1 — rr 5 5 5 eſe AEA Leihbibliothek Eduard Ottmann in Gießen. Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. .„ franz. od. engl. Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: ——.——— auf 6 Monat: 2 fl. 30 Kr. 2 fl.— Kr. 1 fl. 12 Kr. 3 3 1 22 tattathtthtdttttatattatotatatdtataratararat anhhhtopßheta -.*—— 2 9 rtrttat-ttrr ——— Aus dem Engliſchen. 6 Einhundertfünfundvierzigſtes bis einhundert- fünßigſtes Vändchen. Meine Novelle. Zwölftes bis ſiebenzehntes Bändchen. Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1853. Meine Movelle, oder 8. Wechſelformen im engliſchen Leben, von piſiſtratus Carton. Von Sir Edward Bulwer Lytton, Baronet. Aus dem Engliſchen von Dr. Carl Kolb. In ſiebenzehn Bändchen. Jwölftes bis ſiebenzehntes Bändchen. Stuttgart. Verlag der J. B Metzler'ſchen Buchhandlung. 1853. Meine Novelle, oder Wechſelformen im engliſchen Leben, von Piſiſtratus Carton. Gilftes PBuch. Einleitungskapitel. Wohlwollende Leute verfallen nicht ſelten auf die Grille, zu behaupten, daß Schlechtigkeit nothwendig eine Art von Wahnſinn ſey, und daß Niemand mit Gewalt ſich von der geraden Bahn losreiße, er werde denn zu einer ſolchen Un⸗ ordnung durch eine Biene in ſeinem Hut veranlaßt. Frei⸗ lich, wenn eine Perſon von viel Verſtand und guter Erzie⸗ hung, wie unſer Freund Randal Leslie, ſeine Handlungen auf den Grundſatz baut, daß„Schurkerei die beſte Politik ſey“, ſo fällt uns nothwendig auf, daß er in vielen Punkten etwas mit dem Wahnſinnigen gemein habe— zum Beiſpiel die Verſchmitztheit, die reizbare Unruhe und den argwöh⸗ niſchen Glauben, die ganze übrige Welt ſey gegen ihn ver⸗ ſchworen, weshalb er all ſeinen Witz aufbieten müſſe, ihre Anſchläge gegen ihn zu vereiteln und dieſelben ſo zu wenden, daß ſie zu ſeinem eigenen Vortheil und zu ſeiner Vergröße⸗ rung beitragen müſſen. Vielleicht denken einige meiner Leſer, in meiner Schilderung Randals ſeyen die Entwürfe zu weit hergeholt und ſeine Spekulationen zu fein und gedehnt. Und doch iſt dies gemeiniglich der Fall, wenn einmal ein ſehr ausgebildeter Verſtand darauf eingeht, den Schurken zu ſpielen. Es hilft dazu, vor dem eigenen Blick die Häß⸗ lichkeit des Ehrgeizes, dem man ſich hingibt, zu bemänteln, wie ja auch mancher Philoſoph in dem Scharfſinn eines me⸗ taphyſiſchen Proceſſes ſchwelgt, welcher zuletzt auf das hin⸗ ausläuft, was man im gemeinen Leben„Atheismus“ nennt, obſchon er ſich höchlich darüber entſetzen und gekränkt fühlen würde, wenn man ihn einen Atheiſten nennen wollte. Wie ich ſchon früher geſagt oder angedeutet habe: es wird uns einfältigen Leuten ſchwer, uns die Wonne vorzuſtellen, die ein ſchlaues Gehirn empfindet, wenn es ſeinen Scharfſinn kann ſpielen laſſen. Nachdem ich ſo viel über das„Natürliche“ in Randals Charakter vorausgeſchickt habe, muß ich eine Abſchweifung machen, um mit einigen Worten jene Triebfeder im menſch⸗ der un we ngen litik tkten ſpiel vöh⸗ ver⸗ ihre den, öße⸗ eſer, weit hut. ein rken äß⸗ eln, me⸗ hin⸗ nnt, hlen Wie uns die ſinn als ung ſch⸗ 1465 lichen Leben zu berühren, deren leidenſchaftliches Wirken in unſerem höflichen und civiliſirten Zeitalter ſelten ohne Maske vor unſer Auge tritt— ich meine den Haß. In den guten alten Tagen unſerer Vorväter, als noch einfache Sprache und derbe Hiebe in der Mode waren, der Mann ſein Herz auf der Zunge trug und vier Fuß ſcharfen Eiſens an ſeiner Seite klirrten, ſpielte der Haß eine ehrliche und offene Rolle auf dem Welttheater. Ja, wenn wir die Geſchichte leſen, ſo ſcheint er ſich ſogar breit gemacht zu haben auf der Bühne. Aber wo iſt jetzt der Haß?— Wo konnen wir ihm ins Geſicht ſehen? Iſt er in dieſem lächelnden, gutmüthigen Weſen, das dir im Vorbeigehen ſo herzlich die Hand drückt— oder in jener würdevollen, ſtattlichen Geſtalt, die dich ſeinen„ſehr ehrenwerthen Freund“ nennt? Erkennſt du ihn in dieſem ſich verbeugenden, dankbaren, gehorſamen Diener, oder in jener ſanftäugigen Amaryllis? Frage nicht — gib dein Rathen auf; du wirſt den Haß erſt kennen lernen, wenn das Gift ſchon in deinem Becher iſt oder der Dolch in deiner Bruſt ſteckt. In alten Zeiten hat phan⸗ taſtiſcher Humor den„Todtentanz“ gemalt; in unſerem fei⸗ nen Jahrhundert ſollte uns irgend ein Satyriker„den Mas⸗ kenball des Haſſes“ vorführen. Die entgegengeſetzte Leidenſchaft verräth ſich freilich dem Auge faſt auf den erſten Blick; denn die Liebe iſt ſelten eine Heuchlerin. Der Haß aber— wie entdecken wir dieſen und ſchützen uns gegen ihn? Er lauert, wo du ihn am wenigſten vermutheſt, wird durch Urſachen hervorgerufen, von denen du es am wenigſten erwarten würdeſt, und die 1466 Civiliſation vervielfältigt ſeine Schattirungen, während ſie zugleich die Bemäntelung begünſtigt. Denn die Civiliſation vermehrt die Zahl der widerſtreitenden Intereſſen und die Verfeinerung macht das zarte Häutlein Selbſtliebe nur um ſo empfindlicher ſelbſt gegen die leichteſte Reizung. Der Haß aber ſchlüpft auf Katzenpfötchen hervor aus irgend einem ſelbſtſüchtigen Intereſſe, dem wir in den Weg gekommen ſind, aus einer Eigenliebe, die wir verletzten, und wir Ein⸗ faltspinſel haben ſo oft nicht einmal eine Ahnung von un⸗ ſerer Verfehlung. Du kannſt gehaßt werden von einem Mann, den du in deinem Leben nie geſehen haſt, eben⸗ſo gut aber auch von dem, welchen du mit Wohlthaten über⸗ häufteſt. Du hüteſt dich vielleicht auf deinen Wegen, auch nur ein Würmchen zu kränken, mußt aber feſt in deinem Lehnſtuhl ſitzen bleiben, bis man dich in der Bahre hinaus⸗ trägt, wenn du ſicher davor ſeyn willſt, nicht auf eine Schlange von Feind zu treten. Doch, wenn es ſo iſt, was kann uns der Haß anhaben? Sehr oft bleiben ſeine Wirkungen vor der Welt ebenſo verborgen, als wir von ſeinem Vorhanden⸗ ſeyn keine Ahnung beſitzen. Aber möglich, daß er uns un⸗ verſehens trifft auf einem Nebenpfade unſeres Lebens, daß er hineingreift in das Geheimniß des Familienbands, daß er eine ſüße Hoffnung vereitelt, die wir keiner Seele ver⸗ traut haben; denn in dem Angenblick, in welchem die Welt wahrnimmt, daß es der Haß iſt, welcher uns verfolgt, ſo hat er auch ſeinen ſchlimmſten Stachel verloren. Wir haben vielerlei Namen für dieſelbe Leidenſchaft — Neid, Eiferſucht, Verachtung, Vorurtheil, Nebenhuh⸗ ler lic A] 8 Ti V nd ſie ſation d die rum Haß einem mmen Ein⸗ nun⸗ einem ben ſo über⸗ auch einem naus⸗ lange n uns n vor anden⸗ 18 un⸗ „ daß „ daß e ver⸗ Welt nſchaft enbuh⸗ 1467 lerei; aber ſie ſind nur eben ſo viele Bezeichnungen des näm⸗ lichen alten heidniſchen Dämons. Als der tödtliche Pfeil Apollo's die Peſt verbreitete unter den Achäern, lag dem Opfer nicht viel daran, ob der Gott Helios hieß oder Smintheus. Kein Menſch auf Erden, der dir je begegnet ſeyn mag, ſchien mehr über die boshafte Leidenſchaft des Haſſes erhaben zu ſeyn, als Audley Egerton. Selbſt in dem heißen Kampf der Politik hatte er kaum einen perſönlichen Feind, und im Privatleben ſtand er ſo fern von der ganzen übrigen Welt, daß ſie an ihn durch nichts anderes als durch die Wohlthaten erinnert wurde, welche er unter Vergeudung ſeiner Habe ausſtreute. Du würdeſt gelächelt haben bei dem Gedanken, daß der Haß irgend eines Menſchen dem ſtrengen, auf dem höchſten Gipfel der Achtung ſtehenden Staatsmann etwas ſollte anhaben können. Aber dieſe Leidenſchaft iſt eben ſo jetzt, wie zu allen Zeiten, eine nichtruhende Macht in den „Wechſelformen“ des Lebens, und trotz der Riegel an den Thüren und des Polizeidieners auf der Straße kann Nie⸗ mand ſich der Sicherheit ſeines Schlafes rühmen, ſo lang das Auge auch nur eines einzigen Feindes wacht. Zweites Kapitel. Die Herrlichkeit von Bondſtreet iſt nicht mehr. Der Titel eines Bondſtreet⸗Läufers gehört zu den verſchollenen. Vergebens drängen ſich dort Equipagen vor den funkelnden 1468 Kaufläden; der Ruhm von Bondſtreet lag in ſeinem Pflaſter und den Tretern deſſelben. Biſt du alt genug, o Leſer, dich des Bondſtreet⸗Läufers und ſeiner unvergleichlichen Genera⸗ tion zu erinnern? Ich für meinen Theil kann mir nur das Ende jener großartigen Aera ins Gedächtniß zurückrufen. Es ging mit ihr ſchon auf die Neige, als ich zum erſtenmal im Ehrgeiz meiner Knabenzeit über hohe Halsbinden und Wellingtonſtiefel Betrachtungen anzuſtellen begann. Aber die alten habitués— die magni nominis umbrae— die Zeitgenoſſen von Brummell in ſeinem Zenith— die guten Kumpane von Georg 1V. während ſeiner Regentſchaft— ſpukten noch immer auf dem Platz. Im heißen Monat Juni ſchlenderten ſie zwiſchen vier und ſechs Uhr ſtattlich hin und her, bereits traurigen Ausſehens— eine Vorbe⸗ deutung des Ausſterbens ihrer Race. Der Bondſtreet-Läufer ließ ſich ſelten allein blicken; er war ein geſelliges Thier und wandelte Arm in Arm mit ſeinem Nebenmann. Er ſchien nicht geboren zu ſeyn für die Sorgen jener roheren Periode, nicht geſchaffen für eine Zeit, in welcher Finsbury Vertreter ins Parlament ſchickt. Er liebte ſein kleines Ge⸗ plauder, und nie ſeitdem iſt ein Geplauder ſo angenehm klein geweſen. Der ächte Bondſtreet⸗Läufer hatte ein ſehr lockeres Ausſehen. Seine Jugend war unter Helden ent⸗ ſchwunden, welche die Flaſche liebten. Er ſelbſt hatte viel⸗ leicht mit Sheridan ſoupirt. Er war von Natur ein Ver⸗ ſchwender und drückte dies ſchon in der Eigenthümlichkeit ſeines Ganges aus. Leute, die Geld machen, ſchlendern ſelten, und ebenſowenig ſtolzirt derjenige, welcher ſich etwas flaſter „dich nera⸗ r das rufen. nmal tund Aber — die guten ft— Nonat ttlich orbe⸗ äufer Thier Er heren sbury Ge⸗ nehm ent⸗ viel⸗ Ver⸗ chkeit ndern twas 1469 zurücklegt. Aber das Schlendern und Stolziren vereinigte ſich zu dem Stempel des lockeren Vogels in dem Bond⸗ ſtreet⸗Läufer. Und wie vertraut er mit ſeinem eigenen Schlage war— wie unterhaltlich er die Naſe rümpfte gegen den gemeinen Reſt der Sterblichen, deren Geſichter in Bondſtreet fremd waren! Aber Er iſt dahin. Und obſchon die Welt trauert um ſeinen Verluſt, ſucht ſie doch, ſich ohne ihn zu behelfen; und unſere jungen Männer laufen heut zu Tage den Modellhütten nach oder neigen ſich zum Tracta⸗ rianismus— ich meine jene jungen Männer, welche ſo ruhig und harmlos ſind, wie die Bondſtreet⸗Läufer vor Alters— redeant Saturnia regna. Gleichwohl erſcheint noch jetzt der Platz dem weniger nachdenkſamen Beobachter voll Glanz und Regſamkeit. Doch iſt er eben eine Straße, keine Promenade. Und unten in dieſer Straße, einige Zeit vor der Stunde, zu welcher das Gewühl am ſtärkſten iſt, ſehen wir zwei Gent⸗ lemen vorübergehen, deren Ausſehen durchaus nicht im Ein⸗ klang ſteht mit der Oertlichkeit. Aber an Beiden bemerken wir die Miene von Männern, die zur Ariſtokratie halten— ein der alten Welt entnommener Anſtrich von Achtbarkeit und von Einfluß auf dem Lande in kirchlichen ſowohl als in Staatsangelegenheiten. Der Beleibtere von Beiden war ſogar ein beau in ſeiner Art. In der That hatte er ſich kleiden gelernt, als Bondſtreet noch auf der Höhe ſeines Glanzes und Brummell in ſeinem Stolze war. Seine Ge⸗ wandung trug noch den Schnitt ſeiner Jugend, obſchon das, welches ehedem auf die Hauptſtadt hindeutete, jetzt Zengniß ablegte von dem Leben auf dem Lande. Die dicke hohe — Halsbinde von ſchneeigem Weiß ſtach ſehr vortheilhaft ab gegen das glattraſirte Geſicht von klarer, blühender Farbe; der königsblaue Rock mit Knöpfen, in welchen man ſich wie in einem Spiegel betrachten konnte, war etwas leichtfertig über einem Bauche geſchloſſen, der ein heiteres mittleres Alter bekundete, frei von dem Ehrgeiz, der Habgier und den Aengſten, welche an den Londonern in ihren Papilloten nagen. Seine dunkelgrauen, um die Dickbeine weiten und am Knie knapp anliegenden Beinkleider waren von Brum⸗ mells höchſteigenem Hoſenſchneider verfertigt, und die dazu gehörigen Gamaſchen, welche hälftig über die Wade herauf⸗ liefen, zeugten von einem männlichen Dandyismus, welcher dem beau ideal von einem Grafſchaftsmitglied Ehre ge⸗ macht haben würde. Der Beruf von dem Begleiter dieſes Geutleman war unverkennbar— der Schaufelhut, der klerikaliſche Schnitt des Rockes, das Halstuch ohne Hemd⸗ kragen, deſſen Stelle die Bäffchen vertraten, und etwas ſehr Würdevolles, aber doch Mildes in der ganzen Miene dieſer Perſon— alles Das deutete auf einen Mann hin, in wel⸗ chem jeder Zoll der Gentleman und der Pfarrer war. „Nein,“ ſagte die ſtattlichere von dieſen beiden Per⸗ ſonen,„nein, ich kann nicht ſagen, daß mir Franks Ausſehen beſonders gefällt. Sicherlich hat er Etwas auf dem Herzen. Nun, ich denke, wir werden dieſen Abend Alles heraus⸗ kriegen.“ „Er ſpeist mit Euch in Eurem Hotel, Squire? Gut; aber Ihr müßt freundlich gegen ihn ſeyn. Wir können auf junge Schultern keine alten Köpfe ſetzen.“ jur B O au tig wi „ſ M det der pri nu ein der des ſpi der nie zu vg ſie ein ſor F t ab rbe; wie rtig eres den oten und rum⸗ dazu auf⸗ lcher ge⸗ ieſes der emd⸗ ſehr ieſer wel⸗ Per⸗ ſehen rzen. raus⸗ Gut; nauf 1471 „Ich habe nichts dagegen einzuwenden, daß ſein Kopf jung iſt,“ verſetzte der Squire,„möchte aber doch, daß er ein Bischen von Randal Leslie's geſundem Verſtand darin hätte. Ich ſehe voraus, wie es enden wird. Ich muß ihn wieder aufs Land hinaus nehmen, und fehlts ihm da an Beſchäf⸗ tigung— je nun, ſo kann er Jagdhunde halten, und ich will ihn auf Brooksby⸗Farm ſetzen.“ „Was die Jagdhunde betrifft,“ entgegnete der Pfarrer, „ſo machen dieſe auch Pferde nothwendig, und ich bin der Meinung, daß für lebhafte junge Leute mehr Unheil von den Ställen herrührt, als von irgend einem andern Platze der Welt. Man ſollte von der Kanzel gegen die Ställe predigen,“ fügte Mr. Dale gedankenvoll bei.„Man ſehe nur, was ſie Nimrod gelaſſen haben. Aber der Ackerbau iſt eine geſunde und edle Beſchäftigung; er ſtand in Ehren bei den heiligen Völkern und wurde von den größten Männern des elaſſiſchen Alterthums geliebt. Die Athener zum Bei⸗ ſpiel waren—“ „Was ſchnickſchnackt Ihr mir von den Athenern!“ rief der Squire unehrerbietig;„Ihr braucht Eure Beiſpiele nicht ſo 3 rhhe Für einen Hazeldean iſt es genug, zu wiſſen, daß ſein Vater, ſein Großvater und ſein Urgroß⸗ vater ſich vor mit Farmen abgaben, und ich ſtehe dafür, ſie machten ihre Sache ein gut Theil beſſer, als irgend einer von jenen muffigen alten Athenern, obſchon ich ihnen ſonſt nicht zu nahe treten will. So viel aber ſage ich Euch, Pfarrer— ein Mann, der ſich auf den Feldbau legt und auf 1472 dem Land lebt, ſollte ein Weib haben. Die halbe Schlacht iſt damit gewonnen.“ „Was die Schlacht betrifft, ſo darf ein verheiratheter Mann verſichert ſeyn, daß er ſeine Hälfte davon abkriegt, obſchon's nicht immer die beſſere iſt,“ erwiederte der Pfarrer, der heute in beſonders ſcherzhafter Stimmung zu ſeyn ſchien. „Ach, Squire, wie lieb wäre es mir, wenn ich glauben könnte, Mrs. Hazeldean habe Recht in ihrer Vermuthung. Ihr würdet dadurch die hübſcheſte Schwiegertochter kriegen in allen drei Königreichen. Und ich denke, wenn ich die junge Dame abſeits von ihrem Vater in die Mache nehmen könnte, ſo ließe ſich wohl der einzige Einwurf beſeitigen, den ich gegen die Heirath zu erheben habe. Dieſe papiſtiſchen Irrthümer—“ „Ah, ſehr wahr!“ rief der Squire.„Dieſen Pabſt kann ich mir nicht aus dem Kopf ſchlagen. Ich wollte nichts dagegen ſagen, daß ſie eine Ausländerin iſt und vielleicht keinen Schilling in der Taſche hat— Gott ſegne ihr ſchönes Geſicht!— aber die Bilder in ihrem Zimmer anzubeten, ſtatt in die Pfarrkirche zu gehen, das iſt einmal nichts. Meint Ihr alſo, Ihr könntet ihr den Pabſt ausreden und ſie in den Familienkirchenſtuhl hineinſchwatzen?“ „Ei, ich wollte auch ihrem Vater den Pabſt ausgeredet haben, wenn er nicht, als er mir kein Wort mehr zu er⸗ wiedern wußte, zum Fenſter hinausgeſprungen wäre. Die Jugend iſt der Erkenntniß ihrer Irrthümer zugänglicher.“ „Ich geſtehe,“ ſagte der Squire,„wir Beide, ich und Harry, hatten unſern Lieblingsplan, bis uns dieſes italie⸗ 14 niſche Mädchen den Kopf verwirrte. Ihr müßt nämlich wiſſen, wir hatten eine große Zuneigung zu Randals klei⸗ ner Schweſter gefaßt— ein ſo hübſches, erröthendes, engli⸗ ſches Geſichtchen, wie Ihr nur je eines geſehen habt. Und es ſchnitt Harry tief ins Herz, als ſie bemerkte, wie das Mädchen ſo vernachläſſigt wurde von ihrer einfältigen Mut⸗ ter, dieſer ewigen Unruhe. Das Haar hing dem armen Ding ganz zerzaust um die Ohren. Auch meinte ich, dies wäre eine ſchöne Art, Randal und Frank näher zuſammenzu⸗ bringen, und würde mich in die Lage ſetzen, auch Etwas für Randal ſelbſt zu thun, der ein guter Junge iſt und Ha⸗ zeldeanblut in ſeinen Adern hat. Aber Violante iſt ſo ſchön, und ich wundere mich nicht, daß Franks Wahl auf ſie fiel; tragen wir ſelbſt ja die meiſte Schuld, daß ſie als Kinder ſo viel zuſammenkamen. Gleichwohl würde es mich ſchwer ärgern, wenn Rickybocky den Schlauen geſpielt und das Caſino nur deßhalb im Stich gelaſſen hätte, um meinem Jungen eine Gelegenheit zu geben, mit ſeiner Tochter einen heimlichen Verkehr zu unterhalten.“ „Ich glaube nicht, daß dies Riccabocca gleichſieht. Eher wollte ich ihm zutrauen, er habe Reißaus genommen, um Frank die beſte Gelegenheit zur Bewerbung um Violante, falls ihm dieſe zuwider war, zu rauben. Denn wo konnte Euer Sohn mehr von ihr ſehen, als eben auf dem Caſino?“ Squire.—„Das iſt gut gegeben. In Anbetracht des Umſtandes, daß er nur ein ausländiſcher Doktor war und, wie wir uns denken können, mit einem Hanswurſt her⸗ umzog, iſt dieſer Rickybocky doch ein ganz gentlemaniſcher Bulwer, meine Novelle. 93 1474 Kerl. Ich ſpreche von den Leuten, wie ich ſie finde. Aber was iſt Eure Anſicht von Frank? Ich ſehe, Ihr glaubt zuletzt nicht einmal, daß er in Violante verliebt ſey. Heraus mit der Farbe, Mann; ſprecht offen.“ Pfarrer.—„Da Ihr ſo in mich drängt, will ich ge⸗ ſtehen, daß ich nicht an dieſe Liebe glaube; und ebenſo ergeht es Carry, die doch ſonſt in ſolchen Dingen ein gar ſcharfes Auge hat.“ Squire.—„Ach, geht mir mit Eurer Carry! Als ob ſie nur halb ein ſo gutes Auge hätte, wie meine Harry. Was Carry— Unſinn!“ Pfarrer(erröthend).—„Ich habe nicht Luſt, mich auf hämiſche Bemerkungen einzulaſſen; aber wenn Ihr meine Carry verächtlich behandelt, Mr. Hazeldean, ſo müßte ich kein Mann ſeyn, wenn ich nicht darauf erwiederte, daß—“ Squire(ihn unterbrechend).—„Ei, ſie iſt ein ganz gutes Weiblein; aber ſie mit meiner Harry zu vergleichen!“ Pfarrer.—„Ich vergleiche ſie nicht mit Eurer Harcy — vergleiche ſie überhaupt mit gar keiner Frau in England, Sir. Aber Ihr gerathet in Hitze, Mr. Hazeldean.“ Squire.—„Wer— ich?“ Pfarrer.—„Und die Leute ſehen Euch nach, Mr. Hazeldean. Um des Anſtandes willen nehmt Euch zuſammen, und ſprechen wir von etwas Anderem. Wir ſind eben bei dem Albany. Ich hoffe, daß wir den armen Capitän Higgin⸗ botham nicht in einem ſo gar üblen Zuſtand finden, als er — 1475 in ſeinem Briefe angedeutet hat. Ah⸗ iſt es möglich? Nein; es kann nicht ſeyn. Seht— ſeht doch!“ Squire.—„Wo— was— wo? Kneipt mich nur nicht ſo hart. Behüt mich Gott— ſeht Ihr einen Geiſt?“ Pfarrer—„Dort— den Schwarzen!“ Squire.—„Den Schwarzen! Wie— am hellen Tag? Unſinn!“ Hier machte der Pfarrer einen Satz vorwärts, faßte die fragliche Perſon, welche ihrerſeits Halt gemacht hatte und gleichfalls aufmerkſam das Paar betrachtete, am Arm und rief: „Sir, verzeiht mir; aber iſt nicht Euer Name Fairfield? Ah, es iſt Leonard— er iſt's— mein lieber, lieber Junge! Welche Freude! So verändert, ſo viel beſſer ausſehend, aber doch noch das nämliche ehrliche Geſicht! Squire, kommt her Euer alter Freund, Leonard Fairfield.“ „Und er wollte mich überreden, daß Ihr der Schwarze ſeyet,“ ſagte der Squire, Leonard herzlich die Hand ſchüttelnd. „Aber er hat in der That den ganzen Morgen gar wunder⸗ liche Launen und Mucken gehabt. Schön, Maſter Lenny; ei, Ihr ſeyd ja ganz ein Gentleman geworden! Die Welt hat's nicht übel mit Euch gemeint— he? Ich denke, Ihr ſeyb Obergärtner bei einem vornehmen Herrn?“ „Das nicht, Sir,“ verſetzte Leonard lächelnd;„aber zuletzt iſt die Welt mir günſtig geweſen, obſchon ſie mich anfänglich rauh genug umher rüttelte. Ah, Mr. Dale, Ihr glaubt es wohl kaum, wie oft ich an Euch und an Eure Belehrung über das Wiſſen dachte. Und was noch mehr 93* —— 1476 iſt, ich habe die Wahrheit Eurer Worte an mir ſelbſt erfah⸗ ren und Euch oft für die Lehre geſegnet.“ Pfarrer(gerührt und zugleich geſchmeichelt).—„Ich habe dies nicht anders von Euch erwartet, Leonard. Ihr ſeyd immer ein Junge von gutem Verſtand und geſundem Urtheil geweſen. Ihr ſeyd alſo wirklich meines kleinen Vor— trags über das Wiſſen eingedenk geblieben— iſt's wahr?“ Squire.—„Zum Henker mit dem Wiſſen. Das Wort iſt mir verhaßt. Es hat mir drei Heumieten nieder⸗ gebrannt— die ſchoönſten, welche Ihr jemals geſehen habt, Mr. Fairfield.“ Pfarrer.—„Das war nicht das Wiſſen, Squire, ſondern die Unwiſſenheit.“ Squire.—„Unwiſſenheit! Der Teufel war's. Ich will mich auf Euch berufen, Mr. Fairfield. Im Shire hat's traurige Tumulte gegeben, und der Rädelsführer war juſt ſo ein Junge, wie Ihr einer geweſen ſeyd.“ Leonard.—„Ich bin Euch ſehr verbunden für dieſe gute Meinung, Mr. Hazeldean. In welcher Beziehung?“ Squire.—„Je nun, er war ein Dorfgenie und las immer ſo verwünſchte kleine Traktätlein. Dies machte ihn mächtig unzufrieden mit König und mit dem Ober⸗und Unter⸗ haus, glaub' ich, und er fing an, Reden zu halten über die Bedrückung der Armen und die Verbrechen der Reichen, bis eines Tags, bei Jove, der ganze Pöbelhaufen mit Miſt⸗ gabeln und Sicheln ſich erhob; und ratſch ging's dann her über Farmer Smarts Dreſchmaſchinen, und in derſelben Nacht wurden meine Heumieten niedergebrannt. Wir ha⸗ 1477 ben die Spitzbuben eingefangen, und es iſt ihnen ihr Recht geworden; aber die armen verblendeten Taglöhner ließ man nach kurzer Haft wieder los. Das Dorfgenie hat man, dem Himmel ſey Dank, nach Botany⸗Bay eingepackt.“ Leonard.—„Aber haben ihn ſeine Bücher gelernt, Heumieten zu verbrennen und Maſchinen zu zerſtören?“ Pfarrer.—„Nein; er ſagte gerade das Gegentheil und erklärte, daß er mit dieſen Unthaten nichts zu ſchaffen gehabt habe.“ Squire.—„Aber er wurde überwieſen, daß er durch ſeine wilden Reden die Hallunken, welche es thaten, aufge⸗ reizt hatte. Alle Hagel, Sir, es gab einmal einen heuchle⸗ riſchen Quäcker, welcher zu ſeinem Feind ſagte: Ich kann dein Blut nicht vergießen, Freund, aber ich will dir den Kopf ſo lang unters Waſſer halten, bis du erſoffen biſt. Und ſo gibt es einen Haufen von demagogiſchen Spitzbuben, welche in der Welt herum ſchreien: Der Farmer So iſt ein Leuteſchinder und der Squire So iſt ein Blutſauger! Aber nur keine Gewalt! Schont ihre Maſchinen und ihre Heu⸗ mieten! Moraliſche Kraft, und Fluch über alle Tyrannen!“ Gut; wenn nun der arme Taglöhner denkt, die moraliſche Kraft liege in ſeinem Arm, und die Empfehlung ſey rück⸗ wärts zu leſen, wie es der Teufel mit dem Vaterunſer macht, ſo möchte ich doch wiſſen, welcher von Beiden nach Botany⸗ Bay auszuwandern verdient— der Taglöhner, welcher wie ein Mann einherkömmt, wenn er meint, es ſey ihm Un⸗ recht geſchehen, oder der andere ſchleichende Hallunke, der 1478 ſein Wiſſen dazu benützt, ſich ſelbſt aus der Klemme zu ziehen.“ Pfarrer.—„Ihr mögt da wohl Recht haben. Als ich den armen Burſchen mit ſeinem verſtändigen Geſicht vor den Gerichtsſchranken ſah und ſeine kühne, klare Ver⸗ theidigung hörte— als ich mir dabei vergegenwärtigte, durch wie viele ſchwere Kämpfe er ſich ſein Wiſſen errungen und zu welchem Ende es geführt hatte, weil er vergaß, daß das Wiſſen ein Feuer iſt, welches nicht in den Flachs ge⸗ worfen werden darf— da hätte ich meine rechte Hand darum geben mögen, wenn ich ihn hätte retten können. Und v Squire, erinnert Ihr Euch noch des Schrei's der Ver⸗ zweiflung, den ſeine arme Mutter ausſtieß, als er zur D portation für Lebensdauer verurtheilt wurde? Er tngt mir noch in den Ohren. Und könnt Ihr Euch wohl denken, was ihn ſo weit gebracht hat? An all dieſem Unheil war nichts ſchuldig, als der Sack des Keſſelflickers. Ihr werdet Sprott nicht vergeſſen haben?“ Leonard.—„Der Sack des Keſſelflickers!— Spiott!“ Squire.—„Dieſem Schurken, Sir, war am ſchwer⸗ ſten beizukommen, denn er hatte alle die Tücken und Ränke eines Old Bailey Advokaten los. Gleichwohl iſt es uns ge⸗ lungen, es ihm heimzugeben. Herr Je! ſein Sack war ge⸗ pfropft voll mit Traktaten gegen Jedermann, der einen guten Rock auf dem Leib hatte; und als ob's daran noch nicht genug wäre, führte er brüderlich neben den Traktätlein Zündhölzchen mit ſich, die nach einem neuen Princip an— gefertigt waren, um meine Henmieten die Theorie der Selbſtverbrennung zu lehren. Die Taglöhner kauften die Zündhölzchen—“ Pfarrer.—„Und das arme Dorfgenie kaufte die Traktätlein.“ Squire.—„Die alle zur Aufſchrift hatten— Beleh⸗ rung der arbeitenden Klaſſen, daß Wiſſen Macht iſt.“ Ich hatte alſo Recht, wenn ich ſagte, das Wiſſen habe mir meine Mieten niedergebrannt; denn es entzündete das Dorf⸗ genie, dieſes entzündete noch unwiſſendere Kerle als er war, und dieſe zündeten mir meine Heuvorräthe an. Dafür ſind jetzt Zündhölzchen, Traktätlein, Dorfgenie und Eprott— alle miteinander nach Botany⸗Bay ausgewandert, und die Grafſchaft iſt um deſſen willen nicht übler daran— im Ge⸗ gentheil. Bleibt mir deshalb mit Eurem Wiſſen vom Leibe — nichts für ungut, Mr. Fairfield. Und es waren oben⸗ drein noch ſo ſchöne Heumieten! Wahrhaftig, Pfarrer, Ihr ſeht mir aus, als hättet Ihr ſogar mit Sprott Mitleid, und wenn's mir recht iſt, ſah ich Euch mit ihm flüſtern, als er aus dem Gerichtshof abgeführt wurde.“ Pfarrer(mit linkiſch verlegener Miene).—„Habt Ihr's geſehen, Squire? Ach, ich fragte ihn nur, was aus ſeinem Eſel geworden ſey. Ein harmloſes Geſchöpf.“ Squire.—„Harmlos? Eine Beſtie, die mich auf meinem eigenen Dorfraſen mitten in ein Diſtelbeet hinein warf? Oh, das vergeſſe ich nie. Nun, und er ſagte es Euch? Was iſt aus dem Eſel geworden?“ Pfarrer.—„Er antwortete nur mit einem einzigen Wort; aber darin zeigte ſich die ganze Schlechtigkeit ſeines 1480 Charakters. Dazu begleitete er es mit einem ſo ſchrecklichen Blinzeln, daß mir das Blut eiskalt durch die Adern lief. Was iſt aus Eurem Eſel geworden? fragte ich, und er ant⸗ wortete—“ Squire.—„Fahrt fort. Er antwortete—“ Pfarrer.—„Würſte.““ Squire.—„Würſte! Das ſieht ihm gleich; und verkaufte ſie an die Armen— was Wunder nun, wenn es ſoweit mit ihnen kommt, daß ſie ſolchen revolutionirenden Hallunken Gehör ſchenken. Würſte! Eſelswürſte!—(Er ſpuckt aus.)—'s iſt eben ſo ſchlimm, als wenn Einer ſeinen Nächſten aufzehrte— vollkommener Kanibalismus.“ Leonard, welchen die Geſchichte Sprotts und des Dorf⸗ genie's in eine ernſte, nachdenkſame Stimmung verſetzt hatte, drückte jetzt dem Pfarrer die Hand und bat ihn um die Er— laubniß, ihn beſuchen zu dürfen, eh' er London verließe. Er wollte ſich eben entfernen, als der Mr. Dale ihn ſanft mit den Worten zurückhielt: „Nein; geht noch nicht, Leonard— ich habe Euch ſo viel zu fragen— ſo viel mit Euchzu reden. Ich werde bald freie Zeit haben. Wir wollen eben bei einem Ver⸗ wandten des Squire einen Beſuch machen; ich bin überzeugt, Ihr erinnert Euch ſeiner— Kapitän Higginbotham— Bar⸗ nabas Higginbotham. Er iſt ſehr übel daran.“ „Und ſicherlich wird er es für einen Liebesdienſt anſehen, wenn Ihr auch mitkommen wollt,“ ſagte der Squire mit großer Gutmüthigkeit. 1481 Leonard.—„Wäre dies nicht eine allzugroße Freiheit, Sir?“ Squire.—„Freiheit? Wenn man einen armen kran⸗ fen Gentleman fragt, wie es ihm geht? Unſinn! Und viel⸗ leicht, Sir— denn ohne Zweifel haltet Ihr Euch in London auf und wißt mehr von den neumodiſchen Geſchichten, als ich— vielleicht könnt Ihr mir ſagen, ob's Quackſalberei iſt oder nicht— ich meine, die neue Art, an den Leuten zu doktern?“ „Welche neue Art, Sir!— es gibt ihrer ſo viele.“ „So? Darum ſehen die Leute in London alle ſo krank aus? Aber mein armer Vetter— er war nie ein Salomon — iſt, wie er ſagt, an einen gerathen— an einen Homy — Homeh— wie heißt das Wort, Pfarrer?“ Pfarrer.—„Homövpathiker.“ Squire.—„Richtig. Ihr müßt nämlich wiſſen, der Kapitän zog zu einem gewiſſen Sharpe Currie, einem Ver⸗ wandten, der viel Geld hatte und ſehr wenig Leber— machte ſich das eine und ließ dafür die andere in Indien— Ihr ver⸗ ſteht. Der Kapitän hatte A usſichten auf das Geld. Sehr natünlich, darf ich ſagen; aber alle Wetter, Sir, wie meint Ihr wohl, daß es ging? Sharpe Currie hat ihm dafür gethan! Wollte nicht ſterben, Sir— kriegte ſeine Leber wieder, und der Kapitän verlor die ſeinige. Die ſeltſamſte Geſchichte, die Ihr je gehört habt. Und dann ſchickte der undankbare alte Nabob den Kapitän fort und ſagte, er könne keinen Invaliden um ſich brauchen. Und jetzt 1482 will er heirathen und kriegt ohne Zweifel noch Kinder dem Dutzend nach!“ Pfarrer.—„Mr. Currie hatte in einem der deut⸗ ſchen Bäder ſeine Geſundheit wieder erlangt, und da er die ſelbſtfüchtige Unmenſchlichkeit beging, gleichzeitig mit ſich die ganze Brunnenkur auch den Kapitän durchmachen zu laſſen, ſo fügte ſich's, daß das nämliche Waſſer, welches Mr. Currie's Leber herſtellte, die des Kapitän Higginbotham zu Grunde richtete. Ein engliſcher homöopathiſcher Arzt, welcher ſich an demſelben Kurort aufhielt, hat den Kapi⸗ tän hieher begleitet und verſpricht ihm, er wolle ihn mit Decilliontheilen der chemiſchen Stoffe, welche ſich in dem Waſſer befänden, das ihn krank machte, wieder herſtellen. Kann an einer ſolchen Theorie etwas Wahres ſeyn?“ Leonard.—„Ich kannte einmal einen ſehr tüchtigen, obſchon überſpannten Homöopathiker und bin geneigt, zu glauben, daß Etwas an dem Syſtem iſt. Mein Freund ging nach Deutſchland und iſt vielleicht dieſelbe Perſon, welche den Kapitän behandelt. Darf ich um ſeinen Namen fragen?“ Squire.—„Vetter Barnabas hat ihn nicht ge⸗ nannt; aber Ihr könnt ihn ſelbſt fragen, denn wir ſind hier an ſeiner Wohnung. He, Pfarrer—(mit ſchlauem Flü⸗ ſtern)— wenn eine kleine Doſis von dem, was den Kapitän krank gemacht hat, ihn wieder heilen ſoll, meint Ihr nicht, das paſſende Ding würde— ein Legat ſeyn? Ha! ha!“ Pfarrer(welcher verſucht, nicht zu lachen).—„Böst! — ——— it⸗ ich Squire. Arme Menſchennatur. Wir müſſen nachſichtig ſeyn gegen ihre Schwächen. Kommt mit, Leonard.“ Levnard, der begierig war, zu erfahren, ob ihn hier nicht vielleicht der Zufall mit Doctor Morgan zuſammen⸗ führte, entſprach der Einladung und folgte mit ſeinen bei⸗ den Begleitern der Weibsperſon, welche„den Kapitän und ſeine Wohnung beſorgte,“ über die kleine Flur nach dem Ge— mach, in dem ſich der Leidende befand. —————————— Drittes Kapitel. Wie geneigt auch der Squire geweſen ſeyn mochte, ſich auf Koſten ſeines Vetters luſtig zu machen, verging ihm doch alle Heiterkeit, ſobald er das leidende Geſicht und die abgezehrte Geſtalt des Kapitäns zu Geſicht bekam. „Es iſt ſehr gütig von Euch, daß Ihr nach London fommt, um mich zu beſuchen— ſehr gütig von Euch, Vetter — und auch von Euch, Mr. Dale. Wie gut ihr Beide ausſeht. Ich dagegen bin ein klägliches Wrack. Ihr könnt jeden Knochen an meinem Leibe zählen.“ „Hazeldeaner Luft und Roaſt Beef wird Euch bald wieder auf die Beine helfen, mein Junge,“ ſagte der Squire freundlich.„Ihr ſeyd ein großer Eſel geweſen, daß Ihr ſie verlaſſen habt— und dann dieſe gemächlichen Zimmer in dem Albany!“ „Sie ſind gemächlich, obſchon nicht prunkhaft,“ ver⸗ ſetzte der Kapitän mit Thränen in den Augen.„Ich habe 1484 mein Veſtes gethan, ſie gemächlich zu machen. Neue Tep⸗ piche— ſogar dieſer Seſſel—(Marocco!)— dieſe japa⸗ neſiſche Katze(hält Toaſt und Semmeln)— juſt als— juſt als—(der Kapitän konnte jetzt ſeine Thränen nicht mehr zurückhalten und wimmerte laut hinaus)— juſt als jener undankbare, ſchnödherzige Mann mir ſchrieb, er ſey— ſey todtkrank und allein in der Welt; und— und— zu denken, was ich mit ihm durchzumachen hatte— und mich ſo zu be⸗ handeln. Vetter William, er iſt wieder eben ſo geſund ge⸗ worden, wie Ihr, und— und—“ „Nur nicht verzagt— faſſet guten Muth!“ rief der theilnehmende Squire.„'s iſt freilich ein harter Schlag für Euch— ich geſtehe dies; aber Ihr ſeht, wie's im alten Sprichwort heißt, es iſt nicht gut warten auf todter Leute Schuhe. Und in Zukunft— nehmt mir's nicht übel— aber ich denke, wenn Ihr weniger auf die Lebern Eurer Ver⸗ wandten rechnen würdet, ſo dürfte Eure eigene viel beſſer fahren. Nichts für ungut!“ „Vetter William,“ verſetzte der arme Kapitän,„ich habe ſicherlich nie gerechnet; aber dennoch, wenn Ihr das ausgemergelte Geſicht dieſes hinterliſtigen Mannes geſehen hättet— ſo gelb wie eine Guinee— und durchgemacht hättet, was ich durchgemacht habe, ſo würde es Euch eben ſo gut einen Stich durch's Herz gegeben haben, wie mir. Ich haſſe den Undank— habe ihn nie leiden können. Doch was vergangen iſt, iſt vergangen. Will der Gentleman dort nicht einen Stuhl nehmen?“ Pfarrer.—„Mr. Fairfield iſt ſo gütig geweſen, u de ke — —„„ e 7r„ 1485 uns zu begleiten, weil er etwas von der Heilmethode weiß, der Ihr Euch hingegeben habt, und vielleicht den Arzt kennt.“ Kapitän(auf ſeine Uhr ſehend).—„Dies erinnert mich“(er verſchluckt ein Kügelchen).„Eine große Erleich⸗ terung, dieſe kleinen Pillen— nach dem Waſſer, das ich jenem boshaften Mann zu Gefallen verſchluckte. Er hat immer das Doctorzeug zuerſt an mir probirt, eh' er es ein⸗ nahm. Aber es gibt eine andere Welt und eine ge⸗ rechtere!“ Nach dieſem frommen Schluß fing der Kapitän auf's Neue zu weinen an. „'s fehlt da,“ murmelte der Squire, indem er mit dem Zeigefinger an die Stirne deutete.„Ihr ſcheint eine gute und hurtige Art von Pflegerin zu haben, Vetter Barnabas. Ich hoffe, ſie iſt gefällig und dienſifertig; laßt's Euch alſo nicht ſo anfechten.“ „Bst!— ſprecht mir nicht von ihr. Alles fröhneriſch — nur feiles Schmeicheln! Würdet Ihr's wohl glauben? Ich gebe ihr zehn Schillinge wochentlich und Alles, was von meinen Putterſchnitten und Semmeln übrig bleibt; und doch hörte ich die Metze zu der Wäſcherin ſagen, ich könne es nicht lange mehr treiben, und ſie habe— Ausſichten? Ach, Mr. Dale, wenn man an die Sündhaftigkeit denkt, die hier in dieſem Leben herrſcht! Doch ich will nicht an ſie denken. Nein— ich will nicht daran denken. Sprechen wir von etwas Anderem. Ihr habt nach dem Namen meines Doktors gefragt? Er iſt—“ 1486 Jetzt riß das Frauenzimmer mit Ausſichten' die Thüre auf und meldete plötzlich— „Doctor Morgan.“ Viertes Kapitel. Der Pfarrer ſprang auf und Leonard that desgleichen. Der Homöopathiker achtete zuerſt auf keinen von Bei⸗ den. Mit einer achtloſen Verbeugung gegen die Beſucher, ging er geradenwegs auf den Kranken zu und fragte: „Wie ſteht's mit den Symptomen?“ Der Kapitän begann ſodann zu berichten und that dies ungefähr in dem Ton, in welchem ein Schulknabe die Auf⸗ zählung der Schiffe im Homer herſagt. Er hatte augen⸗ ſcheinlich die Symptome ſtudirt und auswendig gelernt. Da war in ſeiner anatomiſchen Organiſation, ſoweit nämlich der Kapitän dieſelbe kannte, kein Winkel und kein Eckchen, aus welchem er nicht ein oder das andere Symptom hervor⸗ holte und zu Tage förderte. Der Squire horchte mit Ent⸗ ſetzen auf dieſes Krankheitsinventar und murmelte bei jeder ſchrecklichen Pauſe:„Gott behüt— Gott behüt mich! Wie, noch immer nicht fertig? Da wäre ja der Tod die allerglück⸗ lichſte Erlöſung!“ Der Doctor hatte mittlerweile mit bei ſpielloſer Geduld der Aufzählung Gehör geſchenkt und auf die Blätter ſeines Notizenbuchs alle Punkte verzeichnet, da er für die hervorſpringendſten Spitzen dieſer Krankheits⸗ ü K 9 1487 feſtung, vor welcher er als Belagerer ſtand, zu halten ſchien. Dann zog er ein kleines Papierchen heraus und ſagte: „Vortrefflich— nichts kann beſſer ſeyn: dies muß in acht Eßlöffel voll Waſſer aufgelöst und alle zwei Stun⸗ den ein Löffel voll genommen werden.“ „Ein Eßlöffel voll?“ „Ein Eßlöffel voll.“ „Nichts könne beſſer ſeyn, habt Ihr geſagt, Sir?“ nahm jetzt der Squire das Wort, der in ſeinem Erſtaunen über dieſe Verſicherung, welche ſich übrigens nur auf den Krankheitsbericht bezog, und bisher wie auf Kohlen geſeſſen hatte.„Nichts könne beſſer ſeyn 26 „Für die Diagnoſe,“Sir!“ verſetzte Dortor Morgan. „Was, Dicknaſe— ſehr möglich für das,“ entgegnete der Squire;„aber für die Innenſeite von Vetter Higgin⸗ botham könnte es nichts Schlechteres geben.“ „Ihr ſeyd im Irrthum, Sir,“ erwiederte Doctor Mor⸗ gan.„Es iſt nicht der Kapitän, der hier ſpricht, ſondern ſeine Leber. Die Leber, Sir, iſt, wenn ſchon ein edles, ſo doch auch ein ſehr einbildungsvolles Organ und trägt ſich mit den außerordentlichſten Fiktionen. Poeſie, Liebe und Eiferſucht ſitzen in der Leber. Ihr habt gar keine Vorſtel⸗ lung, welche Lügnerin ſie iſt! Aber— ahem— ahem! Gott— ich glaube, ich habe Euch ſchon früher geſehen, Sir. Iſt Euer Name nicht Hazeldean?“ * Hier ein unüberſetzliches Wortſpiel. For the diagnosis(für die Diagnoſe). Der Squire verſteht kor dogs' noses(für Hunds⸗ naſen). Die Schärfe geht natürlich in der Uebertragung verloren. 1488 „William Hazeldean, aufzuwarten, Doctor. Aber wo könnt Ihr mich geſehen haben?“ „Auf der Wahltribüne zu Lansmere. Ihr hieltet eine Rede zu Gunſten Eures ausgezeichneten Bruders, des Mr. Egerton.“ „Zum Henker damit!“ rief der Squire;„ich denke, es muß meine Leber geweſen ſeyn, die damals geredet hat; denn ich verſprach den Wählern, daß dieſer mein Halbbruder ſich um die Intereſſen des Landbeſitzes annehmen würde. In meinem Leben nie iſt mir eine größere Lüge über die Lippen gekommen!“ Jetzt erinnerte ſich der Patient, welcher wohl fürchten mochte, er dürfte durch Aufzählung der von dem Squire er⸗ littenen Kränkungen und wahrſcheinlich auch durch Wieder⸗ aufwärmung der ganzen Geſchichte ſeines Duells mit Ka⸗ pitän Daſhmore gelangweilt werden, der übrigen Beſuche und ſagte, indem er ſich mit einer matten Handbewegung umwandte: „Hier iſt noch ein anderer Freund von mir, Doctor, Seiner Ehrwürden, Mr. Dale— und ein Gentleman, der mit der Homöopathie bekannt iſt.“ „Dale?— wie, noch mehr alte Freunde!“ rief der Doctor, ſich erhebend. Und der Pfarrer trat etwas widerſtrebend aus der Fenſterniſche hervor, in welche er ſich zurückgezogen hatte. Mr. Dale und der Homöopathiker ſchüttelten ſich die Hände. „Wir haben uns ſeiner Zeit bei einem ſehr traurigen Anlaß kennen gelernt,“ ſagte der Doetor mit Gefühl. bli ni de ine Rr. es at; der In pen 1485 Der Pfarrer hielt den Finger an ſeine Lippen und blickte auf Leonard. Der Doctor betrachtete den Jüngling mit großen Augen, erkannte aber in der Geſtalt vor ihm nicht den ſchmächtigen, von Sorge abgehärmten Knaben, den er bei Prickett untergebracht hatte. Erſt Leonards Lã⸗ cheln und ſeine Stimme führten die Erkennung herbei. „Gott— und es iſt wirklich der Knabe!“ rief Doctor Morgan, erwiſchte Leonard am Kragen und umfing ihn mit einer liebevollen waleſiſchen Umarmung. In der That war er durch dieſe verſchiedenen Ueber⸗ raſchungen in eine ſolche Aufregung gerathen, daß er inne hielt und ein Kügelchen hervorholte, welches er mit den Worten verſchluckte: „Aconit— gut gegen Nervenerſchütterungen.“ „Alle Hagel!“ rief der Squire mit großem Erſtaunen; „dies iſt der erſte Doctor, den ich ſeine eigene Mediein ver⸗ ſchlucken ſehe!'s muß doch etwas an der Sache ſeyn!“ Der Kapitän, welcher ſich höchlich darüber ärgerte, daß man ſeinem eigenen Fall keine Aufmerkſamkeit mehr ſchenkte, fragte jetzt mit verdrießlicher Stimme: „Und wie iſt es mit der Diät? Was empfehlt Ihr mir zum Diner?“ „Einen Freund,“ verſetzte der Doctor, ſich die Augen wiſchend. „Donnerwetter!“ rief der Squire, ſich zurückziehend; „wollt Ihr damit ſagen, Sir, daß die britiſchen Geſetze — ſie ſind freilich in letzter Zeit viel verändert worden— Bulwer, meine Novelle. 94 Euch geſtatten, Eure Patienten mit ihren Nebenmenſchen zu füttern? Ei, Pfarrer, dies iſt noch ſchlimmer, als die Eſelswürſte.“ „Sir,“ entgegnete Doctor Morgan ernſt,„ich will damit ſagen, daß wenig daran liegt, was wir eſſen, wenn wir geeignete Sorgfalt darauf verwenden, mit wem wir eſſen. Es iſt beſſer, mit einem Freund ein wenig über die Schnur zu hauen, als die ſtrengſte Diät einzuhalten und ſeine Mahlzeit allein einzunehmen. Heitere Unterhaltung fördert die Verdauung und iſt unerläßlich bei Leiden der Leber. Ich zweifle nicht, Sir, daß es die angenehme Geſellſchaft meines Patienten war, was ſeinem leberkranken Verwandten Sharpe Currie wieder zu ſeiner Geſundheit verhalf.“ Der Kapitän ächzte laut. „Wenn deshalb einer von Euch Gentlemen hier bleiben und an Mr. Higginbothams Diner theilnehmen will, ſo wird dies die Wirkungen ſeiner Arznei ſehr unterſtützen.“ Der Kapitän richtete einen flehenden Blick zuerſt auf ſeinen Vetter und dann auf den Pfarrer. „Ich muß mit meinem Sohn ſpeiſen— thut mir ſehr leid,“ ſagte der Squire.„Aber Dale hier—“ „Wenn er ſo freundlich ſeyn will,“ nahm der Kapitän das Wort,„ſo können wir uns den Abend mit einer Partie Whiſt verkürzen— zwei Blinde.“ Nun hatte ſich der arme Mr. Dale ſchon darauf gefreut, mit einem alten Univerſitätsfreund zu diniren und ſtatt eines einfältigen, proſaiſchen Spiels mit zwei Blinden, in welchem man mit Niemand ſchmälen kann, einen regelrechten bril in S zan Hel — 2 nſchen ls die will wenn nwir er die mund ltung Leber. ſchaft ndten leiben ll, ſo ſt auf ſehr pitän artie freut, ſtatt t, in chten orthodoren Rubber zu machen, der Einem das Vergnügen in Ausſicht ſtellt, mit allen drei Mitſpielern ſich herum zu zanken. Aber da ſein ruhiges Leben ihm nicht geſtattete, ein Held in großen Dingen zu ſeyn, ſo hatte er ſich vorgenom⸗ men, dieſe Rolle im Kleinen zu ſpielen, und ging deshalb, obſchon mit einer Jammermiene, auf die Einladung des Ka⸗ pitän ein, indem er verſprach, um ſechs Uhr wieder herzu⸗ fommen. Vorher mußte er die Stadt von einem Ende bis zum anderen durcheilen und die frühere Uebereinkunft abſa⸗ gen. Er gab geonard ſeine Karte mit der Adreſſe eines kleinen, ruhigen Familienhotels und verabſchiedete ſich mit einem Blicke auf Doctor Morgan, welcher lange nicht ſo freundlich war, wie früher, eh' der Arzt ein ſo unwillkom⸗ menes Rezept verordnet hatte. Auch der Squire, der nach einem neuen Butterfaß zu ſehen und unterſchiedliche Aufträge für ſeine Harry zu beſorgen hatte, ging ſeines Wegs, nach⸗ dem ihm zuvor durch den Doctor verſichert worden war, daß der Kapitän ſchon in wenigen Wochen ohne weiteres Ge⸗ fährde nach Hazeldean geſchafft werden könne; und Leonard war im Begriff, ihm zu folgen, als Morgan den Arm ſeines Schützlings faßte und zu ihm ſagte: „Wir haben noch allerlei miteinander zu plaudern. Namentlich müßt Ihr mir Alles erzählen, was Ihr von je⸗ nem kleinen, verwaisten Mädchen wißt.“ Leonard konnte ſich das Vergnügen nicht verſagen, von Helen zu ſprechen, und ſtieg in den Wagen, welcher vor der Thüre auf den Homöopathiker wartete. „Ich fahre ein Paar Meilen auf's Land hinaus, um 94* nach einem Patienten zu ſehen,“ ſagte der Doctor.„Wir haben alſo Zeit, ungeſtört mit einander zu reden. Ich hätte oft wiſſen mögen, was aus Euch geworden iſt. Da Prickett nichts von ſich hören ließ, ſo ſchrieb ich ihm und erhielt eine Antwort, ſo trocken wie ein Knochen, von ſeinem Erben. Der arme Burſche— ich fand, daß er ſeine Kügelchen vernachläſſigt hatte, und darüber mußte er die Erdkugel verlaſſen. Ach— pulvis et umbra sumus! Ich konnte nichts mehr von Euch erfahren. Pricketts Nachfolger erklärte, daß er nicht wiſſe, was aus Euch geworden ſey. Ich hoffte das Beſte, denn ich hielt Euch immer für einen Menſchen, der auf die Beine fallen würde— gallichtnervöſes Tem⸗ perament. So ſind die Menſchen, denen ihre Unterneh⸗ mungen glücken, namentlich wenn ſie einen Löffel voll Cha⸗ momilla einnehmen, ſo oft ſie ſich überreizt fühlen. Doch jetzt Eure Geſchichte und die des kleinen Mädchens— allerliebſtes kleines Ding— habe nie eine Conſtitution geſehen, die ſo empfänglich und paſſend geweſen wäre— für Pulsatilla.“ Leonard erzählte in Kürze, welche Kämpfe er durchzu⸗ machen hatte, bis ein günſtigerer Stern für ihn aufging, und theilte dem guten Doctor mit, wie ſie endlich den Edelmann aufgefunden hätten, auf welchen der arme Kapitän Digby ſein Vertrauen ſetzte, und deſſen Sorgfalt für die Waiſe die⸗ ſes Vertrauen ſo ſchön gerechtfertigt hatte. Doetor Morgan machte große Augen, als er den Na⸗ men„Lord LEstrange“ hörte. „Ich erinnere mich ſeiner noch recht gut aus der Zeit, als ich in Lansmere noch die allopathiſche Mordpraxis übte,“ ſagt Gril einer nen Wal auch Fan Mu raſe dan ten haf Ha geſ der Un ſch we H S er L* „Wir hätte tickett rhielt rben. lchen kugel onnte ärte, offte chen, Lem⸗ neh⸗ Cha⸗ jetzt bſtes e ſo 1493 ſagte er.„Aber zu denken, daß dieſer wilde Junge, ſo voll Grillen, Leben und Geiſt, geſetzt genug werden würde, um geben für das liebe kleine Kind mit ſei⸗ einen Vormund abzus nen ſchüchternen Augen und ſeiner Pulſatillaempfänglichkeit! Und er hat ſich Wahrhaftig, die Wunder hören nie auf. auch mit Euch befreundet, ſagt Ihr? Ah, er kennt Eure Familie.“ „So ſagt er. Meint Ihr, Sir, daß er je— meine Mutter ſah oder lannte?“ „Wie— Eure Mutter? raſch; dann furchte ſich, als komme ihm ein plötzlicher Ge⸗ vanke, ſeine Stirne, und er blieb eine Weile ſtumm und brü⸗ tend. Als er bemerkte, daß Leonards Auge ernſt auf ihm haftete, fuhr er in Ant rort auf deſſen Frage fort:— „Ohne Zweifel hat er ſie geſehen, denn ſie wurde im Haus der Lady Lansmere erzogen⸗ Hat er Euch dies nicht — Nora?“ rief der Doctor geſagt?“ „Nein.“ Leonards Seele durchzuckte ein unbeſtimmter Argwohn, der aber eben ſo ſchnell wieder verſchwand. Sein Vaier? unmöglich. Sein Vater mußte mit Abſicht ſeiner hinge⸗ ſchiedenen Mutter ſchweres Unrecht angethan haben, und war Harley L'Estrange der Mann, dem man eine ſolche Handlungsweiſe zutrauen konnte? Und wäre er wirklich der Sohn von Harley geweſen, würde es dieſer nicht ſogleich errathen und anerkannt haben? Außerdem ſah der Lord LEstrange ſo jung aus— war er alt genug, um Leonards Vater zu ſeyn? Nein, er konnte dieſem Gedanken nicht länger Raum geben. Er nahm ſich zuſammen und ſtot⸗ terte:— „Ihr habt mir gefagt, daß Ihr nicht wiſſet, mit welchem Namen ich meinen Vater zu nennen habe.“ „Und ſo verhält ſich's auch wirklich nach meinem beſten Glauben.“ „Bei Eurer Ehre, Sir?“ „Auf Ehre, ich kenne ihn nicht.“ Es trat ein langes Schweigen ein. Der Wagen hatte London verlaſſen und rollte jetzt auf einer einſameren Land⸗ ſtraße fort, an der man auf viel weniger Häuſer traf, als an den meiſten anderen Zugängen zu der ungeheuren Haupt⸗ ſtadt. Leonard ſchaute gedankenvoll zu dem Schlage hinaus, und die Gegenſtände, deren er anſichtig wurde, vergangene Zeiten zu erinnern. Ja, es war der Weg, auf welchem er Hand in Hand mit Helen und voll ſchöner Hoff⸗ nungen in ſeinem jungen Dichterherzen ſich zum erſtenmal London genähert hatte. Ein tiefer Seufzer entrang ſich ſeiner Bruſt. Er dachte, wie gerne er das Errungene wie⸗ der hingeben würde— Unabhängigkeit, Ruhm und Alles, wenn er ſich dadurch wieder den Druck jener zarten Hand er⸗ kaufen und auf's Neue der Beſchützer dieſes edlen Lebens ſeyn könnte. Die Stimme des Doetors weckte ihn aus ſeinem Träumen. „Mein Beſuch gilt einem ſehr intereſſanten Patienten — Magenſchleimhaut ganz erweicht, Sir— Mann von großer Gelehrſamkeit mit ſehr inflammirtem Cerebellum. ſchienen ihn an Ich Sch ſtre Au ſich pa tre gr vie ni d ſtot⸗ elchem beſten hatte Land⸗ „ als aupk⸗ naus, hn an auf Hoff⸗ mal ſich wie⸗ lles, der⸗ bens nem iten von um. 1495 Ich kann ihm nicht viel nützen; er aber thut mir viel Schaden.“ „In wie fern Schade ſtrengung ſich zu einer Erwiederung zuſammennehmend. „Trifft mir das Herz und treibt mir das Waſſer in die Augen— ſehr pathetiſcher Fall— großartiges Weſen, das ſich ſelbſt zu Grund gerichtet hat. Fand ihn von den Allo⸗ pathen aufgegeben und in einem hohen Grade von delirium tremens— ſtellte ihn für eine Weile wieder her— faßte große Zuneigung zu ihm— es war mir angethan— ſchluckte viele Kügelchen, um mich gegen ihn zu verhärten— wollte nicht helfen— brachte ihn nach England herüber mit den anderen Patienten, die mich Alle, Kapitän Higginbotham ausgenommen, gut bezahlen. Aber dieſer arme Burſche zahlt mir nichts— koſtet mich viel an Zeit und Weggeld, dazu noch Quartier und Verpflegung. Dem Himmel ſey Dank, daß ich ein unverheiratheter Mann bin und es er⸗ ſchwingen kann. Mein Junge, ich wollte alle meine anderen Patienten zu den Allopathen fahren laſſen, wenn ich nur dieſen armen, großen, pfennigloſen, fürſtlichen Burſchen retten könnte. Aber was kann man mit einem Magen anfangen, an dem kein Fetzen guter Schleimhaut mehr iſt? Halt“— der Doktor zog an der Anhaltſchnur—„da iſt der Fußweg. Ich ſteige hier aus und geh' über die Felder.“ Dieſer Fußweg— dieſe Felder— mit welcher Be⸗ ſtimmtheit traten ſie gevnard vor die Seele! Ach, wo war n?“ fragte Leonard, mit An⸗ 1496 Helen? Konnte ſte werden? „Ich will Euch begleiten, wenn Ihr ni habt,“ ſagte er zu dem guten Doctor. Euren Kranken beſucht, mache ich eine dem Bach hin, welcher, wie ich glaube, beifließt.“ „Die Brent— Ihr kennt alſo dieſes Waſſer? Ah, Ihr ſolltet meinen Patienten davon ſprechen hören. Wenn er erzählt, wie viele Stunden er mit ſeiner Angelruthe davor zugebracht hat, ſo würdet Ihr nicht wiſſen, ob Ihr lachen oder weinen ſollt. Schon am erſten Tag, nachdem ich ihn hieher geſchafft hatte, wollte er hinaus und noch einmal, wie er ſagte, einen Verſuch machen gegen ſeinen alten tücki⸗ ſchen Dämon— einen einäugigen Barſch“ „Himmel!“ rief Leonard;„Ihr ſprecht von John Burley?“ „Allerdings; ſo iſt ſein Name— John Burley.“ „Oh, iſt es dahin mit ihm gekommen? Heilt ihn, rettet ihn, wenn es noch in menſchlicher Kraft liegt! Wäh⸗ rend der letzten zwei Jahre— ſo bald ich über ei und über eine Heimath verfügen konnte— habe ich ihm überall nachgeſpürt, ohne ihn aufzufinden. Armer, irrender, herrlicher Burley! Nehmt mich mit zu ihm. Habt Ihr nicht geſagt, es ſey noch Hoffnung vorhanden?“ „Nein, das ſagte ich nicht,“ entgegnete der Doetor. „Die Kunſt kann nur die Natur unterſtützen, und obgleich die Natur unabläſſig bemüht iſt, wieber gut zu machen, was wohl je— je wieder ſein kinblicher Engel chts dagegen „Und während Ihr n Spaziergang an hier am Weg vor⸗ wir a greifet mir a mit 2 Haus nach t ( Hütte chen flücht zens deſſen in br kurze in de gen, ſiche den, ſter! licht mit geho nicht Engel agegen d Ihr ig an g vor⸗ Ah, Wenn ruthe Ihr m ich mal, ohn ihn, äh⸗ el hm er, cht . ch 16 1497 wir an ihr verderben, weiß ſie doch nicht, wie ſie dies an⸗ greifen ſoll, wenn die Magenſchleimhaut hin iſt; und ſo geht's mir auch. Ihr müßt mir ein andermal erzählen, wie Ihr mit Burley bekannt wurdet; denn hier ſind wir an dem Haus, und ich ſehe ihn ſchon am Fenſter, wie er verlangend nach dem Doctor ausſchaut.“ Der Arzt öffnete das Gartenpförtchen vor der ſtillen Hütte, zu welcher der arme Burley nach ſeinem Entwei⸗ chen aus der Nähe von Leonards kindlichem Engel ſich ge⸗ flüchtet hatte. Und ſchweren Tritts und noch ſchwereren Her⸗ zens folgte ihm Leonard zu den Ueberreſten des Mannes, deſſen Geiſt ſogar die Orgie verherrlicht und„die Tafelrunde in brüllendes Gelächter verſetzt“ hatte.— Ach, armer Yorick! Fünftes Kapitel. Audley Egerton ſteht an ſeinem Herd allein. In der kurzen Friſt, ſeit wir ihn zum letztenmal ſahen, hatten ſich in der engliſchen Geſchichte denkwürdige Ereigniſſe zugetra⸗ gen, die jedoch nicht in eine Erzählung gehören, welche ſich's zur Aufgabe gemacht hat, alle Parteipolitik zu vermei⸗ den, ſelbſt wenn ſie von Politikern ſpricht. Die neuen Mini⸗ ſter hatten das allgemeine Programm ihrer Politik veröffent⸗ licht und ſogleich eine Maßregel beantragt, durch welche ſie mit einemmale bis zur ſchwindligſten Höhe der Volksgunſt gehoben wurden. Aber man ſah bald, daß ſich dieſer Antrag nicht ohne eine friſche Berufung an das Volk durchführen 1498 ließ, und wie Audleys ſcharfſichtige Erfahrung vorausge⸗ ſagt hatte, war eine Auflöſung des Parlaments unvermeid⸗ lich. Und Audley hatte keine Ausſicht, von der großen Han⸗ delsſtadt, die mit ſeinem Namen identifizirt war, für den alten Sitz wieder gewählt zu werden. Oh trauriger, aber nicht ſeltener Beleg von der Wandelbarkeit derſelben Volksgunſt, welche jetzt für ſeine Nachfolger glühte! Das große Mitglied des Hauſes der Gemeinen, der gewaltige Redner, der erfah⸗ rene Geſchäftsmann, der Staatsmann, welcher als Muſter des ſtetigen praktiſchen Verſtandes galt, durch den ſich unſere Mittelklaſſen auszeichnen— er, den vor drei Jahren die größ⸗ ten Wahlkorporationen des Reichs mit ihrem Mandat be⸗ trauen zu können ſich zur Ehre gerechnet haben würden— er, Audley Egerton, kannte jetzt nicht eine einzige Stadt, die ſo frei von dem Einfluß des Privatintereſſes geweſen wäre, daß nicht der unbedeutendſte Candidat, wenn er für die neue volksthümliche Maßregel das große Wort führte, ihn ausgeſtochen hätte. Wo war eine Wahltribüne zu fin⸗ den, auf der nicht die ernſte, volltönende Stimme, die ſo oft den Tumult der Parteiwuth zum Schweigen gebracht hatte, durch das Ziſchen des übermüthigen großen Haufens erſtickt worden wäre? Allerdings beſtanden noch die ſogenannten elose bo— roughs, und mancher Hauptkämpe ſeiner Partei wäre ſtolz auf die Ehre geweſen, Audley Egerton als ſeinen Nominir⸗ ten einbringen zu können. Aber der ſtolze Sinn des Ex⸗ miniſters bebte zurück vor dieſem Gegenſatz mit ſeiner frü⸗ heren Stellung. Und gegen eine beliebte Maßregel von einem anrüch großer wenig trug, genpa mußt Mon geſtri einm ſo lo einen Ande eiger ſein ohne Des noch jenie ren fünf liche aber dare Er Gü nur ausge⸗ rmeid⸗ Han⸗ nalten nicht gunſt, itglied erfah⸗ Muſter unſere größ⸗ at be⸗ den— eweſen er für führte, zu fin⸗ ſo oft hatte, erſtickt b te ſtolz minir⸗ r frü⸗ el von 1499 einem der Sitze aus zu tämpfen, die bei dem Volk am anrüchigſten waren— er fühlte, daß dies ein Poſten in der großen Armee der Parteien geweſen wäre, der ſich ebenſo wenig mit ſeiner Würde als mit ſeiner Ueberzeugung ver⸗ trug, da er nur mit Erfolg auftreten konnte, wenn die Ge⸗ genpartei ſeine Stellung und Bedeutſamkeit anerkennen mußte. Ueberhaupt, was war er, wenn ſchon nach wenigen Monaten dieſe Sitze aufgehoben und aus der Parlamentsliſte geſtrichen wurden? Auch konnte Egerton, nachdem er ſich einmal der Feſſeln entledigt ſah, die ſeine Hände banden, ſo lang ſeine Partei am Ruder war, nicht wünſchen, nach einem ſolchen Verlauf der Dinge als der Nominirte eines Andern aufzutreten. Er wollte frei daſtehen, nur auf ſeine eigenen, dem Staat geleiſteten Dienſte bauen, und ſich durch ſein eigenes Urtheil, ſein treues engliſches Herz leiten laſſen, ohne für ſein Handeln Vorſchriften annehmen zu müſſen. Deshalb hatte er alle Anerbietungen Derjenigen, welche noch über Parlamentsſitze verfügen konnten, abgelehnt. Die⸗ jenigen ſtanden ihm noch offen, welche er mit ſeinem ſchwe⸗ ren Gelde erkaufen konnte. Und die von Levy geborgten fünftauſend Pfund waren noch unberührt. Wie wir bereits geſehen haben, war für dieſen öffent⸗ lichen Mann das öffentliche Leben Alles in Allem, wurde es aber jetzt um ſo mehr, da er ſich um ſeines Unterhalts willen darauf angewieſen ſah. Um ihn her lauerte der Untergang. Er wußte, daß Levy jeden Augenblick ſeine verpfändeten Güter für verfallen erklären konnte und zu dieſem Ende nur die Wechſel und Verſchreibungen aus den Roſenholzve⸗ hältern hervorzuholen brauchte, welche den verhängnißvollen Horſt des glatten Wucherers auskleideten. Ja, der Baron befand ſich ſogar in der Lage, das Haus, in welchem ſich noch der ganze Pomp einer Dienerſchaft bewegte, die mit der valetaille eines Herzogs wetteiferte, an ſich zu ziehen und die koſtbaren Effekten des ſehr ehrenwerthen Audley Egerton zum öffentlichen Aufſtreich im Exekutionsweg aus⸗ zubieten. Indeß kannte Egerton die Welt zu gut, um ſich nicht verſichert zu fühlen, daß Levy keine ſolche Maßregeln gegen ihn einſchlagen werde, ſo lang er noch in der Vorhut des politiſchen Kriegs eine Rolle ſpielen konnte— ſo lange für ihn noch die Ausſicht vorhanden war, wieder in den Beſitz der Macht, vielleicht einer noch höheren Macht, als er je be⸗ ſeſſen hatte— vielleicht der höchſten nach dem Throne, zu gelangen. Levy, von deſſen Haß er eine Ahnung hatte, ob⸗ ſchon er ſich den Grund deſſelben nicht klar machen konnte, war noch nicht bei ihm geweſen und von dieſer Seite aus noch nicht die mindeſte Drohung an ihn ergangen. Dar⸗ aus ſchloß er, der Baron ſehe in ihm noch den Mann,„dem man helfen müſſe“ oder der wenigſtens zu mächtig ſey, um ſo geradezu erdrückt werden zu können Um ſeine Stellung im Parlament feſſelfrei und achtunggebietend zu erhalten, entſtunden vorausſichtlich neue Parteicombinationen oder fand ein Umſchwung in der öffentlichen Meinung ſtatt. Und die Hand auf's Herz gedrückt murmelte der ſtrenge, eherne Mann vor ſich hin: „Wo nicht, ſo verlange ich nichts weiter, als daß ich im Harniſch ſterbe und die Welt keine Kunde erhalte von meine brauch als zu thüre zeitig ter m chen„ er es haft g einem könnt dieſen der K Du i abgel kannſ es ſo Zwei pen. ciati gekor muß daß vollen aron ſich mit iehen udley aus⸗ n ſich egeln orhut lange Beſitz e be⸗ ,zu „ob⸗ nnte, aus Dar⸗ „dem „um llung ilten, oder ſtatt. enge, von 1501 meiner Armuth, bis ich von meinem Lande nichts mehr prauche als ein Grab.