———— Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur n vor. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliotkek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 22Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 8 F auf 1 Monat: 1 Mk Pf 1 M. 50 Pf. 2 Mk. 3 2. 5„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben⸗ S 2 8— ———————— 22 — — 2 — Werke Ans dem Engliſchen. vierundzwanzigstes Bändchen. Paul Clifford. Erſtes Bandchen. . Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 2 18 3 4. Paul Clitftord. Ein Roman von dem Verfaſſer des Pelham, Eugen Aramu. ſ. w. — Aus dem Engliſchen von Suftavy 7. In ſieben Bändchen. Erſtes Bändchen. — x Stuttgart, . Metzler'ſchen Buchhandlung. 1 8 5 4. Verlag der — ——— — Viele Eurer Lordſchaften mußen ſich noch erinnern, was vor einigen Jahren auf den Landſtraßen in der Um⸗ gegend dieſer Hauptſtadt vorzukommen pflegte. Kaum konnte ein Wagen ungeplündert durchkommen, und oft ſahen ſich die Reiſenden genöthiat, mit den Highwäymen, welche die Straßen beunruhigten, zu fechten und ihnen Treffen zu liefern. Rede, des Herzoas Wellington über die Bill, die Polizei der Hauptſtadt betreſſend, 5. Juni 1829. Kann Jemand im Zweifel ſevn, ob es beſſer ſey, ein groß er Staatsmann zu ſeyn oder ein gemeiner Dieb? Jonathan Wild. —„.——— —„7 r, P ft § v d r ed zur zweiten Ausgabe. Ward je die Critik zur Wiſſenſchaft wird ſie es je werden? Perron pflegte zu ſagen: er ziehe Ein Blatt von Quintus Curtius dreißig Blättern von Tacitus vor; ja er behauptete ſogar: er habe nie einen Mann von Verſtand den Tacitus rühmen gehört. Heut zu Tage würden die Leute dieſe Autorität durch den Ausſpruch niederſchlagen: Perron ſey ein Narr; aber damals waren die Leute noch nicht ſo vorlaut. Perron war keines⸗ wegs ein Narr; er war ein ſehr geſchei— ter Mann, und ein großer Gelehrter. Jedermann hegt, jeder Critiker entwikelt individuelle Anſichten, die, der Himmel allein weiß, wie? ſich gebildet haben, und dieſe ſpricht man, wenn keine Parteilich⸗ — VI keit mit ins Spiel kommt, nicht nach den Grundſäzen der Wiſſenſchäft, ſondern nach der Laune des Augenbliks aus; derſelbe, der dich vor dem Eſſen würde geta⸗ delt haben, rühmt dich nach dem Eſſen; und, wie ein großer Beurtheiler einmal unbefangen bemerkte:„Niemand ſagt in der Critik, ſo wenig als in Briefen, ge— nau Das, was er zu ſagen beabſichtigte.“ Dieſes genau iſt ein fürchterliches Wort; es iſt oft die einzige Grenzſcheide zwiſchen Schmeichelei und Verdammung. Man hat mir geſagt: der erſte Theil dieſes Buches ſey plump, unverſtändlich und gemein; ſey weit ſchlechter als die andern; es kann ſehn, aber meine Meinung iſt Dieß nicht. Im Gegentheil, ich glaube, dieſen Theil wird man mit dem meiſten Vergnügen zweimal leſen, aus dieſem wird man, in einigen Jahren, die häufigſten Anſpielungen hören, und die vorkommenden Gedanken V am meiſten ausziehen. In einigen Jahren! Iſt dieß ein keker Ausſpruch? Die Ant— wort kommt weder meinen Critikern noch mir zu. Die Fragen, welche man der Zeit vorlegt, kann auch nur die Zeit loͤſen. Eine ſchwache Vorausſetzung, eine der in dieſer Erzählung auftretenden Per⸗ ſonen betreffend, iſt unziemlicher Weiſe von nicht weniger als drei periodiſchen Blättern zuverſichtlich ausgeſprochen wor⸗ den. In allen wurde irgend ein beſtimm⸗ ter Mann als das Orginal zu Peter Mar Grawler bezeichnet. Ich erlaube mir zu erklären, daß kein einziger von allen mir eine ſo ergiebige Fundgrube abzugeben ſchien, um daraus die vollſtändige Charak⸗ terzeichnung eines ſo glanzvollen Mannes zu entnehmen. Alle die genannten, ich gebe es zu, lieferten Beiträge. Aber Mac Grawler wurde nach den Regeln des Apel⸗ les geformt, und die Attribute von Vielen ———— =— VIII vereinigten ſich zur Hervorbringung dieſes Ideals. Einige Zuſäze und eine gelegentliche Auslaſſung wird man bei dieſem Abdruk von Paul Clifford finden. So konnte ich namentlich die Gelegenheit einer Leichen⸗ rede zu Ehren des Gentleman George nicht hinauslaſſen, und das Werkchen, das die⸗ ſem Buche angehängt iſt, die Urne mit den Weisheits⸗ Reliquien von Auguſtus Tomlinſon, wird ohne Zweifel mit der Ver⸗ ehrung betrachtet werden, die es verdient. Bis wir uns wieder begegnen, Leſer, lebwohl! Dieſe Vorrede zeigt mein Ver⸗ langen, Dir meinen freundlichen Gruß zu bieten. Wenn Du mein Buch zuvor ſchon geleſen haſt: ſchlag es wieder auf; alle meine Werke ſind nach Einem Grundſaz gearbeitet: zweimal geleſen zu werden. 16. Auguſt 1850. Der Verfaſſer. WN ———————— Vor einigen Jahren, mein lieber Freund, als Sie und ich noch mehr Poeſie des Lebens im Herzen trugen, als, ich fürchte, beiden jezt noch geblieben iſt, ſetzte ich Ihren Namen einem ſchwachen Bändchen von Gedichten vor, die gedruckt, aber nicht ver⸗ öffentlicht wurden. Von den hundert Abdrücken dieſer knabenhaften Unbeſonnenheiten, welche das Kunſtprodukt einer franzöſiſchen Preſſe, von un⸗ glaublichen Drukfehlern und Verſehen wimmelten, habe ich bis auf dieſen Tag nicht mehr als zwei⸗ oder dreiundzwanzig weggegeben. Ich widmete Ihnen damals ein Buch, das nur durch die Hände von Freunden gehen ſollte, in der ſtillſchweigenden Voraus⸗ ſetzung, daß ſie gleicherweiſe bereitwillig zum Ent⸗ ſchuldigen und geneigt zum Loben ſeyn würden. Jetzt widme ich Ihnen ein Buch, das im Augenblik, da ich es aus der Hand gebe, in die Hände von Leſern fällt, von welchen ſelbſt die mir Gutgeſinnten zu lau ſind, um zu loben, und die mir Abholden im 10 Voraus zu tadeln entſchloſſen; und wo Jeder, voll granſamer Gerechtigkeit, es für billig erachtet, durch⸗ gängig treffliche Leiſtungen vom Schriftſteller zu er⸗ warten und ihm nirgends Nachſcht zu gewähren. Dies iſt das natürliche, hergebrachte Schikſal der Veröffentlichung; es verſteht ſich, daß auch ich, wie alle welche ſich dazu entſchließen, auf dieſe Bedingun⸗ gen mich gefaßt halte. Aber ehe ich wieder vor einem Publikum erſcheine, das nur um ſo ſtrenger in ſei⸗ nem Urtheil und vielleicht auch um ſo verduzter iſt, als ich in dieſem Buche ſeinen Meinungen Troz biete, laſſen Sie mich einige Minuten hinter der Scene hinbringen und mich durch freundſchaſtliche Zwieſprache mit Ihnen ermuthigen. Es ſchmerzt mich, mein lieber******, wenn ich denke, daß ich meine Blätter nicht mit Ihrem Namen ſchmücken darf; denn es iſt mir wohl bewußt, daß wenn nach Jahren ſich Ihren Talenten die ſchickliche Bahn er⸗ öffnet hat, dieſer Name dann nicht leicht ins Ge⸗ wicht fallen wird, wo man immer Rechtlichkeit und Wahrheit, die Einſicht, welche das Gute erkennt, und den Muth, der es ausübt, als achtungswerthe Eigenſchaften betrachtet. Aber bei Ihren gegenwärti⸗ gen Beſtrebungen dürfte es für Sie kaum von Werth ſeyn, von einem Romanſchreiber gerühmt und in der Zueignung einer Novelle genannt zu werden. Auch würden es Ihre Freunde nicht eben gern ſehen, wenn Sie auf eine ſo prunkend feyerlicheß Art einem Buche die Weihe ertheilen wollten, das Sie, den Wänſchen und Hoffnungen jener Männer zufolge, nie auch nur zu leſen ſich Muße gewinnen ſollten. Vier Jahre ſind verfloſſen, ſeit ich Ihnen die ſchon erwähnten Gedichte widmete; ſie haben an uns beiden nicht unbeträchtliche Veränderungen her⸗ beigeführt. Wir ſind nicht mehr die keken Springins⸗ felde, die nach Luſt und Laune umherſchweiften und nach unſern Wünſchen Abenteuer aufſuchten. Wir fühlen, wenn wir auch dieß Bewußtſeyn in dem ſtummen Herzen verſchließen, daß das Leben rauhere und dornenvollere Pfade hat, als wir uns vorſtellten, und wir betrachten die Wege auf unſrer Pilgerfahrt nicht mehr mit dem frohmüthigen oder flüchtig hin⸗ gleitenden Blick ſorglos heiterer Wanderer, ſondern mit dem müden gedankenvollen Auge des umge⸗ triebenen Geſchäftsmanns. Sie haben den gewiß ehrenvollen, aber etwas unfruchtbaren Arbeiten der Gerichtsſchranken ſich hingeben; und ich— ein bloßer Betrachter von anderer Leute Glück und Abentenern*)— ich ziehe aus dem Gelärme der regſamen Welt eine ſo harmloſe Beobachtung, wie Sie ſolche, wenn ſie eine kleine Weile in meinem Gemüthe gelegen hat, in gewiſſen mäßigen und ſehr unſchuldigen Novellen wieder zu Tage gefördert fin⸗ den. Nicht minder innig jedoch häng ich meinem alten Glauben an: daß Erfahrung die einzige Waare iſt, welche nie ermangelt, uns unſere Aus⸗ *) Burton. 12 lagen dafür zehnfältig zu erſetzen, und daß wir keine beſſere und zuverläßigere Führer durch die Irrgänge dieſes Lebens, welche wir nicht nur Einmal, ſondern wiederholt zu durchwandern haben, finden können, als den Irrthum oder das Vorurtheil, oder die Reue, die wir bei jedem Lebensabſatz als Merkzei⸗ chen auf unſerm Wege hinter uns läſen. Wenn Sie dieſe drei Bände erhalten, gedruckt und mit Zetteln behängt und broſchirt— in all der nnbeſchnittenen Stutzerhaftigkeit der letzten allerneu⸗ ſten Norvelle: ſo kann ich mir ganz genau das halb lä⸗ chelnde, halb ſtirnrunzelnde Geſicht vorſtellen, womit Sie dieſelben begrüßen, und den ſreundſchaftlichen Muthwillen, womit Sie dieſelben verdammen und denken:„Wie Schade iſt es, daß—— noch immer nichts als Romane ſchreibt!“ Iſt es wirklich Schade, mein lieber Freund? Sind Sie deſſen gewiß, daß ich, wenn ich etwas Anderes ſchriebe, etwas Beſſeres ſchreiben würde? Ich lege mir ſelbſt oft dieſe Frage vor, und wenn ich ſie zu meiner Zufriedenheit zu bejahen wüßte, wäre dieß Buch ungeſchrieben blieben. Aber faſſen wir einmal die Sache genau ins Ange; was ſoll ich denn Anderes ſchreiben? Da iſt ein— mal obenan die Poeſie!— Werden Sie, wird irgend Jemand epiſche Gedichte oder Sonnete— Märchen oder Satiren, Tragödien oder Epigramme leſen? Wie groß auch die Mannigfaltigkeit ſein mag— verwerfen Sie nicht auf einmal die ganze Gattung? Und würden Sie es nicht für minder ermüdend und ſc P dabei nützlicher halten, drei Bände zu durchlaufen, als über einer einzigen Stanze zu gähnen 2 Die Zeit — die allgemeine Meinung widerſagt der Poeſie; und in der lliterariſchen Welt wie in der fyſiſchen kann auch der keckſte Abenteurer über Zeit und Stunde ſich ſchwerlich wegſetzen. Verbannen wir alſo die Poeſie aus der Sfäre der Wahl,— und mein Wunſch geht, weil mir noch immer die ganze Zärtlichkeit und Weichheit der erſten Liebe inwohnt, dahin: Sie möchten ſelbſt mich von dieſer Anſicht abzubringen verſuchen;— ſollen wir uns zur Filo⸗ ſofie wenden? Soll ich über die Seele ſchreiben, oder Forſchungen über die Sinne anſtellen?— Ach, zu welchem Zwecke? Man kann die Nachfrage nach Schriften über die praktiſche Filoſofie daraus ab⸗ nehmen, wenn man erwägt: daß die Werke von Hobbes nicht vollſtändig gedruckt ſind, und die Ana⸗ lyſis von Mills keine Beurtheilung fand. Ich ge⸗ ſtehe Ihnen frei: für mich trägt das Schreiben ſchon ſeinen Lohn in ſich ſelbſt; wenn ich ſchreiben ſoll, muß ich immer auch Ausſicht haben, geleſen zu werden. Politik, Verſuche, Reiſebeſchreibungen, Biografie, Geſchichte,— ſind dieß Gegenſtände, von welcher man mit größerer Wahrſcheinlichkeit einen ehrenvollen Ramen von einiger Dauer zu erwarten hat, als von der Abfaſſung von Novellen? ch ſollte kaum denken. Sehen wir uns einmal um! Welche Ermunterung lokt uns zu einem von die⸗ ſen Gegenſtänden? Sind nicht die Schriften in 14 dieſen Gebieten weit mehr die Efemeren der Litera⸗ tur als die erdichtenden Erzählungen*)? Ueberlebt die Biografie, oder der filoſofiſche Verſuch, oder die *) Auch iſt dieß nicht, wie es auf den prſten Blik ſcheinen könnte, der Fehlerhaftigkeit oder Geringfügigkeit dieſer Schriften ſelbſt zuzuſchreiben. Während man das Skizzenbuch auf der Toilette jeder jungen Dame trifft und Bracebridge Hall noch in jeder Leſe⸗ geſellſchaft auf dem Land eifrigſt geſucht wird: ſind dasLeben des Columbus, ein ſchon umder glük⸗ lichen Wahl des Stoffs willen unſchätzbares Buch, und die Kriege von Granada, kaum minder werth⸗ voll, wegen des ſo prachtvoll behandelten Gegenſtands und der lebendigen Darſtellung, das eine ſchon halb in Vergeſſenhelt verſunken und das andere ſteht unberührt mit unaufgeſchnittenen Blättern im Bücherſtänder. Man vergleiche das augenblikliche Aufſehen, das durch das erſte Erſcheinen von Lord Kings: Leben Locke's erregt wurde, mit dem nachhaltigen und dauernden Ein⸗ druck, der es, erfüllt von dem Schatz von Locke's Ge⸗ danken und Aeußerungen im Kreiſe des häuslichen Le⸗ bens, vor zwanzig Jahren hätte hervorbringen müſſen! Godwin's Geſchichte der Republik, eine der mannyafteſien und unpartheilichſten Schriften, die je geſchrieben wurde, lebt weniger im Gedächtniß der Welt als ſeine Almacks; und Cyril Thornton, vor etwa vier Jahren erſchienen, ſteht in friſcherer Blüthe des Ruhms als die vortreffliche Geſchichte deſſelben Ver⸗ faſſers, die erſt ganz neuerlich herauskam. Zwar bei einem ſpätern Geſchlecht kann eine Reaction eintreten; die ſchlaftrunknen Oktavbände können ſich dann aus ihrem unzeitigen Zauberſchlaf ermuntern und wieder⸗ velebte Quartanten ihre Betten aufnehmen und wan⸗ deln. Aber vor der Hand, da die Leute eben ſo gut denken, als fühlen, und die Gegenwart ihnen Gegen⸗ ſtand ihrer Ehrfurcht und Hochachtung iſt, wie die Zukunft es ihren träumeriſcheren Vorfahren war, iſt der Ruhm, der erſt jenſeits des Grabs beginnt, für Alle auſſer für die Dichter, eine ſehr kalte und machtloſe Triebfeder geworden. Abhandlung auch nur das Jahr, über welches we⸗ nigſtens die Novelle hinausreicht? Und wenn ſolche Schriften den Roman nicht an Dauer übertreffen, ſo können ſie ſich, wie Sie mir zugeben werden, an allgemeinem Beifall gar nicht mit ihm meſſen. Der literariſche Müſſiggänger, der ſie vom Buchhändler bekommt, ſchickt ſie wieder zurück und wartet deren Beurtheilung im Quarterly⸗Rewiew ab; und der Freund, der Hausgenoſſe, dem Sie ein Geſchenk da⸗ mit machen, geht Ihnen Zeitlebens aus dem Wege, damit Sie ihn nicht um ſeine Meinung darüber fragen können. Sie ſehen, mein lieber S habe die Sache vom umfaſſendſten Geſichtspunkt aus erwogen. Ich hätte die Frage auf Einmal abſchnei⸗ den, ich hätte, ſtatt eine Erörterung zu verahlaſſen, durch Auseinanderſetzung des Unpaſſenden an ſol Beſtrebungen, mich mit einer leich auf die Unfähigkeit meiner ausrufen können: Poeſie! und kein Poet. Filo ſofie! Jünger und kein Entdecker. Welt ſchon mit ſolchen im „Verſtoßenen“ ermüdet. Reiſen gemacht? Aber, Zeitalter, wo die Menſchen weggründen wären, d oder Armuth an Kem lich bitte auch ich Sie ſchreibe, nicht, weil chen ten Anſpielung Perſon begnügen, und Ich bin ein Poetaſter Ich bin ein lernender Verſuche! Ich habe die „Devereux“ und im Reiſen! Wo, o wo hab ich wir leben nicht in dem ſo unerfinderiſch in Be⸗ aß ſie einen Mangel an Geiſt tniſſen eingeſtänden, und folg⸗ zu glauben, daß ich Romane ich ſonſt nichts zu ſchreiben 46 vermag, ſondern weil Romane das beſte ſind, was man irgend ſchreiben kann. Wir leben in einer für die Literatur verhäng⸗ nißvollen, drohenden Zeit. In Büchern, wie in an⸗ dern Manufakturen, ſcheint das große Ziel: Abkür⸗ zung der Arbeit, zu ſeyn. Das leichteſte Werk iſt das angenehmſte. Die Lente wollen ihren Zeitauf⸗ wand immer durch einen augenblicklichen Ertrag von Kenntniſſen vergütet ſehen; und der geſunde und ſchöne Gewinn, der langſam kommt aber nach⸗ baltig bleibt, heißt ihnen in der Literatur abge⸗ ſchmackt, und in der Politik eine unnütze Träumerei. Dieſer unruhige und doch faule Hang der Gemü⸗ ther, der jetzt ſo allgemein iſt, hat eine ausländiſche, bunt⸗ſcheckige Art von Literatur, die früher in un⸗ ſerem Lande wenig gekaunt und beliebt war, auf die Bahn gebracht. Beiſeite legt man die tiefen Forſchungen undwirft ſich auf populäre Darſtellungen; wir verlaſſen unſern alten Weg durch fleißig gearbeitete Geſchichtswerke, um uns in die Fluth unterhalten⸗ der Memviren zu werfen. Wenn in dieſem Punkte, unſrem nächſten Hauptzweck in der Literatur, irgend eine Claſſe von Schriften es allen andern in Popu⸗ larität und Achtung zuvorgethan hat, ſo iſt es der Roman. Die Leſer ſuchen jezt in erdichteten Er⸗ zählungen nach Thatſachen; wie Voltaire mit ſeiner witzigen Filoſofie unter Thatſachen nach Erdicht⸗ ungen ſich umſah. Ich ſage nicht: der Roman habe durch ein wachſendes Verdienſt ſeinen wach⸗ 17 ſenden Ruf verdient; im Gegentheil: ich meine, obgleich unſer Styl weniger breit ſeyn mag als im vergangenen Jahrhundert, ſo ſeyen doch unſre Gedanken matter und unfre Erfindung min⸗ der kräftig*). Wie dem auch ſey: die Mode in der Literatur, wovon ich ſpreche, hat über den Trüm⸗ mern von vielem Großen und Edeln, dem guten Kopf vom zweiten Rang und der mittelmäßigen Ein⸗ ſicht Bahnen eröffnet, die ihnen früher verſchloſſen waren. Und ich meines Orts, wenn ich als Mit⸗ glied des Publikums verloren habe, gewinne als Individuum mehr als verhältmäßig. Ich bin mir bewußt, eben dasjenige Maß von Gelehrſamkeit, oder Beobachtung, oder Scharfſinn, knrz von Talen⸗ ten irgend einer Art zu beſitzen, welches mir es möglich macht, daß ich in einer leichten Dichtung dieſe und jene ergößliche, vielleicht ſelbſt nützliche Wadrheiten aufgable; während weder meine Gelehr⸗ ſamkeit, noch meine Beobachtung, noch mein Schapf⸗ ſinn oder irgend ein Talent muthmaßlicherweiſe hin⸗ reichen würden, mir einen auch nur vorübergehen⸗ den Anſpruch auf einen Namen durch ein ernſteres und tiefer gehendes Werk zu erringen. Zudem bilde *) Bei Allem was ich über den Roman ſage, wird man mir natürlich zutrauen, daß ich die Dichtungen von Sir Walter Scott nicht mit einbegreife. Auch muß ich eine Ausnahme mit den Novellen von Zweien ſeiner Landsleute machen; ich meine den feinen und körnig⸗ ten Humor von Lawrie Todd und die leidenſchaf⸗ liche Keckheit von Adam Blair. Bulwer's Romane. XNIV. 2 18 ich mir in Verdauungsſtunden, wenn eine gewiſſe Selbſtzufriedenheit ihre anmuthige Wärme über die Seele verbreitet— ich bilde mir dann ein, zufälliger— weiſe eine nicht ſo ganz ausgebeutete Ader ange⸗ ſchlagen zu haben, daß ich mit meinen nächſten Zeitgenoſſen den Beſitz theilen müßte; denn der filoſofiſche Roman in irgend welcher Geſtalt iſt der⸗ malen nicht nur wenig bearbeitet, ſondern diejenigen, welche den wenig verheißenden Boden aufwühlen, ſind in der That ganz ernſte und lehrhafte Schrift⸗ ſteller. So der liebenswürdige mit allen Vorzügen geſchmükte Verfaſſer von De Vere, oder der ſinnige Schöpfer von St. Leon und Maudeville, auf deſſen Styl man die ſchon auf Tertullian, aber zu ſchmeichel⸗ haft bezogene Bezeichnung anwenden darf: daß er ſey wie Ebenholz, dunkel und glänzend. Die Novelle, wel⸗ che das Komiſche und gelegentlich auch das Dramatiſche mit der Betrachtung und Erörterung verbindet, dieſe iſt es, welche mit Ausnahme des Deveregx, ich mir als das meinen Beſtrebungen abgeſteckte Gebiet herausgefunden habe und indem ich den Wettſtreit mit den ausgezeichneten, eben genannteu Schriftſtel⸗ lern vermied, lenkte ich ganz unabhängig mein Angen⸗ merk auf die Klugheit und gewann vielleicht ſelbſt einige Neuheit. Sie werden bemerken, daß ich auf die Worte: nächſte Zeitgenoſſen einen Nachdruk geleat habe, denn ich täuſche mich nicht ſelbſt mit der Ein— bildung, etwas im mindeſten Neues aufgebracht zu ¹9 ſſe haben; ich habe mich nur bemüht, etwas wieder ins Le⸗ ie ben zu rufen, was ein wenig auſſer Augen geſetzt ⸗ worden war, und wenn meine Bücher einiges Glück e⸗ gemacht haben, ſo iſt dieß der Trefflichkeit der Schule n zuzuſchreiben, trotz den Fehlern des Schülers. Die er Verbindung des filoſofiſchen Romans mit dem komi⸗ r⸗ ſchen iſt in der That längſt durch zwei große Schrift⸗ n, ſteller in einer Vollendung durchgeführt worden, der, n, ich geſteh' es, kaum irgend ein glücklicher Schrift⸗ ft⸗ ſteller auch nur von weitem ſich nähern dürſte. Der en erſte und bei weitem gröſte von dieſen(ich rede von ge Fielding) erſcheint als ein Mann, dem, bei allge⸗ en meinem Ruf, doch nie volle Schätzung zu Theil wurde. el⸗ Mir erſcheint er nicht nur als Romandichter unver⸗ ey gleichlich, ſondern auch als einer der geſundeſten Denker el⸗ und tiefſten, gründlichſten Moraliſten, die je einem he Land Ehre und der Menſchheit Belehrung gebracht t, haben. Der zweite, Dr. Moore, hat dieß merkwür⸗ ch dige Verdienſt: er hat uns an ihm zwei Sünden ver⸗ et geſſen machen, die bei jedem andern Schriftſteller it eine unverzeihliche Schuld begründet hätten—: im el⸗ Styl nämlich ein widriges Haſchen nach Gallicis⸗ n⸗ men und in der Moral eine geheime Neigung, lieber bſt den ſchon ganz fertigen Gedanken einzuführen, als aus dem rohen Stoff allmälig herauszuſchaffen. Die⸗ e: fen Zweien kann Miß Edgeworth beigezählt werden, at die fehlerfreiſte, wenn nicht die glänzendſte unter n⸗ allen Romanſchreibern jetziger und vergangner Zeit. zu Ich rechne ſie nicht zu den nächſten Zeitgenoſſen, 2** 20 theils weil ſie ſich ganz von dieſem Gebiet ſcheint zurückgezogen zu haben, und theils weil diejenige ge⸗ diegene und ruhige Beurtheilung ſchon über ihre lieblichen und nützlichen Erzählungen ergangen iſt, die gewöhnlich ſonſt der Entſcheidung der Nachwelt vorbehalten bleibt. Obwol ich alſo nur mit den Anſprüchen auf das Verdienſt des Erneurers, nicht des Schöpfers, des Auffriſchers von alten Gemälden und nicht des Künſtlers, auftreten kann: ſo bin ich doch ſehr weit von der Gewißheit entfernt, in einem andern Zweige der Literatur auch nur ſo viel er⸗ reichen zu können; und ſo empfangen Sie denn eine vierte Novelle von meiner Feder, obwohl Ihre mich überſchätzende Freundſchaft vorgezogen hätte, einen Verſuch im Gebiete der politiſchen Moral oder der Geſchichte von mir zu ſehen. Geſchichte! es liegt, Alles zuſammengenommen und ungeachtet aller nie⸗ derſchlagenden Umſtände, für jeden, der ſich mit Stu⸗ dien beſchäftigt, für jeden Mann, der in ſeinen ge⸗ lehrten Beſchäftigungen oder in akademiſchen Erin⸗ nerungen lebt, ein wundervoller Reiz in dieſem Worte und vielleicht habe ich ſelbſt, meinem eignen Urtheil und den Warnungen rings um mich her zum Trotz, bereits den Embryo eines Entwurfs in meinem Innern, der ſich auf dieſes edelſte und am wenigſten ausgebeutete Feld geiſtiger Forſchung be⸗ zieht, und der nach Jahren Ihnen enthüllt werden nud ins Lebentreten ſoll. Aber dieß iſt keine Sache, die man leichsſinnig anfaſſen, oder ehe lſie im Geiſte ——„ — ——, 24 gezeitigt, anrühren darf; und wie viele Zufälligkei⸗ ten können in den Weg kommen, um die Ausführung eines ſolchen Plans ganz zu vereiteln, wie viele Zu⸗ fälligkeiten können, im beſten Falle, ſie bis auf das mattere Alter hinausſchieben, wo die Kräfte durch lange Gewöhnung an die Kämpfe und Widerwärtig⸗ keiten des Lebens erſchlaffſt ſind. Oft wenn wir in der Blüthe der Jugend und Mannhaftigkeit an unſrem höchſten Triumf zu arbeiten wähnen, verſchwenden wie unſre Kräfte nur an einen lezten Fehlwurf. Inzwiſchen, wenn ich vor der Hand nur auf wenig Gewinn rechnen darf, kann mich auch nur geringer Verluſt treffen; ich ſetzte nicht mein ganzes Herz auf den Erfolg von Beſtrebungen, die, wie ich mit meinen Feinden bekenne,(denn Feinde haben iſt das allgemeine Schickſal in der Literatur, dem auch die allergewöhnlichſten Schriftſteller nicht ent⸗ gehen) unbedeutend und ſchwach ſind; ich laſſe mich durch das Lob dieſes Mannes nicht ſo aufblähen, durch den Tadel von jenem nicht ſo niederſchlagen, daß ich des ruhigen Gleichgewichts des Geiſtes ver⸗ luſtig gienge, oder den kleinen anmuthigen Kreis überſchritte, in welchen die Vernunft— eine Zau⸗ berin, wenn ſie ihr Reich beſchränkt, eine Betrüge⸗ rin, wenn ſie es ausdehnt,— Andern ſich einzudrängen verwehrt. Auch glaube ich nicht, daß für Einen, der ſich eine ſtrenge und ernſte Geiſtesthätigkeit an⸗ gewöhnt hat, das Schreiben von Büchern, wenn ſie nur nicht Poeſie oder abſtrakte Wiſſenſchaften ſind, 22 mit einem ſo völligen, alles Andre verſchlingenden Zeitaufwand verbunden iſt, wie man ſich gewöhnlich einbildet. Für Alle, nur nicht für den Müſſig⸗ gänger, hat das Leben Stunden genug, und was mich ſelbſt betrifft: läge es nicht in meiner Lebens⸗ gewohnheit, ernſtere Gegenſtände als Studium zu betreiben, ſo hätte ich es mir auch nie dürfen in den Sinn kommen laſſen, Novellen zu ſchreiben— zur Erholung. Glauben Sie jedoch nicht, nach dem was ich ſage, ich wolle mein ganzes Leben über No⸗ vellen ſchreiben; ich entſchuldige was ich that und was ich thue; ich mache keine Vorrede zu dem was noch geſchehen ſoll. Nun hab' ich, mein theurer Freund, alles ge⸗ ſagt, worauf ich mich zur Entſchuldigung der Art meiner Werke berufen kann. Ich will mich nicht gegen Sie, oder durch Sie gegen meinen Leſer wegen meiner Selbſtgefälligkeit und Weitſchweifigkeit recht⸗ fertigen. Für alle Schriftſteller iſt die Zueignung ein unangefochtener und freier Boden; allen Leſern iſt eine uicht minder anerkannte Freiheit bewilligt: die nemlich, ſo ſchnell als ſie immer mögen, darüber wegzugehen. Ich habe mich gegen Sie mit einer Freimüthigkeit ausgeſprochen, bei der ich ganz ver⸗ geßen, daß die Zeilen, die ich Ihnen hier ſchreibe, in die entfremdeten Charaktere der Druckerpreſſe übergehen werden; und wenn ich mich in allgemeinen Aeuſſerungen oder in ſolchen, die meine Perſon an⸗ gehen, etwas zu breit herausgelaſſen habe, ſo muß en ch ig⸗ 18* zu in em No⸗ nd as ge⸗ Art cht gen ung ern gt: ber ner ver⸗ ibe, eſſe nen an⸗ in 23 ich den Fehler dadurch gut machen, daß ich über das vorliegende Werk mich ſo kurz als möglich fa ſſe. Für die urſprüngliche Idee zu Paul Clifford bin ich einem Herrn verpflichtet, der einen ausge⸗ zeichneten Namen in der Literatur hat, und deſſen Güte gegen mich zu meinen wohlthuendſten Er⸗ innerungen gebört. Dieſe Idee würde, wenn das Buch kürzer geworden wäre, das Ganze durchdrungen haben; ſo wie es jezt iſt, findet man ſie in den⸗ jenigen Partien dargeſtellt, welche, wie ich glaube, die beliebteſten in dieſem Buche ſeyn werden. So die Scene bei Gentleman George, die Skizze von Bachelor Bill“) u. ſ. w. Da das Beiſpiel belehrender iſt als die Erörterung, beziehe ich mich lieber auf dieſe Stellen, um ins Licht zu ſetzen, was ich von meinem Freunde überkam, als daß ich verſuchen follte, es hier zu entwickeln und im Einzelnen zu verfolgen. Um gegen meinen Freund gekecht zu ſeyn, muß ich beifügen, erſtlich, daß ich mir wohl bewußt bin, einen meines Bedünkens ausgezeichnet glücklich erfundenen Gedanken durchaus nicht in vollkommen entſprechender Form dargeſtellt zu haben; und fürs zweite, daß, weil ich ſeine Idee mehr nur als Stütze und Beiwerk für meine Geſchichte denn als Kern und Baſis des Ganzen benützt habe, alle Fehler der Verwicklung und alle Mängel der *) Junggeſell Wilhelm. 24 Erfindung, auf die man im Verlauf und in der endlichen Löſung meiner Erzählung ſtößt, ganz und 3 einzig mir zur Laſt fallen.*) Es wäre zu wünſchen, daß mein Freund ſelbſt unter wichtigeren Arbeiten ſ die Mute gefunden hätte, ſeine Idee zu verkörpern, oder daß er, indem er mir die Leinwand gab, mir auch ſeine Geſchicklichkeit in Führung des Pin⸗ ſels und Miſchung der Farben und ſeine Schöpfer⸗ e kraft hätte mittheilen können. c . ſ Kaum vermag ich zu errathen, was Sie, der i Sie ſo ſtreng und eckel auf die Zierlichkeit der Sprache d 3 halten, von den etwas gemeinen Reizen denken werden, womit der größere Theil meines erſten Bandes ausgeſtattet iſt. Ich muß geſteßen, ich habe mich in dieſem Punkt gegen jeden Tadel ge⸗ panzert; denn abgeſehen von Leiner geheimen Bei⸗ miſchung von Ironie in der Sprache, wovon es ſich *) Auch muß ich hinzuſezen, daß ich allein für die Per⸗ ſönlichkeit einiger Carrikaturen in den vorliegenden ſa 3 Scenen verantwortlich bin; Alles was mein Freund di beitrug war: die ſatiriſche Uebertragung von lebenden ſo Perſonen in erdichtete Charaktere von dem Stand und ſch 7 Gewerbe, deren Zierde ein Old Bags, ein Long Ned S ſ ſind; für die Wahl gerade dieſer Perſonen iſt die ha ſi Verantwortung durchaus nicht ſein. Ich berühre dieß, ſch 3 weil es nicht anders als billig iſt, daß ich einen mög⸗„ lichen Anſtoß auf mich nehme; obgleich die Derbheit und augenſcheinliche Gutmüthigkeit in den fraglichen Carrikaturen, die ſo Gezeichneten ſelbſt, ich wage dieß vorherzuſagen, zuerſt— und vielleht Sie al eit— über die uvertriebene Aehnlichkeit wird zu lachen machen. — hier handelt,*) ich will einmal einen Verſuch wagen, der in Schottland und Irland glücklich durchgeſetzt wurde, obwohl er in jetziger Zeit in England noch nicht gemacht wurde: die getreue und eigenthümliche Redeweiſe von gewiſſen Menſchenclaſſen wiederzu⸗ geben, welche Leſern jedes Standes, wenn ſiehnur geiſtige Beweglichkeit beſitzen, weit mehr Theilnahme einflöſen und lebhaftere Unterhaltung gewähren müßen als abgedroſchne Schilderungen der nattherzigen Erbärmlichkeiten eines Prunkzimmers, oder die leb⸗ loſen Gemälde von Originalen, deren Ruhm eigentlich darin beſteht: kaum lebendig zu ſeyn.*²) Für man⸗ *) Man nuß ſich auch erinnern, daß dieſer Dialekt nicht gleichbedeutend iſt mit der Verdorbenheit unge⸗ füger Provinzialismen. Die Sprache der Diebe oder der gemeinen Londoner(eine Unterſcheidung, fürchte ich, ohne einen eigentlichen Unterſchied ¹) iſt vielleicht eine der ausdrurksvollſten, ja vielleicht eine der meta⸗ fyſiſchſten von der Welt. Welche tiefe Filoſofie z. B. liegt in dem Ausdruck: Palmen öl, was Geld be⸗ deutet. Anmerkung des Verfaſſers. Der Ueberſetzer ſetzt hier bei, was jeder Leſer ſich ſelvſi ſagen wird, daß die Ueberſetzung darauf verzichten muß, die Eigenthümlichkeiten der Sprache wieder zu geben. Wie ſollte das Schottiſche im Deutſchen gegeben werden? etwa ſchwäbiſch? Aber dann erſähen die Leſer doch nur wie das Schwäbiſche, aber nicht wie das Schottiſche ſautet. Man hat ſich daher begnügt, um das Gemeine anzudeuten, aus ſcharfen Buchſtaben ſtumpfe zu machen u. dergl. **) In einigen feindſeligen und ziemlich perſönlichen, aber geiſtreichen Bemerkungen gegen mich in einem neuen periodiſchen Werke, wird die Behauptung aufhgeſtellt: ſ die in guter Geſellſchaft leben, verſtehen nicht loſofiſch, ja, ſo ſcheine es, überhaupt nicht gut zu ſchreiben. Ich ſetze natürlich voraus, der Eritiker rede che gelegenheitliche Rache, an Critikern, Feinden, oder Schottländern ausgeübt,(bei mir erwieſen ſich von ſolchen, die nur in guter Geſellſchaft leben; und obgleich die Bemerkung unrichtig iſt, wie es denn ſich merkwürdigerweiſe trifft, daß die meiſten filoſofiſchen Proſaiker, namentlich in England, Männer von Stande waren, und wie es ſich von ſelbſt ergab, den gröſten Theil ihres Lebens unter ihren Standesgenoſſen zu brachten; ſo will ich mich doch mit der Erklärung be⸗ gnügen: daß die Bemerkung, wahr oder falſch, in dieſem Falle keineswegs mich betrifft, der ich wohl eben ſo viel mit den niedrigſten Ständen als mit andern verkehrt habe und der ich die ſogenannte Welt kaum betrete. Beiläufig, da der gemeldete Critiker ſich in dem ſehr witzigen Einfalle, mich als den Schriftſteller und Helden meines Buchs(Pelham) in Einer Perſon anzuſehen, gefallen hat, ſo veranlaßt mich dieß zu einigen Worten über dieſen Gegenſtand. Ein Jahr ehe Pelham erſchien, gab ich Falkland heraus, deſſen Held ganz und gar jener düſtern, ſchwärmeriſchen, nebelhaften Claſſe angehört; kurz: Sir Resginald Glanville— noch überboten und übertroffen. Der Schwarm der Allerweltswiſſer, die Wir ſagen und ſich Critiker nennen, erklärte: Falkland ſey offenbar eine Selbſtſchilderung des Autors. Im folgenden Jahr erſchien Pelham, der moraliſche Antipode von Falk⸗ land, und derſelbe Schwarm behauptete genau dasſelbe von Pelham. Werden ſie ſich herablaſſen dieſen Wider⸗ ſpruch auszugleichen? die Wahrheit iſt, daß fobald einem Helden eine bervorragende und weſenhafte Per⸗ ſönlichkeit geaeben wird, und, wohlgemerkt, der Held nicht als auffallend trefflich geſchildert wird,(Nie⸗ mand hat noch geſagt, ich aleiche Mordaunt!) dann der Held und der Autor dieſelbe Perſon teyn müſſen Dieß iſt der eine Grund, warum die Helden heutzu⸗ tage zu ſo armen Geſchöpfen heruntergeſunken ſind. Die Autoren, ein friedliebendes, harmloſes Volk, ſehen ſich nicht gern perſönlich mit ibren eignen Schopfungen vermiſcht. Ich für meinen Theil, obgleich ich eine beſondere Urſache haben mag, mich über eine ſolche — nd ich en de en zu be⸗ in en rn im 7 meiſt dieſe drei Worte als Bezeichnungen deſſelben Gegenſtandes,) für manches ziemlich harte Wert und manchen derben Hieb gegen mich ſelbſt— biete ich keine Entſchuldigung: meine Rache liegt im Geiſte der engliſchen Kampfführung; Schläge in ei⸗ nem Augenblik, und gute Laune im nächſten. Was die Schottländer betrifft, ſo bin ich noch nicht ganz ſicher, ob es ihnen bis jetzt gelungen iſt, die in der Tiefe meines Herzens lauſchende Zuneigung, die ich ———— Uebertragung zu beſchweren, da ich nie zwei Helden über Einen Leiſten zugeſchnitten, ſondern jeden, Falk⸗ land, Pelham, Mordaunt, Devereux, als ein von den andern ganz verſchiedenes Weſen dargeſtellt habe;— ich bin es doch vollkommen zufrieden, falls es den guten Leuten das geringſte Vergnügen macht, daß meine Critiker mich mit Pelham zuſammenwerfen. Ja, wenn Pelham überhaupt das iſt, was er ſeyn ſoll: nemlich eine lebendige Satire auf die übertriebenen, menſchen⸗ feindlichen Romane des Tags— ein ächt menſchliches Weſen, deſſen wahrhaft gute Eigenſchaften die krank⸗ hafte Sentimentalität mit blauen Himmeln und offener Bruſt, die ſchwermüthigen Geckereien und intereſſanten Schurkenſtreiche beſchämen; wenn er überhaupt ein ſolcher iſt: dann bin ich auſſerordentlich ſtolz, mit ihm verwechſelt zu werden. Denn obgleich er aller⸗ dings ein Mann iſt, der ſich badet und ſäuberlich lebt, (die zwei Hauptvorwürfe, welche von den großen Un⸗ gewaſchnen gegen ihn vorgebracht werden,) iſt er doch auch tapfer, edelmüthig, gerecht; ein treuer Freund, ein thätiger Bürger, in ſeiner Pflichterfüllung tadel⸗ los, in ſeinen Grundſätzen unerſchüfterlich! Wie? iſt dieß mein Bild, mein Facſimile, Ihr Herren? Auf mein Wort, ich bin Ihnen unendlich verbunden. Bitte, Sie fort! Ich möchte Sie um Alles nicht unter⸗ rechen. 28 einſt gegen ſie hegte, zu verdrängen. Es iſt nicht ſo leicht, im Ernſte ſich mit dem Lande zu ver⸗ feinden, wie ſcharf man auch ſpottend gegen es zu Felde zieht, das Burns, Scott und Campbell er⸗ zeugte; ein Land zudem, mit welchem man gern in Verkehr ſtett und deſſen Sohn der ausgezeichnete Freund iſt, deſſen ich in dieſem Brief erwähnte. Ich erwiedere nur, vor der Hand ziemlich mild, die Streiche, welche ſie zuerſt gegen mich geführt ha⸗ ben; ich weiß, was ich als Erwiederung hierauf zu erwarten habe und werde ſchwerlich Der ſeyn, der zuerſt ruft: Halt! Genug! Aber(ich ſpreche ohne Leidenſchaft), unſre guten Mitunterthanen auf dem andern Ufer des Tweed haben eine kieine ungefällige Schwäche, die ſie weit weniger liebenswürdig macht, als ſie ohne jene ſeyn würden: ſie verlieren ihre Gemüths⸗ ruhe, ſobald ein Engländer irgend einen Vortheil erringt; ſie werden ganz widerſinnig„zornig, wenn wir einen noch ſo kleinen Namen, ein noch ſo kleines Vermögen in unſrem Lande gewinnen; ſie ſcheinen ſich einzubilden, Gott der Allmächtige habe ihnen ein Geſchenk mit England gemacht, um damit anzufangen, was ihnen beliebt, und jeder Engländer, der ihr Monopol antaſte, begehe einen Frevel der ſchlimmſten Art. Wenn wir den aller⸗ unbedeutendſten Schritt thun, ſo dürſen wir gewiß verſichert ſeyn, darüber geſcholten zu werden; aber „———,——„— — ——— ht n 29 ich denke mir, bei näherer Unterſuchung würde ſich herausſtellen, daß neunmal unter zehen der Tadel in breitem Schottiſch ſich ergießt! Man hat es dieſem Buch zum Vorwurf gemacht, daß der Styl des erſten Bandes vom dem des zweiten und dritten verſchieden iſt; dieſe Verſchiedenheit war mir beim Niederſchreiben dieſes Buchs ein Haupt⸗ augenmerk. Scenen im Leben, die einen weſentlichen Contraſt bilden, ſcheinen auch eine dem Contraſt gemäße Sprache zu erheiſchen, und ich kann nicht umhin, es für einen der gröſten und gewöhulichſten Fehler in der Dichtung zu halten, wenn man alle Begebenheiten und all die wechſelnden Auftritte in einförmiger, ſich nie ſenkender und hebender Sprache erzählt und ſchildert. Im Helden der Geſchichte wird ein Individuum von einer Menſchenklaſſe zu zeichnen geſucht, deren das Land jetzt glücklicherweiſe entledigt iſt, aber die mir ſo viele ächte, für den Roman, beſonders in ſeiner Komik und Naturwahrheit taugliche Züge ge⸗ habt zu haben ſcheint, als die fremden Carbonari und die ausländiſchen Piraten, welche engliſche Schriftſteller, Jagd auf herzgewinnende Verbrecher machend, ſo gerne in ihren Büchern aufführten. Ich für meinen Theil will einen engliſchen Land⸗ ſtraßenritter, wie er verlarvt, bewaffnet und berit⸗ ten über die Hunslow⸗Heide trabt, mit dem ſtatt⸗ lichſten Böfewicht, den je das Feſtland hervorbrachte, ſich meſſen laſſen. 30 Zum Schluß will ich noch hinzufügen, daß ich mich bemüht habe, mich vor den Fehlern meiner frühern Werke zu hüten. Vielleicht wire man fin⸗ den, daß die Geſchichte beſſer durchgeführt und das Intereſſe gleichmäßiger aufrecht erhalten wird, als in meinen andern Schriften. Ich habe den Wunſch des Recluſe, belehrend ſeyn zu wollen, überlebt und habe gleicherweiſe den Moralton und die Abſchwei⸗ fung vermieden, mit Einem Wort, ich habe mir mehr Mühe gegeben als in meinen zwei lezten Bü⸗ chern, eine ziemlich unterhaltende Novelle zu ſchrei⸗ ben. Nur Eine Epiſode von Belang habe ich zuge— laſſen— die Geſchichte des Auguſtus Tomlinſon; und ich habe mir dieſe Ausnahme nur geſtattet, weil dieſe Geſchichte, wenn man auf Moral und die Abzweckung des Ganzen ſiebt, keine Epiſode iſt, wenn gleich ſie im Verlauf der Erzählung als ſolche erſcheint. Und nun, mein lieber Freund, iſt es hohe Zeit, einen ſelbſt für Ihre Geduld bereits zu langen Brief zu ſchließen. Was auch immer das Schickſal dieſes Buchs und ſeiner Vorgänger ſeyn mag; ob ſie aufge⸗ flattert ſein mögen, wie die von der ſiciliſchen Quelle angezündeten Inſekten— in Einem Augenblik be⸗ lebt und im nächſten getödtet; oder ob, trotz tau⸗ ſend Fehlern, die Niemand beſſer als ich ſelbſt an ihnen entdecken kann, vielleicht Etwas, das eine nicht gedankenloſe noch unehrerbietige Achtſamkeit auf die Maunigfaltigkeit und die Spiele der Natur, ief ſes ge⸗ 1 und eine liebevolle Zärt ichkeit gegen ihre Erzeug⸗ niſſe, verkündigt, ihnen in der Neigung der Welt ihr Daſeyn noch um eine kleine Weile über den kurzen Zeitraum hinaus friſtet, der ihnen die Geburt gab Einen Dank habe ich mir wenigſteus geſichert! ich habe dieſe Novelle, die, ſo möchte ich gerne glauben, nicht als meiue ſchlechteſte wird betrachtet werden, und die möglicherweiſe meine lezte bleiben dürfte, mit ſolchen Erinnerungen verwoben, welche ihren Untergang überleben, oder ihren Erfolg mir noch theurer machen. Adieu mein lieber****** Ich wünſche Ihnen Geſundheit und Glück, und verſichere Sie meiner zärtlichſten Freundſchaft. ertfort⸗Street, April 1330. S G. L. V. Anmerkung. Man findet in dieſen Blättern ein oder zweimal Bemerkungen oder Anſpielungen auf Moo⸗ re's Leben Byron's. Seit ſie niedergeſchrieben wurden, iſt der Gegenſtand etwas abgedroſchen worden, und die hier ausgeſprochenen Anſichten hat man mir gewiſſermaßen vorweagenommen. Zur Zeit der Abfaſſung jedoch waren ſie neu und ſchienen mir am Orte. St ſtes Sprecht Ihr, die nur ein Wahn von Schmerz bethöͤrt, Ihr, deren Ruh verſtimmt ein Nerv ſchon ſtört, Ihr deren Wink, wenn ſchlaff Ihr drükt den Pfühl,„ Belauſcht der Stlaven ſchüchternes Gewühl, Die Ihr den müden Arzt um Namen quält Für Leiden, welchen Nam' und Daſeyn fehlt, Mit Scheingeduld euch in ein e gebt, Das ächter Schmerz, und die ſer Arzt nur, hebt: Wie trüget Ihr die wahre Le enspein Verſäumt, verſöhnt im bittern Tod allein? Wo jede Bangigkeit die Bruſt beengt“ Und jeder Jammer um den Sarg ſich drängt 2 Crabbe. Es war eine dunkle ſtürmiſche Nacht, der Regen fiel in Strömen und kieß nur dann von Zeit zu Zeit nach, wenn er von einem heftigen Windſtoß unterbrochen wurde, der durch die Straßen heulte (unſer Schauplatz iſt nehmlich London,) in den Gie⸗ beln ſauste und übermüthig mit den kümmerlichen Flämmchen der Lampen ſpielte, welche gegen die Finſterniß ankämpften. Durch eines der unbekann⸗ teſte Viertel London's und durch Gäßchen, welche von den Herren bei der Polizei nicht ſonderlich ge⸗ liebt werden, verfolgte ein Mann, augenſcheinlich den niedrigſten Ständen angehörig, ſeinen einſamen Wea. Zwei oder dreimal blieb er ſtehen an Läden 53 und Häuſern von einer Beſchaffenheit, die mit dem Ausſehen des Stadttheils, worin ſie lagen, vollkom⸗ men zuſammenſtimmte, und hielt Nachfrage nach ir⸗ gend einem Gegenſtande, der, wie es ſchien, nicht leicht zu bekommen war. Alle Antworten, die er erhielt, fielen verneinend aus; und ſo oft er ſich wieder von einer Thüre entfernte, ſprach er brum— mend, in eben nicht ſehr zierlichen Redensarten, ſeinen Unmuth über ſeine getäuſchten Erwartungen aus. Endlich ſetzte in einem Hauſe der Inhaber, ein ſtämmiger Fleiſcher, nachdem er auf die Anfrage des Mannes auch wie die bisherigen, eine verneinende Antwort ertheilt, hinzu:„Aber wenn dieß da es auch dut, Dummie, dieß iſcht ganz zu Eurem Dienſcht!“ Dummie ſchwieg einen Augenblik nach— denklich, verſetzte dann: er meine der angebotne Ge— genſtand könne es auch thun, fleckte ihn in eine weite Taſche und eilte ſo raſch hinweg, als Sturm und Regen es erlaubten. Bald erreichte er eine Anzahl niederer, ſchmutziger Hütten, an deren Eingang in halb verwiſchten Zügen ſtand: Thames Court. Vor der anſehnlichſten davon, einer Kneipe oder einem Bierhaus, durch deſſen halb geſchl ſſene Fenſter in einladend röthlichem Schimmer die Fen men des gaſtlichen Herdes 9 änzten, blieb er ſtehe und pochte haſtig an der Thüre. Er wurde von einer Dame von anſthuic m Alter eingelaſſen, de⸗ ren Angeſicht und übrige Perſon in gleicher anmu⸗ thiger gerundeter Vollkommenheit ſtrotzte Bulwer's Romane XXIV. 3 31 „Haſcht's bekommen, Dummie?“ fragte ſie raſch, als ſie dem Gaſt die Thüre auſſchloß. „Nix, nix, nicht ganz's rechde, aber ich denk' auch ſo——“„Pfui Ihr Narr!“ rief das Weib, ihn unterbrechend, verdrießlich aus:„es nutzt nix, mir Sand in d' Augen ſtreuen. Ihr wißt wohl, Ihr ſeyd aus meiner Drinkſtube nur in eine andere marſchirt, und habt Euch um das Buch gar nicht umgedan. So, da liegt jetzt die arme Cratur in der Raſerey und im Sterben und Ihr—“ „Laßt, ich muß ſprechen!“ unterbrach ſie jetzt Dummie,„drabte zuerſt, ſag's Euch ja, zu Mudder Bußblone, die, wie ich gut weiß, den jungen Frauen⸗ zimmern Morgens und Abends für das Gewinſel dut, und frage da nach einer Bibel und ſie ſagt: „Ich hab', ſagt ſie, nur einen Begleider zum Aldar,“*) aber ihr werded ſchon eine Bibel bekommen, denk ich, bei Meiſter Talkins dem Schuhflicker, der bre⸗ digt. So geh' ich zu Meiſter Talkins und der ſagt: ich brauch', ſagt er, keine Bibel, warum, darum— bin auserwählt ohne das, aber kann ſeyn Ihr kriegt eine beim Fleiſcher drüben, warum, darum— der Fleiſcher fährt in die Hölle. So geh ich hinüber und der Fleiſcher ſagt: ich hab keine Bibel, ſagt er⸗ aber ich hab ein Komödien⸗Buch, das ganz ſo wie eine Bibel eingebunden iſcht und vielleicht ſieht das arme Weſen den Unterſchied nicht. So nehm' ich 32) Im Engliſchen ein Wortſpiel durch die Ausſprach von altar als Haller, was zugleich Galgen bedeutet. h⸗ der ber er, wie das ich von 35 die Comödien, Mrs. Grete, und da ſind ſie auch. Und was macht die arme Judy? „S geht grundſchlecht. Sie wird die Nacht nicht überleben, ſchätz' ich.“ „Nun ich will mal die Trittling hinaufgehen.“ Mit dieſen Worten ſtieg Dummie das Stiegen⸗ haus ohne Thüre hinan, an deſſen Eingang eine Decke, in einem Winkel von der Mauer gegen das Kamin herübergeſpannt, eine Art von Schirm bil⸗ dete; und ſofort ſtand er in einer Kammer, an de⸗ ren Schilderung ſich Crabbe's finſterer und ſchwer⸗ müthiger Genius würde ergötzt haben. Die Wände waren geweißt und an manchen Stellen waren ſon⸗ derbare Figuren und groteske Schnörkel von einem fröhlichen Hausbewohner in ſolchen ſchwarzen Um⸗ riſſen hingezeichnet, wie man mit dem Ende eines angebrannten Steckens, oder einem Stück Kohle zu ent⸗ werfen pflegt. Das armſelige flakernde Licht von einer Pfennigkerze gab dieſen Meiſterſtücken von Zeichenkunſt etwas Unheimliches und Drohendes, beſonders da mehr als Ein Bild des Satans in ſeiner gewöhnlichen Volkstracht zur Verſchönerung der Gallerie beitrug. Ein ſchwaches Feuer brannte düſter auf dem rußigen Kamin und von der Ecke her ziſchte„die leiſe, dünne Stimme“ eines ei⸗ ſernen Keſſels. Auf einem runden, tannenen Tiſch waren zwei Fläſchchen, eine zerbrochene Schaale, ein zerbrochener Löfſel von einem ſchlechten Metall, und auf zwei oder drei verſtümmelten Stühlen lagen 0 verſchiedene Beſtandtheile eines weiblichen Anzugs zerſtreut. Auf einem andern Tiſch, unter einem hohen, ſchmalen Fenſterflügel ohne Laden, über den, ſtatt der Vorhänge, eine farbige Schürze locker hin⸗ gehängt war und nun von den Windſtößen, die durch manche Spalte und Lücke leichten und freien Paß hatten, immer hin und her geweht wurde, war ein Spiegel, einige Erforderniſſe zur Toilette, eine Büchſe mit grobem Roth, einige. wenige Zierrathen von mehr Glanz als Werth und eine Uhr, deren regel⸗ mäßiges und ruhiges Picken jenes unbeſchreiblich peinliche Geſühl erzeugte, deſſen ſich, wie wir fürch⸗ teu, manche unſrer Leſer, welche dieſen Ton in einer Krankenſtube anhörten, wohl errinnern werden. Ein großes Himmelbett ſtand dieſem Tiſch gegen⸗ über und der Spiegel warf zum Theil das Bild der Vorhänge mit verblichnen Streifen zurük, und dann und wann, da die Leidende in der raſtloſen Unruhe eines zerrütteten Gemüths immer ihre Lage änderte, ronnte man flüchtig ein Antlitz ſehen, auf dem die raſchen Fortſchritte des Todes ſich abmalten. Ne⸗ ben dieſem Bett ſtand nun Dummie, ein kleiner, ſchmaler Mann, in eine zerlumpte Jacke von Plüſch gekleidet, von dem die Regentropfen langſam herab⸗ träufelten, mit einem ſchmalen, gelben, verſchmitzten Geſicht, mit ſonderbar abſchreckenden Zügen, aber nich ebengeradezu entſchieden böſem Ausdruck. Auf der andern Seite des Bettes ſtand ein kleiner Knabe von ungefähr drei Jahren; der Kleidung nach kounte 37 er den beſſern Claſſen angehören, obgleich ſie eini⸗ germaßen zerriſſen und abgeſchoſſen war. Das arme Kind zitterte heftig und ſah offenbar mit einem Ge⸗ fühl der Hoffnung Dummie eintreten. Und nun ſchleppte ſich auch, langſam und mit manchem hek⸗ tiſchen Seufzer, gegen den Fuß des Bettes daher die fchwerfällige Geſtalt des Weibes, das Dummie un⸗ ten angeredet hatte und ihm haud passibus xquis in das Zimmer der Kranken gefolgt war; ſie ſtand mit einer Arzueiflaſche in der Hand, die ſie hin und her ſchüttelte, und ein gutherziges aber ſchüchter⸗ nes Mitleiden lag auf ihrem durch regelmäßige Trankopfer gerötheten Antliz. Dieß war die ganze Scenez nur daß noch anf einem Stuhl neben dem Bette ein Ueberfluß von langen, glänzenden goldnen Locken lag, die man der Kranken abgeſchnitten hatte, als das Fieber ſich gegen den Kopf zog; aber mit einer Anhänglichkeit, welche die armſeligen Leidenſchaften eines eitlen Herzens charakteriſirt, hatte ſie dieſelben neben ſich hingelegt und durchaus nicht wegnehmen laſſen; auſſerdem lag noch neben dem Feuer, völlig unempfindlich gegen das Ereigniß, das in der Kammer einzutreten drohte und dem wir zweifüßigen Weſen eine ſo große Wichtigkeit beilegen, eine große, graue Katze zuſammengerollt zu einer Kugel und doste mit halb geſchloſſnen Augen, und mit Ohren, die dann und wann durch eine leichte Biegung den Eindruk eines ungewöhnlich lauten oder nahen Geräuſches auf ihre ſchlummer⸗ haften Sinne verriethen⸗ Die Sterbende be⸗ achtete anfänglich das Eintreten von Dummie und der Frau zu den Füßen ihres Bettes nicht; ſie wandte ſich gegen das Kind, faßte es heftig beim Arm, zog es zu ſich her und betrachtete ſeine er⸗ ſchrocknen Züge mit einem Blick, in welchem Erſchöp⸗ ſung und auſſerordentliche Bläße mit dem heftigen und ſtieren Ausdruck der Fieberhitze einen gräßlichen Contraſt bildete. „Wenn Du biſt wie Er,“ murmelte ſie,„ſo will ich Dich erdroſſeln; das will ich! ja— zittre nur, Du haſt Grund zu zittern, wenn Deine Mut⸗ ter Dich berührt, oder wenn Er genannt wird. Du haſt Augen— ja Du haſt! Heraus damit, heraus! Der Tenfel ſitzt lachend darin! O, Du weinſt? weinſt Du wirklich, Kleiner? Gut, jetzt ſei ſtill, mein Liebling, gieb Dich zufrieden! Ich wollte Dich nicht betrüben! betrüben— O Gott! es iſt doch mein Kind!“ und mit dieſen Worten drückte ſie den Knaben leidenſchaftlich an ihre Bruſt und brach in Thränen aus. „Kommt, kommt jetzt,“ ſagte Dummie tröſtend. „Nehmt die Arzuei, Judith! und dann wollen wir über den kleinen Schelm ſprechen.“ Die Mutter ließ den Knaben fahren und wandte ſich gegen den Redenden, einige Augenblicke ſah ſie ihn mit ſtierem Blick an; endlich ſchien ſie ſich all⸗ mätig wieder auf ihn zu beſinnen und ſagte, indem te ie ll⸗ 39 ſte ſich auf eine Hand ſtüzte und die endre mit fragender Geberde gegen ihn ausſtreckte:] „Du haſt das Buch mitgebracht?“ Dummie hob ſtatt der Antwort das Buch, das er von dem ehrſamen Fleiſcher geholt, in die Höhe. „Macht denn das Zimmer rein!“ ſagte die Leidende, mit jener angenommnen Herrſchermiene, die man ſo oft bei Kranken trifft.„Wir möchten allein ſeyn.“ Dummie winkte dem guten Weibe am Fuße des Bettes, und dieſe, obgleich ſonſt keine Perſon, die ſich ſo leicht befehlen oder zuſprechen ließ, ent⸗ fernte ſich ohne Widerſtreben aus dem Kranken⸗ zimmer. „Wenn ſie beten will,“ brummte unſre Haus⸗ wirthin, denn dieſe Würde ſchmückte die gute Matrone, „ſo weiß ich in der Daht nichts Beſſeres zu thun, als mich fort zu machen, dennes wird einem, wenn man alt iſcht, nicht gar behaglich, all die Sachen midanzuhören.“ Mit dieſem frommen Stoßſenfzer ſchritt die Wirthin zum Krug, ſo hieß die Herberge, ſchwer⸗ fällig die ächzenden Treppen hinab. „Jetzt Mann!“ ſagte die Leidende mit Ernſt, „ſchwöre, daß Du nie entdecken willſt— ſchwöre, ſag' ich Dir, und bei dem großen Gott, deſſen Engel dieſe Nacht erfüllen, wenn Du je dieſen Eid brichſt, ſo will ich wieder kommen und Dich bis an deinen Sterbetag heimſuchen.“ Dum nie's Angeſicht wurde blaß, denn die Heftig⸗ keit und die Sprache der Sterbenden ergrifſ ſein dem Aberglauben zugängliches Gemüth und er ant⸗ wortete, indem er die vorgebliche Bibel küßte: er ſchwöre, das Geheimniß zu bewahren, ſo viel er davon wiſſe, was aber, wie ihr bewußt ſeyn müſſe, ſehr wenig ſey. Während er ſprach fuhr ein lauter, plötzlicher Windſtoß durch das Camin herunter und erſchütterte das Dach über ihnen ſo heftig, daß viele von den worſchen Ziegeln losbrachen, die, einer nach dem andern, mit ſchmetterndem Ton unten auf den Boden fielen. Dummie fuhr erſchrocken auf und vielleicht zwackte ihn ſein Gewiſſen für den Streich, den er mit der falſchen Bibel geſpielt hatte. Aber die Frau, deren gereitzte und abgeſpannte Nerven ihre wirren Gedanken von einem Gegen⸗ ſtand zum andern mit unnatürlicher Schnelligkeit überſpringen machten, ſagte mit hyſteriſchem Lachen: „Sieh, Dummie, da kommen ſie mit Gepränge, mich zu holen— gieb mir die Haube— die dort! und bring mir den Sypiegell“ Dummie gehorchte und die Frau, mit leiſer Stimme etwas von der unpaſſenden Farbe der Bänder murmelnd, ſetzte ſich die Haube zurecht; ſagte dann mit unmuthigem und trotzigem Tone: „Warum ſie mir doch die Haare abſchneiden mußten! Solch eine Entſtellung!“ und trug dann Dummie auf, Mrs. Grete noch einmal zu ihr herauſzu⸗ bitten. — 8—„—— v* 1 41 Jezt, da ſie mit ihrem Kind allein war, be⸗ ſänftigte ſich das Angeſicht der unglücklichen Mutter, als ſie den Knaben anſah und all die Armſeligkeiten und Erboßungen— wenn wir das Wort gebrauchen dürfen— welche in der ſtürmiſchen Gereitztheit des Fieberwahnſinuns, an der Oberfläche ihrer Seele aufgetaucht waren, verſanken jetzt allmälig, je mehr der Tod überhand nahm, und die Mutterzärtlichkeit, welche zuvor verſcheucht und niedergedrückt geweſen, erreichte ihre natürliche Höhe. Sie nahm das Kind an ihre Bruſt und drückte es in ihre Arme, die mit jedem Augenblick kraftloſer wurden; ſie tröſtete es mit einer Art Geſang, welchen die Wärtexinnen ihren unzufriednen Kindern ſingen, aber die Stimme war ſchmetternd und hohl und als die Mutter dieß empfand, fuͤllten ſich ihre Augen mit Thränen. Jetzt trat Mrs. Grete wieder ein und nun wandte ſich die Sterbende mit einer ergreifenden Ruhe in ihrem Benehmen, welche die angeredete Per ſon erſchütterte und rührte, zu ihrer Wirthin, deutete auf das Kind und ſagte: »Ihr ſeyd gütig gegen mich geweſen, ſehr gütig, und möge Gott Euch dafür ſegnen! Ich habe ge⸗ funden, daß diejenigen, welche die Welt als die Schlimmſten verſchreit, oft die menſchenfreundlich⸗ ſten ſind. Aber ich will Euch jetzt nicht danken, wie ich wohl thun ſollte, ſondern Euch um eine letzte, übergroße Gunſt bitten. Nehmt Euch meines Kinds an, bis es groß wird; Ihr habt oſt geſagt, 42 Ihr habet es lieb, Ihr ſeyd ſelbſt rinderlos und ein Stückchen Brod und ein Obdach für die Nacht, was Alles iſt, um was ich Euch bitte, wird die⸗ jenigen, welche beſſer begründete Anſprüche haben, nicht arm machen.“ Die gute Mrs. Grete ſchluchzte heftig, verſprach dem Kind Mutter zu ſeyn und ſich zu bemühen, es ehrbar anfzuziehen, obgleich ein Wirthshaus, wie ſie ſelbſt geſtand, eben nicht der beſte Ort für gute Beiſpiele ſey.„Nehmt ihn,“ rief mit heiſerem Tone die Mutter, deren Stimme, der Kraft ermangelnd⸗ undeutlich ſchnarrte und beinah in ihrer Bruſt er⸗ ſtarb,„nehmt ihn— zieht ihn auf, wie Ihr wollt, wie Ihr könnt— jedes Beiſviel, jedes Dach iſt veſſer als—“ hier wurden ihre Worte unverſtändlich⸗ „Und o, möge es zu einem Fluch werden und einem — gebt mir Arzenei, ich ſterbe!“ Die beſtürzte Wirthin eilte, dieß Verlangen zü erſüllen; aber ehe ſie an das Bett zurückkehrte, war die Kranke bewußtlos— auch erlangte ſie die Sprache und Bewegung nicht wieder. Ein leiſes ſeltenes Stöhnen verrieth allein noch ſortdauerndes Leben; binnen zwei Stunden hörte dieß auf und der Geiſt war entflohn. Da war aber unſre gute Wirthin ſelbſt der Wahrnehmung dieſer Sinnenwelt entrückt; denn ſie hatte ihre Lebensgeiſter während der Nacht⸗ wache mit ſo vielen kleinen flüſſigen Reitzmitteln aufrecht erhalten, daß ſie endlich in die Betäubung verfielen, welche gewöhnlich auf die Aufregung folgt. „ 5 h. m zu ar he es n: iſt hin Et ht⸗ eln ung lgt. 43 Dummie wollte vielleicht die Gelegenheit benützen, welche die Bewußtloſigkeit der Wirthin ihm darbot, und ſo öffnete er bei dem erlöſchenden Schimmer der Kerze, die in der Todtenkammer brannte, haſtig eine große Kiſte, die ſonſt unter dem Bett verborgen ſtand und die Garderobe der Verblichenen enthielt, und wühlte mit unehrerbietiger Hand in dem Lin⸗ nen und der Seide, bis er ganz auf dem Boden des Schreins einige Päcke mit Briefen entdeckte; dieſe nahm er und verſenkte ſie in ſeinen Kleider⸗ taſchen; dann ſtand er auf, brachte die Kiſte wieder an ihren Ort, warf einen verlangenden Blick nach der Uhr auf dem Toilette⸗Tiſch, die von Gold war;⸗ aber er zog ſein Auge wieder zurück und machte, mit einem langen, unmuthigen Seufzer, die Be⸗ merkung:„Die alte Veddel kennt ſie, Gott verzeih's ihr! aber wenigſchdens wilk ich dieß da mitlaufen laſſen, wer weiß, wo man's einmal brauchen kann; heud' im Moraſcht, morgen im Pallaſcht heißd's,“ und damit ſtrekte er ſeine rohe Hand nach den gold⸗ nen ſeidenen Locken aus, die wir beſchrieben haben. »s' iſcht ein ſeltſames Zeng und bringt Einen in Verlegenheit; aber ſtumm! heißt das Wort, um meines eignen kleinen Halſes willen.“ Mit dieſem kurzen Selbſtgeſpräch ſtieg Dummie die Treppen hinab und machte ſich aus dem Hanſe. Mnr cxnn —— Zweites Kap 1 e——˙‧—— Die Fantaſie verweilt, bezaubert ganz⸗ Zu ſchildern dieſes Ortes Pracht und Glanz. Das verödete Dorf⸗ Eine Beſchreibung der früheſten Kinderjahre hat, wenn man nicht wirklich über Erziehung ſchreibt, wenig Anziehendes. Wir werden uns ulſo nicht lange bei der Kindheit des mutterloſen Knaben auf⸗ halten, welcher der Obhut von Mrs. Grete Lobkins⸗ oder wie ſie bisweilen im Vertrauen genannt wurde⸗ Peggy oder Piggy Lob, überlaſſen blieb. Die gute Frau, welcher der Gewinn von einem Hauſe, das, wenn auch in einer unanſehnlichen Gegend gelegen, ſich doch eines weitverbreiteten und belohnenden Rufes erfreute, ein mehr als hinreichendes Einkommen abwarf und die eine einzelne Wittwe ohne Kinder und Vetter war, fühlte reine Verſuchung ihr Wort, gegen die Verſtorbene zu brechen, und ſie ließ den Knaben an Stärke und Verſtond zulegen, bis er das Alter von zwölf Jahren erreicht hatte, in welcher Periode wir ihn denn jetzt wieder unſern Leſern vorſtellen. Der Knabe zeigte eine ſehr kühne Gemüthsart und eine nicht unbeträchtliche Lebhaftigkeit des Ver⸗ —,„—,—„ ſtandes. Alles, was er unternahm, glückte ihm raſch und eine auffallende Stärke der Glieder und Mus⸗ keln unterſtützte trefflich die Aufforderungen eines Ehrgeizes, der, man muß geſtehen, eher in körper⸗— lichen als geiſtigen Kraftäußerungen ſich gefiel. Man darf indeß nicht vorausſetzen, daß ſein Knaben⸗ leben in ununterbrochener Ruhe verlief. Obgleich Mrs. Lobkins im Ganzen eine gute Frau und ihrem Pflegling zugethan war, war ſie doch von heftiger und roher Gemüthsart, oder wie ſie ſelbſt es ſchmeichelhafter ausdrückte: ihre Gefühle waren über die Maßen ſtark; und ein Wechſel von Zank und Verſöhnung war die Hauptbeſchäftigung in des Schützlings häuslichem Leben. Da, eh er der Ob⸗ hut von Mrs. Lobkins untergeben ward, man ihn nie anders als: das Kind, benaunt hatte, fiel die Obliegenheit, ihm einen chriſtlichen Namen zu ge⸗ ben, auf unſere Wirthin vom Krug und nach eini⸗ ger Ueberlegung beſchenkte ſie ihn mit dem Namen⸗ Paul— es war ein Name von glücklicher Vorbedeu— tung, denn er hatte dem Grosvater der Mrs. Lob⸗ kins gehört, welcher dreimal deportirt und zweimal gehängt worden war,(das erſtemal, da ihm letztge⸗ nannte Widerwärtigkeit begegnete, war er durch die Chirurgen wieder zu ſich gebracht worden— zum großen Verdruß des jungen Anatomen, der die Ehre gehabt hätte, ihn zu zerſchneiden.) Der Knabe ſchien den ausgezeichneten Namen, den ertrug, nicht verdienen zu wollen, denn er zeigte keine auffallende 46 PVorliebe für fremdes Eigenthum. Ja, obgleich er zuweilen einem gelegentlichen Gaſte im Kaffeſaal der Mrs. Lobkins die Taſchen leerte, ſo ſchien dieſe That doch mehr in einer Neigung zu luſtigen Strei⸗ chen als im Streben nach Gewinn ihren Grund zu haben; denn wenn der Geplünderte durch ſeinen Verluſt, etwa eine Tabaksdoſe oder ein Taſchentuch, oder der Art Bedürfniſſe, hinlänglich geguält worden war; wenn er, zum heimlichen Jubel Pauls alle Ecken des Zimmers durchſtöbert, ſich geärgert und geſtampft und ſich durch ſeinen Verdruß den bittern Vorwürfen von Mrs. Lobkins ausgeſetzt hatte, dann pflegte unſer junger Freund ruhig und plötzlich es ſo zu richten, daß der vermißte Gegenſtand frei⸗ willig wieder in der Taſche ſich einfand, aus der er verſchwunden war. Und ſo geſchah es, wie denn unſre Leſer ohne Zweifel ſchon eine ähnliche Erfahrung gemacht haben, wenn ſie den Frieden einer ganzen Haushaltung wegen des Abhandenkommens eines tragbaren Schatzes ſtörten, den ſie ſelbſt, wie ſich nachher ausweist, verlegt hatten, ſo geſchah es, daß das unglückliche Opfer von Pauls ehrlicher Schlauheit dem vereinigten Unwillen der Zuſchauer preis gegeben und vom Ankläger zum Ueberwie⸗ ſenen herabſinkend, insgeheim das unſelige Schikſal verfluchte, das ihn nicht kallein durch den Verluſt ſeiner Habe ängſtete, ſondern ihm auch den noch größern Verdruß bereitete, ſie wieder zu finden. Ob nun Mrs. Lobkins bei Entdeckung dieſer r e u n n le d n in es ei⸗ er ſre ng en nes ſich es, her uer vie⸗ kſal luſt noch den. eſer 47 Streiche wegen eines künftigen Hangs zn der Ge⸗ ſchicklichkeit, welche ſie verriethen, zitterte oder ob ſe dachte, die Tollheit zu ſtehlen ohne Gewinn, er⸗ heiſche ſchleunige und beharrliche Abhülfe, können wir nicht entſcheiden, aber die gute Frau wurde am Ende äußerſt beſorgt, Paul die Wohlthat einer an⸗ ſtändigen Erziehung zu ſichern. Den Schlüſſel der Weisheit(die Kunſt zu leſen) hatte ſie wirklich ſchon zwei Jahre vor dieſem Zeitpunkt ihm zu Theil wer⸗ den laſſen, aber damit ihr Gewiſſen bei weitem nicht befriedigt, ja ſie fühlte, daß wenn ſie ihm nicht auch Anleitung zum richtigen Gebrauch deſſelben könne geben laſſen, es weiſer geweſen wäre, dem Knaben einen Schlüſſel ganz vorzuenthalten, mit dem er verkehrterweiſe in allen Schlöſſern wühlte, auſſer im rechten nicht. Mit Einem Worte, ſie wünſchte ſehnlich, ihm eine Erziehung geben zu laſſen weit höher als ſeine Umgebung ſie hatte. Und da ſie wie die meiſten ungebildeten Leute, der Gelehrſamkeit einen zu großen Wevth beilegte, ſchloß ſie, um ſo anſtändig leben zu können als der Geiſtliche des Kirch⸗ ſpiels, brauche er nur ebenſoviel Latein zu wiſſen. Eines Abends beſonders, als die Dame an ihrem behaglichen Feuer ſaß, beſchäftigte dieſer Gegenſtand ihrer Beſorgniß mit ungewöhnlicher Stärke ihr Gemüth und hin und wieder richtete ſie einen un⸗ ruhigen und raſtloſen Blik auf Paul, der an der audern Ecke des Herdes auf einer Bank ſaß, eifrig beſchäftigt, das Leben und die Abenteuer des br⸗ — 43 rühmten Richard Turpin zu leſen. Die Bank, auf welcher der Knabe ſaß, war durch vielen Gebrauch ganz glatt und glänzend geworden, einige Stellen ausgenommen, wo ein kunſtſinniger Müſſiggänger oder ſonſt Jemand zu ſeiner Beluſtigung allerlei ſonderbare Namen, Beinamen, Sprichwörter und ſonſtige Witze eingeſchnitten hatte. Man hat geſagt, das Organ für das Schnitzeln in Holz werde vor⸗ zugsweiſe an den engliſchen Schädeln entdeckt, und der ſcharfſinnige Herr Crambe hat dieß Organ in den Hinterkopf verlegt, neben das für die Zerſtörungs⸗ luſt, welches bei unſern Landsleuten eben ſo groß iſt, wie man dieß an allen Geländern, Sitzen, Tem⸗ peln und ſonſtigen Gegenſtänden ſehen kann, die andern Leuten gehören. Der Feuerſtätte gegenüber war ein großer tan⸗ nener Tiſch, an dem Dummie, genannt Dummarer, der Dame des Hauſes zunächſt ſitzend, ruhig über einem Glas Holländer⸗Schnaps und Waſſer hindäm⸗ merte. Weiter hin, an einem andern Tiſch in der Ecke des Zimmers ſchmauchte ein Herr mit einer rothen Perüke, in abgetragenen Kleidern und Weiß⸗ zeng, das ausſah, als ob es in Saffran gekocht worden wäre, ſeine Pfeife, abgeſondert, ſchweigend und offenbar in tiefes Nachdenken verſunken. Die⸗ ſer Herr war kein Anderer, als Herr Peter Mac Grawler, der Herausgeber einer prachtvollen perio⸗ diſchen Zeitſchrift, das Aſinäum betitelt, welche ge⸗ ſchrieben würde, um zu beweiſen, daß was immer 3 ℳ uf ch er lei 49 populär iſt, ſchlecht ſeyn muß; eine ſchäzbare, tief⸗ liegende Wahrheit, welche das Aſinäum befriedigend dargethan, indem es drei Druker zu Grunde gerich⸗ tet und einem Buchhändler den Hals gebrochen. Wir brauchen nicht beizuſezen, daß Herr Mac Grawler von Geburt ein Schotte war, da wir als allgemein bekannt vorausſezen, daß alle periodiſchen Schriften dieſes Landes ſeit undenklichen Zeiten das Monvopol der Herren vyn dem Lande der Kuchen geweſen ſind;— wir wiſſen nicht, wie man es in Schottland mit dem Eſſen gemeldeter Kuchen hält; aber hier ſcheinen die guten Fremdlinge ſie auf beiden Seiten ſorgfältig mit Buttertaig belegt zu lieben. Zur Seite des Herausgebers ſtand ein großer zinnerner Deckelkrug; über ihm hieng eine Abbildung des„wundervoll fetten Ebers, früher dem Herrn Fattem Viehmäſter angehörig.“ Zu ſeiner Linken erhob ſich das braune Gehänſe einer ſchma⸗ len, ſtehenden Uhr mit eichenem Kaſtenz unter der Uhr waren ein Brat⸗Spieß und eine Büchſe neben einander an die Wand angelehnt. Unter dieſen Zwillings⸗Emblemen des Kriegs und der Kochkunſt waren vier Ständer, Zinn- und Steingutplatten enthaltend, und Centauxen, artig in eine Art von Küchentiſch auslaufend. Auf der andern Seite die⸗ ſer häuslichen Bequemlichkeiten war ein Gemälde von Mrs. Lobkins, in einem Scharlachkleid mit Hut und Federn. Im Rücken der ſchönen Wirthin war die Decke ausgeſpannt, die ſchonfrüher erwähnt Bulwer's Romane X XIV. 4 50 wurde. Die einförmige Fläche dieſes ikunſtloſen Schutzmittels zu heben, waren verſchiedne Balladen und gelehrte Legenden an der Decke angeheſtet. Da konnte man in pathetiſchen und S muckloſen Verſen leſen, wie „Sally lieb' nen Matroſenknab', der focht mit dem grimmen Shovel.“ Da konnte man, wenn man zwei ſo belehrende Thatſachen zuvor nicht gewußt hatte, lernen: „Ben der Seiler liebte die Flaſchen, Charley liebte allein die Mädchen!“ Wenn man von dieſen und verſchiedenen andern ppetiſchen Ergießungen einigermaßen ermüdet war, boten literariſche Fragmente in beſcheidner Proſa gleiche Erbauung und Ergötzichkeit. Da konnte man ſich volle Aufklärung verſchaffen über die„Selt⸗ ſame und wunderbare Geſchichte von Kenſington, enthaltend eine vollſtändige und wahrhafte Erzäh⸗ lung, wie eine Maid muß von einem böſen Geiſt am Mittwoch den 15. April dieſes Jahrs entführt worden ſeyn. Da war auch, nicht minder anziehend und wahrhaft, die außerordentliche Geſchichte— anlangend den Fürſten gewaltiger Mächte, betitelt: der Teuffel von Maskon, oder wahrer Bericht von dem Hauptſächlichſten, was ein unſaubrer Geiſt ge⸗ than und geſagt in Maskon in Burgund, im Haus eines ſichern Herr Francis Perraud, jezt engliſch wiedergegeben von Einem, der genaue Kenntniß von der Wahrheit dieſer Geſchichte hat.“ ſen den Da ſen nde ern ar, oſa nte elt⸗ on, zäh⸗ eiſt ihrt en erti von ge⸗ aus iſch niß 54 Dieſe Beiträge zu einer Geſchichte des Sata⸗ nas waren aber nicht die einzigen proſaiſchen und glaubwürdigen Urkunden, welche die literariſch reiche Decke darbot; ebenſo wunderbar und eben ſo unbeſtreitbar war die Geſchichte»von einer jungen Dame, einer Herzogstochter, mit drei Beinen und einem Stachelſchweingeſicht.“ Ebenſo„das gräßliche Strafgericht Gottes an Fluchern, dargethan am Beiſpiel von John Stiles, der todt niederſank, nach⸗ dem er einen großen Fluch gethan; und als man ihn entkleidete, fund man am Saum ſeines Hemdes geſchrieben: Du ſollſt nicht fluchen!“ Zweimal hatte Mrs. Lobkins einen langen Seufzer ausgeſtoßen, als ihr Auge von Paul auf die ruhige Miene von Dummie Dummaker ſich lenkte; jezt ſeßzte ſie ſich in ihrem Stuhle zurecht, eine mütterliche Beſorg⸗ niß überflog ihr Geſicht und ſie ſagte:„Paul, kleiner Schelm, was haſcht da für'n kauderwelſch Buch?“ „Turpin, der große Hochſtraßenmann!“ antwor⸗ tete der junge Student, ohne das Auge von dem Blatt aufzuſchlagen, durch das er ſich eben in ſei⸗ ner belehrenden Lektüre durchbuchſtabirte. „O, das iſt ein Burſch von gutem Schrot und Korn, Frau!“ ſagte Herr Dummaker, indem er ſeine Pfeife an ein brennendes Stück Papier hielt,„der reitet gewiß noch ein Roß, das der Zimmermann aufzäumt, dafür ſteh ich!“ Auf dieſe Profezeihung antwortete die Frau nur mit einem Blick der Entrüſtung, ſie rückte in ihrem 4*5 werden, aber, o mein Junge, ſey nicht zu kek wegen 52 großen Stuhl hin und her und blieb einige Augen⸗ blicke in ſchweigendem Nachdenken. Zuletzt faßte gie wieder nachdenklich den hoffnungsvollen Knaben ins Auge, rief ihn zu ſich her und ertheilte ihm ganz keiſe flüſternd einen Auftrag. Paul verſſchwand, ſo bald er ihn angehört, hinter der Decke und kehrte ſofort wieder mit einer Flaſche und einem Weinglas zurück. Mit zerſtreuter Geberde und einem Aus⸗ druck, der von fortdauerndem Nachſinnen zeugte, nahm die gute Frau die ermuthigende Herzſtärkung aus der Hand des jugenblichen Schenken, Und eh ein Mann vermocht zu ſagen: Sieh! Hatt' es verſchlungen der Frau Lobkins Schlund So raſch naht groſen Dingen das Verderben.“ Der Nektar⸗Trank ſchien das Syſtem der Ma⸗ trone wohlthätig zu durchdringen, ſie legte ihre Hand auf den Lockenkopf des Knaben und ſagte (wie Andromache dauovosy yMaoaca oder wie Skott es ausdrückt; auf der Wang' ein Lächeln, im Auge die Thrän'!) „Paul, Dein Herz iſcht gut! Dein Kopf iſcht gut, haſcht keinen Dropten vom Gedränk verſchüddet! Sag mir, mein Herzblädchen, warum haſt den Tom Tobyſon gezaust?“ „Wleil,“ antwortete Paul,„er ſagte, man hätte Euch längſt hängen ſollen!“ „Tom Tobyſon iſt ein Taugenichts,“ verſetzte die Dame,„und verdient mit dem Tauende drakdirt zu —„— en⸗ ſie ns nz ſo rte las 18 te, ng a⸗ re te ie m hi 1 m ie u en 53 einem Weib mit dem Bruͤgel darein zu faßren. S'iſcht das Verderben von vielen Männern vor Dir geweſen, und wenn zwei Mannsbilder über einem Weib Händel anfangen, kennen ſie erſt das Ding nicht einmal, um das ſie hadern; denk' an Dein Ende, Paul, und ehre die Alden, und kümmre Dich nicht drum, was ſie geweſen ſind, eh ſie zu Jahren kom⸗ men ſind; hol mir doch meine Pfeife, Paul, ſie iſt droben unter dem Kopfkiſſen.“ Während Paul dieſe Sendung erfüllte, ſagte die Beſitzerin des Krugs, ihr Auge auf Herrn Dummaker heftend:„Dummie, Dum⸗ mie, wenn derkleine Pauleinmalan die Rille)käme!“ „Pſcht!“ ziſchelte Dummie, über die Schulter nach Mac Grawler blikend,„könnde ſeyn d'r Herr da,“ hier blieb ſeine Stimme ſelbſt für Mrs. Lobkins kaum noch verſtändlich; aber ſein Geflüſter ſchien eine Warnung auszudrücken, der erleuchtete Heraus⸗ geber des Aſtnäums möchte entweder ein Kundſchaf⸗ ter ſeyn, oder doch ein ſolcher Held, bei welchen ſich ein Kundſchafter Raths erholt. Die Antwort der Mrs. Lobkins, in gleich leiſem Tone ertheilt, ſchien Dummaker zu befriedigen, denn mit einem ſehr verächtlichen Blik warf er den Kopf in die Höhe und ſagte:„Oho das iſcht Alles— Alles!“ Hier erſchien Panl wieder mit der Pfeife und die Dame, nachdem ſie die Mündung geſtopft, beugte ſich vor und zündete das virginiſche Kraut an Dum⸗ makers Pfeife an. Wie bei dieſem wichtigen Ge⸗ 30 Galgen. 5⁴ ſchäft ſich die Häupter der Wirthin und des Gaſtes einander ſo näherten und das glimmende Licht an⸗ muthig auf beiden Geſichtern ſpielte— da war es ein Gemählde von ſo ehrlicher Einfalt, daß es des kecken und lebhaften Genius eines Cruikshank wür⸗ dig geweſen wäre. Sobald der prometheiſche Funke ſich dem Pfeifenkopfe der Dame ganz mitgetheilt hatte, wiederholte Mrs Lobkins, noch von dem dü⸗ ſtern Gedanken beherrſcht, den ſie heraufbeſchworen hatte:„Ach Dummie, wenn der kleine Paul an die Nille käme!“ Dummie nahm die Pfeife vom Mund, blies theilnehmend den Rauch hervor, blieb aber ſtill und Mrs. Lobkins, zu Paul gewendet, der mit offnem Munde und geſpizten Ohren bei dieſem ahnungs⸗ vollen Ausruf daſtand, ſagte: „Meinſcht Paul, ſie haben's Herz, Dich zu hän⸗ gen?“ „Ich mein', ſie haben den Strik dazu, Frau!“ verſetzte der Junge. „Aber Du brauchſcht Deinen Kragen nicht ſelbſcht in die Schlinge neinzuſtreken!“ ſagte die Matrone und dann, von einem Predigergeiſt ergriffen, wandte ſie ſich zu dem Knaben, beſchaute ſeine aufmerkſame Miene und richtete folgende Ermahnungen an ihn: „Denk immer an Deinen Kaddekismus, Kind, und ehre das Alder. Stehle nie, ſonderlich wenn Jemand um den Weg iſt. Mach nie gemeine Sache mit Aelderen als da biſcht, warum, darum, weil je älder ein Burſch iſcht, deſchdo mehr denkt er an ſich v M N 55 ſelbſcht und deſchdo weniger an ſeine Geſellen. Mit zwanzig Jahren erholen wir uns am gemeinen We⸗ ſen, mit vierzig an unſern alden Kameraden. Sey beſcheiden, Paul! und ſtrecke Dich nach der Decke im Leben. Geh nicht mit ausgemachden Eiſenfreſſern, die auflodern wie eine Kerze mit einem Räuber dran; da iſcht nix als ein bischen Flimmer und verſchwindet Alles mit Einem Aufflackern. Laß den Schnaps den Alden, die nicht mehr darohne ſeyn können. Der Zapfen wird oft zum Galgen, und⸗ da iſcht kein Verderben ſo ſchlimm wie das blane Verderben*). Lies Deine Bibel und ſprich wie ein Petiſcht; die Leute gehn mehr nach Deinen Redens⸗ arten als nach dem, was Du duſcht. Wenn Du etwas nöthig haſcht, was nicht Dein iſt, probir's und be⸗ hilf Dich darohne, und wenn Du's nicht kannſcht, ſo nimm's in Gutem und nicht im Sturm. Die welche ſchuppen,**) richten mehr aus und riskiren weni⸗ ger, als die trahlekehren**) und wenn Du mit Anſtand betrügſcht, kannſt Du über den unan⸗ ſtändigen Ständer lachen.„Jetzt geh und ſchbiel!“ Paul nahm ſeinen Hut, zögerte aber noch, und die Frau, welche die Bedeutung dieſes Aufenthalts er⸗ rieth, erhob ſich und gab dem Knaben die Summe von fünf Halbpfennigen und einen Heller in die — *) Vom Branntwein. **) Stehlen. ***) Straßenraub verüben. †) Galgen. 55 Hand.„Da Junge,“ ſagte ſte und ſchüttelte ihm unter ihren Worten freundlich den Kopf,„Du haſcht Recht, daß Du nicht um Nix ſchbielen willſcht; »siſcht nur Zeitverderb! aber ſchbiel mit Kleineren als Du biſcht, die kannſcht Du dann brügeln, wenn ſie ſagen, Du brelleſcht ſie!“ Paul verſchwand und die Frau ſagte, die Hand auf Dummie's Schulter gelegt: .„Es geht nix über einen Freund in der Nohd, Dummie; und ſo oder ſo, ich mein immer, Ihr wißt mehr von der Herkunft des Buben da, als 3 irgend wer von uns.“ ſ 31„Ich, Frau!“ rief Dummie aus, mit dem glozen⸗ ſe den Blick des Frſtannens. ſe „Ja, Ihr! Ihr wißt ja, wie die Mudder Euch 3 vor ihrem Sterben mehr ſah, als Jemand von uns. v Friſch heraus jezt, friſch heraus! ſagt nur Alles 3 wie's damit iſcht. Hat ſie n' geſchdohlen, was meint m 6 33„Seht, Mudder Grete, meint Ihr, ich weiß 2 ur 3 Wie ſetzt Ihr Euch ſolche Schnaken in Kobf?“ ſo „Nun, ſagte die Frau mit einem mißmuthigen ni Seufzer,„ich hab immer gedacht, Ihr wißt mehr 3 davon, als Ihr geſteht. Wahrlich, wahrlich, ich werde ru: 3 die Nacht meine Lebtage nicht vergeſſen, wo Judith W 3 das arme Geſchöbf herbrachte; Ihr wißt, ſie war es einige Monade vorher in meinem Haus geweſen, eh we ich den kleinen Schelm zu ſehen bekam, und als ſie ihn brachde, ſah ſie ſo blaß und geſpenſtermäßig aus, 57 daß ich nicht s' Herz hadde, ein Wort zu ſagenz ſo ſtierde ich uur den Jungen an, und er ſtrekte ſeine zwei Däubchen nach mir aus. Und die Mud⸗ der runzelde die Stirn darüber und ſtieß ihn in meinen Schooß.« „Ha, es war eine geplagte unheimliche Fran, die!“ ſagte Dummie und ſchüttelte den Kopf.„Aber wie's auch ſich verhält, der kleine Kobold fiel in gute Hände; denn ich bin gewiß, Ihr ſeyd eine beſ⸗ ſere Mudder für ihn als ſeine rechte.“ „Ich war immer ein Rarr mit Kindern,“ ver⸗ ſetzte Mrs. Lobkins,„und ich denke, der kleine Paul ſey mir als ein Troſt für meine lezten Dage zuge⸗ ſchickt— ſchenkt ein, Dummie!“ „Ich hab gehört, Iudith ſey einmal mit einem vornehmen Herrn berhängt geweſen,“ ſagte Dummie. „Wohl möglich!“ verſetzte Mrs. Lobkins,„wohl möglich! ſie war immer wohl dran bei mir, denn ſie hadde einen Geiſchd— ſo ſtattlich wie ich ſelbſcht, und ſte zahlde ihre Miehde wie eine honuedde Per⸗ ſon, zu dem daß ſie aus dem Häuschen war oder ſo nicht bei Troſcht.“ „Ha ich weiß, wie gern Ihr ſie haddet— wa⸗ rum, darum— Ihr habt ſonſt nicht im Brauch, Weibsleuden eine Stube einzuräumen. Ihr ſagt, es ſey nicht reſpekdabel, und Ihr ſeht's nur gern, wenn Männer den Krug beſuchen.“ „Und ich ſeh' nicht einmal Alle gern, die herkom⸗ men,“ antwortete die Frau,„ſonderlich um Pauls 58 willen, aber was kann ein Weib allein duhn? Kom⸗ men da viele von den Herrn Hochſtraßenmänneru her, deren Geld ſo gut iſt als des Pfarrers vom Sprengel ſeins. Und wenn ein Fuchs in meiner Hand iſcht, was ſchiert mich's, in weſſen Hand er vorher geweſen iſcht?“ „Das nenn' ich einmal reſſenabel und veruünf⸗ tig geſprochen,“ ſagte Dummie beiſtimmend. Und Alles zuſammengenommen, obgleich Ihr da eine kunderbunde Sippſchaft habt, weiß ich doch kein Bierhaus, wo ſich ein Gaſt beſſer underhält und kei⸗ nen Sonndags⸗Ort, wo man noblere Combanie trifft, als im Krug.“ Hier erlitt die Unterhaltung, die, wie man wiſ⸗ ſen muß, ſo leiſe geführt worden, daß ein Dritter nichts davon hören konnte, eine Unterbrechung durch Herrn Peter Mac Grawler, der, nachdem er mit ſeinem Nachſinnen und ſeinem Deckelkrug fertig war, jezt aufſtand um wegzugehen. Zuerſt jedoch näherte er ſih der Mrs. Lobkins, bemerkte, er ſey einige Tage ſchuldig geblieben und verlangte den Bettag ſeiner Rechnung zu wiſſen. Nach einem Seitenblik auf einige Hieroglyfen von Kreide, die auf der dem Kamin entgegengeſetzten Seite an der Wand ange⸗ ſchrieben waren, antwortete die Hausfrau, Herr Mac Grawler ſchulde ihr die Summe von 1 Schil⸗ ling, 9 Pfennige 3 Heller. Nach einem kurzen vorgängigen Suchen in fei⸗ nen Weſtentaſchen erhaſchte der Eritiker in einer 6 ic zu ſa we ha eir gri mo ꝙ Uh lic 8 ife nd ne in ei⸗ tie iſ⸗ ter ch nit ar, rte ige li em ge⸗ er hil⸗ fei⸗ ner 59 Ecke eine einſame halbe Krone, die er zwiſchen Zei⸗ gefinger und Daumen faßte und der Mrs. Lobkins, mit der Bitte, ſie zu wechſeln, reichte. Sobald die Matrone ihre Hand mit dem geſalbt fühlte, was irgend ein ſinnreicher Jünger von St. Giles Palmöl*) genannt hat, erheiterte ſich ihre Miene zu einem anmuthigen Lächeln, und als ſie dem Herrn Mac Grawler die verlangte Münze gab, drükte ſie höflich ihre Hoffnung aus, er werde den Krug dem Publikum empfehlen. „Darauf können Sie ſich verlaſſen,“ ſagte der Herausgeber des Aſinäum.„Es gibt keinen Ort wo ich mich ſo heimiſch fühle.“ Damit knöpfte der gelehrte Schotte ſeinen Rock zu und gieng ſeines Wegs. „Wie doch die Welt ſo neidiſch und biſſig iſt!“ ſagte Mrs. Lobkins nach einer Weile,„beſonders wenn eine Frau vornehme Leude zur Kundſchaft hat. Als Judith ſtarb, ſagte Jon der Hunde⸗Metz⸗ ger, es ſey ein Glück für mich und ſite hab' mir einen Schatz hinderlaſſen, um den kleinen Igel groß zu ziehen. Man follte glauben, ein Buff mache einen Menſchen reicher— warum, darum, Jederman bufft Enen. Ich bekam nichts als eine Uhr und 10 Guineen, wie Judith ſtarb, und ſicher⸗ lich! das reichde kaum zum Begräbniß.“ *) Oil of balms, heißt zugleich Her von Palmen und Del der Hände. 6⁰0. „Ihr vergeßt die zwei Goldsvögel, die ich Euch für die alte Kiſchde mit Lumben gab— einen groſen Schatz fand ich da!“ ſagte Dummie mit ſykofanti⸗ ſchem Muthwillen. „Ja!“ rief das Weib lachend, ich bilde mir's ein, Ihr wart nicht ſonderlich zufrieden mit dem Kauf. Ich dachte, Ihr wäret ein zu alder Trödler, um Euch mit dem Plunder ſo weit einzulaſſen; ſey's wie es wolle, ich denk es war der Rock von Goldbrokat, der Euch in die Augen ſtach.“ „Wie's manchem klügern Mann gieng als meinesgleichen,“ verſetzte Dummie, der neben ſeinen geheimen Gewerben das vſtenſible eines Kleidertröd⸗ lers und Händlers mit zerbrochenem Glas trieb. Die Erinnerung an ihren guten Handel mit der Lumpenkiſte öffnete der Wirthin das Herz. „Trinkt, Dummie,“ ſagte ſie in guter Laune, „trinkt! ich würde mich ſchämen, das einem guhden Freund anzukreiden.“ Dummie drükte ſeine Dankbarkeit aus, füllte ſein Glas wieder und die gaſtfreie Matrone, aus ihrer Pfeife die todte Aſche ausklopfend, fuhr folgen⸗ dermaßen fort: „Ihr ſeht, Dummie, obgleich ich den Knaben oft bläue, hab ich ihn doch ſd' gern, als wär' ich ſeine rechte Mudder. Ich möcht' ihn wohl zu einer Ehre für ſein Land und einer Ribbudazion für meine Famillie machen!“ „Die ſämmtlich die Zähne fletſchte in Surgeons⸗ — uch ſen ti⸗ r's em er, n on als en öd⸗ eb. der ne, en lte u8 en⸗ en ich ter ür 61 hall!“ bemerkte der in der Bilderſprache ſtarke Dummie. „Wahr!“ fagte die Frau—„ſie ſtarben luſch⸗ dig, und ich ſchäme mich ihrer nicht. Aber ich bin Pauls Mutter eine Pflicht ſchuldig und ich wünſche Paul ein langes Leben. Ich würde ihn in die Schule ſchicken, aber Ihr wißt, wie die Buben nur einer den andern verderben. Und ſo möcht' ich einen an⸗ ſtändigen Mann zum Lehrmeiſchder für ihn, daß er den Jungen ladeiniſch und gude Lebensart lehrt.“ „Ei der Dauſend!“ rief Dummie ganz verdutzt über dieſe gigantiſchen Entwürfe. „Der Bub' hat Grütz genug und liebt das ge⸗ lehrde Weſen,“ fuhr die Alte fort. Aber ich glaube, die Bücher, die er jetzt in den Händen hat, führen ihn nicht den Weg zum langen Leben.“ „Und wie kam er denn aufs Leſen 2“ „Der hitzige Rob, der herumziehende Schau⸗ ſchbieler, zeigte ihm die Buͤchſtaben und ſagde, er habe viel von einem Schenie.“ „Und warum kann nicht der hitzige Rob dem Buben ladeiniſch und gute Lebensart beibringen 2“ „Weil der hitzige Rob, der arme Kerl, wegen einer Chaßne übers Waſſer gegangen iſt!“*) antwor⸗ tete die Matrone niedergeſchlagen. Nun trat ein langes Schweigen ein; Dummie brach es endlich; der Ehrenmann ſchlug ſich mit *) Wegen Einbruchs deportirt wurde. 62 der bedeutungsvollen Heftigkeit eines Ugo Foscolo an den Schenkel und rief aus: „Ich hab's; der Lehrmeiſchder für den kleinen Paul iſcht gefunden!“ „Wer denn? Ihr macht mich ganz beſtürzt und denkt gar nicht an meine Nerfen,“ ſagte das Weib verſtört. „Nun, der Herr da, der ſchreiben duht,“ ſagte Dummie, den Zeigefinger an die Naſe legend, der Herr da, der Euch ſo blank bezahlt hat.“ „Was! der ſchottiſche Herr?“ „Eben der,“ erwiederte Dummie. Die Dame bewegte ſich unruhig auf ihrem Seſſel und füllte ihre Pfeife wieder. Ihr ganzes Benehmen zeigte deutlich, daß Dummie's Vorſchlag einen Ein⸗ druck auf ſie gemacht hatte. Aber ſie hegte zwei Zweifel wegen ſeiner Thunlichkeit; erſtlich, ob der in Vorſchlag gebrachte Ehrenmann der Aufgabe gewachſen, und zweitens, ob er geneigt ſey, ſich der Sache zu un⸗ terziehen.“ Mitten in ihren Gedanken über dieſe Sache, wurde die Frau durch den Eintritt von Leuten un⸗ terbrochen, die ihre wirthliche Sorge in Anſpruch nahmen, und da Dummie bald nachher aufbrach, ſo blieb die Ungewißheit im Gemüthe der Frau Lob⸗ kins, die Erziehung des kleinen Paul betreffend, den ganzen Tag und die ganze Nacht nnerledigt. rzt das gte der ſſel nen in⸗ ifel lag ind un⸗ Srittes Ich geſtehe, ich beneide dich um das Vergnügen, das du empfinden wirſt, wenn du dich gelehrter ſiehſt als an⸗ dre Knaben— ſogar als ſolche, die älter ſind als Du. Welche Ehre wird dir dieß machen! Welche Auszeichnun⸗ gen, welche Lobſprüche werden dich überall begleiten. Lord Cheſterfields Briefean ſeinen Sohn. Das Beiſpiel, mein Junge, das Beiſpiel wiegt tauſend Regeln auf. Maximilian derFeierliche. Tarpeja ward unter dem Gewicht von Schmuck und Geſchmeide erſtickt. Die Sprache des gemeinen Volks iſt eine Art Tarpeja. Wir haben ſie deßwe⸗ gen durch ſo viele Edelſteine, als nur möglich, ge⸗ hoben und in der vorigen Scene ſie unſern Leſern vorgeführt simplex munditiis, Nichts deſtoweni⸗ ger könnten wir in Sorge ſeyn, es möchte der Ton des gegebenen Dialogs manchen feiner organiſirten Weſen des zarteren Geſchlechts mißfallen haben, erinnerten wir uns nicht, welche Freude ſie an den Provinzial-Barbarismen des Schweſterkönigreichs haben, wenn immer ſie ihnen aus den Zeilen eines Schottiſchen Erzählers entgegenſprudeln. Da, zum Unglück für die Menſchheit, das breite Schottiſche noch nicht die Univerſalſprache von Europa iſt, ſo hoffen wir, unſre Landsmänninnen werden ſich mit dem Dialekt ihrer niedern Volksklaſſen eben ſo gut be⸗ freunden können, als mit dem, der ſeine näſelnden Melodien über das Paradies des Nordens hinhaucht. Am nüchſten Tage in der Dämmerung genoß Mrs. Grete Lobkins, nach einer befriedigenden Beſprechung unter vier Augen mit Herr Mac Grawler, das Glück, ſich ſagen zu können: ſie habe jetzt dem kleinen Paul für einen Lehrmeiſter geſorgt. Nachdem ihr der Critiker ein anſehnliches Stück aus den Ka⸗ piteln Propria quae maribus vorgetragen, ſetzte die gute Dame nicht länger einen Zweifel in ſeine Lehr⸗ fähigkeit, und auf der andern Seite, als Mrs. Lob⸗ kins auf den Punkt der Belohnung überging, be⸗ zeugte der Schotte ſeine Bereitwilligkeit, ihm Alles und Jedes beizubringen, was der pünkttichſte Vormund verlangen konnte. Es ward endlich feſtgeſeßt, Paul ſollte täglich zwei Stunden den Unterricht Herrn Mat Grawler's genießen! Herr Mac Grawler ſollte auf alle leiblichen Bedürfniſſe an Speiſe und Trank, ſo viel der Krug vermöge, Anſprüche haben und zudem auf eine wöchentliche Beſoldung von 2Schil⸗ ling 6 Pfennige; die Schillinge für den Unterricht in der klaſſiſchen Literatur und die 6 Pfennige für die übrigen Humaniorg, oder wie ſich Mrs. Lobkins ausdrükte:„die zwei Harden für das Ladeiniſche und die Blechlen für die guhde Lebensart.“ Beſchuldige uus, gütiger Leſer, nicht in deinem Herzen einer Abweichung von der Wahrſcheinlichkeit, wenn wir einen ſo trefflichen und gelehrten Ehren⸗ mann, wie Herr Peter Mac Grawler, zum tägtichen S„ ng c en hr da⸗ r⸗ b⸗ be⸗ nd nd ul lte uk, nd il⸗ cht ür ns che em it, eu⸗ e Hausfreund der Wirthin zum Krug machen. Fürs erſte mußt Du wiſſen, daß unſre Geſchichte in einen frühern Zeitgbſchnitt fällt, in eine Zeit, wo die alten Scherze über die Umſtände von Autoren und Eriti⸗ kern noch auf wirkliche Thatſachen ſich gründeten; zweitens mußt Du wiſſen, daß zufolge einer eigen⸗ thümlichen Verkettung der Umſtände weder der Bai⸗ liff noch des Bailiffs Leute ſich je in den vier Wän⸗ den von Mrs. Grete Lobkins Haus ſehen ließen; drittens, der Krug war der Wohnung des Kritikers näher als irgend ein anderes Wirthshaus; viertens, es lieferte vortrefflichen Porter; und fünftens— o Leſer, Du thuſt der Frau Grete Lobkins entſetzli⸗ ches Unrecht, wenn Du meinſt, ihre Thüre habe ſich nur für die Dienſtmannen Merkurs geöffnet, die an der krankhaften Neugierde leiden, die Geheim⸗ niſſe in ihres Nachbars Taſchen zu erforſchen; auch andre Beſuche von gutem Leumund ſprachen nicht ſelten bei der gaſtlichen Matrone ein, obgleich man geſtehen muß, daß ſie gewöhnlich lieber ein abgeſon⸗ dertes als das allgemeine Geſellſchaftszimmer einnah⸗ men; und ſechstens, beſter Leſer,(wir bedauern, ſo weitläufig ſeyn zu müſſen,) wir wollten Dir ſo eben einen Wink darüber geben, daß Herr Mac Grawler zu jenen Weiſen von unfaſſendem Geiſte gehörte, die, wenn ſie ſich zu moraliſchen Betrachtungen auf den höchſten Standpunkt verſezen, ihre Seelenkrüfte nicht durch eine entwürdigende Achtſamkeit auf elende Kleinigkeiten zerſtreuen mögen. So daß, Bulwer's Romane XXIV. 5 wenn bisweilen ein Abkömmling von Langfinger dem hochanſehnlichen Schotten bei ſeinem Beſuch im Krug in den Weg kam, diefe Erſcheinung den wohlwollenden Filoſofen nicht in dem Grad empörte, als ohne den obigen Fingerzeig Deine Unwiſſenheit ſich vorſtellen mochte. Man ſagt, der Stviker Athenodorus habe durch ſeinen Umgang mit Auguſtus viel dazu beigetragen, deſſen Fehler zu verbeſſern und die unverkennbare Veränderung zu bewirken, die mit dieſem glücklichen Mann nach ſeiner Erhebung auf den römiſchen Kaiſerthron vorgieng. Wenn dieß wahr iſt, ſo kann es ein neues Licht auf den Karakter des Auguſtus werfen, und dann war er nicht ein Heuchler, ſon⸗ der ein Gebeſſerter. Gewiß bleibt, daß es wenige Fehler giebt, die nicht durch Weisheit bemeiſtert werden können und doch, es iſt betrübend dieß zu berichten, doch bewirkten die Unterweiſungen von Peter Mac Grawler nur eine ſchwache Verände— rung zum Beſſern in den Gewohnheiten des jugend⸗ lichen Paul. Das anſtellige Bürſchchen hatte, wie wir ſchon geſehen, unter der Anleitung des hitzigen Rob die Kunſt des Leſens ſich angeeignet; ja er konnte ſogar einige ſeltſame Krähenfüße zeichnen, und aneinanderhängen, was er und Mrs. Lobkins ſchmeichelhaft ſchreiben nannten. So weit war der Weg für Mac Grawler gebahnt und geebnet. Aber unglücklicherweiſe iſt es die Klage aller erfahrnen Lehrer: die Hauptſchwierigkeit mache em im den te, eit en, are hen hen ann ſtus ſon⸗ nige tert zu von nde⸗ end⸗ wie igen er nen, kins war aller ache 67 nicht das Lernen, ſondern das Verlernen; und die Seele Pauls war ſchon von einer bunten, zahlloſen Menge fremdartiger Gegenſtände in Beſitz genommen, welche hartnäckig dem Latein und der guten Lebens⸗ art ſich widerſetzten. Nichts konnte ihn von einer unglückweiſſagenden Vorliebe für die Geſchichte von Richard Turpin heilen; ſie war iem, was, wie man ſchon geſagt hat, die griechiſchen Claſſiker einem Aka⸗ demiker ſeyn ſollen: ſeine Beſchäftigung bei Tage und ſein Traum bei Nacht. Er war während der Lehrſtunden ziemlich gelehrig und bisweilen ſogar zu raſch im Auffaſſen für den gemeſſenen Gang von Herrn Peter Mac Grawlers Verſtändniß. Aber nicht ſelten geſchah es, daß wenn der Ehrenmann aufzuſtehen verſuchte, er ſich, wie die Dame im Comus, feſtgebannt fand —— an einem gift'gen Sitze, Beſchmiert mit Harz voll zäher Hitze; oder ſeine Füße waren ihm heimlich unter dem Tiſch zuſammengebunden worden, und das Band ließ ſich nicht löſen, ohne die obern Mächte in An⸗ ſpruch zu nehmen; dieſe und manche andere Schel⸗ menſtreiche, womit Paul die Einförmigkeit des ge⸗ lehrten Unterrichts zu würzen pflegte, hätten bald dem gelehrten Critiker ſein Unternehmen verleidet. Aber der Schnaps und die Schatzkammer der Frau Lobkins begütigten die heftigſten Aufwallungen ſeines Gemüths und er ſetzte ſeine Arbeit fort, geſtärkt durch den filoſofiſchen Gedanken:„Warum mich be— 5* 68 kümmern und ängſtigen? wenn ein Zögling gut einſchlägt, ſo erhöht dieß offenbar das Anſehen ſei⸗ nes Meiſters, wo nicht, ſo iſt der Schaden ſein eigen.“ Freilich, ein ſolcher Troſtgrund fand nie Zugang im Gemüth des Dr. Keate. In Eton verzehrte ſich die innerſte Seele des redlichen Vorſtehers durch ſeinen Eifer für die Wohlfahrt kleiner Herrn in ſteifen Halsbinden. Bei Paul jedoch, dem es vom Schickſal beſtimmt war, ein gewiſſes Maß von Gelehrſamkeit ſich an⸗ zueignen, traten zu Anfang ſeines zweiten Lehrjahrs Umſtände ein⸗ welche ſeine Fortſchritte in der wiſſen⸗ ſchaftlichen Bildung wunderbar beſchleunigten. Im Zimmer von Mac Grawler traf Paul ei⸗ nes Morgens Herrn Auguſtus Tomlinſon, einen vielverſprechenden jungen Mann, der die harmloſe Beſchäftigung trieb für eine der Hauptzeitungen über die gräßlichen Mordthaten, die auſſer⸗ ordentlichen Melonen und merkwürdi⸗ gen Vorfälle zu berichten. Dieſer Herr, der einige Lebensjahre vor Paul voraus hatte, ſtieg nur langſam von der Höhe ſeiner Würde herab, aber endlich, da er die lebhafte und ehrerbietige Aufmerk⸗ ſamkeit ſah, womit der Junge der ſehr wabrhafti⸗ gen Schilderung der grauſamen Ermordung von fünf Männern in der Cathedrale von Canterbury, durch den Hochwürdigen Zedekiah Fvoks Barnacle verübt, zuhörte: da ward er gerührt über den Eindruck, den er hervorgebracht, ſchüttelte freundlich — — e e— — ten oſe ber er⸗ di⸗ der nur ber fti⸗ von ury, acle den lich 69 Pauls Hand und ſagte ihm, es ſey in ſeinem Geſicht viele natürliche Schlauigkeit, und für Herrn Augu⸗ ſtus Tomlinſon ſey es auſſer Zweifel, daß er(Paul) ſelbſt nächſter Tage die Ehre haben werde, ermordet zu werden.„Verſteht mich!