpfen könnten — daß wir wagen dürften— daß wir die Häupter erheben könnten und uns vereinen gegen die Feſſeln der Uebelthäter! Es iſt unmöglich— doch Ein Mann ſoll eine Nativn rächen!“ Das dunkle Geſicht des Vaters, ſehr geeignet um mächtige Regungen auszudrücken, ward fürchterlich im Affekt des Zornes. Stirn und Lippe arbeiteten krampf⸗ haft; doch der Anfall dauerte kurz und Leila hatte nur eben über deſſen Höhe geſchaudert, als er bereits wie⸗ der zur Ruhe gekommen war. „Genug von dieſen Gedanken „zu deren Zeugin Bulwer's Romane. LXXV. 3 Du, ein Weib und Kind, nicht geſchaffen biſt. Leila, mit Zärtlichkeit biſt Du genährt, mit Liebe unterrichtet worden. Hart und lieblos mag ich Dir geſchienen haben, aber die beſten Tropfen meines Herzens hätt' ich hergegeben, um von Deinen jungen Jahren den leiſe⸗ ſten Schmerz abzuwenden. Nein, hör' mich ruhig an. Daß Du einſt würdig ſeyeſt Deines Volkes, und Deine Stunden nicht verrinnen mögen in fühlloſer, matter Trägheit, iſt Dir Unterricht in ſolchem Wiſſen gegeben worden, das Deinem Geſchlecht nur ſelten zu Theil wird. Dein ſind nicht die üppigen Künſte der mauri⸗ ſchen Mädchen, Dein nicht ihre buhleriſchen Lieder und ihre Tänze unzüchtiger Luſt; Deinen zarten Gliedern ward blos diejenige Stellung gelehrt, welche die Natur für die Verehrung Gottes feſtgeſetzt hat, und der Wohllaut Deiner Stimme ward den Geſängen Deines gefallenen Landes angepaßt, die da trauern ob der Erinnerung ſeiner Leiden, die beſeelt ſind von den Namen ſeiner Helden, und heilig durch die Weihe ſeines Gebets. Dieſe Schriftrollen und die Lehren unſerer Propheten haben Dir genug von unſerer Weisheit und unſerer Geſchichte mitgetheilt, um Deinen Geiſt empor⸗ zuheben, Deinem Herzen Empfindung für eine heilige Sache zuzuſtrömen. Hörſt Du mich, Leila?“ Verwirrt und erſtaunt, denn noch nie hatte ihr Vater in ſolchem Ton zu ihr geſprochen, antwortete Leila mit einem Ernft in den Zügen, der dem Fragen⸗ den zu gefallen ſchien. Mit veränderter, hohler, feier⸗ licher Stimme nahm er von Neuem das Wort. eil ri⸗ nd rn tur der nes der den nes erer und por⸗ ilige ihr rtete gen⸗ eier⸗ 35 „So fluche Deinen Verfolgern! Tochter des großen Hebräer⸗Geſchlechtes, ſteh auf und fluche dem mauri⸗ ſchen Frohnvogt und Räuber.“ Damit erhob ſich der Beſchwörende ſelbſt und ſtreckte die rechte Hand nach oben, während die linke die Schulter des Mädchens faßte. Sie aber, nachdem ſie einen Moment in wildem, ſcheuem Erſtaunen in ſein Geſicht geblickt hatte, ſtürzte ſich krümmend zu ſeinen Füßen, und ſtöhnte, indem ſie dieſelben bittend umſchlang, mit kaum artikulirten Lauten: „Schone, ſchone meiner!“ Der Hebräer, denn ein ſolcher war er, ſah ſie, als ſie ſo zu ſeinen Füßen bebte, mit einem Blick der Wuth und Verachtung an. Seine Hand fuhr nach dem Dolch; er zog ihn halb aus der Scheide, ſtieß ihn mit einem leiſe geflüſterten Fluch wieder zurück, und warf ihn dann bedächtlich neben ſie auf den Boden. „Entartetes Geſchöpf,“ rief er mit einer Stimme, die umſonſt nach Ruhe rang,„haſt Du einen unwür⸗ digen Gedanken an einen mauriſchen Ungläubigen in Dein Herz eingelaſſen, ſo grabe tief und rotte ihn aus, ſelbſt mit dem Meſſer und vermittelſt des Todes — daun wirſt Du meiner Hand dieſe ſchändende Arbeit erſparen.“ Schnell riß er ſich von ibrer Umſchlingung los und ließ das unglückliche Mädchen allein und bewußtlos zurück. 3* Fünftes Kapitel. Ehrbegierde durch Staatseinrichtungen zum Frevel verzerrt Beim Hinabſteigen der breiten, zu Leila's Zimmer führenden Treppe traf der Hebräer auf einen alten, in weite Gewänder von Seide und Pelz gehüllten Mann, auf deſſen verwelkten, faltenreichen Zügen das Leben kaum noch gegen den vordringenden Tod zu kämpfen ſchien— ſo mager, fahl und leichenähnlich war die Geſtalt. „Limen,“ ſprach der Israelite,„treuer und ge⸗ liebter Knecht, folge mir in die Höhle.“ Er wartete nicht auf Antwort, ſondern ſetzte ſeinen Weg raſchen Schrittes durch mehrere Höfe und Alleen fort, bis er endlich zu einem engen, dunkeln, dunſtigen Gang ge⸗ langte, der in maſſiven Felſen gehauen zu ſeyn ſchien. An der Mündung befand ſich ein ſtarkes Gitterthor, das auf den Druck an einer Feder aufſprang, obwol die vereinte Kraft von hundert Männern es nicht aus den Angeln gehoben haben würde. Eine kupferne Lampe ergreifend, die innerhalb in einer Niſche brannte, harrte der Hebräer ungeduldig, bis der ſchwache Alte ihn eingeholt hatte, verſchloß dann das Thor wieder, und ſetzte den vielfach gewundenen Weg ziemlich weit fort, bis er vor einem gewiſſen Punkt der Felſenwand, der ſich in keiner Weiſe von dem übrigen Geſtein zu — —„——————— — —— 37 unterſcheiden ſchien, ſtehen blieb; und wirklich war die Thür, die er jetzt öffnete, ſo künſtlich eingeſetzt und verſteckt, und ſo ſchnell gab ſie ſeiner Hand nach, daß es in wörtlichem Sinn wie ein Zauberwerk ausſah, als der Fels plötzlich gähnte und eine runde Höhle zeigte, erleuchtet von kupfernen Lampen und bedeckt mit Teppichen und Kiſſen von dichtem Pelz. An rauhen, dem Anſehen nach von der Ratur ſelbſt gebildeten ſtei⸗ nernen Pfeilern hingen verſchiedene alterthümliche, ver⸗ roſtete Waffen; in weiten Niſchen lagen mit eiſernen Ringen umſchloſſene Schriftrollen, und eine Menge ſeltſamer, ſchwerfälliger Inſtrumente und Maſchinen (worin die Wiſſenſchaft heutiger Zeit vielleicht die An⸗ fänge zu den Erfindungen der Chemie entdeckt haben würde) gab dem wunderlichen Ort ein zauberrüchiges, ominöſes Gepräge. Der Hebräer warf ſich auf ein Pelzlager;„Limen,“ ſprach er, als der Alte eingetreten war und die Thür verſchloſſen hatte,„ſchenke mir Wein ein— er iſt ein beruhigender Rathgeber und ich bedarf ſeiner.“ Aus einer der Vertiefungen der Höhle einen Krug und einen Becher hervorbringend, reichte Timen ſeinem Herrn einen reichlichen Trank von dem funkelnden Reck⸗ tar der Vega, der ihn zu ſtärken und wiederherzuſtellen ſchien. „Alter,“ ſagte er, den Becher mit einem tiefen Seufzer leerend,„gieße Dir auch einz trink bis Deine Adern Ingend fühlen. Beim heiligen Tempel! ich wollte der Trank wäre Feuer!“ —— 38 ximen vollzog das Gebot nur unvollkommen; der Wein berührte nur ſeine Lippen und der Becher ward ſogleich bei Seite geſetzt. „Timen,“ nahm Jener wieder das Wort,„wie viele von unſerem Geſchlecht ſind durch den Geiz der mauriſchen Könige geſchlachtet worden ſeit Du zum erſtenmal Deinen Fuß in die Stadt geſetzt?“ „Dreitauſend— die Zahl wurde vorigen Winter auf Befehl des Weſſirs Juſſuf voll; ihre Habe ward zu Lanzen und Säbeln gegen die Hunde Galiläas verwandelt.“ „Dreitauſend— nicht mehr! nur dreitauſend! Ich wollte die Zahl wäre dreifach ſo groß, denn der Zins daraus iſt jetzt verfallen!“ „Mein Bruder und mein Sohn und mein Enkel find unter der Zahl,“ ſprach der Alte, und ſein Geſicht ward noch todtenähnlicher. „Ihre Grabmäler ſollen in Hekatomben ihrer Zwing⸗ herren beſtehen. In der Rache wenigſtens ſoll man die Inden keine Knanſer nennen.“ „Aber verzeihe mir, edler Herr eines gefallenen Volks, glaubſt Du, wir werden von jenen ſtolzen, hoch herab ſchauenden Nazarenern minder ausgeplündert und mit Füßen getreten werden, als von den arabiſchen Ungläubigen?“ „Zwar ſind Beide verflucht,“ erwiederte der He⸗ bräer,„aber die Einen verheißen uns mehr als die Andern. Ich habe dieſen Ferdinand und die ſtolze Königin geſehen; ſie haben ſich verbindlich gemacht, r d 18 18 el ht ie en ch ert en e⸗ die lze 39 uns größere Rechte und Freiheiten zuzugeſtehen, als wir bisher irgendwo in Europa gehabt.“ „Und ſie werden nicht an unſern Handel, unſern Gewinnſt, unſer Gold rühren?“ „Weh über Dich!“ rief der ergrimmte Israelite und ſtampfte auf den Boden.„Wäre doch alles Gold der Erde in den ewigen Abgrund geſunken! Dieſer niedrige, klägliche, eckelhafte Krebs des Geizes iſt es, was den Menſchen unſeres Stammes Herz, Seele, ja das Menſchenanſehn ſelbſt wegfrißt! Oft, wenn ich die königlichen Züge der Abkömmlinge Salomos und Joſuas von kleinen, ärmlichen Sorgen abgemagert und durchfurcht ſah,— ſah, wie die Geſtalt des kraftvollen Mannes ſich wie ein kriechend Gewürm zu einem höckenden Seide⸗ oder Salbenkrämer zuſammenwand, — hörte, wie die Stimme, die den Schlachtruf erheben ſollte, ſich zu den knechtiſchen Tönen niederer Furcht oder noch niedrigerer Hoffnung verdünnte, oft hab' ich mich gefragt, ob ich wirklich vom Blute Israels ſey, und habe dem großen Jehovah gedankt, daß er wenig⸗ ſtens von mir den Fluch abgewendet, der meine Brü⸗ der zu Wucherern und Sklaven entartet hat.“ Fimen vermied klüglicher Weiſe die Antwort auf einen Gefühlsausbruch, den er weder theilte, noch be⸗ griff; nach kurzer Stille kehrte jedoch der Fluß des Geſpräches zurück. „Du biſt denn, um Rache an den Mauren zu nehmen, entſchloſſen, jedem möglichen Treubruch dieſer Nazarener Dich auszuſetzen?““ 40 7 „Ja, der Dunſt des Menſchenblutes iſt zum Himmel aufgeſtiegen, und hängt, zu Donnerwolken verdichtet, über der ihrem Schickſal verfallenen Stadt. Und jetzt hab' ich noch einen neuen Grund des Haſſes gegen die Mauren: die Blume, die ich aufgezogen und gehütet, wollte ein Räuber mir vom Herzen reißen. Leila— Du haſt ſie ſchlecht bewacht, Limen, und wäreſt Du mir nicht gerade um Deiner Bosheit und Verdorben⸗ beit willen werth, ſo würde die aufgehende Sonne Deinen Rumpf in den Fluten des Darro erblickt haben.“ „Gebieter,“ antwortete Limen,„konnteſt Du, der Weiſeſte unſeres Volkes, ein Mädchen nicht vor der Liebe hüten, wie kannſt Du Dies den dämmernden Augen und dumpfen Sinnen eines elenden alten Man⸗ nes als Frevel zurechnen?“ Der Israelite erwiederte nichts, und ſchien dieſe entſchuldigende Gegenbemerkung gar nicht zu hören. Es war als ſey er in die eigenen Gedanken vertieft, und zu ſich ſelbſt flüſterte er alſo:„Es muß ſo ſeyn; das Opfer iſt hart— die Gefahr groß, aber hier wäre ſie wenigſtens noch unmittelbarer. Es ſoll ge⸗ ſchehen. Timen,“ fuhr er wieder mit lauterem Tone fort,„weißt Du gewiß, daß ſelbſt meine eigenen Lands⸗ leute, mein eigener Stamm, mich nicht als einen der Ihrigen kennen? Würden meine verachtete Geburt und Religion bekannt, ſo würde ich als ein Betrüger in Stücke zerriſſen, und alle Künſte der Kabala ver⸗ möchten mich nicht zu retten.“ — —— v 4 N— N v„ 41 „Zweifle nicht, großer Gebieter; Niemand in Granada als Dein treuer Timen kennt Dein Geheimniß.“ „Das ſey auch mein Glaube und meine Hoffnung! Und jetzt ans Werk; dieſe Nacht muß in Arbeit zuge⸗ bracht werden.“ Der Hebräer ſtellte einige der erwähnten ſeltſamen Inſtrumente vor ſich und nahm aus den Vertiefungen der Felſenwand mehrere Schriftrollen. Der Alte ſaß zu ſeinen Füßen, bereit ſeinen Winken zu gehorchen, aber allem Anſchein nach ſtarr und bewegungslos wie ein Leichnam, dem ſeine gebleichten Farben, ſeine ein⸗ geſchrumpfte Geſtalt vollkommen ähnelten. Wirklich glich die Gruppe ganz dem Bild eines in ſeinem Werk begriffenen Zauberes, der irgend einen alten Mann aus dem Grab beſchworen hätte, um ſeine Befehle zu vollziehen. In der vorhergegangenen Unterredung blickten ge⸗ nugſame Zeichen durch, um den Eſer zu überzeugen, daß der Hebräer, in welchem er bereits den Almamen der Alhambra entdeckt hat, nicht den gewöhnlichen Charakter ſeines Volkes trug. Aus einem Geſchlecht, das bis in das Dunkel ſeiner geheimnißvollen Nation zur Zeit ihrer Macht hinaufragte, und im Beſitz un⸗ geheurer Reichthümer, gegen welche die Einkünfte go⸗ thiſcher Fürſten Armuth waren,— verfloß die Jugend dieſes merkwürdigen Mannes nicht unter Schachern und Feilſchen, ſondern unter Reiſen und Studien. Als Kind war Granada ſeine Heimath geweſen. Er hatte ſeinen Vater durch den vorigen König, Muley 42 Abdalla, um keines andern Verbrechens, als ſeiner berufenen Schätze willen, hinſchlachten und ſeinen Leib aufſchneiden ſehen, um die Juwelen aufzuſpüren, die er verſchlungen haben ſollte. Er hatte es geſehen, und, ſo jung er war, Rache geſchworen. Ein entfernter Verwandter brachte den Verwaiſeten nach einem vor Verfolgung geſichertern Lande, und der Kunſtgriff, mit welchem die Juden ihren Reichthum zu verſtecken wuß⸗ ten, indem ſie denſelben in verſchiedenen Städten zer⸗ ſtreuten, rettete dem Geflüchteten die Koſtbarkeiten, wonach Granada's Tyrann die Hand ausgeſtreckt. Der größere Theil der damals bekannten Welt war von Almamen beſucht und mehrere Jahre am Hof des Sultans von Egypten zugebracht worden, das im⸗ mer noch in dem Ruf dunkler Wiſſenſchaft und magi⸗ ſcher Künſte ſtand. Nicht fruchtlos hatte der Reiſende ſelbſt ſich auf dieſe verführeriſchen, wilden Forſchungen gelegt, und mehrere der Geheimniſſe erkundet, die jetzt der Welt vielleicht auf immer verloren ſind. Wir wol⸗ len damit nicht andeuten, als habe er ſich Das zu eigen gemacht, was Märchen und Aberglauben uns als Zauberkunſt überliefern möchten. Er konnte weder den Elementen befehlen, noch den Schleier der Zukunft durchſchauen— weder Heere mit einem Wort ausein⸗ ander jagen, noch ſich durch Ausſprechen einer magi⸗ ſchen Formel an einen entfernten Ort verſetzen. Allein Männer, die Jahrhunderte lang ihr Leben damit zu⸗ gebracht, alles Mögliche zu verſuchen, was die Menge in Erſtaunen und Angſt ſetzen kann, mußten nothwendig er eib die id, ter or nit 16⸗ er⸗ en, elt of m⸗ gi⸗ de en etzt ol⸗ zu ns der nft in⸗ gi⸗ ein zu⸗ ge dig 43 manche Geheimniſſe lernen, welche die ganze nüchternere Weisheit der neuern Zeit umſonſt zu löſen oder wieder ins Leben zu rufen ſuchen würde. Viele dieſer, oft ganz handwerksmäßig erworbenen Künſte—(ihre Ent⸗ deckung häufig das Werk eines zufälligen Zuſammen⸗ treffens chemiſcher Agentien)— konnten Diejenigen ſelbſt, welche ſie ausübten, nicht immer erklären, und von den hervorgebrachten Erſcheinungen keine Rechenſchaft geben, ſo daß die Macht ihrer Täuſchungen ſie ſelbſt täuſchte und ſie ſich oft für die Meiſter der Natur hiel⸗ ten, wenn ſie nur ihre irrenden, wirren Schüler waren. Zu dieſen Menſchen gehörte Almamen. Er wußte, daß er ein Betrüger war; gleichwol war er ſelbſt gewiſſer⸗ maßen das betrogene Spielwerk ſeines verirrten Wiſſens und der Glut ſeiner hochfliegenden, enthufiaſtiſchen Einbildungskraft. Seine eigene großartige Eitelkeit benebelte ihn, und wenn es eine geſchichtliche That⸗ ſache iſt, daß die Könige des Alterthums, verblendet durch ihre eigene Gewalt, Augenblicke hatten, in wel⸗ chen ſie ſich für mehr als Menſchen hielten, ſo erſcheint es keineswegs unglaublich, daß Weiſe, die noch über den Königen ſtehen, auf einen ſo ſchwachſinnigen oder, vielleicht, ſo erhabenen Wahn gerathen und ſich ſelbſt einbilden konnten, ſie hätten ein wirkliches Recht auf den unheimlichen Namen, welchen der Glaube der Menge ihren Talenten und Gaben beilegte. Obwol übrigens der Zufall der Geburt, der Al⸗ mamen von jedem Feld der Thatkraft und Ehrbegierde ausſchloß, ihn zur ſtillen Betrachtung und zu den Studien — 44 geführt, hatte die Natur doch ſo mächtige Leidenſchaf⸗ ten keineswegs für die ruhige, wenn auch ſchwärmeri⸗ ſche Beſchäftigung beſtimmt, der er ſich hingab. Unter ſeinen Schriftrollen und Prophetenbüchern hatte er nach That und Ruhm geſchmachtet, und durch den allge⸗ meinen Bann, welcher auf der Religion, der er ange⸗ hörte, in jedem Land und von Seiten jedes Glaubens laſtete, an jedem geſunden Ausweg gehemmt, bildeten ſeine ganz ſich ſelbſt überlaſſenen Geiſteskrüfte rieſige aber bodenloſe Entwürfe, die, als einer nach dem andern wieder in Nichts zerſtäubte, endlich nur das Gefühl dunkeln Menſchenhaſſes und heißer Rachbegierde nach ſich ließen. Hätte ſeine Religion in Anſehn und Macht ge⸗ ſtanden, ſo wär' er vielleicht ein Skeptiker geworden; Verfolgung und Leiden machten ihn zum Schwärmer. Doch treu jenem Grundzuge des alten Hebräerſtammes, der in ſeinem Meſſias nur einen Krieger und Fürſten ſuchte, und alle Hoffnungen und Ausſichten nur an weltlichen Sieg und Rang anknüpfte, wollte Almamen ſeine Religion lieber weltlich fördern, als ihr gehorchen. Er kümmerte ſich wenig um ihre Vorſchriften und dachte wenig an ihre Lehren; aber Nacht und Tag wälzte er die Plane zu ihrer irdiſchen Wiederherſtellung in ſich um. Damals waren die Mauren in Spanien viel mör⸗ deriſchere Verfolger der Juden, als die Chriſten. In den ſpaniſchen Küſtenſtädten hatte dieſes Handelsvolk kommerzielle Verbindungen mit den Chriſten einge⸗ „—— ri⸗ gangen, die für die Einzelnen wie für die Gemeinheit ſo vielen Nutzen abwarfen, daß den Juden daraus nicht nur Duldung, ſondern ſogar eine Art perſönlicher Freundſchaft an jedem Ort erwuchs, wo gekauft und verkauft wurde. Der düſtre Fanatismus, der ſpäter den Ruhm des großen Ferdinand befleckte, und die Schrecken der Inquiſition einführte, war kaum nur in vorübergehenden Launen ſichtbar geworden. Die Mauren dagegen hatten das unglückliche Volk mit vol⸗ lendeter, erbarmungsloſer Barbarei behandelt. In Granada, unter der Regierung von Boabdils grau⸗ ſamem Vater—„dieſem König mit dem Tigerherzen,“ — waren die Juden im wörtlichen Sinne als keine Menſchen betrachtet worden, und ſelbſt unter dem mil⸗ den, beſchaulichen Boabdil hatte man ſie ohne Gnade ausgeplündert, und, wenn ſie im Verdacht verheim⸗ lichter Schätze ſtanden, ohne Bedenken niedergehauen; die Bedürfniſſe des Staates blieben immer noch ihre nicht zu erweichenden Ankläger,— ihr Reichthum im⸗ mer noch ihr unſühnbares Verbrechen. In den Zeiten dieſer Gräuel war Almamen zum erſtenmal ſeit dem Tod ſeines Vaters wieder nach Granada zurückgekehrt. Er ſah das ungemilderte Elend ſeiner Brüder, und er erneuerte ſeinen Schwur. Da ſein Name umgeändert, ſein Geſchlecht ausgeſtorben war, ſo erkannte Niemand in dem Manne Almamen den Knaben Iſaſchars, des Juden. Wirklich hatte derſelbe ſeit lange für klüglich erachtet ſeinen Glauben zu verbergen, und war in den Ländern Afrika's nur als der mächtige Santon, oder der weiſe Magier be⸗ kannt. Dieſer Ruf hob ihn in Granada bald hoch in der Gunſt des Hofes. Ins enge Vertrauen Muley Ab⸗ dalla's gezogen, hatte er mit der Königin Mutter ge⸗ gen dieſen Fürſten ſich verſchworen und es erlebt, daß er endlich ſeinen ermordeten Vater an dem königlichen Mörder rächen konnte. Richt weniger vertraut ſtand er mit Boabdil; aber, geſtählt gegen jedes brüderliche Gefühl außer den Grenzen ſeines Glaubens, ſah er in dem Vertrauen des Königs nur die Blindheit eines Opfers. Schlangenartig, wie er war, kümmerte es ihn nicht, durch welchen Schlamm der Verrätherei und des Be⸗ trugs er ſeine verderblichen Windungen zog, wenn er nur endlich den Satz auf ſeine Beute thun konnte. Von der Natur war ihm Schlauheit und Kraft gege⸗ ben worden. Der Fluch ſeiner Verhältniſſe hatte ihn zum Staub herabgedrückt, aber auch dem Staub an⸗ gepaßt. Kroch er wie ein Gewürm, ſo hatte er auch deſſen Gift und Zahn. —— Sechstes Kapitel. Der Löwe im Uetz. In der darauf folgenden Nacht, nicht lange vor Anbruch des Tages, berief der König von Granada er b⸗ aß en nd che in 1es ht, e⸗ er ge⸗ ihn an⸗ uch 47 plötzlic Juſſuf, den Weſffir, vor ſich. Der alte Mann fand Boabdil in höchſter Aufregung; aber beinah für verrückt hielt er ſeinen Herrn, als er von ihm den Befehl erhielt, ſich der Perſon des Muſa Ben Abil Gaſan zu verſichern, und ihn in den ſtärkſten Kerker— des Rothen Thurmes zu werfen. Auf Boabdils natür⸗ liche Milde bauend wagte der Weſſir Gegenvorſtellun⸗ gen, Winke über die Gefahr, gewaltſame Hand an einen ſo beliebten Häuptling zu legen, und wollte fragen, welcher Grund für einen ſolchen Schimpf denn angegeben werden möchte. Die Adern ſchwollen wie Stricke auf Boabdils Stirn; ſeine Antwort war kurz und gebietend: „Bin ich noch König, daß ich einen Unterthan fürchten, oder über meinen Willen Rechenſchaft geben ſoll? Du haſt meine Befehle; hier iſt mein Siegel und der Firman: Gehorſam oder die Bogenſenne.“* Nie zuvor hatte Boabdil ſeinem gefürchteten Vater in Sprache und Benehmen ſo geglichen; der Weſſir zitterte an allen Gliedern und zog ſich ſchweigend zu⸗ rück. Boabdil ſah dem Abgehenden aufmerkſam nach, preßte dann die Hände in großer Bewegung zuſammen und rief:„O Lippen des Todten, ihr habt mich ge⸗ warnt, und euch opfre ich den Freund meiner Jugend.“ Der Weſſir nahm, als er Boabdil verließ, einige jener ausländiſchen Serailſklaven mit, die außerhalb ihrer Mauern für nichts Menſchliches Mitgefühl oder * Zum Erdroſſeln. ¹8 Erbarmen haben, und verfolgte ſeinen Weg in qual⸗ voller Verlegenheit und Verwirrung nach Muſa's Pa⸗ laſt. Er wagte es jedoch nicht, ſich dem Tumult aus⸗ zuſetzen, der wol in der ganzen Nachbarſchaft ent⸗ ſtehen durfte, wenn er zu ſo ungewobnter Stunde ge⸗ waltſam einzudringen verſuchte, ſondern zog es vor, mit ſeinen Begleitern in einiger Entfernung zu warten, bis mit dem Morgengrauen die Pforten aufgeſchloſſen und es im Innern lebendig würde. Demzufolge verbarg ſich Juſſuf, ſeine Sterne an⸗ klagend und ſich fortwährend über ſeinen Auftrag wundernd, mit ſeinen ſchweigenden Gefährten in einem kleinen Buſchwerk neben dem Palaſt, bis das Tages⸗ licht über die Stadt herein brach; dann erſt trat er ein und wurde in eine Halle geführt, wo er den ge⸗ feierten Moslem bereits aufgeſtanden und im Geſpräch mit einigen Zegris⸗Offizieren über das Verfahren bei einem auf heute feſigeſetzten Ausfall fand. Juſſuf näherte ſich dem Fürſten mit ſo auffallen⸗ dem Widerßreben und Bedenken, daß die wilden, ſcharfſichtigen Zegris ſogleich eine üble Abſicht bei dem Beſuch witterten; und als Muſa, erſtaunt, der Bitte des Weſſirs um eine Privataudienz Folge leiſtete, ließen die Krieger nur mit gekrümmten Brauen und funkeln⸗ den Augen den geliebten Führer allein mit dem Boten des Königs. „Beim Grab des Propheten!“ rief Einer, als er aus der Halle trat,„der furchtſame Boabdil traut al⸗ za⸗ us⸗ nt⸗ ge⸗ or, ten, ſſen an⸗ trag nem ges⸗ t er ge⸗ räch bei llen⸗ lden, dem Bitte ießen nkeln⸗ Boten als er traut 49 unſrem Ben Abil Gaſan nicht. Ich bemerkte Dies ſchon früher.“ „Still!“ ſagte ein Andrer,„ſehen wir zu. Krümmt der König ein einziges Haar in Muſa's Bart, ſo habe Allah Erbarmen mit ſeinen Sünden.“ Mittlerweile zeigte der Weſſir dem Fürſten ſchwei⸗ gend den Firman und das Siegel, und bat ihn dann, ohne daß ers gewagt hätte den Ort zu nennen, wohin er ihn führen ſollte, ihm unverweilt zu folgen. Muſa entfärbte ſich, aber nicht aus Furcht. „Wie!“ ſprach er im Ton tiefer Bekümmerniß, „iſt's möglich, daß ich das Mißfallen oder den Ver⸗ dacht meines königlichen Verwandten erregen konnte 2 Doch gleichviel; ſtolz darauf, Granada ein Beiſpiel des Muths gegeben zu haben, wie es ſich vertheidigen ſoll, will ich ihm auch eines geben, wie es ſeinem Könige gehorchen müſſe. Geh— ich folge Dir. Doch halt, Du brauchſt keiner Wachen; laß uns durch ein geheimes Pförtchen austreten. Die Zegri's möchten unruhig werden, ſähen ſie mich den Palaſt um dieſe Stunde mit Dir verlaſſen, wo das Heer ſich in der Vivar⸗ rambla ſammelt und meiner Ankunft harrt. Hier hinaus!“ Damit ging der Prinz, der bei aller Tapferkeit jedem Impuls folgte, den vrientaliſche Unterthanen⸗ treue gegen den König fordert, von der Halle auf ein Thörchen zu, das nach dem Garten führte, und be⸗ gleitete den Weſſir in gedankenvollem See nach Bulwer's Romane. LXXV. 50 der Alhambra. Als ſie an dem Gehölz vorbeikamen, worin Muſa vor zwei Nächten auf Almamen geſtoßen, bemerkte Jener bei einer ſchnellen Wendung des Kopfes die dunkeln Augen des Zauberers, der eben aus den Bäumen heraus trat. Er glaubte in dieſen Augen eine boshafte, feindſelige Freude wahrzunehmen; Al⸗ mamen jedoch ging, ihn ernſt grüßend, durch das Ge⸗ büſch vorüber. Der Prinz würdigte ihn keines Nach⸗ ſehens, widrigenfalls er noch einmal jenen giftigen Blick bemerkt haben dürfte. „Uebermüthiger Heide!“ flüſterte Almamen vor ſich hin;„Dein Vater füllte ſeine Schatzkammern mit dem Gold manches gefolterten Hebräers, und Du ſelbſt, zu ſtolz um ein Knicker zu ſeyn, warſt wenig⸗ ſtens blutdürſtig genug, um den Fanatiker zu ſpielen. Dein Name iſt ein Fluch in Israel; doch wenn Dich nach einer Tochter unſres verachteten Stammes lüſtet und vereitelte Luſt Dir ein Stachel iſt, ſo bin ich ge⸗ rächt. Ja, zieh nur hin mit Deinem ſtattlichen Schritt und hohen Federbuſch— Du gehſt den Ketten, viel⸗ leicht dem Tode zu.“ Indem Almamen alſo ſeiner bittern Stimmung Luft machte, entſchwand der letzte Schimmer von Muſa's weißem Gewand ſeinem Blicke. Er blieb einen Mo⸗ ment ſtehen, wendete ſich dann plötzlich um und ſagte halblaut:„Rache, nicht an einem einzigen Mann, ſon⸗ dern an einem ganzen Volke! Jetzt zu dem Nazarener.“ ——„„ — 8c e— He⸗ ch⸗ gen vor mit nig⸗ len. Dich üſtet ge⸗ hritt viel⸗ ung uſa's Mo⸗ ſagte ſon⸗ ner.“ Zweites Puch. Erſtes Kapitel. Vas ſpaniſche Königszelt.— Der König und der Pomi⸗- nikaner.— Per Beſuch und die Geißel. Unſere Erzählung führt uns jetzt zu dem chriſtlichen Heer und in das Zelt, worin der ſpaniſche König mit einigen ſeiner vertrautern Krieger und Freunden nächt⸗ lichen Rath hielt. Ferdinand war mit einer Pracht und Fülle ins Feld gezogen, die eher für ein Turnier als einen Kriegszug paßte, und ſein Zelt ſchimmerte im wörtlichen Sinn von Purpur und Goldſtoff. Der König ſaß zu oberſt an einem Tiſch, worauf Landkarten und Papiere umher lagen, und weder in Miene noch Haltung erſchien dieſer große, ſtaatskluge Fürſt der glänzenden Ritterſchaar, die ihn umgab, un⸗ wertb. Sein ſchwarzes, reich parfümirtes und geſalb⸗ tes Haar fiel in langen Locken auf beiden Seiten einer hohen Herrſcherſtirn herab, auf deren ruhiger, wenn 4* —— auch nicht faltenloſer Fläche ein Geſichtskundiger um⸗ ſonſt das unerforſchbare Herz der Könige zu leſen ge⸗ ſucht haben würde. Seine Züge waren regelmäßig und hoheitsvoll, und ſein durch ein einziges, höchſt koſtbares und glänzendes Juwel zuſammengehaltener Mantel, dem auf der Bruſt ein filbernes Kreuz eingewirkt war, wallte über eine männliche, kräftige Geſtalt hinab, die durch die Gewohnheit des Befehlens in nicht geringerem Grad jene ruhige, geſetzte Würde erhalten hatte, als dieſelbe manchen Rittern in ſeiner Umge⸗ bung aus einem hohen Wuchs und breiten, mächtigen Leibesverhältniſſen erwuchs. Zu ſeiner Rechten ſaß Prinz Juan, ſein Sohn, in der erſten Jugendblüte; zu ſeiner Linken der berühmte Rodrigo Ponce de Leon, Marqueß von Cadir; weiter den Tiſch hinab, nach Ordnung ihres kriegeriſchen Ranges, ſah man den glänzenden Herzog von Medina Sidonia, gleich edel dem Anſehn wie dem Namen nach; das verwitterte, nachdenkliche Geſicht des Marqueß de Villena(des Bayards der Spanier); die melancholiſche Stirn des heldenhaften Alonſo de Aguilar, und die Rieſengeſtalt, die belebten Züge und funkelnden Augen des kühnen Fernando del Pulgar, genannt„der Ritter der Schlachten.“ „Ihr ſehet, Sennores,“ ſprach der König, eine Rede fortſetzend, auf welche ſeine Feldherren mit ehrer⸗ bietiger Aufmerkſamkeit zu horchen ſchienen,„unſere beſte Hoffnung, der Stadt in Kurzem Meiſter zu wer⸗ den, liegt mehr in der Uneinigkeit der Mohren ſelbſt, als in unſern geheiligten Waffen. Die Mauren find n el e lt, 53 ſtark, die Bevölkerung noch immer zahlreich, und unter Muſa Ben Abil Gaſan wird, man muß es geſtehen, die Taktik des feindlichen Heeres mit ſolcher Geſchick⸗ lichkeit geleitet, daß dem Zeitpunkt unſerer Eroberung ein noch ſehr bedeutender Aufſchub droht. Die unge⸗ wiſſe Entſcheidung einer geordneten Schlacht vermei⸗ dend, hält die Reiterei der Ungläubigen unſer Lager durch unaufhörliche Scharmützel fortwährend in Unruhe, und in den Gebirgspäſſen vermögen es unſere Ge⸗ ſchwader mit jenen leichten Pferden und verrätheriſchen Hinterhalten nicht aufzunehmen. Allerdings könnten wir durch Länge der Zeit, durch gänzliche Zerſtörung der Vega und durch Abſchneidung aller Zufuhr aus den Seeſtädten die Stadt endlich ſo aushungern, daß ſie ſich ergeben müßte. Aber, meine Ritter, unſere Feinde find weit verbreitet und zahlreich, und Granada iſt nicht der einzige Ort, vor welchem Spaniens Ban⸗ ner entfaltet werden ſollte. In ſolcher Lage verſchmäht es der Löwe nicht, ſich des Fuchſes zu bedienen, und glücklicherweiſe haben wir jetzt in Granada einen Ver⸗ bündeten, der für uns kämpft. Ich beſitze genaue Kunde von Allem, was in der Alhambra vorgeht. Der König ſitzt noch immer unentſchloſſen und träumeriſch in ſeinem Palaſt, und ich hoffe eine Liſt, durch welche ſeine Eiferſucht gegen ſeinen Feldherrn Muſa angeregt wird, werde entweder mit dem Untergange dieſes ge⸗ ſchickten Führers oder mit offener Empörung und mit Bürgerkrieg enden. Verrätherei im Innern Granada's wird uns deſſen Thore öffnen.“ „Gnädigſter,“ entgegnete Ponce de Leon nach einer Pauſe,„wo Ihr uns berathet, zweifle ich ſo wenig daran, daß unſer Banner über den Rothen Thürmen wehen wird, als ich am Aufgehen der Sonne über den Bergen dort zweifle; und wenig liegt daran, ob wir durch Liſt oder durch Gewalt ſiegen. Aber ich brauche Eurer Hoheit nicht zu ſagen, daß wir uns ſorg⸗ ſam hüten müſſen, nicht durch Erfindungen des Feindes zum Beſten gehalten zu werden und auf Verſchwörun⸗ gen zu hoffen, die vielleicht nur Märchen find, um unſere Schwerter abzuſtumpfen und unſere Wirkſamkeit zu lähmen.“ „Wacker geſprochen, weiſer Leon!“ rief Fernando del Pulgar hitzig aus.„Gegen dieſe Ungläubigen, welchen die Liſt des Satans zu Hülfe kommt, liegt meines Bedünkens unſere beſte Auskunft in unſerem Arme. Gut ſagt unſer altes kaſtiliſches Sprichwort: Verfluche ſie fromm Und hämmre ſie krumm.“ Der König lächelte leicht über das Feuer, womit der Liebling des Heeres geantwortet, blickte aber ſuchend nach durchdachteren Rathſchlägen umher. „Gebieter,“ ſprach Villena,„fern ſey es von uns, die Gründe unterſuchen zu wollen, auf welche Eure Majeſtät ihre Hoffnung auf Uneinigkeit unter den Fein⸗ den baut; aber indem wir das höchſte Vertrauen in eine nicht zu täuſchende Klugheit ſetzen, iſt es gleichwol klär, daß wir andererſeits in keiner uns möglichen Kraftanwendung nachlaſſen dürfen, ſondern kämpfen V———* 55 müſſen, während wir zur Liſt greifen, und nach Be⸗ fiegung im offenen Feld trachten ſollen, während wir es nicht verſäumen, den Boden deſſelben zu unter⸗ graben.“ „Wohl geſprochen, Ritter,“ entgegnete Ferdinand nachdenklich,„Ihr ſelbſt ſollt noch morgen eine ſtarke Abtheilung zum Verwüſten der Vega abführen. Kommt in zwei Stunden wieder zu mir, für jetzt iſt der Kriegs⸗ rath abgebrochen.“ Die Ritter erhoben ſich, und traten mit den ge⸗ wöhnlichen ernſten und prunkenden Ceremonien der Ehrerbietung ab, die Ferdinand von ſeinem Hof for⸗ derte, aber auch gegen denſelben beobachtete. Der junge Prinz blieb zurück. „Sohn,“ ſprach der König, als ſie allein waren, „früh und bei Zeiten ſollten die Infanten Spaniens in der Kunſt der Herrſcherweisheit unterrichtet werden. Dieſe Edeln gehören zu den glänzendſten Juwelen der Krone; aber nur in der Krone und für die Krone darf ihr Licht funkeln. Die fiehſt, wie heiß, wild und krie⸗ geriſch die Häuptlinge Spaniens ſind— vortreffliche Eigenſchaften, ſo lange ſie gegen unſere Feinde ſichtbar werden: Aber hätten wir keine Feinde, Juan, ſo dürf⸗ ten uns dieſe Tugenden gewaltige Unruhe ſchaffen. Bei St. Jago, ich habe eine mächtige Monarchie gegründet, lerne alſo, wie ſie zu erhalten iſt: durch Umſicht, Juan, durch Umſicht! und Umſicht iſt ſo weit entfernt von roher Gewalt, als dieſes Schwert von einem Hebe⸗ baum. Du ſcheinſt verwirrt und erſtaunt, mein Sohn; Du haſt gehört, daß ich Granada durch Zwietracht unter den Mohren ſelbſt zu gewinnen ſuche; iſt einmal Granada erobert, ſo erinnere Dich, daß die Edeln ſelbſt ein Granada find. Ave Maria! geprieſen ſey die heilige Mutter, unter deren Augen die Herzen der Könige ſtehen!“ Ferdinand kreuzte ſich andächtig, ſtand dann auf, zog einen Theil des Zeltgehänges zurück und rief mit leiſer Stimme den Namen Perez. Ein ernſter Spanier, etwas über die mittleren Jahre hinaus, erſchien. „Perez,“ ſprach der König, indem er wieder Platz nahm,„iſt die Perſon, die wir von Granada erwar⸗ teten, bereits angelangt?“ „Ja, Gebieter, begleitet von einem Mädchen.“ „Er hat Wort gehalten; laß ſie herein.— Ha, heiliger Vater, Eure Beſuche ſind immer wie Balſam für das Herz.“ „Heil Euch, mein Sohn!“ erwiederte ein Mann im Gewand eines Dominikanermönchs, der ſchnell und ohne Förmlichkeit an einem andern Theil des Zeltes eingetreten war, und ſich jetzt mit unverrückter Miene in geringer Entfernung vom König niederſetzte. Todesſtille herrſchte einige Sekunden; Perez ver⸗ weilte noch immer im Zelt, als wär' er im Zweifel, ob nicht der Eintritt des Mönchs die Ausführung des königlichen Befehls rückgängig machen oder mindeſtens aufſchieben dürfte. Auf dem ruhigen Geſichte Ferdinands ſelbſt erſchien ein leichter Schatten von verlegener Un⸗ entſchloſſenheit. Jener jedoch nahm alſo das Wort: „Meine Gegenwart, mein Sohn, wird hoffentlich Eure Unterredung mit dem Ungläubigen nicht ſtören— da Ihr doch einmal der Anſicht ſeyd, die Weltklugheit fordere ein Geſpräch mit den Männern Belials.“ „Durchaus nicht,— durchaus nicht,“ entgegnete der König raſch, und flüſterte dann vor ſich hin:„wie wunderbar doch dieſer heilige Mann in all' meine Regungen und Entſchlüſſe dringt!“ Laut ſetzte er hinzu: „Laß den Boten eintreten, Jerez.“. Perez verbeugte ſich und verſchwand. Dieſe Zeit über ſaß der junge Prinz in lautloſem Schweigen auf ſeinem Stuhl, und auf den zarten Zügen lag ein Ausdruck von Ueberdruß, der kein gün⸗ ſtiges Vorzeichen für ſeine Tauglichkeit zu dem ſtrengen Geſchäft abwarf, für welches der weiſe Vater ihn heranzubilden bemüht war. Freilich neigte ſich ſein Alter noch eben ſo ſehr als ſeine Seele dem Vergnügen zu; der Lärm des Lagers war für ihn noch eine bloße Feiertagsprozeſſion— der Marſch eines Heeres ein er⸗ beiterndes Schaugepränge, der Hof ein Bankett, der Thron der beſte Sitz an der Tafel. Das Leben des präſumtiven Nachfolgers zum Leben des regierenden Königs verhält ſich wie der Zauber der Hoffnung zum ſatten Ueberdruß. Die kleinen grauen Augen des Mönchs liefen über ſeine beiden königlichen Geſellſchafter mit ſcharfem, durchdringenden Blick hin, und ließen ſich dann mit dem Anſehn der Demuth auf die reichen Teppiche nie⸗ der, die den Boden bedeckten. Von da ſchlug er ſie nicht wieder auf, bis Perez abermals erſchien und den Jsraeliten Almamen hereinführte, begleitet von einer weiblichen Geſtalt, deren langer, bis auf die Füße hinabreichender Schleier weder ihre ſchönen Verhält⸗ niſſe, noch ihre zitternde Bewegung verhüllen konnte. „Als ich das letztemal in Deine Gegenwart zuge⸗ laſſen ward, großer König,“ ſprach Almamen,„ſtellteſt Du die Aufrichtigkeit und Treue Deines Dieners in Frage; Du forderteſt ein Pfand für meine Zuverläſſig⸗ keit und brachſt bis dahin jede weitere UKnterredung ab. Sieh, ich ſtelle unter Deine königliche Obhut dieſes Mädchen— das einzige Kind meines Hauſes— ich vertraue Dir ein Leben, das mir theurer iſt, als mein eigenes.“ „Du haſt uns Wort gehalten, Fremdling,“ er⸗ wiederte der König mit jener ſanften, melodiſchen Stimme, die ſeine tiefe Liſt und ſeinen unbeugſamen Willen ſo wohl verbarg;„das Mädchen, das Du mir anvertraueſt, ſoll unter die Frauen meiner königlichen Gemahlin gereiht werden.“ „Herr,“ antwortete Almamen mit Ernſt,„Du haſt jetzt die Gewalt über Leben und Tod von all Dem, wofür, ausgenommen mein Volk und meine Religion, mein Herz ein Gebet ausſprechen, oder eine Hoffnung nähren kann. Ohne Bedenken, ohne Furcht übergeb' ich Dir dieſes feierliche Pfand. Dir überliefre ich eine Geißel, von Dir hab ich blos ein Verſprechen.“ „Aber es iſt das Verſprechen eines Königs— eines Chriſten und eines Ritters,“ entgegnete Ferdinand 59 mit eher ſanfter als ſtolzer Würde;„welches Pfand könnte unter Fürſten geheiligter ſeyn? Doch nichts mehr hievon: wie geht es in der empöreriſchen Stadt?“ „Darf dieſes Mädchen ſich entfernen, eh' ich mei⸗ nem Herrn, dem König, Antwort gebe?“ fragte Al⸗ mamen. Der junge Prinz ſprang auf.„Soll ich die Neu⸗ verpfändete meiner Mutter zuführen?“ ſprach er zu Ferdinand mit leiſer Stimme. Der König lächelte halb:„Der heilige Vater wäre ein beſſerer Führer,“ erwiederte er in gleichem Ton. Aber obwol der Dominikaner es gehört, behielt er ſeine bewegungsloſe Stellung dennoch bei, und der König wendete ſich nach einem kurzen Blick auf den Mönch von dieſem wieder ab.„Gut, Juan,“ ſprach er, mit einem Vorſicht empfehlenden Winke des Augs, „Perez ſoll Dich zur Königin begleiten: kehre zurück, ſobald Dein Auftrag vollzogen iſt; wir bedürfen Dei⸗ ner Gegenwart.“ Während dieſes Geſprächs zwiſchen Vater und Sohn flüſterte der Hebräer in ſeiner heiligen Sprache Worte des Troſtes und der Beruhigung in das Ohr des Mädchens, die jedoch nur wenig von der gewünſch⸗ ten Wirkung zu haben ſchienen, denn plötzlich warf ſich Jene an ſeine Bruſt, ſchlang ihre Arme um ihn und rief im höchſten Affekt, in der gleichen Sprache:„O mein Vater, was hab' ich gethan?— warum mich von Dir weiſen?— warum Dein Kind dem Fremden anvertrauen?— Schone meiner— ſchone meiner.“ „Kind meines Herzens,“ erwiederte der Hebräer mit feierlichem, aber liebevollen Ton,„wie Abraham ſeinen Sohn darbrachte, muß ich Dich darbringen auf den Altären unſres Glaubens; aber, o Leila, wie der Engel des Herrn das Opfer von ſich wies, ſo ſoll Deine Jugend verſchont und Deine Jahre aufbehalten werden für die Herrlichkeit noch ungeborner Geſchlechter. König von Spanien,“ fuhr er ſchnell und lebhaft in ſpaniſcher Sprache fort,„Du biſt ein Vater: vergib meine Schwäche und beſchleunige unſern Abſchied.“ Juan näherte ſich und wollte mit ehrerbietiger Verbeugung die Hand des Mädchens faſſen. „Du?“ rief der Jsraelite mit düſtrem Stirnfalten. „O König, der Prinz iſt jung.“ „Die Ehre kennt keinen Unterſchied des Alters,“ antwortete Ferdinand.„He, Perez, begleite dieſes Mädchen und den Prinzen nach dem Zelte der Königin.“ Das geſetzte Alter und ehrbare Ausſehn des Be⸗ gleiters ſchien den Hebräer wieder zu beruhigen. Er um⸗ faßte Leila und drückte einen Kuß auf ihre Stirn, ohne den Schleier zu lüften; dann gab er ſie dem Perez beinah auf den Arm, wendete ſich ſchnell ans andere Ende des Zeltes, und bedeckte das Geſicht mit den Händen. Der König ſchien gerührt, der Dominikaner aber ſah dem ganzen Auftritt mit ſaurer Miene zu. Leila hielt noch einen Augenblick an und ſagte dann, als gewänne ſie jetzt ihre Selbſtbeherrſchung wieder, laut und deutlich:„Die Menſchen verlaſſen 61 mich, aber ich will nicht vergeſſen, daß Gott über Allen iſt.“ Die Hand des Spaniers von ſich weiſend, ſprach ſie:„Geh voran, ich folge Dir!“ und verließ das Zelt mit ſicherem, ja majeſtätiſchem Schritt. „Und nun,“ fragte der König, als er mit dem Dominikaner und Almamen allein war,„wie ſtehts mit unſern Hoffnungen?“ „Boabdil,“ entgegnete der Israelite,„iſt ſowol gegen ſein Heer, als gegen deſſen Führer Muſa auf⸗ gebracht; er will die Albambra nicht verlaſſen, und dieſen Morgen, eh' ich aus der Stadt ging, befand ſich Muſa ſelbſt im Kerker des Palaſtes.“ „Wie?“ rief der König, von ſeinem Sitz auf⸗ fahrend. „Mein Werk!“ fuhr der Hebräer kalt fort.„Dieſe Hände ſind es, die für Ferdinand von Spanien die Schlüſſel fertigen, womit er Granada aufſchließt.“ „Und königlich ſoll Deine Belohnung ſeyn,“ er⸗ wiederte der Monarch.„Einſtweilen empfange dieſen Erſtling unſerer Gunſt.“ Damit nahm er eine maſſivgoldene Kette von der Bruſt, deren Ringe künſtlich mit Edelſteinen beſetzt waren, und reichte ſie dem Israeliten hin. Almamen rührte ſich nicht. Eine dunkle Röthe auf ſeinen Zügen ſprach die Gefühle aus, die er mit Schwierigkeit unter⸗ drückte. „Ich verkaufe meine Feinde nicht um Gold, großer 62 König,“ ſprach er mit ſtrengem Lächeln.„Ich verkaufe ſie, um das Löſegeld für meine Freunde zu gewinnen.“ „Uebermüthiger!“ erwiederte Ferdinand beleidigt. „Doch ſprich, Menſch; ſprich!“ „Wenn ich, eh zwei Wochen vorüber, Granada Dir übergebe, was ſoll mein Dank ſeyn?“ „Du ſprachſt, als wir das letztemal beiſammen waren, von Immunitäten der Juden.“ Der ruhige Dominikaner blickte, als der König dieſe Worte ſprach, empor, bekreuzte ſich und nahm dann ſeine demüthige Stellung wieder ein. „Ich fordere für das Volk Israels,“ entgegnete Almamen,„freie Befugniß in der Stadt Handel zu treiben und zu wohnen, ſeinem Beruf nachzugehen und blos denjenigen Geſetzen und Abgaben unterworfen zu ſeyn, welchen auch die chriſtliche Bevölkerung Folge zu leiſten hat.“ „Die gleichen Geſetze und Abgaben! Hm! Ein ſolches Zugeſtändniß unterliegt Schwierigkeiten. Wenn wir es abſchlügen?“ „So iſt unſre Unterhandlung abgebrochen. Gib mir das Mädchen zurück— Du bedarfſt fortan des geforderten Pfandes nicht mehr. Ich kehre in die Stadt zurück und ſehe Dich nie wieder.“ Bei aller Staatsklugheit und all dem kalten Blut Ferdinands hatte er doch die gebieteriſche, ſtolze Art eines ſieggekrönten, von einer Reihe von Königen ab⸗ geſtammten Fürſten. Unwillig über den entſchloſſenen Ton des Fremden biß er ſich in die Lippen. —+—— —(S)—)„ = 8 63 „Du brauchſt der unverhohlenen Rede, Freund,“ ſprach er.„Ich kann meine Worte auch rauh hinwerfen. Du biſt in meiner Gewalt und kannſt blos mit meiner Erlaubniß zurückkehren.“ „Ich habe Dein königliches Wort für freien Ein⸗ tritt und Ausgang,“ erwiederte Almamen.„Brich es, und Granada bleibt den Mauren, bis der Darro roth vom Blut ſeiner Helden fließt, und ſeine Bewohner die Thäler decken, wie das Laub im Herbſte.“ „Biſt Du denn ſelbſt von jüdiſchem Glauben?“ fragte der König.„Wenn Du es nicht biſt, warum iſt Dir der Auswurf der Welt ſo theuer?“ „Meine Väter waren dieſes Glaubens, königlicher Ferdinand, und wenn ich ihren Glauben, ſo hab' ich darum nicht ihre Sache verlaſſen. O König, werden meine Bedingungen verworfen oder angenommen?“ „Ich nehme ſie an, geſetzt Du bringeſt erſtens die Verbannung oder den Tod Muſa's zu Stande, und Du überliefereſt mir zweitens von heute in zwei Wochen, begleitet von den Häuptlingen Granada's, die unter⸗ ſchriebene Capitulation und die Schlüſſel der Stadt. Thu Dies, und, obwol ich der einzige König in der Chriſtenheit, der ſo etwas wagt, ich biete den Israe⸗ liten in ganz Andaluſien die gewöhnlichen Geſetze und Rechte ſpaniſcher Bürger, Dir aber eine Würde, wie ſie Deiner Ehrbegier genügen wird.“ Der Hebräer verbeugte ſich ehrfurchtsvoll und zog ein Papier aus dem Buſen, das er vor dem König auf den Tiſch legte. „Dieſes Schreiben, mächtiger Ferdinand, enthaͤlt die Artikel unſeres Vertrags.“ „Ha, Menſch, willſt Du uns der Gefahr aus⸗ ſetzen, daß die ganze Welt erfahre, wie unſere könig⸗ liche Unterſchrift unter Verhandlungen mit Deines Gleichen ſtehe? Des Königs Wort iſt des Königs Verbindlichkeit.“ Der Hebräer nahm die Rolle mit unzerſtörbarer Ruhe zurück.„Mein Kind,“ ſprach er—„will Deine Majeſtät mein Kind zurückrufen laſſen? wir wollen ſcheiden.“ „Ein hartnäckiger Bettler, dies, bei der heiligen Jungfrau,“ murmelte der König, und ſetzte dann laut hinzu:„gib mir das Papier, ich will ſeinen Inhalt prüfen.“ Die Worte haſtig mit dem Auge überlaufend, ſchwieg Ferdinand einen Moment, zog dann das Schreibzeug zu ſich, unterzeichnete und gab die Rolle an Almamen zurück. Der Jsraelite küßte ſie dreimal mit vrientaliſcher Ehrfurchtsbezeugung, und ſteckte ſie dann wieder in den Buſen. Ferdinand blickte ihn feſt und forſchend an. Er las tief in den Charakteren der Menſchen; aber über denjenigen ſeines Gaſtes kam er nicht ins Reine. „Und wie, Fremdling, wie kann ich Dir trauen, der ſelbſt dem einen Könige nicht traut und den andern verkauft?“ „König,“ erwiederte Almamen(ſeit ſeiner Jugend — — V ut t 8 n er Er er 65 gewöhnt mit den Inhabern noch abſoluterer Throne zu verkehren und ſie zu beherrſchen),„König, wenn Du glaubſt, ich handle bei dieſem unſerm Vertrage nach verſönlichen und ſelbſtiſchen Intereſſen, ſo darfſt Du nur den Dienſt, den ich Dir leiſte, mein eigenes In⸗ tereſſe befördern laſſen, und die Kenntniß des menſch⸗ lichen Herzens muß Dir ſagen, daß Du einen eifrigen und unterwürfigen Sklaven an mir gewonnen haſt. Glaubſt Du aber, ich habe minder niedrige Geſinnun⸗ gen an den Tag gelegt und pöhere Eigenſchaften ent⸗ wickelt, als wer blos ſchmutzigen Gewinn zu erhandeln ſtrebt: ſollteſt Du Dich dann nicht freuen, daß der Zufall Dir Jemand in den Weg geworfen, deſſen Geiſt und Talente zu Deinem Werkzeuge gemacht werden können? Betrüge ich den andern König, ſo iſt dieſer Andere mein Todfeind. Betrügſt nicht auch Du, der Beherrſcher ganzer Heere, Deinen Gegner? Der Mohr iſt ein ſchlimmerer Feind von mir als von Dir. Bin ich, weil ich einen Feind betrüge, unwürdig einem Freund zu dienen? Wenn ich, ein einzelner Menſch und dem Mohren durch kein Band der Verwandtſchaft angehörig, dennoch über die Geheimniſſe des Palaſtes gebieten und die Beſchlüſſe der bewaffneten Macht ver⸗ eiteln kann, habe ich damit nicht beurkundet, daß ich Jemand bin, aus dem ein weiſer König einen nützlichen Diener zu machen vermag?