— cc 8.— 8—————— Leihbibliothet f deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur — eduard Ottmann in Gießen, Geih und eſebedingungen. f 1 offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 5 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeven Tag von Morgens. 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von) jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 5 beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ſ auf 1 Monat: 3.—— / 7 7 77 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 4 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gef hr ſelbſt zu ſorgen. 7 Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 6 vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der„ ſ Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſten beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Vuch ein Theil eines gröneren Werkes, ſo iſt † der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 3 1 beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ 2 5 ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 2 2 2 k k 3 E. L. Bulwer's Werke Aus dem Engliſchen. V Zwanzigstes Pändchen. Die Pilger des Rbeins. Erſtes Bändchen. ſ Stuttgart, Verlag der J. B⸗ Metler'ſchen Buchhandlung. 4 8 3 4. Die Pilger des Rheins. Ein Roman von dem Verfaſſer des Eugen Aram, Debereux ꝛc. Aus dem Engliſchen von Friedrich notter. In drei Bändchen. Erſtes Bändchen. Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 48 3 4. Drei und zwanzigſtes Kapitel. Viola. Und liebſt du mich? Lyſander. Dich lieben Viola? Fliey' ich dich nicht, wenn Licht aus deinem Auge Mein Weſen trinkt? dieß Fliehn antworte dir! Die Braut. Die Gardinen⸗Gedanken des Sauire waren nicht ohne ein Reſultat geblieben. So wie ſein warmes Herz auf einmal wieder ſich ſeinem fruͤ⸗ hern Wohlgefallen an Clifford geoͤffnet hatte, ver⸗ langte er nach einer Gelegenheit, ſeine vorherge⸗ gangne Unhoͤflichkeit wieder gut zu machen und ſeine jetzige Dankbarkeit an den Tag zu legen. Zu⸗ dem empfand er einigermaßen Unwillen und Schaam uͤber ſein Benehmen in der letzten Zeit, daß er nemlich dem allgemeinen, und wie er jetzt feſt uͤberzengt war, grundloſen Vorurtheil gegen ſei⸗ nen jungen Freund mitgehuldigt hatte, und vor einem näher liegenden und ſtaͤrkern Gefuͤhl trat ſeine gewoͤhnliche Nachgiebigkeit gegen ſeines Bru⸗ ders Rathſchlaͤge in den Hintergrund. Mit dieſen guͤnſtigen Geſinnungen gegen Clifford verband ſich ſein ſcharfſinniger Verdacht oder vielleicht ſeine Ueberzeugung von Luciens Reigung fuͤr ihren ſchoͤ⸗ Bulwer's Romane. XXVIII. 1 Wird dir der Stunden Gedächtniß entweichen, Die wir begruben in ſeliger Laube, Häufend auf ihre entſchlafenen Leichen Blüten und Duft ſtatt der Deke von Staube? S helley⸗ Du führſt die Reihe der Lebendigen Por mir vorbei, und lehrſt mich meine Brüder Im ſtiillen Buſch, in Luft und Waſſer kennen. Göthe im Fsußt⸗ vorerinnerung des bertassers. —..— Konnt' ich der Kritik und dem Publi⸗ kum vorſchreiben, ſo wünſchte ich vorliegen⸗ des Werk moͤchte eher nach den Geſezen der Poeſie als der Proſa beurtheilt werden, denn im Bereich jener lagen Idee und Ausführung deſſelben, und ich fühle daß ein gewiſſer Anklang zu Dem was dem Verfaſſer vorſchwebte, nbthig iſt, um ihm für die Maͤrchen, die er ſeiner Erzälung einverleibt hat, für die Buntheit ſeiner Dar⸗ ſtellung und die Ueberfülle ſeiner Gemälde Nochſicht zu gowinnen. Indeſſen kann man 5) ſich bei einem Verſuch die Umgebungen des Rheins zu ſchildern und einige der dortigen Sagen in unſre Welt einzuführen, vielleicht bei dem beſten Willen nicht erwehren, der Fantaſie den Zügel, wenn auch uur leicht⸗ weg, ſchießen zu laſſen oder dem überwälti⸗ genden Einfluß des romantiſchen deutſchen Geiſtes, den ich in eine kältere Sprache zu übertragen geſucht, einigermaßen anheimzu⸗ fallen. Ich habe den Verſuch gewagt, zum Grundzug meines Werkes den allereinfach⸗ ſten Stoff auszuleſen und darüber hin den Schmuk zu verweben, der Gegenſtänden von mehr fantaſtiſcher oder idealer Natur zu⸗ kommt. Wie weit mir Dies gelungen, weiß ich nicht, wol aber haben ſich verſchiedene Gründe vereinigt, mir dieſe Arbeit zu der angenehmſten in meiner bis herigen ſchrift— ſtelleriſchen Thätigkeit zu machen(obwol s ſich Wehmuth dem Vergnügen beigeſellte) n und mein Gemüth am vollſtändigſten in die⸗ ht ſelbe zu verſenken. Indeſſen ſteht die Luſt er des Schaffens nicht immer in gleichem Ver— t⸗ hältniß mit dem Werth der Schöpfung und i⸗ das Publikum rächt bisweilen nicht un⸗ en billiger Weiſe jenes Vergeſſen ſeiner Exi⸗ zu ſtenz, welches den Hauptreiz in der Einſam⸗ u⸗ keit eines Autors, und die beglükendſte, wenn nicht die weiſeſte, Entäuſſerung in ſeinen Träumen bildet. O S 6G c S G 6 S 6 6 S 3 0 Einleitung. An die Ideale. P Gleich der Najade in der Griechen Träumen Wohnt unſichtbar ein Kind der Poeſie In unſrer Lebensfluthen dunkelm Strom— Der Seele Nymphe, unſres Tages Botin; Sie läst den Strom in Melodieen flieſen, Sie macht den Sturm der Saite unterthan, Läst Tempes Veilchen um die Zelle ſproſſen, Wo ſtill der Mond dem grünen Raſen kost; Das Ideal im tiefen Born der Wahrheit Haucht ſie um Alles jugendliche Klarheit⸗ II. Ein Engel ob der dunkeln, blinden Erde Der uns in bleicher Höh die Heimat zeigt,— Beſiegerin der Zeit und Angſt, entſtammſt du Dem Morgen; und die menſchgewordne Liebe, Dieſelbe Macht, die einſt in Galiläa, Als mit der grimmen See das Schifflein rang, Auf zornges Dunkel milde Stille goß Und ſchweigen hieß der Tiefe wilden Aufruhr,— Sie iſt dir nah mit hellen Sonnenbliken, Zu lächeln in den Sturm, die Nächte zu erquiken. 1⁰ III. Spgibt eine Welt jenſeits der Sichtbarkeit, Wo die Erinn'rung Hoffnungfarben trägt. Der Jugend friſchem Blik mag geiſterhaft Dies Leben dünken, aber innig ſüß— Ein Herz nur und ein Traum. Wenn Nebeldunſt Die Erde drükt, entfliehen wir dorthin; Die Luft weht ſanft und golden glüht der Tag, Und Blumen blühen, Wälder rauſchen, Vögel Erwiedern ſich mit frohem Ruf. Der Mittag Lacht laut hinab die luſtgen Waſſerfälle. Kein Menſch iſt dort, doch immer findeſt du Die Nixe ihre goldnen Loken flechtend; Und iſt der Tag hinunter und die Sterne Sind aus des Himmels duftger Nacht gebrochen⸗ Erblikſt du oft im fernen Dämmerlicht Die hellen Elfen auf dem Silbergrün; Und wenn des Morgens roſenfarbnen Urnen Der junge Thau entperlt, wenn in den Himmel Ihr frohes Lied in wild verſchlungnen Kreiſen Die erſte Lerche webt, kommt luſtig flötend Der bärtge Faun durchs würzge Laub daher, Und nebelähnlich ſinken Dunſtgeſtalten Hinab in den kryſtallnen Quell, und ſtill Zerfliest die Oreade in des Bergs Umgrünter Höhle. Dein Werk iſt dies und deine Welt, du holde Bewohnerin der Herzen; jedes Glaubens Gebild, wenn ſchön es oder wunderbar, Iſt dein; von dir geboren, doch unſterblich; Und jeder Drang der ſehnſuchtvollen Seele, Der Ewigkeiten Same eingeſtreut Vom Himmel in die unfruchtbare Erde; Die Thräne, die dem Gram nicht, und das Lächeln Das nicht der irdſchen Luſt entſtammet,— Keime Die, wäreſt du nicht, all begraben lägen Bis man uns einſcharrt, ſteigen aus der Gruft, Wo deines Odems hold Gebot ſie ruft. IV. Wir lieben; liebend täuſchen wir uns ewig, Denn die Gewohnheit nimmt, was uns das Schikſal Gelaſſen, und in gleichem Maße wie Die heiſe Glut der Leidenſchaft ſich nüchtert, Erbleicht der Engel vor dem Menſchenblik. Umſonſt daß wir hienieden ſehnend ſchmachten Nach unſres Buſens eingebornem Bild; Du, die Egeria unſrer innern Welt, Aus Lenzeshauch und Sonnenſtral geboren, Du Abklang unſrer ſüsſten Herzenstöne, Du ſchein ſt, doch biſt nicht, in der Menſchenliebe; Ein Stern erglänzſt du überm tiefen Meer, Und unerreichb ar biſt du wie ein Stern. Stets wenden wir das Aug von deinem Licht Die Laſt der Erdenbürde mehr zu fühlen, Nach fernem, dämmerigen Glük zu ſeufzen Und von dem Staub des Himmels Fund zu fodern! So hängt an deine Freuden ſich der Schmerz Wie Töne uns durch Wollaut Thränen rauben. Doch wenn die Qual, kommt auch der Lohn von dir Und Fantaſie beſiegt die Erdenklage. Und ſtets, wie Perſiens zärtſter Dichter ſprach, Durchſtrömt der Roſe Hauch gemeinen Lehm*). *)„Eines Tages ward ich entzükt durch den Duft eines Stükes Erde. Biſt du Moſchus? fragte ich. Biſt du —— — —ͤ—— Entſprost für uns das Himmelsblümchen nicht, So hängt ſein Balſam doch an unſrem Staub; Am ſüßen Duft zeigt ſich die beſſre Erde, Und Werth wird ihr durch eine fremde Würze. So gab dein Zauber ewig helle Namen An Seelen, denen Schwachheit ward zum Ruhm; So ſchlug er aus dem Schmerze heilge Thränen Und füllte Rouſſeaus unbefriedigt Herz Mit reiner Flamme des Prophetenthums. Und er, der irre Held, der trübe Weiſe Um den des Urtheil, das ihn richtet, klagt, Der Junge, Schöne, deſſen Melodie Ein Echo nachließ, wo ſein Schatten ging, Und der mit Wehmuth halb und halb mit Hohn Das ſtumme Herz der Welt mit Dichterketten Band an ſein wandernd Haus: war er nicht dein? Ganz dein? Nach Schwäche, Irrthum, Kraft, Rach Ruhm und Allem was Gedächtniß ihm In unſrer Bruſt erſchuf? Sein Leben war Von dieſer Erde nicht: der Luft die er Als Odem ſog, gab dein Erſcheinen Licht, Dein Untergehen ſonnenloſe Nacht. Beſchlich ihn ſchlangengleich der Erde Weh, Erzeugte Argwohn ſtaubverwandte Sünde, Schwand ſein Gemüth in einen kranken Traum, Bis ihm das Ich ſein Gott ward wie ſein Stoff: So ſchilt ſein gramvoll Antliz unſre Rüge Als thäten Schmach wir eines Freundes Grab. Ambra? Es erwiederte: ich bin nur gemeine Erde, aber eine Roſe entſproste aus mir und ihre wolthä⸗ tige Kraft durchdrang mein Weſen. Wäre die Roſe nicht, ſo wär ich eine gemeine Scholle.“— Saadi. Wie Mondenlicht der Fluthen Sturm beherrſcht, Beherrſchteſt wilder Sänger du die Bruſt, Und machteſt uns zu deinen Bundsgenoſſen. Und als dein pilgernd Herz zur Ruhe kam Schien die Natur im ewgen Lauf zu ſtoken: Betäubt, erſchroten ſtanden wir; dein Leben; War von uns ſelbſt ein Theil, ein Sein geworden! Und Wer kann ſagen, welche Labe dennoch Die ſtille Nacht der tiefverborgnen Seele Dir bot als du an Rheines Wogen ſtandſt, In Neros Thurm der Winde Klagen horchteſt, Ben Mond auf des Ilyſſus ſchmales Bett Sein träumend Licht als Jüngling werfen ſahſt? Des Ideales Opfer und ſein Prieſter! Kein Anderer wird deine Freuden meſſen, In deinen Schmerz kein Andrer niederſteigen. Zerſchmettert iſt die Harfe, fort der Geiſt, und aus der Luft ſchwand eine Himmelshälfte! Doch ewig wird Venedigs rauſchend Meer Zu Taſſos Sang dein wildes Lied geſellen; Dein Schatten wird Ravennas Flur durchwandern, „Bis ſelbſt das Laub von Andacht ſcheint bewegt.“ Und wenn die Zukunft, neidiſch auf die Vorwelt, Einſt des Argeiers ehrnen Schlaf zerbricht, Wird feiervoll dein Name in dem Mund Der Albaneſer⸗Jünglinge erklingen, Dein Bild den Traum der Mädchen Joniens Durchwandeln, und,„der Oreadenhügel,“ „Der Liebe Inſel“ und der alte„Quell Der Töne“ deinem Lied zur Heimat werden, und grau ein früher nicht genannter Ort Die wilde Hede Miſſolonghis zeichnen, — 6 V. Doch nicht des Leiergottes Söhnen nur Ward zugetheilt des Ideales Himmel; Gewaffnetern und ſtrengern Seelen auch Gebeut dein Ruf, und jede Erdenwahrheit Trinkt ihre Friſche nur aus deiner Urne. Im finſiern Kerker, drin der hohe Sidney Die Stunden zälte bis zum Morgen wo, Mit ſicherm, ungebeugtem Schritte er Die alte, nimmer wankeBrüke trat, Die übers ſchauerliche Unſichtbare— Den Abgrund, der vergangner Zeit Geheimniß In ſeinem Schoſe trägt,— zu unſrem Ziel Hinüberführt: welch göttliche Gedanken Welch weiß verhüllte Traume wachten hier Gleich Prieſterinnen Veſtas vor der Glut Am lichten Altar ſeines hohen Sehnens! Sein ungefunden Ideal, deß Glanz Durch Erdenſchranken in ſein Auge brach, Du, ſein es Herzens angebetete Erſchaffene und Schöpferin, o Freiheit, Du die um des Atheners Schwert den Zweig Einſt wandtel, den Hipparchos Tod geweiht, Biſt du mit ihm im Kerker nicht geweſen? Erfüllteſt du die Finſterniß ihm nicht Mit hellen Bildern, mächtigen Geſichten Der künftgen Zeiten? Liebe für dich ſchuf Ihm Feſſeln, doch die Flügel welche du Mit Adlersfittichen beſezt, vermochte Nicht Kettenlaſt zu beugen; ein Gefängniß Bracht'ſt du ihm ein und ſchloſſeſt ihm die Thore Des Himmels auf; der Todesſtreich ward ihm Durch dich und todentrülter Ruhm. Der Donner S 8 3——„„. 8S 6G S S S 6 6S 6 e Zog weit umher, doch durch der Wetterwolken Zerriſſne Klüfte kam der Zukunft Engel Und kündete in des Gefangnen Zelle Der Menſchheit lichterfüllten Gang voraus. Ja! wenn des Lebens lezte Hoffnung ſinkt Und ſchrekenvoll die Seele von dem Ufer Hinausſchift au; die Nacht der ewgen Liefe, Glimſt du in einem fernen Stern und leiteſt Den ſteuerloſen Kahn.— Vom Blutgerüſt, Vor dem gehobnen Beil erhebt der Freund Des Vaterlands zu dir das feſte Aug, Sieht nicht die Menge drunten, nicht den Henker, Das Gaffen— Schweigen— Beben— Weinen nicht. Hell durch die Wüſte ſtralt die Feuerſäule Auf das gelobte Land, das Kanaan Der Träume ſeiner Bruſt. Der Freiheit Blut Befreit dem künftigen Geſchlecht den Pfad Und jeder Tropfen zeugt die Drachenſaat. VI. Heist du nicht Tröſterin? Verlangen wir Ein Gut, ſo wirſt du liebend uns geſchweigen Mit ſeinem goldnen Schein. Das Leben iſt Ein weinend Kind, und deine Mutterſorge Es ſtets in ſüße Träume einzuwiegen. Erheberin und Tröſterin! Haſt Du Der Gröſe ihren Tempel nicht gebaut Im Menſchenbuſen? Deines Dienſts entbehrend Was wären menſchliche Gedanken? was Dies dunkle Eiland in dem Meer der Zeit Umhegt von kleinen Nöthen, niederm Streben, Ständ nicht dein Wort in Sternenſchrift am Himmel? Begeiſterſt du uns doch für Alles, was Wir edel achten! Poeſie und Glauben; —— —— 16 Der Seele mächtger Engel, Ruhm; die Freiheit Die nie erliegt; der Wunſch nach einem Sein, Das beſſer iſt und lichter als das unſre; Der Drang die Menſchen gros zu ſeh'n und glüklich; Und unſres Gleichen zu den Stralenvildern Des Himmels zu erheben; das Verlangen Hinaus zu dringen über Sterblichkeit Und zu erklimmen den Olymp: iſt Dies Nicht gll von dir gegeben„nicht dein Werk? Iſts nicht der Wunſch dem Götterruf zu folgen, Der unſern Staub durchbebt? das Unſichtbare Zur Glorie der Wirklichkeit zu bringen? Das Ideal ins Leben zu beſchwören? Die Träume in dem Haus von Elfenbein, Sind dein, die ungezälte Schar der Nacht, Der groſen Mutter dieſer dunkeln Erde, Die lieblichen Deſpoten deren Throne Sich bünden gegen jede Lebensangſt, Und wunderkräftig, mächtiger als je Der Menſchen harſches Wort, die Zähren hemmen! Sie deken auf des Herzens bittre Thränen Ein lächelnd Luftgeſpinſt; vom Grab zurük Entbieten ſie die Lieben und umgaukeln Mit unſres Buſens alten Lenzesfarben Die kurze Stunde; wie ihr weinend Kind Die Amme gängelt oder lullt in Schlaf, So leiten oder ſtillen ſie die Seele. Sie herrſchen, deine Sklaven, uber uns: Was Wunder, daß dem ſüß verwirrten Munde Die fromme Vorgeit lieh der Zukunft Kunde 7 VII. Sieh auf dem Sarg Oeſtreichs entkrönten Sohn, 8 30 S 8S 8 6 8 6 Den Hektoriden der gefallnen Troja: Welch hohe Hoffnung ſtand an ſeiner Wiege! Ein Traum von Thronen bis zur fernſten Zukunft, Und Frankreichs Veilchenau und Perlenwein. Hoch ſchwoll die Leier, jubelnd ſtieg das Lied; Und Frauen, Krieger mit benarbter Stirn, Der alte Stamm von Auſterliz, die Scharen, Die durch der Alpen Kluft den Rachekrieg Ins Heimatland des Siegesaars getragen, Sie alle drängten ſich umher und riefen: Heil Frankreich, Mutterland, dir iſt Sohn gefunden! Ergraute Mächte bebten ob dem Ruf Auf ihren ſchwachen, angeerbten Thronen, Und gattenloſe Mütter kündeten Den Mord voraus dem Knäblein an der Bruſt: „Soll dies Geſchlecht dem Blut verfallen ſein, „Die Menſcheit fortan Ate's Erbtheil werden? „Wird dieſer ſtolzen Loſe Ruhe nie „Gerüttelt in der Urne 7— Abwärts zogen Die Jahre;— tritt, erblaste Fragerin Herbei und lerne! Auf jenem Felſen ſtirbt der Adler Herr! Des Sohnes Leben iſt des Vaters Buße! Was wiſſen wir von deinem wahren Selbſt, Entſchlafner Knab', ob tapfer du ob feige; Ob deine Seele feurig, ob zufrieden Mit niedrer Luſt; ob dieſe ſchöne Stirn Ein Haus des Geiſtes, oder ſtumpfer Sinn Sich ſchüchtern ſperrte in die Formenregel Von einem Hofgefangenwart; ob raſch Dein Blut Lurch ſtolze Adern tünzte, oder Vom trägen Herzen dumpfig nieder ſchlich; Bulvers Romane XX. 2 ein 18 Ob, wie in ſeinem mildern Guß dein Antliz Bekundete, du Züge deines Vaters Im Innern trugſt, die, hätte deinen Faden Geſchont das Schikſal, wol verheiſſen mochten, Des Holzſtoßs Aſche der auf Helenas Einſamem Strand gelodert, werd ein Phönir Entſteigen; oder ob dir Zungenhüter Und Augenwächter, ob entmannte Weichheit Die zwiſchen Höfe und Gedanken, wie Dem Vater in der kräftgen Luft des Lebens Sie zugeweht, lichtloſe Mauern ziehn— Ob ſie den Funken löſchten, der den einzgen Den ſcepter loſen Sohn Napoleons Zum Kampf entflammte, noch einmal die Schwingen Des dunkeln Adlers auf die alten Thürme Geborner Könige im Sturme trieb? Wer kanns jezt ſagen, kann es fernher ahnen? Des Schikſals trübes Dunkel ſchliest ſelbſt Träume Von deinem lorbeerloſen Grabe aus. Das lokere Geweb der Schmeichelei, Des Vorgemachs Geträtſch, Lakaienlug, Der Höͤflingsherzen überreiche Milde, Gleich freundlich gegen Berrys Kind und dich, Sind deine einzge Kronik. So verſchwand Des groſen Korſen weltbegrüster Sohn! Doch bleibt uns mindſtens Dies von dir zu denken, Dem— im Gedankenreich der— Thron noch ſteht, Daß Nachts, wenn wir in Schlaf begraben lagen, Der Geiſterheimat leichtbeſchwingte Träume Zu deinem unbemerkten Pfühle kamen Und auf die Zukunft, die dir niemals ward, Ein Licht ſich goß. Denn Jedem theilt die Jugend Vo Und Det Du Die Als Dan Es Das Aufẽ Ein Einr Und Ja, Verle Die ſi Die 4 Der t Die S Befrei Sind Nicht Dies7 Kein Verdor An dei Der H Die So Die Ei Sie kön Verfehn Von ihren Schäzen eine Gabe mit, Und du, das Kind des Schwertes,(das zuerſt Den Königen ihr göttlich Recht errang 1) Du mochteſt mindeſtens den Wunſch und Traum, Die Fantaſie die gern zur That erwuͤchſe, Als Jugendmitgift in dem Buſen nähren. Dann ſtralteſt du vor der erbleichten Welt, Es hielt der Ruhm das düſtere Verſprechen, Das er an deiner Wiege zugeſagt, Aufs Neue ward des Adlers Fahn⸗ entrollt, Ein Herrſchermund rief:„kämpfe!“ zu der Erde, Ein neu Philippi bot den Weltbeſiegern Hohn Und Cäſars Schikſal rächte Cäſars Sohn! VIII. Ja, du der Seele mächtige Armida Verlachſt der Kön'ge Wiz und Wehr. Sie theilen Die ſichtbar'n Reiche unter ſich, beherrſchen Die Oberfläche auf der Erdenfluth:— Der tiefre Quell— der höhre Aether, ja Die Sterne ſelbſt und all die lichte Welt Befreiter Hoffnungen, des Himmels Himmel, Sind dein, und Riegel nicht noch Ketten, Nicht Fürſtenhöfe, nicht Geſeze können Dies Feld beſchränken; ſelbſt das Schikſal kann Kein Blatt in deinen winterloſen Gärten Verdorren; frucht!os klopft die Parze An deine Thore. Uebertünchte Liebe, Der Herzdurchborer Gram, das ſchwanke Glhk. Die Scham die hinter dürftgem Stolze ſchleicht, Die Eiferſucht(der Leidenſchaft G ahrtin), Sie können deine Lauben nhtb« ſchen! ens Verfehmtem Raume die ge chheit ) Der Herr verbannte, ließ er einen Flek, Im Herzen—(dich, du heilig Ideal In unſrer Lebenswüſte—) unbewacht Von jenen Scharen mit dem Flammenſchwerte: Des Paradieſes Nachklang auf der Erde! Xl. Du meines Buſens Seraph, holder Tröſter, Apoſtel der mir heilige Gedanken Und einen Himmel bringt: zu irren Iſt unſer Loos, der Irrthum aber mag Verziehen wecden, wenn er edel iſt; Doch Eine niedrige Begier verſcheucht Den Engel aus der Stätte die er hütet. Drum nahr' ich deinen Altar mit der Flamme, Die nur in prieſterlicher, reiner Tracht Gewartet werden darf und ſeh mit heitrem, Geheiligtem Gemüth die helle Lohe Der Dünſte Qualm von jedem Ort verdrängen. Der Schönheit bring ich meinen Opferdienſt, Sei ſie auf Erden, ſeis im Menſchenherzen, Und ſuche in dem Schattenthal die Blumen, Von denen ich die holde Kunſt erlerne, Den Weihrauch ſtiller Andacht auszuſtreuen, So hab ich Tugend als ein ſichtbares, Fühlbares Gottbild mir geſtaltet, und Mit Liebe— wie einſt unſre Bruſt der Herr Erfüllen wird— die Quellen all erfüllt, Woraus das Weltall in das Leben ſtrömt. Sieh! weil ich ſchreibe rauſcht vor meinem Fenſter Der wilde Wald, des Nachtwinds freudge Luſt, Und auf dem Bach der an die grünen Ufer Mit Geiſtertönen klagt, ſteht Stern an Stern⸗ Geheiliget von deiner Gegenwart. N Ir Ir 885 Nicht die gemeine Aue, Woge, Luft— In jedem Gräschen ſeh ich deine Hoheit, In jedem Wehen flüſtert deine Stimme. Mein Herz neigt ſich zur Trübe, meinen Gliedern Entſchwand das Mark der kräftgen Jugendtage, Und Viel, deß Name ſchon einſt meine Seele Entzükt erhob, verlor, zu ſpät gewonnen, Die Kräfte der Erquikung; aber du, Unangeweht vom Todeshauch der Zeit, Dekſt fort und fort die Winterflur mit Grün! Sei du die Meine auf der Bahn der Kämpfe, Der Müh, vielleicht des Unrechts für den Staat, Auf welcher ich zum Lebensende ſchreite*). Heb mir das dunkle Herz durch deinen Sang; Zeige der Ruhmbegier ihr edler Ziel— Den Niedern zu erheben, nicht den Starken Zu fürchten. Laß mich hoffen daß mein Name Als eines Freien mit den Hoffnungen Des Vaterlandes feſt verbunden bleibe, Und meinem Grab die Inſchrift ſei beſchieden: „Den Menſchen half er; ſeinem Irrthum Frieden!“ X. Genug! mein Lied ſchliest ab und dir, dem Land Des Nordens, ſei ſein ernſter Klang geweiht, Wie ich geweiht die einfache Geſchichte, Das Drama dieſes Vor ſpiels. *) Der Verfaſſer iſt Parlamentsmitglied, jedoch mit ſeinem Bruder Heinrich, ebenfalls einem Glied des Unterhauſes, der häufiger als öffentlicher Redner auftritt(z. B. unlängſt in der Sache der Polen) nicht zu verwechſeln. Der Ueberſezer. Es einſam ließ im weiten Grab der Welt! Ferne rollt Der ſchnelle Rhein im Mondenlichte hin, Doch rauſcht vor meines Geiſtes Ohr und Aug Die Tanne, dran die blaue Woge ſchlägt; Durch Rheingaus weinbekränzte Thäler ſeh Ich dunkle Bilder auf dem Strome gleiten, Ich hör der Lurlei⸗ Jungfrau Klage zu Und wandle ſtill um Rolands alte Burg. Gepränglos iſt und einfach traurig was Aus wolverwahrten Angedenken, die Nicht klanglos ſterben ſollen, meine Seele Gewoben.— Sterben— nimmermehr! die Fluth Die des Gedankens Strom aus ſeinen Höhlen Hervortreibt an das Licht— und flöſe ſie Bis zu der Erde leztem Tag— kann nie Dies Schmerzensangedenken überdauern. Sind unſre Seelen frei von Sterblichkeit, So trage ich in meiner Jugend Gruft Gedanken die entſproſſen ſind der Seele, und wenn Verweſung fodert ihre Habe Mit jener ſiegreich ſteigen aus dem Grabe. Gepränglos iſt was ich erzäl und nimmer Würd es das Ohr gemeinerm Erdenton Entloken, lieh die helle Fantaſie Richt ihre Regenbogenbilder, gäbe Des Ideales Färbung der Geſchichte. Von einem ſchönen Mädchen bringt ſie Kunde, Durch deſſen jungen Mai der Sturm gebraust, Und als er raſch mit dieſer zarten Blüte Der Hoffnung Knoſpen einem Herz geknikt, So Die Det Mi Unt Dei Lãs Mit Der Dat Das Und Und Die Ent Und Und Der Zun Haſt Wa Von Die Ver Das All dies begab ſſch wirklich, aber du Sollſt freundlich während unſrer Pilger Fahrt Die Luft durchdüften, ſollſt mit mancher Sage Den bunten Weg verkürzen, ja den Tod Mit friſchem Liebeslächeln überſtralen. Und wie die Kranke mehr und mehr verwelkt, Ruft aus den grünen Hallen Oberons Dein Zauber zarte Magdgeſtalten vor, Läst milde Feen ob dem Leben wachen, Mit holden Träumen ſeinen Abend ſchmüken, Den Pfad erhellen, unter Obhut nehmen Das müde Herz und endlich von dem Pfeil Das Bittre wiſchen; läst den lezten Odem Schmerzlos verhauchen an der Liebe Mund und leiht dem Tod des Schlummers ſüße Farben. Und wenn die Bruſt nun ausgeſchlagen, rufen Die Elfen ſtets nach Blumen um die Gruft, Entbieten zarten Mondſchein auf das Gras Und ſänftgen zur Muſik die ſchnelle Woge. Und immer wird die Fantaſie in Dem, Der dieſer Blumen kurzen Frühling ſich Zum Straus gewunden, deinen Hauch erkennen. Haſt du ihm zugeſchaut vom Sternenſaum, Ward ihm dann Kraft von Oben nicht verliehen Von trüber Wirklichkeit zu holdem Traum Die bange Welt mit Zauberklang zu ziehen, Verwebend in die Nacht des mühevollen Strebens Das kurze Mondlicht eines ſchönern Lebens? N ——— 2 2 2 C. . Die Pilger des Rheins. E r ſt p ———— Worin der Leſer bei der Königin Silpelit eingeführt wird. In einem der grünen Wäldchen, die unſerer Inſel ſo eigenthümlich angehören(der Kontinent hat Forſten, England Gehölze!l) wohnte vor nicht gar lan⸗ ger Zeit eine reizende kleine Elfin, genannt Silzelit. Sie ſtammte, glaub ich, von einem jüngern Zweig des Hauſes Mab; doch mag dies auch blos eine ge⸗ nealogiſche Mythe ſein, denn die Elfen ſcheinen ſehr empfänglich für Ahnenſtolz, und wirklich läst ſich nicht leugnen, daß ſie ſich den freiſinnigern Anſichten, die heutigen Tags ſo ſehr im Schwung ſind, nur mit einigem Widerſtreben bequemen. Wie Dem ſein mag, ſo iſt ausgemacht daß alle hofgerechte Perſonen in Silpelits Landen,(ſie war nämlich eine Königin der Elfen) ſich eifrigſt befleiſſigten die Anſprüche ihrer Gebieterin auf dieſe erlauchte Abkunft auſſer Zweifel zu ſezen, weshalb die Fürſtin denn auch das mabiſche Wappen neben dem ihrigen führte, nämlich drei grüne Eicheln neben einer auf⸗ gerichteten Heuſchreke. Es war ein ſo luſtiger kleiner Hof, als man ſich jrgend vorſtellen konnte, und wol ver ein die ſchl zu der ein ver feck dri pal „ ein ſich daf gel wi un erf der wird. ſerer t hat rlan⸗ velit. zweig le ge⸗ ſehr t ſich chten, nur ß alle war ſigten uchte ürſtin rien rauf⸗ leiner d wol verlohnte ſichs in einer ſchönen Sommernacht einen Ball der Königin mit anzuſehen, d. h. wenn man eine Eintrittskarte zu erhalten vermochte; eine Gunſt die nur gegen ſchwere Gebüren ertheilt ward. So lang jedoch Elfen wie Menſchen den Vor⸗ ſchlag des treflichen Herrn Owen, in Parallelogrammen zu leben, nicht annehmen, werden ſie ſtets die Opfer der Langenweile ſein. In der That war Silpelit, die eine unglükliche Liebe gehabt und noch ſtets im un⸗ vermälten Stande verharrte, in den lezten fünf oder fechs Monaten ſogar des Ballgebens höchſt über⸗ drüſſig geworden. Sie gähnte ſehr häufig und das Gähnen ward demgemäß eine Mode. „Warum haben wir doch keine neue Tänze, Pi⸗ pali?“ fragte Silpelit ihre begünſtigte Ehrendame. „Dieſe Walzer ſind ſchon entſezlich lang an der Tagesordnung.“ „Entſezlich lang!“ erwiederte Pipali. Die Königin gähnte— Pipali folgte dem Beiſpiel. Es war Galla⸗Nacht; das Hoflager wurde in einer einſamen, ſchönen Höhle gehalten, um welche ſich von allen Seiten wildes Geſträuch herzog, ſo daß nicht leicht ein menſchlicher Fuß an den Ort gelangen konnte. Wo irgend ein Schatten auf das Gebüſch ſiel, da machte ſichs jedesmal ein Johannis⸗ würmchen zum Geſchäft, ſein Licht glänzen zu laſſen, und oben zog der helle Auguſtmond langſam hin, erfreut auf eine ſo reizende Luſtbarkeit niederzubliken; denn man thut dem Mond Unrecht, wenn man be⸗ 26 hauptet er habe einen Widerwillen gegen den Spas; für den Spas der Elfen fühlt er alle erdenkliche Sympathie. Da und dort im Dikig rollte etwas übrig gebliebenes Geisblatt— im Auguſt iſt die Zeit des Geisblatts ziemlich zu Ende— ſeine üppigen Gehänge herab, in dieſem Augenblik der Sammel⸗ plaz der ältern Elfen, die das Tanzen aufgegeben 5. und das Verläſtern angefangen hatten. Neben den Geisblatt ſah man die gelbe Wegwarte und die weiße Winde gegen das ſanfte Grün des Gebüſches abſtechen; Pilze, die im Ueberfluß im ganzen Um⸗ kreis umher ſtanden, flimmerten im ſilbernen Mond⸗ licht und waren den Tanzenden über die Maßen willkommen; weiß doch Jederman wie angenehm ein Zeltdach bei einer Féte champétre iſt! Doch ich irrte, wenn ich ſagte das Geſträuch habe den Kreis ringsum eingeſchloſſen, denn eine Sterblichen kaum bemerkbare Oeffnung war da. Durch ſie konnte mindeſtens ein Elfe einen Blik auf einen nahen Bach werſen, der im Sternenſchein plätſcherte und von Zeit zu Zeit durch das reiche, in ſeinen Spiegel tauchende Gras, worein ſich wiederum das zarte Pfeil⸗ kraut oder die glänzende Waſſerlilie einwob, eine wech⸗ ſelnde Schattirung bekam. Dann die Bänme ſelbſt⸗ mit der verſchwenderiſchen Manigfaltigkeit ihres bunten Schmelzes geſchmükt:— blaue— rothe— gelbe Tinten;— das zarte Silbergrün und die tiefen, ins Schwarz übergehenden Schattenmaſſen; die Weide, Ulme, Eſche, Föhre, Linde und vor Allem vo in gr un lic Ti un nit Alt⸗Englands heimatliche Eiche: all dieſe Farben brachen ſich wiederum in tauſend dünnere, zärtere Hauche, je nachdem die funkelnden Sterne durch das Laub ſchimmerten, oder der Mond mit vollerem Licht auf irgend einer Lieblingsſtelle ausruhte. Es war Galla⸗Nacht; die ältern Elfen plau⸗ derten, wie ſchon geſagt, im Geisblatt; die jungen ſchwärmten und tanzten und liebelten; die Lente von mittleren Jahren politiſirten unter den Pilzen, und die Königin mit einem Halbduzend ihrer Günſt⸗ linge gähnte ihre Luſt von einem kleinen, mit dem dichteſten Moos bedekten Hügel herab. „Wars doch nie mehr amüſant, Eure Majeſtät, ſeit Prinz Faiſenheim uns verlaſſen hat!“ bemerkte der Elfe Schnipp. Die Königin ſeufzte. „Wie hübſch der Prinz war!“ ſagte Pipali. Die Königin erröthete. „Auf der Welt kleidete ſich Niemand geſchmak⸗ voller— und welch ein Schnurbart!“ rief Pipali, indem ſie ſich mit ihrem linken Flügel fächelte. „Ein Gek war er!“ ſagte der Grosſchazmeiſter griesgrämig. Der Grosſchazmeiſter war der ehrlichſte und unangenehmſte Elfe vom ganzen Hof; ein tref⸗ licher Gatte, Bruder, Sohn, Vetter, Oheim. Dieſe Tugenden hatten ihn zum Grosſchazmeiſter gemacht; unglüklicher Weiſe machten ſie ihn zu keinem ſcharfſin⸗ nigen Mann. In einer Beziehung glich er Karl dem Zweiten; denn er that nie etwas Weiſes; aber in 28 der andern glich er ihm nicht, denn er ſagte ſehr häufig etwas Thörichtes.“ Die Königin faltete die Stirn. „Ein junger Prinz büst deshalb nichts an ſei⸗ nem Werth ein,“ engegnete Pipali.„Glaubt Eure Majeſtät Seine Hoheit werde zu uns zurükkehren2“ „Beläſtige mich nicht mit Fragen!“ erwiederte Silpelit ärgerlich. Dem Geſpräch eine angenehme Wendung zu ² geben erinnerte der Grosſchazmeiſter Ihro Majeſtät, daß die Geſchäfte ſich zum Erſchreken angehäuft hätten, beſonders hinſichtlich der ſchwierigen An⸗ 1 gelegenheit mit dem Ameiſen⸗Anlehen.— Ihro Maje⸗ ſtät ſtand auf und verfügte ſich, auf Pipalis Arm 3 gelehnt, hinab ins Speiſezelt. „Sagen Sie mir doch,“ fragte die Elfin Tripp 5 1 den Elfen Schnipp,„was ſoll all das Gerede vom Prinzen Faiſen heim? Entſchuldigen Sie meine Jgnoranz, Sie wiſſen ich pin eine Neulingin in 1 den Salons.“ „Hm!“ erwiederte Schnipp, ein junger Höfling, 3 nicht aufs Heiraten bedacht, aber höchſt verführeriſch: „die Geſchichte iſt dieſe. Vorigen Sommer beſuchte uns ein Fremder der ſich Prinz Faiſenheim nannte, 4 1 einer von den deutſchen Elſen, mein ich; eben nichts 6 Sonderliches, walzte aber zum Entzüken. Er trug 1 lange Sporen, aus den Stacheln der Roßmüken im Schwarzwald gemachtz die Müze ſaß auf der einen F 1 Seite des Kopfs, und ſein Schnurbart kräuſelte r — 29 ſich wie die Lippe der Drachenblume. Er war auf Reiſen und vertrieb ſich die Zeit damit der Königin den Hof zu machen. Sie haben keine Idee, liebe Tripp, mit welcher Begierde ſie ihn von den wun⸗ derlichen Geſchöpfen Deutſchlands erzälen hörte— von wilden Jägern, Undinen und Ware von der⸗ gleichen Stoff,“ fügte Schnipp verächtlich hinzu, denn Schnipp war ein Freigeiſt. „Und das Ende?“ fragte Tripp. „Und das Ende? ſie verliebte ſich!“ rief Schnipp pathetiſch aus. „Und der Prinz?“ „Pakte ſeine Kleider zuſammen und ſchikte ſeinen Reiſewagen voraus, um nach Bequemlichkeit oben auf einer Poſttaube abreiſen zu können; und das Ende— wie Sie ſich ausdrüken— das Ende vom Lied war, daß er die Königin ſizen ließ, und ſie hat ſeitdem das Gähnen aufgebracht.“ „Das war ſehr ſchlecht von ihm!“ bemerkte die mitleidige Tripp. »Hui, mein liebes Kind,“ rief Schnipp,„ich wollte ſehen, wenn er Ihnen die Cour gemacht hätte!“ Tripp lächelte verſchämt, und die alten Elfen auf ihren Sizen im Geisblatt bemerkten ſie habe eine üble Konduite; aber freilich ſeien die Tripps nie allzu ehrbar geweſen. Mittlerweile hatte die Königin nach kurzem Stillſchweigen zu der unterſtüzenden Pipali geſagt: „Du must wiſſen, daß ich einen Plan gemacht habe!“ „Wie herrlich!“ rief Pipali.„Eine neue Galla!“ „Pah! ſicherlich must ſelbſt du dieſer Poſſen ſatt ſein; der Zeitgeiſt dreht ſich nicht länger um Frivolitäten, und ich darf wol vorausſagen, daß wir mit dem Vrorſchreiten eines ernſtern Lebens dieſer Gallanächte ganz los werden dürften.“ Die Königin ſprach Dies mit einem Ausdruk unendlicher Ver⸗ ſtändigkeit, denn die„Geſellſchaft für Verbreitung allgemeiner Verduzung“ war kürzlich unter den Elfen gegründet worden und ihre Abhandlungen hatten alle leichtere Lektüre aus dem Maärkt getrie⸗ ben. Nicht wenig hatte auch die„Pfenning⸗ Proſa“ zur Vermehrung der Kentniſſe und des Gähnens beigetragen, die beide damals am Hof ſo ſichtbare Forſchritte machten. „Nein,“ fuhr Silpelit fort;„ich habe mir was Beſſeres als Galla's ausgedacht;— last uns auf Reiſen gehen!“ Pipali ſchlug die Hände jubelnd zuſammen. „Wohin werden wir reiſen 26 „Fahren wir den Rhein hinauf,“ bemerkte die Königin mit abgewandtem Geſicht.„Wir werden zum Erſtaunen gut aufgenommen werden; es leben dort Elfen ohne Zahl, den gauzen Weg am Ufer eutlang; desgleichen verſchiedene entfernte Verwandte ron uns, deren Natur und Eigenſchaften einem philoſophiſchen Gemüth Intereſſe und Belehrung dardieten.“ —,———— ——— 34 „Der kleine Däumling zum Beiſpiel!“ rief die muntere Pipali. „Der rothe Mann,“ erwiederte die erſtere Sil— pelit. „O meine Königin, was für ein herrlicher Plan!“ Und Pipali war die übrige Nacht hindurch ſo aufgeregt, daß die alten Elfeuin den Geisblatt⸗ blüten ſich zuflüſterten, die Ehtendame habe einen Becher Maienthau zu viel getrunken. Zweites Kapitel. Die Liebenden, —.— Ich wünſche mir blos ſolche Leſer, die ſich mir mit Herz und Seele hingeben;— fangen ſie an zu kritiſiren, ſo ſind wir geſchiedene Leute; ihre Ein⸗ bildungskraft muß ſich meiner Führung gänzlich un— terwerfen; und ſollten ſie endlich nicht ſelbſt froh ſein dieſer trübſeligen Alletagswelt los zu werden, und ſich von einem Autor kopfüber forttragen zu laſſen, der ihnen etwas Neues verſpricht? Von der Höhe bei Brügge blikten ein Sterb⸗ licher und ſeine Verlobte auf den Schauplaz vor ihnen nieder. Langſam ſahen ſie die Sonne unter purpurnen Wolkenmaſſen verſinken, und der Liebende — wandte ſich zur Geliebten und ſeufzte tief. Denn ihre Wange voll gedrängter Roſen war zärter als die Blüte, die den Farben der Geſundheit angehört, und als er die Sonne vor der Welt hinabtauchen ſah, kam der Gedanke über ihn, daß die neben ihm Stehende ſeine Sonne ſei und der Glanz, den ſie über ſein Leben warf, in Kurzem hinübergehen dürfte in den Schobs der ewigen Nacht. Aber ge⸗ gen die Wolken erhob ſich einer von den vielfachen Thürmen, welche ein bezeichnendes Merkmal der Stadt Brügge ſind, und an dieſer in den Himmel verſchwebenden Spindel hing das Auge von Ger⸗ trud Vane. In den verſchiedenen Gegenſtänden, welche die Blike des Beiden feſſelten, drükten ſich wie in einem Sinnbild der verſchiedene Gang ihrer Gedanken und die verſchiedenen Elemente ihres We⸗ ſens aus: er dachte an Schmerzen, ſie an Troſt; ſein Herz verkündete den Weggang von der Erde, das ihrige das Aufſteigen zum Himmel. Der tiefere Theil der Landſchaft war in Schatten gehüllt; aber eben wo ſich das Ufer zu einer ſcheinbaren Bucht einründete, fiel das Scheidelächeln der Sonne auf das Waſſer und in kaum bemerkbaren Wellen ſchlug es gegen das grüne Kraut auf, welches das Geſtad überkleidete. Zwei der zahlreichen Windmühlen, die einen ſo maleriſchen Zug jener Gegend bilden, ſtanden am aufſteigenden Rand des Gewäſſers in geringer Entfernung von einander; ihre Flügel in der Stille des Abends vollkommen bewegunglos — 1„——„—„——— „—— er uf ug bildeten eine Zugabe zu dem ringsumher athmenden ländlichen Frieden. Für mich wenigſtens liegt in den unbewegten Flügeln eines ſolchen Geſchöpfs der menſchlichen Geſchäftigkeit ein beſonders bezeichnender Ausdruk der Ruhe; ihr Stillſtand ſcheint ein Bild der Stille unſres eignen Herzens:— kurz und unge⸗ wiß, der natürlichen Beſtimmung entgegen; und doppelt eindringlich wird dieſer Gedanke durch das Gefüht, das uns erinnert, wie unzuverläſſig ſolche Raſt iſt,— wie abhängig vom leiſeſten Hauch der ſich in jedem Augenblik und von jeder Seite des Him⸗ mels her erheben kaun!— Jene ſahen keine lebende Geſtalten vor ſich, ausgenommen ein paar Landleute, die noch am Ufer weilten. Trevylyan ſchmiegte ſich feſter an ſeine Gertrud, denn er liebte ſie auf unendlich zarte Weiſe; die wach⸗ ſame Sorge um ſie machte ſeinem kräftigen Körper die erſte Abendkühle noch früher bemerklich, als ihr ſelbſt. „Geliebte! laß mich Deinen Mantel feſter um Dich hängen!“ Gertrud lächelte ihren Dank. „Mir iſt woler, als ſeit Wochen,“ ſprach ſie; „und kommen wir erſt auf den Rhein, ſo wirſt Dn mich ſo geſund werden ſehen, daß Deine ganze Theit⸗ nahme für mich aufhören dürfte.“ „Wollte der Himmel, meine Theilnahme für Dich würde auf eine ſolche Probe geſtellt!“ erwiederte Trevylyan; und langſam kehrten ſſe nach dem Gaſt⸗ pofzurük, wo Gertrudens Vater ihrer bereits wartete. Buhver's Romane XX. — — Trevylyan war von wilder, entichloſſener, that⸗ kräftiger Natur. Nit ſechzehn Jahren in die Welt geworfen, hatte er ſeine Jugend abwechſelnd unter Vergnügungen, Reiſen und einſamen Studien zu⸗ gebracht. In dem Alter worin der Mann für fan⸗ taſtiſche Einfälle vielleicht am wenigſten, für wahre Leidenſchaft am meiſten empfänglich iſt, überwältigte ihn die Liebe zu dem holdeſten Weſen das je in die Entzükung eines Dichters herabgedämmert hat. Ich ſage Dies ohne Uebertreibung, denn Gertrud Vanue hatte in der That die Schönheit, aber auch die Bergänglichkeit eines Traums. Höchſt ſeltſamer Weiſe begegnete es Trevylyan(der freilich auch ein ſeltſamer Menſch war) daß er, deſſen Neigungen von Natur ſehr ſchwer zu erregen ſchienen, beim erſten Blik eine Perſon lieben muste, deren bereits zweifelloſe Krankheit jedes andere Herz abgeſchrekt haben dürfte, ſeine Schäze einer Barke anzuver⸗ trauen, die ſich zur Lebensreiſe ſo gänzlich ungeeig⸗ net auswies. Schwindſucht, aber Schwindſucht in ihrer ſchönſten Geſtalt, hatte Gertruden ihren Stem⸗ pel aufgedrükt, als Trevylyav ſie zum erſtenmal ſah und beim erſten Sehen liebte. Er kannte die Gefahr des Uebels; er täuſchte ſich, einzelne Momente abgerech⸗ net, nicht; er kämpfte gegen die aufkeimende Leiden⸗ ſchaft, vermochte ſie aber bei aller Stärke ſeiner Natur nicht zu vewältigen. Er liebte, geſtand ſeine Liede, und Gertrud erwiederte ſie. In einer ſolchen Liebe liegt etwas unendlich ter zu⸗ au⸗ hre igte die Ich ane die mer ein ngen beim reits hrekt ver⸗ eeig⸗ t in tem⸗ hund res erech⸗ eiden⸗ ſeiner ſeine ndlich . 35 5 Schönes— die reine Poeſſe des Herzens. Das Ver⸗ langen, durch die Furcht geheiligt, und faſt ohne die Möglichkeit auf dem gewöhnlichen Weg der Sinne ſeinen Zündſtoff zu verzehren, bricht ſich ſeinen Er⸗ guß in jenem unbeſtimmten Schmachten— jenem erhabenen Streben nach dem Hellen— Fernen— Un⸗ erreichten. Es iſt„die Sehnſucht des Staubs nach den Sternen“— es iſt die Liebe der Seele! Die Aerzte hatten Gertrud gerathen, den Ein⸗ fluß eines ſüdlicheren Klimas zu verſuchen; aber Gertrud war die Tochter einer deutſchen Mutter und ihre junge Fantaſie hatte ſich mit all den dich⸗ teriſchen Sagen und lokenden Träumenn genährt, die den Ufern des Rheins angehören. Ihr Ge⸗ müth, mehr romantiſch als klaſſiſch, ſehnte ſich nach den rebenbekränzten Hügeln und geiſterrüchigen Wäl⸗ dern, die einen ſo fruchtbaren Zauber über Alle ausüben, die ſelbſt nur wenige Züge aus der Lite⸗ ratur des Nordens gethan haben. Ihr mit Rach⸗ druk ausgeſprochener Wunſch, ihre erklärte Ueber⸗ zeugung, daß wenn irgend ein Ortwechſel den Fort⸗ ſchritt ihrer Krankheit noch aufhalten könne, es die Geſtade des Stromes ſeien, nach deren Anblik ſie ſo lang geſchmachtet, hatten bei den Aerzten und dem Vater den Ausſchlag gegeben, und beide Theile zur Einwilligung in die Pilgerſchaft am Rhein bewogen⸗ auf welcher Gertrud, ihr Vater und ihr Geliebter jezt begriffen waren. An der grünen Uferkrümmung welche die Lie⸗ 3* ſen auch unſere Elfenwanderer zuſammen. Pipali, Schnipp, Tripp und der Grosſchazmeiſter, Odies war die ganze Geſellſchaft die von der Königin zum Reiſegefolg ausgeleſen worden) lehnten ſich behag⸗ lich an den Rand des Waſſers, ſpielten Domino mit Augentroſt und den ſchwarzen Fleken des Klees, und warteten auf Ihro Majeſtät, die, eine neugie⸗ rige kleine Fee, ſich auf Rekognoscirung in der Stadt befand. „Gott behüte!“ rief der Grosſchazmeiſter,„was für ein toller Einfall! Ueher dieſe unermesliche Waſ⸗ ſerwüſte zu ſezen!— und gab es je ſo erbärmliches Gras, wie dies da?— man ſieht, daß es hier ſehr übel um die Elſen ſtehen muß!“ „Sie ſind immer unzufrieden, Mylord,“ ent⸗ geenete Pipali.„Aber freilich ſcheinen Sie auch ein Bischen zu alt zum Reiſen;— Sie müsten denn et⸗ wa in Ihrer Nußſchale und mit Vieren fahren,“ Dem Grosſchazmeiſter behagte dieſe Antwort nicht; er brummte ein ärgerliches„Pah!“ und nahm eine Priſe Geisblattſtaub als Tröſtung gegen die Nothwendigkeit, ſich ſo viel Frivolität gefallen laſſen zu müſſen. In dieſem Augenblik, ehe der Mond noch ſeine Mittelhöhe erreicht hatte, langte Silpelit bei ihren Unterthanen an. „Eben kehr ich von einer Scene zurük,“ hob ſie mit dem Ausdruk der Wehmuth anf den Zügen an, benden von der Höhe von Brügge aus ſahen, tra⸗ — —, ————„„H— — — ——+ 37 „die in mir jene Anmuthung zu den menſchlichen Weſen beinah von Neuem hervorgerufen hat, von welcher unſer Geſchlecht in den lezten Jahren faſt ganz abgekommen iſt.“ Ich durcheilte die Stadt ohne ſonderlichen Stoff zu einem Abenteuer zu bemerken. Einen Moment hielt ich auf dem Pfühl eines fetten Bürgers ſtill und ließ ihn von Liebe träumen. Entſezt wachte er auf und rannte hinunter ob nicht etwa ſeine Käſe Schaden genommen hätten. Mit leichter Schwinge ſtreifte ich über die Augen eines Politikers, und ſtraks träumte er don Theater und Muſik. Einen Leichenbeſorger traf ich im erſten Schlummer und ließ ihn in den Wirbeln eines Walzers zurük. Denn was wäre der Schlaf, bildete er keinen Ge⸗ genſaz gegen das Leben? Sofort kam ich in ein ein⸗ ſames Gemach, worin ein Mädchen in der zarteſten Jugend betend neben ihrem Bett kniete, und ich ſah daß der Geiſt des Todes über ſie hingegangen und der Mehlthau anf die Blätter der Roſe gefal⸗ len war. Das Zimmerchen ſtill und ruhig!— der Engel der Reinheit hielt darin Wache. Des Mädchens Herz war voll Liebe und doch voll heili⸗ ger Gedanken, und ich ließ ſie von dem ihr verſag ten langen Leben träumen, von einem glüklichen Haus, von den Küſſen ihres jungen Geliebten, von ewiger Treue und nie ſchwindender Zärtlichkeit. Möge ſie mindeſtens im Traum genieſen was das Schikſal der Wirklichkeit verſagt hat! Aus dem Zim⸗ —* mer tretend fand ich ihren Freund im Mantel ne⸗ zen der Thür ausgeſtrekt; denn er liest mit zuken⸗ der, verzweifelter Vorausſicht das Los, das ihrer wartet, und ſo ſehr liebt er ſelbſt die Luft die ſie athmet, den Boden den ſie trit, daß wenn er ſie nicht mehr ſieht, er ſtill und unbemerkt zu dem ihrer heiligenden Gegenwart nächſten Ort ſchleicht, damit ſo lang ſie noch auf Erden weilt, keine Stunde, keine Minute einem andern Gedanken zugewieſen ſei, als ihr. In der Verminderung des Zwiſchenraums, der ihn für jezt nur augenbliklich von ihr trennt, liegt für ihn ein Gefühl der Siche heit, ein furchtba⸗ rer Troſt. Solche Liebe erſchien mir nicht wie die Liebe der gemeinen Welt; ich hielt meine Schwingen an und petrachtete ſie wie Etwas für deſſen Schönheit und düſtere Wahrheit Jahrhunderte vielleicht kein Gegen⸗ pild aufweiſen können. Aber den Schlummer wehrte ich von den Augen des Liebenden ab, denn wol wust' ich, daß der Schlaf für ihn ein Tyrann iſt, der während er ſein Leben friſtet, die kurze Zeit des liebenden Bewustſeins beſchränkt; und ein trüber, ängſtlicher Gedanke an die Geliebte iſt ſüßer für den Armen, als der lachendſte Elfentraum. So hielt ich ihn denn wach und blieb bei ihm durch die lange Nacht und fühlte daß ſo lang die Kinder der Erde die wahre Liebe unter ſich gegenwärtig erhalten, ſie immer noch etwas haben, was ſie den Geiſtern ed⸗ lerer Abkunft verbündet.“ Und ach! liegt denn in unſern Dichtungen von der rer ſie ſie rer mit eine als ms, unt, tba⸗ iebe und und gen⸗ hrte wol iſt, tdes über, rden hielt lange Erde t, ſie ned⸗ 39 unſichtbaren Welt nicht doch eine Wahrheit? Gibt es nicht wirklich holde Bewohner der Forſten und Ströme? Bliken Mond und Sterne nicht auf zarte, beſchwingte Geſtalten herab, die ſich in ihrem Licht baden? Sind Elfen und unſichtbare Begleiter blos die Kinder unſerer Träume, nicht ihre Schöp⸗ ſer? Iſt Alles, was aus dem goldenen Buch des Schlafs zu uns ſpricht, nur eitel Trug? Gehört die Welt blos rauhen, angſterfüllten Arbeitern, die in der Verfolgung nicht zarter Schatten hin und wieder wandeln? Sind die Geſpenſter lder Leiden⸗ ſchaft die einzigen Geiſter im Weltall? Nein! indem meine Erinnerung zu ihren verborgenſten Schäzen hinabſteigt, würde das Bild Einer die nicht mehr iſt,— die„nicht der Erde irdiſch Kind“ war,— Einer in welcher die Liebe als Inbild göttlicher Gedanken erſchien,— Einer, deren Geſtalt und Geberde, de⸗ ren Herz und Sinn, hätte auch früher nie ein Dich⸗ ter davon geträumt, die Vorſtellung von Geiſtern erzeugt haben müste, die den Sterblichen gleichen aber nicht zu ihnen gehören.... nein, Gertrude, in⸗ dem ich Deiner gedenke, klammert ſich der Glaube an hel⸗ lere Geſtalten und ſchönere Naturen, als die, wo⸗ von die Welt weiß, an mein Herz, und fort und fort will ich denken, Elfen hätten über deinen Schlaf gewacht und Geiſter ſeien deiner Träume Diener geweſen. ————————— Drttes e Gefühle. —.——— Gertrud und ihre Begleiter fuhrewin langſamen, für Erſtere freudereichen Tagreiſen nach Rotter⸗ da m. Trevylyan ſaß neben ihr; ſtets lag ihre Hand in der ſeinigen und fühlte ſich ihr zarter Körper etwas ermüdet, ſo ſank ihr Haupt auf des Freundes Schulter als ſeinen natürlichen Ruheplaz. Ihr Vater war ein Mann, der lang genug gelebt, um manche Stöße des Schikſals zu erfahren. Dieſe hatten ihn, wie meines Bedünkens lange Widerwärtigkeiten ihr Opfer in der Regel zurüklaſſen, etwas kalt und verhärtet gegen die Empfindungen des Herzens ge⸗ macht— paſſiv und reſignirt, gefast auf das Schlim⸗ ſte als auf das Gewöhnliche und Natürliche, und vom Beſten, als einem unvorgeſehenen Zwiſchenakt im regelmäßigen Lauf der menſchlichen Leiden, wenig erwartend. Er bemerkte die Gefahr ſeiner Tochter nicht, denn er gehörte nicht zu Denen, welche die Angſt der Liebe mit einer Vorausſicht der Zukunft begabt. Gleichwol liebte er ſein Kind, ſein einziges Kind, mit der ganzen Wärme, die ihm nach den manigfaltigen Schlägen, die ſein Herz getroffen, . „—„—„—,—„ e—+ c——„„„—— —— — 41 noch übrig blieb, und Getrudens bevorſtehende Ver⸗ bindung mit einem ſo reichen und angeſehenen Mann wie Trevylyan, rief ihm ſogar ein Gefühl hervor, das der Freude nah kam. In den affektloſen Gleich⸗ muth ſeines Weſeus gehüllt lehnte er ſich über den Wagen, genoß das ſchöne Wetter, das die Reiſe begleitete, und empfand— wie er denn wirklich einen feinen und gebildeten Geſchmak beſaß— jede Schönheit der Natur oder Schoͤpfung der Kunſt zu welcher die Geſellſchaft ihre wechſelnde Bahn führte. Ein Gefährte dieſer Art war der Angenehmſte, den zwei Menſchen die nie einen Dritten brauchen, ſich wün⸗ ſcheu konnten. Ungeſtört überließ er ſie dem Ent⸗ züken über ihre gegenſeitige Nähe: er merkte nicht auf den Austauſch ihrer Blike, horchte nicht auf das Gelispel, das leiſe ſüße Gelispel, womit das Herz dem Herzen ſein Mitgefühl ausſpricht. Nicht brach er die wonnige Stille, die uns überkommt, wenn das Gemüth voll iſt und Worte nichts mehr zu erläutern brauchen— jene Ruhe der Empfindung, jene Gewisheit, daß wir ohne Schall und Ton ver— ſtanden werden, in welcher die eigentliche Schwelgerei eines geſelligen Verkehrs und der wahre Genuß des Reiſens beſteht. Welche Erinnerung laſſen ſolche Stunden zurük, wenn wir uns einmal zum ruhigen Geſchäft des gemeinen Lebens niedergeſezt haben!— wie reizend erſcheint uns durch die Fernſicht der Jahre hindurch dieſer kurze Streifen Mondlicht auf den Wellen unſerer Jugend! Trevylyans Natur, wie ſchon geſagt, urſprüng⸗ lich hart und rauh, war heftis, reizbar, ehrgeizig, und Weltklugheit und Welterfahrung hatten früh in ihr nachgeklungen; aber ſein jeziger Gemüths⸗ zuſtand ſchien ihn gänzlich umgewandelt zu haben: jede Stunde, jede Minute brachte ihm ein Ereigniß; jeder Blik Getrudens grub ſich in das Buch ſeines Herzens, ſo daß ſeine Leidenſchaft nicht die leiſeſte Stokung kannte, keines Wechſels bedurfte; er lebte nur in ſeiner Liebe; ſeine Liebe war er ſelbſt! Er war ſanft und wachſam, wie der Schritt der Mutter am Bett ihres kranken Kindes; das unbe⸗ zähmbare Herz hatte den Löwen in ihm gezähmt. Zu dem erfüllte ihn die Trauer, die Ahnung die ſich der Zärtlichkeit für Gertrud beigeſellte, mit jener Poeſie der Empfindungen, dem Ergebniß eines mächtig auf uns laſtenden Gedankens den wir in der ge⸗ wöhnlichen Sprache nicht ausdrüken dürfen. Während dieſes erſten Abſchnitts ihrer Reiſe wurden, wie ich aus dem Datum erſehe, nachſtehende Zeilen geſchrie⸗ ben; ſie müſſen als das Werk eines Menſchen be⸗ trachtet werden, für welchen Schmerz und Wirklich⸗ keit die einzige Begeiſterung waren. Wie dunkelnd ſich ein Blatt verſchliest dem Licht, Wenn froher Mittag gaukelt in den Zweigen, Seh ich der Erde ſtralend Lenzgeſicht Ju mir allein die trüben Schatten neigen. Was iſt des Maies Hauch, der Knoſpe Bruch, Was Frühlings Wollaut, Lebens Stolz und Labe, Wenn jede Sonne ſpinnt am Leichentuch, Und Zeit nur ewig tändelt mit dem Grahe? So rein, ſo jung!— wenn auf des Himmels Grund Noch lachend junge Morgenroſen wallen!— Der Ton— das Aug— der liebeſüße Mund, Sind ſie nicht Seelen?— und dem Tod verfallen? Gilt auch für uns der ſtrenge Spruch: dahin! Muß auf ſe ſanfter Fluth die Barke ſinken? Bringt dir dein kurzer Lenz nur den Gewinn Der Blumen die von deinem Sarge winken? O Gott! daß mich nicht faſſen ſoll die Gruft— Hat doch die Welt genug von dunkelm Staube!) Und ſie, die Roſe, deren holder Duft Die Frur beſeelte, wird dem Sturm zum Raube! Und ich, an deſſen liebetrunken Herz In deinem Hauch des Himmels Wellen beben, Ich muß hinunterlächeln neinen Schmerz, Daß er nicht trübt dein leztes, ſüßes Leben! —„ —*7 Ka, ich will freundlich an der ſtillen Bruſt Den Wurm, den überwundenen, verſteken. Brich, hrich mein Herz;— laß mir die arme Luſt Daß meine Klagen ſie vom Traum nicht weken! * —„ Wo ihn der Sterne Engel mild bewacht Zieht leis der Meerſtrom über ſeine Höhle; So auch mein Geiſt:— da unten tiefe Racht, Doch auf den Waſſern ſchwebet deine Seele! v — v Gertrud ſelbſt hatte das Vorgefühl das Trevylyans Gemüth füllte, nicht. Sie dachte zu wenig an ſich, um ihre Gefahr zu kennen, und die jezigen Stunden waren für ſie Stunden ungemiſchter Wonne. Mit⸗ unter jedoch drükte die Erſchöpfung ihrer Kräfte ihren Lebensgeiſtern eine gewiſſe Schwermuth ein; ſie ward in ſich gekehrt und ſuchte vergebens gegen 44 eine krankhafte Verſtimmung anzukämpfen. Dieſe Anfälle von Niedergeſchlagenheit und Verdüſterung griffen Trevylyan in die Seele; unaufhörlich merkte ſein Aug auf dieſelben, ſuchte ſein Herz ſie zu ſänfti⸗ gen. Oft wenn er ſie herankommen ſah, bemühte er ſich Gertrudens Aufmerkſamkeit von Dem, was er irriger Weiſe für Mitempfindung ſeiner eigenen Ahnungen hielt, abzuleiten und ihre junge, romantiſche Einbildungskraft auf einige Zeit durch den liebli⸗ chen Trug der Dichtung zu führen. Denn Gertrud ſtand noch in der erſten Jugendblüte, und noch perlte der ganze Thau der ſchönen Kindheit friſch aus der jungfräulichen Blume ihres Gemüths. Trevylyan, der einige ſeiner frühern Jahre unter den Studenten in Leipzig zugebracht hatte und in der bunten Märchenwelt tief bewandert war, durchwühlte ſein Gedächtniß nach ſolchen Geſchichten, die ihm am anſprechenſten für die Geliebte dünkten; oft begann er mit erkünſteltem Lächeln einen luſtigen Schwank, öfter noch, mit mehr eigenem Antheil, die ernſtere Sage von Herzensproben welche Verſchleierinnen wie— Verkünderinnen derjenigen waren, die ihnen ſelbſt bevorſtand. Von ſolchen Erzälungen hab ich nur wenige ausgeleſen; ich glaube nicht, daß ſie der Wiederholung am mindeſten werth ſind; jedenfalls ſind ſie diejenigen, zu deren Wiedergebung manig⸗ fache Erinnerungen mich am geneigteſten machen. Gertrud liebte dieſe Geſchichten, denn noch hatte ihr die Kälte der Welt kein Blättchen aus der M — N 45 ſtillen, romantiſchen Poeſie ihrer ſchönen Seele ge⸗ raubt. Und mehr noch als die Geſchichte liebte ſie den Ton der Stimme, die ihrem Ohr täglich mehr zur Muſik ward. „Sbll ich Dir,“ fragte er eines Morgens, als er jene Schwermuth der Geliebten Züge beſchlei⸗ chen ſah,„ſoll ich Dir, eh wir in das dumpfe Hol⸗ land gelangen, eine Geſchichte von Mecheln er⸗ zälen, deſſen Thürme wir in Kurzem erbliken wer⸗ den?“ Gertrudens Geſicht leuchtete plözlich auf; ſie lehnte ſich in dem ſchnell dahin fliegenden Wagen zurük, heftete ihre tiefblauen Augen auf Trevylyan, und er begann. V Wierts Kapitel Das Mädcheu von Mecheln. Es war Mittag in der Stadt Mecheln; die Sonntaggloke hatte die Bewohner zum Gottes⸗ dienſt gerufen und die Menge, die um die St. Rem⸗ boldi⸗Kirche geſchlendert, war allmälig in den ge⸗ räumigen Hallen des groſen Gebändes verſchwunden In der Straße ſtand ein junger Menſch, die Augen an den Boden geheftet und offenbar nach ir— Lend einem Ton hinhorchend; denn ohne die Blike bom rauhen Pflaſter zu erheben wandte er ſich mit geſpauntem, ängſtlichem Ausdruk der Miene nach al⸗ len Seiten hin. In der einen Hand hielt er einen Stok, in der andern eine lange, dünne Schnur, deren Ende auf der Erde nachſchleppte, und hie und da rief er mit kläglicher Stimme:„Fido, Fido, da⸗ her! Warum haſt du mich verlaſſen?“— Fido ſtellte ſich nicht ein; ſeiner Feſſel müde war der Hund aus der Schlinge geſchlüpft und unterhielt ſich jezt mit ſeines Gleichen in einem entfernten Stadttheil, es dem Blinden überlaſſend wie er den Weg zu ſei⸗ nem einſamen Gaſthaus zurükfinden wollte. Nach einiger Zeit tam ein leichter Schritt die Straße daher, und das Geſicht des jungen Fremd⸗ lings heiterte ſich auf. „Verzeihen Sie,“ hob er nach dem Ort gewandt au, wo ſein leiſes Gehör den Ton vernommen hatte, —„möchten Sie mich, wenn Sie nicht etwa zu ſehr beeilt ſein ſollten, um einen Augenblik verlieren zu wollen, nicht nach dem Gaſthof le mortier d'or wei⸗ ſen.“ Die alſo Angeredete war ein junges Mädchen, deren Kleidung zu erkennen gab, daß ſie dem Mit⸗ telſtand angeböre. „Er iſt nicht weit von hier entfernt, mein Herr,“ ſprach ſie.„Verfolgen Sie Ihren Weg noch etwa vierzig Schritte weit gerad aus, und wenden ſich dann um die zweite Eke rechts“.. „Ach!“ unterbrach ſie der Fremde mit trübem Lächeln:„Jhte Weiſung wird mir wenig helfen; mein Hund iſt mir entlaufen— und ich bin blind.“ wa em en; 47 In dieſen Worten und in der Stimme des Fremdlings lag Etwas, das dem jungen Mädchen unwiderſtehlich ins Herz griff.„Ach vergeben Sie mir,“ erwiederte ſie faſt mit Thränen in den Augen, „ich hatte nicht bemerkt“— daß Sie ein ſolches Un⸗ glük haben, wollte ſie ſagen, hielt aber mit inſtinkt⸗ artiger Zartheit an.„Faſſen Sie mich an, ich will Sie an das Haus bringen; wirklich mein Herr“— ſehend daß er zögerte—„ich habe Zeit genug„ich verſichere Sie.“ Der Fremde legte ſeine Hand auf den Arm des Mädchens, und obwol Lucilie von Natur ſo ſchüch⸗ tern war, daß ſelbſt ihre Mutter ihr das Uebermaß weiblicher Zurükgezogenheit lachend vorwarf, fühlte ſie nicht das geringſte Zuken der Scham, als ſie ſich ſo plözlich allein mit einem jungen Mann, deſſen Kleidung und Benehmen einen höheren Rang als den ihrigen andeuteten, in die Straßen von Mecheln verſezt ſah. „Ihre Stimme lautet ſehr ſanft,“ ſprach er nach einigem Stillſchweigen;„ünd daran allein,“ fügte er mit einem leichten Seufzer hinzu,„erkenn, ich was jung und ſchön iſt.“ Fezt erröthete Lucilie, und dem Erröthen ge⸗ ſellte ſich ein leichter Schmerz bei, denn ſie wuste wol, daß ſie keine Anſprüche auf Schönheit habe. „Sind Sie in dieſer Stadt zu Haus2“ fuhr er fort. „Ja, Herr, mein Vater hat ein kleines Amt 48 beim Zollweſen, und meine Mutter und ich helfen ſei⸗ nem Einkommen durch Spizenmachen nach. Man nennt uns arm, aber wir ſelbſt empfinden nichts davon.“ „Sie ſind glüklich; kein Reichthum geht uͤber den Reichthum des Herzens— die Zufriedenheit,“ erwiederte der Blinde wehmüthig. „Und iſt Monſieur,“ fragte Lucilie, auf ſich ſelbſt böſe, im Herzen des Fremden das Gefühl ſei⸗ nes Unglüks aufgeregt zu haben, und ſich beſtrebend den Gegenſtand des Geſprächs abzuändern:„und iſt Monſieur ſchon lang in Mecheln?“ „Erſt ſeit geſtern. Ich bin auf einer Reiſe durch die Niederlande begriffen. Vielleicht lächeln Sie über die Reiſe eines Blinden, aber ſelbſt der Blinde wird es überdrüſſig ewig an einerlei Ort zu bleiben. Ich dachte während der Kirchzeit, wo die Straßen leer ſind, mit Hilfe meines Hunds wenigſtens die Luft der Stadt, deren Anblick mir verſagt iſt, mit Sicherheit genieſen zu können; aber es gibt, glaub ich, Menſchen, denen es nicht einmal ſo gut wird einen Hund zum Freund zu haben!“ Der Blinde ſprach bitter— die Treuloſigkeit ſeines Hundes war ihm durchs Herz gegangen. Lu⸗ eilie wiſchte die Augen.„Reist Monſieur denn al— lein?“ fragte ſie. Dabei ſah ſie ihn aufmerkſamer an, als ſie es bisher gewagt, und bemertkte, daß er kaum über zwei und zwanzig Jahre zäle.„Iſt ſein Vater oder ſeine Mutter“ fügte ſie, mit Nach⸗ au da un vo hä der gr vot ie de 49 druk auf dem lezten Wort, hinzu—„nicht bei ihm?“ „Ich bin verwaist“ antwortete der Fremde, „und Bruder oder Schweſter hab ich nicht.“ Der verlaſſene Zuſtand des Blinden rührte Lu⸗ cilien tief; nie war ſie ſo ſeltſam ergriffen geweſen. Sie fühlte eine wunderbare Unruhe im Herzen— eine geheime, tiefe Sympathie, die ſie mit Einem⸗ mal zu ihm hinzog. Sie wünſchte der Himmel hätte ſie ſeine Schweſter werden laſſen. Der Gegenſaz der Jugend und Geſtalt des Frem⸗ den mit dem Gram, welcher aus jener die Hoffnung, aus dieſer die Regſamkeit weggenommen, vermehrte ihr Mitleid. Seine auffallend regelmäßigen Züge trugen in ihren Umriſſen einen gewiſſen Adel;uſein Körperbau war anmuthig und feſt, obwol er vorſich⸗ tig und nicht mit heiterem Tritt einherging. Sie hatten jezt in eine enge Straße eingebeugt die auf den Gaſthof zuführte, als ſie hinter ſich Huf⸗ chlag vernahmen. Lucilie wandte ſich haſtig um und ſah daß ein Trupp belgiſcher Reiterei durch die Stadt zog. Sie drängte ihren Schüzling feſt an die Mauer und ſtellte ſich, vor Angſt zitternd, neben ihn. In vollem Trab ritt die Schar durch die Straße, und hätte Lucilie dem Blinden ins Geſicht geſchaut, ſo würde ſie bemerkt haben, daß beim Laut der klirren⸗ den Waffen und tönenden Hufe Begeiſterung die gramvollen Züge überflog und das Haupt ſich ſtolz von der gewohnten wehmüthigen Beugung erhob. Bulwer's Romane XX. 4 „Gott ſei Dank!“ rief ſie, als der Trupp beinah vorüber war,„die Gefahr iſt zu Ende!“— Nicht ſo! einer der beiden lezten Soldaten, die neben ein⸗ ander ritten, hatte zum Unglük ein junges, ſchwer zu bändigendes Pferd. Die Flüche und der einbo⸗ rende Sporn des Reiters vermehrten nur das Feuer und die Ungeduld des Thiers; es ſchlug nach beiden Seiten des engen gißchens aus. „Garden-Vous,“ rief Jener, als er an die Stelle kam, wo Lucilie und der Fremde ſich an die Mauer drükten.„Seid Ihr toll? warum geht Ihr nicht aus dem Weg?“ „Ums Himmels willen, um des Erbarmers wil⸗ ſen, er iſt blind!“ rief Lucilie und ſchmiegte ſich feſt au den Fremden. „Retten nur Sie ſich, meine gutige Führerin!“ ſihee der Fremde. Aber ihn ſo zn verlaſſen kam ihr nicht zu Sinn. Der Reiter zwängte den Kopf des Pferdes von der Stelle, wo das Paar ſtand, weg; ſchnaubend ſchlug das wüthende Thier, als es den Sporn fühlte, mit den Hinterbeinen aus, und Lueilie, unfähig ſich ſelbſt und den Blinden zu ſichern, ſtellte ſich vor Dieſen und empfing den Schlag der gegen Jenen gerichtet geweſen; zerſchmettert ſank ihr zarter, dünner Arm an ihr nieder— der Rei⸗ ter aber gelangte von der Stelle. „Gott ſei Dank! Sie ſind in Sicherheit!⸗ wan der Ausruf der Getroffenen; und überwältigt vor nah icht ein⸗ wer nbo⸗ euer iden telle auer licht wil⸗ fe ſt in! kam Kopf and, 6 es und hern, der ſank Rei⸗ wan vor 5¹ Schreken und Schmerz ſank ſie in die Arme die der Fremde mechaniſch zu ihrem Empfang öffnete. „Meine Führerin, meine Freundin!“ rief er, „Sie ſind verlezt, Sie“ „Nein, mein Herr,“ unterbrach ihn Lucilie mit ſchwacher Stimme,„mir iſt beſſer, mir iſt wel. Faſſen Sie gefälligſt dieſen Arm; wirzſind jezt nicht mehr weit von Ihrem Gaſthof.“ Aber des Fremden Ohr, für jede Beugung der Stimme eingeſchult, unterrichtete ihn ſogleich von den Schmerzen, die ſie duldete; ſtufenweis entlokte er ihr das Geſtändniß des Schadens, den ſie genom⸗ men; daß ſie derſelbe aber blos infolge ſeiner Be⸗ ſchuͤzung getroffen, ſagte ihm das grosmüthige Mäd⸗ chen nicht. Er beſtand jezt daranf, daß ſie Dienſt gegen Dienſt austauſchten und er ſie nach ihrer Wohnung begleiten dürſe; und ſeine Führerin, die vor Schmerz faſt ohnmächtig wurde und kaum gehen konnte, ſah ſich zur Einwilligung genöthigt. In⸗ deſſen ſtand das kleine Haus ihres Vaters nur wenige Schritte um die nächſte Eke; ſie erreichten es, und kaum hatte Lucilie die Schwelle hinter ſich, als ſie niederſank und mehrere Minuten unempfindlich für ihr Leiden war. Dem Fremden verblieb es, den Auſ⸗ tritt zu erklären und zu bitten daß man gleich nach einem Wundarzt ſchike.„Nach dem geſchikteſten, dem angeſehenſten in der Stadt!“ rief er.„Seht, ich bin reich und Das iſt das Geringſte, was ich thun kann, Eure edelmüthige Tochter dafür zu be⸗ 4* 52 lohnen, daß ſie einen fremden Mann in der Gefahr nicht verlaſſen hat.“ Mit dieſen Worten hielt er ſeine Börſe hin; der Vater aber ſchlug das Dargebotene aus, und dem Blinden ward einige Beſchämung erſpart, ſofern er das Erröthen des ehrlichen Unwillens, womit man eine ſo dürftige Belohnung abwies, nicht ſehen konnte. Der junge Mann blieb bis der Wundarzt an⸗ kam und der Arm wieder eingerichtet war. Auch ſchied er nur, als er von der Mutter das Verſpre⸗ chen erhalten hatte, daß man ihn am nächſten Mor⸗ gen benachrichtigen wolle, wie die Leidende die Nacht zugebracht. Zwar hatte er beabſichtigt am folgenden Mor⸗ gen eine Stadt zu verlaſſen, die dem Reiſenden nur geringen Reiz darbietet; aber er zögerte Tag für Tag, vis Lucilie ſelbſt ihre Mutter begleitete, um ihn von ihrer Wiederherſtellung zu verſichern. Du weist, oder wenigſtens ich weiß, theuerſte Gertrud, daß es eine Liebe beim erſten Blik, ein Geheimnis, eine nicht weiter zu erklärende Verwand⸗ ſchaft zwiſchen ſich vorher fremden Menſchen gibt, die Beide unwiderſtehlich an eingnder zieht. Wäre Wahrheit in Platos ſchöner Dichtung, wonach un⸗ ſere Seelen ein Theil der Sterne ſind, ſo könnte es ſein, daß Geiſter, die ſo an einander hängen, ihr Urlicht aus demſelben Stern gezogen haben und jezt nach Erneuung des alten Bundes ſchmachtene Ohne jedoch unſere Zuflucht zu einer ſo metapbyſi⸗ ——, e—.— ahr in; und ern nan nte. an⸗ uch pre⸗ tor⸗ cht or⸗ nur für um rſte ein and⸗ it, äre un⸗ nnte gen, und ten byſi⸗ 55 ſchen Löſung eines alltäglichen Myſteriums zu neh⸗ men, war es nicht mehr als natürlich, daß ein Menſch in der verlaſſenen, unerquiklichen Lage Eu⸗ gen St. Amands eine gewiſſe Zärtlichkeit für eine Perſon fühlen muste, die ſo grosmüthig für ihn ge⸗ litten hatte. Die Finſterniß, zu welcher er verdammt war, verſchloß ſein geiſtiges Aug nicht gegen vorüberhu⸗ ſchende Bilder frei erſchaffener Schönheit; im Gegen⸗ theil, in ſeiner fortwährenden, unbeſchäftigten Ein⸗ ſamkeit empfand er mächtig die Träume einer von Natur warmen Fantaſie und eines nach Mitgefühl und Mittheilung ſchmachtenden Herzens. Mit Recht hatte er geäuſſert, daß das einzige Probezeichen der Schönheit für ihn in der Melodie der Stimme liege, und nie hatte ein ſanfterer, oder ſein Innerſtes mehr ergreifender Ton ſein Ohr berührt, als der des jungen Mädchens. Ihr das ei⸗ gene Selbſt ſo ſchön verleugnender, frommer Lie⸗ besruf:„Gott ſei Dank, Sie ſind in Sicherheit!“ im Augenblik wo der Schmerz ſie ſelbſt erfast hatte, klang fortwährend vor ſeiner Seele. Er gab ſich unbeſtimmten köſtlichen Empfindungen, die bis jezt in ſeiner jungen Bruſt noch nicht erwacht waren, hin ohne ſich die Natur derſelben zum klaren Bewustſein zu bringen. Und Lucilie?— eben der Unfall der ihr um ſei⸗ netwillen zugeſtoßen, vermehrte nur die Theilnahme, die ſie ſchon vorher für einen Menſchen empfunden, der in der erſten Jugendblüte von den hellen Bildern ———————— 54 des Lebeus ſo ausgeſchloſſen, ſo einſam und troſtlos einer ewigen Racht zugewieſen war. Dein ſchönes und freundliches Geſchlecht hat immer den liebevol— len Drang für Andere zu ſorgen. Vermöge deſſelben iſt es der Schuzengel der Kranken, der Troſt des Alters, die Pflege der Kindheit; dieſe in Lucilien beſonders entwikelte Empfindung hatte ihre mitleidige Natur bereits mehr als ich auszudrüken im Stand bin an das Los des unglük⸗ lichen Reiſenden gefeſſelt. Bei einem gläͤhenden Herzen und bei einer Denkweiſe die über ihren Stand und ihre Jahre hinaus ging, war ſie nicht ohne jene beſcheidene Eitelkeit, die ihr den Man⸗ gel an eigener Schönheit auf eine empfindliche Weiſe fühlbar machte. Sich inſtinktmäßig bewust, mit welcher Leidenſchaft ſie ſelbſt lieben könnte, hielt ſie es für unmöglich von einem Andern je in gleichem Grad geliebt zu werden. Dieſer Fremde der in ih⸗ ren Augen ſo hoch über Allem ſtand, was ſie je geſe⸗ hen, hatte ſie zum erſtenmal mit der Stimme an⸗ geredet, die durch Töne, nicht durch Worte, jene Bewunderung ausdrükt, die dem weiblichen Herzen fo theuer iſt. Für ihn war ſie ſchön, und zu ihm ſprach ihr liebevolles Gemüth ohne durch die Unvoll⸗ kommenheit ihrer Züge Eintrag zu erleiden. Wirk⸗ lich fehlte Lucilie nicht jeder körperliche Reiz; ihr leichter Schritt und ihre anmuthige Geſtalt beweg⸗ ten ſich mit der Elaſticität der erſten Jugend; in ih⸗ rem Mund, ihrem Lächeln lag ein ſo milder, zar⸗ — 55 ter Ausdruk, daß es Augenblike gab wo nicht nur ein Blinder ſie für ſchön gehalten haben würde. In früheſter Kindheit hatte ſie wirklich hübſch zu werden verſprochen, aber von den Poken, einer damals noch furchtbaren Seuche, waren dieſe Keime unerbitlich zerſtört worden. Nicht nur die glatte Haut und die glänzenden Farben wurden verſengt, ſondern auch der Karakter des Geſichts gänzlich abgeäydert. Zu⸗ fälliger Weiſe ſtand ihre Familie im Ruf der Schön⸗ heit und that ſich auf dieſen Ruf etwas zu gut, und ſo bitterlich hatten ihre Eltern die Wirkungen der grauſamen Krankheit beklagt, daß ſich das arme Mädchen ſchon früh gewöhnte, dieſelben weit hö⸗ her anzuſchlagen, als ſie es in der That verdien⸗ ten, und die Vorzüge der Reize zu überſchäzen⸗ deren Verluſt ihren Eltern ein ſo ſchweres Unglük dünkte. Zudem hatte Lucilie eine Verwandte Na⸗ mens Julie, die ihrer körperlichen Vollkommenhei⸗ ten wegen für das Wunder von ganz Mecheln galt. Da beide Bäschen viel zuſammen kamen, ſprach ſich der Gegenſaz zu ſchneidend aus, um nicht bei der Erſten manches peinliche Gefühl zu veranlaſſen; aber jedes Unglük hat eine Art Gegengewicht; das Be⸗ wustſein der äuſſerlichen Unzulänglichkeit hatte ihr Gemüth mild geſtimmt ohne ihr Bitterkeit zu geben, hatte einem Geiſt der unter andern Verhältniſſen vielleicht zu hochfahrend geworden ſein dürfte, Sanft⸗ heit, einem Herzen, das von Natur feſt, leiden⸗ ſchaftlich und energiſch war, Demuth eingebracht. 56 Uebrigens war derjenige Nachtheil, der ihr als furchtbarſte Folge des Schönheitmangels vorſchwebte, längſt von ihr beſeitigt. Wer Lucilien kannte, der liebte ſie auch. Wohin ſie kam, verbreitete ihr lieb⸗ licher ſanfter Geiſt einen unausdrükbaren Zauber, und wo ſie fehlte vermiste man Etwas, das ſelbſt Juliens Schönheit nicht erſezen konnte. „Ich habe mir vorgenommen„ſagte St. Amand zu Madame Le Tiſſeur, Luciliens Mutter, als er in ihrem kleinen Salon ſaß— denn ſchon war er auf jenen Grad der Vertraulichkeit mit der Familie gekommen, der ihm erlaubte, ſich nach ihrer Woh⸗ nung führen zu laſſen und die Beſuche zurükzugeben, die Madame ihm gemacht; und der Hund, der ſich als busfertiger Sünder bei ſeinem Herrn wieder ein⸗ gefunden hatte, leitete ſeine Schritte ſtets ſicher nach dem beſcheidenen Häuschen und hielt inſtinktmäßig vor der Thür ſtill;—„ich habe mir vorgenommen,“ ſagte St. Amand nach einer Pauſe mit einiger Verlegenheit,—„etwas länger in Mecheln zu blei⸗ ben. Die Luft ſchlägt mir zu und die Stille des Ortes gefällt mir; aber Sie fühlen wol, Madame, daß in einem Gaſthof unter lauter Fremden meine Lage nicht ganz behaglich iſt. Ich dächte“— St. Amand hielt wieder inn—„ich dächte, wenn ich eine freundliche Familie bereden könnte, mich als Miethmann aufzunehmen, ſo möcht' ich wol noch einige Wochen hier verweilen. Ich bin leicht be- friedigt.“ —„—— ————.— — als te, der eb⸗ 7 „Ohne Zweifel gibt es viele Leute in Mecheln, die ſichs zum höchſten Glük ſchäzen würden⸗ einen ſolchen Miethmann zu bekommen.“ „Wollten Sie mich aufnehmen?“ fragte St. Amand plözlich.„Eben an Ihre Familie hatte ich gedacht.“ „An uns? Monſieur iſt ſehr ſchmeichelhaft, aber kaum haben wir ein Zimmer, das gut genug für Sie wäre.“ „Was für einen Unterſchied zwiſchen einem Zim⸗ mer und einem andern kann es ſür mich geben? Für mein Bedürfniß iſt dasjenige das beſte Gemach, wo⸗ rin die Menſchenſtimme am freundlichſten erklingt.“— Die gewünſchte Einrichtung wurde getroffen und St. Amand kam unter Ein Dach mit Lucilien zu wohnen. Und war ſie nicht glüklich, daß er einer ſo fortwährenden Aufmerkſamkeit bedurfte? war ſie nicht glüklich daß ſie ihm ſtets einen Dienſt leiſten konnte? St. Amand liebte die Muſik leidenſchaft⸗ lich; er ſelbſt ſpielte die Flöte mit einer Fertigkeit die nur noch von der Melodie ſeiner eigenen Stimme übertroffen ward: und war Lucilie nicht glüklich, wenn ſie ſtumm daſaß und auf Töne hörte, wie ſie in Mecheln noch nie vernommen worden? War ſie nicht glüklich, wenn ſie auf'ein Geſicht blikte, deſ⸗ ſen ſchwermütbigem Ausdruk ihre Stimme augen⸗ bliklich ein Lächeln abgewann? War ſie nicht glük⸗ lich, wenn die Muſik endigte und St. Amand rief: „Lucilie?“ Dünkte ihr ihr Name von dieſem Mund ansgeſprochen nicht ſüßer als ſelbſt die Muſik? War ſie nicht glüklich, wenn ſie an ſtillen Sommeraben— den ausgingen, und ihr Arm unter der leichten Be⸗ rührung des Menſchen, der ſie ſo wenig entbehren konnte, bebte? War ſie nicht ſtolz in ihrem Glük, und lag in der Dankbarkeit daß er ihren demuth— vollen Geiſt zum Triumph ſich geliebt zu fühlen er⸗ hoben hatte, nicht etwas wie Verehrung für ein höheres Weſen? St. Amand ſammte von franzöſiſchen Eltern. Sie hatten in der Gegend von Amiens gewohnt, wo ihnen ein einträgliches Gut durch Erbſchaft zu⸗ gefallen war. Zwei Jahre vor dem Beginn meiner Geſchichte folgte er ihnen in dem Beſizthum nach. Seit ſeinem dritten Lebensjahr war er blind. „Ich weiß nicht,“ ſprach er, als er ſich eines Abends mit Lucilien allein befand und ihr die eben berichteten Einzelheiten erzält hatte—„ich weiß nicht, wie die Erde, oder der Himmel, voder die Ströme deren Laut ich wenigſtens vernehme, ausſe⸗ hen mögen, denn ich habe keine Erinnerung, auſſer an einen wirren aber herrlichen Zuſammenfluß von tauſend ſtralenden Farben— an eine glänzende, mich durchblizende Empfindung des Jubels— eine ſichtbare Muſik. Aber erſt am Schluß meiner Kindheit trauerte ich um das Tageslicht und traure ſeitdem unabläſſig. Meine Kuabenzeit verſtrich in ruhiger Heiterkeit; die unbedeutenſte Kleinigkeit vermochte damals der Leere meines Gemüths Luſt, Beſchäftigung zu geben. Als ich jedoch Geſchmak daran ——„— e⸗ 59 gewann wenn man mir vorlas, als ich auf die leben⸗ digen Gemälde der Dichter horchte, als ich beim Verneh⸗ men groſer Thaten erglühte, als ich durch Bücher mit der Kraft der Thätigkeit, der Wärme, der Pracht, der Be⸗ geiſterung des Lebens bekannt ward, öffnete ſich mir allmälig der Sinn für all Das, was mir auf immer abging. Ich fühlte daß ich nur da war, aber nicht lebte, und mitten in der allgemeinen Freiheit zu einem Kerker verdammt blieb, aus deſſen kahlen Mauern es keine Flucht gab. So lang jedoch meine Eltern noch lebten, hatt' ich ſtets noch eine Art Troſt; mindeſtens ſtand ich nicht allein. Sie ſtar⸗ ben und eine plözliche, furchtbare Einſamkeit, eine ungeheure, öde Nacht legte ſich auf mein Gefäng⸗ niß. Nur ein alter Diener, der mich von Kind⸗ heit an gepflegt, mich während meines kurzen Licht⸗ beſtzes gekannt hatte, an deſſen Erinnerungen meine Seele ihren Weg durch die dunkeln, engen Schachte des Gedächtniſſes zu einem ſchwachen Sonnenſchim⸗ mer zurüktaſten konnte, war Alles, was mir von Anklängen unter der Menſchheit übrig blieb. In⸗ deſſen reichte es nicht hin, mir Frieden in einem Haus zu ſchaffen, wo meines Vaters und meiner Mutter freundliche Stimmen nicht mehr tönten. Eine raſtloſe Ungeduld, ein Trieb ins Weite faste mich; ich zog aus meiner Heimat aus, ohne mich um das Ziel meiner Reiſe zu kümmern; konnte ich doch mindeſtens die Luft ändern, die wie eine kör⸗ perliche Bürde auf mir laſtete. Blos jenen alten 60 Bedienten nahm ich zum Begleiter mit; auch er ſtarb vor drei Monaten in Brüſſel an Alterſchwäche. Ach! ich hatte vergeſſen daß er alt war, denn ich ſah die Zunahme ſeines Verfalls nicht; und jezt ſtand ich bis auf meinen treuloſen Hund ganz al— lein, bis ich hieher kam und— Dich fand.