“ fuhr Herr Auguſtus fort,„ich meine, ermordet in efligie, erdolcht auf dem Papier, während Ihr ſelbſt, des Umſtands ganz und gar unbewußt, das genießt was Ihr euer Leben nennt. Wir tödten nie gemeine Leute; die Wahrheit zu ſagen: den ſchärfſten Zahn haben wir auß die Kirche; die Biſchöfe laſſen wir dutzendweiſe abfah⸗ ren. Zwar zuweilen geben wir einem Hauptan⸗ walt oder dergleichen einen Treff; und drücken den Kummer der jungen Advokaten über einen Verluſt aus, der ihren Intereſſen ſo nachtheilig iſt. Aber das ſind nur blinde Streiche; und der erſchlagene Hauptanwalt lebt oft fort, bis er Kronanwalt wird, verläugnet die Grundſätze der Whig's und verſolgt die Preſſe die ihm das Leben raubte. Biſchöfe ſind unſer eigentliches Leibeſſen; wir ſchicken ſie in den Himmel anf einer Art geflügeltem Greif, deſſen Rücken ein Schlaganfall und deſſen Schwingen von Hochmuth gebläht ſind. Der Biſchof von——, den wir dieſer Tage in ſolcher Weiſe abfertigten und der ein witziger Kopf iſt, ſchrieb uns eine Be⸗ richtigung darüber und bemerkte: obgleich die Ueber⸗ tragung in die himmliſchen Gefilde für einen Biſchof etwas ſehr Geeiguetes ſey, ſo ziehe er doch in ſol⸗ chem Fall das Orgiual der Uebertragung vor. Wie die Biſchöfe tödten, ſo iſt eine andre Menſchen⸗ ichen Krankheiten heim⸗ ſuchen. Dieſe Klaſſe veſteht aus ſeiner Majeſtät und ſeiner Majeſtät Miniſtern. So oft wir ihren Maßregeln nichts anhaben können, ſo fallen wir über ihre Geſundheit her. Giebt der König ein populäres Geſez— ſo laſſen wir ſogleich einfließen⸗ daß ſeine Leibes⸗Conſtitution auf ſchwachen Füßen ſteht; handelt der Miniſter wie ein Mann von Ver⸗ ſtand— ſo bemerken wir augenblicklich, ſeine Ge⸗ ſichtsfarbe ſey auffallend blaß. Die Leute krank machen hat einen unverkenwbaren Vortheil gegenüber von dem, daß man ſie ganz vernichtet. Das Publi⸗ zum kann uns im Einen Fall rund und plump wi⸗ derſprechen, aber nicht im andern; es iſt leicht zu beweiſen, daß ein Menſch noch lebt, aber ganz un⸗ möglich zu beweiſen, daß er ſich wohl befindet. Was hat es zu bedeuten, wenn andere Zeitungen im Wider⸗ ſpruch mit uns, ſich ſeiner annehmen und verſichern⸗ das angebliche Opfer aller Plagen aus Pandora's Büchſe, das wir ſchon dem Grabe zuwanken ließen, bringe die Hälfte des Tags damit zu, eine auserleſene Geſellſchaft bei einer Jagd⸗Partie in Athem zu er⸗ halten, und die andere Hälfte damit, derſelben aus⸗ erleſenen Geſellſchaft nach Tiſch mit Trinken zuzu⸗ ſetzen? Was macht es, wenn das heimgeſuchte In⸗ dividuum ſelbſt uns ſchreibt, es habe ſich in ſeinem Leben nie beſſer befunden— wir brauchen nur ge“ heimnißvoll den Kopf zu ſchütteln, und zu bemerken, wir Klaſſe, die wir nur mit tödtl ir in en⸗ zen er⸗ Ge⸗ ank ber bli⸗ wi⸗ t zu un⸗ Was ider⸗ ern, ora's ßen, eſene er⸗ aus⸗ zuzu⸗ te In⸗ ſeinem ur ge⸗ lerken, 7⁴ daß behaupten nicht beweiſen heißt, daß es unwahrſcheinlich ſey, daß unſer Gewährsmann ſich ſollte geirrt haben, und(wir lieben ſehr hiſtoriſche Parallelen) unſre Leſer daran zu erinnern, wie Car⸗ dinal Richelieu, als er am Sterben war, über nichts ſo wüthend wurde als über Anſpielungen auf ſeine Krankheit. Kurz, wenn Horaz recht hat, ſo ſind wir die Fürſten der Dichter; denn ich darf gewiß annehmen, Herr Mac Grawler, daß Sie— und Ihr auch mein kleiner Herr, ſich der Worte des wetſen alten Römers wohl erinnern: IMle per extentum funem mihi posne videtur Ire poöta, meum qui pectus inaniter angit, Irritat, mulcet, falsis terroribus implei.“ Dieſe Stelle recitirte Herr Auguſtus Tomlin⸗ ſon mit beträchtlicher Selbſtgefälligkeit und vollen⸗ dete dadurch ſeine Eroberung von Pauls Herz; dann wandte er ſich zu Mae Grawler und brachte mit dieſem ſein Geſchäft, das literariſcher Natur war, ins Reine; es betraf einen gemeinſchaftlichen An⸗ griff gegen einen Mann, der noch nicht fünf und zwanzig Jahre alt, und zu arm um Eſſen zu geben, ſich erfrecht hatte, ein religiöſes Gedicht zu ſchreiben. Die Critiker waren darüber äußerſt erbittert, und da ſich gegen das Gedicht wenig einwenden ließ, ſo nannten die Hof⸗Journale den Verfaſſer einen Gecken und die Liberalen den Sohn eines Harlekin. Es hatte Alles bei Herrn Auguſtus Tomlinſon eine Gewandtheit, einen Geiſt, ein Leben, wodurch 72 die Sinne unſres jungen Helden ganz beſtochen wur⸗ den; zudem war er ungemein zierlich gekleidet, trug rothe Strümpſe und einen Haarbeutel; hatte nach Pauls Begriffen ganz und gar die Haltung eines Manns von gutem Ton und überdieß ſprudelte das La⸗ tein mit beſonderer Anmuth über ſeine Lippen. Einige Tage nachher ſchickte Mac Grawler unſern Helden in die Wohnung Herrn Tomlinſons mit ſeinem Antheil an der gemeinſamen Schmäh⸗ ſchrift gegen den Dichter. Ums doppelte ſtieg Pauls Ehrfurcht vor Herrn Auguſtus Tomlinſon durch die Anſchauung von deſ⸗ ſen Reſidenz. Er fand ihn wohnhaft in einem hüb⸗ ſchen Stadttheile, in einem ſehr ſaubern Empfang⸗ zimmer, deſſen Inhalt von dem allumfaſſenden Geiſte des Inhabers Zeugniß ablegte. Es iſt uns von einem ſehr fein urtheilenden Critiker vorgewor⸗ fen worden, wir feien zu ſehr der Schilderung von vielumfaſſenden Geiſtern ergeben. In frühern Fällen behaupten wir: Nicht ſchuldig; aber im Falle mit Herr Auguſtus Tomlinſon geben wir die harmloſe Beſchuldigung zu. Ueber ſeinem Kamin waren Boxer⸗Handſchuhe und Fechtrappiere angebracht, auf ſeinem Tiſch lag eine Cremoneſer-Geige und ein Flageolet. Auf einer Seite der Wand waren Bücherſtänder mit dem Covent⸗Garden⸗Magazin, mit Burn's Juſtitia, einer Taſchenausgabe von Horaz, einem Gebetbuch, Auszügen aus Tacitus, einem Band Theater; feruer die Filoſofie ſpie⸗ — S— S„— 8* — 8— 73 lend beizubringen und ein Schlüſſel zur Weisheit. Desgleichen waren da auf einem an⸗ dern Tiſch eine Reitpeitſche und eine Peitſche zum Fahren, ein paar Sporen, drei Guineen und ein kleiner Haufe Silbermünze. Herr Auguſtus war ein großer, hübſcher junger Mann mit Sommerſproßen auf der Haut, grünen Au⸗ gen und rothen Augenwimpern, mit lächelndem Mund und vorſtehendem Unterkiefer, ſcharfer Naſe und einem außerordentlich großen Paar Ohren. Gekleidet war er in ein grün damaſtenes Hauskleid und er empfing den jungen Paul ſehr artig. Unſer Held hatte etwas Einnehmendes. Er hatte nicht nur ein angenehmes Aeußeres und ein offenes Weſen, ſondern er hatte auch den Anſtrich von Munterkeit und Verſtand, der einen hofſnungs⸗ vollen Schelmen verräth. Herr Auguſtus Tomlin⸗ ſon bezeugte ihm die größte Aufmerkſamkeit, fragte ihn ob er boxen könne, ließ ihn ein paar Hand⸗ ſchuhe anziehen, und ſtrekte ihn mit vieler Herab⸗ laſſung drei mal nach einander zu Boden. Dann ſpielte er ihm auf der Eremoneſer⸗Geige und dem Flageolet einige der neueſten Melodien vor. Hierauf ſang er ihm ein kleines, von ihm ſelbſt componirtes Lied. Sodann ergriff er die Fuhrpeitſche, klappte damit eine Fliege auf der Wand gegenüber, und indem er ſich, natürlicherweiſe von ſeinen mannig⸗ fachen Anſtrengungen ermüdet, auf ſein Sofa warf, bemerkte er in nachläßigem Tone: er und ſein 74 Freund Lord Dunſhunner werden allgemein für die beſten Fuhrmänner in der Hauptſtadt gehalten. „Ich,“ ſagte Herr Auguſtus,„bin der Meiſter auf dem geraden Weg, aber der Lord iſt ein Teufelskerl im Fahren um die Ecke.“ Paul, der bisher ein zu unbefangenes Leben geführt hatte, um zu verſieheu, welche Wichtigkeit notbwendig ein Lord in den Augen des Herrn Auguſtus Tomlinſon haben mußte, erſtaunte nicht ſo ſehr über die Größe einer ſolchen Bekanntſchaft, als der Zeitungs⸗Mörder erwartet hatte. Er be⸗ merkte nur, um ein Compliment anzubringen, Herr Auguſtus und ſein Genoſſe ſcheinen ihm grandige Kafſern zu ſeyn. Ein wenig mißvergnügt über dieſe bildliche Redensart— denn man muß wohl merken, daß grandiger Kaffer bei den in dieſer Wiſſen⸗ ſhaft Eingeweihten der gewöhnliche Ausdruck iſt für: ein rüſtige Dieb,— nahm ſich der univerſell ge⸗ vildete Auguſtus die Freiheit, zu der er durch ſein Alter und ſeinen Stand, die ihn ſo weit über Paul erhoben, ſich berechtigt glaubte, und verwies unſrem Helden ſauft ſeinen unſchiklichen Gebrauch von Gauner⸗Ausdrücken. „Ein Junge voh Euren Fähigkeiten,“ ſagte er, „denn ich ſehe Euch den Verſtand im Auge an⸗ ſollte ſich ſchämen, ſo gemeiner Ausdrücke ſich zu bedienen. Habt doch einen vornehmeren Geiſt, einen großartigeren Ehrgeiz, als den, der das armſelige e„ he ß n⸗ 18 e⸗ in P em n er, au, zu nen lige Lumpengeſindel der Straße auszeichnet. Wißt! in dieſem Lande ſetzen Geiſt und Gelehrſamkeit Alles durch, und wenn Ihr euch anſtändig benehmt, könn Ihr früher oder ſpäter in der Welt ſo hoch ſteigen, als Ich.“ Bei dieſer Rede ſah ſich Paul nachdenklich in dem ſaubern Sprachzimmer um und überlegte, wie hübſch es wäre: der Herr in einem ſolchen Be⸗ ſitzthum zu ſeyn, ſich auf Handhabung der Cremoneſer⸗ Geige und das Flageolet, der Boxerhandſchuhe, der Bücher, der Fliegenklatſchenden Peitſche zu verſtehen, drei Guineen und einen Haufen Silbergeld zu be⸗ ſitzen und den nur mit Lord Dunſhunner getheilten Ruhm: der beſte Fuhrmann in London zu ſeyn. „Ja,“ fuhr Tomlinſon mit ſich fühlendem Stolze fort,„ich verdanke mein Steigen mir ſelbſt. Gelehr⸗ ſamkeit iſt mehr werth als Haus und Land. Poctrina sed vim etc. Ihr wißt, was der alte Horaz ſagt? Nun, Sir, Ihr werdet es kaum glauben, aber ich war es, der ſeine Majeſtät den König von Sar⸗ dinien in der geſtrigen Zeitung ermordete. Nickts iſt zu hoch und zu ſchwer für den Genius. Laßt euch die Mühe nicht verdrießen, mein Junge, ſo könnt Ihr— denn die Sache, obgleich ſchwer, wird doch nicht unmöglich ſeyn— ſo könnt Ihr mit Auguſtus Tomlinſon wetteifern!“ BeimSchluß dieſer Aufmunterung hörte man an der Thüre pochen; Panl nahm Abſchied und begegnete auf der Hausflur einem feinausſehenden Manne nach der —.—— höchſten Mode gekleidet, der ein Paar ungeheuer große Schnallen an den Schuhen trug. Bei dieſem Anblick ſchwoll Pauls Herz-„Ich kann,“dachte er bei ſich,„ſo lauteten ſeine Worte, ich kann, denn die Sache, obgleich ſchwer, wird doch nicht unmöglich ſeyn, mit Augnſtus Tomlinſon wetteifern.“ In Nachdenken verſunken be⸗ gab er ſich heim. Am folgenden Tag wurden die Denkſchriften des großen Turpin den Flammen über⸗ liefert, und es war auffallend, wie von da an Paul eine gewähltere Redeweiſe ſich aneignete, wie er ein feineres, geweſſeneres Weſen annahm und den Unterrichtsſtunden des Herrn Peter Mac Grawler weit mehr Aufmerkſamkeit als bisher widmete. Obgleich man geſtehen muß, daß die Fortſchritte unſeres jungen Helden in den gelehrten Sprachen nicht eben überraſchend waren, verhalf ihm doch eine frühe Neigung zum Leſen, die durch Gewohnheit an Stärke zunahm, zuletzt zu einer ziemlichen Kennt⸗ niß ſeiner Mutterſprache. Wir müſſen jedoch hinzu⸗ fügen, daß ſeine am eifrigſten und liebſten getriebe⸗ nen Studien ſchwerlich von der Art waren, wie ſie ein einſichtsvoller Lehrer vorzugsweiſe würde an⸗ empfohlen haben. Es gehörten dahin hauptſächlich Romane, Theater und Gedichte, welch' letztere er in ſo hohem Grad liebte, daß er ſelbſt eine Art von Poet wurde, Jedenfalls gaben dieſe literari⸗ ſchen Beſchäftigungen, ſo untzlos ſie erſchienen, ſei⸗ nem Geſchmack eine gewiße Verfeinerung, die er ſich ohne dieß in dem Krug ſchwerlich würde er⸗ v„ 8 N„ 77 worben baben, und während ſie ſeinen Ehrgeitz ſtachelten, auch etwas von dem fröhlichen Leben zu ſehen, das ſie ſchilderten, flößten ſie ſeinem Gemüth einen gewiſſen Unternehmungsgeiſt und eine Art ſorgloſer Hochherzigkeit ein, die vielleicht nicht wenig dem ſchlimmen Einfluß gemeiner Laſter entgegen⸗ wirkten, welchen die ihn umgebenden Beiſpiele ſeine zarte Jugend ausſetzen mußten. Aber ach! ein harter, Pauls Hoffnung auf Beiſtand und Geſellſchaft in feinen literariſchen Arbeiten zu sichte machender Schlag traf ihn. Herr Auguſtus Tomlinſon ver⸗ ſchwand an einem ſchönen Morgen, und hinterließ bei ſeinen zahlreichen Freunden: er folge einer vor⸗ theilhaften Einladung in den Norden Englands. Trotz dem Stoße, den dieß dem zärtlichen Herzen und ſtrebenden Geiſte unſres Freundes Paul ver⸗ ſetzte, ſchlug es doch ſeinen Eifer in dem Felde der Wiſſenſchaft nicht nieder, das der treffliche Abge⸗ gangene, wie es ſchien, ſo erfolgreich angebaut hatte, Allmälig eignete er ſich(zu den literariſchen Schätzen hin, wovon wir ſprachen) Alles an, was der weiſe und tiefſinnige Peter Mac Grawler ihm mitzu⸗ theilen vermochte, und im ſechszehnten Jahre begann er(o der Dünkelhaftigkeit der Jugend!l) ſich für ge⸗ lehrter zu halten als ſeinen Meiſter. Viertes Kapitel. —————————— Er war jetzt ein junger Mann vom beſten Ton ge⸗ worden und ſo eingelebt in die höhere Geſellſchaft, als der eifrigſte und ſtrensſte Bewerber um Londoner Cele⸗ brität ſich nur wünſchen mochte. Er war natürlich Mit⸗ glied der Clubs u. ſ. w. Kur er gehörte jetzt jener oft geſchilderten Elaſſe an, vor der alle untergeordneten Schön⸗ herren in Unbedeutenheit verſinken oder in der ſie im beſten Fall eine geringere Stufe durch Aufopferung eines anſehnlichen Theils ihress ermögens erlangen können⸗ Die Almacks in neuerer Geſtalt⸗ en Malebranche, der eine Unterſuchung der Wahrheit ſchrieb und eine Menge ſchöner Sachen entdeckte, nur nicht das was er ſuchte; bei der Seele des großen Male⸗ branche, den Biſchof Berkeley an einer Lungenent⸗ zündung leidend fand und ſehr gefällig zu Tode ſchwatzte— ein Beweis von der Macht der Rede⸗ dem billig alle große Metaſyſiker und Redehelden nacheifern ſollten; bei der Seele dieſes erleuchteten Mannes, es iſt zum Erſtaunen für uns, welche Menge von Wahrheiten in kleine Stücke zerbrochen da und dort in der Welt zerſtreut perum liegt. Welch glänzende Sammlung könnte ſich Jemand von dieſen koſtbaren Steinen anlegen, wenu er nur mit dem Korbe unter dem Arm und mit offenen Augen ausgehen wollte. Wir ſelbſt haben eben heute ein kleines Stückchen Wahrheit aufgeleſen⸗ Bei der Seele des groß W v* * * le 1d ht le⸗ at⸗ de de, den ten che hen egt. and nur nen eben 79 womit wir Dir, edler Leſerz eine ſchlimme Wendung in dem Schickſale Pauls zu erklären gedenken. „Wo man irgend Würde ſieht“ ſagt ein lebender Weiſer,„darf man auchſicher ſeyn, daß die Aufrecht⸗ erhaltung derſelben einen Aufwand erfordert.*)“ So war es auch bei Paul. Ein junger Mann, muthmaßlicher Erbe des Krugs, begabt mit einer hübſchen Geſtalt und einem gebildeten Geiſt, nahm nothwendig einen gewiſſen Rang in der Geſellſchaft ein und mußte ein Gegenſtand der Aufmerkſamkeit in den Augen der betriebſamen Mütter in der Nach— barſchaft von Thames⸗Court werden. Viele Luſt⸗ partien nach Deptford und Greenwich kamen vor, an welchen Paul Theil zu nehmen ſich bewogen fand, und wir brauchen unſern Leſern nicht auf Novellen über faſhionables Leben zu verweiſen, um ſie zu belehren, daß in guter Geſellſchaft die Herrn immer für die Damen bezahlen. Dieß waren aber noch nicht alle Ausgaben, wozu ihn ſeine Aus⸗ ſichten veranlaßten. Ein Mann konnte kaum ſolchen zierlichen Feſtlichkeiten anwohnen, ohne einige Auf⸗ merkſamkeit auf ſeinen Anzug zu verwenden, und ein faſhionabler Schneider ſpielt, der Henker weiß wie? Verſtekens mit dem jährlichen Einkommen eines Mannes. Wrr, die wir in Klein-Britannien unſre Reſidenz haben, um es dem Leſer gerade heraus zu ſagen, *) In den populären Trugſchlüſſen, 80 ſind nicht ſehr vertraut mit der Lebensart unter den höhern Klaſſen von St. James. Aber es herrſchte unter den feinen Leuten um Thames⸗Court eine große Untugend, die ohne Zweifel ſonſt nirgends im Schwange geht. Dieſe feinen Leute nehmlich quälten ſich mit einer beſtändigen Todesangſt, noch feiner zu ſchei⸗ nen, als ſie waren; und je mehr vornehmen An⸗ ſtrich ein Herr oder ein Frauenzimmer ſich gaben, deſto angeſehener wurden ſie. Job, der Hundemetz⸗ ger, war in der That ganz nur aus einem gewiſſen Hang, Jedermann Grovbheiten zu ſagen, in die Ge⸗ ſellſchaft gekommen; und die delikateſten Aus⸗ ſchließlichen des Ortes, die ſelten irgend wohin giengen, wo keine ſilberne Theebüchſe war, pflegten anzunehmen es ſey nicht wenig hinter Job, weil er ſeinen Karren mit vornehm gehaltenem Haupte fortſchob und eines Tags ſogar dem Büttel des Kirchſpiels tüchtig den Weg gewieſen hatte. Nun machte dieß Streben nach außerordent⸗ licher Feinheit die Geſellſchaft um Thames⸗Cvurt nicht nur läſtig, ſondern auch koſtſpielig. Jeder wetteiferte mit ſeinem Nachbar, und da der Geiſt der Nebenbuhlerſchaft beſonders heftig in der Bruſt der Jugend wirkt, kann es uns kaum befremden, daß er Paul zu manchen tollen Streichen verleitete. Das Uebel bei allen Cirkeln, welche darauf Anſpruch machen, auserleſen zu ſeyn, iſt hohes Spiel, und der Grund liegt uahe: Menſchen welche es in ihrer — —„— S —— n, en e⸗ 8⸗ in en pte es 81 Hand haben, einem Andern einen Vortheil, wornach er trachtet, zuzuwenden, laſſen ſich lieber dafür bezahlen, als daß ſie ihn verſchenken; und Paul, der in Popularität und Ton eine Stufe um die andre erſtieg, fand ſich, trotz ſeiner klaſſiſchen Bildung doch den ausgemachten, oder vielmehr ausmachenden Ehrenmännern nicht gewachſen, mit welchen er in näheres Verhältniß kam. Sein erſter Eintritt in dieſen auserleſenen Kreis dieſer Männer von Welt fand ſtatt im Hauſe des Bachelor Bill, einer Per⸗ ſon von großer Berühmtheit unter dem Theile der Ausbündigen, die ſich ſelbſt den bedentungſchweren Namen Flash*) beilegen. Da es jedoch unſre unab⸗ änderliche Abſicht iſt, in dieſem Werke keine epiſo⸗ diſche Charaktere genauer auszumalen, ſo können wir unſern Leſern nur eine ſchwache, flüchtige Stizze von Bachelor Bill entwerfen. Dieſer Menſch war von Devonſhire gebürtig. Seine Mutter hatte das anmuthigſte Wirthshaus in der Stadt beſeſſen und nach ihrem Tod erbte Bill ihre Habe und Popularität. Alle jungen Frauen⸗ zimmer in der Nachbarſchaft von Fidlers Row**), wo er ſeinen Wohnſiz hatte, wollten ihn zum Schleppträger haben, die allermodiſch'ſten Schupper und Gauner ſuchten ihn anzukeilen und die flotteſten *) Stattlichgalante. **) Zu deutſch etwa: Geigerlärm, Bulwer's Romane XXIv. 32 Beſen in London hätten zu einer gewißen Zeit gern ihre Ohren für ein zärtliches Wort von Bachelor Bill gegeben. Aber Bill war ein feiner Kopf und kluger Geſell und von auſſerordentlich vorſichtiger Gemüthsart. Er ging der Ehe und der Freund⸗ ſchaft aus dem Weg; d. h. er ließ ſich weder aus⸗ plündern noch Hörner auſſetzen⸗ Er war ein großer, ariſtokratiſcher Burſch, von teufelmäßig gewandtem Beuehmen, und in Züchten und Ehren, ſehr galant gegen die Beſen. Wie meiſt die ledigen Herren, die, ſoweit es auf's Geld ankommt, gern den Mann macheu, gab er ihnen Schnabelweide die Fülle und von Zeit zu Zeit einen Hopstanz. Sein Magen⸗ trank war über allen Tadel hinaus und ſein Doppel⸗ Courage wurde einſtimmig für das Wunder der Welt erklärt. In ſehr kurzer Zeit denn ledige Männer ſchwingen ſich immer leichter als verheirathete auf den Gipfel des hohen Tons) wurde er, vermöge ſei⸗ ner Junggeſellenſchaft und ſeiner Kebrauſe, der wahre Spiegel vornenmen Lebens und mancher ſchmucke Lehrburſch, felbſt am Weſtende der Stadt, pflegte vor Bewunderung Bachelor Bills die Hände über dem Kopf zuſammenzuſchlagen, wenn er an einem Sonntag Nachmittag in ſeinem zierlichen Kabriolet nach ſeinem netten kleinen Gartenhäuschen an dem Saume vou Turnham Green fuhr⸗ Bill's Glück war jedoch nicht ganz ohne Zuſatz. Die Damen der Freude ſind immer ſo ausnehmend erboßt, wenn ein Mann ſich nicht in ſie verliebt, daß es nichts giebt, das ſie 5 83 ihm nicht nachſagenz und die würdigen Matronen in der Nachbarſchaft von Fidler Row ſprengten alle Arten von grundloſen Gerüchten gegen den armen Bachelor Bill aus. Allmälig jedoch,— denn wie Tacitus ohne Zweifel im profetifſchen Hinblick auf Bachelor Bill ſagt, die Wahrheit gewinnt durch die Zeit— allmälig begannen dieſe Gerüchte un⸗ vermerkt zu verhallen, und daBill ſich jetzt den Gränzen des mittlern Alters näherte, ſo ſahen ſeine Freunde ſchon getroſt als eine ausgemachte Sache an: er würde ſein Lebenlang Bachelor Bill bleiben. Ueb⸗ rigens war er ein excellenter Junge; gab ſeine ver⸗ vorbene Lebensmittel den Armen, bekaunte ſich zu den kiberalſten Meinungen, und nahm in allen Streitigkeiten unter den Beſen(biefe flotten Beſen ſind gar ein zankſüchtiges Geſchlecht!) immer die Parthei des ſchwaͤcheren Theiles. Obgleich Bill in ſeiner Geſellſchaft ſehr auf ſtrenge Auswahl hielt, vergaß er doch ſeine alten Freunde nicht; und der Frau Grete Lobkins, die ihm als kleinem Knaben in der kurzen Jacke gar gewogen geweſen war, ſandte er regelmäßig eine Karte zu ſeinen Soirées. Die gute Frau hatte jedoch in den letzten Jahren ihre Ecke am Camin nicht mehr verlaſſen. Der Lärmen des faſhionabeln Lebens war wirklich für ihre Nerven zu ſtark und die Einladung war zu einer herkömmli⸗ chen Förmlichkeit geworden, der keine weitere Be⸗ deutung mehr beigelegt, aber die deſſen ungeachtet nie verabſäumt wurde. Als Paul jetzt ſein ſechs⸗ 6 3 13 7 4 6 8⁴ zehntes Jahr erreichte und ein hübſcher, gewandter Junge war, dachte die Dame: er könnte jetzt die Fnhaberin des Krugs vortrefflich vertreten; und für ihren Pflegſohn würde ein Ball bei Bachelor Bill kein unpaſſender Anfang zum Leben in London ſeyn. Sie legte alſo dem Junggeſellen ihren dahin gehenden Wunſch ans Herz und Paul erhielt folgende Einladung von Bill: „Herr William Duke giebt nächſten Montag Tanz und Imbiß auf beſcheidnem Fuß und hofft, Herr Paul Lobkins werde dabei erſcheineu. NB. Mau erwartet, daß die Herrn in weiten Beinkleidern erſcheinen.“ Als Paul eintrat, eröffnete eben Bachelor Bill den Ball, nach der Melodie,„Schlückchen Braut⸗ wein,“ mit einer jungen Dame, gegen weiche, weil ſie eine wandernde Schauſpielerin*) geweſen, die Aufſichtführenden Damen von Fidler's Row ein ſehr abgemeſſen⸗förmliches Benehmen angemeſſen ge⸗ funden hatten. Der gute Junggeſelle hatte, wie er ſich ausdrückte, keinen Begriff von ſolchem Schnik⸗ ſchnak, und er ſorgte dafür, daß unter den ſeinſten Beſen verbreitet wurde er erwarte, daß alle, welche in ſeinem Hauſe hopsten und ſtampſten, der jungen Mrs. Dot höflich und anſtändig begegnen werden. Dieſe vertrauliche Mittbeilung, welche den Schönen mit all der einſchmeichelnden Feinheit gemacht wurde, *) Anſpieluns auf die bekannte Miß Jorban. 85 wodurch Bachelor Bill ſich ſo ſehr auszeichnet, brachte eine ſichtliche Wirkung hervor; und Mrs. Dot, die jetzt mit dem ſtattlichen Junggeſellen den Vortanz gemacht, wurde den übrigen Abend mit Höflichkeiten überhäuft. Als der Tanz zu Ende war, fchüttelte Bill ſehr artig Paul die Hände und nahm bald die Gelegen⸗ heit wahr, ihn einigen der Notabilitäten der Stabt vorzuſtellen. Zu dieſen gehörte der ſchmucke Hert Allfair, der einſchmeichelnde Henry Finiſh, der luſtige Jack Hvokey, der einſichtsvolle Charles Erzwit und noch verſchiedne Andere, ebenſo berühmt durch ihre Geſchicklichkeit, beguem von ihren Geiſtesgaben und dem Gut andrer Leute zu leben. Die Wahr⸗ heit zu ſagen, Paul, damals noch ein ebrlicher Burſch, fand an der Unterhaltung dieſer Induſtrie⸗Ritter weniger Geſchmack als er erwartet. Mehr gefielen ihm die klugen, obwohl ſelbſtgefälligen Bemerkungen eines Herrn mit einem vorzüglich üppigen Haar⸗ wuchs, welchen wir nachdrückticher als die übrigen unſerem Leſer empfohlen haben wollen, ünter dem Namen eines Herrn Edward Pepper,*) gewöhnlich der lange Ned genaunt. Da dieſer trefflichen Perſon vom Schickſal beſtimmt war, ein vertraüter Genoſſe von Paul zu werden, ſo war unſer Hauptabſehen dabei, daß wir den Hopetanz bei Bachelor Bilt ſchildern, das: den Zeitpunkt, wo dieſe Bekanntſchaft — *) Pfeffev. 36 ihren Anfang nahm, zu peſtimmen, wie es die Wichtig⸗ keit eines ſolchen Ereigniſſes erheiſcht. Der lange Ned und Paul kamen zufällig bei Tiſch nebeneinander zu ſitzen und verkehrten ſo Freundſchaftlich mit einander, daß Paul, dem das Herz aufgieng, die Hoffnung ausdrückte, Herrn Pepper in dem Krug zu ſehen. „Krug— Krug“*) wiederholte Vepper mit halbzugedrükten Augen und dem Tone eines Dandy, der im Begriff iſt eine Grobheit zu ſagen,„ah, der Name eines Conventikels, oder nicht?“ Es gibt eine Sekte, Muggledonier genannt— mein' ich? „Was das betrifft,“ erwiederte Paul, bei dieſer Beſchuldigung für den Krug erröthend, die Frau Lobkins hat nicht mehr Religion als Leute, die mehr ſind denn ſie; aber der Kurg iſt ein ſehr vortreffli⸗ ches Haus und von der beſten Geſellſchaft beſucht⸗ die es geben kann.“„Zweifle gar nicht daran!“ ſagte Ned.„Erinnere mich jetzt, daß ich einmal dort war und einen Dummie Dummaker ſah— heißt er nicht ſo? Ich beſinne mich, vor einigen Jahren, da ich in das Leben eintrat, hatten Dummie und ich ein Abenteuer zuſammen; Euch die Wahrheit zu geſtehen, es war nicht von der Art, die mir jetzt zuſagen würde. Aber, werdet Ihr es glauben, Herr —— *) Im Engliſchen Mug, wovon der Setten⸗Name Muß ſetonians abgeleitet wird. Das Wortſpiel läßt ſich⸗ wie ſo viele andere, nicht wiedergeben⸗ ich zu jetzt err Mug 37 Paul? dieſer erbärmliche Geſelle war das einzigemal⸗ daß ich ihn ſeither ſah, ganz grob gegen mich; das heißt, das einzigemal, da ich in den Krug kam. Ich kann ſolches vornehmei Weſen an einem Händler — an einem Lumpenhändler nicht begreifen, dieſe Trödel⸗Burſche werden ganz unerträglich.“ „Ihr ſetzt mich in Erſtaunen!“ ſagte Paul.„Der gute Dummie ließe es ſich am letzten einfallen, grob zu ſeyn. Er iſt ein ſo hofliches Geſchöpf als je lebte.“ „Oder Lumpen verkaufte!“ ſagte Ned.„Mög⸗ lich. Bezweifle ſeine lobenswerthen Eigenſchaften im Geringſten nicht. Gebt den Humpen herum, guter Freund.— Unſinniges Zeug, das Tanzen da!“ „Verteufelter Unſinn!“ ſcholl das Echo von Harrp Finiſh über den Tiſch herüber zurück.„Was meint Ihr, wir ziehen nach Fiſhlane und klappern mit den Würfeln? Was ſagt Ihr dazu, Herr Lobkins?“ Bange vor„des Tons unholdem Spott, dem kaum der Stolz des Filoſofen trotzt,“ und nicht fürs Tanzen eingenommen, gab Paul dem Vorſchlag ſeine Zuſtimmung und eine kleine Truppe, beſtehend aus Harry Finiſch, Allfair, dem langen Ned und Herr Hookey verfügte ſie nach Fiſhlane, wo ein Club war— ſehr berühmt bei den Männern, welche von ihrem Wit leben, und wo Schnaps und Magen⸗ waſſer aufs ſplendideſte unentgeldlich abgereicht wurden. Hier wurde der Abend ſehr ergötzlich hin⸗ gebracht und Paul ging heim ohne einen Rothen in der Taſche. Von dieſer Zeit an wurden leider Pauls Beſuche in Fiſhlane regelmäßig und binnen ſehr kurzer Friſt gelangte, wir ſagen es mit Bedauern, Paul zu dem ausgezeichneten Karakter eines Mannes mit drei durchlöcherten Dingen— durchlöchertem Beu⸗ tel, durchlöchertem Ellbogen, und durchlöchertem Credit. Die einzigen zwei Perſonen, welche ſich dazu verſtanden, ihm mit einem ſchwachen Anlehen an die Hand zu gehen, wie es in den mit. Y. unterzeichneten Bekanntmachungen heißt, waren Herr Dummie Dummaker und Herr Pepper, zu⸗ benamst der Lange. Letzterer jedoch ließ ſich, wenn er auch dem Erben vom Krug ſich gefällig erwieß, nie herab, dieſes ausgezeichnete Gaſthaus zu betre⸗ ten, und wenn jener gutherzig ſeine Börſenſchnüre aufthat, ſo geſchah es nie ohne eine dringende War⸗ nung, die Bekanntſchaft mit dem langen Ned zu meiden.„Eine Berſchon,“ ſagte Dummie,„von ſehr gefährlichen Grundſätzen, und keineswegs eine baßliche Geſellſchaft für einen jungen Herrn von Karakder, wie der kleine Paul.“ So ernſtgemeint war dieſe Warnung und ſo ausſchlieslich auf den langen Ned gezielt, obwohl man die Geſellſchaft des Herrn Allfair oder Herr Finiſh nicht minder bedenklich hätte finden können, daß es wahrſcheinlich wird: das übermüthige, ſtolze Weſen, welches, wie Lord Normanby in einer ſeiner trefflichen Novellen W 89 richtig bemerkt, ſo viele Feindſchaften in der Welt ſtiftet, und das zuweilen dem Benehmen des langen Ned eigen war, und namentlich gegenüber von dem Handelsmann, ſey der Hauptgrund geweſen, warum Dummie ſo ſcharf und mit ſo beſonderem Ingrimm der Unſittlichkeit des langgewachſenen Herrn auf⸗ ſaß. Zugleich müſſen wir bemerken, daß, wenn Paul, der Worte Peppers über ſein früheres Abenteuer mit Herr Dummaker ſich erinnernd, ſie dem Händ⸗ ler wieder anführte, Dummie eine gewiſſe Beſtür⸗ zung nicht verhehlen konnte, obgleich er nur mit einer Art von Lachen äußerte, die Sache ſey nicht der Rede werth; und es ſchien Paul auſſer Zweifel, daß in der Erinnerung an dieſe frühere Bekannt⸗ ſchaft für den Lumpenmann eine widrige Empfin⸗ dung laure, die der unbefangne Pepper nicht theilte. Wie dieß ſeyn mochte, der Umſtand entfiel den Augenblick nachher der Aufmerkſamkeit Pauls; und er widmete, wir müſſen es geſtehen, den Warnungen gegen Ned, womit Dummie ihm anlag, eben ſo wenig Rückſicht. Vielleicht war bei Paul,(denn wir müſſen jezt auch einen Blick auf ſeine häuslichen Verhält⸗ niſſe werfen,) eine Haupturſache, welche ihn nach Fiſhlane trieb, das unbehagliche Leben, das er zu Hauſe führte. Denn obgleich Mrs. Lobkins äuſſerſt zärtlich für ihr Pflegkind war, hatte ſie doch, wie ihre Gäſte ſich kräftig ausdrückten: den Teufel im Leib, und da ihre natürliche Derbheit nie dunch 50 ſolche Schilderungen des anmuthigeren Lebens ge⸗ mildert worden war, wie ſie in manchen Romanen und komiſchen Schnurren das Gemüth des ſchwär⸗ meriſchen Pauls verfeinert hatten, ſo war ihre Art, ihre mütterlichen Vorwürfe an den Mann zu brin⸗ gen, für einen jungen Burſchen von einigem Zart⸗ gefühl gewiß nicht wenig empörend. In der That xam es ihm oft in den Sinn, ihr Haus ganz zu verlaſſen und auf eigene Fauſt ſein Glück zu ſuchen, nach dem Muſter des ſinnreichen Gil Blas oder des unternehmenden Roderick Random; und dieſer Ge⸗ danke, obgleich verworfen und wieder verworfen, dehnte und befeſtigte ſich doch allmählig in ſeinem Herzen, wie die Haarkugel anwächst, die man im Magen mancher kranken Kühe nach ihrem Tode findet. Der Leſer wird ſpäter erfahren, wie unter dieſen Unter⸗ nehmungs⸗Entwürfen ein früher Traum von der grünen Waldhöhle, worin Turpin mit einem Freund, einer Schweinskeule und einer Gattin ſich zu ver⸗ bergen pflegte, ihm durch den Sinn ging. Damals neigte er ſich vielleicht noch nicht zu der Art von Leben und Treiben, wie es der Held der Landſtraßen übte; aber er hielt darum nicht minder lebhaft an dem Bilde der Höhle feſt. Der traurig einförmige Verlauf von unſres Helden Leben ſtand indeß eben auf dem Punkt, durch eine unerwartete Wendung eine neue Rich⸗ tung zu bekommen und die unreifen Gedanken des Knabenalters ſollten wie Ghilan's Rieſen⸗ 91 palmen zur Frucht des männlichen Entſchluſſes aufbrechen. Zu den hervorſtechenden Zügen im Charakter der Mrs. Lobkins gehörte auch eine grenzenloſe Ver⸗ achtung gegen Alles was Unglück hieß; die Un⸗ klugheit und der Unſtern Paul's erregten in ihr eben ſo viel Geringſchätzung als Mitleid. Und als er, zum drittenmal binnen einer Woche, mit jämmer⸗ licher Miene und leeren Taſchen, vor dem großen Stuhl der Dame ſtand, mit der Bitte um eine Taſchengeldszulage— da ging der Strom ihres Zorns in hohen überſchwellenden Wogen. „Siehſcht Du, liederliches Bürſchchen“ ſagte ſie, und um ihrem Ausſehen eine eigenthümliche Würde zu verleihen, ſetzte ſie unter dem Sprechen eine un⸗ geheure zinnerne Brille auf die Naſe,„wenn es ſo iſcht, daß Du meinſcht, ich werde Dir für deine nichts⸗ nutzigen Ausgaben eine Zulage geben, ſo biſcht Du ganz und gar auf dem Holzweg. Schlag mich der und jener, wenn ich dir noch Nagelsgroß gebe.“ „Aber ich bin dem langen Ned eine Guinee ſchuldig,“ ſagte Paul,„und Dummie Dummaker lieh mir drei Kronen. Es ſtebt Eurem muthmaßlichen Erben, meine liebe Frau, übel an, bei Ehrenſchulden Ausflüchte zu ſuchen.“ „Lirum, larum, glaub' nur nicht, Du könneſcht mirk mit Deinen Schulden und Deiner Ehre einen Bären aufbinden,“ ſagte die Dame in Leidenſchaft. *) Finger. 92 „Der lange Ned hat ſo laͤnge Gabeln,*) als er einen Rücken hat; möge der alte Harry mit ihm davonfliegen! und was Dummie Dummaker bedrifft, ſo nimmt mich's Wunder, wie Du, der Du wie ein Herrenkind erzogen worden biſcht und die aller⸗ fürnehmſte Berziehung genoſſen haſcht, mit ſo ge⸗ meiner Geſellſchaft Dich einlaſſen magſcht. Will Dir was ſagen, Paul, muſcht dran glauben und mit ihnen brechen Knall und Fall, oder Du haſt den letzden Pfenning von Peg Lobkins geſehen!“ Mit dieſen Worten drehte ſich die alte Dame in ihrem Seſſel herum und langte ſich eine Pfeife Tabak. Paul gieng zweimal in der Stube auf und ab und blieb zuletzt vor dem Seſſel des Weibes ſtehen; er war ein hitziger Junge und obgleich er ein war⸗ mes Herz und eine Liebe zu Mrs. Lobkins hatte, welche ihre Sorgfalt und Zärtlichkeit für ihn wohl verdiente, war er doch ungeſchlachter Gemüthsart und nicht immer ſanft in ſeinen Reden; zwar machte ihm ſein Herz jedesmal nachher Vorwürfe, wenn er der Mrs. Lobkins etwas Anſtößiges geſagt hatte und er war immer der Erſte, der eine Aus⸗ ſöhnung ſuchte; aber heiße Worte erkälten die Achtung und das Bedauern des Vergangenen iſt nicht immer eine Bürgſchaft für Beſſerung in der Zukunft. Panl alſo, aufgebläht durch die Einbildung auf ſeine vornehme Erziehung und die Freundſchaft 95 des langen Ned(der nach Ranelagh kam und Strümpfe mit ſilbernen Zwickeln trug blieb vor dem Stuhle der Frau Lobkins ſtehen und ſagte mit großer Feyerlichkeit— „Herr Pepper, Mabame, bemerkt ſehr richtig, daß ich Geld haben muß, um mich als Gentleman ſehen zu laſſen; und wenn Ihr es mir nicht geben wollt, ſo bin ich entſchloſſen, mit vielem Dank für Eure mir erwieſenen Gutthaten in die weite Welt zu gehen, und mein Glück zu ſuchen.“ Wenn Paul eben keine geſchmeidige und nach⸗ giebſame Gemüthsart hatte, ſo hatte Frau Grete Lobkins, wie man ſchon geſehen hat, in dieſem Ka⸗ pitel nichts vor ihm voraus; wir dürfen bei dem Leſer die Beobachtung vorausſetzen, daß Leute, von welchen man abhängig iſt, nichts ſo ſehr in Wuth ſetzt, als der ausgeſprochene Entſchluß, die Unab⸗ hängigkeit ſuchen zu wollen. Einen Augenblick alſo ſah die Dame Lobkins Paul in ſein offenes aber entſchloſſenes Angeſicht; alles Blut in ihren Adern ſchien als Feuer und Scharlach ihre weit⸗ läufigen Wangen zu überſtrömen und ſie brach los: „Alle Hader, Junker Obenhinaus! ſelbſcht Deiun Glück ſuchen willſcht Du? das hab' ich davon, daß ich Dich aufgezogen und Dir das Brod des Müſſig⸗ gangs und der Zärtlichkeit hab' zu eſſen gegeben, Du Tauſendſaſa! Nimm dieß und geh zum T——!“ und eine entſprechende Bewegungbegleitete ihre Worte; der Pfeifenkopf, den ſie aus dem Munde genommen⸗ ——— ₰ ———— ——— um ihren zärtlichen Vorwürfen den Lauf zu kaßten, ſchwirrte durch die Luft, ſtreifte Pauls Wange und vollendete ſeine Bahn durch ein heftiges Zuſammen⸗ ſtoßen mit dem rechten Auge Dummie Dummakers, der gerade in dieſem Augenblick ins Zimmer trat. Paul hatte ſich einen Augenblick gebückt, um der Sendung auszuweichen; im nächſten ſtand er ſchon wieder kerzengerade da; ſeine Wangen glühten, ſeine Bruſt hob ſich, und der Eintritt Dummie Dummakers, der auß dieſe Art Zeuge der erlitte⸗ nen Beſchimpfung wurde, empörte ſein Blut zu noch grimmigerem Aufruhr und machte ſeine De⸗ mütbigung noch bitterer; alke frühergefaßten Plane zur Entweichung, alle die harten Worte, die plum⸗ pen Anſpielungen, die thätlichen Mißhandlungen, die er irgend je erfahren hatte, ſtürmten jetzt vereint auf ihn ein. Er warf nur Einen Blick auf das alte Weib, deſſen Wuth ſich ſchon halb gelegt hatte, und wandte ſich langſam und ſchweigend der Thüre zn., Oft ſetzt uns etwas, das uns begegnet, in Unruhe; blos deßwegen, weil es das uns Unerwartetſte iſt die ſchlaue Frau Lobkins, bekannt mit Pauls trotzi⸗ gem Weſen und hitzigen Leidenſchaften, hatte einen Ausbruch der Wuth, eine heftige Antwort erwartet und als ſie jetzt mt unſtetem Auge ſeinen Abſchieds⸗ Blick erhaſchte und ihn ſo duldend und ſtumm auf die Tyüre zugehen ſah, da ſchoß ihr das Blitt, ſie ſtand von iyrem Seſſel auf und eilte auf ihn zu. Zum unglück für ihre Hoffnung auf Verſöhnung 95 hatte ſie an dieſem Tage der Flaſche reichlicher als gewöhnlich zugeſprochen und die Merkmale des Rauſches, die in ihrem unſichern Gang, ihrem aus⸗ druckloſen Auge, ihrem ſtieren Blick, ihren hochro⸗ then Wangen ſich tund gaben,— Alles dieß flößte Paul Gefühle ein, welche in dieſem Augenblick die Empfindlichkeit in eine Art von Verachtung ver⸗ wandelten. Er flüchtete vor ihrer Berührung an die Schwelle.„Wo willſcht Du hin, Du Allerwelts⸗ Ranke!“ rief die Dame,„nimm Dich zuſammen und ſprich nicht mehr von der Sache, ſey ein geſcheudter Junge und du ſollſcht den Beddel haben!“ Aber Paul achtete nicht auf dieſe Einladung. „Ich will nicht länger das Brod des Müſſig⸗ gangs und der Zärtlichkeit eſſen“ ſagte er mürriſch. „Gott befohlen! und wenn ich Euch je erſtatten kann, was ich Euch gekoſtet, ſo werde ich es thun.“ Mit dieſen Worten kehrte er ſich ab, und die Dame, der bei dieſer unziemlichen Erwiederung auf ihr freundliches Anerbieten die Galle überlief, ſchrie hinter ihm drein und beſchwor den Herrn in ſchwarzer Tracht, der drunten den geuerdienſt beſorgt, ihn zu begleiten. Die Bruſt voll von Verdruß, Stolz, Schaam und einem halb freudigen Gefühl errungener Unab⸗ hängigkeit, ging Paul ſeines Wegs, er wußte ſelbſt nicht wohin. Er trug den Kopf nach vornehmer Manier und ſeine Beine nahmen von ſelbſt einen ſtolzen militäriſchen Gang an. Er war noch nicht 56 weit gekommen, als er ſeinen Namen hinter ſich ruſen hörte; er drehte ſich um und ſah das klägliche Geſicht Dummie Dummakers. Dieſe achtbare Perſon hatte beim letzten Theil der beſchriebenen Scene eine ſehr unſchuldige Rolle geſpielt; er beſchäftigte ſich mit ſeinem beſchädigten Auge und brummte filoſofiſche Bemerkungen über die Gefahren, welchen ſich Jeder ausſetze, der mit Damen von choleriſchem Temperament Bekanntſchaft habe, als Mrs. Lobkins ſich nach Pauls Abgang rund umſah und die jammervolle Geſtalt Dummie Dummakers erblickte, deſſen Namen, wie ſie ſich erinnerte, von Paul in ſeiner Mittheilung an ſie genannt worden war. Vermöge einer unlogiſchen Verwirxung der Gedanken betrachtete ſie ihn deßhalb als einen bei dem letzten Streit Betheiligten und erſchöpfte gegen ihn alle ihre Wuth, welche anf ir⸗ gend eine Weiſe auszulaſſen, ohne Leben und Ge⸗ ſundheit auſs Spiel zu ſetzen, ſie nicht umhin konnte, Sie packte den kleinen Mann beim Kragen— die allerempfindlichſte Stelle bei Herren von ſolchen Lebensverhältniſſen, gab ihm einen Streich, der das andere, bisher unbeſchädigt gebliebne Auge traf, und ſchrie:„Ich will Euch lehren, Ihr Blut⸗ ſauger, Leute, die Ausſichten haben, wie Schwämme ausbreſſen! Ich will Euch lehren, den Erben des Krugs ſchnüren, Ihr rotziges, milchſichdiges Ge⸗ ſpenſcht von einer Pfennig⸗Kerze. Was, Ihr leiht meinem Paul drei Kronen, Ihr? und wißt Ihr 97 noch wie Ihr ſagdet, Ihr könnet mir einen elenden Budel Schnabs nicht bezahlen! Oh Ihr ſeyd ein Luchs, muß ſagen, aber Grete Lobkins ſollt Ihr nicht beluchſen. Aus meinen Pfählen, Ihr ſchmutz⸗ ger Hund! aus meinen Pfählen! Und wenn meine Linſer*) Euch je wieder anſichdig werden, oder wenn ich je höre, daß Ihr meinen Paul für Narren habt, fekel mich der Stäches, ſo will ich Euch ein hän⸗ fenes Halsband weben, ich will Dich hängen, Du Hund! ja das will ich. Was, Du willſcht mir ant⸗ worden, willſcht? O Du Schlangengezücht, fort marſchier Dich!“ Vergebens betheuerte Dummie ſeine Unſchuld. Ein kräftiger Fußtritt brach alle weitern Unkerhand⸗ lungen ab. Er gab Ferſengeld im Krug; und die Wirthin zottelte in ihren Armſtuhl zurück, ſuchte ſich eine andere Pfeife und tröſtete ſich, wie alle mit reicher Einbildungskraft geſegnete Menſchen, wenn die Welt übel mit ihnen umſpringt, durch die Schöpfungen von Rauch für das in der Wirk⸗ lichkeit Mangelnde. Bittre Gedanken im Herzen und bittre Worte im Mund, holte nun Dummie Dummaker Paul ein und beſchuldigte den Jüngling, daß er die Ver⸗ anlaſſung zu den eben eingenommnen Beleidigungen geweſen. Paul war gerade nicht in der beſten Stim⸗ mung um geduldig Vorwürfe anzuhören; er ant⸗ *) Augen. Buiwer's Romane XXIV. 7 ————— ——————— 98 wortete Dummie ſehr kurz angebunden und dieß achtbare Individuum, das noch ſeine Beulen ſchmerz⸗ ten, erwiederte ihm mit gleicher Derbheit. Der Wortwechſel wurde lebhaft, und endlich ballte Paul, nach dem Ende des Zwie geſprächs verlangend, die Fauſt, und erklärte dem furchtbaren Dummie, er wolle ihn zu Boden ſtrecken. Es liegt etwas ganz beſonders Rauhes und Betäubendes in dieſen drei harten, eiſernen, handfeſten, hammerartigen kurzen Worten. Ihr Klang ſchon macht, daß man doppelte Kraft in den Fäuſten fühlt, wenn man ein Held, und in den Füßen, wenn man ein Mann des Friedens iſt. Sie brachten bei Dummie Dummaker, unter⸗ ſtützt durch den Eindruck einer athletiſchen, jugend⸗ lichen, beinah ſchon 6 Fuß hohen Geſtalt, flammen⸗ de Wangen, und ein Leidenſchaft und Entſchloſſen⸗ heit verkündendes Auge, eine angenblickliche Wir⸗ kung hervor. Die Stimme des Lumpenhändlers ſank auf Einmal herab uud mit der Miene eines ge⸗ kränkten Caſſius wimmerte er die Worte: „Mich zu Boden ſtrecken! O kleiner Paul, was ſind das für verruchde Worde? Was! Dum⸗ mie Dummaker, der Euch oft und viel auf den Knien gautſchte! wie, das Herz des Jungen iſcht ſo hart als Juchdenleder und ſo übermüdig⸗ wie der Hund eines Gärdners mit einem Blumenſtrauß auf'm Buckel.“ Dieſe pathetiſche Vorſtellung be⸗ ſänftigte Pauls Grimm. „Gut, Dummie,“ ſagte er lachend,„ich wollte 99 Euch nichts zu Leide thun, und die Sache beruht auf ſich; auch bedaure ich das ſchlimme Benehmen der Frau ſehrz und ſomit wünſche ichEuch guten Morgen.“ „Wie, wohin wollt Ihr denn ſpringen, kleiner e Paul?“ ſagte Dummie und faßte ihn beim Rock⸗ kragen. 8„Das mag der Henker wiſſen,“ antworete unſer n Held,„aber ich denke, ich will einmal bei dem langen n Ned einſprechen!“ te„Kommt her!“ ſagte Dummie ganz leiſe flü⸗ d ſternd,„wenn Ihr nicht plaudern wollt, will ich ſt. Euch was von einem'Geheimniß ſagen. Ich höre, r⸗ der lange Ned iſcht nach Hampſhire aufgebrochen, d⸗ dieſen Morgen erſt, zu einer Strade.“*) n⸗„Ha!“ ſagte Paul,„dann laß ich mich hängen, n⸗ wenn ich weiß was ich thun ſoll.“ Als er dieſe ir⸗ Worte ausſprach, drängte ſich ihm das Gefühl ſei⸗ nk ner Hülfloſigkeit, wenn er dabei beharrte, den Krug e⸗ zu meiden, lebhafter auf, als er bisher empfunden hatte; denn Paul hatte den Plan gehabt, eine Zeit⸗ ul, lang der Gaſtfreundſchaft ſeines Patagoniſchen m⸗ Freundes ſich anzuvertrauen, und nun er vernahm, den daß dieſer Freund von London abweſend und auk cht eine ſo halsbrechenbs Unternehmung aus ſey, war wie er ein wenig in Verlegenheit, was er mit dem auß Schatz von Einſicht und Weisheit anfangen ſollte, be⸗ den er mit ſich herum trug. Er hatte ſchon ſo viel lte*) Strahenraub. 7 8 100 Scharfblick gewonnen,(denn Charles Trywit und Harry Finiſh waren treffliche Meiſter, um Einen in die Kenntniß der Welt einzuweihen,) um einzu⸗ ſehen, daß ein Menſch, wie bewundernswerthe Eigen⸗ ſchaften er auch beſitze, ſelten eine gute Aufnahme findet, wenn er keinen Pfennig in der Taſche hat. In der Nachharſchaft von Thames⸗Court hatte er zwar viele Bekannte; aber die Vornehmheit ſeiner Sprache, die er ſich durch ſeine Erziehung erwor⸗ ben, und die Feinheit ſeines Betragens, worin er in glücklicher Vereinbarung die höfliche Keckheit des langen Herrn Ned mit der anmuthigen Nachläſſig⸗ keit des Herrn Auguſtus Tomlinſon zu verbinden ſich beſtrebte, hatten ihm unter dieſen Bekanntſchaf⸗ ten viele Feinde zugezogen; und er hatte keine Luſt — ſo groß war der Stolz unſres Helden— es auf ihre ungewiſſe Aufnahme ankommen zu laſſen, oder ſeine heimathloſe und betrübte Lage gleichſam zur Schau zu ſtellen. Die guten Kameraden anlangend, welche ihm geholfen hatten, aus ſeinen Taſchen Wü⸗ ſten zu machen, ſo hatte er bereits eingeſehen, daß dieß die einzige Art von Hülfe ſey, zu deren Leiſtung ſie Bereitwilligkeit zeigten; mit Einem Wort, er konnte um ſein Leben nicht ausfindig machen, an welchem Ort er die Segnungen eines Bettes und Obdachs zu ſuchen habe. Wie er ſo, mit dem Finger am Mund, unſchlüßig und nachdenklich daſtand, aber wenigſtens über Einen Punkt ſeſt entſchloſſen: nicht in den Krug zurückzugehen: ſah ihm Dummie, im 104 Grund des Herzens ein gutmüthiger Burſche, ins Geſicht und ſagte: „Nun, Paul, mein Jüngelchen, ihr hängt den Kopf und ſeht unter Euch— blickt auf! der Ver⸗ druß bringt eine Katze um!“ Als er bemwerkte, wie auch dieſe geeignete und ermuthigende Anführnng aus der Naturgeſchichte die Wolke auf Pauls Stirne nicht verminderte, ging der ſcharfſinnige Dummie Dummaker mit Einem mal zu dem großen, nach ſeiner tiefſinnigen. Anſicht für alle Uebel unfehlbaren Heilmittel über. „Paul, mein Bürſchen,“ ſagte er mit einem vielſagenden Wink, indem er den jungen Mann am linken Arm faßte,„was ſagt Ihr zu'nem Schlückchen blauen Tod? oder da Ibr gern herren⸗ mäßig duht, es kommt mir nicht darauf an, Euch ein Glas Porter hinzuſtellen.“ Während Dummaker dieſe Einladung vorbrachte, durchzuckte plötzlich eine Erinnerung Pauls Seele; er beſann ſich mit Einem⸗ male auf Mac Grawler, und er beſchloß ſofort, die Wohnung dieſes erleuchteten Weiſen aufzuſuchen und wenigſtens um eine Unterkunft für die nächſte Nacht anzuſuchen. So bald er zu dieſem Entſchluß egekommen war, machte er ſich von den Händen des zuthätigen Dummie los, lehnte mit vielen Dank⸗ ſagungen ſeine gaſtliche Einladung ab, und erſuchte ihn nur, aus dem Hauſe der Dame ſolche Sachen, wie Weißzeug und Kleider von Paul, welche während des Abendſchlummers der Alten von dem liſtigen Dummaker leicht einmal konnten abgeführt werden, mitzunehmen und bei ſich zu behalten, bis man ſie ihm abfordere. Der Händler verſprach pünktliche Vollziehung des Auftrags; und Paul ſchüttelte ihm die Hand und begab ſich nach der Behauſung von Mac Grawler. Wir müſſen jetzt in dem natürlichen Verlauf unſerer Erzählung einige Schritte rückwärts thun, und bemerken, daß unter den kleinen Urſachen, welche ſich mit der Hauptſache, der Spielwuth, verſchworen hatten, unſern trefflichen Paul in die gegen wärtige Lage zu verſetzen, auch ſein vertrautes Verhältniß zu Mac Grawler war. Als nemlich Pauls zu⸗ nehmende Jahre und zügelloſe Lebensweiſe dem Unterricht des Weiſen ein Ende gemacht hatten, wurden dadurch die Finanzen des Lehrmeiſters um die Summe von wöchentlich zwei Schilling ſechs Pfennige verkürzt, neben dem, daß die freie Be⸗ nützung von Keller und Speiſekammer der Dame, verloren ging; und wie deun vermöge eines in den Gefühlen eintretenden Wechſels und des verkehrten Laufs der menſchlichen Dinge, die Leute gewöhnlich ſolche Handlungen am meiſten bereuen, für welche ſie einſt den größten Eifer hegten: ſo warf ſich jetzt die gute Mrs. Lobkins, im Wahne, Pauls un⸗ ordentliches Leben rühre ganz von den Kenntniſſen her, die er aus Mac Grawlers Unterweiſung ge⸗ ſchöpft, ihre frühere Thorheit vor, daß ſie für ihren Pflegeſohn eine vornehmere Erziehung geſucht habe; — R* ge⸗ en 105 ja, ſie ſchüttete ſogar auf das heilige Haupt Mac Grawlers ihren Unmuth über die Folgen ſeines Unterrichts aus. So auch, wenn ein Menſch, der buchſtabiren kann, gehängt wird, klagen die Er⸗ ziehungsfeinde das Buchſtabierbnch wegen ſeines Todes an. Heſtige Worte zwiſchen der Bewundre⸗ rin unwiſſender Unſchuld und dem Verbreiter wiſſen- ſchaftlicher Aufklärung folgten und endeten zuletzt mit Mac Grawlers Ausſtoßung aus dem Krug. Es giebt beut zu Tage junge Gentlemen, eifrige Anhänger von Byron's Poeſie und ſeinen neuen, auffallenden Reimen, welche ſich ein Vergnügen dar⸗ aus machen, uns gütig zu belehren, ſie ſeyeu zum Verderben aller Derer geboren, welche ſie lieben; ein intereſſanter Fall, ohne Zweifel, den ſie aber ebenſo gut für ſich behalten könnten. Nach dem Inhalt dieſes Kapitels könnte es ſcheinen, über Paul habe derſelbe Unſtern gewaltet. Die Verban⸗ nung Mac Grawlers, die Beleidigungen, die Dummie Dummaker erfahren— gleicherweiſe durch ihn ver⸗ anlaßt, ſcheinen dieſe Meinung zu beſtätigen. Un⸗ glücklicherweiſe war Paul, obgleich ein Poet, doch nicht ſehr ſentimental, und er hat nie in erbaulichen Klaggedichten ſeinen Schmerz über dieſe Unfälle ver⸗ ewigt. Aber bei Mac Grawler, ſo gut wie bei Dummaker, ſtand es feſt: unſer Held ſolle den Fluch ſeines Unſterns empfinden; und da er noch einigen Einfluß auf das Gemüth ſeines ehmaligen Zöglings behalten hatte, waren ſeine Anſchuldigungen gegen — 404 Paul, als die Urſache ſeiner Verbannung, von einem größern Erfolge begleitet, als die Klagen Dummie Dum nakers über einen verwandten Unfall. Paul, der, wie ſo viele Taugenichtſe, das beſte Herz hatte, war über Mac Grawlers Verbannung um ſeinet⸗ willen, fehr bekümmert, und er ſuchte dafür durch ſolche Geldopfer, wie er ſie zu leiſten im Stande war, Buße zu thun. Mac Grawler, natürlich nur von dem wohlwollenden Wunſche geleitet, ſeine Ge⸗ wiſſensbiſſe zu lindern, trua kein Bedenken ſie an⸗ zunehmen, und auf dieſe Weiſe verſchwor ſich der tuzendhafte Mac Grawler(ſo ähnlich ſind ſich oft die Wirkungen der Tugend und des Laſters) mit dem lockern langen Ned und dem herzloſen Heury Finiſh, die untröſtliche Ebbe hervorzubringen, welche jetzt Pauls Taſchen trocken legte. Als unſer Held langſam dem Wohnfitz des Weiſen ſich näherte, und von deſſen Dankbarkeit und Freundſchaft ſich wenigſtens für einige Zeit Dach und Fach verſprach, zuckte einer jener lenchten⸗ den Gedankenblitze, welche öfters den tiefſten Ab⸗ grund des Kummers erhellen, auf einmal durch ſeine Seele. Indem er ſich das Bild des Kritikers vergegenwärtigte, erinnerte er ſich, dieſe Zierde des Aſinäums ordentliche Summen für ſeine critiſche Nachtarbeiten einnehmen geſehen zu haben. „Ey,“ dachte Paul, der dieſe Thatſache ergriff und in der Straße ſtehen blieb,„ey, ſollt' ich nicht ſelbſt ein Eritiker werden?“ 4105 Die einzige Perſon, der man nie eine Frage vorlegt, ohne einer befriedigenden Antwort im Voraus ziemlich gewiß zu ſein, iſt— unſer liebes Selbſt! Sobald in Paul der lichte Gedanke auf⸗ geſtiegen war, ſchien es ihm, als hätte er die Minen von Potoſi entdeckt. Brennend vor Ungeduld, mit dem großen Mac Grawler die Ausführbarkeit ſeines Plans zu beſprechen, peſchleunigte er ſeinen Schritt beinahe zum Rennen undin wenigen Minuten, nach⸗ dem er bſos einen Schornſteirfeger und zwei Apfel⸗ Händlerinnen, die am Wege ſaßen, über den Haufen gerannt, kam er an der Thüre des Weiſen au. F ünftes Kapitel⸗ O Königreiche, die kein Aug erblickt! O Federn, von erarimmter Hand gezückt! Laßt, Fürſten der Critik, in treuen Bildern Mich Eures Treibens myſt'ſche Wunder ſchilder! Virg. Aen. VI. Be Das Glück hatte dem Herrn Mac Grawler ge⸗ lächelt, ſeit er zuerſt den Unterricht bei dem Pfleg⸗ ſohn der Mrs. Lobkins übernommen. Er bewohnte jetzt einen zweiten Stock und ſprach dem Sheriff und ſeinen böſen Geiſtern Hohn. Es war bei an⸗ brechendem Abend, als Paul ihn zu Hauſe und allein antraf. Vor dem gewaltigen Mann ſtand ein Krug mit 106 Londoner Porter; eine Kerze mit unbeſchnittenem Docht warf ihr einſames Licht auf ſeine Arbeiten, und eine junge Katze ſpielte ſchäckernd zu ſeinen ge⸗ lehrten Füßen und vertrieb ſich die träge Zeit mit den Reſten der Zipfelkappe, womit der Eritiker bis⸗ ber, ſtatt eines Lorbeers, des Nachts ſeine Stirne geſchmückt hatte. Sobald Mac Grawler durch die trübe Rauch⸗ wolke, welche in dem Zimmer ſchwebte, hindurch, die eintretende Perſon erkannt hatte, runzelte er die Stirne. „Hab' iches Euch nicht geſagt, junger Herr!“ knurrte er,„Ihr ſollet nie ohne vorher zu pochen in eines Gentleman Zimmer treten 2“ Ich ſag' Euch, Sir, Lebensart iſt nicht minder weſentlich zum menſchlichen Glück, als Tugend; ſlört alſo nicht einen Gentleman in ſeinen Geſchäften und ſetzt Euch nieder, ohne die Katze zu belä⸗ ſtigen.“ Paul, wohl wiſſend, daß ſein verehrter Lehr⸗ meiſter es ungern ſah, wenn Jemand der Quelle des wunderbaren Geiſtes, den er ſeinen critiſchen Wer⸗ ken einbauchte, auf die Spur kam, ſtellte ſich, als ſehe er die zinnerne Hippokrene nicht, und unter vielen Entſchuldigungen wegen der unterlaſſnen Höf⸗ lichkeit beim Eintreten ſetzte er ſich wie er ange⸗ wieſen war. Dann entſpann ſich folgendes erbau⸗ liches Geſpräch. NN 107 „Die Alten,“ begann Paul,„waren ſehr große Männer, Herr Mac Grawler.“ „Das waren ſie, Sir,“ erwiederte der Critiker, „wir mechen die Erörterung dieſer Wahrheit zu einem Hauptgrundſatz in unſerer gelehrten Thätigkeit.“ „Aber Sir,“ ſagte Paul,„dann und wann ha⸗ ben ſie doch Unrecht.“ „Nie! ignoramus, nie!“ „Sie lobten die Armuth, Herr Mac Grawler!“ ſagte Paul mit einem Seufzer. „Hm!“ verſetzte der Critiker, ein wenig ver⸗ blüfft; fand aber ſogleich ſeinen eigenthümlichen Scharfſinn wieder und bemerkte: „Es iſt wahr, Paul; aber nur die Armuth bei andern Leuten.“ Hier entſtand eine kleine Pauſe.„Critik,“ fieng Paul wieder an,„muß eine ſehr ſchwierige Kunſt ſeyn.“ „Ah— hm! und welche Kunſt giebt es, Sir, die nicht ſchwer wäre? wenigſteus wenn man es zur Meiſterſchaft bringen will.“ „Wahr,“ ſeufzte Paul,„oder ſonſt——“ „Oder was ſonſt, Knabe?“ wiederholte Herr Mac Grawler, der bemerkte, daß Paul entweder aus Furcht vor ſeiner überlegnen Einſicht,(und dieß nahm die Eitelkeit des Critikers an) oder, was ebenſo leicht möglich war, aus Mangel an einem bezeichnenden Worte für ſeinen Gedanken, ſtockte. „Nun, ich dachte, Sir,“ ſagte Paul mit dem 108 Muthe der Verzweiflung, weſcher der Stimme eines Jeden, welcher ſein Schickſal auf Einen Wurf ſetzt, oder zu ſetzen meint, einen ſo ſcharfen und lauten Ton giebt. „Ich dachte, ich könnte ſelbſt auch wohl ein Eritiker werden!“ „Uh— hu,« ließ ſich Mac Grawler vernehmen, und zog die Augenbrauen in die Höhe.„Uh— hu! große Dinge ſind aus kleinem Anfang hervorgegangen.“ So ermuthigend dieſe Aeußerung war, entflieſ⸗ ſend dem Munde eines ſo großen Mannes und Cri⸗ tikers, und zudem in einem Augenblick, da man nichts geringeres als einen Bannfluch gegen Hoch⸗ muth und Anmaßung aus dieſen Pforten der Weis⸗ heit zu vernehmen erwarten konnte: ſo würden doch, ſo trüglich ſind alle menſchlichen Hoffnungen, es würden die, welche Paul hegte, um etwas Be⸗ trächtliches herabgeſtimmt worden ſeyn, wenn er, eben als ſein Ohr den Balſam dieſer anmuthigen Worte einſchlürfte, in die Quelle, aus der ſie ent⸗ ſprangen, hätte hinabtauchen können. „Kenne dich ſelbſt!“ war eine Lehre, welche zu befolgen der weiſe Mac Grawler ſich bemüht batte; und das Ergebniß ſeiner Folgſamkeit war, daß er ſich ſelbſt mehr kannte als er ſich zutraute. Wie er auch Andern erſcheinen mochte: er ſelbſt hatte in Wahrheit kein eitles Vertrauen zu der Unfehlbarkeit ſeiner Talente und Hülfsquellen, eben ſo gut könnte ein Fleiſcher ſich von dem häufigen 169 Abſchneiden von Hammeksfüßen her für einen voll⸗ endeten Anatomen halten, als der Critiker des Aſinäums, ſeiner Seele mit dem ſüßduftenden Wahne ſchmeicheln: er ſey in der That ein Meiſter in der Kunſt der Critik, oder auch nur mit einem ihrer gemeinſten Grundſätze vertraut, weil er mit der größten Eile jedes Buch aufſchneiden und zer⸗ ſtückeln konnte— vom kleinſten bis zum größten, vom oberflächlichſten bis zum tiefſiunigſten, und ſo hatte er nie der Aufrichtigkeit ſo ermangelt, daß er ſich ſelbſt über ſeine Talente getäuſcht hätte. Paul hatte alſo nicht ſobald ſeinen Wunſch geäuſſert, als ein unbeſtimmtes aber goldnes Bild von künft⸗ gem Gewinn das Gehirn Mac Grawlers erleuchtete; mit Einem Wort, er beſchloß: Paul ſolle von nun an das Geſchäft ſeiner Critik theilen; und Er, Mac Grawler den ganzen Gewinn einziehen, zum Erſatz für die Ehre, die er dabei ſeinem Gehülſen zufließen ließ. Herr Mac Grawler ſah alſo unſern Helden mit wohlwollender Miene an und fuhr alſo fort: „Ja,“ ich wiederhole es,„große Dinge ſind aus kleinem Anfang hervorgegangen, Rom wurde nicht in Einem Tage erbaut, und ich, Paul, ich war anch nicht von Anfang an Herausgeber des Aſinäum. Ihr bemerkt weislich: Gritik iſt eine große Wiſſenſchaft, eine ſehr große Wiſfenſchaft— man kann ſie in drei Zweige theilen: das Kitzeln, das Zwiebeln und das Pflaſtern. In allen dreien glaube 110 ich, ohne Ruhmredigkeit, ein tiefer Adept zu ſeyn. Ich will Euch in alle einweihen. Eure Arbeit ſoll gleich dieſen Abend anfangen. Ich habe da drei Werke auf meinem Tiſch; die ſollen bis Morgen Abend abgefertigt ſeyn, ich will das ſchwierigſte auf mich nehmen und Euch die andern überlaſſen. Dieſe drei Werke ſind: Ein Roman, ein epiſches Ge⸗ dicht in zwölf Büchern und eine Unterſuchung über die menſchliche Seele in drei Bänden; ich, Paul, will den Roman kitzeln; Ihr ſollt dieſen Abend noch dos Epos verpflaſtern und die Unterſnchung zwiebeln.“ „O Himmel, Herr Mac Grawler!“ rief Paul in Beſtürzung aus;„was denkt ihr von mir? Ich wäre nie im Stande, ein Epos in zwölf Büchern zu leſen und bei dem erſten Blatt der Unterſuchung würde ich einſchlafen. Nein, nein, laßt mir den Roman und nehmt Ihr euch der zwei andern Bücher an!“ Obgleich große Geiſter immer wohlwollend ſind, konnte doch Herr Mac Grawler bei der Einfalt ſeines Zöglings ein Lächeln voll unausſprechlicher Verachtung nicht unterdrücken. „Wißt, junger Herr!“ ſagte er feierlich,„der fragliche Roman muß gekitzelt werden; es iſt roheu Anfängern nicht gegeben, gleich dieß große Myſte⸗ rium unſrer Wiſſenſchaft ſich anzueignen.“ „Ehe wir weiter gehen, erklärt doch die Kunſt⸗ worte!“ ſagte Paul ungeduldig., ul rn ng er id, alt er der e ſte⸗ 111 „Hört denn!“ hob Mac Grawler an, und während er redete, warf die Kerze einen ehrwürdi⸗ gen Schimmer auf ſein Antlitz.„Zwiebeln, das heißt, um mit der Grammatik zu ſprechen, den Ae⸗ euſativ oder anklagenden Caſus anwenden; da müßt Ibr euer Buch rechts und links, von hinten und von vornen, mit Stiel und Stumpf zuſammen⸗ hauen. Ein Buch pflaſtern heißt, den Dativ oder gebenden Caſus anwenden, und dann müßt Ihr auf ein Werk alle Superlative der Sprache zuſammen⸗ häufen, Euer Lob dick und dünn auftragen, und dürft keine Ritze unverkleiſtert laſſen. Aber kitzeln, Sir, iſt ein Inhaltſchweres Wort; es begreift alle die unendlichen Abſtufungen, welche zwiſchen dem Zwiebeln und Pflaſtern mitten inne liegen, dieß iſt die Krone der Kunſt und Ihr könnt nur durch Uebung dahin gelangen; einige wenige Beiſpiele werden hinreichen, Euch einen Begriff von den Feinheiten dieſer Art zu geben. Wir wollen mit dem ermutdigenden Kitzeln anfangen.„Obaleich dieß Werk voll von Fehlern iſt, obgleich die Charaktere unnatürlich ſind, die Verwicklung gänzlich unwahr⸗ ſcheinlich erfunden, die Gedanken abgedroſchen, und der Styl ungrammatikaliſch, möchten wir doch keines⸗ wegs den Verfaſſer von Verfolgung ſeiner Bahn abſchrecken; und inzwiſchen empfehlen wir das Werk zuverſichtlich der Aufmerkſamkeit des leſenden Pu⸗ blikum.“ Jetzt ein Beiſpiel vom rathertheilenden Kitzeln. „Dieſe kleinen Bändchen haben viel Verdienſt⸗ volles, obgleich wir die oſſenbare Eilfertigkeit, wo⸗ mit ſie geſchrieben ſind, bedauern müſſen. Der Ver⸗ faſſer könnte Beſſeres leiſten; wir empfehlen ihm das Studium der beſſern Schriftſteller, und dann macht Ihr den Schluß mit einem lateiniſchen Citat, das ihr von einem Motto im Spectator entlehnt.“ „Jetzt, junger Herr, auch ein Beiſpiel des bild⸗ lichen Kitzelns.“ „Wir erfuchen dieſen auſſtrebenden Poeten, an das Schickſal des Pyrenäus zu denken, wel⸗ cher den Muſen folgen wollte, aber veraaß, daß er nicht die Flügel der Göttinnen hatte, und indem er ſich von dem höchſten Gipfel⸗ den er erreichen konnte, herabſtürzte, elend zu Grunde ging.“ Dieß, Paul, iſt, wie Ihr ſeht, eine erhabenere und gelehrtere Art des Kitzelns und kann für die Männer vom Quarterley Review auf⸗ geſpart werden. Werft dergleichen nie unnöthiger⸗ weiſe weg!“ Nun eine Probe des witzigen Kitzelns. „Herr—— hat einen anſehnlichen Namen er⸗ rungen! Einige hübſche Damen halten ihn für einen Filoſofen und er iſt vor unſern Ohren von einigen Cambridger Genoſſen wegen feiner Kennt⸗ niß des faſhionabeln Lebens gerühmt worden.“ „Zu dieſer Art von Kitzeln gebrauchen wir ge⸗ wöhnlich die einfältigſten unſrer Zunft, und ich hahe vorſtehendes Beiſpiel aus den Critiken eines — 6 4¹13 ausgezeichneten Mitglieds des Aſinäums entnommen, den wir vorzugsweiſe den Eſel nennen. Es giebt noch verſchiedne andre Arten des Ki⸗ tzelns; das vertrauliche, das gemeine, das höfliche, das gutmüthige, das bittere, aber im Allgemeinen wird angenommen, daß alles Kitzeln, wie verſteckt es auch iſt, die eine der beiden Anſichten andeuten ſoll: dieß Buch wäre auſſerordentlich gut, wenn es nicht auſſerordentlich ſchlecht wäre; oder: dieß Buch wäre ausnehmend ſchlecht, wenn es nicht ausnehmend gut wäre. Habt Ihr jetzt, Paul, im Allgemeinen eine Vor⸗ ſtellung von der überlegenen Kunſt, welche beim Kitzeln erforderlich iſt?“ Unſer Held drückte ſeine Zuſtimmung durch eine Art von hyſteriſchem Ton aus, der zwiſchen Lachen und Stöhnen die Mitte hielt. Mac Grawler fuhr fort:„Es iſt noch eine große Schwierigkeit, welche dieſer Art von Critik eigenthümlich iſt— es iſt durchaus nothwendig, einige Blätter des Werkes zu leſen, weil wir ſelten kitzeln, ohne Auszüge zu geben; und es erfordert einiges Urtheil, um den Text in Uebereinſtimmung mit dem Auszug zu bringen; aber ſelten iſt beim Zwiebeln und Pflaſtern das Ausziehen nöthig; beim Zwiebeln⸗iſt es beſſer, im Allgemeinen etwa ſo zu ſchließen: „Nach dem was wir geſagt, brauchen wir nicht erſt beizuſetzen, daß wir den Geſchmack der Leſer durch keine Anführung aus dem heilloſen Plunder Bulwer's Romane X X1V. 8 114 beleidigen können.“ Und beim Pflaſtern könnt Ihr mit der Redensart Euch durchhalftern:„Wir be⸗ dauern, daß die uns geſteckten Grenzen uns nicht geſtatten, Auszüge aus dieſem wundervollen, unüber⸗ trefflichen Werk zu geben. Wir müſſen unſre Leſer auf das Buch ſelbſt verweiſen.“ Und nun, Sir, denk' ich, bab' ich Euch einen hinreichenden Grundriß von der edlen Wiſſenſchaft Skaligers und Mac Grawlers gegeben. Ohne Zweifel habt Ihr Euch jetzt mit dem Euch zugetheil⸗ ten Geſchäft ausgeſöhnt, und während ich den Ro⸗ man kitzle, könnt Ihr die Unterſuchung zwiebeln und das Epos pflaſtern.“ „Ich werde mein Beſtes thun, Sir!“ ſagte Paul mit der beſcheidnen und doch edein Einfalt, welche dem tugendhaften Ehrgeitz ziemt; und ſofort gab ihm Mac Grawler Federn und Papier und ließ ihn au ſein Geſchäft ſich hinſetzen. Er hatte das Glück ſich den Beifall Mac Graw⸗ lers zu erwerben, der, nachdem er einige Verbeſſe⸗ rungen im Styl angebracht, erklärte: er zeige ausgezeichnetes Talent für dieſen Zweig der Schrift⸗ ſtellerei.„Und jetzt,“ ſagte Paul, aufgeblaſen durch dieß Lob, ſeinem Lehrer verächtlich ins Angeſicht blickend und die Beine hin und her ſchwenkend: „Und wie Viel, Sir, werde ich für das gepflaſterte Epos und die gezwiebelte Unterſuchung bekommen?“ Wie das Angeſicht des Schulknaben, der, wenn er nach ſeiner Meinung den Sinn eines geheimnißvol⸗ W len Wortes im Cornelius Nepos richtig errathen und nun nicht die ſüße Aufmunterung des Lobes erhält, ſondern einen plötzlichen Streich über Kvpf eder Schultern— eben ſo verwirrt, verblüfft und vom Donner gerührt wurde das Angeſicht des Herrn Mac Grawler, bei der plötzlichen, in Staunen ſet⸗ zenden Kühnheit Pauls. „Bekommen!“ wiederholte er,„bekommen! Ha Ihr unverſchämter, undankbarer Schlingel! Wollt Ihr eurem alten Lehrer das Brod ſtehlen? Wenn ich für Eure ungeſchlachten Artikel die Aufnahme in die glanzvollen Spalten des Aſinäums erlangen kann, werdet Ihr euch durch diefe Ehre, Sir, nicht hinlänglich belohnt glauben? Darauf antwortet mir. Ein Anderer als ich, junger Herr, würde Euch für ſeine Anleitung eine Erkenntlichkeit ange⸗ ſetzt haben; und nun hab' ich Euch in Einer Stunde alle Geheimniſſe der Wiſſenſchaft und das umſonſt mitgetheilt: Und Ihr ſprecht mir von Bekom⸗ men, bekommen! Junger Herr, um mit den Worten des unſterblichen Sängers zu reden: Ich wollte eben ſo gern Euch von Rattengift ſprechen hören.“ »Kurz und gut, denn, Herr Mac Grawler, ich ſoll für meine Mühe nichts haben?“ ſagte Paul. „Gewiß nicht, Sir; der beſte Schriftſteller im Aſinäum bekommt nur drei Schillinge für den Ar⸗ tikel!“ Beinah mehr als er verdient, hätte der 8* 116 Crititer hinzuſetzen können, denn derjenige, der für Niemand ſchreibt, ſollte gar Nichts bekommen. „Nun dann, Sir,“ fuhr der lohnſüchtige Paul roh heraus, ſtand auf und ſchleuderte mit Einem Fußtritt Katze, Epos und Unterſuchung an das andere Ende des Zimmers,„dann Sir, mögt Ihr alle zum Teufel gehen!“ Wir ſuchen, gütiger Leſer, dieſen haſtigen Fluch nicht zu entſchuldigen; die Angewöhnungen der Kindheit brechen zuweilen trotz den ſpätern wohl⸗ thätigen Wirkungen der Erziehung hervor. Und wir ſtellen Dir auch Panl nicht als ein Muſter der Tugend und Weisheit zur Nachahmung auf, wie Du nach unſrer Abſicht ein ſolches in Mac Grawler finden ſollſt. Als dieſer große Critiker ſah, daß Paul aufge⸗ ſtanden war und ſich in heftigem Groll gegen die Thüre zurückzog, ſtand auch er auf und wiederholte Pauls letzte Worte:„mögt. Ihr zum Teufel gehen! nicht ſo raſch, junger Herr, Eile mit Weile! Alles zu rechter Zeit. Obgleich ich, über Eure unzeitige Forderung erſtaunt, ſagte, Ihr würdet nichts be⸗ kommen, ſo kann mich doch meine große Liebe zu Euch bewegen, etwas zu Euren Gunſten zu thun. Das Aſinäum gibt zwar nur 3 Schillinge für einen Artiket gewöhnlich; aber ich bin ſein Herausgeber und will mich bei den Eigenthümern für Euch verwen⸗ den. Ja, Ja! ich will ſehen was zu thun iſt. Bleibt noch ein wenig, mein Junge!“ e⸗ zu en er en⸗ ſt. 117 Paul, obwohl ſehr reitzbar, war doch leicht be⸗ gütigt; er ſetzte ſich wieder, ergriff Mac Grawlers Hand, und ſagte: „Vergebt mir meine Unart, theurer Sir!— aber um Euch klaren Wein einzuſchenken, ich bin eben jetzt weit heruntergekommen in der Welt und muß auf einem oder dem andern Wege Geld haben; kurz, ich muß entweder Taſchen fegen, oder fürs Aſinäum(und nicht umſonſt) ſchreiben.“ Und ohne weitere Einleitung erzählte Paul dem Critiker ſeine dermalige Lage; erklärte ſeinen⸗ Entſchluß nicht in den Krug zurückkehren zu wollen und be⸗ gehrte von der Freundſchaft ſeines alten Lehrers wenigſtens das Zugeſtändniß eines Nachtlagers. Mac Grawler wurde bei der Mittheilung einer ſo übellautenden Schilderung von ſeines Zöglings Finanzen und Ausſicht über die Maoßen beſtürzt; denn er hatte es heimlich darauf abgeſehen, ſich die⸗ ſen Abend mit einer Bowle Punſch etwas zu Gute zu thun, und Paul hätte, ſeinem Plane gemäß, da⸗ für bezahlen ſollen; da er aber den aufgeweckten Geiſt des jungen Menſchen kannte, ſo wie die große Zärtlichkeit, welche Mrs Lobkins für ihn hegte, welche aller Wahrſcheinlichkeit nach am folgenden Tag ſeine Rückkehr verlangen würde, ſo hielt er es für wohl möglich, daß Paul daſſelbe gute Glück ha⸗ ben werde, das über ſeiner ihm Geſellſchaft leiſten⸗ den Katze waltete; dieſe, war ſie gleich erſt vor einem Augenblick in die andre Ecke des Zimmers 118 geſchleudert worden, nahm jetzt ſchon wieder, unbe⸗ ſchädigt und eben ſo luſtig wie früher, ihre vorige Beſchäftigung auf. Er hielt es alſo für unklug, ſei— nen weiland Zögling trotz ſeiner jetzigen Armuth ab⸗ zuweiſen, und zudem, wiewohl ſein erſter glücklicher Anſchlag, den ganzen durch Pauls Fleiß zu erzie⸗ lenden Gewinn in ſeine Taſche zu ſtecken, jetzt auf⸗ gegeben werden mußte, ſo ſah er doch noch große Möglichkeit, wenigſtens einen Theil jener Quelle auf ſein Land zu leiten. Er antwortete daher Paul mit vieler Wärme: er nehme an ſeiner gegenwärti⸗ gen betrübten Lage inuigen Antheil; was ihn be⸗ treffe, ſo würde er gern ſeinen letzten Schilling mit ſeinem geliebten Zögling theilen, aber zu ſeinem Bedauern habe er nur 11 ½ Pfennig in der Taſche; er wolle ſich jedoch die größte Mühe geben, um Pauls literariſchem Genius ein Feld zu eröffnen, und wenn Paul den Theil des Zwiebelns und Pflaſterns von ſeinem Geſchäft übernehmen wolle, ſo ſey er bereit, ihm dieß abzutreten und ihm den ganzen Gewinn, wie er uun ausfalle, zu überlaſſen. Inzwiſchen bedauerte er, daß ein heftiger Rheuma⸗ tismus ihm verwehre, ſein eignes Bett ſeinem Zög⸗ ling einzuräumen; aber er könne mit allem erſinn⸗ lichen Wohlbehagen auf der Pritſche am Kamin ſchlafen. Paul war über die Güte des würdigen Mannes ſo gerührt, daß er, obgleich ſonſt eben nicht von hinſchmelzender Gemüthsart, Thränen der Dank⸗ barkeit vergoß; darauf beſtand ev jedoch, nicht die 1¹9 ganze Belohnung für ſeine Arbeiten anzunehmen, und zuletzt wurde, trotz des edlen Sträubens von Seiten Herrn Mac Grawlers, feſtgeſetzt, ſie ſolle zwiſchen dem Critiker und des Critikers Zögling gleich getheilt werden, da die Hälfte des Geminns billigerweiſe Herrn Mac Grawler für ſeinen Unter— richt und ſeine Empfehlung zuerkannt wurde. S Schlimme Begebniſſe thun ſich aus guten Abſichten hervor.. 6 Bartholomäus Markt. Es ſtand nicht lange an, ſo hatten ſich die Blätter des Aſinäums auffallend und ſichtbar ge⸗ boben; der zwiebelnde Theil dieſes unvergleichlichen Sournals war auf einmalmit einer Lebendigkeit und eitem Geiſt gehandhabt und durchgeführt, wodurch di wenigen Eingeweihten, welche ihm das Daſehn friteten, ganz in Erſtaunen geſetzt wurden. Es wa leicht zu merken, daß ein neuer Kämpfer für den Dienſt ſich hatte anwerben laſſen; es war in dem Schimpfen etwas ſo Friſches und Herzhaftes, daß s nicht aus der abgenutzten, herben Feder eines alten Zwieblers kommen konnte. Zwar ein wenig Unwiſenheit in bekannten Dingen, und eine neuer⸗ ungsſüchtige Art und Weiſe, Worte in einem Sinne zu gebrauchen, den ſie nie ausdrückten, ließen ſich bisweilen in den Critiken des neuen Achilles auffinden; es war jedoch natürlich dieſe Eigenthümlich⸗ xeit einer originellen Anſchauungsweiſe zuzuſchreiben und das Steigen der Zeitung, in Folge des Erſchei⸗ nens einer Reihe von Artikeln über jetzt lebende Schriftſteller, von dieſer ausgezei chneten Hand geſchrieben, war ſo auffallend, daß 50 Abbrücke— ein ganz unerhörter Fall in den Annalen des Aſi⸗ näum,— in Einer Woche weg verkauft wurden; wirklich erklärte, eingedenk des Grundſatzes, worauf es gegründet war, ein handfeſter alter Schriftſteller, das Journal werde bald ſich auf eigene Füſſe ſtellen und populär werden. Es war etwas ganz Beſondres und Auffallendes mit dem jungen literariſchen KFämpfer, der ſich Nobilitas unterzeichnete. Er ge⸗ brauchte nicht allein alte Worte in einem neuen Sinn, ſondern er gebrauchte auch Worte, deren man ſich ſonſt auf dem ſchriftſtelleriſchen Gebiet ni— vedient hatte. Dieß war beſonders auffallend, wenn den Autoren Unnamen beigelegt wurden. Einmc, wo ein beliebter Schriftſteller getadelt wurde, wil er das Publikum vergnüge und ſich dadurch bereichere, ſchloß die ausgezeichnete Hand folgen der⸗ maßen: Wer aufß ſolche ſchleichende Weiſe Klepprr*) aufhäuft, iſt in der That nicht beſſer als ein Biſch⸗ klepper. — *) Geld. — Dieſe räthſelhaften Worte und geheimnißvollen Ausdrücke verbreiteten über den Styl des neuen Critikers den Schimmer großer Gelehrſamkeit, und bei der unverſtändlichen Erhabenheit ſeiner Schreib— art ſchien es zweifelhaft, ob er ein Dichter von Highgate oder ein Filoſof von Könissberg ſey. Auf jeden Fall behielt der Recenſent ſein Inkognito bei und während ſein Lob an nicht weniger als drei Theetiſchen auspoſaunt wurde, ſchien ihm ſelbſt der ⸗ Ruhm minder reitzend und ſüß als die Verheimli⸗ chung. f In dieſem Jukognito, mein Leſer, haſt du bereits Paul erkannt; und nun ſoll dich ein Beweis von 7 1 der unerreichbaren Tugend des trefflichen Mac 8 Brawler ergötzen. Dieſer würdige Mentor hatte 1 wahrgenommen, daß unſer Held von einem tief wurzelnden Hang zur Zerſtreunung und unordentlichem n Leben behaftet war; großmüthig entſchloß er ſich, n lieber ſich ſelbſt mit der Sünde des Verraths und des unredlichen Erwerbs zu beſchweren, als zu⸗ 1 zugeben, daß ſein Freund und ehemaliger Zögling in ein verſchwenderiſches, liederliches Leben ſich ſtürze⸗ Demnach der mit Paul getroffenen Verabredung zu⸗ wider, theilte er dem Jüngling, ſtatt ihm die Hälfte des Ertrags ſeiner glänzenden Studien zu geben, nur ein Viertel zu, und mit den zärtlichſten ⸗ Sorgen für Pauls Heil verwendete er die übrigen drei Theile für ſeine Bedürfniſſe. Ach! die beſten Handlungen werden in der Welt oft ſchlimm aus⸗ —— — N— * 423 gelegt und wir ſind eben im Begriff, eines auſ⸗ fallenden Beweiſes dieſer traurigen Wahrheit zu erwähnen. Eines Abends hatte Mac Grawler ſeine Tugend angefenchtet, in derſelben Weiſe wie man es dem großen Cato nachrühmt; in der Verwirrung, welche eine ſolche Operation bisweilen in den beſtgeordneten Köpfen anrichtet, gab er Paul ein Papier, das er für den Entwurf zu einem gewiſſen Aufſatz hielt, welcher nach ſeiner Abſicht im Zwiebelſtyl ſollte ausgeführt werden, das aber in der That ein Briefchen vom Herausgeber einer Monatſchrift war und alſo lautete: Sir! Da ich erfahre, daß mein Freund, Herr— —, Eigenthümer des Aſinäum, den ausgezeichneten Schriftſteller, den Sie in die literariſche Welt ein⸗ geführt und der ſich Nobilitas unterſch reibt, nur mit fünf Schillingen für den Artikel belohnt, ſo laſſe ich ihm durch Sie das doppelte dieſer Summe an⸗ bieten; die verlangten Artikel müſſen die gewöhn⸗ liche Länge haben. Ich bin, Sir u. ſ. w. Nun hatte zwar allerdings am Morgen ſchon Mac Grawler Paul von dieſem Anerbieten in Kennt⸗ niß geſetzt, hatte aber nur, aus den wohlwollenden Beweggründen, die wir ſchon erläutert, die Summe von zehn Schillingen auf vier ermäßigt; und nicht ſobald hatte Paul die obenſtehende Mittheilung ge⸗ leſen, als er ſtatt Dankbarkeit gegen Mac Grawler für ſeine Berückſichtigung von Pauls moraliſcher Schwäche zu empfinden, gegen dieſen Ehrenmann den bitterſten Groll faßte. Er machte jedoch ſeinen Ge⸗ fühlen gegen den Schotten nicht auf Einmal Luft; in der That würde es im jetzigen Augenblick, da der Weiſe ju tiefem Schlummer unter dem Tiſche lag, ganz zwecklos geweſen ſeyn, hätte er in ſeiner Ent⸗ rüſtung die Zügel ſchieſſen laſſen. Aber er beſchloß, ohne Zeitverluſt den Wohnſitz des Critikers zu ver⸗ laſſen.„Und wirklich,“ ſagte er im Selbſtgeſpräch, „ich bin dieſes Lebens herzlich ſatt, und will ſehr froh ſeyn, wenn ich ein andres Unterkommen finde. Zum Glück habe ich 5 Guineen 4 Schillinge aufge⸗ ſteckt und mit dieſem unabhängigen Vermögen im Beſitz, kann ich, da ich das Spiel verſchworen habe, nicht leicht Hungers ſterben.“ Dieſem Selbſtge⸗ ſpräch folgte eine menſchenfeindliche Träumerei über die Treuloſigkeit der Freunde, und die Betrachtung ſchloß ſich damit, daß Paul ein kleines Bündel von Kleidern und dergleichen Sachen ſchnürte, welche Dummie glücklich aus dem Kruge weggeſchleppt und Paul an einem Morgen, wo Dummie ausgegangen war, im Hauſe des Lumpenhändlers geholt hatte. Als dieſes leichte Geſchäft beendigt war, ſchrieb Paul einen kurzen vorwurfsvollen Brief an ſeinen glanzvollen Lehrer und ließ ihn ungeſiegelt auf dem Tiſch liegen. Dann goß er die Tintenflaſche über den ſanft ſchlummernden Herrn Mae Grawler aus, 124 machte ſich aus, dem Hauſe fort und lief— er wußte ſelbſt gicht wohin. Der Abend dämmerte allmälig herein, als Paul⸗ kauend an ſeinen bittern Gedauken, ſich auf der Londoner-Brücke befand. Er blieb ſtehen, beugte ſich über das Geländer, und ſah gedankenvoll in die düſtern Waſſer, die dahin rauſchten und ſich keine Elritze um die vielen reitzenden jungen Frauenzim⸗ mer kümmerten, welche geeignet fanden, ſich in dieſe fühlloſen Wellen zu ſtürzen und dadurch eine gute Hausfrau eines trefflichen Dienſtmädchens, oder einer unſchätzbaren Köchin und manchen verrätheriſch en Faon ſolcher Briefe beraubten, die anfangen: Dreu⸗ loſer Beſewicht! und ſchließen: Eure zerrtliche aber tief bettrübte Molly. Während er ſolchen Gedanken nachhing, ſah er ſich plößzlich von einem Herrn in Stiefeln und Spo⸗ ren angeredet; in einer Hand hatte dieſer eine Reit⸗ peitſche und die andre hatte er in die Taſche ſeiner Unausſprechbaren geſteckt. Der Hut des Modeherrn war mit anmuthiger Nachläſſigkeit auf⸗ geſetzt, und zwar ſo, daß er ſo wenig als möglich, die Fülle ſchwarzer reicher Locken in Unordnung brachte, die, von Salben duftend, nicht allein zu beiden Seiten des Angeſichts, ſondern auch über den Hals und die Schultern herabfielen. Das Ge⸗ ſicht war finſter und ſtark ausgeprägt, aber ſchön und auffalle ud. In ſeinem Ausdruck lag eine Miſch⸗ ung von Härte und von Trödelſtaat,— es hielt die ) 125 Mitte zwiſchen Mad ame Veſtris und T. P. Cooke oder zwiſchen: liebliche Sar ah und tapfrer Hauptmann des Halifax. Der Wuchs dieſes Mannes war auffallend groß und ſeine Geſtalt war ſtämmig, muskulös und gedrungen. Zum Schluß, um ſein Bild zu vollenden und unſern jezt lebenden Leſern eine genaue Anſchauung von dem Helden der Vergangenheit zu geben, wollen wir noch hinzuſetzen, daß er ganz ein Gentleman von dem Schlage war, wie man ſie in der Arkade von Burlington, Haar und Hut auf Einer Seite und einen militäriſchen Mantel über die Schultern geworfen, einherſtolzi⸗ ren, oder gegen Abend in Regent⸗Street mit Backen⸗ bart und Eigarren umherſtreifen ſieht. Die Hand auf die Schulter unſres Helden ge⸗ legt, begann dieſer Gentleman mit affektirter Be⸗ tonung der Stimme: „Was treibſt Du, mein guter Geſell? Es iſt lang her, daß ich Euch ſah; Gott ſtraf mich, aber Du kommſt ſchlechter daher! Was haſt Du denn bisher angefangen?“ „Ha!“ rief unſer Held, den Gruß des Fremden erwiedernd,„und iſt es der lange Ned, den ich ſehe? Ich bin wahrhaftig erfreut, Euch zu trefſen, und ich muß ſagen, mein Freund, ich hoffe, was ich von Euch hörte, iſt nicht wahr.“ „Pſcht!“ ſagte der lange Ned, indem er ſich ängſtlich umſah und die Stimme ſinken ließ,„ſprecht nie von dem, was Ihr von Gentlemen hört, es 426 wäre denn, Ihr wünſchet ſie auf die letzte Rede vor dem Sterben und zur Beichte zu bringen. Aber kommt mit mir, Freundchen, es iſt eine Schenke gleich in der Nähe, und wir können uns bei einem Schoppen Wein eben ſo gut beſprechen. Ihr ſeht zwar verflucht ſchofel aus, aber ich kann Bill dem Kellner— ein ſuperber Kerl der Bill— ſagen, Ihr ſeyd einer meiner Pächter, den mein Verwalter ſo eben wegen rückſtändiger Zinſe habe auspfänden laſſen, und der komme ſich über ihn zu beklagen; kein Wunder, daß der Hund ſo zerlumpt aufziehe! Komm, geh hinter mir drein, ich kann nicht neben Dir gehen. Es würde ſich ausnehmen, wie wenn Northumberland-Houſe und die Fleiſcherbude mit einander einen Spatziergang machten.“ „In der That, Herr Pepper,“ ſagte unſer Held erröthend und von der ſinnreichen Vergleichung ſei⸗ nes Freundes im Mindeſten nicht erbaut,„wenn Ihr Euch meines Aufzugs ſchämt, der, ich geſteh es, neuer ſeyn könnte, ſo will ich Euch nicht be⸗ ſchwerlich fallen mit——“ „Pah, Junge, Pah,“ rief der lange Ned ihn unterbrechend,„nehmt's nicht übel. Ich thu's auch nicht. Ich nehme überhaupt nichts als Geld, und freilich ja, auch Uhren. Ich wollte Eurem Herzen nicht wehe thun— wir alle ſind einmal arm ge⸗ weſen. Meiner Seel', ich erinnre mich noch, daß ich keinen geſunden Fetzen auf dem Leib hatte, und jetzt,— ſieh mich an, Paul! ſieh mich an! Aber kommt— nur durch die Straßen müßt Ihr von mir getrennt gehen. Haltet Euch ein wenig hinter mir— ganz wenig, ſo iſt es ſchon gut. Ja, ſo iſt's ſchon gut,“ wiederholte der lange Ned bei ſich ſelbſt murmelnd:„Man wird ihn für den Bailiff halten. Es ſieht heut zu Tage etwas gleich, wenn man ſo begleitet wird. Es zeigt, daß man einmal Credit hatte.“ Mittlerweile folgte Paul, obgleich keineswegs ufriedeu über die Verachtung, welche ſein langer Freund gegen ſeine perſönliche Erſcheinung geäußert und durchdrungen von einem lebhafteren Gefühl als je über die Verbrechen ſeines Rocks und die Laſter des andern Hauptſtücks ſeiner Kleidung— o neunt nicht den Namen!— ſehr verdrieß⸗ lich und mürriſch den ſtolzirenden Schritten des ſtutzerhaften Herrn Pepper. Dieſer Herr langte endlich in einer kleinen Schenke an, hielt einen Aufwärter, der durch den Gang in das Kaffeesim⸗ mer mit einer Schüſſel Hängefleiſch“) rannte, an, und verlangte,(ohne Zweifel aus ahnungsvoller Vor⸗ liebe für den ſchwebenden Zuſtand, in welchem es geweſen,) eine Schüſſel deſſelben trefflichen Fleiſches ſolle, nebſt einer Flaſche Porter in ein beſondres Zimmer gebracht werden. Sobald er ſich mit Paul allein ſah, brach Herr im Rauchfang aufgehangenes und geräuchertes iſch. —* Ned in ein lautes Gelächter aus, und betrachtete ſeinen Cameraden vom Kopf bis zum Fuß durch ein Augenglas, das er durch ein Stück blaues Band am Knopfloch befeſtigt trug. „Nun, Gott ſtraf mich jetzt,“ ſagte er, von Zeit zu Zeit inne haltend, wie um deſto herzhafter wieder zu lachen—„ſo wahr ich lebe, Ihr ſeht einem komiſchen Kauzen gleich; ich möchte nur hö⸗ ren, was die Weiber ſagen würden, wenn ſie den ſtattlichen Edward Pepper, Esquire, Arm in Arm mit Dir nach Ranelagh oder Vauxhall wandeln ſähen. Nein, Menſch, ſey nicht niedergeſchlagen! wenn ich über Dich lache, ſo geſchieht es nur um Dich ſelbſt ein wenig luſtiger zu machen. Wahrlich Du ſiehſt aus, wie ein Buch meines Großvaters, genannt: Burtons Zergliederung der Melancholie, und für⸗ wahr ein armſeligeres, treueres Bild davon ſah ich nie.“ „Dieſe Scherze ſind etwas hart,“ ſagte Paul, der zwiſchen Verdruß und dem Verſuch zu lächeln kämpfend ſchwankte; dann beſann er ſich jedoch auf ſeine letzten literariſchen Beſchäftigungen, auf die vielen Auszüge, die er aus der: Aehrenleſe aus der ſchönen Literatur, entlehnt batte, um ſeinen Criti⸗ ken Zierlichkeit zu verleihen; er ſtreckte die Hand theatraliſch aus und deklamirte mit feherlicher Miene: Es iſt gewiß für ein betrübtes Herz So quälend nichts, als üͤbermüthiger Scherz.“ —————,— ch ul, n uf die der iti⸗ ind her 1²9 „Nun gut, bitte, verzeih mir,“ ſagte der lange Ned, indemer ſeinen Zügen Ruhe gebot, und jetzt ſage mir, was haſt du in den letzten zwei Monaten getrieben 2“ „Gezwiebelt und gepflaſtert!“ antwortete Paul mit ſich fühlendem Stolze. 2 „Gezwiebelt und was! der Junge iſt närriſch— was meint Ihr Paul 2, Mit andern Worten,“ verſetzte unſer Held ſehr langſam ſprechend,„wißt, o ſehr langer Red, ich bin Eritiker beim Aſtnäum geweſen.“ Weun Pauls Genoſſe anfangs ſchon gelacht hatte ſo lachte er jetzt noch zehnmal luſtiger als je zuvvr. Er ſtrekte ſeine längen Glieder auf einem Sofa, das in der Nähe ſtand, aus, und krümmte ſich im buchſtäblichen Sinne in Krämpfen des Ge⸗ rächters; auch legte ſich ſeine Lachwuth nicht, bis die Ankunft des Hängefleiſches ihn wieder zur Be⸗ ſinnung brachte. Als er dann ſah, wie eine Wolke Pauls Miene verfinſterte, ging er mit einer Art Würde anf ihn zu, bat ihn wegen ſeines Mangels an Artigkeit um Verzeihung und forderte ihn auf, alle Unfreundlichkeit in einem Glas Porter zu er⸗ tränkeu. Paul, deſſen treffliche Gemüthsart wir ſchon früher zu rühmen Gelegenheit gehabt, war gegen ſeines Freundes Entſchuldigungen nicht taub. Er verſicherte den langen Ned, er verzeihe ihm ganz und gur, daß er ſich über die höhe Stellung in der literariſchen Welt, deren Paul ſich erfreut hatte, luſtig gemacht; es ſey die Pflicht eines öffentlichen Bulwer's Romane MXIV. 9 ¹³⁰ Tadlers und Richters, keinen Groll zu hegen und er werde mit großem Vergnügen an der Beſtattung des Hängefleiſches Theil nehmen. Unſer Paar ſetzte ſich nun zu ſeinem Male und Paul, der in dem Tempel der Athene, wo Mac Grawler den Vorſitz führte, nur ſchmale Biſſen gekoſtet hatte, ließ den Fleiſchgerichten, die vor ihm ſtanden, alle Gerechtigkeit widerfahren. Allmälig, wie er ſo aß und trank, ſchloß ſich ſein Herz gegen ſeinen Genoſſen auf; er ſetzte die aſinäiſche Würde, welche anzunehmen er anfänglich für ſeine Schuldig⸗ keit gehalten hatte, beiſeite und unterhielt Pepper mit all den einzelnen Umſtänden ſeiner jüngſten Lebensperiode. Er erzählte ihm ſeinen Bruch mit der Frau Lobkins, ſeine Uebereinkunft mit Mac Grawler; von dem Ruhm den er eingeerntet und den Unbillen die er erduldet; und er ſchloß, als jetzt die zweite Flaſche ihre Aufwartung machte, mit der Erklärung ſeines Wunſches: die ſitzende Laufbahn, die er ſo vielverſprechend angetreten, mit einer thätigeren Lebensweiſe zu vertauſchen. Dieſer letzte Theil von Pauls Bekenntniſſen er⸗ götzte insgeheim die Seele des langen Ned; denn dieſer erfahrene Einſammler auf den Landſtraßen (Ned trieb in der That kein niedrigeres Gewerbe) hatte längſt auf unſern Helden ein Ange geworfen als auf einen dem er zutraute, er würde dem wag⸗ halſigen Beruf, den er ausübte, Ehre machen, und ſür ihn ſelbſt ein nützlicher Beiſtand ſeyn. Während nd ng ind Nac ſen hm lig, gen rde, dig⸗ per ſten mit Mac und als chte, ende mit ner⸗ denn aßen erbe) orfen wag⸗ und hrend 131 ſeiner frühern Bekanntſchaft mit Paul, ſo lang der Jüngling unter dem Dach und der Obhut der welt⸗ kundigen und vorſichtigen Mrs. Lobkins lebte, hatte er es nicht klug befunden, das eigentliche Weſen ſeiner Handthierung ihm auseinander zu ſetzen, und er hatte ſich damit begnügt, allmälig das Gemüth und die Finanzen Pauls bis zu dem Punkt heran⸗ reifen zu laſſen, wo der Vorſchlag: einen Ausfall hinter dem Zaune vor zu machen, wahrſcheinlicherweiſe das Gemüth deſſen, dem er gemacht wurde, nicht allzuſehr empören würde. Jetzt glaubte er dieſen Zeitpunkt nahe und indem er unſrem Helden das Glas bis zum Rande füllte, redete er ihn argliſtig alſo an: „Muth, mein Freund! Eure Erzählung hat mir ein wahres Vergnügen gemacht, denn ich will ver⸗ flucht ſeyn, wenn ſie nicht meine Lieblings⸗Meinung, daß Alles zum Beſten führt, beſtärkt hat. Wäre nicht die Schurkerei dieſes erbärmlichen Tropfs, des Mac Grawler, geweſen, Ihr wäret vielleicht noch von dem armſeligen Ehrgeitz begeiſtert, ein paar magere Schillinge wöchentlich zu ernten und ein Schock arme Teufel in Eurem— weiß nicht wie's heißt, mit Läſterungen zu verunglimpfen, während jetzt ich, mein guter Paul, im Stande zu ſeyn hoffe, Eurem Genius eine Laufbahn zu eröffnen, wo dem, der darnach fragt, Guineen regnen— wo Ihr feine Kleider tragen und die Damen in Ranelagh beäugeln könnt; und wenn ihr des Ruhms und freien Lebens 9* 152 ſatt ſeyd, nun ſö habt Ihr nür vör einer Ertin oder einer Wiltwe mit ſtattlichem Witthum Euern⸗ Bückling zu machen, und wie ein Cintinnatus das Getüſümel der Menſchen zu verlaſſen“ Obgleich Pauls Urtheil in den abſtruſeren Zwei⸗ gen der Moral nicht das allerſchärfſte war— und damals hatte der Portwein die wenigen Begriffe, die er von der Schönheit der Tugend hätte, noch anſehnlich verwirrt— mußte er doch ſattſam ein⸗ ſehen, daß Herrn Peppers einladender Vorſchlag durchnus nicht von der Art war, daß die Bank der Biſchöſe oder eine Synode von Morsliſten ihn mit gutém Gewiſſen hätte billigen können; er verhielt ſich alſo ſchweigend und der lange Ned fuhr nach einer Pauſe fort:„Ihr kennt meinen Stammbaum, mein guter Kamerad? Mein Vater war der Ad⸗ vokat Pepper— ein ſchlauer) alter Kerl, aber ſo hitzig wie ein Kalkuttiſcher Hahn, und mein G bß⸗ vater der Todtengräber Pepper, ein großer Schrift⸗ fleller, der Verſe auf Grabſteine dichtete und ein Lager religiöſer Traktätchen in Carlisle hielt. Mein Großvater, der Todkengräber, hatte die ruhigſte Ge⸗ müthsart in der Familie; denn wir alle ſind ein wenig heißgrätig mit dem Mund. Nun, mein guter 3„ Cämtrad, mein Vaker hinterließ mir ſeinen Segen und dieſen verteufelt' guten Haarwuchs. Ich lebte einige Jahre von meinen eigenen Hülfsquellen, fand aber dieſe Lebensweiſe auſſerordentlich unbqnem und nenerlich eutſchloß ich mich, vom Publikum 135 zu leben. Mein Vater und Grysvater haben es vor mir ehen ſo gemacht, nur in einer andern Weiſe Es iſt vergnüglichſte Thun und Treiben von der Welt. Folgt meinem Beiſpiel und Euer Rock wird bald ſo ſchmuck ſeyn, wie der meinige. Eure Geſundheit!“ Aber, o Längſter der Sterblichen!“ ſagte Paul ſein Glas wieder auffüllend, wenn Euch das Pabli⸗ kum auch geſtattet, eine kurze Zeit Euern Hammels⸗ braten auf ſeinem Rücken zu verzehren, zuletzt wird und Euch und Ener Mahl ni⸗ es doch auffahren Junker Paul, „. ſtürzen; mit andern Worten— Cverzeiht meine bild⸗ liche Redeweiſe, theurer Ned in Erwägung der Rolle, die ich zuletzt beim Aſinäum, dieſem gröſten und bilderreichſten der Jonrnale ſpielte) mit andern Worten: die Polizei wird Dich zuletzt anslickern und Du wirſt das ausgezeichnete Schickſal deſſen haben, von dem Du ſchon ein charakteriſtiſches Merkwal an Dir trägſt— des Abſalom!“ „Ihr meint ich werde gehangen werden,“ ſagte der lange Ned. „Das kann ſeyn, aber auch nicht ſeyn; aber wer den Tod fürchtet, genießt das Leben nie. Bedenkt Paul, den, ein ſchlimmes Loos iſt doch Ve deßwegen füllt Euer Glas und laßt ſchlimmer iſt) daß wenn gleich gehängt wer⸗ erhungern noch uns Trinken aufs Wohlſeyn des großen Saumthiers, des Publikums, und mögen uns nie Sättel fehlen, es zu reiten!“ „Was das größe Saumthier betrifft,“ rief Panl, 1⁵⁴ indem er ſeinen Tummler hinunterſtürzte,„mögt Ihr eben ſo grau werden, wie es! Aber ich geſteh' Euch, mein Freund daß ich auf Eure Plane nicht einge⸗ hen kann. Und zum Beweis meiner Entſchloſſen⸗ heit: ich trinke nichts mehr, denn meine Augen fangen ſchon an in der Luft zu tanzen und wenn ich noch länger auf Eure unwiderſtehliche Bered⸗ ſamkeit horche, könnten meine Beine noch das gleiche Schickſal haben.“ Mit dieſen Worten ſtand Paul auf, und kein Zuſpruch von Seiten ſeines ihn bewirthenden Freun⸗ des konnte ihn bereden, ſeinen Sitz wieder einzu⸗ nehmen. „Nein, ganz wie Ihr wollt,“ ſagte Pepper, der jetzt einen gleichgültigen Ton annahm und ſeine Halsbinde vor dem Spiegel in Ordnung brachte. „Nein, ganz wie Ihr wollt. Ned Pepper zwingt keinen Menſchen gegen eigne Luſt und Neigung zu ſeiner Geſellſchaft und wen der edle Funke des Ehrgeitzes nicht in Eurer Bruſt glimmt, ſo ver⸗ ſchwende ich meinen Athem vergeblich, um etwas an⸗ zublaſen, was nur in einer ſchmeichelhaften Mei⸗ nung von Euern Eigenſchaften vorhanden war. So habt Ihr alſo im Sinn, zu Ma Grawler, dem räu⸗ digen alten Hund, zurückzukehren und den Reſt Eures Lebens ruhmlos mit dem Zerfetzen von Autbren und mit Todtſchlägen der Grammatik hinzubringen? Geht, mein guter Geſelle, geht und kritelt wieder und immerdar für Mac Grawler, und laß ihn zeh⸗ — — —„ zu res und n2 der eh⸗ 155 ren von Deinem Witz⸗ ſtatt Deinen Witz anzuwenden um——“ „Halt!“ rief Paul,„obgleich ich manche Be⸗ denklichkeiten habe, die mich abhalten, den hochſtre⸗ venden Lebensberuf, den Ihr mir vorgeſchlagen habt, anzunehmen, ſo ſeyd Ihr doch ſehr im Irrthum, wenn Ihr mich für ſo hirnlos haltet, daß ich mich wieder den Ränken des ſchuftigen Mac Grawler hingeben könnte. Nein! meine dermalige Abſicht iſt, meiner alten Pflegemutter einen Beſuch abzuſtatten. Es ſcheint mir nicht mit rechten Dingen zuzugehen, daß, da ich doch ſchon ſo manche Woche von ihr weg bin, ſie noch nicht ſo weit ihren Sinn erweicht haben ſoll, mich aufſpüren zu laſſen, was doch wohl keine ſo ſchwierige Sache geweſen wäre. Jetzt, wie Ihr ſeht, bin ich in den beſten Umſtänden, ich habe § Guineen 4 Schillinge, alles mein Eigenthum, und ſie kann nicht wohl meinen, ich brauche Geld von ihr; mein Herz drängt mich zu ihr hin und ich will hingehen und ſie wegen meiner Uebereilung um Ver⸗ zeihung bitten.“ „Ey, ey wie empfindſam!“ rief der lange Ned, ein wenig beunruhigt über den Gedanken, Paul xönnte ven Klauen, die ſich ihm, wie Ned meinte, ſo feſt angeklammert hatten, doch noch entwiſchen. „Wie! Ihr habt doch nicht im Sinn, nachdem Ihr die Freuden der Unabhängigkeit gekoſtet, wieder in das verſoffne Hundeloch umzukehren und all die Spektakel der berauſchten Mutter Lobkins mit an⸗ — 3 Doppelſinn von ein und ſeyn nachgebildet werden⸗ zuſehen? Beſſer, Ihr wäret dei Mac Grawler geblieben, im Fall dg Wahl!“ „Ihr verſteht mich nicht,“ ankwortete Paul,„ich will nur mit ihr mich auseinanderſetzen und jhre Erlaubniß einholen, die Welt zu ſehen. Mein letz⸗ ter, bleibender Entſchluß iſt; auf Reiſen zu gehen.“ Recht!“ rief Ned,„auf der Landſtraße u Zu vſe rd, hoff' ich.“ „Nein, mein Landſtraßen⸗Schlagbaum! Nein, ich bin im Zweifel, ob ich mich ſoll in ein auslän⸗ ſh Regiment anwerben laſſen, oder— darüber bitte ich mir Euern Rath— ich meine, ich hätte i Beruf zum Theater, ſeit ich einmal Garrick im Rii chard ſah. Soll ich ein wandernder Schauſpieler we rden? Es muß ein luſtiges Leben ſeyn.“ „OD, der Teufel auch!“ rief Ned.„Ich agirke ſe bſt einmal den Caſſio in einer Scheune, und Je⸗ dermann ſchwur, ich habe die Scene, wo der Rauſch vorkommt, meiſterhaft geſpielt; aber Ihr habt kei⸗ nen Begriff davvn, welch ein klägliches Leben es für einen Mann von Fähigkeit iſt. Nein, mein Freund! Es gibt nur Einen Vers in allen alten tegſickzn welcher Aufmerkſamkeit verdient; Sein oder nicht ſein— das iſt jetzt tie5 Frage*) das Uebrige weißich nicht mehr. 2) Das engliſche Wortſpier kaun nur ſchwach durch den n „ 137 „Gut!