“ Kaum waren dieſe Worte auf ſeinen Lippen erſtorben, als zwei raſch auf einander folgende Schläge von der Haus⸗ thüre her erſchollen. Kurz darauf trat Harley ein/ und gleich⸗ zeitig näherte ſich der dienſthabende Bediente ſeinem Gebie⸗ ter mit der Meldung, daß Levy ſeine Aufwartung zu ma⸗ chen wünſche. „Bittet den Baron, ſich ein wenig zu gedulden, wenn er es nicht vorzieht, mich zu einer anderen von ihm nam⸗ haft gemachten Stunde zu beſuchen,“ antwortete Egerton mit einem möglichſt leichten Wechſeln der Geſichtsfarbe.„Ihr könnt ihm ſagen, daß Lord LEstrange eben bei mir iſt.“ „Ich hätte gehofft, Du wäreſt für immer fertig mit dieſem Verführer der Jugend,“ ſagte Harley, ſobald ſich der Kammerdiener entfernt hatte.„Ich erinnere mich, daß Du in Deinen fröhlicheren Zeiten, eh' Du Dir die Hörner abgelaufen hatteſt, zu viel mit ihm verkehrteſt; aber jetzt kannſt Du doch keines Anlehens benöthigt ſeyn, oder wenn es ſo wäre, ſteht Dir nicht Harley LEstrange zur Seite?“ Egerton.—„Mein lieber Harley!— aber ohne Zweifel kömmt er, um mich nach einem Wahlbezirk zu ſchlep⸗ pen. Er macht ſich viel zu ſchaffen mit ſolchen zarten Nego⸗ ciationen.“ Harley.—„Und ich bin in derſelben Abſicht zu Dir gekommen, ſpreche deshalb das Recht der Priorität an. Ich muß nicht nur hören, ſondern leſe auch in den Zeitungen, daß Joſiah Jenkins, Esquire, bekannt als Redner, der kein 1502 H ausſprechen kann, und der junge Lord Willoughby Whig⸗ golin, welcher kürzlich zum Lord der Admiralität ernannt wurde, weil ſeine Geſundheit zu zart für die Armee war, für die Sitze, welche Du mit Deinem gegenwärtigen Kollegen würdeſt zu räumen haben, in die Wahl kommen ſollen. Iſt dies wahr oder nicht?“ Egerton.—„Mein altes Comité ſtimmt jetzt für Jenkins und Whiggolin, und ich vermuthe, daß ſie ſogar ohne Kampf durchgehen werden. Fahre fort.“ Harley.—„Ich bin mit meinem Vater darüber über⸗ eingekommen, daß Du Dich um alter Freundſchaft willen herablaſſen mußt, wieder einmal der Vertreter von Lansmere zu werden.“ „Harley!“ rief Egerton und wechſelte die Farbe ſtär⸗ ker, als bei der Ankündigung von Levy's verhängnißvollem Beſuch der Fall geweſen war—„Harley— nein, nein!“ „Nicht? Warum? Weshalb dieſe Aufregung?“ fragte L'Estrange überraſcht. Audley blieb ſtumm. Harley.—„Ich habe meinen Gedanken einigen von den früheren Miniſtern mitgetheilt, und ſie rathen Dir ein⸗ ſtimmig, darauf einzugehen. Denn erſtlich— wenn Du es ablehnſt, für den Platz aufzutreten, der Dich von Lans⸗ mere weggelockt hat— was iſt natürlicher, als daß Du auf die frühere Repräſentation zurückgreifſt? Und zweitens iſt Lansmere weder ein käufliches rotten borough, noch ein un⸗ ter Nomination ſtehendes close borough, ſondern ein ziem⸗ lich großer Wahlbezirk. Allerdings ſteht in demſelben mei— nem L nur d Du h Stad kleine gebet alte Auge derſel Antli jetzt würd Harl Han Lieb nicht der ſ trau gnet ſelbſ teſt wele rnannt ar, für ollegen i. Iſt tzt für ſogar rüber⸗ willen nmere e ſtär⸗ vollem in!“ fragte en von ir ein⸗ in Du Lans⸗ Du auf ens iſt ein un⸗ ziem⸗ nmei⸗ nem Vater ein bedeutender Einfluß zu Gebot, aber er iſt nur der geſetzliche des großen Grundbeſitzes. Jedenfalls fährſt Du hier ſicherer als bei dem Wahlkampf in einer großen Stadt, und die Vertretung ſelbſt iſt ehrenvoller als die einer leinen. Du zauderſt noch? Sogar meine Mutter hat mich gebeten, Dir zu ſagen, wie es ihr Wunſch ſey, daß Du die alte Beziehung wieder anknüpfeſt.“ „Harley,“ rief Egerton abermals und richtete ſeine Augen, die einen wunderbar ſchönen Ausdruck zeigten, wenn derſelbe durch Aufregung gemildert war, auf das ernſte Antlitz ſeines Freundes—„Harley, wenn Du nur eben jetzt in meinem Herzen leſen könnteſt— Du würdeſt— Du würdeſt—“ Seine Stimme ſtockte und ſein ſtolzes Haupt ſank auf Harley's Schulter nieder. Dabei drückte er krampfhaft die Hand, welche er gefaßt hielt. „Oh, Harley,“ fuhr er fort,„wenn ich je Deine Liebe, Deine Freundſchaft verlieren ſollte, ſo bleibt mir nichts mehr in der Welt.“ „Audley— mein lieber, theurer Audley! Biſt Du es, der ſo mit mir ſpricht? Du, mein Schulfreund— der Ver⸗ traute meines Lebens— Du?“ „Ich bin ſehr ſchwach und thöricht geworden,“ entge⸗ gnete Egerton und verſuchte zu lächeln.„Ich kenne mich ſelbſt nicht mehr. Ja, ich, den Du ſo oft den Stviker' nann⸗ teſt und mit dem eiſernen Mann in dem Gedicht verglichſt, welches Du zu Eton am Flußufer zu leſen pflegteſt.“ „Dabei wußte ich aber ſtets, daß ein warmes menſch⸗ liches Herz kräftig unter den ehernen Rißpen ſchlug, wie ſehr Du Dir auch Mühe geben mochteſt, es niederzuhalten. Und ich wundere mich jetzt noch, wie es Dir möglich wurde, ſo frei von den wilderen Leidenſchaften durch's Leben zu ge⸗ hen. Um ſo glücklicher!“ Egerton, der ſein Geſicht von dem Blicke ſeines Freun⸗ des abgewendet hatte, blieb eine Weile ſtumm und ſuchte ſodann auf einen anderen Geſprächsgegenſtand überzugehen, indem er ſich zu der Frage ermannte, wie Harley der Plan auf Beatrice und die Beobachtung des Grafen geglückt ſey. „Was Peschiera betrifft,“ antwortete Harley,„ſo müſſen wir wohl die Gefahr, die wir von ihm fürchteten, überſchätzt haben, und ſeine Wette war nichts als eine leere Großthuerei. Er verhält ſich ruhig und ſcheint ſeine Zeit blos dem Spiel zu widmen. Seine Schweſter hat in den letzten Tagen ſowohl vor mir als vor meinem jungen Verbündeten ihre Thüren geſchloſſen. Ich fürchte faſt, daß ſie ihm trotz meiner überklugen Warnungen ſeinen Dichter⸗ kopf verdreht hat und daß er entweder eine geringſchätzige Zurückweiſung ſeiner unklugen Bewunderung erfuhr, oder vielleicht nach Wahrnehmung der Gefahr ſich ihr nicht mehr auszuſetzen wagt; denn er zeigt große Verlegenheit, wenn ich dieſen Gegenſtand zur Sprache bringe. Wenn übrigens der Graf nicht zu fürchten iſt, ſo wird uns ſeine Schweſter überflüſſig, und ich hoffe noch vermittelſt der gewöhnlichen Kanäle meinem Freund Gerechtigkeit zu verſchaffen. Ich habe einen Verbündeten gewonnen in einem jungen öſter⸗ reichiſchen Fürſten, der ſich eben in London aufhält und mir verſpi beabſ läufig haſt, haft: ſtellet ſein( ſehen Erho komn Dein ſicher ich 2 drück entſch Wille der 2 kann, ihm geger erleb Jahr arter B , wie chalten. wurde, zu ge⸗ Freun⸗ d ſuchte ugehen, r Plan ckt ſey. y„ſo chteten, ls eine it ſeine hat in jungen ſt, daß ichter⸗ chätzige oder t mehr „wenn brigens hweſter nlichen Ich öſter⸗ nd mit verſprach, eine Denkſchrift, die ich nach Wien zu ſenden beabſichtige, mit ſeinem ganzen Einfluß zu unterſtützen. Bei⸗ läufig, mein lieber Audley, da Du jetzt ein wenig freie Zeit haſt, um Dich zu erholen, mußt Du mir eine Stunde nam⸗ haft machen, in welcher ich Dir meinen jungen Dichter vor⸗ ſtellen kann— den Sohn ihrer Schweſter. Zu Zeiten hat ſein Geſicht einen Ausdruck, ganz wie das ihrige.“ „Ja, ja,“ entgegnete Egerton raſch,„ich will ihn ſehen, wenn Du es wünſcheſt— aber ſpäter. Die Zeit des Erholens, von der Du ſprichſt, iſt für mich noch nicht ge⸗ kommen; aber Du ſagſt, es ſey ihm gut ergangen⸗ und durch Deine Freundſchaft wird er gegen die Launen des Glücks ge⸗ ſichert ſeyn. Ich freue mich, dies denken zu dürfen.“ „Und Dein protégé, dieſer Randal Leslie, gegen den ich Deinem Verlangen gemäß meinen Widerwillen unter⸗ vrücken ſoll— eine ſchwere Aufgabe!— zu was hat er ſich entſchloſſen?“ „Mein Schickſal zu theilen. Harley, wenn es der Wille des Himmels iſt, daß ich nicht die Wiedererringung der Macht erlebe und dieſen jungen Mann paſſend verſorgen kann, ſo vergiß nicht, daß er an mir feſthielt in meinem Falle.“ „Wenn er noch treulich zu Dir hält, ſo werde ich es ihm nie vergeſſen— nur das vergeſſen, was mir Zweifel gegen ihn eingeflößt hat. Aber ſprich mir nicht vom Nicht⸗ erleben, Audley! Pah! Du ſiehſt aus wie Einer, dem achtzig Jahre beſtimmt ſind.“ „Ach, das war nur eine von jenen allgemeinen Redens⸗ arten, die man ſo oft von den Lippen der Sterblichen hoͤrt,“ Bulwer, meine Novelle. 95 1506 verſetzte Audley.„Und nun lebe wohl— ich muß dieſen Baron vorlaſſen.“ „Nicht, bis Du mir verſprochen haſt, daß Du auf mei⸗ nen Vorſchlag eingehen und Dich um den Sitz für Lansmere bewerben wolleſt. Bſt! Kein Kopfſchütteln! Ich laſſe mich nicht abweiſen. Ich fordere Dein Ja kraft unſerer Freund⸗ ſchaft, die Du ernſtlich kränkſt, wenn Du Dich auch nur einen Augenblick mit Ueberlegen aufhältſt.“ „Nun ja, ich weiß nicht, wie ich Dir etwas abſchlagen ſoll; aber Du biſt ſelbſt nicht in Lansmere geweſen ſeit— ſeit jenem traurigen Ereigniß. Du darfſt die alte Wunde nicht auffriſchen— Du darfſt nicht hingehen; und— und ich geſtehe es, Harley, auch mir wird die Erinnerung ſchmerz⸗ lich. Ich möchte lieber wegbleiben von Lansmere.“ „Ach, mein Freund, das iſt ein Uebermaß von Sym⸗ pathie, und ich will nichts davon hören. Ich fange ſelbſt an, dieſe Schwäche an mir tadelnswerth zu finden und zu fühlen, daß wir kein Recht haben, uns zu weichlichen Skla⸗ ven der Vergangenheit zu machen.“ „Du kömmſt mir in der letzten Zeit ſo verändert vor,“ rief Egerton plötzlich, und ein Strahl von Freude blitzte über ſeine Züge.„Sag' mir, daß Du glücklich biſt im Hin⸗ blick auf Deine neuen Bande, daß ich es noch erleben werde, Dich Deinem früheren Ich zurückgegeben zu ſehen.“ „Ich kann darauf nichts Anderes erwiedern,“ entgeg⸗ nete LEstrange mit gedankenvoller Stirne,„als daß Du in einem Punkte Recht haſt— ich bin verändert, und gebe mir Mühe Ich w eingeh nen E nes G und g ℳ n einer über trau: ſein den ſtolze zuha nach leger Nat dieſen uf mei⸗ nömere ſe mich reund⸗ hn chlagen ſeit— Wunde — und chmerz⸗ — Sym⸗ e ſelbſt und zu Skla⸗ t vor,“ blitzte m Hin⸗ werde, entgeg⸗ Du in ebe mir 1507 Mühe, Kraft zu ſammeln für Pflicht und Ehre. Adieu! Ich werde meinem Vater ſagen, daß Du auf unſere Wünſche eingehſt.“ Sechstes Kapitel. Nachdem ſich Harley entfernt hatte, ſank Egerton in ſei⸗ nen Stuhl zurück, und die ſchlaffen, kummervollen Linien ſei⸗ nes Geſichts deuteten auf einen hohen Grad von körperlicher und geiſtiger Erſchöpftheit. „Wie, ich ſoll wieder zurück nach dieſem Platz— dahin — wo— wo—. Doch Muth, Muth— was liegt an einer weitern Seelenpein?“ Er erhob ſich mit Anſtrengung, preßte die Arme feſt über der Bruſt zuſammen und ſchritt langſam in dem großen, traurigen und öden Zimmer auf und ab. Allmälig erlangte ſein Geſicht wieder die gewöhnliche kalte und ſtrenge Faſſung, den an ſich haltenden Blick, die behutſame Lippe und die ſtolze, geſammelte Stirne. „Jetzt gilt es, Zeit zu gewinnen und den Wucherer hin⸗ zuhalten,“ murmelte Egerton in dem gedämpften Tone nachläſſiger Geringſchätzung, welche das Bewußtſeyn über⸗ legener Geiſteskraft und die Meiſterſchaft über feindſelige Naturen bekundet. Er zog die Klingel; der Diener trat ein. „Iſt Baron Levy noch da?“ „Ja, Sir.“ „So laßt ihn ein.“ Levy trat ein. „Ich muß um Entſchuldigung bitten, Levy, daß ich Euch ſo lange warten ließ,“ ſagte der Exminiſter.„Jetzt ſteh' ich zu Dienſten.“ „Mein lieber Freund,“ entgegnete der Baron,„keine Entſchuldigung zwiſchen ſo alten guten Bekannten, wie wir ſind. Auch fürchte ich, daß mein Geſchäft nicht von ſo an⸗ genehmer Art iſt, daß Ihr verlangen ſolltet, es ſo ſchleunig zu verhandeln.“ Egerton(mit voller Faſſung).—„So muß ich wohl annehmen, daß Ihr unſere Rechnungen zum Abſchluß zu bringen wünſcht. Wann es Euch beliebt, Levy.“ Baron(überraſcht und verlegen).—„Peste, mon cher, Ihr nehmt die Sache ſehr kühl. Aber wenn unſere Rechnungen geſchloſſen ſind, wird Euch, wie ich fürchte, nur wenig mehr zum Leben bleiben.“ Egerton.—„Ich werde meinen Unterhalt von dem Einkommen eines Kabinetminiſters beſtreiten können.“ Baron.—„Möglich; aber Ihr ſeyd kein Kabinet⸗ miniſter mehr.“ Egerton.—„Ihr habt nie gefunden, daß eine von meinen politiſchen Prophezeiungen nicht eingetroffen wäre, und binnen Jahresfriſt werde ich, wenn ich am Leben bleibe, wieder im Amt ſeyn. Wenn Ihr alſo nichts dagegen habt, möchte ich lieber ſo lange warten, bis ich förmlich und auf gütlichem Wege meine Ländereien und dieſes Haus an Euch abtrete.— Wollt Ihr mir dieſe Friſt geſtatten, ſo kann unſere Verbindung zum Schluß kommen ohne den Lärm und éelat, unant ſchub macht bindli nicht. quem um d geha Cha hart einer habe Aus in B Aug ſeher mon wen digt die eine h Euch teh' ich „keine ie wir ſo an⸗ hleunig ch wohl luß zu mon unfere te, nur on dem abinet⸗ ine von wäre, bleibe, nhabt, ind auf n Euch o kann rm und unangenel 1509 celat, der Euch ebenſo nachtheilig werden dürfte, als er mir hm ſehn muß. Sagt Euch jedoch ein ſolcher Auf⸗ ſchub nicht zu, ſo will ich einem Sachverſtändigen Voll⸗ macht geben, Eure Rechnungen zu prüfen und meine Ver⸗ bindlichkeiten gegen Euch feſtzuſtellen.“ Baron(im Selbſtgeſpräch).—„Dies gefällt mir nicht. Ein Sachverſtändiger! Die Geſchichte könnte unbe⸗ quem werden.“ Egerton(den Baron mit einem Zug der Verachtung um die Lippen betrachtend).—„Nun, Levy, wie wollt Ihr's gehalten wiſſen?“ Baron.—„Mein lieber Freund. Ihr kennt meinen Charakter von der Seite, daß es nicht in meiner Art liegt, hart gegen Jemand zu verfahren, am allerwenigſten gegen einen alten Freund. Und wenn Ihr wirklich glaubt, Ihr habet Ausſicht, wieder in's Miniſterium zu treten— eine Ausſicht, die, wie Ihr natürlich begreift, durch ein esclandre in Beziehung auf Eure Angelegenheiten im gegenwärtigen Augenblick ſehr nothleiden müßte— je nun, ſo wollen wir ſehen, wie ſich die Sache gütlich vergleichen läßt.— Aber, mon cher, um Miniſter zu werden, müßt Ihr vor Allem wenigſtens einen Sitz im Parlament haben, und— entſchul⸗ digt die Frage— wie zum Henker wollt Ihr dieſen kriegen?“ Egerton.-„Er iſt bereits gefunden.“ Baron.—„Ah, ich vergaß die fünftauſend Pfund, die Ihr kürzlich aufgenommen habt.“ Egerton.—„Nein, ich bewahre dieſe Summe für einen anderen Zweck auf.“ 151⁰ Baron(mit einem erzwungenen Lachen).—„Viel⸗ leicht um Euch gegen die gerichtlichen Schritte zu vertheidi⸗ gen, die Ihr von mir befürchtet?“ Egerton.—„Ihr ſeyd im Irrthum. Aber um Euren Argwohn zu beſchwichtigen, will ich Euch einfach erklären, daß ich zu keiner Lebensverſicherungsbank meine Zuflucht nehmen wollte, weil früher contrahirte Schulden auf der Verſicherungsſumme haften würden und ſie deshalb nach mei⸗ nem Ableben an Euch, als an meinen einzigen Gläubiger, fallen könnte. Und da es mir außerdem zweifelhaft iſt, ob eine Bank meine Verſicherung annehmen würde, ſo ſollen jene fünftauſend Pfund dazu dienen, mir das Gewiſſen zu erleichtern. Ich beabſichtige, ſie ſchon während meiner Leb⸗ zeiten auf den Verwandten meiner verſtorbenen Frau, Ran⸗ dal Leslie, zu übertragen. Und nur in Folge des Wunſches, das zu erfüllen, was ich als einen Akt der Gerechtigkeit be⸗ trachte, habe ich mich bewegen laſſen, aus den Händen von Harley LEstrange eine Gunſt anzunehmen und abermals der Vertreter von Lansmere zu werden.“ Baron.—„Ha— von Lansmere! Ihr wollt Euch alſo um die Repräſentatur von Lansmere bewerben?“ Egerton(ausweichend).—„Ich habe dies im Sinne.“ Baron.—„Ich glaube, Ihr werdet Oppoſition fin⸗ den und ſogar einen ſcharfen Kampfzu beſtehen haben. Mög⸗ lich, daß Ihr nicht einmal durchgreift.“ Egerton.—„Iſt dies der Fall, ſo muß ich mich da⸗ rein finden, und Ihr könnt dann immer noch meine Güter für verfallen erklären.“ mich könn ron Ged han es( nun Gel mei All hab nic fol ne ge er m Euren erklären, Zuflucht auf der ach mei⸗ äubiger, iſt, ob ſo ſollen viſſen zu ner Leb⸗ u, Ran⸗ unſches, gkeit be⸗ den von bermals Ut Euch 2 Sinne.“ ition fin⸗ Mög⸗ mich da⸗ ie Güter 15¹¹ Baron(erröthend).—„Seht Egerton, ich werde mich überglücklich ſchätzen, Euch eine Gunſt erweiſen zu können.“ Egerton(mit Stattlichkeit).—„Gunſt? Nein, Ba⸗ ron Levy; ich verlange von Euch keine Gunſt. Dergleichen Gedanken müßt Ihr Euch aus dem Sinn ſchlagen; denn es handelt ſich beiderſeits nur um Geſchäftsrückſichten. Dünkt es Euch ſo beſſer, ſo können wir unverweilt an den Rech⸗ nungsabſchluß gehen, und mein Rechtsfreund ſoll ihn prüfen. Geht Ihr dagegen auf die Friſterſtreckung ein, ſo wird Euch mein Advokat keine Ungelegenheiten bereiten, und es ſoll Alles, was ich außer der Hoffnung und meinem guten Rufe habe, unbeſtritten in Eure Hände übergehen.“ Baron.—„Unbeugſam und ſtolz. Aber Gunſt oder nicht Gunſt, nehmt es, wie Ihr wollt— ich ſage Ja unter folgenden Bedingungen. Erſilich geſtattet Ihr mir, eine neue urkunde aufzuſetzen, in welcher Ihr Euch zu der eben gemachten Zuſage bekennt, und zweitens gilt die Friſt⸗ erſtreckung nur für den Fall⸗ daß Ihr Eure Wahl durchſetzt.“ Egerton.—„Zugeſtanden. Habt Ihr ſonſt noch Et⸗ was vorzubringen?“ Baron.—„Nichts als etwa Dies, daß ich, im Falle Ihr Geld braucht, noch immer zu Euren Dienſten ſtehe.“ Egerton.—„Ich danke Euch. Nein, ich ſchulde außer Euch Niemand Etwas. Ich werde von meinem Aus⸗ tritt aus dem öffentlichen Dienſt Anlaß nehmen, meinen Haus⸗ halt einzuſchränken. Meine Rechnung iſt bereits gemacht, und ich beſitze noch hinreichend Mittel, bis zu der genannten Friſt meinen Unterhalt zu beſtreiten, ſo daß ich nicht nöthig habe, die noch vorhandenen fünftauſend Pfund anzugreifen.“ „Euer junger Freund, Mr. Leslie, hat alle Urſache, Euch dankbar zu ſeyn,“ ſagte der Baron, ſich erhebend.„Ich bin ſchon in der Welt mit ihm zuſammengekommen— ein hoff⸗ nungsvoller und mit ſchönen Talenten begabter Jüngling. Ihr ſolltet den Verſuch machen, ob Ihr ihn nicht gleichfalls in's Parlament bringen könnt.“ Egerton(gedankenvoll).—„Ihr verſteht Euch gut darauf, die praktiſchen Fähigkeiten und Verdienſte der Men⸗ ſchen im Hinblick auf weltlichen Erfolg zu würdigen. Haltet Ihr in der That Randal Leslie für einen Mann, der für das öffentliche Leben und für eine parlamentariſche Laufbahn paßt?“ Baron.—„Zuverläſſig.“ Egerton(der mehr vor ſich hin als zu Levy ſprichth. —„Ein Parlamentsmitglied ohne Vermögen— eine ſchwere Verſuchung. Doch er iſt klug, mäßig, thatkräftig und be⸗ harrlich, ſo daß er, wenn er unter meinem Schutz und Rath ſeinen Anlauf nimmt, ſich eine Stellung über ſeine Jahre wird ſichern können.“ Baron.—„Es fällt mir bei, daß er ſich wohl ſchon in's nächſte Parlament bringen ließe— oder jedenfalls, da dieſes vorausſichtlich keinen langen Beſtand haben wird, in das andernächſte— nicht für einen der Bouroughs, die wahr⸗ ſcheinlich aus der Wahlliſte geſtrichen werden, ſondern für einen ſtändigen Sitz, und zwar ohne Koſten.“ Egerton.—„Wirklich— und wie dies?“ legen führb ton, mit Gege ſeine heit bocet dem alle ſtöre den ſonet Rice an 2 Obe den in L er zi ſchu erfo tnöthig reifen.“ e Euch Ich bin ein hoff⸗ ingling. eichfalls uch gut Men⸗ Haltet für das ufbahn pricht). ſchwere und be⸗ d Rath Jahre l ſchon s, da ird, in wahr⸗ rn für 154³ Baron.—„Gebt mir ein paat Tage Zeit zum Ueber⸗ legen. Es iſt mir ein Gedanke gekommen; finde ich ihn aus⸗ führbar, ſo will ich wieder vorſprechen. Guten Tag, Eger⸗ ton, und viel Glück zu Eurer Bewerbung in Lansmere.“ Siebentes Kapitel. Peschiera war nicht ſo unthätig geblieben, als wohl mit Harley auch der Leſer glauben mag⸗ ſondern hatte im Gegentheil den Weg zu Ausführung ſeines Planes mit der ſeinem Weſen eigenen Liſt und rückſichtsloſen Entſchloſſen⸗ heit angebahnt. Sein Zweck lief darauf hinaus, Ricca⸗ bocea zu zwingen, daß er die Verbindung ſeiner Tochter mit dem Grafen genehmige, oder, im Falle dies nicht gelang, alle Ausſichten des Flüchtlings auf Begnadigung zu zer⸗ ſtören. In aller Stille und Heimlichkeit hatte er unter den dürftigſten und gewiſſenloſeſten ſeiner Landsleute Per⸗ ſonen ausgeſucht, welche er dazu vermögen konnte, gegen Riccaboeca das Zeugniß abzulegen, daß er auch jetzt noch an Anſchlägen und Verſchwörungen gegen die öſterreichiſche Obetherrlichkeit theilnehme. Seine frühere Verbindung mit den Carbonari machte es ihm möglich, ihre Schlupfwinkel in London aufzufinden, und da er wußte, mit was für Leuten er zu thun hatte, konnte er wohl auf ein Gelingen ſeines ſchurkiſchen Werkes rechnen. Bereits war es ihm gelungen, die für dieſen Anſchlag erforderlichen falſchen Zeugen zuſammenzubringen, und er hatte dabei nicht verſäumt, durch die größere Zahl dem Ein⸗ wurf der Charakteranrüchigkeit zu begegnen. Zu gleiche Zeit ließ er auch, wie Harley ganz richtig vermuthete, Ran dals Bewegungen durch Spione bewachen, und ſchon an Abend vor dem Tage, an welchem der junge Verräther ihn Violante's Zufluchtsort mittheilte, hatte er wenigſtens Wim über den des Vaters erhalten. Die Entdeckung, daß Violante ſich unter einem ſo ge ehrten und anſcheinend ſo ſicheren Dache befand, wie das des Lord Lansmere war, entmuthigte keineswegs den kühnen un verzweifelten Abenteurer, und wir wiſſen bereits, daß er aus⸗ zog, um über die möglichen Gelegenheiten, welche das Haut bei Knightsbridge darbot, Kundſchaft einzuholen. Er hatte die Oertlichkeiten genau unterſucht und bereits die Punkt⸗ aufgefunden, welche, wie er meinte, im Nothfall einen coup de main begünſtigten. Lord Lansmere's Wohnſitz war von einer Mauer umge⸗ ben, deren Hauptportal nach der Landſtraße führte. Es war ein Schließerhäuschen angebaut. Die hintere Garten⸗ mauer wurde durch Felder begränzt, über die ein Güterweg hinlief, und in der Mauer befand ſich ein Pförtchen, das dis Gärtner bei ihren Arbeiten zu benützen, nach dem Gebrauch aber wieder zu verſchließen pflegten. Freilich war das Schloß ſo roh und einfach, wie bei allen derartigen Zugängen, und leicht durch einen Hauptſchlüſſel zu öffnen. In ſo weit lag blos ein Hinderniß im Weg, welches Peschiera bei ſeinen Er⸗ fahrungen in Sachen der Galanterie und in politiſchen Com⸗ plotten als ſehr geringfügig erſcheinen mußte. Gleichwohl hatte lichen auf ſe früher erſt di zu w herbe rem, über bei il was ſehen ſitzen dem erzäl zur nich Din em Ein⸗ gleiche te, Ran chon an ther ihn ns Win m ſo ge edas det hnen un ß er aus⸗ as Haut Er hatte e Punkte nen couy er umge⸗ rte. Es Garten⸗ züterweg „das die Gebrauch s Schloß en, eund weit lag einen Er⸗ hen Com⸗ leichwohl 1515 hatte der Graf nicht Luſt, ſchon von vorneherein zu plötze lichen und gewaltſamen Mitteln zu greifen. Er baute zu ſehr auf ſeine Begabungen, auf ſeine Gewandtheit und ſeine früheren Triumphe über das zärtere Geſchlecht, um nicht zu⸗ erſt die Wirkung einer perſönlichen Zuſammenkunft verſuchen zu wollen, und mit gewohnter Kühnheit beſchloß er dieſe herbeizuführen. Randals Schilderung von Violante's Aeuße⸗ rem, und Winke, wie ſie der junge luchsaugige Beobachter über ihren Charakter und die Triebfedern geben konnte, welche bei ihr am meiſten Anklang verſprachen— dies war Alles, was der Graf vorläufig von ſeinem Helfershelfer brauchte. Kehren wir inzwiſchen zu Violanten ſelbſt zurück. Wir ſehen ſie jetzt an Helens Seite im Garten bei Knightsbridge ſitzen. Der Platz war abgeſchieden und befand ſich außer dem Geſichtskreis der Fenſter des Hauſes. Violante.—„Aber warum wollt Ihr mir nicht mehr erzählen von jener frühen Zeit? Ihr ſeyd darüber ſogar zurückhaltender als Leonard.“ Helen(zögernd und mit zur Erde geſenktem Blick). —„Ich habe in der That nichts mitzutheilen, was Ihr nicht ſchon wüßtet. Auch iſt es ſchon ſo lange her, und die Dinge ſind jetzt ſo ganz anders geworden.“ Der Ton der letzten Worte war traurig, und ihren Schluß begleitete ein Seufzer. Violante(mit Begeiſterung).—„Wie beneide ich Euch um jene Vergangenheit, die Ihr ſo leichthin behandelt! Mitwirkerin geweſen zu ſeyn— wenn auch in der Kindheit — an der Ausbildung einer edlen Natur— auf den ſchwa⸗ 1516 chen Schultern die Hälfte der Laſt getragen zu haben vol eines Mannes ſchwerem Kampfe— und nun den Geniut ruhig fortſchreiten zu ſehen auf ſeiner lichten Bahn und ſich innerlich ſagen zu können: An dieſem Genius habe ich auc meinen Antheil!““ Helen(in demuthsvoller Trauer).—„Einen Antheil! O nein! Einen Antheil? Ich verſtehe Euch nicht.“ Violante.—„Nehmt das Kind Beatrice aus Dante Leben, und würden wir einen Dante haben? Was iſt der Genius des Dichters anders, als die Stimme ſeiner inneren Erregungen? Alles im Leben und in der Natur übt ſeinen Einfluß auf den Genius, aber nichts einen größeren, als ſein Leiden und Lieben.“ Helen blickt ſanft in Violante's beredtes Geſicht und rückt ihrer Gefährtin in ſtummer Innigkeit näher. Violante(plötzlich).—„Ja, Helen, ja— aus mei⸗ nem eigenen Herzen lerne ich in dem Eurigen leſen. Solche Erinnerungen ſind unauslöſchlich. Wenige haben eine Ahnung davon, wie unſer Geſchlecht ſchon in früher Kindheit ſich ſeine eigenen Geſchicke webt!“ Sie dämpfte ihre Stimme zu einem Flüſtern.„Wie wäre es möglich, daß Leonard Euch nicht theuer ſeyn ſollte— eben ſo theuer, als Ihr es ihm ſeyd— theurer als alles Andere?“ Helen(in großer Verwirrung zurückſchreckend).— „Bst! Bst! Ihr müßt nicht ſo mit mir ſprechen, es iſt ſündig— ich darf es nicht hören. Ich will es nicht— es darf nicht— kann nicht ſeyn.“ Sie hielt einen Moment ihre Hände vor die Augen und er aber a 2 „Habe zeihtr es nit rigen Und n antwo darf i Doch Ich m härme abſtof weiß — m biete als— edlen das flüſte Ihr, könnt inne ben voh Geniu und ſich ich auch Antheil! Dante' s iſt der inneren bt ſeinen als ſein ſicht und mus mei⸗ Solche Ahnung ſich ſeine u einem uch nicht ſeyd— nd).— „es iſt ht— es Augen 15¹7 und erhob dann ihr Antlitz, in welchem ſich zwar tiefe Ruhe, aber auch tiefe Wehmuth ausſprach. Violante(den Arm um Helens Leib ſchlingend).— „Habe ich Euch weh gethan— Euch gekränkt? Wie? Ver⸗ zeiht mir, aber warum iſt meine Rede fündig? Warum darf es nicht ſeyn? Vielleicht weil ſeine Herkunft unter der Eu⸗ rigen iſt?“ Helen.—„Nein, nein; an dies habe ich nie gedacht. Und was bin ich? Fragt mich nicht weiter— ich kann nicht antworten. Ihr beurtheilt mich falſch— ganz falſch. Ich darf in Leonard nichts ſehen, als— als einen Bruder. Doch— doch Ihr könnt freier mit ihm ſprechen, als ich. Ich möchte nicht, daß ſich um meinetwillen ſein Herz ab⸗ härme, und ebenſowenig, daß er mich für gefühllos und abſtoßend halte, wie es bei mir den Anſchein hat. Ach, ich weiß nicht, was ich ſage. Aber— aber— bringt ihm bei — milde und vorſichtig— wie mir und ihm die Pflicht ver⸗ biete— daß wir für einander mehr ſeyen— als Freunde— als—“ „Helen! Helen!“ rief Violante in ihrem warmen und edlen Ungeſtüm—„Euer Herz verräth Euch in jedem Worte, das Ihr ſprecht. Ihr weint— lehnt Euch auf mich— flüſtert mir zu; warum— warum alles Dieſes? Fürchtet Ihr, daß Euer Vormund ſeine Zuſtimmung verweigern könnte? Er Euch im Wege ſtehen! Er, der—“ Helen.—„Haltet inne— oh, ich bitte— haltet inne!“ Violante.—„Wie, könntet Ihr wirklich Harley 1518 — den Lord LEstrange fürchten? Pfui! Ihr kennt ih nicht.“ Helen(plötzlich aufſtehend).—„Violante, genug! Ich bin verlobt mit einem Anderen.“ Violante erhob ſich gleichfalls und ſtand da wie i einen Stein verwandelt— blaß wie der Tod, bis endlich das Blut wieder zu ſtrömen anfing, zuerſt langſam, dann abe mit einem Sturm vom Herzen aus, ſo daß ihr ganzes Antliß wie Scharlach erglühte. Sie faßte mit Feſtigkeit Helen Hand und ſagte mit hohler Stimme: „Mit einem Anderen! Verlobt mit einem Anderen Nur noch ein Wort, Helen— doch nicht mit ihm— mi Harley— mit—“ „Ich kann und darf nicht reden. Ich habe ein Ver ſprechen gegeben,“ rief die arme Helen und eilte von hinnen, ſobald Violante ihre Hand fallen ließ. Violante ſetzte ſich mechaniſch nieder. Es war ihr, als hätte ſie einen Todesſtoß erlitten. Sie ſchloß die Auger und athmete ſchwer. Eine Ohnmacht bewältigte ſich ihren und als ihre Beſinnung zurückkehrte, kam es ihr vor, alt ſey ſie nicht mehr daſſelbe Weſen und die Welt um ſie he nicht mehr die nämliche Welt. Blos noch ein Gefühl lebt in ihr— das des tiefſten, hoffnungsloſeſten Elends, unk das ganze All erſchien ihr nur als eine einzige ſeelenloß Oede. So ſeltſam unweſenhaft ſind wir reale menſchlich Geſchöpfe mit Fleiſch und Blut, daß uns, wenn man uns plötzlich einen einzigen ungreifbaren, luftigen Gedanken ent⸗ reißt, der uns thener war, der Athem ſtockt, die Sonne er liſcht, feſſelt 1 blick v nungs Tiefe Schle Harle ein T Vorb Man ihrer „Er mein Er flüſte unw Geft wie Alle eine ſie! weir die weg ſie's Her in ennt ih „genug a wie i dlich da⸗ ann ae es Antlit it Helent Anderen m— mi ein Ver nhinnen, r ihr, als ie Auger ſich ihrer vor, alt um ſie her fühl lebt nds, und ſeelenloſt nenſchliche man uns anken ent⸗ Sonne er 15¹9 liſcht, jedes Band zu zerreißen ſcheint, das uns an die Materie feſſelt, und alles im Tod erſtarrt, nur nicht das Wehe. Und dieſe warme, junge ſüdliche Natur— einen Augen⸗ blick vorher noch ſo voll Luſt und Leben, ſo kräftig und hoff⸗ nungskühn! Erſt jetzt hatte ſie ihre eigene Innigkeit und Tiefe kennen gelernt. Bisher hatte die Jungfrau nie den Schleier gelüpft vor ihrer weiblichen Seele. Was war Harley L'Estrange für Violante geweſen? Ein Ideal— ein Traum von einer eingebildeten Herrlichkeit— ein poetiſches Vorbild in Mitte der gemeinen Welt. Nicht Harley, der Mann, ſondern Harley, das Phantom, war vor dem Auge ihrer Seele geſtanden. Sie hatte nie zu ſich ſelbſt geſagt: „Er iſt Eins mit meiner Liebe, mit meinem Hoffen, mit meiner Heimath und mit meiner Zukunft.“ Wie konnte ſie? Er ſelbſt ſprach ja nie von ſolchen Dingen. Und doch flüſterte ihr eine innere Stimme, unbeſtimmt zwar, aber unwiderſtehlich zu, daß trotz der leichtfertigen Worte ſeine Gefühle gegen ſie ernſt und tief ſeyen. O falſche Stimme, wie trügeriſch war ſie geweſen! Ihr raſcher Geiſt erfaßte Alles, was Helen ungeſagt ließ. Und nun fühlte ſie mit einemmale, was Lieben und was Verzweifeln heißt. So ſaß ſie denn da, einſam und vernichtet, weder klagend, noch weinend, ſondern nur hin und wieder mit der Hand über die Stirne fahrend, als wolle ſie da eine hartnäckige Wolke wegſtreifen, oder einen tiefen Seufzer ausſtoßend, als dränge ſie's, eine Laſt abzuſchütteln, die leider keine Zeit von ihrem Herzen wälzen konnte. Es gibt gewiſſe Momente im Leben, in welchen wir zu uns ſelbſt ſagen:„Alles iſt vorüber. Gleichviel, was auch ſonſt noch kommen mag— das, was ich zu meinem Alles gemacht habe, iſt dahin für immer— für immer.“ Und der Gedanke findet ſeinen Nachhall in unſere Ohren, in denen es wiederklingt:„Für immer— für immer!“ Achtes Kapitel. Während Violante ſo daſaß, ſchlich ein Fremder durch die Bäume und ſeellte ſich zwiſchen ſie und die Abendſonne, Sie ſah ihn nicht. Er hielt einen Augenblick inne und be⸗ gann dann leiſe in italieniſcher Sprache, indem er ſie mit dem Namen anredete, den ſie in der Heimath geführt hatte Er ſtellte ſich als einen Verwandten vor und entſchuldigte ſeine Aufdringlichkeit:„denn,“ ſagte er,„ich komme, um der Tochter die Mittel anzudeuten, durch welche ſie ihrem Vater das Land ſeiner Geburt und ſeine Ehren zurückgeben kann.“ Bei dem Wort„Vater“ raffte Violante ſich auf und ihre ganze Liebe zu dieſem Vater kehrte mit doppelter Ge⸗ walt zurück. So geht es immer— wir lieben unſere Eltern am meiſten in dem Augenblick, wenn irgend ein weniger heiliges Band plötzlich zerriſſen wird und unſer Gewiſſen uns zuruft:„Hier wenigſtens iſt eine Liebe, die dich nie ge⸗ täuſcht hat!“ Sie ſah einen Mann vor ſich von ſanftem Aeußeren und fürſtlicher Haltung. Peschiera— denn er war es— hatte aus ſe verban ters v er Kle „Was Euch? Ton, Innig klärun 3 ihr in Pesch Kindh bei we erkran lien ke von J 6 ſeitder boten der V Bu 8, was mer— unſeren mmer!“ er durch ndſonne. und be⸗ ſie mit t hatte. huldigte ne, um e ihrem ckgeben auf und ter Ge⸗ eEltern weniger ſſen uns nie ge⸗ ren nd — hatte aus ſeinem Anzug ſowohl als aus ſeinem Geſichte Alles verbannt, was die weltliche Leichtfertigkeit ſeines Charak⸗ ters verrathen konnte. Er ſpielte eine Rolle, mit welcher er Kleidung und Ausſehen in Einklang zu bringen wußte. „Mein Vater!“ ſagte ſie raſch in italieniſcher Sprache. „Was iſt mit ihm? Und wer ſeyd Ihr, Signor? Ich kenne Euch nicht.“ Peschiera lächelte wohlwollend und erwiederte mit einem Ton, in welcher die hohe Achtung durch eine Art väterlicher Innigkeit gemildert zu ſeyn ſchien: „Erlaubt mir, daß ich Euch die erforderliche Auf⸗ klärung gebe, und hört mir zu.“ Dann ſetzte er ſich ruhig neben ſie auf die Bank, ſah ihr ins Antlitz und fuhr fort: „Ohne Zweifel habt Ihr ſchon von dem Grafen di Peschiera gehört?“ Violante.—„Ich hörte dieſen Namen in meiner Kindheit, als ich noch in Italien war. Und als die Frau, bei welcher ich damals mich aufhielt(meines Vaters Tante), erkrankte und ſtarb, wurde mir geſagt, daß ich jetzt in Ita⸗ lien keine Heimath mehr habe; denn ſie ſey an den Grafen von Peschiera übergegangen— an meines Vaters Feind.“ Peschiera.—„Und Euer Vater hat Euch wohl ſeitdem gelehrt, dieſen vermeintlichen Feind zu haſſen?“ Violante.—„Nein; mein Vater hat mir nur ver⸗ boten, je ſeinen Namen vor ihm laut werden zu laſſen.“ Peschiera.—„Ach! wie viele Jahre des Leidens und der Verbannung würde ſich Euer Vater erſpart haben, wenn Bulwer, meine Novelle. 96 er gegen ſeinen früheren Freund und Verwandten gerechter geweſen wäre— ja, wenn er nur weniger grauſam das Ge⸗ heimniß ſeines Zufluchtsortes gewahrt hätte. Schönes Kind, ich bin dieſer Giulio Franzini, dieſer Graf di Pes⸗ chiera. Ich bin der Mann, den man Euch als den Feind Eures Vaters anzuſehen lehrte. Ich bin der Mann, welchem der öſterreichiſche Kaiſer ſeine Güter verlieh. Und nun ur⸗ theilt, ob ich in Wahrheit der Feind bin. Ich komme hier⸗ her, um Euren Vater aufzuſuchen und die Gabe meines kai⸗ ſerlichen Herrn in ſeine Hände niederzulegen. Der einzige Wunſch hat mich hieher geführt, Alphonſo die Heimath und das Erbe zurückzugeben, das mir aufgedrungen wurde.“ Violante.—„Mein Vater, mein theurer Vater! Sein großes Herz wird wieder freien Raum gewinnen! Oh⸗ dieſe edle Feindſchaft— dieſe ſchöne Rache! Ich verſteh' Euch, Signor, und auch mein Vater wird es zu würdigen wiſſen, denn ebenſo wäre die Rache geweſen, die er an Euch genommen hätte. Ihr habt ihn geſehen?“ Peschiera.—„Nein, noch nicht. Ich wollte ihn nicht aufſuchen, eh' ich Euch geſprochen hatte, denn Ihr ſeyd in Wahrheit die Beſtimmerin ſowohl ſeines als meines Geſchicks.“ Vivlante.—„Ich— Graf? Ich— die Beſtim⸗ merin von meines Vaters Geſchick? Iſt dies möglich?“ Peschiera(mit einem Blick theilnahmvoller Bewun⸗ d erung und in noch väterlicherem Tone).—„Wie lieblich iſt dieſe unſchuldige Freude; aber Ihr dürft Euch ihr noch nicht hingeben. Vielleicht wird ein Opfer von Euch verlangt, — MN hn hr n n⸗ cht gt. 1523 deſſen Darbringung Euch ſchwer fallen könnte. Unterbrecht mich nicht. Schenkt mir noch weiteres Gehör und Ihr werdet ſehen, warum ich mit Eurem Vater nicht ins Ver⸗ nehmen zu treten in der Lage war, eh' ich mich mit Euch beſprochen hatte. Ja, ein Wort von Euch kann mich noch immer aus ſeiner Nähe verbannen. Ihr wißt ohne Zweifel, daß Euer Vater zu den Häuptern einer Partei gehörte, welche verſuchte, dem Haus Oeſterreich den Beſitz von Ober⸗ italien zu entreißen. Ich ſelbſt war anfänglich ein warmer Theilnehmer an dieſem Plane. Plötzlich aber machte ich die Entdeckung, daß einige von den thätigſten Führern mit dem patrioriſchen Unternehmen Entwürfe von finſtererer Be⸗ ſchaffenheit in Verbindung brachten, und daß die Verſchwö⸗ rung ſelbſt auf einem Punkte ſtand, wo ſie nothwendig der Regierung ſich verrathen mußte. Ich wünſchte, mich mit Eurem Vater zu berathen; aber er war ferne. Ich erfuhr, daß ſein Leben bedroht war. Es war keine Stunde zu ver⸗ lieren, und ich faßte deßhalb einen kühnen Entſchluß, der mich allerdings ſeinem Argwohn und dem Zorn meiner Landsleute preisgab; aber mein Hauptzweck dabei war, meinen früheren Freund von einem ſchimpflichen Tode und mein Vaterland vor einem nutzloſen Blutvergießen zu be⸗ wahren. Ich zog mich von dem beabſichtigten Aufſtand zurück, eilte zu dem Haupt der öſterreichiſchen Regierung in Italien und machte Bedingungen für das Leben Alphonſo's und der anderen hochgeſtellten Parteiführer, das ſonſt verwirkt geweſen wäre. Es wurde mir geſtattet, ſelbſt mich der Per⸗ ſon meines Verwandten zu bemächtigen, um ihm die Sicher⸗ 96* 1524⁴ heit des Auslandes zu verſchaffen, und die Verbannung fonnte ein Ende nehmen, ſobald die Gefahr beſeitigt war. Aber unglücklicher Weiſe trug er ſich mit dem Wahn, ich habe es auf ſeinen Untergang abgeſehen. Er flüchtete ſich vor meinem wohlmeinenden Nachſetzen. Meine Soldaten wurden von einem unberuſen ſich einmengenden Engländer angegriffen, und Euer Vater floh aus Italien, ohne von ſeinem Zufluchtsorte Kunde zu geben. Die Art, wie er ſein Entweichen bewerkſtelligte, vereitelte meine Bemühungen⸗ ſeine Begnadigung zu erwirken. Die Regierung übertrug mir die Hälfte ſeiner Einkünfte und behielt die andere zu ihrer Verfügung. Ich nahm das Erbieten an, um die Con⸗ fiscativn des ganzen Erbes zu hindern, und es ſchmerzte mich nur, daß ſeine Verborgenheit mich nicht in die Lage ſetzte, ihm mitzutheilen, wie ich blos als Fideicommiſſar in die Nutznießung ſeines Eigenthums eingetreten ſey, und ihm volle Aufklärung über Das zu geben, was in meinem Beneh⸗ men als tadelnswerth erſcheinen fonnte. Obſchon es mir unmöglich war, ſeinen Aufenthalt zu entdecken, habe ich doch nie aufgehört, mich um ſeine Zurückberufung zu ver⸗ wenden, und erſt in dieſem Jahr gelang es meinen Anſtren⸗ gungen, einen theilweiſen Erfolg zu erzielen. Er kann in ſein Erbe und in ſeinen Rang wieder eintreten, aber nur unter der Bedingung, daß für ſeine Treue Bürgſchaft gelei⸗ ſtet werde. Dieſe Bürgſchaft hat die Regierung namhaft ge⸗ macht: ſie beſteht in der Vermählung ſeines einzigen Kindes mit einem Manne, der das Vertrauen der Regierung beſitzt. Es lag im Intereſſe des ganzen italieniſchen Adels, daß M M 1525 die an den weiblichen Theil fallende Repräſentation eines ſo großen Hauſes nicht ganz von der geraden Linie abgehe — mit einem Wort, daß Ihr einen Verwandten heirathen ſolltet. Und dieſer Verwandte, noch obendrein der nächſte im Blut, hat ſich gefunden. Mit einem Wort— Alphonſo erhält Alles, was er verloren hat, an dem Tage wieder zurück, an welchem ſeine Tochter ihre Hand dem Giulio Franzini, Grafen di Peschiera, reicht. Ah“ fuhr der Graf im Tone der Trauer fort—„Ihr erſchreckt— Ihr weicht zurück. Der Mann, welcher ſo Eurer Wahl unter⸗ geſtellt wurde, iſt freilich Eurer nicht würdig. Ihrſteht kaum erſt in dem Lenze Eures Lebens und er ſchon in ſeinem Herbſte. Die Jugend liebt Jugend. Aber er trachtet nicht nach Eurer Liebe. Alles, was er ſagen kann, beſteht darin, daß Liebe nicht die einzige Wonne des Herzens iſt. Es iſt Wonne, einen geliebten Vater dem Verderben zu entreißen— Wonne, einem Land, das in Allem arm iſt, nur nicht in ſeinen Er⸗ innerungen, ein Haupt zurückzugeben, in welchem es die Abſtammung von Helden verehrt. Dies ſind die Freuden, die ich Euch bieten kann— Euch, einer Tochter und einem italieniſchen Mädchen. Ihr ſeyd noch immer ſtumm? Oh⸗ redet!“ Sicherlich wußte dieſer Graf di Peschiera gut, wie man um ein Weiberherz werben mußte, um es zu gewinnen, und nie war ein Mädchen empfänglicher für die erhabene Anſprache, welche bei ächter, inniger Weiblichkeit ihre Wirkung nie ver⸗ fehlt, als die junge Violante. Das Glück war dem Ver⸗ ucher in dem Augenblick, welchen er gewählt hatte, günſtig. 1526 Harley bildete keinen Theil von ihren Hoffnungen mehr, und die Liebe erſchien ihr als ein Wort, das aus ihrer Sprache geſtrichen war. In der weiten Oede der Welt ſtand nur noch ein Bild klar und deutlich vor ihr— das ihres Vaters. Und ſie, die von früheſter Kindheit nur danach getrachtet hatte, dieſem Vater zu dienen, welcher ſie gelehrt hatte, von Harley zu träumen als von ſeinem Freund— ſie konnte dem Verbannten Alles zurückgeben, wonach er ſeufzte, und zwar durch das Opfer ihrer Perſon. Selbſtaufopferung hat unter allen Umſtänden einen hohen Reiz für den Edlen! Gleichwohl erſchien ihr in der Verwirrung und Verſtörtheit ihres Geiſtes der Gedanke an eine ehliche Verbindung mit einem Andern ſo ſchrecklich und empörend, daß ſie ihn nicht ſogleich faſſen konnte, und die offene Ehrenhaftigkeit, welche inſtinktartig ihren ganzen Charakter durchdrang, ließ ſogar ihre Unerfahrenheit in dieſer heimlichen Berufung auf ſie etwas Hinterliſtiges ahnen. Der Graf wiederholte ſeine Bitte, daß ſie ſprechen möchte, weßhalb ſie endlich unentſchloſſen und mit Anſtren⸗ gung erwiederte: „Wenn die Sache ſich ſo verhält, wie Ihr ſagt, ſo ſteht es nicht mir zu, Euch zu antworten, ſondern meinem Vater.“ „Nicht doch,“ entgegnete Peschiera.„Verzeiht mir, wenn ich Euch widerſpreche. Kennt Ihr Euren Vater ſo wenig, daß Ihr der Annahme Raum gebt, er werde ſeinem Vortheil einen zwingenden Einfluß auf ſeinen Stolz geſtat⸗ ten? Er würde ſich vielleicht ſogar weigern, nur meinen — 1527 Beſuch anzunehmen oder meiner Erklärung Gehör zu ſchenken. Unter allen Umſtänden aber ſteht von ihm zu erwarten, daß er es ablehnt, ſein Erbe zurückzuerkaufen durch die Hingabe ſeiner Tochter an einen Mann, den er für ſeinen Feind ge⸗ halten hat und bei dem die Ungleichheit der Jahre die Welt zu der Nachrede veranlaſſen könnte, das Opfer ſey dem per⸗ ſönlichen Ehrgeiz Eures Vaters gebracht worden. Aber wenn ich vor ihn hintreten könnte mit Eurer eigenen Ermächtigung — wenn ich mich in der Lage ſehe, ihm zu ſagen: Eure Toch⸗ ter überſieht das, was Euch als ein Hinderniß erſcheinen mag— ſie hat aus eigener freier Wahl eingewilligt, meine Hand anzunehmen— ihr Glück und ihr Gebet iſt mit dem meinigen vereinigt— dann erſt kann ich des Erfolges ſicher ſeyn, und Italien wird meine Irrthümer verzeihen und Euren Namen ſegnen. Ach, Signorina, erblickt in mir weiter nichts, als ein Werkzeug zu Erfüllung ſo erhabener und heiliger Pflichten— denkt nur an Eure Ahnen, an Euren Vater, an Euer Heimathland, und weist nicht die ſchöne Gelegen⸗ heit von Euch, zu zeigen, wie theuer alles Dies Eurem Her⸗ zen iſt.“ Vivlante's Herz war an der rechten Saite berührt. Sie erhob das Haupt— die Farbe kehrte auf ihre blaſſe Wange zurück, und ſie wandte die herrliche Schönheit ihres Antlitzes dem liſtigen Verſucher zu. Sie wollte eben ant⸗ worten und ihr Schickſal beſiegeln, als ſich aus kleiner Entfernung Harley's Stimme vernehmen ließ. Auch Nero kam herangeſprungen und drängte ſich mit rauher Vertrau⸗ lichkeit zwiſchen ſie und Peschiera. Der Graf wich zurück, und Violante, deren Auge feſt auf ſeinem Geſichte haftete, erſchrack ob der Veränderung, die ſie in dem Ausdruck ſeiner Züge wahrnahm. Ein einziger Blick der Wuth reichte zu, in ſeinem raſch vorübergehenden Aufblitzen die finſteren Ge⸗ heimniſſe ſeines Weſens zu enthüllen— es war das Geſicht des niedergeworfenen Gladiators. Er hatte nur noch für wenige Worte Zeit. „Ich darf mich hier nicht ſehen laſſen,“ murmelte er; „aber morgen— hier im Garten— um dieſelbe Stunde.— Ich beſchwöre Euch um Eures Vaters willen— bei ſeinen Hoffnungen, ſeinem Glück und ſogar ſeinem Leben— dieſe Begegnung geheim zu halten— und mich wieder zu ſehen. Adieu!“ Er verſchwand unter den Bäumen und war fort— lautlos, geheimnißvoll, wie er gekommen. Neuntes Kapitel. Die letzten Worte Peschiera's klangen noch in Violante's Ohr, als Harley ihr zu Geſicht kam, und der Klang ſeiner Stimme zerſtreute die unbeſtimmte, träumeriſche Erſtarrung, welche ihre Sinne beſchlichen hatte. Dieſe Stimme weckte ſie wieder zu dem Bewußtſeyn ihres unendlichen Verluſtes, und eine unerträgliche Bangigkeit bemächtigte ſich ihrer. Sie wandte ſich ſchnell ab und eilte nach dem Hauſe hin. Harley rief ſie bei Namen; aber ſie antwortete nicht und heſchleu⸗ 1— 5. D 1529 nigte ihre Schritte nur um ſo mehr. Er blieb einen Augen⸗ blick überraſcht ſtehen und folgte ihr dann. „Unter welchem ſeltſamen Zauber ſtehe ich denn?“ ſagte er, indem er ſeine Hand auf ihren krampfhaft zuſammen⸗ zuckenden Arm legte.„Ich frage nach Helen— ſie iſt un⸗ wohl und kann mich nicht ſprechen. Ich komme, mich in Eurer Gegenwart zu ſonnen, und Ihr flieht vor mir, als ob Götter und Menſchen mir das Zeichen des Fluchs auf die Stirne gedrückt haͤtten. Kind!— Kind! was iſt dies? Ihr weint?“ „Haltet mich jetzt nicht zurück— oh, ſprecht nicht mit mir,“ verſetzte Violante unter erſtickendem Schluchzen, wäh⸗ rend ſie ſich von ſeiner Hand losriß und dem Hauſe zu wollte. „Habt Ihr einen Kummer— und dazu noch unter dem Schirme meines elterlichen Daches? Einen Kummer, den Ihr mir nicht vertrauen wollt? Grauſam!“ rief Harley mit unaus ſprechlicher Innigkeit in den ſanften, vorwurfsvollen Lauten. Violante wagte es nicht, zu antworten. Voll Scham über ihren Selbſtverrath, noch mehr aber durch ſeine bittende Stimme beſänftigt, hätte ſie zum Himmel flehen mögen, daß die Erde ſich aufthue, um ſie zu verſchlingen. Endlich, nach⸗ dem es ihr durch eine heldenhafte Anſtrengung gelungen war, ihren Thränen Einhalt zu thun, ſagte ſie faſt ruhig: „Edler Freund, vergebt mir. Glaubt mir, ich habe keinen Kummer, den— den ich Euch vertrauen könnte. Ich dachte blos an meinen armen Vater, als Ihr in den Garten famt, und ängſtigte mich um ſeinetwillen vielleicht mit eitlen 1530 abergläubiſchen Befürchtungen. So kam es denn, daß ſogar eine leichte Ueberraſchung, Euer plötzliches Erſcheinen, zu⸗ reichte, um mich ſo ſchwach und thöricht zu machen. Aber ich wünſche meinen Vater zu ſehen— muß nach Haus— nach Haus.“ „Glaubt mir, Euer Vater befindet ſich wohl und iſt hocherfreut, Euch hier zu wiſſen. Ihm droht keine Gefahr, und hier ſeyd auch Ihr ſicher.“ „Ich ſicher— und vor was?“ Harley ſann unſchlüſſig nach. Er hatte gute Luſt, ſie von den Nachſtellungen zu unterrichten, welche ihr der Vater verborgen; aber war er befugt, dies zu thun gegen ſeinen Willen? „Laßt mir Zeit zum Nachdenken,“ verſetzte er,„und zu Einholung der Erlaubniß, Euch ein Geheimniß mitzuthei⸗ len, von dem Ihr nach meiner Anſicht allerdings Kunde ha⸗ ben ſolltet. Inzwiſchen mag Euch die Verſicherung genügen, daß Euer Vater, eh' er Euch der Gefahr ausgeſetzt ſehen wollte, die er vielleicht übertreibt, Euch lieber einen Be⸗ ſchützer— ſogar in Randal Leslie gegeben haben würde.“ Violante fuhr zuſammen. „Aber,“ fuhr Harley mit einer Ruhe fort, in welcher ſich, wohl ihm ſelbſt unbewußt, eine gewiſſe tiefe Wehmuth kundgab—„aber ich hoffe, daß Euch ein ſchöneres Lvos und ein edlerer Gatte beſchieden iſt. Ich habe gelobt, fortan in der gemeinen Alltagswelt zu leben; aber Euch gegenüber, mein herrliches Kind— Euch gegenüber bin ich noch der alte Träumer,“ 1531 Violante richtete ihr Auge für einen Moment auf den melancholiſchen Sprecher. Dieſer Blick durchzuckte ihn bis ins Innerſte. Er ſenkte unwillkürlich das Haupt. Als er wieder aufblickte, war er allein. Er verſuchte nicht, dem Mädchen zu folgen, ſondern ſchritt unter den entlaubten Bäumen weiter. Eine Stunde ſpäter trat er wieder in das Haus und ließ bei Helen abermals anfragen, ob ſie ſeinen Beſuch empfangen könne. Sie hatte ſich jetzt hinreichend geſammelt, um die gewünſchte Beſprechung zu geſtatten. Er näherte ſich ihr mit ernſter und würdevoller Zartheit. „Meine theure Helen,“ ſagte er,„Ihr habt eingewilligt, meine Gattin und die ſanfte Gefährtin meines Lebens zu werden. Laßt dies bald— bald geſchehen, denn ich bedarf Eurer. Ich bedarf der ganzen Kraft jenes heiligen Bandes. Helen, ich muß Euch dringlich bitten, die Zeit feſt zu ſetzen.“ „Ich bin Euch zu ſehr verpflichtet,“ entgegnete Helen, auf den Boden ſehend,„um einen anderen Willen zu haben, als den Eurigen. Aber Eure Mutter—“ fügte ſie bei, ſich vielleicht des Gedankens an einen Aufſchub getröſtend— „Eure Mutter hat noch nicht—“ „Meine Mutter— ganz recht. Ich will zuerſt mit ihr ſprechen. Ihr ſollt von meiner Familie alle die Achtung genießen, welche Euren ſanften Tugenden gebührt. Helen, beiläufig— habt Ihr gegen Violante das Verhältniß be⸗ rührt, das zwiſchen uns beſteht?“ „Nein— das heißt, ich fürchte, ich habe es unab⸗ ſichtlich verrathen— und noch obendrein gegen den Wunſch. der Lady Lansmere— aber— aber—“ „Lady Lansmere hat Euch alſo unterſagt, gegen Vio⸗ lante davon zu ſprechen? Dies hätte nicht ſeyn ſollen. Ich verbürge mich dafür, daß ſie das Verbot zurücknehmen wird. Man iſt dies Violanten und Euch ſchuldig. Sagt Eurer jungen Freundin Alles. Ach, Helen, wenn ich bisweilen kalt und widerwärtig erſcheine, ſo habt Nachſicht— habt Ge⸗ duld mit mir; denn Ihr liebt mich— nicht wahr?“ Zehntes Kapitel. Am nämlichen Abend erhielt Randal von Levy, den er noch ſpät beſuchte, Kunde von der Zuſammenkunft mit Vio⸗ lante, die Peschiera durch Benützung des Hauptſchlüſſels herbeigeführt hatte. Der Graf ſchien voll Hoffnung und des baldigen Erfolgs ſeiner Verehelichungsplane vollkommen gewiß zu ſeyn.„Deshalb hoffe ich,“ fügte Levy bei,„daß ich Euch bald zu der Erwerbung Eurer Familiengüter werde Glück wünſchen können.“ „Seltſam!“ verſetzte Randal—„ſeltſam, daß meine Zukunft an das Schickſal einer Ausländerin, wie dieſe Bea⸗ trice di Negra, und an ihre Verbindung mit Frank Hazel⸗ dean geknüpft zu ſeyn ſcheint.“ Während er ſo ſprach, blickte er auf und fügte bei— „Jetzt wird Frank ſein Verhältniß zu der Fremden ſei⸗ nem Vater mitgetheilt haben.“ 1533 „Und Ihr ſeyd überzeugt, daß der Squire ſich ſeine Zuſtimmung nicht wird abſchwatzen laſſen?“ „Nein; aber ſo viel ſehe ich voraus: der Squire wird bei der erſten Kunde davon in einem Grade aufbrauſen, daß Frank die Faſſung verlieren muß, welche zum Schmeicheln und Beſchwatzen nöthig iſt. Und vielleicht erfährt der alte Herr, noch eh' er Zeit gewinnt, über dieſen Punkt milder zu werden, zufälliger Weiſe von einer anderen Seite her, welchen gewichtigen Grund er zu noch größerem Zorne hat.“ „Ah, ich verſtehe— das Post obit?“ Randal nickte. „Und was dann?“ fragte Levy. „Dann darf vielleicht der zweitnächſte Erbe des Hazel⸗ deanſchen Beſitzthums auf ſeinen Tag hoffen.“ Der Baron lächelte. „Ihr habt gute Ausſichten in dieſer Richtung, Leslie; ſehen wir nun auch nach den anderen. Ich habe mit Euch von dem Wahlbezirk Lansmere geſprochen. Euer Gönner, Audley Egerton, iſt Willens, ſich dort wählen zu laſſen.“ Randals Herz war letzter Zeit ſo ſehr von anderen mehr ſeiner Habgier entſprechenden Planen erfüllt geweſen, daß die Ausſicht auf einen Sitz im Parlament etwas in den Hintergrund treten mußte. Gleichwohl fühlte ſich ſein ehrgeiziges nach Allem greifendes Weſen bitterlich ange⸗ fochten, als er vernahm, daß Audley Egerton in ſolcher Weiſe ſeinem Aufkommen in den Weg zu treten beabſichtigte. „So!“ murmelte er finſter vor ſich hin—„ſo! Dieſer Mann, der ſich als mein Wohlthäter geltend machen will, verſchleudert den Reichthum meiner Ahnen— wirft mich ohne einen Penny in die Welt, und während er mich noch immer ermuntert, von meiner Thätigkeit einen Aufſchwung im öffentlichen Leben zu erwarten, beraubt er mich ſelbſt des—“ „Nein,“ fiel ihm Levy in's Wort—„von Beraubung iſt noch nicht die Rede. Wir können da vorbeugen. In dem Bezirk iſt der Einfluß der Lansmere nicht ſo bedeutend, wie der von Dick Avenel.“ „Aber ich kann doch nicht gegen Egerton auftreten.“ „Gegen ihn freilich nicht, aber mit ihm.“ „Wie dies?“ „Dick Avenel wird nie zugeben, daß Egerton durchgreift, und obſchon er vielleicht nicht im Stande, zwei von ſeiner eigenen politiſchen Farbe durchzuſetzen, kann er doch zu Euren Gunſten eine Zerſplitterung der Stimmen herbeiführen.“ Randals Auge funkelte. Er ſah mit einem Blick, daß, wenn ſich Avenel nicht in der verhältnißmäßigen Stärke der Parteien verrechnete, ſein Sitz im Parlament geſichert werden konnte. „Aber,“ ſagte er,„Egerton hat mit mir noch nicht über die Sache geſprochen, und ich kann nicht von ihm er⸗ warten, daß er mir den Vorſchlag mache, mit ihm aufzu⸗ treten, wenn er die Möglichkeit vorausſieht, daß der von ihm ſelbſt eingeführte Kandidat ihn ausſtechen könnte.“ „Weder er noch ſeine Partei wird an eine ſolche Mög⸗ lichkeit denken. Wenn er Euch auffordert, gemeinſchaftlich * mit ihm als Bewerber aufzutreten, ſo ſagt Ja— für das Andere laßt mich ſorgen.“ „Ihr müßt Egerton bitterlich haſſen,“ ſagte Randal; „denn ich bin nicht eitel genug, mir einzubilden, daß Ihr aus purer Liebe zu mir auf ſolche Anſchläge ſinnt.“ „Die Triebfedern der Menſchen ſind vielſeitig und ver⸗ wickelt,“ entgegnete Levy mit ungewöhnlichem Ernſte.„Dem Weiſen genügt es, aus den Handlungen Nutzen zu ziehen und die Beweggründe im Schatten zu laſſen.