“ Lucilie bükte ſich den Hund zu liebkoſen; ſie ſegnete ſeine Flucht die ihr einen Freund zugeführt, der nie entfliehen konnte. Aber ſo innig, ſo dankbar St. Amand Lucilien liebte, ſo reichte ihre Macht doch uicht hin, die Schwermuth von ſeiner Stirn zu verjagen und ihn mit ſeinem hoffnungloſen Zuſtand zu verſöhnen. »Ach, daß ich Dich ſehen könnte! daß ich auf ein Geſicht bliken könnte, deſſen Umriſſe ſich zu ent⸗ werfen mein Herz vergebens ſtrebt!“ „Wenn Du es könnteſt,“ ſeufzte Jene,„ſo wür⸗ deſt Du mich nicht mehr lieben.“—„Unmöglich*rief St. Amand leidenſchaftlich.„Wie Du auch der Welt erſcheinen magſt, mir würdeſt Du der Maßſtab der Schönheit ſein, und ich würde Dich nicht nach An— dern, ſonderu Andere nach Dir beurtheilen.“ Gern hörte er wenn Lucilie ihm vorlas, und vor Allem liebte er die Beſchreibungen von Krieg, Reiſen, wilden Abenteuern, und doch erregten ihm gerad ſolche Gegenſtände den meiſten Schmerz. Oft hielt ſie in dem Buch an wenn ſie ihn ſeufzen hörte, und empfand, daß ſie fähig wäre, ſelbſt der Wonne von ihm geliebt zu werden, zu entſagen, wenn ſie 4— rb e. zt = ie t, 61 ihm das Glük, deſſen Vorſtellung ihn wie ein Ge⸗ ſpenſt verfolgte, zurükgeben könnte. Luciliens ſämtliche Familienglieder waren ka⸗ tholiſch und hatten, wie viele Menſchen ihres Stan⸗ des, eben ſowol den Aberglauben als die Frömmig⸗ keit dieſes kirchlichen Bekentniſſes. Zuweilen unter⸗ hielten ſie ſich Abends von den verſchiedenen Legenden und Mirakeln ihres Kirchenkalenders, und als man ein⸗ mal mit ein paar Nachbarn in einem ſolchen Ge⸗ ſpräch begriffen war, wurde das Grab der heiligen drei Könige in Köln Hauptgegenſtand der Unterre⸗ dung. Bei aller Schärfe des Verſtandes entging Lucilie, wie Du leicht begreifen wirſt, doch den An⸗ ſichten Derer nicht, die mit ihr von der Wiege an aufgezogen worden, und ſo horchte ſie auf die Wunderge⸗ ſchichten von dem heiligen Grab ſo ernſthaft und zweifellos wie die Uebrigen. Auch gebörten die Könige aus Morgenland nicht zu den gewöhnlichen Fürbittern. heberreſten der drei Weiſen, welche dem Stern von Bethlehem gefolgt und die erſten Machthaber auf der Erde geweſen, die ihren Erlöſer angebetet, mochte ein frommer Katho⸗ lik wol eine beſondere Kraft und Heilfähigkeit zu⸗ ſchreiben. Jeder aus der Geſellſchaft—(St. Amand, der den Tag ungewöhnlich ſchweigſam und ſelbſt traurig zugebracht, hatte ſich nach ſeinem Zimmer zu⸗ rükgezogen, denn es gab Augenblike, wo er in der Verdüſterung ſeiner Gedanken die Einſamkeit ſuchte, die er zu andern Zeiten ſo ungeduldig flohz)— Jeder — —— —— ————— 62 von der Geſellſchaft hatte irgend einen gleich wahren und unbeſtreitbaren Bericht zu liefern von einer am beiligen Grab geheilten Krankheit oder erhörten Bitte oder vergebenen Sünde. Auf Lucilien machte beſonders Eine Geſchichte tiefen Eindruk; der Erzs⸗ ler, ein ehrwürdiger, alter Mann mit grauem Haar erklärte feierlich er ſelbſt könne die Wahrheit alles Deſſen, was er ſage, bezeugen. Eine Frau in Antwerpen hotte als Frucht einer nuerlaubten Verbindung einen taubſtummen Knaben gedoren. Die unglükliche Mutter hielt dieſes Mis⸗ geſchik für eine Strafe ihrer Sünde.„Ach!“ rief ſte,„wäre der Jammer doch auf mich allein ge⸗ fallen! Elende die ich bin; mein unſchuldiges Kind muß für meinen Frevel büßen!“ Dieſer Gedanke verfolgte ſie Tag und Necht. Richts vermochte ichren Kummer zu tröſten. Als das Kind gröſer wurde und ihr Herz mehr und mebr in Anſpruch nahm, gaben ſeine Liebkoſungen ihrer Reue neue Stiche, und endlich— fuhr der Erzäler fort— be⸗ ſchloß ſie barfuß zum Grab in Köln zu pilgern, beſſen heiliger Ruf ihr ſo vielfach zu Ohr gekommen. „Gott iſt barmherzig,“ ſprach ſie„und Der welcher Magdalenen ſeine Schweſter nannte mag der Mutter Fluch vom Kinde nehmen,“ So wanderte ſie denn nach Köln, ließ ihren Thränen, ihrer Zerknirſchung, ihren Bitten am heiligen Grab vollen Lauf. Was glich aber ihrem Schreken, als ſie bei der Rükkehr in die Vaterſtadt ihr Häuschen als Trümmerhaufen en m te 65⁵ erblikte!— ſeine geſchwärzten Balken und gähnenden Fenſter deuteten aufZerſtörung durch Brand. Gänz⸗ lich überwältigt ſank die arme Frau auf den Boden. War ihr Knabe umgekommen? In dieſem Angen⸗ blik vernahm ſie den Ton einer Kinderſtimme, und ſiehe! ihr Sohn ſtürzte in ihre Arme und nanute ſie Mutter! Er war aus dem Feuer gerettet worden, das vor ſieben Tagen ausgebrochen; im Schreken den er erlitten, hatte ſich das Band, das ſeine Zunge feſſelte, gelöst, er hatte deutliche Klagetöne von ſich gegeben, der Fluch war weggenommen und ſchon hatten ihn die gutmüthigen Nachbarn mindeſtens Ein Wort gelehrt, um die Rütkunft der Mutter zu begrüßen. Was kümmerte ſie's nun, daß ihve Habe dahin, daß ihr Obdach Aſche geworden? Sie beugte ſich in dankbarer Unterwerfung unter eine o milde Strafe; ihr Gebet hatte Erhörung geſun⸗ den, und der Mutter Sünde wurde nicht länger am Kind gerächt. Ich ſagte, theure Gertrud, dieſe Geſchichte hade einen tiefen Eindruk auf Lucilien gemacht. Die Aufhebung eines dem Unglük St. Amands ſo ver⸗ wandten Falles durch das Gebet einer dritten Per⸗ ſon erfüllte ſie mit frommen Gedanken und ſchöner Hoffnung.„Steht nicht das Grab noch?“ dachte ſte;„iſt nicht Gott noch im Himmel?— er der die Schuldige gehört, wird er nicht die Schuldloſe bö⸗ den? Iſt er nicht der Gott der Liebe? Sind nicht 64 die Ausſtrömungen des Herzens das Opfer welches ihm am beſten gefällt? und war auch die Mitlerin des Kinds ſeine eigene Mutter: kann ſelbſt eine Mutter ihr Kind zärtlicher lieben, als ich Eugen liebe?— Wenn aber Lucilie deine Bitte dir ge⸗ währt wird, wenn er ſein Geſicht wieder erlangt, ſo iſt dein Zauber dahin; er wird dich nicht län' ger lieben. Gleichviel! ſeis drum— hab ich dann doch wenigſtens ihn glüklich gemacht!“ Dies waren die Gedanken, die Luciliens Seele füllten; ſie nährte ſie bis ſie zum Entſchluß gedie⸗ hen, und ſie gelobte heimlich die Pilgerfahrt der Liebe zu thun. Weder St. Amand, noch ihren Eltern ſagte ſie etwas von ihrer Abſicht; ſie kannte die Hemniſſe welche eine ſolche Anzeige hervorru? fen würde. Glüklicher Weiſe wohnte eine ihrer Muhmen in Brüſſel, bei der ſie jedes Jahr einen Monat auf Beſuch zu ſein pflegte und wohin ſie in der Regel auch das Ergebniß ihres zwölfmonat—⸗ lichen Fleiſſes mitnabm, das in Brüſſel eher als in Mecheln ſeine Käufer fand. Bereits waren ſie und St. Amand verlobt; die Hochzeit ſollte in Kurzem ſtatt finden, und da die allgemeine Landesſitte auch armen Eltern den ehrenvollen Stolz einflöste, ihren Töchtern etwas zur Ausſteuer mit⸗ geben zu wollen, ward es Lucilien leicht, den Zwek ihrer Reiſe unter dem Vorwand zu verbergen, ihre und ihrer Mutter Arbeit vom leöten Jahr nach Brüſſel zu vringen; der Verkauf ſchien hinreichend zu bl 65 um mindeſtens die Ausrüſtungen für die Hochzeit zu bezalen. „Du haſt in der That Recht, mein Kind,“ ſagte Madame Le Tiſſeur.„Je reicher St. Amand iſt, um ſo weniger darfſt Du ſein Haus als eine Bettlerin betreten.“ Wirklich war der Ehrgeiz der guten Leute auf⸗ geregt, ihr Selbſtgefühl durch den Neid der Stadt und die gewöhnlichen Glükwünſche über eine ſo vor— theilhafte Heirat gekränkt, und emſig beſchäftig⸗ ten ſie ſich damit das Vermögen, das ſie ihrem ein— zigen Kind mitgeben könnten, aufzuzälen und ihrer verzeihlichen Eitelkeit mit der Anſicht zu ſchmeicheln, daß endlich kein ſo gar groſes Misverhältniß in der Verbindung liege. Sie hatten Recht, aber nicht nach dem Maßſtab desjenigen Werthes den ſie anlegten: den Reichthum, den Lucilie mitbrachte, konnte kein Schikſal mindern, kein Unfall erreichen;— Bös⸗ willigkeit konnte ſeine reichen Erndten nicht verder⸗ ben,— kein Körnchen aus ſeinen ſchwellenden Scheu⸗ nen konnte Unklugheit verſchleudern oder Betrug ent⸗ wenden! Gleich der Börſe im Feenmärchen konnte er jeden Augenblik angewandt aber nie erſchöpft werden. St. Amand allein war für ihre Abreiſe nicht zu gewinnen; er ſchalt über den Gedanken an eine Mitgift; ſelbſt Luciliens Bemerken, daß ſelbige blos eine Zufriedenſtellung, nicht ein Opfer für ihre Eltern ſein ſolle, beruhigte ihn nicht.„Und noch Bulwers Romane XX. 5 66 dazu willſt Du mich verlaſſen?“ fragte er mit jener klagenden Stimme die den erſten Zauber auf Luei⸗ liens Herz geübt.„Das iſt eine zweite Blindheit.“ „Nur für kurze Zeit, höchſtens vierzehn Tage, geliebter Eugen.“ „Vierzehn Tage! Du miſſeſt die Zeit nicht wie die Blinden,“ erwiederte St. Amand bitter. „Höre, höre mich, theurer Eugen l« rief Jene weinend. Der Ton ihres Schluchzens erinnerte ihn auf einmal an ſeine Undankbarkeit. Ach er wuste nicht wie dankdurchdrungen er hätte fein ſollen. Er brei⸗ tete die Arme gegen ſie aus:„Verzeih mir,“ ſprach er, „Die welche eine Auſſenwelt ſehen können, wiſſen nicht wie ſchreklich es iſt, allein zu ſein.“ „Aber die Mutter wird Dir nicht von der Seite weichen.“ „Sie iſt nicht Du.“ „Auch Julie nicht,“ bemerkte Lucilie zögernd. „Was iſt Julie für mich?“ „Ach! Du biſt auſſer meinen Eltern der Einzige, der in ihrer Gegenwart noch an mich denken konnte.“ „Wie Das, Lucilie?“ „Nun, ſie iſt ſchöner als ein Engel.“ „Sprich nicht ſo. Könnt ich ſehen, ich wollte der Welt beweiſen, wie viel ſchöner Du biſt. In ihrer Stimme iſt keine Muſik.“ Am Abend vor Luciliens Abreiſe blieb ſie mit e— e„„„— ner ci⸗ t 66 e, wie ene auf icht rei⸗ er, iſſen eite rnd. zige, nte.“ olte In mit 67 St. Amand und ihrer Mutter noch lang in die Nacht hinein auf. Man ſprach über die Zukunft, man machte Plane; in der weiten Oede der Welt legten ſie den Garten häuslicher Liebe an und füllten ihn mit Blumen, nicht gedenkend des oabſchürtelnden Sturms und des tödtenden F.wes. Und als St. Amand am Arm der Geliebten nach ſeinem Zimmer gegangen war und ſie ſich vor der zuklappenden Thür getrennt hatten, fiel ſie neben der Schwelle auf die Knie und ſtrömte das volle Herz in einem Gebet um ſeine Rettung und die Erfüllung ihrer ſchüchternen Hoffnungen aus. Mit Tagesanbruch begleiteten ſie die Ihrigen an das Gefährt das auf dem kurzen Weg zwiſchen Mecheln und Brüſſel regelmäßig hin und her ging. In Brüſſel begab ſie ſich nicht zu ihrer Tante, ſondern in eine Herberge in der Vorſtadt, vertraute ihr klei⸗ nes Spizenkörbchen der Obhut der Wirthin an und zog allein und zu Fuß fort, wohin der liebliche Ueberglauben ihres Herzens ſie ſandte. Und lag dem⸗ ſelben auch ein Irrthum zu Grund, ſo verſöhnte das fromme Vertrauen mit der Schwäche des Ur⸗ theils— ſo erhob ihre Liebe dieſe Schwäche zur Heiligkeit. Und wol dürfen wir annehmen, daß das Aug, das alle Geheimniſſe liest, kaum misbilligend auf eine Schwärmerei geblikt, deren einzige Schwach⸗ heit Liebe war. Da ſie beſorgte, dem Zwek der Reiſe durch Minderung ihrer Mühen Eintrag zu thun, ſo ge⸗ 68 ſtattete ſie ſich kaum Ruhe oder Nahrung. In der Mittaghize beugte ſie bisweilen ein wenig von der Straße ab und gab ſich unter den breiten Linden⸗ bäumen ſüßen und bittern Gedanken hin; aber im⸗ mer ſtieß ſie ein ruheloſer Drang wieder vorwärts, und ſchwach— müb— mit blutenden Füßen fuhr ſie auf und ſezte ihti Weg fort. Endlich erreichte ſie die alte Stadt, wo eine heiligere Zeit aus den Gewohnheiten und Geſtalten der Menſchen die Rö⸗ merſpur kaum verwiſcht hat. Sie warf ſich vor dem Grab der Weiſen nieder; ſie ſandte ihr heiſes aber demüthiges Gebet zu Dem, vor deſſen Sohn dieſe entfleiſchten(aber wenigſtens dem Glauben erhal⸗ tenen) Häupter ſich vor beinah achtzehn Jahrhunder⸗ ten anbetend gebeugt hatten. Zweimal täglich fand ſie ſich eine ganze Woche lang an dem Ort ein und ergoß ſich in dieſelben Bitten. Ein alter Prieſter hatte beim Ab⸗ und Zugang in der Kirche ihre ununter— brochene Andacht mit jener väterlichen Theilnahme be⸗ merkt, welche die beſſern Diener des katholiſchen Be⸗ kentniſſes Cdes Bekentniſſes, das die Erde mit Häu⸗ ſern des Erbarmens bedekt hat) für Unglükliche fühlen. Als Lucilie am lezten Tag mit feuchten, niederge⸗ ſchlagenen Augen ſich entfernte, trat er auf ſie zu, grüste und nahm das Vorrecht ſeines Standes in Anſpruch, ſich zu erkundigen ob da etwas ſei, wo⸗ rin ſein Rath oder Beiſtand förderlich ſein könnten. In der ehrwürdigen Miene des alten Mannes lag eine Ermuthigung für die Gefragte; ſie öffnete ihm th ih ne wi Ar un pfe en⸗ m⸗ s, hr te en m er ſe 69 ihr Herz; ſie ſagte ihm Alles. Ihre Einfalt und ihr Ernſt rührten den guten Prieſter innig. Er be⸗ fragte ſie umſtändlich über die beſondere Art von Blindheit woran St. Amand leide, und nach einem kleinen Nachdenken ſprach er:„Tochter, Gott iſt gros und barmherzig; wir müſſen auf ſeine Macht vertrauen, aber wir dürfen nicht vergeſſen, daß er gewöhnlich durch ſterbliche Vollſtreker ſeines Willens handelt. Da Du auf Deinem Heimweg über Löwen kommſt, ſo verſäume nicht, dort einen gewiſſen Arzt Namens Le Kain aufzuſuchen. Er iſt durch ganz Flandern wegen der Heilungen berühmt die er unter den Blinden vollbracht hat, und ſein Rath wird von allen Ständen aus der Ferne und Nähe geſucht. Er wohnt hart neben dem Stadthaus; übrigens kaun Dich Jederman nach ſeiner Thür weiſen.— Halt, mein Kind, ich will Dir einige Zeilen an ihn mitgebeu, er iſt ein wolwollender, gütiger Mann; Du must ihm genau dieſelbe Geſchichte(und mit derſelben Stimme) erzälen, die Du mir erzält haſt.“ Damit hieß der Prieſter Lucilien ihn nach ſeiner Wohnung begleiten und nachdem er ſie erſt genö⸗ thigt, ſich minder kärglich zu erfriſchen, als ſie ſeit ihrer Abreiſe von Mecheln gethan, gab er ihr ſei⸗ nen Segen und einen Brief an Le Kain, der ihr, wie er richtig dachte, ein geduldiges Gehör bei dem Arzt verſchaffen würde. Der Name des Prieſters war unter allen Gelehrten wol bekannt, und ein em⸗ pfehlendes Wort von ihm that da, wo Tugend und —— 70 Weisheit in Ehren ſtanden, mehr, als der längſte Brief vom vornehmſten Sieur in Flandern. Mit unterwürfigem und hoffnungvollem Sinn wandte die junge Pilgerin Köln den Rücken und jezt, auf dem Heimweg zu St. Amand, fühlte ſie weder die Sonnenhize noch die Rauhigkeit der Straße. Es war an einem Mittag, als ſie wieder durch Löwen zog und bald zu dem edeln Gebände des Stadthauſes gelangte. Stolz ſtiegen ſeine zar⸗ ten Spindeln gegen den Himmel und hell ſchien die Sonne auf ſeine gothiſchen Fenſter und reichen Schenkelverzierungen. Die breite Straße füllten Perſonen von allen Ständen; nicht ohne einige Ver⸗ ſchämtheit ließ Lucilie ihren Schleier fallen und miſchte ſich unter die Menge. Es war, wie der Prieſter geſagt, leicht Le Kains Haus außzufinden. Sie bat den Diener ſeinem Herrn den Brief des Prieſters zu überbringen, und durfte nicht lang warten bis ſie bei dem Arzt vorgelaſſen wurde. Er war ein hagerer, langer Mann mit einer kahlen Stirn und einem ruhigen, freundlichen Ausſehen. Nicht weniger als den Prieſter rührte ihn die Art, wie ſie ihre Geſchichte erzälte, den Kummer ihres Angelobten und die Hoffnung beſchrieb, die ihr die eben zurükgelegte Pilgerfahrt eingeflöst. „Gut,“ ſprach er ermuthigend,„wir müſſen unſern Patienten ſehen. Sie können ihn zu mir hieher bringen?“ nn nd ſie er de P e n. es 9 — en n. es hr n 74 „Ach, mein Herr, ich hatte gehofft—“ Lucilie hielt plözlich an. „Was, meine Liebe?“ „Daß ich den Triumph haben würde, Sie nach Mecheln zu bringen. Ich weiß, mein Herr, was Sie mir erwiedern wollen; ich weiß, mein Herr Ihre Zeit muß ſehr koſtbar ſein; aber ich bin nicht ſo arm, als ich ſcheine, und Eugen, das heist Mon⸗ ſieur St. Amand, iſt ſehr reich— und in Brüſſel hab ich, was mir, wie ich gewiß weiß, eine groſe Summe einträgt; es ſollte für die Hochzeit aus⸗ gelegt werden, aber von ganzem Herzen ſteht es zu Ihren Dienſten, mein Herr.“ Le Kain lächelte; er gehörte zu Denen, die gern im Menſchenherzen leſen, wenn ſeine Blüten friſch und unbeflekt ſind; um einem Blinden das Geſicht zurükzugeben würde der wolwollende Künſt⸗ ler noch eine längere Reiſe gemacht haben, als von Löwen nach Mecheln, und wäre St. Amand auch ein Bettler geweſen. „Gut, gut!“ fprach er,„aber Sie vergeſſen, daß Monſieur St. Amand nicht der Einzige in der Welt iſt, der meiner bedarf. Ich muß einen Blik in mein Taſchenbuch werfen und ſehen ob ich mich auf einen oder zwei Tage frei machen kann.“ Damit überſchaute er ſein Portefeuille. Alles lächelte Lucilien; für die nächſten Tage lag kein Ge⸗ ſchäft vor, das nicht auch der Gehilfe vollziehen konnte. Le Kain willigte ein, Lucilien nach Mecheln zu begleiten. Freundlos und dumpf war einſtweilen die Zeit für St. Amand verſtrichen; fortwährend fragte er Madame Le Tiſſeur welche Stunde es ſei; es war faſt ſeine einzige Frage. Ihm ſchien keine Sonne am Himmel, keine Friſche in der Luft zu ſein, und ſelbſt die geliebte Muſik ließ er liegen; das Inſtru⸗ ment hatte ſeinen Zauber verloren ſeit Lucilie nicht mehr auf daſſelbe hörte. Natürlich musten die Gevatterinnen von Me⸗ cheln einige Misgunſt über die Heirat Luciliens mit einem Mann empfinden, deſſen Vermögen das Gerücht zu übermäßigem Reichthum geſteigert hatte, deſſen Geburt vom angeſehenen zum vornehmen Stand erhöht und deſſen Geſtalt durch die Theil— nahme, die ſein Unglük erwekte, mit der Schönheit eines Antinous überkleidet worden war. Eben dieſes Unglüb, durch welches jede andere Auszeich⸗ nung wieder herabgedrükt worden ſein ſollte, ver⸗ mochte den allgemeinen Neid nicht zu deſchwichti⸗ gen;— vielleicht daß einigen Damen von Mecheln die Blindheit eines Ehemanns wirklich nicht die am wenigſten angenehme Eigenſchaft dünken machte! In Einer jedoch wucherte dieſe Misgunſt mit beſon⸗ derer Schärfe; es war die ſchöne, allbeſiegende Ju⸗ lie. Daß Lucilie deren Daſein man neben Julie ehe⸗ dem faſt vergaß, ſo jählings eine Bedeutung bekom⸗ men, daß es einen Menſchen in der Welt geben en Zeit var ine nd u⸗ cht te⸗ ns as en 73 ſollte, und vollends gar einen jungen, reichen, hüb⸗ ſchen Menſchen, für welchen ſie in Vergleichung mit Lucilien weniger als nichts war, ſtach eine Eitelkeit, die bis dahin keine Wunde erhalten, ins innerſte Mark. „Gut,“ konnte ſie mit bitterem Scherz ſagen,„daß Luciliens Liebhaber blind iſt. Um das Eine zu wer⸗ den, muß man nothwendig das Andere ſein!“ Während Luciliens Abweſenheit war ſie beſtän⸗ dig in Madame Le Tiſſeurs Haus geweſen;— in der That hatte ſie Erſtere hierum gebeten. Mit ei⸗ ner Emſigkeit die ſie ſelbſt in Erſtaunen ſezte, ſuchte ſie die Stelle der Verlobten auszufüllen, und das ſo ſeltſam widerſprechende Menſchenherz wollte, daß ſie unter ihren Anſtrengungen zu gefallen wirklich Liebe zu dem Gegenſtand ihrer Anſtrengungen gewann, we⸗ nigſtens ſo weit ſie der Liebe überhaupt fähig war. Gegen Lucilien faste ſie einen wirklichen Haß; hartnäkig bildete ſie ſich ein, daß nur der Zufall der erſten Bekantſchaft ihr eine Eroberung geraubt, womit, wie ſie ſich überredete, ihr Glük zuſammen⸗ hänge. Hätte St. Amand Lucilien nie geliebt und ſich Julien angetragen, ſo würde ſie ihn ſeines Un⸗ glüks halber troz Jugend und Reichthum abgewie⸗ ſen haben; aber daß er Luciliens Freund war und Lucilie einen Sieg davon getragen hatte, gab ihm augenbliklich einen Werth, der ihm ſonſt nicht zu⸗ gekommen wäre. Sicher jedoch in ſeiner Betrübniß blieb St. Amands Treue ungefährdet vor Juliens Künſten und Schönheit. Ja ſie gefiel ihm weniger 74 als je, denn die Sorge und Wachſamkeit ſeiner Braut nachahmen zu wollen, ſchien eine zudringliche Ungebür. „Es iſt Zeit, es iſt gewiß Zeit, Madame Le Tiſſeur, daß Lucilie rükkehrte. Sie könnte unter⸗ deſſen alle Spizen in Mecheln ſelbſt verkauft haben,“ bemerkte St. Amand eines Tages übellaunig. „Geduld, theurer Freund, Geduld; vielleicht kommt ſie ſchon morgen.“ „Morgen! laſſen Sie mich nachrechnen: es iſt erſt ſechs Uhr; erſt ſechs, nicht wahr?“ „Gerade fünf, lieber Eugen,“ antwortete Julie; „Soll ich Ihnen vorleſen? da iſt ein neues Buch von Paris, das groſen Lärm gemacht hat.“ „Sie ſind ſehr gütig; aber ich mag Ihnen keine Mühe verurſachen.“ „Oh von Mühe kann hier weniger als von irgend etwas die Rede ſein.“ „Nun mit Einem Wort, ich bin wirklich nicht dazu aufgelegt.“ „Ach, daß er ſehen könnte!“ dachte Julie,„er ſollte mir für ſo was büßen!“ „Ich höre Räder; Wer kann hier vorbeikom⸗ men? Gewiß iſt es der brüſſeler Wagen!“ rief St. Amand auffahrend.„Es iſt ſein Tag, ja ſeine Stunde.— Doch nein, es iſt ein leichteres Fuhr⸗ werk;“ und gramvoll ſank er auf den Stuhl nieder. Näher und näher rollten die Räder; ſie beugten um die Eke; ſie hielten vor der niedern Thür, und 75 — überwältigt, überſtrömt von Jubel hing Lucilie an St. Amands Bruſt. „Halt,“ ſprach ſie erröthend als ſie wieder Herrſchaft über ſich erlangt hatte, und wandte ſich zu Le Kain:„Verzeihen Sie, mein Herr! Lieber Eugen, ich habe Jemand mitgebracht der Dir mit Gottes Hilfe vielleicht das Geſicht wieder geben an „Wir dürfen uns keiner zu ſchwindelnden Hoff⸗ nung überlaſſen, mein Kind,“ entgegnete Le Kain. „Getäuſchte Erwartung iſt das Schlimmſte von Al⸗ lem!“ Um mit dieſem Theil meiner Geſchichte zum Schluß zu kommen, geliebte Gertrud:— Le Kain unterſuchte St. Amand und das Ergebniß der Un⸗ terſuchung war ein ziemlich feſter Glaube an die Wahrſcheinlichkeit einer Heilung. Mit Freuden willigte St. Amand in den Verſuch einer Operation. Sie gelang— der Blinde ſah! Was glich Luciliens Empfindungen, was ihrer Rührung, ihrem Entzüken als das Ziel ihrer Wallfahrt— ihrer Gebete— er⸗ füllt vor ihr ſtand. So unendlich war dieſes Ent⸗ züken, daß ſie in Anbetracht des ewigen Wechſels im Menſchenleben am Uebermaß hätte ahnen kön⸗ nen, welch bittere Schmerzen darauf folgen ſoll⸗ ten. Sobald der neue Sinn des Kranken ſtufenweis das Licht ertragen gelernt, war ſeine erſte, ſeine einzige Frage nach Lucilien.„Nein, nicht allein 76 last ſie mich ſeßen, zeigt ſie mir mitten unter Euch Allen, damit ich Euch überzeuge daß das Herz in ſeinem Inſtinkt nie irrt.“ Mit bangem, niederdrü⸗ kendem Vorgefühl gab Lucilie dem Verlangen nach, gegen welches der ungeſtüme St. Amand keine Ein⸗ rede gelten laſſen wollte. Vater, Mutter, Lucilie, Julie, Juliens jüngere Schweſtern verſammelten ſich im kleinen Wohnzimmer; die Thür ging auf und zögernd ſtand St. Amand an der Schwelle. Ein Blik auf die Geſellſchaft reichte für ihn hin; ſein Geſicht leuchtete auf, er ſtieß einen Freuden⸗ ſchrei aus.„Lucilie! Lucilie!“ rief er aus,„Du biſts, ich weiß es, Du allein!“ Er ſprang vorwärts und fiel zu den Füßen Juliens nieder! Glühend, auſſer ſich, triumphirend heftete Julie die funkelnden Augen auf ihn.— Nicht ſie riß ihn aus ſeinem Irrthum. „Sie irren,“ ſagte Madame Le Tiſſeur ver⸗ wirrt,„das iſt Kouſine Julie; hier ſteht Ihre Lucilie.“ St. Amand ſtand auf, wandte den Kopf nach Lu⸗ cilien und in dieſem Moment wünſchte ſich die Arme in ihr Grab. Staunen, Schmerz, getäuſchte Hoffnung, beinah Schreken malten ſich in ſeinem Blik. Mit Träumen hatte er ſeinen Kerker ausgeſchmükt; frei gelaſſen fühlte er jezt wie wenig ſie der Wahr⸗ heit entſprachen. Ein zu neuer Beobachter, um das Weh, die Verzweiflung, das Zuſammenbrechen der ganzen Geſtalt zu bemerken, das ſein Anſchauen bei Lucilien hervorgebracht, empfand er doch, als „—e r 61 i „ 77 der erſte Sturm der Verwunderung vorüber, daß er nicht alſo Derjenigen danken ſollte, die ihm das Geſicht zurükgegeben. Er eilte ſeinen Irrthum wie⸗ der gut zu machen;— ach! wie konute Das jezt noch geſchehen? Von dieſer Stunde an war Luciliens ganzes Glük zu Ende; ihr Feenſchloß war in Staub zerflo⸗ gen, der Stab des Magiers zerbrochen, Ariel frei⸗ gegeben und kein heller Zauber ſchied mehr den Flek wo ſie wohnte von der übrigen kahlen Welt. Wol kauteten St. Amands Worte liebreich; wol gedachte er mit der tiefſten Dankbarkeit an all Das, was ſie für ihn gethan; wol zwang er ſich ſtets von Neuem zu dem Ausruf:„ſie iſt meine Braut— meine Wolthäterin!“ und fluchte ſich, daß die Emfindung, die er für ſie ge⸗ habt, entwichen war. Wo aber die Leidenſchaft ſeiner Worte? wo die Wärme ſeines Tons? wo das Spiel, die Erleuchtung ſeiner Züge, die ſonſt ihr Tritt, ihre Stimme hervorgerufen? Wenn Beide allein beiſammen, erſchien er verlegen, gezwungen⸗ peinah kalt; ſeine Hand ſuchte nicht mehr die ihrige; ſeine Seele vermiste ſie nicht mehr, wenn ſie einen Moment an ſeiner Seite fehlte. Im häuslichen Kreis war es ihm offenbar behaglicher; aber haf⸗ teten ſeine Augen an ihr, die ſie dem Tag er⸗ öffnet hatte? wanderten ſie nicht bei jeder ent⸗ ſtehenden Pauſe mit nur zu ſprechender Bewunder⸗ ung auf das erröthende, ſtralende Geſicht der ent⸗ zükten Julie? Zwar trat all Dies, wie Du Dir —— 78 wol denken magſt, nicht plözlich, an Einem Tag oder in Einer Woche, hervor, aber jeden Tag zeigte es ſich mehr und mehr. Bei aller Bezauberung, Ver⸗ ſtrikung St. Amands würde er ſich indeſſen viel⸗ leicht nie einer Treuloſigkeit ſchuldig gemacht haben, gegen die er mit dem Gefühl der bitterſten Vor⸗ würfe anzukämpfen ſuchte, wäre der unglükliche Kontraſt nicht geweſen, den im erſten Moment ſeiner ausſtrömenden Begeiſterung Julie gegen Lucilie ge⸗ bildet. Ohne dieſen hätte er ſich keine Vorſtellung einer wirklichen, lebenden Schönheit gemacht, welche der Enttäuſchung von ſeinen Fantaſiebildern und Träumen zu Hilfe kam. Er hätte Lucilien jung und anmuthvoll, mit liebeſtralenden Augen und blos im Gegenſaz mit den gefurchten Geſichtern und ge⸗ beugten Geſtalten ihrer Eltern geſehen, und ſie, ſie hätte den Sieg über ihn vollendet, eh er entdekte, daß ſie nicht ſo ſchön ſei, als Andere. Nein, mehr noch:— jene Treuloſigkeit würde die paar erſten Tage nicht überdauert haben, wäre von dem eiteln herzloſen Gegenſtand derſelben nicht jede Kunſt, die ganze Macht und Zanberei ihrer Schönheit auf⸗ geboten worden, um den Riß zu feſtigen und weiter fortzuführen. Die unglükliche Lucilie— ſo berühr⸗ bar von der kleinſten Umänderung in Denen, welche ſie liebte, ſo demüthig und doch ſo ſtolz in dieſer Demuth,— nicht länger nothwendig, nicht länger vermist, nicht änger geliebt,— vermochte die ſchmerz⸗ liche Vergleichung der Vergangenheit mit der Gegen⸗ er es 3 79 wart fürder nicht zu ertragen. Mit hinabgedrükten Klagen floh ſie nach ihrem Zimmer, um dort ihren Thränen freien Lauf zu laſſen, und wandte ſo, da der Vater in der Regel den Tag über abweſend war und die Mutter ſich entweder mit ihrer Handarbeit oder mit der Haushaltung beſchäftigte, Julien un⸗ glüklicher Weiſe tauſend Gelegenheiten zu, der Macht, die ſie über— nein nicht über das Herz!— über die Sinne St. Amands zu gewinuen angefangen⸗ mehr und mehr Beſtand zu geben. In der edeln Geradheit ihres Gemüths argwöhnte indeſſen die arme Lucilie den ganzen Umfang ihrer Leiden immer noch nicht und ward bisweilen durch die Hoffnung erhoben, einmal vermält, elnmal in jenem eng ver⸗ trauten Verhältniß, worin ſich ihre unausſprechbare Liebe mit weniger Zurükhaltung andeuten konnte, als jezt,— dürfte ſie vielleicht ein Herz wieder ge⸗ winnen, das ihr ſo ganz angehört hatte, daß ſie ſich deſſen völligen Verluſt nur als Folge irgend eines Misverſtändniſſes zu denken vermochte. An dieſem Hoffnunganker hing das ganze eingeſchwundene Glük, das ihr noch übrig blieb. Auch drängte St. Amand immer noch auf die Hochzeit,— aber in welch an⸗ ders geworderem Ton! Eigentlich wollte er ſich nur die Möglichkeit eines noch gröſern Undanks, als derjenige worein er bereits verfallen, benehmen. Er ſchmeichelte ſich mit dem eiteln Gedanken, das geknikte Bäumchen der Liebe werde durch die Bande der Pflicht wieder aufgebunden und gekräftigt wer⸗ Odem ſchlich ſie aus dem Haus und ſuchte die Laube, 80 den; und wenigſtens ſollte ſeine Hand, ſein Vermö⸗ gen, ſeine Achtung, ſeine Dankbarkeit Lucilien die einzige Belohnung zuwenden, die zu geben jezt in ſeiner Macht ſtand. Mitlerweile jedoch ſo oft mit Julien allein gelaſſen, die ſich auf jede Art bemühte, den lezten Sieg über ſein Herz zu gewinnen, berei⸗ tete St. Amand allmälig einen ganz andern Lohn, eine ganz andere Vergeltung für Diejenige vor, der er eine ſo unberechenbare Schuld abzutragen hatte. Hinter dem Haus befand ſich ein Garten mit einer kleinen Laube, worin Eugen und Lucilie an Sommerabenden oft geſeſſen hatten:— Ewig ver⸗ ſchwundene Stunden!— Einſt, als ſie kummervoll in ihrem Zimmer ſaß, hörte ſie St. Amands Flöten⸗ ſpiel fanft aus jenem geliebten, heiligen Flekchen her— auftönen. Sieweinte ob den Klängen; durch die Erin⸗ nerung, welche die Muſik aufwekte, ſtand das Bild des Geliebten milder und thenrer vor ihr, und ſie fing an ſich Vorwürfe zu machen, daß ſie dem Antrieb ihrer verwundeten Gefühle ſo oft nachgegeben; daß ſie ihn, angefröſtelt durch ſeine Kälte, ſo oſt ſich ſelbſt überlaſſen und nicht genugſam gewagt habe ihm von der Zärtlichkeit zu ſprechen, die, nach der beſcheidenen Art, wie ſie das eigene Selbſt ſchäzte, ihr ganzes Anrecht auf ſeine Gegenliebe bildete. „Vielleicht iſt er jezt allein,“ dachte ſie;„auch die Melodie iſt eine von denen, die, wie er weiß, mir beſonders werth ſind.“ Und mit angehaltenem h „—„— 81 Kaum war ſie aus dem Zimmer, als die Flöte auf⸗ hörte; wie ſie der Lanbe näher kam, vernahm ſie Stimmen— Julie klagend, St. Amand tröſtend. Eine furchtbare Ahnung faste ſie; ihr Fuß wurzelte an dem Boden.* „Ja, heirate ſie— vergiß mich,“ rief Julie. „In wenigen Tagen wirſt Du einer Andern angehö⸗ ren, und ich, ich— verzeih mir, Eugen, verzeih daß ich Dein Glük geſtört habe. Ich bin hinläng⸗ lich geſtraft— mein Herz will brechen, aber noch im Brechen wird es Dich lieben“... Schluchzen unterbrach Juliens Worte. „O ſprich nicht ſo,“ entgegnete St. Amand. „Ich, nur ich, bin zu tadeln; ich gegen Beide falſch, gegen Beide undankbar. Oh, von der Stunde an, da dieſe Augen ſich auf Dich öffneten, trank ich ein neues Leben; die Sonne ſelbſt ſchien mir nicht ſo wundervoll, wie Deine Schönheit. Aber— aber— laß mich dieſe Stunde vergeſſen. Was ver⸗ dank ich nicht Lucilien? Ich werde elend ſein— ich verdiene es; denn werd ich nicht denken müſſen, Julie, ich habe Dein Leben mit unſerer unglükſeligen Liebe verbittert? Aber Alles, was ich geben kann, — meine Hand— mein Haus— meine verpfändete Treue gehört ihr. Nein, Julie, nein!— weshalb dieſen Blik? darf ich anders handeln? darf ich an⸗ ders— träumen? Was auch das Opfer koſte,— muß ich ihrs nicht bringen? Was bin ich Lucilien nicht ſchuldig und wärs auch nur um des Gedankeus Bulwer's Romane XX. 6 —————— 82 willen, daß ich ohne ſie Dich nie geſehen haben würde.“ Lucilie wollte nicht weiter hören. Mit demſel⸗ ben ſanften Tritt, der ſie in den Bereich dieſer Unglüksworte getragen, kehrte ſie wieder in ihre verlaſſene Kammer zuxük. Am Abend, als St. Amand allein in ſeinem Gemach ſaß, vernahm er ein leiſes Klopfen an der Thür.„Herein!“ rief er und Lucilie trat ein. Et⸗ was verlegen fuhr er auf und wollte ihre Hand er⸗ greifen, aber ſie wies ihn ſanft zurük. Sie ließ ſich ihm gegenüber auf einen Stuhl nieder und redete ihn mit geſenkten Bliken alſo an; „Mein lieber Eugen, ich habe etwas auf dem Herzen, das ich lieber auf Einmal ausſprechen will, und wenn mir vielleicht die rechten Ausdrüke für Das fehlen, was ich ſagen möchte, ſo must Du auf Lucilien nicht böſe werden; es iſt nicht leicht Das in Worte zu faſſen, was man tief empfindet.“ Er⸗ röthend und etwas von Dem was folgen dürfte vermu⸗ thend wollte ſie St. Amanduntepbrechen: ſie aber wink⸗ te ihm mit ſanfter Ungeduld Stillſchweigen zu und fuhr fort: „Du erinnerſt Dich, daß als Du mich liebteſt, ich Dir oft ſagte, Du würdeſt dieſt Empfindung nicht mehr für mich haben, wenn Du ſehen könnteſt, wie wenig ich Deine Neigung verdiene. Ich täuſchte mich nicht, Engen; ich hatte ſtets die Ueberzengung daß es ſo geyen werde, daß Deine Liebe zu mir —„— — —,——,—„ 2 ben ſel⸗ ſer hre em der Et⸗ Er⸗ ließ ind dem ill, für auf Das Er⸗ mu⸗ ink⸗ und eſt, ung teſt, chte ung mir nothwendig nur an Deinem unglük hänge. Bei all Dem aber hatt' ich nie einen andern Traum oder Wunſch als für Dein Glük, und Gott weiß daß wenn ich Dich abermals durch eine Pilgerfahrt mit nakten Füßen nicht nach Köln, ſondern nach Rom, ja bis ans Ende der Welt, von einem viel geringern Leiden als die Blindheit erretten könnte, ich es mit Freuden thun würde; ja ſelbſt wenn ich mir wäh— rend der ganzen Reiſe vorherſagen könnte, daß Du vei meiner Rükkunft kalt mit mir ſprechen, wenig aus mir machen werdeſt, und daß ich als Strafe erleiden müſſe— was— was ich bereits erlitten habe.— Hier wiſchte ſich Lucilie ein paar Thränen aus den Augen; St. Amand, im tiefſten Herzen getrof⸗ fen, bedekte das Geſicht mit den Händen ohne den Muth zu haben ſie zu unterbrechen. Jene fuhr fort: „Was ich vorausſah, iſt eingetreten; nicht mehr bin ich für Dich, was ich einſt war, als Du dieſe arme Geſtalt und dieſes rauhe Geſicht mit einer Schönheit überkleideteſt, die ihm nicht zukam. Zwar pegehrſt Du immer noch die Ehe mit mir, aber ich bin ſtolz, Eugen, und kann nicht zur Dankbarkeit herabſteigen, wo ich einſt Liebe beſaß. Ich bin nicht ſo ungerecht, um Dir Vorwürfe zu machen; die eingetretene Veränderung war natürlich, war un⸗ vermeidlich. Gleich vornherein ſollt' ich mich mehr auf dieſelbe vorbereitet haben; indeſſen bin ich jezt reſignirt. Wir müſſen uns trennen. Du liebſt Ju⸗ 6* ———— lien— Das iſt ebenfalls natürlich;— und ſie liebt Dich: ach, was könnte wiederum mehr im gewöhn⸗ lichen Lauf der Dinge ſein als Dies 2 Julie liebt Dich; vielleicht nicht ſo ſehr, als ich Dich liebte, aber ſie kennt Dich auch nicht wie ich Dich kennen gelernt, und ſie, deren ganzes Leben ein Triumph war, kaun die Dankbarkeit nicht fühlen, die ich em⸗ pfand, als ich mich geliebt glaubte! Aber Das wird rommen— Gott geb es! Lebe denn für immer wol, theurer Eugen; ich ſcheide von Dir, weil Du mich nicht weiter brauchſt; Du biſt nicht länger an Luci⸗ lien gebunden; wo Du Dich auch hinwenden magſt können fortan Tauſende meine Stelle erſezen;— lebe wol.“ Mit dieſen Worten ſtand ſie auf und wollte das Zimmer verlaſſen: St. Amand aber faste ſie bei der Hand, die ſie ihm vergeblich zu entwinden ſuchte und ſtrömte unzuſammenhängend, leidenſchaft⸗ lich ſeine Vorwürfe gegen ſich ſelbſt, ſeine beredten Einwürfe gegen ihren Entſchluß hervpr. „Ich geſtehe,“ riefer,„daß ich für einen Augen⸗ blik verlokt wurde; ich geſtehe, daß Juliens Schön⸗ heit mir Dein höheres heiligeres, unendlich heili⸗ geres Anrecht auf meine Liebe minder fühlbar machte. Aber vergib mir, theuerſte Lucilie; bereits bin ich wieder Dein, empfinde Alles wieder, was ich einſt ſür Dich empfunden: treibe mich nicht, der Wonne der Sehkraft, die ich Dir verdavke, zu fluchen. Du darfſt mich nicht verlaſſen; nie können wir Beide Ue du 85⁵ uns trennen; ſtell mich⸗ v ſtell mich auf die Probe: entfremdet ſich mein Herz Dir noch ein einziges Mal, dann, Lucilie, geh und gib mich dem Schrei meines Gewiſſens Preis.“ Lucilie fügte ſich nicht; ſie fühlte daß ſeine Bitten blos die Eingebung des Angenbliks warenz; ſie fühlte daß in ihrem Stolz eine Tugend lag; daß ſie es ſich ſelbſt ſchuldig ſei ihm zu eutſagen. Ver⸗ gebens führte er ſeine Sache; vergebens waren ſeine Umarmungen, ſein Flehen; vergebens erinnerte er ſie an die ſchon ſtattgefundene Verlobung, an die vejahrten Eitern, deren Glük auf der Verbindung ihres Kindes mit ihm beruhe.„Wie könnt ich, ſelbſt wenn es um mich ſtände, wie Du irrthümlicher Weiſe glaubſt, wie könnt ich vor ihnen als ein Mann von Ehre erſcheinen, wenu ich Dich verließe, eine Andere heiratete? „Vertrau auf mich,“ erwiederte Lucilie;„Deine Ehre ſoll meine Sorge ſein; Niemand ſoll Dich tadeln; nur ſeire Deine Vermälung mit Julien nicht hier vor der Eltern Augen; das iſt Alles was ich verlange, was ſie erwarten können. Gott ſegne Dich! Glaube nicht, ich werde unglüklich ſein; denn hab ich nicht zu jedem Glük, das Dir die Welt bieten mag, beigetragen? bei einem ſolchen Bewust⸗ ſein bedarf ich keines Mitleids.“ Sie ſchlüpfte aus ſeinen Armen und überließ ihn einer Hede, die bitterer war, als die Blind⸗ heit. Noch am nämlichen Abend ſuchte ſie ihre ——————————— 86 Mutter auf und bertraute ihr Alles. Ich übergehe die Gründe, die ſie geltend machte, die Argumente, die ſie anführte: ſie überredete mehr, als daß ſie überzeugt hätte, und Madame Le Tiſſeur die peinliche Aufgabe überlaſſend den Vater mit ihrem unab⸗ änderlichen Entſchluß zu überraſchen, ſchied ſie am folgenden Morgen von Mecheln und begab ſich mit einem Herzen, das zu tugendhaft war, um gänzlich ohne Troſt zu ſein, zu ihrer Tante auf den ſo lang verſchobenen Beſuch. Luciliens Eltern beſaßen Stolz genug um St. Amand keine Vorwürfe zu machen. Gleichwol er⸗ trug er ihre kalten, veränderten Blike nicht. Er verließ ihr Haus, und vermied er auch mehrere Tage lang jeden Umgang mit Julien, ſo gewannen doch ihre Schönheit und ihre Künſte allmälig wieder die Herrſchaft über ihn. Er ließ ſich in Cvurtrai mit ihr trauen und reiste zur Freude der eiteln Geliebten mit ihr nach der luſtigen Hauptſtadt Frankreichs. Indeſſen ſuchte St. Amand vor ſeinem Abgang, vor ſeiner Vermälung ſein Gewiſſen dadurch zu be⸗ ſchwichtigen, daß er für Herrn Le Tiſſeur eine viel einträglichere und angeſehenere Stelle kaufte, als die, welche derſelbe bisher bekleidet hatte. In richtiger Erwägung daß Mecheln für die Eltern und vor Allem für Lucilien fortan kein angenehmer Aufent⸗ halt ſein könne, war er dabei bedacht geweſen, daß das neue Amt der Familie eine anderne Stadt an⸗ wies, und im Bewustſein daß das Zartgefühl Herrn 3— S eb ee te, ſie che ab⸗ 87 Le Tiſſeur nicht geſtatten würde, ſolche Gunſt aus feinen Händen anzunehmen, bewahrte er das tiefſte Geheimniß über die Unterhandlung und ließ dem ehrlichen Bürger den Glauben, blos eigene Verdienſte hätten ihm dieſe unerwartete Beförderung verſchafft. Die Zeit verging. Die ſtille, einfache Geſchichte geräuſchloſer Herzeusneigungen nahm ihren Anfang in einer ſtürmiſchen Weltperiode— in der Morgen⸗ dämmerung der franzöſiſchen Revolution. Noch be⸗ fand ſich Luciliens Familie nicht viel über ein Jahr an ihrem neuen Beſtimmungsort, als Dumouriez ſein Heer nach den Niederlanden führte. Wie war dieſes Jahr für Lucilien verſtrichen? Bereits früher wurde geſagt, ſie habe von Natur einen erhabenen Geiſt beſeſſen, ſie ſei bei aller Zartheit nicht ſchwach geweſen; ſchon ihre Pilgerreiſe nach Köln, allein und im ſchüchternen Alter von ſiebzehn Jahren, be⸗ wies daß nicht weniger Stärke in ihrem Karakter als Hingebung in ihrer Zärtlichkeit lag. Sie hielt St. Amand für glüklich und wollte ſich deshalb keinem ſelbſtſüchtigen Kummer hingeben; noch immer hatte ſie Liebesdienſte zu üben.; noch konnte ſie ihre El⸗ tern pflegen und deren alte Tage aufheitern; ſie konnte ihnen die ganze Welt ſein; ſie fühlte Das und war getröſtet. Nur ein einziges Mal während dieſes Jahres hörte ſie von Julien; ein gemeinſamer Be⸗ kannter hatte ſie fröhlich, ſchimmernd, bewundert in Paris geſehen. Von St. Amand vernahm ſie nichts. 88 Meine Erzälung, theure Gertrud, führt jezt nicht durch die rauben Scenen des Kriegs. Ich ſage nichts von den Treffen und Belagerungen und dem Blut, das dieſes ſchöne Land, Europas groſes Schlachtfeld, überſchwemmte. Im Allgemeinen neigte ſich die Bevölkerung der Niederlande der franzöſi— ſchen Sache zu, die Stadt jedoch worin Le Tiſſeur wohnte leiſtete einigen ſchwachen Widerſtand. Le Tiſſeur ſelbſt gürtete, troz ſeinem Alter, den Degen um; der Ort wurde erſtürmt und die zügelloſen Scharen des Siegers ſtürzten, erhizt vom leicht er⸗ rungenen Sieg, durch die Straßen. Auch Le Tiſſeurs Haus füllte ſich mit betrunkenen, rohen Kriegern; Lucilie ſelbſt zitterte unter dem wilden Griff eines Men⸗ ſchen aus jener frechen, eher aus Räubern als aus Sol⸗ daten beſtehende Bande, welche der ſchlaue Dumouriez ſeinem Heer beigefügt hatte und durch deren Blut er dasjenige der beſſern Armee ſo ofti ſparte. Um⸗ ſonſt ſchrie und flehte das entſezte Mädchen, als das ſtäubende Gedräng plözlich auf die Seite wich.„Der Hauptmann! unſer braver Hauptmann!“ erſcholl es; der übermüthige Soldat ſtürzte, von einem kraft⸗ vollen Arm niedergeſchmettert, bewustlos zu Luci⸗ liens Füßen, und eine herrliche, über die Gefähr⸗ ten weit hervorragende Geſtalt, felbſt in der ſchim⸗ mernden Uniform, ſelbſt in dieſer furchtbaren Stunde von Lucilien auf den erſten Blik erkannt, ſtand ne⸗ ben ihr als Beſchüzer und Berather! So ſah ſie St. Amand noch einmal vor ſich! zt ch d es te r Le ꝑ⸗ 2 5 5 n⸗ 89 In wenigen Sekunden war das Haus entleert, die Thür verwahrt. Geſchrei, Geheul, wilder Freu⸗ dengeſang, das Klirren der Waffen, das Stampfen der Pferde, die eilenden Menſchentritte, die rau⸗ ſchende Kriegsmuſik tönten laut und ſpielten drauſ⸗ ſen gräslich in einander:— Lucilie vernahm nichts davon— ſie lag an der Bruſt, die von ihr nie hätte weichen ſollen. Um die Freunde zu ſchüzen nahm St. Amand ſein Quartier ſöfort in ihrem Haus, und zwei Tage lang war er wieder unter demſelben Dach mit Lu⸗ crilien. Auf Julien kam er aus eigenem Antrieb nie zurük und nur kurz und mit Kälte beantwortete er Luciliens ſchüchterne Erkundigung nach der Gefund⸗ heit ihrer Kouſine; aber mit der ganzen Begeiſte⸗ rung einer glühenden, lang eingekerkert geweſenen Seele ſprach er von dem neuen Stand, den er er⸗ griffen. Kriegerehre ſchien jezt ſeine einzige Geliebte, und die erſten lichtvollen Träume der Revolution füllten ſein Gemüth mit ihrem glänzenden Trug, ſtrömten von ſeinen Liypen und blizten aus den dun⸗ keln Augen, welche Lucilie dem Tag zurükgegeben. Sie ſah ihn an der Spize ſeiner Schar abzie⸗ hen; ſie ſah den ſtolzen Federbuſch in der Sonne ſchimmern; ſah ſein Pferd ſich durch die enge Straße Bahn brechen; ſah daß ſein lezter Blik noch einmal zu der Hausthür zurükkehrte, wo ſie ſtand, und als er ihr Abſchied zuwinkte, glaubte ſie auf ſeinem Geſicht den Ausdruk jener tiefen, dankbaren Zärt⸗ 90 lichkeit zu bemerken„der ſie an Eine, helle Zeit ihres Lebens erinnerte. Sie irrte nicht. Längſt hatte St. Amand eine vorübergebende Bethörung bitter bereut, hatte längſt den wahren Nektar von dem falſchen unter⸗ ſcheiden gelernt und fühlte, daß in Julien die Ver⸗ geltung für ſein Unrecht an Lucilien lag. Aber er verſenkte dieſen Schmerz,— den nagendſten von allen die das bittere Wort„zu ſpät“ rufen,— unter Sturm und Glut des Kriegs. Jahre vergingen und in der wiedergewonnenen Stille von Luciliens Leben blang die glänzende Er⸗ ſcheinung St. Amands eher wie ein Traum als wie eine Wirklichkeit nach. Napoleons Stern war über dem Horizont aufgegangen; das Epos ſeiner Laufbahn hatte begonnen, und der egyptiſche Feld⸗ zug war der Herold der glänzenden, meteorgleichen Triumphe geweſen, die aus dem Dunkel der Re⸗ volution hervorblizten. Du weist, geliebte Gertrud, wie Viele, in den franzöſiſchen Heeren ſo gut als in den engliſchen, durch die dem dürren egyptiſchen Boden eigen⸗ thümliche Augenentzündung das Geſicht verloren. Einige von den jungen Leuten in Luciliens Stadt, die ſich Napolevns Armee beigeſellt, kehrten geblen⸗ det von dieſer furchtbaren Krankheit zurük, und Luciliens Gaben, Luriliens Arm, Luciliens ſanfte Stimme waren bereit für die armen Leidenden, — S— 4—, — eit 94 deren Unglük an eine ſo wolbekannte Saite in ihrem Herzen ſchlug. Ihr Vater war geſtorben und nur die Mutter hatte ſie in den Unbequemlichkeiten des Alters noch zu pflegen. Als ſie eines Abends bei der Arbeit bei⸗ ſammen ſaßen, hob Madame Le Tiſſeur nach eini⸗ nigem Stillſchweigen an: „Ich wollte, liebe Lucilie, Du lieſſeſt Dich zur Heirat mit Juſtin bewegen; er liebt Dich von Her⸗ zen, und eben jezt wo Du noch jung biſt und viele Jahre vor Dir haſt, ſollteſt Du Dich erinnern, daß Du nach meinem Tod allein ſtehen wirſt,“ „Höre auf, theuerſte Mutter; zu heiraten ver⸗ mag ich nie mehr, und was die Liebe anlangt, ſo kann ich— einmal durch die harte Schule gegangen, worin ich mich ſelbſt kennen lernte— mich hierüber nie wieder täuſchen.“ „Lucilie, Du kennſt Dich ſelbſt nicht; nie wurde ein Mädchen geliebt, wenn Juſtin Dich nicht liebt; und nie empfand ein Mann die Redlichkeit ſeiner Liebe mit mehr Wärme.“ Dies war nicht unrichtig und galt jnicht blos in Bezug auf Juſtin; Luciliens beſcheidene Tugen⸗ den, ihre freundliche Sinnesart und eine bewegliche, mädchenhafte Anmuth in all ihren Bewegungen hat⸗ ten ihr ſo viele Siege eingetragen, als wäre ſie⸗ ſchön geweſen. Allein mit Schauder hatte ſie jeden Heiratsantrag zurükgewieſen, ohne daß ſich auch⸗ chen Willen des Schikſals hatte die brennende Sonne nur ein Pulsſchlag geſchmeichelter Eitelkeit in ihr geregt. Ein Andenken, trauriger als alles Andere, war auch theurer für ſie als Alles, und etwas Heiliges in dieſen Erinnerungen ließ ihr den Gedanken das Vergangene durch eine neue Neigung verwiſchen zu wollen, faſt als einen Frevel erſcheinen. „Ich denke wol,“ fuhr Madame Le Tiſſeur är⸗ gerlich fort,„daß Du immer noch mit Liebe an Ihn denkſt, von welchem Du allein in der Welt Undank erfahren haſt.“ „Nein, Mutter,“ erwiederte Lucilie erröthend mit einem leichten Seufzer:„Eugen iſt mit einer Andern vermält.“ Noch ſprachen ſie, als ſich ein ſanſtes, ſchüch⸗ ternes Klopfen an der Thür vernehmen ließ. Die Klinke wurde aufgezogen.„Hier, mein Herr,“ ſprach die rauhe Stimme eines Stadtkommiſſärs,„hier iſt die Wohnung von Madame Le Tiſſeur und— hier iſt Mademviſelle.“ Eine hohe Figur mit einem Schirm über den Augen und in einen langen militäriſchen Mantel gehüllt ſtand im Zimmer. Ein Schauder zukte durch Luciliens Herz. Die Geſtalt ſtrekte die Arme aus.—„Lucilie!“ rief die ſchwermüthige Stimme, die Muſik ihrer erſten Jugend:„wo biſt 3 Lucilie; ach! ſie erkennt St. Amand nicht wie er!“ Er war es wirklich. Durch einen eigenthümli⸗ ar ges as zu nk nd er ch⸗ Re 95 und der ſcharfe Staub der egyptiſchen Ebenen den jungen Krieger in der Blüte ſeiner Laufbahn mit einer zweiten— und diesmal mit einer unheilba⸗ ren— Blindheit geſchlagen! Nach Frankreich zu⸗ rükgekehrt fand er ſein Haus verwaist: Julie war nicht mehr;— ein plözliches Fieber hatte ſie im Lenz des Lebens weggeraft, und er hatte Luciliens Wohnort aufgeſucht, zu ſehen ob es noch eine Hoff⸗ nung für ihn in der Welt gebe. Und als er in nachfolgenden Tagen demüthig und verſchüchtert einen früheren Antrag erneuerte, verſchloß Lucilie ihr Herz ſeinen Bitten? Gedachte ihr Stolz der erlittenen Wunde— blikte ſie auf ſeine Treuloſigkeit zurük 2— ſagte ſie zu dem leiſen Geflüſter ihrer Liebe:„Du biſt ſchon einmal ver⸗ laſſen worden?“— Mit unwiderſtehlicher Macht ſpra⸗ chen dieſe Stimme und dieſe verdunkelten Augen zu ihr.„Ich bin ihm wieder nöthig geworden,“ war ihr einziger Gedanke;—„weiß ich ihn zurük, Wer wird für ihn ſorgen?“ Dieſer Gedanke ſagte ihr, welchen Entſchluß ſie zu ergreifen habe, in dieſem Gedanken ſtürzten alle Qnellen einer zurükgedräng⸗ ten aber unbezwungenen, unbezwingbaren Liebe auf ihre Seele ein! Mit dieſem Gedanken ſtand ſie ne⸗ ben ihm vor dem Altar und ſprach mit vielleicht noch heiligerer Hingebung, als ſie ehemals empfunden, das Gelöbniß der unwandelbaren Treue aus. Und Lueilie fand ſortan einen Lohn, den ge⸗ wöhnliche Menſchen nie begreifen konnten. Mit ver Blindheit kehrten alle Gefühle zurük, die ſie zum erſtenmal in St. Amands einſamer Bruſt er⸗ wekt hatte; wieder lauſchte er auf ihren Tritt— wieder vermiste er ſie, wenn ſie nur eine Minute von ſeiner Seite entfernt war— wieder verſcheuchte ihre Stimme die Schatten von ſeiner Stirn und in ihrer Gegenwart fühlte er Schuz und Sonnen⸗ ſchein. Nicht länger klagte er um das Gut das er verloren; er verſöhnte ſich mit dem Schikſal und jene heitere Stimmung, welche die Blinden in der Regel bezeichnet, kam über ihn. Vielleicht daß wenn wir die wirkliche Welt einmal geſehen und ihre leeren Freuden erprobt haben, wir geeigneter ſind, ihren Verluſt zu ertragen, und wie das klöſterliche Haus, wel⸗ ches das Feuer unſerer Jugend zurükhält, zu einer lieblichen Erinnerung wird, ſo verliert die Finſterniß ihre Schreken, wenn Erfahrung uns mit dem blendenden Glanz und den Mühen des Tages bekannt gemacht hat. Ueberdies trug es zu ſeinem Glük bei, daß er mit vorrükendem Alter die Nothwendigkeit, die ihn an Lucilien feſſelte, täglich zunehmen fühlte, und ſomit im überſtrömen⸗ den Herzen die Süßigkeit der vermehrten Dankbar⸗ keit empfand;— es trug zu ſeinem Glük bei, daß er die Jahre dieſe offene Stirn nicht mit Furchen beziehen, die Zartheit dieſes rührenden Lächelns nicht trüben ſah; daß Lucilie für ihn auſſer dem Bereich der Zeit ſtand und ihm bis zum Rand des Grabes (das Beide wenige Tage nach einander aufnahm,) ———„——. ——„) — ſie te nd er nd er ß re en l⸗ zu ie 95 in der vollen Blüte ihrer unverwelklichen Zärtlich⸗ keit— in der ganzen Friſche einer nie alternden Seele exhalten ward. Gertrud, die Trevylyans Geſchichte mit tanſend angelegenen Fragen und tauſend lieblichen Ent⸗ ſchuldigungen über die Unterbrechung unterbrochen hatte, war entzükt über eine Geſchichte, in welcher treue Liebe zulezt glüklich wird, obwol ſie dem Helden derſelben ſeine Undankbarkeit nicht vergeben konnte und mit kritiſchem Schütteln des Köpfchens erklärte,„es erſcheine ſehr unnatürlich, daß von Seiten Juliens die bloſe Schönheit oder von Seiten Luciliens der bloſe Mangel derſelben einen ſolchen Eindruk auf St Amand habe hervorbriugen können, wenn während ſeiner erſten Blindheit Lucilie wirk⸗ lich von ihm geliebt worden ſei.“ Als man durch Mecheln kam, gewann die Stadt in Gertruds Augen eine Bedeutung, worauf ſie an ſich ſelbſt kaum Anſpruch machen kounte. Nachdenk⸗ lich überſchaute ſie den breiten Marktplaz, in deſſen einer Eke eine von jenen ſtillen, beſchaulichen„Grup⸗ pen vor der Hausthür“ ſaß, welche die niederländi⸗ ſche Kunſt vom Alltäglichen zum Maleriſchen er⸗ hoben hat, und als ſie ſofort einen Blik auf den Remboldi⸗Thurm waxf, war ihrs als vernähme ſie in der Mittagsſtille noch immer den Klageruf des verwaisten Blinden;„Fido, Fido, warum haſt Du mich verlaſſen?“ Fünſtes Kapitel. Rotterdam.— Karakter der Holländer.— Ihre Aehn⸗ lichkeit mit den Deutſchen.— Ein Streit zwiſchen Vane und Trevyly in in der Weiſe der alten Romandichter, ob ein thätiges oder ein ruhiges Leben den Vorzug verdiene. — Trevylvan hebt die Gegenſäze in der Ehrbegierde eines Schriftftellers gegen diejenigen eines Staatsmannes her⸗ vor.— Ein Kapitel, das blos Diejenigen verzeihen wer⸗ den, die den Raſſelas unterhaltend finden. ——— Unſere Reiſenden langten an einem hellen, fon⸗ nigen Tag in Rotterdam an. In dem Treiben ei⸗ ner Handelſtadt liegt etwas Aufheiterndes— ein Leben, eine Geſchäftigkeit, eine Thatkraft die beim erſten Anblik das Gemüth ſtets auſregten. Später ermüden ſie uns; wir gerathen zu bald hinter die Scene und entdeken die niedern, unruhigen Leiden⸗ ſchaften, welche die Drähte bewegen und das Spiel leiten. Gertrud jedoch, in welcher der Krankheitskeim die Empfänglichkeit für neue Eindrüke nicht ge⸗ ſchwächt hatte, war über das luſtige Schauſpiel um ſe her erfreut. Leicht lehnte ſie ſich auf Trevylyans Arm, und mit angenbliklicher Vergeſſung ſeines Kummers hörte er auf ihre Fragen, ihren Verwun⸗ derungsruf in dem regen Gewimmel der Stadt, von welcher ihre Pilgerfahrt den Rhein hinauf be⸗ — 8— ₰—— hn⸗ ane ob ne. nes her⸗ oer⸗ on⸗ ei⸗ ein eim äter die den⸗ piel keim ge⸗ um as ines vun⸗ adt, f be⸗ 97 ginnen ſollte. Und wirklich ſprach der Ort ganz den Geiſt eines Volkes aus, das zugleich ſo thätig und ſo phlegmatiſch— ſo verwegen zur See, ſo vorſichtig zu Land iſt. Allenthalben lebendige Be⸗ triebſamkeit: die Schiffe im Hafen,— das Bvoot das mit Menſchen angehäuft ans Land ſtieß,— das Gedräng auf dem Kai— Alles ſah geſchäftig und deutete an, daß man ſich in einer Handelswelt be⸗ finde. Die Stadt ſelbſt, auf welche der Himmel durch lichte flokige Wölkchen herabſchaute, bot ei⸗ nen heitern Anblik. Gegen ſie, wie gegen das Ge⸗ wäſſer bildeten die über die reinlichen, ſchmuken Häu⸗ ſer emporragende Lorenzkirche und am Ufer die dichten grünen Bäume einen heitern Gegenſaz. „Es gefällt mir an dieſem Ort,“ bemerkte Ger⸗ truds Vater ruhig:„er hat ein Anſehen von Be⸗ haglichkeit.“ „Und einen Mangel an Grosartigkeit,“ ent⸗ gegnete Trevylyan. „Ein Handelsvolk bildet nich Sitten und Ge⸗ müthsart eine einzige Mittelklaſſe,“ gab ihm Vane zurük;„Grosartigkeit aber deutet immer auf Ex⸗ treme,— auſ ein verarmtes Volk und einen reichen Deſpoten.“ Sie beſahen die Bildſänle des Erasmus und das Haus wo er geboren worden. Vane empfand eine gewiſſe Bewunderung für Erasmus, die ſeiue Gefährten nicht theilten; die ruhige Ironie des Wei⸗ ſen und ſeine Kentniß der Welt gefielen ihm; über⸗ Bulwer's Romane XX, 7 ———— dies ſtand er in jenem Lebensalter, wo Philoſophen Gegenſtän de unſeres Intereſſ's werden. Zuerſt ſind ſie unſere Lehrer, nachher unſere Freunde, und nur Wenige langen auf dem dritten Standpunkt an, wo man ſie als— Täuſcher erfindet. Die Holländer ſind ein ſeltſames Volk; ihre ſchöne Literatur iſt ver⸗ nachläſſigt, aber ſie hat in ihren Grundzügen etwas von deutſcher Ader: die Geduld, die Gelehr⸗ ſamkeit, das Hervorheben der geweinen Wirklichkeit und ſelbſt einige Spuren jener Miſchung des Lan⸗ nigen mit dem Schreklichen, aus welcher der aus⸗ gezeichnete Hang der Deutſchen für das Groteske hervorgeht;— man ſieht Dies an den holländiſchen Märchen und Geiſtergeſchichten. Aber die Thätig⸗ keit der Holländer hemmt den Sinn für das Ro⸗ mantiſche wieder, den die Unthätigkeit der Deut⸗ ſchen nährt und pflegt. Die Reiſenden verweilten ein paar Tage in Rotter⸗ dam und fuhren dann den Rhein hinauf nach Gor⸗ zum. Die Ufer waren flach und ſchal; nichts konnte die Vorſtellung von der urſprünglichen Maje⸗ ſtät des groſen Stroms weniger erregen, als die⸗ ſer Theil ſeiner Bahn. „Nie empfand ich früher,“ lispelte Gertrud zärtlich,„welcher Troſt in Deiner Nähe liegt, denn hier bin ich endlich am Rhein, am blauen Rhein⸗ und wie getänſcht würde ich mich fühlen, wä⸗ reſt Du nicht bei mir“ „Du must warten, weine Gertrad, bis wir —— en ind ur an, der er vas hr⸗ keit au⸗ us⸗ eske chen tig⸗ Ro⸗ eut⸗ tter⸗ Dr chts aje⸗ die⸗ trud denn hein, wã⸗ wir 90 Köln hinter uns haben; erſt dann brechen die Herrlichkeiten des Rheins über Dich herein.“ „Ein Gegenſaz des Lebens, mein Kind!“ be⸗ merkte der moraliſirende Vane;„anfangs fliest der Strom dumpf dahin und ſpart ſeine Poeſie unſerer Beharrlichkeit auf.“ „Ich gebe ihre Anſicht nicht zu,“ erwiederte Trevylyan, in welchem ſich die emporſtrebende Glut ſeines urſprünglichen Weſens regte.—„Das Leben bietet immer Stoff zur Thätigkeit, und es iſt un⸗ ſer eigener Fehler, wenn es je dumpf erſcheint. Die Jugend hat ihren friſchen unternehmungsluſtigen Sinn, die Mannheit ihre bedächtigern Entwürfe, und ſelbſt wenn Gebrechlichkeit den Greis beſchleicht triumphirt der Geiſt noch über die ſterbliche Scholle und hält in der ruhigen Einſiedelei, unter Büchern und durch Gedanken das groſe Rad im Innern in be⸗ ſtändiger Bewegung. Nein, die beſſern Gemüther haben ſtets ein Gegengift gegen die Stumpfheit ei⸗ ner gemeinen Laufbahn; immer ſteht ihnen Energie zu Gebot——“ „Und nie Glükſeligkeit,“ entgegnete Vane nach einer Pauſe, indem er auf Trevylyans ſtolzes Ge⸗ ſicht mit jener ruhigen, halb mitleidigen Theilnahme eines Mannes blikte, der in der Schule trauriger, auf ein leidenſchaſtloſes Herz einwirkender Erfah⸗ rungen gebildet wurde:„und wirklich, Trevylyan, es wäre eine Befriedigung für mich, wenn ich Ihnen nachweiſen könnte, wie verkehrt es iſt, die Ausübung — der Energie, von welcher Sie reden, der goldnen Schwelgerei der Ruhe vorzuziehen.— Welches Streben brinat je einen entſprechenden Lohn? Das Streben des Literaten— der Wunſch nach geiſtiger Auszeichnung einmal gewiß nicht.“ „Da haben Sie Recht,“ antwortete Trevylyan gelaſſen.„Dieſem Traum hab auch ich längſtentſagt; im Ruhm des Schriftſtellers liegt nichts, das wah⸗ ren Nachhalt hätte; kaum daß er etwa den Eiteln vefriedigt,— den Stolzen widert er gewiß an. In frühern Jahren verſuchte ich mich in einigen Wer⸗ ken die mir eintrugen was die Welt, vielleicht nicht mit Unrecht, für einen hinreichenden Abwurf an Berühmtheit hielt; allein er reichte nicht hin, mich für die friſchen Stunden die ich verbraucht, für die Freuden die ich geopfert, zu belohnen. Die feineren Beziehungen die mich geleitet, wurden nicht bemerkt; die Gedanken die mir neu und ſchön vor⸗ gekommen, fielen ſtumpf und klanglos auf die See⸗ len der Andern; Beifall erhielt ich oft gerad um deſſentwillen was ich ſelbſt verdammte, und ich fand daß breit getretene Gemeinpläze und falſcher Wiz entzükten, während Wahrheit ermüdete und Be⸗ geiſterung zurükſtieß. Für Männer von einem Geiſt, auf welchen ich keine Anſprüche mache, die im heiligen Dunkel ihrer eigenen Gedanken lebten, und das Aug auf Sterne richteten, welche für die dumpfen Schläfer der Welt nicht herabglänzen, muß es eine bittere Kränkung ſein, wenn ſie das Er⸗ r⸗ ht an ch ie ht or⸗ ee⸗ um nd Piz Be⸗ em die en, die uß Er⸗ 401 zeugniß ihrer Mühen unter die Arbeiten einer ſte⸗ henden Profeſſion geworfen und im Urtheil der Menſchen mit den Fehlern oder Verdienſten einer Zunft zuſammengeſtellt finden. Jeder groſe Geiſt muß ſich in ſeinen Schöpfungen für urkräftig und gefährtenlos anſehen; es iſt nicht genug für ihn, daß dieſe Schöpfungen als gelungen ausgerufen wer⸗ den; es muß. auch anerkannt ſein, daß ſie aus ihm ſelbſt entſprungen ſind; nimmer darf man ihn mit der Herde verwechſeln, die er flieht, und muß ihn ſeinem Ruhm nach eben ſo von Jenen trennen, wie er ſeinem Gemüth nach von ihnen getrennt iſt. Ein Franzoſe, das Hrakel ſeines Kreiſes, ſagte vom Dichter der Phädra:„Racine und die übrigen Kachahmer Corneilles,“ und in ſeiner Wuth dar⸗ über verſchwor Racine beinah die Tragödie auf im⸗ mer. Umſonſt ruft man dem Schriftſteller zu, das Publikum ſei Richter über ſeine Werke. Der Schrift⸗ ſteller glaubt ſich ſelbſt über dem Publikum, oder er würde nie geſchrieben haben; und,“ fuhr Trevh⸗ lyan mit Wärme fort,„er ſteht auch wirklich über dem Publikum; der Richterſpruch des Publikums kann ſeinen Ruf, aber nie ſeine Selbſtachtung er⸗ drüken. Allein und ſtolz ſteht er unter den Trüm⸗ mern des Tempels, den er für die Zukunft aufzuführen glaubte, und vergilt Unbeachtung durch Verachtung. Iſt aber ein Leben der Ver⸗ achtung ein angenehmer Zuſtand? eine Exiſtenz der man nachſtreben wird? Wiegt ſelbſt der angen⸗ 102 blikliche Ruhm Jahre der Demüthigung auf? Und was liegt in einem literariſchen Ruf Wirkliches und Nachhaltiges für den Beſizer? Sein Werk iſt ein ins Meer geworfener Kieſel; die Bewegung dauert eine Minute fort, dann glättet ſich das Waſſer wie⸗ der, um fortan unempfänglich für jenen Ein⸗ druk zu bleiben. Mag ſich auch der Kreis zu an⸗ dern Ländern und in andere Zeiten hinüber auswei⸗ ten: in der unmittelbaren Umgebung bleibt er ſchwach and unbemerkt. Kleinigkeiten des Tags, niedere Politik, gemeine Intriken beſchäftigen die Zunge und füllen die Köpfe der Zeitgenoſſeu; von einem Markt⸗ ſchreier, von einem neuen Tänzer iſt mehr die Rede, als von dem Schriftſteller; ſein Ruhm kommt ihm nicht zu Statten, er bringt ihm keinen ſchnell erfolgenden, keinen beſtändigen Lohn wie der Beifall der dem Schau⸗ ſpieler oder den ſchanſpielermäßigen Mimen im Senat zu Theil wird. Solche Kränkung erniedrigt ihn denn; ſeine hohe Natur gibt ſich allgemach einer unedeln Ei⸗ ferſucht, einer Abgeneigtheit gegen die Bewunderung fremder Vorzüge hin. Goldſmith wird in Gegen⸗ wart eines Puppenſpielers vergeſſen; er fühlt es und wird gemein; er drükt ſeine Empfindung aus und wird lächerlich. Immerhin ſage man, groſe Gemüther laſſen ſich nicht zur Eiferſucht herab; gerade in den grösten Gemüthern iſt ſie am häuſig⸗ ſten.*) Wenige Schriftſteller ſind der Bewunde⸗ *) Man vergleiche das lange Namenverzeichniß, das uns d'Israeli in ſeinem treflichen Werk,„the literary „—„„—„„— 8— —.„— 3„ . 105 rung die ſie erregen, ſtets ſo eingedenk, um gros⸗ müthig zu ſein; dieſe tranrige Wahrheit macht uns das eigene Streben zuwider. Sollen wir Halbgöt⸗ ter in unſerem Kabinet ſein, um in der Welt unter die Sterblichkeit hinab zu ſinken? Rein! es war das tiefe Bewustſein von der Nichtigkeit des lite⸗ rariſchen Ruhms, von der Unzulänglichkeit der Früchte die er uns abwirft, die Furcht vor der Gemeinheit, die er erzeugt, was mir ſo fiüh die ganze Liebe zu dieſer Laufbahn entleidete; und ſollte ich durch den raſtloſen Trieb aller vieldenkenden Menſchen zum Schreiben noch einmal zur Autorſchaft vermocht werden, ſo will ich mich zur Gleichgiltigkeit gegen den Autorruhm aufs ſtrengſte einſchulen.“ „Sie nehmen mir die Worte aus dem Mund,“ erwiederte Vane mit ſeinem ſtillen Lächeln,„und Ihre Erfahrung beſtärkt meine Thevrie. Streben nach Auszeichnung iſt alſo nicht die Wurzel der Glükſeligkeit. Denn warum ſollt' es Dies mehr im handelnden Leben, als auf dem Gebiet der Lite⸗ ratur ſein?“ „Darum,“ entgegnete Trevylyan,„weil wir durch Character“ Bd. II. S. 75 liefert:Plato Fenophon, Chau⸗ cer, Corneille, Voltaire, Dryden, die Caracci, Dome⸗ nico Venetiano der durch ſeinen eiferſüchtigen Freund ermordet wurde, und der zarte Caſtillo, der vor der Meiſterhand Murillos in Ohnmacht fiel. Fügen wir noch den gegen Byrons Leier kalten Wordsworth, und Byron ſelbſt hinzu, der im nämlichen Augenblik wo er einen Raub an Wordsworth begeht, den Beraubten lächerlich zu machen ſucht. unmittelbare Thathandlungen in der Regel all die Ehre gewinnen, die wir verdienen; über Menſchen urtheilt das Publikum beſſer und ſchneller, alsüber Bücher. Auch knüpft Der, welcher für das handelnde Leben eine reine, hohe Ruhmbegierde mitbringt, ſo vielfache Beſtrebungen an dieſelbe an, daß, ungleich der literariſchen Thätigkeit, ein etwaiges Mislingen durch ein Gelingen in irgend einer andern Sphäre ſtets ſein Gegengewicht erhält. Der Schöpfer der Thaten ſteht, unähnlich dem Schöpfer der Bücher, nicht allein; er gehört im höchſten Grad der Geſell⸗ ſchaft an; er hat viele Gefährten und könnte ohne ſie ſeine Entwürfe nicht ausführen. Dies vertheilt und mildert die Eiferſucht gegen Andere. Er wirkt für eine Sache und erfährt bald, daß er den gan⸗ zen Ruhm derſelben nicht in ſeinen Alleinbeſiz leiten kann; er nimmt Mitgenoſſen zu Dem was einzig für ſich in Anſpruch nehmen zu wollen er für eine Unmöglichkeit erkennt. Zudem läst ihm die Thätig⸗ reit keine Zeit über getäuſchten Erwartungen zu prüten. Der Schriftſteller dagegen hat ſeine Jugend auf ein Werk verwandt:— es bringt ihm keinen Ruhm ein. Kann er ein anderes Werk ſchreiben? Ruf er ſich doch zuerſt eine andere Ingend zurük! Im handelndeu Leben aber geht die Wirkſamkeit des Geiſtes ſchon auf den nächſten Tag. Eine Woche bringt ein, was eine Woche verloren hat, und die Gegenwart iſt der Boden für den ganzen Ruhm des Strebenden. Er wird vom Gedräng der lebenden — 12 —— —— 8S— — — — — e ie en er de ch en er r, ll⸗ ne ilt t n⸗ en in ine ig⸗ zu nd en n2 ük! eit che die des 105 Welt getragen; er ſteht immer auf der Bühne und die Znſchauer ſind immer bereit zu klatſchen. Alſo beſtändig im Dienſt von Andern iſt ſein Ich nicht länger ſeine Welt. Er hat nicht Muße, wirklichem oder eingebildetem Unrecht nachzuhängen; die Ma⸗ ſchine iſt einmal in Gang geſezt und fährt darin fort bis ſie zerfällt.. „Und weggeworfen wird,“ rief Bane,„mit der zerbrochenen Rumpelware anderer Werkzeuge der Menſchen, in ihrer Nachkommen Vergeſſenheits⸗Kam⸗ mer. Der Mann des praktiſchen Lebens exiſtirt für eine Stunde; der Schriftſteller für Jahrhunderte.“ „Nicht für künftige Zeiten leben wir,“ entgeg⸗ nete Trevylyan: unſer Leben iſt auf Erden, nicht im Grab.“ „Aber ſelbſt zugegeben,“ fuhr Vane fort,„was ich in Einer Beziehung einräumen will, daß der Nachruhm der Todesqualen womit derſelbe im Leben errungen wird, nicht werth ſei: wie ſind Sie auf. Ihrer dürftigen, gemeinen Laufbahn des unmittelbaren Wirkens beſſer daran? Wollen Sie den Herrſchern dienen 2— Sie ſind ein Sklav!— dem Volk? ein Thor! Stellen Sie ſich auf den groſen philoſophiſchen Geſichtspunkt, auf welchem ſich die Verehrer der Vergangenheit ſelten befinden, der aber ohne daß ſie darum wiſſen, ihre einzige Entſchuldigung iſt,— auf den Geſichtspunkt daß Veränderungen die viel⸗ leicht der Zukunft nüzen, die Gegenwart aus den Fugen bringen, und daß ein weiſer Geſezgeber nicht den Frieden der Zeitgenoſſen aufs Spiel ſezen wird, in der Hoffnung für die Nachkommen Glük zu er⸗ ringen:— welchem Verdacht, welchen Beſchuldig⸗ ungen ſteilen Sie ſich blos! Man hält Sie für einen Feind jeder freiſinnigen Anſicht und Sie leſen Ihren Fluch in den Augen einer ganzen Nation. Treten Sie dagegen auf die Seite des Volks: welcher Ei⸗ genſinn, welcher Undank trit Ihnen da entgegen! Sie haben theoretiſch ſo Viel eingeräumt, daß ſie in der Praxis nie genug thun können. Mäßigung wird zum Verbrechen! Umſichtigkeit heist Treuloſig⸗ keit. Neue Demagogen die kein Maß halten, weil ſte keine Grundſäze haben, gewinnen Ihnen den Vorſprung ab im Augenblik wo Sie die wichtigſten Dienſte geleiſtet. Das Publikum iſt das Grab für die Thaten eines groſen Mannes; nie wird es ge⸗ fättigt; ewig ſteht ſein Schlund offen; ewig ver⸗ langt es nach Mehr. Wo in der Weltgeſchichte finden Sie Dankbarkeit eines Volks? Eutbhuſias⸗ mus finden Sie, ja, aber nicht Dankbarkeit; Enthu⸗ ſiasmus der eine Dienſtleiſtung im Angenblik ſo⸗ gar überſchäzt, aber nicht ſoviel Dankbarkeit um dieſes Dienſtes im nächſten Jahr noch zu gedenken. Befriedigen Sie ein einzigesmal die Erwartungen nicht, und all Ihre Handlungen, alle Opfer die Sie gebracht, ſind auf ewig ans dem Gedächtniß weggewiſcht. Das Volk wirft die Fenſter des näm⸗ lichen Hauſes ein, das es Ihnen zum Geſchenk ge⸗ macht, und ſchmilzt die Münzen die es auf Sie ſie ng eil 107 ſchlug, zu Kugeln um. Wer den Menſchen dient, ſeien es Fürſten oder Bettler, dient Undankbaren und jeder Ehrbegierige iſt das Wiederbild eines Wolſei oder eines de Witt.“ „Und was,“ fragte Trevylyan,„tröſtet einen Mann in den Uebeln die ein Erbtheil unſres Erden⸗ lebens ſind, in jenem Zuſtand dunkler Ruhe, heiterer Thatloſigkeit, auf welchen Sie ihm beſchränken möch⸗ ten? Richt ſein Gewiſſen? Die Freiſprechung die er durch ſich ſelbſt, die Billigung die er vor ſich ſelbſt erhält?“ „Ohne Zweifel!“ erwiederte Vane. „Gut denn!“ entgegnete der hochgeſinnte Tre⸗ vylyan.„Der gleiche Troſt wie in der Ruhe war⸗ tet unſerer auch bei der Wirkſamkeit für den Staat. Emſig verfolgen wir was wir für den wahren Ruhm halten. Wir werden angefeindet; aber unſere Seele ſpricht uns los. Köznte ſie gegen die Verkäſterung⸗ die Vorurtheile die uns im Privatleben gefährden, mehr thun? Sie ſchweigen; bemerken Sie jedoch, daß wir unſern Troſt aus tieferer Quelle ſchöpfen, unſere Selbſtachtung auf höhere Bedingungen gründen müß⸗ ſen! denn wenn uns die Verleumdung in einem von uns ſelbſt gewälten Dunkel angreift, was haben wir gethan, um ſie zu widerlegen? Haben wir unſern Mitmenſchen gedient? Haben wir„die Luſt gemie⸗ den und uns die Tage der Mühe erteſen?“ Haben wir mit dem uns anvertrauten Pfund unſer Möglich⸗ ſtes gethan? Haben wir unſerem Mitgeſchlecht die⸗ 408 jenigen Dienſte geleiſtet, auf welche hin es uns geſtattet iſt uns vor der Böswilligkeit der Welt zurük⸗ zuziehen, in dem Bewustſein, daß unſre Verthei⸗ digung in unſern Thaten liegt? Kommt dieſer Troſt rechtſchaffener Handlungen einer— wenn auch noch ſo rechtſchaffenen— Unthätigkeit zu?“ „Sie ſprechen als Prediger,“ antwortete Vane; „ich blos nach dem Kalkul des Verſtandes. Sie von Tugend im Leiden, ich von einem Leben wie mans gerne hat.“ „Gut; wenn das Bewustſein eines fortgeſezten Bemühens zur Förderung der Menſchen nicht allein ein gröſeres Glük iſt, als ein behagliches Leben, ſo laſſen Sie uns ſehen, was hinter dieſer gerühmten Behaglichkeit eigentlich ſtekt. Sagen Sie mir, iſt ſie nicht blos ein anderer Name für Langeweile? Dieſer Zuſtand der Quiescenz, dieſe zielloſe, traum⸗ loſe Einſtarrung, dieſe Reiſe du lit à la table, de la table au lit: können Sie ſich eine ödere, einför⸗ migere Exiſtenz denken? Liegt ein Vergnügen in dem ruhmloſen Gedanken, daß man um des Ver⸗ gnügens willen lebe? Iſt da Freiheit wo man ſein eigner Sklav wird? Denn meiner Anſicht nach iſt das Geſchwäz von„Glük und Weisheit,“ das alte Lied von einem„Leben für uns ſelbſt,“ nur eine eben ſo gemeine als falſche Philoſophie. Warum dieſe ewige Beziehung auf uns? Iſt nur unſer Selbſt in Betracht zu nehmen? Iſt endlich unſer Glük, geſezt es beſtehe wirklich in Ruhe, in Wahrheit der ttet rük⸗ hei⸗ roſt noch ne; Sie wie zten llein „ ſo nten iſt ile2 um⸗ „de för⸗ in Ver⸗ ſein iſt alte eben ieſe elbſt lü, 109 groſe Zwek des Lebens? Ich zweifle ob wir nicht höher ſteigen, ob wir nicht mit einem groſen Lehrer der Moral ſagen ſollen:„wenn die Tugend nicht um ihrer ſelbſt willen hochzuachten iſt, ſo können wir darin, daß man ſie blos in Anwendung bringt um unſern Handel mit dem Leben beſſer abzuſchlie⸗ ßen, nichts Achtungwürdiges ſehen.“ In der That ſcheint jedoch Ruhe die ärmlichſte von allen Selbſt⸗ täuſchungen: mit dem Moment wo wir uns auf unſer Selbſt zurükziehen, ſtürzen all diejenigen Lei⸗ den dieſes Selbſts auf uns ein, welchen wir in den Plakereien der Welt entgehen. Wir werden Hypo⸗ konder; ſelbſt die Geſundheit wird zum peinlichen Beſizthum. Das Verlangen uns ſtets wol zu befin⸗ den(denn was iſt eine Zurükgezogenheit ohne Ge⸗ ſundheit 2) wird ſo gros, daß wir fortwährend wähnen krank zu ſein, uns, gleich jenem Mann im Zuſchauer, täglich wägen und nur nach Granen und Skrupeln leben. Zurükgezogenheit iſt nur für den Dichter ein Glük, denn für ihn iſt fie keine Einſamkeit. Er ſagt ſich von einer Welt los um eine andere zu gewinnen, und für ihn liegt keine Lange⸗ weile in der Abgeſchiedenheit: warum?— nicht weil die Abgeſchiedenheit ihm Ruhe, ſondern weil ſie ihm Beſchäftigung bringt. Mit Einem Wort: Thätigkeit und Thatloſigkeit haben dieſelben Uebel, aber der Thätigkeit ſteht ein leichterer Weg dieſer Uebel los zu werden, oder ein edlerer Troſt gegen ihren Druk zu Gebot.“ —— *———— Vane zukte die Achſeln.„Mein theurer Freund,“ ſprach er, mit wolwollender Superiorität auf ſeine Doſe klopfend:„Sie ſind viel jünger als ich Dergleichen zwiſchen Trevylhan und Vane häu⸗ fig vorkommende Geſpräche hatten, ſo verdrieslich auch, wie ich fürchte, die eben gegebene Probe dem Leſer dünken mag, einen unausſprechlichen Reiz für Gertrud. Sie liebte die erhabene, grosartige Le⸗ beusunſicht Trevylyans, die, während ſie ſeiner glü⸗ heuden innern Natur entſprach, einen auffallenden Gegenſaz gegen ſein Benehmen bildete, das in der Regel gegen Jederman, ausgenommen gegen ſie ſelbſt, hart und kalt erſchien. Inng und zart wie ſie war, bemeiſterte ſich ſein emporſtrebender Geiſt ihrer ſchö⸗ nen Fantaſie und flöste ihr jene Leidenſchaft für das Heldenthum ein, deren jedes poetiſche Gemüth em⸗ pfänglich iſt. Sie liebte ſich in Träumen über ſein künf⸗ tiges Los zu ergehen, in der Vorſtellung an ſeinen Mü⸗ hen Theil zu nehmen und über ſeine Triumphe zu ju⸗ beln. Und fragte ſie ſich bisweilen ob ein auf die Auſſenwelt gerichtetes Leben ihn ihr nicht entfrem⸗ den würde, ſo durfte ſie ihren Blik nur auf ſein hütendes Auge wenden— und ſiehe, er war neben ihr oder zu ihren Füßen. ——— ————— ,“ eine 1 äu⸗ lich dem für Le⸗ glü⸗ den der elbſt, war, ſchö⸗ das em⸗ künf⸗ Mü⸗ nju⸗ f die frem⸗ ſein nihr Aus dem Engliſchen. Einundzwanzigstes Bändehen. Zweites Bändchen. ———— Die Pilger des Rheins Stuttgart, Bertag der J. B⸗ Metler'ſchen Buchhandlung. 1 8 3 4. )— 6 Die Pilger des Rheins. Ein Roman von dem Verfaſſer des Eugen Aram, Devereur ꝛc. Aus dem Engliſchen von ridri h e In vier Bändchen. Zweites Bändchen. —— Stuttgarr, ing. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 8 5 4. Sechstes Kapitel. Gorkum. Die Reiſe der Tugenden, eine philo ſophiſche Erzälung. Es war ein heller, heiterer Morgen, als ſie an Gorkum vorüberfuhren. Die ans Ufer ſtoßen den Nachen voll Fiſchern und Bauern in ihrer Landes⸗ tracht; die eben nur das Waſſer kräuſelnde Luft, die Klarheit des blauen Himmels; die lauten, lach⸗ enden Stimmen aus den Kähnen; Alles trug bei, das Herz zu heben und es mit jener nicht weiter zu bezeichnenden Wonne zu füllen, die blos in der reinen Empfindung des Lebens beſteht. Der Kirchthurm mit ſeinen langen Fenſtern und ſeinem runden Zifferblatt ſtieg hoch gegen den kla⸗ ren, lichten Himmel auf, und auf einer Bank unter einem grünen Buſch, hart vor dem Strom, ſaß ein ſtämmiger Holländer, die Luft mit dem Rauch des Lieblingkrautes ſeiner Nation durchdüftend. „Wie wenig bedarfs um eine Reiſe angenehm zu machen, wenn die Geſellſchaft aus Freunden be⸗ ſteht,“ bemerkte Gertrud im Vorüberſegeln. Nichts unerquiklicher als dieſe Ufer; nichts freudiger als dieſe Reiſe!“ „Und doch, was ſezt die Neigung der Menſchet en zu einander auf eine ſo ſtrenge Probe, als eine ge⸗ meinſchaftliche Wanderung!“ bemerkte Vane.„Das ewige Beiſammenſein, dem man auf keine Weiſe entgehen kann, die Kettung an Perſonen die uns gern heiter ſähen in Augenbliken der Uebellaune und des Ueberdruſſes— wahrlich eine ſtrenge Freund⸗ ſchaftprüfung! Eine Poſtchaiſe muß ſchon manche Intimität zu Tod gerüttelt haben!“ „Sie ſprechen ſehr anſchaulich, lieber Vater,“ pemerkte Gertrud lachend;„und, wie ich vermuthe, ein Bischen im Wunſch uns zu verſpotten. Aber ernſthaft, ich denke mir das Reiſen wie das Leben und glaube gute Menſchen werden einander ſtets an genehme Gefährten ſein.“ „Gute Menſchen, meine Gertrud?“ fragte lä⸗ chelnd Vane.„Ach ich fürchte die guten langwei⸗ len einander gerad eben ſo ſehr, wie die ſchlimmen. Was ſagen Sie, Trevylyan, würde die Tugend in eigener Perſon eine angenehme Reiſegefährtin von Paris nach Petersburg ſein?— Ah, ich merke Sie be⸗ abſichtigen die Partie Gertruds zu nehmen. Wie, wenn ich, da Geſchichten doch ſo an der Tagesord⸗ nung bei Euch ſind, eine Geſchichte erzälte, aus welcher Ihr erſehen würdet daß die Tugenden wirk⸗ lich einmal den Verſuch einer Reiſe machten: wollt Ihr mir verſprechen, die Moral meiner Erzälung zu beherzigen?“ „Ach lieber Vater, nichts über eine Geſchichte!“ rief Gertrud;„beſonders von Ihnen, der uns auf de hi us k⸗ t ng E uf 7 dem ganzen Weg noch keine erzält hat. Komm und höre, Albert, höre auf Deinen neuen Rival.“ Erfreut über die Lebhaftigkeit der Leidenden be⸗ gann Vane wie folgt: Die Reiſe der Tugenden. Eine philoſophiſche Geſchichte. „Es entſchloſſen ſich einmal mehrere Tugenden, überdrüſſig in Einem fort bei dem Biſchof von Ror⸗ wich zu leben, zu einem kleinen Ausflug, und ver⸗ meinten demzufolge obgleich ihnen bekannt wie übel auf Erden Alles zu ihrem Empfang eingerichtet ſei⸗ ſie könnten ſich mit Sicherheit auf eine Reiſe von der Weſtminſterbrüke nach Richmond wagen. Der Tag war ſchön, der Wind günſtig und was die Unterhaltung betrift— nun ſo konnte ja, Gertru⸗ dens Anſicht nach, die Möglichkeit eines Misver⸗ gnügens zwiſchen Tugenden gar nicht ſtattfinden.“ „Sie nahmen an der Weſtminſtertreppe ein Boot. Eben als ſie vom Land ſtoßen wollten, flehte ſie eine arme, ganz in Lumpen gehüllte Frau, mit einem Kind in den Armen, um ihr Mitleid an. Barmherzigkeit fuhr in ihren Ridicüle und zog einen Schilling hervor. Gerechtigkeit, die eben noch einmal nach dem Gepäk herumblikte, ſah welch thö⸗ richten Streich Barmherzigkeit begehen wollte. „Himmel!“ rief ſie und ſiel ihr in den Arm:„was 8 machſt Du? Haſt Du nie etwas von der Staats⸗ wirthſchaft geleſen? Weist Du nicht daß unkluges Almoſengeben nur eine Ermuthigung zum Müſfig⸗ gang, dem Vater aller Laſter iſt? Du eine Tugend? wahrhaftig ich ſchäme mich Deiner. Geht Eurer Wege, gute Frau;— doch halt, da iſt ein Billet auf eine Fleiſchbrühe in der Geſellſchaft zur Abhilfe des Bettels, dort ſollen ſie ſehen, ob Ihr ein würdiger Gegenſtand des Mitleids ſeid.“ Aber Barmher⸗ zigkeit iſt ſchneller als Gerechtigkeit, und die arme Frau bekam, indem ſie ihre Hand der Erſtern leis hinter den Rüken brachte, den Schilling ſamt dem Billet weg. Sparſamkeit und Grosmuth bemerkten die doppelte Gabe.„Welche Verſchwendung!“ rief Sparſamkeit mit finſtern Stirnfalten;„was! ein Billet und ein Schilling! Eines von beiden wäre genug geweſen.“ „Eins von beiden!“ entgegnete Grosmuth.„Pfui! Barmherzigke it ſollte dem armen Geſchöpf eine halbe Krone gegeben haben und Gerechtigkeit ein Du⸗ zend Billets!“ So verſtrichen die nächſten zehn Mi⸗ nuten unter einem Gezänk zwiſchen den vier Tugenden, welches bis Richmond angehalten haben dürfte, hätte Muth ihnen nicht gerathen ans Land zu ſteigen und den Streit dort auszufechten. Auf Dies hin ſahen die Tugenden plözlich ein däß ſie ſich etwas vergeſſen hatten; da Grosmuth die erſte Hand zur Verſöhnung bot ſo folgten die andern dem Bei⸗ —„ ni! be Du⸗ Mi⸗ en, itte gen hin was and 9 ſpiel, und es ging die nächſten ein bis zwei Meilen recht angenehm fort. „Der Himmel umhüllte ſich jezt etwas und ein Regenſchauer ſchien im Anzug. Klugheit, die ei⸗ nen neuen Hut aufhatte, deutete an es möchte wol rät hlich ſein, ſich auf eine halbe Stunde ans Land zu begeben. Muth war dafür, daß man dem Regen trozen ſollte, da aber die Mehrzahl der Tu⸗ genden aus Damen beſteht, ſo trug Klugheit den Sieg davon. Eben als man ans Ufer ſteigen wollte drängte ſich ein anderes Boot ſehr unhöflich vor und gab dem erſten einen ſolchen Stoß, daß Barmherzigkeit beinah über Bord gefallen wäre. Die Geſellſchaft in dem unhöflichen Boot, welche die Tugenden oſ⸗ ſenbar für Leute von ganz niederem Stand hielt, denn ſie hatten in ihrem Aeuſſern nichts ſonderlich Salonartiges, brachen über den Unfall der Barm⸗ herzigkeit in ein Gelächter aus, beſonders als ein groſer Korb mit Zukerbrod, den Jene für hungrig ausſehende Kinder mitgenommen, die ſie etwa in Richmond treffen möchte, breit ins Waſſer plumpte. Muth war Feuer und Flamme; er ſtrich ſeinen Schnurbart und würde die Gegner hne Weiteres angegriffen haben, wär ihm nicht zu ſeiner groſen Entrüſtung Sanftmuth zuvorgekommen, indem„ſie leis in das feindliche Boot hinüberſchritt und den Widerſachern beide Wangen darbot. Dies war zu viel für die Unhöflichkeit der Lacher; ſie baten die Tugenden um Verzeihung, kund Muth, der kein Rauſbold iſt, hielt ſich, verdrieslich genug) verpflich⸗ tet die Entſchuldigung anzunehmen. Hättet Ihr aber geſehen, wie er nachher mit der Sanftmuth um⸗ ſprang, Ihr hättet es nicht für möglich gehalten daß eine Tugend ſo wüthend auf eine andere ſein könne! Der Hader zwiſchen den Beideu warf eine Trübung auf die Geſellſchaft und man fuhr, als der Schauer vorüber, keineswegs in einer herzlichen Stimmung weiter. Ich erſpare Euch die kleinen Wortwechſel, die in der allgemeinen Unterhaltung noch vorkamen. Sparſamkeit hatte an jeder Villa unterwegs etwas auszuſezen, und Mäßigkeit deutete ihren gebürenden Verdruß über den Luxus auf der ſtädtiſchen Barke an. Bei der Ankunft in Rich⸗ mond wurde die Sorge für das Eſſen der Mäßig⸗ keit übertragel; bis dieſes fertig war luſtwandelte Gaſtſinn im Garten, geſellte ſich zu einer groſen Partie Irländer und bat ſie mit zu Tiſch.“ „Man denke ſich die langen Geſichter der Spar⸗ ſamkeit und Klugheit beim Gewahrwerden dieſes Zuwachſes. Gaſtſinn war in der beſten Laune; er rieb ſich die Hände und rief mit burſchikoſem Ton nach Champagner. Mäßigkeit nahm bald ein Aer⸗ gerniß und Verſchämtheit erröthete bei einigen der vorgebrachten Scherze; aber Gaſtſinn, dem der Wein zu Kopf geſtiegen, nannte die Erſte eine Memme und fluchte auf die Andere als eine Prüde. Die Stunden verſtrichen; es ſchien Zeit zur Rükkehr und man ſtieg gänzlich aus der Stimmung „ ſo unt mit unt nig Iht 11 gebracht zum ufer hinab, indem Sparſamkeit und Grosmuth den ganzen Weg mit einander über die Rechnung und das Trinkgeld häkelten. Die Uebel⸗ laune bis aufs höchſte zu ſteigern kam man an einem Bovot vorbei, deſſen überaus luſtige Inſaſſen wie Wahnſinnige ſchrien und lachten, und muste entde⸗ ken daß dieſe ſaubern Reiſebegleiter einige angenehme Laſter waren, die ſich unter die Führung der guten Laune begeben hatten. Du ſiehſt daran, Gertrud, daß ſelbſt die Tugenden einander bei den Haaren bekommen und eine ſehr ſchlimme Zeit unter ſich zu⸗ bringen können, wenn ſie zufälligerweiſe entgegen— geſezte Neigungen beſizen und vergeſſen haben, die gute Laune mitzunehmen.“ „Ach!“ rief Gertrud,„Sie haben Ihr Bovot über⸗ füllt; zu viele Tugenden mögen mit einander in Streit gerathen, aber wenige nie.“ „Voilà ce que je veux dire,“ entgegnete Vane. „Aber höre auf die Folge meiner Geſchichte, die jezt mit einer neuen Moral anrükt.— Gegen das Ende der Fahrt ſagte Klugheit nach einem la ngen, ver⸗ drieslichen Stillſchweigen, mit gedankenvoller Miene: „„Meine lieben Freunde, ich habe eben bedacht, daß ſo lang wir ſo gänzlich zuſammenhalten und uns nie unter die übrige Welt miſchen, wir unſer Leben mit Streitereien unter einander ſelbſt vergeuden und Gefahr laufen dürften, daß man ſich noch we⸗ niger um uns umthut, als bereits der Fall iſt. Ihr wist, daß Niemand unter uns Popularität be⸗ ſizt; Jederman hat ſo ziemlich genug daran, wenn wir in einem Vaudeville vorgeſtellt, oder in einer Abhandlung beſchrieben werden. Zwar figurirt der Name der Barmherzigkeit oft über einer Subſcrip⸗ tionliſte oder in einem Spittal, und eben ſo oft ſpricht der Knauſer von der Pflicht, die er mir ſchul⸗ dig ſei, wenn er den Fremden von der Thür weist oder den Enkel ins Gefängniß ſchikt; aber noch im⸗ mer ſind wir doch nur wie eben ſo viel wilde Thiere dran, die Jederman gern ſieht aber Niemand beſi⸗ zen mag. Deshalb ſchlag ich vor, uns insgeſamt zu trennen und Jede auf ein Jahr zu irgend einem Sterblichen zu ziehen, mit der Erlaubniß nach Ab⸗ lauf dieſer Zeit den Aufenthalt zu ändern, falls wir ins nicht behaglich fühlen, d. h⸗ falls wir dort nicht all das Gute thun können, das wir beabſichtigen. Machen wir den Verſuch und treffen von heut über zwölf Monaten unter der grösten Eiche im Wald von Windſor wieder zuſammen, wo wir uns Bericht über unſre Begegniſſe abſtatten wollen.““ Klugheit ſchwieg, wie immer wenn ſie genug geſagt hat, und er⸗ freut über den Vorſchlag kamen die Tugenden überein, ihn auf der Stelle auszuführen. Der Gedanke, daß fortan Jede ihre eigene Haushaltung führen ſollte, entzükte ſie, und keine zweifelte an einem glüklichen Erfolg für ſich; denn Sparſamkeit hielt in ihrem Herzen die Grosmuth eigentlich für gar keine Tu⸗ gend, und Sanftmuth ſah den Muth für wenig beſſer als einen Heiden an.“ nu er er ip⸗ ft ul⸗ m⸗ ere eſi⸗ mt em Ab⸗ vir cht en. ber von ber hit er⸗ ein, daß lte, hen rem Tu⸗ nig 15 „Grosmuth, die rührigſte und thätigſte unter allen Tugenden, machte ſich zuerſt auf den Weg. Gerechtigkeit folgte nach, und that es Jener ziemlich gleich, doſch mit ſtätigerem Schritt. Barmherzigkeit hörte keinen Seufzer, ſah kein ungewaſchenes Ge⸗ ſicht ohne anzuhalten und den Leidenden zu tröſten; eine Freundlichkeit, die ihr Weiterkommen etwas aufhielt.“ „Muth ſah ſich eine Reiſekutſche aus, worin ein Mann und deſſen Weib aufs ehemäßigſte mit einander haderten, und bat höflich den leeren Siz der Dame gegenüber einnehmen zu dürfen. Spar⸗ ſamkeit zögerte noch und erkundigte ſich fortwährend nach den wolfeilſten Wirthshäuſern. Die arme Ver⸗ ſchämtheit ſah ſich um und ſeufzte bei dem Gedanken ſo nah bei London zu ſein, wo ſie beinah gänzlich unbekannt war, beſchloß aber dennoch ſich gerade dort⸗ hin zu begeben, und zwar aus zwei Gründen: er⸗ ſtens wegen der Neuheit der Sache und zweitens weil ſie fürchtete ſich bei einer Reiſe auf den Kon⸗ tinent irgend einer Gefahr auszuſezen. Klugheit, dem Vorſchlag nach die Erſte, war der Ausführung nach die Lezte: ſie beſchloß dieſe Nacht über an dem Ort, wo ſie ſich bereits befand, zu bleiben und erſt abzureiſen wenn ſie einen ganzen Tag vor ſich hätte.“ „Das Jahr verging und die Tugenden fanden ſich der Abrede gemäß unter dem Eichbaum ein. Sie langten faſt insgeſamt zugleich an, mit Ans⸗ nahme der Sparſamkeit die eine Retourchaiſe weg⸗ 14 gekriegt hatte; die Pferde welche Vormittags bereits vierzehn Stunden zurükgelegt, waren rehe geworden und verzögerten die Ankunft bis zum Einbruch der Nacht. Die Tugenden ſahen traurig und bekümmert aus, wie Leute nach einer langen vergeblichen Reiſe; ja, wie es nun immer gegangen ſein mag, die ein⸗ ſchrumpfenden Folgen ihres Verkehrs mit den Men— ſchen waren ſo ſtark, daß die Zurükkehrenden höchſt wunderbarer Weiſe kleiner geworden zu ſein ſchienen.“ „„Ach, liebe Grosmuth,““ hob Klugheit mit ei⸗ nem Seufzer an,„„da Du Dich zuerſt auf die Reiſe machteſt ſo laß uns auch Deine Abenteuer zuerſt hören.““ „So wiſſet denn, liebe Schweſtern,“ hob Grosmuth an,„daß ich ſchon wenige Stunden nach⸗ dem ich Euch verlaſſen, in ein Landſtädtchen ge⸗ langte, worin ein Marſch-Regiment“*) einquartirt war. Durch ein offenes Fenſter ſah ich das ſchönſte Mädchen, das die Einbildungskraft ſich jemals er⸗ ſchaffen hat, über den Stuhl eines Herrn lehnen. Ihre Augen ſchienen wie zwei Sonnen vollendeter Glükſeligkeit, und faſt war ſie ſo heiter um für die gute Laune ſelbſt zu paſſiren. Der Herr über deſſen Stuhl ſie ſich lehnte, war ihr Mann; ſeit ſechs Wochen lebten ſie in der Ehe; er war Lieutenant *) So nennt man in England diejenigen Regimenter welche ſters marſchfertig für die Kolonien gehalten wer⸗ den. Der Ueberſezer. s en er . n⸗ n⸗ ſt ei⸗ iſe 15 mit einem jährlichen Einkommen von hundert Pfund, auſſer ſeinem Sold. Höchſt gerührt von dieſer Ar⸗ muth beſchloß ich ohne weiteres Bedenken in dem Herzen des reizenden Geſchöpfs meine Wohnung zu nehmen. Während der erſten Stunde in meinem neuen Haus ſtellte ich mancherlei weiſe Betrachtun⸗ gen an, z. B. daß die Liebe nie ſo vollkommen ſei, als wenn ſie von Armuth begleitet werde; wie gröb⸗ lich Diejenigen irrten, welche den ledigen Stand ein „Glük“ nennen; wie übel wir Tugenden gethan, daß wir den ehlichen Bund nie verſucht hätten und wie falſch es ſei daß Ehemänner ihre Frauen ver⸗ nachläſſigten, denn in der ganzen Natur gab es nichts Leidenſchaftlicheres als die Liebe jenes Man⸗ nes— ſechs Wochen nach ſeiner Heirat.““ „Am folgenden Morgen vor dem Frühſtük, als die reizende Fanny auf ihren Gatten wartete, der ſeine Toilette noch nicht zu Ende gebracht hatte, erſchien ein armes, elend ausſehendes Weib am Fenſter das die Haare raufte und die Hände rang. Ihr Mann war in der Frühe ins Gefängniß geſchleppt worden und ihre ſieben Kinder hatten ſich um die lezte, ſchimmlige Brodkruſte geſtritten. Von mir angeregt zog Fanny, ohne der Sache weiter nachzu⸗ fragen, eine Banknote von fünf Pfund aus dem ſeidenen Beutelchen und reichte ſie der Bettlerin, die mit mehr Verwunderung als Dankbarkeit weiter ging. Gleich darauf erſchien der Lientenant. „„Was zum T— l, noch eine Rechnung!““ 16 murmelte er, als er die gelbe Oblate von einem groſen, vierekigen, zuſammengefalteten, bläulichen Stük Papier löste.„Oh, oh! hol der Henker den Kerl, ich darf ihn nicht warten laſſen. Ich muß Dich um fünfzehn Pfund bitten, Fanny, um dieſe Sattlersrechnung zu berichtigen.“ „Fünfzehn Pfund, Lieber?“ ſtammelte Fanny erröthend. „Ja, Theuerſte, die fünfzehn Pfund die ich Dir geſtern gab.“ „„Ich habe nur noch zehn Pfund,““ antwortete Fanny zaudernd.„Eben war ein ſo armes, elend ausſehendes Geſchöpf da, daß ich ihr durchaus fünf Pfund geben muste.“ „Fünf Pfund! guter Gott!“ rief der erſtaunte Gemal.„Für die drei nächſten Wochen bekomm ich kein anderes Geld.“ Er runzelte die Stirn, biß ſich in die Lippen, ja er ging mit gerungenen Händen im Zimmer auf und ab. Noch ärger! er fuhr end— lich alſo heraus:„Gewiß, Madame, ſupponirten Sie bei Ihrer Vermälung mit dem Lieutenant eines Marſch⸗Regiments nicht daß Sie bei ihm den Einfall befriedigen könnten jeder Bettlerin, die Ihnen die Hand hinhält, ſünf Pfund zu geben? Sie dachten Däs nicht, Madame, ſag ich; ſtellen Sie ſich——“ Aber der Neuvermälte wurde durch das krampfhafte Schluchzen ſeiner Frauunterbrochen; es war ihr erſter Streit geweſen; ſie waren erſt ——. em en den uß ieſe ny Dir tete end ünf nte mm biß den end⸗ rten ines den die en ellen urch hen; erſt 17 ſeit ſechs Wochen verheiratet. Er ſah ſie einen Augenblik ſtreng an; im nächſten lag er zu ihren' Füßen:„Vergib mir, theure Fanny, vergib mir, denn ich ſelbſt kann mir nicht vergeben; was ich geſagt, warzu arg. Glaub mir, meine einzige Fanny, daß wenn ich auch zu arm bin, einer ſo uneigen⸗ nüzigen, edeln Grosmuth Befriedigung zu gewähren, ich ſie doch von Herzen bewundere.“ Ich fühlte mich nicht wenig ſtolz, Urſache der Bewunderung diefes muſterhaften Ehmanns ſür ſeine liebenswürdige Gattin geweſen zu ſein, und hatte meine innige Freude daran meinen Auſenthalt bei dieſen guten Leuten genommen zu haben. Um Euch jedoch, liebe Schweſtern, nicht mit kleinlichen Einzelheiten zu ermüden, will ich nur mit kurzen Worten ſagen, daß die Dinge nicht laug auf dieſem erfreulichen Stand blieben. Noch waren nicht viele Monate verſtrichen, als die arme Fanny ſtärkere und heftigere Stürme der Leidenſchaft von ihrem Mann zu er⸗ tragen hatte, welchen keine beſchwichtigende Honig⸗ mondbitten um Verzeihung nachkamen. Denn auf meinen Antrieb ging jeder Schilling fort, und als kein Geld mehr da war, folgten ihr Schmuk, ja ſo⸗ gar ihre Kleider nach. Der Lieutenant ward gänz⸗ lich zum Unhold und erlaubte ſeiner ungezügelten Zunge mich— mich, Schweſtern michl ſinnloſe Extra⸗ vaganz zu nennen. Seine verächtlichen Kameraden im Offizierkorps und deren trätſchende Weiber waren um nichts beſſer, denn ſie thaten nichts als auf die Bulwer's Romane XXl. 2 Grosthuerie und den Unverſtand meiner Fanny los⸗ 1 ziehen, unter welchen Namen ſie unverſchämt genug mich bezeichneten. So in tiefſter Seele gekränkt in mir die Urſache des ganzen Jammers meiner Günſtlingin zu entdeken, beſchloß ich gegen Ende des. Jahres ſie zu verlaſſen, vollkommen überzeugt daß ſo preis⸗ und liebenswürdig ich für mich ſelbſt ſein möge, ich doch ſchlechterdings untauglich ſei zur Buſenfreundin und geheimeu Räthin bei der Frau eines Lieutenants in einem Marſchregiment, der auſſer ſeiner Gage blos hundert Pfund jährlich ein⸗ nimmt.““ „Die Tugenden ſeufzten ihr Mitleid mit der armen Fanny aus, worauf Klugheit ſich zur Ge⸗ rechtigkeit wandte und ſagte:„„Ich möchte wol hören, wie Du Deine Zeit umgebracht haſt, denn ich bin gewiß, Du kannſt Niemand Schaden gethan haben.““ „Kopfſchüttelnd erwiederte Gerechtigkeit:„„Ach ich muste erfahren, daß es Zeiten undOrte gibt, von welchen ſelbſt ich lieber wegbleiben ſollte, wie Euch ein kurzer Bericht meiner Begegniſſe zeigen wird. Ich hatte Euch nicht ſobald verlaſſen, als ich mich unverweilt nach Indien begab und meinen Auſenthalt bei einem Braminen nahm. Höchlich entrüſtet über die ſchreklichen Ungleichheiten in den Lebensverhältniſſen je nachdem man dieſer oder jener o Kaſte angehört, trachtete ich die armen Paria's n von ihrem ſchmäligen Schikſal zu erlöſen und machte —„—————— ,— — mich deshalb aufs Ernſtlichſte an eine Reform. Ich hob die Unbilligkeit heraus, Menſchen von der Ge⸗ burt an einem unverbeſſerlichen Zuſtand der Schmach hinzugeben, aus welchem ſie keine Tugend erheben könne. Mit unſäglichem Grauen blikten die Bra⸗ minen auf meinen Braminen. Sie nannten mich das abſcheulichſte Laſter; Gerechtigkeit und Gottes⸗ lengnerei galt ihnen für gleichbedeutend. Ich griff an die Grundlage ihres geſellſchaftlichen Zuſtandes: Das erſchien ihnen Verbrechen genug. Das Schlim⸗ ſte aber war, daß die Paria's ſelbſt mich mit Arg⸗ wohn betrachteten. Sie hielten es für unnatürlich, daß ein Bramin ſich eines Paria annehmen ſollte! Der Eine nannte mich„Tollheit“, ein Anderer„Ehr⸗ geiz“ und ein Dritter„Neuerungſucht.“ Mein armer Bramin führte deshalb ein erbärmliches Leben. Als er endlich eines Tags auf meine Eingetung gar ausgeſprochen hatte, daß ſeiner Meinung nach das Leben eines Paria ein eben ſo gutes Recht auf Reſpektir⸗ ung habe als das Leben einer Kuh, ward er von den Prieſtern fortgeſchleppt und heimlich auf dem Altar gebraten, als geziemender Lohn für ſeinen Frevel an dem Heiligſten. In groſer Trübſal floh ich hieher, überzengt daß in manchen Ländern ſelbſt die Gerechtigkeit Schaden thun könne.““ „„Was mich betrift,““ ſagte Barmherzigkeit, ohne erſt auf eine Auffoderung zu warten,„„ſo muß ich mit Bedauern ſagen, daß ich thöricht ge⸗ nug war, meinen i ei alten Dame 19 in Dublin zu nehmen, die keineu Begriff von ver⸗ ſtändiger Unterſcheidung hatte und immer nur nach der erſten Anregung ihrer Natur handelte. Meinen Einflüſterungen konnte kein Widerſtand geleiſtet wer⸗ den, und ſo freigebig warf ſie das Geld auf ih⸗ ren Spazierfahrten durch die Vorſtädte von Dublin aus, daß es alle Schufte des Weichbilds im Müſ⸗ ſiggang und Brantwein erhielt. Zu meinem groſen Grauen fand ich daß ich Haupturſache einer ſchreklichen Seuche wurde, und daß Almoſen ohne umſicht geben Armuth ohne Hilfe verbreiten heiſſe. Ich verließ die Stadt nach Ablauf meines Jahrs und, wie mein Unſtern es wollte, eben zur Zeit als ich dort am nöthigſten war.““ „„Auch ich,““ rief Gaſtſinn,„ging nach Irland Ich nahm mein Quartier bei einem Squire, ruinirte ihn in einem Jahr und verließ ihn blos, weil ihm zu meiner Unterbringung endlich jedes Dach abging.““ „Was mich betrift,““ ſagte Mäßigkeit,„ſ0 zog ich in die Bruſt eines engliſchen Parlamentglieds, welches alsbald eine Bill gegen die Bierhäuſer ein⸗ brachte. Die Folge war, daß die Arbeiter ſich an Brantwein hielten und ich geſtehen muste, daß die Mäßigkeit ihren Eifer zu weit treiben kann wenn ſie andern Leuten allzuheftig vorſchreibt.““ „„Jener Reiſewagen,““ hob Muth an, indem er ſich mehr im Hintergrund hielt als er bisher je gethan, und beinah verſchämt ausſah,„jener Reiſewagen, worein ich zu ſizen kam, gehörte einem regierenden „— 5 — S N S N* 21 deutſchen General und ſeiner Frau, die in ihre ei⸗ genen Lande zurükkehrten. Unterwegs wurde es ſehr kalt, und die Dame hüllte mich in einen Pelzmantel; da jedoch die Kälte immer mehr zunahm, kroch ich un⸗ bemerkt iu ihren Buſen. Einmal dort konnte ich nicht mehr heraus und der arme General war ſofort ſehr übel daran. Sie wurde ſo trozig daß ich mich wunderte, wie er eine Exploſion zurükhalten konnte. Um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen muß ich bemerken, daß er zulezt drohte aus dem Wagen zu ſteigen, worauf ſie, von mir aufgeregt, ihn beim Kragen pakte und— ſiegte. Bei der Ankunft auf dem eigenen Diſtrikt werd es noch ſchlimmer, denn ſie foderte daß jeder Adjutant, der ihr Misfallen auf ſich zog, einen öffentlichen Verweis erhalte, und weigerte ſich deſſen der General, ſo prügelte ſie die Leute mit eigener Hand durch. An den Herzog zu appelliren half nichts, denn wenn ſie ſagte es ſei heis, ſo wagte der Gemal nicht zu verſtehen zu geben, daß er es für kalt halte, und ſo weit dehnte er ſeinen Reſpekt vor der ſchreklichen Dame aus, daß er nie einen Armeebefehl erließ, keinen Schnur⸗ bart beſchnitt, keinen Rok verlängerte, ohne ſie zu⸗ erſt um ihre Meinung zu fragen. Indeſſen gab ihr der Zuwachs von Kraft, den ſie in mir ge⸗ wonnen, ein zu groſes Uebergewicht gegen den ar⸗ men General, ſo daß er ein Halbjahr nach meiner Liaiſon mit ſeiner Frau an einem gebrochenen Her⸗ zen ſtarb. Nach ſeinem Tod ward ſie dermaßen zum — 22 Gegenſtand des Schrekens und Abſcheus, daß ſich eine Verſchwörung entſpann ſie zu vergiften. Dies erſchütterte ſelbſt mich, ſo daß ich ſie ohne Verzug verließ— et me voici.“ „Hm!““ rief Sanftmuth mit triumphirender Miene:„„ich wenigſtens bin glüklicher geweſen als Ihr. Da ich in den Zeitungen ſo viel von den Grauſamkeiten der Türken gegen die Griechen las, dachte ich meine Gegenwart dürfte die armen Lei⸗ denden in Stand ſezen, ihr Unglük rubig zu er⸗ tragen. So ging ich denn nach Griechenland, eben als ein wol bedachter und kluger Plan ſich vom türkiſchen Joch zu befreien die dortige Jugend in Bewegung ſezte. Ich beſchränkte mich nicht auf eine einzelne Perſon, ſondern flatterte von Bruſt zu Bruſt; die ganze Nation ward durch mich mild geſtimmt, meine Vorſtellungen gegen einen Aufſtand hatten Er⸗ folg und es wurde mir die Befriedigung zu Theil, daß ein ganzes Volk der Spieſſung oder Erdroſſelung mit der chriſtlichſten Reſignation entgegen fah.““ „Die Tugenden, die durch die unverblümte Selbſtgefälligkeit der Sanftmuth ein wenig aufge⸗ heitert worden, wolkten zur groſen Verwunderung der Leztern nicht zugeben, daß ſie im Mindeſten glüklicher geweſen ſei als ihre Schweſtern, und rie⸗ fen demnächſt Verſchämtheit zum Geſtändniß auf.“ „„Ihr wist,““ hob die liebenswürdige junge Dame an,„daß ich mich nach London begab, um dort eine Kondition zu ſuchen. Drei Monate von den — 23 zwölfen brachte ich damit zu von Haus zu Haus zu wandern, aber keinen Menſchen konnte ich zu meiner Aufnahme bewegen. Die Frauen verſicherten, nie ſei ihnen eine ſo altmodiſche Trampe zu Geſicht gekommen und wieſen mich höflich an ihre Kammer⸗ mädchen; die Kammermädchen wandten mich gaffend rings um und beförderten mich dann in die Küche zu den fetten Küchenmägden, die mir bezeugten:„ſie hätten bei keiner der achtbaren Familien, in wel⸗ chen ſie zu dienen die Ehre gehabt, meinen Namen je nennen gehört.“ Einmal empfing mich eine junge, eben vom Land gekommene Hausmagd mit einer ge⸗ wiſſen Höflichkeit; aber auch ſie ließ mich in der Geſindeſtube in ſehr kurzer Zeit aus den Augen. Jezt nahm ich meine Zuflucht zu dem andern Ge⸗ ſchlecht als dem weniger ungalanten. Glüklich ge⸗ nug fand ich einen jungen Herrn von ausgezeichne⸗ ten Talenten, der mich mit offenen Armen bewill⸗ kommte. Er war voll Bildung, Milde und Ehrbar⸗ keit. Ich hatte nur Eine Nebenbulerin— Ehrbe⸗ gierde. Wir Beide ſtritten uns um ſeinen Allein⸗ beſiz. Was ihm die Ehrbegierde einflüſterte, das dämpfte ich wieder. Trieb ſie ihn an ein Buch zu ſchreiben, ſo überredete ich ihn es ſei der Bekant⸗ machung nicht werth. Machte er ſich, voll von Ge⸗ lehrſamkeit und aufgereizt von meiner Rivalin, da⸗ ran eine Rede zu halten,(denn er ſaß im Parla⸗ ment) ſo ſtürmte ich mit dem Gefühl auf ihn ein daß er eine unverzeihliche Dreiſtigkeit begehe,— ———— machte daß ihm die Stimme ſank und die Ausſprache undeutlich wurde. Endlich verließ ihn meine Geg⸗ nerin mit einem Seufzer der Entrüſtung. Er zog ſich aufs Land zurük, fügte ſich in meine Vorſchrif⸗ ten und entſagte einer Laufbahn, zu welcher er das feſte Vertrauen gehabt ſie würde Andern Nuzen bringen. Da ich jedoch fand, daß ich zu ſeinem Glük nicht zureiche, ſchied ich noch vor Ablauf des Jahrs von ihm, er aber hat ſich ſeitdem aufs Trin⸗ ken geworfen.““ „Die Augen aller Tugenden richteten ſich auf die Klugheit. Sie war ihr lezte Hoffnung.„„Ich bin noch eben auf dem Punkt von dem ich ausging““ hob dieſe umſichtige Tugend an:„ich habe weder Gutes noch Schlimmes geſtiftet. Um der Verſuchung zu entge⸗ hen, geſellte ich mich zu einem Einſiedler, dem ich jedoch, wie ich bald fand, von keinem weitern Nu⸗ zen ſein konnte, als daß ich ihn warnte ſeine Erb⸗ ſen und Linſen nicht zu gar zu kochen, ſeine Thür nicht offen zu laſſen wenn ein Sturm drohte, und ſeinen Krug an der benachbarten Quelle nicht zu überfüllen. So bin ich die Einzige von Euch, die Niemanden einen Schaden zufügte, aber blos weil ich die Einzige von Euch bin, die nie eine Gelegen⸗ heit dazu hatte! Kurz, meine Freunde,““ fuhr Klug⸗ heit nachdenklich fort:„„kurz, äuſſere Verhältniſſe ſind ſelbſt für die Tugenden nothwendig. Hätte z. B. Sparſamkeit mit Grosmuth die Stelle gewech⸗ ſelt und ſich zu der Frau des armen Lientenants be⸗ de dl R ri lel W 25 geben, und hätte ich ſtatt des Gaſtſinns bei dem irländiſchen Squire Wohnung genommen: welches Unglük würde erſpart worden ſein! Ach! ich merke daß wir unſere ganze Wirkſamkeit verlieren, wenn wir uns in einer falſchen Stellung befinden, und daß wir in ſolchem Fall, troz Dem daß wir Tugenden, als Laſter verfahren. Die Verhältniſſe müſſen un⸗ ſerem Benehmen angemeſſen ſein und im Einklang mit unſerer Natur ſtehen: wir verlieren unſere Göttlichkeit ſelbſt, wenn nicht Weisheit unſere Schritte zu dem Haus lenkt, das wir uns zur Woh⸗ nung erwälen, und zu den Neigungen, die wir regieren ſollen.““ Die Geſchichte war zu Ende, und die Reiſen⸗ den fingen an, ihre Anſichten über die Moralien auszutauſchen. Hier last uns Abſchied von ihnen nehmen. Siebentes Kapitel. Köln.— Spuren des römiſchen Jochs.— Die St. Ma⸗ rienkirche.— Trevylyans Betrachtungen über das Kloſter⸗ leben.— Das Grab der drei Könige.— Eine Abendſpazier⸗ fahrt auf dem Rhein. Rom— herrliches Rom! wohin der Rlger ſich wendet grüſen deiner Herrſchaft Spuren ſeinen Blik. Noch iſt der Eindruk der Adlersklaue ins 26 Herz des kühnen deutſchen Stammes gegraben, und auf unſern Wanderungen an den Ufern des Rheins ſtehen wir verwundert ſtill vor den groſen Denk⸗ malen des italiſchen Joches. In Köln hielten unſre Reiſenden einige Tage an. Sie befanden ſich in der Stadt, welcher das Lager des Markus Agrippa den Urſprung gegeben. Dieſer Flek hatte vom bewehrten Tritt der Legionen Trajans wiedergehallt; in dieſen Mauern waren Vitellius, Silvanus zu Kaiſern ausgerufen worden; in jener Kirche*) erhielt Lezterer den Todesſtreich. Vor den Thoren der St. Marienkirche begeg⸗ nete das liebende Paar einigen Landleuten, die auf den geweihten Boden umherſchlenderten, und beim Anblik von Gertrudens zarten Wangen ihren Grus mit mehr als gewößnlicher Achtung ausſprachen. Da wo ſie im Augenblik ſtanden, ſchwingt ſich das Gebäude zu einer Kreisform aus; es hat, der Sage nach, im Grundwerk noch Reſte des römiſchen Ge⸗ mäuers. Gerad vor ihnen ſtieg der Thurm einer ſchlichten ſchmukloſen Kirche auf und bildete durch die Einfachheit des erneuten Glaubens einen eigen⸗ thümlichen Gegenſaz zu dem Pomp des alten. Die St. Marienkirche nimmt eine Seite des rö⸗ miſchen Kapitols ein, und der Plaz führt immer *) In der StSeverinkirche, wo eingelegte Marmor⸗ ſguren noch den Ort bezeichnen, wo der Kaiſer er⸗ mordet worden ſein ſoll. Der Ueberſezer. ——————— —————— ind ins nk⸗ age das en. nen ren en; ch. eg⸗ auf eim rus hen. das age Ge⸗ iner urch gen⸗ rö⸗ mer mor⸗ er 27 noch ſeinen römiſchen Namen; ja in den Zügen des Volks deutet ſtets noch etwas auf den Urſprung des Bluts. Gertrud, in deren Natur ein Hang zur Hin⸗ gabe an etwas Höheres mächtig hervortrat, beſuchte alte gothiſche Kirchen, die mit ſo beredter Sprache das Lebende mit dem Todten vereinen, beſonders gern. „Verweile einen Augenblik,“ ſagte Trevylyan, eh ſie in die Marienkirche traten.„Welche Erinne⸗ rungen drängen hier auf uns ein. An der Seite des römiſchen Kapitols ſehen wir eine chriſtliche Kirche und ein Kloſter errichtet! Von Wem? Von der Mutter Karl Martels, des Beſiegers der Sarazenen, des Haupthelden der Chriſtenheit*). In dieſer Stätte ſtiller Abgeſchiedenheit, in den Säulengängen des Stiftes das einſt zu der Kirche gehörte, ſuchte eine königliche Dulderin,— die Gemalin Heinrichs Iw — das Opfer Richelien's— die unglükliche Ma⸗ ria von Medicis Ruhe für ihr erdrüktes Gemüth**). Ach! Zelle und Kloſter ſind nur leere Abfindungszei⸗ chen für jene Sehnſucht gramgebeugter Seelen, ſich *) Sie dieß Plektrudis. Ihr ſteinernes Bild iſt hinter dem Kor der Kirche an der Straße eingemauert, idr Grab befindet ſich in der Kirche ſelbſt. Der Ueberſezer. **)„Die hin und wieder verbreitete Nachricht“— be⸗ merkt Aloys Schreiber in ſeinem Handbuch für Reiſende am Rhein—„als habe die aus ihrem Va⸗ terland vertriebene Maria von Medicis, die Gemalin zu Gott zu retten; die Einſamkeit lindert den Schmerz, aber die Einförmigkeit ruft ihn von Neuem en 7 hervor. Für meinen Theil ſah ich auf meinen häu⸗ ne fiegen Wandrungen durch katholiſche Länder die ſtillen Q Wände, worin ſich mönchiſche Eitelkeit vor der Welt ſo zu verſchließen hoffte, nie ohne ein wehmüthiges ſch Gefühl. Welche Kämpfe des Herzens!— welche zen unnachlaſſende Rene!— welches Schmachten nach De der Vergangenheit!— welche langen, ſchönen Jahre durch eine augenblikliche Uebereilung, durch eine ge⸗ hef täuſchte Hoffnung einem moraliſchen Tod verfallen! 1 In dieſen Kirchen dagegen ertönt der Ruf nach Oben ein eindringlicher und minder traurig. Das müde Herz wel hat aufgehört zu klagen,— die brennenden Pulſe der ſind leis geworden,— der umgejagte Geiſt iſt zu der noc einzigen Ruhe entftohen, die keine Täuſchung iſt. ſche 1 Haß und Liebe— Hoffnung und Furcht— Geiz— das † Ehrbegierde— ſie ſind endlich erſtikt! Der Tod iſt das ſere 1 1 3 einzige Klo ſter— das Grab die einzige Zelle, und Die der Kirchhof neben dem Kloſter der bitterſte Spott lige auf die Entbehrlichkeit des leztern.“ ſchü ere Heinrichs IV und die Mutter Ludwigs XIII in die⸗ einf ſem geiſtlichen Stift ihre lezten Tage zugebracht und ſei auch in dieſer Kirche beigeſezt worden, iſt irrig. gen! Die unglükliche Königin ſtarb in der Sternengaſſe Nr. ſchei 10, und ihre Leiche ward nach Frankreich gebracht, wie Beides in einer vor der Thür des bemerkten Hauſes gotf angebrachten Inſchrift von Prof. Wallraf zu leſen iſt.“ gew Der Ueberſezer. lang den em äu⸗ llen elt ges lche ach hre ge⸗ en! ben er ulſe der das und tt die⸗ und rig. Nr. wie uſes 29 „Dein Streben geht immer auf Handlung,“ entgegnete Gertrud.„Du räumſt der Einſamkeit kei⸗ nen Reiz ein und ſtille Betrachtung dünkt Dir eine Qual. Kommt je ein groſer Schmerz über Dich, ſo wirſt Du als Balſam auf denſelben nie die Abge⸗ ſchiedenheit ſuchen. Du wirſt Dich in die Welt ſtür⸗ zen und im allgemeinen Lebensſtrom ein Vergeſſen Deines perſönlichen Daſeins trinken.“ „Ah ſprich nicht von Schmerz!“ rief Trevylyan heftig;—„laß uns in die Kirche treten.“ Nachher begaben ſie ſich zu dem berühmten Dom, einem der edelſten Denkmale unter den Triumphen, welche deutſche Baukunſt errungen hat. Gleichwol iſt derſelbe für Den der die Poeſie des Herzens ſucht, noch bemerkenswerther als für den Alterthumsfor⸗ ſcher, denn hier erblikt man hinter dem Hochaltar das Grab der drei Könige, welche die Sage vor un⸗ ſerem Heiland ſich demuthvoll niederwerfen läst. Die Legende weiß tauſend Geſchichten von den hei⸗ ligen Ueberreſten. Die drei Könige von Köln ſind ſchüzende Namen für jenen beſeligenden Aberglauben, der oft mehr Anhänger zält, als die Religion der er entſprungen iſt, ſelbſt. Für Gertrud reichte die einfache Erzälung von Lucilien hin, ihr für den Au⸗ genblik die Wunderkraft des Ortes als wirklich er⸗ ſcheinen zu laſſen. Hinter dem Grab warfen drei gothiſche Fenſter ihr frommes Dämmerlicht auf den gewürfelten Boden und den joniſchen Pfeilern ent⸗ lang. Einige jener Gläubigen, die von der Echtheit — der verehrten Reſte überzeugt ſind, knieten vor dem Grab. Jene hielten ihre Schritte an, um nicht in einer Andacht zu ſtören, die wenn ſie ſch mit Ge⸗ beten zufrieden gibt und keine Verfolgung ausübt, in ihrem Wahn nie ohne etwas Heiliges iſt. Noch immer, nimmt man an, geben die Gebeine der Wei⸗ ſen dem Grab ſeine Weihe und an dem obern Theil des Monumentes hat der Künſtler ihre Anbe⸗ tung vor dem Jeſuskind dargeſtellt. Mit ſtiller ruhiger Schönheit nahte der Abend, und als ſich die Sonne zum Untergang neigte lieſ⸗ ſen die Wanderer ihre Barke zu einer Luſtfahrt von ein bis zwei Stunden vom Land ſtoßen. Gertrud befand ſich in jener glüklichen Stimmung worin die Ruhe der Natur wie ein Bad für die Seele genoſſen wird, und die Gegenwart Deſſen, welcher der Gott ihrer irdiſchen Laufbahn war, erhob dieſe Stille zu einem noch köſtlichern, durchgreifendern Frieden- Nicht ah⸗ nete ihr als das Boot über das Waſſer hinglitt und die Thürme von Köln in die blaue Abendluft empor⸗ ſtiegen, wie wenige Stunden zwiſchen ihr und dem Grab lagen! indeſſen wie ſüß iſt beim Zurükblik auf das Leben einer geliebten Perſon der Gedanke, daß ihre lezten Tage Tage des Lichtes geweſen, daß die Schönheit der ſinkenden Sonne nie durch eine Wolke verdüſtert worden, und daß wenn die Zeit ih⸗ res ſterblichen Daſeins kucz war, Alles was dieſes Da⸗ ſein Zartes und Heiliges hat, in dieſenkurzen Raum ſich drängte! Nichts Dunkles oder Bitteres ſchläft daun ne⸗ nur ihre an hatt zu eine ſie t kein ſond glau liebe wß Him keru tem deſſe mit em in He⸗ bt, och ei⸗ ern be⸗ nd, ieſ⸗ ein and uhe ird, rer nem ah⸗ und por⸗ dem auf daß die eine ih⸗ Da⸗ 1 ſich ne⸗ ben unſerer Erinnerung an dieVerlorenen; wir trauern, aber nicht die Betrauerten ſind zu beklagen:— um uns ſelbſt iſt unſer Schmerz. Wenden wir uns zum Gegenſtand deſſelben, ſo ſtralen die Farben der Se⸗ ligkeit um dieſen her und eben die Liebe, welche die Mutter unſeres Grames iſt, war der Troſt— der Triumph der Entſchlafenen. Der majeſtätiſche Rhein war ruhig, wie ein See; nur das Geplätſcher des Ruders unterbrach die Stille. Nach einer langen Pauſe im Geſpräch legte Gertrud ihre Hand auf Trevylyans Arm und erinnerte ihn an das Verſprechen einer Geſchichte. Denn auch er hatte ſeine Anfälle von Trübſinn, denen ſie ihn ihrerſeits zu entloken ſuchte; zudem war ihr ſeive Stimme eine Art Bedürfniß geworden, nach deſſen Genuß ſie dürſtete ſobald es ihr etwas länger abging. „Sei es ein der Stunde angemeſſenes Märchen; keine wilde Sage, kein buntſchekiges Fantaſiebild, ſondern etwas das die Farben eines zärtern Aber⸗ glaubens trägt. Handle es von Liebe— von Frauen⸗ liebe— von Liebe die dem Grab trozt. Denn ge⸗ wß lebt die Liebe auch nach dem Tod; und der Himmel wäre kaum ein Himmel wenn die Rükerin⸗ nerung unter ſeinen Seligkeiten keinen Plaz hätte.“ „Ich entſinne mich,“ hob Treoylyau nach leich⸗ tem Bedenken an,„eines kurzen deutſchen Märchens deſſen Einfachheit mich ſehr rührte. Aber“ fügte er mit ſanftem Lächeln hinzu,„Frauenliebe erſcheint in dieſem Märchen um ſo viel getrener als Männer⸗ liebe, daß ein Mann es kaum erzälen ſollte.“ „Nein,“ entgegnete Gertrud zärtlich,„der Fre⸗ vel des Treuloſen erhöht nur unſere Dankbarkeit für den Treuen.“ — Achtes Kapitel. Die Seele im Fegfeuer, er vie Liebe iſt ſtärker als der Od. Die Engel rührten ihre Harfen im Himmel, und ihre Töne ſtiegen wie ein Strom ven Wolgerüchen zum Thron des Höchſten. Aber die Harfe Sera⸗ lims war ſüßer als die ſeiner Genoſſen, und alſo wurde die Stimme des Unſichtbaren vernom⸗ men(denn die Engel ſelbſt ſchauen die Herrlich⸗ keit Gottes nicht;— nur fern in der Tiefe des Himmels ſehen ſie ein nie ſchlummerndes Aug ewig über der Schöpfung wachen) „Fodere einen Lohn für die Liebe die in Deinem Geſang flammt, und er ſoll Dir gewährt werden.“ Seralim antwortete: „An dem Ort, den die Menſchen Fegefeuer nennen, und welcher die Flucht aus der Hölle aber der Schmerzenseingang zum Himmel iſt, ſind viele Seelen die Dich anbeten und doch gerechter Weiſe —„— re⸗ ür der nel, hen era⸗ und om⸗ lich⸗ des wig nem n.“ euer aber viele Deiſe 55 für ihre Sünden beſtraft werdeu. Erlaub mir ſie zuweilen zu beſuchen und ihre Leiden durch die Hym⸗ nen der Harfe zu tröſten, die Dir geweiht iſt.“ Und die Stimme erwiederte: „Dein Gebet iſt erhört, Mildeſter unter den Engeln; es ward gut erfunden vor Dem welcher nur aus Liebe züchtiget. Geh, Dein Wille geſchehe!“ Da ſang der Engel das Lob Gottes und als ſein Sang vorüber erhob er ſich von ſeinem azurnen Stuhl zur Rechten Gabriels, entfaltete ſeine Re⸗ genbogenſchwingen und flog nach jenem düſtern Stern welcher, der Erde am nächſten, vom Schrei der Seelen wiedertönt, die durch Qualen gereinigt werden. Die Unglüklichen ſehen dort von fern die ſtralenden Ge⸗ filde, die ſie ſpäter einnehmen werden, und die glor⸗ reichen Geſtalten, die, friſch gebadet in den Brun⸗ nen der Unſterblichkeit, in den Gärten des Paradie⸗ ſes wandeln. Sie fühlen, daß auf das ſelige Heut derſelben kein trübes Morgen folgt. Dieſer Ge⸗ danke tröſtet ſie in ihren Qualen und bildet den wahren Unterſchied zwiſchen Hölle und Fegfeuer. Sofort ſenkte der Engel ſeine Schwingen und nachdem er durch die kryſtalleuen Pforten getreten ſezte er ſich auf einen verwitterten Felſen und rührte die göttliche Leier. Und ein Frieden kam über die Leidenden; der Dämon hörte mit ſeinen Martern, das Opfer in ſeinem Jammer auf. Was der Schlaf den Trauernden auf Erden, das war der Geſang des Engels den Seelen des läuternden Sterus. Rur Bulwer's Romane XXI. 35 eine einzige Stimme ſchien nicht in die allgemeine Stille eingelullt zu ſein; es war die Stimme eines Mädchens, die fortfuhr mit durchdringendem Ton zu rufen: „O Adenheim, Adenheim, traure nicht um die Verlorene!“ Der Engel ſchlug Saite um Saite an, bis die Kunſt ſeiner Melodien erſchöpft war, aber immer noch rief jene einzige Stimme achtlos, ja unbewust der ſüßeſten Harfe im Kor der Engel: „O Adenheim, Adenheim, traure nicht um die Verlorene!“ Seralims Theilnahme ward erregt. Er näherte ſich dem Ort, von welchem die Stimme kam und ſah die Seele eines ſchönen jungen Mädchens an ei⸗ nen Felſen gekettet, während die Dämonen müſſig daneben lagen. Seralim fragte die Dämonen:„Hat der Geſang Euch auch zur Ruhe gewiegt?“ Sie erwiederten:„Ihr Schmerz um einen An⸗ dern iſt bitterer, denn all unſere Martern; darum feiern wir.“ Da trat der Engel zu der Seele und fragte mit ei⸗ ner Stimme, die ihr Angſtgeſchrei zum Schweigen brachte,— denn in welchem Zuſtand würden wir unempfänglich für das Mitgeſühl eines Andern?— „Warum o Tochter der Erde erhebſt Du fort und fort den gleichen Jammerruf? weshalb hat die Harfe, welche die Sündigſten unter Deinen Gefährten zur Ruhe bringt keine Melodie für Dich?“ e 8 F rte nd ſſig dat An⸗ ei⸗ igen wir und arfe, zur 35 „Ach, ſtralender Fremdliug,“ erwiederte die arme Seele,„Du ſprichſt zu Einer, die auf Erden Gottes Geſchöpf mehr geliebt hat als Gott; deshalb iſt ſie mit Recht verurtheilt. Aber ich weiß daß mein armer Adenheim unaufhörlich um mich trauert, und der Gedanke an ſeinen Schmerz iſt mir unerträgli⸗ cher, als Alles was mir die Dämonen zufügen können.“ „Und woher weist Du daß er um Dich klagt?“ fragte der Engel. „Weil ich weiß mit welcher Todesqual ich um ihn getrauert haben würde,“ erwiederte einfach die Seele. Die göttliche Natur des Engels ward gerührt, denn Liebe iſt das Weſen der Söhne des Himmels. „Und wie.“ fragte er,„kann ich Deinem Gram ab⸗ helfen?“ Entzüken ſchien die Seele zu durchbeben. Sie hob die nebelhaften, unfasbaren Arme empor und rief: „Laß mich— v laß mich nur auf eine kleine Stunde zur Erde zurükkehren, daß ich meinen Aden⸗ heim ſehe und ihn, mein eigenes Leiden vor ihm verbergend, in dem ſeinigen tröſte!“ „Ach!“ erwiederte der Engel mit abgewandtem Geſicht— denn Engel weinen vor den Augen Ande⸗ rer nicht—: wol könnt ich Dir dieſe Bitte gewäh⸗ ren, aber Du weist nicht, was Du damit verwirkſt. Die Seelen im Fegfeuer können zur Erde zurükkeh⸗ ren aber ſtreng iſt der Richterſpruch der auf ſolcher Rükkehr ſteht. Mit Einem Wort, für Eine Stunde auf Erden verfällſt Du auf tauſend Jahre länger in die Peinigungen Deines jezigen Kerkers B „Iſt Das Alles?“ rief die Seele.„Solchem Schikſal unterwerf ich mich willig. Gewiß liebt Ihr im Himmel nicht, oder Du würdeſt wiſſen, Bote von Oben, daß eine Stunde der Tröſtung für den Geliebten mit tauſend, tauſend Jahren der Qual für uns nicht zu theuer erkauft iſt. Laß mich meinen Adenheim tröſten und beſchwichtigen; gleich⸗ viel was aus mir wird.“ Da blikte der Engel empor und ſah in fernen Regionen, die auf jenem Stern kein Anderer wahr⸗ zunehmen vermochte, die Stralen welche von dem allſchauenden Aug ausgingen; und er vernahm die Stimme des Ewigen, die ihn thun hieß, wie ihm ſein Mitleid einflüſtere. Er wandte ſich nach der Seele und ihre Schattenarme waren flehend nach ihm ausgeſtrekt. Er ſprach das Wort, das die Pforten des Fegefeuers löst, und ſiehe, die Seele ſtand wieder in der Menſchenwelt. Es war Nacht im Schloß des Herrn von Aden⸗ heim, und er ſaß zu oberſt an ſeiner funkelnden Tafel. Laut und lang war das Lachen, und fröh⸗ lch der Scherz, der von den Wänden wiederhallte; uvd das Lachen und Spaſſen des Herrn von Aden⸗ veim wor lauter und fröhlicher als dasjenige aller Andern. Und zu ſeiner Rechten ſaß eine ſchöne Dame er U 5 n⸗ er 37 und jeden Angenblik wandte er ſich von den Andern, ihr ſüße Liebesſchwüre ins Ohr zu lispeln. „Hui!“ erwiederte das glänzende Fräulein von Falkenberg:„welch Weib darf Deinen Worten glau⸗ ben? Schwurſt Du nicht dieſelben Schwüre, gelob⸗ teſt Du nicht dieſelbe Liebe an Ida, Lodens ſchöne Tochter? und erſt drei kurze Monden ſind über ihr Grab bingezogen““ „Bei meiner Seligkeit:“ rief der junge Herr von Adenheim,„Du thuſt Deiner Schönheit entſez⸗ liches Unrecht. Ida? wahrlich Du ſpotteſt meiner; ich die Tochter Lodens lieben! wie wär ich da Dei⸗ ner noch würdig2 Ein paar freundliche Worte, hie und da ein flüchtiges Zulächeln— das iſt die ganze Liebe, die Adenheim für Ida empfand. Wars mein Fehler, wenn das arme Närrchen ſolche Alltagshöf⸗ lichkeiten falſch auslegte? Nein, Theuerſte, Liebe hat dies Herz nur für Dich empfunden.“ „Und wie?“ fragte das Fräulein von Falken⸗ berg, indem ſie ihren zarten Leib von Adenheims Arm umſchlingen ließ:„trauerteſt Du nicht um ih⸗ ren Verluſt?“ „Nun ja, in der erſten Woche; aber in Deinen hellen Augen fand ich bald Troſt.“ In dieſem Augenblik war es Adenheim, als hör' er hinter ſich einen tiefen Seufzer. Er wandte ſich um, erblikte aber nichts als einen leichten Nebel, der allmälig zerfloß und in der Entfernung verſchwand. Denn hatte Ida Urſache kch erkennen zu geben? „—*—**—*— „Und Du haſt alſo Deine Abſicht gegen den Geliebten nicht erfüllt?“ fragte Seralim, als die Seele der zermalmten Ida nach dem Fegfeuer zu⸗ rükkehrte. „Heiß die Dämonen ihre Martern wieder be⸗ ginnen!“ lautete die Antwort der armen Ida. „Haſt Du darum tauſend Jahre Deinem Schik⸗ ſal zugefügt?“ „Ach, erwiederte Ida,„nach der einzigen Stunde die ich auf Erden zugebracht, ſcheinen mir tauſend neue Jahre im Fegfeuer nur wenig Schrekliches zu haben!“*) „Wie iſt die Geſchichte zu Ende?“ fragte Ger⸗ trud. „Ja.“ „Nein; gewiß wurden die tauſend Jahre dem Schikſal der armen Ida nicht zugefügt und Seralim nahm ſie mit ſich in den Himmel?“ „Die Geſchichte geht nicht weiter. Der Erzäler war zufrieden, die Ewigkeit der weiblichen Liebe zu zeigen—“ „Und ihren Lohn,“ fügte Vane hinzu. „Leztern Schluß habe nicht ich aus dem Mär⸗ chen gezogen, Albert,“ lispelte Gertrud. mm *) Dieſe Geſchichte iſt der Hauptſache nach einem frem⸗ en u⸗ be⸗ de end zu er⸗ dem lim äler e zu Mär⸗ frem⸗ Neuntes Kapitel. Die Rheingegenden ertſprechen dem Geiſt der deutſchen Li⸗ teratur.— Drachenfels. Ueberbalb Kölns windet ſich der Strom durch Ufer, die das Verſprechen das uns der Name Rhein macht, immer noch nicht erfüllen; aber ſie werden intereſſanter wenn man einmal Sürth und Godorf hinter ſich hat. Der eigenthümliche Ka⸗ rakter des Fluſſes trit jedoch erſt hervor, wenn all⸗ mälig das Siebengebirg und vor Allem der Drachenfels vor dem Aug aufſteigen. Bei Nie⸗ derkaſſel und Rheid liegen die Weingärten dicht, wie groſe Trauben bei einander, und vom Ufer ſieht man von Stelle zu Stelle Inſeln ihr langes grünes Erdreich hinziehen, und die überwal⸗ lende Fluth brechen. Dorf ſteigt an Dorf empor, und ſo von der Ferne geſehen dringen die lieblichen Täuſchungen eines Land- und Hirtenlebens woll und mächtig auf uns ein. So ſtill ſcheinen dieſe Dörf⸗ chen, ſo geborgen vor den Leidenſchaften der Welt, — als ob die Leidenſchaften nicht den Winden gli⸗ den Boden entlehnt. Dem Verfaſſer ſchien ſie würdig, auf den engliſchen verpflanzt zu we den, obwol er fürchtet ſie dürfte auf dieſem Weg einen groſen Theil ihrer urſprünglichen Schönheit verloren haben⸗ 40 chen, die nur durch ihr Stürmen fühlbar werden, nur in ihren Wirkungen ſichtbar ſind!— Mancher Bach und manches Bächlein büpft auf beiden Seiten in den breiten Schos des Rheins. Thurm um Thurm hebt ſich uud verſinkt wie man weiter fährt. Berg und Stadt— der einſame Werder— die mauer⸗ gekrönte Höhe kommen, wie Träume des Ehrgeizes, plözlich zum Vorſchein, wachſen ſtolz an und ſchwin⸗ den dämmernd hinweg. „Damit haſt Du,“ bemerkte Trevylyan,„ein Bild der deutſchen Literatur. Der Rhein iſt ein Abzeichen ihrer Fülle, ihrer Fruchtbarkeit, ihrer Romantik. Der beſte Kommentar für deutſchen Geiſt iſt eine Reiſe durch deutſches Land. Die dü⸗ ſtere Nacht des Harzes, die Ritterburgen die über Weinhügel und tiefe Thäler in den ſagenreichen Rhein ſchauen; die Rieſenmale alter Kraft, ver⸗ ſchwenderiſch über Ebene, Berg und Forſt ausge⸗ ſtreut; die tauſend einander durchkreuzenden Erin⸗ nerungen die den Boden heiligen; der ſtolze Römer, der kampfbegierige Gothe, das Rittertbum des Mit⸗ telalters, die trübe Brüderſchaft für eine überirdi⸗ ſche Welt— Alles hat hier ſeinen Nachklang und ſein Gedächtniß. Ueber ſolchen Schauplaz hin wan⸗ delt der junge deutſche Student. Statt des Pomps und Luxus des engliſchen Reiſenden, ſtatt der tau⸗ ſend Erfindungen zur Verkürzung des Wegs hat er blos ſein Buch in der Hand, ſeinen Torniſter auf dem Rüken. Aus ſolchen Scenen zieht und fast er uf 44 den Stoff zuſammen, der nach Fahren zu einem poetiſchen Bild reift. Daher die üppige Miſchung der deutſchen Muſe— das klaſſiſche, romantiſche, beſchauliche, philoſophiſche und ſuperſtitiöſe Element durch einander. Jdes da Ergebms wirklicher Be⸗ trachtung an verſchiedenen Orten;)edes das Erzeug⸗ niß einer beſondern aber wirren Erinnerung. Wie der Rhein ſtrömt, ſtrömt der deutſche Geiſt an Thal und Hügel— an der wildeſten Einſamkeit— an plözlich aufſteigenden Thürmen alter Städte— an verfallenenen Schlöſſeru— prächtigen Klöſtern — niedern Hütten hin. Gröſe und Demuth, Ge⸗ ſchichte und Märchen, Wahrheit und Dichtung fol⸗ gen ſo auf einander daß ſie ſich zu einem Ganzen verbinden.“ „Doch,“ fügte Trevylhan nach einer Weile hin⸗ zu;—„wendet ſich die ideale Richtung jezt allge⸗ mach vom deutſchen Geiſt ab und ein Sinn für die mehr praktiſche, materielle Literatur regt ſich unter der Nation. Eine Uumwälzung des Geiſtes, die Vorgängerin ſtürmiſcher Ereigniſſe, hat unter den Deutſchen begonnen; und die Erinnerungen an die Vorwelt, welche die Vor⸗ fahren nur zur Kontemplatton reizten, werden die Jugend der nächſten Geſchlechtsfolge zum Wagen und Handeln drängen.“ Unter ſolchen Geſprächen ſezten ſie ihre Reiſe auf einem ſchönen Wogenſpie⸗ gel und unter einem leuchtenden Himmel fort. Jezt glitt das Fahrzeug am Siebengebirg und Drachenfels hin. Die ſich langſam zum Untergang neigende Sonne warf ihre gelben Stralen über das glatte Gewäſſer. Am Fuß des Gebirgs lag ein Dorf, tief in Schat⸗ ten gehüllt; obei ſtand der Drachenfels im reichſten Abendglanz. Aber in dieſer Verlaſſenheit, dieſer Höhe heiterte das Licht die Trübe, die um den Rie⸗ ſenfelſen ſchwebte, nicht auf: er ſtarrte empor wie ein groſer Name, auf welchen zwar die Sonne des Ruhmes ſcheinen mag, dem ſich aber infoige der Einſamkeit, zu welcher ihn eben jene Höhe über dem gewohnten Maß der Menſchen verdammt, eine gewiſſe Düſterkeit beigeſellt. m Zehntes Kapitel. Die Rolandsſage. Abenteuer Silpelits auf der Inſel Non⸗ nenwert.— Ihr Lied.— Verfall des Elfenglaubens in England. Dem Dracheufels gegenüber liegen die Trümmer von Rolandsek. Sie ſind die gebrochene Krone eines hohen, ſenkrechten Bergs, dem Andenken des tapfern Roland geweiht. Unten ſteigen die Bäume einer Inſel, auf welche Rolands Dame ſich zurükgezogen hatte, dicht und grün vom glatten Waſſerſpiegel empor⸗ Nichts geht über die wilde, ausdrukvolle Gröſe — e, e— d ne r it⸗ en er ie⸗ ie es der ber ton⸗ in mer ines ſern iner ogen por. 45 des ganzen Schauplazes. Dieſer Punkt iſt der Stolz und Schmuk des Rheins. Die Sage von der Burg und der Inſel iſt mit wenigen Worten erzält; ſie gehört in jene unter den deutſchen Romanzen ſo gewöhnliche Klaſſe. Ro⸗ land geht in den Krieg. Eine falſche Nachricht als ſei er geſtorben, gelangt zu ſeiner Braut. Sie zieht ſich auf die Inſel Nonnenwert zurük und nimmt den unwideruflichen Schleier. Roland kehrt, von Ruhm und Hoffnung glühend, zurük um zu finden daß die Verlobte durch ihre treue Liebe ſelbſt eine ewige Schranke zwiſchen ſich und ihn geſezt habe. Er baut das Schloß, das ſeinen Namen trägt und die Ausſicht auf das Kloſter beherrſcht. Dort wohnt er bis zu ſeinem Tod, glüklich bis zum lezten Odem⸗ zug auf die Mauern ſchauen zu können, die ſein verlorenes Kleinod umfaſſen. In trauriger Fülle beugen ſich die Weiden auf der Inſel, wie im Einklang mit einer Erinnerung, welche durch eine Oede von tauſend Jahren hindurch die Liebe noch immer friſch und grünend erhält. Keinen von jenen dichteriſchen Zuſüzen, die ſich im Verlauf der Zeit wie Mos ſchmükend über die Wahrheit herziehen, dieſelbe aber durch den Schmuk verſteken,— hat dieſe Erinnerung zugelaſſen, ſon⸗ dern die einfache Zartheit der Sage in ihrer ganzen urſprünglichen Reinheit erhalten*) *) Schillers Ritter Toggenburg iſt dem Verfaſſer entweder 44 Alles war ſtill auf dem Nonnenwert. Durch die Bäume ſchimmerten Lichter von dem Haus her, das unſere Reiſenden bewohnten. Auf einem weichen Pläzchen, wo ſich der Werder in den Rhein abdacht, trafen die wandernden Elfen ein. „Ach Pipali, wie ſchön!“ rief Silpelit entzükt am Ufer aus. Ein Sternenſtral ſchien auf ſie und die Loken ihres goldenen Haars tanzten im ſeufzen⸗ den Wind.„Zum erſtenmal ſeit unſerer Abreiſe ver⸗ miſſ' ich die grünen Geſtade Englands nicht.“ „Bſt!“ flüſterte Pipali mit angehaltenem Athem; „ich höre Elfentritte, es müſſen die Tritte von Frem⸗ den ſein!“ „Laß uns in dieſes Binſendikig zurükweichen,“ entgegnete Silpelit etwas erſchrekt;„der gute Gros⸗ ſchazmeiſter ſchläft dort bereits.“ Sie huſchten in das Gras, das für ſie ein Wald war, denn das Röhrig ſtand zwei Fuß hoch. Allerdings fanden ſie hier den Grosſchazmeiſter unter einer Binſe ausge⸗ ſtrekt und ſeine Pfeife neben ihm, denn ſeit ſeiner Ankunft in Deutſchland hatte er ſich aufs Rauchen geworfen, und wirklich gibt wilder Thymian, gehö⸗ rig getroknet, einen ſehr guten Tabak für Elfev. Auch fanden ſie Schnipp und Tripp hart neben ein⸗ ander ſizen. Schnipp ſpielte mit Tripps Haar, das ausnehmend ſchön war. nicht bekant, oder ward von ihm, als nicht in den Mund des Volks übergegangen, nicht hieher gerechnet. Der Ueberſezer⸗ en kt d n⸗ . ſie e⸗ en ö⸗ v. U as en et. 45 „Was macht Ihr hier?“ fragte Pipali kurz. Denn ſie hatte etwas an ſich faſt wie eine alte Jung⸗ fer und konnte es nicht leiden, wenn Elfen nah bei⸗ ſammen ſaßen. „Den Schlaf Seiner Herrlichkeit bewachen,“ erwiederte Schnipp. „Hui!“ rief Pipali. „Nun!“ ſagte Tripp, erröthend wie eine See⸗ muſchel;„darin liegt doch wahrhaftig nichts Unrech⸗ tes!“ „Still!“ rief die Königin durch das Dikig ſchauend. Und aus dem grünen Schos der Erde kam ein winziger Zug; Zwei und Zwei, Hand in Hand ſtolzirte er aus einer kleinen, mit duftenden Kräu⸗ tern beſchatteten Oeffnung hervor und ſtellte ſich in einen Kreis. Dann folgten andere Elfen mit Näſchereien beladen, und augenbliklich ſchoſſen zwei ſchöne weiße Schwämme auf, über welchen man die Speiſen ausbreitete, und ſiehe, man hielt ein Banket! Und ach wie luſtig es herging; welch ſchallendes Geläch⸗ ter, ſo laut wie der Seufzer einer Jungfrau; welche Späſſe, welche Lieder! Glükliches Geſchlecht! könn⸗ ten dich die Sterblichen ſo oft wie ich in den milden Sommernächten ſehen, ſie würden nie um Unterhaltung verlegen ſein. Unſre zuſchauenden engliſchen Elfen bemerkten jedoch, daß dieſe fremden Elfen andern Schlags als ſie ſelbſt ſchienen; ſie wa⸗ ren gröſer und minder hübſch; ihr Haar dunkler; 46 ſie trugen Schnurbärte und hatten etwas Wilderes in der Miene. Der armen Silpelit wollte ein we⸗ nig bangen, aber alsbald ließ ſich fernher eine ſanfte Muſik vernehmen, faſt wie der Ton den man oft plözlich bei ſtillen Nächten hört, wenn ein leichtes Lüftchen ſich durch Schilf ſchleicht oder in einem über Kieſel hintanzenden Bächlein plätſchert. Und ſiehe, aus der Oeffnung des Bodens kam ein präch⸗ tig gekleideter Elfe von edelm Anſehen. Die Köni⸗ gin fuhr zurük, Pipali rieb ſich die Augen, Tripp ſah hinter Pipalis Schulter hervor und Schnipp rief, indem er ſie in den Arm kneipte, verwundert aus:„beim neuſten Stern, das iſt Prinz von Fai⸗ ſenheim!“ Die arme Silpelit ſchaute wieder hin und ihr kleines Herz ſchlug unter der Bienenflügelſchnür⸗ bruſt als ob es zerſpringen wollte. Der Prinz hatte einen wehmüthigen Ausdruk und ſezte ſich abſeits von dem Gelag, indem er in tieſen Gedanken auf den Rhein niederſah. „Ah!“ flüſterte Silpelit ſich zu:„denkt er an mich?“ In dieſem Augenblik zog der Prinz eine kleine, aus einer dünnen Binſe gehöhlte Flöte hervor und fing an eine klagende Weiſe zu ſpielen. Silpelit hörte mit Entzüken zu: in ihren Landen hatte er dieſe Melodie gelernt. Als das Muſikſtük zu Ende erhob ſich der Prinz⸗ trat auf die Schmauſenden zu und entſandte ſie mit ————— ——„„—„—„——„—„— pp ipp ert ai⸗ ihr ür⸗ atte ſeits auf an eine, und pelit te er rinz, e mit 47 verſchiedenen Aufträgen: Einen um dem Zwerg des Drachenfelſes einen Beſuch zu machen, einen Andern um nach dem Grab des Muſäus zu ſehen, und eiu ganzes Detachement um die heidelberger Studenten zu neken. Einige Wenige ſtießen auf Weidenblät⸗ tern in den Rhein ab, um im Sternenlicht zu kreuzen, und eine andere Abtheilung ging auf die Jagd nach der graubeinigen Motte. Der Prinz blieb allein. Silpelit konnte jezt etwas wagen; ſie hüllte ſich in ei⸗ nen aus einem welken Blatt gefertigten Mantel, ſo daß nur die Augen aus der Kappe hervorſtralten, und ſchlich ſich aus dem Röhrig. Der Prinz wandte den Kopf und erblikte eine dunkle Elfengeſtalt neben ſich. Er fuhr etwas erſchroken zurük und legte die Hand ans Schwert; Silpelit aber ſang, ihn umkrei⸗ ſend, folgende Worte: Bei des Glühwurms Leuchte, vom Abend umthaut, Bei der Spinnweb' luft'gen Gefäſſen, Bei der treuloſen Schlange entwundener Haut, O lehre mich, lehr mich vergeſſen. Die Kunſt dieſer Gabe Der Menſchenbruſt Iſt Keinem bewust, Wie dir, du treuloſer Knabe. Bei der Elfen lüſtigem Reigentanz, Beim Hauch der von Weſten her fächelt, Beim Sternenſchein, der mit liebendem Glanz Die Wogen zur Abendruh lächelt— O nenn mir das Wort, Durch das wie die Halmen im Grunde, Das Laub der verklungenen Stnde Auf ewig verdorrt. Beim Mai, der auf duftenden Zweigen thront, Bei des Veilchenzelts lieblicher Bläue, Beim Eiland, wo meine Schweſterſchar wohnt Und deine vergeſſene Treue— O lehre mich leben Shne Reue und Schmerz Um dein meineidig Herz; O lehr mich die Kunſt die es äbt, Und Eine die du ein ſt geliebt, Will dich ſegnen und will dir vergeben. „So wahr ich lebe,“ rief Faiſenheim mit ſchwan⸗ xendem Ton:„ſo wahr ich lebe, ich kenne dieſe Stimme.“ Da ſank Silpelit der Mantel von den Schul⸗ tern.„Meine Elfin aus England!“ und Faiſenheim kniete neben ihr. Ihr hättet den Elfen knien ſehen ſollen, denn ihr hättet geſchworen, er mache es ſo ganz wie ein menſchlicher Liebhaber, daß ihr fortan nie mehr auf die Liebe geſpottet haben würdet. Die Liebe iſt et⸗ was ſo Elfenmäßiges in uns, daß ſelbſt ein Elfe ſich nicht anders bei derſelben geberden kann als wir, geſezt unſere Liebe ſei treu. Groſe Freude war dieſe Nacht unter den Elfen auf dem Werder. Sie führten Silpelit in ihren unterirdiſchen Palaſt, wo ſie ihr ein prachtvolles Feſt gaben, und Schnipp erzälte die bisher beſtan⸗ dene Abentener mit ſo guter Laune, daß er die lu⸗ ſtigen Fremdlinge entzükte. Faiſenheim aber ſprach beiſeits mit Silpelit und ſagte ihr er ſei Herr dieſer — c—— c—. — (=— ſc—— ſer 49 Inſel und infolge der Hausgeſeze, die ihm jährlich nur eine gewiſſe Zeit die Abweſenheit geſtatteten, habe er ſich genöthigt geſehen in ſeine Lande zurük⸗ zukehren:„Aber, Königin, ſtets war es meine Ab⸗ ſicht, Dich nächſten Frühling wieder zu beſuchen.“ „Gleichwol lag Dir nicht ob uns ſo jählings zu verlaſſen!“ entgegnete Silpelit erröthend. „Verlaſſe Du mich nicht wieder!“ rief der feuri⸗ ge Elfe.„Sei die Meine und laß uns unſere Ver⸗ mälung an dieſen Ufern feiern. Sehnſt Du Dich nach Deiner grünen Inſel? Nicht doch! dort ſind Deine Altäre verödet, der Glaube iſt aus dem Land gewichen, Du ſtehſt unter den Lezten eines ungeehrten, ſterbenden Geſchlechts. Deine ſterblichen Dichter ſind verdumpft, und Fantaſie, die Deine Prieſterin war, ſchläft den tiefen lezten Schlaf. Neue unzarte Götter ſind auf die Elfenwelt gefolgt. Wer ſchleicht noch in den Nächten des Brachmonats durch die ſternbeglänzten Büſche, den Reigentanz Deines Volks zu belauſchen? Maſchinenräder, Handelsgetös übertäuben für das ſterbliche Ohr die Harfentöne Deiner Unterthanen! Und die Menſchen, barſcher und roher als ihre träumeriſchen Vor⸗ fahren, rüken ihre lärmenden Wohnſize näher und näher um die Thäler und Klüfte wo Deine Ge⸗ noſſen weilen.— Noch einige Jahre, und wo werden Englands grüne Auen ſein?“ Die Königin ſeufzte und der Prinz, bemerkend daß man ihm Ohr leihe, fuhr alſo fort: Bulwers Romane XXI 4 —————— 50 „Wer unter den Menſchenkindern Pebarf jezt in Deinem Geburtland der Elfenfürſorge? Welche Wiegen willſt Du bedienen? Auf welches Mädchen willſt Du Deine roſigen Gaben ausſtrömen? Welchem Dichter willſt Du in ſeinen Träumen zur Seite ſte⸗ hen? Die Poeſie iſt aus der Inſel gefloben: warum 5 willſt Du noch zurükbleiben? Die Zeit hat dumpfe —„—„— Sitten mitgebracht, die Dein zartes Weſen verhöh⸗ nen. Puk iſt in der Hyacinthe begraben; er hat keine Nachkommen und keine Trauer um ſeinen Hin⸗ gang hinterlaſſen, denn die Nacht, die Elfenzeit, iſt ſo geſchäftig und hell wie der Tas geworden. Wel⸗ cher Herd iſt jezt noch nach der Abendgloke verlaſſen? * ——. Welches Haus badet ſich in Schweigen zur Stunde wo Deine Tänze beginnen? Die Herrſchaft über die Menſchen iſt von Dir gewichen und Dein Ge⸗ ſchlecht verſchwindet von der überfüliten Erde. Denn troz unſerer göttlichen Natur iſt unſer Daſein mit demjenigen der Menſchen verflochten. Vernachläſ⸗ ſigung von ihrer Seite iſt unſre Krankheit, ihr Ver⸗ geſſen unſer Tod. So ſcheide denn von dem phili⸗ ſterhaften und doch ſo unruhigen Schaupldz, der die Elfenringe Deiner Geburtinſel einſchliest. Dieſe Gebirge, dieſes Gras, dieſe gleitenden Wellen, dieſe verwitternben Ruinen, dieſe ſternbeſtralten V Bächlein— ſeien ſie, o ſchöne Königin, Dein neu Ge⸗ biet. Noch dauert unſer Dienſt in dieſen Landen; noch immer können wir das Gemüth des jungen 6 Barden anfüllen, uns ſeiner Sehnſucht nach dem 5 e⸗ en em 54 Schönen, dem Unſichtbaren beigeſellen. Hieher kom⸗ men die Pilger der Welt, um hier mindeſtens noch die Sagen von uns aufzuſammeln. Jahrhunderte werden vergehen, ehe unſer Verſchwinden den Rhein entheiligen wird. Komm denn, meine Königin, dieſer Palaſt ſei Dein, und der Mond der über den zerfallenen Mauern des Drachenfelſes hereinblikt ſei unſerer Vermälung, unſeres Gelübdes Zeuge.“ In ſolchen Worten koste der Elfenprinz der jungen Königin vor, und während ſie deren Wahr⸗ heit beſeufzte gab ſie ſich dem Zauber derſelben wil⸗ lig hin.— Ach, ſtets möge noch ein Flek auf Er⸗⸗ den ſein, wo der Elfenfuß den dichterkräftigen Bo⸗ den trit;— ſiets noch möge ein Land ſein, wo eine Verehrung des Unſichtbaren die Menſchen hei— ligt und begeiſtert! Immerfort gleite du, majeſtäti⸗ ſcher, herrlicher Rhein, durch Schatten und Thäler aus welchen ein weiſer Glaube die Schöpfungen einer erneuten Welt hervorrufen kann! Elftes Kapitel. Worin der Leſer in Geſellſchaft der engliſchen Elfen Orte und Weſen unter der Erde zu ſehen bekommt. Während der Hize des folgenden Tags führte Fai⸗ ſenheim ſeine engliſchen Beſucher durch die kühlen Höhlen, die ſich unter den Rheingebiegen hinziehen. 4 52 Tauſend Wunder warteten hier auf die Augen der Elfenkönigin. Nichts zu ſagen von den gothiſchen Bögen und Gewölben, zu welchen ſich die gehöhlte Erde von ſelbſt bildet, oder dem Bach der mit mächtiger Stimme durch die dunkle Kluft rauſcht, oder den emporſtarrenden Silberſänlen, von Gno⸗ men in den Minen des Taunus gefertigt, ſprech ich blos von den ſeltſamen Bewohnern, auf welche man von Zeit zu Zeit ſtieß. In einer einſamen, mit ge⸗ troknetem Mos gefütterten Zelle trafen ſie zwei mis⸗ geſchaffene Elfen von ungewöhnlicher Gröſe, mit ge⸗ meinen Werktagsgeſichtern, die ſehr geräuſchvoll mit einander ſchwazten und ein paar Stiefeln machten. Das waren Erdmännchen oder Hauselfen, die Nachts in den Häuſern der Handwerksleute tanzen und alle Arten unwürdiger Poſſen treiben— Puke ohne die Aumuth ihres engliſchen Verwandten. Sie betrugen ſich ſehr höflich gegen die Königin, denn ſie ſind im Ganzen gutmüthige Geſchöpfe und hatten ehedem viele Vettern in Schottland.— Dem Lauf eines plätſchernden Bachs folgend gelangte man ſofort zu einer Höhlung aus welcher der liſtige Kopf eines Fuch⸗ ſes hervorgukte. Die Königin erſchrak.„O tretet näher,“ ſprach der Fuchs ermuthigend:„ich gehöre zum Elfengeſchlecht; wir Thierelfen ſpielen in der deutſchen Sagenwelt gar manchen Streich.“ „Wirklich, Meiſter Fuchs,“ entgegnete der Prinz, „Er ſpricht nichts als die Wahrheit. Wie befindet ſich Meiſter Braun?“ 6 is⸗ ge⸗ nit n. s lle die en em nes zu ch⸗ etet öre der inz, det 53 „Sehr wol, mein Prinz: nur macht ihm ſeine Abgeſchiedenheit manches Herzeleid, denn wirklich kann unſer Volk gegenwärtig wenig oder nichts in der Welt thun, und ſo müſſen wir in unſern alten Tagen hier liegen, Geſchichten aus der Vergangen⸗ heit erzälen und die Thaten, die wir in der Jugend verrichtet, wiederholen, wie Sie, Madame, in al⸗ ler Elfenhiſtorien in der Bibliothek des Prinzen nachleſen können.“ „Zum Beiſpiel ſeine eigene Liebesabenteuer, Meiſter Fuchs,“ ſagte der Prinz. Der Fuchs knurte ärgerlich und zog den Kopf in ſein Loch. „Sie haben das Misfallen Ihres Freundes er⸗ regt,“ bemerkte Silpelit. „Ja— er mag keine Anſpielungen auf die Thor⸗ heiten ſeiner Jugendliebe. Haben Sie je von ſeiner Nebenbulerſchaft mit dem Hund um die Gunſt der Kaze gehört?“ „Nein— das muß ſehr amüſant ſein.“ „Wol, meine Königinz wenn wir nachher aus⸗ ruhen, will ich Ihnen die Geſchichte von der Freie⸗ rei des Fuchſes erzälen.“ Der nächſte Ort, zu dem ſie kamen, war eine groſe Runenhöhle mit dunkeln Inſchriften einer ver⸗ geſſenen Sprache überdekt. Auf einem groben Stein ſaß ein Zwerg mit langen gelben Haaren, den Kopf auf die Bruſt gelehnt und in Gedanken vertieft. „Der gehört einem verſtändigen, mächtigen Ge⸗ 54 ſchlecht an,“ flüſterte Faiſenheim,„das oft mit den Elfen geſtritten hat. Er iſt aber von der guten Art.“ Hier erhob der Zwerg mit ſchwermüthiger Miene den Kopf und blikte auf die glänzenden Geſtalten vor ihm, auf welche die Kienfakeln in den Händen des prinzlichen Gefolges ein helles Licht warfen. „Ueber was ſinnſt Du, o Sohn von Laurins Stamm?“ fragte der Prinz. „Ueber die Zeit,“ antwortete der Zwerg düſter. „Ich ſeh einen Strom; ſeine aus den Wolken herab⸗ flieſenden Waſſer ſind ſchwarz und ſeine Quelle kennt Niemand. Tief rollt er fort und fort durch ein grünes Thal, das er langſam einſchlukt, Thurm und Stadt weg⸗ ſpülend und Alles überwältigend, und der Name des Stromes iſt Zeit.“ Damit ſank der Kopf des Zwerges wieder auf ſeine Bruſt und er ſprach nichts mehr. Die Elfen gingen weiter.„Ueber uns,“ ſprach der Prinz,„erhebt ſich einer der höchſten Berge am Rhein, denn Gebirge ſind die Heimat der Zwerge. Als der groſe Allgeiſt die Erde ſchuf, ſah er daß das Innere der Felſen und Hügel bewohnerlos war und gleichwol ein mächtiges Reich und groſe Paläſte da⸗ rin verborgen lagen:— eine ſchauerliche, dunkle Oede, die aber mitunter von den funkelnden Augen herr⸗ licher Juwelen erleuchtet wurde; die Schazkammer der Menſchenwelt.— Gold und Silber und groſe Hau⸗ fen edler Geſteine und ein Boden voll Metalle. So 55 en ſchuf denn Gott ein Geſchlecht für dieſe weit ge⸗ en dehnten Lande und begabte es mit dem Vermögen zu denken und mit ausnehmender Weisheit, alſo daß ne es der Beluſtigungen und des Thatendrangs der or Oberwelt nicht bedarf, ſondern ſtilles Sinnen in es die dunkeln Grotten ſeine Freude iſt. In der Schwelgerei des Denkens fliest das Daſein dieſer ns Weſen dahin; nur von Zeit zu Zeit erſcheinen ſite über der Erde und theilen den Menſchen Wol oder er. Wehe zu, je nach ihrer Natur, denn ſie zerfallen ab⸗ in zwei Klaſſen, in eine gute und eine böſe.“ nt Während der Prinz noch ſprach ſahen ſie von tes einem Riß in dem obern Felſen ein ſcheusliches Ge⸗ eg⸗ ſicht mit einem langen, wirren Bart herbliken. Jener me nahm ſich zuſammen und ſchaute den böſen Zwerg — denn ein ſolcher war es— ſtirnrunzelnd an; auf aber die Frazze verſchwand jählings miteiner wilden Lache, deren Wiederhall geiſterhaft durch die langen ach Hohlgänge fortlief. am Die Königin klammerte ſich an Faiſenheims ge. Arm.„Fürchte Dich nicht, meine Königin,“ ſprach das er;„das böſe Geſchlecht hat keine Macht über unſre und lichte, ätheriſche Natur. Nur mit Sterblichen kämpft da⸗ es; Der, welchen wir eben geſehen, war in alten ede, Zeiten einer der tödtlichſten Feinde der Menſchheit.“ err⸗ Durch einen gewundenen Gang gelangten ſie mer jezt in eine ſchöne Nebenhalle in dem Berg. Sie au⸗ war von kreisförmiger Geſtalt und von erſtaunlicher Höhe; in der Mitte warf ein natürlicher Spring⸗ brunnen ſein perlendes Waſſer empor, und ringsum⸗ her ſtanden Säulen von maſſivem Granit, die zahl⸗ loſe Perſpektiven bildeten, bis ſie ſich in das Dunkel der Ferne verloren. Juwelen waren umher geſtreut und hell ſpielten die Elfenfakeln gegen die Edel⸗ ſteine, den Springbrunnen und das bleiche Silber, das in häufigen Zwiſchenräumen aus dem Felſen flimmerte.„Hier last uns ruhen,“ ſprach der galante Elfe und ſchlug die Hände zuſammen:„He da! Muſik und Tiſche.“ So wurde die Tafel neben dem Brunnen ge⸗ dekt. Für den Prinzen und ſeinen Beſuch ſtreuten die Hofleute mitgebrachte Roſenblätter, und mitten durchs dunkle Reich der Zwerge brach der ſüße Ton der Elfenſaiten. „Wir haben dieſe böſen Weſen in England nicht,“ ſagte die Königin ſo leis ſie ſprechen konnte. „Sage mir, welcher Art war der Verkehr der böſen Zwerge mit den Menſchen?“ „Du weist,“ erwiederte der Prinz,„daß alle Gattungen der lebenden Weſen etwas Gemeinſchaft⸗ liches haben; die mächtige Kette der Sympathie läuft durch die ganze Schöpfung. Durch Das, was der Menſch mit den Thieren des Feldes oder den Vögeln des Himmels gemeinſam hat, herrſcht er über die ihm untergeordneten Geſchlechter. Er nimmt den allgemeinen Affekt der Furcht oder des Wett⸗ eifers in Anſpruch, wenn er den wilden Hengſt zähmt; das allgemeine Streben nach Beſiz und Ge⸗ —————— — ie 8 er nt ſt E 57 winn, wenn er die Fiſche des Fluſſes bethört oder die Wölfe durch das Blöken des Lammes in die Grube lokt. Ihrerſeits beherrſchten oder verlokten in alten Zeiten die Dämonen das Menſchengeſchlecht durch die Leidenſchaften, welche ſie mit demſelben gemein haben. Der Zwerg, den Du geſehen, ge⸗ hörte zu der Art die ſich durch Streben nach Macht und Schäzen auszeichnet, und zu eben dieſen Be⸗ gierden in der eigenen Bruſt nahm er den Menſchen gegenüber ſeine Zuflucht. So bereitete er ſich ſeine Opfer! Doch nicht jezt, theuerſte Silpelit,“ fuhr der Prinz mit lebhafterem Ausdruk fort:„nicht jezt wollen wir von dieſen düſtern Weſen ſprechen. He da, last die Muſik ſchweigen und kommt Alle hieher, eine wahre und ungeſchmükte Geſchichte von dem Hund, der Kaze, dem Greif und dem Fuchs zu hören. Zwölftes Kapitel. —.—— Die Freierei des Meiſters Fuchs.*) Bekantlich geliebte Silpelit, waltete zur Zeit von der ich ſpreche keine Feindſchaft zwiſchen den ver⸗ *) Bei den Elfenepiſoden beabſichiigt der Verfaſſer vor den Leſern eine Bilderfolge der verſchiedenen Geſchöpfe ſchiedenen Thiergeſchlechtern vb. Der Hund und der Haſe plauderten ganz vergnügt mit einan⸗ der, und Jederman weiß daß der Wolf, der damals noch nichts vom Hammelsbraten zur Kunde gebracht, eine beſondere Zärtlichkeit für das Lamm empfand In jenen glüklichen Tagen hatten zwei höchſt angeſehene Kazen von ſehr altem Haus eine einzige Tochter. Nie gab es ein liebenswürdigeres, anziehenderes Kizchen; als es gröſer wurde, entfaltete es ſo viele Reize, daß es in kurzer Zeit als die erſte Schön⸗ heit in der Umgegend berufen war. Soll ich ſeine Vorzüge beſchreiben? Es genüge an der Andeutuns⸗ daß ſein Fell die Farbe des feinſten Schildplatts hatte, daß ſeine Pfoten weicher als Samt, ſein Schnurbart mindeſtens zwölf Zoll lang war und daß die Augen eine für eine Kaze erſtaunliche Sanft⸗ heit ausſprachen. Zälte die junge Schönheit ſchon während des Lebens von Monſieur und Madame ————————— des deutſchen Märchenſchazes in der Kürze vorüber⸗ gehen zu laſſen, ſo daß ſein Werk auf dieſe Art die uſſere und die innere Welt des Landes am Rhein ſchildert. Die Geſchichte von der Freierei des Fuchſes wurde entworfen, um dem engliſchen Publikum einen Begriff von einer bei uns nicht eingebürgerten obwol bei unſern irländiſchen Nachbarn ſehr häufigen Märchen⸗ art zu geben, in welcher blos Thiere als handelnde Perſonen eingeführt und mit all den feinen Schattirun⸗ gen des Kaxrakters und der ganzen Abwechslung indi⸗ vidueller Züge gezeichnet ſind, als ob es Weſen aus der Menſchenwelt wären. und ſaR⸗ lals cht, In hene ter. eres viele hön⸗ ſeine ung⸗ ſein und anft⸗ ſchon dame rüber⸗ t die Rhein uchſes enen obwol rchen⸗ delnde tirun⸗ indi⸗ naus 59 Bewerber in Menge, ſo könnt Ihr Euch vorſtellen daß dieſe Zahl nicht abnahm, als ſie in einem Alter von dritthalb Jahren Waiſe und damit einzige Er⸗ bin des ganzen Vermögens ihrer Eltern wurde. Mit einem Wort, ſie war die reichſte Partie im ganzen Land. Ohne Sie, meine theure Königin, mit den Begegniſſen ihrer übrigen Liebhaber, mit deren Bewerbung und eingeholten Körben zu be⸗ läſtigen, geh ich ſogleich auf die zwei Nebenbuler über, die am meiſten Vertrauen auf einen glüklichen Erfolg hatten:— den Hund und den Fuchs. Der Hund war ein hübſcher, grundehrlicher, warmer Burſche.