“ ſagte unſer Held, im gleichen ſcherzhafe ten Ton antwortend,„ich geſtebe, ich habe des Mimen hohen Ehrgeiz. Es iſt unbeſchreib⸗ lich, wie mir das Herz ſchlägt, als Richard ausrief: „Hei, Blechmuſtk!“*) Ja Pepper, brüſtet Euch nur! „Es ſchlagen tauſend Herzen mir im Buſen.“ „Nun, nun!“ ſagte der lauge Ned, ſich ſtreckend, „da Ihr auf das Theater ſo erpicht ſeyd, was ſagt Ihr zu einem Beſuche dort, dieſen Abend? Garrick tritt auf!“ „Es bleibt dabei,“ rief Paul. „Es bleibt dabei,“ wiederholte ſchläfrig der lange Ned mit dem anſtändig gedehnten Weſen, das den gereiften Mann von Welt vom ſchwärmeriſchen Neu⸗ ling unterſcheidet.„Es bleibt dabei; und nachher wollen wir ins weiße Roß gehen.“ „Aber haltet einen Augenblick,“ ſagte Paui, „wenn Ihr Euch noch erinnert, ich war Euch eine Guinee ſchuldig, als wir uns das letztemal ſahen— hier iſt ſie.“ „Thorheiten!“ rief der kange Ned aus und ſchob das Geld zurück,„Thorheiten! Ihr braucht jezt das Geld; zahlt mich, wen. Ihr einmal reicher ſeyd. Nein, ſeyd damit nicht ſpröde! Ehrenſchulden wer⸗ Es heißt im Text: Toby or not Tobyo zu deutſch: Räuber oder nicht Räuber; die Ausſprache iſt ungefähr mit 1o be. Blech ſoviel als Geld. Es mußte auch hier frei überſetzt werden. 2 den jezt nicht mehr bezahlt, wie früher Sitte war. Wir luſtigen Geſellen von Fiſhlane Elub haben alles dergleichen aufgegeben. Nun, nun, wenn ich muß.“ Und damit ſchob der lange Ned, als er Paul darauf beſtehen ſah, die Guinee in die Taſche. Als dieſe kitzliche Sache abgemacht war, ſagte Pepper: „Kommt, kommt, nehmt Euern Hut; aber bei Gott, ich hab etwas vergeſſen.“ „Was?“. „Nun, mein guter Paul, bedenkt, das Theater iſt ein Ort, wo es nach der höchſten Mode zugeht— vetrachtet Euern Rock und Eure Weſte, mehr ſag ich nicht!“ Unſer Held war durch dieſes argumenkum ad pominem wie verſteinert. Aber der lange Ned, nachdem er ſich an ſeiner Verlegenheit geweidet, tröſtete ihn darüber, indem er ihm ſagte: er wiſſe einen ehrlichen Handelsmann, der einen Laden mit fertigen Kleidern ganz nabe beim Theater halte, und ihn in einem Nu herausputzen werde. Der lange Ned hielt auch pünktlich Wort; er führte Paul zu einem Schneider, der ihm für 30 Schilling, halb baar, halb auf Eredit, einen grünen Rock mit verblichenen goldenen Treſſen, ein paar rothe Unausſprechbare und eine Pfeffer— und Salz⸗ Weſte berabreichte— freilich waren dieſe Kleidungs⸗ ſtücke ziemlich groß und weit, denn ſie hatten früher keiner geringern Perſon gehört, als dem langen Ned ſelbſt; aber Paul ſah in jenem Augenblick auf ſolche S— i et, ſſe 159 äuſſerliche Kleinigkeiten nicht, was er erſt in der Folgezeit bei Gentleman George lernte,(eine Perſon, mit der wir ſpäter unſern Leſer bekannt machen werden) und er gieng in das Theater, ſo zufrieden mit ſich ſeibſ, als wäre er Herr T—— oder der Graf von M—— geweſen. Unſre Abenteurer ſaßen uun ganz gemächlich im Schauſpielhaus und wir halten es für überflüſſig, die Vorſtellung, welche ſie ſahen, oder die Beobach⸗ tungen, die ſie anſtellten, weitläufig zu beſchreiben. Der lange Red gehörte zu den vornehmern Land⸗ ſtraßen⸗Männern, die ſich um Alles in der Welt nicht herablaſſen würden, anderswo als in den Logen zu erſcheinen und demgemäß verſchafſten ſich unſre Freunde zwei Pläte auf der Gallerie. In der nächſten Loge, neben der, welche unſre Abenteurer zierten, fiel ihnen vor den übrigen Zuſchauern ein Gentleman und ein junges Frauenzimmer auf, die neben einander ſaßen; letztere, etwa dreizehn Jahre alt, war ſo auſſerordent⸗ lich ſchön, daß Paul, trotz ſeiner theatraliſchen Be⸗ geiſterung, ſein Auge kaum von ihrem Angeſicht weg auf die Bühne wenden konnte. Ihr Haar von glänzendem ſchönem Kaſtanienbraun, fiel in reichen Locken über ihren Hals und warf einen ſanftern Schatten auf eine Haut, in weicher gleichſam die Roſen eben in Knoſpen aufzuguellen ſchienen. Ihre großen blauen und mehr ſchmachtenden als glänzen⸗ den Augen waren von den dunkelſten Wimpern um⸗ geben. Ihr Mund ſchien im buchſtäblichen Sinne . —— von Lächeln eingefaßt, ſo zahlreich waren die Grüb⸗ chen, welche, ſo oft die vollen, ſchwellenden, feuchten Lippen ſich theilten, ſichtbar wurden, und der Zau⸗ ber dieſer Grübchen wurde unterſtüzt durch zwei Reihen von Zähnen glänzender als die reichſten Per⸗ len, die je eine Braut umkeuchteten. Aber der Hauptreiz dieſes Angeſichts war der ausnehmende, rührende Ausdruck von Unſchuld und mädchenhafter Sanftheit; man hätte können ewig dieſe erſte unaus⸗ ſprechlich holde Blüthe anſehen, dieſen unberührten, fleckenloſen Duft, den jeder Hauch ſchon zerſtören zu können ſchien. Vielleicht kounte man an dieſem Ge⸗ ficht ausſetzen, daß es nicht belebt genugſey; aber piel⸗ leicht verlieh ihm eben dieſer Mangel eine neue Anzie⸗ hungskraft; die Ruhe der Züge war ſo ſanft und edel, daß das Auge mit demſelben Entzücken ſich hier ergieng und mit demſelben Widerſtreben ſich davon trenute, wie es empfindet, wenn es auf ſolchen Farben verweilt und ſie dann verläßt, welche im angenehm⸗ ſten Einklang mit ſeinen innern Organen ſtehen. Aber während Paul ſeine Augen an dieſer jungen Schönheit weidete, hatten die kühneren Blicke des langen Ned ein uicht minder verführeriſches Ziel in einer großen goldnen Uhr gefunden, welche der Herr, der das Mädchen begleitete, hin und wieder dem Auge darbot, als würde er nachgerade ein wenig verdroſſen über die Länge der Stücke oder den Schneckengang der Zeit. „Welch eine blendende Schönzeit!“ flüſterte Paul. ——————„ — üb⸗ ten ur e⸗ el⸗ je⸗ 141 „Blendend? iſt denn auch das Zifferblatt, wie der Deckel, von Gold? 2“ flüſterte der lange Ned zurück. Unſer Held gafſte ihn an, runzelte die Stirne und erklärte ſeinem Begleiter, trotz ſeiner gigantiſchen Geſtalt: er ſolle ſich einen andern Gegenſtand für ſeine Scherze ſuchen. Ned gaffte ihn auch wieder an, gab äber keine Antwort. 3 Nachgerade wurde Paul, obgleich das zimmer wohl noch zu jung war, um ſich in ſie zu verlieben, tte in welchem Verhältniß ihr Be⸗ gleiter zu ihr ſtehen möge? Obwohl der Gentleman ein ganz ſchöner Mann war, waren doch ſeine Züge ſo wie der ganze Ausdruck ſeines Geſichts gar ſehr verſchieden von denjenigen, welche Paul mit ſolchem Entzücken betrachtete. Er war dem Anſchein nach nicht über vierzig, aber ſeine Stirne war von vielen Linien undFurchen durchſchnitten und dasLicht ſeiner Augen, obwohl fo rſchend, war nüchterner und gelaſſener als es ſich von ſeinen Jahren erwarten ließ. Ein un⸗ angenehmer Ausdruck ſpielte um den Rrs und die Form des Geſichts, das lang und ſchmal wax, ver⸗ minderte bedeutend den günſtigen Eindruck einer ſchönen Adlernaſe, guter Zähne und einer dunkeln, männlichen, bbwohl gelblichen Geſichtsfarbe. Eine Wiſchung von Schlauigkeit und ſprach ſich in dieſem Angeſicht aus. Sehr wenig Aufmerk⸗ ſamkeit ſchten er dem Schanſpiel, ſo wie Allem was 142 um ihn her vorgieng, zu widmen; aber er zeigte, als das Stück vorüber war, eine ungemeine Leb⸗ haftigkeit in der Art, wie er ſeiner jungen Be⸗ gleiterin den Mantel umhieng, und durch den Menſchenſchwarm, den jetzt die Logen ausſtrömten, ſich Bahn brach. Paul und ſein Gefährte folgten ihnen ſchweigend, und jeder aus ſehr verſchiednen Beweggründen. Sie ſtanden jetzt an der Thüre des Theaters. Ein Diener trat vor und ſetzte den Gentleman in Kenntniß, ſein Wagen ſey nur einige Schritte weit entfernt; aber es dürfte einige Zeit währen, bis er vorfahren könne. „Kaunſt Du bis an den Wagen 3 zu Fuß gehen, meine Liebe?“ fragte der Gentleman ſeine junge Begleiterin und auf ihre bejahende Antwort verließen beide, unter Vortritt des Dieners das Schauſpielhaus. „Kommt weiter!“ ſagte der lange Ned haſtig und eilte in derſelben Richtung, welche die Unbe⸗ kannten genommen, weiter. Paul war damit ſehr zufrieden; bald holten ſie die Fremden ein. Der lange Ned ging zunächſt neben dem Gentleman und ſtreiſte ihn im Vorbeigehen. Sofort rief eine Stimme: Hakt Dieb! und der lange Ned ſtürzte ſich mit der Ermahnung an Paul:„Schiebt Euch ſort, lauft!“ von unſers Helden Seite weg in das Getümmel und war in einem Nu verſchwunden. Ehe Paul wieder zur Beſinnung kam, fand er ſich 3 b⸗ e⸗ n, d, ie an tte n, uß ine ort s tig be⸗ ehr er ind ine zte das en. 145 plötzlich beim Kragen gefaßt: er wandte ſich raſch um und ſah das ſchwärzliche Angeſicht des Be⸗ gleiters der jungen Dame. „Spitzbube!“ rief der Gentleman,„meine Uhr!“ „Uhr!“ wiederholte Paul ganz verblüfft, und nur durch die Rückſicht auf die junge Dame zurück⸗ gehalten, daß er nicht den ihn Feſthaltenden zu Boden ſchlug,„Uhr!“ „Ja, junger Menſch!“ rief ein Burſch in einem großen Ueberrock, der jetzt plötzlich auf der andern Seite Pauls erſchien„dieſes Gentleman's Uhr— befehlen Eure Ehren,(und damit wandte er ſich an den Klageführenden) ich bin der aufgeſtellte Wächter — ſoll ich dieſen Käufer ohne Geld verhaften?“ „In alle Wege!“ rief der Gentleman,„ich verliere lieber das doppelte des Werths als die Uhr. Ich kann ſchwören, ich ſah den Begleiter dieſes Burſchen ſie mir aus der Taſche ſchnellen. Der Dieb iſt fort, aber wir haben wenigſten den Mitſchuldigen. Wächter, ich gebe ihn Euch in ſtrenge Aufſicht; Ihr haftet für alle Folgen, wenn er entwiſcht.“ Der Wächter antwortete mürriſch, es bedürfe bei ihm der Drohungen nicht, er wiſſe wohl ſeine Schuldigkeit zu thun. „Antwortet mir nicht, Burſche!“ ſagte der Gentleman hochmüthig,„thut, wie ich Euch befehle!“ und nach einem kurzen Geſpräch ſah ſich Paul plötzlich zwiſchen großen Männern abgeführt, die ausſahen, als ob ſie ihn freſſen wollten. Inzwiſchen 444 war er ſeines Erſtaunens und Zorns Meiſter gewor⸗ den; er war ſcharſſichtig genug um einzuſehen, daß ſein Begleiter das Vergehen begangen hatte, wofür man ihn ſeſtnahm, und er ſah auch voraus, daß dieſer Umſtand für ihn ſelbſt üble Folgen nach ſich ziehen könne. Bei der ganzen Fyſiognomie des ge⸗ genwärtigen Falles urtheilte ex: ein Verſuch zu entftiehen würde kein unkluger Schritt von ſeiner Seite ſeyn, er nahm alſo, nachdem er einige Schritte ganz ruhig und geduldig fortgegangen war, ſeine Gelegenheit wahr, riß ſich von dem ihn haltenden Mavn zu ſeiner linken Seite los und ſührte die ſo befreite Hand gegen die Wange des Herrn zu ſeinèr Rechten mit ſo gründlich gutem Willen, daß er je⸗ nen bewog, ihn loszulaſſen, und einige Schritte in ſchiefer Haltung gegen die Geländer zu kaumelt. Aber ein ſolcher Bogenſchuß von Bäckenſtreick mit der linken Hand geſchleutert iſt ſehr unerſprießlich gegen die Gegenwehr eines feſten Gleichgewichts, und ehe Paul ſich hinlänglich geſämmelt hatte, um einen erfolgreichen neuen Sturm zu wagen, war er Durch einen Schlag des andern, unverſthrten Wäch⸗ ters, der ihn ganz der Beſinnung beraubte, zu Bbo⸗ den geſtreckt, und als er dieſen nützlichen Schätz wieder gefunden hatte,(welchen zu verlieren ſich Einer mit Recht rühmen darf, weil nur die Minderzahl ihn zu verlieren bat,fand er ſich auf einer Bank im Wachthauſe hingeſtreckt.„ je it 1. mit lich s, um r äch⸗ Bo⸗ iner zahl zank E. L. Bulwer's Werke. Aus dem Engliſchen⸗ Füntundzwanzigstes Vändchen. Paul Clifford. Zweites Bändchen. Stuttgart, Berlag der J. B. Meßler'ſchen Buchhandlung. 4 8 3. 4. Paul Clittord. Ein Roman von dem Verfaſſer des Pelham, Eugen Aramu. ſ.w. Aus dem Engliſchen vo N Suſtav Prizer. In ſieben Bändchen. 2 Zweites Baͤndchen. SFtuttgart, Verlag der J. B. Metzler' ſchen Buchhandlung⸗ 4 8 3 4. Siebentes Kapitel. Von ſeiner Sklaven Schaar umſtellt, Im Schmucke, wie es liebz der Held Im Divan Giaffer ſitzt der Alte! „ 3 — ₰ Mir ahnt, es ſchaff' in ſpätrer Zeit Der Bube mir noch Herzeleid. Braut von Abydos⸗ —— Der gelehrte und ſcharfſinnige Johann Schweig⸗ häuſer(ein Name, leicht zu buchſtabiren für einen engliſchen Mund und honigmild zum ausſprechen), erfreut ſich in ſeinem Appendix continens particulam doctrinae de mente humana, welcher den Band ſeiner Opuscula Academica ſchließt, an der Beobachtung, daß— wir führen ſeine Worte nur aus dem Ge⸗ dächtniß an— daß unter der unendlichen Mannig⸗ faltigkeit von Dingen, die auf dem Schauplatz der Welt dem Blicke des Menſchen begegnen, oder in irgend einer Weiſe auf ſeinen Kötper oder ſeinen Geiſt einwirken, bei weitem der größte Theil ſo be⸗ ſchaffen iſt, daß ſie ihm eher ein Gefühl der Luſt. denn des Schmerzens und Unbehagens geben. Wir nehmen an, daß dieß im Allgemeinen richtig iſt, bei geſunden, tüchtigen Naturen, und zeichnen als auf⸗ fallendes Beiſpiel den Fall des eingekerkerten Paul aus; denn obwohl dieſer Jüngling dermalen in keiner angenehmen Lage war— und obwohl keine ermuthi⸗ genden Geſtalten ihm von den Zinnen der Zukunft zulächelten: trotz dem fand er, ſobald er nur wieder das Bewußtſeyn erlangt und ſich mit einem Ruck aufgerafft hatte, eine unmittelbare Quelle des Ver⸗ gnügens in der Endeckung, erſtlich, daß einige Her⸗ ren und Frauenzimmer ihm in ſeiner Gefangenſchaft Geſellſchaft leiſteten, und zweitens darüber, daß er einen mächtigen Waſſerkrug in ſeinem Bereiche wahrnahm, den er, da ſeine erſte Empfindung beim Erwachen ein brennender Durſt war, auf Einen Zug leerte. Dann dehnte er ſich, ſah ſich mit nach⸗ denklichem Eynſte um, und entdeckte einen ihm zu⸗ gekehrten Rücken auf dem Boden liegend, welcher ſchon auf den erſten Blick ihm bekannt ſchien.„Für⸗ wahr“ dachte er,„ich kenne dieſen rauhhaarigen Rock und die eigenthümliche Krümmung dieſer ſchmalen Schultern.“ Unter dieſem Selbſtgeſpräch erhob er ſich, ſtreckte den Fuß aus und verſetzte der ausge⸗ ſtreckten Geſtalt einen leichten Stoß. Schwere Flüche murmelnd wandte ſich die Ge⸗ ſtalt um, und indem ſie ſich auf den ungaſtfrenndli⸗ chen Theil des Körpers zurecht ſetzte, deſſen Berüh⸗ ung durch fremde Füße nichts weniger denn als eine Ehre auſgenommen wird, heſtete er ſeine ſtumpſen, blauen Augen auf das Angeſicht des Ruhe⸗ ſtörers, öffnete ſie allmälig mehr und mehr, bis fie ſich in dem Verhältniß erweitert hatten, als er⸗ forderlich wer, um die wichtige ſich ihnen aufdrän⸗ gende Wahrheit einzuſchlingen, und dann kamen aus dem Munde dieſes Weſens folgende Wort her⸗ vor: „Ich vill keine Linſer im Kopf haben, wenn das nicht der kleine Paul iſcht.“ „Ja, Dummie, da bin ich! Hat nicht lang ge⸗ dauert, lis man mich in den Stock gelegt hat, wie Ihr ſeht! das Leben iſt kurz; wir müſſen die Zeit aufs Beſte benützen!“ Auf dieß raffte ſich Herr Dummaker,(denn keine andere als dieſe achtbare Perſon war es,) vom Boden auf, ſetzte ſich auf die Bank neben Paul und ſagte in kläglichem Tone: „Ha, die Peſcht über mich, wenn Ihr nicht über den Kopf gehauen worden ſeyd; Eure Perrücke*) iſt ſo blutig, wie der Kopf eines Grunzers, wenn man ihm den Hals abgeſchnitten.“ „Das iſt nur das Kriegsglück, Dummie, und eine bloſe Kleinigkeit; die Köpfe, die in Thames Court gefertigt werden, laſſen ſich nicht leicht aus dem Gleiſe bringen. Aber ſagt mir, wie kamt Ihr hieher?“ *) Für Hanr. „Nun, ich hatte tief in das Schnaysglas hinein⸗ geguckt——“ „Bis es Euch hell im Kopfe wurde, he? und Ihr in die Goſſe fielet?“ „Nun ja!“ „Meine Angelegenheit iſt ſchlimmer als dieſe,⸗ fürchte ich,“ und hiemit erzählte Paul mit leiſer Stimme dem getreuen Dummie die Reihr von Er⸗ eigniſſen, die ihn in ſein dermaliges Aſyi gebracht hatten. Dummie's Angeſicht verlängerte ſich bei dieſem Berichte; jedoch als die Erzählung zu Ende war, bemühte er ſich, mit allen ihm einſallenden Troſtgründen Paul zuzuſprechen. Er ſtellte ihm fürs erſte die Möglichkeit vor: der Gentleman nehme ſich vielleicht nicht die Mühe, zu erſcheinen; zwei⸗ tens die Gewißheit, daß bei Panl keine Uhr gefun⸗ den worden; und drittens, den Umſtand, daß nach der eigenen Angabe des Gentleman Paul nicht der wirkliche Thäter geweſen; viertens, wenn Alles ſchief gehen ſollte, was denn die Gefangenſchaft von ein paar Wochen oder Monaten ſey?“ „Schlag mich dieſer und jenen!“ ſagte Dummie, „wenn der Aufenthalt dort nicht ſo kurzweilig iſcht, als ein Burſche, der Freund von kommlicher Ruhe iſcht, ſich nur wünſchen kann!“ Dieſe Bemerkung war nicht ſehr tröſtlich für Paul, ider mit all der mädchenhaften Sprödigkeit eines Menſchen, dem ſolche Verbindungen etwas Fremdes ſind, vor einem Ehebunde mit der kommli⸗ 9 chen Ruhe des Zuchthauſes zurückbebte. Mehr ver⸗ traute er auf eine andere Troſtquelle; mit Einem Worte, er hegte die ſchmeichelnde Hoffnung, der lange Ned werde, wenn er inne werde, daß Paul ſtatt ſeiner gefangen geſetzt worden, den Edelmuth haben, ſich zu ſtellen und ihn von der Anklage frei zu machen. Als er gegen Dummie etwas von dieſem Gedanken fallen ließ, konnte dieſer vollendete Mann der Stadt eine Zeitlang gar nicht glauben, daß irgend ein Einfaltspinſel ſo ganz und gar mit der Welt unbekannt ſeyn ſollte, um im Ernſte eine ſo lächerliche Vorſtellung zu hegen, und wirklich iſt es einigermaßen auffallend, daß eine ſolche Hoff⸗ nung je mit ihren ſchmeichelnden Mährchen das Ohr eines Menſchen ſollte bezaubert haben, der im Hauſe der Mrs. Margaretha Lobkins aufgezogen worden war. Aber Paul hatte, wie wir geſehen, viele ſeiner Begriffe aus Büchern genommen, und er hatte dieſelben ſchönen Theorien von moraliſchen Schelmen, wovon die Gemüther junger Patrioten eingenommen ſind, wenn ſie aus dem Collegium austretend und znerſt ins Unterhaus kommend, Un⸗ beſcholtenheit für etwas Koſtbareres halten als Aemter. Herr Dummaker drang ernſtlich in Paul, eine ſo unzuverläßige und kindiſche Einbildung aus ſei⸗ nem Herzen zu verbannen, und lieber darüber nach⸗ zudenken, auf welche Art er ſeine Vertheidigung am beſten würde führen können. Als endlich dieſer 40 Gegenſtand erſchöpft war, kam Paul auf Mrs. Lob⸗ kins zu ſprechen und erkundigte ſich, ob Dummie dieſe Dame in neuſter Zeit mit einem Beſuch be⸗ ehrt habe. Herr Dummaker erwie derte, er habe, obwohl mit großer Schwierigkeit, ihren Zorn gegen ihn wegen ſeiner vermeintlichen Aufhetzung zu Pauls Ausſchweifungen, begütigt, und ſie habe in neurer Zeit verſchiedene Beſprechungen mit Dummie über unſern Helden gehabt. Bei weiterem Ausfragen Dummie's erfuhr Paul die Gründe, warum die gute Matrone nicht den beſorgten Eifer für ſeine Rück⸗ kehr an den Tag gelegt habe, wie unſer Held mit Recht es erwartet hatte. Die Sache war die, daß ihr, weil ſie in ſeine Hülfsquellen, unabhängig von ihr, nicht das mindeſte Bertraueu ſetzte, gar nicht um eine Gelegenheit bange war, den Stolz, der ſie ſo empört hatte, wirklich und nachdrücklich, wie ſie hoffte, zu demüthigen; und ſie vergnügte ihre Eitel⸗ keit ſchon im Voraus mit dem Gedanken, wie ein⸗ mal Paul, durch Darben zur Unterwürfigkeit ge⸗ bracht, reuig und freudig wieder das Obdach ihres Hauſes aufſuchen, und durch ſeine Erfahrungen zahm gemacht, nie wieder gegen das Joch ſich ſträu⸗ ben würde, das ihre mütterliche Klugheit ihm auf⸗ zulegen für gut befände. Sie begnügte ſich alſo damit, von Dummie den Aufſchluß zu erhalten, daß unſer Held unter Mac Grawlers Dach ſey und alſo vor dem Schlimmſten 41 geſichert; und da ſie die ſcharfſinnigen Geiſtesan⸗ ſtrengungen nicht vorausſehen konnte, wodurch Paul ſich zum„Nobilitas“ des Aſinäum emporſchwang und ſich dadurch den ärgſten Mangel vom Leibe hielt: ſo war ſie, nach ihrer Charakterkenntniß, völlig überzeugt, der erleuchtete Mac Grawler werde nicht in die Länge ihrem! widerſpenſtigen Pflegſohn den Schutz verwilligen, der, nach ihrer Meinnng, allein ihn davor bewahrte, Taſchen fegen oder Hungers ſterben zu müſſen. Sie kannte Pauls gründlichen und nüchternen Widerwillen gegen eine ſolche artige Wahl, und war alſo wegen ſeiner Sittlichkeit und ſeines Lebens wenig angefochten, wennſie ihn auch eine Weile dem Spiel des Geſchicks überließ. Jede Aengſtlichkeit, welche ſonſt noch wohl ihr Gemüth hätte quälen mögen, wurde durch die gewöhnliche Trunkenheit erſtickt, welche bei der guten Frau mit dem Alter überhand nahm, und weiche, wiewohl ſie zu Zeiten zu all ihrer eigenthümlichen Heftigkeit ſich aufrafſen konnte, doch meiſt ihre Beſinnung in einer lethei⸗ ſchen Starrſucht, oder um höflicher zu reden, in einer ppetiſchen Entfremdung von den Dingen der äußern Welt befangen hielt⸗ „Aber,“ ſagte Dummie, wie er ſo allmälig die Auflöſung von dem Benehmen der Dame dem hor⸗ chenden Ohr ſeines Geſellſchafters mittheilte;„aber ich hoffe, wenn Ihr jetzt aus dieſer Klemme ſdaraus ſeyd, kleiner Paul, laßt Ihr's Euch zur Warnung 12 dienen und gebt Herrn Pepper den Laufbaß— muß ohnehin ſagen,'s war mir nie wohl ums Herz, wenn ich ihn Euch anfübren ſah,— und geht heim in den Krug und biedet der alten Strunzel die Hand, denn ſie ſieht ſich ſelber gar nicht mehr gleich, ſeit Ihr fort ſeyd. Sie hat ein vordreffliches Herz, die Pigay Lob!“ Eine ſo geeignete Lobrede auf Mrs. Marga⸗ reta Lobkins würde wobl zu einer andern Zeit Pauls Lachmuskeln nicht in Ruhe gelaſſen haben; aber in dieſem Angenblick fühlte er wirklich Beklemmungen wegen der unmauierlichen Art, wie er ſie verlaſſen patte, und die Weichßeit reuevoller Zärtlichkeit ver⸗ klärte ſogar das Bild der Piggy Lob mit ihren ver⸗ ſchönernden Farben. Unter Geſprächen ſo geiſtreichen und bäuslichen Inhalts verfloß die Nacht und der folgende Morgen⸗ bis Paul ſich in der unheimlichen Nähe des Rich⸗ ters Burnflat fand. Einige Fälle wurden vor dem ſeinigen erledigt, und unter andern erhielt Herr Dummie Dummaker ſeinen Abſchied, doch nicht phne eine ſtrenge Rüge wegen der ſich zu Schuld gebrachten Sünde eines Rauſches welche ohne Zwed fel einen tiefen Eindruck auf das ofſenherzige Ge⸗ müth dieſer nobeln Perſon machte. Eudlich kam die Reihe an Paul. Er börte, als er ſeinen Platz einn ahm, ein allgemeines Geflüſter⸗ Anſänglich bil⸗ dete er ſich ein, es gelte ſeiner eignen, Theilnahme erregenden Erſcheinung, aber als er die Augen er⸗ il⸗ ne 15 hob, merkte er, daß es dem Eintritte des Gentle⸗ man galt, der als ſein Ankläger auftrat. „Bſcht!“ ſagte Jemand in ſeiner Nähe,„es iſt der Advokat Brandon. Ha! das iſt ein ſchlauer Geſell! Es wird dem von ihm Angeklagten hart gehen!“ Unſer Held beſaß einen trefflichen Schatz geiſti⸗ ger Spannkraft, und obgleich ihm das Glück nicht ein unheilbar krankes Herz beſcheert hatte, ein Umſtand, der nach den Dichtern und Filoſofen der jetzigen Zeit dem Menſchen einen wunderbaren Muth einflößen, und ihn gegen alles Mißgeſchick unempfindlich machen ſoll: ſo hielt er ſich doch unter ſeiner gegenwärtigen, peinlichen Lage mit wunder⸗ barem Muth aufrecht, und wurde durch die ſo eben gehörte Bemerkung, obwohl ſie ihn ein wenig be⸗ engte, doch keineswegs niedergedrückt. Herr Brandon war wirklich ein Rechtsgelehr⸗ ter von anſehnlichem Ruf und Stand, in hoher Ach⸗ tung bei der Welt, nicht allein wegen ſeiner Talente, ſondern auch wegen großer Sittenſtrenge, die, ob⸗ gleich ein wenig mit herber Rauhheit gegen die Fehler Andrer vermiſcht, doch deßhalb nur um ſo preiswürdiger erſchien, da es, wie Leute von Erfah⸗ rung ohne Zweifel wohl wiſſen, in der erſten Claſſe der Sittlichkeit zwei Abtheilungen giebt: erſtens, ein großer Ingrimm gegen die Laſter des Nebenmen⸗ ſchen, und zweitens, der Beſitz eigner Tugenden. Herr Brandon wurde von dem Richter Burnflat 44 mit großer Höflichkeit empfangen, und da er mit einer(entlehnten) Uhr in der Hand kam, und ſagte: ſeine Zeit gelte jeder Augenblick 5 Guineen, ſo ſchritt der Richter unverzüglich zur Sache. Nichts konnte klarer, kürzer und befriedigender ſeyn, als die Ausſage von Herrn Brandon. Das beſtätigende Zeugniß des Wächters ſchloß ſich daran an, und dann wurde Paul zur Vertheidigung auß⸗ gerufen. Sie war eben ſo kurz wie die Anklage, aber ach! ſie war nicht eben ſo befriedigend. Sie beſtand in einer feſten Erkläru g' ſeiner Unſchuld⸗ Sein Kamerade, geſtand er, möge die Uhr geſtohlen haben, aber er erinnerte beſcheiden daran, daß dieß eben der Grund ſey, warum Er ſie nicht könne ge⸗ ſtohlen haben. „Wie lang, Burſche,“ fragte der Richter Burn⸗ flat,„kennt Ihr ſchon euern Begleiter?“ „Ungefähr ein halbes Jahr!“ „Und was iſt ſein Name und Gewerbe?“ Paul ſtockte und weigerte ſich zu antworten. „Ein böſes Stück Arbeit!“ ſagte der Richter in trübſeligem Tone und mit bedeutungsvollem Kopfſchütteln. Der Sachwalter war mit jenem Ausruf ganz zufrieden, aber mit erhabener Großmuth bemerkte er, wie er nicht wünſche mit Härte gegen den jungen Mann zu verfahren. Seine Jugend ſpreche zu feinen Gunſten und ſeine That ſey wahrſcheinlich die Folge ſchmmer Geſellſchaft. Er ſchlug daher vor: da — * 1 F m te n ge 45 Paul von dem Aufenthaltsorte ſeines Freundes ge⸗ wiß unterrichtet ſein müſſe, ſö ſolle er vollſtändige Verzeihung erhalten, wenn er unverzüglich dem Beamten dieſe Mittheilung machen wolle. Zum Schluß fügte er mit ausgezeichneter Menſchenfreund⸗ lichkeit hinzu: nicht die Beſtrafung des Jünglings, ſondern die Wiederaufſindung ſeiner Uhr ſey es was er wünſche. Der Richter Burnflat wiederholte jetzt, nachdem er die uneigennützige und chriſtliche Bar nherzigkeit des Klägers und die gewichtige Verbindlichkeit, welche ihm Paul dafün ſchuldig ſey, unſrem Helden gebührend an's Herz gelegt, mit verdoppelter Feyer⸗ lichkeit die Fragen nach Wohnung und Namen des langen Ned, auf welche unſer Held zuvor die Ant⸗ wort verweigert hatte. Mit Leidweſen geſtehen wir, daß Paul, undank⸗ bar und völlig unempfindlich gegen die ſchöne Groß⸗ muth des Sachwalters Brandon, anf ſeiner feſten Weigerung, ſeinen Kameraden anzugeben, verharrte und mit gleicher Hartnäckigkeit fortfuhr, ſeine Un⸗ ſchuld und die mackelloſe Unbeſcholtenheit ſeines Charakters zu betheuern. „Euer Name, junger Mann?“ ſagte der Richter. „Euer Name iſt Paul, ſagt Ihr— Paul wie weiter? Jyr habt gewiß manche ſonſtige Namen, darauf will ich ſchwören!“ Hier ſtockte der junge Mann wiederz endlich antwortete er: „Paul Lobkins, Euer Geſtrengen!“ „Lobkins,“ wiederholte der Richter,„Lobkins! tommt her Saunders! haben wir den Namen nicht in unſern ſchwarzen Büchern?“ „Euer Geſtrengen zu dienen,“ ſagte ein kleiner, ſtämmiger, dem Feſtus der Polizey in vielen Be⸗ ziehungen ſehr nützlicher Mann,„es gibt eine Peggy Lobkins, die ein Wirthshaus beſitzt, eine Art von Gaunerherberge, genannt der Krug, in Thames⸗ Cvurt, gehört nicht eben gauz in unſern Bereich, Ihr Geſtrengen.“ „Hoho,“ ſagte der Richter Burnflat, und winkte Herrn Brandon,„wir müſſen dieß ein wenig ſondi⸗ ren. Seyd ſo gut, Herr Paul Lobkins, in welchem Verwandſchaftsverhältniß ſteht die gute Wirthin vom Krug, in Thames⸗Court, zu Euch?“ „In gar keivem, Sir!“ ſagte Paul raſch,„Sie iſt nur eine Freundin.“ Auſ dieß erhob ſich ein Gelächter in der Gerichts⸗ ſtube. „Stille!“ gebot der Richter,„und ich darf an⸗ nehmen, Herr Paul Lobkins, daß dieſe Eure Freundiu für die Unbeſcholtenheit Eures Charakters, auf welche Ihr Euch zu berufen beliebt, bürgen werde 2, „Ich zweifle nicht daran, Sir!“ antwortete Paul; und hier enſtand wiede ein Gelächter. „Und habt Ihr noch einen ebenſo vollwichtigen und preiswürdigen Freund, der Euch denſelben. Ge⸗ fallen thun würde?“ 17 Paul ſtockte; aber in dieſem Angenblick drängten ſich zum Erſtaunen des Gerichts, aber vor Allem zum höchſten, überraſchendſten Erſtaunen Pauls ſelbſt, zwei Gentlemen, nach der höchſten Mode ge⸗ kleidet, vor, und indem ſie ſich gegen den Richter ver⸗ beugten, etklärten ſie ſich bereit für die gänzliche Unbeſcholtenheit und den mackelloſen Charakter des Herrn Paul Lobkins zu bürgen, den ſie, wie ſie ſagten, ſchon viele Jahre kannten und vor dem ſie die größte Achtung hegten. Während Panl das Aeuſſere dieſer gefälligen Freunde muſterte, die er im ganzen Verlaufe ſeines Lebens nicht ſich erinnerte geſehen zu haben, flüſterte der Sachwalter, ein ganz ſchlauer Kopf, dem Beamten etwas ins Ohr; dieſe würdige Perſon nickte beiſtimmend, faßte die An⸗ kömmlinge ins Auge und erkundigte ſich nach den Namen von den Zeugen des Herrn Lobkins. „Herr Euſtace Fitzherbert und Herr William Howard Ruſſel,“ lautete die Antwort. So ariſtokratiſch klingende Ramen erregten allge⸗ meines Aufſehen. Aber der unempfindliche Richter rief den nemlichen Herrn Saunders, an den er ſich zuvor gewendet hatte, und forderte ihn auf die Ge⸗ ſichter der Freunde des Herrn Lobkins genau zu prüfen. Wie der Alguazil die Züge des denkwürdigen Don Rafael und des berühmten Manuel Morales ins Ange faßte, als der erſtere dieſer Lrefflichen Männer es angemeſſen faud, die Würde eines ita⸗ Bulwer's Romane XXV. 2 — 18 lieniſchen Prinzen auf Reiſen, eines Sohnes ides Fürſten der Thäler zwiſchen der Schweiz, Mailand und Savoyen anzunehmen, indeß der letztere ſichk da⸗ mit begnügte für den Diener von Monseigneur le rince zu gelten: ebenſo, mit weit mehr Ernſt als Ehrfurcht beaugenſcheinigte Herr Saunders die Ge⸗ ſichtszüge dieſer hochgebornen Gentlemen, der Her⸗ ren Euſtace Fitzherbert und William Howard Ruſ⸗ ſel; aber nach einer langen Prüfung wandte er die Augen ab, machte gegen den Beamten eine vernei⸗ nende, ſeine Unzufriedenheit ausdrückende Geberde und ſagte:„Mit Genehmhaltung Eurer Geſtrengen⸗ ſie gehören nicht zu meinem Strich; aker Bill Troutliug kennt dieſe Art von feinen Kameraden peſſer.“ „Laßt Bill Troutling erſcheinen! war der la⸗ koniſche Beſcheid. Bei Nennung dieſes Namens würde man wohl eine gewiſſe beſcheidne Verwirrung in den Geſichtern der Herren Euſtace Fitzherbert und William Ho⸗ ward Ruſſel geleſen haden, wäre nicht die Auf⸗ merkſamkeit des Gerichtshofs in dieſem Augenblick auf einen andern Fall gelenkt worden. Eine arme Frau war auf 7 Tage ins Strafhaus geſprochen worden auf die Beſchuldigung unordentlichen Wan⸗ dels. Ihr Mann, die bei der Sache am meiſten petheiligte Perſon, erſchien nun um die Anklage zu entkräften; und mit Hülfe ſeiner Nachbarn gelang es ihm wirklich. 19 »Das iſt Alles ſehr wahr,“ ſagte der Richter Burnflat,„aber da Eure Frau, mein guter Freund, in 5 Tagen wieder los kommt, ſo iſt es kaum der Mühe werth, ſie jetzt freizulaſſen.“*) Eine ſo einſichtsvolle Entſcheidung mußte noth⸗ wendig den Ehmann zufrieden ſtellen und die Zu⸗ hörenden wurden von dieſem Augenblick an über eine ſehr merkwürdige Wahrheit aufgeklärt: daß nemlich 5 Tage von 7 ein ganz ausnehmend kleiner Theil ſind im Verhältniß zu den übrigen zwei; und daß die Leute in England eine ſo unbegreifliche Liebe zum Strafen haben, daß, während man es nicht der Mühe werth ſindet, ein unſchuldiges Weib fünf Tage früher aus dem Gefängniß zu entlaſſen, als im andern Fall geſchehen wäre, man es für gar ſehr der Mühe werth hält, ſie auf ſieben Tage einzu⸗ ſperren. Als der Ehmann, die rauhe Hand vor die Augen haltend, und eine oder die andre gemeine Grobheit murmelnd, weggegangen war, ſagte Herr Saunders: „Hier iſt Bill Troutling, Ihr Geſtrengen!“ „Ah, gut!“ ſagte der Richter,„und nun, Herr Euſtace Fitz— holla, wo iſt er? Wer ſah zuletzt Herrn William Howard Ruſſel und ſeinen Freund Herr Euſtace Fitzherbert?“ Und ſpottend ſprach das Echy: Wer2 Dieſe vornehmen Herren,, denen es natürlich ——— *) Eine Thatſache, die ſich im Jahr 1830 wirklich bege⸗ ben hat. Man ſehe den Morning Herald. 2 3 20 mißſiel, mit einer ſo niedrigen Perſon wie Herr Bill Troutling confrontirt zu werden, hatten in dem Augenblick, wo die allgemeine Aufmerkſamkeit von ihnen abgelenkt war⸗ ſich in der Stille von ei⸗ nem Schauplatz fortgemacht, wo ihr hoher Rang ſo wenig berückſichtigt zu werden ſchien. Wenn Du, mein Leſer, begierig ſeyn ſollteſt, zu er⸗ ſahren, von welchem Theile der Welt her dieſe vorüber⸗ gehenden Geſtalten aufgeſtiegen waren, ſo wiſſe, es wa⸗ ren Geiſter von dem unnachahmlichen Zauberer, dem langen Ned, abgeſandt, theils um Bericht zu erſtatten wie die Sachen im Gerichtshof abliefen; denn Herr Pepper war in Gemäßheit der alten Politik, welche lehrt, daß je näher der Fuchs den Jägern iſt, deſto mehr Wahrſcheinlichkeit für ihn da iſt, überſehen zu wer⸗ den, unmittelbar nach ſeiner plötzlichen Trennung von Paul, in ein Haus in derſelben Straße ge⸗ ſchlüpft, in der er ſeine Schlauheit entfaltet hatte, worin Auſtern und Ale jede Nacht eine Geſellſchaft anlockten und vergnügten, welche, um unparteiiſch zu reden, mehr zahlreich als auserleſen war; hier hatte er erfahren, wie ein Beutelſchneider wegen ungeſetzlicher Neigung zur Uhr eines andern Man⸗ nes feſtgenommen worden ſey, und hier hatte er, während er geruhig ſeine Auſtern würzte, mit ſei⸗ nem eigenthümlichen Scharfſinn die feſte Ueberzeu⸗ gung gewounen: daß der verhaftete Unglückliche kein Andrer als Paul ſeyn konnte. Theils alſo aus Vorſicht für ſeine eigne Sicherheit, um bald Nach⸗ u6 24 richt zu erhalten, wenn Pauls Vertkeidigung eine Veränderung des Wohnſitzes rathſam machen follte, und theils aus kameradſchaftlicher Freundſchaft, um ſeinen Genoſſen mit ſo vieler Hülfe zu unterſtützen als das günſtige Zeugniß von zwei wohlgekleideten, in der Stadt wenig gekannten Perſonen ver⸗ leihen konnte, hatte er dieſe himmliſchen Weſen abgeordnet, welche unter den ſterblichen Namen Eu⸗ ſtace Fitzherbert und William Howard Ruſſel vor dem Reichstage des Richters Burnflat er⸗ ſchienen waren. Nun wir ſo das Erſcheinen,(denn. das Verſchwinden bedarf keiner Erklärung) von Pauls Freunden erläutert, kehren wir zu Paul ſelbſt zurück. Trotz den Gefahren, wovon er umringt war, kämpfte ſich unſer junger Held aufs Aeuſſerſte durch; aber der Richter war durchaus nicht gemeint, Herrn Brandon ſich mißfällig zu erzeigen; und da er be⸗ merkte, wie während Pauls Vertheidigung ein un⸗ gläubiges und beiſſendes Hohnlächeln nicht von des Gentleman Lippe wich, konnte er nicht umhin ſeine Entſcheidung gemäß der wohlbekannten Schärfe des berühmten Anwalts zu fällen. Paul wurde dem⸗ nach verurtheilt, ſich auf 3 Monate in das zu Bri⸗ dewell gelegene Landhaus zurückzuziehen, in welches die undankbaren Diener der Gerechtigkeit oft ihre thätigſten Bürger verbannen. Sobald der Spruch gefällt war, erklärte Bran⸗ don, deſſen lebhaftes Auge keine Hoffnung ſah, den — 22 verlorenen Schatz wieder zu entdecken: der Böſe⸗ wicht habe ganz den Old⸗Bailey's⸗Schnitt im Ge⸗ ſicht, und er zweifle nicht, wenn er je es erleben ſollte, Richter zu werden, daß er auch noch ein ganz anderes Urtheil über den Thäter zu fällen bekom⸗ men werde. Nach dieſen Worten entſchloß er ſich, keine Zeit mehr zu verlieren und verließ ſehr eilfertig das Amthaus, ohne einen andern Troſt als den Gedan⸗ ken mitzunehmen, daß er doch in jedem Fall einen Knaben an einen Ort geſchickt hatte, von wo, er mochte jezt auch noch ſo unſchuldig ſeyn, er gewiß mit einer ſolchen Neig ung zum Verbrechen heraus⸗ kommen mußte, wie ſeine Freunde nur wünſchen mochten, wozu noch ſolche moraliſche Betrachtungen tamen, wie die Tragödie von Bombaſter Furioſo ihm darbieten mochte in folgendem gedankenreichen und gediegenen Verſe: „Weg gieng die Uhr— Nun, Uhren ſollen gehen.“ Mittlerweile wurde Paul mit Gepränge nach ſeinem Aufenthaltsort abgeführt, in Geſellſchaft von zwei andern Miſſethätern, der Eine ein Mann von mittleren Jahren, obgleich eine ſehr alte Feile, der verurtheilt worden, weil er Geld unter falſchem Vorgeben eingenommen, und der Andre ein kleiner Junge, der des Verbrechens ſchuldig befunden wor⸗ den, unter einer Säulenhalle geſchlafen zu haben; denn es iſt die Hauptſchönheit der engliſchen Geſetze, daß ſie zwiſchen Laſter und Unglück nicht die abge⸗ — c—„ — e„——.—,——„ 25 ſchmackten, feinen Schattirungen und Unterſchiede gelten laſſen, und ihr Hauptmittel, die ehrlichen Leute zu ſchützen, beſteht darin, möglichſt viele Schur⸗ ken in möglichſt kurzer Zeit zu ziehen. „ Achtes Kapitell. Geſunder Menſchen⸗Verſtand. Was iſt der Zweck der Strafe hinſichtlich der beſtraften Individuen? Herkommen. Sie zu beſſern. 5 Geſunder Menſchenverſtand. Wie beſtraft Ihr junge Miſſethäter, die vermöge ihrer Jugend für das Beiſpiel beſonders empfänglich ſind und die deßwegen leichter ganz zu verderben oder zurecht zu bringen ſind, als Perſones von reifem Alter? 5 Herkommen. Wir ſchicken ſie ins Zuchthaus unter die heilloſeſten Böſewichter des Landes. Geſpräͤch zwiſchen dem geſunden Menſchen⸗ verſtand und dem Herkommen, (Sehr ſelten.) Da es ziemlich ſpät war, als Paul in Bride⸗ well als Neuling ankam, ſo brachte er dieſe Nacht im Empfang⸗Zimmer zu. Am nächſten Morgen, ſobald er vom Chirurgus unterſucht und mit der üblichen Uniform bekleidet worden war, wurde er, ſeiner Claſſeneintheilung gemäß, bei der guten Ger ſellſchaft eingeführt, deren Schuld unter den viel⸗ umfaſſenden Namen: gemeine Vergehen, fiel. Hier kam ein großer Mann auf ihn zu und redete ihn in einer gewiſſen Sprache an, welche man die Frei⸗ 24 maurerſprache der Gauner nennen koͤnnte. Paul, obwohl er nicht jedes Wort verſtand, faßte doch den Sinn der Anrede richtig auf, welche die Frage eut⸗ hielt, ob er ein durchtriebener Schurke und vollende⸗ ter Böſewicht ſey. Er antwortete halb beſtürzt, halb zornig, und ſeine Antwort vereitelte jeden gün⸗ ſtigen Eindruck, den er ſonſt auf den Frager hätte machen können, ſo ſehr, daß der letztere ihn ins Ohr kneipte und laut aufſchrie: kraut ihn, kraut ihn! Auf dieſes bedeutungsvolle und entſetzliche Worte fand ſich Paul in einem Nu von einem ganzen Schwarm ſinnreicher Peiniger umgeben. Einer zerrte ihn an dieſem Theil des Körpers, der Andre an jenem; Einer knuffte ihn vornen und ein Andrer ſtauchte ihn von hinten. Als Zwiſchenſpiel unter dieſe anmuthige Beſchäftigung hinein bexaubten ſie ihn auch noch der wenigen Sachen, die er bei ſei⸗ nem Kleiderwechſel behalten. Einer riß ihm ſein Taſchentuch heraus, der Zweite das Halstuch, und ein Dritter, glückticher als Beide, ſetzle ſich in Be⸗ ſitz von einem Paar karneoleuer Hemdknöpfe, welche Paul von einem jungen Frauenzimmer, einer Orangen⸗ Verkäuferin beim Tower, als Liebespfand erhalten batte. Es war ein Glück, daß ehe dieſe Einſta nds⸗ Feyerlichkeit, mit dem Kunſtausdruck: Krauen ge⸗ nannt, die an allen Neueintretenden, welche noch einen Funken von Anſtand in ſich zu haben ſcheinen, vorgenommen wird, die Knochen Pauls, der ſich mit Zähnen und Rägeln wehrte, in. Bittererde auf⸗ 25 gelöst hatte, ein Mann von ernſtem Ausſehen, der visher ruhig ſein Werg gezupft hatte, plötzlich auf⸗ ſtand, ſich zwiſchen das Opfer und ſeine Angreifer drängte und letztere, wie in Kraft eines überlegnen Anſehens, aufforderte, ſie ſollten den Jungen in Rube laſſen und zum Teufel gehen. Piefer Vorſchlag, ſich an einen andern Ort zur Beluſtigung zu begeben, obwohl in ſehr ernſtem und ruhigem Tone gemacht, hatte die augenblickliche Wirkung, welche Ermahnungen großer Spitzbuben auf kleine gewöhnlich ausüben. Die Herrn Krauer gaben ihre Ergötzichkeit auf, und der Reigenführer der Rotte, der Paul einen tüchtigen Puff auf den Rücken gegeben, erklärte er ſey ein ganzer Kerl, und es ſey nur getätſchelt geweſen, und er hoffe ihm damit kein Leid gethan zu haben. Paul hatte noch die Fauſt geballt und wollte eben nicht Kehr friedfertig antworten, als ein Schließer, der ſich im mindeſten nicht darum kümmerte, wie viele Leute er wegen eines Vergehens einſperrte, aber dem die Mühe bei einem von ſeiner Truppe nachzuſehen, um ein Vergehen zu verhüten, ganz und gar zuwider war, jetzt plötzlich in dem Kreiſe erſchien, und nachdem er ſie wegen des unerträglichen Verdrußes den ſie ihm verurſachten, ausgeſcholten, zwei der Armſeligſten von der Rotte zu beſondrer Einſperrung abführte. Natürlich traf es ſich, daß gerade dieſe Zwei nicht entfernten Antheil an dem Unfug genommen hatten. Als dieſer Auſftritt vor⸗ ———— ——— über war, kehrte die Bande wieder zum Wergzupfen zurück— denn die Tret⸗Mühlen, dieſe wunderdare, angemeſſene Erfindung, vei welcher ein kräftiger Menſch keine Anſtrengung hat, und ein ſchwächlicher ſeine Geſundheit auf Zeitlebens verliert, waren da⸗ mals in unſern treſſtichen Anſtalten zu Beſſerung der Verbrecher noch nicht eingeführt. Mit Schmerz, und mit vielen finſtern und zornigen Emyfindungen, wobei das Gefühl der Ungerechtigkeit ſeiner Strafe allein ihn unter den Demüthigungen, welche er zu erdulden hatte, aufrecht erhielt; mit Schmerz und mit ſchwellendem Herzen, in welchem die Gedanken, die zum Verbrechen führen, ſich ſchon den Weg durch einen plötzlich erwärmten und ihrem Wachs⸗ thum günſtigen Boden brachen, machte ſich Paul au ſeine Arbeit. Er fühlte ſich am Arm berührt, wandte ſich um, und ſah daß der Ehrenmann, der ihn ſo freundlich von ſeinen Plagegeiſtern befreit hatte, jetzt neben ihm ſaß. Paul betrachtete lang und ernſtlich ſeinen Nachbar, kämpfte mit dem Gedanken, dieſes liſtige, feine Geſicht in glücklichern Zeiten ſchon geſehen zu haben, obgleich es leider! verändert war, nicht allein durch die Zeit und das Leben, ſondern auch durch jenen Anflug von Ernſt, welchen die Sorgen der Menſchbeit allmälig auch dem Geſicht des Gedankenloſeſten mittheilen,— bis alle Zweifel ſich zerſtreuten, und er ausrief:„Seyd Ihr's Herr Tomlinſon? Wie froh bin ich, Euch hier zu ſehen!“ „Und ich,“ ſagte der weiland Mörder in den Zei⸗ 27 tungen mit ſcharfem näſelndem Ton,„wäre ſehr froh mich irgendwo ſonſt zu ſehen.“ Paul antwortete nicht, und Auguſtus fuhr fort: „Einem weiſen Manne gelten alle Orte gleich⸗ hat man ſchon geſagt. Ich glaube das nicht, Paul ich glaube es nicht. Nur ein ruhiges Plätzchen zum Nachdenken. Ich erkannte Euch wieder, ſobald ich Euch ſah, obgleich Ihr erſtaunlich gewachſen ſeyd. Was macht mein Freund Mac Grawler? Im⸗ mer noch rüſtig an der Arbeit beim Aſinäum?“ „Ich glaube ſo,“ antwortete Paul verdrießlich und eilte das Geſpräch zu ändern,„aber ſagt mir Herr Tomlinſon, wic kommt Ihr hieher! Ich hörte, Ihr ſeyd nach dem nördlichen England abgereist um ein gewinnreiches Geſchäft zu übernehmen? „Möglich! die Welt entſtellt immer die Hand⸗ lungen derjenigen, welche beharrlich ſich in ihr um⸗ treiben.“ „Sehr wahr!“ ſagte Paul,„und ich habe mir das Nemliche hundertmal beim Aſinänm geſagt, denn wir waren in dieſem trefflichen Journal mit unſern Wahrheiten nie zu verſchwenderiſch. Es iſt er⸗ ſtaunlich, wie weit man mit drei Ideen kommen kann“ „Ihr erinnert mich an mich ſelbſt und meine Zeitungsarbeiten,“ verſetzte Auguſtus Tomlinſon; „ich bin deſſen nicht ganz gewiß, ob ich auch nur mit drei Ideen Haus zu halten hatte; denn, wie Ihr ſagt, es iſt erſtaunlich, wie weit man mit dieſer Anzahl kommt, wenn man ſie recht zu handhaben 26 weiß. Es iſt bei Schriftſtellern wie bei wandernden Schauſpielern— dieſelben drei Ideen, die in Einer Scene für Türken paßten, paßen in der nächſten für Holländer; aber Ihr müßt mir dieſer Tage eure Geſchichte erzählen und ſollt dafür die meinige hören.“ „Ich würde Euch für Euer Vertrauen unend⸗ lich verbunden ſeyn,“ ſagte Paul,„und ich zweifle nicht, Eure Lebensgeſchichte muß auſſerordentlich unterhaltend ſeyn. Die meinige war bisher ohne Geſchmack und Würze. Das Leben von Gelehrten hat keinen Ueberfluß an Abenteuern, und ich frage, ob nicht jeder Mitarbeiter am Aſinäum ſo ziemlich das gleiche Daſehn geführt hat, wie ich ſelbſt es dahinſchleppte.“ Mit Geſprächen dieſer Art unterhielten ſich unſre neu zuſammengebrachten Freunde den Reſt des Tages bis halb 5 Uhr, von wo die Gefangnen den Anfang der Nacht rechnen müſſen und wo ſie in ihren Schlafzimmern eingeſchloſſen werden. Tom⸗ linſon, erfreut, einen Menſchen wieder zu finden, der ihn in ſeinen beſſern Tagen geſehen hatte, ſprach ins Geheim mit dem Kerkermeiſter und die Folge dieſer Beſprechung war, daß Paul und Tom⸗ linſon in disſelbe Kammer zuſammen kamen— eine Art von ſteinernem Kaſten, den gewöhnlich drei Bewyhner einnahmen und der 8 Fuß lang und 6 breit war, denn wir haben dieſen Kerker ſo gut 8 8„— J S—— nd 29 gemeſſen, als wir die Zelle des Gefangenen von Chillon würden gemeſſen haben. Wir beabſichtigen nicht, Dir o Leſer! mit dick⸗ aufgetragenen Farben und langweiliger Ausführlich⸗ keit die moraliſche Verſchlimmerung unſres Helden zu ſchildern; denn wir haben aus Erfahrung gelernt, daß eine ſolche Mühe von unſrer Seite uns von Dir nur Tadel unſrer Abgeſchmacktheit, ſtatt Lob für unſre Sorgfalt einträgt. Wir wollen deßwegen unſre Moral nur in feinen Winken und kurzen Fingerzeigen preis geben, und wollen uns für jetzt damit begnügen Dich zu erinnern, daß Du bisher Paul in den allergefährlichſten Lagen und Umſtänden ehrlich befunden haſt. Trotz der anſteckenden At⸗ mosfäre des Krugs, trotz ſeinen Geſellen in Fiſh⸗ lane, trotz ſeinem vertrauten Umgang mit dem langen Ned, haſt Du ihn der Verſuchung wider⸗ ſtehen und um eine andere Laufbahn als die der Räuberey und des Betrügs ſich bemühen ſehen. Ja ſelbſt in ſeiner Hülfloſigkeit, vertrieben von dem Sitze ſeiner Kindheit, ſahſt Du wie er, ſtatt eine vergnüglichere und ungebundenere Lebensweiſe auſzuſuchen, ſich zu dem unwirthlichen Dache und den abgeſchmackten Beſchäftigungen Mac Grawlers bequemte; und lieber ehrlich ſeinen Unterhalt im Schweiße ſeines Hirnes verdienen, als zu einem der mannigfachen Wege, auf andrer Leute Koſten zu keben, greifen wollte, womit ihn doch ſeine Bekannt⸗ ſchaft mit dem ſchlechteren Theil der Geſellſchaßt 30 mußte vertraut gemacht haben und die, um das Wenigſte zu ſagen, für einen Jüngling und Abenteu⸗ rer mehr Lockendes haben, als die dornigten Pfade literariſcher Geſchäfte. Es war in der That, um Dich in ein Geheimniß einzuweihen, Pauls kühner Ehrgeitz darauf gerichtet geweſen, ſich zu einem würdigen Mitglied der Geſellſchaft emporzuarbeiten. Seine gegenwärtige Lage aber legte, wie man nach⸗ her ſehen wird, in ihm den Grund zu einer großen Veränderung in ſeinen Wünſchen, und die Unter⸗ redung, die er in dieſer Nacht mit dem gewandten und abgefeimten Auguſtus hatte, trug mehr dazu bei, ihn zum Helden dieſes Buchs zu ſtempeln, als alle Neigungen ſeiner Kindheit oder die Auftritte ſeiner frühern Jugend. Junge Leute ſind zu dem irrthümlichen Glauben geneigt: es ſey etwas ſo Schlimmes, ein verruchter Menſch zu ſeyn. Das Korrektionshaus wird ſo genannt, weil es ein Ort iſt, wo eine ſo lächerliche Vorſtellung für immer kvrri⸗ girt wird. Am nächſten Tag wurde Paul durch einen Beſuch von Mrs. Lobkins überraſcht, welche durch den freundſchaftlichen Dummie von ſeiner Lage und deren Urſachen gehört undvm Richter Burnflat einen Einlaßbefehl herauszuſchlagen gewußt hatte. Wie Pyramus und Thisbe kamen ſie, eine Mauer, oder vielmehr ein eiſernes Gitter zwiſchen ſich, zuſammen und Frau Lobkins brach, nach einem Erguß der n. 51 Verzweiflung über das trennende Hinderniß, wei⸗ nend in den pathetiſchen Vorwurf aus: „O Paul, Du haſcht deine Säue auf einen ſaubern Markt gebracht!“ „Es iſt ein geeigneter Markt für Schweine, meine liebe Frau!“ ſagte Paul, welcher zwar mit einer Thräne im Auge, einen eben ſo bittern als unzierlichen Scherz nicht verſchmähte,„denn, was eine Hauptſache iſt, dieß iſt der Ort wo Einer lernt, auf ſeinen Speck Achtung geben.“ „Halt Dein Maul!“ rief die Dame erzürnt, „was haſcht Du dann ſolches Zeug zu ſchwatzen⸗ während Du in der Hölle da biſcht?“ „Ach, liebe Frau!“ ſagte Paul,„wir können dieſe Hoppeln und Unebenheiten auf unſrem Wege zur Beförderung nicht vermeiden!“ „Ja auf dem Wege wo der Deufel exdraboſcht ſährt!“ rief die Dame.„Ich ſage Dir, Kind, Du wirſchts noch erleben, gehängt zu werden trotz all meiner Sorge und Obacht auf Dich, und trotz dem, daß ich Dich wie einen Gelehrten erzogen habe, und immer gehofft Du werdeſcht, wenn Du groß ge- worden, Ehre machen Deinem—“ „König und Vaterland,“ unterbrach ſie Paul. „Wir reden immer davon: dem König und dem Land Ehre machen, und das bedeutet: reich werden und Steuern zahlen. Je mehr Steuern Einer zahlt, deſto mehr Ehre macht er beiden, wie Auguſtus ſagt. Nun, liebe Frau, Alles zur rechten Zeit.“ 32 „Was! Du biſcht luſchdig, biſcht Du? Warum heulſcht nicht? Dein Herz iſt ſo hart wie Back⸗ ſtein. Es iſt ganz unnatürlich und hyänenartig ſo zu ſprechen: ich kümmre mich den Deufel darum!“ Bei dieſen Worten rollten die Thränen der guten Fräu ſo bitterlich wie die der verzweiſelnden Pari⸗ ſina. „Nein, nein,“ ſagte Paul, der obgleich innerlich weit ſchmerzlicher leidend, doch den Schmerz viel leichtmüthiger als ſeine Beſchützerin ertrug.„Durch Schreien können wir die Sache nicht beſſer machen. Verſucht einmal und ſeht, was für mich zu thun iſt. Ich darf wohl ſagen ihr werdet den Spruch des Richters durch ein wenig Palmenöl ſchon zu mildern im Stande ſeyn, und wenn Ihr mich heraus⸗ kriegen könnt, eh' ich ganz verderbt bin— und dazu kann ein oder zwei Tage in dieſem Höllen⸗ loch ſchon Rath ſchaffen,— verſpreche ich Euch, nicht nur ſelbſt ehrlich zu leben, ſondern auch zu Leuten mich zu halten, die ebenſo leben.“ „Küß mich, Paul!“ ſagte die zärtliche Mrs. Lobkins,„küß mich o ich vergeſſe das Gidder! Ich will ſehen was zu dühn iſcht. Und hier, mein Junge, iſcht was für Dich in der Zwiſchenzeit. Ein Dropfen von der Gottesgabe, Deinen armen Magen wieder einzurichden. Bſcht! ſchmuggle es durch oder ſie ſehen's!“ Hier verſuchte die Dame eine ſteinerne Flaſche durch die Stüäbe des Gitters zu ſchieben; aber ach! ei m eie ſch kü w m k⸗ ig 1 66 en ri⸗ rs. Ich ge, fen der ſte che ch 35 der Hals gieng zwar durch, aber der Bauch ſträubte ſich und die Dame war genöthigt die Goddes⸗ gabe zurückzuziehen. Auf dieß erneuerte das zart⸗ fühlende Weib ſein Schluchzen und ſo verſanken war ſie in ihren Schmerz, daß ſie, ganz vergeſſend, wie es ſchien, zu welchem Zweck ſie die Flaſche mit⸗ gebracht, dieſelbe an ihren Mund ſetzte und mit dieſem Lebenselixier, das ſie urſprünglich für Paul beſtimmt hatte, ſich ſelbſt tröſtete. Dieß ſtärkte ſie wieder ein Wenig; und nach einem ſehr rührenden Auftritt taumelte die Frau mit den ſchwankenden Schritten, welche dem Schmerz eigenthümlich ſind, fort, und verſprach beim Ab⸗ ſchied, wenn Zärtlichkeit oder Geld Pauls Haft ab⸗ kürzen köanten, ſo ſolle es an keinem ſehlen. Wir wären in g'oßer Verlegenheit, wenn wir mit Ge⸗ nauigkeit angeben ſollten, wie viel Einfluß das erſtgenannte von jenen zwei Mitteln, geltend ge⸗ macht von der aumuthigen Margaretha, auf den Richter Buruflat wohl würde ausgeübt haben. Als die gute Frau ſich entfernt hatte, eilte Paul wieder an ſein Wergzupfen und zu ſeinem Freund. Er traf den würdigen Auguſtus, wie er eben insge⸗ heim kleine, anſtändige Luxuswaaren, als Tabak, Branntwein und ſchmackhaftere Fleiſchportionen, als der Kerker ſie zugeſtand, verkaufte; denn Anguſtus, der mehr Geld hatte, als ſeine übrigen Genoſſen, wußte vermöge der Freundſchaft des Kerkermeiſters ſolche, den Gefangnen beſonders werthe Bedürfniſſe Bulwer's Romane. XXV. 3 34 heimlich einzukaufen und mit einem Gewinn von etwa 100 Prozent wieder an Mann zu bringen.*) —„Ein Beweis, ſagte Auguſtus trocken zu Paul, „daß durch Klugheit und Betriebſamkeit Einer ſo⸗ gar an dieſen Orten, wo man ſich kaum regen und legen kann, doch ſein Geld gut anzulegen, Mittel findet. ————— Neuntes Kapitel. Erzähle denn, o göttergleicher Gaſt! Wie ward durch griech'ſche Liſt die Stadt Aeneis⸗ Ebendaſelbſt. Mit dem Charakter Auguſtus Tomlinſons war, ſeit Paul mit dieſem berühmten Mann zuletzt zu⸗ ſammen geweſen war, eine große Veränderung zu ſeinem Vortheil vorgegangen. Damals hatte Au⸗ So ſtiegen ſie herunter und entflohen. *) Eine in den Zuchthäuſern ſehr gewöhnliche Speculation. Der Oberaufſeher von Cold⸗Baths⸗Fields, ein ſehr ein⸗ ſichtsvoller und thätiger Mann, wie es ſcheint, und in iedem Betracht geeignet zu einem ſo ſchwie rigen Amte. erzählte uns in der einzigen Unterredung deren wir uns mit ihm zu erfreuen hatten, er glaube in ſeinem Gebiete dieſen geſetzwidrigen Handel ganz oder bei⸗ nah ganz ausgerottet zu haben; einen Handel der füx den Kerkermeiſter ſehr gewinnreich iſt, und demgemäß ohne Zweifel nach dem vortrefflichen Grundſatz der engliſchen Verfaſſung, daß je mehr die Regierenden einnehmen, deſto beſſer es ſür die Regierten ſey, für das Publikum ausnehmend wohlthätig ſevn muß. —„——„—„„— 6— — „—++„— — — c„+ +„ von aul, ſp⸗ und ttel 2 d. ſt. var, zu⸗ n Au⸗ tion. ein⸗ d in mte. wir inem bei⸗ für emäß der nden „für 35 guſtus den Mann des Vergnügens geſpielt, den ge⸗ lehrten Pflaſtertreter, den vollendeten Perikles der Zeitungen,— bald hatte er aus Horaz citirt, bald eine Fliege von Lord Dunſhunners Vorderpferd weggeklaſcht; mit Einem Wort eine Art von Mit⸗ telding zwiſchen Lord Dudley und dem Marquis von Worceſter. Jetzt hatte ein ernſteres aber dar⸗ um nicht minder hochmüthiges Weſen ſich in ſei⸗ nen Zügen ausgeprägt; die Anmaßung des guten Tons hatte der Anmaßung der Weisheit Platz ge⸗ macht; und aus einem Mann des Vergnügens war Auguſtus Tomlinſon ein Filofof geworden. Aber mit dieſer Erhöhung war er noch nicht zufrieden, er verſchmolz den Filoſofen mit dem Politiker und der ſchlaue Schurke that ſich beſonders gern etwas darauf zu Gute: Ein gemäßigter Whig zu ſeyn.„Paul,“ ſo pflegte er ſich auszuſprechen, „glaubt mir! gemäßigter Whiggism iſt ein vortreff⸗ liches Glaubensbekenntniß. Er ſchmiegt ſich an je⸗ den möglichen Wechſelfall, an jede nur denkbare Umwandlung der Verhältniſſe an. Es iſt die ein⸗ zige Politik für uns, die Ariſtokraten der freiſinnigen Art, welche gegen tyranniſche Geſetze ſich empörenz denn, zum Kuckak, ich bin kein Demokrat. Kerker und Kerkermeiſter mögen da ſeyn für die gemeinen Spitzbuben, welche Kleider von den Zäunen rapſen, daran ſie zum trocknen hängen, oder einem ſilber⸗ nen Löffel zu lieb in ein Haus ſich einſchleichen; aber Zuchthäuſer ſind nicht gemacht für Männer, 5 3* 36 die eine aufgeklärte Erziehung genoſſen, die kleine Diebſtähle ſo ſehr als irgend ein Friedensrichter ver⸗ abſcheuen, von denen man nie ſagen ſollte, ſie trie⸗ ben ein unehrliches Gewerbe, ſondern, wenn man ſie je entdeckt: ſie ſeyen ung lü cklich in ihren Speculationen.*) Eine ſaubre Sache in der That, daß bei allen andern Gliedern der Geſellſchaft Rang⸗Unterſchiede ſeyn ſollen und nur beiuns nicht! Wo bleibt die gerübmte brittiſche Verfaſſung 2 Ich wäre begierig zu erfahren— wo bleiben die Privi⸗ legien der Ariſtokratie, wenn ich, ein geborner Gentleman, der Latein verſteht und in der beſten Geſellſchaft gelebt hat, in dieſen abſcheulichen Ort mit einem ſchmutzigen Geſellen zuſammengeworfen werde, der in einem Winkel geboren iſt und ſich nie mehr auf Einmal erwerben konnte als um eine Bratwurſt zu kaufen. Nein, nein! weg mit dieſen Nivellirungs⸗Grundſätzen! Ich bin liberal, Paul, und liebe die Freiheit; aber, dank dem Himmel, ich verachte die Demokraten!“ So pflegte dieſer gemäßigte Whig, halb im Ernſt und halb einen natürlichen Hang zum Spott verſchleiernd, während der langen Nächte, die um halb 5 Uhr anfiengen und wo er und Paul einan⸗ der Geſellſchaft leiſteten, ſtundenlang fortzuplaudern. Eines Abends, da Tomlinſon ſo gründlich zur v) Ein Ausdruck der von Einem gebraucht wurde, wel⸗ cher wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder beruch⸗ tigt war. 7 4₰ 8 —— ne er⸗ ie⸗ an en der aft t! Ich ivi⸗ ner ſten Ort fen ſich eine eſen aul, ich im pott um nan⸗ ern. zur wel⸗ rüch⸗ 37 Weitſchweifigkeit aufgelegt war, daß Paul ſelbſt ſich durch den Strom ſeiner Beredſamkeit einigermaßen ermüdet fühlte, erinnerte unſer Held, ſehnlich eine Aenderung des Geſprächs wünſchend, Auguſtus an ſein Verſprechen, ſeine Geſchichte ihm mitzutheilen, und der filoſofiſche Whig, der ſich's nie verdrießen ließ von ſich ſelbſt zu ſprechen, räuſperte ſich und begann: Geſchichte Auguſtus Tomlinſon's. Man frage nicht wer mein Vater oder was mein Geburtsort war! Mein erſter Ahne war Tommy Linn,(ſein Erbe wurde Tom Linns Sohn,) Ihr kennt die Ballade ihm zu Ehren? Tommv Linn iſt als ein Schotte geboren, Sein Kopf iſt kahl und ſein Bart geſchoren; Eine Kappe von Haſenfell ſchmücket ihn! Ein ältlicher Mann iſt Tommy Linn! u. ſ. w. Siebe Ritſons Liederbuch des Nordens. In der Schlußſtrofe dieſer Ballade war eine Art von Profezeihung über die Nachkommen meines Ahnen dunkel angedeutet: Tommy Linn, ſein Weib, ihre Mutter zuſammen Fielen ſie alle in die Flammen; Den Unterſten wurd' es gar heiß darin, „Wir ſind nicht genug!“ ſprach Tommy Linn.“ Ihr'ſeht die Profezeihung; ſie paßt ſowohl auf vornehme Schelmen als auf gemäßigte Whigs, denn beide ſind in der Welt die Unterſten und beide ſchreien unabläſſig: Wir ſind nicht ge⸗ nug. Ich will meine eigne Geſchichte mit der Bemerkung anfangen, daß ich in eine Schule im Norden des Landes kam, wo ich wegen meiner Anſtelligkeit im Lernen und meiner Geſchicklichkeit im Geſangenſchafts⸗Spiele gerühmt wurde; auf mein Wort, ich wollte kein Wortſpiel machen! Ich war ſür die Kirche beſtimmt; ich wünſchte mich bei Zeiten in den Ceremonien zu unterrichten und überredete meines Schulmeiſters Dienſtmädchen, mir bei Vollziehung einer Taufe behülflich zu ſeyn. Mein Vater ſah dieſe vorzeitige Liebe zu den heili⸗ gen Gebräuchen nicht gerne. Er nahm mich nach Haus zurück und von dem Wunſche beſeelt, meinem geiſtlichen Eifer eine andere Richtung zu geben, bereitete er mich auf das Schreiben von Predigten dadurch vor, daß er mir täglich ein Dutzend vorlas. Ich wurde deſſen überdrüſſig, ſo ſonderbar Euch dieß vorkommen mag.„Vater,“ ſagte ich eines Morgens, „ohne langes Gerede, ich werde nicht in die Kirche treten— das iſt einmal ausgemachte Sache. Gebt mir Euern Segen und 100 Pfund; damit will ich nach London gehen und ein Mann der zu leben hat,*) werden, ſtatt ein Pfarrverweſer.“ Mein Vater tobte, aber zuletzt ſetzte ich es durch. Ich ſprach davon, Privatlehrer zu werden, ſchwur, ich habe gehört es ſey die leichteſte Sache von der Welt; das Einzige woran es fehlen könnte, ſeyen Zöglinge, und der einzige Weg ſolche zu bekommen, *) Living heißt zugleich Lebensunterbalt und Pfründe. Der Doppelſinn iſt nicht zu übeyſetzen. er eit uf ch ich nd n, n li- ch em en, en as. ieß ns, che ebt en ein Ich der en en, de. 39 ſey: nach London zu gehen und meine Gelehrſamkeit bekannt werden zu laſſen. Mein armer Vater! nun, er iſt todt und ich bin jetzt froh darüber!(die Stim⸗ me zitterte dem Redenden,) ich wurde Meiſter, ſage ich, und gieng in die Hauptſtadt wo ich einen Buch⸗ händler zum Verwandten hatte. Durch ſeine Ver⸗ mittlung ſchrieb ich ein Buch: Reiſen in Aethiopien, für den Sohn eines Grafen, der ein Wunder der Welt werden ſollte, und eine Abhandlung über die griechiſchen Partikeln, dem erſten Miniſter gewidmet, für einen Dekan, der Biſchof zu werden wünſchte, da das Griechiſche, zunächſt dem Einfluß, der beſte Weg zur heiligen Mütze iſt. Dieſe beiden Werke wurden freigebig bezahlt; ich nahm eine Wohnung im erſten Stock und entſchloß mich zu einem kecken Streich um eine Frau zu bekommen. Was meint Ihr, daß ich that? Nein, laßt das Rathen, es würde ganz umſonſt ſeyn. Zuerſt gieng ich zu dem beſten Schneider und ließ mir meine Kleider auf dem Rücken nähen, fürs zweite lernte ich den hohen Adel und ſeine Stammbäume auswendig; drittens marſchierte ich eines Abends mit der allerkühlſten Ueberlegung in das Haus einer Herzogin, die einen ungeheuern Rout*) gab. Die Zeitungen hatten mir dieſe Idee eingegeben. Ich hatte von dem un⸗ geheuern Gewühl geleſen,„welches eine Dame zu Hauſe um ſich zu verſammeln bemüht war.“ Ich hatte von gedräugt vollen Treppen geleſen und von ) Geſellſchaft — Ladys die man ohnmächtig fortgetragen, und mein gefunder Menſchenverſtand ſagte mir, wie unmöglich es ſey, daß die ſchöne Wirthin um die Rechtmäßig⸗ keit Aller Gäſte wiſſen ſollte. Ich beſchloß alſo mein Glück zu verſuchen und ſchwärzte den Leib des Auguſtus Tomlinſon, wie eine geſtohlene Waare, ein. Freilich in dererſten Nacht war ich ſchüchtern; ich war wie an die Treppe geheftet, und liebäugelte mit einem alten Frauenzimmer von Stand, die ich als Lady Margaretha Sinclair aukündigen hörte— Ohne Zweifel hatte noch Niemand mit ihr Liebes⸗ blicke gewechſelt; und ſie war offenbar ganz entzückt über die meinigen. In der nächſten Nacht las ich von einem Ball bei der Gräfin von——. Mein Herz ſchlug mir, als ſollte ich gepeitſcht werden, aber ich raffte meinen Muth zuſammen und erſchien bei der gnädigen Lady. Hier ſah ich wieder die göttliche Lady Margaretha, und weil ich beobachtete, daß ſie bei meinem Anblick gelb wurde, was bei ihr das Erröthen vertrat, kam mir der Portwein, den ich als Ermuthigungsmittel zu meinem Gang ge⸗ trunken hatte, zu ſtatten, ſo daß ich auf die aller⸗ zierlich⸗modiſchſte Weiſe auf ſie zutänzelte, die gnä⸗ dige Lady daran erinnerte, daß ich einmal bei dem Herzog von Daſhwell die Ehre gehabt, ihr vorge⸗ ſtellt zu werden, und ſie um ihre Hand für den nächſten Cotillon bat. O Paul! denkt Euch mei⸗ nen Triumf, das alte Fräulein ſagte mit einem Seufzer: Sie erinnere ſich meiner recht gut, ha! ein ich ig⸗ lſo des we lte ich es⸗ ckt ich ein en, ien die ete, ihr den ge ler⸗ nä⸗ em ge⸗ den nei⸗ 1em ſezte zu einem großen Eſſen bei dem Herzog von 44 ha! ha! und ich führte ſie zum Cotillon wie ein zweiter Theſeus der eine zweite Ariadne entführt. Um über dieſen Theil meines Lebens nicht zu weit⸗ ſchweifig zu werden, ich gieng Nacht für Nacht auf Bälle und Rout's, zu welchen die Hälfte der feinen Welt in London mit ihren Ohren wohl gern den Zutritt erkauft hätte. Und ich benützte meine Zeit ſo gut bei der Lady Margaretha, die ihre eigne Herrin war und 5000 Pfund hatte— ein verdammt ſchmaler Biſſen für Manchen, aber für mich doch nicht zu verachten— daß ich ſchon daran dachte, auf wann der glückliche Tag feſtzuſetzen ſeyn möchte. Inzwiſchen war ich, weil Lady Margaretha mich mit einigen ihrer Freunde bekannt machte und meine Wohnung ſich ſehen laſſen konnte, mit eini⸗ gen wirklichen Einladungen beehrt worden. Die einzigen zwei Fragen, die mir immer in nachläßi⸗ gem Tone vorgelegt wurden, waren: ob ich der einzige Sohn ſey? und auf meine wahrhafte Ant⸗ wort: Ja! erfolgte mit etwas mehr Wärme die andre: Aus welcher Grafſchaft ich ſey? Zum Glück war meine Grafſchaft anſehnlich— Yorkſhire; und wenn meine artigen Frager etwa bei dieſen und jenen dorther Gebürtigen ſich nach mir erkundigten, ſo erhielten ſie natürlich die Antwort? ich ſey von einem andern Theile der Grafſchaft.“ „Nun, Paul, ich wurde durch den glücklichen Erfolg ſo keck, daß mir der Teufel eines Tags in den Kopf 42 Daſhwekl zu gehen. Ich ging hin, ſpeiste mit; es gieng Alles gut; ich gieng wieder weg und am nächſten Morgen las ich in den Zeitungen: „Ein räthſelhafter Vorfall— ein Individuum das ſich ſeit einiger Zeit blicken läßt— die erſten Häuſer— höchſt faſhionable Geſellſchaften— Nie⸗ mand kennt ihn— bei Herzog von Daſhwell geſtern — der Herzog will keine Störung herbeiführen— da eine Hoheit anweſend. Das Journal ſank mir aus der Hand. In die⸗ ſem Augenblick übergab mir das Mädchen vom Hauſe ein Billet von Lady Margaretha; ſie er⸗ wähnte darin des Zeitungsartikels, wunderte ſich, wer doch der Fremde ſeyn möchte, hoffte mich die⸗ ſen Abend bei Lord A—— zu ſehen, zu deſſen Geſellſchaft ich eine Einladung zu haben vorgab— dann könne man genügender von den berührten Gegenſtänden ſprechen, kurz, mein theurer Paul, ein zärtlicher Brief. Alle große Männer ſind Fa⸗ taliſten; ich bin auch einer; das Schickſal machte mich zu einem Wahnſinnigen; im Angeſicht dieſes Unglückweiſſagenden Artikels bot ſch meinen Muth auf und gieng dieſe Nacht zu Lord A——. Die Sache verhielt ſich ſo: meine Angelegenheiten waren in Unordnungz ich ſteckte tief in Schulden, ich ſah die Nothwendigkeit ein, meinen Sieg über Lady Mar⸗ garetha bald möglichſt zu vollenden; und bei Lord A—— ſchien der beſte Ort für dieſes Vorhaben ſich darzubieten. Ja ich hielt, nach dieſem verfluch⸗ 5 5 c 7 23 ten Artikel, den Verzug für ſo gefährlich, daß Ein Tag mich entlarven konnte, und glaubte es deßhalb angemeſſener, die Beendigung dieſes Stücks: den Fremde, auch nicht um eine Stunde durch die Poſſe: der Honigmonath, aufzuhalten. Und ſo ſtellt Euch denn vor, wie ich bei Lord A—— Lady Marga⸗ retha zum Tanze führte; ſtellt Euch vor, wie ich ihr die ſüßeſten Sachen ins Ohr flüſterte; denkt Euch, wie ſie meinen Anzug lobte und mich ſanft ſchalt, daß ich von Gretna Grün geſprochen. Stelli Euch dieß Alles vor, mein guter Geſell, und eben wie ich auf dem Gipfel meines Triumfes angekom⸗ men war— reißt die Augen Eurer Einbildungs⸗ kraft auf und ſchaut: wie die ſtattliche Geſtalt des Lord A—— meines edlen Wirthes auf mich zukam, während eine Stimme, die, obwohl leiſe und ruhig wie ein Abendlüftchen, mir doch das Herz in die Schuhe fallen machte, zu mir ſagte:„Ich glaube Sir, Sie haben von Lady A—— keine Einladung bekommen?“ Nicht ein Wort konnt' ich vorbringen, Paul! — nicht ein Wort. Wäre es auf der Landſtraße geweſen, ſtatt im Ballſaal— ich hätte laut genug reden wollen; aber ich war wie von einem Zauber gebannt. „Hm, Hm,“ ſtotterte ich endlich,„hm, ehem, — ein Miß— griff, ich— ich—“ hier ſtockte ich. „Sir,“ ſagte der Graf und betrachtete mich mit finſtrem Ernſt,„Sie thäten wohl, ſich zu entſernen.“ —— 44 „Gott ſteh' mir bei! Was ſoll das heißen 2“ rief Lady Margaretha, ließ meinen gelähmten Arm fahren, und ſah mich an als erwartete ſie, ich würde wie ein Held ſprechen. „Oh,“ ſagte ich„hm— hm, ich will morgen Auf— ſchluß geben, hm— hm,“ damit gieng ich der Thüre zu; alle Angen im Saal ſchienen in Brenngläſer verwandelt und verſengten mir die Haut im Angeſicht. Ich hörte, als ich das Zimmer verließ, einen leiſen Schrei; Lady Margaretha in Ohnmacht, vermuthlich! Hiemit endete meine Be⸗ werbung und meine Abentener in der beſten Ge⸗ ſellſchaft. Ich wurde über das Mißlingen meines Planes ſchwermüthig. Ihr müßt geſtehen, es war ein trefflicher Anſchlag. Welch ein moraliſcher Muth! Ich bewundre mich ſelbſt, wenn ich daran denke. Ohne eingeführt zu ſeyn, ohne eine Seele zu kennen, verſchaffe ich mir durch meine Entſchloſ⸗ ſenheit freien Zutritt in den vornehmſten Häuſern in London, tanze mit Grafentöchtern, und es fehlt nichts, als daß ich ſelbſt eine Grafentochter als Gemahlin heimführte. Wäre dieß geſchehen, ſo hät⸗ ten meine Freunde etwas für mich thun müſſenz und Lady Margaretha Tomlinſon hätte wohl leicht den jugendlichen Genius ihres Auguſtus ins Par⸗ lament oder ins Miniſterium einführen können. O, welch ein Sturz vom Himmel war das! und doch wahrhaftig, ha! ha! ich kounte trotz meinem Ver⸗ druß mich des Lachens nicht erwehren, wenn ich mich — ——— c——)—— 1 8— — 2 m de ch 45 erinnerte, wie ich drei Monate lang mich bei die⸗ ſen delikaten Excluſiven im Anſeben er⸗ halten und von vielen derſelden förmlich eingeladen worden war, welche die jüngern Söhne ihrer eig— nen Better nicht würden zu ſich gebeten haben, und das nur deßwegen, weil ich in einer guten Straße wohnte, mich für einen einzigen Sohn ausgab und von meinen Beſitzungen in Yorkſhire ſprach. Ha! Ha! wie bitter mußten es die lohn⸗ ſüchtigen Narren empfinden, als die Eutdeckung ge⸗ macht wurde! welch eine Pille war es für die guten Matronen, welche ſchon mein Bild mit dem ibrer Töchter Jane oder Mary vermählt hatten! Ha, ha, ha! der Triumf war beinah die Beſchämung werth. Indeß ich wurde, wie ſchon geſagt, ſchwer⸗ müthig darüber; beſonders als meine Gläubiger drohende Mienen annahmen. So gieng ich denn zu meinem Vetter, dem Buchhändler, mich bei ihm Raths zu erholen; er empfahl mir für die Jour⸗ nale zu ſchreiben und verſchaffte mir einen Antrag. Ich machte mich eine Zeitlang geduldig ans Werk und ſchloß einige angenehme Freundſchaften mit Gentlemen, mit denen ich regelmäßig in St. James zuſammenkam. Aber noch waren meine Gläubiger, obgleich ich ſie in kleinen Abſchlagsſummen bezahlte, die Plage meines Lebens; ich geſtand dieß einem meiner neuen Freunde.„Kommt mit mir,“ ſagte er,„eine Woche nach Bath, und Ihr ſollt ſo reich wie ein Inde von dort zurückkommen.“ Ich nahm das Anerbieten an und fuhr im Wagen meines Freundes nach Bath. Er legte ſich den Namen. Lord Dunſhunner bei, ein irländiſcher Peer, der nie über Galway hinausgekommen war, und deßhalb in Bath ſchwerlich bekannt war. Er miethete auch ein Haus für ein Jahr, füllte es mit Weinen, Bü⸗ chern und Silbergeſchirr; während er unbeſtimmt von ſeiner Abreiſe in die Hauptſtadt, zur Parla⸗ mentsſitzung, ſprach, kaufte er dieſe Waaren von den Leuten in der Stadt um ihrem Handel einen Aufſchwung zu geben; ich beſorgte heimlich die Fracht nach London und den Verkauf, und da wir ſie 50 Procent unter dem wahren Werth losſchlugen, ſo waren unſre Abnehmer, die Pfänderleiher, nicht ſehr zudringlich in ihren Fragen. Wir führten ein paar Monate in Bath ein luſtiges Leben; in einer Nacht reisten wir ab und überließen unſrem Haus⸗ beſitzer die Beantwortung aller Anfragen. Wir hat⸗ ten die Vorſicht beobachtet, unkenntlich machende Kleidungen zu tragen, hatten uns ausgepolſtert und die Farbe unſrer Haare verändert, mein edler Freund war in dieſen Verwandlungskünſten ein Adept, und obgleich, die Polizey bei dem Handel nicht ſchlief, erwiſchte ſie uns doch nie. Ich bin beſonders froh, daß wir nicht entdeckt wurden, denn ich liebe Bath ausnehmend, und beabſichtige dieſer Tage dahin zu⸗ rückzukehren und mich mit einer Erbin von der Welt zurückzuziehen. Nun, Paul, bald nach dieſem Abenteuer machke „———„——— nes nen nie alb uch Zü⸗ mt la⸗ on en die vir en, cht ein ner us⸗ at⸗ nde ind ind ind ief, oh, th zu⸗ 47 ich Eure Bekauntſchaft. Ich ſetzte zum Schein mein literariſches Treiben fort, aber blos als eine Maske für die Geſchäfte, die ich nicht geſtehen durfte. Ein Umſtand nöthigte mich London ziemlich über⸗ eilt zu verlaſſen. Lord Dunſhunner traf mit mir in Edinburgh zuſammen. Verdammt! ſtatt dort etwas einzuthun, wurden wir ſelbſt eingethan. Der ärgſte Igel, der je durch die Hochſtraße kroch, iſt dem gründlichſt gebildeten und durchtriebnen Engländer mehr als gewachſen. Bei uns iſt es Kunſt; bei den Schotten iſt es Natur. Sie fegen uns die Taſchen aus, ohne die Finger zu brauchen, und kommen der Vergeltung zuvor, weil ſie nichts haben, das man rapſen könnte. Wir verließen Edinburgh mit ſehr langen Ge⸗ ſichtern und in Carlisle fanden wir es nothwendig uns zu trennen. Ich meines Theils gieng als Kam⸗ merdiener zu einem Edelmann, der eben in Carlisle ſeinen vorigen durch ein Fieber verloren hatte: mein Freund gab mir die trefflichſten Zeugniſſe. Mein neuer Herr war ein ſehr geſcheuter Mann; er ſetzte die Leute beim Diner mit den Impromptus in Er⸗ ſtaunen, die er beim Frühſtück vorbereitete, mit Einem Wort, er war ein witziger Kopf. Bald ſah er, denn er war ſelbſt gelehrt, daß ich eine klaſſiſche Bildung genoſſen und er nahm im Vertrauen meine Fähigkeiten in Anſpruch, Citate für ihn aufzufinden. Ich ordnete dieſe nach dem Alfabet und unter drei Haupt⸗ klaſſen: Parlamentariſche, Literariſche, Geſellſchaft⸗ 48 liche; dieſe hatten wieder Unterabtheilune'n: Vor⸗ nehme, gelehrte, ſcherzhafte, ſo daß mein Herr auf Einmal wußte, wo er Geiſt, Weisheit und Witz zu ſuchen hatte. Erwar ſehr entzuckt über die von mir in ſeine Geiſtesthätigkeiten gebrachte Orduung. um mich ihm gefällig zu erweiſen, widmete ich der Politik mehr Aufmerkfamkeit als früher; denn er war ein entſchiedener Whig und in Allem, auſſer im Geld, ungemein liberal. Daher ſtammen, Paul, meine politiſchen Grundſäße, und dem Him⸗ mel ſey Dank, es giebt jetzt keinen Schelmen in Eug⸗ land, der ein beßrer, das heißt ein gemäßigterer Whig wäre, als Euer unterthäniger Diener. Ich blieb beinah ein Jahr bei ihm. Er verabſchiedete mich wegen eines Fehlers der meines Genius wür— dig war; andre Diener bringen ihren Herrn etwa um eine Uhr, einen Rock; ich ſpielte ein größeres Spiel und brachte ihn um ſeinen: Privat⸗Charakter.“ „Was meint Ihr damit?“ „Nun, ich war in eine Dame verliebt, die mich als Herrn Tomlinſon nicht würde angeſehen haben; ſo nahm ich denn meines Herrn Kleider und gele⸗ gentlich ſeinen Wagen und machte meiner Nymfe als Lord—— den Hof. Ihre Eitelkeit machte ſie unbeſonnen und geſchwätzig. Die Tory⸗Blätter be⸗ kamen Wind davon; und bei einem Miniſterwechſel erklärte Georg UI von meinem Herrn, er ſey: zu leichtſinnig zu einem Kanzler der Schatzkammer. Ein alter Geutleman, der von einer Frau wie eine uf itz on g. er m, en, M⸗ 1* rer Ich ete ür⸗ wa res r ich enz ele⸗ mfe ſie be⸗ hſel zu ler. 1ne. 49 Gorgo fünfzehn Kinder hatte, wurde ſtatt meines Herrn erkoren, und obgleich der neue Miniſter in ſeinen Fähigkeiten als Staatsmann ein Narr war, ſo war doch das moraliſche Publikum wegen ſeiner häuslichen Tugenden vollkommen wohl mit ihm zu⸗ frieden. Mein Herr wurde wüthend, ſtellte die ſtreng⸗ ſten Unterſuchungen an, kam mir auf die Schliche und jagte mich aus dem Haus. Ein Whig auſſer Dienſten hat das Recht, mit der Verfaſſung unzufrieden zu ſeyu. Mein Unfall machte mich beinah zum Republikaner; aber, getren meinem Glaubensbekenntniß, muß ich geſtehen, daß ich nur nach Oben zu nivellirt hätte. Beſonders war ich der ungleichen Vertheilung des Reichthums feind; bei jedem Wagen, der vorbeirollte, blickte ich finſter; wie ein zweiter Catilina runzelte ich die Stirne beim Dampf aus der Küche eines Gentleman. Meine letzte Stelle war nicht einträglich geweſen; in meinem Eifer für Politik, hatte ich meine Neben⸗ einkünfte verſäumt. Mein Herr weigerte ſich auch, mir ein Zeugniß zu geben— wer ſollte mich ohne ein ſolches nehmen? Dieſe trauvige Frage legte ich mir ſelbſt eines Morgens vor, als ich plötzlich einem von den vor⸗ nehmen Freunden begegnete, mit welchen ich in meiner alten Gefellſchaft in St. James gewöhnlich verkehrte. Sein Name war Pepper. „Pepper!“ rief Paul. Bülwer's Romane NXXV. 50 Ohne den Ausruf zu beachten fuhr Tomlinſon fort: „Wir giengen in eine Schenke und tranken mit einander eine Flaſche. Der Wein machte mich mit⸗ theilſam, auch meinem Kameraden ſchloß er das Herz auf. Er forderte mich auf dieſe Nacht mit ihm einen Ritt nach Hounslow zu machen; ich that es und fand eine Börſe.“ „Welches Glück! Wo denn?“ „In der Taſche eines Gentleman. Ich war ſo erfreut über meinen guten Stern, daß ich jede Woche zweimal dieſelbe Straße einſchlug um zu ſehen, ob es noch mehr Börſen aufzuleſen gebe. Das Schick⸗ ſal begünſtigte mich und ich lebte lange Zeit das Leben eines Lieblings der Götter⸗ O Paul, Ihr wißt nicht, nein, Ihr wißt nicht, was es für ein ſuperbes Leben um das Leben eines Hochſtraßen⸗ mannes iſt; aber Ihr ſollt es dieſer Tage zu koſten bekommen, das ſollt Ihr, auf meine Ehre.“ „Jetzt lebte ich mit einem Elub ehrbarer Ge⸗ ſellen; wir nannten uns ſelbſt die Excluſiven, denn wir waren über die Maßen wähleriſch mit unſern Genoſſen und nur die, welche das Geſchäft auf ei⸗ nem hohen Fuß betrieden, erhielten bei unſerer Ge⸗ ſellſchaft Zutritt. Ich für meinen Theil jedoch fand⸗ bei all meiner Liebe für mein Gewerbe, mehr Ge⸗ fallen an der Liſt als an der Gewalt und zog, was der Pöbel ſchnellen nennt, ſogar der Hochſtraße vor. Bei einer Unternehmung dieſer Art ritt ich 5¹ einmal in eine Landſtadt und ſah in einem Theile der Stadt ein Menſchengewühl verſammelt: ich näherte mich, und denkt Euch meine Empfindungen! ich ſah meinen alten Freund, den Viscount Dun⸗ ſhunner eben im Begriff gehängt zu werden. Ich ritt davon, ſo ſchnell ich konnte. Ich meinte Meiſter Rothmantel mir auß den Ferſen zu ſehen. Mein Pſerd warf mich gegen einen Zaun und ich brach das Schlüſſelbein. In der Abſperrung von der Welt, welche die Folge davon war, tauchten düſtre Gedanken in mir auf. Ich mochte nicht gern gehängt werden? deßhalb bot ich Vernunftgründe gegen meine Ver⸗ irrungen auf und bereute ſie. Langſam genas ich⸗ kehrte in die Hauptſtadt zurück und ſtellte mich mei⸗ nem Vetter, dem Buchhändler vor, die Wahrheit zu ſagen, ich hatte ihm einen kleinen Streich ge⸗ ſpielt; durch ein Verſehen einige ſeiner Schulden eingezogen— eine ſehr natürliche Folge der Ver⸗ wirrung bei meinen Unfällen. Er war jedoch äuſ⸗ ſerſt unartig gegen mich und das Verſehen, ſo natürlich es war, hatte mir ſeine Bekanntſchaft ge⸗ koſtet. Jetzt gieng ich zu ihm in dem Büßeraufzug des perlornen Sohns und wahrhaftig, Er ſtellte nicht übel das gemäſtete Kalb dar, welches meiner Rück⸗ kehr zu Ehren hätte geſchlachtet werden ſollen; ſo wohlbeleibt ſah er aus und ſo niedergeſchlogen.„Un⸗ dankbarer Verworfner,“empfieng er mich,„Euer armer Vater iſt todt.“ Ich war auſſerordentlich erſchrocken⸗ — aber— nein Paul! fürchte nichts, ich werde gewiß nicht pathetiſch. Mein Vater hatte ſein Vermögen unter feine Kinder getheilt, mein Antheil betrug 500 Pfund, der Beſitz dieſer Summe machte meine Reue in den Augen meines guten Vetters weit aufrichti⸗ ger; und nach einer ſehr pathetiſchen Scene nahmer mich wieder in ſeine Gunſt auf. Ich gieng jetzt mit ihm über die beſte Art, mein Kapital anzulegen und meinen guten Namen herzuſtellen zu Rathe. Bei der erſten Beſprechung machten wir noch Plan ausfindig, aber als ich ihn zum zweitenmal ſprach, ſagte mein Vetter mit frend eglänzender Miene: Freue dich Auguſtus, ich habe eine Stelle für Dich gefunden. Herr Asgrave, der Bankier, will Dich zum Schreiber nehmen. Er iſtt ein ſehr würdiger Mann, und da er eine ausgebreitete Ge⸗ lehrſamkeit beſitzt, ſo wird er deine Kenntniſſe ſchätzen. Noch an dieſem Tage wurde ich dem Herrn Asgrave vorgeſtellt, einem kleinen Manne mit einem feinen, kahlen, wohlwollenden Kopfe und nach einer langen Uaterredung, welche er mit mir zu halten geruhte, wurde ich einer ſeiner Federfuchſer. Ich weiß nicht wie es zuging, aber allmälig ſtieg ich in meines Herrn Gnade;— ich machte ihn, ſo bilde ich mir ein, durch Anlegung meiner 506 Pfund nach ſeinem Rathe, mir geneigt; er lieh ſie für mich wie er ſagte mit unermeßlicher Sicherheit auf einen Grund⸗ beſis aus. Herr Asgrave war ein gar umgängli⸗ cher Mann, er hatte ein ſtattliches Haus und treff⸗ kiche Weine. Da er in ſeiner Geſellſchaft nicht ſehr wähleriſch war, und ſein Ehrgeitz ihn nicht in die großen Cirkel trieb, zog er mich oft an ſeinen Tiſch und vergnügte ſich, lange Erörterungen über die Al⸗ ten mit mir anzuſtellen. Bald kam ich darauf, daß mein Herr ein tüchtiger Moral-Filoſof war, und da ich ſelbſt einer ſchwachen Geſundheit genoß, des ge⸗ wöhnlichen Treibens der Welt, worin meine Er⸗ fahrungen meinen Jahren vorausgeeilt, überdrüßig und von Natur nachdenkſamer Gemüthsart war, ſo richtete ich meine Aufmerkſamkeit auf die mora⸗ liſchen Studien, die meinen Brodherrn ſo wunder⸗ bar anſprachen. Ich las neun Bücherſtänder voll metafyſiſcher Schriften durch und wußte genau, über welche Punkte dieſe berühmten Denker mit einander zum großen Nutzen der Wiſſenſchaft ſtritten. Mein Herr und ich pflegten manches lange Geſpräch über das Weſen des Guten und des Böſen zu halten und vermöge ſeiner wohlwollenden Stirne und ſeiner lauten, mürriſchen Stimme erſchien er unſern Zu⸗ hörern immer als der Weiſere und Beſſere von Bei⸗ den; er hatte deßhalb an unſern Streitübungen großes Vergnügen. Dieſer Ehrenmann hatte eine einzige Tochter, eine gräßliche Keiferin mit einem Geſicht wie die Nacht ſo häßlich; aber Filoſofen ſetzen ſich über körperliche Uebelſtände weg; und da ich nur an die Wohlthaten dachte, welche meinen Mit⸗ menſchen zu erweiſen mich ihr anſehenliches Vermö⸗ gen in Stand ſetzen würde, beehrte ich ſie heimlich ——— —=— — mit meiner Liebe. Ihr werdet ſagen, das heiße meinem Herrn ſeine Güte mit einem Schurkenſtreich erwiedern— keineswegs! mein Herr hatte mich überzeugt, daß es keine ſolche Tugend wie Dankbar⸗ keit gebe. Es ſey ein Irrthum der gemeinen Mo⸗ raliſten. Ich gab ſeinen Gründen nach und heirathete zuletzt ſeine Tochter in der Stille. Den Tag⸗ nach⸗ dem dieß ſtattgefunden, berief er mich auf ſein Ar⸗ veitszimmer und ſagte ſehr mild:„So Auguſtus, Ihr habt jetzt meine Tochter geheirathet; nein, Ihr dürft darüber nicht beſtürzt ſeyn? ich ſah lange voraus, daß Ihr dieß thun würdet und freute mich darüber.“ Ich verſuchte etwas wie Dank hervorzuſtammeln. „Unterbrecht mich nicht!“ ſagte er.„Ich habe zwei Gründe mich darüber zu freuen: erſtlich weil meine Tochter die Plage meines Lebens war und ich mir ſehnlich Jemand wünſchte, der ſie mir abnähme; zweitens, weil ich Euern Beiſtand in einer eignen Sache bedurfte, und doch nicht waaen konnte, Euch darum anzuſprechen, bevor Ihr mein Schwiegerſohn waret. Kurz, ich wünſche Euch zu meinem Hau⸗ delsgenoſſen anzunehmen.“ „Zum Handelsgenoſſen!“ rief ich und fiel auf die Knie,„edler großmüthiger Mann!“ „Wartet ein Wenig,“ fuhr mein Schwiegervater fort.„Welche Fonds glaubt Ihr. daß zur Führung einer Bank erforderlich ſeyen? Ihr blickt verdutzt? Nicht ein Schilling! Ihr werdet gerade ſo viel ein⸗ legen, als ich ſelbſt; ja ſogar noch mehr. Denn Ihr — er 18 2 55 habt einmal 500 Pfund eingelegt, die ſchon längſt verwendet ſind. Ich ſchieße keinen Schilling von meinem Eignen her. Ich lebe von meinen Clienten und biete Euch bereitwillig die Hälfte davon an.“ Denkt Euch, lieber Paul, mein Erſtannen, mei⸗ nen Verdruß! Ich ſah mich mit einer ſchändlichen Keiſerin verbeirathet, Schwiegerſoyn eines Schurken, der keinen Pfennig beſaß, und um mein ganzes Ver⸗ mögen betrogen. Vergleicht dieſen Stand der Sache mit dem, der mir ins Auge geſtochen, als ich der Schwiegerſohn des reichen Herrn Asgrave zu ſeyn wähnte! Ich tobte im Anfang. Herr Asgrave er⸗ griff: Bakon über die Fortſchritte der Gelehrſam⸗ keit, und antwortete nicht, bis ich durch den Aus⸗ bruch abgekühlt war. Ihr begreift leicht, daß ich, ſobald die Leidenſchaft ſich gelegt hatte, nothwendig einſehen mußte, wie mir nichts Andres übrig blieb, als meines Schwiegervaters Vorſchlag anzunehmen. So wurde ich durch das ſchlimme Schickſal, das über mir waltete, eben in der Zeit, da ich mich zu beſſern dachte, mit Gewalt in die Schurkerei hinein geſchleudert und durch den Zufall, daß ich der Schwiegerſohn eines großen Moraliſten war, ge⸗ nöthigt eine ungeheure Menge Menſchen zu betrü⸗ gen. Da Herr Asgrave ein träger Mann war, der ſeinen Morgen mit Speculativnen über die Tugend hinbrachte, ſo laſtete eigentlich alles Geſchäft auf mir, Ich brachte den Tag auf der Börſe zu, und — 56 wenn ich, mich zu erholen, nach Hauſe kam, kratzte mir meine Frau die Augen aus““ „Aber erkannte man Euch in Eurer neuen Eigenſchaft nicht als den Fremden oder als den Abenteurer?“ „Nein! denn natürlich nahm ich bei allen Ver⸗ änderungen meiner Lage andre Namen und Mas⸗ ken an. Und um Euch die Wahrheit zu ſagen, mein Ehſtand veränderte mich ſo, daß ich in einem Tabak⸗ farbigen Rock, einer braunen Stutz⸗Perücke und einer Feder hinter dem rechten Ohr ausſah, wie die geſtandne Ehrbarkeit ſelbſt. Mein Geſicht wurde jeden Tag um einen Zoll länger. Nichts iſt ſo Achtunggebietend als ein langes Geſicht und ein gedrückter Zug in der Miene iſt das untrüglichſte Zeichen von Handelsglück. Nun, es gieng uns etwa ein Jahr ganz glänzend. Mittlerweile machte ich in der Filoſofie wunderbare Fortſchritte. Ihr habt beinen Begriff davon, wie ein zänkiſches Weib den Geiſt erhöht und läutert! der Donner reinigt die Luſt, wißt Ihr! Endlich ſtarb meine Frau, zum Unglück für meinen Ruhm, C(denn ich beabſichtigte eine prächtige moraliſche Geſchichte der Menſchheit, die, wenn ſie noch ein Jahr lebte, vollendet worden wäre) im Wochenbette. Mein Schwiegervater und ich, beſprachen uns über das Ereigniß, und klagten deßhalb die Civiliſation mit ihren entnervenden Ge⸗ wohuheiten au, in Folge deren die Weiber an ihren en — „— —„„———„— —„—„—„„„—„— 57 Kindern ſterben, ſtatt ſie auf die Welt zu bringen, ohne nur etwas davon zu wiſſen— als meinem Handelsgenoſſen ein ſchief geſiegeltes Papierchen überbracht wurde; er überlief es brach die Erörte⸗ rung ab und ſagte mir dann, unſre Bank habe ihre Zahlungen eingeſtellt. „Jetzt Auguſtus,“ ſagte er, die Pfeife mit dem Papier anzündend,„ſeht Ihr, wie gut es iſt, wenn man Nichts zu verlieren hat.“ Wir zahlten keinen halben Schilling für das Pfund; aber mein Handelsgenoſſe galt bei dem brittiſchen Publikum für ſo bedauernswerth, daß es eine Subſcription für ihn eröffnete und er ſich ſehr geachtet und bemitleidet mit einer Jahresrente zu⸗ rückzog. Da ich mir keinen ſolchen Ruf als Mora⸗ liſt erworben hatte, auch nicht den Vortheil eines kahlen, wohlwollenden Hauptes beſaß, ſo geſchah füv mich Richts, und ich war wieder auf die weite Welt angewieſen, um über die Wechſelfülle des Schik⸗ ſals zu moraliſiren. Mein Vetter, der Buchhändler, lebte nicht mehr, und ſein Sohn ſagte ſich von mir los. Ich miethete in Warwick⸗Court eine Dachſtube, und mit einigen Büchern, meinem einzigen Troſt, ſuchte ich mein Gemüth gegen die Zukunft zu ſtählen. Da⸗ mals; Paul, brachten mir meine Studien wahrhaf⸗ ten Gewinn. Ich dachte viel und wurde ein ächter d. h. ein praktiſcher Filoſof. Meine Handlungen waren von nun an durch Grundſätze geregelt, undich 58 will Euch irgend einmal beweiſen, daß der Pfad der ächten Sittlichkeit von den Taſchen unſerer Neben⸗ menſchen ſich durchaus nicht ferne hält. Sobald mein Geiſt die große Entdeckung gemacht hatte, worin Herr Asgrave mir zuvorgekommen war: daß man nach einem Syſtem leben müße,— denn wenn du unrecht handelſt, ſo iſt es das Syſtem, das irrt, und nicht du— begab ich mich auf die Landſtraße, ohne einen der Gewiſſensbiſſe, die mich bisher bei ſolchen Abenteuern beläſtigt hatten. Ich ſchloß mich an eine auserleſene Bande von Frey⸗Agenten an, mit welchen ich Euch nächſter Tage bekannt machen will, und ſetzte mich bei ihnen bald in Anſehen. Aber vor ungefähr 6 Wochen— wie ich denn immer noch ein größerer Liebhaber der Schleichwege als der Landſtraße blieb, verſuchte ich mich in den Be⸗ ſitz eines Wagens zu ſetzen, den ich billig verkaufen wollte. Ich ward von der Anklage der Felonie freigeſprochen, aber vom Richter Burnflat wegen gemeinen Vergehens hieher geſchickt. So weit, mein junger Freund, iſt bis jetzt das Leben von Auguſtus Tomlinſon fortgeſchritten.“ Die Geſchichte dieſes Ehrenmanns machte auf Paul einen tiefen Eindruck. Dieſer wurde noch durch die nachherigen Unterredungen mit Anguſtus verſtärkt. Dieſer Held war ein gefährlicher und feiner Verführer. Er hatte wirklich Viel von der Geſchichte und Einiges aus der Moral geleſen; und er beſaß eine ſcharfſinnige Weiſe, ſeine ſchlimmen „ c—— „ — „ d te, aß un 35 e, bei ich an, en ner als Be⸗ feu nie gen ein tus auf och ſtus und der und 59 Kniffe mit Schläſſen aus der letztern und Beiſpielen aus der erſtern zu rechtfertigen. Dieſe ſeine Theo⸗ rien bekräftigte er gleichſam durch Beziehung der⸗ ſelben auf die beſtehenden politiſchen Meinungen des Tages. Solche, die unter falſchen Vorwänden das Publikum betrogen, beliebte er gemäßigte Whigs zu nennenz diejenigen, welche trotzig die Börſe for⸗ derten, Hoch⸗Tory's, und Diebſtähle von Banden ausgeführt, nannte er Wirkungen des Partheigeiſtes. Zwiſchen Auguſtus Tomlinſon und dem langen Ned war der Unterſchied: Ned war der handelnde, Tomlinſon der räſonirende Spitzbube; und wir wer⸗ den daher durch ein Wenig Nachdenken uns über⸗ zeugen, daß Tomlinſon ein weit gefährlicherer Ge⸗ ſellſchafter war, als Pepper; denn glänzende Thev⸗ rien ſind für den aufgeweckten Jüngling immer weit verführeriſcher als lockende Beiſpiele, und die Ettel⸗ keit der jungen Leute bewirkt, daß ſie ſich lieber von einer Sache überzeugen, als dazu antreiben laſſen. Ein paar Tage nach der Erzählung des Herrn Tomlinſon erhielt Paul wieder einen Beſuch von Mrs. Lobkins; denn die Maßregeln gegen häufige Beſuche wurden damals noch nicht ſo ſtreng gehand⸗ habt, als, wie wir hören, jetzt der Fall iſt, und die gute Frau kam, um den ſchlimmen Erfolg ihrer mit dem Richter Burnflat gehabten Unterredung zu bejammern. Wir erſparen dem zartfühlenden Leſer die ge⸗ naue Schilderung der röhrenden Unterredung, welche folgte. In der That, es war nur eine Wiederho⸗ lung der oben ſchon erzählten. Wir führen nur als Beweis von Pauls Zärtlichkeit an, daß, als er von der guten Matrone Abſchied nahm und ihr Gottes Segen wünſchte, ſeine Stimme zitterte und ihm die Thränen im Auge ſtanden, wie es Georg dem MI. geſchah, wenn dieſer treffliche Monarch voll An⸗ muth die Wiederholung des Cod save the king begehrte. „Ich will mich hängen laſſen,“ ſo redete unſer Held bei ſich ſelbſt, als er mit langſamem Schritte zu dem feinen Auguſtus zurücktehrte,„ich will mich hängen laſſen,(halt! der Ausdruck könnte' profetiſch ſeyn!) wenn ich nicht gegen die alte Frau für ihre Sorgfalt um mich ſo inuige Dankbarkeit fühle, als hätte ſie mich nie übel behandelt. Was meine El⸗ tern betrifft, ſo glaube ich ihnen wenig Dank ſchul⸗ dig zu ſeyn, und wenig Urſache zum Stolz zu ha⸗ ben. Meine arme Mutter ſcheint allen Berichten zufolge, kaum auch nur die inſtinktartige Tugend mütterlicher Zärtlichkeit gehabt zu haben, und aller menſchlichen Wahrſcheinlichkeit nach werde ich nie erfahren, ob ich Einen Vater oder fünfzig hatte. Aber was thut das? So habe ich doch den Vor⸗ theil unabhängig zu ſeyn; und dann Alles zuſam⸗ mengenommen: was haben neun Zehntheile von uns je von ihren Eltern bekommen, als einen befleckten Namen und Räthe, deren Befolgung unſer Elend und deren Mißachtung unſre Euterbung nach ſich zieht.“ che ter Lu res Fl der der ein üb Ge zu Ti Ri un ar! (de M Fr ſet git det rh⸗ als von ttes die K. An⸗ rte. iſer itte ich iſch hre als El⸗ ⸗ ha⸗ ten end ller nie tte. DT⸗ im⸗ uns ten end ſich 6⁴ Sich ſelbſt troöſtend mit dieſen Gedanken, die vielleicht ihren ſilvſofiſchen Anſtrich ſeinen Geſprä- chen mit Tomlinſon in den letzten Zeiten verdank⸗ ten und die ſich in der gemurmelten Melodie „Was ſollten wir zanken um Schaͤtze?“ Luft machten, erſchien Paul wieder bei ſeiner ge⸗ wöhnlichen Beſchäftigung. In der dritten Woche der Gefangenſchaft unf⸗ res Helden, theilte ihm Tomlinſon einen Plan zur Flucht mit, der ſeinem erfinderiſchen Kopfe ſich dar⸗ geboten hatte. In dem Hof, der zur Ergötzlichkeit, der Herren, die ſich ein Vergehen hatten zu Schul⸗ den kommen laſſen, eingerichtet war, befand ſich eine Waſſerleitung, welche die Mauer einfaßte und über eine Thüre ging, durch welche die frommen Gefangnen alle Morgen auf ihrem Gang in die Kapelle kamen. Durch dieſe ſchlug Tomlinſon vor zu entfliehen; deun die Waſſerleitung, die von der Thür bis zur Mauer in einer ſchiefen, bequemen Richtung gieng, hatte eine Art von Schirmdiele, und ein flinker gewandter Mann konnte leicht mit Hülfe dieſer Diele ſich die Waſſerröhre entlang fort⸗ arbeiten, bis der Fortgang dieſes nützlichen Leiters (der zum Glück ſehr kurz war,) auf die Höhe der Mauer auslief, wo eine andere Waſſerröhre als Fortſetzung ſich befand, welche auf der entgegenge⸗ ſetzten Seite der Mauer auf den Boden herunter⸗ ging. Auf der andern Seite nun war der Garten des Gefängniſſes, in dieſem Garten war eine Wache, 62 und bieſe Vache war der feindſelige Kobold in Tom⸗ linſons Planz denn geſetzt auch wir erreichen wohl⸗ e 11 behalten den Garten,“ ſagte er,„was ſollen wir 1 mit dieſem verwünſchten Kerl anfangen?“ 11„Aber das iſt noch nicht Alles,“ fügte Paul hinzu,„denn wäre auch keine Wache da, ſo iſt dort eine furchtbare Mauer, die ich mir letzte Woche recht wohl merkte, als wir im Garten arbeiten mußten und die hat keine Waſſerröhre, als eine ganz ſenk⸗ rechte, ſo daß ein Mann die Füße einer Fliege haben müßte, um daran hinaufzuklimmen.“ „Närrchen!“ erwiederte Tomlinſon;„Ich will Euch zeigen, wie man die ſtärkſte Mauer in der Chriſtenheit erklimmen kann, wenn man nur reines Feld hat— der Wächter, der Wächter iſt es— wir müſſen—“ 1„Was?2“ fragte Paul, als er bemerkte, daß ſein Camerade den Satz nicht vollendete. Es währte einige Zeit, bis der weiſe Auguſtus antwortete; dann ſagte er in nachdenklichem Tone: „Ich habe mich beſonnen, Paul, ob es ſich mit 1 der Tugend vertragen würde und mit dem ſtrengen Moral⸗Geſetz, wodurch alle meine Handlungen ge⸗ regelt werden— die Wache zu— tödten.“ „Guter Himmel!“ rief Paul von Abſchen er⸗ griffen. „Und ich habe entſchieden,“ fuhr Auguſtus feier lich fort, ohne den Ausruf zu beachten,„daß die That ſich ganz wohl rechtfertigen ließe.