“ Es trat für einige Minuten ein Schweigen ein. Dann rückten die beiden Ehrenmänner näher zu einander und be⸗ gannen die Einzelheiten ihrer vereinten Plane zu beſprechen. Randal ging langſam nach Haus. Es war eine kalte mondhelle Nacht. Junge Müßiggänger von ſeinem Alter und Rang kamen an ihm vorüber, als ſie von den Tummel⸗ plätzen ihrer geſelligen Vergnügungen heimkehrten. Sie ſtanden noch in den erſten ſchönen Ferien des Lebens. Leslie's Feiertage waren für immer vorüber. Er begegnete auch ernſteren Männern, thätig in den verſchiedenen Berufen männlicher Anſtrengung, in Gewerben, im Handel und im Staatsdienſt. Ihre Schritte waren vielleicht nüchtern und ihre Mienen ſorgenvoll; aber kein Schritt ſchlich ſo verſtoh⸗ len dahin, wie der ſeinige— auf keinem Geſicht war ein ſo wolkenvolles, unheilbrütendes und argwöhniſches Düſter wahrzunehmen. Nur einmal, in einer einſamen Straße und hart an den Häuſern der anderen Seite hin, trat ein Fuß auf und blitzte ein Auge, das eine Seele zu verrathen ſchien, welche mit der von Randal Leslie ſympathiſirte. Und Randal, welcher keinem der ihm Begegnenden Beachtung geſchenkt hatte, wurde unwillkürlich aufmerkſam auf dieſen einzelnen Nachtwandler. Seine Nerven prickelten bei dem lautloſen Hingleiten der Geſtalt, wie ſie von Lampe zu Lampe ſchwebte und mit ihm gleichen Schritt hielt. Es kam ihn eine Art Grauſen an, als erblicke er einen geſpen⸗ ſtiſchen Doppelgänger ſeines Ichs, und ſo oft er argwöh⸗ niſch nach dem Fremden hinſchaute, ſah auch dieſer zu ihm herüber. Er fühlte ſich ungemein erleichtert, wie endlich die Geſtalt in eine andere Straße einbog und verſchwand. Jener Mann war ein Verbrecher und dem Strange ver⸗ fallen, ſo bald er entdeckt wurde. Zwiſchen ihm und ſeinem Geſchlecht ſtand nur ein Gedanke— ein luftiggeſponnener aber undurchvringlicher Schleier, wie der von dem Bilde zu Sais. Und ſo bewegte ſich und ſo blickte Randal Leslie umher — ein Weſen voll dunkeln und geheimen Unheils, wohl noch im Banne der Geſetzmäßigkeit ſtehend, aber eben ſo weit entfernt von ſeinem Geſchlecht in dem unbeſtimmten Bewußt⸗ ſeyn, daß in ſeinem Herzen etwas liege, wovon das Auge der Menſchen mit Entſetzen und Abſcheu ſich wegwenden würde. Einſam mitten in der ungeheuren Stadt und zwi⸗ ſchen den Maſchinerien der Civiliſation hin ſchritt der ſtille Geiſt des intellektuellen Böſen. Eilftes Kapitel. Früh am andern Morgen erhielt Randal zwei Billete — eines von Frank, welches in großer Aufregung geſchrieben 1537 war und die Bitte enthielt, Randal möchte doch den Squire beſuchen und ihn begütigen, da der Schreiber fürchtete, ſeinen Vater ſchwer beleidigt zu haben. Es folgten dann ziemlich unzuſammenhängende Betheuerungen, daß ſeine Ehre ſo⸗ wohl als ſein Herz unwiderruflich an Beatriee di Negra ge⸗ kettet ſey und daß wenigſtens er nie von ihr laſſen werde. Das zweite Billet war von dem Sgquire ſelbſt— kurz und weit weniger herzlich als gewöhnlich, indem es einfach den Wunſch ausdrückte, daß Mr. Leslie zu ihm kommen möchte. Randal kleidete ſich haſtig an und begab ſich unverweilt nach Limmer's Hotel. Er traf in Mr. Hazeldean's Geſellſchaft den Pfarrer, welcher vergeblich den aufgebrachten Vater zu beruhigen ſuchte. Der Squire hatte die ganze Nacht kein Auge ge⸗ ſchloſſen, und ſein verfallenes Ausſehen legte Zeugniß ab von der vorausgegangenen Aufregung. „Oho! Mr. Leslie Junior,“ rief er und warf ſich bei Randals Eintritt in ſeinen Stuhl zurück—„ich habe ge⸗ meint, Ihr ſeyed ein Freund— habe Euch für Franks Rath⸗ geber gehalten. Ich verlange eine Erklärung, Sir— eine Erklärung.“ „Gemach, mein lieber Mr. Hazeldean,“ ſagte der Pfar⸗ rer.„Ihr überraſcht und erſchreckt Mr. Leslie. Sagt ihm beſtimmter, über was Ihr eine Erklärung wünſcht.“ Squire.—„Ich frage Euch, ob es wahr iſt oder nicht, daß Ihr zu mir oder zu Mrs. Hazeldean ſagtet, Frank ſey in Violante Rickybocky verliebt?“ Bulwer, meine Novelle. 97 1538 Randal(wie in großem Erſtaunen).—„Ich? Nie, Sir! Ich fürchtete im Gegentheil, daß er ſeine Neigung einer ganz anderen Perſon zugewendet habe— eine Mög⸗ lichkeit, auf die ich auch hindeutete. Mehr konnte ich nicht thun, denn ich wußte nicht, in wie weit Franks Herz ernſt⸗ lich in der Sache betheiligt ſey. Und in der That, Sir, wenn auch Mrs. Hazeldean keinen Gefallen fand an dem Gedanken, daß ihr Sohn eine Ausländerin und eine Ka⸗ tholikin heirathen könnte, ſo ſchien ſie doch dieſe Einwürfe nicht für unüberwindlich zu halten, im Falle Franks Glück wirklich auf dem Spiele ſtehen ſollte.“ Der arme Sguire ließ nun einen ganzen Sturm von Leidenſchaft losbrechen, der ſich über Frank, Randal, ſogar ſeine Harry und die ganze Sippe von Ausländern, Katho⸗ liken und Weibern ergoß. Er war in dieſem Zuſtande für die Stimme der Vernunft völlig unzugänglich, weshalb der Pfarrer Randal bei Seite nahm und aus der Beſprechung mit ihm die Ueberzeugung gewann⸗ daß die ganze Geſchichte, ſo weit der junge Schlaukopf ſeine Betheiligung zugeſtand, in einem ſehr natürlichen Mißverſtändniß ihren Urſprung hatte, indem Mrs. Hazeldean das, was Randal auf Beatrice bezog, auf Violante deutete. Es hielt ſchwer, dem Squire dieſe Aufklärung verſtändlich zu machen; als es aber endlich gelungen war, legte ſich einigermaßen ſein Zorn gegen den jungen Gentleman. Der Heuchler benützte dieſe Gelegen⸗ heit, um ſein Erſtaunen und ſein großes Leid darüber aus⸗ zudrücken, vaß die Sache ſo weit gediehen ſey, wie der Pfarter ihm mittheilte— nömlich bis zu einem formlichen Verſpruch zwiſchen Frank und Beatrice, ohne daß dem Vater auch nur eine Mittheilung gemacht worden wäre. Ererklärte ſo feierlich, daß er von dieſem ſchlimmen Umſtand keine Ahnung, ſondern im Gegentheil von Frank das heilige Verſprechen gehabt habe, er wolle Schritt ohne die Einwilligung ſeiner Eltern thun, und zeigte ſo viel T heil⸗ nahme an dem gerechten Zorn des es und ein ſo war⸗ mes Bedauern über die Verſtrickung des Sohnes, daß Mr. Hazeldeans ehrliches Herz ſich endlich gegen ſeinen Tröſter aufſchloß. Der gute Mann ergriff Randals Hand und ſagte: „Ich ſehe, daß ich Euch Unrecht gethan habe, und bitte um Verzeihung. Aber was iſt jetzt anzufangen?“ Natürlich könnt Ihr zu dieſer Verbindung nicht J ſatn— unmöglich,“ verſetzte Randal,„und wir et deshalb hoffen, daß es uns gelinge, von Seiten des Pf flicht⸗ gefühls auf Frank einzuwirken.“ „Das iſt's,“ ſagte der Squire;„denn ich werde nicht weich geben. Eine ſaubere Geſchichte das— und noch dazu eine Wittwe, wie ich höre. Eine argliſtige Metze ohne Zweifel, einen Hazeldean von Hazeldean zu fangen. Nein, meine Beſitzungen ſollen nicht an ein ausländiſches papiſtiſches Gezücht von ſolchen Miſchlingsbälgen Auten. Nun und nimmermehr!“ „Aber,“ bemerkte der Pfarrer mild,„vielleicht geben wir einem ungerechten Vorurtheil gegen dieſe Lady Raum. Wir würden bei Violante Ja geſagt haben— warum nicht auch bei ihr? Iſt ſie von guter Familie?“ „Allerdings,“ antwortete Randal. „Und von gutem Ruf?“ Randal ſchüttelte den Kopf und ſeufzte. Der Squire faßte ihn rauh am Arm. „Antwortet dem Pfarrer!“ rief er mit Ungeſtüm. „Ich darf in der That nicht ſchlimm von dem Ruf einer Frau reden, die vielleicht dennoch Franks Gattin wird, und die Welt iſt ſo bösartig, daß man ihr nicht immer Glauben ſchenken darf. Aber Ihr könnt Euch ſelbſt ein Urtheil bilden, mein theurer Mr. Hazeldean. Fragt Euren Bruder, ob er zu einer Heirath ſeines Neffen mit einer Frau wie Madame di Negra rathen würde.“ „Meinen Bruder?“ rief der Squire wüthend.„Den mir fernſtehenden Bruder ſoll ich zu Rathe ziehen über die Angelegenheiten meines eigenen Sohns!“ „Er iſt ein Mann der Welt,“ bemerkte Randal. „Und von Gefühl und Ehre,“ flocht der Pfarrer ein. „Vielleicht werden wir durch ihn in den Stand geſetzt, Frank ſeiner Verblendung zu entreißen und ihn vor der Schlinge zu bewahren, die, wie es ſcheint, ein trügeriſches Weib ihm ge⸗ legt hat.“ „Inzwiſchen will ich Frank aufſuchen,“ ſagte Randal, „und ſehen, wie ich am Beſten auf ihn einwirken kann. Laßt mich jetzt gehen— ich werde in einer Stunde oder ſo wieder zurück ſeyn.“ „Ich will Euch begleiten,“ lautete des Pfarrers bereit⸗ williges Erbieten. „Nein— verzeiht; aber ich denke, ein Paar junge Männer ſprechen weit offener mit einander ohne Beiſeyn 1541 einer dritten Perſon, wenn dieſe ſo weiſe und wohl⸗ wollend wäre, wie Ihr. „Laßt Randal gehen,“ brummte der Squire. Und Randal ging. Er hielt ſich eine geraume Zeit bei Frank auf, und der Leſer kann ſich leicht denken, wie dieſe Zeit au ſt wurde. Endlich verließ er Franks Wohnung und ſah ſich plötzlich auf der Straße von des Squire's hocheigenen Händen gepackt. „3ch bin zu ungeduldig geweſen, um zu Hauſe zu blei⸗ ben und des Pfarrers langweiliges Geſchwätz anzuhören,“ ſagte Mr. Hazeldean mit beklommenem Herzen.„Den Dale hab' ich vom Hals. Sagt mir jetzt, was Ihr ausgerichtet habt. Oh, fürchtet Euch nicht— ich bin ein Mann und kann das Schlimmſte ertragen.“ Randal zog den Arm des Squire durch den ſeinigen und führte ihn nach dem anliegenden Park. „Mein theurer Sir,“ begann er mit der Miene der Bekümmerniß,„was ich Euch jetzt zu ſagen habe, theile ich Euch nur im größten Vertrauen mit. Ich muß Euch dies wiederholen, weil ich ohne die geeignete Vorſicht von Eurer Seite nicht weiß, wie ich Euch über die nun einzuſchlagen⸗ den Schritte einen zweckmäßigen Rath ertheilen kann. Wenn ich übrigens zum Verräther an Frank werde, ſo geſchieht es zu ſeinem Beſten, und ich habe es ja mit ſeinem eigenen Vater zu thun. Aber nur kein Wort gegen ihn— er koͤnnte es mir nie verzeihen, und mein Einfluß auf ihn wäre für immer verloren.“ „Fahrt fort— fahrt fort,“ keuchte der Squire.„Her⸗ aus damit. Der undankbare Wicht ſoll nie von mir hören, daß ich ſeine Geheimniſſe von einem Andern erfahten mußte.“ „Wohlan,“ verſetzte Randal,„das Geheimniß ſeiner Verſtrickung mit Madame di Negra beſteht einfach darin, daß er ſie in Schulden fand— ja, ſogar auf dem Punkte, verhaftet zu werden—“ „Schulden!— Verhaftet!— Jeſabel!“ „Und indem er ſelbſt ihre Schulden zahlte und ſie vom Gefängniß rettete, legte er ihr eine Verpflichtung auf, die keine Frau von Ehre aus andern Händen annehmen kann, als aus denen eines Verlobten oder Gatten. Der arme Frank— er wurde traurig eingezogen; aber dennoch müſſen wir ihn bemitleiden und ihm vergeben!“ Zu Randals großer Ueberraſchung klärte ſich auf ein⸗ mal das ganze Geſicht des Squire auf. „Ich ſehe, ich ſehe,“ rief der Squire und klopfte ſich an das Dickbein.„Ich hab's— ich hab's—'s iſt eine Geldgeſchichte, und ich kann ſie abkaufen. Wenn die abge⸗ feimte, geſchminkte Dirne Geld von ihm genommen hat— ei, dann wird ſie's auch von mir nehmen. Ich mache mir nichts daraus, was es koſtet— mein halbes Vermögen, mein ganzes. Ja, ich wollte mich darein finden, Hazeldean⸗ Hall in meinem Leben nicht wieder zu ſehen, wenn ich nur meinen Sohn, meinen einzigen Sohn, bewahren kann vor Schande und Elend; denn elend wird er ſeyn, wenn er weiß, daß er mir und ſeiner Mutter das Herz gebrochen hat. Und um einer ſolchen Kreatur willen! Mein Junge, tauſendmal 1543 herzlichen Dank. Wo wohnt die Nichtswürdige? Ich will ſogleich zu ihr gehen.“ Und während der Squire ſo ſprach, hatte er ſein Taſchen⸗ buch herausgenommen und begann jetzt die Banknoten zu zählen. Randal verſuchte zuerſt, dieſen kühnen Entſchluß von Seiten des Squire zu bekämpfen, allein Mr. Hazeldean hielt mit dem ganzen Starrfinn ſeines geraden engliſchen Charakters daran feſt. Erunterbrach Randals überzeugungs⸗ luſtige Beredſamkeit in ihrem beſten Schwunge und ſagte: „Verſchwendet Euren Athem nicht ſo vergeblich. Mein Sinn ſteht feſt, und wenn Ihr mir nicht mittheilen wollt, wo ſie wohnt, ſo wird ſich, denke ich, dies leicht ausfindig machen laſſen.“ Randal ſann einen Augenblick nach.„Und warum nicht?“ dachte er.„Ohne Zweifel wird er eine Sprache führen, die ihren Stolz gegen ihn aufſtachelt und Frank zum Aeußerſten reizt. Mag er gehen.“ Er ertheilte demgemäß die gewünſchte Auskunft, ließ ſich aber von dem Squire das beſtimmte Verſprechen geben, daß er gegen Madame di Negra nichts von der durch Frank geleiſteten Geldaushilfe verlauten laſſen wolle, weil dadurch er ſelbſt als Angeber verrathen werden würde. Der Squire verſicherte ihn, daß er„wohl wiſſe, wie eine Sache zu be⸗ handeln ſey, ohne der Angabe der Gründe zu bedürfen, denn in ſolchen Dingen laufe es nur darauf hinaus, daß man den Beutel weit genug anfmache.“ Da ſich Randal wohl oder übel mit dieſer Erklärung zufrieden geben mußte, ſo beglei⸗ tete er Mr. Hazeldean eine Strecke weit und verließ ihn ſodann, nachdem er für eine weitere Zuſammenkunft in Limmer's Hotel eine Abendſtunde feſtgeſetzt und dabei ange⸗ deutet hatte, daß es ihm lieb wäre, wenn dieſe Beſpre⸗ chung ohne Beiſeyn des Pfarrers ſtattfinden könne.„Er iſt wohl ein trefflicher, wackerer Mann,“ ſagte Randal,„beſitzt aber für derartige Angelegenheiten, auf die Ihr Euch ſo gut verſteht, nicht genug Weltkenntniß.“ „Ja, ſo denke ich auch,“ verſetzte der Squire, der wie⸗ der ganz ſeine heitere Laune gewonnen hatte.„Und der Pfarrer iſt ſo weich wie Buttermilch. Wir müſſen da feſt ſeyn— feſt, Sir.“ Der Squire ſtieß bei dieſen Schlußworten mit ſeinem Stock auf das Pflaſter, nickte Randal zu und trat ſeinen Gang nach Maifair ſo mannhaft und zuverſichtlich an, als gelte es, bei einer Viehausſtellung eine Preiskuh zu kaufen. ———————————— Zwölftes Kapitel. „Bringt das Licht näher,“ ſagte John Burley—„noch näher.“ Leonard gehorchte, indem er einen kleinen Tiſch neben das Bett des Kranken rückte und den Leuchter darauf ſtellte. Burley's Geiſt war theilweiſe in Delirien befangen, aber es lag Methode in ſeinem Irrſinn. Horace Walpole ſagte,„der Magen werde ſeinen ganzen übrigen Körper überleben,“ aber was bei Burley bis auf das Letzte aushielt, 1 3 154⁵ das war ſein wunderlicher wilder Genius. Er blickte gedanken⸗ voll in die ſtille Flamme der Kerze und ſagte: „Es lebt immer in der Luft!“ „Was lebt immer?“ Burley's Stimme hob ſich. „Das Licht!“ Er wandte ſich von Leonard ab und betrachtete abermals die kleine Flamme. „Im Firſtern, in dem Irrwiſch, in der großen Sonne, welche eine halbe Welt beleuchtet, oder in dem ſchlechten Talglicht, bei welchem der zerlumpte Student ſeine Augen anſtrengt— ſtets die gleiche Blume der Elemente. Das Licht im All, der Gedanke in der Seele— ja— ja— weiter in dem Gleichniß. Mein Kopf ſchwindel!, Löſch das Licht aus! Du kannſt es nicht. Thor, es verſchwindet vor Deinem Auge, iſt aber doch noch immer im Raum. Welten müſſen ver⸗ gehen, Sonnen zuſammenſchrumpfen und Geiſt und Materie in Nichts zerfallen, ehe die Kombinationen, deren Verei⸗ nigung dieſe kleine vom Hauch eines Kindes erlöſchende Flamme hervorruft, die Macht verlieren, ſich wieder zu Licht zu verbinden. Die Macht verlieren?— nein, die Nothwendigkeit. Sie iſt das einzige Muß in der Schöpfung. Ja, ja, ſehr dunkle Räthſel werden mir jetzt klar— jetzt, da ich nicht Kraft genug in mir fühle, eine Bäckerrechnung zuſammenzuzählen! Welcher weiſe Mann läugnete, daß zweimal Zwei Vier iſt? Sind ſie nicht Vier? Ich kann ihm nicht darauf antworten. Aber eine Frage 1546 könnte ich löſen, die einige weiſe Männer noch viel ſchwieriger zu machen verſtanden.“ Er lächelte ſtill vor ſich hin und wandte ſein Geſicht für einige Minuten gegen die Wand. Dies war die zweite Nacht, welche Leonard wachend an dem Lager des Kranken zubrachte. Burley's Zuſtand hatte ſich ſchnell verſchlimmert. Er konnte es nicht mehr viele Tage— vielleicht nicht mehr viele Stunden treiben; aber bei Leonards Anblick hatte er eine Aufregung gezeigt, die weit mehr war, als bloſe Freude. Seitdem benahm er ſich ruhiger und war mehr bei ſich. „Ich fürchtete, durch mein ſchlimmes Beiſpiel Euch zu Grunde gerichtet zu haben,“ ſagte er mit einem Anflug von Humor, der wirklich rührend wurde, als er beifügte: „Dieſer Gedanke hat ſchwer auf mir gelaſtet.“ „Nicht doch, ich habe Euch nur Gutes zu danken.“ „Iſt es wahr? Oh, ſagt mir dies oft,“ verſetzte Burley mit Wärme.„Das Herz wird mir leicht dabei.“ Er hatte Leonards Geſchichte mit tiefer Theilnahme angehört und liebte es, mit ihm von der kleinen Helen zu ſprechen. Er entdeckte das Geheimniß in dem Herzen des jungen Mannes und ermuthigte die Hoffnung, die darin lag zwiſchen Furcht und Sorgen. Burley ſprach nie ernſt⸗ lich von ſeiner Reue, denn es lag nicht in ſeiner Natur, ſich mit Ernſt über Dinge auszulaſſen, die er tief und feierlich fühlte. Aber die Lebhaftigkeit ſeines Gkiſtes war erloſchen mit der Lebenskraft, durch die ſie genährt worden. Freilich, wir treten heraus aus unſerem ſinnlichen Daſeyn, wenn wir . 7 ch, * 1547 nicht länger geknechtet ſind durch die Gegenwart, in welcher die Sinne ihre Herrſchaft üben. Der Sinnenmenſch geht unter, wo die Vergangenheit oder die Zukunft den Geiſt beſchäftigt. Für Burley war es mit der Gegenwart vor⸗ bei; er konnte nicht mehr ihr Sclave und ihr König ſeyn. Es war ungemein rührend⸗ mit anzuſehen, wie der innere Charakter dieſes Mannes ſich entfaltete, als die Blätter des Aeußeren welk abfielen— ein Charakter, den Niemand in ihm geahnet haben würde, eine ihm inwohnende Zartheit, die faſt weiblich erſchien; und dabei beſaß er die ganze Selbſt⸗ verläugnung eines Weibes. Wie demüthig nahm er die Sorgfalt hin, die auf ihn verwendet wurde! Wie die Züge des Greiſen in der Stille des Todes ſich in die der Jugend umwandeln, indem die ſcharfen Linien und die Runzeln ver⸗ ſchwinden— ſo erſchien Burley jetzt, wie er in dem Lenz ſeiner Hoffnungen geweſen war. Er ſelbſt aber ſah nur das vor ſich, was zu erringen er verabſäumt hatte— verſchwen⸗ dete Kräfte— ein vergeudetes Leben. „Ich ſah einmal ein Schiff in einem Sturm,“ ſagte er.„Es war ein wolkiger, ſchauriger Tag, und ich konnte bemerken, wie das Schiff mit allen ſeinen Maſten den ſchwe⸗ ren Kampf kämpfte um Leben oder Tod. Dann brach die Nacht herein, eine pechfinſtere Nacht, und ich konnte mir nur vorſtellen, wie das Fahrzeug ſich weiter abmühte. Gegen Tagesanbruch tauchten die Sterne auf, und wieder ſah ich das Schiff— es war ein Wrack und ging in demſelben Augen⸗ blick unter, als die Sterne hervorkamen.“ Nach dieſer Anſpielung auf ſich ſelbſt blieb er eine 1548 geraume Weile ſtill ſitzen; dann breitete er die mageren Finger aus und betrachtete ſie, zugleich einen Blick auf ſeinen welken Glieder werfend. „Gut,“ ſagte er mit einem dumpfen Lachen.„Dieſe Hände waren zu groß und zu rauh für die Handhabung der zarten Gewebe meines Mechanismus und die kräftigen Glie⸗ der ſind mit mir davon gelaufen. Wäre ich ein kränklicher Knirps geweſen, ſo hätte wohl mein Geiſt ein leichteres Spiel gehabt. Es war zuviel von dem Thierleib da! Be⸗ trachtet jetzt dieſe Hand— Ihr könnt das Licht durch⸗ ſcheinen ſehen. Gut— gut!“ An jenem Abend war Burley, bis er ſich niederlegte, ungewöhnlich heiter geweſen und hatte in ſeinen Geſprächen viel von ſeiner alten Beredſamkeit, obſchon nur wenig von ſeinem früheren Humor gezeigt. Unter Anderem redete er auch mit großem Intereſſe von einigen Gedichten und ande⸗ ren Papieren, die eine frühere Bewohnerin ſeines Zimmers als Manuſcript im Hauſe zurückgelaſſen hatte. Es waren dieſelben, welche, wie der Leſer ſich erinnern wird, Mrs. Goodyer ihrem wilden Gaſt bei ſeinem letzten Beſuch in der Hütte vergeblich zu leſen empfahl. Aber damals hatte Burley den alten Jakob zum Plaudern und die Branntwein⸗ flaſche, welcher er den Garaus machen mußte, während das wilde Sehnen nach Aufregung ſeine Gedanken immer wieder den Londoner Vergnügungsplätzen zuführte. Der arme Jakob lag jetzt auf dem Friedhof, und es war kein Brannt⸗ wein, was der kranke Mann aus dem Krüglein der Wittwe trank. Und London lag weit weg in ſeinen Nebeln, wie — 1549 eine Welt, die ſich in Dünſte aufgelöst hat. So hatte er denn, ſeiner Wirthin zu Gefallen und um ſeine einſamen Gedanken zu zerſtreuen, kurze Zeit vor Levnards Eintreffen ſich herabgelaſſen, die Aufzeichnungen aus einem Leben zu leſen, das der Welt unbekannt war und ſeinem nur an rohe Freuden und Leiden gewöhnten Geiſt den Reiz der Neuheit bot. „Um mir die Zeit zu vertreiben,“ ſagte Burley,„habe ich aus dem Inhalt dieſer Papiere einen Roman gemacht. Das Manuſeript kann Euch nützlich werden, Bruder Schrift⸗ ſteller. Ich habe Mrs. Goodyer angewieſen, es auf Euer Zimmer zu bringen. Unter den Schriften befindet ſich ein Tagebuch— das Tagebuch eines Weibes— ſehr rührend geſchrieben. Der Mann kömmt in eine ganz andere Welt, die ihm ſo fremd iſt, wie die des Sirius, wenn er ſich in den Mittelpunkt eines Weiberherzen verſetzen kann und da ein Leben erblickt, ſo verſchieden von dem unſrigen. Dinge, die uns ſo wichtig ſind, erſcheinen hier ſo kleinlich, und was uns trivial dünkt, wird hier ſo groß. So iſt's mit dieſem Tagebuch. Die Zeitabſchnitte darin erinnern mich an ſtürmiſche Ereigniſſe in meinem eigenen Daſeyn und an große Weltbegebenheiten, beziehen ſich aber hier nur auf die geheimnißvolle und uneniſchleierte Geſchichte eines unbekann⸗ ten liebenden Herzens. Und in dieſem Bericht, o Meiſter Dichter, findet Ihr ſoviel Genius, Kraft des Gedankens und Lebensfriſche vergeblich ausgegoſſen, als nur je im Urtheile liebevoller Freundſchaft der mannhafte John Burley an die rauhe Außenwelt verſchwendete. Genius— Genius! Sind wir alſo alle gleich, ausgenommen wenn wir uns an das —— grob Materielle feſtbinden und auf einer hölzernen Planke vder in einem Heringfaß über die tobenden Wogen hin⸗ ſchwimmen?“ Und nachdem der Kranke durch dieſen Ausruf ſeinem inneren Schmerze Luft gemacht hatte, zeigten ſich die Symp⸗ tome zunehmenden Fiebers und einer Wiederkehr des Deli⸗ riums. Man brachte ihn zu Bette, und er lag jetzt da, immer vor ſich hinmurmelnd, bis er gegen Mitternacht Leonard bat, er möchte ihm das Licht näher rücken. Er wurde jetzt, als ſein Geſicht der Wand zugekehrt war, wieder ruhig. Leonard ſtand bekümmert neben dem Bette, und Mrs. Gvodyer, die nicht auf die Reden des Kranken achtete, ſondern nur ſeinen körperlichen Zuſtand im Auge hatte, tauchte Linnen in Eiswaſſer, um die Stirne des Fiebernden damit zu belegen. Aber als ſie ſich mit ihren Lappen dem Kranken näherte und ihn freundlich anredete, richtete ſich Burley mit dem Arme auf und winkte der ſorg⸗ ſamen Wärterin zurück. „Ich brauche das nicht mehr,“ ſagte er mit gefaßter Stimme.„Ich fühle mich beſſer. Ich und dieſes liebliche Licht, wir verſtehen einander, und ich glaube Alles, was es mir ſagt. Pah, pah! Ich rede nicht irre.“ Und er blickte ihr ſo lächelnd und freundlich ins Geſicht, daß die arme Frau, welche ihn wie einen eigenen Sohn liebte, in helle Thränen ausbrach. Sie trat an ſeine Seite und küßte ihn auf die Stirne. „Stille, alte Thörin,“ ſagte er liebevoll.„Ihr könnt nun den Anglern, welche ſpäter kommen, erzählen, wie John 1551 Burley gekommen ſey, um dem einäugigen Barſch nachzu⸗ ſtellen, ohne ihn je zu erwiſchen— und wie Ihr den armen Mann tröſtetet, als er ſein Fiſchen aufgab, weil der Köder aus und die Angelſchnur an den Waſſerpflanzen abgeriſſen war. Es gibt noch manchen guten Geſellen in der Welt, dem es Freude machen wird, wenn er hört, daß der arme Burley nicht auf einem Düngerhaufen ſtarb. Gebt mir einen Kuß— kommt, Junge, Ihr auch. Nun behüt euch Gott; ich möchte ſchlafen.“ Seine Wangen waren naß von den Thränen der beiden Zuhörer, und auch in ſeinem Auge glänzte Etwas wie Feuch⸗ tigkeit, die übrigens das Feuer deſſelben nicht zu erlöſchen vermochte. Er legte ſich wieder nieder und die Frau wollte das Licht entfernen. Er machte eine unruhige Bewegung. „Nicht ſo,“ murmelte er—„Licht bis aufs Letzte.“ Er ſtreckte ſeine hagere Hand aus und ſchob den Vor⸗ hang ſo zurück, daß die Strahlen voll auf ſein Geſicht fallen konnten. Nach einigen Minuten war er eingeſchlafen. Sein Athem ging ſo ruhig und regelmäßig wie der eines Kindes. Die alte Frau trocknete ihre Thränen und zog Leonard leiſe in das anſtoßende Zimmer, in welchem für ihn ein Bett zurecht gemacht war. Er hatte, ſeit er mit Doctor Mor⸗ gan hergekommen war, das Haus nicht verlaſſen. „Ihr ſeyd jung, Sir,“ ſagte ſie in freundlichem Tone, „und die Jugend will geſchlafen haben. Legt Euch ein we⸗ nig nieder; ich will Euch rufen, wenn er aufwacht.“ 1552 „Nein, ich kann nicht ſchlafen,“ ſagte Leonard.„Ich will für Euch wachen.“ Die Frau ſchüttelte den Kopf. „Ich muß bei ihm ſeyn, bis es mit ihm ausgeht, Sir, obſchon ich weiß, daß er zürnen wird, wenn er mich ſieht. Er iſt ſehr beſorgt für Andere geworden.“ „Ach, wenn er nur ebenſo beſorgt für ſich ſelbſt geweſen wäre!“ murmelte Levnard und ſetzte ſich an den Tiſch, auf welchem er, als er ſeinen Ellenbogen aufſtemmte, einige da⸗ liegende Papiere in Unordnung brachte. Sie fielen wie mit einem dumpfen, klagenden Seufzer zu Boden. „Was iſt dies 7 ſagte er, wieder aufſpringend. Die Frau las die Blätter auf und wiſchte ſie ſorg⸗ fältig ab. „Ach, Sir, er hat von mir verlangt, ich ſolle dieſe Pa⸗ piere hieher legen. Er meinte, ſie können Euch die Lange⸗ weile vertreiben, wenn Ihr auf und wach bleiben wolltet. Und er hat auch an mich gedacht, denn ich hatte eine ſolche Sehnſucht, die arme junge Dame aufzufinden, welche vor vielen Jahren die Schriften hier zurückgelaſſen hat. Sie war mir faſt ſo lieb, wie er mir iſt— vielleicht noch lieber, bis jetzt— da— da— ich ihn verlieren ſoll.“ Leonard legte die Papiere bei Seite, ohne einen Blick auf ihren Inhalt zu werfen, der in einem ſolchen Augen⸗ blick kein Intereſſe für ihn hatte. Die Wirthin fuhr fort: „Vielleicht iſt ſie ihm in den Himmel vorangegangen, denn ſie ſah nicht danach aus, als trage ſie ein Verlangen nach dieſer Welt. Sie hat uns ſo plötzlich verkaſfen. Außer dieſen Papieren ſind noch viele Dinge von ihr da; aber ich habe ſie ſtets fleißig gelüftet, abgeſtäubt und Lavendel darü⸗ ber geſtreut für den Fall, daß ſie wieder käme, um das Ihrige zu holen. Hat er nie von ihr mit Euch geſprochen, Sir?“ fügte ſie mit großer Einfalt bei, dieſe Frage mit einem hal⸗ ben Knir begleitend. „Von ihr?— Von wem?“ „Hat Mr. John Euch nicht den Namen genannt?— Herr Je— Herr Je;— Mrs. Bertram.“ Leonard war betroffen. Derſelbe Name, welcher aus Harley LEstrange's Erzählung noch ſo lebhaft ſeiner Erin⸗ nerung vorſchwebte. „Bertram?“ wiederholte er.„Wißt Ihr dies gewiß?“ „O ja, Sir! Und viele Jahre, nachdem ſie uns ver⸗ laſſen und wir nichts mehr von ihr gehört hatten, kam unter ihrer Adreſſe ein Packet an— über's Meer, Sir. Wir nah⸗ men und behielten es und John ließ ſich's nicht wehren, das Siegel zu erbrechen, um zu ſehen, ob wir nichts daraus über ſie erfahren könnten; aber es war Alles in einer ausländiſchen Sprache— wir konnten kein Wort leſen.“ „Habt Ihr das Packet noch? Ich bitte, laßt mich's ſehen. Es iſt vielleicht von dem größten Werth. Nein, nicht jetzt— morgen. Ich habe in dieſem Augenblick keine Gedanken dafür. Armer Burley!“ Leonards Weſen deutete an, daß er nicht mehr zu ſpre⸗ chen, ſondern allein zu ſeyn wünſchte. Mrs. Goodyer ver⸗ Bulwer, meine Novelle. 98 ließ ihn daher und ſchlich auf den Zehen in das Kranken⸗ zimmer zurück. Der junge Mann verſank für eine Weile in ein tiefes Träumen. „Licht!“ murmelte er.„Wie vft iſt Licht das letzte Wort derjenigen, um welche ſich die Nacht lagert!““ Er ging im Zimmer hin und her, und durch das Gitterfenſter ſtrömte wirklich Licht herein— kein ärmliches Licht, von Menſchenhand angezündet, ſondern das ſtille, hei⸗ lige Strahlenmeer eines mondhellen Himmels. Es lagerte ſich breit auf die beſcheidenen Dielen, bedeckte die Schwelle zu der Kammer des Todes und gränzte ſich klar ab gegen ihren Schatten. Leonard blieb regungslos ſtehen; ſein Auge folgte dem ſtillen ſilbernen Glanz. „ Man erinnert ſich, daß Göthe's letzte Worte geweſen ſeyn ſollen:„Mehr Licht!“ und was in unſerem Tert vorkömmt, mag deßhalb als ein Plagiat aus der Lebensgeſchichte dieſes Dichters erſcheinen. In Wirklichkeit iſt aber nichts gewöhnlicher, als die Sehnſucht und das Verlangen nach Licht kurz vor dem Tode. Es ſoll nur Jeder ſeine eigenen traurigen Erfahrungen über die letzten Augenblicke von Perſonen zu Rathe ziehen von deren allmä⸗ ligem Hinſcheiden er vielleicht ein ſorglicher Zeuge geweſen iſt. Was kömmt häufiger vor, als die Bitte, die Läden zu öffnen und das Sonnenlicht hereinzulaſſen 2 Uund welche Klage hört manöfter, als die ſo ergreifende, daß es„ſo dunkel werde“ 2 Ich kannte einen Leidenden, der, anſcheinend nicht von unmittelbarer Gefahr bedroht, plötzlich im Krankenzimmer Lichter wie zu einer Gala anzünden ließ. Als man ſeinen Arzt davon in Kenntniß ſetzte, entgegnete er ernſt;„Ein ſehr ſchlimmes Zeichen.“„ N 6* em eyn nag ters die Es tzten mä⸗ iſt. und fter, inen roht, nden gnete „Und ſoll dieſe große irrende Natur,“ ſagte er zu ſich ſelber,„groß auch bei ihrer Befleckung durch die ihr inwoh⸗ nenden Fehler— dieſe Seele, welche, wie jener Ball das Zimmer hier, ein ganzes Land mit einem Licht hätte füllen können, das geeignet geweſen wäre, die Erde mit dem Himmel zu verknüpfen— ſoll ſie dahin gehen in die Dunkelheit, ohne einen Strahl zurückzulaſſen? Nein, wenn die Lichtelemente ſtets im Raum ſind und die Flamme bei ihrem Erlöſchen zurückkehrt in die lebendige Luft, ſo muß auch der Gedanke, einmal entzündet, für immer um uns her leben als ein Theil der von uns geathmeten Atmoſphäre. Mancher Denker und mancher Dichter kann noch der Welt Licht bringen aus den Gedanken, welche aus jenem Genius hervorgingen, der kei⸗ nen Namen haben wird, und durch die Lüfte wandern, um ſich irgendwie zu einer neuen Lichtform zu vereinigen.“ So erging er ſich in unbeſtimmten Speculationen und ſuchte ſich, wie die ruhmbegierige Jugend ſo gern thut, zu beweiſen, daß der Geiſt auch in ſeinem Irren nie vergeblich wirke; er wollte noch immer gleichſam in ihrem Einfluß auf die Erde die Seele zurückhalten, welche eben im Begriffe ſtand, ſich weit hinauszuſchwingen über die Atmoſphäre, in welcher die ruhmſchaffenden Elemente weilen. Nicht in dieſer Weiſe hatte ſich der Sterbende die Fortdauer des Lichtes und des Gedankens gedeutet. Plötzlich weckte ihn ein dumpfer Schrei aus dieſem Träu⸗ men. Er ſchauderte, als dieſer Ton ſein Ohr traf, und eilte ahnungsvoll in das anſtoßende Gemach. Mrs. Goodyer fniete neben dem Bett und rieb die Hand Burley's, wäh⸗ 98* rend ſie zugleich ängſtlich nach ſeinem Geſichte aufſah. Ein Blick genügte Leonard. Alles war vorüber. Der Tod hatte Burley in ſeinem Schlaf gefunden— ruhig und ohne Kampf. Die Augen ſtanden halb offen und zeigten in ihrem Ausdruck jene unausſprechliche Weichheit, welche der Tod bisweilen zurückläßt. Sie waren noch immer dem Licht zu⸗ gekehrt, und das Licht brannte hell. Wehmüthig drückte Leonard dem Hingeſchiedenen die ſchweren Lider zu, und während er die Leinwand über das Geſicht zog, ſchienen die Lippen noch ein heiteres Lebewohl zu lächeln. Dreizehntes Kapitel. Wir haben geſehen, wie der Squire Hazeldean, ſtolz auf den Inhalt ſeines Taſchenbuchs und auf ſeine Kennt⸗ niß von der feilen Beſchaffenheit ausländiſcher Weiber, den Weg zu Beatrice di Negra antrat. Randal, der einſam und gedankenvoll in dem Gewühl der Straßen zurückblieb, erwog mit ſchlauer Selbſtgefälligkeit den wahrſcheinlichen Erfolg, welchen das derbe Verfahren des Squire haben mußte, und gewann daraus die Ueberzeugung, daß ſich ſeine Ausſichten auf Reichthum immer klarer und klarer geſtalteten, je mehr er mit der raſtloſen Thätigkeit von Gründern künf⸗ tiger Städte in einer neuen Anſiedelung die Landſchaft von dem läſtigen Gehölz befreite: denn wie ein Mann in einem endloſen amerikaniſchen Urwald eine von Geſtrüpp und Bäu⸗ men überwachſene Stelle lichtet, indem er da die ſtets fertige 8 N— 1557 Art und dort die Zündröhre anlegt, welche den langſamer wirkenden Brand zur Folge hat, ſo ging dieſes Kind der Civiliſation eifrig ans Werk, die im Wege ſtehenden Hin⸗ derniſſe zu beſeitigen, immer auf Zerſtörung, zugleich aber auch auf den Aufbau bedacht. Randal hat jetzt Levy's zierliches Geſchäftszimmer er⸗ reicht und beſpricht ſich eifrig mit dem Baron über die Mittel, wie er ſich auf Koſten ſeines Beſchützers den Par⸗ lamentsſitz für Lansmere ſichern und wie er den Vertrag erfüllen könne, der ſeinem dürftigen Erbe einige Trümmer des alten Wohlſtandes beifügen ſoll. Inzwiſchen kämpfte auch der Zufall in dem Boudoir zu Mai⸗Fair zu ſeinen Gunſten. Der Squire hatte die Mar⸗ cheſa zu Hauſe gefunden, unumwunden den Zweck ſeines Beſuchs namhaft gemacht und der Dame erklärt, ſie ſey im Irrthum, wenn ſie meine, daß ſie in ſeinem Sohn einen reichen Erben abgefangen habe; er könne, Gott ſey Dank, ſeine Beſitzungen ſeinem Ackerknecht hinterlaſſen, wenn er Luſt dazu habe, ſey aber geneigt, die Sache liberal abzu⸗ machen, und erbiete ſich deßhalb, die Abkaufſumme zu zahlen, die ſie für Frank namhaft machen werde. Zu einer anderen Zeit würde Beatrice wahrſcheinlich über eine ſolche Anſprache gelacht oder vielleicht in einem ſtolzeren Augenblick ſie mit dem ganzen Hochmuth einer hochadelichen Dame geahndet haben; aber jetzt fühlte ſie ihren Geiſt erdrückt und ihre Nerven erſchüttert. Ihre her⸗ abgewürdigte Lage, die Abhängigkeit von ihrem Bruder und der bittere Schmerz über den Verluſt jener Träume, mit welchen Leonard für eine Weile ihr ruheloſes, waches Leben bezaubert hatte— alles Dies ſtürmte mächtig auf ſie ein. Blaß und ſprachlos hörte ſie zu, und der arme Squire meinte ſchon einem günſtigen Ergebniß ſich zu nähern⸗ als ſie plötz⸗ lich in einen heftigen Anfall von hyſteriſchem Schluchzen aus⸗ brach. In demſelben Moment trat Frank ins Zimmer. Bei dem Anblick ſeines Vaters und dem Schmerz ſeiner Verlobten war es mit dem kindlichen Pflichtgefühl zu Ende. Bis zum Wahnſinn aufgeregt durch den Schimpf, der dem Weib ſeiner Liebe geboten und ihm von ihr in wenigen zitternden Wor⸗ ten mitgetheilt worden war⸗ noch mehr aber durch die Furcht, daß ſie in Folge dieſer unwürdigen Behandlung für ihn verloren ſeyn könnte, kam es zwiſchen Sohn und Vater zu warmen Worten, welche von Seiten des Letzteren mit einem entſchiedenen Befehl und einer ungeſtümen Drohung ſchloßen. „Du wirſt augenblicklich mit mir dieſes Haus verlaſſen! Komm mit, oder eh' der Tag um iſt, ſtreiche ich Dich aus meinem Teſtament!“ Die Antwort des Sohnes ga warf ſich Beatricen zu Füßen und ſagte— „Verzeiht ihm— verzeiht uns Beiden— „Wie— Du ziehſt dieſe Fremde mir— dem Erbe von Hazeldean vor?“ rief der Squire mit dem Fuße ſtampfend. „Hinterlaßt Eure Beſitzungen wem Ihr wollt; Alles, was mir das Leben werth macht, iſt hier!“ Der Squire ſtand eine kurze Weile ſtill und blickte auf ſeinen Sohn nieder mit einem ſelt Staunen über die geheimnißvolle Leidenſ lt nicht ſeinem Vater. Er ſamen, verwirrten chaft, welche von 1559 Niemand begriffen wird, der nicht unter ihrem furchtbaren Banne ſteht, und ihrem aller Vernunft trotzenden Götzendienſt ſowohl Vergangenheit als Zukunft zum Opfer bringt. Der Vater wagte es nicht mehr zu ſprechen, ſondern fuhr mit der Hand über ſeine Augen und wiſchte die bittere Thräne ab, die dem vor Entrüſtung ſchwellenden Herzen entquoll. Dann ſtieß er einen unverſtändlichen Laut aus, und als er bemerkte, daß die Stimme ihm verſagte, bewegte er ſich nach der Thüre hin und verließ das Haus. Er ging aufrechten Haupts durch die Straße, wie ein ſtolzer Mann, der ſeine tiefe Wunde verbergen will, und bemühte ſich, die Stimme ſeines Herzens als eine eitle Schwäche zu erſticken; auch taſteten ſeine zitternden Finger an den Rockknöpfen hin und her in dem Verſuch, dieſes Kleidungsſtück über der Bruſt zu ſchließen, als wolle er Feſtigkeit zu dem Entſchluß faſſen, der aus ſeinem entrüſteten Innern ſich emporkämpfte. So ging er weiter— der Leſer iſt vielleicht begierig zu wiſſen, wohin, und wird ſich wohl nicht wenig wundern, wenn er hört, daß der Squire in Grosvenor⸗Square und zwar gerade vor dem Portikus Halt machte, welcher zu dem ſtattlichen Haus des„ihm fernſtehenden Bruders“ gehörte. Auf des Squire's kurze Frage, ob Mr. Egerton zu „Hauſe ſey, rief der Thürhüter den Kammerdiener herbei, welcher, als er eines Fremden anſichtig wurde, ſeine Mei⸗ nung dahin abgab, er wiſſe nicht, ob ſein Gebieter Jemand ſprechen könne; indeß wolle er die Karte des Fremden über⸗ hringen und nachſehen. „Ah, ja,“ murmelte der Squire,„das iſt die wahre Verwandtſchaft. Mein Kind zieht mir eine Fremde vor; warum ſollte ich mich beklagen, wenn ich in dem Hauſe eines Bruders als Fremdling erſcheine? Sir,“ fügte er in lautem aber in ſehr beſcheidenem Tone gegen den Kammerdiener bei,„habt die Güte, Eurem Herrn zu ſagen, daß ich William Hazeldean ſey.“ Der Diener verbeugte ſich tief, führte, ohne ein weiteres Wort zu ſprechen, den Beſuch nach dem Bibliothekzimmer des Staatsmanns, meldete den Namen und ſchloß die Thüre. Andley ſaß an ſeinem Pult. Die grimmigen eiſernen Truhen ſtanden noch zu ſeinen Füßen, waren aber jetzt zu und verſchloſſen. Auch hatte der Exminiſter keine amtlichen Du⸗ cumente mehr vor ſich liegen, ſondern Briefe von ganz an⸗ derer Beſchaffenheit. In ſeiner Hand befand ſich eine lange Locke von blondem Seidenhaar, und ſeine Augen hafteten mit wehmüthiger Innigkeit darauf. Als er den Namen des Beſuchs und den ſtämmigen Tritt des Squire vernahm, fuhr er zuſammen und verbarg mechaniſch das Ueberbleibſel aus jüngeren und wärmeren Jahren in der Bruſt, indem er zu⸗ gleich die Hand auf das Herz preßte, welches krankhaft laut unter dem leichten Druck dieſes goldenen Haares klopfte. Die beiden Brüder ſtanden an dem einſamen Herde des großen Mannes und betrachteten ſich gegenſeitig ſchwei⸗ gend, unwillkürlich eine Vergleichung anſtellend zwiſchen ihrem Aeußeren von ehedem und ihrem jetzigen, nachdem ſie ſich ſo viele Jahre nicht mehr geſehen hatten. Der Squire mit ſeinem ſtattlichen Umfang, ſeinen har⸗ 1561 ten, ſonnverbrannten Wangen und der theilweiſen Kahlheit über der furchenloſen, offenen Stirne war das Bild eines Mannes, der tief in der Mitte des Lebens ſtand. Man konnte in ihm den pater familias, den Vater und Gatten, den Mann der ſocialen häuslichen Bande nicht verkennen. Aber an Audley, der nur wenige Jahre jünger war als der Squire, haftete ungeachtet der Linien, welche die Sorge in ſein ſchönes Geſicht gezogen hatte, noch etwas von der Anmuth der Jugend. In den Städten erhalten ſich die Menſchen weit länger jugendlich, als auf dem Lande— eine Beobachtung, die ſchon Buffon gemacht und zu erklären ge⸗ ſucht hat. Eben ſo wenig gab ſich an Egerton das Ausſehen eines Verheiratheten kund; denn eine unnennbare Einſam⸗ keit hatte ihren Stempel dem Manne aufgedrückt, deſſen Privatleben ſo lange ſtrenge Einſamkeit geweſen war: kein Strahl aus dem Brennpunkt der Heimath umſpielte die rückhaltungsvolle, freudloſe, melancholiſche Stirne. Mit einem Wort, das Aeußere von Audley war ſo, daß es wohl noch einem jungen Mädchenherzen ſehnſüchtige Seufzer ein⸗ flößen konnte, trotz der kalten Augen und der zuſammen⸗ gepreßten Lippen, welche Theilnahme herausforderten, wäh⸗ rend ſie abzuſtoßen ſchienen. Audley war der erſte, der das Wort nahm. Lang⸗ ſam verließ ſeine Rechte den Platz an ſeinem Buſen, wo die Haarlocke noch immer ſich hin und her bewegte vor dem ſtür⸗ miſchen Klopfen des Herzens; er bot dem Bruter die Hand dar, indem er mit ſeiner weichen, tiefen Stimme ſagte: „William, das iſt ſehr freundlich von Dir. Dukömmſt, 1562 mich zu beſuchen, nun, die Menſchen ſagen, daß ich gefallen ſey. Der Miniſter, den Dein Tadel traf, iſt nicht mehr, und Du ſiehſt in mir wieder den Bruder.“ Der Squire fühlte ſich völlig erweicht durch dieſe An⸗ rede. Er drückte die ihm dargebotene Hand herzlich, wandte in der ehrlichen Ueberzeugung, daß Audley ihm ein unver⸗ dientes Vertrauen ſchenkte, ſein Geſicht ab, und entgegnete: „Nein, nein, Audley; ich bin ſelbſtſüchtiger, als Du glaubſt. Ich komme— ich komme zu Dir, Dich um Rath zu fragen— nein, nicht gerade um Rath, ſondern um Deine Anſicht. Aber Du biſt beſchäftigt?“ „Setz' Dich, William. Bei Deinem Eintritt traten mir alie Zeiten wieder vor die Seele. Und jetzt kehren mir noch frühere Tage zurück— Tage, die keinen Schatten zurück⸗ laſſen, nachdem ihre Sonnen untergegangen ſind.“ Der ſtolze Mann ſchien zu denken, daß er zu viel ge⸗ ſagt habe. Sein praktiſcher Sinn machte ihm die Benützung einer ſolchen poetiſchen Phraſe zum Vorwurf. Er ſammelte ſich wieder und fügte kälter bei: „Du wollteſt meine Anſicht hören— über was? Ueber eine öffentliche Angelegenheit— über eine Parlamentsbill, die Dein Eigenthum benachtheiligt?“ „Bin ich ein ſo gemeiner Geizhals, daß Du dies glau⸗ ben kannſt? Eigenthum— Eigenthum? Was kümmert ſich der Menſch um Eigenthum, wenn er an ſeinem eigenen Herd niedergeſchlagen wird? Warum nicht gar— Eigenthum! Aber Du haſt kein Kind— glücklicher Bruder!“ „Nun ja, wie Du ſagſt, ich bin ſo glücklich, kinder⸗ 1563 los zu ſeyn. Hat Dein Sohn Dein Mißfallen auf ſich ge⸗ zogen? Und ich hörte doch immer gut von ihm ſprechen.“ „Rede nicht von ihm. Ob ſein Benehmen gut oder ſchlecht war, dies iſt meine Sache,“ entgegnete der arme Vater mit ärgerlicher Stimme, denn die Eiferſucht ſetzte ihn in eine Laune, welche ihn abgeneigt machte, aus Audley's Munde Lob oder Tadel über ſeinen rebelliſchen Sohn anzu⸗ hören. Dann ſtand er einen Augenblick auf, that einen ge⸗ waltigen Schluck, als wolle ihm der Athem ſtocken, legte ſeine braune Hand auf die Schulter ſeines Bruders und fuhr fort:—„Randal Leslie ſagt mir, Du ſeyeſt ein weiſer— ein vollendeter Mann der Welt. Ich zweifle nicht daran. Und Pfarrer Dale verſichert mir, er ſey überzeugt, daß Du ein warmes Herz habeſt— freilich ſonderbar bei einem Mann, der ſo lang in London lebte und weder Weib noch Kind hat— bei einem Wittwer und Parlamentsmitglied— noch obendrein für eine Handelſtadt. Lächle nicht; denn mir iſt's wahrhaftig nicht lächerlich. Du kennſt ein ausländiſches Weib, Namens Negra oder Negro, obſchon nicht gerade eine Schwarze, wenigſtens ihrer Außenſeite nach. Iſt ſie eine Perſon, die ein einfacher Landedelmann mit ſeinem Sohn verheirathet wünſchen könnte— Ja oder Nein?“ „Gewiß nicht,“ verſetzte Audley ernſt,„und ich hoffe, Dein Sohn wird ſich doch keine ſolche übereilte Handlung zu Schulden kommen laſſen. Soll ich ſelbſt mit ihm oder mit ihr ſprechen? Rede, mein lieber William. Was ver⸗ langſt Du von mir?“ 1564 „Nichts. Du haſt genug geſagt,“ entgegnete der Squire düſter, und das Haupt ſank ihm auf die Bruſt. Audley ergriff ſeine Hand und dvrückte ſie brüderlich. „William,“ ſagte der Staatsmann,„wir ſind uns lang entfremdet geweſen, aber ich vergeſſe jenes Augenblicks nicht, als wir uns zum letztenmal ſahen in— in Lord Lansmere's Haus. Ich nahm Dich damals bei Seite und ſagte zu Dir: William, wenn ich in dieſer Wahl nicht durchgreife, muß ich allen Ausſichten auf das öffentliche Leben entſagen. Meine Angelegenheiten ſind verwirrt; ich könnte in Noth gerathen, und obſchon ich kein Geld von Dir annehmen würde, wäreſt Du doch vielleicht in der Lage, mir zu einem Beruf behilflich zu ſeyn. Du ahneteſt, auf was ich abzielte, und gabſt mir zur Antwort: Laß Dich ordiniren; die Hazeldean⸗Pfründe iſt eben ledig. Ich will die Stelle durch einen Vicar ver⸗ walten laſſen, bis Du die Ordination haſt'. Jene Stcene iſt mir noch in lebhafter Erinnerung. Wollte Gott, ich hätte mich aus dem Sturme, der mich damals quälte, in einen ſo ruhigen Hafen geflüchtet; mein Loos wäre vielleicht ein glücklicheres geworden.“ Der Squire betrachtete Audley mit einer Ueberraſchung, die ſich ſelbſt durch die ſeinem Herzen näher liegenden Auf⸗ regungen Bahn brach. „Ein glücklicheres? Ei, Dir iſt ja Alles gut gelungen⸗ und Du biſt jetzt reich genuz. Wie— Du ſchüttelſt den Kopf? Bruder, iſt's möglich? Brauchſt Du Geld? Pah⸗ kein Geld annehmen von Deiner Mutter Sohn!— Unſinn!“ 1565 Und der Squire packte ſein Taſchenbuch aus. Audleh ſchob es ſanft bei Seite. „Nicht doch, ſagte er,„für mich ſelbſt habe ich genug; aber da Du ſo liebevoll mich aufgeſucht und mit mir geſpro⸗ chen haſt, ſo möchte ich Dich um eine einzige Gunſt bitten. Sollte mich der Tod ereilen, eh' ich den Verwandten meiner Frau, Randal Leslie, nach meinem Wunſche habe verſorgen können, willſt Du Dich ſeiner annehmen, ſoweit dies ohne Beeinträchtigung Anderer— namentlich Deines Sohnes— geſchehen kann?“ „Meines Sohnes? für den iſt ſchon geſorgt. Er hat das Caſinogut; möge er darauf gedeihen. Du haſt hier gerade den Punkt berührt, der mich hieher brachte. Dieſer Junge, der Randal Leslie, ſcheint mir ein ſehr lobenswerther Burſche zu ſeyn und hat Hazeldeanblut in ſeinen Adern. Du haſt Dich ſeiner angenommen, weil er ein Verwandter Dei⸗ ner verſtorbenen Frau iſt; warum ſollte ich nicht ein Gleiches thun, da ſeine Großmutter eine Hazeldean war? Ich wollte Dich fragen, was Du eigentlich mit ihm im Sinne haſt, denn wenn Du nicht Willens biſt, ihn zu verſorgen, ſo halte ich's für meine Pflicht, es zu thun. Dein Wunſch kömmt alſo ganz zu rechter Zeit,— da ich Willens bin, mein Teſta⸗ ment abzuändern. Ich kann ihm neben einem ſchönen Legat die Erbfolge ſichern. Du mußt natürlich wiſſen, ob er ein guter Junge iſt, und ſo mache ich Dir gern dieſe Freude, Audley.“ „Aber nicht auf Koſten Deines Sohnes. Und halt, William— was dieſen thörichten Handel mit der Madame di Negra betrifft, wer ſagte Dir, daß Frank einen ſolchen Schritt beabſichtige?“ „Ich hab' es aus ſeinem eigenen Munde. Doch an dem liegt nichts. Randal und ich, wir Beide haben unſer Möglichſtes gethan, ihm die Sache auszureden; auch bin ich auf Randals Rath zu Dir gekommen.“ „Unſer Vetter Randal hat alſo edelmüthig gehandelt, und ich freue mich, dies zu hören,“ ſagte Audley, und ſeine Stirne klärte ſich einigermaßen auf.„Ich beſitze keinen Einfluß auf dieſe Dame, kann ihr aber wenigſtens einen Nath ertheilen. Die Heirath mußt Du nicht als ſchon ab⸗ geſchloſſen betrachten, weil ein junger Menſch ſie ſich in den Kopf geſetzt hat. Die Jugend iſt immer heißblütig und vor⸗ ſchnell.“ „Deine Jugend war es nie,“ entgegnete der derbe Squire,„und Du biſt mit Deiner Heirath gut genug gefah⸗ ren. Eins muß ich Dir noch zum Lobe nachſagen: Du biſt zwar nach meinem Geſchmack ein ſchlechter Politiker geweſen — ich bitte um Verzeihung— warſt aber immer ein Gentle⸗ man, der ſeine Familie nie herabgewürdigt haben würde durch eine Heirath mit einer—“ „Böst!“ unterhrach ihn Egerton ſanft.„Nimm die Sachen nicht ſchlimmer als ſie ſind. Madame di Negra's Familie ſteht in ihrem Vaterland ſehr hoch, und wenn üble Nachrede—“ „Ueble Nachrede!“ rief der Squire, zuſammenfahrend und erhlaſſend.„Sprichſt Du von dem Weibe eines Hazel⸗ dean? Wenigſtens ſoll ſie nie an dem Herd ſitzen, an dem iſt en le⸗ de die a's ble end zel⸗ jetzt ſeine Mutter ſitzt, und was ich auch für Frank thun mag, auf ſeine Kinder ſoll das Erbe nicht kommen. Ich will keine Miſchlingsbrut auf dem engliſchen Hazeldean ha⸗ ben, Schönen Dank für Deine Theilnahme, Audley— hat mich gefreut, Dich wieder zu ſehen; und hör'— Du haſt mich erſchreckt durch Dein Kopfſchütteln, als ich von Dei⸗ nem Reichthum ſprach; und aus dem, was Du über Randals Ausſichten ſagſt, muß ich ſchließen, daß es bei euch Lon⸗ doner Gentlemen nicht ſo gedeihlich hergeht, wie bei uns. Du mußt mich ausreden laſſen. Ich wiederhole, daß ich einige Tauſende habe, die Dir ganz zu Dienſt ſtehen; denn obſchon kein Hazeldean, biſt Du doch meiner Mutter Sohn; und nun ich im Begriff ſtehe, mein Teſtament zu ändern, kann ich eben ſo gut den Namen Egerton als den Namen Leslie hineinflicken. Sey daher guten Muths! Du biſt jünger als ich und haſt kein Kind— wirſt deßhalb mich bei weitem überleben.“ „Mein lieber Bruder,“ entgegnete Audley,„glaube mir, ich werde es nicht erleben, daß ich Deine Hülfe brauche. Und was Leslie betrifft, ſo füge den fünftauſend Pfunden, die ich ihm zu geben gedenke, eine gleiche Summe in Deinem Te⸗ ſtamente bei; dann kann ich mir ſagen, daß ihm Gerechtigkeit widerfahren iſt.“ Als Audley bemerkte, daß der Squire ungeachtet ſeines aufmerkſamen Zuhörens nicht ſogleich antwortete, lenkte er das Geſpräch wieder auf Frank. Mit der Gewandtheit eines Weltmannes, welche noch durch die herzliche Theilnahme an dem Kummer des Bruders unterſtutzt wurde, verfocht er 1568 in ſehr wirkſamer Weiſe die lahme Sache des verlorene Sohnes; auch legte er dem bekümmerten Vater die Weis⸗ heit der Geduld und des Zuwartens⸗ desgleichen die größeren Vortheile einer Berufung an die kindlichen Gefühle vor den ſtrengen väterlichen Drohungen ſo überzeugend an's Herz⸗ daß der Squire wider Willen milder geſtimmt wurde und das Haus ſeines Bruders als ein ruhigerer und weniger unglück⸗ licher Mann verließ. Mr. Hazeldean befand ſich noch in dem Square, als ihm Randal wieder begegnete, der im Geleite eines elegan⸗ ten Gentlemen mit ſchwarzem Backenbart auf Egertons Haus zukam. Randal wechſelte mit ſeinem Begleiter haſtig einige Flüſterworte und rief dann:— „Wie, Mr. Hazeldean, Ihr kommt eben von Eurem Bruder her? Iſt's möglich?“ „Ei, Ihr habt mir ja ſelbſt dazu gerathen, und deshalb that ich's. Ich wußte kaum, wo mir der Kopf ſtand, und es iſt mir ſehr lieb, daß ich Euren Rath befolgte. Zum Henker mit der Politik und den Intereſſen des Grundbeſitzes! Was kümmert mich jetzt all Dieſes!“ „Bei Madame di Negra einen Fehlgang gemacht?“ fragte Randal, indem er den Squire bei Seite zog. „Redet mir nie wieder von ihr!“ rief der Squire zor⸗ nig.„Und was den undankbaren Jungen betrifft— aber ich will nicht allzu hart mit ihm umgehen— er ſoll Geld genug haben, um ſie behalten zu können, wenn er einmal ſeinen Kopf aufgeſetzt hat— ſie ferne zu halten von mir— und noch obendrein ihn abzuhalten, auf meinen Tod zu zählen 1569 und Geld zu borgen auf Poſiobitverſchreibungen des Caſino — denn ſo weit würde es doch nächſtens kommen. Aber nein, ich hoffe, darin thu' ich ihm Unrecht. Ich bin ihm ein zu guter Vater geweſen, als daß er ſchon auf mein Ab⸗ leben ſpekuliren könnte. Im Grunde iſt ja,“ fuhr der Squire milder werdend fort,„wie Audley ſagt, die Heirath noch nicht geſchloſſen, und wenn das Weibsbild ihn eingezogen hat, ſo iſt er eben ein heißblütiger junger Menſch. Nehmt's Euch nicht ſo zu Herzen, mein Junge. Ich vergeſſe es Euch nicht, wie freundlich Ihr ihm das Wort redetet, und eh' ich einen übereilten Schritt thue, will ich mich wenigſtens mit ſeiner armen Mutter berathen.“ Randal biß ſich in die blaſſe Lippe, und eine Wolke getäuſchter Hoffnung verdüſterte für einen Augenblick ſein „Ganz recht, Sir,“ verſetzte er in ſanftem Tone,„ganz recht— nur keine Uebereilung. In der That, ich habe in dem Augenblick, in welchem ich wieder mit Euch zuſam⸗ mentraf, an Euch und den lieben armen Frank gedacht. Es fiel mir ein, ob wir nicht eben Franks Verlegenheiten zu einem Anlaß für Madame di Negra machen könnten, daß * ſie ihn aufgeben muß, und bin deßhalb auf dem Weg zu Mr. Egerton begriffen, um gemeinſchaftlich mit jenem Gentle⸗ ⸗ man dort ſeinen Rath einzuholen.“ r„Gentleman dort? Warum ſoll der ſeine lange Naſe d in meine Familienangelegenheiten ſtecken? Wer zum Teufel iſt er?“ .„Fragt nicht, Sir. Ich bitte, laßt mich handeln.“ n Bulwer, meine Novelle. 99 1570 Aber der Squire fuhr fort, Seitenblicke nach der Per⸗ ſon mit dem dunkeln Backenbart hinſchießen zu laſſen, die ſich ſo zwiſchen ihn und ſeinen Sohn eindrängte und geduldig in der Entfernung von einigen Schritten wartete, ſich die Zeit damit vertreibend, daß ſie nachläſſig die Camelia in ihrem Knopfloch zurecht rückte. „Er ſieht ſehr fremdartig aus. länder?“ fragte endlich der Squire. „Nein, nicht gerade. Aber er weiß Alles von Franks Verlegenheiten, und—“ „Verlegenheiten? Was meint Ihr damit? Die Schul⸗ den, die er für das Weibsbild bezahlt hat? Wie iſt er zu dem Geld gekommen?“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete Randal.„Und dies iſt der Grund, warum ich den Baron Levy bat, mich zu Mr. Egerton zu begleiten, damit er ihm vertraulich mittheile, was er klüglicher Weiſe gegen mich—“ „Baron Levy?“ unterbrach ihn der Squire.„Levy, Levy— ich habe von einem Levy gehört, der meinen Nach⸗ bar Thornhill faſt zu Grunde gerichtet hat— von einem Geldausborger. Donnerwetter, iſts derſelbe Mann, der von den Angelegenheiten meines Sohnes weiß? Das will ich bald erfahren, Sir.“ Randal hielt den Squire am Arm zurück. „Halt! halt! Wenn Ihr ſo erpicht darauf ſeyd, mehr ₰ von Franks Schulden zu erfahren, ſo dürft Ihr nicht unmittel⸗ bar und als Franks Vater dem Baron zu Leibe gehen, da Ihr in dieſem Fall keine Antwort erhalten werdet. Ich will Euch Iſt er auch ein Aus⸗ —+ 1— S ehr tel⸗ Ihr uch der fragliche junge Mann iſt niec jedoch als einen bloſen Bekannten von mir vorſtellen und ganz ſorglos die Unterhaltung auf Frank lenken; dann wird er ſich ohne Zweifel offen ausſprechen, da man in der Lon⸗ doner Welt von ſolchen Angelegenheiten vor Niemand als vor den Eltern der jungen Leute ein Geheimniß zu machen pflegt.“ „Richtet dies ein, wie Ihr wollt,“ verſetzte der tSquire. Randal nahm Mr. Hazeldean beim Arm und ging mit ihm. „Ein Freund von mir, Baron, der eben vom Lande kömmt.“ Levy verbeugte ſich tief, und die Drei gingen langſam mit einander weiter. „Beiläufig,“ ſagte Randal, indem er bedeutungsvoll Levy's Arm an ſich drückte,„mein Freund iſt wegen eines i unangenehmen Geſchäftes nach London gekommen ill das Schuldenweſen eines Anderen in Ordnung tin— eines jungen Mannes von Ton, der ein Ver⸗ wandter von ihm iſt. Niemand, Sir,“ er wandte ſich an den Squire—„iſt beſſer im Stand, Euch in di ieſer Angelegen⸗ heit an die Hand zu als Baron Levy.“ Baron(beſcheiden und mit moraliſirender Miene). 0 habe eitge btftheung un deiglei chen Dingen und halte es für meine Pflicht, den Eltern und Verwandten junger Männer, die aus Mangel an Ueberle egung ſich oft für Le⸗ benszeit zu Grund richten, Beiſtand zu leiſten. Ich hoffe, ptint ti Hänbet er Jnden?“ 1572 Nandal.—„Chriſten nehmen eben ſo gern hohe Zinſen von ihrem Geld, wie der Jude.“ Baron.—„Zugegeben; aber ſie haben nicht immer ſo viel Geld auszuborgen. Das Erſte, Sir,“(ſich an den Squire wendend)„beſteht darin, daß Ihr alle Wechſel und Schul⸗ dſcheine Eures Verwandten, die auf den Markt gekommen ſind, aufkauft, und ohne Zweifel läßt ſich dieſes Geſchäft mit anſehnlichem Rabatt abmachen, wenn der junge Mann nicht Erbe eines Eigenthums iſt, das ihm nach dem gewöhn⸗ lichen Lauf der Natur bald zufallen muß.“ Randal.—„Von bald iſt nicht die Rede— Gott ver⸗ hüte dies! Sein Vater iſt noch ein junger Mann— ein geſunder, kräftiger Mann,“(ſich ſchwer auf Levy's Arm lehnend)„und was die Poſtobite betrifft—“ Baron.—„Der Aufkauf von Poſtobitverſchreibungen auf gute Sicherheit kommt höher zu ſtehen, wie geſund auch der hindernde Verwandte ſeyn mag.“ Randal.—„Ich hoffe, es welche mit kaltem Blut auf den Tod ihrer können.“ Baron.—„Ha, ha— er iſt jung, unſer Freund Ran⸗ dal; was meint Ihr, Sir?“ Randal.