“ „Du biſt ein gewandter Schlußmacher, mein Freund,“ ſagte Ferdinand mit freundlichem Lächeln.„Friede ſey Bulwer's Romane. LXXV. 5 mit Dir! Unſere Unterhaltung iſt für heute beendigt. He da, Perez!“ Der Gerufene erſchien. „Du haſt das Mädchen bei der Königin gelaſſen?“ „Herr, Euer Wille iſt geſchehen!“ „Führe dieſen Fremden zu der Wache, die ihn durchs Lager geleitet hat. Er verläßt uns unter glei⸗ chem Schutze. Leb wohl. Doch halt!— weißt Du gewiß, daß Muſa Ben Abil Gaſan ſich in den Ge⸗ fängniſſen des Mohren befindet?“ „Ja.“ „Geprieſen ſey die heilige Jungfrau!“ „Du haſt unſere Unterredung gehört, Vater Tho⸗ mas?“ fuhr der König angelegen fort, als ſich der Hebräer zurückgezogen. „Ich hab' es, Sohn.“ „Schauderteſt Du?“ „Nur als mein Sohn das Papier unterzeichnete. Es war mir als ſäh' ich den Pferdefuß des Verſuchers.“ „Still, Vater! der Verſucher würde klüger ge⸗ weſen ſeyn, als daß er ſich auf eine Treue verlaſſen hätte, die weder Tinte noch Pergament feſtigen können, wenn die Kirche den Vertrag aufhebt. Du verſtehſt mich, Vater?“ „Ich verſteh Euch. Ich kenne Euer frommes Herz und Euern einſichtigen Geiſt.“ „Du hatteſt Recht,“ nahm der König nachdenklich wieder das Wort,„als Du ſagteſt, dieſen jüdiſchen ℳ 3 Lumpenhunden ſchwelle der Kamm zu hoch. Geſetzesgleich⸗ heit wollen ſie— die unverſchämten Gottesläſterer!“ „Sohn!“ ſprach der Dominikaner im Tone der Beſchwörung,„Gott, der Euern Waffen und Beſchlüſſen Glück verliehen, wird Rechnung über die Euch anver⸗ traute Macht fordern. Soll kein Unterſchied ſtattfinden zwiſchen ſeinen Freunden und ſeinen Feinden?— ſei⸗ nen Jüngern und ſeinen Kreuzigern?“ „Prieſter,“ entgegnete Ferdinand, indem er die Hand auf die Schulter des Mönchs legte, mit einem finſtern Lächeln in der Miene,„ſchwiege die Religion in dieſer Angelegenheit, ſo wäre die Stimme der Staatsweisheit laut genug, ſchon allein geyört zu werden. Die Juden verlangen gleiche Rechte: wenn die Menſchen Gleichheit mit ihren Beherrſchern ver⸗ langen, ſo iſt der Verrath an der Arbeit und die Ge⸗ rechtigkeit ſchärft ihr Schwert. Gleichheit! dieſe reichen Wucherer! heilige Jungfrau! ſie hätten uns in Kurzem unſere Königreiche abgeſchachert!“ Der Dominikaner ſah den König feſt an.„Sohn, ich traue Dir,“ ſprach er mit leiſer Stimme und ſchlich aus dem Zelt weg. 67 Zweites Kapitel. Der Hinterhalt, das Gefecht, die Gefangenſchaft. Die Tagesdämmerung brach leiſe an über dem weiten Thal von Granada, als Almamen ſeinen ein⸗ ſamen Pfad auf manchem Umweg nach der Stadt fort⸗ wandelte. Er befand ſich jetzt eben in einer dunkeln, vielfach gewundenen Schlucht, aus deren Gebüſch hie und da einzelne Bäume düſter und bewegungslos in 1 die ſtille Morgenluft emporragten. Als beim Austritt 1¹ aus dieſem Schlupfwinkel die Thürme Granada's ihm 11 entgegenſchimmerten, blickte ein Menſchengeſicht aus dem Dunkel, und Almamen fuhr zuſammen, denn zwei 3 ſchwarze Augen ſtarrten feſt in die ſeinigen. Er hielt ſchnell an und legte die Hand an den 1 Dolch, als ein unterdrückter, ſcharfer Pfiff, den der Menſch vor ihm ertönen ließ, von allen Seiten her beantwortet wurde, und eh er Athem holen konnte, war der Israelite von einem Haufen Mauren in der Tracht von Landleuten umringt. „Nun, ihr Herren,“ fragte Almamen ruhig, als er ſich von den wilden Geſichtern anſtieren ſah,„glaubt ihr es ſey Etwas zu fürchten von dem einſamen Santon?“ „Es iſt der Zauberer,“ flüſterte Einer ſeinem Nachbar zu;„laßt ihn gehen.“ „Nein,“ war die Antwort,„bringt ihn vor den Herrn; wir haben Befehl zu faſſen, was wir treffen.“ — 69 Dieſe Meinung fand das Uebergewicht, und mit heimlichem Zähneknirſchen mußte Almamen den Bauern durch den dickeſten Theil des Gehölzes folgen. Endlich hielt der Zug auf einem halbrunden, üppigen Raſenplatz an, wo einiges Vieh ruhig graſete und eine noch größere Zahl von Landleuten auf dem Boden kag. „Wen bringt ihr da?“ fragte eine Stimme, welche das Blut aus Almamens Wange zurückſcheuchte, und ein Maure von gebietendem Anſehn erhob ſich aus der Mitte ſeiner Brüder.„Beim Bart des Propheten, es iſt der falſche Santon! Was thuſt Du außerhalb Gra⸗ nada's um dieſe Stunde?“ „Edler Muſa,“ gab ihm Almamen zurück, welcher, bei aller Betroffenheit, daß Derjenige, den er für ſein Opfer gehalten, ſo räthſelhafterweiſe ſein Richter ge⸗ worden, mindeſtens den Schein der Faſſung beibehielt —„nur meinem Herrn, dem König, hab' ich hierüber Rede zu ſtehen; auf ſeinen Befehl bin ich hier.“ „Du weißt,“ entgegnete Muſa mit finſterer Stirne,„daß Dein Leben ohne Widerſpruch verwirkt it? Jeder Bewohner Granada's, der ſich zwiſchen Sonnenunter⸗ und Aufgang vor den Mauern betreten läßt, ſtirbt den Tod des Verräthers und Ueberläufers.“ „Ausgenommen die Diener der Alhambra,“ ant⸗ wortete der Jsraelite, ohne die Züge zu verändern. „Ah!“ flüſterte Muſa vor ſich hin, und ein ſchmerz⸗ licher Gedanke ſchien ihn plötzlich zu durchfahren,„wär' es möglich, daß das Gerücht der Stadt Recht bätte, und Granada's Beherrſcher mit dem Feinde unter⸗ handelte?“ Er hielt einen Augenblick an, winkte hier⸗ auf den Mauren ſich zu entfernen, und fuhr ſodann mit lauter Stimme fort:„Almamen, antworte mir die Wahrheit: haſt Du das chriſtliche Lager mit irgend einem Auftrage vom König aufgeſucht?“ „Nein.“ „Biſt Du mindeſtens außerhalb der Mauern auf Auftrag des Königs?“ „Bin ich es, ſo wär' ich ein Verräther am König, wenn ich ſein Geheimniß enthüllte.“ „Du gibſt mir ſtarken Verdacht, Santon,“ ver⸗ ſetzte Muſa nach einer Panſe;„ich weiß, Du biſt mein Gegner, und ich glaube, Deine Einflüſterungen haben des Königs Ohr gegen mich, gegen ſein Volk und ſeine Pflicht vergiftet. Doch gleichviel; Dein Leben iſt Dir für jetzt geſchenkt; Du bleibſt bei uns, und mit uns ſollſt Du zum Könige zurückkehren.“ „Doch, edler Muſa„ „Ich hab' es ausgeſprochen! Bewachet den Santonz ſetzt ihn auf eines unſerer Thiere; er muß mit uns in unſerem Hinterhalt bleiben.“ Während Almamen ſich fruchtlos gegen ſeine Ge⸗ fangenhaltung ereiferte, war im chriſtlichen Lager Alles noch ſtill. Endlich als die Sonne über die Berge auf⸗ zuſteigen begann, dentete erſt ein Gemurmel und dann ein Getöſe auf kriegeriſche Vorbereitungen. Mehrfache Reiterhaufen, unter tapfern, erfahrenen Anführern, bildeten ſich zu verſchiedenen Geſchwadern und gingen auf verſchiedenen Wegen ab, theils um Futter zu holen, J *. theils in der Ausſicht auf ein Scharmützel mit den umher ſchwärmenden feindlichen Streifern. Das beſt⸗ ausgerüſtete dieſer Geſchwader war vom Marqueß von Villena und deſſen heldenhaftem Bruder, Don Alonſo de Pacheco, befehligt. Viele vom beſten Blut Spa⸗ niens hatten ſich dieſem Trupp angeſchloſſen, denn in dem ritterlichen Heer der Chriſten eiferten die Offiziere miteinander, wer die gemeinen Soldaten durch Thaten perſönlichen Muthes am meiſten verdunkeln könne, und Villena's Name bildete einen Anzie hungspunkt für die feurigen Gemüther, die aus der allgemeinen Unthätig⸗ keit in Ferdinands ſtaatsklugem Feldzug herauszukom⸗ men ſich ſehnten. Die jetzt hoch geſtiegene Sonne ſchimmerte in den glänzenden Waffen und prachtvollen Wimpeln von Villena's Zug, als derſelbe in einen fruchtbaren, wal⸗ digen Bezirk einbeugte, der die Bergwand der Vega ſäumt, und die Reinheit des Tages, die Reize der Umgebung, die Hoffnung und Aufregung, welche das Unternehmen einflößte, belebten den ganzen Haufen. Die ſtrenge Kriegszucht ward bei dergleichen Expeditio⸗ nen oft nachgelaſſen, in der Gewißheit, daß ſie nöthi⸗ genfalls ſogleich wieder auferlegt werden könne. Fröh⸗ liches, lautes Geſpräch, unterbrochen hie und da von kurzen Liedern, ertönte aus den Reihen der Soldaten, und ſelbſt in der edlern Gruppe um Villena her be⸗ merkte man jetzt den ſprüchwörtlichen Ernſt der Spa⸗ nier weniger. „Nun, Marqueß,“ ſagte Don Eſtevon de Suzon, 71 „was ſoll die Wette gelten, weſſen Lanze heut eine ſchöne Mohrin um die größte Zahl ihrer Anbeter bringt?“ „Mein Schwert gegen Euern Zelter,“ verſetzte Don Alonſo de Pacheco, die Ausforderung annehmend. „Gut. Doch da wir eben von Schönheit ſprechen, waret Ihr vorigen Abend im Zelte der Königin, edler Matqueß? Es iſt um ein neues Mädchen reicher ge⸗ worden, deren plötzliche Erſcheinung ſich Niemand zu erklären weiß. Ihre Augen würden den Glanz der Cava verdunkelt haben, und wär' ich Rodrigo, ſo hätt' ich um ihr Lächeln eine Krone preisgegeben.“ „Ja,“ verſetzte Villena,„ich hörte von ihrer Schönheit; ein Pfand von einem der Mohrenverräther, mit welchen der König(die Heiligen wollen ihn ſeg⸗ nen!) um die Stadt feilſcht. Man ſagt mir, der Prinz ſey von der Königin wegen der Aufmerkſamkeiten, die er dem Mädchen erwies, hart getadelt worden.“ „Und dieſen Morgen ſah ich den furchtbaren Vater Thomas allein in des Prinzen Zelt. Wohl bekomme Don Juan die Lektion. Die Vorleſungen des Mönchs gleichen der Algarroba;* getrocknet mag ſie recht ge⸗ ſund ſeyn, aber friſch genommen iſt ſie gewaltig hart und bitter.“ In dieſem Augenblick ſprengte einer von den unter⸗ geordnetern Offizieren zu dem Marqueß und ſagte ihm Etwas ins Ohr. * Eine in Spanien gewöhnliche Hülſenfrucht. 4 4 73 „Ha!“ rief Villena,„geprieſen ſey die Jungfrau! meine Ritter, die Beute iſt zur Hand. Still, ſchließt die Reihen!“ Damit ritt er auf eine kleine Anhöhe, überſchaute, die Augen mit der Hand beſchattend, die Ebene vor ihm, und nahm in einiger Entfernung einen Haufen mauriſcher Bauern wahr, die einige Stücke Vieh in ein dichtes Gehölz trieben. Haſtig ward Befehl gege⸗ ben, das Geſchwader ſtürzte vorwärts, jede Stimme war verſtummt, und nur das Raſſeln der Panzerhem⸗ den und das Stampfen der Hufe brach das liebliche Schweigen der im Mittagslichte ruhenden Landſchaft. Roch ehe man das Gehölz erreicht hatte, waren die Bauern bereits darin verſchwunden. Der Marqueß ließ die Bäume nach vorne zu in einem Halbkreis um⸗ geben und ſendete eine Abtheilung nach hinten, um jeden Ausgang abzuſchneiden. Sobald dies geſchehen, ſprengte der Trupp ins Dickicht. Für die erſten Schritte war der Raum offener, als man vorausgeſetzt hatte; bald aber ward der Boden uneben, rauh, und beinahe abſchüſſig, ſo daß das Terrain ſelbſt, ſo gut als die ineinander verwundenen Bäume, die Pferde an jeder ſchnellen Bewegung hemmte. Don Alonſo de Pacheco, deſſen raſches, lenkſames Roß für jede Art der Krieg⸗ führung eingeſchult war, während er ſelbſt, von leich⸗ tem Gewicht, zu den vortrefflichſten Reitern gehörte, flog den Uebrigen voraus. Die Bäume verbargen ihn für einen Augenblick; plötzlich aber wurde ein wildes, gel⸗ lendes Geſchrei gehört, und als dieſes nachließ, ertönte vereinzelt der Ruf des Spaniers:„Santiago J cierra Espana!“—„St. Jago, und drauf los, Spanien!“ Jeder Ritter gab die Sporen, als mit Einemmal ein Hagel von Spießen und Pfeilen auf die Rüſtungen niederraſſelte, und aus Buſch und Gras und Fels her⸗ vor ſtürzte ein Haufe Mauren, mit wildem Geſchrei die Spanier umſchwärmend. „Zurück, ſo lieb euch ener Leben iſt!“ rief Villena, „wir ſind in einem Hinterhalt— zurück nach der freien Ebene!“ Er wendete, ſprengte aus dem Dickicht und ſah die Ungläubigen Zug hinter Zug aus dem Gehölz herausdringen; Jeder führte ſeinen leichten, feurigen Hengſt am Zügel und ſprang in den Sattel, ſobald er aus den Bäumen heraus war. Bis zur Sohle ge⸗ panzert, das Viſier herabgelaſſen, die Lanze eingelegt, ſtürmte Villena, begleitet von denjenigen ſeiner Ritter, denen es gelungen, ſich von den mauriſchen Fußkäm⸗ pfern loszumachen, gegen den Feind an. Minuten gingen im heftigen Anprall vorüber; auf dem Boden lag mancher Maure, durchbohrt von der chriſtlichen Lanze, und bereits ertönte jenſeits der feindlichen Linie die Stimme Villena's:„St. Jago, zu Hülfe!“ Aber der tapfere Marqueß ſtand, ausgenommen ſeinen treuen Diener Solier, faſt allein; mehrere ſeiner Rit⸗ ter waren vom Pferd geſtürzt, und Schwärme von Mauren ſammelten ſich mit emporgehaltenen Meſſern um die Liegenden, nach den Fugen der Rüſtung ſuchend, wo eine tödtliche Wunde beigebracht werden könnte. 75 Almälig jedoch fanden ſich viele der Gefährten bei ihrem Führer wieder ein, endlich ſah man auch den grünen Mantel Don Alonſo's de Pacheco außerhalb des Gehölzes wehen, und Villeng wünſchte ſich Glück zur Rettung ſeines Bruders. Gerade in dieſem Augen⸗ blick jedoch ſetzte ein mauriſcher Ritter in vollem Renn⸗ lauf auf Pacheco an. Der Maure trug, gegen die Sitte der ſaraceniſchen Sdeln, nicht die ſchwere chriſt⸗ liche Rüſtung, ſondern das leichte Panzerhemd der alten Helden von Arabien oder Fez. Sein durch Kett⸗ chen vom feinſten Stahl geſchützter Turban war von blendendem Weiß, und von gleicher Farbe erſchien ſein Leibrock und kurzer Mantel; an ſeinem linken Arm hing ein kleiner, runder Schild, in der rechten Hand ſchwebte eine lange, dünne Lanze. Als dieſer Reiter auf einem Pferd, aus deſſen Rabenfarbe nicht ein ein⸗ ziges weißes Härchen vorſchimmerte, gegen Pacheeo heranflog, hielt Chriſt und Mohr den Athem an. Beide Nationen achteten es für einen Frevel, den Kampf zwei ſo berühmter Helden zu durchkreuzen. „Gott ſtehe meinem braven Bruder bei!“ mur⸗ melte Villena ängßtlich.„Amen“ ſprach ſeine Umge⸗ bung, denn Alle, welche Zeugen der wildeſten Tapfer⸗ keit in dieſem Kriege geweſen, zitterten, als ſie das weiße Gewand und das ſchwarze Roß Muſa's Ben Abil Gaſan erkannten. Und andrerſeits ſtand kein un⸗ würdiger Feind dem Ungläubigen entgegen.„Der Stolz des Turniers und der Schrecken des Kriegs“ war der ſchmeichelhafte Titel, den Kaſtiliens Ritter und Damen an Don Alonſo de Pacheco ertheilt hatten. Als der Spanier den furchtbaren Gegner heran⸗ kommen ſah, hielt er einen Moment an, warf dann ſein Roß herum und nahm einen weitern Anlauf, um ſeinem Stoß größere Kraft zu geben. Der Mohr, auf dieſe Abſicht gefaßt, hielt ebenfalls und wartete den Moment des Anpralls ab; dann ſtürzte er von Neuem vorwärts und die beiden Kämpfer trafen mit einer Gewandtheit aufeinander, die den Chriſten ſelbſt einen unwillkürlichen Ruf des Beifalls entlockte. Muſa fing den gewichtigen Speer Alonſo's mit ſeinem kleinen Schilde auf, während ſeine eigene leichte Lanze nach dem Helm des Chriſten flog, und mehr durch die Rich⸗ tigkeit, womit ſie den ihr beſtimmten Punkt traf, als durch die Wucht ihres Stoßes Jenen im Sattel er⸗ ſchütterte. Die Lanzen wurden bei Seite geworfen und das lange, breite Schwert des Chriſten, der krumme Da⸗ mascener des Mauren funkelten in der Luft. In ernſtem, überlegtem Schweigen trieben ſie ihre Roſſe einander entgegen. „Ergib Dich, Ritter,“ rief Muſa,„der Spruch auf meinem Säbel ſagt, wenn ſein Streich Dich treffe, ſo ſeyen Deine Tage gezählt. Das Schwert des Gläu⸗ bigen iſt der Schlüſſel des Himmels und der Hölle.“ „Falſcher Heide,“ verſetzte Alonſo mit einer Stimme, die hohl aus ſeinem Helm ertönte,„ein chriſtlicher Ritter iſt einem ganzen mauriſchen Heer gewachſen.“ Muſa gab keine Antwort, ſondern ließ ſeinem Renner den Zügel ſchießen; das edle Thier verſtand das Zeichen und ſprang mit einem kurzen, ungeduldi⸗ gen Schrei vorwärts. Alonſo empfing den Angriff mit aufgehobenem Schwert, den ganzen Leib von ſeinem Schilde bedeckt; der Mohr beugte ſich,— die Spanier erhoben Jubelruf— er ſchien vom Pferd herab ge⸗ hauen zu ſeyn. Aber der Streich des ſchweren Schwer⸗ tes hatte ihn nicht berührt, und ſcheinbar ſpielend fuhr die krumme Klinge ſeines eigenen Säbels an derjeni⸗ gen Stelle, wo der Helm ſeines Gegners an den Har⸗ niſch anſchloß, ſtill und unwiderſtehlich durch die Fugen. Alonſo fiel ohne einen Seufzer vom Pferd— die Rü⸗ ſtung, wie es das Anſehn hatte, unverſehrt, während das Blut langſam und rieſelnd aus einer tödtlichen Wunde quoll. „Allah il Allah!“ rief Muſa, als er bei ſeinen Freunden wieder anlangte.„Lelilies! Lelilies!“ hallten die Mauren zurück, und ehe die Chriſten von ihrem Entſetzen wieder zu ſich gekommen, befanden fie ſich im Handgemenge mit ihren wilden, ſchwärmenden Feinden. Wirklich war es ein furchtbarer Kampf, und faſt ein Wunder dünkte es den Spaniern, wie die Mohren im Stande geweſen, ihre Anzahl in einem ſo kleinen Raum zu verſtecken. Reiterei und Fußvolk zugleich ſtürmte auf Villena's bereits ſehr geſchmolzene Begleitung an, und während die Fußgänger mit wilder, todttrotzender Kühnheit bis unter die Körper der Pferde vordrangen, ſich dem Schlag der Hufe wie der Lanze ———— w—— —.———— 78 des Reiters gleich blosſtellend, um eine verwundbare Stelle für das ſcharfe mauriſche Meſſer zu finden, er⸗ matteten die Reiter, das gefährliche Handgemenge mit den ſpaniſchen Kriegern vermeidend, dieſelben mit Pfeil und Lanze, indem ſie mit jener der morgenländiſchen Reiterei eigenen Schnelligkeit bald angriffen, bald ſich zurückzogen. Leben und Seele ſeiner Partei war jedoch der unermattbare Muſa. Mit einer Raſchheit, die den abergläubiſchen Spaniern auf Zauberei zu deuten ſchien, ſpornte er ſeinen verhängnißvollen ſchwarzen Renner mitten in die geſchloſſene Phalanr, die Villena um ſich her zu bilden bemüht war, die Reihe durch ſeinen alleinigen Angriff durchbrechend, und von Zeit zu Zeit einen Ritter aus dem Haufen durch den geränſchloſen, kaum ſichtbaren Hieb ſeines Säbels niederſtreckend. Villena, an Leben und Ehre verzweifelnd und das Herz zerriſſen über den Verluſt ſeines Bruders, ent⸗ ſchloß ſich endlich, die letzte Hoffnung des Gefechts auf ſeinen einzigen Arm zu ſetzen. Er gab das Zeichen zum Räckzug und blieb, um ſeine Schaar zu ſchützen, allein und bewegungslos auf ſeinem Pferde, wie ein Bild aus Eiſen. Obwol nicht von bedeutendem Wuchs, galt er im Heer für den beſten Führer des Schwertes, dem nur Fernando del Pulgar und Gonſalvo de Cor⸗ dova einigermaßen gleich kämen; eben ſo geübt im ſchweren Angriff der Chriſten, als in der ſchnellen, ge⸗ wandten Fechtart der mauriſchen Reiterei So ſtand er denn, allein und grimmig, ein Löwe vor der Meute, während ſein Trupp ſich langſam durch die Vega —„„——— entfernte und die Trompeten laute Hülfsfignale blieſen, falls etwa einige ihrer Brüder in der Gehörweite ſeyn möchten. Villena's Rüſtung trotzte den Lanzen der Mauren, und Wenige von Denen, die Mann für Mann mit gehobenem Säbel ihn ſchnell anſprengten, entkamen ungeſtraft ſeinem eben ſo ſchnellen Aug und ſeiner furchtbaren Waffe. Mit Einnemmal wehte eine Staubwolke gegen ihn heran, und Muſa, noch eben vorher am andern Ende des Schlachtfeldes, ſchimmerte weiß durch die Wolke. Villena erkannte ihn, biß die Zähne übereinander und ſtürzte ihm, ſein Thier an⸗ ſpornend, gerade entgegen. Muſa beugte aus, eben als das ſchwere Schwert über ſeinem Haupt ſchwirrte, ſchnitt mit einem Rückhieb ſeines Säbels durch den Harniſch gerade über dem Hüftgelenk, und das Blut folgte dem Hieb. Die tapfern Ritter ſahen die Gefahr ihres Führers; drei ſprengten zurück und langten noch eben recht an, um die beiden Kämpfer zu trennen. Muſa wartete nicht auf die Verſtärkung, ſondern flog über die Ebene, um ſeine zerſtreute Reiterei zu ſammeln und, in ein Ganzes vereint, auf den dürftigen Ueberreſt der Spanier loszulaſſen. „Unſer Tag iſt gekommen,“ ſprach der brave Rit⸗ ter Villena mit bitterer Unterwerfung.„Nichts bleibt uns, meine Freunde, als unſer Leben theuer zu ver⸗ kaufen— ein Beiſpiel, wie ſpaniſche Krieger leben und ſterben ſollen. Möge uns Gott und die heilige Jungfrau unſere Sünden vergeben und uns das Fege⸗ feuer abkürzen.“ ——— Noch ſprach er, als ein Horn in der Entfernung gehört ward, und das angeſtrengte Ohr der Ritter vernahm nahenden Hufſchlag. „Wir find gerettet,“ rief Eſtevon de Suzon, und erhob ſich in den Bügeln. Während ſeiner Worte brach ein Strom arabiſcher Roſſe über die kleine Schaar herein, und Eſtevon ſah die dunkeln Augen und die bebende Lippe Muſa's Ben Abil Gaſan gegen ſich herannahen. Nie vielleicht bis jetzt hatte der edle Ritter Furcht gekannt; jetzt aber, dieſem unwiderſteh⸗ lichen Feind gegenüber, ſtand ihm das Herz ſtill. „Der Satan leitet ſeine Klinge,“ dachte de Suzon, „aber erſt geſtern Morgen ward ich gefeit.“ Dieſer Gedanke ſtellte ſeinen gewohnten Muth wieder her, und er ſprengte dem Säbel des Mohren entgegen. Der Angriff kam Dieſem unerwartet. Sein Pferd glitt auf dem von Blut ſchlüpfrigen Boden aus, und ſein aufgehobener Säbel konnte nicht mehr thun, als die Kraft von Suzons rieſigem Arm etwas brechen; doch das Schwert des Ritters fuhr, den Säbel ab⸗ ſchlagend, auf den Turban des Mohammedaners nie⸗ der, drang mitten durch deſſen Falten, und ward nur durch die bewundernswürdige geſtigkeit der ihn ſchützen⸗ den Stahlkettchen gehemmt. Der Stoß warf den Mauren zu Boden. Er rollte unter den Sattelgurt ſeines Gegners. „Sieg und St. Jago!“ rief der Ritter.„Muſa iſt Der Satz blieb auf ewig unbeendet. Die Klinge ——— 0—— ¹9 er d ar ie 81 des gefallenen Mauren war bereits durch eine unbe⸗ ſchirmte, todbringende Stelle in Suzons Roß gedrun⸗ gen. Es fiel, und der Reiter mit ihm. Ein Augenblick, und die zwei Kämpfer lagen ringend im Staub; ein zweiter Augenblick, und das kurze Meſſer, das der Mohr im Gürtel trug, war durch des Chriſten Viſier in deſſen Gehirn geſenkt. Seinen Hengſt wieder beſteigen, der demüthig und bewegungslos ſtehen geblieben war, und abermals im dichteſten Getümmel erſcheinen, war ein Werk von nicht minder ſtaunenswerther Schnelligkeit, als es die Tödtung des unglücklichen Eſtevon de Suzon geweſen. Aber jetzt wurde das bisher für die Mauren ſo ſieg⸗ reich fortſchreitende Geſchick des Tages in ſeinem Lauf angehalten. Raſch über die Ebene hereinſprengend gewahrte man die ſchimmernden Reiter einer chriſtlichen Ver⸗ ſtärkung, und etwas weiter entfernt zeigte das könig⸗ liche Banner Spaniens, undeutlich durch Staubſäulen geſehen, an, daß Ferdinand ſelbſt ſeinen Rittern zu Hülfe komme. Indeß waren die Mauren, die ſich ſelbſt auf eine Art verſtärkt hatten, die faſt ans Wunderbare ſtreifte — ſo ſchnell und unerwartet ſtrömte ihnen die Hülfe aus dem Gehölz zu— nicht unvorbereitet für einen neuen Feind. Auf Befehl des wachſamen Muſa ßiell⸗ ten ſie ſich in Ordnung, ſetzten ſich noch zu rechter Zeit in den Vortheil, welchen die Unebenheit des Bodens Bulwer's Romane. LXXV. 6 und der Schutz durch die Bäume ihren Wurfſpießen und ſchnellen Roſſen gewährte, und bildeten ſo eine Linie, die ſelbſt der jetzt ankommende Ponce de Leon nicht anzugreifen für klüglich fand. Während Billena mit einer vor Wuth faſt unverſtändlichen Stimme den Marqueß von Cadir zum Vorrücken trieb, langte Fer⸗ dinand, umgeben von der Blüte ſeines Hofes, im Hintergrund an, und gab nach wenigen mit Ponce de Leon gewechſelten Worten das Zeichen zum Rückzug. Als die Mauren die Truppen ſich nach dem Lager umwenden ſahen, vermochte Muſa ſelbſt ihr Feuer nicht mehr zu zügeln. Sie ſtürzten vor, durchjagten den Rückzug, und verlängerten das Treffen durch mehr⸗ fache Scharmützel. Damals war es, wo der ungeſtüme Muth Fer⸗ nando's del Pulgar, der mit Ponce de Leon angekom⸗ men, ſich durch Thaten auszeichnete, die noch jetzt in Spaniens Geſängen fortleben. Auf einem ungeheuern Hengſt, er ſelbſt von rieſenhafter Stärke, ſprengte er ganz allein den Anſtürmenden entgegen, und ſtreckte mit dem Hieb ſeines gewaltigen Zweihändlers ganze Reihen zu Boden. Mit lauter Stimme lud er Muſa zum Kampfe; doch Dieſer, vom Gefecht ermüdet und vom Stoß, den er beim Zuſammentreffen mit de Su⸗ zon erlitten, kaum wieder erholt, ſparte einen ſo furcht⸗ baren Feind für ein künftiges Treffen auf. Um dieſe Zeit, als das Feld mit ſcharmutzirenden Streifparteien überdeckt war, traf eine kleine Anzahl Spanier, die ſich zu dem Hauptkorps ihrer Landsleute er ze ſa nd u⸗ ht⸗ en 83³ durch eines der zahlreichen, vom Feind beſetzten Ge⸗ büſche Bahn brach, an der Umgrenzung dieſes Ge⸗ hölzes mit einer gleichen Zahl Mauren zuſammen, und gerieth mit ihnen in ein verzweifeltes Handgemenge. Unter den Ungläubigen befand ſich Ein Mann, der keinen Theil an dem Gefecht nahm. In geringer Ent⸗ fernung ſah er einige Minuten der blutigen Schlächterei zwiſchen Mohammedanern und Chriſten mit einem grimmigen, wohlgefälligen Lächeln zu; dann ritt er, die allgemeine Verwirrung benützend, langſam und, wie er hoffte, unbemerkt vom Schauplatz weg. Aber es war ihm nicht beſtimmt, ſo ruhig zu entkommen. Ein Spanier erblickte ihn, ſchloß aus etwas Fremdem und Ungewöhnlichen in ſeiner Kleidung, er müſſe zu den Häuptlingen der Mohren gehören, und im Nu ſah Almamen— denn Dieſer war es— das empor⸗ gehobene Schwert eines Gegners vor ſich, der weder geneigt ſchien Pardon zu geben, noch mit ſich unter⸗ handeln zu laſſen. Bei allem perſönlichen Muth des Hebräers vereinigten ſich doch mehrfache Gründe, ihn von einem Kampf mit dem ſpaniſchen Soldaten abzu⸗ halten; ſo gab er denn, wohl ſehend, daß hier keine Möglichkeit ſich zu erklären, ſeinem Pferde tüchtig die Ferſen und ſprengte über die Ebene. Der Spanier jedoch verfolgte ihn, kam ihm zuvor und Almamen wendete ſich endlich in Verzweiflung und im Grimm ſeiner ſtolzen Natur gegen ihn. „So habe denn Deinen Willen, Thor!“ hnirſchte 84 er zwiſchen den Zähnen, griff nach dem Dolch und bereitete ſich zum Kampf. Derſelbe hielt lange und hartnäckig an, denn der Spanier war gewandt, und der Hebräer, ohne Harniſch und ohne andere Waffe als einen ſcharfen, wohl geſtählten Dolch, ſah ſich ge⸗ nöthigt, nur vertheidigend zu Werk zu gehen. End⸗ lich rangen beide Kämpfer miteinander, und durch einen geſchickten Stoß durchfuhr Almamens kurze Klinge die Kehle ſeines Gegners, der alsbald der Länge nach zu Boden fiel. „Ich bin gerettet,“ dachte er, indem er ſein Pferd wendete; aber ſiehe da! die Spanier, die er hinter ſich gelaſſen, waren jetzt mit ihren Feinden fertig ge⸗ worden und bereits hart an ihm. „Ergib Dich oder ſtirb!“ rief der Anführer. Almamen blickte umher; keine Hülfe war zur Hand.„Ich bin nicht Euer Feind,“ ſprach er plötzlich und ſenkte die Waffe—„bringt mich in Euer Lager.“ Ein Soldat faßte ſeine Zügel und in ſchnellem Rennlauf hatten die Spanier bald das zurückziehende Heer erreicht. Mittlerweile war es Abenddämmerung geworden, Geſchrei und Lärm nahmen mälig ab— das Gefecht hatte aufgehört, die Streifparteien ſich bei ihren ver⸗ ſchiedenen Fahnen wieder eingefunden, und beim Licht des erſten Sternes rückte die Schaar der Mauren, ihre verwundeten Brüder tragend, und durch ihren Sieg freudig erhoben, wieder durch die Thore Granada's, bis endlich das ſchwarze Roß des Helden des Tages, VNM—— das den ganzen Zug der Reiter ſchloß, mit ſeinem Herrn in der dunkeln Pforte verſchwand. Drittes Kapitel. Der Held in der Gewalt des Eräumers. In demſelben Gemach und ungefähr zu derſelben Stunde, worin wir Boabdil El Chico dem Leſer zuerſt vorgeführt, treten wir auch jetzt wieder in die Gegen⸗ wart des einem ſchlimmen Stern verfallenen Monar⸗ chen. Er war diesmal nicht allein. Seine Lieblings⸗ ſtlavin, Amine, ſaß auf einer Ottomane und ſchaute mit ängſtlicher Zärtlichkeit in ſein gedankenvolles Ge⸗ ſicht, während er, neben dem Fenſter an die ſchimmernde Wand gelehnt, tief bewegt auf die Scene draußen hinab blickte. Fernher vernahm er das Geſchrei der Menge bei Muſa's Zurückkunft, und der Donner ſchweren Ge⸗ ſchützes beſtätigte die Siegesnachricht, die bereits an des Königs Ohr gedrungen. „Hoch lebe mein Gebieter für und für!“ ſprach Amine furchtſam;„Seine Heere find dem Sieg ent⸗ gegen gezogen.“ „Aber ohne ihren König,“ erwiederte Boabdil bitter;„und angeführt von einem Verräther und Feind. Ich bin in den Netzen eines unentwirrbaren Schickſals verſtrickt.“ 85⁵ 86 „O,“ rief die Sklavin mit plötzlichem Kraftanflug, und ſprang, die Hände faltend, von ihrem Ruhebett auf—„o mein Gebieter, dürften dieſe demüthigen Lippen andere Worte ſprechen, als diejenigen der Liebe!“ „Und welch weiſen Rath möchten fie mir ertheilen?“ fragte Boabdil mit ſchwachem Lächeln.„Sprich.“ „So will ich Dir denn gehorchen, ſelbſt wenn ich Dein Mißfallen errege,“ rief Amine und erhob ſich— die Wange glühend, die Augen leuchtend, die ſchöne Geſtalt gleichſam größer geworden.„Jh bin eine Tochter Granada's, ich bin die Geliebte eines Königs; ich will meiner Geburt und meines Glückes würdig ſeyn. Boabdil El Chico, Letzter eines Heldengeſchlech⸗ tes, wirf dieſe düſtern Fantaſien, dieſe Zweifel und Träume, die das Feuer einer großen Natur und einer königlichen Seele erſticken, von Dir! Erwach— ſteh auf— beraube Granada ſeines Muſa's— ſey ſelbſt ſein Muſa! Glaubſt Du an Zauber und Talismane? So grabe ſie auf Deinen Harniſch, ſchreib ſie auf Dein Schwert, und lebe nicht länger als der Träumer der Alhambra; werde der Retter Deines Volks!“ Bvabdil wendete ſich und blickte mit einer Miſchung von Staunen und Scham auf die begeiſterte, ſchöne Geſtalt vor ihm.„Aus dem Mund eines Weibes kommt meine Zurechtweiſung!“ ſprach er traurig.„Es iſt gut!“ „Verzeih, verzeih mir!“ rief die Sklavin und fiel ihm demuthsvoll zu Füßen;„aber tadle mich nicht, 8 tt „ er S —* — — 87 daß ich Dich gerne würdig Deiner ſelbſt ſähe. Wäreſt Du nicht glücklicher, wäre Dein Herz nicht leichter, Deine Hoffnung kräftiger, wenn an der Spitze Deiner Heere Dein eigener Säbel Deine Feinde ſchlüge und der Schrecken des Heldenkönigs von den Bergen zu den Meeren dränge? Boabdil, ſo theuer Du mir biſt, ſo gewiß ich Dich gleich geliebt haben würde, und wäreſt Du als niedriger Fiſcher des Darro geboren,— da Du einmal ein König, möchte ich daß Du als König ſtürbeſt, ſollte auch mein Herz brechen, wenn ich Dich zum letzten Kampfe waffnete.“ „Du weißt nicht was Du ſagſt, Amine, und kannſt Das nicht ausſprechen, was Geiſter, die nicht von der Erde ſind, dem Thun der Völkerbeherrſcher vorſchreiben. Wenn ich ſäume, wenn ich zaudre, ſo geſchieht Dies nicht aus Angſt, ſondern aus Klugheit. Die Wolke muß ſich anſammeln, dunkel und langſam, ehe der Augenblick für den Blitz herangekommen iſt.“ „Auf Dein Haus wird der Blitz fallen, weil Du die Wolke ſich über Deinem Hauſe anſammeln läſſeſt,“ ſprach eine ruhige, ſtrenge Stimme. Boabdil fuhr zuſammen; im Gemach ſtand eine dritte Perſon, in Geſtalt einer Fran etwas über den mittleren Jahren, von gebietender Haltung und Miene. Auf ihr lang herabwallendes Gewand von geſticktem Purpur waren Juwelen von königlichem Werth dicht eingewirkt, und ihr ſchwarzes, leicht von Grau ange⸗ flogenes Haar theilte ſich über einer hoheitvollen Stirn, 88 während ein kleines Diadem ü bans empor ragte. „Mutter,“ ſprach Boabdil mit etwas ſtolzer Zu⸗ rückhaltung im Ton,„Deine Gegenwart kommt uner⸗ wartet.“ „Ja,“ erwiederte Apra la Horra, denn wirklich war es dieſe berühmte und ſtolze, aber hochherzige Kö⸗ nigin,„ja, und unwillkommen. Dies iſt der Fall bei all Deinen treuen Freunden. Nicht ſo unwillkommen war die Gegenwart Deiner Mutter, als ihr Geiſt und ihre Hand Dich aus dem Kerker befreiten, in welchen Dein ſtrenger Vater Deine Jugend gebannt hatte, aus dem Kerker, wo Dolch oder Gift die einzigen Schlüſſel ſchienen, Deine Zelle aufzuſchließen.“ „O beſſer, Du hätteſt den unglücklichen Sohn Deines Leibes alſo in der Jugend, geehrt und beklagt, ſterben laſſen, als ibn zum Mannesalter herangezogen, wo er mit einem böſen Stern und einem erbarmungs⸗ loſen Schickſal ringen muß.“ „Sohn,“ ſprach die Königin, und ſah ihn mit halb verächtlichem MWitleid an,„des Menſchen Thun ſelbſt ſchafft ſeine Schickſale; Unglückliche ſind nie tapfer und weiſe.“ „Königin,“ entgegnete Boabdil mit zornigem Er⸗ röthen,„noch bin ich König und dulde nicht ſolche Be⸗ ſchimpfung— hinweg!“ Eh die Mutter antworten konnte, ein und flüſterte Boabdil ins Ohr. ber die Falten des Tur⸗ trat ein Eunuch 89 „Ha!“ rief Dieſer freudig und ſtampfte mit dem Fuß,„kommt er, dem Löwen in ſeiner Höhle Trotz zu bieten? Der Empörer ſehe ſich vor! Iſt er allein?“ „Allein, großer König.“ „Laß meine Wache draußen ſich bereit halten; beim geringſten Zeichen trete ſie ein. Amine fort! Mutter—“ „Sohn,“ unterbrach ihn Ayxa la Horra in ſicht⸗ barer Bewegung,„vermuthe ich recht? iſt der tapfere Muſa— das einzige Bollwerk Granada's— den Du vorige Nacht ungerechter Weiſe in Ketten legen wollteſt —(Ketten! großer Prophet! belohnt ein König alſo ſeine Helden?—) iſt, ſag' ich, Muſa hier? und willſt Du ihn zum Opfer ſeines eigenen edelmüthigen Ver⸗ trauens machen?“ „Zurück Weib!“ rief Boabdil ſtreng. „Ich will nicht; nur Gewalt bringt mich von hier weg! Ich trotzte einer grimmigern Seele, denn der Deinen, als ich Dich von Deinem Vater errettete.“ „So bleib denn, wenn Du willſt, und ſieh wie Könige Verräther ſtrafen können. Misnur, laß den Helden Granada's ein.“ Amine hatte ſich entfernt. Boabdil nahm auf einem Sopha Platz, das Geſicht bleich aber ruhig. Die Königin ſtand hoch aufgerichtet in geringer Ent⸗ fernung von ihm, die Arme über die Bruſt gekreuzt, entſchloſſenen, feſten Blickes. Nach wenigen Sekunden trat Muſa ohne Begleitung ein. Er näherte ſich dem 90 König mit der tiefen Verbeugung des orientaliſchen Gehorſams, und blieb dann mit geſenkten Augen in einer Stellung vor ihm ſtehen, von welcher alle Unter⸗ würfigkeit doch eine natürliche Würde und einen gewiſſen Stolz der Haltung nicht zu trennen vermochte. „Prinz,“ hob Boabdil nach kurzem Schweigen an,„als ich geſtern Morgen nach Dir ſchickte, trotzteſt Du meinem Befehl. In meiner eigenen Alhambra brachen Deine Günſtlinge in Meuterei aus. Sie um⸗ gaben die Feſte, worin Du Dich, um meinen Willen zu erwarten, befandeſt; ſie verhöhnten und verjagten meine Leibwache; ſie ſtürmten die Thürme, worauf das Banner Deines Königs weht. Der Schloßvogt, eine Memme oder ein Verräther, gab Dich der meuteriſchen Rotte zurück. War Dies genug? Nein, beim Pro⸗ pheten! Du, mein rechtmäßiger Gefangener, verließeſt das Gefängniß nur, um Dich an die Spitze meiner Heere zu ſtellen. Geſtern warſt Du der verrätheriſche Unterthan, der heimliche Feind, der Führer des Volkes, das einem König trotzt, und jetzt kommſt Du nnaufge⸗ fordert zu mir. Du fühlſt Dich ſelbſt in meinem Palaſt ſicher vor meinem gerechten Zorn. Deine Frechheit blendet Dich. Menſch, Du biſt in meiner Gewalt. He da!“ Damit ſtand der König auf und Augenblicks waren die Arkaden im Hintergrund des Saales von langen Reihen der äthiopiſchen Leibwächter angefüllt, deren Körpergröße, ſelbſt wenn man den kleinen Wuchs der — 91 Mauren nicht in Anſchlag brachte, ans Rieſenhafte reichte; ſtumpfe, lebloſe Werkzeuge, bereit ohne Ge⸗ danken die blutigſte wie die unbedeutendſte Grille des Deſpotismus zu vollziehen. Hier ſtanden ſie; die ſil⸗ bernen Bruſtharniſche und langen Ohrringe hell ab⸗ ſtechend gegen die dunkle Haut; auf den Schultern un⸗ geheure, mit Nägeln beſchlagene Keulen. Etwas weiter vorne ihr Anführer, die grauenhafte Bogenſenne nachläſſig an den Arm gehängt, und aufmerkſam auf die geringſte Bewegung des Königs lauernd. „Schau!“ ſprach Boabdil zu ſeinem Gefangenen. „Ich ſchaue,“ verſetzte Muſa,„und bin auf Das, was ich vorausgeſehen, gefaßt.“ Die Königin ward blaß, brach aber das Schwei⸗ gen nicht. Muſa nahm wieder das Wort: „Herr der Gläubigen,“ ſprach er,„wenn ich ge⸗ ſtern früh anders gehandelt hätte, ſo wär' es zum Verderben Deines Throns und unſres gemeinſamen Geſchlechts geweſen. Die wilden Zegris argwöhnten und erfuhren meine Verhaftung. Sie wiegelten die Truppen auf, ſie befreiten mich, ich leugne es nicht. Hätt' ich in dieſem Moment Vernunft zu ihnen ge⸗ ſprochen, ſo wäre dies ein Tropfe ins Feuer geweſen. Sie gingen damit um, Deinen Palaſt zu belagern, vielleicht Deine Abdankung zu verlangen. Ich konnte ihre Wuth nicht erſticken, aber ich konnte ſie leiten. Im Augenblick der Leidenſchaft führte ich ſie von der Empörung gegen den gemeinſamen König weg zum 92 Sieg gegen den gemeinſamen Feind. Nachdem ich dieſe Pflicht vollzogen, kam ich, unverletzt vom Schwert der Chriſten, meinen Hals der Bogenſenne meines Freundes zu entblöſen. Allein, ungefordert, unbearg⸗ wöhnt bin ich in Deinen Palaſt getreten, dem Gebie⸗ ter Granada's zu beweiſen, daß der Vertheidiger ſeines Thrones kein Rebell gegen ſeinen Willen iſt. Jetzt rufe Deine Wachen— ich habe Alles geſagt.“ „Muſa!“ ſprach Boabdil mit gemilderter Stimme, indem er das Geſicht mit der Hand bedeckte,„wir ſpielten zuſammen als Kinder, und ich liebte Dich ſehr: mein Königreich geht mir vielleicht verloren, aber ich könnte mich mit dieſem Verluſt faſt verſöhnen, wüßte ich daß Deine Treue nicht von mir gewichen.“ „Hatteſt Du wirklich Argwohn gegen die Treue Muſa's Ben Abil Gaſan?“ fragte der Prinz mit Er⸗ ſtaunen und Schmerz.„Unglücklicher König! meine Dienſte, nicht meine Untreue, hielt ich für mein Ver⸗ brechen.“ „Weßhalb haßt mich mein Volk? weßhalb droht mein Heer?“ ſprach Boabdil ausweichend;„weßhalb iſt ein Unterthan im Beſitz jener Ergebenheit, die ein König nicht zu erhalten vermag?“ „Weil,“ erwiederte Muſa kühn,„der König einem Unterthan den Befehl übergeben hat, den er ſelbſt führen ſollte. O Boabdil, Freund meiner Knabenjahre, ebe die ſchlimmen Tage über uns kamen— gern würde ich unter den dunkeln Wellen jenes Stromes zur Ruhe finken, wenn Dein Arm und Geiſt meinen Platz unter den Kriegern Granada's erſetzte. Und glaube nicht, ich ſpreche ſo blos aus Erinnerung an meine Knaben⸗ jahre; glaube nicht, ich habe mein Leben in Deine Hände geſtellt blos aus jener knechtiſchen Unterwürfig⸗ keit gegen einen einzelnen Menſchen, welche das falſche Ritterthum der Chriſten den Rittern und Edlen als heilige Pflicht einſchärft. Ich ſpreche und handle blos aus Einer Tiebfeder:— die Religion meiner Väter und das Land meiner Geburt zu retten: dafür hab' ich mein Leben dem Feind entgegengeworfen; dafür über⸗ geb' ich mein Leben dem Beherrſcher meines Landes. Roch immer kann Granada fortdauern, falls Herr und Volk ſich vereinen. Auf ewig iſt Granada verloren, wenn ſeine Kinder in dieſer verhängnißvollen Stunde miteinander zerfallen. Bin alſo ich, o Boabdil, das wahre Hinderniß gegen Deinen Bund mit Deinen Unterthanen, ſo überliefre mich unverweilt der Bogen⸗ ſchnur, und mein einziges Gebet ſoll für dieſen letzten Reſt des Mauren⸗Namens und den letzten König des mauriſchen Herrſchergeſchlechtes ſeyn!“ „Mein Sohn, mein Sohn, biſt Du endlich über⸗ zeugt?“ rief die Königin, mit ihren Thränen ringend; denn ſie war eine Frau, die leicht über heldenhafte Geſinnungen weinte, nie aber über kleine Sorgen oder weibliche Regungen. Boabdil erhob das Haupt mit einem fruchtloſen Verſuch ſtolz auszuſehen; ſein Auge lief von der Mutter nach dem Freund, und ſeine beſſern Gefühle ſtürzten mit 94 unwiderſtehlicher Gewalt über ihn herein: er warf ſich in Muſa's Arme. „Vergib mir,“ ſprach er mit gebrochener Stimme, „vergib mir! Wie konnt' ich Dir alſo Unrecht thun? Ja,“ fuhr er fort, indem er ſich von der edeln Bruſt erhob, an der er ſich einen Augenblick einer nicht un⸗ männlichen Weichheit hingegeben;„ja, Prinz, Dein Beiſpiel beſchämt mich, aber es feuert mich an. Granada ſoll fortan zwei Führer haben, und bin ich neidiſch auf Dich, ſo ſoll es in Folge einer Racheife⸗ rung ſeyn, die Du nicht tadeln kannſt. Zurück Wachen! Misnur, he, Misnur! Verkünde mit Tagesanbruch, daß ich ſelbſt die Truppen in der Vivarrambla muſtern werde. Doch halt“— und ſeine Stimme ſchwankte und ein Schatten zog über ſeine Stirn—„doch halt; komm Du vielmehr mit Tagesanbruch zu mir und ich werde Dir meine Befehle ertheilen.“ „O mein Sohn, warum zaudern?“ rief die Köni⸗ gen,„warum ſchwanken? Führe Deinen königlichen Entſchlußs aus und. 6 „Still, Mutter,“ entgegnete Boabdil, ſeine ge⸗ wöhnliche Faſſung wieder gewinnend,„und weil Du jetzt mit Deinem Sohne zufrieden, ſo laß mich allein mit Muſa.“ Die Königin ſeufzte tief auf; aber in Boabdils Ruhe lag etwas, das ſie eher einſchüchterte, als die Ausbrüche ſeines Affektes. Sie ſchlug den Schleier um ſich und ſchritt langſam und widerſtrebend aus dem Zimmer. „Muſa,“ ſprach Boabdil, als er allein mit dem Prinzen war, und heftete ſeinen großen, gedankenvollen Blick auf die dunkeln Augen des Gefährten,„erinnerſt Du Dich, wie oft in unſern jüngern Tagen unſer Ge⸗ ſpräch auf jene geheimnißvollen Gegenſtände fiel, wel⸗ chen die Weiſen unſeres Ahnenlandes ihre tiefſte Wiſſen⸗ ſchaft weiheten?— die Räthſel der Sterne, die Kunde des Schickſals, die Forſchungen in der verhüllten Zu⸗ kunft, aus welcher die Geſchicke der Völker und Ein⸗ zelnen geboren werden? Du erinnerſt Dich, Muſa, daß für ſolche Studien mich die Wechſelfälle und Schmerzen meines eigenen Lebens ſchon in der Kind⸗ heit,— daß mich für dieſe Studien die ſeltſamen Schickſale, die mir in der Wiege den Namen El Zo⸗ goybi gaben, geneigt machen mußten. Auch Du ver⸗ achteteſt dergleichen Beſchäftigung und die Wiſſenſchaft unſerer Ahnen nicht, obwol Du, mir ungleich, ſtets mehr zur That als zur Betrachtung Dich neigteſt; was Du auch im Innern glauben mochteſt, es hatte wenig Einfluß auf Deine Unternehmungen. Mit mir war es anders: jedes Lebensereigniß trug dazu bei, meine früh gefaßten Anſichten zu beſtärken, und auf dem jetzi⸗ gen Wendepunkt meines Geſchicks habe ich mich und meinen Thron eher unter die Hut von Geiſtern als von Menſchen geſtellt. Dies allein hat mich für die Unthätigkeit— den Lebensſchlummer der Alhambra— die Meutereien meines Volkes entſchädigt. Ich lächelte wenn Feinde mich umgaben, Freunde mich verließen, denn ich war mindeſtens— wenn ich nur die glückliche Stunde nicht verſäumte— des Zaubers der Schutz⸗ geiſter und der Schwerter der unſichtbaren Schöpfung gewiß. Du wunderſt Dich, wohin Dies endlich führen 3 ſoll. Höre mich. Vor zwei Nächten“(der König ſchau⸗ derte zuſammen)„war ich bei den Todten. Mein Vater erſchten mir— nicht wie ich ihn im Leben ge⸗ kannt, gewaltig und furchtbar, in voller Kraft der Geſundheit und der Herrſchermacht— ſondern blaß, ſtill, ſchattenhaft. Mit den Lippen, worauf Asrael ſein Sigel gedrückt, gebot er mir, mich zu hüten vor Dir.“ Boabdil hielt plötzlich an und ſuchte auf Muſa's Antlitz die Wirkung ſeiner Worte zu leſen. Aber die ſtolzen, gebräunten Züge des Mohren deuteten auf kein getroffenes Gewiſſen; ein leichtes Lächeln des Mit⸗ leids mochte über ſeine Lippe hingezuckt ſeyn, aber es verſchwand, ehe der König es bemerken konnte. Dieſer fuhr fort: „Auf dieſe Warnung hin gab ich den Befehl Dei⸗ ner Verhaftung. Doch berühren wir Dies nicht weiter und laß mich in meiner Erzählung fortfahren. Ich wollte mich dem Geſpenſt zu Füßen werfen— es ent⸗ glitt mir, bewegungslos und unfaßbar. Ich fragte den„ Todten, ob er ſeinem unglücklichen Sohn die Sünde 3 der Empörung vergebe. Und abermals ertönte ſeine o Stimme und hieß mich, als einzige Sühne für das Geſchehene, die erlangte Krone behalten. Dann fragte n 1 ich, ob die Stunde zur That jetzt gekommen, und das Geſpenſt ſprach, indem es mälig in die Luft zerfloß: n „„Nein.““ O, rief ich, eh Du mich verläſſeſt, ſey mir „— 1— 3 —„„— p„„ — 1 K— M— w— S S„ S v * ein Zeichen gewährt, daß dieſe Erſcheinung kein Traum war, und gib mir Kunde, wann Boabdils böſer Stern ſeinen Einfluß verliert und ich, ohne Widerſtreben der Mächte da oben, für Ruhm und Thron fechten darf. „„Das Zeichen und die Kunde ſey Dir gegönnt,““ ſprach das geſpenſtiſche Bild. Es verſchwand— dichte Finſterniß umhüllte mich, und als der Schimmer der Lampen wieder durchdrang, ſtand ein Gerippe vor mir im Königsmantel Granada's, und auf ſeinem ſchaude⸗ rigen Haupt ruhte das Sultansdiadem. Mit der einen Hand wies es nach der gegenüber ſtehenden Wand, woran wie eine Scheibe glühenden Feuers ein breites Zifferblatt brannte, auf welchem die Worte„Hüte Dich,“„Fürchte nichts,“„Waffne Dich“ ſtanden. Der Zeiger des Blattes fuhr raſch umher und blieb auf den Worten„Hüte Dich“ ſtehen. Von da an bis zur Stunde wo ich zum Letztenmal nach ihm geſehen, hat ſich der Zeiger nicht weiter bewegt. Muſa, ich bin fertig; willſt Du mit mir in das bezauberte Gemach treten und ſehen, ob die Stunde gekommen?“ „Gebieter der Gläubigen,“ antwortete Muſa, „Deine Geſchichte iſt furchtbar und ſchaudererregend. Aber verzeihe Deinem Freund— warſt Du allein, oder war der Santon Almamen bei Dir?“ Weßhalb dieſe Frage?“ erwiederte Boabdil aus⸗ weichend und ſichtbar erröthend. „Ich habe Argwohn gegen ſeine Treue,“ entgeg⸗ nete Muſa.„Der Chriſtenkönig beſiegt mehr Feinde Bulwer's Romaue. LXKXV. durch Liſt als durch Gewalt, und ſeine Spione find gefährlicher als ſeine Krieger. Weßhalb dieſe Ver⸗ dächtigang meiner, als(verzeihe mir) zu Deinem ei⸗ genen Untergang? Wär' ich wirklich ein Verräther, hätte dann Ferdinand ſelbſt Deine Krone in ſo un⸗ mittelbare Gefahr ſetzen können, als die Rache Deines Heerführers Dies gethan haben würde? Weßhalb ferner dieſer Wunſch, Dich unthätig zu erhalten? Für den Tapfern läßt jede Stunde dem Glück Raum; für uns aber vergrößert jede Stunde unſere Gefahr. Be⸗ nutzen wir nicht die Gegenwart, ſo wird uns die Zufuhr abgeſchnitten und der Hunger iſt ein Feind, dem all unſer Muth nicht zu widerſtehen vermag. Dieſer Der⸗ wiſch— wer iſt er? ein Fremder, nicht von unſerem Stamm und Blut. Noch dieſen Morgen fand ich ihn außerhalb der Mauern, unfern dem ſpaniſchen Lager.