„Für meinen Theil,“ ſprach er, „wundere ich mich nicht, daß meine Baſe Braun den Bären und Iſegrim den Wolfausgeſchlagen; frei— lich geben ſie ſich ein groſes Anſehen und nennen ſich von Adel, aber was mehr? Braun iſt immer übeln Humors und Iſegrim beſtändig in einer Leidenſchaftz eine Kaze von irgend einigem Gefühl würde mit Jedem von Beiden ein klägliches Leben führen. Was mich betrift, ſo bin ich ſtets von der beſten Laune, wenn man mich nicht mit Gewalt aufbringt, und babe keinen Fehler als daß ich ärgerlich werde, wenn man mich beim Eſſen ſtört. Ich bin jung und wol⸗ geſtaltet, liebe Spiel und Vergnügung und bin über⸗ haupt ein ſo guter Ehemann als eine Kaze an ei⸗ nem Sommertag finden kann. Nimmt ſie mich, wol und gut; ſie mag ihr Vermögen ſür ſich behal⸗ ten! Nimmt ſie mich nicht, ſo trag ich ihr deshalb nichts nach und werde mich hoffentlich nicht ſo ſehr verlieben, daß ich vergäße es gäbe noch andere Ka⸗ zen in der Welt.“ Damit ſchlug der Hund den Schwanz über den Rüken und begab ſich mit fröhlichem Geſicht zu ſei⸗ ner Gebieterin. Nun hatte aber der Fuchs gehört wie der Hund alſo zu ſich ſprach, denn der Fuchs lugte überall aus Höhlen und Winkeln hervor, und als der Hund ihm aus dem Geſicht war brach er in ein Gelächter aus. „Hoho! mein hübſcher Geſell,“ ſprach er,„nicht ſo eilig, wenn ich bitten darf. Du haſt, must Du wiſſen, den Fuchs zum Mitbewerber.“ Der Fuchs iſt, wie Ihr wist, ein Thier das nichts ohne eine Mächelei thun kann, und da er ſei⸗ ner Liſt halber in der Regel in all ſeinen Unterneh⸗ mungen ſehr glüklich war, zweifelte er keinen Au⸗ genblik er werde dem Hund den Brei verſalzen. Wol wuste Reineke daß man in der Liebe wo mög⸗ lich ſtets der Erſte in der Reihe ſein muß, daher er beſchloß dem Hund den Vorſprung abzugewinnen und früher als er in der Wohnung der Kaze anzu⸗ langen. Das war aber keine leichte Sache, denn konnte Reineke auch auf eine kurze Streke Wegs ſchneller rennen, als der Hund, ſo that er es ihm doch auf einer längern Wanderung nicht gleich.„Bei all Dem,“ ſagte Reineke,„haben ſolche gutmüthige —— 64 Geſchöpfe nie viel Kopf, und ich denke ich weiß hr ſchon was ihn unterwegs anködern ſoll.“ a⸗ Damit trabte der Fuchs durch einen näheru Zwiſchengang im Wald raſch vorwärts, kam dem en Hund zuvor, legte ſich in ein Loch in der Erde und ei⸗ fing an höchſt jämmerlich zu heulen. Der Hund erſchrak, als er den Lärm vernahm, ſehr.„Sieh einmal,“ ſprach er,„ob ſich der arme er gte Fuchs nicht in eine Schlinge verfangen hat. Solche ls verſchmizte Geſchöpfe haben immer Unglük; dem Himmel ſei Dank, mir kommt es nie bei verſchmizt ſein zu wollen.“ Und das gutmüthige Thier rannte ſo ſchnell als es vermochte fort, um zu ſehen was cht es mit dem Fuchs für eine Bewandniß habe. Du„Ach Lieber,“ rief Reineke,„was ſoll ich thun, was ſoll ich thun! mein armes Schweſterchen iſt in das dieſes Loch gerathen, und ich kann ſie nicht wieder ſei⸗ herauskriegen; ſicherlich erſtikt ſie darin.“ Damit eh⸗ brach er in ein noch kläglicheres Geheul als zuvor Au⸗ aus. en.„Aber lieber Reineke,“ fragte der Hund ganz ög⸗ ſchlicht,„warum ſchlüpfſt Du Deiner Schweſter nicht er nach?“ nen„Ja, Das kannſt Du freilich fragen,“ erwie⸗ 1zu⸗ derte der Fuchs,„aber in der Anſtrengung hinein⸗ enn zukommen hab ich mir, ſiehſt Du nicht? das Kreuz eg verrenkt und kann nicht mehr von der Stelle. Ach ihm Freund, was fang ich an wenn mein armes Schwe⸗ Bei ſterchen erſtikt.“ hige „Laß Dir deshalb nicht bang ſein,“ erwiederte der Hund:„ich will ſie im Augenblik heraus haben.“ Damit zwängte er ſich mit groſer Schwierigkeit in das Loch. Nicht ſobald ſah der Fuchs, daß der Hund völ⸗ lig drin ſtak, als er einen groſen Stein vor die Oeffnung wälzte und ſo feſt dagegen aulehnte, daß der Hund, der ſich nicht umwenden und mit den Vorderp oten dagegen krazen konnte⸗ im engſten Ver⸗ wahrſam lag. „Ha, ha!“ lachte Reineke drauſſen;„unterhalte Dich gut mit meinem Schweſterchen, unterdeſſen will ich an Fräulein Kaze Deine Komplimente ver⸗ melden.“ Damit machte ſich Reineke leichten Schrittes davon, und kümmerte ſich keinen Augenblik darum was aus dem armen Hund werden möchte. Als er vei der Wohnung der ſchönen Kaze anlangte, be⸗ ſchloß er zuvor einer Freundin, einer alten Elſter, die in einem Baum wohnte und mit jeder Neuig⸗ keit in der Gegend wol bekaunt war, einen Beſuch zu machen.„Denn“ dachte Reineke,„vielleicht erfahr ich dabei die ſchwachen Seiten meiner künftgen Brautund kriege ſomit gleich einen Halt an denſelben.“ Die Elſter empfing den Fuchs mit groſer Herz⸗ lichkeit, und fragte was ihn ſo weit von ſeinem Haus abgeführt habe. „Auf mein Wort!“ entgegnete der Fuchs,„haupt⸗ ſächlich das Verlangen Sie, meine Gnädige, wieder ——+— il 65 zu ſehen und die angenehmen Geſchichten zu hören, die Sie mit ſo bezaubernder Anmuth erzälen: fo⸗ dann, um Ihnen ein Geheimniß mitzutheilen;— falls ich überzeugt ſein darf daß es unter uns bleibt“ „»Auf das Wort einer Elſter,“ unterbrach ihn die Freundin. „Verzeihen Sie, daß ich einen Zweifel hegen konnte,“ fuhr der Fuchs fort;„ich hätte daran den⸗ den ſollen, daß eine Elſter das Sprichwort der Ver⸗ ſchwiegenheit iſt. Alſo, was ich ſagen wollte, Sie kennen Ihre Majeſtät die Löwin?“ „Allerdings,“ entgegnete die Elſter und hob den Kopf hoch. „Gut; es beliebte ihr eine Herzensneig... das heist eine— wie ſag ich?— eine Kaprice für dero unterthänigen Diener zu faſſen; darüber wurde der Löwe ſo eiferſüchtig, daß ich es für klüglich hielt, mich aus dem Feld zu machen; ein eiferſüchtiger Löwe iſt kein Spas, ich verſichere Sie, meine Gnä⸗ dige. Aber reinen Mund!“ Eine ſo wichtige Neuigkeit erfreute die Elſter boch. Sie konnte nicht umhin dieſelbe mit allen Neuigkeiten aus ihrem Vorrath zu bezalen. Alles was ſich die böſe Welt über Braun und Iſegrim ins Ohr ſtüſterte, ſagte ſie dem Fuchs und machte ſich ſofort über die arme junge Kaze her. Keine ihrer Schwä⸗ chen blieb unaufgedekt, Das dürft Ihr glauben. Der Fuchs hörte mit groſer Aufmerkſamkeit zu und 64 erfuhr genug um, mit Sicherheit annehmen ſehr empfänglich für Sch troz der Uebertreibung der Elſter, zu können daß die Kaze meichelei ſei und ein gut Theil Einbildungskraft beſize. Als die Elſter zu Ende war, bemerkte ſie:„Aber für Sie ſein, einen ſo es muß ein groſes Unglük des Löwen entbehren zu prachtvollen Hof wie den müſſen?“ „Was Das betrift,“ erwiederte der Fuchs,„ſo tröſtete ich mich über mein Exil durch ein Geſchenk das mir Seine Majeſtät als Belohnung meiner Sorge für ſeine Ehre und häusliche Ruhe beim Ab⸗ ſchied überreichte, nämlich drei Haare aus dem fünf⸗ ten Fuß des Amoronthologosphorus. Denken Sie einmal, gnädige Frau!“ „Von was?“ rief die Elſter und hielt das linke Ohr abwärts. „Von dem Amoronthologosphorus.“ „Sieh, ſieh! und was bedeutet dieſes lange Wort, mein lieber Reineke?“ „Der Amoronthologosphorus iſt ein Thier, das auf der andern Seite des Fluſſes Cylinx wohnt; es pat fünf Füße und an dem fünften Fuß drei Haare, und Wer dieſe drei Haare beſizt, hat das Vermö⸗ gen auf immer jung und ſchön zu bleiben.“ „Was Sie ſagen! Möchten Sie mich dieſelben nicht ſehen laſſen 2“ fragte die Elſter und bielt die Klaue hin. „Wie gern möcht' ich mich Ihnen hierin ver⸗ ber ſo zu „ſo en iner Ab⸗ ünf⸗ Sie linke ange das aare, ermö⸗ ſelben lt die nver⸗ 65 bindlich erweiſen, Gnädige, aber es iſt von der höch⸗ ſten Wichtigkeit daß ich die Haare blos der Dame zeige, die ich heirate. In der That üben dieſelben ihre Wirkung nur auf das ſchöne Geſchlecht, wie Sie an mir ſelbſt wabrnehmen können, deſſen arme Ge⸗ ſtalt ihr Beſiz nicht im Mindeſten verbeſſert hat. Sie ſind deshalb zu einem Hochzeitgeſchenk beſtimt und Seine Majeſtät der Löwe hat mich auf dieſe Att grosmüthig für die Verzichtung auf die Zärtlich⸗ keit der Königin entſchädigt. Man muß geſtehen daß das Präſent mit vielem Zartſinn ausgedacht war. Aber Sie erwähnen doch gewiß kein Wort da⸗ von?“ „Guter Himmel, eine Elſter und ausſchwazen!“ rief die alte Plaudertaſche. Damit wünſchte der Fuchs der Elſter gute Nacht und zog ſich in ein Loch zurük, um die Mühen des Tages erſt auszuſchlafen, eh er ſich der ſchönen jun— gen Kaze vorſtellte. Am nächſten Morgen war es, der Himmel weiß wie, in der ganzen Gegend herum, Reineke Fuchs ſei wegen der Gunſt, die Ihro Majeſtät gegen ihn bli⸗ ken laſſen, von Hof verbannt worden und der Löwe habe ihm ſeinen Abgang durch drei Haare verſüßt, die jede Dame, die der Fuchs ehlichen würde, auf immer jung und ſchön erhielten. Die Kaze befand ſich unter den Erſten, welchen die Neuigkeit zu Ohr kam, und ſie ward höchſt neu⸗ gierig einen ſo intereſſanten Fremden zu ſehen, deſ⸗ Bulwers Romane XXI. 5 66 ſen Schäze, nach dem Ausdruck des Tages,„jedes Thier glüklich machen musten.“ Nicht lang blieb ihr Wunſch unerfüllt. Als ſie einen Spaziergang durchs Holz machte, wuste es der Fuchs ſo zu wen⸗ den, daß er ihr begegnete. Ihr dürft verſichert ſein⸗ daß er ihr ſeine beſte Verbeugung machte; dabei ſchmeichelte er dem armen Mädchen mit einer ſo einnehmenden Miene, daß ſie ſich über die Neigung der Löwin keineswegs wunderte. Unterdeſſen aber last uns ſehen, was au nem Nebenbuler, dem Hund, geworden. „Ach das arme Thier!“ rief Silpelit.„Man ſteht leicht voraus, daß vicht einmal nöthig ge⸗ weſen wäre es lebendig zu begraben, um ihm gleich⸗ wol jede Wahrſcheinlichkeit auf eine Heirat mit der Erbin zu rauben.“ „Warten wir das Ende ab,“ entgegnete Faiſen⸗ heim.„Als der Hund fand, daß er alſo in die Falle gerathen, gab er ſich für verloren. Umſonſt ſtieß er mit ſeinen Hinterbeinen gegen den Stein; er riß ſich blos die Pfoten wund, und war endlich genöthigt mit ausgeſtrekter Zunge und ganz er⸗ ſchöpft liegen zu bleiben.„Gleichwol,“ ſprach er⸗ nachdem er wieder zu Athem gekommen,„will ich hier nicht verhungern, ohne zuvor meine Befreiung auf jede Art verſucht zu haden; tann ich auf dem einen Weg nicht heraus, ſo ſehen wir einmal ob auf der andern Seite kein Loch iſt.“ Damit kehrte ſein Muth, der bei ihm die Stelle der Schlauheit s ſei⸗ —+— au ge ch⸗ der en⸗ die onſt in; lich er⸗ er, ich ung dem auf hrte theit vertrat, zurük und er ſchritt mit derſelben uner⸗ ſchrokenen Art, in welcher er ſich immer benahm, vor⸗ wärts. Anfangs war die Bahn ausnehmend eng und er ſtieß ſeiue Seiten oft genng gegen die rau⸗ hen Steine, die aus der Erde hervorragten. All⸗ mälig aber wurde der Weg breiter und der Einge⸗ kerkerte wanderte ſehr erleichtert fort, bis er in eine groſe Höhle gelangte, wo ein ungeheurer Greif auf dem Schwanz ſaß und aus einer gewaltigen Pfeife rauchte. Dem Hund gefiel es keineswegs, ſo jählings auf ein Geſchöpf zu ſtoßen, das blos das Maul aufzu⸗ machen brauchte, um ihn auf Einen Biſſen hinuntes⸗ zuſchlingen; indeſſen wandte er der Gefahr ein herz⸗ haftes Geſicht zu, nahte ſich dem Greifen ehrerbietig und ſagte:„Mein Herr, ich würde Euch höflich verbunden ſein, wenn Ihr mir den Weg aus dieſen Höhlen in die Oberwelt andeuten wolltet.“ Der Greif nahm die Pfeife aus dem Mund und ſah den Hund ſehr ſtreng an. „Elender!“ ſprach er,„wie kommſt Du hieher? Gewiß haſt Du mir meinen Schaz ſtehlen wollen; aber ich weiß wie ich mit Landſtreichern Deines Ge⸗ lichters zu verfahren habe und werde Dich ohne Weiteres auffreſſen.“ „Das kannſt Du thun, wenn Dirs ſo gefällt,“ ſagte der Hund,„aber es wäre ein ſehr unſchö⸗ nes Benehmen von einem ſo gieee Thier 63 als ich. Ich für an, der mir an Höhe ni mich ſchämen, w Deine Schäze betrift, ſo iſt der worin ich ſtehe, meinen Theil greife nie einen Hund cht gleich tommt. Ich würde enn ich ſo etwas thäte, und was Ruß der Ehrlichkeit zu bekant, als daß ich einen ſol⸗ chen Verdacht verdiente.“ „Auf mein Wort,“ rief der Greif, der ſich troz aller Mühe eines Lächelns nicht erwehren konnte, „Du haſt eine ausnehmend unumwundene Art Dich auszudrüken;— aber wie, ſag ich, kommſt Du hieher?“ lte der Hund, der nicht wuste was dem Greifen die ganze Geſchichte Weg gemacht um der Kaze auf⸗ Fuchs Reineke ihn in die Nun erzä eine Lüge war, wie er ſich auf den zuwarten, und wie der Höhle gelokt. Als er zu Ende war, ſagte der Greif:„Ich ſeh', mein Freund, daß Du die Wahrheit zu ſagen verſtehſt; ich brauche juſt ein en ſolchen Knecht, wie Du mir einer ſein würdeſt, deshalb bleib bei mir und halte Wache über meinen Schäzen wenn ich ſchlafe.“ „Zwei Worte hierauf!“ entgegnete der Hund. „Ihr habt mein Gefühl durch die Beargwöhnung meiner Ehrlichkeit ſehr verlezt, und ich möchte viel lieber in den Wald zurük und mich an dem Schur⸗ ken von Fuchs rächen, als einem Herrn dienen, der eine ſo üble Meinung von mir hat, ſelbſt wenn er mir alle Schäze der Welt zum Behalten, nicht zum — — 8 )c)—— h ir ch 266 as te ie Ich en wie mir ich nd. ung viel ur⸗ der ner zum 69 Hüten, gäbe. Ich bitt Euch daher mich zu ent⸗ laſſen und mich auf den rechten Weg zu meinem Bäschen, der Kaze, zu weiſen.“ „Ich halte nicht viel Federleſens,“ entgegnete der Herr der Höhle,„und laß Dir die Wahl: werde mein Knecht oder meimFrühſtük; es gilt mir gerade gleich. Ich geb Dir Bedenkzeit bis ich meine Pfeife ausgeraucht habe.“ Der arme Hund brauchte keine ſo lange Zeit zur Ueberlegung.„Es iſt zwar,“ dachte er,„ein groſes Unglük mit einem Greifen von ſo ungefälligem Aeuſſern in einer Höhle zu wohnen; wenn ich ihm aber treu und redlich diene, ſo erbarmter ſich meiner wol mit der Zeit und läst mich auf die Erde zu⸗ rük und meinem Bäschen ſagen, was für ein Hol⸗ lunke der Fuchs iſt. Was das Uebrige anlangt, ſo iſt es, wenn ich auch mein Leben ſo theuer als möglich verkaufen würde, unmöglich gegen einen Greifen anzukämpfen, der ein ſo ungeheures Maul hat.“ Kurz er entſchloß ſich, bei dem Mann in Dienſt zu treten. „Gib mir die Pfote darauf,“ ſagte der grimme Raucher, und der Hund gab ihm die Pfote. „Und nun,“ ſprach der Greif,„will ich Dir ſagen, was Du zu thun haſt: ſieh einmal!“ Damit hob er den Schwanz auf und zeigte dem Hund ei⸗ nen groſen Haufen Gold und Silber in einem Loch im Boden, das er bisber mit den Krümmungen des Schweifes bedekt gehabt, und nebenbei, was dem 70 Hund von gröſerem Werth dünkte, einen groſen Haufen Knochen von ſehr verführeriſchem Anſehen. „Nun,“ ſagte der Greif,„den Tag über kann ich all Dies recht gut ſelbſt hüten, bei Nacht aber muß ich nothwendig ſchlafen, und während meines Schlafs must dann Du ſtatt meiner Wache halten.“ „Sehr wol,“ bemerkte der Hund;„in Bezug auf das Gold und Silber hab ich nichts einzuwen⸗ den, aber ich möchte beinah, daß Ihr dieſe Knochen einſchlöſſet, denn bei Nacht werd ich oft hungrig und—“ „Halts Maul!“ rief der Greif. „Aber Herr,“ ſing der Hund nach kurzem Stillſchweigen von Neuem an,„gewiß kommt nie Jemand an einen ſo abgelegenen Aufenthalt. Wer ſind die Diebe, wenn ich ſo frei ſein darf zu fragen?“ „Wiſſe,“ erwiederte der Greif,„daß es hier herum eine groſe Menge Schlangen gibt, die be⸗ ſtändig drauf aus ſind, mir meinen Schaz zu ſteh⸗ len. Träfen ſie mich einmal eingenikt, ſo würden ſie, nicht zufrieden mit dem Diebſtahl, obendrein Alles anwenden um mich todt zu ſtechen⸗ So verkomm ich denn beinah aus Mangel an Schlaf.“ „Ach,“entgegnete der Hund, der eine gute Nacht⸗ ruhe liebte,„ich beneide Euch nicht um Euern Schaz, Herr.“ Mit Anbruch der Nacht legte ſich der Greif, der ein ziemlich Theil Scharſſiun beſaß und ſah, m nie er zu ier be⸗ eh⸗ den lles mm 74 daß er ſich auf den Hund verlaſſen könne, in einen andern Winkel der Höhle zum Schlaf nieder; und der Hund überuahm, nachdem er ſich erſt wol ge⸗ ſchüttelt um recht wach zu bleiben, die Hütung des Schazes. Der Mund wäſſerte ihm ausnehmend nach den Knochen und er konnte ſich nicht enthalten ſie dann und wann zu beriechen, aber er ſprach zu ſich ſelbſt:„Ein geſchloſſener Handel bleibt ge⸗ ſchloſſen, und da ich einmal zugeſagt dem Greif zu dienen, ſo muß ich es als ein ebrlicher Hund thun.“ Gegen Mitternacht kam eine groſe Schlange zu einer Seite der Höhle hereingekrochen, der Hund aber ſchlug ein ſo lautes Gebell auf, daß der Greif erwachte und die Schlange ſo ſchnell ſie konnte wie— der wegkroch. Da war der Greif ſehr zufrieden und gab dem Hund einen von den Knochen, ſich daran zu erluſtigen. Und jede Nacht hütete der Hund den Schaz und hielt ſich ſo gut, daß zulezt gar keine Schlange mehr zu erſcheinen wagte. So genoß denn der Greif eine herrliche Nachtluſt. Der Hund befand ſich jezt viel behaglicher, als er erwartet hatte. Regelmäßig gab ihm der Greif einen von den Knochen zum Nachteſſen und ward, erfreut über die Treue ſeines Knechts, ein ſo ange⸗ nehmer Gebieter, als es ein Greif immerhin ſein konnte. Gleichwol wünſchte ſich der Hund im Ge— heimen immer noch ſehulich nach der Erde zurük, denn da er den Tag über nichts zu thun hatte, als auf dem Bodeu zu liegen und zu ſchlaſen, ſo 72 träumte er beſtändig von den Reizen ſeines Bäs⸗ chens, und würgte in der Einbildung den Schurken Reineke ſo kräftig, als einem Fuchs dieſes Ehre von den Pfoten eines Hundes je widerfuhr. Keuchend wochte er auf— ach! er konnte ſeine Träume nicht verwirklichen! Eines Nachts, als er wie gewöhnlich den Schaz bewachte, ſah er zu ſeinem groſen Erſtaunen ein ſchönes ſchwarz und weißes Hündlein in die Höhle kommen. Es wedelte unſerem ehrlichen Freund zu und bewegte das Schwänzlein gar vergnüglich. „Ah, Kleines!“ ſagte unſer Hund, den ich zur Unterſcheidung den Wachthund nennen will,„Du thäteſt am beſten Dich ſo ſchnell als möglich wieder zu entfernen. Sieh dort im andern Winkel der Höhle ſchläft ein groſer Greif; wacht er auf, ſo frist er Dich entweder, oder macht Dich zu ſeinem Kuecht, wie er mit mir gethan.“ „Ich weiß was Du mir ſagen willſt,“ entgeg⸗ nete das Hündchen,„und bin zu Deiner Befreiung herabgekommen. Der Stein iſt von der Oeffnung weggerükt, und Du haſt nichts zu thun, als mit mir umzukehren. Komm, Bruder, komm.“ Der Hund wurde durch dieſe Anrede ſehr auf⸗ geregt.„Dring nicht in mich, mein lieber kleiner Freund,“ ſprach er;„Du mustwiſſen, ich wäre über⸗ glüklich, wenn ich aus dieſer kalten Höhle entkommen und mich wieder einmal auf dem weichen Raſen wälzen könnte; aber wenn ich meinen Herrn ver— —,,—jz—j————— ( S— 5 n id ht a3 in zu ur Du der ſo em eg⸗ ng ing mit uß⸗ ner ber⸗ men ſen ver⸗ 75 laſſe, ſo kommen die verfluchten Schlangen, die be⸗ ſtändig auf der Lauer liegen, und ſtehlen lihm ſei⸗ nen Schaz, ja ſtechen ihn vielleicht gar todt.“ Auf Dies hin ging das Hündchen auf den Wachthund zu, machte ihm die dringenſten Gegen⸗ vorſtellungen, lekte ihm liebkoſend beide Seiten des Geſichts, pakte ihn beim Ohr und ſuchte ihn von dem Schaz wegzuziehen; aber der Hund war nicht zum kleinſten Schritt zu bringen, ſo ſchmerzlich ſein Herz ihn auch drängte. Endlich da es Alles ver⸗ gebens fand ſagte das Hündlein:„Nun denn, wenn ich Dich verlaſſen muß, ſo lebe wol, äber ich bin auf dem langen Herabweg zu Dir ſo hungrig ge⸗ worden, daß ich wünſchte Du gäbeſt mir einen von dieſen Knochen. Sie riechen ſehr annehmlich und Einer aus ſo vielen wird nie vermist werden.« „Ach,“ rieſ der Hund,„wie unglüklich daß ich den Knochen, den mir mein Herr gegeben, bereits verſpeist habe, ſonſt ſollteſt Du ihn mit Freuden bekommen. Von dieſen hier aber kann ich Dir kei⸗ nen mittheilen, denn mein Herr hat mir das Ver⸗ ſprechen abgenommen, ſie alle zu hüten und ich hab ihm die Pfote drauf gegeben. Ich bin überzeugt daß ein Hund von Deinem ehreuhaften Anſehen jezt nichts Weiteres über die Sache ſagen wird.“ Da erwiederte das Hündchen verdrieslich: Pah! wie albern Du ſprichſt! Sicherlich vermist ein gro⸗ ſer Greif ein Knöchlein, wie es für mich past, nicht.“ 74 Damit niſtelte es ſein Näschen unter den Wacht⸗ hund und ſuchte einen der Knochen hervorzuzerren. Auf Dies wurde der Wachthund zornig und pakte, obwol mit groſer Ueberwindung, das Hünd⸗ lein beim Genik und ſchleuderte es von ſich, jedoch ohne ihm einen Schaden zu thun. Plözlich ver⸗ wandelte ſich das Hündlein in eine ungeheure Schlange, gröſer als der Greif ſelbſt, und der Wacht⸗ hund bellte ans aller Macht. Haſtig fuhr der Greif auf, und die Schlange ſchoß auf ihn los, eh er noch recht wach geworden. Ich wünſche, theuer⸗ ſte Silpelit, Sie hätten den Kampf zwiſchen dem Greif und der Schlange mit anſehen können, wie ſie puſteten und ziſchten und biſſen und ihre feuri⸗ gen Zungen gegen einander zukten. Endlich ge⸗ waun die Schlange die Oberhand und wollte die Zunge eben in denjenigen Theil des Greifen ein⸗ ſenken, der von keinen Schuppen gedekt iſt, als der Hund ſie beim Schwanz erwiſchte und ſo heftig viß, daß ſie nicht umhin konnte, ſich umzuwenden, um. ihren neuen Feind zu tödten; der Greif aber erſah ſich ſchnell ſeinen Vortheil, pakte die Schlange mit beiden Klanen um die Kehle und erdroſſelte ſie richtig. Sobald er ſich vor der Anſtrengung des Kampſfes erholt hatte, überhäufte er ſeinen Lebens⸗ retter mit jeder Art von Liebkoſungen. Der Hund erzälte ihm die ganze Geſchichte und der Greif er⸗ klärte ſofort, die todte Schlange ſei der Schlangen⸗ ſt hi la ſe ht⸗ 3. nd nd⸗ och er⸗ ure cht⸗ der eh uer⸗ dem wie uri⸗ ge⸗ die ein⸗ der etig nden, aber lange ſſelte g des bens⸗ Hund if er⸗ ngen⸗ 75 könig geweſen, welcher die Macht beſize ſich in jede beliebige Geſtalt zu verwandeln. „Hätte ſie Dich verlokt,“ ſprach er,„von dem Schaz auch nur aüfeinen Augenblikzu weichen, oder ihr irgend einen Theil davon zukommen zu laſſen, ja auch nur ein einzig Knöchlein, ſo hätte ſie Dich im Nu zermalmt und mich, eh ich erwacht wäre, todt geſtochen; aber dem Ehrlichen kann nichts, ſelbſt das giftigſte Thier in der Schöpfung nicht, bei.“ Das war immer mein Glaube,“ antwortete der Hund;„und jezt, Herr, thätet Ihr gut, Ihr legtet Euch wieder aufs Ohr und überlieſſet das Uebrige mir.“ „Nein,“ erwiederte der Greif, fürderhin bedarf ich keines Knechts, denn jezt da der König der Schlangen todt iſt, werden mich die andern nicht mehr beläſtigen. Nur um ſeine eigene Habſucht zu befriedigen wagten ſich ſeine Unterthanen in die Greifenhöhle.“ Auf dieſe Kunde ward der Hund hoch erfreut, ſtellte ſich auf ſeine Hinterpfoten und bat den Greif höchſt beweglich ihn auf die Erde zurükkehrdn jzu laſſen, um ſeine Geliebte, die Kaze, zu beſuchen, und ſeinen Nebenbuler, den Fuchs, zu würgen. „Du dienſt keinem undankbaren Herrn,“ ent⸗ gegnete der Greif.„Du ſollſt zurükkehren und ich will Dich die ganze Liſt Deines Geſchlechtes lehren, das noch viel liſtiger iſt als das Geſchlecht dieſes 76 Rabuliſten, des Fuchſes, ſo daß Du es mit Deinem Nebenbuler füglich aufnehmen kannſt.“ „Ach verzeiht,“ antwortete haſtig der Hund, „ich bin Euch immerhin in gleichem Grad verbunden, aber ich denke Ehrlichkeit kann es jeden Tag mmit der Schlauheit aufnehmen, und als ein Hund von Ehre halt ich mich um ein gut Theil ſgeſicherter als wenn ich alle Kniffe der Welt verſtände.“ „Gut,“ ſagte der Greif, ein wenig pikirt von der Offenherzigkeit des Hundes,„thu nach Deinem Belieben, ich wünſche Dir alles mögliche Glük.“ Damit öffnete er eine geheime Thür an der Seite der Höhle und der Hund erblikte einen brei⸗ ten Weg, der geradezu nach dem Wald führte.! Er dankte dem Greif von ganzem Herzen und jagte mit wedelndem Schweif ins offene Mondlicht hinaus.„Oho! Meiſter Fuchs,“ ſprach er,„ſo ver— ſchmizt du dir vorkommſt, gibt es doch für einen ehrlichen Hund keine Falle, die nicht wieder eine Hinterthür hätte.“ Damit krümmte er den Schweif zierlich über dem linken Bein und warf ſich in einen langen Trab nach dem Haus der Kaze. Als er es endlich vor ſich liegen ſah, hielt er an um ſich aus einer Waſſer⸗ pfüze zu erfriſchen. Wer anders war dort, als unſre Freundin die Elſter? „Und was iſt denn Sein Verlangen, Freund?“ fragte ſie beinah verächtlich, denn der Hund ſah nach ſeiner Reiſe etwas verwahrlost aus. er ni ra ei D ve eit ni d, , it on m er nd cht en ine em ach ſich ſer⸗ iſre 2 ſah 77 „Ich will mein Bäschen, die Kaze, beſuchen,“ erwiederte er. „Sein Bäschen?“ rief die Elſter.„Weiß Er nicht, daß ſie mit Nächſtem den Fuchs Reineke hei⸗ ratet? Das iſt keine Zeit wo ſie Beſuche von einem Kerl wie Er annehmen kann.“ Dieſe Worte brachten den Hund in eine ſolche Leidenſchaft, daß wenig fehlte, fo hätte er die Elſter für die unhöfliche Art womit ſie eine ſo böſe Neu⸗ igkeit mittheilte, gebiſſen. Indeſſen bezwang er ſeinen Unmuth und verfügte ſich ohne Antwort zu geben nach der Wohnung der Kaze. Die Kaze ſaß am Fenſter und der Hund hatte ſie nicht ſobald erblikt, als er ſein Herz gänzlich verlor. Nie zuvor war ihm eine ſo ſchöne Kaze zu Geſicht gekommen. Mit wedelndem Schweif und höchſt einſchmeichelnder Miene trat er näher, als die Kaze plözlich wegfuhr, ihm das Fenſter vor der Naſe zuſchlug und ſiehe! Reineke Fuchs an ihrer Stelle erſchien. „Komm heraus, Du Schurke!“ rief der Hund und wies ihm die Zähne.„Komm heraus, ich fodere Dich zum Zweikampf; ich habe Deine Bosheit nicht vergeſſen und Du ſiehſt, daß ich nicht länger in einer Höhle ſteke und unfähig bin Dich für Deine Schändlichkeit zu beſtrafen.“ „Geh heim, Tropf,“ antwortete der Fuchs höh⸗ niſch;„Du haſt hier nichts zu thun, und was rinen Kampf mit Dir betrift— pah!“ Damit verließ 8 der Fuchs das Fenſter und verſchwand. Der Hund aber, in der höchſten Wuth⸗ krazte waker an der Thür und machte einen ſolchen Lärm, daß nach kurzem Verzug die Kaze ſelbſt ans Fenſter kam. „Nun da!“ rief ſie ärgerlich,„was ſoll dieſe Flegelei? Wer iſt Er und was will Er in meinem Haus?“ „Ach liebes Bäschen,« entgegnete der Hund, „ſprechen Sie doch nicht ſo ſtreng. Wiſſen Sie, daß ich hieher gekommen Ihnen einen Beſuch zu ma⸗ chen; und was ſie auch vorhaben mögen, laſſen Sie ſich beſchwören nicht auf dieſen Schandbuben von Fuchs zu hören: Sie haben keine Vorſtellung was Der für ein Schuft iſt.“ „Was,“ rief die Kaze feuerroth⸗„wagt Er Leute von Stand auf dieſe Art zu ſchmähen? Ich ſehe Er hat einen Anſchlag auf mich. Fort, im Augen⸗ blik! oder... „Genug, mein Fräulein,“ ſagte der Hund ſtolz⸗ Kein weiteres Wort mehr. Leben Sie wol.“ Und langſam wandt er ſich um und begab ſich unter einen Baum, wo er ſein Quartier für dieſe Nacht nahm. Am folgenden Morgen war groſe Be⸗ wegung in der Umgegend. Ein Fremder, der auf einem ganz andern Fuß reiste, als der Hund, hatte ſich mitten in der Nacht eingefunden und ſeinen Abſtand in einer groſen, in einen ſteilen Fels ge⸗ ſenkten Höhle gen ommen. Das Geränſch das er bei ſe'nem Flug durch die Luft gemacht, war ſo gros nd er ch eſe em nd, daß ma⸗ Sie ben ung eute ſehe gen⸗ tolz. ſich dieſe Be⸗ auf hatte einen ge⸗ as er gros 79 daß es jeden Vegel und jeden Vierfüsler in der Gemeinde aufwekte, und Reineke, den ſein böſes Gewiſſen nie recht feſt ſchlafen ließ, ſtrekte den Kopf aus dem Fenſter und entdekte zu ſeinem groſen Schreken, der Fremde ſei nichts Geringeres als ein ungeheurer Greif. Nun ſind die Greifen die reichſten Thiere in der Welt, und das iſt der Grund warum ſie ſich ſo ſehr unter der Erde halten. Geſchieht es je daß ſie einen Beſuch über derſelben machen, ſo vergist man Das nicht ſo bald wieder. Die Elſter war in der höchſten Spannmgt Was konnte den Greifen hergeführt haben? Sie beſchloß ein Bliklein in die Höhle zu werfen, zu welchem Behuf ſie den Felſen ängſtlich hinaufhüpfte, und that als läſe ſie Reiſig für ihr Neſt. „Holla! Madame!“ rief eine rauhe Stimme, und der Greif ſtrekte den Kopf aus der Höhle hen⸗ vor.„Holla! Sie ſind eben die Dame, die ich gern ſehen cte Sie kennen alles Volk hier herum— he2“ „Wenigſtens ſämtliche gute Geſellſchaft, Eure Herrlichkeit!“ erwiederte die Elſter mit tiefer Ver⸗ neigung. Auf Dies kam der Greif heraus und fuhr, in⸗ dem er ſeine Pfeife behaglich in der freien Luft rauchte, um der Elſter Muth zu machen, alſo fort: „Gibt es in der Umgegend einige angeſehene Thiere von guter Familie?“ „O, die feinſte Geſellſchaft, ich verſichere Eure 80 Herrlichkeit!“ rief die Elſter.„Ich ſelbſt lebernun ſchon ſeit zehn Jahren hier, und die groſe Erbin, die Kaze dort drüben, zieht eine groſe Menge Frem der her.“ „Hm!— Erbin, ja doch! Ihr wist viel von Erbinnen!“ entgegnete der Greif.„Es gibt nur Eine Erbin in der Welt, und das iſt meine Tochter.“ „Behüte! Hat Eure Herrlichkeit Familie? ich bitte tauſendmal um Verzeihung. Sah ich doch heute Nacht blos Eurer Herrlichkeit eigenes Reiſezeug und wuste nicht, daß Sie irgend Jemand mitge⸗ gebracht.“ „Meine Tochter reiste voraus und war be⸗ reits gut untergebracht als ich anlangte. Ich darf wol annehmen, daß ſie Euch nicht im Schlaf ge⸗ ſtört haben wird, wie ich„ denn ſie zieht ſo leicht durch die Luft dahin wie ein Schwan; ich aber habe das Podagra in der linken Klaue und das iſt der Grund, warum ich auf meinen Reiſen ſo puſte und ächze.“ „Darf ich etwa ein Wenig zu Fräulein Greif hineingehen und ſehen wie ſie ſich nach der Reiſe befindet 2“ fragte die Elſter vortretend. „Ich dank Ihnen; nein. Ich wünſche nicht, daß man ſie während meines hieſigen Aufenthalts ſehe: es verrükt ihr den Kopf, und ich bin nicht ohne Sorge daß ein oder der andere junge Herr ſie entführen könnte, wenn einmal bekant wird, wie ſchön ſie iſt. Sie iſt das Ebenbild von mir, aber —— — —„ nun bin, em von und eiſen Greif Reiſe „daß ſehe: ohne er ſie wie aber 81 ein Erzſchwindelgeiſt! Nicht daß mir ſonderlich viel daran läge wenn ſie mit einem Thier von Stand davon liefe, müst ich ihr nicht ihren Kindstheil herausbezalen, der über die Maßen gros iſt: hab ich aber einmal Geld in der Hand, Madame, ſo trenn ich mich ungern wieder davon, ho! ho! ho!“ „Sie ſind unendlich wizig, Gnädigſter. Aber wenn Sie Ihre Einwilligung verſagen 2“ fragte die Elſter, höchſt neugierig die ganze Familiengeſchichte eines ſo vornehmen Herin zu erfahren. „Ich müstegleichwol das ganze Heiratgut her⸗ ausgeben. Es wurde ihr von ihrem Oheim, dem Dra⸗ chen als Erbſchaft zugewieſen. Aber ich bitte hievon keinen weitern Gebrauch zu machen.“ »Eure Herrlichkeit kann ſich auf meine Geheim⸗ haltung verleſſen. Ich wünſche Eurer Herrlichkeit einen guten Morgen.“ Fort flog die Elſter und hielt nicht an, bis ſie zum Haus der Kaze gelangt war. Kaze und Fuchs ſa⸗ ßen beim Frühſtük und der Fuchs hielt die Pfote aufs Herz.„Hübſche Scene!“ rief die Elſter. Die Kaze erröthete und bat die Elſter Plaz zu nehmen. Sofort ging die Zunge der Elſter in einem ununterbrochenen Zug fort. Sie erzälte den Beiden die ganze Geſchichte vom Greifen und ſeiner Tochter, und überdies noch ein gut Theil mehr, was ihr der Greif nie geſagt hatte. Die Kaze hörte aufmerkſam zu. Eine andere junge Erbin in der Nachbarſchaft mochte leicht eine Bulwer's Romane XXI. 6 82 gefährliche Rivalin werden.„Aber iſt die Greifin hübſch?“ fragte ſie. „Sehr hübſch!“ rief die Elſter;„ach hättet Ihr den Vater geſehen! welch ein Mund, welche Augen, welche Farbe! und er erklärte ſie ſei ſein Ebenbild! Aber was ſagen Sie, Herr Reineke.2 Sie, der ſo viel in der groſen Welt geweſen, haben die junge Dame vielleſcht geſehen?“ „Wirklich, ich kann Das nicht ſagen,“ erwiederte der Fuchs aus einer Träumerei erwachend.„Aber ſie muß ausnehmend reich ſein. Ich wette dieſer Narr, der Hund, macht ſich an ſie.“ „Apropos! welchen Rumor Der geſtern vor Ihrer Thüre verführte!“ rief die Elſter. T„Warum lieſſen Sie ihn nicht ein, meine Liebe?“ „Ach,“ bemerkte die Kaze ſittig:„Herr Rein⸗ ete ſagt mir es ſei ein Hund von ſehr übelm Ruſ, ein reiner Glüksritter, der überdies einenl höchſt gefährlichen Hang zum Beiſſen unter eiuem Schein von Gutmüthigkeit verberge. Ich hoffe er macht Ihnen keine Ungelegenheiten, tieber Reineke?“ „Mir? o der arme Teufel; nein!— vielleicht daß er ein wenig poltert, aber er weiß, daß ich wenn ich einmal zornig bin, beiſſe wie ein Satan. Doch man muß ſich ſelbſt nicht loben.“ Gegen Abend verſpürte Reineke ein ſtarkes Ver⸗ langen deu Greif ſeine Pfeife rauchen zu ſeheni aber was konnte er un„ Uuter dem Baum gegen⸗ ifin ttet lche ſein ke2 ben erte Aber eſer vor wum RKein⸗ Ruß, öchſt chein nat leicht aß ich tan Ver⸗ ſehen; gegen⸗ 835 über lag der Hund und lauerte augenſcheinlich auf ihn, während Reineke gar keine Luſt empfand ſich wirklich als jenen Satan im Beiſſen zu bewähren, für welchen er ſich erklärt hatte. Endlich beſchloß er ſeine Zuflucht zu einer Liſt zu nehmen, um ſich den Hund vom Hals zu ſchaffen. Ein junger Kaninchenrammler, eine Art länd⸗ licher Gek, hatte ſeinem Bäschen, der Kaze, die Aufwartung gemacht. Reineke nahm ihn auf die Seite und ſprach:„Sie bemerken jenen ſchäbigen Hund unter dem Baum? Na! Der hat ſich ſehr übel gegen Ihr Bäschen Kaze aufgeführt, und Sie ſollten ihn offenbar fodern! Vergeben Sie mir die Kühnheit die ich mir gegen Sie erlaube; lediglich die Achtung vor Ihrem Ruf veranlast mich, mir dieſe Freiheit zu nehmen. Sie wiſſen, ich ſelbſt könnte den Schurken leicht züchtigen; aber welchen Skandal gäbe Das! Wär ich bereits mit Ihrem Bäschen verheiratet, ſo wärs was Anderes! Aber ſo können Sie denken welche Geſchichte die ver⸗ dammte Elſter jezt daraus ausheken würde!“ Der Rammler ſah ganz dumm aus. Er ver⸗ ſicherte den Fuchs, er könne von einem ſolchen Hund keine Satisfaktion nehmen; er liebe ſein Bäschen allerdings zärtlich, aber er ſehe keine Nothwendig⸗ keit ab, ſich in ihre Privatangelegenheiten zu miſchen: kurz, er wandte alles Mögliche an, ſich aus der Schlinge zu ziehen; aber der Fuchs wuste ſeine Eitelkeit auf ſo künſttiche Art zu faſſen, verſichert 6 5* 84 ihn ſo ernſtlich der Hund ſei die gröste Memme in der Welt und werde demüthig Abbitte thun; ſtellte ihm den Ruhm, der ihm für einen ſolchen Muthbeweis zufallen würde, ſo beredt vor, daß der Rammler ſich endlich überreden ließ, die Ausfoderung an Mann zu bringen. „Ich will Ihnen ſekundiren“, ſagte der Fuchs; „das groſe Feld auf der andern Seite des Waldes, eine Stunde von hier, ſoll der Kampfplaz ſein; dort ſind wir unbemerkt. Sie gehen zuerſt, ich folge in einer halben Stunde nach, und— hören Sie wol — nimmt er die Ausfoderung an und Sie fühlen die mindeſte Bangigkeit, ſo will ich bereit ſein und Ihnen die Sache mit dem gröſten Vergnügen aus den Pfoten nehmen. Verlaſſen Sie ſich darauf, mein lieber Herr!“ Hin zog der Rammler. Der Hund war anfangs über die Verwegenhrit des ärmlichen Geſchöpfleins et⸗ was erſtaunt, als er aber vernahm, daß der Fuchs ſich einfinden werde, willigte er mit Freuden ein ſich nach dem Kampfplaz zu begeben. Dieſe Bereit⸗ willigkeit gefiel dem Rammler nicht im Mindeſten; ſehr langſam wanderte er nach dem Feld, und da er dort keinen Fuchs ſah, ſank ihm das Herz gänz⸗ lich. Während der Hund ſeine Naſe an die Erde hielt, ob er nicht etwa die Witterung des annahenden Fuchſes bekäme, ſchlüpfte ſein Gegner in einen Kaninchenbau und ließ Jenen allein zurükkehren. Unterdeſſen befand ſich der Fuchs bereits vor 1 p me R8 en der ing hs; es, ort in ol hlen und aus nein angs s et⸗ uchs ein reit⸗ ſten; d da gänz⸗ Erde enden einen en. s vor 85 dem Felſen. Er ging äuſſerſt ſachte und ſah ſich mit der höchſten Vorſicht um, denn es dämmerte ihm vor, ein Greifen⸗Papa dürfte nicht ſonderlich höflich gegen Füchſe ſein. In dem Felſen waren zwei Höhlen, eine unten und eine oben, ein unteres und ein oberes Stok⸗ werk. Indem der Fuchs umherlugte, bemerkte er plözlich, daß ihm aus dem obern Stokwerk eine groſe Klaue zuwinkte. „Ah, ah!“ dachte der Fuchs,„ich ſchwöre da⸗ rauf das iſt die muthwillige junge Greifin.“ Er trat näher und eine Stimme rief: „Bezaubernder Herr Reineke! glauben Sie nicht eine unglükliche Greifin von der barbariſchen Ein⸗ zwänaung in dieſen Felſen befreien zu können?“ „O Himmel!“ entgegnete zärtlich derFuchs,„welch ſchöne Stimme! und, ach mein armes Herz, welch niedliche Klaue! Wäre es möglich, daß ich die Tochter Seiner Gnaden, des groſen Greifen vernähme2“ „Still, Schmeichler, nicht ſo laut, wenn ich bitten darf. Mein Vater macht eben einen Abend⸗ ſpaziergang und hat ein ſehr leiſes Gehör. Er hat mich an meinen armen Flügeln in die Höhle ge⸗ bunden, denn er fürchtet gar ſehr, irgend ein Thier möchte mich entführen. Sie wiſſen ich habe mein abgeſondertes Bermögen.“ „Sprechen Sie nicht von Schäzen!“ ſagte der Fuchs.„Aber wie kann ich Sie befreien? Solt ich hinein und den Strik abnagen?“ „Ach!“ erwiederte die Greifin,„mit einer un⸗ geheuren Kette bin ich gebunden. Gleichwol könnten Sie immer hereinkommen; wir ſprächen da ſicherer mit einander.“ Der Fuchs ſchaute vorſichtig rings umher, und da er nirgends eine Spur des Greifen gewahr wurde, trat er in die untere Höhle und ſchlich ſich von da die Treppe hinauf in das obere Geſchoß. Im Vorübergehen bemerkte er unermesliche Haufen von Gold und Edelſteinen, ſo daß der alte Greif wol mit Recht darüber gelacht haben mochte, als man die arme Kaze eine„Erbin“ nannte. Solch untrügliche Zeichen des Reichthums vergnügten den Fuchs ſehr, und er betrat den obern Stok mit dem Entſchluß von den Reizen der Greifin auſſer ſich geſezt zu werden⸗ Allein zwiſchen dem Treppenende und dem Ort, wo die junge Dame angekettet ſaß, klaffte eine groſe Spalte und er fand das Hinüberkommen unmöglich. Die Höhle war dunkel, doch erblikte er genug von der Geſtalt der Greifin um troz ihrem Unterrok zu entdeken, daß ſie wirklich das Abbild des Vaters und die ſcheuslichſte Erbin war, welche die Erde je geſehen. Gleichwol würgte er ſeinen Ekel hinunter und ergoß ſich in einen ſolchen Strom von Schmeicheleien, daß die Greifin gänzlich gewonnen ſchien. Er be⸗ ſchwor ſie mit ihm zu entfliehen, ſobald ſie losge⸗ kettet wäre. — un⸗ ten erer und vahr ſich hoß. ufen reif „als olch den dem ſich Ort, groſe glich. gvon o zu Jaters Erde rund eleien, Er be⸗ losge⸗ 87 „Das iſt unmöglich,“ erwiederte ſie,„denn mein Vater läst mich blos in ſeiner Gegenwart von der Kette, und dann darf ich mich nicht aus ſeinem Ge⸗ ſicht entfernen.“ „Der Elende!“ rief Reineke.“„Was iſt zu thun?“ „Ich weiß nur Einen Ausweg, und zwar dieſen: Ich bereite ihm immer ſeine Fleiſchbrühe; könnte ich was hineinmiſchen, das ihn in einen feſten Schlaf verſenkte, eh er Zeit hätte mich wieder anzuketten, ſo ſchlich ich mich leicht hinunter und nähme den ganzen Schaz drunten auf meinem Rüken mit.“ „Herrlich! Wie erfinderiſch, wie ſcharſinnig! Gleich will ich fort und einige Mohnköpfe herſchaffen.“ „Ach! Mohn hat keine Wirkung auf Greifen; das Einzige was den Vater in einen feſten Schlaf zu bringen vermöchte, wäre eine hübſche junee Kaze, die ich ihm in der Fleiſchbrühe kochen würde. Es iſt erſtaunlich welchen Zauber Das auf ihn aus⸗ übt. Aber woher eine Kaze bekommen? zudem muß ſie noch Jungfer ſein!“ Reineke kam über ein ſo ſeltſames Opiat ein Wenig auſſer Faſſung. „Indeſſen,“ dachte er,„Greifen ſind nicht wie die übrige Welt und eine ſo reiche Erbin iſt nicht durch gewöhnliche Mittel zu gewinnen.“ „Ich kenne,“ ſprach er nach kurzem Bedenken, „eine jungferliche Kaze, aber ich empfinde einiges Widerſtreben bei dem Gedanken daß ſie in der Fleiſch⸗ 88 brühe des Greifen gekocht werden ſoll. Würde nicht ein Hund dieſelben Dienſte leiſten?“ „Ha Verräther!“ rief die Greifin und ſchien zu weinen,„Du liebſt die Kaze, ſeh ich wol. Geh und heirate die armſelige Zwergin und laß mich vor Gram ſterben!“ Umſonſt behauptete der Fuchs, daß er ſich keinen Strohhalm um die Kaze kümmeres nichts vermochte die Breifin zu beſänftigen als ſeine beſtimte Ver⸗ ſicherung daß, komme was da wolle, die aume Müſi in die Höhle gebracht und in der Fleiſchbrühe des Alten gekocht werden ſollte. „Aber wie wollen Sie dieſelbe her kriegen?“ fragte die Greifin. „Ueberlaſſen Sie Das mir!“ entgegnete Reineke. „Häugen Sie nur einen Korb aus dem Fenſter und ziehen ihn an einem Strik wieder hinauf. Im Augenblik wo er vor dem Fenſter anlangt, ſehen Sie zu daß Sie die Klaue gleich auf die Kaze be⸗ kommen, denn ſie iſt über die Maßen flink.“ „Pah! wäre eine ſasbere Greifin, wenn ich nicht wüste wie man eine Kaze fängt!“ „Aber Das muß geſchehen wenn Ihr Vater nicht zu Haus iſt 2“ „Verſteht ſich; jeden Abend bei Sonnenunter⸗ gang macht er ein Spaziergängchen.“ „So ſeis denn gleich morgen!“ rief Reineke, der ſich gewaltig nach dem Schaz ſehnte. Nachdem dieſe Abrede getroffen, hielt es der cht zu nd r ten hte er⸗ üſi des 12 eke. und Im hen be⸗ ich ater ter⸗ eke, der 89 Fuchs für Zeit ſich zu entfernen. Er ſchlich ſich wieder die Treppe hinab und ſuchte unterwegs Einiges von den Schäzen abzuführen, aber die Laſt war für ihn zu ſchwer und er muste ſich bekennen, daß es unmöglich ſei den Schaz zu vekommen, ohne die Greifin, deren Rüken überaus kräftig zu ſein ſchien mit in den Kauf zu nehmen. Er kehrte zu der Kaze zurük, und als er beim Eintritt ins Haus wahrnahm, wie nach den prächti— gen Juwelen in der Greifenhöhle Alles ſo gewöhn⸗ lich erſchien, wunderte er ſich mächtig, wie er je glauben gekonnt, die Kaze habe die geringſten An⸗ ſprüche auf ein gutes Ausſehen. Indeſſen verbarg er ſeinen verruchten Plan, und ſeiner Gebieterin kam es vor er ſei nie ſo liebeus⸗ würdig geweſen. „Rath einmal,“ ſprach er,„wo ich geweſen? bei unſerem neuen Nachbar, dem Greifen, einem char⸗ manten Mann. Höchſt leutſelig, ganz das Air des Hofs! Was die einfältige Elſter betrift, ſo durch⸗ ſchaute ſie der Greif auf den erſten Blik: die ganze Geſchichte von ſeiner Tochter war eine Schnurre; er hat gar keine Tochter. Du weist, meine Liebe, Schnurren geyören zum Ton bei den Groſen. Ue⸗ berall, ſagt er, habe er nur von Deiner Schönheit gehört, und als ich ihm zu wiſſen that daß wir uns bald heiraten würden, beſtand er darauf zu Ehren des Ereigniſſes groſen Ball und Souper zu geben. In der That iſt er ein galanter alter Knabe 90 und ſtirbt vor Begierde Dich zu ſehen. So war ich denn gen öthigt die Einladung anzunehmen.“ „Du konnteſt nicht anders,“ ſagte das argloſe junge Geſchöpf, das, wie ſchon geſagt, ſehr empfäng⸗ lich für Schmeichelei war. „Und denk nur wie zart ſeine Aufmerkſamkeit iſt,“ fuhr der Fuchs fort.„Da er für ein Thier ſeines Ranges ziemlich ſchlecht logirt und ſeine Schäze den ganzen untern Boden einnehmen, ſo iſt er genöthigt das Feſt im obern Stok zu geben. Da will er nun einen Korb für ſeine Gäſte aushängen und ſie mit eigenen Klauen hinaufziehen. Wie her⸗ ablaſſend! Aber ſo liebenswürdig ſind die Groſen!“ Die in der Zurükgezogenheit aufgewachſene Kaze war voll Entzüken über den Gedanken, ein⸗ mal einen Blik in die vornehme Welt zu thun, und die Liebenden ſprachen den ganzen nächſten Tag von nichts Anderem. Als Reineke gegen Abend den Kopf aus dem Fenſter ſtrekte, erſchaute er ſeinen alten Freund, den Hund, der wieder auf ſeiner ge⸗ wöhnlichen Lauer lag und ihn ſehr ingrimmig be⸗ wachte. „Ach, das verfluchte Thier, ich hatte es ganz vergeſſen! was iſt jezt zu thun? keinen Knochen ließ er von mir übrig, wenn er mich jezt den Fuß aus der Toür ſezen ſähe.“ Damit fing der Fuchs an in ſeinem Kopf um⸗ zuwälzen, wie er ſeines Nebenbulers los werden möchte und faste endliſch einen ſehr bemertentw zc) S 2 8 ſc 2— —„ r e e—— loſe ng⸗ keit hier ine iſt gen her⸗ n ſene ein⸗ hun, ſten bend inen ge⸗ be⸗ ganz chen Fuß um⸗ erden entw 91 then Plan. Er bat die Kaze vorauszugehen und an einer Beugung der Straße, etwas entfernt vom Haus, auf ihn zu warten.„Denn,“ ſprach er,„ge⸗ hen wir zuſammen, ſo werden wir ſicherlich von dem Hund inſultirt, da er weiß daß in Gegenwart einer Dame die Sitte einem Thier von höherer Bildung nicht geſtattet, Beleidigungen zu rächen. Bin ich aber allein, ſo iſt der Kerl feig genug, daß er nicht den Mund aufthut. Laß die Thür ofſen, ich folge Dir ſogleich nach.“ Das Gemüth der Kaze war ſo gänzlich gegen ihren Vetter eingenommen, daß ſie dieſer Schilde⸗ rung ſeines Karakters unbedingten Glauben ſchenkte und demgemäß zuerſt fortging, dem Geliebten noch vielfach anempfehlend ſeiner Würde nicht durch Ein⸗ laſſung in irgend einen Wortwechſel mit dem Hund Eintrag zu thun. Der Hund kam ſehr demüthig auf ſie zu und bat, nur ein paar Worte mit ihr ſprechen zu dür⸗ fen, aber ſie empfing ihn ſo hochfahrend, daß ihm die Luſt verging und er wüthender als je auf ſei⸗ Mitbewerber zu dem Baum zurükkehrte. Was glich jedoch ſeiner Freude, als er gewahr wurde, daß die Kaze die Thür offen gelaſſen!„Jezt Elen⸗ der,“ dachte er,„kannſt Du mir nicht entgehen.“ So trat er denn barſch durch die Hinterthür ein. Er war ſehr erſtaunt, Reineke im Stroh ausge⸗ ſtrekt zu finden, keuchend als wollte ihm das Herz brechen und die Angen in der Todespein umherwäl⸗ zend. „Ach Freund,“ ſagte der Fuchs mit wankender Stimme:„Du biſt gerächt, meine Stunde iſt ge⸗ kommen; eben bin ich daran den Geiſt aufzugeben; leg Deine Pfote in die meinige und ſage daß Du mir verzeiheſt.“„ Troz ſeiner Erbitterung vermochte es der gros⸗ müthige Hund nicht, die Zähne an einen ſterbenden Feind zu ſezen. „Du haſt mir einen ſchuftigen Streich geſpielt,« ſprach er;„Du haſt mich in einem Loch verkommen laſſen wollen und mich augenſcheinlich bei meinem Bäschen verſchwäzt. Ich dachte mit Zuverſicht, Rache an Dir zu nehmen, wenn Du aber wirklich am Sterben biſt, ſo ändert Das die Sache.“ „Ach! ach!“ſtöhnte der Fuchs jämmerlich:„mir iſt nicht mehr zu helfen. Die arme Kaze iſt zum Doktor Affen gegangen, aber er wird nicht mehr zu rechter Zeit erſcheinen. Ach wie ſchreklich, auf dem Sterdebett ein böſes Gewiſſen zu haben! Aber warte bis die Kaze zurükkehrt und ich will Dir vor meinem Tod in ihrer Gegenwart volle Genug⸗ thuung geben.“ Der gutmüthige Hund war ſehr gerührt, als er ſſeinen Todtfeind in einem ſorchen Zuſtand ſah und ſuchte ihn, ſo gut ers vermochte, zu trö⸗ ſten. „O weh!“ rief der Fuchs,„der Gaumen klebt ————— äl⸗ eer e⸗ Du ⸗ en t,« en em ht, ich nir um zu em ber Dir ug⸗ als and trö⸗ lebt mir zuſammen, es iſt als brennte ein Feuer darin.“ Damit hängte, er die Zunge aus dem Hals und roll⸗ te die Augen noch grauenhafter als vorher. „Iſt kein Waſſer da?“ fragte der Hund um⸗ herſpürend. „Ach nein!— Doch halt!— ja, jezt fällt mir ein daß ſich ein Wenig in dem kleinen Grübchen in der Mauer befindet; aber wie dazu kommen? es iſt ſo hoch, daß ich in meinem armſeligen Zuſtand nicht hinaufklettern kann, und von Jemand dem ich ſo ſo groſes Unrecht gethan, wag ich nicht einen ſol— chen Liebesdienſt zu fordern.“ „Sprich davon nichts;— aber das Grüblein iſt ſehr klein, ich könnte meine Naſe nicht durch⸗ ſteken.“ „Nein! aber wenn Du auf dieſen Stein klet⸗ terſt und dann die Pfote in das Grüblein hältſt, ſo kannſt Du ſie mit Waſſer benezen und wenig⸗ ſtens ſo meinen armen, zuſammengebakenen Mund kühlen. Ach wie ſchreklich, ein böſes Gewiſſen zu haben!“ Der Hund ſprang auf den Stein, ſtellte ſich auf die Hinterbeine und hielt die eine Vorderpfote in das Loch. Plözlich zog Reineke an einer Schnur, die er unter dem Stroh verborgen gehalten, und die Pfote des Hunds war durch eine laufende Schlinge feſt an die Wand gebunden. „Ha, Schurke!“ rief er ſich umwendend; aber der Fuchs hüpfte luſtig von dem Stroh auf, befeſ⸗ 94 tigte die Schnur vermittelſt ſeiner Zähne an einem Nagel auf der andern Seite der Wand und zog mit dem Ruf ab:„Guten Tag, mein lieber Freund; hüte Dich künftig an ſchnelle Bekehrungen zu glau⸗ ben!“— Damit ließ er den Hund auf den Hinter⸗ beinen Wache im Haus halten. Er traf die Kaze an der verabredeten Stelle ſeiner harrend, und unter Liebesgeſprächen gingen ſie mit einander weiter, bis ſie vor der Höhle an⸗ langten. Es war jezt ziemlich dunkel geworden und bereits ſahen ſie den Korb drunten warten. Der Fuchs half der armen Kaze hinein„Es iſt nur Raum für Eine Perſon,“ ſprach er,„Du must zu⸗ erſt hinauf!“ Der Korb ſtieg empor; der Fuchs hörte ein klägliches Miau, und Alles ward ſtill. „So Viel für die Fleiſchbrühe des Greifen!“ dachte er. Geduldig hatte er eine Zeit ans gewartet, als die Greifia, mit der Klaue aus dem Fenſter winkend, wolgemuth ausrief:„Alles iſt in Richtigkeit, lieber Reineke; Papa hat ſeine Fleiſchbrühe hinunter und ſchläft wie ein Fels. Eine ganje Welt vermöchte ihn jezt nicht aufzuweken, bis er die gekochte Kaze ausgeſchlafen hat, was vor zwölf Stundeu nicht der Fall iſt. Komm und bilf mir die Schäze zuſammen⸗ paken; es ſollte mir leid thun, wenn ich auch nur einen einzigen Diamant zurükließe.“ „Mir auch!“ eutgegnete der Fuchs.„Warte ich will durch die untere Höhle hinauf. Hui! die tem 309 dz lau⸗ ter⸗ telle igen an⸗ rden Der nur t zu⸗ uchs . fen!“ ls die kend, lieber r und röchte Kaze ht der nmen⸗ h nur Warte ! die 95 Thür iſt verſchloſſen! Ich bitte, ſchönſte Greifin, öffne ſie Deinem ungeduldigen Anbeter.“ „Ach der Vater hat den Schlüſſel verſtekt; ich weiß nie wo er ihn hinlegt. Du must durch den Korb herauf; ſieh, da laß ich ihn Dir hinunter.“ Der Fuchs zögerte ein Wenig, ſich demſelben Vehikel anzuvertraueu, das ſeine Gebieterin in die Fleiſchbrühe befördert hatte; aber der Vorſichtigſte wird unvorſichtig, wo Geld zu gewinnen iſt und Geiz kann ſelbſt einen Fuchs in die Schlinge führen. So ſezte er ſich denn ſo bequem als es gehen wollte in den Korb, und war im Augenblik oben. Un⸗ mittelbar eh es ans Fenſter gelangte hielt jedoch das Fuhrwerk an, und mit einem leichten Schauder fühlte der Fuchs, wie ihm die Klau⸗der Greifin den Rüken ſtreichelte. „Was für ein ſchönes Fell!“ ſprach ſie liebko⸗ ſend. „Du biſt allzugütig,“ erwiederte der Fuchs, „aber Du kannſt es mit mehr Bequemlichkeit anfaſ⸗ ſen, wenn ich einmal oben bin. Eile, ich bitte Dich.“ „Ach was für ein ſchöner, buſchiger Schweif. Nie hab ich einen ſolchen Schweif angefühlt!“ „Es iſt gänzlich zu Deinen Dienſten, ſüße Grei⸗ fin; aber ich bitte, laß mich binein. Wozu auch den kleinſten Augenblik verlieren,2“ „Nein, nie hab ich einen ſolchen Schweif ange⸗ fühlt. Kein Wunder, daß Du ſolches Glük bei den Damen machp!“ 96 „O, geliebte Greifin, mein Schweif gehört für alle Ewigkeit Dir; aber Du klemmſt ihn ein wrnig zu ſtark ein.“ Kaum hatte er Dies geſagt, als der Korb wie⸗ der hinabfuhr, aber der Fuchs nicht ganz mit dem Korb. Er blieb am Schwanz aufaehängt und bau⸗ melte mit Hilfe eines ähnlichen Flaſchenzugs, wie der, womit er den Hund eingefangen, am Felſen hin⸗ unter. So laut er konnte ſchrie er auf,— deun es thut einem Fuchs überaus weh wenn er am Schwanz kopfüber aufgehängt iſt,— als die Felſen⸗ thür aufging und der Greif ſelbſt, ſeine Pfeife rau⸗ chend, mit einer groſen Menge aller umwohnenden Thiere von gutem Ton heraustrat. „Oho! Brader!“ rief der Bär und wollte ſich todt lachen:„Wer hat je einen Fuchs am Schwanz aufgehängt geſehen?“ „Sie werden eines Arztes bedürfen!“ bemerkte Doktor Affe. „In der That eine hüvſche Partie! eine Grei⸗ fin für ein Geſchöpf wie Ihr!“ ſagte die Gais, an ihm vorüber ſtolzirend. Der Fuchs biß vor Schmerz und Scham die Zähne übereinander und erwiederte nichts. Was ihm aber der Herbſte»on Allem dünkte, war das Mitleid eines Tropfs von Eſel, der ihn mit groſer Ernſthaftigkeit verſicherte, daß er in ſeiner Lage durchaus nichts Lächerliches finde. „Auf jeden Fall, ſprach endlich Reineke,„ſo u ü nic fel bis für nig wie⸗ dem au⸗ wie hin⸗ eun am ſen⸗ rau⸗ iden ſich anz erkte rei⸗ an die Was das roſer Lage „ſo 97 betrogen, geprellt, genarrt ich auch bin, hab ich doch dem Hund denſelben Streich geſpielt. Gehen Sie und lachen Sie über ihn, meine Herren, er verdient es ſo ſehr, als ich nur immerhin.“ „Bitt' um Vergebung,“ entgegegnete der Greif und nahm die Pfeife aus dem Mund,„man lacht über den Ehrlichen nie.“ „Und ſieh, hier iſt er!“ ſagte der Bär. Wirklich hatte der Hund nach vielen Anſtren⸗ gungen den Strik entzwei genagt und die Pfote gelöst. Die Witterung des Fuchſes hatte ihn in Stand geſezt deſſen Fährte zu verfolgen und eben jezt kam er an, racheglühend aber ſich bereits ge⸗ rächt findend. Sein erſter Gedanke war jedoch ſein geliebtes Bäschen.„Ach wo iſt ſie 2“ rief er beweglich.„Ge⸗ wiß hat ihr dieſer Schurke von Fuchs irgend einen ſchnöden Streich geſpielt.“ „Das fürcht ich wahrhaftig, alter Freund,“ er⸗ wiederte der Greif.„Aber laß Dich Das nicht an⸗ fechten; endlich war ſie ja doch eben nichts Sonder⸗ liches. Du ſollſt meine Tochter heiraten und all die Schäze, und zudem alle Knochen erben, die Du einſt ſo treu bewacht haſt.“ „Redet mir davon nicht,“ entgegnete der treue Hund.„Ich brauche nichts von Euern Schäzen, und, nichts für ungut! Eure Greifin kann ſich zum Teu⸗ fel ſcheren. Die ganze Welt will ich durchlaufen, bis ich mein liebes Bäschen finde!“ Bulwer's Romane XXI. 7 98 „So ſieh ſie denn hier!“ rief der Greif und die 7 ſchöne Kaze, ſchöner als je, ſtürzte aus der Höhle und warf ſich dem Hund in die Pfoten. Angenehmer Anblik für den Fuchs! er kannte das weibliche Herz gut genug um zu wiſſen, daß eine weiche Zunge manche kleine Treuloſigkeiten zu entſchuldigen vermag; aber lebendig in der Fleiſch⸗ brühe eines Greifen gekocht zu werden!— nein eine ſolche Beleidigung war unſühnbar! „Ihr verſteht mich beſſer, Meiſter Reineke,“ hob wiederum der Greif an,„ich habe keine Tochter, und mir habt Ihr Eure Liebesbetheuerung geſchworen. Da ich wuste was für eine Art Ding eine Elſter iſt, ſo machte ich mir den Spas, ihr eine Schnurre aufzubinden— wie es zum Ton bei Hof gehört, Ihr wist ja!“ Der Fuchs ſtrengte ſich mächtig an und ſprang k mit zurükgelaſſenem Schwanz auf den Boden. Er wuchs ihm nicht ſobald wieder. „Seht' rief der Greif, als alle Thiere über 8 die Figur lachten die Reineke im beeilten Lauf nach dem Wald darbot,„ſeht der Hund ſticht den Fuchs vei den Damen zulezt aus, und jo ſchlau der Fuchs in allem Anden iſt, ſollte er ſich doch un⸗ ter allen Geſchöpfen am wenigſten einfallen laſſen, es in der Liebe zu verſuchen!“ ſe „Herrlich!“ rief Silpelit und ſchlug die Hände zuſammen,„gerade diefe Art von Geſchichten lieb . 6 —— die hle nte daß zu ſch⸗ ine hob und en. ſter rre ört, ang Er iber auf den der un⸗ ſſen, ände lieb 99 „Und ich vermuthe, Eure Hoheit,“ rief Schnipp muthwillig,„daß der Hund und die Kaze fortam ſtets glüklich zuſammen lebten! Wirklich iſt das eh⸗ liche Glük von Hund und Kaze zum Sprichwort⸗ geworden!“ „Ich darf wol ſagen,« erwiederte der Prinz⸗ „daß ſie ungefähr gerade lebten wie jedes andere. Ehepaar!“ Dreizehntes Kapitel. —..—— Das Grab eines Vaters vieler Kinder, Da der Schmaus ſamt der Geſchichte jezt zu Ende war, ſo nahmen die Elfen ihren Rükweg durch einen andern Pfad, auf welchem endlich ein rothes unbewegliches Licht durch die hohen Baſaltbögen glühte, wie die Feuer des wilden Jägers im Föh⸗ renwald. Der Prinz nahm einen ernſtern Schritt an. „Wir nähern uns,“ ſprach er mit feierlichem Ton, „dem grösten unſerer Tempel. Wir werden das Grab eines der mächtigſten Gründer unſeres Ge⸗ ſchlechtes ſehen.“ Troz allen Ankämpfens beſchlich die Königin ein Schauer. Dem Feuer lautlos nachgehend gelang⸗ ten ſie in einen groſen Raum, in deſſen Mitte ein 100 einſamer grauer Steinblok lag, wie ihn der Wande⸗ rer in der ſchauerlichen Stille des egyptiſchen The⸗ bens findet. Auf dieſem Stein ruhte die Rieſengeſtalt eines Mannes;— todt aber nicht von todtem Ausſehen; denn geheime Zauber hatten das Fleiſch und das lange Haar ſeit ungezälten Jahrhunderten erhalten. Neben ihm lag ein rohes muſikaliſches Inſtrument, und zu ſeinen Füßen ein Schwert und ein Jagdſpieß Oben wand ſich der Fels hohl und dachlos in die freie Luft hinauf, und krankhaft und bleich kam das Tageslicht zwiſchen rothen Feuern herunter, die fortwährend auf ſchlichten Altären, wie ſie ein noch halb wildes Volk bezeichnen, um den Todten her brannten. Doch nicht einſam war der Ort, denn viele bewegungloſe obwol nicht lebloſe Geſtalten ſaßen auf groſen Steinblöken neben dem Grabe. Hier der Zukunftſchauer in einem ſchwarzen Man⸗ tel, das Geſicht mit den Händen bedekt;— dort der plumpe, ungeſtalte Zwerg, unverſtändliche Worte vor ſich hin murmelnd;— hier ein Hauselfe; dort lugte aus einer dunkeln Spalte in der Felſenwand mit gläuzenden Augen und funkelnden Schuppen der nordiſche Lindwurm herab. Eine in Lumpen ge⸗ hüllte Alte ſtand auf einen Stab gelehnt und die Ankommenden mit trüben aber feurigen Augen an⸗ ſtierend, dem Grab des rieſigen Todten gegenüber. — Die Elfen ſelbſt vervollſtändigten die Gruppez allein allenthalben herrſchte dumpfes, lautloſes Schweigen; he⸗ es as en. nt, ieß die as die och er nun ten be. n⸗ ort rte ort ind en ge⸗ die an⸗ er. ein en; 101 das Schweigen, das über einer alten Stadt der Wüſte ruhen mag, wenn zuin erſtenmal nach hun⸗ dert Jahrhunderten ein lebendiger Fuß die veröde⸗ ten Reſte betrit! das Schweigen das auf dem Staub der Vorzeit liegt,— das tiefe, feierliche, greifbare, mit bleiernem, todtenhaftem Gewicht in die Erde ſinkende Schweigen. Selbſt die engliſche Elfin ſprach nichts; mit angehaltenem Athem blikte ſie auf das Grab, und las in rohen, mächtigen Buchſtaben: V EPEMT. „Wir alle ſind Ueberbleibſel ſeiner Religion!“ ſagte der Prinz, als ſie ſich aus dem ſchauerlichen Tempel entfernten. Vierzehntes Kapitel. Die Elfenhöhle und der Elfenwunſch. Es war Abend und die Elfen tanzten unter dem Abendſtern. „Warum biſt Du traurig, mein Veilchen?“ fragte der Prinz.„Deine Augen ſuchen den Boden.“ „Jezt da ich Dich gefunden,“ erwiederte die Kö⸗ nigin,„und weiß was glükliche Liebe für uns El⸗ fen iſt, ſeufze ich über eine jüngſt unter den Sterb⸗ 102 lichen geſehene Liebe, die in der Knoſpe ihrer Selig⸗ teit bereits den Wurm birgt. Denn mit Recht be— merkteſt Du, o Prinz, daß wir durch geheimnisvolle Sympathie an die Menſchheit gekettet ſind, und Alles was rein und zart in dieſer iſt, nimmt unſer Mitgefühl in Anſpruch und verlangt unſre Bewa⸗ chung.“ „Und vor allem Andern,“ entgegnete der deutſche Elfe,„ſtehen Liebende unter unſrer Hut; denn Liebe iſt die goldene Kette, welche Alles im Weltganzen umſchlingt. Liebe erleuchtet den Stern wie den Glübwurm, und wo immer Liebe im Schikſal des Menſchen iſt, da liegt ſeine geheime Verwand⸗ ſchaft mit göttlichen Weſen.“ „Aber beim Menſchengeſchlecht,“ bemerkte Sil⸗ pelit,„gibt es keine Liebe, die über die Zeit hinaus⸗ reicht, denn entweder endet ſie der Tod oder nimmt ſie die Gewohnbeit weg. Trit die Blüte in die Frucht, ſo wird ſie gepflükt und fortan nicht mehr geſchaut. Daher tröſte ich mich beim Anblik einer zum Grab verdammten treuen Liebe mit dem Ge⸗ danken daß ich wenigſtens die Schönheit nicht er— bleichen, die Milde des Herzens nicht zu Stein verbärten ſehen darf. Doch, Prinz, ſo lang in der ſchönen Geſtalt, die ich mir neulich betrachtet, noch ein Puls ſchlägt, noch warmes Blut fliest, wolle nicht daß ich ſie verlaſſe: auch ſür der ſoll meine Kraft den Himmel über ihr heiter, die Luft rein halten; auch fürder laß mich den Dunſt vom Mond, V ein S 8S S e⸗ le nd die Wolken vom Antliz der Sterne ſcheuchen! auch fürder laß mich ihre Träume mit zarten, glänzenden Bildern füllen und ihr im Spiegel des Schlafs die ſeligſten Geſichte des Elfenlands zeigen; auch fürder laß mich über ihre Augen den Zanber ausſtrömen, vermöge deſſen ſie keinen Mangel in Dem erbliken, welchem ſie ihre Seele anheimgegeben hat. Und wie der Tod näher und näher heranrükt, laß mich fort und fort das grimme Geſpenſt ſeiner Schreken, das Grab ſeines Stachels berauben; ſo daß ſanft und ihr unbewust das Leben in den groſen Ocean ver⸗ flieſe worin die Schatten ruhen, und die Seele welche ohne Schuld iſt, aus ihrer Behauſung ohne Schmerz ſcheide.“ Der Elfenwunſch ward erfüllt. MMn Fünfzehntes Kapitel. Die Rheinufer von Drachenfels nach Brohl. Ein Vorfall der in dieſer Geſchichte iſt, was in einer andern eine Epoche ſein würde. Beim Drachenfels beginnt die eigentliche Herrlichkeit des Rheins, und noch einmal beſiegten Gertrudens Augen beim Hinblik auf die umliegenden Ufer die Müdigkeit, welche ſie allmälig zu beſchlei⸗ chen anfing. Sanft hauchte die Luft, ſchön kräuſelten ſich 104 die Waſſer und Gertrud fühlte den Geier nicht, der ſeine Klauen in ihre Bruſt geſezt hatte. Wie ein groſer See weitet ſich der Rhein zwiſchen Drachenfels und Unkel aus; Dörfer ſind über die gedehnten Ebenen zur Linken hingeſchüttet, rechts die Inſel Rolandswert(Nonnenwert) und die Häuſer von Hberwinter. Reben deken die Hügel, und Getrudens nachweilender Blik hing noch oft an dem hohen Kamm der ſieben Berge. Weiter und weiter;— und hinter einer Ufer⸗ krümmung ſtiegen die Thurmſpizen von Unkel auf. und am jenſeitigen Geſtad zogen ſich jene wunder⸗ baren Baſaltſäulen hin, die bis in die Mitte des Stroms vorſpringen, daß man ſie bei niederem Waſſerſtand wie eine verſunkene Stadt aus den Wellen heraufſchanen ſieht. Sofort erblikt man die Trümmer von Okenfels und hört die Stimme des idylliſchen Gasbach s(Kasbach) ſeine Wogen in den Rhein ſenden. Mitten aus den Felſenſpalten dringt die Rebe wuchernd hervor und gibt Dem, was die Na⸗ tur, ſich ſelbſt überlaſſen, zur Oede beſtimte, Fülle und Färbung.*) „Aber wende Dein Auge zurük nach der Rechten,“ bemerkte Trevylyan.„Jene Ufer waren früher Hauptaufenthalt der verwegenen Räuber des Rheins, und aus dem verwachſenen Geſtrüpp, das damals „ Der Weinſtok wird nämlich hier in einen mit Erde und Raſen angefüllten Korb geſezt und ſo in die Felſenſpaltung eingelegt. Der Ueberſezer. bli icht, Wie chen über chts die die noch lfer⸗ auf. der⸗ des erem den die edes den t die Na⸗ Fülle ten“ üher eins, mals Erde die er. haus, während Vane ſich mit wiſſenſchaftlicher 405 die zerriſſenen Felſen dekte, ſtürzten ſie auf ihre Beute hervor. Dieſe Tage des Ritterthums waren wol werth daß man drin lebte, und ein Räuber⸗ leben unter dieſen Bergen, an dieſem Gebirgſtrom hin, muß wahrhaftig ganz die zur That gebrachte Poeſie des Ortes geweſen ſein.“ Sie hielten in Broh l, einem Dorf zwiſchen zwei Bergen, an. Auf dem Gipfel des einen ſieht man die Ruinen von Rheinek. Im Anblik dieſes Ortes liegt etwas Unheimliches, Auſſernatürliches; ſein Boden verräth deutliche Spuren daß in frühern Zeiten, von welchen ſelbſt die Sage verloren ging, hier ein Feuerberg ſeine Flammen erſchöpft hat. Die Erde iſt ſchwarz und pechig, und die Quellen haben ein dunkles, ſchwer riechendes Waſſer. Hier fällt der Brohlbach in den Rhein, und in einem reich mit Eichen und Tannen durchwachſenen Thäl⸗ chen voller Höhlen, denen es nicht an ſagenhaften Bewohnern fehlt, ſteht das Schloß Schweppen⸗ burg, das zu beſuchen unſre Geſellſchaft nicht verfäumte. Gertrud fühlte ſich bei der Rükkunft ermüdetz⸗ ſie und Trevylyan blieben in dem kleinen Wirths⸗ Forſchbegierde zu einer Unterſuchung der verſchie⸗ denen Erdſchichten wegbegab. Mit der Vertraulichkeit ihres eng verbundenen Verhältniſſes ſprachen Jene von Gegenſtänden, die ſich blos für Liebende eignen: von dem hellen Abſchnitt 106 in der Geſchichte ihrer Liebe; von ihrem erſten Zu⸗ ſammentreffen; ihren erſten Eindrüken; den kleinen Vorfällen während ihrer heutigen Reiſe— Vorfälle die blos von ihnen ſelbſt bemerkt worden waren; von jenem Leben in dem Leben, wovon zwei Men⸗ ſchen zuſammen wiſſen— Einer ohne den Andern aber nichts weiß, und welches für Beide im Augen⸗ vlit aufhört, wo ſie ſich von einander trennen. „Ich weiß nicht, wie die Liebe Anderer fein mag; ſprach Gertrud„die unſrige aber ſcheint ver⸗ ſchieden von jeder, von welcher ich geleſen. Die Bücher erzälen uns von Eiferſucht und Misdeutung, von der Nothwendigkeit gelegentlicher Entfernung, der Süßigkeit eines Streits; wir aber, theurer Al⸗ bert, haben von ſolchen Abſchnitten in der Liebe keine Erfahrung. Wir baben einander nie misverſtanden; wir können auf keine Wiederausſöhnung zurükbliken⸗ Wann' hatt' ich je Gelegenheit Dich um Vergebung zu bitten? Unſere Liebe beſteht blos aus einer ein⸗ zigen Erinnerung— unnachlaſſender Frenndlichkeit! — kein harter, kein verlezender Gedanke brach je über die Seligkeit herein, die wir empfunden haben und empfinden.“ „Theure Gertrud,“ entgegnete Trevylyan, „von Dir erhält dieſe Beſchaffenheit unſerer Liebe ihre Färbung. Du, die Zarte, Milde, biſt ſort und fort ihr Schuzgeiſt geweſen, und die Quelle war ſanft und lauter, denn Du warſt die Nymphe die in ihren Tiefen wohnte.“ Sc ũ b Vö So ſie zwi Sch ben Ger ſüß. Ohr ihre Her an. ſchle offe ihr einer ftohe Ruh durc pfind er fi Schl unte Zu⸗ inen fälle ren; Ren⸗ dern gen⸗ fein ver⸗ Die ung, ung, r Al⸗ keine den; liken. bung ein⸗ eit! ch je haben an, Liebe und war e die 107 Und auf ſolches Geſpräch folgte noch ſüßeres Schweigen— das Schweigen des eingefriedigten, ü berwallenden Herzens. Die lezten Stimmen der Vögel;— die im Weſten langſam hinabſinkende Sonne;— der Duft des fallenden Thaus erfüllten ſie mit jener tiefen, geheimnisvollen Sympathie zwiſchen der Liebe und der Natur. Nach einem ſolchen Schweigen— einem langen Schweigen, das blos einen Moment gedauert zu ha⸗ ben ſchien— war es daß Trevylyan ſprach und Gertrud keine Antwort gab. Sehnſüchtig nach ihrer ſüßen Stimme wandt er ſich um und ſah daß ſie in Ohnmacht geſunken. Dies war das erſte Anzeichen zu welchem Grad ihre zunehmende Schwäche geſtiegen. Trevylyans Herz ſtand ſtill und fing hierauf ſtürmiſch zu ſchlagen an. Tauſend Aengſte warfen ſich auf ihn; er ſchloß die Geliebte in die Arme und trug ſie aus offene Fenſter. Die untergehende Sonne ſel auf ihr Geſicht; das Spiel einer jungen Lebens flamme, einer warmen Fantaſie war von demſelben ent⸗ ſtohen und ſichtbar traten aus der tiefen, ſtillen Ruhe die Zerſtörungen der Krankheit Trevylyans durchborter Bruſt entgegen. O Gott! welche Em⸗ pfindungen! Sein Herz war wie ein Stein, aber er fühlte ein Brauſen wie von einem Strom an den Schläfen; ſeine Augen dämmerten— er ſtand ſtumm unter der Wucht ſeiner Berzweiflung. In der lezten Woche hatte er Hoffnung für die Gefährtin geſchöpft: Gertrud hatte um Vieles kräfti⸗ ger geſchienen, weil die Freude ihr eine falſche Kräftigung geliehen; und waren auch Augenblike geweſen, wo ihm beim Gewahrwerden des hektiſchen Farbenwechſels auf ihrer Wange und des erſchlaftern Schrittes und kurzen Odems die Hoffnung plözlich ſank, ſo hatte er doch bis zu dem jezigen Moment die Rettungloſigkeit der Angſt, die gräsliche Ge⸗ wisheit des Aergſten nicht empfunden, welche nunmehr das ſtille ſchöne Antliz vor ihm in ſeine Seele warf. Dieſer Todesqual des Hinſtarrenden geſellte ſich die ganze Leidenſchaft der glübendſten Liebe bei. Denn hier lag ſie in ſeinen Armen, den ſanften Odem von Lippen aufhauchend, auf welchen die Roſe noch weilte,— während das lange, üppige Haar, weich und ſeiden wie dasjenige eines Kinds⸗ ſich aus ſeinem Verſchluß hervorſtahl. Alles in Gertruds Schönheit war unausſprechlich zart, rein und jugendlich. Kaum ſiebzehn, erſchien ſie noch unter ihrem wirklichen Alter; ihre Geſtalt hatte zwar an Fülle verloren, aber wie leicht, wie lieblich waren noch ſtets ihre Trümmer!— der ſchneeweiße Naken— die ſchöne kleine Hand! Kaum fühlke der Liebende, daß er ein Gewicht in den Armen halte; und er— welch ein Gegenſaz!— ſtand in der ſtolzeſten Blüte voller Männlichkeit! Seine Stirn war hoch, ſein Haar kraus, ſein Aug majeſtätiſch, ſeine Formen nervig, und auf dieſes ſchwache, hinfällige Weſen hatte er ſein ganzes Herz, alle Hoffnungen ſein Plat ſelbſ aufſe pfint an k nicht ausb leicht Stu am erſta ſchar zu il ſie, blos verſtt fort, jezt keine Zärtt küste Auge ( äfti⸗ alſche blike ſchen ftern özlich ment Ge⸗ mehr Seele eſellte e bei. nften n die ppige dinds, es in „rein e noch hatte ieblich eweiße der halte; in der Stirn ſeine fällige nungen 109 ſeiner Jugend, den Stolz ſeiner Mannheit, ſeiner Plane, ſeiner Thatkraft, ſeiner Ehrliebe geſezt! „O Gertrud!“ rief er,„iſt es— iſt es ſo weit — gibt es wirklich keine Hoffnung mehr?“ Und als Gertrud jezt langſam wieder zu ſich ſelbſt kam und die Augen gegen Trevylhans Geſicht aufſchlug, war die Entlaſtung ſo gewaltſam, ſeine Em⸗ pfindungen ſo übermächtig, daß er die Geliebte feſt an die Bruſt drükend als ſollte ſie auch der Tod nicht von ihm reiſſen, in zukende Thränen über ſie ausbrach: nicht in Thränen welche das Herz er⸗ leichtern, ſondern in jenen Feuerregen des innern Sturmes; ein Zeichen des wilden Aufruhrs, der am Nerv ſeines Daſeins rüttelte, keine Linderung. Zum Bewustſein zurükgekehrt ſchlang Gertrud erſtaunt und erſchroken die Arme um ſeinen Naken, ſchaute ihm ſchmerzlich in die Augen und bat ihn zu ihr zu ſprechen. „War es meine Krankheit, Du Lieber?“ fragte ſie,— und die Muſik ihrer Stimme erregte in ihm blos den Gedanken, wie bald dieſelbe ewig für ihn verſtummen werde!—„nein!“ fuhr ſie ſchmeichelnd fort,„es war blos die Hize des Tags! es iſt mir jezt beſſer, iſt mir wol. Du darfſt wegen meiner keine Sorge haben.“ Und mit der Unſchuld und Zärtlichkeit der kaum zur Jungfrau gereiften Jugend küste ſie ihm die brennenden Thränen von den Augen. Es war eine Kindlichkeit in dem armen, ihres Verhönguiſſes noch ſo unbewusten Mädchen, welche ihr Los doppelt rührend machte, und worin eben für das ſtrenge, an der Welt abgeriebene Herz Trevylyans der unwiderſtehlichſte Zauber lag. Und als ſie jezt das Haar wieder auf die Seiten ſtreifte und dankbar, aber bittend in ſein Geſicht ſchaute, konnte er ſich kaum enthalten, das Geſtändniß ſeiner Angſt und Verzweiflung vor ihr auszuſtrömen. Aber die Nothwendigkeit ſich zu beherrſchen, die Noth⸗ wendigkeit ihr eine Kunde vorzuenthalten, die durch den Eindruk auf ihre Fantaſie ihr Schikſal befördern konnte, während ſie ihrem Gemüth den argloſen Genuß der Gegenwart verbittern muste, ſtählte und ermannte ihn. Mit jener gewaltſamen An⸗ ſtrengung deren nur Männer fähig ſind, drängte er die äuſſerlichen Zeugniſſe ſeiner Bewegung zurük, und ſuchte durch einen haſtigen Strom von Worten wenigſtens ihre Aufmerkſamkeit von einer Schwäche abzuwenden, deren Urſache er ihr nicht erklären durfte. Glüklicher Weiſe kam Vane bald zurük; Treoylyan übergab Gertrud ſeiner Fürſorge und verließ ſchnell das Zimmer. Gertrud verſank in ein Nachdenken. „Ach lieber Vater,“ hob ſie nach einer Pauſe plözlich an,„wenn es wirklich übler mit mir ſtände, als ich in lezter Zeit geglaubt,— wenn ich jezt ſterben ſollte, was würde Trevylyan empfinden? Bitten Sie Gott daß ich am Leben kbleibe um ſeinetwillen!“ elche eben Herz Und eifte aute, einer Aber Koth⸗ durch dern ſen tählte An⸗ ängte urük, orten wäche lären zurük; und Pauſe ſtände, h jezt nden? eum 14 „Mein Kind, ſprich nicht ſo; Du befindeſt Di“ beſſer, weit beſſer als früher. Noch vor Ende de— Herbſtes wird Trevylyans Glük Deine Gattinſorg⸗ 5 Mache Dir keine ſo troſtloſe Gedanken über »Nicht an mich dachte ich,« ſeufzte Gertrud, „ſondern an ihn.“ E. L. Bulwer's k r. Aus dem Engliſchen. Zweiundzwanzigstes Bändchen. — Die Pilger des Rbeins. Drittes Bändchen. Stuttgart, Verlag der J. B⸗ Metzler'ſchen Buchhandlung. 4 8 3 4. S Berl Die Pilger des Rheins. Ein Roman von dem Verfaſſer des Eugen Aram, Devereur 2. Aus dem Engliſchen von Friedriryh notter — In vier Bändchen. Dr r ittes Bändchen. ——— ———————————————————— Berlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 4 8 3 4. Sechzehntes Kapitel. Gertrud. Spaziergang nach Hammerſtein. Gedanken. Am folgenden Tag beſuchten ſie die Umgebun⸗ gen von Brohl. Gertrud war gegen ihre Gewohn⸗ heit ſchweigſam, denn in der Regel ſtrömte ihr von Natur helles, ſonniges Gemüth auf Alles was ſie ſah ſeinen Glanz aus. Ach wie leicht war einſt dieſer Schritt geweſen!— wie lebenwogend die jungen Grazien dieſer Glieder!— wie froh hatten einſt die Loken um dieſe lachenden Wangen gegau⸗ kelt!