—„Nun ja, ich gebe zu, daß ich nicht be⸗ denklicher bin als Andere, und es iſt mir mit dem Geld ſchon oft verzwickt knapp gegangen; aber lieber wollte ich baarfuß laufen, eh' ich meines Vaters Grab als Sicherheit einlegte. Nichts wirkt vernichtender auf alle natürlichen Gefühle— nichts macht einen Charakter undankbarer und tückiſcher, als gibt nicht viel Söhne, Väter rechnen — — d r⸗ in m en uch ne, nen 1573 wenn man die Hand eines Vaters drückt und dabei ſchon rechnet, wann dieſe Hand Sta aub ſeyn werde— wenn man ſich mit Fremdlingen zuſammenſetzt, um ſein Leben auf dem Maßſtab eine erWeſcherun nstpene abzuzirkeln— wenn man in den Schwierigkeiten, von denen man ſich bedrängt ſieht, nur das faſhionable Troſtſprüchlein vor ſich hinmurmeln kann: Es wird Alles recht werden, wenn der Alte einmal todt iſt. Wer ſich einmal daran gewöhnt hat, zu Poſtobiten ſeine Zuflucht zu nehmen, muß nachgerade ſeinen Sinn zu alle dem verhärten.“ Der Sauire ächzte ſchwer auf und würde wohl laut hinaus geweint haben, wenn Randal noch eine Weile in die⸗ ſem Zuge fortgemacht hätte. „Aber,“ fuhr Randal fort, indem er den Ton ſeiner Stimme veränderte,„ich glaube, Levy, daß unſer junger Freund, von dem wir ſprachen, eh' dieſer Gentleman zu uns kam, über den angeregten Punkt, die nämlichen?s Anſichten hat, wie ich. Er ſtellt vielleicht Wechſel aus wird aber nie ein Poſtobit unterzeichnen.“ Baron(der mit der gewandten Gelehrigkeit eines ge⸗ ſchulten Pferdes, welches jede Fingerbewegung des Reiters zu deuten weiß, Alles begreift und auf jeden leiſen Wink von Randal eingeht).—„Pah! der junge Menſch, von dem wir geſprochen haben? Unſinn! Warum ſollte er ſo thöricht ſeyn, fünfmal ſo viel Intereſſen zu zahlen, wenn er es anders machen kann? Keine Poſtobite unterzeichnen! Natürlich hat er es gethan.“ 1574 Randal.—„Bst!— Ihr ſeyd im Irrthum— müßt im Irrthum ſeyn.“ Squire(Randals Arm loslaſſend und den des Barons ergreifend).—„Habt Ihr von Frank Hazeldean geſprochen?“ Baron.—„Mein theurer Sir, entſchuldigt mich; aber ich nenne nie Namen vor Fremden.“ Squire.—„Schon wieder Fremde! Menſch, ich bin der Vater des Jungen. Heraus mit der Sprache, Sir.“ Und ſeine Hand ſchloß ſich über Levy's Arm mit der Gewalt eines eiſernen Schraubſtocks. Baron.—„Gemach; Ihr thut mir weh, Sir— aber ich eniſchuldige Eure Gefühle. Randal, es war nicht ſchön von Euch, daß Ihr mich zu dieſer Unbeſonnenheit verlei⸗ tetet; aber ich erlaube mir, Mr. Hazeldean zu verſichern, daß ſein Sohn, wenn er auch ein wenig verſchwenderiſch war— Randal.—„Hauptſächlich in Folge der argliſtigen Verſtrickung eines abſcheulichen Weibes.“ Baron.—„Eines abſcheulichen Weibes— doch mehr Klugheit gezeigt hat⸗ als Ihr von ihm vermuthet haben würdet, und ein Beweis davon iſt eben dieſes Poſtobit. Ein einziger derartiger Akt hat ihn befähigt, Wechſel einzulöſen, die im weiteren Verlauf ſogar das Hazeldean'ſche Beſitzthum aufgezehrt hätten, während eine Verſicherung des Caſino's auf den Sterbfall—“ Squire.—„Er hat es alſo gethan? Er hat ein Poſtobit unterzeichnet?“ Randal.—„Nein, nein— Levy muß in einem Irr⸗ thum befangen ſeyn.“ hr en in en, um o's ein „Baron.—„Mein lieber Leslie, ein Mann von Mr. Hazeldeans Alter kann ſich unmöglich mit ſo romantiſchen, knabenhaften Anſichten tragen, wie Ihr. Er muß zugeben, daß Frank in dieſem Falle als ein verſtändiger Menſch gehan⸗ delt hat, und ich kann meinem jungen Freund nachrühmen, daß er in Geſchäftsſachen ein tüchtiger Kopf iſt. Und das Beſte, was ſich jetzt thun läßt, beſteht darin, daß Mr. Hazel⸗ dean in aller Stille das Poſtobit an ſich bringt, da er auf dieſe Weiſe fortan ſeinen Sohn ganz in ſeiner Gewalt hat.“ Squire.—„Kann ich mich mit eigenen Augen über⸗ zeugen, daß er das Dokument wirklich unterzeichnet hat?“ Baron.—„Allerdings; denn wie wäre Euch ſonſt zuzumuthen, es zu kaufen? Aber nur unter einer Bedingung. Ihr dürft mich Eurem Sohn nicht verrathen. In der That, wenn ich Euch gut zu Rathe bin, ſo ſprecht kein Wort über die Sache mit ihm.“ Squire.—„Laßt mich die Verſchreibung ſehen— laßt mich ſie ſehen mit dieſen meinen eigenen Augen Seine Mutter wird es ſonſt nie glauben— und auch ich nicht.“ Baron.—„Ich kann Euch dieſen Abend beſuchen.“ Squire.—„Jetzt— jetzt gleich.“ Baron.—„Ihr braucht mich nicht weiter, Randal, und die andere Angelegenheit, die wegen Lansmere, könnt Ihr ja ſelbſt Egerton vortragen. Es ſollte keine Zeit verlo⸗ ren gehen, damit nicht LEstrange einen Candidaten aufſtelle.“ Randal(flüſternd).—„Nehmt keine Rückſicht auf mich. Dies iſt wichtiger.“(Laut.)„Geht mit Mr. Hazel⸗ dean.“(Zu dem Squire.)„Mein theurer Freund, laßt Euch die Sache nicht zu ſehr zu Herzen gehen. Im Grunde iſt es nur, was bei gleichen Verhältniſſen unter zehn jungen Männern neun ebenfalls thun würden. Und es iſt am beſten, daß Ihr Kenntniß davon habt, da Ihr dadurch in die Lage kommt, Frank vor weiterem Verderben zu bewahren und viel⸗ leicht dieſe Heirath zu verhindern.“ „Wir wollen ſehen,“ rief der Squire haſtig.„Kommt jetzt, Mr. Levy.“ Mr. Hazeldean entfernte ſich mit Levy— nicht Arm in Arm, ſondern Seite an Seite. Randal ging Egertons Wohnung zu. „Es iſt mir lieb, daß ich Euch ſehe, Leslie,“ ſagte der Exminiſter.„Wie verhält ſich's mit dem, was ich gehört habe? Mein Neffe, Frank Hazeldean, will Madame di Negra heirathen ohne die Einwilligung ſeines Vaters? Wie konntet Ihr eine ſo ungereimte Idee bei ihm aufkommen laſſen? Und warum habt Ihr mir nie etwas davon geſagt?“ Randal.—„Mein theurer Mr. Egerton, ich habe erſt heute von Franks ernſtlichem Antrag Kunde erhalten. Ich bin bereits bei ihm geweſen und habe ihm Vorſtellun⸗ gen gemacht, aber vergeblich. Allerdings wußte ich längſt, daß Euer Neffe unter die Verehrer der Marcheſa gehörte; aber es fiel mir nicht im Traum ein, daß er ernſthafte Ab⸗ ſichten hegen könnte.“ Egerton.—„Ich muß Euch glauben, Randal. In⸗ deß will ich ſelbſt Madame di Negra einen Beſuch machen, obſchon ich weder das Recht noch die Gewalt habe, ihr etwas vorzuſchreiben. Es bleibt mir nur wenig Zeit zu dergleichen Privatangelegenheiten, da die Auflöſung des Parlaments mit Nächſtem ſtattfinden muß.“ Randal(zu Boden ſehend).—„Eben über dieſen Punkt wünſchte ich mit Euch zu ſprechen, Sir. Ihr ſeyd Willens, Euch um die Vertretung von Lansmere zu bewer⸗ c ben. Nun hat aber der Varon Levy mich auf eine Idee geleitet, welcher ich natürlich keinen Raum geben darf, ohne zuvor Euch darüber gehört zu haben. Es ſcheint, daß er einigermaßen über die Stellung Parteien in dieſem Wahlbezirk unterrichtet iſt, und er ſagt mir, es ſey nicht nur leicht, eben ſo gut Zwei als Einen von unſerer Seite durchzuſetzen, ſondern Eure Erwählung würde noch mehr geſichert, wenn Ihr nicht als Einzelner gegen zwei Oppo⸗ nenten zu kämpfen hättet. Als alleiniger Candidat könnte es Euch mißlingen, eine zureichende Anzahl derberer Stim⸗ men davonzutragen, und die Zerſplitterung dürfte dem einen oder dem anderen Eurer Gegner zu Statten kommen— mit einem Wort, es ſey nöthig, daß Ihr Euch zugleich mi einem befreundeten Candidaten bewerbet. Ob dies ſich wirk⸗ lich ſo verhält, werdet Ihr am beſten von Eurem Wahl⸗ comité erfahren können. Sollte dieſes aber die Anſicht des Barons theilen— muthe ich dann Eurer Güte nicht zu viel zu, wenn ich dem Gedanken an die Möglichkeit Raum gebe, Ihr könntet mir geſtatten, mich als Mitbewerber an Eure Seite zu ſtellen? Ich würde mich nicht zu dieſem Anſinnen erdreiſtet haben, wenn mir nicht Levy geſagt hätte, es ſey Euer Wunſch, mich als einen Unterſtützer Eurer Politik in's Parlament zu hringen. Und welche andere Gelegenheit wäre dazu vorhanden? Der Aufwand der Durchſetzung von Zweien würde nicht viel größer ſeyn als der, welchen der einzelne Candidat zu machen hat, und Levy ſagt, daß unſere Partei für mich mit einer Subſcription einſtehen dürfte. Ihr würdet natürlich eine ſolche Unterſtützung für Euch ſelbſt zurückweiſen, und bei Eurem großen Namen und dem Ein⸗ fluß des Lord Lansmere kann in Beziehung auf Euch von nicht viel mehr als von dem ſtreng geſetzlichen Aufwand die Rede ſeyn.“ Während ſich Randal ſo der Länge nach ausſprach, be⸗ trachtete er ängſtlich die zurückhaltende, verſchloſſene Miene ſeines Gönners. Egerton(trocken).—„Ich will's überlegen. Ihr könnt ruhig jede Angelegenheit, die auf Euren Ehrgeiz und auf Euer Fortkommen Bezug hat, meinen Händen überlaſſen, denn wie ich Euch bereits ſagte, halte ich es für meine Pflicht, Alles, was in meinen Kräften liegt, für den Verwandten meiner verſtorbenen Frau zu thun. Meine Beihülfe ſoll dem Mann nicht entſtehen, deſſen Laufbahn zu fördern ich auf mich genommen habe und den die Ehre zwang, an meinem poli⸗ tiſchen Mißgeſchick theilzunehmen.“ Egerton zog jetzt die Klingel, ließ ſich Hut und Hand⸗ ſchuhe geben und ging nach der Halle hinunter. An der Hausthüre ſtehen bleibend winkte er Randal und ſagte lang⸗ ſam zu ihm: „Ihr ſcheint mit Baron Levy ſehr vertraut zu ſeyn. 1579 Ich warne Euch vor ihm— eine gefährliche Bekanntſchaft, zuerſt für die Börſe und dann für die Ehre.“ Randal.—„Ich weiß es, Sir, und wundere mich ſelbſt darüber, daß wir ſo vertraut werden konnten. Viel⸗ leicht liegt der Grund in ſeiner Achtung für Euch.“ Egerton.—„Bst!“ Randal.—„Was immer auch die Urſache ſeyn mag, er weiß über Andere einen merkwürdigen Einfluß zu gewin⸗ nen, ſelbſt da, wo er, wie in meinem Falle, kein ſichtliches Intereſſe davon haben kann. Wie kömmt wohl dies? Ich habe mir ſchon vergeblich darüber den Kopf zerbrochen.“ Egerton.—„Er hat ſein Intereſſe am meiſten im Auge, wo er dies am wenigſten merken läßt, und ſein Ein⸗ fluß auf die Gemüther läßt ſich leicht erklären. Er nimmt immer ſeine Zuflucht zu zwei Verlockungen, die mächtig auf alle Menſchen einwirken— zu ihrer Habgier und zu ihrem Ehrgeiz. Guten Tag.“ Randal.—„Geht Ihr zu Madame di Negra? Soll ich Euch nicht begleiten? Vielleicht bin ich in der Lage, Eure Vorſtellungen zu unterſtützen.“ Egerton.—„Ich werde Euren Beiſtand nicht nöthig haben.“ Randal.—„Aber das Ergebniß Eurer Beſprechung theilt Ihr mir doch mit? Ich bin ſehr geſpannt darauf. Der arme Frank!“ Audley nickte.„Verſteht ſich— verſteht ſich.“ Vierzehntes Kapitel. Beim Eintritt in das Beſuchzimmer der Madame di Negra mußte der eigenthümliche Zauber, um deſſen willen der ernſte Audley in ſeinem Umgang mit Damen ſtets im Rufe geſtanden, wohl Jedem auffallen, der den Staats⸗ mann bisher hauptſächlich in ſeinem geſchäftlichen Verkehr tennen gelernt hatte. Es war ein Zauber, der einen ſtar⸗ ken Gegenſatz zu den gewöhnlichen Manieren derjenigen bil⸗ dete, welche man vorzugsweiſe„Damenmänner“ zu nennen pflegt. Kein erkünſteltes Lächeln, keine conventionelle hohle Geſchmeidigkeit, kein leichtfertiges Geplauder, kein Firniß von unempfundener Heiterkeit oder Anmuthigthuerei. Das Gewinnende lag in einer Einfachheit, die weit mehr den Charakter des Wohlwollens durchblicken ließ, als ſonſt bei Männern der Fall iſt. Was auch ſeine Mängel und Fehler ſeyn mochten, ſeine Natur war ihrem ganzen Weſen nach eine männliche, und eben das Bewußtſeyn der männlichen Würde verlieh ſeiner Stimme im Umgang mit dem zarteren Geſchlecht etwas Muſikaliſches, eine Art nachſichtiger Innig⸗ keit, welche der Anmaßung oder der Heuchelei gleich ferne zu ſtehen ſchien. Frank hatte ſich vor ungefähr einer halben Stunde ent⸗ fernt und Madame di Negra ſich kaum von der Aufregung erholt, in welche ſie durch den Schimpf, welchen ihr der Vater geboten, und durch das leidenſchaftliche Flehen des Sohnes verſetzt worden war. 1581 Egerton ergriff herzlich ihre nicht widerſtrebende Hand und nahm an ihrer Seite Plat⸗ „Meine theure Marcheſa,“ begann er,„iſt es wirklich ſo weit, daß wir nahe Verwandte werden ſollen, und könnt Ihr ernſtlich an eine ehliche Verbindung mit meinem jungen Neffen Frank Hazeldean denken? Ihr wendet Euch ab. Ach, meine ſchöne Freundin, für das freie Weib gibt es nur zwei Verlockungen, welche ſie veranlaſſen können, am Altar auf ihre Freiheit zu verzichten. 3. age, ein freies Weib— denn nur die Wittwen ſind frei, nicht aber die Mädchen. Dieſe Verlockungen ſind— erſtlich weltliche Stellung, zwei⸗ tens Liebe. Welcher von dieſen Beweggründen mag wohl Madame di Negra drängen, Mr. Frank Hazeldean die Hand reichen?“ „Es gibt noch andere Beweggründe als die, von wel⸗ chen Ihr ſprecht— das Bedürfniß des Schutzes— das Ge⸗ fühl der Einſamkeit— der Fluch der Abhängigkeit— der Drang des Dankes für eine ehrende Zuneigung. Aber ihr Männer kennt die Weiber nicht.“ „Ich gebe zu, daß Ihr hierin Recht habt— wir ler⸗ nen ſte nie aus; aber eben ſo wenig verſtehen ſich die Frauen auf die Männer. Gleichwohl weiß jedes Geſchlecht das an⸗ dere zu überliſten und zu bethören. Hört mich an. Ich kenne meinen Neffen nur wenig, will aber zugeben, daß er ein hüb⸗ ſcher junger Gentleman iſt, in welchen ſich eine hübſche junge Dame unter ihren Zwanzigen in einem Ballſaal verlieben kann. Ihr dagegen habt die höheren Ordnungen unſerer Art kennen gelernt— Ihr, die Ihr die Huldigung von Män⸗ ———— — nern empfiengt, deren Geiſt und Gedankentiefe das arme, kahle Geplauder der Salone dem gewöhnlichen Tändler über⸗ läßt— Ihr könnt mir unmöglich in's Geſicht ſehen und ſagen, daß es eine der Liebe ähnliche Leidenſchaft ſey, die Ihr für meinen Neffen empfindet. Und was die Stellung betrifft, ſo fühle ich mich verpflichtet, Euch zu erklären, daß dieſe wegfällt, ſobald er Euch heirathet— ja, es dürfte ſogar ſeinem Erbe Gefahr drohen. Jedenfalls werdet Ihr nie vor ſeinen Eltern erſcheinen dürfen, und Ihr habt wohl Armuth, keineswegs aber Freiheit in Ausſicht. Der Anblick eines leeren, unzufriedenen Geſichtes in dem Seſſel Euch ge⸗ genüber wird ſchlimmer ſeyn als die Einſamkeit, und in der dankbaren Zuneigung, von der Ihr ſprecht,“ fügte der Mann der Welt bei,„kann ich nichts ſehen als ein höfliches Synonym für ruhige Gleichgültigkeit.“ „Mr. Egerton,“ verſetzte Beatrice,„die Leute ſagen, Ihr ſeyet ein Mann von Erz. Habt Ihr je den Mangel einer Heimath gefühlt?“ „Ich will Euch offen antworten,“ entgegnete der Staatsmann.„Wenn ich ihn nicht gefühlt hätte, glaubt Ihr, es wäre mir möglich geweſen und würde mir bis an's Ende möglich ſeyn, die freudenloſe Plackerei des öffentlichen Lebens hinzuſchleppen? Mag man auch meine Natur ehern nennen, ſie wäre längſt hingeſchmolzen, wie Wachs im Feuer, wenn ich mich müßig hingeſetzt hätte, um von einer Hei⸗ math zu träumen!“ „Aber wir Frauen,“ erwiederte Beatrice mit Pathos, „haben kein öffentliches Leben, und wir ſitzen müßig hin, W — — 1583 um zu träumen. Oh,“ fuhr ſie nach einer kurzen Pauſe fort, indem ſie mit Feſtigkeit ihre Hände zuſammenſchlug, „Ihr haltet mich für weltlich, habgierig und ehrgeizig. Wie ganz anders würde ſich mein Loos geſtaltet haben, wenn ich eine Heimath gehabt— ein Weſen gekannt hätte, das ich lieben und ehren durfte— ein Weſen, welches das Gute, das einſt in mir lag, zur Entwicklung brachte und durch die Furcht vor dem Tadel oder dem Kummer ſeines Auges das Schlimme beſſerte.“ „Gleichwohl,“ verſetzte Audley,„haben faſt alle Frauen der großen Welt einmal in ihrem Leben dieſe Wahl gehabt, und nur wenige je davon Gebrauch gemacht. Wie ſelten kömmt es vor, daß Frauen von Eurem Rang bei ihrer Ver⸗ mählung wirklich an eine Heimath denken— wie wenigen iſt es um das Lieben und Verehren zu thun— und wie viele aus allen Ständen haben ſich, nachdem ihnen die Heimath errungen war, ſich freiwillig dieſes Schirms wieder begeben, die Einen aus Gleichgültigkeit und Ueberdruß— die Ande⸗ ren veranlaßt durch einen Augenblick des Zweifels, des Miß⸗ trauens, der Laune— durch eine wilde Phantaſie— einen Anfall von Leidenſchaft— durch eine Kleinigkeit— durch einen Strohhalm— einen Traum! Es iſt wahr, ihr Frauen ſeyd immer Träumerinnen. Der gemeine Verſtand, die ge⸗ meine Erde ſtehen entweder über oder unter Eurer Faſſungs⸗ kraft.“ Beide ſchwiegen nun eine Weile. Audley war der Erſte, der ſich mit einer haſtigen, krampfhaften Bewegung wieder aufraffte. „Wir Zwei,“ ſagte er mit einem halb traurigen, halb chniſchen Lächeln—„wir Zwei müſſen unſere Zeit nicht länger mit ſentimentalen Reden verſchwenden. Wir wiſſen zu gut, was in der Wirklichkeit das Leben in der Geſtalt iſt, wie es für uns durch unſere Fehler oder unſere Mißgeſchicke gemacht wurde. Und noch einmal bitte ich Euch dringlichſt, reifliche Erwägungen anzuſtellen, eh' Ihr auf die thörichte Bewerbung meines thörichten Neffen eingeht. Verlaßt Euch darauf, es ſtehen Euch entweder höhere Anträge zu Gebot, deren Annahme ſich mehr mit der Klugheit verträgt, oder wenn Ihr je Rang und Vermögen opfern müßt, ſo werdet Ihr bei Eurer Schönheit und der Romantik Eures Herzens einen Mann finden, der wenigſtens für eine ſchöne Ferien⸗ ſaiſon(da die menſchliche Liebe kaum mehr geſtattet) Euch dieſes Opfer vergelten wird. Frank Hazeldean kann dies nie.“ Beatrice wandte ſich ab, um die Thränen zu verbergen, welche ihren Augen entſtrömten. „Bedenkt Euch wohl,“ ſagte Audley im weichſten Ton ſeiner ſchmelzenden Stimme.„Ihr erinnert Euch, daß ich, als Ihr in England Euren erſten Beſuch machtet, zu Euch ſagte, für mich liege weder in der Ehe noch in der Liebe eine Verlockung. Auf dieſes rohe Zugeſtändniß hin wurden wir Freunde, und ich ſpreche deshalb zu Euch wie ein Weiſer des Alterthums— weiſe, weil ich fern und über den Leiden⸗ ſchaften und Banden ſtehe, welche unſere Weisheit irre füh⸗ ren. Mur die wahre Liebe, welche ſo ſelten iſt, daß unter einer Million kaum ein Menſchenherz ſie je empfunden hat — nur wahre Liebe kann uns entſchädigen für den Verluſt — 8„ n⸗ ch — n, on ch⸗ ich ine vir ſer en⸗ üh⸗ ter hat luſt 1585 der Freiheit, für das Sorgen und Fürchten ber Armuth, für das kalte Mitleid der Welt, die wir Beide achten und ver⸗ achten. Und alles Dies, ja noch mehr, muß die Folge des Schrittes ſeyn, den Ihr unüberlegt thut— die Folge einer unklugen Heirath.“ „Audley Egerton,“ entgegnete Beatrice, ihr dunkles feuchtes Auge erhebend,„Ihr gebt zu, daß wahre Liebe für eine unkluge Heirath Erſatz biete. Ihr ſprecht, als ob Ihr eine ſolche Liebe gekannt hättet. Ihr? Kann es möglich ſeyn?“ „Wahre Liebe— ich glaubte ſie einmal zu kennen. Wenn ich aber jetzt mit Gewiſſensbiſſen darauf zurückblicke, moͤchte ich es bezweifeln, trüge ich nicht den Fluch, welchen nur wahre Liebe, nachdem ſie verloren iſt, für alle Zeiten zu⸗ rückzulaſſen vermag.“ „Und der wäre?“ „Eine Leere hier,“ antwortete Egerton an ſeine Bruſt ſchlagend.„Verödung!— Adieu!“ Er erhob ſich und verließ das Zimmer. „Liegt es darin,“ murmelte Egerton vor ſich hin, als er durch die Straßen ſeinen Weg verfolgte—„liegt der Grund vielleicht in der Nähe des Todes, wenn alle die erſten ſchö⸗ nen Gefühle der Jugend ſo geheimnißvoll uns wieder vor die Seele treten? Ich habe gehört oder geleſen, daß vor Zeiten in einem Lande Kinder vor der Bahre hergingen und Blu⸗ men ſtreuten.“ Bulwer, meine Novelle. Fünfzehntes Kapitel. Und ſo ſtand Leonard neben dem ſterblichen Thon ſeines Freundes und belauſchte in jenem unaus ſprechlichen Lächeln des Todes den letzten Strahl, welchen die Seele hier zurück⸗ gelaſſen hatte. Und nach einer Weile ging er mit lautloſem Tritt wieder zurück in das anliegende Zimmer, als fürchte er, den Todten zu ſtören. So erſchöpft er auch vom Wachen war, kam ihm doch kein Gedanke an Schlaf. Er ſetzte ſich an dem kleinen Tiſch nieder, ſtützte das Geſicht auf ſeine Hand und vertiefte ſich in wehmüthige Gedanken. So ent⸗ ſchwand die Zeit. Er hörte von unten den Stundenruf der Uhr. Im Hauſe des Todes wird das Schlagen einer Uhr ſo feierlich. Die Seele, welche wir vermiſſen, iſt hingegangen, wo es keine Zeit mehr gibt. Ein kaltes, abergläubiſches Grauſen beſchlich allmälig den Jüngling. Er ſchauderte, fuhr zuſammen und erhob halb verächtlich, halb herausfor⸗ dernd die Augen. Der Mond war untergegangen— die graue unbehagliche Dämmerung blinkte durch das Fenſter und warf ihr rauhes, froſtiges Licht durch die offene Thüre in das Gemach, wo die Leiche lag. Und dort, neben dem erloſchenen Feuer, ſah Leonard die Einſame ſitzen, die noch immer in ihren Thränen wachte. Er ging zu ihr, um ihr ein Wort des Troſtes zu ſagen; aber ſie drückte ihm die Hand und winkte ihm zurück. Er verſtand ſie. Ihre Thränen waren der einzige Troſt, deſſen ſie jetzt bedurfte. Wieder rehrte er nach ſeinem Gemach zurück, und ſein Auge iel piesmal auf die Papiere, welche bisher unbeachtet dagelegen —„—„—„— —————„ w § 1587 hatten. Wie kam es, daß ſein Herz auf einmal ſtille ſtand und dann das Blut wieder ſo raſch durch ſeine Adern ſtrömte? Warum ergriff er jene Blätter mit ſo zitternden Händen, legte ſie dann wieder nieder, hielt inne, als wolle er ſeine Kräfte ſammeln, und blickte dann abermals ſo begierig da⸗ nach hin? Er erkannte die Handſchrift— jene ſchönen, klaren Züge— ſo eigenthümlich in ihrer weiblichen Zartheit und Anmuth— dieſelbe wie in jenen wilden, ergreifenden Gedichten, deren Studium einen ſo wichtigen Zeitabſchnitt ſeiner Jugend ausgemacht hatte. Aus dieſen Blättern trat das Bild der geheimnißvollen Nora wieder vor ihn hin. Er fühlte die Nähe ſeiner Mutter. Leiſe kehrte er zurück, um die Thüre zuzumachen, als wolle er in eiferſüchtiger Sohnes⸗ anhänglichkeit jeden roheren Schatten ausſchließen von der Welt der Vorangegangenen und allein ſeyn mit dieſem trauervollen Geiſt. Denn ein Gedanke, hingeworfen im warmen ſonnigen Leben und dann plötzlich wieder vor uns auftauchend, nachdem die Hand, welche ihn niederſchrieb, und das Herz, dem er entquoll, in Staub zerfallen ſind, kann füglich einem Geiſte verglichen werden. Er iſt ein Abbild des glühenden menſchlichen Daſeyns, und hat dieſes Daſeyn überlebt. Weit getreuer als eine Büſte oder ein Porträt zeigt es uns die ſtrömenden Thränen und die klopfenden Pulſe. Welches Geſpenſt, dem Grabe entſtiegen, könnte nachdrücklicher zu unſerem Herzen ſprechen, als die Schriften der Hingeſchiedenen? Die Papiere waren früher leicht zuſammengeheftet ge⸗ weſen, aber, vielleicht unter Burley's roheren Händen, wie⸗ 100* der auseinandergefallen; indeß hatte die Herſtellung ihrer Ordnung keine Schwierigkeit. Leonard ſah bald, daß ſie eine Art Tagebuch bildeten— allerdings kein regelmäßiges, da der Inhalt ſich nicht immer auf die Ereigniſſe des Tages bezog. Es fanden in der Zeitfolge große Lücken ſtatt, ohne daß der Verſuch gemacht worden wäre, ſie durch ſpätere Erzählung auszufüllen. Bisweilen ſtatt der Proſa haſtig hingeworfene Verſe, augenſcheinlich ein Erguß des Herzens — bisweilen der Verlauf der Geſchichte ganz unterdrückt, aber doch ſo zu ſagen in eine einzige brennende Zeile, in einen einzigen Ausruf des Schmerzes oder der Freude zuſammen⸗ gedrängt. Ueberall erkannte man die Ergüſſe einer höchſt empfänglichen Natur, und wo der Genius ſich zu erkennen gab, geſchah dies in ſo kunſtloſer Weiſe, daß man es ſtatt Genius lieber Aufregung hätte nennen mögen. Anfänglich ſprach die Schreiberin von ſich nicht in der erſten Perſon. Das Manuſeript begann mit Schilderungen und kurzen Dialogen zwiſchen Perſonen, deren Namen nur durch An⸗ fangsbuchſtaben bezeichnet waren— alles dies in einem einfachen, unſchuldigen, friſchen Styl gehalten, der die Reinheit und das Glück eines aufdämmernden Frühlings athmete. Zwei junge Perſonen von niedriger Herkunft— ein Jüngling und ein Mädchen, das letztere noch in ihrer Kindheit— beide ihre Bildung hauptſächlich ſich ſelbſt verdankend— ergehen ſich an Sonntagabenden auf den grü⸗ nen thauigen Fluren in der Nähe einer geſchäftigen Stadt, in welcher die Thätigkeit für eine Weile zur Ruhe gekommen iſt. Sie ſprechen nur wenig mit einander. Man ſieht bald, 1589 obſchon die Schreiberin dies nicht ausdrücken will, wie weit die himmelwärts gerichtete Phantaſie des Mädchens über das Ziel hinausfliegt, das ihr männlicher Begleiter ſich geſteckt hat. Er iſt der Fragende und ſie diejenige, welche antwortet. Im Verlauf des Leſens gewinnt man bald die Ueberzeugung, daß der Jüngling das Mädchen liebt, aber ohne Erwiederung. Die Faſſung der Gedanken iſt kurz und doch ſo wahr. Leonard erkennt bereits in dem jungen Mann den rohen und unvollkommenen Literaturfreund— den Dorf⸗ barden— Mark Fairfield. Dann hören die Schilderungen auf, und es kommen kurze, gewichtige Sätze, welche von Seiten der Schreiberin größere Gedankentiefe und ein reiferes Alter bekunden. Und obgleich die Unſchuld bleibt, beginnt doch das Glück ſich weniger lebhaft auf den Blättern auszu⸗ drücken. Unverſehens gelangt Levnard zu einer neuen Phaſe in dem Daſeyn der Verfaſſerin des Tagebuchs. Der Schauplatz, auf welchem ſie ſich bewegt, iſt nicht mehr das beſcheidene, ländliche Alltagsleben. Und ein ſchöneres, blendenderes Bild folgt auf den Gefährten ihrer Sabbathabende. Nora ver⸗ weilt mit ſichtlicher Vorliebe bei Zeichnung dieſes Bildes— es iſt ihrem eigenen Genius verwandt, bezaubert ihre Ein⸗ bildungskraft— mit einem Worte, ſie, die geborene Künſt⸗ lerin und der Kunſt ſich bewußt, fühlt, daß es einer glänzen⸗ deren und höheren Schule des Schönen angehört. Und doch iſt das jungfräuliche Herz noch nicht erwacht— keine Spur vorhanden von ſeinem Leben. Das ſo eingeführte Bild deutet auf ein Alter, gleich dem ihrigen, vielleicht es nicht . 1590 einmal erreichend, denn es iſt das eines Knaben, und ſie ſchildert ihn mit reichen blonden Locken, mit Augen, fremd dem Schmerz und feſt gegen die Sonne, wie die des jungen Adlers— mit Adern ſo voll von dem Weine des Lebens, daß ſie überſtrömen in jede fröhliche Laune— mit Nerven, bebend vor Begier nach Ruhm— von offenem, edlem Weſen, obſchon etwas vorſchnell in ſeinem lachenden Spott über eine Welt, die er nicht kannte. Leonard konnte ſich nicht denken, wer dieſer Knabe ſeyn mochte, und ſcheute ſich, zu rathen. Bald ſtellt ſich— weniger in klaren Worten als in leiſen Andeutungen— heraus, daß dieſe Bekanntſchaft, wie immer ſie auch zu Stande gekommen ſeyn mochte, der Schreiberin Furcht und Schmerz bereitet. Wie früher im Falle des Mark Fairfield iſt Liebe nur auf der einen, nicht aber auf der anderen Seite— auf der ihrigen warme faſt ſchweſter⸗ liche Theilnahme, Bewunderung, Dankbarkeit— zugleich aber auch etwas wie Stolz oder Schrecken, das die Liebe zurückhält. Leonards Theilnahme wurde immer geſpannter. Waren hier Züge, durch welche ſeine Vermuthung zur Gewißheit wurde und trotz des Verlaufs der Zeit in dem knabenhaften Liebhaber ſich ſein eigener edler Wohlthäter erkennen ließ? Bruchſtücke von Dialogen begannen jetzt die Bewer⸗ bung einer glühenden, leidenſchaftlichen Natur und die ein⸗ fache Verwunderung, das unheimliche Bangen einer Zuhö⸗ rerin zu enthüllen, welche wohl Mitleid aber feine Theil⸗ nahme empfinden konnte. Ein großer, weltlicher Unterſchied des Ranges wurde ſichtbar— dieſer Unterſchied ſchien die 1591 Tugend der Niedriggeborenen zu waffnen und ihren Sinn zu ſtählen. Dann ſprachen einige durch Thränen verwiſchte Sätze von verwundeten und gedemüthigten Gefühlen— von einer Perſon, die, wie in Vollmacht von Seiten der Eltern des Bewerbers handelnd, ſich eingemengt, ihr mit Fragen, mit Vorwürfen und Rath zugeſetzt hatte. Und es wurde nun augenſcheinlich, daß die Bewerbung keine entehrende war — ſie drang zwar auf Flucht, zugleich aber auf die Ehe. Und nun wurden dieſe Sätze noch kürzer, wie in Folge eines kräftigen Entſchlyſſes. Und dann kam eine ſo ſchöne Stelle, daß Leonard beim Leſen ſich der Thränen nicht er⸗ wehren konnte. Sie enthielt die Schilderung eines Beſuchs in der Heimath vor einem ſchmerzlichen Abſchied. Da zeigte ſich das Bild einer ſtolzen und eitlen, aber zugleich zärtlichen und verſtändigen Mutter— die innigere aber weniger ge⸗ dankenvolle Liebe eines Vaters. Dann ein ruhiger und troſtbringender Auftritt zwiſchen dem Mädchen und ihrem erſten Dorfliebhaber, der mit den Worten ſchloß:„So legte ſie M's. Hand in die ihrer Schweſter und ſagte: Mich liebte Eure Phantaſie; laßt bei ihr die Liebe aus dem Her⸗ zen kommen.“ Und ſie verſtanden einander und waren Verlobte.“ Leonard ſeufzte. Er begriff nun, wie Mark Fairfield in den einfachen Zügen ſeines nicht einmal des Leſens kundigen Weibes den Wiederſtrahl von der Seele und dem Antlitz ihrer Schweſter erblickte. Nur wenige Worte waren dem endlichen Abſchied ge⸗ widmet— Worte, die als ein eigentliches Gemälde erſchie⸗ 1592 nen. Die lange, freundloſe Landſtraße, die ſich fort und fort ausſtreckte— bis zu der herzloſen Großſtadt. Und die Thüren der Heimath, die ſich aufthaten gegen die verödete Straße— und die alte Zwergeiche neben der Schwelle mit den Raben, die darum herflatterten und ihren Jungen riefen. Auch er hatte von derſelben öden Straße aus dieſe Schwelle be⸗ trachtet. Auch er hatte den Ruf der Raben vernommen. Dann kamen einige Seiten, mit ſchwermüthigen Verſen oder träumeriſchen, düſteren Betrachtungen bedeckt. Die Schreiberin war in London, in dem Hauſe einer hochgeborenen Beſchützerin— als jener freundloſe Schatten der Freundſchaft, welchen das Rothwelſch des hohen Tons eine„Geſellſchafterin“ nennt. Und ſie blickte auf die ſtür⸗ miſche, glänzende Welt wie durch die Gitter eines Gefäng⸗ niſſes. Der arme Vogel, fern von dem Grün der Wälder — ſie bedurfte des Geſangs: er war das letzte Glied, das ſie mit der Natur und der Freiheit in Verbindung brachte. Die Beſchützerin ſcheint ihre Beſorgniſſe vor dem knaben⸗ haften Freier, deſſen wildem Drängen die Flüchtige Wider⸗ ſtand geleiſtet hat, zu theilen, fürchtet aber mehr die Herab⸗ würdigung des Verfolgers, als die der Verfolgten— fürchtet eine Verbindung, die unpaſſend iſt für einen hoch⸗ geborenen Erben. Und dieſe Art von Furcht ſtachelt den Stolz der Schreiberin, und ſie wird hart in ihrem Urtheil über den, welcher ihr nur Schmerz bereitet, während er ihr Liebe bietet. Dann kömmt eine Hindeutung auf einen Freier, den man ihr aufdrängen will. Und man ſagt ihr, es ſey ihre Pflicht, die Bewerbung anzunehmen und ſo eine edle 1593 Familie von einer Furcht zu befreien, die ſo lange nicht be⸗ ſchwichtigt iſt, bis ſie ihre Hand vergeben hat. Ueber dieſe Furcht ſowohl, als über den Bewerber bricht ſie in ärger⸗ liche, aber doch pathetiſche Verachtung aus. Jetzt ſcheint, den Daten nach, das Tagebuch für Wochen zu ruhen, als ſey die Verfaſſerin erſchöpft und überdrüſſig, beginnt aber plötzlich wieder mit einem neuen Aufſchwung, beredt im Hoffen, aber voll von nie zuvor gekannten Befürchtungen. Mit einemmale ſpricht jetzt die erſte Perſon— das lebendige „Ich“ athmet und hewegt ſich in den Zeilen. Wie kam dies? Die Jungfrau war nicht ein Schatten— ein ihr ſelbſt un⸗ bekanntes Geheimniß. Das innige und lebendige Gefühl einer individuellen Weſenheit hatte ſich ihr aufgeſchloſſen, und die Liebe ſprach laut in dem erwachten menſchlichen Herzen. Eine früher nie geſehene Perſon erſcheint jetzt auf den Blättern. Sie nennt dieſelbe ſpäter immer nur„Er“, als ſey er der einzige und alleinige Repräſentant aller der My⸗ riaden, welche auf Erden wandeln. Die erſte Bemerkung über das Auftreten dieſes hervorragenden Charakters zeigt, welche aufregende Wirkung er auf ihre Einbildungskraft ge⸗ macht hat. Er erſcheint ihr in dem Lichte einer Romantik, mit dem vielleicht nur ſie ihn bekleidet. Sie ſchildert ihn im Gegenſatz zu dem herrlichen Knaben, deſſen Bewerbung ſie fürchtete, bemitleidete und zu vermeiden ſuchte— ſchildert an ihm die ernſte, würdevolle und doch edle Miene— eine Stimme, dazu gemacht, um Achtung einzuflößen— ein Auge und eine Lippe, welche die ruhige Würde des Willens bekun⸗ den. Ach! die Schreiberin verrieth ſich ſelbſt, und der Zauber lag in dem Gegenſatz zu ihrem eigenen Charakter, nicht zu dem ihres früheren Liebhabers. Und nun wollen wir es Leonard überlaſſen, durch Er⸗ rathen und Vermuthen ſich einen Weg zu bahnen durch die Lücken und Sprünge der Erzählung; denn es iſt Zeit, daß ich dem Leſer vorlege, was unſer junger Freund aus den Papieren allein nicht erforſchen kann. ————————— Sechszehntes Kapitel. Nora Avenel hatte ſich nach dem Wunſch der Lady Lansmere vor Harley LEstrange's knabenhafter Liebe zu einer kränklichen Verwandten der Gräfin, zu Lady Jane Horton, geflüchtet, bei welcher ſie ſich in der Eigenſchaft einer Geſellſchafterin aufhielt. Lady Lansmere hielt es aber nicht für möglich, daß die niedriggeborene Jungfrau lange auf ihrem edelmüthigen Stolz beharren und für immer rie glühende Bewerbung eines Freiers zurückweiſen könne, der ſich in der Lage befand, ihr die Ausſicht auf eine Grafen⸗ krone zu eröffnen. Sie legte daher ohne Unterlaß Lady Jane die Nothwendigkeit ans Herz⸗ daß Nora eine mit ihrer Stellung weniger im Mißverhältniß ſtehende ehliche Verbindung eingehe, und ermächtigte ihre Verwandte für dieſen Fall dem Mädchen eine Mitgift zu bieten, die für ihre Lage als ſehr anſehnlich erſcheinen mußte. Lady Jane hielt Umſchau und erblickte an dem Saum ihres ſehr be⸗ WM — V 1595 ſchränkten geſellſchaftlichen Kreiſes einen jungen Sachwalter, den natürlichen Sohn eines Peers, welcher in mehr als geſchäftsmäßiger Vertraulichkeit mit den faſhionablen Klien⸗ ten lebte, deren Verlegenheiten den Grund zu ſeinem ſpäteren Reichthum legten. Der junge Mann war hübſch, kleidete ſich gut und wußte ſich einzuſchmeicheln. Lady Jane öffnete ihm ihr Haus und ließ, als ſie bemerkte, welchen tiefen Eindruck Nora's ſeltene Liebenswürdigkeit auf ihn machte, einen Wink über die Morgengabe fallen. Der faſhionable Sachwalter, der mit der Zeit zum Baron Levy gedieh, be⸗ durfte dieſer Andeutung nicht; denn obſchon er damals arm war, vertraute er ſeinen eigenen Kräften, von denen er ſich Vermögen verſprach, und ungleich Randal hatte er warmes Blut in ſeinen Adern. Gleichwohl ließ ihn der Wink der Lady Jane nur um ſo eifriger nach einem günſtigen Erfolg trachten, und ſeine Eigenliebe fühlte ſich bitter verletzt, als er auf ſeinen förmlichen Antrag einen eben ſo förmlichen Korb erhielt. In Levy war die Eitelkeit eine gewaltige Leidenſchaft, und bei eitlen Menſchen faßt der Haß und der Wunſch, ſich zu rächen, eine tiefe um ſich greifende Wurzel. Seine Wuth verbergend, trat er zurück, damals ſelbſt noch nicht ahnend, wie teufliſch dieſe Wuth werden konnte, ſobald ſie, die vorläufig zu boshaftem Groll erkaltet war, durch den Erzfeind Gelegenheit geſtachelt würde, ihre Zügel mit der Ausſicht auf einen beſtimmten Erfolg gehen zu laſſen. Lady Jane war Anfangs ſehr ungehalten über Nora, weil ſie einen Freier zurückgewieſen hatte, der ihr ſelbſt ſo achtbar vorkam. Aber die eindrucksvolle Anmuth dieſes ————————— 1596 wunderbaren Mädchens hatte längſt das Herz der guten Dame gewonnen und ſogar ihre Familienvorurtheile gemil⸗ dert, ſo daß ſie ſich endlich ſelbſt geſtehen mußte, Nora ſey doch eines beſſeren Gatten würdig, als des Mr. Levy. Nun hatte Harley immer gewähnt, daß Nora ſeine Liebe erwiedere, und daß nur ihre Dankbarkeit gegen ſeine Eltern und ihr inſtinktartiges Zartgefühl ſie gegen ſeine Bitten taub mache. Ich muß ihm die Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen, zu bemerken, daß er ungeachtet ſeines wilden Starrſinns augenblicklich von ſeiner Bewerbung abgeſtanden ſeyn würde, wenn er ſie wirklich für Verfolgung gehalten hätte. Auch war ſein Irrthum nicht unnatürlich; denn ſeine Unterhaltung mußte nothwendig, bis es zum Entſchluſſe ſeines Herzens kam, das Kind des Genius blenden und entzücken— ein Entzücken, das ſich unverhohlen in den offenen Augen ausſprach. Wie hätte er bei ſeinem Alter einen Unterſchied machen ſollen zwiſchen der Dichterin und der Jungfrau? Die Dichterin ſah ſich bezaubert von den ſeltenen Begabungen einer Seele, deren Verirrungen ſogar nur das Ueberſprudeln eines reichen Sinnes für das Schöne waren. Aber die Jungfrau— ſie bedurfte keines Weſens, das noch nicht entwickelt war und in dem Alles noch im ſtürmiſchen, wenn auch herrlichen Kampf mit ſeinen edlen Elementen lag, ſondern einer ausgebildeten, vollwüchſigen Natur. Harley war ein Knabe und Nora eines von jenen Mädchen, welche ein Ideal finden oder ſich träumen müſſen, das ſie gebieteriſch und faſt einſchüchternd zur Liebe zwingt. Nicht ohne Schwierigkeit hatte Harley Nora's neuen Aufenthalt enideckt. Er kam ſelbſt zu Lady Jane, und ſie verbot ihm unter ernſten Vorwürfen das Haus. Ja, es wurde ihm nicht einmal möglich, ſich mit Nora zu beſpre⸗ chen. Er ſchrieb ihr, lebte aber der feſten Ueberzeugung, daß ſeine Briefe unterſchlagen würden, da er nie eine Ant⸗ wort erhielt. Sein junges Herz kochte vor Wuth. Er ließ Drohungen fallen, welche nicht nur Lady Lansmere in Schre⸗ cken ſetzten, ſondern auch beſonnenere Beſorgniſſe bei ſeinem Freund Audley Egerton weckten. Auf die Bitten der Mutter und den Wunſch des Sohnes willigte Audley ein, die Lady Jane zu beſuchen und Nora kennen zu lernen. „Ich habe ein ſo großes Vertrauen zu Euch,“ ſagte Lady Lansmere,„daß Euer Rath, wenn Ihr einmal mit dem Mädchen bekannt ſeyd, ſicherlich Gewicht bei ihr hat. Ihr werdet ſie belehren, wie ſündhaft es von ihr ſeyn würde, wenn ſie Harley geſtattete, ſeinen Eltern das Herz zu bre⸗ chen und ſeine Stellung herabzuwürdigen.“ „Ich habe ein ſo großes Vertrauen zu Dir,“ ſagte der junge Harley,„daß Du, wenn Du einmal Nora kennen gelernt haſt, nicht mehr auf die Seite meiner Mutter treten kannſt. Du wirſt den Adel anerkennen müſſen, den allein die Natur zu verleihen vermag— wirſt zugeben, daß Nora eines noch höheren Ranges, als des meinigen, würdig iſt. Und meine Mutter glaubt ſo feſt an Deine Weisheit, daß Du ſogar ſie überzeugen kannſt, wenn Du Dich meiner Sache annimmſt.“ Audley hörte Beide mit ſeinem klugen, halb ungläu⸗ pigen Lächeln an und beſchloß, vollkommen einverſtanden mit Lady Lansmere und aufrichtig beſorgt, Harley vor einer Unbeſonnenheit zu bewahren, die ſeiner Anſicht nach verderb⸗ lich für ihn werden mußte, perſönlich dieſe geprieſene Perle zu prüfen und ihre Mängel ausfindig zu machen. Eger⸗ ton befand ſich damals in der erſten Blüte ſeiner ernſten, entſchloſſenen und ehrgeizigen Jugend. Das Stattliche in den ihm natürlichen Manieren hatte damals eine Geſchmei⸗ digkeit und Feinheit, die ſich ſelbſt im ſpätern bewegten Le⸗ ben nie ganz verlor; denn trotz der Wortkargheit und der tälteren Mienen, womit Sorge und Macht den Geſchäfts⸗ mann ſtempeln, hatte ſich der Miniſter doch ſtets jener per⸗ ſönlichen Beliebtheit erfreut, welche nur ein gewiſſes nicht näher zu bezeichnendes äußerliches Etwas verleiht, das zu⸗ gleich zu gewinnen und zu gefallen weiß. Doch beſaß er ſchon in jener Zeit jene glückliche Zurückhaltung, welche Rochefaucoult„das Geheimniß des Körpers“ genannt hat „ jenen dünnen, aber doch ſchützenden Schleier, welcher uur die kräftigen Umriſſe des Charakters durchſcheinen läßt und ſo großes Intereſſe dadurch erregt, daß er der Muth⸗ maßung ſo reichen Spielraum läßt. Dem Manne, welchem dieſe von Schüchternheit ſo ganz verſchiedene Zurückhaltung angeboren iſt, traut die Welt weit mehr Eigenſchaften und Talente zu, als ſie an ihm wahrnimmt, und ſolche Charak⸗ tere werden in demſelben Verhältniß für Andere anziehend, als dieſe mit Einbildungskraft begabt ſind, welche es liebt, das Unbekannte zu ahnen. Bei der erſten Begegnung war der Eindruck, welchen dieſer Mann auf Nora Avenel machte, tief und wunderſam. M Sie hatte ſchon früher von ihm gehört, daß Harley ihm mit der meiſten Liebe und Achtung zugethan war, und erkannte ſchnell in ſeiner Miene und in ſeinem Aeußeren ſowohl, als in ſeinen Worten und ſogar in dem Ton ſeiner tiefen, ruhigen Stimme jene Gewalt, welche ſelbſt die geiſt⸗ vollſte Frau nie erringt und der ſie deshalb einen nicht immer ächten Adel zuſchreibt, nämlich die Kraft überlegter Entſchloſſenheit und eines ſeines Ziels bewußten ruhigen Ehrgeizes. Die Wirkung, welche Nora auf Egerton her⸗ vorbrachte, war nicht weniger plötzlich. Er ſtaunte über die Schönheit eines Antlitzes und einer Geſtalt, welche einer ſo ſeltenen Ordnung angehörte, daß man ihrer im Leben höchſtens ein⸗ oder zweimal begegnet. Noch mehr aber über⸗ raſchte ihn die Entdeckung, daß der Adel der Seele eine Anmuth verleihen konnte, welche nie durch den Adel der Ge⸗ burt übertroffen wurde. Er hatte einem einfachen erröthen⸗ den Dorfmädchen zu begegnen erwartet, mußte aber jetzt un⸗ willkürlich tief ſeine ſtolze Stirne beugen vor dem erſten Anblick dieſer zarten Blüte und des feinen Anſtandes, wel⸗ cher des Weibes ſicherſter Schlüſſel zu der Achtung des Mannes iſt. Weder in der erſten, noch in der zweiten oder dritten Beſprechung, ja, erſt nachdem er vielmal mit ihr zuſammengekommen war, konnte er ſich ſoweit ermuthigen, daß er mit ſeinem Auftrag den Anfang machte und Harley's Erwähnung that. Und als es ihm endlich gelang, geſchah es mit ſtotternden Worten. Nora's Antwort ließ ihm jedoch keinen Zweifel. Er ſah, daß Harley nicht geliebt wurde, und eine Freude, um deren willen er ſich ſelbſt Vorwürfe 1600 machen mußte, durchzuckte ſeinen ganzen Körper. Von jener Zuſammenkunft kehrte Audley in großer Aufregung und im Streit mit ſich ſelber nach Hauſe zurück. Es iſt im Lauf dieſer Geſchichte oft angedeutet worden, daß unter Egertons äußerer Kälte und abgemeſſener Ruhe eine Natur ſich barg, welche kräftiger und ſtarrer Leidenſchaften fähig war. Dieſe Leidenſchaften brachen jetzt hervor. Er fühlte, daß die Liebe bereits Zugang gefunden hatte zu dem Herzen, das in dem Vertrauen des Freundes eine feſte Bruſtwehr hätte erhalten ſollen. „Ich will nicht mehr hingehen,“ ſagte er abgebrochen zu Harley. „Warum?“ „Das Mädchen liebt Dich nicht.„Hör' auf, an ſie zu denken.“ Harley glaubte ihm nicht und wurde unwillig. Audley dagegen ſah ſich durch alle weltlichen Beweggründe darauf hingewieſen, ſeinem Gefühl für Ehre treu zu bleiben. Er war arm, obſchon man ihn für reich hielt, tief in Schulden verſtrickt, entſchloſſen, ſich im Leben aufzuſchwingen, und durchaus nicht geneigt, ſeiner Stellung in der Achtung der Welt etwas zu vergeben. Die Liebe hatte alſo vereinzelt mit einem ganzen Heer von gegenwirkenden Einflüſſen zu kämpfen. Audleys Natur war kräftig; aber wenn in ſtarken Naturen der Widerſtand gegen die Verſuchung mit dem Granit zu vergleichen iſt, ſo ſtellen leider die Leidenſchaften, wenn ſie einmal Zutritt gewonnen haben, das Feuer dar. Es iſt eine verbrauchte Bemerkung, daß unſere Lebens⸗ da di vo un ka wi Li we da 160¹ ſchickſake oft durch die Impulſe unbewachter Augenblicke be⸗ ſtimmt werden. Eben ſo erging es dieſem Mann, der dem gewöhnlichen Blick als ſo beſonnen und überlegend erſchien. Harley kam eines Tages in großem Schmerz zu ihm. Er hatte gehört, daß Norg unwohl ſey, und bat Audley, zu ihr zu gehen und ſich von ihrem Befinden zu überzeugen. Audley entſprach dieſer Aufforderung. Lady Jane Horton, welche an einem Uebel litt, das bald nachher ihren Tod her⸗ beiführte, war zu unwohl, um ihn zu empfangen; man wies ihn daher in Nora's Zimmer. Während er dort wartete, blätterte er mechaniſch in einem Album, welches Nora, die ſchnell zu Lady Jane berufen worden war, auf dem Tiſch hatte liegen laſſen. Er ſah hier eine Skizze von ſeinen eigenen Zügen und las die darunter geſchriebenen Worte— Worte eines tiefen, innigen, hoffnungsloſen Schmerzes— Worte, von einem Weſen geſchrieben, das ſich daran gewöhnt hatte, in ihrem Genius ihren einzigen Vertrauten unter der Sonne zu erblicken und ihm, je nachdem ihr Dichterherz ſich dazu gedrungen fühlte, die Gedanken, die Empfindungen und die Bekenntniſſe der geheimnißvollen Seufzer zuzuflüſtern, von denen ſie nie gegen ein lebendes Ohr etwas zu athmen und die ſie, mit Ausnahme ſolcher Augenblicke, ſich ſelbſt kaum einzugeſtehen wagte. Andley erkannte, daß er geliebt wurde, und dieſe Enthüllung verzehrte mit ihrem plötzlichen Licht alle Schranken, welche ſich zwiſchen ihn und ſeine Liebe warfen. In demſelben Augenblicke trat Nora ein. Sie ſah, daß er ſich über das Buch niederbeugte, ſtieß einen Schrei aus, eilte vorwärts und ſank dann nieder, das Antlitz mit 101 Bulwer, meine Novelle. 1602 ihren Händen bedeckend. Doch auch Audley lag jetzt zu ihren Füßen. Er vergaß ſeinen Freund, das in ihn geſetzte Ver⸗ trauen, ſeinen Ehrgeiz, die Welt. Seine eigene Sache war's jetzt, die er vertrat, und das Geſtändniß ſeiner eigenen Liebe brach über ſeine Lippen. Und als die Beiden an jenem Tage ſich trennten, waren ſie mit einander verlobt. Leider für ſie und leider für Harley! Und fortan ſah ſich dieſer Mann, der ſich ſelbſt für das Muſterbild eines Gentleman gehalten und den alle ſeine jungen Zeitgenoſſen ſo geachtet und verehrt hatten, genöthigt, einem vertrauensvollen Freund die Hand zu drücken und der Wahrheit Lebewohl zu ſagen. Er mußte ſeinen knabenhaften Nebenbuhler zerſtreuen, hinhalten und irreführen— mußte ihm ſagen, Nora fange bereits an von ihren Bedenklichkeiten abzulaſſen, und er werde ſie in Kurzem dahin gebracht haben, daß ſie einwillige, Harleys Rang und den Stolz ihrer El⸗ tern zu vergeſſen und ſeine Gattin zu werden. Und Harley glaubte Egerton ohne einen Hauch von Argwohn auf dem Spiegel ſeiner wahren Seele. Mittlerweile brannte Audley vor Begier, ſich dieſer unwürdigen Stellung zu entſchlagen, mit der Ungeduld eines kräftigen Geiſtes ſchleunig auszuführen, was er ſich einmal vorgenommen hatte, der Spannung ein Ende zu machen, welche bei jeder Beſprechung mit Harley peinigend auf ſeiner Eiferſucht und auf ſeiner Scham laſtete, ſich über den Bereich der Gewiſſensbiſſe zu erheben und zu ſich ſelbſt zu ſagen: „Recht oder unrecht; das Zurückblicken nützt nichts mehr— es iſt geſchehen.“ Wie er ſich ſo hingeriſſen ſah von dem n as ine gt, der ten ßte ten en, El⸗ ley em ſer nes nal en, ner ich em 1603 Ungeſtüm ſeiner eigenen Willenskraft und er auf ſchleunige, geheime Vermählung drang— ſie ſollte ſo lange geheim bleiben, bis ſeine damals noch ſchwankende Zukunft geſicher⸗ ter war— hatte ſeine Laufbahn kaum erſt begonnen. Dies war einer, wenn ſchon nicht gerade der gewichtigſte von ſei⸗ nen Beweggründen. Er bebte zurück vor dem Gedanken, ſein Unrecht dem Freunde einzugeſtehen, und wünſchte die De⸗ müthigung eines ſolchen Bekenntniſſes hinauszuſchieben, bis er die Ueberzeugung gewonnen hätte, Harley's knabenhafte Leidenſchaft ſey vorüber und er habe ſich den neuen Ver⸗ lockungen hingegeben, die ihm natürlich in den Weg treten mußten. Die Stimme ſeines Gewiſſens erſtickend, ſuchte Audley ſich zu überreden, der Tag ſey nicht mehr fern, an welchem Harley mit Gleichgültigkeit werde anhören können, daß Nora die Gattin eines Anderen ſey.„In ſeinem Alter iſt es der Traum einer Stunde,“ ſagte der ältere Freund zu ſich ſelber,„in dem meinigen die Leidenſchaft eines Lebens!“ Von dieſen letzteren Verheimlichungsgkünden ſchwieg er gegen Nora, denn er fühlte, daß ihn das Zuge ändniß eines ſolchen Verraths an dem Freunde in ihren Augen herabwür⸗ digen mußte. Er ſprach deshalb nur geringſchätzig von Harley und behandelte die Bewerbung des Knaben als eine Sache, die vorbei und abgethan war. Dagegen verbreitete er ſich ausführlich über die Gründe, welche eine Selbſtauf⸗ opferung entweder von ſeiner oder von ihrer Seite forderte, und ihre Wahl war ſchnell getroffen. Denn wo Nora liebte, glaubte ſie ſo hingebungsvoll an die Ueberlegenheit des Ge⸗ liebten, daß ſie ſich keinen Augenblick damit aufhalten mochte, 101* auf die Einrede ihrer ſtolzeren Natur zu achten oder die Ge⸗ bühr deſſen, was ihm gut und weiſe dünkte, zu beanſtanden. w Obſchon Audley in dieſer trügeriſchen Angelegenheit F des Lebens der Stimme der Klugheit kein Gehör ſchenkte, i bewahrte er doch in untergeordneteren Einzelheiten die ge⸗ ih wohnte Vorſicht. Dies war in der That ein charakteriſtiſcher ſe Zug in ſeiner ganzen Laufbahn— Rückſichtsloſigkeit in gro⸗ he ßen Dingen und Beſonnenheit in kleinen. Lady Jane Horton he ſollte nichts von ſeinem Geheimniß erfahren und noch weni⸗ di ger Lady Lansmere. Der Erſteren ſtellte er einfach vor, w daß Nora nicht länger unter ihrem Dach gegen Harleys re hartnäckige Verfolgung ſicher und es daher am beſten ſey, er wenn man ihm die Bewegungen des Mädchens ganz aus ih den Augen rücke; Nora ſolle ſich deshalb für eine Weile in br aller Stille zu einer Verwandten begeben. ſc Mit Lady Jane's Zuſtimmung zog daher Nora zuerſt w zu einer entfernten Verwandten ihrer Mutter und ſpäter in N ein Haus, in welchem Egerton unter dem Namen Mrs. di Bertram die ihm eben angetraute Braut einführte. Er ur ſuchte Alles ſo einzurichten, daß einer allzufrühen Ent⸗ ſei deckung der Heirath möglichſt vorgebeugt war. Aber am ih Hochzeitmorgen fügte ſich's, daß einer der von ihm erwähl⸗ te ten Zeugen(ſein eigener vertrauter Diener) von einem H Schlaganfall betroffen wurde. Da Egerton in der Eile nicht B wußte, wo er einen paſſenden Stellvertreter hernehmen ni ſollte, fiel ihm ſein Sachwalter und faſhionabler Geldborger be Levy ein, mit dem er damals auf ſo vertrautem Fuße ſtand, E wie es in der Regel bei den feinen jungen Gentlemen einem e⸗ n. 1605 Geſchäftsmann von gleichem Alter gegenüber der Fall iſt, welcher alle ihre Angelegenheiten kennt und aus lauterer Freundſchaft dazu geholfen hat, ſie ſo ſchlecht zu machen, als ſie ſind. Levy wurde ſchnell herbeibeſchieden. Egerton hatte ihm in ſeiner großen Haſt Anfangs nicht einmal den Namen ſeiner Braut mitgetheilt, wohl aber genug von der Unklug⸗ heit dieſer Verbindung und von den Gründen zu ihrer Ge⸗ heimhaltung geſprochen, um Levy zu veranlaſſen, daß er ihm die kräftigſten Gegenvorſtellungen machte, denn der Sach⸗ walter hatte immer darauf gerechnet, Egerton werde eine reiche Partie treffen, dem Schlaukopf die Ausſicht eröffnete, ſeinem Klienten das Weib zwar zu laſſen, aber ihr Vermögen im Lauf des Geſchäfts an ſich zu bringen. Egerton achtete nicht auf ſeine Einreden, ſondern ſchleppte ihn fort nach dem Platz, wo die Trauung vollzogen werden ſollte, und dort ſah Levy die Braut, eh' ihm ihr Name mitgetheilt worden war. Der Wucherer bemäntelte die in ihm kochende Aufregung und erfüllte bei dem Trau⸗ ungsakt die von ihm geforderte Obliegenheit. Wohl war ſein Lächeln, als er der Braut Glück wünſchte, geeignet, ihr eiskalt durch das Herz zu fahren; aber ihre Augen hat⸗ ten ſich der Erde zugekehrt, in welcher ſie einen Abglanz des Himmels ſah, und ihr Herz ſuchte blindlings Schutz an der Bruſt, die jetzt für immer ihr Eigenthum war. Sie bemerkte nicht das Lächeln des Haſſes, deſſen Stachel den Glückwunſch begleitete, und hielt es nicht einmal ſpäter für nöthig, Egerton mitzutheilen, daß der Zeuge ein von ihr abgewie⸗ ſener Freier geweſen ſey. In der That belehrte ſie der zarte 1606 Takt der Liebe, daß ein ſolches Vertrauen, der Gedanke an einen ſolchen Nebenbuhler, den Stolz ihres feingebildeten und edelgeborenen Gatten verletzt haben würde. Während nun Harley L'Estrange, ganz außer ſich über die Kunde, daß Nora Lady Jane's Dach verlaſſen hatte, und abſichtlich in falſche Richtungen geleitet, vergebens die Spur der Flüchtigen aufzufinden ſich mühte, gab ſich Eger⸗ ton unter einem angenommenen Namen und in einem abge⸗ ſchiedenen Winkel— fern von den Cluben, welche ſeine Worte als Orakel betrachteten, und fern von dem Treiben der Luſt ſowohl als der Anſtrengung, welches bisher ſeinen thätigen Geiſt beſchäftigt hatte— voll Verwunderung über ſich ſelbſt dem einzigen Traum von einem Feenland hin, der je die wachen Augenlider des harten Ehrgeizes zugedrückt hat. Für eine Weile hatte er die Welt von ſich ausgeſchloſſen; er vermißte ſie nicht— wußte nichts von ihr. Er ſah in zwei liebende Augen, die ſpäter ſtets wie ein Spuk in ſein ſtrenges, kaltes Daſeyn hereinblickten, und murmelte vor ſich hin:„Ja, dies iſt wahres Glück!“ Und oft, oft wieder⸗ holte er in der Einſamkeit anderer Jahre dieſelben Worte, nur mit dem Unterſchied, daß er ſtatt des iſt ſich des war bediente. Und Nora mit dem großen, vollen Herzen, mit ihrem überquellenden Reichthum an Phantaſie und Gedanken, ein Kind des Lichtes und des Liedes— entdeckte ſie damals nie, daß verhältnißmäßig etwas Engherziges und Unfrucht⸗ bares in dem Charakter lag, an den ſie ihr Schickſal geket⸗ tet hatte? Hier konnte doch unmöglich eine Sympathie ſeyn mit Gefühlen, die ſo glänzend und wechſelnd waren, —-——-—— ten ſich tte, die er⸗ ge⸗ te uſt gen bſt die a. en; in ſein vor der⸗ rte, ar mit ken, als cht⸗ ket⸗ thie 1607 wie die Farben des Regenbogens. Wenn Audley ihr Herz an das ſeinige drückte, bemerkte er wohl, daß das ihrige inniger ſchlug als das ſeine? Wog all das Eiſen ſeines Geiſtes auch nur einen Gran von dem Gold auf, das ſie in Harleys Liebe weggeworfen hatte? Mußte Nora nicht jetzt ſchon dieſe Entdeckung machen? Gewiß nicht. Der Genius fühlt kein Bedürfniß, keine Reue, wenn das Herz zufrieden iſt. Sogar der Genius hielt jetzt inne und ſchlummerte; er war der Gefährte ihrer Einſamkeit geweſen, und ſie bedurfte ſeiner nicht mehr. Wenn ein Weib von tiefer Liebe erfüllt iſt zu einem Mann, der unter ihrer geiſtigen Höhe ſteht, ſo ſehen wir oft, daß ſie, ohne es ſelbſt zu wiſſen, ihres Rangs ſich begibt und demüthig zu der Stufe des Geliebten herabſteigt; ſie ſcheut ſich, in ſei⸗ nen Augen als die Ueberlegene zu erſcheinen, und will nicht einmal auf die gleiche Höhe Anſpruch machen. Nora wußte nichts mehr von ihrem Genius— wußte blos, daß ſie Liebe beſaß. Und ſo wandelte nun das Tagbuch, welches Leonard las, ſeinen Ton in den eines ſtillen Glückes um, das nur um ſeiner Tiefe willen ſo ſtill iſt. Dieſes Zwiſchenſpiel in dem Leben eines Mannes, wie Audley Egerton, konnte nicht von langer Dauer ſeyn, und viele Umſtände wirkten zuſammen, um die Friſt abzukürzen. Seine Angelegenheiten befanden ſich in großer Verwirrung und ſtanden insgeſammt unter Levy's Leitung. Anſprüche, die früher ſchlummerten oder nur milde geltend gemacht wurden, erhoben ſich jetzt laut und drohend. Auch Harley war von ſeinen vergeblichen 1608 Nachforſchungen nach London zurückgekehrt und ſah ſich nach Audley um. So war dieſer genöthigt, ſein verborgenes Eden zu verlaſſen und wieder in der gemeinen Welt zu erſcheinen. Fortan kam er nur noch verſtohlen nach ſeiner ehlichen Hei⸗ math— nicht äls Bewohner, ſondern als Beſuch. Aber lauter und ungeſtümer wurden die Forderungen ſeiner Gläu⸗ biger, und zwar in einem Augenblicke, in welchem Egerton“ am meiſten alles deſſen benöthigt war, was Achtbarkeit, Stellung und der Glaube an pekuniäre Unabhängigkeit bei⸗ zutragen vermag, um den Mann zu erheben, der ſeine Arme gebunden und ſeine Bahn zum weltlichen Glück ſelbſt mit Hinderniſſen belegt hatte. Er war mit Execution, mit Gefängniß bedroht. Levy erklärte ihm, daß„weiteres Bor⸗ gen nur ſeinen Ruin vergrößern heiße,“ zuckte die Achſeln und empfahl ſogar einen freiwilligen Rückzug nach dem Kings⸗ Bench.„Kein Platz iſt ſo geeignet, um hartnäckige Gläu⸗ biger zu einem Vergleich einzuſchüchtern. Aber warum—“ fügte Levy bei—„warum geht Ihr nichtzu dem jungen L'Es⸗ trange, einem Knaben, der dazu gemacht iſt, um ange⸗ borgt zu werden?