——— — — R*——=— Leihbiblivthet engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die B ibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 uhr bis Abends 8 Uhr offen. hesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe defſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnen ten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der. auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und S Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis reht werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausleihezelt. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird e darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——————— — E. L. Bulwer's Werke. Aus dem Engliſchen. Achtundzwanzigstes Bändchen. Paul Clifford. Fuͤnftes Bändchen. Stuttgart, Perlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1 8 3 4. Paul Clittord. Ein Roman von dem Verfaſſer des Pelham, Eugen Aram ꝛc. Aus dem Engliſchen von 6 u s t a v P In ſieben Baͤndchen. Fuͤnftes Baͤndchen. Stuttgart Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1 8 3 4. Drei und zwanzigſtes Kapitel. Viola. Und liebſt du mich? Lyſander. Dich lieben Viola? Flieh' ich dich nicht, wenn Licht aus deinem Auge Mein Weſen trinkt? dieß Fliehn antworte dir! Die Braut. Die Gardinen⸗Gedanken des Squire waren nicht ohne ein Reſultat geblieben. So wie ſein warmes Herz auf einmal wieder ſich ſeinem fruͤ⸗ hern Wohlgefallen an Clifford geoͤffnet hatte, ver⸗ langte er nach einer Gelegenheit, ſeine vorherge⸗ gangne Unhoͤflichkeit wieder gut zu machen und ſeine jetzige Dankbarkeit an den Tag zu legen. Zu⸗ dem empfand er einigermaßen Unwillen und Schaam uͤber ſein Benehmen in der letzten Zeit, daß er nemlich dem allgemeinen, und wie er jetzt feſt uͤberzeugt war, grundloſen Vorurtheil gegen ſei⸗ nen jungen Freund mitgehuldigt hatte, und vor einem naͤher liegenden und ſtaͤrkern Gefuͤhl trat ſeine gewoͤhnliche Nachgiebigkeit gegen ſeines Bru⸗ ders Rathſchlaͤge in den Hintergrund. Mit dieſen guͤnſtigen Geſinnungen gegen Clifford verband ſich ſein ſcharfſinniger Verdacht oder vielleicht ſeine Ueberzeugung von Luciens Neigung fuͤr ihren ſchoͤ⸗ Bulwer's Romane. XXVIII. 1 ——— * nen Retter, und er hatte wenigſtens ſo viel Ah⸗ nungsvermoͤgen um zu errathen, daß ſie ihn nach dem Abentheuer dieſer Nacht nicht weniger lteben werde. Zu dieſem kam noch die weichmuͤthige Er⸗ innerung an die Abſchieds⸗Worte ſeiner Gattin; und die Thraͤnen und die verraͤtheriſche Bewegung Lugiens in dem Wagen waren ſeinem einfachen Gemuͤth, das nicht wußte, wie leicht die Thraͤnen eines Maͤdchens fließen und trocknen, genug, um die Weiſſagung der theuren Todten zu beſtaͤtigen. Auch waren die großmuͤthigeren und guͤtigeren Em⸗ pfindungen des Squire nicht ohne alle Beimiſchung von ſelbſtſuͤchtigen Betrachtungen. Stolz, ohne im mindeſten ehr ſuͤchtig zu ſeyn, war er im⸗ mer geneigter eine Ehre zu etweiſen als zu em⸗ pfangen, und im Herzen war er heimlich froh bei dem Gedanken, ſtatt des feingebildeten und immer fremd bleibenden Mauleverer, den angenehmen und geſelligen Clifford zum Schwiegerſohn einzu⸗ tauſchen. In ſolcher, faſt goͤttlicher Verwir⸗ rung, waren die Gedanken, die in dem kreiſen⸗ den Gehirn Joſef Brandons durcheinander wogten, und eh er ſich auf die linke Seite gekehrt, was er immer that, bevor er ſich dem Schlafe uͤber⸗ gab, war der Sautre ſchon vollſtaͤndig zu einem Entſchluß gekommen, der den Entwuͤrfen des Ad⸗ vokaten und den Hoffnungen des Grafen hoͤchſt Un⸗ heil⸗ drohend war. Aw ſoigenden Morgen, als Lucie beſchaͤftigt 3 war, die uͤppige Fuͤlle der ambratriefen⸗ den Haare zu flechten, gegenuͤber dem kleinen Sypiegel ihres Zimmers, der trotz ſeinem truͤben und verfinſterten Glaſe noch ein Angeſicht zuruͤck⸗ warf, welches die griechiſche Dichtergeſtalt der Aurora beſchaͤmt haben wuͤrde, verkuͤndigte ihr ein leiſes Pochen an der Thuͤre ihren Vater. In⸗ ſeinem geroͤtheten und freundlichen Geſicht herrſch— te der Ausdruck, welcher immer einen Mann zu bezeichnen pflegt, der mit ſich ſelbſt zufrieden, die Zuverſicht hegt, Andern eine Freude machen zu koͤnnen. „Mein liebes Kind!“ ſagte der Squire, zaͤrtlich das reiche Haar Luciens ſtreichelnd und ihre roſige Wange kuͤſſend,„ich bin gekommen, um mit dir eine kurze Unterredung zu halten, ſetze dich und— ich fuͤr meine Perſon gehe gern nach Gemaͤchlich⸗ keit umher und beilaufig(ſchließe das Fenſter, meine Liebe, es geht ein Oſtwind) ich wuͤnſche, daß wir eine klare und ausgemachte Sache bekom⸗ men. Hem!— gieb mir deine Hand, mein Kind — ich meine, uͤber ſolche Sachen kann man nicht zu genau und zweckdienlich ſprechen, obgleich ich wohl weiß,(denn, fuͤr meine Perſon, ich befleiße mich immer Jedermann, beſonders dir mein lie⸗ bes Kind, mit der groͤßten Aufmerkſamkeit zu be⸗ gegnen,) daß wir mit ebenſo viel behutſamem Zartgefuͤhl als Genauigkeit zu Werke gehen muͤf⸗ ſen. Du kennſt dieſen Capitän Clifford— es iſt „ ein braver Junge, nicht wahr? nun— nein, du mußt nicht ſo ſehr erroͤthen, es iſt nichts vorhan⸗ den,(denn in dieſen Dingen kann man nicht alle ſeine Wuͤnſche erfullt haben, kann man nicht Alles haben—) deſſen man ſich zu ſchamen haͤtte! Sage mir jetzt, meine Lochter, meinſt du er liebe dich?“ Wenn Lucie nicht geradezu mit Worten ant⸗ wortete, ſo bewegten ſich doch ihre anmuthigen Lippen ſo, als ob ſie leicht antworten koͤnnten; und zuletzt umzog ſie ein ſo ſuͤßes und zuverſicht⸗ liches Laͤcheln, daß der Squire, ſo ſehr er auf beſtimmte Ausdruͤcke drang, keine befriedigendere Beantwortung ſeiner Frage verlangte. „Ja, ja, Maͤdchen“ ſagte er und blickte ſie mit aller Zaͤrtlichkeit eines Vaters an,„ich ſehe wie es ſteht. Und kann jetzt— warum wendeſt du dich weg? was meinſt du, wenn ſich, wie ich glaube, obgleich es neidiſche Leute in der Welt giebt, wie es immer gab, wenn Einer ein ſchoͤner, oder geſcheuter, oder tapfrer Mann iſt, waͤhrend, bei⸗ laͤufig bemerkt, ſehr ſonderbarer Weiſe, wie mich duͤnkt, man Einen nicht, wenigſtens nicht ſo gehaͤſ— ſig darum beneidet, wenn er ein Lord, oder reich iſt; vielmehr ganz im Gegentheil, Rang und Geld ſcheinen den Leuten die Meinung einzufloͤßen, es habe Einer alle Cardinaltugenden— Hm, hm!— wenn, ſag' ich, ſich zeigen ſollte, daß dieſer Herr Clifford ein Gentleman von gutem Herkommen 5 iſt,— denn dieß iſt, wie du weißt, weſentlich, da, wie dir meine Mutter wahrſcheinlich erzaͤhlt hat, die Brandons vor vielen Jahrhunderten ein großes Geſchlecht waren; meinſt du, mein Kind, du koͤnnteſt dann—(die Katze iſt jetzt aus dem Sack!) den alten Lord aufgeben und den einfachen Gentleman heirathen!“ Die Hand, welche der Sauire gefaßt hatte, ward jetzt mit ſchlauer Zaͤrtlichkeit ihm auf den Mund gedruͤckt und als er ſie wieder ergriff, ver⸗ barg Lucie ihr gluͤhendes Angeſicht an ſeiner Bruſt; und nur ein Fläſtern, als ob die Luft ſelbſt ver⸗ raͤtheriſch ausplaudern koͤnnte, verſicherte ihn(denn jetzt beſtand er auf einer ausgeſprochnen Antwort,) von ihrem freudigen Ja. Wir befüͤrchten keinen Tadel von Seiten des Leſers, wenn wir die ubrige Unterredung zwiſchen Vater und Tochter mit Stillſchweigen ubergehen; ſie dauerte nicht mehr uͤber eine Stunde; denn der Squire erklaͤrte: er fuͤr ſeine Perſon ſey ein Feind von uͤberfluͤſſigen Worten. Herr Brandon gieng zuerſt zum Fruͤhſtuͤck hinunter und murmelte, indem er die Treppen hinabſtieg:„Nun gut, ich will mich haͤngen laſſen, wenn ich nicht froh bin die Sache—(denn ich liebe es nicht viel uͤber ſo einfaͤltige Angelegenheiten nachzudenken,) vom Herzen zu haben. Und was meinen Bruder be⸗ trifft— dem ſag' ich gar nichts, bis Alles vor⸗ bei und ins Reine georacht iſt. Und wenn er dar⸗ uͤber zornig wird, ſo kann Er und der alte Lord — obgleich ich es nicht unbruͤderlich meine, beide miteinander zum Teufel gehen.“ Als die drey am Fruͤhſtuͤck⸗Tiſch verſammelt waren, da ließ ſich vielleicht kein auffallenderer Con⸗ traſt denken, als der des ſtrahlenden Angeſichts Luciens gegen den zerriſſenen und kläglichen Aus⸗ druck, der die ſchoͤnen Zuͤge ihres Geliebten entſtell⸗ te. So merklich war die Veraͤnderung, welche Eine Nacht bei Clifford hervorgebracht zu haben ſchien, daß ſelbſt der Saquire daruͤber betroffen und beunruhigt war. Aber Lucie, deren unſchuld⸗ volle Eitelkeit fuͤr dieſen Wechſel einen ſchmeichel— haften Grund aufzufinden wußte, troͤſtete ſich mit der Hoffnung, bald einen ganz andern Ausdruck auf dem Antlitz ihres Geliebten zu ſehen; und ob⸗ gleich ſie ſich ſchweigend verhielt und ihr Gluͤck tief und ruhig in ihr lag, war doch etwas in ihrem Auge und ihrem Munde, was Clifford wie ein Hohn auf ſein Elend vorkam und ihm das Herz verwundete. Er nahm ſich jedoch ſo weit zuſam⸗ men, um ein Geſpraͤch mit dem Saquire zu fuͤhren und, ſo gut er konnte, das Sichtbarwerden des noch in ihm tobenden Kampfes zu verbergen. Der Morgen war feucht und truͤb; es war je⸗ ner feine, nebelnde Regen, der auf das Wachs⸗ thum des aſchgrauen Humors ſo aͤußerſt fruchtbar wirkt und der muntere Squire ermangelte nicht, ſeinen jungen Freund wegen ſeiner weibiſchen Em⸗ 5 pfaͤnglichkeit fuͤr die Einfluͤſſe der Witterung zu necken. Clifford antwortete ſcherzhaft und der Scherz, wenn auch ſchlecht, war doch gut genug, den Neckenden zufrieden zu ſtellen. Auf ſolche witzige Art vertrieben ſie ſich die Zeit, bis Lucie auf ihres Vaters Aufforderung das Zimmer verließ, um die Vorbereitungen zur Heimreiſe zu treffen. Dann ruͤckte der Squire mit ſeinem Stuhle Clifford naͤher und eroͤffnete mit wirklichem, eifri⸗ gem Ernſt ſeine Operationen— den Plan dazu hatte er ſchon vorher gemacht— in folgender Ord⸗ nung: ſie giengen erſtens dahin, nach Cliffords Stand, Familie und Ausſichten ſich zu erkundigen und zu forſchen; zweitens, wenn er ſich uͤber die Eigenſchaften des aͤußern Menſchen Gewißheit ver⸗ ſchafft, wollte er den Zuſtand des innern Menſchen pruͤfen; und drittens, wenn dergewandte Unterſucher ſeine Vermuthung von Cliffords Neigung fuͤr Lu⸗ cie beſtaͤtigt faͤnde, wollte er die beſcheidne Furcht vor einer abſchlaͤglichen Antwort, die der Squire als natuͤrlich genug vorausſetzte, verbannen, und ihn mit dem Gluͤck bekannt machen, das in Folge von Luciens Einwilligung, fuͤr ihn bereitet ſey⸗ Waͤhrend der Squire mit gewohnter Schlauheit ſeine wohlwollenden Abſichten verfolgte, blieb Lucie auf ihrem Zimmer, in ſolchen Vetrachtungen und Traͤumen, wie ſie bei einem ſo ſanguiniſchen und ſchwärmeriſchen Herzen natuͤrlich waren. Laͤnger als eine halbe Stunde war ſie allein geweſen, als die Kammermagd der Herberge an⸗ pochte und eine Botſchaft von dem Squire uͤber⸗ prachte, der ſie bitten ließ, zu ihm in das Sprech⸗ zimmer hinunter zu kommen. Mit einem Herzen, das ſo heftig ſchlug, daß es beinahe ſein Leben zu verzehren ſchien, gieng Lucie langſam und mit be⸗ bendem Schritt hinunter. Als ſie die Thuͤre oͤff⸗ nete, ſah ſie Clifford in der Fenſtervertiefung ſte⸗ hen, ſein Angeſicht war zum Theil von ihr abge⸗ kehrt und ſein Auge auf den Boden geheftet. Der gute alte Squire ſaß in einem Lehnſtuhl und eine Art verlegener und halbſtolzer gufriedenheit ſprach ſich in ſeinen Zuͤgen aus. „Komm her, Kind!“ ſagte er und raͤuſperte ſich,„Kapitan Clifford— a— hm! erweist dir die Ehre, dir— und ich darf wohl vorausſetzen, daß es dich ſehr uͤberraſchen wird,— nicht daß ich, meines Orts, mich ſo ſehr daruͤber wunderte — aber das kann meine eigne Anſicht ſeyn,(und es iſt gewiß bei mir ſehr natuͤrlich) dir eine Lie⸗ beserklärung zu machen. Er erklaͤrt ferner, daß er der Elendeſte der Menſchen ſey und eher ſter⸗ ben wollte, als ſich die Kuͤhnheit erlauben: zu hof⸗ fen. Deßhalb, meine Liebe, habe ich dich holen laſſen, um ihm Erlaubniß zu ertheilen, ſich um⸗ zubringen, auf welche Weiſe ihm beliebt; und ich uͤberlaſſe es ihm, den Grund anzugeben, warum (es iſt ein Geſchick, das früͤher oder ſpaͤter alle ſeine Mitmenſchen trifft) das Todesurtheil nicht gegen ihn ausgeſprochen werden ſoll.“ Nachdem er ſich dieſer Rede in angemeſſenern Ausdruͤcken entledigt hatte, als ihm ſonſt gelang, ſtand der Squire raſch auf und ſchwankte aus dem Zimmer. Lucie ſank in den Seſſel den ihr Vater ver⸗ laſſen, und Clifford ſaste, ſich ihr nähernd, mit heiſerer, leiſer Stimme: „Ihr Vater, Miß Brandon, hat ganz recht geſagt, ich wolle lieber ſterben, als mein Auge hoffend zu Ihnen erheben. Ich dachte geſtern, Sie zum letztenmal geſehen zu haben;— der Zu⸗ fall, nicht meine eigne Thorheit oder Anmaßung, hat mich wieder in Ihre Nahe gefuͤhrt und eben die wenigen Stunden, die ich mit Ihnen unter Einem Dache zubrachte, ließen mich fuͤhlen, wie meine Liebe, mein Wahnſinn erſt jetzt die hoͤchſte Hoͤhe erreicht hat. O Lucie!“ fuhr Clifford in einem leidenſchaftlicheren Ton fort und warf ſich wie von einer ploͤtzlichen, unwiderſtehlichen Macht getrieben, ihr zu Fuͤßen,„wenn ich hoffen konn⸗ te, Sie zu verdienen— hoffen koͤnnte, mich vom Staub zu erheben— koͤnnte ich dieß! aber nein! nein, nein! Ich bin von aller Hoffnung und fuͤr immer abgeſchnitten.“ Es lag eine ſo tiefe, bittre, herzinnige, kum⸗ mervolle Selbſtanklage in dem Ton, womit die letzten Worte geſprochen wurden, daß Lucie, jede Vorſicht wegwerfend, und Alles andre in der Be⸗ ſtuͤrzung des Mitgefuͤhls und der Theilnahme vet⸗ 10 geſſend, ihm, die Hand gegen ihn ausſtreckend⸗ welche er noch knieend faßte und mit feurigen Kuͤſſen bedeckte, antwortete:„Reden Sie nicht ſo, Herr Clifford! ſprechen Sie nicht gegen Sich ſelbſt Anklagen aus, die Sie, deſſen bin ich gewiß, nicht verdienen. Vielleicht ſind, verzeihen Sie mir, Ihre Geburt, Ihr Vermoͤgen unter Ihren Ver⸗ dienſten, und Sie haben meines Vater Schwaͤche hinſichtlich des erſten Punkts errathen; oder viel⸗ leicht haben Sie nicht alle Verirrungen vermieden, in welche die Menſchen ſich ſtuͤrzen; vielleicht ſind Sie unklug oder gedankenlos geweſen; vielleicht haben Sie,(die Mode iſt anſteckend ,) uͤber Ihre Mittel geſpielt oder Sich in Schulden geſtuͤrzt; das ſind Fehler, es iſt wahr, und zu bereuen; aber nicht ſo, daß ſie nicht wieder gut gemacht werden koͤnnten.“ Es kann auffallend erſcheinen, daß alle Ent⸗ ſchloſſenhett und Selbſtverlaͤugnung in dieſem Au⸗ genblick Clifford verließ— er erhob das Auge, ſtrahlend vor Freude und Dankbarkeit zu dem An⸗ tlitz, der ſich in freundlicher Unſchuld uͤber ihn beugte und rief aus:„Nein, Miß Brandon! nein Lucie! theurer Engel, Lucie! meine Fehler ſind minder verzeihlich als dieſe, aber vielleicht ſind ſie nicht minder die Folge von Umſtaͤnden und von Anſteckung; vielleicht iſt es nicht zu ſpaͤt, ſie wie⸗ der gut zu machen. Wollten Sie— Sie wirklich ſich II entſchließen, mein Schutzengel zu werden, ſo ver⸗ zweifle ich noch nicht gerettet zu werden.“ „Wenn“ ſagte Lucie tief erroͤthend und zur Erde blickend, waͤhrend ſie raſch und lebhaft ſprach, gleichſam um ihn nicht durch ihren Vorſchlag zu demuͤthigen„Wenn, Herr Clifford, etwa der Man⸗ gel an Vermoͤgen Ihnen eine Unbequemlichkeit oder— oder eine Verirrung verurſacht hat, ſo glauben Sie doch daß Ich— das heißt Wir, in ſo weit Ihre Freunde ſind, daß Sie keinen An⸗ ſtand nehmen werden, um einen kleinen Theil unſ⸗ rer Schuld gegen Sie von der letzten Nacht her uns zu erleichtern.“ „Theures, edles Maͤdchen!“ ſagte Clifford, waͤhrend uͤber ſeinen Lippen wieder jenes Laͤcheln des fuͤrchterlichſten Sarkasmus hinzuckte, das bis⸗ weilen ſeine Zuͤge verzerrte, und Lucie ſchaudernd wie eine Aehnlichkeit mit einem Manne gemahn⸗ te, der nach Ruf und Charakter ſehr von ihrem Geliebten verſchieden war,„Leiten Sie mein Un⸗ gluͤck aus keiner ſo geringfuͤgigen Quelle ab; nicht Geld iſt es das mir fehlen wird, ſo lang ich lebe, obwohl ich bis zu meinem letzten Athemzug an dieſes Ihr Zartgefuͤhl denken und es mit ge⸗ wiſſen unwuͤrdigen Erinnerungen in meiner Seele vergleichen werde. Ja! alle Gedanken und Erin⸗ nerungen der Vergangenheit werden ſpaͤter bewir⸗ ken, daß ich Sie noch mehr als jetzt verehre,— waͤhrend ſie Ihrem Herzen— wenn mir nicht der 12 Himmel Ein Gebet erhoͤrt— Verachtung und Ab⸗ ſcheu gegen mich einfloͤßen werden!“ „Um der himmliſchen Barmherzigkeit willen, re⸗ den Sie nicht ſo!“ ſagte Lucie, in verwirrter Beſtuͤr⸗ zung die finſtern arbeitenden Züge ihres Geliebten anſtarrend,„Verachtung, Abſcheu gegen Sie! un⸗ moͤglich! wie koͤnnte dieß ſeyn bei der Erinnerung an die letzte Nacht!“ „Ja, an letzte Nacht,“ ſagte Clifford, ganz durch die Zähne ſprechend,“ dieſe Erinnerung hat viel, was lang in uns beiden fortleben wird; aber Sie, Sie, holder Engel!“(und alle Härte und Jronie verſchwand auf Einmal aus Ton und Miene und wich einer zaͤrtlichen, tiefen Traurig⸗ keit, vermiſcht mit einer an Verehrung graͤnzen⸗ den Hochachtung)„Sie konnten nie von mehr als von Mitleid gegen einen Menſchen wie ich, traͤu⸗ men— Sie haͤtten nie von Ihrer erhabnen und glaͤnzenden Reinheit herabſteigen ſollen, um gegen mich Eine ſolche Empfindung zu hegen, wie dieje⸗ nige, welche in meinem Herzen fuͤr Sie lodert— Sie, ja, ziehen Sie Ihre Hand weg, ich bin nicht werth ſie zu beruͤhren!“ Er druͤckte ſeine Haͤnde vors Geſicht und verſtummte plotzlich; aber ſeine innre Bewegung war uͤbelverhehlt und Lucie ſah die kraͤftige Geſtalt vor ihr von Leidenſchaften er⸗ griffen und geſchuͤttelt, die nur um ſo gewaltiger und berzzerreiſſender waren, weil ſie nur wenige 13 Augenblicke die Selbſtbeherrſchung des Mannes uͤberwaͤltigten und ſich kaͤmpfend Luft machten. Wenn nachher, lange nachher Lucie, ſeine raͤthſelhaften Worte ſich wieder vergegenwaͤrtigend, ſich ſelbſt geſtand, daß ſie ein ſchuldbeflecktes Ge⸗ wiſſen verriethen: ſo war ſie doch jetzt zu ergrif⸗ fen, um an etwas Anderes als ſeine Liebe und ſeine Bewegung denken zu koͤnnen. Sie beugte ſich hinab und mit maͤdchenhafter, zaͤrtlicher Selbſt⸗ vergeſſenheit, der Niemand widerſtanden hätte, legte ſie ihre beiden Haͤnde in die ſeinigen; Clif⸗ ford fuhr auf, ſtarrte ſie an und im nächſten Au⸗ genblick hatte er ſie an ſein Herz gedruͤckt; und waͤhrend die einzigen Thraͤnen, die er ſeit ſeiner verbrecheriſchen Laufbahn vergoſſen, haͤufig und heiß auf ihr Antlitz fielen, kuͤßte er mit leiden⸗ ſchaftlichem, wildem Entzuͤcken ihre Stirne, Wan⸗ gen und Lippen. Die Stimme erſtarb in ihm; er getraute ſich nicht mehr zu ſprechen; nur Ein Ge⸗ danke durchbebte und durchhallte ſelbſt bei dieſer anſcheinenden Vergeſſenheit ſeiner und ihrer Lage ſeine Bruſt: der Gedanke der Flucht. Je inniger er ſeiner Liebe ſich bewußt ward, je zaͤrtlicher und vertrauensvoller der Gegenſtand ſeiner Liebe wur⸗ de, deſto dringender zeigte ſich ihm die Nothwen⸗ digkeit ſie zu verlaſſen. Alle andern Pflichten hat⸗ te er verſaͤumt, aber er liebte mit aͤchter Liebe und die Liebe, die ihn Eine Pflicht lehrte, fuͤhrte ihn triumfirend durch ihre bitterſte Probe. —˖—————— ——— — —,——— — 14 „Sie werden heut Nacht von mir hoͤren,“ fluͤſterte er;„glauben Sie, daß ich ein Wahn⸗ ſinniger, ein Verfluchter, ein Verbrecher bin, aber kein ausgemachtes Ungeheuer! Ich verlange kein gnädigeres urtheil uͤber mich!“ Hiemit entzog er ſich ſeiner gefaͤhrlichen Lage und ſchied raſch von ihr. Als Clifford ſeine Wohnung erreichte, traf er ſeine wuͤrdigen Geſellen, die, Unruhe und Schre⸗ cken im Angeſicht, ihn erwarteten. Eine aͤltere Heldenthat, bei der ſie ſich hervorgethan, hatte laͤngſt die ernſte Aufmerkſamkeit der Polizei auf ſich gezogen und gewiße Beamte hatten ſich jetzt in Bath ſehen laſſen, und gewiße Nachforſchungen waren eingeleitet worden, die fuͤr die Sicherheit des ſcharfſinnigen Tomlinſon und des handfeſten Pepper nichts Gutes ahnen ließen. Sie kamen, demuͤthig und reuig ſich Verzeihung wegen ihres nnabſichtlichen Angriffs auf den Wagen des Squire zu erbitten und ſich bei ihrem Hauptmann ſchleu⸗ nig Raths zu erholen. Wenn Clifford zuvor in ſeinem uneigennuͤtzigen Entſchluß geſchwankt hatte; wenn die Bilder Luciens, die Bilder von Gluͤck und Beſſerung waͤhrend ſeines einſamen Rittes ihm nur allzuhaͤufig und glaͤnzend vor der Seele ſtanden: ſo reichte jetzt der Anblick dieſer Men⸗ ſchen, ihr Geſpraͤch, ihre Gefahr, vollkommen hin, ihn ganz in ſeinem Entſchluß zu beſtaͤrken. „Barmherziger Gott!“ dachte er,„dem Geuoſſen 15 ſolcher vogelfreyer Schurken, einem Manne, der, wie ſie, ſtuͤndlich dem ſchmachvollſten Tode ausge⸗ ſetzt iſt, konnte ich auch nur eine Sekunde lang das unſchuldige und edelmuͤthige Maͤdchen uͤber⸗ antworten wollen, deren Treue oder Liebe das ein⸗ zige Verbrechen iſt, das ſie des glaͤnzendſten Loo⸗ ſes berauben konnte!“ Cliffords Befehle an ſeine Untergebnen waren ganz kurz, und, ſo ſehr ge⸗ woͤhnen wir uns, Vieles mechaniſch zu thun, mit der gewohnten Umſicht und Genauigkeit ertheilt: „Ihr verlaßt die Stadt augenblicklich; bei Euerm Leben geht Ihr nicht nach London oder zu irgend Einem Eurer Cameraden. Reitet nach der rothen Hoͤhle; dort ſind Vorraͤthe aufgehaͤuft, und ſeit unſrer letzten Aenderung im Innern wird ſie Raum genug haben, Eure Pferde zu verſtecken. In der Nacht des zweiten Tags von heute an will ich zu Euch ſtoßen. Aber daß Ihr ja nicht anders als bei Nacht in die Hoͤhle geht und ſie unter keiner Bedingung verlaßt, bis ich komme!“ „Ja!“ ſagte er, als er allein war,„ich will wieder zu Euch ſtoßen, aber nur um Euch zu ver⸗ laſſen. Noch Eine Verletzung des Geſetzes, oder wenigſtens noch der Raub Einer Summe aus den ſchwellenden Haͤnden des Reichen, groß genug, um mich fuͤr ein auslaͤndiſches Heer auszuruͤſten: dann verlaſſe ich das Land meiner Geburt und meiner Verbrechen. Fann ich Lucie Brandon nicht verdte⸗ wlll ich mindeſtens ihrer weniger unwuͤrdig peh, ſo bit ——— —————— 16 werden. Vielleicht— warum nicht? Ich bin jung, meine Nerven ſind nicht ſchwach, mein Hirn nicht ſtumpf, vielleicht kann ich mir auf dem Feld ehren⸗ voller Abertheuer einen Namen erwerben, den ich vor meinem Sterbebette ihr zu bekennen nicht er⸗ roͤthen duͤrfte!“ Während dieſer Vorſatz Cliffords Bruſt ſchwell⸗ te, ſetzte Lucie mit dem Sauire in truͤbem Schwei⸗ gen ihre Reiſe nach Bath fort. Letzterer erkun⸗ digte ſich ſehr angelegentlich, warum Clifford weg⸗ gegangen ſey und was er ihr eroͤffnet habe, und Lucie, unfaͤhig zu antworten, verwies ihn mit Allem auf den fuͤr den Abend verſprochnen Brief. „Ich bin froh,“ murmelte der Squire gegen ſie, „daß er ſchreiben will;“ denn ich weiß nicht wie es gieng, obgleich ich ihn ſehr genau befragte, entſchluͤpf⸗ te er doch meinen Kreuz- und Querfragen, brach auf einmal mit ſeiner Liebe gegen dich hervor, und ließ mich uͤber ſeine eigne Perſon ſo klug wie vor⸗ her; ohne Zweifel wird ſein Brief,(ich fuͤr mein Theil ſehe nicht ein warum er nicht ein bedeuten⸗ der Mann ſeyn ſollte, der ein Incognito beobach⸗ tet,) alles aufklaͤren.“ Spaͤt in der Nacht kam der Brief; Lucie war, zum Gluck fuͤr ſie, allein auf ihrem Zimmer; ſie offnete ihn und las wie folgt. drd Vrief. „Ich habe verſprochen Ihnen zu ſchreiben und ſetze mich nieder, um dieß Verſprechen zu erfuͤllen. 7 In dieſem Augenblick iſt das Andenken an Ihre Guͤte, Ihre großmuͤthige Nachſicht, ſeehbit in meiner Seele; und waͤhrend ich ruhige und gewoͤhn— liche Worte waͤhlen muß, um das eiir was ich zu ſagen habe, iſt mein Herz abwechſeind bald hingeſchmolzen bald zerriſſen von Empf gen, die— o wie ſo ganz andre Worte erforder wuͤrden! Ihr Vater hat mich oft uͤber meine Ge⸗ burt und Verwandtſchaft befragt— ich bin bie her ſeinen Nachforſchungen ausgewichen. Erfahren Sie jetzt, wer ich bin. In einem elenden Hauſe, in der umgebung der Armuth und der Suͤnde haften meine fruͤhſten Erinnerungen. Mein Vater iſt mir, wie Jedermann, unbekannt— meine Mutter! vor Ihnen darf ich nicht erwaͤhnen, W oder Was ſie war!— ſie ſtarb in meiner Kindheit. Ohne einen Namen, doch nicht ohne ein Erbtheil —(mein Erbtheil war groß; es hieß: Schande!) ward ich in die Welt geſtoßen; durch Zufall hatte ich einige Erziehung genoſſen und manche, meinen umſtaͤnden nicht entſprechende Ideen eingeſogen; ſeither habe ich im Leben mancherlei Rollen ge⸗ ſpielt; Buͤcher und Menſchen hab' ich nicht ſo vernachlaͤßigt, daß ich mir nicht von Zeit zu Zeit einige Kenntuiſſe von beiden erworben haͤtte. Dar⸗ aus koͤnnen Sie ſich erklaͤren, woher es kam, wenn ich Ihnen beſſer erſchien, als ich bin; die Umſtaͤn⸗ de machten mich bald zu meinem eignen Herrn; ſie machten mich auch zu einem Solchen, den ehr⸗ Bulwer'z Romane. XXKVIII⸗ 2 T8 liche Leute nicht gern anſehen moͤgen; meine Hand⸗ lungen ſtanden, mein Charakter ſteht auf gleicher Linie mit meiner Geburt und mit meinem Ver⸗ moͤgen. Ich kam in dieſe Stadt, mit der edeln Hoffnung, mich wieder zu heben und frei zu kau⸗ fen, indem ich mein Schickſal durch eine reiche Heirath vergoldete; Ich ſah Sie, die ich fruͤher einmal geſprochen hatte. Ich hoͤrte, Sie ſeyen reich. Haſſen Sie mich, Miß Brandon, haſſen Sie mich!— Ich beſchloß, Ihr Verderben zum Funbament meiner Rettung zu machen. Zum Gluͤck fuͤr Sie, lernte ich Sie kaum kennen, als ich Sie auch liebte! dieſe Liebe drang tief ein— ſie leitete Etwas von Ihrer Reinheit und Erha⸗ benheit auf mich heruͤber. Mein Entſchluß ver⸗ ſagte mir; ich konnte mich ſogar jetzt auf die Kniee werfen und Gott danken, daß Sie, Sie, theuer⸗ ſtes und edelſtes Weſen, nicht mein Weib gewor⸗ den ſind. Iſt Ihnen jetzt mein Benehmen klar? wo nicht, ſo denken Sie ſich, daß Alles an mir nichtswuͤrdig iſt, Einen Wunkt ausgenommen: ſo weit ich mit Ihnen in einem Verhaͤltniß ſtehe— und dann wird kein Schatten von Geheimniß uͤbrig bleiben. Ihr guͤtiger Vater, den elenden Dienſt, den ich Ihnen erwies, überſchaͤtzend, waͤre geneigt geweſen, mein Schickſal Ihrer Entſcheidung zu unterwerfen. Ich erroͤthe voll Unwillen fuͤr ihn, fuͤr Sie, daß ein Lebendiger an eine ſolche Ent⸗ weihung der Miß Brandon auch nur im Traum 16⸗ er r⸗ n Uu⸗ er 79 denken konnte. Und doch ließ ich ſelbſt mich durch eine ſo ploͤtzliche und einſchmeichelnde Hoffnung hinreiſſen und berauſcheu— ja ich wagte es, mein Auge zu Ihnen zu erheben, Sie an mein ſchuld⸗ belaſtetes Herz zu druͤcken, mein Selbſt zu ver⸗ geſſen und zu traͤumen, Sie könnten die Mei⸗ nige werden! Koͤnnen Sie mir dieſen Wahnſinn verzeihen? Und ſpaͤter einſt, im erhabenen, glaͤn⸗ zenden Kreiſe eines ehlichen Gluͤckes— koͤnnen Sie beim Gedanken an meine Kuͤhnheit Ihrem Haſſe wehren? Vielleicht denken Sie, durch ein ſo ſpä⸗ tes Bekenntniß habe ich Sie bereits betrogen. Ach, Sie wiſſen nicht, was mich noch jetzt dieſes Bekenntniß koſtet! Ich hatte nur Eine Hoffnung im Leben, die: Sie wuͤrden, wenn Sie mich laͤngſt aus dem Geſicht verloren, mich nicht unter den Haufen von Menſchen ſetzen, mit denen Sie leben. Dieſen ſchmeichelnden, brennenden, aber ſelbſtſuͤchtigen Wahn reiße ich aus meinem Herzen und gehe jetzt hin, wo keine Hoffnung mir folgt. Keine Hoffnung fuͤr mich ſelbſt, außer Eine, die kaum den Namen verdient; denn es iſt eher ein unbeſtimmter, traͤumeriſcher Wunſch, als eine Ans⸗ ſicht; die nemlich: Sie moͤchten ſpaͤter einmal un⸗ ter einem andern Namen und andern Umſtaͤnden von mir hoͤren; und wenn ich Sie benachrichtige, daß Sie unter dieſem Namen an einen Mann zu denken haben, der Sie mehr liebt, als alle er⸗ ſchaffnen Weſen: ſo koͤnnen Sie dann wenigſtens 3. 20 keine urſache finden, ſich dieſes Liebhabers zu ſchaͤmen. Was werden Sie dann ſeyn? Eine gluͤckliche Gattin— Mutter— der Mittelpunkt von tauſend Freuden; geliebt, bewundert, geſeg⸗ net, wo ein Auge Sie ſieht, und ein Ohr Sie hoͤrt. Und dieß iſt es, was ich hoffen muß; dieß iſt der Troſt, mit dem ich mich zu beruhigen ſuche und vielleicht in kurzer Zeit zu beruhigen vermag. ticht daß ich Sie weniger lieben werde, ſondern nur weniger leidenſchaftlich und ſomit weniger ſetbſtſüͤchtig. Jetzt habe ich Ihnen Alles geſchrie⸗ ben, was Ihnen von mir zu erfahren geziemt. Mein Pferd wartet unten, um mich aus dieſer Stadt und fuͤr immer aus Ihrer Naͤhe zu tragen. Fur immer! Ja Sie ſind das einzige Gut, das mir fuͤr immer verſagt bleibt. Reichthum kann ich gewinnen— einen guten Namen, ſogar nach Ruhm darf ich vielleicht ſtreben! ſelbſt zum Him⸗ mel kann ich einen Pfad finden— aber Sie zu erlangen— dieſe Hoffnung muß ſelbſt aus meinen Traͤumen bis auf den leiſeſten Schatten verſchwin⸗ den. Ich ſage nicht, daß Sie, wenn Sie meine Seele durchſchauen koͤnnten, waͤhrend ich ſchreibe, mich bemitleiden wuͤrden. Es mag Ihnen ſonder⸗ bar vorkommen, aber ich moͤchte um die Welt nicht Ihr Mitleid; ich meine, leichter wollte ich ſelbſt Ihren Haß ertragen; Mitleid gleicht ſo gar der Verachtung. Aber wenn Sie wüßten, wel⸗ che Anſtrengung mich in den Stand geſetzt hat, —— — ————— c c— 21 meine Sprache zu zuͤgeln, meine Gedanken zu feſ⸗ ſeln, mir zu unterſagen, dem Worte zu leihen, was meln Gehirn durchtobt und mir das Gefuͤhl giebt, als ob lebendiges Feuer meine Hand ver⸗ zehrte: wenn Sie wuͤßten, was mich in Stand ſetzte, uͤber den Wahnſinn meines Herzens zu ſie⸗ gen und Ihnen das zu erſparen, was, geſchrieben oder ausgeſprochen, den Ausbruͤchen der Fieber⸗ glut gleichen wuͤrde: Sie wuͤrden, Sie koͤnnten mich nicht verachten, moͤchten Sie mich auch ver⸗ abſcheuen. Und nun der Himmel ſchuͤtze und ſegne Sie! Nichts auf Erden kann Ihnen ein Leid zu⸗ füͤgen. Und ſelbſt der Elende, der Ste anſah, ler⸗ ne beten. Ich habe fuͤr Sie gebetet!“ So, abgebrochen und ohne unterſchrift, ſchloß der erwartete Brief. Lucie kam am naͤchſten Mor⸗ gen zu ihrer gewohnten Stunde herab, und außer dem, daß ſie ſehr blaß war, ſchien nichts in ihrem Weſen vorangegangnen Schmerz oder Bewegung anzukuͤndigen. Der Squire fragte ſie, ob ſie den verſprochnen Brief bekommen? ſie antwortete, mit heler obwohl leiſer Stimme, ja;— Herr Clif⸗ ford haben erklaͤrt, er ſey von zu niedriger Her⸗ kunft, um an eine Heirath in Herrn Brandons Familie denken zu koͤnnen; ſie hoffe, der Saquire werde ſein Geheimniß bewahren, und der Gegen⸗ ſtand werde von Keinem von ihnen mehr erwaͤhnt werden. Wenn in dieſer Rede etwas ihrem of⸗ fenherzigen Charakter Fremdes und ihrem Gemuͤ⸗ 22 the ſelbſt Peinliches lag: ſo hatte ſie gleichſam die Pflicht gegen ihren vorherigen Geliebten empfun⸗ den, nicht ſein ganzes, mit ſo bitterem Schmerz abgelegtes Bekenntniß zu verrathen. Vielleicht auch hatte dieſer Brief einen geheimen Reitz, der ihr zu heilig ſchien, um irgend Jemand ihn zu of⸗ fenbaren. Und Geheimniſſe waren auch von einer ſo unpaſſenden und dem Anſchein nach voruͤberge⸗ henden Liebe, wie die ihrige, nicht ausgeſchloſſen. Luciens Antwort traf den Squire bei ſeiner ſchwa⸗ chen Seite.„Von einem Manne von entſchieden niedriger Herkunft,“ erklaͤrte er,„koͤnne natuͤrlich gar nicht die Rede ſeyn; dennoch zeige der junge Mann viel Aufrichtigkeit in ſeiner Eroͤffnung.“ Gern gab er das Verſprechen, einen ſo mißliebi⸗ gen Gegenſtand nie wieder aufzuwecken; und ob⸗ gleich er beim Schluß ſeiner Rede ſeufzte, gab ihm doch die ausnehmende Ruhe in Luciens We⸗ ſen wieder einigen Muth, und als er bemerkte, wie ſie, obwohl ohne lebendige Theilnahme, ihre gewohnten Beſchaͤftigungen wieder vornahm, zwei⸗ felte er kaum mehr daran, daß ſie bald die Erin⸗ nerung an eine, wie er hoffte, halbkindiſche und fluͤchtige Neigung uͤberwinden werde. Mit Be⸗ gierde ergriff er ihren Vorſchlag, nach Warlock zu⸗ ruͤckzukehren, und noch in derſelben Woche, wo Lucie den geheimnißvollen Brief ihres Geliebten er⸗ halten, traten Vater und Tochter die Heimreiſe an. — c er— e———„————— P Zwei und zwanzigſtes K apitel. Kellner. Wer find dieſe da?“ Freiſaſſe. Und von welcher Art— zu was nuͤtze2 Latroch. Was meint Ihr? die Tragddie von Rollo. Frau Hurtig. Er iſt in Arthurs Schovß, wenn je⸗ mals Einer än Arthurs Schooß gekommen iſt⸗ Heinrich V. Der Verlauf unſerer Erzaͤhlung fuͤhrt uns jetzt zu William Brandon zuruͤck. Die beabſichtig⸗ ten Befoͤrderungen waren ins Werk geſetzt wor⸗ den, und zur Ueberraſchung des Publikums hatte der beneidete Rechtsanwalt der Herabwuͤrdigung durch die Ritterwuͤrde ſich unterzogen und eben zu der Zeit, da wirzu ihm zuruͤckkehren, ſeine muͤhevol⸗ len Geſchaͤfte gegen das heitere Ehrenamt des Rich⸗ terſtuhls vertauſcht. Der Verdruß, den dieſer verſchmitzte und ſtrebende Planmacher ſonſt gewiß bet einer Erhoͤhung empfunden haben wuͤrde, wel⸗ che weit unter ſeinen wohlberechtigten Erwartun⸗ gen ſtand, wurde ganz durch die von der Regie⸗ rung ihm vorgehaltnen Hoffnungen auf eine bal⸗ dige Vefoͤrderung zu einem glänzenden Poſten auf⸗ gewogen; und man fluͤſterte im Kreiſe derlenigen, welche ſolche Ereigniſſe wohl vorherſehen können: 24 Sir William Brandon duͤrfe ſogar ſeine Blicke zur Stelle eines Oberrichters und Peers kecklich erhe⸗ ben, und ſogar der Wollſack ſey ein nicht zu ho⸗ her Platz fuͤr die Hoffnungen eines Mannes von ſolchem Einfluß, ſolchen Faͤhigkeiten; und die De⸗ mokraten ſetzten hinzu: von ſo ſchmiegſamen Grund⸗ ſätzen. Gerade in dieſem Zeitpunkt ſchien auch das ſchreckliche Uebel, deſſen Angriffe Brandon ſo eiferſuͤchtig als nur moͤglich vor der Welt geheim zu halten ſuchte, der Geſchicklichkeit eines neuen Arztes„— und durch Anwendung von Mit⸗ und Seioſet Mann gezittert hätte,(ſo ge⸗ waltſamer und meiſt gefaͤhrlicher Art waren ſie,) gieng er aus dem Zuſtand einer faſt unertraͤgli⸗ — chen Qual in ein wahres Elyſium von Ruhe und Behaglichkeit uͤber; vielleicht jedoch zerruͤtteten auch die Mittet, die ihm Beſſerung verſchafften, zugleich ſeine Conſtitutivn, und es war bemer⸗ kenswerth, daß in zwei Faͤllen, wo der Arzt durch dieſelben Mittel einen aͤhnlichen Erfolg bewirkt hatte, die Patienten plotzlich ſtarben eben in dem Zeitpunkt, wo ihre Heilung gaͤnzlich beendigt ſchien. Sir Willtam Brandon jedoch ſchien wenig auf die⸗ e Gefahr zu achten. Sein Weſen wurde heite⸗ rer und ſogar milder, als es je zuvor geweſen; ſein Gang bekam eine gewiße Leichtigkeit, Auge und Sin einen froͤhlicheren Ausdruck,— dieß ales bezelchnete einen Mann, dem plotzlich eine r ——„— S S „———„. r he⸗ ⸗ on nd⸗ uch ſo len it⸗ ter ge⸗ e,) gli⸗ und ten en, e rch irkt em en. die⸗ ite⸗ en; uge — ieß 25 ſchwere Buͤrde abgenommen wurde, und der nicht mehr durch die niederdruͤckende Laſt eines koͤrper⸗ lichen Leidens abgehalten wurde, ſich kuͤhnen Hoff⸗ nungen hinzugeben. Er war immer in Geſellſchaft artig geweſen; aber jetzt verrieth ſeine Hoͤflichkeit weniger Abſichtliches; ſie nahm einen herzlicheren Ton an. Noch eine Veraͤnderung ließ ſich an ihm beovachten und dieß war gerade das Gegentheil von dem, was man haͤtte erwarten ſollen. Obgleich ein Veraͤchter von Prunk und Glanz und viel zu herb um uͤppig zu ſeyn, war er doch ein viel zu erfah⸗ rener und berechnender Kenner der Schwaͤchen an— drer Menſchen, als daß er nicht während ſeiner oͤffentlichen Laufbahn eine ſtattliche Haushaltung und eine gaſtliche Tafel haͤtte unterhalten ſollen. Der Beruf, den er erwaͤhlt, verlangt vielleicht weniger als andre, eine Unterſtuͤtzung durch Aeußer lichkeiten; aber Brandon hatte darnach geſtrebt, ebenſo wohl im Parlament als vor den Gerichts⸗ ſchranken fuͤr Einflußreich zu gelten; und obgleich ſein Haus in einem ganz ſeinem Beruf entſpre⸗ chenden Stadtviertel lag, war er doch gewohnt⸗ um ſeinen gaſtlichen Tiſch alle Maͤnner ſeiner vo⸗ litiſchen Parthei, die durch Rang oder Talent her⸗ vorragten, zu verſammeln. Aber gerade jetzt, da Gaſtlichkeit und ein gewißer groͤßerer Aufwand ſei⸗ ner Stellung mehr geziemte, wurde er in ſeiner Haushaltung genauer und eingezogner. Brandon konnte unmoͤglich ein Geitzhals geworden ſeyn; 26 Geld konnte fuͤr einen ſo gruͤndlich klugen Mann wie er, nie aus einem Mirtel zum Zweck gewor⸗ den ſeyn; aber er hatte offenbar, aus welchem Grund es nun ſeyn mochte, den Vorſatz gefaßt zu ſparen. Einige erklaͤrten es fuͤr eine Folge wie⸗ derkehrender Geſundheit und der Hoffnung auf ein laͤngeres Leben, in welchem mancherlei Faͤlle vorkommen koͤnnen, die ein Vermogen wuͤnſchens⸗ werth machen. Aber als man zufallig erfuhr, Brandon habe einige Nachfragen wegen eines gro⸗ ßen Gutes in der Naͤhe von Warlock thun laſſen, das fruͤher im Beſitz ſeiner Familie geweſen: da waren die Klatſchmaͤuler,(denn Brandon war ein Mann, von dem ſich wohl klatſchen ließ,) nicht mehr in Verlegenheit um einen wahren oder fal⸗ ſchen Beweggrund fuͤr die Sparſamkeit des Rich⸗ ters. Bald nach ſeiner Erhebung auf die Richter⸗ bank, und noch ehe die Spuren dieſer Veraͤnde⸗ rung kund geworden waren, wurde der ſonderbare Lumpenkerl, deſſen wir oben erwaͤhnten, wie er von Herr Swoppem zu einem Privatgeſpraͤch bet Brandon eingefuͤhrt worden, wieder bei dem Rich⸗ ter vorgelaſſen. „Nun“ ſagte Brandon ungeduldig, ſobald die Thuͤre verſchloſſen war,„Eure Neuigkeiten?“ „Ha nu, Ihr Ehr'n“ ſagte der Mann in ei⸗ niger Verlegenheit und drillte in der Hand Etwas herum, das die Stelle eines Hutes vertrat,„ich zu Ri mein' ich werd' bald im Stand ſeyn, Eur' Ehr'n zufrieden zu ſtelleu.“ Daun näherte er ſich dem Richter, nahm eine wichtigthuende Miene an und fluͤſterte: „'s iſcht wie ich mir's dachde!“ „Mein Gott!“ rief Vrandon mit Heftigkeit. „Er lebt alſo? Und wo?“ „Ich glaube“ antwortete der anſcheinende Vertraute von Sir William Vrandon,„daß er noch lebt, und wenn er noch lebt, ſo will ich mei⸗ ne Knochen in einem Glaskaſchden aufſtellen laſſen, wenn ich ihn nicht aufſtoͤbern thue; aber anzeigen, wo er jetzt eben in dieſem Augenblick iſch— zer⸗ ſchmeißt mich, wenn ich das im Stand bin!“ „Iſt er im Lande?“ ſagte Brandon,„oder glaubt Ihr, er ſey ins Ausland gegangen?“ „Nu, viel vom Einen und nicht wenig vom Andern!“ ſagte der wohlredende Vertraute. „Wie? ſprecht gerade heraus, Menſch! was meint Ihr?“ „Nun, ich mein' eben, Ihr Ehren, daß ich nicht ſagen kann, wo er iſcht.“ „Und das,“ ſagte Brandon mit einem halber⸗ ſtickten Fluche,„das ſind Eure geruͤhmten Neuig⸗ keiten, das? Hund, verdammter, verdammter Hund, wenn ihr mich fuͤr Narren halten, mit mir ein falſches Spiel treiben wollt, laß' ich Euch haͤngen— beim lebendigen Gott, das laß ich! Der Moun fuhr unwillkuͤhrlich vor Brandons 28 drohender Stirne und rollenden Augen zuruͤck; aber mit der dem niedrigen Laſter eigenthuͤmlichen lau⸗ ernden Liſt antwortete er, obwohl in demüthige⸗ rem Tone: „Und was ſoll das Eu'r Ehren nutz zen? Wenn Sie mich ſo maſſakriren laſſen, werden S' dann ihn auf die Spur kommen?“ Nie gab es ein Hinderniß in der Gram matik, das eine tuͤchtige Wahrheit nicht! durchbrach; und Brandon ſagte, nach einer verdrießlichen Pauſe, mit milderem Ton:„Ich wollte Euch nicht 2 Angſt machen; denkt nicht mehr an das was ich Euch ſagte; aber Ihr koͤnnt doch mit Sicher heit erra⸗ then, wo er iſt, oder„ Lebensart er fuͤhrt, — vielleicht“— und eie plotzliche Blaͤſſe uͤber⸗ flog Brandons ſchwärzliches— eſicht:„vielleicht hat er ſich in eine unehrliche Lebensweiſe geſtuͤrzt, um ſich das Leben zu friſten?“ Der Befragte erwiederte mit große r Unbefan⸗ genheit:„ſo etwas ſey gar nicht unmo glich!“ und Brandon gieng zu einer Reihe von ſcheinbar gleich⸗ gültigen, aber kuͤnſtlichen Kr reuz⸗ und Querfragen uͤber, welchen zu entgehen den Menſ— entwe⸗ der ſeine Unwiſſenheit oder ſeine Liſt in Stand ſetzte. Nach einiger Zeit gab Brudon, getaͤuſcht und unbefriedigt, das ihm ſo kelaͤufige Geſchaͤft auf, gab dem Mann viele wohlausgedachte, ins Kleinſte gehende Anweiſungen nebſt einem ſehr freigebigen Geſchenk und ſah ſich dann genothigt, eir lar aber lau⸗ e⸗ enn ann tik, und uſe, ngſt uch rra⸗ hrt, o— PL= icht nit der beth eſſen Aufſpuͤrung oder ſpaͤter dem herung nebſt h vorangegan te, als er allein tmachte, zeige würde nur wet ren, ihn auch nur ke ge ihn aufzufinden nac heit. Zudem koͤnnte mich dieß Betrihe preis geben und aller Wal er ent weder das Land verlaſſen, oder eine Lebensweiſe ergriffen, die ihm die Luſt, ſich zu eutdecen, be⸗ nehmen wuͤrde!“ Dieſer Gedanke verſenkte den einſamen Sprecher in ein duſtres Nachſinnen, das einige M inuten währte und aus dem er mit dem lauten Ausruf auffuhr: „Ja, ja! ich darf es glauben, es hoffen! 0 Jetzt auf's Miniſterium und die Peerſchaft los!“ Und von dieſer Zeit an ſchlug Sir William Bran⸗ don's Ehrgeitz immer feſtre und weitergreifende Wurzeln in ſeiner Seele. Wir beklagen ſehr, daß der Verlauf unſrer Geſchichte uns jetzt noͤthigt, eines Ereigniſſes zu gedenken, welches zu erzaͤhlen wir uns gern die Unluſt erſpart haͤtten. Der gute alte Squire vom Warlocker Herrenhaus hatte nach ſeiner Ruͤckkebr von Bath kaum ſeine Heimath erreicht, als Wil⸗ liam Brandon folgenden Brief von ſeines Bruders ergrautem Kellermeiſter erhielt: „Hochgeehrter Sirr! „Ueberſende Folgendes mit moöglichſter Eile, obwoll mit ſchwehrem Herzen, um Dero in Be⸗ kanntſchaft zu ſetſen von der bloͤtzlichen(und wie ſeine guthen Freunde und Anteilnehmende Perſchonen fuͤrchten, als zu welch letztgenannten ſicherlich alle gehöbren, die ihn kennen) gefeerlichen Kranckheit des Squiren*) Er ward von der Kranckheith an⸗ sewendet, der guthe arme Herr(Gott ſchuf nie *) Der Leſer, der ohne Zweifel ſchon die Beobach⸗ tung gemacht hat, wie langjährige Diener ſich et⸗ was vom Ton ihrer Herren aneignen, wird be⸗ merken, daß der ehrliche John Sampſon vom Squire die Gewohnheit der in einandergeſchachtel⸗ ten Sätze angenommen, die ſelb 1 ran⸗ ende ſrer s zu die vom kebr Wil⸗ ders File, Be⸗ ſeine onen alle kheit an nie bach⸗ h et⸗ d be⸗ vom htel⸗ — 37 keinen Beſſeren, nehmen mir's Ihr Ehren nicht fuͤr üͤbel!) im Augenblick wo er den Fuus in ſet⸗ ne eigne Halle ſetzte, und was ſeither wie ein Mühlſtein mir auf der Seele gelegen, iſt, daß er, ſtatt zu ſagen: Wie ſtehts und geht's Samp⸗ ſon? wie er ſonſt pflegte, wenn er von fremden Orten wieder heimkam, als da ſind Bath, Lonn'n und dergleichen, dießmal ſagte: Gott ſegne dich, Sampſon! und ich meine jetzt immer ungefaͤhr, das werden ſeine letzten Worte geweſen ſeyn; denn er hat ſeitdem nicht mehr geſprochen, ohn⸗ eracht daß Miß Lucie unablaͤßig an ſeinem Bette iſt. Sie, die gute arme Seele laͤßt ſich gar nichts anmerken von Lamentiren und ſolchem Weiberwe⸗ ſen, ſieht aber demohnerachtet auf und nieder wie eine Leiche aus. Ich ſchicke Tom, den Po⸗ ſtilion mit dieſer Expreſſe, wiſſende, daß er ſel⸗ nen guthen Gallopp reitet und vor noch nicht ſech⸗ zehn Jahren bei einem Rennen einen Preis da⸗ vongetragen hat. Hoffende daß Ihr Ehren ohne Zeitverlurſt in dieß Haus der Trauer eilen wer⸗ den, verharre ich, mit aller Hochachtung Euer Ehren unterthaͤniger, dienſtwilliger Diener John Sampſon.“ Sir William Brandon nahm ſich nicht Zeit, dieſen Brief zweimal zu leſen, um den Sinn deſ⸗ ſelben zu enträthſeln, eh' er einem ſeiner Amfs⸗ 32 pruͤder ſchrieb und ihn erſuchte, während ſeiner unumgaͤnglich nothwendigen Abweſenheit aus der traurigen Veranlaſſung von ſeines Bruders zu be⸗ fuͤrchtendem Tode, ſeine Stelle einzunehmen; und dieß gethan, reiste er ſogleich nach Warlock. Ihm ſelbſt unerklaͤrlich war das Gefuͤhl, nahe an wirk⸗ lichen Kummer graͤnzend, das der weltlich geſinnte Advokat bei der Ausſicht empfand, ſeinen harmloſen und von allem Ehrgeitz freien Bruder zu verlie⸗ ren. Sey es nun, daß unruhige und ehrgeitzige Gemuͤther, welche ſich fuͤr ihre wankelmuͤthige Zaͤrtlichkeit ihnen ſelbſt gerade entgegengeſetzte Cha⸗ rakter ausſuchen, beim Verluſt der Geſellſchaft ſolcher ruhiger, reiner Seelen, die nie ihren eignen unebnen Pfad durchkreuzt haben, ein Ge⸗ fühl haben, als ob ſie eine Art von Rettungsha⸗ fen fuͤr ihre eignen raſtloſen Gedanken und ſturm⸗ gepeitſchten Plane verloren: ſey dem wie ihm wolle, gewiß iſt, daß als William Brandon vor ſeines Bruders Thor ankam und von dem alten Schenken, der ihn, zum erſtenmal niedergeſchla⸗ gen, begruͤßte, erfuhr, der Squire habe den Geiſt aufgegeben, ſeine ſtarre Natur ihm auf ein⸗ mal verſagte und er die Erſchutterung mit einer vielleicht lebhafteren Heftigkeit empfand, als ſelbſt ein wohlwollenderes und zaͤrtlicheres Herz ſie em⸗ pfunden haͤtte. Sobald er wieder ſeiner Gemuͤthsbewegung Meiſter geworden, erkundigte ſich Sir William er d * te en ge ge ift 6 * e⸗ m or la⸗ en in⸗ er * ung am 33 nach ſeiner Nichte und als er erfuhr, nach einem unausgeſetzten Wachen während der ganzen kurzen Krankheit des Squire ſey bei ſeinem Tode ihre Natur unterlegen und man habe ſie bewußtlos von ſeinem Zimmer in das ihrige gebracht: gieng Brandon mit Schritten, die von ſeinem ſonſtigen ſtattlichen Gang gar ſehr verſchieden waren, in das Zimmer, wo ſein Bruder lag. Es war eines der älteſten Gemaͤcher im Hauſe und noch zeichne⸗ te Viel von dem alten Glanze, der dem Herren⸗ haus eigen war, eh mit dem Vermoͤgen ſeiner auf⸗ einander folgenden Beſitzer auch ſeine Herrlichteit ſich verminder.e, dieſes Zimmer aus. Der unge⸗ heure Kaminſims, der zu der geſchnitzten Decke in grotesken Pilaſtern emporſtieg und Getaͤfel vom ſchwärzeſten Eichenholz, in der Mitte die vermaͤhl⸗ ten Wappen von Brandon und Saville angebracht, die panellirten Waͤnde von demſelben dunkeln Ge⸗ taͤfel— der Schrank von Ebenholz, die Stuͤhle mit hohen Lehnen und Polſtern von Deppichen— das erhabne Bett mit ſeinen Paradekiſſen und Be⸗ bängen von karmoiſinrother Seide, die, ſo ſolid war der Stoff und ſo hervorſtehend die Blumen, eher erhabner Arbeit als gewirkter glich,— alles vereinigte ſich mit der Geſtalt des Zimmers, ihm das Anſehen feudal⸗alterthuͤmlicher Feierlichkeit zu geben, die vielleicht zum Uebrigen des Hauſes nicht paßte, aber ganz wie gemacht war, einen däſtern Schmerz in die Bruſt des weltlichgeſinn⸗ Bulwer s Romane. XXVIII. 5 —————— —————— 34 ten, ſtolzen Mannes zu werfen, der jetzt in die Todtenkammer ſeines Bruders trat. Schweigend entfernte Brandon die Leichen⸗ waͤchter und ſchweigend ſetzte er ſich neben dem Bette nieder und betrachtete lang und gedanken⸗ voll das ruhige, friedliche Antlitz des Todten. Es iſt ſchwer zu errathen, was in ihm vorgieng, waͤh⸗ rend er allein in dem Zimmer blieb. Das Gemach ſelbſt hätte er, auch zu einer andern Zeit, nicht ohne eine geheime Bewegung anſehen koͤnnen. Es war dasjenige, worin er als Knabe gewoͤhnlich ge⸗ ſchlafen hatte; und jetzt, da er ein Mann voll von Planen und Beſtrebungen war, reichte der bloße Anblick dieſes Zimmers hin, all die Hoffnungen und Traͤume, die unruhigen Entwuͤrfe und fieber⸗ haften Wuͤnſche ihm in die Seele zuruͤck zu ru⸗ fen, die ihm jetzt das beneidete Los anerkannter Beruͤhmtheit und zerruͤtteter Geſundheit verſchafft hatten. Es muß etwas Peinliches in der Zuſam⸗ menſtellung dieſer lebendigen Erinnerungen mit der Veranlaſſung, welche ihn in dieß Gemach fuͤhr⸗ te, geweſen ſeyn; und es war etwas Freundliches in der Miene des Todten, das kraͤftiger an das Herz des Lebenden ſprach, als William Brandon je zu geſtehen geneigt ſeyn mochte. Laͤnger als eine Stunde hatte er in dem Zimmer zugebracht und der Abend warf ſchon tiefe Schatten durch die ſchmalen Scheiben des halbgeſchloſſnen Fen⸗ ſters, als Brandon durch ein Geräuſch 35 aufgeſchreckt wurde. Er ſah auf und erblickte ſich gegenuͤber Lucien. Sie ſah ihn nicht, aber ſie warf ſich uͤber das Bette, nahm die kalte Hand des Erblichenen und brach nach langem Schwei⸗ gen in einen Strom von leidenſchaftlichen Thraͤ⸗ nen aus. „Mein Vater!“ ſchluchzte ſie,„mein zaͤrtli⸗ cher guter Vater! wer wird mich jetzt lieben?“ „Ich!“ ſagte Brandon, tief ergriffen, und um das Bett herumgehend ſchloß er die Nichte in ſeine Arme;„ich will dein Vater ſeyn, und du — die letzte unſres Stammes— ſollſt mir Loch⸗ ter ſeyn!“ Fuͤnf und zwanzigſtes Kapitel. Bei ivm war Falſchheit nicht die hohle Frucht Der Ruhmſucht, die ein eitles Herz verſucht; Es war verechnet, liſtig ſchlaue Kunſt. Crabbe. Fahrt zu! nach Canterbury! ins Poſthorn ſtoßt! Friſch uͤver Stock und Stein, durch dick und duͤnn! Hurrah! wie ſchnell und luſtig faͤhrt die Poſt! „ 68 *„* Hier herrſchen die Geſetze; keine Falle Droht hier dem Reiſenden; die Straßen alle Sind rein!— Hier ſaß der Dolch ihm an der Kehle „Gott ſtraf' Euch! Laßt Eu'r Geld, wo nicht— die Seele! Don Jnan. ungluͤcksfaͤlle gleichen den Schoͤpfungen des Cadmus— ſie vernichten einer den andern. Durch die plotzliche Kranfheit des Squire aus der ſchlaf⸗ fen Betaͤubung des Gemuͤths aufgeſchreckt, wor⸗ ein ſie durch den Verluſt des Geliebten verſun⸗ ken war, hatte Lucie jetzt keinen Gedanken mehr an ſich, an irgend etwas Anderes als an ihren Vater, noch lange nachdem ſich das Grab uͤber ſeiner irdiſchen Huͤlle geſchloſſen hatte. Aber ge⸗ rade die Lebhaftigkeit dieſes neuen Schmerzens „d 37 war minder gefaͤhrlich als die Dumpfheit des frü⸗ hern; und als der erſte Sturm des Jammers voruͤber war und ihr Gemuͤth allmaͤlig und unwill⸗ kuͤhrlich wieder zu der Erinnerung an Clifford zu⸗ ruͤckkehrte: ſo geſchah dieß jetzt mit weniger Hef⸗ tigkeit und weniger Gefahr fuͤr ihre Geſundheit und ihr Gluͤck als zuvor. Sie hielt es fuͤr unna⸗ tuͤrlich und ſtrafbar, ſich irgend einem andern Kum⸗ mer hinzugeben, da ſie einen ſo heiligen Schmerz wie den uͤber ihren Verluſt zu hegen hatte; und ihr Geiſt, einmal zum Widerſtand gegen die Lei⸗ denſchaft ſich ermannend, entwickelte eine natuͤr⸗ liche Staͤrke, die man von ihrem Charakter, wie er ſich ſonſt zeigte, kaum erwartet haͤtte. Sir William Brandon kehrte nach der Beerdigung ſel⸗ nes Bruders ohne Zeitverluſt in die Stadt zu⸗ ruͤck. Er beſtand darauf, ſeine Nichte mit ſich zu nehmen; und ſie gab, obwohl mit innerem Widerſtreben, ſeinen Wuͤnſchen nach und beglei⸗ tete ihn. Nach dem Willen des Squire war auch wirklich Sir William zum Vormund fuͤr Lucie be⸗ ſtellt, und es fehlte ihr noch mehr als ein Jahr zur Volljaͤhrigkeit. Brandon war fuͤr Alles beſorgt, wovon er glauben konnte, es koͤnne ihr irgend Freude ma⸗ chen, mit einer zarten Aufmerkſamkeit, die er ſonſt gegen das, ihm verhaßte, weibliche Geſchlecht nicht zeigte. Er ordnete ſeinen Haushalt foͤrmlich ſo, daß ſie als die Gebieterin galt. Eine Reihe 33 von Zimmern zu ihrem ausſchließlichen Gebrauch wurde eingerichtet und moͤblirt, ſo wie es nach ihrem Geſchmack ſeyn wuͤrde; ein beſondrer Wa⸗ gen ſammt Dienerſchaft ſtanden ihr zu Gebote, und durch fortwaͤhrende Geſchenke von Buͤchern, Blumen, Muſikalien ſuchte er ihre Gedanken zu beſchaͤftigen und ſie fuͤr die Einſamkeit zu ent⸗ ſchaͤdigen, welcher er ſie zu uͤberlaſſen durch die Pflichten ſeines Amts genothigt war. Dieſe Auf⸗ merkſamkeiten, welche den ſonderbaren Mann in einem neuen Lichte zeigten, ſchienen manche ver⸗ borgene, gute Seiten zum Vorſchein zu bringen, welche ſonſt unter den Haͤrten ſeiner kieſelharten Natur verhuͤllt blieben; und trotz ihrem wohlbe⸗ gruͤndeten Schmerz und der tiefen Schwermuth, welche ſie verzehrte, fuͤhlte doch Lucie eine dank⸗ bare Ruͤhrung uͤber eine Guͤte, welche doppelt zu ſchaͤtzen war an einem Manne, der, ohwohl fein⸗ gebildet und artig, keineswegs ein Freund der kleinen, den Frauen ſo ſchmeichelhaften Aufmerkſam⸗ keiten war, die, ſo erwuͤnſcht ſie ihnen ſind, doch oft dem, der ſie erweist, ihre Mißachtung zuzie⸗ hen. Brandon hatte Vieles an ſich, das unver⸗ merkt fuͤr ihn einnahm. Bei einer erfahrenern Perſon als Lucie waͤre dieſes unwillkuͤhrliche Sich angezogen fuͤhlen wohl leicht mit einigem Ver⸗ dacht vereinbar und wohl ſchwerlich von Hochach⸗ tung gegen ihn begleitet geweſen; und doch war fur Alle, die ihn kannten, ſelbſt fuͤr den ſcharfſich⸗ 39 tigen und ſelbſtſuͤchtigen Mauleverer, dieſe Anzie⸗ hung vorhanden; ohne Grundſaͤtze, verſchmitzt, beuchleriſch, ſogar niedertraͤchtig, wenn ſein Zweck es erheiſchte— mit geheimem Hohne die Thoren verlachend, mit denen er ſein Spiel trieb; kein Geſetz anerkennend als das des Eigennutzes und Ehrgeitzes— ſo war dieſer Mann, der die Men⸗ ſchen nur wie Maſchinen, und Meinungen nur als Leitern, um in die Hoͤhe zu ſteigen, anſahz und doch ward manchmal ein Ton mächtiger Em⸗ pfindung einem Herzen entlockt, das im ſelben Augenblick vielleicht ein ganzes Volk dem erbaͤrm⸗ lichſten perſoͤnlichen Vortheil opferte; und bei Lucien gieng oft die Redſeligkeit oder die Ironie ſeiner Unterhaltung in eine tiefe Melancholie oder eine halberſtickte edle Fuͤhlbarkeit uͤber, welche mit ihrem Gemuͤthszuſtand uͤbereinſtimmten und ihre Zaͤrtlichkeit fuͤr ihn mächtig erhob. Dieſe Ei⸗ genthuͤmlichkeiten in ſeiner Unterhaltung machten, daß Lucie ihm gerne zuhoͤrte und allmaͤlig ſich ge⸗ woͤhnte, mit einer truͤben Freude der Stunde ent⸗ gegenzuſehen, wo er nach den Geſchaͤften des Tags ſich bei ihr zu erholen pflegte. „Sie ſehen dieſen Abend unwohl aus, Oheim!“ ſagte ſie, als er einmal beim Eintreten in das Zimmer erſchoͤpfter als gewoͤhnlich ausſah; ſie ſtand auf, beugte ſich zärtlich uͤber ihn und kuͤßte ihm die Stirne. „Jg“ ſagte Brandon, durch die Liebkoſung 3 nicht erheitert, ja ſie nicht einmal beachtend, „unſre Lebensbahn geht bald ins duͤrre gelbe Laub hinein, und wenn Macbeth beklagte, daß er nicht ſchauen ſollte, was der Schmuck des hohen Alters ſey, ſo war er aberwitzig geworden und beklagte etwas ganz Werthloſes.“ „Aber Oheim, Ehre, Treue, Gehorſam, Schaaren von Freunden' das verlohnte ſich doch darum zu ſeufzen.“ „Pah! nicht Einen Seufzer werth! die thoͤ⸗ richten Wuͤnſche, womit wir uns in der Jugend tragen, haben etwas Edles und gewiſſermaßen Weſenhaftes an ſich; aber die des Alters ſind blo⸗ ße Schatten und dazu noch Schatten von Pyg⸗ meen. Was iſt denn uͤberhaupt Ehre? Was iſt ein guter Name unter den Menſchen? nur eine Art von heidniſchem Goͤtzen, aufgeſtellt, um von der einen Schaar Narren angebetet und von der andern verachtet zu werden. Bemerkſt du nicht, Lucie, daß die Maͤnner, die du von der Parthey am meiſten ruͤhmen hoͤrſt, mit der du heute zu⸗ ſammenkommſt, am meiſten von der verunglimpft werden, die du morgen ſprichſt? Heffentliche Cha⸗ raktere werden nur von ihrer Parthey geruͤhmt, und ihre Parthey, meine liebe Lucie, ſind ſo nie⸗ dertraͤchtige Schooshunde, daß es Einem die Galle erregt ſo bald man nur daran denkt, wie man ſich erniedrigt, wenn man ihnen dient. So ein gu⸗ ter Name iſt nur das Lob einer Sekte und die N— Wu* Mitglieder dieſer Sekte ſind nichts als wunder⸗ bar brauchbare Schelme. „Aber die Nachwelt laͤßt denjenigen, welche wirklich Ruhm verdienen, Gerechtigkeit wider⸗ fahren.“ „Nachwelt! Meinſt du, daß ein Mann, der weiß was das Leben iſt, um die Pfennig⸗Pfeifchen großer Kinder nach ſeinem Tod ſich kuͤmmert? Nachwelt, Lucie— nein! Die Nachtwelt iſt nur die beſtaͤndige Wiederholung von Schurken und darren; und waͤre es auch wuͤnſchenswerth von ihr die Gerechtigkeit gehandhabt zu ſehen: ſie koͤnn⸗ te ſie nicht ausuͤben. Iſt die Welt daruͤber ei⸗ nig, ob Karl Stuart ein Luͤgner oder ein Maͤrty⸗ rer war? Wie viele Jahrhunderte lang hat man den Nero fuͤr ein Ungeheuer gehalten! Jetzt fragt ein Schriftſteller mit einer Zuverſicht, als loͤste er ein Problem auf, welcher aͤchte Geſchichtſchrei⸗ ber denn daran zweifeln koͤnne, daß Nero ein Ideal geweſen! die Patriarchen der Schrift ſind von neuen Filoſofen fuͤr eine Reihe aſtronomi⸗ ſcher Hieroglyfen erklaͤrt worden, und mit groͤße⸗ rem Schein der Wahrheit hat man behauptet, der Patriote Tell habe gar nicht gelebt. Nachwelt! Das Wort hat ſchon Menſchen genug getaͤuſcht; ſo daß ich die Zahl nicht zu vergroͤßern brauche. Ich, der ich die Lebenden verachte, kann ſchwerlich den Ungebornen huldigen. Lucie, glaube mir, Nie⸗ mand kann im politiſchen Leben viel mit den Leue 4* ten verkehren, ohne nachgerade Alles zu verachten, was er fruͤher angebetet. Das Alter laͤßt uns nur Ein Gefühl uͤbrig— Geringſchatzung! „Hat man Sie denn verläͤumdet,“ ſagte Lu⸗ cie, auf eine Zeitung, das Organ der Brandon entgegenſtehenden Parthey hindeutend,„hat man Sie denn verlaͤumdet, wenn man Sie hier ehr⸗ geitzig nennt? Wenn man Sie ſelbſtſuͤchtig und habſuchtig nennt, ſo thut man Ihnen, das weiß ich, unrecht; aber ich geſtehe Ihnen, daß ich ſelbſt Sie fuͤr ehrgeitzig hielt; aber kann denn derjenige, der die Menſchen verachtet, ihre gute Meinung ſich wünſchen?“ „Ihre gute Meinung!“ wiederholte Brandon ſpottend.„Verlangen wir das Lob der Eſel die wir reiten?— Nein!“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„die Macht, nicht die Ehre— die Hoff⸗ nung ſich ſowohl bei der aͤußern Welt als bei ſich ſelbſt im Innern der Seele in Achtung zu ſetzen:? dieſe Hoffnung treibt mich zu arbeiten, da ich ru⸗ hen koͤnnte und wird mich treiben bis an mein Grab. — Lucie!„fuhr Brandon die Augen auf ſeine Nichte heftend fort,„haſt du keinen Ehrgeitz? Ha⸗ ben Gewalt, Prunk und Ehrenſtellen fuͤr dein Gemuͤth keinen Reitz?“ „Gar keinen!“ ſagte Lucie ruhig und einfach. „In der That!— Es gab Zeiten, wo ich mein Blut in deinen Adern zu erkennen glaubte, du ſtammſt aus einem ehemals edeln⸗ aber ver⸗ 43 fallenen Geſchlecht. Haſt du einige Empfaͤnglich⸗ keit fuͤr die Schwachheit des Ahnenſtolzes?“ „Sie ſagen“ antwortete Lucie,„wir ſollen uns nicht um die kuͤmmern, welche nach uns le⸗ ben; viel weniger, duͤnkt mich, ſollen wir uns um die kuͤmmern, welche Jahrhunderte vor uns gelebt haben.“ „Gut geantwortet!“ ſagte Brandon laͤchelnd. „Ich will dir irgend einmal erzaͤhlen, welche Ge⸗ walt dieſe von dir ſchon verachtete Schwaͤche uͤber mich ausuͤbte, als ich ſchon weit aͤlter war als du. Du biſt fruͤhe weiſe— in manchen Punkten; be⸗ nuͤtze meine Erfahrung und werde es in allen!“ „Das heißt, ich ſoll alle Menſchen und alle Dinge verachten?“ ſagte Lucie ebenfalls lächelnd. „Nun, du brauchſt nicht meinen Glauben an⸗ zunehmen; du kannſt nach deinem eignen weiſe ſeyn; aber liebſte Lucie, glaube Einem, der dich rein und uneigennuͤtzig liebt, und der auf der Gold⸗ wage alle Vortheile abgewogen, die noch auf ei⸗ ner Erde aufzuleſen ſind, wo, wie ich in der That uͤberzeugt bin, der Herbſtertrag ſchon eingeſammelt ward, ehe wir ſie betraten: glaube mir, Lucie! und halte nie die Liebe, dieſen Maͤdchentraum, fuͤr ſo werthvoll als Stand und Macht; bedenke dich wohl, eh du jener dich hingiebſt; nach dieſen greife im Augenblick, wo ſie ſich dir darbieten. Liebe legt dich zu den Fuͤßen eines Andern und dieſer Andreziſt ein Tyrann; aber hoher Stand legt Andre dir zu Fuͤßen, und all dieſe dir Hul⸗ digenden ſind deine Sklaven!“ Lucie ruͤckte mit ihrem Stuhl, ſo daß ihre je⸗ tzige Stellung ihr Angeſicht nicht ſehen ließ und antwortete nicht. Brandon fuhr in verändertem Tone fort: „Sollteſt du es glauben, Lucie, daß ich ein⸗ mal Thor genug war, mir einzubilden, die Liebe ſey ein Himmelsgut und des lebhafteſten Stre⸗ bens werth? Ich gab meine Hoffnungen, meine Ausſichten auf Reichthum und Ehre, auf Alles was ſeit meinen Knabenjahren mein Herz entzuͤn⸗ det hatte, auf. Ich erkor mir Armuth, Namen⸗ loſigkeit, Niebrigkeit; aber darneben erkor ich mir die Liebe. Was war mein Lohn? Lucie Brandon! ich ward betrogen— betrogen!“ Brandon ſchwieg und Lucie ergriff zaͤrtlich ſeine Hand, aber brach ihr Schweigen nicht; Brandon fuhr fort: „Ja, ich ward betrogen! aber ich meinerſeits hatte auch eine Genugthuung und eine angemeßne Genugthuung— denn es war nicht die Rache des Haſſes, ſondern(hier lachte der Redende ſardo⸗ niſch,) die der Verachtung. Genug davon, Lucie! Was ich dir zu ſagen wuͤnſchte iſt dieß— altere Maͤnner und Frauen wiſſen mehr, was eigentlich an den Dingen iſt, als juͤngere Leute ſich einbil⸗ den. Liebe iſt nur ein Spielzeug und kein Menſch tauſchte ſie je ohne Reue gegen einen wirklichen Portheil ein. Glaube dieß, und wenn je hoher * S—* te 8 03 ₰ re l⸗ n 35 Stand unter dieſen huͤbſchen Fuß ſich ſchmiegt, ſo ſchleudre doch ja dieſen Schemel nicht weg!“ Nach dieſen Worten zuͤndete Brandon mit ei⸗ nem feinen Lachen ſeine Nachtkerze an und verließ fuͤr heute das Zimmer. Sobald der Rechtsgelehrte ſein Zimmer er⸗ reicht hatte, ſchrieb er folgenden Brief an Lord Mauleverer nieder: „Warum, lieber Manleverer, kommen Sie nicht in die Stadt? Ich bedarf Ihrer. Ihre Par⸗ they bedarf Ihrer, vielleicht der Koͤnig bedarf Ih⸗ rer; und fuͤrwahr, wenn es Ihnen mit meiner Nichte ein Ernſt iſt, ſollte Sie die Sorge um Ihre eigne Liebesbewerbung treiben hieher zu kommen. Ich habe fuͤr Sie den Weg gebahnt, und ich denke bei einiger Gewandtheit duͤrfen Sie auf einen raſchen Erfolg rechnen; aber Lucie iſt ein ſonderbares Maͤdchen— und uͤberhaupt thaͤ⸗ ten Sie vielleicht am beſten, obgleich Sie an Ort und Stelle ſeyn ſollten, die Sache ſo viel als moglich mir zu überlaſſen. Ich kenne die menſch⸗ liche Natur, Mauleverer, und dieſe Kenntniß iſt der Hebel, durch den ich meinen Triumf bewir⸗ ken will. Den jungen Liebhaber betreffend, ſo weiß ich nicht recht gewiß, ob es nicht zu unſrem Vortheil ausſchlagen wird, daß Lucie in dieſem Punkt den Schmerz einer getaͤuſchten Hoffnung er⸗ fahren hatte; denn wenn ein Weib einmal geliebt hat und ihre Liebe ganz hoffnungslos iſt, ſo ſchlaͤgt — ,— 46 ſie ſich alle uberſchwaͤnglichen Ideen von anbern Liebhabern ganz aus dem Sinn, dann begnuͤgt ſie ſich mit einem Gatten, den ſie achtet! Die herrliche Fraſe! Aber Sie, Mauleverer, verlangen Lucie ſolle Sie lieben! Und das wird ſie auch— wenn Sie ſie nur erſt geheirathet haben. Luce wird Sie lieben, theils wegen der Vortheile die ſie Ihnen verdankt, theils in Folge des vertraulichen Zuſammenlebens. Ich meines Theils ſchlage den Einfluß der Haͤuslichkeit ſo hoch an, daß ich glau⸗ be: ein Weib iſt immer zur Zaͤrtlichkeit gegen ei⸗ nen Mann geneigt, den ſie einmal in der tacht⸗ muͤtze geſehen hat. Indeß Sie ſollten in die Stadt kommen; die friſche Trauer um den Tod meines armen Bruders geſtattet uns Niemand zu ſehen — das Feld iſt rein von Nebenbuhlern; der Schmerz hat meiner Nichte Herz geſaͤnftigt— mit Einem Wort, Sie koͤnnten Sich keine beſſte Gelegenheit wuͤnſchen. Kommen Sie! Beilaͤufig! Sie ſagen, einer der Gruͤnde, war⸗ um Sie von Kapitän Clifford ſo ſchlimm dachten, ſey der Eindruck, den Ihnen die Geſtalt Eines ſei⸗ ner Cameraden machte, in der ſie eine Aehnlich⸗ reit mit Einem der Kerls zu erkennen glaubten, von welchen Sie vor einigen Monaten ausgeplun⸗ dert wurden. Ich hoͤre, daß eben jetzt die Poli⸗ zey in lebhafter Verfolgung von drei ſehr beruͤch⸗ tigten Raͤubern begriffen iſt; es wuͤrde mich durch⸗ gus nicht Wunder nehmen, wenn man in die ſem 47 Clifford das Haupt der Vande, d. h. den bekann⸗ ten Lovett, entdeckte. Ich hoͤre, beſagter Anfuͤh⸗ rer ſey ein geſcheuter und huͤbſcher Burſche, von vornehm ⸗anſtaͤndigem Weſen, und ſeine gewoͤhn⸗ lichen Gefaͤrthen ſind zwei Maͤnner gerade von ſolchem Gelichter wie die zwei Ehrenmaͤnner, wel⸗ che Sie mir ſo ergoͤtzlich beſchrieben. Dieß erfuhr ich geſtern von Nabbem, dem Policey-Beamten, um deſſen Bekanntſchaft ich mich einmal bei ei⸗ nem Verhoͤr bewarb; und in meinem Groll gegen Ihren Nebenbuhler ließ ich etwas von meinem Verdacht fallen, es ſey nicht unmoͤglich daß er, der Capitain Clifford ſich als dieſer Rinaldo Ri⸗ naldint der Landſtraße ausweiſe. Nabbem faß⸗ te ſogleich meinen Fingerzeig; und ſo darf ich, falls die Vermuthung ſich beſtätigt, meinem Ge⸗ wiſſen ſowohl als meiner Freundſchaft mit dem Gedanken ſchmeicheln, das meinige dazu beigetra⸗ gen zu haben, um den Adonis meiner N dichte an den Galgen zu bringen. Mag ſich nun meine Ver⸗ muthung beſtaͤtigen oder nicht: Nabbem ſagt, er ſey dieſes Lovett's gewiß; denn Einer von der Bande hat verſprochen ihn zu verrathen. Zum Henker mit dieſen hochfahrenden Hunden! Ich meinte der Verrath beſchraͤnke ſich nur auf die Poli⸗ tik; und dieſer Gedanke bringt mich auf Staatsan⸗ gelegenheiten zu ſprechen— wo alle Leute mit der erbaulichſten Schnelligkeit die Rollen wechſeln.“** 6 *** Sir William Brandon's Brief traf Mauleve⸗ rer in einer fuͤr Lucie und London ſehr guͤnſtigen Stimmung. Unſer wuͤrdiger Peer war durch Lu⸗ ciens ploͤtzliche Abreiſe von Bath in ſehr verdrieß⸗ liche Laune verſetzt worden; und waͤhrend er noch im Zweifel war, ob er ihr folgen ſollte oder nicht, brachten ihm die Zeitungen die Nachricht von des Squiren Tode. Mauleverer, dem jetzt die Un⸗ moͤglichkeit einleuchtete, ſeine Bewerbung ſofort zu beſchleunigen, ſuchte als aͤchter Filofof mit der Hinausſchiebung ſeiner Hoffnung ſich auszuſoͤhnen. Nicht leicht war Jemand fuͤr den Troſt empfaͤng⸗ licher als Lord Mauleverer. Er fand eine ange⸗ nehme Dame, deren Geſicht weniger von der Zeit gelitten hatte als ihr Ruf, welcher er die Sorge anvertraute, ſeine muͤßigen Augenblicke vor Langer⸗ weile zu bewahren; und dieſe entſprach dem in ſie geſetzten Vertrauen zur großen Zufriedenheit des Lords Mauleverer etwa vierzehn Tage lang, ſo daß er natuͤrlicherweiſe ſeine Liebe gegen Lucie, wegen der Trennung und neuer Bande, allmaͤlig ſchwinden fuͤhlte; aber gerade als der Triumf der Zeit uͤber die Leidenſchaft entſcheidend werden woll⸗ te, verließ die Dame Bath in Geſellſchaft eines ſchlanken Geleitsmann's und erhielt Mauleverer Brandons Brief. Dieſe beiden Umſtaͤnde erweck⸗ ten in unſrem trefflichen Liebhaber wieder das Be⸗ — ¹ wußtſeyn von ſeiner Treuepflicht; und da jetzt Bath keinen beſondern Reitz mehr hatte, um der Glut ſeiner Zaͤrtlichkeit die Wage zu halten, ſo ließ Mauleverer ſeinen Wagen anſpannen und reis⸗ te, nur von ſeinem Kammerdiener begleitet, nach London ab. Nichts vielleicht konnte ein treffenderes Bild eines Ariſtokraten liefern, als der Anblick des ſchmalen, vornehm verdrießlichen Angeſichts Lord Mauleverers hinter dem verſchloßnen Fenſter ſeines uͤppigen Reiſewagens hervorlugend! Der ubrige Mann war ſorgfäͤltig in Pelze gewickelt, ein halb Dutzend Novellen waren auf dem Sitz ausgebrei⸗ tet und ein magrer franzoͤſiſcher Hund, der aus⸗ nehmend ſeinem Herrn glich, ſchnuͤffelte umſonſt nach der friſchen Luft, die nach Mauleverers Vor⸗ ſtellung mit allen Arten von Aſthwa und Catarrh bevoͤlkert war. Ein treffendes Bild eines Ariſto⸗ kraten war es— aus folgenden Gruͤnden, weil es den Eindruck der Faulheit, der Unbehaglichteit, der Ueppyigkeit, des Stolzes und des Laͤcherlichen machte. Mauleverer ſtieg in Salisbury aus, um ſeine Glieder zu dehnen und ſich mit einem Kalbs⸗ rippchen zu letzen. Unſer Edelmann war auf den Landſtraßen wohl bekannt und da Niemand leut⸗ ſeliger ſeyn konnte als er, ſo war er auch ſehr beliebt. Der dienſtwillige Wirth ſtolperte ins Zimmer, um ſelbſt ſeiner Lordſchaft aufzuwarten und alle Neuigkeiten des Orts ihm zu erzaͤhlen. Bulwer's Romane XXVIII⸗ 4 50 „Nun, Herr Cheerly!“*) ſagte Mauleve⸗ rer, einen durchdringenden Blick auf ſein Ripp⸗ chen heftend, die ſchlechten Zeiten haben, wie ich ſehe, Euren Koch noch nicht zu Grund gerichtet.“ „In der That, mein Lord, Euer Lordſchaft iſt ſehr guͤtig und die Zeiten, in der That, ſind ſehr ſchlecht— ſehr ſchlecht in der That. Iſt auch genug friſcher blutiger Saft daran? Vielleicht will Euer Lordſchaft die eingemachten Zwiebeln ver⸗ ſuchen?“ „Die— was? Zwiebeln?— ah— nichts kann beſſer ſeyn; aber ich ruͤhre nie ſolche an. Ey, ſind die Straßen gut?“ „Euer Lordſchaft hat ſie hoffentlich bis Salis⸗ bury gut gefunden?“ „Ha, ich glaube ſo. O, gewiß, vortrefflich bis Salisbury.“ Aber wie ſind ſie nach London? Wir haben naſſes Wetter gehabt in neueſter Zeit, mein' ich!“ „Nein, mein Lord! Hier war das Wetter ſo trocken wie ein Bein.“ „ Oder eine Cotelette!“ murmelte Mauleve⸗ rer; und der Wirth fuhr fort: „Die Straßen an und für ſich ſelbſt, mein Lord, was die Straßen ſelbſt betrifft, die ſind praͤchtig gut, mein Lord! aber ich koͤnnte nicht ſa⸗ gen, daß eben gar nichts daran zu beſſern wäre!“ *) Deutſch etwa Froͤhlich. ——— 51 „Gar nicht unwahrſcheinlich! Ihr meint die Herbergen und die Chauſſeegelder?“ verſetzte Mau⸗ leverer. „Euer Lordſchaft belieben zu ſcherzen;— nein, ich meinte etwas ſchlimmeres als dieß.“ „Was? die Koͤche?“ „Nein, mein Lord, die Landſtraßen⸗Ritter!“ „Die Landſtraßen⸗Ritter! in der That!