— Aber mit noch innigerer Zärtlichkeit, als ſonſt, klammerte ſie ſich an Trevylyans markige Geſtalt, und noch aufmerkſamer hing ſie an ſeinen Worten. Ihre Hand ſuchte die ſeinige, und oft drükte ſie dieſelbe an die Lippen und ſeufzte wenn ſie ſo that. Etwas, das ſie nicht ſagen wollte, ſchien in ihr vorzugehen, und verernſtete das kind⸗ lich ſpielende Gemüth. Jedoch war es ein auffal⸗ lender Zug in Gertrud, daß Alles was ihre Heiter⸗ keit minderte, ihre Liebesfähigkeit mehrte. Die Schwäche des Körpers theilte ſich der Seele nie mit. Sie war freundlich, ſanft, zärtlich bis zum lezten Angenblik. Sie hatten ſich auf das jenſeitige Ufer ſezen laſſen, um das Schloß Hammerſtein zu beſuchen. Der Abend war durchſichtig klar, und noch hing die Sonnenwärme an der Luft, obwol als ihr Kahn auf einem Unweg nach dem Dorf zurükkehrte, die Dämmerung bereits geendet hatte und der Mond am Himmel ſtand. Breit und gerad ſtrömt der Rhein an dieſer Stelle ſeines Bettes. Auf der ei⸗ nen Seite liegt, von Waldung umſchattet, das Dorf Namedy, der Weiler Fornich als Vorgrund der kreuzborner Ley(Fels) und die Berge, welche das geheimnisvolle Brohl ſchirmen; auf dem jenſeitigen Ufer ſahen ſie den mächtigen Fel⸗ ſen von Hammerſtein mit ſeinen grünen, tod⸗ tenfarbigen Ruinen im ſchwermüthigen Mondlicht ſchlafen. Zwei Thürme ſtiegen hoch über das niedre, mehr zerfallene Getrümmer auf. Welcher Wechſel, ſeit abwechſelnd die Fahnen der Schweden und der Spanier in jenem groſen Krieg, worin der ſchim⸗ mernde Wallenſtein ſeine Lorbeeren gewann, von die⸗ ſen Wällen geweht! Und in ſeiner mächtigen Ruhe floß der Vater Rhein dahin, den Nachen auf den glattem Spiegel zurükſtralend; oben warf der Mond, von dünnen, ſchattenhaften Wolken umgär⸗ tet, ſeinen Dämmerglanz auf umgrünte Felſen und hob in ruhiger Ferne die Doppelthürme Ander⸗ nachs in verſchwimmendem Licht hervor. „Wie ſchön iſt dieſe Stunde!“ ſprach Gertrud mit leiſer Stimme.„Wahrhaftig wir leben nicht ge⸗ uu wir Ru M Tr das je lieg zu deſſ in mei den bra vert verf den chen Ged rufe unſe wir kein wle en ſt i Sh ezeu hen. gdie dahn die tond der r ei⸗ Dorf rund erge, auf Fel⸗ tod⸗ licht edre, chſel, der trud t ge⸗ 7 uug in der Racht,— die halbe Schönheit der Welt wird verſchlafen. Was am Tag kommt der heiligen Ruhe, der Lieblichkeit und Stille gleich, die der Mond jezt auf die Erde giest? Das,“ fuhr ſie Trevylyans Hand drükend fort,„ſind Stunden für das ſpätere Andenken, und Du,— wirſt Du ſie je vergeſſen?“ In der Nachempfindung ſolcher Zeiten und Orte liegt Etwas, das dem gewöhnlichen Leben nicht an⸗ zugehören ſcheint, ſondern eher eine Abſchweifung in deſſen Geſchichte bildet; ſie gleicht einer Wanderung in eine idealere Welt, verbindet ſich mit unſern ge⸗ meinern Erinnerungen nicht, ſondern ruht geſchie⸗ den und vereinzelt in uns, um dort ewig als hoher zu liegen, aher nicht leicht zur Sprache ge⸗ zu werden. Es lebt Niemand, dem wir ihn an⸗ ertrauen können:— Wer vermag ſich in Das zu verſezen, was wir damals gefühlt? Solche Ange⸗ † denken ſind Sii— es, die den Dichter, die das Buch ma⸗ chen— das Buch das wir als Vertrauten für die Gedanken, die auf unſerer Bruſt laſten, uns hervor⸗ rufen. Wir ſchreiben, denn das Geſchriebene iſt unſer Freund, das lebloſe Papier unſer Beichtiger; wir ſtrömen auf daſſelbe die Gefühle aus, die wir keinem lebenden Ohr mittheilen können, und ſind wleichtert,— ſind getröſtet. Und hat der Dichter en ſchöneres Vorrecht als die übrigen Menſchen, ſt iſt es das Vermögen die Todten zu ehren— die Shönheit, die Tugend die nicht mehr ſind, ins Le⸗ ben zurükzurufen; Kränze, die den Tag über⸗ dauern, um die Urne zu winden welche die Welt ſonſt vergeſſen würde. Klagt er in unſterblichen Liedern um die Verſtorbenen, ſo glaubt nicht daß irdiſcher Ruhm ſeiner Seele vorſchwebe!— ſie iſt mit Gedanken, mit Empfindungen gefüllt, welche alles Lebende von ihr ausſchließen. Er flüſtert ſei⸗ nem Genius— jenem einzigen und ewigen Freund, der von der Wiege an mit ihm aufwuchs— Schmer⸗ zen zu, die zu zart ſind für menſchliches Mitgefühl. Uebergibt er dieſes Geſtändniß ſpäter der Menge, ſo geſchieht es allerdings in Hoffnung auf Ehre,— aber Ehre nicht für ſich ſelbſt, ſondern für das We⸗ ſen das nicht mehr iſt. — Siebzehntes Kapitel. Brief Trevylyans an—. ——————— Koblenz⸗ Ich danke Dir, theurer Freund, für Deinen Brief, zu deſſen Beantwortung mir im Lauf unſe— rer raſchen Reiſe bisher wirklich die Zeit, vielleich der Muth geſehlt. Hier jedoch werden wir uß einige Tage verweilen, und ſo ſchreibe ich Dir jst am frühen Morgen, eh noch irgend Jemand ſorſt tur zen kra ich det gib daf daß De kön unſ wet an Kö keit Kre laß ſun den dan Rei bew ihre bald ich auf e ber⸗ Welt chen daß e iſt elche ſei⸗ und, mer⸗ fühl. enge, e,— We⸗ eien unſe⸗ lleich ru r j6t ſonſt 9 in unſerm Gaſthof wach iſt. Sprich mir nicht von Wagniſſen, von Politik, von Intriken; meine Na⸗ tur hat ſich umgeändert. So lebevoll und glän⸗ zend Dein Schreiben war, legte ich es doch mit krankem, abſtrebenden Herzen weg. Jezt aber bin ich etwas minder niedergeſchlagen. Gertrud befin⸗ det ſich beſſer— wirklich beſſer; ein hieſiger Arzt gibt mir Hoffnung; ich laß es meine Sorge ſein, daß ſie beſtändig unterhalten und nie ermüdet wird; daß ihre Gedanken nie auf ihr ſelbſt verweilen. Denn ich habe mir in den Kopf geſezt, Krankheit könne ſich, wenigſtens in der unerſchöpften Kraft unſerer Jahre, nicht unheilbar bei uns einniſten, wenn wir ſie nicht durch unſern eigenen Glanben an lihr Daſein nähren. Menſchen vom zarteſten Körperbau ſieht man in der regſten Berufthätig⸗ keit; ſie haben im wörtlichen Sinn nicht Zeit zum Krankſein. Nimm ihnen ihre Beſchäftigung,— laß ſie um ſich ſelbſt beſorgt werden— an ihre Ge⸗ ſundheit denken— und ſie ſterben! Der Roſt frist den Stahl welchen der Gebrauch friſch erhält. Und, dank Gott, obwol Gertrud einmal während unſerer Reiſe durch eine einfältige, unentſchuldbare Gemüths⸗ bewegung von meiner Seite einigen Verdacht über ihren Zuſtand zu ſchöpfen ſchien, ſo ging Das doch bald vorüber; denn ſelten denkt ſie an ſich ſelbſt;— ich bin beſtändig in ihren Gedanken und fehle ſelten auf ihrer Seite; zudem weist Du wie Kranke ih rer Art überhaupt immer voll guter Hoffnung ſind!—⸗ 3 3 10 Wirklich jedoch hoffe ich jezt ſelbſt ſtärker als ſeit unſerer ganzen bisherigen Bekantſchaft. Als ich nach einem aufgeregten, ereignisvollen Leben, das innerhalb weniger Jahre durch ſo viele Wechſel gegangen, im Schos eines abgelegnen, ein⸗ ſamen Theils des Landes zur Ruhe kam und Ger⸗ trud nebſt ihrem Vater meine einzigen Nachbarn waren, befand ich mich in jenem Gemüthszuſtand, worin das Herz, durch die Einſamkeit verjüngt, für die reinern, göttlichern Regungen empfänglich iſt. Ich wurde von Gertruds Schönheit betroffen; die Einfachheit ihres Weſens entzükte mich. Mich von Brauch und Sitte der Welt Abgeriebenen be⸗ zauberte, rührte die Unerfahrenheit, die gläubige Hingabe, die Kindlichkeit ihrer Seele. Als ich je⸗ doch das Gepräge unſerer Nationalkrankheit in ih⸗ rem ſtralenden Aug, auf ihrer durchſichtigen Wange bemerkte, erkältete ſich meine Liebe, während meine Theilnahme ſich vergröſerte. Ich hielt mich für ſicher und begab mich täglich in die Gefahr; ich bil⸗ dete mir ein, ein ſo reines Licht könne nicht bren⸗ nen, und ich ward verzehrt. Erſt als meine Sorge um ſie in Schmerz, meine Theilnahme in Schreken überging, wurde mir das Geheimniß des eigenen Herzens bewust, und im Angenblik wo ich dieſes Geheimniß entdekte, machte ich auch die Entdekung daß Gertrud mich liebe! Welches Schikſal ſtand vor mir! welche Seligkeit, aber auch welches Elend! Gertrud gehörte mir— aber wie lang? Ich du zar du: ken ſpr we tur bin Sc fleh non per eige einz lich ligk ich blos müs mac zige nur emp und ich i Stet ſeit llen iele ein⸗ er⸗ arn and, ugt, ſetz Rich be⸗ bige je⸗ ih⸗ ange eine für bil⸗ ren⸗ ege reken enen ieſes kung ſtand lend! Ich 1¹ durfte dieſe weiche Hand berühren,— durfte das zarteſte Geſtändniß dieſer Silberſtimme hören,— durfte meine Küſſe auf ihre würzigen Lippen drü⸗ ken;— während jedoch mein Herz von Leidenſchaft ſprach, flüſterte meine Vernunft mir von Tod. Du weist daß ich für eine kalte, beinah verhärtete Na⸗ tur gelte, daß ich nicht leicht zum Affekt aufzuregen bin, aber gerade mein Stolz bengte mich hier zur Schwäche hinab. Mein Schuz ward ſo ſanft er⸗ fleht, meine Angſt ſo unabläſſig in Anſpruch ge⸗ nommen! Du weist, meines Vaters jaches Tem⸗ perament brennt in mir, ich bin heis, ſtreng und eigenwillig; aber ein einziges raſches Wort, ein einziger Gedanke an mein Selbſt wären hier unverzeih⸗ lich geweſen. Eine ſo kurze Zeit mochte ihrer Glükſe⸗ ligkeit auf Erden noch e ſein:— konnte ich einen einzigen Augenblik davon verbittern? Eben jenes Gefühl der Unſicherheit, das, hätte mich blos Klugheit geleitet, meine Liebe gehemmt haben müste, ſteigerte ſie zu einer faſt unnatürlichen Ueber⸗ macht. Was Mütter, wie man ſagt, für ihr ein— ziges Kind fühlen wenn es krank iſt, fühl ich für Gertrud. Ein Daſein für mich ſelbſt hab ich nicht; nur in ihr bin ich vorhanden! Zu Haus nahm ihr Uebelbefinden zu; man empfahl ihr zu reiſen. Sie wälte die Gegend aus, und eilicetie war mir dieſelbe ſo bekant, daß ich ihr den Weg wielfach zu erheitern vermochte. Stets bin ich auf der Lauer, daß ſie keine trübe 6 1² Stunde beſchleiche; faſt würdeſt Du lächeln, wenn Du ſäheſt wie ich mich von meiner gewöhnlichen Schweigſamkeit aufgewekt habe; wenn Du zuſchauteſt, wie der entwürfevolle Mann des praktiſchen Lebens in die Märchenwelt ſeiner Knabenjahre zurükge⸗ ſunken iſt und Gertrudens kindliche Freude mit er⸗ fundenen Sagen und Geſchichtchen vom Rhein nährt. Indeſſen glaub ich damit meinen Zwek erreicht zu haben; wenn aber nicht, was liegt mir dann noch am übrigen Leben? Gertrud befindet ſich beſſer! Welche Geſichte der Hoffnung däm⸗ mern in dieſem Wort auf mich herab! Ich wollte Du fhätteſt ſie vor unſerer Abreiſe aus England geſehen; Du würdeſt dann meine Liebe zu ihr be⸗ greifen. Nicht als hätten wir in den ſchimmern⸗ den Grosſtädten Europas unſere kurzen Huldigun⸗ gen niemals Geſtalten von noch reicherer Schön⸗ heitsfülle dargebracht;— nicht als wären wir nie von einem noch glänzendern Geiſt, einer noch taktvollern Grazie entzükt worden. Aber in Gertrud liegt et⸗ was, das ich früher niemals ſah: ein Verein von Kindlichkeit und Geiſteskraft, eine ätheriſche Ein⸗ fachheit, ein Gemüth, das ſich nie verdüſtert, eine Zärtlichkeit..... o Gott! laß mich nicht von ihren Eigenſchaſten ſprechen, denn dieſe ſagen mir nur wie wenig ſie der Erde angehört! Du wirſt mir nach Mainz ſchreiben, wohin uns unſer Weg jest führt, und Deine Freundſchaft wi ge thu bei enmn chen teſt, bens ikge⸗ ter⸗ ihrt. eicht dann det däm⸗ oite and r be⸗ nern⸗ igun⸗ chön⸗ e von ollern gt et⸗ von Ein⸗ eine ihren r wie wohin ſchaft 13 wird es mir nachſehen, daß mein Brief nur in ſo geringem Grad eine Antwort auf den Deinigen iſt. Dein aufrichtiger Freund A. G. Trevylyan. Achtzehntes K dpi el. Koblenz.— Ausflug nach dem Taunusgebirg.— Römer⸗ tburm im Thal von Ehrenbreitſiein.— Für die Luſt veim Reiſen gilt jungen Menſchen etwas Anderes, als alten.— Der heidelberger Student.— Seine Kritik der deutſchen Literatur. Wirklich hatte ſich Gertrud während ihres Auf⸗ enthalts in Koblenz ſcheinbar erholt, und ein in der Stadt anſäſſiger franzöſiſcher Arzt, der eine de⸗ ſondere, bereits mit nicht gewöhnlichem Glük in An⸗ wendung gebrachte Heilart der Schwindſucht be⸗ folgte, ſprach die Verſicherung der endlichen Wie⸗ dergeneſung gegen den Vater und Trevylyan mit ſehr zuverſichtlichem Ton aus. Die Zeit, die ſie innerhalb der weißen Mauern von Koblenz zu⸗ brachten, war daher der glüklichſte und heiterſte Abſchnitt ihrer Pilgerfahrt. Sie beſuchten die ver⸗ ſchiedenen Punkte der Umgegend; der Ausflug, wel⸗ cher Gertrud die meiſte Freude machte, ging nach den Bergen des Taunus. 44 Einen ſchönen Septembertag benüzend bega⸗ ben ſie ſich auf das jenſeitige Ufer und begannen ihre Tour von Thal Ehrenbreitſtein aus. Einen Augenblick hielten ſie noch in der Riederung an, um die Ueberbleibſel eines Römerthurms zu beſichtigen; denn jene ganze Gegend trägt häufige Spuren von den alten Beſiegern der Welt. Noch jezt durchkreuzen das Taunusgebirg Straßen, welche von den Römern nach den Silberminen deſſelben geführt wurden. Häufig findet man an dieſen Or⸗ ten römiſche Urnen und Steine mit Inſchriften. Steine mit gänzlich unbekanten Namen beſchrie— ben:— ein Bild der Unſicherheit des Ruhms!— Urnen aus welchen der Staub verſchwunden iſt:— ein Hohn auf das Leben! Einſam, grau, verwittert ragt jener Thurm aus dem Thal empor, und der ſtille Vane lächelte als er an der Stätte, die einſt den Klang der Rö⸗ merwaffen zurükgeworfen, die blaue Uniform eines modernen Preußen mit weißem Bandelier und er⸗ hobenem Bajonet bemerkte Der Soldat machte für einige Minuten einem Landmädchen den Hof, deren Strohhut und Bauernkleid die Eitelkeit ih⸗ res Geſchlechts keineswegs unterdrükt hatten. Dieſe ungeſchlachten Elemente der Galanterie an einem ſolchen Ort gaben ihrer ſeits eine Moral weiter in der Geſchichte der menſchlichen Leidenſchaften ab. Oben ſchauten die Mauern einer neuen Befeſtigung dü⸗ ſter auf den öden Thurm herunter, wie in dem eiteln urm hte Rö ines er⸗ ichte Hof⸗ ih⸗ ieſe nem der ben dü⸗ teln 15 Uebermuth womit gegenwärtige Macht auf vergangene Herrlichkeit, der Lebende auf die Gröſe der Vorfah⸗ ren blikt. Und hier wirklich mit Recht! denn die neuere Zeit hat kein Gegenbild zu jener Entadelung der Menſchenwürde, wie ſie auf der alten Welt während der langen Herrſchaft des„Weibes auf den ſieben Hügeln“ laſtete, das, in ſich ſelbſt nichts als Sklaverei, für die Erde die höchſte Tyrannei war und, wie jene Meſſalina, als Bulerin und Herr⸗ ſcherin zugleich auftrat. Sie zogen an den alten Bädern von Ems vorüber, und gelangten, die Ufer der romantiſchen Lahn verfolgend, nach Holzapfel. „Ach,“ rief eines Tags Gertrud, auf einem Ab⸗ ſtecher zu den Quellen des karolingiſchen Wies⸗ badens,*)„fortwährendes Reiſen mit Denen welche wir lieben müste der ſeligſte Zuſtand ſein! Hat die Heimat ihre Annehmlichkeit, ſo hat ſie auch ihre Sorgen; hier aber iſt die Natur unſer Haus, und die unbedeutenden Uebel verſchwinden wieder, faſt eh ſie uns recht zum Gefühl kommen.“ „Gewiß,“ entgegnete Trevylyan,„wir entgehen jener Kleinlichkeit, die der Fluch unſeres Le⸗ *)„Die Karolinger hatten hier eine Pfalz, worin ſchon Karl der Groſe ſich manchmal aufgehalten,“ bemerkt Schreiber, deſſen ins Engliſche überſeztes Hand⸗ buch für Reiſende am Rhein unſer Verfaſſer bei ſeinen Bemerkungen über die Rheingegenden allent⸗ halben zu Grund gelegt zu haben ſchein“ Der Ueberſezer. 16 bens iſt, den winzigen Sorgen die uns aufzehren, den Plakereien des Togs. Wir nähren den gött⸗ lichſten Theil unſerer Natur, den Trieb zur Be⸗ wunderung.“ „Von allem Ermüdenden,« bemerkte Vane,„iſt jedoch eine Folge von Abwechſelungen das Ermü⸗ denſte. In der Manigfaltigkeit ſelbſt liegt eine Einförmigkeit. Wie das Aug Schmerz empfindet, wenn es lang auf die neuen Geſtalten eines Kalei⸗ doſkops blikt, leidet das Gemüth unter der Span⸗ nung eines fortwährenden Wechſels von Gegenſtän⸗ den, und mit Freude kehren wir zur Ruhe zurük, die für das Leben iſt was das Grun für den Boden.“ Während ihres Aufenthalts in den verſchiede⸗ nen Taunusbädern kamen ſie zufällig mit einem Studenten aus Heidelberg zuſammen, der eine je⸗ ner, bei ſeinem Stand ſo beliebten, Fußreiſen machte. Geſchlachter und ſanfter als die groſe Herde dieſer jungen Wanderer, zog er unſre Geſell⸗ ſchaft durch ſein begeiſtertes Weſen ſehr an, weil nichts Erkünſteltes darin lag. Er war in England geweſen und drükte ſich in deſſen Sprache faſt mit der Geläuſigkeit eines Eingebornen aus. „Unſre Literatur,“ bemerkte er eines Tags in einer Unterhaltung mit Vane,„hat zwei Fehler: ſie iſt zugleich zu verſtiegen und zu ſehr im gewöhn⸗ lichen Leben ſich bewegend. Einerſeits wenden wir uns nicht genug an den gemeinen Menſchenverſtand, un Ut un nie ſtel Si W nic auf ſert des abe von ſchn ent Göt eine ſchet lang Gen Gef Wer ſeine ler Eige auf lich B hren, gött⸗ Be⸗ rmü⸗ eine indet, Kalei⸗ Span⸗ nſtän⸗ zurük, r den chiede⸗ einem ine je⸗ reiſen groſe Geſell⸗ „weil ngland iſt mit ags in Fehler: ewöhn⸗ en wir rſtand, 17 und machen aus Fleiſch und Blut abſtrakte Begriffe. Unfre Kritiker haben Ihren Hamlet zu einer Idee umgewandelt; ſelbſt Shakeſpearen wollen ſie es nicht geſtatten, Menſchen zu ſchildern, ſondern be— ſtehen daranf er verkörpere nur gewiſſe Vorſtellugen. Sie machen die Poeſie zu einer Metaphyſik und die Wahrheit dünkt ihnen ſchal, wenn aus der Tiefe nicht irgend eine hineingelegte Symboliſation her⸗ aufſchimmert. Andrerſeits verbinden wir mit un⸗ ſern fantaſiereichſten Werken eine Hervorhebung des gemeinen Lebens, die uns rührend ſcheint, die aber in Wahrheit nur komiſch iſt. Wir fallen ewig⸗ vom Erhabenen ins Lächerliche;— es fehlt uns Ge⸗ ſchmak.“ „Doch wol nicht der franzöſiſche Geſchmak!“ entgegnete Trevylyan.„Nimmer dürfen Sie einen Göthe, ja nur einen Jean Paul, nach dem Maßſtab eines Boileau beurtheilen.“ „Nein; Boileau's Geſchmak war falſch. Men⸗ ſchen die im Ruf eines guten Geſchmaks ſtehen, er⸗ langen denſelben oft blos durch den Mangel an Genie. Unter Geſchmak verſteh jedoch ich das ſchnelle Gefühl für den Zuſammenklang eines ppetiſchen Werkes, die Kunſt das Ganze in Einſtimmung mit ſeinen Theilen zu bringen, die Rundung.— Schil— ler iſt der Einzige unter unſern Dichtern, der dieſe Eigenſchaft beſizt. Doch ſtehen wirder Beſſerung nah; auf unſerer langen Jagd nach Schatten ſind wir eid⸗ lich der Wirklichkeit zugeführt worden. Unſere bis Bulwer's Ronane XXII. 2 herige Literatur iſt für uns was die Aſtrolozie für die Wiſſenſchaft war: falſch aber erhebend und zu ver wirklichen Sprache des Geiſterhimmels leitend. Ein anderes Mal, als die mit zalreichen Klöſtern durchſtreute Gegend auf ein Geſpräch über das Mönchsleben und die verſchiedenen Zuſäze, welche die Zeit an die Religion anhängt, gebracht hatte, ſagte der Deutſche:„Eine Religionsgeſchichte iſt vielleicht eines derjenigen Werke, die der Welt noch am meiſten abgehen. Zwar haben wir mehrere Bücher über dieſe Materie, aber noch keines, das dem Mangel von dem ich hier ſpreche, abhülfe. Ein Deutſcher ſollte es ſchreiben, denn nur ein Deutſcher beſäße wahrſcheinlich die dazu erfoderliche Gelehrſamkeit. Zudem dürfte wol nur ein Deutſcher den gewaltigen Gegenſtand mit Geiſtesfreiheit und doch mit Ehrfurcht behandeln, ohne die ſchale Ge⸗ ſchwäzigkeit des Franzofen und die furchtſame Sekten⸗ dienerei des Engländers. Es würde eine edle Auf⸗ gabe ſein, die Labyrinthe alter Irrthümer zu ver⸗ folgen; den erſten Flimmerblik der göttlichen Wahr⸗ heit zu enthüllen; Jehovahs Wort von Menſchen⸗ ſazung zu trennen; uns den Allbarmherzigen aus dem dunkeln Glauben voll Mord und Angſt zu retten; auf den Aufgang des wahren Sterns am groſen Himmel der Veruunft zu harren und ihm, wie die Weiſen aus Morgenland, nachzuziehen bis er vor dem wirklichen Gott ſtehen bleibt.— Ohue Anſprüche auf eine ſolche Arbeit zu machen,“ für ver ern das lche e iſt noch rere das ülfe. ein liche ſcher und Ge⸗ kten⸗ Auf⸗ ver⸗ Bahr⸗ chen⸗ aus ſtzu s am ihm, iehen — hen,“ 19 fuhr der Dentſche mit leichtem Erröthen fort,„trage ich einen ſchwachen Verſuch bei mir, der nur einen Theil dieſes erhabenen Gegenſtandes behandelt, und, einem fähigern Geiſt die Geſchichte der wahren Religion überlaſſend, als diejenige einer falſchen Re⸗ ligion, als die Geſchichte eines Glaubens wie ihn das Chriſtenthum im Norden vorfand, oder wie er viel⸗ leicht bei noch ganz ungebildeten Wilden vorkommt, betrachtet werden mag. Das Ganze iſt, wie leicht zu erachten, erdichtet; indeſſen hab ich es durch fortwährende Beziehung auf die älteſten Urkunden des menſchlichen Wiſſens aus wirklich Geſchehenem zuſammen zu ſezen geſucht. Wenn Sie es anhören mögen— es iſt ſehr kurz.“ „Nichts könnte uns angenehmer ſein!“ ent⸗ gegnete Vane; und der Deutſche zog ein ſauber ge⸗ heftetes Manuſcript aus der Taſche. „Nachdem ich mit eigenem Mund die Gebrechen unſerer Schriftſteller ſo ſchonunglos gerügt,“ ſprach er lächelnd,„haben Sie ein doppeltes Recht die Fehler eines ſo tief ſtehenden Schülers derſelben zu rügen. Je— doch werden Sie wenigſtens finden, daß ich, obwol eben⸗ falls mit Allegoriſchem oder Uebernatürlichem be⸗ ginnend, wenigſtens das Ueberſtiegene in der Idee und das Unzuſammenhängende im Plan vermieden habe, das ich bei den Regelloſeren unter unſern Autoren tadle. Was den Stil betrift, ſo wünſchte ich denſelben dem Gegenſtand anzupaſſen; irr ich mich nicht, ſo muste er ranhkantig und maſſiv 20 ſein, wie aus dem Fels der Urſprache gehauen. Aber Sie, mein Fräulein: ohne Zweifel iſt Ihnen die deutſche Sprache nicht bekant?“ „Ihre Mutter war eine Oeſtreicherin,“ ant⸗ wortete Vane.„Sie kennt die Sprache immerhin genug, um Sie zu verſtehen. Wollen Sie nur an⸗ fangen.“ Ohne weitere Einleitung begann ſofort der Deutſche die Geſchichte, welche der Leſer im folgenden Kapitel überſezt finden wird. Neunzehntes Kapitel. Der gefallene Stern, oder Geſchichte einer falſchen Religion. „Die Sterne ſaßen jeder auf ſeinem goldenen Stuhl, und ſahen mit ſchlafloſem Aug hinab auf die Erde. Es war die Nacht, worin das neue Jahr beginnt, eine Nacht, in welcher jeder Stern von dem Erzengel, der dann das ganze Firmament durch⸗ fliegt, ſeine beſondern Bef hle erhält. Die Schik⸗ ſale der Menſchen und Reiche für das kommende —— *) Nichtsdeſtoweniger bitte ich als ausgemacht anzunehmen, daß der Student ein Betrüger iſt. Hätt' er mir irgend eine andere Geſchichte entwendet, ſo wollt' ich mirs baben gefallen laſſen; aber eine von meinen beſten — Ah scelörat! la ret det len. neu ant⸗ hin an⸗ der den ion. nen auf ahr von rch⸗ hik⸗ nde nen, en nirs ſten 21 Jahr werden ausgetheilt, und ohne daß wir darum wiſſen leſen die Sterne unſer Verhängniß. Eine ſtille, feierliche Nacht iſt es, worin ſich die ſchwar⸗ zen Thore der Zeit aufthun, den Geiſt des todten Jahres zu empfangen, und der junge, ſtralende Fremdling aus dem unwölkten Schos der Ewigkeit hervorſpringt. In dieſer Nacht, heist es, haben die Geiſter, die wir nicht ſehen, Freiheit und Ge⸗ walt; die Todten werden in ihren vergeſſenen Gräbern aufgeſtört, und die Menſchen trinken und lachen, während Dämon und Engel um ihr Los ſtreiten. Es war Nacht am Himmel; Alles war in lantloſes Schweigen verſenkt; die Muſik der Sphä⸗ ren hatte aufgehört und kein Ton ging aus von den Engeln der Sterne; und Derer, die auf den glänzenden Stühlen ſaßen, waren drei tanſend und zehn, Jeder dem Andern gleich. Ewige Ingend ſchmükte ihre ſtralenden Glieder mit himmliſcher Schönheit, und auf ihrem Antliz ſtand der Schre⸗ ken der Ruhe, jene furchtbare Stille, die zu den Geſchiken, über welchen ſie brütet, kein Geſühl und keinen Herzſchlag hat. Kriea, Sturm, Peſt, das Steigen und Fallen der Reiche ordnen und be⸗ grenzen ſie ohne Jubel ohne Schmerz. Die blutigen, herzdurchrieſelnden Frevel, die Nachts umherſchlei⸗ chen wenn die Welt ſchläft; der Vatermörder mit leiſem Schritt und ſtarrem Haar und erhobenem Meſſer; die gattenloſe Mutter die hinausſchlüpft 6 12 2 und zurübblikt und beim Zurükbliken ſchaudert, und ihr Kindlein in den Fluß wirft und beim Hören des Gewimmers kein Mitleid fühlt, beim Geplatſch nicht zittert: dieſen ſchauen die Sternenfürſten zu, dieſen leiten ſie den unbewusten Schritt; aber die Sünde bleicht ihren Glanz nicht, kein Vorwurf welkt ihre faltenloſe Jugend ab. Jedweder Stern trug ein königliches Diadem, um die Lenden hatte Jedweder einen Gürtel, worauf manigfache, erha⸗ bene Zeichen eingegraben ſtanden; der Fuß eines Jeden ruhte auf einer brennenden Kugel, und der rechte Arm lag auf dem Knie. Kein Glied und keinen Zug des Antlizes regten ſie, als den Zeige⸗ finger der rechten Hand, der kangſam deutend ſich bewegte und die Schikfale der Menſchen leitete, wie die Hand der Sonnenuhr den Lauf der Zeit angibt. Nur Einer von den drei tanſend und zehn hatte nicht daſſelbe Anſehen, wie ſeine gekrönten Brü⸗ der; ein Stern, kleiner als die übrigen und min⸗ der ſtralend. Dem Geſicht dieſes Sterns war nicht die furchtbare Ruhe der Andern eingedrükt, ſon⸗ dern Mismuth und Unzufriedenheit ſtand auf ſei⸗ ner mächtigen Stirn. Und dieſer Stern ſprach zu ſich ſelbſt:„Siebe! ich bin minder herrlich geſchaffena als meine Geſel⸗ len, und der Erzengel theilt mir keine ſo erhabene Geſchike zu. Richt für mich ſind die Loſe der Kö⸗ nige und der Dichter, der Beherrſcher der Men⸗ ſchenreiche und der noch edlern Bewältiger und Be⸗ und ören atſch nzu, r die wurf tern hatte erha⸗ eines d der und Zeige⸗ d ſick „wie gibt. hatte Brü⸗ min⸗ nicht ſon⸗ f ſei⸗ iehe Geſel⸗ aene rKö⸗ Men⸗ d Be⸗ 98 3 ſchwichtiger der Seelen. Träg ſind die Geiſter und gemein die Schikſale der Menſchen, die ich durch ein dumpfes Leben zu einem ruhmloſen Grab zu⸗ führen habe. Und weshalb? iſt es mein Fehler, oder iſt es ein Fehler der nicht mir zugerechnet werden kann, daß ich aus minder glanzvollen Stra⸗ len gewoben ward als meine Brüder? Siehe, wenn der Erzengel kommt will ich mein gekröntes Haupt ſeinen Befehlen nicht beugen. Ich will ſpre⸗ chen wie in der Urzeit Lucifer ſprach: er empörte ſich wegen ſeines Glanzes, ich wegen meiner Dun⸗ kelheit; er aus der Fülle ſeines Stolzes, ich aus Unmuth daß ich nichts habe um ſtolz zu ſein.“ Dieweil der Stern alſo mit ſich ſprach, zerriſ— ſen die obern Himmel wie durch einen langen Licht⸗ ſtrom, und ſchnell und lautlos kam der Erzengel zum Beſuch der Sterne den Strom herab. Seine Rieſenglieder ſchwammen in dem hellen Schimmer und ſeine ausgebreiteten Schwingen, jede Feder die Glorie einer Sonne, trugen ihn geräuſchlos dahin; aber dichte Wolken verhüllten ſeine Klar⸗ heit vor den Augen der Sterblichen, und während oben Alles in die Helle ſeiner Erſcheinung gebadet war, brachen unten Sturm und Schneegeſtöber über die Erdenkinder herein:„Er fuhr herab und Fin⸗ ſterniß war unter ſeinen Füßen.“ Und noch ſtiller ward die Stille auf dem Ant⸗ liz der Sterne und die Furchtbarkeit ſank ein zur Furcht. Gerad über ihren Stühlen hielt der Erz⸗ 24 ngel in ſeiner Bahn an, uud ſeine Schwingen dehn⸗ ten ſich von Weſt nach Oſt, umzeichnend mit dem Zeichen des Lichts die Unermeslichkeit des Raums. Dann begann die donnernde Muſik ſeiner Stimme durch die leuchtende Stille zu rollen und, das Ge⸗ bot Gottes erfüllend, theilte er jedem Stern Pflicht und Geſchäft zu, und jeder Stern bengte ſein Haupt als er den Befehl empfing, noch tiefer, während ſein Stuhl vor der Majeſtät des Wortes ſchütterte und bebte. Zulezt, nachdem jeder der lichtern Sterne der Reihe nach bedeutet worden und die Statthal⸗ terſchaft über die Völker der Erde, den Purpur und die Diademe der Könige erhalten hatte, wandte ſich der Erzengel zu dem kleinern Stern der weiter entfernt von den Genoſſen ſaß. „Sieh,“ ſagte der Erzengel,„die rauhen Ge⸗ ſchlechter des Nordeus, die Fiſcher des Stroms und die Jäger der Forſten, welche die Berggipfel in ihre grüne Nacht hüllen, ſie ſeien dein Geſchäft und ihr Schikſal deine Sorge. Und glaube nicht, o Stern der trüben Stralen, daß dein Amt minder ruhmvoll ſei, als das Amt deiner Brüder; denn der Land⸗ mann iſt vor dem Herrn der über dich und mich gebietet nicht geringer als der Fürſt, und das Ge⸗ ſchik der Völker hängt nicht mehr von dem Beherr⸗ ſcher als von der Herde ab. Die Leidenſchaften und das Herz ſind das Gebiet der Sterne, ein mächtig Reich, ſo mächtig unter dem Fell das den jede wie ten ger ſo t zu wel Höl wie eine ſchä ich men mir, die Erd herr welc möc der Mit enge en⸗ dem ums. mme Ge⸗ licht aupt ſein und erne thal⸗ rpur tte, tern Ge⸗ und ihre ihr tern woll and⸗ 25 Schäfer umhüllt, als unter dem juwelenſchimmern⸗ den Mantel des Königs der Morgenlande.“ Da hob der Stern ſein bleiches Haupt von der Bruſt und antwortete dem Erzengel: „Sieh,“ ſpracher,„Aeonen ſind vergangen und jedes Jahr haſt du mir daſſelbe unedle Amt zuge— wieſen. Erlöſe mich, ich flehe darum, von Pflich⸗ ten die ich verachte; oder wenn Du willſt daß das geringere Menſchengeſchlecht mein Zukommen ſei, ſo theile mir die Sorge für Einen, nicht für Viele, zu und laß mich ihm die Sehnſucht einhauchen, welche die Tiefen des Lebens aufregt und ſeine Höhen erklimmt. Sind die Niedrigen mir zuge⸗ wieſen, ſo laß Einen unter ihnen ſein, den ich auf einer Bahn führen möge, welche die Stolzen be⸗ ſchämen ſoll; denn ſieh, o Beſtimmer der Sterne, ich der ſeit ungezälten Jahren auf meinem einſa⸗ men Thron ſize und ſinne über die Dinge unter mir, habe Weisheit geſammelt aus den Wechſeln die da unten vorgehen. Auf die Geſchlechter der Erde blikend hab ich funden wie die Menge zu be⸗ herrſchen iſt und bin auf die Schritte gekommen, welche die Schwäche zur Gewalt bringen, und gern möcht' ich der Führer eines Solchen ſein, der aus der Niedrigkeit zur Herrſchaft aufſtrebt.“ Wie eine plözliche Wolke über dem Antliz des Mittags war der Wechſel auf der Stirn des Erz⸗ engels. „Stolzer, düſterer Stern,“ ſprach der Bote des 26 Himmels,„dein Wunſch führt Krieg mit der Bahn des unſichtbaren Geſchikes, das von fernem, hohen Thron aus Alles beherrſcht und ordnet; mit der Quelle, aus welcher die einzelnen Ströme des Schikſals ewig durch das Herz des Alls ſprudeln. Denkſt du deine Weisheit allein vermöge den Land⸗ mann zum König zu erheben?“ Und der gekrönte Stern ſah unverwirrt in das Antliz des Erzengels und antwortete: „Ja! geſteh mir nur Eine Probe zu Eh der Engel erwiedern konnte, zerriß der in⸗ nerſte, fernſte Mittelpunkt des Himmels wie durch einen Bliz, der göttliche Herold bedekte ſein Ge⸗ ſicht mit den Händen und eine leiſe, ſüße, im Be— wustſein ewiger Macht milde Stimme ſprach zu dem trauernden Stern: »Die Zeit iſt gekommen, wo du deines Wun⸗ ſches gewährt werden ſollſt. Unter dir, auf jener einſamen Ebene, ſizt ein Sterblicher, düſter wie du, der, unter deinem Einfluß geboren, nach dei⸗ nem Willen geformt werden kann.“ Die Stimme ſchwand wie die Stimme eines Traumes. Schweigen ruhte über dem See des un⸗ endlichen Raums und der Erzengel, von Neuem in die Höhe getragen, entſchwebte langſam nach dem entlegenern Himmel, den göttlichen Willen den Sternen entfernterer Welten zu künden. Aber die Geele des unmuthigen Sterns jubelte in ſich und 16 ſpra nen nied te ſein acht Gro * 4 ſend ſchot welc Kun jene Stu für * . dem ein wan hatt tet kein das Bahn hohen it der e des udeln. Land⸗ n das er in⸗ durch n Ge⸗ n Be⸗ c Wun⸗ jener r wie dei⸗ eines es un⸗ lem in h dem n den ber die ch und 27 ſprach:„vom Thal der Hirten hervor will ich ei⸗ nen König rufen, der die Könige meiner Genoſſen niedertreten und den Schüzling des verſtoſſenen ternes glorreicher machen ſoll, als die Lieblinge ſeiner begünſtigten Brüder: ſo will ich die Ver⸗ achtung rächen— ſo will ich mein Anrecht an das Groſe auf Erden erweiſen!“ —** —**% 2½ Obwol die Erde damals ſchon durch Jahrtau⸗ ſende hingerollt und der Pilgerlauf des Menſchen ſchon durch manigfache Zuſtände gewandelt war, von welchen unſer dämmerndes, ſagenhaftes Wiſſen keine Kunde aufbewahrt hat, ſtand doch unſer Geſchlecht um jene Zeit in den Ländern des Nordeus noch auf der Stufe, die wir, nachunſerer unvollkommenen Anſicht, für eine der früheſten halten. * 3** Neben einer rohen, mächtigen Steinſchichte, dem Werk vergeſſener Hände, ſaß um Mitternacht ein einſamer Mann, den Blik zum Himmel ge⸗ wandt. Ein Sturm war eben vorüber, die Wolken hatten ſich weggewälzt und die hohen Sterne blik⸗ ten herab auf die ſchnellen Wogen des Rheins; und kein Laut ward um die Steintrümmer gehött als das Brauſen der Wellen und das Träufeln des 28 Regens von den mächtigen Bäumen; die weißen Schafe lagen zerſtreut auf der Ebene, und auf ih⸗ uen Schlummer. Jener wachte bei der Herde, da⸗ mit ein feindlich Nachbarvolk ſich nicht unverſehens ihrer bemächtige, und alſo ſprach er zu ſich ſelbſt: „Der König ſizt auf ſeinem Thron und wird geehrt von einem Kriegergeſchlecht, und der Krieger jubelt über die gewonnenen Siegesmale; kühn iſt der Schritt des Jägers auf der Bergfirſte und ſein Name wird Nachts bei den Tannenfeuern geſungen vom Munde des Sängers; und dem Sänger ſelbſt wird Ehre in der Halle. Ich aber, der nicht zum Geſchlecht der Könige gehöre; ich deſſen Glieder nicht ſchnell genug ſind zur Eile des Kriegs, die nicht erklimmen können den Horſt des Adlers oder das Lager des hurtigen Hirſches; ich deſſen Hand die Harfe nicht zu rühren vermag und deſſen Stimme rauh iſt für den Sana: ich habe weder Ehre noch Herrſchaft, und die Menſchen beugen das Haupt nicht, wo ich vorüber wandle. Und doch trag ich in mir das Bewustſein einer groſen Kraft, die mei— nes Gleichen beherrſchen, nicht ihnen gehorchen ſollte. Mein Aug durchdringt die geheimen Herzen der Menſchen— ich ſebe ibre Gedanken eh ihre Lippen ſie ausſprechen, und ich verachte dieſe Schwächen und Gebrechen die ich ſehe und an welchen ich nie Theil hatte. Ich lache über den Wahnſinn des Kriegers— ich böbne in meiner Seele die Tyran— nei der Könige. Gewiß gibt es in der Menſchen⸗ natu noch Sehi oder ſich r gerick aus dahin dunke haufe 2 langſe Erſch Eine zog d wacht den G komm B Brüd ging Sinn ten G fich at klarer er alſt dem V Stam eißen uf ih⸗ da⸗ ſehens ſelbſt: geehrt jubelt t der ſein ungen ſelbſt t zum ieer „ die oder Hand timme e nch Haupt ag ich mei⸗ ſollte. n der ippen ächen ch nie n des yran⸗ ſchen⸗ 29 natur noch etwas Gerigneteres zur Herrſchaft— noch etwas Würdigeres für den Ruhm, als die Sehnen des Arms oder die Schnelligkeit der Füße, oder den Zufall der Geburt.“ Während Morven, der Sohn SLsla's, alſo bei ſich nachſann, das Aug noch ſtets auf den Himmel gerichtet, ſah der Einſame einen Stern jählings aus ſeiner Stelle ſchießen und durch die ſtille Luft dahin eilen, bis er eben ſo plözlich gerad über dem dunkeln Strom ſtehen blieb, dem Hüter des Stein⸗ haufens eben gegenüber. Beim Anblik des Sterns überkamen Jenen langſam wunderbare Gedanken. Ertrank aus ſeiner Erſcheinung den Muth mächtigen Unternehmens. Eine ſchuell über der Erde hinſtreifende Wolke ent⸗ zog den Stern ſeinem Aug, ließ aber ſeinem er⸗ wachten Gemüth die Gedanken und den aufdämmern— den Entwurf, die im Hinaufbliken über ihn ge⸗ kommen. Bei Sonnenaufgang löste ihn einer ſeiner Brüder von der Hut über die Herde ab, und er ging fort, aber nicht nach dem Haus ſeines Vaters. Sinnend vertiefte er ſich in die dunkeln, entblätter⸗ ten Gründe des winterlichen Forſts und gtſtaltete ſich aus ſeinen wirren Vorſtellungen deutlicher und klarer die Grundzüge ſeines kühnen Hoffens. Während er alſo brütete, vernahm er ein groſes Geräuſch in dem Wald und beſtieg, in der Beſorgniß der feindliche Stamm der Alven möchte von dieſer Seite her 30 eingedrungen ſein, eine der höchſten Tannen, deren ewiges Grün auch im Winter das Schirmdach bot, dos er ſuchte. Von ihren Zweigen gedekt ſpähte er ſorgſam nach der Richtung hin, von welcher das Geräuſch gekommen. Und es kam— es kam mit Stampfen und Krachen und zermalmendem Tritt auf die Reiſer und das Blättergeflecht das den Boden dekte;— es kam das Ungehener, das die Welt jezt nicht mehr ſieht, der mächtige Mammuth des Nordens! Langſam ſchritt er in ſeiner gewaltigen Kraſt vor und ſeine brennenden Augen funkelten durch das Schattendunkel; die offen ſtehenden Kinn⸗ baken zeigten die Mahlzähne, womit er die jungen Eichen des Waldes zerſtükte; und die langen Hauer, die ſich bis zur Mitte ſeiner rieſigen Glieder hinab⸗ krümmten, glänzten weiß und grauenhaft und er⸗ ſtarrten das Blut Deſſen, der in der Folge einer der furchtbarſten Beherrſcher der Menſchen werder ſollte.. Die geiſterhaften Augen des Ungethüms fasten die Geſtalt des Hirten ſelbſt in der dichten Finſter⸗ niß der Tanne. Es ſtand ſtill, es ſtarrte ihn an— der Rachen öffnete ſich, und ein gedrükter, tiefer Laut, wie der erſte Donner, ſchien dem SohnOsla's der Ruf in ein grauenhaftes Grab. Nachdem das Thier ihn jedoch eine Zeit lang angeſtiert, ezte es ſeinen ſchrekenvollen Weg von Neuem ruhig fort, die Zwrige imit jedem Schritt zermalmend, bis der lezte chent Bau Waf klein ſelbſt wie bei ein Stat Weit Hänt 3 der 6 berge werd die 2 Führ ³) e le d deren bot, pähte r das n mit Tritt Boden Welt th des ltigen kelten Kinn⸗ ungen auer, hinab⸗ d er⸗ einer verden fasten inſter⸗ an— tiefer Osla's das zte es rt, die is der 31 lezte Ton ſeines ſchweren Fußes im Ohr des Hor⸗ chenden erſtarb.*) 8 Eh jedoch Morven den Muth gefast vom Baum zu ſteigen, ſah er durch die nakten Geſträuche Waffen ſchimmern und gleich darauf kam ihm eine kleine Sch ar der feindlichen Alven zu Geſicht. Er ſelbſt blieb ihnen gänzlich unbemerkbar und hörte wie im Vorbeiziehen Einer zum Andern ſagte: „Verbirgt doch die Nacht Alles; warum ſie bei Tag angreifen?“ Und Der, welcher das Haupt der Schar zu ein ſchien, erwiederte: „Recht! Bei Nacht, wenn ſie ſchlafen in ihrer Stadt, wollen wir an ſie. Siehe! ſie werden des Weines voll ſein und wie Lämmer unter unſern Händen fallen.“ „Aber wo, o Führer,“ hob ein Dritter aus der Schar an,„ſollen wir uns den Tag über ver⸗ bergen? denn viel ſind der Jäger unter der Ingend des Heſenvolks; die könnten uns im Forſt gewahr werden und ihren Stamm gegen unſern Angriff in die Waffen rufen.“ „Dafür hab ich vorgeſehen,“ entgegnete der Führer.„Iſt nicht Odurs dunkle Höhle in der ²) Der Kritiker wolle bemerken daß obige Beſchreibung eines Thiers, deſſen Geſchlecht jezt ausgeſtorben in, lediglich beabſichtigt die entfernte Weitperiode anzu⸗ denten, worein dieſe Geſchichte fällt⸗ ———— . 32 Nähe? Wird ſie uns nicht deken gegen die Augen unſrer Feinde?“ Da lachten die Männer und zogen jubelt⸗d den Wald entlang. Als ſie weg waren ſtieg Morven vorſichtig herab, und eilte auf einem breitern Pfad nach einem Thal zwiſchen dem Wald und dem Strom, worin die Stadt lag, in welcher der Fürſt des Landes wohnte. Als er an den Kriegern vorüber kam, Rieſen jener Tage, welche ſich in den Straßen(wenn das Wort Straße zu gebrauchen iſt)drängten— loſe, aufklaffende Gewänder um die mächtigen Glieder, Kö⸗ cher auf den Rüken und Jagdſpeere in den Händen— lachten und ſpotteten ſie und riefen, auf ihn weiſend: „Morven Du Weib, Morven Du Krüppel, was thuſt Du unter Männern?“ Denn der Sohn HOsla's war klein von Geſtalt und von geringer Stärke, und ſein Fuß hinkte von Kindheit an; aber ohne ihrer zu achten ging er durch die Krieger. Am Ende der Stadt gelangte er zu einem hohen Thurm, worin einige alte Män⸗ ner zuſammen kamen, die den König beriethen in Zeiten der Gefahr, oder wenn Miswachs, Hungers⸗ noth oder Ueberſchwemmung den Herrſcher befangen machten uad die wilden Stirnen ſeiner Krieger um⸗ wölkten. Sie gaben den Rath der Erfahrung, und wenn Erfahrung ihnen abging, entnabmen ſie in gläubi⸗ ver Uikunde Zeichen und Deutung aus den Win⸗ den Fli der ein ung hat fah Urſ der ihre Abe Liſt ten Gla bedi nie und gier furc ober ſaße teſte „wa weiſ wur ugen den chtig inem rin ndes kam, venn loſe, n.— ſend: thuſt eſtalt von ig er ingte Nän⸗ nin gers⸗ ugen um⸗ venn äubi⸗ Win⸗ 33 den des Himmels, den Wechſeln des Monds, dem Flug der wandernden Vögel. Durch die Stimme der Elemente und die manigfachen Geheimniſſe die einander auf dem Antliz der Welt ewig folgen, aber ungelöst bleiben durch das Staunen das keine Ruhe hat, die Furcht die glaubt, und die ewige aller Er⸗ fahrung zu Grund liegende Vernunft, welche für Urſachen eine Wirkung ſucht,— durch all Dies mit der Vorſtellung höherer Mächte erfüllt, kamen ſie ihrem Wiſſensmangel durch die Vermuthungen ihres Aberglaubens zu Hilfe. Aber nichts wusten ſie von Liſt und übten keinen vorſäzlichen Trug; ſie zitter⸗ ten zu ſehr vor den Räthſeln, aus welchen ihr Glaube hervorgegangen, um ſich ihrer zur Lüge zu bedienen. Sie ertheilten Rath nach ihrem beſten Dafürhalten, und ſo alte, ergraute Menſchen hatte nie der verwegene Traum durchzukt, ihre Krieger und Könige durch die Macht der Täuſchung zu re⸗ gieren. Der Sohn Osla's betrat das Gemäuer mit furchtloſem Schritt und näherte ſich dem Ort am obern Ende der Halle, wo die Greiſe verſammelt ſaßen. „Ha, niedrig geborner Feigling,“ rief der Ael⸗ teſte, in frühern Tagen ein gefeierter Krieger: „wagſt Du ungemeldet in den geheimen Rath der weiſen Männer zu treten? Weist Du nicht, Aus⸗ wurf, daß der Tod hierauf ſteht 26 „Tödte mich, wenn Du willſt,“ entgegnete Mor⸗ Bulwer's Romane XXII. 3 34 ven,„aber höre mich! Als ich vergangene Nacht n der zertrümmerten Burg unſerer alten Könige ſaß und nach dem Gebot meines Vaters die umher graſenden Schafe hütete, damit nicht das wilde Volk der Alven vom Gebirg unbemerkt auf die Herde herabſteige, kam ein Sturm finſter, daher und als der Sturm vorüber und ich zum Himmel hinauf blikte, ſah ich einen Stern von ſeiner Höhe gegen mich herab gleiten, und eine Stimme aus dem Stern rief:„„Sohn Osla's verlaß deine Heerde und ſuche den Rath der Weiſen und ſag ihnen, daß ſie dich aufnehmen als Einen ihrer Zahl oder ihr und der Ihrigen Untergang werde jach hereinbrechen.““ Aber ich hatte Muth der Stimme zu antworten, und ich ſprach:„„Spotte nicht den armen Sohn des Hirten. Sieh, ſie werden mich tödten, wenn ich ein ſo kühnes Wort ſpreche, denn ich bin arm und werthlos in den Augen meines Stammes, und nur Die, welche groſe Thaten vollbracht und grau von Haaren ſind, ſizen im Rath der Weiſen.““ Da ſprach die Stimme:„„Thu wie ich dir be⸗ fehle und ich will dir ein Zeichen geben, daß dich die Mächte entboten, welche die Zeiten des Jahrs beherrſchen und auf den Fittichen des Windes ſe⸗ geln. Sage den Weiſen, daß wenn ſie dich nicht unter ſich aufnehmen, noch heute Nacht das Un⸗ glük über ſie fallen und der Morgen in Blut auf— gehen ſoll.“ Damit ſchwieg die Stimme und eine Wolke 30g und ich Zur fode den war Sol bar er r Hin nes ten feln. ſich tern chen nes, Wo ther Eur Pfo wie vern Nacht önige umher Volk Herde d als ina gegen Stern ſuche e dich d der en. orten, Sohn wenn narm „ nd ran 666 dir be⸗ ß dich Jahrs des ſe⸗ nicht as Un⸗ t auf⸗ Wolke 35 zog hin über den Stern, und ich hielt Rath bei mir und kam trauernd zu Euch, o ſtrenge Väter; denn ich fürchtete ihr würdet mich ſchlagen wegen frecher Zunge und mich zum Tod verurtheilen, weil ich fodere, was kaum den Söhnen der Könige zugeſtan⸗ den würde.“ Da ſahen die ſtrengen Alten einander an und waren ſehr erſtaunt und wusten nicht, was ſie dem Sohn des Hirten antworten ſollten. Endlich begann Einer von den Weiſen:„Offen⸗ bar muß Wahrheit aus Osla's Sohn ſprechen, denn er würde es nicht wagen auf die groſen Lichter des Himmels zu lügen. Hätt' er die Worte des Ster⸗ nes einem Menſchen in den Mund gelegt, ſo könn⸗ ten wir mit Recht an der Wahrheit derſelben zwei⸗ feln. Aber Wer wird die Rache der Nachtgötter auf ſich laden wollen2“ Und die Greiſe nikten beifällig mit den Häup⸗ tern, aber Einer antwortete und ſprach: „Sollen wir des Hirten Sohn als unſeres Glei⸗ chen aufnehmen? Nein!“ Der Name des Man⸗ nes, der alſo geſprochen, war Darvan und ſeine Worte gefielen den Greiſen. Aber Morven erwiederte:„Wahrlich, v Bera⸗ ther der Könige, ich ſehe nicht darum aus, daß ich Eures Gleichen ſein könnte. Genug wenn ich die Pforten Eures Hauſes verſchließe und Euch diene, wie der Sohn Oösla's dienen kann.“ Und demüthig verneigte er ſein Haupt. 3 N 36 Da eutgegnete der Oberſte der Alten, denn erwar weiſer als die Uebrigen:„Aber wie willſt Du uns von dem Unglük erlöſen, das über uns kommen ſoll? Ohne Zweifel hat Dir der Stern den Dienſt ge⸗ nannt, den Du uns leiſten kannſt, wenn wir Dich in unſere Halle aufnehmen, ſo wie das Weh, das auf uns fallen ſoll, wenn wir Dich nicht auf⸗ nehmen.“ Morven erwiederte in Demuth:„Gewiß wird der Stern, wenn Du Deinen Diener aufnimmſt, ihm anzeigen, was Dein Lohn ſein ſoll; für jezt aber weiß er blos, was er bereits geſagt.“ Da hießen ihn die Weiſen abtreten und ſie be⸗ redeten ſich, und ſehr verſchieden waren ihre Be⸗ dünken; aber obwol kühne Männer und muthig gegen den Schlachtruf eines menſchlichen Feindes, ſchauderten ſie über die Verkündung des Sternes. So beſchloſſen ſie denn den Sohn Oösla's aufzuneh⸗ men und ihn zum Pförtner des Rathſaales zu machen. Er vernahm den Beſchluß und beugte ſein Haupt und ging zu der Thür und ſezte ſich ſtill bei ihr nieder. Und die Sonne ſank hinab im Weſten und die erſten Sterne der Dämmerung fingen an zu flim⸗ mern, als Morven von ſeinem Siz auffuhr und ein Zittern ſchien ſeine Glieder zu faſſen. Seine Lip⸗ pen ſchäumten, Zukung und Angſt kam über ihn; er krümmte ſich wie ein Menſch dem der Speer ei⸗ nes ſiei niede ihn a zu ſie nes 2 wort 2 5 ſoglei Bewa und! ren Z verkü wie d 2 nes „Was der 2 tung 2 gen u Juger Speer ging und e tes au er war mms nſoll? nſt ge⸗ r Dich h das t a⸗ ß wird rimmſt, für jezt ſie be⸗ hre Be⸗ muthig Feindes, ternes. fzuneh⸗ ales zu nHaupt bei ihr und die zu flim⸗ und ein ne Lip⸗ ber ihn; peer ei⸗ nes Feindes eine tödliche Wunde beigebracht, und fiel plözlich auf ſein Anliz auf dem Steinboden nieder. Die Greiſe nahten ihm; verwundert hoben ſie ihn auf. Langſam kam er wie aus einer Ohnmacht zu ſich. Seine Augen rollten wild. „Vernahmet Ihr nicht die Stimme des Ster⸗ nes?“ fragte er. Und der Oberſte der Alten ant⸗ wortete:„Nein, keinen Laut haben wir gehört.“ Da ſeufzte Morven tief. „Nur an mich erging alſo das Wort. Bietet ſogleich, o Berather des Königs, bietet ſogleich die Bewaffneten und die ganze Jugend des Volks auf, und heist ſie Schwert und Speer nehmen und Eu⸗ ren Diener folgen. Denn ſiehe! der Stern hat ihm verkündet, der Feind werde in unſre Hände fallen, wie die Thiere des Waldes.“ Der Sohn Oela's ſprach mit der Stimme ei⸗ nes Herrſchers, und die Greiſe ſtanden betroffen. „Was zaudert Ihr?“ rief er.„Lügen die Götter der Nacht? Auf mein Haupt falle die Verantwor⸗ tung wenn ich Euch betrüge.“ Da beriethen die Greiſe nochmals, und ſie gin⸗ gen und boten die Bewaffneten auf und die ganze Jugend des Volks; und Jeder nahm Schwert und Speer, und ſo auch Morven. Und HOsla's Sohn ging voraus, ſtets emporblikend zu dem Stern; und er bedeutete ſie ſtill zu ſein und leiſen Schrit⸗ tes aufzutreten. 58 So zogen ſie durch das wildeſte Dikig des Wal⸗ des, bis ſie zum Eingang einer groſen, mit alten, verflochtenen Bäumen verwachſenen Höhle gelangten, welche die Odurshöhle genant war. Und er hieß die Führer die Bewaffneten zu beiden Seiten der Höhle ſtellen, rechts und links ins Gebüſch. So hielten ſie ſchweigend Wache bis die Nacht tiefer dunkelte; und ſie vernahmen ein Geräuſch in der Höhle und den Hall von Tritten, und heraus kam ein Bewaffneter. Der Speer Morvens durch⸗ vorte ihn und er fank todt am Eingang der Höhle nieder. Ein Zweiter und ein Dritter, und Beide ſielen abermals! Da ertönte laut und lang der Schlachtruf der Alven und hervorſchoß, wie ein Fluß über ein enges Bett, der Strom der Krieger. Und die Söhne der Oeſen fielen auf ſie und der Feind war in groſer Noth und Entſezen über das unvermuthete Gefecht und die Dunkelheit der Nacht, und es war ein mächtig Schlachten. Und als der Morgen kam zälten die Kinder der Heſen die Erſchlagenen und fanden den Führer der Alven und die Erſten des Volks unter ihnen, und gros war darüber die Freude. Siegprangend kehrten ſie zur Stadt zurük und trugen Osla's tapſern Sohn auf den Schultern und jubelten: „Ehre dem Diener des Sternes.“ Und Morven kam in den Rath der Weiſen. Nun hatte der König des Volks eine Tochter, und ſie war lieblich unter den Weibern und ſchön anzt der heit ſie er h Er ſam die gewt neig und aufſt noch hatt ven mäch achte worf gel durck nes track derg ſer z und und Mor Wal⸗ alten, ngten, hieß n der Nacht ſch in heraus durch⸗ Höhle Beide ig der ie ein rieger. nd der e ds Nacht, Kinder Führer ihnen, ingend Oösla's belten: Beiſen. ochter, ſchön 39 anzuſehen. Und Morven blikte auf ſie mit Augen der Liebe, aber er wagte noch nicht zu ſprechen. Der Sohn Osla's lachte heimlich über die Thor— heit der Menſchen. Er liebte dieſelben nicht, denn ſie hatten ihn verhöhnt; er achtete ſie nicht, denn er hatte die Weiſeſten unter ihren Greiſen getäuſcht. Er mied ihre Feſte und Luſtbarkeiten und lebte ein⸗ ſam für ſich. Die Strenge ſeines Lebens vermehrte die Ehrfurcht, die ſein Verkehr mit dem Stern ihm gewonnen, und der Kühnſte unter den Kriegern neigte ſein Haupt vor dem Liebling der Götter. Eines Tages wandelte er am Ufer des Stroms und ſah einen gewaltigen Raubvogel vom Waſſer aufſtoßen und auf einen Habicht Jagd machen, der noch nicht die volle Kraft ſeiner Schwingen erlangt hatte. Von Kindheit an hatte der einſame Mor— ven in den grofen Wäldern und an den Ufern des mächtigen Stroms gern auf die Art der Weſen ge⸗ achtet, welche von der Natur dem Menſchen unter⸗ worfen worden ſind. Jezt ſprach er, auf die Vö⸗ gel blikend, zu ſich ſelbſt:„So geht es immer; durch Liſt oder durch Gewalt ſucht jedes Weſen ſei⸗ nes Gleichen zu bemeiſtern.“ Während ſeiner Be⸗ trachtung hatte der groſe Vogel den Habicht nie⸗ dergeſtoßen, und erſchroken und keuchend ſtürzte die⸗ ſer zu Morvens Füßen. Er hob den Habicht auf, und über ihm ſchrie der Geier und umzog in nähern und nähern Kreiſen ſeine entriſſene Beute. Aber Morven ſcheuchte ihn fort und ſtekte den Habicht in 40 ſeinen Buſen und trug ihn nach Haus und pflegte ſein mit Sorgfalt und fütterte ihn aus feiner Hand, bis er wieder zu Kräften gekommen. Und der Habicht kannte ihn und folgte ihm nach wie ein Hund. Und lächelnd ſprach Morven zu ſich ſelbſt:„Siehe, die leichtgläubigen Thoren um mich her halten auf den Flug und die Bewegung der Vögel. Ich will dieſen armen Habicht meinen Zweken zu dienen leh⸗ ren.“ So zähmte er den Vogel und richtete ihn ſeiner Natur gemäß ab; aber er verbarg ihn ſorg⸗ fältig vor den Andern und äzete ihn im Geheimen. Der König des Landes war alt und konnte nicht mehr lang leben, und die Angen des Volks waren auf ſeine beiden Söhne gerichtet, und es wuste nicht, welcher der Würdigere ſei für die Herr⸗ ſchaft. Als eines Abends Morven durch den Wald ging ſah er den Jüngern von Beiden, der ein groſer Jäger war, gramvoll unter einer Eiche ſizen und mit ſinnenden Augen auf den Boden bliken. „Was ſinneſt Du, o ſchnellfüßiger Seiror?“ fragte Osla's Sohn,„und weshalb biſt Du traurig.“ „Dü kannſt mir nicht helfen!“ antwortete der Königsſohn ſtreng.„Geh Deines Weges.“ „Ha,“ entgegnete Morven,„Du weist nicht, was Du ſprichſt. Bin ich nicht der Liebling der Sterne 2“ „Hinweg! ich bin kein Graubart den die Nähe des Todes zum Schwachkopf macht. Sprich mir nicht von den Sternen. Ich weiß blos von Dem was mein Aug ſieht, mein Ohr hört.“ dek raſ mir An dan beke glei wer ſizet beit Sti kom Dat men ſie 1 bete opfe flegte dand, bicht umd iehe, auf will mleh⸗ ihn ſorg⸗ men. onnte Bolks d es Herr⸗ Wald roſer und n2 rig.“ e der was ne?“ Nähe mir Dem 41 „Still!“ entgegnete Morven feierlich, und be⸗ dekte ſein Antliz;„ſtill, damit der Himmel Dein raſches Wort nicht räche. Siehe, die Sterne haben mir die Gabe verliehen die geheimen Herzen der Andern zu durchſchauen, und ich kann Dir die Ge⸗ danken des Deinigen ſagen.“ »Sage ſie, Ausgeburt der Niedrigkeit!“ „Du biſt der Jüngere und Dein Name iſt minder bekant im Krieg, als der Name Deines Bruders: gleichwol möchteſt Du gern höher als er geſezt werden, möchteſt auf den hohen Stuhl Deines Vaters ſizen.“ Der Jüngling ward bleich.„Du haſt Wahr⸗ beit in Deinem Mund,“ ſprach er mit wankender Stimme. „Nicht von mir, ſondern von den Sternen kommt die Wahrheit.“ „Können die Sterne meinen Wunſch erfüllen?“ „Sie können es; treffen wir uns morgen wieder.“ Damit wandte ſich Morven in den Wald. Am folgenden Mittag kamen ſie wieder zuſam⸗ men. „Ich habe die Götter der Nacht befragt, und ſie haben mir die Gewalt gegeben, um die ich ge⸗ beten; aber unter Einer Bedingung.“ „Nenne ſie.“ „Daß Du Deine Schweſter auf ihren Altären opfereſt. Du must einen Steinhaufen erbauen und Deine Schweſter in den Wald nehmen und ſie auf 4² die Steine legen und Dein Schwert in ihr Herz enken. Nur alſo kannſt Du zur Herrſchaft gelangen.“ Der Königsſohn ſchauderte und ſprang auf und ſchwang ſeinen Speer vor Morvens bleicher Stirn. „Zittere!“ rief der Sohn Hela's mit lauter Stimme.„Höre auf die Götter, die Dich mit Tod bedrohen, weil Du gewagt Deinen Arm gegen ihren Diener zu erheben!“ Während er alſo ſprach, rollte oben der Donner, denn eben war eines der häufigen Gewitter des be⸗ ginnenden Sommers am Ausbruch. Der Speer fiel dem jungen Fürſten aus der Hand; er ſaß nieder und heftetet die Augen auf den Boden. „Willſt Du das Gebot der Sterne vollziehen und herrſchen?“ fragte Morven. „Ich wills!“ rief Seiror mit der Entſchloſſen⸗ heit der Verzweiflung. „So bring ſie dieſen Abend, wenn die Sonne ſinkt, hieher; Du allein; ich kann Dich nicht be⸗ gleiten. Jezt laß uns die Steine häufen.“ Schweigend beugte der Jäger ſeine gewaltige Kraft zu den Felſenſtüken, die Morven ihm andeutete, und ſie bauten den Altar und gingen ihres Wegs. Schön iſt das Verſcheiden der groſen Sonne, wenn der lezte Sang der Vögel in den Schos der Stille verſinkt, wenn die Wolkengefilde in Licht ge⸗ badet ſind und der erſte Stern über dem Grab des Tazes hervortrit. „Wohin führſt Du mich, mein Bruder,“ ſprach we we Vil der derz en.“ und irn. uter Tod hren ner, be⸗ fiel eder ehen ſſen⸗ nne be⸗ tige tete, egs. nne, der ge⸗ des rach 43 Orna,„weshalb zittert Deine Lippe? und warum wendeſt Du Dein Geſicht ab2 „Iſt der Wald nicht ſchön; lokt er uns nicht weiter und weiter, meine Schweſter2“ „Urd wozu ſind dieſe Steine gehäuft?“ „Laß Andere antworten, ich häufte ſie nicht.“ „Du zitterſt, Bruder, wir wollen umkehren.“ „Nicht doch! bei den Steinen dort liegt ein Vogel, den mein Speer heut durchbort hat; ein Vogel von ſchönem Gefieder, den ich für Dich tödtete.“ „Wir ſind bei dem Steinhaufen; wo haſt Du den Vogel hingelegt?“ „Hierhin!“ rief Seiror und faste das Mädchen in die Arme, warf ſie auf den ranhen Altar und zog ſein Schwert, ihr das Herz zu durchſtoßen. Gerad über den Steinen erhob ſich eine rieſige Eiche, ein Gewächs ungezälter Jahrhunderte; und von der Eiche oder vom Himmel herab ſcholl eine laute feierliche Stimme:„Durchſtoße ſie nicht, Sohn der Könige, die Sterne nehmen ihren Ausſpruch zurük; Du ſollſt das Mädchen nicht erſchlagen und ſollſt dennoch herrſchen über den Stamm von Oeſe, und Orna ſollſt Du dem Liebling der Sterne als Braut geben. Steh auf und geh Deines Weges.“ Die Stimme ſchwieg; Ornas Schreken hatte für eine Weile die Bande des Lebens überwältigt; Setror trug ſie in ſeinen ſtarken Armen durch den Wald nach Haus. „Ach!“ ſprach Morven, als er am folgenden 44 Tag mit dem aufſtrebenden Fürſten wieder zuſam— men kam;„ach! die Sterne haben mir ein Los be⸗ ſtimt, das mein Herz nicht wünſcht; denn ich, einſiedleriſch im Leben und verkrüppelt an Geſtalt, bin unempfindlich für die Flammen der Liebe, und ſtets hab ich, wie Du und Dein Volk weiß, die Augen der Weiber gemieden, denn die Mädchen lachten über meinen hinkenden Tritt und meine grämlichen Züge, und ſo lernte ich ſchon früh alle Gedanken an Liebe aus mir verbannen. Seitdem mir aber die Sterne(durch ihre Erklärung an Dich) kund thaten, daß Du, geliebter Fürſt, nur durch dieſe Heirat Deines Vaters befiederte Krone er⸗ halten kannſt, unterwerf ich mich ihrem Willen.“ „Aber,“ ſagte der Königſohn,„erſt wenn ich König bin kann ich Dir meine Schweſter zum Weib geben; denn Du weist, daß mein Vater mich zu Staub treten würde, wenn ich ihn bäte die Blume unſeres Stammes dem Sohn des Hirten Osla zu bringen.“ „Du ſprichſt Worte der Wahrheit. Geh heim und fürchte nichts; aber wenn Du König biſt, muß das Opfer gebracht und Orna die Meine werden. Ach! wie kann ichs wagen, die Augen zu ihr zu er⸗ heben? Aber ſo gebieten die furchtbaren Könige der Nacht!— Wer darf ihrem Wort widerſprechen?“ „Der Tag der mich als König ſieht, ſieht Orna als die Deine,“ erwiederte der Fürſt. Morven wandelte, wie er zu thun pflegt, alle in + 8S 8— — w —— 45 weiter, und ſprach zu ſich ſelbſt:„Der König iſt alt, doch kann erzwiſchen mir und meiner Hoffnung noch lang ſtehen.“ Und er begann es in ſeinem Haupt umzuwälzen, wie er die Zeit abkürzen möchte. Alſo in Gedanken vertieft wanderte er ſo achtlos weiter, daß die Nacht herannahte und er ſeinen Pfad im dichten Gehölz verloren hatte und nicht wuste, wie er wieder nach Haus kommen ſollte. So legte er ſich denn ruhig unter einen Baum und ſchlief bis der Tag graute. Da ward er hungrig und ſuchte im Gebüſch nach ſchlichten Wurzeln, womit er, denn immer war er gleichgiltig gegen Speiſe, in der Regel das Verlaugen der Natur ſtillte. Unter bekantern Wurzeln und Kräutern fand er auch rothe Beeren von ſüßlichem Geſchmak, die er früher nie geſehen. Er aß einige wenige davon, war aber nicht weit im Wald gekommen, als es ihm vor den Augen ſchwindelte und eine tödliche Schwäche ihn befiel. Mehrere Stunden lang lag er in Krämpfen am Boden und vermeinte zu ſter⸗ ben. Aber die zähe Saſftloſigkeit ſeines Leibes und ſeine unabänderliche Mäßigkeit ſiegten über das Gift, und langſam und nach groſer Angſt erholte er ſich wieder. Mit ſchwachen Schritten kehrte er zu dem Ort zurük, wo die Beeren wuchſen, pflükte meh⸗ rere, barg ſie in ſeinem Buſen und kehrte mit ein⸗ brechender Nacht in die Stadt zurük. Am folgenden Tag ging er zu den Heerden ſei⸗ 46 nes Vaters, griff ein Lamm und zwängte ihm einige von den Beeren in den Magen; und das Lamm rannte dahin und ſtürzte todt nieder. Sofort nahm er etwas mehr von den Beeren und kochte ſie und miſchte den Saft mit Wein und gab den Wein heimlich einem der Knechte ſeines Vaters, und der Knecht ſtarb. Nunmehr ging er zu dem König und nachdem er allein vor ſein Angeſicht gekommen, ſprach er: „Wie geht es meinem Herrn?“ Der König ſaß auf einem Lager aus Wolfs⸗ häuten und ſein Aug war ſtarr und trüb, aber mäch⸗ tig waren die greiſen Glieder und gewaltig ſeine Geſtalt, und er war um einen Kopf länger gewe⸗ ſen als die Kinder der Menſchen, und Keiner lebte der den Bogen zu ſpannen vermochte, den er in ſei⸗ ner Jugend geſpannt. Grau, abgemagert, verkom⸗ men, wie Rieſengebeine die bisweilen aus der Erde gegraben werden;— ein Ueberreſt aller Kraft! Und der König erwiederte ſchwachund mit grauſigem Lachen: „Männern von meinen Jahren geht es ſchlimm. Was hilft mir meine Stärke? Wär ich doch als ein Krüppel geboren worden, wie Du, ſo dürfte ich in meinen alten Tagen um nichts Verlorenes klagen.“ Eine ſchnelle Röthe flog über Morvens Geſicht; aber er neigte ſich demüthig: „O König, wie wenn ich Dir Deine Jugend zurükgeben könnte? wie, wenn ich die Kraft wie⸗ de de 90 un W ſpr vet ſch der na un der ker get ter lie ein Ki Un kat vo inige amm nahm und Wein d der hdem e: olfs⸗ näch⸗ ſeine gewe⸗ lebte nſei⸗ kom⸗ Erde mit imm. s ein ch in gen.“ ſicht; igend wie⸗ Herrn, dem König.“ 47 der brächte, die Dich zeichnete unter den Söhnen der Menſchen, als die Krieger der Alven wie Gras vor Deinem Schwert fielen 2“ Da erhob der König ſeine dämmernden Augen und ſagte: „Wie meinſt Du Das, Sohn Osla's? Wol hab ich ſchon Manches vernommen von Deiner groſen Weisheit und wie Du nächtlich mit den Sternen ſprächeſt. Können die Götter der Nacht Dir das Geheimsiß mittheilen das Alter wieder zu jüngen?“ „Reize ſie nicht durch Zweifel,“ entgegnete Mor⸗ ven ehrfurchtvoll.„Jedes Ding iſt den Beherr⸗ ſchern der ſchwarzen Stunde möglich, und ſiehe, der Stern der Deinen Knecht liebt, hat um Mitter⸗ nacht mit ihm geſprochen und geſagt:„„Stehe auf und geh vor den König, und ſag ihm daß die Sterne den Stamm der Oeſen hochhalten und daran geden⸗ ken wie der König ſeinen Bogen geſpannt hat ge⸗ gen die Söhne der Alven; deshalb ſieh nach un⸗ ter dem Stein, der zur Rechten Deines Hauſes liegt neben dem Tannenbaum, und Du wirſt ein Gefäß von Erde ſehen, und in dem Gefäß wirſt Du einen ſüßen Saft finden, der wird machen daß der König, dein Herr, ſein Alter auf immer vergiſſet.““ Und ſo, mein Herr, ging ich hinaus als der Morgen kam und ſah unter dem Stein und fand das Gefäß von Erde und hab es hieher gebracht zu meinem 48 „Schnell— Knecht— ſchnell! daß ich trinken möge und meine Jugend wieder gewinnen!“ „Nein! höre, o König; alſo ſprach der Stern zu mir weiter: „„Nur bei Nacht, wenn die Sterne Gewalt ha⸗ ben, wirkt dieſe Gabe; deshalb muß der König warten bis zur Stille der Mitternacht, wenn der Mond hoch ſteht: dann mag er den Saft miſchen mit ſeinem Wein. Und Keinem darf er entdeken, daß er die Gabe aus der Hand des Dieners der Sterne erhalten. Denn heimlich thun ſie ihr Werk und wenn die Menſchen ſchlafen; darum lieben ſie nicht das Geplapper der Mäuler, und Wer ihre Gaben ausſchwazt muß ſterben.“ „Fürchte nichts,“ ſprach der König und griff nach dem Gefäß.„Niemand ſoll etwas erfahren— und ſiehe, morgen werd ich hervorgehen, und meine beiden Söhne, die um meine Krone hadern.... wahrlich ich werde jünger ſein denn ſie.“ Damit lachte der König laut und dankte dem Diener der Sterne kaum, und ſagte ihm keinen Lohn zu; denn in jenen Tagen dachten die Könige an wenig— als an ſich ſelbſt. Und Morven ſprach zu ihm:„Soll ich meinem Herrn nicht behilflich ſein? denn ohne mich möchte der Trank vielleicht ſeine Wirkung verfehlen.“ „Ja,“ ſagte der König,„bleibe hier.“ „Nein,“ autwortete Morven,„Deine Knechte würden ſich wundern und viel darüber reden, wenn ſie hen ter Hin mit mit ſchl— niſe wen und wält und Soh die eine „We weh Han mes Erhi und ſie ſi und det. und das grau Bi rinken Stern t ha⸗ König in der iſchen , daß Sterne k und nicht Gaben griff — meine „„ e dem Lohn ge an einem nöchte nechte wenn ſie den Sohn Oela's in Deinem Haus weilen ſä⸗ hen. So könnte vielleicht das Misfallen der Göt⸗ ter der Nacht erregt werden. Geſtatte daß die Hinterthür Deines Palaſtes unverriegelt bleibe, da⸗ mit ich zur nächtlichen Stunde, wenn der Mond mitten am Himmel ſteht, unbemerkt in Dein Gemach ſchleichen möge und den Saft mit Deinem Wein niſche.“ „Sei es ſo,“ ſprach der König.„Du biſt weiſe wenn auch Deine Glieder gekrümmt und kurz ſind, und die Sterne einen längern Mann hätten aus⸗ wälen können.“ Und abermals lachte der König, und auch Morven lachte; aber in der Freude des Sohnes Hsla's war Gefahr. Die Nacht hatte angefangen zu dunkeln und die Bewohner waxen in tiefen Schlaf begraben, als eine gellende Stimme durch die Straßen rief: „Weh, weh! wacht auf, ihr Söhne der Oeſen— weh!“ Und wild, bleich, erſchrekt, den Speer in der Hand, ſtürzten die rieſigen Söhne des alten Stam- mes hervor, und ſie ſahen einen Mann auf einer Erhöhung mitten in der Stadt, der ſchrie:„Weh!“ und es war Morven, der Sohn Osla's! Und als ſie ſich um ihn her geſammelt, ſprach er:„Männer und Krieger, zittert vor Dem was Ihr hören wer⸗ det. Der Stern des Weſtens hat zu mir geredet, und ſo ſprach der Stern:„Unglük wird fallen auf das Könighaus der Heſen noch eh der Morgen graut, deshalb geh Du jammernd durch die Straßen Bulwer's Romane XXII. 49 50 und weke die Bewohner zur Klage.““ Und ich ſtand auf und that wie mich der Stern geheiſſen.“ Noch ſprach Morven, als ein Knecht aus dem Haus des Königs auf die Menge zugerannt kam, der ſchrie laut:„der König iſt todt.“ Da gingen ſie in den Palaſt und fanden den König erſtarrt auf ſeinem Lager, und ſeine mächtigen Glieder zu⸗ ſammengezogen und gekrümmt durch den Todes⸗ ſchmerz, und ſeine Fäuſte geballt wie zur Drohung gegen einen Feind;— den Feind alles Lebens! Und Furcht kam über die Schauenden und ſie blikten auf Morven mit tieferer Ehrerbietung, als der kühnſte Krieger hätte hervorrufen können, und tru⸗ gen ihn zurük in den Rathsſaal der Weiſen, klagend und ihre Waſſen zum Zeichen des Schmerzens zu⸗ ſammenſchlagend, und riefen von Zeit zu Zeit: „Ehre ſei Morven dem Seher!“ Und das war das erſtemal daß das Wort Seher in jenen Gegenden gebraucht ward. Am dritten Mittag nach des Königs Tod kam Seiror zu Morven und ſprach:„Siehe! mein Va⸗ ter iſt nicht mehr und das Volk trit dieſen Abend um Sonnenuutergang zuſammen, ſeinen Nachfolger zu wälen; gewiß aber werden die Krieger und die jungen Männer meinen Bruder küren, denn er iſt bekanter im Krieg. Halt mir alſo Wort.“ „Still, Knabe!“ ſprach Morven ſtreng;„wag es nicht die Zuſage der Götter der Nacht in Zwei⸗ ſel zu ziehen.“ hera wie Kön Seit antr bige Hau Mer ab Kön Ste: nich nach des nele men der Spe und Den Oaosl ſeit Hohe tand dem kam, ngen arrt zu⸗ odes⸗ hung Und ikten der tru⸗ gend zu⸗ Zeit: * das enden kam Va⸗ Abend ſolger d die in er 46 „wag Zwei⸗ 54 Denn Morven fing jezt an ſich eine Macht herauszunehmen unter dem Volk, und zu ſprechen wie Herrſcher ſprechen, ſelbſt zu den Söhnen des Königs. Und ſeine Stimme brachte den ungeſtümen Seiror zum Schweigen und er wagete nicht zu antworten. „Sieh,“ ſprach Morven und nahm einen far⸗ bigen Federbuſch hervor,„trag dieſen auf Deinem Haupt und laß Dein Antliz muthig ſein, denn die Menge liebt ein unverzagtes Gemüth, und geh hin⸗ ab mit Deinem Bruder zum Ort, wo der neue König erwält wird und überlaß das Andre den Sternen. Aber vor Allem vergiß dieſen Federbuſch nicht; er iſt geſegnet von den Göttern der Nacht.“ Der Königſohn nahm den Buſch und kehrte nach Haus zurük. Es war Abend, und die Krieger und Oberſten des Volks waren verſammelt an dem Ort, wo der neue König gewält werden ſollte. Und die Stim⸗ men der Mehrheit begünſtigten Voltoch, den Bru⸗ der Seirors, denn er hatte zwölf Feinde mit ſeinem Speer getödtet, und in jenen Tagen galt ſo Etwas für eine groſe Tugend an einem König. Plözlich erhob ſich ein Geſchrei in den Straßen und das Volk rief:„Plaz für Morven den Seher!“ Denn das Volk hatte noch gröſere Ehrfurcht vor Osla's Sohn als ſelbſt vor den Oberſten. Und ſeit er zu Anſehen gekommen, hatte Morven eine Hoheit in ſeine Miene gelegt, die der Sohn des 4* 52 Hirten ſelbſt nicht geahnet in ſeinen früheren Ta⸗ gen, und obwol ſeine Geſtalt klein war und ſein Fuß hinkte, ſo erſchien doch ſein Antliz ernſt und voll Würde. Nur er unter dem ganzen Volk trug ein Kleid das den Boden rührte, und ſein Haupt war blos, und das lange ſchwarze Haar reichte bis zum Gürtel, und ſelten bemerkte man Veränderung oder menſchliche Leidenſchaft auf ſeinem ruhigen Aeuſſern. Er ſchmauste nicht und trank keinen Wein, und zeigte ſich nicht oft in den Straßen. Nie lachte er und nie lächelte er, auſſer wenn er allein im Wald, und dann lachte er über die Thor⸗ heit ſeines Volks. So ging er langſam durch die Menge, und wandte ſich als das Volk ihm Plaz machte, weder zur Rechten noch zur Linken, und er ſtüzte ſeine Schritte mit einem Stab von der Stechpalme. Und aäls er zu dem Ort gekommen, wo die Oberſten verſammelt waren, und die beiden König⸗ ſöhne in der Mitte ſtanden, hieß er das Volk Stille gebieten. Dann ſtieg er auf einen hohen Felsblok und ſprach alſo zu dem Haufen: „Fürſten, Krieger und Barden! Ihr, greiſe Berather, und Ihr Jäger des Waldes, und Ihr Beſchleicher der Fiſche in den Waſſern, hört auf Morven, den Sohn Osla's. Ihr wist daß ich niedrig von Geſchlecht und ſchwach von Gliedern bin, aber hab ich nicht den Stamm der Alven in Eure Hände gegeben und erſchluget Ihr ſie nicht im Du Ih ſo wa die Nä geh dem dun nich hab der wac nich Wo aus im regt Soh Beſi in t durc trüb man ſtehe und ling Krie uns Ta⸗ ſein und trug aupt ebis rung ien inen ßen. ner hor⸗ und veder ſeine die önig⸗ tille sblok reiſe Ihr auf dern nin tim 55 Dunkel der Nacht, und war nicht gros das Schlachten? Ihr ſelbſt müſſet wiſſen, daß der Sohn des Hirten ſo etwas nicht von ſich ſelbſt gethan hat; offenbar war es nur der Diener der hellen Götter, welche die Kinder der Heſen lieben. Ward nicht vor drei Nächten, als Schlaf auf der Erde lag, mein Ruf gehört in den Straßen? Verkündete ich nicht Weh dem Könighauſe der Heſen? und bereits hat der dunkle Arm die Bruſt des Mächtigen getroffen, der nicht mehr iſt! Soll ich ſo etwas blos geträumt haben, oder war ich nicht vielmehr die Stimme der hellen Götter, die über das Geſchlecht der Oeſen wachen? Darum, o Männer und Oberſte, verachtet nicht den armen Hirten, ſondern merket auf ſeine Worte; denn ſpricht nicht die Weisheit der Sterne aus demſelben? Siehe, geſtern Nacht ſaß ich allein im Thal und die Bäume ſchwiegen und kein Lüftchen regte ſich. Und ich ſah nach dem Stern, der den Sohn Oösla's berathet, und ſprach:„Erhabener Beſieger der Wolke, Du der Deine Schönheit badet in den Strömen und mit Deinem Antliz dringt durch die Tannenzweige, ſieh Deinen Knecht in Be⸗ trübniß weil der Mächtige dahin geſchieden iſt und manigfache Feinde die Häuſer meiner Brüder um⸗ ſtehen; und es wäre gut, daß ſie einen tapfern und im Kampf glüklichen König hätten, einen Lieb⸗ ling der Sterne. Daher, o Stern, wie Du die Krieger der Alven in unſre Hände gegeben und uns den Fall der Eiche unſres Stammes voraus ver⸗ 54— kündiget haſt, alſo fleh ich Dich an dem Volk ein Zeichen zu geben, daß es Den zum König küre, wel⸗ chen die Götter der Nacht lieben.““— Da ſäuſelte eine leiſe Stimme, ſüßer als das Saitenſpiel der Barden, durch die Stille:„Deine Liebe zu Dei⸗ nem Volk iſt⸗den Sternen der Nacht angenehm. Geh denn, Sohn Osla's, und trit zu der Wahl⸗ verſamlung der Oberſten und des Volks, und ſag ihnen ſie ſollen Dich nicht verachten, weil Du zu langſam für die Jagd und wenig bekant im Krieg biſt; denn für all Das gaben Dir die Sterne Weisheit zum Erſaz. Sage dem Volk, daß wie die Alten des Rathes ihre Weiſungen dem Flug der Vögel entnehmen, alſo ſoll ihnen durch Vögel⸗ flug ein Zeichen werden, und hienach ſollen ſie ib⸗ ren König erwälen. Denn, ſpricht der Stern der Racht, die Vögel ſind Kinder der Winde; ſie zie⸗ hen hin und her im Meer der Luft und beſuchen die Wolken, welche Dienerinnen der Götter ſind. Und ihr Sang iſt nur die zerſtükte Melddie, die ſie den Harfen dort oben entnebmen. Sind ſie nicht Boten des Sturms? Wiſſet Ihr nicht noch eh der Strom gegen das Ufer giſcht und der Regen herab⸗ fällt am Klageruf der Vögel und ihren niedern Kreiſen über dem Boden, daß ein Ungewitter in der Nähe iſt? Daher achtet Ihr mit Recht die Kinder der Luft ſeien die geeigneten Mittler zwiſchen den Söhnen der Menſchen und den Herren der Welt droben. Sage alſo dem Volk und den Ober⸗ „ — lk ein „wel⸗ uſelte der Dei⸗ nehm. Wahl⸗ d ſag Du zu Krieg Sterne ß wie Flug Vögel⸗ ſie ih⸗ rn der ſie zie⸗ ſuchen rſind. die ſie nicht eh der herab⸗ tiedern in der Kinder wiſchen en der Ober⸗ 55 ſten ſie ſollen aus den Tauben, die im Dach des Könighauſes niſten, eine weiße Taube ausleſen und ſollen ſie in die Luft fliegen laſſen und die Götter der Nacht werden die Taube als ein Gebet anſehen, das vom Volk kommt, und werden einen Boten ſen⸗ den das Gebet zu erfüllen und dem Geſchlecht der Oeſen einen König zu geben, der ſeiner würdig iſt.““ „Hierauf ſprach der Stern nichts mehr.“ Da murreten die Freunde Voltochs bei ſich und ſprachen:„Soll dieſer Menſch uns vorſchreiben, Wer König werden darf?“ Aber das Volk und die Krieger riefen:„Hört auf den Stern: beginnen oder meiden wir die Schlacht nicht nach dem Flug der Vögel? ſollen wir nicht nach dem gleichen Zeichen Den wälen, von welchem die Schlacht ge⸗ leitet wird?«“ Und die Sache dünkte ihnen natür⸗ lich, denn ſie war nach dem Brauch des Volkes. So nahmen ſie denn eine der Tauben, die im Dach des Könighauſes bauten und brachten ſie an den Ort, wo Morven ſtand, und er blikte zu den Ster nen auf und flüſterte vor ſich hin und ließ den Vo⸗⸗ gel los. In geringer Entfernung von dem Ort war ein Anflug von Gehölz, und als die Taube auſſtieg, ſchoß plözlich ein Habicht aus dem Anflug hervor und verfolgte die Taube. Und die Taube war er⸗ ſchrekt und ſchwebte in Kreiſen hoch über der Menge, als, ſiehe da! der Habicht ſich einen Augenblik auf ſeinen Schwingen wiegte und dann mit einem plöz⸗ 56 lichen Stoß herabſtieß und von ſeiner Beute wich und ſich auf das befiederte Haupt Seirors nie⸗ derſezte. „Sehet,“ rief Morven mit lauter Stimme,„ſe⸗ het Euern König.“ „Heil, Heil dem König!“ jubelte das Volk. „Heil dem Erwälten der Sterne.“ Da erhob Morven die rechte Hand und der Habicht verließ den Königsſohn und ſezte ſich auf Morvens Schulter.„Vogel der Götter,“ ſprach er ehrerbietig,„haſt du nicht eine geheime Botſchaft für mein Ohr?“ Da wandte der Habicht den Schna⸗ bel nach Morvens Ohr und Morven beugte ſein Haupt demüthiglich. Und der Habicht blieb bei Morven von dieſem Angenblik und wollte ſich nicht verſcheuchen laſſen. Und Morven ſprach:„Die Sterne haben mir dieſen Vogel geſandt, auf daß wir zur Tageszeit, wenn ich ſie nicht ſehe, nicht ohne einen Berather im Ungemach ſeien.“ So ward Seiror König, und Morven, der Sohn Osla's, ward genöthigt durch des Königs Willen Orna zum Weib zu nehmen, und Volk und Oberſte ehrten Morven den Seher vor allen Weiſen des Stammes. Eines Tages ſprach Morven nachdenklich zu ſich ſelbſt:„Bin ich nicht ſchon jezt dem König gleich? ja iſt nicht der König mein Diener? hab ich ihn nicht über die Häupter ſeiner Brüder ge⸗ ſezt? taug ich deshalb nicht mehr zum Herrſcher, als Es übe: voll zu den nig, Geſ Alle die leite lebe nen und Ben meht ter Frei er a der Thu Ober ſind ich ſ laſt dien wich nie⸗ „ſe⸗ Volk. der a ch er chaft chna⸗ ſein bei nicht „Die daß nicht Sohn illen erſte des zu önig hab ge⸗ her, als er? Soll ich ihn nicht von ſeinem Siz ſtoßen? Es iſt ein mühvoll und ſtürmiſch Amt zu herrſchen über die wilden Männer von Oeſe, zu zechen in der vollgedrängten Halle und die Krieger zum Kampf zu führen. Zech ich aber nicht und zieh nicht in den Krieg, ſo könnten ſie ſagen: das iſt kein Kö⸗ nig, ſondern Morven der Krüppel; und Die vom Geſchlecht Seiros könnten mich heimlich morden. Allein kann ich nicht dennoch viel gröſer ſein, als die Könige ſind, und ſie fortwährend erwälen und leiten, und dabei wie jezt nach meinem Behagen leben? Wahrlich die Sterne ſollen auch mir ei⸗ nen Palaſt und viele Unterthanen einbringen.