“ „Ha!“ rief der König ſchnell,„und was ſagte er?“ „Weniges und nur andeutungsweiſe, indem er ſich durch dieſe Andeutungen unter Deinen Namen zu ber⸗ gen ſuchte.“ „Und was deutete er an?— worin beſtanden ſeine Winke?“ Hier berichtete Muſa ſeine Unterredung mit Al⸗ mamen, deſſen Verhaftung, deſſen Unthätigkeit im Ge⸗ fecht und endlich die Gefangennehmung durch die Spa⸗ nier. Der König hörte aufmerkſam zu und gewann ſeine Ruhe wieder. „Es iſt ein ſeltſamer, furchtbarer Mann,“ ſprach er nach einer Pauſe.„Wachen und Ketten werden ihn — N N— — XN 99 nicht zurückhalten. In Kurzem wird er wieder da ſeyn. Aber mindeſtens Du, Muſa, biſt fortan geſichert gegen die Beargwöhnung der Lebenden, wie die Warnungen der Todten. Nein, es iſt beſſer eine Krone, ja das Leben ſelbſt, zu verlieren, als das Vertrauen auf ein Herz, wie das Deinige. Komm, laß uns von der magiſchen Tafel Einſicht nehmen; vielleicht— und wie klopft meine Bruſt, indem ich dieſe Hoffnung aus⸗ ſpreche,— iſt die Stunde endlich gekommen! Viertes Kapitel. Lieferer Plick in Voabdils Charakter.— uſa in den Gärten ſeiner Geliebten. Muſa Ben Abil Gaſan kehrte mit gedankenvollem und bedrücktem Gemüthe von Boabdil zurück. Seine Vorſtellungen hatten den König nicht dahin zu bringen vermocht, daß er dem Gebot der magiſchen Tafel trotzte, die ihm einen perſönlichen Kampf gegen die Belagerer noch ſtets unterſagte; und wenn ihm die königliche Gunſt auch nicht länger entzogen blieb, ſo fühlte er doch wohl, daß dieſe Gunſt ſehr eigenfinniger und un⸗ ſicher Art blieb, ſo lange ſein Gebieter der Sklave eines Aberglaubens oder einer Betrügerei war. Doch der edle Krieger, deſſen Charakter das Unglück ſeines Landes, während es ſeinen natürlichen Muth ſteigerte, 7 — wunderbar erhoben und verſchönert hatte, dachte we⸗ niger an ſich, als an die Uebel, welche des Königs fortwährende Unentſchloſſenheit über Granada ſelbſt bringen mußte. „So muthvoll und doch ſo ſchwach,“ ſprach er; „ſo ſchwach und doch ſo eigenfinnig; ſo richtig im Den⸗ ken und doch ein ſo leichtgläubiges Spielwerk Anderer! Unglücklicher Boabdil! wirklich ſcheinen die Sterne gegen dich zu kämpfen; ihr Einfluß auf deine Geburt verdarb alle deine Gaben und Tugenden durch entgegenwirkende Schwäche und Befangenheit.“ Muſa ließ— mehr vielleicht als irgend ein Unter⸗ than in Granada,— dem wirklichen Charakter des Königs Gerechtigkeit widerfahren, aber ſelbſt er ver⸗ mochte nicht, in all deſſen verwickelte Geheimniſſe ein⸗ zudringen. Boabdil war kein gewöhnlicher Menſch; ſein Herz war warm und edel, ſeine Natur ſtill und freundlich, und hatten auch frühe Gewalt und die ſchmerzlichen Erfahrungen, die er an einem meuteri⸗ ſchen Volke und einem undankbaren Hofe gemacht, die⸗ ſer Natur eine Reizbarkeit und eine Neigung zum Argwohn mitgetheilt, die ihrem ſonſtigen Weſen nicht angehörten, ſo ließ er ſich doch leicht zum Edelmuthe und zur Gerechtigkeit zurückführen. So bitzig ſein Zorn, ſo großmüthig zeigte ſich ſehr oft ſein Verzeihen. Tief eingeweiht in die ganze Bildungsſphäre ſeiner Zeit und ſeines Volkes war er— mindeſtens ſo lang er las— ein Philoſoph, und wirklich lag in ſeiner Nei⸗ gung zu den abſtraktern Studien eine der Haupturſachen, N M v N —————» T 101 die ihn für ſeine jetzige Stellung untauglich machten. Freilich aber waren es nur die beſonderen Verhältniſſe ſeiner Geburt und Kindheit, was ſeinen ſcharfen, ſchönen Geiſt zur krankhaften Schwelgerei in myſtiſchen Träumen und zu all den Zweifeln, zu jener Furcht und Unentſchloſſenheit eines Menſchen verzerrt hatte, der in die übernatürliche Welt einzudringen ſtrebt. Dunkle Prophezeiungen ſammelten fich über ſeinem Haupt; einhellig betrachtete man ihn als geboren für ein unglückliches Geſchick. So oft er ſich beſtrebt hatte, gegen feindliche umſtände anzukämpfen, war durch irgend eine ſcheinbar zufällige, plötzlich hereinbrechende Urſache ſeine kräftigſte Anſtrengung, die Frucht ſeiner überlegteſten Klugheit, zu Schanden geworden. So ſetzte ſich allmälig eine düſtere Wolke über ſeinem Ge⸗ müth feſt; aber im Geheimen an dem mohammedani⸗ ſchen Glauben zweifelnd, und zu ſtolz und zu lebendig, um ſich gänzlich und widerſtandlos der Lehre einer un⸗ vermeidlichen Vorausbeſtimmung hinzugeben, ſuchte er ſich gegen die Plane feindlicher Dämonen und die Ver⸗ kündung der Sterne nicht durch menſchliche, ſondern durch geiſtige Waffen zu vertbeidigen. Die Seher und Magier, denen der orientaliſche Fanatismus huldigt, um ſich verſammelnd, lebte er in den Viſionen einer anderen Welt, und geſchmeichelt durch die Verheißungen von Betrügern oder Träumern, getäuſcht durch ſeine eigene ſpitzfindige, brütende Geiſtesart, vermeinte er durch Zauber und Kabala des großen Geheimniſſes theilhaftig zu werden, das ihn aus den Netzen ſeiner —————— ——— übernatürlichen Feinde erretten, und ihm die Freiheit der anderen Menſchen geben ſollte, die gegen Gefahr und Widerwärtigkeiten kämpfen dürfen, ohne im Voraus zum Unterliegen beſtimmt zu ſeyn. Dadurch hatte Al⸗ mamen die Herrſchaft über Boabdils Gemüth gewon⸗ nen, denn dieſer, der in Dingen von gewöhnlichem und irdiſchem Belang oder von geſunder Wiſſenſchaft mit Weiſen ſtreiten konnte, konnte, wo der Aberglaube ins Spiel kam, von einem Kind geäfft werden. Er war hierin eine Art Hamlet: geſchaffen, um unter glücklichen und heitern Verhältniſſen Segen zu verbrei⸗ ten und Ruhm zu erndten, war er unter den erſtar⸗ renden Schatten einer andern Welt gefallen, war ſeine Seele in ſich ſelbſt zurück gekrümmt, ſein Leben von demjenigen der großen Heerde geſchieden, durch Zwei⸗ fel und Beklommenheit rückwärts gedrängt, während ihn die Umſtände vorwärts ſtießen; in Folge eines un⸗ gewöhnlichen Schickſals von einer ſeltſamen Philoſophie beherrſcht, die ſich nicht an menſchliche Wirkungen und menſchliches Thun hielt, wurde er bei allen Gaben, die veredeln und ſchmücken können, immer wieder zu jener moraliſchen Imbecillität eingeſchüchtert, welche faſt jederzeit das Ergebniß iſt, wenn Sterbliche in den unheimlichen Regionen des Geiſterhaften und Unbe⸗ kannten forſchen wollen. Ueberdies hatten die trübern Färbungen ſeines Geiſtes ihre Schatten auch durch heimliche Reue bekommen. Um das eigene, von ſei⸗ nem unnatürlichen Vorgänger beſtändig bedrohte Leben zu retten, war er früh zur Empörung gegen ſeinen u e n * 1⸗ n 103 Vater getrieben worden. Alt, ſchwach und blind wurde dieſer Wütherich von ſeinem Bruder, El Zagal, dem Theilnehmer an Boabdils Auſſtande, in Salobrena zum Gefangenen gemacht, und da er ſchnell ſtarb, argwöhnte man in El Zagal ſeinen Mörder. Hatte Boabdil an dieſem Frevel auch keinen Theil, ſo fühlte er ſich doch als Mitſchuldigen der Urſachen, welche den Mord nach ſich gezogen, und dieſe düſtre Erinnerung, die auf ſeinem Gewiſſen haftete, trug dazu bei, ſeine Superſtition zu nähren, und die Kraft ſeiner Entſchlüſſe zu ſchwächen; denn unter Allem, was einen Menſchen zum Träumer macht, iſt nichts ſo wirkſam, als Reue, die auf ein nachdenkliches Gemüth drückt. Den Charakter ſeines Gebieters überdenkend und den Fall ſeines Landes trübe vorausahnend, ſetzte der junge Held Granadas ſeinen Weg fort, bis ſeine Schritte, beinah ohne daß er ſelbſt darum wußte, ihn zu Leilas Wohnung geführt hatten. Wie früher, ſtieg er über die Gartenmauer und näherte ſich dem Haus. Alles war ſtill und öde; ſein Zeichen blieb unbeant⸗ wortet, ſein leiſer Geſang zog kein dankendes Licht an das Fenſter, keinen leiſen Fußtritt auf den Balkon. Niedergeſchlagen und ſchweren Herzens verließ er den Ort und warf ſich, heimgekehrt, auf ein Lager, dem alle Mühen des vergangenen Tages die Vergeſſenheit des Schlafes nicht zuzuführen vermochten. Das Ge⸗ heimniß, welches den Gegenſtand ſeiner Huldigungen einhüllte, die Seltenheit der gegenſeitigen Zuſammen⸗ künfte, und die romantiſche Poeſie, die einen Grundzug im Ritterthum der ſpaniſchen Mauren bildete, patten der Liebe Muſas zu Leila eine Tiefe der Leidenſchaft mitgetheilt, die in der heutigen Zeit und unter den entnervendern Himmelsſtrichen den mobammedaniſchen Liebhabern unbekannt geworden iſt. Seine ſchärfſten Forſchungen hatten den Schleier, der über Geburt und Stand der Geliebten ausgebreitet war, nicht zu lüften vermocht. In der Nachbarſchaft wußte man wenig über die Bewohner jenes einſamen, wohl gehüteten Hauſes zu ſagen; die einzige Perſon, die man häufig außerhalb ſeiner Mauern ſah, war ein alter Mann jüdiſchen Glaubens, den man für den Aufſeher der „fremden“ Sklaven hielt(denn keinem mohammedani⸗ ſchen Sklaven würde die Schmach zugemuthet worden ſeyn, ſich unter einen Juden zu ſtellen); und wenn auch Gerüchte von dem ungeheuren Reichthum und der üppigen Pracht, die im Innern des Gebäudes bemerk⸗ lich ſeyen, umherliefen, ſo galt daſſelbe doch allgemein als Wohnung eines abweſenden Emirs, und das In⸗ tereſſe der Planderer war im Augenblick durch wichti⸗ gere Dinge in Anſpruch genommen, als die Angele⸗ genheiten eines Nachbars. Als jedoch am folgenden und am nächftfolgenden Abende Muſa abermals frucht⸗ los zu dem Ort zurückkehrte, konnte er ſeine Ungeduld und Angſt nicht länger bemeiſtern. Er beſchloß, das Thor des Hauſes Tag und Nacht zu belauſchen, bis er irgend Jemand von deſſen Bewohnern entdecken würde, den er um die Geliebte befragen und vielleicht zur Förderung ſeiner Zwecke erkaufen könnte. Als er — 8S 8S 8 8 mit dieſem Entſchluß um das Gebäunde her ſchlich, ſah er eine gebeugte, abgelebte Geſtalt aus dem Thörchen eines Seitenflügels ſchleichen: ſie unterſtützte ihre Schritte durch einen Stab, und als ſie ſofort den Gar⸗ ten betretend neben einem Brunnen anhielt, um beim Mondlicht Blumen und Kräuter zu pflücken, glaubte er beinah einen Ghul oder Vampir zu erblicken, wie ſie an den Gräbern herumſpucken. Er lächelte über ſeinen eigenen Schauder, eilte mit ſchnellem, leiſen Tritt durch die Bäume, und hatte dem greiſen, ab⸗ wärts gebeugten Mann die Hand auf die Schulter gelegt, ehe ſeine Gegenwart von dieſem bemerkt wurde. Timen, denn er war es, ſah empor, und ein ſchwacher Ausruf des Schreckens entfuhr ihm. „Still,“ ſagte Muſa,„fürchte Dich nicht; ich bin ein Freund. Du biſt alt, Menſch— Geld iſt den Bejahrten immer willkommen.“ Damit warf er meh⸗ rere große Münzen in den Buſen des Juden, deſſen geſpenſterhafte Züge ſich beim Empfang der Gabe zu einem noch geſpenſtiſchern Lächeln verzogen. „Wohlthätiger junger Mann,“ murmelte er,„groß⸗ müthiger, trefflicher junger Mann!“ „Nun denn,“ erwiederte Muſa,„ſo ſag mir— du gehörſt dieſem Hauſe an— Leila, das Mädchen da drinnen— ſag mir von ihr— iſt ſie wohl?“ „Hoffentlich, edler Herr, hoffentlich!“ „Hoffentlich? weißt Du nichts Gewiſſes über ihr Befinden?“ „Nein; habe ſie ſeit mehreren Tagen nicht geſehen, vortrefflicher Herr. Hat Granada verlaſſen, iſt fort. Ihr verliert Eure Zeit und verderbt Eure koſtbare Ge⸗ ſundheit in dieſem Nachthau; iſt ungeſund, ſehr unge⸗ ſund zur Zeit des Neumonds.“ „Fort! Granada verlaſſen!— und wohin?— Da! da! noch mehr Gold, Alter! ſag mir wohin?“ „Ach! ich weiß es nicht, höchſt großmüthiger jun⸗ ger Mann; ich bin bloß ein Knecht, ich weiß nichts.“ „Kehrt ſie zurück?“ „Kann es nicht ſagen.“ „Wer iſt Dein Herr? wem gehört dieſes Haus?“ Limen ſchlug die Augen nieder; er blickte zweifel⸗ haft und ängſtlich umher und antwortete nach kurzem Stillſchweigen;„ein reicher Mann, guter Herr, ein Maure aus Afrika; aber auch er iſt fort; er kommt nur ſelten zu uns; Granada iſt kein ſo friedlicher Aufenthalt mehr, wie ehedem. Ich ginge auch, wenn ich könnte.“ Muſa ließ Limens Arm los, der in das bewegte Antlitz ſeines Befragers mit boshaftem Lächeln ſah— denn Limen haßte alle Menſchen. „Du biſt fertig mit mir, junger Krieger 2 Ange⸗ nehme Träume unter dem Neumond!— Du thäteſt am beſten, Dich zur Ruhe zu legen. Leb wohl! Segen über Deine Milde gegen den armen alten Mann!“ Muſa hörte ihn nicht; bewegungslos blieb er einige Zeit ſtehen, dann ſprach er halblaut mit einem tiefen Seufzer, wie Jemand, der die Herrſchaft über ſich ſelbſt nach hartem Kampf wieder gewonnen:„Allah ſey mit Dir, Leila! Granada iſt jetzt meine einzige Geliebte!“ Fünftes Kapitel. Voabdils Perſöhnung mit ſeinem Volke. Mehrere Tage waren ohne irgend ein Zuſammen⸗ treffen zwiſchen Mohren und Chriſten verfloſſen, denn Ferdinands kalte, nüchterne Regentenklugheit, gewarnt durch den von Muſa ihm beigebrachten Verluſt, hielt jetzt die feurigen Gemüther, die er befehligte, unter der ſtrengſten Vorſicht. Er verbot alle Scharmützel, in welchen die Mauren bisher wirklich faſt immer die Oberhand gewonnen hatten, und begnügte ſich, alle Päſſe zu beſetzen, auf welchen der belagerten Stadt Mundvorrath zukommen konnte. Um das Lager ließ er ſtarke Befeſtigungen aufwerfen, und forderte ſo, wäh⸗ rend er einen Angriff auf die Mauren unterſagte, dieſe zu einem ſolchen gegen ſich heraus. WMittlerweile war Almamen nicht nach Granada zurückgekehrt. Keine Nachricht über ſein Schickſal ge⸗ langte zu dem König, und ſeine fortdauernde Abwe⸗ ſenheit fing an heilſame Wirkungen auf die lange in Schlummer gelegene Kraft Boabdils zu üben. Die Rathſchläge Muſas, die Ermahnungen der Königin Mutter, und die Begeiſterung Amine's, durch keine Kunſtgriffe des Zauberers im Schach gehalten, weckten 108 den Löwen, der in der Natur des Monarchen ſchlief. Aber immer noch murrten ſein Heer und ſeine Unter⸗ thanen gegen ihn, und ſein Erſcheinen in der Vivar⸗ rambla mochte immer noch das Zeichen zu einer Em⸗ pörung werden. In dieſem Augenblick führte ihm ein höchſt glücklicher Umſtand auf Einmal das Vertrauen und die Liebe ſeines Volkes wieder zu. Sein wilder Oheim— El Zagal— einſt der Nebenbuhler um ſeine Krone, dem Kühnheit, reifes Alter und kriegeriſcher Scharfblick eine mächtige Partei in der Stadt gewon⸗ nen hatten— war vor einigen Monaten von Ferdi⸗ nand unterworfen und für ſein den Spaniern abgetre⸗ tenes Land mit einer unfruchtbaren Gegend als Lehn entſchädigt worden. Seine Beſiegung, weit entfernt, dem Boabdil einen Nutzen zu bringen, hattr vielmehr die Manren gegen ihren König erbittert.„Denn,“ rief man mit faſt Einer Stimme,„der tapfre El Zagal würde nicht unterlegen ſeyn, wäre ihm Boabdil gehö⸗ rig zu Hülfe gekommen! Und in der That war es die dem Boabdil bisher noch als die vernünftigſte Ent⸗ ſchuldigung für ſein Einſchließen in die feſte Alhambra gedient hatte. Jetzt geſchah es aber, daß El Zagal, deſſen Hauptleidenſchaft in dem Haß gegen ſeinen Nef⸗ fen beſtand, und deſſen unbändige Natur gegen ſeinen engen Käfig tobte, beſchloß, in ſeinem hohen Alter allen frühern Ruhm durch unverhohlenen Verrath gegen ſein Vaterland zu zerſtören. Alles über der Racheluſt gegen den Neffen, der ſeinen Fall theilen ſollte, ver⸗ geſſend, waffnete er ſeine Unterthanen, durchzog das Land und erſchien an der Spitze einer ſtattlichen Schaar im ſpaniſchen Lager, ein Verbündeter Ferdinands gegen Granada. Als die Mauren dies wahrnahmen, war ihre Entrüſtung unbeſchreiblich; der Frevel El Zagals rief eine plötzliche Reaktion zu Gunſten Boabdils her⸗ vor; die Menge umringte die Alhambra und flehte mit Bitten und Thränen um die Verzeihung des Königes. Dieſes Ereigniß vollendete den Sieg des Zaudernden über ſeine eigene Unentſchloſſenheit. Er ließ eine Ver⸗ ſammlung des ganzen Heeres auf dem großen Platz der Vivarrambla anſagen, und als er hier mit Tages⸗ anbruch in voller Rüſtung erſchien, Muſa an der Hand führend, er ſelbſt in der Blüte jugendlicher Schönheit und ſiolz ſich wieder einmal einen Helden und König zu fühlen, kannte die Freude des Volkes keine Grenzen mehr; die Luft erhallte vom Geſchrei:„Hoch lebe Boabdil el Chico;“ und der junge Fürſt rief, ſich gegen Muſa wendend, ſeine ganze Seele auf den begeiſterten Zügen, aus:„die Stunde iſt gekommen— ich bin nicht mehr El Zogoybi!“ 1 110 Sechstes Kapitel. Leila.— Ihr neuer Perehrer.— Pild des erſten ſpani⸗ ſchen Inquiſttors.— Der Schmerzenskelch kehrt zu den Lippen Almamens zurüchk. Während die Ereigniſſe in Granada ſich alſo ge⸗ ſtalteten, verſetzt uns der Gang unſerer Erzählung ins chriſtliche Lager zurück. In einem der Zelte, die in langer Reihe das Gezelt Iſabellens umgaben, einem Zelte, welches den Frauen im Dienſte der Königin angehörte, ſaß ein junges Mädchen allein. Bereits ließ ſich die Abenddämmerung nieder und nur die Um⸗ riſſe der Geſtalt und der Züge blieben ſichtbar. Aber ſchon dieſe, nur undeutlich geſehen,— das gebeugte Haupt, die auf den Knieen zuſammengefalteten Hände— reichten zum Belege hin, daß die Träumerei, worin die Einſame verſunken ſchien, von melancholiſcher Natur ſey. „Ach,“ dachte ſie,„welcher Gefahr bin ich ausge⸗ ſetzt! Könnten mein Vater, mein Geliebter von den Verfolgungen träumen, denen ihre armt Leila preis⸗ gegeben iſt!“ Ein paar große, bittere Thränen brachen aus ihren Angen und ſchlichen unbeachtet ihre Wangen herab. In dieſem Momente ließ ſich das tiefe, wohl⸗ lautende Geläute einer Glocke hören, welche die Führer des Heeres zum Gebet rief; denn Ferdinand überklei⸗ dete all ſeine weltlichen Plane mit dem Mantel der — 111 Religion, und ſuchte ſeinem ſtaateklugen Krieg den imponirenden Charakter eines heiligen Kreuzzuges zu geben. „Dieſer Klang,“ dachte ſie, und ſank auf die Kniee, „lädt die Nazarener in die Gegenwart ihres Gottes. Er erinnert mich, eine Gefangene an den Waſſern Vabylons, daß Gott immer mit den Freundloſen iſt. O hilf mir und ſchirme mich, Du der auf Ruth ſchau⸗ teſt, als ſie unter den Aehren ſtand, und über Dein erwähltes Volk wachteſt in der hungrigen Wüſte und im Lande der Fremden.“ In ſtumme, inbrünſtige Andacht verſenkt blieb Leila lange in ihrer rührenden Stellung. Die Glocke hatte aufgehört; Alles draußen war ſtill und lautlos, als der Vorhang vor dem Eingange in das Zelt weg⸗ geſchoben wurde und ein junger Spanier, von Kopf zu Fuß in einen Mantel gehüllt, hereintrat. Schwei⸗ gend blickte er auf das kniende Mädchen, und erſt als ſie ſich erhob, machte er ſeine Gegenwart bemerklich. „Ah Reizendſte,“ rief er und ſuchte ihre Hand zu faſſen,„Du willſt meine Briefe nicht beantworten— ſo ſieh mich denn zu Deinen Füßen. Du biſt es, die mich das Knien lehrt!“ „Ihr, Prinz?“ fragte Leila bewegt und in angen⸗ ſcheinlicher, großer Angſt;„warum mich alſo beunru⸗ higen und beleidigen? Bin ich nicht ein geheiligtes Weſen— ein Pfand und eine Geiſel? und ſollen mir Name, Ehre, Friede, Alles was einem Weib für das Theuerſte gilt, alſo geraubt werden unter dem Titel 112 einer Liebe, die entehrend für Euch und eine Schmach für mich ſelbſt iſt 2“ „Süße,“ erwiederte Don Juan mit leichtem Lachen, „Du haſt im den Mauern da drüben eine Sittenlehre erhalten, wovon ſonſt die Mohrenmädchen, falls das Gerücht ihnen nicht Unrecht thut, wenig wiſſen. Er⸗ laub mir, Dich eine leichtere Moral und eine geſündere Logik zu lehren. Es iſt nicht entehrend für einen chriſt⸗ lichen Prinzen, eine Schönheit, wie Du, anzubeten; es iſt keine Schmach für ein als Geiſel gegebenes Mädchen, wenn der Infant Spaniens ihr die Huldi⸗ gung ſeines Herzens darbringt. Doch wir verlieren Zeit. Aufpaſſer, neidiſche Zungen und wachſame Augen ſind um uns her, und nicht oft kann ich ſie ſo vermei⸗ den, wie ich jetzt gethan habe. Schönſte, höre mich!“ — und diesmal gelang es ihm, die Hand zu faſſen, die vergebens gegen ſeine Umſchlingung ankämpfte— „warum ſo ſpröde? was kann ein weibliches Herz wünſchen, das ich, mein Liebchen, nicht auf Dich aus⸗ ſchütten könnte? Sprich nur ein Wort, und ich will Dich aus dieſer Umgebung wegtragen, die für Deine zarten Augen ſich nicht gebührt, zauberiſches Mädchen. Unter dem Zelt von Fürſten ſollſt Du ruhen, und in Gärten von Orangen und Roſen auf die Schwüre Deines Anbeters horchen. In dieſen Armen wirſt Du Dich nach keiner Barbarenheimat, keiner dem Schickſal verfallenen Stadt zurückſehnen. Und macht Dich Dein Stolz taub gegen die Stimme der Natur, ſo wiſſe, daß die edelſten Frauen Spaniens ſich in eiferſüchtiger — M ——— Demuth vor der Geliebten ihres künftigen Beherrſchers beugen werden. Dieſe Nacht— höre mich— höre ſag' ich— dieſe Nacht will ich Dich von hier wegbrin⸗ gen! Sey nur die Meine, und gleichviel, ob Du ketzeriſch oder ungläubig ſepeſt, oder wie der Prieſter Dich nennen mag: weder Kirche noch König ſollen Dich von der Bruſt Deines Freundes reiſſen.“ „Wohl geſprochen, Sohn des allerchriſtlichſten Kö⸗ nigs!“ bemerkte eine tiefe Stimme, und der Domini⸗ kaner Thomas de Torquemada ſtand vor dem Prinzen. Juan, wie von einem Donnerſtreich getroffen, ließ die Hand fahren, taumelte einige Schritte zurück und ſchien ſich beſchämt und gedemüthigt vor dem Auge des Prieſters verkriechen zu wollen. „Prinz,“ hub der Mönch nach einer Pauſe wieder an,„nicht Euch wird unſere heilige Kirche dieſen Fre⸗ vel zurechnen; Euer frommes Herz iſt durch Zauber⸗ kunſt geblendet worden. Entfernt Euch.“ „Vater,“ erwiederte der Prinz mit einem Ton, in welchen ſich, trotz ſeiner Scheu vor dieſem furchtbaren Manne, dem erſten Großinquiſitor Spaniens, ſein leichtfertiger Geiſt in halb verſtecktem Spotte un⸗ willkührlich mit eindrängte,„Zauberei aus Augen, wie dieſe, blendeten den weiſen Sohn eines noch frömmern Vaters, als ſelbſt Ferdinand von Arragonien.“ „Er läſtert Gott,“ murmelte der Mönch.„Prinz, hütet Euch, Ihr wißt nicht, was Ihr thut.“ Der Prinz zauderte; dann, wie ſich erinnernd, Bulwer's Romane. LXXV. 8 1¹4 daß er hier nachgeben müſſe, hüllte er den Mantel um ſich und verließ das Zelt ohne eine Antwort. Blaß und zitternd— mit einer vielleicht nicht min⸗ der empfindlichen, wenn auch unbeſtimmtern und ver⸗ wirrtern Angſt, als diejenige, aus welcher ſie ſo eben befreit worden,— ſtand Leila vor dem Mönch. „Setze Dich, Lochter des Ungläubigen,“ ſprach Torquemada,„wir möchten uns mit Dir unterreden, und, ſo lieb Dir— ich ſage nicht Deine Seele, denn ach, von dem Werth dieſes Schatzes weißt Du nichts — aber merk mich, Weib, ſo lieb Dir die Erhaltung dieſer zarten Glieder und dieſer gehaltloſen Schönheit iſt, beantworte mir wahr, was ich Dich fragen werde. Der Mann, der Dich hierher gebracht hat— iſt er Dein Vater?“ „Ach,“ entgegnete Leila faſt ohnmächtig vor Schrecken über dieſe rauhe, drohende Anrede,„er iſt in Wahr⸗ heit mein einziger Verwandter.“ „Und ſein Glaube— ſeine Religion?“ „Ich habe ihn nie beten ſehen.“ „Hm! er betet nie— ein bemerkenswerther Um⸗ ſtand! Aber zu welcher Sekte, welchem Glauben be⸗ kennt er ſich?“ „Das kann ich Dir nich beantworten.“ „He, es gibt Mittel, die Dir eine Antwort ab⸗ trotzen können. Mädchen, ſey nicht ſo hartnäckig; ſprich! glaubſt Du, er diene dem Tempel des Moham⸗ medaners?“ „O nein, nein!“ rief die arme Leila lebhaft aus, nun eit e⸗ b⸗ 8 m⸗ glaubend, in dieſem Punkt mindeſtens werde ihre Ant⸗ wort angenehm ſeyn.„Er verwirft, er verachtet, er verabſcheut den Maurenglauben, mit“(ſetzte ſie beih) „faſt allzuwildem Eifer.“ „Du theilſt alſo dieſen Eifer nicht? Nun, er im Geheimen die chriſtlichen Gebräuche 2“ Leila ſenkte den Kopf und antwortete nicht. „Ich verſtehe Dein Stillſchweigen. Und in welchem Glauben, Mädchen, wurdeſt Du unter ſeinem Dach aufgezogen?“ „Ich weiß nicht, wie man denſelben unter den Menſchen nennt,“ erwiederte Leila mit einiger Feſtig⸗ keit,„aber es iſt der Glaube an den Einen Gott, der ſeine Erwählten beſchützt und ihre Leiden rächen wird— den Gott, der Erde und Himmel geſchaffen und in einer götzendieneriſchen und umnachteten Welt die Kunde von ſich und ſeinen heiligen Geboten von Jahrhundert zu Jahrhundert durch den Mund eines einzigen Volkes in den Ebenen Paläſtina's und an den Bächen des Hebron fortgeleitet hat.“ „Und in dieſem Glauben wardſt Du von Deinem Vater erzogen, Wädchen?“ bemerkte der Dominikaner ruhig.„Ich habe genug. Bleib hier in Frieden, wir ſehen uns vielleicht bald wieder.“ Die letzten Worte wurden mit einem ſanften, ruhigen Lächeln geſprochen,— einem Lächeln, worin ſtarrende Augen und brechende Herzen oft das Vor⸗ zeichen der Folter und des Holzſtoßes geſehen hatten. 8* verehrt 116 Von der unglücklichen Leila ſcheidend, ſchlug der Mönch ſeinen Weg zu dem benachbarten Zelt Ferdi⸗ nands ein. Eh er jedoch daſſelbe erreicht hatte, ſchien ein neuer Gedanke den heiligen Mann zu durchzucken; er änderte die Richtung ſeiner Schritte und nahte einem jener kleinen, in katholiſchen Ländern gewöhn⸗ lichen Feldaltäre, der inmitten eines Gebüſches, neben einem murmelnden Bach, hinter dem königlichen Zelt, ſchnell von Holz aufgeführt worden war. Nur eine einzige Wache, am Eingang in den Buſch, hütete den heiligen Ort, deſſen ausnehmende Einſamkeit und Stille einen angenehmen Gegenſatz mit der belebten Welt des umgebenden Lagers bildeten. Der Mönch trat vor den Altar und fiel vor einem rauh geſchnitzten, aber reich geſchmückten Bild der heiligen Jungfrau auf die Kniee nieder. „Ach heilige Mutter,“ ſeufzte dieſer ſeltſame Menſch, „ſtärke mich in der Prüfung, die mir beſtimmt iſt. Du weißt, daß der Ruhm Deines gebenedeiten Sohnes der einzige Zweck iſt, für den ich lebe und webe und mein Daſeyn habe; aber zuweilen wird der Geiſt von der Schwäche des Fleiſches angeſteckt. Ora pro nobis, o Mutter der Gnade! Wahrlich, oft entfinkt mir der Muth, wenn es meines Amtes iſt, die Ehre Deiner heiligen Sache an Jugend und Zartheit, an Alter und Schwäche zu rächen. Doch was find Schönheit und Jugend, graue Haare und zitternde Kniee in den Au⸗ gen des Schöpfers? Elende Würmer ſind wir Alle, und nichts iſt wohlgefällig vor dem Angeſicht Gottes, als die Herzen der Gläubigen. Jugend ohne Glauben, Alter ohne Frömmigkeit, Reinheit ohne Gnade, Tugend ohne Heiligkeit ſind durch ihre ſcheinbare Schönheit nur um ſo abſcheulicher— angeweißte Gräber, glänzen⸗ der Moder! Ich weiß das, ich weiß das, und doch iſt der irdiſche Menſch mächtig in mir. Kräftige mich, daß ich ihn ausreiße; alſo daß durch unabläſſigen Kampf mit dem ſchwachen Adam Dein Knecht zu einer bloßen Maſchine umgewandelt werde, die Gottloſen zu beſtrafen und die Kirche zu fördern.“ Hier erſtickten Seufzer und Thränen die Kede des Dominikaners; er krümmte ſich in den Staub, er zer⸗ riß ſein Haar, er heulte laut; der Kampf war grim⸗ mig in ihm. Endlich zog er eine Geißel, beſtehend aus mehrfachen, mit kleinen ſcharfen Nägeln beſetzten Schnüren, aus dem Gewand hervor, ſtreifte dieſes und das unter demſelben befindliche härene Hemd über die Schultern hinab und ließ die Peitſche mit einer Wuth auf das nackte Fleiſch fallen, welche bald den grünen Raſen mit dicken Blutklumpen bedeckte. Die Erſchöpfung, welche dieſer furchtbaren Buße folgte, ſchien die Sinne des wilden Schwärmers wieder ins Gleichgewicht zu bringen; ein Lächeln flog über ſeine Züge, welche nur körperlicher Schmerz von dem angſt⸗ vollen Ausdruck geiſtiger Krämpfe befreite; und als er ſich erhob und das härene Hemd über das zerriſſene, bebende Fleiſch zog, ſprach er:„Jetzt haſt Du mich zu tröſten und bei mir einzukehren gewürdigt, erbar⸗ mungsreiche Mutter, und wie durch dieſe Strenge VNJ 118 gegen meinen elenden Leib der Geiſt erlöst und beru⸗ higt worden, ſo gibſt Du ein Zeichen und Sinnbild, daß die Leiber der Menſchen von Denen nicht geſchont werden dürfen, welche Seelen zu retten und die Völker der Erden in Deinen Pferch zu bringen ſich angelegen ſeyn laſſen.“ Damit nahm Torquemadas Geſicht den gewohnten ſtrengen und affektloſen Ausdruck wieder an, und die noch mit Blut beſprützte Geißel wieder in den Buſen ſchiebend verfolgte er ſeinen Weg zum Zelt des Königs. Er fand Ferdinand über der Koſtenberechnung ſei⸗ nes Kriegszuges, die ihm der Schatzmeiſter ſo eben überbracht hatte, und die Stirne des bei aller Liebe zum Schaugepräng ſehr haushälteriſchen Fürſten war durch die Ueberleſung ziemlich düſter geworden. „Bei den Bullen Guiſandos!“ rief er ernſt,„ich erkaufe das Seelenheil meines Heeres in dieſem heili⸗ gen Krieg um einen verzweifelt hohen Preis! Leiſten die Ungläubigen noch länger Widerſtand, ſo werden wir unſer ganzes Arragonien verpfänden müſſen.“ „Sohn,“ erwiederte der Dominikaner,„bei Zwecken, wie der Deinige, liefert die Vorſehung die weltlichen Wittel nicht. Aber was zweifelſt Du? Liegen die Mittel nicht in Deinem Bereich? Es iſt billig, daß Du nicht allein den Krieg beſtreiteſt, durch welchen die ganze Chriſtenheit verherrlicht wird. Gibt es nicht noch Andere als Dich?“ „Ich weiß, was Du ſagen willſt, Vater,“ unter⸗ brach ihn ſchnell der König,„Du willſt andeuten, daß v— die andern Regenten mich mit Waffen und Geld unter⸗ ſtützen ſollten. Sehr billig! Aber ſie find geizig und ſcheelſüchtig, Thomas, und Mammom hat ſie befleckt.“ „Nein, nicht auf Könige ging mein Gedanke.“ „Nun, ſo wollteſt Du mir denn bemerklich machen,“ entgegnete Ferdinand eifrig,„daß meine eigenen Ritter und Edeln ihre Kaſſen darbieten und ihre Beſitzungen verpfänden ſollten. Und freilich ſollten ſie's; aber ſchon jetzt murren ſie über das, was ſie unſerem Be⸗ dürfniſſe dargebracht.“ „Und wirklich,“ antwortete der Mönch,„ſollten dieſe edeln Krieger eines Glanzes nicht beraubt wer⸗ den, der den tapfern Vertheidigern der Kirche wohl geziemt. Nein, höre mich, Sohn, und ich will Dir ein Mittel eingeben, wodurch nicht die Freunde, ſon⸗ dern die Feinde des katholiſchen Glaubens zum Sturz des Heidenthumes beitragen werden. In Deinen Be⸗ fitzungen, beſonders den neu gewonnenen, in Andalu⸗ ſien, im Königreich Cordova, gibt es Leute von unge⸗ heurem Reichthum; bis in die Tiefen der Erde hinab ſind die Schätze ausgeſät, die ſie chriſtlichen Händen geraubt haben und, ihre Unthat fortſetzend, jetzt ver⸗ zehren. König, ich ſpreche von dem Volk, das den Herrn gekreuziget hat.“ „Den Juden— ja, aber die Rechtfertigung... „Liegt vor Dir. Dieſer Verräther, mit welchem Du Unterhandlungen gepflogen, welcher Dir gelobte, Granada zu übergeben und ſchon am Morgen darauf als Kampfgenoſſe der Mohren, ſeine Hände noch roth 120 vom Blut eines ſpaniſchen Märtyrers, erfunden ward: geſtand er nicht, daß ſeine Väter dieſem verhaßten Volke angehört hätten? ſchacherte er nicht mit Dir über die Erhebung ſeiner Brüder zum Range eines Chriſten? ließ er nicht unter lügenhaften Vorwänden eine Buh⸗ lerin ſeines Glaubens bei Dir, die durch Zanberkunſt und die Hülfe des Böſen das Herz des Erben des allerchriſtlichſten Königs zu wahnſinniger Leidenſchaft verführt hat?“ „Ha! ſo bringt dieſer leichtfinnige Knabe doch im⸗ mer Aergerniß über uns!“ rief Ferdinand bitter. „Nun alſo,“ fuhr der Dominikaner fort, ohne die Unterbrechung zu beachten,„haſt Du hier nicht Recht⸗ fertigung genng, dem ganzen Geſchlechte das Löſegeld ſeines Lebens abzudrängen? Merk auf die ſonnen⸗ klaren Beweiſe dieſer Verſchwörung der Hölle. Die Auswürflinge der Erde gebrauchten dieſen liſtigen Un⸗ terhändler, um mit Dir wegen ihrer Erhebung einen Vertrag zu ſchließen; und um ihrem Frevel die Krone aufzuſetzen, werden die Künſte, die Salomon verführ⸗ ten, gegen Deinen Sohn angewendet. Die Schönheit des fremden Mädchens bewältigt ſeine Sinne, auf daß, vermittelſt des künftigen Beherrſchers von Spanien, jüdiſche Liſt ein Judenreich zu Stande bringe! Weißt Du“(ſetzte er hinzu, wahrnehmend, daß Ferdinand ihm ſehr aufmerkſam zuhöre),„weißt Du, ob nicht der nächſte Schritt Deine geheime Ermordung geweſen wäre, und das Opfer der Zauberkunſt, der Liebling der Jüdin, ſtatt des mächtigen und unbeſiegbaren Fer⸗ dinand, jetzt regierte?“ „Jedenfalls,“ erwiederte der König nachdenklich, „ſehe ich Grund genug, um eine Steuer, die ich auf dieſe Knechte des Mammon legen würde, zu ent⸗ ſchuldigen.“ „Aber obwol uns ſchon der gemeine Menſchenver⸗ ſtand ſagt,“ fuhr Torquemada fort,„daß dieſer ver⸗ kappte Israelite für einen ſo umfaſſenden Plan nicht ohne Anreizung ſeiner Brüder, nicht nur in Granada, ſondern in ganz Andalufien, gehandelt haben konnte,— wär' es nicht gut, von ihm und dem Mädchen ein förmliches Geſtändniß zu erhalten, ſo daß wir un⸗ läugbare Beweiſe vor uns hätten, um jede üble Nach⸗ rede nicht nur von den Gottloſen, ſondern ſelbſt von dem allzuzarten Gewiſſen der Gottesfürchtigen, zum Stillſchweigen zu bringen? welche die Heiligen ewig behäten mögen!— hat ſtets ein zu weiches Herz für dieſe Ungläubigen, und Selbſt die Königin— „Allerdings!“ rief der König, Jenen abermals unterbrechend,„die Königin von Caſtilien muß von der Gerechtigkeit all' meiner Handlungen genügend über⸗ zeugt werden.“ „Und ſollte es ſich herausſtellen, daß Dein Thron oder Leben wirklich gefährdet waren, und Zauberkunſt angewendet wurde, um Euern königlichen Sohn zur Liebe für ein Judenmädchen zu verführen, eine Liebe, welche die Kirche für einen ſchon an ſich der Excom⸗ munikation werthen Frevel hält, ſo würde Iſabelle gewiß unſern Abſichten zu Hülfe kommen, ſtatt ihnen entgegen zu wirken.“ „Heiliger Freund,“ erwiederte Ferdinand mit Kraft, „Dir, ſtets einem Tröſter für dieſe Welt wie für jene, und dem neuen Amt, das Dir übertragen worden, übergeben wir dieſes Geſchäft; vollzieh' es ſogleich; die Zeit drängt, Granada leiſtet hartnäckigen Wider⸗ ſtand, der königliche Schatz ſchmilzt tief hinab.“ „Sohn, Du haſt genug geſagt,“ erwiederte der Dominikaner, die Augen ſchließend und eine kurze Dankbezeugung hermurmelnd.„Jetzt an meine Arbeit.“ „Nein, halt!“ rief der König mit geänderter Miene;„folge mir ins Oratorium: mein Herz iſt be⸗ laden und mich verlangt nach den Tröſtungen des Beichtſtuhls.“ Der Mönch gehorchte, und während Ferdinand, deſſen bewundernswerthe Geiſteskräfte mit der ſchwäch⸗ ſten Superſtition verbunden waren,— der aus Staats⸗ klugheit die Ungläubigen verfolgte, aber glaubte, er ſtrafe ſie blos aus Frömmigkeit:— während er mit reuigen Thränen die Sünden, einige Ave's vergeſſen, einige Roſenkränze nicht gezählt zu haben, beichtete; während der Dominikaner ermahnte, ſtrafte, tröſtete, ſiel es weder dem Fürſten, noch dem Mönch ein, daß in der Grauſamkeit, die einen Mitmenſchen folterte, in der Habſucht, die Vorwände zu erlangen ſtrebte, um ein ganzes Volk auf die Folter zu ſpannen, irgend eine zu beichtende Sünde liege, irgend eine Buße dafür aufzulegen ſey. Und doch ſagen uns manche Philo⸗ ſophen, das Gewiſſen ſey ein hinreichender Führer für den Menſchen! Siebentes Kapitel. Das Tribunal und das Wunder. Es war in tiefer Nacht,— das Heer lag in tie⸗ fem Schlafe— als vier Krieger, welche der„heiligen Brüderſchaft“ angehörten, zwiſchen ſich einen Mann, deſſen Handfeſſeln ihn als einen Gefangenen zu erken⸗ nen gaben, ſtill und geſetzt auf ein großes Zelt in der Nähe des königlichen Aufenthaltes zuſchritten. Ein tiefer Graben, furchtbare Verſchanzungen und häufige Wachen deuteten an, wie hoch man die Sicherheit die⸗ ſes Thejles des Lagers halte. Das Zelt, welchem ſich die Krieger näherten, war dem Umfang nach größer, als ſelbſt das königliche— ein Haus von Segeltuch, umgeben von einer Mauer aus maſſiven Steinen; auf ſeinem Gipfel ward im hellen Sternlicht ein ſchwarzes Fähnchen mit weißem Kreuz ſichtbar. Die Soldaten hielten an der Thür in der Mauer und übergaben ihren Gefangenen unter leiſe ausgeſprochenem Erken⸗ nungswort an zwei gewaltige Schildwachen, die den⸗ ſelben abführten, während ſie ſelbſt, die Stelle Jener einnehmend, ſtumm und bewegungslos ſtehen blieben: denn ſtrenges Schweigen und ſpartaniſche Mannszucht 124 waren die Abzeichen der Brüderſchaft der heiligen Hermandad. Der Gefangene hielt, als er auf das Zelt zutrat, einen Augenblick ſtill, ſah feſten Blicks umher, als ob er ſich die Gelegenheit des Ortes einprägen wollte, und folgte dann mit unwilliger, doch ſtolzer Ge⸗ berde ſeinen Hütern. Er kam durch zwei dämmerig beleuchtete und dem Anſehn nach menſchenleere Abthei⸗ lungen des Zeltes. Sofort erſchien ein Mann in einem langen ſchwarzen Gewand mit einem weißen Kreuze auf der Bruſt; einige Zeichen wurden durch die Finger gewechſelt, und im nächſten Moment ſtand Almamen, der Hebräer, in einem großen Gemach(wenn man eine Zeltabtheilung ſo nennen kann), das mit ſchwar⸗ zem Tuch behangen war. Im Hintergrund befand ſich eine Erhöhung, auf welcher, an einem langen Tiſch, drei Männer ſaßen, und zwar nahm das ruhige, ſtrenge Antlitz Torquemadas die oberſte Stelle ein. Der Ein⸗ gang war von zwei Kriegern gehütet, deren Kleidung an Farbe und Zuſchnitt derjenigen der beiden Wachen glich, welche Almamen hereingebracht hatten; Jeder hielt eine lange Lanze und hatte ein langes zweiſchnei⸗ diges Schwert an der Seite. Andere Zeugen waren in dem unheimlichen Gelaſſe nicht zugegen. Der Israelit blickte mit bleichem Geſicht aber blitzendem, hohnvollem Auge umher, und als er das Aug des Dominikaners traf, war es beinah, als ob jeder dieſer beiden Menſchen, die durch die Starrheit ihrer Ratur und die Kraft ihrer Leidenſchaften ſo weit über ihrem Mitgeſchlecht ſtanden, blos durch ſeinen Blick ſich ſeiner Uebermacht zu vergewiſſern und ſeinen Feind zu zermalmen ſuchte. In der That jedoch ließ Keiner dem Andern Gerechtigkeit widerfahren und die zornige Verachtung Almamens ward durch den kalten, eiſigen Hohn des Dominikaners zurückgegeben. „Gefangener,“ hob Torquemada an, der zuerſt ſein Auge von dem Andern niederſchlug,„ein minder hochfahrendes und halsſtarriges Benehmen möchte wohl Deiner Lage beſſer angeſtanden haben; doch gleichviel; unſere Kirche iſt ſanft und demüthig. Wir haben in erbarmungsvoller und väterlicher Hoffnung nach Dir geſchickt; denn obwol Dein Leben, als eines Spions und Verräthers, bereits verwirkt iſt, möchten wir daſ⸗ ſelbe doch gern erhalten und der Buße aufſparen. Dieſe Hoffnung magſt Du immer nähren, denn die Natur in uns Allen iſt ſchwach und klammert ſich an das Leben,— dieſen Strohhalm des unterfinkenden Schiffers.“ „Prieſter, wenn Du ein ſolcher biſt,“ antwortete der Hebräer,„ich habe bereits, als ich in das Lager gebracht wurde, die Gründe angegeben, aus welchen man mich unter dem Moorenheere feſt hielt. Mein Eifer für Spaniens König war es, der mich in dieſe Gefahr brachte. Kann, nachdem ich dieſer um ſeinet⸗ willen über mich gekommenen Gefahr entronnen, der König von Spanien mein Ankläger und Richter ſeyn? Strebt man jedoch, als Dank für die Anerbietung unſchätzbarer Dienſte, nach meinem Leben, ſo bin ich ——— ——————,— — —— ——— 126 bereit, es zu opfern. Thu Dein Aergſtes und ſage dann Deinem Herrn, daß er durch meinen Tod mehr verliert, als er durch das Leben von dreißigtauſend Kriegern gewinnen kann.“ „Laß dieſes eitle Gerede,“ entgegnete der Groß⸗ inquiſitor verächtlich,„und glaube nicht, Du könneſt mit leeren Worten den hohen Verſtand Ferdinands von Spanien täuſchen. Du haſt Dich jetzt zegen den Verdacht noch gewichtigerer Frevel, als des Verrathes an dem Könige, dem Du zu dienen behaupteſt, zu vertheidigen. Ungläubiger, Du haſt Dich über Deine Läſterung des Gottes, den Du anbeten ſollteſt, zu rechtfertigen. Geſteh die Wahrheit: Du gehörſt zum Volk und Glauben Jsraels?“ Der Hebräer zog die Stirn in düſtre Falten. „Der Menſch,“ ſprach er feierlich,„iſt ein Richter der Thaten des Menſchen, aber nicht ſeiner Meinungen. Ich werde Dir nicht antworten.“ „Bedenke Dich. Wir haben Mittel, denen die ſtärkſten Nerven und das feſteſte Herz nicht zu trotzen vermochten. Bedenke Dich— geſteh.“ „Deine Drohungen ſchrecken mich nicht; aber ich bin ein Menſch und weil Du die Wahrheit wiſſen willſt, ſo magſt Du ſie ohne Folter erfahren. Ich ge⸗ höre demſelben Volk an, dem die Gründer Deiner Kirche angehörten— ich bin ein Jude.“ „Er geſteht— ſchreibt ſeine Worte nieder. Ge⸗ fangener, Du haſt wohl gethan, und wir bitten den Herrn, daß Du, ſo fortfahrend, der Folter und dem Tod entgehen mögeſt. In dem nämlichen Glauben ward Deine Tochter erzogen? Sprich.“ „Meine Tochter? gegen ſie liegt keine Anſchuldi⸗ gung vor. Bei dem Gott Sinais und Horebs, Ihr dürft kein Haar dieſes unſchuldigen Hauptes berühren!“ „Antworte!“ wiederholte der Inquifitor kalt. „Ich antworte. Sie ward nicht als Verläugnerin des Glaubens ihres Vaters erzogen.“ „Schreibt das Geſtändniß nieder. Gefangener, nur noch wenige Fragen ſind übrig; beantworte ſie wahr, und Dein Leben iſt gerettet. In Deiner Ver⸗ ſchwörung, um Deine Brüder in Andaluſien zu Macht und Anſehn,— oder, wie Du es liſtig nannteſt, zur Geſetzesgleichheit mit den Verehrern unſers gebenedeiten Herrn zu erheben;— in der Verſchwörung(durch was für dunkle Künſte, will ich hier nicht wiſſen— pro- tege nos, beate Dowine!l) in der Verſchwörung, in eitler Liebe zu Deiner Tochter das Herz des Infanten von Spanien zu verſtricken— ſtill! ſag ich, ſchweig!— in dieſer Verſchwörung wurdeſt Du durch gewiſſe Juden in Andaluſien unterſtützt, beſtärkt oder ange⸗ ri „Halt, Prieſter!“ rief Almamen ungeſtüm;„Du nannteſt mein Kind. Hör' ich recht? Unter die gehei⸗ ligte Obhut eines Königs und Ritters geſtellt, iſt ihr — o antworte mir, ich beſchwöre Dich— durch die frevelhafte Zudringlichkeit eines Abkömmlings des Kö⸗ niges ſelbſt eine Unbild widerfahren? Antworte! ich bin ein Jude— aber auch ein Vater und ein Menſch!“ 128 „Dieſer vorgebliche Affekt täuſcht uns nicht,“ ſprach der Dominikaner, der, ſelbſt abgeſchnitten von den Banden des Lebens, nichts von deren Macht kannte. „Erwiedere mir blos auf die Dir vorgelegte Frage: nenne Deine Mitſchuldigen.“ „Ich habe Dir Alles geſagt. Du haſt mir Ant⸗ wort verweigert. Ich biete Dir Trotz: meine Lippen find verſchloſſen.“ Der Großinquiſitor ſah ſeine Amtsgenoſſen an und erhob die Hand. Die Collegen flüſterten einander etwas zu; einer erhob ſich und verſchwand hinter der Zeltwand. Augenblicklich flogen die Vorhänge des Zel⸗ tes empor und der Gefangene ſah ein anderes Gemach, mit verſchiedenen Inſtrumenten behangen, deren Be⸗ ſtimmung ſich hinlänglich durch ihre Geſtalt ausſprach, während neben der in der Mitte ſtehenden Bank eine lange, ſchaudrige Figur ſtand, die Arme entblößt, die Augen gleichſam inſtinktartig auf den Verhafteten ge⸗ richtet. Almamen ſchaute mit feſtem Blick auf dieſe furcht⸗ baren Vorkehrungen. Die Wächter am Eingang des Zeltes näherten ſich, nahmen dem Hebräer die Feſſeln von Händen und Füßen und führten ihn zu der ange⸗ deuteten Folterſtätte. Plötzlich hielt Jener an. „Prieſter,“ ſprach er in demüthigerem Tone, als er bisher angenommen,„die Nachrichten, die Du mir über das einzige Kind meines Hauſes und meiner Liebe mitgetheilt, verwirrten mich einen Augenblick. Laß mir ——„—„— c Sr er 8——„ c—— c„— — — — 2„ N ach en n er er e NW— N nur einen Moment, um wieder zu Sinn zu kommen. und ich will ohne Zwang Alles beantworten, was Du mich fragen magſt. Vergönne mir, daß Deine vorige Frage mir wiederholt werde.“ Der Dominikaner, der für ſeine Grauſamkeit gegen Andere eine Entſchuldigung in ſeiner eigenen Unempfind⸗ lichkeit gegen die Furcht und in ſeiner Verachtung kör⸗ perlicher Schmerzen fand, lächelte mit bitterm Hohn auf dieſe anſcheinende Schwäche des Gefangenen herab; da er jedoch an der Quälerei um der bloßen Qual willen kein Gefallen fand, ſo winkte er den Wachen, den Jraeliten los zu laſſen, und erwiederte mit un⸗ gewöhnlich milder Stimme: „Gefangener, könnten wir Dich, ſelbſt durch die härteſte Qual unſres eigenen Fleiſches, vom Schmerz erretten, ſo würden wir, der Himmel iſt unſer Zeuge, gern die Folter auf uns ſelbſt nehmen, die wir mit Pein und Kummer gegen Dich bereitet haben. Halt an— ſchöpfe Athem— ſammle Dich. Drei Minuten ſollſt Du Bedenkzeit haben, welchen Weg Du ein⸗ ſchlagen willſt, eh wir unſer Verhör wieder vornehmen. Dann aber hüte Dich, mit unſerer Nachſicht kein Spiel zu treiben.“ „Das iſt genug— ich danke Dir,“ ſprach der Hebräer mit einem Anklang von Dankbarkeit in der Stimme, und neigte das Geſicht gegen die Bruſt, die er, wie in tiefem Nachdenken, mit den Falten ſeines langen Gewandes bedeckte. Kaum war die Hälfte der Bulwer's Romane. LXXV. 9 S——————— 130 ihm zugeſtandenen Friſt verſtrichen, als er das Haupt wieder erhob und zugleich ſeinen Mantel zurückſchlug. Der Dominikaner ſtieß einen lauten Schrei aus; die Wachen fuhren ſcheu zurück. Eine wundervolle Ver⸗ änderung war über das beabſichtigte Schlachtopfer ge⸗ kommen; er ſchien buchſtäblich in Feuer gehüllt zu ſeyn; Flammen brachen aus ſeinen Lippen, und ſpielten mit ſeinen langen Locken, welche, die Gluth auffaſſend, wie Schlangen aus brennendem Lichtſtoff über ſeine Schul⸗ tern hinabſchlichen: blutroth waren Bruſt und Glieder, waren der hohe Hut und der ausgeſtreckte Arm, und als er ſo, eine einzige Sekunde lang, mit den ſchau⸗ dernden Blicken ſeiner Richter zuſammentraf, ſchien er wirklich den ausſchweifendſten Aberglanben ſeiner Zeit zu rechtfertigen— nicht mehr der zitternde Gefangene, ſondern der mächtige Dämon oder der furchtbare Magier! Der Dominikaner war der Erſte, der ſeine Faſ⸗ ſung wieder gewann.