“ ſag⸗ te Mauleverer beſorgt, denn er hatte ein Kaͤſtchen mit Diamanten bei ſich, die in damaliger Zeit bei großen Gelegenheiten oft in Geſtalt von Knd⸗ pfen, Schnallen u. ſ. w., die Kleidung vorneh⸗ mer Herrn ſchmuͤckten; auch hatte er eine ziemlich beträchtliche Summe baares Geld bei ſich, ein Fall der ſeit neuerer Zeit ſelten bei ihm eintrat. —„Beilaͤufig geſagt, die Schufte pluͤnderten mich ſchon einmal auf eben dieſer Straße. Mei⸗ ne Piſtolen ſollen dießmal geladen ſeyn. Herr Cbeerly, es iſt wohl das Veſte, Ihr beſtellt die Pferde und ich ſuche noch dem Einbruch der Nacht vorzukommen!“ „Ganz gewiß, mein Lord, ganz gewiß. Ja⸗ kob, ſogleich die Pferde. Euer Lordſchaft befehlen zunoch, eine Cotelette?“ „Keinen Biſſen mehr!“ „Ein Toͤrtchen?“ „Einen Teuf— um Alles in der Welt nicht!“ „Bring den Kaͤſe, John!“ „Sehr verbunden, Hert Cheerly, aber ich habe geſpeist; und wenn ich Eurem guten Eſſen keine Gerechtigkeit widerfahren ließ, ſo dankt es Euch ſelöſt und den Landſtraßen⸗Rittern. Wo packen dieſe Ritter Einen an?“ „Je nun, mein Lord, die Nachbarſchaft von Reading iſt⸗ glaub' ich, die ſchlimmſte Partie; aber ſie beunruhigen den ganzen Weg bis Salthill gar ſehr.“ „Verdammt! gerade die Stelle, wo die Schurken mich ſchon einmal pluͤnderten! Ihr habt Recht ſie beunruhigend zu nennen! Was Henkers ſaͤubert denn die Polizey das Land nicht von einer ſo beweglichen Art von Ruheſtorern?“ „Wahrhaftig, mein Lord, ich weiß nicht; aber ſie ſagen, der Hauptmahn Lovett, der beruͤch⸗ tigte Raͤuber, ſey einer von der Rotte, und den kann Niemand fangen, fuͤrcht' ich!“ „Wahrſcheinlich weil der Hund geſcheut genug iſt, eben ſo gut zu beſtechen als zu rumoren⸗ Wie ſtark ſind gewoͤhnlich dieſe Schurken?“ „Nun, mein Lord, manchmal Einer manch⸗ mal zwei, aber ſelten mehr als drei.“ Mauleverer richtete ſich auf.„ Meine koſt⸗ baren Diamanten und meine huͤbſche runde Boͤr⸗ ſe!“ dachte er⸗„daß ich Euch doch noch rette N „Seyd Ihr ſchon lange mit den Kerlen ge⸗ plagt?“ fragte er nach einer Pauſe als er ſeine Rechnung bezahlte. 53 „Nun, mein Lord, ich kann ja und nein ſa⸗ gen; ich bilde mir ein, ſie haben eine Art von Niederlage in der Naͤhe von Reading; denn manch⸗ mal ſind ſie ganz in der Naͤhe ganz unerträglich und manchmal verhalten ſie ſich Monate lang ganz ruhig. Zum Beiſpiel, mein Lord, einige Zeit her waͤhnten wir ſie ganz verſchwunden, aber in neue⸗ ſter Zeit haben ſie regelmaͤßig Jeden angehalten, obgleich ſie, wie ich hére, bis jetzt keine große Beute gewonnen haben.“ Hier meldete der Aufwaͤrter, daß die Pferde bereit ſeyen und Mauleverer ſties langſam ein, unter den Buͤcklingen und dem Lächeln der von ihm bezauberten Geiſter des Wirthshauſes. Solange es noch Tag war dachte Mauleverer, ein von Natur froͤhlicher und furchtloſer Mann, nicht mehr an die Landſtraßen⸗Ritter, denn dieſe Art von Gefahr war damals ſo alltäglich, daß man es beinah als ſchimpflich anſah, durch die Furcht davor ſich unterwegs aufhalten zu laſſen. Die Reiſenden entſchloſſen ſich ſelten dazu, Zeit zu verlieren, um ihr Geld zu retten; und lieber fuͤhr⸗ ten ſie ein kuͤhnes Herz und ein Paar Piſtolen mit ſich, als daß ſie jedesmal die Nacht unter⸗ wegs im Gaſthof geſchlafen haͤtten. Mauleverer, ein ziemlicher preux Chevalier, gehoͤrte gerade zu dieſer Art von Reiſenden, und eine Nacht in ei⸗ ner Herberge, wenn dieß immer zu vermeiden ſtand, war ihm wie den meiſten reichen Englän⸗ 54 dern eine verhaßte Qual, welcher er auf alle Wei⸗ ſe zu entgehen ſuchte. Es kam daher unſrem tre ff lichen Edelmann, trotz ſeiner gemachten Erfah⸗ rung, nicht von weitem in den Sinn, daß er ſeine Diamanten und ſeine Boͤrſe vor jeder Gefahr ſichern koͤnne, wenn er ſich entſchließe, dieſelben ſammt ſeiner eignen werthen Perſon an einem kommlichen, gaſtlichen Orte unter Dach zu bringen, und in der That erſt als er bei der nächſten Sta⸗ tlon bei Reading angekommen war, und die Dam⸗ merung recht einbrach, beunruhigte ihn die Sache ernſtlich. Aber während die Pferde einge ſpannt wurden, forderte er die Poſtknechte vor ſich und nachdem er ihre Mienen mit dem Auge eines Mannes betrachtet, der gewohnt iſt in den Geſich⸗ tern zu leſen, hielt er folgenden beredten Vor⸗ trag an ſie: „Gute Freunde! man hat mir geſagt, daß man zwiſchen dieſer Stadt und Salthill Gefahr laͤuft, ausgeplündert zu werden. Nun will ich Euch zu erkennen geben, wie ich es beinah für eine Unmoͤglichkeit halte, daß vier wohlgelenkte Pferde von weniger als vier Mann angehalten werden ſollten. Einer ſolchen Anzahl werde ich wahrſcheinlich weichen; ſind es aber weniger, ſo bekommen ſie zuverlaßig nichts als Kugeln von mir⸗ Ihr verſteht mich?“ Die Poſtknechte grinsten, langten an ihre Huͤte und Mauleyerer fuhr langſam fort: 55 „Wenn alſo— merkt auf!— einer, zwei oder drei Maͤnner Eure Pferde anhalten, und ich ſehe, daß die Anwendung Eurer Peitſchen und Sporen nicht hinreicht, die Thiere von den ſie feſthaltenden Räubern loszumachen, ſo hab' ich im Sinne mit dieſen Piſtolen— Ihr ſeht ſie— auf die Herren zu ſchießen, welche Euch in den Weg treten; aber da, obwohl ich ſonſt ein ſichrer Schuͤ⸗ tze bin, mein Auge im Dunkel ein wenig ſchwimmt, ſo halte ich es fuͤr wohl moͤglich, gute Freunde, Euch ſtatt der Raͤuber zu erſchießen, denn ſeht, die Spitzbuben werden ſich ſo nah an Euch machen, daß Ihr in groͤſter Gefahr ſchwebt, wenn Ihr ſie nicht etwa mit dem dicken Ende Eurer Peitſchen niederſtreckt. Ich erwähne dieß nur, damit Ihr gefaßt ſeyd. Sollte ein ſolches Verſehen ſtatt finden, ſo dürft Ihr Euch vor der Hand kein graues Haar wachſen laſſen— denn ich werde fuͤr Eure Wittwen jede moͤgliche Sorge tragen; wo nicht, und erreichen wir gluͤcklich Salthill, ſo bin ich entſchloſſen meine Anerkennung Eures treff⸗ lichen Fahrens durch ein Geſchenk von zehn Gui⸗ neen an jeden an den Tag zu legen. Freunde, ich bin fertig mit Euch. Ich gebe Euch, als brit⸗ tiſcher Edelmann mein Wort, daß es mir mit al⸗ lem Geſagten volliger Ernſt iſt. Thut mir den Gefallen und ſitzt auf!“ Dann rief Mauleverer ſeinen Leibdiener, der vorne auf dem Kutſchbock ſaß⸗(die hintneange⸗ 56 brachten Sitze waren damals noch nicht im Ge⸗ brauch)„Smoothſon“ ſagte er,„das letztemal als wir auf eben dieſer Straße angegriffen wurden, benahmſt du dich heillos. Sieh zu, daß du dich dießmal beſſer haͤltſt oder es geht ſchlimm fuͤr dich. Du haſt dießmal Piſtolen bei dir, he? Wohl, das iſt recht! Und du weißſt gewiß, daß ſie geladen ſind? Sehr wohl! Nun alſo wenn wir angehalten werden, ſo verliere keinen Augenblick Zeit. Spring' herab und feure eine Piſtole auf den erſten Raͤu⸗ ber ab, die andre ſpare fuͤr ein ſichres Ziel. Der erſte Schuß iſt um einzuſchuͤchtern, der zweite, zu toͤdten. Du verſtehſt mich! Meine Piſtolen ſind in vollkommnem Stand, hoff' ich! Gieb mir den Ladſtock. So, ſo! Keine Streiche dießmal!“ „Sie wuͤrden eine Fliege toͤdten, mein Lord, vorausgefetzt Euer Lordſchaft feuerten ganz genau.“ „Ich zweifle nicht daran,„ſagte Mauleverer, zuͤnde die Laterne an und heiße die Poſtknechte zu⸗ fahren!“ Es war eine kalte und ziemlich helle Nacht. Die Daͤmmerung des Zwielichts ſchmolz unter den Strahlen des Mondes hin, der eben aufgegangen war, und der weißliche Reif ſchimmerte, in tau⸗ ſend Diamanten gebrochen, beim Licht der Sterne von Gebuͤſch und Raſen. Die Pferde flogen ſtuͤr⸗ miſch dahin, der friſchen Luft entgegenſchnaubend und ihre Hufen hallten luſtig auf dem harten Grund. Die raſche Bewegung des Wagens, die 57 ſchneidende Kaͤlte der Nacht, und die durch Be⸗ ſorgniß und Phnung der Gefahr verurſachte Aufre⸗ gung— Alles vereinigte ſich, das traͤge Blut Lord Mauleveres in lebhafte und muntere Wallung zu verſetzen, wie ſie in der Jugend ſeinem Charak⸗ ter nicht fremd, aber ganz und gar dem Weſen entgegengeſetzt war, das er durch ſeine Lebens⸗ weiſe in den reiferen Jahren angezogen hatte. Er fuͤhlte an ſeine Piſtolen und ſeine Hand zitterte ein wenig als er dieß that: im mindeſten nicht vor Furcht, ſondern vor Unruhe und lebhaf⸗ ter Aufregung, wie ſie bei Perſonen von angegriff⸗ nen Nerven in einer uͤberraſchend neuen Lage ge⸗ woͤhnlich iſt. „In dieſem Lande“ ſagte er zu ſich ſelbſt, „bin ich in meinem ganzen Leben nur Einmal aus⸗ gepluͤndert worden. Damals war es zum Theil meine eigne Schuld, denn eh' ich nach meinen Piſtolen griff, haͤtte ich auch gewiß ſeyn ſollen, daß ſie geladen ſeyen. Heut Nacht ſoll mir ſicher kein aͤhnlicher Unſchick zuſtoßen, und meine Piſtolen ha⸗ hen in ihren Laͤufen eine aͤußerſt ergreifende Be⸗ redſamkeit. Hm, wieder ein Meilenſtein. Dieſe Burſche fahren gut; aber wir kommen nun an eine Stelle, welche fuͤr die Herren Juͤnger Ro⸗ bin Hoods gar einladend iſt.“ Es war in der That eine maleriſche Stelle, ͤber welche der Wagen jetzt in reiſſender Eile hin⸗ flog. Wenige Weilen von Maidenhead, auf der Straße von Henlen, erinnern ſich ohne Zweifel unſre Leſer eines kleinen Strichs Valdgelaͤnde zu beiden Seiten des Wegs. Zur Linten verliert ſich der gruͤne Anger unter Baͤumen und Buſchwerk; und Einer der in der Gegend wohl bewandert iſt, kann von dieſer Stelle aus durch eine Landſchaft, die ſo wenig angebaut iſt als das gruͤne Sher⸗ wood es in fruͤhern Zeiten war, in die Gebirgs⸗ zuge von wuͤſten Haiden und tiefen Buchenwaldun⸗ gen gelangen, die einen Theil von Opfordſhire be⸗ graͤnzen, und ſo anmuthig gegen die übrige Fyſio⸗ gnomie dieſer Grafſchaft abſtechen. Zu der Zeit, wovon wir ſprechen, war die Gegend noch viel wilder als jetzt und gerade da, wo die Straßen von Henley und Reading zuſam⸗ menlaufen, war ein Platz(damals mit dem be⸗ ſchrtebenen wuͤſten Anger in Verbindung ſtehend), wie es vielleicht nur wenige von gleicher Tauglich⸗ kelt fuͤr die Zwecke ſolcher treuen Maänner giebt, welche ſich den Geſetzen des urſpruͤnglichen Natur⸗ ſtandes wieder naͤhern. Gewiß iſt, daß an dieſer Stelle des Wegs Mauleverer ſorglicher als bisher zu ſeinem Fenſter heraus ſah, und es ſchien ſeine zunehmende Vor- und Umſicht ſollte nicht unbe⸗ lohnt bleiben. Ungefaͤhr in der Entfernung von hundert Schrit⸗ ten, links, waren drei ſchwarze Geſtalten in dem Schatten eben nur ſichtbar; noch ein Augenblick und die mehr hervortretenden Geſtalten wurden zu 59 drei wohberittenen Maͤnnern, die in ſcharfem Trott heranritten. „Nur drei!“ dachte Mauleverer,„das iſt gut!“ und mit einer Piſtole in jeder Hand ſich zu dem vorderen Fenſter hinausbeugend ſchrie er den Poſtknechten mit entſchloßnem Tone zu:„Fahrt zu und bedenkt was ich Euch geſagt habe.— Be⸗ denke du es auch!“ ſetzte er, zu ſeinem Diener ſich wendend, hinzu. Die Poſtknechte ſahen ſich kaum um, aber ihre Sporen waren in den Wei⸗ chen der Pferde begraben und die Thiere flogen dahin wie der Blitz. Die drei Unbekannten machten Halt, als woll⸗ ten ſie ſich beſprechen, ihr Entſchluß war bald ge⸗ faßt. Zwei ſchwenkten ſich um ihren dritten Be⸗ gleiter herum und langten in vollem Gallopp bei dem Wagen an. Mauleverer hatte ſeine Piſtole ſchon durch das Fenſter vorne angelegt, als er zu ſeinem Erſtaunen und ſeinen klugen Ermahnungen an ſeine Fuhrmaͤnner ganz zum Trotz, die beiden Poſtknechte einen nach dem andern mit einer Schnelligkeit von ihren Pferden zu Boden geſchla⸗ gen ſah, daß ihm kaum die Zeit zu einem Aus⸗ ruf blieb; und eh er wieder ſeiner Ueberraſchung Meiſter geworden, hatten die ſcheugemachten Pfer⸗ de(und dieß hatten die Landſtraßen⸗Ritter klug zu benützen verſtanden,) den Wagen ganz in ein Dickicht zur rechten Seite des Wegs hineingeriſ⸗ ſen und umgeworfen. Mittlerweile war Smooth⸗ ————————————————— ſon von ſeinem Vorderſitz herabgeſprungen, hatte auf den dritten Raͤuber, der ſich ihm drohend näherte, ſeine Piſtole, obwohl erfolglos abgefeu⸗ ert, und Zeit gewonnen, die Wagenthuͤre zu off⸗ nen und ſeinen Herrn zu befreien. Sobald Mauleverer feſten Grund und Boden unter den Fuͤßen fuͤhlte, entſchloß er ſich muthig zur Offenſive uͤberzugehen. Er und Smoothſon ſtellten ſich Mann an Mann vor dem verungluͤck⸗ ten Fuhrwerk auf und boten dem Feind einen ziem⸗ lich imponirenden Anblick dar. Die zwei Raͤuber, welche ſo raſch mit den Poſtknechten fertig gewor⸗ den waren, giengen mit nicht weniger Entſchlof⸗ ſenheit bei den Pferden zu Werke. Einer von ih⸗ nen ſtieg ab, zerſchnitt die Straͤnge, und ließ die ſtampfenden Thiere gehen, wohin ſie mochten. Dieſes Beginnen gieng ihm jedoch nicht ungeſtraft hin; eine Kugel von Mauleverers Piſtole ſchlug dem Ritter von der Landſtraße durch den Hut, und ſo wenig fehlte zum vollen Treffen, daß ſie durch die Locken des beſtuͤrzten Helden mit einem Ziſchen fuhr, das ſein Herz in Schrecken ſetzte,— ebenſo ſehr aus Sorge fuͤr ſeinen Kopf als aus Angſt um ſein Haar. Der Schreck machte ihn ei⸗ nen Augenblick taumeln und ein zweiter Schuß von Mauleverers Hand haͤtte wahrſcheinlich ſeiner ir⸗ diſchen Laufbahn ihr Ende geſteckt, waͤre nicht der dritte Raͤuber, der bisher beinah unthaͤtig geblieben war, von ſeinem Pferd geſprungen, das auf Wort W*— 61 und Wink abgerichtek, ganz ſtill ſtand; mit kuͤhnem Schritt und aufgehobner Piſtole gieng er auf Mauleverer und ſeinen Bedienten los und rief ih⸗ nen mit entſchloßner Stimme zu:„Ihr Herrn, es iſt umſonſt zu kämpfen; wir ſind gut bewaffnet und entſchloſſen unſer Vorhaben auszufuͤhren; Euer Leben ſoll ungefährdet ſeyn, wenn Ihr die Waffen nlederlegt und auch derjenige Theil Eurer Habe⸗ den zu behalten vorzugsweiſe Euer Wunſch iſt. Aber wenn Ihr Widerſtand leiſtet, kann ich Euch nicht fuͤr Euer Leben ſtehen!“ Mauleverer hatte dieſe Anrede geduldig an⸗ gehoͤrt, um mehr Zeit zum Zielen zu gewinnen; ſeine Antwort war eine Kugel, welche den Reden⸗ den auf der Seite ſtreifte und die Haut ritzte ohne ihn gefäͤhrlicher zu verwunden. Einen Fluch uber ſeinen Fehlſchuß murmelnd, und nun ſein Blut einmal in Wallung war zum Aeußerſten ent⸗ ſchloſſen, trat Mauleverer einen Schritt zuruck, zog ſeinen Degen und ſetzte ſich in die Stellung eines in der Handhabung dieſer Waffe wohlgeuͤb⸗ ten Fechters. Aber dieſe unvergleichliche Perſon war auf dem beſten Wege ſich zu uͤberzengen, welches Gluͤck in dem kuͤnftigen Leben demj enigen aufbehalten iſt, der keine Muͤhe geſpart hat, es ſich in dieſem recht wohl ſeyn zu laſſen. Denn als die zwei erſten und thaͤtigſten Raͤuber mit den Pferden fertig ge⸗ worden waren, naͤherten ſie ſich jetzt Mauleverer und der Groͤßere von ihnen, noch erboßt uͤber die Gefahr, die vor kurzem ſeinem Haar gedroht hatte, rlef mit einer Stentor-Stimme: „Bei Gott! Ihr alter Narr, wenn Ihr nicht Euern Brathſpieß wegwerft, ſo ſeyd ihr ein Kind des Todes!“ Der Redende begleitete ſeine Worte mit der That, indem er eine ungeheure Piſtole anlegte; Mauleverer behauptete ſeinen Platz, aber Smooth⸗ ſon zog ſich zuruͤck und ſtuͤrzte, gegen das Wagen⸗ rad ſtolpernd, ruͤcklings zu Boden; im naͤchſten Augen⸗ blick hatte ſich der zweite Highwayman der Piſtolen des Kammerdieners bemaͤchtigt und ſich ruhig auf den Leib des Gefallnen ſetzend, beluſtigte er ſich mit einer Beſichtigung des Inhalts ſeiner Laſchen. Mauleverer ſtand jetzt allein und ſeine Hartnaͤ⸗ ckigkeit brachte den großen Raͤuber zu ſolcher Wuth, daß er die Hand ſchon am Druͤcker hatte, als der dritte Raͤuber, den Mauleverers Kugel auf der Seite geſtreift hatte, ſich zwiſchen die Beiden warf.„Halt, Ned!“ ſagte er, ſeines Kamera⸗ den Piſtole zuruͤckſtoßend.„Und Sie, mein Lord, dem ſolcher Trotz das Leben haͤtte koſten koͤnnen⸗ lernen Sie, daß es Leute giebt, die edelmuͤtbig rauben!“ So ſprechend ſchleuderte der Raͤuber vermoͤge eines gewandten Streichs mit ſeiner Reit⸗ peitſche Mauleverers Degen auf die Seite, der in einer Entfernung von zehn Schritten vor ſeinem Eigenthuͤmer niederfiel. ie e, 1 63 „Jetzt naͤhert Euch,“ ſagte der Sieger zu ſei⸗ nen Kameraden.„Pluͤndert den Wagen und beeilt Euch nach Kraͤften!“ Der große Raͤuber ſaͤumte nicht den Befehl zu vollziehen und der kleinere, der die Durchſuchung von Smoothſons Taſchen zu ſeiner Zufriedenheit beendigt hatte, zog jetzt aus ſeiner eignen einen ziemlich dicken Strick, damit band er dem nieder⸗ geworfenen Kammerdiener die Haͤnde und morali⸗ ſirte, waͤhrend er mit dem Seil um und um die Handgelenke des Liegenden zuſammenſchnuͤrte, in ſeiner erbaulichen Weiſe, wie folgt: „Bleibt ruhig liegen, Sir, bleibt ruhig! ich bitt' Euch; alle weiſen Maͤnner ſind Fataliſten und es giebt kein kraͤftigeres Spruͤchwort als jenes: Was man nicht aͤndern kann, nehme geduldig an! Bleibt ruhig, ſag ich Euch! Ihr denkt vielleicht nicht von ferne daran, daß Ihr eine der edelſten Pflich⸗ ten der Menſchlichkeit erfuͤllt; ja, Sir, Ihr fullt die Taſchen des Huͤlfloſen und durch meine jetzige Maß⸗ regeln ſichre ich Euch gegen eine Schwachheit des Fleiſches, die leicht einer ſo preiswuͤrdigen Hand⸗ lung ſich entgegenſtellen und ſo die Trefflichkeit Eurer That gefaͤhrden koͤnnte. Nun, Sir, ſind Enre Haͤnde feſt; bleibt ruhig liegen und denkt nach!“ Nach dieſen Worten ſchob der Moraliſt mit drei ſanften Nachhuͤlfen ſeines Fußes den Herrn Smoothſon in den Graben und beeilte ſich ſeinem 64 langen Kameraden in ſeinem angenehmen Geſchaͤft Geſellſchaft zu leiſten. Mittlerweile ſtanden Mauleverer und der dritte Raͤuber, der, ſeiner Rolle als Anfuͤhrer treu, in wuͤrdevoller Unthaͤtigkeit blieb, waͤhrend ſeine Untergebenen ſich der Beute bemaͤchtigten, welche Er wenigſtens zu theilen, wo nicht allein an ſich zu reiſſen beabſichtigte, einander auf we⸗ nige Schritte, Stirn gegen Stirn, gegenuͤber. Mauleverer hatte ſich jetzt uͤberzeugt, daß alle Verſuche ſeine Habe zu retten, vergeblich ſeyen und hatte auch den Troſt ſich ſagen zu koͤnnen: er habe ſein Moͤglichſtes gethan, ſie zu vertheidigen; deßhalb wandten ſich ſeine Gedan⸗ ken allein auf die Sorge fuͤr ſeine Perſon. Er ruͤckte ſich ſeinen Pelzkragen um den Hals mit großer Kaltbluͤtigkeit zurecht, zog ſeine Handſchu⸗ he an, tätſchelte ſeinen erſchrocknen Pudel, der ſchauernd auf den Huͤften ſaß, eine Pfote hinaus⸗ ſtreckte und heftig zitterte— und ſagte: „Sir, Sie ſcheinen ein Mann von Bildung zu ſeyn und es wuͤrde mir wahrlich aͤußerſt leid thun, wenn ich ſo ungluͤcklich geweſen wäre Sie zu verwunden. Sie ſind nicht beſchaͤdigt, hoffe ich. Bitte, wenn ich dieſe Frage an Sie richten darf, wie ſoll ich nun weiter kommen? mein Wa⸗ gen liegt im Graben, und meine Pferde ſind wahrſcheinlich jetzt ſchon am Ende der Welt.“ 65 „Was das betrifft,“ ſagte der Räuber, der ſein Angeſicht wie ſeine Kameraden nach dem ge⸗ woͤhnlichen Brauch der Landſtraßen⸗Ritter jener Zeit mit einer dichten Maske bedeckt hatte,„ich glaube Sie muͤſſen nach Maidenhead zu Fuß ge⸗ hen— es iſt nicht weit und die Nacht iſt ſchoͤn!“ „Eine ſehr unbedeutende Beſchwerde, in der That!“ ſagte Mauleverer ironiſch; aber ſein neuer Bekannter erwiederte darauf Nichts und ſchien uͤberhaupt nicht verlangend ſich mit Mauleverer weiter ins Geſpraͤch einzulaſſen. Der Graf beobachtete nun einige Augenblicke das Verfahren der beiden andern Raͤuber, drehte ſich dann um und verharrte, eine Dpern⸗Melodie ſummend, in wuͤrdevoller Gleichguͤltigkeit, bis die beiden mit der Pluͤnderung des Wagens zu Ende waren, und dann ihr Geſchaͤft an Mauleverer ſelbſt fortſetzten. Mit verzognem Mund und gerunzelter Stirne ließ dieſe erhabne Perſon ſich nach dem Ausdruck des großen Raͤubers: ſauber machen. Uhr, Ringe, Boͤrſe, Tabacksdoſe— Alles gieng fort. Lange Zeit hatten die Spitzbuben keinen ſolchen Fang gemacht. Sie waren kaum damit fertig, als die Poſt⸗ knechte, die jetzt anfiengen ſich umzuſehen, zu⸗ gleich ein Geſchrei erhoben und in einiger Ent⸗ fernung ein ſchwerfallig ſich fortbewegender Wa⸗ gen ſichtbar wurde. Mauleverer war es in der Bulwer's Romane. XXVIII. 5 66 That um ſein Geld ſehr gefehlt, um nichts von den Diamanten zu ſagen; und ſobald er eine Hulfe in der Naͤhe ſah, blitzte eine neue Hoff⸗ nung in ihm auf. Sein Degen lag auf dem Bo⸗ den; er ſprang darauf zu, ergriff ihn, ſtieß ei⸗ nen Huͤlferuf aus und ſtürzte ſich kuͤhn auf den Raͤuber der ihn entwaffnet hatte; aber dieſer, die Klinge mit ſeiner Peitſche parirend, eilte in den Sattel und wußte ſich, trotz Mäauleverers Beſtrebungen mit heiler Haut aufs Pferd zu ſchwingen. Wir uͤberlaſſen es unſrer Perle von einem Peer ſeinen Weg nach Maidenhead zu ſuchen, in der Geſellſchaft(noch außer dem Pudel) von ei⸗ nem Wagenfuhrmann, zwei Poſtknechten und des losgebundnen Smoothſon, welche alle vier mit ih⸗ ren Beileidsbezeugungen ſein Hers troͤſteten, und folgen am Faden unſerer Geſchichte den Spuren der drei Liebhaber von fremdem Eigenthum. Sechs und zwanzigſtes Kapitel. Die Räuber waren ſehr vergnuͤgt uͤber ihre Beute. Sie ſagten tauſend Dinge, welche die Ruchloſigkeit ibrer Moral bezengten. Gil Blas. Sie hielten an einem Ort, wo ſie eine, Hoͤhle ge⸗ macht, geraͤumig genug, um ſie und ihre Pferde auf⸗ sunehmen. Dieſe Hoͤhle war in einem Dickicht von Gehoͤlz und Buſchwerk verſteckt. Von dieſem Schlupf⸗ winkel pflegten ſie ihre Streifzuͤge zu machen u, ſ. w. Richard Turpins Schickſale. Während der erſten Minuten ihrer Flucht fand kein Geſpraͤch unter den Räubern ſtatt. Ihre Pferde flogen dahin wie der Wind und die Ge⸗ gend durch welche ſie ritten, legte ihrer Eile kein andres Hinderniß als gelegentlich ein Gehege oder einen kurzen Strich Dickicht von entlaubten Bu⸗ chenwaldungen in den Weg. Die Sterne verlie⸗ hen ein munteres Licht und die Geiſter von Zweien wenigſtens unter ihnen waren ganz geſtimmt ſich der heitern Erregung durch die raſche Bewegung und den freundlichen Himmel hinzugeben. Im dritten aber vereinigte ſich vielleicht eine gewiße Vorah⸗ nung, daß das gegenwaͤrtige Abenteuer nicht ſo froͤhlich endigen würde, als es angefangen hatte, 5.. mit andern Urſachen des Truͤbſinnes zur Herab— ſtimmung der lebhaften Freude, welche gewoͤhn⸗ lich eine gluͤcklich ausgefuͤhrte Unternehmung be⸗ gleitet. Der Pfad, den die Raͤuber einſchlugen, zog ſich großen Waldungen entlang oder uͤber weite Strecken wuͤſten Landes. Sie begegneten auf ih⸗ rem Wege keinem lebenden Weſen, außer hier und da einer einſamen Eule, deren graue Geſtalt den Saum nackter Walder umflatterte, oder gele⸗ gentlich einer Heerde Kaninchen, die ihre Spiele trieben und ſich an ihrer naͤchtlichen Atzung auf den Feldern labten. „Himmel!“ rief der große Raͤuber, deſſen Incognito wir nicht laͤnger beizubehalten brauchen und der, wie unſre Leſer ohne Zweifel ſchon ge⸗ merkt haben, den Namen Pepyper fuͤhrte,„Him⸗ mel!“ rief er und blickte mit einer Art von Ver⸗ zuͤckung zum Sternenhimmel hinauf,„was iſt das fuͤr ein huͤbſches Leben! Manche Leute lieben die Jagd— zum Henker, was iſt die Jag⸗ gegen die Landſtraße? Wenn es ſchon ein Spaß iſt, einem garſtigen Fuchs nachzujagen, wie viel mehr iſt es einer, den huͤbſchen, ſchmucken Wagen eines Edelmanns zu erjagen! Wenn es eine Freude iſt einen Haſenpels zu erbeuten, wie viel groͤßer iſt der eine Maſſe Gelds zu gewinnen! Wenn es eine Luſt iſt, am hellen Tag über ein Hag zu ſetzen, ſo will ich mich drauf 69 haͤngen laſſen, es iſt zehnmal groͤßre Luſt, bei Nacht daruͤber hinzuſchweben— da iſt eines! Schaut wie das Buſchwerk an uns vorbei fliegt und die einfaͤltige alte Dame Luna herumtanzt, als ob unſer Anblick die gute Dame in gute Laune verſetzte. Solche alte Jungfern ſind immer froh, wenn ſie ſo feiner, glaͤnzender junger Burſche an⸗ ſichtig werden.“ „Ja!“ rief der gebildetere, ſentenzenreiche Auguſtus Tomlinſon, durch den gelungenen Streich aus ſeiner ſonſtigen filoſofiſchen Nuͤchternheit auf⸗ geweckt,„kein Werk iſt ſo lieblich als Nachtwerk, und die Hexen, welche von unſern Vorfahren ver⸗ brannt wurden, hatten gar Recht, auf ihren Ofen⸗ gabeln mit den Eulen und Sternen auszureiten. Wir ſind jetzt ihre Nachfolger, Ned! Wir ſind die waren Nachtvoͤgel.“ „Nur“ ſagte Ned,„daß wir ein gut Theil kluͤger ſind, als ſie waren; denn ſie trieben ihr Spiel, ohne um einen Deut reicher zu werden, und wir— aber Tomlinſon, wo Teufels habt Ihr das rothe Maroquin-Kaͤſtchen hingethan?“ „Erfahrung macht nie die Narren klug!“ ſagte Tomlinſon,„ſonſt muͤßtet Ihr wiſſen, ohne erſt zu fragen, daß ich es in meine ſicherſte Rock⸗ taſche geſchoben habe. Bei Gott! wie ſchwer es iſt!“ „Ey!“ rief Pepper,„ich koͤnnte nicht ſagen, daß ich es leichter wuͤnſchte! denkt nur, daß wir 70 den Lord zweimal und noch dazu auf derſelben Straße gepluͤndert haben!“ „Ich meine, Lovett!“ rief Tomlinſon,„war es nicht unartig, daß wir unſern Freund von Bath ſo unglimpflich behandelt haben? Ein Gluͤck fuͤr uns, daß wir ſo ſtreng darauf halten in Mas⸗ ken zu pluͤndern. Er wuͤrde keine beſonders gute Meinung von ſeiner Geſellſchaft in Bath bekom⸗ men haben, wenn er unſer Geſicht geſehen haͤtte.“ Lovett oder lieber Clifford hatte bisher ge⸗ ſchwiegen. Jetzt kehrte er ſich langſam auf ſeinem Sattel um und ſagte:„der arme Teufel waͤre beinah bei der Sache hinuͤber befoͤrdert worden. Der lange Ned haͤtte kurzen Prozeß mit ihm ge⸗ macht, waͤr' ich nicht ins Mittel getreten.“ „Und warum thatet Ihr das?“ fragte Ned. „Weil ich keinen Mord auf mir haben mag; es iſt der Fluch unſres edlen Gewerbes, daß es ſo leidenſchaftliche ausuͤbende Juͤnger hat wie dn biſt.“ „Leidenſchaftlich,“ wiederholte Ned,„nun, ich bin ein wenig choleriſch, ich geſteh' es, aber das iſt kein ſo großer Fehler bei der Straßenraͤu⸗ berei als es beim Haͤuſer Einbruch ſeyn wuͤrde⸗ Ich weiß nichts, das ſo viele Kaltbluͤtigkeit und Beſonnenheit erforderte als die Saͤuberung eines Hauſes vom Giebel bis zum Grund— ruhig und artig, verſteht ſich!“ „Das iſt alſo vermuthlich auch der Grund,“ 71 fagte Auguſtus,„warum Ihr dieſe Laufbahn ganz verließet. Euer erſtes Abenteuer war ein Einbruch, ſo meine ich von Euch gehoͤrt zu haben. Ich geſtehe, es war ein gemeines Debutiren und Eurer nicht wuͤrdig.“ „Nein! Harry Cook verfuͤhrte mich! aber die Probe, die ich in jener Nacht ſah, verleidete mir das Schloſſer aufſprengen; es bringt Einen in Be⸗ ruͤhrung mit ſo niederträchtigen Geſellen; denkt nur, ein Kraͤmer, ein Lumpentroͤdler war auch von der Partie.“ „Pfui!“ ſagte Tomlinſon mit gravitaͤtiſchem Eckel. „Ja, Ihr duͤrft daruber wohl den Mund ver⸗ ziehen; nie brach ich nachher wieder in ein Haus ein.“ „Wer waren Eure andern Genoſſen?“ fragte Anguſtus. „Niemand als Harry Cook*) und ein ſehr fonderbares Weibsbild——“ Hier wurde Neds Erzaͤhlung durch einen ſehr dunkeln Waldweg unterbrochen, der nur Einen Reiter auf Einmal durchließ. Einige Minuten verfolgten ſie dieſen duͤſtern Pfad, bis er ſie end⸗ lich an den Rand einer großen Schlucht führte, die mit Buſchwerk uͤberwachſen ungefaͤhr in der Geſtalt eines rohen Halbkreiſes ſich ausdehnte. Hier ſtie⸗ — *) Ein beruͤchtigter Highwayman⸗ —— 72 gen die Raͤuber ab und fuͤhrten ihre dampfenden Pferde den Abhang hinunter. Der lange Ned, der erſte im Zug, blieb vor einem Buſchwerk ſte⸗ ſten, ſo dicht, daß es den Durchgang zu verwehren ſchien, das aber vor der kundigen Hand des Raͤu⸗ bers zu beiden Seiten zuruͤckweichend, den Anblick der Muͤndung einer Hoͤhle darbot. Wenige Schrit⸗ te durch den Gang dieſer Vertiefung brachten ſie an eine Thuͤre, die, ſelbſt bei Fackellicht geſehen, in Farbe und Material den rohen Waͤnden zu bei⸗ den Seiten ſo ganz aͤhnlich erſchien, daß ſie ein arg⸗ loſes Auge ganz getaͤuſcht haben wuͤrde, und die in der gewoͤhnlich daruͤber bruͤtenden Finſterniß wohl Jahrhunderte lang haͤtte unentdeckt bleiben moͤgen. Der Druck auf eine geheime Feder oͤffne⸗ te die Thuͤre und die Raͤuber befanden ſich jetzt in dem ſichern Bereiche der rothen Hoͤhle. Es darf daran erinnert werden, daß unter den fruͤhern Studien unſers muſterhaften Helden die Denkwuͤrdigkeiten Richard Turpins eine Hauptſtelle eingenommen hatten und ebenſo, daß unter den mannigfaltigen Abenteuern dieſes Ehrenmanns die jugendliche Einbildungskraft des lernbegierigen Knaben nichts ſo ſehr ergriffen hatte, als die Be⸗ ſchreibung der Waldhoͤhle, worin der muntre Tur⸗ pin ſich ſelbſt, ſeinen Freund, ſein Pferd und »Die ſuͤße Heil'ge die ſein Lager theilte', oder, um gewoͤhnlicher zu reden, die ehrenwerthe Mrs. Turpin verhorgen hielt. Wirklich hatte die⸗ 73 ſe fruͤhe Erinnerung einen ſo unausloͤſchlichen Ein⸗ druck auf die Seele unſers Helden gemacht, daß er, ſobald er ſich zum uͤberlegnen Anſehen unter ſeinen Freunden aufgeſchwungen hatte, dieſen Traum ſeiner Kinderjahre in Vollzug ſetzte. Sein Scharfblick hatte dazu einen wunderbar tauglichen Ort auserkoren. In einer duͤnn bevoͤlkerten Ge⸗ gend, von Angern und Waldungen umgeben und doch,(wie Herr Robins ſich ausdruͤcken wuͤrde, wenn er bei einer Verſteigerung ihn anzubieten haͤtte)„nur eine bequeme Ritts⸗Laͤnge“ von volk⸗ reichen und viel bereisten Straßen entfernt, ver⸗ einigte es alle Vortheile der Heimlichkeit mit der guͤnſtigſten Gelegenheit zu Raubzuͤgen. Sehr we⸗ nige von der Bande, und nur diejenigen, weſche bei der Anlegung beſchaͤftigt geweſen, wurden mit dem Geheimniß dieſer Hoͤhle bekannt gemacht; und da unſre Abenteurer ſie nur ſelten und nur bei Gelegenheiten dringender Noth oder ſichrer Zu⸗ ruͤckgezogenheit beſuchten, war ſie laͤnger als zwei Jahre unentdeckt und ungeahnt geblieben. Die Hoͤhle, ſchon von der Natur vertieft, ver⸗ dankte der Verſchoͤnerung der Kunſt nur wenig; jedoch waren die rauhen Waͤnde durch eine kunſt⸗ loſe aber bequeme Tapete von Flechtwerk bedeckt; vier oder fuͤnf Ruhepolſter, wie ſie die Raͤuber ſelbſt zu verfertigen im Stande waren, ſtanden um ein kleines aber helles Holzfeuer, das, weil kein Kamin da war, eine kleine Rauchmaſſe durch —————————— 74 das Gemach verbreitete. Die Hoͤhe der Hoͤhle je⸗ doch, neben der Alles ausgleichenden Gewohnheit, machte, daß dieſer Uebelſtand nicht allzulaͤſtig wur⸗ de; und vieheicht fanden ſogar die Inhaber, gleich den Bewohnern einer irlaͤndiſchen Huͤtte, eine ge⸗ wiße Behaglichkeit in einem Umſtand, der mit ih⸗ ren heimiſch⸗vertrauteſten Gedanken in ſo naher Verbindung ſtand. Ein Tiſch, aus einer grob ge⸗ hobelten Diele beſtehend und von vier ungleichen Füßen getragen, deren Mißverhältniß durch Ein⸗ ſchiebung von Bloͤcken oder Keilen zwiſchen ihnen und dem Boden abgeholfen war, ſtand beim Feuer, das dieß unzierliche Hausrathsſtuͤck erwaͤrmte. In einer Ecke machte ein bedeckter Karren einen ſehr in die Augen fallenden Beſtandtheil der Einrich⸗ tung aus; ohne Zweifel war er ſehr nuͤtzlich zur Beiſchaffung von Beute und Lebensmitteln; neben den Raͤdern waren nachlaͤſſig ein paar Tiſchler⸗ inſtrumente hingeworfen, ſo wie die mehr kriegeri⸗ ſchen Werkzeuge: eine Muskete, eine Buͤchſe und zwei Saͤbel. In der andern Ecke war ein offen⸗ ſtehender Schrank mit Reihen von Zinnplatten, Kannen u. ſ. w. Der Feuerſtaͤtte gegenuͤber, die links vom Eingang war, war eine Vertiefung zum Schlafgemach eingerichtet worden und gegenuͤber vom Eingang fuͤhrten ein paar große, ſtarke, hoͤl⸗ zerne Staffeln zu einer geräumigen, ungefaͤhr acht Fuß uͤber dem Boden erhabnen Hoͤhle. Dieß war der Eingang in die Stäͤlle; und ſo bald ihre Her⸗ 75 ren die Zuͤgel der Pferde fahren ließen, ſchritten gelehrigen Thiere eins nach dem andern langſam die Stufen hinan, wie vierfuͤßige Geſchoͤpfe, wel⸗ che in der oͤffentlichen Anſtalt von Aſtley ihre Bil⸗ dung empfangen haben, und verſchwanden in der Oeffnung. Wenn man dieſe Stufen hinaufzog, wozu je⸗ och, wegen ihrer großen Plumpheit, die vereinig⸗ te Kraft zweier gewoͤhnlicher Maͤnner erforderlich war und was ſich nicht ſo raſch bewerkſtelligen ließ als zu wuͤnſchen geweſen waͤre, ſo wurde der Raum oben zu einem zlemlich ſtarken haltbaren Platz; denn die Wandung war ganz ſenkrecht und nur, wenn man die Haͤnde auf dem Rand auf⸗ ſetzte und ſo mit gymnaſtiſcher Gewandtheit ſich emporſchwang, konnte ein beherzter Angreifer die Hoͤhe erreichen; und man kann ſich leicht denken, daß gleich ruͤſtige Vertheidiger ein ſolches Unter⸗ nehmen wohl nicht ungeſtraft wuͤrden haben geſche⸗ hen laſſen. Dieſe obere Hoͤhle war offenbar mit einiger Sorgfalt eingerichtet, denn unſre Raͤuber widme⸗ ten ihren Pferden mehr Aufmerkſamkeit als ſich ſelbſt— gleichſam als den edleren Weſen unter beiden Gattungen. Die Staͤlle waren einigerma⸗ ßen abgetheilt, die Streue von trocknem Farnkraut ſauber, die Troͤge mit Hafer gefuͤllt und eine große Kufe war aus einem unfernen Teiche gefuͤllt worden. Ein Pferdegeſchirr zu einem Karren und . S——— —= 75 einige alte Fuhrmannskittel hiengen an Pfloͤcken an der Mauer; am aͤußerſten Ende dieſer ſonderba⸗ ren Staͤlle war eine feſt verrammelte Thuͤre, eben groß genug um Einen Mann durchzulaſſen. Die Verbuͤndeten hatten es zum ausdruͤcklichen Geſetz gemacht, nie in ihr Heimweſen durch dieſe Thuͤre zuruͤckzukehren und ſich uͤberhaupt derſelben nie zu bedienen, ausgenommen zum Behuf der Flucht wenn je die Hoͤhle angegriffen werden ſollte; in dieſem Falle ſolte, waͤhrend ein Paar den Ein⸗ gang der innern Hoͤhle vertheidigten, ein dritter die verrammelte Thuͤre aufmachen; und da ſie ge⸗ gen den dichteſten Theil des Waldes ſich aufthat, durch den mit großer Liſt ein labyrinthiſcher Weg gehauen worden war, den ein unwiſſender Ver⸗ folger nicht leicht aufſpuͤren konnte, ſo hatten die⸗ ſe Vorſichtsmaßregeln der Straßenraͤuber ihnen ſo ziemlich die Hoffnung geſichert, ſich dem Angriffe von Feinden durch die Flucht wenigſtens fuͤr einige Zeit zu entziehen. Dieß war die innere Einrichtung der rothen Hoͤhle; und man wird zugeben, daß wenigſtens in der Wahl des Platzes ſich ziemlicher Scharfblick zeigte, wenn auch die Verzierungen Mangel an Geſchmack verrathen mochten. Waͤhrend die Pferde in der Dunkelheit hin⸗ auftrabten, machten ſich unſre drei Helden, nach⸗ dem ſie die Thuͤre verwahrt hatten, ſofort ans Feuer. und hier, o Leſer! wurden ſie begruͤßt un 7 V an en ie ſetz re zu cht in in⸗ ter ge⸗ a, deg er⸗ die⸗ nſo iffe nige hen s in blick an hin⸗ ach⸗ ans ruͤßt 77 und bewillkommt von Einem— einem alten acht⸗ baren Bekannten von dir— welchen unter ſolchen Verhaͤltniſſen wieder zu treffen dich eben ſo ſehr berraſchen als ſchmerzen wird. Wiſſe denn— doch zuerſt wollen wir dir die Beſchaͤftigung und den Aufzug der erhabnen Per⸗ ſon, von welcher wir ſprechen, beſchreiben. Ueber einen Roſt, koͤſtlich uͤberdeckt mit fetten Lenden⸗ ſtuͤcken, gebeugt, ſtand das Individuum; der rechte Arm war bis uͤber den Ellbogen entbloͤßt und ſeine rechte Hand hielt den bildlichen Drei⸗ zack, bei den Gaſtromanen unter dem Wort Ga⸗ vel bekannt, feſt. Sein peruͤckenloſes Haupt war mit einer kattunenen Nachtmuͤtze geſchmuͤckt. Sei⸗ nes Oberkleides hatte er ſich entledigt, und eine weißliche Schuͤrze umwallte anmuthig ſeinen Un⸗ terleib. Seine Struͤmpfe waren nicht gebunden und gewaͤhrten zwiſchen Knie und Wade intereſſan⸗ te Anſichten des rohen Fleiſches. Ein Zeug⸗Schuh und Einer von Leder⸗Stoff umſchloßen ſeine brei⸗ ten Fuͤße. Unternehmungsgeiſt oder vielleicht die edle Glut ſeines dermaligen Kuͤchengewerbes ver⸗ breiteten eine noch roſigere Roͤthe uͤber ein ſchon durch großartige Trankſpendungen fruh gefaͤrbtes Antlitz und ſeine großen und runden Augenſchei⸗ ben blitzten unter den Gardinen ſeiner blaßgelben Augenlieder den Ankoͤmmlingen funkelnd entge⸗ gen. Dieß, o Leſer! war der Anblick und das ——— 78 Geſchaͤft des verehrungswuͤrdigen Mannes, wel⸗ chen zu bewundern wir dich ſchon laͤngſt angeleitet haben, dieß war— ach uͤber die Wandelbarkeit des Irdiſchen!— war— nur ein neues Kapitel darf den Namen nennen. Sieben und zwanzigſtes Kapitel. F Kaliban. Biſt du nicht vom Himmel geſchneit wor⸗ 8 den?.„ Der Sturm. d vexcM M SRWeER1 1 11 1 h 9 L n 1 t in nn beinn biepbantnnn — l r⸗ Acht und zwanzigſtes Kapitel. Gott ſtehe dem Koͤnig und Parlament bei Und bringe ſolche Schurten zur baldigen Reu! Loyale Lieder gegen das Rumpf⸗Parlament⸗ Verrath, ha! meine Wachen! meinen Säbel! Byron. Als der unehrerbietige Herr Pevver ſeine Haͤnde in ſo weit erwaͤrmt hatte, daß er ſie vom Feuer zuruͤckziehen konnte, erhob er die rechte Hand und begruͤßte in unziemlicher Spaßhaftigkeit die weiland Zierde des Aſinaͤums mit einem ſchal⸗ lenden Klatſch auf die Backe oder einen derarti⸗ gen Theil ſeines Antlitzes. „Ha, alter Knabe!“ ſagte er,„iſt das die Art wie Ihr fuͤr uns haushaltet. Ein Feuer, nicht ſo groß, um eine Laus darin zu roͤſten und ein Eſſen zu klein, ſie vorher fett zu machen! Aber zum Teufel, woher ſolltet Ihr auch gelernt ha⸗ ben, einen Imbiß fuͤr Gentlemen zu bereiten? Ihr dachtet, Ihr ſeyd noch in Schottland, darauf laß ich mich haͤngen!“ „Vielleicht dachte er ſo, als er Euch anſah, Ned!“ ſagte Tomlinſon mit Ernſt,„ſelten ſiehs e 80 man außerhalb Schottlands einen ſo derben Schel⸗ men in einem ſo kleinen Gelaß!“ Herr Mac Grawler, deſſen Augen die hand⸗ greifliche Artigkeit des langen Ned mit Thraͤnen ungeheuchelter Empfindung gefuͤllt und der bisher die verletzte Stelle gerieben hatte, brummte jetzt: „Ihr moͤgt ſagen was Euch beliebt Herr Pep⸗ per— aber es iſt ein ſeltner Fall in meinem Lan⸗ de, daß man Maͤnner von Geiſt die Rolle von Koͤchen bei Raͤubern ſpielen ſieht!“ „Ja!“ ſagte Tomlinſon,„ſie ſpielen die ein⸗ traͤglichere Rolle von Raͤubern bei Koͤchen, he?“ „Gott ſtraf mich, Ihr ſeyd letz daran,“ rief der lange Ned,„denn in jenem Lande giebt es entweder keine Raͤuber, weil es dort nichts zu rauben giebt; oder die Einwohner ſind Alle Raͤu⸗ ber, die einander gepluͤndert haben und ſich mit der Beute davongemacht!“ „Der Deuwl ſoll dich holen!“ ſagte Mac Grawler, aufs heftigſte erbittert, denn, wie alle Schotten, war er ein Patriot; ungefaͤhr nach der⸗ ſelben Regel, wornach das Weib, welches die ſchlimmſten Kinder hat, die beſte Mutter vorſtellt. „Der Deuwl!“ ſagte Ned, den Silber⸗ klang nachahmend, wie Sir W. Scott gar artig die VBergſprache zu bezeichnen beliebte, welche von den Schotten insgemein ſcheint fuͤr wirkliches Silber gehalten zu werden, da ſie dieſelbe ſo it 81 ſorgfaͤltig feſthalten.„Der Deuwl, Mac Deuwl meint Ihr,— gewiß der Herr muß ein Schotte geweſen ſeyn!“ Der Weiſe grinste hoͤhniſch; aber eingedenk der Geduld Epiktets im Sklavenſtand und beden⸗ kend auch den gewaltigen Arm des langen Ned, bewaͤltigte er ſeinen Grimm und drehte die Beef⸗ ſteaks mit der Gabel um. „Nun, Ned!“ ſagte Auguſtus, ſich in einen Stuhl werfend, den er ans Feuer ruͤckte, waͤhrend er dem Herrn Pepper ſanft auf ſeine ſtattlichen Huͤften klopfte, gleichſam um ihn zu erinnern, daß ſie nicht ſo durchſichtig ſeyen wie Glas—„laßt uns nach dem Feuer ſehen, und beilaͤufig, die Reihe iſt an Euch die Pferde zu beſorgen! „Die Peſt daruͤber!“ rief Ned,„die Reihe iſt immer an mir, glaub' ich. Heda! Ihr ſchotti⸗ ſcher Topfgucker, koͤnnt ihr nicht bezeugen, daß ich die Thiere das letztemal beſorgte? Ich will Euch eine Krone dafuͤr geben!“ Der weiſe Mac Grawler ſpitzte die Ohren. „Eine Krone!“ ſagte er,„eine Krone! Wollt Ihr mich beleidigen Herr Pepper? Aber wahrlich, Ihr ſahet das letztemal nach den Pferden und die⸗ ſer wuͤrdige Gentleman, Herr Tomlinſon, muß ſich deſſen auch wohl erinnern? „Was, Ich?“ rief Tomlinſon,„Ihr ſeyd im Irrthum, und ich will Euch eine halbe Guinee geben, wenn Ihr es bezeugt.“ Bulwers' Romane. XXKVIII. 6 ———— &0— e 82 Mac Grawler riß die Angen immer weiter auf, wie man einen kleinen Ring im Waſſer ſich ins Unermeßliche ausdehnen ſieht „Eine halbe Guinee!“ ſagte er,„nein, nein! Ihr ſcherzt! ich bin kein Miethling, wie Ihr meint; pah, pah! Ihr ſeyd im Irrthum; ich bin ein Maͤnn der es guht meint, ein Mann von Wahrhaſtigkeit und werde die Wahrheit reden trotz allen halben Guineen in der Welt. Aber wahr⸗ lich, jetzt fang' ich an mich zu beſinnen: Hert Tomlinſon ſah das letztemal nach den Thieren— und Herr Pepper, die Reihe iſt an Euch!“ „Ein wahrer Daniel!“ ſagte Tomlinſon„ in einer gewohnten trocknen Weiſe lachend.„Ned⸗, hoͤrt Ihr die Pferde nicht wiehern?“ „O zum Henker mit den Pferden!“ ſagte der unbeſtaͤndige Pepper“ der jetzt, als er die Hände in die Taſchen ſteckte und den Gewinn der Nacht vefühlte, alles Andre vergaß,„laßt uns zuerſt unſre Ernte beſchauen!“ Mit dieſen Worten ſchritt er an den Tiſch, und leerte ſeine Taſchen darauf aus; Tomlinſon folgte bereitwillig ſeinein Beiſpiel. Himmel! wel⸗ che Ausrufe des Eutzuͤckens entfuhren den Lippen der Spitz tzbuben, als ſie ihre neuen er Reihe nach unterſuchten. „Das iſt ein praͤchtiges Geſchöpf!“ rief Ned⸗ die reiche mit Juwelen beſetzte Uhr aufhebend, — 1 83 welche der arme Graf f rähet vergeblich losgekauft hatte;„eine Repetir⸗Uhr Jupiter!“ „ Ich will nicht hoff fon,* ſagts der flegmati⸗ ſche Auguſtus,„Répetir⸗Uhren wuͤrden für Eure Unterhaltungen nicht wänſchenswerth ſeyn, Ned!? Aber, ihr himmliſchen Mächte, ſeht dieſen Ring, ein Diamänd vom erſten Waſſer!“ „O der Funkler! er macht, daß Einem ſo viel— Waſſer im Munde zuſammenlaͤuft, wie er ſelbſt hat. Vei Gott, das iſt eine koſtbare Doſe zum Niespulver! ein Gemalde inwendig und außen Rubinen. Der alte Kerl hat einen trefflichen Ge⸗ ſchmack! er wuͤrde eine Freude haben, wenn er ſehen koͤnnte, welches Wohlgefallen wir an ſeiner Auswahl in Juwelen haben.“ „Da wir von Juwelen ſprechen“ ſagte Come ön„ich haͤtte beinah das Maroquin Kiſchen rgeſſen; unter uns, ich bilde mir ein, da haben wir einen Schaßz gei i s ſieht aus wie ein Juwelenkaͤſtcheu.“ Mit dieſen Worten oͤffnete der Naͤuber das äſchen„ das an manchem Galatage — der zierlichen“ Perfon Mauleverers ſchimmernden Glanz verliehen hatte. O 5 Der Ausbruch des Entzuͤckens d det jett ſolgte! ſtelle dir ihn ſelbſt vor! wir koͤnnen ihn ni er ſiern: Gleich dem griechiſchen Maler werfen wir einen Schleier über Empſfindungen, welche zu tief fuͤr Worte ſind. „Aber da,“ ſagte Pepper, als ſie bei der Betrachtung der Diamanden ſich beinah im Jubel 6. 84 erſchopft hatten,„da iſt die Voͤrſe— fuͤnfzig Guineen! und was iſt dieß? Banknoten, beim Ju⸗ piter! die muͤſſen wir gleich morgen auswechſeln, ehe ſie angehalten werden. Verflucht ſeyen dieſe Burſche, ſie machen es uns immer nach; wir hal⸗ ten ihr Geld an und ſie verlieren keinen Augen⸗ blick es auch anzuhalten. Dreihundert Pfund! Hauptmann, was ſagt Ihr zu unſrem Gluͤck?“ Clifford war mit truͤbſinnigen Blicken dage⸗ ſeſſen, waͤhrend die Raͤuber hanthirten; jetzt gab er, eine den umſtaͤnden gemäße, freudige Miene annehmend, eine paſſende Antvort und nach ei⸗ ner allgemeinen Unterhaltung gieng es ans Werk der Theilung. Wir ſind die beſten Rechenmeiſter von der Welt!“ ſagte Auguſtus, als er ſeinen Antheil ein⸗ ſteckte,„Addiren, Subtrahiren, Dividiren, Re⸗ duciren— wir haben alles ſo gelaͤufig in der Hand wie des Vormunds Beiſtand' und was noch beſſer iſt, es geht bei uns Alles nach der Regel de Tri.“ „Ihr habt das Multipliciren uͤbergangen!“ ſagte Clifford laͤchelnd. „Ha, weil das ein anderes Verfahren iſt; die uͤbrigen Rechnungsarten ſtimmen mit den Spe⸗ cies im Koͤnigreich zuſammen; aber was das Mul⸗ tipliciren betrifft— wir multipliciren, fuͤrcht' ich⸗ keine Species als unſre eigne.“ „Pfui, Ihr Herren!“ ſaste Mac Grawler ————————— 85 ſtreng; denn die aͤchten Schotten haben ein wun⸗ derbares Anſtandsgefuͤhl. Handlungen ſind gleich⸗ guͤltig; aber nichts kann ſauberer ſeyn als ihre Worte. verlaßt Euch auf Eure Weisheit, nicht wahr?“ ſagte Ned⸗ Ich denke, Ihr moͤch⸗ tet auch gern ein paar Rollen Geld von der Beute.“ „Rollen!“ ſagte der ſpitzfindige Tomlinſon. „Er hat neunmal mehr Rollen als wir. ſer nicht ein Kritiker und hat er nicht die Rollen der Beredſamkeit in den Fingerſpitzen?“ „Unſinn! ſagte Mac Grawler, unwillkuͤhrlich die Haͤnde hinhaltend, mit der Gabel, die zwi⸗ ſchen den ausgeſtreckten Fingern der rechten Hand ſchwebte. „Unſinn, Selbſt!“ rief der lange Ned,„Ihr einen Antheil bekommen, wo ihr nie mit halfet! ein pfiffiger Burſche, fuͤrwahr! Kuͤmmert Euch um Eure Angelegenheiten, Herr Schotte, und ga⸗ belt nach nichts als den Beefſteaks! Hiemit wandte ſich Ned nach den Staͤllen und verſchwand bald unter den Pferden; aber Clifford, der die mißvergnuͤgte und gereitzte Miene des Kuͤchendienſte leiſtenden Weiſen bemerkte, nahm zehn Guineen von ſeinem Antheil und ſchob ſie ſeinem ehemaligen Lehrmeiſter hin. „Da!“ ſagte er mit Nachdruck. „Nein, nein;“ grunzte Mac Grawler,„ich —— brauche das Geld nicht, es liegt in meiner Art, dieſen Unrath zu verachten!“ So ſprechend ſchob er die Goldſtuͤcke in die Taſche und kehrte, in ſich hineinbrummend, wieder zu ſeinen feſtlichen Vor⸗ bereitungen zuruͤck. Mittlerweile hatte ein leiſes Geſpräch zwi⸗ ſchen Auguſtus und dem Hauptmann ſtatt, wel⸗ ches fortdauerte, bis Ned zuruͤckkehrte ukd* vie Nachtkoſt auf dem LTiſche dampfte!“ Seelen Don Rafaels und 2 mbroſtus Lamela's, welch koͤſtlicher Sache iſt es, fuͤr eine kurze Zeit ein Spltzbube zu ſeyn! Wie luſtig ſind doch die Leute, wenn ſie ihre Brüder betrogen haben! Un⸗ ſchuldige Milchſuppengeſichter hielten nie ein ſo vergnügtes Mahl als unſre Helden von der Land⸗ ſtraße. Clifford vielleicht ſp nur eine erzwung⸗ ne Rolle, aber die Froͤhlichkeit ſeiner Kameraden war ungeheuchelt. Es war ein koͤſtlicher Kontraſt, das ſchallende Ha! Ha! des langen Ned und das verſiohl ene, trockne, berechnende Kichern des Au⸗ guſtus Tomlinſon; es war Rabelais neben Vol⸗ taire. Nur im Gegenſtand ihrer Scherze trafen ſie zuſammen und die Hauptzielſcheibe derſelben war,(wie denn immer die Weisheit der Frivo⸗ lität herhalten muß) der große Peter Mac Graw⸗ ler. Die rohen Hünde machten ſich hauptſaͤchlich uͤber die fruͤhere 2 eſchäfti gung des Weiſen luſtig. „ Kommt, Mac. Ihr zerlegt wohl, dieß Len⸗ ————————— 87 denſtuͤck“ ſagte Ned,„Ihr habt Uebung im Auf⸗ ſchneiden gehabt.“ 5 Der gelehrte Mann, deſſen Namen ſo unehr⸗ erbietig abgekurzt ward, machte ſich an das ange⸗ ſonnene Geſchäft. Er wollte ſich eben zu dieſem Behuf niederſeßen, als ihm Tomlinſon hinterliſtig den Stuhl wegzog;— der Weiſe fiel auf den Boden. 5 „Keine Scherze uber Mac Grawler,“ ſagte der boshafte Auguſtus;„ was auch immer ſeine Fehler als Kritiker ſtyn mochten, Ihr ſeht, daß er doch den feſten Voden liebt und auf Einmal der Sache auf den Grund geht. Mac, ich dächte, Ihr betiteltet Euer naͤchſtes Werk: der Wehe⸗ ruͤcken!“ Maͤnner von großer Seele ſind ſelten verſoͤhn⸗ lich; ſie nehmen einen Spaß nicht ſo leicht aufz ſo war es auch bei Mac Grawler. Er ſtand in heftigem Zorn auf und waͤren die Raͤuber auf⸗ mertſamer geweſen, gls ſie zu ſeyn ſich die Muhe gaben; ſie haͤtten leicht etwas Gefahrdrohendes in ſeinem Auge geleſen. So wie die Sachen ſtanden, trat Clifford, der ſchon oft der Beſchuͤtzer ſeines Lehrmeiſters geweſen, zu ſeinen Gunſten ins Mit⸗ tel; zog den Weiſen auf einen Stuhl neben ſich nieder und fullte ihm ſeinen Teller. Es war an⸗ ziehend, dieſe Achtung der Macht vor der Gelehr⸗ famkeit zu beobachten! Es war ein Alexander, der dem Ariſtokeles huldigte. * 88 „Nur Eins bedaure ich,“ ſchrie Ned mit vol⸗ lem Munde.„Bei der Geſchichte mit dem alten Lord— es war tauſendmal Schade, daß wir ihn nicht tanzen ließen. Ich erinnre mich wohl noch der Zeit, Hauptmann, da Ihr darauf beſtanden waͤ⸗ ret. Welch luſtiger Burſch wart Ihr damals! be⸗ ſinnt Ihr Euch noch, zum Beiſpiel, wie Ihr in einer hellen Mondnacht, gerade wie die heutige, als wir bei Staines auflauerten, ſchwuret: jede Perſon uͤber den Fuͤnfzigen, welche wir anhalten wuͤrden, ſollte mit Euch eine Menuet tanzen?“ „„Ja!“ ſetzte Auguſtus hinzu,„und die erſte war ein Biſchof in einer weiſſen Peruͤcke. Ha wahr⸗ lich! mit welcher Steifheit ſeine Lordſchaft das Täͤnzchen ausfuͤhrte! Und wie wuͤrdevoll ſich Lovett vor ihm verbeugte, den Hut auf dem Kopfe, als Alles voruͤber war und ihm ſeine Uhr und zehn Guineen zuruͤckgab— es war des Opfers wohl. werth!“ „Und die zweite war eine alte Jungfer von Stand“ ſagte Ned,„ſo duͤrr wie ein Advokat. Erinnert Ihr Euch nicht mehr, was ſie fuͤr Spruͤn⸗ ge machte?“ „Ganz gewiß,“ ſagte Auguſtus,„und Ihr nanntet ſie ſehr witzig eine Hopfenſtange.“ „Wie entzuͤckt war ſie uͤber des Kapitaͤns Ar⸗ tigkeit! Als er ihr Ohrringe und Agraffe zuruͤck gab, bat ſie ihn mit einem zaͤrtlichen Seufzer, es zu ihrem Andenken zu behalten— ha! hal“ 39 „ Und die dritte war ein Stutzer!“ rief Au⸗ guſtus„und Lovett uͤberttug mir ſein Recht auf Partnerſchaft. Wißt Ihr noch, wie ich ihn in den Graben tanzte? Ach, damals waren wir luſtige Geſellen; aber wir werden geſetzt, blasé, wie der Franzos ſagt, ſo wie wir älter werden!“ „Wir ſehen jetzt nur noch auf die Hauptſa⸗ che!“ ſagte Ned. „Habſucht uͤberwiegt den Unternehmungs⸗ geiſt!“ ſetzte der Sentenzenreiche Tomlinſon hinzu. „Und unſer Hauptmann iſt ein Freund vom Weinen ſtatt vom Weine,“ fuhr Ned witzelnd fort. „Auf, wir werden ſchwermuͤthig!“ ſagte Tom⸗ linſon einen Pokal hinunterſtuͤrzend.„Mich duͤnkt wir werden wirklich alt; wir werden bald Buße thun und der naͤchſte Schritt iſt an den Galgen!“ „Da ſey Gott vor!“ ſagte Ned, ſich einſchen⸗ kend,„ſeyd kein ſolcher Ungluͤcks⸗Rabe. Es giebt zwei Arten von verwuͤnſchten Leuten, die ſich im⸗ mer beſonders vor gewißen Farben in Acht neh⸗ men ſollten; Ich haſſe es, zuverlaͤßige Jungen in Schwarz, und den Teufel in Blau zu ſehen. Aber das iſt mein letztes Glas fuͤr heute Nacht. Ich bin verdammt ſchlaͤfrig und wir ſtehen morgen früh auf!“ „Recht, Ned!“ ſagte Tomlinſon,„gebt uns ein Lied eh' Ihr Euch zuruͤckzieht und zwar das, 90 welches Lovett dichtete bei unſerem letzten hieſi⸗ gen Aufenthalt.“ Ned, immer mit Luſt die Gelegenheit er⸗ greifend, ſich zu zeigen, raͤuſperte ſich und erfüll⸗ te Tomlinſons Wunſch. — 0) Laßt die Pfiffe und Kniffe der Hexenbrut⸗ Grauen Schelmen in Weg nichts gelegt! O fort mit des prunkenden Lebens Fluth,. Ein Lied von Sherwood. t Lacht mit uns uͤber Fuͤrſt und Pallaͤſte, n Luſt'ger doch lebt ſich's in Forſt und Hain?. Wollt Ihr würzen mit Andrer Verdruß Eure Feſte. v So laden unſre Kreiſe Euch ein. n Mancher Fürſt nimmt den eigenen Huhnern ihr Ey f Und verliert an die Feinde ſein Gold; n Des Waldkonigs Leute ſind ſteuerfrei Und der Feind zahlt Imbiß und Sold⸗ t 6 Das immer vom Wind iſt bewegt! II. 1 Lacht mit uns, wenn auf ſchluͤpfrigem Boden Der ſtattliche Schurke Schelme uns ſchilt⸗ Geſetz und Verkehr haben Diebsmethoden⸗ Schlimmer als die, die ein Hanfband gilt⸗ Wird ein Mädchen wohl Liebhaber verſchmaͤhen Bei welchen: treu ſeyn einander iſt Brauch? Zwar die Geſetze wir liſtig umgehen⸗ Aver die Lieve, ſo hoͤr' ich, tyut's auch! 91 Drum Muth, Ihr Jungen⸗ ſchwel' Euch die Bruſt, Ob geſchimpft auch in Hütt' und Pallaſt! O' Wer, den die Welt liebt, hat halb ſo viel Luſi Nur halb— als der Mann, den ſie haßt? „Braviſſimo! N ed,“ plef Tomlinſon auf den Tiſch ſchlagend,„Bräl viffimd! Eure Stimme iſt hen⸗ te 3 ht herrlich und Euer Lied vort trefflich. In der That Lbvett, es macht Eurem poetiſchen Ge⸗ roße Ehre; ganz filoſofiſch, auf me ine Ehre!“ „Braviſſimo!“ ſagte Mac Grawler, ehrfurchts⸗ ʒüt dem Haupt nickend.„Herrn Peppers Stim⸗ me iſt ſo anmuthig wie eine Sackpfeife. Ach, ein folches Lied waͤre ite geweſen fuͤr das Ali⸗ E— nie g näum, als ich die Ehre hatte— „Der Lizjotet Br ay's an dieſem Inſti⸗ tut zu ſeyn,“ unt erbr nſoh.„Bitte Mal Grawler, warum nennt man Edinburg das neue Athen?“ „Wegen der ge elehrten und großen Maͤnner, die es ein„ verſetzte Mac Grawler mit ſtolzem Selbſtgefühl. „Pah, Ihr denkt an das alte Athen. Eure Stadt heißt das neue Athen, weil Ihr Alle ſo ſehr den neuen Bthenern gleicht— den ver⸗ dammteſten Schurken die man ſich denken kann, 5 die Reiſenden uͤber ſte lägen.“ „fiel ihm Ned, dtchd den Beifall des Ktitite i tigt, ins Mort,„Mac iſt ein ehr⸗ icher 2 zut i ſchont ihn. Ihr Hetrn Eure Ge⸗ 2 2 92 ſundheit! Ich gehe zu Bette, und ich denke, Ihr werdet nicht lange hinter meinem Beiſpiel zuruͤck⸗ bleiben.“ „Verlaßt Euch darin auf uns,“ erwiederte Tomlinſon;„der Hauptmann und ich wollen uͤber das Geſchaͤft fuͤr morgen uns berathen und Euch dann folgen ſo eilig als eine Bettſtolle blinzelt, wie man es artig ausgedruͤckt hat.“ Ned gaͤhnte ſein letztes: Gute Nacht, und verſchwand im Schlafgemach. Mac Grawler gaͤhnte ebenfalls, aber gruͤndlicher und nachdruͤcklicher als ſeiner Weisheit ziemte und unterzog ſich dem Geſchaͤft den Apparat der Mablzeit wegzuraͤumen. Nachdem er wenige Minuten nuͤchtern herum hand⸗ thiert hatte, ließ er ſich auf eine Bettſtelle in ei⸗ ner Ecke der Hoͤhle nieder(denn er ſchlief nicht in Einem Raum mit den Räubern,) entkleidete ſich und ſchien bald in Morfeus Armen begraben. Aber der Hauptmann und Tomlinſon ruͤckten ihre Stuͤhle den erſterbenden Gluten naͤher, boten dem traͤgen Gotte Trotz und begannen mit leiſer Stim⸗ me ein vertrautes angelegentliches Zweigeſpräch. „So wollt Ihr alſo,“ ſagte Tomlinſon,„nach⸗ dem ihr Euch gehoͤrige Mittel verſchafft habt, um Euer Vorhaben auszufuͤhreu, uns wirklich ver⸗ laſſen— habt Ihr das Fuͤr und Wider wohl er⸗ wogen? Bedenkt, daß fuͤr unſere Lage nichts ſo gefaͤhrlich iſt als Beſſerung; im Augenblick, wo Einer ein ehrlicher Mann wird, verläßt ihn die A —— 8—— 8 8S c)8— 8 S5(68 —„„—— c c— v— v* — 1 93 Bande, die Richter miſſen ihre Sporteln, der Angeber verklagt ihn und der Renegate haͤngt.“ „Ich habe das Alles wohl erwogen,“ ſagte Clifford„und habe mich uͤber meine Handlungs⸗ weiſe entſchieden. Ich habe nur gewartet, bis meine Mittel meinen Plan beguͤnſtigen wuͤrden. Mit meinem Antheil an der Beute von jetzt und von fruͤher will ich mich auf das Feſtland bege⸗ ben. Preuſſen bietet Allen, welche in ſeine Dien⸗ ſte treten, bereitwillige Aufnahme und leichte Befoͤrderung. Aber dieſe Sprache, mein lieber Freund, klingt ſonderbar in Eurem Munde. Ge⸗ wiß werdet Ihr mich bei meiner Losſagung von unſerm Bunde begleiten? Wie, Ihr ſchuͤttelt den Kopf? Seyd Ihr nicht derſelbe Tomlinſon, der in Bath mit mir daruͤber einverſtanden war, daß uns vom Neid unſrer Kameraden Gefahr drohe, und daß die Flucht um unſrer Sicherheit willen nothwendig ſey? Ja, war dieß nicht gerade Euer Hauptgrund, den Ihr für die Heiraths-Unter⸗ nehmung anfuͤhrtet?“ „Nun, ſeht, mein lieber Lovett,“ ſagte Au⸗ guſtus,„wir ſind Alle Holzkloͤtze, geſchaffen aus den Atomen der Gewohnheit— mit andern Wor⸗ ten: wir ſind Maſchinen, deren Triebfeder die Angewoͤhnung iſt. Was ſollte ich in einer ehrlichen Laufbahn thun? Ich bin viele Jahre älter als Ihr. Ich habe als ein Spisbube gelebt, ſo lange bis die Spitzbuͤberei mir zur Natur geworden iſt. Ich ——— —— —— — 94 weiß nicht, ob ich nicht, fals 4 unter die Sol⸗ daten gienge, ein Fe ier ſch wurde der vollendetſte Se Gürte wollte ich den ehrlichen Mann ſpielen. Rein! ich tünſchte mich ſekbſt, wenn ich von Trennung ſprach eben mit meinen alten Kamerader meinen alten Wegen, bis ich in Band,, 3— traurige Alternative! band hinnei te „Däs in lautere Narrheit,“ verſetzte El ſſen kraftvolk d 5 e df 3 def e, mannhafte Seele die Band 1.. nr c:. Gewohuheit leicht ab chuͤttelte.„Wir G„ 1o ſo manches ne en knechti — andrer Menſc kene n 4 ven u eignen Schwaͤche zu ſevn. le, ermannt Euch Gott wei üte i9 der Schwachheit meiues Herzens ben, ich waͤre wahrlch verloren Und viel⸗ pfe ich auch noch ſo mann huft, uͤberwaͤl⸗ tige 6 doch nicht das, was an meinem Innern nagt und mich, obwohl nur Zoll fuͤr Zol vird. Aber ſeyn wir ni nüthig: laſhſet uns nicht vom Schickſal zu ſchwimme 1Mit Ei eh' es zu i ie iſt. wartet mich an dreien Tagen ſegle ab. Seyd mein Begleiter. Bir verſtehen be feuriges Roß zu tum⸗ mein und ein ites Schwerdt zu füͤhren. So lan⸗ icht mit nr ort Ein clertnbtet⸗ Schiff er⸗ Kuͤſte von Dorſet; binnen ge die Menſchen mit einander Kries fuͤhren, wer⸗ den dieſe Geſchicklichkeiten ihren Beſitzer vom Hun⸗ n gertod retten oder—“ ch„Wenn im Felde und nicht auf der Landſtraße 15 angewendet,“ unterbrach ihn Tot nlinſon mit einem nd Laͤcheln,„vom Galgen. Aber es iſt nicht moͤglich. ne Ich wuͤnſche Euch al les Vergnuͤgen, alles Gluͤck auf e⸗ Eurer Laufbahn; Ihr ſeyd jung, kuͤhn und gewandt und hattet immer einen hoͤhern Geiſt als ich. Ein d. Schurke kin ich und ein Sbußk muß ich bleiben er bis zum Ende des Stücks.“ cht„Wie Ihr wollt,“ ſagte Clifford, ein Many en von wenig Wor ten, aber ungern ſetzte 3 hinzu: or⸗„Wenn dieß iſt, ſo muß ich denn mein Gluͤck äl⸗ vn. lein ſuchen.“ tt„Wann verlaßt Ihr uns?“ fragte Tomlinſon. ens„Morgen Vormittag. Ich will London auf einige iel⸗ Stunden beſuchen 3p dann der Käſte zucilen.“ väl⸗„„London!“ Tomlinſon,„wie! das ei⸗ ern nie Neſt d chkeiten! Ha, Ihr wißt teii nicht was Ihr oder haltet Ihr es fuͤr Soh⸗ wir nespflicht, vor Eurer Abreiſe Mutter Lobkins noch tatt zu gruͤßen?“ mir,„Das nicht!“ antwortete Clifford;„ich habe er⸗ vereits mich uͤberzeugt, daß ſie vor allem Mangel mnen geſichert iſt, und ihre Tage, die arme Seele! iter. konnen, ſo fuͤrchte ich, nicht mehr viele ſeyn. Al⸗ um⸗ ler Wahrſcheinlichkeit nach wuͤrde ſie mich kaum lan⸗ wieder ertennen, denn ihre Lebensweiſe kaun ihr Gedäͤchtniß nicht eben geſtaͤrkt haben. Ich wollte, ich koͤnnte von ihren Nachbarn daſſelbe ſagen. Ließe ich mich in den Winkeln niedriger Dieberei ſehen — ſo wißt Ihr ſo gut wie ich, daß irgend ein Stehler von Halstüͤchern als Angeber des beruͤch⸗ tigten Hauptmann Lovett auftreten koͤnnte. „Was zieht Euch denn aber zur Stadt? A) — Ihr wendet das Angeſicht weg— ich errathe es; nun, die Liebe hat ſchon fruͤher manchen Hel⸗ den zu Grunde gerichtet; moͤge Euch der Dienſt dieſer Gottheit nicht zum Unheil ausſchlagen“ Clifford antwortete nicht und eine ploͤtzliche, lange Pauſe trat in der Unterhaltung ein; Tom⸗ linſon brach das Schweigen. „Wißt Ihr wohl, Lovett,“ ſagte er,„ ob⸗ gleich ich ſo wenig Empfindung habe als irgend ein Mann, fuͤhle ich doch fur Euch mehr als ich je fuͤr moͤglich gehalten haͤtte: ich wuͤrde Euch gerne begleiten; es giebt einen verdammt guten Taback in Deutſchland, glaube ich; und Alles er⸗ wogen, iſt eigentlich kein ſo großer Unterſchied zwi⸗ ſchen dem Leben eines Diebs und eines Soldaten.“ „Laßt dieſe verſtändige Bemerkung nicht un⸗ benuͤtzt,“ ſagte Clifford,„bedenkt wie der Pfad⸗ auf dem Ihr jetzt wandelt, der ſichern Vernich⸗ tung entgegen fuͤhrt; Galgen und Verbrecherſchiffe ſind das einzige Ziel!“ „Dleſe Ausſichten ſind nicht reizend, ich ge⸗ ſteh' es“ ſagte Tomlinſon,„auch finde ich es nicht * 97 wuͤnſchenswerth fuͤr ein kommendes Jahrhundert in der Unſterblichkeit eines Weingeiſt⸗Gefaͤſſes in dem anatomiſchen Theater aufbewahrt zu werden, von einem Ohr bis zum andern grinſend, als ob man auf die allerluſtigſte Weiſe aus dem Leben geſchieden waͤre. Nun ich will daruͤber ſchlafen und morgen ſollt Ihr meine Antwort haben;— aber der arme Ned!“ „Wuͤrde er ſich uns nicht anſchließen?“ „Gewiß nicht; ſein Hals iſt fuͤr einen Strick beſtimmt und ſeine Seele fuͤr Old⸗Bailey. Fuͤr ihn iſt keine Hoffnung; und doch iſt er ein treffli⸗ cher Burſche. Wir duͤrfen ihm von unſrer beab⸗ ſichtigten Flucht gar nichts ſagen.“ „Dürchaus nichts. Ich will unſrem Londoner Anfuͤhrer einen Brief zuruͤcklaſſen, der ſoll Alles erlaͤutern. Und jetzt zu Bette! ich ſehe Eure Be⸗ gleitung als eine ausgemachte Sache an.“ „Hm!“ ſagte Auguſtus Tomlinſon. So endete dieſe Beſprechung der Raͤuber. Ungefaͤhr eine Stunde nachdem ſie aufgehoͤrt hat⸗ te, als kein Laut mehr, als nur der ſchwere Athem des langen Ned die Stille der Nacht unterbrach, erhob ſich das weiſe Antlitz Peter Mac Grawlers langſam von dem einſamen Kiſſen, auf dem es geruht hatte. Allmaͤlig richtete ſich der Ruͤcken des erleuchteten Mannes gerade auf und er ſaß eini⸗ ge Augenblicke aufrecht auf ſeinem Ehrenſitze, of⸗ fenbar in horchender Ueberlegung begriffen. Zu⸗ Bulwer's Romane. XXVIII.. 98 frieden mit dem tiefen Schweigen, das, abgerech⸗ net die ſchon bezeichnete Stoͤrung, ringsumher herrſchte⸗ ſtand der gelehrte Schuͤler Vatels leiſe von ſeinem Bett auf, warf ſeine Kleider um, ſchlich ſich auf den Zehen nach der Thure, eroff⸗ nete ſie geraͤuſchlos und verſchwand. Freundlicher Leſer, während du dich uͤber ſeine Entfernung ver⸗ wunderſt, wollen wir ſeine Anweſenheit an dieſem Ort erklaͤren. Eines Abends hatten Clifford und ſein Beglei⸗ ter Tomlinſon die geiſtreiche Ergotzlichkeit des Ranelagh Theaters genoſſen und wollten eben die⸗ ſes beruͤhmte Haus verlaſſen, als ſie durch einen Auflauf am Eingans zufgehalten wurden. Dieſer Auflauf hatte ſich um einen Taſchenfeger verſam⸗ melt und der Taſchenfeger war— b Tugend! o Weisheit! o Aſinäum! war— Peter Mac Graw⸗ ler. Wir haben ſchon fruͤher bemerkt⸗ daß Clifford eine gute Haltung und ein imponirendes Weſen beſaß und diefe Eigenſchaften trugen damals vor⸗ nemlich dazu bei, unſrem Orbilius die Pumpe zu erſparen. Sobald Clifford das Magiſterge ſicht des weiſen Schotten erkannte, drängte er ſich teck mit⸗ ten in den Haufen, packte den unternehmenden Buͤr⸗ ger, der den Mac Grawler gevackt hielt, ſeinerſeits am Kragen, und erklaͤrte ſich bereit. fur die Ehrlich⸗ keit des ganz unbeſcholtnen Mannes zu buͤrgen, uͤber deſſen Perſon man ſich ſo groblich getäuſcht habe. Augnſtus, einen liſtigen Anſchlag ſeines 15 u 8— 4 u r ts h n„ ht es 99 Begleiters ahnend, unterſtutzte ſogleich die Ver⸗ theidigung. Der Pobel, der nie den uUnterſchied zwiſchen Unverſchaͤmtheit und Wahrheit zu finden weiß, gab Raum; ein Konſtable kam herbei und ergriff die Parthei des Freundes von zwei ſo un⸗ tadelhaft gekleideten Gentlemen— unſre Freunde ogeen ab— der Menſchenhaufe bereute die Ue⸗ bereilung und fiel, um ſie gut zu machen, uͤber den Herrn her, deſſen Taſchen geleert worden wa⸗ ren. Es war umſonſt, daß er ſich zu vertheidigen ſuchte, denn er hatte einen Fehler der ihn am Sprechen hinderte. Indeß hatte Clifford ſeinen weiland Men⸗ tor in das Aſyl eines Caffehauſes geſchleppt und als Mac Grawlers Seele beim Wein aufgieng, erzaͤhlte er was ihn zu ſeinem verzweifelten Schritte getrie⸗ ben. Es ſcheint, daß das unvergleichliche Journal, das Aſinaͤum, trotz einer Reihe ſehr populärer Artikel uͤber die Schriften des Aulus Peudantius, wozu noch eine auserleſene Folge von Dialogen im Tone breiten Humors— d. h. in breitem Schottiſch geſchrieben,(bei den Schotten iſt Alles daſſelbe), betitelt noetes ambrosianae— viel⸗ leicht zum Andenken des erlauchten Schelmen Am⸗ broſius Lamela; trotz dieſen unſchaͤtzbaren Mis⸗ zellen, um nichts zu ſagen von einigen ſuperben politiſchen Aufſätzen, worin zur Genugthuung der Reichen klar dargethan war, daß je weniger ein armer Teufel eſſe, deſto zutraͤglicher es fuͤr ſeine Geſundheit ſey— trotz dieſen wichtigen Vereiche⸗ 7.. 100 rungen der engliſchen Literatur, ſagen wir, wank⸗ te und fiel das Aſſnäum, begrub unter den Truͤm⸗ mern ſeinen Verleger und zermalmte den Heraus⸗ geber; nur Mac Grawler entrann, wie Theodor aus dem ungeheuren Helm von Otranto, nur Mac Grawler uberlebte es.„Liebe“ ſagt Sir Filipp Sidney,„ſchärft die Augen eines Mannes mehr als eine Brille.“ Die Liebe zum Leben aber äuſ⸗ ſert einen ganz andern Einfluß auf die Sehkraft; ſie macht einem Mann erbaͤrmlich truͤbe Augen und laͤßt ihn oft ſein Eigenthum in andrer Leute Taſchen ſehen. Dieſe optiſche Taͤuſchung hatte es Peter Mac Grawler angethan. Er gieng nach Ranelagh. Leſer, das Uebrige weißt du! Als der Wein und die Schlauheit der Raͤuber dieſe Erzaͤh⸗ lung dem Peter Mac Grawler abgelockt hatten, ſanken die Schranken unnoͤthigen Zartge fuͤhls leicht vollends nieder. Unſre Helden boten dem Weiſen die Einfuͤh⸗ rung in ihren Club an; das Anerbieten ward an⸗ genommen, und Mac Grawler, der zuerſt betrun⸗ ken gemacht wurde, ward ſodann zum Raͤuber ge⸗ ſtemvelt. Die Bande trug ihm verſchiedne kleine Geſchaͤfte auf, worin er aber, wir berichten es mit Vedauern, obgleich ſein guter Wille unver⸗ gleichlich war, ſo ubles Gluͤck hatte, daß er ſich den hoͤchſten Zorn ſeiner Auftraggeber zuzog; ja ſie ſtanden einmal, als ſie die Gerechtigkeit verſoͤh⸗ 101 nen mußten, im Vegriff, ihn der weltlichen Ge⸗ walt auszulieſern, hätte ſich nicht Etfford ſeiner angenommen. Von einem Raͤuber ſank der Weiſe zum Kuͤchenjungen herab; Knechtarbeiten(die Raͤuber, die lüͤgenhaften Boͤſewichte, erklaͤrten ſolche Dienſtleiſtungen fuͤr ganz paſſend zu dem Genius ſeines Landes,) traten an die Stelle hoch⸗ herziger Thaten und der ſchlechteſte Raͤuber wurde der beſte Koch. Wie eitel iſt doch alle Welsheit, ausgenommen diejenige, welche ſich auf lange Er⸗ fahrung ſtuͤtzt! Obgleich Clifford ein geſcheuter und gewandter Mann war und unſern Weiſen als einen Schuft kannte, ließ er ſich doch nicht im Traum ein⸗ fallen: dieſer koͤnnte den Verraͤther ſpielen. Er hielt ihn fuͤr zu faul, um boshaft zu ſeyn, und o der menſchlichen Kurzſichtigkeit! fuͤr zu einfäl⸗ tig, um Gefahr von ihm zu befuͤrchten. Er ver⸗ traute dem Weiſen das Geheimniß der Höhle und Auguſtus, der etwas von einem Epikuraͤer an ſich hatte, ließ ſich, obgleich Boͤſes ahnend, wegen der Geſchicklichkeit des Schotten im Sieden und Bra⸗ ten, die Wahl gefallen. Aber Mac Grawler barg, wie Brutus, unter der Maske der Dummheit einen Entwuͤrfebruͤten⸗ den Geiſt; die Habhaftwerdung des beruͤchtigten Lovett war der Gegenſtand lebhafter Wuͤnſche; die Polizei ließ ſich nicht laͤnger beſtechen, ja ſie ſelbſt hatte jetzt Luſt, zu beſtechen; Mac Grawler hatte ſeine Zeit abgepaßt, ſeinen Hauptmann verkauft und war jetzt auf dem Weg nach Reading um Herr Nabbem von Bowſtreet nebſt vier ſeiner Gehuͤlfen aufzuſuchen und in die Höhle zu geleiten. Nachdem wir ſo in moͤglichſter Eile die Ur⸗ ſachen entwickelt, welche den unvergleichlichen Kri⸗ tiker ſo plotzlich wieder dir, o Leſer! unter die Augen brachten, kehren wir jetzt zu unſern Raͤu⸗ bern zuruͤck. „Bſcht, Lovett!“ ſagte Tomlinſon halb im Schlaf,„mich duͤnkt ich hore etwas in der aͤußern Höhle.“ „Es iſt der Schotte, vermuthlich,“ antwortete Clifford,„Ihr habt natuͤrlich nach der Thuͤre ge⸗ ſehen?“ „Ganz gewiß!“ murmelte Tomlinſon, und ſchlief nach zwei Minuten wieder ein. Nicht ſo Clifford; mancherlei beaͤngſtigende Gedanken erhielten ihn wach. Bald machte, wenn er die Vorſtellung einer neuen Laufbahn ſich nahe brachte, etwas von dem hochſtrebenden und kuͤh⸗ nen Geiſt, der auch bei ſeiner verbrecheriſchen und verworrenen Lebensweiſe ihn noch beſeelte, daß ſein Puls fieberhaft ſchlug und keine Ruhe in ſei⸗ ne Glieder kam; bald ergriff ihn eine peinigende Erinnerung— die Erinnerung an Lucie in all ih⸗ ren Reitzen, ihrer Schoͤnheit, ihrer Liebe, mit ihrem zaͤrtlichen ſchuldloſen Herzen— Lucie, in 103 nd fuͤr ihn auf immer ver⸗ andern Gedanken und ließ fuͤhl der Niedergeſchlagen⸗ heit und Verzweiflung zuruͤck.„Was nuͤtzt mir mein Streben und Ringen nach einem guten Namen?“ dachte er.„Sie wird es nie erfahren. Was auch mein kuͤnftiges Lvos ſey— ſie kann es nie theilen. Meine Strafe iſt unwiderruflich— ſie iſt ſchrecklicher ls ein ſchmachvoller Tod— ſie iſt: Ein Leben ohne Hoffnung! Jeden Augenblick fuͤhle ich und werde fuͤhlen bis ans Ende den Druck einer Kette, die ſich weder zerreiſſen noch erleichtern laͤßt. Und doch⸗ Thor der ich bin! kann ich dieß Land nicht verlaſſen, ohne ſie noch einmal zu ſe⸗ hen, ohne ihr zu ſagen, daß ich ſie wirklich zum letztenmal ſehe. Aber hab' ich ihr das nicht ſchon zweimal geſagt? Sonderbares Verhaͤngniß! nur zweimal habe ich ihr von Liebe geſprochen und bei⸗ demale war es, um mich von ihr im Augenblick des Geſtaͤndniſſes loszureiſſen. Und auch jetzt treibt mich wieder etwas, dem ich nicht zu wider⸗ ſtehen vermag, zu derſelben unnuͤtzen und ſchwa⸗ chen Nachgiebigkeit gegen mein Herz. Draͤngt mich das Schickſal dazu? Ja, vielleicht zu meinem Un⸗ tergang! Jede Stunde umringen mich tauſend To⸗ de. Ich habe jetzt alles erreicht, worauf mein Streben zu gehen ſchien. Ich habe durch ein neues Verbrechen genug gewonnen, um mich in ein andres Land vegeben und dort die Laufbahn aller Vollkommenheit u loren, verbannte jeden ihm nur das laͤhmende Ge 104 des Soldaten ergreifen zu koͤnnen. Ich ſollte kei⸗ ne Stunde zur Flucht verſaͤumen, und doch ſtuͤrze ich mich in das Neſt meiner Feinde, einem nutz⸗ loſfen Worte mit ihr zu lieb; und das noch dazu, nachdem ich ihr ſchon Lebewohl geſagt. Iſt dieß Schickſalsfuͤgung? Wenn es ſich ſo ver⸗ haͤlt, was macht es? Ich kuͤmmre mich nichts mehr um ein Leben, das ich doch vergeblich beſſern wuͤrde, wenn es nicht um Ihretwillen ge⸗ ſchehen kann; und doch— doch! o welch ſelbſt⸗ ſuͤchtiger und verworfner Menſch bin ich! iſt das Bewußtſeyn, das ich nachher haben werde, nichts, das Bewußtſeyn, von ihr die Schmach zu neh⸗ men, einen von der Geſellſchaft ausgeſtoßnen Miſ⸗ ſethäter geliebt zu haben? Wenn ich Ehre erringe, wird dieß nicht, wenigſtens fuͤr mein eignes Herz, ein, wenn auch nur ſchwaches und daͤmmerndes Licht auf ſie zuruͤckwerfen.