“ Unter den Weiſen des Rathes war Darvan; und Morven fürchtete ihn, denn ſein Aug ging den Bewegungen des Sohnes Osla's oft nach. Und Morven ſprach:„dieſer Mann hilft mir mehr als Vertrauter denn als Verblende⸗ ter, denn wirklich geht mir ein Gehilfe und ein Freund ab.“ Darum ſagte er zu dem Weiſen, als er allein dem Untergang der Sonne zuſah: »Mir dünkt, v Darvan, wir ſollten zu Ehren der Sterne einen groſen Thurm bauen, und der Thurm müste herrlicher ſein als alle Häuſer der Oberſten und als das Haus des Königs. Denn ſind nicht die Sterne unſere Herren? Und Du und ich ſollten die Hauptbewohner in dieſem neuen Pa⸗ laſt ſein, und wir wollen den Göttern der Nacht dienen und ihre Altäre mit dem Auserleſenſten aus 57 58 unſern Herden, und den friſcheſten von den Früch⸗ ten der Erde nähren.“ Und Darvan ſprach:„Du ſprichſt wie es dem Diener der Sterne ziemt. Aber wird das Volk den Thurm bauen helfen? denn es iſt ein kriege⸗ riſch Geſchlecht und liebt die Arbeit nicht.“ Morven antwortete:„Ohne Zweifel werden die Sterne ſelbſt gedieten, daß das Werk geſchehe. Sei unbeſorgt.“ „In Wahrheit Du biſt ein wunderbarer Menſch und Deine Worte treffen immer ein,“ erwiederte Darvan,„und ich wollte, Freund, Du lehrteſt mich die Sprache der Sterne.“ „Dienſt Du mir, ſo ſollſt Du ſie kennen ler⸗ nen“ antwortete der ſtolze Morven, und Darvan war im Stillen ergrimmt, daß der Sohn des Hir⸗ ten von einen Aeltern und Häuptling Dienſte foderte. Als Morven zu ſeiner Gemalin zurükkehrte, fand er, daß ſie ſehr weinte. Sie aber liebte den Sohn Osla's mit der höchſten Liebe, denn er war nicht wild und rauh, wie die Männer die ſie bisher gekaut, und ſie war ſtolz auf ſeinen Leumund unter dem Volk. Und er nahm ſie in die Arme und küste ſie und fragte, weshalb ſie weine. Da ſagte ſie ihm, ihr Bruder der König ſei bei ihr ge⸗ weſen und habe bittere Reden geredet über Mor⸗ ven.„Er ſtiehlt mir die Liebe meines Volks,“ hatte Seiror geſagt,„und blendet es mit Lügen. Da er wi ne au mi de üb eit hit de tr. fül Früch⸗ s dem Volk kriege⸗ verden ſchehe. Menſch iederte ehrteſt en ler⸗ aran s Hir⸗ Dienſte kehrte, te den er war bisher umund Arme Da ihr ge⸗ Mor⸗ hatte Da er mich zum König gemacht, kann er mir die Königs⸗ würde nicht auch wieder nehmen? Wahrlich eine neue Geſchichte von den Sternen könnte die alte aufheben.“ Und der König hatte ihr befohlen auf Morvens Geheimniß zu lauſchen und zu ſehen ob Wahrheit in ihm ſei, wenn er ſich ſeines Verkehrs mit den Mächten der Nacht rühme. Aber Orna liebte Morven mehr, als Seiror, deshalb ſagte ſie ihren Gemal Alles, Und Morven empfand den Undank des Königs übel und ward ſehr beunruhigt, denn ein König iſt ein mächtiger Feind. Aber er tröſtete Orna und hieß ſie ſich verſtellen und auch ihrerſeits beim Bru⸗ der über ihn klagen, damit Seiror ihr arglos ver⸗ trauen möge, was er etwa gegen Morven im Schild führe. Neben Morvens Haus war eine Höhle worin er den heiligen Habicht bewahrte und worin er für künftigen Nothfall noch andere Vögel heimlich auf⸗ zog und äzte, und die Thür der Höhle war beſtän⸗ dig verſchloſſen. Als er eines Tages ſich dort zu thun machte, bemerkte er gegenüber eine Spalte in der Wand, die er früher nie wahrgenommen, und gaukelnd kam die Sonne herein. Während er noch hinſchaute wurde der Sonnenſtral verdunkelt und gleich drauf ſah er ein Menſchenantliz herein bli⸗ keu. Und Morven zitterte, denn er erkante, daß er belauſcht worden. Heſftig ſtürzte er aus der Höhle, aber der Belauſcher war bereits unter den 60 Bäumen verſchwunden, und Morven ging ſtraks in Darvaus Gemach und ſezte ſich nieder. Und Darvan kehrte erſt ſpät am Abend zurük, und als er Morven ſah, fuhr er zuſammen und ward blaß. Aber Morven grüste ihn als einen Bruder und bat ihn zu einem Feſt, das er, zum erſtenmal, am näch— ſten Vollmond geben wolle zu Ehren der Sterne. Und von Darvans Gemach kehrte er zurük zu ſei⸗ nem Weib und hieß ſie das Haar raufen und mit Tagesanbruch zum König, ihrem Bruder, gehen und bitterlich klagen über die Art, wie ſie von Morven behandelt würde auf daß ſie alſo die ſchwarzen Ent⸗ würfe aus des Königs Bruſt lokete:„Denn gewiß,“ ſprach er,„hat Darvan gelogen gegen Deinen Bru⸗ der und irgend ein Unheil ſteht mir bevor, das ich gern voraus wiſſen möchte.“ So ging denn Orna am nächſten Morgen zum König und ſprach:„Des Hirten Sohn hat mich geſchmäht und harte Worte zu mir geſprochen: werd ich nicht gerächt werden?“ Da ſtampfte der König mit den Füßen und ſchüttelte ſein mächtig Schwert.„Gewiß ſollſt Du gerächt werden, denn ich hab von einem der Wei⸗ ſen etwas vernommen was mir zeigt, daß der Menſch das Volk belügt und der Niedriggeborne ſoll ſter⸗ ben. Ja, ſobald er wieder allein in den Wald geht, wollen mein Bruder und ich über ihn fallen und ihn erſchlagen.“ Mit dieſem Troſt ſchikte Sei⸗ ror Orna wieder fort. mal Wal das ſchie nicht wied dach hera ven Scht ner vor! nung ſern, am( und Stad ber 1 vens uns und Entſ und ſtraks Und d als blaß. d bat näch⸗ terne. u ſei⸗ d mit tund orven Ent⸗ wiß,“ Bru⸗ s ich zum mich chen: und t Du Wei⸗ enſch ſter⸗ Wald allen Sei⸗ 6 Und Orna warf ſich zu den Füßen ihres Ge⸗ mals.„Flieh ſchnell, mein Geliebter, flieh in den Wald weit weg von meinen Brüdern, ſonſt endigt das Schwert Seirors Deine Tage.“ Da kreuzte der Sohn HOsla's die Arme und ſchien in ſchwarze Gedanken verloren; und achtete nicht auf Orna's Stimme, bis ſie ihn wieder und wieder um die Flucht angefleht. „Fliehen?“ ſprach er endlich.„Nein, ich be⸗ dachte welche Strafe die Sterne auf unſern Feind herabſenden würden. Mögen Krieger fliehen. Mor⸗ ven der Seher ſiegt durch ſtärkere Waffen als das Schwert.“ Nichtdeſtoweniger war Morven verwirrt in ſei— ner Seele und wuste nicht wie er ſich retten ſollte vor der Rache des Königs. Während er alſo hoff⸗ nunglos nachſann, hörte er ein Rauſchen von Waſ⸗ ſern, und ſiehe, der Strom— denn es war jezt am Ende des Herbſtes— hatte die Ufer gebrochen und toſete durch das Thal gegen die Häuſer der Stadt. Und die Männer des Volks und die Wei⸗ ber und Kinder rannten mit Angſtgeſchrei zu Mor⸗ vens Haus und riefen:„Siehe, der Strom iſt auf uns eingebrochen; rett uns, o Diener der Sterne.“ Da kam ein plözlicher Gedanke über Morven und er beſchloß ſein Schikſal an einen verzweifelten Entſchluß zu ſezen. Und ſtill und traurig trat er aus dem Haus und ſprach:„Ihr wist nicht, was Ihr fodert: ich 1 62 kann Euch aus dieſer Gefahr nicht retten; Ihr ſelbſt habt ſie über Euch gebracht.“ Und ſie riefen:„wie, o Sohn Osla's? wir ſind unſres Vergehens nicht kundig.“ Und er antwortete:„Geht hinab zur Burg des Königs und wartet auf mich, und bald will ich Euch nachfolgen und Ihr ſollt erfahren wodurch Ihr dieſe Strafe bei den Göttern verwirkt habt.“ Und brauſend, wie ein ebbend Meer, wälzte ſich die Menge zurük, und als ſie weg war ging Morven allein nach dem Haus Darvans, das dem ſeinigen zunächſt lag. Und Darvan war ſehr erſchroken, denn er war hoch betagt und hatte weder Kinder noch Freunde, und fürchtete er könne ſich aus eigner Kraft nicht retten vor dem Waſſer. Und Morhen ſprach tröſtend zu ihm:„Siehe! das Volk liebt mich und ich will ſorgen daß Du gerettet wirſt, denn wahrlich Du biſt freundlich gegen mich geweſen und haſt mir groſen Dienſt ge⸗ than beim König.“ Und als er Dies geſagt öffnete Morven die Hausthür und ſchaute hinaus und ſah daß ſie ganz allein waren; da faste er den alten Mann bei der Kehle und ließ nicht ab von ſeinem Griff bis er todt war. Und er ließ den Leib des Weiſen auf dem Boden liegen, und ſchlich aus dem Haus und ver⸗ ſchloß die Thür. Als er zu ſeiner Höhle kam, dachte er eine kurze Weile nach, und als er das mächtige Getös der Waſſer näher kommen hörte und ſernher das und der Kun ſchlo hina der die( ſpielt Gew er ſc alleit wild huſch Flut „wo in d das Hall neber achte Hirt Häu er de der Gef⸗ lbſt wir des ich irch 7* die ven gen ken, der ner he! Du lich ge⸗ die anz der e dem ver⸗ chte tige iher 65 das Geſchrei der Weiber, hob er ſein Haupt anf und ſagte ſtolz:„Nein! in dieſer Stunde ſoll nur der Schreken mein Diener ſein; ich will keine Kunſt brauchen als die Macht meiner Seele.“ Er ſchloß das Thor und ging auf ſeinen Stab gelehnt hinab zur Burg. Und es war jezt Abend und viele der Männer hielten Fakeln, damit ſie einander in die Geſichter ſähen bei der allgemeinen Furcht. Roth ſpielten die zitternden Flammen auf den dunkeln Gewändern und der bleichen Stirn Morvens; und er ſchien ſtärker als die Uebrigen, weil ſein Antliz allein ruhig war in der Bewegung. Und lauter und wilder kam das Gebrüll des Waſſers, und ſchnell huſchten die Schatten der Nacht über die eilende Fluth⸗ Und Morven ſprach mit ſtrenger Stimme: „wo iſt der König und weshalb fehlt er dem Volk in der Stunde des Schrekens?“ Da öffnete ſich das Thor der Burg, und ſiehe! Seiror ſaß in der Halle am groſen Tannenfeuer und ſein Bruder neben ihm und ſeine Oberſten um ihn her, denn ſie achteten es nicht genehm auf die Foderung des Hirtenſohnes unter das Volk zu kommen. Da ſtellte ſic Morven auf einen Fels zu Häupten des Volks(denſelben Fels, von welchem er den König ausgerufen) und ſprach: „Ihr wolltet wiſſen, o Kinder Heſe's, weshalb der Strom ſeine Ufer überwältigt hat und dieſe Gefahr auf Euch gekommen iſt. Wiſſet deun daß 64 die Sterne als den ſchnödeſten aller Menſchenfrevel eine Verhöhnung ihrer Diener und Boten anſehen. Ihr Alle kennt das Leben Morvens, den Ihr den Seher genant habt. Keinem Menſchen und keinem Thier thut er ein Leid; er lebt einſam, und fern von den wilden Freuden des Kriegerſtammes ver⸗ ehrt er in Furcht und Demuth die Mächte der Nacht. Deshalb vermag er Euch von der kommenden Ge⸗ fahr zu unterrichten— deshalb vermag er Euch vom Feind zu retten. Deshalb ſind Eure Jäger ſchnell und Eure Krieger kühn, und deshalb bringen Euch Eure Herden Junge und die Erde ihre Früchte. Was verlangt Ihr zu hören? Wiſſet, Männer von Oeſe, man hat meinem Leben Schlingen gelegt und es ſind Solche unter Euch die das Schwert geſchärft haben fär die Bruſt, die nur mit Liebe für Euch Alle erfüllt iſt. Darum haben die ſtrengen Herrſcher des Himmels dem Strom ſeine Bande gelöst,— darum bedroht Euch dieſes Uebel. Und nicht eher wird es vorübergehen, bis Die, welche die Grube gegraben haben für den Diener der Sterne, ſelbſt in derſelben begraben ſind.“ Da blikten, erhellt vom rothen Fakelſchein, die Geſichter der Männer wild und drohend, und zehn⸗ tanſend Stimmen riefen:„Nenne ſie, die ſich ver⸗ ſchworen haben gegen Dein Leben, heiliger Seher, und Glied für Glied ſollen ſie zerriſſen werden.“ Und Morven wandte ſich und ſie bemerkten, daß er bitterlich weinte; und er ſprach: tet; Fein ſchw ſöhn der t mein Ja, nen nig Stin haber Scht Herz in ſc und unter zu ti des V zu ſi 2 vor a ner ₰ 5 Hirte ſterbe Deine Bul revel hen. den inem fern ver⸗ acht. Ge⸗ vom hnell Euch Was Deſe, d es härft Euch ſcher t,— eher rube ſelbſt „die ehn⸗ ver⸗ eher, 46 kten, 65 „Ihr babt mich gefragt und ich habe geantwor⸗ tet; jezt aber werdet Ihr kaum glauben welchen Feind ich mir erwekt. Und bei den Himmeln ſelbſt ſchwör ich, daß wenn mein Tod ihren Zorn ver⸗ ſöhnen könnte und nicht auf Euch und Euere Kin⸗ der die Rache der mächtigen Sterne herabriefe, ich meine Bruſt mit Freuden dem Meſſer darböte. Ja,“ rief er mit erhabener Stimme, ſeine dün⸗ nen Arme gegen die Halle ausſtrekend, wo der Kö⸗ nig am Tannenfeuer ſaß—„ja Du, den auf meine Stimme die Sterne vor Deinem Bruder erkoren haben— ja, Seiror, Du Sünder, nimm Dein Schwert und komm hieher,— tödte, wenn Du das Herz haſt, den Seher der Götter.“ Der König ſprang auf und die Menge ſchwieg in ſchaudernder Stille. Morven hob von Neuem an: „Wiſſet denn, o Männer von Heſe, daß Seiror und Voltoch, ſein Bruder, und Darvan, der Aelteſte unter den Weiſen, beſchloſſen haben Euern Seher zu tödten zur Stunde wenn er allein die Schatten des Waldes ſucht um auf neue Wolthaten für Euch zu ſinnen. Der König leugne es wenn er kann!“ Da trat Voltoch mit den rieſigen Gliedern her⸗ vor aus der Halle, und ſein Speer ſchütterte in ſei⸗ ner Hand. „Recht haſt Du geredet, niederer Sohn des Hirten meines Vaters, und allerdings ſollſt Du ſterben für Deinen Frevel. Denn wenn Du von Deiner Macht bei den Sternen ſtriqhlt⸗ lüo Bulwr's Romane XXII „ Du 66 und lachſt über die Thorheit Derer, die auf Dich hören. Darum ſo tödtet ihn!“ Da ſchlugen die Oberſten in der Halle ihre Waffen zuſammen und ſtürzten vor, den Sohn Hsla's zu tödten. Er aber, ſeine unbewaffneten Arme erhebend, rief:„Hört ihn, ihr Furchtbaren der Nacht— hört ſeine Läſterung!“ Da griff das Volk das Wort auf und rief: „Er läſtert— er läſtert gegen den Seher.“ Aber der König und die Oberſten, welche Mor⸗ ven haßten wegen ſeiner Macht beim Volk, dran⸗ gen in die Menge; und die Menge war unent⸗ ſchloſſen und wuste nicht, was ſie thun ſollte, denn nie hatte ſie ſich noch aufgelehnt gegen ihre Ober⸗ ſten und fürchtete den Seher und den König in gleichem Grad. Und Seiror rief:„Entbietet Darvan zu uns, denn er hat die Schritte Morvens bewacht und ſoll den Schleier lüften von meines Volkes Augen.“ Da rannten drei der Schnellfüßigen nach dem Haus Darvaus. Ud Morven rief aus mit lauter Stimme: „Höret, ſo ſpricht der Stern der, eben durch jene Wolke ziehend, in mein Aug bricht:„„für die Lü⸗ gen die der Alte geredet gegen meinen Knecht ſoll der Fluch der Sterne auf ihn fallen.““ Gehet hin und ſtan dunt her ruhi woll aus tern vorü ter i Geſe aus, tern, in d men, Dar Füß ben nen Leich „So0O rief den ſten( Dich ihre Sohn bend, tni rief: Ror⸗ ran⸗ tent⸗ denn ber⸗ in uns, ſoll aus me: jene Lü⸗ ſoll hin Nor⸗ und ſelbſt Seirors Wange ward blaß; und Morven ſtand regunglos, mit gekreuzten Armen, hoch und dunkel über den wogenden Fakeln. Und horch, nä⸗ her und näher kamen die Kriegsroſſe der Wellen, — ſie hörten ſie ans Land ſteigen und ihre weißen Mähnen im heulenden Sturm wehen. „Seht, während Ihr hinhorcht!“ ſprach Morven ruhig,„fährt der Strom herauf; eilt, denn die Götter wollen ein Opfer, ſeis Euer König oder Euer Seher.“ „Sklave!“ ſchrie Seiror und ſein Speer flog aus ſeiner Hand, und ſchoß ziſchend über den Häup⸗ tern der Menge an der dunkeln Geſtalt Morvens vorüber, und drang in den Stamm der Eiche hin⸗ ter ihm. Da ſtieß das Volk, ergrimmt über die Gefahr ſeines geliebten Sehers, ein wildes Geſchrei aus, und ſammelte ſich um ihn mit gezükten Schwer⸗ tern, dem König und den Oberſten entgegen. Aber in dieſem Augenblik, noch eh es zum Kampf gekom⸗ men, kehrten die drei Krieger zurük und trugen Darvan auf ihren Schultern und legten ihn zu den Füßen des Königs und ſprachen zitternd:„Soha⸗ ben wir den Weiſen funden mitten in ſeinem eige⸗ nen Haus.“ Und das Volk ſah, daß Darvan eine Leiche und die Verkündung Morvens erfüllt war. „So verderben die Feinde Morvens und der Sterne!“ rief der Sohn Osla's. Und das Volk wiederholte den Ruf. Da ſtieg die Wuth Seirors auf den höch⸗ ſten Grad, und ſein Schwert über dem Haupt ſchwin⸗ 67 Eine kalte, eiſige Furcht kam über die Menge 68 gend drang er in die Menge:„Dein. Blut, Stanb⸗ geborner, oder das meine „Sei es ſo!“ erwiederte Morven ohne zu be⸗ ben.„Männer, tödtet den Läſterer; horcht wie der Strom auf Eure Kinder und Herden einſtürzt. Auf ihn, auf ihn, oder ihr ſeid verloren.“ Und Seiror fiel, durchbort von fünfhundert Speeren. „Tödtet, tödtet!“ rief Morven, als die Edeln des königlichen Hauſes ſich um den König dräng⸗ ten. Und das Klirren der Schwerter und das Bli⸗ zen der Speere und das Geſchrei der Sterbenden und der Tumult des niedertretenden Volks miſch⸗ ten ſich mit dem Gebrüll der Elemente und den Stimmen des brauſenden Gewäſſers. Dreihundert von den Edeln filen dieſe Nacht von den Schwertern ihres eigenen Volkes. Und der lezte Ruf der Sieger war:„Morven der Se⸗ her,— Morven der König!“ Und als der Sohn Osla's die Waſſer ſich jezt über das Thal ausbreiten ſah, führte er Orna ſein Weib und die Männer von Oeſe, ihre Weiber und Kinder, auf einen hohen Berg, wo ſie den Aufgang der Sonne erwarteten. Aber Orna ſezte ſich fern und weinte bitterlich, denn ihre Brüder waren nicht mehr und ihr Geſchlecht war geſchwunden von der Erde. Und vergebens ſuchte ſie Morven zu tröſten. Als der Morgen kam, ſahen ſie daß der Strom den un „ D We ſie nen und und pel auft erac den von befa dien Und ten nig. Ster keiter ſollte jage Mort Erſte und Und nb⸗ wie rzt. ert eln ng⸗ li⸗ den ſch⸗ den cht ind Se⸗ ezt ein nd ng ren en en 69 den gröſern Theil der Stadt überſchwemmt hatte, und jezt ſeinem Wachsthum ein Ziel ſezte in den Höhlen des Thals. Da ſprach Morven zum Volk: „Die Sterne ſind gerächt und ihr Zorn iſt geſtillt. Wartet hier bis das Waſſer abgekaufen iſt in die Spalten der Erde.“ Und am vierten Tag kehrten ſie nach der Stadt zurük, und Niemand wagte ei⸗ nen Andern König zu nennen, als Morven. Aber Morven zog ſich zurük in ſeine Höhle und ſaun lang nach, und verſammelte dann das Volk und gab ihm neue Geſeze und gebot ihm einen Tem⸗ pel zu bauen zu Ehren der Sterne, und hieß darin aufhäufen Alles, was das Volk für das Koſtbarſte erachtete. Und er nahm zu ſich fünfzig Kinder von den Angeſehenſten im Volk und nahm auch zehn von den Männern, die ihm am beſten gedient, und befahl daß ſie den Sternen in dem groſen Tempel dienen ſollten;— und Morven war ihr Haupt. Und er wies die Krone ab, die ſie ihm aufdräng⸗ ten und kürete unter den Aelteſten einen neuen Kö⸗ nig. Und befahl daß fortan nur die Diener der Sterne im groſen Tempel den König und die Obrig⸗ keiten küren und Rath ſchlagen und Krieg erkären ſollten: aber er geſtattete daß der König zeche und jage und ſich luſtig mache im Gelaghaus. Und Morven baute Altäre in dem Tempel und war der Erſte, der im Norden vierfüßige Thiere und Vögel, und ſpäter Menſchenfleiſch auf den Altären opferte. Und er entnahm Vorzeichen aus den Gewaiden des 70 Opfers und gründete Schulen der Seherwiſſenſchaft. Und Morvens Frömmigkeit war das Wunder des Volks, weil er es ausgeſchlagen König zu ſein; und Morven der Hoheprieſter war zehntauſendmal mäch⸗ tiger als der König. Er lehrte das Volk die Erde pflügen und Kräuter ſäen, und durch ſeine Weis⸗ heit und den Muth, den ſeine Verkündungen den Menſchen einflösten, beſiegte er alle Nachbarſtämme. Und die Söhne der Oeſen breiteten ſich aus zu ei⸗ nem groſen Reich und mit ihnen verbreiteten ſich Morvens Name und Geſeze. Und in jedem Gau, den er eroberte, befahl er den Sternen einen Tem⸗ pel zu bauen. Aber ein ſchwerer Kummer fiel auf die Jahre Morvens. Seirors Schweſter beugte ihr Haupt und überlebte den Untergang ihres Geſchlechts nicht lang. Und ſie ließ Morven kinderlos. Und er klagte bitterlich und wie von Sinnen, denn ſein Herz hatte nur ſie zu lieben Macht gehabt. Und er ſaß und bedekte ſein Antliz und ſprach: „Sieh, ich habe gerungen und gearbeitet und nie hat ein Menſch vor mir bezwungen was ich be⸗ zwungen habe. Wahrlich das Reich der eiſernen Sitten und rieſigen Glieder iſt nicht mehr! ich hab eine neue Macht gegründet, die fortan dem Land be⸗ fehlen wird; das Reich eines ſinnigen Geiſtes und beherrſchenden Gemüths. Aber ſieh! mein Schikſal iſt öd und bereits fühl ich, daß es weder Frucht haft. des nund näch⸗ Erde Leis⸗ den nme. u ei⸗ ſich Hau, Tem⸗ ahre aupt nicht d er Herz d er und be⸗ itten eine be⸗ und ikſal ucht 74 noch Baum als Schuz für mein Alter treiben wird. Einſam und allein werd ich in mein Grab gehen. HO Orna, meine Schöne, meine Geliebte, Keine glich Dir und Deiner Liebe dank ich meinen Ruhm und mein Leben! Wären doch um Deinetwillen, Du 3 ſüßes Vögelchen das in der dunkeln Höhle meines Herzens niſtete,— wären um Deinetwillen Deine Brüder erhalten worden, denn wahrlich mit meinem 1 Leben hätt' ich das Deinige erkaufen mögen. Ach! erſt nachdem ich Dich verloren, fand ich daß Deine Liebe mir theurer war als die Furcht der Andern!“ Und Morven trauerte Nacht und Tag und Niemand vermochte ihn zu tröſten⸗ 6 Aber von dieſer Zeit an gab er ſich einzig den Sorgen ſeines Berufs hin, und ſeine Natur und ſein Herz und Alles was noch weich in ihm geblie⸗ ben, wurde hart wie Stein,— und er war ein Menſch ohne Liebe und verbot den Prieſtern Liebe und Ehe. Und in ſeinen ſpätern Jahren erhoben ſich an⸗ dere Seher, denn die Welt war weiſer geworden eben durch Morvens Weisheit; und Einige ſprachen zu ſich ſelbſt:„Siehe, Morven, des Hirten Sohn, iſt ein König der Könige; Das haben die Sterne für ihren Diener gethan; wollen wir nicht auch Diener der Sterne ſein?“ Und ſie trugen ſchwarze Gewänder, wie Morven, und gingen umher verkündend was die Sterne ih⸗ nen geſagt. Und Morven war höchlich ergrimmt, i 72 denn beſſer, als irgend ein anderer Menſch, wuste er ſelbſt daß die Seher lügen. Deshalb zog er mit den Tempeldienern gegen ſie aus und griff ſie und verbrannte ſie an einem langſamen Feuer; denn alſo redete Morven zu dem Volk:„Ehre dem wah⸗ ren Seher; aber nur ich bin ein wahrer Seher; alle falſche Seher ſoll der Tod treffen.“ Und das Volk rief der Frömmigkeit des Soh⸗ nes Osla's Beifall. Und Morven unterrichtete die weiſeſten unter den Kindern in den Geheimniſſen des Tempels, ſo daß ſie als ſeine würdigen Nachfolger aufwuchſen. Und er ſtarb hochbetagt und hochgeehrt, und ſie hauten ſein Bild in einen mächtigen Stein vor dem Tempel, und das Bild erhielt ſich tauſend Men⸗ ſchenalter hindurch und Wer es anſchaute, zitterte; denn auf dem Geſicht ſtand die Ruhe unausſprech⸗ barer Schrekensgewalt. Und Morven war der erſte Sterbliche des Nor⸗ dens, der die Religion zum Schrittſtein der Herr⸗ ſchaft machte.— Gewiß war Morven ein groſer Mann! Es war die lezte Racht des alten Jahrs und die Sterne ſaßen, jeglicher auf ſeinem goldenen Stuhl, und ſahen mit ſchlafloſem Aug hinab auf die Erde. Die Nacht war dunkel und unruhig, die Stürme waren los und ſchnell und dicht jagten die Wolken unter den Thronen der Könige der Nacht dah teo wie wei Nel unt rau aus beln eine Stit bunt in d tige verb dem furch nem ſicht . Du l Nach fallen Haſt nigen mit und enn vah⸗ her; Soh⸗ ter ſo und vor en⸗ te; br⸗ rr⸗ ſer nd en die ie ht dahin. Und dann und wann zukten feurige Me⸗ teore durch die Tiefen des Himmels und wurden wieder verſchlungen vom Grab der Finſterniß. Aber weit von ſeinen Brüdern, und mit einem bleichen Nebel um ſeinen Kreis, ſaß der mismuthige Stern unter deſſen Obhut die Jäger des Nordens ſtanden. Und über den unterſten Abgrund des Welt⸗ raums war dichte, mächtige Nacht verbreitet, aus welcher, wie aus einem Keſſel, Säulen wir⸗ belnden Rauchs aufſtiegen; und ſo oft die Stürme einen Angenblik ruhten auf ihren Pfaden, wurden Stimmen der Klage und des Hohngelächters, ver⸗ bunden mit Angſtruf, gehört, die aus dem Abgrund in die obere Luft empor tönten. Und um Mitternacht ſtieg langſam eine mäch⸗ tige Geſtalt aus dem Abgrund und ihre Schwingen verbreiteten Finſterniß über die Welt. Hoch bis zu dem Thron des mismuthigen Sterns ſchwebte die furchtbare Geſtalt, und der Stern zitterte auf ſei⸗ nem Thron als das Weſen Angeſicht gegen Ange⸗ ſicht vor ihm ſtand. 33) Und die Geſtalt ſprach:„Heil, Bruder, Heil!“ „Ich kenne Dich nicht,“ erwiederte der Stern. Du biſt nicht der Erzengel, der zu den Königen der Nacht kommt.“ Und die Geſtalt lachte laut.„Ich bin der ge⸗ fallene Morgenſtern— bin Lucifer, Dein Bruder! Haſt Du nicht, o düſterer König, mir und den Mei⸗ nigen gedient?— Haſt Du nicht die Erde dem 74 Herrn der da oben thront, entwunden und ſie mir gegeben, indem Du die Seelen mit der Religion der Furcht verdunkelteſt? Deshalb komm Bruder, komm— ein Thron iſt Dir bereitet neben meinem eigenen in der flammenden Tiefe. Komm! der Him⸗ mel iſt nicht mehr für Dich.“ Da erhob ſich der Stern von ſeinem Thron und ſtieg hinab an die Seite Lucifers. Denn im⸗ mer hat der Geiſt des Mismuths eine Verwand⸗ ſchaft gehabt zu dem Geiſt des Stolzes. Und lang⸗ ſam ſanken ſie hinab in die Kluft der Finſterniß. Es war die erſte Nacht des neuen Jahrs und die Sterne ſaßen, jeglicher auf ſeinem goldenen Stuhl, und ſahen mit ſchlafloſem Aug auf die Erde. Aber Kummer trübte das helle Antliz der Könige der Nacht, denn ſie trauerten in Schweigen und Furcht um einen gefallenen Bruder. Und die Thore des Himmels der Himmel flogen auf mit goldenem Klang und der ſchnelle Erzengel ſchwebte herab auf ſeinen ſtillen Schwingen; und der Erzengel theilte wie ſonſt jedem Stern das Gebpt ſei⸗ nes Herrn mit, und jedem Stern ward ſein beſonder Amt. Und als die Botſchaft vollzogen ſchien, kam ein Gelächter aus dem Abgrund des Dunkels, und halb aus der Kluft erhob ſich die finſtere Geſtalt Lucifers, des Feindes. „Du zälſt Deine Herde ſchlecht, o ſtralender Hirte. Siehe! ein Stern fehlt unter den Dreitau⸗ ſend und zehn.“ der me blit lin An aug nen Gl flar 3 ½ ren St wel hau die Luc mir gion der, nem dim⸗ hron im⸗ and⸗ ang⸗ ß. und enen rde. nige und ogen ngel dder ſei⸗ nder kam und ſtalt nder tau⸗ 7⁵ „Zurük in Deine Nacht, lügneriſcher Lucifer, der Thron Deines Bruders iſt wieder eingenom⸗ men!“ Und ſiehe! während der Erzengel ſprach, er⸗ blikten die Sterne einen jungen, ſtralenden Fremd⸗ ling auf dem Thron des irrenden Sterns, und ſein Antliz war ſo mild, daß das ſchwächſte Menſchen⸗ aug unverlezt auf ſeinen Glanz hätte ſchauen kön⸗ nen; nur der dunkle Feind allein wurde durch die Glorie geblendet, und mit einem Zornruf, der die flammend'n Pfeiler des Weltalls erſchütterte, ſank er zurük in das Dunkel. Da ertönte fernher, ſüß aus den unfichtba⸗ ren Hallen die Stimme Gottes: „Siehe! auf dem Thron des unzufriedenen Sternes ſizt der Stern der Hoffnung, und Der, welcher den Menſchen die Religion der Furcht ein⸗ hauchte, hat zum Nachfolger Den, welcher die Erde die Religion der Liebe lehren wird.“ Und auf ewig weilt der Stern der Furcht be⸗ Lucifer und der Stern der Liebe wacht am Himmel! Zwanzigſtes Kapitel. Gelnhauſen.— Die Macht der Liebe einen Ort zu wei⸗ hen.— Ein Bild von Friedrich Barbaroſſa.— Die Ruhm⸗ liebe der Männer findet in den Frauen keinen entſpre⸗ chenden Anklang. „Sie haben mich mehr als Einmal für Sie zittern gemacht,“ ſagte Gertrud zu dem Studen⸗ ten.„Ich fürchtete Sie würden auf einen geheilig⸗ ten Boden überſpringen, aber ihr Ende macht Al⸗ les wieder gut.“ „Die falſche Religion ſucht immer Kleid, Sprache, Aeuſſerlichkeit der wahren nachzuahmen,“ erwiederte der Deutſche.„Aus dieſem Grund eließ ich durch meine Erzälung abſichtlich die Furcht und Beſorg⸗ niß erregen, von welcher Sie ſprechen, überzeugt daß am Schluſſe des Ganzen das zärteſte Gewiſſen ſich befriedigt finden würde.“ Dieſer Beutſche war von einer neuen Schüle, von welcher England bis jezt noch nichts bekant iſt. Wir werden dereinſt ſehen, welche Erzeugniſſe ſie hervorbringt. Der Student verließ ſie in Friedberg, und unſere Reiſenden zogen weiter nach Gelnhauſen, einem anſprechenden Ort für Liebende, denn hier war Sch auf Dar lich grüt Waſ „find webt Wei die res zu 1 uns, weun werd Liebe ob de genſck daß bemer für d *) de üb gi wei⸗ hin⸗ pre⸗ Sie den⸗ ilig⸗ Al⸗ che, erte rch rg⸗ ugt ſſen tle, ant iſſe ind n, ier 77 ward Kaiſer Friedrich der Erſte durch die Schönheit Gelas überwältigt, und baute mitten auf einer Inſel ſein kaiſerlich Haus zu Ehren der Dame ſeines Herzens. Die Stelle iſt an ſich wirk⸗ lich ſehr gut gewält. Das Röhnegebirg'*) mit der grünen Nacht ſeiner Wälder, und die glänzenden Waſſer der Kinzig ſchließen ſie ein. „Wo wir uns hinwenden;“ bemerkte Trevylyan, „finden wir ſtets daß Liebe ſich mit der Sage ver⸗ webt; daher die Geſchichte den Orten nicht dieſelbe Weihe mittheilt, wie die Poeſie.“ „Sonderbar,“ bemerkte Vane moraliſirend,„daß die Liebe, die doch nur einen geringen Theil unſe⸗ res wirklichen Lebens ausmacht, den Hauptſchlüſſel zu unſern Fantaſien bildet. Die Härteſten von uns, Menſchen die über jene Leidenſchaft lachen, weun ſie dieſelbe in der Wirklichkeit vor ſich ſehen, werden“ durch eine verwiſchte Sache vom Daſein der Liebe in der Vergangenheit angezogen. Es iſt als ob das Leben wenig Gelegenheit böte, gewiſſe Ei⸗ genſchaften in uns zur Entfaltung zu bringen, ſo daß ſie fortwährend klanglos in uns ſchlummern, bemerkbar für die geiſtige Wahrnehmung, aber taub für den Ruf zur eigenen Thatkraft.“ *) Der Verfaſſer, der in Benennung der in vorliegen⸗ dem Werk zur Sprache kommenden Oertlichkeiten überhaupt ſehr vielfache Verſtöße begeht, gibt im Ori⸗ ginal fälſchlich das Rheingebir g an. Der Ueberſezer 73 „Sie nehmen die Sache zu ſpizfindig und illu⸗ ſoriſch,“ entgegnete Trevylyan lächelnd.„Kein Menſch trägt irgend eine Fähigkeit, irgend eine Lei⸗ denſchaft in ſich, die, wenn er auch nur einen Tag lang wirklich geliebt hat, nicht zur Entfaltung käme.“ Gertrud lächelte, Trevylyan ſchlang ihren Arm in den ſeinigen und überließ es Vane über die Lei⸗ denſchaft zu philoſophiren;— eine geeignete Be⸗ ſchäftigung für Den, der ſie nie gefühlt hat. „Hier last uns ſtillhalten,“ ſagte Trevylyan nachher, als ſie die Ueberbleibſel der alten Kaiſer⸗ burg beſuchten und die Sonne hell auf die Stätte niederglänzte,—„hier last uns ruhen, die alten Rittertage des heldenhaften Rothbarts zurükzuru⸗ fen. Stellen wir ihn uns am Beginn der lezten groſen Unternehmung ſeines Lebens vor; denken wir ihn uns beim Aufbruch in's heilige Land. Rufen wir vor unſere Fantaſie wie er auf ſeinem weißen Roß aus dieſen Mauern zieht, ſein flammendes Aug et⸗ was von den Jahren getrübt und ſein Haar gebleicht, aber edler eben durch das Gepräge der Zeit; Waf⸗ fenklang, Pferdeſtampfen, fliegende Fahnen, Trom⸗ petengeſchmetter von Hügel zu Hügel, rothe Kreuze und nikende Federn, die Sonne wie jezt auf jene Bäume ſcheinend und dort von den blanken Har⸗ niſchen der Kreuzfahrer wiederſtralend; doch Ge⸗ la* ſein und auf Rul die gege vyly gem nen ment ich t De Thri auch es i Herz Gefi ben. ſie „Wel gehrt zu b der Sche wend llu⸗ ein Lei⸗ Lag ung lrm Lei⸗ Be⸗ yan ſer⸗ ätte lten ru⸗ zten wir wir Roß et⸗ icht, Vaf⸗ om⸗ euze jene Har⸗ Ge⸗ 79 „Ach,“ bemerkte Gertrud,„ſie ſollke nicht mehr ſein, denn ſie würde ihre Schönheit jezt überlebt und gefunden haben, daß die Ruhmbegierde nun auf keine Nebenbulerin mehr in Friedrichs Bruſt ſtoße. Ruhm entſchädigt die Männer für den Tod Derer die ſie liebten, aber Ruhmſucht iſt eine Treuloſigkeit gegen die Lebenden.“ „Nicht ſo, geliebte Gertrud,“ entgegnete Tre⸗ vylyan ſchnell;„mein Lieblingstraum von künfti⸗ gem Ruhm iſt die Hoffnung ſeine Kränze zu Dei⸗ nen Füßen zu legen! Und ſollt ich mich in kom⸗ menden Tagen je über die Menge erheben, ſo würde ich dabei nur forſchen, ob Dein Schritt ſtolz, Dein Herz erhoben ſei.“ „Ich hatte Unrecht,“ erwiederte Gertrud mit Thränen in den Augen;„um Deinetwillen kann auch ich ehrgeizig werden.“ Vielleicht irrte ſie ſich hierin gleichwol, denn' es iſt eine gewöhnliche bittere Erfahrung unſerer Herzen, daß die Frauen ſo ſelten ein verwandtes Gefühl füt unſer beſſeres, edleres Emporſtreben ha⸗ ben. Ihre Ehrliebe geht nicht auf groſe Dinge; ſie vermögen jene Sehnſucht nicht zu begreifen, „welche die Freude verachtet und mühſame Tage be⸗ gehrt.“ Lieben ſie uns, ſo fodern ſie in der Regel zu viel. Sie ſind eiferſüchtig auf die Ruhmbegierde, der wir ſo vielfache Opfer bringen und die eine Scheidewand zwiſchen uns und ihnen zieht; ſich ab⸗ wendend, verweiſen ſie jene ſtrenge Luſt groſer Ge⸗ 80 müther in eine Einſamkeit, welche allein unter al⸗ len Abgeſchiedenheiten vom Herzen nicht getheilt wer⸗ den kann. Emporſtreben heist allein ſein! ————— Einundzwanzigſtes Kapitel. Anſicht von Ehrenbreitſtein.— Neue Schreken in Bezug auf Gertruds Geſundheit.— Trarbach. Ein andermal zogen unſere Wanderer von Koblenz nach Trier, den Lauf der Moſel verfolgend. Sie hielten auf dem jenſeitigen Ufer, unter der Brüke, welche Koblenz mit dem Peters⸗ berg verbindet, an, um bei der herrlichen Anſicht von Ehrenbreitſtein, die ſich von dort aus darbietet, zu verweilen. Es war eine jener lautloſen Mittagſtunden, die ihre helle, labende Stille in unſer Gemüth übertragen. Dort lehnte ſich ein alter Hirt auf ſeinen Stab und das ruhige Vieh ſtand bis ans Knie im vorübergleitenden Waſſer. Nie warf ein aufterer, hellerer Fluß die Bilder des Hirtenlebens zurük, als die Fläche der Moſel zu jener Stunde. Unten fielen die dunklern Schatten der Brüke und der Mauern von Koblenz tief auf die Wellen und das bunte Gemiſch der hohen Segel über den im Ha Th auf krei hob Fel Rit Na und nes als bun det gem imn ſteil und Me Ort in übet am dun der Ein unſt der unte 2 zug von ſel fer, rs⸗ icht aus en, üth auf ans ein ens nde. und und im 8¹ Hafen ankernden Barken. Aber klar ſtiegen die Thürme und Dächer von Koblenz gegen die Sonne auf, als Vorgrund manigfacher, gegen den Seh⸗ kreis hin geneigter Berge. Hoch, dunkel, maſſiv hoben ſich jenſeits des Rheins die Werker und der Felſen von Ehrenbreitſtein, ein Abbild jenes groſen Rittergeiſtes,— der Ehre, die der Fels als ſeinen Namen anſpricht,— die ſo viele Opfer von Blut und Thränen fodert, im unruhigen Herzen des Man⸗ nes aber ſtets eine weit tiefere Theilnahme erregt, als die friedlichern Lebensbilder, von welchen ſie in buntem Gegenſaz umgeben iſt. Immer wieder wen⸗ det ſich das Aug vom ſtillen Waſſer und der Stätte gemeiner Mühe und alltäglicher Luſt in die Höhe; immer wieder fällt uns beim Hinblik auf dieſen ſteilen, uralten Felſen Hunger und Belagerung ein, und wir geſtehen daß den kühnern Unthaten der Menſchen ein ſeltames Vorrecht zukommt gerade dem Ort, den ſie vernichtet haben, eine Weihe zu geben! In der Tiefe miſchten ſich die abſtufenden Ufer in grünen Krümmungen und ſcheinbaren, von Gras überhangenen Buchten mit dem Gewäſſer, und eben am Ende der Brüke gab eine einſame, dicht und dunkel im kräftigen Schatten ſtehende Baumgruppe der Landſchaft jenen ſchwermüthigen Zug, der dem Einen nächtigen Gedanken gleicht, der ſich oft in unſre ſonnigſten Stunden eindrängt. Die Zweige der Gruppe rührten ſich nicht; keines Vogels Stimme unterbrach die Stille in ihrem lichtloſen Grün; das 6 Bulwer's Romane. XXII. 6 82 Aug wandte ſich von ihnen ab, wie von der düſtern Schlußlehre unſeres irdiſchen Daſeins. Auf dem Weg nach Trarbach ward Gertrud abermals von einer jener Ohnmachten befallen, welche Trevylyan früher ſo ſehr erſchrekt hatten. Man hielt ein bis zwei Stunden in einem kleinen Dorf an, die Leidende erholte ſich aber mit ſo aufſallender Schnelligkeit und beſtand ſo dringend auf der Wei⸗ terreiſe, daß ihre Begleiter, halb gegen den eignen Willen, die Fahrt fortſezten. Der Vorfall würde gleichwol eine Wolke auf den Wanderzug geworfen haben, hätte ſichs Gertrud nicht zum Geſchäft ge⸗ macht, den Eindruk wieder zu verwiſchen, und ſo leicht, ſo heiter war ihre Stimmung, daß ihr Bemühen, wenigſtens für den Augenblik, gelang. Spät am Mittag kamen ſie in Trarbach an. Dieſes jezt kleine, beſcheidene Städtchen ſoll der Thronus Bacchi der Alten geweſen ſein. Von dem Ort, wo die Wanderer hielten, um eine Totalan⸗ ſchauung von der Stadt zu bekommen, ſahen ſie die klei⸗ ne Schenke, eine ärmliche Prätendentin auf den Thron des Bacchus, mit einem roh gearbeiteten Bild der heiligen Jungfrau über der Thür, vor ſich. Das Giebeldach, die eingeſunkenen Feuſter, die grauen Mauern, unterbrochen von rohen Holzbalken, wie man ſie bei gemeinern Häuſern auf dem Konti⸗ nent ſo häuſig trift, boten eine trübe, uneinladende Anſicht. Gerad über dem Wirthshaus erhob ſich die Stadtkirche mit ihren gothiſchen Fenſtern und ihr grü mer wel Lar mü mit St wil nen ſezt befo wol Kra hige — kaun d che an orf der ei⸗ nen rde fen ge⸗ ſo en, an. der zon au⸗ lei⸗ ron der as uen wie nti⸗ nde ſich und ihrem ehrwürdigen Thurm, und vom Gipfel eines grünen, beinah ſenkrechten Bergs ſchauten ſdie Trüm⸗ mern einer jener mächtigen Burgen düſter herab, welche den nie fehlenden Dunkelblik einer deutſchen Landſchaft bilden. 1 Der Eindruk des Ganzen war ſtill und ſchwer⸗ ¹ müthig. Die ausnehmende Klarheit des Tags hob, mit einer faſt unangenehmen Helle, die Armuth des Städtchens, die Dünnheit der Bevölkerung und die wilde Gröſe der Ruinen hervor, welche über die Hauptſtadt des untergegangenen Stammes der küh⸗ nen Grafen von Sponheim herabhängen. 1 Man brachte die Nacht in Trarbach zu und ſezte die Reiſe am andern Tag fort. In Trier befand ſich Gertrud eiige Tage lang ernſtlich un⸗. wol, und bei der Rükkunft nach Koblenz war ihre. Krankheit augenſcheinlich auf eine ſchnelle, beunru⸗ bigende Art angewachſen. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Das Doppelleben.— Trevylyans Schikſal.— Schmerz, der Vater des Ruhms.— Riederlahnſtein.— Träume. Jeder von uns hat zwei Leben die zugleich, aber kaum mit einander verbunden, dahin flieſen!— 6 84 das handelnde Leben und das Leben unſeres Ge⸗ müths, die äuſſere und die innere Geſchichtes die Thätigkeit der Sinne und das tiefe, raſtloſe Wir⸗ ken des Herzens. Die welche geliebt haben, wiſſen daß es ein Tagebuch der Seele gibt, das wir jahre⸗ lang halten können ohne Veranlaſſung zu finden die äuſſere Oberfläche des Lebens, unſre lärmenden Beſchäftigungen, das Mechaniſche im Fortgang un⸗ ſerer Exiſtenz, auch nur zu berühren. Gleichwol werden wir nach dem Lezteren beurtheilt, während das Erſtere nie bekant wird. Die Geſchichte ent⸗ hält die Thaten der Menſchen, ihren äuſſerlichen Ka⸗ rakter, aber nicht die Menſchen ſelbſt. Es gibt ein geheimes Selbſt, das ſein eigenes„von ei⸗ uem Traum umſchloſſenes,“ unerforſchtes, ungeahne⸗ tes Leben führt. Was ging Stunde um Stunde in Trevylyan vor, als ex dem Verfall der Kräfte in dem einzigen Weſen zuſah, das zu lieben ſein ſtolzes Herz je beſtimt war! Seine wirkliche Rech⸗ nung der Zeit wurde durch jedes Wölkchen auf Gertruds Stirn, jedes Lächeln ihres Angeſichts, jede, ſelbſt die unbedeutenſte Veränderung in ihrer Krankheit bedingt; dem äuſſern Anſehen nach aber hätte Niemand auf dieſen dunkeln Strom wechſeln⸗ der, ereignisvoller Bewegung geſchloſſen. Mit ge⸗ wohnter Regelmäßigkeit erfüllte er Alles was dem Leben ſeine äuſſere Färbung gibt, lächelte und ging wie andere Menſchen. Denn mit jenem Heldenſinn, womit die wahre Liebe das eigene Selbſt beſiegt, e⸗ die ir⸗ en re⸗ en en in⸗ vol end nt⸗ da⸗ Es ne⸗ de fte ein ch⸗ auf ts, rer ber ln⸗ ge⸗ em ing un, 35 trachtete er blos, das junge Herz, welchem er ſein Alles dahin gegeben, zu erheitern und aufzumuthi⸗ gen, und bewahrte den dunkeln Sturm ſeiner Angſt für die Einſamkeit der Nacht. Dies war die eigenthümliche Beſtimmung die ihm das Schikſal geſezt hatte: als' ihn daſſelbe in ſpätern Jahren auf das groſe Meer des Staats⸗ lebens hinaus warf, ſchien es entſchloſſen aus ſeinem Herzen jede Sehnſucht nach dem Land ausreiſſen zu wollen. Für ihn ſollte es kein grünes, heimliches Pläzchen im Thal des häuslichen Glükes geben. Seine Barke ſollte keinen Hafen, ſeine Seele nicht einmal den Wunſch nach Ruhe kennen. Denn Thä⸗ tigkeit iſt der Lethe in welchem wir allein unſere früheren Träume vergeſſen, und das Gemüth das, zu kräftig um nicht den Kampf mit dem Weh der Vergangenheit zu verſuchen, daſſelbe zu unterjochen ſtrebt, darf ſich zu einem Zurükblik keine Zeit laf⸗ ſen. Wer weiß welche Schmerzen des Wolthäters manche der Welt dargebrachte Wolthaten zum Ur⸗ ſprung gehabt haben mögen! Wie die Ernte welche den Menſchen in der Sonne des Herbſtes erfreut, durch die Regen des Lenzes hervorgerufen ward, alſo mag oft der Gram der Jugend den Ruhm des Mannesalters ſchaffen. Entzükt von der Schönheit des Stromes wünſchte Gertrud die Reiſe bis Mainz fortzufezen. Der reiche Trevylyan vermochte den Arzt, der die Leidende in Koblenz behandelt hatte, ſich der Geſellſchaft anzu⸗ 86 ſchließen, und noch einmal machte man ſich den Ge⸗ ſtaden des mittelalterlichen Rheins entlang auf den Weg. Denn was die Tiber für die antike Zeit, das iſt der Rhein für die Zeiten des Ritterthums. Der ſteile Fels und der graue, geſchleifte Thurm, das Kernhafte und rauh Maleriſche des Feudalismus bilden die Grundzüge des Schauplazes, und faſt könnte man ſich im Dahinſegeln vorſtellen, man fahre den Strom der Zeit zurük und die Denkmale alter Pracht und Kraft ſtiegen, eins ums andere, an ſei⸗ nen Ufern auf! Vane und Du—e, der Arzt, unterhielten ſich im Hintergrund des Fahrzengs von Steinen und Erdſchichten mit jener wunderlichen Pedanterie der Wiſſenſchaft, welche die Natur zu einem Geripp entfleiſcht und, unbewust der ledendigen Schönheit der Welt, unter ihren Todtenbeinen nach Beute ſucht. Sie überlieſſen Gertrud und Trevylyan einan⸗ der ſelbſt, und,„über die plätſchernde Wand gelehnt,“ gaben Dieſe ſich ſchweigend dem Trübſinn hin, der Beide erfüllte. Denn Gertrud fing, obwol nur zwei⸗ felnd und vorübergehend, an zum Gefühl zu erwa⸗ chen, welch kurze Spanne ihrem Leben noch geſtat⸗ tet ſei, und der Lieblichkeit ihres Weſens drükte ſich jezt noch jene düſtere, unausſprechbare Anziehungs⸗ kraft auf, die aus dem Vorgefühl des eignen Todes entſpringt. Sie kamen an der fruchtbaren Inſel Oberwert, dem, ſeiner rothen Trauben wegen ein hal Lei Di abe e⸗ en s er as us aſt re ter ſei⸗ ich der pp cit ite au⸗ t, der ei⸗ va⸗ at⸗ ich 38 des ſel en 87 berühmten Dorf Horchheim vorüber, und ſahen die Lahn aus ihrem Bergbette ihren Zoll an Obſt und Korn in den Schaz des Rheins tragen. Stolz ſtieg der Thurm von Niederlahnſtein empor, und tief lag ſein Schatten auf dem Strom. Es war ſpät am Mittag; das Vieh hatte ſich von der ſchrägen Sonne in die Schatten zurükgezogen und drüben erhob die heilige Markusburg*) ihre Zinnen über rebenbekränzte Hügel. Auf dem Waſ⸗ ſer waren zwei Boote neben einander hingezogen und von dem einen aus, das jezt ans Land ſtieß, unterbrach der Ruderſchlag die weite Stille der Fluth. Neben einem alten Thurm machten ſich Fi⸗ ſcherleute zu thun, aber der Schall ihrer Stimmen erreichte das Ohr nicht. Es war Leben, aber ſchweigendes Leben, der Mittagsruhe angemeſſen. „Im Reiſen liegt Etwas,“ bemerkte Gertrud, „was uns fortwährend, ſelbſt an den abgelegenſten Orten, die Ganzheit des Lebens vor die Seele bringt. Wir kommen in dieſen ſtillen Winkel und finden ein Geſchlecht von deſſen Daſein wir nie geträumt haben. Auf ſeinem niedern Pfad fühlt es dieſelben Leidenſchaften, geht dieſelte Bahn wie wir ſelbſt. Die Berge ſchließen es ab von der groſen Welt, aber ſein Dorf iſt für ſich eine Welt. Es weiß ——— *) Die Bezeichnung heilig ſcheint auf die Benennung die⸗ ſeu Feſte nach dem heiligen Markus anſpielen zu ollen. Der Ueberſezer. 88 und braucht nicht mehr von den ſtürmiſchen Auf⸗ tritten ferner Städte, als unſer Planet ſich um die Bewohner entlegener Sterne kümmert. Was alſo iſt der Tod, als neben der allgemeinen Unbekant⸗ ſchaft unſerer Exiſtenz im groſen Weltall noch das Verſchwinden aus ein paar Herzen? Die Waſſer⸗ blaſe zerſpringt lautlos in der weiten Wüſte der Füt „Warum vom Tod ſprechen?“ fragte Trevylyan mit verzerrtem Lächeln:„dieſe ſonnigen Bilder ſoll⸗ ten keine ſo düſtere Vorſtellungen hervorrufen.“ „Düſter,“ erwiederte Gertrud mechaniſch.„Ja der Tod iſt in der That etwas Düſteres, wenn man geliebt wird!“ Sie verweilten einige Zeit in Niederlahnſtein, denn Vane wünſchte die Mineralien zu unterſuchen welche die Lahn in den Rhein ſchwemmt, und die Sonne neigte ſich zum Untergang als man die Reiſe wieder fortſezte. Im langſamen Weiterfahren ſagte Gertrud:„Wie traumartig iſt eine ſolche Empfin⸗ durg unſeres Daſeins, wo jeder Scenenwechſel ohne Mühe oder Bewegung von unſerer Seite vor uns gebracht wird; und bin ich bei Dir, Geliebter, ſo kommt mir Alles nicht minder wie ein Traum vor, denn lezter Zeit hab ich mehr als je von Dir ge⸗ träumt, und Träume ſind ein Theil meines Lebens ſelbſt geworden.“ „Beim Träumen fällt mir ein“, bemerkte Tre⸗ vylyan im Verlauf ihrer Unterhaltung über dieſen gel ne ein wi Al rut mi eine dru mei ſche Anl bei Fre run Wi frül die alſo ant⸗ das ſſer⸗ der han oll⸗ Ja nan ein, hen die eiſe igte fir⸗ hne uns ſo or, ge⸗ ens re⸗ ſen 89 geheimnisvollen Gegenſtand,„daß ich während mei⸗ nes frühern Aufenthalts in Deutſchland einmal mit einem ſeltfamen Schwärmer zuſammentraf, der ſich, wie ers nannte, ein„Träumeſyſtem“ ausgedacht hatte. Als er mir davon ſprach, bat ich um nähere Erklä⸗ rung was er darunter verſtebe, und er willfahrte mir ungefähr in folgenden Worten. S Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Das Traumleben.— „Ich bin,“ ſprach er,„mit vielen Empfindungen eines Dichters geboren, aber die Sprache zum Aus⸗ druk derſelben fehlt mir. Fortwährend wurden meine Gefühle durch den Verkehr mit der wirklichen Welt unterdrükt; meine Verwandten, echte Deut⸗ ſche ohne Regſamkeit und Leidenſchaſt, boten keinen Anhaltpunkt für mich, und eben ſo wenig fand ich bei Jemand auſſer meiner Familie beſſern Anklang. Freundſchaften ſtießen mich bald zurük, denn ihre Wärme wechſelte nach der unbedeutenſten Verände⸗ rung; Liebe tänſchte meine Erwartungen, denn die Wirklichkeit kam meinem Ideal nie gleich. Mir früh am Buſen der Ppeſie Genährten, in das Wilde und Abenteuerliche Verliebten, erſchien das gemeine 90 Leben unſäglich zahm und unerquiklich. Und gleich⸗ wol ſprach mich die dem dichteriſchen Karakter au⸗ gemeſſene Thatloſigkeit mehr an, als jene ſcharfe, unkontemplative Rührigkeit, die allein dem Leben groſe Erſolge abzugewinnen vermag. Sinnen war mein natürliches Element. Ich brachte den Mittag gern an irgend einen ſchattigen Bach gelehnt zu, wo ich in halbem Schlummer Bilder aus den glänzenden Sonnenſtralen geſtaltete; eine nebelnde, unwirkliche Art der Philoſophie, die meiner Na⸗ tion eigenthümlich angehört, war die Lieblings⸗ beſchäftigung meines Geiſtes. Unter dem Dun⸗ keln und Verborgenen ſuchte ich die Abwechs⸗ lung und Aufregung die ich im Alltäglichen nicht fand. Da ich auf dieſe Weiſe ſtets die Wirk⸗ ſamkeit der innern Seelenkräfte beobachtete, fiel mirs zulezt ein, es ſei, ſofern der Schlaf ſeine eigene, wenn auch noch rohe und zerriſſene Welt habe, viel⸗ leicht möglich aus ſeinem Kaos all die Vorſtellun⸗ gen von Schönheit, Kraft, Herrlichkeit und Liebe zur Erſcheinung zu bringen, welche mir in der Welt, worin meine Leiblichkeit wandelte und ihr Weſen hatte, verſagt waren. Sobald dieſer Ge⸗ danke über mich gekommen, nährte und pflegte ich ihn und brütete darüber, bis die Einbildungskraft das gewünſchte Wunder zu verwirklichen begann. Indem ich vor Schlafengehen mitaller Kraft meiner Seele über eine beſtimte Gedankenreihe, über ir⸗ gend eine Schöpfung meines Innern nachſann; in leich⸗ an arfe, een war ittag zu, den nde, Na⸗ ngs⸗ n⸗ echs⸗ chen Lirk⸗ fiel gene, viel⸗ llun⸗ Liebe der ih Ge⸗ ich kraft ann. einer Fir⸗ in 91 dem ich meinen Körper den ganzen Tag über voll⸗ kommen ſtill und ruhig hielt; indem ich jedes Be⸗ gegniß aus dem äuſſern Leben, deſſen Nachklang in den Bilderſtrom, den ich in die Wildniß des Schlafs auszugieſen wünſchte, verwirrend hätte eingreifen dürfen, von mir abſchloß, entdekte ich endlich daß ich ein von dem Tagleben völlig geſchiedenes Traum⸗ leben, das lediglich ſeinem eigenen Bereich ange⸗ hörte, führen könne. Thürme und Paläſte, aus⸗ ſchlieslich mein Erbe und meine Herrſchaft, ſtiegen qus den Tiefen des Schlummers vor mir auf; in juwelenfunkelnden Bechern ſchlürfte ich den Faler⸗ ner aus Kaiſerkellern; Muſik himmliſch tönender Harfen klang aus den Wolkenriſſen, und über Alles hin blühte wie Sonnenlicht das Lächeln unſterblicher Schönheit. So gewann ich das Wunderbare und Herrliche, das ich für mein wachendes Leben nicht zu erhalten vermochte, im Schlaf. Ich wanderte mit Greifen und Gnomen; ich ſtieß vor bezauberten Thoren ins Horn; ich ſiegte in den ritterlichen Schranken; ich pflanzte meine Fahne auf Zinnen ſo hoch wie der Thurm von Babel. Aber ich fürchtete mich eine ſolche Erſcheinung her⸗ vorzurufen, in deren Lieblichkeit ich die ganze ver⸗ borgene Leidenſchaft meiner Seele ausſtrömen konnte. Ich beſorgte der Schlaf möchte mir ein Bild vov⸗ führen, zu deſſen Wiederbringung ihm ſpäter die Kraft fehlte, ſo daß nach dem erſten Erwachen ſelbſt die mir neu erſchaffene Welt für immer eine Oede 92 bliebe. Ich zitterte eine Geſtalt anzubeten, welche der erſte Morgenſtral ins Grab werfen konnte. In dieſem Gedankenzug fing ich an zu über⸗ legen ob es nicht wol möglich ſein dürfte, Träume mit einander zu verbinden, den fehlenden Faden zu erſezen, die folgende Nacht die Geſchichte des vvran⸗ gegangenen fortleiten zu laſſen, alſo daß die alten Formen und Scenen wieder zuſammenträfen und ſo nicht nur in der einen Daſeinshälfte, ſondern auch in der reichern und herrlichern andern, ein zuſam⸗ menhängendes, harmoniſches Leben zu führen. Nicht ſobald war dieſer Gedanke in mir hervorgetreten, als ich mich mit Feuer auf ſeine Realiſirung warf. Bereits hatt' ich die Erfahrung gemacht, daß der Glaube der groſe Schöpfer iſt; daß mit Inbrunſt glauben den Glauben verwirklichen heiſſe. So ließ ich denn meinem Gemüth keinen Zweifel an der Ausführbarkeit ſeines Vorhabens zu. Ich ſchloß mich den Tag über ein, las kein Buch, floh die Sonne ſelbſt und zwang alle meine Vor⸗ ſtellungen(und Schlaf iſt der Spiegel Deſfen was wir denken) in Eine Richtung, die Richtung meiner Träume, damit die Fantaſie von Nacht zu Nacht den Faden ihrer Wirkſamkeit fortſezen und ich mich voll von dem lezten Traum und vertrauend auf den nachfolgenden niederlegen könnte. Nicht nur tür Einen Tag oder einen Monat befolgte ich die⸗ ſes Verfahren, ſondern ſezte es mit beharrlichem Eifer ſo lang fort, bis es endlich Erfolg zu brin⸗ gen ſeh eing Sti mei jene ruf lich dun mei men zu ein zeig ihne bei kenfl Mei mit brad die 1 Ich Pigt mich den Mei ihm, die und eche über⸗ iume nzu ran⸗ lten und auch ſam⸗ ticht eten, varf. der unſt ließ der chloß floh Vor⸗ was tung acht und uend nur die⸗ chem brin⸗ gen begann. Wer,“ rief der Schwärmer— noch ſeh ich ihn vor mir mit ſeinen tieſen, glänzenden, eingeſunkenen Augen und dem wilden, von der Stirn zurükgeſchobenen Haar!—„Wer vermöchte mein Entzüken zu beſchreiben, als ich zum erſtenmal jenen Zufammenhang, den ich in meine Träume ge⸗ rufen, ſchwach und undeutlich wahrnahm. Anfäng⸗ lich ſand nur eine theil- und ſprungweiſe Verbin⸗ dung ſtatt; mein Aug erkante gewiſſe Geſtalten, mein Ohr gewiſſe Töne die mir in früheren Träu⸗ men vorgekommen. Allmälig nahmen dieſe an Zahl zu und bekamen beſtimtere Umriſſe. Endlich brach ein ſchönes Antliz aus den rauhern Formen hervor, zeigte ſich Nacht um Nacht einen Augenblik unter ihnen und verſchwand dann, eben wie der Seefahrer bei umwölktem Himmel den Mond durch den Wol⸗ keoflor ſcheinen und ſchnell wieder weggehen ſieht. Meine Neugier war mächtig angeregt; das Geſicht mit ſeinen ſtralenden Augen und engelhaften Zügen brachte all die Empfindungen in mir zum Ausbruch, die noch keine lebendige Geſtalt hervorgerufen hatte. Ich ward in einen Traum verliebt und was dem Pigmalion ſeine Statue, ward meine Schöpfung für mich. So hatte ich in dieſer innigen, fortdauern⸗ den Leidenſchaft endlich meinen Lohn errungen. Mein Traumbild ward faßbarer; ich ſprach mit ihm, kniete vor ihm; meine Lippen drükten ſich auf die ſeinigen; wir wechſelten Schwüre der Liebe und der Morgen trennte uns nur mit der Gewis⸗ 94 heit daß wir Nachts wieder zuſammentreffen würden. „Auf dieſe Weiſe,“ fuhr mein Viſivnär fort,„be⸗ gann ich denn eine von den Begebenheiten der Auſſenwelt gänzlich getrennte Geſchichte, die, ab⸗ wechſelnd mit der rauhen, erſtarrenden Geſchichte des Tags, eben ſo regelmäßig und in einander greifend wie jene fortlief. Und was war, fragen Sie, dieſe Geſchichte? Mir kam es vor, ich ſei ein Fürſt auf einer ſüdlichen Inſel, die keinen Zug gemein hatte mit dem kältern Norden meines Geburtlandes. Tags blikte ich auf die dumpfen Mauern einer deutſchen Stadt und ſah hausbakene oder ſchmuzige Geſtalten vor mir vorüberwandeln; der Himmel war bleich und die Sonne unerquiklich. Da kam die Nacht mit ihren tauſend Sternen, und brachte mir den Thau des Schlafs. Dann erſtand plözlich eine neue Welt; die üppigſten Früchte hingen in goldnen und purpurnen Büſcheln von den Bäumen. Paläſte in der wunderlichen Art der wärmeren Himmel, mit gewundenen Minarets und glänzenden Kuppeln, ſpiegelten ſich in groſen, von Palmen und Bangnen umkränzten Seen. Die Sonne ſchien eine andere Bahn zu gehen, ſo ſanft und prachtvoll waren ihre Stralen. Vögel und geflügelte Weſen aller Farben flatterten in der lichten Luft. Züge und Tracht der Menſchen pasten nicht zu den nordiſchen Weltgegenden und ihre Stimmen redeten eine mir anfangs fremde Sprache, die ich aber all— mälig verſtehen lernte. Bisweilen führte ich Krieg mi gef pré me mit den der zu um ſuh geh und ein an dem and mick Wie und Wa ange ich beiſa — k mich wied neue rden. „be⸗ der „ ab⸗ ichte ifend dieſe t auf hatte ndes. einer uzige mmel kam achte özlich nin men. eren nden und chien tvoll Leſen Züge den deten al⸗ Krieg mit benachbarten Königen; bisweilen jagte ich den geflekten Pardel durch die tiefe Nacht orientaliſcher Wälder; mein Leben war zugleich heldenhaft und prächtig. Doch über all Das ging die Geſchichte meiner Liebe! Es kam mir vor, als ſtellten ſich mir tauſend Schwierigkeiten in den Weg um in den Beſiz der Geliebten zu gelangen. Viel waren der Felſen die ich zu erklimmen, der Kämpfe die ich zu beſtehen, der Burgen die ich zu ſtürmen hatte, um ſie als Braut dayon zu tragen. Endlich aber,“ fuhr der Schwärmer fort,„iſt ſie gewonnen, iſt ſie mein! In der bunten Welt die ich Nachts beſuche, geht die Zeit nicht ſo langſam wie in der wirklichen, und eine Stunde kann dort ſo viel thun, als hier ein Jahr. Dieſe Kontinuität der Exiſtenz, dieſe an einander hängende Reihe von Geſichten, die von dem zerriſſenen Durcheinander in den Träumen anderer Menſchen ſo verſchieden ſind, befängt mich oft mit ſeltſamen, unbeimlichen Gedanken. Wie, wenn dieſer herrliche Schlaf das wirkliche Lebeu und dieſes dumpfe Wachen eigentlich die Ruhe wäre? Warum nicht? Was iſt im einen der Wirklichkeit angemeſſener als im andern? Und im erſtern hab ich alle Wonnen, die zu empfinden ich fähig bin, beiſammen. In dieſer Tagswelt ſuch ich keine Freude, — knüpfe keine Bande; ſchmauſe, liebe, erluſtige mich nicht— ich harre blos auf die Stunde wo ich wieder in mein Königreich eintreten und mein er⸗ neuertes Entzüken an der Bruſt meines geliebten 95 96 Ideals ausſchütten kann. Dort hab ich Alles ge⸗ funden was die Welt mir verſagt; dort hab ich die Sehnſucht und das Streben in mir verwirklicht; dort hab ich die unausgeſprochene Poeſie meines Innern zu Gefühl und Geſtalt ausgeprägt.“ „Dieſe Angaben,“ fuhr Trevylyan fort,„beſtätigten ſich durch die Erkundigungen die ich über das Weſen des Viſivnärs einzog. Er floh die Geſellſchaft, ver⸗ mied jede unnöthige Bewegung oder Aufreizung. Er aß mit der ſtrengſten Mäßigkeit und ſchien nur froh zu werden, wenn der Tag Abſchied nahm und die Stunde der Rükkehr in ſein eingebildetes König⸗ reich herannahte. Pünktlich legte er ſich ſtets zu einer beſtimten Stunde zu Bett und ſchlief ſo feſt, daß eine unter ſeinen Fenſtern abgefeuerte Kanone ihn' nicht erwekt haben würde. Nie, was ſeltſam ſcheinen dürfte, ſprach oder bewegteer ſich wenn er ſchlief, ſondern war ausgezeichnet ruhig, ſo daß er faſt das Anſehen von Leblvofigkeit hatte. Da er jedoch einmal entdekte, daß er im Schlaf beobachtet worden war, ſo pflegte er fortan ſein Zimmer gegen Zudringlichkeit ſorgfältig zu verwahren. Sein Sieg über den natürlichen Unzuſammenhang des Traums dauerte zur Zeit als ich ihn zuerſt kennen lernte, ſchon ſeit einigen Jahren; möglich, daß was zu⸗ nächſt die Einbildungskraft hervorgerufen durch die Gewohnheit fortgeſezt wurde.“ „Wenige Monate nach Mittheilung ſeiner Ge⸗ ſtändniſſe ſah ich ihn wieder, wo er mir denn ſehr 5 ge⸗ die icht; eines gten eſen ver⸗ ung. nur und önig⸗ zu ſo nerte was venn „ſo a er chtet een Sieg ums rnte, zu⸗ h die Ge⸗ ſehr verändert erſchien. Seine Geſundheit war gebrochen und ſein träumeriſches Weſen hatte ſich zu Schwer⸗ muth verdüſtert.“ „Ich fragte ihn über die Urſache der Veränderung, er antwortete mir aber nur mit groſem Wider⸗ ſtreben.“ „„Sie iſt todt,““ ſprach er,„mein Reich iſt ver⸗ waist! Eine Schlange ſtach ſie, und ſie ſtarb in dieſen Armen. Umſonſt rief ich mir zu als ich mit Grauen und Verzweiflung von meinem Schlaf auf⸗ fuhr:„Das iſt blos ein Traum. Ich werde ſie wieder⸗ ſehen. Ein Traumbild kann nicht ſterben! Hat es Fleiſch das verwest? iſt es nicht ein körperloſer, unzerfallbarer Geiſt?“ Mit welcher entſezlichen Angſt harrte ich der Nacht entgegen! Ich ſchlief wieder ein und wieder lag das Traumbild vor mir— todt und verwelkt. Selbſt das Geiſtige kann unter⸗ gehen. Ich wohnte dem Begräbniß bei; ich legte ſie in die Erde; ich führte das Frazzenweſen eines Denkmals über ihren Leib auf. Seitdem hat ſie oder etwas ihr Aehuliches meine Träume nie wieder beſucht. Nur wachend ſeh ich ſie; ſolches Wachen heist in der That Tränmen!„Aber,“ fuhr er mit feierlicher Stimme fort:„„ich fühle daß ich in Kurzem von dieſer Welt ſcheide, und fühl es mit angſtvoller Freude, denn ich denke es möchte wol ein Land jenſeits des Lands der Träume geben, wo ich ſie wiederfinde!— ein Land wo ſelbſt ein Traumgeſicht neues Leben erhalten kann.““ Bulwer's Romane. XXII. 7 96 „Und wirklich,“ ſchloß Trevylyan,„ſtarb der Mann kurz darauf plözlich im Schlaf; eine von jenen ſeltſamen Erſcheinungen, die dann und wann die Ge⸗ ſchichte der Menſchen durch ihre dunkeln Zaubergeſtal⸗ ten wirren, und welcher für ſeine Perſon in der That wie das Schikſal in bildlichem Sinn bei ſo Vielen, ſein Daſein, ſeine Liebe, ſeine Kraft und ſeinen Tod zu Erzeugniſſen eines Wahns, zu Schöpfungen eines Traumes machte!“ „Es gibt wirklich wunderliche Abarten im Leben,“ bemerkte Vane, der den ſpätern Theil von Tre⸗ vyylans Geſchichte mit angehört hatte,„und hätte der Deutſche uns feine Kunſt mittheilen können, welche Freiſtätte von den Uebeln der Erde würden wir beſizen! Kerker, Krankheit, Armuth, Kummer, Scham würden nicht mehr die Tyranuen unſeres Geſchikes ſein; anf den Schlaf würden wir unſere Lebensgeſchichte beſchränken und unſere Gefühle übertragen.“ „Vor Allem,“ erwiederte Trevylyan,„verdiente dieſe Kunſt von einem Dichter erlernt zu werden, da deſſen ganze Natur ein Sehnen iſt nach dem Idealen, nach Dem was die Welt nicht hat, nach Dem was jener Träumer fand.— Ach Gertrud⸗— lispelte der Liebende,„was ihm ſein Königreich und ſeine Braut waren, das biſt Du mir!“ ———— ann nſere fühle iente den, dem nach d“— reich E. L. Bulwer's Werke. Aus dem Engliſchen. V Dreiundzwanzigstes Bändchen. Die Pilger des Rbeins. Viertes Bändchen. Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 18 34. Berl ng. VDie Pilger des Rheins. Ein Roman von dem Verfaſſer des Eugen Aram, Devereur ꝛc. Aus dem Engliſchen von Friedrich nothor In vier Bändchen. Viertes Bändchen. Stuttgart, Berlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 4 8 3 4. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Die Brüder. Die Rheinufer weiteten ſich jezt zu prunkenden Ebenen aus, und zur Rechten erhob ſich die eh⸗ malige Reichſtadt Boppart. Auf keinem andern Weg gleicher Länge ſtöst man auf ſo viele auffallende Belege für die Veränderlichkeit und den Wechſel der Erdenmacht. Eine Stadt wie Memphis in Egypten zu einem Haufen verlaſſener Ruinen ein⸗ geſunken, das Geſumm und Gelärm und den lauten Markt eines Volks in die Stille verwitternder Gräber eingelullt zu ſehen, iſt nicht ſo demüthigend für menſchliche Eitelkeit, als wenn man dem Rhein entlang beobachtet, wie die königliche Stadt zu einem beſcheidenen Marktflekchen oder einem öden Dorf einſchwindet:*) Verfall ohne Gröſe in den Trümmern, Veränderung ohne die Schauder der *) Der Verfaſſer ſcheint hier durch den Ausdruk imperial kown(kaiſerliche Stadt), wie wahrſcheinlich der Ueber⸗ ſezer von Schreibers Handbuch das deutſche„Reichſtadt“ 1 in Engliſchen wiedergab, misleitet worden zu ſein. Bop⸗ part war nie eine Stadt von ausgezeichneter Bedeutung. Der Ueberſezer. 6 Einſamkeit! An der Stelle wo Druſus einſt ſeinen Römerthurm, die Frankenkönige ihre Paläſte auf⸗ ſteigen ließen, ſchäffelt jezt der Handel mit Tabaks⸗ pfeifen und wandelt das alte Frauenkloſter Marien⸗ berg in eine trefliche Baumwollenmanufaktur um. Sei es ſo; das iſt die fortſchreitende Ordnung der Dinge;— bald wird die Welt ſelbſt eine trefliche Baumwollenmanufaktur ſein! „Sieh,“ ſprach Trevylyan im Vorüberfahren,„ſieh jenen Berg mit ſeinen zwei der Legendenwelt angehö⸗ rigen Schlöſſern Liebenſt ein und Sternfels⸗“ Maſſiv und gewaltig ſtiegen die Ruinen über dem grünen Felſen hervor, zu deſſen Füßen, in glüklicherer Geborgenheit gegen Zeit und Wechſel, die gedrängten Häuschen der Landleute, mit einem vereinzelten, über das ruhige Dorf ſich erhebenden Kirchthurm lagen. „Knüpft ſich nicht eine berühmte Sage an dieſe Schlöſſer?“ fragte Gertrud.„Iſt mir doch als hätt' ich ihre Namen in Bezug auf Dein Amt als Ge⸗ ſchichtenerzäler nennen gehört.“ erwiederte Trevylyan,„die Geſchichte handelt von den lezten Herren jener zerfallenen Burgen und „Du ſezſt Dich näher zu mir und fängſt an,“ unterbrach ihn Gertrud mit ihrem kindlichen Be⸗ fehlton:—„ur zu!“ ———————— mi: gel ſcht in unt laß ſen Liel Mit drei von Frät Sch Hert Bur erbte dem ſaßen „ah, N uf⸗ ks⸗ n⸗ n,“ Be Die Brüder. Eine Erzälung.*) „Stelle Dir denn einen ſchönen Sommertag vor, theure Gertrud,“ hob Trevylyan an,„und bane mit der reichen Fülle Deiner Dichterkraft, der es gelungen ſelbſt in mir etwas von dieſem himmli⸗ ſchen Funken anzufachen, jene verſunkenen Zinnen in ihrer alten Pracht wieder auf; erhebe Halle und Gänge, bemanne die Warte mit Wächtern und laß die ſtolzen Banner tapfern Ritterthums auſ dem Wällen wehen. Und oben, abſchüſſig über die Fel⸗ ſen herab, denke Dir die hängenden Gärten von Liebenſtein voll ſüßen Blumendufts im Glanz der Mittagſonne. Aufgrünem Raſen, im Schatten einer Eiche, ſaßen drei Perſonen in der Blüte der Jugend. Zwei da⸗ von waren Brüder, die Dritte ein verwaistes Fräulein, das der Beſizer des gegenüber liegenden Schloſſes Sternfels dem Schuz ſeines Bruders, des Herrn von Liebenſtein, hinterlaſſen hatte. Die Burg ſelbſt, nebſt den dazu gehörigen Ländereien erbte nicht auf die weibliche Linie, ſondern fiel Otto, dem jüngern der beiden Brüder, die auf dem Raſen ſaßen, anbeim. „Ah,“ fragte der Aeltere, mit Namen Walter, „ah, geliebte Hildegard, Du wandeſt meinem Bru⸗ *) Dieſe Geſchichte gründet ſich wirklich auf die ſchöne Sage von Liebenſtein und Sternfels. 8 der einen Kranz; haſt Du denn nicht eine einzige Blume für mich?“ Die ſchöne Waiſe(denn ſie war ſchön, Gertrud⸗ wie es der Heldin einer Geſchichte die Du zu hören wünſcheſt, geziemt;— muß ſie in den Träumen meiner Fantaſie nicht Dein glänzendes Haar und ſüßes Lächeln und das Blau Deiner Angen tragen, deren Sprache niemals ſchweigt? Vergib mir daß ich der Heldin einer frühern Erzälung Deine Schön⸗ heit verſagt habe und erinnere Dich, daß ich ihr als Erſaz die Reize Deiner Seele geliehen,)— die ſchöne Waiſe erröthete bis in die Stirn und ſuchte aus den Blumen auf ihrem Schos die friſcheſten Roſen hervor, um ſie ſür Walter zum Kranz zu winden. „Es wäre beſſer,“ bemerkte der muntere Otto, „meinem geſezten Bruder die Cypreſſe und Raute zu wälen; die heitre Roſe taugt nicht für einen ſo ernſthaften Ritter.“ Hildegard hob den Finger verweiſend empor. „Laß ihn lachen, geliebtes Mühmchen,“ entgeg⸗ nete Walter, während ſein Blik leidenſchaftlich auf ihren beweglichen Zügen haftete,„und glaub mir, Hildegard, daß ein ſtiller Strom am tiefſten iſt.“ In dieſem Moment hörte man die Stimme des alten Ritters, ihres Vaters, der laut nach dem Fräu⸗ lein rief; denn immer wenn er von der Jagd heim⸗ kehrte, verlangte ihn nach ihrer milden Nähe, und die Halle dünkte ihm öd, wenn nicht ihr leichter 9 Tritt und die Muſik ihrer Worte ihm zum Will⸗ kommen entgegen tönten. Hildegard eilte zu ihrem Vormund, und die Jünglinge blieben allein. Nichts konnte ungleicher ſein, als Züge und Karaktere der beiden Brüder. Das kräftige Roth der Geſundheit färbte Otto's Wange; ſeine braunen Augen waren voll Feuer; dunkles Haar umwallte in kurzen Loken ſeine freie, offene Stirn; nie erſtarb der Scherz auf ſeinen Lippen und ſein Fuß hatte die Schwungkraft des Alpenjägers. Er war regen und kühnen Geiſtes; zeigte er auch manchmal den keken Uebermuth der Jugend, ſo dachte er doch edel, und warer nicht jeder Zeit geneigt Reue über einen Fehltritt bliken zu laſſen, ſo war er es doch ſtets ſich für einen Freund in Gefahr zu ſtürzen. Walter, wenn gleich nicht minder kräftig als der Bruder, war zärter gebaut. Langes blondes Haar, das Zeichen ſeiner nordiſchen Abkunft, be⸗ ſchattete von beiden Seiten das bleiche Geſicht, deſ⸗ ſen ſinnige Stille man faſt ſchwermüthig nennen konnte. Auch verließ dieſer Ausdruk ſelten ſeine Züge, die übrigens regelmäßiger und edler als die Züge Ottos waren. Entſchloſſener noch als der Bruder, war er minder heftig; tief fühlend hatte er nicht deſſen wechſelnde Laune. Nachdem Hildegard die Brüder verlaſſen, ſchwiegen Beide ſtill. Otto gürtete nachläſſig ſein Schwert, das er neben ſich in's Gras gelegt hatte; 1⁰ aber Walter ſammelte die Blumen die von des Fräu⸗ leins zarter Hand berührt worden, und ſchob ſie in den Buſen. Otto, den Dies verdroß, biß ſich in die Lippen und wechſelte die Farbe; endlich ſagte er mit ge⸗ zwungenem Lachen: „Man muß geſtehen Bruder, daß Du die An⸗ hänglichkeit an unſre ſchöne Muhme anf einen Grad treibſt, den ſelbſt Verwandſchaft kaum zu rechtfer⸗ tigen ſcheint.“ „Es iſt wahr,“ erwiederte Walter ruhig, Kich bin durch eine ſtärkere Liebe, als durch die Bande des Bluts au ſie gekettet.“ „Wie?“ rief Otto mit Ungeſtüm?„Du könn⸗ teſt es wagen um Hildegard zu werben?“ „Wagen?“ wiederholte Walter, indem ſeine farb⸗ loſe Wange noch tiefer erbleichte. „Ja, ich habe das Wort ausgeſprochen! Wiſſe Walter, daß auch ich Hildegard liebe, daß auch ich ſie zur Braut erkoren habe. Nie ſo lang ich ein Schwert ſchwingen und die ritterlichen Sporen tragen kann, werd' ich einem Nebenbuler weichen. Selbſt dann nicht,“ ſezte er mit leiſerer Stimme hinzu,„wenn dieſer Nebenbuler mein Bruder ſein ſollte!“ Walter antwortete nicht; ſeine ganze Seele ſchien erſchüttert; er ſtarrte den Bruder lang und gedankenvoll an und mit abgewandtem Geſicht ſtieg er ſtillſchweigend den Felſen hinab. nac kun regt fort beka „abe hat wack den willſ als in ne in le 19 ht 44 Dieſes Schweigen machte Otto beſtürzt. Ge⸗ wohnt jeder Empfindung Worte zu geben, konnte er die Mäßigung Walters nicht begreifen; kannte jedoch deſſen edlen und tapfern Sinn zu wol, um dieſelbe der Furcht zuzuſchreiben. Mochte ſie nicht viel⸗ mehr Verachtung ſein? oder wollte Walter etwa ſo⸗ gleich den Vater aufſuchen, dem Bruder mit einer Er⸗ klärung ſeiner Liebe für die Waiſe zuvorkommen, und zugleich ſein Vorrecht als Aelteſter geltend machen 2 Von ſolchem Verdacht durchzukt, eilte der ungeſtüme Otto dem Bruder nach, und rief, die Hand auf ſeine Schulter legend, haſtig:„Wohin gehſt Du; willigſt Du ein mir Hildegards Hand abzutreten 2“ „Liebt ſie Dich, Otto?“ erwiederte Walter nach langem Stillſchweigen, und ſeine Stimme be— kundete eine ſo tiefe Angſt, daß ſelbſt Ottos aufge⸗ regte Leidenſchaſt dadurch entwaffnet wurde. „Du biſt es jezt, der ſchweigt,“ fuhr Walter fort;„ſprich: liebt ſie Dich und hat es ihre Lippe bekant?“ „Ich glaubte, daß ſie mich liebe,“ ſtammelte Otto, „aber ihr Benehmen iſt jungfräulich und ihr Mund hat es mir allerdings nie geſtanden.“ „Genug,“ ſagte Walter,„laß mich los.“ „Halt!“ rief Otto, deſſen Argwohn wieder er⸗ wachte,„halt!— nur noch ein Wort: ſuchſt Du den Vater? Er ehrte Dich immer mehr als mich; willſt Du ihm Deine Liebe geſtehen und Dein Recht als Erſtgeborner geltend machen? Verſuch's und bei meiner Seele und meiner Hoffnung auf Selig⸗ keit, Einer von uns muß fallen!“ „Armer Knabe,“ erwiederte Walter bitter,„wie wenig verſtehſt Du ein Herz das wahrhaft liebt. Glaubſt Du daß ich ſie mein nennen möchte, wenn ſie Dich liebt? Glaubſt Du daß ich mein Glük er⸗ kauſen wollte, wenn es ihr auch nur eine Minute Schmerz koſtete? Weg mit ſolchem Gedanken— — hinweg!“ „Du willſt alſo nicht den Vater aufſuchen.“ „Den Vater?— hat der Vater Hildegards Neigung zu vergeben?“ erwiederte Walter, und die Hand des Bruders wegſtoßend ging er dem Schloß zu. Beim Eintritt in die Halle durchzitterte ihn Hildegards Stimme, die dem alten Ritter eine jener einfachen Balladen ſang, wie ſie Jäger und Krieger lieben. Er ſtand ſtill um den Zauber nicht zu ſtören, der ihm mächtiger däuchte, als der Zauber des Magiers. Doch wie er ihre ſchöne Geſtalt ins Aug faste, entſank ihm der Muth. Heute im Garten hatte er wie ſein Bruder dem Fräulein eine Blume gegeben: die ſeinige war die ſchönere und ſeltenere, aber er erblikte ſie jezt nicht, während diejenige Ottos an ihrem Herzen blühte. Das Lied war zu Ende und der Ritter, einge⸗ lullt von den Tönen und von der Jagd ermüdet, ſank in Schlummer. Walter trat näher und winkte Hildegard ihm zu folgen. Er ſchlug einen abge⸗ ind wel Lan ſ irg wä gen erſt Lip fert mit ver voll zur glü heit übe Hil ie t. un er⸗ te ds nd em hn ne nd ht er alt te in re nd e et, te e⸗ 45 legenen, einſamen Pfad ein, und als ſie ſich etwas vom Schloß entfernt hatten, ergriff er leis ihre Hand. „Weilen wir hier einen Augenblik, geliebte Muhme,“ ſprach er,„ich habe Manches auf dem Herzen, was ich Dir gern mittheilen möchte.“ „Was kann Das ſein?“ erwiederte Hildegard, indem ſie ſich auf eine Moosbank niederließen, zu welcher der breite Rhein unten heraufglänzte:„was Lann es ſein, was mein gütiger Walter von mir zu verlangen hat? Ach! wäre es irgend eine Gunſt, irgend Etwas das die arme Hildegard wirklich ge⸗ währen kans; denn immer, von Kindheit auf, biſt Du höchſt liebreich, höchſt freundlich gegen mich geweſen. Du, ſo wurde mir oft geſagt, haſt meine erſten Schritte geleitet; Du lehrteſt meinen kindiſchen Lippen Sprache, und ſpäter, wenn der wilde Ott⸗ fern in den Wäldern auf der Jagd war, achteteſt Du ſeines Spottes nicht und bliebſt zu Hauſe, da⸗ mit ich nicht allein ſein durfte. Ach, könnte ich Dir vergelten.“ Walter wandte das Antliz ab; ſein Herz war voll und er bedurfte einiger Momente um Muth zur Antwort zu ſammeln. „Holdes Mühmchen,“ erwiederte er,„das waren glükliche Tage, aber es waren die Tage der Kind⸗ heit. Neue Sorgen und neue Gedanken ſind jezt über uns gekommen. Doch ich bin noch Dein Freund, Hildegard, und Du wirſt wie immer Deine jungen 44 Sorgen und Hoffnungen mir vertrauen. Nicht wahr? „Kannſt Du fragen?“ antwortete das Mädchen, und Walter der ihr in's Geſicht ſchaute, bemerkte daß ihre Augen voll Thränen ſtanden, ihn aber dennoch feſt anblikten. Da ward ihm klar daß ſie ihn nur wie eine Schweſter liebe. Er ſeufzte und hielt wieder inn.„Genug,“ hob er endlich an,„nun ans Werk. Einſt, liebe Muhme, lebte in dieſen Bergen ein Ritter der zwei Söhne hatte; und eine Waiſe, gleich Dir, wohnte ebenfalls in ſeiner Burg. Der ältere Sohn,— doch nichts hievvn, laß uns keine Worte über ihn ver⸗ ſchwenden!— der jüngere Sohn alſo liebte die Waiſe zärtlich, zärtlicher als man blos eine Ver⸗ wandte liebt, allein eine Abweiſung fürchtend bat er den Bruder für ihn um das Fräulein zu werben. Hildegard, meine Geſchichte iſt zu Ende. Kannuſt Du Otto lieben wie er Dich liebt?“ Als er ſofort ſeinen Blik zu Hildegard empor⸗ hob, ſah er daß ſie heftig zitterte und ihr Geſicht mit Gluth bedekt war. „Sage mir,“ fuhr er fort, indem er ſich er⸗ mannte,„iſt nicht dieſe Blume, ſein Geſchenk, ein Zeichen daß er Deine Gunſt beſizt?“ „Ach Walter, halte mich nicht für undankbar daß ich die Deinige nicht auch trage, aber—“ „Still!“ entgegnete Walter haſtig.„Ich bin nur Dein Bruder, iſt nicht Otto mehr als Das? ert kot üb wi kuß ſtür nick Hä Bet ſo lieb won Arm hinſt Bru keine mit liebt cht en, kte er „ be er te ch er⸗ ie at n. ſt r⸗ ht in ar in 2 15 Er iſt jung, tapfer und ſchön. Gott gebe daß er Deiner würdig ſei, wenn Du ihm den reichen Schaz Deiner Neigung ſchenkſt.“ „Ich ſah Otto ſeltener in meiner Kindheit,“ erwiederte Hildegard ausweichend,„daher mag es kommen daß ſeine jezige Freundlichkeit mich mehr überraſchte, als die Deinige.“ „Und Du willſt ihn alſo nicht abweiſen? Du willſt ſeine Braut ſein?“ „Und Deine Schweſter!“ antwortete Hildegard. „Gott ſegneDich, geliebte Muhme! Einen Bruder⸗ kuß und dann Lebewol. Otto mag Dir ſelbſt danken.