„Greift den Zauberer!“ rief er, aber Niemand rührte ſich. Eh noch der Ruf verhallt war, zog Alamen ein Fläſchchen aus der Bruſt und warf es auf den Boden. Es zerbrach in tauſend Stücke: ein Nebel ſtieg in dem Gemach auf— ver⸗ breitete ſich, ward dicht, ſchwarz, eine plötzliche Nacht; die Lampen vermochten ſie nicht zu durchdringen. Die leuchtende Geſtalt des Hebräers wurde düſter und däm⸗ merig, bis ſie ganz in den Schatten verſchwand. Auf jedes Auge ſchien Blindheit zu fallen. Todesſtille herrſchte, unterbrochen durch einen Schrei und einen Seufzer, upt ug. die er⸗ ge⸗ n mit wie ul⸗ , und au⸗ er eit ne, are und als nach einigen Minuten die Finſterniß mälig wieder abnahm, war Almamen weg. Einer von den Wächtern lag in Blut gebadet auf dem Boden. Man hob ihn auf: er hatte den Gefangenen greifen wollen und eine tödtliche Wunde davon getragen. Mit dieſer ſtammelnd abgegebenen Erklärung ſtarb er. In der Verwirrung und Angſt bemerkte man erſt eine ziemliche Zeit nachher, daß der Flüchtling ſich lange genug auf⸗ gehalten, um den ſterbenden Wächter ſeines weiten Mantels zu berauben, ein Beweis, daß er beſorgte, ſeine geheimen Künſte möchten ohne Anwendung eines natürlichern Stratagems nicht genügen, ihn ſicher aus dem Lager zu bringen. „Der Satan iſt unter uns geweſen!“ rief der Dominikaner feierlich, und fiel auf die Kniee,— „laſſet uns beten!“ —.————— — Drittes PBuch. ru Erſtes Kapitel. me Iſabella und das Judenmüädchen.. Während dieſes Auftrittes vor Torquemada's Tri⸗ ihr bunal war Leila mitten aus den Schreckbildern der ſto Angſt, gegen welche anzukämpfen ihre zarte Natur wie tro ihre phantaſtiſche Erziehung ihr gleich ſchwer machten, der in die Gegenwart der Königin abgerufen worden. die Zwar klebten auch dieſer begabten, hochgeſinnten wa Fürſtin, deren Tugenden ihr ſelbſt, deren Fehler ihrer zu Zeit angehörten, der Aberglaube und etwas von dem unduldſamen Geiſt ihres königlichen Gemahls an; aber ruh auch wo ihr Glaube den Verfolgungen beiſtimmte, neigte me ſich ihr Herz immer zum Erbarmen, und ihre Stimme deſ allein war es, die dem grauſen Eifer Torquemada's got entgegen wirkte, und die Leiden der Unglücklichen, die ſie unter den Verdacht der Ketzerei fielen, milderte. Glück⸗ me licherweiſe hatte ſie überdies ein eben ſo ſtarkes Ge⸗ an rechtigkeitsgefühl, als ſie dem Mitleiden offen war, ——— Tri⸗ der wie hten, rden. inten ihrer dem aber eigte mme da's „die lück⸗ Ge⸗ war, 132 und oft, wenn ſie einen Angeklagten nicht zu retten vermochte, verhinderte ſie wenigſtens, daß die Folgen des ihm zur Laſt gelegten Verbrechens nicht auf die ſchuidloſen Glieder ſeines Hauſes oder Stammes fielen. Zwiſchen ſeinem Geſpräche mit Ferdinand und dem Verhör Almamens hatte der Dominikaner die Königin aufgeſucht, und ihr in glühenden Farben nicht nur den Verrath des Hebräers, ſondern auch die Folgen der ruchloſen Liebe ihres Sohnes zu Leila geſchildert. Da⸗ mals galt jede Verbindung zwiſchen einem chriſtlichen Ritter und einer Jüdin für eine kaum ſühnbare Sünde, und Iſabella faßte all den Abſcheu vor dem Vergehen ihres Sohnes, der in einer frommen Mutter und einer ſtolzen Königin natürlich war. Gleichwol konnte ſie trotz aller Argumente des Mönchs nicht bewogen wer⸗ den, Leila dem Inquiſitionetribunal zu übergeben, und dieſer nur eben erſt errichtete furchtbare Gerichtshof wagte es noch nicht, ohne ihre Einwilligung Jemand zu greifen, der unter ihrem unmittelbaren Schutze ſtand. „Seyd unbeſorgt, Vater,“ ſprach Iſabella mit ruhiger Feſtigkeit—„ich will es auf mich ſelbſt neh⸗ men, das Mädchen zu unterſuchen, und werde ſie min⸗ deſtens jeder Möglichkeit zu verführen, oder von dieſem gottloſen Knaben verführt zu werden, entziehen. Aber ſie ward als Pfand und Geiſel unter des Königs und meine eigene Obhut geſtellt; wir nahmen die Geiſel an und unſere königliche Ehre iſt alſo für die Sicher⸗ heit des Mädchens verpfändet. Der Himmel verhüte, daß ich das Daſeyn von Zauberkünſten läugnen ſollte, —— —— — 134 da wir wiſſen, daß dieſelben ein Ausfluß des Satans ſind: aber ich fürchte, daß bei dieſer Grille Juan's mehr gegen das Mädchen geſündigt wurde, als daß ſie ſelbſt die Sündige wäre; gleichwol weiß mein Sohn ohne Zweifel nichts von dem unglücklichen Glauben der Jüdin; die Kunde von demſelben wird ſchon allein hinreichen, ihn von ſeinem Irrthum zu heilen.— Ihr ſchüttelt den Kopf, Vater; aber, ich wiederhole es, ich werde in dieſer Angelegenheit ſo handeln, daß ich mich des gefoderten Vertrauens würdig zeige. Geht, guter Thomas; wir haben nicht ſo lange regiert, ohne min⸗ deſtens die Ueberzeugung davon zu tragen, mit einem ſchlichten Mädchen allein fertig werden zu können.“ Die Königin reichte dem Mönch die Hand mit einem bei aller Würde ſo lieblichen Lächeln hin, daß ſelbſt dieſes rauhe Herz beſänftigt wurde. Mit einem widerſtrebenden Seufzer und einem hingemurmelten Gebet, Laß Iſabellens Entſchlüſſe zum Beſten geleitet werden möchten, ſchied Torquemada aus ihrer Ge⸗ genwart. „Das arme Kind!“ dachte dieſe;„ſo zarte Glieder, eine ſo zerbrechliche Geſtalt taugen nicht für jenes Mönches ſtrenge Obhut. Sie ſcheint von milder Na⸗ tur und ihr Antlitz zeigt die ganze nachgebende Sanft⸗ heit unſres Geſchlechtes: ohne Zweifel kann ſie durch gelinde Mittel bewogen werden, ihren unſeligen Glau⸗ ben abzuſchwören, und die Mauern irgend eines heili⸗ gen Kloſters dürften ſie eben ſo ſehr vor dem leicht⸗ ans n's daß ohn ben lein Ihr ich mich uter min⸗ nem mit daß inem elten leitet Ge⸗ ieder, jenes Na⸗ anft⸗ durch Glau⸗ heili⸗ leicht⸗ 135 fertigen Blick meines Sohnes, wie vor dem eiſernen Gemüth des Inquiſitors verbergen.“ Als Leila das königliche Zelt betrat, bemerkte Iſabella, die ſich allein daſelbſt befand, mitleidig den zitternden Schritt; und als Jene, dem Befehl der Königin gehorchend, den Schleier aufſchlug, ſprachen die Bläſſe ihres Geſichtes und die friſchen Thränen⸗ ſpuren mit mehr Erfolg zu ihren Gunſten im Gemüth der hohen Frau, als all die frommen Schmähungen Torquemada's gewirkt hatten, um gegen die Verlaſſene einzunehmen. „Mädchen,“ ſprach Iſabella ermuthigend,„Du biſt wol durch die Tollheit des gedankenloſen jungen Prin⸗ zen ſehr geängſtiget worden. Denk nicht mehr daran. Biſt Du aber wirklich ſo, wie ich mir Dich vorzuſtellen gewagt, und für welche ich Dich gegen Andere bereits mit Beſtimmtheit ausgegeben habe, ſo unterwirf Dich ohne Zaudern den Mitteln, die ich Dir nennen will, um in Zukunft Annäherungen zu verhüten, die Dich um Deinen guten Namen bringen müßten.“ „Ach, meine Gebieterin,“ rief Leila, indem ſie neben der Königin auf ein Knie niederſank,„mit höch⸗ ſter Freude und Dankbarkeit will ich jede Freiſtätte annehmen, die mir Friede und Einſamkeit bietet.“ „Die Freiſtätte, zu der ich Deine Schritte leiten möchte,“ erwiederte Iſabella ſanft,„iſt wirklich eine ſolche, deren Einſamkeit heilig, deren Friede der Friede des Himmels iſt. Doch hievon ſpäter. Du willſt alſo 136 nicht zaudern, das Lager dem Prinzen unbewußt und eh er Dich wieder ſuchen kann, zu verlaſſen?“ „Zaudern? ach wie ſoll ich vielmehr meinen Dank ausdrücken?“ „Nicht falſch hab' ich in dieſem Geſicht geleſen,“ dachte die Königin, und nahm dann wieder das Wort: „Sey es denn ſo; wir wollen nicht die nächſte Nacht erwarten. Zieh Dich dort ins Innere des Zeltes zu⸗ rück: die Sänfte ſoll ſogleich für Dich bereitet werden, und eh es Mitternacht, ſollſt Du in Sicherheit unter dem Dach eines der bravſten Ritter und einer der edel⸗ ſten Frauen ſchlafen, deren unſer Königreich ſich rühmen kann. Du wirſt einen Brief mitbekommen, der Dich der Sorge Deiner Wirthin ausdrücklich anempfiehlt— Du wirſt ſie von liebevoller, mütterlicher Natur fin⸗ den.— Und, Kind,“ ſetzte die Königin mit wohlwol⸗ lender Wärme hinzu,„verhärte Dein Herz nicht gegen ſie; höre mit lernbegierigem Sinn auf ihr freundliches Bedeuten, und mögen Gott und ſein Sohn den Rath dieſer frommen Frau ſegnen, ſo daß ein neuer Ver⸗ irrter für die Flur der Unſterblichkeit gewonnen werde.“ Leila hörte mit Staunen zu, antwortete aber nichts; erſt am Eingang in die innere Abtheilung des Zeltes blieb ſie plötzlich ſtehen und ſprach: „Verzeiht mir, gnädige Königin, aber darf ich Eine Frage an Euch thun?— ſie betrifft nicht mich ſelbſt.“ „Sprich und fürchte nichts.“ „Mein Vater— iſt etwas über ihn verlautet? 137 Er verſprach, vor Verfluß des fünften Tages ſein Kind wieder zu ſehen; ach, dieſe Friſt iſt um, und noch im⸗ mer bin ich allein im Hauſe des Fremden.“ „Unglückliches Kind,“ ſprach Iſabella zu ſich ſelbſt, „Du weißt weder von ſeinem Verrath, noch ſeinem Schickſal— doch wozu auch? Unkundig deſſen, was ſpäter hoffentlich zu Deinem Segen ausſchlagen ſoll, bleib auch unkundig über das, was Dir jetzt Schmerz bereiten würde.“—„Habe guten Muth, Mädchen,“ fuhr ſie ausweichend mit lauter Stimme fort.„Ohne Zweifel haben genügende Gründe ſeine Ankunft ver⸗ hindert. Dir aber ſollen die Freunde nicht fehlen im Hauſe des Fremden.“ „Ah, edle Königin, verzeiht mir: noch ein einzi⸗ ges Wort. Mehr als einmal iſt ein rauher, alter Mann bei mir geweſen, deſſen Stimme mir das Blut in den Adern einſtarrt; er befragt mich im Ton eines Feindes, der dem Kind etwas zum Nachtheil des Va⸗ ters entlocken möchte.— Dieſer Mann— Ihr kennt ihn, gnädige Königin— hat doch nicht die Gewalt, meinem Vater zu ſchaden?“ „Sey ruhig, Kind! Der Mann, von dem Du ſprichſt, iſt ein Prieſter Gottes, und der Unſchuldige hat nichts von ſeinem ehrwürdigen Eifer zu beſor⸗ gen. Für Dich ſelbſt ſey, ich wiederhol' es, guten Mu⸗ thes; an dem Ort, den ich Dir beſtimme, wirſt Du jenen Mann nicht wieder ſehen. Sey getroſt, armes Mädchen— weine nicht: Jeder hat ſeine Sorgen; — — 3 3„ ——— 138 unſere Pflicht iſt, in dieſem Leben zu dulden, und die Hoffnung blos für das nächſte aufzuſparen.“ Die Königin, in ihrer eigenen Perſon jenen häus⸗ lichen Bedrängniſſen beſtimmt, welche weder Pomp und Macht zu mildern noch zu beſchwichtigen im Stande find, ſprach mit prophetiſcher Trauer, die das durch ihren freundlichen Blick und Ton bereits beſänftigte Herz noch mehr rührten; und mit dem natürlichen Im⸗ puls eines Weſens, das in dem ſtrengen Ceremoniell des Hofes noch nie geſchult worden, trat Leila ſchnell vor, fiel auf ein Knie nieder, ergriff die Hand ihrer Beſchützerin und drückte ihr mitten durch die Thränen heiße Küſſe auf. „Seyd Ihr auch unglücklich?“ fragte ſie—„ich will für Euch zu meinem Gott beten.“ Die Königin, überraſcht und bewegt durch eine Handlung, die, wären Zeugen da geweſen, vielleicht— denn ſo iſt die Menſchennatur— nur ihre eaſtilianiſchen Vorurtheile verletzt haben würde, ließ ihre Hand in Leilas dankbarer Umſchlingung, und ſprach, indem ſie die andere auf die auseinander wallenden, üppigen Locken des knienden Mädchens legte, mit ſanfter Stimme:„Und Dein Gebet ſoll Dir Früchte tragen, wenn Dein und mein Gott derſelbe find. Er ſegne Dich, Kind! ich bin eine Mutter, Du biſt mutterlos— er ſegne Dich!“ te m⸗ el er en ine en in fie en ter n, ne Zweites Kapitel. Prüfung des udenmüdchens— wobei die Geſchichte vom Aeußern zum Innern übergeht. Zur ſelben Stunde, beinah zur ſelben Minute, wo Almamen ſeine geheimnißvolle Flucht aus dem Inquiſitionszelt bewerkſtelligte, hielt das aus einigen erleſenen Kriegern von Iſabellas eigner Leibwache be⸗ ſtehende Geleite für Leilas Sänfte, nachdem es den⸗ jenigen Theil des Gebirgpaſſes, der ſich in der Gewalt der Spanier befand, durchzogen und nun eben eine hohe, ſteile Anhöhe erſtiegen hatte, vor den Thoren eines ſtark befeſtigten Schloſſes an, welches in der Geſchichte dieſes denkwürdigen Krieges ſehr berufen iſt. Das trotzige„Werda?“ der Wache, das Knarren der Thorflügel, der Hufſchlag auf dem rauhen Pflaſter der Schloßhöfe, das flatternde Licht der Fackeln, das auf ſtrenge, bärtige Geſichter fiel, und die mondbe⸗ glänzten Pfeiler und Zinnen der Burg wild und ſelt⸗ ſam anſtralte, weckten Leila eher aus einer Art Betäu⸗ bung, als aus wirklichem Schlaf, worin die Mühen und Aufregungen des Tages ihre Sinne geſenkt hatten. Ein alter Seneſchall führte ſie durch große, düſtre Hallen(wie ungleich den ſchimmernden Gemächern und phantaſtiſchen Arkaden ihres mauriſchen Hauſes in ein mächtiges, mit flandriſchen Tapeten behangenes Zimmer gothiſcher Bauart. Nach wenigen Augenblicken drängten ſich haſtig aus dem Schlaf geweckte Mädchen 140 mit einer Ehrerbietung um ſie her, die ihr gewiß nicht zu Theil geworden wäre, hätten ſie ihre Geburt und Religion gekannt. Mit Verwunderung blickten ſie auf ihre außerordentliche Schönheit und fremdartige Tracht, und betrachteten augenſcheinlich den neuen Gaſt als eine willkommene Zugabe für die eng begrenzte Ge⸗ ſellſchaft im Schloß. Unter jedem andern Verhältniß würde der ſeltſame Anblick alles Deſſen, was die An⸗ kömmlingin wahrnahm, und die unheimliche Düſterheit des ihr zugewieſenen Gemachs, das Gemüth einer jungen Perſon, deren Schickſal ſo plötzlich von der tiefſten Ruhe zur gewaltigſten Aufregung übergegangen, ziemlich herabgeſtimmt haben. Allein jeder Ortswechſel war hier eine Erleichterung gegen den Lärm des Lagers, die Zudringlichkeit des Prinzen und die unheilkündende Stimme und Miene Torquemada's; und ſo blickte denn Leila mit der Empfindung um ſich, daß das Verſprechen der Königin erfüllt ſep, und ſie ſich bereits unter den Segnungen des Schutzes und der Ruhe befinde. Gleich⸗ wol dauerte es lange, ehe der Schlaf von Neuem auf ihre Auglieder ſank, und als ſie wieder erwachte, ſchien die Mittagſonne breit durch den Gitterladen. An ihrem Bette ſaß eine in Jahren ſchon vorgerückte Matrone von milden, einnehmenden Zügen, die durch einen Ausdruck ſanfter, zur Gewohnheit gewordener Melan⸗ cholie noch anziehender wurden. Sie war in Schwarz gekleidet, aber die reichen, in Aermel und Mieder ein⸗ geſtickten Perlen, das Juwelenkreuz, das an einer Kette von maſſivem Gold um ihren Nacken hing und mehr noch ein gewiſſes Anſehn von Würde und Herr⸗ ſchaft deuteten ſelbſt Leilas ungeübtem Auge auf einen ausgezeichneten Rang der Daſitzenden hin. „Du haſt lange geſchlafen, Tochter,“ ſprach die Dame mit wohlwollendem Lächeln;„möge der Schlaf Dich geſtärkt haben! Zu meinem Bedauern hab' ich erſt dieſen Morgen Deine Ankunft vernommen, widri⸗ genfalls ich die Erſte geweſen ſeyn würde, das mir von meiner königlichen Gebieterin anvertraute Pfand zu begrüßen.“ Mehr noch im Blick, als in den Worten der Donna Inez de Quexada drückte ſich eine tröſtende, zärtliche Theilnahme aus, die ein Balſam für Leilas Herz war; wirklich befand ſich Letztere vielleicht bei der einzigen ſpaniſchen Dame von reinem und chriſtlichem Blut, welche den Volksſtamm ihres Gaſtes nicht ver⸗ achtete, oder vor deſſen Namen ſchauderte. Donna Inez ſelbſt nämlich ſtand gegen einen Juden in einer Verpflichtung, die ſie gegen das ganze jüdiſche Ge⸗ ſchlecht abzuzahlen ſuchte. Viele Jahre vor der Zeit unſerer Erzählung hatten ihr Gemahl und ſie ſich, in Folge einer wichtigen Staatsmiſſion, in Neapel aufge⸗ halten, das damals mit der Politik Spaniens enge verflochten war. Sie hatten einen einzigen Sohn, einen Jüngling von wildem, unſtäten Character, den ein Hang zu Abentenern nach dem Orient trieb. In einem jener heißen Länder ward der junge Quexada durch das Karavanſerai eines reichen Reiſenden aus Räuberhänden befreit. Mit dieſem Fremden trat er — 142 ſofort in jene Intimität des Vertrauens, das zwiſchen wandernden und romantiſch gefinnten Menſchen oft ohne weitere Sympathie als diejenige des gleichen Lebensverhältniſſes entſteht. Später jedoch entdeckte er, daß ſein Reiſegefährte jüdiſchen Glaubens ſey, bebte, mit dem gewöhnlichen Vorurtheil ſeines Standes und Zeitalters, vor der Freundſchaft die er geſucht, zurück, und verließ, die ſchuldige Dankbarkeit vergeſſend, den Begleiter. Müde endlich des Umherwanderns hatte er die Heimreiſe angetreten, als er von einem ſehr hef⸗ tigen Fieber ergriffen wurde, das man fälſchlicher Weiſe für die Peſt hielt; Alles floh vor der vermeint⸗ lichen Anſteckung und einſam ſah er ſich dem Tode preisgegeben. Ein einziger Menſch jedoch, der von ſeinem Zuſtand gehört, kam zu ihm, wartete ihm ab, pflegte ihn und verhalf ihm, erfahren in den Geheim⸗ niſſen der Heilkunſt, wieder zu Leben und Geſundheit: es war derſelbe Jude, der ihn von den Räubern errettet. Bei dieſer zweiten und noch unſchätzbareren Verbindlichkeit ſchwanden die Vorurtheile des Spaniers dahin; er faßte eine tiefe, dankbare Anhänglichkeit für ſeinen Erhalter; ſie lebten eine Zeit lang beiſammen, und der Israe⸗ lite begleitete endlich den jungen Querada nach Nea⸗ pel zurück. Inez hatte ſchon vorher ein ſehr lebhaftes Gefühl für den ihrem einzigen Sohn erwieſenen Dienſt in ſich genährt, und dieſe Empfindung war verſtärkt worden, nicht nur durch das Aeußere des Inden ſelbſt, das, ſtattlich und würdevoll, nichts von der kriechenden Servilität ſeiner Brüder zeigte, ſondern auch durch die — n 143 auffallende Schönheit und den feinen Anſtand ſeiner ihm damals neu angetrauten Gattin, die er aus dem Lande, das Chriſten und Inden gleich heilig iſt, heim⸗ geführt. Der junge Querada überlebte ſeine Rückkehr nicht lange; ſeine Conſtitution war durch die weite Reiſe und die jener heftigen Krankheit nachgefolgte Schwäche gebrochen. Auf ſeinem Sterbebette hatte er die Mutter, die er kinderlos zurückließ, und deren Re⸗ ligionsvorurtheile minder hartnäckig als diejenigen ſei⸗ nes Vaters waren, beſchworen, nie die Liebe zu ver⸗ geſſen, die ihm ein Jude bewieſen, und die einzige ihr mögliche Erwiederung— die einzige, welche der Jude ſelbſt gefordert— dadurch auszuſprechen, daß fie keine Gelegenheit vorbei ließe, das Elend zu tröſten oder zu lindern, dem der Aberglaube der Zeit das unterdrückte Geſchlecht ſeines Wohlthäters ſo oft aus⸗ ſetze. Donna Inez hatte das Verſprechen, das ſie dem letzten Sprößling ihres Hauſes gethan, getreulich ge⸗ halten, und ſich, nach ihrer Rückkehr ins Vaterland, durch die Macht und den Ruf ihres Gemahls und durch ihre eigenen Verbindungen, ſo wie noch mehr in Folge einer ſchon in der Jugend geſchloſſenen Freundſchaft mit der Königin, häufig im Stand geſehen, manche Verfolgung und manche falſche Beſchuldigung zu hin⸗ tertreiben, zu welcher der Reichthum irgend eines Sohns Israels der Grund war, während deſſen Glaube den Vorwand hergab. Ja, bei allen Gefühlen einer ſtrengen Katholikin war ſie ernſtlich bemüht geweſen, die Gunſt, die ſie ſich alſo bei den Juden gewonnen, 144 zugleich als Mittel ihres frommen Eifers zu gebrauchen, denſelben ein mehr als blos zeitliches Glück zu ver⸗ ſchaffen. Auf ſanften Wegen hatte ſie die Bekehrungen verſucht, welche die rauhe Gewalt nicht durchzuſetzen und in mehreren Fällen gelang ihr Bemü⸗ hen. Auf dieſe Art war die gute Senhora in einen hohen Ruf der Heiligkeit gekommen, und Iſabella hatte richtig erwogen, daß ſie keine Beſchützerin für Leila ausleſen könne, die deren Jugend freundlicher in Ob⸗ hut nehmen, oder emſiger an deren Seelenrettung ar⸗ beiten würde. Wirklich ergab ſich ſomit eine gefährliche Lage für dieſes Mädchens Anhänglichkeit an einen Glauben, den zu erhalten und zu fördern rache⸗ heißer Vater ſo viele Opfer gebracht. Nur Schritt um Schritt ſuchte Donna Inez die Feſtung, die ſie mit geiſtigen Verbündeten zu beſetzen hoffte, nicht ſowol zu ſtürmen, als zu unterminiren, gerieth jedoch in ihren häufigen Unterredungen mit Leila nicht ſelten durch die einfache und erhabene Natur des Glaubens, gegen den ſie Krieg führte, in Verlegenheit und Erſtannen. Denn, ſey es nun der Wunſch gewe⸗ ſen, Leila ſo viel als möglich von der Berührung mit den Juden ſelbſt abzuhalten, auf deren Charakter im Allgemeinen— verdorben, wie er war, durch die Ge⸗ meinheit erzengende Unterdrückung und die zum Geiz verleitenden Erpreſſungen— Almamen mit ſtolzer ob⸗ wol heimlich gehaltener Abneigung herab ſah; oder ſey das jüdiſche Bekenntniß von dieſem erleuchtetern Geiſte anders ausgelegt worden, als von der großen Heerde:— ver⸗ gen tzen mü⸗ inen atte eila Ob⸗ ar⸗ liche inen che⸗ die etzen iren, Leila des nheit ewe⸗ mit rim Ge⸗ Geiz o⸗ r ſey eiſte die in Leilas Bruſt geſenkte Religion wich von derje⸗ nigen ſehr ab, welch Inez bisher unter ihren Proſelyten angetroffen. Der Glaube ihrer Schützlingin war min⸗ der weltlich und materiell— ein Deismus mehr des Herzens als der Metaphoſik, der dem großen Einen zwar viele menſchliche Sympathien und Attribute bei⸗ legte, zugleich ihn aber ganz als den erhabenen, furcht⸗ baren Gott der Geneſis auffaßte, den Vater des Weltalls, wenn auch nebenher den beſondern Beſchützer einer kleinen, gefallenen Sekte. Die Aufmerkſamkeit der jungen Schülerin war minder auf das gelenkt wor⸗ den, was einem oberflächlichen Blicke hart und erbar⸗ mungslos im Charakter des hebräiſchen Gottes er⸗ ſcheint, und was von der Religion Chriſti ſo ſchön gemildert, ſo erhaben verfeinert worden iſt, als viel⸗ mehr auf diejenigen Stellen, wo die Liebe Jehovahs über ſeinem erwählten Volke wacht und ſeine Lang⸗ muth Nachſicht hatte mit den Uebertretungen ſeiner Gebote. Die Vernunft des Mädchens hatte dieſelbe geheimnißvolle, heilige Führung für ihren Glauben gehabt, durch welche, während die ganze Welt umher ſich dem Dienſt unzähliger Gottheiten und der Vereh⸗ rung menſchlicher Gebilde beugte, in einem kleinen, abgelegenen Fleck der Erde, unter einem bei Weitem minder civiliſirten und philoſophiſchen Volk, als manche ſeiner Nachbarn, ſich allein ein reiner, erhabener Theismus erhielt, der jede Vergleichung zwiſchen den Dingen des Himmels und der Erde verwarf. Leila Bulwer's Romane. LXKXV. 10 146 wußte wenig von den engern, exeluſiven Dogmen ihrer Brüder; eine Jüdin dem Namen nach, war ſie dem Glauben nach eher eine Deiſtin; Anhängerin eines Deismus, wie ihn etwa die Schulen Athens den phan⸗ tafiereichen Zöglingen Plato's verkünden mochten, aus⸗ genommen, daß bei ihr ein zu dunkler Schatten auf den Hoffnungen für eine jenſeitige Welt lag. Ohne die Unſterblichkeit nach Art der Sadducäer unbedingt zu läugnen, trug Almamen doch wahrſcheinlich viel von dem ruhigen Skeptieismus mancher Sekten des ältern Judenthumes in ſich, der noch jetzt der Weis⸗ heit der Weiſeſten unter Denjenigen anklebt, welche die Lehre der Offenbarung verwerfen; und wenn Zener aus der Bruſt ſeiner Tochter die unbeſtimmte Sehn⸗ ſucht, die auf ein Jenſeits hinweist, auch nicht auszu⸗ rotten geſucht, ſo hatte er mindeſtens ihre Gedanken und Beſtrebungen nie dieſer hehren Zukunft zugewen⸗ det. Eben ſo wenig fand ſich in dem heiligen, ihr zum Unterricht gegebenen Buch, das die Einheit des höchſten Weſens ſo ſtrenge aufrecht erhält, eine ſo poſi⸗ tive und unzweideutige Nachweiſung eines Lebens „über dem Grab,“ daß ſie das Mangelhafte in den Belehrungen des Vaters hätte erſetzen können. Viel⸗ leicht daß Letzterer, die Anſicht über den verſchiedenen Werth der Geſchlechter, die ſeit den älteſten Zeiten in ſeinem geliebten Orient vorgeherrſcht hatte, theilend, für ſich ſelbſt Hoffnungen unterhielt, die er nicht auf ſein Kind ausdehnte. So entfaltete ſich und erſtarkte denn jede ſchöne Kraft der Seele in Leila ohne einen hrer dem ines an⸗ us⸗ auf hne ingt viel des eis⸗ lche ner hn⸗ zu⸗ ken en ihr des ofi⸗ ens den iel⸗ nen ten nd, auf kte 147 Gedanken, ohne mehr als dämmerige, ſchattenhafte Vermuthungen über jenes ewige Land, wohin der treuernde Pilger der Erde beſtimmt iſt. An dieſer Stelle fand der ſchnelle Blick der Donna Inez den Glauben ihrer Zöglingin verwundbar: wer, wenn der Glaube vom Willen abhinge, wöchte nicht glauben an eine zukünftige Welt? Leilas Wißbegier und Theil⸗ ſahme waren aufgeregt; willig hörte ſie auf die neue Führerin— wrillig fügte ſie ſich Folgerungen, die ihr nicht durch Drohung, ſondern durch Ueberzeugung ein⸗ geſenkt wurden. Frei von den hartnäckigen Glaubens⸗ begriffen, den ſektenhaften Vorurtheilen und den eigen⸗ thümlichen Ueberlieferungen und Sagen, an welchen die Gelehrteren unter ihrem Volke hingen, fand ſie kein Aergerniß an dem Buche, das nur eine Fort⸗ ſetzung der ältern Schriften ihres eigenen Bekenntniſſes zu ſeyn ſchien. Die Leiden des Meſſias, ſeine erha⸗ bene Reinheit, ſein mildes Verzeihen, ſprach an ihre Frauenbruſt; ſeine Lehren erhoben und entzückten ihren Geiſt, und in dem Himmel, den eine göttliche Hand für Alle öffnete,— für den Demüthigen wie für den Stolzen, für den Unterdrückten wie für den Unter⸗ drücker, für das Weib wie für den Herrn der Erde— fand ſie einen Hafen aus all den Zweifeln, die ſie kennen gelernt, und aus der Verzweiflung, die neueſter Zeit ihr das Antlitz der Erde verdüſtert hatte. Nach⸗ dem ihr die Heimat verloren, die ſchöne, tiefe Liebe ihrer Jugend zerſtört war— mußte da nicht ein Glaube faſt unwiderſtehlich werden, der ihr ſagte, der Schmerz 148 ſey nur für einen Tag und ewig ſey die Freude? Dazu kam noch, daß ſie, weit entfernt in ihrem Stolz als Hehräerin ſich gekränkt zu fühlen, vielmehr in der Ge⸗ burt des Meſſias im hebräiſchen Lande den Triumph ihres Volks, als des von Jehovah erwählten, vollen⸗ det ſab, und während ſie über die Juden, welche den Heiland verfolgt, trauerte, hob ſich ihre Bruſt entzückt äber Diejenigen, deren Glaube den Namen und die Verehrung eines Abkömmlinges von David über die fernſten Regionen der Welt verbreitet hatten. Oft verwirrte und erſchreckte ſie die würdige Inez durch den Ruf:„Euer Bekenntniß iſt daſſelbe wie das meinige, nur mit Zufügung der Lehre von der Unſterblichkeit— das Chriſtenthum iſt nur das hüllenloſe Judenthum.“ Indeſſen ließ ſich die weiſe und zartfühlende Lei⸗ terin von Leilas Bekehrung nicht auf jene mehr katho⸗ liſchen Anſichten ein, welche die Flügel der herabkom⸗ menden Taube verſchüchtert haben dürften. Sie ver⸗ mied es, allzuſtark auf die Unterſchiede der Glaubens⸗ bekenntniſſe hinzuweiſen nod ließ dieſelben eher un⸗ merklich in einander verſchmelzen: Leila war eine Chriſtin, während ſie ſich noch immer eine Jüdin wähnte. Doch, bei der liebenden und liebenswerthen Schwäche ſterblicher Empfindungen, blieb ihr noch im⸗ mer ein bitterer Gedanke, der oft und oft den Frie⸗ den zu ſtören kam, welcher ſich ſonſt in ihrer Seele geſenkt haben würde. Ihr Vater, für deſſen ſtrenges Herz und geheimnißvolles Schickſal ſie die einzige Sänftigerin war: mit welchen QOnalen mußte er dereinſt ——————— azu als Ge⸗ nph len⸗ den ückt die die Oft den ige, . Lei⸗ ho⸗ m⸗ er⸗ ns⸗ un⸗ ine din hen m⸗ rie⸗ ele ges ige 149 die Kunde von ihrer Bekehrung erfahren! Und Muſa, dieſes helle Heldengebild ihrer Jugendträume:— drückte ſie nicht auf jede Hoffnung, ſich mit dem Abgott der Mohren dereinſt noch zu verbinden, das letzte Schei⸗ dungsſiegel? Doch ach! war ſie denn nicht bereits von ihm geſchieden, waren ihr und ſein Glaube nicht von vornherein Gegner geweſen? Von dergleichen Betrachtungen fuhr ſie mit Seufzern und Thränen auf; dann ſtand vor ihr das Crucifir, das bereits Einlaß in ihrem Gemach gefunden hatte, während es aus den Betſülen mancher ſtrengen Chriſtengemeinden, nicht ſehr weiſe, verbannt bleibt. Denn die Vergegenwärtigung dieſer göttlichen Reſignation, dieſes Todeskampfes, dieſes wundervollen Opfers,— wie beredt ſpricht fie zu unſern Schmerzen, welche Lehre entbält dies Bild für die Eitelkeit unſerer Wünſche, für unſer unzufrie⸗ denes Sehnen! Allmälig, wie ihr neuer Glanbe ſich ſtärkte, neigte ſich Leila inbrünſtig jenen Schilderungen von der Hei⸗ ligkeit und Ruhe des Kloſterlebens zu, die ihr Inez ſo gerne vorhielt. Bei der Reaction ihrer Gedanken, bei ihrer Verzichtleiſtung auf alles Erdenglück ſchien dem jungen Mädchen ein unausſprechlicher Zauber in einer Einſamkeit zu liegen, die ſie für immer von jeder menſchlichen Liebe befreien und heiligen Anſchauun⸗ gen und unvergänglichen Hoffnungen ganz hingeben ſollte. Mit dieſer mehr eigennützigen verband ſich eine edlere, erhabenere Empfindung: Konnten doch vielleicht die Gebete einer Bekehrten für die noch Umnachteten 15⁰ erhört und der auf ihrem verworfenen Stamm ruhende Fluch durch das Flehen eines demüthgien Herzens er⸗ leichtert werden! Zu allen Zeiten, unter jedem Glau⸗ ben, hat eine wunderbare, geheimnißvolle Anſicht von der Kraft der Selbſtopferung für die Erlöſung, ſelbſt eines ganzen Volkes, geherrſcht; dieſe Anſicht, ſo lebendig im alten Orient und in der Religion der Griechen und Römer, wurde durch das Chriſtenthum, eine Religion, die ſich auf das größte aller geſchicht⸗ lichen Opfer gründet, noch mehr bervorgehoben; ja die erhabene Lehre derſelben erhält im Herzen jedes Gläubigen die Pflicht der Selbſtopferung, wie das Vertrauen auf die Macht des Gebets, gleichviel wie groß der Gegenſtand deſſelben, wie gering die Perſon des Beters ſey, fort und fort. In dergleichen Gedan⸗ ken verlor ſich Leila, bis Gedanken die Stärke der Leidenſchaft erhielten, und die Bekehrung der Jüdin war vollbracht. Aus dem Engliſchen. Sechsundſiebenzigſtes Vändchen. Leila, oder die Belagerung Granada's. Stuttgart, „ Verlag der J. B. Metzlerſchen Buchhandlung. V 1838. Teila, oder die Belagerung Granada's. Von dem Verfaſſer Pelham's, Rienzi's Maltravers' u. ſ. w. Aus dem Engliſchen von Friedrich Uotter. In zwei Bändchen. Zweites Bändchen. ——— Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1858. Drittes Kapitel. Die Stunde und der Mann. Am dritten Morgen, nachdem der König von Granada, wieder verſöhnt mit ſeinem Volke, ſein tapfres Heer in der Vivarrambla gemuſtert hatte, als er jetzt eben, umringt von ſeinen Anführern und Edeln, den Plan zu einer Schlacht entwarf, die durch Angriff auf das chriſtliche Lager entſcheidend werden ſollte, wälzte ſich plötzlich ein tauſendfaches, athemloſes Ge⸗ ſchrei vor die Pforten des Palaſtes, die unerwartete, frendige Kunde bringend, Ferdinand habe in der Nacht ſein Lager abgebrochen, und ziehe über die Berge gegen Cordova zu. Wirklich hatte der Ausbruch einer furchtbaren Verſchwörung des Königs Gegenwart auf Einmal anderswo nöthig gemacht, und da ſeine In⸗ trike mit Almamen vereitelt worden, zweifelte er an einer ſchnellen Eroberung der Stadt. So beſchloß er denn, nachdem die Vega jetzt vollends verwüſtet war, die förmliche Belagerung, die allein Granada in ſeine Hände liefern konnte, aufzuſchieben, bis ſeine Auf⸗ merkſamkeit nicht mehr durch andere Feinde abgelenkt würde, und bis er, muß beigeſetzt werden, ſeinen er⸗ ſchöpften Schatz wieder gefüllt hätte. Er hatte mit — Torquemada einen ausführlichen Verfolgungsplan nicht nur gegen die Juden, ſondern auch gegen ſolche Chri⸗ ſten entworfen, die von jüdiſchen Vorfahren abſtamm⸗ ten, und im Verdacht ſtanden, ſich wieder den jüdiſchen Gebräuchen zuzuneigen. Die beiden Schöpfer dieſes großen Entwurfs handelten dabei aus verſchiedenen Motiven: der Eine wollte den Frevel ausrotten, der Andere ſich die Verzeihung deſſelben um Gold abkaufen laſſen. Und Torquemada bequemte ſich der Geldgier des Königs, weil dieſelbe ihm und der jungen Inqui⸗ ſition eine Macht und Autorität gab, die, wie der Dominikaner voraus ſah, bald größer, als diejenige der Königswürde ſelbſt werden mußte, und welche, ſei⸗ ner Meinung nach, indem ſie die Erde geißelte, die Zwecke des Himmels förderte. Die ſeltſame Entweichung Almamens, durch die Leichtgläubigkeit der Spanier zu einer höchſt grauen⸗ haften Begebenheit verdreht und hinaufgetrieben, ver⸗ vollſtändigte die Reihe von Klagartikeln gegen die reichen Juden und Judenabkömmlinge Andalufiens, und während Ferdinand in der Einbildung bereits das Gold für ihre irdiſche Losſprechung feſthielt, fachte der Domi⸗ nikaner bereits die Flamme an, in welcher ſie zu ihrer ewigen Beſtrafung hinüber gehen ſollten. Boabdil und ſeine Häuptlinge empfingen die Nach⸗ richt vom Rückzug der Spanier anfangs mit Zweifeln, die jedoch bald der triumphirendſten Freude den Platz räumten. Boabdil nahm mit Einmal wieder die ganze Energie an, durch welche ſich ſeine frühere Jugend, nicht hri⸗ mm⸗ ſchen ieſes enen der ufen gier qui⸗ der nige ſei⸗ die die en⸗ er⸗ die ind old ni⸗ rer ln, atz tze d, 7 freilich nur in einzelnen Anfällen und Blitzen, ausge⸗ zeichnet hatte. „Allah Akbar! Gott iſt groß!“ rief er,„wir wol⸗ len nicht hier bleiben, bis es den Feinden beliebt, den Adler wieder in ſein Reſt zu ſchließen. Sie haben uns verlaſſen— wir wollen ihnen nach! Ruft unſre Alfa⸗ quis, wir wollen einen heiligen Krieg verkünden! Der Herr des letzten Mohrenlandes ſteht im Feld. In jedem Dorf, worin ein Moslem, ſoll unſere Mahnung er⸗ ſchallen, und alle Söhne unſres Glaubens ſollen ſich ſammeln um unſre Fahne!“ „Lange lebe der König!“ riefen die Edeln mit Einer Stimme. „„Verliert keinen Augenblick!“ nahm Jener wieder das Wort—„auf zur Vivarrambla, ordnet die Trup⸗ pen!— Muſa führt die Reiterei, ich ſelbſt das Fuß⸗ volk. Ehe die Sonne jenen Wald erreicht, muß das Heer auf dem Marſche ſeyn.“ Raſch und freudig verließen die Krieger den Palaſt; Boabdil aber, ſobald er allein, ſank wieder in die gewohnte Unentſchloſſenheit zurück. Rachdem er einige Minuten in ängſtlichen Gedanken auf und abgeſchritten, verließ er plötzlich die große Halle und durcheilte die geheimeren Gemächer des Palaſtes, bis er an eine ſtark mit Eiſenbändern verwahrte Thür gelangte. Gleich⸗ wol öffnete ſich dieſelbe leicht einem Schlüſſelchen, das er im Gürtel trug, und Boabdil befand ſich in einem kleinen runden Zimmer, das dem Anſehn nach keine weitere Thür oder ſonſtigen Ausgang hatte; der 8 König jedoch drückte, nachdem er behutſam umherge⸗ blickt, an einer in der Wand verborgenen Feder, worauf ſich alsbald eine Blende aufthat, in welcher eine kleine, in der reinſten Naphtha brennende Lampe und eine gelbe Pergamentrolle, bedeckt mit wunderlichen Buch⸗ ſtaben und Zeichen, ſich befanden. Er ſteckte die Rolle in den Buſen, nahm die Lampe in die Hand und drückte an einer andern Feder innerhalb der Niſche, worauf die Wand auseinanderwich und eine enge Wen⸗ deltreppe zeigte. Der König verſchloß den Eingang und ſtieg hinab. Die Treppe lief endlich in rauhe, dumpfige Gänge aus, und das Rauſchen von Waſſer, das durch die dichten Wände an ſein Ohr ſchlug, zeigte an, daß der Ort unter der Oberfläche der Erde liege. Hell und klar brannte die Lampe in dem Dunkel, und Boabdil eilte mit ſolcher Ungeduld voran, daß die beträchtliche Strecke bis zu dem Ziel, auf das er los ging, raſch durchmeſſen war. Endlich gelangte er in eine weite Höhle, zu welcher, wie am Anfangspunkte der Gänge nach oben zu, verborgene Thüren führten. Er ſtand in einem der vielen Gewölbe, die den aus⸗ gedehnten Begräbnißplatz der Könige von Granada bildeten. Vor ihm ragte, mit Mantel und Krone, jenes Gerippe empor, und vor ihm glühte jene ma⸗ giſche Tafel, deren er in ſeinem Geſpräche mit Muſa erwähnt hatte. „Furchtbares Bild!“ rief der Ankömmling, und warf ſich vor dem Skelet auf die Knie nieder:„Schat⸗ ten deſſen, was einſt ein König, weiſe im Rath und furch bein Deir iſt, mit! Zwe auf Laß das auf ſo m und mach unge grau und Herz tiefer ausg einen bewe ſam duldi rief erhör Dom Mom lang Bu 9 erge⸗ furchtbar im Kampf, war; wenn in dieſen hohlen Ge⸗ vrauf beinen noch der unſichtbare Geiſt wohnt, ſo höre leine, Deinen reuigen Sohn. Vergib ihm, weil es noch Zeit eint iſt, die Empörung ſeiner wilden Jugend, und wolle zuch⸗ mit Deiner kühnen Seele ihn von ſeiner Schwäche und Rolle Zweifelſucht kräftigen. Ich gehe in die Schlacht, ohne und auf das Zeichen zu warten, das Du mir anbefohlen. iſche, Laß die Buße für. eine Raſchheit, zu welcher mich wen⸗ das Schickſal hindrängt, nicht auf mein Volk, ſondern gang auf mich allein fallen. Und erliege ich im Kampf, mhe, ſo möge mein düſteres Geſchick mit mir zu Grabe gehen, ſſer, und ein würdigerer Herrſcher, meine Fehler wieder gut eigte machend, Granada aufrecht erhalten!“ iege. Als Boabdil die Augen aufſchlug, fröſtelte das und ungemilderte Grinſen des grauenhaften Hauptes, noch die graufiger erſcheinend durch das Leben nachäffende Diadem los und Königsgewand, den Sturm und die Angſt ſeines in Berzens zu Eis ein. Er ſchauderte und ſtand mit einem inkte tiefen Seufzer auf, aber als ſein Blick mechaniſch dem rten. ausgeſtreckten Arm des Gerippes folgte, ſah er mit aus⸗ einem Gemiſch von Freude und Schrecken den bisher ſtets ada bewegungslos geſtandenen Zeiger der Scheibe lang⸗ one, ſam weiter rücken, und auf dem ſo lange und unge⸗ ma⸗ duldig erſehnten Wort ſtehen bleiben.„Waffne dich!“ kuſa rrief der König—„leſe ich recht? Iſt mein Gebet erhört?“ Ein tiefer Ton, wie von einem unterirdiſchen und Donner, wogte durch das Gemach und im gleichen hat⸗ Moment öffnete ſich die Wand und der König ſah die und lang erwartete Geſtalt Almamen's, des Zauberers, Bulwer's Romane. LXKXVI. 2 ————— ———————— — ———— —— 10 vor ſich. Aber nicht mehr war die kräftige Mannes⸗ figur in das weite, friedliche Gewand des morgenlän⸗ diſchen Santons gehüllt. Eine vollſtändige Rüſtung ſchirmte die breite Bruſt und die nervigen Glieder; nur das Haupt war unbedeckt und auf den vortreten⸗ den, ausdruckvollen Zügen flammte diesmal nicht mp⸗ ſtiſche Begeiſterung, ſondern kriegeriſche Kraft. In der rechten Hand hielt er ein gezogenes Schwert— in der linken den Schaft einer ſchneeweißen, ſchim⸗ mernden Fahne. So unvermuthet kam die Erſcheinung und ſo auf⸗ geregt war das Gemüth des Königes, daß ſelbſt ein übernatürliches Weſen kaum mehr Staunen und Ehr⸗ furcht bei ihm hervorgerufen haben würde. „Beherrſcher Granada's,“ ſprach Almamen,„die Stunde iſt endlich gekommen: geh hin und ſiege! Keine Ausſicht zu Frieden oder Verglich mit dem Chri⸗ ſtenkönig! Auf Deinen Wunſch war ich bei ihm, aber nur meine Zauberkunſt ſchützte das Leben Deines Boten. Freue Dich! Dein böſes Geſchick iſt von Dir wegge⸗ wälzt, wie eine Wolke durch den Sonnenglanz. Die Genien des Morgenlandes haben dieſes Banner aus den Stralen wohlthätiger Sterne gewoben. Es ſoll vor Dir her leuchten in der Schlacht, es ſoll ſich erhe⸗ ben über den Strömen des Chriſtenblutes. Wie der Mond den Schoß der Fluten anſchwellt, ſoll es die Wogen des Krieges erheben!“ „Mann des Geheimniſſes! Du haſt mir ein neues Leben ertheilt!“ wi Ar rich rof net annes⸗ enlän⸗ üſtung lieder; treten⸗ t mp⸗ — ſchim⸗ o auf⸗ bſt ein Ehr⸗ ndie ſiege! Chri⸗ aber oten. Ge⸗ Die raus s ſoll erhe⸗ e der die teues 11 „Und an Deiner Seite fechtend,“ nahm Almamen wieder das Wort,„will ich Dir aus den Trümmern Arragoniens und Caſtiliens einen neuen Thron auf⸗ richten helfen! Waffne Dich, Beherrſcher Granadas! waffne Dich! Ich höre das Wiehern Deines Schlacht⸗ roſſes in der Mitte Deiner vorſchreitenden Gewapp⸗ neten. Zu den Waffen!“ Piertes PBuch. Erſtes Kapitel. Feila in der Burg.— Pie Belagerung. Die ruhigern Betrachtungen und heiligern Sorgen Leilas wurden endlich durch eine Nachricht unterbrochen, deren furchtbarer Inhalt das ganze Gemüth jedes Be⸗ wohners der Burg in Anſpruch nahm. Boabdil el Chico war an der Spitze eines zahlreichen Heeres ins offene Feld gerückt. Raſch das Land überflutend war er in ununterbrochenem Lauf vor den Hauptfeſten an⸗ gelangt, die Ferdinand, mit ſtarker Beſatzung verſehen, in der unmittelbaren Nachbarſchaft zurückgelaſſen. Der Triumph des Mauren war eben ſo ſchnell, als glän⸗ zend; noch einmal begann der Schrecken ſeiner Waffen ſich fern und nah zu verbreiten; jeder Tag vermehrte ſeine Reihen mit neuen Einſtehern; von den beſchnei⸗ ten Gipfeln der Sierra Nevada ſtrömte in wilden Horden das kühne Bergvolk herab, das, an ewigen en . Winter gewöhnt, durch ſein verwittertes Anſehn, ſeine rauhe Kleidung einen wunderlichen Gegenſatz zu dem ſchimmernden, civilifirten Heere Granadas bildete. MWohriſche Städte, die ſich Ferdinanden unter⸗ worfen, brachen den Gehorſam und ſendeten ihre feu⸗ rige Jugend, ihre erfahrenen Veteranen der Fahne des Halbmondes zu. Das paniſche Grauſen der Spa⸗ nier noch zu mehren, geſchah es, daß ein furchtbarer Zauberer, der eher von dem Blutdurſt eines Dämons, als der Tapferkeit eines Menſchen beſeelt zu ſeyn ſchien, plötzlich in den Reihen der Moslems erſchien. Wo immer die Mohren von einem Bollwerk oder einem Thurm zurückwichen, von denen herab ſiedendes Pech ſtrömte oder das tödtliche Geſchütz der Belagerten flammte, ſtellte ſich dieſer Zauberer— mitten in die Weichenden ſtürzend und mit wilden Geberden ein weißes Banner ſchwingend, das bei Mohren und Chri⸗ ſten für das Gebilde übernatürlicher Zauberei galt— jeder Gefahr blos und entging jeder Waffe; mit ſei⸗ ner Stimme, ſeinem Zuſpruch, ſeinem Beiſpiel ent⸗ flammte er die Kämpfer zu einer Begeiſterung, welche die erſten Tage mohammedaniſcher Siegeszüge zurück⸗ zuführen ſchien, und Burg um Burg in der langen Reihe der Gebirgskette ward durch das Wehen des immer ſiegreichen Banners genommen. Nur der alte Mendo de Quexada, der mit einer Beſatzung von zwei⸗ hundert und fünfzig Mann das Schloß Alhendin hielt, war durch das unerwartete Glück Boabdils noch nicht eingeſchüchtert. Des herannahenden Sturmes gewärtig, ———— 14 benutzte er die Tage der ihm zugeſtandenen Ruhe, um jede Vorbereitung für die bevorſtehende Belagerung zu machen. Boten wurden an Ferdinand entſendet, neue Außenwerke dem Schloß angebaut, reicher Mund⸗ vorrath eingebracht und keine Vorſicht vergeſſen, um den Spaniern ſtets noch eine Feſte zu erhalten, welche durch ihre Nähe bei Granada und ihre Beherrſchung der Vega und der Alpurarrasthäler der ſtechendſte Dorn im Siegeskranze der Mohren zu werden drohte. Eines Morgens ſtand Leila am Fenſter ihres hohen Gemaches und blickte mit gemiſchten Empfindungen hinaus auf die fernen Dome Granadas, die im ſtillen Sonnenſcheine ruhten. Ihr Herz durchwogten in die⸗ ſem Augenblick die Gedanken an die Heimat, und die Gefahren und Möglichkeiten der Gegenwart waren vergeſſen. Plötzlich brach der Klang ferner kriegeriſcher Mufik in ihre Träume; ſie fuhr auf und horchte athemlos hin; der Klang ward deutlicher und heller. Das Klin⸗ gen der Zimbel, das Raſſeln der afrikaniſchen Trom⸗ mel, das wilde, barbariſche Geſchmetter des mohriſchen Hornes unterſchieden ſich kennbar von einander, und endlich zeigten ſich der Lauſchenden die glänzenden Speere und Federbüſche des den Berg herauf ziehen⸗ den Vortrabs der Moslems. Noch ein paar Sekunden, und das ganze Schloß war auf den Beinen. Mendo de Quexada begab ſich, ſchnell in die Waffen geworfen, ſelbſt in die Außenwerke, und Leila wurde ihn, von ihrem Fenſter aus, von Zeit zu Zeit ung det, ind⸗ lche ung orn hen gen llen die⸗ die ren los d n⸗ die ila 15 gewahr, wie er ſeine Handvoll Leute in den beſtmög⸗ lichen Vortheil zu ſtellen ſuchte. Nach wenigen Mi⸗ nuten geſellte ſich Donna Inez zu ihr, begleitet von den übrigen Bewohnerinnen des Schloſſes, die ſich ängſtlich an ihre Gebieterin andrängten, aber nichts deſto weniger darauf aus waren, die Leidenſchaft ihres Geſchlechtes durch einen verſtohlenen Blick auf das prachtvolle Gepränge des Maurenheeres zu befriedigen. Die Fenſter in Leilas Zimmer eigneten ſich beſon⸗ ders zu einer ſichern und umfaſſenden Ueberſicht der feindlichen Bewegungen; und mit klopfendem Herzen und gerötheter Wange glaubte das jüdiſche Mädchen, taub gegen die Stimmen um ſie her, bereits unter den Reitern die edle Haltung und das weiße Gewand Mu⸗ ſa's Ben Abil Gaſan zu unterſcheiden. In welcher Lage befand ſie ſich! Konnte ſie, be⸗ reits eine Chriſtin, den Sieg der Ungläubigen wün⸗ ſchen? Stets noch ein liebendes Weib, konnte ſie die Beſiegung des Geliebten erſehnen? Doch die Zeit zur neberlegung war kurz; die Abtheilung der mohriſchen Reiterei langte jetzt eben vor den Mauern des Städt⸗ chens an, welches das Schloß umgab, und das laute Horn der Herolde forderte die Beſatzung zur Ueber⸗ gabe auf. „So lange noch ein Stein auf dem andern ſteht, nicht!“ lautete Queredas kurze Antwort, und zehn Minuten nachher rollte der Donner des Geſchützes von Mauer und Thurm über die Thäler hin. Jetzt ſahen die Frauen von Leilas Zimmer aus, 16 wie ſich die ganze Macht und Pracht des Belagererheeres, langſam aus einander wand. Dicht, gedrängt, Reihe hinter Reihe, Colonne auf Colonne, breiteten ſie ſich unten am Berge aus. Die Sonne funkelte in dem prunkenden Zug, als er toſend daher wogte, gleich den Wellen der flimmernden See. Bald ſah man die königliche Fahne über dem Zelt Boabdils wehen, und ſi erkannte den König ſelbſt, auf ſeinem milchfarbenen, mit Goldſtoff bedeckten Roſſe, mjtten unter dem Fuß⸗ volk, das den Angriff zu eröffnen hatte. „Bete mit uns, meine Tochter!“ rief Inez und fiel auf die Kniee.