“ So verworren, unruhig, und doch in die Far⸗ ben jener aͤchten Liebe getaucht, die auch den Geſunkenſten erhebt, waren Cliffords mitternaͤch⸗ tige Gedanken; gegen Morgen giengen ſie in ei⸗ nen unerquicklichen, fieberhaften Schlummer uͤber. Aus dieſem ward er durch ein lautes Gaͤhnen, dem Schlunde des langen Ned entſtammend, der immer am fruͤhſten aufſtand, geweckt. „Halloh!“ ſagte er, es iſt beinah Tagesan⸗ bruch, und wenn wir unſte Banknoten einloſen 105 und des alten Lords Juwelen an Mann bringen wollen, ſollten wir ſchon auf den Beinen ſeyn.“ „Die Peſt uͤber Euch!“ ſagte Tomlinſon un⸗ ter ſeiner wollenen Nachtmuͤtze hervor,„gerade in dieſem Augenblick traͤumte ich, Ihr ſolltet ge⸗ haͤngt werden, und nun weckt Ihr mich beim in⸗ tereſſanteſten Theile des Traumes.“ „Hol' Euch der Henker!“ ſagte Ned, ein Bein aus dem Bette ſetzend,„beilaͤufig— Ihr nahmt letzte Nacht mehr als Euch gebuͤhrt, denn Ihr ſeyd mir noch drei Guineen fuͤr unſre letzte Partie Mariage ſchuldig. Ihr werdet ſo gut ſeyn mich zu bezahlen, eh wir uns heut trennen; kurze Rechnungen machen lange Freundſchaften.“ „So wahr dieſe Regel ſeyn mag,“ erwie⸗ derte Tomlinſon,„weiß ich doch noch eine viel wahrere, die nemlich: langjaͤhrige Freunde machen kurze Rechnungen. Ihr muͤßt den Meiſter Roth⸗ mantel fragen, von heut uͤber einen Monat, ob ich Unrecht habe.“ „Das alſo heißt bei Euch Witz, wahrſchein⸗ lich?“ gab ihm Ned zuruͤck, der jetzt in ſeine Unausſprechbare ſchluͤpfend, mit den Haͤnden den Weg in die aͤußre Hoͤhle ſuchte. „Holla, he! Mac!“ rief er, als er drauſſen war;„heraus mit deinen Spindeln, die du deine Beine zu nennen beliebſt! ſchlag' ein Licht und geh zum Teufel!“ ———— „Ein Licht fuͤr Euch,“ ſagte Tomlinſon mit frevelhaftem Scherz, indem er ſich mit Widerſtre⸗ ben von ſeinem Lager erhob,„das heißt in der That den Heiden*) ein Licht anzuͤnden.“ „Nun, Mac— Mac!“ bruͤllte Ned,„war⸗ um gebt Ihr keine Antwort? wahrhaftig, ich glau⸗ be, der Schotte iſt todt!“ „Packt die Maͤnner! gebt Euch, Ihr Herrr rief plotzlich eine rauhe Stimme im Dunkel; und in dieſem Augenblick wurden zwei ſchwarze Laternen umgedreht und ihr volles Licht fiel auf die erſchrocknen Geſtalten Tomlinſons und ſeines knochigen Kameraden! In dem dunkeln Schatten des Hintergrunds waren vier oder fuͤnf Figuren, die man nicht genau unterſcheiden konnte, und der Schimmer der Laternen glaͤnzte auf den Klingen von Hirſchfaͤngern und den Laͤufen von Wehren, denen noch ſchwerer zu widerſtehen war. Tomlinſon war der Erſte der wieder zur Be⸗ ſinnung kam. Das Licht beſchien nur die erſte Stufe von den zu dem Stalle fuͤhrenden Treppen und ließ die andern verdunkelt. Er machte einen Satz an die Stelle neben dem Karren, wo, wie ſchon geſagt, einige Waffen der Raͤuber lagen; man war ihm zuvorgekommen— die Waffen wa⸗ *) Geutiles. Das Wortſpiel iſt nnuͤberſetzbar.. 1— m— — 107 ren fort. Im nächſten Augenblick war Tomlinſon die Treppen hinauf geſprungen. „Lovett! Lovett! Lovett!“ bruͤllte er. Der Hauptmann, der ſeinen Kameraden in die Hohle gefolgt war, befand ſich ſchon in den Krallen zweier Maͤnner. Unter gewoͤhnlichen Sterb⸗ lichen jedoch war es ſchwer zwei Männer heraus⸗ zufinden, die gegen einen ſolchen Mann wie Clif⸗ ford ein entſchiednes Uebergewicht behauptet hät⸗ ten; einen Mann, bei welchem eine reichere Fuͤlle von Sehnen und Muskeln, als man ſelbſt bei kraͤftigen Naturen findet, durch beſtaͤndige Uebung zu einer Staͤrke und eiſernen Feſtigkeit geſteigert war, wodurch eine Vermählung von Kraft und Gewandtheit erreicht ward, welche wohl nicht um viel der in der beruhmten Schoͤnheit der Fechterſtatue verewigten nachſtand. Seine rechte Hand faßt die Kehle Eines der Angreifenden, ſeine linke packt, wie ein Schraubenſtock, die Fauſt des Andern; binnen der Zeit eines Athemzuges liegt jener am BVoden— dem zweiten iſt die Piſtole aus der Hand gewunden— Clifford iſt auf der Treppe— eine Kugel— noch eine— ſaust an ihm vorbei— er iſt an der Seite des treuen Auguſtus! „Oeffnet die geheime Thuͤr!“ fläſterte Clif⸗ ford ſeinem Freunde zu,„ich will allein die Treppe heraufziehen!“ Kaum hatte er dieß geſagt, als ſchon die Treppe, obwohl langſam, unter der Rie⸗ ſenkraft des Räubers ſich empor hob. Inzwiſchen eee 108 wehrte ſich Ned, ſo gut er nur konnte, gegen zwei ſtaͤmmige Polizeibeamte, welche nicht geneigt ſchie⸗ nen von ihren Waffen, außer im hoͤchſten Noth⸗ fall Gebrauch zu machen, und die mit ſtarker Hand ihren Gegner zu fangen und feſtzuhalten ſtrebten. „Bewacht die Thuͤre wohl!“ rief die Stimme des Hauptbeamten,„und haͤngt mehr Lichter aus!“ Zwei oder drei weitere Laternen wurden ei⸗ lig herbeigebracht; und jetzt verbreitete ſich raſch uͤber den ganzen innern Raum der Hoͤhle ein zwar daͤmmerndes, doch genugſames Licht, das der Scene und den Streitenden ein maleriſches und wildes Anſehen gab. Das raſche Auge des Oberbeamten entdeckte augenblicklich das Aufziehen der Treppe und den Vortheil, den hiedurch die Raͤuber gewannen. Er eilte mit zweien ſeiner Leute vor, faßte die Lei⸗ ter, wenn man ſie ſo nennen darf, zog ſie wieder herunter und ſtieg hinan. Aber Clifford, mit beiden Haͤnden eine zerbrochene Wogendeichſel faſ⸗ fend, die ihm nahe lag, empfing den vorderſten Stuͤrmer mit einem Gruß, der ihn beſinnungslos unter ſeine Kameraden zuruͤckwarf und zu Boden ſchlug. Der zweite erfuhr das gleiche Schickſal; und der kraͤftige Fuͤhrer des Feindes, der als ein aͤchter General, ſich im Hintertreffen gehalten, hielt jetzt auf der Mitte der Treppe inne, ſtutzend uͤber den Empfang ſeiner Freunde und die athletiſche S t— u„ 109 Figur, die wie ein Thurm, mit erhobner Wehre und in drohender Stellung, oben ſtand. Viel⸗ leicht erſchien dieſer Moment dem einſichtsvollen Herr Nabbem guͤnſtiger zum parlamentiren, als zum kämpfen. Er räuſperte ſich und redete den Feind folgendermaßen an: „Ihr da, Sir, Capitain Lovett, auch Howard, auch Jackſon, auch Cavendiſh, auch Salomons, auch Leufel, denn ich kenn' Euch wohl, und könnte auf Eure Perſon ſchwoͤren mit einem halben Aug, Ihr moͤget in den Kleidern ſeyn, oder ehne ſie: Ihr legt Eure Keule nieder und laßt mich Euch an die Seite kommen und Ihr ſollt mich ſo ſanft fin⸗ den wie ein Lamm; denn ich bin meiner Lebtage gewohnt, mit Herren umzugehen, und weiß ſie wohl zu behandeln, wenn ich ſie mal habe.“ „Aber wenn ich Euch nicht an meine Seite kommen laſſen mag, was dann?“ „Nun, dann muß ich Euch einen von dieſen Puffern durch den Schaͤdel jagen, das iſt Alles!“ „Nein, Herr Nabbem, das waͤre zu grauſam; Ihr werdet doch Einem nichts zu leide thun, der ſolche Achtung vor Euch hat? Erinnert Ihr Euch nicht mehr der Art, wie ich Euch vom Richter Burnflat erloͤste, als Ihr angeklagt waret— Ihr wißt ſelbſt, ob mit Recht oder—“ „Ihr ſeyd ein Luͤgner, Hauptmann!“ rief Nabbem wüthend und voll Furcht, es moͤchte et⸗ —— 110 was, fuͤr das Ohr ſeiner Cameraden nicht Ge⸗ eignetes verlauten.„Ihr wißt, daß Ihr das ſeyd. Kommt herab, oder laßt mich hinauf; ſonſt kann ich fuͤr die Folgen nicht ſtehen!“ Clifford warf einen Blick hinter ſich. Ein Schimmer des grauenden Tages daͤmmerte durch eine Spalte der geheimen Thuͤre, die Tomlinſon jetzt von der Verrammlung befreit hatte und zu oͤffnen im Begriff ſtand. „Hoͤrt mich, Herr Nabbem,“ ſagte er,„wiel⸗ leicht bewillige ich, was Ihr verlangt. Was wuͤrdet Ihr mit mir anfangen, wenn Ihr mich haͤttet?“ „Ihr ſprecht wie ein vernuͤnftiger Mann,“ antwortete Nabbem,„und das iſt ganz nachmeinem Herzen. Nun, Ihr ſeht, Hauptmann, Eure Zeit iſt gekommen und Ihr koͤnnt jetzt nicht laͤnger Maſſematten machen. Ihr habt Zeit zum Aus⸗ toben gehabt, Eure Jahre ſind voruͤber und Ihr muͤßt ſterben wie ein Mann! Aber ich geb' Euch mein Ehrenwort als ein Gentleman, daß, wenn Ihr Euch ergebt, ich Euch den Rechtsmaͤnnern ſo ſchonend und zaͤrtlich abliefern will, als wär't Ihr von Baumwolle.“ „Weicht einen Augenblick zuruͤck,“ ſagte Clif⸗ ford,„damit ich die Treppe fuͤr Euch feſter. auf⸗ ſtellen kann.“ Nabbem zog ſich auf den Boden zuruͤck und Clifford, der, gutmuͤthig genng, nicht gern ohne X toth einen ſo ſchaͤtzenswerthen Beamten verletzen mochte, benutzte die ſich ihm darbietende Gelegen⸗ heit. Die Treppe donnerte hinunter, raſſelte ge⸗ wichtig unter die Polizeibeamten und fiel wie ein Donnerkeil Einem von denjenigen, welche Ned feſthielten, auf die Schulter. Indeß eilte Clifford Tomlinſon nach durch die Leffnung und ſah ſich— umringt von vier Polizei⸗ beamten, an ihrer Spitze den argliſtigen Mac Grawler. Ein Schlag mit einem Knittel auf Tomlinſons rechte Wange und Schlaͤfe, ſtreckte dieſen Helden zu Boden. Aber Clifford beugte ſich uͤber den Leib ſeines Kameraden, wich dem auf ihn ſelbſt gezielten Streich aus, fieng den Hieb eines andern Angreifers mit der Hand auf, entwand dem Polizeibeamten den Knittel, ſchlug ihn mit ſeiner Waffe zu Voden, enteilte durch das Labyrinth der Waldung und begann mit einer Eile zu fliehen, welche ſeinen Feinden jede Hoff⸗ nung einer erfolgreichen Nachſetzung abſchnitt. 112 Neun und zwanzigſtes Kapitel. „Kurz, Iſabella, ich trage mich Euch an!“ „Himmel!“ rief Iſabella,„was hoͤr' ich! Ihr mein Lord?“ Schloß von Otranto. Eine Novelle iſt wie ein Wetterglas, wo bald der Mann, bald die Frau hervortritt. Wechſelnd, wie die Atmoffaͤre fuͤhrt der Verlauf unſerer Geſchichte jetzt wieder Lucie dem Leſer vor's Ange. Dieſes iiebenswuͤrdige Weſen, wie man be⸗ merken wolle, mit Ausnahme ihres Vaters, der einzige unentſtellte und unbefleckte Charakter in den Blaͤttern einer Geſchichte, deren Endzweck zum DPheil es iſt, in der Entartung von Charakteren die Entartung des geſeüſchaftlichen Zuſtands zu gen, worin die Charaktere ſich bilden, ſaß, dem Zeitpunkt, wo wir zu ihr zuruͤckkehren, in ihrem Gemach. Nachdem die Zeit und die in⸗ nerliche, unbewußte Heilkraft, welche die Natur in die Bruſt der Jugend gelegt hat, damit die Vollziehung ihres großen Geſetzes: das Vergehen der Alten, keine zu ſchwere und heftige Wunde zuruͤcklaſſe, ihren erſten Kummer uͤber den Tod ihres Vaters beſaͤnftigt, gewann das Andenken an Clifford wieder ſein aites Recht in ihrem Herzen. — 113 Die Einſamkeit ihres Lebens, der Mangel an Er⸗ gotzlichteiten, ſelbſt die Weichheit und Mattigkeit, welche auf den Schmerz folgten, alles wirkte zu⸗ ſammen, das Bild ihres Geliebten in zaͤrtlicher und einſchmeichelnder Geſtalt ihr nahe zu bringen. Sie rief ſich ſeine Worte, ſeine Handlungen, ſeine Briefe ins Gedaͤchtniß zuruͤck und brachte ganze Stunden, ganze Tage und Nächte uͤber der Ve⸗ muͤhung zu, das Geheimniß zu entziffern. Wer, der ſchon geliebt worden iſt, ſollte nicht die ſon⸗ derbare maͤchtige Gewalt begreifen, welche ein ſelbſt unſchuldiges Maͤdchen zu dem Glauben an die unſchuld ihres Geliebten hindraͤngt? In jun⸗ gen, mit der Welt unbekannten Herzen iſt ein ſo reiner Glaube an lautere Guͤte, ein ſo entſchiednes Straͤuben gegen den Gedanken: es koͤnnte da, wo wir lieben, etwas ſeyn, das unſre Achtung nicht verdiente, oder wo wir bewundern, etwas Ver⸗ werfliches, daß man darin beinah einen Beweiß zu Gunſten unſrer natuͤrlichen Faͤhigkeit erblicken mochte, eine hoͤhere Stufe ſittlicher Vollkommen⸗ heitezu gewinnen, als die Gewohnheiten und der Gang der Welt uns wirklich zu erreichen geſtatten. Vielleicht iſt es keine allzukuͤhne Behauptung, wenn man ſagt: wir wuͤrden ſchwerlich an Vollkommen⸗ heit bei Andern glauben koͤnnen, waͤre nlcht der Keim und die Moöglichkeit der Vollkommenheit in unſerer eignen Seele angelegt. Wenn ein Mann einige Jahre mitten unter den Parthei⸗ Bulwer's Romane. XXVIII. 8 114 kaͤmpfen gelebt hat, ohne Vorurtheile zugleich mit der Erfahrung in ſich aufzunehmen, wie verwun⸗ dert belaͤchelt er ſeine Verehrung fuͤr die Ideale ſeiner fruͤhern Jahre! welch eine verſchiedene Farbe traͤgt für ihn die Geſchichte! wie vorſichtig wird er im Leben! wie langſam im Bewundern! wie ge⸗ neigt zum Tadel! Die menſchliche Natur iſt zu etwas Kuͤnſtlichem geworden, und er ſchaͤtzt ſte nicht mehr nach dem, was ſie ſeyn kann, ſondern was ſie in der Verdorbenheit der Halbciviliſation iſt. Aber ebenſo wie— ſtrebende Jungl ing den Glauben umfaßt, der Weiſe oder der Saͤnger der ſeine Vernunft aufgellärt oder ſeine Einbildungs⸗ traft entflammt hat, ſey nach Gemuͤth und Geiſt erhaben uͤber den gemeinen Troß, frei von den Leidenſchaften, den Nichtswuͤrdigkeiten, den kleinen iedertraͤchtigkeiten und den ſchwärzenden Laſtern, welche das gewoͤhnliche Erbtheil des Fleiſches ſind: ſo iunig haͤngt ein Weib, das zum erſtenmal liebt, an der eingebildeten Vortrefflichkeit ihres Gelieb⸗ ten. Wenn Evelina ſo heftis erſchrickt bei dem Gedanken eines gelegentlichen Dampfes oder Rau⸗ ſches bei ihrem edlen⸗ unvergleichlicheu Geliebten, wer erkennt nicht an, wie natürüich hier ihre Empfindung iſt? Ware Evelina ſechs Jahre verheirathet und derſelbe Geliebte des Ver⸗ brechens, wegen deſſen ſie ihn im Verdacht hatte, wirklich, aber als ihr Ehemann, ſchuldig geweſen: wer fuhlt nicht, daß es dann im hochſten Grade — „— — 115 unnatuͤrlich wäre, ſie im mindeſten uͤber den Vor⸗ fall verdutzt ſeyn zu laſſen? Sie wuͤrde ihn nicht weniger geliebt, nicht weniger bewundert haben; er waͤre auch nicht minder der Edle, Unvergleich⸗ liche geblieben— er haͤtte ein Glas zu viel ge⸗ trunken, haͤtte am naͤchſten Morgen uͤber den Vor⸗ fall geſcherzt und die zartliche Evelina hätte ihm eine Taſſe Caffee gemacht; aber das, was an dem Ehemann ein Gegenſtand des Spaßes geweſen wäre, das wäre am Geliebten ein Grund zur Ver⸗ dammung geweſen. Aber wir kehren zu Lucie zuruck! Wenn es ſo hart, ſo emporend iſt, einen Ge⸗ liebten auch nur in einem kleinen Fehler ſchuldig zu glauben, ſo kann man ſich leicht vorſtellen, daß Lucle nie auch nur einen Augenblick dem Verdacht Raum gab: Clifford koͤnnte wirklich eines groben Vergehens, eines wirklichen Verbrechens ſich ſchul⸗ dig gemacht haben. Zwar waren manche Ausdräcke in ſeinem Briefe mehr als verdaͤchtig; aber die Lufrichtigkeit der Selbſtverdammung hat immer etwas Herzgewinnendes. Wie es ſchwer iſt, au die Trefflichkeit derer zu glauben, die ſich ſelbſt toben, ſo iſt es ſchwer, den für einen Verbrecher zu halten, der ſich ſelbſt verurtheilt. Und dann— wie ſchließt und folgert ein Weib? Ach, ſie iſt in ihrer Fyſiognomik gar zu leichtglaͤubig! Eine Be⸗ wegung des Halſes iſt bei ihr ein untruͤgliches Zeichen von Adel des Geinuths; und Niemand 8.. ——— kann einer Suͤnde ſchuldig ſeyn, dem der Himmel eine ſchoͤne Stirne ſchenkte. Wie innig, wie ſchwaͤr⸗ meriſch liebte Lucie! Sie hatte ſich einen koſtba⸗ ren geheimen Schatz geſammelt— einen Hand⸗ ſchuh— eine Feder— ein Buch— ein welkes Roſenblatt— Kleinodien, die unſchätzbar waren, weil Er ſie beruͤhrt hatte; aber, was mehr iſt als das Alles: ſie beſaß die Folge ſeiner Briefe, vom erſten foͤrmlichen Villet an, das an ihren Vater geſchrieben war, und ihr galt, worin er auf eine Einladung antwortete und Miß Brandon die Muſikalien entgegen zu nehmen bat, welche ſie ſich gewuͤnſcht hatte, bis zu dem ſtuͤrmiſchen, ihr unerklaͤrlichen Schreiben, worin er ihr auf im⸗ mer entſagte. An dieſen Reliquien weidete ſich ihr Auge ſtundenlang, und wenn ſie ſo daruͤber und uͤber Gedanken, zu tief nicht allein für Thraͤ⸗ nen, ſondern auch fuͤr jede Aeußerung oder Kund⸗ thuung, bruͤtete: da konnte man beinah im buch⸗ ſtablichen Verſtande beobachten, wie ihre reiche Wange bleicher wurde, wie ihre volle und elaſtiſche Geſtalt dahinſchwand. Eben war ſie in einer ſolchen Stimmung ver⸗ ſunken, als ihr Oheim an ihrer Thuͤre pochte; ſie warf ihre Schätze beiſeite und eilte ihn einzulaſſen und zu gruͤßen.„Ich komme,“ ſagte er laͤchelnd, „mir das Vergnügen deiner Geſellſchaft fuͤr einen alten Freund zu erbitten, der heute bei uns ſpeist. Aber halt, Lucie, deine Haare ſind noch nicht recht 117 in Ordnung. Ich moͤchte dich nicht in einem ſo wichtigen Geſchaͤft, als die Toilette iſt, ſtoͤren; kleide dich an, meine Liebe, und komm' dann zu uns.“ Lucie wandte ſich mit einem unterdruͤckten Seufzer zum Spiegel. Der Oheim verweilte noch einige Augenblicke, ſie mit einem Gemiſch von Stolz und Zweifel betrachtend; dann verließ er langſam das Zimmer. Bald darnach begab ſich Lucie in das Empfang⸗ Zimmer und erblickte mit einiger Ueberraſchung⸗ (denn ſie war nicht neugierig genug geweſen, um nach dem Namen des Gaſtes ſich zu erkundigen,) die ſchlanke Geſtalt und das freundliche Geſicht des Lord Mauleverer. Der Graf näherte ſich ihr mit der Anmuth, die ihn in ſeinen juͤngern Jah⸗ ren beinah unwiderſtehlich gemacht hatte, die aber jetzt, wegen des Contraſts der Jahre mit dem Be⸗ nehmen einen leichten Anflug von Komiſchem hatte. Er brachte ihr ſeine Complimente dar und erklaͤrte dabei, er muͤſſe es ſeinem Freunde Sir William uberlaſſen, ihr alle die Gefahren aufzuzählen, die er beſtanden, um ſich die angenehme Gewißheit zu verſchaffen, daß Lucie Brandon nicht weniger lie⸗ benswuͤrdig ſey, als damals, wo er ſie zum letzten⸗ mal geſehen. „Ja, wahrlich!“ ſagte Brandon mit einem kaum wahrnehmbaren hoͤhniſchen Laͤcheln,„Lord Mauleverer hat im buchſtaͤblichen Sinne die ge⸗ 118 fährlichen unfälle der See und des Schlachtf'ldes durchgemacht; denn er wurde beinahe von einem Straßenraͤuber aus der Welt geſchickt, und wäre um ein Haar im Graben ertrunken!“ „Ich bin meinem Freunde ſehr dafuͤr ver⸗ punden, daß er mich im guͤnſtigſten Lichte zeigen will,“ ſagte Mauleverer heiter;„ſtatt Ihr Mit⸗ gefühl für mich zu erwecken, ſehen Sie, wollte mich Brandon Ihrem Geſpoͤtte preis geben. Ur⸗ theilen Sie ſelbſt, ob ich das verdiene;“ und hie⸗ mit begann Mauleverer ihr mit all der ſeinem Charakter eigenen Lebhaftigkeit die einzelnen Um⸗ ſtaͤnde des Abenteuers zu erzaͤhlen, womit der Leſer zur Genüge bekannt iſt. Er bedachte ſich, wie wir verſichern koͤnnen, nicht im Geringſten, ſich und ſeinen Heldenmuth mit den glaͤnzendſten Far⸗ ben darzuſtellen. Die Geſchichte war kaum zu Ende, als das Eſſen angeſagt wurde. Wäyrend der Mahlzeit beſtrebte ſich Mauleverer mit unendlicher Feinheit des Benehmens anziehend zu ſeyn. Er richtete ſein Geſpräch mehr, als er bisher zu thun bemuͤht geweſen war, Luciens Stimmung gemaͤß ein, ſtrebte mehr ſich ſauft und mild zu zeigen, als zu blenden, und war Lucien noch nie ſo anziehend erſchienen. Wir fuͤhlen uns verpflichtet, beizu⸗ fuͤgen, daß dieſes Anziehendfinden ſich nicht weiter erſtreckte, als daß ſie geſtand: Er ſey ein ſehr angenehmer, alter Mann. 119 Vielleicht, wenn nicht eine halb melancholiſche Ader in ſeiner Unterhaltung geweſen waͤre, ein Ton deſſen Annahme dem Lord durch die Erin⸗ nerung an ſeine verlornen Diamanten und die Wahrnehmung, daß Brandons Koch betraͤchtlich ge⸗ ringer ſey, als der ſeinige, wohl ſehr erleichtert wurde, waͤre es ihm nicht ſo gut gelungen, Lucien zu gefallen. Was ihn ſelbſt betrifft, ſo kehrte jetzt jeder fruͤhere Eindruck, den ſie auf ihn gemacht, mit noch lebhafteren Farben zuruͤck; ſelbſt der zarte und kraͤnktiche Ton ihrer Schoͤnheit, der an die Stelle des fruͤhern Glanzes getreten war, be⸗ zauberte ſeinen ekeln und verwoͤhnten Hofgeſchmack weit mehr, als fruͤher die Fuͤlle von Laune und Geſundheit. Er fuͤhlte ſich während der Mahlzeit ſehr verliebt, und nachdem ſie voruͤber war und Lucie ſich entfernt hatte, erklaͤrte er Brandon mit leidenſchaftlichem Weſen:„er bete ſeine Nichte bis zum Wahnſinn an!“ Der ſchlaue Richter gab ſich die Miene, die⸗ ſes Geſtaͤndniß mit Gleichguͤltigkeit aufzunehmenz aber wohl wiſſend, daß eine zu lange Abweſenheit einer heftigen Leidenſchaft gefaͤhrlich iſt, ließ er Mauleverer nicht allzu lang beim Wein verweilen. Der Graf kehrte in begeiſterter Stimmung ins Geſellſchaftszimmer zuruͤck und bat Lucte mit einer Stimme, in welcher die Affektation im Ent⸗ zucken zu verſchwinden ſchien, ihn mit einem Lied zu beglucken. Mehr und mehr bezaubert von ihrer 120 Einwilligung, ruͤckte er den Muſikſtuhl zum Clavier, ſetzte ſich einen Stuhl neben ihr und ſchien ſofort ganz in Begeiſterung verloren. Brandon indeß, mit dem Ruͤcken gegen die Beiden gekehrt, be⸗ deckte das Angeſicht mit ſeinem Taſchentuch und uͤberließ ſich, dem Anſchein nach, dem Behagen eines Schläfchens nach Tiſch. Luciens aufgeſchlagenes Muſikbuch bot zufaͤllig ein Lied dar, das Clifford ihr geruͤhmt hatte; und als ſie ſang, bekam ihre Stimme einen reichern und zaͤrtlicheren Ton, als ſie je ſonſt in Maule⸗ verers Gegenwart gehabt hatte Klage der Veilchen, welche im Mai ihren Geruch verlieren. Wir ſchliefen im Schatten am Huͤgelſaum In gruͤner Wiege verſteckt; Der krauſe April hat vom Wintertraum Uns duftend erweckt. Und wohnten wir gleich am niedrigen Ort, So hatte doch Alles uns lieb! Von der Tulpe Pracht flog die Biene fort, Bei uns ſie blieb. Stolz nahte der warme Mai und warb Um unſern koͤſtlichen Hort; Kaum fuͤhlten wir ſeinen Hauch, ſo ſtarb Der Duft ſofort. Und der Sommer herrſcht auf der ruhigen Flur; Mit Strahlen und Wolken ſchwer. 121 Bringt Balſamduft er den Schweſtern, nur Ach! uns nicht mehr. Wir leben, wir bluͤhn,— doch dahin iſt das Gluͤck, Das Aether und Erde uns bot; Giev dem Leben, o Himmel, den Duft zuruͤck! Wo nicht— den Tod! Als Lucie imit Augen von mannigfachen Er⸗ innerungen befeuchtet und einer Stimme, die in unbeſchreiblicher, ans Herz greifender Leidenſchaft dahinſchmolz, dieſen Geſang beendigt hatte, er⸗ griff Mauleverer, vor Entzuͤcken ganz außer ſich, leicht ihre Hand, hielt den zarten Schatz in ſeiner eigenen, vielleicht eben ſo zarten und fluͤſterte: „Enge, ſingen Sie weiter! das Leben wuͤrde wie Ihre Muſik werden, wenn ich es zu Ihren Fuͤßen verhauchen duͤrfte.“ Es war eine Zeit geweſen, wo Lucie uͤber eine ſolche Erklaͤrung wuͤrde ungebuͤhrlich gelacht haben; und ſelbſt jetzt ſpielte ein unterdruͤcktes und halb boshaftes Lächeln in den Winkeln ihres ſchoͤnen Mundes und bildete einen bezaubernden Contraſt zu der Sanftheit ihres feuchten Auges⸗ Ihr Laͤcheln ganz falſch auslegend, fuhr Mauleve⸗ rer ſtuͤrmiſch fort und hielt immer noch die Hand feſt, welche Lucie loszumachen ſtrebte. „Ja, bezaubernde Miß Brandon, ich, der ich mich ſo viele Jahre meines unverwundbaren Her⸗ zens ruͤhmte, bin endlich unterlegen. Ich habe lang, ſehr lang gegen meine Neigung zu Ihnen hr jetzt ganz und gar auf Gnade und Ungnad 6 Ih⸗ 122 gekaͤmpft. Ach! es warumſonſt, und Sie ſehen mich ren Fuͤßen. Machen Sie mich zum Elen ſne Menſchen oder zum B eee Zaube⸗ rin, reden Sie!“ „In der That, mein Lord,“ ſagte Lucie zoͤ⸗ gernd,„ich finde es ſchwer, an Ihren Ernſt zu glauben; und vielleicht iſt dieß nur eine Galante⸗ rie gegen mich, deren Ausuͤbung Sie bei Andern erkernten. „Holde Lucie, wenn ich Sie antwortete Mauleverer vit gluͤhenden Blicken; „geben Sie ſich, ich ie an, auch nicht fuͤr einen Augenblick die Miene, als mißverſtänden Sie mich! ſcherzen S icht einen Angenblick uͤber das, was für mich der Fluch oder der Segen mei⸗ nes Lebens iſt! Darf ich hoffen, daß meine Hand und mein Herz, welche ich Ihnen hiemit anbiete, nicht Ihren Spott verdienen?“ Lucie ſah ihren Anbeter mit einem ernſt fra— genden Blick an; Brandon ſchien noch zu ſchlafen. „Wenn Sie im Ernſte reden, mein Lord!“ ſagte Lucie nach einer Pauſe,„ſo thut es mir wahrhaft und innig leid; für den Freund meines Oheims habe ich immer, wie natürlich, Achtung gehegt; glauben Sie mir, daß ich die Ehre, die Sie mir erzeigen, ſehr wohl zu ſchaͤtzen weiß, wenn ich Ihnen anch mein Bedauern ausſpreche, ſo nennen darf,“ 123 daß ich kein andres Gefuͤhl als Achtung fuͤr Sie haben kann.“ Ein verwirrtes, verdutztes Erſtaunen uͤber⸗ woͤlkte fuͤr einen Augenblick Mauleverers ausdrucks⸗ volle Zuͤge— es gieng raſch voruͤber. „Wie hold iſt Ihre Abweiſung!“ ſagte er. „Ja, ich verdiene noch kein anders Gefuͤhl als Achtung; Sie duͤrfen nicht uͤberraſcht und übereilt werden; eine lange Probezeit— eine lange Reihe von Aufmerkſamkeiten— eine lange Kenntniß mei⸗ ner treu⸗ergebenen und gluͤhenden Liebe— nur dieß kann noch zur Hoffnung auf ein waͤrmeres Gefuͤhl in Ihrer Bruſt berechtigen. Beſtimmen Sie denn ſelbſt die Zeit der Werbung, himmliſche Lucie! eine Woche— nein! einen Monat! bis dahin will ich Sie nicht einmal draͤngen mir den Tag zu bezeichnen, der für mich der glänzendſte meines Lebens ſeyn wird!“ „Mein Lord!“ ſagte Lucie nunmehr nicht nur halb voshaft lächelnd,„ muͤſſen mir verzei⸗ hen, wenn ich Ihren Antrag fuͤr nichts weiter als einen Scerz halte; aber damit laſſen Sie es, ich bitte Sie, fuͤr immer bewenden; erwaͤhnen Sie dieſer Sache nicht mehr gegen mich!“ „Veim Himmel!“ rief Mauleverer,„das iſt zu grauſam! PVrandon, verwenden Sie ſich bei Ihrer Nichte für mich!“ Sir William fuhr, ziemlich natuͤrlich das Er⸗ 124 wachen nachahmend, aus ſeinem Schlummer auf und Mauleverer fuhr fort: „Ja, verwenden Sie ſich fuͤr mich! Sie, mein aͤlteſter Freund, ſeyen Sie mein groͤßter Wohlthaͤ⸗ ter! Ich werbe um Ihre Nichte; ſie ſtellt Sich an, mir nicht zu glauben; wollen Sie ſie von meiner Aufrichtigkeit, meiner Ergebenheit, meiner Verehrung uͤberzeugen?“ „Ihnen nicht glauben?“ ſagte der gewandte Richter mit dem geheimen hoͤhniſchen Laͤcheln, das gewoͤhnlich in ſeinen Mundwinkeln lauerte;„ich wundre mich nicht daruͤber, daß ſie anſteht, an die Ehre zu glauben, welche Sie ihr erweiſen und wornach die edelſten Fraͤulein Englands vergebens geſeufzt haben. Lucie, willſt du grauſam ſeyn ge⸗ gen Lord Mauleverer? Glaube mir, er hat mir oft ſeine Liebe zu dir anvertraut, und wenn die Erfahrung mancher Jahre etwas gilt, ſo kann in ſeine Ehrenhaftigkeit und Aufrichtigkeit kein Zwei⸗ fel geſetzt werden; ich lege ſein Schickſal in deine Hand!“ Brandon gieng auf die Thuͤre zu. „Bleiben Sie, theurer Sir,“ ſagte Lucie, „und ſtatt ſich des Lord Mauleverer anzunehmen, nehmen Sie ſich meiner an.“ Ihre Miene bekam jetzt den feſten Ausdruck kalten und entſchloſſenen Ernſtes.„Ich fuͤhle mich hoch geſchmeichelt durch ſeiner Lordſchaft Antrag, den ich, wie Sie ſelbſt ſagen, leicht verſucht ſeyn konnte, nicht ernſtlich „——„— c 125 zu nehmen. Ich wuͤnſche ihm alles Gluͤck bei einer Dame von hoͤhern Verdienſten; aber mein Ent⸗ ſchluß iſt unerſchuͤtterlich feſt, wenn ich erklaͤre, daß ich niemals die Wuͤrde annehmen kann, wel⸗ che er mir zugedacht hat.“ Mit dieſen Worten gieng Lucie raſch auf die Thuͤre zu und verſchwand, und uͤberließ es den beiden Freunden, ihre beliebigen Gloſſen uͤber ihr Benehmen zu machen. „Sie haben. Alles mit Ihrer uebereilung ver⸗ dorben!“ ſagte der Oheim. „Uebereilung! verflucht! was wollten Sie ha⸗ ven? Fuͤnfzig Jahre bereite ich meine Seele zur Heirath vor; und jetzt, wo ich keinen Tag mehr zu verlieren habe, reden Ste von Uebereilung!“ erwiederte ihm der Liebhaber und warf ſich in ei⸗ nen Lehnſtuhl. „Aber Sie haben nicht fuͤnfzig Jahre Ihre Seele vorbereitet zur Heirath mit meiner Nich⸗ te!“ ſagte Brandon trocken. „Ausgeſchlagen— foͤrmlich auszeſchlagen zu werden, von einem Landmaͤdchen!“ fuhr Mauleve⸗ rer fort in lautem Selbſtgeſpraͤch;„und das dazu noch in meinem Alter und bei meiner Erfahrung! von einem Landmadchen ohne Rang, Ton, Bil⸗ dung!— Bei Gott! mich ficht es nicht an, wenn alle Welt es erfaͤhrt, denn keine Seele in der Welt wird es glauben!“ Brandon'ſaß ſprachlos da, mit boshaftem Ver⸗ 126 gnuͤgen den aufgebrachten,“ tiefgekraͤnkten Hoͤfling betrachtend, und es war eine Pauſe von einigen Minuten Dann bemeiſterte Sir William das ſon— derbare Gefuͤhl der Freude, das ihn jedesmal be⸗ ſchlich, ſo oft ſeinem Freund etwas Lächerliches be⸗ gegnete, naͤherte ſich ihm, legte freundlich ſeine Hand auf Mauleverers Schulter und redere ihm von Troſt und Ermuthigung. Der Leſer wird gerne glauben, daß Mauleverer der Mann war, an welchem der Zuſpruch nicht verloren gieng. Dreißig ſtes Kapitel. Eh er kam liebte mich Alles, und ſch hatte weur PDinge zu lieben, als ſchan den Haaren meines Haup⸗ tes berzaͤhten konnte. Jetzt, fübte ich kann ich nur Einen heben und dieſer Eine hat mich vertaſfen⸗ 5* * 5* Nun, ſey es ſo— moa ſie untergehen, mag Ahes aus ihr werben, wenn ſie nicht die Meine wird— Melmoth Am folgenden Worgen, fruͤb, eh' er aus dem Hauſe zu ſeinen Amtspflichten ſich begab, ſchtoß ſich Brandon längere Zeit mit ſeiner Nirbte ein. Aensſtlich und beuntubigt über das Gellngen eines Lieblinge⸗Entwurfes ſeines Ehrgeitzes, ſparte er iu ſeiner Unterredung mit Lucie kein Mittel, das ihm ſeine große Redner-Gewandheit und ſeine be⸗ wundernswerthe Kenntniß der menſchlichen Natur an die Hand gab, um wenigſtensseine Grundlage zur Auffuͤhrung ſeines Anſchlags zu gewinnen. Un⸗ ter andern Ueberredungsgruͤnden, die er aus ſei⸗ ner Weltklugheit ſchoͤpfte, deutete er auch auf Luciens Liebe zu Clifford hin; und der gewiſſen⸗ loſe, argliſtige Mann nahm ſogar keinen Anſtand, freilich auf verſteckte und feine Weiſe, wie es die Herzensreinheit des Weſens erheiſchte, mit wel⸗ chem er zu thun hatte, auf die Moͤglichkeit hinzu⸗ weiſen, dieſer Liebe nachzuhaͤngen— nach der Heirath! obgleich er das Verbrechen, ſie vor der Heirath zu ermuthigen, als den groͤbſten Ver⸗ ſtoß gegen Sitte und Anſtand bezeichnete. Dieſer Wink jedoch gieng unbeachtet an Luciens ſchuldlo⸗ ſem Ohr voruͤber. Sie begriff den Sinn davon nicht von Weitem; bitter empfand ſie nur, mit gluͤhender Wange und zuckender Lippe, die Anſpie⸗ lung auf eine Liebe, welche irgend zu beargwoh⸗ nen, ſie fuͤr eine empoͤrende Unart hielt. Brandons Stirne war, als er das Zimmer verließ, umwoͤlkt, ſein Ange zerſtreut und gedan⸗ kenvoll; offenbar hatte ihm die Beſprechung mit ſeiner Nichte wenig Freude oder Zufriedenheit ge⸗ waͤhrt. Miß Brandon ſelbſt war in großer Bewe⸗ gung; denn im Weſen ihres Oheims lag jene ge⸗ heime, gewaltige, den Willen Andrer beſtimmen⸗ 128 de oder beherrſchende Macht, die beinah unabaͤn⸗ derlich und doch in groͤßter Ruhe jeden eignen Wunſch durchſetzt; und Lucie, welche ihn aufrich⸗ tig liebte und bewunderte, wozu noch eine viel⸗ leicht kleine Beimiſchung von Furcht kam, betruͤb⸗ te ſich ſehr als ſie bemerkte, wie tief in ihm der Wunſch dieſer Heirath gewurzelt war, die ſie als eine moraliſche Unmoͤglichkeit deutlich erkannte. Aber wenn Brandon das Geheimniß der uͤberwal⸗ tigenden Macht beſaß, ſo war Lucie in vielleicht nicht minder ausgezeichnetem Grade mit dem Ge⸗ heimniß des Widerſtandes ausgeruͤſtet. Man wird ſich erinnern, daß wir bei der Schilderung ihres Charakters ſagten: ihre Ge⸗ muͤthsart ſey, bei oberflaͤchlicher Vetrachtung, zu nachgiebig und zu ſanft erſchienen. Aber die Le⸗ vensverhältniſſe ſtraften jenen Anſchein Luͤgen, und bewieſen, daß ſie in hohem Grade eine ruhige Feſtigkeit und geheime Entſchloſſenheit beſaß, wel⸗ che ihrem Gemuͤth einen Adel und eine Vertrauen⸗ einfloͤßende Staͤrke verliehen, welche man nie⸗ mals in ihr vermuthet haͤtte, wenn man ihr nur in den gewoͤhnlichen Verhaͤltniſſen des Lebens be⸗ gegnete. Brandon war noch nicht lange weg, als Lu⸗ ciens Maͤdchen mit der Nachricht kam, ein Herr, der den angelegentlichen Wunſch ausſpreche, ſie zu ſehen, warte unten. Das Blut floh bei dieſer Ankundigung, ſo einfach ſie lautete, aus Luciens 229 Wangen.„Welcher Herrt konnte angelegentlich verlangen ſie zu ſehen? War es— war es Clif⸗ ford?“ Sie war einige Augenblicke regungslos und im buchſtaͤblichen Sinne außer Stand ſich zu ruͤhren; endlich faßte ſie Muth, belächelte, ſich ſelbſt verſpottend, einen Gedanken, der ihr nach einigem Beſinnen als ganz thoͤricht erſchien und begab ſich in das Empfang-Zimmer hinab. Ihr erſter Blick auf den Fremden, der mit uͤberein⸗ ander geſchlagnen Armen am Kamin ſtand, war hinreichend— ſie konnte, obgleich das Angeſicht abgekehrt war, unmoͤglich die unvergleichliche Ge⸗ ſtalt ihres Geliebten verkennen. Sie ſchritt mit einem leiſen Schrei lebhaft vor, hielt dann inne und ſank auf das Sofa. Clifford wandte ſich gegen ſie und heftete Blicke voll Innigkeit und Schwermuth auf ihr Antlitz, aber ſprach keine Sylbe; Lucie ſchwieg eine Weile, ſeine Anrede erwartend; dann ſah ſie auf und erblickte beſtuͤrzt den ſonderbaren, eigenthuͤmlichen Ausdruck ſeiner Zuͤge. Er naͤherte ſich ihr langſam und noch ſchweigend; aber ſein Blick ſchien, wie er auf ſie zutrat, noch ernſter und duͤſtrer zu werden. „Ja“ ſagte er endlich, mit gebrochner und verwirrter Stimme,„ich ſehe Sie noch einmal, nach allen meinen Verſprechen, Sie fuͤr immer zu verlaſſen; nach meinem feyerlichen Abſchied; nach Allem was ich Ihnen gekoſtet habe; denn, Lucie, Bulwer's Romane. XXVIII. 9 130 Sie lieben mich! Sie lieben mich, und ich ſchau⸗ dere, waͤhrend ich dieß fuͤhle; nach Allem, was ich ſelbſt geduldet und gekaͤmpft habe, komme ich noch einmal vorſaͤtzlich Ihnen unter die Augen! Wie hab' ich nach dieſem Augenblick gebrannt und geſchmachtet! Wie hab' ich bei mir ſelbſt geſagt: „Nur noch Einmal moͤcht' ich ſie ſehen, nur noch Einmal, und dann moͤge das Schickſal das Schlimm⸗ ſte uͤber mich verhaͤngen!“ Lucie, theure, theure Lucie, vergeben Sie mir dieſe Schwaͤche! Es iſt jetzt in bittrer, fuͤrchterlicher Wirklichkeit das Letz⸗ te, was ich verſchulden kann! Als er dieß geſagt, ſank Clifford neben ihr nieder. Er nahm ihre bei⸗ den Haͤnde in die ſeinigen und hielt ſie, doch ohne ſie zu druͤcken; dann ſah er ihr wieder lei⸗ denſchaftlich in ibr ſchuldloſes aber beredtes An⸗ geſicht. Er ſchien von etwas ganz Anderem als den gewoͤhnlichen Empfindungen des Wiederſehens und der Liebe ergriffen. Er verſuchte nicht die Haͤn⸗ de die er hielt, zu kuͤſſen; und obgleich dieſe Be⸗ ruͤhrung ihm durch alle Rerven und Adern ſeines Koͤrpers zuckte, war doch ſein Umfaſſen dieſer Hand ſo leicht, wie das, worin die erſte Schuͤchterm heit einer Knabenliebe ſich auszudruͤcken wagt⸗ „Sie ſind blaß, Lucie,“ ſaste er trauriz, „und Ihre Wange iſt weit minder voll, als da ich Sie zum erſtenmale ſah. Ach, um Ihretwillen wuͤnſchte ich, es waͤre nie geſchehen! Damals war Ihr Sinn ſo leicht, Lucie! Ihr Lachen kam vom —* 2 S S* S 5* 131 Herzen— Ihr Fuß trat keck und ſicher auf. Hei⸗ terkeit leuchtete aus Ihren Augen; Alles was in Ihrer Naͤhe athmete, ſchien voll Gluͤck und Freu⸗ de; und nun— ſehen Sie mich an, Lucie! erhe⸗ ben Sie dieſe ſanften Augen und lehren Sie ſie, Zorn und Verachtung auf mich zu blicken! O, nicht ſo, nicht ſo! Ich koͤnnte von Ihnen ſcheiden als ein Gluͤcklicher, ja als ein Seeliger, wenn ich Sie mir weniger verzeihend, weniger mild, weniger himmliſch denken koͤnnte!“ „Was habe ich zu verzeihen?“ ſagte Lucie zaͤrtlich. „Was! Alles was ein Menſch dem Andern kann zu verzeihen haben. Waren nicht Trug und unrecht meine Verbrechen gegen Sie? Ihr See⸗ lenfriede, die Heiterkeit Ihres Herzens, der Frohſinn Ihres Gemuͤths— habe ich dieß Alles zerſtoͤrt oder nicht?“ „O CElifford““ ſagte Lucie uͤber ſich ſelbſt und uͤber alle ſelbſtſuͤchtigen Gedanken ſich erhebend, „warum, warum wollen Sie mir nicht vertrauen? Sie kennen mich nicht; Sie ſind unbekannt mit der wahren Natur des Weibes, wenn Sie mich Ihres Vertrauens werth halten. Glauben Sie, ich könnte es verrathen? oder meinen Sie, wenn Sie etwas gethan hoͤtten, um deſſen willen alle Welt Sie verließe, ich wuͤrde Sie verlaſſen?“ Lnciens Stimme zitterte bei dieſen letzten Worten; aber ſie ſenkte ſich, wie ein Stein in 132 tiefen Gewaͤſſern verſinkt, bis ins Innerſte von Cliffords Herz. Im Entzuͤcken aller ſeiner Ent⸗ ſchluͤſſe und ſeiner Maͤßigung vergeſſend, ſchlang er in einer langen, leidenſchaftlichen Liebkoſung ſeine Arme um ſie; und Lucie, als ihr Athem ſich mit dem ſeinen vermiſchte und ihre Wange an ſeinem Buſen ruhte, war zu Muthe als ob die Vergangenheit kein Geheimniß hegen koͤnnte, maͤch⸗ tig genug, die Zaͤrtlichkeit zu entkraͤften, womit ihr Herz an dem ſeinigen hieng. Sie machte ſich zuerſt aus der Umarmung los. Sie zog ihr Ant⸗ litz von dem ſeinigen weg und durch ihre Thraͤnen bindurch ihn anlaͤchelnd mit einem leuchtenden Glanz, der hinter dem Laͤcheln ihrer fruͤhſten Iu⸗ gend nicht zuruͤckſtand, ſagte ſie:„Hoͤren Sie mich an. Erzaͤhlen Sie mir Ihre Geſchichte, oder nicht, wie Sie wollen. Aber glauben Sie mir, der Ver⸗ ſtand eines Weibes iſt oft kein zu verachtender Rathgeber. Diejenigen, welche ſich ſelbſt ſo bitter anklagen, ſind ſelten diejenigen, welchen man ſo ſchwer verzeiht; und Sie muͤſſen es mir nicht ubel nehmen, wenn ich die Groͤße der Schuld bezweif⸗ le, welche Sie ſich ſelbſt ſo verſchwenderiſch aufbuͤr⸗ den. Ich bin in der Welt allein—(hier ſtarb das Laͤcheln auf Luciens Lippen,) mein guter Va⸗ ter iſt todt. Ich kann durch meine Handlungswei⸗ ſe Niemand verletzen; es lebt Niemand auf Er⸗ den, an den ich durch eine Pflicht gekettet waͤre. Ich bin unabhaͤngig, ich bin reich. Sie geſtehen, ¹ — daß Sie mich lieben. Ich bin thoͤricht und eitel und glaube Ihnen. Vielleicht hege ich auch die ſchmeichelhafte Hoffnung, die ſo oft die Weiber⸗ herzen betruͤgt,— die Hoffnung: wenn Sie ge⸗ fehlt haben, ſo koͤnne ich Sie auf Ihre Bahn zu⸗ ruͤckrufen, wenn Sie ungluͤcklich geweſen, koͤnne ich Sie troͤſten. Ich weiß, Herr Clifford, daß ich etwas ſage, wofuͤr Viele mich verachten wuͤrden und wofuͤr ich mich vielleicht ſelbſt verachten ſollte: aber es giebt geiten, wo wir ſprechen, als ob eine Gewalt in unſrem Herzen uns zwaͤnge, gegen un⸗ ſern Willen— und ſo habe ich jetzt zu Ihnen ge⸗ ſprochen.“ Mit einem ihr ſelbſt an ſich ganz ungewohn⸗ ten Tone hatte Lucie den Schluß ihrer Rede ge⸗ ſprochen, denn ihr gewoͤhnliches Benehmen war mehr ſanft als wuͤrdevoll; aber jetzt lag, gteich⸗ ſam als ein Gegengewicht gegen den Sinn ihrer Worte, welche ſonſt als unweiblich erſcheinen konu⸗ ten, ein keuſches, ſtolzes aber deßhalb nicht we⸗ niger zartes und holdes Selbſtgefuͤhl und eine wuͤrdevolle Unbefangenheit in ihrem Betragen; ſo daß es fuͤr Einen, der ſie angehoͤrt haͤtte, unmoͤg⸗ lich geweſen waͤre, dem Edelmuth ihrer Beweg⸗ gruͤnde keine Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, oder ungeruͤhrt zu bleiben und Achtung oder auch waͤrmere und innigere Gefuͤhle ihr zu verſagen. Clifford, der, waͤhrend ſie ſprach, aufgeſtan⸗ den war, hoͤrte ihr mit einer Miene zu, die bei jedem ihrer Worte wechſelte— jetzt ganz Hoff⸗ nung, jetzt ganz Verzweiflung. Als ſie ſchwieg⸗ verharrten ſeine Zuͤge im Ausdruck erzwungner Entſchloſſenheit. „Es iſt gut“ ſagte er vor ſich hin,„ich bin deſſen wuͤrdig— ſehr— ſehr wuͤrdig! Großmuͤ⸗ thiges, edles Maͤdchen! waͤr' ich ein Kaiſer: ich haͤtte mich huldigend vor dir gebeugt— aber dich erniedrigen, herabwuͤrdigen— nein! nein!“ „Iſt Liebe Herabwärdigung?“ fluſterte Lucie. Clifford blickte ſie an mit einer Art von be⸗ geiſterten und triumfirendem Stolz; vielleicht fuͤhl⸗ te er, daß ſo geliebt werden, und von einem ſol⸗ chen Weſen, Grund zum Stolz' ſey ſelbſt in der ſchmaͤhlichſten Lage, in die er je gerathen koͤnne. Er holte tief Athem, biß die Zähne uͤbereinander und antwortete: „Sie koͤnnten alſo lieben einen Ausgeſtoßnen, ohne Geburt, Vermoͤgen und Charakter? Nein! Sie glauben das jetzt, aber Sie koͤnnten es nicht. Koͤnnten Sie Ihr Vaterland, Ihre Freunde, Ihre Heimath— Alles verlaſſen, wofuͤr Sie geboren und gebildet ſind? Koͤnnten Sie Einen, uͤber dem das Schwerdt haͤngt, durch ein Leben begleiten, dem jede Stunde Entdeckung und Schande droht? Koͤnnten Sie ſich der Schmach einer boͤſen Erinne⸗ rung und dem duͤſtern Schweigen der Reue preis geben? Könnten Sie das Opfer eines Mannes werden, der kein Verdienſt hat als ſeine Liebe zu 135 Ihnen und der, wenn dieſe Liebe Sie vernichtet, durch nichts mehr an die Welt gebunden iſt? doch nein, Lucie, ich hatte Unrecht! Ich will gerecht gegen Sie ſeyn; Alles dieß, ja noch mehr koͤnnten Sie ertragen, und Ihr edles Gemuͤth wuͤrde uͤber dieß Opfer wegſehen. Aber ſoll ich ganz Selbſtſucht und Sie ganz Hingebung ſeyn. Sollen Sie mir Alles darbringen, und ich Alles hinnehmen und Nichts dagegen bieten? Ach, ich habe nur ein Gut, Ein Himmelsgut hinzugeben und das ſind Sie ſelbſt. Lucie, ich verdiene Sie! ich übertreffe Sie an Großmuth; Alles was Sie fuͤr mich verlaſſen woll⸗ ten, iſt Nichts, o Gott! Nichts gegen das Opfer, das ich Ihnen bringe! Und nun Lucie— ich habe Sie geſehen und muß Ihnen noch Einmal Lebe⸗ wohl ſagen; ich ſtehe im Begriff dieſes Land fuͤr immer zu verlaſſen. Ich will mich in fremde Dien⸗ ſte anwerben laſſen; vielleicht—(und Cliffords ſchwarzes Auge blitzte feurig auf,) hoͤren Sie noch von mir, und erroͤthen nicht, wenn Sie von mir hoͤren. Aber,(und ſeine Stimme zitterte, denn Lucie, ihr Angeſicht mit den Haͤnden verhuͤllend, ließ ihren Thraͤnen und ihrer Bewegung freyen Lauf,) aber in Einer Hinſicht haben Sie geſiegt. Ich hatte geglaubt, Sie koͤnnen nie die Meinige werden; mein fruͤheres Leben beraube mich fuͤr immer bieſer Hoffnung. Jetzt fange ich an, mit einem Hochgefuͤhl das mich durch alle Schickſals⸗ proben hindurch fuͤhren wird, einen kuhnen Blick in die Zukunft zu werfen. Ein Flecken kann— ausgetilgt, ein ſchlimmer Name wieder gut ge⸗ macht werden. Die Vergangenheit iſt nicht abge⸗ ſchloſſen und verſiegelt und das womit ihr Blatt beſchrieben iſt, nicht unwiderruflich. Wenn ich das Recht erwerben kann, Ihre Gnade zu verdienen, ſo will ich mich ihr ohne Ruͤckhalt in die Arme werfen; bis dahin oder bis zum Tod ſehen Sie mich nicht mehr!“ Er ſank auf die Kniee und druͤckte ſeine Kuͤſſe und Thraͤnen auf Luciens kalte Hand; im naͤchſten Augenblick horte ſie ſeinen Schritt auf den Trep⸗ pen— die Thuͤre ſchloß ſich hinter ihm ſchwer und knarrend;— Lucie fuͤhlte eine ſchmerzliche Beklemmung und dann fuͤhlte ſie, fuͤr einige Zeit wenigſtens, nichts mehr. E. L. Bulwer's e — Aus dem Engliſchen. neunundzwanzigstes Pändchen. ————— Paul Elifford. Sechstes Bändchen. Stuttgart, Bevlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1 8 3 4. 78 k. dlung. Paul Clittord. Ein Roman von dem Verfaſſer des Pelham, Eugen Aramn. ſ. w. Aus dem Engliſchen von u t In ſieben Bändchen. Sechstes Bändchen. Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandtung. 1 8 3 4. Einunddreißigſtes Kapitel⸗ Zwiſchen dem Mund und des Glaſes Rand Kann hinunter fallen noch allerhand. Der Mann gefällt mir Mit ſeiner Eitelkeit. 3 Kommt Chanon Hugh, wie Ihr ihn ſeht, geputzt, Verlarpvt. Und ſo ſoll ich betrügen den Konſtabel Und plötzlich ein Gewaffneter tritt auf. Der Hochkonſtabel war mehr, obgleich Den Dick Tator er in den Stock gelegt⸗. Ben Jon ſon Geſchichte einer Tonne. Mittlerweile eilte Clifford mit raſchen Schrit⸗ ten durch die Straßen in der Nähe von des Rich⸗ ters Haus, wandte ſich dann einem abgelegneren Quartier zu und betrat ein düſteres Gäßchen oder Gang. Hier ward er plötzlich von einem Mann, in einen groben Oberrock gehüllt, von ziemlich ver⸗ dächtigem Ausſehen angeredet: „Ah Kapitän, Ihr ſeyd über die Zeit ausge⸗ blieben, aber Alles ſteht gut.“ pi Clifford fuchte ſich, doch nur mit halbem Er⸗ ſolge, die unbefangne Selbſtbeherrſchung zu erkäm⸗ pfen, welche ſonſt immer ſeinem Benehmen gegen⸗ —————— 6 über von ſeinen Genoſſen eigen war; er wiederholte die Worte des Fremden und verſetzte: „Alles ſteht gut! was! ſind die Gefangnen be⸗ freit?“ „Nein, wahrlich!“ antwortete der Menſch mit rohem Gelächter,„noch nicht; aber Alles zur rech⸗ ten Zeit; es wäre ein wenig zu viel verlangt, wenn wir erwarten wollten, die Gerechtigkeit verrichte unſer Werk, obgleich wir, Gott weiß, oft das ihrige verrichten.“ „Was denn?“ fragte Clifford ungeduldig⸗ „Nun die armen Burſche ſind nach der Stadt —— abgeführt und vor den Richter gebracht wor⸗ den, eh' ich ankam, obgleich ich im Augenblick, da Ihr mir's befohlen, aufſaß und in vier Stunden den Weg zurücklegte. Das Verhör dauerte geſtern den ganzen Tag und auf heute wurden ſie wieder beſtellt; laßt ſehen— es iſt noch nicht Mittag; wir können dort ſeyn, eh es vorüber iſt.“ „Und das heißt Ihr gutſtehen!“ ſagte Clifford ärgerlich. 1 „Nein Hauptmann, werdet nicht falſch! Ihr habt noch nicht Alles gehört! es ſcheint die einzige harte Anklage, die gegen ſie vorgebracht ward, iſt die eines ſtämmigen Viehmäſters, dem man etwa fünf⸗ zig Meilen von der Stadt: Halt! zurief, und deß⸗ halb gedenkt der Richter, die armen Burſche in das Gefängniß der Grafſchaft zu ſchicken, wo ſie dieſes Geſchäft machten.“ 36 8 1 ——„,— „———„— dt r⸗ r hr ige uf⸗ eß⸗ in 7 „Ha! das kann einige Hoffnung für ſie ge⸗ währen; wir müſſen ſcharf auf ihre Reiſe aufpaſ⸗ ſen; wenn ſie einmal im Gefängniß ſitzen, ſo haben ſie keine Ausſicht mehr, als durch die Feile und das Häundeſchmieren. Unglücklicherweiſe iſt keiner von ihnen in dieſem Fach ſo geſchickt, wie ich.“ „Nein, wahrhaftig nicht! da iſt keine ſteinerne Mauer in England, wo der große Hauptmann Lu⸗ vett nicht durchkröche, das will ich beſchwören!“ ſagte der bewundernde Satellite. „Sattelt die Pferde und ladet die Piſtolen! Ich will in zeben Minuten euch treſſen. Haltet meine Pachterskleidung bereit ſamt dem falſchen Haar u. ſ. w. Les't euch auch einen Anzug aus!, Beeilt Euch; die drei Federn ſind der Ort, wo wir uns finden.“ vUnd erſt in zehn Minuten, Hauptmann 7“ „Pünktlich!“ Der Fremde bog um eine Ecke und verſchwand aus dem Geſicht. Clifford murmelte vor ſich bin:„Ja, ich war die Urſache ihrer Verhaftung, ich war es, den man ſuchte; es iſt billig, daß ich einen Streich führe, um ihnen zur Flucht zu helfen, eh' ich meine eigne ius Werk ſetze,“ und ſetzte ſeinen Weg fort bis er an die Thüre eines Wirthshauſes kam. Das Zeichen eines Seemanus hieng oben, den luſtigen Matro⸗ ſen darſtellend, mit einem artigen Zinnkrug in der Hand, bei weitem beträchtlicher an Umfang, als er ſelbſt. Ein ungeheurer Moys ſaß vor der Thü⸗ re, der ſeine Zunge heraus reckte, als ob er ſich bis an die Zunge vollgeſtopft hätte und nun genötbigt wäre, dieſes nützliche Glied aus ſeiner eigentlichen Stelle zu verdrängen. Die Läden waren halb ge⸗ ſchloſſen; aber die Töne roher Luſtigkeit drangen lärmend durch. Clifford ſtörte den Mops auf, gieng über die Schwelle und rief mit lauter Stimme:„Janfeen!“ „Hier le antwortete eine mürriſche Stimme und Clifford gieng weiter in ein kleines Sprechzimmer neben der Schenkſtube. Da fand er den Herrn Wirth an einem runden Eichentiſch ſitzend, eine rothe trot⸗ zige, wetterfeſte aber aufgedunſene Geſtalt, wie Dirk Hatteraik mit der Waſſerſucht behaftet. „Wie nun, Hauptmann?“ rief er in einem Gur⸗ gelton und untermengte ſeine Worte mit manchen niederländiſchen Zierlichkeiten, die wir mit Erlaub⸗ niß unſeres Leſers übergehen, weil ſie ſich unmög⸗ lich buchſtabiren laſſen,„wie nun! noch nicht fort?“ „Nein! ich breche morgen nach der Küſte auf; heute hält mich noch ein Geſchäft hin. Ich kam zu fragen, ob man ſich auf Mellon vollkommen verlaſ⸗ ſen kann?“ vJa! zuverläßig bis in den großen Zehen!“ „Und Ihr ſeyd gewiß, daß er trotz meinem län⸗ gern Verzug die Stadt nicht verlaſſen hat?“ „Gewiß! Wie wär' es anders möglich? Kenn' ich nicht den Jack Mellon zwanzig Jahre her? Er —„)8 P n ie 14 er h t⸗ rk n⸗ bliebe wie das Log in der Windſtille zehn Monate an einander ruhig liegen, ohne ſich ein Haarbreit zu rühren, wenn er unter Befehlen ſteht.“ „Und ſein Schiff iſt ſchnell und wohl bemannt, für den Fall einer polizeilichen Verfolgung 2“ „Die ſchwarze Molly ſchnell? dafragtnur Eure roßmutter! die ſchwarze Molly würde einen Hai⸗ fiſch überſegeln und zum Teufel gehen.“ „Dann wohlauf, Janſeen, hier iſt etwas, Eure Pfeife in Glut zu erhalten; wir werden uns nicht mehr, denke ich, innerhalb der drei Meere begegnen⸗ England iſt für mich eben ſo zu heiß, wie Holland für Euch!“ „Ihr ſeyd ein ganzer Kerl!“ rief der Herr Wirth, Clifford die Hand ſchüttelnd,„und wenn die Burſche ihren Verluſt erfahren, ſo werden ſie einſehen, daß ſie den bravſten und treuſten Geſellen verloren haben, der je das Gewerb eines Freibeu⸗ ters ergriff; ſomit Gottbefohlen und geht zum T 1 Mit dieſem Abſchiedsſegen entließ Myn Heer Wirth Elifford und der Räuber eilte in ſein Ge⸗ mach in den drei Federn. Er fand Alles bereit. Eilig legte er ſeine Mas⸗ ke an und ſein Begleiter führte ſein Pferd vor, ein edles Thier von der großen irländiſchen Zucht, von ausgezeichneter Kraft und Knochenſtärke, und abgeſehen davon, daß es im hintern Theile des Körpers etwas ſcharf war,(ein Fehler den derje⸗ 40 nige leicht verzeiht, der ebenſo ſehr auf Schnelligkeit als gefüllige Formen ſieht), von beinahe unvergleich⸗ licher Schönheit in Bau und Verhältniſſen. Wohl Lannte der Renner ſeinen Herrn und ſtolz leiſtete er ihm Gehorſam, das ſcharfſinnige Thier ſchnaubte ungeduldig, entzog ſich der Hand deß es haltenden Räubers, befreite ſich vom Zanme und trabte, ſeine lange Mähne dem Wehen der friſchen Luft entge⸗ genſchüttelnd, dem Platze zu, wo Clifford ſtand. „Holla, Robin! holla! was, du zürnſt darü⸗ ber, daß ich deinen Genoſſen in der rothen Höhle zurückgelaſſen habe. Den werden wir nie mehr zu ſehen bekommen. Aber ſo lange ich das Leben be⸗ halte, will ich nicht von dir laſſen, Robin. Mit dieſen Worten ſtreichelte der Räuber ſei⸗ nem Lieblingspferde ſanft den ſchimmernden Hals und als das Thier die Liebkoſung erwiederte, indem es den Kopf an den Händen und der athletiſchen Bruſt ſeines Herrn rieb, empfand Elifford in ſei⸗ nem Herzen etwas von dem alten heftigen Aufruhr des Bluts, der für ihn einſt der Hauptreitz bei ſei⸗ nem verbrecheriſchen Gewerbe geweſen, und den er dei dem neuerlichen Wechſel in ſeinen Gefühlen bei⸗ nah vergeſſen hatte: „Wohl, Robin, wohl!“ begann er wieder und küßte den Kopf feines Pferdes,„wohl! wir werden noch Tage haben ähnlich den vormaligen; du ſollſt der Trommete entgegenwiehern und deinen Herrn zu glorreichern Unternehmungen tragen als diejeni⸗ — v„——„„„ t gen, bei deren Ausführung du dir bisher ſeinen Dank erwarbſt. Du wirſt jetzt mein einziger Vertrauter werden, mein einziger Freund, Robin; wir werden beide Fremdlinge ſeyn im fremden Lande. Aber dich wird man eher willkommen heißen, als deinen Herrn, Robin; und du wirſt die alten Tage und deine alten Kameraden und deine alten Nei⸗ gungen vergeſſen, wenn— ha!“ und jetzt wandte ſich Clifford plötzlich zu ſeinem Begleiter und ſagte: „Es iſt ſpät, ſagt Ihr; wahr! ſeht, es wäre unklug, wollten wir beide zuſammen London verlaſſen; Ihr wißt den ſechſten Meilenſtein; dort trefft mich und dann reiſen wir miteinander weiter.“ Bereitwillig noch zu bleiben um ein Abſchieds⸗ Glas zu lehren, ſtimmte der Geuoſſe der Klugheit des vorgeſchlagnen Plans gerne bei, und nach ein paar weitern Worten des Raths und der Warnung ſtieg Cliſſord zu Pferd und ritt aus dem Hofe der Herberge. Als er durch das große hölzerne Thor auf die Straße ritt und ein unvollkommner Strahl der winterlichen Sonne auf ihn und ſein Pferd fiel: da konnte man ſich wohl kaum, trotz ſeiner Verklei⸗ dung und ſeines unzierlichen Aufzugs, ein anmuthi⸗ geres und reitzenderes Bild von dem geſetzloſen und verwegnen Gewerbe denken, dem er angehörte; die Größe, Stärke, Schönheit und auſſerordentliche Dreſ⸗ ſur, die das Pferd zeigte— das funkelnde Auge, das kühne Proſil, die ſehnigte Bruſt, der gefällige Wuchs und die ſorgloſe, kunſtreiche Führung des Pferdes an dem Reiter. Mit langem, bewunderndem Blick ſeinem Chef nachſchauend, ſagte der Räuber zu dem Hausknecht der Herberge, einem bejahrten, verwitterten Mann, der neun Generationen von Highwaymen hatte auf⸗ blühen und untergeheu ſehen: „Nun, Sef, wann ſaht Ihr je einen Helden wie dieſen da? Das bravſte Herz, die ſicherſte Hand, der beſte Pferdekenner, und der ſchönſte Mann, der je der Hounslower⸗Heide Ehre machte.“ „Bei alle dem,“ erwiederte der Hausknecht, ſei⸗ nen lahmen Kopf ſchüttelnd und in die Schenkſtube zurückkehrend,„bei alle dem, Herr, iſt ſeine Zeit um. Merkt auf mein Wort, Hauptmann Lovett wird es nicht über ein Jahr, vielleicht nicht über einen Monat mehr treiben!“ „Warum, Ihr alter Schuft? Woher habt Ihr dieſe Weisheit, Ihr werdet hoffentlich nicht den Angeber machen?“ „Ich angeben?“ den Teufel auch! Aber nie gab es einen Herrn von der Landſtraße, groß oder klein, einſichtsvoll oder dumm, der das ſiebente Jahr über⸗ ſtand. Und das iſt das ſiebente des Hauptmanns, am einundzwanzigſten des nächſten Monats; aber er iſt ein ganzer Burſch, und ich werde dazu gehen wenn man ihn hängt. „Bſcht!“ ſagte der Räuber verdrießlich, denn er ſ ——— — „—— 45 ſelbſt näherte ſich dem Ende ſeines ſechsten Jahrs, „Bſcht!“ „Behaltet'es wohl, ich ſag' es Euch, Herr! und mag dem ſeyn, wie ihm wollte, ich denke— und ich habe in ſolchen Sachen Erfahrung— nach dem unglücktichen Ausdruck ſeines Augs und dem Herabhängen ſeines Mundes, daß die Zeit des Haupt⸗ manns heute um ſeyn wird?“ Hier verlor der Räuber ganz und gar die Ge⸗ duld, ſchleuderte den grauen Unglücksprofeten gegen die Mauer, drehte ſich um und ſuchte ſich einen an⸗ genehmern Geſellſchafter, mit dem er das Abſchieds⸗ Glas trinken konnte. Am Morgen des Tags der auf denjenigen folgte, an welchem die obigen Geſpräche vorfielen, rollten der ſcharfſinnige Auguſtus Tomlinſon und der ſtarke Edward Pepper, mit Ketten und Handſchellen be⸗ laſtet, auf der Landſtraße in einer Poſtchaiſe dahin; neben den erſtern hatte ſich Herr Nabbem ange⸗ ſchmiegt und zwei andre Herrn, Vertraute von ihm, hatten den Bock beſtiegen und verſperrten auf wider⸗ liche Art, wie der lange Ned brummend bemerkte, die Schönheit der Ausſicht. „Ah, ſchon gut!“ ſagte Nabbem, ſeiuen Ellko⸗ gen ohne Schonung in Auguſtus Seite ſtoßend, als er ſeine Tabacksdoſe herauslangte und ſich reichlich mit dem berauſchenden Staube verſah.„Ihr thä⸗ tet beſſer, Herr Pepper, Euch für eine Veränderung der Ausſicht vorzubereiten! Ichmeine,*s wird Euch nicht abſonderlich wohlgefallen in der Priſon. „Nichts macht doch die Leute ſo witzig als das Unglück Anderer!“ ſagte der moraliſirende Angu⸗ ſtus und wandte und drehte ſich, ſo gut er im Stand war, um ſeinen Körper von dem eingeſtemmten Ellbogen des Herrn Nabbem zu befreien.„Wenn Einer in der Welt unten iſt, ſo werden alle Umſte⸗ henden, vorher die blödeſten Köpfe, plötzlich witzig.“ „Ihr macht Bemerkungen über mir,“ ſagte Herr Nabbem,„nun, das hat nicht Nagelsgroß zu be⸗ deuten, denn ſobald wir unſere Pllicht und Schul⸗ digkeit thun, werdet Ihr Kameraden infam undank⸗ bar!“ „Undankbar!“ ſagte Pepper,„welche Plage ſind wir theilhaftig geworden, wofür wir dankbar ſeyn ſollten? Ich glaube gar, Ihr meint, wir ſollen Euch ſagen, Ihr ſeyd der beſte Freund den wir haben, weil Ihr uns krumm geſchloſſen in dieſen fürchter⸗ lichen Kaſten hineingepreßt habt, wie Truthähne⸗ die man auf Weihnachten gemäſtet. Bei Gott, das Haar iſt einem hingetätſcht, wie ein Pfannkuchen, und was die Beine betrifft, da hättet Ihr beſſer ge⸗ than, ſie auf einmal abzuhauen, als ſie in einem Raum von einem Quadrat⸗Schuh einzukeilen— um nichts von den lumpigen Eiſen da zu ſagen!“ „Die einzigen Eiſen, welche in Euren Angen Gnade puden, Ied,“ ſagte Tomlinſon,„ſind die Kräuſleiſen, he?“ X* 6 8 „wir waren politiſche, nicht kirchliche Methodiſten; v. 15 „Nun wenn das nicht zu arg iſt,“ rief Rabbem dazwiſchen.„Ihr weigert Euch in einen Karren Euch packen zu laſſen, wie die Andern Eures Ge⸗ werbes, und wenn ich mich über die Gebühr an⸗ ſtrenge, zu obliſchiren mit einem Gefährt, ſo ſchel⸗ tet ihr mich dafür aus!“ „Ruhig, guter Nabbem!“ ſagte Auguſtus mit der Würde eines Weiſen.„Ein wenig üble Laune müßt ihr ſchon Leuten in ſo unglücklicher Lage, wie wir ſind, nachſehen!“ Eine milde Antwort wendet den Zorn ab. Tomlinſon's Antwort beſänftigte den Herrn Nab⸗ bem; und zum Zeichen der Verſöhnung hielt er ſeine Tabacksdoſe der Naſe des unglücklichen Gefangenen hin. Mit verſchloſſenen Augen zog Tomlinſon lang und eifrig das köſtliche Pul⸗ ver hinauf und ſobald ihm der Beamte mit ſeinem eigenen gelbgewürfelten Taſchentuch einige herab⸗ hängende Körnchen von der Naſeuſpitze abgewiſcht hatte, ſprach Tomlinſon alſo: „Ihr ſeht uns jetzt, Herr Nabbem, im Zuſtand eines gebrochnen Widerſtands, aber unſer Muth iſt noch nicht gebrochen. Zu unſrer Zeit haben wir etwas mit der Verwaltung zu ſchaffen gehabt; und unſer jetziger Troſt iſt der Troſt gefallner Miniſter.“ „Oho! waret Ihr im Methodiſtenklub, eh' Ihr auf die Landſtraße verfielet?“ fragte Rabbem. „Nicht das!“ antwortete Augnuſtus ernſthaft; 15 h. wir lebten in einer eignen Gemeinde, ohne eine geſetzliche Berechtigung dazu, und was das Geſet uns verweigerte, gab uns unſer eigner Witz. Aber ſagt mir, Herr Nabbem, ſeyd Ihr der Politik zu⸗ gethan?“ „Nun, ſie ſagen ich ſey es,“ ſagte Herr Nab⸗ bem mit einem Grinſen,„und ich für meinen Theil denke: Alle die dem König dienen, ſollten für ihn aufſtehen und für ihre kleinen Fämilien Sorge tragen!“ „Ihr ſprecht was Andre denken!“ antwor⸗ tete Tomlinſon ebenfalls lächelnd,„und da Ihr alſo die Politik liebt, will ich Euch Etwas ſagen, was Ihr, ich darf es wohl behaupten, vorher nie bemerkt habt.“ „Was wäre das?“ fragte Nabbem. „Eine wunderbare Aehnlichkeit zwiſchen dem Leben eines Gentleman, der eine Zierde des Raths ſeiner Majeſtät iſt, und dem Leben eines ſolchen, den Ihr in ſeiner Majeſtät Geſängniß abführt.“ Auguſtus Tomlinſons verläumderiſche Parallele. „Wir treten, Herr Nabbem, in unſre Laufbahn ebenſo ein, wie der Embryo⸗Miniſter ins Parlament: durch Beſtechung und Verführung. Nun iſt frei⸗ lich zwiſchen beiden Fällen der Unterſchied: wir werden zum Eintritt verlockt durch die Beſtechung und Verführüng Anderer, ſie treten freiwillig und aus eigenem Antrieb ein. Im Anfang, von ſcht Ru in chet All übe fall wir nick Ru ling für tra met dert ein Na ihr lieb Pul dieſ es 1 fern ban rel ſt a ſt a meh ð N—** —— 17 ſchwätmeriſchen Träumen getäuſcht, lieben wir den Ruhm unſerer Laufbahn mehr als den Gewinn und in jugendlicher Großmuth rühmen wir uns, die Rei⸗ chen nur aus Rückſicht für die Armen anzugreifen. Allmälig, wenn wir verſtockter werden, lachen wir über dieſe kindiſchen Träume, Bauer und Fürſt fallhn gleicherweiſe in unſre unpartheliſchen Händez wir langen nach dem Eimer, aber vexachten auch nicht den Fingerhut voll, wir brauchen das Wort Ruhm nur als eine Falle für Proſelyten und Neu⸗ linge, unſre Finger, wie eine Amtsthüre, thun ſich für Alles auf, was ihnen begegnen mag, wir be⸗ trachten die Reichen als unſre Beſoldung, die Ar⸗ men als unſre Nebeneinkünfte. Was iſt dieß an⸗ ders als das Bild eines Parlamentsglieds, das zum Miniſter heranxeift, eines Patrioten, der ſich für ein Amt mürb macht? Und merkt wohl, Herr Nabbem! iſt nicht auch bei Beiden die Sprache, wie ihr Thun ſich gleich? Was iſt die bei beiden be⸗ liebte Redensart?„Zu erleichtern.“ Was?„daß Publikum!“ und erleichtern wir es nicht beide um dieſelbe Laſt? um ſeinen Geldbeutel nemlich. Fehit es uns an einer Entſchuldigung, wenn wir mit un⸗ fern Nebenmenſchen ihr Gold theilen öder ſie miß⸗ bandeln, falls ſie Widerſtand leiſten? iſt nicht unſ⸗ re beiderſeitige, unſre bündigſte Ausrede der Miß⸗ ſtand? Freilich unſer Patriot nennt es den Miß⸗ ſtund des Landes, aber hat er um ein Jota mehr als wir einen andern Mißſtand als ſeinen Bubwer's Romaue. XNIN, 2 18 eignen im Sinn? Wenn wir heruntergekommen und unſre Röcke ſchäbig ſind— ſchütteln wir nicht beide den Kopf und ſprechen von Reform? Und wenn— o wenn wir hoch oben ſind, in der Welt, weiſen wir nicht beide jede Reform zum Teufel? Wie oft geſchieht es, daß der Parlaments⸗Mann ſeinen Platz räumt, nur in der Abſicht ihn mit volleren Taſchen wieder einzunehmen! Wie oft, theuerſter Ned, haben wir in derſelben Abſicht unfre Plätze geräumt! Bisweilen freilich beſchließt er wirklich ſeine Laufbahn mit der Annahme der Centgerichte— und auch die unſrige kann mit den Centgerichten ihr Ende nehmen!(Ned that einen tiefen Seufzer) Beobachten Sie uns jetzt, Herr Nabbem, auf dem höchſten Gipfel unſres Glücks! wir haben unſre Taſchen gefüllt, wir ſind bedeutende Männer im Munde unſrer Parthei. Unſre Jungen bewundern uns, unſre Beſeu beten uns an. Was thun wir in dieſem kur⸗ zen flüchtigen Sommer? Sparen und haushalten? Ach nein wir müſſen Eſſen geben und unſer Getränk aufge⸗ hen laſſen. Wir laſſen Pferde beim Wettrennen laufen und zeigen uns als dicke Leute der Menge, die wir geſchnellt haben. Iſt das nicht ganz der Miniſter wenn er das Amt bekommen hat? Erinnert Euch das nicht an ſeine Ezuipage, ſeinen Palaſt, ſein Silbergeſchirr? In beiden Fällen wird das leicht Gewonnene üppig verſchwendet, und das Publikum, dem wir ſeine Kaſſe wegſtipitzt, kann am Ende das Vergnügen haben, die Figur auzugaffen, die wir en ht 19 damit machen. Dieß iſt dann der Herbſt unſres Glückes; unſre Feinde, unſre Freunde möchten üns freſſen vor Neid; und doch was iſt weniger benei⸗ denswerth als unſre Stellung? Haben wir nicht beide unſre gleichen Beläſtigungen, unſre gemein⸗ ſchaftlichen Beunruhigungen? Beſtechen wir nicht beide (hier ſchüttelte Hérr Nabbem den Kopf und knöpfte ſeine Weſte zu,) unſre Feinde, ſchmeicheln unſern Anhängern, ſchreien die au, welche von uns abhängig ſind und ſtreiten mit nuſern einzigen Freunden⸗ d. h. mit uns ſelbſt? Iſt nicht bei beiden der geheime Gedanke: Es ſteht alles ganz verwünſcht artig; aber wie lang wird es dauern? Nun Herr Nabbem, aufgemerkt: beſeht das Bild von der andern Seitehz wir ſind geſtürzt, unſre Laufbahn iſt beendigt, die Straße iſt uns verſchloſſen und neue Räuber plün⸗ dern jetzt die Wagen, die wir ſonſt plünderten. IIſt das nicht das Lvos von— nein, nein ich täuſche mich! die Miniſter, die geplagten Männer, melken größ⸗ tentheils die Volkskuh, ſo lang nur ein Tropfen noch im Euter iſt. Der Kanzlen ſtirbtauf einerPenſion ab,der Miniſter ſiecht bei einer Dotation hin, die großen Spitzbuben haben zwar die Füße unter den Schatz⸗ kammerbänken weggezogen, aber ſie haben noch ihre Fingerchen im Schatze. Ihre geleiſteten Dienſte blieben ſeiner Majeſtät in gutem Andenken; die unſern werden nur von den Fiskalen angemerktz ſie ſalviren ſich, weil ſie an einander hängen; wir fahren zum Teufel, weil wir mutterſeelenallein hängen; wir haben unſern 2 20 kleinen Feſitag anf Koſten des Publikums und Alles iſt vorbei— aber bei ihnen iſt es nie aus⸗ Wir hetzen beide den nemlichen Fuchsz aber wir ſind die leichtſinnigen Reiter und ſie die ſchlauen; wir wa⸗ gen den Saßz und brechen den Hals; ſie drücken ſich durch die Thore und erjagen ihn am Ende.“ Als er geſchloſſen, ſenkte ſich Tomlinſons Haupt auf ſeine Bruſt und es war leicht zu ſehen, wie dieſe ſchmerzt aften Vergleichungen⸗ gemiſcht viel⸗ leicht mit geheimen Seufzern über die Ungerechtig⸗ keit des Schickſals, ſeine Bruſt durchwühlten, der lange Ned ſaß in düſtrem Stillſchweigen da, und ſelbſt das harte Herz des Herrn Nabbem war durch die ergreifende Parallele, welche er ſo eben angehört, erweicht worden. Gie waren ohne zu ſprechen zwei oder drei Meilen fortgefahren, als der lange Ned, das Auge auf Tomlinſon geheftet, ausrief: „Wißt Ihr wohl, Tomlinſon, ich meine es iſt eine ewige Schmach für Lovett, daß er uns ſo wie Hämmel wegſchleppen ließ, ohne einen Verſuch zu machen uns unterwegs zu befreien. Es iſt allein ſeine Schuld, daß wir hier ſind, denn er war es, den Nabbem aufſuchte, nicht wir.“ „Sehr wahr!“ ſagte der ſchlane Polizeimann⸗ „und wenn ich an Eurer Stelle wäre, Herr Pep⸗ per, Gott ſtraff mich, ich würd'mich als'nen Mann von Verſtand ausweiſen und ebenſo wenig Rückſicht für me zei gar der ſei dal un „de wit me erſt iſt mi ein jetz lar an we lic „U do⸗ ü. p in 1 24 für ihn zeigen, als Er für Euch. Nun, beim Him⸗ mel, ich brauch' Euch nicht Mittel und Wege zu zeigen; aber das weiß ich, den Behörden liegt es gar am Herzen den Lovett zu fangen, und Einer der ihn angiebt und mit ein kaar Worten gegen ſeine Perſon ausſagt, um ihn zu überweiſen, der darf ſich drauf verlaſſen für ſeine kleinen Lumpereien und ſofort Pardon zu kriegen.“ „Ach,“ ſagte der lauge Ned mit einem Seufzer, „das iſt alles ſehr gut, Herr Nabbem, aber ich will wie ein Geutleman an den Galgen gehen und nicht meine Cameraden angeben; und jetzt bedenk' ich es erſt recht, Lovett hätte uns ſchwerlich helfen können. Ein einzelner Mann, auch Lovett, ſo geſchickt er iſt, hätte uns nicht aus Euern und Eurer Myr⸗ midonen Klauen zu reißen vermocht, Herr Nabbem“ Und als wir einmal in—— waren, hhatten Sie ein gar ſcharfes Ange auf uns.— Aber ſagt mir jetzt, mein lieber Nabbem,“ und die Stimme des langen Ned ſchien etwas wie einſchmeichelnde Milde anzunehmen,„ſagt mir, meint Ihr, der Viehmäſter werde uns in die Enge treiben?“ „Ohne allen Zweifel!“ ſagte der unerſchütter⸗ liche Nabbem; der lange Ned ließ das Maul ſinken. „Und dann, wenn er es thut, ſo kann man uns doch blos deportieren?“ „Täuſcht Euch nicht, Meiſter Pepper!“ ſagte Herr Nabbem.„Ihr ſeyd ein zu alter Schlaukopf für die Herings⸗Tonnen! Man iſt ſchon entſchloſſen 22 Galgenäpfel aus allen ſolchen Nonpareils wie Ihr ſeyd, zu machen!“ Red warf einen finſtern Blick auf lden Be⸗ amteu. „Ein herrlicher Tröſter ſeyd Ihr,“ erwiederte er.„Ich bin in einer Poſtchaiſe mit einem Luſtig⸗ macher gefahren, das will ich beſchwören. Ihr mögt mich einen Apfel nennen, weun es Euch be⸗ liebt, aber dabei bleib' ich, ich bin kein Apfel, den Ihr gerne ſchälen ſehen möchtet.“ Mit dieſem drohenden Boxer⸗ Wortſpiel ver⸗ ſank der kräftige Held wieder in ſein nachdenkliches Schweigen. Unſre Reiſenden erreichten jetzt eine Stelle, wo die Straße auf einer Seite von einer ziemlich ausgedehnten Heide begrenzt war und auf der an⸗ dern Seite von einer dichten Baumhecke, deren Lücken gelegentlich den Anblick von Waldungen und Brachfeld gewährten, durchſchnitten vou Querwegen und kleinen Bächen. „Da reist ein hübſcher Geſelle!“ ſagte Nabbem auf einen athletiſch ausſehenden Mann deutend⸗ der vor dem Wagen ritt, wie ein Pächter gekleidet war und ein großes, gewaltiges Pferd irländiſcher Zucht hatte.„Ich darf wohl behaupten, er iſt ge⸗ nau bekannt mit jenem Viehmäſter, Herr Tomlin⸗ ſons er ſieht auf und nieder aus wie Einer von derſelben Gattung, und da kommt noch ein Burſche,“ chier erreichte den Unbekannten ein kurzer, ſtämmiger, r e, ch ⸗ nd en em nd. det her ger lin⸗ von e, ger⸗ röthlicher Mann in einem Kärrner⸗Kittel, auf ei⸗ nem Pferde, das weniger anſehnlich war, als das ſeines Kameraden,)doch von dem kräftigen, elaſtiſchen, ſchlanken und muskelſtarken Schlag, auf welchen ein erfahrner Jockey gerne wettet.) „Nun, das iſt'mal, was ich einen wackern Kerl nenne!