“ Er küste ruhig ihre Stirn, ging hinweg und ſtürzte ſich ins Dikig des Waldes. Dann erſt— und nicht früher— ließ er ſeinen Gefühlen freien Lauf. Hätte Hildegard dieſelben beobachten können, Otto's Bewerbung wäre verloren geweſen; denn ſo tief, ſo glühend ihr weiches, reines Herz den Jüngling liebte, war ihr doch Walters Glük nicht minder theuer. Als der junge Ritter ſeine Faſſung wieder ge⸗ wonnen, ging er Otto aufzuſuchen. Er fand ihn im Wald allein, mit verſchlungenen Armen an einen Baum gelehnt und trüb vor ſich hinſtarrend. Walters edles Gemüth ward durch des Bruders Schmerz bewegt. »Muth gefast, Otto,“ rief er,„ich bring Dir keine ſchlimme Zeitung; ich habe Hildegard geſehen— mit ihr geſprochen;— nein erſchreke nicht:— ſie liebt Dich! ſie iſt Dein!“ 16 „Grosmüthiger, grosmüthiger Walter!“ rief Otto und warf ſich an des Bruders Hals. „Doch Das darf nicht ſein; Du haſt ältere Anſprüche,— ich trete ſie Dir ab. Vergib meine Heftigkeit, Bruder, vergib mir.“ „Gedenke des Vergangenen nicht mehr,“ er⸗ wiederte Walter.„Daß Hildegard Dich liebt würde gröſeren Anſtoß entſchuldigen, als Du mir gegeben, und nun ſei freundlich gegen ſie; ihr Gemüth iſt ſanft und tieffühlend. Ich kenne ſie genau, denn ich habe die leiſeſte Regung ihres Weſens beobachtet. Du biſt heftig und leicht zum Zorn gereizt; bedenke daß wo die Liebe tief iſt, ein Wort verlezt. Meinet⸗ willen nicht minder, als ihretwillen laß Dir Hilde⸗ gards Wol theurer ſein, als Dein eigenes; eile jezt zu ihr— ſie harrt von Deinen Lippen Worte zu hören, die von den meinigen nur kalt erklangen.“ Damit verließ er den Bruder, begab ſich noch einmal in die Burg und in die Halle ſeiner Väter. Der alte Ritter ſchlief noch immer; Walter legte die Hand auf ſein graues Haupt und ſegnete ihn; dann ſchlich er in ſein Gemach hinauf, legte Helm und Rüſtung an, küste dreimal das Heft ſeines Schwertes und ſprach mit roth angeflogener Wange: „Fortan ſei Du meine Braut!“ Hierauf trat er aus dem Schloß, ſtieg auf den einſamſten Pfaden den Felſen hinab, gewann den Rhein, rief einen der zahlreichen Fiſcher am Fluß, ließ ſich auf das jenſeitige Ufer ſezen, und eilte ali He Fr fen pet Hel ein flan an Str heil Kon ann gart Dat und kant geri fünd⸗ durc Zeit die daß ſelbſ ſeine B allein aber nicht traurig, denn ihn trug das hohe Herz und mindeſtens war Hildegard glüklich, nach Frankfurt. Die Stadt war voll Munterkeit und Leben; Waf⸗ fengeklirr an jeder Eke, Geſchmetter von Kriegstrom⸗ peten, Wehen der Fahnen, Schimmern bebuſchter Helme, Wiehern von Schlachtroſſen:— Alles ver⸗ einigte ſich das Blut aufzuregen, den Sinn zu ent⸗ flammen. Sankt Bernhard hatte das Kreuzpanier an den Ufern des Rheins erhoben, und Frankfurts Straßen bezeugten mit welchem Erfolg! Noch an demſelben Tag heftete ſich Walter das heilige Zeichen auf und ward unter die Ritter Kaiſer Konrads eingereiht. Wir müſſen jezt einige Zeit als vorübergegangen annehmen, aber immer noch waren Otto und Hilde⸗ gard nicht getraut; denn in der erſten Glut der Dankbarkeit für den Bruder hatte Otto den Vater und die Geliebte mit Walters Selbſtbezwingung be⸗ kant gemacht, und das Fräulein, im tiefſten Herzen gerührt, wollte nicht daß die Hochzeit ſogleich ſtatt⸗ finde.„Möge ihm mindeſtens,“ ſprach ſie,„nicht durch voreilige Freude Schmach angethan, mög ihm Zeit gelaſſen werden, unter den ſtotzen Schönheiten die er in ſernen Landen ſehen wird, zu vergeſſen vaß er einſt Die geliebt, welche Du liebſt, Otto.“ Der alte Ritter billigte dieſes Zartgefühl und ſelbſt Otto unterſing ſich in der erſten Ueberwallung ſeiner Empfindungen für den Bruder keiner Gegen⸗ Bulwer's Romane XXiII. 2 — 17 18 rede. So ward denn beſchloſſen daß die Vermälung nach Ablauf eines Jahrs ſtatt finden ſolle. Monate vergingen und gedankenvolle, unmuthige Verdüſterung ſezte ſich auf Otto's Stirn. Wenn er mit ſeinen luſtigen Gefährten einen Ausflug nach einer benachbarten Stadt machte, vernahm er von nichts als dem Ruhm der Kreuzfahrer, von den Ehren die den Helden des Kreuzes von den Höfen unter Wegs gezollt würden, von ihren Aben⸗ teuern und dem friſchen Geiſt der dieſen Krieg be⸗ ſeele. Wirklich ließ weder Sänger noch Prieſter die Sache kalt werden, und der gefeierte Ruf Derer, die in den heiligen Kampf gezogen waren, gereichte der zurükgebliebenen Jugend zugleich zur Nach⸗ eiferung und zum Schmerz. „Und mein Bruder geniest dieſes glühende, glorreiche Leben,“ ſprach der ungeduldige Otto, „während ich, deſſen Arm eben ſo ſtark, deſſen Herz eben ſo kühn iſt, hier unter den matten Geſchichten eines gebrechlichen Alten und den einfältigen Liedern eines verwaisten Mädchens verdumpfe.“ Sein Herz ſchalt ihn bei den lezten Worten, aber ſchon hatte er angefangen Hildegards zarter Liebe überdrüſſig zu werden. Vielleicht daß, als länger kein Sieg über einen Nebenbuler zu gewinnen war, die Vufregung nachließ, oder vielleicht mochte ſich ſein ſtolzer Sinn, ungeachtet ſein Erfolg in der Liebe glüklicher geweſen, als der des Bruders, darüber zergrämen, er der vo zu ihr ſei: dut ſch: ſeit nur Liel Ver Abe ihn eine dem ſo g übte. kamp in F Kreu Wied geſchl halt gards Eid o Freih g er e, rz en rn rz tte ſig er ng n, er n„ 19 von Lezterem an Edelm uth übertroffen worden zu ſein. Die arme Hildegard aber, einmal auf Otto als ihren Verlobten hingewieſen, gab ihr Herz ganz ſeiner Beherrſchung hin. Sein wilder Geiſt, ſeine dunkle Schönheit, ſein keker Muth gewannen und ſchrekten ſie zugleich, und in der Launenhaftigkeit ſeiner Natur lagen jene ewigen Quellen der Hoff⸗ nung und Furcht, welche die Borne unruhvoller Liebe ſind. Mit wachſendem Kummer ſah ſie die Veränderung die über Ottos Gemüth hereinwuchs. Aber ſie errieth die Urſache nicht.„Gewiß hab ich ihn mindeſtens nicht beleidigt!“ dachte ſie. Unter Ottos Gefährten befand ſich Einer, der eine beſondere Gewalt über ihn beſaß. Er gehörte dem geheimnisvollen Templerorden an, der einſt ſo groſe Herrſchaft über die Menſchengemüther aus⸗ übte. Eine ſtarke, gefährliche Wunde, Folge eines Zwei⸗ kampfs mit einem engliſchen Ritter, hatte den Templer in Frankfurt feſt gehalten und gehindert ſich dem Kreuzzug beizugeſellen. Während der langſamen Wiedergeneſung hatte er Freundſchaft mit Otto geſchloſſen und war, nachdem er ſofort ſeinen Aufent⸗ halt im Schloß Liebenſtein genommen, von Hilde⸗ gards Schönheit tief angeregt worden. Durch ſeinen Eid an der Ehe gehindert, erlaubte er ſich doppelte Freiheit in der Liebe und zweifelte nicht, daß falls er den jungen Ritter von ſeiner Braut abzuziehen 1 20 vermöge, Dieſe eine neue Eroberung neben den vielen Siegen ſein würde, die er ſſelbſt ſchon davon getragen. Liſtig ſchilderte er daher Otto die manig⸗ achen Reize des heiligen Kriegs, und vor Allem verſäumte er nicht mit glühenden Farben die Schön⸗ heiten zu malen, die im funkelnden Morgenland die Ritter des Kreuzes mit verſchwenderiſcher Gunſt aus⸗ zeichneten. Mitgaben, erzälte er, in den unergiebigern Gebirgsgegenden des Rheins noch unbekant, begleiteten die Hand dieſer ſchönen Mädchen, und ſelbſt eine Fürſtentochter würde als keine zu hohe Verbindung für einen Helden angeſehen, der ſich Königreiche ge⸗ winnen könne. „Mir,“ ſprach der Templer,„ſind dergleichen Ausſichten auf ewig verſagt. Aber Euch, wäret Ihr nicht bereits verlobt, welches Glük könnte Euch zu Theil werden!“ Durch dergleichen Unterredungen ward Ottos Ehrgeiz fortwährend aufgeregt. Sie halfen ſeinen Mismuth über ſeine bisherige Unberühmtheit ver⸗ ſtärken und den einzigen Troſt, welchen dieſelbe durch die Unſchuld und Liebe Hildegards bot, ihm zum Ekel machen. Eines Abends ſuchte ein Sänger im Schloß Liebenſtein Schuz vor dem Ungewitter. Sein Be⸗ ſuch ward von dem alten Ritter freundlich aufge⸗ nommen und er vergalt die empfangene Gaſtfreund⸗ lichkeit durch Proben ſeiner Kunſt. Er ſang von der Jagd, und der gewaltige Rüde fuhr vom Boden au T ſic ſo in die bez un ſtei ret un den im ſeit Hil hab Her von Unt die ſtra in d zuri Bat len on ig⸗ em ön⸗ die us⸗ rn ten ine ng ge en hr zu tos nen er⸗ rch um loß Be⸗ fge⸗ nd⸗ von den 24 auf. Er ſang von Liebe, und Otto, ſeine unruhigen Träume vergeſſend, näherte ſich Hildegard und warf ſich zu ihren Füßen. Lanter und lauter tönte ſo⸗ ſort die Saite: der Sänger ſang von Krieg; er ſchilderte die Thaten der Kreuzfahrer; er ſenkte ſich ins dichteſte Gewühl der Schlacht; das Roß wieherte, die Trompete tönte; es war als höre man das Klirren des Stahls. Als er aber an die Namens⸗ bezeichnung der kühnſten Ritter gelangte, tönte hoch unter den edelſten der Name Walters von Lieben⸗ ſtein. Dreimal habe er das kaiſerliche Banner ge⸗ rettet; zwei Pferde wären unter ihm getödtet worden und er habe ihre Leiber mit den Tapferſten unter den Feinden bedekt. Sanft im Zelt und ſchreklich im Gefecht ſei Walter, und eher werde der Sänger ſeine Kunſt vergeſſen, als der Rhein ſeinen Helden. Der alte Ritter fuhr von ſeinem Siz auf. Hildegard faste des Sängers Hand.„Sprecht; Ihr habt ihn geſehen, er lebt, iſt geehrt?“ „Ich ſelbſt komme gerad von Paläſtina, kapferer Herr und edles Fräulein. Ich ſah den tapfern Ritter von Liebenſtein zur Rechten des kaiſerlichen Konrad. Und er, Fräulein, war der einzige Ritter aufwelchen die Bewunderung ohne ihren Schatten, den Neid, ſtralte. Wer alſo“(fuhr der Sänger, noch einmal in die Harfe greifend, fort)„Wer möchte ruhmlos zurükbleiben in der Halle? Werden ihn nicht die Bauner ſeiner Väter vorwurfvoll anwehen? wird 22 nicht jede Stimme aus Paläſtina Hohn in ſeine Seele ſchleudern?“ „Ja!“ rief Otto plözlich und warf ſich dem Vater zu Füßen.»Du vernimmſt was mein Bruder gethan und Deine greiſen Angen weinen Freuden⸗ thränen. Soll allein ich Dein Alter durch ein roſtig Schwert entehren? Nein! erlaub mir wie mein Bruder mit den Krenzeshelden zu ziehen!“ „Edler Jüngling,“ bemerkte der Harfner,„aus Euch ſprach Herrun Walters Seele; hört ihn, Herr Ritter, hört den edlen Jüngling.“ „Des Himmels Stimme ruft laut aus der ſeini⸗ gen,“ ſagte feierlich der Templer. „Mein Sohn, ich kann Deinen Eifer nicht ſchelten,“ ſprach der alte Ritter, indem er ihn mit zitternden Armen aufhob;„aber Hildegard, Deine Verlobte.“ Bleich wie eine Bildſäule, ihrem Ohr nicht trau⸗ end als die grauſamen Worte des Geliebten es durch⸗ drangen, war die Waiſe dageſtanden. Sie redete nicht, ſie athmete kaum. Sie ſank auf ihren Stuhl und ſtarrte auf den Boden, bis mit den Worten des alten Ritters jungfräulicher Stolz und jungfräuliche Zärtlichkeit ihr das Bewustſein zurükgaben, und ſie entgegnete: „Ich Oheim? ſoll ich Otto bleiben heiſſen wenn ſein eigner Wunſch ihn forttreibt?“ „Ruhmbedekt wird er zu Euch zurükkehren, ed⸗ 108 Fräulein,“ erwiederte der Harfner; aber Otto ſt er zu ſp tet de erſ ga un Ae nal Du den unt ſich ein Kre nich zu Krit ine em der en⸗ ſtig ein ius err cht nit ne u⸗ ch⸗ te hl es he ſie en 23 ſprach kein Wort weiter. Hildegards rührende Stimme ging ihm in die Seele; ſtillſchweigend nahm er ſeinen Stuhl wieder ein; Hildegard trat auf ihn zu, lispelte ſanft:„Handle als wär ich nicht,“ und verließ die Halle, allein mit ihrem Herzen Zwie⸗ ſprache zu halten und zu weinen. „Ich kann ſie noch vor meinem Abgang heira⸗ ten!“ rief Otto plözlich, als er in jener Nacht mit dem Templer auf deſſen Zimmer zuſammenſaß. „Das iſt wahr! aber Deine Gattin ſchon in der erſten Woche verlaſſen— eine harte Probe!“ „Beſſer als daß ich Gefahr laufe ſie nie die Meinige zu nennen. Theure, gute, geliebte Hilde— gard!“ „Gewiß verdient ſie Alles von Deiner Seite, und wirklich iſt es bei Deinen Jahren und Deinem Aeuſſern kein kleines Opfer für ewig auf jede Theil⸗ nahme unter den edeln Jungfrauen zu verzichten, die Du finden wirſt. Ach welche Augen werden von den Balkonen Konſtantinopels auf Dich herab ſehen, und auf die Kunde daß Du Otto der Vermälte ſeiſt, ſich fürder gleichgiltig abwenden. Ein Gatte ohne eine Gattin! Nein, Freund, ſo vieler Krieger das Kreuz auch bedarf, bin ich Dir doch zu gut um Dir nicht im Fall Du heirateſt zu ſagen: kbleibe rubig zu Haus und vergiß in der Jagd die Mühen des Kriegs, welchen Du um den Kampfplaz der Liebe ärmer machen willſt.“ 24 „Ich wollte ich wüste was ich thun ſoll,“ ent⸗ gegnete Otto unentſchloſſen.„Mein Bruder— ha! ſoll er mich für immer ausſtechen!— und Hilde⸗ gard, wie wird ſie ſich zergrämen— ſie die ihm um meinetwillen entſagt hat!“ „War Das Dein Fehler?“ fragte der Templer heiter.„Noch oft mag Dirs begegnen, daß man Dich einem Andern vorzieht. Wahrlich an ſolcher Sünde hat das Gewiſſen eben nicht ſchwer zu tra⸗ gen. Aber beſchlaf die Sache jezt, Otto; die Augen werden mir ſchwer.“ Tags darauf kam OStto zu Hildegard und ſchlng ihr vor, die Hochzeit ſolle ſeiner Abreiſe noch voran⸗ gehen; er war aber ſo befangen, ſo getheilt zwiſchen zwei Wünſchen, daß Jene beleidigt, gekränkt, ver⸗ lezt durch ſeine Kälte den Vorſchlag ohne Bedenken zurükwies. Sie verließ ihn, damit er ſie nicht wei⸗ nen ſähe, und dann— dann machte ſie ſich im Stil⸗ len Vorwürfe über ihren gerechten Stolz! Otto dagegen, ſein Gewiſſen mit der Vorſtel⸗ lung zu beſchwichtigen ſuchend daß nunmehr der ganze Fehler auf ihrer Seite liege, betrieb jezt die Vorbereitungen zu ſeinem Abgaug auf's Emſigſte. Im Eifer den Bruder zu verdunkeln, reiste er nicht, wie Walter, allein und ohne Begleitung ab, ſondern alle Pferde, Mannen und Gelder aufbietend, die ſeine Herrſchaft Sternfels, von welcher er bis jezt noch keine Lehnspflicht gefodert, lieferte, begab er ſich an lere zu 1 Auf rufe denſ wide ner( fährt an k er ian her ra⸗ gen lug an⸗ en eT en ei til⸗ el⸗ er die te. , rn ch an 25 der Spize einer⸗ glänzenden Schar nach Frank⸗ furt. Der Templer blieb, unter dem Schein eines Rükfalls ſeiner Krankheit, und verſprach in Konſtantinopel, wovon er ein ſo prunkendes Gemälde entworfen, mit Otto zuſammen zu ſtoßen. Einſtweilen wandte er die ganze Macht ſeiner Annehmlichkeiten zu Tröſtung der unglüklichen Waiſe an. Allein die Kraft ihrer einfachen Liebe war ſtärker als all ſeine Kunſtgriffe. Umſonſt flüſterte er ihr Zweifel gegen den Geliebten zu: ſie wollte nicht auf dieſelben hören; umſonſt ſtrömte er mit der weichſten Stimme den Zauber der Schmei⸗ cheleien und Lieder in ihr Ohr: ſie wandte ſich acht⸗ los hinweg, und nur verlezt durch Artigkeiten, die ſo wenig an Otto erinnerten, ſchloß ſie ſich in ihr Zimmer und ſchmachtete in Einſamkeit nach Dem, der ſie verlaſſen. Der Templer hatte ſofort eben beſchloſfen dunk⸗ lere Künſte zur Erlangung einer Macht über ſie zu verſuchen, als er glüklicher Weiſe durch einen Auftrag des Grosmeiſters von ſolcher Wichtigkeit abbe⸗ rufen ward, daß eine in ſeiner Bruſt mächtigere Lei⸗ denſchaft als die Liebe— der Ehrgeiz— nicht zu widerſtehen vermochte. Er überließ das Schloß ſei⸗ ner Einſamkeit, und da Otto mit ſeinen muntern Ge⸗ fährten ſich nicht mehr darin drängte, ſo konnte fort⸗ an keine Einſamkeit ſeltener unterbrochen werden. Bisweilen jedoch gelangten Gerüchte von Wal⸗ 26 tern den Bewohnern zu Ohr; allein dieſe Gerüchte begleitete keine Kunde von Otto; von ihm ver⸗ nahm man nichts, und ſo ward die Liebe der zarten Waiſe durch die ewige Unruhe der Angſt ſtets leben⸗ dig erhalten. Endlich ſtarb der alte Ritter und Hildegard blieb ganz allein. Als ſie eines Abends mit ihren Zofen in der Halle ſaß, hörten ſie Hufſchlag im äuſſern Hof; ein Horn tönteß die gewichtigen Thore thaten ſich auf, und ein Ritter von ſtattlicher Geſtalt, mit dem rothen Mantel des Kreuzes bedekt, trat in das Gemach. Es hielt einen Augenblik am Eingang, wie überwältigt von ſeinen Gefühlen; im nächſten Mo⸗ ment hatte er Hildegard an ſeine Bruſt geſchloſſen. „Kennſt Du Deinen Vetter Walter nicht mehr?“ Er nahm den Helm ab und ſie ſah die hoheitvolle Stirn die, ungleich der Stirn Otto's, ihr gegen— über ſich nie geändert oder umwölkt hatte. „Der Krieg iſt für die nächſte Zukunft aufge⸗ hoben. Ich habe des Vaters Tod erfahren und bin heimgekehrt, meine Banner in der Halle aufzuhän⸗ gen und meine Tage in Frieden zu verleben.« Zeit und Krieg hatten Walters Zügen ihre Veränderungen aufgedrükt; das volle, dunkler ge— wordene Haar war an den Schläfen abgetragen und zeigte eine Narbe, die jedoch eher zur Schönheit eines Geſichts beitrug, das in ſeinem Ausdruk ſtets etwa Hohes, Heldenhaftes gehabt. Aber die Ruhe die einſt auf demſelben geſtanden, hatte ſich zur un lick ger ſch wã abe Hil und ſein Ott ang ſich vern word ein ihn ſchier War ums zöger thung 2 Otto Zerſtr chte ver⸗ rten ben⸗ und der of; ſich mit das wie Ro⸗ en. 24 lle en⸗ in in⸗ re e⸗ nd eit he ur 27 Traurigkeit verdüſtert; er ſprach ſeltener als zuvor und obwol er noch eben ſo oft und eben ſo freund⸗ lich lächelte, war das Lächeln doch gedankenvoller geworden und aus der Freundlichkeit die Leiden⸗ ſchaft entwichen. Offenbar hatte er eine Liebe über⸗ wältigt, der ſich ſo früh Hinderniſſe in den Weg geſtellt, aber nicht die Treue des Andenkens gebrochen, die ihm Hildegard theurer machte als alle andre Menſchen, und ihm verbot an die Stelle der Bilder, die er in ſeine Seele gegraben, etwas Anderes zu ſezen. Der Waiſe Lippen bebten unter dem Namen Otto, aber eine gewiſſe Erinnerung erdrükte ihrer angſtvollen Zärtlichkeit das Wort auf dem Mund. Walter eilte ihren Fragen zuvor. „Otto,“ fprach er,„befände ſich wol und hielte ſich zu Konſtantinopel auf. Er hätte dort ſo lang verweilt, daß der Kreuzzug ohne ſeine Hilfe beendet worden, zweifelohne würd' er jezt ſchnell heimkehren; ein Monat, eine Woche, ja der nächſte Tag könne ihn an ihre Seite zurükführen.“ Hildegard fühlte ſich höchlich getröſtet, aber etwas ſchien gleichwol noch im Hintergrund zu liegen. Warum hatte er, der ſo gedürſtet nach dem Kampf ums heilige Grab, ſo lang in Konſtantinopel ge⸗ zögert? Sie wunderte ſich, ließ ſich in Vermu— thungen ein, aberſie wagte nicht weiter nachzufragen. Der edelmüthige Walter verhehlte ihr, daß Otto ein Leben der rükſichtloſeſten und müſſigſten Zerſtreuung führte, ſeinen Reichthum in den Ver⸗ 23 gnügungen des griechiſchen Hofs erſchöpfend und ſeinen Ehrgeiz blos mit dem wilden Plan beſchäf⸗ tigend, ein Fürſtenthum unter dieſem fremden Him⸗ mel zu gründen, welchen die Unternehmungen der nor⸗ manniſchen Abenteurer den ritterlichen Räubern jener Zeit ſo anlokend gemacht. Die Bruderskinder traten in die alte Freund⸗ ſchaft zu einander ein, und Walter glaubte es ſei bloſe Freundſchaft. Wieder wandelten ſie mit einan⸗ der in den Gärten, dem Tummelplaz ihre Kindheit; wider ſaßen ſie auf dem grünen Raſen, worauf ſie Kränze geflochten; wieder blikten ſie auf den ewi⸗ gen Spiegel des Rheins;— ach, hätt' er noch die alte bewustloſe Friſche des erſten Lenzes ihres Lebens zurükſtralen können! Walters ernſtes“, beſchauliches Gemüth war durch die Kriegsehren nicht ſo vollkommen befrie⸗ digt worden, daß er nicht auch jene ſtilleren Quellen der Aufregung geſucht hätte, die ſich unter den Weiſen des Morgenlands noch fanden. Er hatte am Wiſſensborn jener fernen Gegenden getrunken und die ſinnende Art der gebildetern Völker an⸗ genommen, von welchen die Kreuzfahrer die Kent⸗ niſſe, welche ihre Nachkommen erleuchten ſollten, mit nach dem Norden brachten. So fand er denn wenig Verwandtes bei den roheren Rittern der Nachbarſchaft; er lud ſie nicht zu ſeinem Tiſch und wohnte ihren lärmenden Gelagen nicht bei. Oft ſchien ſpät in der Nacht aus jenem zertrümmerten Tl ge ſei än⸗ „O abe von faſt Er bez wel terz prä den des Sch von ertö der Loke Bra ſaß mutl und äf⸗ im⸗ Dre ner nd⸗ ſei an⸗ it; ſie wi⸗ die ens 29 Thurm ſeine einſame Lampe ſtill über den mächti⸗ gen Strom, und die einzige Erheiterung in ſeiner Abgeſchiedenheit war die Gegenwart und der Geſang ſeiner ſanften Muhme. Monate vergingen als plözlich ein ungewiſſes, ängſtliches Gerücht nach Schloß Liebenſein kam: „Okto kehre auf die Nachbarburg Sternfels zurük, aber nicht allein. Er bringe eine griechiſche Braut von erſtaunenswürdiger Schönheit, ausgeſtattet mit faſt königlichem Reichthum.“ Hildegard war die Erſte, von welcher das Gerücht als eine Lüge bezeichnet wurde; Hildegard war bald die Einzige, welche dem Gerücht nicht glaubte. Hell im ſommerlichen Mittag glänzte ein Rei⸗ terzug; weit den ſteilen Berg hinauf wand ſich die prächtige Schar;Liebenſtein's einſame Thürme hörten den Wiederhall manchen Gelächters und den Ruf des Jubels. Otto führte ſeine Braut heim nach Schloß Sternfels. Nachts war groſes Banket in Ottos Schloß; von jedem Fenſter ſchienen die Lichter und Muſik ertönte drinnen laut und endlos. Neben Otto ſaß die Griechin, glänzend von der Juwelenfülle des Morgenlands. Ihre dunkeln Loken, ihr blizend Aug, die gemalten Wangen und Brauen blendeten die Gäſte. Zur Linken der Braut ſaß der Templer. „Beim heiligen Kruzifir,“ ſprach der Templer muthwillig, obwol er ſich bei dieſen Worten be⸗ 30 kreuzte,„wir werden die Eulen heut Nacht zu den griesgrämigen Thürmen von Liebenſtein hinüber⸗ ſcheuchen. Dein ernſter Bruder, Otto, wird viel zu thun haben um ſein Bäschen zu tröſten wenn ſie ſieht, was für ein luſtig Leben ſie mit Dir ge⸗ führt haben würde.“ „Armes Fräulein!“ ſprach die Griechin⸗emit erkünſteltem Mitleid.„Ohne⸗Zwetftl verſöhnt ſie ſich jezt mit dem Verſtoßenen. Ich höre es ſei ein Ritter von ſtattlichem Anſehen!“ „Still!“ ſagte Otto ernſt und ſtürzte einen groſen Becher Weins hinunter. Die Griechin biß ſich in die Lippen und blikte den Templer bedeutſam an, der den Blik zurükgab. „Nur eine Schönheit wie die Deinige vermag mein Verfahren zu entſchuldigen,“ bemerkte Otto gegen ſeine Braut gewandt, indem er ihr leiden⸗ ſchaftlich ins Geſicht ſchaute. Die Griechin lächelte. Heiter ſchritt das Feſt fort. Das Gelächter ward lauter, der Wein kreiste, als Ottos Aug auf einen Gaſt am Ende der Tafel fiel, deſſen Geſtalt von Kopf zu Fuß verhüllt und deſſen Antliz durch ei⸗ nen dunkeln Schleier bedekt war. „Wirklich,“ ſprach er laut,„ſolcher Aufzug ziemt ſich kaum bei unſerem Feſt. Will der Fremde die Gewogenheit haben ſich zu enthüllen?“ Dieſe Worte wandten Aller Blike nach der Ge⸗ ſtalt, und Die welche derſelben zunächſt ſaßen be⸗ me au Gr die wa ohn Mi trat von zig haſti ihr berg eines auge mit keine dieſe rühre iühl wunſ Hilde . den e iel nn ge⸗ nit ſie ein len kte ab. ag tto en⸗ 31 merkten daß ſie heftig zitterte. Endlich ſtand ſie auf, ging langſam aber anmuthvoll auf die ſchöne Griechin zu und legte einen Blumenkranz neben ſie. »Nur eine ſchlichte Gabe, hohe Frau,“ ſprach die Geſtalt mit ſo ſanfter Stimme, daß die roheſten Gäſte davon gerührt wurden;„aber es iſt Alles was ich bieten kann und Ottos Braut darf nicht ohne ein Geſchenk aus meinen Händen bleiben. Mögt Ihr Beide glüklich ſein!“ Mit dieſem Wort wandte ſich die Fremde und trat ſtill wie ein Schatten aus dem Saal. „Bringt die Fremde zurük!“ rieſ die Griechin, von ihrem Staunen wieder zu ſich kommend. Zwan⸗ zig Gäſte ſprangen auf, ihr Gebot zu vollziehen. „Nein, nein!“ entgegnete Otto und winkte haſtig mit der Hand.„Rührt ſie nicht an, ſchaut ihr nicht nach, ſo lieb Euch Euer Leben iſt.“ Die Griechin bengte ſich, ihren Verdruß zu bergen, über den Kranz, und die abgebrochene Hälfte eines Rings fiel heraus. Otto erkante denſelben augenbliklich: es war die Hälfte des Ringes den er mit ſeiner Verlobten gebrochen. Ach er bedurfte keines ſolchen Zeichens, ihn zu vergewiſſern, daß dieſe Geſtalt voll ſo unausſprechlicher Anmuth, dieſe rührende Stimme, dieſe einfache, von ſo zartem Ge— iühl zeugende Handlung, dieſe Gabe, dieſer Glük⸗ wunſch einzig auf die verlaſſene und verzeihende Hildegard deuteten! Walter aber, allein in ſeinem einſamen Thurm“ 52 ging mit haſtigen Schritten auf und ab. Tiefer, unauslöſchlicher Grimm über des Bruders Nieder⸗ trächtigkeit geſellte ſich einer glühenden, ſüßen Hoffnung bei. Er geſtand ſich, daß er ſich getäuſcht, als er glaubte ſeine Leidenſchaft ſei vorüber; gab es jezt noch eine Schranke gegen ſeine Verbindung mit Hildegard? In dem Zartſinn womit ihn ſeine Liebe durch⸗ hauchte, hatte er vermieden Troſt für ſie zu ſuchen oder ihr die Schmach anzuthun, ſie tröſten zu wol⸗ len. Er fühlte daß der Schlag allein getragen werden müſſe und doch ſchmachtete, dürſtete er da⸗ nach, ſich zu ihren Füßen zu werfen. Aus dieſen ſtreitenden Gedanken ward er duch ein Pochen an der Thür aufgewekt; er öffnete— der Flur war von Hildegards vleichen, angſterfüllten, weinenden Zofen vollgedrängt. Sie hatte die Burg, blos von einer Dienerin begleitet, verlaſſen; Nie⸗ mand wuste wohin. Nur zu bald jedoch gelangte man hierüber zur Kunde. Von Schloß Sternberg war ſie in der dunkeln, rauhen Nacht nach dem Thal gegangen, wo das Kloſter Bornhofen Denen, die müden Geiſtes und gebrochenen Herzens waren, eine Zuflucht vor dem Altar Gottes bot. Mit Anbruch des Morgens ſtand Walter vor dem Kloſterthor. Er ſah Hildegard; welche Ver⸗ änderung hatte Eine Schmezensnacht in dem Ge⸗ ſicht hervorgerufen, das für ihn der Quell aller Lieblichkeit war! Er faste ſie in die Arme; erweinte⸗ er an dur Hil ten Dei ihne die die wür den und harrt das ſelbſt ſein Deint Herz, Du die ni Mitgi auf m men ſ arme Dich!“ Ui ſonſt b Wahrh Bulw fer, er⸗ ßen cht, gab ung rch⸗ hen vol⸗ gen da⸗ uch ten, rg, Kie⸗ igte e hal die eine vor Ber⸗ Ge⸗ ller nte⸗ er ſagte Alles was Liebe ſagen kannz er flehte ſie an das Herz anzunehmen, das ihr Angedenken nie durch den leiſeſten Gedanken entweiht hatte.„Ach Hildegard, ſagteſt Du nicht einmal dieſe Arme hät⸗ ten Dich als Kind getragen; dieſe Stimme habe Deine erſten Schmerzen eingelullt! O ſo vertraue ihnen wieder und für immer! Von einer Liebe die Dir treulos ward wende Dich zu einer Liebe die nie von Dir abirrte.“ „Nein,“ erwiederte Hildegard,„nein! Was würden die Ritter, deren Stolz Du biſt, was wür⸗ den ſie von Dir ſagen, freiteſt Du eine Verlobte und Verſtoßene, die Jahre lang auf einen Andern harrte und in Deine Arme nur das Herz brächte, das Jener verlaſſen hat? Nein! und wärſt Du ſelbſt, wie Du meinem Ermeſſen nach allerdings ſein würdeſt, verhärtet gegen ſolche Schmach an Deinem hohen Namen, ſoll ich Dir ein gebrochen Herz, einen zerquetſchten Geiſt mitbringen? Sollſt Du Schmerz ſtatt Frende freien?2 Sollen Seufzer die nie enden, Thränen die nie troknen, die einzige Mitgift der Braut ſein, die Du erwält haſt? Du, auf welchen alle Segnungen des Glüks herabkom⸗ men ſollten? Nein, vergiß mich; vergiß Deine arme Hildegard! Sie hat nichts als Gebete für Dich!“ Umſonſt ſprach Walter für ſeine Sache; um⸗ ſonſt brachte er Alles vor, was Zärtlichkeit und Wahrheit vorbringen können. Die Quellen irdi⸗ Bulwer's Romane XXIII, 35 33 34 ſcher Liebe waren im Herzen der Waiſe auf immer vertroknet, und unerſchütterlich ihr Entſchluß. Sie riß ſich aus ſeinen Armen und das Kloſterthor knarrte harſch in ſein Ohr. Ein neues, ſtrenges Gefühl nahm ihn ſofort völlig in Beſiz. Von Natur mild und ſanft nährte er, wenn einmal zum Zorn aufgereizt, denſelben mit der ganzen Kraft einer ruhigen Seele. Hildegards Thränen, Schmerzen, die Schmach die ſie erlitten, ihre Sanftmuth die nicht klagte, die Veränderung die ihrem Geſicht bereits aufgedrükt war: Alles ſchrie laut zu ihm um Rache.„Sie iſt eine Waiſe,“ ſprach er bitter;„ſie hat Niemand ſie zu ſchüzen, ihr zu helfen, als mich allein. Meines Vaters Pflichten für ihre verlaſſene Jugend gehen mit Recht auf mich über. Was liegt daran ob ihr Beleidiger mein Bruder iſt? er iſt ihr Feind. Hat er nicht ihr Herz zermalmt? Hat er ſie nicht bis zum Grab dem Gram dahingegeben? Und mit welchem Hohn! Ohne vorgängiges Wort, ohne Entſchuldigung mit jubelnden Zechern vor dem Ohr, vor dem Aug der Verlobten die neue Hochzeitfeier zu durchſchwärmen! Genug; die Zeit iſt da wo nach ſeinen eigenen Wor⸗ ten,„Einer von uns Beiden fallen muß!““ Er zog bei dieſen Worten das Schwert halb aus, ſtieß es heftig zurük in die Scheide und kehrte heim nach ſeiner einſamen Burg. Der Ton von Roſſen und Jagdhörnern traf ihn am Thor; der in vo au ſch ſtit er du zul zen nie als gan auf An, geſe neb war ten. grat auf ſo Bor die ner Sie r ort rte nit ds en, ng les e,“ en, ers cht ger cht n nit der n! or⸗ alb rte on der 35 Brautzug von Sternfels, voll Luſt und Herrlichkeit, zog ſchnaubend auf die Jagd. Am Abend trat ein Ritter in voller Rüſtung in den Banketſaal von Sternfels, und foderte Otto von Seiten Walters von Liebenſtein zum Kampf auf Leben und Tod. Selbſt der Templer erſchrak über eine ſo un⸗ natürliche Ausfoderung; Otto aber hob den Hand⸗ ſchuh erglühend auf, und Tag und Ort wurden be— ſtimt. Unmuthig, mit ſich ſelbſt zerfallen, gerieth er in eine wilde Freude; er ſehnte ſich die Empfin⸗ dungen ſeiner Verzweiflung ſelbſt am Bruder aus⸗ zulaſſen. Hatte er ja überdies in eiferſüchtigem Her— zen dieſem Bruder ſeine Tugenden und ſeinen Ruhm nie verziehen! Zur feſtgeſezten Stunde erſchienen die Brüder als Gegner. Walters Viſier ſtand offen und die ganze ruhige Strenge ſeiner Seele war der Stirn aufgeprägt. Otto, der lieber dem Arm als dem Angeſicht des Bruders entgegentrat, hatte den Helm geſchloſſen. Der Templer ſtand mit gekreuzten Armen neben ihm. Seinem menſchenverachtenden Gemüth war ſolcher Auftritt ein Studium der Leidenſchaf⸗ ten. Kaum jedoch hatte die erſte Trompete zum grauſamen Kampf geklungen, als eine neue Perſon auf den Schauplaz trat. Das Gerücht von einem ſo beiſpielloſen Ereigniß war auch nach Kloſter Bornhofen gedrungen; Zwei und Zwei kamen die Schweſtern des heiligen Altars, und die Gewaff⸗ 36 neten wichen zur Seite, als Jene mitsſchleppenden Gewändern und verſchleierten Geſichtern bis inner⸗ halb der Schranken vor drangen. In dieſem Augen⸗ blik trat Eine aus der Reihe der Nonnen und hielt im langſam hoheitvollen Schritt nicht an, bis ſie mitten zwiſchen den feindlichen Brüdern ſtand. „Walter,“ ſprach ſie mit hohler Stimme, die ſeinen dunkeln Muth erſtarrte:„willſt Du alſo Deine Liebe bekunden und Deine Pflegſchaft über die eltern⸗ loſe Waiſe üben, die Dein Vater Deiner Obhut hinter⸗ laſſen hat? Soll ich Mord auf meiner Seele tragen?“ Bei dieſer Frage hielt ſie an, und Diejenigen welche ſie vernommen, ſchauderten in dumpfer Be⸗ ſtürzung.„Den Mord eines Menſchen durch die Hand ſeines eigenen Bruders?— Hinweg, Walter ich befehl es.“ „Soll ich das Unrecht vergeſſen, daß Du erdul⸗ det, Hildegard?“ fragte Walter. „Unrecht! es vereinte mich mit Gott! es iſt vergeben, iſt hinweg! Die Erde hat mich verſtoßen, aber der Himmel hat mich in ſeine Arme genommen; — ſoll ich murren über ſolchen Wechſel? Und Dich Otto“(hier wankte ihre Stimme)—„Dich, ſchlägt Dich Dein Gewiſſen nicht?— willſt Du mir den Raub meiner jugendlichen Hoffnungen dadurch er⸗ ſezen, daß Du mir die Zukunft verſchlieſſeſt? Un⸗ ſelige die ich ſein würde!— könnt ich auf Gnade, auf Tröſtung hoffen, wenn Dein Bruder durch biet er Da dege Ant habe leget und Hild regu ſprat tes fügte der als d 6 ſchlug Plaz den( n⸗ elt ſie ie ne r⸗ en 37 Dein Schwert in meiner Sache fiele! Otto, ich hab Dir verziehen und Dich und Deine Gattin geſegnet. Du liebteſt mich vielleicht einmal; ge⸗ denke wie ich Dich geliebt;— wirf Deine Waffen weg.“ Otto blikte auf die verſchleierte Geſtalt vor ihm. Woher hatte die ſanfte Hildegard ſo zu ge⸗ bieten gelernt? Er wandte ſich gegen den Bruder; er empfand alle Schmerzen, die er Beiden zugefügt. Das Schwert zu Boden werfend, kniete er zu Hib⸗ degards Füßen und küste ihr Gewand mit einer Andacht, wie ſie nie von einem Beter gegen einen er⸗ habenern Heiligen ausgeſtrömt worden iſt. Der Zauber, der auf den Kriegern umher ge⸗ legen, war gebrochenz ein lauter Rufdes Glükwunſches und der Freude erſcholl.„Und Du, Walter,“ fragte Hildegard, ſich zu dem Ort wendend wo noch immer regunglos und ſtolz Walter ſtand. „Hab ich Deinem Willen ſe widerſtrebt2“ ſprach er ſanft, und ſtekte die Spize ſeines Schwer⸗ tes in den Boden.„Biſt Du doch, Hildegard,“ fügte er mit einem Blik auf ſeinen knieenden Bru⸗ der hinzu:„biſt Du doch bereits beſſer gerächt, als durch dieſen Stahl.“ „Das biſt Du! Das biſt Du!“ rief Otto und zer⸗ ſchlug ſich die Bruſt, und langſam und kaum die ihm Plaz machende Menge gewahrend trat Walter aus den Schranken. Hildegard ſprach nichts mehr; ihr göttlicher 55 Zwek war erfüllt; lang und ſchmerzlich blikte ſie der edeln Geſtalt des Ritters vom Liebenſtein nach und wandte ſich dann mit einem leiſen Seufzer zu Otto:„Dies iſt das leztemal daß wir auf Erden zuſammentreffen. Friede ſei mit uns allen!“ Mit derſelben majeſtätiſchen, gefasten Haltung trat ſie ſofort wieder zu den Nonnen, und als dieſe im alten feierlichen Zug nach dem Kloſter zurük⸗ wallten, war Niemand da, ſelbſt den verhärteten Templer mit gezält, der nicht das Knie wie Otto vor Hildegard hätte beugen mögen. Noch einmal ſtürzte ſich Dieſer in den wilden Braus ſeiner Zeit. Die Gäſte drängten ſich in ſeinem Schloß, und Nacht um Nacht ſchienen die erleuchteten Säle hinab gegen den ruhigen Rhein. Die Schönheit der Griechin, Ottos Reichthum, des Templers Ruf zogen die ganze Ritterſchaft von nah und fern herbei. Nie hatten die Rheinufer einen ſo gaſtlichen Herrv geſehen, wie den Ritter von Sternfels. Aber Trauer beherrſchte ihn mitten in der Freude, und der laute Jubel war ihm nur als eine Zuflucht von der Reue willkommen. Bald jedoch miſchte ſich die Stimme übeln Gerüchtes mit derjenigen des Neids über Ottos Herrlichkeit. Die ſchöne Griechin, hieß es, wende, des Gemals über⸗ drüſſig, ihr Lächeln ſehr freigebig Andern zu; was jung und ſchön, ſei im Schloß ſtets hoch willkom⸗ men, und vor Allem gebe ſie ſich kaum die Mühe ihre frevelhafte Liebe zu dem Templer vor der Welt er hab mur Beſ Rac uns Lan die keit nahr Ritt Sch! Nack zu verbergen.— Otto allein ſchien von dergleichen Gerüchten nichts zu erfahren, und hatte er auch an⸗ gefangen ſeine junge Gemalin zu vernachläſſigen, ſo ward doch ſein vertrautes Verhältniß mit dem Templer nicht kälter. Es war Mittag und die Griechin ſaß in ihrem Kloſet allein mit dem ihr von der öffentlichen Stimme zugetheilten Geliebten. Die üppigen Düfte des Morgenlandes geſellten ſich dem Blumenhauch bei, und verſchiedene bis jezt in dieſen nordiſchen Ge⸗ genden unbekant geweſene Gegenſtände des Wol⸗ lebens gaben dem Gemach einen weichen, weibiſchen Ausdruk. „Ich ſag Dir,“ ſprach die Griechin bulend,„daß er anfängt Verdacht zu faſſen; daß ich bemerkt habe, wie er Dich beobachtete und unterm Beobachten murmelte und mit dem Heft ſeines Dolchs ſpielte. Beſſer wir fliehen eh es zu ſpät iſt, denn ſeine Rache würde fürchterlich ſein, wär ſie einmal gegen uns aufgeregt. Ach warum verließ ich je mein ſüßes Land um dieſer Barbarenufer willen! Dort wird die Liebe nicht als etwas Ewiges, die Unbeſtändig⸗ keit als kein todeswürdiges Verbrechen angeſehen.“ „Still, Kleine,“ entgegnete der Templer theil⸗ nahmlos.„Du kennſt die Geſeze unſerer einfältigen Ritterſchaſt nicht. Denkſt Du ich könne aus dem Schloß eines Ritters fliehen wie ein Dieb in der Nacht? Wahrhaftig, ſolche Schmach würde ſelbſt das rothe Kreuz nicht deken! Beſorgſt Du Dein 39 40 langweiliger Eheherr habe Verdacht geſchöpft, nun o müſſen wir eben aus einander. Der Kaiſer hat mich von Frankfurt her entbieten laſſen. Noch vor Abend kann ich auf dem Weg dahin ſein!“ „Und ich bliebe der Rache des Barbaren allein hingegeben? Iſt das Deine Ritterſchaft?“ „Nein, ſchwaz nicht ſo in die Quere!“ erwie⸗ derte der Templer.„Sobald der Gegenſtand ſeines Argwohns fort iſt, können Deine Weiberkniffe und griechiſchen Ränke den eiferſüchtigen Feind gewiß mit leichter Mühe beſänftigen. Kenn ich Dich nicht, Glycera? Kannſt Du doch jeden Mann hinters Licht führen— nur keinen Templer.“ „Und Du, Grauſamer, willſt Du mich ver⸗ laſſen?“ fragte weinend die Griechin.“„Wie ſoll ich leben ohne Dich?“ Der Templer lachte geringſchäzend.„Können ſolche Augen je ohne einen Tröſter weinen? Aber lebwol; man darf mich nicht bei Dir finden. Mor⸗ gen reiſ' ich nach Frankfurt ab; wir werden uns wiederſehen.“ Sobald ſich die Thür hinter dem Templer ge⸗ ſchloſſen, erhob ſich die Griechin und ſagte das Zim⸗ mer durchſchreitend:„Selbſtſüchtling, Selbſtſüchtlingz wie konnt' ich ihm jemals trauen? Indeſſen wag ich nicht Otts allein entgegen zu treten. Gewiß war es ſein Schritt, der uns bei unſrer geſtrigen Unterredung ſtörte. Ja, ich will flichen. An einem Begleiter kann mirs nie ſehlen.“ wa ſein der ſein Ver terr ſein kehr tafel unw Tem ſprae Luft nete ner Nach henen un hat vor ein ie⸗ es nd iß ht, ht 41 Sie klatſchte in die Hände; ein junger Page erſchien. Sie warf ſich auf ihren Stuhl und weinte bitterlich. Der Page trat näher; Liebe war ſeinem Mit⸗ leid beigemiſcht. „Was weint Ihr, edle Frau?“ fragte er.„Kann Euch Euer Diener. Diener!— ach Ihr habt in ſeinem Herzen geleſen..... Euer Anbeter Konrad in irgend Etwas behilflich ſein 2“ Otto war den ganzen Tag allein umher ge⸗ wandert; ſeine Dienſtmannen hatten bemerkt, daß ſeine Stirn düſterer als gewöhnlich ſchien, denn in der Regel pflegte er zu verbergen, was immer in ſeinem Innern nagen mochte. Mit einigen der Vertrauteſten unter den Dienern hatte er ſich un⸗ terredet und die Unterredung hatte die Wolken auf ſeinem Antliz noch verdichtet. In der Dämmerung kehrte er zurük. Die Griechin beehrte die Abend⸗ tafel nicht mit ihrer Gegenwart. Sie befand ſich unwol und wollte nicht geſtört ſein. Der fröhliche Templer war die Seele des Gelags. „Du trägſt heut eine trübe Stirn herum, Otto,“ ſprach er;„traun, Du haſt ſie in der liebenſteiner Luft gekriegt.“ „Es liegt mir was auf dem Herzen,“ entgeg⸗ nete Otto mit erzwungeuem Lächeln,„das ich Dei⸗ ner Freundesbruſt gern mittheilen möchte. Die Nacht iſt hell und der Mond ſteht am Himmel: ge⸗ hen wir allein in den Garten hinunter.“ 42 Der Templer ſtand auf und vergaß nicht ſein Schwert umzugürten eh er dem Ritter nachfolgte. Otto führte ihn nach einer der fernſten Terraſ⸗ ſen über den Rhein. „Tempelritter,“— ſprach er und hielt an: „beantworte mir Eine Frage auf Deine Ritterehre. Wars Dein Schritt, der geſtern Abend um die Vesperzeit aus meiner Gemalin Floſet trat?“ Betroffen über eine ſo plözliche Frage antwor⸗ tete der liſtige Templer nur mit wankender Stimme. Das rothe Blut ſtieg in Ottos Stirn.„Nein, lüge nicht, Herr Ritter; dieſe Augen haben, Gott ſei Dank! meine Schmach nicht geſehen, aber dieſe Ohren haben durch Andere davon vernommen.« Während Otto ſprach bemerkte des Templers auf den Strom gehefteter Blik einen ſchnell über den Rhein hinrudernden Nachen. Die Entfernung geſtattete ihm blos die dunkeln Umriſſe zweier Men⸗ ſchen darin wahrzunehmen.„Sie hat ſich nicht ge— irrt,“ dachte er.„Vielleicht daß dieſer Nachen ſie bereits der Gefahr entführt.“ Sich zur ganzen Höhe ſeiner ſchlanken Geſtalt erhebend erwiederte er ſtolz: „Junker Ottv von Sternfels, wenn Du Dich berabgelaſſen Deine Dienſtmannen zu befragen, ſo möge Dir die Antwort auch blos von Dieſen kom⸗ men. Um ſolchen Günſtlingen entgegen zu reden ſprechen Tempelritter keine Betheurung aus.“ „Genug!“ rief Otto, die Geduld verlierend und gal „zi zu, hie zen nac und lere ver ters unt Die ihm. tern Deit gerä mit in 2 ſtand Arm den lezte 1— ſo R⸗ n d gab dem Templer mit geballter Fauſt einen Streich: „zieh, Verräther, zieh!“ Einſam in ſeinem hohen Thurm ſah Walter zu, wie die Nacht über den Himmel hereinzog und hielt gramvoll mit ſich ſelbſt Zwieſprache. „Wozu,“ dacht' er, ſind dieſe mächtigen Her⸗ zenstriebe, dieſe Liebesfähigkeit, dieſes Schmachten nach Mitgefühl mir gegeben worden? Ungeliebt und unbekant geh ich in mein Grab, und alle ed⸗ lere Geheimniſſe meines Buſens bleiben für ewig verſchleiert.“ Alſo ſinnend hörte er nicht den Anruf des Wär⸗ ters auf der Mauer, noch das Aufriegeln des Thores unten, noch die Fußtritte die Wendeltreppe herauf. Die Thür öffſnete ſich plözlich und Otto ſtand vor ihm.„Komm,“ ſprach er mit leiſer Stimme, zit⸗ ternd vor Wuth;„komm, ich will Dir zeigen, was Dein Herz erfreuen wird. Zwiefach iſt Hildegard gerächt.“ Verwundert blikte Walter auf den Bruder, mit dem er nicht wieder zuſammengetroffen ſeit ſie in Waffen auf Leben und Tod gegen einander ge⸗ ſtanden; er ſah daß Ottos gegen ihn ausgeſtrekter Arm von Blut träufte, das Tropf' um Tropfe auf den Boden rieſelte. „Komm,“ ſprach Otto,„folge mir; es iſt meine lezte Bitte. Komm, um Hildegards willen, komm.“ Bei dieſem Namen zögerte Walter nicht län⸗ ger; er gürtete ſein Schwert um und folgte dem 44 Bruder die Treppe hinab durch das Burgthor. Kaum traute der Pförtner ſeinen Augen als er bie beiden ſo lang getrennten Brüder um dieſe Stunde allein und dem Anſehen nach freundſchaftlich mit einander fortgehen ſah. Walter, auf jener Stufe des Gemüths ange⸗ langt, wo nichts mehr in groſes Erſtaunen ſezt, eilte ſchweigenden Tritts dem raſchen Gang des Bruders nach. Beide Schlöſſer ſtehen, wie Du ſiehſt, kaum einen Steinwurf von einander. Nach wenigen Minuten hielt Otto an einem freien Raum auf einer der Terraſſen von Sternfels ſtill, zu wel⸗ cher der Mond hell und feſt herabſchien.„Sieh,“ ſprach er mit ſchaudriger Stimme,„ſieh!“ Und Walter erblikte auf dem Raſen den Leichnam des Templers, gebadet in das Blut das noch ſchuell und warm aus ſeinem Herzen ſtrömte. „Höre!s ſprach Ottv.„Er wars, der zuerſt meine Treue gegen Hildegard zum Wanken brachte; er beredete mich um jene übertünchte Lügnerin zu werben. Höre! er der mich alſo um meine wahre Liebe betrogen, entehrte mich durch meine treuloſe Gattin und ſo— ſo— ſo—“ indem er zähne⸗ fletſchend des Templers todten Leib wieder und wie⸗ der mit Füßen trat—„und ſo ſind Hildegard und ich gerächt.“ „Und Dein Weib?“ fragte Walter erbar⸗ mungsvoll. „Geflohen— geflohen mit einem gemietheten empfe gewa ſie eit einen ſah m Rheir es ſch wechſe der J r. ie de it e⸗ Pagen. Gut ſo! ſie war nicht werth durch das Schwert zu fallen, das mir umgürtet wurde— von Hildegard.« Die Sage, theure Gertrud, erzält ſofort, Otto habe, obwol mehrmals durch die rohe Gerichtsver⸗ faſſung jener Tage wegen des Templers Tod gefähr⸗ det, der Gefahr jedesmal glüklich getrozt. Noch in der Vergeltungsnacht ergriff ihn eine lange, mit wilden Fantaſien verknüpfte Krankheit. Der edle Walter verzieh, vergaß Alles, ausgenommen daß Hildegards Liede dem Bruder einſt ihre heilige Weihe gegeben. Er pflegte ihn in der Krankheit, und als er wieder geneſen war Otto ein anderer Menſch. Er verſchwor die Geſellſchaft um welche er ſich ehedem bemüht, die Luſtbarkeiten die er ſonſt geleitet. Die Hallen von Sternfels ſtanden öde wie diejenigen von Liebenſtein. Der einzige Be⸗ Fleiter den Otto ſuchte, war Walter, und Walter nahm ihn willig auf. Keinen Gegenſtand gab es zwi⸗ ſchen ihnen zum Bindemittel, denn Einen Gegenſtand empfand mindeſtens Walter zu tief, als daß er je Lewagt hätte darüber zu ſprechen; gleichwol band ſie eine ſeltſame, geheime Sympathie. Wenigſtens einen gemeinſchaftlichen Schmerz hatten ſie; oft ſah man ſie zuſammen an den einſamen Ufern des Rheins oder durch die Wälder wandeln, ohne, wie es ſchien, Wort oder Zeichen gegen einander zu wechſeln. Htto kſtarb zuerſt, noch in der Blüre der Jahre, und Walter war jezt gefährtenlos. Um⸗ 46 ſonſt lud ihn der Kaiſerhof zu ſeinen Vergnügun⸗ gen; umſonſt hiert ihm das Feldlager das Vergeſ⸗ ſen ſeines Ruhmes vor. Konnte er ſich einem Ort entreiſſen, von wo er Morgens und Abends fern in Thales Mitte das Dach ſah, das Hildegard ſchirmte, und wo ihn jedes Gehölz, jeder Raſen an frühere Tage erinnerte? Sein einſames Leben, ſein mit⸗ ternächtlich Wachen, wunderbare Schriftzüge in ſei⸗ nem Gemach brachten ihn nach und nach in den Ruf als befleiſſe er ſich der ſchwarzen Kunſt, und der Menſchenſcheue ward nun von allen Menſchen geſcheut. Aber lieblich war es wie von Zeit zu Zeit das Gerücht von der zunehmenden Heiligkeit Derjenigen ſprach, auf welche Jener ſeine lezten Erden⸗ gedanken zuſammengehäuft. Sie wars, welche die Kranken heilte; ſie wars welche den Armen wol that; und der fromme Glaube jener Zeit brachte Pilger von weiter Ferne zu den Altären, welchen ſie diente. Viele Jahre nachher verwüſtete eine Bande frecher Räuber, die bisweilen zur Verheerung und Plünderung der Rheinthäler aus ihren Bergfeſten brach, und weder Geſchlecht noch Alter, weder Burg noch Hütte, ja ſelbſt die Gotteshänſer nicht ſchonte, die Gegend von Bornhofen und fo⸗ derte eine Brandſchazung von dem Kloſter. Die Aebtiſſin, aus dem kühnen Geſchlecht der Rüdes⸗ heimer, wies die kirchenſchänderiſche Foderung zurük. Das Kloſter wurde geſtürmt; ſeine Dienſt⸗ let te re det Ri Ge ruf De Ae hat Ha noc trä Ste ſchie ſtein wiß gew herz ben Frat das ſo he blos in⸗ eſ⸗ ort in te, ere it⸗ ſei⸗ en nd en zu eit en⸗ die vol hte en de nd ten rg cht fo⸗ ie ⸗ ng ſt⸗ 47 leute leiſteten Widerſtand; die Räuber, in Schläch⸗ tereien geübt, trugen den Sieg davon. Schon wa⸗ ren ſie daran, die Kloſterthore zu brechen, als an der Spize einer kleinen aber mannhaften Schar ein Ritter vom Berg herab ſtürzte und dem Strom des Gefechtes eine andere Richtung gab. Wohin ſein Schwert blizte fiel ein Feind; wo ſein Schlacht⸗ ruf erklang war eine Lüke von Todten im Gewühl. Der Sieg war gewonnen, das Kloſter gerettet; die Aebtiſſin und die Nonnenſchar kamen heraus, ihren Befreier zu ſegnen. Unter eine alte Eiche gelegt hatte er ſich bereits dem Tod nah geblutet. Sein Haupt war entblöst, und ſeine Loken grau, doch noch kaum von den Jahren. Nur Eine von der Schweſterſchar erkante die hoheitvolle Stirn; Eine tränkte ſeine vertrokneten Lippen; Eine hielt des Sterbenden Hand, und in Hildegards Gegenwart ſchied die treue Seele des lezten Herrn von Lieben⸗ ſtein hinüber! „Ach,« rief Gertrud durch ihre Thränen;„gk⸗ wiß haſt Du die Thatſachen entſtellt,— gewiß— gewiß müste es Hildegarden mit ihrem treuen Frauen⸗ herzen unmöglich geweſen ſein, Otto mehr zu lie⸗ ben als Walter.“ »Mein Kind,«“ bemerkte Vane,„ſo denken Frauen wenn ſie eine Liebesgeſchichte leſen und das ganze H erz vor ſich blos geſtellt ſehen; aber ſo handeln ſie im wirklichen Leben nicht— wo ſie blos die Oberfläche des Karakters wahrnehmen und 48 nicht in ſeine Tiefe dringen— bis es zu ſpät iſt!“ Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Die Unſterblichkeit der Seele.— Ein noch in keinem Buch beſprochenes häufig vorkommendes Begegniß.— Tre⸗ oylyan und Gertrud. Der Tag ward, als er jezt zum Abend er⸗ blaste, kalt, und ſcharf kam die Luft über die zarte Geſtalt der Leidenden. Sie beſchloſſen nicht weiter zu fahren, und da ſie Dienerſchaft und Gepäk mitführten, ſo daß ihr Weiterkommen von den gewöhnlichen Behelfmit⸗ teln faſt unabhängig war, lenkten ſie nach den gegen⸗ überliegenden Geſtad, und landeten vor einem rei⸗ zend in einem Thal gelegenen Dorf. Glüklicher⸗ weis fanden ſie dort ein Quartier, wie man es in Gegenden die man blos des maleriſchen Eindruks halber beſucht, ſelten trift. Nachdem ſich Gertrud zu noch ziemlich früher Stunde zur Ruh begeben, fielen Vane und SHu—e in ein ſpekulatives Geſpräch über die Menſchenna⸗ tur. Vanes Philoſophie war ein ruhiger, paſſiver Seepticiemus; der Arzt wagte Kühneres und ging vo kei ge Ur ihr füt in in lich Fre „w es ewi Na Jed abet — gerc ſten jezit ſtun rer, Her das des welc Bi ät ⸗ ⸗ Gi⸗ 49 vom Zweifel zur Negation über. Die Aufmerkſam⸗ keit des ſinnend zur Seite ſizenden Trevylyan ward gegen ſeinen Willen erregt. Er merkte auf eine Unterredung woran er ſelbſt keinen Theil nahm; ihr dunkler Gegenſtand hatte plözlich ein Intereſſe für ihn gewonnen, das im Feuer der Jugend und in der Beſchäftigung mit der Welt nie ſo mächtig in ihm angeregt worden war. „Groſer Gott!“ dachte er unter unausſprech⸗ licher Angſt, als er auf den gewaltigen Eifer des Franzoſen und die ruhige Beiſtimmung Vanes hörte: „wenn dieſer Glaube wirklich wahr wäre,— wenn es keine andere Welt gäbe— ſo wäre Gertrud auf ewig für mich verloren;— durch die furchtbare Nacht des Grabes bräche dann kein Sternla Es gibt eine eigenthümliche Lage worein vielleicht Jeder von uns zu ſeiner Zeit gerathen mag, die ich aber noch nie in Büchern angedeutet gefunden habe: — das Vernehmen eines Zweifels über die Zukunft gerad in dem Augenblik, wo die Gegenwart am mei⸗ ſten umwölkt iſt, ſo daß man in demſelben Moment die jezige Welt ihrer Wahnbilder, die künftige ihrer Trö⸗ ſtungen beraubt findet. Mehr vielleicht um Ande⸗ rer, als um unſerer ſelbſt willen bedarf das liebende Herz ein Jenſeits. Die lautloſe Ruhe, die Nacht, das Schweigen, der bloſe Stillſtand des Lebensra⸗ des haben nichts Schrekliches für den Weiſen, welcher den wahren Werth der Welt kennt: Buwer's Romane XXIII 4 „Nach den Wogen der ſtürmiſchen See Iſt endlich der Hafen der Ruhe ſüß.“ Aber nicht ſo, wenn dieſe Stille uns auf ewig von Andern ſcheiden ſoll; wenn Die, welche wir mit der ganzen Leidenſchaft, mit der Hingabe, mit der heiligen Hut des ſchwachen Menſchenherzens geliebt haben, nicht mehr für uns daſein ſollen!— wenn nach langen Jahren der Verlaſſenheit und Verwaiſung auf Erden keine Hoffnung zum Wie⸗ derfinden in der Unſichtbarkeit jenſeits den Sternen iſt; wenn nicht nur des Lebens ſondern auch der Liebe Fakel in dem dunkeln Strom gelöſcht werden ſoll, und das Grab, von welchem wir die Wiederankn üpfung gebrochener Bande hoffen möch⸗ ten, nur das dumpfe Siegel hoffnungloſer— gänz⸗ licher— unerbittlicher Trennung iſt! Dieſer Ge⸗ danke, dieſe Empfindung ſind es, was den Schmerz zur Religion umwandelt und das trauernde Herz glau⸗ ben lehrt, das im Jubel vereinter Zärtlichkeit die Nothwendigkeit eines Himmels nicht empfun⸗ den hatte! Für wie Viele iſt der Tod der Gelieb⸗ ten der Vater der Unſterblichkeitsfoderung! Ins Innerſte getroffen von ſeinen Gefühlen ſtand Trevylyan plözlich auf, ſtahl ſich von der kleinen Herberge weg und wandelte fort in der hei⸗ ter dunkelnden Nacht. Von Gertrudens Zimmer ſtrömte das Licht ruhig in den Purpurſchimmer der Luft. In ungleichem Schritt oft ſtehen bleibend, ging 51 er unter dem Fenſter auf und ab und überließ ſich ſeinen Gedanken. Wie innig fühlte er daß Gertrud Alles für ihn war; wie ſchmerzlich ſah er den Wechſel in ſeinem Schikſal und Karakter voraus, den ihr Tod hervorbringen würde! Denn Wer, der ihn in ſpäteren Jahren traf, hätte ſichs je träumen laſſen, daß ſo ſanfte und doch ſo glühende Empfin⸗ dungen einſt in einer ſo ſtrengen Bruſt gewohnt? Wer hätte je geglaubt daß der geglättete, kalte Tre⸗ vylyan einſt unter dem Zimmer eines Weſens, das ſo wenig Aehnlichkeit mit ihm ſelbſt hatte, wie Ger⸗ trud, in einem abgeſchiedenen, einſamen Dörfchen gewacht habe, eingeſchloſſen von den geſpenſterrüchi⸗ gen Bergen des Rheins und unter dem Mondlicht des romantiſchen Nordens. Während er alſo hinwandelte, ward das Licht in Gertruds Zimmer plözlich ausgelöſcht; Worte vermögen nicht auszudrüken, wie ſehr ihn dieſer geringfügige Umſtand angriff! Glich er doch einem Wahrzeichen Deſſen, was da kommen ſollte; das Licht war das einzige Zeugniß des Lebens geweſen, das dieſe Stunde noch durchdrang, und jezt ſand er allein mit den Schatten der Nacht. Schien dies nicht eine Verkündung von Gertruds eigenem Tod? das Erlöſchen des einzigen lebenden Strals, der in die Finſterniß der Welt eingedrungen! Seine Angſt, ſein Vorgefühl gänzlicher Ver⸗ ödung wuchs. Er feufzte laut; er ſchlug die ge⸗ ballte Fauſt gegen die Bruſt— Schmer⸗ 52 zenstropfen fielen ihm von der Stirn.„Vater,“ rief er mit bebender Stimme,„laß dieſen Kelch vor mir vorübergehen! Treffe meinen Ehrgeiz in der Wurzel; ſtrafe mich mit Armuth, Schande, Krankheit; aber laß mir dieſen einzigen Troſt, dieſe einzige Gefährtin meines Schikſals!“ In dieſem Augenblik öffnete ſich Gertrudens Fenſter leiſe, und beſänftigend hörte er ihre Töne in ſein Ohr ſchleichen: „Iſt das nicht Deine Stimme, Albert?“ fragte ſie mild.„Ich vernahm ſie, als ich mich eben zur Ruhe legte und kann nicht ſchlafen, wenn Du alſo der feuchten Nachtluft ausgeſezt biſt. Du antwor⸗ teſt nicht; es iſt doch gewiß Deine Stimme; wann hab ich ſie je mit einer andern verwechſelt?“ Mit gewaltſamer Anſtrengung ſeine Empfindungen meiſternd antwortete Trevylyan mit krampfhafter Heiterkeit: „Kannſt Du an dieſe Ufer kommen, geliebte Gertrud, ohne mit der ihnen geziemenden Che va⸗ lerie geehrt zu werden? Welcher Wind, welcher Thau kann mir ſchaden, ſo lang ich im Umkreis Deiner Gegenwart bleibe? welcher Schlaf kann mir ſo holde Träume bringen, als der wachende Gedanke an Dich?“ „Es iſt kalt,“ erwiederte Gertrud ſchaudernd. „Komm herein, lieber Albert, ich bitte Dich, und will Dir morgen danken!“ Gertruds Worte wurden durch den hektiſchen Huſten unterbrochen, der wie ————— 88 ir ee d. nd ein Pfeil durch Trevylyans Herz fuhr. Jezt erinnerte er ſich, daß ſie in ihrer Aengſtlichkeit um ihn den eignen Körper der ungeſunden Nacht ausſeze. Ohne etwas weiter zu ſprechen eilte er in das Haus, und als das graue Morgenlicht über ſeine verdüſterten, durch den Mangel an Schlaf kraß ge⸗ wordenen Züge hereinbrach, hätte es nach dieſem trüben Auge und dieſer eingeſunkenen Wange ſchei⸗ nen mögen, die Liebenden würden auch durch den Tod nicht getrennt werden. ———— Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Worin der Leſer erfahren wird, wie die Elfen von den Metallkönigen aufgenommen wurden.— Die Klagen des lezten Fauns.— Der— Der Sturm.— od. Im tiefen Ehrenthal hielten die Metall⸗ könige:— der Fürſt der Silberpaläſte, der Selbſt⸗ herrſcher der dumpfen Bleiminen und der Präſident der Vereinigten Kupferſtaaten einen Hof, um die Elfenwanderer von der Inſel Nonnenwert zu em⸗ pfangen. Prinz Faiſenheim trug ein prächtiges Jagdkleid von Eichenlaub zu Ehren Englands und eine Ueber 54 fülle von Elfenorden, die von Zeit zu Zeit zu Ehren der Menſchendichter geſtiftet worden, welche die Geiſter und ätheriſchen Geſchlechter verherrlicht hatten. Als der angeſehenſte unter dieſen Orden, ſüßer Träumer des Sommernachttraums, galt das Zeichen das aus dem Thau kryſtalliſirt war, der in der Nacht Deiner Geburt— jener groſen Epoche in der Welt des Geiſtes— aus dem flüſternden Rohr des Avons aufhauchte! Auch entbehrteſt Du nicht, geliebter Muſäus, noch Du, Tiek voll dämmernder Träume, noch der wilde Schöpfer der hellgelokten Undine, oder der lannenhafte Genius der für den düſtern Manfred die Zauberin der lautloſen Alpen und die Geiſter der Erde und Luft anrief:— Ihr Sämtliche entbehrtet nicht die Ehre der Elfenhuldigung! Euer Gedächlniß mag ſchwin⸗ den aus dem Menſchenherzen, der Stab jüngerer Magier mag den Zauber verdrängen, den Ihr einſt über das Antliz der gemeinen Erde gewoben; aber ſtets ehren Euch in den grünen Hügeln des gefeir— ten Thals und im tiefen Waldesſchatten und in den ſterngeſchmükten Paläſten der Luft die Weſen Eurer Träume als Halbgötter und Könige! Von unſichtbaren Händen werden Eure Gräber gewartet und Eure Geburtſtätten ſind geheiligt durch uuver⸗ gängliche Andacht. des ſein gebi auf nied herr n⸗ er er — n n et r* Eben während ich ſchreibe*)— ſcheideſt Du, fern unter den Bergen Kaledoniens, bei dem Wald den Du mit unſterblichem Grün umkleideteſt, Weker„der Harfe an Glenfillans einſamem Quell,“ von der Erde, die Du„mit Wonnen ummalt haſt.“ So ſind die Wechſel menſchlichen Ruhms! Unſrer Kinder Kinder mögen neue Idole erheben an der Stätte Deines heiligen Altars, und kritteln wo ihre Väter anbeteten; aber um Dich wird die Rixe klagen in der Korallengrotte und der Sylphe in den Waſſerfällen wird trauern! Wunderbare Ge⸗ ſtalten werden Dein Denkmal in den Schoß einſa⸗ mer Felſen hauen; ſtets werden die Elfen unterm Mondlicht in ihrem Reigen anhalten wenn ein r⸗ mantiſcher Klang itres Lieds ſie an das Deinige erinnert; ſie werden laſſen von ihrem Tanz um über das Schweigen der mächtigen Leier zu weinen, der eine Enthüllung der Geheimniſſe der Geiſter wie der Menſchen entſtrömte! Der König der Süberminen ſaß in einer Höhle des Thals, durch welche eben der Mond drang, alſo daß ſein Licht dämmernd ſchlief auf dem in unzälige Metall⸗ gebilde ausgearbeiteten Boden. Unter dem Silberkönig, auf einem niedrigern Thron, ſaß mit grauem Bart und niedergeſchlagenem Aug deralte Zwergenkönig, der Be⸗ herrſcher des ſchweren Blei⸗Reiches, welcher dem *) Eben zür Zeit als der ans Ende ſeines Werkes gekommen war, war ſeiner Kunſt groſer Mei⸗ ſter zum Schluß ſeiner Laufhahn gelangt. 56 die Verſe und dem die Proſa einhaucht! Endlich war, ein fantaſtiſcher Hauselfe, der Präſi⸗ dent der Kupferrepublik da— ein Geiſt der Wirth⸗ ſchaft und Nuzen liebt und ſelten auf das Schöne lächelt. Mitten in der Höhle, auf Betten von weichem Mos, dem nie von einem Fuß betretenen Gewächs von Jahrhunderten, ruhten die zu Beſuch gekommenen Elfen; Silpelit ſaß neben ihrem Ver⸗ lobten. Rund umher an den Grottenwänden ſtand die Zwergdienerſchaft der Metallkönige in tauſend ſeltſamen Geſtalten und grotesken Trachten. Auf den abſchüſſigen Felſenkanten drängten ſich in dich⸗ tem Gewimmel die ins Schweigen aber nicht in Schlaf gebannten Fledermäuſe, und ſahen dem Schau⸗ ſpiel mit ſtarren, verwunderten Augen zu; und eine alte graue Eule, die Lieblingin der Thalhexe, ſaß blinzend in einem Winkel, und horchte mit al⸗ ler Macht, damit ſie ihrer Herrin die ganze Läſter⸗ kronik mitbringen könnte. „Sag mir, Prinz der Rheininſel⸗Eifen,“ ſprach der König der Silberminen,—„denn Du biſt ein Weitgereister und ein Elfe der Viel geſehen hat— wie gehen die Menſchendinge in der Oberwelt? Was Uns ſelbſt betrift, ſo leben wir hier in dum⸗ pſem Glanz und hören die Tagesgeſchichte nur wenn Unſer Bruder vom Blei den engliſchen Drukerprei⸗ ſen einen Beſuch macht, oder der Kupferpräſident nach ſeinen Verbeſſerungen in den Dampfmaſchi⸗ nen ſieht.“ ge ht! äſi⸗ th⸗ öne von nen uch Ber⸗ and ſend Auf ich⸗ t in hau⸗ und ee, t al: ſter⸗ rach ein — et dum⸗ wenn preſ⸗ ident aſchi⸗ „Wahrhaftig,“entgegnete Faiſenheim, und ſchikte ſich zum Sprechen an, wie Aeneas am Hof von Karthago;„wahrhaftig, ich weiß nur Wenig was Eure Majeſtät auf dem gegenwärtigen Standpunkt der Menſchenangelegenheiten intereſſiren könnte, ausgenommen daß Hochdieſelben heut zu Tag noch ganz in eben ſo hohen Ehren ſtehen, wie zur Zeit als der römiſche Eroberer ſein Knie in den Tau⸗ nusbergen vor Ihnen beugte. Eine groſe Anzahl kleiner runder Unterthanen von Ihnen wird von den Vermöglichen ſtets mitgetragen und von den Armen mit hoffnungloſer Anbetung erſehnt. Aber darf ich mir die Freiheit nehmen Eure Majeſtät zu be⸗ fragen, was aus Dero Vetter, dem König der Gold⸗ minen geworden? Wol weiß ich daß ſelbiger keine Herrſchaft in dieſen Thalen ausübt und wundere mich deshalb über ſeine Abweſesheit von Ihrem Hof nicht; aber ich bekomme ſo wenig von ſeinen Un⸗ terthanen auf Erden zu ſehen, daß ich fürchten müste, mit ſeinem Reich ſei es ziemlich am Ende, ſäh ich nicht daß man einer beinah unſichtbar ge⸗ wordenen Macht gleichwol allenthalben die unter⸗ würfigſte Huldigung darbringt.“ Der König der Silberminen holte einen tiefen Seufzer.„Ach Prinz,“ erwiederte er,„nur zu richtig ſchließeſt Du auf den Untergang des Reichs meines Vetters. So Viele ſeiner Unterthanen ſind nach und nach zum Kriegsdienſt auf der Oberwelt geprest worden und nie zurükgekehrt, daß ſeine Lande 58 beinah entvölkert ſtehen. Er ſelbſt lebt in fernen Erdtheilen in ſchwermüthiger Abgeſchiedenheit. Das goldene Zeitalter iſt vorüber, das papierne hat be⸗ gonnen.“ „Papier,“ bemerkte Silpelit, die immer noch ein Wenig von einer Precieuſe an ſich hatte;„Pa⸗ pier iſt ein wunderbares Ding. Was für hübſche Bücher das Menſchenvolk darauf ſchreibt!“ „Ach, das eben iſts, was ich ſagen will,“ erwiederte der Silberkönig.„Es iſt weniger das Zeitalter des Papiergeldes als des Papier⸗ regimentes; die Preſſe iſt die wahre Bank.“ Bei dem Wort Bank ſpizte der Grosſchazmeiſter der engliſchen Elfen die Ohren, denn er war der Att⸗ wood der Eifen; er trug ſich mit einem Lieblings⸗ plan, Geld aus Binſen zu machen, und hatte vier groſe Bienenflügel über die wahre Natur des Ka⸗ pitalwerthes vollgeſchrieben. Während man alſo ſprach, tönten auf Einmal Klänge wie von einer ländlichen, rohen Muſik durch die Luft; nachdem das wilde Vorſpiel zu Ende war vernahmen ſie folgendes Lied: Die Klage des lezten Fauns. Der Mond mit Liebeshelle Auf Latmos Höhen ſcheint, Roch ſtets die Silberquelle In Ooris Thale weint; as be⸗ Na⸗ che er er⸗ ei er lal ar Doch nimmer dort Selene Des Lieblings Träume ſucht; Doch fliest des Bornes Thräne Jezt um der Nymphe Flucht. Um die Arkadereiche Schlingt ſich das Epheu her, Doch aus dem Glanzgeſträuche Blikt jezt kein Satyr mehr. Still ſind Silenus Saiten, Noch wächst des Mänal's Rohr, Doch Pans Schallmeien gleiten Nicht mehr ins Hirtenohr. Das Laub der Rebe zittert Im Hauch des Mittagblaus, Und Tibers Woge ſchuͤttert Roch des Silvanus Haus: Doch zu der Erde Weiten Vom Brudergrab gewandt, Träum ich von alten Zeiten Allein im fremden Land. Kalt blikt die Sonne nieder, Scharf iſt des Nordens Luft— O Argos, Land der Lieder! O Tanz in Idas Duft! Die Erde dekt jezt Winter, Und an der welken Bruſt Schwillt nicht mehr ihrer Kinder Entſchlafne goldne Luſt. Ihr ſeid des Glükes Erben Die längſt der Welt entfloht; Viel beſſer ſelbſt zu ſterben Als klagen um den Tod: An fremden Stromes Säumen Zu geh'n im Dämmerſchein, Und aus der Griechen Träumen Der lezte Schatten ſein! Als der Geſang zu Ende, durchkreuzte ein Schatten das Mondlicht, das weiß und ſtralend vor dem Eingang der Grotte lag, und die aufſchauende Sipelit gewahrte eine anmuthige obwol groteske Geſtalt, die drauſſen auf dem Raſen ſtand und die Gruppe in der Höhle betrachtete. Es war eine buntſchekige Figur mit Ziegenfüßen und Ziegenohren; der übrige Leib aber und die Höhe des Ganzen wie bei einem Menſchen. Ein ſchelmiſches, angenehmes, obwol boshaftes Lächeln ſpielte um die Lippen; in der Hand hielt ſie die Hirtenflöte von welcher die Dichter geſungen haben:— zu derſelben zu ſingen dürften ſie ſchwer finden! „Wer biſt Du?“ fragte Faiſenheim mit einer Heldenmiene. „Ich bin der lezte Wanderer von dem Geſchlecht das die Römer verehrten. Hieher folgte ich ihren ſiegreichen Schritten, und blieb in dieſen grünen Schluchten zurük. Am ſtillen Mittag wenn das Frühlingslaub im flüſternden Hain knoſpt, komm ich aus meinem Felſenlager hervor und ſchreke den Land⸗ mann mit meiner fremden Stimme und noch frem⸗ dern Geſtalt. Dann geht er nach Haus und ver⸗ wir dun des und bari Du puze woh füße den o W den den Stri arme und alle traue unter ſollte beme ten Geſch ſiel i allger ein vor ene teske d die eine ren; wie mes, zin die en einer lecht ihren ünen das n ich Land⸗ frem⸗ er⸗ wirrt ſein dikes Hirn mit Träumen und CEinbil⸗ dungen, bis er ſich endlich vorſtellt ich, das Kind des Südens, ſei einer ſeiner nordiſchen Dämonen; und ſeine Dichter paſſen die Erſcheinung ihren bar⸗ bariſchen Verſen an.“ „Hoho!“ ſprach der Silberkönig,„gewiß biſt Du der Urſprung des Satans von welchem die Ka⸗ vuzenmänner, die einſt in den Ruinen dort drüben wohnten, fabelten, mit ſeinen Hörnern nnd Ziegen⸗ füßen, und der harmloſe Faun muste das Bild für den unverſöhnlichſten Feind hergeben. Aber warum, o Wanderer des Südens, bleibſt Du in dieſen frem— den Thälern? Warum kehrſt Du nicht zurük zu den Bergen Achajas oder den Ebenen um die gelbe Strömung der Tiber?“ „Meine Brüder ſind nicht mehr,“ tagte der arme Faun,„und ſelbſt der Glanbe der uns heiligte und ſchirmte, iſt dahin. Hier zu Land aber werden alle nicht ſterbliche Geiſter noch ſtets geehrt; und trauernd um Silenus wandere ich umher, obwol unter Reben die mich für ſeinen Verluſt tröſten ſollten.“ „Du haſt groſe Weſen geſehen in Deinen Tagen,“ bemerkte der Bleikönig, der die Philoſophie der nak⸗ ten Wahrheitſäze liebte;(ich werde dereinſt die Geſhichte ſeiner Begeiſterungen ſchreiben.) „Ja wol,“ erwiederte der Faun,„meine Geburt fiel in die Jugend der Welt, als der Strom des allgemeinen Lebens Alles mit Göttlichkeit färbte 9 62 als keinem Baum ſeine Dryade, keinem Quell ſeine Nymphe ſehlte. Ich ſaß am grauen Thron des alten Saturn eh er entkrönt wurde,(denn er war kein Traumbild, ſondern wirklich der oberſte Be⸗ herrſcher der goldenen Zeit) und hörte aus ſeinem Mund die Geſchichte der Weltgeburt. Aber dieſe Zeiten ſind vorüber auf ewig!— ſie haben rauhe Nachfolgerinnen zurükgelaſſen.“ „Es iſt die papierne Zeit!“ murmelte der Gros⸗ ſchazmeiſter kopfſchüttelnd. „He da, einen Tanz!“ rief Faiſenheim, zu könig⸗ tich fürs Moraliſiren, und wirbelte die ſchöne Sil⸗ pelit in einen Walzer. Und heraus kamen die Elfen und heraus die Zwerge. Und der Faun lehnte ſich gegen eine alte Ulme, und ſchnell eh die Mitternacht lichter ward tanzten die Elfen ihren Zauberring zum alten Reigen ſeiner Flöte— zum Reigen der Grie⸗ chenwelt! „Haſt Du. meine Silpelit,“ ſprach Faiſen heim in den Pauſen des Tanzes,„die Schluchten des Har⸗ zes ſchon geſehen und die rothe Geſtalt ſeines mäch⸗ tigen Jägers?“ „Ein furchtbarer Anblik!“ entgegnete Silpelit! „aber wenn Du dabei biſt, würd ich mich nicht fürch⸗ ten.“ „Hinweg denn!“ rief Faiſenheim,„hinweg mit dem erſten Hahnenruf in jene zerriſſenen Thäler, denn dort brauchen wir der Nocht nicht, um uns zu verſteken; und für die Jagdluſt der übe röt ebet mit Ste eilte volle dem auf Erdſ der eine müſſi zälen henli über nehm wie e den n mon Wäld gern und n *) 5 viſ des ar Be⸗ em eſe uhe os⸗ ig⸗ il⸗ fen ſich cht um eim ar⸗ ich⸗ lit! rch⸗ mit ler, um der übermenſchlichen Geſchlechter iſt das zeugenloſe Er⸗ röthen des Morgens oder die ſchauerliche Mittagſtille eben ſo gut die rechte Zeit, als das Licht des Mondes.⸗ Silpelit, entzükt über den Vorſchlag, willigte mit Freuden ein, und zur lezten Nachtſtunde, die Sternſtralen der vielnamigen Frigga*) beſchreitend, eilte der Elfenzug nach dem Dunkel des geheimnis⸗ vollen Harzes. Gern möcht' ich erzälen, wie ſie anlangten in dem dichten Schoß des Forſtes; wie ſie den Jäger auf einer umgeſtürzten Fichte neben einer weiten Erdſpalte ſizen ſahen, indem die gewölbten Aeſte der zauberkräftigen Eiche ſich ihm zu Häupten wie eine Laube verſchlangen, und Bogen und Speer müſſig zu ſeinen Füßen lagen. Gern möcht ich er⸗ zälen von dem Empfang den er den Elfen angedei⸗ hen ließ, und wie er ihnen von ſeinen alten Siegen über die Menſchen berichtete; wie er über die zu⸗ nehmenden Invaſionen in ſeine Reiche ſchalt, und wie er freudig von einer groſen Erſchütterung in den nordiſchen Staaten ſprach, die der wilde Dä⸗ mon in ſeinen dunkeln Träumen in dieſen einſamen Wäldern brütend vorausſah. All Das möcht ich gern erzälen, aber es gehört nicht dem Rhein au und meine Geſchichte duldet keinen Verzug. Wäh⸗ *) Frigga, die Gemalin Odins, zält hei den ſrandina⸗ viſchen Dichtern ſieben bis acht Ramen. Der Ueberſezer. rend der Unterhaltung mit dem feindlichen Geiſt war der Mittag herangeſchlichen und der Himmel hatte ſich mit düſtern Wolken umzogen. Stürmiſch wogten die Rieſenbäume hin und her, und das tiefe Anſammeln des Donners verkündigte das kommende Gewitter. Da erhob ſich der Jäger, dehnte die gewaltigen Glieder, faste ſeinen Speer und ſchritt raſch in den Wald, Weſen ſeiner Art zu treffen, welche der Sturm wekt auf ihrem zerklüfteten Lager. Plözlich fuhr ein Gedanke durch Silpelit. „Weh!“ rief ſie händeringend;„was hab ich ge⸗ than! Ueber die Reiſe mit Dir hieher hab ich mein Amt vergeſſen. Vernachläſſigt hab ich meine Hut über die Elemente und meine menſchlichen Schüzlinge ſind zu dieſer Stunde vielleicht der gan⸗ zen Wuth des Sturmes ausgeſezt.“ „Sei guten Muths, meine Silpelit,“ erwie⸗ derte der Prinz;„wir wollen den Sturm legen.“ Und er ſchwang ſein Schwert und murmelte den Zauber, welcher die Winde beugt und den ſchreiten⸗ den Donner zurükwälzt. Aber zum erſtenmal ſchwieg der Sturm nicht auf ſeinen Spruch, und als die Elfen ſofort in der tobenden Luft dahin eilten be⸗ gegnete ihnen eine bleiche, ſchöne Geſtalt, und ſie bielten an und zitterten. Denn die Kraft dieſer Geſtalt vermochte ſelbſt Elfen zu beſiegen. Es war ein Frauenbild mit goldenem Haar, mit einem Kraut von welkem Laub gekrönt. Ihre ausnehmend ſchö⸗ ne ein daf vor ſtö des lich auf nie auf noc ſchr Zei beh keit dert des eine ſterk Luft und meit und rütt gerit B iſt el fe de ie tt n„ en ge⸗ ich ine en an⸗ ie⸗ n8 en⸗ ieg die be⸗ ſie ſer var aut hö⸗ 65 nen Brüſte lagen dem Wind blos und ſie drükte ein Kind dawider, das in ſo tiefem Schlaf ruhte, daß weder das Rollen des Donners, noch der blaue, von Wolke zu Wolke zukende Bliz das ſchlummernde ſtören, geſchweige weken konnten. Und das Geſicht des Frauenbildes war unausſprechlich ſtill und lieb⸗ lich(obwol nicht ohne einen Zug von Strenge); auf der farbloſen Stirn ſtand keine Linie oder Falte; nie ſchrieb der Kummer ſeine entſtellenden Züge auf dieſe ewige Schönheit. Sie kante weder Schmerz noch Veränderung; geiſtergleich und ſchattenhaft ſchwebte die Geſtalt dahin durch den Abgrund der Zeit, die Welt mit unbeſtreitbar lautloſer Macht beherrſchend. Und die Kinder der grünen Einſam⸗ keiten, die lieblichen Elfen meiner Geſchichte, ſchau⸗ derten, denn ſie ſahen und erkanten die Geſtalt— des Todes! Rechtfertigung des Todes. „Und weshalb,“ ſprach die ſchöne Geſtalt mit einer Stimme ſo ſanft wie die lezten Seufzer eines ſterbenden Kindes,„weshalb beunruhiget Ihr die Luft mit Zauberſprüchen? Mein iſt die Stunde und die Herrſchaft und der Sturm iſt das Geſchöpf meiner Macht. Fern im Weſten fegt er die See und nicht länger drükt das Schiff die Wellen; er rüttelt den Wald und der Baum, aus den Wurzeln geriſſen, fübltfortan nicht wie der Winter die Freude Bulwer's Romane. XXIII. 5 66 aus ſeinen Zweigen ſtreift!— Das Toben der Ele⸗ mente iſt für ihre Opfer der Herold ewiger Ruhe, und Die welche mich ſchreiten hören, ſchandern thörichter Weiſe über das Nahen des Friedens. Und Du, zarte Tochter der Elfenkönige, was grämſt Du Dich über das Schikſal einer Sterblichen? Weiſt Du nicht daß mit den Jahren die Sorge kommen und daß leben trauern heist? Selig iſt die Blume die, im frühen Lenz geknikt, den Wind nicht fühlt der ihre Blüten eine um die andere umher⸗ ſtreut und nur den dürren Stengel zurükläst. Selig ſind Die, welche ich jung an meine Bruſt drüke und in den Schlummer lulle, den der Sturm nicht brechen, der Morgen nicht zu Sorge oder Mühe weken kann. Das Herz, das im Frühling ſeiner erſten Regungen zur Ruhe ging; das mit ſeinem lezten Schlag ſich dem Aug der Liebe zuwandte und noch nichts wuste von der Möglichkeit, daß es anders werden könne — hat den Wein des Lebens bereits geſchlürft und iſt nur vor den Hefen gerettet. Wie die Mutter das Weinen ihres unruhigen Kindes in Schlaf wiegt, öffne ich meine Arme dem gequälten Geiſt und mein Schoß, wiegt den ruheloſen zur Ruhe!“ Die Elfen antworteten nicht, denn ein Schauder und eine Furcht lag über ihnen, und die Geſtalt ſchwebte dahin, und noch lang wie ſie fortſchritt durch die Wolkenſchleier hörten ſie ihre leiſe Stimme durch das Brüllen des Sturms ſingen, wie die Klage de ode eine ſellf die ſtre dere Rhe Ru die Tre Rui und Däc ſpiec wan tagh U 67 des Waſſergeiſtes über das Schiff, das er in Strudel oder Untiefen verlokt hat. — ——— Siebenundzwanzigſtes Kapitel. —— Thurmberg.— Sturm auf den Rhein.— Die Ruinen von Rheinfels.— Fühlloſigkeit der Liebe gegen Gefahr.— Das Echo des Lurlei.— St. Goar, Kaub, Gutenfels, Pfalzgrafenſtein.— Unendlichkeit des Gemüths in den erſten Einſiedlern.