— Ach! für Wen konnte Leila beten2 Vier Tage und vier Nächte verfloſſen in fort⸗ 3 dauerndem Kampf, denn der eben im Voll⸗Licht be⸗ findliche Mond ließ ſelbſt während der Nacht keine Ruhe zu. Ihre Menge und die Nähe Granadas gab den Stürmenden den Vortheil, ſich fortwährend ablö⸗ ſen zu können, und Truppen folgten auf Truppen, ſo daß, ſobald eine Partie müde geworden, eine andere li mit neuer Kraft nachrückte. Am fünften Tag befand ſich das ganze Städtchen und die ganze Burg, mit Ausnahme der Landshut Eeines ungeheuren Tburmes) in der Gewalt der Wos⸗ lems. In dieſe letzte Verſchanzung, die letzte Hoff⸗ nung des tapfern Verzweiflungskampfes, hatte der er⸗ mattete, dürftige Ueberreſt der Beſatzung ſich zurück⸗ gezogen. Quexada erſchien, mit Schweiß und Staub be⸗ — er — „— r„ — r er— ut 17 deckt— die Angen von Blut unterlaufen, die Wangen hager und hohl, die Locken von plötzlichem Greiſenthum gebleicht,— in der Halle des Thurmes, wo die Wei⸗ ber, halb todt vor Angſt, verſammelt waren. „Etwas zu eſſen,“ rief er,—„etwas zu eſſen und Wein!— es mag wol unſer letztes Banket ſeyn!“ Seine Gattin ſchlang die Arme um ihn.„Jetzt noch nicht!“ ſprach er,„jetzt noch nicht; umarmen wollen wir uns, eh wir von einander ſcheiden!“ „Iſt denn alſo keine Hoffnung?“ fragte Inez mit bleicher Wange, doch feſtem Auge. „Keine; falls nicht die nächſte Morgenſonne die Speere von Ferdinands Heer auf den Bergen dort drüben vergoldet! Bis morgen können wir uns noch halten.“ Mit dieſen Worten ſchlang er haſtig einige Biſſen Speiſe hinab, leerte einen großen Becher Weins und verließ das Gemach ſchnell wieder. In dieſem Augenblick vernahmen die Frauen deut⸗ lich das laute Geſchrei der Mohren, und Leila, die ans Fenſter getreten, ſah etwas wie eine wandelnde Mauer gegen ſich herkommen. Bedeckt von ſinnreichen Gerüſten aus Holz und dicken Häuten, nahten die Belagerer dem Fuße des Thurmes, und waren ſo einigermaßen geſchützt gegen die brennenden Ströme, die noch immer, raſch und ziſchend, von den Zinnen herabfloſſen, während aus dem Hintergrund ein Hagel von Pfeilen und Bolzen zum Schutz der unter dem Gerüſte Befindlichen auf⸗ 18 flog und faſt durch jede Schießſcharte und Spalte in den Thurm drang. „Beim heiligen Grab!“ rief der heldenhafte Be⸗ fehlshaber des Schloſſes zähneknirſchend,„ſie unter⸗ miniren den Thurm und wir werden unter ſeinen Trüm⸗ mern begraben! Schaut einmal, Gonſalvo! bemerkt Ihr keinen Speerflimmer dort drüben auf den Bergen? Meine Augen ſind vom Wachen ſtumpf geworden.“ „Ach, braver Mendo, es iſt blos der Schein der Sonne auf dem Schnee— aber immer iſt noch Hoff⸗ nung Die Worte endigten mit einem plötzlichen, gel⸗ lenden Todesſchrei, und entſeelt ſtürzte der Antwor⸗ tende neben Querada nieder, das Gehirn von einem Bolzen aus einer mauriſchen Armbruſt zerquetſcht. „Mein beſter Krieger!“ ſagte Quexada;„Friede ſei mit ihm! Holla! ſeht ihr, wie jener wüthende Ungläubige die Minirer antreibt? Beim Himmel, es iſt Der mit dem weißen Banner!— es iſt der Zau⸗ berer! Zielt nach ihm! er befindet ſich außerhalb des Schirmdaches!“ Zwanzig Wurfſpieße, von ſchwachen, entnervten Armen geſchleudert, fielen unſchädlich um Almamen her, und als er, das berüchtigte Banner ſchwingend, wie⸗ der hinter dem Gerüſte verſchwand, war es den Spa⸗ niern beinah, als könnten ſie ſein ſataniſches Hohn⸗ gelächter hören. Der ſechste Tag kam und das Werk des Feindes war vollendet. Der Thurm, gänzlich untergraben, 19 ruhte nur noch auf hölzernen Stützen, die, mit einer Boabdil bezeichnenden Menſchlichkeit, angebracht wor⸗ den waren, damit die Belagerten vor dem Zuſammen⸗ ſturz ihres letzten Bollwerkes ſich noch retten könnten. Es war jetzt Mittag; die ganze mauriſche Macht hatte, die Ebenen verlaſſend, den Abhang unterhalb des Thurmes in dichten Reihen und ſprachloſer Er⸗ wartung beſetzt. Die Minengräber ſtanden aufrecht, die Spanier lagen erſchöpft und ausgeſtreckt auf den Abſätzen des Thurms, wie Schiffer, die nach jeder Anſtrengung gegen den Sturm, endlich, reſignirt und faſt gleichgültig, das Hereinfluten der Todeswoge er⸗ warten. Plötzlich wichen die Reihen der Mohren ausein⸗ ander, und Boabdil ſelbſt, Muſa zu ſeiner Rechten, Almamen zur Linken, näherte ſich dem Fuße des Thur⸗ mes. Zugleich ſtellten ſich die äthiopiſchen Leibwächter, jeder eine Fackel tragend, langſam hinter ihm auf, und mitten unter ihnen ſchritt der königliche Herold und ließ die lotzte Warnung durch das Schlachthorn ertönen. Die Stille der ungeheuren Menſchenmenge,— ver Schein der Fackeln, der die ſchwarzen Geſichter und rieſigen Geſtalten ihrer Träger anglühte,— das ma⸗ jeſtätiſche Anſehn des Königs ſelbſt,— die Heldengeſtalt Muſas,— das bloſe Haupt und ſchimmernde Banner Almamens:— Alles vereinte ſich mit den Verhältniſſen des Augenblicks, um dem Schauſpiel etwas ſeltſam Schauderhaftes, vielleicht Erhabenes zu geben. Quexada ſah ſtumm auf die geſpenſterhaften Züge 20 ſeiner Krieger und gab immer noch nicht das Zeichen. Seine Lippen murmelten,— ſeine Augen glänzten, als er auf Einmal von unten herauf das Gewimmer der Frauen vernahm; der Gedanke an Inez, die Braut ſeiner Jugend, die Geſellin ſeines Alters, kam über ihn, und mit zitternder Hand ſenkte er die noch immer unerſchütterte Fahne Spaniens. Da brach aus der Stille drunten ein mächtiges Geſchrei, das den grim⸗ men Thurm bis in ſeine unſtäten Grundlagen er⸗ ſchütterte. „Auf! meine Freunde,“ ſprach er mit einem bit⸗ tern Seufzer;„wir haben gefochten wie Männer— und unſer Vaterland wird nicht für uns erröthen.“ Er ſtieg die Wendeltreppe hinab— die Krieger folgten ihm mit wankenden Schritten; die Thore der Landshut gingen auf und die tapfern Chriſten ergaben ſich an die Mohren. „Thu mit uns wie Du willſt,“ ſagte Quexada, indem er die Schlüſſel Boabdils Verberroſſe vor die Hufe legte;„aber es find Frauen bei der Beſatzung, die—“ „Geheiligt ſind,“ unterbrach ihn der König.„Wir geben ihnen ſogleich Freiheit und ungehinderten Durch⸗ zug, wohin Ihr wollet. Sprich denn, nach welchem Sicherheitsort ſollen ſie gebracht werden?“ „Edelmüthiger König,“ erwiederte der alte Querada und wiſchte ſich die Thränen mit dem Rücken der Hand weg,„Du ziehſt den Stachel aus unſerer Schmach. Wir nehmen Dein Erbieten in demſelben Geiſte an, in Ber ich Vor könt der Zuc er Auf gele bea wäl Ber ihnt den hatt ang und auf ner unt Ste gett zten, imer raut über mer der im⸗ er⸗ bit⸗ ger der ben da, die ng, Pir ch⸗ em nd in welchem es gemacht worden. Drüben über den Bergen, wo die Ebene von Olfadez beginnt, beſitze ich ein kleines Schloß, unbemannt und unbewehrt. Von dort, falls der Krieg ſeine Richtung dahin nähme, können die Frauen leicht freies Geleite zu der Königin nach Cordova erhalten.“ „Sei es ſo,“ antwortete Boabdil. Mit orienta⸗ liſchem Zartgefühl las er ſofort die älteſten unter ſeinen Offizieren aus, beauftragte ſie, ſich in das Schloß zu begeben, und mit einer ſtarken Wache für die Sicherheit der Frauen während des von Querada angegebenen Zuges zu ſorgen. Einem anderen Offizier überlieferte er die gefangenen Spanier und gab das Zeichen zum Aufbruch, nachdem er nur eine kleine Abtheilung zurück⸗ gelaſſen, um die Zerſtörung der Burg zu vollenden. Begleitet von Almamen und ſeinen erſten Kriegs⸗ beamten eilte der König ſodann nach Granada, und während Quexada mit ſeinen Gefährten unter ſtarker Bedeckung langſamer durch die Vega dahin zog, brachte ihnen eine plötzliche Windung der Straße noch einmal den Thurm vors Geſicht, den ſie ſo tapfer vertheidigt hatten. Da ſtand er noch, ſtolz und ſtarr, unter dem⸗ angeſchwärzten, zerriſſenen Getrümmer um ihn her, und ſtrebte dunkel und trotzig hoch gegen den Himmel auf. Ein zweiter Augenblick, und ein mächtiger Don⸗ ner krachte in das Ohr; der Thurm ſtürzte zu Boden unter Säulen wirbelnden Rauchs und Wolken von Staub, die durch die Erſchütterung bis zu dem Ort getragen wurden, wo Jene den Abſchiedsblick auf die ſtolzeſte Feſte geworfen, auf welcher man von Granada aus das Banner Arragoniens und Caſtiliens flattern geſehen. Zur gleichen Zeit ſetzte Leila— ſo ſeltſam in den Bereich ihres Vaters und ihres Geliebten gelangt, und, durch ein geheimnißvolles Schickſal doch, wie zuvor, von Beiden getrennt— mit Donna Inez und den übrigen Frauen der Burg ihren traurigen Pfad am Gebirge hin fort. Zweites Kapitel. Almamens Porſchlag.— Pie drei Jergeliten.— Die Umſtände machen auf jeden Charakter einen Eindruck von eigenthümlicher Farbe. Boabdil ließ auf ſeinen letzten Sieg eine Reihe glänzender Angriffe auf die benachbarten Feſtungen folgen. Granada, gleich einem ſtarken, zu Boden ge⸗ beugten Mann, riß ein Band nach dem andern los, das ſeine Freiheit und Kraft gefeſſelt hatte. Endlich, nachdem ein beträchtlicher Theil des umgebenden Lan⸗ des wieder gewonnen, beſchloß der König den See⸗ hafen Salobrena zu belagern. Konnte er dieſes Ortes ſich bemeiſtern, ſo ſah er ſich durch die wiederherge⸗ ſtellte Verbindung zwiſchen Granada und dem Meere ſowol im Stand, den Beiſtand ſeiner afrikaniſchen Verbündeten zu erlangen, als die Spanier an der ttern den und, vor, den am Die ruck eihe gen ge⸗ los, lich, an⸗ Zee⸗ rtes rge⸗ eere chen der Abſchneidung des Proviants für die Hauptſtadt zu hin⸗ dern, ſollte letztere abermals belagert werdeu. Dort⸗ hin alſo trug er, begleitet von Muſa, ſeine ſiegreiche Fahne. Am Abend vor ſeinem Aufbruch trat Almamen vor Boabdil. Seit dem Abmarſch Ferdinands war eine große Veränderung über den Santon gekommen; die gewohnte Feſtigkeit ſeiner Züge war dahin; ſeine Augen eingeſunken und hohl; ſein Benehmen zerſtreut und träumeriſch. Wirklich bildete die Liebe zu ſeiner Tochter den einzigen hellen Punkt in ſeinem Charakter, und dieſe Tochter befand ſich in der Gewalt des Kö⸗ nigs, der den Vater zu der Folter der Inquiſition verurtheilt hatte! Welchen Gefahren konnte ſie nicht ausgeſetzt ſeyn durch den unduldſamen Bekehrungseifer! und mochte dieſe zarte Geſtalt, dieſes milde Herz den furchtbaren Werkzeugen trotzen, die man ihr vielleicht zur Einſchüchterung vorgewieſen?„Beſſer,“ dachte er, „ſie ſtirbt, ſelbſt durch die Folter, als daß ſie dieſen verhaßten Glauben annimmt.“ In grimmiger Qual knirſchte er mit den Zähnen, mochte er ſich nun dieſen oder jenen Fall als eingetreten vorſtellen. Seine Träume, ſeine Beſtrebungen, ſein Rachedurſt, ſeine Ehrbegierde— alles verließ ihn: eine einzige Hoff⸗ nung, ein einziger Gedanke bemeiſterte ſich gänzlich ſeiner ſtürmiſchen Leidenſchaften und ſeines ränkevollen Verſtandes. In dieſer Stimmung kam der vorgebliche Santon zu Boabdil. Er ſtellte dem Könige, auf welchen ſein Einfluß ſeit den letzten Siegen der Mohren wunderſam zugenommen hatte, die Nothwendigkeit vor, die Heere Ferdinands in der Entfernung zu beſchäftigen. Zur Förderung dieſer Maßregel ſchlug er vor, er ſelber wolle ſich nach Cordova wagen, dort, in ihrem alten Königreiche, die Mauren, deren Hoffnungen durch die neuen Triumphe Boabdils wahrſcheinlich entflammt wor⸗ den wären, insgeheim aufzuwiegeln ſuchen und minde⸗ ſtens eine ſolche Gährung hervorrufen, daß der König hinlängliche Zeit gewänne, ſeine Entwürfe zur Aus⸗ fübrung zu bringen und ſeine Macht durch Hülfe ſeiner Verbündeten zu ſtärken. Die Vorſtellungen Almamens trugen endlich über Boabdil, der ſich von ſeinem geheiligten Führer nur mit Widerſtreben trennte, den Sieg davon, und es ward zuletzt beſchloſſen, der Israelite ſollte augen⸗ blicklich abreiſen. Als er ſeinen einſamen Weg nach Hauſe zurück⸗ kehrte, hörte er ſich plötzlich in hebräiſcher Sprache anreden. Schnell wendete er ſich um und erblickte einen alten Mann in jüdiſcher Tracht: er erkannte in ihm Elias, einen der Reichſten und Angeſehenſten vom Stamme Israels. „Verzeih mir, weiſer Landsmann!“ ſagte der Jude, und beugte ſich bis zur Erde,„aber ich vermag der Verſuchung nicht zu widerſtehen, mein Verwandtſchafts⸗ recht mit Jemanden geltend zu machen, durch welchen das Horn Israels ſo triumphirend erhöht werden kann.“ blic nich von Aſch wol Sta Dei aber daß ſtür auf wür arab wie für zu 1 unſr Hun unte das gege Cord Herz ſam eere Zur lber lten die vor⸗ de⸗ nig us⸗ iner ber nur es en⸗ ück⸗ che ckte in vm de, der ts⸗ en en 25 „Still, Menſch!“ erwiederte Almamen heftig und blickte ſcharf umher;„ich Dein Landsmann? Biſt Du nicht, wie Deine Sprache beweist, ein Israelite?“ „Ja,“ verſetzte der Jude,„von einerlei Stamm von Deinem verehrten Vater— Friede ſey mit ſeiner Aſche! Ich erinnerte mich Deiner ſogleich wieder, ob⸗ wol Du noch ein Knabe warſt, als Deine Füße den Staub Granadas abſchüttelten. Ich erinnerte mich Deiner, ſag' ich, als Du zurück kehrteſt, gleich wieder, aber ich bewahrte Dein Geheimniß, im Vertrauen, daß durch Deine Seele und Deinen Geiſt Deine ge⸗ ſtürzten Brüder Sack und Aſche von ſich werfen und auf den Söllern ihrer Häuſer Freudenfeſte feiern würden.“ Almamen ſah feſt auf die ſcharfen, vorſpringenden, arabiſchen Zügen des Juden, und fragte endlich:„Und wie kann Israel wieder aufgeholfen werden? willſt Du für daſſelbe kämpfen?“ „Ich bin zu alt, Sohn Iſaſchars, um die Waffen zu tragen; aber unſers Stammes find Viele, und unſre Jugend iſt ſtark. Unter dieſen Händeln zwiſchen Hund und Hund... „Kann der Löwe das Seinige wieder gewinnen?“ unterbrach ihn Almamen mit voller Seele;„laß uns das hoffen. Haſt du von den neuen Verfolgungen gegen uns gehört, die der falſche Nazarenerkönig in Cordova bereits begonnen?— Verfolgungen, die das Herz krank und das Blut zu Eis machen!“ „Ach freilich, erwiederte Elias,„konnte es nicht Bulwer's Romane. LXXVI. 3 —————— 26 fehlen, daß dieſes Wehe anch mir zu Ohr kommen mußte; und ich habe Verwandte, nahe und geliebte Vettern, reiche und geehrte Männer, weit herum in jenem Land.“ „Wär' es nicht beſſer, daß ſie auf dem Schlacht⸗ feld ſtürben, als auf der Folterbank?“ rief Almamen grimmig aus.„Gott meiner Väter, wenn noch ein Funke von Mannheit übrig iſt in Deinem Volke, ſo laß ihn durch Deinen Diener zu einer Flamme an⸗ fachen, die brennen möge wie das Feuer die Stop⸗ peln brennt, ſo daß die Erde nackt wird von der Lohe!“ „O,“ entgegnete Elias, eher erſchreckt als begei⸗ ſtert durch die Heftigkeit ſeines Gefährten,„ſey nicht vorſchnell, Sohn Iſaſchars, ſey nicht vorſchnell: Du könnteſt gar leicht bloß den Zorn der Beherrſcher auf⸗ regen und unſere Habe würde dadurch völlig zu Schanden.“ Almamen wandte ſich um, legte dem Juden ruhig die Hand auf die Schulter, ſah ihm feſt ins Antlitz und ging mit erbarmungsvollem Lachen weiter. Elias ſuchte ihn nicht aufzuhalten.„Unausführ⸗ bar,“ murmelte er,„unausführbar und gefährlich! So dacht' ich immer. Er kann uns ſchaden: Wär' er nicht ſo ſtark und wild, ich ſtäch' ihm mein Meſſer ins Herz. Wahrlich, Gold iſt eine große Sache und —— daß Dich! Die Schurken zu Haus werden mir's Oel vergeuden, da fie wiſſen, daß der alte Elias nicht um den Weg iſt!“ Damit ſchlug der Jude den Man⸗ tel um ſich und verdoppelte ſeinen Schritt. men ebte nin cht⸗ men ein ſo top⸗ he!“ gei⸗ nicht Du auf⸗ zu uhig tlitz ühr⸗ ich! Wär' eſſer und nir's nicht dan⸗ 27 Almamen ſetzte unterdeſſen auf jenen dunkeln, un⸗ terirdiſchen Gängen, die nur ihm bekannt waren, den Pfad nach ſeinem Hauſe fort. Einen großen Theil der Racht brachte er allein zu; und ehe der Morgenſtern den Gipfeln der Berge das Aufſteigen der Sonne ver⸗ kündete, ſtand er, zur Reiſe bereitet, in ſeinem gehei⸗ men Gewölbe am Thor zu den unterirdiſchen Gängen; neben ihm der alte Timen. „Ich gehe, Limen,“ ſprach er,„einem zweifel⸗ haften Ziel entgegen; mag ich meine Tochter finden und es mir gelingen, ſie unverſehrt aus dieſen befleck⸗ ten Händen wegzutragen, oder mag ich in ihre Schlin⸗ gen gerathen und untergehen, in jedem Falle iſt es gleich möglich, daß ich nicht mehr nach Granada zurückkehre. Sollte dieß der Fall ſeyn, ſo biſt Du der Erbe aller Schätze, die ich hier zurücklaſſe; ich weiß Dein Alter tröſtet ſich über den Verluſt der Kinder, wenn Dein Auge auf das Lachen des Goldes blickt.“ Limen beugte ſich tief und murmelte einige unhör⸗ bare Weigerungen und Dankbezeugungen. Almamen ſah im Gemach umher und ſeufzte tief.„Ueble Vor⸗ zeichen,“ ſprach er,„tehen in meiner Seele, und üble Prophezeiungen in meinen Büchern. Doch das Schlimmſte iſt hier,“ fügte er bei, und griff bedeutſam an die Schläfe,„die Sehne iſt ſtraff geſpannt— noch ein Druck, und ſie reißt!“ Mit dieſen Worten öffnete er die Thür und ver⸗ ſchwand durch jenes Labyrinth von Gängen, durch die er jederzeit unbemerkt ſowol zur Alhambra, als 32 — 28 in die Gärten außerhalb der Stadtthore gelangen konnte. Limen blieb einige Minuten in tiefen Gedanken ſtehen.„Alles mein, wenn er ſtirbt!“ ſprach er;„alles mein, wenn er nicht zurückkehrt! Alles mein! alles mein! und ich habe weder Kind noch Verwandten, der es von mir reißen könnte!“ Damit verſchloß er das Gewölbe und kehrte nach Oben ins Freie zurück. Drittes Kapitel. Der Flüchtling und die Begegnung. Die einander bekämpfenden Könige waren bei ihren verſchiedenen Zwecken gleich glücklich. Salobrena, erſt neuerer Zeit von den Chriſten erobert, ward durch den erſten Schimmer von Boabdils Fahnen in mäch⸗ tige Bewegung geſetzt. Das Volk erhob ſich, ſchlug ſeine chriſtlichen Wächter zurück und öffnete dem Letzten aus dem Geſchlecht ſeiner Könige die Thore. Nur das Schloß, nach welchem ſich die Spanier zu⸗ rückgezogen, widerſtand Boabdils Waffen, und ſtellte, vertheidigt durch unerſteigbare Mauern, eine harte und blutige Belagerung in Ausſicht. Unterdeſſen war Ferdinand nicht ſo bald in Cor⸗ dova angelangt, als ſein ausgedehnter Plan der Con⸗ ſiseation und frommen Verfolgung den Anfang nahm. Nicht nur, daß mehr denn fünfhundert Inden unter — e gen ken les les der s bei na, rch ug em re. u⸗ nd 29 dem heimlichen Griff des Großinquiſitors den Geiſt aus⸗ hauchten, ſondern mehrere Hundert der vermöglichſten Chriſtenfamilien, in deren Blut man die angeerbte jüdiſche Färbung enideckt zu haben glaubte, wurden ebenfalls in den Kerker geworfen, und man gehörte zu den Glücklichſten, wenn man ſein Leben mit dem Opfer des halben Beſitzthums zu erkaufen im Stande war. Um dieſe Zeit brach jedoch plötzlich eine furcht⸗ bare Empörung unter dieſen elenden Sklaven, den Meſſeniern des iberiſchen Sparta's, aus. Die Juden waren durch allmächtige Verzweiflung aus ihrer langen Schmach dermaßen aufgerüttelt, daß ein einziger Funke, der in die Aſche ihres alten Geiſtes fiel, die volle Flamme der Abkömmlinge des heldenhaften Paläſtinas wieder anfachte. Sie wunden ermuthigt und unter⸗ ſtützt von den verdächtigten Chriſten, die in dieſelbe Verfolgung mit verwickelt worden, und an ber Spitze des Ganzen ſtand ein Mann, der plötzlich unter ihnen auftrat und durch ſeine wilde Beredſamkeit und ſeine kriegeriſche Seele in dieſem Augenblick die glühendſte Begeiſterung hervorrief. Unglücklicherweiſe ſind wir aller nähern Züge dieſes merkwürdigen Aufſtandes beraubt; nur durch behutſame Winke und verſteckte Anſpielungen thun uns die ſpaniſchen Chroniſten die Exiſtenz und Gefährlichkeit deſſelben kund. Offenbar wurde jeder Bericht über ein Ereigniß, das zu den furchtbarſten Nachahmungen führen konnte, und eben ſo ſehr den Stolz und Geiz des ſpaniſchen Königs, als den frommen Eifer der Kirche beunruhigte, ſtreng 30 verboten, und die Verſchwörung ging in der grauen⸗ haften Stille der Inquiſition, in deren Hände die Häupter der Verſchworenen zuletzt fielen, unter. Wir erfahren bloß, ein hartnäckiger, blutiger Widerſtand ſey von Ferdinand fiegreich überwunden worden und habe mit der gänzlichen Vernichtung der Verrätherei geendet. An einem Abend ſah man einen einſamen Flücht⸗ ling, hart verfolgt von bewaffneten Brüdern der hei⸗ ligen Hermandad, aus einer wilden Felſenſchlucht her⸗ vorkommen, die plötzlich in die Gärten einer kleinen und, wie es bei dem Nichtvorhandenſeyn von Befeſti⸗ gungen und Wachen ſchien, verlaſſenen Burg einmün⸗ dete. Hinter ſich hörte der Fliehende, in der ausneh⸗ menden Stille, welche die Luft der ſpaniſchen Abend⸗ dämmerung bezeichnet, in beträchtlicher Ferne das Blaſen von Hörnern und das Stampfen von Hufen. Seine Verfolger, in mehrere Abtheilungen geſchieden, beſetzten rings das Land hinter ihm, wie Fiſcher ihr Netz von Bank zu Bank ziehen, wohl wiſſend, daß die Beute, die ſie vor dem Netz her treiben, ihnen zuletzt nicht entgehen könne. Der Flüchtling hielt zwei⸗ felhaft an und blickte umher; er war beinahe er⸗ ſchöpft, ſeine Augen mit Blut unterlaufen; große Tropfen rollten ihm ſchnell von der Stirn; ſeine ganze Geſtalt zitterte und bebte wie ein Hirſch, welcher vor der Meute ſteht. Vor der Burg breitete ſich, ſo weit das Auge reichte, eine freie Ebene aus, ohne Buſch oder Höhle, die ihn hätte bergen können; Flucht über „ e „ en⸗ die Pir ind ind rei ht⸗ ei⸗ er⸗ len ti⸗ in⸗ eh⸗ d⸗ as en, ihr aß en ei⸗ er⸗ ße ize or eit e 31 eine ſeinen Nachſetzern ſo günſtige Oertlichkeit hin war augenſcheinlich umſonſt. Keine Wahl blieb, als ent⸗ weder auf dem von den Reitern umſchwärmten Pfad zurückzukehren, oder ſich dem dürftigen und gefahr⸗ vollen Verſteck, das ihm die Gebüſche im Burggarten bieten mochten, anzuvertrauen. Er entſchloß ſich zu Letzterem, überſtieg die niedere Manuer des Platzes, und ſprang in ein Dickicht überhangender Eichen und Haſelnüſſe hinab. In dem Garten ſaßen um eben die Stunde zwei Damen neben einem kleinen Brunnen: die eine von etwas vorgerückten Jahren, die andere in der Blüte jungfräulichen Alters. Aber die Blüte war allzufrüh verwelkt, und weder der Glanz noch das Wellenſpiel des Fleiſches, das ihrem Alter entſprochen hätte, zeigte ſich in der Marmorbläſſe und nachdenklichen Trauer ihres ſchönen Geſichtes. „Ach, meine junge Freundin,“ ſprach die ältere Dame,„in dieſen Stunden der Einſamkeit und Stille fühlen wir die Nichtigkeit des Lebens am tiefſten. Du, meine theure Bekehrte, biſt nicht mehr der Gegenſtand meines Mitleids, ſondern meines Neides, und ich fühle im Innerſten die geſegte Ruhe, welche Dein Geiſt im Schoße der Mutter Kirche genießen wird. Selig find Die, welche jung ſterben; aber dreimal ſelig Die, welche nicht ſowol im Fleiſch, als im Geiſt ſterben; welche todt ſind für die Sünde, aber nicht für die Tugend; für die Angſt, aber nicht für die Hoffnung; für die Menſchen, aber nicht für Gott.“ ——————— 32 „Tbeure Senhora,“ erwiederte das junge Mädchen trauervoll,„wär' ich allein auf Erden, ſo iſt der Himmel mein Zeuge, mit welch' tiefer und dankbarer Selbſtentäußerung ich das heilige Gelübde thun und der Vergangenheit abſchwören würde; aber das Herz bleibt menſchlich, ſo göttlich auch die Hoffnung ſeyn mag, die es nährt. Oft ſchrecke ich zuſammen und denke an meine Heimat, meine Kindheit, meinen räth⸗ ſelhaften aber geliebten Vater, der verlaſſen und kin⸗ derlos in hohem Alter daſtehen wird.“ „Du trägſt nur die Schmerzen, Leila,“ entgeg⸗ nete die ältere Senhora,„welche die Beſtimmung un⸗ ſerer Natur ſind. Was liegt daran, ob Abweſenheit oder Tod die Herzen trennt! Du klagſt um einen Vater, ich um einen Sohn, der in der Blüte der Ju⸗ gend und Schönheit ſtarb— um einen Gatten, der in den Feſſeln der Mohren ſchmachtet. Tröſte Dich über Deine Schmerzen durch den Gedanken, daß Schmerzen das Erbtheil Aller find.“ Ehe Leila antworten konnte, wurden die Orangen⸗ zweige über ihnen weggezogen, und zwiſchen den Frauen und der Fontäne ſtand hie dunkle Geſtalt Almamens, des Israeliten. Leila fuhr empor, ſtieß einen Schrei aus, und warf ſich bewußtlos an ſeine Bruſt. „O Gott Jergels!“ rief Jener im Ton tieſſter Qual,„finde ich endlich wieder mein Kind und drück' es an mein Herz? und ſoll es bloß für dieſen Augen⸗ blick ſeyn, wo ich am Rand des Todes ſtehe? Leila, mein Kind, ſchau empor! lächle auf Deinen Vater! ) 18 8— 33 laß ihn an ſeiner wirren, brennenden Stirn den ſüßen Odem der Letzten ſeines Hauſes fühlen, und ihn we⸗ nigſtens Einen heiligen und freundlichen Gedanken mit ins dunkle Grab nehmen.“ „Mein Vater! iſt es wirklich mein Vater?“ fragte Leila, wieder zu ſich kommend und etwas zurückbeu⸗ gend, um ſich der bekannten Züge zu vergewiſſern. „Ja Du biſt's! Du biſt's!— Welches ſegenvolle Ge⸗ ſchick bringt uns zuſammen?“ „Das Geſchick, das mich jetzt ins Grab führt!“ erwiederte Almamen ernſt.„Horch! hörſt Du nicht das Geräuſch ihrer daherſtürzenden Roſſe?— ihre ungeduldigen Stimmen? Sie ſind an mir!“ „Wer? Von Wem ſprichſt Du?“ „Meine Verfolger!— Die ſpaniſchen Reiter!“ „O Senhora, rettet ihn!“ rief Leila und wendete ſich an Donna Inez, welche, von Vater und Kind bisher vergeſſen, mit erſtauntem, ängſtlichem Blick auf Almamen ſchaute.„Wohin kann er fliehen? Die Schloßgewölbe können ihn bergen! Dorthin— ſchnell!“ „Halt!“ entgegnete Inez zittend und nahe zu Al⸗ mamen tretend.„Seh' ich recht? erkenne ich unter dieſer dunkeln Veränderung durch Jahre und Leiden jene ſtattliche Geſtalt, die einſt vor dem trauernden Auge einer Mutter ſo mächtig gegen das welke, hin⸗ ſinkende Bild ihres einzigen Kindes abſtach? Biſt Du nicht Der, welcher meinen Sohn von der Peſt errettete, ihn an die Küſte Neapels begleitete, und dieſen Armen 34 übergab? Sieh mich an! erkennſt Du nicht die Mutter Deines Freundes?“ „Ich erinnere mich Deiner Züge trüb und wie in einem Traum,“ erwiederte der Hebräer;„und wäh⸗ rend Du ſprichſt, ſtürzt das Bild einer früheren Zeit auf mich herein, eines Landes, wo Leila zuerſt das Licht erblickte, und ihre Mutter mir bei der unterge⸗ henden Sonne, am Rauſchen des Euphrat und auf der Stätte hingegangener Reiche, ihre Lieder ſang. Dein Sohn— ich erinnere mich jetzt: ich hatte da⸗ mals eine Freundſchaft mit einem Chriſten— denn ich war noch jung.“ „Verliert die Zeit nicht— Vater— Senhora!“ rief Leila ungeduldig, ſich noch immer an die Bruſt des Alten klammernd. „Du haſt recht; und Dein Vater, in dem ich ſo wunderbar meines Sohnes Freund erkenne, ſoll nicht verloren ſeyn, wenn ich ihn retten kann.“ Damit führte Inez ihren ſeltſamen Gaſt durch ein Thürchen auf der Hinterſeite des Schloſſes, und nachdem ſie ihn durch ein paar größere Gemächer ge⸗ bracht, ließ ſie ihn in einer Garderobe neben ihrem eigenen Zimmer, deren Eingang durch eine Tapete bedeckt war, allein. Mit Recht hielt ſie dies für einen beſſern Verſteck, als die Gewölbe unter dem Schloß, indem ihr weit verbreiteter Name und ihre bekannte Intimität mit Iſabellen jeden Verdacht, daß ſie dem Entkommen des Flüchtlings Vorſchub leiſte, entfernen, und folglich diejenigen Orte zu den ſicherſten machen tter e in väh⸗ Zeit das rge⸗ auf ang. da⸗ mich a1“ rnſt h ſo nicht urch und ge⸗ rem pete inen loß, nnte dem nen, chen 35 mußte, an welchen er ſich, ohne ſolchen Vorſchub, nicht verbergen konnte. Rach wenigen Minuten langten mehrere von den Soldaten im Schloß an, begnügten ſich jedoch, ſobald ſie den Namen ſeines Eigenthümers erfuhren, mit Durchſuchung des Gartens und der zu ebener Erde liegenden Gelaſſe. Nachdem ſie der Dienerſchaft ein wachſames Auge empfohlen, ſetzten ſie ſich wieder zu Pferde und ſprengten weiter, die Ebene zu durchſtrei⸗ fen, über welcher jetzt langſam Sternenlicht und Däm⸗ merung aufſtiegen. Als Leila ſich endlich in das Gemach ſtahl, in welchem Almamen verborgen war, fand ſie ihn auf ſeinem Mantel ausgeſtreckt in tiefem Schlafe. Bei der Erſchöpfung durch Alles, was er ausgeſtanden und der Sänftigung ſeiner ſtarren Nerven durch das Zu⸗ ſammentreffen mit ſeiner Tochter, war der Schlummer des wilden Wanderers ſo ruhig, wie der eines Kindes. Und faſt ſchien ihr gegenſeitiges Verhältniß umgekehrt, und die Tochter zur Mutter geworden, die bei ihrem jungen Sprößling wacht, wenn ſich Leila jetzt neben den Vater niederſetzte und die Augen, in welche die Thränen trotz allem Wegwiſchen immer wiederkehrten, auf ſeine abgemühten aber ftillen Züge heftete, die bei dem ruhigen, durchs Fenſter ſchimmernden Licht noch ſtiller wurden. Und ſo verſtrichen die Stunden der Nacht, und Vater und Kind, die ſanfte Neubekehrte und der rachedurſtige Schwärmer,— waren unter dem⸗ ſelben Dache. ———— 2 Viertes Kapitel. Almamen hört und ſieht, aber will nicht glauben; denn ein überangeſtrengtes Gehirn wird ſelbſt bei den ſtärkſten Uaturen ſchwindlig. Die Morgendämmerung brach langſam in das Zimmer und Almamen ſchlief immer noch. Es war ein Sonntag der Chriſten— der Tag, an welchem der Heiland von den Todten auferſtanden, von der frühern Kirche ſo ausdrucksvoll und erhaben„der Tag des Herrn“ genannt. Als das Licht der Sonne im Oſten flammte, fiel es, wie eine Glorie, auf ein Crucifir, das in der Vertiefung des gothiſchen Fenſters ſtand, und brachte plötzlich vor Leilas Augen das Ant⸗ litz, auf welchem jenen erhabenen, myſtiſchen Verband der Todesqual des ſterbenden Menſchen mit der erha⸗ benen Geduld des Gottes auszudrücken, in der Regel ſelbſt den ſchwächſten katholiſchen Bildnern noch gelingt. Es blickte ſie an, dieſes Antlitz; es lud ein und ermu⸗ thigte, während es zugleich durchſchauerte und über⸗ wältigte. Sie ſchlich ſachte von ihrem Vater weg und warf ſich vor dem heiligen Bild auf die Knie nieder. „Stärke mich, mein Erlöſer,“ flüſterte ſte— „ſtärke Deine Kreatur! kräftige ihren Schritt auf dem Pfade des Heils, wenn derſelbe ſie auch unwiderruflich von Allem trénnt, was ſie auf Erden liebt; und liegt ein Opfer in ihrem heiligen Entſchluß, ſo nimm es, Gekreuzigter, als einigen Erſatz für das Verbrechen ſich re ihr ſei jer denn kſten das war 37 ihres halsſtarrigen Volkes an, und laß die Lippen eines Mädchens aus Judäa Dich nicht umſonſt um Milderung des furchtbaren Fluches anrufen, der mit Recht auf ihren Stamm gefallen iſt!“ Indem ſie, unterbrochen durch leiſes Schluchzen und mit ſtammelndem Tone dies Gebet ſprach, wurde ſie plötzlich durch einen tiefen Seufzer erſchreckt, und ſah, als ſie beſtürzt herumfuhr, daß Almamen erwacht war und, auf den Arm geſtützt, ſeine dunkeln Augen auf ſie heftete, die noch einmal ganz vom alten Feuer glühten. „Sprich!“ hob er an, indem ſie ängſtlich ihr Ge⸗ ſicht verbarg;„ſprich zu mir, oder ein furchtbarer Gedanke erſtarrt mich zu Stein. Knieſt Du vor dieſem Bilde in Anbetung? mein Verſtand verwirrt ſich, wenn ich wahrnehme, daß Deine gebrochenen Worte dem Dienſt eines Abtrünnigen gelten! Um der Barmherzig⸗ keit willen, ſprich!“ „Vater,“ begann Leila; aber ihre Lippen vermoch⸗ ten nicht mehr als dieſes rührende, heilige Worte her⸗ vorzubringen. Almamen ſtand auf, zog ihr die Hände vom Ge⸗ ſicht, und ſah ſie eine Zeit lang feſt an, als wollte er in ihre tiefſte Seele dringen. Leila gewann wäh⸗ rend dieſer Pauſe allmälig ihren Muth wieder, und ihr Blick traf unerſchüttert mit dem ſeinigen zuſam⸗ men— ihre reine, kindliche Stirn erhob ſich zu der ſeinigen, und Trauer, aber nicht Schuld, ſprach aus jeder Linie des holden, mädchenhaften Antlitzes. 38 „Du zitterſt nicht,“ ſprach Almamen, das Schwei⸗ gen endlich brechend,—„und ich habe geirrt. Du biſt nicht die Frevlerin, für welche ich Dich gehalten. Komm in meine Arme!“ „Ach!“ rief Leila, indem ſie, dem natürlichen In⸗ ſtinkt folgend, ſich an dieſes rauhe Herz warf,„ich will mindeſtens den Muth haben, meinen Gott nicht zu verleugnen. Vater, durch den grauenhaften Fluch, der auf unſerem Volk liegt, und uns heimath⸗ und machtlos hinſtellt— als Auswürflinge und Fremde des Landes—; durch die Verfolgung und Qualen, die wir erduldet haben, laß Dein hoheitvolles Herz ſich überzeugen, daß wir mit Recht beſtraft find für die Verfolgung und Qual, zu welcher wir Den verurtheilt, deſſen Fußtritt unſere Heimat heiligte! Zuerſt in der Geſchichte der Welt befleckten die ſtrengen Hebräer die Menſchheit mit dem grauſigen Frevel der Verfol⸗ gung um des Glaubens willen. Der Same, den wir geſäet, hat die furchtbare Frucht erzeugt, die wir eſſen. Verhärte nicht Dein Herz, höre auf Dein Kind; ſo weiſe Du auch biſt und ſo ſchwach mein weibiſcher Geiſt, höre doch auf mich!“ „Verſtumme!“ rief Almamen mit einem Laut, der aus dem Grabe hätte kommen können, ſo geiſterhaft war ſein hohler Klang; dann trat er ein paar Schritte urück, legte beide Hände an die Schläfen und mur⸗ melte:„verrückt, verrückt! ja, ja— das iſt nur ein Wahnfinn, und ein Satan verſucht mich! O mein Kind!“ begann er dann wieder in einem unbeſchreib⸗ wei⸗ Du lten. In⸗ „ich nicht luch, und mde die ſich die eilt, in räer rfol⸗ wir ſſen. ſo ſcher der haft ritte nur⸗ ein nein reib⸗ 39 bar zärtlichen und flehenden Tone—„ich bin furchtbar ermattet und träumte einen ſieberhaften Traum der Wuth und Rache. Dein Mund und Deine ſänftigende Hand ſollen mich aus demſelben erwecken. Laß uns auf immer aus dieſen verhaßten Ländern fliehen; wir wollen dieſen elenden Ungläubigen ihren blutigen Zwiſt laſſen, unbekümmert, welche Partei fallen ſoll. Nach einem Boden, den kein ehrner Fuß betritt, in eine Luft, wo das Gebet des Menſchen in Einſamkeit zum großen Jehovah aufſteigt, laß uns die müden Schritte lenken! Komm! ſo lange das Schloß noch ſchläft, laß uns ungeſehen forteilen— der Vater und das Kind. Wir wollen ſüße Zwieſprache unterwegs halten. Und, hörſt Du Leila,“ ſetzte er mit leiſem, plötzlichen Flü⸗ ſtern hinzu:„ſprich mir nicht von jenem Gekreuzigten; denn Dein Gott iſt ein verborgener Gott, und es gibt kein Bild von ihm.“ Wär' er minder erſchöpft durch lange Muhen und marternde Gedanken geweſen, ſo würde die Sprache eines ſo ſtrengen Menſchen vielleicht ganz anders ge⸗ lautet haben. Aber die Umſtände unterwerfen ſich auch dem härteſten Stoff, und trotz ſeinem angeborenen Verſtand und ſeiner ſtets erſtrebten Uebermacht über Andere, war Niemand vielleicht menſchlicher Schwäche ſo unterworfen in ſeiner Weichheit und Kraft, ſeiner Leidenſchaft und ſeinen Beſtrebungen, als dieſer ſelt⸗ ſame Mann, der es in ſeinem anmaßenden Eigen⸗ willen gewagt hatte, über die Menſchheit hinaus zu ringen. Es war wirklich ein gefährlicher Moment für die Neubekehrte. Die unerwartete Milde ihres Vaters überwältigte ſie gänzlich, und jener Alles verleugnende Eifer katholiſcher Glaubensbegeiſterung, welchem jedes menſchliche Band und jede Erdenpflicht nicht ſelten zum Opfer gebracht worden ſind auf dem Altar verzückter, überſchwänglicher Frömmigkeit, hatte von Leilas Herzen noch keineswegs vollen Beſitz genommen. Was auch ihre Anſichten, ihr neuer Glaube, ihre geheime Sehn⸗ ſucht nach dem Kloſter,— genährt durch die erhabene, wenn auch irrige Vorſtellung, als ob durch ihre Be⸗ kehrung und Opferung vielleicht die Sünden ihres Vol⸗ kes abgebüßt werden könnten in den Augen Deſſen, der durch ſeinen Tod für eine ganze Welt gebüßt hatte, — was immer auch dergleichen höhere Gedanken und Gefühle ſeyn mochten, ſie wichen in dieſem Augenblick dem unwiderſtehlichen Andrang der gewöhnlichen Natur und der kindlichen Pflicht. Sollte ſie ihren Vater ver⸗ laſſen, und konnte ſolche Verlaſſung eine Tugend ſeyn? Ihr Herz that und beantwortete beide Fragen mit Blitzesſchnelle: ſie trat auf Almamen zu, faßte ihn bei der Hand und ſagte ruhig und feſt:„Vater, wohin Du auch gehſt, will ich mit Dir.“ Aber der Himmel beſtimmte ihnen Beiden ein anderes Lvos, als wol eingetreten ſeyn würde, wäre die Stimme jenes Natur⸗ impulſes befolgt worden. Eh' Almamen antworten konnte, ertönte ein lau⸗ ter Trompetenſtoß vor dem Thore. „Horch!“ ſprach er und griff nach dem Dolch, die ers nde des um ter, zen uch hn⸗ ne, Be⸗ ol⸗ en, tte, ind lick tur er⸗ n? nit bei hin nel vol ur⸗ ⸗ ch, 41¹ plötzlich wieder von dem Gefühl der ihn umgebenden Gefahren durchzuckt.„Sie kommen, meine Verfolger und Mörder; doch dieſe Glieder haben noch einen Schutz gegen die Folter!“ Selbſt der Gefahr kündende Schall war beinah eine Erleichterung für Leila.„Ich will fort,“ ſagte ſie,„und hören, was das Blaſen bedeutet; bleib hier— ſey auf der Hut— ich komme gleich wieder.“ Allein es verſßtrichen mehrere Minuten, bis Leila wieder kam. Sie war von Donna Inez begleitet, deren Bläſſe und Haſt ihre Beftürzung hinlänglich kund gaben. Ein Eilbote hatte ſich vor dem Thor angekün⸗ digt, die Königin anzumelden, die mit einer ſtarken Heeresabtheilung auf dem Weg war, um zu Ferdi⸗ nand zu ſtoßen; denn dieſer lag mit der gewohnten Schnelligkeit ſeiner Bewegungen bereits vor einer der mohriſchen Städte, die ſich gegen ſeine Oberherrſchaft aufgelehnt. Unmöglich komnte Almamen mit Sicherheit im Schloſſe bleiben, und die einzige Ausſicht zum Ent⸗ kommen lag in unverweiltem Abgang unter der Hülle einer Verkleidung. „Ich habe,“ ſprach Inez,„einen zuverläffigen und treuen Diener im Schloſſe, dem ich ohne Beſorgniß Eure Rettung anvertrauen kann; und ſolltet Ihr un⸗ terwegs auch Verdacht erregen, ſo wird mein Name und die Begleitung meines Dieners jedes Hinderniß wegräumen; es iſt keine ſtarke Tagereiſe von hier bis nach Guadir das ſich bereits mit den Mohren ver⸗ Bulwer's Romane. LXXVI. 4 42 pündet hat; dort mögt Ihr, bis Ferdinands Heere die Mauern einſchließen, eine ſichere Zuflucht finden.“ Almamen blieb einige Augenblicke in düſteres Schweigen verſunken. Endlich aber winkte er dem vorgeſchlagenen Plan ſeine Beiſtimmung zu, und Donna Inez eilte, ſeinem Führer die nöthigen Anweiſungen zu geben. „Leila,“ hob der Hebräer wieder an, als er ſich mit ſeiner Tochter allein ſah,„glaube nicht, daß ich um meiner eigenen Sicherheit willen zu dieſer Flucht von Dir mich erniedrige. Nein: aber nie, bis Du mir durch mein eigenes vorſchnelles Vertrauen zu einem Andern verloren gingſt, wußt' ich, wie theuer meinem Herzen der letzte Sprößling meines Hauſes, das letzte Andenken an die Liebe Deiner Mutter ſey. Nun ich Dich wieder gefunden, öffnet ſich ein neues, mildes Leben vor meinem Blick, und die Erde ſcheint, wie durch einen plötzlichen Zauberſchlag, vom Winter in den Lenz übergeſprungen. Um Deinetwillen verſyreche ich alle Mittel, die menſchlicher Scharffinn erdenken kann, zu meiner Errettung von den Feinden anzu⸗ wenden. Unterdeſſen wird meine Seele hier blei⸗ ben; hieher werde ich nach Verfluß einer Woche— gleichviel, durch welche Gefahren mein Pfad geht— zurückkehren, und Dein Verſprechen in Anſpruch nehmen. Ich will Alles für unſere Flucht bereiten, und kein Stein ſoll Deinen Fuß unterwegs beleidigen. Der Gott Israels ſey mit Dir, mein Kind, und ſtärke Dein Herz! Aber!“ fügte er hinzu und riß ſich, da er Tritte die — ——„„— ——+ — — c—— eere eres dem nn igen ſich ß ich lucht mir inem inem letzte nich ildes wie e in reche enken anzu⸗ blei⸗ be— hmen. Stein sraels Herz! tte die 43 Treppe herauf kommen hörte, aus ihrer Umarmung, „glaube nicht, daß ich in dieſem Erguß der väterlichen Zärtlichkeit vergeſſe, was ich mir und Dir ſchuldig bin. Glaube nicht, meine Liebe ſey blos das rohe, ge⸗ dankenloſe Gefühl des Erzeugers für die Erzeugte: ich liebe Dich um Deiner Mutter willen,— liebe Dich um Deiner ſelbſt— liebe Dich noch mehr um Israels willen. Gehſt Du verloren, Du, die letzte Tochter des Hauſes Iſaſchars, ſo iſt das edelſte Geſchlecht aus Gottes großem Volke erloſchen.“ Hier erſchien Inez an der Thür, trat aber, bei der unwilligen, hoheitvollen Bewegung Almamens wieder zurück, und dieſer fuhr, ohne weiter auf Un⸗ terbrechung zu achten, fort: „In Dir und Deinen Rachkommen ſehe ich die Wiedergeburt voraus, die ich einſt ſelbſt noch zu erleben thöricht genug hoffte. Doch laſſen wir Das; Du biſt unter dem Dache der Nazarener. Ich kann nicht glauben, daß Künſte, die umſonſt mit Feuer und Schwert gegen uns auftraten, gegen Dich etwas ver⸗ mögen werden. Irre ich jedoch, ſo wird die Strafe furchtbar ſeyn! Erführ' ich je, daß Du den Glauben Deiner Väter verlaſſen, und ſtänden Krieger und Prie⸗ ſter um Dich, und wären Tauſend und zehn Tauſende zu Deiner Hülfe bereit, dennoch würde dieſer Stahl das Haus Iſaſchars von ſeiner Beſchimpfung retten. Hüte Dich! Du weinſt; aber, Kind, ich warne blos, ich drobe nicht. Gott ſey mit Dir!“ Er drückte die kalte Hand ſeines Kindes, wendete 4 44 ſich nach der Thür und, nachdem er ſich ſo weit ver⸗ kleidet, als die kurze Zeit ihm geſtattete, verließ er das Schloß mit ſeinem ſpaniſchen Führer, der, an die Mildherzigkeit ſeiner Gebieterin gewöhnt, ihrem Be⸗ fehl ohne Verwunderung, jedoch nicht ohne Verdacht, folgte. Kaum war eine Viertelſtunde verſtrichen, und die Sonne noch nicht über die Berggipfel vorgerückt, als Iſabella anlangte. Sie erſchien mit der Nachricht, daß bei der Em⸗ pörung der mohriſchen Städte in der Nachbarſchaft das halb befeſtigte Schloß ihrer Freundin kein ſicherer Aufenthalt mehr ſey, und beehrte die ſpaniſche Dame mit dem Befehl, ſie mit ihrem weiblichen Gefolge in Ferdinands Lager zu begleiten. Leila empfing dieſe Kunde in einer Art Betäubung. Ihr Geſpräch mit dem Vater, der furchtbare Kampf des Gefühls, den dieſes Geſpräch herbeigeführt, hatten ſie halb beſinnungslos gemacht, und als ſie ſich mit dem Abendſtern abermals unter Iſabellens Begleitung fand, war die einzige Empfindung, die durch ihr ver⸗ wirrtes Gemüth ſelbſtſtändig durchdrang, die, daß die Hand der Vorſehung ſie aus einer Verſuchung errettet habe, die, wie der Kenner aller Herzen wiſſen mußte, für ein Weib und eine Tochter zu ſtark war. Am fünften Tage nach ſeinem Abgang kehrte Almamen zurück— um das Schloß verlaſſen und ſein Kind fortgegangen zu finden. v it ng r⸗ ie tet rte ein Fünftes Kapitel. In dem Gährungsgefäße der großen Ereigniſſe fängt die Hefe an zu ſteigen. Die Jsraeliten beſchränkten ihren Kampf nicht auf die dunkle Verſchwörung, die bereits angedeutet wor⸗ den. In einigen der von Ferdinand abgefallenen moh⸗ riſchen Städte traten ſie aus der Neutralität, die ſie bisher zwiſchen Chriſt und Moslem beobachtet. Moch⸗ ten ſie durch die furchtbaren Barbareien Ferdinands und der Inquiſition gegen ihr Volk entflammt ſeyn, oder wurden ſie durch einen Mann ihres eigenen Stammes, in welchem ſie das Haupt ihrer geheiligſten Familie anerkannten, aufgewiegelt, oder vereinten ſich, wie am wahrſcheinlichſten, beide Urſachen: gewiß iſt, daß ſie Gefühle zeigten, welche von dem gewöhnlichen Benehmen dieſes friedliebenden Volkes gänzlich ab⸗ wichen. Sie lieferten große Beiträge in den öffent⸗ lichen Schatz,— ſie forderten Waffen und wurden, unter ihren eigenen Anführern, obwol mit großer Vorſicht und Eiferſucht, unter die Truppen der herab⸗ blickenden, verachtungsvollen Moslems aufgenommen. Bei dieſer Conjunction feindlicher Planeten nahm Ferdinand ſeine Zuflucht zu ſeiner Lieblingsmaßregel, zu Ränken und Liſt. Eben jenen Vertrag, den Alma⸗ men einſt zu Gunſten ſeines Volkes zu erhalten geſucht, nunmehr als Mittel gegen daſſelbe gebrauchend, ſorgte der Fürſt, daß das Gerücht im Umlauf kam, als hätten 46 die Inden, um ihren Frieden mit ihm zu erkaufen, ſich anheiſchig gemacht, die mohriſchen Städte, und Gra⸗ nada ſelbſt, zu verrathen. Das Papier, das er bei jener Unterredung mit Almamen unterzeichnet und in veſſen Befitz er ſich bei der Gefangennehmung des Hebräers wieder geſetzt hatte, gab er einem Spion und ſchickte ihn, als Jude verkleidet, damit in eine der empörten Städte. Der mohriſche Anführer bekam Wind von der Ankunft dieſes Abgeſandten; er ward ergriffen und das Dokument bei ihm gefunden. Die Worte, wie ſie Almamen niedergeſetzt,(der ſorgfältig vermieden hatte, weder ſeinen angenommenen, noch den ihm von Geburt gebürenden Namen zu nennen), ſtellten blos den Pakt auf, daß wenn innerhalb vierzehn Tage von dem dort genannten Datum an Granada durch einen Juden dem Chriſtenkönig überliefert werde, die Juden gewiſſer Freiheiten und Rechte genießen ſollten. Die Entdeckung dieſes Dokumentes erfüllte die Mohren in der Stadt, wohin der Spion geſendet wor⸗ den, mit einer Wuth, die Worte nicht zu beſchreiben vermögen. Von vornherein mißtrauiſch gegen ihre Verbündeten, glaubten ſie jetzt den einzigen Grund von deren plötzlicher Begeiſterung, von ihrem Ver⸗ langen nach Waffen, zu durchſchauen. Der Pöbel er⸗ hob ſich: die angeſehenſten Inden wurden ergriffen und ohne Verhör in Stücke gehauen, während Andere unter der langſamern Folter der Obrigkeit erlagen. Man entſendete Boten in die empörten Städte, und —„„8———— 6———„————+ — vor Allem nach Granada ſelbſt, um den Moslems Vorſicht gegen die unſeligen Feinde beider Parteien anzuempfehlen. Eben ſo geldgierig als blutdürſtig kamen die Mohren der Inquiſition in der Grauſamkeit, Ferdinanden in den Erpreſſungen gleich. Es war das düſtere Schickſal Almamens, wie ſo manches andern voreiligen und hitzigen Befreiers aus der Sklaverei, die Schrecken und Leiden, die er lin⸗ dern gewollt, zu mehren. Die Warnung vor den Juden traf in Granada ein, eben als der Weſſir Juſſuf von ſeinem ſtets noch vor dem Schloß von Salobrena liegenden Herrn den Befehl erhalten hatte, jedes Mittel zu gebrauchen, um den ſchwindenden Schatz wieder zu füllen. Neue Erpreſſungen unter den Moh⸗ ren ſelbſt ſcheuend, ſah Juſſuf einen ſo gerechten Vor⸗ wand zu abermaligen, ungemeſſenen Auflagen unter den Juden wie eine Botſchaft des Himmels an. Gewaltthätigkeiten durch den Pöbel wurden verhindert, weil die Obrigkeit an der Spitze ſtand, die weiſe dafür ſorgte, daß der Staat keinen Genoſſen bei dem nöthigen Raub habe, und ſo ward das Werk der Con⸗ fiscation und Plünderung mit einer impoſanten, ruhi⸗ gen Ordnung durchgeführt, die in gleichem Maß das Anſehn des Weſſirs hob, worin ſie die Kaſſen des Königes füllte. Spät an einem Abend machte Timen ſeine ge⸗ wöhnliche Runde durch die Gemächer in Almamens Hauſe. Indem er ſich die verſchiedenen Gegenſtände des Reichthums und der Ueppigkeit beſah, brach er dann und wann in ein leiſes, ſtoßweiſes Kichern aus, rieb fich die dürren Hände und murmelte:„wenn mein Herr ſtirbt! wenn mein Herr ſtirbt!