“ fuhr Nabbem ſort, auf den letztern Reiter deutend,„das iſt kein ſo leibarmer, ſchwarzer, ge⸗ zierter Burſche wie dieſer Hauptmaun Lovett, der den Weibsleuten die Köpfe verrückt, ſondern ein ſtattlicher, gedrungener kleiner Kerl mit einem Ge⸗ ſicht wie eine rothe Rübe! das iſt eine Schönheit nach meinem Geſchmock! Ehrlichkeit iſt ihm ins Ge⸗ ſicht geſchrieben, Herr Tomlinſon! Ich darf ſagen“ (der Polizeimann grinste, denn er war ſelbſt ſei⸗ ner Zeit ein Wegelagerer geweſen)„ich darf wohl ſagen, der arme, unſchuldige Einfaltspinſel keunt nichts von den Wegen und Schlichen London's;z und wenn er deßhalb kein ſo ſuſtiges Leben hat als andere Leute, ſo hat er vielleicht ein deſto längeres. Aber ein luſtiges Leben immerdar, für ſolche Burſche wie wir, Herr Pepver! Ich ſage, Ihr habt doch ſchon gehört wie Bill Fang nach Spottland(Schott⸗ land) kam, und expedirt wurde, weil er der Bank ins Handwerk pfuſchte? Er machte im Tod ſeinem Leben Ehre; denn als ſein Vater, ein grauköpfiger Geiſtlicher, nach gefälltem Urtheil kam, ihn zu ſehen, da ſagte er zum Erzieher ſeiner Kindheit: „Schieß was her, Alter,“ ſagte er,„die Koſten da⸗ 8 —— 24 mit zu bezablen und patent zu ſterben.“ Der Pfaff bolt zehn Füchſe heraus und betet dazu immer fort wie beſeſſen. Der Junge läßt eine von den Guineen zwiſchen die Finger gleiten und ſagt;„Ey wie, Aette, du haſt ja nur neun Goldsvögel herge⸗ ſchoſſen— und eben ſprachſt du als ſollten es zehn ſeyn?“ Auf dieß fingert der Pfaffe der ſo arm 6 war, wie einer Kirchenmaus und nicht einem Geiſt⸗ lichen anſteht, eine andre Guinee herausz und der Junge zum Schließer ſich wendend, ruft: den Aette um Guinee geprellt, bei Gott!²) Nun das heiß ich es einmal bis aufs Ende durchſetze B te Kaum hatte Herr Nabbem ſeine Anekdote be⸗ v ſchloſſen, als der wie ein Pächter ausſehende Fremde, d der neben der Chaiſe hergeritten war, plötzlich an t das Fenſter ritt und an den Hut greifend, in Nor⸗ d folk kiſcher Ausſprache ſagte: 3 „Gehörten die Herrn, welchen wir auf der d Straße begegneten, zu Ihrer Geſellſchaft? Sie er⸗ kundigten ſich nach einer zweiſpännigen Chaiſe?“ ſ „Nein!“ ſagte Nabbem,„es gehören keine Her u ren zu unſrer Geſellſchaft!“ Zu dieſen Worten warf er dem Pächter einen ſchlauen Wink zu und blin⸗ zelte über die Schulter weg die Gefangnen an. u „Wie, Ihr reist ganz allein?“ ſagte der Pächter. L „Ja, ganz gewiß,“ antwortete Nabhem,„und d ohne große Gefahr, dünkt micht, zu dieſer Tagszeit, ſi wo die Sonne am Himmel ſteht ſo groß wie ein r *) Thaiſache. —— N— 8*— S„„ — r f 1* P5 d n 25 Sechspfennigſtück; denn größer als ſo hab ſie in dieſem Land noch nie geſehen.“ In dieſem Augenblick ſprang der unterſehte F rem⸗ de, deſſen Erſcheinung das Lob des Herr Nabbem auf ſich gezogen hatte,(er war nemiich ſelbſt auch ſehr unterſetzt und röthlich,) und welcher bisher, im Geſpräch mit den Beamten auf dem Bock, neben den Poſtpferden hergeritten war, plößlich vom Pferde und im ſelben Augenblick hatte er die Poſtpferde angehalten, und den Poſtillon zu Boden geſtreckt mittelſt eines kurzen ſchweren Prügels, den er un⸗ ter ſeinem Küttel hervorzog. Ein Pfeifen, wie ein verabredetes Zeichen, ward gehört und beantwyrtet; drei mit Knitteln bewaffnete Kerls ſprangen hin⸗ ter dem Zaun hervor; und in der Zwiſchenzeit ſtieg der vermeintliche Pächter ab, riß die Wagenthüre auf, faßte Herrn Nabbem beim Krägen und ſchleu⸗ derte ihn mit einer Behendigkeit zu Boden, welche mehr der kräuſelartigen Rundung der“ Geſtalt die⸗ ſes Polizeimannes, als dem abgemeſſeien Ernſtt ſei⸗ nes würdevollen Amtes angemeſſeu war. So raſch und blihſchnell dieſe That ausgeführt ward, gieng ſie doch nicht ohne Störung vorüber. Obgleich die Polizeibeamten von einem Befreiungs⸗ verſuch am hellen Tage und auf oſſener Landſtraße ſich nicht hatten träumen laſſen, ſo war doch ihr Be⸗ ruf der Art, daß ſie ſich nicht leicht überraſchen lie⸗ ßen. Die zwei Wächter auf dem Bock ſprangen be⸗ —— 26 hend auf den Boden, aber ehe ſie Zeit hatten, ſich ihrer Feuergewehre zu bedienen, drangen zwei von den neuen Angreifern, die hinter den Hecken hervor⸗ gekommen, auf ſie ein und balgten ſich mit ihnen herum; während dieß Handgemenge ſtatt fand, hatte der Pächter den niedergeſtreckten Nabbem entwaffnet, gab ihn dann den noch übrigen Genoſſen zur Be⸗ wachung und befreite daun Tomlinſon und ſeinen Gefährten aus der Chaiſe. „Bſcht!“ ſagte er leiſe flüſternd,„verſchweigt meinen Namen, meine Maskeverſteckt mich für jetzt ſtützt Euch auf mich— nur durch die Hecke, dort wartet ein Fuhrwerk und Ihr ſeyd in Sicherheit.“ Unter dieſen abgebrochenen Worten half er den Räabern, trotz ihren Feſſeln, ſogut er konnte durch dieſelbe Stelle des Geheges, hinter dem die drei Ver⸗ bündeten vorgeſprungen waren. Sie waren bereits durch den Paß, nur die langen Beine des Ned Pep⸗ per baumelten noch hinterdrein, als am äuſſerſten Ende der ganz ebenen Straße der Wagen eines Gent⸗ leman ſichtbar wurde. Eine kräftige Hund⸗ auf der andern Seite des Geheges, faßte Pepper und zog ihn hinüber, und Clifford— welchen der Leſer längſt in dem Pächter erkannt hat— gab, als er die her⸗ annahende Verſtärkung wahrnahm, auf einmal mit lautem Geſchrei das Zeichen zur Flucht. Der Räu⸗ ber, welcher Herr Nabbem bewacht hatte und kein Anderer war, als der alte Sock, verlor, ſo bedächt⸗ tich er ſonſt war, keinen Augenblick, ſich in Sicher⸗ ſ ——— c—„ G heit zu bringen; ehe man ſagen konnte: Laudamus! war er ſchon jenſeits der Hecke; die zwei mit den Polizeibeamten beſchäftigten Männer konnten nicht eben ſo ſchnell loskommen, aber Clifford warf ſich in das Handgemenge, beſchäftigte die beiden, und ver⸗ ſchaffte ſo den Räubern Gelegenheit zu entfliehen. Sie drängten ſich durch das Hag— die Beamten, zähe und kühne Geſellen, machten ſich tapfer hinter ihnen her, bis der eine von Clifford niedergeſtreckt wurde, und der andere, gegen einen Baumſtamm an⸗ rennend, gezwungen ward, ſeine Beute aufzugebenz er ſprang nun auf die Straße zurück und rüſtete ſich mit Clifford anzubinden, der jedoch jetzt mehr auf die Flucht, als auf die Offenſive bedacht war. Sobald indeß die andern Angreifer über dem Ru⸗ bicvn des Hags waren, fieng anch ihre Flucht, ſo wie die der beiden Herren an, die vor ihnen denſel⸗ ben überſchritten. Auf dieſer geheimnißvollen Seite des Hags war ein Feldweg, der auf einmal durch eine dicht bewachſene, waldige Gegend führte, welche ſchleunige und vielfache Gelegenheit ſich zu zerſtreuen darbot. Hier erwartete ein leichtes Fuhrwerk, nach Art der Tandems von zwei raſchen Pferden gezo⸗ gen, die Flüchtlinge. Der lange Ned und Augu⸗ ſtus wurden in den Bauch dieſes Fuhrwerks gepackt, prei Geſellen feilten ihnen die Eiſen los, und ein⸗ vierter; der bisherruhmlos bei dem Karren verweilt⸗ hatte ſchwang mit vieler Kunſtfertigkeit die Peite ſche über den Rennern. Die Equipag* raſſeltt fo 28 und ſo ward eine Flucht ins Werk geſetzt, noch im⸗ mer denkwürdig in den Annalen der Auserwählten und lange geprieſen, als eine der keckſten und wag⸗ balſigſten Thaten, welche frevelhafter Unternehmungs⸗ geiſt je ausführte. Clifford und ſein berittener eb Shiebrh allein auf dem Feld oder vielmehr der Straße zu⸗ rück; jener ſprang wit Einemmale auf ſein Pferd und der andre folgten nicht faul, ſeinem Beiſpiele Aber der Polizeimann, dem, wie ſchon geſagt, ſein Verſuch die Flüchtlinge am Hag feſtzuhalten, miß⸗ lungen und der dann auf die Straße zurückgeſprum gen war, hatte indeß nicht gefeiert. Als er Clif⸗ ſord im Begriff ſah, aufzuſteigen, griff er, ſtatt ei⸗ nen Verſuch zu machen, den Feind zu greifen, nach der Piſtole, die er im vorigen Handgemenge nicht hatte brauchen können, zielte ſchavf auf Clifford, in dem er bald den Führer des Angriffs erkaunt hatte, und jagte dem Räuber eine Kugelin die rechte Seite in dem Augenblick, wy er ſeinem Pferde die Sporen eingeſetzt hatte um zu ſliehen⸗ Clifford ließ das Haupt auf den Sattelbogen ſinken⸗ das Pferd ſprang ſcheu aufz der Räuber ſuchte, trotz dem, daß ihm die Sinne ſchwanden, ſich im Sattel zu behaupten — noch einmal erhob er das Haupt— noch einmal ermannte er ſeine erſchlafften, ſchlotternden Glieder — dann' ſank er mit einem ſchwachen Seufzer zur Erde. Das Pferd machte nur noch Einen Sprung und donn. blieb es getren dem empfangenen Unter⸗ rich M zog dä det un Al der ſch ne get un ſat nie un ein ſp ge M ur D richt plötlich ſtehen. Elifford ſtützte ſich mit großer Mühe auf den einen Arm; mit der andern Hand zog er eine Piſtole heraus, er richtete ſie wohl be⸗ dächtig gegenl deu Polizeibeamten, der ihn verwun⸗ det hatte, der Mann ſtand regungslos, ſich kauernd wis vom Zauber gebannt, vor dem forſchenden Auge des Räubers. Nur einen Angenblick hätte der Menſch Grund zur Furcht, denn Clifford, zwi⸗ ſchen den Zähnen murmelnd: Warum es an Ei⸗ nem Feinde verſchwenden?2 wandte die Mündung gegen den Kopf des argkoſen Pferds, das ſorglich und traurig ſich zu ihm hinabzubeugen ſchien.„Du,“ ſagte er,„den ich gefüttert und gekliebt habe, ſollſt nie von einem Andern rauhe Behandlung erfahren!“ und mit mitleidiger Grauſamkeit wälzte er ſich um einen Schritt näher zu dem geliebten Thiere hin, ſprach ein wohlbekanntes Wort aus, welches das gelehrige Thier an ſeine Seite rief, ſetzte ihm die Mündung der Piſtole nahe ans Ohr, drückte los und ſank bewußtlos, ſobald er es gethan, zurück. Das Thier tanmelte und ſank todt nieder.“ Inzwiſchen hatte Cliffords Camerade die Ueber⸗ raſchung und den paniſchen Schrecken des Häſchers benützt und war bereits auſſer Schußweite) er ſprengte über die Heide und raſch verſchwanden er und ſein zottiger Renner. 297 „„„—„ D Zweiunddreißigſtes Capitel. 3 ei Sinkt nicht mit ihm zu Grab li Das Süßeſte was mir das Schickſal gab, ſc Stirbt nicht die Hoffnung mir, des Lebens Troſi? m 8————— m Die Lehren, die ans Herz die Klugheit legt, Sie waren tief der Seele eingeprägt, n Da ſtand geſchrieven Warnung, ſo wie Rath, di Und dem Geheiße folgte raſch die That, Er ſchien von allen Leidenſchaften ledig, n „„ 5„* 3„ H 6 Doch Mancher hielt dafür, ſie ſchliefen nur! S Erabbe. zu O Liebesreſte! holder Lenz des Lebens! V 6 A. Watts, bei Verbrennung von Briefen⸗ ve Gar Viele düſtere Gedanken geh'n en In tiefer Trauer durch die bange Bruſt! Du hätteſt's auch mit Thränen angeſeh'n! fü Mrs. Hemans. m Während Sir William Brandon ſeine ehrgei⸗ ke zigen Plane verfolgte und trotz Luciens feſter und la beharrlicher Verſchmähung des Lord Mauleverer au noch immer auf dieſer unpaſſenden Heirath beſtand, ſe während Mauleverer ſelbſt Tag für Tag im Hauſe re des Richters erſchien, und obgleich er kein Wort ch don Liebe ſprach, doch durch ſein ganzes Benehmen ſie nach Kräfien ſie an den Tag zu legen ſuchte, mußte„N es Jedermann auſſer dem Liebhaber und dem Vor⸗ zu mund auffallen, wie Luciens Ausſehen und Geſund⸗ heit raſch abnahm. Seit dem Tage, wo ſie Clif⸗ ford zum letztenmal geſehen hatte ihr zuvor ſchon heftig erſchütterter Geiſt es werſchmäht, auch nur einen Schein ſeiner von Natur fröhlichen und glück⸗ lichen Stimmung wieder anzunehmen. Sie wurde ſchweigſam und in ſich gekehrt, ſelbſt ihre Sanft⸗ muth gieng zuweilen in mürriſche, reizbare Verſtim⸗ mung über. Weder zu Büchern, noch zur Muſik, noch zu irgend einer Kunſtfertigkeit, womit man die Zeit betrügt, nahm ſie ihre Zuflucht, um auch nur für kurze Friſt die bittern Empfindungen ihres Herzens ſich zu erleichtern, oder den ſtets regen Stachel derſelben in vorübergehende Vergeſſenheit zu verſenken. Ihr Gemüth war ſeinem ganzen Weſen und Umfang nach erſchüttert, ihr Stolz war verwundet, ihre Liebe vergällt, ihr Vertrauen wich endlich düſterem ſchwarzem Verdacht. Nichts, das fühlte ſie wohl, als gänzlicher Ruin des guten Na⸗ mens und Glückes konnte die verſtockte Hartnäckig⸗ keit rechtfertigen, womit er ſie aufgegeben und ver⸗ laſſen hatte. Ihre Selbſtlosſprechung tröſtete ſie auch nicht mehr in ihrer Betrübniß. Sie verdammte ſich ſelbſt wegen ihrer Schwäche, von der Entſtehung ih⸗ rer unſeligen Neigung an bis zu der Wendung, wel⸗ che ſie jetzt genommen hatte.„Warum bekämpfte ich ſie nicht gleich Anfangs?“ ſagte ſie mit Bitterkeit, „warum erlaubte ich mir ſo leicht, einen Unbekannten zu lieben, einen Mann von zweideutigem Charakter, 3N trotz den Warnungen meines Oheitms und dem Ge⸗ flüſter der Welt?“ Ach! Lucie bedachte nicht, daß damals, als ſie dieſer Schwäche ſich ſchuldig machte, ſie noch nicht gelernt hatte, ſo zu überlegen, wie ſie jetzt überlegte und dachte. Ihre Geiſtesfähigkeiten waren noch nicht vollſtändig erweckt, ihre Welter⸗ ſahrung lautere Unwiſſenheit geweſen. Sie wußte kaum, daß ſie liebte, und ahnte durchaus nicht, daß das köſtliche lebhafte Gefühl, das ihr Weſen durch⸗ drang, je die Quelle von ſo viel Unglück und Gefahr werden könnte, als nun der Fall war, und wäre auch ihre Vernunſt ſchon entwickelter geweſen und ihre Entſchließungen kräftiger: vermögen denn im⸗ mer Vernunft und Eutſchließungen gegen die Könt⸗ gin der Leidenſchaften etwas auszurichten? Die Liebe iſt allerdings nicht unüberwindlich, aber wie Wenige haben wirklich mit voller Seele ſie zu be⸗ meiſterngetrachtet 2 Täuſchung erzeugt ein Gelübde, aber das Herz vergißt es wieder. Oder, in dem edeln Bild einer Schriftſtelleriun zu ſprechen, die ſo zart und wahr die Empfindungen ihres Geſchlechts ſchildert: ——„Wir bauen in Gedanken Die Leiter wo die Engel niederſteigen⸗ Wir ſelber aber liegen ſchlafend unten⸗“*) *) Die Geſchichte der Letzer von L. E. L. Wir haben vernonamen, daß dieſe reizende und lie⸗ benswürdige junge Dame, nicht zufrieden mit chren 3 —————— Eh Clifford ſie das letztemal geſehen, hatte Lucie, wie wir bemerkt, immer noch(und dieß war ein Troſt für ſie,) den Glauben gehegt, daß trotz den äuſſern Anzeigen und ſeinem eigenen Bekenntniß, doch ſein früheres Leben nicht von der Art gewe⸗ ſen ſey, um alles Recht auf ihre Neigung zu ver⸗ würken; und nicht ſelten waren die Augenblicke, wo ſie, bedenkend, daß der Tod ihres Vaters das einzi⸗ ge Weſen entrückt hatte, das unbeſtreitbare An⸗ ſprüche beſaß, ihre Handlungen mitzubeſtimmen, dachte: Clifford könnte auf die Nachricht, daß ſie ganz frei über ihre Hand zu verfügen habe, wieder erſcheinen und eine Bewerbung erneuen, welche abzu⸗ Triumfen in der Poeſie, im Begriff ſteht unſen Ge⸗ biet, die Proſa, zu betreten und in dieſem Augenblick mit der Abfaſſung einer Rovelle ſich beſchäftigr. Dürf⸗ ten wir, die wir vielleicht mehr als einmal ſelbſt die Erwartungen des Publikums getäuſcht haben, uns das Vermögen zutrauen, ſeine Erwartungen von An⸗ dern zu beleben: ſo wagen wir gerne die Proſezei⸗ hung großen und verdienten Beifalls, welcher beſag⸗ ter Novelle, wofern ſie erſcheint, zu Theil werden wird. Jedermann weiß, daß die Dichterin der Im⸗ roviſatorin über die Hülfsquellen des Gefühls„ des edankens, der Einbildungskraft und einen auſſer⸗ ordentlichen Reichthum von Anſchauungen und Glut der Darſtellung zu gebieten hat; aber vielleicht weiß nicht Jedermann, daß ihr eben ſo das zu Dienſten ſteht, was meiſt noch mehr dazu heiträgt, einer Ro⸗ velle Berühimtheit zu verſchaſſen: nemlich anmuthiger und lebhafter Witz, ſcharfe und richnge Beobachtung, ein ſicherer Takt in den Abſtufungen und dem Wechſel des Tons und vor Allem die Kunſt, Kleinigteiten recht unterhaltend zu behandeln. Bulwer's Romane XXIX. — 0 34„ lehnen ſie ſich durch beinahe keine Rückſichten konute bewogen finden. Dieß ganze, nur halb geſtandene, aber ernſte Gewebe von Gedanken und Hoffnungen löste ſich von dem Augenblick an auf, wo er ihres Oheims Haus verließ. Seine Worte duldeten keine Miß⸗ deutung. Er war nicht einmal auf ihre Herablaſ⸗ ſung eingegangen und ihre Wangen brannten bei dieſer Erinnerung. Aber er liebte ſie! Sie ſah, ſie erkannte es aus jedem Wort und Blick. Eine bit⸗ tere und ſchwarze Erinnerung mußte wohl ſein Ge⸗ wiſſen beſchweren, welche durchaus nicht den Beweg⸗ grund zu überwältigen vermochte, der ihn trieb, ſie zu verlaſſen, als er ſte für immer ſich bätte zueig⸗ nen können! Zwar hatte er, als er früher in ei⸗ nem Briefe ihr Lebewohl ſagte, auch die gleiche ſich ſelbſtanklagende Sprache geführt— es Fanden ſich dieſelben unheimlichen Hindentungen und Anſpielun⸗ gen auf Schande oder Schuld darin; aber nie bis jetzt hatte ſie dieſelben im ſtrengen Sinne verſtan⸗ den, und nie bis jetzt hatte ſie ſich träumen laſſen, wie weit ihre Bedeutung gehe. Und doch— wel⸗ che Verbrechen konnte er begangen haben? Die Wahrheit kam Lucien nie in den Sinn. Sie ſchau⸗ derte, ſich ſelbſt zu fragen und beſchwichtigte ihre Zweifel durch ein trübes, ſtarres Schweigen. Aber trotz allen ihren Selbſtanklagen und trotz ihrem ge⸗ gen Clifford erwachten Verdacht, konnte ſie doch nicht umhin ſich zu geſteheu, daß etwas Edles und ihrer nicht Unwürdiges in ſeiner Handlungsweiſe lag und ſeinen Widerſtand gegen ſeine eigenen und ihre Wünſche veranlaßte; und dieſer Glanbe viel⸗ leicht beunruhigte ſie eben, weil er ſie rührte, und nährte in ihren Empfindungen einen beſtändigen Kampf und Streit, welchen ihr zarter Körper und ihr weiches Gemüth auszuhalten nicht im Stande waren. Wenn einmal die Nerven brechen, wie ſehr bricht damit auch die Kraft des Charakters! Wie manchen verwitterten und verſauerten Ascetikern be⸗ gegnen wir in der Welt, bei denen es nur Einer Erſchütterung des Herzens oder des Körpers bedurft hätte, um ſie auf die Seite der ſanften Weichheit hinüberzulenken! Sei Kummer oder Krankheit der Grund: der Schlag, welcher eine einzige Fiber ver⸗ ſtümmelt, richtet eine ſeltſame Zerſtörung in der Seele an. Wir ſind die Sklaven unſerer Muskeln und vom Triebwer? des launenhaften Bluts abhän⸗ gige Puppen; und die herrliche Seele mit all ih⸗ ren Fähigkeiten, ihren prächtigen Attributen und hochklingenden Anſprüchen iſt, ſo lange ſie irdiſch, nur das Spielwerk dieſes eitlen Geſellen, des Kör⸗ pers;— vom Traum an, mit dem ſie eine Stunde tändelte, bis zum Wahnſinn, der ſie ſchüttelt, daß ſie Tollheit ſchwatzt, daß ſie lachend mit ihren eige⸗ nen Trümmern ſpielt und von Blindheit umnach⸗ tet ins Grab taumelt! Wir haben oben geſagt, Lucie habe ihren Oheim und ſeine Geſellſchaft geliebt; und noch jetzt, wenn nur Lord Mauleverer und ſeine Bewerbung nicht 2 ½ * 56 Gegenſtand des Geſprächs wurde, lag etwas in der Unterhaltung Sir William Brandons, was ein In⸗ tereſſe in ihrer Seele erweckte, ſo ſehr ſie ſich mit ihren eigenen Anliegen verzehrte. Wirklich ſetz⸗ ten Kummer und das den Kummer gerne begleitende Nachdenken ſie mehr und mehr in Stand, einen ſehr feinen und tiefverſchlungenen Charakter zu ſaſſen. Es giebt kein ſo treffliches Mittel, zur Kenntniß des menſchlichen Herzens zu gelangen, als Seeken⸗ leiden, beſonders ſolche, welche aus Leidenſchaften entſtehen. Ueberraſcht dich ein Schriſtſteller durch ſeinen tiefen Blick in dein Weſen, ſo ſey verſichert, daß er ſchon Leid getragen hat; eine ſolche Schule iſt die Alchymie der Thränen. Daher die immer⸗ mehr um ſich greifende, beinahe allgemeine Begriffs⸗ verwirrung, welche Schwermuth mit Tiefe verwech⸗ ſelt und das Lachen zum Symbol der hohlſten Leer⸗ heit ſtempelt. Beklagenswerther Irrthum! das Nachdenken führt uns zuerſt in Dämmerung, aber ſeine nächſte Station iſt die Klarheit. Der lachende Filoſof hat das Ziel der Weisheit erreicht; Hera⸗ klit wimmerte noch an den Auslaufsſchranken. Doch für Lucie war es ſchon viel, wenn ſie nur die Vor⸗ halle der Filoſofie erreichte. Ungeachtet des Verdruſſes, den wir natürlich gegen Jeden empfinden, der einen mißſälligen Ge⸗ genſtand hartnäckig immer wieder vorbringt, unge⸗ achtet des Eifers, womit Brandon Mauleverers Be⸗ werbung unterſtützte, fühlte ſich doch Lucie ſeltſamer Weiſe mit einer gewiſſermaßen töchterlichen Zärt⸗ lichkeit zu dieſem räthſelhaften Menſchen hingezo⸗ den; ja trotz der kalten, abgemeſſenen Art ſeines Charakters,— trotz der harten, abgeſtorbenen, win⸗ terlichen Fühlloſigkeit, womit er die Wohlfahrt An⸗ derer, oder Treue, Ehre, Tugend betrachtete,— trotz der Verknöcherung und Verſteinerung ſeiner Empfindungen, die kein ſterbliches Weſen auch nur für einen Augenblick erweichte, die keine warme und geſunde Aufwallung, auſſer höchſtens zu einer raſch verfliegenden Glut, aufregte: trotz dieſer vollendeten Verhärtung und Verweltlichung des Gemüths, wird es doch nicht unglaublich klingen, wenn wir ſagen, daß Lucie in dieſem Manne zu Zeiten etwas mit ihrem eigenen lebhaften und edeln Weſen Verwand⸗ tes fand. Dieſes war jedoch nur dann zu bemer⸗ ken, wenn ſie ihn von frühern Zeiten zu reden ver⸗ anlaßte und wenn allmälig der ſarkaſtiſche Rechts⸗ mann die Gegenwart vergaß und nicht über die Handlungen, ſondern die Gefühle der Vergangen⸗ heit beredt wurde. Er konnte ihr Stundenlang von ſeinen Jugend⸗Träumereien, oder ſeinen Beſchäfti⸗ gungen, ſeinen Entwürfen als Knabe vorerzählen. Vor Allem liebte er es, ſich mit ihr von Warlock zu unterhalten, ſeinen Ueberbleibſeln von der alten Herrlichkeit, von den grünen Ufern des anmuthigen Fluſſes, der den Beſitzungen Fruchtbarkeit verlieh, und der Sommerpracht der Wälder und Heiden, welche ſeine Mittagsträume genährt hatten. Wenn er von dieſen Gegenden und Zeiten ſprach, wurde ſeine Miene ſanft und etwas in ſeinem Ausdruck, das in Lucien das Bild ei⸗ nes ihr noch theureren Weſens erweckte, zog ſie noch mehr zu ihm hin. Eine Eisrinde ſchien von ſeiner Seele weggebrochen und Ströme ent⸗ feſſelter, zarter Empfindungen, mit wohlwollenden und großmüthigen Gefühlen gemiſcht, ergoſſen ſich daraus. Plötzlich warf ihn ein Gedauke, ein Wort in die Gegenwart zurück— ſeine Züge erſtarrten wieder plötzlich zu ihrer kalten Ruhe oder geheimem höhniſchem Lächeln; das Siegel wurde plötzkich wie⸗ der auf den gelösten Zauber gedrückt und wie ein verwünſchtes Geſchöpf in einem Zaubermährchen zu einer beſtimmten Stunde eine andere Geſtalt an⸗ nimmt, ſo war es, als ob das Weſen, dem man zuge⸗ hört, auf einmal verſchwunden und durch ein an⸗ deres erſetzt ſey, das man mit Staunen anſah. Aber über Einen Zeitpunkt ſeines Lebens blieb er immer ſtumm, und dieß war gerade ſein Eintritt in ſeine jetzige Laufbahn— die Periode ſeines frühſten Trach— tens nach Reichthum und Ehre. Dieſer ganze Zeit⸗ raum erſchien wie eine ſchwarze Kluft, über die er gewandert und ein ganz Anderer geworden war, wie ein Reiſender, der unter einem fremden Him⸗ mel landet, ſobald er die Küſte berührt, deſſen Sit⸗ ten und Sprache annimmt. Alle Männer, auch die beſcheidenſten, haben ei⸗ nen gemeinſamen Fehler, der aber oft Domino und Maske vornimmt— Stolz! Brandon jedoch hatte dieſe Eigenſchaft in einem Grade, wie er ſelten bei Männern vorkommt, welche ſich in der Welt geho⸗ ben und ausgebreitet baben. Aus den Trümmiern aller andern Gefühle errichtete ſich dieſer alle über⸗ lebende Sieger und Herr einen großen Palaſt zu ſeiner Reſidenz und nannte das Gebäude: Ver⸗ achtung. Bitterer Menſchenhaß war das innerſte kark von Brandons Natur; ſelbſt über ſeiner ein⸗ ſchmeichelndſten Verſtellung, der Sanftheit ſeiner Stimme, ſeinem einnehmenden Lächeln, der gefälli⸗ gen und gewinnenden Anmuth ſeines Benehmens, ſchwamm wie Oel ein glatter Hohn, der zwar ſel⸗ ten erkennbar war, aber immer, nach Stärke und Menge, zu der dadurch bewirkten Ruhe in genauem Verhältniß ſtand. Inzwiſchen, während im Privatleben ſein Cha⸗ rakter ſich ſo entfaltete und ſolche Widerſprüche zeigte, ſtieg ſein Name mit reiſſender Eile in der öffentlichen Schätzung. Ungleich vielen ſeiner Amts⸗ genoſſen hatte der glänzende Rechtsmann die von ihm gehegten Erwartungen übertroffen und erſchien ſogar noch ausgezeichneter in den weniger durch Zu⸗ fälligkeiten unterſtützten Amtspflichten eines Richters. Selbſt der Neid— und Brandons politiſche Giftzunge machte ihm, trotz ſeiner perſönlichen Leutſeligkeit, viele Feinde,— ſah ſich gezwungen, ſeine gründliche Geſetzkenntniß anzuerkennen und die Art zu be⸗ wunderu, wie er die eigenthümlichen Verrichtungen 40 ſeiner neuen Wünrde erfüllte. Kein junger Advokat überraſchte, kein durchtriebener Rabuliſt verwirrte ihn; auch verirrte ſich ſeine Aufmerkſamkeit nie auch von dem armſeligſten Gegenſtand, der vor ſeinen Richtſtuhl kam. Ein Maler, der auf ſeine Leinwand das Bild eines unbeugſamen Richters hätte auf⸗ tragen wollen, Fonnte ſchwerlich ſein Ideal beſſer verwirklicht finden, als in dem ſtrengen, geſammel⸗ ten, Lebhaſten md doch majeſtätiſchen Angeſicht Sir William Brandons, ſo wie er ſich im Schmuck ſei⸗ nes Amtes auf dem richterlichen Sitz ausnahm. Die Zeitungen ſäumten nicht, den merkwürdi⸗ gen Fang des berüchtigten Lovett zu berichten. Die Keckheit, womit er den Plan zur Befreiung ſeiner Kameraden entworfen und ausgeführt hatte, ver⸗ bunden mit der Ungewißheit, in welcher ſeine Wunde einige Zeit das Publikum ließ, ob er nicht dem ihn bedrohenden Tode durch die Hinterthüre eines an⸗ dern Todes entgehen würde, verurſachte eine bedeu⸗ tende Aufregung und Gährung in den Gemüthern der Menge, und um das Intereſſe zu unterhalten, waren die Journaliſten nicht läßig, jede Anekdote, die ſie nur immer aufbringen konnten, wahr oder ſalſch, die frühern Abenteuer des verwegnen High⸗ wayman betrefſend, aufzutiſchen. Manche aute Ge⸗ ſchichte kam da an den Tag, die eben ſo viel zum Komiſchen als zum Tragiſchen neigte; denn nicht Eines von den Abenteuern des Räubers war durch Grauſamkeit oder Blutvergießen bezeichnetz viele 4⁴4 derſelben verriethen mehr einen kecken, frendigen, luſtigen Unternehmungsgeiſt. Es ſchien, als habe er die Landſtraße wie einen Haupttummelplatz für ſcherzhafte Streiche angeſehen und ſey nur ein Räu⸗ ber geworden, um einer überſtrömenden Neigung zum Spaſſen Luft zu machen. Manche hielten es beinah für eine Sünde, mit einem Menſchen von ſo luſtiger Gemüthsart ſtreng zu verfahren, und es war beſonders merkwürdig, daß nicht Eine der von ihm beraubten Damen vermocht werden konnte, ge⸗ gen ihn zu klagen, im Gegentheil, ſie ſprachen von der Begebenheit als einer der angenehmſten Erinne⸗ rungen ihres Lebens, und ſchienen eher eine ermu⸗ thigende Dankbarkeit als Rachſucht gegen den artigen Miſſethäter zu empfinden. Aber nicht alle Herren waren von ſo verſönlicher Gemüthsart und zwei ſtämmige Pächter und ein Viehmäſter noch obendrein waren bereit, durch dick und dünn, die Idenki⸗ tät des Gefangenen mit einem Reiter zu beſchwö⸗ ren, der jedem von ihnen, bei dem Ritt nach Hauſe von gewiſſen Märkten, mit vieler Artigkeit eine Stunde lang Geſellſchaft geleiſtet und das Vergnü⸗ gen ſeiner Geſellſchaft bei weitem, ſo verſicherten ſie ſehr ernſthaft, über den Spaß hinausgetrieben habe; ſo daß der Stand ſeiner Augelegenheiten ein ſehr finſteres Ausſehen gewann, und der mit ſeiner Sache beauſtragte Advokat— ein erfahrener Kopf — zuverſichtlich erklärte, es ſey keine Hoffnung vor⸗ handen. Aber eine noch gewichtigere Anklage, weil —— 4² ſie von einer weit höhern Sphäre kam, wartete auf Clifford. In der Höhle des Räubers fanden ſich einige Gegenſtände, welche genau der Beſchrei⸗ bung der dem Lord Mauleverer auf verbrecheriſche Weiſe geraubten Koſtbarkeiten entſprachen. Dieſer Edelmann erſchien nun, um die Sachen einzuſehen und den Gefangenen in Augenſchein zu nehmen. Auf jene konnte er mit dem ruhigſten Gewiſſen ſchwören, den Gefangenen ſelbſt fand er im Fieber, abgemagert und im Zuſtand des Deliriums auf dem Krankenbett, anf das ihn ſeine Wunde gewor⸗ fen. Er erkannte jedoch ohne Anſtand in dem ein⸗ gekerkerten Spitzbuden den ſtattlichen, herzengewin⸗ nenden Clifford, den er ſogar einmal mit ſeiner Ei- ferſucht beehrt hatte. Obwohl ſein früher unbeſtimm⸗ ter, ſchwankender Verdacht gegen Clifford auf dieſe Weiſe beſtätigt ward, empfand doch der gutmüthige Peer einige Beklemmung bei dem Gedanken, als ſein Ankläger aufzutreten; dieſe Beklemmnng verſchwand indeß in dem Augenblick, wo er das Gemach des Kranken verließ; und nach einem kurzen pakrioti⸗ tiſchen Geſpräch mit dem Beamten über die Noth⸗ wendigkeit der Pflichterfüllung im öffentlichen Dienſt — ein Thema, welches das Auge dieſes achtbaren Beamten mit tugendhaften Thränen erfüllte,— ſtieg er wieder in ſeinen Wagen, kehrte in die Stadt zu⸗ rück und nach einem munteri Dinner téte- à. téte mit einer alten Freundin, die von allen ihren Netzen nur die Snehmtichteit der Unterhaltung und die Fähigkeit, Salmi mit Verſtand zu eſſen, gerettet hatte, begab ſich Mauleverer noch am Abend ſeiner Rückkehr in das Huus Sir William Bran⸗ dons. Als er in den Vorſaal trat, begegnete ihm Barlow, der Leibdiener des Richters, mit ziemlich verſtörter und geheimnißvoller Miene, hielt ihn auf, als er eben in Brandons Studirzimmer hüpfen wollte und benachrichtigte ihn: Sir William ſey ganz beſonders beſchäftigt, wolle aber ſeine Lordſchaſt im Empfangzimmer ſprechen. Während Barlow noch redete, und Mauleverer ſein rechtes Ohr, mit dem er am beſten hörte, gegen ihn neigte, that ſich die Thüre des Studirzimmers auf und ein Mann in grobem, wüſtem Aufzug drückte ſich unter unbehülf⸗ lichen Bücklingen heraus.„So! das iſt das gauz beſondere Geſchüft,“ dachte Mauleverer;„ein ſon⸗ derbarer Sir Pandarus; aber dieſe alten Geſel⸗ len haben wunderliche Reigungen.“ „Jetzt werde ich wohl hinein dürfen, mein gu⸗ ter Freund⸗“ ſagte ſeine Lordſchaft zu Barlow, und ohne die Antwort abzuwarten, trat er in das Stu⸗ dirzimmer. Er fand Brandon allein, ernſtlich mit einigen Briefen beſchäftigt, welche ſeinen Tiſch be⸗ deckten. Mauleverer näherte ſich gleichgültig und warf ſich in einen Stuhl ihm gegenüber. Sir Wil⸗ liam erhob das Haupt, als er das Geräuſch vernahm, und Mauleverer, fühllos wie er war, erſtaunte und entſette ſich doch beinah über den Ausdruck im Ge⸗ 44 ſicht ſeines Freundes. Brandons Antliz, vbwohl be⸗ weglich, hatte doch beinah immer den herrſchenden Ausdruck kalter Ruhez; ſowohl in der Milde geſell⸗ ſchaftlicher Höflichkeit, wie in der Strenge ſeines Amts⸗ charakters oder bei dem bittern Sarkasmus, welchen er nicht ſelten herausließ— immer zeichnete eine gewiſſe harte und unbeugſame Trockenheit ſeine Züge und ſeine Haltung aus. Aber jetzt war ein Kampf man⸗ nigfacher, in ſeinem Aenßern ſich ſonſt nicht ausſpre— chender Empfindungen auf ſeinem finſtern Angeſicht, pas all die Stärke und Leidenſchaftlichkeit ſeiner mächtigen männlichen Natur verkündigte; aus ſei⸗ nen Zügen und Angen ſchien etwas wie Schaam, Perdruß, Triumf, Reue und Haß zu ſprechen. All dieſe verſchiednen Gemüthsbeweaungen, welche, ſo ſonderbar die Behauptung klingen mag, ſich in Einem Ausdruck begegneten, waren nichts deſtowe⸗ niger ſo ſcharf und fürchterlich ausgeprägt, daß Mauleverers Seele mit Einemmal ihren Sinn er⸗ rieth. Er warf einen Blick auf die Briefe, deren Schrift durch die Zeit oder Feuchtigkeit erloſchen und verfärbt ſchien; dann betrachtete er noch ein⸗ mal Brandons Geſicht und ſagte mit ziemlich ängſt⸗ dicher und gedämpfter Stimme: „Himmel, Brandon, ſind Sie krank? oder hat ſich etwas ereignet? Sie beunruhigen mich!“ „Kennen Sie dieſe Locken noch⸗?“ ſagte Bran⸗ don mit hohler Stimme, und unter den Briefen — zog er einige kaſtanienbraune Locken hervor undſchob ſie mit abgewandtem Antlitz Mauleverer hin. Der Graf hob ſie auf— boſah ſie einige Augen⸗ blicke, wechſelte die Farbe, ſchüttelte aber mit einer derneinenden Geberde den Kopf, als er ſie wieder auf den Tiſch legte. „Dieſe Handſchrift aber doch?“ fieng der Rich⸗ ter mit nachdrücklicherem und bittererem Tone wie⸗ der au, und deutete auf die Briefe. Mauleverer nahm einen davon und hielt ihn zwiſchen ſein Geſicht und die Lampe, ſo daß, was etwa ſeine Züge verrathen konnten, ſeinem Geſell⸗ ſchafter verdeckt blieb. Endlich ließ er den Brief mit erkünſtelter Gleichgültigkeit fallen und ſagte: „Ach, ich kenne die Handſchrift ſogar nach ſo langer Zeit noch; dieſer Brief iſt an Sie gerichtet!“ „So iſt es, und alle dieſe auch,“ ſagte Bran⸗ don im nemlichen Tone unnatürlicher, angeſtrengter Faſſung.„Sie ſind nach einer beinah fünfundzwan⸗ zigjährigen Entfremdung mir wieder zugekommen; es ſind die Briefe, die ſie mir in den Tagen unſrer Liebe ſchrieb,(hier lachte Brandon höhniſch,)— ſie nahm dieſelben mit ſich fort, Sie wiſſen, wann 2 und Cein prächtiges Stück von weiblicher Conſe⸗ quenzl) bewahrte ſie auf, wie es ſcheint, bis zu ihrem Todestag!“ Der beſprochene Gegenſtand, was er auch ſeyn mochte, ſchien dem Lord Manleverer unbehaglichz 46 er rückte unruhig auf ſeinem Stuhl hin und her und ſagte endlich: „Nun, das arme Geſchöpß! es ſind peinliche Er⸗ innerungen, da die Sache ſo unglücklich ablief; aber es war nicht unſer Fehler, lieber Brandon; wir waren Weltmänner; wir kannten den Werth der— der— Weiber, und behandelten ſie demgemäß.“ „Recht, recht, recht!“ rief Brandon heftig mit dem lauten Gelächter der Berachtung, deſſen fürch⸗ terliche Gewalt wir umſonſt zu ſchildern verſuchen würden.„Recht und wahrhaftig, mein Lord, ich be⸗ daure nicht, dieſen Maaßſtab angelegt zu haben, noch bereue ich meine Schätzung!“ „So, ſo, das iſt gut!“ verſetzte Mauleverer, dem es noch nicht ganz wohl ums Herz war, und beeilte ſich, das Geſpräch zu verändern.„Aber, mein lieber Brandons, ich habe ſeltſame Neuigkei⸗ ten für Sie! Sie erinnern ſich noch des verdammten Burſchen, des Cliffurd, der die Unverſchämtheit hatte, ſich zu Ihrer anbetungswürdigen Nichte zu drängen? Ich fagte Ihnen, ich habe ſeinen langge⸗ wachſenen Freund im Verdacht, meine Bekanntſchaft auf eine mißliebige Art gemacht zu haben, und ich hege deßwegen gegen Clifford ſelbſt Argwohn. Nun mein lieber Freund, dieſer Elifford iſt— Wer mei⸗ nen Sie? kein Andrer als Herr Lovett mit ſeiner Newgate⸗Berühmtheit!“ e„Was Sie mir nicht ſagen!“ erwiederte Brall⸗ — —,———,———————————————— don unempfindlich, indem er ſeine Papiere zuſammen⸗ raffte und ſie in eine Schieblade legte. „Es iſt in der That wahr; und was noch mehr iſt, Brandon, dieſer Vogel iſt einer von den Stra⸗ ßenräubern, welche mich auf der Reiſe von Bath ausplünderten. Ohne Zweifel erwies er mir den⸗ ſelben Liebesdienſt auf dem Weg nach Mauleverer Park.“ 3 „Möglich!“ ſagte Brandon, der ganz in Träu⸗ mereien verſunken ſchien. „Ja!“ ſagte Mauleverer, ärgerlich über dieſe Gleichgültigkeit;„aber ſehen Sie nicht die Folgen davon für Ihre Nichte ein?“ „Meine Nichte?“ wiederholte Brandon auf⸗ ſtehend. „Gewiß. Es thut mir leid es zu ſagen, mein lieber Freund,— aber ſie war jung⸗ ſehr jung, da⸗ mals in Bath. Sie geſtattete dieſem Burſchen ihr allzu offen den Hof zu machen. Ja,— um ganz frei heraus zu ſprechen, man hatte ſie im Verdacht, ihn zu lieben!“ „Sie liebte ihn wirklich,“ ſagte Brandon trocken und heftete ſein boshaft kaltes Auge auf den Freier.„Und nach Allem was ich weiß,“ ſetzte er hinzu,„liebt ſie ihn noch in dieſem Au⸗ genblick.“ „Sie ſind grauſam,“ ſagte Mauleverer aus der Faſſung gebracht.„Ich glaube es nicht, um meiner fortgeſetzten Bewerbung willen.“ 48 „Mein lieber Lord,“ ſagte Brandon, freundlich ſeine Hand ergreifend, während ſein höhniſches Lä⸗ cheln, eine anguis in herba, um ſeine zuſammenge⸗ kniffenen Lippen ſpielte,„mein lieber Lurd, wir ſind alte Freunde und dürfen einander nicht täuſchen. Sie wünſchen meine Nichte zu heirathen, weil ſie eine Erbin von großem Vermögen iſt, und Sie ſetzen voraus, daß aller Wahrſcheinlichkeit nach mein Geld und Gut daſſelbe noch vergrößern wird. Zu⸗ dem iſt ſie ſchöner als irgend eine junge Dame von Jorer Bekanntſchaft und kann, nach Ihrem Mu⸗ ſter gebildet, ebenſo wohl Ihrem Geſchmack, als Ihrer Klugheit Ehre machen. Unter dieſen Umſtänden werden Sie, deſſen bin ich verſichert, mit Nachſicht ihre mädchenhaften Verirrungen betrachten und ſie darum nicht weniger lieben, weil ihre thörichte Ein⸗ bildung ihr in den Kopf ſetzt, ſie ſey in einen An⸗ dern verliebt.“ „Eh— Hm!“ ſagte Manleverer,„Sie ſehen die Sache weit mehr als Verſtandesmenſch denn von der Seite des Gefühls anz aber ſehen Sie Bran⸗ don, wir müſſen, um unſerer Beider willen, wo mög⸗ lich verſuchen, die Identität Lovetts mit Clifſord nicht an den Tag kommen zu laſſen. Ich ſehe nicht ein, was dieß verhindern ſollte. Ohne Zweifel war er wohl auf ſeiner Hut, ſo lang er in Bath den Vornehmen ſpielte und begieng dort leine Uathat. Der Name Clifford iſt bis jetzt gänzlich unbefleckt. Kein Betrug, keine Gewaltthat iſt auf den Namen —— ——„ er n 6. n Der Name Clifförd iſt bis jetzt gäuzlich unbeſſeckt. Kein Betrug, keine Gewaltthat iſt auf den Namen berausgekommen, und wenn nurder Spitzbube ſelbſt ſein Geheimniß bewahren will, ſo können wir ihn durch den Strick aus dem Weg ſchaffen, ohne daß von dem Geheimniß etwas verlautet.“ „Aber wenn ich mich recht beſinne,“ berſiht Brandon,„ſo ſagen die Zeitungen, dieſer Lovett werde nur ſiebzig oder achtzig Meilen von Bath entfernt vor Gericht geſtellt werden, und dieß läßt befürchtén, er werde erkannt werden.“ „Ja, aber er wird teufelmäßig verändert ſeyn, denke ich mir, denn ſeine Wunde hat bereits in ſei⸗ nem Geſicht keine Verſchönerung hervorgebracht, und zudem, wenn der Hund einiges Zartgefühl hat, wird er natürlich nicht wünſchen, als der galante Mann von jener luſtigen Stadt erkannt zu werden, wo er ſo viel Glück zu machen ſchien, und wird ſich, ſo gut er nur immer kann, verſtellen. Ich höre Wunderdinge erzählen von ſeiner Kunſt, ſein Aeuſ⸗ feres zu verwandeln.“ „Aber er kann ſich ſelbſt in dieſem Punkte ver⸗ rathen in der Zwiſchenzeit, bis über ihn gerichtet wird,“ bemerkte Brandon. „Ich hoffe mich zu verſichern, wie feru dieß wahrſcheinlich iſt, indem ich meinen Kammerdiener zu ihm ſchicken will,(Sie wiſſen ja man behandelt die Herren Straßenräuber mit einer gewiſſen Auf⸗ merkſamkeit und hängt mit aller ihren Gefüh⸗ Bulwers Romane XXIX 4 50 len gebührenden Achtung,) und ihm andeuten laſ⸗ ſen: es würde ihm ohne Zweifel ſehr widerlich ſeyn, in ſeinen dermaligen unglücklichen Umſtänden,(nicht wahr, das iſt der Ausdruck?) als der Gentleman erkannt zu werden, der in Bath ſich eines ſo ver⸗ dienten Beifalls zu erfreuen hatte, und er dürfe ver⸗ ſichert ſeyn, daß ich, falls er es wünſche, obwohl die Geſetze meines Vaterlandes es mir zur Pflicht ma⸗ chen, gegen ihnaufzutreten, doch ſein Geheimniß be⸗ wahren werde. Nun, Brandon, was ſagen Sie zu dieſem Kunſtgriff? er wird meinen Plän begünſti⸗ gen und den Herrn, der ohne Zweifel ganz Empfin⸗ dung iſt, Thränen vergießen machen, über meine groß⸗ müthige Schonhug.“ „Es iſt kein übler Gedanke,“ erwiederte Bran⸗ don.„Ich muß Sie dafür loben. Auf alle Fälle iſt es nothwendig, daß meine Nichte von der Lage ihres Liebhabers nichts erfährt. Sie iſt ein Mäd⸗ chen von ganz eigener Sinnesart und ihr Vermo⸗ gen macht ſie unabhängig. Wer weiß, ob ſie nicht dieſe oder jene Thorheit beginge, Bittſchriften an den König machte und mich bäte ſie zu übergeben, oder gar— denn ſie hat eine ganze Romanwelt im Kopf— ins Gefüngniß gienge, um ihn zu tröſten; oder, in jedem Fall würde ſie meine Verwendung zu ſeinen Gunſten anſprechen— eine ganz beſynders peinliche Zumüthung, da ich aller Wahrſcheinlichkeit nach die Ehre haben werde, über ihn zu Gerich zu ſitzen.“ laſ⸗ eyn, icht man ver⸗ ver⸗ die ma⸗ ß be⸗ e zn inſti⸗ pfin⸗ rß⸗ Bran⸗ Fälle Lage Mäd⸗ ermö⸗ nicht in den „ode im öſten; ndung nders chkeit erich 51 „Ja, allerdings, das werden Sie. Und ich ſtelle mir vor, die Keckheit des Spitzbuben wird ſie nicht vermögen, vön ihrer gewöhnlichen Strenge nachzu⸗ laſſen. Man ſagt, Sie verheißen mehr menſchliche Pendel zu machen, als irgend einer Ihrer Amtsge⸗ noſſen.“ „So? ſagt man das?“ verſetzte Brandonz;„nun, ich geſteh' es, ich habe viel Galle gegen mein Ge⸗ ſchlecht; mir eckelt vor der Thorheit und den Halb⸗ ſünden der Menſchen. Ridet et odit iſt mein Wahl⸗ ſpruch und ich gebe zu, daß dieſe Filoſofie Einen eben nicht ſonderlich barmherzig und gnädig ſtimmt.“ „Nun, Juvenal's Weisheit ſey die Ihrige! die meinige die das Horaz!“ erwiederte Mauleverer, in⸗ dem er ſich in den Zähnen ſtocherte;„aber ich bin froh, daß Sie die gebietriſche Nothwendigkeit ein⸗ ſehen, dieß Geheimniß vor Luciens Argwohn zu be⸗ wahren. Sie liest keine Zeitungen, hoff' ich— Mädchen leſen ſie ja nie!“ „Nein! und ich will dafür ſorgen, daß ſie ihr nicht unter die Hand kommen; und da ſie in Folge der Trauer um meinen kürzlich verſtorbnen armen Bruder Niemand als uns ſieht, ſo iſt es unwahv⸗ ſcheinlich, daß wenn auch Lovetts Anſprüche auf den Namen Clifford entdeckt werden, es ihr zu Ohren kommen ſollte!“ „Aber die verwünſchten Diener!“ »Allerdings wahr! aber bedenken Sie, ehe dieſe es wiſſen, müſſen es die Zeitungen haben; ſo daß, 4* 53 wenn es je Noth thäte, wir noch Zeit genug ba⸗ ben, ſie zu warnen. Ich darf nur Luciens Kam⸗ merfrau ſagen:„Ein armer Gentlewan, ein Freund des ſeligen Squire, mit dem Eure Gebieterin zu tanzen pflegte und den Ihr auch geſehen haben müßt— Capitän Clifford iſt— iſt auf Leben nud Tod angeklagt; es würde das arme Kind bei ihrem gegenwärtigen Geſundheitszuſtand angreifen, wenn man ihr von dieſem Unglück eines Freunds von ih⸗ rem Vater ſagtes deßhalb ſchweigt, wenn euch Eu⸗ re Stelle und zehn Guineen lieb ſind,— ſo kann ich mich ſo ziemlich auf ihre Verſchwiegenheit ver⸗ laſſen.“ „Sie ſollten Präſident ſeyn bei dem Mittel⸗ und Wege⸗Ausſchuß!“ rief Mauleverer,„mein Herz iſt jetzt beruhigt; und wenn einmal der arme Clif⸗ ford ans dem Wege iſt:„von der ſtolzen Höh gefallen,“ können wir ihr die Sache auf milde Weiſe eröffnen, und da ich mich hierbei ſehr ſcho⸗ nend und ehrerbietig zu benehmen mich befleißigen werde, ſo kann ſie nicht umhin, für meine Güte und wahre Zärtlichkeit empfänglich zu ſeyn.“ „Und wenn ein lebendiger Hund beſfer iſt, als eln todter Löwe,“ ſetzte Braudon hinzu,„ſo iſt gewiß ein lebhafter Lord beſſer, als ein gehängter. Straßenräuber!“ „Nach der gemeinen Logik,“ erwiederte Maule⸗ verer,„iſt dieſer Schluß einleuchtend genug; und ob⸗ wohl ich gerne glanbe, daß ein Mädchen dann und — ————„ ba⸗ am⸗ und zu ben nud rem enn ih⸗ Eu⸗ ann ver⸗ tel⸗ er lif⸗ öh ilde cho⸗ gen und als iſt gten ule⸗ 0Ob⸗ und wann noch mit dem Andenken eines geſchiedenen Ge⸗ liebten ſich beſchäftigen mag, ſo wird ſie dieß wohl in dem Fall unterlaſſen, wenn auf ſeinem Andenken eine Schmach laſtet. Liebe iſt nichts anderes als be⸗ friedigte Eitelkeit; verwunde die Eitelkeit, ſo zer⸗ ſtörſt du die Liebe. Lucie wird ſich genöthigt ſe⸗ hen, nachdem ſie in der Wahl eines Geliebten ſo un⸗ glücklich war, in der Wahl eines Gatten deſto klüger zu ſeyn— um ſich bei ſich ſelbſt wieder in Achtung zu ſetzen.“ „Und deßwegen ſind Sie ihrer gewiß!“ ſagte Brandon ironiſch. „Dank meinem Stern,— meinem Hoſenband — meinem Vorfahren, dem erſten Baronen und mir, dem erſten Grafen,— ich hoffe es zu ſeyn!“ ſagte Mauleverer und das Geſpräch kam auf andere Gegenſtände. Mauleverer blieb nicht mehr lange bei dem Richter, und Brandon, nun allein, machte ſich wieder an ſeine Briefe. Wir können uns kaum vorſtellen, welche Empfin⸗ dungen in Einem, der Brandon nur in ſeinen ſpä⸗ tern Zeiten kannte, aufgeſtiegen wären, hätte er dieſe Brieſe, die einer ſo viel frühern Zeit ange⸗ hörten, geleſen. In dem heftigen, und wenn wir ſo ſagen dürfen, dürren Charakter dieſes Mannes lag ſo wenig, was einen Gedanken an Liebedienerei oder jugendliche Galanterie erweckte, daß ein Brief⸗ wechſel dieſer Art beinahe ſo unnatürlich erſcheinen konnte, als die Dichtungen von der Liebe der Pflan⸗ zen, oder den zärtlichen Neigungen der Geſt eine. 54 Die vor Brandon liegende Correſpondenz ſchilderte mannigfache Empfindungen, aber alle gehörten in Eine Claſſe; das Meiſte waren offenbar Antworten auf Briefe von ihm. Das einemal antworteten ſie zärtlich auf Ausdrücke der Zärtlichkeit, aber ließen einen Zweifel blicken, ob die Schreiberin im Stan⸗ de ſeyn würde, ſein künftiges Glück zu ſichern, und ihm Erſatz zu bieten für gewiſſe Opfer hinſichtlich der Geburt und des Vermögens und ehrgeiziger Aus⸗ ſichten, worauf ſie hindeutete; zu andern Zeiten ſchien eine Ader geheimer Coquetterie den Styl zu durch⸗ driugem; ein unbeſchreiblich kaltes und zurückhalten⸗ des Weſen contraſtirte gegen frühere Stellen der Correſpondenz und war ganz geeignet, dem Leſer den Eindruck zu machen, daß die Gefühle des Liebhabers nicht ganz mit gleicher Innigkeit erwiedert wurden. Häufig warf ihm die Schreiberin, als wäre Bran⸗ don ſelbſt auf dieſe Vermuthung gekommen, ſeinen unbilligen, eiferſüchtigen und unwürdigen Verdacht vor, und der Ton des Vorwurfs war in jedem Brief ein anderer, bald munter und ſatiriſch, bald ſanuft und entſchuldigend, dann wieder ſcharf und abwägend und oft ſtolz und unwillig. In der ganzen Corre⸗ ſpondenz jedoch von Seiten der Geliebten, prägte ſich eine hinreichend ſcharfe Individualität aus, um einen ſeinen Beobachter ziemlich befriedigende Blicke in den Charakter der Verfaſſerin werfen zu laſſen. Er würde vielleicht das Urtheil gefällt haben, ſie habe ein lebhaf⸗ tes und feuriges Gefühl, aber für gewöhnlich eine erte in rten ſie eßen tan⸗ und tlich Aus⸗ chien urch⸗ lten⸗ der den bers rden. ran⸗ einen dacht f ein und ägend orre⸗ e ſich einen in den würde ebhaf⸗ eine nicht tiefe, launige Gemüthsart beſeſſen, ſehr geneigt⸗ wie es ſchien, ſich beleidigt zu finden und darüber zu grollen. Mit dieſen Briefen waren andere von Brandons Handſchrift vermiſcht— in wie ganz anderem, leidenſchaftlichem Ton geſchrieben! Alles was ein tießer, ſtolzer, ſinnender und grübelnder Charakter von hingebender Liebe träumen, von ex⸗ wiederter Liebe verlangen konnte, das war brennend in dieſen Blättern ausgeſchüttet, und doch waren ſie voll von Vorwürfen— von Eiferſucht— von ängſtlicher und peinlicher Beobachtung, eben ſo ge⸗ macht um zu verwunden, wie die Glut darin hin⸗ reiſſen konnte; und oft brach die bittere Anlage zur Menſchenverachtung, welche ſeinem Tempera⸗ ment eigen war, durch die zärtlichſte Schwärmerxei der Huldigung, die ſanfteſten Ergüſſe der Liebe her⸗ vor.„Du ſahſt mich geſtern nicht,“ ſchrieb er in einem Brief,„aber ich ſah Dich, den ganzen Tag war ich bei Dir; Du hatteſt keine Miene, welche mir unbemerkt blieb; Du machteſt keine Bewegung, welche ich nicht in meinem Gedächtniß verzeichnete. Julie, zitterſt Du, wenn ich Dir dieß ſage? Ja, wenn Du ein Herz haſt, ſo weiß ich, dieſe Worte haben es bis ins Innerſte durchſtochen! Du giebſt Dir vielleicht den Schein, mit Unwillen mir zu aut⸗ worten! Kluge Heuchlerin! Es iſt ſehr, ſehr liſtig, ſich erzürnt zu ſteltlen, wenn man keine Antwort hat. Ich wiederhole es— während dieſer ganzen Luſtparthie,(Luſtparthie! nun, dein Geſchmack, man muß es geſtehen, iſt unvergleichlich!—) welche Du geſtern mitmachteſt und woran Theil zu nehmen, Du mich ſo obenhin bateſt, haftete mein Auge auf Dir. Du wußteſt nicht, daß ich im Walde war, als Du den Arm des unvergleichlichen Digby mit ſo artig erheuchelter Unruhe annahmſt, in dem Au⸗ genblick als die Schlange, die mein Fuß aufſtörte, über euren Weg ſchlüpfte. Du wußteſt nicht, daß ich in Gehörsweite von dem Zelte war, wo Ihr ein ſo vergnügliches Mahl einnahmt und von wo aus Euer Gelächter mit ſo vielen luſtigen Tönen die Lüfte erfüllte. Gelächter!— OJulie, kannſt Du mir ſagen, Du liebeſt mich, und doch fröhlich ſeyn, bis zur Luſtigkeit, wenn ich weg bin? Liebe! o Gott, was iſt die meinige eine ganz andre Empfindung! die meinige gibt den Grundton meines ganzen Lebens an und die deinige! Ich ſage Dir, ich meine zu Zeiten, ich wollte lieber deinen Haß auf mir haben, als das lauwarme Gefühl, das Du gegen mich hegſt und mit dem Namen Neigung beehrſt. Herrlicher Ausdruck! Ich habe keine Neigung für Dich. Weg mit dieſem kränklichen Wort! aber verſuche mit mir, o Julie, mit mir einen Ansdruck aufzu⸗ finden, der nie im Munde eines Andern zu ei⸗ ner armſeligen Bedentung herabgewürdigt wurde. Neigung! ach das iſt ein Name für eine Schweſter, ein Name für ein Mädchen gegen ihr Eichhörnchen! aber nicht gemacht iſt er für dieſe rothen, reifen Lippen! Soll ich dieſen Abend in dein Haus kom⸗ en, auf ar, mit Au⸗ rte, daß Ihr wo nen Du bis was ige die ich das und her ich. che zu⸗ ei⸗ ter, en! fen men? Deine Mutter hat mich gebeten und Du— Du haſt es angehört und nichts geſagt! O! Aber das war mädchenhafte Zurückhaltung— war es das? und mädchenhafte Zurückhaltung vermochte Dich auch, ein Buch zu ergreifen im Angenblick, wo ich Dich verließ, als gäbe meine Geſellſchaft nur eine gewöhuliche Unterhaltung, der man ſogleich eine andere folgen laſſen muß. Seit ich Dich geſehen habe, ſind Geſellſchaft, Bücher, Eſſen— Alles mir verhaßt; aber Du, theure Julie, Du kannſt leſen,kannſt Du es 7 Nun aber, als ich Dich verleß, verweilte ich noch vor dem Fenſter des Geſellſchaftzimmers ſtundenlang, bis zur Dämmerung, und Du ſchlugeſt auch nicht Einmal die Augen auf und ſahſt mich nicht hin und her gehen. Wenigſtens, dachte ich, werdeſt Du doch auf meine Tritte gehorcht haben, als ich dein Haus ver⸗ ließ; aber ich irre mich, reitzende Moraliſtin! nach deinen Grundſätzen wäre eine ſolche Aufmerkſamkeit gem ein geweſen!“ An einer andern Stelle des Briefwechſels ſuchte ſich ein noch ernſterer, wenn nicht tieferer Strom von Empfindungen Luft zu machen: „Du ſagſt, Julie, wenn Du Einen heirathen ſoll⸗ teſt, der ſo viel an das denkt, was er deinetwillen aufgiebt, und von Dir eine eben ſolche ungeheure Erwiederung ſeiner Liebe verlangt, ſo müßteſt Du wegen des zukünftigen Glücks von uns beiden zit⸗ tern. Julie, die Alltäglichkeit einer ſolchen Beſorg⸗ niß beweist mir, daß Du nſcht wahrhaft liebſt. Ich — —— — 58 zittre nicht wegen unſres künftigen Glücks) im Ge⸗ gentheil, die Stärke meiner Leidenſchaft für Dich macht es mir zur Gewißheit, daß wir nie glück⸗ lich ſeyn können, nie auſſer dem erſten trunknen Entzücken der Vereinigung. Glück iſt ein ruhiges ſtilles Gefühl. Kein Gefühl, das ich je gegen Dich empfinden kann, wird dieſe Prädicate verdienen— ich weiß, daß ich dem Elend und dem Fluche ver⸗ fallen bin, wenn ich mit Dir verbunden ſeyn werde. Staune nicht! ich will Dir ſogleich ſagen warum. Ich träume nicht von Glück, und Du, könnteſt Du nur einen Tropfen von dem dunkeln grenzenlo⸗ ſen Meer meiner Empfindungen ergründen, würdeſt mir auch dieß Wort nicht nennen. Die krämerhafte, kaltherzige Berechnung der Wahrſcheinlichkeit einer dereinſtigen Glü ck ſe⸗ ligkeit,(welches Predigtbuch lieferte Dir einen ſo gewählten Ansdruck2) findet keinen Raum in einer Seele, welche mit einer Alles überwältigenden Liebe liebt. Die Leidenſchaft ſieht nur auf Einen Gegen⸗ ſtand und nicht darüber hinaus— ich dürſte, ich ſchmachte— nicht nach Glück, ſondern nach Dir! Müßte mich dein Beſitz unausbleiblich an einen Abgrund von Quat und Schande führen: meinſt Du ich würde uin ein Jota weniger darnach lechzen? Wenn Du nnr Einen Gebanken, Eine Hoffnung, Eine dämmernde Vorſtellung hegſt von etwas An⸗ derem auſſer dem Einzigen, daß Du die Meinige werden ſollſt: ſomagſt Du der Achtung der Menſchen ze⸗ ich ck⸗ en es ich er de. m. eſt ⸗ eſt der ſo ner tebe en⸗ ich nen en? ug, An⸗ nige 59 würdiger ſeyn; aber völlig unwerth biſt Du meiner Liebel“ 0 E 8 — 5 5 8 „Jetzt will ich Dir ſagen, woher ich weiß, daß wir nicht glücklich ſeyn können. Erſtlich: wenn Du ſagſt, ich ſey ſtolz auf meine Geburt, beſitze einen krankhaft reitzbaren Ehrgeitz und großes Verlangen, in der Welt zu glänzen; ich werde, nachdem der erſte Rauſch der Liebe verflogen, Bitterkeit gegen das Weib fühlen, die meinen Stolz ſo gedemüthigt und meine Ausſichten ſo verfinſtert habe: ſo will ich nicht mit Zuverſicht behaupten, daß du Dich völ⸗ lig täuſcheſt. Aber das weiß ich gewiß, daß das raſche Heilmittel in Deiner Macht iſt. Haſt Du die Geduld, Julie, eine Art»on Geſchichte meines Lebens oder vielmehr meiner Gefühle anzuhören? Wenn Du ſie haſt, ſo iſt dieß vielleicht die beſte Art, Alles was ich vorzubringen habe, auseinander zu ſetzen. Du wirſt dann ſehen, daß mein Familien⸗ ſtolz und mein weltlicher Ehrgeiz durchaus nicht auf denſelben Grundlagen beruhen, welche mich über Andre lachen machen; wenn indeß meine Gefühle hierin, wie Du andenten willſt, ebenſo Veranlaſſung zum Spott geben, ſiehe, meine Julie, ſo kann ich auch über ſie lachen! So ein weſeutliches Bedürf⸗ niß iſt mir die Geringſchähung, daß ich eher mich ſelbſt verachten wollte, als gar Keinen haben, den ich verachten könnte; doch zu meiner Erzählung! 60 Wiſſe denn, wir waren unſrer nur zwei Ge⸗ ſchwiſter, Söhne eines Squire auf dem Lande von alter Familie, welche vordem weitläufige Beſitzungen und einen gewiſſermaſſen hiſtoriſchen Namen hatte. Wir lebten auf einem alten Landſitz; mein Vater war ein Freund von Schmauſereien und Gaſtereien, ein Fuchsjäger, ein Trunkenbold, aber in ſeiner Art ein feiner Gentleman und ein Mitglied der Ge⸗ fellſchaft, das ihr wenig Ehre machte. Die erſten Empändungen rückſichtlich ſeiner, auf die ich mich beſinnen kann, waren die der Schaam. Wenig An⸗ läß zum Familienſtolz alſo, wirſt Du ſagen! Aller⸗ dings, und das war gerade der Grund, der mir den Familienſtolz in andrer Weiſe einflößte. Meines Vaters Haus wimmelte von Gäſten, hohen und niedrigen, und Alle ſtimmten darin zu⸗ ſammeu, daß ſie ſich über den Wirth luſtig machten. Bald entdeckte ich dieſen Spott und Du kannſt Dir leicht denken, daß ich keine Freude daran hatte. Der alte Jäger indeß, deſſen Familie etwa eben ſo alt war als die unſrige und deſſen Ahnen'in derfel⸗ ben Eigenſchaft wie er den Ahnen ſeines Herrn ſeit undenklichen Zeiten gedient hatten, erzählte mir Geſchichten über Geſchichten von den Brandons der frühern Zeit. Ich wandte mich von den Geſchichten zur eigentlichen Geſchichte und fand, daß die Legen⸗ den ziemlich glaubhaft waren. Bei dieſer Entdeck⸗ ung begann ich zu glühen; mein Stolz, gedemüthigt wenn ich an weinen Herrn Vater dachte, lebte wie⸗ e⸗ on en te. 6¹ der auf, wenn mir meine Vorfahren einfielen— ich faßte den Entſchluß ihnen nachzueifern, den geſunk⸗ nen Namen wieder herzuſtellen und baute mir tolle Luftſchlöſſer von dieſen Entwürfen. Die Neigung, über dieſen Gedanken zu brüten, nahm in mir über⸗ hand; ich vernahm keinen Scherz auf Koſten meines väterlichen Pflegers;;ich ſah nie den trunkenen Blick ſeiner umnebelten Augen, hörte nie eine ausgeſuchte Nichtswürdigkeit von ſeinem faſelnden Munde, ohne daß meine Gedanken augenblicklich zu den Sir Charles und Sir Roberts meines Stammes zurück⸗ flbhen, und ich mich mit der Hoffnung tröſtete, die jetzige Entartung werde vorübergehen. Daher, Julie, mein Familienſtolz; daher auch ein andres Gefühl, das Dir an mir mißfällt, meine Menſchenverachtung. Ich lernte zuerſt meinen Vater, den Wirth verachten; und dann auch meine Bekannten, ſeine Gäſte; denn ich ſah, daß ſie ihm ſchmeichelten, während ſie ihn verſpot⸗ teten, und daß ihre Neigung zur Fröhlichkeit nicht die einzige war, welche ſie auf ſeine Koſten zu be⸗ ſriedigen wußten. So wuchs die Menſchenverachtung mit mir groß und ich hatte nichts, um ihr entge⸗ genzuarbeiten; denn wenn ich mich umſah, fand ich keine Seele, die ich achten konnte. Dieſer mein Va⸗ ter hatte jedoch ſo viel Verſtand, zu merken, daß ich kein Dummkopf ſey⸗ Er war ſtolz(der arme Mann!) auf meine Talente, d. h. auf die Preiſe die ich in der Schule gewann und die Glückwunſch⸗Schrei⸗ den meiner Lehrer. Er ſchickte mich auf das Co“ — 62 legium; hier nahm mein Geiſt einen Anlauf— ich will Dir ſagen, Liebſte, was es war! Ehe ich dahin kam, hatte ich einige hübſche unbeſtimmte-Traum⸗ vorſtellungen von Tngend. Ich gedachte die Ehre meiner Ahnen durch Rechtſchaffenheit wieder zu de⸗ leben; kurz ich war ein Embryo von einem König Pipin. Aus dieſem Traum erwachte ich auf der Univerſität; da begriff ich zum erſtenmal die wahre Wichtigkeit des Standes. In der Schule, weißt Du Julie, bekümmern ſich die Knaben nichts um einen Lord. Ein guter Kol⸗ ben ſpieler, ein wackrer Geſelle wiegt alle Grafen der Peerſchaft auf. Aber auf dem Collegium hat Das Alles ein Ende; Ballen und Schlegel ſanken jetzt zu der Werthloſigkeit herab, in welcher Corallen und Uhrgehänge zuvor geſtanden hatten. Man wächſt zum Mann heran und bekommt Achtung vor Kro⸗ neu und ſchöuen Wagen. Ich ſah, es war wohl hübſch, einen Preis zu gewinnen, aber es war doch gehnmal hübſcher, in Geſellſchaft eines Peers einen Rauſch zu trinken. Und ſo bewog mich, als ich je⸗ nes gethan hatte, das Verlangen, meiner Ahnen würdig zu werden, auch das zweite zu thun— zwar nicht im vollen Umfang; ich bekam nieeinen Rauſſch, mein Vater verleidete mir dieſen Fehler ſchon frühe. Seiner Schlemmerei verdanke ich meine Genügſam⸗ keit mit Pflanzenkoſt, und ſeiner Trunkſucht meine Anhänglichkeit an das Waſſer. Nein— ich betrank mich nicht mit Peer's; aber ich war bei ihnen doch ich hin um⸗ bre de⸗ nig der ahre ſich Kol⸗ der Das jetzt und ächſt Kro⸗ pohl doch inen je⸗ hnen war ſch, ühe. ſam⸗ eine rank doch 63 ſo wobl gelitten, als hätte ich mich mit ihnen bezecht wie ſie ſelbſt. Ich Fand ganz intim mit allen Hüten auf der Univerſität, und wurde deßhalb von den Kappen ſo angeſehen, als hätte mein Kopf die Höhe aller der Hüte erlangt, welche ich kannte. Aber es war dieß nicht von Vorne herein ſo. Ich muß Dir zwei kleine Anekdoten erzählen, die mich zuerſt in das Geheimniß ächter Größe einweihten. Die erſte iſt folgende: ich ſaß mit einigen Collegiums⸗Genoſſen, ernſten und geſchickten Leuten, zu Tiſche; zwei davon die mich nicht kantten, unterhielten ſich pon mir; ſie hätten gehört, ſagten ſie, ich werde nie ein ſd guter Geſelle werden wie mein Vater, nie einen ſolchen Keller und ein ſo gaſtfreies Haus haben. »Ich habe ſechs Grafen und einen Marguts dort getroffen, fagte der andre Senivr.“ „Und ſein Sohn,“ verſetzte der erſte Herr wieder, pflegt nur mit armen Teufeln Umgang, glaub ich.“ „So muß man alſo,“ ſprach ich bei mir ſelbſt, „uim das Lob kluger Leute zu verdienen, gute Weine haben, viele Grafen kennen und den Umgang mit armen Teufeln verſchwören!“ Pichts konnte richtiger ſeyn, als mein Schmnt. Die zweite Anekdote: An dem Tage, wo ich ei⸗ neu großen Preis der Univerſität gewaun, lud ich meine Freunde zum Eſſen bei mir ein; vier davon lehnten es ab, weil ſie verſagt ſeyen,(ſie waren ein⸗ geladen worden erſt nachdem ich ſie zu mir gebeten,) 64 bei Wem? bei dem reichſten Mann auf der Univer⸗ ſitãt. Dieſe gleichzeitigen Vorfälle verſenkten mich in eine tiefe Träumerei; ich erwachte und wurde⸗ ein Mann der Welt. Ich entſchloß mich, nicht län⸗ ger den Tugendhaften zu machen und dem Ruhme der Römer und Athener nachzujagen— ich ent⸗ ſchloß mich, nach Reichthum, Macht und einem Na⸗ men in der Welt zu trachten. Ich ſchwor meine ehrlichen armen Teufel ab, und hielt mich, wie ſchon geſägt, zu einigen reichen Hüten. Siehe da meinen erſten großen Schritt in die Welt! Ich wurde ein Schmeichler und Schma⸗ rotzer. Wie! konnte das mein Stolz ertragen? ja freilich, mein Stolz freute ſich daran, denn es ki⸗ tzelte meine Verachtung, dieſe vornehmen Leute mir nützlich zu machen! es kitzelte zu ſehr, wie leicht ich ſie beſchwatzen konnte und zu welch einer Menge von Abſichten ich die beſchwerliche Laſt ihrer Be⸗ kanntſchaft verwenden mochte. Nichts iſt chörich⸗ ter als die Meinung: eitle vornehme Leute ſeyen vicht zu brauchen! man kann ſie brauchen zu was man will, zu Allem was ein kluger Kopf aus ihnen zu machen Luſt hat. Nun ſieche Julie, wie mein⸗ Charakter bereits gebildet war! Familienſtolz, Men⸗ ſcheuverachtung und Ehrſucht— da haſt Du ihn! ſpätere Verhältniſſe prägten nur das ſchon Ange⸗ legte ſchärfer aus. Ich wünſchte nach dem Abgang vom Collegium auf Reiſen zu gehen; mein Vater ich in⸗ me t⸗ a⸗ e⸗ 18 konnte mir kein Geld geben. Was wollte das ſa⸗ gen? ich ſah mich unbeſorgt nach einem Bekannten um, der reicher war als meines Vaters Kaſſe; ich fand einen ſolchen in Lord Mauleverer; er war mit mir auf dem Colleginm geweſen, nud ich konnte ſeine Geſellſchaft wohl ertragen, denn er hatte Bil⸗ dung, Witz und Gutmüthigkeit; ſch brachte ihn auf den Wunſch, ins Ausland zu gehen, und auf den Gedanken, er würde vor langer Weile ſte ben, wenn ich ihn nicht begleitete. Ich willigte mit Wider⸗ ſtreben in ſein Verlangen, daß ich dieß thun ſolle, und ſah Alles in Europa, was er zu ſehen ver⸗ ſäumte, auf ſeine Koſten. Was mich am meiſten veluſtigte, war die Beobachtung, daß ich, der Schma⸗ rotzer, von ihm geachtet, und er, der Wohlthäter, von mir verlacht wurde! ſo wäre es nicht gekom⸗ men, wenn ich bei meiner Tugend geblieben wäre. Nun, holdeſte Julie, die Welt gab, wie ge⸗ ſagt, meinen Univerſitäts⸗Erfahrungen die Weihe ihrer Beſtätigung. Ich kehrte nach England zurück, mein Vater ſturb und hinterließ mir keinen Schil⸗ ling und meinem Biuder ein ſo verſchuldetes Gut, daß er nichts davon bezog und zugleich mit ſolchen Bedingungen, daß er es nicht verkaufen konnte. Jetzt war für mich die Zeit gekommen, die Erfah⸗ rungen zu nutzen, deren ich mich rühmte. Ich er⸗ kannte die Nothwendigkeit, einen Beruf zu ergrei⸗ fen. Ein Beruf iſt eine Maske für den armen Spitzbuben! er giebt dem Betrug ein Anſehen und Bulwer's Romane. XXIXN. 5 56 einen Anſpruch, auf Anderer Koſten zu leben. Ich muſterte meine Talente und betrachtete die Einrich⸗ tungen meines Vaterlandes; hieraus ergab ſich der Entſchluß, mich an der Schranke zu verſuchen. Ich beſaß eine unerſchöpfliche Aufmerkſamkeit und Thä⸗ tigkeit; ich war lebhaft, ſchlau und kühn. Alle dieſe Eigenſchaften gelten bei den Gerichtshöfen. Ich hielt meine geſetzlichen Termine, ich ward berufen, ich beſuchte meinen Bezirk— und ich erhielt keine Rechtsſache, keine, Julie! meine nie ſehr feſte Ge⸗ ſundheit wankte unter dem Studium und der Ge⸗ reiztheit meines Gemüths; man verordnete mir, mich aufs Land zu begeben, ich kam in dieſe Stadt, die abgelegen und geſund iſt. Ich wohnte im Hauſe Deiner Muhme, Du kamſt täglich dahin,— ich ſah Dich— das Uebrige weißſt Du. Aber wo waren, wirſt Du fragen, während dieſer Zeit all die vor⸗ nehmen Freunde? Beim Himmel, ſeit wir das Col⸗ leginm verlaſſen, hatten ſie etwas von der Weisheit gelernt, welche ich damals ſchon beſaß; ſie hatten keine Luſt, etwas umſonſt auszugeben; ſie hatten jüngere Brüder, Vetter, Mätreſſen und wohl gar auch Kinder, für die ſie ſorgen mußten. Zudem hat⸗ ten ſie Ausgaben genugz je reicher Einer iſt, deſto weniger hat er zu geben. Einer von ihnen hätte mir eine Pfründe übertragen, wenn ich hätte in die Kirche, ein Anderer eine Offizierſtelle, wenn ich hätte in ſein Regiment treten wollen. Aber ich ſah wohl, daß die Zeit für mich vorbei war, Geiſtlicher ich⸗ der Ich hä⸗ ieſe Ich fen, eine Ge⸗ Ge⸗ nich die auſe ſah ren, vor⸗ Col⸗ heit tten tten gar hat⸗ eſto ätte die ich ſah cher oder Soldat zu werden; auch verlangte ich nicht blos zu leben, oder auch behaglich zu leben, ſondern ich wollte in den Beſitz von Macht und Anſehen kom⸗ men, und ſo lehnte ich dieſe Anerbietungen ab. An⸗ dere meiner Freunde hätten mit dem größten Ver⸗ gnügen mich in ihr Haus aufgenommen, mir Feſte gegeben, mit mir geſcherzt, wären mit mir geritten — aber weiter auch nichts! Aber ich hatte bereits ſo viel Einſicht, um zu begreifen, daß wenn Einer durch Kunſt und Gewandtheit zur Auszeichnung ſich emporſchwingt, es nicht mit Bedienten⸗Schritten ge⸗ ſchehen darf. Man muß Gunſtbezengungen und Gön⸗ nerſchaften annehmen, aber mit der Art eines un⸗ abhängigen Mannes. So wurden mir meine alten Freunde unbrauchbar, meine Geſetzesſtudien verhin⸗ derten mich, neue zu gewinnen, ja ſie entfremdeten mich den alten; denn die Leute mögen ſagen, was ſie wollen, daß die Gleichheit der Anſichten das Haupterforderniß zur Freundſchaft ſey; die Gleich⸗ heit der Lebensweiſe iſt es weit mehr. Der, mit dem du ißſt, frühſtückſt und zuſammeuwohnſt, gehſt, reiteſt, ſpielſt oder ſtiehlſt: der iſt dein Freund! nicht der, welcher den Virgil eben ſo liebt wie du, und mit dir in der Bewunderung Händels zuſam⸗ menſtimmt. Meine Hauptbente indeß, Lord Maule⸗ verer, war weg; er hatte die Duleinea eines Andern entführt und in Italien einen Schlupfwinkel ge⸗ ſucht; ſeitdem habe ich von ihm nichts mehr gehört und geſehen und kenne ſelbſt ſeinen Aufenthalt nicht⸗ —— 58 Mit Ausnahme von ein paar ſchmalen Zuſchüſſen meines Bruders, des gutherzigen Mannes! den ich noch mehr ausplündern könnte, wäre ich nicht ent⸗ ſchloſſen, das Gut der Familie nicht zu ruiniren, bin ich ganz mir ſelbſt überlaſſen geweſen; der Er⸗ folg davon iſt, daß ich, obgleich ſo geſcheut als Andre meines Gleichen, kaum den Hungertod mir vom Leib gehalten habe; wären meine Bedürfniſſe weni⸗ ger einfach, ſo hätte ich mich ſeiner nicht erwehrt. Aber nicht leicht ſtirbt ein Mann Hungers, der Waſſer trinkt und ſeine Speiſe nach dem Loth ab⸗ wiegt. Aber etwas Anderes hätte mich nachdrück⸗ licher und gefährlicher treffen können; getäuſchte Erwartung, Zorn, betrogne Hoffnung, gekränkter Stolz— Alles dieß, was an meinem Herzen nagte, hätte es längſt aufreiben können, wäre nicht die tiefgegründete, eiſerne, trotzige Härte geweſen, wo⸗ mit die Natur— nein, ich muß um Verzeihung bitten, das iſt nicht Natur!— womit die Verhält⸗ niſſe mich ausgerüſtet. Dieſe hat mich auf⸗ recht erhalten und wird mich durch Zeit, Schmach, körperliche Schwäche und geiſtige Unruhe hindurch begleiten, bis mein Ehrgeiz eine gewiſſe Höhe er⸗ reicht und meine Verachtung menſchlicher Armſelig⸗ keit ſich ſowohl an den Quellen des äußerlichen Glücks, als an der innerlich ſtrömenden Quelle bit⸗ teren, an ſich ſelbſt zehrenden Troſtes vollgeſchwelgt hat. Und doch, o Julie, ich weiß nicht, ob auch dieß mich aufrecht erhalten häfte, wenn vicht mein — 8S e— Herz gerade in dem Zeitpunkt, wo ich am tiefſten verwundet, körperlich geſchwächt, und geiſtig verbit⸗ tert war, das Deinige gefunden und ihm zugeeilt wäre; ich ſah Dich, liebte Dich, und das Leben ge⸗ wann für mich eine neue Geſtalt. Selbſt jetzt, wo ich Dir dieß ſchreibe, verſtiegt alle Bitterkeit, aller Stolz; Alles, wonach ich verlangt habe, verſchwin⸗ det, ſelbſt mein Ehrgeiz iſt weg— ich habe keinen Wunſch mehr als Dich, Julie! ſchöne angebetete Julie! Wenn ich Dich iebe, liebe ich ſogar mein Geſchlecht. O, Du weißt nicht, welche Gewalt Du über mich haſt! Mißbrauche ſie nicht! Du kannſt mir noch alles verwirklichen, wovon ich als Knabe träumte, aber Du kannſt auch jeden Gedan⸗ keu, jedes Gefühl, jede Empfindung in mir zu Stein verhärten. E—— 6*— 5 Ich wollte Dir ſagen, warum ich kein Glück von unſrer Verbindung erwarte. Du kennſt jetzt mein Weſen. Du haſt die Geſchichte meines Lebens verfolgt, indem Du die Geſchichte meines Charak⸗ ters verfolgteſt. Du ſiehſt was ich aufgebe, wenn ich Dich gewinne. Ich ſträube mich nicht gegen das Opfer. Ich gebe das eigentliche Weſen meines Geiſts und meiner Seele, wie ſie jetzt ſind, auf. Ich höre auf, ein Weltkind zu ſeyn. Ich kann mich nicht erheben; ich kann den Namen meiner Ahnen nicht mehr beleben; ja ich will ihn für immer verlaſſen⸗ 7⁰ Ich will einen andern Namen annehmen. Ich will mich zu einem andern Rang im Leben herunterge⸗ ben. In einer abgelegnen Stadt mittelſt eines nie⸗ drigeren Berufs als mein bisheriger war, müſſen wir unſern Lebensunterhalt gewinnen und über den Ehrgeiz lächeln. Ich ſag es Dir frei heraus, Ju⸗ lie, wenn ich die Augen meines Herzens ſchließe, wenn ich mein Auge von Dir abkehre, ſo macht mich dieſes Opfer erbleichen. Aber dann drängſt Du Dich mit Gewalt vor mein Auge, und ich fühle, daß Einer Deiner Blicke mir mehr als Alles iſt. Wenn Du mit mir tragen kannſt, wenn Du mich tröſten kannſt, wenn Du, falls eine Wolke über mein Gemüth zieht, ſie unbemerkt vorübergehen laſ⸗ ſen und mich anlächeln kannſt, ſobald ſie weg iſt— o Julie! dann giebt es keine ſo bittre Armuth, keine Verfolgung des Schickfals, keine Verzichtleiſtung auf frühere Träume, die mir nicht Wonne und Ent⸗ zücken ſeyn würden, verbunden mit der Seligkeit, zu wiſſen, daß Du mein biſt. Nie ſollte Dir meine Lippe, nie mein Ange Dir ſagen, daß es Etwas auf Erden giebt, das ich bereuen, nach dem ich mich ſehnen könnte. Nein Julie! könnte ich meinem Her⸗ zen mit dieſer Hoffnung ſchmeicheln: Du würdeſt mich nicht bei einer Verbindung mit Dir Unglücks⸗ Ahnungen ausſprechen hören! Aber ichzittre, Julie, wenn ich Deine Gemüthsart und die meinige be⸗ denke; Du wirſt einen trüben Blick von Einem, der nie fröhlich jſt, für eine Beleidigung nehmen; Du l⸗ wirſt jeden Ausbruch der Leidenſchaft gegen das Schickſal oder Andre, als einen Vorwurf gegen Dich anſehen. Du kannſt Dich auch nicht in mein Weſen finden, Du kannſt nicht in ſeine Tiefen hinabſteigen, nicht ſehen, und noch viel weniger zu beſchwichtigen ſuchen wirſt Du die grübelnde, luchsäugige Eifer⸗ ſucht die hier wohnt. Holdeſte Julie, nach jedem Athemzug, jeder Berührung, jedem Blick von Dir ſchmachte ich weit heftiger als eine Mutter nach dem Kinde ſich ſehnt, das ihr auf Jayre lang entriſſen wird. Dein Haupt lehnte einmal auf einem alten Baum, erinnerſt Du Dich deſſelben noch, in der Nähe von***2— und jeden Tag, nachdem ich Dich ge⸗ ſehen, ging ich hin um ihn zu küſſen. Wunderſt Du Dich über meine Eiferſucht? Wie kann ich Dich ſo ieben, und nicht eiferſüchtig ſeyn? mein ganzes Weſen iſt von Dir berauſcht. ** Dieß alſo, Dein Stolz und der meinige— Dein Wohlgefallen an der Bewunderung Andrer— Deine Flüchtigkeit, Jnlie! läßt mich eine ewige, immer ſtrömende Quelle von Seelenpein voraus ſehen. Es kümmert mich nicht; es kümmert mich nichts⸗ wenn nur Du mein wirſt, und wär' es nur für Eine Stunde!