“ — „„„—„„„ c hl⸗ vir ul ort cht ten nk⸗ ben will der nes ſein ſtus ne mit igen ge⸗ er⸗ eien die 5⁵ „Elender!“ rief Paul aus, und wich an das entgegengeſetzte Ende des ſteinernen Kaſtens aus (denn es war bei Nacht,) in dem ſie eingeſperrt waren. „Aber,“ fuhr Auguſtus fort, der mit ſich ſelbſt zu ſprechen ſchien, und deſſen Stimme, kalt und nachdenklich, wie die Youngs in dem berühmten Monologen in Hamlet, verrieth, daß er die unhöf⸗ liche Unterbrechung nicht beachtete,„aber die Theorie übt nicht immer ihren Einfluß auf das Verfahren, und obgleich es tugendhaft ſeyn mas, die Wache zu ermorden, ſo hab ich doch nicht das Herz dazu. Ich hoffe, ich werde in meiner künftigen Geſchichte von einſichtsvollen Moraliſten nicht allzuſtreng we⸗ gen einer Schwäche getadelt werden, wegen welcher nur mein fyſiſches Temperament anzuklagen iſt. Trotz dieſer Wendung des Selbſtgeſprächs dau⸗ erte es doch lange Zeit, bis Panl ſich zu einem weitern Geſpräch mit Auguſtus verſtand, und nur weil er glaubte, der Moraliſt habe die Ader des Scherzes ſpringen laſſen, nahm er endlich wieder die Berathung auf. Die Verſchwornen brachten jedoch in dieſer Nacht ihren Plan noch nicht zur völligen letzten Entſcheidung. Am nächſten Tage wurden Auguſtus⸗ Paul und einige Andre von der Geſellſchaft zur Ar“ beit in den Garten geſchickt, und hier bemerkte Paul, daß ſein Frennd, der ganz nahe bei dem Ort wo die Wache ſtand, einen Farren ſchob, dieſen mit 64 Allem was darin war, umſtürzte. Der Wächter war gutherzig genug, ihm veim Wiedereinfüllen des Karrens behülflich zu ſeyn und Tomlinſon benützte die Gelegenheit ſo gut, daß er des Nachts Paul die Nachricht bringen konnte, ſie würden von der Wach⸗ ſamkeit des Wachtpoſtens nichts zu fürchten haben⸗ „Er hat,“ ſagt Auguſtus, auf gewiſſe Vorſtel⸗ lungen hin, verſprochen, ſich von mir zu Boden ſchlagen zu laſſen; er hat auch verſprochen, ſo ſtark beſchädigt werden zu wollen, daß er ſich nicht rüh⸗ ren könne, bis wir über die Mauer hinüber ſind⸗ Unſre Hauptſchwierigkeit iſt alſo der erſte Schritt — nämlich unbemerkt die Wafſerleitung zu erklet⸗ tern.“ „Was das betrifft,“ ſagte Pail, der bei dem ganzen Anſchlag einen Scharfſinn, eine Keckheit und einen erfinderiſchen Geiſt entwickelte,/ die ſernen Freund vezauberten und gewiß eine glänzende Laufbahn ihm verbürgten,„was das betrifft, ich meine; wir wer⸗ den jdas erſte Erklimmen mit weniger Gefahr be⸗ werkſtelligen, als Ihr Euch vorſtellt; die Morgen ſind in der letzten Zeit ſehr trübe geweſen; es iſt beinah noch Nacht zu der Stunde, wo wir in die Kapelle gehen. Ihr und ich, wir müſſen die letzten im Zuge ſeyn; die Waſſer⸗Röhre geht gerade über der Thüre hin, wir können ſie, wie wir ſchon ver⸗ ſucht, mit den Händen erreichen, und ein Schwung mit mäßiger Gelenkigbeit ausgeführt, wird uns in Stand ſetzen, auf der Waſſerleitung und der Schirm⸗ d ed 65 diele feſten Fuß zu faſſen, dann iſt das Fortklettern leicht, und mit Hülfe des dichten Nebels und unſ⸗ rer Behendigkeit ſoll es uns, hoffe ich, nicht allzu ſchwer werden den Garten zu erreichen. Die einzigen Vorſichtsmaßregeln, die wir zu beobachten haben, ſind: daß wir einen recht dunkeln Morgen abwarten, und daß wir ja gewiß die letzten im Zuge ſind, daß keiner hinter uns Lärm machen kann—“ „Oder unſrem Beiſpiet zu folgen verſucht und mit einer überflüſſigen Pflaume die Paſtete verderbt,“ fügte Tomlinſon hinzu.„Ihr wißt trefflichen Rath zu geben, und werdet nächſter Tage, ich wage es zu behaupten, wenn Ihr nicht gehängt werdet, ein großer Logiker werden.“ Der nächſte Morgen war hell und kalt, aber der darauf ſolgende Tag war nach Tomlinſons Ver⸗ gleichung: ſo dunkel, als ob alle Neger von Afrika in der Luft geſchmort worden wären. Man hätte können den Nebel mit Meſſern zerſchneiden, wie das Sprüchwort ſagt. Paul und Auguſtus konnten nicht einmal wahrnehmen, wie vielſagend ſie einander an⸗ ſahen. Es war ein bemerkenswerther Zug der kühnen Gemüthsart des erſteren, daß er, ſo jung er war, doch der Verabredung gemäß das Wagniß leiten und auführen ſollte. Zu der gewöhnlichen Gottes⸗ dienſt⸗Stunde, giengen die Gefangnen wie immer durch die Thüre. Als die Reihe an Paul kam, zog er ſich mit den Häuden zu der Röhre hinauf, kroch Bulwer's Romane KXV. 5. dann in ihrem gewölbten Bauche fort und gewann die Mauer, ehe er noch Athem geholt hatte. Et⸗ was unbeholfener folgte Auguſtus dem Beiſpiel ſeines Freundes; einmal glitt ſein Fuß aus und er wäre beinahe geſtürzt. Unwillkührlich ſtrekte er die Hände aus und erwiſchte Paul beim Bein. Zum Glück hatte aber unſer Held ſchon die Mauer er⸗ reicht, an welcher er ſich feſthielt und ſo hätten wir hier einen Fall, wo ein Schelm ſich ſelbſt durchhalf, ohne einen andern über Bord zu werfen. Wir ſehen jetzt Paul und Tomlinſon einen Augenblick auf der Mauer ſitzen, um Athem zu holen; daun ließ der erſtere— der Abſtand vom Boden war nicht ſehr beträchtlich— ſeinen Körper an den Händen herab und ſprans in den Garten. „Beſchädigt?“ fragte der kluge Auguſtus mit einem heiſern Flüſtern eh' er von ſeiner luftigen Höhe herunterkam; denn er war Willens lieber Die gegenwärt'gen Uebel zu ertragen Als unbekannten ſich in Arm zu werfen, ohne zuvor jede Vorſicht, die in ſeiner Macht war, zu beobachten. „Nein!“ war die Antwort in demſelben Tone, und Auguſtus ſprang hinab. Sobald dieſer Ehrenmann pon der Erſchütte⸗ rung des Falls ſich erholt hatte, verlor er keinen Augenblick dem andern Ende des Gartens zuzueilen. Paul folgte. Unter wegs hielt Tomlinſon bei einem Haufen Schutt an, und hob einen mächtigen Stein 67 auf; als ſie an dem Theile der Mauer ankamen, wo ſie hinüberzuſteigen verabredet hatten, fanden ſie den Wächter, wegen deſſen ſie, beiläufig geſagt, ſich nicht hätten bekümmern dürfen; denn wäre es nicht ſo abgemacht geweſen, daß er ihnen begegnen follte, ſo hätte ſie der dichte Nebel in der That ſeinem Blicke ganz entzogen; dieſen zuverläßigen Wächter ſtrekte Auguſtus nieder— nicht mit dem Stein, ſondern mit zehn Guineenz dann zog er aus ſeinen Kleidern ein dickes Seil hervor, das er ſich vor einigen Tagen vom Kerkermeiſter verſchafft hatte. befeſtigte den Stein an einem Ende und warf dieß Ende über die Mauer. Nun hatte die Mauer, wie Mauern von großer Dicke es meiſt haben, zu beiden Seiten eine Art von hervorragender Zinne und der Stein, hinübergeſchleudert und dann an dem Seile, an welchem er befeſtigt war, wieder heraufgezogen, ſtemmte ſich nothwendig gegen dieſen Vorſprung an; und ſo war das Seil gleichſam an der Mauer feſt⸗ gemacht und Tomlinſon dadurch in den Stand ge— ſetzt, ſich bis auf die Höhe der Mauer hinaufzu⸗ ziehen. Er führte dieſe That mit gymnaſtiſcher Ge⸗ wandtheit aus, wie einer der in dergleichen eine Uebung hat; obgleich der verſchwiegene Abenteurer in ſeiner Erzählung gegen Paul früherer Gelegen⸗ heiten zu dieſem Kunſtgriff nicht erwähnt hatte. Sobald er die Höhe der Mauer gewonnen hatte, warf er das Seil ſeinem Begleiter zu und in Be⸗ tracht von Pauls Unbekanntſchaft mit dieſer Kletter⸗ 5* 63 weiſe, verſtärkte er die Sicherheit des Stricks noch dadurch, daß er ſelbſt auch ihn hielt. Langſam und mit Mühe arbeitete ſich Paul hinauf; dann wurde der Stein auf die andere Seite der Mauer hinunter⸗ gelaſſen, wo er natürlich einen gleichen Anhaltpunkt gab, und ſo unſre beiden Abenteurer in Stand ſetzte, nach einander hinunter zu gleiten und ihre Flucht aus dem Zuchthaus zu vollenden. „Jetzt folgt mir!“ ſagte Auguſtus, indem er Ferſengeld zu geben begann, und Paul eilte hinter ihm her durch ein Labyrinth von Gängen und Gäß⸗ chen, die er kreuz und quer mit einer immer die Richtung wechſelnden und doch ſich nie verirrenden Schnelligkeit durchraunte, ſo daß, hätte ſich nicht Paul dicht hinter ihm gehalten, er ſehr bald, zu⸗ mal bei dem Nebel, den Augen ſeines jungen Ver⸗ bündeten würde entzogen worden ſeyn. Zum Glück verhinderte der frühe Morgen, die Abgelegenheit der Straßen durch die ſie kamen, und vor Allem die ausnehmende Trübe der Atmosfäre die Entdeckung und Feſtnehmung, der ſie im andern Fall in ihrer Gefängnißkleidung ſicherlich nicht entgangen wären. Endlich fanden ſie ſich auf freiem Feld, ſchlichen ſich an den Zäunen fort, vermieden ſorgfältig die Heer⸗ ſtraße und ſetzten ihre Flucht fort, bis ſie einige Meilen weit ins Innre des Landes vorgedrungen waren. Jetzt begann auch der Magen des Auguſtus Tomlinſon ſeine Forderungen zu machen, und dieſer ſetzte auseinander, wie wünſchenswerth es ſey⸗ daß 69 ſie den erſten beſten Bauer, auf den ſie ſtoßen würden, ergriffen und ihn veranlaßten, mit einem der Flüchtlinge die Kleider zu wechſeln, damit dieſer dann in ein Wirthshaus ſich wagen und für ihre beiderſeitigen Bedürfniſſe ſorgen könnte. Paul ge⸗ nehmigte dieſen Vorſchlag; ſie paßten ihre Gelegen⸗ heit ab und haſchten einen Bauersmann. Auguſtus ſtreifte ihm Rock, Hut und wollene Strümpfe ab und Paul, durch die Noth und durch ſeinen Geſell⸗ ſchafter hart gemacht, half den armen Landmann an einen Baum binden. Dann wanderten ſie noch ungefähr eine Stunde weiter und als die Schatten des Abends ſie umgaben, entdeckten ſie ein Wirths⸗ haus. Auguſtus gieng hinein und erſchienzin weni⸗ gen Minnten wieder, mit Brod, Käſe und einer Flaſche Bier beladen. Die Gefängnißkoſt kurirt Einen von der Leckerhaftigkeit und ſo verſpeisten die beiden Flüchtlinge dieſe eben nicht köſtlichen Lebens⸗ mittel mit großer Zufriedenheit. Dann ſetzten ſie ihre Reiſe fort und kamen endlich, von den An⸗ ſtrengungen ermüdet, an einem einſamen Heuſchober an, wo ſie ein paar Stunden auszuruhen beſchloßen. Zehentes Kapitel. Ungleich dem Wüſtling, der voll Frechheit ſpaßt, Das Feſtmal ſchändet und verletzt den Gaſt, Steigſt du herab von Größe und Reichthum gern⸗ Vergeſſen läſſeſt du im Freund den Herrn; Um deinen Tiſch ein froh Geſinde wandeit, Mit freundlicher Herablaſſung behandelt; Gern der geſell'gen Pflicht der Herr ſich beugt, Weil Liebe— Lieb', und Achtung— Achtung zeugt. Lukan an Piſo⸗ Schüchtern glänzten die verſchämten Sterne au unſre Abentenrer herab, als ſie, nach einem kurzen Schlummer hinter dem Heuſchober ſich wieder dehnten und ſtreckten und einander anſehend unwill⸗ kührlich in ein fröhliches Gelächter über den glück⸗ lichen Ausgang ihres Wageſtüks ausbrachen. Bisher waren ſie zuerſt durch die Flucht ſelbſt, dann durch Hunger und endlich durch Müdigkeit zu ſehr in Anſpruch genommen geweſen, um ſich zu beglückwünſchen; jetzt rieben ſie die Hände und ſcherzten wie ſchwänzende Schulknaben über ihre Flucht. Allmälig lenkten ſie ihre Gedanken von der Ver⸗ gangenheit auf die Zukunft, und Auguſtus ſprach: „Sagt mir, mein werther Geſell, was denkt ihr zu N— v r⸗ 71 thun? Ich hoffe Euch längſt überzengt zu haben⸗ daß es keine Sünde iſt unſern Fr eunden zu dienen und unſrer Parthei treu zn ſeyn⸗ und ſo hoffe ich, Ihr werdet Euch für das Gewerbe auf der Landſtraße entſcheiden,“ „Es iſt ſehr einfültig,“ antwortete Paul,„daß ich nach Euren Vorleſungen über den Gegenſtand noch Bedenklichkeiten haben kann; aber ich geſteh“ Euch frei heraus, daß ich doch noch hin und wieder Zweifel hege, ob das Stehlen in der That die ehr⸗ lichſte Handthierung iſt, der ich mich widmen könnte.“ „Hört mich an, Paul,“ ankwortete Anguſtus und ſeine Antwort iſt der Beachtung nicht unwür— dig:„Alles Verhrechen und alle Trefflichkeit ſind von einer guten Wahl der Worteabhängig. Ich' ſeh Euch verblüfſt; ich will mich erklären. Wenn⸗ Ihr Geld vom Publikum nehmt und ſagt, Ihr habt geplündert, ſo habt Ihr ohne Zweifel ein großes Verbrechen begangen; aber wenn Ihr daſſelbe thut⸗ und ſagt: Ihr habet den Bedürfniſſen der Armen abgeholfen, ſo habt Ihr eine vortreffliche That ge⸗ than; wenn Ihr bei der nachherigen Theilung des Geldes mit Euren Gefährten ſagt: Ihr habet die Beute getheilt, ſo habt Ihr Euch gegen die Geſetze unſres Landes verſündigt; aber wenn Ihr es ſo dar⸗ ſtellt: Ihr habt mit Euern Freunden den Gewinn Eurer Betriebſamkeit getheilt, ſo habt Ihr eine der edeſſten Thaten von der Welt verrichtet. Einem Menſchen den Kopf einſchlagen, iſt an ſich weder tugendhaft noch ſündlich; es hängt vom Ausdruck ab, den man von der That braucht, um ſie entweder zu einem Mord oder zu einem ruhmvollen Heiden⸗ ſtück zu ſtempeln.*) Warum nicht lieber ſagen alſo, Ihr habt den Muth eines Helden bewährt, ſtatt: die Grauſamkeit eines Spitzbuben? Dieß iſt voll⸗ kommen klar, oder nicht?“ „Es ſcheint ſo,“ antwortete Paul. „Es iſt ſo einleuchtend durch ſich ſelbſt, daß es der Weg iſt, den alle Regierungen einſchlagen. Wenn Ihr einen Mißbrauch abzuſchaffen verlangt, ſo nennen Euch die Machthaber mißvergnügt. Unterdrückung heißt Ordnung⸗ Gewaltthätigkeit iſt eine durch die Religion geheiligte Ein⸗ richtung und Steuern ſind der Segen der Verfaſſung. Deßhalb, mein guter Paul⸗ thun wir nur, was alle andre Geſetzgeber auch thun. Wir ſind keine Schelmen, ſo lang wir uns ſelbſt ehrliche *) Wir finden in einem Artikel einer amerikaniſchen Zeitung, der im heutigen Morning Chronikle ohne Commentar abgedruckt iſt, einen auffallenden Beleg der Wahrheit von Tomlinſons Filoſofie.„Herr Rowland Steffenſon,“ ſo lautet der Auszug,„der beruhmte engliſche Bankier hat eine beträchtliche Strecke Landes angekauft.“ O filoſofiſcker Artikel⸗ ſchreiber!„der berühmte engliſche Bankier“ dieſer Satz iſt eine beſſere Erläuterung von den Täuſchungen der Worte, als alle Abhandlungen Benthams zuſam⸗ men,„Beruhmt!“ OMerkur! welch ein geſchmei⸗ diges Beiwort! — N— N 75 Burſche nennen und wir begehen kein Verbrechen, ſo lang wir es als eine Tugend betiteln können. Was ſagt Ihr jett? Paul lächelte und ſchwieg einige Augenblicke eh' er antwortete: „Es iſt wohl auſſer Zweifel, daß Ihr Unrecht habt; aber wenn Ihr Unrecht habt, ſo iſt es bei der übrigen Welt auch ſo. Es iſt nicht gut das einzige weiße Schaaf in der Heerde zu feyn. Darum, mein theurer Tomlinſon, will ich in Zukunft ein treff⸗ licher Bürger werden, den Bedürfniſſen der Armen abhelfen und den Gewinn meiner Betriebſamkeit mit meinen Freunden theilen.“ „Bravo!“ rief Tomlinſon,„und nun dieß ins Reine gebracht iſt, müßt Ihr, je eher je beſſer, eingeweiht werden. Bei dem Lichte der Sterne ſehe ich, daß ich an einem Orte bin, wo ich ſehr gut bekannt ſeyn ſollte; oder weun Ihr argwöhniſch ſeyn wollt, mögt Ihr glauben, ich he Euch a⸗ ſichtlich in dieſer Richtung geführt; aber laßt mich zuerſt fragen, ob Ihr großes Verlangen traget, die Nacht in dieſem Heuſchober zuzubringen, oder ob Euch Geſang und die Punſchbowle wohl beinah eben ſo lieb wäre als die friſche Luft nebſt der Möglich⸗ keit, in einem Wiſch Heu von einer herumſtreifenden Kuh verſchlungen zu werden?“ „Ihr könnt meine Wahl errathen,“ antwortete Paul. „Gut denn, hier in der Rähe iſt ein treffücher Geſelle, der ein Wirthshaus beſitzt und ein treuer Verbündeter und großmüthiger Gönner der Burſche von den Kreuzwegen iſt. Zu gewiſſen Zeiten halten ſie wöchentliche Zufammenkünfte in dieſem Hauſe, heut iſt eine ſolche Nacht. Was ſagt Ihr? Solt ich Euch bei dem Club einführen?“ „Ich werde fehr erfreut ſeyn, wenn Sie mich zulaſſen wollen!“ erwiederte Paul, den der Drang kämpfender Gedanken einſylbig machte. „O, deßhalb ſeyd unbeſorgt! unter meiner Lei⸗ tung. Euch die Wahrheit zu ſagen, obgleich wir eine tolerante Sekte ſind, bewillkommen wir doch jeden neuen Glanbensgenoſſen mit Enthuſiasmus. Aber ſeyd Ihr müde?“ „Ein wenig; das Haus iſt nicht weit entfernt, ſagt Ihr?“ „Ungefähr eine Meile,“ antwortete Tomlinſon; „Führt Euch an mir.“ Fetzt verließen unſre Wandrer den Heuſchober und giengen über einen Theil des Finchley⸗Gemeinde⸗ Angers querfeldein, denn der Sit des würdigen Gaſthofinhabers war glücklich gelegen, und der Ort wo ſeine Gäſte ihre Feſtlichkeiten feierten, war nahe bei dem Schauplatz ihrer häufigen Heldenthaten. Im Weitergehen befragte Paul ſeinen Freund über Namen und Charakter des Herrn Wirths und der Alles wiſſende Auguſtus Tomlinſon antwortete ihm, wie ein Quäcker mit einer Frage: —* MN 75 „Habt Ihr nie vom Gentleman George reden gehört?“ „Was! von dem bekannten Inhaber eines Gauner⸗ Wirthshauſes auf dem Lande? Ja wohl, und oft; meine arme Pflegemutter, Frau Lobkins pflegte zu ſagen, er ſey der am vortheilhafteſten bekannte Mann in der Handthierung.“ „Ja, das iſt er immer noch. In ſeiner Jugend war George ein ſehr ſchöner Burſch, aber ein größerer Liebhaber von Mädchen und von der Fla⸗ ſche als ſeinem Vater gefiel, einem ſehr geſetzten alten Gentleman, der Sonntags in einer Stutzperücke und mit einem goldbeſchlagenen Stock umhergieng und an Wochentagen ein weit beſſerer Bauer als Vor⸗ ſteher eines öffentlichen Hauſes*) war. George war ein ausgezeichnet gewichster Burſche und das iſt er noch jezt. Er hat viel Witz, iſt ein ſehr gu⸗ ter Whiſtſpieler, hat einen Ausbund von Keller, und hat eine ſolche Freude daran, ſeine Freunde berauſcht zu ſehen, daß er vor einiger Zeit ein großes Zinn⸗ gefäß kaufte, worin ſechs Männer aufrecht ſtehen können. Die Mädchen oder vielmehr die alten Wei⸗ ber, gegen welche er noch weit höflicher zu ſeyn *) Mir machen den Leſer aufmerkſam, daß auf dem Dop⸗ velſinn von publie house und public, Wirthshaus und Gemeinwefen oder Staat, ein großer Theil, der in dieſem Buch vorkommenden, auf hohe Perſonen ſich beziehenden Witze beruht⸗ 76 pflegte, liebten ihn immer; ſie ſagen? es gebe nichts ſo Vornehmes, als ſeine vornehmen Reden und ſie geben ihm den Titel: Gentleman George. Er iſt ein feiner, zartfühlender Mann in vielen Dingen, aber jezt wird er zuſehends preßhaft. Gebe der Him⸗ mel, daß wir ihn nicht vermiſſen, wenn er abgeht. Und ich denke, wir werden nicht in den Fall kom⸗ men, denn ſein Bruder, der arme Kerl, der lange Zeit im Waſſergraben geſteckt iſt, iſt ein ſchlauer Hund auf ſeinem Weg und wird ihm nachfolgen. Auf jeden Fall wird, hoffe ich, Bill Squareyards oder Marinen Bill,(ſo nennt man den Bruder) ge⸗ wiſſenhafter mit demöffentlichen Schatz umgehen, als Gentleman George, der die Wahrheit zu ſagen, aus unſerem gemeinſchaftlichen Beutel einen ſehr gentlemanmäßigen Autheil nimmt. „Was! iſt er geizig?“ „Gerade das Gegentheil; aber er iſt ſo raſend aufs Bauen hinein, daß er all ſein Geld in Häuſer ſteckt und von uns daſſelbe verlangt; und da iſt ein verwünſchter Hund von Maurer, der ihm furchtbare Rechnungen anſchreibt— ein Kerl, Cunning Nat genannt, der eben ſo gewandt iſt, den Boden her⸗ unter⸗ wie den Bodenzins hinaufzubringen.“ „Was meint Ihr?“ „Ach, das hängt mit einer Geſchichte zuſammen. Aber wir ſind jezt dem Ort nahe; Ihr werdet ei⸗ nen ſonderbaren Elub zu ſehen bekommen.“ — Als Temäñſdu virß ſupr/ näyerie ſh das Paar 6 5 ie 77 einem Hauſe, das einzeln und dem Anſchein nach ohne eine andere Gebäulichkeit in der Nachbarſchaft daſtand. Es war in ſeltſamem groteskem Styl ge⸗ baut, weiß angeſtrichen, miteinem gothiſchen Camin, einem porzellanenen Schildhalter(auf dem Schild war ein fiſchender Gentleman gemalt, mit der Inſchrift: der fröhliche Angler), und einem Portal, das grie⸗ chiſch geweſen ſeyn würde, wäre es nicht holländiſch geweſen. Das Haus ſtand in einem kleinen Gute, das nach hinten einen Zaun und vor ſich den Ge⸗ meindeanger hatte. Auguſtus blieb vor der Thüre ſtehen, und während er lauſchte, hörte man von in⸗ nen luſtiges Gelächter erſchallen. „Ach, die muntern Burſche!“ murmelte er, „mich verlangt recht, bei ihnen zu ſeyn,“ und dann pochte er mit geballter Fauſt viermal an die Thüre. Nun entſtand eine plötliche Stille, die ungefähr eine Minute dauerte und zuletzt durch eine Stimme von innen unterbrochen wurde, welche fragte, Wer da ſey? Tomlinſon antwortete mit einigen cabaliſti⸗ ſchen Worten; die Thüre wurde geöffnet und ſofort ſtellte ſich ihnen ein kleiner Knabe dar. „Gut, mein Junge!“ ſagte Auguſtus,„und was macht dein Herr? kerngeſund und munter, wenn ich nach ſeiner Stimme urtheilen darf.“ „Ja, Meiſter Tommy ja, er zecht in dem hin⸗ tern Geſellſchaftszimmer tüchtig drauf los, mit Herr Pepper und Haudegen Attie, und noch einem Halb⸗ 78 duzend. Er wird gewaltig erfreut ſeyn, Euch zu zu ſehen, dafür ſteh ich!“ „Zeige dieſem Herrn den Weg in die Schenkſtube,“ erwiederte Auguſtus, indeß ich hingehe und dem ehr⸗ lichen George meine Achtung bezeuge.“ Der Knabe machte eine Art Verbeugung, führte unſern Helden in die Schenkſtube und überließ ihn der Sorge des lüſternen Schenkmädchens, Sally, welche auf den Geſchmack des Wirths ein günſtiges Licht warf und Paul mit merklicher Auszeichnung und einem Glas Branntwein empfing. Paul hatte nicht lange den Galanten zu ſpie⸗ len, als Tomlinſon wieder mit der Nachricht kam: Gentleman George werde ſich ſehr glücklich ſchätzen, ihn im hintern Geſellſchaftszimmer zu ſehen, und er werde dort einen alten Freund, in der Perſon des Herrn Pepper treffen. „Was! iſt der hier?“ rief Paul,„der elende Schurke! mich ſtatt ſeiner in den Käfig ſtecken zu laſſen!“ „Ruhig, ruhig! keine falſche Anwendung der Ausdrücke!“ fagte Auguſtus;„das war nicht Schur⸗ kerei, das war Klugheit, die größte von allen Tu⸗ genden und die ſeltenſte. Aber kommt hinüber und Pepper foll ſich morgen erklären.“ Durch eine Gallerie oder einen Gang führte Auguſtus unſern Helden, öffnete eine Thüre und ließ ihn in ein langes, niederes Zimmer eintreten, u⸗ nd rte nd 79 wo um einen Tiſch, mit Pfeifen und Getränk beſetzt, zehn bis zwölf Männer ſaßen; an der Spitze der Tafel führte in einem Armſeſſel Gentleman George den Vorſitz. Dieſer Ehrenmann war ein ſtattlicher und anmuthiger Herr mit einem geſcheuten Blick und einer walliſer Perücke, die er, wie der Mor⸗ ning Chronikle von dem Hut ſeiner Majeſtät ſagt: in einer ungezwungenen Weiſe auf die eine Seite geſetzt hatte. Da er vom Podasra geplagt war, ſo ruhte ſein linker Fuß auf einem Stuhl, und dieſe Lage ließ, trotz lammwollenen Strümpfen, die Reli⸗ quien eines ausnehmend wohlgeformten Beines ſehen. Da Gentleman George eine Perſon von maje⸗ ſtätiſcher Würde unter den Rittern vom Kreuzweg war, ſo halten wir es für keine Verletzung der Ehr⸗ furcht, wenn wir einige Worte, womit obgemeldeter Morning Chronikle ſeine Majeſtät ſchilderte, an dem Tage, wo er den Grundſtein zum Denkmal ſeines Vaters legte, in die Beſchreibung von Gentleman George aufnehmen. ²)„Er trug einen ſchönen blauen *) Da ein vetrübendes Ereieniß uns Gentleman George entriſſen hat, wird man dieſe Skizze deſſelben ohne Zweifel mehr mit dem Intereſſe der Geſchichte als der Klatſcherei betrachten. Wir würden es in der That anaemeſſener gefunden haben, die Schilde⸗ rung ganz auszumerzen, wäre nicht der auſſerordent⸗ liche Kummer aller Ritter vom Kreuzweg durch ihre auſſerordentliche Freude über die Nachfolae des Bill Squarcyards ſogleich verdrängt worden. Wir erſparen Rock und weise Weſte,“ und ferner:„er lachte in der beſten Laune,“ als er, zu Auguſtus Tomlinſon gewandt, ihn alſo bearüßte: „So, dieß iſt der Jüngling, den Ihr uns vor⸗ ſtellt. Willkommen im luſtigen Angler! Gebt uns die Hand junzer Herr! ich werde mirs zum Vergnü⸗ gen rechnen, mit Euch Wolken zu blaſen.“ „Mit aller ſchuldigen Unterwürfigkeit,“ ſagte Tomlinſon,„dächte ich doch, es wäre das beſte, fürs erſte meinen Zögling und Freund mit ſeinen künfti⸗ gen Genoſſen bekannt zu machen.“ „Ihr ſprecht wie ein kluger Geſell!“ rief Gent⸗ leman George, und ſich in ſeinem Armſeſſel um⸗ wendend ſtellte er ſeine Gäſte der Reihe nach Paul vor: „Hier,“ ſagte er, und wies auf einen herzhaft ausſehenden Motroſen in ſeiner Standeskleidung, mit gefälligem, engliſchem Geſicht,„hier iſt mein Bruder Bill; er iſt einſt mein Nachfolger auf dem fröhlichen Angler. Du brauchſt nicht ſo ſchmunzelnd darnach zu ſehen, Bill— es iſt eine ziemliche Laſt und Plage die Sorge für ein Publikum, wenn ein⸗ mal der Reiz der Neuheit an dem Ding vorüber iſt. Aber hier, Junker! hier zu meiner Rechten das iſt ein ganzer Kerl,“(die ſo bezeichnete Perſon war eine kleine militäriſch ausſehende Geſtalt in einem eine Schilderung von jenem für unſre letzten Blätter; da wird man wenigſtens eine Anſicht von der Pergan⸗ genhen finden, welche nicht lültern nach der Zukunft ſchielt⸗ 1 — — in 3¹ ſchäbigen Reitfracke und mit einem gebieteriſchen, trotzigen, adlerartigen Geſicht, das aber etwas ab⸗ getragen ausſah,)„ein alter Soldat, Haudegen Attie*) nennen wir ihnz er iſt ein Teufelskerl auf der Land⸗ ſtraße. Halt!— gebt Feuer— ſollt und müßt— kann nicht und will nicht— thut wie ich euch bitte, oder fahrt zum Teufel— das iſt Atties ganze Be⸗ redtſamkeit, und bei Gott! ſie trifft den Nagel wun⸗ der bar auf den Kopf. Indeß die Schwärmer lieben ihn nicht und wenn er das Geld des Volks ein⸗ nimmt, ſollte er nicht ſo ungeberdig gegen dasſelbe fich benehmen. Attie! laßt mich Euch einen neuen Kumpanen vorſtellen.“ Paul machte ſeine Verbeugung. „Macht's Euch bequem, Mann!“ ſprach der Veteran, ohne die Pfeife aus dem Munde jzu nehmen. Dann fuhr Geutleman George fort und nach⸗ dem er vier oder fünf von der Geſellſchaft ausge⸗ zeichnet(unter welchen unſer Held zu ſeiner Ueber⸗ raſchung ſeine alten Freunde, Herrn Euſtace Fitzher⸗ bert und Herrn William Howard Ruſſel entdeckte,) kam er zuletzt an einen mit einem ſehr rothen Ge⸗ ſicht und von tüchtigem Körperbau.„Dieſer Herr,“ ſagte er,„iſt Searlet Jem,**) ein gefährlicher Burſche für ein Preſſen im Gedränge, obwohl er ſagt, er *) Arthur. Der Leſer erräth leicht den dieſen Vor⸗ namen führenden Helden⸗ **) Scharlach Jakob. Bulwer's Romane. XXV, b raube jetzt lieber ganz allein, denn das Preſſen iſt jetzt überhaupt nicht mehr ſo vortheilhaft als es früher zu ſeyn pflegte. Ihr habt keinen Begriff davon, welch ein Schlaukopf Scarlet Jem im Ver⸗ kleiden iſt. Er hat eine alte Perücke, in welcher er für gewöhnlich ſeine Geſchäfte macht; und Ihr würdet ihn ſicher nicht wieder erkennen, wenn er ſich unter der Perücke*) verſteckt. Oh, es iſt ein koſtbarer Schelm, der Scarlet Jem! Was den Kameraden auf der andern Seite betrifft,“ fuhr der Gaſtwirth zum fröhlichen Angler fort, indem er auf den langen Ned deutete,„o iſt Alles was ich von ihm ſagen kann, Gutes, Schlimmes oder Gleichgültiges, uur ſo viel, daß er einen Ausſtich von Haarboden beſitzt; und nun Junker, da Ihr ihn kennt, ſo dächt' ich, Ihr gienget her und ſetzter Euch zu ihm, damit er Euch mit den Uebrigen bekannt macht; denn meine Perücke ſoll berſten(Gentleman George war ziemlich zum Fluchen geneigt,) wenn ich nicht müde bin und ſo trink' ich auf Eure Ge⸗ ſundheit; und wenn Euer Name Paul iſt, ſo mögt Ihr immer den Peter*) plündern, um damit Paul zu bezahlen.“ Dieſer Witz des Wirthes wurde mit ausneh⸗ *) Es wimmelt dieſe ganze Stelle von Wortſpielen; ſo läßt ſich press nicht im deutſchen wieder geben. Wig heißt Perücke, iſt aber auch ziemlich gleichlautend mit Whsg. **) Mantelſack. 8⁵ nendem Beifall aufgenommen und Paul gieng, unter s allgemeinem Gelächter hin, den Platz neben dem f langen Ned einzunehmen. Dieſer lange Herr, der bisher in tiefer Stille r Wolken verſammelt hatte, wie Homer von Jupiter r ſagt, wandte ſich jetzt mit der wärmſten Herzlichkeit r zu Paul, erklärte ſeine überſchwengliche Frende ſei⸗ n nen alten Freund wieder zu ſehen, und wünſchte n ihm zu ſeiner Flucht aus Bridewell ſo wie zu ſei⸗ r ner Aufnahme in den hohen Rath Gentleman m George's Glück. Aber Paul, eingedenk des Stück⸗ 8 chens von Klugheit von Seiten des Herrn Pep⸗ er per, vermöge welcher er ihn ſeinem Schickſal und ch der Barmherzigkeit des Richters Burnflat über⸗ hn laſſen hatte, nahm ſeine Freundlichkeit ſebr mür⸗ ch riſch auf. Dieſe Kälte brachte den langen Ned, der ut von Natur reitzbar war, ſo auf, daß er unſrem Hel⸗ an den den Rücken wandte und in ſeinem ariſtokrati⸗ nn ſchen Stolze etwas murmelte von Emporkömmlingen ze⸗ und gemeinen Schubſackfegern oder Beutelſchnei— ögt dern, die man in die Geſellſchaft anſtändiger Toby⸗ aul männer zugelaſſen. Dieſes Gemurmel rief alles Blut in Pauls Wangen, denn obgleich er als Beu⸗ eh⸗ telſchneider geſtraft worden war, wußte doch Nie⸗ mand beſſer als der lange Ned, ob er ſchutdig oder ſo unſchuldig geweſen; und ein Vorwurf von dieſem erſchien ihm als doppelte Ungerechtigkeit und Härte. In ſeiner Wuth faßte er Herr Pepper beim Ohr 3 ½ und forderte ihn, indem er ihn einen ſchäbigen Schuft nan⸗ke, zum Zweikampf heraus. Da dieſe freundliche Einladung nicht sotto voee, ſondern in einem, der Wichtigkeit des Vor⸗ ſchlags entſprechenden Tone vorgebracht worden war, ſo hörten es Alle am Tiſche, und noch ehe der lange Ned antworten konnte, donnerte die volle Stimme von Gentleman George: „Haltet Frieden da, junger Herr! Was, eben ſeyd Ihr erſt zu unſern Luſtbarkeiten zugelaſſen worden und müßt ſchon Unfug anfangen? Seht Ihr Herrn, ich bin ſchon vorher mit Eurem Ge⸗ zänke genug geplagt geweſen, und der erſte Kame⸗ rade, der den gegenwärtigen Frieden des fröhlichen Anglers ſtört, ſoll über Hals und Kopf hinausge⸗ worfen werden; ſoll er nicht, Attie?“ „Rechtsum kehrt Euch, marſch!“ verſetzte der Held. „Ja, das iſt ein Wort, Attie,“ ſagte Gentle⸗ man George,„und nun Herr Pepper, wenn zwi⸗ ſchen Euch und dem jungen Mann noch irgend bö⸗ ſes Blut iſt, waſcht es mit einem Becher Schnaps ab und laßt uns nichts mehr davon hören!“ „Ich bin dazu bereit,“ rief der lange Ned mit dem nachgiebigen Weſen eines Höflings und reichte Paul die Hand hin. Unſer Held, einigermaßen in Verlegenheit we⸗ gen der Neuheit ſeiner Lage und der Zurechtwei⸗ ſung von Gentleman George, nahm, obgleich mit r⸗ r n n i⸗ ö⸗ s ei⸗ 8⁵ einigem Widerſtreben, die entgegenkommende Artig⸗ keit an.“ Als ſo die Ordnung wieder hergeſtellt war, be⸗ gann das Geſpräch der Tiſchgeſellſchaft eine reitzen⸗ dere Wendung zu nehmen. Sie redeten mit unend⸗ lichem Behagen von den Summen, die ſie vom Volk erhoben hatten und von den Unterſchleiſen die ſie zum Beſten des Wohls der Gemein⸗ ſchaft, wie ſich der Eine, oder der beſtehenden Ordnung, wie ſich der Andre ausdrückte, und worunter ſie ſich ſelbſt verſtanden, begangen hatten. Es war leicht zu ſehen, in welcher Schule der ſcharfſinnige Auguſtus Tomlinſon die Bedeutung der Worte gelernt hatte. Es hatte etwas gar Erbau⸗ liches, dieſen Schelmen zuzuhören. So fein war ihre Sprache, und ſo redlich ihr Enthuſiasmus für ihre eignen Intereſſen, daß man ſich hätte einbilden können, man höre einer Ver⸗ ſammlung von Cabinets⸗Miniſtern zu, die über Steuern ſich beriethen oder über die Nebengefälle ſtritten. „Langes Leben und Gedeihen den Gemeinen!“ rief der witzige George indem er ſein Glas füllte, „durch die Gemeinen werden wir fett, und mögen ſie nie von der Hand der Enltur berührt werden!“ „Drei mal drei!“ brüllte der lange Ned und der Toaſt wurde ſo getrunken wie Herr Pepper vorgeſchlagen. 36 „Eine kleine, gemäßigte Cultur der Gemein⸗ weſen, um frei zu ſprechen,“ ſagte Auguſtus Tom⸗ linſon beſcheiden,„könnte nichts ſchaden, denn ſie würde die Leute zum Glauben verlocken, ſie können ſicher reiſen; und Alles erwogen, ein Zaun oder ein Gerſtenfeld iſt für uns ſo gut wie eine unfrucht⸗ bare Heide, wo wir kein Obdach haben, wenn wir einmal verfolgt werden.“ „Ihr redet Unſinn, Ihr Einfalts⸗Pinſel!“ rieſ ein angeſehener Räuber, Namens Bagſhot, der weil er alt und eines Anwalts Laufburſch geweſen war, bisweilen der alte Sack genannt wurde.„Ihr redet Unſinn; dieſe Neubrüche ſind unſer Verderben. Jeder Getreidehalm iſt ein Eingriff in die Verfaſ⸗ ſung und die Rechte der Herren Hochſtraßenmänner. Bin jetzt alt und werde die Sachen nicht mehr erleben; aber merkt Euch meine Worte: es wird eine Zeit kommen, wo ein Mann von Lonn'on bis Johny Grvat reiſen kann, ohne durch Unſereinen auch nur einen Heller zu verlieren; wo Hunlow ſicher und Finchly ungefährdet ſeyn wird. O du meine Zeit, wie ſchlimm wird es dann mit uns ſtehen!“ Der ehrwürdige alte Mann verſtummte plötzlich und die Thränen traten ihm ins Auge. Gentleman George hegte einen tiefen Abſchen gegen üble Laune und beſonders behagten ihm alle unangenehme Ge⸗ genſtände gar nicht. „Donner und Wetter, alter Sack!“ murrte der Wirth vom fröhlichen Angler,„das wird nie ge⸗ ſchehen; wir ſind alle hiehergekommen um luſtig zu ſeyn und nicht um eurem melancholiſchen Geleyer zuzuhören. Ich ſage, langer Ned, wie wär's, Ihr tiſchtet uns ein Lied auf, und ich will mit den Knöcheln den Tackt dazu ſchlagen.“ Der lange Ned nahm die Pfeife aus dem Munde' und verſuchte, wie Lady Heron, ein paar kleine Ent⸗ ſchuldigungen; als dieſe durch allgemeines Gebrülle verworfen wurden, gab der hübſche Beutelſchnei⸗ der folgendes Lied preis, nach der Weiſe:„Die Zeit verdünnte das Haar mir nicht.“ Das Lied des langen Ned. Die Handſchuh mind'ſtens ſauber ſind, Klebt auch das Gold an der Hand, Und ſelten ſah man ein Menſchenkind In ſolchem flottem Gewand. O Publikum, das du zahleſt Tribut Zu unſres Gewerbes Betrieb: Iſt's Dir kein Troſt, zu ſteuern dein Gut An einen ſo ſtattlichen Dieb? Stets, wenn eine Kutſche ich plünderte aus, Ich galant wie ein Liebhaber war; Und war den Leuten mein Thun ein Graus: Sie mußten doch loben mein Haar! John Bull, harmloſen Scherzen hold, Grinst gern auch gegen mich: Hab' ihrem Lachen nie gegrollt, Denn wer gewinnt— bin ich! John Bull hat Geld im Kaſten ſein Und hat im Kopf viel Grütz: Ich üb' an Bull meine Schlauheit fein Und er an mir ſeinen Witz! 87 „Und Er an mir ſeinen Witz! trefflich!“ rief Gentleman George ſeine Pfeife anzündend und Attie winkend,„ich höre daß ihr ein ſo ſuperber Kerl mit den Weibsbildern ſeyn ſollt?“ Ned lächelte und antwortete:„Niemand ſoll prahlen, aber—“ er hielt bedentungsvoll inne, warf dann einen Blick auf Attie und ſagte:„da wir von Frauenzimmern ſprechen, die Reihe iſt an mir, ei⸗ nen Gentleman zu einem Geſang aufzufor dern und ich fordre den Haudegen Attie auf.“ „Ich ſinge nie,“ verſetzte der Kriegsmann. „Verrath, Verrath,“ rief Pepper,„es iſt ein Geſetz und Ihr müßt dem Geſetz gehorchen— ſo fangt an.“ „Es iſt wahr, Attie,“ ſagte Gentleman George. Gegen des ehrlichen Gaſtwirths Befehl gab es Leine Einrede, und wie es denn Attie's Lieblings⸗ ſatz war, daß je weniger Worte, deſto kleiner der Schaden, ſo ſang auch jetzt der Krieger in raſcher und lakoniſcher Weiſe wie folgt: Haudegen Attie's Lied. (Nach der Weiſe: Hochberühmt durch Waffenthaten.) „Auf um ſechs, geſpeist um zwei— Leute geplündert ohne Geſchrei! Dieß mein Evangelium— Zweifelt Ihr ob es klug? rechtsum! (Er winkt einem blaßgelben Gentleman auf der⸗ ſelben Seite des Tiſches die Bowle herauſzuſenden.) „Gebt verum den Stoff, herauf zu mir, Ihr knurriges, knuffiges, muffiges Tbier!“ 39 (Der blaßgelbe Gentleman mit heiſerer Stimme:) Attie, die Kanne iſt jetzt bei mir, Ich kann ſie nicht miſſen, ſehet Ihr!““ (Attie die Bowle faſſend:) „Gebt her, gebt her! entſagt dem Gelüſt (Er reißt ſie ihm weg und ſieht ſtolz den blaß⸗ gelben Gentleman an:) „Ihr habt entſagt jetzt und Ihr müßt!“ Chorus. „Ihr habt entſagt jetzt nund Ihr müßt!“ Während der Chor, über den überwundenen Zecher ſich luſtig machend, die emfatiſchen Worte des heldenmäßigen Attie fortbrüllte, leerte dieſe Per⸗ ſon die Kanne auf einen Zug, nahm wieder ſeine Pfeife und forderte mit ſo kurzen Worten als nur angieng, Bagſhot zum Singen auf. Der treffliche alte Highwayman gehorchte mit großem Widerwil⸗ len der Forderung, räuſperte ſich und ſtimmte eine Arie an, etwa in der Melodie:„Alte Weiber!“ Lied des alten Sack. „Sind die Tage dahin, wo auf Hounslow Gefild Wir den Klepper aejagt““ Vor der Stimme des Sacks, von Furcht erfüllt Jedes Herz gezagt? Nie ließ ich mein Werk nur halb gethan, Nie ward ich ertappt; Bedächtlich war ich, doch blieb ich daran, Bis ich Alles erſchnappt. Chorus. Bis ich Alles erſchnappt. Hielt die Kutſche und ſtürmten die Herren perans: — Macht! 8 d nd kein andres Wörtchen ſtieß ich aus Als: ſachte, nur ſacht!“ O nie vergeß ich der fröhlichen Zeit⸗ Doch der Trunk iſt lack! Wenn ich todt bin, noch einen Becher weiht Dem armen, alten Sack!“ Chorus⸗ Dem armen, alten Sack!“ „Ja das wollen wir, mein lieber Bagſhot,“ rief Gentleman George mit leidenſchaftlicher Zärtlich⸗ keit; aber als er im Auge des guten alten Geſellen eine Thräne ſaß, ſetzte er hinzu:„Hellauf! Was da! Hellauf!“ die Zeiten werden ſich beſſern, und die Vorſehung kann uns ſchon noch ein gutes Jahr be⸗ ſcheeren, wo Ihr Euch ſo gut befinden werdet als je. Ihr ſchüttelt den Kopf. Nun ſeyd nur nicht dosbollerig, ſondern fordert einen Gentleman auf!“ Den Tropfen der Empfindſamkeit abwiſchend, forderte der Veterane den Gentleman George ſelbſt auf. „O verhenkert!“ ſagte Gentleman George,„mich ſollte es überſpringen, weil ich ausſchenke, aber ſey's drum.“ Gentleman George's Lied. „Ich bin der Kneipwirth. der luſtige alte Kneipwirth, Gerühmt und beſungen nicht wenig, Und ein durſtiger Kneipwirth der vom Saufen beleibt Iſt ſo viel als ein nüchterner Kön Chorus. Iſt ſo viel als ein nüchterner König. Was thut der Allarm von dem tobe ndenk Schwarm Wenn ſie in der Schenkſtube zechen! Was Kreutz, der Allarm macht mir keinen Harm So lauge die Schufte nur blechen⸗ — — — — 94 Chorus. So lange die Schufte nur blechen. Iſt fremder Credit meines Häuschens Kitt: Wer denkt drum von mir geringer? Wem warm ſchlägt das Herz, für Gemeinwohl und Schmerz, Sieht dem Wirthſchafter leicht durch die Finger, Chorus. Sieht dem Wirthſchafter leicht durch die Finger. „Da, Ihr Herrn,“ ſagte der Hausinhaber keu⸗ chend,»das iſt das Mark der Verſekunſt, und mei⸗ ne Perücke ſoll berſten, ich bin jezt ganz auſſer Athem. So, gebt den Branntwein herum, Au⸗ guſtus— ihr ſchlauer Hund! Ihr behaltet Alles für Euch!“ Mittlerweile war das ganze Conclave mehr als halb ſeekrank geworden, oder wie Auguſtus Tomlin⸗ ſon ſich ausdrückte:„ihre herberen Eigenſchaften waren durch eine anmuthige und harmloſe Weich⸗ heit gemildert.“ Pauls Augen gingen im Kreis herum und ſeine Zunge verirrte ſich. Nach und nach ging das Zim⸗ mer mit ihm um, die Geſichter ſeiner Kameraden verwandelten ſich und das Antlitz des alten Sacks nahm ein unheimliches und drohendes Weſen an. Er meinte, der lange Ned beleidige ihn, und der alte Sack ergreife die Parthie des Angreifenden, balle die Fäuſte, und drohe den Kopf des Klägers vors Gericht zu bringen, wenn er die Ruhe der Geſellſchaft ſtörte. Verſchiedene andere eingebildete Unglücksfälle ſchwebten ihm vor. Er glaubte einen 92 Poſtwagen in Geſellſchaft des kangen Ned geplün⸗ dert zu haben, Tomlinſon klage ihn an und Gent⸗ leman George gebe Befehl ihn zu hängen! kurz er litt an einem vorübergehenden Wahnſinn, verurſacht durch den plötzlichen Glücksumſchlag— von Waſſer zum Branntwein, und das letzte, wovon er noch eine Erinnerung behielt, eh er in Geſellſchaſt des lan⸗ gen Ned, des Scharlach Jem und des alten Sack unter den Tiſch ſank, war: daß er an den Schluß⸗ zeilen eines Liedes mit geſungen hatte, welches ihm ein Chorus von Sterbgedanken und Geſtändniſſen zu ſein ſchien, was aber in der That ein zu Ehren des Gentleman George gedichtetes Lied war und von ſeinen dankbaren Gäſten zum Beſchluß der Feſt⸗ lichkeit geſungen wurde. Es lautete alſo: Der große Räuber⸗Toaſt. Einen Becher mit blauem Tod ſchenkt mir ein! Zapfe rothes Getränk wem's behagt! Doch was auch der Stoff— randvoll muß er ſein, Wer weiß, wann der Trunk uns verſagt? Und jetzt in das Bett, wo der Schelm liegt gern⸗ Weil er denkt die Verborgenheit nütz' ihn! Ein Tropfen im Mnnd und am Augenſtern, Hoch Gentleman George! Gott ſchütz ihn! Gott ſchütz' ihn, Gott ſchütz' ihn! Hoch Gentleman George! Gott ſchütz' ihn! Bei des Prinzen Gelag iſt's, ſo hör ich, der Brauch, Eh' ſie machen dem Trinken ein End', Curagao man gießt in der Bowle Bauch⸗ Daß der Stoff deſio weidlicher brennt. Richt rühm' ich den Stoff; doch wer nicht ſein Glas Gern leeret— der Teufel beſitz' ihn Aufrecht ihr Jungen, laßtns kreiſen baß! Hoch Gentleman George! Gott ſchütz' ihn! Gott ſchütz' ihn! Gott ſchütz' ihn! Hoch Gentleman George! Gott ſchütz' ihn! Seht, der Ehrenmann wird jetzt ſchwach auf dem Strumpf, Helft' Schuft', ihm zum ſicheren Stand! Ihr reget Euch nicht, wie ſeyd ihr ſo ſtumpf! Tapfrer Attie, leiht ihm die Hand! (Die Räuber drängen ſich um Gentleman Ge⸗ orge zuſammen und jeder ſtößt ihn, unter dem Vorwaud, thm beizuſtehen, hin und ber.) Lehnt auf mich Euch! ich bin Euch zum Dienſte bereit, Laßt den Ellbogen fahren, ih Wölf'! Ihm Seyd ihr nur zur Laſt! o tückiſche Leun! Hoch Gentleman George, Gott helf ihm“ Gott helf ihm! Gott helf' ihm! 3 Hoch Gentleman George, Gott helf ihm —.—— Elßtes Kapitel. Ich ſinge keine Wunder und Paläſie: 1 Doch ſind, Natur! ſo arm denn an Ertrag Für Lob des Dichters deine ſtillen Feſte? Wohnt in der Wahrheit hellem, friſchem Tag 5 Kein Weſen, weckend unſres Herzens Schlag 7 Ein Mädchen hatte Albert, ſanft geſinnt, Auf ihrer holden Stirne kunſtlos lag Der Locken Fülle— mild wie Engel ſind Gieng ſie zur Seite ihm— ſie war ſein einzig Kind. Gertrude von Wyoming.⸗ O Zeit! du haſt uns ſchlimme Streiche geſpielt, und wir ſegnen unſern Stern, der uns zum Roman⸗ Schreiber machte, und uns jezt das Recht der Ver⸗ geltung üben läßt. Wir überlaſſen Paul der An⸗ leitung des Auguſtus Tomlinſon und den Feſtlich⸗ Leiten des fröhlichen Anglers, wo er ſich in allmä⸗ ligem aber ſicherem Fortſchritt die Tugenden und den Ruhm eines vollendeten und ausgemachten An⸗ eigners von andrer Leute Gut erwirbt; wir aber üderſpringen den Verfluß von Jahren mit derſelben unbeſorgten Eile, womit ſie über unſer Haupt hin⸗ geflogen, und laden unſren Leſer auf einen Schau⸗ platz ein, ganz verſchieden von demjenigen, welcher ſich wahrſcheinlich ſeinen Blicken dargeboten hätte, wenn wir unſren neuen Teiemach auf ſeinen Aben⸗ teuern begleiten wollten. Auch ſollſt Du, lieber Leſer, den wir zum Schiedsrichter machen zwiſchen uns und den Leuten, welche nie leſen— den Cri⸗ tikern, Du, der Du im ächten Geiſt feiner Bildung uns an Orte hingefolgt biſt, wo die Reuheit der Gegenſtände kaum, ſo fürchten wir, für ihre Derb⸗ heit dich entſchädigt hat, ohne Dir das Anſehen ei⸗ ner eckeln Abigail zu geben, und, ohne wie ein La⸗ key über die gemeine Geſellſchaft, der Du begegnet, zu ſchimpfen, Du follſt, lieber und freundlicher Le⸗ ſg, keine Urſache zu der Furcht haben, wir werden deine Geduld durch eine heilloſe Wiederbolung der⸗ ſelben Scenen ermüden. Indem wir einen Augen⸗ plick ſtehen bleiben, um einen Blick auf die abge⸗ theilten Gebiete unſrer Geſchichte zu werfen, die wie eine Landkarte vor uns lieat, fühlen wir uns in den Staud geſetzt zu dem Verſprechen, Dir in Zu⸗ W — 95 kunft. eine Geſellſchaft darzuſtellen, die deinen Le bensgewohnheiten verwandter iſt, wo die unerra⸗ thenen Begebenheiten durch Landſchaften mit rei⸗ zenderer Abwechslung und durch Menſchengeſchlech— ter von glänzenderer Civiliſation zu der ihnen be⸗ ſtimmten Bucht hinfließen. An dem Ufer eines der ſpönſten Flüſſe des ſchö⸗ nen Englands, ungefähr 80 Meilen von London ent⸗ fernt, ſteht noch ein altväteriſches Gebäude, das wir Warlock Manor⸗Haus benennen wollen. Es war von Backſteinen aufgeführt, unterbro⸗ chen von ſteineruen Geſimſen, und zum großen Theil von Efeu und Jasmin überwachſen. Um daſſelbe her liegen die Trümmer des ältern Theils des Gebäudes, und dieſe ſind der Menge und dem Maße nach an— ſehnlich und nach ihrer noch ſichtbaren Beſchaffen⸗ heit bedentend genug, um zu bewähren, daß das Haus einſt nicht ohne Anſprüche auf Pracht war. Dieſe Ueberbleibſel alter Größe, deren einige ihrer Jahrszahl zufolge weit vor Heinrich III filen, fanden in dem Karakter der Landſchaft in der un⸗ mittelbaren Nachbarſchaft des alten Herren-Hauſes, eine entſprechende Umgebung. Eine ungeheure Strecke wüſten Landes, abwechſelnd mit Waldungen gekappter alter Bäume und da und dort unregelmä⸗ ßige geſchlängelte Erhöhungen grüner Hügel be⸗ zeugten dem geübten Auge unwiderſprechlich, daß hier ein zerſtörtes Jagdgehäge oder ein Park ſey, der urſprünglich einen nicht unbedeutenden Umfaug mußte gehabt haben. Zu einer Seite des Hauſes flacht ſich der Grund gegen den Fluß hin ab und wird von einer Terraſſe, welche die Hauptſchönheit ſolcher Anlagen ausmacht, durch jene Art von Ge⸗ häge getrennt, der man den ſinnreichen und tref⸗ fenden Namen: Ha! Ha! gegeben hat. Wenige zerſtreute Bäume von rieſenhaftem Wuchs ſind die einzigen Hinderniſſe, welche die Ausſicht auf den Fluß unterbrechen, der uns ofteben an dieſer Stelle mit ungewöhnlicher Ruhe und Heiterkeit hinzugleiten ſchien. Auf der andern Seite des Waſſers iſteine Reihe Hügel, durch keine romantiſche Eigenſchaft berühmt auſſer etwa dadurch, daß ſie den Herden, die ihr kurzes und anſcheinend ärmliches Gras abweiden, einen Wohlgeſchmack zu geben geeignet ſind, der den Liebhabern jenes hirtlichen Thieres ganz beſon⸗ ders angenehm iſt, das nach ſeinem Tode, den Na⸗ men Mouton annimmt. Auf dieſen Hügeln iſt keine Spur menſchlicher Anſiedlung ſichtbar; und zu Zei⸗ ten, wenn kein Kahn die ſüße Einſamkeit des Fluſ⸗ ſes ſtört und der Abend gleichſam den Lärmen der Arbeit und des Lebens geſtillt bat, kennen wir we⸗ nige ſo ganz friedliche, ſo ganz in Ruhe getauchte Anſichten, wie diejenige, welche das altmodiſch ab⸗ gezirkelte Haus und ſeine alterthümlichen Gartenan⸗ lagen, der milde Raſenplatz— der ſchweigſame und (um wahrhaft, obgleich einigermaßen unehrerbietig zu ſprechen), etwas träge Fluß, ſammt den ausge⸗ dehnten Hügeln,(anwelche ſich bekanntlich aus ein⸗ 8 d it e⸗ ge ie n⸗ nd tig ge⸗ in 97 fachen aber tiefen Gründen der Gedanke der Ruhe und ſelbſt der Unbeweglichkeit ſo ganz beſonders gerne anknüpft,) und die weißen Herden, dieſe fried⸗ lichſten Geſchöpfe Gottes, die in weißen, wolligen Gruppen die Höhen zieren, dem Auge darbieten. In Warlock⸗Haus lebte zu der Zeit, von wel⸗ cher hier die Rede iſt, ein Herr mit Namen Bran⸗ don. Er war Wittwer und hatte ſein fünſzigſtes Jahr erreicht, ohne daß ihm der Blick auf die Ver⸗ gangenheit viel Kummer, oder der Gedanke an die Zukunft viel bange gemacht wätte. Mit Einem Wort, Joſef Brandon war eiuer der ſorgloſen, ru⸗ higen, gleichgültigen Menſchen, bei welchen es ohne die dringendſte Noth ni⸗ zum Nachdenken über ir⸗ gend einen Gegenſtand kommt. Er war gutmüthig, friedlich und ſchwach; und wenn er kein unvergleich⸗ licher Bürger war, ſo war er doch wenigſtens als vegetirendes Weſen muſterhaft. Er war von einer ſehr alten und früher ſehr berühmten Familie. Seit den letzten vier oder fünf Menſchenaltern jedoch hat⸗ ten die Eigenthümer von Wallock⸗Haus allmälig zugleich an ihren Hufen Landes und an ihrem Glanz eingebüßt und hatten ihrem Abkömmling keinen höhern Rang, als den eines kleinen Squiren vom Lande hinterlaſſen. Einer war ein Jakobite gewe⸗ ſen und hatte ein halb Dutzend Pachthöfe zu Ehren Charley's über dem Waſſer vertrunken; Charley über dem Waſſer war kefne ſehr gefährliche Perſon, aber Charley über dem Weine war verderblicher;— der Bulwer's Romane XXV. 7 nächſte Brandon war ein Fuchsjäger geweſen, und Fuchsjäger leben ſo ſtattlich wie patriotiſche Politi⸗ ker; Pauſaniar erzählt uns, dieſelben Leute, die wegen ihrer Liebe zum Wein am bekannteſten waren, ſeyen auch wegen der Vernachläßigung ihrer Ange⸗ legenheiten berüchtigt geweſen. Die Zeiten haben ſich, ſeit Pauſanias ſchrieb, nichs ſehr verändert und die Bemerkung gilt ſo gut von den Engländern als ſie von den Figaleern galt. Nach dieſem Brandon kam Einer, der, obgleich er den Waidmann nicht verachtete, doch mehr den feinen Gentleman ſpielte. Er heirathete eine Erdin, die ihm natürlich darin beiſtand, ihn zu ruiniren; da er bei einem ſo ange⸗ nehmen Geſchäft keinen Beiſtand verlangte, warf er ſie Hielleicht nicht abſichtlich,) in einer neuen Art von Fuhrwerk um das er fahren lernte, und die gute Dame blieb todt auf dem Platze. Sie hinterließ dem feinen Gentleman zwei Söhne, Joſef Brandon, den dermaligen Herrn und einen um einige Jahre jüngern Bruder. Der ältere wurde, da er eben das paſſende Alter hatte, in die Schule geſchickt und entgieng ſo einigermaßen der Anſte⸗ ckung des väterlichen Hauſes. Aber der jüngere Brandon, der zur Zeit da ſeine Mutter ſtarb erſt das fünfte Jahr erreicht hatte, wurde zu Hauſe be⸗ halten. Ob er ſchön, vder geſcheut, oder unverſchämt war, oder ſeinem Vater aus den Angen geſchnitten, (das giößte Verdienſt) wiſſen wir nicht; aber der — — nt n, er 90 Wittwer war ſo vernarrt in ihn, daß er ihn erſt ſpät und mit großem Widerſtreben endlich der Auf⸗ ſicht einer Schule anvertraute. Unter Schelmen, Spielern, vornehmen Herren, Gaunern und Gentlemen von der Leibwache, ſammt ihren häufigen Geſellſchaftern: Wächtern der Gent⸗ lemen— d. h. Baillifs, verlebte William Brandon die erſte Periode ſeines Knabenalters. Er war un⸗ gefähr dreizehn Jahre alt, als man ihn zur Schule ſchickte und als ein Knabe von auffallenden Talen⸗ ten brachte er die verſäumte Zeit ſo gut herein, daß er, als er im neunzehnten Jahr die Univerſität be⸗ zog, hier kaum Einen Curſus mitgemacht hatte, als er ſchon zwei der höchſten, für akademiſche Leiſtun⸗ gen ausgeſetzten Preiſe davon trug. Von der Uni⸗ verſität gieng er auf die große Tour, die damals für unerläßlich zur vollkommnen Bildung eines Gentleman galt; er reiste mit einem jungen Edel— mann, deſſen Freundſchaft er auf der Univerſität gewonnen, blieb mehr als zwei Jahre im Ausland und ließ ſich nach ſeiner Rückkehr als Rechtsanwalt nieder. Mittlerweile ſtarb ſein Vater und da ſein An⸗ theil am Vermögen als eines jüngern Sohnes im buchſtäblichen Sinne beinah in Nichts beſtand und das Familiengut furchtbar belaſtet war,(denn ſeinem Bruder fehlte es nicht au gutem Willen, ihn zu unterſtützen,) hatte er, wie man glaubte, einige Jahre mit einer ſehr ſchwierigen nnd dürftigen Lage 400 zu kämpfen. Er war jedoch während dieſes Ab⸗ ſchnitts ſeines Lebens von London abweſend, und wie ſein Bruder glaubte, auf das Feſtland zurück⸗ gekehrt; zuletzt ſcheint es, benützte er die Erneue⸗ rung ſeiner Freundſchaft mit dem jungen Edelmann, der ſein Begleiter im Ausland geweſen, erſchien wieder in der Hauptſtadt und erlangte durch ſei⸗ nen vornehmen Freund eine oder zwei Stellen mit anſehnlichen Einkünften; bald nachher bekam er eine Rechtsſache an einem Fall, wo ein Major für ſeinen Mit⸗Offizier Mannſchaft angeworben hatte, und zwar mehr zur Zufriedenheit der Gattin des Mit⸗Offiziers als des Offiziers ſelbſt. Hier fand Brandons Geſchicklichkeit zum erſtenmal ſeit er ſeine Kunſt ausübte, ein angemeſſe nes Feld; ſein Ruf ſchien auf Einmal gemacht, er machte reiſſende Fortſchrttte in ſeiner Praxis und zu der Zeit wo⸗ von wir ſprechen, ſegelte er mit dem vollen Strome des Ruhms und Reichthums, war der Gegenſtand des Neids und das Orakel aller jungen Studenten des Rechts und der Anwälte, die vor zehn Jahren ſelbſt dem Hungertod nahe, jetzt auf die Möglich⸗ keit zu ſpeculiren begannen, ihre Elienten am Hun⸗ gertuch nagen zu machen. Gleich zu Anfang ſeiner Laufbahn hatte er durch die Verwendung des obge⸗ meldeten Ebelmanns einen Sitz im Hauſe der Ge⸗ meinen erlangt und obgleich ſeine Beredſamkeit von einer Art war, wie ſie mehr für die Gerichtsſchran⸗ ken, als für den Senat paßt: hatte er ſich doch auch e uf de ne nd en en h⸗ n⸗ ge⸗ e⸗ In⸗ 101 in letzterer Hinſicht einen bedeutenden Namen ge⸗ macht; und von vielen wurde ihm das glänzende Glück des gewandten Mansfield profezeiht— eines großen Mannes, deſſen politiſche Grundſätze und ab⸗ geſchliffene Artigkeit ſich Brandon vorzugsweiſe in ſeinem Streben zum Muſter ſoll gewählt haben. Ein Mann von fleckenloſer Unbeſcholtenheit im öffentlichen Leben— denn da er alles Mögliche was einmal da war, mit unbiegſamer Schärfe verthei⸗ digte, konnte man ihn keiues Mangels an Folge⸗ richtigkeit anklagen— war William Brandon auch, wie ſchon an einem andern Orte von ſchlimmem Anden⸗ ken für unſern Helden erwähnt wurde, in ſeinem Privat⸗ leben, als der ehrenhafteſte, ſittlichſte und ſelbſt ſtrengſte Mann geſchätzt, und der Ruf ſeiner ernſten Her⸗ bigkeit in dieſer Hinſicht, verbunden mit dem blen⸗ denden Schimmer ſeiner Beredtſamkeit und ſeiner gewaltigen Kraft bei den Gerichtsverhandlungen hatten in hohem Grade den Groll partheiſüchtiger Feindſeligkeit entkräftet und die öffentliche Meinung wies ihm wegen ſeiner Tugenden beinahe eine eben ſo hohe und beneidenswerthe Stelle an, als wegen ſeiner Geſchicklichkeit. Während ſo William eine ruhm⸗ und ehrenvolle Laufbahn einſchlug, hatte ſein älterer Bruder, der in die Familie eines Geiſtlichen geheirathet, bald aber ſeine Gattin verloren hatte, mit ſeinem einzi⸗ gen Kind, einer Tochter, Lucie genannt, das Haus ſeiner Väter in ungeſtörter Zurückgezogenheit be⸗ — 0 — wohnt. Der unwürdige Charakter und Lebensweiſe der frühern Herrn von Warlock, wodurch ihr Anſehen in der Grafſchaft eben ſo heruntergebracht, als ihre Habe ge⸗ ſchmälert worden war, hatten den umherwohnenden Adel wenig begierig nach vertrauterer Bekanntſchaft mit dem jetzigen Beſitzer gemacht, und die ſchwerfällige Gemüthsart und das verſchloſſene Benehmen JFoſef Brandons waren nicht geeignet, die Fehler ſeiner Vor⸗ ſahren wieder auszugleichen, oder den Namen Brandon in ſeine frühere Beliebtheit und Achtung wieder einzu⸗ ſetzen. Obwohl ſtumpfſinnig und ungebildet, war der Sauire doch nicht ohne ſeinen eignen Stolz; er ſuchte ſich nicht aufzudrängen, wo er unwillkommen war, vermied Zuſammenkünfte und Bälle in der Graſfſchaft, ſchmauchte ſeine Pfeife mit dem Pfarrer, nicht ſel⸗ ten auch mit dem Chirurgen und dem Sachwalter, und ließ ſeine Tochter Lucie mit Hülfe der Frau des Pfarrers ſich ſelbſt erziehen, und, wobei ſie von der Natur mehr, als der Kunſt begünſtigt wurde, zum hübſcheſten Mädchen heran reifen, deſſen die ganze Grafſchaft, gerne ſagten wir das ganze Land, ſich damals rühmen konnte. Nie warf der Spiegel ein lieblicheres Bild zurück, als das von Lu⸗ cie Brandon in ihrem neunzehnten Jahre. Ihr ka⸗ ſtanienbraunes Haar fiel im üppigſten Reichthum über eine immer faltenloſe Stirne und eine Wange wo das Blut nie ſchlief; mit jedem Augenblicke wechſelte die Farbe und mit jedem Wechſel ſchien dieſe ſanfte, reine, jungfräuliche Wange holdſeliger als N— * WN 403 zuvor. Sie hatte die anmuthigſte Art zu lachen, die ſich ein Liebhaber der Muſik nur denken mag; ſuberhell, nicht laut, und doch ſo frendig! alle ihre Bewegungen ſchienen, wie der alte Pfarrer ſagte, mit ihrem Lachen Takt zu halten; denn Fröhlichkeit war ein Hauptzug ihres ſchuldloſen kindlichen Ge⸗ müths; und doch war ihre Fröhlichkeit weiblich, nie ausgelaſſen und glich nie der der jungen Damen, welche in den Highgate⸗Bildungsanſtalten die letzte Vollen⸗ dung erhalten haben. Alles Fröhliche ſprach ſie an, und Alles auf Einmal— Geſang, Blumen, Sou⸗ nenſchein, Schmetterlinge. Unähnlich den gewöhn⸗ lichen Heldinen, ſchrie ſie ſehr ſelten auf und ſah nichts Reizendes daran, Grillen zu haben. Aber nie ſah ſie ſo ſchön aus, wie im Schlafe! und wenn der leichte Athem aus den geſpaltenen Lippen wehte und die elfenbeinernen Lieder ſich über den Augen zu⸗ ſchloſſen, die nur im Schlummer ſchwiegen, und ihre ganze Geſtalt im Schlafe die unausſprechliche An⸗ muth annahm, die nur der Kindheit oder der erſten fri⸗ ſchen Jugend eignet, in welche die Kindheit ver ſchmilzt, dann war ſie, wie man ſich etwa ein ſchlummerndes Gretchen vorſtellen mag, ehe dieſes einfachſte edelſte Dichtergebild von Weiblichkeit den Fanſt geſehen hat⸗ e und ein Traum von Liebe ihren Schlummer ſtörte. Von Luciens geiſtiger Ausbildung können wir ucht viel ſagen; ſie konnte, Dank des Pfarrers Fau, leidlich gut leſen und ſchrieb eine erträgliche Hind, ſie machte eingemachte Früchte und biswei⸗ 104 len Räthſel;— es war ſchwerer die Trefflichkeit jener in Frage zu ſtellen, als die Aufgaben der letz⸗ tern zu beantworten. Sie arbeitete zur Verwun⸗ derung Aller derer, die ſie kannten und wir bitten um Erlaubniß ſagen zu dürfen, daß wir das für eine gar ſchöne Sache bei den Frauen halten. Sie machte ſich ſelbſt Hauben, und Röcke für die Armen und dann und wann widmete ſie ſich dem mehr ſchöngeiſtigen Geſchäft der Lektüre einer verirrten Novelle, die in das Herrenhaus den Weg gefunden, oder eines Abſchnitts der alten Geſchichte, wo Alles auſſer den Namen fehlen mochte. Zu dieſen Ge⸗ ſchicklichkeiten fügte ſie noch eine mäßige Fertigkeit auf dem Spinett und die Kunſt alte Lieder mit der reichſten und ſüßeſten Stimme zu ſingen, die je Au⸗ gen feucht gemacht, oder ein Herz in unruhige Be⸗ wegung geſetzt hat. Die Eigenſchaften ihres Gemüths waren voll⸗ ſtändiger entwickelt, als die ihres Geiſtes. Sie war das gütigſte menſchliche Weſen; ſelbſt der Hund, der ſie nie zuvor geſehen hatte, erkannte dieſe Wahrheit auf den erſten Blick und ſäumte nicht, ihre Bekanntſchaft zu machen. Ihre Herzens güte thronte wie Sonnenſchein auf ihrem Angeſich— und die alte Fran im Wachthäuschen ſagte pvetiſh und wahr von dem Eindruckden es machte: es werſe Einem warm, wenn man ſie anſehe. Könnten mir die Schilderung eines gewiſſen fröſtelnden To''s entkleiden, ſo möchten ſolgende treffliche Verſe ei⸗ — A nes vergeſſenen Dichters*) die Reinheit und den Glanz ihrer Miene am beſten ausdrücken: Ihr Antlitz war der Milchſtraß' gleich am Himmel, Ein Meer von holden namenloſen Lichtern. Umgeben war ſie von Lieblingen aller Art, ſchö⸗ nen und häßlichen; von Ralf dem Raben bis zu Schönvogel dem Faſanen, und von Rob dem Schäferhund bis zu Beau, dem Windhund mit blauen Bändern um den Hals, liebten ſie alle Weſen und ſie liebte auch alle. Es ſchien da⸗ mals zweifelhaft, ob ſie je pinlängliche Geſetztheit und Stärke des Charakters bekommen werde. Ihre Schönheit und ihr Charakter erſchienen gleicherweiſe ſo weſentlich durch ihr Geſchlecht bedingt, ſo ſanft und doch lebhaft, ſo ſchwebend und doch zutraulich, daß man kaum in ſie jenes moraliſche Vertrauen ſetzen konnte, wie in einen minder lieblichen, aber weniger weiblich nacheiebigen Charakter. Der Zeit jedoch und den Umſtänden, die oft ein Gemüth ver⸗ ändern und ſtählen, blieb die Entſcheidung vorbe⸗ halten, ob ihr inneres Weſen nicht noch geheime bis⸗ her unentdeckte Eigenſchaften beſaß. So ſah war Lucie im Jahre——, und in dieſem Jahre an ei⸗ nem reizenden Herbſtabend führen wir ſie zum er⸗ ſtenmal in Perſon unſern Leſern vor. Sie ſaß auf einer Gartenbank am Fluſſe mit ihrem Vater, der nachdenklich die Abendzeitung von einer frühern Woche ſtudierte und die alten Neuig⸗ *) Suckling. 106 keiten ernſthaft mit den Eingebungen des Krautes würzte, das ſo bitter die königliche Entrüſtung un⸗ ſers brittiſchen Salomo erregte. Zum Unglück für uns beſaß der Squire Brandon ſo wenig unterſcheidende Eigenthümlichkeiten in ſeinem geiſtigen Weſen,— denn Sonderbarkeiten im Aeuſſern vertragen ſich. xaum nur mi der Würde, welche die Comödie, ſey's in dramatiſcher oder in erzählender Form, anſtrebt — daß er ſeinem Abzeichner wenig darbietet, um ihn kenntlich zu machen, auſſer einer verworrenen und verſchrobenen Redeweiſe, vermöge welcher er oft Solchen, welchen nicht lange Erfahrung oder genaue Aufmerkſamkeit zu Statten kam, gerade das und dazu noch auf eine ſpaßhafte Art zu ſagen ſchien was er nicht zu behaupten beabſichtigte. „Ich ſage, Lucie,“ bemerkte Herr Brandon, doch ohne das Auge von dem Zeitungsblatt zu er⸗ heben,„ich ſage, das Korn iſt gefallen.— Denk daran, Mädchen, denk daran. Dieſe Zeiten, nach meiuer Meinung(ja und nach der Meinung klüge⸗ rer Köpfe als ich bin, obwohl ich damit nicht ſagen will, daß ich in dieſen Sachen nicht einige Erſah⸗ rung habe, was mehr iſt, als von allen unſern Nachbarn ſich ſagen läßt), ſind ſehr ſonderbar, und ſelbſt gefährlich.“ „In der That, Papa!“ antwortete Lucie. „Und ich ſage, Lucie, Kind!“ hob der Squire nach einer kleinen Pauſe wieder an.„Es iſt auch (und um ſo auffallender, wenn man die ſtarkbevöl⸗ 107 kerten Umgebungen bedenkt— Gott ſchütze mich, was ſind das für Zeiten l) ein gräßlicher Mord began⸗ gen worden(der Tabackſtopfer! da iſt er)denk, du weißſt, Mädchen, gerade bei Epping! ein alter Geutleman!“ „Gott! wie ſchrecklich! von Wem?“ „Ja, das iſt die Frage! der Coroner hat(welch' eine Wohlthat iſt es in einem civiliſirten Lande zu leben, wo ein Menſch nicht ſtirbt, ohne zu wiſſen warum und wozu) den Leichnam beſichtigt und eu⸗ klärt,(es iſt ſehr ſonderbar, aber ſie ſcheinen nicht viel Entdeckungen gemacht zu haben; denn ſo viel war uns zuvor ſchon bekannt) daß der Todte (man fand ihn auf der Flur, Lucie) ermordet gefunden worden ſey; der oder die Mörder(in dem Schreibpult das man aufbrach, fand man das Geld ganz unberührt) ſind unbekannt!“ Hier eutſtand wieder eine kleine Pauſe und auf eine andre Seite der Zeitung übergehend, begann Herr Brandon in lebhafterem Tone:„Ha! gut, das iſt hübſch! aber er iſt ein verhenkert geſcheuter Burſche, Lucie! dieſer mein Bruder hat(und auf ſehr ehrenvolle Weiſe dazu, die auf die Familie, deſ⸗ ſen bin ich gewiß, das glänzendſte Licht wirft, ob⸗ gleich er neuerlich ſich wenig um mich bekümmert hat, ein Umſtand über den ich, in Betracht daß ich der ältere Bruder bin, etwas ungehalten bin) ſich durch eine Rede hervorgethan, die, wie das Blatt ſagt, durch die große Geſetz⸗Kenntniß(beiläufig, ich biu begierig ob mir William das Pferch⸗Geld her⸗ 108 ausſchlagen konnte! es iſt ärgerlich ſo etwas zu verlieren; aber den Rechtsweg betreten, das heißt, wie mein ſeliger Vater zu ſagen pflegte⸗ nach Grun⸗ deln lkein übler kleiner Fiſch! wir könnten auch ein⸗ mal zum Nachteſſen haben] mit Guineen angeln,) ſo wie durch glänzende und hinreißende(ich liebe Wil⸗ liam, weil er die Familienehre aufrecht erhält; ich bin überzeugt, er thut es mehr als ich, leider! ge⸗ than habe) Beredſamkeit.* „Und worüber hat er denn geſprochen, Papa?“ „O über einen wichtigen Gegenſtand; was man eine(es iſt erſtaunlich, daß man in dieſem Lande ſo darauf aus iſt, den Charakter der Leute anzutaſten, was mir für meinen Theil nicht um einen Deut unterhaltender wäre, als deine fortwährende Be⸗ ſchäftigung da, wenn Du mit den einfältigen Vögeln ſpielſt) eine Schmähſchrift nennt.“ „Aber kommt mein Oheim nicht hieher uns zu beſuchen? Er verſprach es uns und es machte Sie, Papa, zwei Tage lang ganz glücklich. Ich hoffe, er wird Sie nicht täuſchen, und ichsbin gewiß es iſt nicht ſeine Schuld, wenn er einmal Sie zu vernach⸗ läſſigen ſcheint. Er redete mit mir, als ich ihn ſah, von Ihnen aufs Freundlichſte und Zärtlichſte. Ich, denke, mein theurer Vater, er liebt Sie ſehr!“ „Je nun,“ ſagte der Squire, offenbar geſchmei⸗ chelt aber doch nicht überzengt.„Mein Bruder Will iſt gar ein feiner Burſch und ich habe, mein liebes kleines Mädchen, keinen Anſtand, als daß,(wenn [⸗ h e⸗ E n ſo u, ut e n ie, er iſt ch⸗ ah, nei⸗ Will ebes 409 Du die Welt ſo kennen gelernt haſt wie ich, wirſt Du auch argwöhniſch werden) er dachte, ein gutes Wort über mich, meiner Tochter geſagt, würde,(Du ſiehſt, Lucie, ich bin ſo ſcharfſichtig wie meine Nach⸗ barn, obgleich ich mir nicht ihre wichtige Miene gebe; was ich ganz wohl thun könnte, in Betracht, daß mein Groß⸗Groß- Ur⸗Aelter-Vater Hugo Brandon bei der Entdeckung der Pulververſchwörung mitwirkte,) mir wieder zu Ohren kommen.“ „Ja, aber ich bin ganz gewiß, daß mein Oheim nie in dieſer Abſicht mir von Ihnen ſprach.“ „Möglich, mein liebes Kind; aber wann(die Abende werden jetzt viel kürzer als ſie waren,) ſprachſt Du mit deinem Oheim von mir?“ „O— als ich mit Mrs. Warner in London war; ſicherlich ſind es 6 Jahre her, aber ich erin⸗ nere mich deſſen genau. Ich erinnere mich nament⸗ lich, daß er von Ihnen ſehr rühmlich mit Lord Mau⸗ leverer ſprach der an einem Abend, als ich dort war, bei ihm ſpeiſte und wo mein Obheim ſo gütig war, mich ins Theater zu führen. Es that mir nachher ſehr leid, daß er ſo gut geweſen, denn er verlor, (Sie erinnern ſich wohl, daß ich Ihnen die Geſchichte erzählte,) eine ſehr koſtbare Uhr.“ „Ja, ja, ich erinnere mich Alles deſſen wohl, und ſo(wie lange währt doch die Freundſchaft mit gewiſſen Leuten ¹) ſpeiste alſo Lord Mauleverer da⸗ mals mit William! Welch eine ſchöne Sache iſt es für einen Mann,(es iſt aber etwas das ich in mei⸗ 440 nem Leben nicht that, fürwahr! ich bin gerne was man nenut: der Hahn auf dem Miſte— laß mich ſehen, jetzt beſinn' ich mich, Pillum kommt heute Abend zu einem Brettſpiel mit einem großen Mann ſchon frühe Caber bei Will war es nicht ſo gar frühe, der arme Burſche! er hatte zuerſt mit vielen Sorgen und Mühſeligkeiten zu kämpfen Freundſchaft zu ſchließen. Es iſt jetzt viele Jahre, daß Will Ein Herz und Eine Seele mit dem ler hat etwas Zieräffiges an ſich) Lord Mauleverer iſt; was denkſt Du von ſeiner Lordſchaft?“ „Von Lord Mauleverer? Wahrhaftig ich betrach⸗ tete ihn kaum, aber er ſchien mir ein hübſcher Mann und war ſehr artig. Mrs. Warner ſagte, er ſey als jung ein ſehr ſchlimmer Menſch geweſen, laber jetzt ſcheint er ziemlich gutmüthig, Papa.“ „Beiläufig,“ ſagte der Squire,„ſeine Lord⸗ ſchaft iſt ſo eben(dieß neue Miniſterium ſcheint dem alten ſehr unähnlich zu ſeyn, was mich in einige Verlegenheit brinat; denn ich halte es für meine Schuldigkeit, ſiehſt Du, Lucie, immer ſür die Regie⸗ rung ſeiner Majeſtät zu ſtimmen; beſonders wenn ich bedenke, daß Huao Brandon bei Eutdeckung der Pulverſchwörung mitwirkte, und es iſt wenigſtens ein Bischen widerwärtig, wenn man das jetzt für gut halten ſoll, was man vorher immer für abſcheu⸗ lich hielt,) zum Lordſtatthalter der Gra ſchaft er⸗ nannt worden.“ „Lord Mauleverer unſer Lordſtatthalter?“ 1¹1 „Ja, Kind, und da ſeine Lordſchaft ein ſo gro⸗ ßer Freund von meinem Bruder iſt, ſollte ich mei⸗ ven, in Betracht beſonders, welch eine alte Familie in der Grafſchaft wir ſind,— nicht daß ich wünſchte mich einzudrängen, wo ich nicht für eben ſo vor⸗ nehm gelte als die Andern, er werde gegen uns aufmerkſamer ſeyn, als Lord—— es war; aber das, meine liebe Lucie, erinnert mich an Pillum, und ſo giengſt Du vielleicht gerne zu dem Pfarrer, da es ein hübſcher Abend iſt. John ſoll Dich dann um 9 Uhr abholen mit(der Mond iſt da noch nicht aufgegangen) der Laterne.“ Auf ſeiner Tochter gefälligen Arm geſtützt, er⸗ hob ſich der gute alte Mann und wandelte heim; und Lucie, ſobald ſie ſeinen Armſeſſel herbeigerollt, das Brettſpiel auf den Tiſch geſtellt, und dem al⸗ ten Herrn einen leichten Sijeg über ſeinen lerwar⸗ teten Gegner, den Apotheker, gewünſcht hatte, band ſie ihre Haube feſt und begab ſich in das Pfarrhaus. Als ſie in der geiſtlichen Wohnung ankam und in das Geſellſchaftzimmer trat, war ſie überraſcht, die Frau des Pfarrers, eine gute, einfache, ſchläf⸗ rige, alte Dame dem Anſchein nach in großer Auſ⸗ regung auf ſich losſtürzen zu ſehen, indem ſie rief: „O meine liebe Miß Brandon! welchen Weg kommen Sie? Iſt Ihnen auf der Straße Niemand begegnet? O ich bin ſo erſchreckt, dieſer Zufall, dem armen lieben Doktor Slopperton degegnet! Auf S ——— 412 der königlichen Landſtraße angehalten, das Zehnt⸗ geld ihm geraubt, das er eben vom Pachter Slow⸗ forth empfangen hatte; wäre nicht dieſer theure Engel, der gute junge Mann geweſen: Gott allein weiß, ob ich jetzt nicht ſchon eine troſtloſe Wittwe wäre.“ Während die erſchütterte Matrone ſo ſich aus⸗ ſchüttete, entdeckte Luciens durch das Zimmer ſchwei⸗ fendes Auge in einen Armſeſſel die runde und ölichte kleine Perſon des Doktor Slopperton, mit einem Antlitz, auf welchem alle Lebensfarbe, ausgenommen einen ringförmigen Abſchnitt um die Naſe, welche gleich der letzten Roſe des Sommers in ihrer Blüthe unverſehrt geblieden war, zur jämmerlichſten Bläſſe verblichen war; der kleine Mann verfuchte ein Lächeln heraufzubeſchwöreu, während ſeine Frau ſein Mißgeſchick erzählte und einige gleichgültige Wort⸗ herzuſtammeln; aber mit all ſeiner erkünſtel⸗ ten Mannhaftigkeit ſah er ſo verſtört aus, daß Lucie wider ihren Willen in ein unzeitiges Geläch⸗ ter ausgebrochen wäre, hätte nicht ihr Auge auf die Geſtalt eines jungen Mannes ſich geheftet, der neben dem hochwürdigen Herrn geſeſſen hatte, der aber bei Luciens Eintritt aufgeſtandeu war, und ſie aufmerkſam, aber mit ſehr ehrfurchtsvoller Miene betrachtete. Tief und unwillkürlich erröthend wandte ſie das Auge haſtia weg, näherte ſich dem guten Doktor und erkundigte ſich nach dem gegenwärtigen Zuſtand ſeiner Nerven in einem ernſteren Tone, ß uf er er ſie ne te en en ne, als ſie noch vor einer Minute ſich zugetraut hätte, in ihrer Gewalt zu haben. „Ach mein gutes junges Fräulein!“ ſagte der Doktor, indem er ihr die Hand drückte:„Ich, ja ich darf ſagen, die Kirche, denn bin ich nicht ihr Diener? ſchwebte in großer Gefahrs aber dieſer treff⸗ liche Herr verhütete den Frevel am Heiligen, we⸗ nigſtens großentheils. Ich verlor nur einiges von meinen Einkünften— meinen rechtmäßigen Einkünf⸗ ten— wofür ich mich mit dem Gedanken tröſte, daß der ruchloſe und verworfene Böſewicht ſpäter dafür büßen wird.“ „Darüber kann nicht der mindeſte Zweifel ſtatt finden,“ ſagte der junge Mann;„hätte er nur den Poſtwagen geplündert, oder wäre er in das Haus eines Gentleman eingebrochen, ſo könnte das Ver⸗ brechen noch geſühnt werden; aber einen Geiſtlichen, einen Rektor noch dazu, ausplündern! O der tem⸗ pelräuberiſche Hund!“ „Eure Wärme ehrt Euch, Sir,“ ſagte der Doktor, der ſich jetzt zu erholen anfieng,„und ich bin ſehr ſtolz darauf, die Bekanntſchaft eines Gent⸗ leman von ſo religiöſen Geſinnungen gemacht zu haben.“ „Ach!“ rief der Fremde,„meine Schwäche, Sir, wenn ich ſo ſagen darf, iſt eine Art von enthuſia⸗ ſtiſchem Eifer für die proteſtantiſche Kirchen⸗Einrich⸗ tung. Ja, Sir, ich gehe nie durch das Schiff einer Kirche, ohne eine unbeſchreibliche Rührung kzu em⸗ Bulwer's Romane XXV. 8 11⁵ 1¹4 pfinden, eine Art von Sympathie gleichſam mit— mit— Ihr verſtehe mich, Sir, ich fürchte mich un⸗ recht auszudrücken.“ „Durchaus nicht, durchaus nicht!“ rief der Dok⸗ tor.„Solche Geſinnungen ſind ſelten bei ſolcher Jugend.“ „Sir, ich lernte ſie ſchon frühe bei meinem Freund und Lehrer, Herr Mac Grawler, und ich hoffe bis zu meinem Todestag dabei zu beharren.“ Hier trat des Doktors Diener ein und brachte den Thee⸗Apparat und Mrs. Slopperton, die jezt die Overaufſicht über denſelben übernahm, erkundigte ſich mit mehr Faſſung, als ihr Benehmen bisher ge⸗ zeigt hatte, welchem Geſchöpfe denn der Spitzbube gleichgeſehen habe?„Ich will Dir's erzählen, meine Liebe, ich will es Ihnen erzählen Miß Lucie, den ganzen Hergang. Ich ging von Herr Slowforth, mit dem Geld von ihm in der Taſche, nach Hauſe, und dachte daran, Dir, meine Liebe, das Topas⸗Krenz zu kaufen, das Du dir wünſcheſt.“ „Lieber, guter Mann 1« rief Mrs. Slopperton, „welch' ein böſer Feind muß es geweſen ſeyn, der ein ſo treffliches Weſen plünderte!“ „Und,“ fuhr der Doktor fort,„es fiel mir auch ein, daß der Madera auf die Neige geht— den Ma⸗ dera mit dem rothen Siegel mein'ich, und ich dachte es würde kein Fehler ſeyn, einen Theil des Gelds zum Ankauf von friſchen ſechs Dutzenden zu ver⸗ wenden; und den Reſt, meine Liebe, ungefähr ein * * S„ 11⁵ Pfund und achtzehn Schillinge könnke ich, ſo dacht' ich, vertheilen— denn wer den Armen giebt, leiht dem Herrn,— unter die dreißig armen Familien der Gemeinde, das heißt, wenn ſie ſich gut hielten, und die Aepfel im Hintergarten nicht frevelhaſt ge⸗ ſtohlen würden.“ „Vortrefflicher, menſchenfreundlicher Mann!“ unterbrach ihn Mrs. Slopperton. „Während ich ſo nachdachte, hub ich meine Augen auf und ſah zwei Männer vor mir— der eine vön er⸗ ſtaunlicher Größe mit einem großen Haar⸗Reichthum um die Schultern; der andere war kleiner und trug den Hut ins Geſicht gedrückt; es war ein ſehr gro⸗ ßer Hut. Meine Anfmerkſamkeit wurde durch das Haar des großen Mannes gefeſſelt und währendich über deſſen Fülle lächelte, hörte ich ihn zu ſeinem Begleiter ſagen:„Nun Auguſtus, da Ihr ſo ein moraliſcher Hund ſeyd— er iſt in Eurem Strich, nicht in meinem, und ſo überlaſſe ich ihn Euch!“ Ich ließ mir nicht träumen, daß dieſe Worte mich angehen könnten. Sobald ſie ausgeſprochen wapen, ſprang der große Spitzbube über einen Zaun und verſchwand; der andre Kerl gieng auf mich zu, fragte mich ſehr ſanft um den Weg zur Kirche, und als ich ihm auseinander ſetzte, er müße ſich zu⸗ erſt rechts und dann links ſchlagen und ſo fort, denn der beſte Weg hat, wie Ihr wißt, außerordentlich viele Krümmungen, faßte mich der heuchleriſche Schurke heim Kragen und rief: Euer Geld oder 1¹6 euer Leben! Ich verſichre Euch, in meinem Leben zitterte ich nicht ſo, und das, meine liebe Miß Lucie, nicht ſowohl um meinetwillen, als wegen der dreißig armen Familien in der Eemeinde, deren Noth ich zu erleichtern im Sinn gehabt hatte. Ich lieferte, da ich fand, daß Bitten und Einwendungen umſonſt waren, mein Geld aus, und dann ſagre der Hund, indem er einen mächtigen Knittel über mei⸗ nem Haupte ſchwang;— Welch eine abſcheuliche Sprache!—„ich denke, Doktor! ich will einem Da⸗ ſeyn ein Ende machen, das Euch ſelbſt nachtheilig und Andern nußlos iſt In dieſem Augenblick ſprang der junge Herr neben mir über denſlben Zaun, über welchen der Schelm verſchwunden war, und ſchrie: Halt Schurke! Beim Anblick meines Erlöſers ſtußzte die Memme und eilte in ein nahes* ehölz. Der aute, junge Gentleman verfolgte ihn einige Minnten; aber daun K kehrte er, um mich zu ur terſtützen, um, und führte mich nach Hauſe. Und wie wir in der Schule zu ſagen pflesten: Pe rediisse incolumem gaudeoj was verdollmetſcht ſo viel heißt—(Sir, verzeihen Sie ein Wortſpiel, ich bin verſichert, ein ſo war⸗ mer Freund der Kirche verſteht Latein,) daß ich ſehr fioh bin, mt helrer Heut zu menem Theezit rück e Leben derette ine Ti lichen Lehrer das Leben gerettet, eine That, deren 4¹7 ſicherlich am großen Gerichtstag gedacht werden wird!“ Als Lucie gegen den Fremden gewendet, ihm irgend eine Artigkeit ſagte, bemerkte ſie ein flüchti⸗ ges und gleichſam verdecktes Lächeln in ſeinem An⸗ geſicht, welches unverzüglich, wie durch Sympathie, ein ſolches auch bei ihr hervorrief. Der Held des Abenteuers jedoch erwiederte ihr Compliment in ſehr ernſtem Tone und unter einer tiefen Verbeugung: „Sprechen Sie nicht davon, Fräulein. Ich wäre des Namen eines Britten und eines Mannes nicht werth, wennich über die Straße gehen könnte, ohne einem Mitgeſchöpf in ſeiner Noth beizuſprin⸗ gen oder ſeine Bürde zu erleichtern. Und,“ fuhr der Fremde nach einer angenblicklichen Pauſe fort, unter dem Sprechen erröthend, und ſchloß mit der ſchwülſtigen, damals üblichen Galanterie:„mich dünkt, es wäre eine hinreichende Belohnung, hätte ich die Kirche ſelbſt, ſtatt eines ihrer koſtbarſten Glieder gerettet, den Dank von einer Dame zu empfangen, die ich mit Recht für eines der himm⸗ liſchen Weſen anſehen könnte, deren Obhut, wie ein frommer Glaube uns lehrt, die Kirche ausdrücklich übergeben iſt.“ Mochte auch dieſes übertriebne Compliment, zumal in ſeiner Verbindung mit Doktor Sloppertons Rettung, in der That lächerlich ſeyn: in dem Munde eines Mannes, den Lucie für den ſchönſten hielt, der ihr je vor Augen gekommen, dünkte es ſie nichts weniger als abgeſchmackt, und noch lange nachher bebte ihr Herz vor Freude, wenn ſie ſich erinnerte, daß die Wange des Redenden unter ſeinem Sprechen geglüht und ſeine Stimme gezittert habe. Das Geſpräch lenkte ſich jetzt von Räubern im Beſondern ab und blieb bei Räubereien überhaupt ſtehen. Es war erbaulich, die tugendhafte Entrü⸗ ſtung zu ſehen, womit der Fremde von den zügel⸗ loſen Freibeutern redete, von welchen das Land, in den Zeiten der Makheath's, beunruhigt wurde. „Ein Pack ſchändlicher Spitzbuben!“ ſagte er zornglühend,„welche ihre Unthaten durch das Bei⸗ ſpiel ehrlicher Leute zu rechtfertigen ſuchen, und die behaupten: ſie thuen nicht mehr als Anwälte und Aerzte, Soldaten, Geiſtliche und Miniſter. Er⸗ värmliche Täuſchung⸗ oder vielmehr: ſchamloſe Heu⸗ chelei!“ „Das kommt Alles von der Erziehung der Ax⸗ men,“ ſagte der Doktor.„Sobald ſie ſich heraus nehmen, die Handlungsweiſe von Leuten die mehr ſind als ſie, zu beurtheilen, iſt es mit aller Ord⸗ nung aus. Sie ſehen nichts Heiliges mehr an den Geſetzen, obgleich wir die Hunde raſch weg aufknüp⸗ ſen; und ſelbſt die Peers des Landes, geiſtliche und weltliche, hören auf, ihnen ehrwürdig zu erſcheinen.“ „Da von Peers die Rede iſt,“ ſagte Mrs. Slop⸗ gerton,„ich höre Lord Mauleverer ſoll heute Nacht dieſe Straße kommen auf dem Weg nach Mauleverer 119 Park. Kennen Sie ſeine Lordſchaft, Miß Lucie? Er iſt mit Ihrem Oheim ſehr vertraut.“ „Ich habe ihn nur Einmal geſehen,“ antwor⸗ tete Lucie. „Sind Sie deſſen gewiß, daß ſeine Lordſchaft auf dieſer Straße kommt?“ fragte der Fremde nach⸗ Läßig,„ich hörte dieſen Morgen etwas davon, wußte aber nicht, daß es ausgemachte Sache ſey.“ „O ganz gewiß!“ verſetzte Mrs. Slopperton. „Der Kammerdiener ſeiner Lordſchaft beſtellte Poſt⸗ pferde für ſeine Lordſchaft in Wyburn⸗ ungefähr drei Meilen jenſeits vom Dorfe, auf 10 Uhr Nachts. Seine Lordſchaft iſt gar ungeduldig bei Verzöge⸗ rungen.“ „Bitte,“ ſagte der Doktor, der dieſer Wendung des Geſprächs wenig Aufmerkſamkeit geſchenkt hatte, und jetzt mit gaſtlichen Sorgen beſchüftigt war: „Bitte, Sir, wenn es nicht unbeſcheiden iſt, ſind Sie auf Beſuch oder anſäßig in der Nachbarſchaft, oder wollen Sie bei uns ein Bett annehmen?“ „Sie ſind ausnehmend gütig, mein lieber Herr, aber ich fürchte, ich muß Ihnen bald guten Abend wünſchen. Ich habe nach einem kleinen Gut zu ſehen, das ich einige Meilen von hier beſize und das mich auch in dieſen Theil der Welt geführt hat.“ „Gut?— in welcher Richtung, Sir, wenu ich fragen darf?“ ſagte der Doktor,„ich kenne das Land auf Meilen weit.“ 420 „So kennen Sie es, in der That? Wo mein Gut ſey, fragen Sie!„Nun, es iſt ziemlich ſchwer zu beſchreiben und iſt überhaupt nur eine Kleinigkeit; es iſt nur ein Stück Gemein⸗Land neben der Land⸗ ſtraße, und ich kam her um einen Verſuch zu wa⸗ gen, es einzuzäunen und trocken zu legen.“ „Ein guter Plan, weun man Capital hat und nicht eine raſche Ernte verlangt.“ „Ja! aber man hat doch gern gute Zinſen, wenn man ſo viel aufs Spiel ſetzt und eine raſche Erute iſt immer wünſchenswerth, obgleich es freilich oft mit Gefahr verbunden iſt.“ „Ich hoffe, Sir,“ ſagte der Doktor,„da Sie uns ſo bald verlaſſen müſſen, Ihr Gut wird Sie oft in unfre Nachbarſchaft bringen.“ „Sie überwältigen mich mit ſo viel unerwar⸗ teter Güte,“ antwortete der Fremde.„Aufrichtig geſprochen: nichts kann mir größeres Vergnügen machen, als mit denjenigen wieder zuſammen zu kommen, die mir einmal eine Verpflichtung aufer⸗ legt haben!“ „Vielmehr, welchen Sie Verpflichtungen auf⸗ erlegt haben,“ rief Mrs. Slopperton und ſetzte, Lucien laut ins Ohr flüſternd, hinzu:„Wie be⸗ ſcheiden! Aber ſo iſt es immer beim wahren Muth!“ „Ich verſichre Sie, Madame,“ erwiederte der wohlwollende Fremde,„daß ich nie zweimal an die kleinen Gefälligkeiten denke, die ich meinen Mite 424 geſchöpfen erweiſe; meine Hoffnung iſt nur, ſie wer⸗ den eben ſo leicht vergeſſen, wie ich.“ Bezaubert von einer ſo unerkünſtelten, natürli⸗ chen Gutmüthigkeit ſtimmten jetzt der Doktor und Mrs. Slopperton eine Art von Duett zum Preiſe ihres Gaſtes an; nachdem er ihre Lobſprüche und Complimente einige Minuten lang mit ablehenden und ſchüchternen Geberden ertragen hatte, ſchien endlich dem Fremden in ſeiner Beſcheidenheit dieſes Ue⸗ bermaß von Dankbarkeit peinlich zu werden; er wies alſo auf die Uhr, welche bald 9 Uhr anzeigte und ſagte: „Ich denke, mein geehrter Wirth und meine bewunderte Wirthin, ich muß Sie jetzt verlaſſen. Ich habe weit zu gehen.“ „Aberfürchten Sie ſich nicht vor den Landſtraßen⸗ Rittern?“ rief Mrs. Slopperton ihn unterbrechend. „Den Landſtraßen⸗Rittern?“ ſagte der Fremde lächelnd.„Nein! die fürchte ich nicht, und zudem hab' ich Wenig was des Raubens werth wäre.⸗ „Bewirthſchaften Sie Ihr Gut ſelbſt?“ ſagte der Doktor, der ſeinen Landbeſitz verpachtete und abgeneigt, ſich ron einem ſo angenehmen Gaſt zu trennen, ihn beim Knopf feſthielt. „Selbſt bewirthſchaften? nein nicht eigentlich. Es iſt da ein Bailiff,*) deſſen Anſichten nicht mit den meinigen zuſammenſtimmen, und der mir dann und wann viel Unluſt macht.“ ———————— *) Bedeutet zugleich Amtmann und Unterverwaſter. 122 „Warum geben Sie ihm dann nicht ſogleich den Avſchied?“ „Ach, ich wollte es ließe ſich thun! aber es iſt ein nothwendiges Uebel. Wir Landeigenthümer, mein lieber Herr, müßen immer von etwas der Art heimgeſucht werden. Ich für meinen Theil habe gefunden, dieſe verdammten Bailiffs rafften gern all die kleinen Beſitzthümen auf, die man ſich zu ſammeln geſucht hat. Aber,“ und hier nahm ſein Betragen auf Einmal eine große Sanftheit an, „dürfte ich wohl meine Dienſte und meine Beglei⸗ tung der jungen Dame anbieten? Wollte Sie mir erlauben, ſie nach Haus zu begleiten und dieſen Tag dadurch meinem Gedächtniß als einen der won⸗ nevollſten, die ich eriebt, einprägen?“ 4 „Dank Ihnen, lieber Herr,“ ſagte Mrs. Slop⸗ pertor, indem ſie für Lucie antwortete,„es iſt ſehr vorſorgend von Ihnen und wahrhaftig, meine Liebe, ich könnte nicht daran denken, Sie nach einem ſol⸗ chen Abenteuer, wie es dem guten alten Doktor begegnet, mit dem allen John allein heimgehen zu laſſen.“ Lucie ſieng eine Entſchuldigung an, welche die gute Frau nicht hören wollte. Aber da der Diener, welchen Herr Brandon mit der Laterne ſchicken ſollte um ſeine Tochter nach Haus zu begleiten, noch nicht eingetroffen war, und Mrs. Slopperton, trotz ihres günſtigen Vorurtheils für den Retter ihres Gemahls, doch nicht einen Angeublick daran dachte, n h es daß er ohne eine weitere Begleitung ihrer jungen Freundin zu dieſer unheimlichen Stunde über Feld Geſellſchaft leiſten könne: ſah ſich der Fremde ge⸗ nöthigt, für jetzt ſich wieder zu ſetzen; ein offnes Klavier in einer Ecke des Zimmers gab ihm Veran⸗ laſſung zu einer Bemerkung über die Muſik; dieß führte eine Lobrede auf Luciens Stimme von Sei⸗ ten der Mrs. Slopperton herbei und das Ende der⸗ ſelben war nothwendigerweife eine Bitte an Miß Brandon, den Fremden mit einem Geſang zu er⸗ freuen. Nie hatte Lucie, die kein ſchüchternes Mäd⸗ chen war,— ſie war zu unſchuldig um verſchämt zu ſeyn,— bisher ſich beklemmt gefühlt, wenn ſie vor einem Fremden ſingen ſollte; aber jetzt zauderte und bebte ſie und durchlief eine ganze Reihe klei⸗ ner natürlicher Affektationen, ehe ſie das Geſuch erfüllte. Sie wählte ein Lied das einigermaßen in der Weiſe der alten engliſchen Schule gedichtet war, die damals wieder in Aufnahme zu kommen begann. Das Lied, obgleich es eine Art witzigen Einfall ent⸗ hielt, war doch vielleicht nicht ganz ohne Zartheit; es war ein Lieblingslied von Lucie, ſie wußte ſelbſt kaum, warum? und lautete alſo: Lucien's Lied. Was ſchlaft ihr Blumen mein, Wenn Abendlüfte wehen? Wenn die Sterne ſchlürfen die Fenfter ein Von Winden, lopkend den Feen? Das Locken iſt voll Weh; Es gleicht der Taube Stöhnen, Und der Flöte, wenn ſie den ſillen See Vom Kahn überſchüttet mit Tönen. Was ſchlaſt ihr Blumen mein, Wenn ihr uns wärt ſo nöthig? Es iſt der Himmel, voll Sehnſuchtsvein⸗ Euch wach zu küſſen, erbötig. Der Thau, der Duſt, das Licht Und alles Sanfte ſchmückt euch; Doch Alles befriedigt die Seele nicht, Weil der Schlummer, o Blumen! drückt euch⸗ Wacht ihr nech nicht, o weh! Hin eilt die Zeit auf Flügeln.— Halt eitler Fräumer! in Blumen ich ſed Dein eignes Schickſal ſich ſpiegeln⸗ So oft der Sterne Lauf Dir Göttertage ſchenket? Du rufeſt ſch'ummernde Blumen auf— Ihr Schweigen das Herz dir tränket. Als Lucie endigte, war das Lob des Fremden weniger lant, als das des Doktors und ſeiner Gat⸗ tin; aber wie viel ſüßer war es! und zum erſten⸗ mal in ihrem Lebeu machte Lucie die Eutdeckung, daß das Auge ſo gut, als der Mund, im Loben be⸗ redt ſeyn kann. Wir unſeres Orts haben oſt ge⸗ dacht, dieſe Entdeckung mache im Leben Epoche. Jetzt ſprach Mrs. Sitopperton ihre volle Ueber⸗ zeugung aus, daß der Fremde ſelbſt auch ſingen könne.„Er habe etwas in ſeinem Weſen,“ ſagte ſie, „das ihr keinen Zweifel übrig laſſe.“ „ f „In Wahrheit, liebe Frau,“ ſagte er mit ſeinem gewöhnlichen unausſprechlichen, halb freimüthigen, „—— — —„„—„ halb verſteckten Lächeln,„meine Stimme iſt uur ſo, ſo, und mein Gedächtniß ſo untreu, daß ich ſelbſt in den leichteſten Stücken leicht ſtecken bleibe. Meine beſten Töne habe ich in der Fiſtel und was meine Ausführung*) betrifft— aber davon wollen wir nicht ſprechen.“ „Nein, nein, Sie ſind zu beſcheiden!“ ſagte Herr Slopperton,„ich bin gewiß, Sie könnten uns den Gefallen thun, wenn Sie nur wollten.“ „Ihr Befehl,“ ſagte der Fremde, ſich dem Kla⸗ vier nähernd,„iſt allvermögend, und da Sie, mein Fräulein(zu Lucie ſich wendend) ein Lied nach der alten Schule geſungen haben, ſo darf ich wohl auf Verzeihung rechnen, wenn ich das Gleiche thue. Meine Wahl iſt freilich aus einem ungeſetzlichen Liederbuch genommen und gilt für eine Ballade von Robin Hood oder doch von einem ſeiner luſtigen Leute; eine ganz andere Art von Freybeutern als die Schufte, welche Sie angriffen, Sir!“ Nach dieſer Einleitung ſang der Fremde nach einer wilden aber muntern Melodie mit erträglicher Stimme folgenden pvetiſchen Erguß: Die Liebe zu unſrem Gewerbe oder das Räuberleben. Des Räubers Leben trägt auf dem Fluß Der Welt die fröhlichſte Welle; Bald ſtürmt es ans Licht in des Kampfes Genuß, Bald birgt ſich's, ſpottend der Helle. Vor der Pforte des Liebchens da macht er Halt; Wie ruhig ſein Renner da ſtehet“ — *) Execution bedeutet zugleich Hinrichtung. 42 (Doch ruhig dem Wind gleich, der mit Gewalt Die drohende Wolke ſchon blähet.) Gebogen den Hals, das Gebiß beſchäumt, Mit dem Auge des Hirſches, des ſcheuen, Mit dem Feuergeiſt, der von Kämpfen träumt⸗ Und den ehernen Muskeln des Leuen⸗ In des Lebens Nöthen, wenn Alles ihn flieht, Bleibt getreu dieſer einzige Knecht noch, Fürwahr, wer geächtet die Welt durchzieht, Hat zum trefflichſten Roſſe ein Recht doch. „Nun fort, Herzliebſter, ich dör' ihren Tritt!“— „So nimm den Kuß noch, mein Schätchen, Wenn ich wieder kommte, bring ich dir mit Für dein Haar von Golde ein Netzchen!“ „Hurrah! zum Raube, jetzt hurrah mein Roß, üeder Buſch und Geſtrüpp mich getragen! Meine Pfade beſchaut der Mond, mein Genoß, Wie mein eignes Lebchen mit Zagen.“ Mit klingendem Beutel der Pfaffe trabt, Eintreibend den Segen der Fluren, Der Höfling in go'dener Kuiſche ſich labt, Bezahlet von Sinekuren⸗ In ſeinem Sinn ſich der Rechtsmann erbant Am Verbrechen, das kürzlich geſcheben! Und die Dame, mit ihren Karten vertraut⸗ Ueberzählt den Gewinnſt an Guineen. „He Dame, und Mann, der Sünden baar! Meine Wünſche müßt Ihr erhören: Plündern ehrliche Leut' ihre Rächſten— furwahr So muß es den Räuber empören.“ Der Dame Wang' überſtrömt Incarnat, Schön dreyte der Rechtsmann die Sätze: Der Pfaffe fluchte, der Höfling bat, Und der Räuber trug fort ſeine Schätze. „Hurrah, zum Feſie jetzt, hurrah mein Rob, Ueber Buſch und Geſtrüpp mich getragen! Es iſt tugendhaft, was geſteuert der Troß, Zu verſchwenden bei luſt'gen Gelagen.“ ———— ——————c— Nichts gleichet dem Leben des Raubers— alſtund Keck, luſtig und frei wie die Götter, Und das Ende— das Jauchzen des⸗Volkes im Rund Und ein Sprung vom Baum ohne Blätter! 2 Als dieſes ſehr moraliſche Lied zu Ende war, erklärte Mrs. Slopperton, es ſey vortrefflich, obwohl ſie geſtand, die Grundſätze ſcheinen ihr etwas locker. Vielleicht laſſe ſich der Herr bewegen, ſie mit einem Lied von feinerem und modernerem Ton zu erfreuen, kurz— mit etwas Rührendem. Mit einem Blick auf Lucie erklärte der Fremde: er kenne nur Ein Lied von der Art wie Mrs. Slopperton ſie bezeich⸗ net, und es ſey ſo kurz, daß er durch Erfüllung ihres Verlangens ihre Geduld zu ermüden nicht defürchten müße. In dieſem Augenblick ſchimmerte der Fluß, den man von den Zimmerfenſtern aus bequem erſchauen konnte, in dem Sternenlicht auf; und das Auge auf das Waſſer gerichtet, als ob dieſer Aublick ihm die Verſe, die er ſang, eingegeben hätte, ſang er die folgenden Strofen in einem ſehr gedämpften und wohllautenden Tone und mit weit reinerem Ge⸗ ſchmack als vielleicht nach dem vorigen, wöſteren Lied zu erwarten war. Der Wunſch. Wenn unten ſanft der Abend träumt, Halt oben Wacht ſein Sterngebild, Mit ſeinem Glanz die Fluth ſich ſäumt, Wie Freundſchaft⸗ die zur Lieb' erſchwillt. 128 O wäre deine Bruſt ein See, Den jungfraͤulich die Luft umzieht, Und ich der Stern, der aus der Höbh Sein Bild in dieſem Spiegel ſieht!“ Kaum war der Geſang zu Ende, als die Au⸗ kunft des Dieners der Miß Brandon gemeldet ward; ihr auserkorner Begleiter fuhr auf, war ihr mit Artigkeit beim Anziehen des Mantels und Hutes behülflich, und pries ſich ohne Zweifel glücklich, einigermaßen den überläſtigen Complimenten ſeiner Wirthsleute zu entgehen. „Aber,“ ſagte der Doktor, als er ſeinem Retter die Hand ſchüttelte,„unter welchem Namen ſoll ich des Herrn gedenken und(indem er ſeine ehrwürdigen Augen erhob) für ihn beten, dem ich ſo ſehr ver⸗ pflichtet bin2“ „Sie ſind ſehr gütig, ſagte der Fremde, mein Name iſt Cliſſord. Fräulein,(zu Lucie gewendet,) darf ich Ihnen die Treppe hinunter die Hand reichen?“ Lucie nahm die Höflichkeit an und der Fremde war halb die Treppe hinunter, als der Doktor ſei⸗ nen kurzen Hals dehnend, ihm nachrief:„Guten Abend, Sir, ich hoffe wir ſehen uns wieder!“ „Sehn Sie ohne Furcht,“ ſagte Herr Clifford fröhlich lachend,„ich bin ein ſo rüſtiger Reiſender, daß dies durchaus nichts Unmögliches iſt. Geben Sie Acht, Fräulein, noch eine Stufe!“ Die Nacht war ruhig und ziemlich hell, ob⸗ gleich der Mond noch nicht herauf war, als Lucie ur vb 78 3 —— — — 4129 und ihr Begleiter die Felder durchſchnitten, indem der Diener im kleinen Abſtand mit der Laterne ihnen vorgieng. Rach einer ziemlich langen Pauſe ſagte Clifſord mit ſeinigem Bedenken;„Iſt Miß Brandon eine Verwandte des berühmten Rechtsgelehrten gleichen Namens?“ „Er iſt mein Oheim,“ ſagte Lucie,„kennen Sie ihn?“ „Nur Ihr Oheim,“ ſagte Elifford mit Lebhaf⸗ tigkeit und umgieng Luciens Frage.„Ich fürchtete, hem— bem— das heißt, ich dachte, er könnte ein nä⸗ herer Verwandter ſeyn.“ Hier entſtand wieder eine kürzere Pauſe, worauf Clifford mit gedämpfter Stimme wieder anfieng:„Wird mich wohl Miß Brandon für unbeſcheiden halten, wenn ich ſage, daß ein Angeſicht, wie das ihrige, einmal geſehen, ſich nie wieder vergißt; und daß ich glaube vor einigen Jahren Sie in London im Schauſpielhaus geſehen zu haben? Nur einen flüchtigen Blick von Ferne konnte ich damals gewinnen, und doch,“ ſetzte er bedeutungsvoll hinzu,„war es genug.“ „Ich war nur Einmal im Theater, während meines Aufenthalts in London vor einigen Jahren,“ ſagte Lucie ein wenig verlegen, und ein unangeneh⸗ mer Zufall, der meinem Oheim in deſſen Geſellſchaft ich war, begegnete, hat mir in der That die Erin⸗ nerung davon feſt eingeprägt.“ „Ha— und was war es denn 6 Bulwer's Romane. XXV. 9 4150 „Nun, beim Herausgehen aus dem Schauſpiel⸗ Haus wurde ihm ſeine Uhr vor einem gewandten Taſchendieb geſtohlen.“ „Wurde der Schelm gefaßt?“ fragte der Fremde. „Ja, und am folgenden Tag nach Bridewell ge⸗ ſchickt. Mein Oheim ſagte, er ſey ſehr jung und doch ganz verſtockt geweſen. Ich beſinne mich noch, daß ich närriſch genug war, alsich von dem Spruch hörte, meinem Oheim dringend anzuliegen, ermöchte ſich für ihn verwenden; aber umſonſt.“ „Wirklich, verwendeten Sie ſich für ihn?“ ſagte der Fremde in fo ernſtem Tone, daß Lucie zum zwanzigſtenmal in dieſer Nacht die Farbe wechſelte, ohne daß doch irgend ein Grund zum Erröthen vorhanden war. Clifford fuhr in munte⸗ rem Tone fort:„Nun, es iſt auffallend, wie Spitz⸗ buben unter ſich zuſammenhängen. Es würde mich nicht ſehr überraſchen, wenn die Perſon, die Ihren Oheim beraubte, zu derſelben Bande gehörte, wie der Böſewicht, der Ihren würdigen Freund, den Doktor, ſo in Schrecken ſetzte. Aber iſt dieſer ſchöne alte Ort Ihre Heimath?