“ Levy hatte von Lady Jane Kunde über Harleys Wer⸗ bung erhalten und wußte bereits genug, um ſeiner Rache an Egerton ſicher ſeyn zu können. Audley konnte ſich nicht an den Freund wenden, den er verrathen hatte. Und was die anderen Freunde betraf, ſo hatte zwar kein Londoner Lebe⸗ mann ihrer eine größere Anzahl; aber kein Lebemann wußte beſſer als er, daß er ſie alle verlieren würde, ſobald einmal bekannt war, daß er ihres Geldes bedurfte. Gekränkt, „————„„—„— — e— — en„—— — 1609 geängſtigt, gefoltert, immer Harley ausweichend, der ihn gleichwohl ſtets aufſuchte, und vor jedem Klopfen an die Thüre erbebend, entwich Audley Egerton nach dem ver⸗ pfändeten Ueberreſt ſeines väterlichen Erbes, auf welchem ein düſteres, lange unbewohntes Herrenhaus ſtand. Dort be⸗ ſchäftigte ſich ſein Geiſt, der ſpäter durch ſein ſchnelles Auf⸗ faſſen von Geſchäftsſachen ſo berühmt wurde, mit Unter⸗ ſuchung ſeiner Angelegenheiten, in der Hoffnung, aus der Flut, die mit jedem Augenblick höher um ihn her anſchwoll, einige Trümmer zu retten. Und nun, um einen Bericht, deſſen dunkler Strom fortan nur Schmerz und Sorge bringt, kurz zuſammen zu faſſen— nun begann Levy ſeine rachſüchtigen Tücken zu üben, und ſeine Argliſt gewann allmälig die Oberhand. Unter dem Vorwand, Audley in Ordnung ſeiner Angelegen⸗ heiten an die Hand zu gehen, obſchon er es in der Stille einzuleiten wußte, daß ſie immer verwickelter wurden, kam er häufig für einige Stunden nach Egerton⸗Hall. Er be⸗ nützte zu dieſem Beſuch ſtets die Poſt, um die Wirkungen zu beobachten, welche Nora's faſt tägliche Briefe auf ihren durch die praktiſchen Sorgen des Lebens verſtimmten Gatten hervorbrachten. Dies gab ihm reichliche Gelegenheit, dem ehrgeizigen Mann Reue einzuflößen über ſeine unkluge, vor⸗ ſchnelle Leidenſchaft oder in Audley wegen ſeines Verraths an L'Estrange Gewiſſensbiſſe zu wecken. Indem er dem geängſtigten Schuldner immer Bilder vorführte, die im Wider⸗ ſtreit lagen mit ſeiner Liebe und mit der Poeſie des Lebens, verſtimmte er ſo zu ſagen deſſen Sinn für den Empfang von 1610 Nora's Briefen, deren reine Muſik nur Gedanken athmete, wie ſie die zarteſte Phantaſie der innigſten Liebe eingibt. Egerton war einer von jenen Männern, welche ſich über ihre Angelegenheiten nie offen gegen Weiber ausſprechen, und Nora, wenn ſie ihr Herz gegen ihn ausſtrömen ließ, hatte keine Ahnung von ſeinem herben, proſaiſchen Nothſtand. Und ſo— und ſo— da Levy, dieſes Urbild des proſaiſchen Lebens in ſeiner cyniſchſten Form, ſtets in der Nähe war — erſchien allmälig das, was ein ſo reicher Erguß der Liebe war— die Klage über ſeine Abweſenheit, die Bitten um ſeine Rückkehr, die ſanften Vorwürfe, wenn er einen Poſttag verſäumte, ihr auf ihre ſehnſüchtigen Seufzer eine Antwort zu ſenden— dem verſtändigen, poſitiven Mann des wirklichen Lebens in dem Lichte kränklicher romanhafter Uebertreibung. Die glänzenden Pfeile ſchoßen zu hoch him⸗ melwärts, um ein Ziel zu treffen, das der Erde ſo nahe ſtand. Ach! das gewöhnliche Schickſal aller erhabenen Naturen! Welcher Schatz— und wie kläglich vergendet! „Beiläufig,“ ſagte Levy eines Morgens, als er eben im Begriffe war, Audley zu verlaſſen und nach London zurückzukehren—„beiläufig, ich komme dieſen Abend in die Nähe von Mrs. Egertons Wohnung.“ Egerton.—„Mrs. Bertram's, wollt Ihr ſagen?“ Levy.—„Ja. Wird ſie nicht einigen Geldzuſchuſſes bedürfen?“ Egerton.—„Meine Frau?— Noch nicht. Ich muß zuerſt gänzlich zu Grund gerichtet ſeyn, eh' es ihr an 1611 etwas fehlen ſoll; und wäre dies der Fall, glaubt Ihr, ich würde nicht an ihrer Seite ſeyn?“ Levy.—„Ich bitte um Verzeihung, mein lieber Freund: Euer Gentlemansſtolz iſt ſo empfindlich, daß es für einen einfachen Geſchäftsmann ſchwer wird, ihn nicht unver⸗ ſehens zu verletzen. Eure Gattin iſt alſo nicht von dem Stand Eurer Angelegenheiten unterrichtet?“ Egerton.—„Natürlich, nein. Wer möchte auch einer Frau Dinge vertrauen, in denen ſie doch nichts thun kann, als den Mann noch mehr quälen?“ Levy.—„Wahr; und dazu eine Dichterin! Ich habe Euch in Beendigung Eurer Antwort auf Mrs. Ber⸗ tram's letzten Brief geſtört. Kann ich ſie mitnehmen? Sie erhält ſie einen Tag früher— das heißt, wenn Ihr nichts dagegen habt, daß ich ſie heute Abend beſuche.“ Egerton(der ſich zu Beendigung des Briefs nieder⸗ ſetzt).—„Ob ich etwas dagegen habe? Nein.“ Levy(auf ſeine Uhr blickend).—„So beeilt Euch, oder ich verfehle die Kutſche.“ Egerton(den Brief ſiegelnd).—„Hier. Ich weiß es Euch ſogar Dank, wenn Ihr bei ihr einſprecht. Ihr könnt, ohne ſie gerade über meine Umſtände zu beunruhigen, ihr nebenbei ſagen, es ſey Euch bekannt, daß ich zur Zeit von verdrießlichen wichtigen Angelegenheiten in Anſpruch genommen ſey. Beſchwichtigt damit den Eindruck meiner ſehr kurzen Antworten— Levy.—„Auf dehe doppelt über's geſchrie⸗ benen ſche Langen Briefe.— Soll geſchehen.“ 1612 „Arme Nora!“ ſagte Egerton mit einem Seufßzer. „Dieſe Antwort wird ihr kurz und roh genug vorkommen. Setzt ihr das, was mich entſchuldigt, freundlich auseinander, ſo daß es mir für die Zukunft zu Statten kömmt. Ich habe in der That weder Zeit noch Sinn für ſentimentale Ergüſſe, und das Wenige, das je in mir ſtack, iſt nahezu aus mir herausgeärgert. Dennoch liebe ich ſie tief und innig.“ Levy.—„Dies muß wohl der Fall geweſen ſeyn. Ich hätte nie gedacht, daß es Euch möglich wäre, die Welt einem Weibe zum Opfer zu bringen.“ Egerton.—„Auch ich nicht; aber—“ fügte der ſtarke Mann bei, der in ſich jene Macht fühlte, welche die Welt weit mehr bezwingt als das Wiſſen, ich meine den ru⸗ higen Muth—„aber ich habe die Welt noch nicht geopfert. Dieſe Rechte wird ſie aufrecht erhalten und mich dazu.“ Levy.—„Schön geſagt! Vorderhand aber, ums Himmels willen, verſucht ja nicht, nach London zu gehen oder dieſen Platz zu verlaſſen; denn ich weiß, daß Euch in dieſem Falle Verhaftung bevorſteht, und dann Adieu allen Hoffnungen auf das Parlament und auf eine Laufbahn.“ Audley's ſtolzes Geſicht verdüſterte ſich. Wie der Hund in ſeiner kampfluſtigſten Stimmung ängſtlich vor dem Steine davonſchleicht, den man aus dem Schlamm aufgreift, ſo ſinkt auch dem Ehrgeiz, der ſich aufrichtet, um dem ganzen Menſchengeſchlecht Trotz zu bieten, der Muth, und er zieht ſich ſcheu zurück, wenn man ihm zuflüſtert—„Schande und ein Gefängniß!“ Am Abend machte Levy ſeinen Be⸗ ſuch bei Nora. Indem er ſich durch Egertons Lob und durch — — 1613 mittelbare demüthige Entſchuldigungen über ſeine frühere Anmaßung in ihre Gunſt einzuſchmeicheln ſuchte, bahnte er den Weg zu weiteren Beſuchen an. Sie war ſo verlaſſen, und es that ihr ſo wohl, Jemand zu ſehen, der friſch von ihrem Audley herkam und mit dem ſie von ihm ſprechen konnte. So ſchlich ſich der freundſchaftliche, achtungsvolle Gaſt allmälig in ihr Vertrauen ein, und dann begann er unter hohen Lobeserhebungen über Audleys überlegene Gei⸗ ſtesgaben ſich über das weltliche Trachten des jungen Ehe⸗ manns und über die Sorge für ſeine Laufbahn zu verbreiten. Dies geſchah in einer Weiſe, welche ſchon geeignet war, Nora einige Unruhe einzuflößen, indem aus ſeinen Worten die Folgerung ſich ziehen ließ, daß ſie ihm wohl theuer ſey, aber neben ſeinem Ehrgeiz doch nur die zweite Rolle ſpiele. Nachdem Leyy ſich in dieſer Weiſe Bahn gebrochen hatte, begann er ſein achtungsvolles Bedauern über ihre zweideu⸗ tige Lage merken zu laſſen; er warf Winke über Klatſcherei und Schmähſucht hin und drückte ſeine Beſorgniß aus, die Veröffentlichung des Ehebündniſſes könnte für die Wahrung ihres Rufs zu ſpät kommen. Und was mußten dann die Gefühle des ſtolzen Egerton ſeyn, wenn er ſeine Gattin aus⸗ geſchloſſen ſah von der Welt, die er ſo hoch ſchätzte? Ohne daß ſie ſelbſt wußte, wie es zuging, hatte er ſie dahin gebracht, daß ſie, obſchon nur ſchüchtern, in ihren Briefen an Audley ihre Beſorgniß und ihren natürlichen Wunſch ausdrückte. Wann konnte die Verbindung veröffentlicht werden? Ver⸗ oͤffentlicht! Audley fühlte, daß das Bekanntwerden einer ſolchen Heirath in einem ſolchen Augenblick ihm die letzte 1614 Ausſicht auf Ruhm und Vermögen rauben mußte. Dazu kam noch Harley— Harley, der noch immer nicht von ſeiner wahnſinnigen Liebe geheilt war. Levy ſorgte dafür, daß er zugegen war, wenn ſolche Briefe einliefen. Und nun ging Levy noch weiter in dem beſchloſſenen Plane, die beiden Herzen ſich zu entfremden. Er wußte vermittelſt ſeiner verſchiedenen Agenten dieſelben Schmäh— gerüchte, auf die er hingedeutet hatte, unter Nora's Nach⸗ barn in Umlauf zu bringen und leitete es ſo ein, daß ſie be— ſchimpft wurde, wenn ſie ausging, daß zu Haus ihre eigene Magd ſie verhöhnte und daß ſie vor ihrem eigenen Schatten erzitterte, wenn ſie an ihrem verlaſſenen bräutlichen Herd ſtand. Während ſie von ſolchen Qualen geängſtigt wurde, er⸗ ſchien Levy wieder. Die Stunde, welche ſeinen Anſchlägen die Krone aufſetzen ſollte, war gekommen. Er deutete an, daß er Kunde habe von den Demüthigungen, welche ſie er⸗ litten, drückte ſeine tiefe Theilnahme aus und erbot ſich, die Vermittlung zu übernehmen, daß Egerton„ihr Gerechtigkeit widerfahren laſſe“. Er bediente ſich dabei zweideutiger Phraſen, die ihr Ohr erſchütterten und ihr Herz folterten, und veranlaßte ſie dadurch, von ihm Erklärung zu fordern. Dann verſetzte er ſie in den halbwahnſinnigen Zuſtand eines unbeſtimmten Schreckens, in welchem er ihr das feierliche Verſprechen abnahm, daß ſie unter keinen Umſtänden von dem, was er ihr mitzutheilen habe, gegen Audley Gebrauch machen wolle, und ſagte ihr mit der ſchurkiſchen Heuchelei einer widerſtrebenden Scham, daß„ihr Ehebund kein ſtreng geſetzlicher und die vom Geſetz vorgeſchriebene Form nicht 1615 beobachtet worden ſey; für Audley ſey demnach, abſichtlich oder unabſichtlich, die Freiheit gewahrt, den Trauungsakt zu verwerfen und die Gattin zu verſtoßen.“ Während Nora be⸗ täubt und ſprachlos über eine Falſchheit da ſtand, welche Levy, durch ſcheinbare Rechtsgründe ſie unterſtützend, ihrer Uner⸗ fahrenheit wahrſcheinlich genug zu machen wußte, beeilte er ſich, in ihrem Geiſt aufs Neue die Eindrücke von Audley's Stolz, ſeinem Ehrgeiz und ſeinem Trachten nach einer welt⸗ lichen Stellung zu beleben.„Dies ſind Eure Hinderniſſe,“ ſagte er;„aber ich denke, ich kann ihn bewegen, daß er ſein Unrecht wieder gut mache und Euch endlich zu Ehren bringe.“ Endlich zu Ehren— o Schande! Jetzt brach Nora's Zorn los. Sie ſollte glauben an einen ſolchen Flecken in Audley's Ehre! „Aber wo war die Ehre, als er ſeinen Freund verrieth? Wußtet Ihr nicht, daß er von Lord LEstrange den Auf⸗ trag hatte, ihm bei Euch das Wort zu reden? Wie hat er dieſem Vertrauen entſprochen?“ Für LEstrange das Wort zu reden! Von dieſem Um⸗ ſtande hatte Nora keine genaue Kunde gehabt. In der ſchnell erwachten Liebe, welche der ſchnell vollzogenen Heirath vor⸗ anging, war von beiden Seiten, mit Ausnahme der erſten ſchüchternen Hindeutungen auf Harley's Werbung und ihrer ruhigen, kalten Antwort, nicht weiter über den jugendlichen Freier geſprochen worden. Levy nahm den Gegenſtand wieder auf, verbreitete ſich ausführlich über das verrathene Vertrauen und fuhr fort: „In Egertons Welt hält man es für weit unehrenhaf⸗ 1616 ter, einen Mann zu verrathen, als ein Weib zu bethören, und wenn Egerton das eine thun konnte, warum ſollte er nicht auch des anderen fähig ſeyn? Aber ſeht mich nicht mit ſo entrüſteten Blicken an. Setzt ihn ſelbſt auf die Probe. Schreibt ihm, der Argwohn, der auf Euch laſte, ſey Euch unerträglich geworden— er ſtecke ſogar Euch ſelbſt an trotz der Einreden des Verſtandes; die Geheimhaltung der Trau⸗ ung, ſeine fortwährende Abweſenheit, ſeine kurzangebundene, mit ſo unbefriedigenden Gründen belegte Weigerung, das Band öffentlich anzuerkennen— alles Dies erfülle Euch mit ſchrecklichen Zweifeln. Fordert ihn endlich auf, wenn er je die Vermählung noch nicht veröffentlichen wolle, ſo ſolle er Euch wenigſtens über die Geſetzlichkeit des Trauungsakts Beruhigung geben.“ „Ich will ſelbſt zu ihm gehen!“ rief Nora ungeſtüm. „Zu ihm gehen— in ſein Haus? Welch eine Scene — welches Aergerniß! Könnte er Euch je vergeben?“ „Wenigſtens will ich ihn flehentlich bitten, hieher zu kommen. Ich kann keine ſolche ſchrecklichen Worte ſchreiben; ich kann nicht— kann nicht! Geht— geht!“ Levy verließ ſie und eilte zu einigen von Audley's zu⸗ dringlichſten Gläubigern— zu Leuten, die in Wirklichkeit ausſchließlich nach Levy's Rath handelten. Er forderte ſie auf, unverweilt Audley's Landwohnung von Bailiffen um⸗ ſtellen zu laſſen. Wenn daher Egerton Nora's Aufforderung entſprechen wollte, drohte ihm das Gefängniß. Nachdem dieſe Vorbereitungen getroffen waren, begab ſich Levy ſelbſt en, er cht be. uch u⸗ ne, as nit lle kts ne 151* zu Audley und traf wie gewöhnlich eine oder zwei Stunden vor Ausgabe der Briefe ein. Und Nora's Brief langte an. Nie war Audley's ernſte Stirne mehr verdüſtert, als nachdem er das Schreiben geleſen hatte. Gleichwohl beſchloß er mit ſeiner gewöhnlichen Ent⸗ ſchiedenheit, ihrem Wunſche Folge zu geben. Er zog die Klingel und beauftragte ſeinen Diener, Reiſekleider herzu⸗ richten und Poſtpferde zu beſtellen. Lery nahm ihn jetzt bei Seite und führte ihn an das Fenſter. „Seht dort unter den Bäumen— bemerkt Ihr jene Männer? Es ſind Bailiffe. Dies iſt der eigentliche Grund, warum ich heute zu Euch komme. Ihr könnt dieſes Haus nicht verlaſſen.“ Egerton ſchrack zurück. „Und dieſer verrückte thörichte Brief in einem ſolchen Augenblick!“ murmelte er, mit geballter Fauſt auf das offene Blatt ſchlagend, welches trotz der darauf ausgedrückten Aeng⸗ ſten ſo voll Liebe war. O Weib, Weib! Iſt dein Herz tief und ſind ſeine Saiten zart, ſo nimm dich in Acht in deiner Liebe gegen den Mann, welchem Alles, was ihn den harten Sorgen der All⸗ tagswelt abzieht, als Wahnſinn oder Thorheit erſcheint! Er wird dein Herz brechen, die Saiten deſſelben zerreißen und aus dem zarten Inſtrument jeden Laut ſtampfen, der jetzt die gewöhnliche Luft zur Muſik macht und im Einklang mit den Harfen der Engel ertönt. „Sie hat mich in ihren früheren Briefen ſchon ge⸗ Bulwer, meine Novelle. 102 1618 fragt,“ fuhr Audley fort, indem er mit haſtigen, zornigen Schritten im Zimmer auf⸗ und ab ging,„wann unſere Ver⸗ bindung veröffentlicht werden könne, und ich dächte, meine Antworten hätten jedes vernünftige Weib zufrieden ſtellen ſollen. Aber jetzt— jetzt ſteht es ſchlimmer, unendlich ſchlimmer; ſie zweifelt wahrhaftig an meiner Ehre! Ha, ſie traut mir zu, daß ich, der ich ſolche Opfer gebracht habe— ich, Audley Egerton, ein engliſcher Gentleman, ſo ehrlos habe ſeyn können—“ „Wie?“ unterbrach ihn Levy—„Euren Freund LEs⸗ trange zu täuſchen? Hat ſie dies nicht gewußt?“ „Sir!“ rief Egerton, und ſein Geſicht erblaßte. „Oh, nur nicht ſo aufbrauſend; in der Liebe wie im Krieg iſt Alles zuläſſig; und LEstrange wird es Euch mit der Zeit noch Dank wiſſen, daß Ihr ihn vor einer ſolchen mesalliance bewahrt habt. Aber Ihr ſeyd im Ernſte zornig; ich bitte, vergebt mir.“ Nicht ohne Schwierigkeit und nur nach vielen ſchönen Reden gelang es dem Wucherer, den Sturm zu beſchwichtigen, den er in Audleys Gewiſſen erregt hatte. Und dann theilte ihm Egerton den Inhalt von Nora's Brief mit, über den ſich Levy ganz erſtaunt anſtellte. „Es iſt unter meiner Würde,“ ſagte Audley,„auf einen ſolchen Zweifel zu antworten, geſchweige denn ihn zu widerlegen. Hätte ich ſie ſehen können, ſo würde ein Blick des Vorwurfs zugereicht haben; aber meine Hand an die Feder zu legen und mich zu der ſchriftlichen Erklärung herab⸗ —— os ten en, lte ſich auf zu lick die ab⸗ 1619 zulaſſen: Ich bin kein Schurke, und Du ſollſt die Beweiſe dafür haben,— nie!“ „Ihr habt ganz Recht; aber laßt uns ſehen, ob wir nicht einen Vergleich zu Stande bringen können zwiſchen Eurem Stolz und Eurem Gefühl. Schreibt ihr einfach— Jede Aufklärung, die Du von mir verlangen kannſt, habe ich meinem Sachwalter Levy vertraut, der für mich ſprechen wird; Du magſt ihm alſo ſo gut Glauben ſchenken, wie mir ſelbſt'.“ „Ja; die arme Thörin verdient gezüchtigt zu werden, und ich denke, dieſe Antwort wird eine ſchärfere Strafe ſeyn, als ein langer Verweis. Mein Geiſt iſt ſo aus allen Fu⸗ gen, daß ich mir kein Urtheil bilden kann über dergleichen alberne Weibergrillen und Aengſten. So!— Ich habe ge⸗ ſchrieben, wie Ihr mir andeutetet. Gebt ihr alle Beweiſe, die ſie verlangt, und ſagt ihr, daß ſie, mag kommen, was will, ſpäteſtens nach ſechs Monaten den Namen Egerton führen ſoll und von dortan ſein Schickſal theilen muß.“ „Warum ſagt Ihr ſechs Monate?“ „Noch vor dieſer Zeit muß eine Auflöſung des Parla⸗ ments ſtattgefunden haben. Ich erringe dann entweder einen Sitz, der mich gegen Schuldhaft ſicher ſtellt und meiner Thä⸗ tigkeit Spielraum gibt, oder—“ „Oder was?“ „Ich entſage dem Ehrgeiz und bitte meinen Bruder, mir zu Tilgung der Schulden behilflich zu ſeyn, die etwa noch übrig ſind und von keinem großen Belauf mehr ſeyn fönnen, nachdem all mein Eigenthum verkauft iſt. Er hat 102* 1620 eine Pfründe zu vergeben; der Nutznießer iſt alt und, wie ich höre, ſehr leidend. Ich kann mich ordiniren laſſen.“ „Zu einem Dorfpfarrer herabſinken?“ „Und Zufriedenheit lernen. Ich habe ſie bereits ge⸗ koſtet. Das war, als ich ſie an meiner Seite hatte. Setzt ihr Alles auseinander. Dieſer Brief iſt zu unfreundlich, fürchte ich— aber mich ſo zu bezweifeln!“ Levy legte haſtig den Brief in ſein Taſchenbuch und ver⸗ abſchiedete ſich, da er fürchtete, er könnte ihm wieder abge⸗ nommen werden. Und von dieſem Brief machte er einen ſolchen Gebrauch, daß am Tage nach ſeiner Ueberlieferung Nora das Haus und die Gegend verlaſſen hatte; ſie war geflohen— keine Spur von ihr aufzufinden. Von allem Weh des Lebens das tiefſte und ſchmerzlichſte— ein Weh, das für eine Weile am ver⸗ nichtendſten auf die Vernunft wirkt und unſern ganzen Or⸗ ganismus nur zu einem einzigen zerriſſenen und verſtüm⸗ melten Herzen umwandelt— iſt die Ueberzeugung, daß wir betrogen wurden in dem aufopfernden Vertrauen unſerer ganzen Liebe. In dem Augenblick, in welchem der Anker reißt, bricht der Sturm los, und die Sterne verbergen ſich hinter den Wolken. Erfüllt mit der ſchändlichen Hoffnung, welche die Rache des Wucherers geſpornt hatte— mit der Hoffnung, daß es ihm gelingen werde, den zerſchlagenen und herabgewürdigten Abgott zu erſetzen, im Falle er es ſo weit brachte, Nora's Liebe zu Audley in Groll und Verachtung umzuwandeln, kehrte Levy zurück und vernahm mit Staunen und Schrecken 1621 die Kunde von ihrem Entweichen. Mehrere Tage ſuchte er vergeblich ihre Spur aufzufinden. Er begab ſich zu Lady Jane Horton— Nora war nicht dort geweſen. Er zitterte, wieder zu Egerton zu gehen. Ohne Zweifel hatte ſie ihrem Gatten geſchrieben und ungeachtet ihrer Zuſage ſeine Falſch⸗ heit enthüllt. Doch da Tag um Tag verſtrich, ohne daß das Räthſel ihrer Flucht ſich löste, blieb ihm keine andere Wahl, als ſich nach Egerton⸗Hall zu begeben, wobei er Sorge trug, daß die Bailiffe in der Nähe nicht fehlten. Audley hatte von Nora keine Zeile erhalten. Der junge Gatte war überraſcht, verwirrt, unruhig, hatte aber keine Ahnung von der Wahrheit. Endlich ſah ſich Levy genöthigt, Audley die Kunde von Nora's Flucht beizubringen. Er ſuchte ſie nach ſeiner Art zu färben. Ohne Zweifel war ſie zu ihren Verwand⸗ ten gegangen, um ihren Rath in Betreff der Schritte ein⸗ zuholen, durch welche eine Veröffentlichung der Heirath zu erzielen ſey. Dieſer Gedanke verwandelte Audley's an⸗ fängliche Erſchütterung in tiefen, finſteren Groll. Sein Geiſt begriff den von Nora ſo wenig und war ſtets ſo geneigt, die Dinge im Sinne des ſogenannten gemeinen Menſchenverſtan⸗ des zu beurtheilen, daß er ſich ihre Flucht und ihr Schweigen in keiner anderen Weiſe zu erklären vermochte. Wie gehäſſig auch ſolche Schritte gegen Egerton ſeyn mochten, war er doch zu ſtolz, ſich durch Verwahrungsmaßregeln dagegen zu ſchützen. „Mag ſie ihr Schlimmſtes thun,“ ſagte er kalt, den Sturm ſeines Innern mit ſeiner gewöhnlichen Faſſung be⸗ 1622 mäntelnd.„Es handelt ſich nur um eine Woche Klatſch in der Welt— um einen ſtürmiſcheren Anlauf meiner Gläubi⸗ ger gegen ihre gehetzte Beute—“ „Und um eine Herausforderung von Seiten des Lord LEstrange“ „Sey es darum,“ entgegnete Egerton, plötzlich die Hand an ſein Herz legend. „Was iſt Euch? Seyd Ihr unwohl?“ „Ein ſeltſames Gefühl hier. Mein Vater ſtarb an einem Herzleiden, und auch mir ſagte man einmal, ich möge mich mein ganzes Leben über vor dem Uebermaß der Auf⸗ regung in Acht nehmen. Damals lachte ich über die War⸗ nung. Nehmt Platz; wir wollen an unſer Geſchäft gehen.“ Als aber nach Levy's Entfernung die Einſamkeit dieſen Mann der eiſernen Maske umgab, drängte ſich ihm mehr und mehr das Gefühl des ungeheuren Verluſtes auf. Nora's ſüßes, liebevolles Antlitz trat ihm aus den Schatten der unheimlichen Wände entgegen. Die Erinnerung an ihr achtſames, nachgiebiges Temperament, an ihren edlen ſich aufopfernden Geiſt verdrängte jede Vorſtellung, die ihr Un⸗ recht that. Seine Liebe war für eine Weile durch die Sor⸗ gen des Lebens übertäubt worden, behauptete aber noch immer, wenn ſchon ihres ſentimentalen Anflugs beraubt, die erſte Stelle in ſeiner Seele und durchſtrömte alle ſeine Gedanken, ſogar die Luft um ihn her mit ihrem milden, ängſtlichen Zauber erfüllend. Er entwiſchte unter dem Man⸗ tel der Nacht dem Späherblick der Bailiffe und langte in London an, um überall ſelbſt nachzuſehen, wo er die ver⸗ 1623 lorene Gattin vermuthen konnte. Lady Jane Horton lag zu Bett und näherte ſich ſchnell ihrer Auflöſung, ſo daß ſie nicht im Stande war, den Brief von ihm zu leſen oder zu beant⸗ worten. Dann ſchickte er im Geheimen nach Lansmere und ließ Erkundigung einziehen, ob Nora ſich bei ihren Eltern befinde. Sie war nicht vort. Die Avenele waren noch immer der Meinung, ſie halte ſich bei Lady Jane Hor⸗ ton auf. Jetzt erreichte ſeine Unruhe den höchſten Grad, und während er ſeines Jammers kein Ende ſah, wußte es Levy einzuleiten, daß er wegen Schulden verhaftet wurde. Seine Gefangenſchaft war jedoch nur von kurzer Dauer; denn noch eh das Gerücht die ihn betroffene Schmach in Umlauf ſetzen konnte, wurden zu Levy's großem Aerger die Haft⸗ befehle außer Kraft geſetzt. Audley war frei. Durch ſeinen Diener hatte Lord LEstrange erfahren, was Egerton in der ganzen Welt vor ihm am meiſten hätte verbergen moͤ⸗ gen. Und der edelmüthige Knabe, der neben einem freige⸗ bigen Taſchengeld, das ihm der Graf ausgeworfen, mit An⸗ tritt ſeiner Volljährigkeit über ein eigenes großes Vermögen zu gebieten hatte, zögerte nicht, die erforderlichen Summen aufzunehmen und die Verbindlichkeiten ſeines Freundes zu tilgen. Dieſer Schritt war geſchehen, eh Audley Kunde davon erhielt oder ihn verhindern konnte. Damals folterte eine neue Aufregung, die ihm kaum weniger tief in die Seele ſchnitt als Nora's Verluſt, den Mann, welcher die Warnung der Wiſſenſchaft verlacht hatte, und die ſeltſame Empfindung in der Gegend des Herzens kehrte wieder und wieder. 1624 Und Harley, der ebenfalls noch immer nach Nora ſpähte und von nichts als von ihr reden wollte— wie abgezehrt und kummervoll ſah er aus! Die Blüte war aus der Jugend des Knaben gewichen. Hätte damals Audley zu ihm ſagen können:„Die Du ſuchſt, iſt das Eigenthum eines Anderen, und ihre Liebe iſt ausgetilgt aus Deinem Leben. Und zum Troſt erfahre, daß es Dein Freund iſt, der Dich verrathen hat?“ Konnte Aubley ſo ſprechen? Er wagte es nicht. Welcher von Beiden litt wohl am meiſten? Und dieſe beiden Freunde, obſchon ſo verſchieden im Charakter, waren ſich ſo auffallend zugethan. Unzertrennlich in der Schule, miteinander in die Welt geworfen, und ſo reich an offenem Vertrauen, das von ihrer Kindheit an mit jedem Tag ſich gemehrt hatte. Und nun, mitten in der eigenen verzehrenden Sorge, vergaß Harley des Freundes nicht und entwarf für ihn ſeine Plane. Bei Egerton dagegen ſteigerten die Gewiſſensbiſſe und das Vollgefühl einer pein⸗ lichen Dankbarkeit die Liebe gegen Harley zu einer Hin⸗ gebung wie gegen ein höheres Weſen, während ſie zugleich den Charakter ehrerbietigen Mitleids annahm, welches ſich ſehnt, zu tröſten und wieder gut zu machen;— aber wie— oh, wie? Eine allgemeine Wahl ſtand bevor, und noch immer waren keine Nachrichten von Nora eingelaufen. Levy ging Audley aus dem Wege und ſetzte für ſich ſeine ſtillen Nach⸗ forſchungen fort. Nicht nur Harley, ſondern auch ſeine Eltern, namentlich die Gräfin, welche im Geheimen Audley's weiſem Rath Nora's geheimnißvolles Verſchwinden zuſchrieb, drangen 1625 in Egerton, ſich um die Vertretung des Bezirks Lansmere zu bewerben. Anfangs widerſtrebte es ſeinem Gefühl, ſich von dem gekränkten Freund eine neue Verpflichtung auflegen zu laſ⸗ ſen; aber er brannte vor Begier, in die Lage zu kommen, eines Tags wenigſtens die Geldſchuld abzutragen, da der Gedanke an ſie für ihn demüthigender war, als alles Andere. Parlamentariſcher Erfolg konnte ihm mit der Zeit einen ein⸗ träglichen Poſten im Ausland verſchaffen, der es ihm möglich machte, allmälig dieſe Laſt von ſeinem Herzen und von ſeiner Ehre abzuwälzen. Es ſchien ſich keine andere Ausſicht auf vereinſtige Zahlung für ihn aufzuthun. So nahm er denn das Erbieten an und begab ſich nach Lansmere. Man lud auch ſeinen kürzlich verheiratheten Bruder und die reiche Erbin Miß Leslie dahin ein, von welcher Lady Lansmere insgeheim hoffte, ſie könnte Nora's Bild aus dem Herzen ihres Sohnes verdrängen, obſchon dieſe junge Dame nicht weniger insgeheim ſchon längſt ihr Herz an den nichts davon ahnenden Egerton verloren hatte. Die unglückliche, durch Levy's trügeriſche Vorſtellung ſo kläglich hintergangene Nora, welche in Folge des natür⸗ lichen Antriebs eines für Schande ſo empfänglichen Herzens einer Heimath entflohen war, die ihr entehrt ſchien— die ſich vor einem Geliebten flüchtigte, deſſen Macht, wie ſie wußte, ſo groß über ſie war, daß ſie fürchtete, es könnte ihm gelingen, ſie ſogar mit der Schmach zu verſöhnen— hatte inzwiſchen keinen anderen Gedanken, als ſich vor Audley zu verbergen. Sie wollte weder zu ihren Verwandten noch 3 1626 zu Lady Jane gehen, da dadurch für die Verfolgung ein Schlüſſel geboten worden wäre. Eine italieniſche Dame von hohem Rang war bei Lady Jane auf Beſuch geweſen und hatte eine große Zuneigung zu Nora gefaßt. Der Gatte dieſer Dame ſah ſich genöthigt, plötzlich mit Zurücklafſung ſeiner Gemahlin nach Italien zurückzukehren und rieth des⸗ halb ſeiner leidenden Lebensgefährtin, bis ſie ſich in der Lage befände, ihm nachzukommen, eine Geſellſchafterin anzuneh⸗ men. Die Italienerin hatte hierüber mit Nora und Lady Jane Horton geſprochen und letztere unſerer jungen Freun⸗ din angerathen, ſelbſt in dieſen Poſten einzutreten und Har⸗ ley's Nachſtellungen am wirkſamſten dadurch zu begegnen, daß ſie auf einige Zeit England verließ. Aber Nora hatte damals Egerton geſehen und wollte nichts von dieſem Vor⸗ ſchlag hören. Zu dieſer italieniſchen Dame begab ſie ſich jetzt, und da das frühere Erbieten ihr aufs Neue mit der gewinnend⸗ ſten Freundlichkeit gemacht wurde, ſo griff ſie mit der Haſt der Verzweiflung danach. Die Italienerin hatte jedoch vor ihrer Abreiſe nach dem Feſtland Einladungen auf einige eng⸗ liſche Landſitze angenommen, weshalb Nora inzwiſchen eine ruhige Wohnung in einer abgelegenen Vorſtadt, welche ein im Dienſte der ſchönen Ausländerin ſtehender Engländer ihr empfohlen hatte, zu ihrer Zuflucht wählte. So war ſie zum erſtenmal nach dem Häuschen gekommen, in welchem Burley ſtarb. Bald nachher verließ ſie, ohne daß irgend Jemand, weder Lady Jane noch ihre Eltern, etwas davon wußten, mit ihrer neuen Freundin England. „———————,———„—— „— c—— 1627 Aber die ganze Zeit lebte das arme Mäbchen in einem moraliſchen Delirium, in beharrlicher fieberiger Aufregung, von Träumen gequält, denen ſie zu entfliehen ſuchte. Tüch⸗ tige Phyſiologen ſind darüber einverſtanden, daß Wahnſinn bei Perſonen mit edler Entwicklung der Phantaſie eine ſeltene Erſcheinung ſey. Gleichwohl ſind ſolche Perſonen, mehr als alle anderen, zeitweiligen Gemüthsſtimmungen ausge⸗ ſetzt, in welchen das Urtheil ſchlummert und die Einbildungs⸗ kraft allein mit grauſamem, unheimlichem Scepter die Herr⸗ ſchaft übt. Eine einzige Idee gewinnt die Oberhand, ver⸗ drängt alle anderen und tritt überall mit unerträglichem, blendendem Lichte in den Vordergrund. Nora ſtand da⸗ mals unter dem ſchrecklichen Einfluſſe einer ſolchen ausſchließ⸗ lichen Idee— Flucht vor der Schande! Als jedoch zwiſchen ihr und dem Geliebten die Wo⸗ gen rollten und Meile um Meile die Entfernung vergrößerte — als neue Bilder vor ihr auftauchten, das Fieber nachließ und die Vernunft wiederkehrte, da trat der Zwei⸗ fel an die Stelle der früheren Verzweiflung. War ſie nicht zu leichtgläubig, zu voreilig geweſen? Thörin! Thörin! Konnte Audley ein ſo kläglicher Verräther geweſen ſeyn? Wie ſchuldig war ſie, wenn ſie ihm Unrecht gethan hatte. Und während dieſes Umſchlags der Gefühle empfand ſie in ihrem Inneren die Regungen eines anderen Lebens. Sie ſollte Mutter werden. Vor dieſem Gedanken beugte ſich der ganze Stolz ihres Weſens; er erlag in dieſem letzten Kampfe. Sie wollte nach England zurückkehren, Audley aufſuchen, von ſeinen eigenen Lippen die Wahrheit erfahren und, wenn 1628 ſie wirklich nicht getäuſcht worden war, nicht mehr für ſich ſelbſt, ſondern blos noch für ihr Kind flehen. Der damalige kriegeriſche Stand der feſtländiſchen An⸗ gelegenheiten verzögerte die Ausführung dieſes Vorhabens, und auch die Rückreiſe wurde durch verſchiedene Hinderniſſe in die Länge gezogen. Endlich aber erreichte ſie England und ſuchte zuerſt das Häuschen wieder auf, wo ſie vor ihrer Abreiſe nach dem fremden Land Schutz gefunden hatte. Abends begab ſie ſich nach Audley's Wohnung in London und traf daſelbſt nur eine Frau, welche mit der Hut des Hau⸗ ſes betraut war. Mr. Egerton befand ſich auswärts— irgendwo in einem Wahlbezirk— und Mr. Levy, ſein Sach⸗ walter, kam jeden Tag, um ſich nach den Briefſchaften zu erkundigen, die an ihn befördert werden ſollten. Nora er⸗ ſchrack vor dem Gedanken, mit Levy zuſammenzutreffen, und noch weniger wollte ſie einen Brief durch ſeine Hände gehen laſſen. Waltete ein Betrug ob, ſo war ſie durch ihn, und zwar abſichtlich, hintergangen worden. Doch das Par⸗ lament war bereits aufgelöst, die Wahlen mußten bald vor⸗ über ſeyn, und Mr. Egertons Rückkehr nach London wurde im Lauf der Woche erwartet. Nora kehrte zu Mrs. Gvodyer zurück und beſchloß, allein mit dem ſtummen Grame ihres Herzens zu harren. Aber aus den Zeitungen konnte ſie er⸗ fahren, wo ſich Audley wirklich aufhielt. Sie wurden herbei⸗ geſchafft und waren Nora's tägliche Lektüre. Eines Morgens traf ihr Auge auf folgenden Artikel: „Der Graf und die Gräfin von Lansmere ha⸗ ben ausgezeichnete Geſellſchaft auf ihrem Landſitz. 1629 ich Unter den Gäſten befindet ſich Miß Leslie, deren Reichthum und Schönheit ſo großes Aufſehen in der n⸗ 8, faſhionablen Welt erregt hat. Zum großen Leid⸗ ſſe weſen zahlreicher Hoffenden unter unſerer Ariſtokratie nd hören wir jedoch, daß dieſe Lady in der Perſon des er Mr. Audley Egerton eine ausgezeichnete Wahl ge⸗ e. troffen hat. Dieſer Gentleman bewirbt ſich eben um nd die Vertretung des Wahlbezirks Lansmere als An⸗ u⸗ hänger der Regierung. Man hält ſeinen Erfolg für geſichert, und nach dem urtheil eines großen Kreiſes h⸗ von Freunden werden ſich wenige neue Mitglieder als zu eine ſo werthvolle Erwerbung für die miniſterielle Partei erweiſen. Man kann wohl eine große Lauf⸗ n, bahn einem jungen Mann vorausſagen, der um ſei⸗ de„ ner Talente und ſeines Charakters willen in ſo hoher n, Achtung ſteht, wenn dazu noch der ungeheure Reich⸗ r⸗ thum kömmt, der ihm nächſtens mit der Hand der r⸗ hochbegabten Erbin zu Theil werden wird.“ de Abermals riß der Anker; wieder brach der Sturm los er und auf's Neue verſchwanden die Sterne. Nora ſtand wieder 8 unter der Herrſchaft eines einzigen Gedankens, wie zur Zeit, als ſie von ihrem bräutlichen Herd flüchtete. Damals wollte ſie dem Geliebten aus dem Weg gehen— jetzt verzehrte ſie das Verlangen ihn zu ſehen. Wie das auf die Folter geſpannte Opfer um ſchnellen Tod bittet, ſo gibt es Augenblicke, in 5 3. welchen die Vernichtung aller Hoffnung barmherziger zu ſeyn ſcheint als die Qual der Ungewißheit. ———————————— 1630 Siebenzehntes Kapitel. Wenn die Scenen in einem langen Diorama feierlich an uns vorbeiziehen, ſo begegnen wir bisweilen vielleicht im Gegenſatz zu dem Anblick prunkender Städte oder zu dem Lauf eines gewaltigen Stroms einem vereinzelten Bilde, welches das Auge für einen Moment feſſelt und dann weiter gleitet, in der Seele aber einen ſeltſamen, unbehaglichen und nicht näher zu beſtimmenden Eindruck zurückläßt. Warum wurde uns der Gegenſtand vorgeführt? An ſich ſchien er verhältnißmäßig ſo unbedeutend zu ſeyn. Er beſtand vielleicht in einer zerbrochenen Säule— in einem einſamen Sumpf mit dem Wiederſchein eines Sterns auf ſeiner ruhigen Oberfläche, und doch wirkte er unheimlich auf uns. Wir erinnern uns ſeiner noch, wenn die phanta⸗ ſtiſchen Bilder des glänzenden Damaskus oder der koloſſalen Pyramiden— der Bazare von Stambul oder langer Cara⸗ wanen, die langſam durch Arabiens Wüſtenland hinziehen, bereits das ſtaunende Auge überſättigt haben. Warum wur⸗ den wir in der ſchattenhaften Proeceſſton durch ein Ding auf⸗ gehalten, das ſo gewöhnlich erſchienen wäre, hätte es nicht ſo einſam dageſtanden? Es muß ſich wohl ein geheimes In⸗ tereſſe daran knüpfen. Hat dort vielleicht ein Geſicht des Schreckens das wilde Haar eines Propheten zum Sträuben gebracht oder eine Hagar das Gewinſel ihres Kindes an der entrüſteten Bruſt geſtillt? Wir möchten wohl den ganzen prunkenden Zug noch einmal vor uns vorübergehen ſehen— wieder den einſamen Gegenſtand, welcher der Hand des Künſt⸗ — lich im em de, ter nd An em uf ich ta⸗ en n, r⸗ f⸗ 1631 lers ſo unwürdig zu ſeyn ſchien, in's Auge faſſen— und fragen:„Warum biſt du hier und übſt ſolchen Spuk auf unſeren Geiſt?“ Steig herauf— ſteig noch einmal herauf— neben der preiten Straße, die ſich fort und fort in die Länge hinzieht bis zu dem erbarmenloſen London— ſteig herauf, ſteig herauf, o einſamer Baum mit den grünen Blättern an deinen Zwei⸗ gen und den tiefen Riſſen in deinem Herzen— mit den Ra⸗ ben, dieſen ſchwarzen Vögeln ſchlimmer Vorbedeutung, die ihr Neſt bauten unter den Blättern der Zweige und mit laut⸗ loſem Gefieder niedertauchen in die hohlen Riſſe des Herzens oder vielleicht in den tieferwerdenden Schatten des Zwielichts den Ruf nach ihren Jungen vernehmen laſſen! Unter der alten Zwergeiche neben John Avenels Haus ſaß zuſammengekauert in athemloſem Lauſchen John Avenels Tochter Nora. Nachdem ſie jenen verhängnißvollen Zeitungs⸗ artikel, welcher die Lüge unter einem ſolchen Schein von Wahrheit vorbrachte, geleſen hatte, gehorchte ſie dem erſten Drange ihres Herzens. Sie riß den Trauring von ihrem Fin⸗ ger, wickelte denſelben in das Zeitungsblatt und begleitete bei⸗ des mit einem Brief an Audley— ein Brief, der Stolz und Verachtung ausdrücken ſollte, aber ach nur Eiferſucht und Liebe enthielt. Sie fand keine Ruhe, bis ſie das Schreiben eigenhändig unter der Adreſſe Audleys, dermalen bei Lord Lansmere, auf die Poſt gegeben hatte. Aber kaum war er abgegangen, ſo ſtellte ſich die Reue ein. Was hatte ſie gethan! Sich des Geburtsrechts ihres Kindes begeben, das ſo bald die Welt erblicken ſollte— verzichtet auf die letzte 1632 Hoffnung in der Ehre des Geliebten— ihrem innerſten Leben entſagt— und weshalb? Weil ſie einem Zeitungs⸗ bericht Glauben ſchenkte! Nein, nein; ſie wollte ſelbſt nach Lansmere, zu der elterlichen Heimath gehen; ſo wurde es ihr vielleicht möglich, mit Audley zu ſprechen, eh' der Brief in ſeine Hände kam. Kaum war dieſer Gedanke in ihr auf⸗ geſtiegen, als ſie ihn auch in Vollzug ſetzte. Sie fand in einer Kutſche, die einige Stunden vor der Poſt von London abging, einen leeren Platz und gelangte ſo bis auf etwa eine Weg⸗ ſtunde, welche ſie zu Fuß zurücklegte, in die Nähe von Lans⸗ mere. Erſchöpft und halb ohnmächtig ward ſie endlich der Heimath anſichtig. Sie machte Halt; denn in dem kleinen Garten vor dem Hauſe ſah ſie ihre Eltern ſitzen. Sie hörte das Gemurmel ihrer Stimmen, und plötzlich erinnerte ſie ſich ihrer veränderten Geſtalt, ihres ſchrecklichen Geheimniſſes. Wie ſollte ſie auf die Frage antworten:„Tochter, wo und wer iſt dein Gatte?“ Der Muth entſank ihr; ſie kroch unter die alte Zwergeiche, um ſich zu ſammeln, zu ſehen und zu hören. Sie betrachtete das ſtarre Geſicht der wohlhäbigen klugen Mutter mit den tiefen Linien, welche Zeugniß gaben von den Sorgen eines bewegten Lebens, von dem Ueberſpru⸗ deln eines reizbaren Temperaments und von der warmen Vorliebe für den Zwang anſtändiger Heiligkeit und eines entſchloſſenen Stolzes. Das liebe ernſte Geſicht ſchien ihr nie theurer und ernſter geweſen zu ſeyn. Sie ſah den an⸗ ſtändigen, ruhigen, läſſigen und gutmüthigen Vater, damals nicht der arme gelähmte Kranke, welcher gleichwohl noch Nora's Augen unter Leonards Lidern erkennen konnte, ſon⸗ e———„ 15³3 dern ein ſtämmiger, fröhlicher Mann, der erſte Ballſchläger im Cricketelub, die erſte Stimme in liederfroher Geſellſchaft, der populärſte Stimmenwerber in der Lansmere'ſchen conſti⸗ tutionellen Partei der ächten Blauen, und der Stolz und Abgott ſeines gezierten calviniſtiſchen Weibes. Ueber ihre zuſammengekniffenen Lippen war nie— auch nicht einmal ein frommer Vorwurf gegen den ſorgloſen geſelligen Mann geglitten. Wie er ſo daſaß, die eine Hand in ſeiner Weſte, das Profil der Straße zugekehrt, leichter Rauch ſpielend auf⸗ wirbelnd aus der Pfeife, über welcher an ein gefälliges Lächeln oder an herzhaftes Lachen gewöhnte Lippen ſich ſchloſ⸗ ſen, als hätten ſie durchaus keine Luſt, ſich überhaupt zu ſchließen— konnte er wohl als das Muſterbild eines acht⸗ baren, von ſeinem Geſchäft zurückgetretenen Gewerbsmanns in behaglichen Verhältniſſen erſcheinen, der ſich der Mühe des Geldmachens in einer Zeit entſchlagen hatte, welche ihm noch das Vergnügen geſtattete, aus ſeinem Erworbenen einen Genuß zu ſchöpfen. „Hör', Alte,“ ſagte John Avenel,„ich muß mich jetzt auf den Weg machen, um nach den drei wankelmüthigen Wäh⸗ lern in Fiſh Lane zu ſehen; ſie werden mit ihrer Arbeit bald fertig ſeyn, und ich will ſie noch zu Haus abfangen. Sie ſprechen von einer Oppoſition, und ich weiß, daß der alte Smikes nach London gegangen iſt, um einen Candidaten aufzuſuchen. Aber wir können's nicht dulden, daß die Lans⸗ merer conſtitutionellen Blauen durch einen Londoner geſchla⸗ gen werden. Ha, ha, ha!“ Bulwer, meine Novelle. 103 „Aber Du biſt doch wieder zu Hauſe, eh Jane mit ihrem Mann Mark eintrifft? Wie hat ſie nur je einen gemeinen Zimmermann heirathen können?“ „Ja,“ verſetzte John,„er iſt allerdings ein Zimmer⸗ mann; aber er hat eine Stimme, und dies verſtärkt den Familieneinfluß. Wenn Dick nicht ſein Glück hätte in Ame⸗ rika verſuchen wollen, ſo wären wir jetzt unſerer Drei. Aber Mark iſt ein ächter, guter Blauer. Ja wohl da— ein Lon⸗ doner!— ein Gelber von London will den gnädigen Herrn und die Blauen ausſtechen! Ha, ha!“ „Aber, John, dieſer Mr. Egerton iſt ja ſelbſt ein Lon⸗ doner.“ „Du verſtehſt nichts von ſolchen Dingen, ſonſt würdeſt Du keinen ſolchen Unſinn reden. Mr. Egerton iſt der blaue Candidat, und die Blauen ſind die Landpartei; wie kann er alſo ein Londoner ſeyn? Ein ungemein geſcheidter, gut gewachſener, ſchöner junger Mann— he?— und dazu noch unſeres jungen gnädigen Herrn beſonderer Freund.“ Mrs. Avenel ſeufzte. „Warum ſeufzeſt Du und ſchüttelſt den Kopf?“ „Ich dachte an unſere arme, liebe, liebe Nora.“ „Gottes Segen über ſie!“ rief John aus vollem Herzen. Unter den Zweigen der alten hohlherzigen Zwergeiche ließ ſich ein Rauſchen vernehmen. „Ha! ha! Horch! Ich habe dies ſo laut geſagt, daß die Raben ſcheu geworden ſind.“ „Wie er ſie liebte!“ ſagte Mrs. Avenel gedankenvoll. „Ich bin davon überzeugt, und es nimmt mich auch nicht 7 —— mit nen ner⸗ den me⸗ lber on⸗ errn on⸗ deſt aue ann gut och Wunder, denn jeder Zoll an ihr iſt eine Lady. Und warum ſollte ſie nicht zuletzt noch eine gnädige Frau werden?“ „Er?— Was für ein Er? Oh, dieſe thörichte Ein⸗ bildung mit Deinem jungen gnädigen Herrn da! Ein ge⸗ ſcheidtes Weib, wie Du!— Unſinn! Ich bin froh, daß meine kleine Schönheit nach London und dem Unheil aus dem Weg gegangen iſt.“ „John— John— John! Meiner Nora konnte nie ein Unheil zuſtoßen. Sie iſt zu rein und zu gut und hat zu viel achtbaren Stolz, als daß—“ „Sie den jungen Lorden Gehör ſchenken ſollte, hoffe ich,“ ſagte John;„obgleich ſie,“ fügte er nach einer Pauſe bei,„eine gnädige Frau gut vorſtellen könnte. Der gnä⸗ dige Herr— den jungen meine ich— nahm mich vor eini⸗ gen Tagen ſo freundlich bei der Hand und ſagte: Habt Ihr in jüngſter Zeit nichts von ihr gehört— von Miß Avenel⸗ wollt' ich ſagen? Und dabei ſtanden ſeine glänzenden Au⸗ gen ſo voll Thränen, wie— wie— wie die Deinigen eben jetzt.“ „Schon gut, John, ſchon gut. Sprich weiter.“ „Das iſt Alles. Dann kam die gnädige Frau herzu und nahm mich mit fort, um mit mir über die Wahl zu reden. Und als ich gehen wollte, flüſterte ſie mir zu: Schenkt mei⸗ nem wilden Knaben kein Gehör, wenn er mit Euch von Gurem lieben Mädchen ſprechen will. Wir Beide müſſen Sorge tragen, daß ſie nicht zu Schanden kömmt.“— Zu „ Schanden!“ Dieſes Wort machte mich für den Augenblick ſehr ungehalten. Aber die gnädige Frau hat ſo eine Art 103* r.—— 1636 an ſich, daß ſie mich bald wieder zurecht brachte. Gleich⸗ wohl, denk' ich, muß ſie den jungen gnädigen Herrn geliebt haben; nur war ſie zu gut, es merken zu laſſen. Was ſagſt Du dazu?“(Die Stimme des Vaters war gedankenvoll ge⸗ worden.) „Ich hoffe, ſie wird nie einen Mann lieben, bis ſie mit ihm verheirathet iſt; denn dies ſchickt ſich durchaus nicht, John,“ verſetzte Mrs. Avenel etwas ſteif, aber doch in ſehr mildem Tone. „Ha! ha!“ lachte John, indem er ſeine geſetzte Ehe⸗ hälfte unter das Kinn klopfte;„ſo haſt Du nicht geſprochen, als ich Dir den erſten Kuß ſtahl unter jener Zwergeiche dort — damals ſtand noch kein Haus in der Nähe!“ „Böt! John, bst!“ Und das geſetzte Weib erröthete wie ein Mädchen. „Puh!“ fuhr John fröhlich fort,„ich ſehe nicht ein, warum wir geringen Leute heiliger und ſpröder thun ſollen als die Vornehmen. Da iſt die hübſche Miß Leslie, welche den Mr. Egerton heirathen ſoll— man kann leicht genug ſehen, wie ſie in ihn verliebt iſt— konnte nicht einmal in der Kirche die Augen von ihm verwenden. Was ſagſt Du dazu, altes Mädel? Ha, ha! Zum Henker, was iſt denn mit den Raben?“ „Sie werden ein hübſches Paar geben, John. Und ich höre ſagen, daß ſie allmächtig viel Geld hat. Wann ſoll die Hochzeit ſtattfinden?“ „Oh, man ſpricht davon, wann die Wahl vorüber ſey.„ Das wird eine ſchone Hochzeit geben. Ich denke mir, unſer iebt gſt ge⸗ mit cht, ehr en, ort in, len che in Du nn nd oll 1637 junger gnädiger Herr wird Brautführer werden. Wir ſollten nur unſere kleine Nora kommen laſſen, daß ſie die Herrlich⸗ feiten mit anſehen kann.“ Und von den Zweigen des alten Baumes her erſcholl der Schrei eines irren Geiſtes— einer von jenen ſeltſamen erſchütternden Tönen menſchlichen Todesweh's, die man nie vergißt, wenn man ſie einmal gehört hat. Es iſt wie das Wehklagen der Hoffnung, wenn auch ſie dem Becher der Leiden entweicht und in dem endloſen Raum verſchwindet— es iſt der Schreckensſchrei der Vernunft, wenn ſie ſich von dem ſterblichen Thon trennt, und der Seele, die ſich losringen moͤchte von dem Leben! Für einen Augenblick trat tiefe Stille ein— und dann hörte man einen dumpfen, ſchweren Fall. Sprachlos ſah das Ehpaar ſich gegenſeitig an; dann ſchlichen ſie dicht an den Zaun hin und ſchauten hinüber. Unter den Zweigen und auf den knorrigen Wurzeln der Eiche bemerkten ſie— grau und unbeſtimmt— eine hingeſtreckte Geſtalt. John öffnete das Pförtchen und ging hinüber; die Mutter aber ſchlich bis an die Straße und blieb da ſtehen. „Oh, Weib, Weib!“ rief John Avenel unter den grünen Zweigen hervor;„es iſt unſer Kind Nora! Unſer Kind — unſer Kind!“ Und während er ſo ſprach, flatterten die ſchwarzen Ra⸗ ben aus den Zweigen, umkreisten wieder und wieder den Baum und riefen ihren Jungen! 1638 Und als ſie ſie auf das Bett gelegt hatten, flüſterte Mrs. Avenel John zu, er ſolle ſich einen Augenblick entfernen; und mit zuſammengepreßten Lippen und zitternden Händen begann ſie den Anzug loszumachen, unter deſſen Druck Nora's Herz krampfhaft klopfte. Und John verließ mit verwirrtem Sinn das Zimmer, ſetzte ſich auf die Treppe und wußte nicht, ob er wache oder träume. Und ein Gefühl kalter Erſtarrung überlief ſeine eine Seite, und der Kopf ward ihm ſchwer unter dem lauten, ſchlagenden Getös in ſeinen Ohren. Plötz⸗ lich ſtand ſein Weib an ſeiner Seite und ſprach mit ſehr gedämpfter Stimme: „John, lauf' zu Mr. Morgan— beeil' Dich! Aber wohlgemerkt— ſprich mit Niemand unterwegs. Hurtig! hurtig!“ „Iſt ſie im Sterben?“ „Ich weiß es nicht. Warum nicht vorher ſterben?“ ſagte Mrs. Avenel zwiſchen den Zähnen„Aber Mr. Morgan iſt ein verſchwiegener, freundlicher Mann.“ „Ein ächter Blauer!“ murmelte der arme John, als ſey ſein Geiſt in der Irre. Mit Schwierigkeit ſich aufrichtend, ſtarrte er ſein Weib einen Augenblick an, ſchüttelte den Kopf und war fort. Ein Paar Stunden ſpäter machte ein bedecktes Wägel⸗ chen vor Mr. Avenels Haus Halt. Zuerſt ſtieg ein junger Mann mit blaſſem Geſicht und von gedrungenem Bau aus, der das Sonntagsgewand eines Handwerksmanns vom Lande trug. Zu ihm beugte ſich ein einfaches, aber angenehmes, ehrliches Geſicht lächelnd nieder, und dann tauchten aus der K na lie S ei w ſe ———* — *1 1639 Mantels zwei Atme auf und boten ein Hülle eines rothen Mann zärtlich in Empfang Kind heraus, das der junge nahm. Der Säugling war in keiner guten Laune und kränk⸗ lich; er begann zu ſchreien. Der Vater ſuchte ihn zum Schweigen zu bringen, indem er ihn wie ein Mann, der an⸗ ein ſolches Geſchäft gewöhnt iſt, in der Luft hin und her wiegte. „Er wird gut thun, wenn wir drinnen ſind, Mark,“ ſagte die junge Frau, welche aus der Tiefe des Wägelchens einen großen Korb mit Geflügel und Hausbrod herauslangte. „Vergiß die Blumen nicht, die uns der Gärtner des Squire mitgab,“ verſetzte Mark, der Dichter. Ohne Beihülfe ihres Gatten ſchaffte die Frau Korb und Blumenſtrauß heraus, zog den Mantel in die Höhe, ſtrich ihr Kleid glatt und ſagte: „Sehr eurios! Sie ſcheinen uns nicht zu erwarten⸗ Mark. Wie ſtill es in dem Haus iſt! Geh' hin und klopf'⸗ Sie können doch nicht ſchon zu Bette gegangen ſeyn.“ Mark klopfte an die Thüre— keine Antwort. Ein Licht ſtreifte raſch an den Fenſtern des oberen Stocks vor⸗ bei; aber noch immer wollte Niemand das Haus öffnen. Ein Gentleman in der Tracht eines Geiſtlichen kam jetzt aus der Richtung von Lansmere Park des Weges, blieb bei Marls zweitem und ungeduldigerem Klopfen ſtehen und ſagte höflich: e, deren Beſuch mein „Seyd ihr nicht die jungen Leut Freund, John Avenel, wie er mir dieſen Morgen ſagte, er⸗ wartet?“ „Mit Frlaubniß, ja. Mr. Dale,“ verſetzte Mrs. Fair⸗ 1640 field, ihren Knix machend.„Ihr werdet Euch meiner wohl erinnern, und dies iſt mein lieber, guter Mann.“ „Wie— Mark, der Dichter?“ entgegnete der Pfarrer von Lansmere mit einem Lächeln.„Seyd Ihr gekommen, um Stachelreime auf die Wahl zu machen?“ „Stachelreime, Sir?“ rief Mark mit dem Unwillen der Verachtung. „Auch Burns hat Stachelreime geſchrieben,“ erwiederte der Pfarrer mild. Mark gab keine Antwort, ſondern klopfte wieder an die Thüre. Diesmal erſchien ein Mann auf der Schwelle, deſſen Geſicht ſogar im Sternenlicht ſehr erhitzt erſchien. „Mr. Morgan!“ rief der Pfarrer in wohlwollender Beſorgniß.„Doch keine Krankheit hier, hoffe ich?“ „Gott, Ihr ſeyd's, Mr. Dale? Kommt herein, kommt herein; ich muß ein Wort mit Euch ſprechen. Aber wer zum Henker ſind dieſe Leute?“ „Sir,“ verſetzte Mark, in die Hausthüre hineindringend, „ich heiße Fairfield, und mein Weib iſt Mr. Avenels Tochter.“ „Oh, Jane— und ihr Kind dozu! Gut— gut! Kommt herein; aber verhaltet euch ruhig— wollt ihr? Stille, ſtille— ſtill wie der Tod!“ Nachdem die Ankömmlinge eingetreten waren, wurde die Thüre geſchloſſen. Der Mond ging auf und warf ſein ruhiges Licht auf das blaſſe, ſchweigende Haus, auf die ſchlummernden Blumen des kleinen Gartens und auf die alte Zwergeiche mit ihrem hohlen Herzen, Das Pferd in dem 42 ——— e 1641 Wägelchen doſete unbeachtet, und noch immer zuckte von Zeit zu Zeit ein Licht an den oberen Fenſtern vorüber. Dies war das einzige Lebenszeichen, wenn nicht etwa, von dem flüch⸗ tigen Lichte angezogen, gelegentlich eine Fledermaus gegen die Scheiben anprallte, in ihrem Fallen die Naſe an dem ſchlummernden Pferd zerſtieß und dann luſtig der Motte nach⸗ ſchoß, welche um das Rabenneſt auf der Zwergeiche flatterte. Achtzehntes Kapitel. Den ganzen Tag über war Harley LEstrange mehr als gewöhnlich traurig und niedergeſchlagen geweſen. In der That ſteigerte die Rücktehr nach Schauplätzen, die immer nur an Nora erinnerten, das Düſter, welches ſeinen Geiſt gefangen hielt, ſeit alle Spur des Mädchens für ihn verlo⸗ ren gegangen war. Audley hatte in der reuevollen Innigkeit, die er für ſeinen gekränkten Freund fühlte, L'Estrange unter dem Vorwand, daß er ſeines Beiſtands bei gewiſſen wichtigen Wählern bedürfe, veranlaßt, gegen Abend den Park zu ver⸗ laſſen und nach einem etliche Meilen entfernten Bezirksorte zu gehen, weil er hoffte, daß die Veränderung der Scene ihn aus ſeinem Träumen wecken würde. Harley ſelbſt war froh⸗ ſich den Gäſten zu Lansmere entziehen zu können, und ging bereitwillig auf dieſen Vorſchlag ein, indem er ſich vornahm, die Nacht über auszubleiben. Die auswärtigen Wähler wohnten ziemlich entfernt und zerſtreut, weshalb ſein Ge⸗ ſchäft einen, wo nicht zwei Tage in Anſpruch nahm. Nach⸗ 1642 dem er ſich entfernt hatte, verſank Egerton in tiefe Ge⸗ danken. Es verbreitete ſich das Gerücht von einer unerwar⸗ teten Oppoſition. Seine Parteigänger wurden ängſtlich und unruhig, und es zeigte ſich bald, daß der Einfluß von Lans⸗ mere, wenn er angegriffen wurde, ſchwächer war, als der Graf glauben wollte. Egerton konnte ogar durchfallen, und wenn es ſo weit kam, was mußte aus ihm werden? Wie ſollte er ſeine Gattin unterhalten, auf deren Rückkehr er noch immer rechnete und die er dann auf jede Gefahr hin anzuerkennen gedachte? An jenem Tage hatte er mit Wil⸗ liam Hazeldean über die Familienpfründe geſprochen.„Frie⸗ den wenigſtens“— dachte der ehrgeizige Mann—„ich werde Frieden haben!“ Und der Squire hatte ihm, wenn es nöthig wurde, die Pfarrei zugeſagt, freilich nicht ohne ein inneres Bangen, denn ſeine Harty hatte bereits ihren ehli⸗ chen Einfluß zu Gunſten des Gatten ihrer alten Schulfreun⸗ din, des Mr. Dale, aufgeboten, und auch der Squire meinte, Audley werde nur einen kläglichen Dorfpfarrer abgeben, während dagegen Dale, wenn er ſich nur etwas mehr Leib zulegte, als ihm ſeine bisherige Pfründe geſtattete, ein Pfarrer ſeyn würde, wie man unter tauſend nicht zehn fände. Aber obgleich Audley ſich auf das Schlimmſte gefaßt hielt, bot er doch allen ſeinen Kräften auf, um den beſſeren Theil zu erringen. Er muſterte mit ſeinem Comité die Wähler⸗ liſte und beſprach ſich mit demſelben über den Charakter, die Politik und die Intereſſen eines jeden einzelnen Wählers, bis die Nacht faſt um war. Als er auf ſeinem Zimmer, deſſen Löden nicht verſchlyſſen waren, anlangte, trat er für eine Ar 1643 Weile an das Fenſter und betrachtete den Mond. Dieſer Anblick weckte auf's Neue die Gedanken an die ferne, verlo⸗ rene Nora in ihm. Wir wiſſen bereits, daß in der Natur dieſes Mannes wenig Romantik und Sentimentalität lag⸗ und es gehörte nicht zu ſeinen Gewohnheiten⸗ nach Mond und Sternen aufzublicken. Aber wenn je ein romantiſches Flüſtern ſeinen harten, ſtarken Sinn milterte oder Mond und Sterne ſeinen Blick von der Erde wegzauberten, ſo er⸗ ſchien ihm Nora's liebliches Antlitz, gleich dem einer Muſe, und ihr holdes, liebevolles Auge im milden Mond⸗ und Ster⸗ nenſchein, und Nora's zärtliche Stimme ſprach aus den Flüſterlauten deſſen, was wir Romantik nennen, obſchon dieſe Töne nur der geheimnißvollen Poeſie angehören, welche immer in der Luft lebt, wenn wir uns nur herablaſſen woll⸗ ten, auf ſie zu lauſchen. Mit einem Seufzer wandte er ſich ab, zog die Kleider aus, warf ſich auf das Bett und löſchte vas Licht aus. Aber das Licht des Mondes ließ ſich nicht aus dem Zimmer verdrängen und hielt ihn noch geraume Zeit wach, bis er endlich entſchloſſen den Blick von dem himm⸗ liſchen Strahl ab⸗ und der dunkeln, blinden Wand zukehrte. Er ſchlief ein; aber auch in ſeinem Schlummer war er bei Nora— wieder in der beſcheidenen bräutlichen Heimath. Nie war die Ferne in ſeinen Träumen ſo beſtimmt und lebenvoll vor ſeine Seele getreten, ihre Augen zu den ſeinigen auf⸗ geſchlagen, ihre verſchlungenen Hände auf ſeinen Schultern ruhend, wie ſie ſonſt ſo anmuthig zu thun pflegte, und ihre Stimme ſo demüthig murmelnd:„Iſt es alſo meine Schuld geweſen, daß wir getrennt wurden?— Vergib— vergib mir!“ 1644 Und dem Schläfer träumte, daß er antworte:„Keine Trennung mehr— nie— nie wieder!“ und daß er ſich niederbeuge, um die keuſchen Lippen zu küſſen, welche ſo zärtlich die ſeinigen ſuchten. Und plötzlich hörte er einen i klopfenden Ton, wie den eines Hammers— regelmäßig, 8 aber leiſe und gedämpft. O Leſer, haſt du je den Ton des L Hammers auf dem Deckel eines Sargs in einem Trauer⸗ hauſe gehört, wenn der anſtändige Gehülfe des Leichenbe⸗ ſorgers fürchtet, daß die Lebenden hören könnten, wie er ſie von dem Todten trennt? So kam dieſer Laut Audley vor, und der Traum verſchwand plötzlich. Er erwachte und hörte abermals das Klopfen; es kam von ſeiner Thüre her. Ge⸗ dankenvoll richtete er ſich auf. Der Mond war fort— es war Morgen. „Wer iſt da?“ rief er verdrießlich. „Bst!“ antwortete von außen eine gedämpfte Stimme; „ich bin es. Kleidet Euch hurtig an. Ich muß mit Euch ſprechen.“ Egerton erkannte die Stimme der Lady Lansmere. Beunruhigt und überraſcht ſtand er auf, kleidete ſich haſtig an und ging nach der Thüre. Lady Lansmere befand ſich außen und war ungemein blaß. Sie legte den Finger an ihre Lippe und winkte ihm, ihr zu folgen. Er gehorchte mechaniſch. Sie traten in das Beſuchzimmer, das nur einige Schritte von ſeinem Gemach entfernt war, und die Gräfin ſchloß die Thüre. Sie legte jetzt ihre leichte feſte Hand auf ſeine Schulter und begann in unterdrückter leidenſchaftlicher Auftegung:— „Oh, Mr. Egerton, Ihr müßt mir einen Dienſt leiſten, und ſchnell— Harley— Harley— rettet meinen Harley — ſorgt dafür, daß er nicht hieher komme— bleibt bei ihm— laßt die Wahl fallen— nur ein Jahr oder zwei gehen an Eurem Leben verloren— Ihr werdet andere Ge⸗ legenheiten finden— bringt Eurem Freunde dieſes Opfer.