“ Unter die ſer Beſchäftigung vernahm er einen ver⸗ wirrten, fernen Lärm; er horchte aufmerkſam und unterſchied das, neueſter Zeit ſo häufig gewordene, Ge⸗ ſchrei:„Es lebe Juſſuf der Gerechte!— nieder mit den verrätheriſchen Inden!“ „Ah,“ ſagte Limen, und der Ausdruck ſeines Geſichtes wechſelte,„eine neue Plünderung an unſerem Volk! Und das iſt Dein Werk, Sohn Iſaſchars! Wahnſinniger der Du warſt, weiſer ſeyn zu wollen, als Deine Väter, und zu glauben, Du könneſt die Götzendiener überliſten im Rathszimmer und Kriegs⸗ lager, ihrem angewieſenen Felde, wie der Bazaar und Marktplatz das unſrige iſt. Niemand argwöhnt, daß der mächtige Santon der verrätheriſche Jude ſey; aber ich weiß es! ich könnte Dich der Bogenſenne überliefern, und wenn Du todt wäreſt, gehörte all Dein Gut und Gold bis zum Eſel an der Krippe dem armen kimen!“ Er hielt bei dieſem Gedanken an, ſchloß die Au⸗ gen und lächelte bei der Ausſicht, die er ſich vormalte; nachdem er ſofort ſeinen Rundgang beendigt, kehrte er in ſein eigenes Gemach zurück, das durch ein Thürchen in einen der hintern Hofräume öffnete. Kaum war er in dieſem Zimmer angekommen, als er ein leiſes Klopfen am äußern Thor vernahm und an der drei⸗ maligen Wiederholung deſſelben erkannte, daß es von ein 42 nd e⸗ nit es em 81 n, die 6⸗ ar nt, 93 ne einem ſeiner jüdiſchen Brüder herrührte. Denn Fimen, in welchem Alter, Vereinzelung und Geiz längſt weg⸗ gefreſſen, was von beſſern Gefinnungen in einem von Natur armen und harten Herzen ſeine dürftigen Wur⸗ zeln geſchlagen— behielt wenigſtens noch ein menſch⸗ liches Gefühl gegen ſeine Landsleute. Es war das Band, das alle Verfolgte vereinigt; ja Fimen liebte ſeine Stammgenoſſen, weil er ihr Glück nicht zu be⸗ neiden hatte. Das Anſehn— die Kenntniſſe— die ſtolzen, wenn auch wilden Entwürfe ſeines Herrn de⸗ müthigten ihn: er haßte ihn heimlich, weil er ihn nicht bemitleiden oder verachten konnte. Die gebeugte Ge⸗ ſtalt dagegen, die knechtiſche Stimme, die zaghaften Nerven ſeiner unterdrückten Brüder erregten in dem Alten nur die Vorſtellung an Weſen, die nicht über ihn zu triumphiren vermochten. Gedemüthigt, bejahrt, einſam, wie er war, empfand er eine Art winterlicher Wärme bei dem Gedanken, daß ſelbſt Er die Macht habe, zu beſchützen! Aus dieſem Grunde unterhielt er einen Verkehr mit den übrigen Israeliten, und hatte denſelben in ihren Gefahren oft eine Zuflucht in den zahlreichen Gewöl⸗ ben und Gängen gewährt, deren Getrümmer man noch jetzt unter den verwitternden Grundlagen jenes geheimnißvollen Gebäudes wahrnimmt. Und da das Haus allgemein als das Eigenthum eines abweſenden Emirs galt, und der Obhut der Kadi's von Boabdil ausdrücklich empfohlen war, welcher letztere allein unter den Mohren wußte, daß es einer der Aufent⸗ 50 haltsorte des Santons ſey, deſſen oſtenfible Wohnung die ihm im Palaſt ſelbſt angewieſenen Gemächer bil⸗. deten— ſo mochte daſſelbe allerdings vielleicht der ein⸗ zige Ort in Granada ſeyn, der den umhergejagten Jsraeliten eine ſichere, unbeargwohnte Freiſtatt lieferte. Als Fimen das gewohnte Zeichen ſeiner Brüder erkannte, kroch er zur Thür, und nachdem er zur Vor⸗ ſicht noch ein hebräiſches Loſungswort geſprochen, auf welches ihm in der gleichen Sprache geantwortet wurde, öffnete er, und herein trat die hagere, vorgebeugte Geſtalt des reichen Elias. „Werther und trefflicher Herr!“ ſprach Timen, ſobald er den Eingang wieder verſchloſſen,„was kann den geehrten und reichen Elias ins Gemach des armen Knechtes führen?“ „Mein Freund,“ erwiederte dieſer,„nenn mich weder reich noch geehrt. Jahre lang hab' ich in der Stadt gewohnt, ſicher und in Anſehn, ſelbſt bei den Moslemin; denn ich habe erkauft mit edeln Geſteinen und Schätzen den Schutz des Königes und der Großen. Aber jetzt in dieſem plötzlichen Zorne der Heiden,— die ſich immer nichtige Dinge in den Kopf ſetzen— bin ich in die Gegenwart ihres oberſten Rabbi entbo⸗ ten worden, und der Folter nur durch eine Summe entgangen, welche zehn Jahre der Arbeit und des Schweißes nicht erſetzen können. Timen, der bitterſte Gedanke iſt, daß die Verrücktheit eines unſerer eigenen Leute dieſe Trauer über Israel gebracht hat.“ „Mein Herr ſpricht in Räthſeln!“ entgegnete „+—„——— — zimen, mit wohl erkünſteltem Erſtaunen in ſeinen gläſernen Augen. „Was wendeſt und drehſt Du Dich, guter Timen 2* fragte der Jude kopfſchüttelnd;„Du weißt wol auf Wen meine Worte gehen. Dein Herr iſt der ſoge⸗ nannte Almamen, und dieſer abtrünnige Israelite (wenn Der noch ein Israelite, der verlaſſen hat Brauch und Weiſe ſeiner Väter) iſt es, der die Juden in Cordova und Guadix aufgewiegelt und deſſen Thor⸗ heit dieſe ſchrecklichen Dinge über uns gebracht hat. Heiliger Abraham! Dieſer Jude hat mir mehr gekoſtet, als fünfzig Nazarener und hundert Mohren!“ zimen blieb ſtill, und Elias, deſſen Zunge durch den Gedanken an ſeine verdrießliche Einbuße gelöst war, fuhr fort:„Sogleich als der Sohn Iſaſchars wieder kam und ein Rathgeber ward am Hofe des Königs, erkannte ich, der ihn als ein Kind in die Synagoge geführt— denn der alte Iſaſchar war mir werth wie ein Bruder— erkannt ich ihn an ſeinen Augen und ſeiner Stimme wieder. Aber Jubel war in mir über ſeine Liſt und Verkleidung;— ich glaubte, er würde große Dinge thun für ſeine armen Brüder, und dem Freund ſeines Vaters auswirken die Liefe⸗ rung der Kleider und koſtbaren Zeuge für des Königs Weiber und Kebsweiber. Allein Jahre ſind verfloſſen: Er hat unſere Laſten nichl leichter gemacht, und durch die Narrheit, die zuletzt über ihn kam, als er ſich an die Spitze des Heidenheeres ſtellte und unſere Leute in Gefahr und Verderben ſtürzte, hat er ver⸗ 52 dient den Fluch der Synagoge und den Zorn unſeres ganzen Volkes. Ich vernehme von unſern Leuten, die durch Verzicht auf ihr Vermögen der Inquiſition ent⸗ ronnen ſind, daß jene thörichten und verrückten Ent⸗ würfe den Hauptvorwand hergaben für die Leiden der Gerechten unter den Nazarenern, und eben wieder jene Entwürfe bringen über uns die gleiche Verfol⸗ gung durch die Mohren! Verflucht ſey er und möge untergehen ſein Name!“ imen ſeufzte, blieb aber ſtill, begierig, zu wel⸗ chem Ende wol die Schmähreden des Juden führen würden. Er hatte nich lange zu warten. Nach einer Pauſe nahm Elias in einem veränderten, ruhigern Tone wieder das Wort:„Er iſt reich, dieſer Sohn Iſaſchars, wunderhaft reich.“ „Seine Schätze ſfind mindeſtens über die Hälfte der Städte Afrikas und des Morgenlandes hin aus⸗ geſtreut.“ „Du ſiehſt denn, mein Freund, daß Dein Herr ein ſchweres Loos über mich gebracht hat. Ich bin Herr ſeines Geheimniſſes; ich könnt' ihn preisgeben dem Zorn des Königes; könnt' ihm zuführen den Tod. Aber ich bin gerecht und mild: er zahle meinen Scha⸗ den und ich will meinen Aerger vergeſſen.“ „Du kennſt ihn nicht,“ erwiederte Pimen, erſchreckt durch den Gedanken an einen Erſatz, der ſeine An⸗ wartſchaft auf die in Granada befindlichen Güter Al⸗ mamens vielleicht bedentend herabſetzen mochte. —— —„— ——— res die nt⸗ er er ol⸗ e hn 53 „Aber wenn ich ihm mit Angabe ſeines Geheim⸗ niſſes drohe?“ „So würdeſt Du nur ein Futter der Fiſche im Darro werden,“ unterbrach ihn Eimen.„Ja, erfährt Almamen überhaupt nur, daß Dir ſeine Geburt und ſein Name bekannt find, ſo zittere! Deine Tage im Lande ſind gezählt!“ „Wahrlich!“ rief der Jude in großer Beſtürzung, „dann bin ich in die Schlinge gefallen; denn mein Mund hat ihm verrathen, daß ich damit bekannt bin.“ „Dann iſt der gerechte Elias innerhalb der näch⸗ ſten zehn Tage von der Zurückkunft Almamens in Granada an ein verlorner Mann. Ich kenne meinen Herrn; er iſt ein furchtbarer Menſch. Blut iſt ihm wie Waſſer.“ „Verderben treffe den Verdammten 1“ rief Elias mit den Füßen ſtampfend, und Feuer flammte aus ſeinen dunkeln Augen; denn der Inſtinkt der Selbſt⸗ erhaltung ſetzte ihn in Wuth.„Doch nicht von mir,“ fügte er ruhiger hinzu,„wird ſeine Gefahr kommen. Wiſſe, daß mehr als hundert Juden in der Stadt ſind, die ſeinen Tod geſchworen haben. Juden, die von Cordova hierher geflohen find, dort ihre Verwandte ermorden und ihre Habe ranben ſahen, und im Sohne Iſaſchars den Urſächer des Mordes und Raubes er⸗ kannten. Sie haben den Betrüger entdeckt und hun⸗ dert Meſſer werden im Augenblick für ihn geſchliffen: mög' er ſich vorſehen! Timen, ich habe zu Dir ge⸗ ſprochen wie Thoren ſprechen; Du kannſt mich Deinem Herrn angeben; aber auf die Schilderung unſerer Leute von Dir hin, hab' ich mein Herz ohne Furcht ausgeſchüttet. Willſt Du Jösrael verrathen, oder uns den Verräther niederſchmettern helfen?“ Limen dachte einen Augenblick nach, und ſein Nach⸗ denten richtete ſich auf die Schätze ſeines Herrn. Er gab dem Elias die Rechte, und als die Beiden von einander ſchieden, waren ſie Freunde. Sechstes Kapitel. Boabdils Zurückkehr.— Wiedererſcheinen Ferdinands vor Granada. Am dritten Morgen nach dieſem Geſpräch kam das Gerücht nach Granada, Boabdil ſey von ſeinem Angriff auf die Citadelle von Salobrena mit ſchwerem Verluſte zurückgeſchlagen worden; es ſey Ferdnando del Pulgar gelungen, den Belagerten ein beträchtliches Hülfscorps zuzuführen, und das Heer Ferdinands befinde ſich auf dem Marſch gegen den Mohrenkönig. Mitten in der Aufregung, welche durch dieſe Nachricht herbeigeführt wurde, langte ein Eilbote an, der die Richtigkeit derſelben beſtätigte und Boabdils Zurück⸗ kunft verkündete. Bei Einbruch der Nacht traf der König, dem Heere voran, in der Stadt ein, und eilte ſich in die Alhambra einzuſchließen. Als er ſich niedergeſchla⸗ rer ns Er ds m m do es 5 ht ie k⸗ ⸗ genen Sinnes in die Gemächer der Frauen begab, trat ſeine ſtrenge Mutter zu ihm. „Mein Sohn,“ ſprach ſie bitter,„kehrſt Du zu⸗ rück, und nicht als Sieger?“ Ehe noch Boabdil antworten konnte, eilte ein leichter, ſchneller Schritt durch die ſchimmernden Arkaden, und freudeweinend und über alles orientaliſche Cere⸗ moniell ſich wegſetzend, ſtürzte Amine an ſeine Bruſt. „Mein Geliebter, mein König, Licht meiner Augen, Du kehrſt zurück! Willkommen!— denn Du biſt unverletzt.“ Die verſchiedene Art dieſer beiden Begrüßungen machte einen mächtignn Eindruck auf Boabdil.„Du fiehſt, Mutter,“ ſprach er,„wie groß der Gegenſatz zwiſchen Denen iſt, die uns aus Zärtlichkeit, und De⸗ nen, die uns aus Stolz lieben. Im Unglück behüte mich Gott vor Deiner Zunge, o Mutter!“ „Aber auch ich liebe Dich aus Stolz,“ flüſterte Amine;„und aus dieſem Grunde iſt mir Dein Un⸗ glück theuer, denn es entreißt Dich der Welt, um Dich mehr mein eigen zu machen, und ich bin ſtolz auf die Leiden, die mein Held mit ſeiner Sklavin theilt.“ „Lichter her und das Banket!“ rief der König, ſich von der harten Mutter abwendend.„Wir wollen ein Feſt halten und fröhlich ſeyn, ſo lange wirs kön⸗ nen. Meine angebetete Amine, küß mich.“ So ſtolz, ſo düſter und ſo zartfühlend Boabdil auch war, empfand er in dieſer Stunde doch keine Trauer: ſolchen Balſam hat die Liebe für unſere Schmerzen, wenn ihre Schwingen von der Taube geborgt ſind! Und obwol die Geſetze vrientaliſchen Lebens die Sphäre von Amine's freundlichem Einfluß auf die engen Wände eines Harems beſchränkten; obwol uns, ſelbſt in einem Roman, der natürliche Gang der Exreigniſſe nöthigt, nur in einem ſchwachen, ſchnellen Umriß das lebenvolle, reiche Farbenbild die⸗ ſer Seele feſtzuhalten, ſo bleiben für dieſen Umriß doch die zwei lieblichſten und edelſten Züge der Weib⸗ lichkeit:— die Macht, uns zur That anzufeuern, und die Milde, uns beim Unterliegen zu tröſten. Während Boabdil und die Hauptmaſſe des Heeres in der Stadt blieben, durchſchwärmte Muſa mit einer auserleſenen Abtheilung Reiterei die Gegend, um die neu erworbenen Städte zu beſuchen und ihren Muth aufrecht zu erhalten. Von dieſem Geſchäft ward er durch die Armee Ferdinands abgerufen, die auf einmal die Vega über⸗ flutete, die Erndten gänzlich zerſtörte, und dann ſich zurückzzog, um die Wiedereroberung der empörten Städte zu Stande zu bringen. Auf dieſe Unterbrechung folgte eine Zwiſchenzeit der Ruhe— die Stille vor dem Sturm. Aus allen Theilen Spaniens ſtrömten die Ritterlichſten und Entſchloſſenſten unter den Mohren, die Kampfespauſe benützend, nach Granada, und dieſe Stadt wurde der Brennpunkt für die Geſammtheit aller tapfern, gefahrtrotzenden Herzen, welche der Mohammedanismus in Europa beſaß. De Endlich, nachdem er ſeine Wiedereroberungen vollendet und ſeinen Schatz neu angefüllt, muſterte Ferdinand die ganze ihm zu Gebot ſtehende Macht— vierzigtauſend Fußgänger und zehntauſend Reiter; und wieder, und zum letztenmal erſchien er vor den Mauern Granadas. Eine zukunftahnende, begei⸗ ſternde Entſchloſſenheit erfüllte Belagerer und Bela⸗ gerte: Beide fühlten, daß der entſcheidende Wende⸗ punkt vor der Thür ſey. Siebeutes Kapitel. Der Prand.— Die Mazeſtät eines Kampfes für die eigene Sache mitten unter tauſend Bämpfern ſür eine fremde. Es war am Vorabend eines großen, allgemeinen Sturmes auf Granada, der von den Anführern des Chriſtenheeres mit Umſicht entworfen worden. Das ſpaniſche Lager— das prächtigſte, welches die Chriſten⸗ heit je geſehen— wurde allmälig ſtill und ruhig. Die Dämmerung nahm zu— die Sterne traten heiterer und klarer hervor. Schimmernd in der dunkelblauen Luft blähten ſich die ſeidenen Zelte des Hofes, geſtickt mit heraldiſchen Sinnbildern und gekrönt durch bunte Fahnen, die, von einem lebhaften, flüſternden Berg⸗ wind angefüllt, luſtig auf den vergoldeten Schaften flatterten. In der Mitte des Lagers erhob ſich das Bulwer's Romane. LXXVI. 5 58 Gezelt der Königin— ein förmlicher Palaft. Lanzen bildeten ſeine Säulen; Goldſtoff und bunte Teppiche ſeine Wände; und in dem Raum, den ſeine zahlreichen Abtheilungen einnahmen, würde ein gewöhnliches Schloß mit ſeinen Hallen und Außenwerken Platz ge⸗ funden haben. In der That verwirklichte der Pomp des Lagers die ausſchweifendſten Träume eines gothiſch⸗ orientaliſchen Geſchmacks; etwas, das der dichteriſchen Erfindung eines Taſſo, der äußern Darſtellung eines Beckford würdig geweſen wäre. Dabei verlor der Effekt der zum Hoflager gehörigen Zelte keineswegs durch den Anblick der umgebenden Soldatenbaraken, deren viele aus Zweigen erbaut waren, an welchen das Laub noch hing— kunſtloſe, maleriſche Hütten, als hätten, wie man, in manchen alten Legenden liest, wilde Waldmänner das Kreuz genommen und wären den chriſtlichen Kriegern gefolgt gegen die ſonnege⸗ bräunten Anhänger Termagaunts und Mahoms.— So breitete ſich denn das mächtige Lager in tieſer Ruhe aus, als die herannahende Mitternacht dichtere und längere Schatten von den Zeltgaſſen auf den Raſen warf. Uum dieſe Stunde war es, daß Iſabella im geheimſten Gemach ihres Zeltes dem Gebet für die Sicherheit des Königs und den Ausgang des Krieges oblag. Vor dem Altar ihrer Feldkapelle knieend, erhob ſie ihren Geiſt im Feuer ihrer Andacht von der Erde, und im ganzen Lager waren, mit Ausnahme der Wachen, die Augen der frommen Königin vielleicht die einzigen ungeſchloſſenen. Ueberall tiefe Stille; Leib⸗ — iche hen ches ge⸗ mp hen nes der ken, hen ten, est, iren efer tere den ella die ges hob rde, der die eib⸗ wächter und Bediente hatten ſich zur Ruhe begeben, und der Schritt der Schildwache außerhalb des unge⸗ heuren Gezeltes ward durch die ſeidenen Wände hin⸗ durch nicht vernommen. Da fühlte Iſabella plötzlich einen nervigen Griff an der Schulter. Ein ſchwacher Schrei entfuhr ihren Lippen; ſie wendete ſich, und das breite, gekrümmte Meſſer eines morgenländiſchen Kriegers blitzte hart vor ihren Augen. „Still! ein einziger Schrei, ein einziger lauterer Athemzug als gewöhnlich, und, ob Du immer eine Königin, umſchwärmt von vielen Taufenden, Du ſtirbſt!“ Dies waren die leis geflüſterten Worte, die aus dem Munde eines Mannes von ſtrengem und gebie⸗ tendem, obwol zergrämtem Anſehn, in das Ohr der Caſtilianerin drangen. „Was willſt Du? willſt Du mich ermorden?“ fragte die Königin, vielleicht zum erſtenmal vor der Gegenwart eines Sterblichen zitternd. „Jürchte nichts; Dein Leben iſt geſichert, ſobald Du meiner Frage nicht ausweichen oder mich täuſchen willſt. Unſere Zeit iſt kurz— antworte. Ich bin Almamen, der Hebräer. Wo iſt die Geiſel, die ich Deinen Hän⸗ den übergab? Ich fordere mein Kind. Sie iſt bei Dir— ich weiß es. In welchem Winkel Deines Zeltes?“ „Rauher Fremdling,“ erwiederte die Königin, etwas erholt von ihrem Schrecken—„Deine Tochter 60 iſt, wie ich hoffe, auf immer aus Deinem ruchloſen Bereich weggenommen. Sie befindet ſich nicht im Lager.“ „Lüge nicht, Königin von Caſtilien,“ entgegnete Almamen und erhob das Meſſer,„Tage und Wochen lang habe ich Deine Spur verfolgt, bin Deinem Marſch nachgezogen, habe ſelbſt Deinen Schlaf um⸗ lauert, obwol Männer von Eiſen als Wächter um ihn herſtanden, und ich weiß, daß meine Tochter bei Dir iſt. Wer ſolcher Gefahr trotzt, hat, glaub es mir, die Entſchloſſenheit zum Furchtbarſten. Antworie mir, wo iſt mein Kind?“ „Seit vielen Tagen,“ antwortete Iſabella, trotz allem Widerſtreben durch ihre ſeltſame Lage mit Schau⸗ der erfüllt,„ſeit vielen Tagen hat Deine Tochter das Lager mit dem Hauſe Gottes umgetauſcht. Es war ihr eigener Wunſch. Der Erlöſer hat ſie aufgenommen in ſeine Heerde.“ Hätten tauſend Lanzen ſein Herz durchbohrt, die Kraft des Lebens hätte nicht plötzlicher von Almamen weichen kännen. Die ſtraffen Muskeln ſeines Geſichtes erſchlafften auf Einmal, von dem Ausdruck der Ent⸗ ſchloſſenheit und Drohung zu einem Bild des Grauens, des Schmerzes und der Verzweiflung übergehend, das ſich nicht in Worten ausdrücken läßt. Er taumelte mehrere Schritte zurück; ſeine Kniee zitterten heftig; er ſchien von einem Todesſtoß durchfahren zu ſeyn. Iſabella, die Kühnſte und Stolzeſte ihres Geſchlechts, benutzte dieſen freien Augenblick; ſie ſprang auf, ſtürzte durch —,—, ℳ die Vorhänge in die von ihren Begleiterinnen einge⸗ nommenen Gemächer, und in einem Nu ertönte das Zelt von ihrem Hülferuf. Die Wachen wurden aufge⸗ geſchreckt; die Diener fuhren von ihren Kiſſen auf; ſie vernahmen die Urſache des Alarms und ſtürzten nach dem Orte zu; aber ehe ſie die ſeidene Scheidewand erreichten, ſtrömte ihnen eine lichte, praſſelnde Flamme entgegen. Das Zelt ſtand in Feuer. Der Stoff nährte den Brand wunderhaft. Einige der Wachen behielten gleichwol den Muth, vorzudringen, aber Rauch und Glaſt trieben ſie verblendet und ſchwindlig zurück. Iſabella ſelbſt fand kaum Zeit zum Entkommen, ſo ſchnell nahm die Brunſt überhand. Beſorgt für ihren Gemahl, ſtürzte ſie nach deſſen Zelt, traf ihn aber, wie er, durch den Lärm geweckt, das bloße Schwert in der Rechten, ihr am Eingang bereits entgegen kam. Der Wind, der wenige Minuten zuvor nur mit den ſiegreichen Bannern geſpielt hatte, trieb jetzt die zer⸗ ſtörende Flamme wild umher. Sie verbreitete ſich von Zelt zu Zelt, faſt einem Blitzſtrahl gleich, der durch an einander gedrängte Wolken hinſchießt. Das ganze Lager ſtand in Einer Lohe, eh irgend Jemand an Abwehr auch nur denken konnte. Ohne den verwirrten Bericht der Königin ganz anzuhören, rief Ferdinand:„Das haben die Mohren gethan— ſie ſind an uns!“ Damit ließ er Trom⸗ meln und Trompeten ertönen und eilte in eigener Perſon, blos in ſeinen langen Mantel gehüllt, die Anführer zu wecken. Während die wohl disciplinirte, 62 dienſterfahrene Armee, jeden Augenblick beſorgend, vom Feind angefallen zu werden, verſuchte, ſich in einer gewiſſen Ordnung aufzuſtellen, fuhr die Flamme in ihrem Lauf fort, bis der ganze Himmel ein Licht⸗ ſpiel darbot, deſſen grellen, blendenden Glanz zu ſchil⸗ dern ſelbſt ein Dante unvermögend ſeyn dürfte. Helme und Panzer glühten wie in einem Schmelzofen, und die bewaffneten Männer erſchienen cher wie lebenähn⸗ liche, geſpenſtiſche Meteore, denn wie wirkliche Men⸗ ſchengebilde. Die Stadt Granada ward ihnen durch die mächtige Beleuchtung nahe gerückt, und als eine Abtheilung Reiterei aus dem Lager vorſprengte, dem vermeintlichen Ueberfall der Heiden entgegen, erblickte ſie auf Mauern und Dächern die Moslems dicht ge⸗ drängt mit glänzenden Speeren. Aber eben ſo erſtaunt, als die Chriſten, und wie dieſe eine Kriegsliſt ver⸗ muthend, kamen jene nicht aus den Thoren. Unter⸗ deſſen wurde die Feuersbrunſt, eben ſo ſchnell im Er⸗ löſchen wie im Beginnen, ſchwach und vereinzelt, und die Nacht ſchien mit trauerndem Dunkel auf die Trüm⸗ mer der ſeidenen Stadt zurückzuſinken. Ferdinand berief ſeinen Kriegsrath. Er hatte jetzt durchſchaut, das hier kein angelegter Plan der Mohren vorwalte. Die Erzählung Iſabellens, die er endlich faßte; die ſeltſame, faſt wunderhafte Art, womit Almamen ſeine Wachen umgangen und ins königliche Zelt Eingang gefunden, hätte, während ſie ſeine Beſorgniſſe vor natürlichern Gefahren beſchwichtigte, leicht ſeinen Aber⸗ glauben aufregen dürfen, wäre ihm nicht im Gedächt⸗ — — — (5 S M —— N N* * M niß geweſen, mit welcher außerordentlichen, aber keineswegs übernatürlichen Gewandtheit orientaliſche Krieger, ja Räuber, die Vorkehrungen der höchſten Vorficht zu Schanden machen, und den aufmerkſam⸗ ſten Wachen entgehen; und ſo ſtellte ſich denn heraus, daß das Feuer, welches das Lager eines Heeres in Aſche gelegt, blos angezündet worden war, um die Rache eines Einzelnen zu befriedigen, oder deſſen Flucht zu begünſtigen. Ferdinand ſchüttelte daher von ſeiner königlichen Seele das Granen ab, welches die Größe des Unglücks, mit dem Namen eines Zaube⸗ rers in Zuſammenhang gebracht, anfangs hervorgern⸗ fen, und beſchloß aus dem Unſtern ſelbſt ſeinen Glücks⸗ ſtern zu machen. Die Aufregung, die Wuth der Trup⸗ pen boten eine zur entſcheidenden That höchſt günſtige Stimmung. „Gott,“ ſprach der König zu den verſammelten Rittern und Häuptlingen,„hat durch dieſen Brand den Kämpfern des Krenzes angedeutet, daß fortan die Paläſte Granadas ihr Lager ſeyn ſollen! Wehe dem Moslem mit der Morgenſonne!“ Waffen klangen und Schwerter fuhren aus den Scheiden, als die chriſtlichen Ritter den Fluch nach⸗ riefen:„Wehe dem Moslem!“ Fünftes Puch. Erſtes Kapitel. Pie große Schlacht. Langſam dämmerte der Tag nach dieſer ſchrecken⸗ vollen Nacht, und die Mohren, noch immer auf den Bollwerken Granadas, ſahen, wie das geſammte Heer Ferdinands gegen ihre Mauern heranrückte. In der Entfernung lagen die Trümmer des rauchenden, dam⸗ pfenden Lagers, während im Vorgrund, im Wehen bunter, glänzender Fahnen und unter dem Geſchmetter der Trompeten, die triumphirenden Legionen des Fein⸗ des herannahten. Kaum trauten die Mohren ihren Augen. Sie hatten angenommen, nach einem ſo her⸗ ben Unglücksfall müßten die Chriſten ſich zurückziehen, und wurden jetzt beim Gewahrwerden ihres freudigen Heranzugs beſtürzt und erſchrocken. Während ſie noch ſtaunend und thatlos da ſtanden, erklang hinter ihnen Boabdils Trompete und man er⸗ blickte den mauriſchen König, wie er, an der Spitze er⸗ n, en en, er⸗ 65 ſeiner Leibwache, die Straßen herabzog, die zum Thor führen. Dieſer Anblick gab Muth und Freudig⸗ keit zurück, und als Boabdil vor der Pforte anhielt, ſchlug der Ruf von zwanzigtauſend Kriegern deutungs⸗ voll ans Gehör der vorrückenden Chriſten. „Männer Granadas,“ ſprach Boabdil, ſobald ein tiefes, odemloſes Schweigen auf dieſen kriegeriſchen Gruß gefolgt war—„das Herannahen der Feinde iſt ihr Untergang. Im Feuer der vorigen Nacht ſchrieb die Hand Allabs ihr Schickſal. Laßt uns hinaus, bis auf den letzten Mann. Wir wollen unſere Häuſer un⸗ bewacht laſſen— unſere Herzen ſepen ihre Mauer! Zwar iſt unſere Zahl gelichtet durch Hunger und Schwert, aber noch ſind wir unſerer genug zur Befreiung Gra⸗ nadas. Und die Todten ſind nicht von uns gewichen: ſie kämpfen mit uns: ihre Seelen beleben die unſrigen! Wer einen Bruder verloren hat, wird zu einem dop⸗ pelten Manne. An dieſe Schlacht wollen wir Alles ſetzen. Freiheit oder Ketten! Herrſchaft oder Verban⸗ nung! Sieg oder Tod! Vorwärts!“ Er ſprach's und ließ ſeinem Berberroſſe den Zügel. Es that einen Sprung, ſetzte durch den dunkeln Bogen des Stadtthores, und Boabdil el Chico war der erſte Maure, der zum letzten, entſcheidenden Kampf aus Granada zog. Und hervor flutheten, einem Strome gleich, der aus einer Höhle zu Tag bricht, die glän⸗ zenden, geſchloſſenen Reihen der mohriſchen Reiterei. Muſa kam zuletzt, die Hinterhut ſchließend. Auf ſei⸗ nem finſtern, ſtrengen Antlitz ſtand die feurige Begei⸗ 66 ſterung des ſanguiniſchen Königs nicht. Es war ver⸗ ſchloſſen und unbewegt; die Qualen der letzten Schmerzenswochen hatten ſeine Wangen verdünnt, und tiefe Linien um die feſten Lippen und den ehrnen Kie⸗ fer, die Zengen der unbeugbaren Entſchloſſenheit ſeiner Seele, gezogen. Als Muſa jetzt vorſprengte und die ſich tummeln⸗ den Züge in Ordnung ſtellte, vernahm man Ruf von Franenſtimmen, und die Krieger, die ſich umwen⸗ deten, ſahen, wie ihre Weiber und Töchter, ihre Mütter und Bräute(befreit aus ihrer häuslichen Ein⸗ ſchließung in Folge eines Stratagens, welches den ver⸗ zweifelten Zuſtand der ganzen Sache deutlich genug aus ſprach)— mit ausgeſtreckten Armen von den Zin⸗ nen und Thürmen auf ſie niederblickten. Die Mauren fühlten, daß ſie für Herd und Altar im Angeſicht Derer zu kämpfen hätten, die, wenn der Kampf miß⸗ lang, Sklavinnen und Buhlerinnen würden, und jedem Moslem ward es, als ob ſein Herz ſich härte, wie der Stahl ſeines Säbels. Während die Reiterei ſich in regelmäßige Ge⸗ ſchwader bildete, und das Stampfen der feindlichen Roſſe näher und näher kam, ſtrömte das mauriſche Fußvolk in wildem Durcheinander heraus, bis Boabdils Berber in weiter Schwingung unter den Mauern hin⸗ ſprengte und ſein Reiter in kurzer aber deutlicher An⸗ weiſung oder feuriger Beſchwörung die Bewegung zu ordnen, den kühnen, aber eigenfinnigen Muth zu ſtäh⸗ len ſuchte. — e — en—— — — Unterdeſſen hatten die Chriſten plötzlich Halt ge⸗ macht, denn der kluge Ferdinand hielt es nicht für räthiich, dem vollen Anprall einer ganzen Völkerſchaft im erſten Ausbruch ihrer Begeiſterung und Verzweif⸗ lung entgegen zu treten. Er rief Fernando del Pulgar zu ſich und befahl ihm, mit einem Trupp der kähnſten und geübteften Reiter der mohriſchen Cavallerie ent⸗ gegen zu rücken und es zu verſuchen, ob er den feu⸗ rigen Muth Muſas nicht vom Hauptcorps wegzulocken vermöchte. Sofort trennte er ſeine Macht in mehrere Abtheilungen und ſchickte ſie auf verſchiedene Punkte ab; die Einen zum Sturm auf die anliegenden Vor⸗ werke, die andern um die Gärten und Bäume um die Stadt her in Brand zu ſtecken, damit die Aufgabe des Tags nicht ſowol zu einer Hauptſchlacht, als zu vielen kleinen Gefechten würde, und die Mohren die Con⸗ centration und Einheit, worin für jetzt noch ihre Haupt⸗ ſtärke lag, verlieren möchten. So ſahen den die Muſelmanen, während ſie in guter Ordnung auf den Angriff warteten, wie die Hauptmaſſe der Chriſten ſich plötzlich zerſtreute, und, wäh⸗ rend ſie ſelbſt noch in Staunen und Verwirrung darüber anhielten, Feuer aus der herrlichen Gärten rechts und links neben den Mauern brach. Zugleich rollte der Donner des chriſtlichen Geſchützes gegen die zerſtreuten Bollwerke, welche die Zugänge zu der Stadt deckten. In dieſem Moment wirbelte eine Staubwolke raſch gegen den von Muſa mit der Vorhut beſetzten Ort, und der Stoß der chriſtlichen Ritter in ihrer ſchweren Rüſtung traf gerade in die Mitte des von dem Prinzen befehligten Geſchwaders. um mehrere Zoll höher, als die Federbüſche ſei⸗ ner Gefährten, wehte der Helmſchmuck des rieſigen Pulgar, und indem Mohr um Mohr vor ſeiner aus⸗ geſtreckten Lanze niederſtürzte, rief er mit einer Stimme, die tief und geiſtermäßig aus dem Viſier klang:„Tod den Ungläubigen!“ Granadas ſchnelle, gewandte Reiter waren jedoch durch dieſen wilden Angriff noch nicht entmuthiget. Ihre Reihen mit außerordentlicher Hurtigkeit öffnend, ließen ſie den Sturm ohne bedeutende Gegenwehr hin⸗ durch, ſchloſſen ſich dann wieder in langer, ſtarrer Linie und ſchnitten den Rittern den Rückzug ab. Die Chriſten ſchwenkten um um und warfen ſich von Neuem auf den Feind. „Wo biſt Du, Hund von einem Moslem, der den Löwen ſpielen will?— Wo biſt Du, Muſa Ben Abil Gaſan?“ „Vor Dir, Chriſt!“ erwiederte eine ſtrenge, helle Stimme, und aus den Helmen ſeines Volkes hervor ſchimmerte der funkelnde Turban des Gerufenen. Fernando hielt ſein Roß an, ſah einen Augenblick auf den Gegner, wendete ſich rückwärts um ſeinem Anlauf größere Kraft zu geben, und in der nächſten Sekunde waren die zwei tapferſten Ritter der beiden Heere Lanze gegen Lanze im Kampf. Der runde Schild Muſas fing des Chriſten Waffe auf; ſein eigener Speer zerſplitterte unſchädlich an der de da fal Bruſt des Rieſen. Er zog dem Säbel, ſchwang ihn blitzesſchnell über dem Kopf, und mehrere Minnten lang vermochten die Augen der Umſtehenden der wun⸗ derhaften Raſchheit, womit von dieſen berühmten Kämpfern Hiebe ausgetheilt und parirt wurden, kaum zu folgen. Endlich ſprengte Fernando, um aus ſeiner überra⸗ genden Körperſtärke Vortheil zu ziehen, hart auf Muſa an, faßte, indem er das an einem Strang um die Lenden gebundene Schwert hängen ließ, Muſas Schild mit der furchtbaren Rechten und riß denſelben mit einer Gewalt an ſih, welcher der Mohr vergebens Wider⸗ ſtand zu leiſten ſuchte; Dieſer ließ daher Jenem ſeine Beute, und eh der Spanier das durch die eigene Kraft⸗ anſtrengung verlorene Gleichgewicht wieder erlangen konnte, warf er ſeinen Rappen ihm entgegen und führte mit einer kurzen, ſchweren, an ſeinem Sattelknopf hängenden Keule einen ſolchen Streich auf den Helm Fernandos, das der Rieſe betäubt und ſinnlos zu Boden ſtürzte. Vom Pferd zu ſpringen, ſich ſeines Schildes wie⸗ der zu bemächtigen, nach dem Säbel zu greifen und dem gefallenen Feinde ein Knie auf die Bruſt zu ſetzen, war das Werk eines Augenblicks, und Don Fernando del Pulgar wäre ohne Prieſter und Wundarzt von dannen gefahren, hätten nicht, erſchreckt durch die Ge⸗ fahr ihres tapferſten Genoſſen, zwanzig Ritter zugleich die Sporen gegeben, und zwanzig Lanzenſpitzen den Löwen Granadas von ſeinem Raube abgehalten. Mit gleicher Schnelligkeit ſprengten auch die mauriſchen Kämpfer heran, und ein tödtliches Handgemenge bil⸗ dete ſich um den Körper des noch immer bewußtloſen Chriſten. Dem Muſa blieb kein Angenblick, Fernando's Helm zu löſen, was das einzige Mittel geweſen wäre, der Mohrenklinge eine lebengefährdende Stelle aufzufin⸗ den; ja, durch die Speere und ſtampfenden Hufe um ihn her ward die Lage des ungläubigen gefährlicher, als die⸗ jenige des Chriſten ſelbſt. Mittlerweile kam Fernando wieder zu Sinnen, nahm, in ſeinen Zuſtand ſich ſchnell findend, ſeinen Vortheil wahr, und ſchüttelte plötzlich das Knie des MWohren von ſich. Durch einen zweiten Ruck kam er auf die Beine, und die beiden Kämpfer ſtanden ſich Stirn gegen Stirn, keiner ſon⸗ vperlich geneigt, den Kampf zu erneuern. Zumal zu Fuß mußte Muſa bei aller Kühnheit und Hitze ſeinen Rachtheil gegen die ungeheure Kraft und undurchdring⸗ liche Rüſtung des Chriſten anerkennen; er trat daher zurück, pfiff ſeinem Roß, das, die Reihen der Reiter durchbrechend, Augenblicks an ſeiner Seite ſtand, Lieg wieder auf und befand ſich mitten im Feind, beinah ehe der langſamere Spanier nur ſeine Entfernung wahrgenommen hatte. Aber dieſer war dadurch nicht von dem Gegner befreit. Sich durch das Rieder⸗ ſtrecken dreier Ritter freien Raum verſchaffend, zog Muſa den kurzen arabiſchen Bogen hinter der Schulter vor, und Pfeil um Pfeil raſſelte auf den Panzer des pferdeloſen Chriſten mit ſo wunderhafter Schnelligkeit, das dieſer, unter der Bürde ſeines ſchweren Gewandes 6 eben ſo unfähig zu entrinnen, als ſich gegen den Pfeilhagel zu decken, fühlte, nur ein glücklicher Zufall oder Unſere Frau könne den Tod verhindern, den irgend einer der Bolzen, der die Oeffnung des Viſiers oder die Fugen des Harniſchs träfe, nothwendig brin⸗ gen müſſe. „Gnadenmutter!“ ſtöhnte der Ritter grimmerfüllt, „laß Deinen Knecht nicht in dieſem feigen Waffen ſpiel wie ein Hirſch niedergeſchoſſen werden, ſondern wenn ich fallen ſoll, ſo ſey es im Handgemenge mit meinem Feind.“ Noch murmelte er dieſes kurze Stoßgebet, als dicht nebenan der Schlachtruf der Spanier erklang und Villena's tapferes Geſchwader über die Ebene daher ſprengte, den Freunden zu Hülfe. Muſas Aufmerk⸗ ſamkeit ward vom perſönlichen Gegner, trotz deſſen hoher Bedeutung, abgelenkt; er ſchwenkte um, ſam⸗ melte ſeine Mannen, und traf in geſchloſſenen mit den Feinden zuſammen. Während der Kampf auf dieſem Theile des Feldes beſprochener Maßen fortſchritt, war der Plan Ferdi⸗ nands ſo weit gelungen, daß die Schlacht in verſchie⸗ dene Treffen zerſiel. Fern und nah boten Ebne, Gar⸗ ten, Thurm, Geſträuch den Anblick eines harten, ent⸗ ſchloſſenen Handgemenges. Boabdil an der Spitze ſei⸗ ner auserleſenen Leibwache, der Blüte der vornehm⸗ ſten Häuptlinge, die eiferſüchtig auf den Ruhm von Muſas minder edelgeborner Schaar hinüberblickten, und gefolgt von ſeinen rieſenhaften Aethiopiern, ſetzte Reihen 72 mit der verzweiflungsvollen Kühnheit eines Menſchen, der fühlt, daß ſein Alles auf dem Spiel ſtehe, ſeine Perſon jeder Gefahr aus. Da er in das Fußvolk den mindeſten Glauben hatte, ſo hatte er ſich am meiſten unter dieſem, und allenthalben reichte ſeine Gegen⸗ wart für den Augenblick hin, das Glück des Kampfes auf ſeine Seite zu wenden. Endlich, um Mittag, führte Ponce de Leon gegen die ſtärkſte Abtheilung der mohriſchen Fußgänger einen zahlreichen Haufen der beſt eingeübten, alten ſpaniſchen Soldaten. Es war ihm gelungen, ein Vorwerk wegzunehmen, von welchem aus ſein Geſchütz mit Nachdruck ſpielen konnte, und die Truppen, die ihm nunmehr folgten, beſtanden theils aus Leuten, denen der eben errungene Sieg neue Schnellkraft gab, theils aus einer friſchen Reſerve, die jetzt eben erſt ins Gefecht kam. Es war ein ſtilles, prächtiges Schauſpiel, dieſe Chriſtenſchaar aus einem Gehölz hervorkommen zu ſehen, das ſie unterwegs in Brand geſteckt hatte; die rothe Flamme ſpiegelte ſich in den Rüſtungen, wie jene in feſter, feierlicher Ord⸗ nung gegen die unſtäten, lärmenden Reihen der Moh⸗ ren daher rückten. Boabdil, durch das Geſchrei auf die Gefahr aufmerkſam gemacht, ſchied ſchnell von einem Thurm, von welchem er eben einen feindlichen Angriff zurückgeſchlagen, und warf ſich mitten unter die von Ponce de Leon bedrohten Kämpfer. Beinah in gleichem Moment erſchien am nämlichen Oete die wilde, deu⸗ tungsvolle Geſtalt Almamens, die den Augen der Mohren lange unſichtbar geweſen, ſo plötzlich und ge de det mu bre gle Ler die mel Fu den des abh ſorg ſehe Boe Ruf 3 — unerwartet, daß Niemand begriff, von wo ſie aufge⸗ taucht; das heilige Banner in der Linken, den nackten, blutträufelnden Säbel in der Rechten, das Geſicht unbedeckt und die gewaltigen Züge von einer Begeiſte⸗ rung glühend, die Werk eines übernatürlichen Anhauchs zu ſeyn ſchien, brachte er auf Einmal eine neue Seele in die Mohren. „Sie kommen! ſie kommen!“ rief er laut.„Der Gott des Morgenlandes hat die Gothen in eure Hände geliefert!“ Von Reihe zu Reihe, von Linie zu Linie ſprengte der Santon; und als das geheimnißvolle Banner vor den Kriegern funkelte, ſchloß Jeder die Augen und murmelte ein Amen zu des Zauberers Beſchwörungen. Und jetzt mit dem Ruf:„Spanien und St. Jago!“ brach der ſtürmende Angriff der Chriſten herein. Zu⸗ gleich eröffnete das Geſchütz von dem durch Ponce de Leon vorhin genommenen Vorwerk aus ſein Feuer auf die Mohren und erwies ſeine volle Tödtlichkeit. Die Moslems wankten einen Augenblick; da ſtralte Alma⸗ mens weißes Banner vor ihnen, und man ſah ihn, zu Fuß und allein, mitten unter den Feind ſtürzen. In dem ihnen angeredeten Glauben, daß das Schickſal des Kriegs von der Erhaltung der bezanberten Fahne abhänge, konnten die Heiden dieſelbe nicht ohne Be⸗ ſorgniß und Schaam ſo vorſchnell aufs Spiel geſetzt ſehen; ſie ſammelten ſich, rückten feſten Fußes vor und Bvabdil ſelbſt, mit geſchwungenem Säbel und wildem Ruf, ſtürmte an der Spitze ſeiner Leibwächter und Bulwer's Romane. LXXVI. 6 Aethiopier vollen Laufs in die Angreifenden. Das Gefecht ward hartnäckig und blutig. Dreimal ver⸗ ſchwand das weiße Banner unter den gegen einander drückenden Reihen, und dreimal kam es, wie ein Mond aus den Wolken, wieder zum Vorſchein, ein Licht und Leitſtern der Macht der Heiden. Der Tag neigte ſich, und bereits warfen die Berge längere Schatten auf die glimmenden Baumgruppen und den ſtillen Darro, deſſen Fluten in jeder Bucht, wo die Strömung langſamer floß, roth vom Blute waren, als Ferdinand, ſeine ganze Reſerve an ſich ziehend, von der Anhöhe herabſtieg, die er bisher ein⸗ genommen. Mit ihm nahten dreitauſend Fußgänger und tauſend Reiter, friſch an Kraft und nach einer Theilnahme an dieſem glorreichen Tage ſchmachtend. Der König ſelbſt, der, obwol von Natur unerſchrocken, doch aus Gründen der Staatsklugheit ſich nur bei ſehr bedeutenden Veranlaſſungen perſönlicher Gefahr aus⸗ ſetzte, war entſchloſſen, ſich von Boabdil nicht verdun⸗ keln zu laſſen; und, vom Wirbel bis zur Zehe in Stahl gehüllt, der ſo mit Gold eingelegt war, daß die Rü⸗ ſtung faſt durchweg aus dieſem koſtbaren Metall ſelbſt zu beſtehen ſchien, im Flattern ſeines ſchneeweißen Federbuſches über dem kleinen, den hohen Helm krö⸗ nenden Diadem, paßte er ganz zum Führer jener hel⸗ denhaften Umgebung. Hinter ihm wogte das große Reichspanier von Spanien, und Trommel und Zimbel verkündeten ſein Heranrücken. Der Graf Tendilla ritt neben ihm. Das er⸗ der ein ein rge pen cht, lute ſich ein⸗ er iner nd. ken, ſehr us⸗ un⸗ tahl Rü⸗ lbſt ßen erö⸗ hel⸗ oße bel ritt 5 — ¹ „Senhor,“ ſprach Ferdinand,„die Ungläubigen wehren ſich hart; aber ſie ſind in die Schlinge gegan⸗ gen— in Kurzem können wir die Netze über ihnen zuſammenzfehen. Aber welcher Zug kommt hier?“ Die Gruppe, welche des Königs Aufmerkſamkeit erregte, beſtand aus ſechs Knappen, die auf einer kriegeriſchen, aus Schilden beſtehenden Sänfte die rie⸗ ſige Geſtalt Fernando's del Pulgar trugen. „Ach die Hunde,“ rief Ferdinand, als er das laſſe Antlitz des Lieblings des Heeres erkannte,— „haben ſie den tapferſten Ritter gemordet, der je für die Chriſtenheit focht?“ „Das eben nicht, Eure Majeſtät,“ erwiederte Je⸗ ner mit ſchwacher Stimme;„aber ich bin übel ver⸗ wundet.“ „Es muß mehr als ein Menſchenarm geweſen ſeyn, was Dich niederſtreckte,“ ſprach der König. „Es war, mit Ew. Majeſtät Erlaubniß, die Keule des Muſa Ben Abil Gaſan,“ antwortete einer der Knappen;„aber ſie traf den guten Ritter, ohne daß er ſich ihrer verſah, und lange nachdem ſein Arm den Heiden dem Anſchein nach von ſich getrieben hatte.“ „Du ſollſt gerochen werden, mein tapferer Na⸗ mensbruder,“ entgegnete der König mit aufgeworfenem Haupte.„Unſere eigenen Leibärzte ſollen nach Deinen Wunden ſehen. Vorwärts meine Ritter, St. Jago und Spanien!“ Die Schlacht hatte ſich jetzt zu einem Knäul zu⸗ ſammmengeballt, Muſa und ſeine Reiterei ſich mit 76 Boabdil und dem mohriſchen Fußvolk vereinigt. An⸗ dererſeits war dem Villena Verſtärkung zugekommen durch die Schaaren, die faſt an jedem andern Orte der Wahlſtatt den Feind geworfen. Die Mohren waren zurückgetrieben worden, aber nur Zoll für Zoll; jetzt befanden ſie ſich auf dem freien Raum unmittelbar vor den Stadtmauern, auf welchen ſich noch immer die bleichen, angſtvollen Geſtalten der Greiſe und Frauen drängten, und bei jeder Pauſe des Geſchütz⸗ donners drangen die Stimmen der Heimat durch die ſtäubende Luft ans Gehör der Ungläubigen. Das Geſchrei, das durch das chrißliche Heer hinlief, als Ferdinand ſich mit demſelben vereinigte, traf wie ein Grabgeläute auf Boabdils letzte Hoffnung. Aber das Blut ſeiner ſieggewohnten Väter brannte in ſeinen Adern, und der Zuſpruch Almamens, den nichts außer Faſſung ſetzte, hauchte ihm eine Art wilden Wahn⸗ ſinns ein. „König gegen König— ſey es ſo! Allah möge zwiſchen uns entſcheiden,“ rief der Herr der Moh⸗ ren.—„Verbindet dieſe Wunde!— Schon gut! — Ein anderes Pferd!— Jetzt, mein Prophet und Freund, beſteig ein Roß zur Seite Deines Königs— laß uns mindeſtens neben einander fallen!“ Durch die Reihen der tapfern Chriſten ging ein Schauder unwillkührlicher Bewunderung, als ſie den Beherrſcher der Muſelmanen, kennbar an dem ſchönen Bart und den Edelſteinen des Harniſches, den dürfti⸗ gen Ueberreſt ſeiner Leibwache noch einmal ins dichteſte —.— —— Getümmel führen ſahen. Zugleich ſprengten Muſa und ſeine Zegri's in grimmigem Angriff herbei, und das mohriſche Fußvolk, angefeuert durch das Beiſpiel ſeiner Häuptlinge, folgte mit ungebrochenem, ſtarrem Muthe. Die Chriſten wichen— ſie wurden zurückgeſchlagen: Ferdinand gab ſeinem Pferd die Sporen und eh es auf beiden Seiten recht bemerklich geworden, trafen ſich beide Könige im Gedränge: jede Ordnung und Kriegszucht war für den Augenblick aufgehoben und Heerführer und Monarch fochten, wie gemeine Sol⸗ daten, Hand gegen Hand. In dieſem Moment ge⸗ ſchah es, daß der Bcherrſcher Spaniens, nachdem er Naim Reduon, von den Liedern Granadas gleich nach Muſa geprieſen, durch ſeine Lanze niedergeworfen, eine ſeltſame Geſtalt vor ſich ſah, die ihm eher eine Aus⸗ geburt der Hölle, denn ein Menſch dünkte. Das raben⸗ ſchwarze, von Blut ſtarrende Kopf⸗ und Barthaar hing wie Schlangen um ein Geſicht, deſſen für den Ausdruck der dunkelſten Leidenſchaften geformte Züge der Wahnſinn verzweifelnder Wuth verzerrte. Blut rieſelte aus mehreren Wunden auf den Harniſch des⸗ Schreckbildes, und über dem Haupt ſchwang es jenes mit geheimnißvollen Zeichen beſetzte Banner, das bei Ferdinanden bereits als Werk der Dämonen galt. „Treffen wir uns endlich, eidbrüchiger König der Nazarener!“ rief der furchthare Kämpfer,„hier ſind wir nicht mehr Wirth und Gaſt, Fürſt und Derwiſch, ſondern Mann gegen Mann. Ich bin Almamen! Stirb!“ Er ſprachs und ſein Schwert fuhr ſo grimmig auf das geſalbte Haupt herab, daß Ferdinand nach dem Sattelknopf vortaumelte. Aber ſchnell gewann er ſeine feſte Stellung wieder und warf ſich dem Angriff muth⸗ voll entgegen. Leidenſchaften, die in ſolcher Zahl, ſolcher Art und ſolchem Uebermaß keinen andern Käm⸗ pfer in beiden Heeren beſeelten, gaben dem Arm Al⸗ mamens, des Israeliten, eine übernstürliche Kraft; ſeine Streiche fielen wie Hagel auf die Rüſtung des Königs, und die glühenden Augen, das funkelnde Banner des Zauberers, welcher der Folter der In⸗ quiſition entgangen, welcher unbeſchädigt mitten durch das Chriſtenheer geſchritten war, welcher, ein einziger Mann, das Lager einer ganzen Armee in Brand ge⸗ ſteckt hatte, füllten das tapfere Herz des Königs mit dem Glauben, daß er keinem irdiſchen Feind genen⸗ über ſtehe. Glücklicherweiſe vielleicht für Ferdinand und Spanien dauerte der Kampf nicht lange. Zwanzig Ritter ſprengten dem Federbuſche auf dem Diadem zu Hülfe; Tendilla langte zuerſt an; durch einen Streich ſeines Zweihündlers brach das weiße Banner vom Schaft und fiel zu Boden. Bei dieſem Anblick brachen die Mohren umher in ein wildes Geſchrei des Ent⸗ ſetzens aus, das von Reihe zu Reihe, von den Rei⸗ tern zum Fußvolk hinüber lief; nicht ſobald erfuhr letzteres, von allen Seiten hart gedrängt, das böſe Zeichen, als es ſich zur Flucht wendete, die eben ſo unglückbringend als plötzlich war; denn die eben erſt ins Treffen geführte chriſtliche Reſerve brach gerade a— c — — W — e M — ſe jetzt mit gemeinſamem Stoß auf die Mohren herein. Boabdil, zu beſchäftigt, um den Fall der heiligen Fahne ſogleich wahrzunehmen, ſah ſich plötzlich, mit ſeinen zuſammengeſchmolzenen Aethiopiern und einer Handvoll ſeiner Nitter, beinah allein. „Ergib Dich, Boabdil el Chico!“ rief Tendilla, bereits hinter ſeinem Rücken,„oder keine Rettung iſt für Dich möglich!“ „Nimmermehr, beim Propheten!“ erwiederte der König und ſprengte den Berber gegen die Mauer von Speeren hinter ihm und mit nicht viel mehr als einem Dutzend Leuten aus ſeiner Leibwache hieb er ſich Weg durch die Chriſten, die vielleicht nicht ungern eines ſo tapfern Feindes ſchonten. Nachdem er ſich durch die ſpaniſchen Schlachthaufen etwas durchge⸗ brochen, hielt der Unglückliche ſein Pferd für einen Augenblick an und überblickte die Ebene: er ſah ſein Heer in allen Richtungen fliehen, außer auf dem ein⸗ zigen Fleck, wo der Turban Muſa's Ben Abil Gaſan noch immer ſchimmerte. Noch ſchaute er hin, als er die ſchnaubenden Rieſtern der Roſſe hinter ſich hörte, und die eingelegten Speere eines Geſchwaders wahrnahm, von ßerdinand entſendet, um ihn todt oder lebendig in ſeine Gewalt zu bringen: er ließ die Zügel ſchießen und ſtürmte in vollem Rennlauf in die Stadt; drei Lanzen ſchütterten gegen das Thor, als er unter deſſen dunkelm Gewölbe verſchwand. Aber ſo lange Muſa noch übrig, war noch nicht Alles verloren; er ſah die Flucht des Fußvolks und des Königs, und ſprengte mit 80 ſeinen Begleitern über die Ebene daher, noch zu rech⸗ ter Zeit eintreffend, um die Verfolger Boabdils bis zum letzten Mann niederzuhauen.