“ „Dieß iſt meine Heimath,“ antwortete Lucie, „aber es iſt ein ſonderbarer altväteriſcher Ort und wenige Leute, denen er nicht durch Erinnerungen theuer iſt, würden ihn für ſchön halten.“ „Verzeihen Sie,“ ſagte Luciens Begleiter ſtille ſtehend und betrachtete mit Blicken worin ſich gro⸗ ßes Intereſſe ausſprach, das ſonderbare Gebäude — e c e S e—.— e⸗ nd h, ch te 2“ tie be m te⸗ tz⸗ ch en ie en ne ie, nd en lle ro⸗ de aus Eliſabeth's Zeiten, das jetzt ganz nahe vor ihm ſtand; ſein dunkles Gemäuer, ſeine Giebel, ſeine efeubewachſenen Mauern, die vom Sternenlicht des Himmels angeſtrahlt wurden, und dann den Fluß, der ſchweigend unten hinſtrömte und einen artigen Contraſt bildete. Die Läden an den großen Kreuzſtockfenſtern in dem Saal, worin der Squire gewöhnlich ſaß, waren noch nicht geſchloſſen und das ſtete, warme Licht des Gemachs leuchtete und warf einen Schimmer ſelbſt auf die ſanften Waſſer des Fluſſes; im nemlichen Augenblick ließ ſich auch das freundſchaftliche Bellen des Haushundes, als Will⸗ komm, vernehmen und darauf folgte das Zeichen der großen Glocke, welche die Stunde der letzten Mahl⸗ zeit der altväteriſchen und gaſtlichen Familie an⸗ kündigte. „Es iſt doch'ein ſüßes Gefühl darum!“ ſagte der Fremde unwillkührlich und mit einem halben Seuf⸗ zer,„ich wünſchte ich hätte eine Heimath.“ „Und haben Sie denn keine Heimach?“ fragte Lucie naiv. „So gut ein Junggeſell eine haben kann, viel⸗ leicht,“ antwortete Clifford, der ohne Anſtrengung jetzt wieder ſeine Munterkeit und die Gewalt über ſich ſelbſt gewann.„Aber Sie wiſſen, wir pilgernde Leute dürfen uns nicht des gleichen Glücks rühmen, wie die Lieblinge des Himmels; wir ſenden unſre Herzen aus nach einer Heimath, und verlieren das eine, ohne das andre zu gewinnen. Aber ich halte 9* 132 Sie in der Kälte hin, und wir ſind jetzt an Ihrer Thüre. „Sie kommen doch mit herein, natürlich!“ ſagte Miß Brandon,„und theilen unſer Abendbrod.“ Der Fremde bedachte ſich einen Augenblick und ſagte dann in raſchem Tone: „Nein, vielen— vielen Dank! es iſt ſchon ſpät. Will Miß Brandon meinen Dank entgegen neh⸗ men für ihre Herablaſſung, die Begleitung eines ihr Unbekannten geſtattet zu haben?“ Mit dieſen Worten beugte ſich Elifford tief herab auf die Hand ſeiner ſchönen Schutzbefohlenen; Lucie wünſchte ihm gute Nacht und eilte mit leichtem Schritte an ih⸗ res Vaters Seite. Elifford blieb inzwiſchen noch eine Minute ſter hen, und nachdem die Thüre vor ihm geſchloſſen wonden, wandte er ſich plötzlich weg; er murmelte etwas bei ſich ſelbſt und eilte mit raſchen Schritten zur Ausführung des Plans, den er im Auge hatte. E. L. Bulwer's Werke Aus dem Engliſchen. Sechsundzwanzigstes Bändcehen. Paul Clifford. Drittes Baͤndchen. Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1 8 3 4. Paul Clittord. Ein Roman von dem Verfaſſer des Pelham, Eugen Aram ꝛ.. Aus dem Engliſchen von —— In ſieben Baͤndchen. Drittes Baͤndchen. 4 Verlag der J. B. Meßler'ſchen Buchhandlung. 1 8 3 4. Zwoͤlftes Kapitel. Erhebt Euch,'s gilt der Beute Ihr luſtigen, munteren Leute. Johanna Baillie. Als der Mond in dieſer Nacht aufging, da war, ungefaͤhr zehn Meilen von Warlok eine Stelle, auf die er blaͤſſer herunter ſchien, eine Stelle welche der gewarnte Reiſende wol nicht gern hatte paſſiren moͤgen, aber die kein unwuͤrdiges Studium fuͤr Kuͤnſtler geweſen waͤre, welche von dem kuͤhnen Maler der Apenninen die Liebe fuͤr das Wilde und Abenteuerliche gelernt haben. Dunk⸗ le Baͤume, weit und breit über einen durchbroche⸗ nen aber gruͤnen Raſen zerſtreut, bildeten den Hintergrund; der Mond ſchimmerte durch die Zweige, als er langſam aus ſeinem Wolkenſchloß her⸗ vortrat und ergoß einen breiteren Stral auf zwei Geſtalten, die eben hinter den Baͤumen hervorka⸗ men. Ein Reiter, durch den Mond in ein helle⸗ res Licht geſezt als ſein Begleiter, in einen kur⸗ zen Mantel gehuͤllt, der kaum das Kreuz des Pferdes bedekte, betrachtete die Pfanne einer groſen Pi⸗ ſtole, welche er ſo eben aus der Halfter gezogen hatte. Ein tief eiugedruͤkter Hut eine Mas⸗ Bulwer's Romane. XXVI. 2 ke von ſchwarzem Krepp verſtaͤrkten noch den Ver— dacht gegen die Abſichten des Reiters, welchen je⸗ ne Bewegung natuͤrlich erregte. Sein Pferd, ein ſchoͤner Schwarzſchimmel, ſtand ganz regungslos mit gebognem Halſe, ſeine kurze Ohren raſch hin und her bewegend, ein Zeichen ron der ſcharfen, ahnenden Aufmerkſamkeit, welche dieſes edelſte al— ler zahmen Thiere auszeichnet; man haͤtte die Ungeduld des Roßes aus nichts errathen koͤnnen, als aus dem weiſſen Schaum, der um das Gebiß ſich anſezte und dem gelegentlichen nicht haͤufigen Schuͤtteln des Kopfes. Hinter dieſem Reiter und zum Theil in dem dunkeln Schatten der Baͤume war ein zweiter, aͤhnlich gekleideter Mann beſchaͤf— tigt, den Gurt eines ſehr kraͤftigen und gewalti⸗ gen Pferdes anzuziehen. Unter dieſes hinein ſum⸗ te er mit nicht unmuſikaliſchem Gemurmel die Weiſe eines beliebten Trinklieds. „Zum Henker, Ned,“ ſagte ſein Kamerade, der einige Zeit in ſchweigende Traͤumerei verſun— ken war,„zum Henker, was koͤnnt ihr denn Eure Liebe zu den ſchoͤnen Kuͤnſten nicht einmal in ei⸗ nem Augenblik wie dieſer unterdruͤken? Dein Geſumſe da wird mit jedem Augenblik lauter; ich erwarte noch daß es am Ende in ein volles Gewieher ausbricht; bedenke doch, wir ſind jezt nicht beim Gentleman George!“ „Um ſo mehr iſt es Schade, Augustus!“ antwortete Ned.„Heda, kleiner John! Holla 3 Burſch! eine huͤbſche lange Nacht wie dieſe iſt ganz fuͤrs Trinken gemacht.— Wollt Ihr, Sir? Haltet ſtill denn!“ „Der Menſch iſt nie gluͤklich, ſondern immer im Begriff es zu werden,“ ſagte der moraliſirende Tomlinſon,„ſo, ſeht Ihr, ſehnt Ihr euch jezt nach einem andern Ort, da wir doch eine ſo ſchoͤ⸗ ne Nacht und die Ausſicht auf eine Beſcheerung vor uns haben.“ „Ja die Nacht iſt ſchoͤn genug,“ ſagte Ned, der ein unzufriedner Krittler war, als er nach Vollendung ſeiner Reitknechtsgeſchaͤfte ſich aufs Pferd geſchwungen.„Verflucht, Oliver,*) macht ein ſo breites Maul, als ob er ſchwatzen wollte. Ich meines Theils lobe mir eine dunkle Nacht, mit einem Stern hier und dort, der uns zublin⸗ zelt, als wollte er uns ſagen:„ich ſeh Euch Kin⸗ derchen, aber ich moͤchte kein Wort davon ſagen, und einen kleinen, rieſelnden, ſtaͤubenden, geſchwaͤ⸗ tzigen Regen, derverhindert, daß man die Hufe von Klein⸗John nicht hoͤrt und Einem gleichſam den Ruͤkzug dekt. Zudem, wenn man ein wenig durch— netzt wird, iſt es immer noͤthig mehr zu trinken, um ſich die Kaͤlte vom Magen abzuhalten, wenn man heim kommt.“ „Oder mit andern Worten,“ ſagte Augustus, *) Der Mond 1.. 4 der eine Marime uͤber Alles liebte,„eine leichte Netzung verlangt eine gruͤndliche Netzung.“ „Gut!“ ſagte Ned gaͤhnend,„zum Henker damit! ich wollte der Hauptmann kaͤme. Wißt Ihr, welche Stunde es iſt? Nicht ſehr weit von elf, denk' ich?“ „Ungefaͤhr ſo, bſcht! iſt das ein Fuhrwerk? nein, es iſt nur eine ploͤtzliche Regung im Wind.“ „Sehr eigenmaͤchtig vom Herrn Wind, daß er wagt, ohne unſre Hilfe ſich zu regen!“ ſagte Ned;„beilaͤufig, wir gehen natuͤrlich in die rothe Hoͤhle zuruͤk?“ „Ja, ſo ſagt der Hauptmann Lovett— ſagt mir, Ned, was haltet Ihr von dem neuen Geſel— len, den Lovett in die Hoͤhle gebracht hat?“ „O, da hab' ich ſonderbare Bedenklichkeiten,“ antwortete Ned, ſein prachtvoll⸗behaartes Haupt ſchuͤttelnd,„ich habe nur halbe Freude daran; bedenkt, die Hoͤhle iſt unſer feſter Haltpunkt und ſollte nur bekant werden——“ „Maͤnnern von erprobter Tugend“ unterbrach ihn Tomlinſon.„Ich ſtimme Euch ganz bei. Ich muß Lovett dahin zu bringen ſuchen, daß er die— ſen ſonderbaren Protégé, wie der Franzoſe ſagt, verabſchiedet.“ „Bei Gott, Augustus, wie kamt Ihr zu ſo viel Gelehrſamkeit? Ihr koͤnnt alle Dichter aus⸗ wendig, um nichts vom Latein und Franzoͤſiſchen zu ſagen.“ 5 „O zum Kukuk, ich ward wie der Hauptmann, zu einem gelehrten Beruf erzogen.“ „Das macht, daß Ihr ſo fett mit ihm ſeid, denk' ich. Er dichtet(und ſingt auch) ein ertraͤgli⸗ ches Lied und iſt gewiß ein verhenkert geſcheuter Kerl. Wie iſt er in der Welt geſtiegen! denkt Euch noch, was fuͤr ein armer Teufel er war, als er bei Geutleman George eingefuͤhrt wurde, und jezt iſt er der Hauptmann bei der Bande.“ „Der Bande! Kompagnie, wollt Ihr ſagen. Vande, fuͤrwahr! Man ſollte meinen, Ihr ſprecht von einer Rotte Taſchendieben. Ja, Lovett iſt ein geſcheuter Kerl, und dank mir, ein ſehr anſtaͤndi⸗ ger Filoſof!“(Wir koͤnnen unmoͤglich unſrem Le⸗ ſer die ernſte, wichtige Miene beſchreiben, wo⸗ mit Tomlinſon ſich ſelbſt dieſes Lob zum Schluß ertheilte.„Ja,“ ſagte er nach einer Pauſe„er hat eine kecke, gerade Weiſe, die Sachen anzuſe⸗ hen, und wie Voltaire wird er ein Filoſof, weil er ein Mann von Sinn und Verſtand iſt. Bſcht! ſieh die Ohren meines Pferds! Jemand kommt, obgleich ich noch nichts hoͤre; paß auf!“ Die Raͤuber verhielten ſich ſtill, der Schall fernen Hufſchlags ließ ſich undeutlich vernehmen, und als er naͤher kam, hoͤrte man ein Gera⸗ ſchel von Strauchwerk, als ob eine Hecke durch⸗ ritten wuͤrde, und im Augenblik beleuchtete der Mond maleriſch die Geſtalt eines Reiters, der durch das Buſchholz im Ruͤken der Raͤuber ſich näherte. 6 Jezt war er in den Kruͤmmungen des Waldweges halb ſichtbar, jezt bot ſich ſeine volle Geſtalt dem Auge dar, jezt war er ganz verborgen— dann wie⸗ herte ſein Pferd ungeduldig; jezt wurde er wieder ſichtbar und in einem Augenblik darauf erreichte er das Paar. Der Ankoͤmmling war von großem, nervigem Wuchſe und in der erſten Bluͤte des Mannesalters. Ein ſchwarzgruͤner Rok, mit ſchma— len Silberborten verbraͤmt und vom Hals bis in die Mitte zugeknoͤpft, ſtand ganz gut zu einer ſtolzen Miene, breiter Bruſt und einem ſchlanken aber gerundeten Leib, welcher der Zuſammenpreſ⸗ ſung durch den Schneider nicht bedurfte. Ein kurzer Reitmantel, mit einer ſilbernen Hafte am Hals befeſtigt, hieng maleriſch uͤber die eine Schul— ter. Seine Beine waren mit militaͤriſchen Stie⸗ feln bekleidet, die, obwol ſie uͤber das Knie herauf⸗ reichten, doch den kraͤftigen Schenkeln des Reiters offenbar weder laͤſtig noch beſchwerend waren. Der Zeug des Pferdes, Gebiß, Zügel, Sattel, Halftern, war nach der neuſten beſten Mode gearbeitet, und das Pferd ſelbſt war im beſten Stand und von ausgezeichneter Schoͤnheit. Die Haltung des Rei⸗ ters war aufrecht und trozig; ein kleiner aber kohlſchwarzer Schnurrbart erhoͤhte den entſchloſſe⸗ nen Ausdruck ſeiner kurzen, gekruͤmmten Lippe, und unter dem breiten Hut, der uͤber ſeine Stirne hereinragte, wallten ſeine Haare hervor und weh⸗ ten ſchwarz durch die friſche Nachtluft. Reiter . 7 und Roß zuſammen hatten ein ſtattliches, und ſo⸗ gar rittermaͤßiges Ausſehen, welches die Zeit und der Ort zu einer dramatiſchen und romantiſchen Wirkung verſtaͤrkten. „Ha, Lovett!“ „Was macht Ihr, meine luſtigen Leute? ſo lautete die wechſelſeitige Begruͤßung. „Was Neues?“ fragte Ned. „Wackre Neuigkeiten! paßt auf! der Lord und ſein Wagen kommen in hoͤchſtens 10 Minuten.“ „Habt Ihr aus dem Pfaffen, den ich ſo ſu⸗ perb in Angſt jagte, noch etwas Weiteres heraus⸗ gebracht?“ fragte Augustus. „Nein! davon nachher mehr. neue Beute!“ „Seid Ihr gewiß, daß unſer edler Freund ſo bald erſcheinen wird?“ ſagte Tomlinſon, ſein Pferd taͤtſchelnd, das jest in aufgeregter Munter⸗ keit ſcharrte. „Gewiß! Ich ſah ihn die Pferde wechſeln; ich war gerade im Hof beim Stall; er ſtieg fuͤr eine halbe Stunde aus, um zu eſſen, denke ich; glaubt mir, ich habe ihm in der Zwiſchenzeit einen Streich geſpielt!“ „Wie ſtark?“ fragte Ned. „Er und ſein Bedienter.“ „Die Poſtknechte?“ „Ja, die vergaß ich. Das macht nichts; Ihr muͤßt ſie in Schrecken jagen.“ Jezt an unſre „Vorwaͤrts!“ rief Ned, und ſein Pferd baͤumte ſich unter ſeiner bewaffneten Ferſe. „Einen Augenblik,“ ſagte Lovett,„ich muß meine Maske anlegen— ruhig, Robin, ruhig! Jezt darauf! Vorwaͤrts!“ Raſch verſchwanden die Baͤume hinter den Reitern und ſie gewannen in raſchem Galopp eine große Streke wuͤſtes Land, da und dort von Graͤ⸗ ben und geflochtenen Zaͤunen durchſchnitten, woru— ber ihre Pferde mit der Leichtigkeit daran ganz gewohnter Thiere ſezten. Gewiß in einem ſolchen Augenblik, vergegen⸗ waͤrtigt man ſich die friſche Luft, das abwechſelnde Mondlicht, das bald maͤchtig hervorbricht, bald in einer voruͤberziehenden Wolke ſich verliert, die er⸗ muthigende Bewegung, und die raſche, lebendige Wallung des Bluts, welche jede That, ſei ſie ih⸗ rem Weſen nach boͤs oder edel, in unſren Adern erregt, bedenkt man dies Alles, ſo kann man nicht umhin dieſem geſezloſen Leben einen ganz neuen Zauber zuzugeſtehen: einen Zauber der ſo weit geht, daß einer der bekannteſten Herren Hochſtra⸗ ßen⸗Ritter jener Zeit, der noch dazu eine treffliche Erziehung genoſſen und ſich nie mit gemeiner Ge⸗ ſellſchaft abgegeben hatte, als er ſchon den Strik um den Hals hatte und der gute Geiſtliche ihn zur Reue uͤber ſein uͤbelangewendetes Le⸗ ben ermahnte, geſagt haben ſoll:„Uebel ange⸗ wendet! ihr Hund! Gott,(und dabei ſchmazte er mit dem Mund) es war ganz koͤſtlich!“ „Pfui, pfui, Herr——, erhebt Eure Ge⸗ danken zum Himmel!“ „Aber ein kurzer Galopp uͤber einen Gemein⸗ deanger, oh!“ murmelte der Verbrecher, und ſeine Seele galoppirte in die Ewigkeit hinuͤber. So gewaltig ſchlug dem Fährer unter den Dreien das Herz, daß, als ſie der Hauptſtraße anſichtig wurden, und das ferne Rollen eines Wa⸗ gens ihnen ins Ohr raſſelte, er die rechte Hand mit einer freudigen Geberde erhob und in einen knabenhaften Ausruf der Luſtigkeit und Wonne ausbrach. „Bſcht, Hauptman!“ ſagte Ned, mit ange⸗ nommenem Ernſt ſeine eigne Freude daͤmpfend, „wir muͤſſen uns wie Gentlemen betragen, nur fuͤr gemeine Burſche ziemt ſich in die Freude ſo verwuͤnſchte Ausgelaſſenheit; Maͤnner von Welt wie wir, muͤſſen Alles wie mit gebrochenem Her⸗ zen verrichten.“ „Melancholie*) iſt immer im Bunde mit der Erhabenheit, und der Muth iſt etwas Erhabenes,“ ſagte Augustus mit der Feierlichkeit eines Sen⸗ tenzenſchmieds. *) Ein Grundſaz, an welchem Frau von Stael, welche die Filoſofie in edle Gefuͤhle ſezte, ihre Freude gehabt haͤtte. Im Leben des Lord By⸗ ron, das ſo eben von Herrn Moore herausgege⸗ rief Lovett, auf das Geſpraͤch ſeiner Kameraden nicht achtend, und ſein Pferd ſezte auf die Straße. „Jezt aus aus dem Gehege vorgebrochen!“ ven worden, ſtellt der ausgezeichnete Biograf eine aͤhnliche Behauptung auf, wie die des wei⸗ ſen Augustus:„Wann entſprang je ein erhabe⸗ ner Gedanke in der Seele, ohne daß nicht die Schwermuth, wenn gleich verborgen, in ſeiner Nachbarſchaft ſich befunden haͤtte?“ Nun wahr⸗ lich, mit aller ſchuldigen Ehrerbietung gegen Herrn Moore, das iſt eine ſehr kraͤnkelnde Aus⸗ geburt des Unſians, ohne ein Atom von Wahr⸗ heit das ihm zur Unterlage dienen koͤnnte. „Gott ſprach: es werde Licht! und es ward Licht!“ wir waͤren begierig zu erfahren, wo das Melancholiſche an dieſem erhabenen Spruch zu finden ſein ſoll?„Die Wahrheit“ ſagt Pla⸗ to,„iſt der Leib Gottes und das Licht iſt ſein Schatten.“ Im Namen des geſunden Menſchen⸗ verſtandes fragen wir: in welchem Winkel, in welcher Falte lauert, neben dieſem erhabenen Bilde, das gelbſuͤchtigte Antliz der ewigen béte noire des Herrn Moore? Ferner, in jener er⸗ habenſten Stelle des Erhabenſten der lateiniſchen Dichter des Lucretius, wo er in ehrendes Lob des Epikur ausbricht*)— iſt da etwas, das nach Schwermuth ausſieht? Im Gegentheil! in den drei Stellen, auf die wir uns beziehen, Primus“ Grajus homo mortales tollere contra etc. Zu dieſen Beiſpielen moͤchten wir beſonders noch die Geſänge von Pindar, Horaz und Campbell hinzufuͤgen. 11 Die drei Maͤnner hatten ſich jezt ganz ſtill und ohne Regung laͤngs dem Gehege in Schlacht⸗ ordnung geſtellt. Die breite Straße lag vor ih⸗ beſonders in den zwei zuerſt angefuͤhrten, iſt et⸗ was glaͤnzend Strahlendes und Wonnevolles. Die Freude iſt oft eine reiche Quelle des Erha⸗ benen; das Ueberraſchende ihrer Ausbruͤche ſchon wuͤrde ſie dazu machen. Was kann erha⸗ bener ſeyn, als die triumfirenden Pſalmen Da⸗ vids, trunken von einer beinah verzuͤckten Begei⸗ ſterung? Selbſt in den duͤſterſten Stellen der Dichter, wo wir die Erhabenheit anerkennen, finden wir nicht oft die Melancholie. Wir wer⸗ den vom Schrecken erſchuͤttert, vom Entſetzen gebleicht, aber ſelten ſchmelzen wir in ſanfter Wehmuty hin. Gewiß, die Melancholie gehoͤrt eher einer andern Art von Empfindungen an, als denjenigen, welche durch eine erhabne Stelle geweckt werden oder welche eine ſolche eingeben. Einerſeits wollen wir einen Critiker herausfor⸗ dern, in den erhabenſten Geiſtesfuͤgen Homers, Miltons und Shakſpeare's jene gallichte Kraͤnk⸗ lichkeit aufzufinden, welche Herr Moore zur Ver⸗ herrlichung jenes Siechthums anwenden koͤnnte. Anderſeits: wo iſt der Beweiß, daß die Melan⸗ cholie die Seelenſtimmung dieſer goͤttlichen Maͤnner geweſen? Von Homer wiſſen wir nichts; von Shakſpeare und Milton haben wir Urſache zu glauben, ihr Gemuͤth habe in der Regel einer freudigen Geſundheit genoſſen. Der letztere ruͤhmte ſich deſſen. Tauſend Fälle, alle einer Behauptung widerſprechend, gegen welche zu ſtreiten es ſich nicht der Muͤhe lohnte, waͤre 12 nen, und bildete zu beiden Seiten eine Kruͤm⸗ mung, wodurch ſie ſich dem Auge entzog; der Bo⸗ den erſtarrte unter einem fruͤhen Anflug von Froſt ſie nicht ſo allgemein verbreitet, durch ſo hohe Gewaͤhrsmaͤnner vertheidigt und von ſo unab⸗ ſehlichem Nachtheil fuͤr alles Mannhafte und Edle in der Literatur, draͤngen ſich unſerm Ge⸗ dachtniß anf. Aber wir glauben ſchon genug ci⸗ tirt zu haben, um den Satz zu entkraͤften, den der beruͤhmte Biograf ſelbſt in mehr als zwan⸗ zig Stellen entkraͤftet hat, die, wenn er ſelbſt ſie zu vergeſſen beliebte die Nachwelt, dem Him⸗ mel ſey Dank, nicht vergeſſen wird. Da wir einmal bei dieſer Lebensbeſchreibung ſind, die in manchen Beziehungen ſo trefflich iſt, ſo koͤn⸗ nen wir die Bemerkung nicht unterdruͤcken, daß wir die ganze Richtung der Filoſofie darin, fuͤr gaͤnzlich eines ſo hochgebildeten Geiſtes, wie der Verfaſſer iſt, unwuͤrdig halten; dieſe Filoſofie beſteht in einer unverzeihlichen Verzerrung all⸗ gemeiner Wahrheiten, den Eigenthuͤmlichkeiten eines Individuums zulteb, eines fuͤhrwahr ed⸗ len, aber durch ſein krankhaftes und excentri⸗ ſches Weſen zum Spruͤchwort gewordnen Man⸗ nes. Ein ſchlagender Beweiß hievon begeanet uns in der geſchraubten Behauptung: daß Dich⸗ ter im ſeyen. Familienleben ungluͤkliche Charaktere Wie! weil man Lord Byron nachgeſagt, er ſey ein ſchlimmer Gatte geweſen— war(um nicht weit nach Beiſpielen zu gehen,) war Wal⸗ ter Scott ein ſchlimmer Gatte? oder Camvbell² Wie im Namen der oder Herr Moore ſelbſt? Gerechtigkeit, wollte man geltend machen, Mil⸗ 14 13 und der helle Ton ſich nahender Hufſchlage ſchallte den Raͤubern ins Ohr— eine Vorbedeutung viel⸗ leicht vom Klang eines Metalls mit ſtaͤrkerer An⸗ ziehungskraft, das, wenn die Hoffnung ſie nicht mit Maͤhrchen täuſchte, ihre Veute werden ſollte. Ebenjezt erſchien das lang erwartete Fuhr⸗ werk, um die Wendung der Straße herumbiegend, und rollte mit Eile dahin von vier fluchtigen Poſtpferden gezogen. „Ihr, Ned, mit eurem maͤchtigen Roß haltet die Pferde an. Ihr, Augustus, ſest die Poſtknech⸗ te in Angſt; mir uͤberlaßt das Uebrige“ ſagte der Hauptmann. „Sehr wohl!“ verſezte Ned, lakoniſch.„Jest, ſeht einmal mich an!“ und hiemit ſprengte der eitle Hochſtraßen⸗Ritter ſein Pferd aus ſeinem ton ſey ein ſchlimmer Gatte geweſen, wenn, ſo weit man uͤber die Sache urtheilen kann, Mrs. Milton ein pbſes Weiv war? Und wie, ha! wie kommt Herr Moore, ein Mann dem es⸗ nach Capitaͤn Rock und dem Cpikuräer zu urthei⸗ len, weder an Gelehrſamkeit noch an Fleiß fehlt, wie kommt er dazu uns mit beſondrer Emfaſe zu ſagen: Lord Bakon habe nie geheirathet, da Lord Bakon nicht nur verheirathet war, ſondern da ſeine Ehe ſogar ſo gluͤklich war, daß ſie ei⸗ nen Wendepunkt in ſeiner Lebensbahn bildete? Wahrlich, wahrlich man faͤngt an zu glauben, es geve in der Welt gar nichts dergleichen wie eine geſchehene Tharſache! 14 Verſteck. So blizaͤhnlich waren die Operationen dieſer erfahrenen Taktiker, daß Lovetts Befehle in bein ah noch kuͤrzerer Zeit vollzogen waren, als ſie ihn zu geben gekoſtet hatten. Der Wagen wurde angehalten und die Poſt⸗ knechte erbleichten und zitterten bei dem Anblik von zwei drohenden Piſtolen, die ihnen Augustus und Pepper vorhielten; Lovett ſtieg ab, oͤffnete den Wagenſchlag und redete den Imſaßen in ſehr hoͤflichem Tone und in anmuthiger Weiſe alſo an: „Beunruhigen Sie ſich nicht, mein Lord! Sie ſind vollkommen ſicher; wir verlangen nichts als Ihre Uhr und Boͤrſe.“ „In der That“ antwortete eine noch ſanftere Stimme als die des Raͤubers, waͤhrend ein ſcharf gezeichnetes und etwas franzoͤſiſches Geſicht, mit einer Pelzmuͤze gekroͤnt, ſich dem Angreifer offen⸗ barte—„In der That, Sir, Ihre Forderung iſt ſo beſcheiden, daß es mehr als grauſam waͤre, ſie Ihnen abzuſchlagen. Meine Boͤrſe iſt nicht ſehr voll, und Sie moͤgen ſie ſo gut hinnehmen als ei⸗ ner meiner, ſchuftigen Glaͤubiger; aber meine Uhr — ich habe eine beſondere Vorliebe— und—“ „Ich verſtehe Sie, mein Lord,“ unterbrach ihn der Hochſtraßen⸗Ritter,„wie hoch ſchlagen Sie ihren Werth an?“ „Hm! fuͤr Sie mag Sie etliche und zwanzig Guineen werth ſein.“ „Wollen Sie mich ſie ſehen laſſen?“ 15 „Ihre Neugier iſt mir auſſerordentlich ſchmei⸗ chelhaft,“ verſetzte der Edelmann, indem er mit großem Widerſtreben eine goldne Repetiruhr, nach dem Geſchmak der damaligen Zeit in koſtbare Steine gefaßt, hervorzoeg. Der Highwayman warf einen leichten Blik auf das Kleinod. „Ihre Lordſchaft,“ ſagte er mit großem Ernſt, „war in der Schaͤtzung zu beſcheiden— Ihr Ge⸗ chmak wirft ein glaͤnzenderes Licht auf Sie; er⸗ lauben Sie mir zu verſichern. daß Ihre Uhr fuͤnf⸗ zig Guineen werth iſt— wenigſtens fuͤr uns; zum Beweis, daß dies meine aufrichtige Anſicht iſt, will ich ſie entweder behalten, und wir ſpre⸗ chen dann nicht weiter von der Sache; oder ich will ſie Ihnen zuruͤkgeben auf Ihr Ehrenwort, daß Sie mir einen Wechſel auf 50 Guineen aus⸗ ſtellen wollen, zahlbar bei Ihren wirklichen Ban⸗ kiers auf Sicht. Entſcheiden Sie ſich, mir gilt es ganz gleich.“ „Auf Ehre, Sir,“ ſagte der Reiſende mit einiger ueberraſchung, die auch in ſeinen Zuͤgen ſich kund gab,„Ihre Kaͤlte und Selbſtbeherrſchung ſind ganz bewundernswerth. Ich ſehe, Sie ken⸗ nen die Welt.“ „Ihre Lordſchaft ſchmeicheln mir!“ erwiederte Lovett mit einer Verbeugung.„Was iſt Ihr Entſchluß?“ „Nun, iſt es denn moͤglich, Wechſel zu ſchrei⸗ ben, ohne Tinte, Feder und Papier?“ aller Form geſchrieben war, gab dann mit einer 16 Lovett zog ſich zuruͤk und waͤhrend er in ſei⸗ nen Taſchen nach den Erforderniſſen zum Schrei⸗ ben ſuchte, die er immer bei ſich fuͤhrte, benutzte der Reiſende die Gelegenheit, riß ploͤtzlich eine Piſtole aus der Wagentaſche und zielte mitten auf den Kopf des Raͤubers. Der Reiſende war ein treflicher, geuͤbter Schuͤtze, er war beinah nur eine Armlaͤnge von ſeinem Opfer entfernt, ſeine Piſtolen waren von allen ſeinen irlaͤndiſchen Freun⸗ den beneidet. Er druͤckte los, das Pulver verlo⸗ derte auf der Pfanne und der Highwayman, ohne auch nur die Miene zu verziehen, zog eine kleine Tintenflaſche hervor, tauchte eine ſtaͤhlerne Feder hinein, händigte ſie dem Edelmann ein und ſagte mit unvergleichlicher Kaltbluͤtigkeit,„belieben Sie, mein Lord, auch die andre Piſtole zu verſuchen? wenn dies iſt, ſo erſuche ich Sie raſch zu zielen, da Sie die Nothwendigkeit ſehen, die Sache ins Reine zu bringen. Wo nicht— hier iſt die Ruͤk⸗ ſeite eines Briefs, worauf Sie den Wechſel ſchrei⸗ ben koͤnnen.“ Der Reiſende war nicht der Mann, der leicht uͤber etwas in Verlegenheit kam, ausgenommen ſeine Geldverhältniſſe; aber ſicherlich fuͤhlte er ſich einigermaßen verwirrt und aus der Faſſung gebracht, als er das Papier nahm und einige hal— be Worte murmelnd, die Anweiſung ſchrieb. Der Freiritter warf einen Blik darauf, ſah ob ſie in — 17 kalten, achtungsvollen Verbeugung die Uhr zuruͤck, und ſchloß die Wagenthuͤre. Mittlerweile war der Bediente, vor Furcht zitternd, in der einſamen Vorderloge geſeſſen, die nicht eben ſehr zierlich Bock genannt wird. Ihn redete jetzt der Raͤuber kurz an: „Was habt Ihr bei Euch, das Eurem Herrn gehoͤrt?“ „Nichts als ſeine Pillen, Ihr Ehren, die ich vergaß in die—“ „Pillen! gebt ſie mir heruͤber!“ der Kam⸗ merdiener zog zitternd aus ſeiner Seitentaſche eine kleine Buͤchſe, die er herunterwarf und die Lovett mit der Hand auffieng. Er oͤffnete die Buͤchſe und zaͤhlte die Pillen. „Eine, zwei, vier, zwoͤlf, aha!“ Er oͤffnete wieder den Wagenſchlag. „Sind das Ihre Pillen, mein Lord?“ Der verdutzte Peer, der ſchon wieder in der Ecke ſeines Wagens ſich einzurichten begonnen hat⸗ te, antwortete bejahend. „Mein Lord, ich ſehe, Sie haben ſtarkes Fie⸗ ber; Sie waren in einem kleinen Delirium ſo eben, als Sie die Piſtole auf Ihren Freund gb⸗ druͤckten. Erlauben Sie mir Ihnen ein Gegenmit⸗ tel zu empfehlen; verſchlucken Sie alle dieſe Pillen!“ „Mein Gott!“ rief der Reiſende, der ernſt⸗ lich erſchrack;„was meinen Sie? zwolf ſolche Pil⸗ len wuͤrden einen Menſchen umbringen.“ PButwer't Romane, XXRVI. 2 18 „Hoͤrt Ihr's?“ ſagte der Raͤuber, ſich zu ſei⸗ nen Kameraden wendend, welche laut auflachten. „Was! mein Lord, Sie wollten ſich gegen Ihren Arzt auflehnen? Pfui, pfui, laſſen Sie ſich bereden!“ Und mit einer zuſprechenden Geberde ſteckte er das Pillenſchaͤchtelchen der ſich ſtraͤubenden Na⸗ ſe des Reiſenden hin. Aber dieſer war, obgleich er ſo gut als Einer gute Miene zum boͤſen Spiel zu machen verſtand, ganz beſonders fuͤr ſeine Geſundheit beſorgt, und wo dieſe betheiligt wur⸗ de, ſo hartnaͤckig, daß er ſich lieber der ſichern Wirkung einer blauen Bohne, als der moͤglichen Wirkung einer Ertra⸗Pille ausgeſetzt haͤtte. Mit heftiger Entruͤſtung riß er deswegen die ihm noch vorgehaltene Buͤchſe dem Raͤuber aus der Hand, ſchleuderte ſie auf die Straße und ſagte mit Wuͤrde: „Thut das Aergſte, Boͤſewichter! Aber wenn Ihr mich leben laßt, ſo ſollt ihr die Beleidigung bereuen, die Ihr einem von ſeiner Majeſtaͤt Haus⸗ halt angethan!“ Dann, als ob er das Laͤcherliche fuͤhlte, in ſeiner gegenwaͤrtigen Lage ſich ein ſol— ches Anſehen geben zu wollen, ſetzte er mit ver⸗ aͤndertem Tone hinzu:„und jezt um Gotteswil⸗ len, ſchließt die Thuͤre! und wenn Ihr Jemand toͤdten muͤßt— da ſitzt mein Bedienter auf dem Bock; er iſt dafuͤr bezalt.“ Dieſe Worte brachten die Raͤuber zu einem unmäßigen Gelaͤchter, und Lovett, der einen Witz —— NM u n 19 ſogar einem Beutel vorzog, ſchloß unverzuͤglich die Wagenthuͤre und ſagte: „Adieu, mein Lord! laſſen Sie mich Ihnen noch einen Rath geben: wenn Sie in einer Her⸗ berge auf dem Lande ausſteigen und ſich waͤhrend des Pferdewechſels eine halbe Stunde verweilen, ſo nehmen Sie Ihre Piſtolen mit heraus, oder Sie laufen Gefahr, daß die Ladung herausgezogen wird.“ Nach dieſer Ermahnung entfernte ſich der Raͤuber, und da er ſah, wie der Kammerdiener ihm eine iange gruͤne Boͤrſe entgegenhielt, ſagte er, vornehm den Kopf ſchuͤttelnd: „Schelme ſollen ſich nicht unter einander be⸗ rauben, mein guter Freund. Ihr pluͤndert Euern Herrn— das thun wir auch— jeder behalte was er bekommen hat.“ Dann beſtiegen der lange Ned und Tomlinſon wieder ihre Pferde und der Wagen wurde freige⸗ laſſen; die Poſtknechte fuhren mit einer Eile da⸗ von, die weniger Schonung fuͤr das Leben zu zei⸗ gen ſchien, als ſelbſt die Raͤuber bewieſen hatten. Indeſſen beſtieg der Hauptmann ſein Pferd wieder und die drei Verbuͤndeten ſprengten mit anmuthiger Gewandheit uͤber das Gehege, durch welches ſie zuvor die Straße gewonnen hatten, galoppirten in derſelben Richtung, in der ſie ge⸗ kommen, davon; der Mond ſetzte hin und wieder 2 20 ihre verſchwindenden Geſtalten in ein helles Licht, und der Ton manchen froͤhlichen Ausbruchs von Lachen erſchallte in der Ferne durch die kalte Luft. Dreizehn e i S6. Was find ich hier? old2 Ha! ſolche Fuͤlle macht den Mohren weiß, Und ſchoͤn aus garſtig. Timon von Athen. Da kam ein Herr daher, nett, ſchoͤn geputzt, Friſch wie ein Braͤutigam. Heinrich IV. Ich kenne Niemand, den ich eher miede Als dieſen hagern Caſſius. Er liest Viel, Er iſt ein großer Pruͤfer und durchſchaut Das Thun der Menſchen ganz; Er lächelt oftmals, doch in ſolcher Weiſe Als ſpott' er ſein, verachte ſeinen Geiſt, Den irgend was zum Lächeln bringen konne. Julius Caͤſar. Als am naͤchſten Tag, ſpaͤt Nachmittags, Lucie neben ihrem PVater ſaß, nicht wie gewoͤhnlich mit einer Arbeit oder mit Leſen beſchaͤftigt, ſondern dem Anſchein nach ganz muͤßig ihren huͤbſchen klei⸗ nen Fuß auf den Podagraſchemel des Sauire's ge⸗ ſetzt und die Augen auf den Teppich geheftet!, waͤh⸗ rend ſie ihre Hände(keine Hand war ſo ſanft und klein wie die Luciens, obwohl ſie an Weiſſe vielleicht uͤbertroffen werden konnte,) leicht in einander gefaltet und nachdenklich auf ih⸗ ren Knieen ruhen hatte, trat ploͤtzlich der Chirur⸗ gus des Dorfs mit einem Geſicht voll Neuigkeiten 21 und Entſetzen ein. Der alte Squire Brandon war einer von den Leuten, die immer die Neuig⸗ keiten, welcher Art ſie ſeyn moͤgen, ſpaͤter hoͤren als ihre Nachbarn und erſt nachdem alle Klatſch⸗ maͤuler der Umgegend den Knochen der Sache ganz glatt genagt hatten, wurde er jetzt durch die Ver⸗ mittlung des Herrn Pillum davon in Kenntniß geſetzt: daß Lord Mauleverer in der letztverfloß⸗ nen Nacht von drei Heerſtraßen⸗Rittern auf dem Weg nach ſeinem Landſitz angefallen und ziemlich anſehnlich beraubt worden ſey. Da das Geruͤcht von dem Mißgeſchick des wuͤr⸗ digen Doktor Sloppeton ſchon lange vorher weit und breit auspoſaunt worden war, ſo wurde na⸗ tuͤrlich die ganze Umgegend in heftige Beſtuͤrzung verſetzt. Gerichtsperſonen wurden herbeigeholt, große Hunde entlehnt, Buͤchſen gereinigt und eine Subſcription im Kirchſpiel fuͤr Aufſtellung einer Streifwache eroͤffnet. Es ſchien ziemlich unzwei⸗ felhaft, daß die Thaͤter bei beiden Vorfaͤllen Mit⸗ glieder derſelben Bande ſeyen, und Herr Pillum war in ſeinem Sinne vollkommen uͤberzengt, daß ſie ihm in ſein Gewerbe einzugreifen und alle Beſitzer in der Umgegend zu ruiniren beabſichtig⸗ ten, bei welchen es ſich der Muͤhe verlohnte. Die naͤchſte Woche verſtrich unter den ſorgfaͤltigſten Bemuͤhungen, die Raͤnber zu entdecken und zu faſ⸗ en von Seiten der benachbarten Behoͤrden und der Buͤrgermannſchaft; aber ihre Anſtrengungen wa⸗ 22 ren ganz fruchtlos, und ein Friedensrichter, der ſich beſonders thaͤtig erwieſen, wurde ſelbſt ganz und gar ausgezogen von einem alten Gentleman, der unter dem Namen Bagſhot— ein ziemlich verdaͤchtiger Name*)— ſich erbot, den argloſen Beamten an den Ort hinzufuͤhren, wo die Boͤſe⸗ wichter gefaßt werden koͤnnten. Kaum jedoch hat⸗ te er den armen Richter von ſeiner Begleitung weg auf einen abgelegnen Theil der Straße gefuͤhrt, ſo zog er ihn bis aufs Hemd aus. Er ließ ſeiner Geſtrengen nicht einmal die flanellnen Hoſen, ob⸗ gleich das Wetter ſo ſchlimm war als in den Hundstagen von 1829. „Es iſt nicht mein Brauch“ ſagte der unge⸗ ſchliffne Boͤſewicht, als der Richrer wenigſtens das letztgenannte Kleidungsſtuͤck ihm zu laſſen bat,„'s iſt nicht mein Brauch; ich gehe langſam ans Werk, aber dann bin ich gruͤndlich— drum nur'runter mit euern Lumpen, alter Schelm!“ Dieß war jedoch der einzige weitere Fall von Feindſeligkeiten in der Nachbarſchaft des Herren⸗ hauſes von Warlock; und allmaͤlig, als der Herbſt ſich zu Ende neigte und keine weitere Greueltha⸗ ten veruͤbt wurden, begannen die Leute ſich nach neuen Gegenſtaͤnden der Unterhaltung umzuſehen. Ein ſolcher wurde ihnen zu Theil durch einen un⸗ *) Ueberſetzt etwa Sackſchrot. — v75 23 erwarteten Gluͤcksfall, deſſen ſich Lucie Brandon zu erfreuen hatte. Mrs. Warner, eine alte Dame, mit der ſie entfernt verwandt war, und bei der ſie waͤhrend ihres einzigen kurzen Beſuchs in London gewohnt hatte, ſtarb ploͤtzlich und erklaͤrte in ihrem Teſta⸗ ment Lucie zu ihrer einzigen Erbin. Das Ver⸗ moͤgen, das in der Bank ſtand, und ſich auf 60,000 Pfund belief, ſollte von Miß Brandon, unmittel⸗ bar nachdem ſie ihr ein und zwanzigſtes Jahr er⸗ reicht, angetreten werden; bis dahin ſollten die Leſtaments⸗Vollſtrecker der jungen Erbin jährlich 600 Pfund auszahlen. Die Freude, welche dieſe Neuigkeit im Herrenhaus Warlock erregte, kann man ſich leicht denken. Der Squire machte Plane hier zu Verſchoͤnerungen und dort zu Ausbeſſerun⸗ gen, und Lucie, das gute Kind, die fuͤr ihre Perſon nicht wußte, was mit dem Geld anfangen, auſſer etwa einen andern Zelter anſchaffen oder ein Kleid von London, unterſtuͤtzte mit zaͤrtlichem Vergnuͤgen alle Vorſchlaͤge ihres Vaters und entzuͤckte ſich an dem Gedanken, daß dieſe ſchoͤnen Plane, welche die Familie Brandon groͤßer machen ſollten, als ſie je zuvor geweſen, mit ihrem, ihrem Geld ſollten ausgefuͤhrt werden. Zu eden dieſer Zeit war es, daß der Adel in der Nachbarſchaft eine gleichzeitige, große Entdeckung machte, die nemlich von den erſtaunlichen Verdienſten und von dem gar geſunden Verſtand des Herrn Joſef Brandon. 24 Es ſey Schade, bemerkten ſie, daß er von ſo ver⸗ ſchloſſener und ſchuͤchterner Gemuͤthsart ſey— es ſchicke ſich dieß nicht fuͤr einen Edelmann von ſo alter Familie. Aber wie haͤtten ſie ſich nicht Muͤhe geben ſollen, ihn aus ſeiner Abgeſchloſſen⸗ heit mehr in die groͤßern oͤffentlichen Kreiſe hereinzuziehen, welchen er ohne Zweifel zur gro⸗ ßen Zierde gereichen mußte? Sobald alſo der erſte Trauermonat verſtri⸗ chen war, langten unterſchiedliche Kutſchen, Wa⸗ gen, Chaiſen und Pferde, die man fruͤher nie im Herrenhaus Warlock geſehen hatte, nacheinander in der allerfreundſchaftlichſten Weiſe die man ſich nur denken kann an. Ihre Beſitzer bewunderten Alles— das Haus war eine ſo ſchoͤne Reliquie von allen Zeiten!— ſie waren ganz beſondre Freunde eichener Treppen! und die huͤbſchen al⸗ ten Fenſter! und welch ein praͤchtiger Pfau! und der herrliche Kaſtanienbaum, Gott ſegne ihn! war allein einen ganzen Wald werth! Herr Brandon ward aufgefordert, an den Jagden der Grafſchaft Theil zu nehmen, nicht daß er ſelbſt noch gejagt haͤtte, ſondern weil ſein Name der Sache gar ein großes Anſehen geben muͤßte! Miß Lucie ſollte auf eine Woche zum Beſuch bei ihren lieben Freundinnen, den ehrenwerthen Fraͤulein Sans⸗ terre kommen! Auguſtus, ihr Bruder, hatte ſo ein ſanftes Damenpferd! Kurz der gewoͤhnliche Wechſel, der in der Schaͤtzung der Leute eintritt, X v ¹— 25 wenn ſie zu einem Vermoͤgen gelangt ſind, trat auch bei Herr Brandon und ſeiner Lochter ein, und wenn die Leute auf Einmal liebenswuͤrdig werden, ſo iſt es kein Wunder wenn ſie auch auf Einmal eine große Erwerbung an Freunden machen. Aber Lucie war, obgleich ſie noch wenig von der Welt geſehen, doch nicht ganz blind; und der Squire, obwohl ziemlich beſchraͤnkt, war doch kein ganzer Dummkopf. Wenn ſie gegen ihre neuen Beſuche nicht grob waren, ſo zeigten ſie doch auch keine uͤberſtroͤmende Erkenntlichkeit fuͤr die herab⸗ laſſende Guͤte derſelben. Herr Brandon lehnte es ab, zu der Jagd zu unterſchreiben und Miß Lucie lachte dem Ehrenwerthen Augustus Sanster⸗ re ins Geſicht. Unter ihren neuen Gaͤſten war jedoch Einer, der mit großer Weltkenntniß aus⸗ nehmende und ſogar glaͤnzende Feinheit des Be⸗ nehmens verband, welche die Falſchheit, wenn auch nicht ganz verhuͤllte, doch des Unangenehmen be⸗ raubte— dieß war der neue Statthalter der Grafſchaft, Lord Mauleverer. Obgleich im Beſitz unermeßlicher Guͤter in dieſem Landestheile hatte ſich Lord Mauleverer bisher wenig auf ſeinen Laͤndereien aufgehalten. Er war einer der froͤhlichen Lords, die jetzt eine Seltenheit in unſrem Lande geworden ſind; wel⸗ che, nachdem ſie zum reifen Mannesalter gekom⸗ men, noch ein leichtes und wuͤſtes Leben fuͤhren, lie⸗ ber mit Schmarotzern als Ihresgleichen umgehen —— ——— 6 und doch, vermoͤge eines gefaͤlligen Benehmens, natuͤrlicher Talente und einer gewißen anmuthigen und leichten Geiſtesbildung(um ſo gefälliger, wenn ſie gewoͤhnlich eine Faͤrbung von Weltlichkeit und von mehr beluſtigender als kraͤnkender SEitelkeit an ſich traͤgt,) nie die ihnen gebuͤhrende Stellung in der Geſellſchaft verlernen; die in Kleidern, Equipagen, Kochkunſt und Schoͤnheit als Orakel gelten, und trotzdem daß ſie ſelbſt keinen Charak⸗ ter haben, durch ein einziges Wort uͤber den Cha⸗ rakter Andrer zu entſcheiden im Stande ſind. Und ſo war auch Mauleverer, wiewohl er mehr das zuͤgelloſe Leben eines jungen Edelmanns fuͤhr⸗ te, welcher die Geſellſchaft ergoͤtzlicher aber zwei⸗ deutiger Schoͤnen langweiligen Herzoginnen vor⸗ zieht, als daß er die anſtaͤndige Haltung bewahrt haͤtte, wie ſie ſeinem geſetzten Alter und ſeinem großen Einfluß im Lande zuſtand,— bei Hof, wo er eine Stelle in der koͤniglichen Haushaltung bekleidete, ebenſo beliebt wie im Garderobe-Zim⸗ mer, wo er jede Schauſpielerin diesſeits den Vier⸗ zigen bezauberte. Ein Wort von ihm reichte in den privilegirten Quartieren der Macht weiter als die Rede eines Andern; und ſelbſt die Pruͤden— wenigſtens alle diejenigen, welche Toͤchter hatten— geſtanden: daß ſeine Lordſchaft ein ſehr intereſſanter Charakter ſey. Gleich Bran⸗ don, ſeinem vertrauten Freund, war er in der Welt geſtiegen,(vom irlaͤndiſchen Baronet zum engliſchen Grafen,) ohne je ſeine Politik,(er war Ultra Tory,) zu aͤndern; und wir brauchen nicht zu verſichern, daß er, wie Brandon, als ein Mu⸗ ſter der Unbeſcholtenheit im oͤffentlichen Leben galt. Er beſaß zwei Stellen von der Regierung, ſechs Stimmen im Hauſe der Gemeinen und acht Pfruͤnden bei der Kirche; und um ſeinen loyalen und religioͤſen Grundſaͤtzen Gerechtigkeit widerfah⸗ ren zu laſſen, muͤſſen wir hinzuſetzen, daß die be⸗ ſtehende Einrichtung in den drei Koͤnigreichen kei⸗ nen waͤrmeren Freund hatte, als ihn. Wenn ein Edelmann nicht heirathet, ſo ſuchen die Leute ſeinen Charakter anzutaſten. Lord Maul⸗ everer hatte nie geheirathet; die Whigs waren daruͤber ſehr bitter geweſen; ſie ſpielten ſogar im Unterhaus darauf an, dieſer keuſchen Ver⸗ ſammlung, wo es eine unerſchoͤpfliche Quelle von Vorwuͤrfen gegen Herrn Pitt war, daß er kein zur Liebe geneigtes Gemuͤth beſaß; aber bisher hatten ſie gegen die Eheloſigkeit des ſtandhaften Grafen nichts ausgerichtet. Wahr iſt's, wenn ihm eine Gemahlin abgieng, ſo hatte er fuͤr dieſen Mangel ſich reichlich zu entſchaͤdigen gewußt; ſein Gewerbe war das eines galanten Mannes; und wenn er den TDoͤchtern aus dem Wege gieng, ſo geſchah es nur um ſeine Liebe den Muͤttern zu⸗ zuwenden. Aber ſeine Lordſchaft hatte jetzt ein gewiſſes Alter erreicht, und unter ſeinen Freunden hatte ſich kuͤrzlich das Geruͤcht verbreitet, er habe 27 28 im Sinne ſich nach einer Lady Mauleverer um⸗ zuſehen. „Sparen Sie Ihre Liebkoſungen!“ ſagte ſein Leibſchmarotzer zu einer gewiſſen Herzogin, welche drei Erbtheilloſe Toͤchter hatte,„Mauleverer hat geſchworen, nicht in Ihrem Stande ſeine Wahl zu treffen; Sie kennen ſeine hohe Politik und Sie werden ſich uͤber ſeine Erklaͤrung nicht wundern: daß er in der Ehe eben ſo wie in der Moral der Guͤtergemeinſchaft abhold ſey.“ Die Kunde von des Grafen Hetrathsplanen und die Verbreitung dieſer Aneldote ſetzte alle Pfarrerstoͤchter in England in Feuer und Flammen vor Erwartung; und als Mauleverer, nachdem er mit der Statthalterwuͤrde beehrt worden, nach —— ſhire kam, ſeine Beſitzungen zu beſuchen und um die Freundſchaft ſeiner Nachbarn ſich zu bemuͤhen: da war keine alte junge Dame von Vierzig, welche Filet ſtrickte und hoͤchſtens einmal acht Tage lang in London geweſen war, welche ſich nicht gerade fuͤr die rechte Perſon gehalten haͤtte, um ſeine Lordſchaft zu feſſeln. Es war ſpaͤt Nachmittags, als der Reiſewa⸗ gen dieſes ausgezeichneten Mannes, zwei Vorrei⸗ ter in der ſchlichten dunkelgruͤnen Livree des Grafen vorauf, vor dem Thore von Warlock Haus anfuhr. Der Squire war im eigentlichen und uneigentlichen Sinn zu Haus, denn es kam ihm nie in den Sinn, ſich vor irgend Jemand, n r e ik t 29 Edelmann odeer Bettelmann, verlaͤugnen zu laſſen. Als die Wagenthuͤre geoͤffnet war, ſtieg ein kleiner unſcheinbarer, reichgekleideter Mann,(denn Ver⸗ braͤmung und ſeidene Kleider waren damals, ob⸗ wohl ſchon allmaͤhlig in Abnahme kommend, noch nicht ganz verbannt,) von einnehmendem und mehr ausgezeichnetem als wuͤrdigem Weſen, aus. Seiner Jahre ſchienen mehr zu ſeyn, als er in der That hatte, denn ein Geſicht, zwar ſchoͤn, war ſcharf gezeichnet, und zeigte die Spuren eines leichtſinnigen Lebens; und dem Lord Mauleverer konnte leicht die unwillkommne Bezeichnung: aͤlt— lich, zu Theil werden, obwohl er in der That noch nicht uͤber das mirtlere Alter hinaus war. Sein Schritt jedoch war feſt, ſein Gang aufrecht, und ſeine Geſtalt bei weitem jugendlicher als ſein Ge⸗ ſicht. Nachdem die erſten gewoͤhnlichen Begruͤ⸗ ßungsreden voruͤber waren, und Lord Mauleverer ſein Bedauern ausgedruͤckt hatte, daß ſeine viel⸗ fache, lange Abweſenheit von der Grafſchaft ihn bisher des Vergnuͤgens der Bekanntſchaft mit Herr Brandon, dem Bruder eines ſeiner aͤlteſten und geſchaͤtzteſten Freunde beraubt habe, wurde das Geſpraͤch von beiden Seiten beſchwerlich und peinlich. Herr Brandon brachte zuerſt die Unterhal⸗ tung aufs Wetter und auf die Ruͤben, und erkun⸗ digte ſich,„ob ſeine Lordſchaft nicht ein großer Freund ſey von dem Vergnuͤgen(er ſeines Theils ſey es fruͤher geweſen, aber neurer Zeit ſetze ihn die — 30 Gicht auſſer Stand zer hoffe ſeine Lordſchaft ſey ver⸗ ſchont vondieſerPlage,)desSchieſſens?“ Der Graf hatte nur die letzten Worte aufge⸗ faßt; denn zu der graͤßlichen Verworrenheit in den Saͤtzen des Squire hin, litt Maulevexer auch noch ein wenig an dem ariſtokratiſchen Uebel der Taubheit, und er antwortete mit einem Laͤcheln: „Plage des Schieſſens! ſehr gut, in der That Herr Brandon; ich habe ſelten einen ſo witzigen Ausdruck gehoͤrt; nein ich bin von dieſer Seuche nicht im mindeſten heimgeſucht. Es iſt in dieſer Grafſchaft ein ſehr vorherrſchender Uebelſtand.“ „Mein Lord!“ ſagte der Squire, ein wenig verdutzt, und als er dann bemerkte, wie Maule⸗ verer nicht weiter fortfuhr, hielt er fuͤr angemeſe ſen, einen andern Gegenſtand auf die Bahn zu bringen. „ Es betruͤbte mich ausnehmend, zu hoͤren, daß Euer Lordſchaft auf der Reiſe nach Mauleve⸗ rer Park— Ces iſt ein ſehr haͤßlicher Weg durch das wuͤſte Land; die Straßen in dieſer Grafſchaft ſind im Allgemeinen huͤbſch und gut; wenn Ich ein Beamter waͤre, ich wuͤrde in dieſem Punkt auf ſtrenge Ordnung halten) ausgepluͤndert wurden. Und Sie ſind, glaub' ich, noch nicht auf die Spur gekommen von—(Cich meines Orts, obgleich ich mich nicht ruͤhme, ein großer Politiker zu ſeyn, meine, in dieſen Raͤubergeſchichten habe man ſich 31 großentheils zu beklagen uͤber die Unthaͤtigkeit bei den Miniſtern)— den Schurken?“ „Unſer Freund iſt vor den Kopf geſtoßen wor⸗ den!“ dachte der Lordſtatthalter, im Wahne der letzte ſchmaͤhende Ausdruck gelte den achtbaren in der Klammer genannten Perſonen. Mauleverer verbeugte ſich mit einem feinen Laͤcheln gegen den Squire, und antwortete laut, es thue ihm ausnehmend leid, daß ihre(der Miniſter, wollte er ſagen) Handlungsweiſe nicht des Beifalls Herrn Brandon's ſich zu erfreuen habe. „Nun!“ dachte der Squire,„das heiß' ich einmal ernſtlich den Hofmann ſpielen!“ Meines Beifalls ſich zu erfreuen haben!“ ſagte er mit Waͤrme:„Wie kann Eure Lordſchaft meinen, ich ſey—(denn ob ich gleich kein Heiliger bin, bin ich doch hoffentlich ein guter Chriſt; ein ganz vor⸗ trefflicher, nach Ihren Worten zu ſchließen, iſt gewiß auch Euer Lordſchaft!) partheviſch fuͤr das Verbrechen geſinnt!“ „Ich partheyiſch fuͤr das Verbrechen geſinnt!“ erwiederte Mauleverer, vermeinend er ſey unver⸗ muthet einem unmaͤßigen Demokraten in den Weg gelaufen; laͤchelnd jedoch und ſanft wie ſonſt fubr er fort:„Sie beurtheilen mich hart, Herr Bran⸗ don! Sie muͤſſen mir mehr Gerechtigkeit widetfah⸗ ren laſſen und das wird nur moͤglich werden durch naͤhere Bekanntſchaft.“ Die ungluͤckliche Antwort, welche der Squire 32 vielleicht ſchon im Munde hatte, wurde durch das Eintreten Luciens abgeſchnitten; und der Graf, heimlich erfreut uͤber dieſe Unterbrechung, ſtand auf, ihr ſeine Huldigung darzubringen und ſie da⸗ ran zu erinnern, daß er ſchon fruͤher einmal ſo gluͤcklich geweſen ſey, ihr bekannt zu werden, mit⸗ telſt der Freundſchaft des Herrn William Bran⸗ don,„eine Freundſchaft“ ſagte der galante Edel⸗ mann,„der ich ſchon vorher oft verpflichtet war, aber die mir nie einen angenehmern Dienſt erwies.“ Hierauf antwortete Lucie, welche, ſo peinlich ihre Verlegenheit waͤhrend ihres Zuſammenſeyns mit Herrn Clifford geweſen, in der Gegenwart einer um ſo viel hoͤhern Perſon eben keine auſſer⸗ ordentliche Schuͤchternheit verſpuͤrte, mit lachen⸗ chendem Munde und der Graf erwiederte ihr mit einem zweiten Complimente. Jetzt war das Ge⸗ ſpraͤch keine Anſtrengung mehr, und Mauleverer, der vollendetſte Epikuraͤer, welchen ohne gebuͤhren⸗ de Voranſtalten einzuladen, ſelbſt eine koͤnigliche Hoheit gezittert haͤtte, folgte, von dem treuherzi⸗ gen Squire aufgefordert, an ihrem Familienmahle Theil zu nehmen, gerne der Einladnng. Seit lan⸗ ger Zeit waren die ritterlichen Mauern von Warlock⸗ Haus nicht mehr durch den Beſuch eines ſo hohen Gaſtes beehrt worden. Der gute Squire uͤber⸗ haͤufte ſeinen Teller mit einer ungeheuren Maſſe geſottenen Rindfleiſches und waͤhrend der arme Graf mit Bangigkeit die aufgethuͤrmten Alpen, he le 33 die er verſchlingen ſollte, betrachtete, raffte der graue Schenke aͤngſtlich beſorgt ihn raſch zu bedie⸗ nen, den uͤberladnen Teller weg und lieferte ihn ſofort wieder zuruͤck, noch fuͤrchterlicher belaſtet mit einer weitern Welt— aus einem Gemaͤchte von Steinfarbe und ſchweißtreibendem Ausſehen beſtehend, in welchem der Graf, nachdem er es einige Augenblicke mit ſtummer Aufmerkſamkeit betrachtet hatte und es dann ſorgfaͤltig, ſo gut er vermochte, auf den aͤuſſerſten Rand ſeines Lellers ſchob, ein Nieren⸗Pudding erkannte. „Sie eſſen nichts, mein Lord!“ rief der Squi⸗ re,„laſſen Sie mich Ihnen(dieß iſt mehr aus der Mitte,“¹) und hier faßte er zwiſchen Meſſer und Gabel ein fuͤrchterliches ſcharlachrothes Stuͤck, das ſeine blutigen Locken ſchuͤttelte, und hielt es in der Luft,—„ein andres Stuͤck vorlegen!“ Schnell wie der Blitz fuhr auf Mauleverers Leller der Harpyen⸗Finger und der unbarmherzige Daumen des grauen Schenken. „Keinen Biſſen mehr!“ rief der Graf, mit dem moͤrderiſchen Bedienten kaͤmpfend.„Mein theurer Sir, entſchuldigen Sie mich; ich verſichre Sie, ich habe nie bisher ein ſolches Diner einge⸗ nommen—, nie!“ „Nein! das geht nicht an!“ ſagte der Squi⸗ re, der ſich nicht zufrieden geben wollte,(„die Luft iſt ſo friſch, daß Euer Prhſchaft ei Appe⸗ Bulwer's Romane. XXKVI. —— 34 petit ganz nachgeben ſollten, und dem Rath der Aerzte folgen,) nichts zu eſſen!“ Wieder hatte ihn Mauleverer falſch verſtanden. „Die Aerzte haben Recht, Herr Brandon,“ ſagte er,„ſehr Recht und ich ſehe mich genoͤthigt, ganz enthaltſam zu leben; in Wahrheit, ich zweif⸗ le, ob ich, wenn ich an Ihrer gaſtlichen Tafel meiner Maͤßigkeit vergeſſen, und Alles was Sie mir zumuthen, bewaͤltigen wollte, es je verwinden wuͤrde. Sie muͤßten ſich um einen neuen Statt⸗ halter fuͤr dieſe reitzende Grafſchaft umſehen, und auf den Grabſtein des letzten Mauleverer wuͤrde der heuchleriſche und gleichguͤltige Erbe die Worte ſezen: Geſtorben am Genuß des Rindfleiſches, John, Graf u. ſ. w.“ Jedem Andern wuͤrde der Sinn dieſer Rede klar genug geweſen ſeyn, aber der Squire lachte uͤber den ſchwaͤchlichen Appetit des Redenden, und gab der Meinung Raum, es muͤße ein trefflicher Geſelle ſeyn, da er ſo launig uͤber ſeine eigne Kraͤnklichkeit ſcherze. Aber Lucie hatte den ſichern Takt ihres Geſchlechtes; die klaͤgliche Lage des Grafen', obgleich ſie dieſelbe ſicherlich nicht ihrem ganzen Umfang nach begriff, jammerte ſie, und ſie gieng mit ſo viel Anmuth und Leichtigkeit in das Geſpraͤch ein, das er zwiſchen ihnen in Gang zu bringen bemuͤht war, daß Mauleverers Kammerdie⸗ ner, durch den Eifer des grauen Schenken bisher ganz auf die Seite gedrängt, eine Gelegenheit 1. 6. t el e * d e te s, 2— 25 fand, als einmal der Squire lachte und der Schenk vor ſich hinſtierte, den uͤberladenen Leller unbe⸗ argwohnt und ungeſehen wegzuſtehlen. Trotz dieſen Unbequemlichkeiten jedoch bei Ti⸗ ſche war Mauleverer mit ſeinem Beſuch ausneh⸗ mend zufrieden und beſchloß ihn nicht eher, als bis die Schatten der Nacht hereinzubrechen began⸗ nen und dieEntfernung ſeines Wohnſitzes, verbun⸗ den mit einer gemachten Erfahrung, ihn an die Moͤglichkeit erinnerte, daß die Frechheit eines Landſtraßen⸗Ritters ſich ſogar an den Wagen Lord Mauleverers machen koͤnnte. So ſiieg er denn mit Widerſtreben ein, empfahl dem Poſtknecht ſo raſch als moͤglich zu fahren, wickelte ſich in ſeinen Mantel und theilte ſeine Gedanken zwiſchen Lucie Brandon und den bomard au gratin, womit er ſich unmittelbar nach ſeiner Ruͤckkunft zu troͤſten gedachte. Aber das Schickſal, das unſre liebſten Hoffnungen zu nichte macht, fuͤgte es, daß bei der Ankunft in Mauleverer⸗Park der Beſitzer ploͤtzlich von Mangel an Appetit, Froſt in den Gliedern, Schmerzen auf der Bruſt und allerlei ſonſtigen Vorzeichen einer drohenden Krankheit befallen wurde. Lord Mauleverer legte ſich ſtracks zu Bette, blieb einige Tage liegen und als er ſich wieder gebeſſert, empfahlen ihm die Aerzte nach Bath zu gehen. Die Methodiſten unter den Whigs, die ihn haßten, ſchrieben ſeine Krantheit der Vorſehung zu; ſeine Lordſchaft ſelbſt blieb 3„ 36 ſteif und feſt auf der Meinung: ſie ruͤhre von dem Fleiſch und Pudding her. Wie dem auch ſey — fuͤr jetzt war es um die Hoffnungen der jungen Damen von Vierzig und um die beabſichtigten Feſtlichkeiten in Mauleverer⸗Park geſchehen.„Gu⸗ ter Gott!“ ſagte der Graf, als die Räder ſeines Wagens von ſeinem Thore wegrollten,„welcher Verluſt kann fuͤr die Kaufleute auf dem Land aus einem Stuͤck Rindfleiſch, das nicht gar iſt, zumal gebraten, erwachſen!“ Ungefaͤhr vierzehn Tage waren ſeit Mauleve⸗ rers meteoraͤhnlichem Beſuch in Warlock Haus verſtrichen, als der Squire von ſeinem Bruder fol⸗ genden Brief erhielt: „Mein lieber Joſef! Du kennſt meine unzaͤhligen Abhaltungen und bei dem Drang von Geſchaͤften, welche auf mir la⸗ ſten, wirſt Du mir gewiß verzeihen, daß ich ein ſehr nachlaͤſſiger und ſaumſeliger Briefſchreiber bin. Dennoch, ich verſichre Dich, kann Niemand aufrichtigern Antheil nehmen an dem Gluͤck, das meiner reitzenden Nichte zugefallen und wovon Du mich neulich in Kenntniß geſetzt, als ich es thue. Ich bitte, verſichre ſie meiner zaͤrtlichen Liebe und ſag' ihr, mit welch freudiger Ungeduld ich dem glänzenden Eindruck entgegen ſehe, welchen ſie hervorbringen wird, wenn ihre Schoͤnheit auf den Thron erhoͤht ſeyn wird, der ſie ſicherlich uͤber kurz oder lans verherrlichen wird. 37 Du weißſt vielleicht nicht, mein lieber Joſef, daß ich einige Zeit in ſehr ſchwachen und herun⸗ tergebrachten Geſundheitsumſtaͤnden war. Das alte Nervenuͤbel im Geſicht hat mich neuerlich hef⸗ tig ergriffen, und die Qual iſt manchmal ſo groß, daß ich ſie kaum aushalten kann. Ich glaube, die großen Anſpruͤche, welche mein Beruf an einen, nie ſehr kraͤftigen Koͤrper, der zudem vor der Zeit die Schwaͤchen des Alters zu fuͤhlen beginnt, macht, ſind die Haupturſache meiner Leiden. Am Ende jedoch muß ich nothgedrungen meine Taſchen es entgelten laſſen und durch eine kurze Erholung vom Geſchaͤft meinen Neigungen nachgeben. Die Aerzte, geſchworene Freunde der Advokaten wie Du weißſt, weil ſie gemeinſchaftliche Sache gegen die Menſchheit machen, haben mir ſtrenge befoh⸗ len, muͤſſig hinzuliegen, und mit friſcher Luft⸗ Bewegung, geſelligen Vergnuͤgungen und den Waſ⸗ ſern von Bath eine kleine Cur durchzumachen⸗ Zum Gluͤck iſt jetzt Ferienzeit bei den Gerichten, und ich kann ſchon das Einkommen von einigen Wochen in die Schanze ſchlagen, um mir vielleicht manches Lebensjahr damit zu erkaufen. Ich habe denn beſchloſſen, gleich in der naͤchſten Woche mich an dieſen truͤbſeligen Sammelplatz der Freude zu begeben, wo die Leute aus dem Leben hinaustan⸗ zen und ſich uͤber den Styr geigen laſſen. Mit Einem Wort, ich will einen der Abenteurer abge⸗ ben, die auf Geſundheit ausziehen, und die Goͤt⸗ tin in Koͤnig Bladud's Badeſaal ſuchen. Willſt Du mit der lieben Lucie dort mit mir zuſammen⸗ kommen? Ich erbitte mir es von Eurer Freund⸗ ſchaft und bin ganz und gar verſichert, daß Keines von Euch vor dem Vorſchlag, Euren kranken Ver⸗ wandten zu troͤſten, erſchrecken wird. Waͤhrend ich meine Geſundheit wieder erlange, ſoll meine huͤbſche Nichte den Pluto ſchadlos halten, indem ſie ſeinem Scepter manchen beſſern und juͤngern Helden an meiner Statt weihet. Und fuͤr mich wird es ein doppeltes Vergnuͤgen ſeyn, zu ſehen wie alle Herzen u. ſ. w. Ich breche ab, denn was kann ich hieruͤber ſagen, daß die kleine Ko⸗ kette nicht ſelbſt ſchon erriethe? Es iſt hohe Zeit, daß Lucie die Welt ſehe; und wenn auch in Bath, mehr als an andern Or⸗ ten, Viele ſeyn moͤgen, fuͤr welche die Erbin Ge⸗ genſtand eigennuͤtziger Beſtrebungen ſeyn wird, ſo giebt es doch auch in dieſer von Menſchen wim⸗ melnden Stadt, Manchen, der ihrer Aufmerkſam⸗ keit durchaus nicht unwerth iſt. Was ſagſt Du lieber Joſef? Aber ich weiß ſchon! Du weigerſt Dich nicht, mir waͤhrend meines kurzen Feyertags Geſellſchaft zu leiſten, und Luciens Augen glaͤnzen ſchon beim Gedanken an neue Huͤte, Milſom Street tauſend Anbeter und den Badeſaal. Imer, lieber Joſef Voll Zirtlichkeit Dein Bruder, . William Brandon.“ ** ——* 39 „Nachſchrift. Ich erfahre, mein Freund Lord Mauleverer iſt in Bath; Ich geſtehe, dieß iſt ein weiterer Beweggrund der mich hinzieht; aus ei⸗ nem Briefe, den ich dieſer Tage von ihm erhielt, erſehe ich daß er bei Euch einen Veſuch abgeſtat⸗ tet hat und jetzt von ſeinem Wirth und der Er⸗ bin ganz eingenommen iſt. Ha, Miß Lucie, Miß Lucie? ſollteſt Du eine Eroberung an dem Man⸗ ne machen, den ganz London laͤnger als ich anzu⸗ geben vermag,(doch nicht ſehr lang, denn Maule⸗ verer iſt noch jung,) vergebens beſtuͤrmte? Ant⸗ worte mir!“ Dieſer Brief erregte in Warlock Haus eine lebhafte Bewegung. Der alte Saquire liebte ſei⸗ nen Bruder auſſerordentlich und es that ihm in der Seele weh, daß er ſo entmuthigend uber ſeine Geſundheit ſchrieb. Auch bedachte ſich der Squire keinen Augenblick, den Vorſchlag einer Zuſammen—⸗ kunft mit ſeinem ausgezeichneten Blutsverwand⸗ ten in Bath anzunehmen. Auch Lucie,— welche fuͤr ihren Oheim, vielleicht wegen ſeiner freigebi⸗ gen und doch nicht unzarten Schmeicheleien, große Achtung und TDheilnahme hegte, wenn gleich ſie ihn nur wenig geſehen hatte— drang in den Squire, ohne Zeitverluſt die Anſtalten zur Abrei⸗ ſe zu betreiben, damit man dem Advokaten zuvor⸗ komme und Alles fuͤr ſeine Ankunft vorbereiten koͤn⸗ ne. Da Vater und Tochter ſo eines Sinnes wa⸗ ren, gab es keinen Anlaß zur Zoͤgerung; eine 40 Antwort auf den Brief des Kranken gieng mit der Poſt zuruͤck und am vierten Tag nach Em⸗ pfang beſagten Schreibens wurden der gute, alte Squire, ſeine Tochter, ein Landmaͤdchen als eine Abigail, der graukoͤpfige Schenke und zwei oder drei lebendige Lieblinge, deren Groͤße und Lebens⸗ weiſe am beſten fuͤr die Reiſe paßte, in dem un⸗ geheuren Bauch der Familien⸗Kutſche auf dem Weg nach jener Stadt fortgeſchleppt, die damals wenigſtens luſtiger, wenn auch weniger glanzvoll war, als die Hauptſtadt ſelbſt. Am zweiten Tag nach ihrer Ankunft in Bath, traf Brandon,(ſo wollen wir in Zukunft, um Ver⸗ wirrung zu vermeiden, den juͤngern Bruder nen— nen und dem aͤltern den patriarchaliſchen Titel Squire laſſen) bei ihnen ein. Er war ein Mann, der dem Anſchein nach viel auf den Prunk hielt, obwohl er innerlich ihn verabſcheute und verachtete. Er fuhr vor ihrer Wohnung, die eben nicht im allerbeſten Stadttheil gewählt war, in einem Wagen mit ſechs Pferden an, aber nur von Einem vertrauten Diener be⸗ gleitet. Sie fanden ihn beſſer ausſehend und beſſer gelaunt, als ſie vermuthet; wenige Menſchen konnten angenehmer ſeyn als William Brandon, wenn er nur wollte; aber zuweilen miſchte ſich in ſei⸗ ne Unterhaltung ein bittrer Hohn, wahrſcheinlich eine Gewohnheit die er ſeinem Berufe verdankte, —„* — u—— 41 oder auch gelegentlich ein Anſtrich von muͤrriſchem und vornehmem Mißmuth, vielleicht eine Folge ſeiner Kraͤnklichkeit. Doch ſchien ſein Leiden, das ſich einigermaßen jenem qualvollen Uebel, dem Geſichtsſchmerz naͤherte, obgleich die Anfälle ſelt⸗ ner, als ſie bei dieſem Uebel gewoͤhnlich ſind, ſich einſtellten, nie auch nur einen Augenblick auf ſei⸗ ne Stimmung, wie dieſe ſeyn mochte, Einfluß zu haben. Dieß uebel wirkte unvermerkt; kein Mus⸗ kel ſeines Angeſichts ſchien ſich zu verziehen; das Laͤcheln um ſeinen Mund verſchwand nie, der Wohllaut ſeiner Stimme wurde nie vom Schmerz gedaͤmpft, und mitten unter den heftigſten Qua⸗ len bemeiſterte ſein entſchloſſener und trotziger Geiſt jedes aͤuſſere Anzeichen, und der aufmerk⸗ ſamſte Fremde haͤtte den Augenblick nicht bemerkt, da ihn ſein Uebel befiel oder verließ. Es war an dem Manne etwas Unergruͤndliches. Man fuͤhlte, daß man ſeinen Charakter auf Treu und Glauben aber nicht aus eigner Kenntniß gelten ließ. Nach einer Jahrelangen Bekanntſchaft wuͤrde man uͤber ſeine Tugenden und Fehler noch eben ſo ſehr im Dunkel geblieben ſeyn. Er veraͤnderte ſich oft, aber bei jeder Veraͤnderung blieb er gleich uner⸗ forſchlich. Spielte er eine Reihe von Rollen durch, oder war es der natuͤrliche Wechſel in der eignen Gemuͤthsart, was man an ihm erblickte? Im Ganzen mild, ruhig, aufmerkſam, ſchmeichelhaft in geſelligen Verhaͤltniſſen, war er im Parlament und bei den Gerichtshoͤfen wegen ſeiner kalten Haͤrte und kauſtiſchen Vitterkeit berufen— ſo daß ſelbſt auf dieſen Kampfplaͤtzen es ihm kaum Je⸗ mand gleich that. Es war als ob er den herbe⸗ ren Empfindungen, welche er im Privatleben nieder⸗ hielt, im oͤffentlichen die Zuͤgel ſchießen zu laſſen ſich freute. Aber auch hier uͤberließ er ſich kei⸗ nem augenblicklichen Muthwillen, keiner aufwal— lenden Leidenſchaft; Alles erſchien bei ihm als ſyſtematiſcher Hohn oder zur Gewohnheit geword⸗ ne Herbigkeit. Er verltzte keine hergebrachte, geſellige Form. Er verwundete, ohne des Sta⸗ chels in ſeinen Worten ſich bewußt zu ſcheinen; und ſein Gegner kruͤmmte ſich eben ſo ſehr unter der zermalmenden Verachtung, die in ſeiner Selbſt⸗ beherrſchung lag, als unter der Geiſſel ſeiner Sa⸗ tire. KFalt, ſchlagfertig, bewehrt und vertheidigt auf allen Punkten, geſund in ſeinem Urtheil, ſicher in ſeiner Beobachtung, ebenſo vollendeter Meiſter in Sofismen, wenn er ſelbſt deren benoͤthigt war, als geuͤbt, bei Andern ſie aufzudecken; kkeinen Kunſtgriff, auch den muͤhſeligſteu nicht, verachtend; keine noch ſo laͤſtige Arbeit ſcheuend— puͤnktlich im Kleinen, aber deßhalb nicht minder raſch in Auffaſſung des richtigen Geſichtspunkts im Großen — in dieſen Ruf hattei ſich ſeinem oͤffentlichen und gerichtlichen Charakter nach William Brandon gefetzt, und mit dieſem Namen verband er eine gänzliche Unbeſcholtenheit hinſichtlich ſeiner Mora⸗ n l⸗ 3t er 43 litaͤt. Aber bei ſeinen Freunden erſchien er nur als der angenehme, geiſtreiche, lebhafte, und wenn wir den Ausdruck im guten Sinn gebrauchen duͤr⸗ fen, weltliche Mann, der nie eine hoͤhere Rein⸗ heit oder uͤbertriebne Aengſtlichkeit fuͤr aͤußere For⸗ men, wichtige Faͤlle ausgenommen, affektirte, und der die Strenge ſeiner Sitten dadurch nur um ſo mehr zum Gegenſtand der Bewunderung machte, daß er ihnen ſo gar nicht den Mantel der Schein⸗ heiligkeit umhieng. „Nun,“ ſagte Brandon, als er nach Tiſch allein bei ſeinen Verwandten ſaß und die Au⸗ gen ſeines Bruders zum gewohnten Schlummer ſich ſchließen geſehen hatte;„ſage mir, liebe Lu⸗ cie, was denkſt Du von Lord Mauleverer? Findeſt Du ihn angenehm?“ „Sehr! nur zu ſehr, in der That!“ „Zu ſehr! das iſt ein ſeltner Fehler, Lucie; oder willſt Du damit vielleicht zu verſtehen geben, Du findeſt ihn zu angenehm fuͤr die Ruhe Deines Gemuͤths?“ „O nein! da iſt wenig zu befuͤrchten; was ich damit ſagen wollte iſt nur dieß: er ſcheint es zum einzigen Geſchaͤft ſeines Lebens zu machen, ange⸗ nehm zu ſeyn; und man kommt auf den Gedan⸗ ken er habe dieß Ziel mit Darangabe gewiſſer Ei⸗ genſchaften erreicht, die man noch lieber an ihm ſehen wuͤrde.“ 44 „Hm— und was waͤren das fuͤr Eigen⸗ ſchaften?“ „Wahrheit, Aufrichtigkeit, Unabhaͤngigkeit und Rechtlichkeit.“ „Meine liebe Lucie! es iſt die Aufgabe und der Beruf meines Lebens geweſen, den Charakter der Menſchen, beſonders ſoweit die Wahrheit in Betracht kommt, in ſo kurzer Zeit als moͤglich zu ergruͤnden; aber Du uͤbertriffſt mich in raſcher Anſchauung, wenn Du bei der erſten Zuſammen⸗ kunft ſagen kannſt, ob im Charakter eines Hof⸗ manns Aufrichtigkeit ſey.“ „Demungeachtet bin ich von meiner Anſicht feſt uͤberzeugt,“ ſagte Lucie lachend,„und ich will Ihnen einen Beweis anfuͤhren, den ich unter hun⸗ dert mir gemerkt. Lord Mauleverer iſt ziemlich taub und er meinte im Verlauf des Geſpraͤchs, mein Vater habe etwas geſagt— es war ein ganz gleichguͤltiger Gegenſtand— die Rede eines Parlaments⸗Gliedes,(der Advokat laͤchelte,) wo⸗ von mein Vater gerade das Gegentheil ſagen woll— te. Lord Mauleverer ſtimmte ihm aufs Aller⸗ waͤrmſte bei, ſchien ganz und gar ſeiner Meinung, klatſchte ſeinen Anſichten Beifall und mwuͤnſchte dem ganzen Land ſeinen Geiſt. Auf einmal nahm mein Vater das Wort, Lord Mauleverer horchte hin, und erfuhr daß die Anſichten, welche er ſo geprieſen, gerade diejenigen waren, welchen mein Vater am wenigſten hold iſt. Sobald er dieſe 45 Entdeckung gemacht, drehte er, ich muß ſagen, mit Gewandtheit und Anmuth die Sache herum, verdammte Alles was er zuvor erhoben, und erhob Alles, was er zuvor getadelt hatte!“ „Und das iſt Alles, Lucie?“ ſagte Brandon mit einem lebhaftern ſpoͤttiſchen Laͤcheln um die Lippe, als der Anlaß zu rechtfertigen ſchien.„Nun, das iſt etwas, das Jedermann thut, nur der Eine ernſthafter als der Andre. Mauleverer in der Geſellſchaft, ich vor den Schranken; der Miniſter vor dem Parlament, der Freund gegen den Freund, der Liebhaber gegen die Geliebte; die Haͤlfte von uns iſt damit beſchaͤftigt zu ſagen: Weiß iſt Schwarz, und die andre Haͤlfte, zu beſchwoͤren: Schwarz iſt Weiß. Nur iſt ein Unterſchied, mei⸗ ne liebliche Nichte, zwiſchen dem geſcheuten Mann und dem Thoren; der Thor ſagt etwas Falſches, weil die Farben ihn blenden und taͤuſchen, aber der geſcheute Mann nimmt ſo zu ſagen einen Pin⸗ ſel und verwandelt im buchſtaͤblichen Sinne Schwarz in Weiß und Weiß in Schwarz, ehe er ſeine Be⸗ hauptung aufſtellt, die dann wahr iſt. Der Thor ändert ſeine Meinung und iſt ein Luͤgner; der kluge Mann laͤßt die Farben ſich aͤndern und iſt ein großer Geiſt. Aber das iſt noch nicht fuͤr Dei⸗ ne jungen Jahre, Lucie!“ „Aber ich kann doch die Nothwendigkeit nicht einſehen, immer den Leuten beizuſtimmen,“ ſagte Lucie unbefangen,„gewiß ließen ſie es ſich ebenſo 46 gern gefallen, wenn man ihnen hoͤflich und ach⸗ tungsvoll widerſpraͤche?“ „Nein, Lucie,“ ſagte Brandon, immer noch laͤchelnd,„um ſich gefaͤllig zu machen, dazu iſt nichts ſo unumgaͤnglich nothwendig, als den Leuten nach dem Munde zu reden; luͤgen, betruͤgen, je⸗ des Wort zu einer Schlinge und jede Handlung zu einer Falſchheit machen— das Alles darf man — aber nie widerſprechen. Gieb den Leuten im⸗ mer Recht, ſo bereiten ſie Dir eine Staͤtte in ih⸗ rem Herzen. Du kennſt die Geſchichte von Dan⸗ te und dem Luſtigmacher. Beide wurden an dem Hofe des eitlen Pedanten, der ſich ſelbſt Fuͤrſt Skaliger nannte, unterhalten; der erſte nur duͤrf⸗ tig, der zweite ganz ſtattlich.“ „Wie kommt's,“ ſagte der Spaßmacher zum Dichter,„daß ich ſo reich bin und Ihr ſo arm ſeyd?“„Ich werde ſo reich ſeyn, wie Ihr,“ war die beiſſende und treffende Antwort,„ſobald ich einen Goͤnner finden kann, der mir ſo aͤhnlich iſt, wie Fuͤrſt Skaliger Euch!“ „Aber meine Voͤgel,“ ſagte Lucie, indem ſie dem Goldfink liebkoste, der ſich an ihrem Buſen einſchmeichelte,„ſind mir nicht aͤhnlich und doch liebe ich ſie. Ja, ich denke oft, ich koͤnne diejeni⸗ gen nur um ſo mebr lieben, die am meiſten von mir verſchieden ſind. Ich fuͤhle das auch bei Buͤ⸗ chern— wenn ich zum Beiſpiel einen Roman oder ein Theaterſtuͤck leſe; und Sie, mein Oheim, in nz h⸗ n⸗ m —, N* m ar ſt. ie n i⸗ n i⸗ 47 liebe ich beinah in dem Verhaͤltniß, als ich in mir ſelbſt nichts finde, was mir mit Ihnen gemein waͤre.“ „Ja“ ſagte Brandon,„Du haſt mit mir die Liebe fuͤr alte Geſchichten von Sir Hugo und Sir Rupert und all die andern Sir's unſers zerfalle⸗ nen und vergangenen Stammes gemein. Und ſo ſollſt Du mir die Ballade von Sir John de Bran⸗ don ſingen und dem Drachen den er im heiligen Land erſchlug. Wir wollen uns ins Geſellſchafts⸗ Zimmer begeben, um Deinen Vater nicht zu ſtoͤ⸗ L. Lucie erklaͤrte ſich bereit, nahm ihres Oheims Arm, gieng mit ihm in das Geſellſchafts-Zimmer, ſetzte ſich an das Klavier und ſang nach einer be⸗ geiſternden, obwohl etwas ungeſtuͤmmen Melodie, die von ihrem Oheim verlangte Familienballade. Es muͤßte ergoͤtzlich geweſen ſeyn, in dem ſtrengen Geſicht des eingefrorenen, geſetzten Man⸗ nes, der ſo friedlich unter Pergamenten hinlebte, einen gewiſſen Enthuſiasmus zu beobachten, der hin und wieder, wenn die Verſe der Ballade bei einer Anſpielung auf das ritterliche Haus Bran⸗ don und ſeinen alten Ruhm verweilten, uͤber ſeine Wange leuchtete. Es war ein fruͤh eingeſogenes Vorurtheil, das gegen ſeinen Willen hervorbrach; ein Charakterblitz der dem harten ihn umſchieſſen⸗ den Geſtein entlockt wurde. Man haͤtte denken ſollen, daß die einfältigſte Art von Stolz,(denn der Geldſtolz, obgleich gemeiner, iſt nicht ſo ſinn⸗ los) der Familienſtolz die letzte Schwaͤche geweſen waͤre, welche damals der verhaͤrtete und ſchlaue Rechtsmann wenn auch nur ſich ſelbſt geſtanden haͤtte. „Lucie,“ ſagte Brandon, als das Lied zu En⸗ de war und ſein Auge mit einem gewiſſen Stolz auf dem Anblick ſeiner ſchoͤnen Nichte verweilte, —„mich verlangt Zeuge Deines erſten Auftretens in der Welt zu ſeyn. Dies Logis, meine Liebe, iſt nicht paſſend— aber verzeih mir! was ich ſa⸗ gen wollte, iſt nur dieß: Dein Vater und Du ſeyd auf meine Einladung hier und in meinem Hauſe muͤßt Ihr wohnen; Ihr ſeyd meine Gäſte und nicht ich der Eure. Ich habe deßwegen ſchon meinen Diener angewieſen, mir eine Wohnung zu ſchaffen und fuͤr die noͤthige Einrichtung zu ſorgen; und ich zweifle nicht, da er ein flinker Burſch iſt, daß binnen drei Tagen Alles bereit ſeyn wird; dann mußt Du der Magnet meines Hanſes ſeyn, Lucie, und in der Zwiſchenzeit mußt Du das mei⸗ nem Bruder auseinanderſetzen und machen daß er ſich dabei beruhigt, denn Du kennſt ja ſeine eifer⸗ ſuͤchtige Gaſtlichkeit.“ „Aber“ fieng Lucie an. „Aber mir keine Aber,“ ſagte Brandon raſch und mit dem heftigen Ton des Eigenſinns,„und nun, da ich mich von meiner Reiſe ſehr ermattet n⸗ r⸗ ſch nd et 49 fuͤhle, mußſt Du mir erlauben, mein eignes Zim⸗ mer zu ſuchen.“ „Ich will Sie ſelbſt dahin begleiten,“ ſagte Lucie, begierig dem Bruder ihres Vaters die Sorg⸗ falt und Umſicht zu zeigen, welche ſie in den An⸗ ordnungen zu ſeiner Bequemlichkeit verſchwendet. Brandon folgte ihr in ein Zimmer, worin ſein Auge auf Einen Blick die Spuren der hier thaͤtig geweſenen weiblichen Anordnung erkannte, die das, was die Maͤnner als unbedeutend uͤberſehen, ſo gut zu benuͤtzen weiß; und er dankte ihr mit auſ⸗ ſergewoͤhnlicher Freundlichkeit fuͤr die Güte womit ſie ihre Einrichtungen erſonnen und die Anmuth mit der ſie dieſelben ausgefuͤhrt hatte. Sobald er ſich allein ſah, rollte er ſeinen Lehnſtuhl dem großen, helllodernden Feuer näher und das Ge⸗ ſicht auf die Hand geſtuͤtzt, in der Stelluug eines Mannes, der ſich gleichſam anſchickt dem Spiel ſeiner Gedanken ſich hinzugeben, murmelte er vor ſich hin: „Ja, dieſe Weiber ſind erſtlich, wozu die Na⸗ tur ſie macht, und das iſt gut, und dann das wozu wir ſie machen, und das iſt ſchlimm! Koͤnnte ich mich jetzt davon uͤberzeugen, daß wir ſo bedenk⸗ lich ſeyn ſollten in der Art wie wir dieſe armen Puppen behandeln und gebrauchen: ſo wuͤrde ich zuruͤckbeben vor dem Gedanken, das Geſchick, das ich dieſem Maͤdchen beſtimmt habe, zu beſchleuni⸗ gen. Aber das iſt eine jaͤmmerliche Betrachtung, Bulwer's Romane. XXVI. 4 50 und der iſt ein einfältiger Spieler, der ſein Geld verliert, um ſeine Rechenpfennige zu ſparen. Und ſo muß denn die junge Dame als eine neue Staf⸗ fel auf der Gluͤcksleiter William Brandon's die⸗ nen Und Alles wohlerwogen: Wer leidet darun⸗ ter? Sie nicht! Sie bekommt Reichthum, Rang, Ehre; ich werde leiden bei dem Bewußtſeyn, ei⸗ nen ſo koſtlichen und reinen Edelſtein hinzugeben an die Krone von— Koth! Wie verachte ich die⸗ ſen Hund! und wie muͤßte ich ihn erſt haſſen, zerreiſſen, zermalmen, koͤnnte ich denken, daß Er mich verachtet! Waͤr' es moͤglich daß er das thäte? Ha, wenn! Aber nein! ich hab' es bei mir aus⸗ gemacht; es iſt unmoͤglich. Nun, hoffen wir, die⸗ ſe Heiraths ſache werde ins Reine kommen; und jetzt will ich mich bedenken, welche weitere Schrit⸗ te ich fuͤr mich ſelbſt thun ſoll— mich ſelbſt! ja, nur für mich ſelbſt! Mit mir ſtirbt der letzte mannliche Sproßling der Familie Brandon. Aber das Licht ſoll nicht unter dem Scheffel erloͤſchen!“ Nach dieſem Selbſtgeſpräch verſank der Re⸗ dende in eine noch tiefere, ſtumme Traͤumerei, aus welcher er durch den Eintritt ſeines Dieners aufgeſtort wurde. Brandon, der nur in der Ein⸗ ſamkeit ein Träumer war, brach auf Einmal ſeine Gedanken ab⸗ „Du haſt meine Befehle vollzogen, Barlow 2 fragte er. „Ja, Sir!“ antwortete der Diener,„ich ha⸗ —*— — NM — 51 be das beſte noch unbeſetzte Haus gemiethet und wenn Mrs. Roberts(Brandons Haushaͤlterin) von London ankommt, wird, ſo hoffe ich, Alles ge⸗ nau nach Ihren Wuͤnſchen ſeyn.“ „Gut; und du haſt mein Billet an Lord Mauleverer abgegeben?“ „Eigenhaͤndig, Sir! Seine Lordſchaft wird Sie morgen den ganzen Tag zu Hauſe erwarten.“ „Ganz recht; und nun Barlow, ſorge daß dein Zimmer ſo iſt daß dich mein Ruf erreichen kann—(Glocken waren, obwohl nicht unbekannt, doch damals noch nicht uͤblich,) und gieb vor, ich ſey zu Bette gegangen und wolle nicht geſtoͤrt werden. Welche Zeit iſt es?“ „Gerade auf den Punkt zehn Uhr, Sir!“ „Stelle auf dieſen Tiſch meinen Briefkaſten und das Tintengefaͤß. um halb zwei ſieh bei mir nach, um mich auszukleiden; um dieſe Zeit werde ich zu Bette gehen. Und— halt— ſorge ja ge⸗ wiß dafuͤr, daß mein Bruder glaubt, ich ſey fuͤr dieſe Nacht zur Ruhe! Er kennt meine Lebens⸗ weiſe nicht und koͤnnte ſich beunruhigen, wenn er denkt, ich ſey in meinem dermaligen Geſundheits⸗ zuſtand ſo lange auf.“ Der Diener ruͤckte den Tiſch mit dem Schreib⸗ bedarf ſeinem Herrn naͤher und uͤberließ ſich wie⸗ der ſeinen Gedanken oder ſeinen Beſchaͤftigungen. Vierzehntes Kapitel. Diener. Geht mir doch weg mit der lumpigen Glocke! Punſch. Eine Glocke nennt Ihr dieß?(Er ſchlagt ſie an.) Es iſt eine Orgel. Diener. Ich ſag' es iſt eine Glocke— eine lum⸗ pige Glocke. Punſch. Ich ſage es iſt eine Orgel.(Schlägt ihn damit.) Was ſagt Ihr jetzt daß es iſt? Diener. Eine Orgel, Herr Punſch. Tragiſche Comdoͤdie von Punſch und Judy⸗ Am naͤchſten Morgen hatte Brandon, eiu gro⸗ ßer Fruͤhaufſteher, noch ehe Lucie und ihr Vater ihre Zimmer verlaſſen hatten, ſchon den uͤppigen Mauleverer aus ſeinem erſten Schlummer aufge⸗ ſtoͤrt. Obgleich der Hofmann ein Landhaus einige Meilen von Bath beſaß, zog er doch eine Woh⸗ nung in der Stadt vor, theils weil ſie waͤrmer war, als ein ſelten bewohntes Gebaͤude auf dem Lande, theils weil ſie fuͤr einen traͤgen Mann be⸗ quemer gelegen war fuͤr die Luſtbarkeiten und die Waſſer der heilkraͤftigen Stadt. Sobald der Graf ſich die Augen gerieben, ſich gedehnt und zu der unzeitigen Beſprechung ange⸗ ſchickt hatte, brachte Brandon ſeine Entſchuldigun⸗ gen wegen der Stunde, die er fuͤr ſeinen Beſuch gewaͤhlt hatte, vor. W en vV5 53 „Erwaͤhnen Sie deſſen nicht, mein lieber Brandon,“ ſagte der'gutmuͤthige Edelmann mit einem Seufzer,„ich freue mich zu jeder Stunde, Sie zu ſehen und bin deſſen ganz gewiß, daß, was Sie mir mitzutheilen haben, in alle Wege der aufmerkſamen Beachtung werth ſeyn muß.“ „MNur wegen einer Staatsangelegenheit, ob⸗ wohl wichtigerer Art als gewoͤhnlich, wagte ich Sie zu ſtoͤren,“ antwortete Brandon, indem er ſich neben das Bett ſetzte.„Dieſen Morgen, vor ei⸗ ner Stunde, erhielt ich durch eine beſondere Sta⸗ fette einen Brief von London mit der Nachricht, daß zuverlaͤßig im Cabinet eine Veränderung vorgehen ſolle, ja ſogar mit Angabe der einzelnen Namen und Befoͤrderungen; ich geſtehe daß ich, da ſowohl mein Name als der Ihrige unter den Ernennungen vorkommt, begierig war, theils Ih⸗ re Kenntniß von der Sache, die ohne Zweifel ſehr genau iſt, theils Ihren Rath in Anſpruch zu nehmen.“ „In Wabrheit, Brandon,“ ſagte Mauleve⸗ rer m* einem halb muͤrriſchen Laͤcheln,„jede an⸗ dre Stunde des Tags waͤre gut genug geweſen fuͤr die Angelegenheiten der Natzon⸗ wie die Zeitungen das muͤhſelige Poſſenſpiel be⸗ nennen, das wir durchmachen; und ich hatte mir eingebildet, Sie wuͤrden meine Nachtruhe nur ei⸗ nem Gegenſtand von wirklicher Wichtigkeit zu lieb unterbrochen haben— etwa wegen der Entdeckung einer neuen Schoͤnheit oder der Erfindung ei⸗ ner neuen Schuͤſſel.“ „Weder das Eine noch das Andre konnten Sie von mir erwarten, mein theurer Lord,“ ver⸗ ſetzte Brandon,„Sie kennen die trocknen Armſe⸗ ligkeiten, uͤber welchen ſich das Leben eines Advo⸗ katen verzehrt, und Schoͤnheiten und neuerfundne Schuͤſſeln haben fuͤr uns keine Anziehungskraft, es waͤre denn daß jene verlaßne Damen waͤren, und bei letztern Eingriffe in Patente ſtattfaͤnden. Aber bei Alle dem ſind meine Neuigkeiten wohl des Anhoͤrens werth, wenn Sie anders nicht ſie ſchon vorher wiſſen.“ „Ich? nein! aber ich denke, ich werde im Lauf des Tags davon hoͤren. Verhuͤte der Him⸗ mel, daß man mich nicht holen laſſe, um irgend einer läſtigen Berathung anzuwohnen. Fangen Sie an!“ „Fuͤrs erſte: Lord Duberly iſt entſchloſſen ab⸗ zutreten, wenn nicht die Friedens-Unterhandlung zur Cabinetsfrage gemacht wird.“ „Pah! laßt Den abdanken! Ich habe mich dem Frieden ſo lang widerſetzt, daß davon nicht mehr die Rede ſeyn kann. Natuͤrlich wird Lord Wanſtrad nicht daran denken— und er kann auf meine Flecken rechnen. Frieden! welcher ſchmaͤh⸗ liche, nichtswuͤrdige, feigherzige Vorſchlag!“ „Aber, mein lieber Lord, mein Brief ſagt, dieſe unerwartete Feſtigkeit von Seiten Lord Du⸗ 55 berly's habe ſo tiefen Eindruck gemacht, daß der Koͤnig, im Gefuͤhl der Unmoͤglichkeit ohne ihn ein Cabinet, das Beſtand haͤtte, zu bilden, in die Un⸗ terhandlung gewilligt hat und Duberly bleibt!“ „Der Teufel! Was weiter?“ „Raffden und Sternhold machen fuͤr Baldwin und Charlton Platz, und in der Hoffnung, daß Sie Ihnen Beiſtand leihen werden——“ „Ich!“ ſagte Lord Mauleverer ſehr erbittert. „Ich meinen Beſtand leihen dem Baldwin dem Jakobiten und Charlton, dem Sohn eines Bier⸗ brauers?“ „Sehr wahr!“ fuhr Brandon fort,„aber in der Hoffnung, Sie wuͤrden ſich uͤberreden laſſen, die neuen Einrichtungen mit nachſichtigem Auge zu betrachten, ſind Sie an die Stelle des Herzogs von—— bezeichuet fuͤr den vakanten Hoſenband⸗ Orden und das Amt des Oberkammerherrn.“ „Es iſt nicht Ihr Ernſt!“ rief Mauleverer, und ſprang aus ſeinem Bett auf. „Einige wenige andre Befoͤrderungen,(aber wie ich hoͤre vornemlich nur bei der Juſtiz) ſollen noch vorgenommen werden. Unter andern ſoll mein gelehrter Amtsbruder, der Demokrat Sarsden, den ſeidnen Rock bekommen; Cromwell ſoll Kron⸗ Anwalt werden und— unter uns— mir hat man eine Richterſtelle angeboten.“ „Aber das Hoſenband!“ ſagte Mauleverer, die uͤbrigen Neuigkeiten des Advokaten beinah 56 uͤberhoͤrend,„der Hauptzweck, Streben und Ehr⸗ geitz meines Lebens. Wie guͤtig von dem Koͤnig! Alles wohlbedacht“ fuhr der Graf lachend und ſich ruͤcklings aufs Vett werfend fort,„die Anſichten ſind wandelbar— die Wahrheit hat mehr als Ei⸗ ne Geſtalt— die Zeiten aͤndern ſich, nicht wir— und wir muͤſſen den Frieden ſtatt des Kriegs uns gefallen laſſen.“ „Ihre Grundſaͤtze ſind unbeſtreitbar und der Schluß auf den ſie fuͤhren, iſt vortrefflich,“ ſagte Brandon. „Ey nun, Sie und ich, mein guter Freund,“ ſagte der Graf,„die wir die Menſchen kennen und unſre ganze Lebenszeit in der Welt verlebt haben, muͤſſen hinter der Scene uͤber das Geſin⸗ del lachen, das wir in Goldſtoff huͤllen und hervor⸗ ſchicken um uͤber die Buͤhne zu ſtolziren. Wir wiſſen wohl, daß unſer Coriolanus, das Muſter von Unbeſcholtenheit der Tory's, ein Corporal iſt, den ein Freudenmaͤdchen eingezogen hat, und der liberale Brutus der Whigs ein Kammerdiener, der wegen Loͤffeldiebſtaͤhle aus dem Dienſt gejagt worden— aber das brauchen wir der Welt nicht zu ſagen. So muͤſſen Sie, Brandon, mir eine Rede fuͤr die naͤchſte Sitzung ausarbeiten— und daß ja gewiß eine Fuͤlle von allgemeinen Grundſaͤ⸗ tzen darin vorkommt und ſie mit den Worten ſchließt: mein blutendes PVaterland!“ Der Advokat laͤchelte.„So willigen Sie alſo — S u— — —— 57 in die Ausſtoßung von Sternhold und Raffden? denn das iſt eigentlich die Frage. Unſer britti⸗ ſches Schiff, wie die verdammten Metafern-Schmi⸗ de den Staat nennen, fuͤhrt das Staatsgut wohl⸗ verwahrt wie Branntwein im Kielraum, und nur wenn Furcht, Sturm oder der Teufel die Schelme ſelbſt hintereinander hetzt und die Faͤſſer aufbricht, bekommt man einmal einen tuͤchtigen Humpen voll. Wir wuͤrden ewig unsmit der uͤbrigen Welt haben herumſchlagen muͤſſen, wenn die Miniſter ſich nicht ſelbſt in die Haare gekommen waͤren.“ „Was Sternhold betrifft,“ ſagte der Graf, „das iſt ein gemeiner Hund und hat zudem fuͤr Finanzreformen geſtimmt. Ich kenn' ihn nicht— er mag zum Teufel gehen, mich ficht es nicht von ferne an; aber mit Raffden muß glimpflich ver⸗ fahren werden, oder, dem Hoſenband zum Trotz, fall' ich ab und gehe zu den Whigs uͤber, die doch immerhin ertraͤgliche Diner's geben.“ „Aber warum, mein Lord! ſoll Raffden beſſer behandelt werden als ſein mitaustretender Amts⸗ genoſſe?“ „Weil er mir, auf die artigſte Weiſe, die man ſich denken kann, ein Fuder von dem koͤſtlichen Ma⸗ dera geſchickt hat, den ich, wie Sie wiſſen, als die Perle meiner Keller betrachte, und einen Antrag zu einer Canal⸗-Schiffarth aufgab, wodurch ſeine ganze Grafſchaft bereichert worden waͤre, weil er erfahren hatte, daß meine Beſitzungen dadurch 58 beeintraͤchtigt wuͤrden. Nein, Brandon, zum Ku⸗ ckuck mit dem Gewaͤſche von Staatswohl, wir wiſ— ſen, was das iſt. Aber wir ſind Gentlemen, und unſre Freunde im Privatleben duͤrfen nicht ſo zum Teufel geworfen werden, oder es muß wenig⸗ ſtens auf die moͤglichſt hoͤfliche Weiſe geſchehen.“ „Fuͤrchten Sie nichts,“ ſagte der Anwalt, „Sie duͤrfen nur ein Wort ſprechen, ſo waͤrmt das Cabinet eine Geſandſchaft in Owhyen wieder auf, und ſchickt Raffden dahin mit einer Beſol⸗ dung von fuͤnf tauſend Pfund jaͤhrlich.“ „Ha! das iſt ein guter Gedanke! oder man koͤnnte ihm auch ein Gnadengeſchenk machen mit ein hunderttauſend Hufen in einer der Colonieen, oder Kronlaͤndereien um achtzig Procent unter dem Preiſe ihm zu kaufen geben. So waͤre das im Reinen.“ „Und nun, mein theurer Freund,“ ſagte Brandon,„will ich Ihnen frei heraus ſagen, wa⸗ rum ich ſo fruͤh komme; man hat von mir eine ſchleunige Antwort wegen des mir gethanen An— trags einer Richterſtelle verlangt. Ihre Meinung?“ „Eine Richterſtelle! Sie ein Richter? Was! Ihre glaͤnzende Laufbahn aufgeben einer ſo gerin⸗ gen Wuͤrde zu lieb! Sie ſcherzen!“ „Durchaus nicht! Hoͤren Sie mich an. Sie wiſſen, wie lebhaft ich mich dieſem Frieden ent⸗ gegengeſetzt und welche erbitterte Feinde ich unter den neuen Freunden der Verwaltung habe; einer — u S S NM — —— M —* 59 Seits dringen dieſe Feinde darauf, mich aufzu⸗ opfern; und andrerſeits, wenn ich im Unterhauſe bliebe und fuͤr das ſpraͤche, was ich fruͤher be⸗ kaͤmpfte, ſo wuͤrde ich die Unterſtuͤtzung eines gro⸗ ßen Theils meiner eignen Parthey verwirken; von der einen Haͤlfte gehaßt und von der andern beargwohnt habe ich kein Intereſſe mehr, einen Sitz im Unterhaus einzunehmen. Man hat vorge— ſchlagen, ich ſolle das Amt eines Richters uͤber⸗ nehmen, mit dem ausdruͤcklichen und verbuͤrgten, obwohl noch geheimen Verſprechen ſeiner Majeſtaͤt und des erſten Miniſters, mir die erſte erledigte Stelle unter den Oberrichtern zu geben. Die Stelle eines Oberrichters, oder Oberbaron iſt in der That die einzige paſſende Entſchaͤdigung da⸗ fuͤr, daß ich den Gewinn meines Berufs aufgebe und meine parlamentariſche und gerichtliche Lauf⸗ bahn verlaſſe; der Litel kann(wenigſtens durch Geltendmachung des Einfluſſes) auf den aͤlteſten Sohn meiner Nichte uͤbergehen, im Fall daß ſie einen Gemeinen heirathet: oder“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu,„auf ihren zweiten Sohn, wenn ſie ſich mit einem Peer vermaͤhlen ſollte.“ „Ha! das iſt wahr!“ ſagte Mauleverer raſch und wie von einem ploͤtzlichen Gedanken ergriffen, „und Ihre reitzende Nichte, Brandon, iſt gewiß fuͤr ſich ſelbſt oder ihre Kinder jeder Ehre werth. Sie wiſſen nicht, wie ſehr ſie mich eingenommen hat; es iſt etwas ſo Anmuthiges in ihrer Natuͤr⸗ ——— ——— 60 lichkeit, und in ihrer Art, die kleinen Unebenhei⸗ ten von Warlock⸗Haus auszugleichen, lag eine ſo unbefangne und edle Wuͤrde, daß ich erklaͤre, ich fuͤhlte mich beinah wieder jung und der Selbſttaͤu⸗ ſchung faͤhig, mich fuͤr verliebt zu halten. Aber, o Brandon! ſtellen Sie ſich mich vor an Ihres Bruders Tiſch! mich, fuͤr den Ortolane eine noch zu materielle Speiſe ſind, und der ich beim Auf— treten die leichteſte Erhoͤhung auf den Teppichen von Tournay empfinde! Denken Sie ſich, mein lieber Brandon, mich in einem ſchwarzen, getaͤfel— ten Zimmer, worin auf allen Seiten die Bilder Ihrer Ahnen in braunen Peruͤcken und Blumen⸗ ſtraͤußen in den Knopfloͤchern, haͤngen— ein un⸗ geheures Feuer auf der einen und ein Luftzug auf der andern Seite— eine unermeßliche Maſſe Rindfleiſch vor mir rauchend wie der Veſuv und zweimal ſo groß— ein Tellervoll(der Leller war von Zinn; oder giebt es nicht ein Metall das ſo heißt) von dieſem Gemenge aus Flammen und Lava mir unter die Naſe hingeruͤckt und ich, bei Strafe, ungezogen zu erſcheinen, dazu verdammt, es mit eignem Munde zu verſchlingen; ein alter Kammerdiener in Barchent⸗Hoſen und gewobenen Struͤmpfen, der den Mundſchenk vorſtellt und mir eine Kanne Ale einſchenkt— und Ihr wuͤrdiger Bruder fragt mich, ob ich nicht Porter vorziehe — ein ſchmutziger Lakei in einer Liveree(das ei⸗ ne Liveree, ihr Goͤtter!) von Scharlach, Blan, — „— c.——,——„—— i⸗ ar 61 Gelb und Gruͤn, wie ein uͤbelgerathener Regenbo⸗ gen, ſteht auf der andern Seite des Tiſches und ſtiert den Herrn an, Augen und Maul gleich weit aufgeriſſen und groß genug um mich zu verſchlin⸗ gen; und Ihr trefflicher Bruder ſelbſt oben an der Tafel— glaͤnzend durch den Dampf des Rind⸗ fleiſches, wie die aufgehende Sonne auf einem Wirthshausſchild— und dann Brandon, von die⸗ ſem Bilde weggewandt, ſehen Sie neben mir die anmuthige, zarte, ariſtokratiſche und doch einfache Liebenswuͤrdigkeit Ihrer Nichte und— aber Sie ſehen unwillig aus— ich habe Sie beleidigt!“ Es war hohe Zeit, daß Mauleverer dieſe Frage that; denn während der ganzen Schilderung des Grafen, hatte das dunkle Angeſicht ſeines Ge⸗ ſellſchafters im buchſtaͤblichen Sinne gebrannt vor Wuth; und wir koͤnnen hier bemerken, wie uͤber⸗ haupt die Selbſtſucht, die den Mann von Welt macht, denn doch ihren Eigner, vermoͤge eines ſeltſamen Widerſpruchs hindert, es darin zur hoͤch⸗ ſten Vollkommenheit zu bringen. Denn Mauleve⸗ rer, ganz beſchaͤftigt mit dem Verguuͤgen, das er uͤber ſeinen Witz empfand und nie mit jenem ma⸗ giſchen Vermoͤgen begabt, in die Gefuͤhle Andrer ſich zu verſetzen, was den unablaͤßigen lebhaften Beobachter macht, hatte keinen Augenblick daran gedacht, daß er den geheimen Stolz des Advoka⸗ ten aufs Empfindlichſte beleidige. Ja, ſo wenig vermuthete er von Brandon's wirklicher Schwaͤche, 62 daß er ihn fuͤr einen Filoſofen hielt, welcher eben⸗ ſo uͤber Leute wie uͤber Grundſaͤtze lache, wie na⸗ he ihn auch jene angehen und wie wichtig letztere ſeyn mochten. Mit einer einzigen Willensanſtren⸗ gung, welche ſeiner Wange wieder ihre gewoͤhnli⸗ che, ruhige Farbe gab, bemeiſterte Brandon die aͤuſſern Zeichen ſeines Unmuths und erwiederte: „Mich beleidigt! keineswegs, mein lieber Lord. Ich wundre mich nicht daruͤber, daß Ihr Zuſtand in einem alten Landedelmanns⸗Hauſe pein⸗ lich und unangenehm ſeyn mag, das ſeit Jahrhun⸗ derten nicht mehr der Schauplatz von auffallenden, der Gegenwart eines ſo ausgezeichneten Gaſtes werthen Begebniſſen iſt. Nie mehr, darf ich ſa⸗ gen, ſeit der Zeit, da Sir Charles de Brandon Eliſabeth in Warlock bewirthete; und Ihr Vorfahr, John Mauleverer,(Sie kennen ja meine alten, muffigen Forſchungen uͤber dieſe Punkte der dun⸗ keln Vorzeit,) ein bekannter Goldſchmied in Lon⸗ don, lieferte das Service bei jener Gelegenheit.“ „Gut heimgegeben!“ ſagte Mauleverer laͤ⸗ chelnd; denn der Graf hegte zwar große Verach⸗ tung gegen niedrige Herkunft bei Andern, aber in Beziehung auf ſeine Familie war er von allem Stolz frei.„Gut heimgegeben; aber ich wollte ja gar nichts als über Ihres Bruders Haushal⸗ tung meine Freude haben, ein Sraß, der wahr⸗ haftig einem Mann geſtattet ſeyn ſollte, deſſen ekle, uͤbertriebne WVeichlichkeit in dieſen Dingen 63 laͤngſt ein ſtehender Gegenſtand des Scherzes iſt. Aber, beim Himmel, Brandon, um dieſe Dinge jetzt zu verlaſſen, Ihre Nichte iſt das huͤbſcheſte Maͤdchen das ich ſeit zwanzig Jahren geſehen, und wenn ſie vergeſſen koͤnnte, daß ich der Abkoͤmmling von John Mauleverer, dem bekannten londoner Goldſchmid bin, ſo koͤnnte ſie Lady Mauleverer werden, ſobald es ihr gefaͤllt.“ „Nun ja, laſſen Sie uns jetzt ernſthaft reden und von der Richterſtelle ſprechen,“ ſagte Bran⸗ don, der ſich die Miene gab, als behandle er den Antrag wie einen Scherz. „Bei der Seele des Sir Charles de Bran⸗ don, es iſt mein Ernſt!“ rief der Graf,„und zum Beweiß hievon: ich hoffe Sie erlauben mir, Ihrer Nichte hente meine Achtung zu bezeugen, — noch nicht mit meinem Antrag in der Hand,— denn es muß eine Neigunas⸗Partie ſeyn von bei⸗ den Seiten,“ und in den Spiegel gegenuͤber ſchauend, der ſeine etwas abgelebten aber ein⸗ nehmenden Zuͤge unter einer ſammtnen, mit Spi⸗ tzen beſetzten Nachtmuͤtze, zuruͤckwarf, lachte er halb triumfirend zu dieſen Worten. Ein höhniſches Laͤcheln flog uͤber Brandons Lippen und verſchwand gugenblicklich wieder; indeß fuhr Mauleverer fort: „Und was die Richterſtelle betrifft, lieber Brandon— ſo rathe ich Ihnen, ſie anzunehmen, obgleich Sie ſelbſt das am beſten verſtehen muͤſ⸗ 64 ſen; und ich denke Niemand hat eine ſchoͤnere Ausſicht auf die Hberrichterſtelle, oder gar— wenn es auch einigermaßen ungewoͤhnlich iſt bei Advokaten aus den Gemeinen— auf den Woll⸗ ſack ſelbſt? Wie Sie ſagen, der zweite Sohn Ih⸗ rer Nichte kann dann die Peerswuͤrde erben.“ „Gut, ich will mich beifaͤllig daruͤber erklaͤren,“ ſagte Brandon und bald darauf ließ er den Edelmann allein, damit er wieder zu ſeiner unter⸗ brochenen Ruhe komme. „Ich kann uͤber den Mann nicht lachen,“ ſag⸗ te Mauleverer bei ſich ſelbſt, wie er ſich im Bette umkehrte,„obgleich er ſo Vieles an ſich hat, wo⸗ ruͤber ich bei einem Andern lachen wuͤrde; und wahrlich es iſt da eine Kleinigkeit um deren wil⸗ len ich ihn verachten koͤnnte, wenn ich kein Filoſof waͤre. Seine Nichte iſt ein bildhuͤbſches Maͤdchen, und bei geeigneter Anleitung koͤnnte man mit ihr Ehre aufheben; zudem beſitzt ſie ſechszigtauſend Pfund baar Geld, und wahrhaftig! ich habe kei⸗ nen Schilling zu meinem Vergnuͤgen, obgleich ich fuͤnfzigtauſend Pfund jaͤhrlich zum Behuf meiner Einrichtung habe, oder, ach leider! hatte. Aller Wahrſcheinlichkeit nach erbt ſie auch den Advoka⸗ ten und der muß wenigſtens eben ſo viel ſich ge⸗ macht haben, als ſie Vermoͤgen hat; auch ſteckt er, der arme Teufel, in keiner beſonders guten Haut. Und wenn er ſich gar zur Peerswuͤrde em⸗ porſchwingt! und der zweite Sohn—— nun gut! ——+————+„— c— d l⸗ 65 es wird keine ſo ſchlimme Partie fuͤr den Abkoͤmm⸗ ling des Goldſchmids werden.“ Unter dieſen Gedanken entſchlummerte Lord Mauleverer wieder. Nachmittags ſtand er auf, kleidete ſich mit ungewohnlicher Sorgfalt und woll⸗ te eben der Miß Brandon ſeinen Beſuch machen, als er ſich plotzlich beſann, daß der Oheim ihm weder ihre noch auch ſeine Wohnung genannt habe. Er wollte ſich aus dem Brief des Advoka⸗ ten vom vorigen Abend Raths erholen— aber keine Adreſſe war angegeben und ſo ſah ſich Maule⸗ verer zu ſeinem großen Verdruß genoͤthigt, fuͤr dieſen Tag dem Vergnuͤgen zu entſagen, das er ſich verſprochen hatte. Der ſchlaue Advokat, der, wie ſchon geſagt wurde, Prunk und äuſſern Pomp ſo ſehr als irgend Einer verachtete, war trotz dem gegen ihre Wir⸗ kung, ſelbſt bei einem Liebhaber, nicht blind; und zudem war Lord Mauleverer ein Mann, deſſen Lebensweiſe auch einen Menſchen von wenig Be⸗ obachtungsgeiſt veranlaſſen mußte, dem Punkt ei⸗ nes glänzenden Haushalts eine gewiſſe Aufmerk⸗ ſamkeit zu widmen. Deßwegen ſtand es bei Bran⸗ don feſt, daß Lucie von ihrem Bewunderer nicht eher beſucht werden ſollte, als bis der Umzug in ihre neue Wohnung bewerkſtelligt waͤre; auch em⸗ pfieng erſt am dritten Tag nach der erzaͤhlten Unterredung zwiſchen Mauleverer und Brandon der Graf von dem Advokaten einen Brief, der Bulwer's Romane. XXVI. 5 66 dem Anſchein nach nur politiſche Gegenſtaͤnde be⸗ traf, der aber Angabe der Straße und des Hau⸗ ſes in beſter Form enthielt. Mauleverer antwortete in Perſon. Er fand Lucie zu Hauſe und ſchoͤner als je; und von die⸗ ſem Tage an war ſein Herz, wie die Muͤtter ſa⸗ gen, gefangen und ſeine Beſuche kehrten regelmaͤ⸗ ßig wieder. Fuͤnfzehntes Kapitel. Das Gluͤck eines Erbadels— derehrenvolle Beruf eines Anwalts. Gemeinplätze. Da iſt ein Feſt, bei welchem Ritter, Damen Und wem Geſchlecht und Reichthum einen Namen Verlieh, erſcheint. ** ½ 2*— Er iſt's! wie kam er her? was macht er da? Lara. Es giebt zwei gar anmuthige Lagen im weib⸗ lichen Leben; die eine: die erſte Bluͤthe und Fri⸗ ſche der Schoͤnheit verbunden mit einem großen Erbe, die zweite: jugendlicher Wittwenſtand mit einem anſehnlichen Witthum. Luciens guter Stern ließ ſie wenigſtens das erſtgenannte Gluͤck genie⸗ ßen. Sobald ſie nur erſt recht in das Gewuͤhl N en nit rn ie⸗ hl der froͤhlichen Welt eingefuͤhrt war, wurde ſie der Gegenſtand allgemeiner Huldigung. Ein ge⸗ draͤngter Haufe umgab ſie überall wohin ſie gieng: man ſprach, traͤumte von Nichts, trank und wet⸗ tete auf Nichts als Lucie Vrandon. Selbſt ihre Natuͤrlichkeit und gaͤnzliche Unbekanntſchaft mit den Kuͤnſten des feinen Lebens erhoben noch den Glanz ihres Rufs. Wie es nun auch zu erklaͤren ſeyn mag— junge Leute vom zarten Geſchlecht ſind ſelten unmanierlich, ſelbſt in ihren Sonder⸗ barkeiten, und die Unerfahrenheit hat oft eine ganz eigene Anmuth. Ihr Oheim, ihr beſtaͤndi⸗ ger Begleiter, der ſelbſt keine geringe Anziehungs⸗ kraft beſaß beobachtete ihre Erfolge mit einer triumfirenden Zufriedenheit, die er jedoch vor Nie⸗ mand als ſeinem Bruder und vor Lucie ſelbſt ſich anmerken ließ. Mit der gelaſſenen Kaͤlte ſeines Weſens wuͤrde alles eher vereinbar geſchienen ha⸗ ben, als Stolz auf die Beruͤhmtheit, die durch eine weibliche Schoͤnheit gewonnen ward, oder Freude uͤber irgend eine Gunſtbezeugung, die in der Lau⸗ ne des Tons und der Mode ihre Quelle hatte. Was den guten alten Squire betrifft, ſo haͤtte man weit eher ihn als ſeinen Bruder fuͤr den preßhaften Curgaſt nehmen koͤnnen. Er wurde kaum irgendwo geſehen: denn obgleich er uͤber⸗ all hin gieng, gehoͤrte er einmal zu den Leuten, die, wenn ſie in ein Zimmer treten, ſich augen⸗ blicklich in einer Ecke nſ Wer ihn nun * ———— ——— 68 in ſeinem Winkel ausfindig machte, hob die Haͤn⸗ de empor und rief:„Guter Gott! Sie hier! Wir haben Sie ſeit einem Menſchenalter nicht geſehen!