“ 3 Es ſcheint, daß trotz der ſonderbaren, bis⸗ weilen mit dem Charakter eines Liebhabers im Wider ſpruch ſtehenden, trotzigen und ſelbſtſüchtigen Weiſe dieſer Briefe Brandons, ber ächte Ton der Leidenſchaft, vielleicht ihre Originalität— unter⸗ ſtützt ohne Zweifel durch einige von dem Schreiber angewandte Beredtſamkeit und eine verrätheriſche Neigung von Seiten der Dame, endlich doch ſiegte, und daß zuletzt eine Verbindung geſchloſſen wurde, von der ſo unwahrſcheinlich war, daß ihr ein gün⸗ ſtiger Stern lächeln werde. Der Brief, welcher die Correſpondenz ſchloß, war von Brandonz er war am Abend vor der Vermählung geſchrieben, welche nach den Andeutungen dieſes Briefs in der Stille und heimlich vor ſich gehen ſollte. Nach ei⸗ nem ſchwärmeriſchen Erguß der Hoffnnung und Freude fuhr er alſo fort:„Ja Julie, ich widerrufe meine Worte; ich glaube nicht mehr, daß Du oder ich je Gründ haben werden, uns unglücklich zu fühlen. Dieſe Augen, welche ſo zärtlich auf den meinigen hafteten, dieſe Hand, deren Druck ich noch in jedem Nerven meines Weſens fühle; dieſe Lippen, die ſich ſp ſpröde— und doch, ſoll ich es ſagen 2 mit Wider⸗ ſtreben von mir abwendeten— Alles ſagt mir, daß Du mich liebſt und meine Befürchtungen ſind verbannt. Die Liebe, welche meine Natur beſiegte, wird auch das Einzige, was ich an Dir verändert ſehen möchte, beſiegen. Nichts könnte mich je ver⸗ mögen, Dich weniger anzubeten, obgleich Du dieß zu fürchten Dich anſtellſt; nichts als die Ueber⸗ zeugung, daß Du meiner unwürdig wäreſt, daß Du Gedanken an einen Andern hegteſt— dann— auch ——„——„——„— u⸗ u, P ei⸗ ne dann wünrde ich Dich nicht haſſen. Nein! das herr⸗ ſchende Gefühl meines frühern Daſeyns würde ſich wieder beleben, ich würde ſchwelgen in einem Ueber⸗ maß von Verachtung, ich würde Dich gering ſchä⸗ tzen— Dich verhöhnen, und wieder werden, was ich war, eh' ich Dich kannte. Doch warum rede ich ſo? Meine Braut, meine Wonne, vergieb mir!“ Inbem wir unſre Auszüge aus dieſer Eorreſpon⸗ denz beſchließen, bitten wir den Leſer folgendes ſich zu merken: Erſtens, daß die Liebe, zu weicher Brandon ſich bekanute, von jener heftigen und ſinnlichen Art war, welche einerſeits oft die am wenigſten dauernde und anbrerſeits die leicht in die fürchterlichſten Ex⸗ treme des Haſſes und ſogar des Widerwillens über⸗ gehende iſt. Zweitens, daß der Charakter, welcher mit ſo ſarkaſtiſcher Aufrichtigkeit ſich aufſchloß, of⸗ ſenbar bei der Geliebten entw⸗der gänzliche Hinge⸗ bung oder die kunſtreichſte Gewankheit erheiſcht; und Drittens, daß wir auf ſolche Eigenſchaften bei der ſchönen Schreiberin hindeuteten, welche eben zu keinen ſangüiniſchen Hoffnungen hinſichttich ſol⸗ cher Erforderniſſe berechtigten. Während der herbe und ſarkaſtiſche Brandon mit verzognem, aber oft auch mit bebendem Munde ſich ſelbſt zu dem Geſchäft zwang, ſich durch dieſe Denk⸗ male früherer Thorheit und jugendlicher Aufregung durchzuarbeiten, bringt uns pie weitere Darſtel⸗ lung der Begebenheiten, die jetzt raſch einer ver⸗ 7⁴ hängnißvollen, furchtbaren Kataſtrofe entgegen gin⸗ gen, auf die Erzählung von Thatſachen, welche viele Jahre früher fallen als die Zeit, bei der wir jetzt angekommen ſind. xrm Dreiunddreißigſtes Kapitel⸗ Clem. Der Jahre Schleier weg! was iſt dahinter 2 Ein menſchlich Herz! ORieſenſtadt, bewohnt, Von jeder Herrlichkeit und jeder Schande! Faul, aber ſchweigend, durch der Leiden⸗ 3 ſchaften 5455 Gebraus, ſtrömt hin er Fluß der Lieblings⸗ ſunde; Ein Leben und ein Gift trägt ſeine Welle. Elem. Dein Weib* A Vict. Fort fort! ich hab' dieß Wort vertauſcht mit 5, Spott! Clem. Dein Kind? Vict. Das traf mein Herz! mein Kind! mein Liebe und Haß von—— In einer abgelegenen Stadt in—— ſhire ſchlug ein junges Paar ſeinen Wohnſitz auf⸗ deſſen Er⸗ ſcheinnng und Lebensweiſe die Aufmerkſamkeit der Klatſchmäuler in der Nachbarſchaft in mehr als gewöhnlichem Grad auf ſich zog. Sie nannten ſich Welford. Der Mann griff zu dem Gewerbe eines t nit in ug Fr der ls Sachwalters.*) Er war ohne Empfehlungen und Protektion; ſeine Lebensweiſe verrieth Armuth; ſein Benehmen war zurückhaltend und ſogar herb und trotz der ſcharfen und neugierigen Aufmerkſamkeit womit er betrachtet wurde, gewann er keine Clien⸗ ten und bekam keine Prozeſſe. Der Mangel aller jener anſtändigen Charlatanerieen, welche die Leute jedes Berufs beinah nothgedrungen anwenden müſ⸗ ſen, und die plötliche unvorbereitete Art ſeines Auftretens waren vielleicht die Haupturſachen die⸗ ſes ſchlechten Glücks.„Sein Haus,“ ſagten die Leute,„ſey zu klein um Achtung und Vertrauen ein⸗ zuflößen!“ Und wenig Gutes ließ ſich auch von einem Sachwalter erwarten, bei welchem ſogar das Gitter um die Hausthüre ſo kläglich nach einem friſchen Anſtrich ſchmachtete. Zudem erwarb ſich auch Mrs. Welford eine ungehenre Menge Feindinnen. Sie war über alle Beſchreibung ſchön, und in ihrem Benehmen lag eine Art Coquetterie, welche zu zei⸗ gen ſchien, daß ſie ſich ihrer Reitze bewußt war. Alle Damen in—— haßten ſie. Wenige Leute beſuchten das junge Paar. Welford empfieng ſie kalt; ihre Einladungen wurden nicht angenommen und was noch ſchlimmer war, nie erwiedert. Der Teuſel ſelbſt hätte es mit einem Anwalt unter ſol⸗ chen Umſtänden nicht ausgehalten. Verſchloſſen, armſelig, dürftig, grob, unempfohlen, ein ſchlechtes *) Solicitor. 76 Haus, ein unangeſtrichenes Gitter und ein ſchönes Weib! Demungeachtet, obwohl Welford nicht zu Rathe gezogen wurde, ward er doch, wie wir ſchon geſagt, beobachtet. Anfangs nach ihrer Ankunft, im Sommer, ſah man oft das junge Paar in den Fel⸗ dern und Hainen, welche in der Nähe ihres Hau⸗ ſes waren, luſtwandeln. Bisweilen gingen ſie zärt⸗ lich mit einander und man beobachtete, mit welcher Sorgfalt Welford ſeiner Gattin den Mantel oder Schawl um den ſchlanken Leib hieng, wenn die Abendkühle hereinbrach. Aber vft zog er den Arm weg, blieb hinter ihr zurürk und ſie ſeßzten ihren Gang ſchweigend und jedes für ſich fort, oder kehr⸗ ten nach Haus. Pllmälig gieng ein Geflüſter in der ganzen Stadt um, das neuvermählte Paar lebe durchaus nicht glücklich. Die Mäuner ſchoben die Schuld auf den griesgrämigen Gemahl, die Wei⸗ per auf die wilde Hummel von Frau. Die einzige Dienerinn jedoch, die ſie hielten, erklärte, obgleich Herr Welford bisweilen grolle und Mrs. Wel⸗ ford zu Zeiten weine, ſeyen ſie boch äuſſert zärtlich gesen einander und zanken ſich blos aus Liebe. Das Mädchen hatte ſelbſt ſchon vier Liebhaber ge⸗ habt und mochte in ſolchen Dingen gut bewandert ſeyn. Sie erhielten keine Beſuche aus der Nähe oder Ferne und der Briefträger erklärte, es ſey ibm nie ein Brief an eines von beiden unter die Augen gekommen. Ein ſo geheimnißvoller Schleier hüllte dieſes Paar ein und machte, daß ſie noch mehr 77 angegafft, und was viel ſagen will, noch mehr ge⸗ mieden wurden, als ohne dieß der Fall geweſen wäre. So arm Welford war, verriethen doch ſeine n Haltung und ſein Gang in hohem Grade das, was ⸗ gemeine Leute Vornehmheit nennen. Und hierin ⸗ that er es bei weitem ſeiner ſchönen Frau zuvor, ⸗ welche, obwohl durchaus nichts Ungebildetes und Gemeines in ihrer Erſcheinung war, doch ganz der ausgeſuchten Feinheit in Betragen, Geberden und ie Ausdruck ermangelte, welche Herrn Welford aus⸗ m zeichnete. Ungefähr zwei Jahre lebten ſie in dieſer n Weiſe, und ſo ſparſam und ruhig, daß, obgleich ⸗ Welford, ſo viel man wußte, keine Mittel zum Le⸗ in bensunterhalt hatte, ſich Niemand wundern konnte, be wie ſie doch ſo auskamen. Nach Verfluß dieſer Zeit ie ſteckte Welford auf Einmal eine kleine Summe in ei⸗ eine die Grafſchaft angehende Speculativn. Im Ver⸗ ge kauf dieſer Unternehmung bewies er zum Staunen ich ſeiner Nachbarn einen auſſerordentlichen Sinn für el⸗ Berechnung und ſein Benehmen verrieth ganz den ich Mann von Gewandheit und Geſchäftskenntniß. be. Dieſes ſo angelegte Kapital trug der Familie gr⸗ Welford hinreichende Zinſen, um, wenn ſie dazu ge⸗ ert neigt geweſen wäre, eine etwas beſſere Lebensweiſe ihe anzunehmen als bisher. Sie blieben aber in ihrer ſey Weiſe unverändert, und die einzige Aenderung, die welche durch dieß Ereigniß herbeigeführt wurde, be⸗ ier ſtand darin, daß ſich Herr Welford von ſeinem an⸗ ehr genommenen Bernſe zurückzog, Er hlieh nicht in⸗ 78 ger Anwalt! Man muß geſtehen, daß er bei ſeiner Zurückziehung keine großen Einkünfte aufopferte. Um dieſe Zeit wurden einige Offiziere in—— ein⸗ guartirt und einer von dieſen, ein hübſcher Lieute⸗ nant, war von den Reitzen der Mrs. Welford, die Ver in der Kirche ſah, ſo hingeriſſen, daß er keine Ge⸗ egenheit verſäumte, ſeine Bewunderung an den Tag zu legen. Man machte die boshafte, obwol nicht unge⸗ gründete Bemerkung, daß die Frau Welford, ob⸗ gleich man in ihrem Benehmen keine förmliche Un⸗ ſchicklichkeit aufweiſen konnte, doch weit entfernt war, die augenfälligen Huldigungen des jungen Lieutenants mit Mißfallen zu betrachten. Röthe übergoß ihre Wange wenn ſie ihn erblickte und der galante Stutzer verſicherte, dieß Erröthen ſey nicht immer ohne ein Lacheln. Kühn gemacht durch die Auslegungen ſeiner Eitelkeit und wie Jedermann⸗ den Contraſt bedenkend, welchen ſein lebhaftes Ge⸗ ſicht und ſeine ſchimmernde Kleidung mit dem ſtren⸗ gen und düſtern Ausdruck, dem ungekünſtelten An⸗ zug und dem trotzigen Gang machte, was alles bei Welford den Eindruck einer wahrhaft ſchönen Per⸗ ſon ſtörte, kam unſer Lientenant auf den Gedanken, ſeine Leidenſchaft in einem Briefe zu offenbaren, welchen er in den Kirchſtuhl der Mrs. Welford legte. Dieſe kam aber an dieſem Tag nicht in die Kirche; der Brief wurde von einem gutherzigen Rachbar gefunden, und in einem Ueberſchlag ohne Namen dem Gemahl zugeſchickt. ter te. in⸗ te⸗ die He⸗ ge⸗ ob⸗ n⸗ nt en the der cht die nn, Ge⸗ en⸗ An⸗ bei er⸗ en, en, ord die gen hne Was auf dieß Ereigniß hin in dem verborge⸗ nen Heiligthum der Häuslichkeit erfolgte, blieb na⸗ türlich ein Geheimniß; aber am nächſten Sonntag bemerkte ein ſcharfſichtiger Nachbar, wahrſcheinlich der anonyme Freund, das Antlitz des Herrn Wel⸗ ford, der zuvor nie in der Kirche erſchienen war,— nicht in demſelben Stuhle mit ſeiner Fran, ſon⸗ dern in einem fernen Winkel des heiligen Hauſes. Und Einmal, als der Lieutenant darauf lauerte, eine Antwort auf ſeine Epiſtel im Angeſicht der Mrs. Welford zu leſen, behauptete derſelbe gefällige Oberaufſeher, es habe Welfords Geſicht ein ſata⸗ niſches, hinſterbendes, höhniſches Lächeln angenom⸗ men, das ihm das Blut gerinnen gemacht. Wie dem ſeyn mochte, der Lieutenant ſchied aus ſeinem Quartier, und der Ruf der Mrs. Welford blieb, zum Mißvergnügen der Leute, ungetrübt. Bald nach dieſem mißglückte die Speculation und es war eine ausgemachte Sache, daß die Welfords ſich an⸗ ſchickten die Stadt zu verlaſſen; wohin, wußte Niemand; einige meinten ins Gefängniß; aber unglücklicherweiſe fand ſich kein Gläubiger. Ihre Rechnungen hatten beinahe Nichts betragen, vder hatten ſie ſie regelmäßig bezahlt. Bevor jedoch die beſprochne Answanderung ſtatt hatte ereignete ſich etwas, worüber die guten Leute in—— ſich nicht wenig“ verwundexten. An einem hellen Frühlings⸗ morgen kam eine Luſtpartie von einem großen Hauſe in der Nachbarſchaft durch die Stadt. Am meiſten 3⁰ fiel unter den Reiſenden ein junger, reichgekleide⸗ ter Reiter von ſehr glänzendem und einnehmendem Aeuſſern auf. Nicht unempfindlich gegen das Auf⸗ ſehen das er machte, ritt dieſer Cavalier langſam hinter dem Zuge drein, um mit mehr Muße einige Damen zu betrachten, welche an einem Fenſter ſtan⸗ den und ſehr bereitwillig waren, ſeine Blicke mit Lebhaftigkeit zu erwiederu. In dieſem Augenblick ſcheute das Pferd, welches ungeduldig in den Zügel Lnirſchte, der es von ſeinen Begleitern zurückhielt, an einem Scheerenſchleifer, prallte heftig auf eine Seite hiuüber und der anmuthsvolle Reiker, der nicht an die Stellung gedacht hatte, welche ihn am beſten im Gleichgewicht halten ſondern welche ihn im vortheilhafteſten Licht zeigen könnte, wurde mit ziemkicher Heftigkeit auf einen Haufen Schutt und Backſteine geſchleudert, der ſchon lang, zum Aerger⸗ niß der Nachbarſchaft, vor dem unangeſtrichnen Gitter von Herrn Welfords Hans lag. Welford ging eben aus und fühlte ſich genöthigt,(denn er war ſonſt kein Mann, deſſen theilnehmende Gefühle ſo leicht anzuregen waren,) einen Blick auf den Zu⸗ ſtand eines Menſchen zu werfen, der ohne Bewe⸗ gung vor ſeinem eignen Hauſe lag. Der Reiter kam bald wieder zur Beſinnung, fühlte ſich aber außer Stand aufzuſtehen; ein Bein war gebrochen. In den Armen ſeines Reitknechts ſich aufrichtend⸗ ſchaute er ſich um und ſein Auge begegnete Wel⸗ ſord. Eſne ingenblickliche Wiedererkennung be⸗ f⸗ e it el t, ne M hn rit nd er⸗ en rd hle n⸗ ve⸗ ter ber en. nd, el⸗ lebte das Angeſicht des Fremden und verbreitete eine dunkle Röthe über die finſtern Züge des Andern. „Himmel!“ ſagte der Cavalier,„iſt das——.“ „Still, mein Lord!“ rief Welford ihn raſch un⸗ terbrechend und ſah ſich rings um.„Aber Sie ſind beſchädigt— wollen Sie in mein Haus kommen?“ Der Reiter gab ſeine Einwilligung zu erkennen und wurde auf den Armen des Reitknechts und Wel⸗ fords in die armſelige Thüre des Eranwalts ge⸗ tragen. Dann wurde der Reitknecht mit einer Ent⸗ ſchuldigung an die Geſellſchaft abgefertigt, von wel⸗ cher bereits viele dem Hauſe zueilten; obgleich ein Paar den Zugang über die ungaſtliche Schwelle er⸗ zwangen, gaben ſie ſich doch, ſobald ſie einige Noth⸗ und Flickworte ausgeſtoßen und das Sinken ihres Sterns unter der finſtern und kalten Herbigkeit des Wirths bemerkt hatten, damit zuſrieden, daß es zwar ein verdammt widerwärtiger Streich für ihren Freund ſey, daß ſie aber vor der Hand ihm doch nichts helfen könnten; und mit dem Verſprechen ſich am nächſten Tage nach ihm erkundigen zu laſſen, ſaßen ſie wieder auf und ritten heim, größere Auf⸗ merkſamkeit als gewöhnlich den Bewegungen ihrer Pferde widmend. Sie ſchieden jedoch nicht eher, als bis der Wundarzt der Stadt erſchienen war und er⸗ klärt hatte, der Verwundete dürfe durchaus nicht von hier weggebracht werden. Ein Lordsbein war ein Glücksfall, der dem Wundarzt von—— nicht jeden Tag begegnete. Wir können uns den Zuſtand Bulwer's Romane. XXIX. 6 82 der begierigen Erwartung denken, welche während dieſer ganzen Zeit in der Stadt herrſchte, die tödt⸗ liche Pein dieſer ländlichen Rerven, wie ſie ſich bei ſo kleinen Bevölkerungen erzengen und eine ſo tief⸗ greifende Sympathie mit den Angelegenheiten andrer Leute haben. Ein Tag, zwei Tage, drei Tage, eine Woche, vierzehn Tage, ein Monat verging und der Lord war noch immer ein Gaſt in Welfords Hauſe. Indem wir die Baſen und Gevattern an ihrer Neugier zehren laſſen—„Cannibalen an ihrem eignen Herzen!“— müßen wir den Leſer einen Blick in das Innere der ungaſtfreundlichen Behauſung des Eranwalts werfen laſſen. Es war gegen Abend, der Kranke hatte ſich auf einem Sopha aufgerichtet und die ſchöne Mrs. Wel⸗ ford, welche ihn als Wärterin gepflegt hatte, legte das Kiſſen unter dem verletzten Glied zurecht. Er ſelbſt verſuchte ihre Hand zu ergreifen, welche ſie ſpröd wegzog, und liſpelte dazu Worte, ſüßer und artiger als ſie je gehört hatte. In dieſem Augen⸗ vlick trat Welford leiſe ein, von beiden unbemerkt; er ſtand an der Thüre und betrachtete ſie mit einem Lächeln kalten, ſich ſelbſt begluͤckwünſchenden Hohns. Das Geſicht des Mephiſtopheles wie er Fauſt und Gretchen beobachtet, könnte einen Begriff von dem Bilde geben, das wir zu zeichnen beabſichtigen; aber Welfords Miene war erhabner(und auch ſchöner) ſeinem Charakter nach, obwohl nicht weniger bos⸗ haft im Ausdruck, als das, welches der unvergleich⸗ ———— ——,„„—— t„—— „——— ei er ne nd ds an m ick es uf el⸗ gte Er ſie ind en⸗ kt; em ns. und em ber ſer) os⸗ ich⸗ liche Retſch ſeinem Erzfeind der Menſchen gegeben hat. So ausgeſprochen, ſo trinmphirend, ſo ſtolz war die Verachtung auf Welfords finſtern und ſtar⸗ ken Zügen, daß, obgleich er in einer Lage war, wo das Lächerliche meiſt auf den Gemahl fällt, es doch der Liebhaber und die Frau waren, welche dem Zu⸗ ſchauer als die Erniedrigten und Unbeneidenswerthen erſchienen ſeyn würden. Nach einer augenblicklichen Pauſe trat Welford mit ſchweren Schritten näher— die Frau fuhr er⸗ ſchrocken auf;— aber mit einem freundlichen, ſchmei⸗ chelnden Ausdruck, der ſeit ſeinem Aufenthalt in der Stadt—— ſelten auf ſeinem Angeſicht zu ſehen geweſen war, redete der Wirth die beiden an, lä⸗ chelte gegen die Wärterin und beglückwünſchte den Patienten wegen ſeiner Fortſchritte in der Geneſung. Der Edelmann, wohlbewandert in den Sitten der Welt, antwortete leicht und munter, und das Ge⸗ ſpräch ging luſtig genug fort, bis die Frau, welche in ſich gekehrt und allein da ſaß, dann und wann verſtohlene, ſcheue Blicke auf ihren Gemahl und andere, ſanftere auf den Patienten werfend, ſich aus dem Zimmer zurückzog. Dann gab Welford der Un⸗ terhaltung eine neue Wendung; er erinnerte den Edelmann an die vergnügten Tage, welche ſie in Italien verlebt, an die Abenteuer die ſie getheilt und die Intrignen woran ſie ſich ergötzt hatten; als das Geſpräch wärmer wurde, nahm er einen freiern und leichtfertigeren Ton an; und nicht glau⸗ ben wir, hätten die guten Leute in—— geſtaunt, wenn ſie die muntern Späſſe und die freigeiſteriſchen Grundſätze hätten anhören können, welche den ſchma⸗ len Lippen des kalten und ſtrengen Welford entflo⸗ ßen, deſſen Angeſicht ein geſchworner Feind der Fröh⸗ lichkeit ſchien. Von Weibern ſprachen ſie im Allge⸗ meinen mit der lebhaften Verachtung, wie es der ge⸗ wöhnliche Ton bei Weltmännern iſt,— uur nahm ſie bei Welford einen bitterern, gründlicheren und filoſoficheren Anſtrich an, als bei ſeinem lebhaftern aber weniger kräftigen Gaſte. Der Edelmann ſchien an ſeinem Freund das größte Behagen zu finden, die Unterhaltung war eben recht nach ſeinem Geſchmack, und als Welford ihm ins Bett geholfen hatte, ſchüttelte er dieſem mit Wärme die Hand und drückte ſeine Hoffnung aus, ihn bald in ganz andern Umſtänden zu ſehen. Als ſich die Thüre des Peers hinter Welford geſchloſſen hatte, ſtand er einige Augenblicke regungslos da; dann ſtieg er mit leiſen Schritten in ſein Schlafge⸗ mach hinauf. Seine Frau ſchlief feſt; neben dem Bette ſtand die Wiege ſeines Kindes. Als ſein Auge auf dieſe fiel ließ die ſtarre Ironie, welche jetzt ſei⸗ nen Zügen beſtändig anhaftete, nach und er beugte ſich lange, in tiefem Schweigen über die Wiege. Das Antlitz der Mutter, gemiſcht mit den väterli⸗ chen Zügen, war auf die Miene des ſchlafenden En⸗ gels vor ihm geprägt; und als er es endlich, aus ſeiner Träumerei ſich erhebend, ſauft küßte, mur⸗ — g— 8 8 . lo⸗ h⸗ e⸗ e⸗ m nd rü ar ord nit 16, lis ſen ge⸗ em e ei⸗ gte ge. li⸗ n⸗ 6 4r melte er:„Wenn ich dich anſehe, ſo moöchte ich slauben, daß ſie mich einſt liebte— Pah!“ fuhr er dann plötzlich fort und ſtand auf,„dieſe Vaterzärt⸗ lichkeit für einen*** Balg ſteht mir trefflich an!“ Mit diefen Worten verließ er, ohne ſeine Frau an⸗ zuſehen, welche aufgeſchreckt durch ſein lautes Reden, heftig auffuhr, das Zimmer nnd ging in dasjenige hinunter, wo er ſich mit ſeinem Gaſt unterhalten hatte. Er ſchloß vorſichtig die Thüre, ging raſch in dem niedrigen Gemach auf und ab und ließ ſeinen Gedanken die Zügel ſchießen, in der abgebrochnen Weiſe etwa, wie ſie hier dem Auge des Leſers dar⸗ geboten werden. „Ja, ja, ſie iſt mein Verderben geweſen! und wenn ich einer von den ſchwachen Thoren wäre, wel⸗ che aus den einfältigſten und abgeſchmackteſten Narr⸗ heiten dieſer verdammten geſellſchaftlichen Einrich⸗ tungen ein Evangelium machen, ſo wäre ſie jetzt auch meine Schande; aber ſtatt der Schande will ich aus ihr meinen Schemel zu Ehre und Reichthum machen. Und dann— zum Teufel mit dem Schemel! Ja, zwei Jahre habe ich durchgemacht, was all mein Blut hätte in Galle verwandeln ſollen: Unthätigkeit, Hoffnungsloſigkeit, im Innern ein verödetes Herz und Leben, Schmach von der Welt, Kälte, Unluſt, Undankbarkeit von der Einen für welche— HO, Eſel der ich war!— der ich das Theuerſte meines We⸗ ſeus, ja mein Weſen ſelbſt aufgab! Zwei Jahre babe ich dieß ertragen, und jetzt will ich meinen Er⸗ ſatz haben, ich will ſie verkaufen— ſie verkaufen— Gott! Ich will ſie verkaufen wie das gemeinſte Thier auf dem Markte. Und dieß lumpige Stück falſches Geld ſoll mir erkaufen— meine Welt! Andrer Leute Rachſucht entſpringt aus Haß;z— eine niedri⸗ ge, plumpe, unfiloſofiſche Empfindung; die meinige entſpringt aus Verachtung, der einzigen der Ver⸗ nunft auf die Dauer angemeßnen Stimmung. Andrer Leute Rache verderbt ſie ſelbſt, die meinige ſoll mich retten! Herr des Himmels! wie lächerlich iſt mir im Innerſten zu Muthe, wenn ich dieß jämmerliche Pärchen betrachte, die jetzt meinen ich ſehe ſie nicht, und weiß, daß jede ihrer Bewegungen nur eine Maſche an meinem Gewebe iſt! Aber,“ und Wel⸗ ford hielt nachdenklich inne,„aber ich kann nicht umhin, über mich ſelbſt zu ſpotten, wenn ich bedenke, welchen Erzgimpel dieſe Knabenthorheit, die Liebe,— Liebe wahrhaftig!— ſchon das Wort macht mich trank vor Ekel— aus mir gemacht hat. Hätte dieß Weib, einfältig, ſchwach, willen⸗ und leblos wie ſie iſt, mich wahrhaft geliebt,— haͤtte ſie Sinn gehabt für das unausſprechliche Opfer das ich ihr brachte— ¶das des Antonius war Nichts dagegen— er verlor nur eine wirkliche Welt, und ich eine Welt der Phantaſie und Hoffnung!) hätte ſie ſich nur herab⸗ gegeben, mein Weſen kennen zu lernen, den Wei⸗ pesteufel in ihrem eignen zu überwältigen: ich hätte in dieſer abgeſchmackten Einſiedlerei immer ſo fort leben können, hätte mich für glücklich und zufrieden er ir he N, ne el⸗ ht ke, ich ieß abt lor der ab⸗ ei⸗ tte ort gehalten und wäre ein ganz anderes Geſchöpf gewor⸗ den. Ich glaube gar, ich hätte werden können, was unſre Moraliſten(die Quackſalber!) einen guten Menſchen nennen. Aber dieſe flatterhafte Leicht⸗ fertigkeit des Herzens, dieſes Wohlgefallen am Lobe der Thoren, dieſes mürriſche Weſen, dieſe Verdrieß⸗ lichkeit, womit ſie den Truͤbſinn erwiederte, eu ſie an mir weder verſtand noch veroe, das gemeine, tägliche, ſtündiche Gejammer um die armſeligen Bedrängriſſe der Armuth, dieß häusliche Gewinſel, die Gardinenklagen, wenn ich— ich keinen Sinn hatte für ſolche erbärmliche Prüfungen der Zärtlich⸗ keit; und bei alle dem kein Gedanke an meine Qua⸗ len, meine begrabnen Hoffnungen, meinen zur Nie⸗ drigkeit verdammten Geiſt und verlorenen Namen; die Größe meiner Verzichtleiſtung ihr zu lieb nicht einmal begriffen; ja ihre Unbequemlichkeiten— ein dunkler Herd, glaub' ich, oder ein nicht leckrer Tiſch, verglichen, ja ganz gleichgeſtellt mit Allem, was ich um ihretwillen verlaſſen hatte! Als ob es nicht genug geweſen wäre— wär' ich ein Narr, ein ehr⸗ geizloſer, ſeelenloſer Narr geweſen— an dem bloßen Gedanken ſchon, daß ich meinen Namen mit dem eines Krämers— o nicht doch! eines geweſenen Krämers verband!— als ob das Bewußtſeyn dieſes umſtands, den vor den Meinigen zu verbergen, ich mich entſchließen könnte mein ganzes Geſchlecht, Ale die mir je begegnet ſind und mich geſehen haben, zu erwürgen, nicht genug wäre, wenn ſie von Ver⸗ gleichen ſpricht, um mich das Fleiſch von meinen Knochen nagen zu machen! Nein, nein, nein! Nie hat mein Schickſal eine ſo glänzende Wendung ge⸗ nommen als jetzt, da dieſer betitelte Stutzer mit ſei⸗ ner einſchmeichelnden Stimme und ſeinen ſchimmern⸗ ven Flittern hieher kam. Ich will ſie zum Werk⸗ zeug machen um mich aus dieſer Höhle, worein ſie mich verſenkt hat, herauszugraben. Ich will mei⸗ nes Lords Leidenſchaft hegen, bis mein Lord ſeine Leidenſchaft(die Leidenſchaft eines Sommervo⸗ gels!) eines Preiſes werth achtet. Dann will ich ſelbſt meine Bedingungen machen, meinen Lord zur Verſchwiegenheit verpflichten und mein Weib, meine Schande und die Anwaltſchaft des Herrn Welford für immer abſchütteln. Glänzende, glänzende Ans⸗ ſichten! laßt mich das Auge ſchließen um in Euch zu ſchwelgen! Aber ſachte! mein edler Freund nennt ſich einen Weltmann, einen Kenner der menſchlichen Natur und einen Verächter ihrer Vorurtheile, zwar in ſeiner beſchränkten Weiſe— nicht in Folge groß⸗ artiger Anſſchten, ſondern laſterhafter Erfahrungen— ſo iſt er! das Buch der Welt iſt ein ungeheures Gemiſch; er iſt vollkommen vertraut, ohne Zweifel, mit den Blättern, welche von dem guten Tone han⸗ deln; iſt gründlich bewandert, dafür ſteh' ich, in dem hinten angehefteten Magasin des Modes. Aber werde ich, mit aller Ueberlegenheit, welche mein Geiſt über den ſeinigen behanpten muß, werde ich im Stande ſeyn, mich in der Seele dieſes welterfahrnen Peers zu nt ar ß⸗ el, n em er de rs 39 von einem erniedrigenden Andenken rein zu erhalten? Hahnrei, Hahnrei! iſt ein häßliches Wort; ein gut⸗ williger, die Hand bietender Hahnrei! hm— dieſer Ausdruck hat nichts Großartiges, keinen philoſophi⸗ ſchen Firniß. Laß ſehen! Ja! Ich weiß ein Mit⸗ tel gegen das Alles. Ich heirathete mich im Stil⸗ len— gut! unter angenommenem Namen— gut! es war eine heimliche Heirath, fern von ihrer Vater⸗ ſtadt— gut! die Zeugen ihr unbekannt— gut! die Beweiſe leicht in meine Hände gebracht— herrlich! der Narr ſoll glauben es ſey eine falſche Heirath geweſen, ein liſtiger, galanter Streich von mir; ich will den Flecken Hahnrei mit dem Waſſer eines andern Worts auswaſchen, ich will eine Maitreſſe, nicht eine Gattin verkaufen. Ich will ihn warnen, ihr dieß Geheimniß nicht mitzutheilen; ich muß über⸗ legen mit welchem Vorwande! oh— die Rechtmä⸗ higkeit meines Sohns könnte mir ſpäter erwuͤnſcht ſeyn. Er wird dieſen Grund begreifen und ich werde ſein Ehrenwort darauf haben; und beilaͤufig, es liegt mir an dieſer Rechtmäßigkeit und ich will die Beweiſe aufbewahren; ich liebe mein Kind; ehrſüch⸗ tige Männer lieben ihre Kinder; ich kann ſelbſt ein Lord werden und mir einen Sohn wünſchen, der an meine Stelle tritt; und dieſer Sohn iſt mein, Dank dem Himmel! über dieſen Punkt bin ich ſicher— und dieß ſoll auch das einzige Kind bleiben, das mir heranwächst. Nie, das ſchwör' ich, will ich mich wieder meiner Selbſtſtändigkeit begeben! Meiner 90 ganzen Natur, außer Einer Leidenſchaft, hab' ich bisher Gewalt angethan; dieſe Leidenſchaft ſoll hin⸗ fort meine Sklavin ſeyn, mein einziger Gedanke der Ehrgeiz, mein einziges Verlangen die Welt!“ Dieß war das Selbſtgeſpräch eines Mannes, den die geſellſchaftlichen Einrichtungen der Welt gleich⸗ ſam ſyſtematiſch zum vollendeten, niederträchtigen Böſewicht zu machen, verſchworen ſchienen, und nachdem er damit zu Ende war, ſtieg Welford lang⸗ ſam die Treppen hinan, und ging wieder in ſein Schlafzimmer, wo ſeine Gattin noch ſchlief; ihre Schönheit war von jener holdſeligen, mädchenhaften und harmoniſchen Art, welche von Liebhabern und Dichtern mit dem Ausdruck engelgleich bezeichnet wird; und als Welford ihr vom Schlaf geröthetes und beinah verklärtes Angeſicht betrachtete, hätte man vielleicht eine gewiſſe Weichheit und Unentſchloſ⸗ ſenheit in den ſcharfen Linien ſeiner ſtolzen Züge wahrnehmen können. In dieſem Augenblick bewegten ſich, gleichſam um beiden für immer den Rückweg zur Hoffnung und zur Tugend abzuſchneiden, ihre Lippen und ſprachen Ein Wort aus— es war der Name von Welfords vornehmem Gaſte. Ungefähr drei Wochen nach dieſem Abend ent⸗ lief Mrs. Welford mit dem jungen Edelmann, und am nächſten Morgen nach dieſem Vorfall verſchwand der verwirrte Ehmann mit ſeinem Kinde für immer aus der Stadt——. Von dieſem Tag an gelang⸗ ten durchaus keine Nachrichten über ſein Schickſal * —————— 9¹ ich mehr zu den geſpitzten Ohren ſeiner um ihn ſehr in⸗ beſorgten Nachbarn; und Zweifel, Neugier, Ver⸗ er muthungen beruhigten ſich endlich bei der Aunahme, daß die Verzweiflung ihn zum Selbſtmord getrieben. en Obgleich die unglückliche Mrs. Welford in der ch⸗ That von flüchtiger und leichtfertiger Sinnesart war, en und beſonders mit perſönlicher Eitelkeit ſehr begabt, d war ſie doch nicht ohne heiße Neigungen und heftige ng⸗ Empfindungen. Ihre Heirath war eine Sache der ein Liebe geweſen, das heißt von ihrer Seite: einer hre Liebe wie ſie gewöhnlich bei Mädchen iſt, welche ten nicht ſowohl mit wirklicher, natürlicher Empfindung ind lieben, als überraſcht von einem ſchnellen Eindruck⸗ net Ihre Wahl war auf einen Mann gefallen, der ſei⸗ tes ner Geburt nach über ihr ſtand, und in Perſon und itte Benehmen ſich vor Allen auszeichnete, mit welchen loſ⸗ ſie gewöhnlich umging. So hatte ihre Eitelkeit ihre üge Neigung verſtärkt und etwas Sonderbares und Ex⸗ ten eentriſches in der Gemüthsart und im Geiſt Welfords weß hatte, wenn gleich es zu Zeiten ihre Furcht erregte, hre viel beigetragen, ihre Einbildungskraft zu entflam⸗ der men. Und dann war er auch, obwohl kein ſchmeich⸗ leriſch⸗tändelnder, ſo doch leidenſchaftlicher und ent⸗ ſchwärmeriſcher Liebhaber. Sie empfand es, daß er und ihr zu lieb Vieles aufgab, was er zuvor als durch⸗ and aus nothwendig zu ſeinem Daſeyn angeſehen hatte; wer und ſie hielt ſich nicht dabei auf zu unterſuchen, wie mg⸗ fern es wahrſcheinlich ſey, daß dieſe Hingebung ckſal daure, oder welches Betragen von ihrer Seite am eheſten die Gefuͤhle nähren und unterhalten wuͤrde, aus welchen jene entſprang. Sie war mit ihm ge⸗ flohen. Sie hatte in eine heimliche Ehe gewilligt. Sie hatte einen gluͤcklichen Monat mit ihm verlebt und dann verſchwand die Täuſchung. Mrs. Welford war nicht die Frau, welche einen der Täuſchung gleichen Reiz und Zauber der Wirklichkeit zu geben, oder in ihr zu finden vermochte. Sie war gänzlich unfähig den tiefverſchlungenen und gefährlichen Cha⸗ rakter ihres Gemahls zu begreifen. Sie beſaß weder den Schlüſſel zu ſeinen Tugenden, noch den Zauber⸗ ſpruch gegen ſeine Fehler. Auch war der Zuſtand, zu welchem ihre Armuth ſie nöthigte, nicht eben ein günſtiger für jene zarte Grübelei, die, durch Zer⸗ ſtreutheit geſteigert und in behaglichem Müſſiggang gehegt, ſo oft dem Liebenden das Geheimniß des wahren Weſens der Geliebten entdeckt. Obwohl ihrem Gemahl an Stand und Anſprüchen nicht gleich, hatte ſich Mrs. Welford doch an gewiſſe Bequemlich⸗ keiten des Lebens gewöhnt, welche oft von Perſonen der geringeren Stände mehr empfunden werden, als von Angehörigen der höhern Klaſſen, die, wenn ſie einmal Eine Art des Luxus aufgeben, oft gern auf alle verzichten. Eine vornehme Dame kann ſich mehr Beſchwerden ausſetzen als ihre Kammerfrau, und jeder Gentleman auf Reiſen lächelt bei den Entbeh⸗ rungen, über welche ſein Kammerdiener ſich entſetzt. Armuth und ihr grauſames Gefolge erzengten eine ganze Schaar von kleinlichen Zänkereien und ver⸗ — drüßlicher Klagen; und da kein Gaſt oder Beſuch das häusliche Mißvergnügen hob, oder häusliche Gezänke unterbrach, ſo endigten ſie gewöhnlich mit der mürriſchen Verſtimmung, welche ſo oft der Liebe das Grab der Reue gräbt. Nichts macht die Men⸗ ſchen einander widerwärtiger als eine Vertraulichkeit, welche Rückſichtsloſigkeit beim Streit und Derbheit beim Klagen geſtattet. Der beißende Hohn Welfords gab dem Murren ſeiner Frau mehr Schärfe; und wenn einmal Jedes von beiden das Unrecht auf der andern und die Kränkung auf ſeiner Seite ſah, konnte man nicht mehr hoffen, das Eine werde vor⸗ ſichtiger, oder das Andre nachgiebiger werden. Beide ſpannten ihre Forderungen zu hoch und die Frau beſonders gab zu wenig nach. Mrs. Welford war ganz und im vollſten Sinne das, was ein Wüſtling ein Weib nennt, das was eine leichtfertige Erzie⸗ hung aus einem Weibe macht— großmuͤthig im Großen, kleinlich im Kleinen, eitel, reizbar, voll von ihrer eignen Unbedeutenheit und ihren armſeli⸗ gen Klagen; bereit mit ihrem Geliebten ſich in einen Abgrund zu ſtürzen, aber eben ſo geneigt alle Liebe durch Vorwürfe zu verſcheuchen, wenn der Sprung gemacht war. Von allen Männern war Welford der letzte der dieß ertragen konnte. Eine Frau von grö⸗ ßerem Herzen, von gereifterer Erfahrung und einem Verſtande, fähig ſeinen Charakter zu würdigen und alle ſeine Eigenſchaften zu erforſchen, hätte ihn viel⸗ leicht zum brauchbaren und angeſehnen Mann ge⸗ macht, wenigſtens ſich ſeine Liebe lebenslang er⸗ halten. Trotz einer Saat von unglücklichen Gemuths⸗ eigenſchaften machte ihn doch ſchon ſeine kräftige Natur tiefer Empfindungen und edler Aufwallungen fähig. Wer ſich auf ihn verließ, war ſicher— wer ſich gegen ihn aufließ, konnte nur auf die Laune ſeiner Menſchenverachtung rechnen. Während der zwei Jahre jedoch kämpfte die Liebe, obwohl mit jeder Stunde mehr ermattend, noch immer in der Bruſt beider fort, und man konnte kaum behaupten, daß ſie bei dem Weibe ganz überwältigt geweſen ſey, ſogar als ſie mit ihrem ſchönen Verführer entlief. Ein franzöſiſcher Schriftſteller hat bündig genug ge⸗ ſagt:„Man vergleiche einen Augenblick die Fühl⸗ woſigkeit eines Ehmanns mit der Aufmerkſamkeit, der Artigkeit, der Huldigung eines Liebhabers: kann man über das Reſultat im Zweifel ſeyn?“ Dieß fagt ein franzöſiſcher Schriftſteller; aber Mrs. Welford hatte in ihrer Gemüthsart viel von einer Franzöſin. Ein leidender Patient, jung, ſchön, wohl bewandert in den Künſten der Intrigue, contraſtirte freilich mit einem grämlichen Ehmann, den ſie nie verſtanden, lange gefürchtet, und in der letzten Zeit, ſie wußte ſelbſt nicht, ob nicht gar mit Widerwillen angeſehen hatte;— ach! ein weit ſchwächerer Con⸗ traſt hat manches weit beſſere Weib zur Beute der Advokaten gemacht! Mrs. Welford entlief; aber ſie empfand eine wiederauftebende Zärtlichkeit gegen ihren Gemahl noch an dem Morgen wo ſie dieß that. „— M 6 s. er te ie t, en * er ſie en Sie nahm ſeine Liebesbriefe wie die ihrigen mit ſich fort, welche ſie im Anfang ihrer Ehe in einer zärt⸗ lichen Stunde zuſammengeſammelt hatte— damals ein unſchätzbares Kleinod! und nie erhielt ihr neuer Geliebter von ihren ſchönen Lippen einen nur halb ſo leidenſchaftlichen Kuß, als ſie beim Scheiden auf die Wange ihres Kindes drückte. Einige Monate genoß ſie mit ihrem Buhlen Alles, wornach ſie in ihrem Hauſe geſeufzt hatte. Derjenige, welchem zu lieb ſie ihre geſetzlichen Bande zerriſſen hatte, war ein ſo durchaus leutſeliger, artiger und was man gewöhnlich ſo nennt, gutmüthiger Mann cobgleich er ſo viel Selbſtſucht in ſich hatte, als ein Edelmann mit Anſtand haben kann), daß er galant gegen ſie blieb, ohne Mühe und Anſtrengung, lange noch nachdem er ſchon ſich die Möglichkeit gedacht hatte, ſeibſt eines ſo lieblichen Angeſichts überdrüſſig zu werden. Doch gab es auch Augenblicke, wo das leichtſinnige Weib mit Reue an ihren Gatten zu⸗ rückdachte, und eine Vergleichung mit ihrem Ver⸗ führer nicht durchaus ſchmeichelhaft für den letztern gusfiel. Ein mächtiger, ſtark ausgeprägter Charakter hat etwas an ſich, das Weiber und alle ſchwachen Naturen zu achten ſich gedrungen fühlen; und Wel⸗ fords Charakter hob ſich ſcharf und deßwegen vor⸗ theilhaft, wenn gleich finſter, hervor, zuſammenge⸗ halten mit dem Leichtſinn und der Schwäche des der⸗ maligen Anbeters ſeiner ſchuldbelaſteten Gattin. Wie dem ſeyn mwochte, der Würfel war geworfen, und 96 die Klugheit gebot der Dame, das Spiel wie es jetzt war, aufs Beſte zu nützen. Aber ſie, die als Gat⸗ tin gemurrt hatte, war als Geliebte nicht gefällig. Vorwürfe bildeten ein Zwiſchenſpiel unter die Lieb⸗ koſungen hinein, das den edlen Liebhaber ganz und gar nicht erbaute. Er war nicht der Mann gleiches mit gleichem zu vergelten; dazu war er zu indolent, aber auch nicht derjenige, der viel Geduld hatte. „Meine reizende Freundin,“ ſagte er eines Tags nach einem Auftritt,„du biſt meiner müde— nichts natürlicher als das! Warnm einander quälen? Du fagſt, ich habe dich zu Grund gerichtet; meine holde Freundin, laß mich das Unglück vergüten— mache dich unabhängig; ich will dir ein Jahrgeld ausſetzen⸗ fliehe mich— ſuche ſonſt wo dein Glück und überlaſſe deinen ungluͤcklichen, verzweifelnden Anbeter ſeinem Schickſal!“ „Wollen Sie mich hoͤhnen, mein Lord?“ rief die erzürnte Schöne;„oder glauben Sie, daß Geld mir die Anſprüche und Rechte erſetzen kann, deren Sie mich beraubt haben?— können Sie mich wie⸗ der zur Gattin machen— zur glücklichen, geachteten Gattin? Thun ſie dieß mein Lord, ſo entſchädigen Sie mich!“ Der Edelmann lächelte und zuckte die Achſeln. Die Dame wiederholte mit noch größerem Zorn ihre Frage. Der Liebhaber antwortete unbeſtimmt und zweideutig, wodurch ſie zugleich beſtürzt und doppelt in Harniſch gejagt wurde. Sie verlangte heftig etzt at⸗ ig. eb⸗ ind hes ut, te. ags hts Du lde che en aſſe em rief e ren ie⸗ ten gen en. hre und elt ftis war, als ſie beabſichtigt hatte, verließ das Zimmer. Aber ſeine Worte hatten ſich tief in die Bruſt des unglücklichen Weibes geſenkt und ſie beſchloß feſt, ſich Aufklärung zu verſchaffen. Gemäß jenem klugen Verfahren, wodurch der Reiſende in der Fabel ver⸗ anlaßt wurde den Mantel auszuziehen, ließ ſie den Sturm beiſeite und wählte den Sonnenſchein; ſie wartete einen Augenblick der Zärtlichkeit ab, benützte den Vortheil der guten Stunde, und ſetzte ſich all⸗ mählig in den Beſitz eines Geheimniſſes das ſie mit Schaam, Widerwillen und Verdruß erfüllte. Ver⸗ kauft, verhandelt! der Gegenſtand eines für Käufer und Verkäufer ſchmachvollen Schachers; verkauft überdieß mit einer Lüge, wodurch ſie auf einmal zu einem Geſchöpf erniedrigt wurde, das mit dem Mit⸗ leid auch ſchon Spott und Hohn erntete. Schon be⸗ raubt des Namens und der Ehre einer Frau, und als eine Metze aus den ſatten Armen eines Buhlen den launenhaften Liebkoſungen eines Andern über⸗ liefert. Ein ſolches Bild erhob ſich vor ihr, und während es im Einen Augenblick ihre heftigeren Lei⸗ denſchaften zum Wahnſinn empörte, demüthigte es im folgenden ihre Eitelkeit bis in den Staub. Sie, welche die gewaltige Leidenſchatt Welfords kannte, ſah auf Einen Blick, welch verächtliches und hohn⸗ würdiges Weſen ſie für ihn geworden war. Während ſie ſich für die Verrätherin hielt, war ſie verrathen worden; lebhaft ſah ſie vor ſich(und ſchauderte bei Bulwer's Romane. XXIX. 7 Auskunft, und ſeine Lordſchaft, die weiter gezangen ——— 98 dem Anblick!) ihres Gemahls eiſiges Lächeln, ſein Schlangenauge, ſeine in Sarkasmus getauchten Zü⸗ ge; und den ganzen Hohn ſeiner Seele auf dem Angeſicht ausgeprägt, deſſen leichteſter Spott ſo gal⸗ lenbitter war. Sie wandte ſich ab von dieſem Bilde, und ſah das böſiſche Geſicht des Käufers— ſein unterdrücktes Lächeln bei ihren Vorwürfen— ſeinen geheimen Hohn bei ihren Anſprüchen auf eine Stel⸗ lung im Leben, welche ſie, ſo mußte jener den Auf⸗ ſchlüſſen des Erzbetrügers in dieſer Sache zufolge glauben, nie eingenommen hatte. Sie ſah, wie bald er ihrer Reize überdrüſſig wurde, was er allerdings mit Schonung— einer kränkenden Schonung— zu verſtehen gab, ohne jedoch die mindeſten Gewiſſens⸗ ſcrupel dabei zu empfinden. Sie ſah bei beiden, wie überall, nur gegenſeitige Verachtung. Sie war in einem Gewebe tiefſter Niederträchtigkeit. Selbſt der ſtolze Schmerz des Gewiſſens bei einem Verbrechen gegen einen Andern, der, wenn er auch ſticht, doch nicht erniedrigt, war verſchlungen von einem weit herzzerreißenderen Gefühl für ein ſo eitles Weſen, wie die Ehebrecherin— das brennende Gefühl der Schaam, ſelbſt, während ſie ſündigte, die Närrit und Betrogne geweſen zu ſeyn⸗ Ihre ganze Seele erblaßte bei dieſer Demüthigung. Der Fluch ven Welfords Rache laſtete jetzt auf ihr und ward bis aufs Aeußerſte geſättigt. Was ſie von zärtlichen Gefühlen gegen ihren Beſchützer noch mochte empfun⸗ den haben, ward auf Einmal durch dieſe Entdeckung — — 99 weggewiſcht. Sie konnte den Gedanken nicht ertra⸗ gen dem Auge eines Mannes zu begegnen, der bei dieſem ſchmachvollen Handel der gewinnende Theil war. Die Schwächen und Unvollkommenheiten des Liebhabers nahmen eine haſſens⸗ und verachtens⸗ werthe Farbe an. Und in dem Maß als ſie ſich entwürdigt fühlte, empfand ſie Abſcheu gegen ihn. Den Tag, nachdem ſie jene Entdeckung gemacht hatte, verſchwand Mrs. Welford aus dem Hauſe ihres Beſchützers— niemand wußte wohin. Zwei Jahre lang nach dieſer Zeit hatte man keine Spur von ihrem Schickſal. Was war aus Welford binnen die⸗ ſer Friſt geworden? ein Mann, der raſch in der Welt ſtieg, der ſich an der Schranke auszeichnete, wo ihn ſein erſter Prozeß bekannt gemacht hatte, der eine vielverſprechende Laufbahn im Parlament begann, gewinnreiche und ehrenvone Auftraͤge erfüllte, wegen der ſtrengen Rechtlichkeit ſeines moraliſchen Charak⸗ ters geſchätzt wurde, und wie er an öffentlicher Ach⸗ tung immer mehr ſich hob, die günſtigſte Meinung aller Leute für ſich hatte. Er hatte wieder ſeinen Familiennamen angenommen; ſeine frühere Geſchichte war unbekannt; und keine Seele in der abgelegenen, entfernten Stadt—— haͤtte je errathen, daß der geringgeſchätzte Welford der William Brandon war, deſſen Lob in ſo vielen Journalen widerhallte, und deſſen aufſtrebender Genius von allen anerkannt wurde. Die Härte, Herbigkeit und Düſternheit, die ihn in—— ansgezeichnet hatten, unh die er, als 100 ihm natürlich, in einer ſeinen Talenten nicht ent⸗ ſprechenden und ſeine Hoffnungen beſchämenden Stel⸗ lung, ſich nicht die Mühe gab zu verſtellen, wur⸗ den jetzt glänzend überfirnißt mit einer Heuchelei, die ganz gemacht war ſeinen Ehrgeiz zu unterſtützen. Ss kunſtreich wußte dieſer ſeltne Mann ſich Andern zu Jügen, daß Wenige unter den angeſehenſten Män⸗ nern in ſeine Geſellſchaft kamen, ohne ſich von ihm mit dem Wunſche zu trennen, ſeine Freunde zu werden. Durch ſeinen edeln Nebenbuhler, durch den Lord Mauleverer(um die Gewißheit unſrer Leſer noch zu verdoppeln,) hatte er ſeine erſte gewinnreiche Stelle, eine Gönnerſchaft bei der Regierung und einen Sitz im Parlament erhalten. Wenn er bei der Gerichtsſchranke geblieben war, ſtatt ſich ganz den Staatsintriguen hinzugeben, ſo war es nur deßwe⸗ gen, weil ſeine Talente ohne Vergleich mehr geeig⸗ net waren, ihn auf jenem als auf dieſem Wege zu bohen Ehren zu bringen. So ganz hatte er ſich dem öffentlichen Leben gewidmet, daß er ſich nur Eine Freude im Privatleben geſtattete— ſeinen Sohn. Da Niemand, auch ſein Bruder nicht, von ſeiner Heirath wußte(während der zwei Jahre, wo er unter fremdem Namen lebte, hatte man ihn im Ausland geglaubt), ſo war das Daſeyn dieſes Soh⸗ nes das Einzige, was die Welt, in ihrer Freude am Skandal, gegen die ſtrenge Sittlichkeit ſeines reinen Rufs anklagend flüſterte; aber er ſelbſt, die gelegne Zeit zur Anerkennung eines rechtmäßigen 5 Erben abwartend, gab vor es ſey die Waiſe eines lieben Freundes, den er im Ausland kennen gelernt; und die puritaniſche Ehrbarkeit des Lebens und Be⸗ tragens, die er aunahm, verſchaffte dieſer Behaup⸗ tung ziemlich vielen Glauben. Dieſen Sohn vergöt⸗ terte Brandon. Wie wir aus ſeinem eignen Munde gehört haben: Ehrgeizige Männer ſind außerordent⸗ lich zärtlich gegen ihre Kinder, mehr ſogar als andre Väter. Die beſtändige Rückſichtnahme des Ehrgeizi⸗ gen auf die Nachwelt iſt vielleicht der Hauptgrund. Aber Brandon war auch überhaupt ein Kinderfreund; Freude an Nachkommenſchaft war ein hervorſtechen⸗ der Zug in ſeinem Charakter, und könnte im Wider⸗ ſpruch zu ſtehen ſcheinen mit deſſen Härte und Be⸗ rechnung, wenn man nicht auch ſonſt dieſe Liebe bei rauhen und berechuenden Naturen fände. Es iſt wie wenn ein halbbewußtes, angenehmes Gefühl, daß auch ſie einſt weich und unſchuldig waren, es ihnen zum Genuß machte, eine Sympathie mit ihrem frü⸗ hern Seyn wieder zu beleben. Oft pflegte Braudon nach dem geernteten Beifall und den Anſtrengungen des Tags ſich in das Schlaf⸗ zimmer ſeines Sohns zu begeben und Stundenlang ſeinem Schlummer zuzuſehens oft, ehe am Morgen ſein Tagewerk begann, das Kind mit der natärlichen Zärtlichkeit end der überſtrömenden Freude eines Weibes in ſeinen Armen zu wiegen. Und oft, wenn eine ernſtere, mehr ſeinem Charakter entſprechende Empfindung ihn beſchlich, pflegte er bei ſich zu 402 ſagen:„du ſollſt uaſern zerfallnen Namen auf einem beſſern Grund als dein Vater wieder aufrichten. Ich beginne das Leben zu ſpät und arbeite mich auf einem zu beſchwerlichen und ſteinigten Wege ab; aber ich will den Pfad zum Ruhm für dich leicht und gangbar machen. Auch ſollſt du, während du nach der Ehre ſtrebſt, dein Herz nicht um ſeine Ruhe bringen. Für dich, mein Kind, ſollen die Freuden der Häus⸗ lichkeit und der Liebe ſeyn, für dich ein Herz, das ſich nicht über der Vergangenheit grämt, und durch lauter Verdruß einer einſamen und dornenvollen Auszeichnung in der Zukunft entgegenſtrebt. Nicht nur was dein Vater gewann, ſollſt du zu genießen haben, ſondern auch das, was ſein Fluch geweſen, zu vermeiden, ſoll ſeine Wachſamkeit dich anleiten.“ So wandten ſich nicht allein ſeine milderen und ſanften, ſondern überhaupt alle beſſeren und edleren Gefühle, welche ſelbſt in der härteſten und verruch⸗ teſten Bruſt noch Wurzel ſchlagen, ſeinem Kinde zu; und dieſer falſche und laſterhafte Mann verſprach ein zärtlicher und vielleicht weiſer Vater zu werden. Eines Nachts kehrte Brandon vom Eſſen bei einem Miniſter nach Haus zurück. Die Nacht war kalt und hell, es war ſpät und ſein Weg führteihn durch die längſte, beſterleuchtete Straße der Hauptſtadt. Er war wie gewöhnlich in Gedanken verſunken, als er plötzlich durch eine leichte Berührung ſeines Arms aus ſeiner Träumerei geweckt wurde. Er wandte ſich um und ſah eines der unſeligen Geſchöpfe, welche 105 um Mitternacht die Straßen durchſchwärmen, ihm den Weg vertreten. Beide ſahen einander recht ins Geſicht; und ſo begegnete, zum erſtenmal wieder, ſeit ſie ihr Haupt auf daſſelbe Kiſſen niedergelegt hatten, der Gatte ſeiner Gattin wieder! Der Him⸗ mel war ganz klar und das Laternenlicht fiel voll und ruhig auf beider Antlitz. Beide konnten nicht im Zweifel bleiben. Plötzlich, verſtört und mit tödtli⸗ cher Beſtürzung erkannten ſie ſich. Das Weib ſchwankte und mußte ſich an einem Pfoſten halten; Brandons Ansſehen blieb kalt und unbeweglich; die Stunde, nach der dieſer bittere und rachſüchtige Geiſt gelechzt hatte, war gekommen; ſeine Nerven dehnten ſich in wolluſtvoller Ruhe aus, gleichſam um ihm einen recht bedächtigen Genuß der Erfüllung ſeiner Hoffnung zu gewähren. Was immer die Worte ſeyn mochten, welche bei dieſem von keinen Zeugen beob⸗ achteten, grauſenhaften Zwiegeſpräch zwiſchen ihnen fielent wir dürfen ſicher glauben, daß Brandon, ſo viel in ſeiner Macht ſtand, der Unglücklichen keinen Tropfen Bitterkeit ſchenkte. Das verwahrloste, ver⸗ worfene Weib kehrte nach Haus zurück und ihr gan⸗ zes Weſen, durch Verbrechen und gemeine Le⸗ bensweiſe herabgewürdigt, verſteinerte ſich zur Rach⸗ ſucht, zu dem unnatürlichen Gefühl, das man die Hoffnung der Verzweiflung nennen kann. In der dritten Nacht nach dieſem Zuſammen⸗ treffen wurde in Brandons Haus eingebrochen. Wie die Häuſer vieler Rechtsgelehrten lag es in einer 104 gefährlichen, ſchwachbevölkerten Vorſtadt und war für Räuber leicht zugänglich. Er wurde durch einen Lärmen geweckt; er fuhr auf und fand ſich unter den Faͤuſten zweier Männer. Am Fuße des Bettes ſtand ein Weib, ein Licht haltend; ihr Angeſicht, abgezehrt von zerſtörenden Leidenſchaften und geiſterhaft ent⸗ ſtellt durch die ausſätzige Bläſſe der Krankheit und des nahen Todes, ſtierte ihn graß an. „Jetzt iſt die Reihe an mir,“ ſagte das Weib, mit einem höhniſchen Grinſen um das ſie ſelbſt Bran⸗ don beneiden mochte,„du haſt mich verflucht und ich gebe dir den Fluch heim! du haſt mir geſagt, mein Kind ſolle mich nie anders als mit Erröthen nennen. Thor! ich triumphire über dich; dich ſoll er nie kennen bis zu ſeinem Todestag! du haſt mir geſagt, meinem Kind und meines Kindes Kinde(eine lange Kette der Verwünſchung!) ſolle mein Name, der Name des Weibes, das du niederträchtigerweiſe dem Verderben und der Hölle verkauft haſt, als ein Vermächtniß des Abſcheus und der Schande hinter⸗ bleiben! Mann! du ſollſt dieß Kind nichts mehr lehren! du ſollſt nicht erfahren, ob es lebt oder todt iſt, oder Kinder hat dein geprieſenes Geſchlecht fort⸗ zupflanzen; oder ob, wenn es Kinder hat, dieſe Kinder nicht der Auswurf der Erde, die vor Men⸗ ſchen und Gott Verfluchten, die würdigen Ebkömm⸗ linge des Weſens ſind, zu dem du mich gemacht haſt. Elender! ich ſchleudre auf dich den Namen zurück, womit du, als wir uns vor drei Nächten trafen, u——* 8* — N v* 105 das Opfer deiner Treuloßlgkeit zermalmen wollteſt. Du ſollſt den Weg deiner Ehrſucht kinderlos, zweck⸗ los, hoffnungslos wandeln. Krankheit druͤcke deinem Leib ihren Stempel auf. Der Wurm nage an dei⸗ nem Herzen. Du ſollſt Ehren gewinnen und ſie nicht genießen, das Ziel deiner Ehrſucht erreichen und verzweifeln; ſſollſt nach deinem Sohn ſchmachten und ihn nicht finden, oder wenn du ihn findeſt, die Stunde verfluchen, wo er geboren ward. Höre meine Worte, Mann! ich bin eine Sterbende, die ſpricht— ich weiß, daß ich eine Prophetin bin in meinem Fluche. Von dieſer Stunde an bin ich gerächt und du biſt Gegenſtand meines Hohns!“ Wie die härteſten Naturen erſchrocken zurückbe⸗ ben vor dem gläſernen Auge des Raſenden, ſo erlag in den Schauern der Nacht, geknebelt von den Schur⸗ ken, bei der wilden und feierlichen, durch Leiden⸗ ſchaft und theilweiſen Wahnſinn noch geſchärften Stimme der geiſterhaften Geſtalt, welche ihm durch alle Nerven gellte, ſelbſt William Brandon⸗s trotzige Seelenſtärke. Er brechte nicht ein Wort hervor. Man fand ihn am nächſten Morgen mit ſtarken Stri⸗ cken an ſein Bett gebunden. Er ſprach nicht als er befreit war, ſondern ging ſchweigend in das Schlaf⸗ gemach ſeines Kindes;— das Kind war weg. Auch einige werthvolle Sachen waren geſtohlen; die ver⸗ zweifelten Werkzeuge, deren die Mutter ſich bediente, hatten wohl nicht ohne Belohnung die That ausfüh⸗ ren wollen. 6 Winters, der ihr der peinlichſte Zeitabſchnitt wurden Es bedarf kaum der Verſicherung, daß Brandon zur Entdeckung ſeines Sohns alle Künſte und Kanäle der Polizei und der Gerechtigkeit in Bewegung ſetzte. Alle Liſt und Heftigkeit ſeines eignen Charakters, unterſtützt durch die Erfahrungen ſeines Berufs, bot er Jahrelang für dieſen Zweck auf. Alle Nachfor⸗ ſchungen waren ganz vergeblich; nicht die geringſte Spur, die zur Entdeckung führte, konnte aufgefun⸗ den werden, bis ſich(wie wir ſeines Orts berichte⸗ ten) einige der geſtohlenen Sachen vorfanden. Das Schickſal trug in ſeinem dunkeln Schooß, den kein Sterblicher ergründet, Ort und Stunde verborgen, wo William Brandons heißeſter Wunſch erfüllt wer⸗ den ſollte! Vier und dreißigſtes Kapitel. O Fortuna, viris invida fortibus Quam non aequa ponis praemia dividis. Seneca. Und wie ein Haſe, gehetzt von Hunden und Halloh, gu keuchet dem Orte, von wo er Anfangs floh. — Dem heimathloſen Kind des Darbens Steht offen noch mein Thor. Goldſmith. Langſam verſtrichen für Lucie die Wochen des le h den ſie je verlebt hatte. Es kam die Zeit, wo der Richter eine der periodiſchen Viſitationsreiſen machen mußte, die ſo viel Furcht und Kummer über die un⸗ glücklichen Inſaßen der dunkeln Orte bringen, wo⸗ mit ſie durch die verworrenen Geſetze dieſes Landes ſo reichlich verſehen werdenz dieſe Zeiten großer Hei⸗ terkeit und fröhlicher Mahle für die Geſetzesleute: Die vom Verbrechen ſich, vom Elend mäſten. Und die ein Delinquent erregt zu Feſten. O herrliche Ordnung der Welt, welche zu ſtören ſo frevelhaft iſt! Wie wunderſchön muß das Syſtem ſeyn, das aus ſden brennenden Thränen der Schuld Wein macht, und aus der erſtickenden Bangigkeit, der herzzerreißenden Furcht, dem erzwungenen, ſich ſelbſt täuſchenden Trotz, dem gräßlichen Urtheilſpruch, der verzweifelnden Todesangſt des Einen Menſchen, für den Andern die lächelnde Erwartung von Neben⸗ einkünften, die heitere Geſellſchaft und den koſten⸗ freien Feſttag abzuleiten weiß!„Vom Geſetz kann man nichts Geringeres ſagen, als daß ſein Urſprung in der Bruſt Gottes iſt!“*) Sicherlich nicht, Ri⸗ chard Hooker, du haſt vollkommen recht! Die Gött⸗ lichkeit von Gerichtsſitzungen und die Eingebung von Old Bsiley ſind unbeſtreitbar! Sir William Brandons Sorgfalt hatte wirklich die Kunde der ſchmachvollen Lage ihres Geliebten von Luciens Ohr ferne gehalten. Freilich begriff bei *) Hooker's Kirchenpolizei. 2— — 408 ihrem zarten Geſundheitszuſtand ſogar das harte Auge Brandons und der gedankenloſe Blick Maule⸗ verers die Gefahr einer ſolchen Entdeckung. Der Graf, der jetzt ſich zum Hauptſturm auf Lucie an⸗ ſchickte, ſobald der Vorhang für immer über Clifford gefallen ſeyn würde, verfuhr in ſeiner Bewerbung um die gewünſchte Braut mit großer Vorſicht und Zartheit. Er wartete mit um ſo mehr Geduld zu, als er bei ſeinem Freund Sir William auf das Ver⸗ mögen der Erbin hin ſchon einige Anleihen gemacht hatte; und er gab gerne zu, daß er in der Zwiſchen⸗ zeit keinen beſſern Sachwalter haben könne, als er in Brandon gefunden. Wirklich war die Beredſam⸗ keit dieſes gewandten Sophiſten ſo ſchlagend und ſo fein, daß oft bei ſeinen kunſtreichen Unterredungen mit ſeiner Nichte ſogar in dem unverdorbenen und kräftigen, aber unbefangenen Gemüth Luciens ein unbehaglicher und unruhiger Eindruck zurückblieb, welchen die Zeit zu einem Wohlgefallen an den welt⸗ lichen Vortheilen der ihr angetragnen Heirath hätte reifen können. Brandon war kein, die Sache ver⸗ pfuſchender Mittelsmann oder ein gewaltſamer Drän⸗ ger. Er ſchien ſich bei ihrer Verſchmähung Maule⸗ verers zu beruhigen. Er kam auf die Sache kaum mehr zu ſprechen Selten ſogar rühmte er den Gra⸗ fen, außer wegen der unbeſtreitbaren Eigenſchaften der Lebhaftigkeit nnd Gutmüthigkeit. Aber er redete mit all der Farbenglut, welche er nach Gutdünken ſeinen Worten verleihen konnte, von den Freuden rte le⸗ Der au⸗ ord ung und zu, er⸗ cht en⸗ er am⸗ d ſo gen und ein eb, elt⸗ ätte ver⸗ rän⸗ ule⸗ aum Fra⸗ iften dete nken . und Pflichten des hohen Rangs und des Reichthums. Wohl verſtand er es, hiebei allen Vorurtheilen und Blößen des menſchlichen Herzens zu ſchmeicheln, und die Tugend durch ihre eignen Schwächen zu beherr⸗ ſchen. Lucie war, wie die Töchter der meiſten Land⸗ edelleute, von alter Familie, in unſchuldigem, unbe⸗ fangenem Bewußtſeyn ihrer höhern Geburt erzogen worden; und ſſie war durchaus nicht unempfindlich gegen die Lebhaftigkeit und ſogar Wärme,(denn hier war es Brandon Ernſt,) womit ihr Oheim von der Pflicht ſprach, einen edeln in Mißachtung gefallenen Namen wieder zu erheben und die eignen Neigungen zum Opfer zu bringen, um den verblichenen Glanz derer, die in frähern Zeiten lebten, wieder aufzu⸗ friſchen. Wenn die Begriffs verwirrung, welche durch unbeſtimmte prächtigklingende Floskeln erzeugt wird, und die frühe Einprägung eines Gefühls, das fälſch⸗ licherweiſe für eine Tugend gehalten wird, ſo oft im Punkt der Ahnenſchaft aus verſtändigen Leuten Tho⸗ ren macht, wenn ſogar Brandons ſarkaſtiſcher und lebhafter Geiſt von dieſem Irrthum umwölkt war: ſo können wir den Einfluß deſſelben auf ein Mäd⸗ chen verzeihen, das in der Kunſt des Räſonnements ſo wenig bewandert war, wie die arme Lucie, welche, wir dürfen es wohl ſagen, nicht eher denken gelernt hatte, als bis ſie ljebte. Der Eindruck jedoch, den Brandon in den erfolgreichſten Augenblicken ſeiner Ueberredungskunſt machte, blieb immer nur vorüber⸗ gehend; er verſchwand vor dem erſten Gedanken an 140 Elifford und erzeugte in ihr nie die leiſeſten Zweifel hinſichtlich der fortgeſetzten Bewerbung Mauleverers. Am Tage der Abreiſe in ſeinen Bezirk, berief Sir William Brandon ſeinen Barlow und ſchärfte dieſem feinen und klugen Diener die gemeſſenſten Vorſichtsmaßregeln in Betreff Luciens ein. Er trug ihm auf, ſie vor allen Perſonen' von jedem Stand und Rang zu verläugnen, ſorgfältig alle Zeitungen durchzuſehen, die man ihr bringen würde und alle Briefe, außer die von der Handſchrift des Richters ſelbſt, zurückzuhalten. Luciens Dienſtmädchen hatte Brandon bereits zum Schweigen verpflichtet, und der Oheim erfreute ſich jetzt an dem Gedanken, jeder Möglichkeit einer Entdeckung ſicher vorgebaut zu haben. Die Identität Lovetts mit Clifford war noch nicht ruchbar geworden und Mauleverer hatte Clif⸗ ford richtig beurtheilt, wenn er vermuthete, der Gefangene werde ſelbſt alem aufbieten, die Entde⸗ ckung dieſes umſtands zu verhüten. Clifford ant⸗ wortete auf des Grafen Zuſchrift und Verſprechen in einem Brief, welcher in ſo ergreifendem und doch männlichem Ton der Dankbarkeit abgefaßt war, daß ſogar Brandon, als er ihn las, gerührt wurde. Und ſeit ſeiner Haft und theilweiſen Wiederherſtel⸗ lung hatte ſich Clifford ganz abgeſchloſſen gehalten und alle Beſuche abgelehnt. Ermuthigt durch den Gedanken an dieß und den Glauben an die Zuver⸗ läßigkeit feiner Vorſichtsmaßregeln, nahm Brandon 8 —,— von Lucie Abſchied.„Lebe wohl,“ ſabte er, indem fel rs. ief fte ten rug and gen alle ers atte und der zu noch lif⸗ der tde⸗ ant⸗ chen und war, rde. ſtel⸗ alten den ver⸗ ndon ndem 7 11⁴ er ſie zärtlich umarmte.„Schreibe mir ja gewiß, und verzeihe mir, wenn ich dir nicht pünktlich ant⸗ worte. Nimm deine Geſundheit in Acht, meine holde Nichte und laß mich bei meiner Rückkehr eine fri⸗ ſchere Farbe auf dieſen ſanften Wangen ſehen!“ „Nehmen Sie vielmehr Ihre Geſundheit in Acht, mein lieber, lieber Oheim,“ ſagte Lucie ſich an ihn ſchmiegend und weinend, wie ihr bei der gering⸗ ſten Bewegung in neuerer Zeit in Folge ihrer ge⸗ ſchwächten Nerven geſchah.„Warum darf ich Sie nicht begleiten? Sie ſchienen mir in den letzten drei, vier Tagen blaͤſſer als ſonſt, und beklagten ſich geſtern. Laſſen Sie mich mit Ihnen gehen; ich will keine Beſchwerde machen, durchaus keine; aber ich bin überzeugt, Sie brauchen eine Wärterin. „Du willſt mir Angſt machen, meine liebliche Lu⸗ cie,“ ſagte Brandon und ſchüttelte lächelnd den Kopf. „Ich befinde mich wohl, ſehr wohl; zwar geſtern hatte ich einen heftigen Blutandrang gegen den Kopf, aber heute fühle ich mich leichter und kraͤftiger als ſeit Jahren. Noch einmal, Gott ſegne dich, mein Kind!“ Und Brandon riß ſich los und trat ſeine Reiſe an. Der unſtete, dramatiſche Verlauf unſrer Ge⸗ ſchichte führt uns jetzt in eine abgelegne Gaſſe der Hauptſtadt, auf die Themſe gehend, und macht uns zu Zeugen eines rührenden Abſchieds zwiſchen zwei Perſonen, welche die Ungerechtigkeit des Schickſals und die Verfolgungen der Menſchen vielleicht für immer zu trennen im Begriff ſtanden. 142 „Adieu, mein Freund!“ ſagte Auguſtus Tomlinſon, und ſah dabei Edward Pepper voll in den Abſchnitt ſeines Geſichts, welcher nicht durch einen ungeheuren Hut und ein rothes vorgehaltnes Taſchentuch bedeckt war. Tomlinſon ſelbſt war ganz in die Tracht eines würdigen Geiſtlichen gekleidet.„Adien, mein Freund, weil Ihr in England bleiben wollt— adieu! ich bin, mit Stolz ſage ich es, ein nicht minder aufrichtiger Patriot als ihr! Der Himmel ſey mein Zeuge, wie lang ich mit Widerſtreben des armen Lovetts Vor⸗ ſchlag betrachtete, mein geliebtes Vaterland zu ver⸗ laſſen. Aber alle Hoffnung aufs Leben hier iſt da⸗ hin; und wahrlich, während der letzten zehn Tage bin ich ſo von Winkel zu Winkel gehetzt worden, ſo beläſtigt mit höflichen Einladungen, gleich denen einer Bauersfrau an ihre Hühner:„Gluck, Gluck, Gluck! kommt und laßt Euch abthun!“ daß meine Vaterlandsliebe wunderbar abgekühlt iſt, und ich mich nicht mehr gegen den Gedanken an freiwillige Verbannung ſträube.„Die Erde,“ mein lieber Ned, ſo hat ein griechiſcher Weiſer ſehr wahr bemerkt, „die Erde iſt überall dieſelbe,“ und wenn man mich nach meiner Heimath fragt, kann ich, wie Anarago⸗ ras an den Himmel deuten.“ „Meiner Seel' Ihr rührt mich!“ ſagte Ned mit dumpfer Stimme ſprechend, entweder aus Schmerz oder wegen des Drucks von dem vorgehaltnen Ta⸗ ſchentuch,„es iſt ganz ſchön, Euch ſo reden zu hören.“* — 8S 3 39— —— — on, itt ren eckt nes nd, in, ger wie or⸗ er⸗ da⸗ age ſo nen ck, ine ich lige ded, rkt, nich go⸗ mit nerz Ta⸗ zu „Ermannt Euch, mein theurer Freund,“ fuhr Tomlinſon fort,„ermannt Euch gegen Eure jetzigen Trübſale. Was ſind für einen Mann, der ſich durch Vernnnft und den Gedanken an die Kürze des Le⸗ bens ermuthigt, die kleinen Widerwärtigkeiten des Körpers! Was iſt Gefangenſchaft, oder Verfolgung, oder Kälte, oder Hunger? Beiläufig, Ihr vergaßt doch nicht die Sandwichs in meine Rocktaſche zu ſtecken?“ „Bſcht!“ flüſterte Ned und eilte unwillkührlich weiter,„ich ſehe einen Mann am andern Ende der Straße.“ „Laßt uns unſern Schritt beſchleunigen,“ ſagte Tomlinſon; und die Beiden eilten dem Fluß zu⸗ „Und jetzt,“ fing Ned an, der dachte, er dürfe wohl auch etwas von ſich ſprechen, denn bisher hatte Auguſtus, in der Hitze ſeiner Freundſchaft, nur ſeine Plane erörtert, Jund jetzt, das heißt wenn ich Euch verlaſſe, will ich mich eiligſt unter einem Obdach unterducken, bis der Sturm vorbeigebraust iſt. Ich bin kein großer Freund davon in einem Keller zu leben und einen Filzkittel zu tragen— aber dieſe Verſtecke haben doch bei alle dem etwas Intereſſantes an ſich; der ſicherſte, heimlichſte Platz von dem ich weiß, iſt das Niederland bei Tha⸗ mes Court; ſo gedenke ich ein Zimmer unter der Erde dort zu miethen und die Koſt aus dem alten Quartier des armen Lovett, dem Krug zu beziehen— die Polizei wird nicht davon träumen, in dieſen Bulwer's Romane. XXIX. 8 1¹⁵ 114 gemeinen Löchern einen Mann von meinem Ton zu ſuchen.“„Ihr könnt Euch alſo nicht von England losreißen?“ ſagt Tomlinſon.„Nein, zum Henker! die Burſche jenſeits des Waſſers ſind ſo verdammt unmannhaft. Ich haſſe ihren Wein und ihr Parlä wuh. Auch gibt es keine Kurzweil dort!“ Tomlinſon, in ſeinen eignen Gedanken vertieft⸗ machte keine Anmerkungen zu den trefflichen Grün⸗ den ſeines Freundes gegen die Reiſe und das Paar näherte ſich jetzt dem Ufer des Fluſſes. Ein Boot erwartete den glorreichen Emigranten um ihn an Bord des Schiffes zu bringen, worin er einen Plah bis Calais gemiethet hatte. Aber als Tomlinſons Auge plötzlich auf den derben Matroſen und das kleine Boot fiel, das ihn aus ſeinem Heimathland wegführen ſollte, als er über das blaue Waſſer hin⸗ ſah, das ein heftiger Wind wild aufregte und bedach⸗ te, wie viel ungeſtümmer es auf der See ſeyn wer⸗ de, wo ſeine Seele ohne Wechſel auf den ſchwanken Wellen ſchmachten ſollte, da drang auf ihn eine ganze Fluth tiefer und kummervoller Gefühle ein. Er wandte ſich um; der Platz worauf er ſtand war ein Grundſtück, das, wie ein Anſchlagebrett verkündigte, zum Bauen vermiethet werden ſolltez darunter waren die Stufen, welche ihn zu dem Boot führten; ringsum gewährte der öde, häuſerloſe Platz in weiter und ferner Ausdehnung den Anblick der Kirchthurme, Giebel und Kamine der großen Stadt, deren Einwohner er nicht mehr ausplündern ſollte⸗ — n⸗ Als er ſo lange hinſah, da traten ihm die Thränen ins Auge und in einer ſchwärmeriſchen Aufwallung, welche ſchlecht zu ſeinem gemäßigten und filoſofiſchen Weſen ſtimmte, zog er die rechte Hand aus der Ta⸗ ſche ſeiner ſchwarzen Hoſen und brach in folgendes Lebewohl an die Hauptſtadt ſeiner Heimathfluren aus: „Lebewohl, mein geliebtes London, lebewohl! Wo ſoll ich wieder eine Stadt finden wie du? Nie bis jetzt fühlte ich, wie unausſprechlich theuer du mir biſt. Du biſt mir Vater, Mutter, Bruder, Geliebte, Schueider, Schuhmacher, Hutmacher, Koch und Mundſchenk geweſen. Du und ich wir haben uns nie mißverſtanden. Ich grollte nicht, wenn ich ſah, welche ſchöne Häuſer und gute Geldkiſten du andern Leuten gabſt. Nein! ich ſrente mich ihres Glücks. Es entzückte mich, einen reichen Mann zu ſehen; mein einziger Verdruß war, über einen ar⸗ men zu ſtolpern. Meinen Nachbarn gabſt du Reich⸗ thümer, aber, o großmüthiges London, dieſe Nach⸗ barn gabſt du mir! Prächtige Straßen, alle chriſt⸗ lichen Tugenden thronen in Euch. Menſchenliebe iſt ſo gemein wie Rauch. Wo, in welchem Theile der bewohnbaren Welt werde ich Weſen finden mit ſo vielem Ueberfluß begabt? wo werde ich ſo leicht ihrer gutmüthigen Leichtgläubigkeit dieſen Ueberfluß ab⸗ ſchmeicheln? Nur Gott weiß, mein theures, theures gelikbtes London, was ich an dir verliere! O öffent⸗ liche Wohlthätigkeitsanſtalten! o i Einrich⸗ 144⁵ 1¹6 tungen! O Bänken, welche Ariome der Mathema⸗ rik zu Schanden und Lotterien aus Nichts machen! O Schauſäle, wo man erwartet, daß Franzoſen Berlinerblauſäure wie Waſſer trinken werden! O mit⸗ leidige Zuſchaner, welche beſagte Franzoſen bis in die Kohlenkammern vesfolgen, wenn ſie ſich weigern ſich zu vergiften! O alte Verfaſſung, die immer be⸗ ſtritten werden muß! O neue Verbeſſerungen, welche nie dem Zweck entſprechen! O Spekalationen? O Kompanieen! O Wuchergeſetze, welche gegen Wu⸗ cherer dadurch ſchützen, daß ſie deren ſo viele als möglich machen! O Kirchen, in welchen Niemand etwas proſitirt, als der Pfarrer und die alten Wei⸗ ber, welche die Kirchſtühle für einen Abend vermie⸗ then! O ſuperbe Theater, zu klein zu einem Park, zu ökonomiſch für Häuſer, welche Komödie und Be⸗ luſtigung ausſchließen und ein Monopol darauf ha⸗ ben, rieſenmäßigen Unſinn darzuſtellen! O Häuſer von Gyps, an einem Tag erbaut! O Pallaſte, vier Fuß hoch, mit einer Kuppel in der Miüte, die un⸗ ſichtbar ſeyn ſoll!*) O Krämerläden, Taunſende *) Wir dürfen dieſe Rpoſtroſe fuͤr keinen Anachro⸗ nismus halten. Tomlinſon meint natürlich einen Pallaſt aus ſeiner Zeit. Einen der Läden, welche deim König von dem ökonomiſchen Volk der La⸗ denkrämer als Chriſtgeſchenk gegeben wurden. Wir vermuthen, er iſt längſt entweder niederge⸗ riſſen oder umgeweht, ohne Zweifel iſt er jetziger Zeit vergeſſen, ausgenommen bei dem Antiquitä⸗ tenliebhaber. Richts iſt ſo efemer als große Häu⸗ ₰—— ————„— —— 7 werth, und Kraͤmer nicht einen Schilling werth! D Kreditſyſtem, bei dem Bettler Fürſten, und Für⸗ n ſten Bettler werden! O Haft wegen Schulden, welche den Gaul ſtehlen läßt und dann den Zaum einſchließt! u O Ganner und Gimpel, Senatoren, Schöngeiſter, u Kneipen, Bordelle, Klubs, öffentliche und Privat⸗ * häuſer! O LORDOR mit Einem Worte! empfange „ mein ketztes Lebewohl! Lang mögeſt du blühen in 2 Frieden und Fülle! mögen deine Schelme ſchlau und * deine Narren reich ſeyn! Mögeſt du nur zwei Dinge abſtellen: die verdammten Kunſtſtücke des Hängens d und Deportirens! Das ſind deine einzigen Fehler; * wären dieſe nicht, ich würde dich nie verlaſſen.— * Lebewohlt!