“ „Sprecht— um was handelt ſich's? Man kann für Harley kein zu großes Opfer von mir fordern.“ „Danke— ich wußte es wohl. Geht alſo ſchnell zu Harley; haltet ihn von Lansmere zurück— erfindet Vor⸗ wände, welche Ihr wollt— bis Ihr ihm die traurige Nach⸗ richt in Ruhe beibringen könnt. Oh, wie wird er ſie aufneh⸗ men— wie ſich von der Erſchütterung erholen! Mein Sohn — mein Sohn!“ „Beruhigt Euch— ſprecht deutlicher. Welche Neuig⸗ keit? Von welcher Erſchütterung ſoll er ſich erholen?“ „Richtig— Ihr wißt noch nichts— habt noch nichts gehört. Nora Avenel liegt dort, im Hauſe ihres Vaters— todt— todt!“ Audley fuhr zurück, prückte die Hand an ſein Herz und ſank dann in die Kniee, als hätte ein Blitzſtrahl ihn getroffen. „Mein Weib— meine Gattin!“ murmelte er.„Todt — es kann nicht ſeyn!“ Lady Lansmere war ſo erſtaunt über dieſen Ausruf, und von dem völlig unerwarteten Bekenntniß ſo betäubt, daß ſie ſich außer Stand fühlte, Erklärungen zu geben oder Worte der Beruhigung anzubringen. Nicht minder erſchütterte ſie der wilde Seelenſchmerz an einem Manne, den ſie immer ſo würdevoll und kalt geſehen hatte, als dieſer aufſprang und das Gefühl ſeines ewigen Verluſtes auf ſein Herz einſtürmte. Endlich gelang es ihm, ſeine Aufregung niederzukämpfen. Mit ſcheinbarer Ruhe und mit einem Schweigen, das nur durch die haſtigen beklommenen Athemzüge unterbrochen wurde, hörte er die Erzählung der Lady Lansmere an. Ein Gaſt des Hauſes, eine Verwandte der Gräfin Lansmere, war vor einigen Stunden plötzlich erkrankt. Die⸗ ſer Vorfall veranlaßte große Verwirrung im Haus, und man hatte die Gräfin geweckt, welche Mr. Morgan, den Arzt der Familie, herbeibeſcheiden ließ. Von ihm nun erfuhr ſie, daß geſtern Abend ſpät Nora Avenel in das Haus ihres Vaters zurückgekehrt, von einem Hirnfieber befallen und in weni⸗ gen Stunden weggeſtorben war. Nachdem Audley dieſen Bericht angehört hatte, wandte er ſich, noch immer in tiefem Schweigen, der Thüre zu. Lady Lansmere faßte ihn am Arm. „Wohin wollt Ihr? Ach, kann ich Euch nun bitten, meinen Sohn vor dieſer Schreckenskunde zu bewahren, da Euch ſelbſt ſo ſchweres Leid betroffen hat? Und doch— doch— Ihr kennt ſein vorſchnelles Weſen, ſeine Heftigkeit — wenn er erfährt, Ihr ſeyed ſein Nebenbuhler, ihr Gatte geweſen— Ihr, dem er alles Vertrauen ſchenkte! Was müßte die Folge ſeyn!— Ich zittere!“ „Zittert nicht— Ihr ſeht, daß ich nicht zittere. Laßt mich fort— ich werde bald wieder zurück ſeyn— und dann ———— erz fen. nur chen äfin Die⸗ nan der daß ters eni⸗ ndte ady len, da keit atte as aßt —(ſeine Lippe zuckte krampfhaft)— dann wollen wir von Harley ſprechen.“ Schwindelig und betäubt entfernte ſich Egerton und ſchlug mechaniſch den Weg durch den Park nach John Avenels Wohnung ein. Er hatte ein paar Tage vorher im Lauf ſeiner Wahlbewerbung dieſes Haus betreten müſſen, und ſein weltlicher Stolz war ſehr erſchüttert worden, als er der Heimath, der Stellung und der Manieren ſeiner Schwieger⸗ eltern anſichtig wurde— eine Scene, die im Geheim ihm die Worte abrang:„Und ich, Audley Egerton, muß das Kind ſolcher Perſonen der Welt als meine Gattin ankündi⸗ gen!“ Jetzt aber, wäre ſie das Kind eines Bettlers oder gar eines Verbrechers geweſen— jetzt, wie gering und ge⸗ mein würde ihm dieſe ganze gefürchtete Welt erſchienen ſeyn, wenn er ſie wieder hätte in's Leben rufen können! Zu ſpät — zu ſpät! Der Thau glänzte in der Sonne, die Vögel ſangen in der Luft und waches Leben bewegte ſich rings um ihn her; aber in ſeinem Herzen ſah es aus wie in einem Beinshaus. Nichts als Tod, und die Todte dort— Nichts! Er langte an der Thüre an; ſie ſtand offen. Er rief— keine Antwort. Ungeſtört und ungeſehen ſtieg er die ſchmale Treppe hinauf; er kam in das Gemach, wo die Leiche lag. An der anderen Seite des Bettes ſaß John Avenel; ein tiefer Schlummer ſchien ihn gefangen zu halten. In Wirklichkeit war er von einer Lähmung betroffen worden, obſchon weder er ſelbſt noch ſonſt Jemand eine Ahnung davon hatte. Wer hätte auch in einem ſolchen Augenblick dem ſtarken, kräftigen Mann Beachtung ſchenken ſollen? Nicht einmal ſeine arme, 1648 veſorgte Gattin fand Zeit dafür. Man hatte ihn dage⸗ laſſen, daß er das Haus hüte und bei der Todten wache— ihn, der des eigenen Bewußtſeyns nicht mächtig und ſelbſt berührt war von der unſichtbaren eiſigen Hand! Audley ſchlich an das Lager hin und erhob die Decke über dem blaſſen, ſtillen Geſicht. Wer kann ſagen, was während der Minute, welche er hier ſtand, in ſeinem Innern vorging? Aber als er dem Zimmer den Rücken kehrte und die Treppe hinabging, ließ er Liebe und Jugend, alle die ſüßen Hoffnungen und Freuden eines glücklichen Hausſtandes hinter ſich— für immer! Er kehrte zu Lady Lansmere zurück, welche ſeiner An⸗ kunft in der ängſtlichſten Spannung entgegenſah. „Jetzt will ich zu Harley gehen,“ ſagte er trocken,„und vafür ſorgen, daß er nicht hieher kömmt.“ „Ihr ſeyd bei ihren Eltern geweſen. Gütiger Himmel, wiſſen ſie von Eurer Heirath?“ „Nein; Harley muß zuerſt Kunde davon erhalten. In⸗ zwiſchen Stillſchweigen!“ „Stillſchweigen!“ wiederholte Lady Lansmere. Und ihr glühende Hand ruhte in der von Audley, welche ſich wie Eis anfühlte. Eine Stunde ſpäter hatte Egerton das Haus verlaſſen und traf gegen Mittag mit Harley zuſammen. Es iſt jetzt nöthig, zu berichten, warum die ganze Fa⸗ milie Avenel mit Ausnahme des armen, vom Schlag gerühr⸗ ten Vaters das Trauerhaus verlaſſen hatte. Nora war während der Geburt ihres Kindes irren ey en, te, ig, nd für ln⸗ el, In⸗ ihr Eis ſſen Fa⸗ ihr⸗ rren 1649 Geiſtes geſtorben. In ihren Delirien hatte ſie von Schande, von Entehrung geſprochen, und an ihrem Finger fehlte der heiligende Ring. Trotz ihres Kummers nahm Mrs. Avenel zuerſt darauf Bedacht, den guten Namen der verlorenen Tochter und die Ehre aller lebenden Avenele zu retten. Keine Matrone, mochte ſie auch eine lange Reihe von Rittern oder gar Königen unter ihre Ahnen zählen, war ſtolzer auf ihren Namen und Ruf, als die arme, pünktliche, calviniſtiſche Bürgersfrau.„Der Kummer ſpäter, jetzt die Ehre!“ Mit harten, trockenen Augen ſann und ſann ſie, und entwarf ihren Plan. Jane ſollte noch vor Tag das Kind fortnehmen und mit ihrem eigenen erziehen. Mark erhielt die Weiſung, ſie zu begleiten, denn Mrs. Avenel fürchtete die Unbeſonnenheit ſeines wilden Schmerzes. Sie ſelbſt wollte eine Strecke weit mitgehen, um ihnen die Nothwendigkeit des Schweigens ge⸗ bieteriſch oder durch Vernunftgründe an's Herz zu legen. Aber ſie konnten nicht mit einem zweiten Kind nach Hazel⸗ dean zurückkehren. Jone mußte nach einem Platz, wo Nie⸗ mand ſie kannte und die beiden Kinder als Zwillinge gelten konnten. Und obſchon Mrs. Avenel von Natur menſchen⸗ freundlich und wohlwollend war und für Kinder ein mütter⸗ liches Herz beſaß, betrachtete ſie doch faſt mit finſterer Freude Jane's kränklichen Säugling, und dachte:„Alle Schwierigkeiten werden gehoben ſeyn, wenn nur noch einer da iſt! Nora's Kind kann dann als Jane's durch's Leben gehen.“ Zum Glück für die Wahrung des Geheimniſſes hielten Bulwer, meine Novelle. 104 1650 die Avenele keine Magd, ſondern blos eine Waſſerträgerin, die täglich nur auf einige Stunden in's Haus kam und ihre eigene Wohnung hatte. Mrs. Avenel wußte, daß von Sei⸗ ten Mr. Morgans kein Ausplaudern über die wahre Urſache von Nora's Tod zu beſorgen ſtand, und warum ſollte Mr. Dale die Schande einer Familie offenbar machen? Außer⸗ dem konnte ſie noch am nämlichen Tag oder ſpäteſtens am nächſten ihren Gatten veranlaſſen, daß er ſich für einige Zeit entfernte, und ſo war wieder vorgebeugt, daß er in einer Stunde, in welcher ſein Kummer die Oberhand über den Stolz gewann, die Geſchichte nicht ausſchwatzte. Sie wollte dann allein in dem Hauſe des Todes bleiben, bis ſie ſich der Ueberzeugung hingeben konnte, daß alles Andere klüglich vertuſcht ſey. Ja, ſie fühlte, daß bei gehöriger Vorſicht der Name gerettet werden konnte. Und ſo ſcheuchte und drängte ſie an Mark und ſeinem Weibe, ſtieg ſelbſt in das bedeckte Wägelchen, das die Geſichter von allen Dreien verbarg, und überließ für ein paar Stunden Haus und Leiche der Obhut ihres Mannes, demſelben vorher noch viele Ermahnungen ertheilend, zu denen er jedoch nur mit dem Kopf nickte, ohne ſie zu hören. Man hält wohl dieſe Frau für gefühllos und unmenſchlich; hätte aber Nora von dem Himmel aus in das Herz ihrer Mutter blicken können, ſo würde ſie nicht ſo ge⸗ dacht haben. Ein guter Name iſt, wenn der Grabſtein den Staub deckt, noch ein Beſitz auf Erden, und auf der Erde in der That der einzige. Beſſer, wenn unſere Freunde dieſen Schatz für uns wahren, als wenn ſie hinſitzen, um über den vergänglichen Thon zu weinen. Und Thränen— — —„+„——„—„——„——+———,—— — — —— 1651 oh, ſtrenge Mutter, lange Jahre blieben dir noch für deine Thränen. Nie machten Thränen ſo tiefe Furchen auf einer Wange, als die deinigen um Nora! Und doch— wer ſah ſie jemals fließen?“ Harley war nicht wenig überraſcht über Egertons An⸗ kunft, noch mehr aber, als ihm dieſer mittheilte, es habe ſich eine Oppoſition aufgethan; er verzweifle an dem gün⸗ ſtigen Erfolg ſeiner Bewerbung in Lansmere, und ſey deß⸗ halb entſchloſſen, von dem Kampfzurückzutreten. LEstrange ſchrieb deshalb an ſeinen Vater; aber die Gräfin, welche von der wahren Sachlage unterrichtet war, gab ihrem Gat⸗ ten einen Wink darüber, und ſo kam es, daß, wie wir im Anfang dieſer Geſchichte geſehen haben, Egertons Sache durch ſeine Abweſenheit keine Noth litt, als Kapitän Daſh⸗ more den Kampf gegen ihn eröffnete. Audley hatte es Mr. Hazeldeans Anſtrengungen und Beredſamkeit zu danken, daß er mit einer Mehrheit von zwei Stimmen— den Stimmen von John Avenel und Mark Fairfield— zum Vertreter von Lansmere gewählt wurde. Denn obgleich der Erſtere in Folge ärztlichen Raths eine Ortsveränderung in die Nach⸗ barſchaft vorgenommen und ſeine Krankheit in allen anderen Dingen ihn ſo lenkſam wie ein Kind gemacht hatte, wollte er doch hören, wie es den Blauen erging, und ſein Bett ver⸗ laſſen, um Wort zu halten, wobei ſogar ſeine Frau ſagte: „Er hat Recht; beſſer ſterben, als eine Zuſage brechen!“ Die Menge machte Platz, als der hinfällige Mann, den ſte einige Tage vorher noch geſund und heiter hatten umhergehen ſehen, in einem Seſſel auf den Wahlplatz getragen wurde 104* und mit ſeiner zitternden Stimme ſagte:„Ich bin ein ächter Blauer— blau für immer!“ Wahlen ſind wunderbare Dinge. Niemand, wer es nicht geſehen hat, kann ſich eine Vorſtellung machen, wie der Eifer dafür über Krankheit, Schmerz und unſer gewöhnliches Pri⸗ vatleben den Sieg davon trägt! Audley hatte von Lansmere Park aus Nora's letzten Brief erhalten Er war durch den Briefträger nur eine oder zwei Stunden nach ſeinem Abgang abgegeben worden Der Trauring ſiel auf den Boden und rollte unter ſeine Füße. Und dieſe brennenden leidenſchaftlichen Vorwürfe— der ganze Zorn der verwundeten Taube— ſie erklärten das Geheimniß ihrer Rückkehr, ihren ungerechten Argwohn und die Urſache ihres plötzlichen Todes, den er noch immer auf Rechnung eines durch Aufregung und Erſchöpfung herbeigeführten Hirn⸗ fiebers ſchrieb. Denn Nora ſprach nicht von dem Kinde, deſſen Geburt bevorſtand, und hatte beim Schreiben wohl gar nicht an daſſelbe gedacht, da ſie ſonſt ſicherlich nicht ge⸗ ſchrieben hätte. Nach Empfang dieſes Briefes konnte Eger⸗ ton nicht mehr in dem öden Dorfe bleiben— am aller⸗ wenigſten allein mit Harley. Er erklärte daher plötzlich, daß er nach London müſſe, bewog L'Estrange, ihn zu be⸗ gleiten, und theilte demſelben erſt dort, nachdem er von Lady Lansmere erfahren hatte, daß die Beſtattung vorüber ſey, mit leichenblaſſen Lippen und die Hand auf's Herz ge⸗ drückt, in welchem ſeine angeerbte Krankheit ſchnell und un⸗ geſtüm um ſich griff, die ſchreckliche Wahrheit mit, daß Nora nicht mehr ſey. Die Wirkung auf Harleys Geſundheit und Geiſt war weit ſtürmiſcher, als Audley für möglich gehalten hätte. Er erwachte aus ſeinem Gram nur zu dem bitteren Schmerz der Gewiſſensbiſſe.„Denn,“ ſagte der edle Harley,„wäre meine wahnſinnige Leidenſchaft, meine ungeſtüme Verfolgung nicht geweſen, würde ſie je ihr ſicheres Aſyl oder auch nur ihren Geburtsort verlaſſen haben 2 Und dann— und dann — der Kampf zwiſchen ihrem Pflichtgefühl und der Liebe zu mir! Ich ſehe Alles— Alles! Wäre ich nicht geweſen, ſo lebte ſie noch!“ „Oh nein,“ rief Egerton— und das Geſtändniß trat ihm jetzt auf die Lippen.„Glaube mir, ſie hat Dich nie geliebt, wie Du meinſt. Nein— nein— höre mich an! Denke Dir lieber, ſie habe einen Anderen geliebt— ſey mit ihm geflohen— habe ihn vielleicht geheirathet, und—“ „Halt!“ rief Harley mit einem ſchrecklichen Ausbruch von Leidenſchaft—„Du tödteſt ſie mir zweimal, wenn Du dies ſagſt! Ich kann noch fühlen, daß ſie lebt— hier lebt, in meinem Herzen— ſo lang ich träume, daß ſie mich liebte— oder wenigſtens, daß keine andere Lippe je den Kuß empfand, den ſie der meinigen verweigerte!— Aber wenn Du von mir verlangſt, daß ich dies bezweifle— Du— Du—“ Der Schmerz des Knaben überbot ſeine Kräfte; er fiel plötzlich in Audleys Arme zurück, und es trat eine heftige Blutung ein. Mehrere Tage ſchwebte er in großer Gefahr; aber ſeine Augen hafteten unabläſſig mit ängſtlich fragendem Blick auf Audley. 1654 „Sage mir,“ murmelte er ohne Rückſicht auf eine Er⸗ neuerung des Blutſturzes und die Möglichkeit eines plötz⸗ lichen Todes—„ſage mir— Du haſt es nicht ſo gemeint! Verſichere mir, Du habeſt keine Urſache zu denken, daß ſie einen Anderen liebte— einem Anderen angehörte!“ „Stille— ſtille— keine Urſache— keine— keine. Ich wollte Dich nur tröſten, weil ich glaubte— ich war ein Thor— nichts mehr davon!“ rief der unglückliche Freund. Und von dieſer Stunde an gab Audley den Gedanken auf, ſich in ſeinen eigenen Augen zu rechtfertigen und unter⸗ warf ſich dem ſchmerzlichen Gefühl, die lebendige Lüge zu ſeyn— er, der ſtolze Gentleman! Während Harley noch ſehr ſchwach und leidend dalag, kam Mr. Dale nach London und ſuchte Egerton auf. Der Pfarrer hatte Mrs. Avenel nur unter der Bedingung, daß Nora's lebendem Sohne kein entſchiedener Nachtheil daraus erwachte, die Zuſage der Geheimhaltung gegeben. Wie, wenn ſie zuletzt doch verheirathet war? Und war es nicht wenigſtens Pflicht, daß man den Namen von dem Vater des Kindes zu erfahren ſuchte? Es konnte eine Zeit kommen, in der er des Vaters bedurfte. Mrs. Avenel mußte ſich mit dieſem Vorbehalten zufrieden geben, flehte aber gleichwohl Mr. Dale an, alle Nachforſchungen zu unterlaſſen. Was konnten ſie nützen? War Nora wirklich vermählt, ſo konnte man natürlich von ihrem Gatten einer Erklärung aus eige⸗ nem Antrieb entgegenſehen, gehörte ſie aber unter die Zahl der verlaſſenen Verführten, ſo hieß es nur Schande auf ihren nunmehr geretteten Namen bringen, wenn man für ein Kind, Fr⸗ nt! Ich ein ken er⸗ zu ag, er aß us ie, icht des en, mit ohl zas nte ge⸗ ahl ren 1655 von deſſen Vorhandenſeyn die Welt nichts wußte, einen Vater ſuchte. Dieſe Vorſtellungen brachten den guten Pfarrer in nicht geringe Verlegenheit. Aber Jane Fairfield hatte einen ſo ſanguiniſchen Glauben an die Unſchuld ihrer Schwe⸗ ſter und ihr ganzer Argwohn zielte natürlich auf Lord LEstrange hin. Das Gleiche war vielleicht auch bei Mrs. Avenel der Fall, obgleich ſie es nie eingeſtand. Von der Richtigkeit dieſer Muthmaßungen war Mr. Dale vollkom⸗ men überzeugt. Die Bewunderung des jungen Lords und die Beſorgniſſe der Lady Lansmere hatten einem Manne nicht entgehen können, der ſo oft in dem Park auf Beſuch war. Harleys plötzliche Entfernung unmittelbar vor Nora's Rück⸗ kehr in die Heimath— Egertons eben ſo unerwarteter Rück⸗ tritt von der Bewerbung um die Wahl, noch eh' die Oppoſi⸗ tion erklärt war, und ſeine Abreiſe an Nora's Todestag, um ſich zu ſeinem Freund zu begeben— alles Dies befeſtigte in ihm die Vorſtellung, daß Harley entweder der Verführer oder der Gatte ſey. Es fehlten dem jungen Lord noch einige Jahre zu ſeiner Volljährigkeit— vielleicht hatte eine Ver⸗ mählung im Geheim oder im Ausland ſtattgefunden. Er wollte wenigſtens den Verſuch machen, ob er der Sache bei Lord L'Estrange nicht auf den Grund kommen könne. Da Harleys Krankheit ihn an der Ausführung dieſes Vorhabens hinderte, ſo beſchloß er, zu ſehen, in wie weit ſich das Ge⸗ heimniß durch eine Beſprechung mit Egerton aufklären laſſe; denn Letzterer ſtand allgemein in dem Ruf eines ernſten, ehrenhaften und wahrheitliebenden Charakters, ſo daß der Pfarrer dieſen Schritt wohl rechtfertigen zu können glaubte. Er machte demgemäß bei Egerton ſeinen Beſuch und gedachte, den neuen Vertreter von Lansmere mit diplomatiſcher Fein⸗ heit nur über das auszuholen, was einer Familie zu From⸗ men kommen konnte, welche durch ihre zwei Wahlſtimmen ihm den Sieg über ſeinen Gegner verſchafft hatte. Er begann damit, daß er als rührende Thatſache her⸗ vorzuheben ſuchte, wie der arme John Avenel, niederge⸗ beugt durch den Verluſt ſeines Kindes und eine Krankheit, die ſeinen Körper und ſeinen Geiſt gelähmt, gleichwohl ſich von ſeinem Bett erhoben habe, um ſeinem gegebenen Wort Ehre zu machen. Und Aufregung ſchien ihm ein ſo ernſter und ächter Beweis von einem edlen Herzen zu ſeyn, daß er allmälig weiter und weiter herausrückte— zuerſt mit ſeinem Argwohn, daß die arme Nora verführt worden, dann mit ſeiner Hoffnung, daß eine geheime Vermählung ſtattgefunden habe; und da Audley mit ſeiner ehernen Selbſtbeherrſchung nicht mehr und nicht weniger als den gebührenden Grad von Theilnahme an den Tag legte, ſo machte der Pfarrer fort, bis ſein Zuhörer wußte, daß er Vater eines Kindes ſey. „Unterlaßt weitere Nachforſchungen,“ ſagte der Mann der Welt.„Ich bitte Euch, achtet die Gefühle und Wünſche der Mrs. Avenel, welche ich vollkommen für die richtigen halte. Das Uebrige will ich beſorgen. In meiner Stellung — das heißt, als ein Bewohner von London— kann ich leicht und in aller Stille mehr erforſchen, als Euch möglich iſt, ohne daß dadurch Aergerniß gegeben würde. Kann ich dieſer— dieſer— armen— armen(ſeine Stimme zitterte) — kann ich dieſer unglücklichen Mutter und ihrem lebenden hte, ein⸗ m⸗ nen er⸗ ge⸗ eit, ſich ort ſter er em mit den ing rad rer ey. inn che gen ng ich ich te) 1657 Kinde Recht ſchaffen— früher oder ſpäter— ſo ſollt Ihr von mir hören; wo nicht, ſo laßt dieſes Geheimniß ruhen, wo es jetzt iſt, in einem Grabe, das die Schmähſucht nicht erreicht hat. Aber das Kind— gebt mir die Addreſſe, wo es aufgefunden werden kann, für den Fall, daß es mir ge⸗ lingt, den Vater zu entdecken und ſein Herz zu rühren.“ „Oh, Mr. Egerton, darf ich nicht ſagen, wo Ihr ihn finden könntet— wer er iſt?“ „Sir!“ „Werdet nicht ungehalten; und im Grunde kann ich nicht von Euch verlangen, daß Ihr ein Vertrauen verrathet, das ein Freund in Euch geſetzt hat. Ich weiß, wie Ihr Herren von hohem Ehrgefühl zuſammenhaltet— ſelbſt in der Sünde. Nein, nein— ich bitt' um Verzeihung: ich überlaſſe Alles Euren Händen. Ihr wollt mir alſo Nach⸗ richt geben?“ „Wo nicht, ſo glaubt, daß meine Nachforſchungen er— folglos geweſen ſind. Wenn Ihr unter meinem Freund den Lord LEstrange verſteht, ſo kann ich Euch verſichern, daß er unſchuldig iſt. Ich— ich— ich—(ſeine Stimme ſtotterte)— bin vollkommen überzeugt davon.“ Der Pfarrer ſeufzte, enthielt ſich aber einer Erwiede⸗ rung.„Oh, ihr Weltmenſchen,“ dachte er, gab dem Ver⸗ treter von Lansmere die gewünſchte Addreſſe und ging ſeines Weges, um nie wieder etwas von Audley Egerton zu hören. Er lebte der Ueberzeugung, daß es dem Mann, welcher ein ſo tiefes Gefühl gezeigt hatte, entweder nicht gelungen ſey, Harleys Gewiſſen zu wecken, oder daß er es räthlich gefun⸗ den habe, Nora's Namen im Frieden zu laſſen und ihr Kind ſeinen Verwandten und der Obhut des Himmels anheim zu ſtellen. Harley LEstrange hatte ſich kaum von ſeiner Krank⸗ heit erholt, als er ſich beeilte, auf dem Feſtland in's engliſche Heer zu treten und den Tod zu ſuchen, der, wie ſein Halb⸗ bruder, nur ſelten kömmt, wenn man ihn ruft. Nachdem Harley fort war, begab ſich Egerton nach dem Dorfe, welches Dale ihm namhaft gemacht hatte, um Nora's Kind aufzuſuchen. Aber hier wurde er zu e'nem Irrthum verleitet, der einen weſentlichen Einfluß auf die Stimmung ſeines Lebens und auf Leonards ſpätere Schick⸗ ſale übte. Natürlich war Mrs. Fairfield von ihrer Mutter angewieſen worden, in dem Dorf, nach welchem ſie mit den beiden Kindern gezogen, einen anderen Namen zu führen, damit die Klatſcherei und Neugierde keinen Anlaß fände, das Verhältniß des Fremden zu der Familie Avenel auszuſpüren. Der Schmerz und die Aufregung hatte die Nahrungsſäfte ihrer Bruſt zum Verſiegen gebracht, weshalb Nora's Kind einer Amme in dem Haus eines kleinen Farmers übergeben wurde. Da dieſes Haus von dem Dorfe ablag, ſo bezog auch Mrs. Fai field eine andere Wohnung, um ihrem Schütz⸗ ling näher zu ſeyn. Ihr eigenes Kind war ſo leidend, daß ſie den Gedanken nicht ertragen konnte, es der Verpflegung einer anderen Perſon anzuvertrauen, weshalb ſie den Ver⸗ ſuch machte, es ohne Muttermilch zu erziehen, aber das arme Würmchen ſchwand mehr und mehr dahin, bis es end⸗ lich ſtarb. Der Anblick von dem Grabe ihres Kindes wurde „—— c——-— 5— „v* n, as n. fte nd en 0g tz⸗ aß ing er⸗ das nd⸗ 1659 für Jane und Mark ſo ſchmerzlich, daß ſie nach Hazeldeau zurückeilten und Leonard mitnahmen. Von dieſer Zeit an galt Letzterer für den Sohn, den ſie verloren hatten. Als Egerton in dem Dorfe anlangte und ſich nach der ihm auf der Addreſſe bezeichneten Perſon erkundigte, wurde er nach dem Häuschen gewieſen, in welchem ſie zuletzt ge⸗ wohnt hatte, und erhielt daſelbſt die Nachricht, ſie ſey vor einigen Tagen, den Tag nach Beerdigung ihres Kindes, ab⸗ gezogen. Ihr Kind alſo begraben! Egerton hielt ſich nicht mit weiteren Fragen auf und vernahm deshalb nichts von dem anderen Kinde, das der Amme übergeben worden war. Langſam ging er nach dem Kirchhof und ſtand einige Minu⸗ ten auf dem kleinen, friſchen Grabhügel; dann drückte er die Hand auf das Herz, welchem alle Aufregung verboten war, ſtieg wieder in ſeinen Wagen und kehrte nach London zurück. Der einzige Grund zu Anerkennung ſeiner Heirath ſchien jetzt beſeitigt zu ſeyn. Nora's Name war vor Befleckung geſichert. Ja, hätte ihn auch nicht die peinliche Stellung zu Harley gezwungen, ſein Geheimniß zu bewahren, ſo wäre es von Seiten des klugen und hochmüthigen Weltkinds auch eine völlig zweckloſe, um nicht zu ſagen zweckwidrige Hand⸗ lung geweſen, wenn er eine nachtheilige und thörichte Ver⸗ bindung der Oeffentlichkeit Preis gegeben haben würde, nun Niemand mehr am Leben war, dem durch die Verheimli⸗ chung Unrecht geſchah. Mechaniſch griff Audley wieder nach ſeiner früheren Lebensweiſe und ſuchte ſeine Gedanken den großartigen Zwecken ehrgeiziger Männer zuzuwenden. Aber noch immer 1660 laſtete die Armuth drückend auf ihm, vor Allem die Geld⸗ ſchuld an Harley, deren Gewicht brennend auf ſeinem Ehr⸗ gefühl lag. Er ſah kein anderes Mittel, ſeine Beſitzungen frei zu machen und ſeinen Freund zu bezahlen, als eine reiche Heirath. Todt gegen die Liebe, wollte er Anfangs von dieſem Gedanken nichts wiſſen, und auch ſpäter griff er ihn nur mit apathiſcher Gleichgültigkeit auf. Levy, von deſſen Verrath gegen ihn und Nora er nichts wußte, behauptete noch immer die Gewalt über ihn, welche ein Geldausleiher bei ſolchen, die ihm ſchuldig waren, ſchuldig ſind oder ſchul— dig werden können, nie aus der Hand läßt. Er lag ihm ſtets an, daß er um die reiche Miß Leslie werben ſolle; Lady Lansmere, die ihm einen Erſatz ſeines häuslichen Ver⸗ luſtes wünſchte, drang gleichfalls in ihn, und die vom Feſt⸗ land aus kommenden Briefe Harleys, der dem Einfluß ſeiner Mutter folgte, riethen ihm nicht minder zu dieſem Schritte. „Macht es, wie Ihr wollt,“ ſagte endlich Egerton zu Levy,„nur ſorgt mir dafür, daß ich nicht der Penſionär eines Weibes bin.“ „Wollt Ihr für mich das Wort nehmen?“ ſagte er zu der Gräfin Lansmere.„Ich kann nicht freien— kann nicht von Liebe ſprechen.“ So kam denn unter Vermittlung die Heirath mit allen ihren großen Vortheilen für den zu Grunde gerichteten Gentleman zu Stande. Und Egerton war, wie wir geſehen haben, vor der Welt der feine und würdevolle Gatte— war mit einem Weibe verbunden, das ihn anbetete. Es iſt das zu cht len ten hen bar as 1661 gewöhnliche Schickſal von Männern ſeines Gleichen, nur all⸗ zuſehr geliebt zu werden. Auf ihrem Sterbebette fühlte ſich ſein Herz durch ihren wehmüthigen Vorwurf gerührt—„Nichts, was ich thun konnte, war je im Stand, Euch Liebe zu mir einzuflößen!“— „Es iſt wahr,“ entgegnete Audley mit bewegter Stimme und Thränen in den Augen,„die Natur verlieh mir nur einen geringen Vorrath von dem, was Frauen wie Ihr Liebe' nennen, und auch dieſen habe ich verſchwendet.“ Er er⸗ zählte ihr ſodann, obſchon mit Zurückhaltung, einen Theil ſeiner früheren Geſchichte, und dies beſänftigte ſie; denn als ſie ſah, daß er geliebt hatte und des Schmerzes fähig war, that ſich ihr ein Blick in das menſchliche Herz auf, wie früher nie. Sterbend vergab ſie ihm und ſegnete ihn. Audleys Geiſt wurde durch dieſen neuen Verluſt ſehr ergriffen, und er beſchloß in ſeinem Innern, nie wieder zu heirathen. Anfänglich kam ihm der unbeſtimmte Gedanke, ſeinen Aufwand zu beſchränken und den jungen Randal Leslie zu ſeinem Erben zu machen. Aber als er den geſcheidten Etonknaben zum erſtenmal ſah, konnte ſein Herz nicht für ihn erwarmen, obſchon ſein Verſtand Randals ausgezeichnete Talente zu würdigen wußte Er begnügte ſich mit dem Vor⸗ nehmen, den jungen Menſchen auf einen Weg zu bringen, auf welchem er ſich ſelbſt forthelfen konnte, und überhaupt zu thun, was er einem entfernten Verwandten ſeiner ver⸗ ſtorbenen Gattin gegenüber für recht hielt. Immer ſorglos und verſchwenderiſch in Geldangelegenheiten, großmüthig und fürſtlich freigebig, nicht weil es ihm einen Genuß be⸗ 1662 reitete, Anderen zu dienen, ſondern weil der grand seigneur dies ſich ſelbſt und ſeiner Stellung ſchudlig zu ſeyn glaubte, hatte Audley Egerton nur eine klägliche Entſchuldigung für die großherrenartige Verſchleuderung des ihm zugefallenen Reichthums. Die trankhafte Affektion ſeines Herzens war zu einem organiſchen Leiden geworden. Er hätte allerdings dabei noch viele Jahre leben und endlich im Lauf der Natur an einer anderen Krankheit ſterben können; aber der Ver⸗ lauf ſeines Uebels wurde durch jede Aufregung beſchleunigt, und er konnte plötzlich hingerafft werden— jeden Tag— in der beſten Blüte und anſcheinend in der Vollkraft ſeines Lebens. Und der einzige Arzt, welchem er anvertraute, was er vor der Welt geheim zu halten wünſchte(denn ehr⸗ geizige Männer möchten gerne für unſterblich gelten) hatte ihm unverhohlen erklärt, es ſey unwahrſcheinlich, daß er in dem aufreibenden Treiben des politiſchen Lebens es auch nur zu einem mittleren Alter bringen werde. Da nun Egerton auf keinen Sohn Rückſicht zu nehmen hatte und ſeine näch⸗ ſten Verwandten reich waren, ſo gab er der ihm eigenthüm⸗ lichen Verachtung des Geldes ſeinen Spielraum und ließ ſich in nichts ein, wenn er nicht wußte, daß bei ſeinem Bankier ein Vorrath zur Verfügung lag, der des freigebigen Unterhausmitgliedes würdig war. Alles Uebrige blieb ſeinem Verwalter und Levy anheimgegeben. Levy wurde ſchnell reich— ſehr, ſehr reich— und auch der Verwalter kam nicht zu kurz. Der Wucherer war entſchloſſen, ſeine Gewalt über den herriſchen großen Mann nicht aufzugeben. Er wußte um —— — — 18—— den 1663 Audleys Geheimniß und konnte es an Harley verrathen. Und der einzige weiche, empfindliche Punkt in der Natur des Staatsmanns— die einzige Stelle, die beim Eintauchen in den neunfältigen, für jedes zärtliche Gefühl unverwund⸗ bar machenden Styr des praktiſchen proſaiſchen Lebens un⸗ berührt geblieben, war die mit Reue erfüllte Liebe zu dem Freund ſeiner jüngeren Tage, den er gleichwohl noch immer täuſchen mußte. Hier haben wir nun den Schlüſſel zu den abgeſperrten Kammern in Audleys Charakter— zu dem feſten Schloß ſeines Geiſtes. Der beneidete Miniſter— der freudeloſe Mann— das Orakel der Staatswirthſchaft— der Ver⸗ ſchwender in Wucherers Händen— der hehre ſtolze Gentle⸗ man, bei dem ſogar Fürſten ſich über die Caſuiſtik des Ehrenpunktes Raths erholten— der Schuldige, welcher vor dem Gedanken zitterte, der Freund, den er vor Allem in der Welt liebte, könnte ſeine Lüge entdecken! Hulle dich in den anſtändigen Schleier, den die Künſte oder die Grazien für dich weben, o Menſchennatur! Nur der Nacktheit der Marmorſtatue kommt das Vorrecht zu, daß das Auge ſie ohne Scham und Anſtoß betrachten kann! Reunzehntes Kapitel. Aus der dem Leſer eben vorgelegten Erzählung wird klar, daß Leonard aus dem Tagebuch nur unbefriedigende, mangelhafte Bruchſtücke zuſammenleſen konnte. Er ſah blos, 1664 daß ſeine unglückliche Mutter mit einem Mann verbunden geweſen war, den ſie mit überſchwenglicher Zärtlichkeit ge⸗ liebt hatte. Sie war zu dem Argwohn verleitet worden, der Trauungsakt ſey ein trügeriſcher geweſen, hatte ſich des⸗ halb ins Ausland begeben und war mit Reue und voll Hoff⸗ nung zurückgekehrt. Sie erfuhr, daß der Geliebte im Begriffe ſtand, ſich mit einer Anderen zu vermählen, und nun ſchloß das Manuſeript mit verwiſchten Zeilen, den Merkmalen heißer, dem bitterſten Seelenkampf entquollener Thränen. Von Nora's traurigem Ende und ihrer troſtloſen Heimkehr, um unter dem Dach ihres Vaters zu ſterben, hatte er ſchon früher aus Doctor Morgans Mittheilung Kunde erhalten. Aber nicht einmal der Name ihres vermeintlichen Gat⸗ ten war genannt. Die einzige Muthmaßung, die ſich Leo⸗ nard bilden konnte, beſtand darin, daß er augenſcheinlich von höherem Rang geweſen ſeyn mußte als Nora. Die Hindeutungen auf den knabenhaften Liebhaber ließen ſich nicht wohl auf Jemand anders, als auf Harley LEstrange beziehen, und wenn vieſer wirklich damit gemeint war, ſo mußte er Kunde von Allem haben, was für Leonard noch im Dunkeln lag. Er beſchloß daher, das Manuſcript ſeinem Wohlthäter zu vertrauen. In dieſer Abſicht verließ er die Hütte, um wieder zurückzukehren, wenn die Beerdigung ſeines hingeſchiedenen Freundes ſtattfinden würde. Mrs. Goodyer erlaubte ihm bereitwillig, die Papiere, die ſie ihm geborgt hatte, mitzunehmen, und fügte denſelben noch das Packet bei, das vom Feſtland aus an Mrs. Bertram einge⸗ laufen war. e—„„— — —„— — 3 1665 In ängſtlichem, ſchwermüthigem Nachdenken über das Geleſene erreichte Leonard London zu Fuß und lenkte ſeine Schritte nach Harleys Wohnung. Wie er eben in Bond Street einbog, wurde plötzlich ein Gentleman, der in Baron Levys Geſellſchaft war und, wenn man aus ſeiner glühenden Stirne und dem ärgerlichen Ton ſeiner Stimme einen Schluß ziehen durfte, eben einen etwas aufgeregten Dialog mit dem faſhionablen Wucherer gehabt hatte, unſeres jungen Freun⸗ des anſichtig, machte ſich haſtig von dem Baron los und faßte Leonard beim Arm. „Entſchuldigt mich, Sir,“ ſagte der Gentleman, Leo⸗ nard ſtarr in's Geſicht ſehend,„wenn mich dieſe meine ſchar⸗ fen Augen nicht trügen(und dies iſt ſelten der Fall), ſo erblicke ich in Euch einen Neffen, gegen den ich mich vielleicht übereilt benommen habe, der aber gleichwohl kein Recht hat⸗ Richard Avenel zu vergeſſen.“ „Mein theurer Onkel,“ rief Leonard,„dies iſt in der That eine freudige Ueberraſchung— undzwar in einer Zeit, die freudelos genug iſt. Nein, ich habe Eure Güte nie ver⸗ geſſen und ſtets unſere Entfremdung bedauert.“ „Dies höre ich gerne; gebt uns Eure Fauſt wieder. Laßt mich Euch betrachten— ſo wahr ich lebe, ganz der Gentleman, und noch obendrein von ſo gutem Ausſehen. Doch dies iſt bei allen Avenelen der Fall. Gott befohlen, Baron— braucht nicht auf mich zu warten, ich entlaufe Euch nicht— werde Euch ſchon wieder ſehen.“ „Aber,“ flüſterte Levy, der Avenel über die Straße hinübergefolgt war und jetzt Levnard mit einem raſchen, Bulwer, meine Novelle. 105 1666 neugierig ſpähenden Blicke ins Auge faßte—„aber es muß in Betreff des Wahlbezirks bei dem bleiben, was ich geſagt habe, oder, um offen zu ſprechen, Ihr löst die Wechſel an dem Tag ein, an welchem ſie fällig ſind.“ „Sehr wohl, Sir— ſehr wohl. Ihr wollt mir alſo die Schraube anlegen, als wäre ich ein armer Tropf, der nur über zehn Pfund zu verfügen hat. Ich verſtehe— mein Geld oder meinen Wahlbezirk?“ „Nicht anders,“ verſetzte der Baron mit einem ge⸗ ſchmeidigen Lächeln. „Ihr ſollt von mir hören— Ihr ſollt von mir hören.“ (Bei Seite, während ſich Levy entfernte.)„Der verdammte hölliſche Schurke!“ Dick Avenel ſchlang dann ſeinen Arm in den ſeines Reffen und bemühte ſich, für einige Minuten ſeine eigenen Sorgen in Befriedigung ſeiner Neugierde über die Ange⸗ legenheiten Anderer zu vergeſſen, die ihm zur Natur gewor⸗ den war und im gegenwärtigen Falle noch durch die Zunei⸗ gung erhöht wurde, die er für Leonard gefühlt hatte.— Gleichwohl fand ſeine Wißbegier nicht die erwartete Be⸗ friedigung, denn lang ehe Leonard die gewohnte Abneigung, von ſeinen literariſchen Erfolgen zu ſprechen, überwinden konnte, war Dicks Geiſt ſchon wieder zurückgekehrt zu ſeinem Nebenbuhler in Screwstown und zu den Verwünſchungen über„allzuſtarke Concurrenz“— zu den Wechſeln, welche Levy discontirt hatte, um Dick in die Lage zu ſetzen, der erdrückenden Gewalt eines noch größeren Kapitaliſten, als er ſelbſt war, Wiverſtand entgegenzuſetzen— zu dem„hölliſchen uß agt an lſo der tein ge⸗ n.“ mte ines nen nge⸗ vor⸗ mei⸗ Be⸗ ung, nden inem ngen elche der ls er ſchen 1667 Schurken,“ der nun die zwei Parlamentsſitze für Lansmere von ihm verlangte, den einen für Randal Leslie und den anderen für einen reichen Nabob, den Leyy erſt kürzlich als Clienten aufgegriffen, während doch Dick, obſchon er der Bewerbung Leslie's allen Vorſchub zu leiſten geneigt war, auf den anderen Sitz für ſeine eigene Perſon ein Auge ge⸗ worfen hatte. Deshalb unterbrach Mr. Avenel bald die ſtockenden Geſtändniſſe unſeres jungen Freundes mit Aus⸗ rufungen, die durchaus nicht zu dem Gegenſtand gehörten und weit eher dazu dienten, dem eigenen Verdruß und Aerger Luft zu machen, als dem jungen Manne eine Vorſtellung beizubringen, daß dem Oheim ſein Rath oder ſeine Theil⸗ nahme von Nutzen ſeyn könne. „Na, ſchon gut,“ ſagte Dick;„ein andermal Eure Geſchichte. Ich ſehe,'s iſt Euch gut gegangen, und dies genügt vorderhand. Kurios; aber eben jetzt kann ich nur an mich ſelbſt denken. Ich ſtecke in einer regelmäßigen Klemme, Sir. Screwstown iſt nicht mehr das reſpektable Screwstown, wie zu Eurer Zeit— Alles demoraliſirt und das Unterſte zu oberſt gekehrt durch ein dämoniſches Kapi⸗ taliſten⸗Ungeheuer mit Dampfmaſchinen, welche den Nia gara⸗ fall in Euer Hinterſtübchen leiten könnten, Sir. Und als ob's nicht genug ſey, einen ehrlich Spiel liebenden Briten, wie ich bin, zu Grund zu richten und in allmächtige Fetzen zu zerzauſen, höre ich, daß er juſt in Unterhandlung ſteht wegen des Erwerbs einer hölliſchen patentiſirten Erfindung, durch welche ſeine Maſchinen zweimal ſo viel Arbeit leiſten ſollen mit halb ſo vielen Händen! So ſorgen dieſe gefühl— 105* 1668 loſen Schurken für die Erhöhung unſerer Armenſteuer! Aber ich will einen Aufruhr gegen ihn anzetteln— ja, das will ich! Sprecht mir nicht von dem Geſetz! Was zum Teufel iſt denn Gutes an dem Geſetz, wenn es den Gewerbfleiß eines Mannes nicht ſchützt— und noch dazu eines liberalen Mannes, wie ich bin!“ Dick brach jetzt in ein wahres Ungewitter von Schmäh⸗ reden über das wurmſtichige alte Land im Allgemeinen und über das Kapitaliſten⸗Ungeheuer von Screwstown im Beſon⸗ deren aus. Leonard war betroffen, denn Dick nannte jetzt in jenem Kapitaliſten⸗Ungeheuer dieſelbe Perſon, mit welcher unſer junger Freund wegen ſeiner Verbeſſerung der Dampfmaſchi⸗ nen in Unterhandlung ſtand. „Halt, Onkel— halt! Wenn alſo dieſer Mann das Patent, von welchem Ihr ſprecht, erwürbe, ſo würde Euch dadurch ein Nachtheil zugehen?“ „Mir ein Nachtheil zugehen, Sir?— Bankrutt bin ich— das heißt, wenn es ſo iſt, wie ich höre. Aber ich denke, es iſt zuletzt nichts als Windbeutelei.“ „Nein, die Erfindung leiſtet, was ſie verſpricht; dafür ſteh' ich.“ „Ihr? So habt Ihr ſie geſehen?“ „Ja wohl, denn ſie iſt mein eigenes Werk.“ Dick entzog haſtig Leonard ſeinen Arm. „Schlangenzahn!“ rief er ſtotternd.„Ihr alſo, den ich an meinem Herd wärmte— Ihr ſeyd es, der Richard Avenel zu Grunde richten will?“ ut ei fü in jei dit ſch 15 fü eit we lber will ufel ſleiß alen näh⸗ und ſon⸗ nem nſer ſchi⸗ das Euch t bin er ich dafür „den ichard 1669 „Nein, ſondern ihn retten! Kommt mit in die City und ſeht mein Modell an. Gefällt es Euch, ſo trete ich Euch das Patent ab.“ „Cab— Cab— Cab!“ rief Dick Avenel, indem er ein„Homſom“ anhielt.„Hinein, Levnard— hurtig hinein. Ich kaufe Euer Patent— das heißt, wenn es etwas nutz iſt; und was die Bezahlung betrifft—“ „Bezahlung? Redet mir nicht davon!“ „Na, meinetwegen,“ verſetzte Dick mild,„denn das iſt ein Converſationsgegenſtand, den ich juſt im gegenwärtigen Augenblick ſelbſt nicht wählen würde. Und was jenen Alli⸗ gator mit dem ſchwarzen Backenbart, den Baron, betrifft, ſo laßt mich nur erſt aus ſeinen unchriſtlichen, feinnägligen Spitzbubenkrallen kommen, und ich will— doch hinein— hurtig hinein— und ſagt dem Mann, wohin er fahren ſoll!“ Eine ſehr kurze Einſichtnahme von Leonards Erfindung reichte zu, Richard Avenel zu überzeugen, wie werthvoll ſie für ihn werden konnte. Er fühlte, daß es ihm unter dem Schutz eines Patents für eine Einrichtung, deren Vortheile in Beziehung auf Kraftſteigerung und Arbeitverminderung jedem praktiſchen Mann einleuchten mußte, ein Leichtes war, die erforderlichen Geldvorſchüſſe zu erhalten, um ſeine Ma⸗ ſchinen zu ändern, die von Levy discontirten Wechſel einzu⸗ löſen und den Krieg mit dem Kapitaliſten⸗Ungeheuer fortzu⸗ führen. Freilich wurde es vielleicht nothwendig, ſich mit einem anderen Kapitaliſten-Ungeheuer zu aſſpeiren— aber was dann? Jeder Geſchäftstheilhaber war beſſer, als an Levy gebunden zu ſeyn. Eine glänzende Idee ſtieg in ihm auf. 1670 „Wenn ich dieſen hölliſchen Eindringling auf meinem Grund und Boden nur einige Monate in Angſt und Schrecken erhalten kann, ſo erbietet er ſich vielleicht ſelbſt zum Com⸗ pagnon— wir machen die zwei Geſchäfte zu einer einzigen freundſchaftlichen Combination und können dann die ganze Welt peitſchen.“ Seine Dankbarkeit gegen Leonarb wurde ſo lebhaft, daß er ſich erbot an ſeiner Statt ſeinen Neffen für Lansmere in das Parlament zu bringen; und als Leonard dieſen An⸗ trag ablehnte, rief Dick: „Nun, ſo nennt mir einen Freund von Euch. Ihr könnt mir in der letzten Stunde noch ſagen, für wen ich meine Verwendung geltend machen ſoll; denn beide Sitze ſind mir ſicher. Ich bin ganz für die Reform gegen jene hohen und gewaltigen ſehr ehrenwerthen Wahlintrikanten, und mit den Anlehen und Hypotheken der kleinen Landwirthe und mit der langen Liſte der Befreiungen und Erleichterun⸗ gen für die unabhängigen Freiſaßen habe ich die ganze Stadt Lansmere in der Hoſentaſche.“ Nachdem Dick ſeinem Neffen einen Rechtsgelehrten namhaft gemacht hatte, bei welchem er zu einer beſtimm⸗ ten Zeit ſich einfinden wollte, um die Uebertragung des Patents unter Bedingungen vornehmen zu laſſen, die, wie er erflärte,„für beide Theile ehrenhaft ſeyn ſollten“, eilte er fort, um unter ſeinen Freunden in der City ein Kapitaliſten⸗ Ungeheuer zu ſuchen, das er dazu bewegen konnte, ihn den Klauen Levy's und den Maſchinen ſeines Nebenbuhlers in Screwstown zu entreißen.„Mullins iſt der Mann, wenn S em en m⸗ en nze ft, ere n⸗ hr ich itze ene en, the un⸗ nze ten nm⸗ des wie ilte ten⸗ den in enn 1671 ich ihm nur beikommen kann,“ ſagte Dick.„Ihr habt von Mullins gehört?— Ein wundervoller— ein großer Mann! Ihr ſolltet nur ſeine Nägel ſehen; er ſchneidet ſie nie! Drei Millionen wenigſtens hat er mit dieſen ſeinen Nägeln zu⸗ ſammengeſcharrt, Sir. Und in dieſem wurmſtichigen alten Lande muß man ellenlange Nägel haben, um mit einem Teufel wie Levy zu fechten! Gott befohlen— Gott be⸗ fohlen— Gott befohlen, mein lieber Neffe!“ —————— Zwanzigſtes Kapitel. Harley LEstrange ſaß allein in ſeinem Zimmer. Er hatte eben einen Band von einem Lieblingselaſſiker nieder⸗ gelegt, und ſeine Hand ruhte feſt zuſammengeballt auf dem Buche. Seit ſeiner Rückkehr nach England war in dem Aus⸗ druck ſeines Geſichts und ſogar in der Haltung ſeines ſchwung⸗ kräftigen jugendlichen Körpers eine merkliche Veränderung vorgegangen, obſchon ſie nie ſo auffiel, als ſeit ſeiner letzten Beſprechung mit Helen, über die ich Bericht erſtattet habe. Die zuſammengepreßten Lippen verriethen den entſchloſſenen, feſten Willen und ſeine Stirne zeigte den Charakter der Ent⸗ ſchiedenheit. Der trägen, ſorgloſen Anmuth ſeiner Bewegun⸗ gen war eine gewiſſe nicht näher zu beſchreibende Energie gefolgt, die in ihrer ruhigen Faſſung an das entſchloſſene Weſen erinnerte, durch das Audley Egerton ſich auszeichnete. In der That, hätte man ihm ins Herz ſehen können, ſo würde man die Wahrnehmung gemacht haben, daß Harley zum erſtenmal ſich Mühe gab, über ſeine Leidenſchaften und Launen Herr zu werden, und daß der ganze Mann das Ge⸗ fühl der Pflicht in ſich zu ſtählen ſuchte.„Nein,“ mur⸗ melte er vor ſich hin;„nein— ich will nur an Helen— nur an das wirkliche Leben denken! Und wenn ich auch nicht mit einer Anderen verlobt wäre, was könnte dieſes ſchwarz⸗ äugige italieniſche Mädchen für mich ſeyn? Welche Thoren⸗ grille wandelt mich an! Ich wieder lieben— ich, der ich während des ganzen ſchönen Lenzes meines Lebens ſo treulich an der Erinnerung und an einem Grabe feſtgehalten habe! Komm, komm, Harley LEstrange, ſpiele wenigſtens deine Rolle als Mann unter den Männern! Begnüge dich mit Achtung und träume nie mehr von Leidenſchaft. Gib die falſchen Ideale auf. Du biſt kein Dichter— warum wähnſt du, das Leben ſelbſt müſſe ein Gedicht ſeyn?“ Die Thüre öffnete ſich, und der öſterreichiſche Fürſt, deſſen Intereſſe Harley für die Sache von Violante's Vater gewonnen hatte, trat mit dem vertraulichen Schritt eines Freundes ein. „Habt Ihr jene Dokumente noch nicht aufgefunden?“ fragte der Prinz.„Ich muß ſchon in wenigen Tagen meine Rückreiſe nach Wien antreten, und wenn Ihr mich nicht mit irgend einem greifbaren Beweis von Peschiera's alter Tücke, oder mit einer unwiderleglichen Entſchuldigung ſeines edlen Verwandten bewaffnen könnt, ſo fürchte ich, daß dem Flücht⸗ ling, wenn er in ſein Vaterland zurückberufen werden will, zeine andere Wahl bleibt, als die leidige, dem treuloſen Feinde die Hand ſeiner Tochter zu geben.“ 1673 „Leider ſind bis jetzt alle Nachforſchungen vergeblich geweſen,“ verſetzte Harley,„und ich weiß nicht, welche an⸗ dere Schritte ich einſchlagen kann, ohne daß Peschiera's Aufmerkſamkeit geweckt und ſein ſinnreiches Gehirn zu Gegen⸗ operationen herausgefordert würde. So muß ſich mein armer Freund eben in die Verbannung fügen, denn er würde ſich ſelbſt entehren, wenn er Violante dem Grafen über⸗ laſſen wollte. Doch ich werde ſelbſt bald verheirathet und dann im Beſitz einer Heimath ſeyn, die, wenn ich ſie dem Vater und dem Kinde als Zufluchtsort anbiete, ihres Ranges nicht ganz unwürdig erſcheinen dürfte.“ „Wird die künftige Lady LEstrange nicht eiferſüchtig werden auf einen Gaſt, den Ihr mir als ſo ſchön ſchildert, wie dieſe junge Signora? Und dürfte Euch nicht ſelbſt Ge⸗ fahr drohen, mein armer Freund?“ „Pah!“ verſetzte Harley erroͤthend.„Mein ſchöner Gaſt würde zwei Väter haben; dies iſt Alles. Ich bitte, ſcherzt nicht über eine ſo ernſte Sache, wie die Ehre.“ Wieder öffnete ſich die Thüre, und Levnard trat ein. „Willkommen!“ rief Harley, erfreut, daß er ſich dem durchdringenden Auge des Fürſten gegenüber nicht mehr allein ſah—„willkommen! Dies iſt der edle Freund, welcher unſer Intereſſe für Riccabocca theilt und ihm ſo werthvolle Dienſte leiſten könnte, wenn wir im Stande wären, die Belege aufzufinden, von denen ich mit Euch geſprochen habe.“ „Sie ſind hier,“ verſetzte Leonard einfach.„Gebe Gott, daß ſie Alles enthalten, was Ihr nöthig habt.“ Harley griff raſch nach dem Packet, das von der Schweiz 1674 aus an die vermeintliche Mrs. Bertram geſchickt worden war, und durchflog, das Geſicht auf die Hand geſtützt, haſtig deſſen Inhalt. „Hurrah!“ rief er endlich, und ſein Geſicht ſtrahlte, während er zugleich mit knabenhafter Fröhlichteit die rechte Hand in der Luft ſchwenkte.„Schaut— ſchaut her, Fürſt— hier ſind Peschiera's eigene Briefe an die Gattin ſeines Verwandten— hier ein Zugeſtändniß deſſen, was er ſeine patriotiſchen Entwürfe nennt, und ſeine Bitten an ſie, ihren Gemahl zur Theilnahme zu veranlaſſen. Seht— ſeht, wie er ſeinen Einfluß über eine Frau zu benützen weiß, um die er früher freite— wie ſchlau er ihre Einwürfe bekämpft. Ihr bemerkt hier, daß unſer Freund ſich nicht rühren will, bis ihm endlich die Gattin und der Verwandte vereint zuſetzen.“ „Es iſt genug— vollkommen genug,“ rief der Fürſt, nachdem er von den Stellen in Peschiera's Briefen, welche ihm Harley andeutete, Einſicht genommen hatte. „Nein, es iſt nicht genug,“ jauchzte Harley, als er fortfuhr, mit ſeinen funkelnden Augen die Briefe zu durch⸗ fliegen.„Noch mehr! O Schurke— doppelt fluchwürdiger Schurke! Hier— nach der Flucht unſeres Freundes— hier iſt das Bekenntniß einer verbrecheriſchen Leidenſchaft! Hier ſchwört er, daß die zur Vernichtung ſeines Wohlthäters an⸗ gezettelten Ränke nur den Zweck hatten, den Herd zu be⸗ flecken, der ihn ſchirmte. Ah! ſeht, wie ſie ihm antwortet. Gott ſey Dank, die Augen gingen ihr endlich auf, und ſie ließ ihn noch vor ihrem Ende ihre Verachtung fühlen. Sie 1675 war unſchuldig! Ich ſagte es immer. Violante's Mutter war rein. Arme Dame— wie erſchütternd iſt dies! Hat Euer Kaiſer ein Menſchenherz?“ „Ich weiß genug von unſerem Kaiſer,“ verſetzte der Fürſt mit Wärme,„um der feſten Ueberzeugung zu leben, daß Peschiera zu Grunde gerichtet und unſer Freund in alle ſeine Ehren wieder eingeſetzt iſt, ſobald dieſe Papiere ihn erreichen. Ihr werdet bald in der Tochter, welcher Ihr an Eurem Herd die Stelle eines Kindes einräumen wolltet, die reichſte Erbin von Italien, die Braut eines edlen Ge⸗ liebten ſehen, der im Range vielleicht nur unter den Königen ſteht!“ „Ach!“ entgegnete Harley mit ſcharfer Betonung, wäh⸗ rend ſein Geſicht eine Leichenbläſſe beſchlich—„ach, ich werde ſie nie ſo ſehen! Mit meinen Beſuchen in Italien iſt es vorbei, und hat ſie einmal dieſes Klima der kalten, eiſernen Sorgen und der förmlichen Pflichten verlaſſen, ſo werde ich ſie nie— nie wieder ſehen!“ Er wandte ſein Antlitz für eine Weile ab und trat dann raſchen Schrittes auf Leonard zu.„Aber Ihr, o glücklicher Dichter— für Euch kann nie ein Ideal verloren gehen. Ihr ſeyd unabhängig vom wirk⸗ lichen Leben. Ich wünſchte, daß ich ein Dichter wäre!“ Und er lächelte wehmüthig. „Ihr würdet vielleicht nicht ſo ſprechen, mein theurer Lord,“ erwiederte Leonard in eben ſo traurigem Tone,„wenn Ihr wüßtet, wie wenig das, was Ihr das Ideale' nennt, dem Dichter den Verluſt einer einzigen Herzensneigung in der natürlichen Menſchenwelt erſetzen kann. Unabhängig 1676 vom wirklichen Leben? Ach, nein. Und ich habe hier die Bekenntniſſe einer ächten Dichterſeele, die ich Euch nach Muße zu leſen bitte. Habt Ihr dies gethan, ſo will ich Euch fragen, ob Ihr noch immer ein Dichter zu ſeyn wünſcht.“ Bei dieſen Worten zog er Nora's Manuſeript hervor. „Legt ſie dort in meinen Schreibtiſch, Levnard; ich will ſie ſpäter leſen.“ „Thut es, und mit Bedacht; denn es iſt viel darin, was auf mein eigenes Leben Bezug hat— viel, das ſich für mich in den Schleier des Geheimniſſes birgt, und ich vermuthe, daß Ihr im Stande ſeyd, ihn zu lüften.“ „Ich?“ rief Harley und wollte eben auf den Schreib⸗ tiſch zu, da Leonard die Papiere bereits ſorgfältig in einer der Schubladen verwahrt hatte. Aber plötzlich wurde die Thüre mit Gewalt aufge⸗ riſſen, und Giacomo ſtürzte, von der Gräfin Lansmere be⸗ gleitet, in das Zimmer. „O mein Lord! mein Lord!“ rief Giacomo in italie⸗ niſcher Sprache—„die Signorina! die Signorina!— Violante!“ „Was iſt mit ihr? Mutter, Mutter— was iſt vor⸗ gefallen? Sprecht— redet „Sie iſt fort— hat unſer Haus verlaſſen!“ „Verlaſſen? Nein, nein!“ rief Giacomo.„Sie muß getäuſcht oder mit Gewalt entführt worden ſeyn. Der Graf! der Graf! Oh, mein guter Lord, rettet ſie, wie Ihr ehedem ihren Vater gerettet habt!“ „Halt!“ rief Harley.„Gebt mir Euren Arm, Mutter. 1677 Ein zweiter ſolcher Schlag im Leben geht über Menſchen⸗ kraft— wenigſtens über die meinige. So, ſo— es iſt mir ſchon beſſer. Zurück, alle ihr— laßt mir Luft. Der Graf hat alſo geſtegt, und Violante iſt mit ihm geflohen! Sagt mir Alles— ich kann es ertragen!“ Zwälftes Buch. — Einleitungskapitel. „Wieder,“ bemerkte mein Vater—„wieder ſieht man uns! Wir, die wir den Beginn Deiner Erzählung begrüß⸗ ten, in der Mitte derſelben uns davon machten, um nicht den Lauf der Ereigniſſe zu ſtören und wichtigeren Perſonen hinderlich zu werden, ſammeln uns jetzt um den Schluß. Noch immer umgeben wir, gleich dem Chor des alten Dra⸗ ma's, den Altar mit dem feierlichen, aber zweifelvollen Ge⸗ ſang, welcher die Zuhörer auf die endliche Erfüllung des Schickſals vorbereitet, obſchon wir ſelbſt noch nicht wiſſen, wie der Knäuel ſich entwirren und wo die Scheere ihr Recht üben wird.“ So ſtand ſie da, die ganze Carton⸗Familie— Alle um mich geſchaart— alle mit begierigen Fragen auf den 1678 Lippen— und einige in hohem Grade geneigt, voreilig das Amt der Kritik zu üben. „Violante kann unmöglich freiwillig mit dieſem ſchreck⸗ lichen Grafen davon gegangen ſeyn,“ meinte meine Mutter. „Aber vielleicht wurde ſie getäuſcht, wie Eugenia von Mr. Bellany in der Novelle Camilla'.“ „Ha!“ ſagte mein Vater,„und in dieſem Falle iſt es Zeit, noch einen Wink von der Klariſſa Harlowe zu ſtehlen und Violante weniger an gebrochenem Herzen als an einer befleckten Ehre ſterben zu laſſen. Sie iſt eine von den Mäd⸗ chen, welche gewaltſam untergehen müſſen! Ostendunt omnia letum!— Alles an ihr deutet auf ein frühes Grab!“ „Ach du meine Güte!“ rief Mrs. Caxton;„ich hoffe nicht— das arme Ding!“ „Pah, Bruder,“ nahm der Capitän das Wort,„wir haben in der Geſchichte der armen Nora genug vom Grab gehabt. Das Ganze wächst ja aus einem Grab heraus— ſoll es deshalb zum Grab zurückkehren? Wenn Piſiſtratus Jemand umbringen muß, ſo ſoll er ſich an den Levy machen.“ „Oder an den Grafen,“ bemerkte meine Mutter mit ungewöhnlicher Grauſamkeit. „Oder an Randal Leslie,“ ſagte Squills.„Ich möchte einen post mortem Abguß von ſeinem Kopf haben— er würde eine belehrende Studie abgeben.“ Nun fand eine allgemeine Verwirrung der Zungen ſtatt, denn ſämmtliche Anweſende ſchienen verſchworen zu ſeyn, den unglücklichen Autor mit ihren verſchiedenen wider⸗ en zu 1679 ſprechenden Räthen über den Abſchluß ſeiner Geſchichte und die Verſorgung ſeiner Perſonen von Sinnen zu bringen. „Stille!“ rief Piſiſtratus, die Hände an beide Ohren haltend.„Ich kann an dem Schickſal der Perſonen, welchen ihr die Ehre eurer Theilnahme erweist, eben ſo wenig än⸗ dern, als an eurem eigenen. Wie ihr müſſen ſie dem Zug der Ereigniſſe folgen, vorwärts getrieben von ihren eigenen Charakteren und von dem Wirken Anderer. Die Vor⸗ ſehung beherrſcht das All ſo durchgreifend, daß man ihr Walten nicht einmal in einem Buche ſtreichen kann. Der Autor kann einen Charakter ſchaffen; ſobald aber derſelbe in Handlung tritt, entwiſcht er ſeinen Händen, ſpielt ſeine eigene Rolle und erfüllt ſein unabwendbares Geſchick.“ „Außerdem,“ bemerkte Squills,„kann man aus der phrenologiſchen Entwicklung der Organe an den Köpfen, welche Piſiſtratus unſerer Unterſuchung vorgeführt hat, leicht erkennen, daß wir's nicht mit Schöpfungen der Einbildungs⸗ kraft, ſondern mit lebenden Perſonen zu thun haben, deren wahre Geſchichte die verſchiedenen Hervorragungen des Zeugungstriebs, des Kunſtſinns, des Eigenthumſinns, des Dichtergeiſtes, der Neugier, des vergleichenden Scharffinns und ſo weiter in Thätigkeit ſetzte. Sie müſſen handeln und müſſen enden je nach den Einflüſſen ihrer Schädel. So fin⸗ den wir bei Randal Leslie vorzugsweiſe die Organe des Bauſinnes, der Schlauheit, des vergleichenden Scharfſinns und des Sachgedächtniſſes, während die der Gutmüthigkeit, der Gewiſſenhaftigkeit und der Anhänglichkeit gleich Null ſind. Um uns nun eine Vorſtellung machen zu können, welches 1680 1 Ende es mit einem ſolchen Manne nehmen wird, müſſen wir zuerſt ſehen, aus welchen Beſtandtheilen im Allgemeinen die Geſellſchaft zuſammengeſetzt iſt, in welcher er ſich bewegt v — mit einem Wort, welche andere Gaſe mit ſeinem Phlo⸗ giſton in Berührung kommen. Was ferner Leonard, Harley— und Audley Egerton betrifft, ſo möchte ich von dem phre⸗ nologiſchen Standpunkt aus ſagen, daß—“ 3 „Bst!“ unterbrach ihn mein Vater.„Piſiſtratus hat 2 bereits ſeine Feder in das Dintenfaß getaucht, und es ſcheint f mir, daß es ſelbſt für den weiſeſten Mann, der je gelebt hat, 2 eine weit leichtere Aufgabe iſt, zu erklären, was Andere ge⸗ 3 than haben, als vorauszuſagen, was ſie thun werden. Die f Phrenologen haben gefunden, daß Mr. Thurtell ein ſehr 6 ſchönes Organ der Gewiſſenhaftigkeit beſaß, und doch kam 5 es mit dieſem irrenden Menſchen ſo weit, daß er aus dem ſ Individualitätsorgan ſeines Freundes das Hirn heraus⸗ klopfte. Deshalb erhebe ich mich, um die Beſchlußnahme* zu beantragen, daß dieſes Meeting vertagt werden ſolle, bis. Piſiſtratus mit ſeiner Erzählung zu Ende gekommen iſt. Wir werden dann die Befriedigung haben, zu wiſſen, daß nach allen Grundſätzen der Natur, der Wiſſenſchaft und der Kunſt der Schluß ganz anders hätte ausfallen ſollen. Warum wollen wir uns dieſes Vergnügens berauben?“ „Ich unterſtütze den Antrag,“ ſagte der Capitän; „aber wenn Levy nicht gehängt wird, werde ich behaupten, daß es keine poetiſche Gerechtigkeit mehr gibt.“ „Trag Sorge für die arme Helen,“ bemerkte Blanche ſe en en gt o⸗ re⸗ at int at, e⸗ ie m 16 me bis iſt. der um en, che 1681 zärtlich,„obſchon ich nicht wünſche, daß Du darüber Violante vergeſſeſt.“ „Stille— und ſetzt euch; oder beide ſollen als alte Jungfern ſterben.“ Durch dieſe Drohung eingeſchüchtert, rückte mit einem abbittenden Blicke Blanche ruhig ihren Schemel in meine Nähe, als wolle ſie ihre beiden Schützlinge unter den Ein⸗ fluß einer Atmoſphäre bringen, welche durch die ehliche Anziehung mesmerirt war, während meine Mutter eifrig ans Werk ging, für das Kindlein ein neues Röckchen zu fertigen. Unbeſänftigt von dieſen ungebührlichen weiblichen Einflüſſen, ſchrieb Piſiſtratus weiter, wie es ihm die uner⸗ bittlichen Faten diktirten. Seine Feder war von Eiſen und ſein Herz Granit. Weib und Kind ſchienen ſo wenig für ihn vorhanden zu ſeyn, als hätte er nie eine Haushaltungs⸗ rechnung bezahlt oder bei dem Schreien eines Säuglings der Kinderſtube verzweifelnd den Rücken gekehrt. O ge⸗ ſegnetes Vorrecht der Autorſchaft! O testudinis aureae Dulcem quae strepitum, Pieri, temperast O mutis quoque piscibus Donatura cygni, si libeat, sonum!