“ Dann und wann, wenn in einer dun⸗ keln Zimmervertiefung ein Spieltiſch aufgeſtellt war, arbeitete ſich der wuͤrdige Gentleman mit einer unanſehnlichen Partie Whist ab; haͤufiger jedoch ſaß er mit ineinandergelegten Haͤnden und offnem Munde da, berechnete die Zahl der Kerzen im Saal oder dachte ſich aus:„Wann doch die verdammte Muſik zu Ende ſeyn wuͤrde.“ Lord Mauleverer, ein ſo feiner und hoͤflicher Mann er war und ſo ſehr ſein Hauptzweck der ſeyn mußte, ſich bei dem Vater ſeiner gewuͤnſch⸗ ten Braut in Gunſt zu ſetzen, hatte doch einen Abſcheu gegen die Langeweile, der alle andern Gefuͤhle ſeiner Seele uͤberwog. Er konnte es al⸗ ſo nicht uͤber ſich gewinnen, ſich der truͤbſeligen Pflicht zu unterziehen, einen Zuhoͤrer von des Squires verſchlungnen, lang ausgezognen Reden abzugeben Er ſchluͤpfte immer an dem Sitze des guten Mannes, anſcheinend in ausnehmender Eile, vorbei mit einem:„Ah, mein lieber Sir, wie geht es Ihnen? Wie freut es mich, Sie zu ſe⸗ hen! und Ihre unvergleichliche Tochter? O, da iſt ſie! Entſchuldigen Sie mich, werther Sir— Sie ſehen welcher Magnet mich zieht! au plaisir!““ Lucie zwar, die Niemand,(als gelegentlich ſich ſelbſt) vergaß, ſuchte ihren Vater, ſo oft es * r ht lt it in 69 ihr moͤglich war, in ſeiner Zuruͤckgezogenheit auf aber man bewarb ſich ſo unablaͤßig um ſie, daß ſobald ſie einen Taͤnzer verloren hatte, ſie ſogleich von einem zweiten angegangen und aufgezogen wurde. Der Squire ertrug jedoch ſeine Verlaſſen⸗ heit mit ertraͤglicher Harmloſigkeit, und erklaͤrte immer:„er unterhalte ſich ganz gut; obgleich Baͤlle und Concerte nothwendigerweiſe einigerma⸗ ßen langweilig fuͤr einen Mann ſeyn muͤſſen, der von einem huͤbſchen, alten Orte wie das Herren⸗ haus von Warlock, herkomme und natuͤrlich haben die jungen Damen nicht an denſelben Dingen Geſchmack,(denn fuͤr ſie moͤge das Geigen und Kichern bis zwei Uhr Morgens ein ganz gutes Mittel ſeyn, die Zeit umzubringen) wie ihre Vaͤter.“ Was Luciens Namen noch um ein Bettaͤchtli⸗ ches gefeyerter machte, war die ſichtbare Aufmerk⸗ ſamkeit und Bewunderung eines in Rang und Ton ſo hoch ſtehenden Mannes wie Lord Maule⸗ verer. Dieſer Mann, der noch viel Jugendliches in ſeinem Geiſt und ſeiner Laune hatte, und ſei⸗ nem Weſen nach eher gleichguͤltig als vornehm war, beobachtete in ſeinem Verkehr mit der ſchwaͤr— menden Geſellſchaft in Bath wenige oder gar kei⸗ ne Standes⸗Ruͤckſichten. Es war ihm gleichguͤltig, wohin er gieng, wenn er nur im Gefolge der jun⸗ gen Schoͤnheit war; und der ekelſte Edelmann am engliſchen Hofe war an dem Badeort in Cirkeln — — ——— ——— 70 zweiten und dritten Rangs zu ſehen, als Beglei⸗ ter, als ſchmachtender Ritter und oft als Gegen⸗ ſtand des Spottes der Tochter eines unbekannten und beinah bedeutungsloſen Landedelmanns. Trotz der Ehre eines ſo ausgezeichneten Liebhabers und trotz all der Neuheit ihrer Lage, war doch der ge⸗ ſunde Kopf Luciens bis jetzt nicht im Mindeſten verruͤckt worden; und was ihr Herz anlangt— ſo ruͤhr⸗ te der einzige Eindruck den es je in ſich aufge⸗ nommen, von jenem wandernden Gaſt beim Dorf— Geiſtlichen her, den ſie ſeitdem nicht wieder geſe⸗ hen hatte, aber der noch ihrer Einbildungskraft vorſchwebte, nicht allein mit den Reitzen ausgeſtat⸗ tet, die er als ein ausgezeichnet ſchoͤner Mann wirklich beſaß, ſondern auch mit ſolchen, auf die er nie ein Recht konnte geltend machen, die aber fuͤr ihre Gemuͤthsruhe nur um ſo gefaͤhrlicher wa⸗ ren, als ſie nur in der Fantaſie des Maͤdchens und nicht in ſeinen Verdienſten gegruͤndet waren. Sie hatten jetzt einige Zeit in Bath zuge⸗ bracht und Brandous kurze Erholungsfriſt war beinah abgelaufen, als ein oͤffentlicher Vall von ungewoͤhnlicher und mannigfaltiger Pracht angekuͤn⸗ digt wurde. Er ſollte nicht nur durch die Anwe⸗ ſenheit aller Familien in der umgegend, ſondern auch durch Perſonen aus der koͤniglichen Familie verherrlicht werden; und es iſt ja eine anerkannte Thatſache, daß die Leute weit beſſer tanzen und 22 ſich ihr Eſſen weit beſſer ſchmecken laſſen, wenn ein Verwandter des Koͤnigs zugegen iſt. „Ueber dieſen Ball muß ich noch bleiben, Lu⸗ cie,“ ſagte Brandon, der, nachdem er den Tag mit Lord Mauleverer zugebracht, in ungewoͤhnlich froͤhlicher Stimmung nach Hauſe kam.„Ich muß noch uͤber dieſen Einen Ball bleiben und Zeuge von Deinem vollſtaͤndigen Triumph ſeyn, obgleich es dringend nothwendig iſt, daß ich Euch dann gleich am folgenden Morgen verlaſſe.“ „So bald!“ rief Lucie aus. „So bald!“ wiederholte der Oheim mit ei⸗ nem Laͤcheln,„wie gut biſt Du, ſo mit einem al⸗ ten ſiechen Mann zu ſprechen, deſſen Geſellſchaft Dich zum Sterben muß gelangweilt haben; nein! keine artige Betheurungen des Gegentheils! Aber der Hauptzweck meines Beſuchs an dieſem Ort iſt erreicht; ich habe Dich geſehen, ich war Zeuge Deines Auftritts in der großen Welt mit, ich darf es wohl ſagen, mehr als vaterlichem Jubel, und ich kehre zu meinen trocknen Geſchaͤften mit dem befriedigenden Gedanken zuruͤck, unſer alter und verwelkter Stammbaum habe wieder eine Bluͤthe getrieben, die ſeiner friſcheſten Tage nicht unwerth iſt.“ „Oheim!“ ſagte Lucie im Tone des Vorwurfs und erhob den Zeigefinger mit einem ſchalkhaften Laͤcheln, wozu ſich ein Errothen geſellte, in dem — —— die weibliche Eitelkeit, ihr ſelbſt unbewußt, ſich ausſprach. „Und was ſoll dieß heißen, Lucie?“ fragte Brandon. „Weil— weil— dch, nichts mehr davon! Sie ſind fuͤr den Beruf erzogen worden, in dem, wie ſie ſelbſt ſagen, die Leute Unwahrheit reden fuͤr Andre, bis ſie fuͤr ſich ſelbſt alle Wahrheit ver⸗ lieren. Aber laſſen Sie uns von Ihnen ſprechen, nicht von mir; iſt Ihnen wirklich ſo wohl, daß Sie uns verlaſſen duͤrfen?“ So einfach und ſogar kalt die Worte in Lu ciens Frage auf dem Papier erſcheinen moͤgen: in ihrem Munde nahmen ſie einen ſo zaͤrtlichen, freundlich beſorgten Ton an, daß Brandon, der keinen Freund, kein Weib, keine Kinder, kurz Nie⸗ mand in ſeinem Hauſe hatte, bei dem Theilnahme fuͤr ſeine Geſundheit und ſein Wohlſeyn etwas Natuͤrliches geweſen waͤre, und der daher an die Sprache der Zaͤrtlichkeit durchaus nicht gewoͤhnt war, ſich ploͤtzlich geruͤhrt und ergriffen fuͤhlte. „Nun wahrlich, Lucie,“ ſagte er mit minder erkuͤnſteltem Ton als worin er gewoͤhnlich ſprach, „ich wuͤrde gerne noch Deiner Sorgfalt genießen und in Deiner Geſellſchaft meine Schwaͤchen und Leiden vergeſſen, aber ich kann nicht; die Fluth der Ereigniſſe, wie die der Natur, richtet ſich nicht nach unſrem Vergnuͤgen.“ „Aber wir koͤnnen doch ſelbſt unſre Zeit uns ie nt er h, en en ie et erſehen, um unter Segel zu gehen,“ ſagte Lucie. „Ja, das kommt dabei heraus, wenn man in Bildern ſpricht,“ ſagte Brandon hierauf laͤchelnd, „wer damit anfaͤngt, kommt immer am ſchlechte⸗ ſten weg. Mit klaren Worten, liebe Lucie, ich kann nicht mehr Zeit auf meine Unpaͤßlichkeit ver⸗ wenden. Ein Advokat kann waͤhrend der Gerichts⸗ ſizung nicht den Muͤſſiggaͤnger ſpielen ohne——“ „Ein paar Guineen zu verlieren,“ unterbrach ihn Lucie. „Mehr als das— ſeine Praxis und ſeinen Namen!“ „Lieber noch dieß als die Geſundheit und Ge⸗ muͤthsruhe.“ „Ha! nicht doch— Nein!“ ſagte Brandon raſch und beinah zornig.„Wir laſſen es uns die Friſche und das Mark unſers Lebens koſten, um eine recht glaͤnzende Knechtſchaft zu gewinnen, und wenn ſie errungen iſt, duͤrfen wir nicht mei⸗ nen, eine dunkle Unabhaͤngigkeit waͤre doch beſſer ge⸗ weſen. Wenn wirje dieſen Gedanken in uns aufkom⸗ men laſſen; welche Thoren, welche verſchwenderi⸗ ſche Thoren ſind wir dann geweſen! Nein,“ fuhr Brandon nach einer augenblicklichen Pauſe in milderem und heitrerem Ton fort, der jedoch fuͤr die eiſerne Hartnaͤckigkeit des Mannes nicht minder charakteriſtiſch war,„nachdem ich die Genuͤße der Jugend und die behagliche Muße des Mannesal⸗ ters hingegeben habe, damit der Geiſt, der alles 73 —— —— uͤberwaͤltigende Geiſt im Alter endlich ſich eine Vahn breche zum Lob und Beifall der Menſchen, waͤre ich wahrlich ein elender Weichling, wenn ich, ſo lange noch dieſe ſtreitenden Elemente meines Koͤrpers zuſammenhalten, oder ſo lang ich noch die Macht beſitze, uͤber dieſe Glieder zu gebieten, zugaͤbe, daß dieſer ſchwaͤchliche Koͤrper die Muͤhe und Arbeit der beſſern und edlern Hälfte meines Weſens vereitle und was zum Dienen und Gehor⸗ chen beſtimmt iſt, herrſche.“ Lucie wußte nicht, als ſie ihrem ſonderbaren Verwandten halb mit Furcht, halb mit Verwun⸗ derung zuhoͤrte, daß gerade waͤhrend er ſprach, ſein Uebel aufs fuͤrchterlichſte an ihm nagte, ohne ihm doch nur das geringſte auſſere Zeichen des Schmerzens auspreſſen zu koͤnnen. Aber es be⸗ durfte auch ihre Theilnahme und Zaͤrtlichkeit fuͤr dieſen Mann keines weitern Zuwachſes, der viel⸗ leicht eben in Folge davon, daß fuͤr gewoͤhnlich das Gepraͤge des Weltmanns und ein kaltes Gemuͤth ſich in ihm ausſprachen, immer einen unausloͤſch⸗ lichen Eindruck auf alle diejenigen machte, welche je unter dieſer Gemuͤthsruhe tiefere, obwohl viel⸗ leicht ſchlimmere Gefuͤhle, hatten hervorbrechen ſehen. „Wirſt Du zu dem Rout der Lady— — gehen?“ fragte Brandon, der mit Leichtigkeit auf gewoͤhnliche Gegenſtaͤnde uͤberzugehen wußte, „Lord Mauleverer trug mir auf, Dich zu fragen. — . 75 „Das haͤngt von Ihnen und meinem Vater ab,“ ſagte Lucie. „Wenn von mir, dann antworte ich ja!“ ſag⸗ te Brandon.„Ich hoͤre Mauleverer gerne zu, beſonders bei Leuten, die ihn nicht verſtehen; durch die Gemeinplaͤtze ſeines Geſpraͤchs zieht ſich ein feiner, kuͤnſtlicher Spott durch, der die armen Narren verwundet, wie das unſichtbare Schwerdt in der Fabel, das Koͤpfe abſchnitt, ohne deren Ei⸗ genthuͤmern eine andre Empfindung, als ein ange⸗ nehmes, ſchmeichelndes Kitzeln zu verurſachen. Wie unendlich iſt er in Benehmen und Anſtand Allen uͤberlegen, die man hier trifft; macht er keinen angenehmen Eindruck auf Dich?“ „Ja— nein— ich kann das eigentlich nicht ſagen,“ verſetzte Lucie. „Iſt dieß die Verwirrung der Zaͤrtlichkeit?“ dachte Brandon. „Mit Einem Wort,“ fuhr Lucie fort,„Lord Mauleverer iſt ein Mann, den ich fuͤr angenehm halte ohne zu feſſeln, und fuͤr unterhaltend ohne hinzureißen. Offenbar hat er einen gebildeten Geiſt und ein anmuthiges Benehmen, und bet alledem iſt er die unintereſſanteſte Perſon, die ich je ſah.“ „Die Frauen haben ſelten ſo von ihm geur⸗ theilt,“ ſagte Brandon.— „Ich kann mir nicht vorſtellen, wie ſie an⸗ ders urtheilen ſollten.“ 76 Ein gewiſſer mit Verachtung verwandter Aus⸗ druck ſpielte uͤber Brandons harte Zuͤge. Es war ein bemerkenswerther Zug an ihm, daß er, waͤh⸗ rend doch ſein eifriges Beſtreben dahin gieng, Lu⸗ cien eine vortheilhafte Meinung von Lord Maule⸗ verer einzufloͤßen, doch nie ganz eine gewiſſe Zu⸗ friedenheit bei irgend einem Scherz auf Koſten des Grafen, oder bei einem Urtheil, das ſeine Liebenswuͤrdigkeit gegenuͤber von dem andern Ge⸗ ſchlecht in Zweifel zog, zu verbergen im Stande war; aber ſobald dieſe Zuftiedenheit in ihm zum Bewußtſeyn kam, wurde ſie auch augenblicklich wieder durch den Verdruß bekaͤmpft, welchen er baruͤber empfand, daß Lucie ſeinen Wunſch, ſie mit dem Hofmann zu vermaͤhlen, gar nicht zu theilen ſchien. Es ſchien in dieſer Beziehung in ſeiner Seele ein Kampf obzuwalten, zwiſchen dem Intereſſe einerſeits, und perſoͤnlicher Abneigung oder Verachtung andrerſeits. „Du beurtheilſt die Weiber falſch!“ ſagte Brandon.„Frauen kennen ſich einander nie. Von allen Menſchen iſt Mauleverer am meiſten gemacht ſie zu gewinnen und die Erfahrung recht⸗ fertigt meine Behauptung. Der ſtolzeſte Ruhm, den ich mir fuͤr ein Weib denken kann, waͤre: die gaͤnzliche Eroberung Lord Mauleverers; aber es iſt unmoͤglich. Er kann galant ſeyn, aber nie wird er ſich zu Fuͤßen legen. Er verachtet die ganze „———„—— ——„— „ e— W o W ww W*— S 8 8 77 weibliche Welt und das mit Recht und ungeſtraft. Genug von ihm. Sing' mir, liebe Lucie.“ Die Zeit des Balls ruͤckte heran und Lucte, ein reitzendes Mädchen, das aber nichts vom En⸗ gel an ſich hatte, war wohl in ſo weit Freundin von der Froͤhlichkeit, vom Tanz und von der Be⸗ wunderung, daß ſie ihr Herz vor Erwartung der Dinge, die kommen ſollten, pochen fuͤhlte. Endlich erſchien der Tag. Brandon ſpeiste allein mit Mauleverer und hatte die Verabredung getroffen, daß er mit dem Grafen ſeinen Bruder und ſeine Nichte auf dem Ball finden wolle. Maul⸗ everer, ein Feind des Prunks, ausgenommen bei großen Gelegenheiten, wo aber dann Niemand es ihm an Geſchmack zuvorthat, ließ ſeine Diener nie bei Tiſch aufwarten, wenn er allein oder mit einem vertrauteren Freunde ſpeiste. Die Die⸗ nerſchaft war auſſerhalb des Zimmers und wurde mittelſt einer Glocke, die neben dem Wirth lag, wenn man ihrer bedurfte, berufen. So war die Unterhaltung ganz ungezwungen. „Ich bin ganz uͤberzeugt, Brandon, ſagte Lord Mauleverer,„daß, wenn Sie nur auch et⸗ was beſſer leben wollten, es mit Ihrem Nerven⸗ leiden bald beſſer werden wuͤrde. Es iſt nichts als Mangel an Blut, glauben Sie mir! Noch ein Wenig, von den Finnen? nicht? oh zum Ku⸗ ckuck mit Ihrer Enthaltſamkeit! es iſt verdammt unfreundſchaftlich, ſo wenig zu eſſen. Da wir 78 von Finnen und Freunden ſprechen— der Him⸗ mel verhuͤte, daß ich je wieder mit einem pedan⸗ tiſchen Epikuraͤer mich einlaſſe, zumal wenn er Wortſpiele macht.“ „Nun was hat denn ein Pedant mit Finnen zu ſchaffen?“ „Ich will es Ihnen ſagen(ah, dieſer Made⸗ ra 1) ich brachte den Lord Dareville, der den Fein⸗ ſchmecker ſpielen will, auf den Gedanken, welch herrliches Ding es um ein Gericht von lauter Finnen(Steinbutten⸗Finnen) ſeyn müͤßte.»Herr⸗ lich!“ rief erdentzuͤckt aus,»Speiſen Sie morgen bei mir' Gerne! ſagte ich. Am folgenden Tag, nachdem ich den ganzen Morgen einer an⸗ muthigen Traͤumerei uͤber die Art und Weiſe nach gehaͤngt war, wie Dareville's Koch, der nicht ohne Geiſt iſt, die große Aufgabe loͤſen werde, kam ich puͤnktlich meinem Verſprechen nach⸗ Werden Sie es glauben? Als der Deckel abgenommen war⸗ hatte der frevelhafte Hund von einem Amfitryon Cicero de Finibus in die Schuͤſſel gelegt. Hier iſt ein Werk von lauter Fines!“ ſagte er.“ „Gräͤßlicher Scherz!“ rief Brandon feverlich. „Nicht wahr? Wenn je die Gaſtronomen ein Inquiſitionsgericht niederſetzen, ſo werden ſie hoffentlich all die gottloſen Boͤſewichte braten, welche das gottliche Geheimniß leichtfertig behan⸗ deln. Ein Wortſpiel machen mit der Kochkunſt! 15— 2 — S u N„ u h. n ie n, n⸗ auch in die Verwaltung kommen!“ „Sie ſetzen mich in Erſtaunen!“ ſagte Vran⸗ don,„davon hab' ich nie etwas gehoͤrt; ich kenne ihn nicht. Er hat ſehr wenig Einfluß, hat er Ta⸗ lente?“ „Ja, ein ſehr großes, obwohl nur erwor⸗ benes!“ „Worin beſteht es?“ „Eine ſchoͤne Frau!“ „Mein Lord!“ rief Brandon uͤberraſcht und halb von ſeinem Sitz ſich erhebend, aus. Mauleverer ſah raſch auf und erroͤthete hef⸗ tig als er den Ausdruck auf dem Angeſicht ſeines Tiſchgenoſſen ſah; es herrſchte einige Augenblicke Stillſchweigen. „Sagen Sie mir,“ ſagte Brandon gleichguͤl— tig, indem er ſich etwas Gemuͤße vorlegte, denn er ruͤhrte ſelten Fleiſchſpeiſen an und man konnte ſich keinen ergoͤtzlicheren Contraſt denken, als den zwiſchen dem ernſtlichen Epikuraͤtsmus Mauleve⸗ rers und der ſorgloſen Verachtung gegen die erhabne Kunſt, welche ſein Gaſt an den Tag leg⸗ te,„Sagen Sie mir, der Sie nothwendig Alles wiſſen muͤſſen, ob das Cabinet jetzt in der That ganz beſetzt iſt, ob Sie das Hoſenbend bekommen⸗ und ich—(man merke den Unterſchied)— die Richterſtelle?“ „Nun ſo wird es, glaub' ich, eingerichtet wer⸗ es iſt zu arg! Apropos bei Dareville— er ſoll 80 den, das heißt, wenn Sie darein willigen, die Schurken aufzuhängen, ſtatt mit den Narren zu leben.“ „Man kann beides verbinden!“ erwiederte Brandon,„aber ich glaube uberhaupt, es verhält ſich umgekehrt. Denn wir leben mit den Schurken und nur die Narren ſind wir im Stande zu haͤn⸗ gen. Sie fragen mich ob ich die Richterſtelle an⸗ nehme? Ich wuͤrde es nicht thun— nein, ich wuͤrde mir lieber die Hand abhauen—(der Ad⸗ vokat ſprach mit großer Bitterkeit,)— als meine gegehwaͤrtige Laufbahn, trotz allen Hindernißen, die ſich mir in den Weg ſtellen, aufgeben: wenn ich daͤchte, dieſer hinfaͤllige Koͤrper werde mir auch nur noch zwei Jahre lang erlauben, ſie zu ver⸗ folgen.“ „Sie erſchrecken mich!“ ſagte Mauleverer, ein wenig ergriffen, aber demungeachtet mit ge⸗ wohntem unfehlbarem, feinem Takt den Cayenne⸗ Pfeffer auf die Gurken ſtreuend,„Sie erſchrecken mich; aber Sie ſind doch betraͤchtlich beſſer als fruͤher?“ „Nicht daß ich“ fuhr Brandon, mehr mit ſich ſelbſt als mit ſeinem Freunde ſprechend, fort:„Nicht daß ich auſſer Stand waͤre die Qua⸗ len zu uͤberwaͤltigen und die verzagten Nerven zu bemeiſtern; aber ich fuͤhle, wie ich durch die be⸗ ſtändige Anſtrengung meiner noch uͤbrigen Kräfte ſchwaͤcher und ſchwaͤcher werde, und ich werde ſter⸗ — u W — — — 81 ben, eh' ich meine Plane zur Haͤlfte erreicht habe, wenn ich nicht die Arbeiten verlaſſe, die mich im wahren Sinne des Worts in Stuͤcke reiſſen.“ „Aber,“ ſagte Lord Mauleverer, der traͤgſte Menſch unter der Sonne,„die Richterſtelle iſt keine ſo bequeme Sinekure!“ „Nein! aber in dieſem Amt iſt doch der Geiſt weniger in Anſpruch genommen, als in meiner je⸗ tzigen Stellung;“ und hier hielt Brandon inne, eh' er fortfuhr:„Aufrichtig geſprochen, Mauleve⸗ rer, glauben Sie nicht, man wollte mich hinterge⸗ hen? meinen Sie nicht die Abſicht ſey, mich zu dieſem politiſchen Tode zu verdammen, ohne auf den Schild am Sarge zu ſchreiben: resurgam?“ „Sie duͤrfen nicht!“ ſagte Mauleverer, ſein viertes Glas Madera hinunterſtuͤrzend. „Gut ich bin uͤber den Wechſel in meinem Lebensplan entſchieden,“ ſagte der Advokat mit einem leichten Seufzer. „Und ich uͤber den Wechſel in meinen Anſich⸗ ten,“ ſtimmte der Graf mit ein.„Ich will Ih⸗ nen ſagen, womit die Anſichten zu vergleichen ſind.“ „Womit?“ fragte Brandon zerſtreut. „Mit Baͤumen,“ antwortete Mauleverer wi⸗ tzig,„wenn ſie, ſo lange ſie ſtehen, nutzbar ſind, ſo bricht man kein Reis davon ab, aber wenn ſie die Hoͤhe erreicht haben, die gut bezahlt wird, oder wenn ſie eine ſchoͤne Ausſicht verdecken, ſo Bulwer's Romane. XXVI. 6 —ů———— — 82 haut man ſie um und ſchafft ſie auf jede moͤgliche Weiſe fort. Und jetzt zum zweiten Gang!“ „Ich waͤre begierig,“ ſagte der Graf, als 1 unſre ehrenhaften Staatsmaͤnner wieder allein wa⸗ ren,„zu wiſſen, ob es ie einen Miniſter gab, 1 der ſich nur drei Stecknadeln um das Volk be⸗ kuͤmmerte— um ſeine Parthey bekuͤmmert ſich Mancher, aber um das Land!“ „Es ſind lauter Poſſen!“ ſetzte der Advokat mit mehr Nachdruck als Anmuth hinzu. „Recht! es ſind lauter Poſſen, wie Sie es treffend ausdruͤcken. Koͤnig, Verfaſſung und Kir⸗ che für immer! das heißt verdollmetſcht: erſtens Koͤnig, oder Einfluß der Krone, Richterſtellen und Hoſenbandorden; fuͤrs. zweite die Verfaſſung— oder Advokaten⸗Gebuͤhren, Stellen fuͤr den Staats⸗ mann, Geſetze fuͤr die Reichen und Jagd⸗Geſetze gegen die Armen; drittens die Kirche, oder Pfruͤn⸗ den fuͤr die juͤngern Soͤhne und den Hungertod fuͤr ihre Pfarr⸗Verweſer!“ „Ha, ha!“ ſagte Brandon mit ſardoniſchem Läͤcheln,„wir kennen die menſchliche Natur!“ „Und wie man mit ihr umſpringen muß,“ ſetzte der Hoͤfling hinzu.„Auf die Geſundheit Ihrer Nichte, und moͤge es nicht lang anſtehen, bis Sie ſie als die Braut Ihres Freundes begruͤßen!“ „Braut et cetera,“ ſagte Brandon mit ei⸗ nem hohniſchen Lächeln worin ſich ſein geheimer Triumf ausſprach.„Aber, hoͤren Sie mich an, —*— t — 8 d s⸗ ze ⸗ od lieber Lord, ſeyen Sie Ihrer Sache nicht zu ge⸗ wiß! es iſt ein eignes Maͤdchen und beſitzt mehr Unabhaͤngigkeit als ſonſt die Weiber. Sie wird bei ihrem urtheil uͤber Sie Rang und Stand in kei⸗ neu Anſchlag bringen; ſie wird nur den Mann ins Auge faſſen, und verzeihen Sie mir, wenn ich Ihnen, der Sie das Geſchlecht ſe gut kennen, einen Plan an die Hand zu geben wage, nach wel⸗ chem zu verfahren nicht unraͤthlich ſeyn düͤrfte: beugen Sie der Einbildung von ihrer Seite vor, Sie ſeyen ganz und gar der ihrige; erwecken Sie ihre Eiferſucht, reitzen Sie ihren Stolz, bringen Sie ihr die Meinung bei, Sie ſeyen unuͤberwind⸗ lich und wenn ſie nicht allen Weibern unaͤhnlich iſt, ſo muß ſie wuͤnſchen, Sie zu erobern.“ Der Graf laͤchelte.„Ich muß mein Heil ver⸗ ſuchen,“ ſagte er mit zuverſichtlichem Tone. „Der verwitterte Geck!“ brummte Brandon zwiſchen den Zaͤhnen:„jetzt wird ſeine Thorheit Alles vereiteln.“ „Und dieß erinnert mich,“ fuhr Mauleverer fort,„daß die Zeit ſchwindet und das Diner noch nicht voruͤber iſt; laſſen Sie uns nichts übereilen, aber verhalten wir uns ſtille, um deſſen beſſer zu genießen— dieſe Truffeln in Champagned— fp⸗ ſten Sie ſie einen Todten muͤßten ſie wieder ins Leben rufen!“ Der Advokat laͤchelte und ließ den guten Willen gelten, obwohl er die Si unberuͤhrt „ 34 ließ; und Mauleverer, deſſen Seele auf ſeinem Leller war, bemerkte die herzloſe Zuruͤckweiſung nicht. Inzwiſchen hatte die junge Schoͤnheit bereits den Schauplatz der Luſt betreten und ſaß neben dem Squire am obern Ende des halbgefuͤllten Ballſaals. Eine muntere Dame nach der Mode der da⸗ maligen Zeit und von dem Halbrang, dem die Ariſtokratie von Bath angehoͤrte, eine der ſonder⸗ baren Perſonen, wie ſie uns in den trefflichen Novellen der Miß Burney unter der Claſſe der feinen Damen begegnen, geſellte ſich als dritte Perſon und zu unſrer Erbin und ihrem PVater und bezeichnete ihnen die verſchiednen Leute, wel⸗ che in die Zimmer traten, mit Namen. Sie war noch im beſten Strom der Klatſcherey, als ein ungewoͤhnliches Aufſehen in der Naͤhe der Thuͤr ſich kund gab; drei Fremde von ausgezeichneter Geſichtsbildung, in bunter Kleidung und mit einem Weſen, das, obgleich bei Jedem wieder verſchie⸗ den, bei allen durch eine Art prunkender Zuverſicht hervorſtach, traten ein. Einer war ungewoͤhnlich groß und hatte einen auſſerordentlich ſtattlichen Haarwuchs; der zweite hatte ein harmloſeres und anſpruchloſeres Ausſehen; demungeachtet hatte ſein Antlitz einen hochmuͤthigen obwohl nicht wi⸗ derwaͤrtigen Ausdruck; der dritte war ziemlich viel juͤnger als ſeine Begleiter, auffallend ſchön von 85 Wuchs und Geſicht, war auch in einem beſſern Geſchmack gekleidet und beſaß ein Benehmen, das obwohl nicht minder keck, doch nicht ebenſo durch unverſchaͤmtheit und derbes Auftreten ſich bemerklich machte. „Wer mag das ſeyn?“ ſagte Luciens Freun⸗ din in verwunderndem Tone,„ich habe ſie noch nie geſehen— es muͤſſen angeſehene Leute ſeyn — ſie haben alle das Weſen von Maͤnnern von Stand! Gott! wie ungeſchickt, daß ich ſie nicht kennen ſoll!“ Waͤhrend die gute Dame, die wie alle gute Damen dieſes Schlags, meinte, Leute von Stand baben ein beſondres Weſen an ſich, ſich alſo be⸗ klagte, daß ſie die neuen Ankoͤmmlinge nicht ken⸗ ne, ging bereits ein allgemeines Gefluͤſter, denſel⸗ ben Gegenſtand betreffend, durch den ganzen Saal: „Wer ſind ſie?“ und die Antwort war immer: „Kann es nicht ſagen.— ſah ſie noch nie.“ Unſre Fremden ſchienen mit dem ſichtbaren und raſchen Eindruck den ſie gemacht, keineswegs unzufrieden. Sie ſtanden in dem am meiſten in die Augen fallenden Theile des Saals und unter⸗ hielten mit einander ein leiſes Geſpraͤch haͤufig von Gelaͤchter unterbrochen, lauter Zeichen, wie wir kaum zu bemerken brauchen, von auſſerordent⸗ lich feiner Lebensart. Die ſchoͤne Geſtalt des juͤngſten Fremden und die einfache, wie es ſchien, ungeſuchte Anmuth ſeiner Haltung waren indeß — 86 der Bewunderung, die ſie erregten, nicht unwerth, und ſelbſt ſein Lachen, ſo unfein es in der That war, enthuͤllte eine ſo glaͤnzende Reihe Zaͤhne und war von ſo ſtrahlenden Augen begleitet, daß, ehe zehn Minuten vergingen, kaum eine junge Dame unter Neununddreiſſig im Saale ſich befand, die nicht geneigt geweſen waͤre, ſich in ihn zu verlieben⸗ Anſcheinend gleichguͤltig gegen die verſchiednen ihr Ohr erreichenden Bemerkungen, ſchleuderten unſre Fremden, nachdem ſie von ihrer Stellung aus zur Genuͤge die Schoͤnheiten des Balls gemu⸗ ſtert, Arm in Arm durch die Gemaͤcher. Nachdem ſie den Tanzſaal und die Spielzimmer durchwan⸗ dert, gingen ſie durch die Thuͤre, welche zum Ein⸗ gang fuͤhrte und betrachteten mit andern Herum⸗ lungerern, die neuen Ankoͤmmlinge wie ſie die Treppe herauf kamen. Hier erneuerten die zwei jungen Fremden wieder ihre fluͤſternde Unterhal— tung, waͤhrend der groͤßte, unbekuͤmmert an die Wand gelehnt, einige Augenblicke damit beſchaͤftigt war, die Hand durchs Haar zu ſtreichen. Mit die⸗ ſem Geſchaͤfte fertig, ſah unſer Ehrenmann ſeine Aufmerkſamkeit von dem eigenthuͤmlichen Zuſtand ſeiner Manſchetten in Anſpruch genommen; nach⸗ dem er ein paar Augenblicke einen aͤrgerlichen Riß an der rechten Manſchette beobachtet, mur⸗ melte er einige unverſtaͤndliche Worte, welche lau⸗ teten wie: der Hahn der verwuͤnſchten Piſtole! und ſchob dann den verunſtalteten Putz mit einer 87 ausnehmend flinken Vewegung ber Finger ſeiner linken Hand hinauf; in der nachſten Minute brauchte der Fremde, von einer neuen Sorge be⸗ läſtigt, ſeine Fingerſpitzen dazu, eine auſſerordent⸗ lich glaͤnzende Bruſtnadel an ſeinem Hemde zu befeſtigen und zurechtzuruͤcken, deſſen grobes Ge⸗ webe ſonderbar gegen die Pracht des Zierrathes und die Feinheit der einen Krauſe abſtach, die un⸗ ſer neuer Hyperion unter ſeinem zimmtfarbigen Rockaͤrmel hervorhaͤngen ließ. Nachdem dieſe klei⸗ nen Verrichtungen an ſeiner eignen Perſon been— digt waren, und er eine glaͤnzende Tabacksdoſe aus ſeiner Seitentaſche hervorgeholt, dreimal da⸗ rauf gepocht und ſie um zwei Priſen ihres kitzeln⸗ den Schatzes erleichtert hatte, wandte jetzt der Fremde mit dem wachſamen Auge der Freund⸗ ſchaft, einen forſchenden Blick auf den Anzug ſei⸗ ner Freunde. Hier ſchien alles der ſtrengſten Pruͤ⸗ fung Trotz bieten zu konnen, nur freilich, daß, wie der vornehm⸗ausſehende Fremde eben ſeine Bandſchuhe herausgezogen hatte, das Futter ſei⸗ ner Rocktaſche, das zum ueberfluß noch ziemlich ſchmutzig war, nicht wieder, wie ſich gebuͤhrte, nach innen zuruͤckgekehrt war. Der große Fremde ſah dieſen kleinen Uebelſtand, fuhr dienſtfertig mit drei Fingern raſch und leicht in die Taſche ſeines Freundes und bewaltigte gluͤcklich die Schamloſig⸗ keit des vorwitzigen Futters. Sobald der hochmu— thige Fremde die Beruͤhrung fühlte, drehte er ſich S 5——— 33 raſch um und fluͤſterte gegen ſeinen gefaͤlligen Ge⸗ faͤrthen: „Was, Ned, unter Freunden! Pfui doch! bezwinge die Natur in Dir nur wenigſtens Eine Nacht!“ Ehe der mit den wallenden Haaren Zeit zur Antwort fand, trat der Ceremonienmeiſter, der in den letzten drei Minuten die Fremden durch ſein Augenglas beobachtet, mit einer gewandten Ver⸗ beugung vor und der ſchoͤne Gentleman, der das hoͤhere Anſehen und den Vortritt vor ſeinen Be⸗ gleitern behauptete, war der Erſte, der die Hoͤf⸗ lichkeit erwiederte. Er that dieß mit ſo viel An⸗ ſtand, und einem ſo gefaͤlligen Geſichtsausdruck, daß der Richter der Bucklinge auf einmal ganz eingenommen ward und mit einer zweiten noch ehrerbietigern Begruͤßung, ihn mit ſich und ſeinem Amte bekannt machte. „Sie wuͤrden vielleicht gerne tanzen, meine Herrn,“ fragte er mit einem Blick auf Alle, aber ſeine Worte waren an den gerichtet, der den guͤn⸗ ſtigen Eindruck auf ihn gemacht hatte. „Sie ſind ſehr guͤtig,“ verſetzte der einneh⸗ mende Fremde,„ich fuͤr meinen Theil werde Ih⸗ nen fuͤr die Ausuͤbung Ihrer Macht zu meinen Gunſten ſehr verpflichtet ſeyn; erlauben Sie mir, mit Ihnen in den Tanzſaal zuruͤckzukehren, wo ich ihnen dann die Gegenſtaͤnde meiner beſondern Be⸗ wunderung auszeichnen werde.“ u n r, e ———— 89 Der Ceremonien⸗Meiſter verbeugte ſich wie zuvor und ſchleuderte mit ſeinem neuen Bekann⸗ ten, gefolgt von deſſen zwei Begleitern, in den Ballſaal. „Sind Sie ſchon lange in Bath, Sir?“ frag⸗ te der Ball⸗Monarch. „Nein, in der That, wir kamen erſt dieſen Abend an.“ „Von London?“ „Nein! wir machten einen kleinen Streifzug durch das Land.“ „Ah, ſehr angenehm bei dieſem heitern Wet⸗ „Ja, beſonders an den Abenden.“ „Oh— ein romantiſcher Schwaͤrmer!“ dachte der Ball⸗Mann und verſetzte laut:„O ja die Naͤchte ſind angenehm und der Mond iſt uns be⸗ ſonders guͤnſtig.“ „Nicht immer,“ ſagte der Fremde. „Wahr, wahr— die vorletzte Nacht war fin⸗ ſter; aber ſonſt ſchien der Mond ſehr hell.“ Der Fremde war ſchon im Begriff zu antwor⸗ ten, aber er unterdruͤckte die Antwort und neigte nur zuſtimmend das Haupt. „Ich bin neugierig, wer ſie ſeyn moͤgen,“ dachte der Ceremonien⸗Meiſter.„Bitte, Sir,“ ſagte er leiſe,„iſt dieſer Herr, der große Herr, irgendwie mit Lord—— verwandt? Ich kann 9 nicht umhin zu glauben, ich entdecke eine Familien⸗ ähnlichkeit an ihm.“ „Nicht entfernt mit ſeiner Lordſchaft verwandt,“ antwortete der Fremde,„aber er iſt aus einer Familie, die in der Welt Laͤrmen gemacht hat, obgleich er, wie mein andrer Freund nur ein Ge⸗ meiner iſt,“ und auf dieß Wort legte er beſon⸗ dern Nachdruck. „Nichts kann achtungswerther ſeyn, Sir, als ein Gemeiner von guter Familie,“ verſetzte der hoͤfliche Herr*** mit einer Verbeugung. „Ich ſtimme Ihnen bei, Sir,“ erwiederte der Fremde auch mit einem Buͤckling.„Aber, o Himmel!“ der Fremde fuhr auf. Denn in dieſem Augenblick entdeckte er zum erſtenmal im fernen Ende des Saals das jugendlich leuchtende Antlitz von Lucie Brandon.„Seh' ich recht, oder iſt dieß nicht Miß Lucie Brandon?“ „Es iſt wirklich dieſe liebenswuͤrdige junge Dame“ ſagte Herr——.„Ich wuͤnſche Ihnen Gluͤck dazu, daß Sie dieſe bewunderte Schoͤnheit kennen. Ich denke, da Sie ſich dieſer Bekannt⸗ ſchaft zu erfreuen haben, iſt die Foͤrmlichkeit des Vorſtellens uberfluͤſſig?“ „Mag ſeyn!“ ſagte der Fremde ziemlich kurz und unhoͤflich.„Doch nein! vielleicht iſt es doch beſſer, Sie ſtellen mich vor.“ „Mit welchem Namen werde ich die Ehre haben, Sir?“ fragte der Namenkenner beſcheiden. 91 „Clifford!“ antwortete der Fremde,„ Capi⸗ taͤn Clifford!“ Auf dieß lenkte der Ober⸗Ceremonien⸗Meiſter ſeine Schritte durch den jetzt dichtgedraͤngten Saal und näherte ſich Lucien, um Herrn Cliffords Ver— langen zu erfuͤllen. Dieſer Gentleman jedoch blieb, eh' er dem Schutzgeiſt des Ortes auf dem Fuß nachfolgte, ſtehen und ſagte zu ſeinen Freunden in gleichguͤltigem Ton, doch nicht ohne gebietenden Nachdruck:„Hoͤrt Ihr Herrn, thut mir den Ge⸗ fallen und ſeyd ſo ſtill und artig, als Euch moͤg⸗ lich iſt, und draͤngt Euch nicht zu mir, wie Ihr zu thun pflegt, ſo oft Ihr keine Gelegenheit erſeht, mir dieſe Ehre nur mit dem geringſten Anſtrich von Schicklichkeit anzuthun.“ Mit dieſen Worten, ohne eine Antwort abzuwarten, eilte Clifford dem Ceremonien⸗Meiſter nach. „Unſer Freund wird gewaltig befehlshaberiſch!“ ſagte der lange Ned, den unſre Leſer bereits in dem großen Fremden erkannt haben. „So iſt es immer mit den hochſtrebenden Geiſtern,“ ſagte der moraliſirende Augustus Tom⸗ linſon,„ich denke wir gehen in das Spielzimmer und machen einen Robber?“*) „Ein guter Gedanke,“ ſagte Ned gaͤhnend— was er in Geſellſchaft zu thun ſehr geneigt war, *) Partie Whiſt. — ——— 92 „und ich wuͤnſche denen, welche unſte Robber*) verſuchen, nichts ſchlimmeres, als daß ſie von ihnen fein ſaͤuberlich ausgezogen werden moͤchten.“ Nach dieſem Witz marſchierte der Coloſſus der Landſtra⸗ ßen, mit einem Blick in den Spiegel, ſich bruͤſtend und Arm in Arm mit ſeinem Begleiter, in das Spielzimmer. Waͤhrend dieſer kurzen Beſprechung hatte die Erneuerung der Bekanntſchaft zwiſchen Clifford (dem Fremden vom Pfarrhaus und Befreier Herrn Sloppertons) und Lucie Brandon Statt gehabt und die Hand der Erbin war ſchon gemaͤß der Sitte jener Zeit, fuͤr die zwei folgenden Taͤnze ihm zugeſagt. Ungefaͤhr zwanzig Minuten nachdem dieſe Vorſtellung Statt gehabt, traten Lord Mauleve⸗ rer und William Brandon in den Saal und das Gefluͤſter, das beim Eintritt des bekannten Pairs und des ausgezeichneten Anwalts entſtanden war, hatte ſich kaum gelegt, als die koͤnigliche Perſon, deren Gegenwart die feſtliche Scene(wie die Zei⸗ tungen einen großen, mit uͤbel ausſehenden Leu⸗ ten angefuͤllten Saal nennen,) verherrlichen ſollte, ankam. Die widerwaͤrtigſten wie die einnehmend⸗ ſten Perſonen in Europa ſind in der koͤniglichen Familie Englands zu finden. Seine jetzt regie⸗ *) Im Englichen Wortſpiel von Rubber die Spiel⸗ partie, mit Bobber Raͤuber. * 93 rende Majeſtaͤt, zum Beiſpiel, repraͤſentirt die eine Claſſe und die andre— was ſagt man wohl zu ſeiner koͤniglichen Hoheit, dem Herzog von——; einem Mann, von dem man Schmeicheley ſagen darf: er verbinde das Aeuſſere eines Hunnen mit der Seele eines Vandalen. Die hohe, in Bath anweſende Perſon gehoͤrte mehr der angenehmen Claſſe der koͤniglichen Familie an, und in Folge gewiſſer politiſcher Verwicklungen wuͤnſchte ſie vornehmlich zu jener Zeit, ſich ſo populaͤr als moͤglich zu machen. Nachdem die Hoheit bei den alten Lady's herumgegangen und ſie, wie das Hof⸗ Journal bei alten Damen noch bis auf dieſen Tag thut, verſichert hatte: ſie ſeyen Morgenſterne und Schwanengleiche Schoͤnheiten, ſpuͤrte ſie Bran⸗ don auf und winkte ihm ſogleich mit einer vertrau⸗ lichen Geberde. Der ruhige, aber finſter ausſehende Advokat naͤherte ſich der koͤniglichen Hoheit mit dem ihn auszeichnenden Weſen, das in nicht unge⸗ faͤlliger Miſchung, eine Art Steifheit, die bei der Menge fuͤr natuͤrliche Unabhaͤngigkeit galt, mit de⸗ muͤthiger Schmiegſamkeit verband, die man insge⸗ mein als das Zeichen eines im Grunde wohlwol⸗ lenden Gemuͤths anſah. Wirklich war in Bran⸗ dons Benehmen etwas, das den Großen nie miß⸗ fiel, und ſie fanden nur um ſo mehr Geſchmack an ihm, weil er, obgleich er nicht fuͤr muͤſſige po⸗ litiſche Streitfragen war, wo bloße um ein Haar⸗ breit abweichende Verſchiedenheit in der Betrach⸗ E—— 94 tungsweiſe ſtatt findet, wie z. B. die Korngeſetze, die katholiſche Frage, Aenderungen in der Kirche oder Parlamentsreform, doch ſtets, ausgenommen mit Lord Mauleverer, ſo wie ein Mann von Eh⸗ re ſprach; daß ſeine Hoflichkeit wie Neigung fuͤr die Perſonen, und ſeine Nachgiebigkeit gegen die Machthaber wie ein Opfer ſeiner perſoͤnlichen An⸗ ſichten erſchien, wodurch er ſeinen Freunden ſich gefaͤllig erzeigen wollte. „Ich bin wirklich ſehr erfreut,“ ſagte die fuͤrſt⸗ liche Perſon,„Herrn Brandon in ſo viel beſſe⸗ rem Ausſehen zu jinden. Nie war die Krone ſei⸗ ner Dienſte mehr benoͤthigt und wenn das Geruͤcht wahr ſpricht, ſo ſollen ſie bald fuͤr einen andern Geſchaͤftskreis als der bisherige Veruf in Anſpruch genommen werden?“ Brandon verbeugte ſich und erwiederte: „Euer koͤniglichen Hoheit zu dienen, ſie wer⸗ den immer dem Willen eines Koͤnigs zu Gebote ſtehen, von dem ich ſo viel Huld erfahren, fuͤr welchen Poſten auch ſeine Majeſtat ſie paſſend fin⸗ den moͤge.“ „Es iſt alſo wahr ſagte die königliche Ho⸗ heit mit Bedeutung;„Ich wuͤnſche Ihnen Gluͤck! das ruhige Ehrenamt der Gerichtsbank muß Ih⸗ nen nach einer ſo geſchaͤftvollen, unruhigen Lauf⸗ bahn als ein großer Wechſel erſcheinen?“ „Ich fuͤrchte, es Anfangs ſo zu empfinden, Euer konigliche Hoheit!“ antwortete Brandrn, D0⸗ k! * f⸗ n, n, den ſind.“ „Es iſt moͤglich,“ verſetzte die konigliche Ho⸗ heit,„daß ſeine Majeſtaͤt den bedenklichen Geſund⸗ heitszuſtand in Vetracht zog den zu meinem und des ganzen Publikums Bedauern, die oͤffentlichen Blaͤtter einer der ausgezeichnetſten Zierden der Gerichtsſchranken beigelegt haben.“ „Euer koͤniglichen Hoheit zu dienen,“ antwor⸗ tete Brandon kalt und mit einem Laͤcheln, in wel⸗ chem das durchdringendſte Auge wohl micht die Maske des eben an ſeinen Nerven nagenden Hoͤl⸗ „denn ich liebe auch die Beſchwerden meines Be⸗ rufs und in dieſem Augenblick, wo ich in lebhafter Praxis ſtehe, mehr als je— aber(indem er ſich auf einmal bezwang,) die Wuͤnſche ſeiner Maje⸗ ſtaͤt und meine Genugthuung, mit ihnen uͤberein⸗ zuſtimmen, ſind mehr als hinreichend um ein au⸗ genblickliches Bedauern zu beſeitigen, das ich ſonſt wohl duͤrfte empfunden haben beim Abſchied von Beſchaͤftigungen, die mir zur andern Natur gewor⸗ lenſchmerzes erkannt haͤtte,„es liegt im Intereſſe meiner Nebenbuhler die kleine Unvaͤßlichkeit einer ſchwachen Conſtitution zu uͤbertreiben. dem Himmel, daß ich jetzt ganz hergeſtellt bin, Ich danke und zu keiner Zeit meines Lebens fuͤhlte ich mich tuͤchtiger— ſoweit meine natuͤrlichen und geiſti⸗ gen Maͤngel überhaupt mir erlauben— die Pflich⸗ ten eines auch muͤhevollen Berufs zu erfuͤllen. Ja, wie das Thier ſich an die Muͤhle gewoͤhnt, 96 ſo habe ich mich ganz in mein Geſchaͤft hineinge⸗ lebt— und ſelbſt die kurze Erholung, die ich mir jetzt gegonnt habe, ſcheint mir eher verdruͤßlich als erfreulich.“ „Es freut mich, Sie ſo reden zu horen;“ antwortete die koͤnigliche Hoheit mit Waͤrme— „und ich hoffe, wir werden nech piele Jahre und“ fuͤgte er in leiſerem Tone hinzu,„in hoͤheren⸗ mit dem Mittelpunkt des Staates unmittelbarer zuſammenhaͤngenden Aemtern, von Ihren Talenten Nutzen ziehen. Die Zeiten ſind von der Art daß manche Gelegenheiten vorkommen, welche je⸗ den treuen Anhaͤnger der Verfaſſung verpflichten⸗ geringere Geſchaͤfte dem Einen großen, dem Lan⸗ deswohl geltenden zu lieb, aufzugeben, das uns Alle, den Hoͤchſten wie den Niedrigſten angeht; und—“ hier wurde die furſtliche Stimme noch gedaͤmpfter,„ich finde eine Genugthuung darin, daß ich Sie verſichern darf: die Stelle eines Ober⸗ richters wird von ſeiner Majeſtät noch nicht als eine zureichende Entſchaͤdigung fuͤr Ihre Großmuth angeſehen, womit Sie Ihre dermaligen glänzenden Ausſichten der ſchwierigen Lage der Regierung zum Opfer briugen.“ Brandons ſtolzes Herz ſchwoll, und in dieſem Augenblick haͤtte er wohl ſelbſt die Qualen der Hoͤlle kaum gefuͤhlt. Waͤhrend ſo der hochſtrebende Planmacher aufs Angenehmſte unterhalten war, ſchluͤpfte Maule⸗ verer mit der Alle, Alte und Junge bezaubern⸗ den Anmuth durch das Getuͤmmel, richtete an alle ſeine Bekannte ein munteres oder zaͤrtliches Wort und draͤngte ſich durch die Tänzer, in deren Mitte er Luciens anſichtig geworden war. „Ich moͤchte wiſſen“ ſagte er,„mit Wem ſie tanzt. Ich hoffe es iſt der laͤcherliche Kerl, Moſ⸗ ſop, der luſtige Geſchichten über ſich ſelbſt erzaͤhlt; oder der huͤbſche Schaafskopf, Belmont, der ſeine eignen Beine beſchaut, ſtatt ſich die Miene zu geben, als habe er nur fuͤr ſeine Taͤnzerin Augen. Ha! hätte Tarquinius die Weiber ſo gut gekannt, wie ich: er wuͤrde keine Urſache gehabt haben, mit Lukrezia ſo plump zu verfahren. Es iſt tau⸗ ſendmal Schade, daß die Erfahrung bei den Wei⸗ bern, wie in der Welt, Einem erſt kommt, wenn ſie Einem nicht mehr viel Nutzen gewaͤhren kann!“ Unter dieſen moraliſchen Betrachtungen er⸗ reichte Mauleverer die Tänzer und ſah Lucie mit niedergeſenktem Auge und offenbar ergluͤhenden Wangen einem jungen Mann zuhoͤren, in dem Mauleverer auf den erſten Blick einen der huͤb⸗ ſcheſten Burſche erkannte, die er je geſehen. Das Geſicht des Fremden war, trotz ſeiner ausnehmend dunkeln Faͤrbung, vermoͤge der großen Regelmaͤßig⸗ keit der Zuͤge, einigermaßen weichlich; aber auf der andern Seite verrieth ſein obwohl ſchlanker und anmuthiger Wuchs einem geuͤbten Auge leicht eine auſſerordentliche Muskel⸗ und Sehnenkraft; Bulwer's Romane. XRVI. 7 — —— — 98 und ſelbſt der Anſchein von Weichlichkeit in ſeinem Geſicht war von einem ſo maͤnnlichen und freien Weſen begleitet und ſo ganz ohne alle Geckerei oder Einbildung, daß der guͤnſtige Eindruck ſeiner Erſcheinung dadurch nicht im mindeſten geſchwaͤcht wurde. Ein bittrer, giftiger Stich drang Maule⸗ verer in den Theil ſeines Leibes, den der Graf, in Ermanglung eines andern Namens, ſein Herz zu nennen beliebte.„Wie verflucht vergnuͤgt ſie ausſieht“ murmelte er.„Beim Himmel! die⸗ ſer verſtohlene Blick unter dem linken Augenlied, ebenſo ſchnell wieder geſenkt als er ſich gehoben! und Er— ha! wie feſt er die kleine Hand haͤlt. Ich meine ich ſehe ihn ſie taͤtſcheln! und dann des Hunds ernſten, eifrigen Blick— und ſie lau⸗ ter Blut und Glut, obgleich ſie nicht wagt aufzu⸗ ſehen und ſeinem Blick zu begegnen, den ſie durch innre Anſchauung empfindet! O die ſproͤde, be⸗ ſcheidne, verſchaͤmte Heuchlerin! Wie ſtumm ſie iſt! Mit mir kann ſie genug plaudern! Ich gaͤbe mein verſprochnes Hoſenband drum, wenn ſie nur mit ihm ſpraͤche! Syrechen, ſprechen,— lachen, — plandern— nur laͤcheln in Gottes Namen, ſo will ich gluͤcklich ſeyn! Aber dieſes verſchaͤmte, er⸗ roͤthende Schweigen— es iſt unertraͤglich! Dank dem Himmel! der Tanz iſt zu Ende; noch ein⸗ mal dem Himmel ſei Dank! Ich habe keine ſolche Oualen mehr ausgeſtanden, ſeit ich das letztemal en ei er ht E= 6 das Alpdruͤcken hatte nach dem Eſſen bei ihrem Vater!“ Mit einem Angeſicht voll Lächeln, aber mit einer Haltung in der weit mehr Wuͤrde lag, als er gewoͤhnlich annahm, ſchritt jetzt Mauleverer auf Lucie zu, die ſich auf ihres Taͤnzers Arm lehnte. Der Graf, ein Mann von großem Takt, wo ſeine unermeßliche Eigenliebe ihm keinen Streich ſpielte, wußte wohl wie er den Liebhaber zu ſpielen hat⸗ te, ohne ſich der laͤcherlichen Thorheit ſchuldig zu machen, als ein abgeſchmackter Frauenknecht zu er⸗ ſcheinen. Er ſuchte mehr lebendig als empfindſam ſich zu geben und den Bewerber unter der Maske des Witzes zu verſtecken. Nachdem er alſo mit leichter Galanterie ſeine erſten Complimente angebracht, gieng er in ein ſo lebhaftes Geſpraͤch ein, durchflochten mit ſo vielen naiven, aber handgreiflich treffenden Bemerkungen uͤber die Charaktere der Anweſenden, daß er ſich vielleicht nie in einem glaͤnzenderen Lichte gezeigt hatte. Endlich, als die Muſik eben wieder anhe⸗ ben wollte, ſagte Mauleverer mit einem gleichgül⸗ tigen Blick auf Luciens Taͤnzer:„Will mir Miß Brandon jetzt die angenehme Dienſtleiſtung erlau⸗ ben, ſie zu ihrem Vater zu begleiten?“ „Ich glaube,“ antwortete Lucie, und ihre Stimme wurde auf Einmal ſchuͤchtern,„daß ich nach den hieſigen Ballgeſetzen an dieſen Herrn fuͤr noch einen Tanz verſagt bin.“ ==——— 100 Clifford antwortete mit zuverſichtlichem und unbefangnem Tone bejahend. Als er ſprach, beehrte ihn Mauleverer mit einer genaueren Betrachtung als er ihm bisher gewidmet hatte; und mochte nun wirklich in ſei⸗ nem Blick ein Ausdruck von Verachtung oder herabſehendem Hochmuth liegen, oder nicht— er reichte hin die Roͤthe des Zorns auf Cliffords Wangen zu jagen. Er erwiederte den Blick mit Nachdruck und ſagte zu Lucie:„Ich glaube, Miß Brandon, der Tanz beginnt jetzt,“ und Lucie, dem Winke folgend uͤberließ den ariſtokratiſchen Maule⸗ verer ſeinen eignen Gedanken. In dieſem Augenblick kam unter Verbeugun⸗ gen der Ceremonienmeiſter herbei, halb bange, ei⸗ ne ſo große Perſon wie Mauleverer anzureden, aber mit der Abſicht, durch die Tiefe ſeiner Buͤck⸗ linge die Groͤße ſeiner Ehrfurcht an den Tag zu legen. „Ah, mein lieber Herr——!“ ſaßte der Graf, beide Haͤnde dem Lykurg des Ballſaals ent⸗ gegenſtreckend,„Wie geht es Ihnen? Bitte, kön⸗ nen Sie mir Aufſchluß geben, wer dieſer junge — Mann iſt, der eben jetzt mit Lucie Bran⸗ don tanzt?“ „Das iſt— warten Sie— Oh das iſt Ca⸗ pitaͤn Clifford, mein Lord, ein ſehr artiger Mann, mein Lord. Hat ihn Eure Lordſchaft noch nie ge⸗ ſehen?“ M „Nie! wer iſt er? Etwa ein Ihrer Obhut beſonders Empfohlener?“ ſagte der Graf laͤchelnd. „Nein, fuͤrwahr!“ ſagte der Ceremonienmei⸗ ſter mit einem einfaͤltigen Laͤcheln geſchmeichelter Eitelkeit.„Ich weiß kaum wer er iſt; der Capi⸗ taͤn zeigte dieſe Nacht zum erſtenmal hier. Er kam mit zwei andern Herren; ah, da ſind ſie;“ und hiemit wies er des Grafen forſchende Auf⸗ merkſamkeit auf die zierlichen Geſtalten der Her⸗ ren Augustus Tomlinſon und Ned Pepper, die eben aus den Spielzimmern hervortauchten. Der ſtratzende Gang des letztern Ehrenmanns hatte ei⸗ ne ſo eigenthuͤmliche Wichtigkeit, daß Mauleverer, ſo verdruͤßlich er war, kaum das Lachen halten konnte. Der Ceremonienmeiſter bemerkte des Gra⸗ fen Miene und aͤuſſerte:„Dieſer vornehm aus⸗ ſehende Gentleman ſcheine geneigt zu ſeyn, ſich etwas breit zu machen.“ „Nach des Herrn Ausſehen zu urtheilen,“ ſagte der Graf trocken,(die Wahrheit zu ſagen, ſo trug Neds Antlitz wirklich die Spuren ſeiner Neigung zur Flaſche,) ſollte ich meinen, er ſey mehr gewohnt ſich voll zu machen.“ „Ha,“ erwiederte der arbiter elegantiarum, der Mauleverers Bemerkung uͤberhoͤrt hatte, weil ſie ſehr leiſe geſprochen worden war,„ha, ſie ſind recht gut herausſtaffirt!“ „Herausſtaffirt“— wiederholte Mauleverer, „ja wie Hutſtaffiere!“ Jetzt meinte der lange Ned, der vermoͤge ſei⸗ nes Gewerbes am Spieltiſch ertraͤgliche Geſchaͤfte gemacht hatte, er habe ſich das Recht erworben mit ſich ſelbſt in den Saͤaͤlen Staat zu machen und den Damen zu zeigen, welche ſtattliche Perſon ſich aus einem Pepper machen laſſe. Der lange Abenteurer lehnte ſich mit der lin⸗ ken Hand auf Tomlinſons Arm, bediente ſich ſei⸗ nes Rechts ſich ſelbſt mit ſeinem maͤchtigen Chapeaubras gewaltig zu faͤcheln und marſchirte ſo gemaͤchlich herum, warf jetzt das eine Bein nachlaͤſſig von ſich und jetzt das andre, und beaͤu⸗ gelte die Damen mit einer Art von irlaͤndiſchem Blick, nemlich mit einem Mittelding von Zwinkeln und Anglotzen. Von Cliffords Gegenwart befreit, der ſeinen Genoſſen einigermaßen Zuͤgel anlegte, erregte Ned durch ſein Betragen ein ſo auffallendes Auf⸗ ſehen, daß, wo er voruͤbergieng, ein allgemeines Fluͤſtern ihm folgte. „Wer mag es ſeyn?“ ſagte die Wittwe Ma⸗ temore; es iſt ein naͤrriſcher Burſch, aber welch ein Haarwuchs!“ „Ich fuͤr meinen Theil,“ antwortete Fraͤulen Sneerall,„ich halte ihn fuͤr einen verkappten Lei⸗ neweber, denn ich hoͤrte ihn mit ſeinem Begleiter von Schnaps und Flachs reden.“ „Gut, gut“ dachte Mauleverer,„die Freund⸗ ſchaft erfordert cs, daß ich Brandon aufſuche und ihm einen Wink gebe, in welche Geſellſchaft ſeine Nichte gerathen zu ſeyn ſcheint.“ Und mit die⸗ ſem Gedanken ſchluͤpfte er in die Ecke, wo der Rechts⸗Anwalt mit einem graukoͤpfigen alten Poli⸗ tiker die Angelegenheiten Europa's uͤberlegte. Inzwiſchen war der zweite Tanz zu Ende ge⸗ gangen und Clifford fuͤhrte Lucie an ihren Sitz, Beide bezaubert von einander. Ploͤtzlich fuͤhlte er ſich von hinten beruͤhrt, und als er ſich unmuthig umdrehte, denn ſolche Beruͤhrungen waren ihm nicht unbekannt, ſah er das kalte Geſicht des lan⸗ gen Ned, einen Finger pfiffig an die Naſe gelegt. „Was giebts?“ ſagte Clifford mit uͤbereinan⸗ der gebiſſnen Zaͤhnen,„hab' ich Dir nicht geſagt, Du ſolleſt Dich mit Deiner plumpen Maſſe ſo fern als moͤglich von mir halten?“ „Oho,, grunzte Ned,„iſt das mein Dank⸗, ſo kann ich meine Freundſchaft fuͤr mich behalten; aber wißt, mein Junge, daß der Advokat Brandon hier iſt und eben in dieſem Augenblick durch das Gewimmel ſeine Blicke laufen laͤßt, um dieſes Wei⸗ bes, mit dem Du verkehrſt, anſichtig zu werden.“ „Ha!“ antwortete Clifford in raſchem, hefti⸗ gem Tone,„fort, denn! ich will ſogleich auſſerhalb des Saals zu Euch ſtoßen.“ Jetzt wandte ſich Clifford zu ſeiner Taͤnzerin, verbeugte ſich ſehr tief, in der That um ſein An⸗ geſicht dem ſcharfen Auge zu entziehen, das er ſchon einmal im Gerichtsſaal des Richters Buen⸗ 8 — — — 104* flat geſehen, und ſagte:„Ich hoffe, Fraͤulein, ich werde die Ehre haben, Sie wieder zu ſehen— Sind Sie, wenn ich mir die Frage erlauben darf, in Geſellſchaft Ihres gefeyerten Oheims hier? oder—“ „Mit meinem Vater,“ antwortete Lucie, den Satz ergaͤnzend, welchen Clifford nicht geen⸗ digt hatte,„aber mein Oheim iſt bei uns gewe⸗ ſen; doch fuͤrchte ich, er verlaͤßt uns morgen.“ Cliffords Augen funkelten. Er antwortete nicht, aber mit einer neuen Verbeugung trat er in das Gedraͤnge zuruͤck und verſchwand. Manch⸗ mal ſchauten in dieſer Nacht die glanzvollſten Au⸗ gen in Sommerſetſhire mit verlangender Neugier in den Säalen nach unſerm Helden umher, aber er war nicht mehr zu ſehen.“ Auf den Treppen traf Clifford ſeine Camera⸗ den, nahm beide beim Arm und erreichte ohne ein bemerkenswerthes Abenteuer die Thuͤre; nur daß der moraliſirende Augustus Tomlinſon, der den gemäßigten Whigs die Ehre anthat, ihrer Fahne zu folgen, einige Augenblicke durch das Gedraͤnge auf⸗ gehalten, einen großen Stock mit goldnem Knopf auf⸗ nahm, und ihn zwiſchen den Fingern waͤgend ſagte: „Ach bei unſern Beiſtaͤnden treffen wir oft auch ſo ſchwere Knoͤpfe, nur von einem ganz andern Metall!“ Sobald das Gedränge es geſtattete, entfernte ſich Augustus mit ſeinen Gefärthen und in der Abwe⸗ ſenheit des Geiſtes welche Filoſofen eigenthuͤmlich iſt, nahm er unwillkurlich den goldgekroͤnten Ge⸗ genſtand ſeiner Gedanken mit fort, als ein derber Lakei auf ihn zutrat und ſagte:„Sir, meinen Stock!“ „Stock Burſche!“ ſagte Tomlinſon.“„ Ach, ich bin ſo abweſend! da iſt Dein Stock; denkt nur Ned, ich nahm dem Mann da ſeinen Stock mit, ha! ha!“ „Abweſend wahrhaftig!“ brummte ein ſchlauer Sänftentraͤger, indem er die ſich entfernenden Geſtalten der drei Maͤnner beobachtete.„Meiner Seele, der Stock war es, der abweſend zu wer⸗ den Gefahr lief.“ Sechszehntes Kapitel. Whackum.„Meine lieben Schelme, liebe Jungen, Bluſter und Dingboy! Ihr ſeyd die bravſten Burſche die je in der Wett herumfegten.“ Shadwell's Herumfeger. Cato der Tyeſſalier pflegte zu ſagen: Manches könne ſo gethan werden, daß es fuͤr unrecht, und Vieles ſo, daß es fuͤr recht gelte. Lord Bacon(als Rechtfertigung fuͤr jede Schurkerey.) Obgleich unſre drei Helden eine glaͤnzende Wohnung in Milſom⸗Street gemiethet hatten, 106 und zwar, Ned zu Gefallen, uͤber einem Haar⸗ kraͤuslers⸗Laden, kehrten ſie doch nicht dahin zu⸗ ruͤc oder begaben ſie ſich in ſolche Gaſthoͤfe, wie ſie fuͤr ihre Tracht und modiſchen Aufzug ſchicklich ſcheinen mochten, ſondern ſie verſchwanden auf Einmal aus den belebten Stadttheilen und raſte⸗ ten nicht, bis ſie ein gemeinausſehendes Bierhaus in einer gelegenen Vorſtadt erreicht hatten. Die Thuͤre ward ihnen von einer äaͤltlichen Frau geoͤffnet und Clifford, ſeinen Gefärthen in ein Gemach im Hintertheile des Hauſes voran⸗ ſchreitend, erkundigte ſich, ob die andern Herrn ſchon gekommen ſeyen. „Nein!“ antwortete das Weib.„Der alte Herr Sack kam vor etwa zehn Minuten; aber auf die Nachricht, daß es noch etwas zu thun gebe, gieng er wieder aus.“ „Bring' den Trunk und die Pfeifen, alte He⸗ re!“ rief Ned ſich auf die Bank werfend,„wir ſind nie wegen Geſellſchaft in Verlegenheit.“ „In der That, das koͤnnt Ihr nie ſeyn, da ihr mit dem Gegenſtand Eurer Bewunderung im⸗ mer unzertrennlich verbunden ſeyd,“ ſagte Tom⸗ linſon trocken und nahm eine alte Zeitung auf. Ned, der obſchon reitzbar doch ein tuͤchtiger Kerl war und einen Scherz auf ſeine Koſten ertragen konnte, laͤchelte, zog eine kleine Scheere heraus und ſieng an ſich die Naͤgel zu beſchneiden. „Straf mich Gott!“ ſagte er nach einem — S n——* 107 kurzen Schweigen,„wenn dieß nicht ein Millio⸗ nenmal beßrer Zeitvertreib iſt, als den feinen Gentleman in dem großen Saal ſpielen mit einer Roſe im Knopfloch. Was ſagt Ihr Meiſter Lo⸗ vett?“ Clifford,(ſo wollen wir von nun an unſern Helden, trotz ſeinen manchen andern Namen, be⸗ nennen,) der ſich der Laͤnge nach auf eine Bank am entgegengeſetzten Ende des Zimmers geſtreckt hatte, und in truͤbe Traͤumerei verſunken ſchien, ſah jetzt einen Augenblick auf, drehte ſich herum, wandte Ned die Ruͤckſeite ſeines Koͤrpers zu und murmelte:„Bſcht.“ „Hoͤrt, Meiſter Lovett!“ ſagte der lange Ned die Farbe wechſelnd,„ich weiß nicht, was Euch neuerlich angekommen iſt; aber ich wollte Ihr haͤttet gelernt, daß Gentlemen auf Hoͤflichkeit und feines Betragen Anſpruch haben; und ſo ſeht Ihr, wenn Ihr gegen mich auf den hoͤchſten Gaul ſitzt, ſo muß ich Genugthuung haben, oder ich will mich maſſakriren laſſen.“ „Bſch, Mann, ſeyd ruhig,“ ſagte Tomlinſon nit filoſofiſchem Gleichmuth die Kerzen putzend, „Wenns unter Freunden Haͤndel ſetzt, Iſt gaͤnzlich die Moral verletzt“ „Seht Ihr nicht, daß der Capitaͤn in Traͤu⸗ mereien begriffen iſt? welcher ehrliche Mann laͤßt ſich je gern in ſeinen Gedanken unterbrechen? ſelbſt Alfred der Große konnte das nicht ertragen. 108 Vielleicht ſinnt der Hauptmann mit der treuen Vorſorge ſeines wuͤrdigen Chefs in dieſem Augen⸗ blick Etwas zu unſerm Beſten aus!“ „Hauptmann, freilich,“ murmelte der lange Ned und ſchoß einen wuͤthenden Blick auf Clifford, welcher Herrn Peppers Drohung keine Aufmerk⸗ ſamkeit zu ſchenken wuͤrdigte,„ich meines Theils kann nicht begreifen, was damals an uns war, als wir dieſen gruͤnen Setzling von Galgenbaum zum Hauptmann des Diſtrikts waͤhlten. Zwar Anfangs that er gute Dienſte und die Pluͤnderung des al⸗ ten Lords war nicht uͤbel angelegt, aber in neue— rer Zeit—“ „Ja, Ja,“ ſagte Augustus den rieſigen Gries⸗ gram unterbrechend,„die menſchliche Natur iſt zum Mißvergnuͤgen geneigt. Geſteht, daß unſer dermaliger Anſchlag, den muntern Lothario aufzu⸗ pflanzen*) und unſer Heil in Bath mit einer Er⸗ bin zu verſuchen, Lovetts Gewandtheit eben ſo viel als unſerer Erfindung verdankt.“ „Und was wird dabei Gutes herauskommen?“ verſetzte Ned, indem er die Pfeife anzuͤndete, „antwortet mir darauf? War ich nicht ſo ſtattlich geputzt wie ein Lord und marſchirte ich nicht drei⸗ mal den großen Saal auf und ab, ohne daß es mir Nagelsgroß genuͤtzt haͤtte?“ *) Den PVornehmen zu ſpielen. ——„—„—„„———„—„—— ———.——— —— 8⸗ iſt er U= i⸗ „Ha— Ihr wißt aber nicht, wie manche ge⸗ heime Eroberung Ihr gemacht habt; Ihr koͤnnt eine Beute dadurch noch nicht gewinnen, daß Ihr ſie nur anſeht?“ „Hm—“ brummte Ned, mißvergnuͤgt mit ſeiner Pfeife ſich beſchaͤftigend, die nicht brennen wollte. „Was des Capitaͤns Taͤnzerin betrifft,“ hob Tomlinſon wieder an, der eine boshafte Freude empfand, die Eiferſucht des ſtattlichen Steuer⸗ eintreibers zu erregen.(denn dieſen Namen fand Augustus geeignet, ſich und ſeinen Genoſſen beizulegen,) ſo will ich ein Tory werden, wenn ſie nicht ſchon halb in ihn verliebt iſt; und hoͤrtet Ihr den alten Gentleman, der bei unſerm Rob⸗ ber die Karten zog, ſagen, welch treffliches Gluͤck er habe? Wahrlich, Ned, es iſt ein Gluͤck fuͤr uns beide, daß wir verabredeten, bei unſern Heiraths⸗ Speculationen uns in den Gewinn zu theilen; ich bilde mir ein, der ehrenwerthe Hauptmann denkt, er habe da einen ſchlechten Handel geſchloſſen.“ „Deſſen bin ich nicht ſo gewiß, Herr Tomlin⸗ ſon,“ ſagte der lange Red, ſeinen Cameraden ſauer anſehend.„Manche Weiber laſſen ſich wohl durch eine feine Haut und zierliches Benehmen beſtechen; aber wahrhaft maͤnnliche Schoͤnheit— Augen, Farbe und Haar, Herr Tomlinſon, muͤſſen doch am Ende das Feld behaupten— gebt mir nur jetzt den Branntwein und haltet Euer Maul.“ 110 „Gut, gut,“ ſagte Tomlinſon,„Ich will Euch einen Trinkſpruch geben: das huͤbſcheſte Maͤdchen in England— und das iſt Miß Brandon!“ „Ihr ſollt keinen ſolchen Trinkſpruch geben, Sir!“ ſagte Clifford, von ſeiner Bank auffahrend —„Was zum Teufel geht Euch Miß Brandon an? Und nun, Ned,“ er ſah wie der lange Held ihn mit unfreundlichen Blicken maß,„hier iſt meine Hand, verzeiht mir, wenn ich unhoͤflich war. Tom⸗ linſon wird Euch in einem Grundſatz beweiſen, daß die Menſchen veraͤnderlich ſind. Trinkt auf Eure Geſundheit und es ſoll nicht mein Fehler ſeyn, wenn wir keinen luſtigen Abend bekommen.“ Dieſe Rede, ſo kurz ſie war, erhielt den vol⸗ len Beifall der zwei Freunde, und Clifford das Praͤſidium fuͤhrend, nahm einen maͤchtigen Stuhl oben am Liſch ein. Kaum hatte er dieſen Eh⸗ renplatz inne, als die Thuͤre ſich aufthat und ein halb Dutzend der Verbuͤndeten etwas laͤrmend ins Zimmer ſtampfte. „Gemach, gemach, meine Herrn,“ ſagte der Praͤſident, der wieder ganz ſeine natuͤrliche Luſtig⸗ keit gefunden habe, ſie jedoch mit einem leichten Herrſcherton verband,„Achtung fuͤr den Praͤſiden⸗ tenſtuhl, wenn es Ihnen gefaͤllig iſt! das iſt der Brauch ſo bei allen Verſammlungen, wo die Gelder des Gemeinenweſens der Gegenſtand des innigſten Intereſſe's ſind.“ „Hoͤrt ihn!“ rief Tomlinſon. n 1 h⸗ in 16 er g⸗ n n* ſt ie s „Nun, mein alter Freund Sack!“ redete die⸗ ſen der Verſitzende an,„Ihr kommt gewiß nicht mit leerer Hand, darauf ſchwoͤr' ich; Euer redli⸗ ches Angeſicht iſt wie ein Aushaͤngeſchild mit An⸗ gabe der Schaͤtze in Euren Taſchen!“ „Ha! Capitaͤn Clifford!“ ſagte der Veterane, ſeufzend und ſein ehrwuͤrdiges Haupt ſchuͤttelnd: „Ich habe den Tag geſehen, da kein Junge in England ſo lange und ſo umfaſſende Finger hatte, als ich. Aber wie Koͤnig Lear in Common Gar⸗ den ſagt:„Bin halt jetzt alt!“ „Aber Euer Eifer iſt ſo jugendlich wie im⸗ mer, mein trefflicher Geſell!“ ſagte der Capitaͤn troͤſtend,„und wenn Ihr das Publikum nicht mehr ſo ſaͤuberlich und gruͤndlich auszieht wie eh⸗ mals, ſo liegt der Fehler nicht an Eurem guten Willen.“ „Nein, wahrlich nicht!“ riefen die Steuer⸗ Eintreiber einmuͤthig. „Und wenn irgend eine Taſche huͤbſch ruhig und nach druͤcklich gefegt werden ſoll,“ ſetzte der hoͤfliche Clifford hinzu,„ſo kenne ich bis auf den heutigen Tag in allen drei Koͤnigreichen keine huͤb⸗ ſchere, ruhigere und tuͤchtigere Finger als die des alten Sacks!“ Der Veteran verbeugte ſich ablehnend und nahm unter den herzlichen Gluͤckwunſchen der Ge⸗ ſellſchaft feinen Sitz ein. „Und nun, Ihr Herrn,“ ſagte Clifford, ſobald 112 die ſchwaͤrmenden Gaͤſte ſich mit ihren gewoͤhnli⸗ chen Luxusarrikeln zum Trinken und Rauchen ver⸗ ſorgt hatten,„wollen wir unſre Abenteuer preis geben und unſere Augen an ihrem Ertrage wei⸗ den. Der galante Attie ſoll den Anfang machen — aber vorher einen Trinkſpruch: Moͤgen die⸗ jenigen, welche uͤber die Hecken ſpren⸗ gen, nie von einem Baume ſpringen!“ Als dieſer Toaſt mit begeiſtertem Beifall ge⸗ trunken war, begann Handegen Attie die Erzaͤh⸗ lung ſeiner Geſchichte. „Ihr wißt ſchon, Cap'taͤn“ ſagte er, eine martialiſche Stellung annehmend und ſah Clifford voll ins Geſicht,„daß ich kein Freund von vielem Geſchwaͤtz bin. Wenig Geſchrei und viel Wolle das iſt mein Motto. Um zehn Uhr Vormittags wurde ich des Feinds anſichtig— in Geſtalt eines geiſtlichen Doktor's.„Schlag mich dieſer und je⸗ ner,“ ſagt' ich zum alten Sack,„ich will mich an ſeine Ehrwuͤrden machen!“„Schlag mich dieſer und jener“ ſagte der alte Sack,„Ihr duͤrft nicht, Ihr liefert uns Alle an den Galgen, wenn Ihr die Kirche anruͤhrt.“„Geiſt meiner Großmutter!“ ſagt' ich. Der Sack erzaͤhlts den andern Geſellen, Alle ſchlagen einen Laͤrm daruͤber auf— was kuͤmmerts mich? Ich lege eine huͤbſche Kleidung an und gehe zu dem Doktor als ein herunterge⸗ kommener Soldat, der die Laͤden mit Drechsler⸗ Arbeit verſehe. Seine Ehrwuͤrden, ein ſo luſtiger, ——„—. ſ — k ,D 8— * u S S* n * fetter Hund als man nur einen ſehen kann, ſaß zu Tiſch an einem huͤbſchen, gebratnen Ferkel. Ich ſag' ihm, ich habe zu Haus Waaren fuͤr ihn zum Kauf. Hol mich der Henker, wenn der Doc⸗ tor nicht meinte er habe eine gute Beute gemacht! er fuhr in ſeine Stiefel und gieng mit mir nach Haus. Aber als ich ihn in einem Seitengaͤßchen hatte, zog ich meine Zuſprecher heraus.„Gieb heraus, Doktor“ ſagte ich,„Andre Leute muͤſſen jetzt auch am Kirchengut Theil haben.“ Ihr habt keinen Begriff davon was er fuͤr einen Spektakel machte; aber ich that es einmal und damit war's aus.“ „Bravo Attie!“ rief Clifford und das Wort hallte von allen Seiten des Tiſches wieder. Attie legte einen Beutel auf den Tiſch und der folgen⸗ de Gentleman ward zur Beichte aufgerufen. Es fleckt und frommt nicht, freundli⸗ cher Leſer, alle die einzelnen Erzaͤhlungen die jetzt auf einander folgten, zu berichten. Der alte Sack beſonders behauptete ſeinen wohlerworbnen Ruf, indem er ſechs Taſchen ausgeleert hatte, die mit allen moͤglichen Sorten und Arten von Koſtbar⸗ keiten angefullt geweſen. BVauern und Fuͤrſten ſchienen durch einander ihm zu Handen gekom⸗ men zu ſeyn; und vielleicht hatte der gute alte Mann in Einer Stadt fuͤr die Herſtellung der Vermoͤgensgleichheit unter den verſchiedenen Staͤn⸗ den mehr gewirkt als alle Reformer von Cromwell Bulwei's Komane. XXVI. 3 — ——— 114 pis Carlisle. Aber ſo heftig war ſeine Begierde nach dieſem Zeitvertreib, daß der alte Eigen⸗ thumsjaͤger in helle Thraͤnen ausbrach, daß er nicht mehr erfingert hatte. „Ich liebe einen ſo warmen Enthuſiasmus, rief Clifford, die beweglichen Guͤter einſtreichend, und ſah mit einem zaͤrtlichen Blick den alten Beutel⸗ ſchneider an,„Moͤgen uns nie neue Faͤlle des al⸗ ten Sacks vergeſſen machen!“ Sobald dieſer gefuͤhlvolle Trinkſpruch gebuͤh⸗ rend getrunken war und Herr Bagſhot ſeine Thraͤ— nen getrocknet und ſich ſeinem Lieblingsgetraͤnke — blauer Tod, beilaͤufig geſagt, zugewandt hatte, ſchritt man zum Werke der Theilung. Die Be⸗ ſcheidenheit und Unvartheylichkeit des Hauptmanns bei dieſem ſchwierigen Zweige ſeines Amtes er⸗ warb ihm allgemeine Bewunderung, und nachdem jeder der Herren ſeinen Antheil ſorgfaͤltig einge⸗ vackt, raͤuſperte ſich der jugendliche Praͤſident drei⸗ mal und die Geſellſchaft bekam folgende Rede an⸗ zuhoͤren. „Gentlemen!“ begann Clifford und ſein Haupt⸗ beiſtand, der weiſe Auaustus ließ ein Hoͤrt! er⸗ ſchallen,„Gentlemen, Ihr Alle wißt, daß als Ihr beliebtet, vor einigen Monathen, theils auf Anra⸗ then von Gentleman George, Gott ſegne ihn!— theils in Folge einer allzuguͤnſtigen Meinung von mir, welche meine Freunde ausſprachen, mich zu der hohen Ehre des BVefehlshabers in dieſem Di⸗ —„— M W* W n ſtrikts zu berufen: ich ſelbſt keineswegs einen Ehr⸗ geitz hatte, dieſe Wuͤrde, welche weit uͤber mein Verdienſt, wie ich wohl weiß, hinaus iſt, und ei⸗ ne Verantwortlichkeit zu uͤbernehmen, die wie ich eben ſo gut weiß meine Kraͤfte weit uͤberſteigt. Eure Stimmen jedoch trugen den Sieg uͤber die meine davon und wie Herr Muddlepud, der gro⸗ ße Metafyſiker, in der trefflichen Zeitſchrift, Aſi⸗ näum genannt, zu bemerken pflegte, die ange⸗ bornen, unberechenbaren und ewigen Bildungskeime der Eitelkeit in meiner Bruſt, waren unendlich maͤchtiger als die ſchnoͤden Ein⸗ fluͤſterungen der Vernunft, dieſes laͤcherlichen Dings, das alle weiſen Maͤnner und einſichtsvolle Aſinaͤ⸗ ums⸗Freunde eifrig zu erſticken bemuͤht ſind.“ „Die Peſt uͤber den Mann, von was ſchwatzt er denn!“ ſagte der lange Ned, deſſen heftige Gemuͤthsart wir ſchon kennen gelernt haben, fluͤ⸗ ſternd zu dem alten Sack. Dieſer ſchuͤttelte den Kopf. „Mit Einem Wort, Gentlemen“ fuhr Clif⸗ ford weiter fort:„Eure Guͤte uͤberwaͤltigte mich, und trotz dem daß die kaͤltere Ueberlegung abrieth, nahm ich Euern ſchmeichelhaften Antrag an. Seit⸗ her habe ich, ſoviel in meinen Kraͤften ſtand, ge⸗ ſtrebt, Euer Intereſſe zu befoͤrdern; ich habe ein wachſames Auge auf alle meine Nachbarn gehabt; ich habe von Grafſchaft zu Grafſchaft Verbindun⸗ gen mit zahlreichen Correſpondenten angeknuͤpft, 0„ ——— — — 116 und unſre unternehmungen wurden mit einer Ge⸗ wandheit ausgefuͤhrt, welche einen gluͤcklichen Er⸗ folg ſicherte. „Gentlemen, ich moͤchte mich nicht gern bruͤ⸗ ſten, aber in dieſen Naͤchten der regelmaͤßigen Zu⸗ ſammenkuͤnfte, wenn jedes Vierteljahr unszuſam⸗ menbringt um den Bund zu erneuern, wenn wir Pri⸗ vat⸗Zuſammenkuͤnfte halten um die oͤffentlichen An⸗ gelegenheiten zu eroͤrtern, unſern Gewinn gleichſam in geheimer Berathung aufweiſen, und ihn freund⸗ ſchaftlich gleichſam im Cabinet theilen(Tomlinſon: Hoͤrt, hoͤrt 1) iſt es Sitte daß der jeweilige Haupt⸗ mann Euch an ſeine Amtsfuͤhrung erinnert, wegen ſeiner Fehler eure Verzeihung erbittet ſo wie eure guten Wuͤnſche fuͤr ſeine kuͤnftigen Untetnehmun⸗ gen. Gentlemen! konnte man je Paul Lovett nachſagen, daß er von einer Beute gehoͤrt, und vergeſſen habe, Euch die Kunde mitzutheilen? (Nein, nein! lauter Beifall.) Ließ er ſich je nach⸗ ſagen, er habe Andre geſchickt, um den Raub zu holen und er ſey zu Hauſe geblieben um nachzu⸗ denken, wie man ihn verwenden ſolle?(Nein, nein! wiederholter Veifall.) Ließ er ſich je nachſa⸗ gen, er habe an Eurer Gefahr weniger und an Euern Guineen mehr Antheil genommen als ihm zuſtand?(Verneinendes Rufen, verbunden mit heftigem Beifall.) Gentlemen, ich danke Euch fuͤr dieſe ſchmeichelnden, lauten Beweiſe Eurer Zu⸗ friedenheit mit mir; aber die von mir beruͤhrten v ——— ———————— 117 Punkte, ſo nothwendig ſie fuͤr meine Ehre ſeyn moͤgen, beweiſen fuͤr meine Verdienſte wenig; es moͤgen an einem Cameraden achtungswerthe Ei⸗ genſchaften ſeyn; von Eurem Anfuͤhrer verlangt Ihr gewichtigere Dienſtleiſtungen. Gentlemen! hat ſich je Paul Lovett nachſagen laſſen, er habe wackre Maͤnner auf verlorene Poſten geſandt? Er habe Eure Koͤpfe auf's Spiel geſetzt, bei vor⸗ ſchnellen Verſuchen Bildniſſe von Koͤnig George zu erwerben? kurz, daß ſein Eifer groͤßer geweſen, als ſeine Vorſicht? oder daß ſeine Liebe zu ei⸗ nem Quid*) ihn je gleichguͤltig gegen euren ge⸗ rechten Abſcheu vor einem Qued**) machte? (Einſtimmiger Beifall.) „Gentlemen, ſeit ich die Ehre habe, uͤber Eurer Wohlfarth zu wachen, iſt das Schickſal, das dem Kuͤhnen hold iſt, gegen Euch nicht unguͤltig geweſen. Aber drei unſrer Gefaͤrthen vermiſſen wir bei unſern friedlichen Feſten. Einen, Gentle⸗ men, ſtieß ich ſelbſt aus unſrem Corps, wegen un⸗ gentlemanmaͤßiger Kunſtgriffe; er ſtahl Taſchentuͤ⸗ cher aus den Taſchen— es war ein gemeines Treiben. Manche von Euch, Gentlemen, haben daſſelbe zum Spaß gethan; Jack Littlefork machte ein Gewerbe daraus. Ich verwies es ihm oͤffent⸗ lich und privatim; Herr Pepper gab den Umgang *) Guineen. **) Gefaͤngniß. — tr.——. ———————— S — * 118 mit ihm auf, Herr Tomlinſon las ihm eine Ab⸗ handlung uͤber wahre Seelengroͤße vor; Al⸗ les umſonſt. Er wurde vom Poͤbel wegen des Diebſtahls eines Taſchentuchs mit Schluͤſſelblumen beſchimpft; mit dem Fehler haͤtte ich Nachſicht ge⸗ habt, die Entdeckung war unverzeihlich— ich ſtieß ihn aus. Wer iſt hier ſo niedertraͤchtig daß er ein Taſchentuͤcherjaͤger ſeyn moͤchte? Iſt Einer hier, der rede, denn ihn habe ich beleidigt! Wer iſt hier ſo gemein, daß er nicht ein Gentleman ſeyn wollte? Iſt Einer da— Er rede, denn ihn habe ich beleidigt! Ich ſchweige— ich erwarte eine Antwort! Wie, keine? Nun dann hab' ich Niemand beleidigt!(Lauter Beifall!) Gentlemen, ich darf kuͤhnlich hinzuſetzen: ich habe Jack Little⸗ fork nicht mehr gethan, als Ihr Paul Lovett duͤrf⸗ tet. Die nächſte Luͤcke in unſern Reihen wurde durch den Verluſt von Patrick Blunderbull veran⸗ laßt. Ihr kennt, Gentlemen, die kraͤftigen Be— muͤhungen, die ich zur Rettung dieſes irregeieite⸗ ten Geſchoͤpfs machte, deſſen Belehrung ich mir nicht minder ernſtlich angelegen ſeyn ließ. Aber er ließ ſich beigehen, unter dem Namen des Eh⸗ renwerthen Capitaͤn Smico Geſchaͤfte zu treiben; die Peerſchaft ſtrafte ihn auf Einmal Lügen, ſein Vergehen war von erſchwerenden Umſtaͤnden be⸗ gleitet und er war ſo auffallend haßlich, daß er keine Theilnahme einfloͤßte. Er verließ uns und wanderte in ferne Verbannung, und wenn ich ihn 119 als Menſch beklage, ſo geſtehe ich Euch, Gentle⸗ men, daß ich als Steuer⸗Eintreiber, Euch ſehr 1 leicht zu troſten weiß. Unſer dritter Verluſt muß Euch in friſchem Andenken ſeyn. Peter Popwell, ein ſo kecker Burſch, als je geathmet hat, iſt nicht mehr.“(Bewegung in der Verſammlung.)—„Friede ſey mit ihm! Er ſtarb auf dem Schlachtfeld, todt geſchoſſen von einem ſchottiſchen Oberſt, den der arme Popwell mit einer ungeladnen Piſtole auspluͤndern wollte, der aber nichts hatte. Sein Andenken, Gentle⸗ men,— in ſchweigender Feyer! Dieß iſt die Ueberſicht unſers Verluſtes,“ be⸗ gann der jugendliche Praͤſident wieder, ſobald Pe⸗ ter Popwells Andenken mit dem rothen 1 Pokal gekroͤnt war,„ich bin ſtolz, trotz mei⸗* ner Betruͤbniß, bei dem Gedanken, daß der Vor⸗* wurf dieſer Verluſte nicht auf mir laſtet. Und nun, Freunde und Genoſſen, Gentlemen von der„ Landſtraße, der Gaſſe, dem Theater und der Huͤt⸗ te! Ihr Helden, Ritter und Knappen vom Kreuz 5 — gemaͤß den Geſetzen unſers Ordens lege ich in 1 6 Eure Haͤnde die Gewalt nieder, die ihr mir fuͤr zwei Vierteljahre anvertraut, bereit in Eure Rei⸗ hen als Camerade zuruͤckzutreten und nicht abge⸗ neigt auf die muͤhevolle Ehre zu verzichten, die ich getragen,— getragen zwar mit vieler Schwachheit, aber wenigſtens mit dem aufrichtigen Wunſch der 120 Sache zu dienen, mit der mich Euer Vertrauen beauftragt hat.“ Mit dieſen Worten verließ der Praͤſident den Lehnſtuhl unter dem laͤrmendſten Beifall, und ſo⸗ bald der erſte Ausbruch ſich theilweiſe gelegt hatte, ſtand Augustus Tomlinſon, die eine Hand in der Hoſentaſche und die andre ausgeſtreckt hal⸗ tend auf und ſprach: „Gentlemen, ich trage darauf an, daß Paul Lovett fuͤr die naͤchſten drei Monathe wieder zu unſerm Hauptmann gewaͤhlt werde.“(Betaͤuben⸗ der Beifall)„Viel koͤnnte ich ſagen von ſeinen auſſerordentlichen Verdienſten, aber warum bei dem verweilen, was offenkundig zu Tage liegt? das Leben iſt kurz, warum ſollten die Reden lang ſeyn? Unſer Leben iſt vielleicht kuͤrzer, als das Leben andrer Menſchen; warum ſollten wir nicht in unſern Vortraͤgen einer angemeßnen Gedraͤngt⸗ heit uns befleißigen? Gentlemen, ich will nur Ein Wort zu Gunſten meines trefflichen Freundes ſa— gen— meines Freundes, ſage ich? ja des meinigen wie des Eurigen. Er iſt der Freund von uns Al⸗ len. Ein erſter Miniſter iſt ſeinen Anhaͤngern nicht nuͤtzlicher, und dem Publikum nicht beſchwer⸗ licher und aufſaͤtziger als, ich ſage es mit Stolz, Paul Lovett.(Laute Zuſtimmung.) Was ich zu ſeinen Gunſten geltend machen will, iſt einfach dieß. Der Mann, in deſſen Lob die entgegenge⸗ ſetzten Partheyen ſich vereinigen, muß wahrlich —— S—————— —— hervorragende Verdienſte beſitzen. Von allen un⸗ ſern Genoſſen, Gentlemen, iſt Paut Lovett der einzige, der auf dieſes Verdienſt Anſpruch zu ma⸗ chen hat.(Beiſtimmung.) Ihr wißt Alle, Gent⸗ lemen, daß unſre Verbruͤderung lange Zeit in zwet Partheyen getrennt war, jede auf die andre ei⸗ ferſuͤchtig, jede begierig, ſich emporzuſchwingen und jede wetteifernd, welche am meiſten Finger in den Beutel des Publikums hineinzubringen wiſſe. In der Sprache des gemeinen Volks wuͤrde die eine Parthey Gauner, die andre Landſtraßen⸗Rit⸗ ter geheißen haben. Ich, Gentlemen, ein Freund der Auffindung von neuen Namen fuͤr die Gegen⸗ ſtaͤnde und Perſonen und ein Stuͤck von einem Politiker, ich nenne die Einen Whigs und die Andern Tory's.(Geſchrei und Beifall.) Ich gelte fuͤr ein Einflußreiches Mitglied der erſtern Claſſe! Herr Sack wird mit Recht als die glaͤnzendſte Zierde der zweiten Faktion betrachtet. Herr Attie und Herr Eduard Pepper koͤnnen kaum ganz zu Einer von beiden gerechnet werden; ſie vereinigen in ſich die guten Eigenſchaften beider: brittiſche Miſchlinge werden ſie von Einigen genannt; ich nenne ſie liberale Ariſtokraten!(Beifall.. Und nun ruf' ich Jeden auf, er ſey Whig oder Ganner, Tory oder Landſtraßen⸗Ritter brittiſcher Miſchling oder liberaler Ariſtokrate: ich fordre Jeden auf, mir Einen Mann zu nennen, in deſſen Wahl Alle zuſammenſtimmen?“ Alle:„Lovett fuͤr immer.“ „Gentlemen,“ fuhr der liſtige Augustus fort: „dieſer Ausbruch iſt hinreichend; ohne ein weite⸗ res Wort: ich ſchlage als Euern Capitaͤn Herrn Paul Lovett vor.“ „Und ich unterſtuͤtze den Vorſchlag!“ ſagte der alte Herr Sack. Unſer Held, auf dieſe Weiſe wieder durch die einmuͤthige Zuſtimmung ſeiner Verbuͤndeten auf den Amtsſtuhl erhoben, ſtattete in einer wohlge⸗ ſetzten Rede ſeinen Dank ab, und Scharlach Jem erklaͤrte mit großer Feyerlichkeit, ſie mache ſeinem Kopf und Herz gleich viel Ehre. Nachdem die Donner der Beredſamkeit ver⸗ hallt waren, kreisten luſtig die flammenden Leuchtkugeln, oder, wie der gemeine Mann ſich ausdruͤckt, die Glaͤſer mit Genever; der gute alte Herr Sack aber blieb bei ſeinem blauen Tod, und Attie bei der Schnaps⸗-Flaſche; einige, worun⸗ ter Clifford und der weiſe Augustus, verlangten Wein, und Clifford, der ſich die aͤuſſerſte Muͤhe gab, in ſeiner Stellung aufs pflichtſchuldigſte die Froͤhlichkeit zu befoͤrdern, war dafuͤr beſorgt, daß der Geſang dem Vergnuͤgen der Becher Abwechs⸗ lung gebe. Von den vorgetragnen Liedern ſind wir nur zwei mitzutheilen im Stand. Das erſte iſt von dem langen Ned, und obgleich wir beken⸗ nen, Wenig daran zu finden, machte es doch(viel⸗ leicht wegen einer beſondern Anſpielung, die uns 123 natuͤrlich unbekannt iſt,) einen wunderbaren Ein⸗ 5 druck. Es lautete alſo: ⸗ Das Schelmen⸗Recept. n Willſt Du den groͤßten Schelmen ziehn Aus einem ehrlichen Thoren: Stell' zwiſchen zwei tuͤchtige Schelmen ihn e Hinein— er iſt verloren! Die Tugend einem Haushahn gleicht, e Der unter Kampfhaͤhnen ſich ſchaͤmet; f Der wildſte Elephant wird leicht Von zweien zahmen gezaͤhmt. n Die zweite Poeſie, womit wir unſern Leſern n aufzuwarten das Vergnuͤgen haben, iſt ein ſehr beluſtigendes Duett, das von Haudegen Attie und r⸗ einem großen duͤrren Raͤuber aufgefuͤhrt wurde, n der ein gefaͤhrlicher Burſche unter einem Pobel⸗ in haufen war, und deßwegen Poͤbel Francis genannt* te war; der Letztere begann: 3„ d, Poͤbel⸗Francis. n⸗ Der trefflichſte aller brittenen Herrn Iſt Handegen Attie, der Landſtraße Stern; n O Arthur, mein Held, Du entlehnt'ſt, wie ich ſah 5 e Einen ſtrotzenden Beutel heut Morgen; 33 3 ie Und weil meine Quell' dem Verſiegen iſt nah. ß Moͤcht' ich gern einen Goldsvogel borgen. 3 D Arthur, Du ruͤſt'ger, Du Kecker, Du Liſtger E 5 Wir Alle rufen es aus:* d Die Meiſter und Juͤnger im Handwert der Finger te Sticht bei weitem der Kriegsmann doch aus! 1 Haudegen Attie. l⸗ Halt Deinen Stand Du liſt'ger Preller! Ich leihe ohne Pfand ke Einen Fuchs? Keinen Heller! g Poͤbel⸗Francis. d O welch ein Scheuſal die neidiſche Katze, Die fuͤr ſich ſelbſt nur kratzt und ſcharrt! Moͤcht' alter Suͤnder! dir blaͤuen die Fratze, w Weil Du mir goͤnnſt am Gold keinen Part. P Haſt kein Herz fuͤr den allgemeinen Jammer, h Dich kuͤmmert der Sturz nicht unſrer Parthei⸗ d Und fuͤhrte nicht Scharlach Jem Hammer und Klammer li So waͤr es bald mit un“ Allen vorbei. d O! Scharlach Jem, das iſt ein Kerl zum Entzuͤcken! A Den ſticht ſein Gewiſſen wie den Schaͤdel Peruͤcken! n Doch ich muß verachten die Burſche die trachten d Nur immer ſich ſelber zu fuͤllen den Ranzen, Den Soldaten, der ohne Ruͤckſicht fuͤr die Krone fe 1 Und ſich ſelbſt ſticht, ſoll man als Verräther ku⸗ w ranzen. N Dieſe derbe Antwort des Poͤbel-Francis ſtoͤr⸗ ir te nicht im Mindeſten die urſpruͤngliche Ruhe und h Kaͤlte Haudegen Attie's; aber der umſichtige Clif— ei ford ſah, daß Francis ſeine gute Laune verloren bi hatte, und aufmerkſam auf das kleinſte Zeichen a von Stoͤrung in der Geſelſchaft, verlangte er ſo— d gleich ein neues Lied und Poͤbel⸗Francis rief brum⸗ F mend den alten Sack auf. B Die Nacht war ſchon weit vorgeſchritten und A ſo auch der Witz der ehrlichen Steuer Eintreiber, th als der Praͤſident Stille gebot und die Zecher in di Kenntniß ſetzte, daß ihr Chef ihnen fuͤr das naͤch⸗ vi ſte Ziel Verhaltungsbefehle ertheilen wolle. Nichts — nd n! n1 ne u⸗ r⸗ nd if⸗ en en — N n⸗ nd , in h⸗ 2 konnte beſſer am Platz ſeyn, als ſolche Anweiſun⸗ gen, waͤhrend die Luſtigkeit noch herrſchte und ehe die Vergeßlichkeit ſich der Koͤpfe bemeiſterte. „Gentlemen,“ ſagte der Hauptmann,„ich will jetzt mit Eurer Genehmigung Euch allen die Plane mittheilen, die ich fuͤr Jeden entworfen habe. Ihr Attie, ſollt nach London gehen; laßt die Windſor⸗Straße und die Umgegenden von Pim⸗ lico Eurer beſondern Sorge empfohlen ſeyn. Seht dieſe Briefe an, mein Held! ſie werden Euch viel Arbeit anweiſen, ans Schweigen brauche ich Euch nicht erſt zu erinnern. Wie die Auſter thut Ihr den Mund nie auf, als zu einem gewiſſen Behu⸗ fe. Ehrlicher alter Sack, ein reicher Viehmaͤſter wird am Donnerſtag in Smiethfield ſeyn; ſein Name iſt Hodges, und er wird etwa 1000 Pfund in ſeiner Taſche haben. Er iſt gruͤn, friſch und habgierig; erbietet Euch, ihm ſeine Nachbarn in einem Handel betruͤgen zu helfen, und ruhet nicht, bis Ihr ihm das angethan habt, was er Andern anthun wollte. Seyd, trefflicher alter Mann, wie der Froſchfiſch, der mit zwei Hoͤrnern, die wie Koͤder ausſehen, nach andern Fiſchen angelt; die Beute faͤhrt auf die Hoͤrner los und im nachſten Augenblick iſt ſie in ſeinem Rachen! Fuͤr Dich, theuerſter Jem, enthalten dieſe Briefe die Ankuͤn⸗ digung einer Beute: fett iſt der Pfaffe Pliant, voll ſeine Boͤrſe und er reitet am Freitag von Henley nach Oxford; ich brauche nicht mehr zu ſa⸗ 126 gen. Was Euch andern Herrn betrifft, auf dieſem Papier ſeht Ihr Eure Beſtimmung verzeichnet. Ich verbuͤrge mich dafuͤr, Ihr findet zu thun ge— nug bis wir uns von heute uͤber drei Monathe wieder treffen. Ich, Augustus Lomlinſon und Ned Pepper, wir bleiben in Bath; wir haben ein Ge— ſchaͤft eing efaͤdelt, ihr Herrn, von ausnehmender Wichtigkeit; ſohtet Ihr uns zufaͤllig begegnen, ſo begruͤßt uns nicht als Bekannte; wir ſind hier In— cognito; wir ſind auf einer hohen Jagd begriffen und ſtecken Falken⸗Federn auf um der Rolle treu zu bleiben— Ihr verſteht mich; aber der Fall kann ſchwerlich eintreten, denn keiner von Euch bleibt in Bath; bis morgen Nacht wird Euch ſchon die Landſtraße aufnehmen. Und nun Gentlemen! raſch die Glaͤſer gefuͤllt und ich will Euch einen Denkſpruch geben um Euren Eifer auzuſpornen: Gelber Honig iſt ſuͤß und hold, Aber ſuͤßer iſt gelbes Gold!“ Der Spruch unſres Helden wurde mit all dem Enthuſiasmus aufgenommen, welche angeneh— me Wahrheiten gewoͤhnlich erzeugen. Der alte Herr Sack ſtand auf, um eine Rede gegen den Praͤſidentenſtuhl zu halten; zum ungluͤck fuͤr die Erbauung der Zuhoͤrer glitt der Fuß des Vetera⸗ nen eh er uͤber die Worte: Herr Praͤſident, hinaus⸗ gekommen war; er ſtuͤrzte gewiſſermaßen taumelnd zu Boden— — S S„—— — all en ie nd Gleich einem ſchießenden Stern um nimmer aufzuſteh'n! Sein Koͤrper gab einen trefflichen Schemel fuͤr den bequemen Pepper ab. Jetzt gaben ſich Augustus Tomlinſon und Clifford, nachdem ſie einige Blicke gewechſelt, alle erſinnliche Muͤhe, die Froͤhlichkeit des Abends zu ſteigern und ehe die dritte Stunde des Morgens geſchlagen hatte, ward ihnen ſchon die Genugthuung von der Wir⸗ kung ihrer wohlwollenden Bemuͤhungen an den ausgeſtreckten Geſtalten ihrer Zechbruͤder ſich zu uͤberzeugen. Der lange Ned, der natuͤrlich mehr vertragen und faſſen konnte als die Uebrigen, un⸗ terlag zuletzt. „Des Baumes Blätter“ begann der Vorſitzende, die Haud ſchuͤttelnd „Des Baumes Blaͤtter ſind ein Bild vom Men⸗ ſchenkind Fetzt friſch beſchaut, jetzt welk, ein Spiel dem Wind.“ „Gut geſagt, mein Hektor der Landſtraßen!“ rief Tomlinſon, langte nach dem Wein, indeß ſei⸗ ne Beine beſchaͤftigt waren, die ausgeſtreckten Scheinleichname von Scharlach Jem und Lang Ned zu entfernen, und ſetzte das homeriſche Citat mit bombaſtifchem und ſelbſtgefaͤlligem Ton fort: „So bluͤhen dieſe noch, wenn jene ſchon verdorrt!“ „Wir haben uns unſrer Freunde zu entledi⸗ gen gewußt,“ begann Clifford. 123 „Wie Whigs die in Aemter kommen,“ un⸗ terbrach ihn der Politiker. „Recht, Tomlinſon, vermoͤge der gelindern Ei⸗ genſchaften unſers Getraͤnks und vielleicht auch der kraͤftigeren Beſchaffenheit unſrer Koͤpfe. Und nun ſagt mir, mein Freund, was denkt Ihr von der Wayrſcheinlichkeit des Gelingens? Werden wir eine Erbin haſchen oder nicht?“ „Je nun, freilich,“ ſagte Tomlinſon,„die Weiber ſind wie die Berechnungen in der Arith⸗ metik, wo man nie auf ein ganz reines Reſultat ohne Reſt kommt. Ich fuͤr meinen Theil will meine Waden polſtern und mich nach einer Witt⸗ we umſehen. Ihr, mein guter Geſelle, ſcheint ganz gut zu ſtehen mit Miß——“ „O, nennt den Namen nicht!“ rief Clifford, erroͤthend, daß man es ſelbſt durch die Glut, wel⸗ che der Wein uͤber ſein Angeſicht verbreitet, hin⸗ durch bemerkte.„Wie es ſich immer verhalte, von unſrem Munde ſoll ihr Name nicht gehaucht werden; und wahrhaftig, wenn ich an ſie denke, ſo thu' ich es ohne einen Namen.“ „Wie, habt Ihr auch ſchon vor dieſem Abend an ſie gedacht?“ „Ja, ſeit Monathen,“ antwortete Clifford. „Ihr erinnert Euch, wie Ihr vor einiger Zeit, als wir den Plan zur Pluͤnderung Mauleverers entwarfen, mehr zum Spaß als um des Gewinns willen den Doktor Slopperton von Warlock aus n⸗ Ei⸗ der un der vir die th⸗ tat vill tt⸗ int rd, el⸗ in⸗ te, cht ke, end rd. it, ers ns us pluͤndertet, worauf ich mitleidig den alten Herrn nach Hauſe begleitete. Nun, im Hauſe des Geiſt⸗ lichen traf ich Miß Brandon; bemerkt, wenn ich ſie beim Namen nenne, muͤßt Ihr es doch nicht thun— und beim Himmel, doch ich will nicht ſchwoͤren— und begleitete ſie nach Haus. Ihr wißt die Pluͤnderung Mauleverers machte Laͤrm eh noch der Tag anbrach und ich fuͤrchtete Euch Alle in Gefahr zu bringen, wenn ich in der Nähe des Orts wo die That geſchehen war, mich blicken ließe. Seither zerſtreuten Geſchaͤfte meine Ge⸗ danken; wir entwarfen den Plan; eine Heiraths⸗ Speculation in Vath zu verſuchen. Ich kam hie⸗ her; denkt Euch meine Ueberraſchung als ich ſie ſah!—“ „Und Euer Entzuͤcken,“ ſetzte Tomlinſon hin⸗ zu,„bei der Kunde, daß ſie eben ſo reich als ſchoͤn iſt.“ „Nein!“ antwortete Clifford raſch,„dieſer Gedanke macht mir kein Vergnuͤgen— Ihr ſtutzt. Ich will verſuchen mich zu erklaͤren. Ihr wißt, lieber Tomlinſon, ich bin eben kein Empfindler, und doch bebt mir das Herz, wenn ich das unſchul⸗ dige Geſicht anſehe, und die ſanfte, angenehme Stimme hoͤre und denke, daß meine Liebe zu ihr nur Verderben und Kummer uͤber ſie bringen kann; ja, daß meine Anrede ſchon eine Befleckung und mein Blick gegen ſie eine Beleidigung iſt.“ „Ei der Tauſend!“ ſagte Toml„ſeyd Bulwer's Romane. XXVI. 129 130 Ihr bei mir in die Schule gegangen und habt die wahre Geltung der Worte erlernt und koͤnnt noch irgend Scrupel uͤber einen ſo leichten Gewiſ⸗ ſensfall haben? Wahr iſts Ihr koͤnnt es Be⸗ trug nennen, wenn Ihr Euch ihr vorſtellt als ei— nen unabhaͤngig lebenden Gentleman und ſo ihre teigung gewinnt; aber warum dieß Betrug nennen, da Geiſt zur Intrigue ein weit paſſenderer Ausdruck iſt; eben ſo falls Ihr die junge Dame heirathet, wenn Ihr ſagt, Ihr ha⸗ bet ſie zu Grund gerichtet, ſo verdient Ihr mit Recht, vernichtet zu werden, aber warum nicht ſagen: Ihr habet Euch gerettet; und dann, mein guter Freund, iſt Eure That die aller⸗ rechtmaͤßigſte von der Welt.“ „Bſcht, Menſch!“ ſagte Clifford verdrießlich, „keine Sofismen und Spoͤttereien.“ „Bei der Seele Sir Eduard Coke's, es iſt mein Ernſt— aber ſeht Ihr, mein Freund, dieß iſt keine Sache, wo es paſſend iſt, ein allzuzartes und delikates Gewiſſen zu haben. Ihr ſeht die Burſche, die da auf dem Boden liegen! Alles kluge Geſellen und ſo fort, aber Ihr und Ich, wir ſind von einer andern Art. Ich habe eine claſſi⸗ ſche Erziehung gehabt, die Welt geſehen und bin in anſtaͤndige Geſellſchaft gekommen; und Ihr wart nicht lang ein Mitglied unſers Clubs, ſo zeichnetet Ihr Euch vor Allen aus. Das Gluͤck laͤchelte Eurer jugendlichen Kuͤhnheit. Ihr ſchaff⸗ ——— tet Euch ſchoͤne Pferde und Kleider an, beſuchtet oͤffentliche Geſellſchaften, und da Ihr ein ver⸗ dammt huͤbſcher Burſche mit einem angebornen vornehmen Weſen und von einiger Bildung ſeyd, wurdet Ihr ſo wohl aufgenommen, daß Ihr Euch in kurzer Zeit Betragen und Ton eines— was ſoll ich ſagen— eines Gentleman und Geſchmack an angemeßner Geſellſchaft erwarbet. Das iſt auch mein Fall. Trotz unſern Bemuͤhungen fuͤr das Gemeinwohl, merken die undankbaren Hunde, daß wir mehr ſind, als ſie.; ein einziges neidiſches Herz iſt genug uns dem Henker zu uͤberliefern; wir ſind daruͤber einverſtanden, daß wir in Gefahr ſind, und eben ſo darin, daß wir einen ehrenvollen Ruͤckzug bewerkſtelligen muͤſſen; das koͤnnen wir nicht thun ohne Geld; Ihr kennt den unter Un⸗ ſersgleichen bekannten Vers; Nichts kann wahrer ſeyn: Es iſt am Galgen lungern Noch beſſer als Verhungern. „Ihr wollt nichts von dem Gemeingut ent⸗ wenden, obgleich ich denke, Ihr koͤnntet es mit vollem Recht, in Betracht, daß Ihr ſo Viel ein⸗ gebracht habt; was ſollen wir nun anfangen? Ar⸗ beiten koͤnnen wir nicht; betteln moͤgen wir nicht! und unter uns geſagt, wir fuͤhren ein ſehr ver⸗ ſchwenderiſches Leben. Was bleibt uns uͤbrig als eine Heirath?“ 132 „Wahr iſt's,“ ſagte Clifford mit einem hal⸗ ben Seufzer. „Ihr duͤrft wohl ſeufzen, mein guter Geſell; die Ehe iſt im beſten Fall ein Jammerleben; aber hier iſt kein andrer Ausweg, und nun da Ihr eine Neigung gefaßt habt zu einer jungen Dame, die ſo reich iſt, wie ein weiblicher Croͤſus und eine ſo glaͤnzend vergoldete Pille, wie die Kutſche des Lordmajors, was Teufels habt Ihr da noch mit Scrupeln zu ſchaffen?“ Clifford antwortete nicht und es entſtand ei⸗ ne lange Pauſe, vielleicht haͤtte er ſich nicht ſo freimuͤthig herausgelaſſen, als er that, wenn nicht der Wein ihm das Herz aufgeſchloſſen haͤtte. „Wie ſtolz“ fieng Tomlinſon wieder an,„die gute alte Matrone in Thames Court ſeyn wird, wenn Ihr ein Fraͤulein heirathet! Ihr habt ſie in neuſter Zeit nicht geſehen?“ „Seit Jahren nicht,“ antwortete unſer Held, „arme alte Seele! ich denke ſie befindet ſich wohl, und ich trage Sorge, daß ſie nicht ohne Baar⸗ ſchaft iſt.“ „Aber warum beſucht Ihr ſie nicht? Vielleicht ſchaͤmt Ihr euch, wie alle große Maͤnner, beſon⸗ ders von liberaler Geiſtesrichtung, der alten Freun⸗ de, he?“ „Mein guter Freund, ſieht das mir gleich? Ihr wißt ja doch, wie die Stutzer unter unſerm Orden mich ſcheel anſehen, weil ich auf meine S** 133 Wuͤrde nicht genug halte, nicht immer in Geſell⸗ ſchaft von wohlgekleideten Gentlemen raube und unter dem Namen des Neffen eines Lords betruͤ⸗ ge; nein, meine Gruͤnde ſind dieſe: fuͤrs Erſte muͤßt Ihr wiſſen, die alte Dame hatte ſichs zur Herzens⸗Angelegenheit gemacht, daß ein ehrlicher Mann aus mir werden ſollte.“ „Und das ſeyd Ihr geworden!“ unterbrach ihn Augustus.„Ehrlich gegen Eure Parthey; was wollt Ihr mehr von irgend einem Gauner oder Politiker?“ „Ich glaube“ fuhr Clifford, die Unterbrechung nicht beachtend, fort,„meine arme Mutter ver⸗ langte vor ihrem Tod, ich moͤchte doch ehrlich auf⸗ erzogen werden; und ſo ſeltſam es euch vorkom⸗ men mag, aber— Frau Lobkins iſt eine gewiſſen⸗ hafte Frau auf ihre eigne Weiſe,— ihr Fehler iſt es nicht, wie ich das geworden bin, was ich wurde. Nnn weiß ich wohl, es wuͤrde ſie ſchmerz⸗ lich betruͤben, wenn ſie mich in meiner jetzigen Geſtalt ſaͤhe. Fuͤrs zweite, mein Freund, koͤnnt Ihr Euch wohl denken, daß bei meinen angenom⸗ menen Namen— Jackſon und Howard, Ruſſel und Pigwiggin, Villiers und Gotobed, Cavendiſch und Salomons, die guten Leute in der Nachbar⸗ ſchaft von Thames Court nicht entfernt einen Ver⸗ dacht hegen, der abenteuerliche und vollendete Schelm, dermalen Hauptmann dieſes Bezirks mit dem neuen Namen Lovett, ſey in der That kein 134 Andrer als der unbekannte, namenloſe Paul vom Krug. Nun hatten wir, Ihr und Ich, Augustus! in der menſchlichen Natur, obwohl im ſchwarzen Buch, geleſen, und ich weiß wohl, daß, wollte ich in Thames Court erſcheinen, und wuͤrde die alte Dame das Geheimniß meiner Ankunft ausſchwa⸗ tzen,(was ſie gewiß thaͤte, nicht aus Unzaͤrtlichkeit ſondern aus Unmaͤßigkeit— nicht daß ſie mich we⸗ niger ſondern weil ſie den Magentroſt mehr liebt,.)—“ „Ihr koͤnnt Euch leicht denken,“ unterbrach ihn der lebhafte Tomlinſon,„daß die Identitat Eurer fruͤhern Riedrigkeit mit Eurer jetzigen Groͤße bald wuͤrde ausgeſpuͤrt werden, Neid und Eiferſucht Eurer fruͤhern Freunde erwachen wüͤr⸗ den; ein Wink von Eurem Aufenthalt und Euern falſchen Namen koͤnnte der Polizei gegeben, Ihr ſelbſt beigefaht werden mit der naheliegenden Aus⸗ ſicht auf eine haͤnfene Befoͤrderung.“ „Ihr errathet ganz meine Geſinnung!“ ant⸗ wortete Clifford.„Die Wahrheit iſt, daß ich beo⸗ bachtet habe, wie unter zehn Faͤllen immer neun⸗ mal unſre bravſten Geſellen durch die Verrätherei eines fruͤhern Buſenfreundes oder den Neid eines Kameraden von der Knabenzeit her aufgehoben wurden. Meine Beſtimmung iſt noch nicht ent⸗ ſchieden; ich verdiene ein beſſeres Schickſal, als im Karren zu fahren mit einem Blumenſtrauß in der Hand; und ob ich gleich nach dem Tod an om 81 n lte d= eit ve⸗ hr ach taͤt en ind uͤr⸗ ern Ihr us⸗ nt⸗ eO un⸗ rei ies en nt⸗ als in 135 und fuͤr ſich nicht viel frage, bin ich doch entſchloſ⸗ ſen, wo moͤglich nicht als Landſtraßen⸗Ritter zu ſterben; daher meine Vorſicht und die fluge Sorg⸗ falt fuͤr Geheimhaltung und ſichre Freyſtaͤtten, wo⸗ rin Menſchen, die nicht ſo weiſe ſind wie Ihr, ſo oft einen unnatuͤrlichen Widerſpruch mit meiner Hand⸗ lungsweiſe auf der Landſtraße gefunden haben.“ „Narren!“ ſagte der filoſofiſche Tomlinſon. „Was hat die Tapferkeit eines Kriegers damit zu ſchaffen, daß er ſein Haus vor Feuergefahr ſicher ſtellt?“ „Indeß,“ ſagte Clifford,„ſchicke ich meiner guten Pflegemutter dann und wann ein huͤbſches Geſchenk, um ſie von meinem Wohlbefinden zu uͤberzeugen, und erhalte mich obwohl abweſend doch ihrem Gedaͤchtniß durch Praͤſente gegenwaͤrtig — verzeiht das Wortſpiel.“ „Und ſeyd Ihr nie von Einem Eurer weiland Kameraden ausgefunden worden?“ „Nie! bedenkt, in welch hoͤhere Sfaͤre des Lebens ich mich geworfen habe; und wer wuͤrde auch den Syringinsfeld Paul mit der Barchent⸗ Jacke in Gentleman Paul mit verbraͤmter Weſte erkennen? Zudem habe ich ſorgfaͤltig alle Orte vermieden, wo ich möglicherweiſe ſolchen begegnen konnte, die mich in meiner Kindheit ſahen. Ihr wißt, wie wenig ich die Gaunerherbergen beſuche, und wie bedenklich ich bei der Aufnahme neuer Verbuͤndeter in unſre Geſellſchaft bin; Ihr und 136 Pepper ſeyd die einzigen zwei von meinen Genoſ⸗ ſen(meinen Schützling ausgenommen, wie Ihr ihn nennt, der die Hoͤhle nie verlaͤßt,) die um meine Identitaͤt mit dem verlornen Paul wiſſen; und da Ihr beide den furchtbaren Eid des Schwei⸗ gens abgelegt habt, den zu brechen, eh' ich im Kerker oder am Galgen bin, beinah ſo viel iſt, als ſich dem ſichern Tod ausſetzen, halte ich da⸗ fuͤr, daß mein Geheimniß ſchwerlich, auſſer mit mei⸗ ner eignen Zuſtimmung an den Tag kommen kann.“ „Wahr!“ ſagte Augustus winkend,„noch ein Glas und dann zu Bett, Herr Praäſident.“ „Ich thu' Euch Beſcheid, mein Freund; un⸗ ſer letztes Glas ſoll in menſchenfreundlichem Sin⸗ ne geſchluͤrft werden: Alle Narren, und moͤge Ihr Geld ihnen bald abgenommen werden!“ „Alle Narren!“ rief Tomlinſon und fuͤllte einen Tummler,„aber ich fechte die Weisheit Eures Trinkſpruchs an; moͤgen die Narren reich ſeyn, ſo werden die Schelme nie arm ſeyn. Ich wollte mir aus einem reichen Narren eine beſſere Rente verſchaffen als aus einem Landgut.“ Mit dieſen Worten ſtuͤrzte der beſchauliche und immerſcharfſinnige Tomlinſon ſeinen Tummler hinab und beide ſtiegen, nachdem ſie mittelſt ih⸗ rer Fuͤße, den Koͤrper des langen Ned ſaͤuberlich in eine ruhige, ſichre Ecke des Zimmers befoͤrdert hatten, Arm in Arm die Treppe hinunter, um nach ihrer Vequemlichkeit die Ruhe der Nacht zu genießen. E, L. Bulwer's Werke Aus dem Engliſchen. Siebenundzwanzigstes Bändchen. Paul Elifford. Viertes Baͤndchen. Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1 8 3 4. Paul Clittord. Ein Roman von dem Verfaſſer des Pelham, Eugen Aram 16. Aus dem Engliſchen von S In ſieben Baͤndchen. Viertes Baͤndchen, Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1 8 3 4. nee ee i 1 Siebzehntes Kapitel. Den harten Mann, mit abgeſtorbnem Triebe, Und ruh'ger Stirne, bruͤtend finſtern Plan: Dabei die reine Ingend, hold durch Liebe— Ich ſeh es gern, obwohl mit Swant an. „Fletcher. Am Vormittag nach dem Ball ſtand der Wa⸗ gen William Brandons gepackt und geruͤſtet vor der Thuͤr ſeiner Wohnung in Bath; der Advokat war indeß noch mit ſeinem Bruder eingeſchloſſen; „Mein lieber Joſef,“ ſagte der Anwalt,„ich ver⸗ laſſe Dich durchdrungen von dem Gefuͤhl der Zaͤrt⸗ lichkeit, die Du gegen mich an den Tag gelegt, theils dadurch, daß Du hieher kamſt, ganz Deiner Lebensweiſe zuwider, theils daß Du mich uͤberall hin begleiteteſt, auch wo es nicht nach Deinem Geſchmack war.“ „Sprich nicht davon, lieber William,“ ſagte der gutherzige Squire,„denn Deine entzuͤckende Geſellſchaft iſt fuͤr mich das Angenehmſte—(und das kann ich von wenigen Leuten Deiner Art ſa⸗ gen, denn mir fuͤr meinen Theil iſt ſonſt der Um⸗ gang mit den geſcheuteſten Leuten das Unange⸗ nehmſte, von der Welt. und beſonders duͤn⸗ 6 ken mich die Advokaten—(wie verſchieden freilich von Deinen Amtsgenoſſen biſt Du) ganz und gar unertraͤglich!“ „Ich habe jetzt,“ ſagte Brandon, der mit ſei⸗ ner gewoͤhnlichen krankhaften Lebhaftigkeit in ra⸗ ſchen Schritten auf und ab im Zimmer gieng und ſeines Bruders Compliment kaum bemerkte,„ich habe jetzt noch eine Bitte an Dich— Sieh dieſes Haus ſammt Dienerſchaft noch fuͤr einen oder zwei Monathe wenigſtens als das Deinige an. Unterbrich mich nicht— es ſoll keine Artigkeit ſeyn, ich rede von dem Vortheil unſrer Familie.“ Und nun ſetzte er ſich neben ſeines Bruders Arm⸗ ſeſſel, denn ein Gichtanfall hielt den Squire in ſtrenger Haft, und entwickelte ihm ſeinen Lieb⸗ lingsplan, Lucie mit Lord Mauleverer zu vermaͤh⸗ len. Trotz der beharrlichen Aufmerkſamkeit des Grafen gegen die Erbin hatte ſich doch der ehrli— che Squire nie von einer ernſtlichen Abſicht traͤu⸗ men laſſen, und er war vor Ueberraſchung auſſer ſich, als er die Erwartungen des Advokaten ver⸗ nahm. „Aber mein lieber Bruder,“ begann er,„ei⸗ ne ſo große Partie fuͤr meine Lucie, der Statthal⸗ ter, der Graf——“ „Und was iſt es denn?“ rief Brandon ſtolz mund unterbrach ſeinen Bruder,„iſt nicht das Ge⸗ ſchlecht der Brandon, das ſeine Sproͤßlinge mit dem koͤniglichen Blute vermaͤhlte, weit edler gls ——— M ——* — — u„ S. das des aufgepropften Stammes der Mauleverer? Welche Anmaßung liegt in der Hoffnung daß die Tochter der Grafen von Suffolk einen verblichenen Namen mit ein wenig koſtbarem Pulver der wei⸗ land Goldſchmide von London vergolden ſollte? Zudem“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„wird Lu⸗ cie reich, ſehr reich werden, und eh zwei Jahre verfließen kann moͤglicherweiſe mein Rang dem Mauleverers gleich ſeyn.“ Der Squire war vor Erſtaunen ſprachlos; und Brandon fuhr fort ohne ihm Zeit zur Antwort zu laſſen. Es iſt uͤberfluͤßig, das Geſpraͤch im Ein⸗ zelnen zu berichten; es genuͤgt zu ſagen, daß der gewandte Advokat ſeinen Bruder nicht eher ver⸗ ließ, als bis er ſeine Abſicht bei ihm erreicht hat⸗ te; bis Joſef Brandon verſprach, zu Bath im Be⸗ ſitz des Hauſes und der Einrichtung ſeines Bru⸗ ders zu bleiben, der Bewerbung Mauleverers kein Hinderniß in den Weg zu legen, die Geſellſchaft wie bisher zu beſuchen, und beſonders Lucie, wel— che offenbar den Lord Mauleverer nicht ausſchließ⸗ lich beguͤnſtigte, durch keine Anſpielung auf die Hoffnungen und Erwartungen ihres Oheims und Vaters zu beunruhigen. Jetzt nahm Brandon von ſeinem Bruder Abſchied und gieng hinauf Lucien aufzuſuchen. Er fand ſie, wie ſie ſich uͤber den vergoldeten Kaͤfig e ihrer gefiederten Lieblinge beugte und zu dem“kleinen Inſaßen in der anmu⸗ thigen, taͤndelnden Sprache redete, in welche alle 8 unſchuldige zaͤrtliche Gedanken ſollten gekleidet ſeyn. So ſchoͤn war Lucie in ihrer maͤdchenhaften und liebkoſenden Beſchaͤftigung, und ſo wenig ſchien ſie geeignet, das Werkzeug ehrſuͤchtiger Plane und das Opfer weltlicher Berechnungen zu werden, daß Brandon ploͤtzlich im innerſten Her⸗ zen ergriffen bei ihrem Anblick verſtummte; bald jedoch ſammelte er ſich wieder, naͤherte ſich ihr und ſagte als feiner Weltmann:„Gluͤcklich iſt der, fuͤr welchen ſolche Liebkoſungen und Worte aufgeſpart ſind.“ Lucie wandte ſich um.„Er iſt krank“ ſagte ſie auf den Vogel deutend, der mit ſteifen und geſtraͤubten Federn daſaß, ſtumm und gleichguͤltig ſelbſt gegen die Stimme, welche ſo muſikaliſch war wie ſeine eigne. „Armer Gefangner!“ ſagte Brandon,„ſelbſt ein vergoldeter Kaͤfig und ſuͤße Toͤne köͤnnen Dir den Verluſt der freyen Luft und der wilden Waͤl⸗ der nicht erſetzen.“ „Aber“ ſagte Lucie aͤngſtlich,„es iſt doch nicht die Einſperrung die ihn krank macht. Wenn Sie das meinen, will ich ihn ſogleich freilaſſen.“ „Wie lang haſt Du ihn ſchon?“ fragte Bran⸗ don. „Drei Jahre,“ antwortete Lucie. „Und es iſt Dein liebſter Liebling?“ „Ja, er ſingt nicht ſo huͤbſch als die andern, aber er iſt viel geſcheuter und ſo zärtlich!“ „Kannſt Du ihn denn freilaſſen 2“ fragte Brandon laͤchelnd.„Waͤre es nicht beſſer ihn in Deinem Gewahrſam ſterben zu ſehen als ihn le⸗ ben laſſen und nie mehr erblicken?“ „O nein, nein!“ ſagte Lucie lebhaft,„wenn ich Jemand— ein Weſen liebe, ſo wuͤnſche ich daß dieſes gluͤcklich ſey, nicht ich.“ Mit dieſen Worten nahm ſie den Vogel aus dem Kaͤfig, trug ihn ans offne Fenſter, kuͤßte ihn und hielt ihn auf ihrer Hand in die Luft hin⸗ aus. Der arme Vogel ſah ſich mit mattem, kraͤnklichem Aug' um, als ob der Anblick der Haͤu⸗ ſermaſſen und der geſchaͤftigen Straßen nichts Vertrauliches oder Einladendes fuͤr ihn habe, und erſt als Lucie mit zaͤrtlicher Entſchloſſenheit, ihn ſanft wegſchuͤttelte, benutzte er die ihm gegoͤnnte Freiheit. Er flog zuerſt auf einen gegenuͤberſte⸗ henden Balkon und dann nach einer kurzen Pauſe der Ueberraſchung gleichſam ſich erholend, umkreis⸗ te er in kurzem Fluge die Haͤuſer, und nachdem er einige Augenblicke verſchwunden war, flog er wieder zuruͤck, flatterte um das Fenſter, flog wie⸗ der herein, ſetzte ſich wieder auf die ſchoͤne Hand ſeiner Gebieterin und draͤngte ſich an ihren Buſen. Lucie bedeckte ihn mit Kuͤſſen.„Sie ſehen, er will mich nicht verlaſſen,“ ſagte ſie. „Wer koͤnnte es auch?“ ſagte der Oheim mit Waͤrme, fuͤr dieſen Augenblick aus allen Ge⸗ danken, ausgenommen die Zaͤrtlichkeit gegen das 10 junge ſanfte Weſen, das vor ihm ſtand, herausgezau⸗ vert,„Wer koͤnnte es auch?“ wiederholte er mit einem Seufzer,„als etwa ein alter, verwelk⸗ ter Ascete wie ich. Ich muß Dich wahrlich ver⸗ laſſen; ſieh, mein Wagen iſt vor der Thuͤre. Will meine ſchoͤne Nichte unter den ſie umgebenden Luſtbarkeiten ſich herablaſſen, dann und wann des graͤmlichen Advokaten zu gedenken, und ihn durch eine Zeile von ihrem Gluͤck und Wohlſeyn verſi⸗ chern? Obgleich ich ſelten andre als Geſchaͤftsbrie⸗ fe ſchreibe, darfſt doch Du wenigſtens einer Ant⸗ wort von mir gewiß ſevn. Und ſag' mir Lucie, iſt wohl irgend Einer in dieſer ganzen Stadt ſo thoͤricht zu glauben, dieſe nichtigen Edelſteine, nur dazu gut meinen Stolz auf Dich durch ein aͤußres Zeichen zu beurkunden, koͤnnten einer Schoͤnheit, die uͤber allen Schmuck hinaus iſt, auch nur den kleinſten weitern Reitz verleihen?“ Mit dieſen Worten brachte Brandon ein le⸗ dernes Kaͤſtchen hervor, beruͤhrte eine Feder und der uͤberwaͤltigende Schimmer von Diamanten, die manches patriciſche Herz entzuͤckt haͤtten, ſprang blendend Luciens Augen entgegen. „Keinen Dank, Lucie!“ ſagte Brandon, ſeiner Nichte ſchuͤchterne und ſich ſtraͤubende Dankbarkeit ablehnend,„ich ehre mich ſelbſt, nicht Dich, und nun Gott ſegne Dich, liebes Maͤdchen. Lebewohl! Sollte ſich eine Veranlaſſung ergeben, wo Du ei⸗ nes vertrauten, wohlmeinenden und weiſen Rath⸗ 1I gebers benoͤthigt waͤreſt, ſo lege ich Dir, liebſte Lucie, zum Abſchied die Bitte ans Herz, kein Be⸗ denken zu tragen, an Lord Mauleverer Dich zu wenden. Neben ſeiner Freundſchaft fuͤr mich nimmt er großen Antheil an Dir und Du kannſt ihn mit der groͤßten Zuverſicht und allem Vertrauen um Rath fragen, denn“ hier laͤchelte der Advokat, „er iſt vielleicht der einzige Mann auf der Welt, den meine Lucie nicht in ſich verliebt machen kann. Seine Galanterie kann als Schmeichelei erſchei⸗ nen, aber ſie iſt durchaus nicht mit der Liebe ver⸗ wandt. Verſprich mir, daß Du dieß ohne Beden⸗ ken thun willſt.“ Lucie gab leicht das Verſprechen und Bran⸗ don fuhr in ſorgloſem Tone fort:„Ich hoͤre, Du habeſt letzte Nacht mit einem jungen Gentleman getanzt, den Niemand kannte, und deſſen Beglei⸗ ter in ſehr ſonderbarem Aufzug erſchienen. In einem Ort, wie Bath, iſt die Geſellſchaft ſo ge⸗ miſcht, daß die groͤßte Behutſamkeit in Bekannt⸗ ſchaften durchaus nothwendig iſt. Du mußſt mir verzeihen, liebſte Nichte, wenn ich Dir bemerke, daß eine junge Dame nicht nur ſich ſelbſt, ſondern auch ihren Verwandten es ſchuldig iſt, in ihrem Betragen die ſtrengſte Umſicht zu zeigen. Es iſt eine ſchlimme Welt und von der pfirſichzarten Bluͤthe des Rufs iſt leicht der Bluthenſtaub abge⸗ ſtoßen. In ſolchen Punkten kann Dir Mauleverer von großem Nutzen ſeyn. Seine Charakterkennt⸗ 12 niß, ſein durchdringender Scharfblick und ſein Takt im Benehmen ſind unfehlbar. Ich bitte, laß Dich von ihm leiten; vor Wem er Dich warnt, der iſt ſicherlich Deiner Bekanntſchaft unwuͤrdig. Gott ſegne Dich! Du wirſt mir oft und freimuͤthig ſchrei⸗ ben, liebe Lucie; vertraue mir Alles an⸗ was Dir begegnet, alles was Dich anzieht, ja auch Alles was Dir zuwider iſt.“ Hierauf ſchloß Brandon, der dem Anſchein nach das Erroͤthen nicht beachtet hatte, das waͤhrend ſeiner Rede Luciens Wangen uͤberflog, ſeine Nichte in die Arme und eilte, wie um ſeine Empfindun⸗ gen zu verbergen, in ſeinen Wagen. Als die Pferde um die Straßenecke waren, wies er den Poſtillon an, vor Lord Mauleverers Wohnung zu halten.„Nun“ ſagte er bei ſich ſelbſt,„wenn ich dieſen geſcheuten Gecken gewinnen kann, daß er meine Plane unterſtuͤtzt und meinem Spiele gemaͤß ſeine Karten ausſpielt, nicht aber nach der Eingebung ſeiner Eitelkeit— ſo bekomme ich ei⸗ nen Ritter vom Hoſenband-Orden zum Neffen.“ „Indeß eilte Lucie, in Thraͤnen ſchwimmend, denn ſie liebte ihren Oheim zaͤrtlich, zu dem Squi⸗ re hinab, ihm Brandons praͤchtiges Geſchenk zu zeigen. „Ha!“ ſagte der Sauire,„wenige Menſchen wurden mit ſchoͤnern, edlern und groͤßern Eigen⸗ ſchaften geboren—(nur Schade daß ſein Haupt⸗ verlangen immer war, in der Welt ſich emporzu⸗ ſchwingen; durch kein andres Beſtreben wird man ein groͤßerer und herzloſe⸗ rer Schurkel) als mein Bruder Wil⸗ liam!“ Achtzehntes Kapitel. Wie konnte ſie ihn lieben? Frage nicht! Keimt Liebe denn aus Willkuͤr oder Pflicht? Wenn er fuͤr ſie nur edel war! Binnen drei Wochen von ſeiner Ankunft in Vath an, war Capitaͤn Clifford der bewundertſte Mann daſelbſt. Zwar haͤtten vielleicht dte Maͤn⸗ ₰ ner, welche in der Schätzung ihres eignen Geſchlechts einen weit ſchnellern Takt beſitzen, als die Frauen, ihn ein wenig ſcheel angeſehen, wenn er nicht 3 ſelbſt ſorgfaltig den Schein der Zudringlichkeit ver⸗ mieden hätte und wirklich der Geſellſchaft von 1 Maͤnnern mehr ausgewichen waͤre, als daß er ſie aufſuchte; ſo daß er, nachdem er ein Duell mit einem Baronet, dem Sohn eines Schuhmachers, 3 der von ihm als einem gewiſſen Clifford geſpro⸗ chen, ausgefochten hatte, und ſich auf einem ge⸗ tiegerten Pferd ſehen ließ, das fuͤr das ſchoͤnſte 14 in Bath erklaͤrt wurde, ſich allmaͤlig zu einer ge⸗ wiſſen Anerkennung bei ſeinem eignen Geſchlecht wie bei den Frauen zu allgemeiner Beliebtheit emporſprang. Was aber immer den Verdacht auf ſich zog und rege erhielt, war ſein vertrauter Uumgang mit einem ſo ſonderbaren und pomphaft ausſehenden Gentleman, wie Herr Edward Pepper. Man konnte ſich uͤber eine gewiſſe Freimuͤthig⸗ keit in Cliffords Benehmen wegſetzen, aber auch die Nachſichtigſten verloren die Geduld uͤber der unverſchaͤmtheit des langen Ned. Clifford jedoch war nicht blind gegen das Laͤcherliche, das an ſei⸗ nen Bekannten haftete und wußte es bald ſo ein⸗ zurichten, daß er ſeinen Beſchaͤftigungen allein nachgieng; ja er nahm eine beſondre Wohnung fur ſich und ließ den langen Ned und Augustus Comlinſon,(den letztern um als niederſchlagendes Mittel auf den erſten zu wirken,) im ungeſtoͤrten Genuß der Wohnung bei dem Haarkraͤusler. Er ſelbſt beſuchte alle oͤffentliche Luſtbarkeiten, und ſein Aeuſſeres, verbunden mit dem Anſchein von Reichthum, den er um ſich zu verbreiten wußte, verſchaffte ihm den Zutritt in einige Privatzirkel, welche darauf Anſpruch machten, ausſchließliche zu heißen. Als ob Leute mit Toͤchtern in England je ausſchließlich ſeyn koͤunten! Nicht wenige wa⸗ ren es der zaͤrtlichen Blicke, nicht ſparſam die einladenden Briefchen, die ihm zu Theil wurden. Und waͤre ſein einziger Zweck geweſen, eine Erbin zu heirathen: er haͤtte ihn ohne Schwierigkeit erreicht. Aber er widmete ſich ganz Lucie Bran⸗ don und um Einen Blick von ihr zu gewinnen, haͤtte er auf alle Erbinnen der Welt verzichtet. Zum groͤßten Gluͤck fuͤr ihn war Mauleverer, deſ⸗ ſen Geſundheit ſehr leicht zu erſchuͤttern war, an dem Tag da Brandon Bath verließ, krank gewor⸗ den; und ſeine Lordſchaft ward ſomit verhindert, die Bewegungen Luciens zu beobachten, und die Fortſchritte des Liebhabers zu untergraben oder ganz und gar zu vereiteln. Wirklich hatte Miß Brandon Anfangs, geruͤhrt uͤber die Zaͤrtlichkeit ihres Oheims und von dem Sinn ſeiner Warnung betroffen,(denn ſie war kein eigenwilliges jun⸗ ges Fraͤulein, das ſich einmal in den Kopf ſetzte, zu lieben,) die Bemuͤhungen des Capitaͤn Cliffords mit einer Kaͤlte aufgenommen, die nach ihrem Be⸗ nehmen am erſten Abend, wo er ſie in Bath ge⸗ troffen hatte, ihm eben ſo uͤberraſchend als ſchmerz⸗ lich kraͤnkend war. Er zog ſich zuruͤck und machte ſich an den Squire, der geduldig und gelangweilt wie gewoͤhnlich, in ſeiner Lieblings⸗Ecke abgeſchnit⸗ ten daſaß. Zufaͤllig trat Clifford dem Squire auf ſeinen gichtkranken Zehen, und als er die Unge⸗ ſchicklichkeit entſchuldigte, ward er durch die Gut⸗ herzigkeit und die eigenthuͤmliche Ausdrucksweiſe des alten Herrn ſo eingenommen, daß er ſich mit ihm, ohne ihn zu kennen, in ein Geſpraͤch einließ. Clifford hatte eine Art von anſprechender Lebhaf⸗ 16 tigkeit und Aufrichtigkeit, um nicht zu ſagen, Witz, welche fuͤr aͤltere Leute immer etwas Anziehendes hat, da dieſe die Freimuͤthigkeit mehr als alle Cardinaltugenden lieben, und ſo fand auch der Squire großes Wohlgefallen an ihm. Die einmal angeknuͤpfte Unterhaltung wurde, nachdem Clifford ſich unterrichtet hatte, wer ſein neuer Freund ſey, wie ſich von ſelbſt verſteht, ohne Schwierigkeit fort⸗ geſetzt; und am naͤchſten Morgen bei der Zuſam⸗ menkunft im Brunnenſaal, bat der Squire Clif⸗ ford zum Eſſen. Da einmal der Zutritt ins Haus gewonnen war, ſo gab ſich das Uebrige leicht. Lang ehe Mauleverer wieder ſeine Geſundheit erlangt hatte, war das von ſeinem Nebenbuhler angerich⸗ tete Unheil ſchon beinah unheilbar, und das Herz der reinen, einfachen, zaͤrtlichen Lucie war mehr als halb an den familien- und heimathloſen⸗Rit⸗ ter verloren, der als Held in dieſer Erzaͤhlung auftritt. Eines Morgens machten Clifford und Augus⸗ tus mit einander einen Spatziergang.„Wir wol⸗ len“ ſagte der letztere, der in ſchwermuͤthiger Stimmung war,„die geraͤuſchvollen Straßen ver⸗ laſſen und uns einem filoſofiſchen Geſpraͤch uͤber die menſchliche Natur hingeben, indeß wir im Freyen ein wenig friſche Luft genießen.“ Clifford ſtimmte dem Vorſchlag bei und das Paar ſchlen⸗ derte gemaͤchlich auf einen der Huͤgel, welche die Stadt Bladud's umgeben. ——— —— V M —„ u u 17 „Es giebt gewiſſe Augenblicke,“ ſagte Tom⸗ linſon nachdenklich auf ſeine Kerſey-Hoſen nieder⸗ blickend,„wo wir ſind wie der Fuchs in dem Am⸗ menmährchen: dem Fuchs that's weh, er wußte nicht wo'; man fühlt ſich auſſerordentlich ungluͤck⸗ lich und kann nicht ſagen, warum? eine finſtere, truͤbe Schwermuth uͤbermannt uns; wir fliehen den Anblick der Menſchen, wir huͤllen uns in un⸗ ſre Gedanken ein wie Seidenwuͤrmer, wir mur⸗ meln Zeilen aus traurigen Liedern, Thraͤnen tre⸗ ten uns in das Auge; alles Mißgeſchick das uns je zuge ſtoßen, faͤllt uns ein; mit geſenktem Haupt und die Haͤnde in den Hoſentaſchen ſchleichen wir einher; wir ſagen: Was iſt das Leben? Ein Stein den man in die Pferdeſchwemme werfen ſollte. Wir ſchmachten nach einem verwandten Herzen und haben ein juckendes Verlangen, Wun⸗ der was von uns ſelbſt zu ſprechen; alle andern Gegenſtaͤnde erſcheinen uns ſchaal, abgeſchmackt und unerſprießlich— es iſt uns, als koͤnnte eine Fliege uns niederwerfen, wir ſind in der Laune uns zu verlieben und ein gar ſchwermuͤthiges Stuͤck Arbeit daraus zu machen. Aber trotz all dieſer Schwaͤche hegen wir in ſolchen Augenblicken eine viel vornehmere Meinung von uns als je ſonſt. Wir nennen unſre Migraͤme die Schwermuth einer er⸗ habenen Seele, die unbehagliche Unruhe in Folge einer ſchlechten Verdauung betiteln wir als Sehn⸗ ſucht nach Unſterblichkeit, ja ſogar als einen Be⸗ Bulwer's Romane. XXKVII, 2 18 weis vom Weſen der Seele. Moͤchte ich doch ei⸗ nen Biografen finden, der ſolche Gemuͤthszuſtaͤnde recht verſteht und moͤge er ſolche ſchmelzende Em⸗ pfindungen als die Erzeugniſſe eines voetiſchen Gemuͤths*) geltend machen, die in der That nur das Erzeugniß von einem Hammelsrippchen ſind.“ „Ihr ſcherzt doch munter genug uͤber Eure uͤble Stimmung,“ ſagte Clifford,„aber ich habe Grund zu der meinigen.“ „Nun denn?“ rief Tomlinſon.„um ſo leich⸗ ter iſt ſie zu kuriren. Der Geiſt kann die Uebel *) Man veraleiche das Leben Byron's von Moore⸗ wo zur Genuͤge dargethan iſt, daß wenn ein Mann 48 Stunden faſtet, dann drei Hummer verzehrt, und Gott weiß wie viele Flaſchen Cla⸗ ret dazu trinkt; wenn er ſich am naͤchſten Mor⸗ gen beim Erwachen von der Haͤlfte der veriodi⸗ ſchen Blätter des Lands als einen Daͤmon ver⸗ ſchrieen findet, wenn der Nachmittaa unter Be⸗ ſprechunaen mit ſeinen Glaͤubigern oder Miß⸗ helligkeiten mit ſeiner Gattin hingeht; wenn er mit Einem Wort zerruͤttet iſt in ſeiner Ge⸗ ſundheit, ungeregelt in ſeiner Lebensweiſe, be⸗ dränat in ſeinen Vermoͤgens⸗Umſtaͤnden und ungluͤcklich in ſeinem Hauſe— und wenn er dann ſo excentriſch ſeyn ſollte, niedergeſchlagen und menſchenfeindlich zu werden, ſo iſt ſeine Nieder⸗ geſchlagenheit und ſein Menſchenhaß keineswegs dieſen aͤuſſerſt angenebmen Verhältniſſen zuzu⸗ ſchreiben, ſondern, Gott weiß warum? dem poetiſchen Gemuͤth! a P i⸗ e un e⸗ e⸗ nd nn nd er⸗ u⸗ m 19 heilen, welche aus dem Geiſt entſpringen; er iſt ein Thor, ein Quackſalber und Faſelhans, wenn er ſich ruͤhmt, die aus dem Koͤrper herruͤhrenden heilen zu koͤnnen. Meine blauen Teufel entſprin⸗ gen aus dem Koͤrper; deßwegen kaͤmpft mein Geiſt, der wie Euch bekannt, ein aͤuſſerſt weiſer Geiſt iſt, nicht gegen ſie an. Sagt mir frei heraus“ fuhr Augustus nach einer Pauſe fort,„plagt Euch je die Reue? Denkt Ihr je, wenn Ihr ein Auf⸗ waͤrter geworden waͤret, mit einer Schuͤrze um den Leib, wurdet Ihr ein glucklicheres und beſſe⸗ res Mitglied der Geſellſchaft ſeyn als jetzt?“ „Reue?“ ſagte Clifford ſtolz und ſeine Ant⸗ wort ließ einen tieferen Blick in das Geheimniß ſeines Herzens, ſeine Triebfedern, ſeine Denkwet⸗ ſe und ſeine Eigenthuͤmlichkeit werfen, als ſonſt moͤglich war,„Reue! das iſt das hohlſte Wort in unſrer Sprache. Nein— ſobald ich bereue, ſo bald aͤndre ich meine Handlungsweiſe. Nie kann ich es als eine Buße fuͤr ein Verbrechen anſehen, wenn ich es bloß bereue; meine Seele ließe mir nicht zu, zu bereuen ohne gut zu machen. Be⸗ reuen! nein, noch nicht. Je älter ich werde, je mehr ich die Menſchen kennen lerne und die Ve⸗ ſchaͤftigungen des geſellſchaftlichen Lebens, deſto mehr Eckel empfinde ich, ein offner Verbrecher, gegen die bemaͤntelte und verdeckte Ehrloſigkeit um mich her. Ich anerkenne keine Verbindlich⸗ keit gegen die Geſellſchaft. Von meiner Geburt 2 —»* 20 an bis auf dieſe Stunde habe ich von ihren Ein⸗ richtungen und Geſetzen keine einzige Gunſt em⸗ pfangen; offen trat ich ihr entgegen und geduldig will ich ihrer Rache mich unterwerfen. Dieß mag Verbrechen heißen; aber es wiegt nicht ſchwer in meinen Augen, wenn ich um mich ſchaue und zu allen Seiten die verlarvten Verraͤther ſehe, welche große Verpflichtungen gegen die Geſellſchaft zu haben anerkennen, welche ſich ruͤhmen, ihren Geſetzen zu gehorchen, ihre Einrichtungen zu ver⸗ ehren und vor Allem— o mit welchem Rechtsge⸗ fuͤhl!— alle diejenigen anzugreifen, welche die Geſellſchaft angreifen— und die doch luͤgen und betruͤgen und veruntreuen und unterſchlagen, im oͤffentlichen Leben alle Vortheile an ſich reiſſen, im Privatleben jeden Nutzen wegkapern, Reue! weßhalb? Ich trete arm und freundlos in die Welt; ich finde eine Geſetz⸗Sammlung— feind⸗ ſelig gegen die Armen und Freundloſen. Gegen dieſe mir feindſeligen Geſetze bekenne ich denn auch meine Feindſchaft. Zwiſchen uns iſt das Ver⸗ hältniß eines offnen Kriegs. Wie ſie eine Bloͤße geben— ich bediene mich meines Rechts, wenn ich den Vortheil benuͤtze; wenn ſie mich uͤberwin⸗ den, ſo geſtehe ich ihnen ihr Recht zu, mich zu verderben.“*) *) Der Verfaſſer braucht hoffentlich nicht zu erin⸗ nern, daß dieß die Anſichten Paul Cliffords ſind und nicht ſeine eigne.— 4 21 Leidenſchaft“ ſagte Augustus kalt,„iſt ſonſt ge⸗ woͤhnlich die Feindin der Vernunft; in Eurem Fall aber die Freundin.“ Das Paar hatte jetzt den Gipfel eines Huͤgels erreicht, der eine Ausſicht auf die unten liegende Stadt beherrſchte. Hier hielt Augustus, der et⸗ was kurzathmig war, an, um Luft zu ſchoͤpfen. Als er dieß gethan hatte, deutete er mit dem Zeigefinger auf die unter ihnen liegende Scene und ſagte mit Begeiſterung:„Welch ein Gegen⸗ ſtand für die Betrachtung!“ Clifford ſtand im Begriff zu antworten, als ſich plotzlich im Hintergrund der Ton von Gelaͤch⸗ ter und Stimmen vernehmen ließ.„Wir wollen fliehen“ rief Augustus,„an dieſem Tage des Mißmuths habe ich kein Gefallen am Maun, auch nicht am Weibe.“ „Halt!“ rief Clifford mit zitterndem Tone; denn unter dieſen Stimmen erkannte er eine, die bereits eine unwiderſtehliche, bezaubernde Gewalt uͤber ihn gewonnen hatte. Augustus ſeufzte und blieb mit Widerwillen regungslos ſtehen. Sofort ließ eine Biegung des Wegs eine Luſt⸗Partie er⸗ blicken. Einige zu Fuß, Andere zu Pferd, noch Andre in kleinen Fuhrwerken, die noch heut zu Tag an Brunnen⸗-Orten gebraͤuchlich ſind, Fliegen oder Schwalben genannt. Aber in dem ganzen froͤhlichen Zug war nur Eine, fuͤr die Clifford Augen hatte. Mit jenem 22 elaſtiſchen Schritt, der ſo ſelten die erſte Jugend⸗ zeit uͤberlebt, zur Seite des ſchwerfaͤlligen Wagens hinwandelnd, worin ihr Vater gezogen wurde, ſtroͤmte Lucie Brandon mit ihrer holden Schoͤn⸗ heit uͤber die ganze Gruppe(ſo ſchien es wenig⸗ ſtens ihrem Verehrer) einen zauberiſchen Glanz aus. Er blieb einen Augenblick ſtehen, um ſein Herz zu beſaͤnftigen, das uͤber ihren glaͤnzenden Blicken und bei ihrem froͤhlichen, unſchuldvollen Lachen pochte; dann ermannte er ſich und gieng langſam und mit einem gewiſſen Bewußtſeyn des Eindrucks, den ſeine auffallend ſchoͤne Perſoͤnlich⸗ keit machen mußte, auf die Geſellſchaft zu. Der gute Squire empfieng ihn mit ſeiner gewoͤhnlichen Artigkeit, und belehrte ihn mit der lichtvollen Ordnung, der er ſo beſonders hold war, uͤber alle einzelne Umſtaͤnde des Ausflugs. In dieſem Au⸗ genblick waͤre wirklich die Scene der Skizze eines Kuͤnſtlers nicht unwerth geweſen— der alte Squire in ſeinem Wagen, ſein wohlwollendes Antlitz ge⸗ gen Clifford gekehrt, die Haͤnde auf ſeinen Stock geſtuͤtzt— Clifford ſein ſtattliches Haupt neigend, um die Erzaͤhlung genau zu hoͤren, auf der andern Seite des Wagens die ſchoͤne Tochter— ihr Ge⸗ laͤchter ploͤtzlich geſtillt, ihr Schritt allmaͤlig geſetz⸗ ter und Roͤthe uͤber Roͤthe die holde, ſanfte, pfir⸗ ſichzarte Wange uͤberfliegend, die geſammte Ge⸗ ſellſchaft von allen Groͤßen, Altern und Aufzuͤgen bor dem Carikaturen-Zeichner reiflichen Stoff, und die nachdenkliche Geſtalt des Augustus Tom⸗ linſon, der, im Vorbeigehen geſagt, dem Schau⸗ ſpieler Liſton ausnehmend glich,) ſtand abgeſon⸗ dert von den Uebrigen, auf der Spitze des Huͤgels, wo Clifford ihn verlaſſen hatte, und ſtellte, die eine Hand in der Weſte, mit der andern ſich das Kinn ſtreichelnd, das langſam und einem Pendel gleich mit dem uͤbrigen Kopf ſich hob und ſenkte, moraliſche Vetrachtungen uͤber die bunte Geſell⸗ ſchaft an. Als dieſe den Gipfel des Huͤgels erreichte, war die Ausſicht auf die Stadt unten ſo ergrei⸗ fend, daß ein allgemeines Schweigen entſtand, waͤh⸗ rend jedes ſeine Augen weidete. Eine junge Da⸗ me insbeſondre zog ihr Bleiſtift hervor und be⸗ gann zu ſtizziren, waͤhrend die Mama ſelbſtgefaͤl⸗ lig zuſah und zerſtreut etwas kalten Braten ver⸗ zehrte. In dieſer Zeit, waͤhrend des allgemeinen Schweigens geſchah es, daß Clifford und Lucie, der Himmel weiß wie! ſich neben einander fan⸗ den und in gehoͤriger Entfernung von dem Squire und der uͤbrigen Geſellſchaft, um ſich einigermaßen allein zu fuͤhlen. Es entſtand von beiden Seiten ein Stillſchweigen, das keines zu unterbrechen wagte, als Lucie, die eine Blume, welche ſie von dem Ort mitgebracht, den die Geſellſchaft beſucht hatte, betrachtete und damit ſpielte, ſie zufählig fallen ließ; Clifford und ſie buͤckten ſich im ſelben Augenblick darnach, um ſie aufzuheben und ihre „ 24 Haͤnde begegneten ſich. Unwillküͤrlich hielt Clifford die zarten Finger in den ſeinigen; ſeine Augen, auf die ihrigen treffend, bezauberten und brannten dieſe ſo, daß ſie zum erſtenmal nicht vor ſeinem Blicke niederſanken; ſeine Lippen bewegten ſich, aber vielfache und heftige Empfindungen erſtickten ſeine Stimme ſo ſehr, daß kein Ton hervorkam. Aber das ganze Herz war in beider Augen; die⸗ ſer Augenblick entſchied für immer uͤber ihr Schick⸗ ſal. Eine neue Epoche war fuͤr ſie angebrochen⸗ von der an ſie ein neues Leben rechneten, ein Mittel⸗ punkt war ihnen gegeben, um den ihre Gedanken, Erinnerungen, Leidenſchaften ſich drehten. Die große Kluft war uͤberſprungen; ſie ſtanden jetzt beide auf Einem ufer, und fuͤhlten obwohl noch iedes fuͤr ſich unvereinigt, daß auf dieſem ufer kein lebendiges Weſen war als ſie allein. Indeß brach Augustus Tomlinſon, umgeben von Perſo⸗ nen die Luſt zum Schauen und Hoͤren hatten, ſei⸗ nen Truͤbfinn und ſeine Zuruͤckhaltung. Er ſah ſeine nächſte Nachbarin voll an, ſchwenkte ſeine rechte Hand in der Luft, bis er ſie in der Rich⸗ tung gegen die Haͤuſer und Kamine unten ruhen ließ, und wiederholte den moraliſchen Ausruf, den er an Clifford verſchwendet hatte, mit feierliche⸗ rem und leidenſchaftlicherem Ernſt als zuvor. „Welch ein Gegenſtand fuͤr die Betrachtung, Madame!“ „Sehr richtig geſagt, in der That, Sir!“ ſagte die angeredete Dame, die von ziemlich ernſt⸗ hafter Gemuͤthsſtimmung war. „Ich ſehe“ fuhr Augustus in lauterem Tone fort und ſah ſich rings nach Zuhorern um,„ich ſehe nie eine große Stadt von der Spitze eines 4 Hügels an, ohne an einen Apothekerladen zu den⸗ ken!“ ₰ „Herr, Sir!“ ſagte die Dame. Tomlinſon's 3 Abſicht war erreicht, betroffen uͤber den witzigen Einfall ſammelte ſich augenblicklich eine kleine ſi Gruppe um ihn, um die weitere Ausfuͤhrung mit⸗ anzuhoren. „An einen Apothekerladen, Madame!“ wie⸗ t derholte Tomlinſon.„Da unten liegen alle Heil⸗ kraͤuter, alle Purganzen, alle Herzſtaͤrkungen 5 und Gifte; alles was heilt, ſtaͤrkt und zerſtoͤrt. * Es ſind Arzneiwaaren genug da, um Sie alle zu 5 retten und zu heilen; aber Keines von Ihnen 4 weiß, wie ſie gebrauchen, welche Arzneien verlan⸗ 6 gen, und in welchen Portionen ſie nehmen? ſo h daß der großte Theil von Ihnen eine unangemeß⸗ e ne Gabe verſchluckt und an dem Heilmittel ſtirbt!“ „Aber wenn die Stadt ein Apothekerladen iſt, was ſtellt dann, nach Ihrer Vorſtellungsweiſe, . den Apotheker vor?“ fragte ein alter Herr, wel⸗ cher merkte, wo Tomlinſon hinaus wollte. „Der Apotheker, Sir!“ antwortete Augus⸗ tus, der ſeine Idee von Clifford entlehnte und die Stimme ſinken ließ, damit der wahre Eigen⸗ 26 thüͤmer ihn nicht hoͤrte,„der Apotheker, Sir! iſt das Geſes! das Geſetz ſteht hinter dem Laden⸗ tiſch und theilt Jedem zu, welche Gabe er neh⸗ men ſoll. Dem Armen giebt es ſchlechte Arzneien unentgeldlich, dem Reichen Pillen um den Appetit zu reitzen; dem letztern Belohnungen fuͤr die Schwel⸗ gerey, dem erſten nur raſche Befreiung vom Le⸗ ben. Ach! entweder iſt der Apotheker nur ein un⸗ wiſſender Quackſalber, oder iſt ſeine Wiſſenſchaft noch in den Windeln. Er begeht ſo viele Miß⸗ griffe als Sie ſelbſt begehen koͤnnten, wenn Alles Ihrer eignen Auswahl uͤberlaſſen waͤre. Dieje ni⸗ i gen, welche ſich an ihn zu wenden haben, ſprechen( ſelten ruͤhmlich von ſeiner Geſchicklichkeit Er hilft Euch zwar— aber von Eurem Geld, und nicht von Eurer Krankheit; und die einzige Seite ſei⸗ 1 ner Wiſſenſchaft, worin er Adept iſt, iſt die, wel⸗ 1 che ihn in Stand ſeßt, Euch bluten zu laſſen. O 9 Menſchenkinder!“ fuhr Augustus fort,„welch ed⸗ d le Geſchoͤpfe ſolltet Ihr ſeyn! Ihr habt den Schluſ— ſel zu allen Wiſſenſchaften, allen Fuͤnſten, allen Geheimniſſen, nur Eines ausgenommen. Ihr habt n Ihr koͤnnt kein ertraͤgliches Geſetz machen, um Le⸗ 9 ben und Seele nicht! Ihr macht Euch ſelbſt das 3 Leben ſo unbehaglich als es nur mit allen Arten von verletzenden und guaͤlenden Einrichtungen moͤglich iſt und dann werft Ihr den Vorwurf auf das Schickſal! Ihr ſetzt Regeln feſt, welche zu keinen Begriff davon, wie regiert werden ſoll! b * verſtehen unmoͤglich iſt, vielweniger ihnen zu ge⸗ horchen, und Ihr nennt einander Ungeheuer, weil Ihr die Unmöglichkeit nicht bemeiſtern koͤnnt. Ihr erfindet alle Arten von Vergehungen unter dem Vorwand Geſetze zum Schutz der Tugend zu ge⸗ ben; und von den kuͤnſtlichen Unregelmaͤßigkeiten der Handlungsweiſe, die Ihr ſelbſt hervorruft, ſagt Ihr, ſie ſeyen angeboren; Ihr macht eine Maſchine auf die verkehrteſte Art die man ſich denken kann, und nennt ſie mit einem Seufzer: menſchliche Natur. Ein Heer trefflicher Anlagen in Eurer Bruſt bekaͤmpfend, beſteht Ihr darauf, Gottes Allmacht zu ſchmaͤhen und zu erklaͤren, er beabſichtige, Euch zu verworfnen Geſchoͤpfen zu ma⸗ chen. Ja, Ihr nennt ſogar den Mann frevelhaft und aufruͤhreriſch, der Euch bittet und anfleht, um ein Jota beſſer zu werden, als Ihr ſeyd. O Menſchenkinder! Ihr ſeyd wie ein Blumenſtrauß, den man in Coventgarden holt. Die Blumen ſind lieblich, der Duft koͤſtlich; betrachtet die praͤchtigen Farben, bewundert die ſchwellenden Blaͤtter— wie ſchoͤn, wie Leben⸗ und Natur-athmend, wie begabt mit dem Thau, dem Hauch, dem See⸗ gen des Himmels ſeyd Ihr Alle! Aber das ſchmu⸗ tzige Stuͤckchen Bindfaden das Euch zuſammenhaͤlt — man ſollte meinen, Ihr habt es aus der Gaſſe aufgeleſen!“ Mit dieſen Worten wandte ſich Tomlinſon um, wollte von dem Haufen weg und ſtieg feyer⸗ 28 lich den Huͤgel hinab. Die Luſtparthie folgte lang⸗ ſam und Clifford, der von dem Syuire eine Ein⸗ ladung erhielt, an ſeinem Familienmahl Theil zu nehmen, gieng an Luciens Seite und fühlte ſei⸗ nen Geiſt wie von Edens Luͤften berauſcht. Ein andrer Squire, der ſich unter den Luſt⸗ barkeiten von Bath beinah eben ſo verlor, wie Joſef Brandon, nahm an der Gaſtlichkeit des Herrn von Warlock auch Theil. Als die drei Herrn ſich in das Geſellchaftszimmer begeben hat⸗ ten, ſetzten ſich die beiden aͤlteren zu einem Brett⸗ ſpiel und fuͤr Clifford blieb der ungeſtoͤrte Genu— von Luciens Unterhaltung. Sie ſaß neben dem Fenſter, als Clifford zu ihr trat. Auf dem Tiſch neben ihr lagen Buͤcher umher, deren Zauber(es waren hauptſächlich Poeſieen) ſie erſt in neuerer Zeit empfinden gelernt hatte; auch waren ver⸗ ſchiedne kleine Meiſterſtuͤcke weiblicher Kunſtfertig⸗ keit umher zerſtreut, wozu die feingeformten Fin⸗ ger Luciens heſondre Geſchi cklichkeit beſaßen. Die Schatten des Abends verdunkelten ſchnell die lee⸗ ren Straßen und am wolkenloſen, durchſichtig kla⸗ ren Himmel traten allmalig die Sterne, einer um den andern hervor, bis zuletzt „wie Waſſer einen Schwamm, ihr ſanftes Licht den leeren, beil'gen, weiten Aether fuͤlte,“ Schoͤner Abend!(wenn wir, wie Augustus Tomlin⸗ ſon, uns einer begeiſterten Anrede uͤberlaſſen duͤr⸗ fen,) ſchoͤner Abend! fuͤr Dich haben alle Dichter ein 1. n n— — NM 29 Lied gehabt und Dich mit Baͤchen und Waſſerfaͤl⸗ len, mit Blumen, mit Schaafen, Fledermaͤuſen, Schwermuth und Eulen herausgeputzt; aber wir muͤſſen geſtehen, daß fuͤr uns, die wir in dieſem gefuͤhl⸗ vollen Zeitalter eine ruͤhrige, weltlich e, hartherzi⸗ ge Perſon vorſtellen, die wir an unſre Nachbarn anrennen, und uns auf dasſelbe gefaßt machen; fuͤr uns biſt Du nie ſo bezaubernd, als wenn wir Dir begegnen in Deiner grauen Haube, in den ſich leerenden Straßen und unter den erſterbenden Doͤnen einer Stadt. Gerne empfinden wir da die Stille, wo zwei Stunden zuvor nichts als Geſchrei war. Gerne ſehen wir die ſchmutzigen Wohnſitze des Verkehrs und der uepyigkeit, dieſe ruheloſen Patienten am ewigen Erdenfieber, beſchaͤmt und uͤberwoͤlbt von einem Himmel voll Reinheit, Ruhe und Frieden. Gerne fuͤllen wir unſern Geiſt mit Betrachtungen uͤber den Menſchen— und waͤre es auch nur ein Semmel⸗Mann; lieber als mit lebloſen Gegenſtaͤnden— Hugeln und Stroͤmen— Dingen, uͤber die man wohl traͤumen, aber nicht nachdenken kann. Der Menſch iſt der Gegenſtand einer weit hoͤheren Betrachtung, weit glaͤnzenderer Hoffnungen und weit reinerer und erhabnerer Ge⸗ fuͤhle, als alle Fluthen und Waſſerfaͤlle in der weiten Welt; und dieß, o holder Abend, iſt Ein Grund warum wir es lieber ſehen, daß die ern⸗ ſten und zarten Gedanken, die Du in uns hervor⸗ rufſt, an die Geſchaͤfte und Spuren der Thatigkeit 30 unſers Geſchlechts als an Schaafe, Fledermaͤuſe, Melancholie und Eulen ſich anknuͤpfen. Aber, o hochgeprieſener Abend, ob du uns auf dem Land oder in der Stadt entzuͤckeſt: du weckſt immer in uns die Neigung, Liebe zu fuͤhlen und einzufloͤßen; du biſt der Urheber von mehr Ehen und Ehſchei⸗ dungen, als irgend eine andre Zeit in den vier⸗ undzwanzig Stunden des Tags. Augen, die ſonſt nur gewoͤhnliche Augen fuͤr uns waren, werden, von deinem zauberhaften, wunderbaren Schatten be⸗ ruͤhrt, vergeiſtigt und predigen uns den Himmel. Sanftmuth thront auf den Zuͤgen, die, ſo lang die Sonne ſchien, uns ſtreng erſchienen; ein ſchmel⸗ zender Liebesglanz ruht auf dem Antlitz, das wir bei Tag wohl fuͤnf Faden tief in ein Meer des Waſchwaſſers der Mrs. Gowland getaucht hätten — und der Mund, ach!——— und welche Ge⸗ fahren erſt, du beſcheidner Heuchler! und welches Paradies bringſt Du denienigen, welche ſchon lieben und innig lieben? Schweigend und den Athem niederhaltend, der die Bruſt beider raſch und krampfhaft hob, ſa⸗ ßen Lucie und Clifford bei einander, die Straßen waren ganz verlaſſen und die Einſamkeit, wenn ſie hinunterſahen, machte daß ſie um ſo inniger nicht blos die Bewegungen empfanden, welche ihre See⸗ len ſchwellten, ſondern auch die unausſprechliche, elektriſch wirkende Sympathie, welche ſie verband, indem ſie zugleich ſie von der ubrigen Welt ab⸗ ————„—„ —* u S S S— u 8— 1 v* * — S e trennte. Die ringsum herrſchende Ruhe wurde durch einen fernen Ton kunſtloſer Muſik unter⸗ brochen, und als dieſe naͤher kam, wurden zwei, nicht eben poetiſche Geſtalten, ſichtbar; die eine war ein blinder armer Mann, vwelcher ſeiner Floͤte Toͤne entlockte, bei welchen die melancholiſche Schoͤnheit der Melodie einigermaßen die unbedeu⸗ tende Mangelhaftigkeit in der Ausfuͤhrung verguͤ⸗ tete. Ein Weib, viel juͤnger als der Muſikant, deren Geſicht einige Schoͤnheit verrieth, begleitete ihn und hielt, nachdenklich an den Fenſtern der ſchweigenden Straße hinaufblickend, einen abge⸗ griffnen Hut in der Hand. Wir ſagten zwei Ge⸗ ſtalten— wir begiengen das Unrecht, eine dritte zu vergeſſen; ein zwar rauher und einfacher Freund, aber welchen zu lieben doch der Barde und die Frau viele und triftige Beweggruͤnde hatten. Dieß war ein kleiner, rauher Dachshund, mit ſchwar⸗ zen, durchdringenden Augen, die lebhaft und klug unter den buſchigen Zotten die ſie bedeckten, nach allen Seiten umherſchauten; langſam ſchritt das Thier vorwaͤrts, ſanft an dem Stricke ziehend, an dem es feſtgehalten wurde und ſeinen Herrn lei⸗ tete. Einmal wurde ſeine Treue in Verſuchung gefüͤhrt; ein andrer Hund lud ihn zum Spiel ein, der arme Dachs ſah ſich aͤngſtlich und zweifelhaft um, ſtieß dann ein leiſes ablehnendes Geheul aus und verfolgte „Geräuſchlos ſeine ſtille Vahn.“ 32 Der kleine Zug blieb unter dem Fenſter ſte⸗ hen, wo Lacie und Clifford ſaßen; denn das leh⸗ hafte Auge der Frau harte ſie wahrgenommen, ſie legte ihre Hand auf den Arm des Blinden und fluͤſterte mit ihm. Er verſtand ihren Wink und vertauſchte ſeine Melodie mit der eines zaͤrtlichen Lieds. Das Stuͤck war zu Ende, ein neues folgte, von derſelben Gattung ein drittes— das Thema blieb ſich immer gleich— nun warf Clifford ein Goldſtuͤck auf die Straße, der Hund wedelte mit ſeinem geſtutzten, verkuͤmmerten Schweif, ſprang vor, raffte es mit dem Maul auf und das Weib tatſchelte, mit zaͤrtlicher Miene, den dienſtfertigen Freund, ſogar noch ehe ſie dem Geber dankte; dann ſchob ſie das Geld mit einem oder zwei Wor⸗ ten der Freude dem Blinden in die Taſche und die drei Wandrer ſetzten langſam ihren Gang fort. Gleich darauf kamen ſie an eine Stelle, wo die Straße ausgebeſſert worden war und die Steine zerſtreut umherlagen. Hier vertraute das Weib nicht mehr der Leitung des Hundes, ſondern eilte beſorgt zu dem Muſikanten und leitete ihn mit augenſcheinlicher Zaͤrtlichkeit und aͤngſtlicher Wach⸗ ſamkeit uͤber den unebenen Weg. Als ſie die Ge⸗ fahr uͤberſtanden hatten, hielt der Mann an, und ehe er die Hand, welche ihn geführt hatte, ent⸗ ließ, druͤckte er ſie dankbar und dann buͤckten ſich beide, der Mann und das Weib herab und lieb⸗ tosten dem Hund. Dieſe kleine Scene, eine der — * S— — S* kunſtloſen Darſtellungen von der Liebenswuͤrdigkeit menſchlicher Zaͤrtlichkeit, deren ſo manche auf den Heerſtraßen der Welt zerſtreut ſich finden, hatten beide Liebende unwillkurlich beobachtet; und als ſie nun beide das Auge davon abwandten, da blie⸗ ben dieſe Augen auf einander haften; Luciens ih⸗ re ſchwammen in Thraͤnen. „Um den Preis, geliebt und geleitet zu wer⸗ den von dem Einen Weſen das ich liebe,“ ſagte Clifford mit leiſer Stimme,„wollte ich blind und baarfuß uͤber die weite Erde wandern.“ Lucie ſeufzte ganz leiſe, legte ihre zarten Haͤn⸗ de in einander gefaltet aufs Knie, ſah gedanken⸗ voll darauf nieder und antwortete nicht. Clifford ruͤckte ſeinen Stuhl naͤher und ſah ſie an, wie ſie ſo da ſaß; die langen, ſchwarzen Wimpern ſenkten ſich uͤber die Augen und contraſtirten mit den el⸗ fenbeinweißen Liedern; ihr zartes Profil war halb von ihm abgekehrt und empfieng eine noch ruͤh— rendere Schoͤnheit von⸗dem fanften Licht, das da⸗ rauf ruhte, und ihr voller, aber noch kaum aufge⸗ keimter Buſen ſchwoll von Gedanken, die ſie nicht zergliederte, deren unbeſtimmtes Wonnegefühl ſie ſich zu empfinden begnuͤgte; er ſah ſie an und ſei⸗ ne Lippen zitterten— er ſtrebte zu ſprechen, ſtrebte nur die Worte vorzuhringen, welche das enthalten, was ganze Buͤcher auszudruͤcken verſuch⸗ ten und doch nur geſchwaͤcht und entſtellt aus ſpra⸗ chen: die Worte, ich liebe! Wie er der Sehnſucht Bulwer's Romane. XXVII. 3 34 ſeines Herzens widerſtand, wiſſen wir nicht zu ſagen— aber er widerſtand— und Lucie nahm nach einer Pauſe der Verwirrung und Verlegen⸗ heit eine der Poeſieen von dem Tiſch auf und befragte ihn uͤber einiges in der Stelle aus einer alten Ballade, auf die er ſie einmal aufmerkſam gemacht hatte. Die Stelle beiog ſich auf einen Grenzhaͤuptling. Einen der alten Armſtrongs, der von den Englaͤndern gefangen und zum Tode ver⸗ urtheilt, ſeinen letzten Gefuͤhlen in einem leiden⸗ ſchaftlichen Abſchied von ſeiner Heimath, ſeinem rauhen Thurm und ſeiner neuvermaͤhlten Gattin den Lauf ließ.„Glauben Sie“ ſagte Lucie, als das Geſpraͤch in Gang kam,„daß ein ſo geſetzlo⸗ ſer auf Blut und Raub erpichter Menſch, wie dieſer Raͤuber geſchildert wird, ſo ſanfter, zaͤrtli⸗ chen Emvofindungen faͤhig war?“ „Ich glaube es,“ ſagte Clifford,„weil er ſich nicht bewußt war der Verbrecher zu ſeyn, wofuͤr Sie ihn halten. Wenn ein Menſch den Gedanken unterhaͤlt, daß ſeine Handlungen nicht ſchlimm ſeyen, ſo kann er in ſeinem Herzen alle beſſern und edlern Emvofindungen ſo gut bewahren, als ob er nie ſich vergangen haͤtte. Der Wilde mor⸗ det ſeinen Feind, und wenn er nach Haus zuruͤck⸗ kehrt, iſt er ſeinem Freund nicht minder ergeben oder nicht weniger zaͤrtlich fuͤr ſeine Kinder beſorgt. Daß die milden Geſinnungen verhaͤrtet und er⸗ ſtict werden, dazu gehoͤrt nicht blos, daß man w no ur des Verbrechens ſich ſchuldig macht, ſondern auch daß man die Schuld fuͤhlt. O, viele welche die Welt mit ihrem Fluche beladet, ſind zu Handlun⸗ gen faͤhig— ja, haben Handlungen ausge fuͤhrt, die man an Andern verehren und anbeten wuͤrde. Will man wiſſen, ob das Herz eines Mannes der Macht der Liebe zugaͤnglich iſt, ſo frage man, nicht was er ſeinen Feinden, ſondern was er ſei⸗ nen Freunden ſey? Und Verbrechen“ fuhr Clifford, raſch und heftig ſprechend fort, waͤhrend ſeine Au⸗ gen flammten und die dunkle Roͤthe ihm in die Wangen ſtieg,„Verbrechen— was iſt Verbrechen? die Menſchen tragen ihre elendeſten Vorurtheile, ihre ſchlimmſten Leidenſchaften in ein bunt zuſam⸗ mengeſetztes, widerſpruchvolles Geſetzbuch zuſam⸗ men und was dieſem zuwiderlaͤuft, das ſtempeln ſie zum Verbrechen. Wenn ſie keinen Unterſchied machen in der Beſtrafung, das heißt alſo in der Schätzung— die dem Mord und eben ſo demge⸗ ringfügigen Diebſtahl, zu dem der Hunger den ſchwachen Willen trieb, zuerkannt wird, ſo brau⸗ chen wir nichts weiter um uns zu uͤberzeugen, daß ſie das wahre Weſen der Schuld verkennen und daß ſie den Mangel der Weisheit mit wilder Grauſamkeit erſetzen.“ Lucke blickte beunruhigt in die belebte und wilde Miene des Redenden; Clifford faßte ſich nach einem augenblicklichen Stillſchweigen wieder und erhob ſich von ſeinem Sitz i froͤhlichen * 36 und unbefangnen Lachen, das zu ſeinen beſondern Eigenthuͤmlichkeiten gehoͤrte.„Es iſt ſonderbar mit den politiſchen Gegenſtaͤnden, Miß Brandon“ ſagte er,„wie Sie gewiß ſchon oft die Beobach⸗ tung gemacht haben: daß nemlich die unbedeutend⸗ ſten den groͤßten Laͤrmen machen, und daß die Leu⸗ te, welche ihre ruhige Gemuͤthsſtimmung verlieren, hauptſaͤchlich ſolche ſind, die nichts dafuͤr zu ge⸗ winnen haben.“ Als Clifford ſo redete, wurden die Thuͤren aufgeriſſen und einige Beſuche der Miß Brandon angemeldet. Der gute Squire war noch in die Wechſelfaͤlle ſeines Spiels vertieft und die Auf⸗ gabe die fremden Herrſchaften, wie ſich die Kammermaͤdchen ausdruͤcken, zu empfangen und zu unterhalten fiel, wie gewoͤhnlich, Lucien zu. Zum Gluͤck fuͤr ſie gehoͤrte Clifford zu den ſeltäen Menſchen, die ein ausgezeichnetes geſellſchaftliches Talent beſitzen Sein heitres und gefaͤlliges We⸗ ſen, begleitet von Gefuͤhl und Lebhaftigkeit, hat⸗ te viel von dem ſchoͤnen Ideal der Ritterlichkeit, wie man es gewoͤhnlich nur auf dem Feſtland fin⸗ det— von Helden im Geſellſchaftsſaal wie auf dem Schlachtfeld. Aufmerkſam, hoͤflich, witzig und mit mannigfachen Eigenſchaften ausgeſtattet, wel⸗ che(die ſeltenſte aller Verbindungen 1) Lebhaftig⸗ keit mit Anmuth vermaͤhlen, war er vorzuͤglich fuͤr die glaͤnzende Welt gemacht, von der ſeine Verhältniſſe ihn ausſchließen zu wollen ſchienen. e⸗ on ie die nd zu. en es ze⸗ at⸗ it, in⸗ uf nd el⸗ ig⸗ ich ine 37 Unter andern Sternen haͤtte aus ihm ein— Pfui! wir verlieren uns in einen hoͤchſt trivialen Gemeinplatz— was koͤnnte aus jedem Menſchen unter andern Sternen werden, als unter denjeni⸗ gen welche ſeine Lebensbahn beſtimmten?— Bald trat die Muſik an die Stelle des Geſpraͤchs und Cliffords Stimme wurde natuͤrlich in Anſpruch ge⸗ nommen. Miß Brandon hatte ſich eben von dem Klavier erhoben, als er ſich ſetzte um der an ihn gemachten Forderung zu entſprechen, und ſie ſtand unter der uͤbrigen Gruppe neben ihm, waͤhrend er ſang. Nur zweimal ſtahl ſich ſein Auge an die Stelle, welche ihr Athem und ihre Geſtalt ihm heilig machten, das einemal als er ſein Lied anfieng und dann wieder als er endigte. Vielleicht begeiſterte ihn die Erinnerung an ihr Geſpraͤch: gewiß ſchwebte es in dieſem Augenblick ſeiner Seele vor, goß eine dunklere Roͤthe auf ſeine Stirne und gab ſeiner Stimme eine ausdrucksvol— lere und herzinnigere Weichheit. Wenn ich ſcheide, dann forſche du nicht, was ich ſey Fuͤr Andre, du Weſen voll Huld! Dir fern bin ich zwar von Suͤnden nicht frei: Doch dir bleibe fremd meine Schuld! Mein Leben— ein Fluß iſt's und ſpiegelt den Strahl Der von Oben ſo guͤtig drauf faͤllt; Er bleibt, ſey das Ufer auch finſter und kahl, Vom Licht deiner Liebe erhellt. Gehn die Wogen hoch im naͤchtlichen Wind, Braust zuͤrnend der Strom und wild: Auf den Wellen, wenn ſchon ſie gebrochen ſind, Auf allen noch zittert dein Bild! Waͤhrend ſo dieſe gefaͤhrliche Liebe Cliffords und Luciens bei jedem Zuſammentreffen und jeder Gelegenheit friſche Nahrung fand, ſag der un⸗ gluͤckliche Mauleverer, feſt uͤberzeugt daß ſeine Krankheit ein Ruͤckfall von der war, die er War⸗ locker Dispepſia nannte, in fuͤrchterlichem Kriege mit den Ueberreſten von Duͤrrfleiſch und Pudding, die, wie er feine Aerzte mit Thraͤnen im Auge verſicherte,„in ſeiner Conſtitution verderblich lau⸗ erten.“ Da Mauleverer, obgleich freundlich ge⸗ gen alle ſeine Bekannte von welchem Stand ſie ſeyn mochten,— wie die meiſten Menſchen von anerkannt hohem Rang— nur wenige Freunde be⸗ ſaß, vertraut genug um ſein Krankenzimmer zu betreten, und von dieſen nicht Einer in Bath war: ſo kann man ſich leicht denken, daß er in geſeg— neter Unwiſſenheit uͤber das wachſende Gluͤck ſei⸗ nes Nebenbuhlers lebte; und um nichts von der Wahrheit zu verhehlen: die Krankheit, welche die Gedanken des Menſchen gar ſehr auf ſein eignes Ich hinlenkt, verſcheuchte viele der zaͤrtlichſten Ideen die ſonſt in ſeiner Seele ſich um das Bild von Lucie Brandon draͤngten. Seine Pillen trugen es uͤber ſeine Leidenſchaft davon, und er empfand, daß es Schluͤcke in der Welt giebt— mäͤchtiger in ihren Wirkungen, als die aus den Schalen des ds n⸗ ne r⸗ ge ge ne e⸗ ſie on e- zu i⸗ er ie es en ld en r 6 ———————— 39 Alcidonis.*) Zwar dachte er oft, wie lieblich es Lucien anſtehen muͤßte, dieß Kiſſen zurecht zu ma⸗ chen und dieſe Arznei ihm anzurüͤhren; aber Maule— verer hatte einen vortrefflichen Kammerdiener, der die Rolle zu ſpielen hoffte welche Gil Blas bei dem ehrlichen Licentiaten durchfuͤhrte, und waͤhrend er ſeinen Herrn pflegte, an einem Ver⸗ maͤchtniß fuͤr ſich ſelbſt zu pflegen. Und der Graf, der ziemlich gut bei Stimmung war, konnte nicht umhin zu geſtehen, es waͤre kaum moͤglich daß ir⸗ gend ein Menſch beſſer verſtaͤnde, wie er es gern habe als Smoothſon. So ſtoͤrte, waͤhrend der Krankheit, die Geſtalt ſeiner beabſichtigten Braut die Gemuͤthsruhe des edeln Anbeters nur wenig. Und erſt als er ſich wieder im Stande ſah, drei gute Mahlzeiten nach einander mit ertraͤglichem Appetit zu verzehren, erinnerte ſich Mauleverer wieder, daß er heftig verliebt ſey. Sobald dieſe Idee ſich in ſeinem Gedaͤchtniß wieder ganz befe— ſtigt und der Arzt ihm erlaubt hatte, ſich eine kleine muntre Geſellſchaft zu vergoͤnnen, entſchloß ſich Mauleverer, eine oder zwei Stunden in den Tanzſaal zu gehen. Es kann bemerkt werden, daß die meiſten vornehmen Herrn irgend einen Lieblingsort haben, ein vorgezognes Bajaͤ wo ſie gerne das Gepraͤnge *) Siehe Marmontels artige Erzaͤhlung; die vier Flaſchen. 40 des Standes ablegen und den Wohlwollenden ſtatt den Glaͤnzenden ſpielen; und damals war Bath mit ſeiner Heiterkeit, ſeiner Behaglichkeit, der Mannigfaltigkeit der Charaktere, die ſich in den dortigen Kreiſen fanden, und durch die Gefaͤllig⸗ keit, womit ſolche Charaktere ſich dem Spott preis⸗ gaben, ein Platz— ganz eigens dazu gemacht, ei⸗ nem Manne, wie Lord Mauleverer zu gefallen, der es liebte, zugleich ſelbſt bewundert zu werden und ſich uͤber Andre luſtig zu machen. Er war deßhalb in der Stadt Bladud's eine vergoͤtterte Perſon und als er in den Saal trat, ward er von einem ganzen Strudel Nachahmer und Syko⸗ fanten umringt, alle entzuͤckt ſeine Lordſchaft ſo viel beſſer und nach eignem Geſtändniß auf dem Weg der Geneſung zu ſehen. Sobald der Graf hinlaͤnglich ſich verbeugt und gelaͤchelt und Haͤnde gedruͤckt hatte, um ſeinen guten Ruf aufrecht zu erhalten, huͤpfte er den Taͤnzern zu, um Lucie auf— zuſuchen. Er fand ſie nicht nur auf der gleichen Stelle, wo er ſie zuletzt geſehen, ſondern auch ge⸗ rade mit demſelben Laͤnzer gepaart, der fruͤher die ganze Eiferſucht und Wuth des galanten Edelmanns gereitzt hatte. Mauleverer, obwohl ſonſt nicht gewohnt, ſeine Complimente lange vor⸗ her auszudenken, hatte doch eben auf eine wun⸗ derſuͤße Anrede an Lucie geſonnen; aber ſobald die Geſtalt ihres Taͤnzers ſein Auge traf, ſo ent⸗ ſchwand die ganze Schmeichelei ſeinem Gedaͤchtniß. 41 Er fuͤhlte ſich ſelbſt erblaſſen, und als Lucie ſich umwandte und ihn, als er ſich naͤherte, mit ſanf⸗ tem und freundlich beſorgtem Tone, wie ſie ihres Oheims Freund und ſeiner Wiedergeneſung ſchul⸗ dig zu ſeyn glaubte, begraͤßte, verbeugte ſich Mauleverer verwirrt und ſtumm; und die gruͤn⸗ aͤugige Leidenſchaft, welche das Gemuth eines wah⸗ ren Liebenden zerriſſen haͤtte, verwirrte jetzt, die Art ihrer Wuth ein wenig aͤndernd, nur das Be⸗ nehmen eines Hofmanns. In eine dunkle Stelle des Saals zuruͤckgezo⸗ gen, von wo er Alles ſehen konnte, ohne ſelbſt ins Auge zu fallen, beobachtete jetzt Mauleverer unablaͤßig die Bewegungen und Blicke des jungen Paars. Er war von Natur ein raſcher und ſcharf⸗ ſichtiger Beobachter und in dieſem Falle ſchaͤrfte noch die Eiferſucht ſeine Talente; er ſah genug um ſich zu uͤberzeugen, daß Lucie bereits eine Neigung fuͤr Clifford hatte, und da dieſe Ueber⸗ zeugung ihn in dem Glauben beſtaͤrkte, daß Lucie zu ſeinem eignen Gluͤck unumgaͤnglich nothwendig ſey, beſchloß er keinen Augenblick zu verlieren und ſofort den Capitaͤn Clifford aus ihrer Naͤhe zu verſcheuchen, oder wenigſtens ſolche Unterſu— chungen uͤber Verwandtſchaft, Rang und Achtbar⸗ keit dieſes Herrn anzuſtellen, welche, wie er hoff⸗ te, die Verbannung deſſelben aus ihrer Naͤhe zur nothwendigen Folge haben wuͤrden. Ganz eingenommen von dieſem Plan, naͤher 42 te ſich Mauleverer aus ſeiner Zuruͤckgezogenheit auf Einmal dem Squire, begann ein Geſpräch mit ihm und fragte ihn mit platten Worten: „Mit wem Henkers Miß Brandon tanze?“ Der Squire, ein wenig betreten uͤber dieſe Derbheit, antwortete mit einer langen Lobrede auf Paul, und Mauleverer, der ihm mit dem holdſeligſten Lächeln bis ans Ende zugehoͤrt, ſagte dem Sauire ſehr hoͤflich, er ſey uͤberzeugt, die Gutmüthigkeit Herrn Brandons habe ihn getaͤuſcht. „Clifford“ ſagte er und wiederholte den tamen, „Clifford! das iſt einer von den Namen, welche Leute, die Niemand kennt, ſich vorzugsweiſe bei⸗ legen, erſtlich, weil der Name gut klingt und zweitens weil er gewoͤhnlich iſt. Meine lange ver⸗ traute Freundſchaft mit Ihrem Bruder macht mich, beſonders aͤngſtlich beſorgt wegen einer Sache, die ſich auf ſeine Nichte bezieht, und in der That, mein theurer William hat mich, vielleicht meine Weltkenntniß und meinen Einfluß in der Geſell⸗ ſchaft, aber gewiß nicht meine Freundſchaft fuͤr ihn uͤberſchaͤtzend, darum erſucht, mir die Freiheit zu nehmen, mich als einen Freund, ja als einen Verwandten von Ihnen und Miß Brandon anzu⸗ ſehen, ſo daß ich hoffen darf, Sie werden meine Vorſicht nicht unbeſcheiden finden.“ Der geſchmeichelte Squire verſicherte ihn, er finde ſich ausnemend geehrt und ſey weit entfernt zu meinen, ſeine Lordſchaft ſey—(was bei ſo ausgezeichneten Maͤnnern ganz unmoͤglich waͤre, beſonders ſolchen, wie ſeine Lordſchaft ſey) — unbeſcheiden. Lord Mauleverer, durch dieſe Antwort ermu⸗ thigt, verfolgte ſeinen argliſtigen Plan und erreich⸗ te ſeinen Zweck ſo weit, daß er zwar den Squire nicht davon uͤberzeugte, der huͤbſche Capitaͤn ſey eine verdaͤchtige Perſon aber ihn wenigſtens uber— 1 redete: die gewoͤhnliche Klugheit verlange, ſich ge⸗ naue Auskunft daruͤber zu verſchaffen, wer der huͤbſche Capitaͤn ſey; um ſo mehr, als er woͤchent— lich dreimal bei dem Squire zu ſpeiſen und jede Nacht mit Lucie zu tanzen pflege. „Sehen ſie“ ſagte Mauleverer,„er naͤhert ſich Ihnen jetzt; ich will mich auf den Stuhl am Kamin zuruͤckziehen und Sie ſollen ihn ſcharf exa⸗ miniren, ich zweifle nicht, Sie werden es mit der groͤßten Zartheit thun.“ kach dieſen Worten nahm Mauleverer einen Sitz ein, wo ihm, etwas taub wie er war, das folgende Geſpraͤch nicht ganz entgieng, obgleich der Ort ſeiner Lauer ihn dem Auge entzog. Maule⸗ verer galt als ein Mann von der puͤnktlichſten Eh⸗ renhaftigkeit im Privatleben und haͤtte ſich um Alles in der Welt nicht daruͤber betreffen laſſen moͤgen, das Geſpraͤch andrer Leute zu belauſchen. Als Clifford ſich naͤherte, raͤuſperte ſich der Squire mit einem bedeutenden Geſicht, ſetzte ſich zurecht und begann kunſtreich ſeinen Angriff.„Ah, 3 44 ha! mein guter Capitan Clifford, und wie geht es Ihnen denn? Ich ſah Sie—(und ich freue mich immer ſo ſehr, mein Freund, als irgend Je⸗ mand, Sie zu ſehen,) von der Ferne. Und wo haben Sie meine Tochter gelaſſen?“ „Miß Brandon tanzt mit Herr Muskwell, Sir!“ antwortete Clifford. „Ah— ſo! Herr Muskwell, hm— eine gu⸗ te Familie die Muskwells— kommen von Prim⸗ roſe Hall. Bitte, Capitaͤn, nicht daß ich es um meinetwillen zu wiſſen begehrte, denn ich bin ein ſonderbarer, guter Kerl, ich glaube und bin voll⸗ kommen uͤberzengt,(einige Leute ſind tadelſüchtig, aber andre, Gott ſey dank! ſind es nicht,) von Ihrer Achtbarkeit— von welcher Familie ſtammen Sie ab! Sie werden meine— meine Vorſicht nicht unbeſcheiden finden?“ ſetzte der ſchlaue, alte Herr hinzu, dieſen Ausdruck, der im Mund des Lord Mauleverer ihm ſo freundſchaftlich vorkam, von dieſem entlehnend. Clifford wechſelte einen Augenblick die Farbe, verſetzte aber dann mit ruhiger Schelmerei im Blicke:„Familie, o mein theurer Sir, ich ſtamme von einer alten, ſehr alten Familie in der That.“ „So dachte ich mie's immer; und in welchem Theile der Welt?“ „Schottland, Sir— unſte ganze Familie ſtammt aus Schottland; das heißt, alle die lang leben; die uͤbrigen ſterben jung.“ „Ja, gewißen Eonſtitutionen ₰ nur eine gewiße Luft zu. Ich, zum Beiſpiel koͤnnte nicht in jeder Grafſchaft leben, nicht— Sie verſtehen mich— im Norden.“ „Wenige ehrliche Leute koͤnnen dort leben,“ ſagte Clifford trocken. „Und“ fuhr der Squire fort, durch ſeine ei⸗ genthuͤmliche Aufgabe und die kalte Zuverſicht ſei⸗ nes jungen Freunds ein wenig in Verlegenheit geſetzt„und ich bitte, Capitaͤn Clifford, zu wel⸗ chem Regiment gehoͤren Sie?“ „Regiment? O— zu den Scharfſchuͤtzen!“ ant⸗ wortete Clifford(„der Teufel plagt mich,“ mur⸗ melte er vor ſich hin,„ich kann keinen Spaß hinauslaſſen und wenn ich daruͤber den Hals bre⸗ chen ſollte1“) „Ein ſehr ſtattliches Corps!“ ſagte der Squire. „Ohne Zweifel, Sir!“ verſetzte Clifford. „Und meinen Sie, Capitaͤn Clifford,“ hob der Squire wieder an,„es ſey ein gutes Corps um vorwaͤrts zu kommen?“ „Ein ziemlich ſchlechtes, um davon zu kommen,“ murmelte der Capitaͤn und ſagte dann laut,„Nun freilich Sir, wir haben wenig Einfluß bei Hof.“ „Oh, dann iſt ein deſto freierer Spielraum, (wie mein Bruder der Advokat ſagt und Niemand verſteht das beſſer,) fuͤr das Verdienſt. Ich darf 46 glauben, daß Sie ſchon Manchen ſich in die Hoͤhe dienen ſahen?“ „Nichts gewoͤhnlicher als ein ſolches Empor⸗ kommen; und ſo groß iſt die Tugend in unſrem Corps, daß ich nicht Wenige kannte, welche dieſe Ehre gern ihren Kameraden goͤnnten.“ „Was Sie mir da ſagen!“ rief der Squire aus und riß uͤber ſolche uneigennuͤtzige Großmuth die Augen auf. „Aber ſagte Cli fford, der zu fuͤrchten begann, er koͤnnte die Zweideutigkeit zu weit treiben und trotz ſeinen Spaͤßen doch dafuͤr hielt, es laſſe ſich wohl eine angenehmere Ader der Unterhaltung anſchlagen,„aber Sir, wenn Sie ſich noch deſſen erinnern, Sie haben das Jagdabenteuer von Ih⸗ rer Jugend her noch nicht beendigt, da die Hunde in Burnham Copfe die Spur verloren.“ „Ah, ganz recht“ rief der Squire, ſeinen juͤngſten Verdacht ganz vergeſſend, und ſofort be⸗ gann er eine Geſchichte, die ſo lang zu werden drohte als die Jagd, wovon die Rede war. So bezaubert war er nach dem Schluß derſel⸗ ben von dem Charakter des jungen Gentleman der ſie mit ſo viel Wohlgefallen angehoͤrt, daß er, als er Mauleverer wieder ſprach, dem Grafen mit wichtiger Miene ſagte, er habe den jungen Capi⸗ taͤn ſcharf vorgenommen und habe jetzt die vollſte Ueberzeugung von der Trefflichkeit ſeiner Familie und von der Guͤte ſeiner Grundſäͤtze. Mauleyerer ——„——— —— hoͤrte ihm mit der Miene hoflicher Unglaͤubigkeit zu; er hatte nur wenig von dem Geſpraͤch zwi⸗ ſchen den beiden gehoͤrt, aber als er den Squire uͤber manche Einzelnheiten, betreffend Cliffords Geburt, Verwandſchaft und Vermoͤgen ausfragte, fand er ihn gerade ſo unwiſſend wie zuvor. Ein⸗ ſehend jedoch, daß ein weiteres Streiten vergeblich ſey, begnuͤgte ſich der Hoͤfling damit, den Squire auf die Achſeln zu klopfen und mit geheimnißvoller Artigkeit ihm zu ſagen:„Ach, Sir! Sie ſind zu gut!“ Mit dieſen Worten drehte er ſich um und ſuchte, noch nicht aller Hoffnung entſagend, die Tochter auf. Er fand Miß Brandon eben vom Tanz befreyt und mit einer Art vaͤterlicher Ga⸗ lanterie bot er ihr den Arm, um ſie durch die Säaͤle zu fuͤhren. Nach einigen einleitenden Flos⸗ keln, und nachdem er, zum tauſendſten Male ſeine Freundſchaft für William Brandon geruͤhmt, rede⸗ te ihr der Graf von dem„vornehmausſehenden jungen Mann der ſich Capitaͤn Clifford nenne.“ Zum Unglück fuͤr Mauleverer hatte er, als ſeine Empfindlichkeit uͤber Cliffords Eindringen un⸗ ter dem Reden wieder ſich erhitzte, etwas zu we⸗ nig auf ſeine Worte Acht, und er ließ in ſeinem Verdruß ein paar Worte der Warnung fallen, welche das Zartgefuͤhl der Miß Brandon ganz be⸗ ſonders beleidigten. „Mich huͤten zu ermuthigen, mein Lord!“ 48 ſagte Lucie, mit gluͤhenden Wangen die Worte wiederholend, welche ſie ſo empfindlich gekraͤnkt hatten.„Ich muß Sie in der That bitten—“ „Sie meinen, liebe Miß Brandon,“ unter⸗ brach ſie Mauleverer, und druͤckte ihr mit ach⸗ tungsvoller Zaͤrtlichkeit die Hand,„Sie muͤſſen mich bitten, mich wegen meines unbedachtſamen Ausdrucks zu entſchuldigen. Das thu' ich von Her⸗ zen. Fuͤhlte ich weniger Theilnahme an Ihrem Gluͤck, glauben Sie mir, ſo waͤre meine Sprache beſonnener geweſen.“ Miß Brandon verbeugte ſich ſteif, und mit geheimer Wuth ſah der Hoͤfling, wie die laͤndliche Schoͤnheit nicht einmal durch eine Entſchuldigung des Lord Mauleverer ſich ſo leicht zufrieden ſtel⸗ len ließ.„Ich habe Zeiten erlebt,“ dachte er, „wo junge, unverheirathete Damen ſich eine Grob⸗ heit von mir zur Ehre geſchaͤtzt haͤtten. Ueber ei⸗ ne Entſchuldigung waͤren ſie in Ohnmacht gefallen!“ Eh er Zeit hatte, ſeinen Frieden zu ſchließen, trat der Squire zu ihnen, Lucie ergriff den Arm ihres Vaters und druͤckte den Wunſch aus, nach Haus zu gehen. Der Squire war uͤber den Vor⸗ ſchlag ganz entzuͤckt. Die Hoͤflichkeit wuͤrde von Mauleverer verlangt haben, zu den kleinen Dien⸗ ſten, zu welchen der Abgang einer Dame vem Ball Gelegenheit giebt, ſeinen Beiſtand anzubie⸗ ten. Er bedachte ſich einen Augenblick.„Es halt Einen ſo lang in der verwuͤnſchten Zugluft auf,“ i M — d— u— lich, daß ich ſie nicht heirathe; und es iſt nicht rathſam, fuͤr Nichts einer Erkaͤltung, zumal bei Anbruch des Winters ſich auszuſetzen.“ Von die⸗ ſer klugen Berechnung durchdrungen uͤberließ denn Mauleverer Lucien ihrem Vater, fluͤſterte ihr ins Ohr—„ Ihr Mißfallen mache ihn zum Ungluͤck⸗ lichſten unter den Sterblichen,“ und ſchloß ſeinen Abſchied mit einer reuig⸗anmuthigen Verbeugung. Ungefaͤhr fuͤnf Minuten nachher gieng er auch weg. Als er ſeinen koſtbaren Leib in ſeinen Zo⸗ belpelz wickelte, ehe er ſich in ſeinen Wagen verſenkte, hatte er die toͤdliche Kraͤnkung zu ſehen wie Lu⸗ cie, durch irgend eine Urſache mit ihrem Vater in der Hausflur aufgehalten, von Clifford in den Wagen gehoben wurde. Haͤtte der Graf genauer beobachtet, als die aͤngſtliche Sorgfalt die er ſich ſelbſt widmete, ihm zuließ, ſo wuͤrde er zu ſei⸗ nem Troſt geſehen haben, daß Lucie ihre Hand mit fremder und kalter Miene gab und daß Clif⸗ fords ausdruckvolles, ſchoͤnes Angeſicht eher Kraͤn⸗ kung als Triumf verrieth. Er ſah aber nichts weiter als die Dienſtleiſtung ſelbſt, und als er, Fackeln und Laͤufer voran, und den wachſamen-Smoothſon zur Seite des kleinen Fuhrwerks, zu Haus angekommen war, murmelte er vor ſich hin von ſelnem Entſchluß, mit der naͤchſten Poſt an Brandon zu ſchreiben von ſeinem Bulwer's Romane. XXVII. 4 dachte er ſchaudeynd.„Zudem iſt es ja auch moͤg⸗ 50 Aerger uͤber Lucie und ſeiner Eiferſucht gegen den anſcheinenden Liebhaber. Waͤhrend dieſer tapfre Entſchluß die große Seele Mauleverers in Bewegung ſetzte, erreichte Lucie ihr Zimmer, verriegelte die Thuͤre, warf ſich auf ihr Bett und brach in einen langen Strom bittrer Thraͤnen aus. So ungewoͤhnlich waren die⸗ ſe Gaͤſte ihrem gluͤcklichen und harmloſen Gemuͤth, daß die Heftigkeit und Hartnaͤckigkeit, womit ſie jetzt floßen, beinah etwas Beunruhigendes hatte. „Wie!“ ſagte ſie mit Bitterkeit,„habe ich meine Neigung einem Mann von unſichrem Cha⸗ rakter zugewendet! und iſt meine Bethoͤrung ſo am Tage liegend, daß ein Bekannter dieſe Unklug⸗ heit ruͤgen darf? Und doch ſein Benehmen! ſein Ton! Nein, nein! ihn zu lieben kann mir keine Schande bringen!“ und bei dieſen Worten ſchnitt ihr die Kaͤlte womit ſie Clifford beim Abſchied⸗ nehmen heute Abend begegnet war, ins Herz. „Bin ich“ dachte ſie, und weinte noch heftiger als zuvor,„ſo weltlich geſinnt, ſo niedrig, daß ich mich im Augenblick da ich eine Sylbe gegen ihn vorbringen hoͤre, mich gegen ihn ungeſtimmt fuͤh⸗ len ſollte? Sollte ich nicht im Gegentheil ſein Bild mit um ſo groͤßrer Liebe umfaſſen, wenn er von Andern angegriffen wird! Aber mein PVater, mein theurer Vater, und mein guͤtiger, kluger Oheim— Etwas bin ich ihnen ſchuldig, und es wuͤrde ihnen das Herz brechen, wenn ich Einen liebte, denn ſie fuͤr einen uUnwuͤrdigen hielten. Warum ſollte ich nicht meinen Muth zuſammen⸗ nehmen und ihm von dem Verdacht ſagen den man gegen ihn hegt? Ein aufrichtiges Wort wuͤr⸗ de ihn zerſtreuen. Sicherlich verlangt es die Zaͤrt⸗ lichkeit gegen ihn von mir, daß ich ihm Gelegen⸗ heit verſchaffe, alle falſche und entehrende Ver⸗ muthungen niederzuſchlagen. Und wozu dieſe Zu⸗ ruͤckhaltung, da er ſo oft, wo nicht durch ein off⸗ nes Geſtaͤndniß, doch durch Blick und Wink mir ſeine Liebe erklaͤrt hat und weiß, wiſſen muß, daß er mir nicht gleichguͤltig iſt? Warum ſpricht er nie von ſeinen Eltern, Verwandten und ſeiner Heimath?“ Und unter dieſen Fragen zog Lucie aus einem Buſen, der an Farbe und Geſtalt ſich mit dem vergleichen durfte, welcher Cymon zur Weisheit bekehrte,*) einen Schattenriß ihres Geliebten, den ſie ſelbſt heimlich entworfen und der, obgleich kunſtlos und roh hingeworfen, doch aus der Begei⸗ ſterung des Andenkens entſprungen war und die Zuͤge und den Ausdruck an ſich trug, die unaus⸗ loͤſchlich einem Herzen ſich eingepraͤgt hatten, das ein ſo beflecktes Idol nicht verdiente. Sie blickte das Bild an, als ob es ihre Fragen an das HOri⸗ ginal beantworten koͤnnte und als ſie es anſchaute und immer anſchaute, ſtillten ſich allmälig ihre *) Dryden's Gedicht: Cymon und Ifignenla. — 52 Thränen und ihr unſchuldvolles Antlitz gewann nach und nach ſeine gewohnte, beredte Heiterkeit wie⸗ der. Nie vielleicht waͤre ein gluͤcklicherer Augen— blick geweſen, von Lucie ſelbſt ein Bild zu ent⸗ werfen. Die unbewußte Anmuth ihrer Stellung, ihre geluͤfteten Gewaͤnder, der beſcheidne, jugend⸗ liche Reitz ihrer Schoͤnheit, die zarte Wange, auf welche die jungfraͤuliche Bluͤthe, eine Weile ver— ſcheucht, jetzt mit all ihrem Glanz zuruͤckkehrte; die kleine, weiße, zarte Hand, worauf dieſe Wan⸗ ge ſich ſtuͤtzte, waͤhrend die andre das Bild hielt, an dem ihr Auge ſich labte; das halbe Lächeln das jetzt an den vollen, rothen, thauigen Lippen heran⸗ zog, im Augenblick verſchwand und dann wieder⸗ kehrte— alles dieß gab ein Bild von ſo be⸗ zaubernder Anmuth, daß wir zweifeln ob Shakſpea⸗ re ſelbſt ein irdiſches Weſen haͤtte erdenken koͤn⸗ nen, mehr geeignet, Miranda's oder Viola's Traum⸗ geſtalt zu verkoͤrpern. Die ruhige, maͤdchenhafte Zierlichkeit des Gemachs verſtaͤrkten den Zauber; und es war etwas Poetiſches ſelbſt in dem ſchnee⸗ weißen Glanze des Ruhelagers, in den halb zuge⸗ zognen Laͤden, die einen Strahl des ſilbernen Mon⸗ des hereinließen, in der einſamen Lampe, die mit dem reinern Licht des Himmels ſtritt und ein. ge⸗ miſchtes und gemildertes Licht in dem Gemach ver⸗ breitete. ſoch betrachtete ſie den Schattenriß, als ein leiſer Ton von Muſik durch die Luͤfte unter ihrem Fenſter ſich hereinſtahl und allmaͤlig an Staͤrke wuchs, bis ſich beſtimmt und deutlich der Ton ei⸗ ner Guitarre erkennen ließ, welche weit entfernt die ſtille Mondſcheinnacht zu ſtoͤren, ganz mit ihr im Einklang war. Die Galanterie und romanti— ſche Zaͤrtlichkeit fruͤherer Tage war, obwohl zu der Zeit, wo unſrte Geſchichte ſpielt, im Abneh⸗ men, doch noch nicht ganz verſchwunden und naͤcht⸗ liche Serenaden unter den Fenſtern einer gefeyer⸗ ten Schoͤnheit gehoͤrten keineswegs zu den Sel⸗ tenheiten. Aber Lucie erroͤthete und ergluͤhte mehr und mehr, als die Muſik ihr ins Ohr ſtrom⸗ te, als ob ſie eine tiefere Saite ihres Herzens traͤfe, als gewoͤhnliche Galanterie. Sie erhob ſich von ihrer liegenden Stellung auf einen Arm und beugte ſich vorwaͤrts, um den Ton mit groͤßerer, unfehlbarerer Sicherheit aufzufaſſen. Nach einem Vorſpiel von einigen Augenblicken begleitete eine klare und wohllautende Stimme das Inſtrument und die Worte des Geſangs lau⸗ teten wie folgt: Cliffords Serenade. O ſchoͤne Welt, wo jede Nacht Mein Geiſt mit deinem Zwieſvprach haͤlt! Die unnennbare Hoffnung lacht, Ein Liebesſtern, auf jene Welt! Schlaf'! fremd erſchein' ich ſelbſt mir nun Im Leben, das der Tag empoͤrt; O ſchlaf' beſeeligt moͤgſt du ruhn, In einer Welt, die mir gehoͤrt! 54 Als die Muſik hinſtarb, ſank Lucie wieder zn⸗ ruͤck und druͤckte den Schattenriß, den ſie in Hän⸗ den hatte(mit gluͤhenden Wangen, obgleich ſie von Niemand beobachtet wurde,) an ihre Lippen. Und obgleich ſie uͤber den Charakter ihres Gelieb⸗ ten keinen Aufſchluß erhalten hatte, obwohl ſie ſelbſt noch zu keinem beſtimmten Entſchluß gekom⸗ men war, ob ſie ihn von den Geruͤchten, die ſei⸗ nen Namen verunglimpften, in Kenntuiß ſetzen ſollte: dennoch, ſo troͤſtlich war ihr der Gedanke an ſeine zarte Aufmerkſamkeit und ſeine Liebe, daß ehe eine Stunde verfloſſen war, der Schlummer ihr Auge ſchloß. Der Schattenriß blieb, wie ein Talisman gegen den Kummer, unter ihrem Kiſſen und in ihren Traͤumen fluͤſterte ſie ſeinen Namen, und zärtlich laͤchelte ſie dazu, unkundig der Wahr⸗ heit und der Zukunft! Neunzehntes Kapitel. Kommt kommt! der Anſchlag reift und neue Falten Des warmen Mantels:Heim lichkeit umhuͤllenuns. 5* Und ihre Liebe? Schaut das Siegel iſt darauf. Banner von Tyburn. Wir duͤrfen nicht glauben, Cliffords Beneh⸗ men und Ton gegenuͤber von Lucie Brandon ſeyen —— e———+— u —— u — — ſo geweſen, wie ſie Andern erſchienen. Liebe ver⸗ feinert ſelbſt die Rohheit, und die Redlichkeit die aus der Zaͤrtlichkeit entſpringt, iſt nie von der Anmuth ganz verlaſſen. Wie auch die Lebensweiſe und Geſellſchaft Cliffords beſchaffen ſeyn mochten — er hatte im Grund des Herzens manche gute und edle Eigenſchaften. Zwar gaben ſie ſich nicht oft kund; erſtlich, weil er von froͤhlicher und ſorg⸗ loſer Gemuͤthsart war; fuͤrs zweite weil er nicht leicht von aͤuſſern Ereigniſſen ergriffen wurde, und drittens weil er die Klugheit beſaß, unter ſeinen Kameraden nur ſolche Eigenſchaften zur Schau zu tragen, welche ihm ſeinen Einfluß bei ihnen ſichern mußten, doch brach dieſer beßre Genius hervor, ſo oft ſich eine Gelegenheit darbot. Obgleich kein romantiſcher und unwirklicher byroniſcher Corſar, kein oſſianiſcher Schatten, deſſen Verhaͤltniſſe um ſo rieſenhafter werden, je mehr ſie von der We⸗ ſenhaftigkeit verlieren, obgleich keine Luͤge einer maͤchtigen Einbildungskraft, im Widerſpruch mit den ſchoͤnen Verhaͤltniſſen der menſchlichen Natur, ſondern ein verirrter Mann in einer ſehr proſai⸗ ſchen und gewoͤhnlichen Welt, verband doch Clif⸗ ford eine gewiſſe Großmuth und ritterlichen Hel⸗ denſinn mit der Ausuͤbung ſeines ſchlimmen Ge⸗ werbes. Obgleich der Name Lovett, unter dem er hauptſaͤchlich bekannt war, eine beſondre Be⸗ ruͤhmtheit in den Annalen des Abenteuerlichen er⸗ langt hat, verknuͤpften ſich doch nie Sagen von 56 Grauſamkeit oder frevelhaftem Hohn damit, und oft war er vergeſellſchaftet mit Zuͤgen von Muth, Hoͤflichkeit, Laune oder Schonung. Er war ein ſolcher Menſch, den eine aͤchte Liebe zur Be⸗ ſinnung zu bringen und zu retten ganz geeignet war. Die Keckheit, Aufrichtigkeit, Uneigennuͤtzigkeit ſeines Gemuͤths waren BVeſtandtheile ſeiner Natur, an welchen die Zaͤrtlichkeit einen kraͤftigen und tiefgreifenden Halt hat. Zudem war Clifford ge— wandten und ſtrebenden Geiſtes und dieſelbe Ge⸗ muͤthsart und dieſelben Eigenſchaften, die ihn bin⸗ nen ſehr wenigen Jahren an Einfluß und Popula⸗ ritaͤt weit uͤber alle ſeine ritterlichen Genoſſen er— hoben hatten, mit welchen er zuſammenhielt, konnten, wenn ſie einmal durch eine edlere Leiden⸗ ſchaft entzuͤndet waren, ſehr leicht ſeinem Ehrgeitz einen Schwung geben, der ihn von ſeinem derma⸗ ligen Treiben entfernte und ihn, eh' es zu ſpaͤt wurde, zu einem nuͤtzlichen, ja ehrenwerthen Glied der Geſellſchaft umwandeln. Wir hoffen der Le⸗ ſer habe bereits die Bemerkung gemacht, daß trotz ſeinen fruͤhern Verhaͤltniſſen, ſein Benehmen und ſein Betragen ihn der Liebe einer Dame nicht unwuͤrdig machten. Dieſe verhaͤltnißmaͤßige Verfeinerung in ſeinem Aeußern iſt leicht zu er⸗ klaͤren, denn er beſaß ein angebornes, natuͤrliches edles Weſen, eine Gabe der raſchen Beobachtung, ein lebhaftes Gefuͤhl fuͤr das Laͤcherliche und Schick⸗ liche, und dieſe Eigenſchaften laſſen ſich dann leicht r es g⸗ ck⸗ 57 vom Groben ins Feine arbeiten. Auch war er mit den Haͤuptern und Helden ſeiner Rotte in Verkehr getreten, deren manche von nicht niede⸗ riger Herkunft und in ihrem Weſen nicht gemein waren. Er ſtand in Verbindung mit den Barring⸗ ton's der damaligen Zeit, Herren die in Ranelagh Bewunderung einernteten, und wenn ſie vor dem peinlichen Gericht ſtanden, Reden hielten, eines Cicero würdig. Er hatte ſeine Rolle an oͤffentli⸗ chen Orten geſpielt und, wie Tomlinſon in ſeiner ciceronianiſchen Weiſe zu ſagen pflegte, die Tri⸗ umfe die auf dem Schlachtfelde errungen wurden, waren im Ballſaal erſonnen worden. Kurz er war einer der vollendeten, ſtattlichen Highwaymen, von denen man noch Wunder liest und von denen gepluͤndert zu werden, eine Luſt ſeyn mußte; und ſein richtiger Verſtand, der unter ſeinen Freunden ſich als Witz aͤuſſerte, kleidete ſich gegenuber ſei⸗ ner Gebieterin in die milde Form der Gemuͤth⸗ lichkeit. Zudem iſt etwas in der Schoͤnheit,(und Clifford hatte, wie wir ſchon geſagt, in ſeiner Per⸗ ſoͤnlichkeit etwas auſſerordentlich Anziehendes,) das einen Bettler gleichſam in den Adelſtand er⸗ hebt, und in ſeinem Gang und Blick lag etwas Ausgezeichnetes, das den Anſtand der hohen Ge⸗ burt und den Ton des Hofs erſetzte. Maͤnner freilich wie Mauleverer, eingeweiht in die Fein⸗ heiten des Venehmens, konnten vielleicht ohne Muͤhe den Mangel jenes nicht zu beſchreibenden 58 Weſens an ihm entbecken, das allein Leuten eig⸗ net, die in guter Geſehſchaft aufgewachſen ſind; aber da dieſer Mangel von ſo vielen getheilt wurde, gegen deren Geburt und Vermoͤgen ſich nichts ein⸗ wenden ließ, ſo gereichte ihm dieß nicht zum be⸗ ſondern Vorwurf. Fuͤr Lucie zumal, die in der Einſamkeit erzogen war und in Warlock-Haus nichts ſah, was darauf berechnet geweſen ware, ihren Geſchmack hinſichtlich der Haltung oder des Ausdrucks zum hoͤchſten Grade ekler Vollendung zu ſteigern, war dieſer Mangel ganz unbemerklich, ſie ſah in ihrem Geliebten nur eine Geſtalt, mit der ſich ſonſt Niemand meſſen konnte, ein Auge das immer von beredter Bewunderung glaͤnzte, einen Gang von dem Anmuth unzertrennlich war, eine Stimme die in ſilbernen Toͤnen ebenſo zart gedachte als poetiſch ausgedruͤckte Schmeicheleien fluͤſterte; ſelbſt eine gewiſſe Hriginalitaͤt des Gei⸗ ſtes, der Anſicht, des Charakters, die ſich gele⸗ gentlich dem Bizarren, aber eben ſo auch zu Zeiten dem Erhabenen naͤherte, uͤbte einen Zauber auf die Einbildungskraft eines jungen und nicht un⸗ poetiſchen Maͤdchens und ſtach eher vortheilhaft als unguͤnſtig gegen die langweilige Abgeſchmackt— heit derer ab, die ſie gewoͤhnlich ſah. Auch ſind wir nicht ganz gewiß, ob nicht das Geheimnißvolle das uͤber ihm waltete, ſo peinlich es ihr war und ſo nachtheilig es ihm bei Andern ausgelegt wurde, nicht dennoch auch mithalf, ihre Liebe zu dem — Abenteurer zu vermehren, und ſo verſtaͤrkte das Schickſal, das in ſeinem zauberiſchen Schmelztie⸗ gel alle entgegengeſetzten Metalle in das Eine verwandelt, das es einmal herauszubringen ent⸗ ſchloſſen iſt, die Macht einer unpaſſenden und ver⸗ derbendrohenden Leidenſchaft ſelbſt noch durch die⸗ jenigen Umſtaͤnde, welche ihr haͤtten entgegenwir⸗ ken und ſie zerſtoͤren ſollen. Wir beabſichtigen durch das Geſagte keines⸗ wegs, Clifford zu vertheidigen, ſondern nur Lucie in der Meinung unſrer Leſer zu retten, daß ſie ſo unweiſe liebte; und wenn ſie ihre Jugend, ihre Erziehung, den Mangel muͤtterlicher oder ſon⸗ ſtiger weiblicher Vorſorge, ja ſogar einer wachſa⸗ men und unablaͤßigen Aufſicht eines Berathers vom andern Geſchlecht bedenken wollen, ſo denken wir, es werde, was ſo natuͤrlich war, nicht als un⸗ entſchuldbar angeſehen werden. Mauleverer erwachte am Morgen nach dem Ball in beſſerem Befinden als gewoͤhnlich, und demgemaͤß auch verliebter als je. Seinem Ent⸗ ſchluß von der letzten Nacht zufolge ſetzte er ſich hin, einen langen Brief an William Brandon zu ſchreiben; er war beluſtigend und witzig, wie ge⸗ woͤhnlich; aber der verſchmitzte Edelmann wußte es ſo ein urichten, daß er unter dem Scheine des Witzes in Brandons Seele eine ernſtliche Bedenk⸗ lichkeit warf, ſein Lieblingsprojekt mit der Hei⸗ rath koͤnnte ganz und gar fehl ſchlagen. Der BVe⸗ 60 richt uͤber Lucie und den Capitaͤn Clifford, der in dem Brief enthalten war, floͤßte gewiß eine dop⸗ pelte Portion Bitterkeit in das ſchon durch ſeinen Beruf verſaͤuerte Gemuͤth des Advokaten, und da es ſich ſo traf, daß er den Brief las, gerade eh er in einem Falle, wo er der Anwalt der Krone war, auf den Gerichtshof gieng, empfanden die Zeugen auf der andern Parthey die volle Wirkung von der uͤbeln Laune des Rechtsanwalts. Es war ein Fall, wo der Beklagte in betruͤ⸗ geriſchen Verkehr in ſehr hohem Betrage verwi— ckelt war— und unter ſeinen Agenten und Ge⸗ huͤlfen war ein Menſch, der den niederſten Staͤn⸗ den angehoͤrte, aber der, weil er dem Anſchein nach große Verbindungen unterhielt und natuͤrli⸗ chen Scharfſinn und Gewandheit beſaß, von gro⸗ ßem Nutzen bei der Empfangnahme und Unter⸗ bringung von Guͤtern geweſen zu ſeyn ſchien, die auf betruͤgeriſche Weiſe genommen worden waren. Als Zeuge gegen letztere Perſon erſchien ein Pfaͤn⸗ derleiher, der verſchiedene Gegenſtaͤnde vorbrachte, welche bei ihm zu verſchiednen Zeiten von dem untergeordneten Agenten verpfaͤndet worden. Nun wurde Brandon in ſeinem Verhoͤr des ſchuldigen Unterhaͤndlers immer ſtrenger, je mehr der Mann jene Miene der unbewußten Einfalt zeigte, wel⸗ che die niedern Staͤnde ſchlauerweiſe annehmen, und die ſo beſonders geeignet iſt, die Herren der Gerichtsſchranken in Feuer und Harniſch zu jagen. 61 Als Vrandon zuletzt die hartnäckige Heuchelei des Angeklagten ganz zermalmte und erdruͤckte, warf ihm der Mann einen Blick zu, der die Mitte hielt zwiſchen Grimm und Flehen und murmelte: „Dho! wenn's ſo iſcht, Herr Anwalt Brandon, wenn Sie wuͤßten was ich weiß, würden Sie nicht ſo uͤber Einen hineinſchreien.“ „Ey, ſeyd ſo gut, Vurſche, was iſt denn Das was ihr wißt, und das mich bewegen ſollte Euch ſo zu behandeln, als hielte ich Euch für einen ehr⸗ lichen Mann?“ Der Zeuge war wieder in ſeine Verſtocktheit zuruͤckgefallen und antwortete nur mit einer Art Brummen. Brandon, wohlbekannt mit den Mit⸗ teln einen Zeugen zur Mittheilſamkeit anzuſpor⸗ nen, ſetzte ſeine Fragen fort, bis der Zenge, wie⸗ der in Zorn geſetzt und vielleicht zur Unbeſonnen⸗ heit verleitet, mit leiſer Stimme ſagte: „Fragen Sie'mal den Herrn Swoppem Wden Pfänderleiher) was ich ihm, es iſcht jetzt ge⸗ rad drei und zwanzig Jahr her, am fuͤnfzehnten Februar verkauft habe?“ Brandon fuhr zuruͤck, ſeine Lippen wurden weiß, er ballte die Hand mit krampfhaftem Zucken zuſammen, und waͤhrend alle ſeine Zuͤge von ern⸗ ſter aber furchtbarer Erwartung verzerrt ſchienen, ſprudelte er einen Strom ſo unzuſammenhaͤngen⸗ der und ungehoͤriger Fragen hervor, daß er ſofort von ſeinem gelehrten Amtsgenoſſen auf der Ge⸗ 62 genparthey zur Ordnung gerufen wurde. Aus dem Zeugen konnte nichts weiter herausgebracht wer— den. Der Ffaͤnderleiher wurde wieder vernom⸗ men; dieſer ſchien einigermaßen aus der Faſſung gebracht als man ſeinem Gedaͤchtniß zumuthete, drei und zwanzig Jahre zuruͤck zu gehen; aber nachdem er ſich zum Beſinnen Zeit genommen, waͤhrend welcher Friſt die Bewegung des ſonſt ſo kalten und ſeiner ſo maͤchtigen Brandon dem Ge⸗ richtshof auffiel, erklaͤrte er, ſich auf keine Ver⸗ handlung irgend einer Art mit dem Zeugen aus jener Zeit erinnern zu koͤnnen. Vergeblich waren alle Anſtrengungen Brandons, eine mehr Licht ge⸗ bende Antwort zu erhalten. Der Pfänderlether war nicht muͤrbe zu machen und der Advokat ſah ſich genoͤthigt, ſo ungern er es that, ihn zu ent⸗ laſſen. Sobald der Zeuge die Gerichtsſtube ver⸗ ließ, verſank Brandon in eine finſtre Traͤumerei — er ſchien ganz das Geſchaͤft und die Obliegen⸗ heiten des Gerichtshofes zu vergeſſen; und ſo nachlaͤßig verfolgte und beendigte er den Rechts⸗ fall, ſo zwecklos war das uͤbrige Verhoͤr und Ge— genverhoͤr, daß die Sache ganz verdorben wurde und die Geſchworenen das Nichtſchuldig aus⸗ ſprachen. Sobald er den Gerichtsſaal verlaſſen, eilte Brandon zu dem Ffaͤnderleiher, und nach einer Beſprechung mit Herr Swoppem, worin er den ehrlichen Handelsmann hinlaͤnglich uͤberzengte, daß — u S——— S —— u u—„ d n 63 ſeine Abſicht vielmehr ſey zu belohnen als einzuſchuͤchtern, geſtand Swoppem, daß vor 23 Jahren der Zeuge mit ihm und noch zwei andern Maͤnnern in einem Wirthshaus in DevereurCourt zuſammengeweſen und ihm verſchiedne Gegenſtände in Geſchirr, Zierrathen und dergleichen verkauft habe. Der groͤßte Theil dieſer Waaren hatte na⸗ tuͤrlich die Niederlage des Pfaͤnderleihers laͤngſt wieder verlaſſen, aber er meinte ein paar verlau— fene Putzſachen, nicht werthvoll genug um ſie neu herſtellen und faſſen zu laſſen oder nicht modiſch genug um gleich einen Kaͤufer zu finden, ſeyen noch in ſeinen Schraͤnken liegen geblieben. Haſtig und mit zitternder Hand kramte Brandon unter dem bunten Inhalt der Mahagony⸗Schraͤnke, die der Pfaͤnderleiher jetzt ſeiner Nachforſchung anheim⸗ gab. Nichts auf der Welt giebt einen wehmuͤthi⸗ geren Anblick, als die Schublade eines Pfaͤnderlei⸗ bers! Dieſe kleinen, artigen, werthloſen Putzſa⸗ chen, dieſe Schleifen treuer Liebenden, dieſe ver⸗ zogenen Armbaͤnder, dieſe verbogenen Ringe mit Anfangsbuchſtaben oder einer kurzen Inſchrift der Zaͤrtlichkeit oder des Schmerzens geziert— welche Geſchichten von vergangner Zaͤrtlichkeit, Hoffnung, Sorge haben ſie nicht zu erzaͤhlen! Aber Empfin⸗ dungen ſo allgemeiner Art verduͤſterten die harte Seele William Brandons nie, und weniger als je haͤtten ſolche Gedanken jetzt ſich ihm aufdraͤngen koͤnnen, Ungeduldig warf er den ehmals vielleicht 64 mit der zaͤrtlichſten Sorgfalt behandelten Trodel⸗ kram ein Stuͤck um das andre auf den Tiſch, bis endlich ſeine Augen funkelten und mit krankhafter Haſt ergriff er einen alten Ring, der mit Buch⸗ ſtaben eingefaßt war und ein Herz umſchloß, wo⸗ rin Haare waren. Die Inſchrift lautete einfach ſo: W. B. seiner Julia. Sonderbar und finſter war der Ausdruck, den Brandons Geſicht annahm, als er dieſes anſcheinend werthloſe Stuͤck betrach— tete. Nachdem er es eine Weile angeſtarrt, ſtieß er einen unverſtaͤndlichen Ruf aus, ſchob den Ring in die Taſche und erneuerte ſeine Nachſuchungen. Er fand noch ein paar Kleinigkeiten von ähnlicher Art, ein ſchlechtes in Silber gefaßtes Miniatur⸗ bild mit einigen halb verwiſchten Buchſtaben auf der Ruͤckſeite, aus welchen Brandon(kein andres Auge haͤtte es vermocht) augenblicklich die Worte zuſammenſetzte: Sir John de Brandon 1635 Ae- tat. 28.; ſodann einen Siegelring worein das ed⸗ le Wappen des Hauſes Brandon gegraben war: ein Stierkopf mit der Herzogskrone und goldner Ruͤſtung. Sobald Brandon ſich dieſer Schätze be⸗ maͤchtigt und die Ueberzeugung erlangt hatte, daß dieſer Ort nichts mehr enthalte, verſicherte er den gewiſſenhaften Swoppem von der Sorge, die er fuͤr ſeine Sicherheit tragen wolle, belohnte ihn freigebig und ſchlug den Weg nach Bowſtreet ein, um einen Verhaftbefehl gegen den Zeugen auszu⸗ wirken, der ihn an den Pfaͤnderleiher gewieſen hat⸗ —— ch er e⸗ aß en hn in, zu⸗ te. Aber auf dem Wege dahin draͤngte ſich ihm ein andrer Entſchluß auf:„Warum Alles oͤffent⸗ lich machen?“ murmelte er vor ſich hin,„wenn es umgangen werden kann und beſſer umgangen wird?“ Er hielt einen Augenblick inne, ſchlug dann wieder den Weg zu dem yfaͤnderleiher ein und kehrte, nachdem er dem Herrn Swoppem ei⸗ nen kurzen Auftrag gegeben, nach Hauſe zuruͤck. Im Verlauf deſſelben Abends wurde der fragliche Zeuge von Herrn Swoppem ins Haus des Advo⸗ katen gebracht, und hatte hier eine lange, gehei⸗ me Unterredung mit Herrn Brandon; der Erfolg davon ſchien eine beide Theile befriedigende guͤt⸗ liche Uebereinkunft, denn der Mann entfernte ſſch unangefochten mit einer ſchweren Boͤrſe und ei⸗ nem leichten Herzen, obgleich manche Schatten und Beſorgniſſe hin und wieder gewiß letzteres durchzuckten. Brandon aber warf ſich mit der tri⸗ umfirenden Miene eines Mannes, der eine große Mausregel ausgeführt, in ſeinen Seſſel zuruͤck und ſein finſtres Angeſicht verrieth in jedem Zug eine Freudigkeit und Hoffnung, die, man muß geſtehen, in ſeinem Angeſicht wie in ſeinem Herzen ſeltne Gäſte waren. So ein trefflicher Geſchaͤftsmann jedoch war William Brandon, daß er ſich durch die Ereigniſſe dieſes Tags nicht uͤber dieſe Nacht hinaus in ſei⸗ nen eifrigen Planen fuͤr die Verherrlichung ſeiner Nichte und ſeines Hauſes ſtoren ließ. Am andern Bulwer's Romane. XRVII. 5 66 Morgen mit Tagesanbruch waren ſchon die Briefe an Lord Mauleverer, an ſeinen Bruder und an Lucie geſchrieben. Der Brief an ſeine Nichte, ganz im Tone der zaͤrtlichſten Beſorgtheit und der liebevollen auf Erfahrung ſich gruͤndenden Warnung geſchrieben, war gans gemacht, jenes auf Veſchaͤmung und Verwundung gemiſchte Gefuͤhl zu erregen, das, wie der ſchlaue Advokat ganz richtig urtheilte, der wirkſamſte Feind einer auf⸗ keimenden Leidenſchaft ſeyn mußte. „Ich habe“ ſchrieb er,„zufaͤllig von einem aus Bath zuruͤckgekommnen Freunde gehoͤrt, wel⸗ che in die Augen fallende Aufmerkſamkeit dir Ca⸗ pitaͤn Clifford widme; ich will Dich, theuerſte Nichte, durch die Wiederholung deſſen, was ich dann weiter von Deiner Art ihm zu begegnen ge⸗ hoͤrt habe, nicht verletzen. Ich kenne die Boͤsar⸗ tigkeit und den Neid der Welt, und ich kann mir keinen Augenblick traͤumen laſſen, daß meine Lucie, auf die ich mit ſo vielem Recht ſtolz bin, von ei⸗ ner kleinen Coquetterie verleitet, die Bewerbun⸗ gen eines Mannes, den ſie nie heirathen koͤnnte, beguͤnſtigen oder gegen einen Anbeter eine Nei⸗ gung blicken laſſen ſollte, von der ihre Verwand⸗ ten nichts wußten und deren Gegenſtand gewiß nie ihren Beifall gewinnen koͤnnte. Ich meſſe den Verichten der muͤſſigen Menſchen keinen Glauben bei, meine liebe Nichte, aber wenn ich ſie nicht glaube, ſo darfſt Du ſie deßhalb nicht verachten. S— e ue — e u Ich fordre Deine Klugheit, Dein Zartgefuhl, Dei⸗ nen Schicklichkeitsſinn, und Dein Bewußtſeyn des Rechten auf, mit Einemmale und wirkſam allen unverſchaͤmten Geruͤchten ein Ziel zu ſetzen; tanze nicht mehr mit dieſem jungen Mann, laß ihn an keinen Beluſtigungsorten, oͤffentlichen oder Privat⸗ haͤuſern, in Deiner Geſellſchaft ſeyn; vermeide es ſelbſt ihn zu ſehen, wenn es Dir moͤglich iſt, und lege in Dein Betragen gegen ihn jene entſchiedne Kälte, welche die Welt nicht mißdeu⸗ ten kann!“ Noch Vieles ſchrieb ihr der gewand⸗ te Oheim, aber Alles in demſelben Sinn und zur Erreichung des nemlichen Zwecks. Der Brief an ſeinen Bruder war nicht weniger kunſtreich. Er ſagte ihm gerade heraus: der Vorzug den Lucie der Bewerbung eines huͤbſchen Gluͤcksjägers gebe, ſey das Tagesgeſpraͤch und bat ihn ohne Zeitver⸗ luſt das Geruͤcht zu erſticken.„Du kannſt das leicht thun,“ ſchrieb er,„wenn Du den jungen Mann meideſt; und wenn'er zudringlich werden ſollte, ſo kehre ploͤtzlich nach Warlock⸗Haus zuruͤck; die Wohlfarth Deiner Lochter muß Dir theurer ſeyn als Alles.“ Dem Lord Mauleverer antwortete Brandon in einem Schreiben, das zuerſt von Staatsſachen handelte und dann gleichgultig auf den Gegenſtand der gräflichen Botſchaft übergieng. Unter andern Ermahnungen, die er Maule⸗ verer zu geben ſich erlaubte, er nicht — 68 ohne Grund bei dem Mangel an Takt, den der Graf ſich darin hatte zu Schulden kommen laſſen, daß er nicht den Pomp und Glanz an den Tag ge⸗ legt hatte, welchen ſein hoher Rang ihm an die Hand gab.„Bedenken Sie“ ſchrieb er ihm mit Rach⸗ druck,„Sie ſind nicht unter Ihresgleichen, unter welchen unnoͤthiges Staatmachen ſchon nachgerade als prahleriſche Gemeinheit angeſehen wird. Das ſicherſte Mittel, Leute die unter uns ſtehen, zu blenden, iſt der Glanz, nicht der Geſchmack. Alle jungen Leute, beſonders die Damen, werden durch den Schein gefeſſelt und durch die Pracht gewon⸗ nen. Treten Sie glaͤnzender auf, ſo wird man mehr von Ihnen reden; und ein gefeierter Mann beſticht ein Weiberherz mehr als Schoͤnheit und Jugend. Sie haben, verzeihen Sie mir, zu lang den Knaben geſpielt; eine gewiſſe Wuͤrde ziemt Ihrem Mannesalter; die Frauen werden Sie nicht achten, wenn Sie ſich ſo an alle gemeine Geſellſchaft wegwerfen. Sie gleichen einem Man⸗ ne, der fuͤnfzig Vortheile voraus hat, und ſich nur Eines bedient, um ſeinen Zweck zu erreichen, wenn Sie nur auf Ihre Unterhaltung und feine Lebensart ſich ſtuͤtzen und die Huͤlfsmittel Ihres Vermoͤgens und Rangs unbenützt liegen laſſen. Ein gewoͤhnlicher Gentleman kann liebenswuͤrdig und witzig ſeyn; aber ein gewoͤhnlicher Gentleman kann zu ſeinem Beiſtand nicht die Aladdins⸗Lam⸗ pe anrufen, in deren Beſitz ein vermoͤglicher Peer „— ——— ——— von England iſt. Bedenken Sie dieß, mein theu⸗ rer Lord. Lucie iſt im Grund des Herzens ei⸗ tel oder ſie iſt kein Weib. Alſo blenden muͤſſen Sie ſie— blenden! die Liebe mag wohl blind ſeyn, aber ſie wird es erſt durch ein Uebermaß von Licht. Sie beſitzen wenige Meilen von Bath ein Landhaus. Warum nehmen Sie nicht dort ihren Wohnſitz, ſtatt in einem armſeligen Haus in der Stadt? Geben Sie koſtbare unterhaltun⸗ gen— machen Sie es fuͤr Jedermann zur Ehren⸗ ſache dort zu erſcheinen; Sie ſchließen natuͤrlich den Capitaͤn Clifford aus; dann ſind Sie mit Lucien ohne Nebenbuhler zuſammen. Gegenwaͤrtig kaͤmpfen Sie, Ihren Titel ausgenommen, auf glei⸗ chem Grund mit dieſem Abenteurer, ſtatt ſich auf eine Hoͤhe zu ſtellen, von der aus Sie ihn in ei⸗ nem Augenblick vernichten koͤnnen. Ja, er hat etwas vor Ihnen voraus; er hat den Vortheil den ihm ſeine Partnerſchaft beim Ball giebt, wo Sie ſich nicht mit ihm meſſen koͤnnen; er iſt, ſo ſagen Sie, in der erſten Bluͤthe der Jugend, er iſt ſchoͤn. Ueberlegen Sie es! Ihr Schickſal, ſo⸗ fern es Lucien betrifft, iſt in Ihrer Hand. Ich gehe zu andern Gegenſtaͤnden uͤber u. ſ. w.“ Als Brandon vor dem Siegeln den letztern Brief noch einmal durchlas, uͤberflog ein bittres Lächeln ſeine harten, jedoch ſchoͤnen Zuͤge.„Wenn ich“ ſagte er nachdenklich,„wenn ich dieß durchſe⸗ tze; wenn Mauleverer das Maͤdchen heirathet— — 70 nun, um ſo beſſer, wenn ſie einen andern, ſchoͤ⸗ nern und vorgezognen Liebhaber hat. Bei der Menſchenverachtung, die in meiner Bruſt herrſcht, die mich in den Stand geſetzt hat, zu verſpotten, was ſchwaͤchere Geiſter anbeten und die weltliche Ehre, woraus die Narren einen Thron machen, als Fußſchemel zu gebrauchen, waͤre es mir ſuͤßer als Ruhm, ja ſuͤßer als Macht und Gewalt, wenn ich es erlebte, daß dieſer feingeſponnene Lord zum Geſpoͤtt im Munde der Leute wuͤrde— ein Hahnrei— ein Hahnrei!“ und bei dieſem letzten Wort lachte Brandon laut auf.„Und er meint auch“ fuhr er fort, meines Vermoͤgens ganz ge⸗ wiß zu ſeyn; ſonſt wuͤrde er, der Abkoͤmmling des Goldſchmids, unſer Haus wohl kaum mit ſei⸗ nen Antraͤgen beehren; aber da koͤnnte er ſich ir⸗ ren, er koͤnnte ſich irren!“ hier endigte Brandon ſein Selbſtgeſpraͤch und zugleich den Brief mit den Worten:„Adieu, mein lieber Lord! Ihr zaͤrt⸗ lichſter Freund!“ Den Eindruck, welchen Brandons Brief auf Lucie machte, kann man leicht erachten; er machte ſie ungluͤcklich; ſie mochte einige Tage nicht aus⸗ gehen; ſie verſchloß ſich in ihrem Gemach und verbrachte die Zeit unter Thraͤnen und Kampf mit ihrem eignen Herzen. Bisweilen ſiegte das, was ſie fuͤr ihre Pflicht hielt und entſchloß ſie ſich, ihrem Geliebten abzuſchwoͤren; aber die Nacht vernichtete das Werk des Tages; denn bei Nacht, — — S——„c+— — Sc 71 jede Nacht, ließ ſich die Stimme ihres Geliebten, von Muſik begleitet, vernehmen, ſchmolz ihre Entſchluͤße weg und erweckte in ihr wieder alle Zaͤrtlichkeit und Treue. Zudem waren die Worte, die er unter ihrem Fenſter ſang, ganz beſonders geeignet, ſie tief zu ergreifen; ſie athmeten eine Schwermuth, die ſie um ſo mehr ruͤhrte, als ſie ſo mit ihren eignen Empfindungen im Einklang ſtand. Das einemal ſprachen ſie Klagen uͤber die Abweſenheit der Geliebten aus; das andremal deuteten ſie auf Vernachlaͤßigung hin; aber im⸗ mer herrſchte darin der Ton der Demuͤthigung nicht des Vorwurfs; ſie verriethen das Gefuͤhl der Unwuͤrdigkeit von Seiten des Liebenden und bekannten, daß ſelbſt ſeine Liebe ein Verbrechen ſey; und in eben dem Verhaͤltniß, als ſie den Mangel an Verdienſt bekannten, beſtaͤrkte ſich in Lucie der Glaube an den Werth ihres Geliebten. Der alte Squire wurde durch den Brief ſei⸗ nes Bruders ſehr aus der Faſſung gebracht. Ob⸗ gleich erfuͤlt von dem Bewußtſeyn ſeiner eignen Wichtigkeit und von der Vorliebe fuͤr ein moͤglich reines Blut, welche den meiſten Landedelleuten gemeinſam iſt, hegte er doch eben keine ehrgeitzige Abſichten mit ſeiner Tochter. Im Gegentheil, daſſelbe Gefuͤhl, das in Warlock ihn veranlaßte, ſeine Geſellſchafter junter Leuten geringern Stan⸗ des zu ſuchen, machte ihn dem Gedanken an ei⸗ nen Schwiegerſohn aus der Peerſchaft abgeneigt. 