— Dann warf er ſich vor die fliehenden Mohren. „Flieht Ihr im Angeſicht Eurer Weiber und Töch⸗ ter? Wollt Ihr nicht lieber, daß ſie Euch ſterben ſehen?“ Tauſend Stimmen antworteten ihm:„Das Ban⸗ ner iſt in den Händen der Ungläubigen— Alles iſt verloren!“ Alle ſtürzten an ihm vorüber und hielten nicht an, bis ſie das Tbor erreicht hatten. „Verflucht ſeyen ſolche Zauberpfänder!“ rief Muſa. „Wäre das Vaterland unſer einziger Zauber, ſo hätten wir dieſen nie verloren!“ Aber immer noch blieb ein kleiner, treuer Reſt der Mohrenritter übrig, um einen letzten Glanz auf das Unterliegen ſelbſt zu werfen. Mit Muſa, ihrer Seele und ihrem Lebenspunkt, vertheidigten ſie jeden Zoll des Bodens; es war, nach dem Ausdruck des Chroniſten, als ob ſie die Erde mit ihren Waffen feſt hielten. Zweimal warfen ſie ſich mitten in den Feind; das Blutbad, das ſie unter ihm anrichteten, verdop⸗ pelte ihre eigene Zahl; aber in geſchloſſenen Kolon⸗ nen drängte ſich jetzt das ganze Chriſtenheer heran, und wie von einem Meer wurden Jene umfluthet, ermattet, zurückgeworfen. Gleich wilden Thieren, die man endlich nach ihrem Lager getrieben hat, zogen fie ſich, das Antlitz dem Feind zugewendet, zurück; und als Muſa, der Letzte,— den Säbel am G iff abge⸗ bis f er öch⸗ ben an⸗ iſt lten iſa. ten Reſt auf rer des ſchlagen— ankam, hatte er kaum noch Athem genug, um die Thore zu ſchließen, die Zugbrücken aufziehen zu heißen, worauf er alsbald in plötzlicher, tiefer Ohnmacht, mehr Folge des Seelenſchmerzes und der Scham, als der körperlichen Erſchöpfung, vom Pferde ſank. So endete die letzte für das Reich Granada gefochtene Schlacht. Zweites Kapitel. Die Movizin. In den Zellen eines wegen der Frömmigkeit ſeiner Bewohnerinnen und der heilſamen Strenge ſeiner Geſetze berühmten Kloſters ſaß eine junge Novizin allein. Das enge Fenſter befand ſich ſo hoch in der kalten, grauen Wand, daß jede Tröſtung gegen traurige oder jede Unterbrechung in frommen Gedanken, ſo weit ſie durch einen Blick auf die Welt draußen hätten kommen dürfen, der Inhaberin des Gemaches abgeſchnitten blieb. Blos ein ſchwacher Sonnenſtral brach durch die Oeffnung, und machte damit das düſtre Bild der Zelle noch freudeloſer. Die junge Novizin ſchien jenen Kampf der Gefühle zu kämpfen, ohne welchen es keinen Sieg in den Entſchlüſſen zur Tugend gibt. Bisweilen weinte ſie bitterlich, aber in leiſem, niedergehaltenen Schmerz, der eher von Wehmuth als von Aufregung zeugte; bisweilen hob ſie das Haupt von der Bruſt, und lächelte, wenn ſie emporblickte, oder wenn ihr Auge das Crucifir und den Todtenkopf auf dem rauhen Tiſch neben ihrem Strohlager faßte. So wareu es denn Zeichen des Todes hienieden und des Lebens dort droben, was ihr, vielleicht, zur Quelle eines dop⸗ pelten Troſtes wurde. Noch ſaß ſie in tiefen Gedanken, als ein leichtes Klopfen an der Thür ſich hören ließ, und die Aebtiſſin des Kloſters hereintrat. „Tochter,“ ſprach ſie,„ich bringe Dir den Troſt eines heiligen Beſuches. Die Königin von Spanien, mütterlich beſorgt für Deine volle Zufriedenheit mit Deinem Looſe, hat einen heiligen Mönch hieher geſen⸗ det, deſſen Berathungen fie für fanfter hält, als die⸗ jenigen unſeres Bruders Thomas; denn dieſer erſchreckt oft durch ſeinen glühenden Eifer Diejenigen, die ſein edles Gemüth nur läutern und leiten will. Ich will ihn allein bei Dir laſſen. Mögen die Heiligen ſein Amt ſegnen!“ Mit dieſen Worten zog ſich die Aeb⸗ tiſſin zurück, und ließ eine Geſtalt in einem Mönchs⸗ gewand, die Kapuze über's Geſicht gezogen, herein. Der Bruder neigte den Kopf ſanft, ſchloß die Zelle ab und ſetzte ſich auf einen Stuhl, der nebſt dem Tiſch und dem Strohlager das einzige Geräth des dürftigen Gemaches zu ſeyn ſchien. „Tochter,“ hob er nach einer Pauſe an,„es iſt ein rauhes und trübes Loos, alſo zu entſagen der Erde und all' ihren Schönheiten und zarten Banden, für Jeden, der für ein ſolches Opfer nicht vollkommen * bereit und gerüſtet iſt. Vertraue in mich, mein Kind; ich bin kein grimmer Inquiſitor, der Deine Worte zu Deinem Nachtheil zu verdrehen ſucht. Ich bin kein bitterer, mürriſcher Selbſtpeiniger. Noch ſchlägt unter dieſem Gewande ein menſchliches Herz, das Gefühl für menſchliche Schmerzen hat. Vertraue ohne Furcht in mich. Graut Dir vor dem Schickſal nicht, das man Dir aufzwängen will? Bebſt Du nicht zurück? Möchteſt Du nicht frei ſeyn?“ „Nein,“ erwiederte die arme Rovizin; aber die Verneinung kam ſchwach und unentſchloſſen aus ihrem Munde. „Halt an,“ entgegnete der Mönch, und ſein Ton ward angelegener;„halt an— noch iſt es Zeit.“ „Nein,“ verſetzte die Novizin, mit einiger Ver⸗ wunderung in der Miene aufblickend;„nein; wär' ich auch ſchwach genug, ſo iſt ein Entkommen jetzt doch unmöglich. Welche Hand könnte die Kloſterthore auf⸗ riegeln 2, „Die meinige!“ rief der Mönch mit Nachdruck. „Ja, ich habe dieſe Gewalt. In ganz Spanien iſt nur Ein Wenſch, der Dich retten kann, und der bin ich.“ „Ihr?“ ſtammelte die Novizin und ſchaute mit einer Miſchung von Staunen und Schreckeu auf ihren ſeltſamen Beſuch.„Und wer ſeyd Ihr, der dem Be⸗ ſchluß dieſes Thomas von Torquemada widerſtreben darf, vor welchem ſich, wie man mir ſagt, ſelbſt die 84⁴ gekrönten Häupter Caftiliens und Arragoniens nieder⸗ beugen?“ Der Mönch fuhr bei dieſer Frage mit einer hef— tigen, beinahe ſtolzen Bewegung halb in die Höhe, ſetzte ſich jedoch wieder und nahm mit leiſer, faſt flü⸗ ſternder Stimme das Wort: „Tochter, hör auf mich. Es iſt wahr, daß Iſa⸗ bella von Spanien(welche die Gnadenmutter ſegnen wolle! denn mitleidig iſt ihr geheimes Herz gegen Jedermann, wenn auch nicht ihr äußerliches Verfahren) — es iſt wahr, daß Iſabella von Spanien, beſorgend, der Pfad zum Himmel möchte für Deine Füße rauher gemacht werden, als von Nöthen iſt,“—(ein leichter Ton von Spott ſpielte durch die Stimme des Mönches, als er dies ſprach)—„einen Bruder von überreden⸗ der Zunge und ſanftem Benehmen auslas, um Dich zu beſuchen. Er hatte Briefe der Königin an die Aebtiſſin zu überbringen. So ſanft indeſſen der Bru⸗ der, war er doch ein Heuchler. Nein, hör mich aus! er verehrte gern die aufgehende Sonne, und hatte nicht Luſt, immer ein ſchlichter Mönch zu bleiben, wäh⸗ rend die Kirche höhere Würden auszutheilen vermag. Im Chriſtenlager, Tochter, befand ſich Jemand, der nach einer Kunde von Dir brannte,— den Dein Bild verfolgte— der, ſo ſtreng Du gegen ihn warſt, Dich mit einer Liebe liebte, von welcher er nichts gewußt, bis er Dich verloren hatte. Was zitterſt Du, Toch⸗ ter? Höre, höre mich! Zu dieſem Liebenden, der von hohem Range war, kam der Mönch; an dieſen Lie⸗ 1⸗ benden verkaufte der Mönch ſeinen Auftrag. Eine Geſchichte, daß ihm im Gebirg von Bewaffneten der Weg verlegt und er ſeiner Briefe an die Aebtiſſin be⸗ raubt worden, bietet ſich dem Mönch leicht dar. Der Liebende nahm das Kleid deſſelben ſammt den Briefen und eilte hierher. Leila! geliebte Leila! ſieh ihn zu Deinen Füßen!“ Der Mönch hob die Kappe auf, ſtürzte auf ein Knie nieder und die Züge des Prinzen von Spanien ſtralten in das Antlitz der Erſchrockenen. „Ihr!“ ſprach Leila, das Geſicht abwendend und umſonſt die Hand, die er gefaßt, loszumachen ſuchend. „Das iſt wahrhaftig grauſam! Ihr, die Urſache ſo vieler Leiden— ſo übler Nachrede— ſolcher Vor⸗ würfe!“ „Ich will Alles wieder gut machen!“ rief Don Juan glühend.„Ich allein, ich wiederhole es, habe die Macht, Dich in Freiheit zu ſetzen. Du biſt keine Jüdin mehr;— Du biſt Eine unſeres Glaubens; keine Schranke ſteht mehr zwiſchen unſerer Liebe. So ge⸗ bieteriſch mein Vater— ſo dunkel und grauſig die neue Macht, die er in ſeinen Landen voreilig einführt: der Erbe zweier Königsthrone iſt gleichwol nicht ſo arm an Einfluß und an Freunden, um dem Weib ſei⸗ ner Liebe nicht eine unverletzliche Freiſtatt gegen Prie⸗ ſter und Deſpoten bieten zu können. Flieh mit mir; verlaß dieſes ſchaudrige Grabgewölbe, eh der letzte Stein ſich auf immer über Deinem Haupte ſchließt! Ich habe Pferde und Gewaffnete zur Hand. Dieſe 86 Nacht kann Alles ins Werk geſetzt werden— dieſe Nacht— o Wonne!— kannſt Du der Erde und der Liebe zurück gegeben werden!“ „Prinz,“ erwiederte Leila, die ſich während dieſer Worte von Juan losgeriſſen, und jetzt in einiger Ent⸗ fernung, aufrecht und ſtolz, da ſtand,„Ihr verſuchet mich umſonſt; oder vielmehr, Ihr ſetzt mich nicht in Verſuchung. Ich habe gewählt und bleibe bei meiner Wahl.“ „O bedenke,“ entgegnete der Prinz in dem Ton wirklicher, flehender Seelenqual,„bedenke die Folgen Deiner Weigerung wohl. Jetzt ſiehſt Du ſie noch nicht ein; Dein Eifer verblendet Dich. Aber wenn Stunde um Stunde, Tag um Tag, Jahr um Jahr in der ent⸗ ſetzensvollen Einförmigkeit dieſes heiligen Kerkers da⸗ hin ſchleichten; wenn Du Deine Jugend ohne Liebe, Dein Alter ohne Ehre hinwelken ſehen wirſt; wenn Dein Herz zu Stein werden wird unter dem Blick dieſer eiſigen Geſpenſter; wenn in die ſchmerzliche Dumpfheit eines verwüſteten Lebens nichts eine Ab⸗ wechſelung bringt, als ein längeres Faſten, eine ſtrengere Büßung: dann, v dann wird Dein Kummer verzehn⸗ facht werden durch den verzweiflungsvollen Gedanken, daß Deine eigenen Lippen Deine Verdammung aus⸗ geſprochen haben. Du denkſt vielleicht,“ fuhr Juan in raſchem Eifer fort,„meine Liebe zu Dir ſey Anfangs leicht und unehrenvoll geweſen. Sey es ſo! Ich ge⸗ ſtehe, daß meine Jugend unter eiteln Tändeleien und den Scheinbildern wirklicher Leidenſchaft hinfloß. Jetzt — — aber, zum erſtenmal in meinem Leben, fühl' ich, daß ich liebe. Deine dunkeln Augen— Deine edle Schönheit— ſelbſt Deine weibliche Strenge— haben mich bezaubert, Ich— nie ſonſt zurückgewieſen, wo ich um eine Gunſt warb,— kenne endlich an, daß ein Triumph in der Beſiegung eines Weiberherzens liegt. O Leila! verſtoße mich nicht! Du weißt nicht, welche ſeltene und tiefe Liebe Du von Dir wirfſt!“ Die Novizin war gerührt: die nunmehrige Sprache Don Juans war ſo verſchieden von ſeiner frühern; die ernſtliche Liebe, die aus ſeiner Stimme bebte, aus ſeinen Augen blickte, rührte an eine Saite in ihrer Bruſt; ſie rief ihr die eigene unbeſiegte, unbeſiegbare Liebe zu dem verlorenen Muſa ins Gedächtniß. Denn es liegt in der Natur des Weibes, daß wenn ſie liebt, ſie eine aufrichtige Bewerbung eines Dritten zwar im⸗ merhin zurückweiſen mag, aber dieſelbe nicht verachten kann: ſie fühlt im eigenen Herzen die Qual, die Jener vulden muß, und hat, durch eine Art Egoismus, Mit⸗ leiden mit dem Widerbild ihrer ſelbſt. So war denn Leila gerührt— bis zu Thränen gerührt, aber ihr Entſchluß gleichwol nicht zu erſchüttern. „O Leila,“ nahm der Prinz wieder das Wort, die Urſache ihrer Rührung mißverſtehend und den Vor⸗ theil, den er gewonnen zu haben glaubte, zu verfol⸗ gen ſuchend,„ſieh jenen Sonnenſtral, der ſich durch die Ritze Deiner Zelle kämpft: iſt er nicht ein Bote aus der glücklichen Welt? redet er mir uicht das Wort? flüſtert er Dir nicht von den grünen Feldern und lachenden Weingeländen und all der ſchönen Ver⸗ ſchwendung der Erde, welcher Du für immer entſagen willſt? Fürchteſt Du meine Liebe? Sind die ſelbſt⸗ guäleriſchen, lebloſen Geſtalten um Dich her für Dein Ange ſchöner, als die meinige? Bezweifelſt Du meine Macht, Dich zu beſchützen? Ich ſage Dir, die ſtol⸗ zeſten Edeln Spaniens würden ſich um meine Fahne ſchaaren, wäre es nöthig, Dich durch Waffengewalt zu ſchützen. Dennoch, ſprich nur ein Wort— ſey die Meine, und ich will mit Dir von hier wegfliehen unter einen Himmel, wo die Kirche ihre tödlichen Wurzeln nicht geſchlagen hat, und, der Krone und Sorgen ver⸗ geſſend, nur für Dich leben. O ſprich!“ „Fürſt,“ ſprach Leila ruhig, und ſuchte ſich die nöthige Kraft zu geben,„ich fühle tiefe und aufrich⸗ tige Dankbarkeit für die Theilnahme, die Ihr aus⸗ drückt— für die Zärtlichkeit, die Ihr mir gelobet. Aber Ihr tänſchet Euch. Ich habe die Wahl, die ich getroffen, reiflich überlegt. Ich bereue ſie weder, noch bedauere ich ſie— geſchweige, daß ich ſie rückgängig machen möchte. Die Erde, von der Ihr ſprechet, voll Liebe und Segen für die Andern, hat keine Bande, keine Reize für mich. Ich wünſche blos Frieden, Ruhe und einen baldigen Tod.“ „Wär's möglich,“ rief Juan und ward blaß, „ſollteſt Du einen Andern lieben? dann freilich, und dann nur würde meine Bewerbung fruchtlos ſeyn.“ Die Wange der Novizin ward tief geröthet, aber der Purpur wich ſchnell wieder. Sie flüſterte vor ſich 31 — NW— M M M — hin:„Warum ſollt' ich mich ſchämen es jetzt zu geſte⸗ hen?“ und ſetzte dann laut hinzu:„Prinz, ich hoffe mit der Welt abgeſchloſſen zu haben, und bitter iſt die Qual, die ich fühle, wenn Ihr mich in dieſelbe zurück rufet. Aber Ihr verdienet mein unumwundenes Geſtändniß: Ich habe einen Andern geliebt, und in dieſem Gedanken liegt, wie in einer Urne, die Aſche jeder Zuneigung. Dieſer Andere iſt verſchiede⸗ nen Glaubens von mir. Hienieden können wir uns nie— nie wieder treffen; aber es iſt ein Troſt in dem Gebet, daß wir uns dort oben wieder begegnen mögen. Dieſer Troſt und dieſe Hallen ſind mir theurer, als alle Pracht, alle Wonnen der Welt.“ Der Prinz ſank nieder, bedeckte das Geſicht mit den Händen und ſtöhnte laut— gab aber keine Antwort. „Gehet denn, Prinz von Spanien,“ fuhr die Novizin fort.„Sohn der edeln Iſabella, Leila iſt der Fürſorge derſelben nicht unwürdig. Gehet der großen Beſtimmung entgegen, die Eurer wartet. Und wenn Ihr dem armen jüdiſchen Mädchen verzeihet— wenn Ihr eine Erinnerung an ſie beibehaltet, ſo lindert, erleichtert, mildert das unſelige Loos des gefallenen Volkes, aus welchem ſie, um Eures Glaubens willen, getreten iſt.“ 6 „Ach,“ verſetzte der Prinz trauervoll,„Dich allein vielleicht von Deinem ganzen Volke hätte ich vor der Frömmelei retten können, welche dieſes ritterliche Land über und über zu bedecken anfängt, wie die Flut Bulwer's Romane. LXXVI. 90 eines unwiderſtehlichen Meeres— und Du verwirfſt mich! Nimm Dir wenigſtens Zeit, nachzudenken— 3 3 zu überlegen. Laß mich morgen noch einmal zu Dir kommen.“ 1 3„Nein, Prinz, nein— nicht noch einmal! Ich bewahre Euer Geheimniß bloß, wenn ich Euch nicht mehr ſehe. Beharrt Ihr bei einer Bewerbung, in der, 3 wie ich fühle, Sünde und Schmach liegen, ſo verlangt 13 meine Ehre 1„Halt!“ unterbrach ſie Juan, hoch herab—„ich quäle, ich plage Dich nicht länger. Ich befreie Dich 1 von meiner Zudringlichkeit. Vielleicht hab' ich mich zu tief herabgelaſſen!“ Er zog die Kapuze über das Geſicht und ſchritt trotzig auf die Thür zu. Als er jedoch einen letzten Blick auf die Geſtalt warf, die ſein für edle Empfindungen nicht unfähiges Herz ſo wun⸗ derbar gefeſſelt hatte— erweichten die ſanfte, gram⸗ erfüllte Stellung der Novizin, ihre zarte Jugend, ihr düſteres Schickſal den augenblicklichen Stolz und Zorn 3 wieder.„Gott ſegne und behüte Dich, armes Kind,“ ſprach er mit einer durch den Widerſtreit ſeiner Ge⸗ 3 fühle bebenden Stimme— und die Thür ſchloß ſich hinter ihm ab. „Ich danke dir, Himmel, daß es nicht Muſa war,“ liſpelte Leila, aus einer Träumerei auffahrend, worin ſie mit der eigenen Seele Zwieſprache zu halten ſchien. „Ich fühle, ihm hätt' ich nicht zu widerſtehen ver⸗ mocht.“ Mit dieſem Gedanken kniete ſie, in demüthiger, reuevoller Selbſtanklage nieder und betete um Kraft. v— S S S 8 8 v 7 Noch hatte ſie ſich von dem Gebet nicht erhoben, als ihre Einſamkeit abermals durch den Dominikaner Torquemada unterbrochen ward. Bei dieſem ſeltſamen Menſchen, dem Urheber von Grauſamkeiten, vor welchen die Natur zurückſchaudert, liefen gleichwol einige Adern warmen, zarten Gefühles durch den Marmor ſeines harten Charakters. Als er ſich von dem reinen, angelegenen Eifer der jungen Neubekehrten zur Genüge überzeugt hatte, ließ er von der rauhen Strenge, die er Anfangs gegen ſie gezeigt, nach, und übte die ihm zu Gebot ſtehende Beredſam⸗ keit in der Erhebung ihres Geiſtes, in der Beſchwich⸗ tigung ihrer Zweifel. Er betete für ſie und betete neben ihr mit Thränen und Inbrunſt. Lange verzog er diesmal bei der Novizin, und als er ſie verließ, war ſie, wenn nicht glücklich, mindeſtens beruhigt. Ihr wärmſter Wunſch blieb jetzt, daß die Zeit ihres Noviziats abgekürzt werden möge, das, auf ihr Anliegen, die Kirche bereits nur noch dem Namen nach von wirklicher Einkleidung unterſchied. Sie ſehnte ſich nach der Unmöglichkeit eines Widerrufs, nach dem unverweilten Betreten des ſchmalen Pfades. Die ſanfte, beſcheidene Frömmigkeit der Jungfrau rührte die Schweſterſchaft: ſie wurde Allen theuer. Die Unterredung mit ihr war ein Ereigniß, das den Todesſchlaf jenes ſtagnirenden Lebens unterbrach. Dieſe Theilnahme, dieſe Freundlichkeit der Nonnen gegen ſie, die von der Wiege an ſo wenig mit ihrem eigenen Geſchlecht verkehrt hatte, trug mächtig zur Stillung 7 92 und Sänftigung ihres Gemüthes bei. Nachts aber führten ihr ihre Träume das dunkle, drohende Ant⸗ litz ihres Vaters vor die Seele. Bald wars ihr, als riſſe er ſie von den Thoren des Himmels, bald ſah ſie ihn neben ſich am Altar knieen und ſie beſchwören, dem Heiland zu entſagen, vor deſſen Bild am Kreuz ſie kniete. Zuweilen ſtreifte auch Muſa durch ihre nächt⸗ lichen Geſichte,— aber in minder furchtbarer Geſtalt. Seine ruhigen, gramvollen Augen waren auf ſie ge⸗ richtet, und ſeine Stimme fragte:„Kannſt Du ein Gelübte ablegen, das die Erinnerung an mich zur Sünde macht?“ So war denn die Nacht, die ſonſt den Trauernden Balſam und Vergeſſenheit bringt, furchtbarer für Leila als der Tag. Ihre Geſundheit litt mehr und mehr, aber ihr Gemüth blieb feſt. In glücklicheren Zeiten und Verhältniſſen würde die arme Neubekehrte ein großer Charakter geworden ſeyn; aber ſo bildete ſie nur eines der unzähligen, der Welt unbekannten Opfer, deren Tugenden ſtille Beweggründe haben, deren Kämpfe in einſamen Herzen vorgehen. Vom Prinzen hörte und ſah man nichts mehr. Es gab Augenblicke, wo ſie aus zweidentigen, dun⸗ keln Winken ſchloß, der Dominikaner habe um Don Juans Verkleidung und Beſuch gewußt. War dem ſo, ſo ſchien dieſes Wiſſen die Milde, beinah die Ver⸗ ehrung, welche Torquemada ihr bewies, nur zu ver⸗ mehren. Gewiß blieb, daß von jenem Tage an das Benehmen des Prieſters gegen ſie aus irgend einem Grunde weit ſanfter geworden, und daß er, der ſel⸗ ten zu andern Mitteln, als der Strafe und Drohung, ſeine Zuflucht nahm, über ſie oft Aeußerungen halb des Mitleids, halb des Lobes that. Alſo getröſtet und geſtärkt am Tage— alſo ge⸗ ſchreckt und geängſtigt bei Nacht, aber nimmer ihren Entſchluß bereuend, ſah Leila die Zeit zu jener ereig⸗ nißvollen Stunde hingleiten, wo ihre Lippen das un⸗ verbrüchliche Gelübde ausſprechen ſollten, das die Grabſchrift des Lebens iſt. Während in jenem abgelegenen, ſtillen Kloſter die Geſchichte eines einzelnen Menſchen auf dieſe Art vor⸗ ſchreitet, werden wir wieder entboten, die letzten Tage eines fallenden Königshauſes vor uns vorüber gehen zu laſſen. Drittes Kapitel. Pauſe zwiſchen Miederlage und Uebergabe. Der unglückliche Boabdil verſenkte ſich noch ein⸗ mal in die Verborgenheit der Alhambra. Wie groß ſeine Qual, ſeine Troſtloſigkeit ſein mochten: Niemand durfte ſeine Gefühle theilen, oder auch nur Zeuge derſelben werden. Ausdrücklich verſagte er den Zu⸗ tritt in ſeine Einſamkeit, welchen ſeine Mutter ver⸗ langte, um welchen die getreue Amine flehte, welchen Muſa voll Sorgen zu erringen ſuchte: gerade die ge⸗ — —— —— — 94 liebteſten oder verehrteſten Perſonen waren es vor Allen, vor welchen er am meiſten zurückbebte. Von Almamen vernahm man nichts mehr. Man glaubte, er ſey in der Schlacht gefallen. Er gehörte jedoch zu denjenigen Menſchen, die, ſo mächtig ihre Wirkſamkeit auch iſt, wenn ſie zugegen find, doch, ſo⸗ bald ſie abweſend, ſogleich vergeſſen werden. Zugleich lenkte der Hunger, der bei der gänzlichen Verwüſtung der Vega und der Abſchneidung jeglicher Zufuhr, täg⸗ lich entſetzensvoller wurde, die Aufmerkſamkeit jedes geringern Mohren vom Untergang der Stadt auf ſeine perfönlichen Leiden ab. Neue Verfolgungen trafen die unſeligen Juden. Da ſie durchaus keinen Theil an dem Kampf genom⸗ men(wie bei Menſchen zu erwarten ſtand, um deren Intereſſen es ſich bei dem Schickſal des Landes, worin ſie wohnten, nicht handelte, und deren Brüder die Thorheit einer Einmiſchung in den Krieg ſo ſchwer ge⸗ büßt hatten), ſo milderte kein Gefühl von Verbrüderung in der Gefahr den Haß und Abſcheu, der auf ihnen lag; und da in ihrer Gewinnſucht Manche fortfuhren, mitten in der Hungersnoth der Bewohner Nahrungs⸗ mittel zu ungeheuren Preiſen zu verkaufen, ſo gab ſich die Entrüſtung der Menge gegen ſie— bei dem Zu⸗ ſtand der Stadt jedes Zügels und Geſetzes ledig— in ſchauderhaften Ausbrüchen kund. Viele Judenhäuſer wurden angegriffen, geplündert, niedergeriſſen, und die Eigenthümer bis auf den Tod gequält, um über die Schätze, in deren Beſitz man ſie wähnte, Geſtänd⸗ niß zu erhalten. Nicht zu verkaufen, was verlangt wurde, war ein Verbrechen, und es zu verkaufen, war ebenfalls eines. Die Elenden flohen nach jedem Schlupfwinkel, den ihnen die Gewölbe ihrer Häuſer, oder die Höhlen in den innerhalb der Stadt gelegenen Hügeln noch anboten, ihr Schickſal verfluchend und bei⸗ nah ſehnſüchtig nach dem Joch der chriſtlichen Fanatiker. So verſtrichen mehrere Tage; die Vertheidigung der Stadt blieb deren nackten Mauern und mächtigen Thoren überlaſſen. Die helle Sonne ſah auf ver⸗ ſchloſſene Läden und entvölkerte Straßen herab, außer wenn etw aein Haufe geſpenſterhafter, abgezehrter Men⸗ ſchen aus der ärmern Klaſſe ſich in einem plötzlichen Anfall von Wuth oder Verzweiflung um ein geſtürmtes, in Brand geſtecktes Judenhaus drängte. Endlich entriß ſich Boabdil ſelbſt ſeiner Abgeſchie⸗ denheit, und Muſa ward zu ſeinem eigenen Erſtaunen in die Gegenwart des Königes beſchieden. Er fand Dieſen in einem der prachtvollſten Gemächer ſeines prachtvollen Palaſtes. Im Thurm von Comares iſt ein großes Zim⸗ mer, noch auf den heutigen Tag der Saal der Geſandten genannt. Hier hielt Boabdil jetzt Hof. An den ſchimmernden Wänden hingen Trophäen und Fahnen und hie und da das arabiſche Bildniß irgend eines bärtigen Königes. An den genſtern, die auf die lieblichen Ufer des Darro hinab ſchauten, ſtanden dicht gedrängt die Santons und Alfaquis, etwas entfernt von der übrigen Menge. Im Hintergrund öffnete —— — ——— — ſich, Jalb von Draperie verhüllt, der große Hof der Alberca, deſſen Säulengänge mit Blumen behängt waren, während in der Mitte das rieſige Baſſin, das dem Hof ſeinen Namen gibt, das Sonnenlicht auffing, ſo daß das Waſſer aus den umrankenden Roſen heraus ins Auge blitzte. Im Audienzſaal ſelbſt war ein Thronhimmel über Boabdils Sitze mit den Wappeninſignien der Beherr⸗ ſcher Granadas geſchmückt. Leibwächter, Stumme,* Eunuchen, Höflinge, Räthe, Oſfiziere reihten ſich in langer Linie zu beiden Seiten des Thrones. Es ſchien das letzte Flackern der mohriſchen Lebenslampe, dieſes hohle, wirklichkeitsloſe Gepränge! Als Muſa ſich dem Monarchen näherte, erſchrack er über die Veränderung in deſſen Zügen; der junge, ſchöne Boabdil ſchien plötzlich alt geworden zu ſeyn; ſeine Augen waren eingeſunken; ſein Geſicht mit Furchen durchzogen, und ſeine Stimme tönte hohl und gebrochen ins Ohr ſei⸗ nes Verwandten. „Komm her, Muſa,“ ſprach er,„ſetze Dich neben mich und höre auf die Nachrichten, die wir vernehmen werden.“ Nachdem Muſa auf einem Kiſſen, etwas unter dem König, Platz genommen, winkte Boabdil Einem aus dem Gefolge. „Hamet,“ ſprach er,„Du haſt den Zuſtand des chriſtlichen Lagers unterſucht: was Neues bringſt Du?“ *Ein bekannter Titel an den orientaliſchen Höfen. v — M „Licht der Gläubigen,“ erwiederte der Mohr,„es iſt nicht mehr ein Lager,— es iſt bereits eine Stadt geworden. Neun ſpaniſche Flecken wurden mit der Arbeit beauftragt: Stein iſt an die Stelle des Zelt⸗ tuches getreten; Thürme und Straßen erheben ſich wie das Werk eines Zauberers, und der ungläubige König hat geſchworen, ſeine neue Stadt nicht zu verlaſſen, bis ſeine Fahne auf Granadas Mauern weht.“ „Weiter,“ ſagte Boabdil ruhig. „Krämer und Händler kommen täglich in Menge dorthin; der ganze Ort iſt ein Bazaar; Alles was unſerer hungernden Stadt zu Gut kommen ſollte, ſtrömt ſeine Fülle auf jenen Markt aus.“ Boabdil winkte dem Mohren ſich zurückzuzichen und ein Alfaqui trat an deſſen Stelle. „Nachfolger des Propheten und Liebling der Welt,“ ſprach derſelbe,„die Alfaquis und Seher Granadas beſchwören Dich auf ihren Knieen auf ihre Stimme zu hören. Sie haben das Buch des Schickſals befragt, ſie haben ein Zeichen vom Propheten erfleht, und ihr Erfund war, daß der Glanz gewichen iſt von Deiner Krone und Deinem Volke. Granadas Fall iſt vom Geſchick voraus beſtimmt— Gott iſt groß!“ „Ihr ſollt meine Antwort ſogleich erhalten,“ ent⸗ gegnete Boabdil.„Abdelmelic, tritt vor.“ Aus der Menge trat ein bejahrter Mann mit weißem Bart, der Befehlshaber der Stadt. „Sprich, alter Mann,“ ſagte der König. „O Boabdil,“ ſprach der Veteran mit gebrochener Stimme, während die Thränen ihm die Wangen herab floſſen,„Sohn eines Geſchlechtes von Helden und Königen, wäre doch Dein Diener hente todt auf Deine Schwelle gefallen und der Mund eines mohriſchen Edeln nie durch die Worte entweiht worden, die ich jetzt ausſpreche. Unſer Zuſtand iſt hoffnungslos: un⸗ ſere Vorrathshäuſer ſind wie der Sand in der Wüſte; weder für Menſch noch Thier iſt Leben in ihnen. Das Kriegsroß, das ſonſt den Helden trug, wird jetzt als deſſen Speiſe verzehrt, und die Bevölkerung der Stadt ſchreit mit Einer Stimme nach Ketten und Brod!— Ich bin fertig.“ „Laßt die Geſandten Egyptens herein,“ ſprach Boabdil, nachdem Abdelmelic ſich zurückgezogen. Eine Pauſe entſtand; einer der Vorhänge am Ende des Saales wurde weggezogen, und mit der langſamen, geſetzten Majeſtät ſeines Volks und Landes ſchritt ein dunkelbrauner Zug hervor, Abgeſchickte des Soldans von Egypten. Sechs von ihnen trugen koſtbare Ge⸗ ſchenke, in edelm Geſtein und Waffen beſtehend, und zuletzt kamen vier verſchleierte Sklavinnen, deren Schön⸗ heit der Stolz des alten Nilthals geweſen war. „Sonne Granadas und Morgenſtern der Gläubi⸗ gen,“ nahm der Oberſte der Egypter das Wort,„mein Herr, der Soldan von Egppten, die Wonne der Welt und der Roſenbaum des Orients, antwortet alſo auf die Briefe Boabdils: Er bedauert, die von Dir ge⸗ wünſchte Hülfe nicht ſchicken zu können, und findet überdies bei näherer Erkundigung über den Zuſtand Deines Gebietes, daß Granada keinen Seehafen mehr hat, von welchem aus unſere Truppen(könnte er ſolche ſenden) Eingang in Spanien fänden. Er beſchwört Dich, Deine Hoffnung auf Allah zu ſetzen, der ſeine Erwählten nicht verlaſſen wird, und legt dieſe Ge⸗ ſchenke, als ein Pfand ſeiner Freundſchaft und Liebe, zu den Füßen meines Herrn, des Königs.“ „Ein freundliches und zeitgemäßes Geſchenk,“ ent⸗ gegnete Boabdil mit zuckender Lippe;„wir danken ihm.“ Ein langes, todtenhaftes Schweigen folgte, als die Geſandten den Audienzſaal verließen; ſofort erhob Boabdil plötzlich das Haupt von der Bruſt, warf einen königlichen, hoheitsvollen Blick in der Halle umher und ſprach:„Die Herolde Ferdinands von Spa⸗ nien mögen eintreten.“ Unwillkürlich brach ein Seufzer aus Muſas Bruſt und fand ſeinen Widerhall in einem Gemurmel des Abſcheus und der Verzweiflung von Seiten der um⸗ herſtehenden tapfern Heerführer; doch dieſem augen⸗ blicklichen Ausbruch folgte ein athemloſes Schweigen, und hinter einem andern Vorhang hervor, dem könig⸗ lichen Sitz gegenüber, ſchimmerten die glänzenden Har⸗ niſche der ſpaniſchen Ritter. Voran dieſen ſtolzen Gä⸗ ſten, deren ehrne Ferſen laut auf dem eingelegten Bo⸗ den anſchlugen, trat eine edle, ſtattliche Geſtalt, mit Ausnahme des Helms in voller Rüſtung und in einen Mantel von blauem Sammt, worein das ſilberne Kreuz, das Wahrzeichen des Chriſtenkampfes, einge⸗ ſtickt war. Auf ſeinem männlichen Antlitz zeigte ſich 1 16 keine Spur unziemlichen Hochmuths oder Siegesjubels; 1 ſondern etwas von jenem Mitleid, das tapfere Män⸗ 1 3 ner mit bezwungenen Feinden fühlen, dämpfte den 1 Glanz ſeines gebietenden Auges und ſänftigte die ge⸗ 1 wohnte Strenge ſeines kriegeriſchen Benehmens. Er und ſein Gefolge näherten ſich dem König mit tiefer Verbengung, worauf er dem ihn begleitenden Herold, 1 deſſen Gewand auf Bruſt und Rücken die Wappen Spanien eingeſtickt hatte, winkte, ſich ſelbſt ſeines Auftrags zu entledigen. „An Boabdil,“ begann der Herold mit lauter C Stimme, die den ganzen Saal erfüllte, und die ſtumme ſ Verſammlung mit verſchiedenen Gefühlen durchzuckte, 2 „an Boabdil el Chico, König von Granada, ſenden Ferdinand von Arragon und Iſabella von Caſtilien g ihren königlichen Gruß. Sie befehlen mir ihre Hoff⸗ 6 nung auszudrücken, daß der Krieg endlich zu Ende ſey, g und bieten dem Könige von Granada ſolche Bedingun⸗ d gen der Uebergabe, wie ſie ein König annehmen kann, n ohne ſich zu entehren. Im Austauſch für dieſe Stadt, welche die allerchriſtlichſten Majeſtäten billigermaßen E mit ihrem eigenen Gebiet wieder vereinigen wollen, bieten ſie, o König, Eurem Scepter fürſtliche Beſitzun⸗ 2 gen in den Alpurarras⸗Gebirgen als Lehn der ſpani⸗ e ſchen Krone. Dem Volk von Granada verſprechen ihre d allerchriſtlichſten Majeſtäten vollen Schutz des Eigen⸗ te thums, Lebens und Glaubens, unter ſelbſtgewählten h Obrigkeiten, die es nach ſeinen eigenen Geſetzen regie⸗ WM VN W 101 ren; Erlaſſung der Abgaben auf drei Jahre und ſo⸗ dann eine Regulirung der Steuern nach dem Fuß und Umfang ſeiner jetzigen Taxen. Solchen Mohren, die, unzufricden mit dieſen Vorkehrungen, Granada ver⸗ laſſen wollen, wird freier Abzug für ſich und ihre ganze Habe zugeſichert. Zur Erwiederung für dieſe Zeichen ihrer königlichen Milde fordern ihre allerchriſt⸗ lichſten Majeſtäten Granada auf, ſich innerhalb ſiebzig Tagen, falls unterdeſſen kein Succurs für die Bela⸗ gerten anlangt, zu ergeben. Dieſe Anerbietungen ſind hiemit feierlich verkündigt in Gegenwart und durch Sendung des edeln und preiswürdigen Ritters Gon⸗ ſalvo de Cordova, Abgeordneten ihrer allerchriſtlichſten Majeſtäten aus ihrer neuen Stadt Santa Fè.“ Als der Herold geendet, warf Boabdil das Auge auf ſeinen dicht gedrängten, glänzenden Hof. Kein Feuerblick begegnete dem ſeinigen; unter der ſchwei⸗ genden Menge machte ſich blos eine reſignirte Zufrie⸗ denheit bemerkbar; die Vorſchläge übertrafen die Er⸗ wartung der Belagerten. „Und,“ fragte Boabdil mit einem tief geholten Seufzer,„wenn wir die'e Anerbiekungen verwerfen 2“ „Edler Fürſt,“ erwicderte Gonſalvo angelegen, „heiß mich Dein Ohr nicht mit dem Ent chluß für den entgegengeſetzten Fall verwunden. Ueberlege und be⸗ denke unſere Erbietungen; und zweifelſt Du noch, tapferer König, ſo beſteige die Thürme Deiner Al⸗ hambra, überſchaue unſere Legionen Reih um Reihe vor Deinen Mauern, und wende dann Deine Augen — —— 2 — auf ein tapferes Volk, das nicht menſchlicher Kraft, ſondern dem Hunger und dem unerforſchlichen Willen Gottes erlegen iſt.“ „Eure Beherrſcher, edler Chriſt, ſollen unſere Antwort haben, vielleicht eh die Nacht anbricht. Und Du, braver Ritter, der einem König eine bittere Bot⸗ ſchaft gebracht hat, empfange mindeſtens unſern Dank für ein Benehmen, das den Inhalt derſelben möglichſt mildern wollte. Unſer Veſſir wird in Dein Gemach ſolche Zeichen der Erinnerung bringen, wie ſie Gra⸗ nadas Monarch noch zu geben vermag., „Muſa,“ nahm der König wieder das Wort, als die Spanier abgetreten waren—„Du haſt Alles an⸗ gehört. Was iſt der letzte Rath, den Du Deinem Oberhaupte ertheilen kannſt?“ Der kühne Mohr hatte mit Mühe bis zu dieſer Aufforderung gewartet, um Geſinnungen laut werden zu laſſen, die nur der Tod aus dieſer Heldenbruſt ver⸗ drängen konnte. Er erhob ſich, ſtieg von ſeinem Sitze herab, ſtellte ſich etwas unter den König und ſprach, das Geſicht der verſchiedenartigen Menge zugewendet, die Alles in ſich faßte, was von Weisheit oder Tapfer⸗ keit in Granada noch übrig war, alſo: „Warum uns ergeben? Zweimalhunderttauſend Einwohner find noch innerhalb unſerer Mauern; unter dieſen mindeſtens zwanzigtauſend Mohren, die Arme und Schwerter haben. Warum uns ergeben? Zwar drängt uns Hunger; aber ſoll er, der den Löwen furchtbarer macht, den Menſchen feiger machen? Ver⸗ gef fich ſam M 103 zweifelt ihr? Sei's drum! Verzweifiung im Tapfern muß eine unwiderßtehliche Kraft haben. Verzweiflung hat Memmen tapfer gemacht: ſoll ſie Tapfere zu Mem⸗ men herabwürdigen? Laßt uns das Volk aufregen; bisher haben wir zu ſehr blos auf die Edeln gerechnet. Laßt uns unſere ganze Macht ſammeln und gegen dieſe neue Stadt ziehen, während die ſpaniſchen Soldaten in ihrem neuen Beruf als Baumeiſter und Maurer beſchäftigt ſind. Hör mich, o Gott und Prophet der Muſelmanen! höre Einen, der Dir nie untreu ward! Wenn ihr, Mohren von Granada, meinem Rath fel⸗ get, ſo kann ich euch nicht den Sieg verſprechen, aber ich verſpreche euch, daß ihr nie ohne denſelben leben werdet; ich verſpreche euch mindeſtens eure Unabhäng⸗ gigkeit— denn die Todten kennen keine Ketten. Laßt uns ſterben, wenn wir nicht leben können, daß wir noch in den fernſten Zeiten einen Ruhm haben mögen, der dauernder ſeyn wird, als irgend ein Menſchenreich. König von Granada, dies iſt der Rath Muſa's Ben Abil Gaſan.“ Der Prinz ſchwieg. Aber er, deſſen ſchwächſtes Wort ſonſt Feuer in das dumpfſte Herz gehaucht, hatte diesmal ſeinen Muth auf kalten, lebloſen Stoff aus⸗ geſtrömt. Niemand antwortete— Niemand rührte ſich. Boabdil allein, an den Schatten einer Hoffnung fich anklammernd, wendete ſich endlich gegen die Ver⸗ ſammlung. „Krieger und Weiſe,“ ſprach er,„da Muſa's Rath der Wunſch Eures Königes iſt, ſo ſprecht nur Euer Ja ——————— S———— aus, und ehe der letzte Sand dieſer Stunde verrinnt, ſoll der Klang unſerer Trompeten durch die Vivarrambla ſchmettern.“ „O König, ſicht nicht gegen den Willen des Schick⸗ ſals— Gott iſt groß!“ erwiederte das Oberhaupt der Alfaquis. „Ach!“ rief Abdelmelie,„läßt die Stimme Muſa's und Deine eigene, o Boabdil, uns ſo kalt, wie willſt Du vollends die leb⸗ und herzloſe Menge auf⸗ regen?“ „Iſt dies Eure allgemeine Anſicht und Euer allge⸗ meiner Wille?“ fragte Boabdil. Ein gemeinſames Murmeln antwortete:„Ja!“ „So geh denn, Abdelmelic,“ nahm der ſeinen Sternen verfallene König wieder das Wort;„geh mit dieſen Spaniern ins Chriſtenlager, und bring uns ſo gute Bedingungen, als Dir zu erhalten möglich ſeyn wird. Die Krone iſt vom Haupt El Zogoybi's ge⸗ wichen. Das Schickſal drückt ſein Siegel auf meine Stirne. Unglücklich war der Anfang meiner Regierung — unglücklich deren Ende. Der Divan iſt aufgehoben.“ Boabdils Rede rührte die Zuhörer, denen ſeine Freundlichkeit, ſein Verſtand, ſein natürlicher Muth noch nie ſo lebendig vor die Seele getreten, auf's Innigſte. Viele warfen ſich ihm mit Seufzern und Thränen zu Füßen, und die Menge drängte ſich an ihn, den Saum ſeines Mantels zu berühren. Muſa blickte in tiefer Verachtung mit gekreuzten Armen und ſchwellender Braſt auf ſie. ( 1 ꝙ — c d e 6 6 dur rer *s ſt e⸗ en nit yn e⸗ ne ng — ne t f's nd an en „Weiber, nicht Männer!“ rief er;„Ihr vergießt Thränen, als hättet Ihr kein Blut mehr zu vergießen! Ihr verſöhnt Euch mit dem Verluſt der Freiheit, weil man Euch ſagt, Ihr werdet nichts Anderes verlieren! Thoren und Betrogene! Von dem Ort aus, auf wel⸗ chem meine Seele über Euch wegſchaut, ſehe ich die dunkle, ſchauerliche Zukunft, der Ihr auf Euern Knieen entgegen kriechet: Knechtſchaft und Beraubung— Gewaltthat roher Luſt— Verfolgung des feindlichen Glaubens— Euer Gold Euch durch die Folter abge⸗ preßt— Euer Name vom Boden ausgerottet! Tragt dies und denkt an mich! Lebe wohl, Boabdil; Dich bemitleide ich nicht; denn in Deinen Gärten wächſt noch ein Gift, in Deinen Rüſtkammern iſt noch ein Schwert. Lebt wohl, Edle und Santons von Gra⸗ nada! Ich verlaſſe mein Vaterland, ſo lange es noch frei iſt.“ Kaum hatte er geendet, als er aus dem Saale verſchwand. Es war, als ob Granadas Schutzgeiſt den Ort verließe. Viertes Kapitel. Die Begebenheit des einſamen Reiters. Es war ein brennender, ſchwüler Mittag, als durch ein von rauhen, ſteilen Hügeln begrenztes, meh⸗ rere Meilen von Granada gelegenes Thal ein Reiter Bulwer's Romane. LXXVI. in vollſtändiger Rüſtung ſeinen einſamen Weg hinzog. Sein Harniſch war ſchwarz und ſchmucklos, auf ſeinem Helm flatterte keine Feder. Aber in Geſtalt und Hal⸗ tung und der auffallenden Schönheit des kohlſchwarzen Pferdes lag etwas, was auf höheren Rang zu deuten ſchien, als, bei der Abweſenheit von Pagen und Knap⸗ pen und der Schlichtheit des Anzuges, ein oberflächlicher Blick vielleicht bemerken mochte. Der Rittex ritt ſehr langſam und ſein Hengſt hielt, mit der Freiheit eines verzogenen Günſtlings, unterwegs oft auf ſeinem heißen Pfade an, wenn ihn ein Grasfleckchen oder der Zweig 8 — eines überhangenden Baumes lockte. Als er einmal ſo daſtand, ließ ſich ein Geräuſch in dem benachbarten, die ſteile Bergwand bekleidenden Gebüſch hören; das Roß fuhr zurück und weckte den Wanderer aus tiefen d Gedanken. Mechaniſch blickte er auf und ſah die Ge⸗ d ſtalt eines Mannes mit ſchnellen, unregelmäßigen 2 Schritten durch die Bäume herabkommen. Die Ge⸗ ſtalt paßte zu der Stille und Einſamkeit des Ortes, und hätte für einen jener ſtrengen Klausner ange⸗ fi ſprochen werden dürfen, die, halb Einſiedler, halb 3 Krieger, während der Kreuzzüge ihr wildes Haus in den Sandflächen und Höhlen Paläſtinas aufſchlugen. Der Unbekannte ſtützte ſich auf einen langen Stab; Haar und Bart hingen ihm lang und wirr über die breiten Schultern. Ein verroſteter Panzer, ehedem 6 von reichen Arabesken funkelnd, ſchützte ſeine Bruſt; das weite Gewand aber— eine Art Waffenrock, der unter dem Harniſch hervorſah— war zerriſſen, ja zer⸗ g. ⸗ en p⸗ er hr es en ig al 16 en E⸗ n fetzt, und die Füße bloß; im Gürtel ſtack ein kurzer, gekrümmter Säbel, ein Meſſer oder Dolch, und eine mit Eiſen gebundene Pergamentrolle. Als der Reiter dieſen plötzlichen Eindringling er⸗ blickte, bebte ſeine ganze Geſtalt vom Sturm ſeiner Empfindung; er richtete ſich zu ſeiner ganzen Höhe auf und rief mit lauter Stimme:„Dämon oder San⸗ ton— was von Beiden Du ſeyn magſt— was ſuchſt Du an dieſem einſamen Ort, fern von dem König den Dein Rath betrog, und der Stadt, die Deine falſchen Prophezeiungen und unheiligen Zauber verra⸗ then haben?“ „Ha!“ entgegnete Almamen, denn allerdings war es der Israelite,„an Deinem ſchwarzen Roſſe und dem Ton Deiner ſtolzen Stimme erkenn' ich den Hel⸗ den Granadas. Und ſo frag' ich denn vielmehr Dich, Muſa Ben Abil Gaſan, warum biſt Du abweſend von dem letzten Haltpunkt des Maurenreiches?“ „Gibſt Dn vor, die Zukunft zu leſen und biſt blind für die Gegenwart? Granada hat ſich den Spaniern ergeben. Ich allein habe ein Sklavenland verlaſſen, und will in Afrika, der Heimat unſerer Väter, einen Ort ſuchen, den der Fuß der Ungläubigen noch nicht entweiht hat.“ „So iſt denn das Schickſal des einen Götzendien⸗ ſtes vollendet,“ ſprach Almamen düſter;„aber der an⸗ dere, welcher dafür eintritt, iſt noch lichtloſer.“ „Hund!“ rief Muſa und legte die Lanze ein,„wer biſt Du, daß Du alſo das Heilige ſchmäheſt?2 8* „Ein Jude,“ erwiederte Almamen mit einer ehr⸗ nen Stimme und zog den Säbel,„ein verachteter und verachtender Inde! Fragſt Du mehr? ich bin der Ab⸗ kömmling eines Geſchlechtes von Königen. Ich war der ärgſte Feind der Mohren bis ich die Nazarener für noch haſſenswerther, als die Moslem's, erfand, und von da an kämpfte Muſa ſelbſt nicht ruhmvoller für ſeine Brüder, als ich. Komm jetzt, wenn Du willſt, Mann gegen Mann: ich biete Dir Trotz!“ „Nein, nein,“ verſetzte Muſa und ſenkte die Lanze; „Dein Panzer iſt roſtig vom Blut der Spanier: mein Arm kann ſich gegen den Tödter der Chriſten nicht erheben. Scheiden wir in Frieden.“ „Halt, Prinz,“ ſprach Almamen mit veränderter Stimme:„iſt Dein Vaterland das Einzige, was Dir theuer? Iſt Frauenlächeln nie durch Deine Rüſtung gedrungen? Hat Dein Herz nie für ein ſanfteres Zuſammentreffen geſchlagen, als für die Begegnung des Feindes?“ „Hör' ich recht?“ entgegnete Muſa.„Du haſt mich errathen, und könnte Dein Zauber dieſen Augen nur Einmal noch den Anblick des Einzigen verſchaffen, was mir auf Erden noch geblieben iſt, ſo würde ich ſo gläubig an Deiner Magie hangen, als Boabdil.“ „Du liebſt ſie alſo immer noch— dieſe Leila?“ „Dunkler Nekromant, haſt Du mein Geheimniß geleſen und weißt den Namen meiner Geliebten? Ach, ſo laß mich Dich wirklich für einen Seher halten und enthülle mir den Ort der Erde, der den Schatz meiner der Au du: fol die übe wö wei wel ſchö dert Füh tete hr⸗ und Ab⸗ var ner nd, ller Du ein icht ter ir ng res ng aſt en n, iß nd er 109 Seele bewahrt! Ja,“ fuhr der Mohr mit ſteigender Bewegung fort und öffnete das Viſier, wie um Luft zu ſchöpfen—„ja, Allah vergebe mir's, aber als Alles verloren war in Granada, hatt' ich immer noch Einen Troſt beim Scheiden aus meiner unglücklichen Heimat: es ſtand mir jetzt frei, Leila aufzuſuchen; es war möglich, meiner Fahrt ins ferne Land ein Weſen beizugeſellen, neben deſſen Blick die Angen der Huris dämmerig werden würden. Doch ich verliere Zeit: ſag' mir, wo Leila iſt, und führe mich zu ihren Füßen!“ „Moslem, ich will Dich zu ihr führen,“ erwie⸗ derte Almamen und blickte den Prinzen mit einem Ausdruck ſeltſamen, furchtbaren Triumphes in den dunkeln Augen an:„ich will Dich zu ihr führen— folge mir. Erſt geſtern Abend erfuhr ich, welche Wände ſie einſchließen, und von jener Stunde bis zu dieſem Augenblick bin ich ohne Ruhe und Nahrung über Berg und Wüſte gewandert.“ „Aber was iſt Leila für Dich?“ fragte Muſa arg⸗ wöhniſch. „Du ſollſt es bald genug erfahren. Gehen wir weiter.“ Damit ſtürzte Almamen mit einer Kraft vorwärts, welche nur die Aufregung ſeiner Seele in ſeinen er⸗ ſchöpften Körper gießen konnte. Muſa trieb verwun⸗ dert ſein Pferd an und ſuchte den gehe mnißvollen Führer in ein Geſpräch zu ziehen; aber Almamen ach⸗ tete kaum auf ihn. Sein langes Faſten, ſein einſa⸗ mes Wandern, ſeine Herzensqual, die raſchen Glücks⸗ ——— 11⁰ wechſel, die er durchgemacht, und vor Allem die ver⸗ zehrende Wuth ſeiner Leidenſchaften hatten die halb verrückten Gefühle, die ſchon ſeit Monaten die natür⸗ liche Schärfe ſeines Geiſtes getrübt, der Grenze wirk⸗ lichen Wahnſinns näher und näher gebracht, und wenn er ſein düſteres Schweigen brach, ſo geſchah es blos durch einzelne, kurze Ausrufungen, oft in einer für das Ohr ſeines Gefährten fremden Sprache. Der kühne Maure, wenn auch gegen den Aberglauben ſeines Volkes nicht ſo ſehr durch philoſophiſche Bildung als durch die Verachtung eines Heldenherzens geſtählt, fählte ſich gleichwol von Schauder beſchlichen, wenn er, umgeben von rieſigen Felſen und einſamen Schluchten, dann und wann auf die unheimliche Geſtalt und die funkelnden Augen des berufenen Zauberers blickte, und mehr als Einmal murmelte er diejenigen Verſe aus dem Koran, die bei ſeinen Landsleuten als Gegenzau⸗ ber wider den Einfluß böſer Geiſter galten. Eine Stunde lang mochten ſie alſo fortgezogen ſeyn, als Almamen plötzlich ſtehen blieb.„Ich bin ermattet,“ ſprach er mit ſchwacher Stimme,„und ſo dringend auch meine Eile ſeyn ſollte, beſorge ich doch, meine Kraft möchte vor dem Ziel erliegen.“ „So ſteig hinter mir auf,“ entgegnete der Mohr nach einigem Zaudern.„Biſt Du auch ein Jude, ſo will ich die Befleckung um Leilas willen verwinden.“ „Mohr,“ rief der Hebräer grimmig,“„die Be⸗ fleckung würde auf meiner Seite ſeyn. Unter Dingen von Geſtern her, wie Dein Prophet und Dein Glaube —— — +— c— er⸗ lb ir⸗ rk⸗ nn os ür er s ie nd U⸗ en in h, hr ſo E⸗ en find, vermagſt Du die Tiefen des Abſcheus nicht zu ermeſſen, den jedes dem Alten der Tage treue Herz gegen Dich und Deines Gleichen empfindet.“ „Bei der Kaaba!“ erwiederte Muſa, und es ward finſter auf ſeiner Stirn:„noch ein ſolches Wort, und die Hufe meines Roſſes ſollen Dir den gottesläſtern⸗ den Odem aus dem Leibe ſtampfen.“ „Ich würde Dich herausfordern, wer dem Andern den Tod zu geben vermag,“ verſetzte Almamen ver⸗ ächtlich;„aber ich ſpare mir den tapferſten der Mohren zum Zeugen für eine That auf, die eines Abkömm⸗ lings von Jepbtha würdig iſt. Doch ſtill! ich höre Hufe!