“ Zweites Kapitel. Es iſt nöthig, daß wir im Gang unſerer Erzählung ein wenig zurückgreifen, um dem Leſer über Violante's Ver⸗ ſchwinden Aufſchluß zu geben. Bulwer, meine Novelle. 4106 1682 Man wird ſich erinnern, daß Peschiera, durch das plötzliche Erſcheinen des Lord LEstrange verſcheucht, nur wenig Zeit zu weiterer Beſprechung mit der jungen Ita⸗ lienerin fand; ſeine Schlußworte betrafen eine zweite Zu⸗ ſammenkunft, in welcher ſie ſich über ſeinen Antrag ent⸗ ſcheiden ſollte. Als er ſich jedoch am anderen Tage wieder im Garten einfand und ſo verſtohlen wie das letztemal unter dem Verſteck der Bäume ihrer harrte, kam Violante nicht zum Vorſchein. Er lauerte in der umgebung, bis die Dunkelheit hereinbrach, und zog dann mit der entrüſteten Ueberzeugung ab, daß es ihm nicht gelungen war, das Herz oder die Ein⸗ bildungskraft des heabſichtigten Opfers für ſeine Seite zu gewinnen. Er begann nun weitere Plane zu entwerfen und beſprach mit Levy den wahrſcheinlichen Erfolg einer von jenen kühnen und gewaltſamen Maßregeln, die ihm von ſei⸗ ner rückſichtsloſen Wagehalſigkeit und von ſeiner verzweifel⸗ ten Lage eingegeben wurden. Aber Levy fand den Einfall⸗ Violante mit Gewalt aus Lord Lansmere's Haus zu ent⸗ führen; mit Recht ſo lächerlich und verwarf den Plan eines nächtlichen Angriffs unter Beihilfe von Fenſtergittern und Strickleitern mit ſolcher Entſchiedenheit, daß der Graf wohl oder übel auf den romanhaften Schurkenſtreich ver⸗ zichtete, der ſo wenig für die nüchterne Hauptſtadt Englands paßte und nothwendig mit dem Einſchreiten der Polizei und einer Verſorgung im Korrektionshaus enden mußte. Da auch Leyy ſich von ſeiner Erfindungsgabe im Stich gelaſſen ſah, ſo wurde Randal Leslie zu der Berathung beigezogen. Der Wucherer hatte es einzuleiten gewußt, „ c„—„— das nur ta⸗ ent⸗ eder nter um heit ung Fin⸗ e zu und von ſei⸗ ifel⸗ fall, ent⸗ ines und Fraf ver⸗ ands und Stich hung 1683 Randals Ausſichten auf Vermögen und Aufkommen in einem Grade auf ſeine eigene Beihilfe und Genehmhaltung zu gründen, daß der junge Mann, trotz ſeines Wunſches, lieber andere Leute zu ſeinen Werkzeugen zu machen, als ihnen zum Werkzeug zu dienen, ſeinen hohen Verſtand ſo voll⸗ ſtändig im Banne von Levy's erfahrenerer Schlauheit fand, als nur je ein Genius der Luft der Herrſchaft eines gemeinen irdiſchen Zauberers unterworfen war. Die Erwerbung der früheren Familiengüter— die Ausſicht auf einen Sitz im Parlament— die Möglichkeit, Frank aus dem Hazeldean⸗Erbe zu verdrängen— Alles dies waren Schnüre, an denen er ſich hin und her ziehen ließ, wie eine Marionette, die der lächelnde Puppenſpieler mit ſeinen glatten, feinnägeligen Fingern zur Bewunderung der Menge in Bewegung ſetzen oder in die ſtaubige Rumpel⸗ kammer werfen konnte. Randal biß ſich mit dem finſteren Grimm eines Man⸗ nes in die Lippe, welcher der Stunde ſeiner künftigen Eman⸗ cipation harrt, und lieh mit mechaniſcher Zuſtimmung ſein Gehirn dem Zwang der gegenwärtigen Knechtſchaft. Es zeigte ſich bald, wie weit der tiefe Geiſt der Intrike, welcher dem jungen Mann inwohnte, dem kecken Muth des Grafen und dem geübten Witz des Barons überlegen war. „Eure Schweſter,“ ſagte Randal zu Peschiera,„muß das Hauptwerkzeug in dem erſten und ſchwierigſten Theil Eurer Unternehmung abgeben. Violante kann nicht mit Gewalt aus dem Haus des Grafen von Lansmere fortge⸗ pracht und muß deshalb bewogen werden, es aus freien 106* 1684 Stücken zu verlaſſen. Dazu braucht Ihr weibliche Bei⸗ hülfe. Ein Frauenzimmer iſt der beſte Lockvogel für ein Frauenzimmer.“ „Bewundernswürdig geſprochen,“ verſetzte der Graf. „Aber Beatrice ſpielt die Widerſpenſtige, und obgleich ihre Morgengabe und ſomit auch ihre Verbindung mit dem vor⸗ trefflichen jungen Hazeldean von meiner eigenen mit meinem ſchönen Bäschen abhängt, ſo iſt ſie doch ſo gleichgültig gegen meinen Erfolg geworden, daß ich nicht auf ihren Beiſtand rechnen darf. Unter uns geſagt, obgleich ſie einmal ſehr erpicht auf's Heirathen war, ſcheint ſie jetzt ſchon vor dem Gedanken daran zurückzuſchaudern, und ich habe keine wei⸗ tere Gewalt über ſie.“ „Hat ſie vielleicht in der letzten Zeit Jemand kennen gelernt, den ſie dem armen Frank vorzieht?“ „Ich vermuthe dies, kann mir aber nicht denken, wer es wäre, wenn es nicht der abſcheuliche L'Estrange iſt.“ „Ah— gut, gut. Setzt ihr nicht weiter zu; aber haltet Alles in Bereitſchaft, um Eurem früheren Plane gemäß England verlaſſen zu können, ſobald Violante in Eurer Gewalt iſt.“ „Die Vorbereitungen ſind ſchon getroffen,“ entgegnete der Graf.„Levy hat es über ſich genommen, von einem ſeiner Clienten ein famoſes Segelſchiff durch Kauf zu er⸗ werben, und für meinen Dienſt ſind bereits ein paar Dutzend entſchloſſene, an die See gewöhnte Geächtete gedungen— Genueſen, Corſikaner, Sardinier— Ercarbonari vom keſten Schlag— keine einfältige Patrioten, ſondern liberale Cos⸗ m fü ve fü F Bei⸗ ein raf. ihre vor⸗ nem egen tand ſehr dem wei⸗ nnen wer aber ßlane te in gnete einem u er⸗ utzend en— beſten Cos⸗ 1685 mopoliten, welche ihr Eiſen dem Geld eines Jeden zur Ver⸗ fügung ſtellen. Auch habe ich mich bereits eines Prieſters verſichert, der die Trauungsceremonie vornehmen wird, ohne für das etwaige Nein der ſchönen Dame ein Ohr zu haben. Iſt Violaute einmal auf dem Waſſer, ſo wird ſie, in wel⸗ chem Hafen ich auch einlaufe, an meinem Arm als Gräfin di Peschiera das Land betreten.“ „Aber,“ erwiederte Randal finſter, während er den Widerwillen zu unterdrücken ſuchte, mit welchem der freche Cynismus des Grafen ſogar ihn erfüllte—„aber Violante kann nicht ſo ohne Weiteres bei hellem Tag in Euer Schiff geſchafft oder aus einem ſo bevölkerten Stadttheil, wie der iſt, in welchem Eure Schweſter wohnt, fortgebracht werden.“ „Ich habe dies gleichfalls in Erwägung genommen,“ ſagte der Graf.„Meine Sendlinge haben dicht an der Themſe ein Haus aufgefunden, das für unſeren Zweck ſo gut paßt, wie die Kerker von Venedig.“ „Von alledem will ich nichts wiſſen,“ verſetzte Ran⸗ dal haſtig.„Ihr werdet Madame di Negra unterweiſen, wohin ſie Violante zu bringen hat. Meine Aufgabe be⸗ ſchränkt ſich nur auf die ſchönen Erfindungen, die in den Bereich des Geiſtes fallen; die Gewalt gehört nicht in meinen Geſchäftskreis. Ich will mich jetzt zu Eurer Schwe⸗ ſter begeben, denn ich glaube, daß mein Einfluß bei ihr wirkſamer ſeyn wird als der Eurige, obſchon ich Euch ſpäter vielleicht einen Wink geben kann, wie Ihr Euch ihrer Vor⸗ würfe erwehren mögt. Wenn übrigens Violante verſchwin⸗ det, ſo wird natürlich der Argwohn zuerſt auf Euch fallen. 1686 Zeigt Euch daher unabläſſig in der Oeffentlichkeit und in der Umgebung Eurer Freunde. Ihr müßt im Stande ſeyn, für jede Stunde Eurer Zeit—“ „Ein alibi nachzuweiſen?“ unterbrach ihn der ei- devant ri 1 Sachwalter. „Ganz richtig, Baron. Vollzieht den Ankauf des E Schiffs, und der Graf ſoll es ſo bemannen, wie er im m Sinne hat. Ich will euch Beiden die geeignete Mittheilung V machen, ſobald es Zeit iſt, zu handeln. Heute werde ich viel m zu thun haben; aber es ſoll geſchehen.“ ji Als Randal das Zimmer verließ, folgte ihm Levy. d „Was Ihr im Schilde führt, wird ohne Zweifel gut e — ausfallen,“ bemerkte der Wucherer, indem er ſeinen Arm in den von Randal ſchlang;„aber nehmt Euch in Acht, daß Ihr Euch nicht ſelbſt in eine Klemme bringt, die Eurem Charakter nachtheilig werden könnte. Ich habe große Hoff⸗ nungen für Euch im öffentlichen Leben, und für das öffent⸗ liche Leben iſt guter Ruf nothwendig— das heißt, ſo weit die Ehre dabei betheiligt iſt.“ „Ich meinem Ruf etwas vergeben— und wegen eines Grafen Peschiera?“ entgegnete Randal mit großen Angen. „Ich? Für was haltet Ihr mich?“ Der Baron ließ ſeinen Arm los. „Dieſer junge Menſch muß es ſehr weit bringen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, als er zu dem Grafen zurückkehrte. e— in yn, ant des im ung viel gut lrm cht, rem off⸗ ent⸗ weit ines gen. agte 1687 Drittes Kapitel. Randals ſcharfem Geiſte hatte ſich längſt die ganz richtige Vermuthung aufgedrungen, daß die plötzliche und ſeltſame Veränderung in Beatricens Anſchauungsweiſe und Gemüthsſtimmung in einer Revolution ihren Grund haben müſſe, wie ſie nur die Leidenſchaft bewirken kann— daß Verdruß und getäuſchte Hoffnung unter den Beweggründen mitwirkten, die ſie veranlaßten, die Hand ſeines übereilten jungen Verwandten anzunehmen— und daß an die Stelle der Gleichgültigkeit, mit welcher ſie früher auf jede Heirath eingegangen wäre, vurch die ſie einer ihren Stolz ſo bitter verletzenden Lage entriſſen wurde, ein Randals ſcharfem Blicke nicht entgehender Widerwille gegen die Erfüllung der Zuſage getreten war, die Frank ſo theuer erkauft hatte. Die Verlockungen, welche der Graf ihr bieten konnte, um ſie zu beſtimmen, an Entwürfen theilzunehmen, deren Trug und Schändlichkeit ihre beſſere Natur empörten— hatten ihre Wirkſamkeit verloren. Die Morgengabe war ihr werth⸗ los geworden, weil dadurch nuk eine Verbindung beſchleunigt wurde, vor der ſie zurückſchanderte; und Randal fühlte wohl, daß ihre Beihülfe nicht anders zu gewinnen war, als wenn man bei ihr auf eine Leidenſchaft wirkte, die ungeſtüm genug war, um ihren Verſtand zu betäuben. Eine ſolche Leidenſchaft erkannte er in der Eiferſucht. Allerdings war es ihm ſchon einmal zweifelhaft geworden, daß Harley der Gegenſtand ihrer Liebe ſey; aber hatte nicht dennoch die Sache eine Wahrſcheinlichkeit für ſich? Er kannte wenigſtens keinen 1688 Anderen, auf den er ſeinen Argwohn werfen konnte, und wenn ſeine Vermuthung richtig war, ſo brauchte er nur zu flüſtern:„Violante iſt Eure Nebenbuhlerin. Habt Ihr dieſe beſeitigt, ſo wird Eure Schönheit die natürliche Wirkung nicht verfehlen. Wäre es dennoch der Fall, ſo ſeyd Ihr eine Italienerin und habt wenigſtens Rache genommen.“ Noch ein weiterer Grund für die Annahme, daß Lord L'Es⸗ trange wirklich ein Mittel ſey, durch das er beſtimmend auf Beatrice einwirken konnte, lag in dem Umſtand, daß ſie ihn bei Gelegenheit ſeines letzten Beſuchs ſehr begierig über die Familie des Lord Lansmere und namentlich über den weiblichen Theil derſelben ausgefragt hatte. Damals war es Randal nicht räthlich erſchienen, von Violante zu ſpre⸗ chen, und er hatte ſich unwiſſend geſtellt, zugleich aber der Marcheſa die Zuſage gegeben, ſie ſolle alle gewünſchte Auskunft erhalten, wenn er ſie das nächſtemal wieder ſehe. Der warme Dank, mit welchem ſie dieſes Verſprechen auf⸗ nahm, hatte ſeinen thätigen Geiſt ſogleich mit Vermuthun⸗ gen erfüllt, und ſchon damals ſchrieb er den Grund ihrer regen Neugierde der Eiferſucht zu. Wenn Harley Violante liebte, wie Randal ſelbſt ſchon geglaubt hatte, ſo mußte das Bischen Leidenſchaftlichkeit, das der junge Mann in ſich auffommen ließ, ſchon vornweg auf die Seite von Peschie⸗ ra's Anſchlägen treten. Denn obſchon Randal keinen Sinn für Violante's Zauber hatte, war ihm doch L'Estrange in tiefſter Seele zuwider, und dieſe Abneigung konnte ſich wohl in ſo weit bis zu feindſeligem Groll ſteigern, als ein kalter Verſtandesmenſch, deſſen Dichten und Trachten auf Erwer⸗ ——.—-„. und rzu ieſe ung Ihr n auf ſie iber den war pre⸗ der chte ehe. auf⸗ un⸗ hrer ante das ſich hie⸗ inn e in ohl lter 1689 bung von Vermögen geht, geeignet iſt, den Einflüſterungen des bloßen Haſſes Raum zu geben. „Im ſchlimmſten Falle,“ dachte Randal,„wird, ſelbſt wenn Harley nicht mit im Spiele iſt, ein Anſchlagen der Eiferſuchtſaite durch ihren Ton mir die wahre Richtung an⸗ deuten.“ Unter ſolchen Selbſigeſprächen erreichte er die Wohnung der Madame di Negra. Nun hatten in Wirklichkeit die Erkundigungen der Mar⸗ cheſa über Lord Lansmere's Familie ihren Grund in dem irregeleiteten, raſtloſen, verzweifelnden Intereſſe, mit wel⸗ chem ſie noch immer das Bild des jungen Dichters feſthielt, gegen den ſich Randal zu keinem Argwohn veranlaßt ſah. Dieſes Intereſſe war durch das ungeduldige Gefühl des Elends, von dem ſie gequält wurde, ſeit ſie einem Anderen ihre Hand zugeſagt, noch geſteigert worden. Eine träu⸗ meriſche Hoffnung, ſie dürfte noch entrinnen, nebſt dem unbeſtimmten reuevollen Gedanken, ſie ſey in Leonards Verbannung aus ihrer Gegenwart zu voreilig geweſen und hätte lieber um ſeine Freundſchaft buhlen ſollen, um erfolg⸗ reich gegen die unbekannte Rivalin kämpfen zu können, zog zu Zeiten ihren launiſchen Geiſt ganz von der Zukunft ab, welcher ſie ſich anheim gegeben hatte. Auch müſſen wir ihr die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, zu bemerken, daß bei all ihrem mangelhaften Pflichtgefühl, und obſchon ſie die Grundſätze, welche ihr Benehmen hätten leiten ſollen, ganz aus dem Geſicht verloren hatte, ihr Herz für den edel⸗ müthigen Hazeldean nicht hart und abgeſtumpft genug war, 1690 um nicht das Bewußtſeyn ihres Undanks ihr zur bitteren Qual zu machen Ja, es ſchien ihr die einzige Sühne zu ſeyn, die ſie ihm geben könnte, wenn ſie einen Vorwand auf⸗ fand, ihr Verſprechen zurückzunehmen und ihn ſo vor ihr ſelbſt zu bewahren. Sie hatte Leonards Schritte beobachten laſſen und die Entdeckung gemacht, daß er häufig das Haus des Lord Lansmere beſuchte und oft lange dort verweilte. Ebenſo war ihr zu Ohren gekommen, daß die Lady Lans⸗ mere zwei junge weibliche Gäſte bei ſich beherbergte. Zu⸗ verläſſig war hier der Magnet, und eine von dieſen beiden ihre Nebenbuhlerin. Randal fand Beatrice in einer Stimmung, welche ſein Vorhaben begünſtigte. Er lenkte zuerſt die Unterhaltung auf Harley, und als er bemerkte, daß bei Erwähnung die⸗ ſes Namens keine Veränderung in ihrem Geſichte vorging, taſtete er ſich in ſeiner ſchlauen Weiſe weiter, bis er ſie all⸗ mälig über ihr ganzes Geheimniß ausgeholt hatte. Nun begann Mr. Leslie in ernſtem Tone: „Wenn Jemand, den Ihr mit einem zärtlichen Gedan⸗ ken beehrt, das Haus des Lord Lansmere beſucht, ſo habt Ihr in der That urſache, für Euch ſelbſt zu fürchten, und ſolltet Eurem Bruder allen Erfolg wünſchen zu dem Zweck, der ihn nach London geführt hat; denn ein Mädchen von überraſchender Schönheit befindet ſich als Gaſt im Haus des Grafen Lansmere, und ich will Euch jetzt ſagen, daß dieſes Mädchen keine andere iſt als diejenige, welche der Graf di Peschiera zur Braut zu gewinnen beabſichtigt.“ Während Randal ſo ſprach und dabei bemerkte, wie —-——— eren e zu auf⸗ ihr hten as ilte. ans⸗ Zu⸗ iden tung die⸗ ing⸗ all⸗ dan⸗ habt und weck, on s des ieſes raf di „wie 169¹ die Stirne ſeiner Zuhörerin ſich verdunkelte und ihr Auge blitzte, erkannte er, daß er ihrer Beihülfe ſicher war. Vio⸗ lante! Hatte nicht Leonard dieſen Namen genannt— und mit welchem Lobe? Waren nicht ſeine Knabenjahre unter ihren Augen hingegangen? Wer anders, als Violante, fonnte ihre Nebenbuhlerin ſeyn? Beatrice's abgebrochene Ausrufungen nach einer kurzen Pauſe enthüllten Randal den Vortheil, welchen er gewonnen hatte. Und nun fuhr er fort, einerſeits ihre Eiferſucht zur Rachgier zu ſteigern, anderer⸗ ſeits ihrer Liebe mit den Verſicherungen zu ſchmeicheln, daß Leonard, wenn einmal Violante von England entfernt und vie Gattin des Grafen di Peschiera ſey, unmöglich gegen ihre eigenen Reize gefühllos bleiben könne; er ſelbſt, Randal, wolle es dann über ſich nehmen, ſie ehrenhaft von ihrer Ver⸗ pflichtung gegen Frank Hazeldean zu befreien und von ihrem Bruder die Abtragung der Geldſchuld zu erwirken, welche zuerſt ihre Hand an dieſen vertrauensvollen Freier gefeſſelt hatte. Und ſo bearbeitete er die Marcheſa, bis ſie ihm nicht nur verſprach, ſich ganz von ſeinem Rathe leiten zu laſſen, ſondern ſogar ſelbſt ungeſtüm in ihn drang, ſeine Plane zur Reife zu bringen und die Stunde ihrer Rache zu beſchleunigen. Randal ging dann einige Minuten langſam und nach⸗ denkend durch die Straßen, da er jetzt die nächſten Maſchen ſeines ausgeſucht feinen Gewebes in Erwägung nahm. Und nunmehr entwarf ſeine Schlauheit ihr glänzendſtes Meiſter⸗ werk. Da man für die Friſt zwiſchen Violante's Verſchwinden 1692 und ihrer Abreiſe von England den Verdacht, welcher Pes⸗ chiera treffen und zu ſeiner Feſthaltung Anlaß geben könnte, ableiten mußte, ſo erſchien es als nöthig, irgend einen Grund für ihre freiwillige Entfernung aus Lord Lansmere's Haus wenigſtens annehmbar zu machen. Noch dringlicher wurde es, daß Randal ſich vollkommen ſicher ſtellte gegen alle Muthmaßungen, als hätte er den Anſchlägen des Grafen Vorſchub geleiſtet, ſelbſt wenn der wirkliche Voll⸗ bringer derſelben entdeckt oder beargwöhnt werden ſollte. Zu dieſem Ende eilte Randal nach Norwood und erhielt Zutritt zu Riccabocca. In ſcheinbarer Aufregung und Un⸗ ruhe theilte er dem Flüchtling mit, er habe Grund zu der Vermuthung, daß es Peschiera gelungen ſey, ſich im Geheim mit Violante zu beſprechen, und er fürchte, daß der Graf einen nicht ungünſtigen Eindruck auf ſie gemacht habe. Er fuhr dann fort, die Eiferſucht eines Liebhabers zu heucheln, und bat Rieccaborca um die Ermächtigung, ohne Weiteres Violante ſeinen Antrag machen und ihre Einwilligung zu ſchleunigſter Vollziehung ihres Ehebundes nachſuchen zu dürfen. Der arme Vater gerieth ganz außer ſich ob dieſer Kunde, und ſeine faſt abergläubiſche Furcht vor ſeinem ſchönen Feind in Verbindung mit ſeinem Wahne, daß das ganze weibliche Geſchlecht gleich empfänglich ſey für den Zauber einer gewinnenden Außenſeite, bewog ihn, nicht nur an die Gefahren, welche ihm Randal vormalte, unbedingt zu glauben, ſondern ſie ſogar noch zu übertreiben. Der Ge⸗ vanke einer Verbindung ſeiner Tpchter mit Randal, welcher zes⸗ nte, nen re's cher gen des oll⸗ llte. ielt Un⸗ der eim raf Er eln, res zu zu eſer iem das den nur ngt Ge⸗ 1693 letzter Zeit ziemlich in den Hintergrund getreten wat, wurde jetzt mit Freuden wieder aufgegriffen; aber ſein erſtes natür⸗ liches Gefühl galt der Sicherheit Violante's, die er fortan ſelbſt bewachen wollte. Er beabſichtigte, zu dem Grafen Lansmere zu gehen und die Tochter heimzuholen— ein Vornehmen, gegen welches der argliſtige Randal Einſprache erhob. „Ich weiß,“ ſagte er,„daß Peschiera leider Euren Zufluchtsort entdeckt hat, und zuverläſſig würde ſie hier weit weniger ſicher ſeyn als an dem Orte, wo ſie ſich jetzt befindet.“ „Aber, diavolo! Ihr ſagt, der Menſch habe ſie dort geſehen, allen Verſprechungen der Lady Lansmere und Har⸗ ley's Vorſichtsmaßregeln zum Trotz!“ „Ja; ſo hat Peschiera ſich gegen mich gerühmt. Er erwirkte dies natürlich nicht offen, ſondern in einer Ver⸗ kleidung. Ich ſtehe jedoch hinreichend in ſeinem Vertrauen (bei kecken Prahlern hält dies nicht ſchwer), um ihn für einige Tage von einer Erneuerung ſeines Verſuchs abſchre⸗ cken zu können. Mittlerweile wird einer von uns Beiden, entweder ich oder Ihr, eine ſicherere Heimath gefunden haben, als Eure gegenwättige iſt; Ihr mögt ſie dann beziehen und in paſſender Zeit auch Eure Tochter hinbringen. Wenn Ihr mir vorderhand ein Schreiben an ſie mitgebt, in wel⸗ chem Ihr ſie anweist, mich als ihren künftigen Gatten auf⸗ zunehmen, ſo wird dies zureichen, alle ihre Gedanken von dem Grafen abzulenken, und ich ſehe mich aus der Art, wie ſie mich empfaͤngt, in den Stand geſetzt, zu entdecken, in 1694 wie weit der Graf den Eindruck, welchen er auf ſie ge⸗ macht zu haben wähnt, überſchätzt hat. Ihr könnt mir auch au Lady Lansmere einen Brief mitgeben, in welchem Ihr die Gräfin erſucht, ſie möchte Eure Tochter abhalten, hieher zu kommen. Oh, Sir— ich bitte, keine Einwen⸗ dungen! Habt Nachſicht mit den Beſorgniſſen eines Lieb⸗ habers und glaubt mir, daß ich mit meinem Rath nur Euer Beſtes im Auge habe. Iſt mir dies nicht ſchon vornweg vurch das innigſte Intereſſe geboten?“ Gleich ſo Vielen, welche weiſe genug ſind, wenn ſie Feder und Papier vor ſich und hinreichend Zeit haben, um ihre Weisheit auszukramen⸗ fühlte auch Riccabveea ſich ver⸗ wirrt, ängſtlich und rathlos, wo es darauf ankam, dieſe Weisheit ſchnell in thatkräftigem Handeln zu zeigen. Er hatte von dem Baum des Wiſſens genug Stecklinge geholt, um einen ganzen Wald damit anpflanzen zu können; aber der ganze Wald war nicht im Stande, ihm einen einzigen handgerechten Spazierſtock zu liefern. Der große Folioband des todten Macchiavel lag nutzlos vor ihm— der lebende Macchiavel der Alltagswelt ſtand allmächtig an ſeiner Seite. Der Weiſe war ſo ſchmiegſam in den Händen des Intri⸗ kanten, wie eine Hellſeherin unter denen ihres Magnetiſeurs. Und die dünnen, mageren Finger Randals ſchrieben Ricca⸗ bocca faſt Wort für Wort den Inhalt der Briefe vor, die verſelbe an ſeine Tochter und ihre Wirthin abfertigen ſollte. Der Philoſoph hätte gerne ſeine Gattin zu Rath gezo⸗ gen, ſchämte ſich aber, dieſe Schwäche zu bekennen. Da ge⸗ mir hem ten, ven⸗ ieb⸗ Fuer weg n ſie um ver⸗ dieſe Er holt, aber zigen band bende Seite. Intri⸗ ſeurs. Ricca⸗ r, die rtigen gezo⸗ Da 1 695 ſiel ihm plötzlich Harley ein, und er ſagte, als Randal die Brieſe in Empfang nahm:— „So— dies wird uns Zeit verſchaffen. Ich will jetzt Lord LEstrange zu mir bitten und mit ihm Rückſprache nehmen.“ „Mein edler Freund,“ verſetzte Randal in traurigem Tone,„darf ich Euch bitten, mit Lord LEstrange nicht zu verkehren, bis ich wenigſtens die Wünſche meines Herzens Eurer Tochter vorgetragen habe— ich möchte ſagen, bis ſie nicht mehr unter dem Dach ſeines Vaters iſt?“ „Und warum?“ „Weil ich denke, daß Ihr es ernſtlich meint, wenn Ihr mich würdigt, mich zu Eurem Schwiegerſohn anzunehmen, und weil ich überzeugt bin, daß Lord L'Estrange Eure Ent⸗ ſcheidung zu meinen Gunſten nur mit Widerwillen anhören wird. Hab' ich nicht Recht?“ Riccabocea gab keine Autwort. „Und obgleich ſeine Einwendungen kein Gewicht haben werden bei einem Mann von Eurem Geiſt und Eurer Ehrenhaftigkeit, ſo könnten ſie doch mehr Einfluß haben auf den jugendlichen Geiſt Eurer Tochter. Ich bitte Euch, zu bedenken, daß ſie den Kunſtgriffen Peschiera's nur um ſo zugänglicher ſeyn wird, je mehr ſie den Verhetzungen gegen mich Gehör ſchenkt. Ich beſchwöre Euch deshalb, ſprecht nicht mit Lord LEstrange, bis Violante meine Hand ange⸗ nommen hat oder ſich wenigſtens wieder unter Eurer Obhut befindet. Wollt Ihr dies nicht, ſo nehmt lieber Eure Briefe wieder zurück; denn ſie können dann doch nicht nützen.“ 1596 „Ihr habt vielleicht Recht. Jedenfalls hegt Lorb LEstrange Vorurtheile gegen Euch; oder vielmehr— er denkt zu ſehr an das, was ich war, und zu wenig an das, was ich bin.“ „Wer kann Euch ſehen, ohne das Gleiche zu thun? Ich vergebe ihm.“ Nachdem Randal die Hand geküßt hatte, welche der Verhannte beſcheiden dieſem Akt der Huldigung zu entziehen ſuchte, ſteckte er die Briefe ein und ſtürzte in ſcheinbarem Kampf mit der Aufregung ſeiner Gefühle aus dem Hauſe. Nun gib wohl Acht, o neugieriger Leſer, welchen Ge⸗ brauch Randal Leslie von dieſen Briefen macht und wie ſchnell er unmittelbare Ergebniſſe aus Kunſtgriffen zu ziehen weiß, die einem ehrlichen, einfachen Verſtand als die weit⸗ ſchweifigſte und gedehnteſte Verſchwendung der Erfindungs⸗ gabe erſcheinen mögen. Ich fürchte faſt, du wirſt dann in deiner Bewunderung des geſcheidten Kopfes halb deine Ver⸗ achtung gegen den Schurken vergeſſen. Aber wenn der Kopf ſehr voll iſt, ſollte das Herz nicht ganz leer bleiben. Es gibt etwas, was man„tupfſteinig ſeyn“ nennt. ———————————— Viertes Kapitel. Helen und Violante hatten ſich mit einander beſprochen, und erſtere in Gemäßheit der von ihrem Beſchützer erhaltenen Weiſung der Gefährtin, obſchon nur in kurzen Worten, ge orb er as, un? der hen rem ſe. Ge⸗ wie ehen veit⸗ ngs⸗ mn in Ver⸗ nicht einig ochen, tenen orten, 4697 ihre förmliche Verlobung mit Harley mitgetheilt. Zwar kam Violante dieſes Vertrauen nicht unerwartet; ſie hatte das Verhältniß bereits geahnt und ſich ſchon vollkommen der Ueberzeugung hingegeben, daß der Traum ihrer Kind⸗ heit für immer dahin ſey; aber dennoch folgte auf die er⸗ klärte Wahrheit, die von Helens Lippen kam, jener bittere Schmerz, welcher beweist, wie unmöglich es iſt, das menſch⸗ liche Herz vorzubereiten auf den endlichen Spruch, wel⸗ cher die ganze Zukunft vernichtet. Sie verbarg übrigens ihre Erregtheit vor Helens argloſem Auge; denn ein tief⸗ gewurzelter Gram wird ſelten an ſich ſelbſt zum Verräther. Nach einer kleinen Weile aber ſchlich ſie von hinnen und verließ ohne einen Gedanken an Peschiera oder an die ihr drohenden Gefahren—(denn welche Gefahr hätte ſie tiefer verwunden können ²)— das Haus, um ſich in ihrer Troſt⸗ loſigkeit unter den entlaubten winterlichen Bäumen zu erge⸗ hen. Gelegentlich blieb ſie ſtehen und murmelte von Zeit zu Zeit immer dieſelben Worte vor ſich hin:„Wenn ſie ihn liebte, ſo läge darin ein Troſt für mich. Aber ſie liebt ihn nicht— wie hätte ſie ſonſt ſo ruhig mit mir ſprechen— wa⸗ rum ſo traurig dabei ausſehen können? Sie hat kein Herz — kein Herz für ihn.“ Dann folgte ein ungeſtümer Ausbruch von Bitterkeit gegen die arme Helen, welcher faſt den Charakter der Ver⸗ achtung oder des Haſſes annahm— ſie erſchrack ſelbſt vor deſſen Uebermaß. „Bin ich denn ſo niedrig geworden?“ ſagte ſie, und Thränen der Demüthigung ſtürzten ihr in die Augen.„Kann Bulwer, meine Rovelle. 107 1698 eine ſo kutze Zeit den Menſchen in dieſer Weiſe veränbern? Nicht möglich!“ Randal Leslie klingelte an dem Hauptportal, fragt⸗ nach Vivlantè und ging ihr, als er ſie ſelbſt auf das Haus zukommen ſah, dreiſt und offen entgegen. Seine Stimme träf ſie erſchreckend, als ſie eben an einem der trübſeligen Bäume lehnte und noch immer in ihrer Verlaſſenheit vor ſich hinmurmelte. „Ich habe einen Btief von Eurem Vater an Euch, Signorinä,“ ſagte er.„Aber eh' ich ihn Euren Händen übergebe, muß ich eine Erklätung vorausſchicken. Laßt Euch herab, mich anzuhören.“ Violante ſchüttelte ungeduldig den Köpf und ſtreckte ihre Hand nach dem Brief aus. Randal beobachtete ihr Antlitz mit ſeinem ſcharfen, kalten, ſpähenden Blicke, gab abet das Schreiben nicht ab, ſondern fuhr nach einer Pauſe fort: „Ich weiß, daß Ihr zu einem fürſtlichen Vermögen ge⸗ boren wurdet, und der Anlaß, welcher meine Anſprache an Cuch entſchuldigen wird, liegt in dem Umſtande, daß Euer Geburtsrecht für Euch verloren iſt, es ſey denn, daß Ihr in eine Verbindung mit dem Mann willigen konntet, der Euch Eures Erbes beraubte. Aber in einer ſolchen Ver⸗ bindung ſieht Euer Vater eine Schinach für ſich ſelbſt und für Euch. Signotina, ich habe vielleicht eite Anmaßung begangen, inbein ich die Liebe zu Euch in mein Hetz einſchlei⸗ chen ließ, würde mich aber nie erdreiſtet haben, von dieſer Liebe zu ſprechen, wenn nicht Euer Vater durch ſeine Zu⸗ ſümnuhg meine Werbung ermuthigt hätte.“ dru ben in! als Fer bei Rie ſeh gla den lich lan zu wer wet anſ wã mit rn? igt aus ame igen ſich den Laßt eckte tlitz das ge⸗ e an Fuer Ihr der Ver⸗ und zung hlei⸗ ieſer Zu⸗ 1699 Violante wandte ihr Antlitz, auf welchem ſich der Aus⸗ druck ſtolzen Staunens kund gab, dem Sprecher zu, und un⸗ bewegt hielt Randal ihrem Blicke Stand. Ohne Wärme und in dem Tone eines Mannes, der eher ruhig argumentirt, als einem tieferen Gefühle Raum gibt, fuhr er fort— „Der Mann, von dem ich ſpreche, iſt Euch auf der Ferſe, und ich habe Urſache, zu glauben, daß er ſich bereits bei Euch eingedrängt hat. Ah, Euer Geſicht verräth die Richtigkeit meiner Vermuthung— Ihr habt Peschiera ge⸗ ſehen? Dieſes Haus iſt alſo nicht ſo ſicher, wie Euer Vater glaubte. Ihr werdet nirgends Sicherheit finden, als in dem Haus eines Gatten. Ich biete Euch meinen Namen — er iſt der eines Gentleman— mein Vermögen, das frei⸗ lich nur klein iſt, und die Theilnahme an meinen Hoffnungen auf die Zukunft, die groß vor meinen Augen ſchwebt. Empfangt jetzt den Brief Eures Vaters, und ich erwarte Eure Antwort.“ Randal machte eine leichte Verbeugung, übergab Vio⸗ lanten das Schreiben und trat einige Schritte zurück. Es lag nicht in ſeiner Abſicht, ſich Violante's Neigung zu gewinnen, da er im Gegentheil ihren Widerwillen wecken oder ihr Schrecken einflößen wollte. Die Gründe werden ſich ſpäter herausſtellen. So trat er bei Seite, anſcheinend in einer Art ſelbſtvertrauender Gleichgültigkeit, während das Mädchen folgende Zeilen las: „Mein Kind, „Nimm Mr. Leslie mit Wohlwollen auf. Er wirbt mit meiner Zuſtimmung um Deine Haud. Umſtände, 107* p 1700 deren Mittheilung vorderhand unnöthig iſt, machen es für meinen Frieden und für mein Glück unerläßlich, daß Eure Verbindung ſchleunigſt vollzogen werde. Mit einem Wort, Mr. Leslie hat meine Zuſage, und ich überlaſſe es ver⸗ trauensvoll der Tochter meines Hauſes, die Verpflichtung zu erfüllen, welche eingegangen wurde von ihrem ängſtlich beſorgten zärtlichen Vater.“ Der Brief entſank Violante's Hand. Randal näherte ſich wieder und gab ihn ihr zurück. Ihre Augen begegneten ſich. Violante ſchauderte. „Ich kann Euch nicht heirathen,“ ſagte ſie mit tonloſer Stimme. „Wirklich?“ entgegnete Randal trocken.„Vielleicht deshalb, weil Ihr mich nicht lieben könnt?“ 5Ja“ „Ich erwartete dies auch nicht, muß aber gleichwohl auf meiner Werbung beſtehen. Ich habe Eurem Vater ver⸗ ſprochen, daß ich mich nicht durch Eure erſte unüberlegte Weigerung zurückſchrecken laſſen wolle.“ „Ich werde ſogleich ſelbſt zu meinem Vater gehen.“ „Verlangt er dies in ſeinem Briefe? Seht doch nach. Entſchuldigt mich; aber er ſah Euer Ungeſtüm voraus und hat mir ein anderes Schreiben an die Lady Lansmere mit⸗ gegeben, in welchem er dieſe erlauchte Dame bittet, Euch, im Falle Euch die Luſt dazu anwandelte, nicht zu ihm zu⸗ rückkehren zu laſſen, bis er ſelbſt komme oder Jemand ſchicke, um Euch zu holen. Er wird dies thun, ſobald Euer Wort ſeiner Zuſage Ehre gemacht hat.“ rer für Fure ort, ver⸗ tung tlich erte eten loſer eicht wohl ver⸗ legte nach. und mit⸗ uch, nzu⸗ hicke, Wort 1701 „Und Ihr erdreiſtet Euch, ſo mit mir zu ſprechen, wäh⸗ rend Ihr vorgebt, daß Ihr mich liebet?“ Randal lächelte ſpöttiſch. „Ich gebe nichts vor und ſtehe einfach als Freier da⸗ Liebe iſt ein Gegenſtand, von dem ich vielleicht früher gerne geſprochen hätte oder ſpäter reden werde. Ich laſſe Euch eine kurze Bedenkzeit. Wenn ich Euch das nächſtemal meine Aufwartung mache, wird es geſchehen, um den Tag unſerer Trauung feſtzuſetzen.“ „Nie!“ „So werdet Ihr die erſte Tochter Eures Hauſes ſeyn, welche einem Vater den Gehorſam verweigert. Und dazu kömmt noch Eurer Seits das Verbrechen, daß Ihr es thut in ſeinem Kummer, in ſeiner Verbannung und in ſeinem Fall.“ Violante rang die Hände. „Habe ich denn keine Wahl— gibt es kein Entrinnen?“ „Ich wüßte nicht wie. Hört mich an. Es iſt wahr, ich hätte Euch lieben können, aber ich ſichere durch eine Ver⸗ bindung mit einem Weſen, das mir abgeneigt iſt, weder mein Glück, noch fordert es meinen Ehrgeiz, wenn ich eine Dame heirathe, welche noch ärmer iſt, als ich. Unſer Bund geſchieht alſo blos deshalb, weil ich Eurem Vater das gegebene Wort halten muß. Ihr ſollt geſchützt werden vor einem Elenden, den Ihr noch mehr haſſen würdet als mich, und vor deſſen Nachſetzungen Euch weder Mauern noch Geſetze behüten können. Nur eine einzige Perſon hätte Euch vielleicht vor dem Elend bewahren können, welches Ihr in der Verbindung p, 1702 mit mir zu fürchten ſcheint; ſie wäre möglicherweiſe in der Lage, die Plane von Eures Vaters Feind zu vereiteln und Bedingungen zu erwirken, unter denen Euer Vater zurück⸗ gerufen und wieder in ſeine Ehren eingeſetzt werden dürfte. Dieſe Perſon iſt—“ „Lord LEstrange?“ „Lord LEstrange?“ wiederholte Randal in ſcharfem Tone, als er die Bläſſe ihrer halboffenen Lippen und das Wechſeln ihrer Farbe bemerkte.„Lord LEstrange! Was hätte dieſer damit zu ſchaffen? Warum nennt Ihr ſeinen Namen?“ Violante wandte ſich ab. „Er hat ſchon einmal meinen Vater gerettet,“ ſagte ſie gefühlvoll. „Und ſeitdem ſich fortwährend eingemengt, kindiſche Züge gethan und weiß der Himmel was verſprochen— zu welchem Ende? Pah! Die Perſon, von der ich ſpreche, würde Euer Vater nicht einmal ſehen wollen— würde ihr nicht glauben, wenn er ſie ſähe, und doch iſt ſie edlen und großen Sinnes und des Mitgefühls für euch beide fähig. Ich meine die Schweſter von Eures Vaters Feind— die Marcheſe di Negra. Ich bin überzeugt, daß ſie großen Einfluß auf ihren Bruder beſitzt— daß ſie genug von ſeinen Geheimniſſen weiß, um ihn durch Furcht zu zwingen, alle ſeine Anſchläge auf Euch aufzugeben; aber es iſt nutzlos, von ihr zu ſprechen.“ „Nein, nein,“ rief Violante.„Sagt mir, wo ſie ſich aufhült— ich muß ſi ſehen. der und ück⸗ fte. fem das Was inen agte iſche zu eche, eihr und ihig. die oßen inen alle zlos, ſich 1703 „Entſchuldigt mich, wenn ich Euch nicht gehorchen kann; und überhaupt iſt jetzt ihr Stolz zu empört durch die unglück⸗ lichen Vorurtheile, welche Euer Vater gegen ſie hegt. Es iſt zu ſpät, um auf ihren Beiſtand zu zählen. Ihr wendet Euch von mir ab— meine Gegenwart iſt Euch zuwider. Ich will Euch davon befreien. Aber willkommen oder un⸗ willfommen— ſpäter müßt Ihr Euch doch datein ſinden, und zwar für's ganze Leben.“ Randal machte abermals eine förmliche Verbeugung, ging auf das Haus zu und fragte nach der Lady Lansmere Die Gräfin war zu Hauſe. Randal überlieferte Riccaboeca's Schreiben, deſſen ſehr kurzer Inhalt die Furcht ausdrückte, Peschiera habe ſeinen Zufluchtsort entdeckt, und mit der Bitte an Lady Lansmers ſchloß, ſie möchte, bis ihr von dem Abſender des Briefes weitere Kunde zugehe, Violante auch gegen ihre Wünſche bei ſich zurückhalten. Die Gräfin las und krümmte geringſchätzig die Lippe. „Sonderbar!“ ſagte ſie halb vor ſich hin. „Ihr findet es ſonderbar,“ verſetzte Randal,„daß Euer Correſpondent ſich vor einem Mann wie der Graf di Peschiera fürchtet— iſt es ſo?“ „Sir,“ entgegnete die Gräfin ein wenig überxaſcht —„es befremdet mich, daß in einem Lande, wie das unſ⸗ rige iſt, ein Menſch den anderen fürchtet!“ „Ich weiß nicht,“ erwiederte Randal mit ſeinem ge⸗ dämpften ſanften Lachen—„ich fürchte piele Menſchen und kenne auch manche, welche Grund hätten, mich zu fürchten, obſchon an jeder Straßenecke ein Polizeidiener ſieht.“ 1704 „Ja,“ ſagte die Gräfin;„aber zu glauben, daß dieſer verworfene Ausländer ein Mädchen wie Violante gegen ihren Willen entführen könute— ein Menſch, den ſie nie geſehen hat und den zu haſſen man ſie wohl von Kindsbeinen an lehrte!“ „Ich bitte, ſeyd demungeachtet auf Eurer Hut, gnä⸗ dige Frau. Wo der Wille vorhanden iſt, fehlt es auch nicht an den Mitteln.“ Randal verabſchiedete ſich und kehrte zu Madame di Negra zurück. Nachdem er ſich eine Stunde bei ihr aufge⸗ halten hatte, ſuchte er den Grafen auf und begab ſich ſodann nach Limmers Hotel. „Randal,“ ſagte der Squire, der ſehr bleich und an⸗ gegriffen ausſah, gleichwohl aber nicht die Schwäche blicken laſſen wollte, daß das tiefgekränkte Herz ſich noch immer nach dem rebelliſchen Sohne ſehnte—„Randal, Ihr habt jetzt nichts in London zu thun. Wollt Ihr nicht mit mir gehen, bei mir bleiben und zur Landwirthſchaft greifen? Ich erinnere mich, daß Ihr ſehr geſunde Anſichten zeigtet über die dünne Ausſaat.“ „Mein theurer Sir, ich will zu Euch kommen, ſobald die allgemeine Wahl vorüber iſt.“ „Was zum Henker habt Ihr denn mit der allgemeinen Wahl zu ſchaffen?“ „Mr. Egerton hat den Wunſch geäußert, daß ich in vas Parlament eintreten moͤchte, und die Unterhandlungen dafür ſind bereits im Gang.“ Der Squire ſchüttelte den Kopf. — 8 eſer ren hen an nä⸗ icht di fge⸗ ann an⸗ cken mer abt mir en? gtet a nen in gen 1705 „Die Politik meines Halbbruders gefällt mir ganz und gar nicht.“ „Ich werde völlig unabhängig von ihr ſeyn,“ verſetzte Randal in hohem Tone.„Dieſe Unabhängigkeit iſt die Bedingung, die ich ſtelle.“ „Freut mich, dies zu hören; und wenn Ihr ins Par⸗ lament kommt, werdet Ihr hoffentlich den Intereſſen des Grundbeſitzes nicht den Rücken kehren!“ „Ich dem Grund und Boden abſtehen?“ rief Randal mit frommer Entſetzung.„Oh, Sir, ich bin nicht ſo unnatürlich.“ „Dies iſt die rechte Art, die Sache aufzufaſſen,“ ent⸗ gegnete der leichtgläubige Squire.„Es iſt unnatürlich! Eben ſo gut kann man der eigenen Mutter den Rücken keh⸗ ren! Der Boden iſt eine Mutter—“ „Für diejenigen, welche von ihm leben, zuverläſſig — eine Mutter,“ ſagte Randal ernſt.„Und obſchon mein Vater eher auf ihm hungert, als von ihm lebt, und ob⸗ ſchon Rvod Hall kein Hazeldean iſt, ſo werde ich— dennoch—“ „Laßt dies jetzt,“ unterbrach ihn der Squire;„ich möchte mit Euch reden. Eure Großmutter war eine Hazel⸗ dean.“ „Ihr Bild hängt in dem Beſuchzimmer von Rood Hall. Die Leute meinen, daß ich ihr ſehr ähnlich ſey.“ „Wirklich?“ verſetzte der Squire.„Die Hazeldeane neigen ſich ſonſt zur Beleibtheit und zu einem roſigen Geſicht — Dinge, die man Euch nicht nachrühmen kann. Doch dies iſt nicht Eure Schuld. Wir ſind eben, wie uns Gott geſchaffen hat. Kommen wir übrigens zur Sache. Ich bin im Begriff, mein Teſtament abzuändern— Eer ſchluckte dabei, als wolle er an einem Brocken im Hals erſticken).„Dies iſt der Entwurf, den mir die Advokaten ausarbeiten ſollen.“ „Ich bitte— ich bitte Sir, ſprecht nicht mit mir von ſolchen Dingen. Es bricht mir das Herz bei dem Ge⸗ danken— nur an die Möglichkeit—“ „Meines Todes? Ha, ha! Unſinn! Mein eigener Sohn hat ja ſchon nach den Verſicherungstabellen das Da⸗ tum berechnet. Ha, ha, ha! Ein ſehr faſhionabler Sohn — meint Ihr nicht? Ha, ha!“ „Der arme Frank! Laßt es ihn nicht entgelten, daß er in einem unglücklichen Augenblick dem richtigen Gefühl untreu wurde. Wenn es ſo weit kömmt, daß er dieſe aus⸗ ländiſche Dame heirathet, und er ſelbſt Vater iſt, ſo wird er—“ „Selbſt Vater?“ brach der Squire los,„Vater von einem Schwarm gelbſüchtiger papiſtiſcher Kröten! Keine ausländiſchen Fröſche ſollen um mein Grab im Hazeldeaner Kirchhof herum hüpfen. Nein, nein. Aber Ihr braucht mich nicht ſo vorwurfsvoll anzublicken. Es iſt nicht meine Abſicht, Frank zu enterben.“ „Natürlich nicht,“ ſagte Randel mit einem bittern Auf⸗ werfen der Lippe, das in rebelliſchem Widerſpruch mit dem erfreuten Lächeln ſtand, welches er zu heucheln ſich mühte. „Nein— er ſoll lebenslänglich die Intereſſen aus dem größeren Theil des Eigenthums beziehen; aber wenn er eine Ansländerin heirathet, ſo ſollen ihre Kinder nicht erben— — —— ckte ies mir ner Da⸗ ohn daß ühl us ird von eine ner ucht eine luf⸗ mit ſich dem eine 1707 in dieſem Fall tretet Ihr nach ihm ein. Aber— laßt mich ausreden— aber Frank ſieht aus, als ob er Euch weit über⸗ leben werde, und Ihr mögt deshalb wohl ſagen; Schönen Dank für die gute Abſicht'. Indeß gedenke ich mehr für Euch zu thun— ich will's nicht bei der kahlen Ausſicht pewenden laſſen. Was ſagt Ihr zu einer Heirath?“ „Ich unterwerfe mich ganz Eurem Gutdünken,“ ent⸗ gegnete Randal demüthig. „Gut. Da wäre Miß Sticktorights zu haben— eine reiche Erbin. Ihre Ländereien gränzen an die von Rood. Ich habe einmal für meinen gottvergeſſenen Buben an ſie gedacht, kann aber noch leichter eine Verbindung mit Euch einleiten. Es haftet eine Pfandſchuld auf dem Eigenthum, und der alte Sticktorights wäre überfroh, wenn er ſie vom Hals hätte. Ich will ſie auf den Hazeldean'ſchen Beſitz übernehmen und noch obendrein mein Wegrecht in den Kauf geben. Ihr verſteht mich? So kommt denn, ſo bald Ihr freie Hand habt, und werbt ſelbſt um die junge Lady.“ Randal drückte mit vieler Beredſamkeit ſeinen Dank aus und deutete dann mit Feinheit an, wenn der Saquire je die Abſicht habe, Frank unbeſchadet ihm eine Gunſt in Geldſachen zu erweiſen, ſo wäre es ihm weit angenehmer, einige Theile des alten Beſitzthums Rood wieder zu erwerben, als alle Ländereien der Sticktorightſe, wie frei ſie auch von jeder anderen Belaſtung denn der ihrer liebenswürdigen Er⸗ bin ſeyn möchten, zu erringen. Der Squire ſchenkte Randal mit wohlwollender Auf⸗ merfſamkeit Gehör. Der Wunſch war von der Art, daß ihn 1708 ein Landgentleman wohl begreifen und dafür Sympathie ge⸗ winnen konnte. Er verſprach, über die Sache Erkundigungen einzuziehen und zu ſehen, ob ſich mit dem alten Thornhill nicht ſprechen laſſe. Randal rückte nun damit heraus, daß Thornhill beab⸗ ſichtige, einen großen Theil der alten Leslie'ſchen Beſitzungen durch Levy verkaufen zu laſſen; auch könne er, Randal, ſie um einen billigeren Preis erwerben, als natürlich verlangt werden würde, wenn Thornhill wiſſe, daß ſein Nachbar, der Squire, in den Kauf ſtehe. „Es wird daher beſſer ſeyn, weder Levy noch Thorn⸗ hill etwas davon wiſſen zu laſſen.“ „Richtig,“ verſetzte der Squire.„Kein Grundeigen⸗ thümer verkauft gern an einen anderen im nämlichen Shire, der ſo begütert iſt, wie er ſelbſt; es zerſtört das Gleich⸗ gewicht des Einfluſſes. Sorgt alſo ſelbſt für die Sache, und wenn ich Euch zu dem Kauf behülflich ſeyn kann— (aber erſt wenn der Burſche verheirathet iſt, denn vorher habe ich für nichts einen Sinn)— gut, ſo ſoll es geſchehen.“ Randal begab ſich jetzt nach Egertons Wohnung. Der Staatsmann befand ſich in ſeinem Sprechzimmer, ging mit ſeinem Hausmeiſter Rechnungen durch und ertheilte kurze Befehle, die Herabſetzung ſeines Haushalts zu dem eines gewöhnlichen Privatgentleman betreffend. „Wenn ich nicht wieder gewählt werde, ſo geh' ich viel⸗ leicht auf Reiſen,“ ſagte Egerton, der ſich gegen ſeinen Dienſtmann herabließ, einen Grund für ſeine Sparſamkeit anzugeben,„und glückt es mir mit meiner Bewerbung, ———+ en ill b⸗ en ſie gt er n* n⸗ re, he, abe Der mit rze nes iel⸗ nen keit ing, 1709 ſo bin ich jedenfalls kein Miniſter mehr und werde viel für mich ſeyn.“ „Ich ſtöre doch nicht, Sir?“ ſagte Randal beim Ein⸗ treten. „Nein, ich bin eben fertig.“ Der Hausmeiſter entfernte ſich ſehr erſtaunt und ver⸗ drießlich und hatte große Luſt, ſelbſt ſeine Entlaſſung zu nehmen, nicht um wie Egerton zu ſparen, ſondern um zu verbrauchen. Er ſtand in geheimem Verkehr mit dem Ba⸗ ron Levy und war in der That der wahre 2. Y. der T imes, für den man irrthümlicher Weiſe Dick Avenel gehalten hatte. Er legte ſeinen Lohn und die Nebeneinkünfte in Discon⸗ tirung von Wechſeln an, und es war ein Theil ſeines eige⸗ nen Geldes, was, freilich ihm unbewußt, die letzten fünf⸗ tauſend Pfund, welche Egerton von Levy geborgt hatte, voll machte. „Ich habe mich mit unſerem Comité ins Benehmen ge⸗ ſetzt,“ ſagte Egerton kurz,„und Ihr werdet unter Lord Lansmere's Zuſtimmung mit mir als Bewerber um die Re⸗ präſentation des Bezirks auftreten. Und ſollte mir etwas begegnen— das heißt, wenn durch irgend eine Urſache mein Sitz erledigt würde, ſo könnt Ihr— vielleicht in ſehr kur⸗ zer Zeit, mein Rachfolger werden. Sucht Euch den Wäh⸗ lern angenehm zu machen und nehmt in den Wirthshäu⸗ ſern für uns beide das Wort. Meine Würde leiht mir einen Vorwand, mich fern zu halten, und ich überlaſſe deshalb Euch die Betreibung der Wahl. Keinen Dank— Ihr wißt, wie mir Dankesbezeugungen zuwider ſind. Gute Nacht.“ 17¹⁰ „Nie ſtand ich dem Vermögen und der Macht ſo nahe,“ ſagte Randal, als er ſich langſam entkleidete.„Und ich ver⸗ danke dies dem Wiſſen— meiner Kenntniß der Menſchen— des Lebens— und alles deſſen, was uns die Bücher lehren können.“ So ließen ſeine feinen dünnen Finger den Löſcher über das Licht fallen, und der glückliche Planmacher legte ſich nie⸗ der, um im Dunkeln zu ſchlafen. Die Läden geſchloſſen, die Vorhänge niedergelaſſen— nie war eine Ruhe ruhiger oder ein Gemach dunkler! An jenem Abend hatte Harley bei ſeinem Vater ge⸗ ſpeist. Er ſprach viel mit Helen, mit Violante dagegen faſt gar nicht. Als übrigens ſpäter und nur kurze Zeit vor ſeiner Verabſchiedung Helen auf ſeine Bitte eine von ſeinen Lieblingsarien auf dem Piano ſpielte und Lady Lansmere, die zwiſchen ihrem Sohn und dem italieniſchen Gaſt ſaß, das Zimmer verließ, benützte Violante die Gelegenheit, um an Harley eine Frage zu richten. „Ihr kennt die Marcheſe di Negra?“ ſagte ſie mit haſtiger Stimme. „Ein wenig. Warum fragt Ihr?“ „Das iſt ein Geheimniß,“ antwortete Violante und verſuchte mit ihrer alten offenen kindlichen Schalkhaftigkeit zu lächeln.„Aber ſagt mir, habt Ihr eine beſſere Mei⸗ nung von ihr, als bon ihtem Bruder?“ „Zuverläſſig. Ich glaube, ſie beſitzt ein gutes Herz und iſt nicht ohne edle Eigenſchaften.“ „Könnt Ihr nicht meinen Vater veranlaſſen, daß er er ie⸗ ie er e en ot len re, ß, um nit nd keit ei⸗ erz 1711 ſie beſucht? Möchtei Ihr ihn nicht durch Euren Rath dazu beſtimmen?“ „Jeder Eurer Wünſche iſt mir Geſetz,“ entgegnete Harley galant.„Ihr wünſcht, daß Euer Vater ſie aufſuche? Ich will ſehen, ob ich ihn dazu bereden kann. Aber zum Dank vertraut mir Euer Geheimniß. Welchen Zweck habt Ihr dabei?“ „Die Rückkehr nach Italien. Ich kümmere mich nicht um Rang und Ehren, und auch mein Vater hat aufge⸗ hört, ihren Verluſt zu beklagen. Aber die Heimath— das Vaterland wieder zu ſehen— oh, und dort zu ſterben!“ „Sterben? Ihr Kinder habt ſo kürzlich erſt den Himmel verlaſſen, daß ihr ſprecht, als könntet ihr zu ihm zurück⸗ kehren, ohne durch die Thore des Kummers, des Alters und der Gebrechlichkeit gehen zu müſſen! Aber ich dachte, es geſiele Euch in England. Warum drängt es Euch ſo ſehr, es zu verlaſſen? Violante, Ihr ſeyd lieblos gegen uns— gegen Helen, die Euch ſchon ſo innig zugethan iſt.“ Während Harley ſo ſprach, war Helen von dem Piano aufgeſtanden. Sie trat auf Violante zu und legte liebkoſend ihre Hand auf die Schulter der Italienerin. Vivlante ſchau⸗ derte und wich zurück. Sowohl Harleh's als Helens Blicke folgten ihr; die des Erſteren waren ſehr ernſt und ge⸗ dankenvoll. „Findet Ihr Eure Freundin nicht verändert?“ fragte er, zu Boden ſchauend. „Ja— in letzter Zeit ſehr verändert. Ich fürchte, ſie trägt etwas auf der Seele, kann mir aber nicht denken, was.“ 1712 „Ah,“ murmelte Harley,„es iſt vielleicht ſo; aber in einem Alter, wie das Eurige und das ihrige, haften Ein⸗ drücke auf dem Geiſt nicht lange. Verſteht mich recht— ich ſage auf dem Geiſt; denn das Herz iſt ſchon beharrlicher.“ Helen ſeufzte leiſe, aber aus tiefer Bruft. „Und deswegen,“ fuhr Harley halb vor ſich hinſpre⸗ chend fort,„können wir leicht entdecken, wenn etwas den Geiſt bedrängt— eine Sorge, eine Furcht, eine Unruhe. Aber wer kann es ergründen oder auch nur ahnen, wenn das Herz ſich über dem Kummer einer Leidenſchaft ſchließt! Doch Ihr, meine reine auftichtige Helen— Ihr wenigſtens könntet Herz und Geiſt in gleicher Weiſe der Probe des ſagenhaf⸗ ten Glasfenſters unterwerfen.“ „O nein!“ rief Helen unwillkürlich. „O ja! Laßt mich nicht denken, Ihr berget auch nur ein Geheimniß, das ich nicht wiſſen, nur einen Kummer, den ich nicht theilen dürfte. Denn bei unſerem Verhältniß wäre dies ein Betrug.“ Er drückte bei dieſen Worten ihre Hand mit mehr als gewöhnlicher Innigkeit und verließ bald nachher das Haus. Und jene ganze Nacht fühlte ſich Helen wie ein ſchuld⸗ beladenes Weſen— unglücklicher ſogar als Violante. Fünftes Kapitel. Früh am nächſten Morgen, als Violante ſich noch auf ihrem Zimmer hefand, lief ein Brief an ſie durch die Poſt ——„— ber in⸗ ich re⸗ den the. das och ntet haf⸗ ein den äre als 8. uld⸗ noch 1713 ein. Die Addreſſe war von einer fremden Hand. Sie öff⸗ nete das Schreiben und las in italieniſcher Sprache, was hier in einer Ueberſetzung folgt:— „Ich möchte Euch gerne ſehen, kann aber nicht offen nach dem Hauſe kommen, in welchem Ihr Euch aufhaltet. Vielleicht liegt es in meiner Macht, ei⸗ nen Familienzwiſt zu ſchlichten und ein Unrecht gut zu machen, das Euer Vater erlitten hat. Möglich auch, daß ich mich in der Lage befinde, Euch einen weſentlichen Dienſt zu erweiſen. Zu dieſem Ende iſt es jedoch nöthig, daß wir uns ſehen und offen mit einander ſprechen. Aber die Zeit drängt und ge⸗ ſtattet keine Zögerung. Wollt Ihr eine Stunde nach Mittag in dem eingehägten Weg, der zu der Hinter⸗ thüre Eures Gartens führt, mit mir zuſammen⸗ treffen? Ich wrrde allein erſcheinen, und Ihr könnt Euch nicht fürchten vor einer Zuſammenkunft mit einer Angehörigen Eures Geſchlechts, die Eure Ver⸗ wandte iſt. Ach, wie ſehne ich mich danach, Euch zu ſehen! Kommt; ich bitte flehentlich darum. Beatrice.“ Violante las, und ihr Entſchluß war gefaßt. Von Natur aus furchtlos, gab es wenig, was ſie nicht gewagt haben würde, wo ſich's um eine Ausſicht handelte, ihrem Vater einen Dienſt zu leiſten. Und nun ſchien ihr jede Ge⸗ fahr geringe zu ſeyn in Vergleichung mit dem, was ihr in der von ihrem Vater unterſtützten Werbung Randals bevor⸗ Bulwer, meine Novelle. 108 ſtand. Und Mr. Leslie hatte ſelbſt geſagt, Mabame di Ne⸗ gra allein ſey im Stande, ſie von ihm zu befreien. Auch war dieſer Dame von Harley das Zeugniß gegeben worden, vaß ſie edle Eigenſchaften beſitze, und wer außer Madame di Negra konnte ihr als Verwandte ſchreiben und mit„Bea⸗ trice“ unterzeichnen? Ein Weilchen vor der anberaumten Stunde ſchlich ſie unbemerkt durch die Bäume, öffnete das Pförtchen und trat in ven ruhigen, einſamen Feldweg hinaus. Einige Minuten ſpäter kam raſchen, leichten Schritts eine Frauengeſtalt auf ſie zu, welche mit einer Art wilder, unterdrückter Heftigkeit ven Schleier zurückwarf und in die Worte ausbrach: „Ihr ſeyd es— ja, man hat mir die Wahrheit berich⸗ tet. Schon!— Schön! Und oh! welche Jugend und welche Blüte!“ Ihre Stimme klang beim Schluß wehmüthig gedämpft, und von dem Ton überraſcht, wie unter dem Lobe erröthend, ſchwieg Violante eine Weile ſtill. Dann begann ſie mit einigem Stocken— „Ihr ſeyd, wie ich vermuthe, die Marcheſe di Negra? und ich habe genug von Euch gehört, um Euch mein Ver⸗ trauen zu ſchenken.“ „Von mir? Durch wen?“ fragte Beatrice faſt mit Heftigkeit. „Durch Mr. Leslie und— und—“ „Fahrt fort— warum ſtottert Ihr?“ „Durch Lord LEstrange.“ „Sonſt durch Niemand?“ eit he ft, nd, nit a er⸗ mit 17¹⁵ „Nicht, daß ich mich erinnern könnte.“ Beatrice ſeufzte tief auf und ließ ihren Schleier fallen. Einige Fußgänger kamen jetzt durch den Heckenweg herauf, und als ſie zweier Damen von ſo auffallendem Aeußeren anſichtig wurden, wandten ſie ſich um und blickten ihnen neugierig nach. „Wir können hier nicht ſprechen,“ bemerkte Beatrice ungeduldig;„und ich habe Euch ſo viel zu ſagen— ſo viel zu fragen. Vertraut Euch mir noch weiter an; Ihr thut es in Eurem eigenen Intereſſe. Mein Wagen wartet dort. Kommt mit mir nach meiner Wohnung— ich werde Euch keine Stunde aufhalten und will Euch ſelbſt wieder zurück⸗ bringen.“ Dieſer Vorſchlag machte Violante betroffen; ſie zog ſich mit einer Geberde der Verneinung gegen das Pförtchen zu⸗ rück. Beatrice legte ihre Hand auf den Arm des Mädchens, lüftete abermals ihren Schleier und betrachtete ſie mit einem Blick, in welchem ſich halb Verachtung, halb Bewunderung ausſprach. „Ich würde auch einmal vor jedem Ueberſchreiten der förmlichen Linie zurückgebebt ſeyn, durch welche die Welt die Freiheit des Weibes abgränzt. Und Ihr ſeht jetzt, wie kühn ich bin. Kind, Kind, kehrt Euch nicht an Kleinigkeiten, wo Euer Schickſal auf dem Spiele ſteht. Es bietet ſich viel⸗ leicht nie wieder eine Gelegenheit dar, wie jetzt. Nicht bloß um Euch zu ſehen, bin ich hieher gekommen; ich muß etwas von Euch erfahren— etwas von Eurem Herzen. Warum erſchreckt Ihr? Iſt dieſes Herz nicht rein?“ 108* 1716 Violante gab keine Antwort; aber ihr holdes, erhabe⸗ nes Lächeln wirkte wie ein demüthigender Vorwurf auf die Fragerin. „Ich fann Euren Vater wieder nach Italien bringen,“ ſagte Beatrice mit veränderter Stimme.„Kommt!“ Noch immer zögernd trat Violante wieder näher. „Doch nicht durch die Verbindung mit Eurem Bruder?“ „Fürchtet Ihr ſie ſo ſehr?“ „Ob ich ſie fürchte? Nein! Warum ſollte ich fürch⸗ ten, was zurückzuweiſen in meiner Macht liegt? Aber wenn Ihr wirklich meinem Vater die Heimath wieder geben könnt — das heißt, durch edlere Mittel— ſo bewahrt Ihr mich vor—“ Violante hielt plötzlich inne. Die Augen der Marcheſa funkelten. „Ich bewahre Euch vor— Ah, ich kann mir denken, was Ihr nicht aus ſprechen wollt. Aber kommt, kommt! Ihr ſeht, da ſind noch mehr Fremde. Ihr könnt mir Alles in meinem Hauſe erzählen. Und wenn Ihr nur ein einziges Opfer zu bringen vermögt, ſo ſoll alles Andere für Euch gerettet werden. Kommt— oder lebt wohl für immer.“ Violante legte ihre Hand mit ſo offenem Vertrauen, daß das verrätheriſche Blut der Marcheſa nach den Wangen ſtieg, in die ihrer Verwandten. „Wir gehören dem gleichen Geſchlecht an,“ ſagte Vio⸗ lante,„ſtammen beide von demſelben edlen Hauſe ab und haben vor der nämlichen jungfräulichen Mutter gekniet. Warum ſollte ich Euch nicht glauben und vertrauen?“ es en, zen io⸗ und iet. 17¹7 „Ja, warum nicht?“ murmelte Beatrice leiſe und ging voran. Ihr Haupt war auf die Bruſt geſenkt und der Stolz aus ihrem Gang verſchwunden. Sie erreichten einen Wagen, der in einer Biegung des Weges ſtand. Beatrice ſagte bei Seite ein Wort zu dem Kutſcher, einem im Dienſte des Grafen ſtehenden Italiener. Dieſer nickte und öffnete den Schlag. Die Damen ſtiegen ein. Beatrice ließ die Blenden nieder; der Kutſcher beſtieg den Bock und fuhr raſch weiter. Beatrice, die ſich in dem Wagen zurücklehnte, ächzte laut. Violante rückte näher an ihre Seite. „Habt Ihr einen Schmerz?“ ſagte ſie mit ihrer zärt⸗ lichen, melodiſchen Stimme;„oder kann ich Euch einen Dienſt leiſten, wie Ihr mir dienen wollt?“ „Kind, gebt mir Eure Hand und ſeyd ſtille, ſo lang ich Euch anſehe. War ich jemals ſo ſchön, wie ſie? Nie! Und welche Tiefen— welche Tiefen rollen zwiſchen ihr und mir.“ Sie ſprach dies wie in Geiſtesabweſenheit und verſank abermals in ein Schweigen, fuhr aber fort, Violante anzu⸗ blicken, deren Augen, von den langen Wimpern verſchleiert, vor dieſer Betrachtung ſich zu Boden ſenkten. Plötzlich fuhr Beatrice auf und rief, indem ſie die Hand an die Haltſchnur legte: „Nein, es ſoll nicht ſeyn.“ „Was ſoll nicht ſeyn?“ fragte Violante, überraſcht von dieſem Ausruf und der denſelben begleitenden Bewegung. Beatrice hielt inne. Ihre Bruſt wogte ſichtbar unter den Kleidern. 1718 „Halt!“ ſagte ſie langſam.„Wie Ihr bemerkt, wir beide ſind Frauen aus demſelben edlen Hauſe. Ihr weist die Bewerbung meines Bruders zurück, obſchon Ihr ihn geſehen habt und ſeine Geſtalt dem Auge wohl gefallen, ſeine Kunſt die Phantaſie beſtricken kann. Er bieiet Cuch Rang, Reich⸗ thum, die Begnadigung Eures Vaters und ſeine Zurück⸗ berufung. Wenn ich nun die Einwendungen, die Euer Vater zu machen hat, widerlegen— wennich beweiſen könnte, daß der Graf weniger Unrecht gethan hat, als er meint, würdet Ihr dennoch den Rang, den Reichthum und die Hand von Giulio Franzini verwerfen?“ „O ja— ja; und wäre ſie die Hand eines Königs!“ „Dann als Weib gegen Weib— beide, wie Ihr ſagt, verwandt und demſelben edlen Stamm entſproſſen— ant⸗ wortet mir dann— antwortet mir— denn Ihr ſprecht mit Jemand, der geliebt hat— liegt der Grund darin, daß Ihr einen Anderen liebt? Sprecht!“ „Ich weiß es nicht. Nein, nicht Liebe— es war ein romanhaftes Gefühl, eine Sache, die unmöglich iſt. Fragt nicht weiter— ich kann Euch nicht antworten.