— Gemaͤlde des Rheins bis Bacharach. Am ſolgenden Tag, der minder ſchön als irgend einer der bisber vorgekommenen war, ſezte unſre Ge⸗ ſellſchaft ihre Reiſe fort. Dumpf und ſchwer zogen die Wolken dahin und ließen die Sonne blos in zer⸗ ſtreuten Zweſchenräumen durchbrechen. Die Wan⸗ derer fuhren durch die gekrümmte Bucht, welche der— Rhein in jener Gegend bildet, und ſchauten auf die Ruinen von Thurm berg mit den reichen Gärten die untern die Ufer ſäumen. Das erſte Mal als„ Trevylyan dieſe gegen den Himmel aufſteigenden Ruinen geſehen und das grüne Lanb am Fuß des Felſen und das drunter verſtekte ruhige Dötflein, das ſeine Dächer und den vereinzelten Thurm im Waſſer ſpiegelt, wars mit einer frohen Sommerſchaar leicht⸗ wandelnder Freunde geweſen, die während der Mit⸗ taghize am Ufer Halt gemacht und übre Wein und 63 Früchten Gruppen aus Boccacio gebildet, Guitar⸗ ren, Scherz, improviſirte Liebe und lachende Geſchichten durch einander geworfen hatten. Welcher Unterſchied in ſeinen jezigen Gedanken — im Zwek der Reiſe— in ſeinen gegenwärtigen Gefährten! Geräuſchlos iſt der Tritt der Jahre; wir bemerken, wir achten ihn nicht, bis wir beim Verfolgen einer Bahn die wir vor langer Zeit ge⸗ gangen, mit Beſtürzung finden, welch tiefe Spur er hinterlaſſen hat. Einen Schauplaz unſerer Ju⸗ gend wieder beſuchen heist mit dem Geſpenſt unſeres Selbſts ſprechen. Jezt eben ſammelten ſich die Wolken raſch am Himmel und die Reiſenden wurden von erſten Rol⸗ len des Donners erſchrekt. Plözlich und ſchnell kam der Sturm heran und Trevylyan zitterte, als er Gertrudens Geſtalt mit den rauhen Schifſsmänteln bedekte, welche ſie mitführten. Das kleine Fahrzeug ſing an wild auf den Wellen hin und her zu wiegen. Hoch über ihnen ſtiegen die gewaltigen, geſchleiften Trümmer von Rheinfels auf; der Bliz zukte durch die geborſtenen Kreuzſtöke und zerbrochenen Gewölbe, und erhellte die düſtern Bäume welche, gegen den zürnenden Wind nikend, hie und da die Felſen um⸗ kleideten. Schnell kreisten die Waſſervögel über den Fluß, tauchten ihr Gefieder in den weißen Schaum und ließen ihr mistöniges Geſchrei ertönen. Ein Sturm auf dem Rhein hat eine Grosartigkeit, die üher jede Beſchreibung hinausgeht. Die Felſen, ⸗ das Blättergrün, die Ritterburgen die allenthalben von den luftigen Höhen aufſteigen und mit den Stimmen der Verwitterung von manchem früherem Kampf gegen Zeit und Sturm ſprechen; die breite, ſchnelle Strömung des ſagenreichen Fluſſes— Alles ſteht in Einklang mit dem Streit der Elemente und wol wird man fühlen, daß Wer den Rhein blos im Sonnenſchein geſehen von ſeinem erhabenſten Anblik nichts weiß. Von welchen Fehden ſind dieſe Trümmer Zeugen geweſen! Durch die Räubereien der übermüthigen Dränger in dieſen Mauern ging der erſte Rheinbund— der groſe Kampf zwiſchen der neuen Zeit und der alten— der Stadt und dem Schloß— dem Bürger und dem Ritter hervvr. Grau und ſtreng boten die Ruinen dem Sturm die Stirnen;— ein Bild des alten Geiſtes, der ſie einſt mit bewaffneten Sklaven bemannte, und noch in Trümmern und Verfall gegen die ſiegreiche Freiheit der er nicht länger widerſtehen kann, Einſprache führt. Von Trevylyans ſchüzenden Armen umſchloſſen, das Haupt an ſeine Bruſt gelehnt, fühlte Gertrud nichts von dem Sturm als ſeine Majeſtät, und Trevylyans Stimme flüſterte ihr aufhellenden Muth ins Ohr. Sie antwortete mit einem Lächeln und einem Seufzer, aber keinem Schmerzensſeufzer. In den Zukungen der Natur vergeſſen wir unſer eigenes geſondertes Daſein, unſere Abſichten, Plane, Beſorg⸗ niſſe; unſre Träume ſchwinden in ihre Höhlen zu⸗ 70 rük. Nur Einen Affekt überwältigt der Sturm nicht: die Liebe geſellt ihre Gegenwart der Stimme des tobendſten Gewitters eben ſo bei, wie dem Ge⸗ flüſter des Mittagwindes. So empfand denn Jene, während ſich Beide feſt umſchlungen hielten, und ſie die Angſt aus Trevylyans Blik wegzulächeln ſuchte, eine Sicherheit, ja eine Freude; denn die Gefahr iſt ſelbſt dem ängſtlichen Frauenherzen angenehm, wenn ſich ihm das Gefühl geliebt zu ſein durch ſie noch ſtärker eingräbt. „Noch einen Augenblik und wir ſind am Land« flüſterte Trevylyan. „Ich ſehne mich nicht danach,“ erwiederte Ger⸗ trud ſanft. Aber noch eh ſie nach St. Goar ge⸗ langten, ſtürzte der Regen in Strömen herab und ſelbſt die dichten Hüllen um der Kranken Körper boten keinen hinlänglichen Schuz gegen denſelben. Naß und triefend erreichte ſie den Gaſthof; aber weder jezt noch in den nächſten Tagen war ſie für den Stoß empfindlich, den ihre abnehmende Geſundheit erlitten. Das Gewitter dauerte nur wenige Stunden, und nachher brach die Sonne wieder ſo ſtralend her⸗ vor, und ſo einladend ſah der Fluß aus, daß man Gertruds angelegenem Wunſch nachgab und die Reiſe, jedoch in einem geräumigern Fahrzeug, fortſezte. Man kam an dem eingeengten, gefährlichen Paß des „Gewirres,“ und dem furchtbaren Strudel„die Bank“ vorbei, und am Ufer ſtieg zur Linken der mẽ iht re: Ho To tief die hat St und bem müt keit ſich Fel Ver und ſtret wol geſe heit zuke in d um aber je⸗ e, nd te, iſt nn ch er⸗ e⸗ nd en aß er en eit mächtige Lurleifels, gros und geſtaltlos, vor ihrem Blik auf. An dieſem Ort iſt ein wunderba⸗ res Echo; einer von den Schiffleuten ſtieß in ein Horn, was eine faſt ſchauderhafte Muſik hervorrief — ſo wild, laut und vft wiederhallend war der Ton. Sofort krümmte ſich der Fluß in ein ſchmales, tiefes Bett zwiſchen zerriſſenen Felſen, auf welche die Abendſonne lange, ſeltſame Schatten warf. Hier hatte der Einſiedler, von deſſen heiligem Namen das Städchen St. Goar den ſeinigen ableitet, gewohnt und die Religion des Kreuzes gepredigt.„Es lag,“ bemerkte Vane,„eine gewiſſe Unendlichkeit des Ge⸗ müths in der Bevorzugung jener gänzlichen Einſam⸗ keit, welcher die erſten Enthuſiaſten unſerer Religion ſich hingaben. Die abgeſchiedene Wüſte, der öde Fels, die rauhe Wohnung in einer Höhle, der ewige Verkehr mit dem eigenen Herzen, mit der Natur und den Träumen von Gott:— Alles gibt ein Bild ſtrenger, übermenſchlicher Gröſe. Sagen wir waswir wollen von der Nothwendigkeit und den Reizen des geſelligen Lebens, der Menſch der ſich der Menſch⸗ heit entſchlägt bekommt etwas Grosartiges.“ „Was Das betrift,“ erwiederte Du— e achſel⸗ zukend,„ſo gab es wahrſcheinlich ſehr guten Wein in der Nachbarſchaft, und die Augen der Mädchen um Oberweſel herum ſind ausgezeichnet blau.“ Die Reiſenden näherten ſich ſofort Oberweſel, abermals eine ehmalige Reichſtadt, und erblikten hinter 72 derſelben die Ueberreſte des Schloſſes von welchem das berühmte Geſchlecht von Schomberg, die Ahnenreihe des greiſen Helden des Boyne, 3 ſtammte. Etwas weiter oben, am entgegengeſezten ufer, hob ſich Schloß Gutenfels über dem ge⸗ ſchäftigen Städchen Kaub. „Wiederum ein Schauplaz,“ bemerkte Trevylyan, „der eben ſo ſehr durch Liebe als durch Schlachten⸗ ruhm verherrlicht iſt, denn das Schloß hat ſeinen Namen von der ſchönen Geliebten eines Kaiſers**), und von einem Vorſprung des Hügels nach unten gab der groſe Guſtav Adolf Befehl, den Kampf mit den Spaniern zu beginnen.“ „Jezt ſieht es friedlich genug aus,“ erwiederte Vane und zeigte auf das auf dem Strom liegende Floß und die grünen, über eine Uferkrümmung ge⸗ bengten Bäume. Jenſeits, mitten im Waſſer, ſteht das einſame Schloß Pfalzgrafenſtein, das als Gefängniß für angeſehenere Verbrecher eine traurige Denkwürdigkeit erhalten hat. Wie viele ſehnſüchtige *) Boyne heist eiil Fluß in Irland, an welchem der eng⸗ liſche König Wlihelm UI den aus Frankreich eingefal⸗ lenen Jakob II am 1. Juli 1690 ſchlug, jedoch dabei den 82 jährigen Herzog von Schomberg, einen ſei⸗ ner ausgezeichnetſten Generale, verlor. Die Zahl der Treffen/ welchen jener deutſche Held beigewohnt, ſoll der Zahl ſeiner Jahre gerad gleich gekommen ſein. Der Ueberſezer. **)„Die Sage von einer ſchönen Erbgräfin Guda, in welche Kaiſer Richard verliebt geweſen, ermangelt des hiſtoriſchen Grundes.“ Schreibers Handbuch. Der Ueberſezer. zu we wa ma ſich der lan mit knü entt Na eige voll! 9 ——— Blike mögen ſich von dieſen Fenſtern aus nach den rebenbekränzten Hügeln am freien ufer gewandt haben; wie viel ergrimmte Herzen mögen die tiefen Flüche des Haſſes in den Kerkern da unten genährt und nach den Wogen, die an die grauen Wände ſchlugen, geſchmachtet haben, daß ſie ſich Bahn zu ihnen hereinbrächen und ſie in Freiheit ſezten!*) Hier iſt der Rhein, von allen Seiten umgrenzt, zu einem jener ſcheinbaren Seen eingefeſſelt, in welche er ſeine lebendige Strömung ſo oft umzu⸗ wandeln ſcheint. Während der Durchfahrt glaubt man, das Waſſer überflieſe leis ſein Bett und breche ſich einen Weg in die Klüfte des bergigen Ufers. Auf der einen Seite an der Inſel Werth, anf der andern an Schloß Stahlek vorüber ge⸗ langten unſere Reiſenden nach Bacharach, däs mittelalterliche Erinnerungen mit römiſchen ver⸗ knüpfend, ſeinen Namen vom Gott des Weines entnimmt, und, wie Du— e mit eigenthümlichem Nachdruk erklärte, indem er einen groſen Kelch des eigenthümlichen Nektars hinabſchlang,„dieſe Ehre vollkommen verdient.“ *) Wenn auch in der Pfalz(oder dem„Pfalzgra⸗ fenſtein“) bisweilen Staatsgefangene aufbewahrt wurden, ſo iſt Dies doch, ſo viel dem Unterzeichneten bekant, eben nicht häufig geſchehen, und der Ausdruk daß das Schloß hiedurch eine traurige Denkwürdigkeit erlangt habe, kaum zu rrechtfertigen. Eher knüpft die Sage eine heitere Erinnerung an das Gie⸗ bäude. indem die Pfalzgräfinnen ehmals ihre Wochen⸗ bette daſſelbſt gehalten haben ſollen⸗ Der Ueberſezer. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Reiſe nach Bingen.— Entſchuldigung für die einfachen Begebenheiten in dieſer Geſchichte.— Lage und Karakter Gertruds.— Geſpräch der Liebenden im Tempel.— Wi⸗ derlegung einer Thatſache.— Gedanken, veranlast durch ein in den ſchönſten Umgebungen des Rheins gelegenes Haus für Wahnſinnige. Am folgenden Tag ſezte man die Reiſe fort und Gertruds Stimmung war ungewöhnlich heiter; die Luft dünkte ihr leichter und ſie athmete mit geringe⸗ rer Anſtrengung. Noch einmal kam Hoffnung in Trevylyans Bruſt, und das Geſpräch auf dem hin⸗ tanzenden Fahrzeug war in keine düſtern Farben getaucht. Sobald Gertrudens Geſundheit es erlaubte, war keine Lanne ſo fröhlich, ſo mild fröhlich, wie die ihrige, und der naive Scherz in ihren Bemerk⸗ ungen rief ein Lächeln auf Vanes ruhige Lippe und glättete ſogar Trevylyans ängſtliche Stirn. Was Du— e betrift, der hinter ſeiner Amtswürde viel von einem luſtigen Kameraden hatte, ſo brach er alle Augenblike in Bruchſtüke franzöſiſcher Chanſons und Trinklieder aus, die er für das Ergebniß der bacharacher Luft erklärte. Unter ſolcher Unterhaltung gleiteten die Trümmer von Fürſtenberg und das wiederhallende Thal von Rheindiebach an nd ge⸗ in in⸗ 75 ihren Segeln vorüber; ſofort auf dem entgegen⸗ geſezten Ufer der alte Fleken Lo rch(wo der rothe Wein zuerſt gepflanzt worden ſein ſoll) mit dem grünen Werder davvr. In ſeinen manigfachen Windungen zeigte der Strom Burg um Burg, gleichmäßig zertrümmert und gleichmäßig auf faſt unzugänglichen Jähen erbaut. Dann kam die St. Klemenskirche und gegenüber das Dorf Aß⸗ mannshauſen; die hohe, auf dem äuſſerſten Rand des Berges erbaute Roſſel; jezt der Hattos⸗ thurm, durch Southeys Ballade gefetert; und endlich die alte Stadt Bingen. Hier hielten die Reiſenden einige Tage an, um das Rheingau genauer zu beſichtigen. Jedem meiner Leſer muß ſich von ſelbſt ergeben, daß bei dem gewagten Verſuch an Stellen ans Trevylyans Geſchichte wie gegenwärtige nicht ſowol eine dichteriſche Erzälung, als einen Abſchnitt aus dem wirklichen Leben zu liefern, es ſehr ſchwer hält ein anderes als das allereinfachſte und unaufregendſte Intereſſe zu bieten. Wol hatten für Trevylyan jeder Tag, jede Stunde ihr Ereigniß, aber was ſind ſolche Ereigniſſe für Andere? Eine Wolke am Himmel, ein Lächeln von Gertruds Lippe war für ihn inhalt— voller als es die bunteſten Seenen ſeiner frühern vielbewegten Laufbahn geweſen; allein die Geſchichte des Herzens überſezt ſich nicht leicht in Worte, und die Welt wird immer ungeneigt ſein in ihrem ge⸗ ſchäftigen Treiben einzuhalten um den Wechſel auf 76 der Wange eines ſterbenden Mädchens zu beob⸗ achten. Was will in der unermeslichen Summe menſch⸗ lichen Daſeins eine einzige Zahl beſagen? Jeder Raſen den wir treten iſt das Grab eines frühern Weſens; gleichwol ſänftigt es das Herz, ohne es zu entnerven, wenn wir im Leben eines Andern Em⸗ pfindungen verfolgen, die wir alle einſt ſelbſt erfahren haben. Denn Wer hätte nicht auf ſeiner eigenen Bahn durchs Leben einmal all das gewöhnliche Ge⸗ ſchäft deſſelben angehalten und gefühlt wie die Manig⸗ faltigkeit der Begegniſſe ſich gegen ein einziges Tage⸗ buch zärtlicher Regungen umtauſchte? Wer hat nicht das Hinwandeln eines Trittes, ihm zu jener Zeit theu⸗ rer als die ganze Welt, zum einzigen Augenmerk ge⸗ macht? Und dieſe einzige Zahl, ſo unbedeutend nach der Berechnung anderer Menſchen, von welch unſchäzbarem Werth war ſie für ihn ſelbſt? Wenn wir dergleichen von der Zeit überſchattete und hinab⸗ gedrükte Erinnerungen in einem Andern wahrueh⸗ men, fühlen wir die wunderbare Heiligkeit des menſchlichen Daſeins; wir fühlen welche Empfindun⸗ gen ein einziges Weſen hervorzubringen vermag; welch eine Welt von Hoffnungen in einem einzigen Grab eingeſcharrt werden kann. Und ſo halten wir die ſanften Quellen jener Humanität in uns lebendig, welche uns mit unſerer Gattung verbindet und über die rauhen Bilder und unruhigen Kämpfe der Erde die Färbung einergemeinſamen Liebe wirft. gle Ei des bli abe dur fall des jene Ank ſind Jah Gro in ſieht deut die wech nach den erlit Huſt keicht daß Rhei zu nd Oft liegt auch in der Jahreszeit, worin der⸗ gleichen Gedanken ſich uns darbieten, ein gewiſſer Einklang mit den von denſelben erwekten Gefühlen. Während ich ſchreibe vernehme ich die lezten Seufzer des ſcheidenden Sommers und dürres, gelbes Laub blikt zwiſchen dem Grün der Natur hervor. Wenn aber dieſes Buch in die Welt eintrit, iſt das Jahr durch eine noch tiefer ſtehende Kette des Ver⸗ falls geſchritten und die erſten düſtern Wahrzeichen des Winters haben in das Gemüth der Menſchen jene Trauer geworfen, welche ſich leicht mit dem Andenken an Freunde, an Gefühle die nicht mehr ſind, verbindet. Gleich uns ſelbſt, bezeichnen die Jahrszeiten ihren Lauf durch etwas Schönes oder Groſes, das verloren zurükbleibt. Wie der Wanderer in Paläſtina Grab um Grab vor ſich aufſteigen ſieht, als Markſteine ſeines Wegs und einzige An⸗ deutung der Heiligkeit des Bodens: alſo wandert die Erinnerung über die heiligſten Stätten ihrer wechſelvollen Welt, und verfolgt ihre Spur nur nach Gräbern des Vergangenen. Gertrud fing nunmehr an den Stoß zu fühlen, den ihre Geſundheit in dem Sturm auf dem Rhein erlitten. Kalte Schauer überlieen ſie häufig; ihr Huſten wardthohler und ihr Körper zitterte beim leichteſten Lüftchen. Vane ward ernſtlich beunruhigt; es gereute ihn daß er Gertrudens Wunſch nachgegeben und dem Rhein die Stelle des Arno oder der Tiber zuge⸗ 38 wieſen. Noch jezt würd' er über die Alpen nach einem wärmern Himmelſtrich geeilt ſein, hätte Du— e nicht erklärt die Kranke würde die Reiſe nicht überleben, und die einzige Möglichkeit einer Herſtellung liege für ſie in der Ruhe. Indeſſen hielt Gertrud ſelbſt, in fortwährender Täuſchung über ihr Uebel, immer noch feſt an dem Glauben der Wiedergeneſung, unterſtüzte immer noch des Vaters Hoffnungen und ſänftigte mit heimlich trautem Ge⸗ ſpräch über die Zukunft die Angſt des Verlobten. Der Leſer erinnert ſich vielleicht daß die rührendſte Stelle in den Tragödien der Alten, der herzergreifendſte Abſchnitt des herzergreifendſten aller menſchlichen Dichter die bittende Rede Ipbigenias iſt, in welcher ſie um Friſtung ihres Lebens flehend ein ſo zartes Ge⸗ mälde von deſſen Unſchuld und Schönheit gibt*)— *) Euripides, Iphigenie in Aulis, Akt. 5 Sc. 3. Mein Vater, hätt ich Orpheus Mund, könnt' ich Durch meiner Stimme Zauber Felſen mir Zu folgen zwingen, und durch meine Rede Der Menſchen Herzen, wie ich wollte, ſchmelzen Jezt würd' ich dieſe Kunſt zu Hilfe rufen. Doch meine ganze Redekunſt ſind Thränen, Die hab ich und die will ich geben! Sieh, Statt eines Zweigs der Flehenden leg ich Mich ſelbſt zu Deinen Füßen: Tödte mich Nicht in der Blüte! Dieſe Sonne iſt So lieblich: Zwinge mich nicht, vor der Zeit Zu ſehen was hier unten iſt! Ich wars, Die Dich zum erſtenmale Vater nante, Die Erſte die Du Kind genant, die Erſte Die auf dem väterlichen Schoße ſpielte, Und Küſſe gab und Küſſe Dir entlokte. e 60 eb e⸗ und Gertrud glich dem Gebilds daß ſie am Rand des und Lieblichkeit des Lebens fühlte. des Griechen darin, Grabes die ganze Blüte, Glut Ihre Jugend Da ſagteſt Du zu mir:„mein Töchterchen Werd ich Dich wol„wies Deiner Perkunft ziemt, Im Hauſe eines glüklichen Gemals Einſt glüklich und geſegnet ſehen 2“— Und ich, An dieſe Wangen angedrükt, die flehend Jezt meine Hände nur berühren, ſprach: „Werd ich den alten Vater als dann auch In meinem Haus mit ſüßem Gaſtrecht ehren, Und meiner Jugend ſorgenvolle Pflege Dem Greis mit ſchöner Dankbarkeit belohnen 2“ So ſprachen wir. Ich habs recht gut behalten. Du haſts vergeſſen, Du, und willſt mich tödten. nein! bei Pelops, Deinem Anherrn! nein Bei Deinem Bater Atreus, und bei ihr Die mich mit Schmerzen Dir gebar und nun Aufs Neue dieſe Schmerzen um mich leidet! —— O gönne mir Dein Auge! Gönne mir Nur einen Kuß, wenn auch nicht mehr Erhörung, Daß ich ein Denkmal Deiner Liebe doch Mit zu den Todten nehme! Komm, mein Bruder, (der kleine Dreſtes) Kannſt Du auch Wenig thun für Deine Lieben, Hinknien und weinen kannſt Du doch. Er ſoll Die Schweſter nicht ums Leben bringen, ſag ihm. ieh da! auch Kinder fühlen Jammer noch! Sieh, eine ſtumme Bitte richtet er An Dich— laß Dich erweichen! Laß mich leben! An Deinen Wangen flehen wir Dich an, Zwei Deiner Lieben, Der unmündig noch, eben kaum erwachſen! Soll ich Dirs In Ein herzrührend Wort zuſammenfaſſen? Richts Süßres gibt'es 416 der Sonne t Zu ſchau'n. Niemand verlanget nach da unten! Nach Schillers Ueberſezung. 85 füllten Hoffnung und vielfarbige Träume; ſie liebte, und noch lag für ſie der Morgenhauch aufder unent⸗ zauberten Erde. Der Himmel war für ſie nicht der gemeine Himmel; die Welle hatte eine eigen⸗ thümliche Muſik für ihr Ohr und das flüſternde Laub eine Anmuth die Niemand, deſſen Herz nicht in der Liebe und dem Sinn für das Schöne ſich badet, durchzuhören vermochte. Und ſo erkante dann auch Trevylyan in ſpäteren Jahren mit tiefer Dankbarkeit an, daß ſie ſo wenig von ihrer Gefahr vorausempfunden; daß die Natur für ſie kein Grabes⸗ dunkel angenommen; daß, nach dem griechiſchen Ausdruk,„der Tod ſie ſchlafend unter Blumen fand.“ Nach wenigen Tagen trat eine jener in Ger⸗ trudens Krankheit ſo häufigen Umkehrungen ein; Jugend und Freude verbündeten ſich gegen die ein⸗ dringende Tyrannin und während der nächſten vierzehn Tage ſchien die Leidende noch einmal inner⸗ halb der Hoffnungsgrenzen. Während dieſer Zeit machten die Wanderer verſchiedene Ausflüge ins Rheingau und endigten ihre Reiſe im alten Heidel⸗ berg. Nachdem ſie eines Morgens auf einer dieſer Exkurſionen das Gehölz des Niederwalds durch⸗ ſtreift, gewannen ſie jeneu kleinen, feenhaften Tempel, der, leicht an der Stirn des Berges hangend, eine der ſchönſten Ausſichten auf Erden beherrſcht. Neben einander ſizend ſchauten die Liebenden hier au Lin des An unt gof den des zu Ru So: terh and Sch vern grur Trü vor wirk weld dann Stut gerl Rhei zurü auf die ſchöne Welt unter ſich hinab. Fern, zur Linken, lagen die glüklichen Inſeln in der Umarmung des Rheins, der ſich durch die niedern, gekrümmten Anger in der Umgebung von Niederingelheim und Mainz hinwindet. Weit herüberſchimmernd er⸗ goß ſich die Nah, vorüber am Mäuſethurmund den das alterthümliche Bin gen krönenden Trümmern des Klopp, in den Hauptſtrom. Dort erhoben ſich zu beiden Seiten der Stadt der Rochus⸗ und der Rupertsberg, lezterer mit einer alten, trüb in der Sonne ſtehenden Kloſterruine*). Aber näher, um terhalb des Tempels, gähnte, im Gegenſaz mit allen andern Zügen der Landſchaft, ein dunkler, zerriſſener Schlund herauf, umgürtet von hohen Ulmen und verwitternden Burgen, ein eigentliches Bild des Ab⸗ grundes der Zeit— ſchwarz und ankerlos unter Trümmern und Verödung. „Oft denk ich,“ ſagte Gertrud,„wenn wir vor Gegenden wie dieſe hier beiſammen ſizen, und der wirklichen Welt entrükt, nur den Zauber ſehen, welche die Ferne dem Anblik leiht,— oft denk ich dann welche Wonne es dereinſt ſein werde uns dieſe Stunden zurükzurufen. Würdeſt Du mich je weni⸗ ger lieben, ſo brauchte ich Dir blos zuzuflüſtern:„der Rhein!“ Werden dann nicht alle Empfindungen zurükkehren, die Du jezt für mich haſt?“ — *) Jezt iſt an der Stele dieſer Ruine ein Gebäude für die preuſſiſche Mauth aufgeführt. Der Ueberſezer. Bulwer's Romque XXIII. 6 „Ach, es wird nie eine Veranlaffung geben, meine Liebe für Dich zurükzurufen; ſie kann nie ab⸗ nehmen.“ „Was für ein wunderbares Ding iſt das Leben!“ rief Gertrud;„wie unzuſammenhängend, wie flüch⸗ tig ſcheinen alle einzelne Theile deſſelben. Steht dieſe ſüße Ruhe von den Mühen, von den gewöhn⸗ lichen Sorgen des Daſeins in irgend einer Gemein⸗ ſchaft mit Deiner bisherigen— Deiner künftigen Laufbahn? Du wirſt in die groſe Welt treten; in wenigen Jahre werden Dir dergleichen Augenblike der Muße und des ſtillen Sinnens verſagt ſein; das handelnde Leben das Du liebſt und ſuchſt, iſt ein eiferſüchtiger Wirküngskreis; es geſtattet keine Abſchweifungen, keine Raſt. Solche Momente wer⸗ den Dir dann nur wie jene Inſeln, jene glänzenden Nägel auf dem Band des Rheins, erſcheinen:— der Strom zögert einen Augenblik vor ihnen und eilt dann in ſeiner raſchen Bahn dahin; ſie bringen Abwechſelung aber nicht Unterbrechung in den Lauf der Fluthen.“ „Du biſt ſchwärmeriſch, meine Gertrud, aber Dein Gleichniß könnte wahrer ſein! Vergleiche dieſe Ufer lieber unſerem Leden, und den Strom dem einzigen Gedanken, der ewig zwiſchen beiden hinfliest, beide mit unſterblicher Friſche ſegnend.“ Gertrud lächelte, und als Trevylyans Arm fle ſofort umſchlang neigte ſie das ſchöne Antliz an ſeine Bruſt und er bedekte es mit Küſſen; ihr aber gram „als gen Ster den L an de ne uf wars in dieſem Moment als hätte, ſelbſt wenn der Tod über ſie hingegangen wäre, dieſe Umarmung ſie wieder ins Leben zurükrufen müſſen. Die Reiſe nach Mainz ſezten ſie theils zu Land, theils auf dem Fluß fort. Als ſie eines Tages auf der Rükkehr von den rebenbekränzten Hügeln des Johannisbergs, des Beherrſchers des ganzen Rheingaus, des ſchönſten Thals der Welt, zu Waſſer nach dem Städtchen Ellfeld fuhren, bemerkte Gertrud: »Dein Lieblingsdichter hat einen von Dir oft wiederholten Gedanken, den ich gleichwol nicht für richtig halten kann: „„„In der Natur liegt keine Trauer.“““ „Mir ſcheint es eine gewiſſe Trauer ſei unzer⸗ trennlich von der Schönheit. Am ſonnigſten Mit⸗ tag zieht ſich ein Gefühl von Einſamkeit und Stille durch die Natur und haucht uns aus der Glorie des Lebens heraus mit einem träumeriſchen, zarten Schmerz an. Woher Das2“ „Ich weiß es nicht,“ entgegnete Trevylhan gramvoll;„aber ich geſtehe, daß Du Recht haſt.“ „Es iſt,“ fuhr die dichteriſche Gertrud fort, „als ſpräche der Weltgeiſt zu uns aus dem Schwei⸗ Lgen und erfüllte uns mit der Empfindung unſerer Sterblichkeit; ein Flüſtern der in der Natur liegen⸗ Mahnungen Ach was wäre einen Dimmelt eine ewige den Religion, welche die Erde ſtets mit an den Himmel zu verbinden ſucht. ſelbſt die Liebe ohne 8⁴ Angſt vor der Trennung die einſt kommen muß! Wenn,“ fuhr ſie nach einer kurzen Pauſe ſort, und ein Schatten lagerte ſich auf ihr junges Antliz,— „wenn es wahr iſt, Albert, daß ich Dich verlaſſen ſol „Es iſt nicht möglich— nicht möglich!“ rief Trevylyan wild.»Sei ſtill, ſei ſtill, ich flehe darum.“ „Sehen Sie,“ bemerkte Du—e, zu rechter Zeit das Geſpräch der Liebenden unterbrechend,„auf jenem Hügel dort zur Linken iſt eine ehmalige Ab⸗ tei zum Zufluchtort des Wahnſinns geworden*)! Sieht er nicht wie ein ruhiger, heiterer Aufenthalt ſür die entfeſſelten, irren Gemüther aus, die ihn bewohnen? Welch Geheimuiß in unſerem Mechanis⸗ mus dieſe ſeltſamen, verwilderten Fantaſien, die an die Stelle unſerer feſten Vernunft treten! welche Lehre predigen ſie unſerer menſchlichen Schwäche!“ Wirklich verleitet es zu einem dunkeln, eigen⸗ thümlichen Zug der Gedanken, wenn wir mitten unter dieſen lieblichen Gegenden plözlich auf die einſame Wohnung Derer ſtoßen, deren Augen die Natur vielleicht umſonſt anlächelt! Oder iſt ſie für dieſelben ein Blendwerk? Sie ſehen auf den breiten Rpein mit ſeinen ruhigen In⸗ ſeln binab; geben ihre wilden Tänſchungen dem Strom etwa einen andern Namen, be⸗ vpölkern ſie die Thäler mit Geſtalten wie keine — — *) Die Abtei Eberbach⸗ Der Ueberſezer. leb In der vie trü An für den wa ſen leic un unt Sc ver um beſe Lie her tra biſt uns Ve weg zu Be une it uf b⸗ )1 alt hn an che 6 en⸗ ten me tur ür ben In⸗ aen he⸗ eine . 85 leben? Stralt der zerbrochene Spiegel in ihrem Innern das Angeſicht der Wirklichkeit zurük, oder Schatten und Formen in wildem Durcheinan⸗ der— Truggebilde der Träume eines Kranken? Doch vielleicht macht ein einziges, in der allgemeinen Zer⸗ trümmerung des Gehirns unverſehrt gebliebenes Andenken den ſchönen Rbein noch ſchöner, als er fürs gewöhnliche Auge iſt, änftigt den Strom mit den Farben hingeſchiedener Liebe und läst das ſie be⸗ wahrende Herzüber die rebenbekränzten Hügel mit We⸗ ſen hinwandeln, die nicht mehr ſind! Hier ſizt viel⸗ leicht der ſelbſt erſchaffene Herrſcher auf ſeinem Thron und ſieht die Schiffe für ſeine Flotte, die Wogen und Thäler für ſein Gebiet an. Dort ſieht der Schwärmer, vom Licht irgend einer Fantaſiereligion verbrant, Engelgeſtalten und findet in den Wolken um die ſinkende Sonne her den Siz Gottes. Dort beſchwört das Opfer treuloſer oder untergegangener Liebe, mächtiger als die alten Magier, die Todten herauf oder ruft die Ungetreuen durch den Zauber⸗ trank unſterblicher Imagination zurük. Ach, glüklich biſt Du, beſchwingte Macht der Bildungskraft in uns!— Beſiegerin jeden Grams— Erhellerin jeder Verzweiflung! Du nimmſt uns von der Welt hin⸗ weg wenn uns die Vernunft nicht länger an dieſſelbe zu feſſeln vermag, und gibſt dem Wahnſinnigen die Begeiſterung und den Troſt des Dichters! Du, Mutter der reineren Liebe, bleibſt wie die Liebe bei uns, ſogar wenn wir ſelbſt uns verlaſſen, und er⸗ 86 leuchteſt die zerträmmerten Gemächer des Herzens mit der Glorie die aus der Ruine ein Heiligthum ſchafft. RNeunundzwanzigſtes Kapitel. Ellfeld.— Mainz.— Heidelberg.— Ein Geſpräch zwiſchen Vane und dem deutſchen Studenten.— Die Rui⸗ des heidelberger Schloſſes und deren einſamer Be⸗ wohner.— Es war jezt voller Mittag; leichte Wölkchen zogen ſich gegen das jenſeitige Rheinuſer, aber über den gothiſchen Thürmen von Ellfeld breitete ſich der Himmel blau und klar aus; mit ſonnigem Wo⸗ genſchlag tanzte der Strom neben den alten Mauern hin und ganz in der Nähe gab ein mit Reiſenden vollgedrängtes und von lauten Stimmen ertönendes Schiff dem Schauplaz ein heiteres Leben. Vom ent⸗ gegengeſezten Geſtad ſtrichen die Hügel an den fernen Horizont hinüber und ein kleiner Nachen mitten im Waſſer brach den einſamen Glanz der Mittagſtille. Das Städtchen Ellfeld wurde von Otto dem Erſten an die Kirche von Mainz geſchenkt; nicht weit davon iſt der klare Quell, welcher der köſtlichen markebrunner Rebe ſeinen Namen gibt. die m ich ui⸗ Be⸗ hen ber ſich Bo⸗ ern den des nt⸗ den hen der dem icht chen „Ah!“ rief Du—e,„ohne Zweifel wusten ſich die guten Biſchöfe von Mainz dieſe Nachbarſchaft gar wol zu Nuzen zu machenls Die Reiſenden hielten ſich einen Augenblik in der Stadt auf und beſuchten die Ruinen von Schar⸗ fen ſte in. Sofort kamen ſie, den Fluß weiter hinauf, an Walluff vorüber, der Pforte des Rheingaus, und an dem üppigen Garten von Schierſtein; und gelangten, nachdem ſie am Schloß des Herzogs von Naſſau und zwei langen ſchmalen Rheinin⸗ ſeln vorbeigeſegelt, nach M ainz, eben als die Sonne ihre lezten Stralen auf das Waſſer warf, den ſtolzen Thurm der Kathedrale vergoldete und die Nebel durchbrach, die ſich im Hintergrund über den Felſen des Rheingaus zu ſammeln begannen. Ewig denkwürdiges Mainz!— gleich denk⸗ würdig für die Freiheit und für die Poeſie!— Wie oft erklangen in dieſen Mauern die Töne des Minne⸗ ſängers zum Lob der Frauen, und wie oft bebte an dieſem Fluß das Herz des Mädchens beim Dichter⸗ lied. Wiederum in dieſen Mauern ſchlug der kühne Walpode ſeinen groſen Entwurf einer Hanſa zuerſt vor; und vor Allem, erlauchtes Mainz, kannſt Du die Erfindung des mächtigſten Hebels des menſchli⸗ chen Geiſtes, des groſen Gleichners der Gewalten, des Demiurgs der moraliſchen Welt— der Preſſe in Anſpruch nehmen! Auch lebte hier der verleumdete Held des gröſten Dramas des modernen Geiſtes, der märchenhaſte Fau ſt, der, in ſeiner Perſon das 88 Schikſal ſeiner Nachfolger in der Lichtverbreitung vorausverkündend, wegen ſeiner Weisheit für ein Ungeheuer gehalten und zum Lohn der Wolthaten die er den Menſchen erwieſen zu den Höllenqualen verdammt ward. In Mainz hörte Gertrud ſo viel und ſo wieder⸗ holt von Heidelbers, daß ſie begierig ward, dieſe bezaubernde Stadt zu beſuchen, und da Du— e die heidelberger Luft für reiner und kräftigender erachtete, als diejenige von Mainz, ſo beſchloß man dort einen längern Aufenthalt zu nehmen. Ach, es war der Ort, der die kurze, ſchwermüthige Pilgerfahrt enden und für Trevylyans Herz der heiligſte Flek werden ſollte, den die Erde enthält— die Kaaba der Welt! Gertrud aber, ihres Verhängniſſes un⸗ kundig, unterhielt ſich im ſchnell dahin roklenden Gefährt froh mit den Begleitern, und berührte, ſtets erregbar für jeden neuen Eindruk, mit ihrer pezeichnenden Lebhaftigkeit Alles, was man auf der bisherigen Reiſe geſehen. In den Bemerkungen eines Weſens dem die Welt noch neu iſt, während wir ſelbſt ihrer alltäglichen Anſichten und Töne etwas überdrüſſig geworden, liegt ein groſer Zauber; wir pören aus jener Friſche heraus eine Stimme unſrer eigenen Jugend. Im vielbeſuchten Thal des Nekars, des kri⸗ ſtallhellſten aller Flüſſe*), ſeht die Stadt Heidelberg. — *) Einleitung S. 22:. „Gepränglos iſt was ich erzä“ und nimmer ne ſick ſie zu ble bot an das des „da fint Schon ſammelten ſich die Abendſchatten über ihr als der ſchwere Reiſewagen durch die alten Straßen raſſelte, und erſt am folgenden Tag ward Gertrud die über jeder Vergleichung ſtehenden Schönheiten recht gewahr, welche den Hrt umgeben. Vane, der früh aufzuſtehen pflegte, ging des Morgens allein aus, um Einſicht von der Stadt zu nehmen. Indem er den Petersthurm betrachtete, hörte er ſich plözlich beim Namen rufen. Er wandte ſich um und erblikte den deutſchen Studenten, den ſie in den Taunusbergen getroffen, an ſeiner Seite. „Sie haben ſehr wol gethan, mein Herr, hieher zu kommen,“ rief der Student;„ich hoffe unſre Stadt wird nicht hinter Ihren Erwartungen zurük⸗ bleiben!“ Vane erwiederte mit Höflichkeit; der Deutſche bot ſich ihm zum Begleiter auf ſeinem Spaziergang an, und ſo fiel denu das Geſpräch natürlich auf das Univerſitätsleben und die gewöhnliche Erziehung des deutſchen Volkes. „Es iſt wunderlich,“ bemerkte der Student, »daß die Menſchen ewig neue Erziehungſyſteme er⸗ finden und doch bei den alten verharren. Wie viele „Würd es das Ohr gemeinerm Erdenton „Entloken, lieh die helle Fantaſie „Nicht ihre Regenbogenbilder, gäbe „Des Ideales Färbung der Geſchichte.“ Erinnerung für die Umwohner des Nekars vom Ueberſezer. ————————— Jahre iſt es ſchon her, daß Fichte in Peſtaloz⸗ zi's Syſtem die Wiedergeburt des deutſchen Volks verkündet hat! Was war die Folge? Wir be⸗ wundern— wir loben, und ſtolpern in eben dem Weg fort, welchen Peſtalozzi als irrig nachweist. Gewiß,“ fuhr der Student fort,„muß eine Un⸗ terrichtsmethode, bei welcher Geiſt die Ausnahme, Stumpfſinn das gewöhnliche Ergebniß iſt, an ir⸗ gend einem Grundgebrechen leiden. Vollends auf unſeren deutſchen Hochſchulen beweist Alles, daß Erziehung ohue entſprechende Inſtitutionen wenig zur allgemeinen Karakterbildung hilft. Die jungen Leute ſtehen, ſo lange ſie die Hörſäle beſuchen, gegen einander auf einem Fuß der vollkommenſten Gleichheit; ſie ſind kühn, romantiſch, bis zum Wahnſinn für die Freiheit begeiſtert. Sie verlaſſen die Univerſität; keine politiſche Laufbahn fördert die dort angenommene Geiſtesrichtung weiter; ſie tauchen in Dunkelheit unter, leben zerſtreut und ver⸗ einzelt, und der von ſeinem Schiller trunkene Stu⸗ dent ſinkt zum paſſiven Geiſtlichen oder ſchläfrigen Landjunker herab. Seine Univerſitätslaufbahn, weit entfernt ein Vorbild ſeines künftigen Lebens zu ſein, iſt gerad der Gegenſaz deſſelben; er wird auf einem Feld erzogen um auf einem ganz'ent⸗ gegengeſezten fortzuwandeln. Dies halte ich für das allgemeine Gebrechen der Erziehung in allen Ländern. Man fast dieſelbe als ein Etwas auf, womit es in einem gewiſſen Alter ein Ende nehme. re vo bil gel fra un un hin blö rid ein fuh „es ſo Ge Er Ha St von 1 f, Man macht ſie nicht zu einem Theil der fortwäh⸗ renden Lebensgeſchichte, ſondern zu einem Abſtecher von derſelben.“ „Sie ſind in England geweſen?“ fragte Vane. „Ja; ich habe es beinah ganz zu Fuß durch⸗ wandert. Ich war damals arm, und in der Ein⸗ bildung als beſtände zwiſchen allen wiſſenſchaftlich gebildeten Männern eine Art Freimaurer⸗Bund fragte ich in jeder Stadt nach den Gelehrten und bat ſie, als etwas ganz Natürliches, um Geld.“ Vane lachte beinah laut über die Schlichtheit und naive Unkunde der Herabwürdigung, womit der Student ſich ſelbſt als einen öffentlichen Bettler hinſtellte. „Und was war in der Regel Ihr Erfolg?“ »In den meiſten Fällen ward ich mit den Fuß⸗ blöken bedroht, und zweimal ward ich vom Friedens⸗ richter der Dorfpolizei überantwortet, um nach einem myſtiſchen Mekka gebracht zu werden, das man Pfarrgemeinde zu nennen beliebte. Wirklich,“ fuhr der Deutſche mit vieler Gutmüthigkeit fort, „es war zum Erbarmen in einer groſen Nation ſo viel Werth auf ein ſo elendes Ding wie das Geld gelegt zu ſehen.— Was mich aber höchlich in Erſtaunen ſezte, war der Ton Ihrer Poeſte. Als Hauptkarakter derſelben bezeichnet uns Frau von Stasl, die vielleicht ſo viel von England wuste als von Deutſchland, das Chevalereske; allein mit 92 Ansnahme Scotts, der, beiläufig ge Publikums über den Werth poetiſcher noch unerörtertes Misverſtändniß vorw immer gereicht die Poeſie zur Luſt, aber zur Lehre. Eine aus dem Herzen mende Proſa erleuchtet, belehrt, erhebt Ihre philoſophiſcheſten Dichter würden, ſie in Proſa überſezte, ſehr alltäglich w ſagt, kein Engländer iſt, fand ich keinen chevaleresken Dich⸗ ter bei Ihnen.“ „Unter uns geſagt,“ ſprach der Student wei⸗ ter,„glaub ich übrigens daß auf unſerer gegenwär⸗ tigen Civiliſativnsſtufe in der Anſicht des gröſern Werke ein alte. Noch nicht mehr hervorkom⸗ weit mehr. wenn man erden. Der ſcheinbar ſo tiefe Childe Harold verdankt ſeine Tiefe zulezt nur ſeiner Sprache; in der Tha nichts Neues als den Mechanismus ſeir Nicht in Verſe laſſen ſich die läutern nigen Gedanken bringen, für welche ein ſaiſcher Schriftſteller Geſtalt und Aus t enthält er er Diktion. den, tiefſiu⸗ groſer pro⸗ druk findet; ewig verkrüppelt ſie der Reim; dieſer past für die allgemeinen, jezt abgedroſchen geword wahrheiten der Menſchennatur, nicht fü enen Grund⸗ r die feinen, philoſophirenden Folgerungen die aus denſelben ab⸗ gezogen werden. So iſt, ſo parador es auch auf den erſten Blik ſcheinen mag, das Alltägliche eher das Element der Poeſie als der Proſa. Gefühl ſchrieb Schiller die tiefſte der gödien, ſeinen Fiesko, in Proſa.“ In dieſem neuern Tra⸗ Eine ſolche Anſicht entzükte Vane, der nichts von vor fen lud ein. Geſ Sch und anhi von gend das ſie r Ber dunk Sch ſchli Abh nehn unte über Schl ſeine des aber ein; * v 8» 85 von einem Dichter an ſich hatte, und mit einer Zu⸗ vorkommenheit die ihn beim zweiten Zuſammentref⸗ fen mit neuen Bekanten ſonſt ſelten anwandelte, lud er den Studenten zum Frühſtük im Gaſthof ein. Nachdem dieſes eingenommen war, zog unſre Geſellſchaft durch die Stadt nach dem wundervollen Schloß, das die Hauptzierde Heidelbergs bildet, und die edelſte Trümmer deutſcher Gröſe iſt. Und als ſie jezt, noch vor Erſteigung der Höhe, anhielten, blikte die prachtvolle Ruine, umgürtet von ihren maſſiven Mauern und frei hervorſprin⸗ genden Terraſſen, an welche ſich von Stelle zu Stelle das zwergartige, bunte Laub ſchmiegte, finſter auf ſie nieder. Im Hintergrund hob ſie der gewaltige Berg hoch empor, bis zum äuſſerſten Gipfel mit dunkeln Bäumen bedekt, in ſeinem geheimnisvollen Schvoß die Schattengeſtalten der Märchenwelt ver⸗ ſchließend. Aber gegen die Ruinen zu, auf dem ſteilem Abhang, mag man einige zerſtreute Schafe wahr⸗ nehmen, wie ſie in dünnen Gruppen ſich gegen den unterbrochenen Boden hervorheben. In der Höh, über dem Bollwerk, ſteigt verödet und mächtig das Schloß der Kurfürſten von der Pfalz empor. Auf ſeinen geborſtenen Mauern kann man die Spuren des Blizes verfolgen, der ſeine alte Pracht zerſtörte, aber im gewaltigen Umfang der Maſſe immer noch ein paſſendes Denkmal an die Zeit Karls des Gro⸗ 94 ſen zurükließ.*) In der Ferne unten dehnte ſich die Ebene weit und geräumig aus, bis endlich der umſchattete Fluß, mit einem einſamen Segel auf ſeinem Schoß, das ſchwermüthige Bild der Erde dem herbſtlichen Himmel verband⸗ „Seht,“ ſagte Vane und zeigte auf zwei Land⸗ leute in ihrer Nähe, die unbewust der Erinnerungen, die der Ort einflöst, über Angelegenheiten ihres klei⸗ nen Handels ſprachen;„ſeht! nach Allem was man für Menſchengröſe ſchon geſagt und gethan, pleibt ſie doch immer nur die Gröſe einiger Weni⸗ *) Für Deutſche braucht es kaum der Nachweiſung, daß der Verfaſſer ſich hier in einem doppelten Irrthum be⸗ finde. Schon urſprünglich ſtammte dasjenige Schloß, deſſen Ueberbleibſel die jezigen Ruinen ſind, aus einer Groſen, geſchweige daß die Hauptmaſſe der gegenwär⸗ tigen Reſte bis in jene Periode hinaufreichte. Höchſiens daß vielleicht einige Säulen⸗ die Kurfürſt Philipp der Aufrichtige aus dem Palaſt Karls des Groſen in Nie⸗ deringelheim nach Heidelberg bringen ließ, noch jezt unter den Ruinen vorhanden ſein mögen.— Sodann war es bekantlich nicht der Bliz, ſondern der franzö⸗ 3 ſche General Melac, welcher⸗ zu Ende des ſiebzehn⸗ 3 ten Jehrhunderts, dem Schloß ſeine nunmehrige Ge⸗ 3 ſialt gab.— Die Zerſtörung durch einen in das Pul⸗ vermagazin gefallenen Bliz„ deren der Verfäſſer weiter unten noch ausführlicher gedenkt, kam im Jahr 1537 vor, traf jedoch das obere Schloß, von welchem nur noch einige Steinhaufen übrig ſind, und erfolgte nicht während einer Belagerung⸗ ſondern im Frieden⸗ Vergl.:„Heidelberg und ſeine Umgevungen von A. Schreiber.“ Der ueberſezer⸗ viel ſpätern Zeit, als das Jahrhundert Karls des get erl in geg Um der Die Fac keit Aut Bol der die beri gan gen. Jahrhunderte vergehen und laſſen die arme Herde, die Maſſe der Menſchen, ewig als die näm⸗ liche zurük— als Holzhauer und Waſſerträger. Die Pracht der Fürſten hat ihre Ebbe und Fluth; aber der Landmann verkauft ſein Obſt dem Fremd⸗ ling in den Ruinen ſo wolgemuth, als dem Kaiſer in ſeinem Palaſt.“ „Wird es immer ſo ſein?“ fragte der Student. „Last uns für einen dauernden Ruhm das Ge⸗ gentheil hoffen,“ erwiederte Trevylyan.„Hätte ein Volk jenen Palaſt erbaut, ſein Glanz wäre nie erloſchen!« Vane zukte die Achſeln und Zu—e nahm eine Priſe. Der ganze Eindruk jedoch, welchen das Schloß in einiger Entfernung hervorbringt, iſt noch nichts gegen den Standpunkt innerhalb des gewaltigen Umkreiſes, wo man die Baukunſt aller Jahrhun⸗ derte zu einer mächtigen Trümmer verbunden ſieht. Die reichen Farben des Gemäners, die prunkenden Fagaden, jede Art von Bauweſen welches der Menſch je für den Krieg oder für die Behaglich⸗ keit erſchuf, trift man hier mit dem gemeinſamen Ausdruk— der Ruine! Das mittelalterliche Bollwerk, der gähnende Graben, der rauhe Thurm, der prächtige Bogen, die Stärke einer Feſtung die Herrlichkeit eines Palaſtes— Alles zuſammen berührt die Seele wie die Geſchichte eines untenge⸗ gangenen Reichs in all ſeinen Epochen. „Einen wunderlichen Bewohner haben dieſe Ruinen,“ bemerkte der Student; veinen einſamen Maler, der ſchon ſeit einigen und zwanzig Jahren hier wohnt, blos ſeine Kunſt zur Gefährtin. Kein Gemach als das welches er inne hat, iſt von einem menſchlichen Weſen eingenvmmen.« „Welche poetiſche Exiſtenz!“ rief Gerkrud, ent⸗ zübt über eine ſo deutungvolle Einſamkeit. „Mag ſein!“ entgegnete der grauſame Vane, ſtets bemüht jede Flluſton zu zerſtören;„wahrſchein⸗ licher aber noch hat die Gewohnheit für ihn all Das getödtet was uns mit Schauern überwältigt, und vielleicht wandelt er unter dieſen Ueberreſten eher mit dem Beſtreben umher, irgend ein rohes Stük einer Antiquität wegzubekommen, als daß er ſeine Einbildungskraft mit den dämmernden Sagen nährte, welche die Trümmern mit einer ſo erhabenen Poeſie umkleiden.“ „Ihre Vermuthung, mein Herr, hat etwas Wahres,“ erwiederte der Deutſche;—„übrigens iſt der Maler ein Franzoſe.“ Zu der eigenthümlichen Schwermuth und Ho⸗ heit der heidelberger Ruinen, in welchen die gewaltige Kraft einen ſo auffallenden Gegenſaz zu der gänz⸗ lichen Verwüſtung bildet, trägt auch das ſich hier aufdruͤngende Gefühl des Fatums bei. Zweimal wurden ſie vom Bliz getroffen und ſind das Wrak der Elemente, nicht der Menſchen. Während der groſe: Pulv 2 berech Zornt Ein den 2 Mach ten. Z walti hof h Höhle D Ke — Die Amt de D liche nimmt einſam geiſtig detſten Buln t⸗ e, in⸗ all gt, ten hes en ten as ens Ho⸗ ige nz⸗ imer mal rak der Pulvermagazin geſchlagen haben. Welch ein Feld für ein grrſes, auf die Fantaſie berechnetes Werk! Welch Beiſpiel des ſpottendeu Zorns der Natur im winzigen Streit der Menſchen. Ein Streich des„rothen Arms“ über uns zermalmt den Triumpf von Jahrhunderten und höhnt die Macht der Belagerer und den Muth der Belager⸗ ten. Den ganzen Tag verbrachten ſie unter den ge⸗ waltigen Trümmern, und als ſie nach ihrem Gaſt⸗ hof hinunter ſtiegen, war ihnen als hätten ſie die Höhlen eines mächtigen Grabs verlaſſen. Dreiſſigſtes Kapitel. Kein Theil der Welt iſt wirklich einſam.— Elfenlied. — Die heilige Stätte.— Die Windhexe.— Zauber und Amt der Elfen. Doch an welchen Flek der Welt herrſcht je gänz⸗ liche Einſamkeit? Die Eitelkeit des Menſchen nimmt an ſeine Abweſenheit mache einen Ort einſam. Wer aber kann ſagen welche Millionen geiſtiger Geſchöpfe unſichtbar über die ſcheinbar verö⸗ detſten Orte hinſchweben? Oder kennen wir unſern Bulwer's Romane XXlil, 7 groſen Belagerung ſoll das Wetter zufällig in das 98 eigenen Organismus ſo genau, daß wir Weſen, welche wir nicht wahrzunehmen vermögen, die Mög⸗ lichkeit des Lebens und der Bewegung abſprechen dürften 2 Beim Mondlicht hörten die düſtern Schatten, die Nachts durch die verwitterten Hallen des heidel⸗ berger Schloſſes und die dunkeln Höhlen ſeines Bergs ſchweiſen, folgenden Geſang im groſen Hof am Rand des zerſprengten mit Weiden übergrünten Baſſins: Aus Wäldern und aus der grünenden Schlucht Die wild der Quendel durchwebt, Bon den Flüſſen, auf deren kräuſelnder Flucht Das küſſende Mondlicht bebt; Wenn aus der Berghöhle blikt der Gnom, Und der Erlkönig aus dem Duft, Und die Nixe aus ihrem klagenden Strom— Enthuſchen wir ſtill in die Luft. Es lächelt der Wogen Rebengeleit, Und die Schlöſſer des ragenden Lands: Sie träumen zurük die vergangene Zeit Und niken auf unſeren Tanz! Ja Tanz! Leicht tanzen wir durch die Gemächer fort, Den Boden betreten wir kaum; Doch ſie he, da hat ein einziges Wort Die Eule verſcheucht von dem Baum, Und den Koboldgeiſt! Ha! Ha! wir haben mit Einem Wort Die Alte verſcheucht von dem Baum, . Und den Koboldgeiſt! „Sie kommen nicht,“ ſagte Pipali,„und doch iſt d froh über habe Und ſolch Mal Dint ſeine meng groſe bis d ſonſt einer aufe der Fluſſ ausg geheg ſcher grüne nen Zaub bedekt Haup Thrät eſen, Rög⸗ chen „die idel⸗ eines Hof nten doch iſt das Banket bereit und die arme Königin wird froh ſein einige Erfriſchungen zu erhalten.“ »Welcher Jammer! alle Roſenblätter werden überkocht werden!“ rief Schnipp. „Last uns unſere Luſt mit dem alten Maler haben!“ ſchrie Tripp und ſprang über die Ruinen. „Recht geſagt!“ riefen Pipali und Schnipp. Und alle Drei, den Grosſchazmeiſter entſezt über ſolche Leichtfertigkeit zurüklaſſend, huſchten in des Malers Zimmer. Indem wir ihnen erlauben die Dinte auf das Papier ihres Opfers umzuwerfen, ſeine Pinſel zu zerbrechen, ſeine Farben zu ver⸗ mengen, ſeine Nachtmüze zu verlegen, in Geſtalt einer groſen Fledermaus gegen ſein Geſicht anzuſchwirren, bis der erſtaunte Franzmann zu glauben anfing die ſonſt ſo nachdenklichen Kobolde des Ortes ſeien von einer Geiſteskrankheit befallen worden,— eilen wir auf ein grünes Pläzchen, nur wenig entfernt von der Stadt, im Nekarthal, am Ufer des ſilbernen Fluſſes. Es war, die vom Waſſer begrenzte Seite ausgenommen, rund um von dunkeln Bäumen ein⸗ gehegt. Wilde Blumen ſprosten in verſchwenderi⸗ ſcher Fülle von dem noch weichen und auffallend grünen Raſen. Dort beſchrieb der deutſche Elfe ei⸗ nen Kreis rund um den Flek und ſprach ſeinen Zauber. Und Silpelit ſaß gramvoll in der Mitte, bedekte ihr Antliz, das niedergebeugt war, wie das Haupt einer Waſſerlilie, und weinte kriſtallhelle Thränen. 5* 400 Da kam ein hohles Gemurmel durch die Bäume und ein Rauſchen wie von einem mächtigen Wind, und eine dunkle Geſtalt trat aus den Schatten und näherte ſich dem Hrt. Das Geſicht war runzlig und alt und ſtieß durch ein böswilliges und übles Anſehen zurük. Den dür⸗ ren, gewaltigen Leib ſtüzte ein Stab, und ein kurzer grauer Mantel dekte die gekrümmten Schul⸗ tern. „Geſchöpfe des Mondſtrals,“ ſprach die Geſtalt mit kreiſchender, geſpenſterhafter Stimme,„was wollt Ihr hier und warum feiet Ihr dieſen Flek gegen meinen und der Meinigen Tritt?“ „Dunkle Zauberin des Mehithaus und Sturms,“ erwiederte der Elfe,„Du die das Kraut in der zarten Jugend abknikt und das Herz der weichen Knoſpe abzehrt: ſieh es iſt nur ein kleines Pläz⸗ chen, das die Elfen von Deinem Erbe in Anſpruch nehmen und worauf ſie in Froſt und Hize das Gras grün und die Luft in ihren Seufzern ſanft erhal⸗ ten wollen! „Und warum, o Bewohner der Erdklüfte, willſt Du dieſen Flek vor dem Fluch der Jahreszeiten be⸗ wahren 2“ „Wir wiſſen durch unſern Inſtinkt,“ antwortete der Elfe,„das dieſer Flek das Grab von Einer werden wird, welche die Elfen lieben. Hieher wer⸗ den wir durch unſern unbemerkten Einfluß ihren Scht auf gebu durc Krie, dem Mot Was rager ſen, als U Grab es ni Solle ſchwi zart den?“ möcht möcht Gule Hiehe Fleder Du ſo ten de Somn ter der liches S der en uch ras al⸗ Schritt leiten ſo lang ſie noch lebt, und im Hinſchauen auf dieſen Ort wird Wunſch nach Ruhe und Er⸗ gebung in den Tod ihre Seele beſchleichen. Sieh durch das Weltganze alle Weſen mit einander im Krieg, den Löwen mit dem Lamm, die Schlange mit dem Vogel, ja das zarteſte Vögelchen ſelbſt mit der Motte der Luft oder dem Wurm der niedern Erde. Was alſo iſt für Menſchen und den Menſchen über⸗ ragende Geiſter ſo lieblich und heilig, als ein We⸗ ſen, das keinem andern ein Leid thut? was ſoſchön als Unſchuld? was ſo traurig, als deren vorzeitiges Grab? Und ſollte ſolch Grab nicht heilig ſein? ſoll es nicht unter unſerer beſondern Orhut ſtehen? Sollen wir nicht darüber klagen, wie über das Hin⸗ ſchwinden eines ſchönen Wunders in der Natur, zu zart für die Dauer, zu ſelten um vergeſſen zu wer⸗ den?“ „Darum, o furchtbare Wekerin des Sturms, möchten die Elfen dieſes Pläzchen heiligen; darum möchten ſie von ſeinem ruhigen Raſen die wandernde Gule und die böſen Kinder der Nacht wegzaubern. Hieher ſoll weder die übelkündende Eule, noch die Fledermaus, noch der unreine Wurm kommen. Und Du ſollſt weder Willen noch Macht haben, die Blü— ten des Lenzes zu kniken, oder das grüne Kraut des Sommers zu ſengen. Iſt es nicht, dunkl Mut⸗ ter der böſen Winde, iſt es nicht unſer unvordenk⸗ liches Amt das Grab der Unſchuld zu warten und 102 die Blumen um die Ruheſtätte jungfräulicher Liebe friſch zu erhalten?“ Da zog die Hexe ihren Mantel um und mur⸗ melte für ſich hin. Und ohne weitere Autwort wandte ſie ſich nach den Bäumen und verſchwand, indem der Hauch des Oſtwinds, der ſie als Ge⸗ fährte begleitet, das trauernde Laub ihrem Pfad ent⸗ lang ſtreute! Einunddreiſſigſtes Kapitel. Gertrud und Trevylyan als Erſtere von dem Gefühl des herannahenden Todes ergriffen wird. Am folgenden Tag zog Gertrud mit ihren Be⸗ gleitern den Ufern des lieblichen Nekars entlang. Sie hatte eine ſchlafloſe, ſchmerzliche Nacht gehabt, und ihre ſchwindenden, kindlichen Lebensgeiſter wa⸗ ren zu einer wehmüthigen, gedankenvollen Stimmung herabgedämpft. In einem offenen Gefärth mit dem ihr nie von der Seite weichenden Trevylyan lehnte ſie ſich müd zurük, während Du— e und Vane lang⸗ ſam voran ritten. Umſonſt ſuchte ſie der Freund aufzuheitern: felbſt ſeine ſonſt ſo begierig auſgenom⸗ menen Verſuche durch eine Erzälung, ein Mär⸗ chen ihre trübern Augenblike wegzuzaubern, waren diesm drüktt nein; aber 1 ſie in C Bruſt Antli wegen nen Welt auf T und a ſüß u wund bebe2 der G Ich h Anwa aber e dräng nicht Tod, mehr rührer danken zu ſeit ur⸗ ort nd, Ge⸗ fühl Be⸗ ng. abt, wa⸗ ung dem nte ing⸗ und om⸗ där⸗ 103 diesmal fruchtlos. Sanft ſchättelte ſie den Kopf, drükte ſeine Hand und ſagte:„Nein, lieber Tevylyan, nein; ſelbſt Deine Kunſt verfehlt hent ihren Zwek, aber Deine Liebe niemals!“ Und ſeine Hand an ihre Lippen preſſend, brach ſie in einen heftigen Thränenſtrom aus. Erſchrekt und angſtvoll drükte er ſie an die Bruſt, ſuchte das auf ſeinen Ruheplaz geſunkene Antliz zu erheben und ihre Thränen wegzuküſſen. „Ach,“ ſprach ſie endlich,„misachte mich nicht wegen meiner Schwäche; ich bin von meinen eige⸗ nen Gedanken überwältigt. Ich blike auf die Welt und ſehe, daß ſie ſchön und gut iſt; ich blike auf Dich und ſeh in Dir Alles was ich zu verehren und anzubeten vermag. Das Leben ſcheint mir ſo ſüß und die Erde ſo lieblich;— kannſt Du Dich wundern daß ich bei dem Gedanken an den Tod er⸗ bebe? Nein, unterbrich mich nicht, theurer Albert; der Gedanke muß ertragen und beſtanden werden! Ich hab ihn nicht genährt, ihm während des langen Anwachſens meines Uebels keine Macht eingeräumt, aber es gab Zeiten, wo er ſich mir gewaltſam auf⸗ drängte, und jezt, jezt fühlbarer als je. Halte mich nicht für ſchwach und kindiſch; nie fürchtete ich den Tod, bis ich Dich kennen lernte— aber Dich nicht mehr ſehen;— nie wieder dieſe liebe Hand zu be⸗ rühren;— Dir nie wieder für Deine Liebe zu danken;— nie mehr für Deine Sorgfalt erkentlich zu ſein— niederzuliegen und zu ſchlafen und nie, 404 nie noch einmal von Dirzu träumen!— ah, das iſt ein bitterer Gedanke! aber ich will ihm trozen— ja trozen, als Eine die Deiner Achtung werth iſt.“ Trevylyan, von erwürgenden Gefühlen umklam⸗ mert, bedekte das eigene Geſicht mit den Händen, lehnte ſich im Wagen zurük und kämpfte umſonſt gegen ſein Schluchzen an. „Vielleicht,“ hob ſie, die mitunter ſich noch an der Hoffnung feſthielt, die von ihm gänzlich ge⸗ wichen war, wieder an:„vielleicht daß ich mich gleichwol täuſche; daß meine Liebe zu Dir, von welcher mir iſt, als könnte ſie den Tod beſiegen, mich gegen dieſe grauſame Krankheit aufrecht er⸗ hält. Die Hoffnung mit Dir zu leben— Dich zu hüten— Deine hohen Plane zu theilen— und — ach vor Allem— Dich in Kummer und Leiden zu tröſten wie Dumich getröſtet:— liegt in ſolcher Hoffnung nicht etwas, das ſelbſt dieſen dahinſinkenden Leib zu tragen vermag? Und Wer wird Dich lie⸗ ben, wie ich Dich liebe? Wer Dich in dem Licht ſehen, wie ich Dich geſehen? Wer für Dich unter Dank und Thränen beten, wie ich gebetet habe? O Albert, ſo wenig bin ich eiferſüchtig auf Dich, ſo wenig denk ich vergleichungweiſe an mich, daß ich meine Augen zufrieden vor der Welt zuſchlöße, wenn ich wüste daß ein anderes Weſen Dir ſein werde, was ich Dir ſein könnte!“. „Gertrud,“ erwiederte Trevylyan, und Plikte ſie, d licher unſer trenn Bant ſtens geweſ auſtie Gott 6 die L einen ſchön leiden dann „nein der S vereir Selb alſo r Deine nicht ein V möcht ſchöne meine das n ander ng m⸗ en, nſt ger ich on en, zu ind den her den lie⸗ icht ter D ſo enn rde, 105 ſie, das farbloſe Antliz erhebend, mit ernſter, feier⸗ licher Ruhe an—„Gertrud, laß uns jjezt gleich unſern Bund ſchließen; wenn das Schikſal uns trennen ſoll, ſo ſchneide es auch das lezte, innigſte Band der Vereinigung entzwei; fühlen wir wenig⸗ ſtens daß wir einander auf Erden Alles in Allem geweſen; trozen wir dem Tod, ſelbſt währen der uns anſtiert. Sei die Meinige morgen— heut.— O Gott! ſei die Meine!“ Selbſt über die bleichen Züge, unter deren Farben die Lampe des Lebens ſo ſchwach flakerte, ſtreifte einen Moment lang eine hohe, ſtralende Röthe, die ſchönen Trümmer mit jungfräulicher Glut und leidenſchaftlicher Hoſſnung erleuchtend, und ſtarb dann raſch hinweg. „Nein Albert,“ ſprach ſie mit einem Seufzer, „nein! ſo ſoll es nicht ſein; denn leichter wird Dich der Schlag treffen, wenn wir noch nicht gänzlich vereint ſind, und was mich ſelbſt betrift, ſo iſt mirs Selbſtſüchtlingin zu Muth als würd ich, wenn ich alſo von Dir ſcheide, eine zärtere Erinnerung in Deinem Herzen zurüklaſſen,— eine zärtere aber nicht ſo traurige. Auch möcht' ich Dich nicht als ein Witwer an mein Andenken gebunden wiſſen; möchte nicht daß dieſes wie ein Mehlthau an Deinen ſchönen Ausſichten für die Zukunſt haftete! Denke meiner eher als eines Traumes, als eines Etwas das nie ganz in Deinen Beſiz kam und daher keine andere Treue als freundliche, verzeihende Gedanken 106 in Anſpruch nimmt. Erinnerſt Du Dich jenes Abends auf dem Rhein,— o ſelige, ſelige Stunde! — als wir vom Ufer aus Muſik vernahmen, nicht ſo künſtlich daß ſie as ſich ſelbſt des Hinhörens werth geweſen wäre, aber zu der Stunde und dem Ort paſſend, ſo daß wir ſtill wurden um ſie beſſer zu vernehmen; und als ſie unmerklich auf dem Waſſer dahinſtarb, kam eine Art Wehmuth über uns; wir fühlten daß Etwas, das die Landſchaft mild gemacht hatte, weg war, und wir ſprachen nicht mehr mit ſo leichtem Herzen wie vorher. Eben ſo, mein einzig geliebter, mein einzig angebeteter Trevylyan, eben ſo iſt der Eindruk den unſre kurze Liebe— das Daſein Deiner armen Gertrud Deinem Gedächtniß zurüklaſſen ſollte. Ein Ton— ein Bild — ſoll Dich eine kurze Zeit und nicht länger ver⸗ folgen, bis Du für den Ruhm, der Deiner auf der eingeſchlagenen Bahn wartet, wieder empfänglich wirſt!“ Als jedoch Gertrud Dieſes geſagt, wandte ſie ſich zu Trevylyan und beim Anblik ſeiner Todesqual konnte ſie nicht länger an ſich halten. Sie fühlte daß ein Troſt hier ein Hohn ſei; ſie warf ſich an ſeine Bruſt und ſie vereinigten ihre Thränen mit einander. At Siz in lichen und ſit Natur, einem für die lig in! Blik a— glätte genpun Wetter jenem ſtets at die St dem Li Ei ſchen 2 und ſas der vie lingsſas Zweiunddreiſſigſtes Kapitel. 3 Ein Ort der zu einem Grab past. ⁰ er aft Auf dem Heimweg nahm Du—e den dritten en Siz im Wagen ein und ſuchte mit ſeiner gewöhn⸗ en lichen Lebhaftigkeit ſeine Gefährten aufzuheitern; ter und ſo gros war die Biegſamkeit in Gertrudens rze Natur, daß bei ihr ſein freundlicher Verſuch bis zu em einem gewiſſen Grad gelang. Schnell empfänglich ild für die Reize einer Landſchaft verlor ſie ſich allmä⸗ er⸗ lig in die ſchöne, bei jeder Straßenbeugung dem der Blik anders geöffnete Auſſenwelt. Und die Silber⸗ lich glätte des Fluſſes, welcher den fortwährenden Au⸗ genpunkt der Gegend bildete; die Heiterkeit des ſich Wetters, die Klarheit des Himmels, unterſtüzt von nal jenem Zauber den die Natur über ihre Verehrer lte ſtets ausübt, beruhigten ein Gemüth, das ſich, wie an die Sonnenblume, ſo inſtinktartig vom Schatten mit dem Licht zuwandte. Einmal ließ Du—e das Gefährt an einem zwi⸗ ſchen Bäumen eingebetteten Graspläzchen anhalten und ſagte zu Gertrud:„Wir ſind hier an einem der vielen Orte am Nekar, die von Ihren Lieb⸗ tingsſagen geheiligt werden. In jenem Gehölz 108 wohnte in den früheren Zeiten des Chriſtenthums ein Einſiedler, der, obwol jung an Jahren, wegen der Heiligkeit ſeines Lebens berühmt war. Niemand wuste woher er gekommen oder aus welcher Urſache er den Kreis des Daſeins auf die Einſamkeit ſeiner Klauſe eingeſchränkt hatte. Selten redete er, auſſer wenn ſein geiſtlicher Rath oder ſein theilnehmen⸗ des Gebet in Anſpruch genommen wurden. Er lebte von Kräutern und den Früchten welche die Land⸗ leute in ſeine Höhle brachten, und jeden Morgen und jeden Abend kam er hieher, ſeinen Krug mit dem Waſſer des Fluſſes zu füllen. Jedoch ſah man ihn an dieſer Stelle lang, nachdem er ſeine Arbeit bereits verrichtet, verweilen und nach einem Kloſter hinüber bliken, das ſich damals am jenſeitigen ufer erhob, von welchem aber jezt ſelbſt die Ruinen verſchwunden ſind. Allmälig wich ſeine Geſundheit unter dem ſtrengen Leben, das er führte, und eines Abends ward er von einigen Fiſchern bewustlos auf dem Raſen gefunden. Sie ſchaften ihn um ärztliche Hilfe zu bekommen, in das Kloſter drüben, und Eine aus der Schweſterſchaft, die Tochter eines Fürſten, wurde beauftragt des Klausners zu war⸗ ten. Als er jedoch ſeine Augen gegen die ihrigen öffnete, ſchienen Beide von einer plözlichen Erinne⸗ rung ergriffen zu werden. Er ſprach— aber Worte in einer fremden Mundart, und die Schweſter warf ſich über das Lager des Sterbenden und rief einen Na⸗ men, den geſeiertſten in der ganzen Umgegend, den Nam der i ungel Jahrt gewöl Vaſal ſtürm umwt und S der C ihn 1 geſchä nie ei ſänger näher zen w Aufga den, 1 das L T hatte Grad. deſſen klagen Kein Entfer dem C im Ge die G ums egen and ache iner uſſer nen⸗ ebte and⸗ rgen mit man beit oſter igen inen heit ines tlos um ben, ines war⸗ igen nne⸗ te in fſich Na⸗ den Namen eines einſt weit bernfenen Minneſängers, der in jenen rohen Zeiten den Dichter mit dem ungebändigten Ritter verbunden hatte. Vor vielen Jahren, hieß es, ſei derſelbe in einem der damals gewöhnlichen Kämpfe zwiſchen Fürſten und trozigen Vaſallen umgekommen, als er eben das Schloß ſtürmte das die jezt fromme Nonne, damals die umworbene Schönheit und Vorſizerin bei Turnier und Lanzenſpiel, bewohnte. In ihren Armen hauchte der Siedler jezt ſeinen Geiſt aus. Sie überlebte ihn nur wenige Stunden und ließ die Neugier geſchäftig über eine Geſchichte zurük, für welche ſie nie eine weitere Spur erlangte. Mancher Minne⸗ ſänger gab in ſpätern Zeiten in der Dichtung die nähern Umſtände, welche die Wahrheit nicht ergän⸗ zen wollte, und der Ort wo ſich der Einſiedler bei Aufgang und Untergang der Sonne ſtets eingefun⸗ den, um nach dem Kloſter zu bliken, ward durch das Lied geweiht. Die Stelle welcher die Sage dieſes Intereſſe gab, hatte das Anſehen wehmüthiger Ruhe in auffallendem Grad. Wilde Blumen weilten noch auf dem Raſen, deſſen Schilfgras den Nekar ſanft überhing, und mit klagender Muſik murmelte der Fluß darunter durch. Kein Lüftchen regte die Bäume, aber in einiger Entfernung hob ſich der Thurm einer Kirche aus dem Gehölz, und während einer eingetretenen Pauſe im Geſpräch ertönte plözlich von dem heiligen Haus die Gloke welche zum Begräbniß ruft. So im Ein⸗ 14⁰ klang mit dem Ort, mit der Stunde, mit der ath⸗ menden Stille traf ſie ins Ohr, daß ſie Jeden mit unbeſchreibbarer Macht bis ins Herz durchbebte. Sie war wie eine Stimme aus einer andern Welt, die von den Sorgen der gegenwärtigen den einge⸗ lullten Geiſt unter dem Schweigen der Natur ab⸗ ruft:— ſie lud ein, ſchrekte nicht ab, und hatte in ihrem Ton eher etwas Mildes als Furchtbares. Mit aufſchießenden Thränen wandte ſich Ger⸗ trud, faste Trevylyan bei der Hand und flüſterte: „an einer ſolchen Stätte, ſo ruhig, ſo abgeſchieden, und doch in der Nachbarſchaft des Gotteshauſes möchte ich, daß dieſe zerbrochene Hülle der Ruhe übergeben würde.“ Leztes Kapitel⸗ Schluß dieſer Geſchichte⸗ —— Von dieſem Tag an gewann Gertruds Stim⸗ mung wieder die gewohnte Heiterkeit, und die ganze folgende Woche hindurch kam ſie nie wieder auf ihr bevorſtehendes Schikſal zurük; noch einmal ſchien ſie der nahen Begrenzung deſſelben unkundig geworden zu ſein. Vielleicht daß ſie, bis zum lez⸗ ten weit viell ſes e ſchw ſeſtet Vor werd Beg Eng für u rer: den liche dere Ton per 1 ner nöthi gega die e untet auf tete trach tenen mit bte. elt, nge⸗ ab⸗ e in Ger⸗ rte den, uſes Kuhe tim⸗ anze auf umal undig lez⸗ ten Hauch für Trevylyan beſorgt, keine Trübung weiter auf ihre irdiſche Trennung werfen wollte; vielleicht auch daß, die Gewisheit ihres Verhängniſ⸗ ſes einmal feſt ins Aug gefast, ſeine Schreken ver⸗ ſchwanden. Die Saiten der Gedanken, bei der lei⸗ ſeſten Bewegungzitternd, können durch einen einzigen Vorfall oder in einer einzigen Stunde, umgeſtimt werden; ein Klang heiliger Muſik, ein grüner ſtiller Begräbnisplaz vermag die Geſtalt des Todes zu einem Engel umzuwandeln. Weiſe und mit ſchöner Lehre für uns entkleideten daher die Griechen das Grab ſei⸗ rer unwirklichen Düſterkeit; weiſe verkörperten ſie den groſen Gedanken der Ruhe durch feſtliche, lieb⸗ liche Bilder— unbewust des nordiſchen Wahnſinns der ein Geſpenſt aus dem ſtillen Schlummer machte! Aber während Gertrudens Stimmung den Ton der Geſundheit wieder gewaun, nahm ihr Kör⸗ per raſch ab, und wenige Tage reichten jezt zu ei⸗ ner Verwüſtung hin, wozu kurz vorher Monate nöthig geweſen. Eines Abends ſtieß Trevylyan, der allein aus⸗ gegangen war um den Vorſtellungen nachzuhängen, die er in Gertruds Gegenwart zu erſtiken ſuchte, unter den verödeten Ruinen des Schloſſes plözlich auf Vane. Einſam ſtand der ruhige, faſt verhär⸗ tete Zögling des Ungemachs der Welt da und be⸗ trachtete die zertrümmerten Fenſter und den geſpal⸗ tenen Thurm, durch welche die Sonne eben ihren ſchiefen Scheideſtral warf. „ 412 Trevylyan der dieſen kalten, unerregbaren Men⸗ ſchen von jeher nur um Gertrudens willen geliebt hatte, fühlte jezt bei dem Gedanken daß der Alte in ſolchem Moment, wo der Tod an der Blüte ſei⸗ nes Hauſes ſchwelgte, noch ruhig ſein und lächeln und grübeln und moraliſiren und das gemeine Spiel der Welt ſpielen konnte, beinah einen Haß über ſich hinrieſeln. Laugſam ſchritt er auf ihn zu, ſtellte fich hart vor ihn und ſagte mit hohler Stimme und verzerrtem Lächeln:„Sie unterhalten ſich angenehm, Herr: das iſt ein ſchöner Proſpekt, und über einen ſeit Jahrhunderten zum Schlummer gebrachten Schmerz zu ſinnen iſt beſſer, als ein krankes Mäd⸗ chen zu hüten und die Angſt au Ihrem Herzen na⸗ gen zu laſſen.“ Vane ſah ihn ruhig aber aufmerkſam an und gab keine Antwort. „Vane!“ fuhr Trevylyan mit derſelben gewalt⸗ ſam erzwungenen Kaltblütigkeit fort,„Vane, in wenigen Tagen wird Alles vorüber ſein, und Sie und ich, die Dinge, die Mächler, die unrechten Menſchen der Welt, werden allein bleiben— ver⸗ laſſen von dem einzigen Weſen das unſer dumpfes Leben ſchmükte, das nur durch ſeine Liebe Jeden von uns eines Gedanken werth machte.“ Vane fuhr zuſammen und wandte das Geſicht ab.„Sie ſind grauſam,“ ſprach er mit bebender Stimme. „Was, Menſch!“ ſchrie Trevylyan laut aufund Ren⸗ liebt Alte ſei⸗ heln Spiel ſich ellte und ehm, inen chten Näd⸗ na⸗ und valt⸗ „in Sie chten ver⸗ pfes on ſicht nder und pakte ihn jählings beim Arm,„kannſt Du fühlen? iſt Dein kaltes Herz gerühnt? So komm,“ ſezte er mit wildem Lachen hinzu,„ſo komm, da müſſen wir Freunde ſein““ Vane trat mit einer gewiſſen Würde zurük, die ſelbſt in ſolchem Augenblik auf Trevylyan ein⸗ wirkte.„In einigen Jahren,“ ſprach er,„wird man Sie kalt nennen wie mich; Kummer wird Sie die Weisheit der Affektloſigkeit lehren; es iſt eine bit⸗ tere Schule, Herr, eine bittere Schule! Aber mei⸗ nen Sie ich ſähe wirklich ungerührt meine lezte Hoffnung zertrümmern?— das lezte Band das mich an mein Geſchlecht bindet? Nein, nein! ich fühl es, ſo ſehr ein Menſch fühlen kann;— und ich verberg mein Gefühl wie es einem unter Unglük ergrauten Mann geziemt! Mein Kind iſt mir mehr, als Ihnen Ihre Braut; denn Sie ſind jung und reich, und das Leben lächelt vor Ihnen; aber ich. nichts weiter, mein Herr, nichts weiter.“ „Verzeihen Sie mir,“ entgegnete Vane demuth⸗ voll.„Ich hab Ihnen Unrecht gethan, aber Gertrud iſt eine Entſchuldigung für jeden Frevel aus Liebe; und hören Sie jezt meine lezte Bitte— geben Sie Ihre Tochter mir— ſelbſt am Rand des Grabes. Der Tod kann ſie in den Armen— unter der Ob⸗ hut einer Liebe wie die meinige nicht faſſen.“ Vane ſchanderte.„Es hieſſe einer Todten an⸗ getraut werden!“ ſprach er.—„Nein!“ Trevylyan wich von ihm und ſtürzte ohne ein Bulwer's Romane XXIII 8 114 weiteres Wort hinweg. Er kehrte nach der Stadt zurük; mit überlegter Ruhe ſuchte er den Eigen⸗ thümer des Grundſtüks auf, in welchem beerdigt zu werden Gertrud gewünſcht hatte. Er kaufte es und begab ſich noch in der Nacht zu dem Geiſtlichen einer nah gelegenen Kirche, dem er auftrug den Ort nach dem gehörigen Ritual zu weihen. Der Geiſtliche, ein bejahrter, frommer Mann, ward über das Verlangen wie über das Ausſehen Deſſen, der es vorbrachte, betroffen. „Soll es ſogleich geſchehen, mein Herr?“ fragte er zögernd. »Sogleich,“ erwiederte Trevylyan mit ruhigem Lächeln;„ein Bräutigam, wiſſen Sie wol, iſt ſtets ungeduldig.“ Die drei nächſten Tage befand ſich Gertrud ſo übel, daß ſie das Bett hüten muste. Dieſe ganze Zeit über ſaß Trevylyan vor ihrer Thür ohne ein Wort zu ſprechen; kaum daß er den Blik vom Boden aufſchlug. Das Geſinde ging ab und zu; — er bemerkte es nicht; vielleicht war er, als ſelbſt die fremden Diener ſich abwandten und die Augen wiſchten uud Gott baten, ihn zu tröſten, des Mitleids minder bedürftig, als zu jeder andern Zeit. Es gibt eine Betäubung im Leiden, und quallos ſchlummert das Herz wenn es von Gram erſchöpft Am vierten Tag aber ſtand Gertrud auf und wurd(wie verändert und doch immer noch wie lieb⸗ 115 lich!) ins gemeinſame Zimmer hinabgetragen. Wäh⸗ rend jener drei Tage hatte der Geiſtliche ſie mehr⸗ mals beſucht und ihr von Kindheit an von Reli⸗ gion durchdrungenes Gemüth war durch ſeinen Zu⸗ ſpruch unausdrükbar getröſtet werden. Sie nahm Nahrung aus Trevylyans Handz ſie lächelte ihn ſo hold an, wie ſonſt. Sie ſprach mit ihm, obwol mit ſchwacher Stimme und nur auf kurze Augen⸗ blike. Aber ſie empfand keinen Schmerz; ihr Leben ebbte mälig und wehlos hinweg.„Mein Vater,“ ſagte ſie zu Vane, deſſen Züge noch die gewöhnliche Ruhe trugen, was im Innern auch vorgegangen ſein mochte;„ich weiß Sie werden ſich, wenn ich dahin bin, mehr grämen als die Welt glaubt, denn ich allein weiß was Sie vor Jahren geweſen, eh die Freunde Sie verlaſſen und das Schikſal finſter auf Sie geblikt hatte— und eh meine arme Mutter ſtarb. Aber nimmer, nimmer glauben Sie daß Hoffnung und Troſt mit mir von Ihnen ſcheiden. So lang der Himmel über der Erde weilt wird es auch Troſt und Hoffnung für Alle geben.“ Sie wohnten nicht in der Stadt, ſondern hat⸗ ten ihr Quartier, mit der Ausſicht auf den Nekar, in der nächſten Umgebung genommen. Vom Fenſter aus ſahen ſie jezt ein leichtes Schiflein munter dahingleiten, bis es vorüber war und wieder Einſam⸗ keit auf den Wellen lag. „Das Schiflein entſchwindet unſern Augen,“ ſprach Gertrud auf daſſelbe zeigend,„aber ſtets 8*5 446 gleitet es gleich glüklich dahin, wenn wir es auch nicht mehr ſehen, und ich fühle— ja, Vater, ich fühle, daß es ſo auch mit uns iſt. Wir entgleiten den Menſchenaugen auf dem Strom der Zeit, aber wir hören deshalb nicht auf zu ſein!“ Und als jezt die Dämmerung herab kam, drükte ſie den Wunſch aus, man möge ſie, eh ſie ſich zur Ruhe lege, mit Trevylyan allein laſſen. Er ſaß jezt nicht mehr neben ihr, denn ihm fehlte der Muth dazu, ſondern in einiger Entfernung mit abgewandtem Geſicht. Sie rief ihn beim Namen, aber er ant⸗ wortete weder, noch wandte er den Kopf. So ſchwach ſie war, erhob ſie ſich vom Sofa, ſchwankte leis über den Boden hin bis ſie bei ihm ankam und in ſeine Arme ſank. „Unfreundlicher!“ ſprach ſie,„zum erſtenmal Unſreundlicher, wendeſt Du Dich von mir ab 2 Komm, laß uns noch einmal auf den Fluß bliken! ſieh, die Nacht dunkelt darüber. Unſre liebliche Reiſe, das Bild unſrer Liebe, iſt zu Ende; nicht mehr aufgerollt wird unſer Segel. Nimmer vermag Deine Stimme die Miüdigkeit der Kranken zu verſcheuchen mit Märchen und Geſang; die Bahn iſt aus, das Schiff zerbrochen, die Nacht ſinkt auf ſeine Trümmer herab; aber jezt, in dieſer Stunde, liebe mich, ſei freundlich gegen mich wie immer. Immer noch laß mich Deine Gertrud ſein— immer noch laß mich heute Nacht die Au⸗ ——— 13 3 — 8— 5 gen mit dem ſüßen Bewustſein ſchließen, geliebt zu ſein.“ „Geliebt! O Gertrud, ſprich nicht alſo zu mir!“ „Horch! jezt biſt Du wieder Du ſelbſt!“ und mit ſchwachen Armen klammerte ſie ſich liebkoſend an ſeine Bruſt.„Und nun,“ ſprach ſie feierlicher, „laß uns vergeſſen daß wir ſterblich ſind, laß uns ge⸗ denken, daß das Leben nur ein Theil nicht das Ganze unſerer Bahn iſt; laß uns in dieſer milden Stunde ſo lang wir noch ungetrennt ſind, die Gegenwart des Ewigen in uns fühlen, ſo daß die Trennung nicht wie Tod, ſondern nur wie eine kurze Abwe⸗ ſenheit erſcheine, und wenn einmal der Schmerz des Scheidens vorüber iſt, must Du nur denken, daß wir uns iu Kurzem wiederſehen! Was Du wendeſt Dich noch immer von mir? Sieh, ich weine und zergräme mich nicht, ich habe die Qual der Tren⸗ nung überwunden, willſt Du von mir übertroffen werden? Erinnerſt Du Dich, Albert, wie Du mir einmal erzält, die erhabenſten unter den alten Wei⸗ ſen hätten im Gefängniß und vor dem Tod ihre Freunde durch Beweiſe für die Unſterblichkeit der Seele getröſtet? Iſt ſie kein Troſt?— reicht ſie nicht hin? oder hältſt Du was erhaben auf den Lippen der Weisheit iſt, für nichtig auf den Lippen der Liebe?“ „Still, ſtill1“ rief Trevylyan wild,„oder mir wird, als wäreſt Du ſchon jezt ein Engel!“ Poch ſchließen wir dieſe Unterredung und laſ die Beiden auf Erden wechſelten. Als Vane und der Arzt wieder leis ins ſchlichen, winkte ihnen Trevylyan zu ſtill zu ſein. „Sie ſchläft,“ flüſterte er,„Bſt!“ Und wirklich war ſie abgemattet von den eigenen Eupfindungen und eingelullt von dem Glauben, ſie habe Dem, bei wel⸗ chem ihr Herz, wie immer, wohnte, Ruhe gegeben, an ſeiner Bruſt in Schlaf oder vielleicht in Ohnmacht geſunken. Während ſie hier ſo ſchön, ſo geknikt, ſo zart lag, verdüſterte ſich das Zwielicht zur Dunkelheit, und der erſte Stern brach, wie die Hoffnung der Zukunf', über die Finſterniß der Erde herein. Nichts kam der äuſſern Stille gleich!— nichts als Das, was odemlos im Innern lag. Keiner von der Gruppe regte ſich oder ſprach, und der über die Schlummernde gebeugte Trevylyan wandte das Aug nie von ihrem Antliz, betrachtete die geöffnet Lippen und glaubte er trinke ihren Odem. Ach der Odem wehte nicht mehr! Vom Schlaf war ſie ohne einen Seufzer zum Tod hinübergegangen: ſelig, un⸗ endlich ſelig in ſolchem Tod! geſchmiegt in die Arme ungeänderter Liebe, erdellt im lezten Gedanken durch das Bewustſein der Unſchuld und die Gewisheit des Himmels! 2 **** . ſen die lezten heiligen Worte unenthüllt, veſche Nach langem Aufenthalt auf dem Kontinent kehrte Treylyan nach England zurük. Er ſtürzte ſich ins thätige Leben und ward was man in die⸗ ſem Zeitalter der kleinen Namen einen ausgezeich⸗ neten und berühmten Mann nennt. Was aber fort⸗ an in ſeinem Benehmen am meiſten auffiel, war ſeine Unfähigkeit für Ruhe. Gierig griff er nach jeder Beſchäſtiaung, ſelbſt von der verſchiedenſten und bunteſten Art— Oekonomie— Wiſſenſchaften — politiſche Thätigkeit— Vergnügungen. Er er⸗ trug keinen Stillſtand auf ſeiner Bahn und Muße war für ihn was Sorgen für Andere. In der Welt lebte er, wie die übrigen Menſchen, ſeinen Obliegen⸗ heiten nachkommend, ſeine Neigungen befriedigend, feine Laufbahn erfüllend. Aber in ſeinem Junern hatte ein tiefer, winterlicher Wechſel ſtattgefundenz die Sonne ſeines Lebens war hinunter; der Duft der Fantaſie hatte die Erde verlaſſen. Feſt wie bisher ſtand der Stamm gegen den Sturm, aber das grüne Laub war auf immer von ihm gefallen und der Vogel hatte ſeine Zweige verlaſſen. Einſt hatte er die Schönheit angebetet, von welcher das Lied der Dichter ſing; die Herrlichkeit und Glut womit ſolche Gedanken umgeben ſind, die unſerer gemeinen Scholle nicht angehöten; aber jezt war der Born der Begeiſterung verſtegt und die goldne Schale war am Quell zerbrochen. Mit Gertrud hatte ihn die Poeſie des Lebens verlaſſen. Eine Muſik hatte, wie ſie ſelbſt inren Hinaang beſchrieben, aufgehört, ans der Schöpfung zu athmen; mochte fortan die Barke auch noch eben ſo ſchnell ſegeln, der Strom mit eben ſo ſtolzer Woge ſich heben, Etwas das das Perz umſaitet war ſtill geworden, und der Zauber der Reiſe dahin! Und Gertrud ſchläft an dem Ort, wo ſie ihr 1205 leztes Bett gebettet wünſchte, und theurer,— unw⸗ endlich theurer iſt dieſer kleine Fleck am fernen Nekarſtrand für Trevylyans Herz, als all die wei⸗ ten Ländereien und fruchtbaren Gefilde ſeines Stamm⸗ guts. Auch bewahrt dort der Raſen ſein ſmaragdenes Grün, und faſt will mir bedünken die Feldblumen ſprosten noch in reicherer Fülle, als ehedem um das einfache Grabmal auf. Eine Uferkrümmung bricht die Fluth des Nekars, daher ſeine Strömung ſtill hält, als ob ſie zögernd weilte au dem einſamen Grab und klagte unter dem flüſternden Schilf eb ſte weiter zieht. Und als ich mir das leztemal die ruhige Stätte betrachtete, als ich den Raſen ſo friſch die Blumen in ſolchem Farbenglanz ſah, dachte ich wol möchten wirklich Geiſterhände den Ort pflegenz nicht nur für die Einbildung hätt' ich die Elfen in meine Geſchichte entboten; in Wahrheit und mit fortdauernder obwol unſichtbarer Hut ſicherten ſie das Grab Derer, die ihr Geſchlecht ſo geliebt und in ihrer zarten flekenloſen Reinheit ein Anrecht auf Verwandſchaft mit der Geiſterwelt hatte, vor je⸗ dem verunreinenden Fußtritt und dem rauhern Einfluß der Jahreszeiten. Gibt es Einen unter uns, der nicht irgend ein Weſen gekant hätte, welchem gegenüber es keine zu wilde Fantaſie erſchien, ſich ſolchem Traum hinzugeben? Berichtigungen. Drittes Bändchen⸗ S. 6. 3. 5 v. o. l. Umweg ſi. Unweg. Ebendaf. Z. 13 v. u. l. Welche Veränderung ſt. welcher Wechſel. S. 27. Z. 3 v. o. l. niedertrit, und es ſoll der Schüzling des ver⸗ ſtoßenen Sterns glorreicher werden, als 70. ſt. niedertreten und den Schüzling 7c. Viertes Bändchen. S. 65. Z. 13 v. o. l. unbeſtreitbarer ſt. unbeſtreitbar. S. 65. Z. 7 v. o. l. Sorgen ſt. Sorge. S. 67. Z. 8 v. u. 1 unten ſt⸗ untern⸗ —. — — S —— 3„— — 3 4 5