“ Muſa horchte und an ſein ſcharfes Ohr drang aus einiger Entfernung Pferdetritt auf dem harten, ſteini⸗ gen Boden. Er wendete ſich und ſah, wie Almamen, in das dichte Unterholz ſchlich, ſo daß die Zweige ſeine Geſtalt verſteckten. Gleich darauf machte eine Krüm⸗ mung des Pfades einen ſpaniſchen Ritter auf einem andaluſiſchen Zelter bemerklich; fröhlich ſang er eine der Volksballaden jener Zeit, und da ſich dieſelbe auf die Thaten der Spanier gegen die Mauren bezog, war Muſas ſtolzes Blut augenblicklich in Aufruhr, und ſein Schnurrbart zitterte über der Lippe.„Ich will die Weiſe ändern,“ flüſterte er, und faßte die Lanze, als er, noch in demſelben Moment, den Spanier plötzlich im Sattel taumeln und der Länge nach zu Boden fal⸗ len ſah. In dem gleichen Augenblick hatte Almamen aus ſeinem Verſteck einen Sprung hervor gethan, ſich auf des Ritters Pferd geſchwungen und ſeine Stelle neben dem Prinzen wieder erreicht, eh dieſer von ſei⸗ nem Erſtaunen noch zu ſich gekommen. „Durch welchen Zauber,“ fragte Muſa, und hielt den ſich bäumenden Berber,„haſt Du den Spanier ohne ſichtbaren Schlag gefällt?“ „Wie David den Goliath niederſtreckte— durch Kieſel und Schleuder,“ antwortete Almamen gleichgül⸗ tig.„Jetzt in geſtrecktem Lauf vorwärts, wenn es Dich drängt, Deine Leila zu ſehen!“ Die Reiter ſetzten über den Leib des betäubten Spaniers weg. Baum und Berg tanzten vorüber, allmälig verſchwand das Thal und ein dichter Wald blickte finſter über den Weg herein. Immer noch trie⸗ ben ſie raſch an, obwol das dichte Gebüſch und die Unebenheit des Bodens ihrer Bahn gar manches Hemm⸗ niß entgegenſetzten. Endlich, als die Sonne ſich zum Sinken neigte, gelangten ſie auf einen freien, ziemlich kreisförmigen Raum, um welchen her Bäume vom höchſten Alter ihre bewegungloſen, ſchattenden Zweige breiteten. In der Mitte des Raſengrundes lag ein alter, rauher Stein, der dem Altar irgend einer bar⸗ bariſchen, hingeſchwundenen Religion ähnelte. Hier hielt Almamen auf Einmal an und flüſterte unver⸗ ſtändlich in ſich hinein. „Was bewegt Dich, dunkler Fremdling?“ fragte der Mohr,„und was blickſt Du murmelnd auf dieſen Platz?“ Almamen gab keine Antwort, ſondern ſtieg ab, — ———— — band den Zügel an den Zweig einer hohlen, verwit⸗ terten Ulme, und ſchritt allein in die Mitte des Rau⸗ mes vor.„Furchtbare prophetiſche Macht in mir,“ begann er,„dies iſt alſo der Ort, den Du mir in Träumen und Geſichten vorausgezeigt, um darauf den Schwur auszuſprechen, der den Geiſt von der letzten Schwäche des Fleiſches befreien ſoll! Nacht um Nacht haſt Du in Dunkel und Schlaf die weihevolle Oede, die mich hier umgibt, mir vor's Auge gebracht. Sey es ſo: ich bin bereit!“ Damit zog er ſich ein paar Augenblicke ins Ge⸗ hölze zurück, ſammelte einen Arm voll von dem welken Laub und Reiſig, das den wilden Boden bedeckte und legte es als Brandſtoff auf den Stein. Dann wendete er ſich gegen Oſten und ſprach mit erhobenen Händen: „Sieh, auf dieſem Altar, einſt vielleicht von wilden Heiden errichtet, verſpricht Dir, o Namenloſer, der letzte kühne Geiſt in Deinem gefallenen und zerſtreuten Volke, jenes koſtbare Opfer, das Du einſt in grauen Zeiten von einem Vater gefordert. Nimm die Gabe gnädig auf.“ Nach dieſem Gebet zog er ein Fläſchchen aus dem Buſen und ſprengte ein paar Tropfen auf das dürre Laub. Eine bleiche, blaue Flamme loderte ſogleich empor, und wie ſie die geſpenſtiſchen, ernſten Züge des Israeliten beleuchtete, fühlte Muſa ſein heißes Mohrenblut er⸗ ſtarren und ſchauderte, ohne recht zu wiſſen warum. Almamen ſchnitt ſich mit dem Dolch eine der langen Locken ab und warf ſie ins Feuer. Er ſah zu, bis fie verzehrt war, dann fiel er mit einem unterdrückten Schrei in todtengleicher Ohnmacht auf die Erde nieder. Der Maure eilte zu ihm, hob ihn auf, rieb ihm Hände und Schläfen und löste ihm das Gewand auf der Bruſt; er vergaß, daß ſein Gefährte ein Jude und Zauberer war, ſo ſehr hatte der grauſame Seelenſchmerz deſſel⸗ ben ſein Mitgefühl erregt. Erſt nach Verfluß mehrerer Minuten kam Almamen mit einem tiefen Seufzer wieder zu ſich.„Ach, Ge⸗ liebte, Braut meines Herzens,“ flüſterte er,„haſt Du mir hiezu das einzige Pfand unſerer jugendlichen Liebe empfohlen? Verzeihe mir! Ich gebe es der Erde zu⸗ rück, unbefleckt von den Heiden.“ Wieder ſchloß er die Augen, und heftige Zuckungen erſchütterten ſeinen Leib. Der Anfall war endlich vorüber, und er erhob ſich wie ein Mann aus einem furchtbaren Traume, beru⸗ higt und beinahe erfriſcht durch die Schrecken, die über ihn hingegangen. Das letzte Glimmen der blauen Flamme erloſch auf dem alten Altar, und ein leiſer Wind ſchlich ſeufzend durch die Bäume. „Zu Pferd, Prinz!“ ſprach Almamen ruhig, aber die Augen von dem Stein abwendend;„Jjetzt hält uns nichts mehr auf!“ „Willſt Du mir Deine Beſchwörung erklären?“ fragte Muſa;„oder war ſie, wie meine Vernunft mir ſagt, ein bloſes Gaukelſpiel?“ „Ach!“ erwiederte der Hebräer mit trauervollem, verändertem Ton,„bald wirſt Du Alles wiſſen!“ ————— — —— Fünftes Kapitel. Das Opfer. Langſam ſank die Sonne durch jene dem iberiſchen Himmel eigenthümlichen Maſſen von Purpurgewölke hinab, als die aus dem Wald hervorkommenden Wan⸗ derer eine liebliche kleine Cbene vor ſich erblickten, die wie ein Garten bebaut war. Reihen von Orangen⸗ und Citronenbäumen hatten zum Hintergrund das dun⸗ kelgrüne Laub der Reben, und dieſes fand wiedern einen Saum in einem Gürtel von Wallnußbäumen, Eichen und dem tiefen Dunkel der Pinien, während der ferne, dämmernde Umriß der Gebirgskette, der ſich von der weichen Färbung des Himmels kaum un⸗ terſcheiden ließ, dem Geſichtkreis ſchloß. Durch das reizende Gelände zog ein ſchmaler, flimmernder Bach, und ſammelte ſeine Waſſer in einem runden Becken, über welches Roſe und Orange ihre verſchiedenartigen Blüten herein beugten. Auf einer kleinen Anhöhe erhoben ſich die Thürme eines Kloſters, deſſen lange Bogenfenſter, obwol es noch volles Tageslicht, von Innen beleuchtet waren, und ais die Reiter ihre Au⸗ gen auf das Gebände warfen, wogte der Klang hei⸗ liger Geſänge— in ſeiner Lieblichkeit und Feierlich⸗ keit noch gehoben durch ſeine Ferne, durch die Stille des Momentes, durch die plötzlich hervorgetretene An⸗ muth der einſamen Gegend, die ſo gut zu der frommen 116 Ruhe des Kloſterlebens paßte,— melodiſch durch die balſamiſche, klare Luft. Doch dieſer Anblick und dieſer Laut, ſo geeignet, um Milde und Einklang in die Gedanken zu bringen, ſchienen Schmerz und Wuth in Almamen zu wecken. Er ſchlug ſich die Bruſt mit der geballten Fauſt, und mit dem Schrei:„Gott meiner Väter! bin ich zu ſpät ge⸗ kommen?“ grub er die Sporen bis unter die Räder in die Seiten ſeines keuchenden Renners. Auf dem Ra⸗ ſen hin, durch das duftige Geſträuch, über den kleinen, kieſeligen Bach, den Hügel zum Kloſter hinauf, ſprengte der Israelit. Muſa, verwundert und halb widerſtrehend, folgte in einiger Entfernung. Deutlicher und näher erſchollen die Stimmen des Chores; heller und freier ſchimmerten die Lichter aus den gothiſchen Fenſtern; die Vorhalle der Kloſterkapelle war erreicht; der He⸗ bräer ſprang vom Pferde. Eine kleine Gruppe der dem Kloſter hörigen Landleute weilte ehrfurchtsvoll vor dem Thor: wie ein Raſender durch ſie hin ſtürzend trat Almamen in die Kapelle und verſchwand. Eine Minute verſtrich. Muſa hatte das Thor er⸗ reicht, hielt aber nnentſchloſſen an, eh' er abſtieg. „Was für eine Feier wird da drin gehalten?“ fragte er die Landleute. „Eine Nonne legt das Gelübde ab,“ erwiederte Einer von ihnen. Ein Schrei der Entrüſtung, des Entſetzens ließ ſich drinnen vernehmen. Muſa zögerte nicht länger; er gab ſein Pferd einem der Umſtehenden, ſchob den — vt ————————————— 117 ſchweren Vorhang über der Schwelle zurück und ſtand in der Kapelle. Neben dem Altar drängte ſich eine wirre, unge⸗ ordnete Gruppe:— die Schweſtern mit der Aebtiſſin. Um das heilige Gitter ſammelten ſich athemlos und er⸗ ſtaunt die Zuſchauer. Ueber Alle hervorragend, auf der höchſten Stufe des geweihten Ortes, ſtand Almg⸗ men, den gezogenen Dolch in der Rechten, den linken Arm um eine Novizin geſchlungen, deren Kleid, noch nicht durch das härene Gewand verdrängt, ſie als die⸗ jenige anzeigte, die den Schleier nehmen ſollte. Dieſer gegenüber, die eine Hand auf ihrer Schulter, mit der andern ein Crucifir haltend, erhob ſich eine ſtrenge, ruhige, gebietende Geſtalt in der weißen Tracht des Dominikanerordens: es war Thomas von Torquemada. „Hinweg Abaddona!“ lauteten die erſten Worte, die in Muſas Ohr drangen, als er unbemerkt in der Mitte der Kirche anhielt.„Hier helfen Dir Deine Zau⸗ berkünſte nicht! Laß die Gottgeweihte los!“ Sie gehört mir! ſi iſt mein Kind! ich fordere ſie von Dir als ihr Vater im Namen des großen Vaters der Menſchen!“ „Faßt den Zanberer! faßt ihn!“ rief der Inquifi⸗ tor, als ſich Almamen mit einer plötzlichen Bewegung Bahn durch die zerſtreute, entſetzte Menge brach, und mit der Tochter in den Armen in den freien Raum vortrat. Aber kein Fuß rührte, keine Hand erhob fich. Der dem Eindringling gegebene Name hatte einen pani⸗ ſchen Schrecken unter die Zuhörer geworfen, und lieber würden ſie einem Tieger in ſeinem Lager entgegenge⸗ ſtürzt ſeyn, als dem erhobenen Dolch und wilden Ant⸗ litz des grimmen Unbekannten. „O mein Vater,“ ſprach jetzt eine leiſe, wankende Stimme, die den Mohren wie ein Laut aus dem Grab durchſchauderte,„kämpfe nicht gegen die Beſchlüſſe des Himmels. Deine Tochter ward zu ihrer heiligen Wahl nicht gezwungen. In Demuth, aber in Glauben, zu der Lehre Chriſti bekehrt, wünſcht ſie nichts Anderes guf Erden, als das heilige, ewige Gelübde abzu⸗ legen.“ „Ha!“ ſtöhnte der Hebräer, indem er die ihm zu Füßen Fallende plötzlich los ließ,„ſo hab' ich denn wirklich das Aergſte vernommen! Der Schleier iſt zerriſſen— der Geiſt hat den Tempel verlaſſen. Deine Schönheit iſt entheiligt; Deine Geſtalt iſt nur noch ver⸗ ächtlicher Staub.— Hund!“ rief er grimmiger und blickte auf das unbewegte Geſicht des Inquiſitors,„das iſt Dein Werk! aber Du ſollſt nicht triumphiren!— Hier, vor Deinem Altar biet' ich Dir Troz, wie vorher un⸗ ter den Folterbänken Deines entmenſchten Gerichtshofs. — So— ſo— ſo befreit Almamen, der Jude, die Letzte ſeines Hauſes von dem Fluch des Galiläers.“ „Halt, Mörder!“ rief eine Donnerſtimme und ein bewaffneter Mann brach durch die Menge und ſtand vor dem Wüthenden. Es war zu ſpät: dreimal hatte der Stahl des Hebräers die unſchuldige Bruſt durch⸗ drungen; dreimal hatte er ſich mit dem jungfräulichen NM ð— P— d N— —— M — v— 1¹9 Blut gefärbt. Leila ſank in die Arme ihres Geliebten; ihre dämmernden Augen ruhten auf ſeinem Antlitz, das ihr unter dem erhobenen Viſier entgegen ſah— ein ſchwaches, zärtliches Lächeln ſpielte um ihre Lippen:— Leila war nicht mehr. Almamen warf einen haſtigen Blick auf ſein Opfer und ſtürzte dann mit einem wilden Gelächter, das jedes Echo in den düſtern Mauern weckte, von dem Ort weg. Die blutige Waffe über dem Kopf ſchwin⸗ gend drang er durch die bebende Menge, und ehe ſelbſt der Dominikaner in ſeiner Beſtürzung eine Stimme gefunden, klang der Hufſchlag ſeines in wilden Lauf geſetzten Roſſes durch die Luft: noch ein Augenblick— und Alles war ſtill. Aber über die ermordete Jungfrau beugte ſich knieend der Mohr, als glaubte er noch nicht an ihren Tod; ihr, der glänzenden Locken noch nicht beraubtes Haupt auf ſeinen Schoß gelehnt, ihre eiſige Hand feſt in der ſeinigen haltend, ſeine Rüſtung von ihrem Blut überquollen. Nienkand ſtörte ihn; denn unter dem Gewand des chriſtlichen Ritters argwöhnte Niemand einen fremden Glguben, und Alle, ſelbſt der Domini⸗ kaner, empfanden einen Schauder des Mitgefühls über ſein Wehe. Mit der Schnelligkeit der Auffaſſung, die jenem Himmelsſtriche eigen iſt, verſtand man ſogleich, ein Liebender ſey derjenige, welcher die ſchöne Leiche hielt. Wie er hergekommen, in welcher Abſicht, welcher Hoffnung, darüber jetzt Vermuthungen aufzuſtellen, war die Denkkraft durch das Mitleid zu ſehr gehemmt. Stumm und bewegungslos kniete Muſa, bis einer der Mönche hinzu trat und den Puls fühlen wollte, um ſich zu vergewiſſern, ob das Leben wirklich ganz ent⸗ flohen ſey. Der Mohr winkte ihm zuerſt gebieteriſch hin⸗ weg; als er aber ſeine Abſicht errieth, ließ er ihn ſtill die geliebte Hand faſſen. Er heftete die dunkeln, flehenden Augen auf ihn, und als der Bruder die Hand wieder ſinken ließ und ſich mit ſanftem Kopf⸗ ſchütteln abwendete, war ein tiefer, martervoller Seuf⸗ er das Einzige, was die Zuhörer von dem Herzen vernahmen, worein der letzte Pfeil des Schickſals ge⸗ drungen. Heiß küßte er Stirn, Wangen, Lippen des verſtummten, engelhaften Antlitzes— und erhob ſich. „Was thuſt Du hier, und was weißt Du von jenem mörderiſchen Feinde Gottes und der Menſchen?“ fragte der Dominikaner, hinzutretend. Muſa antwortete nicht und ſchritt langſam durch die Kapelle. Die Zuſchauer waren zu plötzlichen Thrä⸗ nen gerührt.„Laß ihn!“ rief man faſt mit Einem Tone dem rauhen Inquiſitor zu,„er hat keine Stimme um Dir zu antworten.“ So, unter dem häülfreichen Kummer und Mitleid des chriſtlichen Haufens, erreichte der unbekannte Mu⸗ ſelman das Thor, beſtieg ſein Pferd, und als er ſich noch einmal umwendete und einen ſchnellen Blick auf das verhängnißvolle Gebäude warf, ſahen die Umſte⸗ henden große Thränen von ſeinen braunen Wangen niederrollen. W 6 n ka G a kur nif taf der ſchi wo ſeit wa ten — Die wo als ment bens on 2 Langſam ſtieg das kohlſchwarze Roß den Hügel wieder herunter, durchſchritt den ſtillen, lieblichen Garten, und verſchwand im Walde. Und weder Chriſt noch Mohr erfuhren je, was von da an aus dem Hel⸗ den Granadas geworden. Habe er die Küſte des afri⸗ kaniſchen Ahnenlandes erreicht, und dort ein neues Schickſal und einen neuen Namen ſich geſchaffen, oder habe der Tod, durch Krankheit oder Kampf, ſeine kurze, glorreiche Laufbahn dunkel geendet: ein Geheim⸗ niß,— tief und undurchdrungen ſelbſt von der Phan⸗ taſie der tauſend Barden, die ſeine Thaten zu Lie⸗ dern gemacht,— hüllt in ewige Nacht die Ge⸗ ſchicke Muſa's Ben Abil Gaſan von der Stunde an, wo die untergehende Sonne ihren Scheideſtral auf ſeine ſchlanke Geſtalt und ſeinen ſchwarzen Berber warf, als ſie verſchwanden unter den lautloſen Schat⸗ ten des Waldes. Sechstes Kapitel. Die Wiederkehr.— Der Tumult.— Der Verrath.— Der Tod. Es war am Vorabend des verhängnißvollen Tages, wo Granada an die Spanier übergeben werden ſollte, als in dem ſchon beſchriebenen Gewölbe unter Alma⸗ mens Wohnung drei alte Männer des jüdiſchen Glau⸗ bens zuſammenkamen. Vulwer's Romane. LXXVI. ——— 122 „Treuer und vielgeliebter Timen,“ rief der Eine — ein reicher, wucheriſcher Kaufmann mit einem blinzenden, feuchten Auge und einem glatten, ſchmeer⸗ igen Geſicht, das jedoch etwas Wildes und Hinter⸗ liſtiges in der niedern Stirn und den eingekniffenen Lippen nicht gänzlich zu verſtecken vermochte:„treuer und vielgeliebter Limen“, ſprach er,„wahrlich Du haſt uns guten Dienſt gethan, daß Du Deinen ver⸗ folgten Brüdern anwieſeſt dieſe geheime Freiſtatt. Hier ſuchen uns die Heiden umſonſt. Wahrhaftig, meine Adern werden wieder warm und Dein Diener bekommt Hunger und Durſt.“ „Iß, Iſaak, iß; dort iſt Speiſe für Dich bereitet; iß und ſchen Dich nicht. Und Du, Elias,— willſt nicht auch an den Tiſch rücken? Alt und koſtbar iſt der Wein und wird Dir wieder Leben geben.“ „Aſche und Wermuth, Wermuth und Aſche ſind Speiſe und Trank für mich!“ erwiederte Elias mit leidenſchaftlicher Bitterkeit.„Sie haben geſchleift mein Haus— ſie haben verbrannt meine Kornböden — ſie haben geſchmolzen mein Gold. Bin ein rui⸗ nirter Mann!“ „Na,“ verſetzte Limen, und warf einen boshaften Blick auf ihn(denn ſo ſehr hatten Alter und Schmer⸗ zen ſelbſt das einzige beſſere Gefühl, das er beſaß, mit Galle getränkt, daß er einen innerlichen Kizzel über eben die Leiden, die er linderte, und eben die unmacht, die er beſchützte, nicht abzuwehren vermochte) — e c 1 er„——„—— ——— 8 8— li ni ten er⸗ aß, zel die te 123 —„na, Elias, haſt ja noch in den Seeſtädten Schätze, mit welchen man halb Granada aufbauen könnte.“ „Die Nazarener werden Alles packen!“ rief Elias.„Ich ſeh' es ſchon in ihren Griffen!“ „Na, glaubſt Du Das— und warum?“ fragte Timen, erſchrocken und zu aufrichtigem Mitgefühl an⸗ geregt, weil es diesmal ſelbſtſüchtiger Art war. „Hört mich! Unter dem Schutz des Waffenſtill⸗ ſthndes begab ich mich geſtern Nacht ins chriſtliche Lager und hatte eine Unterredung mit dem Chriſten⸗ könig; aber als er vernahm meinen Namen und Glauben, ſträubte ſich ſein Bart vor Zorn.„„Huno⸗ Belials,“ brüllte er,„hat nicht Dein Satansbruder, der Zauberer Almamen, die Majeſtät Spaniens ge⸗ nugſam betrogen und verhöhnt? Seinetwegen ſollt Ihr keine Schonung erhalten. Verweile noch eine Minute länger und Du baumelſt! Geh und überzähl Deinen ſündhaften Reichthum: er ſoll genau geſchätzt werden, und verkürzeſt Du unſere heilige Steuer nur um ein Kupferſtück, ſo iſſeſt Du mit dem Teufel zu tacht!““— So lautete die Antwort, die ich erhielt auf meine Miſſion. Ich kehrte nach Hauſe und ſah mein Haus in Aſche gelegt! Weh über mich!“ „Und Das danken wir Almamen, dem vorgeb⸗ lichen Juden!“ rief Iſaak von ſeinem einſamen aber nicht geſchäftloſen Platz am Tiſch. „Ich wollte, ich hätte dieſes Meſſer an ſeiner falſchen Kehle!“ ſtöhnte Elias, und faßte ſeinen Dolch mit den langen, knöchernen Fingern. 9* — ——— „Das wird nie geſchehen,“ murmelte Fimen; „Der kehrt nicht wieder nach Granada zurück. Geier und Wurm haben ſich längſt in ſeinen Leichnam ge⸗ theilt, und“(ſetzte er im Innern, mit einem grinſen⸗ den Lächeln hinzu)„ſein Haus und Gold ſind ge⸗ fallen in die Hände des alten, kinderloſen Timen.“ „Ein ſeltſam, ängſtliches Gewölbe!“ bemerkte Iſaak, und ſtürzte einen großen Becher feurigen Vega⸗ Weines hinunter.„Hier hätte die Hexe von Endor die Todten heraufrufen können! Jene Thür— wo⸗ hin führt ſie?“ „In Gänge,“ erwiederte Fimen,„die, ſo viel mir bekannt, noch Niemand betreten hat, als mein Herr: Ich habe gehört, ſie erſtreckten ſich bis in die Alhambra. Komm, würdiger Elias, Du zitterſt vor Kälte— nimm dieſen Wein!“ „Still!“ flüſterte Elias, an allen Gliedern be⸗ bend.„Unſere Verfolger ſind an uns— ich höre Tritte!“ Noch ſprach er, als die Thür, auf welche Iſaak gezeigt, ſich langſam öffnete und Almamen in das Gewölbe trat. Hätte wirklich eine neue Hexe von Endor die Todten heraufbeſchworen, die Erſcheinung hätte die guten drei Leute nicht mehr entſetzen können. Elias, ſein Meſſer faſſend, zog ſich in den hinterſten Winkel zurück. Iſaak ließ den Becher, den er eben angeſetzt, fallen, und ſank auf die Knie. Nur Fimen, deſſen Züge, wo möglich, noch geſpenſterbafter wurden, als 9 vr n be m w na wi Nt der ma er doꝛ haſ De nnſ tigk entz Wu jetzt Baz Ver k d* —*— — 125 gewöhnlich, behielt eine Art Faſſung, in welcher er vor ſich hin murmelte:„Er lebt! und ſein Gold wird nicht mein! Fluch über ihn!“ Die ſeltſamen Gäſte, die ſein Heiligthum beher⸗ bergte, dem Anſehen nach nicht bemerkend, ſchritt Al⸗ mamen vorwärts, wie ein Menſch, der im Schlaf wandelt. Limen ermannte ſich— riegelte die Thür, die nach den obern Gemächern führte, ſachte auf, und winkte den Gefährten zu, ſich dieſen Ausgang zu Nutze zu machen: als jedoch Iſaak, der Erſte, welcher“ dem Wink Folge leiſtete, hinüber ſchlich, heftete Al⸗ mamen ſein furchtbares Auge auf ihn, und rief, indem er plötzlich zum Bewußtſeyn zu erwachen ſchien, mit donnernder Stimme:„Ha, Fimen, Du Schurke, Wen haſt Du in die Geheimniſſe Deines Herrn zugelaſſen? Die Thür zu!— dieſe Leute müſſen ſterben!“ „Mächtiger Gebieter,“ verſetzte Timen ruhig,„iſt Dein Diener zu tadeln, daß er dem Gerücht von Deinem Tode geglanbt hat? Dieſe Männer ſind von nnſerem heiligen Volke; ich habe ſie der Gewaltthä⸗ tigkeit des gottesſchänderiſchen, wahnſinnigen Pöbels entzogen. Kein Ort als dieſer ſchien ſicher vor der Wuth des Volkes.“ „Seid Ihr Inden?“ fragte Almamen.„Ach ja! jetzt erkenn' ich Euch— Dinge vom Marktplatz und Bazar. Ja freilich ſeyd Ihr Juden! Geht, geht. Verlaßt mich!“ Ohne auf weitere Erlaubniß zu warten, ver⸗ —— Straßen. Aber der äußere Sturm ſchien, wie durch eine Sympathie der Elemente, den Sturm und Wir⸗ ſchwanden die Drei; aber Elias wendete, eh' er das Gewölbe verließ, das grollende Geſicht mit einem. Racheblick noch einmal gegen Almamen, der aufs 8 Neue in tiefes Sinnen verſank.— Almamen war allein. Es ſtand keine Viertel⸗ ſtunde an, ſo kehrte ximen zurück, nach ſeinem Herrn zu ſehen, traf aber den Ort abermals verlaſſen.§ Es war Mitternacht, Mitternacht, aber nicht i 3 Ruhe in den Straßen Granadas. Die Menge, durch 1 die Vorſtellung, daß morgen wirklich der Tag der§ 1 nterwerſung unter den chriſtlichen Feind komme, zu* einem ihrer Anfälle von Wuth und Schmerz gereizt,.* 1 ſtrömte zu zwanzig Tauſenden die Stadt. Es pi war eine wilde, ſtürmiſche Nacht; die furchtbaren 5 Windſtöße, die oft mit plötzli Winterfroſt vom 1 Schnee der Sierra Nevada herabſauſen, heulten durch die wogenden Banmgruppen und die gekrümmten F 4 bel des Volkes zu erhöhen. Waffen und Fackeln 3 ſchwingend, abgezehrt von Hunger, glichen die dunkeln Geſtalten der wüthenden Mohren eher Geſpenſtern, pe als lebenden Menſchen, zumal ſie dem Anſehn nach ohne weitern Zweck, als ihrer eigenen Unruhe Luft zu machen oder geiſterhaftes Grauſen zu erregen, durch die verödeten Straßen ſchwärmten. lie Auf dem breiten Platz der Vivarrambla machte de der Haufe Halt, ohne eigentlichen Entſchluß über ſonſt Etwas mindeſtens darin entſchloſſen, daß noch Etwas für Granada gethan werden ſollte. Die Mehrzahl war nach mohriſcher Art bewaffnet, jedoch ohne irgend einen Führer: Edlen, Mitgliedern der Obrigkeit, Offizieren konnte das hoffnungsloſe Unter⸗ nehmen, den Waffenſtillſtand mit Ferdinand zu bre⸗ chen, nicht im Traum einfallen. So blieb es denn ein bloßer Auflauf der großen Maſſe, ein Wahnſinn des niedern Volkes, aber nicht um ſo minder gefähr⸗ lich, denn es war ein orientaliſches Volk und ein Volk mit Schwertern und Lanzen, mit Schild und Harniſch— das Volk, durch welches im Orient Reiche gegründet und zerſtört worden ſind. Auf jenem pracht⸗“ vollen Platz, einſt dem Zeugen der Waffenſpiele ara⸗ biſchen und afrikaniſchen Ritterthums, wo ſo viele Jahre hindurch Könige getreue, ſiegreiche Heere ge⸗ muſtert, ſtanden denn die verzweifelten Menſchen, und die pfeifenden Winde wogten durch die bebenden Fackeln, die gegen die mondloſe Nacht ankämpften. „Laſſet uns die Alhambra ſtürmen!“ rief Einer aus dem Haufen.„Laſſet uns den Boabdil greifen und in unſere Mitte nehmen; wir wollen auf die Chriſten einſtürmen, die in ihrer ſtolzen Ruhe begra⸗ ben ſind!“ „Allah il Allah!— die Schlüſſel und den Halb⸗ mond!“ ſchrie die Menge. Das Geſchrei erſtarb, und am Rand des Platzes ließ ſich plötzlich eine einſt wohlbekannte, ſtets Schau⸗ der erregende Stimme vernehmen. Die Mohren wendeten ſch mit Staunen und 128 Grauen um, und erblickten auf dem Stein, von wel⸗ chem herab ſonſt die Ausrufer oder Herolde die kö⸗ niglichen Proklamationen bekannt gemacht hatten, die Geſtalt Almamens, des Santons, den ſie bereits bei den Todten geglaubt. „Volk von Granada,“ begann er mit feierlichem aber hohlem Tone,„noch bin ich bei Dir. Dein König und Deine Edeln haben Dich verlaſſen, aber ich bleibe bei Dir bis zum letzten Augenblick! Ziehet nicht nach der Alhambra: die Feſte iſt unbezwinglich— die Wachen ſind getreu. Die Nacht verginge darüber und der nächſte Tag bringt das Chriſtenheer über Euch. Geht gerade auf die Thore los; ziehet die Vega hinab und ſtürzt mit Einmal auf den Feind!“ Er ſprach's, und zog den Säbel; er ſchimmerte in dem Fackellicht— die Mauren beugten die Häupter in fanatiſcher Ehrfurcht— der Santon ſprang vom Steine und drängte ſich mitten unter den Haufen. Da erſchollen noch einmal Freudenrufe. Die Menge hatte einen ihrer Begeiſterung würdigen Führer gefunden; raſch ordnete ſie ſich in Reihen, und ſtrömte die engen Straßen entlang. Vermehrt durch verſchiedene Gruppen herum⸗ ſchleichender Plünderer(den Auswurf der Stadt) be⸗ fanden ſich die Ungläubigen bereits nur noch wenige Ruthen von dem großen Thor, aus welchem ſie ſo oft gegen den Feind hinaus gezogen. Wären ſie hin⸗ ausgekommen und bis an das in ſicherem Schlaf lie⸗ gende chriſtliche Lager gelangt, ſo hätte dieſes wilde leicht Granada gerettet und Spanien beſäße heute noch das einzige civiliſirte Reich, das der mohamme⸗ daniſche Glaube gegründet. Aber Boabdils böſer Stern überwog. Die Nach⸗ richt von dem Aufruhr gelangte zu ihm. Zwei alte Männer aus der untern Stadt eilten in die Alhambra, verlangten und erhielten Gehör, und was ſie ſagten, wirkte diesmal blitzesſchnell auf den König. Er ſah in dem Wuthausbruch des Volks nur eine Recht⸗ fertigung für Ferdinand, um die B edingungen des Vertrags zu brechen, die Stadt zu ſchleifen und die Bewohner zu vertilgen. Von einem edeln Mitleid mit ſeinen Unterthanen ergriffen, und eben ſo ſehr von dem Gefühl königlicher Ehre durchdrungen, ver⸗ möge deſſen er einen feierlich beſchworenen Pakt ge⸗ halten wiſſen wollte, beſtieg er noch einmal ſein gelbweißes Roß, nahm die zwei Alten, die ihn auf⸗ geſucht, neben ſich, und verließ, gefolgt von ſeiner Leibwache, die Alhambra. Der Klang ſeiner Trom⸗ peten, das Stampfen der Hufe, die Stimme ſeiner Herolde drangen zugleich in die Menge, und eh ſie Zeit hatte, ſich für Gehen oder Bleiben zu entſcheiden, be fand ſich der König mitten unter ihr. „Welcher Wahnſinn iſt dies, mein Volk?“ rief Boabdil, und ſprengte in den Haufen.„Wohinwollt ihr?“ „Gegen die Chriſten!— gegen die Gothen!“ hallten tauſend Stimmen.„Führ uns! Der Santon iſt vom Tod erſtanden und wird neben Dir reiten!“ Heer von zwanzigtauſend verzweifelten Menſchen viel⸗ —————— —— —— „Ach!“ erwiederte der König,„gegen die Chriſten wollt ihr ziehen! Erinnert ench, daß unſere Geiſeln in ihrer Gewalt ſind! bedenket, daß ihnen kein Vor⸗ wand gelegener kommen kann, um Granada dem Staube gleich zu machen, und euch und eure Kinder niederzuhauen. Wir haben einen Vertrag gemacht, wie nie einer geſchloſſen worden zwiſchen Feind und Freund! Euer Leben, Geſetz, Beſitz— Alles iſt ge⸗ rettet. Nichts iſt verloren, als die Krone Bvabdils. Ich bin der einzige Leidende! Sey es ſo! Mein böſer Stern hat dieſes üble Geſchick auf euch gebracht: bin ich hinweg, ſo lebet ihr vielleicht wieder auf und wer⸗ det noch einmal ein Volk. Fügt euch heute dem Schickſal und ihr könnt morgen ſeinen ſtolzeſten Lohn erringen. Unterwerfung iſt nicht Unterjochung. Zieht ihr aber gegen die Chriſten und gewinnt die Schlacht, ſo iſt es nur, um euch in einen noch furchtbarern Krieg zu ſtürzen; verliert ihr ſie, ſo geht ihr keiner ehrenvollen Capitulation, ſondern gewiſſer Vertilgung entgegen! Laſſet euch überreden und folgt noch einmal eurem Könige.“ Die Menge war gerührt, beſänftigt, halb über⸗ zengt. Schweigend wendete ſie ſich gegen ihren Santon; aber dieſer bebte vor der Berufung an ihn nicht zurück. Da er ſich wenig um die Mohren kümmerte, folgte er blos dem Trieb ſeines Haſſes gegen die Chriſten, um durch irgend einen Schritt noch einmal die Erde mit ihrem verabſcheuten Blut zu tränken. Er trat vor, dem Könige gegenüber. 131 „König von Granada,“ rief er laut,„ſieh Deinen Freund, Deinen Propheten! Komm! ich ſichere Dir Sieg zu!“ „Halt,“ unterbrach ihn Boabdil,„Du haſt mich lange genug getänſcht und betrogen! Mohren! kennt ihr dieſen vorgeblichen Santon? Er iſt nicht vom Glauben Mohammeds. Er iſt ein Hund Iſraels, der enuch dem Meiſtbietenden verkaufen wollte! RNieder mit ihm!“ „Ha!“ rief Almamen,„und wer iſt mein Ankläger?“ „Dein Diener— ſieh ihn hier!“ Bei dieſen Worg ten erhoben die Wachen ihre Fackeln und der Swimmet fiel roth auf die todtengleichen Züge Fimens. „Licht der Welt! es gibt noch andere Juden, die ihn kennen!“ ſprach der Verräther. „Willſt Du Dich von einem Juden führen laſſen, Volk des Propheten?“ rief der König. Die Menge ſtand verwirrt und betäubt. Almamen fühlte, daß ſeine Stunde gekommen ſey; er blieb ſtill, die Arme gekreuzt, die Stirne hoch erhoben. „Sind noch Andere vom Volke Moſe's unter der Menge?“ fragte Boabdil, ſeinen Vortheil verfolgend; „wenn dem ſo iſt, ſo mögen ſie herzutreten und be⸗ zeugen was ſie wiſſen.“ Und hervor trat— nicht aus der Menge, ſondern aus Boabdils Gefolge, ein wohl bekannter Iſraelit. „Wir ſtoßen dieſen Mann des Trugs und Blutes von uns,“ ſprach Elias, ſich bis zur Erde bückend; „aber er war unſres Glaubens.“ der König. „Fluch treffe dich, blöder Thor!“ entgegnete Al⸗ mamen grimmig.„Was liegt daran, wer das Werk⸗ zeug geweſen wäre, das Dir Deinen Thron zurückge⸗ geben hätte? Ja, ich der Deinen Diwan beherrſcht, Deine Heere geleitet, ich bin vom Geſchlecht Joſuas und Samuels— und der Herr der Heerſchaaren iſt der Gott Almamens.“ Ein Schauder lief durch das Volk, aber die Blicke, die Haltung, die Stimme des Mannes flößten Allen Scheu ein und keine Waffe erhob ſich gegen ihn. Noch jetzt hätte er unbeſchädigt mitten durch das Gedränge wegſchreiten, hätte ſeine flammende Leidenſchaft und ſeinen folternden Schmerz unter einen andern Himmel tragen können: aber das Leben war ihm eine Laſt ge⸗ worden; er wollte nur noch die Opfer ſeines Betrugs verfluchen und dann ſterben. So hielt er denn an, blickte umher und brach dann in ein Gelächter ſo bittern, verachtenden Hohnes aus, wie es die Verführten drunten aus den Lippen des Erzfeindes hören mögen. „Ja,“ rief er,„der bin ich! ich bin euer Abgott und euer Götze geweſen; ich mag euer Opfer werden, aber noch im Tode bin ich euer Sieger. Chriſt und Moslem, beide ſind meine Feinde und beiden hätt' ich den Fuß auf den Nacken ſetzen mögen; aber der Chriſt, klüger als ihr, gab mir glatte Worte und ich wollte euch in ſeine Gewalt verkaufen; doch, verrätheriſcher als ihr, betrog er mich, und nun wollte ich ihn zer⸗ „Sprich, falſcher Santon! biſt du ßumm?“ rief — c———„—„ treten, um fortwährend die Puppen, die ihr eure Oberhäupter nennt, beherrſchen und betrügen zu können. Diejenigen aber, um deretwillen ich rang und ar⸗ beitete und ſündigte— um deretwillen ich Friede und Ruhe hingab, ja das Daſein, das Blut einer Toch⸗ ter opferte,— dieſe haben mich euch verrathen und der alte Fluch bleibt für ewig auf ihnen— Amen! Die Hülle iſt zerriſſen: Almamen, der Santon, iſt der Sohn Iſaſchars des Juden!“ Noch hätte er fortgefahren„aber der Zauber war gebrochen. Mit einem grimmigen Gebrüll brausten die Wogen der Menge über den wilden Schwärmer herein; ſechs Säbel durchdrangen ihn und er ſil nicht: beim ſiebenten war er eine Leiche. In den Staub ge⸗ treten— dann wieder hoch empor geſchleudert— Glied von Glied geriſſen— blieb, eh man neunmal Athem holen konnte, an dem zerquetſchten, blutigen Körper kaum eine Spur menſchlicher Geſtalt. Das einzige Opfer reichte hin, den Zorn des Haufens zu beſänftigen. Wie wilde Thiere, deren Hunger geſtillt worden, ſammelten ſich die Mohren um ihren Beherrſcher, der vergebens geſucht hatte ihrer vorſchnellen Rache Einhalt zu thun und nun, bleich und athemlos, vor den Leidenſchaften zurück⸗ ſchauderte, die er losgelaſſen. Er ſtammelte einige Worte der Ermahnung, wendete ſein Pferd und nahm den Weg nach ſeinem Palaſt. Die Maſſe zerſtrente ſich, aber noch nicht in ihre Häuſer. Der Frevel Almamens wirkte gegen ſein 134 ganzes Volk fort. Einige ſtürzten nach dem Juden⸗ quartier, das ſie in Brand ſteckten; Andere nach Al⸗ mamens einſamer Behauſung. Limen war, ſobald er den König verlaſſen, nach dem Hauſe geeilt, das er endlich für ſein Eigenthum hielt. Eben hatte er die Schatzkammer ſeines todten Gebieters erreicht,— eben ſeine Augen an den maſ⸗ ſiven Barren und flimmernden Juwelen gewaidet,— in der Luſt ſeines Herzens eben laut ausgerufen:„und das iſt mein!“— als er das Gebrüll der Menge vor den Mauern vernahm— als er den Schein ihrer Fa⸗ Ickeln durch das Fenſter dringen ſah.— Umſonſt ſchrie er laut:„Ich bins, der den Juden angegeben hat!—“ Der wilde Wind zerflatterte ſeine Worte über dem ohrloſen Haufen. Durch Rauch und Flamme aus dem Gemach getrieben, aber nicht wagend den Wüthenden entgegen zu treten, belud ſich der Knauſer mit dem Koſtbarſten aus der Schatzkammer, ſtieg die Treppe hinab und wollte ſeinen Weg nach dem geheimen Ge⸗ wölbe nehmen, als plötzlich das Eſtrich, von den Flam⸗ men durchdrungen, unter ihm zuſammenbrach, die Lohe in grimmigen, raſchen Wirbeln emporſchlug, und ſein Todesſchrei durch dieſes blaßblaue Sterbegewand zuckte. Dies waren die Ereigniſſe in der letzten Nacht der Maurenherrſchaft zu Granada. Siebentes Kapitel. Schluß. Der Tag dämmerte über Granada; das Volk hatte ſich in ſeine Wohnungen zurückgezogen und tiefe Stille lag auf den Straßen, außer wo man etwa, als Folge des im Tumult eingelegten Feuers, noch das Krachen von Dächern oder das Knattern des leichten, duftigen Gebälkes an den Sommerhäuſern hörte. Die Bauart Granadas, vermöge welcher jedes Haus von dem andern durch geräumige Gärten getrennt war, verhinderte glücklicherweiſe eine weitere Verbreitung des Brandes. Die Bewohner kümmerten ſich übrigens ſo wenig um ein möglicherweiſe noch entſtehendes Un⸗ glück, daß kein einziger Wächter aufgeſtellt war, um zu beobachten, welches Ende die Flammen nehmen würden. Dann und wann ſah man einige klägliche Geſtalten in jüdiſcher Tracht über den Trümmern ihrer Wohnſtätten kauern, jenen Seelen gleich, die, nach Plato, ihre eigenen vermodernden Leiber bewachen. Der Tag brach an und die Stralen der Winterſonne, die Wolken der Nacht hinweglächelnd, ſpielten heiter über den murmelnden Wellen des Feno und Darro. Allein, auf einem Balkon, der die reizende Land⸗ ſchaft beherrſchte, ſtand der letzte der Mohrenkönige. Er hatte alle Lehren der von ihm verehrten Philo⸗ ſophie zu ſeiner Hülfe aufzubieten geſucht. „Was find wir,“ dachte der ſinnende Fürſt,„daß 6 6 die Welt mit uns erfüllen möchten, wir Könige? Die Erde hallt vom Sturze meines Thrones wieder; im Ohr noch ungeborner Geſchlechter wird ſein Echo forttönen: aber was hab' ich verloren? nichts was für mein Glück, meine Ruhe nothwendig war; nichts als die Quelle meiner Schmerzen, den bittern Tropfen im Kelch meines Lebens! Werd' ich Himmel und Erde, oder Gedanken oder Handlung, oder Speiſe oder Schlaf— das gemeinſame, leicht zu befriedigende Verlangen Aller— minder genießen? Im ſchlimmſten Falle ſink' ich blos auf Eine Linie mit Edeln und Für⸗ ſten herab, ſteh' ich blos Denen gleich, welche der große Haufe noch bewundert und peneidet. denn, mein Herz! viele und tiefe Gefühle des Schmerze und der Wonne bleiben dir noch, um des Lebens Ein⸗ förmigkeit zu unterbrechen!“ Er ſchwieg und ſein Auge ſiel auf die einſamen Minarets des fernen, einſamen Palaſtes von Muſa Ben Abil Gaſan. „Du hatteſt Recht,“ nahm der König wieder das Wort,„du hatteſt Recht, tapferer Geiſt, Boabdil nicht zu bemitleiden: aber nicht deshalb, weil ihm der Tod zum Ausweg blieb; des Menſchen Seele iſt größer als ſein Schickſal, und Hoheit iſt in einem Leben, das über den Trümmern emporragt, die auf ſeinen Pfad niederfallen.—“ Er wendete ſich und ſeine Wange ward plötzlich bleich, denn drunten im Hof vernahm er das Stampfen von Hufen, und reiſe⸗ fertiges Getümmel: es war die Stunde des Aufbruchs. ————— —— — — —— — Seine Philoſophie ſchwand dahin; er ſeufzte laut und zog ſich in das Zimmer zurück, eben als ſein Weſſir und der Oberſte der Leibwache eintraten. Der alte Weſſir wollte ſprechen, aber die Stimme verſagte ihm. „So iſts alſo Zeit zum Aufbruch;“ ſprach Boabdil ruhig.„Sey es ſo. Uebergib Palaſt und Burg, und folge Deinem Freund, nicht mehr Deinem Gebieter, in ſeine neue Heimath nach.“ Er wartete keine Antwort ab; er ſtürmte hinaus, eilte die Treppe hinab, ſchwang ſich auf ſeinen Berber und ſprengte mit einem kleinen, düſtern Gefolge purch das Thor, das ſich noch heut zu Tage unter einem angeſchwärzten, verwitterten Thurm, umrankt von Reben und Epheu, dem Blicke darbietet. Von da nahm er durch Gärten, die jetzt dem Kloſter des zum Sieger gewordenen Glaubens angehören, ſeinen Weg. Als er die Mitte des Hügels erreicht hatte, der ſich über dieſen Gärten erhebt, ſchimmerte ihm der Stahl ſpaniſcher Rüſtungen entgegen, indem das zur Beſetzung des Pa⸗ laſtes abgeſandte Corps in geordneter Reihe und tiefem Schweigen über die Anhöhe herein kam. An der Spitze dieſer Vorhut ritt auf einem ſchnee⸗ weißen Zelter der Biſchof von Avila, gefolgt von einem Zug baarfüßiger Mönche. Sie blieben bei Boabdils Annäherung ſtehen und der hoch herabſchauende Biſchof grüßte ihn mit der Miene eines Mannes, der ſich an einen Ungläubigen und Niedrigern wendet. Mit dem ſchnellen Gefühl für Würde, das alle Großen, und Vnlwer's Romane. LXXVI. 10 die Gefallenen in noch ſtärkerem Grade, beſitzen, em⸗ pfand Boabdil den Stolz des Prieſters, ohne ſich da⸗ gegen zu rächen.„Geh, Chriſt,“ ſprach er milde, „die Thore der Alhambra ſtehen offen, Allah hat den Palaſt und die Stadt Eurem König übergeben: mögen ſeine Tugenden die Fehler Boabdils wieder gut machen;“ Ohne auf Antwort zu warten, ritt er weiter, und blickte weder zur Rechten noch zur Linken. Auch die Spanier ſetzten ihren Weg fort. Die Sonne war in vollem Glanz über die Gebirge emporgeſtie⸗ gen, als Granadas abziehender Herrſcher von dem Gipfel des Hügels aus das ganze Heer der Spanier erblickte; zugleich drang, das Stampfen der Roſſe und das Klirren der Waffen übertönend, deutlich der feierliche Geſang des De Deum's herauf, welcher dem Flimmer der aufgerollten, hocherhobenen Fahnen vorauswogte. Boabdil, bisher immer noch ſchwei⸗ gend, hörte die Seufzer und Klagerufe ſeiner Be⸗ gleiter; er wendete ſich, und wollte ſie tröſten oder ſchelten; da ſah er, wie von ſeinem Schloßthurm herab, die Sonne rein und voll widerſtralend, Spa⸗ niens Silberkreuz funkelte. Seine Alhambra war bereits in den Händen der Feinde, und neben jenem Wahrzeichen des heiligen Kriegs flatterte die luſtige, prunkende Fahne St. Jagos, des geheiligten Kriegs⸗ gottes der Spanier. Bei dieſem Anblick verſagte dem König die Stimme; er ließ dem Berber die Zügel ſchießen, ungeduldig die aualvolle Förmlichkeit, die er noch zu beſtehen hatte, M —.——————— — zu enden, und hielt nicht an bis beinah auf Bogen⸗ ſchußweite von der Armee. Nie hatte ein Chriſtenheer einen glänzendern, ſtolzern Anblick dargeboten. So weit das Auge reichte, dehnten ſich die ſchimmernden Reihen dieſer tapfern Schaaren mit ſonneſtralenden Speeren und blizenden Fahnen aus, während ihnen zur Seite der ſilberne, lachende Femil murmelnd hin⸗ tanzte, gleichgültig welcher Herr für ein kurzes Men⸗ ſchenleben die Ufer beſitze, die vom Anhauch ſeiner ewigen Wellen blühten. Bei einer kleinen Moſchee ſtand die Blüthe des Heeres. Umgeben von den Hoch⸗ würdeträgern der mächtigen Geiſtlichkeit, von den Pairs und Prinzen eines Hofes, der mit den Roland's eines Karls des Großen um den Preis ſtritt, erblickte man die königliche Geſtalt Ferdinands, Iſabellen und die edelſten Frauen Spaniens zu ſeiner Rechten, die mit ihren heitern Farben und funkelnden Geſchmeiden den ernſtern Glanz der bebuſchten Helme und glatten Har⸗ niſche prachtvoll hervorhoben. Unweit der königlichen Gruppe hielt Boabdil, ſuchte durch Annahme einer ruhigen Miene ſeine Seele, ſo weit ihm möglich, zu verbergen— und ſeinem ſpär⸗ lichen Gefolge etwas voraus, aber in Haltung und Hoheit kein König mehr, kam ſofort Abdallahs Sohn bei ſeinem ſtolzen Ueberwinder an. Beim Anblick ſeines edeln Antlitzes und goldenen Haares, ſeiner freundlichen, gewinnenden Schönheit, die durch ſeine Ingend noch rührender wurde, lief ein Schauder mitleidsvoller Bewunderung die Ver⸗ 10* ſammlung. Ferdinand und Iſabella ritter langſam vor, dem neuen Unterthan, der bisher ihr Nebenbuhler geweſen, entgegen, und als Bvabdil abſteigen wollte, legte ihm der ſpaniſche König die Hand auf die Schul⸗ ter.„Bruder und Fürſt,“ ſprach er,„vergiß Deinen Schmerz, und möge unſere Freundſchaft Dich fortan über ein Unglück tröſten, gegen das Du als Held und König angekämpft haſt— den Menſchen widerſtehend, aber Gott Dich endlich unterwerfend!“ Boabdil ſuchte den bittern aber unbeabſichtigten Spott dieſer Artigkeit nicht zu erwiedern. Er beugte das Haupt und blieb einen Augenblick ſtill; ſofort nä⸗ herten ſich auf ſeinen Wink vier ſeiner Offiziere, knie⸗ ten vor Ferdinand nieder, und überreichten ihm auf einer ſilbernen Platte die Schlüſſel der Stadt. „O König,“ begann jetzt Boabdil,„empfange die Schlüſſel der letzten Feſte, die den Waffen Spaniens widerſtanden hat! Das Reich der Muſelmanen iſt zu Ende. Dir gehören Stadt und Volk Granadas: Dei⸗ ner Tapferkeit erliegend, vertrauen ſie auf Deine Gnade.“ „Sie dürfen es,“ erwiederte Jener;„unſere Ver⸗ ſprechen ſollen nicht gebrochen werden. Doch da wir die Feinheit der mohriſchen Ritter kennen, ſo mögen die Schlüſſel Granadas nicht uns, ſondern zärteren Händen übergeben werden.“ Damit überreichte Ferdinand die Schlüſſel Iſa⸗ bellen, die einige mildernde Schmeicheleien an Boabdil richten wollte; aber die Rührung war für ihr theilneh⸗ mendes Herz, ſo ſehr ſie auch Heldin und Königin, zu gewaltig, und als ſie die Augen gegen die ſtillen, bleichen Züge des gefallenen Herrſchers aufſchlug, ſtürz⸗ ten ihr die Thränen unwiderſtehlich herab, und ihre Stimme erſtarb in einem Liſpeln. Eine ſchwache Röthe überflog Boabdils Züge und es entſtand eine augen⸗ blickliche Pauſe der Verlegenheit, die der Mohr zuerſt brach. „Schöne Königin,“ ſprach er mit gramvoller, ern— ſter Würde,„Du kannſt in dem Herzen leſen, das Dein edles Mitleid rührt und überwältigt: dies iſt Dein letzter, nicht Dein geringſter Sieg. Doch ich halte Euch auf: möge mein Anblick Euern Triumph nicht verdüſtern. Erlaubt mir, mich zu verabſchieden.“ „Könnten wir nicht auf die ſegensreiche Möglich⸗ keit einer Bekehrung hindeuten?“ flüſterte die fromme Königin durch ihre Thränen ihrem Gemahl zu. „Nicht jetzt— nicht jetzt, bei St. Jago!“ gab ihr Ferdinand ſchnell in dem gleichen Ton zurück, ſich ſelbſt nach einer Beendigung des qualvollen Geſpräches ſeh⸗ nend. Laut ſetzte er dann bei:„Geht, mein Bruder, und Glück mit Euch! vergeſſet das Vergangene.“ Boabdil lächelte bitter, grüßte das königliche Paar mit tiefer, ſchweigender Verbeugung und ritt langſam von dem Heer weg, den Pfad hinauf, der zu ſeiner neuen Herrſchaft jenſeits der Alpurarras führte. Nach⸗ dem die Bäume den mohriſchen Reitertrupp Ferdinan⸗ den aus dem Auge gebracht, befahl er der Armee, ſich 6 142 in Bewegung zu ſetzen, und Trompete und Zimpel klangen alsbalb ins Ohr der Moslems. Boabdil ſprengte in vollem Rennlauf dahin, bis das keuchende Roß bei dem kleinen Dorf anhielt, wo, vorausgeſandt, ſeine Mutter, ſeine Sklavinnen und ſeine getreue Amine ihn erwarteten. Sich ihnen an⸗ ſchließend, ſetzte er ſeine düſtere Bahn ohne Verzug fort. Man gelangte auf die Anhöhe, die den Paß zu den Alpurarras bildet. Auf dieſem Gipfel ſtralten das Thal, die Flüſſe, die Minarets, die Thürme Granadas noch einmal in voller Glorie ins Geſicht des kleinen Zuges. Mechaniſch, unvorbereitet machte man Halt; jedes Antlitz war nach der geliebten Stätte gerichtet. Die ſtolze Scham beſiegter Krieger,— die zarte Er⸗ innerung an das Haus— die Kindheit— das Vater⸗ land— hoben jede Bruſt und ſtrömten aus jedem Ange. Plötzlich drang der ferne Donner des Geſchützes von der Citadelle und rollte das ſonnige Thal, den kry⸗ ſtallenen Fluß entlang. Ein allgemeiner Wehlaut brach aus den Verbannten; er zerſchnitt— er überwältigte das Herz des unglücklichen Königs, der ſein Selbſt vergebens in orientaliſchen Stolz oder ſtoiſche Philo⸗ ſophie einzuhüllen ſuchte. Die Thränen ſtürzten ihm aus den Augen und er bedeckte das Geſicht mit den Händen. Da wendete ſeine ſtrenge Mutter, ihn mit harten, verächtlichen Augen meſſend, jenen ungerechten, beru⸗ fenen Vorwurf an ihn, den die Geſchichte aufbehalten — v————— hat:„Ja, weine wie ein Weib über Das, was Du nicht wie ein Mann zu vertheidigen vermocht haſt.“ Boabdil erhob das Antlitz mit entrüſteter Majeſtät, als er ſeine Hand zärtlich umfaßt fühlte und, ſich um⸗ wendend, Amine neben ſich erblickte. „Achte ihrer nicht, achte ihrer nicht, Boabdil!“ ſprach die Sklavin:„nie erſchienſt Du mir edler, als in dieſem Schmerz. Du warſt ein Held für Deinen Thron; aber fühle ſtets, o Licht meiner Augen, wie ein Weib für Dein Volk.“ „Gott iſt groß!“ verſetzte Boabdil,„und Gott tröſtet mich ſtets noch! Deine Lippen, die mir während meiner Macht nie geſchmeichelt, haben keinen Vorwurf für mich in meinem Leid.“ Er ſprachs und lächelte auf Amine— es war ihre Stunde des Triumphs. Langſam wand ſich der Zug den Hohlweg entlang; und noch heute heißt der Ort, wo der König geweint und die Geliebte ihn getröſtet:„El ultimo suspiro del Moro,“—„Der letzte Seufzer des Mohren.“ „— v————— — 5 T n