“ k, Hiemit kehrte Tomlinſon das Augeſicht weg, ſchüttelte mit einem zitternden und warmen Druck dem langen Ned haſtig die Hand, eilte die Stufen hinunter und beſtieg das Boot. Ned blieb einige Augenblicke bewegungslos ſtehen und folgte ihm mit den Augen als er ſich an das eine Ende des Boots e ſetzte und ein weißes Taſchentuch wehen ließ. End⸗ lich entzog ihn eine Reihe von Barken dem Anblick des Nachſehenden und Ned wandte ſich langſam weg e und murmelte:„Ja ich habe immer gehört, daß ⸗ Dame Lobkins die ſicherſte Freiſtätte für unglücktiche ⸗. meiner Art war. Ich will mir eine Wohnung ass⸗ i⸗ ſer vom PVolke gebaut.— Die Könige ſpielen 1. den Henker mit ihren Spielſachen! ſindig machen, und morgen will ich mein Frühſtück in dem Krug einnehmen.“ Sey es dir denn gefällig, lieber Leſer, mit uns dem guten Räuber zuvorzukommen und zur Stunde des Sonnenaufgangs am Tage nach Tomlinſons Ab⸗ reiſe auf den Schauplatz zurückzukehren, von wo unſre Erzähluug ausging. Wir ſind jetzt wieder im Hauſe der Frau Margrete Lobkins. Das Zimmer, das zu ſo vielen Zwecken diente, war noch daſſelbe wie damals, als Paul es zum Tummelplatz ſeiner muthwilligen Streiche machte. Der Küchentiſch mit ſeinen Gefäßen, halb Steingut, halb Zinn, behauptete noch ſeinen alten, ehrfurcht⸗ gebietenden Stand. Nur das kann angemerkt wer⸗ den, daß das Zinn viel trüber war als früher, und daß verſchiedentliche Riſſe ihre unregelmäßigen Wan⸗ derungen über die gelbe Oberfläche des Steinguts gemacht hatten. Das Auge der Gebieterin hatte von ſeiner frühern Lebhaftigkeit verloren, und der Eifer der an die Hand gehenden Magd hotte natürlich nachgelaſſen. Die große Uhr ſummte noch ihr ein⸗ töniges Geyrickel; die ſpaniſche Wand von Betide⸗ cken, vielleicht von keiner Saifenberührung entweiht, ſeit wir ſie zuletzt beſchrieben, mit den vielen Ge⸗ ſchichten und Balladen, breitete noch immer ihre weiten Flügel aus, reich an Spuren der zerſtörenden Zeit. Der Spieß und die Muskete hingen noch in Freundlicher Nachbarſchaft an der Wand. Die lange, glatte Bank„mit manchem drauf geprägten heil'gen — 85 — b⸗ vo im te, mn te. ut, ht⸗ ⸗ n n⸗ ts on fer ich in⸗ de⸗ ht, e⸗ hre en in ge, en Text,“ gab noch dem müden Wanderer Raſt und einen Gegenſtand für das ſtiere Auge der Dame Margrete Lobkins, wenn ſie gegenuber davon in ihrem Stuhl nickte und die Welt vergaß. Aber die arme Piggy Lob! mit der war eine Veränderung vorgegangen! die Seele des Weibes war dahin! der Geiſt war aus dieſer menſchlichen Flaſche verdampft. Sie ſaß mit voffnem Mund und gläſernem Auge in ihrem Stuhl, ſchwankte heruͤber und hinüher; mit den ieiſen mürriſchen Tönen des ärgerlichen Alters und körperlicher Beſchwerden, und bisweilen ver⸗ ſtärkte ſich dieß klagende Gewinſel zu einem gellen⸗ den aber ſinnloſen Gekeife.„Ihr da, Galgenvogel, habt vom Dünnbier genommen und nicht angekrei⸗ detz ihr wollt eine arme Widdfrau bedrühgen; aber ich ſeh's wohl, ja wohl! du Schlumbe du, du glſ⸗ dige Strunſel, bring den Schnabbs her, ſiehſcht nicht, wie ich leiden muß? Haſcht keine Kuddeln im Leib, daß du eine arme kriſchdliche Krewadur aus Mangel an Hülfe umkommen läſcht? das iſcht der Brauch bei ihnen, ja das iſcht der Brauch! Niemand bekümmert ſich mehr um Unſereins— Nie⸗ mand had mehr Achdung vor den grauen Haaren des Alders!“ Und dann ſank die Stimme zu ihrem gewöhnlichen winſelnden Geſumme herab. Martha, ein Dragoner von Weibsbild mit rothen Haaren, welche über ihre Schneehügel hinunterwallten, war indeß nicht unachtſam gegen die Bedürfniſſe ihrer Gebieterin.„Wer weiß,“ ſagte ſie zu einem Mann, 420 der am Herde ſaß, Thee aus einer blauen Kanne trank, und ſich zu ſeines Leibes Nahrung und Noth⸗ durft mit großer Sorgfalt zwei oder drei ungeheure runde Brodſtücke röſtete,„wer weiß, was aus uns ſelbſt werden kann?“ und mit dieſen Worten ſetzte ſie einen glühenden Becher neben den Ellenbogen ihrer Gebieterin. Aber in dem Verfall ihrer Ver⸗ ſtandeskräfte war das alte Weib ſogar für dieſen Troſt unempfänglich, zwar ſchlürfte und trank ſie; aber als ob der Strom die erſtarrten Gegenden, durch welche er kam, nicht mehr erwärmte, fuhr ſie fort in ihrer kreiſchenden und jammernden Art zu brummen:„Iſcht das enre Dankbarkeid, ihr Schlan⸗ genbruhd! was bringd Ihr nicht den Schnabbs, wie ich's ſage? Bin ich in dem Alder Waſſer zu drin⸗ ken wie ein Gaul, dn garſtiges Menſch! B wenn ich mir das je gedachd hädde, daß ich ſo werde im Stich gelaſſen werden!“ Ohue auf dieſes Schelten zu achten, das ſle als ungegruͤndet erkannte, verließ die rumorende Martha jetzt das Zimmer, um ihren Beſchäſtigungen in der obern Haushaltung nachzugehen. Der Mann am Herd blieb jetzt der einzige Geſellſchafter der Wittwe. Mit rohem Mitleid im Auge ſah er ſie, als ſie weinend da ſaß, einen Augenblick an, kaute gemächlich an ſeiner Schnitte, die er jetzt mit But⸗ ter geröſtet, und auf ein Teller von Steingut auf der Kaminecke gelegt hatte und begann folgenden tröſtlichen Zuſpruch: ine ure ins tzte gen er⸗ ſen ie; ſie an⸗ wie in⸗ nn als tha der nn der ſie, ute ut⸗ auf en 124 „Ah, Frau Lobkins, wär' nur der kleine Paul noch bei Euch! wär' doch eine Art Galgentroſcht für Euch beim herannahenden End'.“ Der Name Paul machte, daß die gute Frau den Kopf gegen den Sprechenden wendete; ein Strahl der Erinnerung zuckte durch ihr verdumpftes Hirn. „Der kleine Paul! He, ihr Herr da! Wo iſcht der Paul? Paul, ſag' ich mein Bürſchchen! Ach und weh! Er iſcht fort, läßd ſeine arme alde Pfleg⸗ mudder wie eine Katz' im Keller verderben. Oh Dum⸗ mie! wünſchd Euch doch nicht ald zu werden, Mann! Sie laſſen uns im Alder eben ſitzen und nehmen allen Schnabbs mit fort. Ich hab' keinen Drobfen Droſcht mehr in der weiden Weld!“ Dummie, der im gegenwärtigen Angenblick ſeine eigene Gründe hatte, der Frau zu ſchmeicheln und eifrig ſtrebte eine Unterredung ohne Zeugen, wie die dermalige, auf's beſte für ſeine Zwecke zu benü⸗ tzen, antwortete theilnehmend; und mit einer Schlan⸗ heit, welche ihn gar leicht zum Ziele führen konnte, ſchalt er Paul bitter, daß er die Alte nie von ſei⸗ nem Aufenthaltsort und ſeinem Schickſal in Kennt⸗ niß geſetzt,„aber kommt, Alte,“ ſo ſchloß er,„ich weiß, daß er über das Alles hinaus iſcht, und daß Ihr Euer aldes Hirn nicht anzugreifen braucht, um herauszubringen, wo er liegt oder was er dreibt. Schlag mich dieſer und der, Mudder Lob— ich bitt' um Erkuhſe, Mrs. Margrete wolld' ich ſagen— wenn ich nicht gern fünf goldne Füxe, ja und noch 422 fünf oben drein gäbe, wenn ich wüßde, wo herum der arme Kerl jetzt iſcht; ich hab' eine greuliche Affekzion für den lieben Jungen!“„Oh, Oh,“ ſtöhnte das alte Weib, an deren zerrüttetem Sinn die liſtigen Nachforſchungen Dummie's ganz kraftlos ſcheiterten;„mein armes ſündhaftes Geripp! was iſchht das für ein Weſen darin!“ Mit vieler Liſt ernenerte Dummie Dunnaker, noch nicht muthlos, ſeinen Angriff; aber das Glück begünſtigt nicht immer den Klugen und es entſtand jetzt dem Dummie aus zwei Gründen; erſtens, weil es der Feau unmöglich war, ihn zu verſtehen, zwei⸗ tens, weil, wenn dieß auch der Fall geweſen wäre, ſie nichts zu entdecken hatte. Einige von Cliffords Geldgeſchenken waren ohne Namensunterſchrift, alle ohne Bezeichnung des Aufenthalts und Datum ge⸗ kommen; und zum größten Theil hatte die klnge Martha, in deren Hand ſie zuerſt fielen, zu ihren Privatzwecken ſie ſich zugeeignet. Auch bedurfte die Alte Cliffords Erkenntlichkeit nicht, denn ſie war eine Frau, welche in dieſer Welt ihr erträgliches Auskommen hatte, in Betracht wie ſchnell ſie ſchon einer andern zureifte. Länger hätte aber wahr⸗ ſcheinlich Dummie ſeine unerſprießlichen Nachfor⸗ ſchungen fortgeſetzt, hätte nicht die Thüre der Kneipe in ihren Angeln geknarrt und die trotzige Geſtalt ei⸗ nes großen Mannes in einem Filztittel, aber mit einem auffallend ſchönen Haarwuchs, die Schwelle verdunkelt. Er beehrte die Dame, welche auf ihn * * 425 einen Blick ihres glanzloſen Auges fallen ließ, mit einem verdrießlichen, aber koſtlichen Bückling, holte eine Flaſche geiſtiges Getränk und einen Becher, zündete ein Licht an, zog eine kleine kölniſche Pfeife und eine Tabacksbüchſe aus der Taſche, legte dieſe Koſtbarkeiten auf einen kleinen Tiſch, ſchob dieſen in eine entlegene Ecke des Zimmers, warf ſich in einen Stuhl und ſeine Beine auf einen andern, und er⸗ freute ſich ſo des Endes ſeiner Strapazen in einem trüben aber ſtolzen Stillſchweigen. Lang und ernſt⸗ lich betrachtete der demüthige Dummie das Angeſicht des Herrn, der vor ihm ſaß. Seit einigen Jahren hatte er es nicht mehr geſehen; aber es war Eines, das ſich nicht leicht im Gedächtniß verwiſchte; und obgleich der Inhaber deſſelben ein Mann war, der ſich in der Welt emporgemacht und die Höhe ſeines Berufs erreicht hatte,(ein Rang, der weit erhaben war über die tägliche Geſchäfts⸗Sfäre Dummie Dun⸗ nakers) und der anſpruchsloſe Dieb deßwegen ſehr ſtuste, ihn in dieſen niedrigen Regionen zu erblicken, ſo führte doch Dummie's Erinnerung ihn in Zeiten zurück, wo ſie ohne Unterſchied der Perſonen gemein⸗ ſchaftliche Geſchäfte gemacht hatten, und recht artige Geſellen in der Ausübung des edlen Spiels: Lump mein Nachbar! geweſen waren. Während jedoch Dummie Dunnaker, von Natur ein wenig ſcheu und ſchüchtern, bei ſich überlegte, ob es ſich ſchicke, die Anſprüche auf alte Bekanntſchaft geltend zu ma⸗ chen, trat ein ſchmußtiger Bube wit einem Geſicht, 124 das Froſt verrieth, wie, nach Dummie's eigenem Ausdruck: eine Pflaume, die am Scharlachfieber ſtirbt, ins Zimmer, mit einer Zeitung in der rech⸗ ten Pfote.„Große Neuigkeiten, große Neuigkei⸗ ten!“ ſchrie der kleine Zottelbär, die kreiſchenden Driginale auf der Straße nachahmend,„Alle von dem berähmten Hauptmann Lovett, ſo lang wie das Leben!“ „Halt's Maul mit deinem Geplärre, du Schrei⸗ hals!“ ſagte Dummie verweiſend und griff nach der Zeitung. „Mein Herr ſagt, er müſſe ſie wieder haben, um ſie nach Clapham zu ſchicken, und könne ſie nicht läuger als eine Stunde entbehren!“ ſagte der Kuabe beim wesgehen. „Ich erinnere mich noch des Tags,“ ſagte Dum⸗ mie, mit dem Eifer eines Stammgaſtes,„wo der Krug eine Zeidung ganz für ſich allein hielt, ſtadd ſie zu endlehnen bei dem Mäkler!“ Hier öffnete er mit einem Schneller das Blatt und gab ſich der Lektüre hin; aber der große Fremde, mit einem Ruck ſich aufrichtend, rief aus:„Habt Ihr nicht ſo viel Lebensart, einem Andern auch et⸗ was mitzutheilen? Meint Ihr, Niemand bekümmre ſich um Hauptmann Lovett, als Ihr?“ Anf dieß wandte ſich Dummie auf ſeinem Stahl um, und mit einem:„Schlag mich dieſer und jener, Ihr ſeyd willkommen, ganz gewiß!“ begann er wie folgt:(wir geben den Inhalt nach dem Druck und —— — 1— — 8— 22 ℳ —— 125 — nicht nach der Vorleſung.)„Das Gericht über den berüchtigten Lovett fängt heute an. Große Anſtren⸗ gungen ſind von Lenten aller Claſſen gemacht worden, um ſich Size im Stadtſaal zu verſchaffen, der in ei⸗ nem Grade wird angefüllt werden, wie es in dieſer friedlichen Provinz noch nie erlebt ward. Man ſagt, nicht weniger als ſieben Anklagen erwarten den Ge⸗ fangnen; man hat feſtgeſetzt, daß der an Lord Mau⸗ leverer veruͤbte Raub zuerſt vorkommen ſoll. Der Hauptzenge für dieſen Fall gegen den Gefangenen iſt dem Vernehmen nach der Zeuge des Königs, Mae Grawler. Ueber die der Theilnahme an dem Verbrechen Verdächtigen, Auguſtus Tomlinſon und Edward Pepper, hat man nichts Neues in Erfahrung gebracht. Man glaubt, jener habe das Land verlaſſen, und der letz⸗ tere verkrieche ſich in den dunkeln Zufluchtsſtätten des Verbrechens, woran die Hanptſtadt ſo reich iſt. Die Berichte reden ſehr günſtig von der Perſon und dem Benehmen Lovetts. Er gilt auch für einen Mann von einigem Talent und war früher Mitar⸗ beiter an einer obſtnren Zeitſchrift, von Mac Graw⸗ ler herausgegeben, und Altenäum oder Aſinäum ge⸗ nannt. Demungeachtet vermuthen wir, daß ſeine Herkunft ganz niedrig iſt und der Art ſeines Trei⸗ beus entſpricht. Der Gefangene wird hi nſichtlich de Richters ſehv glücktich ſeyn. Nie erntete ein Maun in dem hohen Amt wie Sir William Brandon⸗ in ſo kurzer Zeit ſo hohes Lob und ſolchen Ruf. Die Woigs pflegen uns zu verhöhnen, weun wir auf die 126 Privat⸗Tugenden unſerer Miniſter ein Gewicht legen. Sie mögen Sir William Brandon anſehen und ge⸗ ſtehen, daß die ſtrengſte Sittlichkeit mit der gründ⸗ lichſten Einſicht und dem glänzendſten Geiſte gepaart ſeyn kann. Die Eroffnungs⸗Anrede des gelehrten Richters an die Geſchwornen zu——, iſt vielleicht das gewaltigſte und feierlichſte Meiſterſtück von Be⸗ redſamkeit in der engliſchen Sprache!“ Die Urſache dieſer Lobſprüche könnte man vielleicht in einem an⸗ dern Abſchnitt der Zeitung finden, wo es hieß:„In den höhern Cirkeln hat ſich, wie wir hören, das Ge⸗ rücht verbreitet, daß Sir Williom Brandon zur par⸗ lamentariſchen Thätigkeit in einer höhern Weiſe zu⸗ ruͤckkehren ſoll. So hoch werden die Talente dieſes Mannes von ſeiner Majeſtät und den Miniſtern ge⸗ achtet, daß dieſe, wie man erzählt, das Verlangen hegen, ſich ſeinen Beiſtand im Cabinet zu gewinnen, und natürlich, da ſein Stand ihn von den Gemeinen abſchließt, im Hauſe der Lords!“ Als Dummie ſich auf mühſeliger Wande⸗ rung durch die erſte der obigen Stellen durchbuch⸗ ſtabirt hatte, wandte er ſich zu dem großen Fremden, ſah ihn mit einer Art von zuwinkender Bedeutſam⸗ keit an und ſagte:„So, Mae Grawler petzt, wirft die Harpune nach ſeinen Geſellen! eh! Nun guhd, ich hab immer dieſen Sohn einer Kanone im Ver⸗ dachd gehabd, er kam mauchen lieben Das in den Krug, unſern kleinen Paul zu underrichden, und ſagd' ich zu Piggy Lob', ſagd' ich, ſchlag mich dieſer und —, )—— — 427 jener, wenn das nicht ein Blauſtrumbf iſcht! und wenm er nicht noch gehenkt wird, ſagd' ich, ſo iſcht es nur darum, weil er roſtig werden wird, und Ei⸗ nen ſeiner Spießgeſellen an den Galgen liefern! So ſeht Ihr jetzt,— chier ſah ſich Dummie rings um und ſeine Stimme wurde zu einem leiſen Flüſtern;) —„ſo ſeht Ihr, mein Herr Pepper, ich war da kein Narr!“ Der lange Ned ließ die Pfeife ſinken und ſagte herb und mit argwöhniſchem Stirnrunzeln:„Wie! Ihr kennt mich?“ „Gewiß und wahrhafdig das duh⸗ ich,“ antwor⸗ tete der kleine Dummie und ging an den Tiſch, wo der Räuber ſaß.„Kennt Ihr mich denn nicht?“ Ned betrachtete den Frager mit einem mürri⸗ ſchen Blick, der ſich allmälig zur Wiedererkennung aufklärte.„Ah,“ ſagte er mit dem Anſtand eines Brummel,„Herr Bummie, oder Dummie, glaub⸗ ich, he? Hand her!— freut mich, Euch zu ſehen— Beſinne mich, als ich Euch das letztemal ſah, habt Ihr mich eigentlich beleidigt. Denkt nicht mehr da⸗ ran. Ich glaube gern, es war nicht Eure Abſſcht.“ Ermuthigt durch dieſen leutſeligen Empfang des Highwayman, aber doch ein wenig in Verlegenheit geſetzt durch Neds Anſpielung auf ſein früheres Be⸗ nehmen, welche er gegründet fand, grinste Dummie, rückte einen Stuhl neben Ned, ſetzte ſich und ſorg⸗ fältig einer unmittelbaren Antwort auf Neds Vor⸗ wurf ausweichend, erwiederte er: „Wißd Ihr, Herr Pepper, Ihr habt mich vor Stannen ganz konfus gemacht. Ich konnde mir nicht im Draum einfallen laſſen, Ihr würdet Euch heud zu Dag noch herundergeben, in den Krug zu kom⸗ nen, wo ich Euch nie als früher Einmal geſehen hab. Der Herr ſchütz' Euch! es heißt, Ihr gehet an alle vornehme Serter hin mit Manſchedden und ein Baar ſilbernen Buffern in den Weſtendaſchen! Nun die Jungen hierherum ſagen, Ihr und Herr Tomlinſon und der arme Deufel in der Briſon ſeyen die fornehmſten Gennelmen in der Stadt; und o Herr im Himmel! wenn ich Eure Höfllichkeit be⸗ denke gegen einem armſeligen Lumpenhändler, wie Unſereins!“ „Ach,“ ſagte Ned eruſt,„es ſind jetzt arge Grundſätze im Schwang. Man will jetzt alle Stan⸗ desauszeichnungen wegſchaffen, einen Herzog für nichts Beſſeres gelten laſſen als ſeinen Kammerdiener, und einen Gentleman von der Landſtraße mit einem Taſchenfeger zuſammenlociren. Aber Gott ſtraf mich⸗ wenn ich nicht denke, das Unglück macht uns alle ganz gleich; und das Unglück bringt mich hieher, klei⸗ ner Dummie.“ „Aha, Ihr wollt Euch den Fleiſchmännern aus dem Wege machen?“ „Recht! Seit ſie den armen Lovett in den Stock gelegt haben, woran nichts Schuld war, das mäß ich fagen, als ſein verdammt gentlemanmäßiges Be⸗ nehmen gegen mich und Auguſtus,(Ihr habt es von „ 8S—— 13⁰ ſ denn, wollt Ihr ihm irgend einen Streich pielen?2 „Dem kleinen Paul einen Streich ſpielen!“ ſchrie Dummie laut auf,„was, ich habe ja den Schelmen gekannt ſeit er ſo hoch war! Nein, aber ich möchde ihm gern einen großen Dienſcht erweiſen, Herr Pepper, und mir ſelbſcht auch mit— und Euch obendrein, Herr Pepper, nach Allem was ich weiß.“ „Hm!“ ſagte Ned,„hm, was wollt Ihr damit ſagen? Ich weiß allerdings wo der kleine Paul iſt, aber Ihr müßt mir zuerſt ſagen, warum Ihr es zu erfahren wünſcht, ſonſt mögt Ihr Euren Großvater fragen und nicht mich!“ Einen langen, ſcharfen, bedenklichen Blick warf Dummie Dunnaker rings umher, eh er antwortete. Alles ſchien ſicher und geeignet zu vertraulichen Mit⸗ theilungen. Die erſtorbnen Züge der Frau Lobkins waren in ſchläfrige Starrheit verſunken; ſogar die graue Katze am Feuer lag in Morfeus Umarmung. Demungeachtet ſprach Dummie nur in leiſe flü⸗ ſterndem Tone. „Ich darf wohl verſichert ſeyn, Herr Pepper, daß Ihr Euch noch erinnert, wie Harry Cook, der große Highwayman— der arme Kerl! er iſcht hin⸗ gegangen, wohin wir Alle wüßen!— Euch, da⸗ mals einen bloßen Laffen zum erſchdenmal in das kleine hindere Underhaldungszimmer im Hahn und Heune in Devereur Court brachte?“ Ned nickte zuſtimmend. in „Und erinnert Euch auch, wie ich Euch und Harry dort draf und wegen Euch ganz in Sorgen war— Urſach warum? Ich hatt' Fuch zuvor nie geſehen und wir wollden eben einem Herrn einen Beſuch durch eine neue Dühre machen. Und Haury ſprach guhd für Euch und ſagde, daß Ihr, obgleich erſcht in die Stadt gekommen, doch ſchon ein durch⸗ —h—— —— —— e—— — — Vogel wäret— Ihr erinnert Euch noch? he? „Ja, ich erinnere mich an Alles,“ ſagte Ned, „es war das erſte und einzige Haus, wo ich beim Einbrechen Hand anlegte. Harrh war ein Burſche von gemeiner Lebensweiſe, ſo gab ich ſeine Bekannt⸗ ſchaft auf und hielt mich allein an die Landſtraße, oder machte dann und wann einen Genieſtreich. Ich habe keinen Begriff von einem Gentleman der?in Nachtdieb wird.“ „Nun, Ihr gienget mit uns und wir ſchoben Euch durch ein Loch im Küchenfenſter. Ihr waret der ſchmälſte von uns, ſo dick Ihr jetzt ſeyd, und Ihr drücktet Euch durch und öffnetet uns die Dühre und als Ihr die Dühre aufgemacht haddet, da habt Ihr geſehen, daß ein Weib zu uns geſtoßen war; und da kam Euch die Schwerenoth an und Ihr bliebt drauſſen vor dem Haus, und hieltet Wache mittlerweile wir hineingiengen.“ „Gut, gut!“ rief Ned,„was Teufels hat all dieß heilloſe Gewäſche mit Paul zu ſchaffen 2“ „Werdet nicht falſch, ſondern laßt mich nach meinem Geſchmack die Sache vordragen. Wie wir hinausgekommen ſind, merkdet Ihr, daß das Weib ein Bündel in den Armen drug und ihr habt ſie derwegen angeredet, aber ſie hat Euch barſch geand⸗ wordet und uns verlaſſen und iſt gradenwegs nach Haus gegangen; wir aber gingen her, vermauſchel⸗ den noch in der Nacht den Plunder, und deilden dann die Pflichtdeihle aus. Und Ihr habt uns da⸗ zumalen auch herzlich lachen machen, Herr Pepper, wie Ihr geſagt habt:„das Weib da“ habt Ihr ge⸗ ſagt:„iſt ein verweddert hübſcher Beſen!“ das war ſie auch, Herr Pepper!“ „Oh, verſchont mich,“ ſagte Ned dringend, „nnd macht ſchnell; Ihr iaßt mich ſo lang ganz im 9* 131 132 Dunkeln. Beiläufig ich erinnere mich, das Ihr mich wegen des Buͤndels aufzogt; und als ich fragte was das Weib darin eingewickelt gehabt habe, ſchworet ihr: ein Kind. Wahrſcheinlicher wahrhaftig, daß die Jungfer, oder was ſie war, ein Kind zurückge⸗ laſſen als eins mitfortgenommen hätte.“ Dummies Angeſicht erweiterte ſich in ſich füh⸗ lender Wichtigthuerei. „Nun guhd, Ihr habt uns dazumalen nicht glauben wollen; aber es iſcht ganz wahr geweſen, in dem Bündel war des Weibs Kind, ich bilde mir ein, ein unehliches von dem Herrn; ſie hat uns in das Haus geführt under der Bedingung, ihr zum Raub des Kinds behülflich zu ſeyn. Und ſchlag mich dieſer und jener, wir haben uns für unſre Mühe recht ordentlich bezahlt gemacht. Das Weib war ein curioſes Geſchöbf; es hieß ſie ſey eines Lords ſeine Mädreß geweſen; aber wie das ſeyn mag, ſie war ein ſo heißgrädiges und ſeldſames Ding als wäre ſte's wirklich geweſen. Es iſcht aber eine Teufelshatz über der Sache losgegangen, und der Preis der auf unſre Entdeckung geſetzt wurde, iſcht ſo groß gewe⸗ ſen, daß Harry, weil Ihr noch nicht ſo recht er⸗ brobt waret, es für das Beſchde hielt, Euch mit auf's Land zu nehmen und zu ſagen: es ſey mit dem Kind in dem Bündel lauter Jur geweſen.“ „Wahrhaftig,“ ſagte Red,„ich glaubte ihm recht gerne; und der arme Harry ward bald nachher herumgezwirbelt, und ich ging der Sicherheit wegen nach Irland, wo ich zwei Jahre blieb und verteufelt guten Claret bekam.“ „So, während Ihr dort geweſen ſeyd,“ fuhr Dummie fort,„iſcht die arme Judy, das Weib, ge⸗ ſchdorben— ſie iſcht in dieſem Haus geſchdorben und ließ ihr Waiſel der Zärdlichkeit der Piggy Lob, die wahrhaftig ganz närriſch verliebt darein geweſen ———.———. iſcht. Oh! ich erinnre mich's noch wohl, was das für eine Nacht geweſen iſcht, wo die arme Judy ge⸗ ſchdorben iſcht; der Wind blies wie beſeſſen, und der Regen ſtrollte herum, wie wenn er einen Feier⸗ dag gehabt hädde; und da iſcht die arme Krewadur im Raſen da gelegen, grad über unſerm Kopf, wo wir jetzt ſitzen. Behüt mich der Herr! was iſcht das für ein Anblick geweſen!“ Hier hielt Dummie inne und ſchien ſich die cene, wovon er Augenzeuge geweſen, wieder in⸗s Gedächtniß zu rufen; aber in der Seele des langen Ned ging allmählig ein Licht auf. „Ha ſo!!“ ſagte er, den Zeigefinger erhebend, „ha ſo! ich rieche den Braten; dieß geſtohlene Kind, alſo, war kein anderes als Paul, aber bitte, wem gehörte jenes Haus? dieß hat mir Harry nie mitge⸗ theilt. Ich hörte nur der Eigenthümer ſey ein Rechts⸗ gelehrter oder Geiſtlicher, oder ſonſt ſo was 1“ „Je nun, ich will es Euch erzählen, aber wer⸗ det nicht falſch. So, ſeht Ihr, wie die Judy ge⸗ ſchdorben iſcht und der Harry gehenkt worden, da bin ich das einzige lebendige Geſchöbf geweſen das um das Geheimniß gewußt hat; und wie die Mud⸗ der Lobkins einen Dropfen Herzſtärkung genommen hat, nach dem Abſcheiden der Judy, da mach' ich eine große Kiſchde auf, wo die arme Judy ihren Geſchmuck und Siebenſachen gehabt hadde, und wahr⸗ hafdig da find' ich auf dem Boden der Kiſchde gar viele Briefſchafden und derlei Zeug; denn ich wußde, daß ſie da wären; ich raffe ſie zuſammen und nehme ſie mit nach Haus, und bald darauf verkauft mir Mudder Lob die Kiſchde mit den Siebenſachen um zwei Goldsvögel— Urſach warum? Ich war ein Lumpenhändler. So nun hab⸗ ich bei mir beſchloſſen, weil das Geheimniß ganz nur bei mir ſtand, es ſo suhd zu verwahren wie den Hahnen am Weinfaß! 454 erſchdlich, ſeht Ihr, fürchdede ich mir, ich würde an den Galgen kommen, wenn ich es ſagen würde— Urſach warum? Ich hab' eine Uhr und ſonſchdige Sachen geſchdohlen ausſer dem Wechſelbalg, und zu⸗ dem fürchdede ich mir auch, die Mudder möchde wieder kommen, und mich heimſuchen, wie Sall den Villy heimſuchde, denn es war eine grauſenhafde Nacht, wo ihre Seele Flügel bekommen hat. Und über und zu dem Allem, Herr Pepper, dachd' ich, es könnde doch edwa einmal die Sache ſo wenden, daß es für mich am Beſchden wäre, mein Ge⸗ heimniß für mich zu behalden und die Belohnung wenn ich einmal frei geſchdehen urfte. Uy Hier erzählte nun Dummie weiter, in welcher Beſorgniß er geweſen, Ned möchte Alles entdecken, wenn er(man wird ſich aus dem Anfang dieſer Ge⸗ ſchichte erinnern, wie Pepper den Paul in die Schule nahm,) im Hauſe der Frau Lobkins mit dem Ehrenmann zuſammenträfe; wie dieſe Beſorgniß ihn veranlaßt, gegen Pepper die Kälte und Grobheit anzunehmen, wodurch der ſtolze Highwayman ſo erbittert geworden war, und welchen Troſt und welche Freude ihm die Entdeckung gemacht habe, daß Ned nicht mehr den Krug beſuchte. Dann unter⸗ richtete er weiter ſeinen neuen Vertrauten von ſei⸗ nem Zuſmmentreffen mit dem Vater,(der ſcharf— ſinnige Leſer weiß ſchon, wo und wann,) und was auf dieſen Vorfall hin ſtatt fand. Er erzählte, wie er bei ſeiner erſten Verhandlung mit dem Vater, weislich beſchließend, die Aufſchlüſſe in deren Beſitz er war, nur tropfenweiſe ihm mitzutheilen, ohne ſeinen Antheil an der Raͤuberei einzugeſtehen, nur erklärt habe: er glaube das Haus zu kennen, in wel⸗ cem das Kind niedergelegt worden, und wenn es ſich ſo verhalte, daß es auch noch lebe— aber dar⸗ rde dige chde den fde Ind ich, enm, Ge⸗ ung hen her en, Be⸗ die em ihn eit und daß er⸗ ſei⸗ rf⸗ vas wie ter, eſitz hne nur e⸗ es ar⸗ —,— 155 über wolle er Nachforſchungen anſtellen. Dann be⸗ richtete er, wie der hoffnungsreiche Vater, welcher einſah, daß den Dummie wegen des Diebſtahls an ſeinem Hauſe zu hängen, ein nicht halb ſo ſichres Mittel ſeyn würde, ſeinen Sohn wieder zu bekom⸗ men, als Beſtechung und Verzeihung, ihm nicht allein ſein früheres Verbrechen vergeben, ſondern auch ſeinen Eifer in der Nochforſchung durch Beloh⸗ nung ſeiner Erbffnungen geſchärft habe. Dann ſetzte er weiter guseinander, wie er außer Stand, Paul oder eine Spur von ihm aufzufinden, den Vater von Zeit zu Zeit mit erſonnenen Entſchuldigungen beru⸗ higt; wie ihm Anfangs die erhaltenen Summen keine Luſt gemacht, eine Entdeckung zu beſchleuni⸗ gen, welche ſo angenehme Zuflüſſe würde abgeſchnit⸗ ten haben; wie zuletzt die Größe der verſprochnen Belohnung, verbunden mit den Drohungen des Va⸗ ters ihm ein ernſtliches Verlangen eingeflößt, das wirkliche Schickſal und den dermaligen Aufenthalts⸗ ort Pauls zu erfahren; wie er das letztemal als er den Vater geſprochen, ihm zur Begütigung und als erſte Ausbeute ſeiner Forſchungen, alle von der un⸗ glücklichen Murter hinterlaſſenen Papiere, welche er aufbewahrt, eingehändigt habe, und wie er jetzt hoch⸗ erfreut ſey zu erfahren, daß Ned Pauls Aufent⸗ haltsort kenne. Seit er verzweifelte, durch eigne Bemühungen allein Paul aufzufinden, hielt er ſein Geheimniß weniger zäh feſt, und bot jetz: Ned für Aufſchlüſſe uber Paul ein Drittheil der Belohnung an, welche er bisher ſich allein zuzueignen gehofft hatte. Ned ſperrte Mund und Augen bei dieſem Vor⸗ ſchlag auf.„Aber den Namen— den Namen des Vaters— den habt Ihr mir ja noch nicht geſagt!“ rief er ungeduldig. 136 „Nein, nein!“ ſagte Dummie ſchlau,„ich ſag⸗ Euch nicht Alles, eh' Ihr mir auch was geſagt habt. Wo iſcht der kleine Paul, ſag' ich; und wie kom⸗ men wir ihm bei?“ Ned ſeufzte tief auf. „Was den Eid betrifft,“ ſagte er nachdenklich, „ſo wäre es eine Sünde ihn zu halten, da ihn zu brechen ihm keinen Schaden bringen, wohl aber nütz⸗ lich werden kann! beſonders da im Fall der Einſper⸗ rung oder des Todes der Eid als nicht mehr verbin⸗ dend gilt; aber ich fürchte, für die Belohnung iſt es zu ſpät. Der Vater wird euch kaum Dank wiſſen, wenn ihr ihm ſeinen Sohn auffindet! Wißt Dum⸗ mie— Paul iſt im—— Kerker! er iſt Eine und dieſelbe Perſon mit dem Hauptmann Lovett!“ Nie prägte ſich das Erſtaunen in leſerlicheren Zü⸗ gen aus, als es ſich jetzt auf dem rohen Geſicht Dummie Dunnakers kund gab. So gewaltig aber ſind die auf den Beruf ſich beziehenden Empfindungen, verglichen mit allen andern, daß Dummie's erſtes verworrenes Gefühl das des Stolzes war.„Der große Hauptmann Lovett!“ ſtammelte er.„Der kleine Paul auf dem höchſten Gipfel des Handwerks! Herr! Herr im Himmel! Hab' ja immer geſagt, er hab' Ehr⸗ im Leib, um hoch zu ſteigen!“ „Gut, gut, aber der Name des Vaters?“ Bei dieſer Frage ſank der Ausdruck in Dum⸗ mie's Angeſicht; ein plötzlicher Schander umnebelte ihm die Augen— Bulwer's Aus dem Engliſchen. Dreilsigltes Bändchen. Paul Clifford. Siebentes Bändchen. F Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. Ver . Paul Cliftord. Ein Roman von dem Verfaſſer des Pelham, Eugen Aramu. ſ. w. Aus dem Engliſchen von Sultav Plizer In ſieben Bändchen. Siebentes Vändchen. Stuttgart, 1g. Verlag der J. B. Mesler'ſchen Buchhandlung. 6 Fünfunddreißigſtes Kapitel. Wie kommt es doch, daß uns zu Zeiten, über⸗ wältigend aber unbeſchreiblich, eine Angſt, eine Ban⸗ gigkeit beſchleicht? Wie kommt es, daß wir ſchaudern ohne eine Urſache, und das warme Lebensblut in ſei⸗ nem Lauf ſtocken fühlen? Sind uns die Todten nahe? Falkland. Was ſagſt Du? Gräßlicher Gedank“ ich führ' ihn Mein eiſig Herz umwinden, wie die Schlange Sich tödtlich, ſicher um die Beute ringelt! *„„„„„ Was! in der todesſtillen Einſamkeit Floh dieſe fürchterliche Seele? Liebe und Haß. Den Abend, der dem Morgen voranging, wo obiges Geſpräch vorfiel, brachte Brandon allein in ſeinem Quartier in—— zu. Er hatte ſich zu un⸗ wohl gefühlt, um dem gewöhnlichen Gelage anzu⸗ wohnen, und ſaß in trägem Brüten da in der Ein⸗ ſamkeit des altmodiſchen Zimmers, das ihm ange⸗ wieſen worden war. Zwei Wachskerzen auf dem platten, hübſchen Tiſch, kämpften mit mattem Lichte gegen die Düſterheit des ſchwerfälligen Getäfers, —— 1 ——— 6 das in ſparſamen Zwiſchenräumen durch Porträte in eichenen Rahmen gehoben wurde, ſchmutzig, vlump und wichtig ausſehend durch die Pracht ver⸗ brämter Röcke und niederhängender Perrücken. Die Vorliebe der Wirthin für den neuern Geſchmack hatte jedoch zu beiden Seiten des ungeheuern Ca⸗ mins neuere Meiſterſtücke der ſchönen Künſte auf⸗ gehängt. In ſinnbildlicher Herrlichkeit hiengen da die Bilder der vier Jahrszeiten, lauter üppige Wei⸗ bergeſtalten, den Winter ausgenommen, der gar häßlich im Bilde eines alten Kerls verkörpert war. Dazwiſchen hieng ein Kupferſtich von Lord Maul⸗ everer, dem Statthalter der benachbarten Graf⸗ ſchaft, der in ſeiner Peerstracht äußerſt majeſtätiſch ausſah, und drei Abbildungen von Glaube, Liebe, Hoffnung— weibliche Weſen, von denen bezweifelt werden mochte ob der muntere Graf je zuvor eine ſo enge Bekanntſchaft mit ihnen gepflögen hatte. Vorhänge von dem altmodiſchen Zitz, wo Büſchel von Streifen mit Reihen Blumen abwechſeln, füll⸗ ten die Zwiſchenräume von drei Fenßern; ein ſchwe⸗ rer Wandtiſch nahm den größern Theil einer Wan⸗ dung ein; und ihm gegenüber im Rücken Bran⸗ dons, war eine mächtige ſpaniſche Wand ausge⸗ ſpannt und erhöhte die einſame und gleichſam öde Behaglichkeit des Zimmers. Das Licht fiel blaß und ſchwach guf Brandons Geſicht, als er in keinem großen Stuhl daſaß, die Wange auf eine Hand geſtützt und mit dem unhe⸗ — . wußten Ernſt der Zerſtreuung in das helle Feuer ſtarrte. In dieſem Augenblick ſtürmte eine ganze Legion von düſtern Gedanken in ſchneller Aufein⸗ anderfolge durch ſeine Seele. Sein früher Ehr⸗ geiz, ſeine unglückſelige Heirath, die Urſachen ſei⸗ nes ſpätern Steigens in der unrichtig urtheilenden Welt, das erſte Aufdämmern ſeines Rufs, ſeine reißenden und ſchmeichelhaften Fortſchritte, ſeine jetzige Erhebung, ſeine ſehnſüchtige Hoffnung auf noch viel höhere Stellen, nach ariſtokratiſchen Eh⸗ ren— alle dieſe Bilder ſchwebten ihm in einer Miſchung von Licht und Schatten vor: aber immer geſellte ſich zu ihnen Eine beunruhigende dunkle Erinnerung— der Verluſt ſeines einzigen Sohnes. Weil mit ſeinem Ehrgeiz ſich der Wunſch ver⸗ flocht, den Stolz ſeines anererbten Namens wieder zu beleben, mächte ihn jeder Zuwachs an Vermö⸗ gen oder Ruhm nur noch begieriger, den Einzigen aufzufinden, der dieſe hohlen Auszeichnyngen bei ſeinem Geſchlecht auf die Dauer erhalten konnte. „Ich werde ihn doch noch entdecken!“ brach er plötzlich laut aus. Bei dieſen Worten durch⸗ ſchauerte ein raſcher— heftiger— krampfhaſter Schmerz ſeinen ganzen Körper, und ſirirte ſich dann einen Augenblick auf ſeinem Herzen, wie wenn ſich ein Raubvogel daran ankrallte; er gieng vorüber und darauf folgte eine tödtliche Erſchöpfung. Bran⸗ don ſtand auf, füllte ſich ein großes Glas mit Waſ⸗ ſer und trank es haſtig. Die Erſchöpfung'gieng ———— 8 vorüber wie zuvor der Schmerz; Brandon hatte in neueſter Zeit dieß Gefühl oft gehabt und nicht beachtet, denn nicht leicht war Jemand weniger als er mit der Selbſtquälerei der Hypochondrie behaf⸗ tet; aber jetzt, in dieſer Nacht, ſey es daß der Anfall heftiger war als ſonſt, oder daß ſeine Ge⸗ danken die Saite berührt hatten, welche natürli⸗ cherweiſe die ängßlichſten Empfindungen im Men⸗ ſchen aufregt,— wir wiſſen es nicht zu ſagen, aber als er ſich wieder ſetzte, ſchoß der Gedanke an ſeine herannahende Auflöſung wie ein eiſiger Pfeil durch ſein Herz. So ganz war dieſer Entwürſe brütende Mann auf das bewegte Leben der Welt gerichtet, und ſo wenig waren ſeine Gedanken gewohnt, ſich dem letz⸗ ten Ziel aller Dinge zuzukehren, daß dieſer ſich ihm plötzlich aufdrängende Gedanke ihn wie ein Geſpenßt bangen machte. Er fühlte die Röthe von ſeinen Wangen fliehen, und ein zuckender, unwillkürlicher Schmerz durchbebte die Kanäle ſeines Bluts von den Haarwurzeln bis zu den Fuß ſohlen. Aber die trotzige Seele Brandons war nicht von der Art, daß ein Schatten ſie lange beängſtigen konnte. Er ermannte und zwang ſich, dem düſtern Gedanken, der ſich ſo vor ſein inneres Auge drängte, die Stirne zu bieten und er betrachtete ihn mit feſtem und un⸗ erſchrocknem Blicke. „Nun,“ dachte er,„kommt meine Stunde her⸗ an, oder habe ich noch die gewöhuliche Friß der m 9 menſchlichen Natur für mich zu hoffen? Wahr iſt es, es haben ſich in neuerer Zeit dieſe ſonderbaren Erſchütterungen des Körpers mit etwas beunruhi⸗ gender Schnelligkeit wiederholt; vielleicht hat dieſe Arznei, welche die Qual Einer Krankheit heilte, eine andre, ſchneller tödtende erzeugt. Aber war⸗ um ſoll ich dieß glauben? Mein Schlaf iſt geſund und ruhig, meine Lebensweiſe gemäßigt, mein Geiſt thätig und hell wie in ſeinen beſten Tagen. In meiner Jugend ſpielte ich nie den Verräther an meiner Geſundheit; warum ſollte ſie mich an der Schwelle des Alters im Stich laſſen? Ja, ja, das ſind nur vorübergehende Neckereien, Erkältungen des Bluts, das anfängt dünn zu werden. Soll ich mich gewöhnen in meiner Diät weniger ſtreng zu werden? Vielleicht belohnt der Wein meine Ent⸗ haltſamkeit, vermöge der ich ſeinen Genuß zum blo⸗ ßen Vergnügen mir verſagte, und wird mir eine Herzſtärkung im Nothfalle. Ja, ich will die Aerzte fragen, ich will fragen; ich darf noch nicht ſterben. Ich habe— laß ſehen— drei, vier Stufen noch zu erreichen, ehe die Leiter ganz erſtiegen iſt. Und vor Allem muß ich mein Kind wieder bekommen. Lucie mit Mauleverer verheirathet, ich ſelbſt Peer, mein Sohn vermählt mit— Wem? Ich wünſche zu Gott, daß er noch nicht verheirathet ſeyn möge! meine Neffen und meine Kinder Edelleute! das Haus Brandon wieder hergeſtellt, meine Macht von den Menſchen angeſtaunt, mein Ruf auf einen 10 dauerhafteren Grund als die Gewandtheit in den Spitzfindigkeiten des Geſetzes gegruͤndet— das muß noch kommen, und eh ich dieß gekoſtet, will ich nicht ſterben! Die Menſchen ſterben nicht eher als bis ſie ihre Beſtimmung erfüllt haben. Der Geiſt, der in mir braust und ſchwillt, ſagt mir, daß die Be⸗ ſtimmung William Brandons erſt zur Hälfte voll⸗ endet iſt.“ Mit dieſem Schlußgedanken ſuchte Brandon ſein Lager. Was waren die Empfindungen des Ge⸗ fangenen, über welchen er zu Gericht ſitzen ſollte? Brauchen wir zu fragen? Wir dürfen uns nur ſelbſt vorſtellen ſeine erſchütterte Geſundheit, ſeine kranke Erſchöpfung, wodurch der Trübſinn, das Er⸗ zeugniß der Kerkerluft ſchon, noch geſteigert ward— die Gewißheit des Urtheils das über ihn ausgeſpro⸗ chen werden ſollte, den ihm bekannten Umſtand, daß der Oheim von Lucie Brandon ſein Richter, Mau⸗ everer ſein Ankläger ſeyn werde; den Gedanken, daß aller menſchlichen Wahrſcheinlichkeit nach das einzige weibliche Weſen, das er je geliebt, frü⸗ her oder ſpäter die Schuld ſeines Lebens und die Schmach ſeines Todes erfahren werde: blicken wir nur flüchtig auf die ſchwarze Troſtloſigkeit ſeiner Lage, ſo ſcheint nur wenig Sweifel ſehn zu können über die Beſchaffenheit ſeines Gemüthszuſtandes. Zwar vielleicht ſtrahlte ihm auch in dieſer ſchreck⸗ lichen und bangen Stunde ein holdes Antlitz und blitzte alles Dunkel hinweg. Vielleicht füllte auch, 1⁴ was immer die Stacheln ſeines Gewiſſens ſeyn moch⸗ ten, Ein Gedanke, das Bewußtſeyn: Eine Verſu⸗ chung überwunden, Ein Herz geſchont zu haben, ſein Auge mit Thränen, ſüß und wohlthuend in ihrer Quelle. Aber das Herz eines Mannes in Cliffords ſchauerlicher Lage iſt dunkel und uner⸗ forſchlich, und oft, wenn uns von Außen die trüb⸗ ſten und ſchrecklichſten Umſtände bedrängen, ſchlum⸗ mert der Wiederſchein derſelben, wie ein Schatten, ruhig und ſanft auf der Seele. Am nächſten Morgen bot die ganze Stadt*** (eine Stadt, in der uns, wie wir mit Bedauern be⸗ richten, einmal ein Zufall drei verwünſchte Tage hinhielt, und von der wir, aus gründlichſter Erfah⸗ rung ſprechend, verſichern können, daß ſie in ge⸗ wöhnlichen Zeiten die ſchwermüthigſte und menſchen⸗ leerſte Häuſermaſſe iſt, die ſich eine nüchterne Ein⸗ bildungskraft nur denken kann,) ein Schauſpiel von ſolchem Gelärme, ſo viel Belebtheit und ſcherzhaf⸗ ter Aengſtlichkeit dar, als allein das über ein Mit⸗ geſchöpf verhängte Gericht auf Leben und Tod in den flegmatiſchen Herzen der Engländer erregen kann. Rings um den Gerichtshof wurde das Ge⸗ wühl mit jedem Augenblick dichter, bis der ganze Marktplatz, wo das Rathhaus lag, Eine lebendige Maſſe wurde. Die Fenſter der Häuſer waren mit Frauen beſetzt, von welchen manche die Gelegenheit ergriffen hatten, ein Frühſtück zu geben, und kleine runde Liſchchen mit Dhee und Butterſchnitten zeig⸗ 12 ten ſich den Augen des grinſenden Pöbels, wenn ſie ungeduldig emporſtierten. „Ben,“ ſagte ein ſtämmiger Yeoman, ein Halb⸗ pfennigſtück in die Höhe werfend, das er dann mit der rechten Hand auffaßte und dieſe ſogleich mit der linken zudeckte,„Ben! Kopf oder Rückſeite, ob Lovett gehängt wird; Kopf gehängt, Rückſeite nicht— um eine Krone!“ „Unterröcke, Unterröcke gewiß!“ antwortete Ben, indem er einen Apfel verzehrte, und es war Kopf! „Straf mich Gott, Ihr habt verloren!“ rief der Yeoman, freudig ſich die rauhen Hände reibend. So viel von den guten Herzen unſerer niedern Volksklaſſen. Schande über die Niederträchtigkeit unſerer Pfeudoliberalen, welche von den Tugenden der Armen ſo viel Lärm machen. Wenn ſie tugend⸗ haft ſind, warum wollt Ihr ſie beſſern? eben weil ſie nicht tugendhaft ſind, ſolltet ihr die Geſetze ins Auge faſſen, welche ſie unterdrücken, und die Un⸗ wiſſenheit, welche ſie preisgiebt! Es wäre ein entzückender Anblick für einen Asmodeus geweſen, hätte er ſich auf den Giebel eines Hauſes auf dem Marktplatze von—— ſetzen und die toſende und wogende See von Menſchheit unten überſchauen können. Oh, der Anblick des Ge⸗ dränges um einen Gerichtshof oder einen Galgen ſollte den Teufel ſelbſt vor Lachen berſten machen! Während der Pöbel ſich drängte und ſtieß, fluchte, böhnte, wettete, Taſchen fegte, ſich auf die en alb⸗ mit mit ite, eite en, pf! rief nd. ern eit en d⸗ eil s n⸗ en el n 1e 15 Fühe trat, an den Röoͤcken zerrte und näher und näher den Thüren und Fenſtern des Gerichtshofs ſich herandrückte, endigte Brandon gemächlich ſeine mäßige Mahlzeit vor Erfüllung ſeiner richterlichen Pflichten. Sein Bedienter brachte einen Brief. Sir William warf einen raſchen Blick auf das Siegel(eines der ungeheuern Wachsopfer, wie ſte damals üblich waren), worauf ein ungeheurer Wap⸗ venrock prangte, darüber eine Grafenkrone und ge⸗ ſchmückt zu beiden Seiten mit jenen, dem Geſchmack des Heraldikers ſo werthen Schildhaltern. Dann riß er den Brief auf und las wie folgt: „Mein theurer Str! „Sie erinnern ſich, daß ich in der letzten Un⸗ terredung, welche ich mit Ihnen zu haben die Ehre hatte, wiewohl nur von weitem, der Achtung er⸗ wähnte, welche ſeine Majeſtöt Höchſtſelbſt vor Ih⸗ ren Grundſätzen und Talenten ausſprachen, ſo wie Höchſtihres Wunſches, dieſelbe baldmöglichſt an den Tag zu legen. Sehr glücklich macht es mich, daß es mir vergönnt iſt, Ihnen auf Befehl Sr. Maje⸗ ſtät eine ſolche Stellung im Kabinet anzubieten, wie ſie Ihres Namens und Geiſtes würdig iſt. Herr—— hat ſo eben ſeine Verzichtleiſtung auf das Amt des Kanzlers der Schatzkammer einge⸗ reicht, und ich verſäume keinen Augenblick, Sie zu erſuchen, in die ſo erledigte Stelle einzutreten. Sie werden ſich erinnern, mein lieber Sir William, ———ÜÜ 44 daß dieſe Stelle früher ſehr erfolgreich, obwohl zu kurz, von einer Zierde des Standes, dem auch Sie angehören, bekleidet ward; Ihre Gru ndſätze, Ihre Loyalität und Ihre Talente— das ſind Sr. Majeſtät eigne Worte, machen Sie zu einem würdigen Nachfolger des großen Lord Mansſield. Wie Sie ohne Zweifel wiſſen, wird unverzüglich eine Ernennung von vier Peers ſiatt⸗ finden. Ihr Name ſteht als der zweite auf der Liſte. Die Wahl des Titels überläßt Se. Maje⸗ ſtät huldvoll Ihnen felbſt; aber er hat errathen laſſen, daß wegen des ehrwürdigen Alters Ihrer Familie es ihm ſehr wohl geſiele, wenn Sie den Namen Ihres Familienſitzes, Warlock, wenn ich nicht irre, annähmen. Sie werden mich, wenn Ihre Zeit es geſtattet, in Kenntniß ſetzen über die Art und Weiſe, wie das Patent ausgefertigt wer⸗ den ſoll, in Betreff der Nachfolge u. ſ. w. Viel⸗ leicht(Sie entſchuldigen die Kühnheit eines alten Freundes) dürfte dieß Ereigniß Sie vermögen, Ih⸗ tem langgehegten Cölibat zu entſagen. Mit größter Hochachtung, Mein lieber Sir, aufrichtigſt der Ihrige, Vertraul. Privatſchr.)———. Brandons dunkles Auge blitzte lebhaft auf von der Unterſchrift des Premierminiſters unter dieſer Mittheilung, und ſuchte den Spiegel vor ihm. Er ſch lat bet jen tes lic cet gla mi dri „k ber aut gek hö Leb ben We ler wei ver Me tie das Ga ſtat lich 15 ſchritt darauf zu und beobachtete ſein Geſicht mit langen, gedankenvollen Blicken. Nie ſchaute, glau⸗ ben wir, ein jugendlicher Stutzer, im Begriff auf jenen Kampfplatz ſich zu begeben, wo vortheilhaf⸗ tes Ausſehen als höchſtes irdiſches Glück gilt, ängſt⸗ licher in das unpartheiiſche Glas, als jetzt der as⸗ cetiſche, menſchenverachtende Richter; und nie, glauben wir, kehrte das Auge des beſagten Stutzers mit einem ſo zufriedenen und trinmphirenden Aus⸗ druck zurück.„Ja, ja!“ murmelte der Richter, „kein Zeichen von Schwäche iſt noch hier angeſchrie⸗ ben; das Blut fließt noch hell und warm genug, auch die Wange ſieht ſeſt aus und kann für voll gelten bei Einem, der immer zu den Mageren ge⸗ hörte. Ah! dieſer Brief iſt eine Herzſtärkung, ein Lebenselixier. Mir iſt, als wäre dem ſich ſträu⸗ benden Miethsmann eine neue Friſt bewilligt. Lord Warlock— der erſte Baron von Warlock— Kanz⸗ ler der Schatzkammer. Warum nicht auch der Wollſack?“ Während er ſo ſprach, ſchritt er unwillkürlich weiter; er legte die Arme über einander mit jener vergnügten und zufriedenen Gebehrde, welche den Mann verräth, der in ſchweigendem Entzücken ver⸗ tieft iſt. Und gewiß, hätte der geſchickteſte Arzt das glühende und verklärte Angeſicht, den feſten Gang, den elaſtiſchen, muskelkräftigen Körper, die ſtattliche Haltung Brandons geſehen, wie er inner⸗ lich ſein Selbſigeſpräch fortſetzte— er hätte ihm 46 die Ausſicht auf ein ſo langes Leben eroffnet, als die Wechſelfälle bei Sterblichen es nur immer ge⸗ ſtatten. Er wurde durch den eintretenden Diener unterbrochen. „Es iſt fünf und zwanzig Minuten auf zehn Uhr, Sir!“ ſagte er ehrerbietig. „Sir,— Sir!“ wiederholte Brandon.„Ah, gut! ſo ſpät!“ „Ja, Sir, und der Wagen des Sheriffs iſt beinah vor der Thüre!“ „Hm— Miniſter— Peer— Warlock— Erbfolge.— Mein Sohn, mein Sohn! wollte Gott, ich könnte dich finden!“ Dieß waren Brandons letzte Gedanken, aks er das Zimmer verließ. Mit großer Schwierigkeit, ſo dicht war das Gedränge, erreichte der Wagen des Richters den Gerichtshof. Als er langſam hin⸗ fuhr, drängten ſich die Zuſchauer an die Wagen⸗ fenſter und ßtellten ſich auf die Zehen, um nur den Anblick des berühmten Rechtsgelehrten zu erhaſchen⸗ Brandons Angeſicht, das nie längere Zeit ſeine Empfindungen verrieth, hatte jetzt wieder ſeinen gewöhnlichen Ernſt angenommen, und die ſtolze Strenge ſeiner Miene ſloßte Schauer ein, während ſie die Neugier der Menge befriedigte. Man hatte befohlen, Niemand ſollte eingelaſſen werden, bis“ der Richter ſeinen Sitz auf der Bank eingenom⸗ men; und dieſe Verfügung verurſachte wegen des anwachſenden Gedrängs der ungeheuren bunten Me hal Fei⸗ nnn zeht lich geb gen die lich ter des eine war fähr gefa und Aeu er k cher eint ſicht run The Er Mit gen and der 2 N W — S 2 17 Menge ſo große Verzögerung, daß mehr als eine halbe Stunde vergieng, ehe das Gericht die der Feierlichkeit des Falles angemeſſene geziemende Ord⸗ unng herzuſtellen vermochte. Fünf Minuten vor zehn Uhr— eine allgemeine, unbeſchreib⸗ liche Bewegung, daß der Gefangene vor die Schranke gebracht wurde.— einer Zeitung aus jenen Ta⸗ gen leſen wir:„der Eeenei habe, als er vor die Schranke gebracht war, mit einem langen, ängß⸗ lichen Blick ſich umgeſehn, der zuletzt aufdem Rich⸗ ter verweilte, und dann habe man in der Miene des Gefangenen, als er das Auge niederſchlug, eine leichte Veränderung wahrgenommen. Lovett war ſchwarz und einfach gekleidet; er ſchien unge⸗ fahr ſechs Fuß groß; und obgleich hager und ein⸗ gefallen, wahrſcheinlich in Folge ſeiner Verwundung und der Haft, iſt er auffallend wohlgebaut und ſein Aeußeres verräth die große körperliche Stärke, die er beſitzen ſoll, und die nicht ſelten kühnen Verbre⸗ chern eigenthümlich iſt. Sein Geſicht iſt ſchön und einnehmend, Augen und Haare ſchwarz, ſeine Ge⸗ ſichtsfarbe blaß, vielleicht in Foige ſeiner Einſper⸗ rung; in ſeiner Miene war wöhrend des größten Theils der Gerichtsverhandlung ein gewiſſer Trotz. Er betrug ſich auffallend geſammelt und gefaßt⸗ Mit der größten— hörte der Gefau⸗ gene die Anklage an, welche der Leſer an einem andern Orte unſerer Zeitung ſindet, und welche ihn der Ausplünderung des Lord Mauleverer auf der Buiwer's Romane. KKX. 2 18 Landſtraße, in der Nacht vom—— beſchuldigte. Er beugte ſich bisweilen vorwärts und neigte ſein Ohr dem Gericht zu, und als die Geſchwornen den Eid ablegten, bemerkte man, wie er Jedem feſt ins Geſicht ſah. Er athmete ſchwer und tief, als die verſchiedenen Namen, die er angenommen, Howard, Cavendiſh, Jackſon u. ſ. w. geleſen wurden; aber er lächelte mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck, als die Liſte geſchloſſen war, als freuete er ſich äher den Reichthum ſeiner Schlauheit. Fünfundzwanzig Minuten auf eilf Uhr trug Haur Dyebright, der Anwalt der Krone, den Fall den Geſchwornen vor. Herr Dyebright war ein Rechtsgelehrter von gro⸗ ßen Vorzügen; er war ſein ganzes Leben über ein Whig geweſen, aber in neueren Zeiten war ſeine Unaufrichtigkeit und ſeine Willfährigkeit gegen die Wünſche der höhern Gewalt aufgefallen. Seine Talente waren eigenthümlich und wirkſam. Wenn er wenig Beredſamkeit hatte, ſo beſaß er viele Kraft, und ſeine Geſetzeskenntniß war gründlich und um⸗ faſſend. Manche ſeiner Amtsgenoſſen übertrafen ihn in der Erörterung, aber keiner verſtand, wie Er, die Kunſt, mit den Geſchwornen umzugehen. Voll gewinnender Vertraulichkeit und ſcheinbarer Auf⸗ richtigkeit, die ſo weit gieng, daß er beinah ſeiner Sache etwas vergab, als wäre er in tödtlicher Angſt, daß er ja keinen überrede, um ein Haarbreit mehr ſich zu ſeiner Anſicht von der Sache herüber⸗ zuneigen, als die Gerechtigkeit geſtattete; dem An⸗ ſche gen für dac ben: dru geft in kun brec und dert brig dre mit nen zu tun ſagt keit thei wol von ſind fan nun Her an, wei igte. ſein den ins die ard, aber ruck, her nzig der vor. gro⸗ ein ſeine die eine Lenn raft, um⸗ nihn Er, Voll Auf⸗ einer icher breit ber⸗ An⸗ 19 ſchein nach ganz erfüllt von edeln, freundlichen, tu⸗ gendhaften Gefühlen; von rückſichtsloſer Achtung für die Wahrheit; befeelt von derber und doch be⸗ dachtſamer Rechtlichkeit, gewürzt mit einigen lie⸗ benswürdigen Küchenvorurtheilen, welche ihres Ein⸗ drucks auf die Herzen von Familienvätern und ein⸗ gefleiſchten Britten nie verfehlen; wohlbewandert in allen Feinheiten der Sprache und der Zauber⸗ kunſt der Benennungen, ſo daß, wenn er das Ver⸗ brechen pertheidigte, er es ſorgfältig Mißgeſchick, und wenn er das Unglück anklagte, er es nie an⸗ ders als Verbrechen nannte: war Herr Dye⸗ bright wie dazu geboren, die Gerechtigkeit zu ver⸗ drehen, die Geſchwornen zu kitzeln, die Wahrheit mit einem freundlichen Lächeln zu umgehen und ei⸗ nen ungeheuern Namen als trefflicher Advokat ſich zu erwerben. Er begann mit einer langen Einlei⸗ tungs⸗Tirade über die Wichtigkeit des Falles. Er ſagte, er wolle mit der ängſtlichſten Gewiſſenhaftig⸗ keit Alles vermeiden, was ein unnöthiges Vorur⸗ theil gegen den Gefangenen erwecken könnte. Er wolle nicht von ſeiner unglücklichen Berühmtheit, von ſeinen Verbindungen mit dem gemeinſten Ge⸗ ſindel ſprechen.— Gier fuhr der Anwalt des Ge⸗ fangenen auf, und Herr Dyebright wurde zur Ord⸗ nung gerufen.„Gott weiß,“ fuhr der gelehrte Herr fort, und ſchaute bedenklich die Geſchwornen an,„mein gelehrter Freund hätte ſich dieſe Zurecht⸗ weiſung erſparen können. Gott weiß, ich wollte — 20 lieber, daß fünfzig von den elenden Bewohnern des Kerkers dieſer Grafſchaft unbe ſchädigt entkämen, als daß dem Gefangenen, den Sie hier vor der Schranke ſehen, widerrechtlich ein Haar gekrümmt würde. Das Leben eines Menſchen ſteht auf dem Spiel; wir würden uns ſelbſt eines Verbrechens ſchuldig machen, deſſen Erinnerung uns noch auf dem Ster⸗ bebette zittern machen müßte, ließen wir uns durch irgend eine Rückſicht des Eigennutzes oder des Vor⸗ urtheils oder unſtatthafter Furcht für unſere Habe und unſer Leben, nur ſo viel als ein Strohhalm wiegt, gegen den unglücklichen Gefangenen einneh⸗ men. Gentlemen, wenn Sie finden, daß ich nur einen Zollbrett von meinem Fall abweiche, wenn Sie finden, daß ich ein einziges Wort fage, das darauf berechnet iſt, dem Gefangenen in Ihren Au⸗ gen zu ſchaden, und das nicht durch die aufgerufo⸗ nen Zeugen beſtätigt würde, dann bitte ich Sie aufs dringendſte, nicht erſt den Scharfſinn meines gelehrten Freundes abzuwarten, ſondern dieſe meine Irrthümer in Ihrem Gedächtniß zu bewahren, und ſie als eben ſo viele Beweiſe zu Gunſten des Ge⸗ fangenen anzuſehen. Gentlemen, köͤnnte ich mit als irgend möglich denken, daß Ihr Spruch zu Gunſten des Gefangenen ausfallen werde: ſo er⸗ kläre ich Ihnen aufrichtig und von Grund meines Herzens, daß es mich erfreuen würde; ein Rechts⸗ handel gienge verloren, aber ein Mitmenſch würde gerettet. Für wie hartherzig auch wir Rechtsmän⸗ ner frag Ein Wo für Jed rige Eiti ſchn als chen Ger auf eine Vat lauf Fall wor alle lich wen weit der letzt ten Bet mar mit ndes a8 ranke ürde. piel; uldig Ster⸗ durch Vor⸗ Habe halm nneh⸗ ne wenn das An⸗ rufo⸗ Sie eines neine und mit zu o er⸗ eines cht⸗ ürde män⸗ 21 ner gelten, wir haben Gefühle, wie Ihr! und ich frage Einen von Ihnen Gentlemen Geſchwornen, Einen der je die Luſt des geſelligen Verkehrs, die Wonne der Menſchenliebe, den Lohn des Herzens für erwieſenes Wohlwollen empfunden hat, ich frage Jeden unter Ihnen, ob, wenn er in meiner ſchwie⸗ rigen Lage ſich befände, alle Einflüſterungen der Eitelkeit nicht auf einmal aus ſeinem Geiſte ver⸗ ſchwinden würden, und ob ihm ſeine Niederlage als Advokat nicht durch die allgemeinen menſchli⸗ chen Mitgefühle würde vergütet werden? Aber, Gentlemen,—(Herrn Dyebrights Stimme wurde auf einmal dumpf und zitternd—) wir haben hier eine Pflicht, eine ſchmerzliche Pflicht gegen unſer Vaterland zu erfüllen; und nie im langen Ver⸗ laufe meiner Amtserfahrung erinnere ich mich eines Falls, wo ſie mehr als jetzt in Anſpruch genommen worden wäre. Barmherzigkeit, Gentlemen, iſt uns allen theuer, ſehr theuer,— aber ſie iſt das tödt⸗ lichſte Unrecht, das wir der Menſchheit zufügen, wenn ſie auf Koſten der Gerechtigkeit erkauft wird.“ Dann gieng der gelehrte Herr nach einigen weitern einleitenden Bemerkungen zur Darſtellung der Thatſache über, wie in der Nacht vom— ten letzten Monats, Lord Mauleverer von drei verlarv⸗ ten Männern angefallen und ihm eine Summe im Betrag von ungefähr 350 Pfund, eine mit Dia⸗ mauten beſetzte Doſe, Ringe, Uhr und ein Käſtchen mit ſehr werthvollen Edeiſteinen geraubt worden 22 ſey,— wie Lord Mauleverer, beim Verſuche ſich ſpre zu vertheidigen, einem von den Räubern eine Ku⸗ in: gel durch die Kleider gejagt habe,— wie die Klei⸗ von der des Gefangenen, was man erweiſen werde, tha welche man in einer Höhle im Drford'ſchen gefun⸗ Aut den und die von einem aufzuführenden Zeugen eid⸗ vor lich anerkannt werden ſollten, ein Loch zeigen, das Sci einem durch eine Kugel verurſachten ähnlich ſehe,— Get wie ferner durch denſelben Zeugen beſchworen wer⸗ fel den könne, daß der gefangene Lovett mit zwei Mit⸗ ein ſchuldigen, welche ſeit ihrer Befreiung durch jenen ten noch nicht wieder zur Haft gebracht worden, in die cher Höhle gekommen und ſich der ſo eben begangenen des Räuberei gerühmt habe; daß man in den Kleidern wei und in dem Schlafgemach der Räuber die dem Lord kur Mauleverer geſtohlenen Gegenſtände gefunden habe, mer und daß die Börſe mit den Banknoten auf 330 Pfund, fan das einzige, was mit ſich zu nehmen der Gefangene beu werde Zeit gehabt haben an jenem Morgen, wo ner die Polizei in die Höhle einbrach, an dem Tage, Sc wo er die Befreiung ſeiner Kameraden verſucht Ge hatte und bei dieſem Verſuch ergriffen worden war, ma ſich bei ihm vorgefunden habe. Er that ferner dar, ant daß die in der Höhle gefundene Kleidung, welche ter von einem aufzuführenden Zeugen eidlich als dem Ri Gefangenen angehörig ſollte anerkannt werden, ge⸗ ach nau der Beſchreibung des Anzugs, den der Anfüh⸗ dat rer der Räuber getragen, und worauf Mauleverer, an ſein Diener uud die Poſtknechte geſchworen, ent⸗ ſich Ku⸗ dlei⸗ rde, fun⸗ eid⸗ das „— wer⸗ Nit⸗ enen die enen dern Lord abe, und, gene wo age, ucht war, dar, lche dem ge⸗ füh⸗ rer, ent⸗ ſpreche. Gleicherweiſe ſtimmte die Farbe Eines der in der Höhle gefundenen Pferde mit der Farbe des von dem Räuber gerittenen zuſammen. Auf dieſe thatſüchlichen Beweiſe, unterſtützt von der einfachen Ausſage des Königszeugen(des Zeugen, den er noch vorführen wollte), gründete er die Behauptung einer Schuld, über welche, wie er verſicherte, in den Gemüthern unpartheiiſcher Geſchwornen kein Zwei⸗ fel mehr übrig ſeyn könne. Dieß alſo, kurz und einfach aufgezählt, war der Inhalt der Einzelnhei⸗ ten, in welche der gelehrte Anwalt eingieng, wel⸗ cher ſodann ſeine Zeugen einführte. Die Ausſage des Lord Mauleverer(der ſich in Mauleverer⸗Park, wenige Meilen von—— entfernt, aufhielt) war kurz und klar;(als einen beſondern Umſtand be⸗ merkte man, daß beim Schluß der Ausſage der Ge⸗ fangene ſich ehrerbietig gegen ſeine Lordſchaft ver⸗ bengte). Das Zeugniß der Poſiknechte und des Die⸗ ners war nicht weniger bündig, und mit allem Scharfſinn vermochte Cliffords Anwalt in ſeinem Gegenverhör nichts in ihrer Ausſage wankend zu machen. Jetzt wurde der Hauptzeuge des Kron⸗ anwalts vorgefordert, und das feierliche Antlitz Pe⸗ ter Mac Grawlers erhob ſich vor den Augen der Richter. Eir Blick kalter und vernichtender Ver⸗ achtung traf ihn vom Auge des Gefangenen, der dann während des übrigen Verhörs ihn nicht mehr anzuſehen würdigte. Mac Grawlers Zeugniß wurde mit einer Feier⸗ —— — — —— ——— 24 lichkeit abgelegt, würdig des Ex⸗Herausgebers des Aſinäums. Demungeachtet kam durch die Geſchick⸗ lichkeit des Herrn Dhebright eine hinlänglich ein⸗ leuchtende Erzählung heraus, die einen für die Hoffnungen des Gefangenen tödtlichen Eindruck in den Geſchwornen zurückließ. Der Anwalt auf der andern Seite bemerkte gleich, welchen Vortheil die gegentheilige Parthei gewonnen; er räusperte ſich alſo und ſtand mit höhniſcher Miene auf, um das Gegenverhör zu beginnen⸗ „So, ſo,“ begann Herr Botheram, indem er eine auffallend große Brille aufſetzte, womit er den Zeugen fürchterlich anſtarrte.„So, ſo, Herr Mae Grawler, iſt das Euér Name? He? Ha! iſt er's? iſt er's? ein ſehr reſpectabler Name, das geſteh'ich. Nun, Sir, ſeht mich an. Nun, bei Eurem Eid, beſinnt Euch, waret Ihr je der Herausgeber eines gewiſſen Machwerks, das jeden Mittwoch erſchien, und At⸗ tenäum oder Aſinäum oder ſo ungefähr hieß?“ Mit dieſer hinterliſtigen und ſchmachvollen Frage begann der gelehrte Anwalt, und gieng dann, ſo künſtlich als er im Stande war, zu einer Reihe von Erkundigungen über, welche darauf berechnet wa⸗ ren, den Charakter, den achtungswerthen Charakter Mac Grawlers zu beſchimpfen und ſein Zeugniß in den Augen der Geſchwornen zu entkräſten. Es ge⸗ lang ihm, bei den Zuhörern die gefühlvolle Luſtig⸗ keit zu erregen, womit der gemeine Mann immer ſo gerne die langweilige Ernſthaftigkeit beim Hän⸗ 1 des ick⸗ ein⸗ die in der die iſt un, nnt ſen At⸗ age ſo on va⸗ ter in⸗ 35 gen eines Menſchen zu unterbrechen pflegt. Aber obgleich die Geſchwornen ſelbſt grinsten, wurden ſie doch nicht überzeugt; der Schotte verließ die Zeu⸗ genloge vielleicht mit übel zugerichtetem Ruf, aber doch nicht vernichtet als Zeuge. Gerade ehe dieſer Zeuge fertig wurde, wußte Lord Mauleverer dem Richter ein kleines Stückchen Papier einhändigen zu laſſen, worauf nur dieſe Worte mit Bleiſtift ge⸗ ſchrieben waren: „Lſeber Brandon, ein Dinner erwartet Sie in Mauleverer⸗Park, nur drei Meilen von hier. Sie treffen dort den Lord—— und den Biſchof von ——, Neuigkeiten in Menge von London und einen Sie angehenden Brief, den ich Niemand zeigen will, bis wir beiſammen ſind. Machen Sie ſchnell und hängen Sie den armen Kerl, damit ich Sie um ſo eher ſehe; und es taugt uns Beiden nicht, lange auf eine regelmäßige Mahlzeit, wie das Dinner, warten zu müſſen. Ich kann nicht länger bleiben, es iſt ſo heiß und meine Nerven waren immer reizbar. Der Ihrige Mauleverer. „Wenn Sie kommen wollen, ſo geben Sie mir einen Wink. Sie kennen meine Stunde; es iſt immer die gleiche.“ Der Richter warf einen Blick auf das Zettel⸗ chen und neigte ernſthaft den Kopf gegen den Gra⸗ 26 fen, der ſich entfernte; und wenige Minuten nach⸗ her bemächtigte ſich ein tiefes, athemloſes Schwei⸗ gen des ganzen Berichtshofs. Der Gefangene wurde zur Vertheidigung aufgefordert; es war merkwür⸗ dig, welch eine ganz andere Empfindung, als die, welche ein paar Augenblicke zuvor in ihnen ge⸗ herrſcht hatte, jetzt die Verammung durchſchauernd beſchlich. Gedämpft war alles Geflüſter, verſchwun⸗ den jedes Lächeln, welches durch das vorhergehende Gegenvebrrh veranlaßt worden war; ein plötzliches, ſchauriges Gefühl der tödtlichen Wichtigkeit des Tribunals bemächtigte ſich mit Einemmale der See⸗ len aller Anweſenden. Vielleicht machte, wie in der düſtern Satire Hogarths(des ſittlichen Mefiſtofeles unter den Ma⸗ lern), die gedrängte Nachbarſchaft des Schmerzes mit der Freude, daß jener um ſo eindringlicher das Herz ergriff; dem ſey wie ihm wolle, eine erkäl⸗ tende Angſt, die den Puls erſtarren machte und das Haar zu Berge trieh, ließ jede Seele in dieſer bunten Verſammlung ein ſchauerliches Mitleiden gegen ein Mitgeſchöpf empfinden, ausgenommen nur den hartherzigen Richter, die abgeſtumpften Advo⸗ katen und einen Zuſchauer, einen Dummkopf, der ſich bei dem allgemeinen Gedränge mit hereinge⸗ drückt hatte und einige Schritte von dem Gefan⸗ genen entfernt ſtand, unwillkurlich grinſend und hin und wieder mit gläſernem Ange einem entfernter 27 Stehenden zuwinkend, deſſen Aufmerkſamkeit er viel⸗ leicht getäuſcht hatte. Angeſicht und Aeußeres, ſelbſt die Stellung des Gefangenen waren ganz geeignet, den Eindruck zu verſtärken, welchen nothwendig ein jeder Menſch, der demſelben furchtbaren Spruch entgegen ſah, hätte machen müſſen. Er ſtand gerade vor der Schranke und ſeine große und edle Geſtalt hatte ſich in ihrer vollen Hbhe erhoben; eine Glut der innern Bewegung verbreitete ſich almälich über Züge, die immer einnehmend waren, und erhöhte den Glanz eines von Natur beredten Anges, wel⸗ chem damals mannigfache Empfindungen einen un⸗ gewöhnlich tiefen und ergreifenden Ausdruck gaben. Er begann folgendermaßen: „Mein Lord, ich habe Wenig zu ſagen und kann auf Einmal die Beſorgniß meines Anwalts hebes, der mich jetzt bedenklich anſieht, und ſetze hinzu, daß dieß Wenige den Zweck meiner Verthei⸗ digung kaum berührt. Warum ſollte ich mich ver⸗ theidigen? Warum ſollte ich mir Mühe geben, ein Leben noch zu friſten, das in ein paar Tagen früher oder ſpäter doch, nach der gewöhnlichen Be⸗ rechnung der Wahrſcheinlichkeit, ſein Ende erreicht. So wie es iſt und war, iſt mein Leben dem Ge⸗ ſetze verfallen und das Geſetz ſoll ſein Opfer haben. Könnte ich dieſer Anklage entgehen, ſo weiß ich, daß ſieben undere meiner warten, und daß durch die eine oder die andere von dieſen meine Ueber⸗ 28 weiſung und Verurtheilung herbeigeführt werden muß. Wohl mag das Leben uns Allen ſüß ſeyn, mein Lord; und möglich, daß wenn das meinige noch eine Weile gefriſtet würde, daß dann dieß ge⸗ friſtete Leben eine beſſere Sühne für frühere Hand⸗ lungen wäre, als ein Tod, der plötzlich und allzu⸗ früh mich treffend, Reue heiſcht, wahrend er Beſ⸗ ſerung unmöglich macht. Aber wenn nur die dunkle Seite der Dinge für unſere Wahl übrig gelaſſen iſt, dann iſt es um⸗ ſonſt, die hellere zu betrachten; es iſt fruchtlos, das Auge aufs Leben zu heften, wenn der Tod in der Nähe iſt; vergeblich, von Zerknirſchung zu re⸗ den, wenn man uns verweigert, ſie zu bewähren. Es iſt die gewöhnliche Liſt von Gefangenen in mei⸗ ner Lage, ſich an das Gefühl zu wenden und den Vorurtheilen der Geſchwornen zu ſchmeicheln; die Trefflichkeit unſerer Geſetze zu lobpreiſen, während ſie ſie zu entwaffnen ſuchen; die Gerechtigkeit zu rühmen und um Barmherzigkeit zu bitten, von ge⸗ hoffter Freiſprechung zu reden, aber mit einer nicht murrenden Unterwerfuug unter den Verdammungs⸗ ſpruch zu prahlen. Mir, dem alle irdiſchen Wün⸗ ſche todt ſind, iſt dieſe Liſt eitel und überflüſſig. Ich bedenke mich nicht, Ihnen zu erklären, mein Lord Richter, Ihnen zuzurufen, Gentlemen Geſchwornen, daß ich die Geſetze, welche ich mein Leben hindurch gebrochen habe, im Tode verachte. Die Geſetze zerfallen nur in zwei Arten: die eine wacht Ver⸗ 29 brecher, die andere beſtraft ſie. Ich habe gelitten durch jene, und durch dieſe ſoll ich umkommen. Mein Lord, és war das Fallen eines Stroh⸗ halms, was mich zu dem machte, der ich bin. Vor ſieben Ghren wurde ich ins Zuchthaus geſchickt, wegen eines Vergehens, deſſen ich nicht ſchuldis war; ich kam dahin als ein Knabe, der nie auch nur Ein Geſetz gebrochen— ich verließ es nach wenigen Wochen als ein Mann, bereit, allen Ge⸗ ſetzen zu trotzen. Woher dieſer Wechſel? war es meine Schuld oder derer, die mich verurtheilten? Ihr hattet mir zuerſt. Unrecht gethan durch eine Strafe, die ich nicht verdiente— Ihr verletztet mich noch tiefer, als Ihr mich(und wäre ich auch ienes erſten Vergehens ſchuldig geweſen!) verur⸗ theiltet, mit verhärteten Miſſethätern zu hauſen, mit Meiſtern im Laſter und in der Durchführuns derſelben. Die Geſetze ſelbſt veranlaßten mich die Geſetze zu brechen! zuerſt weil ſie mir das ſta⸗ chelnde Gefühl der Ungerechtigkeit einpflanzten, ſodann weil ſie mich der Verderbniß des bö ſen Beiſpiels preis gaben. So, ichspiederhole es, und ich hoſfe meine Worte werden ſich gewichtig in die Herzen aller Anweſenden ſenken— ſo hat mich Eure Geſgetzebung zu dem gemacht, der ich bin! und ſie vernichtet mich jetzt, wie ſie Tauſende vernichtethhat, weilich bin, wozu ſie mich gemacht hat! Vhne dieſen erſten feindſeligen Schritt gegen mich, hätte ich 50 werden können, was die Welt ehrlich nennt; ich hätte es zu einem hohen Alter und einem friedlichen Grab bringen können, mittelſt der unſchuldigen Be⸗ trügereien des Handels, pder der in Ehren gehal⸗ tenen Täuſchungen in Ahsübung eines Berufs. Ja ich hätte können die Geſetze aufrecht erhalten, wel⸗ chen ich jetzt getrotzt habe; gleich dem Anwalt ge⸗ gen mich hätte ich können ſtark und ſtattlich werden durch Andrer Sünden und mir Ehre gewinnen durch meinen Scharfſinn, wenn ich ihn benützt hätte, meine Mitmenſchen hängen zu machen. Die An⸗ klage hat in ihrem ſcheinheiligen, dem Vorurtheil huldigenden Abſchnitte ſich bemüht, Euch das Ver⸗ a dienſt der ehrlichen Geſchicklichkeit und des arbeit⸗ C 1 ſamen Handels im Gegenſatz zu meinen Unthaten ſe 1 zu ſchildern. Was ſind, ich bitte Euch, die Stützen der ehrlichen Thätigkeit— der Gewinn des Handels? Sind da keine Beſiechungen des Geſindes? Keine Verfälſchung der Waaren? Werden die Reichen nie geprellt mit dem Preis, den ſie zahlen— die Armen nie angeführt mit der Beſchaffenheit des Erkauften? Iſt Ehrlichkeit ein Brod, das Ihr eſſet, in einem einzigen Bedarfe zur Kleidung, Nahrung, Erwärmung? Mögen diejenigen, welche das Geſetz ſchützt, es als Schützer anſehen; wann hat es je mich beſchützt? Wann beſchützte es je den Armen 2 Die Staatsregierung, die geſetzlichen Einrichtungen rühmen ſich, für Alle Sorge zu tra⸗ gen, welche gehorchen. Hört einmal: ein Menſch ——„ S 8 c c))— — e—„ 8 — 54 hungert! ſättigt Ihr ihn? Er iſt nackt! Kleidet Ihr ihn? Wenn dieß nicht geſchieht, ſo brecht Ihr den Vertrag, ihr ſtoßt ihn zum urſprünglichen Na⸗ turgeſetz zurück, Ihr hängt ihn, nicht weil er ſchul⸗ dih iſt, ſondern weil Ihr ihn nackt und darbend golaſſen habt.(Ein Gemurmel unter der Menge, das mit vieler Mühe beſchwichtigt wurde.)— Nur Eines will ich noch hinzuſetzen, und auch das nicht, um Eure Barmherzigkeit rege zu machen. Nein, auch nicht um meinem Schickſal ein eitles und flüchtiges Intereſſe zu verleihen; ſondern weil ei⸗ nige Menſchen in der Welt ſind, welche mich nicht als den Verbrecher haben kennen lernen, der vor Euch ſteht und welche die Zeitung meines Schick⸗ ſals ſpäter erreichen kann; und ich möchte nicht, daß dieſe mich in ſchwärzeren Farben ſehen, als ich verdiene. Ich berufe mich auf Sie, Gentlemen, ob Sie unter all den Gerüchten, welche Ihnen zu Dhren gekommen, unter all den Mährchen und Fabeln, die durch meine unglückliche Berühmtheit und meine bevorſtehende Verurtheilung angefacht wurden, je gehört haben, daß ich eine blutige That begangen, oder einen Menſchen zu Grunde rich⸗ tenden, überlegten Betrug ausgeführt habe? Sie haben gehört, daß ich von Beraubung der Reichen lebte— ich läugne die Anklage nicht. Von der Schindung der Armen, von gewerbsmäßigem Betrug, von ſyſtematiſcher Beſtehlung meiner Ne⸗ benmenſchen iſt mein Gewiſſen ſo frei, als vom Vorwurfe der Grauſamkeit und vergoſſenen Blutes. Dieſe Verirrungen überlaſſe ich der ehrbaren Mit⸗ telmäßigkeit oder dem tugendhaften Wandel! Viel⸗ leicht finden Sie auch, daß mein Leben auf der Laufbahn der Miſſethat nicht verfloſſen iſt, ohe einige wenige Wohlthaten auf dem Weg auszu⸗ ſtreuen. Indem Sie mich umbringen, werden Sie allerdings den Lroſt des Gedankens haben, daß unter den aus meiner Verdammung entſpringenden Vortheile auch die heilſame Aufmunterung iſt, welche Sie andern Miſſethätern geben, das Ver⸗ brechen auf den höchſten Grad zu treiben und nichts, was es noch erſchwert, zu unterlaſſen. Aber wenn Ihnen dieß keine ſehr lockende Verführung iſt, ſo mögen Sie ſich beſinnen, ehe Sie einem Menſchen alle Möglichkeit der Beſſerung abſchneiden, der weder ganz verſtockt noch ganz unfäbig iſt, Began⸗ genes wieder gut zu machen. Mein Lord! mein Auwalt hatte den Wunſch, Zeugen aufzurufen, ei⸗ nige, um durch ihr geugnih Seiten meines Cha⸗ rakters in beſſeres Licht zu ſetzen, andere um Den Eid des Zeugen gegen mich zu entkräften; eines Mannes, den ich vom Untergang rettete, damit er mich verderben ſollte. Keines von beiden halte ich für nöthig. Die öffentliche Preſſe hat ſchon von mir dasjenige Gute ausgeſagt, was der Wahrdeit nicht zuwider läuft; und hätte ich nicht Etwas von den in der Geſellſchaft nicht mißachteten Eigen⸗ ſchaften beſeſſen, ſo würden Sie mich jetzt nicht hie Be 35 hier ſehen! Hätte ich auch mich ſelbſt, wie meine Begleiter gerettet, ſo hätte ich dieß Land, vielleicht für immer, verlaſſen und ein ganz anderes Leben im Ausland angefangen. Ich begieng Verbrechen, und entgieng Euch;ich that, was in meiner Lage von der Pflicht geboten war, und werde ergriffen und muß ſterben. Aber die Schwäche meines Kör⸗ pers vernichtet mich, nicht die Kraft Eurer Bos⸗ heit. Hätte ich—(und wie der Gefangene ſo ſprach, ließ eine ſtolze, heftige Bewegung, welche die Ge⸗ ſtalt heraushebt, durch die Leidenſchaft des Augen⸗ blicks bervorgerufen, alle Anweſende von der außer⸗ ordentlichen Kraft ſeines Körpers ſich auf's lebhaf⸗ teſte überzeugen)— hätte ich nur meine ſonſtige Geſundheit, meine gewohnte Herrſchaft über dieſe Glieder und dieſe Adern, ich hätte keines Freun⸗ des, keines Verbündeten bedurft, um mir die Flucht zu ſichern. Ich ſage Euch, Werkzeuge und Wäch⸗ ter des Geſetzes, ich hätte Eurer Ketten geſpottet, und Eurer Mauern gelacht, wie Ihr wißt, daß ich ſie früher verſpottete und verlachte. Aber mein Blut ſchleicht jetzt nur tröpfelnd durch die Adern, und das Herz, das ich ehemals hatte, ſchlägt uur ſchwach und ſchwer in mir.