72 Trotz Mauleverers Gefaͤlligkeit war ihm doch eben das Entgegenkommen des Grafen laͤſtig und er fuͤhlte ſich in ſeiner Geſellſchaft nie recht heimiſch. An Clifford fand er großes Gefallen, und da er ſich ſelbſt uͤberzengt hatte, daß an dem jungen Gentleman nichts Verdaͤchtiges ſey, ſah er auf der Welt keinen Grund, warum ein ſo angeneh⸗ mer Geſellſchafter kein annehmlicher Schwieger⸗ ſohn ſeyn ſollte.„Wenn er arm iſt“ dachte der Squire,„obgleſch es nicht ſo ausſieht, ſo iſt dafuͤr Lucte reich!“ und dieſe einleuchtende Wahrheit ſchien ihm alle Einwuͤrfe zu widerlegen. Demun⸗ geachtet beſaß William Brandon einen großen Ein⸗ fluß anf das ſchwaͤchere Gemuͤth ſeines Bruders, und der Saquire entſchloß ſich, wiewohl mit wider⸗ ſtrebendem Herzen, ſeinem Rath Folge zu leiſten. Er verſchloß Clifford ſeine Thuͤre und wenn er ihm auf der Straße begegnete, gieng er, ſtatt ihn mit der gewohnten Herzlichkeit zu begruͤßen, mit einem haſtigen: Guten Tag, Capitaͤn! an ihm voruͤber, und nach ein paar Tagen verlor ſich auch dieß in eine Verbeugung aus der Ferne. Wenn gutmuͤthige Leute grob werden, und dazu noch un⸗ gerechter Weiſe, ſo treiben ſie auch die Grobheit aufs Aeuſſerſte. Es war dem Squire ſo peinlich, mit Clifford weniger vertraut ſeyn zu ſollen als bisher, daß jetzt ſein einziher Wunſch war, ihn ganz abzuſchuͤtteln; und dieſem Ende der Bekannt⸗ ſchaft ſchien der allmaͤlig immer mehr ſich erkaͤl⸗ u* tende Gruß raſch entgegenzufuͤhren. Indeß be⸗ gann Clifford, auſſer Stand, Lucien zu ſehen, von ihrem Vater gemieden und auf alle ſeine Fragen nur mit trotzigen Blicken von dem Bedienten ab⸗ gewieſen, welchen zu Boden zu ſchlagen, ihn nur die entſchloſſenſte Herrſchaft uͤber ſeine Muskeln abhielt, vielleicht zum erſtenmal in ſeinem Leben zu fuͤhlen, daß ein zweideutiger Charakter wenig⸗ ſtens kein zweideutiges Mißgeſchick iſt. Wos ſei⸗ ne widrige Lage vermehrte war, daß der Ertrag ſeiner fruͤhern Betriebſamkeit, wir be⸗ dienen uns eines von dem weiſen Tomlinſon be⸗ liebten Ausdrucks, bei dem Aufwand in Bath im⸗ mer mehr zuſammenſchmolz; und die murrenden Stimmen ſeiner Genoſſen begannen ſchon dem Haͤuptling wegen ſeines unruͤhmlichen Muͤſſiggangs Vorwuͤrfe zu machen und auf die Nothwendigkeit einer raſchen That hinzuweifen. Zwanzigſtes Kapitel. Whackum. Seht Ihr da, jetzt? Nun, ganz Eu⸗ ropa kann keine Bande feinerer Schlaukdoͤpfe und braverer Gentlemen aufweiſen. Dingboy. Wahrhaftig, es ſind die allerpraͤchtig⸗ ſten Burſche. . Shadwell's Herumfeger. Die Welt in Vath ward ploͤtzlich aufs froͤh⸗ lichſte uͤberraſcht durch die Nochricht, daß Lord 74 Mauleverer nach Beauville,(dem ſchoͤnen Landſitz, den dieſer Edelmann in der Naͤhe von Bath be⸗ ſaß, aͤbgegangen ſey, mit der Abſicht dort eine Reihe koſtbarer Vergnuͤgungen zu veranſtalten. Die erſten Perſonen welchen der Graf dieſes gaſtliche Vorhaben ankuͤndigte, waren Herr Bran⸗ don und ſeine Tochter; er beſuchte ſie in ihrem Haus und erklaͤrte ſeinen Entſchluß, nicht aus demſelben zu weichen, bis Lucie, die auf ihrem Zimmer war, einwillige, ihn mit ihrer Gegenwart und dem Verſprechen zu begluͤcken: ſie wolle die Koͤnigin ſeines beabſichtigten Feſtes ſeyn. Lucie, von ihrem PVater bearbeitet, kam niedergeſchlagen und blaß in das Geſellſchaftszimmer herunter; der Graf, betroffen uͤber die Veraͤnderung in ihrem Ausſehen, ergriff ihre Hand und erkundigte ſich nach ihrem Befinden mit ſcheinbar ſo theilnehmen⸗ der und gefuͤhlvoller Guͤte, daß der Vater zum erſtenmal fuͤr ihn eingenommen und ſelbſt die Tochter geruͤhrt ward. Auch war ſeine Bitte, ſie mochte ſein Feſt mit ihrer Anweſenheit beehren, ſo ernſtlich und mit ſo gewandter Schmeichelei vorgebracht, daß der Squire es uͤber ſich nahm, in ſeiner Tochter Namen zuzuſagen; und als ſich der Graf, mit dieſem Verſprechen eines Andern nicht zufrieden, an Lucie ſelbſt wandte, ſchmolz bald ihr anfaͤngliches Nein in ein foͤrmliches, ob⸗ wohl mit Widerſtreben ausgeſprochnes Ja. Entzuͤckt uͤber das Gelingen ſeines Plans und von Luciens Liebenswuͤrdigkeit, die durch ihre Blaͤſ⸗ ſe noch erhoͤht wurde, noch mehr eingenommen, als er je zuvor geweſen, verließ Mauleverer das Haus und machte mit groͤßerer Genauigkeit als er bis her gethan hatte, einen Ueberſchlag des muthmaßlichen Vermoͤgens, das Lucie von ihrem Oheim bekommen wuͤrde. Sobald nur die Karten zu Lord Mauleverers Feſt ausgegeben waren, hoͤrte man in den Cirkeln, welche den Leuten in Bath die Welt zu nen⸗ nen beliebte, von gar nichts Anderem mehr reden. — Hin und wieder beabſichtigen wir, mit groͤßrer poetiſchen Freiheit als dieſe Blaͤtter eigentlich ge⸗ ſtatten, von den Ergoͤtzlichkeiten und dem Treiben beſagter Welt, in welchem Theile Englands ſie ſich vorfinden moͤge, Kunde zu nehmen. Verleihe uns Geduld, o Himmel!— Kraft und Geduld, um den Leuten zu ſagen, aus welchem Stoff der gute Ton gemacht iſt; waͤhrend andre Novellen⸗ ſchreiber die nichtswuͤrdigen Erbaͤrmlichkeiten einer alten veralteten Ariſtokratie ruͤhmen, nachahmen, verherrlichen, welche jetzt das Alter erreicht hat, wo ſelbſt die ſtattlicheren Suͤnden ihrer fruͤhern Jugend in Faſelei uͤbergehen: verleihe uns die Geſchicklichkeit, ſie getreulich zu ſchildern und in ihrer Laͤcherlichkeit zu zeigen: ſo wollen wir auf das Gluͤck verzichten, unſern Soͤhnen irgend eine andre Moral zu vermachen. In der Zwiſchenzeit nun machte man in Bath 76 Huͤte und redete ſchoͤne Floskeln; und als man fand, daß Lord Mauleverer, der gutmuͤthige Lord Mauleverer! der gefaͤllige Lord Mauleverer! wirk⸗ lich entſchloſſen ſey ausſchlieſſend zu werden und von tauſend Bekannten nur acht hundert ein⸗ zuladen: da verwandelte ſich die Beliebtheit de⸗ ren er genoß, mit erſtaunlicher Schnelligkeit in tiefe Achtung. Jetzt kamen Beſorgniß und Triumf an die Reihe; die Eingeladne wandte der nicht Geladnen den Ruͤcken, alte Freundſchaften loͤsten ſich auf; um ein Zettelchen Papier ſchrieb der Unabhaͤngigſte Briefe— und wie denn England das freyſte Land von der Welt iſt: alle Damen Crethi und Plethi baten ſich die Freiheit aus, ih⸗ re juͤngſten Toͤchter mitbringen zu duͤrfen. Ueberlaſſen wir denn dem beneidenswerthen Mauleverer den goͤttlichen Genuß, Urheber von ſo viel Gluͤck und Leid, Triumf und Niedergeſchla⸗ genheit zu ſeyn; Du aber o Leſer! begleite uns jetzt in die zierlichen Zimmer uͤber dem Haarkuͤnſt⸗ lers Laden, welche Herr Eduard Pepper und Herr Augustus Tomlinſon inne haben. Es war Abend, Capitaͤn Clifford hatte mit ſeinen zwei Freunden geſpeist, das Geſchirr war weggenommen und das freie Geſpraͤch waltete an einem Tiſch, der mit zwei Flaſchen Porter, einer Bowle Punſch die Herrn Peppers Aufmerkſamkeit beſonders in An⸗ ſpruch nahm, mit zwei Lellern Lambertsnuͤſſen, — „——— — —)„) —— 30—.—— c e— nd en n einem mit geteufeltem*) Zwieback und einem vier⸗ ten, drei unreife Aepfel enthaltend, die Niemand anruͤhrte, geziert war. Das Kamin war rein gekehrt, das Feuer brannte luſtig und hell, die Vorhaͤnge waren niedergelaſſen und ſo das Tageslicht abgeſchnitten. Unſre drei Abenteurer mit ihrem Zimmer ſchienen das Bild der Behaglichkeit. So kam es auch dem Herrn Pepper vor; denn er ſah ſich im ganzen Zimmer um und ſagte, die Fuͤße auf dem Kamingitter auf⸗ legend: „Wenn ich mich abkonterfeien laſſen ſollte, Ihr Herrn, ſo ließe ich mich gerade ſo abreiſſen, wie ich jetzt bin.“ „Und“ ſagte Tomlinſon, ſeine Haſelnuͤſſe auf⸗ knackend— Tomlinſon war ein großer Freund von Haſelnuͤſſen,„ſollte ich mir ein Haus herausſu⸗ chen, ſo waͤre es ein ſolches wie dieſes, in dem ich immer einquartirt ſeyn moͤchte.“ „Ach! Ihr Herrn,“ ſagte Clifford, der eine Zeitlang ſtumm da geſeſſen hatte,„es iſt mehr als wahrſcheinlich, daß Eure beiderſeitigen Wuͤn⸗ ſche erhoͤrt werden und daß Ihr abgeriſſen und einquartirt werdet und ſonſt noch etwas dazu, eben an dem Ort wo Ihr Euern Nachtiſch ver⸗ zehrt.“ „Nun“ ſagte Tomlinſon fein laͤchelnd,„ich * Mit Butter beſtrichen und auf dem Roſt gedoͤrrt. 78 preiſe mich gluͤcklich Euch nur wieder ſcherzen zu hoͤren, obgleich auf unſre Koſten.“ „Koſten!“ wiederholte Ned!„Ja, da ſitzt der Knoten! Wer Henkers wird die Koſten unſrer Mahlzeit beſtreiten?“ „Und fuͤr unſer Eſſen in der letzten Woche?“ ſetzte Tomlinſon hinzu;„dieſe leere Nuß iſt ein bedenkliches Vorzeichen; ſie hat wenigſtens Ein Hauptmerkmal ganz mit meinen Taſchen gemein.“ „O Jemine!“ ſeufzte der lange Ned und kehrte das Innen ſeiner Weſtentaſche heraus mit einer vielſagenden Geberde, waͤhrend der hochge⸗ bildete Tomlinſen, ein großer Liebhaber der ele⸗ giſchen Poeſie, auf die untroͤſtlichen leeren Raͤume hindeutend, deklamirte: Wenn uns die Mode lockt im ſchoͤnſten Kleide, Fragt muthlos unſer Herz, iſt dieſes Freude? In Wahrheit, Ihr Herrn“ ſetzte er hinzu, feyer⸗ lich ſeinen Nußknacker auf den Tiſch niederlegend und wie pflegte, wenn er daran war, im Kopf erleuchtet zu werden, mit dem Finger der rechten Hand in der linken,„in Wahrheit, Ihr Herrn, unſre Lage wird ernſthaft und die Nothwendigkeit gebietet Mittel ausfindig zu machen, fuͤr ein an⸗ ſtaͤndiges Auskommen zu ſorgen.“ „Ich werde verflucht von Mahnern gedraͤngt,“ rief Ned. „Und“ fuhr Tomlinſon fort,„kein Mann von Zartgefuͤhl ſieht ſich gern der Unverſchaͤmtheit t 8 8 8 —— N— 1 — ſo gemeiner Glaͤubiger“ preis gegeben; wir muͤſſen deßwegen Geld zu LTilgung unſrer Schul⸗ den aufbringen. Capitaͤn Clifford oder Lovett, wie Ihr Euch nennen moͤgt, wir fordern Euch auf, uns bei einem ſo preiswerthen Plane zu unter⸗ ſtuͤtzen.“ Clifford ſah zuerſt den Einen, dann den An⸗ dern an, gab aber keine Antwort. „Inprimis“ ſagte Tomlinſon, wollen wir Jeder ſein gegenwaͤrtiges Vermoͤgen angeben; kch fuͤr meinen Theil geſtehe frank und frey— denn wie ſollten wir uns einer Demuth ſchaͤmen, der unſre Thaͤtigkeit im Begriff liſt ſogleich wieder abzuhelfen, daß ich nur zwei Guineen, vier Schil⸗ linge und vierthalb Pfennige beſitze.“ „Und ich“ ſagte der lange Ned, holte ein Porzellan-Prachtſtuͤck vom Kamin herab und leerte ſeinen Inhalt aus,„bin in noch jaͤmmerlichern Um⸗ ſtäͤnden. Seht, ich habe nur drei Schillinge und eine falſche Guinee. Dieſe gab ich geſtern dem Aufwaͤrter im weiſſen Hirſch; heut brachte ſie mir der Hund wieder und ich war genoͤthigt ſie ihm gegen mein letztes gutes Geld auszutauſchen. Ho⸗ le die Peſt das Zeug! Ich kaufte ſie von einem Juden um vier Schillinge und habe ein Pfund fuͤnf Schillinge bei dem Handel verloren.“ „Das Schickſal vereitelt unſre weiſeſten Ent⸗ wuͤrfe“, verſetzte die moraliſirende Augustus⸗ 80 „Hauptmann, wollt Ihr auch die armſeligen Lruͤm⸗ mer Eurer Habe ſehen laſſen?“ Clifford, noch immer ſtumm, warf eine Voͤrſe auf den Tiſch; Augustus leerte ſie ſorgfaͤltig aus und zaͤhlte fuͤnf Guineen auf; der Ausdruck gro⸗ ßer Ueberraſchung uͤberzog Tomlinſons nachdenkli⸗ che Stirne und das Geld Clifford hinbietend, ſagte er in ſchwermuͤthigem Ton: —— das für Euer ganzer Schatz? der ganze ſagt Ihr?“ Ein Blick Cliffords beantwortete die gewichtige Frage. „Dieß alſo““ ſagte Tomlinſon, das Geſammt⸗ vermoͤgen in der Hand waͤgend„dieß alſo iſt der Reſt unſrer Schaͤtze!“ und unter dieſen Worten ließ er truͤbſinnig das Geld in ſeiner Hand klin⸗ geln, betrachtete es mit einer Leichen⸗Miene und rief aus: „Ach! wie unkundig des Geſchicks die kleinen Opfer ſpielen!“ „D, verflucht!“ ſagte Ned,„nur keine Em⸗ pfindſamkeiten. Laßt uns auf Einmal zur Sache kommen. Euch die Wahrheit zu ſagen, ich meines Orts bin dieſer Erbinnen-Jagd herzlich ſatt und es kann Einer leicht ein Vermoͤgen bei der Hatze öuſetzen, eh' er eines gewinnt.“ „Ihr gebt alſo die Hoffnung auf die Wittwe formlich auf, der Ihr ſo lang den Hof gemacht habt?“ fragte Tomlinſon. — r)— — ige it⸗ er en n⸗ nd en he es d 3e e ht „Ganz und gar“ verſetzte Ned, deſſen Ve⸗ muͤhungen ſich einzig und allein auf die Damen der mittleren Claſſe beſchraͤnkt und der ſich zu ei⸗ ner Zeit eingebildet hatte, einer theuern Rippe von Cheapſide*), wie er ſich witzig ausdruͤckte, ge⸗ wiß zu ſeyn.„Ganz und gar! ſie war Anfangs ſehr artig gegen mich, aber als ich meinen Antrag machte, fragte ſie mich mit Erroͤthen nach meinen Zeugniſſen. Zeugniſſen, ſagte ich, ey, es iſt mir um die Stelle Ihres Gemahls, nicht Ihres Be⸗ dienten zu thun. Die Dame war unerbittlich, ſagte, ſie koͤnne mich ohne Rang und Charakter nicht nehmen, gab mir aber Winke, ich ſollte ſtatt den Braͤutigain, den Liebhaber machen; und als ich dieſen Vorſchlag mit Verachtung abwies und auf dem Geiſtlichen beſtand, ſagte ſie mir von der Leber weg mit ihrer unglucklichen ſtädtiſchen Aus⸗ ſprache:„Sie wolle mich durchaus nicht an den Halter**) begleiten.“ „Ha, ha, ha!“ rief Tomlinſon lachend,„man kann die gute Dame deßwegen nicht wohl tadeln. Die Liebe ertraͤgt ſelten ſolche unaufloͤsliche Ban⸗ de. Aber habt Ihr kein anderes Frauenzimmer im Auge?“ „Zum Heirathen nicht! Ueberallhin nur nicht in die Kirche.“ *) Eheapſide heißt: wohlfeile Seite, minder geſuchten Quartiers in London. Name eines **) Verdorbene Ausſprache von Altar; aber zugleich beißt es Galgen. Bulwer's Romane. XXVII. 6 82 Waͤhrend dieß leichtſinnige Paar ſich ſo unter⸗ hielt, hoͤrte Clifford, an das Getaͤfel gelehnt, ih⸗ nen mit der ſchmerzlichen und bittern Empfindung der innern Demuͤthigung zu, die bis auf die letz⸗ ten Zeiten ſeiner Bruſt fremd geblieben war. End⸗ lich ward er durch Ned aus ſeinem Schweigen er⸗ weckt, der vortrat, ſeine Hand auf Cliffords Knie legte und ſagte: „Kurz und gut, Hauptmann, Ihr muͤßt uns wieder zum Ruhm fuͤhren. Wir haben noch unſre Pferde und ich habe noch meine Maske neben mei⸗ nem Kamm in der Taſche. Laßt uns morgen Nacht auf die Landſtraße ziehen, durch das Land nach Salisbury fliegen, und nach einem kurzen Beſuch in der Nachbarſchaft bei einer Bande alter Freunde von mir— kecke Geſellen, die den Teufel ſelbſt, wenn er uͤber Stonehenge in Geſchaͤften reiste, anfallen wuͤrden— einen Ausflug nach Reading und Henley machen und endlich uns nach London wer⸗ fen⸗ „Wohl geſprochen Ned!“ ſagte Tomlinſon zu⸗ ſtimmend.„Jetzt, edler Hauptmann, Eure Mei⸗ nung.“ „Messieurs“ ſagt“ Clifford,„ich billige Euern beabſichtigten Streifzug hoͤchlich, und bedaure nur, Euch nicht begleiten zu koͤnnen.“ „Nicht! und warum nicht?“ rief Herr Pey⸗ per erſtaunt. „Weil ich hier Geſchůfte habe, die es unmoͤg⸗ — — t lich machen; vielleicht ſtoße ich in kurzer Friſt in London zu Euch.“ „Nein,“ ſagte Tomlinſon,„es iſt nicht ge⸗ rade noͤthig, daß wir nach London gehen, wenn Ihr hier zu bleiben wuͤnſcht; auch brauchen wir jetzt nicht ein ſo verzweifeltes Auskunftsmittel wie die Landſtraße zu ergreifen— ein wenig ruhige Betriebſamkeit in Bath wird unſerm Zweck genuͤ⸗ gen; und was mich betrifft, ſo wißt ihr wohl, ich liebe es, meinen Witz eher bei andern Gelegen⸗ heiten leuchten zu laſſen, die deſſelben wuͤrdiger ſind, als die Hochſtraße;— ein Gewerbe, das ſich eher fuͤr einen Raufer als einen Mann von Geiſt ziemt. Laßt uns alſo, Hauptmann, einen Plan entwerfen, wie wir uns mit der Habe eines leicht glaͤubigen Handelsmanns bereichern koͤnnten; war⸗ um zu ſo herben Maßregeln ſchreiten, ſo lange wir noch gutmuͤthige Thoren finden?“ Clifford ſchuͤttelte den Kopf.„Ich will Euch gerade heraus geſtehen,“ ſagte er,„daß ich der⸗ malen an Euren Unternehmungen keinen Theil neh⸗ men kann; ja als Euer Gebieter muß ich Euch den gemeſſenen Befehl ertheilen, aller Anwendung Eu⸗ rer Talente in Bath Euch zu enthalten. Raubt, wo ihr wollt; die Welt ſteht Euch offen; aber dieſe Stadt iſt geheiligt.“ „Meiner Seel',“ rief Ned, die Far be wech, ſelnd,„aber das iſt zu bunt. Ich laſſe mir nicht auf dieſe Weiſe vorſchreiben.“ 6. 84 „Aber, Sir!“ antwortete Clifford, der in ſeinem oligarchiſchen Gewerbe die Kunſt zu befeh⸗ len gelernt hatte,„aber Sir, Ihr ſollt, oder wenn Ihr murrt, ſo verlaßt ihr unſre Geſellſchaft und dann hat der Henker die beſten Ausſichten auf Euch. Sagt einmal, Undankbarer, was waͤret Ihr ohne mich? Wie oft habe ich ſchon Dein langes Skelet vom Strick gerettet und jetzt wollt Ihr die kiedertraͤchtigkeit begehen, Euch zu empoͤren? Fort mit Euch!“ Obgleich Herr Pepper noch ergrimmt war, biß er ſich doch in muͤrriſchem Schweigen in die Lippe und ließ ſeine Leidenſchaft nicht heraus; Clifford ſtand auf und ſagte nach einer kleinen Pauſe: „Seht, Herr Pepper, Ihr kennt meine Befehle, betrachtet ſie als unverbruͤchlich. Ich wuͤnſche Euch gutes Gluͤck und reichen Fang. Lebt wohl, Gent⸗ lemen!“ „Verlaßt Ihr uns ſchon?“ rief Tomlinſon⸗ „Ihr ſeyd beleidigt.“ „Sicherlich nicht!“ antwortete Clifford ſich der Thüre nähernd;„aber ein Geſchäft ſonſtwo, wißt Ihr.“ „Ah, ich verſteh' Euch,“ ſagte Tomlinſon, begleitete Clifford aus dem Zimmer und ſchloß die Thuͤre hinter ſich zu.“ „Ja, ich verſteh' Euch!“ wiederholte er fluͤ⸗ ſternd, indem er Clifferd oben an der Treppe auf⸗ — W S—— u—*»— W 8 hielt.„Aber ſagt mir, wie ſteht Ihr mit der Erbin?“ Die Empfindung in ſeinem Herzen bemeiſternd, welche Clifford, ſo ſorglos er war, jedesmal mit Wuth und Schaam erfuͤllte, ſo oft dem Munde ſeiner Kameraden eine Anſpielung auf Lucie Bran⸗ don entſchluͤpfte, antwortete der Anfuͤhrer:„ Ich fuͤrchte, Tomlinſon, der alte Squire hegt ſchon Ver⸗ dacht gegen mich! Ganz ploͤtzlich meidet er mich, verſchließt mir ſeine Thuͤre. Miß Brandon geht nicht aus, und wenn ſie es auch thaͤte, was koͤnn⸗ te ich nach dieſem ploͤtzlichen Wechſel im BVeneh— men des Vaters von ihr erwarten?“ Tomlinſon ſah auf dieß blaß und verſtoͤrt aus; „aber,“ ſagte er nach einem augenblicklichen Schweigen:„warum nicht eine gute Miene bei der Sache annehmen? dem Squire auf den Leib ruͤcken und ihn um den Grund ſeiner Unhoͤflichkeit fragen?“ „Ja, ſeht mein Freund; ich bin ſonſt gegen alle Menſchen ziemlich keck; aber dieſes Maädchen bat mich ſo verſchaͤmt gemacht, wie eine Jungſrau! in Allem, was ſich auf ſie bezieht. Ja es giebt Augenblicke, wo ich denke, alle ſelbſtſuͤchtigen Ge⸗ fühle uͤberwinden und mich um ihretwillen freuen zu koͤnnen, daß ſie mir entgieng. Koͤnnte ich ſie nur noch Einmal ſehen— ich koͤnnte, ja! Ich fuͤhle — ich fuͤhle; ich koͤnnte ihr fuͤr immer entſagen.“ 86 „Hm!“ ſagte Tomlinſon,„und was ſoll aus uns werden? In der That, mein Hauptmann, Euer Pflichtgefuͤhl ſollte Euch zur Thaͤtigkeit an⸗ ſpornen; Eure Freunde ſterben vor Euern Augen Hunger, waͤhrend Ihr mit Eurer Gebieterin Fa⸗ ren macht. Habt Ihr kein Herz fuͤr Eure Freun⸗ de?“ „Still mit dieſem Unſinn!“ ſagte Clifford unmuthig. „Es hat einen Sinn, einen nuͤchternen Sinn, und einen traurigen dazu;“ verſetzte Tomlinſon. „Ned iſt unzufrieden, unſre Schulden ſind ge⸗ bieteriſch. Nehmt nun einmal an, nehmt an, wir entwiſchen in einer ſchoͤnen Mondſchein⸗Nacht aus Bath— wird das ein guͤnſtiges Licht auf Euch werfen, den wir dahinten laſſen? Und doch muͤſſen wir das thun, wenn Ihr nicht Mittel aus⸗ findig macht, unſre Boͤrſen wieder zu fuͤllen. Ent⸗ weder alſo entſchließt Euch, uns bei einem Plan zu unterſtuͤtzen, der unſern Beduͤrfniſſen abhilft, oder bezahlt unſre Schulden in dieſer Stadt, oder flieht mit uns nach London und entſchlagt Euch aller Gedanken an die Liebe, die ſo ſelten den Entwuͤrfen des Ehrgeitzes guͤnſtig iſt.“ Trotz der Art und Weiſe, wie Tomlinſon ſei⸗ nen dreifachen Vorſchlag vortrug, konnte Clifford nicht umhin, die darin enthaltene Wahrheit und Gerechtigkeit anzuerkennen; und ein einziger Blick reichte hin, ihm zu zeigen, wie verderblich fuͤr ſeinen Ruf und mithin auch fuͤr ſeine Hoffnungen die Flucht ſeiner Kameraden und das Geſchrei ih⸗ rer Glaͤubiger ſeyn muͤßte. „Ihr habt Recht, Tomlinſon“ ſagte er ſich bedenkend,„und doch kann ich um mein Leben nicht Euch bei Ausfuͤhrung eines Plans beiſtehen, deſſen Entdeckung uns in Unannehmlichkeit bringen konnte. Nichts koͤnnte mich mit dem Abſcheu aus⸗ ſohnen, den Miß Brandon empfände bei der Ent⸗ deckung, wer und was ihr Anbeter war.“ „Ich verſtehe Euer Gefuͤhl,“ ſagte Tomlin⸗ ſon,„aber ſo gebt mir und Pepper wenigſtens die Erlaubniß, uns ſelbſt fortzuhelfen; vertraut meiner bekannten Klugheit: ich mache ein Mittel ausfindig, den Wind zu wecken ohne den Staub aufzujagen; mit andern Worten,(der verdammte Pepper macht Einen ſo gemein!) dem Publikum eine Bente abzujagen, ohne entdeckt zu werden.“ „Ich ſehe keine andere Wahl,“ ſagte Clifford mit Widerſtreben,„aber wo moͤglich, verhaltet Euch noch für den Angenblick ruhig! haltet mit mir noch wenige Tage aus, gebt mir nur ſo viel Zeit, noch einmal Miß Brandon zu ſehen, ſo verpflichte ich mich, Euch aus Eurer Bedrängniß heraus zu ziehen.“ „Das iſt ein Wort, das Euch gleich ſieht! frank und nobel!“ verſetzte Tomlinſon.„Nie⸗ mand hegt ein groͤßeres Vertrauen zu Eurem Geiſt, wenn er einmal im Zuge iſt, als ich.“ Nach die⸗ 88 ſen Worten ſchuͤttelten ſich Beide die Haͤnde und trennten ſich. Tomlinſon gieng wieder zu Herrn Pepper. „Nun, habt ihr etwas ausgemacht?“ fragte der letztere. „Nicht beſtimmt; und obgleich Lovett ver⸗ ſprochen hat, binnen weniger Tage etwas auszu⸗ fuͤhren, ſo habe ich doch, da der arme Mann in Liebe und ſein Genius unter einer Wolke iſt, we⸗ nig Vertrauen zu ſeinen Verheiſſungen.“ „Und ich gar keines,“ ſagte Pepper,„zu⸗ dem ſind wir von der Zeit gedraͤngt. Wenige Ta⸗ ge! Ja, wenige Teufel! man hat uns gewiß hier ſchon ausgewittert und ich gehe hier herum wie eine Tonne Bier an Weihnachten, in ſtuͤndlicher Angſt angezapft zu werden.“ „Es iſt ſehr ſonderbar,“ ſagte der filoſofiſche Auguſtus,„aber mich duͤnkt, die Handelsleute haben einen Inſtinkt, vermoͤge deſſen ſie einen Schelmen auf den erſten Blick herausfinden; und ich kann(mag ich mich noch ſo gut kleiden,) bei meiner Waͤſcherin nicht mehr Credit bekommen, als meine Freunde, die Whigs, bei dem Volk.“ „Kurz, alſo“ ſagte der lange Ned,„wir mäſſen eben wieder auf die Landſtraße zuruͤckkom⸗ men, und ubermorgen wird ſich dazu eine herrli⸗ che Gelegenheit finden; der alte Graf mit dem ſchwerfälligen Namen, giebt ein Fruͤhſtuͤck oder 3 Feſt, oder irgend ſo eine Mummerei; ich hoͤre, die —————.—— u — Leute werden bis nach Mitternacht bleiben; laßt uns unſre Gelegenheit erpaſſen— wir ſind trefflich beritten und ein Wagen, der ſich hinter dem gro⸗ ßen Zug verſpaͤtet, kann uns mit Allem verſehen, wornach unſer Herz geluͤſtet.“ „Bravo!“ rief Toml linſon und ſchüttel te Herrn Pepper herzlah die Hand.„Ich wünſche Euch Gluͤck zu Eurer Schlguheit, und Ihr. mdat es mir uberlaſſen, nachher mit Lopett unſetn Frieden zu ſchließen; ein Unterſehmen das ihm großartig er⸗ ſcheint, iſt er immer geneigt zu verzeihen, und da er keinen andern Zweig des Gewerbes bearbei⸗ tet hat, als die Landſtraße,(weshalb ich ihn, ich muß geſtehen, fuͤr thoͤricht halte,) wird er um ſo bereitwilliger ſeyn, bei Thaten dieſer Art uns durch die Finger zu ſehen, gls bei andern mehr feinen als. he ldenmaͤſigen Anſchlaͤgen.“ „Gut, ich ͤberlaſſe es Euch, den Burſchen zu verſoͤhnen oder nicht, wie es Euch gefaͤllt; und nun wir den Hauptpunkt ins Reine gebracht ha⸗ ben, laßt uns mit dem Trinken zu Ende kommen.“ „Und“ ſetzte Auguſtus hinzu, indem er ein Kar⸗ tenſpiel vom Kaminſtuͤck herabl angte,„wir koͤnnen derweile ein beſcheidnes Spiel Mariage um einen machen.“ Topp!“ rief Ned, und raͤumte den Nach⸗ tiſch Wenn die furchtbaren Herzen des Herrn Ed⸗ ward Pepper und des Ulyſſes unter den Räͤubern, 9o des Auguſtus Tomlinſon, hoͤher ſchlugen, als die Stunden Lord Mauleverers Feſt herbeifuͤhrten, ſo ſah auch ihr Anfuͤhrer nicht ohne Bangigkeit und Erwartnng dieſem Ereigniß entgegen. Er war zwar zu der Luſtbarkeit nicht eingeladen, aber er hatte oͤffentlich ſagen gehoͤrt: Miß Brandon, von ihrer Unpaͤßlichkeit wieder geneſen, werde gewiß hinkommen; und Clifford, von bangen Zweifeln zerriſſen und verlangend, noch einmal, und ſollte es auch das letztemal ſeyn, das einzige Weſen zu ſehen, das je in ſeiner tiefſten Seele das leb⸗ haftere Gefuͤhl ſeiner Verirrungen oder Verbrechen erweckt hatte, entſchloß ſich allen Hindernißen Trotz zu bieten, und ſie bei Mauleverer aufzuſuchen. „Mein Leben,“ ſagte er, als er allein in ſeinem Zimmer ſaß und die zerfallende, gluͤhende Aſche ſeines ruhigen, ſchwach brennenden Feuers betrachtete,“ naͤhert ſich vielleicht bald ſeinem Ende; es iſt in der That gegen alle menſchliche Wahrſcheinlichkeit, daß ich lange dem mein Treiben bedrohenden Schickſal entgehen werde; und als ich — das letzte Aaskunftsmittel, aus meiner hoff⸗ nungsloſen Lage wieder zu einem ehrlichen Na⸗ men und beſſerem Lebenswandel mich emporzuhe⸗ ben— hieher kam und darauf dachte, durch eine Heirath mir Unabhaͤngigkeit zu erringen: war ich blind gegen die verfluchte Niedertraͤchtigkeit dieſes Beginnens! Ein Gluͤck, bei dem Allem, daß meine Abſichten ſich auf ein Weib lenkten, das ich L—„ ſo bald und mit ſolcher Inbrunſt lieben lernte. Haͤtte ich um Eine geworben, die ich weniger lieb⸗ te— ich haͤtte mir kein Gewiſſen daraus gemacht, ſie truͤglich zur Ehe zu bewegen. Wie es jetzt ſteht— nun— jetzt iſt es uͤberfluͤſſig bei mir, ſo meinen Entſchluß zu bedenken da ich nicht einmal mehr eine Wahl zu treffen habe; da ihr Vater vielleicht ſchon den Schleier von meiner angemaß⸗ ten Wuͤrde weggehoben hat, und die Tochter ſchon bei meinem Namen ſchaudernd zuruͤckbebt. Und doch will ich ſie ſehen! Ich will noch Einmal in dieß Engels⸗Antlitz ſchauen; ich will von ihrem eig⸗ nen Munde das Geſtaͤndniß ihrer Verachtung hoͤs ren, ich will ſehen wie dieß leuchtende Auge Bli⸗ tze des Haſſes auf mich ſchießt, und dann kann ich wieder meinem heilloſen Gewerbe mich erge⸗ ben und vergeſſen, daß ich je bereute es ange⸗ fangen zu haben. Und doch, was hatte ich ſonſt fuͤr eine Wahl! Freundlos, Heimathlos, Namen⸗ los— eine Waiſe, ſchlimmer als eine Waiſe— der Sohn einer Hure— mein Vater voͤllig unbe⸗ kannt; zu meinem Ungluͤck begabt mit fruͤhem Ehr⸗ geitz und Thätigkeitstrieb, mit einem halben Schim⸗ mer von Gelehrſamkeit und einem ausgemachten Hang zu Allem, was unternehmend ausſah— was Wunder, daß ich Alles eher erwaͤhlte, als ſaure Arbeit Tag fuͤr Tag und ewige Schande? Alles zeigt mir: die Schuld liegt am Gluͤck und an der Welt, nicht an mir. O Lucie! wäre ich nur in 92 Deinem Kreiſe geboren! haͤtte ich nur Anſpruch darauf machen koͤnnen, Dich zu verdienen: was haͤtte ich nicht gethan, gewagt und uͤberwunden um Deinetwillen.“ So oder doch dieſen aͤhnlich waren Cliffords Gedanken in der Zwiſchenzeit zwiſchen ſeinem Ent— ſchluß, Lucien zu ſehen und dem Tage der Aus⸗ fuͤhrung. Dieſe Gedanken waren ihrer Natur nach nicht reizend, aber aufregend; auch erwuchs ihm kein großer Troſt durch die ſinnreichen Betrach⸗ tungen, womit er ſich ſelbſt zu taͤuſchen bemuͤht war: wenn er ein Landſtraßenritter geworden, ſo ſey dieß ganz die Schuld der Landſtraßen. Ein und zwanzigſtes Kapitel. Traum. Laß mich ſie nur ſehen, lieber Leontius. Der humoriſtiſche Lieutenant. Hempskirke. Der Burſch war es, ſicherlich. Wolfort. Was ſeyd ihr Kerl? Der Buſch des Bettlers. O du gottlicher Geiſt, der Du in ganz Eng⸗ land jedes Herz entſtammſt, und Jeden mit dem .—,— ⸗ t ſo 93 erhabnen Verlangen anſpornſt: vornehm zu ſeyn! der du den Großen anregſt, daß er ſich klein macht, um noch groͤßer zu erſcheinen und die Herzogin veranlaßſt, einer Auszeichnung zulieb einer Be⸗ ſchimpfung ſich auszuſetzen! Du, der du in ſo vielen Geſtalten, wechſelnd, aber immer derſelbe entzuͤckſt! Geiſt, der du den Hohen veraͤchtlich machſt und den Lord gemeiner als ſeinen Kammer⸗ diener! gleich groß, ob du einen Freund betruͤgſt, oder einen Vater betruͤbſt! der du alles was du beruͤhrſt, mit glaͤnzender Gemeinheit uͤbertuͤnchſt, welche von deinen Prieſtern fuͤr Gold gehalten wird; der du die kleine Schaar zu faſhionabeln Bällen und die große Menge zu faſhionabeln No⸗ vellen fuͤhrſt; der du das Genie ſo gut triffſt, wie die Thorheit, wenn du bewirkſt daß die Guͤnſt⸗ linge von jenem ſich einer Bekanntſchaft mit den Gnaden einer verſchimmelten Peerſchaft ruͤhmen, die ſie nicht haben, ſtatt des Umgangs mit der Muſe des unſterblichen Helikon, der ihnen gegönnt iſt! der du in dem großen Ocean des geſelligen Lebens keine trockne Stelle uͤbrig laͤßſt fuͤr den Fuß der Unabhaͤngigkeit; der du das ermattete Auge mit einem bewegten, kreiſenden Panorama uͤbertuͤnchter Nichtswuͤrdigkeit berſättigſt und die Seelen freigeborner Britten in Stäͤubchen zer⸗ malmſt— kleiner als die Engel die zu Myriaden auf einem Stecknadelkopf tanzen. Geiſt, göttli⸗ cher Geiſt! fuͤhrſt du nicht unter dem Mantel der 94 Leichtfertigkeit ein gewaltiges und ſcharfes Schwerdt und beſchleunigſt du nicht, zur Verachtung uͤber⸗ gehend, waͤhrend Du dir das Anſehen giebſt, die feyerliche Scheinpracht der Welt zu entfalten, fuͤr die große Familie der Menſchheit den Zeitpunkt der Erloͤſung? Magſt du, o Geiſt, dich Faſhion, oder Ton, oder Ehrgeitz, oder Eitelkeit, oder Heu⸗ chelei, oder Lebensart nennen, oder mit ſonſt ei⸗ nem eben ſo erhabenen und hochtrabenden Namen — koͤnnten wir nur von deiner Schwinge eine ein⸗ zige Feder gewinnen! Wie ſchoͤn wollten wir in paßlicher Weiſe die Feſtlichkeiten des denkwuͤrdigen Tages beſchreiben, an dem der freundliche Lord Mauleverer die bewundernde Welt von Bath bei ſich empfieng und entzuͤckte! Aber um minder pvoetiſch zu reben, wie ge⸗ wiße Schriftſteller ſagen, wenn ſie Unſinn geſchrie⸗ ben— aber um minder poetiſch zu reden und de⸗ ſto genauer: der Morgen war, obgleich tief im Winter, hell und klar und Lord Mauleverer be⸗ fand ſich eben ausnehmend wohl. Nichts konnte beſſer ausgedacht ſein, als ſeine ganze Einrichtung: unaͤhnlich denjenigen, die meiſt ausdruͤcklich her⸗ ausgeſucht zu ſeyn ſcheinen, um in den ſchneidend⸗ ſten Contraſt mit unſrem Clima zu treten, waren ſie bei Lord Mauleverer durchgehends einer Groͤn⸗ laͤnder⸗Temperatur angemeſſen. Die Tempel und Sommerhaͤuſer, womit der Raſen uͤberſaͤt war, hatte man theils in Eskimo's⸗Huͤtten, theils in Ruſ⸗ S e— —— ð u— 2 N 1 ſiſche Luſthaͤuſer umgewandelt; Feuer wurden ſorg⸗ faͤltig unterhalten; die Muſiker, dafuͤr trug Mau leverer Sorge, ſollten ſo viel Wein bekommen, als ſie mochten; ſie waren geſchickt an Hrten un⸗ tergebracht, wo ſie unſichtbar blieben aber wohl gehoͤrt werden konnten. Ein paar Saͤaͤle waren aus dem Stegreif fuͤr die Liebhaber des Tanzes aufgeſchlagen worden; und da Mauleverer, in ſeinen Vorausſetzungen vom innern Weſen der Menſchen ſich verrechnend, meinte: anſtaͤndige Gentlemen wuͤrden eine Abneigung fuͤhlen, ihre Geſchicklichkeit zur Schau zu ſtellen, ſo hatte er Leute gemiethet, um auf ſeinen Seeen, auf Schlittſchuhen Menueten und Achter auszufuͤhren, zur Beluſtigung derer, welche Freunde dieſer Uebung waren. Alle Leute, welche ſich willig zeigten, ſonderbare Trachten an⸗ zunehmen und einen wilden Lärmen zu machen, den ſie Geſang nannten, hatte der Graf eifrig angeworben und ſie auf den beſten Stellen auf⸗ poſtirt, um ihnen ein noch ſonderbareres Ausſehen zu verleihen. Auch war eine Fuͤlle von Eßwaaren und Ue⸗ berfluß an Getraͤnke da. Mauleverer wußte wohl, daß unſre Landsmänner und Landsmaͤnninnen von jedem Stande gern in eine hoͤhere Begeiſterung ſich verſetzen. Kurz, das ganze Déjeuné war ſo bewundernswerth angeordnet, daß ſich mit Wahr⸗ ſcheinlichkeit erwarten ließ: die Gaͤſte wuͤrden waͤh⸗ rend der Luſtbarkeit nicht viel melancholiſchere Ge⸗ 96 ſichter machen, als ſie gethan haben wuͤrden, wenn ſie etwa zu einem Leichenbegaͤngniß beſtellt gewe⸗ ſen waͤren. Lucie und der Squire waren unter den erſten Ankoͤmmlingen. Mauleverer gieng auf Vater und Tochter mit ſeiner feinſten Devonſhire Haus⸗Lebensart zu, und beſtand darauf, letztere unter ſeine eigene Obhut zu nehmen und ihr alle Anſtalten als Cicerone zu zeigen. Als das Gedraͤnge wuchs und man bemerkte, welche höfliche Aufmerkſamkeit der Wirth Lucien bewies, da erhob ſich unter den Gaͤſten mannig, faches, neidiſches Geflüſter. Die guten Leute, na⸗ tuͤrlich verſtimmt bei dem Gedanken, daß zwei Perſonen ſich heirathen koͤnnten, theilten ſich in zwei Partheien; eine zog auf Lucie, die andere auf Lord Mauleverer los; jene tadelte ihre Liſt, dieſe ſeine Thorheit. „Ich dachte mirs doch, ſie wuͤrde ihre Karten gut ausſpielen— die eingebildete Creatur!“ ſagten die Einen.„Januar und May“ brummten die Andern,„der Mann iſt ſechzig alt!“ Es war bemerkenswerth, daß die Parthey, welche gegen Lucien war, hauptſaͤchlich aus Damen beſtand, die gegen Mauleverer aus Männern; das muß in der That eine gehäſſige Auffüͤhrung ſeyn, die Einem den Unwillen des eignen Geſchlechts zuzieht. Unbewußt ihrer Schuld bewegte ſich Lucie mun⸗ ter dem Gewuͤhle, am Arm des galanten Grafen, und(denn ihr Herz war fern von hier) laͤchelte matt erſchoͤpft bei ſeinen Bemuͤhungen ſie zu un⸗ terhalten. Selbſt in der Unähnlichkeit des Paares lag etwas Intereſſantes; ſo gar ruͤhrend erſchien die Schoͤnheit des jugendlichen Maͤdchens mit den zartgefaͤrbten Wangen, maͤdchenhaften Formen, geſenktem Augenlied, und ruhiger Naturlichkeit des Weſens, im Vergleich mit der weltmaͤnniſchen Haltung und erkuͤnſtelten Liebenswuͤrdigkeit ihres Begleiters. Nach einiger Zeit, als ſie ſich in einem Theile der Anlagen befanden, trat Mauleverer, der be⸗ merkte daß Niemand in der Naͤhe ſey, in eine ſchmuckloſe Huͤtte und ſo bezaubert war er in die⸗ ſem Augenblick von der Schoͤnheit ſeines Gates und ſo paſſend ſchien ihm die Gelegenheit zu ei⸗ ner Eroͤffnung, daß er nur mit Muͤhe das Ge⸗ ſtaͤndniß, das auf ſeinen Lippen ſchwebte, unter⸗ druͤckte, und den kluͤgeren Plan waͤhlte, zuerſt gleichſam den Weg zu ſondiren und vorzubereiten. „Ich kann Ihnen nicht ſagen, meine liebe Miß Brandon“, begann er und druͤckte leicht die ſchoͤne Hand die auf ſeinem Arm ruhte,„wie gluͤcklich ich bin, Sie als Gaſt, als Königin viel⸗ mehr in meinem Hauſe zu ſehen. Ach! koͤnnte die Bluͤthe der Jugend mit ihren Gefuͤhlen wider⸗ kehren! die Zeit iſt nie ſo grauſam als wenn ſie, indem ſie uns die Macht zu gefallen entzieht, das Bulwer's Romane XXVII⸗ 7 von ſeinen zierlichen Complimenten gegen——“ 98 unſeelige Recht bezaubert zu werden, in unge⸗ ſchwaͤchter Kraft laͤßt.“ Mauleverer? erwartete mindeſtens eine erroͤ⸗ thende BVeſtreitung des verſteckten Sinnes eines ſo gefuͤhlvoll ausgedruͤckten Gedankens; erstaͤuſch⸗ te ſich. Lucie, weniger empfaͤnglich als ſonſt fuͤr das Zaͤrtliche oder deſſen Gegentheil, verſtand den Sinn kaum und antwortete einfach: das ſey ſehr wahr.„Das kommt dabei heraus“ dachte Maule⸗ verer, ein wenig ſtutzend uͤber die unerwartete Antwort,„wenn man, wie mein Freund Burke, feiner iſt, als die Zuhoͤrer esvertragen koͤnnen.“„Und doch,“ begann er wieder,„moͤchte ich mein Ver⸗ moͤgen zu bewundern, nutzlos ja peinlich wie es mir iſt, nicht aufgeben. Und eben jetzt, da ich Sie anſehe, ſagt mir mein Herz, daß es in Ih⸗ rer Willkuͤr ſteht, die Wonne die ich empfinde, mit Einem male und fuͤr immer in Elend und Gram zu verwandeln, aber eben waͤhrend mir mein Herz dieß ſagt, ſehe ich Sie an.“ Lucie ſchlug das Auge auf und etwas von ih⸗ rer gewoͤhnlichen Schalkhaftigkeit ſpielte in ihren Zuͤgen. „Ich glaube, mein Lord!“ ſagte ſie, die Huͤtte verlaſſend,„es waͤre beſſer unſre Gaͤſte aufzuſuchen; die Waͤnde haben Ohren und welche Vorwuͤrfe muͤßte ſich der lebensfrohe Lord Mauleve⸗ rer machen, wenn ihm wieder etwas zu Ohren kaͤme — —„—„— N N „die reitzendſte Perſon in Europa!“ rief Mauleverer heftig und faßte jetzt die Hand, die er zuvor leicht beruͤhrt hatte; in dieſem Augen⸗ blick ſah Lucie gerade ihr gegenuͤber, halb ver⸗ ſteckt von einer Pflanzung Immergruͤn, die Geſtalt Cliffords. Sein Geſicht, das blaß und eingefal⸗ len ſchien, war nicht gegen die Stelle gekehrt wo ſie ſtand, und offenbar bemerkte er weder ſie noch den Lord; aber ſo groß war der Eindruck den die⸗ ſer fluͤchtige Anblick desſelben auf Lucie machte, daß ſie heftig zitterte, unwillkuͤrlich einen leiſen Schrei ausſtieß und ihre Hand Mauleverer entriß. Der Graf ſtutzte, beobachtete den Ausdruck ihrer Augen und wandte ſich ſogleich nach der Stelle, wohin ihr Blick gerichtet ſchien. Er hatte das Kniſtern des Gebuͤſches nicht gehoͤrt, aber mit ſeinem gewohnten Schnellblick ſah er, daß es noch bebte, als waͤre es erſt kurz zuvor bewegt worden und durch die Zwiſchenraͤume deſſelben er⸗ haſchte er noch den Schatten einer fliehenden Ge⸗ ſtalt. Er eilte ihr nach mit einer Schnelligkeit, die gegen ſeine ſonſtigen Bewegungen ſehr abſtach; aber eh' er das Gebuͤſch erreichte, war jede Spur des Eindringlings verſchwunden. Welche Sklaven des Augenblicks wir ſind! Als Mauleverer ſich wieder gegen Lucie wandte, die beinah bis zur Ohnmacht angegriffen an die nahe Wand der Huͤtte ſich lehnte, haͤtte er ſich eben ſo gut einfallen laſſen moͤgen zu fliegen, als 7„ 100 ihr das edelmuͤthige Anerbieten ſeiner Perſon u. ſ. w. zu machen, das er noch vor einem Au⸗ genblick Lucien zu eroͤffnen brannte. Eitle Leute ſind immer verwenſcht eiferſuͤchtig, und Mauleve⸗ rer, der wohl noch an Cliffords und Luciens Er⸗ roͤthen dachte, als ſie mit ihm tanzte, wußte ſich ſogleich ihre Bewegung und den Grund davon zu deuten. Mit ſehr ernſthafter Miene naͤherte er ſich dem Gegenſtand ſeiner juͤngſt geſpendeten Ver⸗ ehrung, und verlangte zu wiſſen, ob es nicht der ploͤtzliche Anblick eines ungebetenen Gaſtes ſey, der ihr den Schrecken verurſacht. Lucie, kaum wiſſend was ſie ſagte, antwortete mit leiſer Stim⸗ me:„Das war es, in der That!“ und bat ihn dringend ſie zu ihrem Vater zu bringen. Maule⸗ verer bot ihr mit großer Wuͤrde den Arm und das Paar betrat den beſuchten Theil der Anlagen, wo Mauleverer wieder gegen alle Anweſenden von Laͤcheln und Artigkeit uͤherſtroͤmte. „Er iſt ſicherlich erhoͤrt“ ſagte Herr Shrewd zu Lady Simper. „Welch ungeheure Partie fuͤr das Maͤdchen!“ war die Antwort der Lady Simper. Unter der Muſik, dem Tanze, dem Gedraͤnge und Gelaͤrme wurde es Lucien leicht ſich wieder zu faſſen; ſo bald ſie ihres Vaters anſichtig wurde, machte ſie ſich von Lord Mauleverers Arm los, ſchloß ſich an den Sguire an und blieb eine ge⸗ duldige Zuhoͤrerin ſeiner Vetrachtungen, bis ſpaͤt am Abend, wo man es als eine ſich von ſelbſt verſtehende Sache anſah, daß die Leute in einen langen Saal ſich begaben, um zu eſſen und zu trinken. Mauleverer, jetzt ganz durch⸗ drungen von den Pflichten ſeiner Stellung und aͤuſſerſt erbost gegen Lucie, ſoͤhnte ſich leich⸗ ter, als ohne dieß der Fall geweſen waͤre, mit der Etiquette aus, die ihm auferlegte ſtatt der Schoͤnheit des Feſtes eine alte verwittwete Herzogin zum Gegenſtand ſeiner gaſtlichen Hoͤflich⸗ keit zu machen; aber er war beſorgt dem Squire die fuͤr ihn und ſeine Tochter beſtimmten Plaͤtze anzuweiſen, die, obgleich in einiger Entfernung vom Grafen, doch im Bereich ſeines wachſamen Auges waren. Waͤhrend Mauleverer die Herzogin Wittwe vergoͤtterte und ſeine Lebensgeiſter mit einem jungen Huhn und einem aͤrztlichen Glas Madera wie der auffriſchte, lenkte ſich das Geſpraͤch in der Naͤhe von Lucie, zu ihrer unbeſchreiblichen Noth, auf Clifford. Einige hatten ihn in den Anlagen geſtiefelt und in Reiterkleidung geſehen,(zu je⸗ ner Zeit war es ſelten, daß die Leute in Klei⸗ dern von demſelben Schnitt tanzten und ritten), und da Mauleverer ein Mann war, der ſtreng auf dieſe Kleinigkeiten der Etiquette hielt, ſo gab dieſe Nachlaͤßigkeit Cliffords allerdings einen Ge⸗ genſtand der Eroͤrterung ab. Allmaͤlig gieng das Geſpraͤch in die alte Frage uͤber: wer denn dieſer 102 Kapitaͤn Clifford ſey? und gerade als es dieſen Punkt erreicht hatte, erteichte es auch das halb⸗ taube Ohr des Lord Mauleverer. „Bitte, mein Lord!“ ſagte die alte Herzogin, „da er Einer Ihrer Gäͤſte iſt, ſo koͤnnen Ske, da Sie wiſſen, Wer und Was Jeder iſt, uns wahrſcheinlich uͤber die wahre Familie dieſes huͤb⸗ ſchen Herrn Clifford Auskunft geben?“ „Einer meiner Gaͤſte, ſagten Sie?“ ant⸗ wortete Mauleverer mit einer Erbitterung die ſich ſehr von ſeiner ſonſtigen, ruhigen Weiſe entfernte. „In der That, Euer Gnaden thun mir Unrecht. Er mag der Gaſt meines Kammerdieners ſeyn, aber ſicherlich nicht der meinige, und ſollte ich ihm begegnen, ſo wollte ich es meinem Kammer⸗ diener uͤberlaſſen ihm auch den Abſchied zu geben, wie die Einladung.“ Mauleverer hatte die Stimme erhoben, als er uͤber den Tiſch hinuͤber auf Luctens Angeſicht einen Wechſel von Blaͤße und Roͤthe bemerkte, der all die heftigeren Leidenſchaften, die ſonſt in Ihm traͤg ſchlummerten, zu giftiger Wuth auf⸗ ſtachelte, dann, als er ſchloß, ſah er ſich mit vor⸗ nehmer und ſarkaſtiſcher Miene rings um. So laut war ſein Ton, ſo nachdruͤklich die Beſchim⸗ pfung, und ſo tief die Todesſtille am Tiſch ge⸗ weſen, während er ſprach, daß Jedermann be⸗ griff, die Beleidigung muͤſſe nothwendig Clifford zu Ohren gekommen ſeyn, falls er im Saale wgr. e — Und als Mauleverer geſchloſſen hatte, hertſchte eine allgemeine unheimliche und verworrene Span⸗ nung auf eine Antwort und einen Auftritt; Alles blieb ſtil und bald war es gewiß⸗ daß Clifford nicht im Saale war. Als Herr Shrewd ſich von dieſer Thatſache hinreichend uͤberzeugt hatte,(denn in Clifford war ein kuͤhner Geiſt, den wohl we⸗ nige gern gegen ſich gereitzt haͤtten) brach dieſe Perſon das Stillſchweigen durch die Bemer⸗ kung, daß Niemand, der darauf Anſpruch mache, ein Gentleman zu ſeyn, ſich ungebeten und un⸗ willkommen in einer Geſellſchaft zudraͤngen wuͤr⸗ de; und Mauleverer, der die Vemerkung aufgriff, ſagte, zugleich mit Herrn Shrewd trinkend: ein ſolches Betragen rechtfertige im vollen Umfang die Geruͤchte uber Herrn Clifford und ſchließe ihn ganz und gar von dem Rang aus, den ſich nur anzumaßen, er ſchon vorher mehr als verdaͤchtig geweſen. Eine ſo aufgeklaͤrte und befriedigende Anſicht von einer ſolchen Autoritat einmal verbreitet ward unverzuͤglich mit allgemeinem Beifall erwiedert, und lang eh das Mahl voruͤber war, ſchien es ſtillſchweigende Uebereinkunft: Capitaͤn Clifford verdiene nach Coventry geſchickt zu werden und wenn er uͤber die Verbannung ſich zu beſchweren wage, ſo habe er weiter tein Recht zur Klage, wenn man ihn von da zum Teufel ſchicke. Der gute, alte Squire, eingedenk ſeiner fruͤ⸗ 104 hern Freundſchaft fuͤr Clifford und zur Windfahne nicht gemacht, wollte eben bei der Veranlaſſung eine Rede beginnen, als Lucie, ihn beim Arm faſſend, ihn anflehte zu ſchweigen, und ſo geiſter⸗ haft war die Blaͤſſe ihrer Wange als ſie ſprach, daß das Auge des Squire, doch ſonſt ziemlich bloͤde, auf einmal in das eigentliche Geheimniß ihres Herzens drang. Sobald ihm dieß Licht auf⸗ gegangen, wunderte er ſich, als er ſich Cliffords große perſoͤnliche Schoͤnheit und ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit gegen Lucie vergegenwaͤrtigte, daß es ihm nicht fruͤher ſchon klar geworden; er lehnte ſich auf ſeinen Stuhl zuruͤck und verſank in die aller⸗ widerlichſten Traͤumereien, die ihm je in den Kopf gekommen waren. Auf ein gegebenes Zeichen ſieng die Muſik fuͤr die Taͤnzer wieder an, und auf einen zu dem Zweck von dem Wirth gegebenen Wink, ſtanden die Gaͤſte ohne umſtaͤnde auf, um zu andern Un⸗ terhaltungen ſich zu wenden und andern, bisher vom Eſſen ausgeſchloſſenen Gaͤſten denPlatz der Abtre⸗ tenden einzuraͤumen. Während des Mahls war der Abend angebrochen und die Scene wurde jetzt wirklich ganz maleriſch und feenartig; an vielen Bäumen hiengen Lampen, welche das Licht durch die reichſten und mildeſten Farben brachen, die Muſik ſelbſt ſchien noch muſikaliſcher als den Tag über; Zigeuner⸗Zelte waren in wilden, ab⸗ gelegenen Orten und im Gebuͤſch aufgeſchlagen e f⸗ und die hellen Holzfeuer darin loderten luſtig in der kalten aber heitern Luft der uͤberhand neh⸗ menden Nacht. Der Anblick war ganz neu und reitzend; und da es ſich von ſelbſt verſtand, daß die Damen YPelze, Maͤntel und Stiefel mitbrach⸗ ten, bildeten alle, welche in ſolcher Ruͤſtung ſich gut auszunehmen meinten, kleine Gruppen und zerſtreuten ſich in den Anlagen und in den Zel⸗ ten. Dieienigen dagegen, bei welchen das Pur⸗ purlicht der Liebe durch die Kaͤlte leicht von den Wangen in das mittlere Prachtſtuͤck des An⸗ geſichts getrieben wurde, oder die ein Feuer im Zimmer fuͤr eben ſo angenehm hielten als ein Feuer in einem Zelt, blieben drinnen und be⸗ trachteten das Schauſpiel durch die offnen Fenſter. Lucie verlangte nach Haus zuruͤck und der Saquire war nicht abgeneigt, aber ungluͤcklicher⸗ weiſe war es noch eine Stunde bis zu der Zeit⸗ auf welche der Wagen beſtellt war und ſo ſchloß ſie ſich blindlings einer Gruppe von Gäſten an, welche den gutmuͤthigen Squire beredet hatten ſein Podagra zu vergeſſen und ſich hinauszuwagen um das Feuerwerk mitanzuſehen. Ihre Geſell⸗ ſchaft war bald durch andere verſtaͤrkt und die Gruppe wuchs allmaͤlig zu einer Schaar an; der Schwarm blieb einige Minuten vor einem kleinen Tempel ſtehen, in welchem ſo eben Feuerwerke der Scene einen neuen Reitz zu geben begonnen hatten. Dieſem Tempel gegenuͤber wie auch im 106 Hintergrund derſelben hatte man die Gaͤnge und Baͤume abſichtlich beinah ohne Beleuchtung gelaſe ſen, um die Wirkung des Feuerwerks zu erhoͤhen. „Ich erklaͤre“ ſagte Lady Simper*) mit ei⸗ nem Blick auf einen der Gaͤnge, der ſich in die Nacht hinaus zu verlieren ſchien,„Ich erklaͤre, dieß ſieht ganz dem Pfad eines Liebenden gleich! wie guͤtig von Lord Mauleverer! ſolch eine zarte Aufmerkſamkeit—“ „Fuͤr Sie, gnaͤdige Lady!“ ergaͤnzte Herr Shrewd mit einer Verbeugung. Während Lucie, auch bei dieſem Schwarm ſtehend, gedankenlos den langen Feuer⸗Streifen zuſah, die von Zeit zu Zeit gegen den Himmel aufſchoſſen, fuͤhlte ſie ſich plotzlich bei der Hand gefaßt, und im nemlichen Augenblick fluſterte eine Stimme:„Um Gottes willen, leſen Sie dieß jetzt und gewaͤhren Sie meine Bitte!“ Die Stimme, welche aus dem tiefſten Her⸗ zen des Sprechenden herauf zu kommen ſchien, erkannte Lucie ſogleich; ſie zitterte heftig und blieb einige Minuten ſtehen; kaum ſich getrauend die Augen vom Boden zu erheben. Ein Brief⸗ chen, das fuͤhlte ſie, war in ihrer Hand geblie⸗ ben, und der tiefſchmerzliche und ernſte Ton die⸗ ſer Stimme, die ihrem Ohr theurer war, als *) Simper bedeutet im Engliſchen das einfaͤltige Laͤ⸗ cheln, Shrewd heißt ſchlan. ſe n. ei⸗ ie e die Fulle der Muſik, floͤßte ihr heftiges Verlan⸗ gen aber auch Furcht ein, es zu leſen. Als ſie wieder Muth gefaßt hatte, ſah ſie ſich um, und als ſie bemerkte, daß Aller Aufmerkſamkeit auf das Feuerwerk gerichtet war, und ihr Vater na⸗ mentlich, auf ſeinen Stock ſich ſtuͤtzend, das Schau⸗ ſpiel mit der ungetheilten Freude eines Kindes zu genießen ſchien, ſchluͤpfte ſie leiſe weg, trat un⸗ bemerkt in einen der Gaͤnge und las beim Licht einer einſamen Lampe die an deſſen Eingang brann⸗ te, folgende Zeilen die mit Bleiſtift und haſtiger Hand auf ein, wie es ſchien, aus einer Briefta⸗ ſche gerißnes Blatt geſchrieben waren. „Ich flehe, ich beſchwoͤre Sie, Miß Bran⸗ don, mich, wenn auch nur fuͤr einen Augenblick zu ſehen. Ich habe im Sinn, mich von dem Ort, wo Sie ſich aufhalten, loszureiſſen— ins Aus⸗ land zu gehen— die Stätte zu verlaſſen, die durch die Beruͤhrung Ihres Fußes geheiligt iſt. Von dieſer Nacht an wird meine Gegenwart, mei⸗ ne Kuͤhnheit Sie nicht mehr herabwuͤrdigen. Aber in dieſer Nacht, um der himmliſchen Barmherzig⸗ keit willen, ſehen Sie mich, oder ich werde wahn⸗ ſinnig. Ich will nur einen Augenblick mit Ihnen ſprechen, das iſt Alles was ich verlange. Wollen Sie mir dieſe Bitte gewaͤhren, ſo wird der Gang links von da, wo Sie ſtehen, an deſſen Eingang eine rothe Lampe brennt, ein paſſender Ort ſeyn fuͤr Ihre Thar der Barmherzigkeit. Wenige 108 Schritte einwaͤrts von dieſem Gang will ich Sie treffen.— Niemand kann uns ſehen oder hoͤren. Wollen Sie mir das gewaͤhren? Ich weiß nicht— ich wage nicht es zu denken— aber in jedem Fall wird Ihr Name das letzte Wort auf meiner Lip⸗ pe ſeyn. P. C.“ Als Lucie dieß haſtige Gekritzel geleſen hatte, warf ſie einen Blick auf die Lampe uͤber ihr, und ſah daß ſie zufaͤllig in den Gang getreten war, welchen das Briefchen bezeichnete. Sie ſtand ſtill, ſie zoͤgerte, die unſchicklichkeit, die Sonderbarkeit der Bitte draͤngten ſich ihr ſogleich auf; auf der andern Seite— die angſtvolle Stimme, die ihr noch im Ohre klang, die zuſammenhaͤngende Hef⸗ tigkeit des Billet's, die Gefahr, der Tadel, dem Clifford ſich ausgeſetzt, einzig und allein— ſo fluͤſterte ihr Herz ihr zu— um ſie zu ſehen: al⸗ les dieß zuſammengenommen mit ihrem einfachen Gemuͤth, ihrer zarten Empfindung und ihrer Liebe fuͤr den Vittſteller, bewog ſie darein zu willigen. Sie warf einen Blick ruͤckwaͤrts; Alle ſchienen mit ganz andern Gedanken beſchaͤftigt, als daß ſie haͤt⸗ ten von ihr Kunde nehmen ſollen; ſie ſchaute aͤngſtlich vorwaͤrts— da war Alles duͤſter und ver— worren; aber plotzlich unterſchied ſie in kleiner Entfernung eine dunkle ſich bewegende Geſtalt. Sie fuͤhlte ihre Kniee wanken und ihr Herz ge⸗ waltſam ſchlagen; ſie trat einige Schritte vor⸗ —₰c——— Sie ren. t— Fall ip⸗ 7 tte, und ar⸗ till, keit der ihr ef⸗ em ſo al⸗ en be en, nit aͤt⸗ te er⸗ er t. 109 waͤrts, blieb wieder ſtehen und ſah zuruͤck; die Geſtalt vor ihr ſchien ſich ihr zu naͤhern, ſie faßte wieder Muth und gieng vor; die Geſtalt ſtand neben ihr. „Wie edelmuͤthig, wie herablaſſend iſt dieſe Guͤte von Miß Brandon!“ ſagte die Stimme, die ſo ſehr mit geheimer maͤchtiger Bewegung zu kaͤmpfen hatte, daß Lucie darin kaum Cliffords Stimme erkaunte. „Ich wagte nicht es zu hoffen; und nun— nun ich ſie treffe—“ Clifford hielt inne, als ſuchte er nach Worten, und Lucie bemerkte trotz der Finſterniß, daß ihr ſonderbarer Geſellſchafter heftig erſchuͤttert war; ſie wartete zu bis er fortfahre, aber da ſie ihn ſchweigend hin und hergehen ſah, ſagte ſie mit zitternder Stimme:„In Wahrheit, Herr Clif⸗ ford! ich furchte es iſt ſehr— ſehr ungeeignet von mir, mit Ihnen ſo zuſammenzukommen; nichts als die heftigen Ausdruͤcke in Ihrem Brief und— und— kurz, meine Furcht, Sie moͤchten auf ver⸗ zweifelte Schritte denken, die ich nicht errathen konnte, bewog mich Ihrem Wunſch einer Unter⸗ redung zu entſprechen.“ Sie ſchwieg und als Clifford noch immer ſtumm blieb, ſetzte ſie mit einiger Kaͤlte im Ton hinzu:„Wenn Sie mir wirklich etwas zu ſagen haben, ſo muͤſſen Sie mir die Bitte erlauben, es raſch auszuſprechen. Dieſe unterredung ſollte, das ſagt Ihnen Ihr eigen Ge⸗ 110 kuͤhl, beinah eben ſo bald zu Ende ſeyn, als ſie anfaͤngt.“ „Hoͤren Sie mich alſo!“ ſagte Clifford ſeine Verwirrung bemeiſternd, mit feſter und heller Stimme,„Iſt es wahr, was ich ſo eben gehort habe, iſt es wahr, daß man in Ihrer Gegenwart von mir in beleidigenden und beſchimpfenden Aus⸗ druͤcken geſprochen hat?“ Jetzt war es an Lucie, verwirrt und beſtuͤrzt zu ſeyn; bange zu kraͤnken und doch voll des hef⸗ tigen Verlangens, Clifford moͤchte von der Ge⸗ ring chatzung und dem Verdacht, welche ſein Ge⸗ heimthun auf ſeinen Ruf werfe, erfahren, um ſie zu entkraͤften, ſchwankte ſie zwiſchen dieſen beiden Empfindungen und ohne den letztern zu fol⸗ gen, gelang es ihr doch nicht, das was ſie im an⸗ dern Falle befuͤrchtete, abzuſchneiden. „Genng!“ ſagte Cliffurd im Tone tiefer Kraͤnkung als ſein begieriges Ohr den Sinn ihrer ſtammelnden, verworrenen Antwort einſog und ihn, noch demuͤthigender als er wirklich war, aus⸗ legte,„Genug! ich ſehe, daß es wahr iſt und daß das einzige menſchliche Weſen auf der Welt, deſſen gute Meinung mir nicht gleichgultig iſt⸗ Seuge war von der beſchimpfenden Art und Weiſe⸗ worin Andre ſich uͤber mich auszuſprechen erkuͤhn⸗ ten.“ „Aber“ ſagte Lucie lebhaft,“ warum dem Peid oder der Klatſcherei einen Vorwand geben? ——— ——„— — c— ine ller oͤrt art u6⸗ irzt ef⸗ Se⸗ Se⸗ um ſen ol⸗ Ra fer rer nd 16. nd ſt⸗ ſe⸗ n m ur Warum Ihre Herkunft und amilie nicht oͤffent⸗ lich bekannt werden laſſen? Warum ſind Sie hier“ (und ihre Stimme wurde jetzt leiſer)„gerade heute, ungeladen, und deßhald der Verlaͤumdung aller derjenigen preis gegeben, welche eine Ein⸗ ladung fuͤr eine Ehre halten? Verzeihen Sie mir, Herr Clifford, vielleicht beleidige, kraͤnke ich Sie, wenn ich ſo freimuͤthig mit Ihnen rede; aber Ihr guter Name iſt in Ihren Haͤnden und Ihre Freun⸗ de koͤnnen nur mit Kummer zuſehen, wie Sie damit ſpielen.“ „Mein Fraͤulein!“ ſagte Clifford, und Lu⸗ clens Augen, die ſich jetzt an das Dunkel gewoͤhnt hatten, bemerkten ein bitteres Laͤcheln auf ſeinem Munde,„mein Name, gut oder ſchlimm, iſt mir ein ziemlich gleichguͤltiger Gegenſtand. Ich habe von iloſofen geleſen, die darauf ſtolz ſind, auf die Meinungen der Welt keinen Werth zu legen. Rechnen Sie mich unter dieſe Sekte; aber es iſt, ich geſteh' es, mein inniges Verlangen, daß Sie allein, in der ganzen Welt, mich nicht verachten moͤchten; und nun da ich fuͤhle, daß Sie dieß thun, thun muͤſſen— iſt Alles⸗ was des Lebeus oder der Hoffnung ſich verlohnte, dahin!“ „Sie verachten!“ ſagte Lucie und ihre Au⸗ gen fuͤllten ſich mit Thraͤnen.„In Wahrheit, Sie thun mir und ſich ſelbſt Unrecht. Aber hoͤren Sie mich an, Herr Clifford! ich habe zwar nur wenig von der Welt geſehen, gber doch genug, 112 um jetzt zu wuͤnſchen, ich haͤtte immer in der Zuruͤckgezogenheit gelebt; die ſeltenſte Eigenſchaft bei beiden Geſchlechtern, obgleich es die natuͤr⸗ lichſte iſt, ſcheint mir Gutmuͤthigkeit, und die einzige Beſchäftigung der ſogenannten faſhiong⸗ beln Welt ſcheint mir die: von Andern Schlim⸗ mes zu reden! nichts giebt der Laͤſterung ein ſo erwuͤnſchtes Ziel, als das Geheimniß; nichts ent⸗ waffnet ſie ſo, wie Offenheit. Ich weiß, Ihre Freunde wiſſen, Herr Clifford, daß Ihr Charak⸗ ter die Probe halt und ich fuͤr meinen Theil glau⸗ be von Ihrer Familie das Gleiche. Warum er⸗ klaren Sie alſo nicht, Wer und Was Sie ſind?“ „Dieſe Aufrichtigkeit wuͤrde in der That mei⸗ ne beſte Vertheidigung ſeyn,“ ſagte Clifford in einem Ton der Luciens Ohr mißfaͤllig beruͤhrte, „aber, fuͤrwahr mein Fraͤulein, ich wiederhole es, ich frage ſo viel als nach einem Tropfen dieſes werthloſen Bluts darnach, was die Leute von mir ſagen; die Zeit iſt voruͤber und fuͤr immer; viel⸗ leicht war ſie fuͤr mich nie eigentlich vorhanden— einerley! Ich komme hieher, Miß Brandon, nicht um nur einen Gedanken an dieſe nichtswuͤrdigen Thorheiten oder an die veralteten Hohlkoͤpfe zu verſchwenden, von denen ſie ausgeſprochen wur⸗ den. Ich kam hieher, einzig und allein, um Sie noch einmal zu ſehen, Sie ſprechen zu hoͤren, Ihre Bewegungen zu beobachten, Ihnen zu ſagen Gier zitterte dem Redenden die Stimme, daß aft r⸗ ie n, en aß man ihn kaum verſtand), Ihnen zu ſagen, wenn ſich eine Gelegenheit zur Entdeckung darboͤte, daß ich die Kuͤhnheit— den Frevel begieng— Sie zu lieben— zu lieben— o Gott! Sie anzubeten und dann Sie fuͤr immer zu verlaſſen.“ Bleich, zitternd, kaum vermittelſt des Baums, an den ſie ſich lehnte, ſich aufrecht erhaltend, hoͤrte Lucie dieß raſche Geſtaͤndniß an. „Darf ich es wagen dieſe Hand anzuruͤhren?“ fuhr Clifford fort, indem er niederknieend, ſchuͤch⸗ tern und ehrerbietig ſie faßte.„Sie wiſſen nicht, Sie koͤnnen ſich nicht traͤumen laſſen, wie unwuͤr⸗ dig der iſt, der ſich dieſe Kuͤhnheit erlaubt— und doch nicht ganz unwuͤrdig, weil er eines ſo tiefen, ſo heiligen Gefuͤhls fäͤhig iſt, wie er gegen Sie hegt. Gott ſegne Sie, Miß Brandon!— Lucie, Gott ſegne Sie! und wenn Sie in Zukunft hoͤren, daß mich ein noch ſchwaͤrzerer Verdacht, eine noch ſtrengere Unterſuchung trifft, als jetzt auf mir la⸗ ſtet— wenn ſelbſt Ihre Guͤte und Huld keine Vertheidigung fuͤr mich findet— wenn der Arg⸗ wohn zur Gewißheit wird und die Unterſuchung mit der Verdammung endigt: dann glauben Sie wenigſtens, daß die Umſtaͤnde mich aus meiner Na⸗ tur hinausgetrieben haben, und daß unter einem beſſern Stern ich ein Andrer geworden ware, als der ich bin.“ Luciens Thraͤnen traͤufelten auf Cliffords Hand als er ſprach und als ihm das Herz im Leibe zergehen wol 19 wie er dieß Bulwer's Romane. XXVII. 114 fuͤhlte und zugleich ſeine verzweifelte und rettungs⸗ loſe Lage empfand, ſetzte er hinzu:„Jedermann bewirbt ſich um Sie— der Stolze, der Reiche, der Junge, der Hochgeborne— Alle liegen Ihnen zu Fuͤßen! Sie werden Einen aus dieſer Zahl zum Gatten erwaͤhlen; moͤge er uͤber Ihnen wachen, wie ich es gethan haͤtte— Sie lieben, wie ich, das kann er nicht! Ja, ich wiederhole es!“ fuhr Clifford mit Heftigkeit fort,„das kann er nicht! Keiner unter der froͤhlichen, gluͤcklichen, ſeidenen Schaar Ihrer Standesgenoſſen und Anbeter kann fuͤr Sie die einzige und uͤbermaͤchtige Leidenſchaft fuͤhlen, die mir das iſt, was Andern Vaterland, Macht, Reichthum, Ehre, guter Name, Friede, oͤffentliche Sicherheit, der ruhige Genuß der Luft⸗ die geringſte und doch zugleich die hoͤchſte Seg⸗ nung— zuſammen ſind. Noch einmal, moͤge Gott im Himmel uͤber Ihnen wachen und Sie ſchuͤtzen. Ich reiſſe mich, indem ich Sie verlaſſe, von Allem los, was mich erfreut und beſeeligt und aufrich⸗ tet oder vielleicht würde gerettet haben. Leben Sie wohl!“ Die Hand, welche Lucie ihrem ſonderbareu Anbeter gelaſſen, ward heftig an ſeine Lippen ge⸗ druͤckt; dann ließ er ſie raſch fahren und ſie ſah ſich wieder allein. Clifford aber, mit aͤußerſter Schnelligkeit durch die Baͤume eilend, ſchlug den Weg zum naͤchſten Thore ein, das gus Mauleverers Beſitzthum hit⸗ —— c—. c e—= c——— ₰ 115 als fuͤhrte; als er dieß erreichte, hatte eine Schaar der aͤltern Gaͤſte den Eingang beſetzt, und unter dieſen war eine Herzogin von ſolcher Auszeichnung, daß Mauleverer trotz ſeiner Abneigung gegen ein überfluͤſiges Zuſammentreffen mit der Nachtluft, ſich verpflichtet gefuͤhlt hatte, ſie an ihren Wagen zu begleiten. Er war in ſehr uͤbler Laune uͤber ſeine nothgedrungene Hoflichkeit, beſonders da das Fuhrwerk ihn ſehr lange warten ließ, bis er ſei⸗ ner Pflicht entledigt wurde, als er beim Lampen⸗ licht Clifford nahe an ſich vorbei und auf das Thor zugehen ſah. Ganz ſeiner Weltklugheit vergeſſend, die ihn ſollte abgehalten haben, einen Auftritt mit irgend Jemand, namentlich mit einem fliehenden Feind und mit einem Mann zu veranlaſſen, den zu beſiegen, wenn anders ſeine Muthmaſſungen gegruͤndet waren, nur wenig Ruhm brachte und noch weniger, mit ihm ſich zu ſtreiten— einzig an Cliffords Nebenbuhlerſchaft und ſeinen Haß ge⸗ gen ihn wegen ſeiner Kuͤhnheit denkend, trat Mau⸗ leverer, nach einer haſtigen Entſchuldigung gegen die von ihm gefuͤhrte Dame vor, ſtellte ſich Cliß⸗ ford in den Weg und ſagte mit einer Verbeugung des ruhigen Hohnes:„Verzeihen Sie, Sir, ha⸗ ben Sie in Folge einer Einladung von mir oder von meinem Bedienten mich heute mit Ihrer An⸗ weſenheit beehrt?“ Cliffords Gedanken waren in dem Augenblick, da er ſo angeredet wurde, von der Beſchaffenheit, 5. 116 daß alles kleinere Mißgeſchick davor in Nichts zu⸗ ſammenſchrumpfte; wenn er alſo auch einen Au— genblick bei der Rede des Grafen ſtutzte, ſo verrieth doch ſeine Antwort keine Verlegenheit, ſondern mit einer achtungsvollen Verbeugung und ohne die Be⸗ leidigung, welche in Mauleverers Worten lag⸗ zu beruͤckſichtigen, erwiederte er: „Euer Lordſchaft beliebe nur einen Blick auf meinen Anzug zu werfen, um ſich zu uͤberzeugen, daß ich nicht in der Abſicht, auf Ihre Gaſtfreund⸗ ſchaft Anſpruch zu machen, Ihre Beſitzung betre⸗ ten habe. Die Wahrheit iſt, und ich erwarte es von Eurer Lordſchaft Artigkeit, daß einer ſolchen Entſchuldigung Raum gegeben wird, daß ich mor⸗ gen dieſe Gegend und zwar auf laͤngere Zeit ver⸗ laſſe. Eine Perſon, die vor meinem Abgang zu ſehen, mich ſehr verlangte, befand ſich unter Eu⸗ rer Lordſchaft Gaͤſten; dieß hoͤrte ich und wußte, daß ich keine andre Gelegenheit mehr finden wuͤr⸗ de, die frahliche Perſon ver meiner Abreiſe noch zu ſehen; und jetzt muß ich es der wohlbekann⸗ ten Artigkeit Lord Mauleverers anheimſtellen, dieſe Freiheit zu entſchuldigen, deren Grund ein Geſchaͤft iſt, das beinah den Charakter einer Noth⸗ wendigkeit traͤgt!“ Lord Mauleverers Anrede an Clifford hatte ſofort eine Menge begieriger, erwartungsvoller Zuhoͤrer verſammelt; aber ſo ruhig und wahrhaft vornehmanſtaͤndig war Cliffords Haltung und Ton 1I7 bei ſeiner Entſchuldigung, daß der ganze Schwarm ſich plotzlich widerlich getaͤuſcht fuͤhlte. Lord Mauleverer ſelbſt, uͤberraſcht durch die Faſſung und das Benehmen des ungebetenen Ga⸗ ſtes, war einen Augenblick in Verlegenbeit, und Clifford wollte eben dieſen Augenblick benuͤtzen und ſich fort machen, als Mauleverer mit einer zwei⸗ ten, hoͤflicheren Verbeugung ſagte: „Ich kann mich nur gluͤcklich ſchaͤtzen, Sir, daß mein armer Landſitz Ihnen eine Bequemlichkeit dar⸗ bot, aber wenn ich nicht zudringlich erſcheine, wol⸗ len Sie mir die Frage nach dem Namen des Ga⸗ ſtes erlauben, mit dem Sie eine Zuſammenkunft ſuchten?“ „Mein Lord,“ ſagte Clifford, ſich aufrichtend, mit Nachdruck und Ernſt, obgleich noch mit einer gewißen Ehrerbietung,„ich darf ſicherlich Euer Lordſchaft Einſicht und Gefuhl nicht erſt darauf aufmerkſam machen, daß Ihre Frage einen Zwei⸗ fel ausſpricht und folglich eine Beleidigung und daß der Ton derſelben nicht von der Art iſt, um eine Nachgiebigkeit von meiner Seite, wie der von Ihnen geforderte weitere Aufſchluß voraus⸗ ſetzen wuͤrde, zu rechtfertigen.“ Kaum konnte ein ausgeſprochener Hohn ſo vitter ſeyn, als der ſtillſchweigende, den der Graf durch ein Laͤcheln an den Tag legte; und mit die⸗ ſem ſchmeichelhaften Ausdruck auf ſeinen dunnen 118 Lippen und ſeiner hohen Stirne antwortete Maule⸗ verer:„Sir, ich ehre die Gewandtheit, welche Ihre Antwort beurkundet; ſie muß die Frucht gruͤndli⸗ cher Erfahrungen in ſolchen Angelegenheiten ſeyn. Ich wuͤnſche Ihnen, Sir, eine recht gute Nacht und das naͤchſtemal, da Sie mich wieder mit ei⸗ nem Beſuche begluͤcken, werden zuverlaͤſig Ihre Beweggruͤnde, mir dieſe Ehre zu ſchenken, nicht minder zu Ihren Gunſten ſprechen als heute.“ Mit dieſen Worten drehte ſich Mauleverer um und ſuchte ſeine Dame wieder auf. Aber Clifford war ein Mann, der in kurzer Zeit Viel von der Welt geſehen hatte, und die Theorien der Geſellſchaft wohl kannte, wenn auch nicht die Praxis in ihren Einzelnheiten; zudem war er von raſcher, entſchloſſener Gemuͤthsart und dieſe na⸗ tuͤrlichen und erworbenen Eigenſchaften ſagten ihm, daß er jetzt in einer Lage ſey, wo es noth⸗ wendiger geworden war, herauszufordern als zu beguͤtigen. Statt alſo ſich zuruͤckzuziehen, gieng er mit Bedacht auf Mauleverer zu und ſagte: „Mein Lord, ich werde dem Urtheil Ihrer Gaͤſte die Entſcheidung uͤberlaſſen, ob Sie als Edelmann, als Gentleman gehandelt haben, wenn Sie ſo, auf Ihrem Grund und Boden einen Mann beleidigten, der Ihnen uͤber ſeine Anweſenheit ſolche Erklaͤrungen gegeben, welche ihn in den Au⸗ gen aller einſichtsvollen oder artigen Leute voll⸗ ſtändig entſchuldigen wuͤrden. Auch uͤberlaſſe ich ——— — h 119 ihnen die Entſcheidung, ob der Ton Ihrer Frage mir geſtattete, eine weitere Rechtfertigung zu verſuchen. Auf mich ſelbſt nehme ich es, mein Lord, von Ihnen eine unumwundene Erklaͤrung Ihrer letzten Worte zu verlangen.“ „Unverſchaͤmter!“ rief Mauleverer, der vor Wuth die Farbe wechſelte und beinah zum erſten mal in ſeinem Leben die Selbſtbeherrſchung gaͤnz⸗ lich verlor,„wollt Ihr mit mir Worte wechſeln? Fort mit Euch, oder ich gebe meinen Dienern Befehl, Euch hinauszuwerfen!“ „Fort mit Euch, Sir, fort mit Euch!“ rie⸗ fen einige Stimmen, gls Echo von Mauleverer, von den Leuten die es jetzt hoch an der Zeit glaub⸗ ten, mit dem Maͤchtigern Parthey zu nehmen. Clifford behauptete ſeinen Platz und ſchaute mit einem Blick voll Zorn und herausfordernder Verachtung ſich um, der⸗ verbunden mit ſeiner athletiſchen Geſtalt, ſeinem finſtern und trotzi⸗ gen Auge und ſeiner ſchweren Reitveitſche, die et, wie unbewußt, halb aufgehoben hatte, in der That die Murrenden abhielt, zur Gewaltthaͤtig⸗ keit zu ſchreiten. „Armer Prahler mit Bildung und Verſtand!“ ſagte er, Verachtungsvoll zu Mauleverer ſich wen⸗ dend,„mit Einem Streich dieſer Peitſche könnte ich Sie fuͤr immer beſchimpfen, oder Sie noͤthigen von der Hoͤhe Ihres Rangs zu mir herunterzuſtei⸗ — —A — 120 gen und dieſes wuͤrde erſt noch eine milde Er⸗ wiederung Ihrer Sprache ſeyn! Aber ich will Sie lieber belehren als ſtrafen. Nach meinem Glau⸗ ben, mein Lord, iſt der der Meiſter in Bildung, der am meiſten Geduld hat; die Verachtung giebt mir die Kraft zur Geduld. Adieu!“ Damit wandte ſich Clifford um und gieng ſei⸗ nes Wegs. Ein Gemurmel, das ſich einem Ge⸗ brumme naͤherte, von Seiten des juͤngern oder einfaͤltigeren Theils der Schmarotzer,(Oie aͤltern und vernuͤnftigeren haben keine außerordentliche Bewegung zu äußern,) begleitete ihn als er ſich entfernte. Zwei und zwanzigſtes Kapitel. Raͤuber, Steht, Sir! und werft hin was Ihr bei Euch habt. Valentin. Halt Schurken, laßt ab von dieſem rohen Beginnen. Die beiden Veroneſer. Nachdem er den Schauplatz, wo er ein ſo unwillkommener Gaſt geweſen, verlaſſen, eilte Clifford in die kleine Herberge, wo ſein Pferd 121 geblieben war. Er ſtieg auf und ritt heim nach Bath. Seine Gedanken waren zerſtreut und er ließ bewußtlos ſein Pferd hingehen, wo es wollte. Das Thier ſtrebte natuͤrlich dem naͤchſten Quar⸗ tier zu, deſſen es ſich erinnerte und dieß Quar⸗ tier war in der glaͤnzenden Herberge in der Vor⸗ ſtadt von Bath, worin, wie wir oben erzaͤhlten, Cliffords Wiedererwaͤhlung zum Oberhaupt Statt gefunden hatte. Es war ein Haus von laͤngſt ge⸗ gruͤndetem Ruf, und hier konnte man immer von jedem der abweſenden Verbuͤndeten Nachrichten einziehen. Dieſer Umſtand, verbunden mit der PVortrefflichkeit ſeiner Getraͤnke, ſeiner Behaglich⸗ keit und die elektriſche Kette fruͤherer Gewohnheit machten es zum Lieblingsplatz von Tomlinſon und Pepper, trotz ihrer dermaligen galanten und mo⸗ diſchen Lebensweiſe; und hier war Clifford, wenn er das Paar zu einer ungewoͤhnlichen Stunde aufſuchte, meiſt ſicher ſie zu finden. Als Cliffords Vetrachtungen durch das plotzliche Halten des Thiers vor dem wohlbekannten Schilde unterbro⸗ chen wurden, ſtieß er eine unnoͤthige Verwuͤnſchung gegen daſſelbe aus und trieb es mit den Spo⸗ ren an, ſeinem eignen Hauſe zu. Schon hatte er das Ende der Straße erreicht, als ſein Entſchluß ſich zu aͤndern ſchien; und bei ſich ſelbſt murmelnd: „Ja, ich koͤnnte gleich in dieſer Nacht noch unſre Abreiſe bewerkſtelligen!“ wandte er ſein Pferd um und ritt wieder vor die Wirthshausthuͤre. Er ——————— * 122 warf den Zaum uͤber ein eiſernes Gitter, klapte ſic mit einem eigenthuͤmlichen Laut an die Thuͤre und W ward alsbald eingelaſſen. „Sind—— und—— hier?“ fragte er R das alte Weib, als er eintrat und nannte die ſe Spitznamen, unter welchen Tomlinſon und Pepper YM bei ihren Freunden bekannt waren.„Sile ſind 3 beide heut Nacht auf den Strich gegangen,“ ver⸗ ſetzte die alte Wirthin, und leuchtete mit ſchlauer Miene dem Fragenden mit ihrer truͤb brennenden Kerze ins Geſicht.„Oliver*) iſt ſchlafen gegan⸗ gen und die Burſchen wollen ſein Nicken benuͤtzen.“ „Meint Ihr,“ antwortete Clifford in derſel⸗ ben Mundart, welche wir zu uͤberſetzen uns die n Freiheit nehmen,„ſie ſeyen wirklich auf ein Aben⸗ u tener aus?“ 2 „Sicherlich!“ verſetzte das Weib.„Wer nur auf der Landſtraße herumtrentelt, dem fehlt am a Ende das Geld zum Abendeſſen.“ d „Ha, aufwelcher Straße?“ „Ihr ſeyd ein praͤchtiger Kerl zu einem Haupt⸗ mann!“ verſetzte die Wirthin, mit gutmuͤthigem Sarkasmus in ihrem Ton.„Ach, der Hauptmann Gloak, der arme Leufel, der wußte jeden Schritt und Tritt ſeiner Leute aufs Haar und brauchte nie zu fragen, was ſie treiben? Ja, das war ein Kerl! Kein ſo zimpferliches Milchſuppengeſicht, das *) Der Mond. 123 ſich in Fraͤulein verliebt; fuͤrwahr— ein huͤbſches Weibsbild durfte ſich nicht lang nach einem Kuß umſehen, wenn er im Zimmer war, war auch ihr Rock nicht der feinſte; das muß wahr ſeyn! und ſeht nur, der Hauptmann war ein vernuͤnftiger Mann und hatte eine Kuh ſo gern wie ein Kalb.“ „So, ſo auf der Landſtraße ſind ſie?“ rief Clifford in tiefem Sinnen und ohne den beabſich⸗ tigten Angriff auf ſeine Sittſamkeit zu beachten. „Aber gebt eine Antwort— was iſt der Anſchlag? beeilt Euch!“ „Nun“ erwiederte das Weib,„ein vorneh⸗ mer Kerl von Lord giebt heute einen Schlampamp, und die Burſche, die guten Seelen, denken einige Nachzugler abzufangen.“ Ohne ein Wort zu erwiedern ſtuͤrmte Clifford aus dem Hauſe, und ſaß wieder zu Pferd, ehe die alte Wirthin Zeit hatte ſich von ihrem Erſtau⸗ nen zu erholen. „Wenn Ihr ſie ſehen wollt““ rief ſie ihm nach, als er ſeinem Pferd die Sporen gab,„ſie gaben mir auf ein Nachteſſen bereit zu halten, um——“ der Hufſchlag des Pferdes verſchlang die letzten Worte und ſorgfaͤltig die Thuͤre wieder verriegelnd und eine gehaͤßige Vergleichung zwi⸗ ſchen Hauptmann Clifford und Hauptmann Gloak vor ſich her brummend, kehrte die gute Wirthin wied er zu den Kuͤchengeſchaͤften zuruͤck, welche die 124 Labſale fuͤr Tomlinſons und Peppers Herz zuruͤ⸗ ſten ſollten. Kehren wir ſelbſt zu Lucie zuruͤck. Es traf ſich, daß der Wagen des Sauire zuletzt ankam; denn ſein Kutſcher, der unter den Schatten von Warlock lang in die Zerſtreuungen des faſhiona⸗ beln Lebens uneingeweiht geblieben, vertlefte ſich bei ſeinem erſten Auftreten in Bath mit all der lebhaften Hitze gereifter Leidenſchaften, die zum erſtenmal entfeſſelt werden, in das froͤhliche Trei⸗ ben des Alehauſes; und da er einen mildern Herrn hatte als die meiſten ſeiner Kameraden, ſo war in ſeiner Wagenlenkers⸗Bruſt die Furcht vor Unannehmlichkeiten nicht ſo ſtark als ſeine Neigung zur Geſelligkeit; ſo daß waͤhrend dieſer Ehrenmann ſich guͤtlich that, Lucie volle Muße hatte, all die tauſend und eins' Erzaͤhlungen von dem Auftritt zwiſchen Mauleverer und Clifford durchzukoſten, womit ihr Ohr bewirthet ward. Demungeachtet, was auch ihre Empfindungen bei dieſen artigen Erzaͤhlungen ſeyn mochten: ein gewißes unbe⸗ ſtimmtes Freudengefuͤhl trat ſiegreich uber alle hervor. Ein Mann fuͤhlt ſich verhaͤltnißmaͤßig nur wenig begluͤckt, wenn er gellebt wird, falls dieſe Liebe hoffnungslos iſt. Aber dem Weibe iſt dieſes einfache Vewuhtſeyn genug um das Andenken an tauſend Truͤbſale zu vernichten, und erſt, wenn ſie ihrem Herzen tauſend und aber tauſendmal vor⸗ erzaͤhlt hat, daß ſie geliebt werde, wird ſie auch on —* anfangen zu fragen, ob dieſe Liebe hoffnungslos ſey. Zum Theil waren am Himmel die Sterne ſichtbar, aber die Nacht war dämmernd und fin⸗ ſter, denn der Mond war in den letzten paar Stunden von Nebel und Gewoͤlk uͤberzogen wor⸗ den, als endlich der Wagen ankam, und Maule erer, zum zweitenmal an dieſem Abend den Ge⸗ leitsmann ſpielend, Lucien zu ihrem Fuhrwerk be⸗ gleitete. Begierig zu erfahren, ob ſie Clifford geſehen habe, oder von ihm angeredet worden ſey, verbreitete ſich der feine Graf, als er ſte ns Thor fuͤhrte, ganz beſonders uͤber die Auf⸗ dringlichkeit dieſes Menſchen, und aus dem Zittern der Hand, die auf ſeinem Arm ruhte, zog er kein ſehr troͤſtliches Vorzeichen für ſeine Hoffnungen. „Indeß“ dachte er,„der Mann geht ja morgen, und dann iſt das Feld rein; das Madchen iſt noch ein Kind und ich verzeih' ihr die Thorheit.“ Und mit dem Anſtand ritterlicher Verehrung machte Mauleverer gegen die von ihm Segnadigte ſeine Verbeugungen noch in den Wagen hinein. Sobald Lucie ſich mit ihrem Vater allein ſah, machten ſich die ſo lang in ihr verſchloſſenen Be⸗ wegungen gewaltſam Luft; ſie lehnte ſich in dem Wagen zuruͤck und weinte, obwohl ſchweigend, Thraͤnen, brennende Thraͤnen der Sorge, der Wonne, der Erſchuͤtterung und der Bangigkeit. Der aute alte Squire merkte erſt ſpaͤt die Gemuͤths⸗ 126 Bewegung ſeiner Tochter; ſie waͤre ihm ganz ent⸗ gangen, hätte er nicht in Folge einer zaͤrtlichen Aufwallung des Herzens gegen ſie, welche ihren Grund in der friſchen Ahnung ihre Liebe zu Clif⸗ ford hatte, den Arm um ihren Hals geſchlungen. Dieſe unerwartete Liebkoſung ergriff Luciens Ner⸗ ven ſo, daß ſie ſich an ihres Vaters Bruſt warf, und ihr Weinen, bisher ſo ruhig, laut und hoͤr⸗ bar wurde. „Troͤſte dich, mein liebes, liebes Kind!“ ſag⸗ te der Squire, beinahe ſelbſt bis zu Thraͤnen ge⸗ ruͤhrt und ſeine Bewegung, die ihn aus ſeiner ge⸗ woͤhnlichen geiſtigen Dumpfheit aufruͤttelte, machte auch ſeine Worte weniger verwickelt und zweiden⸗ tig als ſie ſonſt zu ſeyn pflegten.„Und nun hoffe ich, du werdeſt dich nicht ſelbſt quaͤlen; der junge Mann iſt in der That— und ich verſichre dich, das war immer meine Anſicht— ein ſehr artiger Gentleman, das iſt gar keine Frage. Aber was — koͤnnen wir machen? du hoͤrteſt, was Alle von ihm ſagen und es war, das muͤſſen wir zugeben, ſehr unſchicklich von ihm, zu kommen, ohne ein⸗ geladen zu ſeyn. Zudem, mein liebſtes Kind, iſt es ſehr ſchlimm, ſehr ſchlimm, Einen zu lieben und nicht wiſſen, Wer er iſt; und— und— aber ſchluchze nicht ſo, meine Liebe, ſchluchze nicht ſo! Alles wird noch gut werden, glaub' ich gewiß, ganz gewiß! Mit dieſen Worten druͤckte der gute alte it⸗ if⸗ 127 Mann ſeine Lochter enger an ſich und als er mit der Hand auf etwas ſtieß, das ſie verdeckt an ſich trug, fragte er, mit einigem Verdacht, die Liebe moͤchte ſchon bis zu Liebesgeſchenken vorgeſchritten ſeyn, was es ſey? „Es iſt meiner Mutter Bild,“ ſagte Lucke unbefangen und ſchob es bei Seite. Der alte Saquire hatte ſeine Gattin zaͤrtlich geliebt und als Lucie ihm dieſe Antwort gab, leb⸗ ten all die zaͤrtlichen und warmen Erinnerungen aus ſeiner Jugendzeit in ihm auf; zudem bedach⸗ te er, wie ernſtlich dieſe Frau auf ihrem Sterbe⸗ bette ſeinem wachſamen Auge ihr einziges Kind empfohlen habe, das jetzt an ſeiner Bruſt weinte; et erinnerte ſich, wie ſie ihm, von dem ſprechend⸗ was allen Frauen als die große Epoche des Lebens erſcheint, geſagt hatte:„Nie laß mit ihrer Nei⸗ gung ſpielen! nie laß dich durch deinen ehrgeitzi⸗ gen Bruder uͤberreden, ſie zum Heirathen zu ver⸗ anlaſſen, wenn ſie nicht jiebt, oder ihr, ohne die triftigſten Gruͤnde, entgegen zu ſeyn, wenn ſie liebt; obgleich ſie noch ein zartes Kind iſt, kenne ich ſie doch ſchon genug, um uͤberzeugt zu ſeyn, 1* daß wenn ſie einmal liebt, ihre Liebe zu ſtark 16 ſeyn wird, um ſie gluͤcklich zu machen, wenn ſich auch Alles zu ihren Gunſten geſtaltet.“ Dieſe Worte, dieſe Erinnerungen, verbunden mit dem Gedanken an den kaltherzigen Plan William Bran⸗ dons, den zu beguͤnſtigen er ſelbſt eingewilligt 728 hatte, und ſeine eigene Gleichguͤltigkeit bei Lu⸗ ciens aufkeimender Neigung fuͤr Clifford, bis die Bekaͤmpfung nothwendig aber zugleich zu ſpaͤt war — Alles dieß peinigte ſein Herz mit nagenden Sorgen und ſelbſt laut ſchluchzend ſagte er:„dei⸗ ne Mutter, Kind! ach daß ſie noch lebte! ſie wuͤr⸗ de dich nie ſo vernachlaͤßigt haben, wie ich that!“ Die Selbſtanklagen des Squire ſtillten Luci⸗ ens Thraͤnen fuͤr den Augenblick; ſie bedeckte ih⸗ res Vaters Hand mit Kuͤſſen, und antwortete nur mit heftigen Vorwuͤrfen gegen ſich ſelbſt, und Lob⸗ preiſungen ſeiner allzugroßen väterlichen Guͤte und Zaͤrtlichkeit. Dieſer kleine Ausbruch von redlicher und einfacher Liebe auf beiden Seiten endigte mit einem Schweigen voll zaͤrtlicher und vermiſchter Gedanken; und als Lucie noch an die Bruſt des alten Mannes ſich ſchmiegte, der doch von ſonder⸗ barer Gemuͤthsart, im Verſtand ſogar weniger als mittelmaͤßig und überhaupt eine Perſon war, die nach Alter, Geiſt und Neigungen zum Ver⸗ trauten der Liebe eines jungen, enthuſiaſtiſchen Mädchens am allerwenigſten geeignet ſchien: da fuͤhlte ſie die alte, einleuchtende Wahrheit, daß es wenige Menſchen giebt, in dieſer falſchen Welt, auf die man ſich in allem Mißgeſchick ſo ruhig verlaſſen kann, wenige, die das Vertrauen ſo zartfühlend und gewiſſenhaft ehren, wie diejenigen, welchen wir das Daſeyn verdanken. Vater und Tochter hatten einige Minuten ge⸗ u⸗ ie at en i⸗ ſchwiegen und ſener war eben im Vegriff zu ſpre⸗ der Wagen plotzlich hielt. Der Squire he Stimme vorne bei den Pferden; er ſchaute zum Fenſter hinaus, um durch den Nachtnebel hindurch zu ſehen, was es denn ſeyn koͤnne und er begegnete bei dieſer Beſtrebung, dem vorgehaltnen, blanken Lauf einer Sattelpiſtole ge⸗ rade einen Zoll von ſeiner Stirne entfernt. Ohne einen Sweifel an ſeinem Muthe duͤrfen wir wohl glauben, daß Herr Brandon ſich mit aller moͤgli⸗ chen Behendigkeit wieder in den Wagen zuruͤckzog und im nemlichen Augenblick ward die Thuͤre ge⸗ offnet und eine nicht drohende, ſondern ſanfte Stimme ſagte:„Meine Damen und Herrn, es thut mir leid, Sie zu ſtoͤren, aber die Noth iſt gebietriſch! Geben Sie mir gefaͤlligſt Ihr Geld, Uhren, Ringe und andere kleine Bequemlichkeiten ähnlicher Art!“ Einer ſo anſtaͤndigen Bitte hatte der Squire nicht das Herz zu widerſtehen, um ſo mehr da er ſich ohne Waffen zur Vertheidigung ſah. Er zog alſo eine, man muß geſtehen, nicht ſehr volle Boͤrſe nebſt einer ungeheuer großen Jagd⸗Uhr an einem blauen Bande heraus und ſagte brummend:„Hier Sir! erſchreckt die junge Dame nicht!“ Der hoͤfli⸗ che Bittſteller, in der That kein andrer Menſch als der treffliche Augustus Tomlinſon, ſteckte die Bo a ſetäe Beſtentaſche, nachdem er mit ra⸗ 5 1„ ½. i eiäe 3 Roniane. XXVII- 7 Si 3 chen, als hoͤrte eine rau 130 ſchem, kundigem Finger ihren Inhalt gepruͤft. „Ihre Uhr, Sir!“ ſagte er und ſchob ſie unter dem Sprechen gleichgultig, wie ein Schulknabe ſei⸗ nen Kreiſel, in die Rocktaſche,„iſt ſchwer, aber auf meine Erfahrung bauend, da eine genaue Beſich⸗ tigung mir unmoͤglich iſt, fuͤrchte ich, ſie hat mehr Werth wegen des Gewichts als der Arbeit; doch, ich will Ihre Eitelkeit nicht beleidigen durch ſolche geſuchte Ausſtellungen. Aber gewiß hat die junge Dame, wie Sie ſie nennen,(denn ich erweiſe Ihnen die Artigkeit, Ihnen hinſichtlich des Alters derſelben aufs Wort zu glauben, angeſehen, daß die Nacht zu dunkel iſt, um mir das Gluͤck einer eigenen Beſichtigung zu gonnen die junge Dame hat ſicherlich kleine Schmuckſachen bei ſich, womit ſie uns eine Freude machen kann; die Schdn⸗ heit ohne Schmuck, wiſſen Sie u. ſ. w.“ Lucie, welche obwohl ſehr erſchrocken, doch weder die Beſinnung noch die Geiſtesgegenwart verlor, beantwortete dieß nur damit, daß ſie ei⸗ nen kleinen ſilbernen Beutel hervorzog, der noch weniger enthielt, als der lederne des Squire; die⸗ ſem fügte ſie noch eine goldne Kette bei; und Tomlinſon, der es mit einem verbindlichen Hän⸗ dedruck und einer hoͤflichen Entſchuldigung in Em⸗ pfang nahm, war eben im Begriff ſich zu entfer⸗ nen, als ſein ſcharfes Auge ploͤtzlich durch den Schimmer von Juwelen angezogen wurde. Lucie 131 nemlich, als ſie das Vild ihrer Mutter, in die wenigen ererbten Diamanten des Herrn von War⸗ lock gefaßt, von ſeiner Stelle ruͤckte, es uͤber ihre Kleider gehängt, und als ſie ſich vorwaͤrts beug⸗ te, ihre andern Habſeligkeiten dem Raͤuber aus⸗ zuliefern, wurden auf einmal die Diamanten ganz ſichtbar und ſchimmerten nur noch einladender durch die dunkle Nocht. „ſagte Tomlinſon, ſei⸗ ne Hand ausſtreckend,„Sie wollten mich hinter's Licht fuhren, das wollten Sie? Verraͤtherei ſollte nie unbeſtraft bleiben. Treten Sie mir augen⸗ blicklich den kleinen Zierrath um Ihren Hals ab.“ „Ich kann nicht, ich kann nicht!“ ſagte Lucie, mit beiden Haͤnden ihr Kleinod umfaſſend⸗„es iſt das Bild meiner Mutter und meine Mutter iſt, todt!“ „Die Veduͤrfniſſe Andrer, mein Fraͤulein,“ erwiederte Tomlinſon, der um ſein Leben nicht unmoraliſch pluͤndern konnte,„ſind immer unſrer Aufmerkſamkeit wuͤrdiger, als Familien⸗Vorurthei⸗ le. Ernſtlich geſprochen, geben Sie es her und das im Augenblick: wir haben Eile und Ihre Pferde ſchlagen aus wie Teufel; ſie zertruͤmmern in einem Augenblick Ihren Wagen— beeilen Sie ſc1“ Der Sauire war im „Ach, mein Fraͤulein, Ganzen ein wackrer Maun, 132 obgleich kein Held, und die Nerven eines alten Fuchsjägers erholen ſich bald von einem kleinen Schrecken. Das Bild ſeiner ſeligen Frau war ihm noch unſchaͤtzbarer als Lucien und der Zorn ſtieg bei dieſer neuen Forderung in ihm auf. Er ballte die Faͤuſte und auf ſeinem Sitz gleichſam vorruͤckend, rief er mit lanter Stimme: „Fort Schurke, ich gab dir, ſo denke ich mei⸗ nes Theils, ſchon zu viel, und bei Gott du ſollſt das Vild nicht haben.“ „Zwingen Sie mich nicht, Gewalt zu brau⸗ chen!“ ſagte Auguſtus, ſetzte einen Fuß auf den Wa⸗ gentritt und hielt die Piſtole auf einige Zoll Ent⸗ fernung Lucien vor die Bruſt, vielleicht richtig berechnend: der Anſchein der ſie bedrohenden Ge⸗ fahr werde das ſicherſte Mittel ſeyn, den Squtre einzuſchuͤchtern. In dieſem Augenblick aber ſah ſich der gewaltige Moraliſt plotzlich von einer maͤch⸗ tigen Hand bei der Schulter gepackt, und eine leiſe, vor Zorn bebende Stimme, fluͤſterte ihm ins Ohr. Was auch die Worte ſeyn mochten, die an ſeine Gehoͤrorgane drangen— ſie wirkten wie ein raſcher Zauber; und mit Erſtaunen ſahen der Squire und Lucie ihren Angreifer plötzlich abzte⸗ hen. Die Wagenthuͤre ward zugeſchlagen und kaum zwei Minuten, nachdem der Raͤuber wieder zu Pferd geſtiegen war, gab ſein Begleiter, bisher bei den Pferden aufgeſtellt, ſeinem Pferde die Sporen und der wiltommne Schall ſich entfernen⸗ ———————————————— ——˖— 133 der Hufſchlaͤge drang in das verſtörte Ohr von Vater und Tochter. Die Wagenthuͤre wurde wieder geoͤffnet und eine Stimme, welche Lucien blaͤſſer machte als der vorangegangne Schrecken, ſagte: „Ich fuͤrchte, Herr Brandon, die Raͤuber ha⸗ ben Ihre Tochter erſchreckt. Jetzt iſt aber nichts mehr zu fürchten, die Schurken ſind fort.“ „Gott ſchuͤtze mich!“ ſagte der Sauire,„wie, iſt das Capitaͤn Clifford?“ „Er iſt es und er preist ſich zu glucklich⸗ Herrn Brandon und ſeiner Tochter auch nur den kleinſten Dienſt geleiſtet zu haben.“ Sobald er ſich uͤberzeugt hatte, daß er wirk⸗ lich Herrn Clifford fuͤr ſeine und ſeiner Tochter Sicherſtellung, deren Gefahr er fuͤr weit groͤßer gehalten hatte⸗ als ſie in der That war,(denn um den Leſer wahrhaft zu berichten: die Piſtole Tomlinſons war mehr zum Schein als zum Ge⸗ brauch eingerichtet, da ſie einen auſſerordentlich langen blanken aber leeren Lauf hatte), verpflich⸗ tet war: da wußte der Squire gar nicht, auf wel⸗ che Weiſe er ſeine Dankbarkeit ausdruͤcken ſoll⸗ te. Und als er ſich an Lucien mit der Aufforde⸗ rung wandte, ſelbſt ihrem artigen Befreier zu danken, fand er, daß ſie uͤberwältigt von ſo man⸗ nigfachen Bewegungen⸗ zum erſtenmal in ihrem Leben in Ohnmacht gefallen war. „Guter Himmel!“ rief der beſtuͤrzte Vater⸗ „ſie iſt todt,— meine Lucie, meine Lucie— ſie haben ſie getoͤdtet!“ Die Wagenthuͤre auf der Seite Luciens off⸗ nen, ſie auf den Armen heraustragen, war fuͤr Clifford das Werk eines Augenblicks; ganz ver⸗ geſſend, daß ſonſt noch Jemand zugegen ſey, nicht wiſſend ſogar was er ſagte, ſtieß er tauſend wilde, leidenſchaftliche, nur halb verſtaͤndliche Reden aus; und als er ſe auf eine Bank neben der Landſtraße trug und ſich ſelbſt niederſetzend, ſie gegen ſeine Bruſt lehnte, da waͤre es vielleicht ſchwer gewe⸗ ſen zu ſagen, ob nicht auch Entzuͤcken— brennen⸗ des und ſchauerndes Entzuͤcken ſich in ſeinen Schre⸗ cen und ſeine Angſt miſchte. Er erwaͤrmte ihre zarten Haͤnde in den ſeinigen; ſein Hauch, zitternd und heiß, gluͤhte auf ihrer Wange, und Einmal, nur Einmal naͤherten ſich ihr ſeine Lippen und ruhten, die zerſtreute Fuͤlle der Locken weghau⸗ chend, in einem langen, ſtummen Kuſſe auf den ihrigen. Mittlerweile ſtieg, mit Huͤlfe des Bedienten, der ſeine betaͤubten Sinne jetzt wieder geſammelt hatte, der Squire aus dem Wagen und nahte ſich mit wankenden Schritten dem Ort, wo ſeine Toch⸗ ter ruhte. Im Augenblick da er ihre Hand faßte, begann Lucie wieder aufzuleben und das Erſte, was ſie in der verſtaͤrkten Bewußtloſigkeit des Er⸗ wachens that, war: ihren Arm um den Hals ih⸗ tes Beiftandes zu ſchlingen. 1 —— 135 Haͤtte man Alles was Clifford irgend wo und wie in ſeinem fruͤhern Leben von Hoffnung, Luſt, Freude empfunden hatte, in ein einziges Gefuͤhl zuſammenſchmelzen und zuſammendraͤngen koͤnnen: dieß Gefuͤhl waͤre ſchaal geweſen gegen ſein Ent⸗ zuͤcken bei Luciens augenblicklicher, unſchuldiger Liebkoſung! Und in einer ſpätern, obwohl nicht fernen Zeit, als im Kerker des Miſſethaͤters die grimme Larve des Todes ihn angrinste, koͤnnte noch die Frage ſeyn, ob ſeine Gedanken nicht weit haͤufiger bei der Erinnerung an dieſen wonne⸗ vollen Augenblick, als bei der bittern Schmach des herannahenden Verdammungsſpruches verweilten. „Sie athmet,— ſie bewegt ſich— ſie er⸗ wacht!“ rief der Vater, und Lucie ſagte, indem ſie aufzuſtehen verſuchte, und die Stimme des Squire erkennend, ſchwach und leiſe:„Gott ſey Dank, mein theurer Vater, Sie ſind nicht beſchaͤ⸗ digt! Und ſind ſie wirklich fort? und wo— wo ſind wir?“ Der Squire nahm Clifford ſeine Laſt ab und faßte ſein Kind in ſeine Arme, waͤhrend er ihr in ſeiner lichtvollen Weiſe erlaͤuterte, wo und in Weſſen Geſellſchaft ſie ſeyen. Die Liebenden ſtanden ſich Auge in Auge einander gegenuͤber, aber welches koͤſtliche Erroͤthen entzog die Nacht⸗ welche nichts als den Umriß ihrer Geſtalt ſehen ließ, den Augen Cliffords! Der ehrliche, gutherzige Brandon war froh⸗ S** 136 ſich den wohlwollenden Gefuͤhlen hingeben zu duͤr⸗ fen, die er immer gegen den verdaͤchtigten und verleumdeten Clifford gehegt; er wandte ſich von Lucien weg und ſchuͤttete ſein Herz gegen ihren Retter aus. Er faßte ihn mit Waͤrme bei der Hand und beſtand darauf, er muͤſſe ſie im Wagen nach Bath begleiten und den Bedienten ſein Pferd reiten laſſen. Dieß Anerbieten ſtand noch in der Wage, als der Bediente, der inzwiſchen nach dem Befinden und Zuſtand ſeines Dienſtgenoſſen geſe⸗ hen hatte, die Geſellſchaft mit klaͤglichem Tone von etwas benachrichtigte, was ſie in der Verwir⸗ rung und im Dunkel der Nacht nicht bemerkt hat⸗ ten— daß nemlich Pferde und Kutſcher— fort ſeyen! „Fort!“ ſagte der Squire,„Fort! Nun die Schufte koͤnnen ſie doch nicht,(ich meines Theils glaube, obgleich ich von ſolchen Wundern ſchon ge⸗ hoͤrt, an dergleichen Streiche nicht,—) eingeſackt haben!“ Jetzt ließ ſich ein leiſes Brummen vernehmen und der Vediente fand, einem ſympathetiſchen Zuge an den Ort, woher es kam, folgend, die mächtige Geſtalt des Kutſchers vollkommen gebor— gen, das Geſicht gegen den Boden, mitten im Graben. Nachdem dieſer Ehrenmann wieder auf die Beine gebracht worden war und ſich wieder zur Beſinnung emporgearbeitet hatte, vernahm man: als der Raͤuber die Pferde angehalten, hatte der Kutſcher, bei dem es wenig bedurfte, um ſeine verwirrten Geiſteskraͤfte zu uͤberwaͤlti⸗ gen, den Kutſchbock(nach ſeiner eignen Ausſage in Folge eines heftigen Schlags von dem Spitzbu⸗ ben, aber vielleicht lag die urſache noch naͤher,) mit dem Graben vertauſcht; die Pferde wurden ſcheu, und als ſie ausſchlugen und tobten, bis der Räuber es uberdruͤſſig wurde, ſich die Muͤhe zu geben, ſie aufzuhalten, hieb er gans ruhig die Straͤnge ab und jetzt konnten die Pferde gar wohl ſchon bei ihrer Stallthuͤre in Bath ſeyn. Der Bediente, welcher den Squire von die⸗ ſem Mißgeſchick unterrichtet, war, unaͤhnlich den meiſten Neuigkeits⸗Voten, auch der erſte, der ei⸗ nen Troſt wußte. „Es iſt da ein praͤchtiges Wirthshaus“ ſagte er„ungefaͤhr eine halbe Meite weit weg, wo Euer Ehren Pferde bekommen koͤnnen; oder viel⸗ leicht, wenn es Miß Lucien, der guten Seele, ſchwach ſeyn ſollte, ſo können Sie dort wohl uͤber Nacht bleiben.“ Obgleich ein Gang von ungefähr einer halben Meile in finſtrer Nacht und unter andern Umſtaͤn⸗ den kein ſehr lockender Vorſchlag geweſen waͤre, ſchien doch jetzt, wo die Einbildungskraft des Squire ihm nur die beiden Fälle vorgemalt hatte, entweder die Nacht im Wagen zuzubringen oder zu Fuß nach Bath zu keuchen, jene Beſchwerde ganz unbedeutend. ünd ſo faßte denn der Squire 138 den Arm ſeiner Tochter in den ſeinigen, bat mit freundlicher Stimme Clifford, ſie auf der andern Seite zu unterſtuͤtzen, befahl dem Bedienten mit Cliffords Pferd den Zug anzufuͤhren, und dem Kutſchet hintendrein oder zum Leufel zu gehen, wie er wolle. Schweigend bot Clifford Lucien den Arm und ſchweigend nahm ſie die Hoͤflichkeit an. Der Squi⸗ re war die einzige redende Perſon und der von ihm gewaͤhlte Gegenſtand war ihr nicht unan⸗ genehm: es wax das Lob ihres Geliebten. Aber Clifford hoͤrte kaum zu, denn tauſend Gedanken und Empfindungen kaͤmpften in ihm, und der leichte Druck von Luciens Hand auf ſeinem Arm waͤre allein ſchon hinreichend geweſen, ſeine Auf⸗ merkſamkeit zu zerſtreuen und zu verwirren. Die Dunkelheit der Nacht, die friſche Aufregung, der geraubte Kuß, der noch auf ſeinem Munde brann⸗ te, die Erinnerung an Luciens fuͤr ihn ſo ſchmei⸗ chelhafte Bewegung bei ſeinem Geſpraͤche mit ihr in Mauleverers Landgut, die noch waͤrmere bet ihrer unwillkuͤhrlichen Umarmung, die noch durch jeden Nerven ſeines Koͤrpers zuckte— Alles das vereinigte ſich mit der wonnevollen Empfindung, die er jetzt in ihrer Nähe genoß, ihn zu berauſchen und zu entflammen. O dieſe brennenden Augen⸗ blicke in der Liebe, wenn die Schwaͤrmerei eben in Leidenſchaft hinubergeſchmolzen iſt, und ohne das Geringſte von ihrer wonnevollen Ueberſchwaͤng⸗ lichkeit zu verlieren, die Begeiſterung ihrer Traͤu⸗ me, mit den heißen Wuͤnſchen der irdiſchen Wirk⸗ lichkeit vermiſcht! Das iſt die Zeit, wo die Liebe ihren Hoͤhepunkt erreicht hat; wo alle Gefuͤhle, alle Gedanken, die ganze Seele und der ganze Geiſt hingeriſſen und von ihr verſchlungen ſind; wo jedes Hinderniß, in der andern Schaale gewo⸗ gen, leichter als Staub erſcheint; wo Entſagung auf den geliebten Gegenſtand das fuͤrchterlichſte und ſchwerſte Opfer iſt, und wo in ſo manchem Herzen, in welchem Ehre, Gewiſſen, Tugend weit ſtaͤrker ſind, als ſie in einem Verbrecher wie Clif⸗ ford vermuthlich je waren, wo Ehre, Gewiſſen, Tugend mit Einemmale und plotzlich vor dieſer mächtigen, unwiderſtehlichen Flamme zu Aſche verloderten. Der Diener, der fruͤher ſchon mußte Gelegenheit gefunden haben, ſich mit den Hertlichkeiten des Wirthshauſes, wovon er ſprach, bekannt zu ma⸗ chen, und der vielleicht mit ſeinem jüngſt erleb⸗ ten Schrecken ſo ziemlich durch die Hoffnung aus⸗ geſoͤhnt wurde, ſeine Bekanntſchaft mit den Gei⸗ ſtern der Vergangenheit zu erneuern, lenk⸗ te jetzt die Aufmerkſamkeit der Reiſenden auf eine kleine, gerade vor ihnen liegende Herberge. Der Herr Wirth hatte ſich noch nicht zur Ruhe begeben und ſie durften nicht zweimal anklopfen, bis die Thuͤre geoͤffnet ward. Ein helloderndes Feuer, eine dienſifertige gen b über eine Perſon, die ihm uͤber dem 140 Wirthin, ein theilnehmender Wirth, ein warmes Getraͤnke und das Verſprechen vortrefflicher Bet⸗ ten— Alles dieſes ſchien dem Squire ein reichli⸗ cher Erſatz fuͤr die Kunde, daß die Herberge nicht die Erlaubniß habe, Poſtpferde zu haiten, und als der Wirth verſprochen hatte, ſofort zwei kraf⸗ tige Burſche mit einem Strick und Karren-Pferd auszuſenden, um den Wagen unter ein Ob⸗ dach zu bringen—(denn der Squire hielt ſein Fuhrwerke in Ehren, weil es zwanzig Jahr alt war,) und überdieß das Geſchirr wieder herſtel— len zu laſſen, und die Pferde am andern Morgen bei guter Zeit bereit zu halten: da erhöhte ſich die gute Laune des Herrn Brandon zu wirklicher Frohllchkeit. Lucie verfugte ſich unter der ſchutzen⸗ den Obhut der Wirthin zur Ruhe und der Squire, der eine Bowle Viſchof getrunken und an Clifford tauſend neue Tugenden entdeckt hatte, namentlich die, daß er nie einen bei einer guten Geſchichte unterbrach, klopfte dem Capitaͤn auf die Schulter, verſprach ihm, die Herberge nicht zu verlaſſen, ohne ihn noch einmal geſprochen zu haben, und ſuchte dann auch auf ſeinem Kiſſen die Ruhe. Clifford blieb unten, ſtarrte noch eine Zeitlang zerſtreut ins Feuer, und erſt als ihn die ſchläfrige Kam⸗ mermagd dreimal erinnert hatte, daß fur ſein Bett ſey, begab er ſich auf ſein Zimmer. Auch beluchte, wie es ſcheint, ſeine Augen kein enn ein reicher Viehmäſter, der im Zim⸗ ihm lag, beklagte ſich am naͤchſten Mor⸗ Konfe b ngewandelt„in alen Arten von Schrit⸗ ten, alle Welt es für ein geſtiefeltes Ge⸗ ſen g aten haben wuͤrde.“ ——————— ——