(Der Gefangene hielt einen Augenblick inne und führ daun mit veränder— tem Ton fort.. Indem ich alſo die Eatſcheidung über meinen Charakter der öffentlichen Meinun anheimſtelle, kann ich vielleicht nichts beſſeres thnn, als den Zengen gegen mich demſelben Gericht über⸗ Bulwer's Romane. XXX. 3 54 laſſen. Ich will aufrichtig bekennen, daß ich unter andern umſtänden vielleicht anders gehandelt hätte. Ich will offen geſtehen, daß ich mich vielleicht der Mittel bedient hätte, welche das Geſetz mir zuge⸗ ſteht, um meine Freiſprechung zu bewirken und mein Daſeyn zu verlängern— obgleich auf einem ver⸗ änderten Schauplatze; wie die Sache jetzt ſteht, was trägt es aus, wegen welcher Anklage ich ver⸗ urtheilt werde? Ja, es iſt ſogar beſſer, gleich bei der erſten zu unterliegen, als bis zur letzten hin⸗ zuſchmachten. Es iſt mir einiger Troſt, nicht wie⸗ der da ſtehen zu müſſen, wo ich jetzt ſtehe, nicht wieder die erniedrigenden Feierlichkeiten durchma⸗ chen zu müſſen, wie heute; das Lächeln der Einen anſehen, und das Stirnrunzeln der Andern erwie⸗ dern zu müſſen; nicht wieder kämpfen zu dürfen mit der Bangigkeit des Herzens und abhaͤngig zu ſeyn von der Laune der aufgeregten Nerven. Es iſt ſchon etwas, zu denken, daß Ein Theil des ſchmach⸗ vollen Drama's vorüber iſt, und daß ich ungeſtört in meiner Hütte es abwarten kann, bis ich wieder und zum letztenmale das Ziel der anſtaunenden Blicke der Gedankenloſen und das Ungeheuer der tobenden Menge werde. Mein Lord, ich bin jetzt fertig! Ihnen, den das Geſetz zum Anwalt des Gefangenen ernennt, Ihnen, Gentlemen der Jury, welchen es ſein Schickſal anheimgeſtellt hat, über⸗ laſſe ich jetzt die Entſcheidung über mein Leben!“ Der Gerangene ſchwieg; aber dasſelbe tiefe — —— S———— ter tte⸗ der ge⸗ ein er⸗ eht, er⸗ bei in⸗ vie⸗ icht ma⸗ nen vie⸗ rfen Es ach⸗ ſtört eder nden der jetzt des r, ber⸗ tiefe 35 Schweigen, das, nur durch einzelnes Gemurmel un⸗ terbrochen, während ſeiner Rede in dem Sagle ge⸗ berrſcht, dauerte noch mehrere Augenblicke, nach⸗ dem die tiefe und feſte Stimme dem Dhre ver⸗ ſtummt war. So ganz anders war die Vertheidi⸗ gung des Gefangenen geweſen, als man erwartet hatte, ſo zuverſichtlich glaubte der erfahrnere Dheil der Zuhörerſchaft, als er ſchon im Zuge war, er werde zuletzt in den gewöhnlichen Weg der Ver⸗ theidigung einlenken, daß, als ſeine unerſchütterte und beinahe trotzige Stimme verſtummte, die Leute gar nicht auf den Gedanken, ſeine Rede ſey ſchon zu Ende, vorbereitet waren, und der Schluß, als unzeitig und plötzlich, ſie unwillkürlich widerlich be⸗ rührte. Endlich, als alle Zuhbrer allmälig zu der Ueberzeugung gelangten, daß der Gefangene wirk⸗ lich mit ſeiner Rede ganz fertig ſey, erhob ſich eine beredte Bewegung von Empfindungen im ganzen Gerichtsſaale, nach der vorherigen Spannung, die vielleicht nur um ſo ernſter und peinlicher geweſen, je kühner und überraſchender die Worte waren, auf welche ſie ſich richtete. Die Geſchwornen ſahen ein⸗ ander verwirrt an, aber keiner von ihnen flüſterte auch nur ein Wort; ihre Gefühle, welche durch die Rede des Gefangenen aufgeregt worden, waren wegen der Kürze, der Eigenthümlichkeit derſelben und der ſtolzen Unvorſichtigkeit des Tons darin, nicht ſo weit und ſicher nt wor rden, daß eine beR, ihm entſchieden günftige oder ungünſige Stimmurg — ———————————————————————— ———————————————————— 36 ſich gebildet hätte, ſo daß Jeder wartete, bis der Andere reden würde, um gleichſam in einem An⸗ dern eine Art von Schlüſſel für die verworrenen und aufgeregten Empfindungen zu finden, welche ſich nicht von ſelbſt auszuſprechen vermochten. Der Richter, der gleich Anfangs durch die Haltung und das Aeußere des Gefangenen einge⸗ urmmen wurde, hatte, trotz ſeiner Hartherzigkeit, vielleicht mit größerem Beifall als irgend Einer der Anweſenden, der Vertheidigung zugehört; denn in der Verachtung der hohlen Einrichtungen und der falſchen Ehrlichkeit des geſellſchaftlichen Lebens, welche der Gefangene mit ſo viel Hohn an den Tag legte, erkannte Brandon die Grundzüge eines ihm auffallend verwandten Geiſtes, und dieſe Theil⸗ nahme wurde noch erhöht durch die körperliche Ner⸗ venkraft und die moraliſeche Unerſchrockenheit, welche der Gefangene entwickelte, Eigenſchaften die bei Männern von ähnlicher Art oft der ſtärkſte Beweg⸗ s der Achtung und bisweilen(wie wir von dem grund der kaiſerlichen Korſikaner und ſeinen Generalen leſen) der einzige Anziehungspunkt iſt! Bald jedoch wurde Vrandon wieder ſeinem kalten Weſen zurück⸗ h ein Gemurmel unbeſtimmten Bei⸗ en gemeinen Haufen durchlief, bei eine Eindruck ſich immer zuerſt en die Anſichten des Gefange⸗ ollkommen verſtanden, unmit⸗ als die höhern und reichern „ ——— il⸗ T* bei G em en) ch „ * ei⸗ bei ge⸗ 37 Claſſen unter den Zuhörern. Immer aufmerkſam auf äußern Anſtand, gebot Brandon ſogleich Stille im Gerichtsſaale, und als dieſe wiederhergeſtellt und es ausgemachte Sache war, daß die Verthei⸗ digung des Gefangenen ein Ende habe, ſchritt der Richter zur Zuſammenfaſſung. Es iſt bemerkenswerth, daß manche Gemüths⸗ eigenſchaften, welche im Privatleben am unliebens⸗ würdigſten erſcheinen, oft für Erreichung von Zwek⸗ ken im öffentlichen Leben die günſtigſten ſind; und ſo war die bei Brandon charakteriſtiſche ſteinerne Feſtigkeit ein Hauptzug, der ihm als Richter Be⸗ wunderung erwarb. Denn Männer in Aemtern werden nicht weniger durch ihre Gefühle, als ihre Intereſſen zu Verirrungen verleitet. Nach einem flüchtigen Blick über ſeine aufge⸗ ſchriebenen Bemerkungen beugte ſich der Richter gegen die Jury— und begann mit der ſilberhellen Glockenſtimme, welche Brandons Beredſamkeit be⸗ ſonders auszeichnete, und bei hoher Stellung des Redners einen ſo majeſtätiſchen und aufrichtig klin⸗ genden Ton der Ueberzeugung in ſich hat. Mit lichtvoller Kürze zählte er die verſchiedenen Punkte der Zeugenausſage auf; er verweilte einen Augen⸗ blick bei dem gemachten Verſuch, auf das Zeugniß Mac Grawlers einen ungünſtigen Schein zu wer⸗ fen— aber verlangte geeignete Aufmerkſamkeit auf den Umſtand, daß jener Verſuch durch keine Zeu⸗ gen oder Beweiſe unterſtützt worden ſey. Als er 38 weiter gieng, ſchwand allmälig der Eindruck, den der Gefangene auf die Gemüther der Geſchwornen gemacht hatte, und vielleicht wirkte es auch,(ſo weichherzig werden die Menſchen, wenn ſie deutlich das Antlitz eines Mitmenſchen ſehen, deſſen Leben ihnen anheim geſtellt iſt!) nachtheilig für Cliffords Sache, daß er während der Zuſammenfaſſung des Richters ſich in ſeiner Loge zurücklehnte und ſein Geſicht dem Anblick entzog. Als die Zeugenaus⸗ ſagen durchgegangen waren, ſchloß der Richter fol⸗ gendermaßen: „Der Gefangene, welcher in ſeiner Vertheidi⸗ gung, über deren Grundſatze und Anſichten mich weitläufig auszuſprechen, ich mir verſage, gewiß die Spuren einer beſſern Erziehung blicken ließ, ſo wie von großen, wiewohl in verkehrter Richtung gusgebildeten Talenten, hat auf die durch die öf⸗ fentliche Preſſe in Umlauf geſetzten Erzählungen ſich bezogen und ſich mit einigem Nachdruck auf die verſchiedenen, zu ſeinen Gunſten ſprechenden Anekdoten geſtützt, welche, wie er meint, Ihnen wer⸗ den zu Ohren gekommen ſeyn. Ich bin keineswegs gemeint, dem Gefangenen irgend einen Vortheil zu entziehen, der ihm aus einer ſolchen Quelle zufließen könnte; aber an dieſem Orte und in dieſem Augen⸗ blick kann es ihm nichts helfen. Alles, was Sie zu bedenken haben, iſt das vor Ihnen liegende Zeng⸗ niß. Alles, worüber Sie zu entſcheiden haben, iß: ob der Gefangene der ihm ſchuldgegebenen Räube⸗ — e 8 — —))— — — ————.—— . v 5 n ſ⸗ 59 rei ſchuldig iſt, oder nicht. Sie dürfen keinen Ge⸗ danken dem widmen, was ein angeſchuldistes Ver⸗ brechen mildert oder erhöht, Sie dürfen nur über das Verbrechen ſelbſt entſcheiden. Entfernen Sie, ich bitte Sie, aus Ihrer Seeie Alles, was der Hauptſache Eintrag thut⸗ Eutfernen Sie auch von Ihren Entſcheidungsgründen alle Gedanken an an⸗ dere mögliche Anklagen, deren der Ge angene er⸗ wähnt hat, aber von denen Sie nothwendig jetzt nichts wiſſen dürfen. Wenn Sie die Ausſage Ei⸗ nes Zeugen oder Aller bezweifetn, ſo muß dem Be⸗ fangenen der Vortheil dieſes Zweiſels zu Gut kom⸗ men. Wo nicht, ſo ſind Sie beeidigt auf einen feierlichen Eid, der Sie verpflichtet, alle unterge⸗ ordneten Rückſichten fahren zu laſſen, der Sie zur ängſilichen Wachſamkeit verpflichtet, damit Sie nicht unter dem Einfluſſe von Schwächen, die uns Allen natürlich, aber an Ihnen ein Verbrechen wären, ſich auf die Seite der Barmherzigkeit neigen, welche durch Ihren Schwur zum Meineid gegen Gott, und durch Ihre Pflicht als unpartheiiſche Staats⸗ genoſſen zum Verrath an Ihrem Vaterland würde⸗ Ich eutlaſſe Sie zur ernſten Ueberlegung des wich⸗ tigen Falles, den Sie angehört haben, und ich hege das Vertrauen, daß Er, dem alle Herzen offen und alle Geheimniſſe bekannt ſind, Ihnen die rechte Faſ⸗ fung und die Einſicht verleihen wird, um eine rich⸗ tige Entſcheidung zu füllen!“ Es lag etwas in dem majeſtätiſchen Anblick und 40 der tönenden Stimme Brandons, was ſeinen ge⸗ wöhnlichſten Ausdrücken Würde und Nachdruck gab; und der Heuchler, des begünſtigenden Eindrucks ſei⸗ nes Weſens ſich wohl bewußt, pflegte gewöhnlich, wie auch jetzt, den Schluß ſeiner Reden durch eine religiöſe Anſpielung oder eine Redensart aus der Schrift zu heben. Er ſchwieg; und die Geſchwor⸗ nen, ſich von dem Eindruck ſeiner Beſchwörung wieder erholend, beriethen ſich einen Augenblick un⸗ ter ſich; der Aelteſte redete dann das Gericht im Namen ſeiner Mitgeſchwornen an und begehrte Ur⸗ laub, um ſich zum Behuf der Beſprechung zurück⸗ zuziehen. Ein Beamter wurde beeidigt, um Wache zu halten, und wir leſen in den Journalen jener Tage, welche die Zeitabſchnitte mit der gewöhn⸗ lichen Genauigkeit anmerkten, die wirklich furchtbar wird durch den Gedanken, wie bald alle Zeit und aller Zeitwechſel für den Helden des Stücks ver⸗ gehen konnte, daß es fünf und zwanzig Minuten auf zwei war, als die Geſchwornen ſich entfernten. Im ganzen Verlauf einer peinlichen Gerichts⸗ verhandlung iſt vielleicht kein Zeitabſchnitt ängſt⸗ licher als der, während deſſen die Geſchwornen ſich berathen. Im jetzigen Falle blieb der Gefangene, wie es ſchien heftig ergriffen vom Gefühl ſeiner Lage, im Hintergrund der Loge, und verbarg das Geſicht in den Händen. Die ihm näher Stehen⸗ den bemerkten jedoch, daß ſeine Bruſt ſich nicht mit der krampfhaften Bewegung zu heben ſchien, wie — n „ Xv— es gewöhnlich bei Leuten in ſeinem Zuſtand iſt, und daß nicht einmal ein Seufzer oder eine heftige Ge⸗ behrde ſein Inneres verrieth. Die Geſchwornen wa⸗ ren ungefähr zwanzig Minuten entfernt geweſen, als ein verworrener Lärm ſich im Gerichtsſagl ver⸗ nehmen ließ. Das Angeſicht des Richters wandte ſich mit gebieteriſcher Strenge der Seite zu, von wo er kam. Er gewahrte einen Mann in ſchmutzi⸗ gem Aufzug und von gemeinem Aeußern, der grob und gewaltſam ſich durch das Gedränge gegen die Bank Bahn zu machen ſuchte, und in dem Augen⸗ blick ſah er einen der Beamten des Gerichts ſich dem Ruheſtörer in eben nicht freundſchaftlicher Ab⸗ ſicht nähern. Der Mann, die Abſicht des Konſta⸗ bels wohl begreifend, rief mit großer Heftigkeit: „Ich will das da ſeiner Lordſchaft, dem Richder, übergeben, ſchlag mich der und jener, wo ich's nicht duhe!“ und mit dieſen Worten erhob er hoch über ſeinen Kopf ein ſchmutziges Blatt Papier, das küm⸗ merlich zu einem Brief zuſammengelegt war. So⸗ bald Brandons Auge die plumpen Züge des zu⸗ dringlichen Fremden erſchaut hatte, wandte er ſich, bei weitem nicht mit ſeiner gewöhnlichen Abgemeſſen⸗ beit des Benehmens, zu einem der ihm zum Dienſt gewärtigen Beamten.„Bringt mir ſogleich dieß Papier!“ flüſterte er. Der Beamte verbeugte ſich und gehorchte. Der Mann, der etwas berauſcht ſchien, übergab es mit 42 einem Blick, welcher den Triumf über großen Ge⸗ winn und das Gefühl der Wichtigkeit ausſprach. „Fort, Menſch!“ ſagte er zu dem Conſtabel, der jetzt die Hand an ſeinen Kragen legte,„werdet ſchon ſehn, was der Richder zu dem Fetzen Babier ſagt, und auch der Geſangene, der arme Deufel!“ Dieſer der Würde des Gerichtshofs ſo zuwider⸗ laufende Auftritt erregte die Aufmerkſamkeit und in der nächſten Nähe um den Eindringling die Lu⸗ ſtigkeit der Menge, und manches Augo richtete ſich auf Brandon, als er mit ruhigem Ernſt den Brief öffnete und den Inhalt überlief. Mit großen Schul⸗ knabenbuchſtaben— es war die Handſchrift des langen Red— waren folgende Worte geſchrieben: „Mein Lord Richter! „Ich bin ſo kühn, Sie zu bitten, Alles was Sie können für den Gefangenen vor der Schranke zu thun, da er Niemand anders iſt, als der Paul, von dem ich Eurer Lordſchaft ſprach. Sie wiſſen was ich meine. Dummie Dunnaker.“ Nach Durchleſung dieſes Schreibens bemerkte man, wie der Richter plötzlich das Haupt ſinken ließ, wie aus Ohnmacht oder Krampf. Aber au⸗ genblicklich erholte er ſich wieder und flüſterte dem Pffizianten, der es ihm überbracht hatte, zu:„Seht zu, daß der Lollhöusler unverzüglich vom Gerichts⸗ —„—— — e ——„ ſaal entfernt werde, und ſchließt ihn allein ein. Er iſt ſo von Sinnen, daß er gefährlich werden könnte.“ Der Beamte ſüumte keinen Augenblick, den Befehl vollſtrecken zu laſſen. Drei ſämmige Kon⸗ ſtabel ſchleppten den erſtaunten Dummie aus dem Gerichtsſaal, und nur um ſo unſanfter, jemehr er geiferte. „He, Sir's, was ſoll das? Sag Ench ja, hab' des Richders eignes Fleiſch und Bluhd gered⸗ det. Ey wie! nur nicht ſo grob! du ſollſt's ſchon ausbaden, mein guhder Freund. Seyd ruhig, Paul, mein Herz, ich hab' Ench lauder Guhdes gedahn!?“ „Stille!“ gebot die Stimme des Richters, und dieſe Stimme erſcholl mit ſo gebioteriſcher Herrſchergewalt, daß ſie Dummie trotz ſeiner Trun⸗ kenheit bange machte. Im nächſten Angenblick war er, eh' er Zeit hatte ſich wieder zu faſſen, zum Ge⸗ richtsſaal hinausgeſchafft. Während dieſes ſeltſa⸗ men Skandals, der jedoch kaum zwei bis drei Mi⸗ nuten dauerte, hatte der Gefangene das Haupt gar nicht erhoben, und ſchien in keiner Weiſe aus ſei⸗ ner Träumerei zu erwachen. Kaum war der Ein⸗ dringling entfernt, als die Geſchwornen zurück⸗ kehrten. Der Ausſpruch lautete, wie Jedermann vor⸗ hergeſehen: Schuldig! aber es war damit eine kräftige Empfehlung an die königliche Gnade ver⸗ bunden. Dann nurde der Gefangene in der ge⸗ wöhnlichen Form befrast, ob er etwas zu ſagen 43 44 habe, warum das Todesurtheil nicht gegen chn aus⸗ geſprochen werden ſollte. Als dieſe furchtbaren Worte ihm ins Ohr tön⸗ ten, erhob ſich der Gefangene. Er warf znerſt ei⸗ nen kurzen, lebhaften Blick auf die Geſchwornen, und dann blieb ſein Auge ſcharf und mit einem wilden Ausdruck auf dem Angeſicht ſeines Richters haften. „Mein Lord,“ begann er,„ich habe nur Ei⸗ nen Grund gegen den Spruch des Geſetzes geltend zu machen. Wenn Sie geneigt ſind, ihm entgegen⸗ zuarbeiten oder ihn zu mildern, ſo wird, denke ich, dieſer Grund hinreichen, Sie zu meinen Gunſten zu ſtimmen. Ich habe geſagt, die erſte Urſache der Uebertretungen des Geſetzes, welche mich vor dieſe Schranke bringen, ſey geweſen, daß man mich auf eine Anklage hin, die mich ganz unſchuldig traf, in den Kerker ſchickte. Mein Lord Richter, Sie waren der Mann, der jene Anklage gegen mich er⸗ hob und mir dieſe Einkerkerung zuzog. Betrachten Sie mich genau, mein Lord, ſo werden Sie wohl noch in dem Geſicht des verhärteten Verbreehers, den Sie zum Tode zu verurtheilen im Begriff ſte⸗ hen, die Züge des Knaben erkennen, den Sie vor etwa ſieben Jahren vor einer Londoner Behörde des Diebſtahls Ihrer Uhr anklagten. Beim Eid eines Menſchen, der ſchon einen Fuß auf der Schwelle des Todes hat, die Anklage war grundlos. Und Sie, ein paſſender Diener der Geſetze, welche Sie dar⸗ — e—n) ——— — — 45 ſtellen, Sie, der jetzt meine Verurtheilung aus⸗ ſprechen wird, Sie waren der Urheber meiner Ver⸗ brechen! Mein Lord, ich bin fertig. Ich bin be⸗ reit, noch um Eines die lange, ſchwarze Liſte der Dpfer zu vermehren, welehe zuerſt zum Verbrerhen verführt, dann geopfert wurden durch die Blind⸗ em heit und Ungerechtigkeit menſchlicher Geſetzbücher!“ rs Während Elißord ſprach, wandte ſich jedes i. Ange von ihm auf den Richter und Jedermann . entſetzte ſich über die fürchterliche geiſterhafte Ver⸗ nd änderung, die auf Brandons Angeſicht vorgieng. 6 Die Leute ſagten nachher, ſie hätten darauf mit h, grauſenhafter Klarheit die Züge des Todes ange⸗ ſchrieben geſehen; und gewiß war etwas Gräßliches und Unnatürliches in der blutloſen, eingefallenen ſe Ruhe ſeiner ſtolzen Züge. Aber ſein Auge ſank uf nicht, die Muskeln ſeines Mundes zuckten nicht. iſ⸗ Und ſogar mit mehr als gewöhnlichem Stolz be⸗ 1e gegnete er dem Blick des Gefangenem Aber als, die einzigen Gegenſtände der Aufmerkſamkeit unter el der regungs⸗ und athemloſen Menge, der Richter ¹ hl und der Verbrecher einander anſtarrten, und die 5 Augen der Zuſchaner vom Einen zum Andern 3 ſchweiften, da drängte ſich der erkältende elektriſche 3 „ Eindruck einer mächtigen Aehnlichkeit zwiſchen dem 5 Richtenden und Gerichteten, zum erſtenmat wäh⸗. rerd der ganzen Verhandlung, den Zuſchauern auf, und vermehrte noch, obgleich ſie nicht wußten warum, die Empfindung von Pein und Grauſen, welche die 6 ½ 6 46 letzten Worte des Gefangenen erzeugt hatten. Viel⸗ leicht mochte es hauptſächlich herrühren von dem heiden gemeinſchaftlichen Ausdruck heſtiger Bewe⸗ gung, welche durch eiſerne, trotzige Charakterſtärke überwältigt ward; oder vielleicht machte jetzt, da auf dem Antlitz des Gefangenen„aſchgrane Bläſſe der Erſchöpfung an die Stell der aufgeregten Röthe getreten war, die dadurch entſtandene Aehn⸗ lichkeit der Geſichtsfarbe, die Aehnlichkait überhaupt auffallender als vorher; oder vielleicht hatten die Zuſchauer bisher keine ſo ſcharfe„oder um uns ſo auszudrücken, ſo abwägende 2 Blicke auf die beiden geheftet. Wie dem auch ſey, die Aehnlichkeit zwi⸗ ſchen dieſen Männern in ſo zinmelweit verſchiede⸗ ner Lage, eine Aehnlichkeit, welche in gewiſſen Au⸗ genblicken, wie wir angedeutet, Lucien ſich über⸗ raſchend aufgedrängt hatte, war jetzt entſchieden und unverkennbar; die gleiche dunkle Geſichtsfarbe, der gleiche ſtolze, römiſche Umriß des Geſichts, die gleiche hohe Stirne, gleich auch die widrige und ſarkaſtiſche Herbigkeit um den Mund, welche bei Brandon den hervorſtechendſten Zug ausmachte, und das Einzige war, was der ausnehmenden Schön⸗ heit Cliffords Eintrag that. Aber vor Allem der gleiche unbengſame, verachtende, eiſenharte Geiſt, wenn gleich er bei Brandon den ſtattlichen Anſtrich des Majeſtätiſchen annahm und bei Clifford als der verzweifelte Trotz des Banditen erſchien, präste ſich in beiden aus. Clißord, als er ſchon ſchwieg, 47 nahm ſeinen Sitz nicht wieder ein, ſondern behielt dieſelbe Stellung, in welcher er die Ordnung der Dinge umgekehrt, und über dem. Anklaͤger den Bittenden vergeſſen gemacht hatte. Und Brandon ſelbſt, ohne zu ſprechen oder ſich zu bewegen, ſah ihn immer nur ſtumm an. So, mit erhabenen Stir⸗ nen und marmornen Geſichtern, worin das Ver⸗ achtende und Entſchloßne doch nicht ganz jeden Reſt von Pein und Furcht vernichtet hatte, ſahen ſie einander an, wie ſich etwa die zwei Männer in der morgenländiſchen Erzählung mögen angeſehen baben, welche die Macht beſaßen, ſich mit ihren Blicken einander zu tödten. Was in dieſem Augenblick in Brandons Bruſt tobte, wäre vergeblich errathen zu wollen. Er zwei⸗ felte keinen Augenblick daran, ſeinen lang verlor⸗ uen, ſeinen ſehnſüchtig gewünſchten Sohn vor ſich zu ſehen. Bis zu jeder Fiber, zu jedem Win⸗ kel ſeiner düſtern und verſchlungenen Seele drang dieſe Gewißheit, mit ihrem gräßlichen, un⸗ widerſtehlichen Licht ihn zerſtörend. Das früheſte, vielleicht das ſtärkſte, obwohl vft am wenigſten ge⸗ ſtandene Streben ſeines Geiſtes war das Verlan⸗ gen; die geſunkne Ehre ſeines Hauſes wieder neu zu gründen; jetzt ſah er den letzten Sprößling deſ⸗ ſelben vor ſich, bedeckt mit der ſchwärzeſten Schmach des Geſetzes. Er hatte nach weltlichen Ehren ge⸗ geizt, jetzt erblickte er den rechtmäßigen Nachfol⸗ ger derſelben— einen überwieſenen Miſſethäter! 48 Er hatte die wenigen zärtlichen Neigungen, welche ihm die Entwürfe des Stolzes und Ehrgeizes noch gelaſſen hatten, in ſeinen Sohn vereinigt. Dieſen Sohn ſollte er jetzt dem Galgen und dem Henker überantworten. In neurer Zeit hatte ſich ihm die Hoffnung, ſeinen verlornen Schatz wieder zu er⸗ langen, zur triumfirenden Gewißheit geſteigert. Siehe da! die Hoffnung war erfüllt. Wie ½ Dieſe Gedanken kämpften in ihm, auf eine Weiſe, welche wir durch keine Bezeichnunz auszudrücken uns ge⸗ trauen dürfen— und nun! werfen wir nur Einen haffigen Bkek auf den Zuwachs von Entſetzen, das auf ihn einſtürmte, als er hören mußte, wie der Gefangne Ihn als die Urſache ſeiner jetzigen Ver⸗ urtheilung anklagte, und er ſich auf Einmal als Mörder und Riehter ſeines Sohns fühlte! Minuten waren vorſtrichen, ſeit der Gefangene ſchwieg, und Brandon ſetzte jetzt die ſchwarze Mütze auf. Als er ſie langſam über die Stirne zog, ſiel die zunehmende leichenhafte Bläſſe ſeines Ange⸗ ſichts, durch den Gegenſatz zu der furchtbaren Kopfbedeckung noch ſchauerlicher auf. Zweimal verſagte ihm, als er zu ſprechen verſuchte, die Stimme und ein unverſtändliches Murmeln nur kam von ſeinen farbloſen Lippen und ſtarb dahin wie ein flüchtiger, ſchwacher Luftzug. Aber bei dem dritten Verſuch ſiegte die Entſchloſſenheit und die langgeübte Selbſtbeherrſchung des Mannes, und ſeine Stimme drang klar und feſt durch die M lic ins Pf Lau den thei Mi terl an zen von fügt aber folgt der innet lung ner! Ihr laſſe Ankle Schn nem bleibt Vorbe noch i Bul he ch en Menge, obgleich der ernſte Wohllaut ihres gewöhn⸗ lichen Tones weg war, und ſie ſeltſam und hohl ins Ohr der Zuhörer ſcholl. „Gefangener an der Schranke! Es iſt mir die Pflicht geworden, Euch das Ende Eurer zeitlichen Laufbahn anzukündigen. Ihr ſeyd angeklagt wor⸗ den einer kecken Räuberei, und nach einem unpar⸗ theiiſchen Verhöre haben die Geſchwornen aus der Mitte Eurer Landsleute und die Geſetze Eures Va⸗ terlandes gegen Euch entſchieden. Die Empfehlung an die Gnade Chier allein, während ſeiner gan⸗ zen Rede, rang Brandon krampfhaft nach Athem)— von den Geſchwornen ſo menſchenfreundlich beige⸗ fügt, ſoll der höchſten Gewalt vorgelegt werden, aber ich kann Euch nicht große Hoffnung des Er⸗ ſolgs machen—(die Rechtsgelehrten ſahen einan⸗ der überraſcht anz ſie hatten eine viel herbere Er⸗ innerung erwartet, aller Hoffnung auf die Empfeh⸗ lung der Geſchwornen zu entſagen).— Gefange⸗ ner! für die Meinungen, welche Ihr geäußert, ſeyd Ihr jetzt uur noch Gott verantwortlich; ich unter⸗ laſſe es, Euch deßhalb zurechtzuweiſen. Für Eure Anklage gegen mich, wahr oder falſch, und für den Schmerz, den ſie mir verurſacht, mögt Ihr vor ei⸗ nein andern Tribunal Vergebung ſinden! Mir bleibt nur noch übrig— unter einem allzuleichten Vorbehalt, wie ich ſchon geſagt, um Euch Ausſicht auf Hoffnung geradezu eröffnen zu können,— nur noch übrig, Euch— Euch—(Aller Augen waren Pulwer's Ronane, XXR. 4 50 auf Brandon gerichtet; er fühlte es, zwang ſich zur letzten Anſtrengung und es gelang) Euch anzu⸗ kündigen den ſcharfen Spruch des Geſetzes. Er lautet: daß Ihr ſollt zurückgeführt werden in das Gefängniß, von wannen Ihr kamet, und von da, wenn die höchſte Behörde es gebeut, auf den Richt⸗ platz, und ſollt da an Euern Hals gehängt werden, bis Ihr todt ſeyd, und der Herr, der allmächtige Gott, ſey Eurer Seele gnädig!“ Mit dieſer Anrede ſchloß dieſe ereignißreiche Gerichtsverhandlung; und während die Menge in wildem Lärmen und Tumult ſich an die Thüre drängte, zog ſich Brandon, mit ſpartaniſchem Hel⸗ denmuth bis ans Ende die Qualen verhehlend, welche in ſeinem Innern nagten, von dem gräßli⸗ chen Schaugepränge zurück. In der nächſten hal— ben Stunde ſchloß er ſich mit dem Fremden ein, der ſich während der Gerichtsverhandlungen zuge⸗ drängt hatte. Nach Ablauf dieſer Zeit wurde der Fremde entlaſſen, und ungefähr nach einer Stunde ließ Brandons Diener denſelben, begleitet von ei⸗ nem andern Mann mit niedergekrämptem Hut, in einem Kärrnerskittel wieder ein. Wir dürfen dem Leſer nicht erſt ſagen, daß der neue Ankömmling der befreundete Ned war, deſſen Zeugniß allerdings eine gewichtige Beſtätigung von der Ausſage Dum⸗! mie's war, und deſſen Anhänglichkeit an Clifford, —— ⸗ unterſtützt vom Verlangen nach Belohnung, ihn vermocht hatte, ſich in die Stadt—— zu wagen, ſich zu⸗ Er das da, cht⸗ en, tige iche in üre Hel⸗ nd, ßli⸗ hal⸗ ein, uge⸗ der inde ei⸗ in dem ling ings um⸗ ord, ihn gen, wiewohl er ſich in einer ſichern Vorſtadt verſteckt hielt, bis ihm ein ſchriftliches Verſprechen von Brandon Sicherheit für ſeine Perſon und eine Geldſumme zuſagte, für die er ſich am Ende wohl gar ſelbſt hätte hängen laſſen; ſo lang hatte er ſich gewöhnt, die Mittel mit dem Zweck zu verwechſeln. Brandon hörte die Erzählung der Verbündeten an, und als ſie zu Ende waren, entließ er ſie mit fol⸗ genden Worten: „Ich habe Euch angehört und bin überzeugt, daß Ihr Lügner und Betrüger ſeyd; hier iſt das Geld, das ich Euch verſprochen,—(er warf ihnen eine Brieftaſche zu,) nehmt es, und verſteht Ihr mich! wenn Ihr Euch erfrecht zu flüſtern, ja nur zu athmen von der abſcheulichen Lüge, die Ihr ge⸗ ſchmiedet, ſo verlaßt Euch darauf, ich will Euch ſchon aus dem Verſteck und Winkel der Ruchloſig⸗ keit hervorziehen laſſen, wo Ihr Euern Kopf ver⸗ bergen möget, und Euch hängen laſſen für Eure ſchon begangenen Verbrechen. Ich bin nicht der Mann, mein Wort zu brechen— fort!— verlaßt im Augenblick dieſe Stadt! wenn Ihr euch in zwei Stunden von jetzt an noch hier betreffen laßt, ſo komme Euer Blut über Euer Haupt! Fort, ſag' ich!“ Dieſe Worte, begleitet von einer Miene, die zu jeder Zeit den Ausdrücken drohender und un⸗ ſanfter Art entſprach, ſetzten die Verbünd gleich in Erſtaunen und Schrecken. in haſtiger Beſtürzung das Simmer, eten zu⸗ Sie verließen und Brandon, 52 jetzt allein, gieng mit ungleichen Schritten,(deren beunruhigende Schwäche und Unſicherheit er ſelbſt nicht bemerkte,) in dem Gemach hin und her. Die Hölle in ſeinem Buſen war ihm auf's Geſicht ge⸗ ſchrieben, aber er änßerte nur Einen Gedanken laut: „Ich kann, ja, ja,— ich kann noch dieſe Schmach meines Namens verhehlen.“ Sein Diener klopfte an der Thüre, ihm zn ſagen, daß der Wagen bereit ſey, und daß Lord Mauleverer ihm aufgetragen, ſeinen Herrn zu er⸗ innern, daß ſie pünktlich zu der bezeichneten Stunde ſpeiſen würden. „Ich komme!“ ſagte Brandon, mit langſamem und heftigem Nachdruck auf jedem Wort. Aber zu⸗ erſt ſetzte er ſich hin und ſchrieb einen Brief an die zuſtändige Behörde, worin er bie Empfehlung der Geſchwornen kräftig unterſtützte; und wir kön⸗ nen uns einen Begriff von dem Stolz, der ihn bis auf's Ende beherrſchte, daraus machen, daß er an die Stelle der Todesſtrafe auf lebenslänglöche Deportation antrug. Sobald er dieſen Brief ge⸗ ſiegelt, ließ er einen Expreſſen kommen, gab kalt und klar ſeine Befehle, und ſuchte mit ſeinen ge⸗ wöhnlichen, ſtattlichen Schritten durch einen lan⸗ gen Gang zu gehen, der zur äußern Thüre führte. Er merkte, wie ihn die Kraft herlteh„Komm her,“ ſagte er zu ſeinem Diener,„und gieb mir deinen Arm.“ „ Bi mi bu: ren lbſt Die ge⸗ ken eſe zu ord era ide 55 Alle Bedienten Brandons, den einzigen bei Lucie zurückgebliebenen ausgenommen, zitterten vor ihm, und mit einigem Bedenken wagte dieſer Diener jetzt ſich zu erkundigen: ob ſich ſein Herr wohl befinde? Brandon ſah ihn an, aber antwortete nicht; mit einiger Schwierigkeit ſtieg er in ſeinen Wagen, befahl dem Kutſcher möglichſt ſchnell zu fahren und ließ, wie er gewöhnlich pflegte, alle Fenſterſchirme herab. Immittelſt erwartete Lord Mauleverer mit ſechs Freunden voll Ungeduld die Ankunft des ſiebenten Gaſtes. „Unſer edler Freund zögert lange!“ ſagte der Biſchof von——, die Hände über ſeinen geräu⸗ migen Magen faltend.„Ich fürchte die Stein⸗ butte, wovon Euer Lordſchaft ſprachen, wird durch dieſe Verzögerung der Sitzung nicht gewinnen.“ „Armer Kerl!“ ſagte der Graf von—— leicht gähnend. „Wen meinen Sie?“ fragte Mauleverer lächelnd. „Den Biſchof, den Richter oder die Steinbutte?“ „Keinen von allen dreien, Mauleverer— ich ſprach von dem Gefangenen.“ „Ah, der ſchlaue Kerl! ich vergaß ihn,“ ſagte Mauleverer.„In der That, da Sie ſeiner er⸗ wähnen, ich muß geſtehen, daß er mir großes Mit⸗ leiden einſtößt; aber wahrhaſtig es iſt nicht ſchön von ihm, den Richter ſo lang aufzuhalten!“ „ 54 „Dieſe verſtockten Sünder haben ſo gar Viel zu ſagen,“ brummte der Biſchof verdrießlich. „Wahr!“ ſagte Mauleverer,„ein religiöſer Spitzbube würde einiges Mitleiden mit dem Zuſtand der hungernden Kirche haben!“ „Iſt es wirklich gegründet, Mauleverer,“ fragte der Graf von——,„daß Brandon Kanzler der Schatzkammer werden ſoll? Ganz ungewöhnlich bei ſeinem Stand, nicht wahr?“ „Mansſield iſt doch ein Vorgang, glaub' ich!“ ſagte Mauleverer.„Gott, wie hungrig bin ich!“ Ein Seufzer des Biſchofs war das Echo dieſer Klage. „Es würde wohl gegen allen Anſtand ſeyn, ſich ohne ihn zu Tiſche zu ſetzen?“ ſagte Lord——. „Nun freilich, ich beſorge es,“ erwiederte Maul⸗ everer.„Aber unſere Geſundheit— unſere Ge⸗ ſundheit ſteht auf dem Spiel; wir wollen nur noch fünf Minuten warten, beim Jupiter, da kommt der Wagen. Ich bitte Sie um Vergebung wegen mei⸗ nes heidniſchen Fluchs, mein Lord Biſchof.“ „Ich vergebe Ihnen!“ ſagte der gute Biſchof lächelnd. Die in ſolchen Geſprächen begriffene Geſellſchaft ſtand an einem Fenſter, das gegen den Kiesweg gieng, über welchen man jetzt Brandons Wagen in großer Schnelligkeit daherfahren ſah; dieß Fenſter war nur wenige Ellen vom Portal entfernt und wat run kön laſſe pün ſagt Ma unſ lich gele thü ever Die ant und rer Em an Wo hiel unt haft weg min ſter und 55 war zum Theil geöffnet worden, um die Annähe⸗ rung des erwarteten Gaſtes beſſer beobachten zu können. „Er hat die Fenſterſchirme noch herunterge⸗ laſſen; Zerſtreuung oder Schaam über ſeine Un⸗ pünktlichkeit— was iſt der Grund, Mauleverer?“ ſagte einer von der Geſellſchaft. „Schaam wohl nicht, glaub' ich!“ antwortete Mauleverer.„Sogar die anſtößige Unſittlichkeit, unſere Mahlzeit verſpätet zu haben, würde ſchwer⸗ lich ein Erröthen auf die pergamentne Haut meines gelehrten Freundes jagen!“ Hier hielt der Wagen am Portal; die Wagen⸗ thüre wurde geöffnet. „Das iſt ein ſonderbares Zögern!“ ſagte Maul⸗ everer mürriſch.„Warum ßteigt er nicht aus?“ Während er ſprach, drang ein Gemurmel der Dienerſchaft, die man auf befremdliche Weiſe ſich 3 an den Wagen drängen ſah, ins DPhr der Geſellſchaft. 1 „Was ſagen ſie? Was?“ ſagte Mauleverer, und legte die Hand ans Ohr. Der Biſchof antwortete haſtig, und Mauleve⸗ rer vergaß, ſobald er die Antwort vernommen, ſeine 1 Empfindlichkeit gegen die Kälte und eilte hinaus an die Wagenthüre. Seine Gäſte folgten. Sie fanden Brandon gegen das Vordertheil des 3 Wagens gelehnt— als eine Leiche. Eine Hand hielt die Schnur der Fenſterladen, als hätte er noch unwillkürlich, aber vergebens, ſie aufzuziehen ge⸗ 56 ſucht. Die rechte Seite ſeines Angeſichts war zum 3 Theil verzerrt, wie durch Krampf oder Lähmung, aber nicht ſo ſehr, daß jener auffallende Ausdruck von Strenge und Stolz, welcher ſeine Züge beim Leben ausgezeichnet hatte, zerſtört geweſen wäre. Zugleich hatte die Verzerrung, welche auf einer Seite die Muskeln des Mundes hinaufgezogen hatte, das halbe höhniſche Lächeln, welches gewöhnlich auf dem untern Theile des Geſichts lauerte, zu einer erſchreckenden Ausdehnuns ſich erweitert. So plötz⸗ lich und ohne Zeugen war die Trennung des Leibes a und der Seele bei einem Manne erfolgt, der, wenn d er auch als frecher, hochſtrebender, verhärteter und m nnerſchütterlicher Heuchler durchs Leben gieng, doch trotz ſeiner Verworfenheit, ſeiner Selbſtſucht und ſeinen Laſtern nicht ohne etwas Erhabenes in ſeinem Weſen war; der weniger vermöge ſeiner Natur die Sünde geliebt, als in Folge einer ſeltſamen Ver⸗ kehrtheit der Vernunft die Tugend verachtet zu haben ſcheint, und der durch eine feierliche und gräßlich⸗plötzliche Fügung des Schickſals,(denn wer wagte es wohl, den Richterſpruch der dunkeln und unſichtbaren Vorſehung auch da zu beſtimmen, wo ſie dem ſterblichen Auge am wenigſten finſter erſcheint) die Träume, das Ziel, den Triunf ſei⸗ 33 ner Hoffnung erlangte, um durch ſie im Augenblick des erlangten Beſitzes vernichtet zu werden! ————— e S zum ung, ruck beim äre. iner atte, auf iner lötz⸗ ibes venn und doch und nem die Ver⸗ zu und denn keln nen, nſter ſei⸗ blick Sechsunddreißigſtes und letztes Kapitel. Schlauer, ſich'rer Mammon, Dol Heißer Ananias, Dapper, Drugger, Alle, Mit welchen ich verkehrte. — Der Alchimiſt. — Wie wenn ein, das Land liebender Bürger, an einem flüchtiget Feiertag fern von den Sorgen der Welt„strepituque Romae““ in die angeneh⸗ men Schatten von Pentonville oder die entfernte⸗ ren Wieſengründe von Clapham ſich zurückzieht, und da einen entzückten Beſuch durch die verwor⸗ renen Pfade des dädaliſchen Meiſterſtücks führt, das er ſein Labyrinth oder ſeinen Irrgarten zu nennen liebt; jetzt verſtohlen lächelt über ſeines Gaſis Verwirrung, jetzt mit ruhigem Geſühl der Ueberlegenheit ſeinen nichtigen und falſchen Ver⸗ muthungen zuhört, kjetzt ihn boshaft durch einen verlockenden Pfad begleitet, in welchem der be⸗ trogne Abenteurer plötzlich durch den weißen An⸗ blick eines den Durchgang verwehrenden Zauns ſich aufgehalten ſieht, jetzt zittert, wenn er ſieht, wie der Gaſt blindlings auf den rechten Drappen kommt, und jetzt wieder ſich fteut, wenn ſich jener nach einer überlegenden Panſe wieder dem falſchen Wege zuſchlägt: ſo, o freundlicher Leſer, führt dich —— ——— 4 58 der kluge Romanſchreiber durch das Labyrinth ſei⸗ 2 ner Erzählung, ergötzt ſich an deinen Fehlſchlüſſen und ſpinnt in behaglichem Vergnügen das ruhige un Netz ſeiner Unterhaltung weiter, um die Verwick⸗ ie lungen, welche den Wechſel deiner kecken Vermu⸗ ſch thungen und deiner Verwirrung verurſachen, herbeizu⸗ hat führen. Aber wenn einmal, Dank der Gutmüthigkeit he oder der Ermüdung des Wirths! das Geheimniß(w aufgedeckt, und dem Gaſt geſtattet iſt, bis an das S verhehlte Ende des belaubten Irrgartens vorzu⸗ ſey dringen, wie dann der ehrliche Bürger, zufrieden mit den anmuthigen Beſchwerden, die er nun ſei⸗ S nem Gaſte bereitet, ihm nicht mehr die Mühe zu⸗ muthet, ſich durch die Gänge, wo er ſo in der Irre e ſich umtrieb, ſich zurückzuwinden, ſondern ihn mit pl drei Schritten auf einem einfachern Weg auf Ein⸗ U mal an den Eingang des Labyrinths zurückführt, go und ihm überläßt, ſich, wo er will, ſeine Unter⸗ ſi haltung zu ſuchen: ſo will auch der kluge Erzähler, 8 nachdem die Verſchlingungen ſeines Knotens ge⸗ zi löst ſind, ſeinen ermüdeten Leſer nicht durch ſchaale ga und nutzloſe Verzögerungen hinhalten, ſondern führt n ihn mit eben ſo viel Schnelligkeit als Bequem⸗ ke lichkeit ans Ziel, mit umgehung des Labyrinths, 5 welches durch den Reiz des Geheimniſſes zu locken 6 aufgehört hat. Wir werden alſo, das kluge Verfahren des Bürgers nachahmend, ſo raſch als möglich den noch d übrigen Theil unſter Erzählung vortragen. Bei ei 59 Brandon fand man das Papier, das eine ſo unſe⸗ lige Nachricht, ſeinen Sohn betreffend, enthielt, und als man es dem Lord Mauleverer brachte, fielen dieſem, welcher wußte, daß Brandon For⸗ ſchungen nach ſeinem verlornen Sohn angeſtellt hatte, von dem er jedoch, wie ſchon erwähnt, bis⸗ her angenommen hatte, er ſey nicht rechtmäßig, (wiewohl wahrſcheinlich bei ſeinem natürlichen Scharfſinn ihm manche Zweifel mochten gekommen ſeyn, ob er nicht getäuſcht worden,) die Worte ſo auf, daß er es für der Mühe werth hielt, den Schreiber aufſuchen zu laſſen. Dummie ward leicht aufgefunden, denn er hatte der Stadt noch nicht den Rücken gewendet, als die Neuigkeit von dem plötzlichen Tod des Richters zurückkam; und dieſen umſtand benutzend, blieb der zuthuliche Dunnaker ganz in der Stadt,(obgleich ſein langer Gefährte ſie ſo eilig wie möglich verließ,) und benützte ſeine Zeit dazu, ſich in das Gefängniß zu begeben, wo er einige vergebliche Verſuche machte, ſich den Zu⸗ gang zu Eliſford zu verſchaffen; durch ſeinen Na⸗ nen, den er dem Gefängniß⸗Aufſeher angegeben, kam man leicht auf ſeine Spur und führte ihn am olgenden Tag vor Lord Mauleverer. Seine Er⸗ ählung, ſo verworren ſie war, und ſo verdächtig ie Quelle, aus der ſie kam, erſchütterte die Ver⸗ dauungsorgane, welche bei Mauleverer die Stelle des Herzens vertraten, mit Empfindungen, die dem Grauſen und Entſetzen ſo verwandt waren, als ſie S ——— —— 60 nur immer bei dem guten Peer ſeyn konnten. Schon durch Brandons Tod aus ſeiner weltlichen Filoſofie der Sorgloſigkeit aufgeſchreckt, war er in dieſem Augenblick für heilſame Eindrücke des Gewiſſens empfänglicher, als er vielleicht je geweſen warz und er kounte nicht ohne einige Gewiſſens⸗Beklem⸗ mungen an das Verderben denken, worin er die Mutter des Menſchen geſtürzt, welchen er ſo eben auf den Tod angeklagt hatte. Er entließ Dummie und nach einer kurzen Ueberlegung verlangte er ſeinen Wagen, überließ die Beerdigung ſeines Freundes der Sorge ſeines Haushofmeiſters, und fuhr nach London und dort vor das Haus des Staats⸗ ſekretärs des Departement des Innern. Wir möch⸗ ten dem edlen Berenenden nicht gern Unrecht thun; aber wir wagen den Verdacht auszuſprechen, er würde wohl kaum eine mündliche Verwendung um Gnade für den Gefangenen einer ſchriftlichen vor⸗ gezogen haben, hätte er nicht gewiſſe Anwaudlungen don Unbehagen in ſeinem Landhaus verſpürt, das von den unheimlichen Feierlichkeiten eines Leichen⸗ begängniſſes überſchattet war. Brandons Brief und Mauleverers Verwendung wirkten für Clifford eine Milderung des Utheils aus. Er wurde zu lebenslänglicher Deportation begnadigt. Ein Schiff war bereit unter Segel zu gehen und Mauleverer, zufrieden, ihm das Leben geſichert zu haben, hegte durchaus iein Verlangen, daß ſeine Abreiſe von Eng run don in gefͤ die hatt ſie ſein Mit gebe hei: dem und Mä abre die Pfe wur den der Mie es 1 kehr übet urſa es 1 6¹ England durch irgend eine überflüſſige Verzöge⸗ rung ſollte gehemmt werden. Das erſte Gerücht indeſſen hinſichtlich Bran⸗ dons, welches London erreicht hatte, war: er ſey in einer Ohnmacht aufgefunden und liege gefährlich krank bei Mau leverer und noch ehe die zweite, gewiſſe und traurigere 2 Nnchricht anlangte, hatte Lucie aus der ſichtbaren Unruhe Barlow's, den ſie ängſtlich herüber und hinüher befragte, und der, ſeinem Herrn wirklich zugethan, ſich leicht zur Mittheilung bewegen ließ, die erſte, noch Hoffnung gebende Kunde ſich verſchafft. Zu Barlow's ge⸗ heimer Frende entſchloß ſie ſich augenblicklich, zu dem krank Geglaubten zu reiſen; und von Barlow und ihrer Dienſifrau begleitet eilte das zärtliche Mädchen an dem Abend des Tages, wo der Graf abreiste, nach Mauleverers Haus. Pögleich ſich die Wagen nicht begegneten, vielleicht weil die Pferde in verſchiedenen Gaſthäuſern gewechſelt wurden, war doch Lucie noch nicht weit gekommen, als Barlow durch das Geſchwätz auf der Straße den wahren Stand der Sache erfuhr. Schon auf der erſten Station näherte er ſich mit trauervoller Miene dem Wagenſchlag, kündigte Lueien an, daß es nutzlos ſey, weiter zu fahren und bat ſie umzu⸗ kehren. Sobald Miß Brandon die erſte Beſtürzung überwunden hatte, welche dieſe Botſchaft ihr ver⸗ urſachte, ſagte ſie mit Ruhe:„Nun, Barlow, wenn es ſich ſo verhält, ſp haben wir doch noch eine Pflicht zu erfüllen. Beſehlt den Poßtknechten, zuzufahren.“ 62 „Wahrlich, mein Fräulein, ich kann nicht ab⸗ ſehen, was es nützen ſoll, wenn Sie ſich bei Ihrer angegriffenen Geſundheit ſo ſchauerlich beunruhigen. Wenn Sie mich hinſchicken wollen, ſo will ich da⸗ für ſorgen, daß den Reſien meines armen Herrn jede Ehre widerfahre.“ „Als mein Vater todt dalag,“ ſagte Lucie, mit ernſter und trauriger Feſtigkeit in ihrem We⸗ ſen,„da ſandte Er, der jetzt nicht mehr iſt, keinen Stellvertreter, um einem Bruder die letzten Pflich⸗ ten zu erweiſen, und auch ich will keinen ſenden, um die einer Nichte zu erfüllen und will zeigen, daß ich die Dankbarkeit der Tochter nicht vergeſſen habe. Fahrt zu!“ Wir haben ſchon geſagt, es habe Zeiten gege⸗ ben, wo Lucie ſich von einem ihr ſonſt nicht gewöhn⸗ lichen Geiſte beſeelt zeigte, und jetzt thronte das gebieteriſche Weſen ihres Bheims auf ihrer Stirne. Die Pferde flogen fort und Lueie blieb einige Mi⸗ nuten ſtumm. Ihre Frau wagte nicht zu ſprechen. Endlich wandte ſich Miß Brandon um, bedeckte ihr Angeſicht mit den Händen, und brach in ſo heftige Thränen aus, daß ſie dadurch ihre Beglei⸗ terin mehr noch als durch ihr vorheriges Schwei⸗ gen beunruhigte.„Mein armer, armer Dheim!“ ſchluchzte ſie, und das war alles, was ſie ſagte. Wir müſſen Luciens Ankunft in Mauleverers Haus übergehen,— übergehen die trübſeligen Tage, welche verfloſſen, bis der fühlloſe Leichnam dem ab⸗ rer ei da⸗ rrn cie, We⸗ nen ich⸗ den, gen, ſſen rne. Mi⸗ hen. ckte n ſo lei⸗ wei⸗ n rers age, dem 6⁵ Staube zugeſellt ward, mit dem er, wenn er noch einen Funken ſeines ſtolzen Geiſtes in ſich gehabt hätte, ſeine Atome zu vermiſchen verſchmäht haben würde. Sie hatte den Verſtorbenen unendlich über ſein Verdienſt geliebt und aller Gegenvorſtellungen ungeachtet war ſie ſelbſt Zeugin der traurigen Feier⸗ lichkeit, welche die irdiſchen Reſte William Bran⸗ dons der Ruhe und den Würmern überlieferte. Am nemlichen Dag empfieng Clifford die Milderung ſeines Urtheils und am nemlichen Tage erwartete Lucien noch eine andre Prüfung. Wir glauben, um den Leſer kürzlich darauf vorzubereiten, welcher Auftritt dieß war, nur erwähnen zu müſſen, daß Dummie Dunnaker, von ſeiner großen Zärtlichkeit für den kleinen Paul feſtgehalten, den er, wie er voll Freude verſicherte,„nicht im mindeſten aufge⸗ blaſen durch ſeinen großen Namen und ſeine Vor⸗ nehmheit“ faud, noch immer in der Stadt ver⸗ weilte, und nicht nur um die Verwandtſchaft der Geſchwiſterkinder wußte, ſondern auch vom langen Ned auf der Reiſe nach——, die Neigung Clif⸗ fords für Lucie ergattert hatte. Wir haben nicht nöthig der Art zu erwähnen, wie dieſe Nachricht Lucien erreichte: es genüge zu berichten, daß ſie an dem Tag, wo ſie die letzte Pflicht gegen ihren Dheim erfüllt hatte, zuerſt die Lage ihres Gelieb⸗ ten erfuhr. An dieſem Abende noch kamen, in der Zelle des Verurtheilten, die Geſchwiſterkinder zuſammen⸗ 64 Ihre Unterredung war leiſe, denn der Aufſeher fiand ganz in der Nähe, und ſie wurde durch Luciens krampfhaftes Schluchzen unterbrochen. Aber die Stimme desjenigen, deſſen eiſerne Nerven dem Ab⸗ kömmling William Brandons keine Unehre machten, war, wenn gleich zu einem Flüſßern, das kaum ſeine Lippen bewegte, gedämpft, ihrem Ohre deutlich und vernehmlich. Es ſchien, als ob Lucie, tief ins Herz erſchüttert, durch den Edelmuth, womit ihr Geliebter ſich damals von ihr losgeriſſen hatte, wo ihr Vermögen ihn hätte in einem andern Lande über alle Gefahren und Verbrechen un er Laufbahn in Eugland erheben können— jetzt erſt und ihrem ganzen Gewicht nach die Gründe ſeines rätzſelhaf⸗ ten Benehmens begreifend, durch das Verwandt⸗ ſchaftsverhältniß erweicht, und ſich ſelbſt gänzlich vergeſſend über die troſiloſe, finſtere Lage eines Mannes, der, was auch ſeine Verbrechen ſeyn moch⸗ ten, gegen ſie ſich nicht als Verbrecher benummen hatte: es ſchien, als ob hingeriſſen von all dieſen Empſindungen, ſie ſich ganz der Zärtlichkeit und Hingebung, die in ihrem Weſen lag, überlaſſen, daß ſie den Wunſch gehabt hätte, Heimath, Freunde und Glück zu verlaſſen und mit ihm ſeine Strafe und Schande zu theilen. „Warum,“ ſtammelte ſie,„warum, warum nicht? wir ſind al ein uns einander in der Welt übrig geblieben. Dein Vater und der meinige wa⸗ ren Brüder, laß mich die Schweßer ſeyn. Was — lie M ſeit un ihr unt gla da kon bur in Se aut lei Au tet als me ich mit zu ihr und an abg 8 65 iß hier für mich noch übrig? Niemand, den ich liebe, oder der ſich um mich bekümmert— Niemand!“ Jetzt bot Clifford in ſeiner Antwort all ſeinen Muth auf; vielleicht jetzt, da er fühlte(obgleich ſeine Kunde von dieſer Sache noch ſehr verworren und unbollkommen war,) ſein Herkommen ſey dem ihrigen nicht ungleich, da er in ihrer blaſſen Wange und ihrer eingefallenen Geſtalt las, oder zu leſen glaubte, daß: ſie verlaſſen— ſie tödten heiße, und daß Edelmuth und Selbſtaufopferung jetzt zu ſpät kommen würden,— dieſe Gedanken, vielleicht ver⸗ bunden mit einer Liebe, die über alle Beſchreibung hinaus ihn beſeelte, und einer Liebe von ihrer Seite, der zu wiberſtehen über Menſchenkräfte hin⸗ ausgieng, überwältigten und beſiegten ihn völlig. Doch, wie ſchon geſagt, tönte ſeine Stimme mit leiſem, ruhigem Ton ihr ins Phr, und nur ſein Auge, das von feſter verſchloßner Hoffnung leuch⸗ tete, verrieth ſeine Seele.„Lebe denn!“ ſagte er, alser ſchloß.„Meine Schweſter, meine Geliebte, meine Braut, lebe! in einem Jahr von heute an„ ich wiederhole.. ich verſpreche es dir!“ Die Unterredung war vorüber und Lucie kehrte mit feſtem Schritt nach Hauſe zurück. Sie war zu Fuß; der Regen ſiel in Strömen, aber trotz ihrer ſchwachen Geſundheit ſchadete es ihr nichtsz und als ſie binnen einer Woche von dieſem Tag an las: Clifford ſey nach dem Drt ſeiner Strafe abgereist, las ſie die Nachricht mit feſtem Auge Bulwer s Romane. KXXK 5 4 —— 66 und einem Mund, der, wenn er auch bläſſer wurde, doch nicht zitterte. Kurz nach dieſer Zeit reiste Miß Brandon in eine unanſehnliche Stadt an der Küſßte ab, lehnte hier alle Geſellſchaft ab und blieb daſelbſt wohnen. Da Cliffords Herkunft nur Wenigen bekannt war, und die Rechtmäßigkeit derſelben von Niemand, vielleicht Mauleverer allein ausgenommen, geahnt wurde, erbte Lucie das große Vermögen ihres Dheims, und dieſer Umſtand machte ſie mehr als je zu einem Gegenſtand ſehnſüchtiger Wünſche in den Angen ihres vornehmen Anbeters. Da er ſich die Möglichkeit abgeſchnitten ſah, ſie zu ſprechen, ſchrieb er ihr mehr als Einen beweglichen Brief; aber als Lucie unbengſam blieb, verdroß ihn endlich ihr Mangel an Geſchmack; er ßtellte ſeine Bewer⸗ bung ein und Khab ſich in die Fortſetzung des un⸗ erquicklichen, eheloſen Lebens. Im Verlauf der Monate ſchibn Miß Brandon ihrer Zurückgezogen⸗ heit überdrüſſig zu werden, und ſobald ſie ihre Voll⸗ jährigkeitherreichte, was ungefähr aeht Monate nach Brandons Tod eintrat, verlegte ſie den größten Theil ihres Vermögens nach Frankreich, wo ſie, wie man allgemein annahm,(denn es war unmoög⸗ lich, daß das Gerücht von einer Erbin und einer Schönheit zum Schweigen kommen ſollte,) in Zu⸗ kunſt ihren Wohnſitz aufzuſchlagen beabſichtigte. Sogar Warlock,(dieſen Zanber für das ſtolze Herz ihres Dheims) gab ſie auf. Es würde dem näch⸗ — —— c— +—„ e e—— c c c—— de, in nte en. ar, nd, hut res als in ſich en, ief; lich ver⸗ un⸗ der gen⸗ Joll⸗ nach ßten ſie, nög⸗ iner Zu⸗ igte. Herz äch⸗ 67 ſten Verwandten der Familie zu einem Preiſe an⸗ geboten, auf den er abzuſchließen ſich nicht bedachte. Und durch eines jener häufigen Spiele des Schick⸗ ſals iſt die Beſitzung der alten Brandons, wie wir aus einem Wochen⸗Journal erſehen, eben jetzt in die Hände eines reichen Aldermans übergegangen. Beinah ein Jahr nach Brandons Tod kam Lucien ein Brief mit ausländiſchem Poſtzeichen zu. Von dieſer Zeit an erhoben ſich ihre Lebensgeiſter, die zuvor, obgleich oft in tiefes Sinnen verſenkt, doch nicht eigentlich trüb, ſondern nur ſtill und ge⸗ dämpft geweſen waren, zu all der Freudigkeit und Lebhaftigkeit ihrer früheſten Jugend; ſie beſchäftigte ſich ſehr thätig mit den Vorbereitungen zur Abreiſe aus dieſem Lande, und endlich ward der Tag feſt⸗ geſetzt und das Schiff gemiethet. Jeden Tag bis dahin gieng Lucie an der Küſte ſpazieren, erſtieg die höchſten Felſen und brachte, bis der Abend her⸗ einbrach, Stunden in, wie es ſehien, müßiger Be⸗ trachtung der Schiffe, hin, welche das Meer be⸗ deckten; mit jedem Tage ſchien ſich ihre Geſundheit zu kräftigen und die ehemalige ſanfte und glänzende Farbe wieder auf ihrer Wange aufzublühen. Vor ihrer Abreiſe entließ Miß Brandon ihro Dienerſchaft und behielt zu ihrer Begleitung nur Eine Frau, eine Ausländerin; ein gewiſſer Ton ruhiger Herrſchaft, den man zuvor nicht an ihr kannte, bezeichnete dieſe Maßregeln, die eine für ihr Alter und Geſchlecht ſo kühne Unabhängigkeit 5* 65 verrtethen. Der Tag erſchien— es war der Jah⸗ restag ihres letzten Geſprächs mit Clifford. Beim Betreten des Schiffs ſah man ſie heſtig zittern und ihr Angeſicht war leichenblaß. Ein Fremder, der in ſeinen Mantel gehüllt von ferne geſtanden war, ſprang vor, ihr beizuſtehen— das war das Letzte, was ihre verabſchiedete, weinende Dienerſchaft vom Hafendamm aus, wo ſie ihr nachblickten, von ihr ſahen. Nichts hörte man mehr in dieſem Lande vom Schickſale der Lucie Brandon, außer daß an den entfernten Verwandten, welcher Warlock gekauft hatte, eine Anweiſung auf die dafür zu bezahlende Summe, von ihr geſchickt und unterſchrieben, an⸗ kam. Keine weitern Nachrichten durch Briefe oder Gerüchte verlauteten; und da der Kreis ihrer Be⸗ kanntſchaft klein war und Niemand lebhafte Theil⸗ nahme an ihrem Schickſale hatte, außer die Her⸗ zen einiger in der Niedrigkeit Lebenden, ſo wurden die Muthmaßungen nie ſehr heftig aufgeregt und kuhlten ſich bald zur Vergeſſenheit ab. Nach Ver⸗ lauf von Jahren wurde Ein Gedanke vorzugsweiſe vor andern beifällig aufgenommen, der nämlich: ſie ſey unter den Opfern der franzöſiſchen Revo⸗ lutisn umgekommen. Wir wollen nun auch einen Blick auf das Schick⸗ ſal unſerer untergeordneteren Bekannten werfen. Auguſtus Tomlinſon hatte, nachdem er ſich vom langen Ned getrennt, glücklich Calais erreicht, und ————— e 8—„ 8 —— ft de R e e jl⸗ ⸗ R nd (E iſe h ck⸗ om nb nach einer ſchnellen Reiſe durch das Feſtland begab er ſich zuletzt in eine äterariſch⸗berühmte Stadt in Deutſchland, wo er durch ſeinen metaſiſiſchen Scharf⸗ ſinn ſich auszeichnete und eine Schule der Moral nach griechiſchem Muſter in franzöſiſcher Sprache eröffnete. Er erwarb ſich durch Gönnerſchaft und durch die Schüler, die er unterrichtete, ein ſehr anſtändiges Einkommen, und als er eine Schriſt in Folio gegen Locke ſchrieb, worin er bewies, daß der Menſch angeborne Ideen habe, und behauptete: man müſſe Alles nicht nach der Vernunft, ſonderu nach den Gefühlen und Empfindungen der Seele bemeſſen und beurtheilen, da gewann er wegen ſei⸗ ver außerordentlichen Jugend einen großen Ruß. Einige kleine Entdeckungen wurden nach ſeinem Tode gemacht, welche vielleicht den allgemeinen Geruch ſeiner Heiligkeit einigermaßen vermindert haben würden, hätten nicht die Bewunderer ſeiner Schule die Sache ſorgfältig vertuſcht, wahrſcheinlich ans Achtung für die„Gefühle ſeiner Seele!“ Pepper, auf deſſen Verderben die Polizei nicht ſo gar erpicht war, wie auf das ſeiner zwei Ge⸗ fährten, hätte ſich vielleicht noch manches liebe Jahr auf allgemeine Unkoſten mäſten können, wenn nicht ein etwas unvorſichtig geſchriebener Brief in fal⸗ ſche Hände gerathen wäre. Dieß, obgleich es dem Anſchein nach vergeſſen zu werden ſchien, nachdem es einige Bewegung verurſacht hatte, lebte doch im Gedächtniß der Polizei fort, und trug zuletzt 69 70 mit einigen andern kleinen Sünden dazu bei, ſeinen Fall herbeizuführen. Er wurde ergriffen, vor Ge⸗ richt geſtellt und zu ſiebenjähriger Deportation ver⸗ urtheilt. In Botany⸗Bay benutzte er ſeine Zeit ſo vortheilhaft und richtete ſich ſeine Lage ſo behaglich ein, daß er nach Ablauf ſeiner Strafzeit die Rück⸗ kehr verſchmähte. Er machte eine vortreffliche Hei⸗ rath, kaufte ein vortreffliches Haus und blieb in dem geſegneten Lande bis zum Schluß ſeiner Tage, noch bis ans Ende durch den Reichthum ſeines Haares und eine gewiſſe freche Stutzerei im Auf⸗ zuge ausgezeichnet. Was den Handegen Attie, den Pöbel Franz, Scharlach Jem und den alten Sack betrifft, ſo be⸗ kennen wir unſere Rathloſigkeit, über ihr Ende ge⸗ wiſſe Nachrichten beizuſchaffen. Wir können nur hinzuſetzen rückſichtlich Haudegen Attie's, was wir in Beziehung auf die Andern unterlaſſen wollen: „Wo er geht, begleit' ihn ein guter Stern!“ Wenn er ſtirbt, wird die Straße einen großen Mann ver⸗ loren haben, deſſen Fuß ſelten aus dem Steigbügel kam, und deſſen heller Kopf eine kuhne Hand re⸗ gierte. Er trieb den geſunden Menſchenverſtand zur höchſten Vollkommenheit und machte den geraden Weg zum erhabenſten. Seite Worte waren we⸗ nige, ſeine Thaten viele. Er war der Sparta⸗ ner der Toby⸗Männer, und Lakonismus war die einfache Seele der von ihm in ſeinem Beruf auf⸗ geſtellten und befolgten Geſetze. ma dat ein krä mit Th We gen geh glä Gle Feu blie nur brü Lag mat Me fah: The war genl ture ſah zeln viel dem e es e nn el 71 Von welcher Seite man ihn auch betrachten mag, man ſieht an ihm Geiſteseigenſchaften, welche das Schickſal beherrſchen; wenige Gedanken, die einander nicht verwirren— einfache Elemente und kräftig zugleich. Sein Charakter beim Handeln kann mit den zwei Ausdrücken erſchöpft werden: Eine That angegriffen und einen Streich ausgeführt! Wäre ſeine Verſtandeskraft wuchernder geweſen, ſo wäre wohl ſeine Entſchloſſenheit weniger kühn geweſen; und ſeine Kühnheit machte ihn groß. Er gehörte zu den Menſchen, die nur in der That glänzen— Kamine(um Sir Thomas Moore's Gleichniß anzuwenden,) die unnütz ſcheinen, bis man Feuer anzündet. So träumte man in dem Augen⸗ blicke der Ruhe nicht von ſeiner Brauchbarkeit, und nur auf der Straße wurde man durch die Aus⸗ brüche ſeines Geiſtes niedergeſchmettert. In welche Lage er auch berufen ward, man fand in ihm, was man bei Andern vergebens ſuchte, denn ſein derber Menſchenverſtand gab dem Attie, was lange Er⸗ fahrung geben ſollte, aber oft doch nicht giebt; ſeine Thatkraft triumfirte über die Bedenklichkeit uner⸗ warteter Umſtände, und er durchbrach in einem Au⸗ genblick die Spinnengewebe, welche ſchwächere Na⸗ turen Jahrelang eingeſchnürt hätten. Sein Auge ſah auf das Endreſultat und achtete nicht auf Ein⸗ zelnheiten. Er plünderte ſeinen Mann aus, ohne viele Chikanen, und nahm ſeinen Geldbeutel, in⸗ dem er gerade darnach griff, ohne vielè vorherge⸗ —— ———— 72 hende Anſchläge. Wenn ſeine Feinde ſein Verdienſt, ein großes, glänzendes uso wohlbegründetes Ver⸗ dienſt ſchmälern wollen, ſo können ſie vielleicht nur das ſagen: daß ſein Geiſt ihn mehr befähigte Un⸗ ternehmungen fortzuſetzen, als ſie zu erſinnen, und daß er ſo neben dem Ruf, auf den er gerechte An⸗ ſprüche hatte, oft auch den Ruhm ganz an ſich riß, den er mit Andern hätte theilen ſollen; er nahm die Ausführung da auf, wo das Geſchäft und die Mühe begann, und führte ſie bis dahin, wo ſie vem Ruhme belohnt wurde. Auch dieſer Vorwurf be⸗ weist nur das weitere Verdienſt der Geſchicklich⸗ keit und vermindert nicht das weniger verwickelte Verdienſt, das wir ihm oben zugeſtanden. Der Ruf, den er erworben, kann unſere Nacheiferung erwek⸗ ken; der Neid, den er nicht zu dämpfen vermochte, uns über die Dunkelheit unſers Namens tröſten. —— aupr o' avocor- cov poso nAaxtt avapurot xosuavrat- rovro' auaNavov övostw 6 rt vvp ucu e res⸗ rg ꝙsorarov avdou rwNetw*⸗ Pind. Olymp. Carm. VII. 43— 48. 8——— Doch des Menſchen Sinns umhüllt das Gewölke 9r di du m ſch er⸗ mr In⸗ nd Un⸗ is, hm die em ich⸗ elte uf, vek⸗ hte, 1. 7³ Und dir, Gentleman George, welchen Abſchieds⸗ gruß rufen wir dir zum Schluß zu? Ach! ſeit wir die ſonderbare, maskenhafte Scene ſchilderten, wo du zuerſt auftrateſt, hat der grimmige Feind drei⸗ mal an dein Thor gepocht; und nun da wir dieß ſchreiben, biſt du von hinnen geſchieden, du biſt nicht mehr! ein neuer Herr führt in deinem behag⸗ lichen Stuhl den Vorſitz, eine neue Stimme er⸗ ſchallt an deiner fröhlichen Tafel— du biſt ver⸗ geſſen! du gleichſt ſchon dieſen Blättern, einer Er⸗ zählung, die man einem Gedächtniß vorſagt, das nichts behält. Wo ſind jetzt deine Witze und Wort⸗ ſpiele? wo deine ſtattlichen Geckereien und deine königlichen Freuden? dein Haus, deine Pagode, dein gothiſcher Kamin und dein chineſiſches Wirths⸗ hausſchild? Dieſe verlangen jetzt die letzte Hand; deine Hand iſt kalt; ihre Vollendung und der Ge⸗ nuß der Vollendung ſind einem Andern vorbehal⸗ ten. Du ſäeteſt, und dein Nachfolger ſammelt; du baueteſt, dein Nachfolger erhält; du pflanz⸗ teſt, und dein Erbe ſitzt unter dem Schatten deiner Bäume: —— Neque harum, quas colis, arboram Te praeter invisas cupressos UIa brevem dominum sequetur! Das unzählbare des Irrthums. Aber der Weiſeſte weiß nicht, Was heute und was zuletzt Wohl fromme dem Menſchen zumeiſt, —— 74 In dieſem Angenblick liegt dein Leben— denn du warſt ein bedeutender Mann in deinem Stande, und man hat deine Biograſie zu der von Aberſhaw und Shepherd geſellt,— liegt dein Leben vor uns. Welcher Stoff zu einer Predigt im Wechſel der⸗ ſelben! Fröhlich lachteſt du in deiner Jugend, und rröhlich durchliefſt du das Stadium deines Man⸗ nesalters. Der Witz ſaß mit dir zu Liſche, und der Geiſt war dein Begleiter; die Schönheit war deine Dienerin, und die Leichtfertigkeit ſpielte um dich— gleich einem Harlefin, den man verſpottet, und verſpottend genießt. Wer von uns kann auf deine glänzende Zeit zurückſehen, ohne bei dem Ge⸗ danken zu ſeufzen, daß die wundervollen Männer, deren Mittelpunkt und Kern du wareſt, für uns uur Erſcheinungen der Geſchichte, Fantome einer weſenloſen Tradition ſind? Dieſe glänzenden Sou⸗ pers, funkelnd von Schönheit, deren Andenken ei⸗ nen Ort(den Bachelor Bill nun auch geerbt hat,) zu einem zauberhaften Feenreich macht; alle, die dieſer Kreis der Armida in ſich verſammelt hatte, die Grammonts, die Beauvilliers, die Rochefon⸗ caulds Englands und der Landſtraße— wer fühlt nicht, daß das Glück, dieſe Männer geſehen zu ha⸗ ben, wäre es auch nur ſo, wie Gil Blas die Feſt⸗ lichkeiten ſeiner Schauſpieler ſah,— vom Seiten⸗ tiſch aus und hinter dem Stuhl,— ein Driumf geweſen wäre, um die irdiſcheren Empfindungen ſeines Alters wieder zu beleben! Und was muß es e (du ſehe dein des der Luſt man Sch mitt I ſche Sie Nat Hel deſt vict Geſf war den der 3) ** es erſt geweſen ſeyn, ſie zu ſehen wie du ſie ſaheſt! e,(du, der jetzt Geſchiedene und Vergeſſene!) ſie zu w ſehen von der Höhe deiner Jugend, deiner Macht, s. deines Standes(denn du warſt früh ſchon Inhaber r⸗ des öffentlichen Hauſes,) der ſorgloſen Laune und dder luſtigen Empfänglichkeit für die Freude? Welche 1 Luſtbarkeiten, wo der Verſtand ſeine unzählbaren, d mannigfaltigen Schätze verſchwendete! Welche r Schwärmereien, wo der Wein das geringſte Reiz⸗ m mittel war! . Inde alitur nudus placida sub matre Cnpido, . Inde voluptates, inde alimenta Pei*). r, Jetzt verändert ſich die Scene!— Welcher ra⸗ 16 ſche, ergreifende Wechſel! Triumf und Glanz und er Sieg! Denn dein öffentliches Haus hatte einen ⸗ Namen! Dahin kamen die Krieger vom Ring, die i⸗ H!elden vom Kreuz— und du, ihr Schutzherr, wur⸗ deſt durch ihren Ruf mit erhoben. Principes Pro ie victorid pugnant, comites pro principe**). Welche e, Geſichte umſchweben uns! Von welchem Ruhm u⸗ warſt du Zeuge! Bei welchen Siegen führteſt du 3 lt den Vorſitz! Die gewaltigſte Epoche— die wun⸗ a⸗ derbarſten Ereigniſſe, welche die Welt, deine n⸗ Der Verf. iſt ungewiß. Vergl. Epigrammata et nf PoEmata vetera apud Jacobum Chouet, 3 en pag. 124. **) Tacit. Germ. 76 Welt, je ſah— von All dieſem— gehörte nicht dir, und in ausgezeichnet er Weiſe: „Ein Theil am Triumf und ein Erbe vom Ruhm?“ Jetzt verändert die Scene!— Das Mannes⸗ alter nähert ſich dem Greiſenalter; aber die Luß iſt verdrängt von der Ueppigkeit, und Prunk iſt der Nachfolger des Vergnügens; Spielwerk und Flit⸗ terſtaat anſtatt des Ruhms, umgiebt, erfreut dich und ſchmeichelt dir am Ende. Da erheben ſich deine Bauten— da liegen, verborgen, aber prachtvoll, die Gemächer deiner Behaglichkeit; und die Ein⸗ künfte deiner Freunde und die Reichthümer des Volks, das ſie plündern, ſind Waſſer in deinen fürſtlichen Strudel; du biſt eingeſponnen in Wohl⸗ behagen wie ein Seidenwurm, und der Ueberfluß ſtrömt aus deiner hohen und unſichtbaren Freiſtätte, wie der Regen aus der Wolke. Du thateſt viel, um Kaminſtücke zu verſchönern, viel um die heimlichen Verſtecke zu ſchmücken, wo du weilteſt; das Steh⸗ len nahm bei dir körperhafte Geſtalt an, und die Plünderungen des Publikums giengen durch eine Metempſychoſe in Mauerkalk über und wurden— oͤffentliche Häuſer. Und ſo und ſolchergeſtalt, bauend und Plane machend, ſpanneſt du deinen letzten Fa⸗ den ab, bis der Tod über dich kam; und als wir uns umſahen, ſiehe, da war dein Bruder an dei⸗ nem Herde. Und deine Schmarotzer und Camerader und deine alten Geſellen und deine anſtändiges —— ihr nen abe und fröl ſchn und Unt lebt Pre entl Me lich We dem trät bew ſey Nat wie geh und war Alle in 2 cht es⸗ uſt der lit⸗ ich ine oll, in⸗ des neß hl⸗ luß tte, um heu eh⸗ die det⸗ der — Frauenzimmer erhoben ein Gemurmel und packten ihr Hab' und Gut zuſammen— aber ſie wandten ſich noch um, ehe ſie abzogen und hätten gerne dei⸗ nem Bruder ebenſo gehuldigt, wie ſie dir huldigten; aber Er wollte nicht! Und dein Schild iſt jetzt weg und an die Stelle des fröhlichen Anglers iſt der frohliche Matroſe getreten! Und dein Bild ver⸗ ſchwindet ſchnell aus den Läden der Bilderhändler und dein Name aus dem Munde der Menſchen. Und dein Bruder, den Niemand lobte, ſo lang du lebteſt, thront auf einem Thurme von Ruhm und Preis, erbaut auf dem Kirchhof, der dein Grab enthält. D wechſelnde, unbeſtändige Herzen der Menſchen! Wer möchte der Inhaber eines öffent⸗ lichen Hauſes ſeyn! Wer möchte den erfreuenden Wein und ſonſtiges Getränke austheilen, wenn in dem Augenblick, wo der Puls ſtockt, Wein und Ge⸗ tränke vergeſſen ſind? Der Geſchichte— denn dein Name wird auf⸗ bewahrt werden in jenem Urkundenbuche, das uns, ſey es nun die Chronik von Nergate oder von Pationen, das uns immer gleicherweiſe berichtet, wie die Menſchen leiden, ſündigen und unter⸗ gehen— der Geſchichte überlaſſen wir es, deine Verdienſte und deine Fehler alle aufzuzählen und gegen einander abzuwägen. Deine Sünden waren die eines Mannes, welchem das Vergnügen Alles in Allem iſt; du warſt von der Wurzel an, in Zweigen, Splint und Herz das, was die Mora⸗ 78 liſten einen Libertin nennen; daher deine Leichtſertis⸗ keit im Wehethun, im Verlaſſen der Freunde, im Brechen des Werts, daher die organiſirte Treulo⸗ ſigkeit, worein ſich dein Weſen den bevorzugten Sterblichen offenbarte, welche dich Gentleman George nannten. Nie haſt du dich gegen Ein Weib, bis zum letzten matten Ausglimmen deiner zärtli⸗ chen Liebesflammen, ſo benommen, daß du ihr kei⸗ nen Grund zur Beſchwerde gegeben, nicht ihre an⸗ klagende Stimme gegen. dich herausgefordert hät⸗ teſt. Aber wie ſollte man auch gegen die Eine redlich ſeyn, wenn man über Trenloſigkeit gegen eine Andre lacht? Wer wird ſich des Verraths an einem Geſchlechte je ganz enthalten, wenn er den Verrath an demſelben für kein unrecht hält? Und ſo war dir, wie Allen deines Gleichen, eine Lockerheit der Grundſätze eigen, eine Unaufrichtig⸗ keit in deinen Worten— ſelbſt gegen Männer, daß du, wenn die Gelegenheit ſich ergab, deine beſten Freunde verläugneteſt, und deine üppigen Genüſſe bir theurer waren, als Gerechtigkeit gegen dieie⸗ nigen, welche ſie dir lieferten. Menſchen, welche das Vergnügen lieben und darin leben wie du, ſind meiſt gutmüthig; denn ihre Hingebung an ben Genuß entſpringt aus der Stärke ihrer Konſtitu⸗ tion und dieſe bewahrt ſie vor der Reitzbarkeit ſchwächerer Nerven; ſo warſt auch du gutmüthig und oft großmüthig, und oſt verbandeſt du mit deiner Großmuth eine Zartheit, welche eine eigen⸗ tig⸗ im lo⸗ ten nan eib, tli⸗ kei⸗ an⸗ hät⸗ Fine egen aths ner ält? eine tig⸗ daß eſten nüſſe ieje⸗ elche du, ben iitn⸗ rkeit ithig mit gen⸗ thümliche feine Achtung und Sheilnahme an den Gefühlen Anderer verrieth. Aber wie die Freunde des Genuſſes auch weniger als irgend ein Menſch Störungen und Unterbrechungen dulden, ſo zeigteſt du auch gegen diejenigen, welche deiner Haupt⸗ Neigung in die Quere kamen, einen tiefen, blei⸗ benden, rachſüchtigen Groll. Daher wußten deine galanten Nebenbuhler in deinen Liebeshändeln von frühern Zeiten, daß du bis zu deinem Todestag nicht verzieheſt; daher dein bittrer, unbeugſamer Haß gegen dein unglückliches, obwohl nicht Vor⸗ wurffreies Weib— daher deine auflodernde, will⸗ kürliche Entrüſtung, als die Menge für deine im Stich gelaſſene Hauswirthin Parthei nahm und dich inſuitirte! Daher die ſechs ungerechten Bills, welche du ergehen zu iaſſen den Befehl gabeſt, als dein Steuer-Karren von einem Stein getroffen wurde! Aber beurtheilen wir dieſe Temperaments⸗ fehler nicht zu ſtreng! Du warſt in deeſen Bezie⸗ bungen nicht ſchlimmer als die Mitglieder der, wenn wir ſo ſagen dürfen: Räuber⸗Ariſtokratie. Deine Neigungen, Eigen ſchaften, Grundſätze, Irr⸗ thümer waren mehr die eines Mannes, der ein Wirthshaus beſucht, als der es beherrſcht. Du warſt der—— der Bierhäuſer! Deine Talente, wie ſie einmal waren— und es waren die Talente eines Weltmannes— mißleiteten dich mehr, als daß ſie dich führten, denn ſie gaben deinem Geiſte jene Halbſiloſofie, jene Gleichgültigkeit gegen böhere In⸗ 30 tereſſen, die man gewöhnlich bei geſcheuten Wüſt⸗ lingen ſindet, und die, wir ſagen es mit Bedanern, die Whig⸗Bramarbaſſe dieſer Periode auszeichnet, Deine Erziehung war heillos; du wußteſt ein paas Brocken von Horaz, aber du konnteſt nicht engliſch ſchreiben und deine Briefe verrathen, daß du ein ſchmählicher Ignorant in der Logik warſt. Die Fein⸗ heit deines Geſchmacks hat man übertrieben; die eble Einfachheit war dir völlig fremd; dein Ent⸗ wurf eines Ganzen war grotesk und überladen, deine Fantaſie im Einzelnen üppig und im Geſchmack einer Buhldirne. Aber du hatteſt die Hand immer in der öffentlichen Kaſſe und hatteſt immerdar Plane und Rathgeber vor dir; mehr als Alle fandeſt du die Häuſer in der Nähe der Orte, wo du bauteſt, ſo unerlanbt häßlich, daß du abſichtlich nur wenig Kenntniß haben wollteſt, um deſto minder ängßlich in deinen Schöpfungen ſeyn zu müſſen. Wenn du deinen Geburtsort und deine verſchiedenen Häuſen nicht mit ſolidem, erhabenem und edlem Geſchmack verſchönerteſt, ſo verſchönerteſt du ſie wenigſtens auf ganz eigenthümliche Weiſe. Und die Nachwelt wird, während ſie die Fehler deiner Baukunſt vermeidet, für die Wirkungen deines Ehrgeizes dir dankbar ſeyn. Dieſelbe Halb⸗Filoſofie, welche ihren Einfluß auf dein Privatleben äußerte, übte eine viel wohl⸗ thätigere und heilſamere Macht über dein öffent⸗ liches Leben aus. Du liebteſt keine nutzloſen Placke⸗ deien in deinem Kirchſpiel, und in der Regel keine ſt⸗ rh, et 10½ ein die det, har ſuß hl⸗ nt⸗ cke⸗ eine d Eyranneien in deinem Sprengel; wenn du je will⸗ kürlich verfuhreſt, ſo war es nur dann, wenn dein Vergnügen geſtört oder deine Eitelkeit verwundet wurde. Zu andern Zeiten ließeſt du den Dingen ibren regelmäßigen Lauf, ſo daß du in deinen letz⸗ ten Jahren eigentlich beliebt wareſt in deinem Sprengel; und im Grabe wird jetzt dein großes Glück deine wenigen übeln Eigenſchaften überglän⸗ zn, und die Leute werden von dir mit nachſichti⸗ gem und nicht eben irrigem Urtheil ſagen:„Im Privatleben war er nicht ſchlimmer als die Groß⸗ ſprecher, die in ſeine Schenkſtube kamen; im öffent⸗ lichen war er beſſer als die, welche vor ihm ein tfeutliches Haus hielten.“— Horch! dieſe Huz⸗ za's! wie lautet der Schlußvers in dieſem Cborus? O dankbare und nie der Zeit dienende Britte babt Ihr ſchon auf einen Andern das Lied umge⸗ ugelt, das ſo ausſchließlich zu Ehren Gentleman George's gefertigt r.de, und müſſen wir, um nicht die Sitte des bſſentlichen Hauſes zu verletzen und die guten Sachen des Schenkzimmers einzubüßen, müſſen wir mit Kehlen, die noch heiſer ſind von der Hitze, womit wir die alten Worte ſchrieen, unſer Wohlgefallen an den neuen brüllend zu erkennen geben! Hoch Mariner Bill! Gott ſchütz' ihn⸗ Gott ſchütz' ihn! Gott ſchütz' ihn! Hoch Mariner Viu! Gott ſchütz' ihn! Bulwer's Romaue. XXX. 6 — — ₰ 32 Frau Lobkins gieng aus dieſer Welt, wie ein Lamm, und Dummie Dunnaker erhielt die Erlaub⸗ niß, ihr Geſchäft in Thames Court fortzuführen⸗ Er rühmte ſich bis an ſein Ende ſeiner Bekannt⸗ ſchaft mit dem großen Hauptwann Lovett, und der Leutſeligkeit, womit dieſe ausgezeichnete Perſon ihn behandelt. Auch wußte er Geſchichten von dem Richter Brandon zu erzählen, aber Niemand glaubte eine Sylbe davon; und Dummie, erboßt über den Unglauben, ſteigerte aus Aerger noch das Wunder⸗ bare ſeiner Erzählungen, ſo daß zuletzt die Zuſätze das Urſprüngliche beinah verſchlangen und Dummie ſelbſt in Verlegenheit geweſen wäre, ſich Rechen⸗ ſchaft zu geben, was falſch und was wahr ſey? Der gelehrte Peter Mac Grawler kehrte nach Schottland zurück und verlor ſich unterwegs. Ein dem Weiſen viel gleichſehender Menſch ward nach⸗ her in Carlisle geſehen, wo er das nützliche und preiswürdige Amt des Abdeu s verſah. Aber ob dieſer ehrenwerthe Beamte eine und dieſelbe Per⸗ ſon mit unſerm Simon Pure, unſerm Er⸗Heraus⸗ geber des Aſinäums war oder nicht, wagen wir nicht zu entſcheiden. Wir ſelbſt glaubten neuerlich ſeinen ſchönen römiſchen Styl, obgleich durchs Al⸗ ter ein wenig zerruttet, in einem trefflichen Arti⸗ kel in Blackwvods Magazin zu erkennen, worin der bezaubernde, allgeleſene Ryman: die fünf Nächte von St. Alban, angeprieſen werden ſollte. Lord Mauleverer, zuletzt zum eheloſen Leben in Zei nes the eng ſtat daf unt Ke: Ri ſon bra St vbt nel bet gel da for ſei ba ein ub⸗ ren. int⸗ der ihn dem ubte den der⸗ ſätze mie en⸗ ach Ein ach⸗ und ob er⸗ us⸗ wir rlich Al⸗ lrti⸗ der ichte eben 85 ſich entſchließend, verhrachte den Reſt ſeiner Tage in unthätiger Ruhe. Als er ſtarb, verſicherten die Zeitungen: Se. Majeſtät ſey über den Verluſt ei⸗ nes ſo alten und treuen Freundes tief betrübt. Seine Möbeln und ſeine Weine wurden außerordentlich theuer verkauft, und ein bedeutender Mann, ſein engſter Vertranter, der ſeine Bücher kaufte, er⸗ ſtaunte, als er aus Bleiſtift⸗Bemerkungen erſah, daß der edle Geſtorbene manche davon geleſen hatte, und rief, nicht ganz ohne Wahrheit, aus:„Ach, Mauleverer hätte können ein verteufelt geſcheidter Kerl ſeyn— wenn er es nur gewollt hätte!“ Der Graf pflegte als Merkwürdigkeit einen Ring von großem Werthe zu zeigen, den er auf ſonderbare Weiſe bekommen hatte. Eines Morgens brachte man ihm ein Paket, in welchem er eine Summe Geld, den erwähnten Ring und einen Brief von dem berüchtigten Lovett fand, worin dieſer Mann ſeine Lordſchaft bat,das Geld wieder anzu⸗ nehmen, deſſen er ihn bei zweimaligen Angriffen beraubt, ihm mit achtungsvoller Wärme für die gegen Lovett gezeigte rückſichtsvolle Aufmerkſamkeit dankte, daß er deſſen Identität mit Kapitän Clif⸗ ford nicht aufgedeckt, und als ſchwachen Beweis ſeiner Achtung den beſagten Ring der überſandten Geldſumme beizulegen ſich erlaubte. Um dieſelbe Zeit, wo Mauleverer dieſe ſonder⸗ bare Zuſendung erhielt, waren manche Anekdoten ähnlicher Art in den öffentlichen Jonrnalen zu le⸗ 6* 3⁴ ſen, und es ſchien, Lovett habe durchaus den Grund⸗ ſatz der Wiedererſtattung ſich zur Regel gemacht— was, man muß geſtehen, nicht immer die Frucht der Neue eines Räubers iſt. Während die müßigen Köpfe ſich noch über dieſe Anekdoten verwunderten, kam die verſpätete Nachricht, daß Lovett, nach uur einmonatlichem Aufenthalt an ſeinem Strafort, auf die verwegenſte und ſeltſamſte Weiſe ſeine Flucht ausgeführt habe. Db er bei Wanderungen im Lande den Hungertod geſtorben, oder von den Einwohnern erſchlagen worden war, oder ob er, vom Glück be⸗ günſtigt, zuletzt Mittel gefunden hatte, über's Meer zu entfliehen, war noch nicht bekannt. So endeten die Abenteuer des galanten Räubers, und durch ein ſonderbares Zuſammentreffen der Umſtände verhüllte das gleiche Geheimniß, das den Schleier über Lu⸗ ciens Schickſal warf, auch das ihres Geliebten. und hier, freundlicher Leſer, könuten wir den Vor⸗ hang über die Schlußſcene fallen laſſen, dächten wir nicht, es könne dir Vergnügen machen, wenn wir ihn noch einen Angenblick aufgezogen halten, und dich noch einen Blick auf die Welt dahinter werfen laſſen. In einer gewiſſen Stadt des großen Landes, wo man die Schuhe nicht glänzend reibt, aber die Meikungen nicht verfolgt, da hauste, zwanzig Jahre ngch der A der Miß Lucie Brandon von Eng⸗ land, ein Mann, der allgemeiner und hoher Ach⸗ tung geuoß, allein wegen der Rechtſchafßfen⸗ heit rege mut hat wor Hoſ Pbl ℳ wol En: den den ter übe mi ſey rer get ein bot im re ge Le ka ſer ſch gl der igen ten, nur auf ucht inde nern be⸗ Neer eten ei ülte Lun ten. Vor⸗ hten venn lten, inter des, die ahre Eng⸗ Ach⸗ ———— heit ſe ines Lebenswandels, ſondern auch wegen der regen Thätigkeit ſeines Geiſes und der Unterned⸗ mungen, worauf er jene richtete. Fragte man; wer hat dieſe wüſte Gegend angebauet 2 ſo war die Ant⸗ wort:„Clifford!“ Wer hat die Anlegung dieſes Hoſpitals beſorgt?—„Clifford!“ Wer hat die Lbhilfe einer ſolchen öffentlichen Laſt bewirkt? „Clifford!“ Wer kämpfte für und errang eine ſ wohlthätige Anordnung?„Clifford!“ In ſeinen Entwürfen und Unternehmungen zarterer Art, in denienigen beſonders, welche Kranke und Nothlei⸗ dende betrafen, wurde dieſer nützliche Bürger un⸗ terſtützt, ja ſogar übertroffen von einem Weſen, gber deſſen ausnehmende Liebenswürdigkeit die Zeit mit ſanftem, unſchädlichem Ftügel hingegleitet zu ſeyn ſchien. Es war etwas Auffallendes und Rüh⸗ rendes in der Liebe, welches dieß Pagr,(denn das genannte weibliche Weſen war Cliffords Gattin) z einander hegtes gleich der Pflanze auf den Triften don Hebron, verlieh die Zeit, welche dieſer Liebe immer mehrsStärke gewährte, ihr auch ein ſanfte⸗ res und friſcheres Grün. Bbgleich ihre dermali⸗ gen Nachbarn mit den Ereigniſſen ihres frühern Lebens, ehe ſie ſich in—— niederließen, nicht be⸗ kannt waren, wußte man doch, daß ſie reich gewe⸗ ſen waren, als ſie zuerſt hier ihren Wohnſitz auß⸗ ſchlugen, und daß ſie durch eine Reihe von Un⸗ glücksfällen Alles verloren hatten; aber Clifford batte manghaft gegen das Schickſal angekämpft und 86 in einem neuen Lande, wo Männer nicht leicht dar⸗ ben, welche die Arbeit der Abhängigkeit vorziehen, war er im Stande geweſen, durch die herben Sta⸗ dien der Armuth und Mühſeligkeit mit einer Red⸗ lichteit und Charakterſtärke ſich hindurchzuſchlagen, die ihm vielleicht eine innigere Achtung bei allen ſeinen fortgeſetzten Bemühungen erwarb, als der Glanz ſeines verlornen Reichthums ihm hätte ge⸗ winnen können. Seine Arbeitſamkeit und Geſchick⸗ lichkeit wurden durch allmälige, aber ſichere Erfolge belohnt, und er erfreute ſich jetzt des Genuſſes ei⸗ nes Vermögens, das er mit der gewiſſenhafteſten Redlichkeit erworben hatte, und mit der freundlich⸗ ſten Wohlthätigkeit anwendete. Die Spur der durchgemachten Mühſeligkeiten war bei beiden er⸗ kennbar; ſie hatten die Roſen von den Wangen des Weibes geraubt und einige vorzeitige Furchen über Cliffords breite Stirn gezogen. Auch gab es Au⸗ genblicke, wiewohl nur ſelten, wo dieſer aus ſeiner gewöhnlichen ſchnellkräftigen und geſunden Geiſtes⸗ heiterkeit in eine trübe und tieſſinnige Träumerei verſank; aber dieſe Augenblicke beobachtete die Gattin mit zärtlicher, eiferſüchtiger Beſorgniß, und Ein Ton ihrer ſüßen Stimme vermochte den Zau⸗ ber zu loͤſen; und wenn Clifford die Augen erhob, erſt ihr zartes Lächeln und dann ſein glückliches Haus und die heranwachſenden Kinder ſah, oder durch die Fenſter ſeines Zimmers die heilſamen öf⸗ fentlichen Einrichtungen betrachtete, deren Schöpfer er n ſein ten Bli dan er war, ſo glühte etwas wie Stolz und Freude auf ſeinem Angeſicht, und er ſagte, obgleich mit feuch⸗ ten Angen und gedämpfter Stimme, indem ſein Blick wieder zur Gattin zurückkehrte:„Das ver⸗ danke ich dir!“ Ein Charakterzug war beſonders auffallend bei Clifford— Nachſicht bei den Fehlern Anderer. „Die Umſtände erzeugen die Schuld!“ pflegte er zu ſagen,„laßt uns verſuchen, die Umſtände zu ändern und zu beſſern, ehe wir gegen die Schuld losziehen!“ Seine Kinder verſprachen denſelben nützlichen und ehrenvollen Pfad zu betreten, auf dem er wandelte. Glücklich wurde die Familie ge⸗ ſchätzt, welche die Hoffnung hatte, ſich mit der ſei⸗ nigen zu verbinden. Dieß war das ſpätere Schickſal Cliffords und Lueiens. Wer wird uns verdammen, wenn wir die Moral dieſes Schickſals der Moral vorziehen, wel⸗ che vom Galgen und Schaffot gewonnen wird?— welche Vogelſcheuchen macht, keine Wegweiſer; die unſere Schwäche erſchreckt, nicht unſere Vernunft warnt? Wer läugnet, daß es beſſer ſey, wieder zu erſetzen, als umzukommen? und beſſer, als ein Bür⸗ ger das begangene Unrecht wieder gut zu machen, denn als Einſiedler es zu bereuen? D John Wil⸗ kes, Alderman von London und Bannerträger der Freiheit, dein Leben war nicht um ein Jota zu ta⸗ dellos, dein Patriotismus hätte können unendlich reiner ſeyn, deine Moral wäre unendlicher Ver⸗ beſſerungen fähig geweſen; du biſt weder bei uns noch bei der übrigen Welt ſonderlich beliebt; aber du haſt ein treffliches Wort geſagt, um deſſenwillen wir mit Wohlwollen, ja beinahe mit Ehrfurcht dich anſehen. Wir wiſſen kaum, ſollen wir eher über den Witz darin lächeln, oder über die Weisheit ſeufzen. Merkt Euch dieſe Wahrheit, alle ihr Her⸗ ren Englands, die Ihr Geſetze zu machen liebt, wie bie Römer ihre Fasces machten— wie Bündel Ruthen und in der Mitte ein Beil; merkt ſie euch und behaltet ſie, und möge ſie lange leben, von uns ſelbſt mit Hoffnung, aber von unſern Kindern mit Dankbarkeit beherzigt; lange, nachdem das Buch, deſſen Schmuck und Ziel ſie iſt, im Staub und Mo⸗ der ſchlummert; lange noch, wenn die zitternde Hand, welche ſie jetzt niederſchreibt, ſie nicht mehv verfechten oder bekräftigen kann, die Wahrheitt „Die allerſchlimmſte Weiſe einen Men⸗ ſchen zu verwenden, iſt: ihn zu hängen.“ ber len ber e wie del uch on ern ch. No⸗ nde ehv itt ⸗ — — Tomlinſoniana, oder nachgelaſſene Schrifte des berühmten Auguſtus Tomlinſon, Prof. der floſoſiſchen Moral an der Univerſität** 3 Gewibmet ſeinen Schülern und enthaltend: 4) Märimen über die populäre Betrügerei, d. zehn Charaktere verdeutlicht; eine Einleitun“ der edlen Wiſſenſchaft, durch welche Jeder ar ſelbſt zum Spitzbuben wird. 2) Fragmente; oder critiſche, ſentimentale, mor. ſche und Original⸗Verſuche. ——— Einleitnng⸗ —— Anf einer Reiſe, die ich kürzlich durch Deutſch⸗ land machte) verweilte ich einige Zeit auf der Uni⸗ verſität, bei welcher Auguſtus Thomlinſon als Pro⸗ feſſor der Moralfiloſofie angeſtellt war. Ich erfuhr, daß der große Mann nach einer langwierigen Krant⸗ heit im Anfang des Jahres 1819 geſtorben war, mit vollkommner Ergebung in ſein Schickſal und noch auf⸗ſeinem Sterbebett über die göttlichen Ge⸗ heimniſſe der Sittenlehre ſich beſprechend. Trot der kleinen Sündchen, deren ich in den letzten Blättern von Paul Elifförd Erwähnung that und welche ſeine Schüler „dem läſtigen Geſchwätz der ſtrengen Welt“ zu entziehen für räthlich erachteten, lebte ſein Anden⸗ een in zarter Vekehrung. Vielleicht machen, wie dieß bei dem berühmten Burns der Fall war, die Fehler eines großen Mannes uns ſeinen Geiſt noch theurer. In ſeinen ſpätern Zeiten pflegte der Pro⸗ ſeſſor einen hellgrünen, ſeidenen Schlafrock, und 92 weil er ganz kahl war, eine kleine ſchwarze Sammt⸗ mütze zu tragen; die kleinen Kleidungsſtücke waren von Pfeffer und Salz. Dieſe merkwürdige Thatſachen erfuhr ich von Einem ſeiner Schüler, der ſeitdem Herausgeber eines neuen trefflichen Journals, Fraſers Magazin genannt, geworden ißt. Seine alten Tage verbrachte er mit Lektüre, mit Geſprächen und' mit Abfaſſung der Fragmente von Weisheit, die wir dem Publikum vorlegen. In dieſen Verſuchen und Marximen, ſo kurz ſie ſind, ſcheint er die Weisheit ſeines geſchäſtvollen und ehrenhaften Lebens zuſammengedrängt zu haben. Mit großer Schwierigkeit verſchaffte ich mir von den Teſtaments⸗Vollſtreckern das Manuſkript, das mansſchon für die deutſche Preſſe zum Druck vor⸗ bereitete. Eine vollwichtige Ueberlegung vermochte dieſe Herrn, ein Werk der Menſchenliebe zu thun und den unſchätzbaren Segen zu bedenken, welchen ſie über unſer Land verbreiten würden, wenn ſie mir geſtatteten, die folgenden Verſuche der Deffent⸗ lichkeit zu übergeben Und zwar in ihrer angebornen engliſchen Tracht, und an demſelben Dage, wo ſie in Deutſchland in der Armuth einer ausländiſchen Verkappung erſcheinen. In einem Zeitalter, wo, weil die Heuchelci durch das Land ſtolzirt, lächelt, ſich brüſtet, ſtratzt und humpelt, auch die Wahrheit anfängt jede Be wegung ihrer Feindin zu beobachten, und die ver⸗ ſchiedenen, von jener angenommnen Geberdungen 93 almälig auszudeuten, muß ich dieſe Lehren des Auguſtus Tomlinſon für ganz beſonders zeitgemäß balten. Ich gebe ſie als eine natürliche Beilage zu einer Erzählung, die man nicht unpaſſend als eine Abhandlung über die Tücken in der Geſell⸗ ſchaft bezeichnen könnte; und wenn ſie die An⸗ ſchaulichkeit ſorgfältiger Beobachtung und den un⸗ verrückten Geſichtspunkt der Sittlichkeis beurkun⸗ den, vermöge deren allein die Satire gegen das Laſter den Keim zur Entlarvung desſelben in ſich trägt, ſo werden ſie nicht ganz unbeachtet vorüber⸗ gehn, obgleich erſt der zweiten Ausgabe unſerer Erzählung angehangt, und auch nicht zu jener ha⸗ gigen Durchblätterung verdammt werden, bei wel⸗ cher die Gleichgultigkeit von heute nur die Vorbe⸗ reitung auf die morgen eintretende Verkeſſenheit iſt. Marimen uber die populäre Betrügerei durch zehn Charaktere verdeutlicht. Eine Einleitung zu der edlen Wiſſenſchaft, durch welche Jeder an ſich ſelbſt zum Spitzbuben wird. „Brauch den Dieb, den Dieb zu fangen.“ Sprüchwort. I. So vft du etwas auffallend Falſches behaupten willſt, fange immer mit den Worten an: Es iſt eine alleemein anerkannte Thatſache u. ſ. w. Sir Robert Filmer war Meiſter in dieſer Art zu ſchrei⸗ ben. Mit welch feterlicher Miene gieng dieſer große Mann an's Betrügen.„Es iſt eine unläng⸗ bare Wahrheit, daß keine Geſellſchaft von Menſchen, groß oder klein, irgend eriſiren kann u. ſ. w., ohne daß in dieſer Geſellſchaft Einer wäre, der— ein natürliches Rechthat, der König der Andern zu ſeyn, als der nächſte Erbe Adams. Aber wenn du deiner Lüge beſondere Wichtig⸗ keit verleihen möchteſt,— wenn du 3. Be eine * ne 95 lange Unterſuchung der Wahrheit ſchrei⸗ ben willſt, aber auf eine Lüge gegründet: ſo be⸗ ginne mit fünf oder ſechs wahren und einleuchten⸗ den Sätzen— jeder Leſer ſtimmt bei— der Geiſt iſt in ſeiner Wachſamkeit bethört— und dann plumps! laß deine Lüge unvermerkt hineingleiten⸗ Bemerke, wie geſchickt dieß Harrington zu thun weiß:„Jede Regierungsart iſt gegründet auf das Uebergewicht des Beſitzes.“ „Wenn Einer das Uebergewicht des Vermö⸗ gens gegen ein ganzes Volk hat, ſo führt dieß Ver⸗ mögen die unumſchränkte Monarchie herbei. Wenn Weuige das Uebergewicht des Vermögens gegen das ganze Volk behaupten, ſo veranlaßt ihr Beſitz⸗ thum die Ariſtokratie oder⸗ die gemiſchte Monarchie. Wenn das ganze Volk weder durch den Beſitz Ei⸗ nes noch Weniger überwogen wird, ſo führt der Beſitzſtand des Volks oder der großen Maſſe zur Demokratie oder zur Volksherrſchaft.“ „Die Herrſchaft Eines, gegen das Gleichgewicht iſt Tyrannei. Die Herrſchaft Weniger, gesen das Gleichgewicht iſt Pligarchie. Die Herrſchaft der Maſſe(oder der Verſuch des Volks zu herrſchen*)) iſt Rebellion oder Anarchie!“ Plumps! III. Wenn du etwas von dem Gemeinweſen bedarfs, ſo ſuche das Beſchwerliche deiner Bitte auf den *) Was es nur durch Vertreter thun kann unk will. Der Herausgeber⸗ 3 zeiligſten Grundſatz, den du finden kannſt, abzula⸗ den. Ein gewöhnlicher Bettler kann dir über diele wichtigſte Maxime in der populären Betrügerei den ausgeſuchteſten Unterricht ertheilen.„Uin der Liebe Gottes willen, Sir, einen Pfen⸗ nig! 1 IV. Wenn du in irgend einer Sache, Moral, Le⸗ bensanſich ten, Politik durchaus unwiſſend bißt, ſo fauge nur gleich an von den Geſetzen der Na⸗ tur zu reden. Da dieſe Geſotze nirgends geſchrie⸗ hen ſtehen*), ſo kennt ſie Niemand Sollte dich Jemand zur Rede ſetzen, woher dul denn weißt, daß dieſe oder jene Lehre Ausſÿruch der Natur ißt: ſo lege die Hand aufs Herz und ſage: Hier teht's! V. Sey nachgiebig gegen eines Menſchen Geſchmack, ſo wird er nachgiebig gegen deine Intereſſen ſeyn. I. Sprichſt du mit einem Halbweiſen, ſo plandre — ſprichſt du mit einem Unwiſſenden, ſo prahle— ſprichſt du mit einem geſcheuten Mann, ſo gied dir ein recht demüthiges Ausſehen und frag' ihn um ſeine Meinung. VI. Die Leute beargwohnen deine Aufrichtigkeit, wenn du dich ft eines gemeinen, abgedroſchenen — *) Locke. Aus cher gilt drü Nut Me ſpre wei hen heil von gei — TU la⸗ ieſe erei m R⸗ dre 6— dir keit, en ————— ten Schüler, daß die 97 Ausdrucks bedienſt, deine Aufrichtigkeit zu verſi⸗ chern. Einer der beſtändig von Ehrlichkeit ſpricht, gilt bald für einen Scheimen. Aber ſtehende Aus⸗ drücke ſind demungeachtet von unberechenbarem Nutzen. Necker ſagte, er beurtheile immer einen Menſchen nach ſeinen Lieblingsausdrücken. Necker ſprach eine, jedoch unbewußt, in der Welt ſehr weitverbreitete Anſicht aus. Bediene dich alſo ſte⸗ hender Redeusarten, aber ſie ſeyen neu und ſchein⸗ heilig. Sprich nicht von„Ehrlichkeit,“ ſondern von einem„Zzarten Sinn für Ehre,“ oder von„be⸗ geiſtertem Rechtsgefühl,“ oder„der Grundlage aller Tugend— dem Chriſtenthum!“ VIII. rtigt Euch beſtändig, meine gelieb⸗ Mittel des Lebensunterhalts nicht auf den Tugenden, ſondern den Fehlern An⸗ derer beruhen. Der Rechtskundige, der Staats⸗ mann, der Henker, der Arzt, machen ſich Alle von unſern Sünden bezahlt; ja ſelbſt die gemeinen Ge⸗ werbe, der Schneider, Bäcker, Fleiſcher, Weinhänd⸗ ler ziehen ihr Vermögen, wo nicht ihre Exiſtenz, aus dieſen kleinern Laſtern— unſern Schwächen. Eitelkeit iſt die Figur, welche den Ziffern der Noth⸗ wendigkeit vorgeſetzt wird. Darum, o meine ge⸗ liebten Schüler! bekümmert Euch nie darum, wo⸗ rin die Tugenden eines Menſchen beſtehen; ver⸗ ſchwendet keine Zeit damit, ſie kennen zu lernen⸗ Vulwer's Romane. XXX 5 Vergegenwä 95 Geht mit Einemmale auf ſeine Mängel los! Be⸗ handelt den Einzelnen ſo, wie ihr, als ehrliche Männer, die Maſſe behandeln würdet. Das iſt die Art und Weiſe ein Schelm zu ſeyn, vermöge der perſönlichen Eigenſchaften, wie ein Rechtskundiger es vermöge ſeines Gewerbes iſt. Schurken ſind, wie Critiker*),„Fliegen, die ſich auf angebrochene Theile ſetzen und nichts zu leben haben würden, wenn der Körper ganz geſund wäre.“**) Jedermann findet es wünſchenswerth, zu Zei⸗ ten Thränen im Auge zu haben— man empfindet Mitgefühl mit feuchten Wimpern. Die Vorſehung hat für dieß Bedürfniß geſorgt, und in ihrer gött⸗ lichen Weisheit Jedem unglückliche Vorfälle zuge⸗ theilt, deren Erinnerung ſchmerzlich iſt. Daher, ohne Zweifel, das menſchliche Elend, worüber der Atheiſt ſpottet. Deßhalb, wenn du eine rührende Aeußerung gegen dein auserkornes Opfer ausſprichſt, denke an das größte uUnglück, das du je in deinem Leben hatteſt; die Gewohnheit wird bald dieſe Ver⸗ geſellſchaftung von Thränen mit dieſer ſchwermü⸗ thigen Evinnerung beſtändig gelingen machen; ge⸗ rade wie jenes alte Weib immer Troſt in ihrer Bi⸗ *) Nullum simile est, quod idem. Der Herausgebev. **) Tatler, e⸗ che die er er d, ne n, ei⸗ det 5 bel fand, obwohl ſie nie etwas Anderes als Ein Kapitel mit Namen geleſen hatte⸗ Ich kannte, o meine theuern Schüler, einen ſehr einſichtsvollen Franzoſen, der ein charmantes Legat von einem al⸗ ten Dichter herausſchlug, dadurch, daß er die Verſe des Sängers mit ſtrömenden Augen herſagte.„Wie vermochten Sie nach Willkür zu weinen 7 fragte ich,(ich war damals noch jung, meine Schüler!) und erhielt die Antwort:„Je pensoĩs à non pau- vre pere, qui est mort.“ Dieſe Vereinigung von Gefühl, mit der Geſchicklichkeit im Prellen, machte⸗ dieſen Franzoſen zu einem bezaubernden Weſen. X Laß dir nie den Fehler des Ueberklugen zu Schulden kommen, die menſchliche Natur für ſchlim⸗ mer zu halten, als ſie iſt. Die menſchliche Natur iſt ſo verwünſcht gut, daß, wäre nicht die Nachhülfe der menſchlichen Kunſt, wir Schelme nicht leben Fönnten⸗ Die Urgrundlage des menſchlichen Ge⸗ müthes bietet uns keinen Anhaltspunkt: erſt das, was er ſeiner ſorgfältigen Erziehung und den Segnungen einer civiliſirten Geſellſchaft verdankt. XI. Seyd Ihr im Zweifel, meine Schüler, ob Euer Mann ein Marktſchreier iſt oder nicht, ſo entſchei⸗ det hierüber darnach, ob er in ſeinen Behauptun⸗ gen anmaßend und keck iſt. Nichts iſt ein ſo ſiche⸗ 78 100 res Zeichen vom Betrug, als freche Zuverſicht. Sehr richtig ſagt Volney:„Der berühmteſte Lü⸗ genprophet und kühnſte Tyrann beginnt ſein außer⸗ ordentliches Lügengewebe mit den Worten: dieß Buch iſt erhaben über jeden Zweifel!“ XII. Die britiſchen Inſeln haben eine eigene Art, die Leute zu betrügen, und ich empfehle Euch, meine Schüler, ſie hierher zu verpflanzen: das Betrü⸗ gen durch Subſcriptionen. Die Leute laſſen ſich gerne in Geſellſchaft plündern; geprellt werden wird dann Sache des Partheigeißtes. So lag ein Markt⸗ ſchreier ſehr ernßlich einigen Perſonen an, ein Schiff für ihn auszurüſten und ihn als Capitän mit demſelben zu einer Reiſe um die Welt auf Ent⸗ deckungen auszuſchicken; und ein Anderer ßellte das patriotiſche Anſinnen, man ſolle 10,000 Pf. ſub⸗ ſcribiren— wozu?— um ihn ins Parlament zu bringen. Keiner von dieſen beiden Burſchen hätte irgend einen Menſchen um einen Schilling über⸗ liſtet, hätte er in einem Winkel ihn darum gebe⸗ ten; aber ein gedruckter Bogen, mit dem: Seine königliche Hoheit, an der Spitze, hat ein lu⸗ ſtiges Spiel mit engliſchen Guineen. Eine Sub⸗ ſeription zu Gunſten Einzelner kann als eine Ver⸗ bindung zur glänzenden Aufmunterung des Müſſig⸗ gangs, der Unverſchämtheit, Bettelei, Betrügerei und anderer öffentlicher Tugenden betrachtet werden. S N N N W W— 101 XIII. Wenn du das Leben eines großen Mannes lie⸗ ſeſt, ich meine eines ſolchen, der ausgezeichnetes Glück hatte, ſo wirſt du finden, daß alle ihm bei⸗ gelegten Eigenſchaften dieſelben ſind, die jeder mit⸗ telmäßige Spitzbube haben muß⸗„Er beſaß,“ ſagt der Biograph,„die größte Artigkeit des Beneh⸗ mens(d. h. die Fähigkeit zu ſchmeicheln); den be⸗ wundernswürdigſten Muth(d. h. die Fähigkeit, ein Geſchrei zu machen); die heldenmüthigſte Seelen⸗ ſtärke(d. h. die Fähigkeit, ein Geſchrei über ſich ergehen zu laſſen); die ausgezeichnetſte Gewandt⸗ heit im umgang(d. h. die Fähigkeit, zu Einem dieß, und zu dem Andern das Gegentheil zu ſagen), und die wunderbarſte Herrſchaft über die Gemüther ſei⸗ ner Zeitgenoſſen(d. h. die Fähigkeit, ihren Beutel aufzuopfern oder ihre Handlungsweiſe zu mißlei⸗ ten).“ Wenn dich alſo das Geſchick zur Niedrig⸗ keit verdammt, ſo ſiudire emſig die Biographien der großen Männer, um dich als Schelm zu vervoll⸗ kommnen; verſetzt es dich aber in die Höhen der Geſellſchaft, ſo verſchaffe dir genaue Bekanntſchaft. mit dem Leben von Schelmen, dadurch wirſt du dich auf deiner Höhe behaupten lernen! XIV. Die Maske der Tugend, meine geliebten Schü⸗ ler, iſt heut zu Tage ein wenig aus der Mode ge⸗ kommen; es iſt zuweilen beſſer, die Maske des 102 Laſters vorzuſteen. Spiele großherzig den Lüder⸗ lichen, und ſchwöre mit luſtiger Miene, du macheſt keinen Anſpruch, beſſer zu ſeyn, als die meiſten dei⸗ ner Mitmenſchen. Aufrichtigkeit iſt nicht minder ein Schleier, als Lüges ein Flauſch⸗Oberrock hüllt dich ſo gut ein, als ein ſpaniſcher Mantel. XV. Wenn du einen großen Plan ausführen und eine Anzahl Verſonen betrügen willſt: ſo müſſen die paar erſten von der Zahl der Auserkornen die geſcheuteſten, ſchlauſten Geſellen ſeyn, die du finden kannſt. Du haſt dann einen Anhaltspunkt, wrdurch du allein ſchon die Uebrigen zu Narren haben kannſt. „Herr Lynx*) iſt vollkommen überzeugt,“ dieß wird ſchen hinreichen, um Herrn Mole**) von der Red⸗ lichkeit deiner Abſichten zu überzeugen! Auch ſind ſchlaue Leute nicht eben diejenigen, welche am ſchwerſten anbeißen; ſie verlaſſen ſich auf ihre Stärke; unverwundbare Helden ſind nothwendig die tapferſten. Rede mit ihnen, wie über ein Geſchäft, und trage deinen Plan zugleich ihrem Sachwalter vor. Mein Freund, John Shamberry, war ein Meiſter in dieſem großen Kunſtvortheil. Er prellte zwölf Leute im Betrag von einigen tauſend Pfund, und es koſtete ihn keine weitere Mühe, als die, zu⸗ *) Luchs. **) Maulwurf. —— erſi tär ler Re V — W m — — c e(8 8 66) 8 28 — 6 1 r. ſt r t 105 erſt zu prellen— Wen meinſt du? Den Sekre⸗ tär der Geſellſchaft zu Unterdrückung der Prel⸗ lereien!“*) XVI. Wenn eine Verbindung von Männern auf eine Reihe von Grundſätzen ſich berufen, welche deinem Vortheile zuwiderlaufend, aber von einleuchtender Wahrheit ſind— wie willſt du ihnen antworten?— mit einem Spottnamen! mach' ihren Namen ver⸗ achtet, ſo wird Niemand ihre Grundſätze ehren. XVM. 8 Theile deine Kunſtgriffe in zwei Elaſſen, in ſolche, die dir wenig, und in ſolche, die dir vieke Mühe koſten. In die erſte Ctaſſe gehören: Schmei⸗ chelei, Aufmerkſamkeit, Beantwortung von Briefen mit umgehender Poſt, ein Gang queer über die Straße um höflich gegen den Maun zu ſeyn, den du zu Grund richten willſt; dieß Alles mußt du nie verſüumen. Es iſt der Mühe werth, auch den Geringſten zu gewinnen, wenn es Wenig koſtet. und zudem, während du für dich arbeiteſt, erlangſt du auch den Ruf der Höflichkeit, des Fleißes und der Gutmüthigkeit. Aber die Kunſtgriſſe, welche viele Mühe koſtens eine kange fortgeſetzte Unter⸗ zhänigkeit gegen einen Murrkopf, die Erheuchelung einer Tugend, einer Eigenſchaft, einer Wiſſenſchaſt, —— *) Faktiſch; hine illae lacrymäe. 10⁴ die du nicht haſt, gegen eine ſchwer zu täuſchende Perſon— auf dieß Alles laß dich nie ein, ausge— nommen um wichtiger Zwecke willen, bei welchen es ſich nicht nur des Zeitverluſtes, ſondern auch der Gefahr einer Entdeckung verlohnt. Mühſamer Dienſt um ſchmalen Gewinnſt iſt der Grundſatz eines Arm⸗ ſeligen. Der Spitzbube muß mehr Seelengröße haben! XVIII. Verzeihe immer. XIXK. Wenn dir Jemand eine Summe Geld ſchuldig iſt,(und ſelbſt Einer meiner Schüler könnte ja Einmal im Leben ſo einfältig ſeyn, zu borgen,) und es ſchwer hält, ſie wieder zu bekommen: ſo wende dich nicht an ſein Gerechtigkeitsgefühl, ſondern an ſeine Menſchenliebe. Die Gerechtigkeit, mit dem was ſie in ſich ſchließt, ſchmeichelt wenigen Men⸗ ſchen. Wer unterzieht ſich gern einer Unbequem⸗ lichkeit, nur darum weil er ſoll? ohne Lob, ſogar ohne Selbſtbefriedigung? Aber Menſchenliebe, meine Schüler, die kitzelt die menſchliche Eitelkeit ganz köſlich. Die Menſchenliebe ſchließt ein Gefühl der Ueberlegenheit in ſich, und das Gefühl der Ueber⸗ legenheit iſt für die geſellige Natur des Menſchen höchſt angenehm. Daher das verhältnißmäßig gegen andere Tugenden häuſige Vorkommen der Menſchen⸗ liebe in der ganzen Welt, und daher wird man ſich beſ thi ſta nde ge⸗ hen der nſt m⸗ ße beſonders die Erſcheinung erklären, daß je hochmü⸗ thiger und ſtolzer ein Volk iſt, deſto mehr es das Almoſengeben anrühmt und menſchenfreundliche An⸗ ſtalten befördert. XX. Die vornehmen Spitzbuben beobachten die Schlauigkeit der gemeinen viel zu wenig. Der ge⸗ wöhnliche Bettler benutzt jedes körperliche Leiden— aber der feinere Gauner iſt unverzeihlich blind ge⸗ gen das Glück einer natürlichen Gebrechlichkeit. um eine Gunſt zu erlangen— verſchmähe kein dittel, welches Mitleid erwecken kann. Ich kannte einen würdigen Pfarrer, der durch den glücklichen Zufall eines hektiſchen Huſtens zwei reiche Pfrün⸗ den erlangte und einen jüngern Bruder, der in Kraft einer langſamen Auszehrung zehn Jahre auf Ko⸗ ſten ſeiner Familie lebte. XXI. Wenn du dich in den Beſitz einer kleinen Sum⸗ me ſetzen willſt, ſo denke darauf, wie du die kleine Summe mit einer großen zuſammenſtelleſt. Ich drücke mich nicht deutlich aus— nimm ein Bei⸗ ſpiel. In London giebt es Gauner, welche 70,000 Pf. ihnen übergebenes Capital zu vier Procent zum Aus⸗ leihen ankündigen. Der Gentleman, der eine ſolche Summe auf Hypotheken ſucht, geht zu dem Ankün⸗ diger; dieſer ſagt, er müſſe ſich an Drt und Stelle begeben und die Beſitzungen beſehen, auf welche ———————— 106 das Geld geliehen werden ſolle; die Reiſe ſammt Auslagen wird eine bloße Kleinigkeit ausmachen— ſagen wir zwanzig Guineen. Er führe nur eine recht zuverſichtliche Sprache— dem Gentleman ſey es nur recht um das Geld zu den feſtgeſetzten Prozenten zu thun— ſo iſt, drei gegen eins, zu wetten, daß der Gauner die zwanzig Guineen be⸗ kommt; freilich eine armſelige Summe, verglichen mit 70,000 Pf., aber doch ein anſehnliches Geld, hätte es ſich um einen halben Pfennig gehandelt! XXII. Lord Coke hat geſagt: einen Irrthum auf ſei⸗ nen Urquell zurückführen, heißt ihn widerlegen. Nun ſetze ich als ausgemachte voraus, daß Ihr meine jungen Schüler für die Aufrechthaltung des Irrthums intereſſirt ſeyd und daher nicht wünſcht, daß er auf ſeinen Urquell zurückgeführt werde. Siehſt du alſo einen feinen Kopf im Begriff den Irrthum aufzuſpüren, ſo haſt du zwei Wege vor dir, die Sache ins Reine zu bringen. Entweder ſagſt du mit einem Lächeln:„Aber jetzt, Sir, wer⸗ den Sie ſpeculativ— ich bewundre Ihren Scharf⸗ ſinn;“ oder du ſiehſt ernſt aus, wirſt roth und ſagſt: „Ich fürchte, Sir, es ſindet ſich in der geheiligt⸗ ſen Autorität kein Beleg für dieſe Behauptung.“ Der Leufel kann auch die Schrift citiren, wie du weißt, und dazu auß eine ſehr vernünftige Weiſe. — lin Gu der die deſ we ent au: Si An un un di en fel T ſte „ e XXIII. Rochefoncault hat geſagt: der Haß gegen Günſt⸗ linge iſt nichts Anderes als das Wohlgefallen an Gunſt; der Gedanke iſt ein wenig eingeſchränkt; der Haß, den wir gegen Jemand hegen, iſt bloß die Folge unſres Verlangens nach einem Gute, in deſſen Beſitz wir ihn glauben, oder das er uns, wenn wir es beſäßen, ſtreitig machen würde. So entſteht der Neid, die gewöhnlichſte Art des Haſſes, aus unſrer Werthſchätzung des Ruhms, oder des Silbergeſchirrs pder der Behaglichkeit, die wir bei Andern ſehen, und die Rachſucht geht hervor aus unſrer Beſorgtheit für unſern Ruf, der gekränkt, unſre Ländereien, die beeinträchtigt, unſre Rechte, die verletzt wurden. Aber der heftigſte Haß iſt der Haß gegen den Reichen, aus Liebe zum Reichthum entſpringend. Betrachte nur recht den armen Teu⸗ fel, der immer über Kutſchen mit Vieren ſpottet. Trag' ihn in dein Buch ein als Einen, der zu be⸗ ſtechen wäre! XXIV. Meine geliebten Schüler, nur Wenige haben genügend die Kunſt ſudirt, welche durch Anwen⸗ dung von Späßen die Wiſſenſchaft der Gaunerei fördert. Das Herz eines Geringern iſt durch einen Scherz immer bezaubert. Die Leute wiſſen das wohl bei der Spitzbüberei der Wahlen. Wendet es jetzt, meine Schüler! auf die Spitzbüberei des ———— — — 108 Lebens an. Wenn du jenen Schuhflicker freund⸗ lich auf den Rücken klopfſt, ſo iſt es nur dein Feh⸗ ler, wenn du ihm nicht zugleich deine Abſicht ein⸗ klopfſt. Sieh, wie Shakſpeare,(den du Tag und Nacht ßudiren mußt! Niemand hat beſſer die Ge⸗ heimniſſe der Spitzbüberei entwickelt) ſeinen größ⸗ ten und vollendetſten Schurken, Richard III., ſeine guten Freunde die Mörder anreden läßt, mit einer ſcherzhaften Lobpreiſung auf die Hartherzigkeit, worauf ſich ohne Zweifel die armen Kerle am mei⸗ ſten zu Gute thaten: Ihr weint Mühlſteine, wie die Narren Thränen, Ich hab' Euch gerne, Burſchen! Könnt' Ihr Euch nicht das ſchlaue Grinſen denken, womit die Hunde das Kompliment aufnahmen und den kleinen liſtigen Druck im Magen„ womit Ri⸗ chard die anmuthigen Worte fallen ließ: Ich hab' Euch gerne, Burſchen! XKXV. Wie Gutmüthigkeit die charakteriſtiſche Eigen⸗ ſchaft des Gimpels iſt; ſo ſollte gute Laune die des Schelmen ſehn; beide paſſen zu einander wie Fu⸗ gen. Glückliche Gutmüthigkeit iſt ein Narciſſus, der ſich in ſein eignes Bild verliebt. Die gute Laune verhält ſich zur Gutmüthigkeit wie der Flo⸗ rimel von Schnee zum Florimel von Fleiſch, das treueſte Abbild aus dem kälteſten Material. kein ſcha muß rott bun, deck ſich prü alle And Alle dafi genl ſich beſte iſt t Aal lich der bes mei rei mat bett zige XXVI. Andre ſchreckt, ſchlägt ihn nicht nieder; Er trotzt ken, Allem, aber iſt ſicher vor Allem; denn ich halte Feh⸗ Lob der Schelmerei. etn⸗ Ein Schelm iſt ein Filoſof, obwohl ein Filoſof und kein Schelm. Was hat ein Schelm mit Leiden⸗ Ge⸗ ſchaften zu thun? Jedes unregelmäßige Verlangen röß⸗ muß er unterdrücken; jede Schwäche muß er aus⸗ eine rotten; ſein ganzes Leben verwendet er auf Erwer⸗ er bung von Weisheit; denn was iſt Weisheit? Ent⸗ keit, deckung menſchlicher Irrthümer! Er iſt der einzige nei⸗ ſich immer conſequente Menſch, der doch immer prüft; er weiß nur von Einem Zweck, aber erprobt n, alle Mittel; Gefahr, übler Ruf— Alles was und dafür, daß ein Schelm aufhört ein Schelm zu ſeyn Ri⸗— er iſt ſchon zum Narren geworden— im Au⸗ agenlick, das Unglück ihn ereilt. Er bekennt ſich zu der Kunſt des Betrügens; aber die Kunft „beſieht eben darin, es ohne Gefahr zu thun. Er iſt teres et rotundus— entledigt ſich durch ſeine en⸗ Aalähnliche Glätte und die unaufhörliche Beweg⸗* des lichkeit ſeiner Kugelgeſtalt der Fliegen. Derjenige, Fu der unempfindlich iſt fur den Ruhm ſeines Gewer⸗ us, bes und nur Sinn für den Gewinn hat, iſt nicht ute mein ächter Jünger. Ich wende auf die Schelme⸗ lo⸗ rei an, was Plato von der Tugend ſagt:„Könnte man ſie verkörpert ſehen, ſie würden göttlicher An⸗ betung theilhaftig ſeyn!“ Nur wer vom hochher⸗ zigen Enthuſiasmus beſeelt iſt, wird aus obigen 11⁰ Maximen Nutzen ziehen und—(hier warne ich jeden feierlich vor dem heiligen Boden, bevor er nicht ſein Haupt enthüllt und die Füße entblößt in ehrerbietiger Scheue) mit Gewinn die nach⸗ ſtehenden Charakterſchilderungen— dieſen Dem⸗ pel mit zehn Statuen— durchlaufen— wo ich die koſtbarſten Reliquien meiner Reiſegedanken und meiner geſammelten Erfahrung niedergelegt und geweiht habe. Zehn Charaktere. I. Der weiche, unentſchloßne, gutherzige, träge Menſch. Dieſe Eigenſchaften ſind vergeſellſchaftet mit guten Geſinnungen, aber ohne Grundſätze. Den Mangel an Feſiigkeit beweist auch der Wangel ei⸗ nes eigenthümlichen und tiefgewurzelten Gedanken⸗ ſyſtems. Ein Mann, der irgend einer einzelnen, beſondern Lieblingsidee nachhängt, verliebt ſich in eine oder bie andre Anſicht, womit er ſich abgiebt. Ein überhanpt unentſchloßner Menſch hat meiſt ein unzuſammenhängendes Leben geführt und ſeine Auf⸗ merkſamkeit nie Einem Gegenſtand anhaltend ge⸗ widmet; dieß iſt ein Mann, meine geliebten Schü⸗ ler, der ſehr leicht zu betrügen iſt; Ihr könnt ihn betrügen, ſogar wenn er die Augen offen hat. Träg⸗ heit iſt ihm lieber als Alles, und wenn Ihr ihn allein habt und ihm gerade ins Angeſicht eine Frage verlegt: ſo kann er nicht Nein! ſagen. m⸗ ind nd ge nit n ein ü⸗ hu ig⸗ hn IMI. Der furchtſame, argwöhniſche, ſelbſtſüchtige, kalte Menſch. Im Allgemeinen iſt ein ſolcher Charakter ein vortrefflicher Praktikus, und ſcheint auf den erſten Anblick dem abgefeimteſten Gauner Trotz bieten zu können. Aber Eine Hoffnung bleibt dir— ſie hat mich nur ſelten betrogen— ein ſolcher Mann iſt meiſt prahleriſch. Ein kalter, ängſtlicher, aber weltlich geſinnter Menſch hat immer ein Auge auf Andre gerichtet; er bemerkt den Eindruck, den ge⸗ wiſſe Dinge auf ſie machen; ängſtlich bemüht er ſich, ihre Anſichten zu erfahren, um dieſen nicht entgegen zu handeln; gerne möchte er wiſſen, was die Welt von ihm ſagt; ja ſeine Furchtſamkeit flößt ihm den lebhaften Wunſch ein, ſeine Eigenliebe durch einen guten Ruf bei Andern zu ſtützen. Da⸗ per wird er prahleriſch, liebt die Wirkung, wovon man günſtig ſpricht und den Schein, der Anſehen einbringt. Von dieſem Punkt aus ihn angegriffen, weine Schüler! III. Der melancholiſche, zurückgezogene, empfind⸗ ſame, beſchauliche Charakter.— Ein ſehr guter Gegenſtand das für Eure Schelmereien, meine jungen Freunde! obgleich er viele Rückſichtnahme und Zartgefühl erheiſcht. Dieſer Charakter hat einen an⸗ ſehnlichen Theil krankhafter Argwöhniſchkeit und da⸗ 112 mit verwandter Reizbarkeit— dagegen müßt Ihr auf der Hut ſeyn!— zugleich jedoch iſt ſein her⸗ vorſtechender Zug gewaltige, aber nicht eingeſtan⸗ dene Eitelkeit. Eine hohe Meinung von ſich ſelbſt und das Gefühl, von Andern nicht nach ſeinem gan⸗ zen Werthe gewürdigt zu ſeyn:— dieß macht Ei⸗ nen gewöhnlich zurückhaltend; er meint, er tauge nicht in die Welt, wegen der Zartheit ſeines Ge⸗ müths und des Mangels an entſprechender Empſind⸗ ſamkeit bei Denjenigen, mit welchen er ungeht! Das iſt die Handhabe, wo Ihr zugreifen müßt! Er fühlt ſich auch ausnehmend durch Ehrerbietung und Herzlichkeit geſchmeichelt; er verlangt in der Liebe, wie von der Welt, zu viel. Er iſt ein Lara, deſſen Freundinnen Medora's ſeyn ſollen, und auch ſeine Freunde ſollen durchaus Kaled's ſeyn. Der arme Mann! Ihr ſeht, wie kinderleicht es iſt, ihn zum Beſten zu haben. NB. Unter Leuten dieſes Charakters findet man gewöhnlich jene Grillen, Launen und Sonderbar⸗ keiten, die eine vortreffliche Handhabe abgeben. Niemand entfernt ſich von dem gewöhnlichen Leben, ohne daß die Tüchtigkeit ſeines Charakters es ent⸗ gälte. Jede neue Bahn, die ſich der Stimmung „ eröffnet, bffnet einen neuen Zugang zum Herzen. IV. Der kühne, großmüthige, freimüthige, herzliche Menſch.— Meiſt eine Perſon von kernſeſter Ge⸗ en ne 113 ſundheit. Seine Leibesbeſchaffenheit erhält ihn bei gutem Muth und der gute Muth bei Entſchloſſen⸗ heit und Wohlwollen. Er iſt, wie ſich leicht be⸗ greift, für Euch, meine guten jungen Freunde, ein nicht ſo ſchwer zu hiatergehender Charakter; denn er hegt keinen Argwohn und alle ſeine guten Ei⸗ genſchaften ßellen ihn Euch bloß. Aber hätet Euch vor ſeinem Zorn, wenn er Euch findet! er iſt ein fürchterlicher Othello, wenn einmal ſeine Natut gereizt iſt. NB. Eine taugliche Art von Charakter, zu widergeſetzlichen Praktiken ſich verführen zu laſ⸗ ſen; giebt einen erträglichen Verröther oder einen durchtriebenen Schmuggler; Ihr ſelbſt müßt nie eine widergeſetzliche That begehen; es giebt ja Katzenpfötchen für die Kaſtanien! Da jedes Ge⸗ ſetz eine Unterdrückung iſt,(freilich eine nothwen⸗ dige und oft geheiligte Unterdrückung,— was Ihr ihm aber nicht auseinanderzuſetzen nöthig habt,) und ſein Charakter beſonders jeder Unterdrückung feind iſt, ſo könnt Ihr die geſchilderte Perſon leicht verführen, den Geſetzen des Landes zu trotzen. Ja! der kühne, großmüthige, freimüthige, herzliche Menſch darf nur in niedrigen Verhältniſſen geboren wer⸗ den, ſo iſt ihm der Galgen ſicher. 8 Der kecke, ſelbſüchtige, verſchloßne, um ſich greifende Mann— wird aller Wahrſcheinlichkeit nach Euch betrügen, meine lieben Freunde. Denn Bulwer's Romae XXX. 8 11⁴ ein ſolcher Charakter giebt einen Meiſter in der Spitzbüberei— das iſt der Stoff, woraus die Na⸗ tur einen Richard III bildet. Ihr thut am beſten, einen ſolchen Mann ganz allein zu laſſen. Sogar ihm dienen iſt nicht gut. Er zerbricht ſeine Werk⸗ zeuge, wenn er mit ihnen gearbeitet hat. Nein! Ihr könnt Nichts mit ihm anfangen, meine guten Jungen! VI. Der gut⸗eſſende, gut⸗trinkende, ſorgenloſe, ſinn⸗ liche Gewohnheitsmenſch— das alltägliche thieriſche Weſen. Ein ſolches Geſchöpf hat Schlauheit und iſt entweder feig oder trotzig; ſelten hält es die Mitte zwiſchen dieſen Eigenſchaften. Es iſt durch⸗ aus nicht leicht zu betrügen. Die Natur ſchützt ihre geiſtig verwahrlosten Kinder durch die Dicke der Haut. Gewinnet ſeine Geliebte, wo möglich; ſie weiß ihn am beſten zu lenken. Solche Weſen ſind die natürliche Beute liſtiger Weiber; gerade ihre Dummheit deckt Alles zu, nur nicht das Ge⸗ ſchlechtliche. Für einen Simſon eine Delitah! VII. Der glänzende, hinterliſtige, ſchlane, abge⸗ feimte, gewandte Mann; der Hofmann, der Mann von Welt. Im öffentlichen und bewegten Leben iſt er der paſſende Gegner, oft der glückliche⸗ und bewegte Nebenbuhler von Charakter Nro. V. Ihr begreift wohl: ein ſolcher Mann iſt von ſehr ver⸗ — N W ſchiedenem Kaliber im Verſtande— vom Schmet⸗ terlingstalent bis hinan zum ſeltenſten Genie; von dem Weſen an, das ihr am Karren ſeht, bis zu dem Mann, der im Cabinet ſitzt! Vom. H——— bis zu einem Cheſterſteld; von einem Cheſterfield bis zu einem Perikles; deßhalb iſt es ſo ſchwer, Eüch einen genauen Begriff von den ſchwachen Seiten einen ſo vielfach nuancirten Charakters zu geben. Aber waͤhrend er Seinesgleichen und Höhere zu Narren macht, glaube ich, meine aufmerkſamem Zöglinge, dennoch, daß ein ſolcher Charatter von einem unter ihm Stehenden leicht zu betrügen ißt. Und auf folgende Weiſe mußt du dabei zu Werk gehen. Verſuche keine Heuchelei— die würde er im Augenblick durchſchauen. Mache ihn auf Ein⸗ mal, auf Einen Blick denken: du ſeyſt ein Schelm. Sey über dieſen Punkt ſelbſt ganz aufrichtig: aber mache ihn glauben: du ſeyſt ein nützlicher Schelm. Diene ihm gut und eifrig, aber geſtehe, du thueſt dieß, weil du dein Intereſſe als mit dem ſeinigen verflochten anſeheſt. Di — eſes Raiſonnement ſagt ihm zu; und da Leute von dieſem Charakter gewöhunlich großmüthig ſind, ſo wird er deſſen Ge⸗ rechtigke it dadurch anerkennen, daß er dir eine Fülle von Brocken hinwirft und dich mit reichlichen Herz⸗ ſtärkungen erfriſcht. Sollte er dir hierin nicht Ge⸗ nüge thun, ſo ſelle dich doch zufrieden und ſuche deinen Vortheil,(das ißt der beſte Weg ihn zu. überliſten), nicht aus ſeinen Fehlern, ſondern auz 116 der Gelegenheit. Belaure nicht ſeinen Charakter, ſondern erſieh dir deine Zeit! VIII. Der eitle, anmaßende, tapfre, verliebte, glän⸗ zende Charakter. Dieſe Art von Charakter ſchrie⸗ ben wir früher den Franzoſen zu und noch immer 5 iſt er auf dem Feſtland häufiger, als auf der ge⸗ liebten Inſel, die ich ich nicht mehr ſehen ſoll. Ein Weſen dieſer Vit it aus vielen falſchen Tugenden zuſammengeſetzt; vor Allem iſt es immer verſchwen⸗ deriſch, wenn ſeine Eigenliebe ſich dazu aufgefor⸗ dert findet— ſonſt nie. Ihr müßt alſo herausfin⸗ den, was ihm Vergnügen macht und den Kuppler gegen ſeine Neigungen ſpielen. So werdet Ihr ihn betrügen— oder auch dadurch, daß Ihr die falſchen Tugenden zur Schau tragt, die er bewun⸗ dert; tragt auf Euern Geſichten dicke Schminke auf und laßt ſie auf dei trogiſchen Kothurn einherſtol⸗ ziren; und drittens meine guten Jungen, werdet Ihr ihn betrügen durch verſchwenderiſche Schmei⸗ chelei und beſonders wenn Ihr ihn anredet: Spie⸗ gel der Ritterſchaft! IX. Der gerade, verſtändige, rechtliche Mann. Ein empfehlendes, aber nicht eben hochſtehendes Exem⸗ plar unſers Geſchlechts. Dieſen Charatter, meine eliebten Zöglinge, tönnt Ihr Einme daran krie⸗ gen, aber nimmermehr zweimal. Auch könnt Ihr iyn nicht als fremd daran kriegen; er muß Euer — 1* W — — 117 Freund oder Verwandter ſeyn, oder ein Glied Eurer Familie genau gekannt haben. Ein Mann von dieſem Charakter iſt immer, obwohl mit Maß und mit Beſonnenheit, für die Pflichten und Rück⸗ ſichten des Lebens empfänglich. Immer wird er cinen Dienſt leiſten ſeinem Freund, ſeinem Bruder, oder demjenigen, deſſen Vater ſeinen Vater aus der Klemme gezogen. Dieſem gegenüber ßtrebt nach keinem Firnißs wendet keine Kunſſtücke bei dem Verſuch auf, ſeinen Beiſtand zu erlangen. Auf⸗ richtig traget ihm Euren Wunſch nach dieſer oder jener Dienßleiſtung vor; vernünftig traget ihm Eure Forderungen vor— beſcheiden weiſet auf Eure Dankbarkeit hin. Aber findet Ihr es noth⸗ wendig ihn zu betrügen und unmöglich der Ent⸗ deckung des. Betrugs vorzubauen: ſo verlieret, wie ich ſchon geſagt, keinen weiteren Augenblick mit ihm. Der alberne, einfältige, leichtgläubige Menſch: lauter Beweglichkeit und keine Beſinnung. Wie ſchwillt mir das Herz, wenn ich dieſen trefflichen Charakter betrachte! Welch ein Canaan bietet er Euch dar! Ich beneide Euch, wenn Ihr mit der ſanguiniſchen Hoffnung in die Welt hinaus tretet: alle Menſchen ſo zu finden! Entzückende Schwär⸗ merei der Jugend! wollte Gott, dieſe Hoffnung gienge in Erfüllung! Dieß iſt die wahre Menſch⸗ werdung der Leichtgläubigeit! Ihr dürft nur be⸗ 1²8 wirken, daß er Euch liebt und kein Igel ſog je ſo leicht ein Ei aus, als Ihreihn ausſaugen könnt. Laßt Euch durch ſeine Entrüſiung nie erſchrecken; geht wieder und wieder zu ihm; werſt Euch nur ihm um den Hals und weint! Ihn einmabbethören heißt ihn immer bethören; erhaſcht den erſten Schil⸗ ling von ihm und dann beſinnt Euch, was Ihr mit ſeinem übrigen Vermögen anfaugen wollt! Nie verlaßt einen ſo guten Mann um neuer Freunde willen! das wäre undankbar von Euch! Und bei⸗ läufig geſagt, nehmet, meine guten junßen Herren! dieſe Regel zum Schluß mit: die Menſchen ſind wie der Boden; Ihr werdet mehr gewinnen, wenn Ihr all Eure Arbeit immer und immer wieder auf ein gutes Land verwendet, als wenn Ihr unfrucht⸗ bares Neubruchland umwühlt! Geſetzgeber— weiſe— gute— frsmme Män⸗ ner, Ihr, die Tom Thumb's der Moraͤl, die Ihr zuerſt Rieſen macht und ſie dann tödtet*): Ihr haltet die obigen Lehren für ſpitzbübiſch; ich ehre Euern Scharfſinn! Es ſind Proben, nicht von mei⸗ ner Spitzbüberei, ſondern von Eurer Thorheit. Ueberſchaut ſie noch Einmal, ſo werdet ihr erken⸗ nen, daß ihre Abſicht iſt zu zeigen, daß, während Ihr jeden Tag Tanſende einkerkert, deportirt und hängt, ein Mann mit mäßiger Schlauheit alle dieſe *)„Er machte Rieſen erſt und töbtete ſie dann.“ Tragödie vom Tom Thumb. N e W —— 4119 Regeln, die Euch ſo haſſenswerth dünken, in An⸗ wendung bringen kann, und keines Eurer Geſetze vermag ihm etwas anzuhaben! .. Fragmenmte oder kritiſche, ſentimentale, moraliſche und Ori⸗ ginal-Verſuche, ſeinen Schülern gewidmet von Auguſtus Somlinſon. Man wird voft in den vorliegenden Aufſätzen die Ironie der vorangehenden vermiſſen. Die Krank⸗ heit des großen Mantres, die ihn beſiel, als er dieſe kleinen Edelſteine zuſammenſetzte, mächte ihn viel⸗ leicht ernſter, als er bei voller Geſundheit war. Anmerk. des Herausgebers. Von der Moralität, welche der Reich⸗ dem Armen beibringt. Sobald der arme kleine Zottelbär aus der Thüre heraustorkeln kann, lehrt man ihn, vor den Vorneh⸗ men den Hut herabziehen und Kratzfüße machen. „Ein guter kleiner Junge,“ ſagt der Souire,„da taſt einen Pfennig!“ der gute kleine Junge glüht 120 vor Stolz. Dieſer Pfennig prägt ihm tief die Lehre der Erniedrigung ein. Jetzt geht unſer klei⸗ ner Zottelbär in die Schule. Da kommt natürlich der Katechismus; dieß Handbuch der Moral muß ins Herz geſenkt werden— warum? Weil es mehr als alle andere Handbücher auf die dem Rei⸗ chen ſchuldige Ehrfurcht dringt. Weil es haupt⸗ ſächlich die Armen verpflichtet, unterwürſig zu feyn und Jeden zu ehren, der beſſer gekleidet iſt als ſie. Ein Pfund Ehre dem Squire, und eine Unze dem Bedel. Dann ſchießt der Knabe auf und der In⸗ haber des Herrenhauſes unterweist ihn wie folgt: „Sey ein braver Burſche, Tom, dann will ich für dich ſorgen; tritt in die Fußtapfen deines Vaters; er war ein vortrefflicher Mann, und ſein Tod ein großer Verluſ für das Kirchſpiel; er war ſehr höflich, ein harter Arbeiter, ein wohlge⸗ machtes Weſen, kannte ſeinen Beruf; denke und handle wie er!“ So pflanzen beſtändige harte Ar⸗ beit und Uebermaß von Kriecherei die Tugenden der Ahnen bei den Bauern ins Unendliche fort bis zum Tag des Gerichts. Eine andere heimtückiſche Art, die Moralität zu erzeugen, hat man angewendet durch ein allge⸗ meines Lob der Armen. Man hört falſche Freunde des Volks, die ſich Liberale nennen, und Tory's, die eine halb ritterliche, halb paſtoraliſche Idee von der Moral haben, im Lobe der unglücklichen Geſchöpfe zuſammenſtimmen, welche ſie für ſich ar⸗ S.—„ . = 121 beiten laſſen. Aber bemerkt, wegen welcher Tu⸗ genden die Armen immer geprieſen werden: Fleiß, Ehrlichkeit und Zufriedenheit. Die erße Tugend wird zum Himmel erhoben, weil der Fleiß den Rei⸗ chen Alles liefert, was ſie haben; die zweite, weil die Ehrlichkeit verhütet, daß ihnen von Allem was ſie haben Nagelsgroß wieder genommen wird; und die dritte, weil die Zufriedenheit die armen Teufel abhalten ſoll, etwas gegen ein Schickſal einzuwen⸗ den, das für diejenigen, welche dabei gewinnen, ſo behaglich iſt. Dieß, meine Schüler, iſt die Sitt⸗ lichkeit, welche die Reichen den Armen beibringen. Nacheiferung. Der große Irrthum bei der Nacheiferung be⸗ ſteht darin: wir wollen es den Wirkungen gleich⸗ thun, ohne die Urſachen zu unterſuchen; wenn wir von den großen Thaten eines Mannes leſen, ſo ſind wir gleich im Feuer, ähnliche Unternehmungen aus⸗ zuführen, ohne uns erſt eine genaue Kenntniß der Eigenſchaften zu verſchaffen, welche unſer Vorbild zu den Thaten, welche wir bewundern, befähigten. Könnten wir dieſe auffinden: wie oft würden wir entdecken, daß ſie ihren Entſtehungsgrund in einer gewiſſen körperlichen Stimmung, einer gewiſſen Ei⸗ genthümlichkeit der Leibesbeſchaffenheit hatten, und daß wir, wünſchen wir dieſelben Erfolge hervor⸗ zubringen, die Beſchaffenheit unſers Körpers un⸗ terſuchen ſollten, ſtatt die Fähigkeiten unſers Gei⸗ — ſtes zu ſchärfen, daß wir nach Schwungkugeln grei⸗ fen ſoilten, ſtatt nach Büchern; ja auch, auf der andern Seite uns eher einen Schmerz, eine Be⸗ ſchwerde auferlegen, als unſere moraliſche Geſund⸗ heit vervollkommnen. Wer kann ſagen, ob Aleran⸗ der ein Held geworden wäre, hötte er einen gera⸗ den Hals gehabt? oder Boileau ein Satiriker, wäre er nie von einem Truthahn gepickt worden? Es müßte ergötziich ſeyn, Euch, meine Schüler, zu ſehen, wie Ihr nach der Lektüre des Quintus Cur⸗ tius einander den Hals verdrehtet; oder friſch vom Boileau weg in den Hühnerhof eiltet, in der Hoff⸗ nung, zu einem zweiten Lutrin verſtümmelt zu werden. Warnung vor den Spöttern der Illuſionen. Meine geliebten Schüler! es giebt eine Claſſe von Perſonen in der Welt, welche täglich anwächſt, zegen die Ihr ſehr auf der Hut ſeyn mäßt; ſie haben etwas zauberhaſt-gewinnendes an ſich. Es ſind Leute, welche ſich für heftige Feinde der Lüge ausgeben; artige, freiſinnige Geſellen, ſcharfſichtig und unbefangen. Wenn dieſe Anſichten aus eige⸗ nem Nachdenken entſpringen, wohl und gut, dann ſind es die beſten Anſichten von der Welt; aber Viele überkommen ſie nur ſo aus der zweiten Hand; ſie ſind verwünſcht einladend für die Träg⸗ heit des vornehmen Pöbels, der nur auf den ſchwär⸗ meriſchen Anſtrich eines edlen Grundſatzes, und — nicht auf ſeinen Nutzen ſieht. Wenn Einer Alles durch die verkleinernde Brille dieſer Filoſoßie ſieht, ſo hat Alles eine ziemliche Beimiſchung von Lüge und Täuſchung. Ihr lacht mit ihm, wenn er die Täuſchung in der Religion, in der Politik, in der Liebe, in den Urtheilen der Welt verſpottet; aber aufſchreien müßt Ihr, meine geliebten Zöglinge, wenn er verhöhnt, was man gewöhnlich am ſicher⸗ ſten durch die That verſpottet: das tänſchende in der gewöhnlichen Ehrlichkeit. Die Menſchen ſind ehrlich aus Religivn, Weisheit, Vorurtheil, Ge⸗ wohnheit, Furcht und Dummheit; aber nur die Wenigſten ſind weiſe, und die Leute, von welchen wir reden, verſtotten die Religion, ſind über Vor⸗ urtheil hinaus, durch keine Gewohnheit gebaunt, zu gleichgültig für die Furcht, und zu erfahren für die Dummheit. Allgemeine Entrüſtung über Unklug⸗ heit des Einzelnen. Ihr müßt wiſſen, meine theuern jungen Freun⸗ de, daß, wenn gleich der Anſchein von Großmuth Euch ſehr zu Statten kommt und ſo weiter, es Euch doch große Mißbilligung zuziehen würde, weun Ihr verſuchen wolltet, ſie zu euerm eigenen Nachtheil auszuüben. Eure Nebenmenſchen ſind ſo unwan⸗ delbar, obwohl vielleicht unbewußt, von Eigenſucht beſeelt; Eigenſucht iſt ſo ganz und gar, obgleich jeder Schwätzer es läugnet, die Axe der moraliſchen Welt, daß ſie vor Wuth außer ſich gerathen gegen den, der derſelben zu vergeſſen ſcheint. Wenn Ei⸗ ner ſich ſelbſt ruinirt, ſo hört nur, welche Schmä⸗ bungen er einnimmt! ſeine Mitmenſchen nehmen es wie eine perſönliche Beleidigung auf! Dum defluat amnis- Ein Hauptgrund, warum Männer, die hohe Stellen bekleidet haben, ſich ſo getäuſcht finden, wenn ſie ins Privatleben zurücktreten, iſt der: die Erinnerung macht eine Hauptquelle des Genuſſes für denjenigen aus, der lebhaft zu hoffen aufhoͤrt; aber das Gedächtniß des angeſehenen Mannes führt ihm nur das öffentliche Leben vor, das ihm zuwi⸗ der geworden iſt. Sein Privatleben iſt unvermerkt dahingeſchwunden und hat nur ſchwache Spuren der Sorge oder der Freude hinterlaſſen, welche ihn zu ſehr beſchäftigt fanden, um die einfachen, ruhi⸗ gen Eindrücke des häuslichen Lebensverlaufes zu beachten Selbſtverherrlicher. Die Vorſehung ſcheint es einer gewiſſen Claſſe von Menſchen angethan zu haben, welche immer das Ihrige durch ein verſchönerndes Medium er⸗ blicken, ihr Haus für das beſte in der Welt halten, ihr Gewehr für das zuverläſſigte und ihre Jagd⸗ hunde für wahre Wunderthiere; wie Dberſt Han⸗ ger den Dekonomiſten einen Rath gab, nemlich ihre Diener Jeden mit einer großen Brille zu verſeben, 125 ſo daß eine Lerche ſo fett wie ein Hahn erſchiene und ein Zweipfennigbrod wie ein mächtiger Laib. Prieſter dem Caraecalla unähnlich. Ihr wißt, meine jungen Freunde, auf welche Weiſe Caracalla ſeine Liebe für Alexanders An⸗ denken kund gab: dadurch daß er alle peripateti⸗ ſchen Filoſofen verfolgte, weil man Ariſoteles im Verdacht hatte, bei Alexanders Tod betheiligt zn ſeyn; Ihr dürft Euch keineswegs einbilden, die Prieſter ahmen in ihrer Liebe für das Andenken auch nur entfernt dem Caracalla nach! Ein Gedanke über das Gläck. Oſt iſt es die allerleiſeſte Bewegung, welche einem Spiel den Ausſchlag giebt. Das Glück iß wie die Dame, bei der ein Liebhaber alle ſeine Nebenbuhler dadurch ausſtach, daß er eine weitere Litze auf ſeine Livreen ſetzte. Witz und Wahrheit. Mag man immerhin ſagen: Erdichtung ſey die Onelle der Fantaſte und Witz ſey das Widerſpiel der Wahrheit: dennoch ſind einige der witzigſten Worte von der Welt witzig allein wegen ihrer Wahrheit. Die Wahrheit iſt die Seele eines gu⸗ ten Ausſpruchs.—„Ihr behauptet,“ bemerkt der Sokrates der neuen Zeit,„wir haben eine tugendhafte Vertretung; ſehr wohl, daun mäſſen wir auch eine mugendhafte Beſteurung haben!“ Hier liegt der Witz in der Nothwendigkeit des Schluſſes. Als Columbus das Ei zerbrach, wo lag der Witz? In der Bündigkeit der Beweisführung durch das zer⸗ hrochene Ei. Individuelle Theologie. Nicht nur jede Sekte, ſondern jedes Indivi⸗ duum modifſeirt die allgemeinen Attribute der Gott⸗ heit in Gemäßheit ſeines eignen Charakters; der rechtliche Menſch legt ein beſonderes Gewicht auf die Gerechtigkeit, der herbe auf den rächenden Zorn; die Eigenſchaften, welche dem Verehrer nicht gefallen, vergißt er unter der Hand. Deß⸗ halb, o meine Schüler, werdet Ihr nicht lächeln, wenn ihr bei Barnes lest, daß die Pygmäen Gott ſelbſt für einen Zwerg hielten. Die fromme Eitelkeit des. Menſchen treibt ihn, ſeine eignen Eigenſchaften anzubeten, unter dem Vorwand, die der Gottheit zu verehren⸗ Ruhmvolle Verfaſſung. Ein Satz iſt oft ſo gut wie ein ganzes Buch. Wenn Euch Jemand bittet, ihm einen Begriff von den Geſetzen Englands zu geben, ſo iit die Ant⸗ wort kurz und leicht: Unter den Geſetzen Englands ünden ſich ungefähr hundert und fünfzig, vermöge deren ein armer Tenfel gehängt werden kann, aber nicht Eines, vermöge deſſen er Gekechtigkeit er⸗ langen kann um Nichts! Antwort auf das gewöhnliche Zewäſche: guter Wille ſey beſſer bei einem Staats⸗ mannals Talente. Da wir in der Welt auf die Handlungen, nicht auf die Triebfedern zu ſehen haben, ſo iſt der ein Schuft, der Euch Unrecht thut und Ihr fragt nicht lange, ob das Unrecht Foige der Bos⸗ heit oder der Nothwendigkeit war. Vertraut einept Dummkopf Macht an, ſo wird er ohne es z5 wiſſed 5we elche 5 e zum Schuft. Herr Addington brachte die ſchlimmſten und heilloſeſten Steueru auf, w „ 6 mr wenſchliche Bosheit erfinden konnte— eine auf die Arzueien, die andre auf die Gerechtigkeit. Wie hätte die ſinnreiche Furcht eines Tyrannen uns tiefer verwunden können, als dadurch, daß man uns Vergütung von Unrecht und Heilung unſerer Krantheiten erſchwerte? Addington war ein Dumm⸗ kopf von Haus aus und ein Schuft in ſeiner Stehe; aber, Gott ſchütz Euch! er glaubte das ſelbſt nir. Geſunder Menſchenverſtand. Geſunder Menſchenverſtand— geſunder Men⸗ ſchenverſtand. Von allen Redensarten, allen Schlag⸗ worten iſt oft dieß das anmaßendſte und gefähr⸗ lichſte. Ein argw öhniſches Auge richtet insbeſondere auf den geſunden Menſchenverſtand, ſooft er im Streit liegt mit dem Entdeckungsgeiſt. Geſunder Men⸗ ſchenverſtand iſt die Erfahrung jedes Tags. Eine Entdeckung läuft oft der Erfahrung des täglichen Lebens zuwider. Kein Wunder alſo, daß, als Ga⸗ lileo eine große Wahrheit verkündigte, Alles ſchrie: „Pah! der geſunde Menſchenverſtand zeigt ja das Begentheil!“ Rede einem vernünftigen Manne zum erſtenmal von einer Theorie des Sehens, und höre, was ſein geſunder Menſchenverſtand dazu ſagt. In einem Brief aus Bacons Zeit ſagt der Schreiber, ein Mann von nicht geringer Einſicht:„Es iſt Schade, daß der Kanzler ſeine Meinung gegen die Erfahrung ſo vieler Jahrhunderte und die Aus⸗ ſprüche des geſunden Menſchenverſtandes ſetzt!“ Geſunder Menſchenverſtand alſo, ſo brauchbar in Haushaltungsſachen, iſt in der Sfäre der Geſetz⸗ gebung und Wiſſen ſchaft minder brauchbar, als mau gewöhnlich geglaubt hat. Seiner Natur nach der Vertheidiger des Althergebrachten. und der Feind alles Speculativen, widerſetzt er ſich der neuen Fi⸗ ioſoſe, welche ſich auf die Vernunft beruft, und 128 hängt ſich an die alte, die durch Autoritäten ſank⸗ tionirt und geſtützt iſt. Liebe und Schriftſteller über die Liebe. Meine warmen, heißköpfigen, glühenden jungen Freunde, Ihr ſeyd in der Blüthe Eures Lebens und ſchreibt Verſe über die Liebe— ſprechen wir renn auch ein Wort von der Liebe. Es giebt zwei Arten von Liebe, alen Menſchen und den meiſten Tbieren*) gemeinſchaftlich: die eine entſpringt aus den Sinnen, die andre erwächst aus der Gewöh⸗ nung. Keine von beiden nun, meine geliebten Schü⸗ ler, iſt diejenige, welche Ihr zu empfinden behaup⸗ tet: die Liebe der Liebenden. Eure Leiden⸗ ſchaft, welche, ohne daß Ihr es anerkennt, ihren Grund nur in den Sinnen hat, verdankt alles Uebrige der Einbildungskraft. Nun aber iſt die Einbildungs⸗ kraft der meiſten Menſchen verſchieden nach Art und Grad in jedem Lande und in jedem Zeitalter; demgemäß natürlich auch die Liebe aus Einbildungs⸗ kraft; um Euch davon zu überzeugen, beobachtet nur, wie Ihr mit der ſchwärmeriſchen Liebe andrer Zeiten oder Nationen nur in dem Verhältniß har⸗ monirt, als Ihr mit deren Poeſie und ſchöner Lit⸗ teratur ſympathiſirt. Die Liebe, welche in Arkadia oder in Amadis von Gallien ſich brüſtet, iſt für die große Maſſe der Leſer durch Kälte abge⸗ ſchmackt oder durch Feierlichkeit lächerlich. Ach! als dieſe Werke Begeiſterung erweckten, da that dieß auch die darin geſchilderte Liebe. Die langen Reden, die eiskalten Complimente druckten die Empfindungen jener Zeit aus. Die Liebes⸗Madri⸗ gale aus Shenſtone's Zeit, oder die goldſtarren⸗ den Galanterieen der franzöſiſchen Dichter im letz⸗ *) Den meiſten Thieren denn einige ſcheinen für die Liebe aus Gewöhnung unempfänglich⸗ ten Jahrhundert würde jedes Weib für hohl oder kindiſch, ſchwächlich oder verkünſtelt erklären. Aber e. Einmal waren die Lieder natürlich und die Liebe n verführeriſch. Und jetzt, meine jungen Freunde, 8 im Jahre 1818, in dem ich ſchreibe und wabhrſchein⸗ ir lich Kerbe— die Liebe, welche in Movre's Poe⸗ i ſteen ſchimmert und mit ſo ehrgeiziger Zweideutig⸗ n keit Byron's Gedichte durchzieht; die Liebe, welche 5 Euch jetzt ſo tief und wahr erſcheint; die Liebe, 5 welche die Herzen der jungen Damen durchbebt und 6 Euch junge Herren nach dem Abendſtern ßieren 1 macht— dieſe ganze Liebe wird einem ſpätern 7 Zeitalter fremd oder lächerlich werden; und die jungen Schmachtenden, und die Mondſcheinträume ze und das haltungsloſe, überſchwängliche Gedudel, ⸗ das uns jetzt ſo rührend unb erhaben vorkommt, ri das Alles wird, meine lieben Jungen, dahin gehen, . wohin auch ſchon Cowleys Geliebte und Wallers . Sachariſſa gegangen ſind; wird dahin gehen mit ei den Saffo's und Chloe's, den anmuthigen, bezau⸗ 6 bernden Feen und den ritterlichen Huldinnen und Prinzeſſinnen. Die einzige Liebes⸗Poeſie, welche zu allen Zeiten beſteht und alle Herzen anſpricht, 8. iſt diejenige, welche ſich auf eine oder beide Arten iK von Liebe gründet, die allen Menſchen gemeinſchaft⸗ — lich ind; die Liebe der Sinne oder die Liebe der Gewöhnung. In der letztern iſt miteinbegriffen, 4. was Männer von mittlerem Alter vernünftige Nei⸗ 3 gung nennen; und der Zauber verwandter Seelen e ſo wie auch der freundliche und wärmere Schatz von kleinen Erinnerungen an einfache Güte, oder g. die ganz dumpfe Gewohnheit ein Geſicht zu ſehen, t⸗ wie man einen Stuhl ſehen würde. Dieß nun, bald ehrlich herausgeſagt, bald künſtlich vermengt, ur macht das Thema derjenigen ans, die vielleicht am redlichſten und menſchlichſten geliebt haben; dieß Vulwer's Romane. XXX 9 130 macht noch jetzt den Tibullus pathetiſch und den Ovidius zum Meiſter in zärtlichen Empfindungen; dieß vor Allem bringt jene unwiderſtehliche, herz⸗ ergreifende Begeiſterung hervor, welche den roman⸗ tiſch Schwärmenden, den Berechnenden, den Alten, den Jungen, den Hofmann, den Bauer, den Dich⸗ ter, den Geſchäftsmann ergreift bei den herrlichen Liebesgedichten von Robert Burns. Hier iſt der Geſchmack der ſüßen und doch körperhaften irdi⸗ ſchen Wirklichkeit, hier Fleiſch und Blut! Das große Fideikommiß. Das große Erbe der Menſchheit iſt ein Ge⸗ webe von Mißgriffen; ein Geſchlecht bringt ſein Leben damit zu, die ihm von einem andern über⸗ lieferten Irrthümer zu flicken; und die Hauptur⸗ ſache aller politiſchen— d. h. der ſchlimmſten und allgemeinſten Mißsriffe, iſt dieſe: dieſelbe Regel, welche bei uns für individuelle Fälle gilt, wenden wir nicht auf das Peffentliche an. Alle Menſchen geben zu, daß beim Pferdehandel prellen eine Prel⸗ lerei iſt; man ſtraft den Angeklagten und verur⸗ theilt das Vergehen. Aber im Staat iſt keine ſol⸗ che Einſtimmigkeit. Prellen, der Herr helfe uns! benenunt man mit manchen zierlichen Namen, und der Betrug betitelt ſich groß ſprecheriſch: Politik! In Folge deſſen iſt ein beſtändiger Kampf zwiſchen Denen, welche die Sachen bei ihrem rechten Na⸗ men nennen, und welche ihnen hartnäckig einen fal⸗ ſchen geben. Daher alle Arten von Verwirrung; dieſe Verwirrung erſtreckt ſich ſehr bald auf die für einzelne Fälle gemachten Geſetze; und ſo, ob⸗ gleich die Welt noch ganz darüber einverſtanden iſt, daß Privatprellerei— Privatprellerei iſt, hat man doch im Staatsleben des Teufels Noth, ſie zu be⸗ ſtrafen. Die Kunſt zu prellen iſt heut zu Tage — — — 154 etwas ganz Anderes, als ſie vor hundert Jahren war; aber die Geſetze bleiben dieſelbenu. Anbegque⸗ mung in Privatfällen iſt Neuerung im Beffent⸗ lichen; und ſo macht man neue Geſetze, ohne die alten zu widerrufen; und jene ſind nun bisweilen wirkſam, aber weit häufiger nicht. Nun iſt, meine geliebten Schüler, das Geſetz ein Gewehr, das, wenn es eine Taube fehlt, immer eine Krähe töd⸗ tet; wenn es nicht den Schuldigen ereilt, doch ſonſt Jemand trifft. Wie jedes Vergehen ein Geſetz er⸗ zengt, ſo umgekehrt auch jedes Geſetz ein Verge⸗ hen, und darum ſchreiten wir immer vor, Sünden und Uebel, Fehler und Mißgriffe vervielfältigend, bis die Geſellſchaſt zum organiſirten Inſtitut zum Beutelſchneiden wird. Die Wiedergeburt eines Schelmen. Einer der in der Welt als Narr anfängt, hört oft damit auf, daß er ein Schelm wird; aber Wer als ein Schelm anfängt, und ein reicher Mann (alſo nicht gehängt) wird, kann, meine geliebten Schüler! als ein frommes Weſen abſchließen Und der Grund iſt dieſer: ein Schelm von Jung auf erwirbt ſich bald Weltkenntniß. Ein durchgebade⸗ ter Fehler macht uns weiſer als fünfzig Lehrmei⸗ ſter. Aber die Weisheit macht uns die Ruhe lie⸗ ben, und in der Ruhe ſündigen wir nicht. Wer weiſe iſt und nicht ſündigt, kann faſt nicht anders als Gutes thun; und nun laßt ihn nur Eine neue Wahrheit ausſprechen, ſo vermag ſeine Einbildungs⸗ kraft gar nicht mehr das grenzenloſe Heil zu faſſen, welches daraus für die Menſchen entſpringen kann! De 5 Begreift Ihr wohl, welch eine wunderbare Sache es um den Styl iſt? Ich glaube nicht; denn 152 in den Aufſetzen, welche Ihr eingeſchickt habt, ver⸗ rieth Ener Styl, daß Ihr kein recht ernſtes Nach⸗ denken darauf verwendet habt. Wißt denn: Ihr müßt Euch wohl beſinnen, eh' Ihr Euch ein Mu⸗ ßer fur Euern Styl auslest. Von Euerm Styl hängt oft Euer Charakter ab; beinah immer aber der Charakter, den Euch die Welt beilegt. Wenn Ihr den erhabenen Styl annehmt; wenn Ihr edle Nusdrücke und volltönige Worte zuſammenkoppelt, ſo habt Ihr damit eine Geiseigenthümlichkeit ausgeſprochen und an den Tag gelegt, welche auch zu bethätigen, Euch unvermerkt der Wunſch kom⸗ men wird; der Wunſch erzeugt almälig die Fä⸗ higkeit. Jas Leben des Pr. Rarr iſt nur der zur That gewordene Styl des Dr. Parr. Und Lord Byron macht ſich ſelbt für ſein ganzes Leben un⸗ glücklich, weil erzufällig in die ſchwermüthige Aus⸗ prucksweiſe hineingerathen iſt. Aber geſetzt auch, Ihr entgehet dieſem Wigeſchick durch beſondere Stärke des Temperaments: ſo entgeht Ihr doch nicht dem Stempel der öffentlichen Meinng. Addiſon muß immer bei der Menge als der Freundlichſte der Menſchen gelten, wegen der ſchmeichelnden An⸗ muth ſeines Ausdrucks; und die Bewunderer der Sprache werden immer Burke für einen edlern Geiſt als Fex halten, wegen der Pracht ſeiner Sätze. Wie viele weiſe Ausſprüche nannte man Späße, weil ſie auf witzige Art geſagt wurden. Wie man⸗ ches Nichts brachte ſeinem Urheber den Ruhm eines Weiſen ein, ja! eines Heiligen, weil es auf⸗ geſiutzt war von der alten ſcheinheiligen Nonne: Ernſthaftigkeit! 8