“ Und die abgebrochenen Worte wurden durch plötzliche Thränen erſtickt. Beatrice's Geſicht wurde hart und erbarmenlos. Wie⸗ der ließ ſie den Schleier fallen und zog die Hand von der Haltſchnur zurück. Aber der Kutſcher hatte die Berührung gefühlt und ſeine Pferde anhalten laſſen. „Zugefahren, wohin Ihr gewieſen ſeyd,“ ſagte Beatrice. Es folgte jetzt ein langes Schweigen. Nur mit Mühe M — 1719 gewann Violante ihre Faſſung wieder. Beatrice athmete ſchwer auf, und ihre Arme waren feſt über der Bruſt gekreuzt. Mittlerweile hatte der Wagen London erreicht. Er kam durch den Stadttheil, in welchem die Wohnung der Marcheſe di Negra lag, rollte ſchnell über eine Brücke, fuhr dann über eine breite Straße und durch ein Labyrinth von Gaſſen mit hohen, bleichen, traurigen Häuſern zu beiden Seiten. So ging es fort und immer weiter fort, bis endlich Violante plötzlich in Unruhe gerieth. „Wohnt Ihr ſo weit weg?“ fragte ſie, zog die Blende auf und blickte entſetzt auf die fremde gemeine Vorſtadt. „Man wird mich bereits vermiſſen. Oh, ich bitte, laßt uns zurückkehren.“ „Wir haben jetzt nicht mehr weit. Der Kutſcher hat dieſen Weg eingeſchlagen, um die Straßen zu vermeiden, in denen wir beiſammen hätten geſehen werden können— viel⸗ leicht von meinem Bruder ſelbſt. Hört mich an, und ſprecht von— von dem Liebhaber, den Ihr gehörigermaßen mit ei⸗ nem eitlen romanhaften Gefühl in Verbindung bringt. Un⸗ möglich,— ja, es iſt unmöglich!“ Violante drückte die Hände vor ihre Augen und ſenkte das Haupt. „Warum ſeyd Ihr ſo grauſam?“ ſagte ſie.„Iſt es das, was Ihr mir verſprochen habt? Wie wollt Ihr mei⸗ nem Vater dienen— wie ihn ſeiner Heimath zurückgeben? Dies verhieß mir Eure Zuſage.“ „Wenn Ihr Euch zu einem einzigen Opfer verſteht, ſo will ich dieſe Zuſage erfüllen. Wir ſind zur Stelle.“ 1720 Der Wagen hielt vor einem hohen, einförmigen Haus, welches von den Nachbarhäuſern durch eine hohe Mauer ge⸗ trennt war. Dieſe ſchien einen Hof einzuſchließen und lag an dem Ende einer engen Gaſſe, an welcher auf der einen Seite die Themſe hinfluthete. Der Fluß war hier mit dü⸗ ſteren, unheimlich ausſehenden Fahrzeugen bedeckt, die leblos unter dem winterlichen Himmel dalagen. Der Kutſcher ſtieg ab und läutete an dem Hauſe. Zwei ſchwärzliche italieniſche Geſichter zeigten ſich auf der Schwelle. Beatrice ſchwang ſich leicht aus dem Wagen und reichte Violanten ihre Hand. „Hier ſind wir ſicher,“ ſagte ſie,„und einige Minuten werden zureichen, Euer Schickſal zu entſcheiden.“ Die Thüre ſchloß ſich hinter Violante. Ihr Argwohn ſteigerte ſich jetzt zum Schrecken, als ſie ſich furchtſam in der vunklen unheimlichen Halle umſah. Beatrice wandte ſich gegen den Pfortner um und ſagte: „Der Wagen ſoll warten.“ Der Italiener verbengte ſich lächelnd bei dieſer Wei⸗ ſung; aber ſobald die beiden Damen die Treppe hinaufgeſtie⸗ gen waren, öffnete er die Hausthüre wieder und ſagte zu dem Kutſcher: „Zurück zu dem Grafen und meldet ihm, daß Alles in Ordnung ſey.“ Der Wagen fuhr ab. Der Italiener, welcher dazu Auf⸗ trag ertheilt hatte, verriegelte und verſchloß die Thüre, ſteckte den ungehenren Schlüſſel zu ſich und verſchwand in den geheimnißvollen Winkeln des Erdgeſchoßes. Die jetzt 1721 verlaſſene Halle hatte das grimmige Ausſehen eines Ge⸗ fängniſſes. Die ſtarke Thüre war mit Eiſenblech beſchla⸗ gen; die rauhe ſteinerne Treppe erhielt ihr Licht von einem eiferſüchtig vergitterten Hochfenſter, das von dem Staub vieler Jahre ſtarrte, und ſelbſt die Steine traten da und dort rauh aus dem Gemäuer hervor, als wollten ſie ſich gegen Gewalt ſogar von Innen wehren. Sechstes Kapitel. Wie wir geſehen, hatte der weiſe Einſiedler von Nor⸗ wood, ohne mit ſeiner treuen Jemima zu Rath zu gehen, ſich von ſeiner Furcht und von Randals ſchlauen Einflüſte⸗ rungen bewegen laſſen, jenen entſcheidenden, eigenmächtigen Brief an Violanten zu ſchreiben; doch Nachts, wann die Kirchhöfe ihre Todten und ehliche Herzen die Geheimniſſe herausgeben, welche ſie bei Tag vor einander verſchloßen, theilte der kluge Mann ſeiner Gattin den von ihm einge⸗ ſchlagenen Schritt mit. Nun aber hielt es Jemima mit dem engliſchen Brauch und konnte keinen Geſchmack finden an dem italieniſchen, welcher den Vätern das Recht gibt, über ihre Töoͤchter ohne Rückſicht auf ihre Neigung oder ihren Wider⸗ willen zu verfügen; und da ſie außerdem eine inſtinktartige Antipathie gegen Randal hatte, ſo machte ſie dem Schüler des Macchiavel zwar ſanfte, aber doch ſehr vernünftige Vor⸗ ſtellungen über dieſes Benehmen. Sie überzeugte ihn, daß er nicht den richtigen Weg eingeſchlagen habe, wenn er wirk⸗ 1722 lich fürchte, daß der ſchöne Graf einen Eindruck auf Vio⸗ lante gemacht habe, und ihm daran gelegen ſey, ihre Nei⸗ gung dem von ihm vorgeſchlagenen Freier zuzuwenden; ein ſo plötzlich aufgegriffener Befehl müſſe nothwendig das Herz erkälten, den Willen empören und könne ſogar dem kühnen Peschiera einen romantiſchen Zauber verleihen, den er nie zuvor beſeſſen habe. Dieſe Vorſtellungen wirkten ſo nach⸗ vrücklich, daß Riccabveca die ganze Nacht nicht ſchlafen konnte, und gleich am nächſten Morgen ſchickte er Giacomo mit einem ſehr liebevollen Brief an Violante und einem Schreiben an die Lady Lansmere ab, in welch letzterem er die Gräfin erſuchte, ſeine Tochter auf einige Stunden nach Norwood zu bringen, da er ſehnlichſt wünſche, ſich mit den beiden Damen zu beſprechen. Die Ankunft Giacomo's zu Knightsbridge führte zu der Entdeckung von Violante's Ab⸗ weſenheit. Lady Lansmere, die in ihrem Stolze ſtets darauf Bedacht nahm, die Angelegenheiten ihres Hauſes dem Klatſch der Welt zu entziehen, hinderte Giacomo, ſeine Aufregung vor der Dienerſchaft kund zu thun, und gab dem ganzen anſtändigen Haushalt zu verſtehen, die junge Dame habe ihr mitgetheilt, daß ſie dieſen Morgen einige Freun⸗ dinnen zu beſuchen wünſche, und ſey ohne Zweifel zu dem Gartenpförtchen, das man offen gefunden, hinausgegangen, weil der Weg dort weniger Störung biete als die Land⸗ ſtraße, und die Freundinnen wahrſcheinlich den geſchützten Feldweg zu einem Spaziergang benützt hätten, um hier mit ihr zuſammenzutreffen. Nur dies wundere ſie, fügte Lady Lansmere bei, daß Violante früher, als ſie erwartet, ihren 1723 Ausgang gemacht habe. Nachdem dieſe Erklärung mit einer Ruhe gegeben war, welche ſich Glauben erzwang, beſtellte die Gräfin ihren Wagen und fuhr mit Giacomo zu ihrem Sohn, um mit ihm ſich zu berathen. Harley hatte ſich kaum von der erſten Erſchütterung, in welche ihn dieſe Kunde verſetzte, erholt, als Randal Leslie angekündigt wurde. „Ah,“ ſagte Lady Lansmere,„Mr. Leslie weiß viel⸗ leicht etwas. Er brachte ihr geſtern einen Brief von ihrem Vater. Ich bitte, laß ihn eintreten.“ Der öſterreichiſche Fürſt näherte ſich Harley. „Ich will im nächſten Zimmer warten,“ flüſterte er. „Ihr braucht mich vielleicht, wenn Grund zu dem Argwohn vorhanden iſt, daß Peschiera bei dieſer Geſchichte die Hand im Spiel habe.“ Lady Lansmere nahm das Zartgefühl des Fürſten ſehr gut auf und bemerkte mit einem Blick auf Leonard: „Vielleicht könntet auch Ihr uns Beihilfe leiſten, Sir, wenn Ihr Euch mit dem Fürſten zurückziehen wolltet. Mög⸗ lich, daß Mr. Leslie nicht geneigt iſt, von dieſer Angelegen⸗ heit vor Jemand Anderes zu ſprechen, als vor Harley und mir.“ „Ganz richtig, gnädige Frau; aber nehmt Euch vor Mr. Leslie in Acht.“ Während ſich die eine Zimmerthür hinter dem Fürſten und Leonard ſchloß, trat Randal anſcheinend in großer Auf⸗ regung zu der anderen herein. „Ich bin eben in Eurem Hauſe geweſen, Lady Lans⸗ 1724 mere, und habe dort erfahren, daß Ihr Euch hier befindet. Entſchuldigt die Freiheit, daß ich Euch nachfolgte. Ich war in Knightsbridge, um Violante zu beſuchen, und erfuhr dort, daß ſie fort ſey. Ich bitte Euch flehentlichſt, mir zu ſagen, wie und warum ſie ſich entfernt hat. Ich bin zu die⸗ ſer Frage befugt, da mir ihr Vater ihre Hand verſprach.“ Harley's Falkenauge hatte bei Randals Eintritt aufge⸗ blitzt und beobachtete ſtetig das Geſicht des jungen Mannes, wurde aber bei deſſen Schlußworten durch die gefurchten Brauen umwölkt. LEstrange überließ es indeß ſeiner Mutter, die gewünſchte Antwort und Erklärung zu geben, welche von der Gräfin in kurze Worte zuſammengefaßt wurde. Randal ſchlug die Hände zuſammen. „Und ſie iſt nicht zu ihrem Vater gegangen? Wißt Ihr dies gewiß?“ „Ihres Vaters Diener iſt eben von Norwood ange⸗ kommen.“ „Oh, ſo trifft mich der Vorwurf! Meine übereilte Werbung iſt Schuld daran— ihre Furcht davor— ihre Abneigung. Ich ſehe Alles!“ Randals Stimme klang hohl von Reue und Verzweiflung.„Um ſie vor Peschiera zu bewahren, verlangte ihr Vater, daß ſie ſich ohne Zöge⸗ rung mit mir trauen laſſen ſolle. Sein Befehl kam zu plötzlich und meine Bewerbung war zu unwillkommen. Ich kenne ihren hohen Geiſt; ſie iſt vor mir geflohen. Aber wohin, wenn nicht nach Norwood?— oh, wohin? Welche andere Freunde— welche Verwandte hat ſie?“ „Ihr werft ein neues Licht auf dieſes Geheimniß,“ 1725 ſagte Lady Lansmere.„Vielleicht iſt ſie doch zu ihrem Vater gegangen und hat unterwegs den Diener verfehlt. Ich will ſogleich nach Norwood hinüber fahren.“ „Thut es— thut es; aber wenn ſie nicht dort iſt, ſo nehmt Euch in Acht, Riccabocca nicht mit der Kunde von ihrem Verſchwinden zu erſchrecken. Warnt auch Giacomo davor. Sein Argwohn könnte nur auf Peschiera fallen, und er würde ſich zu einer Gewaltthätigkeit hinreißen laſſen.“ „Und Euer Argwohn geht nicht auf Peschiera, Mr. Leslie?“ fragte Harley plötzlich. „Ha— wär' es möglich? Doch nein. Ich habe ihm dieſen Morgen mit Frank Hazeldean, der ſeine Schweſter heirathen will, einen Beſuch gemacht und war bei ihm, bis ich nach Knightsbridge aufbrach— alſo ganz um die Zeit von Violante's Verſchwinden. Er kann demnach nicht dabei betheiligt geweſen ſeyn.“ „Ihr wart geſtern bei Violanten— habt Ihr mit ihr von Madame di Negra geſprochen?“ ſagte Harley, welchem plötzlich die Fragen einfielen, welche Violante über die Mar⸗ cheſa an ihn geſtellt hatte. Randal fühlte, daß ſein Geſicht ſich verfärbte. „Von Madame di Negra? Ich glaube nicht— doch wär's möglich. Ja, ich erinnere mich jetzt. Sie fragte mich nach der Addreſſe der Marcheſa, und ich wollte ſie ihr nicht geben.“ „Die Addreſſe iſt leicht aufzufinden. Ob ſie wohl nach Beatrice's Wohnung ging?“ 1726 „Ich will hineilen und nachſehen,“ rief Randal auf⸗ ſpringend. „Ich begleite Euch. Ihr nicht, meine theure Mutter. Fahrt, wie Ihr Euch vorgenommen habt, nach Norwood und befolgt Mr. Leslie's Rath. Erſpart unſerem Freunde die Kunde von dem Verluſt ſeiner Tochter, wenn wirklich eine Tücke zu Grund liegt, bis wir ſie ihm wieder zurück⸗ geſtellt haben. Vorläufig kann er uns doch nichts nützen. Giacoma ſoll hier bleiben, da ich ihn vielleicht brauche.“ Harley begab ſich in das nächſte Zimmer, um den Prin⸗ zen und Leonard zu erſuchen, daß ſie ſeine Rücktehr abwarten und dem Giacomo geſtatten möchten, in dem gleichen Gemache zu bleiben. Dann kehrte er haſtig zu Randal zurück. Beiall ſeiner Beſorgniß und Aufregung fühlte er wohl, daß jetzt die größte Beſonnenheit und Geiſtesgegenwart nöthig war. Der Vorfall nahm plötzlich alle die Kräfte in Anſpruch, die ſeit ſeiner Knabenzeit brach gelegen hatten, nun aber mit einem Nachdruck erwachten, vor welchem ſogar Randal gezittert haben würde, wenn er eine Ahnung gehabt hätte von dem Geiſt, dem Muth und der elektriſchen Energie, die ſich unter dem Mantel ruhiger Faſſung bargen. Lord LEstrange und Randal erreichten bald das Haus ver Marcheſa, und erfuhren daſelbſt, daß ſie ſchon am Mor⸗ gen in einem von des Grafen Wagen ausgefahren ſey. Ran⸗ dal warf verſtohlen einen unruhigen Blick auf Harley, ohne daß dieſer ihn zu beachten ſchien. „Nun, Mr. Leslie, was rathet Ihr zunächſt?“ 1727 „Ich weiß hier keinen Rath. Ah— möglicherweiſe hat ſie aus Furcht vor ihrem Vater, deſſen deſpotiſchen Glau⸗ ben an ſeine väterlichen Rechte ſie kennt, und weil ſie weiß, wie ſtarr er an einem gegebenen Wort feſthält, ſich entſchloſ⸗ ſen, ihre Zuflucht zu dem Land zu nehmen— vielleicht zu dem Caſino zu Mrs. Dale oder Mrs. Hazeldean. Ich will auf das Kutſchenbureau eilen und dort nachfragen. In⸗ zwiſchen mögt Ihr—“ „Kümmert Euch nicht um mich, Mr. Leslie. Thut, wie Euch gutdünkt. Aber wenn Eure Vermuthungen tich⸗ tig ſind, müßt Ihr gegen die hochgeborene Dame, die Ihr zu gewinnen trachtet, als ein ſehr roher Freier aufgetre⸗ ten ſeyn.“ „Nicht doch; aber als ein unwillkommener vielleicht. Wenn ſie in der That vor mir ſich geflüchtet hat, brauche ich dann zu ſagen, daß meine Bewerbung ſogleich aufhören wird? Ich bin kein ſelbſtſüchtiger Liebhaber, Lord L'Estrange.“ „Und ich kein rachſüchtiger Mann. Wenn ich aber entdecken könnte, wer ſich gegen dieſe Dame, die ein Gaſt unter dem Dache meines Vaters iſt, verſchworen hat, ſo würde ich ihn in den Schlamm treten, wie ich meinen Fuß auf dieſen Handſchuh ſetze. Guten Tag, Mr. Leslie.“ Randal blieb noch eine Weile ſtehen, während Harley weiter ſchritt; dann verzog ſich ſeine Lippe zu bitterem Hohn, und er murmelte vor ſich hin: „Unverſchämt! Er liebt ſie. Gut; ich bin bereits gerächt.“ 1728 Siebentes Kapitel. Harley begab ſich geraden Weges nach Peschiera's Hotel und erfuhr daſelbſt, der Graf ſey mit Mr. Frank Hazeldean und einigen anderen Gentlemen, die bei ihm gefrühſtückt hat⸗ ten, ausgegangen; er habe für den Fall, daß nach ihm ge⸗ fragt würde, hinterlaſſen, daß er bei Tatterſall ſey, um da⸗ ſelbſt von einigen zum Verkauf ausgebotenen Pferden Ein⸗ ſicht zu nehmen. Harley folgte dieſer Weiſung und fand den Grafen im Hof an einem Pfeiler lehnend und von faſhio⸗ nablen Freunden umgeben. Lord L'Estrange blieb ſtehen und unterdrückte mit einer Kraftanſtrengung ſeinen Zorn. „Ich könnte Alles verderben, wenn ich ihn merken laſſe, daß ich ihn beargwöhne,“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Und doch muß ich lieber mit ihm anbinden und es ſogar auf ein Duell ankommen laſſen, eh' er mir freie Hand zu weiteren Zügen gewinnen ſoll. Ah, iſt dies nicht der junge Hazeldean? Da kömmt mir ein Gedanke!“ Frank ſtand abſeits von der Gruppe, die den Grafen umgab, und zeigte eine ſehr traurige, geiſtesabweſende Miene. Harley berührte ſeine Schulter und zog ihn, ohne daß Peschiera es bemerkte, bei Seite. „Mr. Hazeldean, Euer Onkel Egerton iſt mein theuer⸗ ſter Freund. Wollt Ihr auch mir ein Freund ſeyn? Ich bedarf Eurer.“ „Mein Lord—“ „Folgt mir. Laßt den Grafen Peschiera nicht ſehen, daß wir mit einander ſprechen.“ 2 n, 1729 Harley verließ den Hof und trat durch das nahe gele⸗ gene Pförtchen in den Saint⸗James⸗Park. Er ſetzte Frank mit wenigen Worten von Violante's Verſchwinden in Kennt⸗ niß und theilte ihm die Gründe mit, welche ſeinen Argwohn auf den Grafen lenkten. Franks erſtes Gefühl war das eines entrüſteten Unglaubens, da er den Bruder ſeiner Verlobten keiner ſolchen Schurkerei für fähig hielt; als er ſich aber allmälig den chniſchen und liederlichen Ton in den vertrau⸗ lichen Unterhaltungen des Grafen, die Winke, welche Beatrice ſelbſt zum Nachtheil Peschiera's hatte fallen laſſen, und die gleiſende, waghalſige Verdorbenheit, um deren willen der Italiener auch bei ſeinen Bewunderern im Ruf ſtand, ſeiner Erinnerung vergegenwärtigte, mußte er wider Willen Har⸗ ley's Verdacht für nicht unbefugt anerkennen. Mit einer ernſten Würde, die man nur ſelten an ihm bemerkte, erwie⸗ derte er:— „Glaubt mir, Lord LEstrange, wenn ich zu Ver⸗ eitlung eines ſchändlichen und nichtswürdigen Anſchlags auf dieſe arme junge Dame Beihülfe leiſten kann, ſo dürft Ihr mir nur ſagen, was ich zu thun habe. Soviel iſt übrigens klar, daß Peschiera nicht perſönlich bei dieſer Entführung betheiligt war, denn ich bin den ganzen Tag bei ihm ge⸗ weſen. Und nun ich darzber nachdenke, fange ich an zu hof⸗ fen, daß Ihr ihm Unrecht thut. Er hat nämlich eine große Geſellſchaft der Unſrigen auf die nächſte Woche zu einem Ausflug mit ihm nach Boulogne eingeladen, um ſeine Yacht zu verſuchen. Dies hätte er doch nicht wohl thun können, wenn—“ Bulwer, meine Novelle. 109 1730 „Eine Yacht zu dieſer Jahreszeit? Ein Mann, der gewöhnlich in Wien ſeinen Wohnſitz hat— eine Yacht!“ „Spendquick verkauft ſie an ihn, eben wegen der Jahres⸗ zeit, und aus noch anderen Gründen. Der Graf hat im Sinn, nächſten Sommer eine Fahrt nach den joniſchen In⸗ ſeln zu machen. Er beſitzt daſelbſt Güter, die er noch nie beſucht hat.“ „Wie lang iſt es ſchon, daß er dieſe Yacht angekauft hat?“ „Ei, ich weiß nicht, ob ſie ſchon gekauft— das heißt, ſchon bezahlt iſt. Levy wollte erſt heute Morgen Spendquick aufſuchen und die Sache in's Reine bringen. Spendquick beklagt ſich, daß Levy ihn über's Ohr haue.“ „Mein theurer Mr. Hazeldean, Ihr gebt mir einen Fingerzeig, der aus dieſem Labyrinth helfen dürfte. Wo werde ich Lord Spendquick finden?“ „Um dieſe Stunde wahrſcheinlich in ſeinem Bette. Hier iſt ſeine Karte.“ „Ich danke. Und wo liegt das Schiff?“ „Es befand ſich kürzlich noch bei Blackwall. Ich ging hin, um es zu ſehen— nder fliegende Holländer— ein ſchönes Fahrzeug und mit Geſchütz verſehen.“ „Genug. Merkt jetzt auf. Violante kann von keiner unmittelbaren Gefahr bedroht ſeyn, ſo lange Peschiera nicht mit ihr zuſammentrifft und ſo lange wir Kunde von ſeinen Bewegungen haben. Ihr ſeyd im Begriff, ſeine Schweſter zu heirathen. Benützt dieſes Vorrecht dazu, daß Ihr nicht von ſeiner Seite weicht. Laßt Euch ja nicht abſchütteln und benützt alle Vorwände, welche Euch Euer Erfindungsgeiſt 1731 eingibt. Einen will ich Euch namhaft machen. Stellt Fuch an, als ſeyet Ihr ängſtlich und unruhig, zu erfahren, wo Ihr Madame di Negra auffinden könnt.“ „Madame di Negra?“ rief Frank.„Wie kommt Ihr auf ſie? Iſt ſie nicht in Curzon Street?“ „Nein; ſie iſt in einem der Wagen des Grafen aus⸗ gefahren. Aller Wahrſcheinlichkeit nach wird der Kutſcher oder ein bei der Partie betheiligter Lakai im Lauf des Ta⸗ ges zu dem Grafen kommen, und dieſer, um Euch vom Hals zu bringen, Euch die Weiſung geben, ſelbſt mit dem Diener zu ſprechen und Euch durch ihn überzeugen zu laſſen, daß ſeine Schweſter ſich wohl befinde. Thut, als glaubet Ihr Alles, was der Mann Euch ſagt, aber lockt ihn unter dem Vorwand nach Eurer Wohnung, daß Ihr an die Marcheſa einen Brief zu ſchreiben habet. Iſt er einmal da, ſo wird er auch unſchädlich ſeyn, denn ich will Sorge dafür tragen, daß die Diener der Gerechtigkeit ihn unter ihre Obhut neh⸗ men. Sobald Ihr ihn bei Euch habt, ſo ſchickt einen Erpreſ⸗ ſen nach meinem Hotel.“ „Aber wie kann ich, wenn ich nach meiner Wohnung gehe, den Grafen bewachen?“ entgegnete Frank verwirrt. „Es wird dann nicht mehr nöthig ſeyn. Bewegt ihn nur dazu, daß er Euch nach Eurem Quartier begleitet, und verabſchiedet Euch von ihm an der Thüre.“ „Halt, halt!— Ihr vermuthet doch nicht, daß Ma⸗ dame di Negra einem ſo ſchändlichen Anſchlage Vorſchub leiſte? Verzeiht mir, Lord LEstrange; aber ich kann mich bei dieſer Sache nicht betheiligen, nicht einmal Euch anhören 109* 1732 — es ſey denn als Feind— wenn Ihr auch nur durch ein Wort die Ehre der Dame verdächtigt, die ich liebe.“ „Wackerer Gentleman, Eure Hand. Ich möchte eben ſo gut Madame di Regra als das junge Kind meines Freun⸗ des retten. Wenn Ihr handelt, wie ich Euch bitte, braucht Ihr nur an ſie zu denken, und Alles wird gut gehen. Ich ſchenke Euch mein volles Vertrauen. Aber jetzt müßt Ihr zu dem Grafen zurückkehren.“ Frank that, wie ihm geheißen wurde. Seine Stirne zeigte den Ausdruck des Nachdenkens und ſeine Lippen waren feſt geſchloſſen. Harley beſaß jene Gabe, welche zu dem Geiſt des Handelns gehört. Er wußte Anderen das Licht ſeines eigenen Verſtandes und die Kraft ſeines Willens ein⸗ zuflößen. LEstrange eilte jetzt zu Lord Spendquick, verweilte einige Minuten bei dieſem jungen Gentleman und kehrte dann nach ſeinem Hotel zurück, wo der Fürſt, Leonard und Gia⸗ como noch immer auf ihn warteten. „Kommt mit mir, ihr Beide— auch Ihr, Giacomo. Ich muß jetzt nach der Polizei ſehen. Dann können wir uns in die verſchiedenen Aufgaben theilen.“ „Oh, mein theurer Lord,“ rief Leonard—„Ihr müßt gute Kunde eingezogen haben. Ihr ſcheint heiter und hoff⸗ nungsvoll zu ſeyn.“ „Scheinen? Nein, ich bin es! Könnte ich innehal⸗ ten, um zu zagen oder auch nur zu zweifeln, ſo müßte ich wahnſinnig werden. Weſſen Geiſt würde ſich nicht erheben, weſſen Erfindungsgabe nicht glühen unter dem warmen Puls 1733 ſeines Herzens, wenn es gilt, einen Teufel zu überliſten und einen Engel zu retten!“ Achtes Kapitel. Ein trübes Zwielicht herrſchte in dem Zimmer, nach welchem Beatrice Violante geführt hatte. Mit der Mar⸗ cheſa war eine große Veränderung vorgegangen. Demüthig und thränenvoll kniete ſie an Violante's Seite, verhüllte ihr Geſicht und flehte um Verzeihung. Und Violante ſuchte ſie zu beſchwichtigen und verſicherte ſie in ſanften Worten ihrer Vergebung, obſchon ſie kaum den Schrecken zu bannen vermochte, für welchen, wie ſie jetzt ſah, mehr Grund vor⸗ handen war, als von dem muthigſten Frauenher zmit Stand⸗ haftigkeit ertragen werden konnte. Aus wenigen ungeſtümen Fragen, welche endlich die Antworten erzwangen, welche allen Zweifel beſeitigten, hatte Beatrice die Ueberzeugung gewonnen, daß ihre Eiferſucht grundlos und Violante keine Nebenbuhlerin war. Von die⸗ ſem Augenblick an verſchwanden plötzlich die Leidenſchaften, welche ſie zu einem Werkzeug der Schuld gemacht hatten, und ihr Gewiſſen erſchrack vor der Größe ihres Verraths. Wäre Violante's Herz ganz frei geweſen oder hätte ſie den gewöhnlichen Mädchencharakter beſeſſen, den Frauen wie Beatrice zu verachten pflegen, ſo würde vielleicht die Liebe zu dem Bruder oder die Furcht vor ihm die Marcheſa veran⸗ laßt haben, ihre Ueberredungskunſt in ſo weit an ihrer jun⸗ 1734 gen Verwandten zu verſuchen, daß dieſe wenigſtens den Be⸗ ſuch des Grafen annahm und ihm geſtattete, ſeine Ent⸗ ſchuldigungen vorzubringen und für ſich ſelbſt zu ſprechen. Aber der hohe Geiſt, mit welchem Violante Anfangs ihre Fragen abwies, dann die edelmüthige, holde Zartheit, als das Mädchen ſah, welchen wahnfinnig machenden Qualen das wilde Herz erlag, und die Reinheit ihres offenen Weſens, als ſie endlich die eigene jungfräuliche Scham hinreichend überwältigt hatte, um den von ihr entdeckten Irrthum auf⸗ zuklären und den wahren Gegenſtand ihrer Liebe zu nennen — alles Dies zuſammen übte auf Beatrice eine ſolche Wir⸗ kung, daß ſie ſich vor ihrer jugendlichen Verwandten nieder⸗ beugte, wie ein Matroſe früherer Zeiten vor einer ſchönen Heiligen, welche den Sturm beſchworen hatte. „Ich habe Euch getäuſcht,“ rief ſie unter Schluchzen; „aber Ihr ſollt gerettet werden, was es auch koſten mag. Wärt Ihr geweſen, was ich von Euch vermuthete— die Ne⸗ benbuhlerin, welche alle Hoffnungen meines künftigen Lebens vernichtete— ſo würde ich ohne Bedenken die Rolle durch⸗ geführt haben, zu welcher ich mich bei dieſer Handlung des Verraths verpflichtete. Aber jetzt, Ihr— oh, Ihr— ſo gut und ſo edel— Ihr könnt nie die Braut Peschiera's werden. Nein, erſchreckt nicht. Er muß ſeine Anſchläge auf Euch für immer fallen laſſen, oder ich gehe ſelbſt zu un⸗ ſerm Kaiſer und enthülle die ſchwarzen Geheimniſſe ſeines Lebens. Kehrt mit mir hurtig nach dem Hauſe zurück, aus dem ich Euch verlockt habe.“ Beatrice's Hand lag während dieſer Schlußworte auf 1735 der Thürklinke. Aber plötzlich veränderte ſich ihr Geſicht und ihre Lippen wurden blaß; die Thüre war von außen verriegelt. Sie rief— keine Antwort. Der Glockenzug im Zimmer gab keinen Ton; die Fenſter waren hoch und mit Gittern verſehen. Sie gingen weder nach dem Fluß noch nach der Straße hinaus, ſondern boten dem Blick nur eine Ausſicht nach einem engen, düſteren, ſtillen Hof, der rings von hohen, bleichen Mauern umgeben war. Kein Nothruf, wie laut und ſcharf er auch erklingen mochte, traf ein Ohr. Beatrice ahnte nun, daß ſie nicht minder gefangen war als ihre Gefährtin, und daß Peschiera, der ihrer Stand⸗ haftigkeit im Böſen nicht traute, ihr die Möglichkeit abge⸗ ſchnitten hatte, ihr Vergehen wieder gut zu machen. Sie befand ſich in einem Hauſe, das blos von ſeinen Miethlingen bewohnt wurde, und es ſchien keine Hoffnung mehr übrig zu bleiben, Violante vor einem Geſchick zu bewahren, das jetzt ſie ſelbſt mit Entſetzen erfüllte. Unter unzuſammenhängen⸗ den Selbſtvorwürfen und einem an Wahnſinn gränzenden Schmerz kniete Beatrice neben ihrem Opfer, daſſelbe mehr und mehr mit dem eigenen Schrecken anſteckend, während die Stunden dahinrannen und das Zimmer immer dunkler wurde, bis zuletzt die Beiden nur noch im Schein der trüben Lampe, der vom Hof her durch die grimmigen Fenſter fiel, ihre Ge⸗ ſichter unterſcheiden konnten. Die Nacht brach ein. Sie hörten von einem fernen Kirchthurm her die Stunden ſchlagen. Das matte Feuer war längſt ausgebrannt und die Luft wurde empfindlich kalt. 1736 Nichts ſtörte ihre Einſamkeit, und im ganzen Haus ließ ſich auch nicht eine Stimme vernehmen. Aber ſie fühlten we⸗ der Kälte noch Hunger; nur die Oede ihres Zimmers, das Schweigen und die Furcht vor etwas, das kommen ſollte, laſtete ſchwer auf ihnen. Endlich gegen Mitternacht erſcholl der Ton einer Glocke von der Hausthüre her; dann vernahm man raſche Tritte auf der Treppe, das dumpfe Zurückſchieben von Riegeln und das Murmeln von Stimmen. Licht drang durch die Thür⸗ ſpalten in das Gemach, und endlich öffnete ſich die Thüre ſelbſt. Zwei Italiener traten mit brennenden Kerzen ein, und der Graf di Peschiera folgte ihnen. Beatrice ſprang auf und ſtürzte auf ihren Bruder zu. Er legte ſanft ſeine Hand auf ihre Lippen und winkte den Italienern, ſich zu entfernen. Sie ſtellten die Lichter auf den Tiſch und verſchwanden ſo ſtumm, wie ſie eingetreten waren. „Meine ſchöne Muhme,“ ſagte er mit der Miene leich⸗ ter, aber entſchloſſener Zuverſichtlichkeit,„es gibt Dinge, die kein Mann entſchuldigen und keine Frau verzeihen kann, wenn nicht die Liebe, welche über allen Geſetzen ſteht, die Entſchuldigung des einen und die Vergebung der anderen er⸗ wirbt. Mit einem Wort, ich habe geſchworen, Euch zu ge⸗ winnen, und die Gelegenheit zum Werben war mir verſagt. Fürchtet Euch nicht; das Schlimmſte, was Euch betreffen kann, beſteht darin, daß Ihr meine Braut werdet. Tritt bei Seite, Schweſter— tritt bei Seite.“ „Giulio, nein! Giulio Franzini, ich trete zwiſchen ir en 1737 Euch und ſie. Vorher müßt Ihr mich zu Boden ſchlagen, eh' Ihr auch nur den Saum ihres Kleides berührt.“ „Wie, meine Schweſter, Ihr kehrt Euch gegen mich?“ „Und wenn Ihr nicht augenblicklich zurücktretet und ſie in Freiheit ſetzt, ſo will ich Euch vor dem Kaiſer entlarven.“ „Zu ſpät, mon enfant; Ihr werdet mit uns abſegeln. Die Effekten, die Ihr für die Reiſe nöthig haben dürftet, ſind bereits an Bord. Ihr ſollt ein Zeuge unſerer Trauung ſeyn, die ein heiliger Sohn der Kirche vollziehen wird. Dann ſagt dem Kaiſer was Ihr wollt.“ Mit einer leichten und plötzlichen Anwendung ſeiner Körperkraft ſchob der Graf Beatrice zurück und kniete vor Violante nieder, welche ſtolz aufrecht daſtand und ohne zu zittern, obſchon leichenblaß, ihn mit unausſprechlicher Ver⸗ achtung in's Auge faßte. „Ihr verſchmäht mich noch immer,“ ſagte er, ſeinem Geſicht den Ausdruck von Demuth und Bewunderung gebend, „und ich wundere mich nicht darüber. Aber glaubt mir, daß ich von der Gewalt, die ich über Euer Geſchick errungen habe, keinen Vortheil ziehen werde, bis dieſe Verachtung einem wohlwollenderen Gefühle gewichen iſt.“ „Gewalt?“ verſetzte Violante ſtolz.„Ihr habt mich betrüglich in dieſes Haus gelockt und beſitzt über mich die Gewalt eines Tages— Gewalt über mein Geſchick? Nim⸗ mermehr!“ „Ihr wähnt, Eure Freunde haben Euer Verſchwinden entdeckt und ſeyen Euch auf der Fährte. Meine Schöne, ich habe mich vorgeſehen gegen Eure Freunde und trotze 1738 allen Geſetzen und Polizeibeamten von England. Das Schiff, das Euch von dieſen Ufern fortbringen wird, liegt ganz in der Nähe auf dem Fluß. Beatrice, ich warne Dich— ruhig — laß mich los. In dieſem Schiff befindet ſich ein Prieſter, der unſere Hände vereinigen wird, aber nicht früher als bis Ihr die Wahrheit anerkannt habt, daß diejenige, welche mit Giulio Peschiera flieht, ſeine Gattin werden, oder als die Schande ihres Hauſes, als ein Schimpf ihres Geſchlechtes ihn verlaſſen muß.“ „Oh, Schurke! Schurke rief Beatrice. „Peste, meine Schweſter, keine ſo gemeine Worte! Auch Ihr wolltet heirathen, und ich ſchwatzte nichts von Euch aus. Signorina, es thut mir leid, mit Gewalt dro⸗ hen zu müſſen. Gebt mir Eure Hand; wir müſſen fort von hier.“ Violante wich der Berührung aus, die ſie entweiht ha⸗ ben würde, ſtürzte durch das Gemach, riß die Thüre auf und ſchlug ſie haſtig hinter ſich zu. Beatrice klammerte ſich mit all ihrer Kraft an den Grafen an, um ſein Nachſetzen zu hindern. Aber unmittelbar vor der Thüre, ſo nahe, als wollte er hören, was innen vorging, ſtand ein Mann, der vom Kopf bis zu den Füßen in einen großen Schiffsmantel gehüllt war. Ein Strahl der Lampe, welche den Fremden beleuchtete, fiel auf den Lauf einer Piſtole, welche er in der Rechten hielt. „Bst!“ flüſterte der Mann in engliſcher Sprache und ſchlang ſeinen Arm um den Flüchtling.„So lang Ihr Euch in dieſem Hauſe befindet, ſeyd Ihr in der Gewalt des Schur⸗ — — —„—„—„„— „ iff⸗ ig er, bis nit die te! von ro⸗ fort ha⸗ auf ſich etzen als „der ntel nden nder und Euch chur⸗ 1739 ken— draußen aber in Sicherheit. Ich bin an Eurer Seite — Violante!“ Die Stimme bebte Violanten durch's Herz. Sie fuhr Fiin und blickte auf. Aber von dem Geſicht des Man⸗ nes das ſich unter dem Hut und Mantel verbarg, war nichts zu ſehen als eine Maſſe ſchwarzer Locken und ein Bart von derſelben Farbe. Der Graf riß jetzt die Thüre auf, ſeine Schweſter hinter ſich herſchleppend, die noch immer nicht von ihm ablaſſen wollte. „Ha— dies iſt gut!“ rief er dem Mann in italieniſcher Sprache zu.„Tragt mir die Dame nach, aber ſachte, und wenn ſie ſchreien will— je nun, ſo wendet gerade ſo viel Gewalt an, als nöthig iſt, ſie zum Schweigen zu bringen — weiter nicht. Was Dich betrifft, Beatrice— tückiſche Verrätherin!— ſo könnte ich Dich zu Boden ſchlagen— aber— nein— ſo iſt es hinreichend.“ Er umfaßte ſeine Schweſter mit den Armen und eilte mit ihr ohne Rückſicht auf ihr Schreien und Sträuben die Treppe hinunter. Die Halle war voll von wilden, braunen Männergeſich⸗ tern. Der Graf wandte ſich an einen aus dem Haufen und flüſterte ihm etwas zu. Im nächſten Augenblick war die Marcheſa ergriffen und geknebelt. Der Graf warf einen Blick über ſeine Schultern zurück. Violante war dicht hin⸗ ter ihm, von dem Manne geführt, dem Peschiera ſie ver⸗ traut hatte und der jetzt auf Beatrice deutete, augenſchein⸗ lich um ſie vor Widerſtand zu warnen. Violante verhielt ſich ſtumm und, wie es ſchien, ergebungsvoll. Peschiera lächelte ſpöttiſch und ſtieg, während zwei ſeiner Miethlinge mit Fackeln vor ihm herleuchteten, einige Stufen hinab, die nach einem Treppenabſatz zwiſchen der Halle und dem Erd⸗ geſchoß führte. Hier befand ſich eine kleine offene Thüre, in deren Nähe der Strom vorbeifluthete. Ein Boot war an dem Ufer angelegt, und davor ſtunden vier Männer, ihrem Aeußeren nach italieniſche Matroſen. Bei Peschiera's Er⸗ ſcheinen ſprangen drei derſelben in das Fahrzeug und hiel⸗ ten die Ruder in Bereitſchaft. Der eine legte ſorgfältig die Planke auf, welche man vor dem Boot an den Kai ge⸗ ſchoben hatte und bot dem Grafen dienſtfertig den Arm. Peschiera war der Erſte, der einſtieg; er nahm, eine heitere Opernarie vor ſich hinſummend, neben dem Steuer Platz. Die beiden Frauenzimmer wurden zunächſt hineingehoben, und Violante fühlte, daß der Mann, velcher neben der Planke ſtand, ihr faſt krampfhaft die Hand drückte. Die Uebrigen folgten, und eine Minute ſpäter hüpfte das Boot ſchnell über die Wellen nach einem Schiff hin, das ungefähr hundert Ruthen ſtromabwärts und etwas bei Seite von den gemeineren Fahrzeugen lag, von denen der Fluß wimmelte. Die Sterne blinkten bleich durch die neblichte Luft, und in dem Boot war Alles ſtille; nur der regelmäßige Schlag der Ruder bekundete Leben. Der Graf hielt in ſeiner Arie inne, hüllte ſich in die weiten Falten ſeines Pelzmantels und ſchien in Gedanken vertieft zu ſeyn. Sogar in dem unvollkommenen Sternenlicht ließ ſich auf Peschiera's Geſicht der Ausdruck von Triumph erkennen. Der Erfolg hatte das ſorgloſe und ge die rd⸗ in an em Fr⸗ el⸗ tig ge⸗ ere unverſchämte Vertrauen auf ſich ſelbſt und ſein Glück, die⸗ ſen hervorſtechendſten Zug in dem Charaker eines Mannes, gerechtfertigt, der, zugleich Bravo und Spieler, mit der Welt anband, in der einen Hand ſein Rappier und die falſchen Würfel in der anderen.— Befand ſich Violante einmal auf dem von ſeinen Leuten bemannten Schiff, ſo war ſie rettungs⸗ los in ſeiner Gewalt, und ſogar ihr Vater mußte ſich Glück wünſchen, wenn er erfuhr, daß Peschiera's Gefangene ihren Namen und Ruf dadurch gerettet hatte, daß ſie ſeine Gattin wurde. Selbſt der weibliche Stolz mußte Violante veran⸗ laſſen, zu beſtätigen, was Peschiera natürlich der Welt glauben zu machen wünſchte, daß ſie nämlich freiwillig theil⸗ genommen habe an den Anſchlägen des Bräutigams, ſich an den Altar zu flüchten, da ein allzuklägliches Licht auf ſie fiel, wenn ſie als das arme Opfer eines Verräthers erſchien, der ihr nur aus Erbarmen die Hand reichte. Er ſah ſein Ver⸗ mögen geſichert, ſein Glück beneidet und ſogar ſeinen Ruf durch ſeine glänzende Heirath wieder hergeſtellt. Der Ehr⸗ geiz begann ſich in ſeine Träume von Luſt und Pracht zu mi⸗ ſchen. Welcher Poſten am Hof oder im Staat war zu hoch für das Trachten eines Mannes, der das unbeſtrittenſte Ta⸗ lent für's thätige Leben, das Talent, Alles glücklich durch⸗ zuführen, was der Wille unternommen, an den Tag gelegt hatte? In ſolchen Gedanken, welche ihn die Gegenwart in der goldenen Zufunft halb vergeſſen ließen, erging ſich der Graf, bis er durch den lauten Ruf vom Schiffe her und durch das Getümmel am Bord des Boots, als die Matroſen das ihnen zugeworfene Tau auffingen, aus ſeinen Träumen ge⸗ 1742 weckt wurde. Er erhob ſich und ging auf Violante zu. Aber der Mann, welcher ihre Obhut übernommen hatte, glitt mit der nicht widerſtrebenden Gefangenen, welche er halb führte, halb trug, an ihm vorbei:„Entſchuldigt, Erxzel⸗ lenza,“ ſagte der Fremde in italieniſcher Sprache,„aber das Boot iſt überfüllt und ſchaukelt ſo ſehr, daß Eure Bei⸗ hülfe uns zu Fall bringen könnte.“ Eh' Peschiera Zeit zu einer Erwiederung gewann, befand ſich Violante ſchon auf der Schiffstreppe. Mit ſelbſtzufriedenem Lächeln blieb er ſtehen und ſah ihr nach, bis ſie das Deck erreicht hatte. Beatrice folgte nach, und dann kam der Graf ſelbſt; aber als die Italiener in ſeinem Gefolge ſich nach der Seite des Boots drängten, gewannen ihnen zwei Matroſen den Vor⸗ rang ab und machten das Tau los, während zwei andere kräftig die Ruder ſpielen ließen und an's Ufer zurückfuhren. Erſtaunt brachen die Italiener in eine Salve entrüſteter Flüche aus.„Stille!“ rief der Matroſe, der ſeinen Poſten an der Planke gehabt hatte.„Wir handeln nach Befehl. Wenn ihr Euch nicht ruhig verhaltet, laſſen wir das Boot umſtürzen. Wir können ſchwimmen. Der Himmel und Monſignore San Giacomo mögen Euch gnädig ſeyn, wenn es bei Euch nicht auch der Fall iſt.“ Inzwiſchen war Peschiera auf das Deck geſprungen, und die erhobenen Fackeln ließen eine Fluth von Licht auf ihn niederſtrömen. Die Helle traf zugleich voll das Geſicht und die Geſtalt eines Mannes von gebieteriſcher Haltung, deſſen Arm um Violante geſchlungen war und deſſen dunkle Augen dem Grafen noch leuchtender als die Fackeln entgegen bl ur A ve eit ve un er! gr un üb G au un ſch be iht na fre der ber litt ab zel⸗ ber ei⸗ tzu auf er tte. er des or⸗ dere ren. eter ſten ehl. ot und enn gen, auf ſicht ung, nkle egen 1743 blitzten. Ihm zur Rechten befand ſich deröſterreichiſche Fürſt, und auf ſeiner linken Seite ſtand, einen Mantel und eine Fülle ſchwarzer Locken zu den Füßen, mit verſchlungenen Armen Lord LEstrange, deſſen Lippen ſich zu einem Lächeln verzogen, in welchem der angeborene ironiſche Humor durch eine ruhige erhabene Verachtung gemildert war. Der Graf verſuchte zu ſprechen; aber die Stimme verſagte ihm. Alles um ihn her ſah unheilverkündend und feindſelig aus. Er erblickte viele italieniſche Geſichter, aber ihre Blicke ruhten mit dem Grolle rachſüchtigen Haſſes auf ihm. Im Hinter⸗ grund befanden ſich engliſche Matroſen, welche neugierig und mit einem breiten Grinſen in ihren offenen Geſichtern über die Schultern der Fremdlinge ſchauten. Während der Graf verwirrt, ſcheu und betrübt daſtand, brach plötzlich aus dem Mund ſämmtlicher anweſender Italiener ein Sturm unaus ſprechlicher Verachtung gegen ihn los, und von allen Seiten erſcholl der Ruf!„1 traditore! il traditore!“— (Der Verräther! Der Verräther!) Der Graf war kein Feigling und erhob bei dieſem Ge⸗ ſchrei das Haupt mit einer gewiſſen Majeſtät. In dieſem Augenblick gebot Harley mit einer Hand⸗ bewegung Schweigen und trat aus der Gruppe hervor, die ihn bisher umgeben hatte; der Graf, welcher dies bemerkte, näherte ſich ihm mit kühnem Schritt. „Was iſt dies für ein Schalkſtreich?“ rief er heftig in franzöſiſcher Sprache.„Ich ahne, daß Ihr es ſeyd, von dem ich eine Erklärung und Genugthuung verlangen kann.“ „Pardieu, Monsieur le comte,“ entgegnete Harley in 1744 derſelben Zunge, die ſo gut dem feinen Spott und der Feind⸗ ſchaft der Hohen einen Ausdruck leiht—„laßt uns unter⸗ ſcheiden. Ich gebe zu, daß Ihr Erklärung von mir erwar⸗ ten könnt, aber was die Genugthuung betrifft, ſo habe ich die Ehre, ſie Euch ſelbſt zu überlaſſen. Dieſes Schiff—“ „Iſt mein Eigenthum!“ rief der Graf.„Und die Män⸗ ner, welche mich beſchimpfen, ſind für meinen Dienſt ge⸗ dungen.“ „Die von Euch gedungenen Männer, Monsieur le comte, befinden ſich am Ufer und trinken auf Eure glück⸗ liche Fahrt. Um Euch aber die Befriedigung zu verſchaf— fen, von Landsleuten umgeben zu ſeyn, habe ich Leute in meinen Sold genommen, welche beſſere Italiener ſind, als die Seeräuber, an deren Stelle ſie traten— vielleicht keine ſo gute Matroſen; aber ich bin deshalb ſo frei geweſen, der Bemannung eines Schiffes, das mich zu viel koſtet, um es leichtſinnig auf's Spiel zu ſetzen, einige tüchtige engliſche Seeleute beizugeben, die ſogar beſſer mit einem Fahrzeug umzugehen wiſſen, als Eure Piraten. Euer großartiger Irrthum, Monsieur le comte, beſteht darin, daß Ihr wähnt, der ffliegende Holländer' ſey Euer Eigenthum. Ich bitte um Entſchuldigung, daß ich Eurer Abſicht, ihn zu kaufen, zuvorkam, und erlaube mir, Euch mitzutheilen, daß Lord Spendquick ſo gütig war, ihn mir zu überlaſſen. Gleich⸗ wohl ſteht er für die nächſten Paar Wochen ſammt Mann⸗ ſchaft und Allem, zu Euren Dienſten, Monsieur le comte.“ Peschiera lächelte höhniſch. „Ich danke Eurer Gnaden; aber da ich vermuthlich nicht nd⸗ ter⸗ ar⸗ ich än⸗ ge⸗ le ück⸗ haf⸗ e in als eine der um ſche eug iger hut, itte fen, eord 1745 auf die Begleitung zu rechnen habe, die mir allein die Reiſe anziehend machen könnte, ſo werde ich an's Land zu⸗ rückkehren und erſuche Euch einfach, mir mitzutheilen, zu welcher Stunde Ihr den Freund empfangen könnt, der in meinem Namen den noch unberührten Theil der Frage, ich meine den der Genugthuung, erörtern ſoll. Ob mir dieſe von mir oder von Euch gebühre, dies wird ſich eben ſo be⸗ friedigend herausſtellen, als Ihr Euch herabgelaſſen habt, die Erklärung befriedigend zu machen.“ „Laßt Euch darob das Herz nicht ſchwer werden, Mon- sieur le comte, denn die Genugthuung iſt in ſo weit bereits gegeben, indem ich ängſtlich bemüht war, Alles vorzuberei⸗ ten, was das zarte Ehrgefühl eines ſo vollkommenen Gent⸗ leman ihn nur wünſchen laſſen kann. Ihr habt allerdings trügeriſcher Weiſe eine junge Erbin verlockt; aber es geſchah nur, um ſie den Armen ihres Vaters zurückzugeben. Ihr habt einen erlauchten Verwandten aus ſeinem Erbe gegau⸗ nert; aber Ihr ſeyd freiwillig an Bord dieſes Schiffes ge⸗ kommen, erſtlich um ſeine Hoheit, den Fürſten****, deſſen Rang am öſterreichiſchen Hof Euch befannt iſt, in die Lage zu ſetzen, Eurem Kaiſer zu berichten, daß er ſelbſt Zeuge geweſen ſey von der Art, wie Ihr die kaiſerliche Genehmi⸗ gung auslegtet, um das Kind eines der erſten Unterthanen in ſeinen italieniſchen Beſitzungen zu werben, und zweitens um durch eine Bußfahrt nach der Oſtſee die Verbannung anzu⸗ treten, die ohne Zweifel zugleich mit dem Spruch, welches das Haupt Eures Hauſes wieder in ſeine Güter und Ehren einſetzt, über Euch verhängt werden wird.“ Bulwer, meine Novelle. 110 1 43 17460 Der Graf fuhr zuſammen. „Dieſe Wiedereinſetzung kann ich ſchon jetzt verbürgen,“ ſagte der öſterreichiſche Fürſt, der an Harley's Seite getre⸗ ten war.„Giüulio Franzini, Ihr ſeyd eine Schande für den Adel des Reichs, und ich werde von meinem kaiſerlichen Herrn nicht ablaſſen, bis ſeine Hand Euren Namen aus der Liſte geſtrichen hat. Eure eigenen Briefe, die hier in meiner Hand ſind, liefern den Beweis, daß Euer Verwandter durch Euch trüglicher Weiſe in die Empörung verſtrickt wurde, in welcher Ihr die Rolle des Catilina zu übernehmen gedach⸗ tet, wenn es Eurer Natur nicht beſſer zugeſagt hätte, ſie gleich einem Judas zu verrathen. Von heute über zehn Tage werden dieſe Belege vor dem Kaiſer und ſeinem Rath liegen.“ „Seyd Ihr in ſo weit mit Eurer Genugthuung zufrie⸗ den, Monsieur le comte?“ ſagte Harley.„Wo nicht, ſo habe ich Euch eine Gelegenheit beſorgt, ſie noch vollſtändiger zu geben. Vor Euch ſteht der Verwandte, den Ihr verrie⸗ thet. Er weiß nun, daß es Euch, wenn Ihr auch für eine Weile ſeinen zeitlichen Wohlſtand zu Grunde richten konntet, doch nicht gelungen iſt, ſeinen Herd zu beflecken. Sein Herz vergibt Euch vielleicht, und mit der Zeit mag wohl auch ſeine Hand Euch ein Almoſen ſpenden. Kniet alſo nieder, Giulio Franzini— kniet nieder, überführter Bandit— kniet nieder, zu Grunde gerichteter Spieler— kniet nieder, jämmerlicher Auswürfling, zu den Füßen Alphonſo's, des Fürſten von Monteleone und des Herzogs von Serrano.“ Der vorſtehende Dialog war in franzöſiſcher Sprache gen,“ getre⸗ ir den lichen us der neiner durch vurde, edach⸗ ſie zehn Rath ufrie⸗ t, ſo ndiger errie⸗ r eine nntet, Herz auch ieder, it— ieder, „des rache geführt worden, die nur wenige von den anweſenden Ita⸗ lienern, und auch dieſe blos unvollkommen, verſtanden. Aber bei dem Namen, mit welchem Harley ſeine Anrede an den Grafen ſchloß, erſcholl aus Aller Mund ein gleichzeitiger Zuruf: „Alphonſo, der Gute!— Alphonſo, der Gute! Viva — viva— der gute Hekzog von Serrano!“ Und ſelbſt den Graſen vergeſſend, drängten ſie ſich um die hohe Geſtalt Riccabocca's, mit einander wetteifernd, wer ihm zuerſt die Hand oder auch nur den Saum ſeines Kleides küſſen könnte. Riccabocca gingen die Angen über. Der hagere Flücht⸗ ling ſchien in einen ganz anderen, in einen königlichen Mann umgewandelt zu ſeyn. Eine unausſprechliche Würde umgab ihn. Er ſtreckte ſeine Arme aus, als wollte er ſeine Lands⸗ leute ſegnen. Sogar der rohe Zuruf von einfachen Män⸗ nern, Verbannten, wie er ſelbſt, tröſtete ihn für die langen Jahre des Exils und der Armuth. „Danke, danke, danke,“ ſagte er.„Bald kömmt viel⸗ leicht die Zeit, die uns insgeſammt nach dem theuren Vater⸗ lande zurückführt!“ Der öſterreichiſche Fürſt neigte das Haupt, als wolle er Ja und Amen zu dieſer Prophezeiung ſagen. „Giulio Franzini,“ fuhr der Herzog von Serrano fort — denn ſo müſſen wir jetzt den fadenſcheinigen Einſiedler von dem Caſino nennen—„wenn die Vorſehung Euch ge⸗ ſtattet hätte, dieſen letzten Schurkenſtreich zur Ausführung zu bringen, glaubt Ihr, daß Ihr auf Erden eine Stelle ge⸗ 110* 1748 funden haben würdet, wo der Verderber ſicher geweſen wäre vor dem rächenden Arm eines Vaters? Doch der Him⸗ mel hat es gütiger gemeint, und in dieſer Stunde ſoll mir ſein Erbarmen ein Vorbild ſeyn.“ Und mit ſanfterer Miene näherte ſich der Herzog ſeinem verbrecheriſchen Verwandten. Seit der Anrede des öſterreichiſchen Fürſten hatte der Graf in tiefem Schweigen beharrt, ohne Reue oder Scham blicken zu laſſen. All ſeinen Muth zuſammennehmend, ſtand er eiſenfeſt da und ließ die Blicke wild um ſich gleiten, wie ein gehetztes Raubthier. Aber als der Herzog jetzt auf ihn zukam, winkte er mit der Hand und rief: „Zurück, Pedant, zurück! Ihr habt noch nicht geſiegt. Und Ihr, deutſcher Schwätzer, mögt immerhin Eure Ge⸗ ſchichtchen dem Kaiſer zutragen. Ich werde an ſeinem Throne ſtehen, um mich zu verantworten— wenn Ihr über⸗ haupt der Begegnung entwiſcht, zu der ich Euch unterwegs zwingen werde.“ Nach dieſen Worten ſtürzte er gegen die Seite des Schiffes hin. Aber Harley hatte die Abſicht des Grafen vorausgeſehen und durch einen Blick das Signal gegeben, durch das ſie vereitelt wurde. Von den eigenen wachſamen und empörten Landsleuten ergriffen, als Peschiera eben über Bord ſpringen wollte, ward er zurückgeſchleppt und in Bande gelegt. Jetzt veränderte ſich der ganze Ausdruck ſei⸗ nes Geſichts, und das verzweifelnde Ungeſtüm des ihm in⸗ wohnenden Gladiators kam zum Vorſchein. Seine unge⸗ meine Kraft ermöglichte es ihm, die Feſſeln mehr als ein⸗ 1749 mal zu zerreißen und mehr als einen Mann auf den Boden des Decks zu werfen; als er aber endlich, noch immer kämpfend, von der Ueberzahl bewältigt wurde, war es mit aller Würde, mit jedem Verſuch, Geiſtesgegenwart zu zei⸗ gen, vorbei. Er ſtieß die gemeinſten Verwünſchungen aus, knirſchte mit den Zähnen und ſchäumte, ſo daß von dem glän⸗ zenden Lothario nichts mehr übrig zu ſeyn ſchien, als die rohe Wuth des wilden, natürlichen Menſchen. Jetzt beugte ſich Harley tief zu dem tobenden Grafen nieder. In Ton und Miene noch immer die feine, unver⸗ wüſtliche Ironie bewahrend, die einem Marquis des alten franzöſiſchen régime Ehre gemacht hätte und an deren Nach⸗ ahmung wohl der beſte Schauſpieler verzweifelt wäre, ſagte er: „Adieu, Monsieur le comte— adieu! Es freut mich, zu bemerken, daß Ihr ſo gut mit Pelzwerk verſehen ſeyd. Ihr werdet es nöthig haben auf Eurer Reiſe, denn es iſt eine ſehr kalte für dieſe Jahreszeit. Das Schiff, das Ihr mit Eurem Eintritt beehrtet, ſegelt nach Norwegen. Die Italiener, welche Euch begleiten, wurden durch Euch ſelbſt in die Verbannung gehetzt, und zum Dank haben ſie nun zu verſprechen die Güte gehabt, Euch mit ihrer Geſellſchaft zu erfreuen, wann immer Ihr der eigenen ſatt ſeyn ſolltet. Führt den Grafen in ſeine Kajüte. Sachte— ſachte da. Adieu, Monsieur le comte— adieu! et bon voyage.“ Harley kehrte ihm jetzt leicht den Rücken. Man hatte nachgerade trotz alles Sträubens den Grafen nach der Kafüte gebracht, 175⁰ „Ein Schalkſtreich für den Schalk,“ ſagte L'Estrange zu dem öſterreichiſchen Fürſten.„Die Rache einer Poſſe an dem, velcher gerne den Tragöden geſpielt hätte.“ „Mehr als dies— er iſt zu Grunde gerichtet.“ „Und lächerlich geworden,“ bemerkte Harley.„Ich möchte nur ſein Geſicht ſehen, wenn er in Norwegen an's Land geſetzt wird.“ Er begab ſich ſodann in die Mitte des Schiffs, wo, bisher theilweiſe von den Matroſen verborgen, die jetzt anderweitige Beſchäftigung fanden, Beatrice ſtand. An ihrer Seite war Frank, der ſie zuerſt an Bord des Schiffes empfangen hatte, und in kleiner Entfernung von Beiden be⸗ merkte man Leonard, der Alles, was um ihn vorging, ruhig beobachtete. Beatrice ſchien nur wenig auf Frank zu achten. Ihre dunklen Augen waren gegen den trüben Sternhimmel gerichtet, und ihre Lippen bewegten ſich wie im Gebet. Gleichwohl ſprach ihr junger Liebhaber in großer Aufregung raſch und leiſe mit ihr. „Nein, nein— glaubt ja nicht, daß wir einen Arg⸗ wohn gegen Euch haben, Beatrice. Ich bürge für Eure Ehre mit meinem Leben. Oh, warum wendet Ihr Euch ab von mir— warum wollt Ihr nicht mit mir reden?“ „Nur noch einen Augenblick,“ verſetzte Beatrice in ſanf⸗ tem Tone—„gönnt mir noch einen Augenblick“ Sie ging langſam und zögernd auf Leonard zu, legte ihre zitternde Hand auf ſeinen Arm und führte ihn bei Seite an den Rand des Schiffes. Frank, der ob dieſer Be⸗ wegung betroffen wurde, that einen Schritt vorwärts, als 1. ob er ihr folgen wollte, blieb aber dann ſtehen und harrte mit zweifelnder und umwölkter Miene des Weiteren. Harleys Lächeln war verſchwunden; auch ſein Auge verwandte keinen Blick von der Marcheſa. Nur wenige Worte wurden von Beatrice geſprochen und Leonards Antwort ſchien ſich in einen einzigen Satz zuſam⸗ menzudrängen. Dann ſtreckte die Dame ihre Hand aus, über welche ſich der junge Dichter niederbeugte, um ſie ſchwei⸗ gend zu küſſen. Sie zögerte noch einen Augenblick, und ſogar beim matten Schimmer der Sterne bemerkte Harley die Glut, welche ihr Antlitz überflog. Die Röthe verſchwand, als Beatrice zu Frank zurückkehrte. Lord LEstrange wollte ſich zurückziehen; aber ſie winkte ihm, zu bleiben. „Mein Lord,“ ſagte ſie mit feſter Stimme,„ich kann Eure Härte gegen meinen ſündigen, unglücklichen Bruder nicht verdammen. Sein Vergehen hätte vielleicht eine ſchwe⸗ rere Züchtigung verdient, als die iſt, welche ihr in necki⸗ ſchem Hohn ihm zu Theil werden laßt. Was aber auch ſeine Strafe ſeyn mag, Verachtung jetzt oder Armuth ſpä⸗ ter— ich fühle, daß die S chweſter an ſeine Seite gehört, um ſie zu theilen. Ich bin nicht unſchuldig, wenn er ſchuldig iſt, und ob er auch ein geſcheitertes Schiff ſey, ſo bleibt mir doch nichts auf dieſem dunklen Meere des Lebens, als mich an ihn anzuklammern. Stille, mein Lord— ich werde dieſe Yacht nicht verlaſſen und ſtelle nur noch die Bitte an Euch, daß Ihr Euren Leuten Befehl gebt, meinen Bruder mit Achtung zu behandeln, da eine Frau an ſeiner Seite ſeyn wird.“ 1752 „Nein, Marcheſa, dies kann nicht ſehn; und—“ „Beatrice, Beatrice— und ich? Unſere Verlobung? Habt Ihr mich vergeſſen?“ rief Frank in vorwurfsvollem Schmerz. „Nein, mein junger und allzu edler Liebhaber; ich werde Eurer ſtets eingedenk ſeyn in meinem Gebet. Aber hört mich an. Ich bin getäuſcht,— hingeriſſen worden, möchte ich ſagen— durch Andere, aber auch, und noch weit mehr, durch mein eigenes wahnfinniges und verblendetes Herz— getäuſcht und hingeriſſen worden, um Euch Un⸗ recht zu thun und mich ſelbſt zu belügen. Brennende Scham erfüllt mich, wenn ich denke, daß ich Euch dem gerechten Zorn Eurer Familie ausſetzte— daß ich Euch ketten wollte an mein zu Grunde gerichtetes Vermögen, an meinen be⸗ fleckten Namen, an mein—“ „An Euer edles, liebendes Herz— dies iſt Alles, was ich verlangte,“ rief Frank.„Hört auf— hört auf— dieſes Herz iſt noch immer mein!“ Thränen entſtrömten den Augen der Italienerin. „Engländer, ich habe Euch nie geliebt. Dieſes Herz war todt für Euch und wird fortan todt ſeyn für alles Andere. Lebt wohl! Ihr werdet mich früher vergeſſen ha⸗ ben, als Ihr jetzt glaubt— früher als ich Euch vergeſſen werde— den Freund, den Bruder, wenn Brüder ſo zarte, liebevolle Herzen hätten, wie das Eurige iſt. Wollt Ihr mir jetzt Euren Arm geben, Mylord? Ich wünſche mich dem Grafen anzuſchließen.“ „Halt— noch ein Wort, Madame,“ ſprach Frank, der 17 ſehr blaß geworden war, durch die geſchloſſenen Zähne, aber mit Ruhe und mit einem ſo würdevollen Stolz auf ſeiner Stirne, wie man ihn nie zuvor in ſeinem offenen ſorg— loſen Antlitz wahrgenommen hatte—„noch ein Wort. Ich bin vielleicht durch Nichts Eurer würdig, als durch eine ehrenhafte Liebe, die nie zweifelte, nie einem Argwohn Raum gab— die an Euch feſt gehalten hätte, und wäre die ganze Welt wider Euch. Eine ſolche Liebe verleiht dem geringſten Mann einen Werth. Noch ein Wagt— frei und offen. Bei Allem, was Euch in Eurem Glauben am heilig⸗ ſten iſt, ſpracht Ihr die Wahrheit, als Ihr ſagtet, Ihr hättet mich nie geliebt?“ Beatrice ſenkte das Haupt. Sie fühlte ſich beſchämt dieſer männlichen Natur gegenüber, die ſie ſo bitter getäuſcht und vielleicht bis auf dieſen Augenblick unter ihrem wahren Werth angeſchlagen hatte. „Verzeiht— verzeiht,“ ſagte ſie in widerſtrebenden Lauten, die durch ihr Schluchzen halb erſtickt wurden. Bei ihrem Stocken ſtrahlte Franks Geſicht von plötz⸗ licher Hoffnung. Sie richtete ihre Augen auf und gewahrte die Veränderung an ihm; dann blickte ſie nach der Stelle hin, wo traurig und bewegungslos Leonard ſtand. „Ja, verzeiht— denn ich ſprach die Wahrheit. Ich hatte kein Herz zu vergeben. Für einen Anderen wäre es vielleicht wie Wachs geweſen— gegen Euch war es Granit.“ Sie hielt inne und murmelte vor ſich hin—„Granit und — gebrochen!“ Frank ſprach keine Sylbe weiter. Wie angewurzelt 1754 blieb er ſtehen und blickte nicht einmal Beatricen nach, als ſie, auf den Arm des Lord LEstrange gelehnt, von hinnen ging. Er begab ſich ſodann nach der Schiffsſeite und harrte des Bootes, welches jetzt die Matroſen niederließen. Als Beatrice in die Nähe der Stelle kam, wo Violante in aufgeregtem Flüſtern auf die ängſtlichen Fragen ihres Vaters antworkete, hielt ſie an und lehnte ſich ſchwerer auf den Arm ihres Führers. „Jetzt iſt es Euer Arm, der zittert, Lord L'Estrange,“ bemerkte ſie mit einem wehmüthigen Lächeln, ließ Harley los, eh' dieſer antworten konnte, und beugte ihr Haupt de⸗ müthig vor Violante. „Ihr habt mir bereits vergeben,“ ſagte ſie in einem Ton, der nur das Ohr des Mädchens erreichte,„und meine letzten Worte ſollen nicht der Vergangenheit gelten. Ich ſehe Eure Zukunft glänzend vor mir liegen unter jenen ewigen Sternen. Bewahrt Eure Liebe— hofft und vertraut. Dies ſind die Abſchiedsworte eines Weibes, das bald für die Welt todt ſeyn wird. Schönes Mädchen, ſie ſind prophetiſch.“ Violante warf ſich an die Bruſt ihres Vaters, um an derſelben ihr glühendes Antlitz zu verbergen, während ſie zugleich ihre Hand Beatricen überließ, welche ſie an ihr Herz drückte. Dann kehrte die Marcheſa zu Harley zurück und verſchwand mit ihm in dem Inneren des Schiffes. Als Harley wieder auf dem Deck ſichtbar wurde, ſchien er wirr und verſtört zu ſeyn. Er vermied den Herzog und Violante und ſtieg als der Letzte in das Boot, das jetzt auf dem Waſſer lag. nem eine ſehe igen aut. die ſch.“ 1an d ſie ihr rück t auf Als er mit ſeinen Begleitern das Land erreichte, hatte ſich die Yacht bereits in Bewegung geſetzt und glitt langſam ſtromabwärts. „Muth Leonard, Muth!“ flüſterte Harley.„Euer Schmerz macht Euch keine Unehre. Aber Ihr habt die ſchlimmſte und gemeinſte Täuſchung des civiliſirten Lebens vermieden, indem Ihr nicht Liebe heucheltet. Beſſer, daß jene arme Dame eine Weile leidet unter der herben Wahr⸗ heit, als daß ſie die ewige Märtyrerin einer ſchmeichelnden Lüge iſt. Ach, mein Leonard, mit der Liebe im Traum des Dichters ſtehen immer die Grazien im Bund; aber zu der Liebe des menſchlichen Herzens geſellen ſich die ſchrecklichen Faten!“ „Mein Lord, die Dichter träumen nicht, wenn ſie lieben. Ihr werdet erfahren, wie die Gefühle in demſelben Verhält⸗ niß tief ſind, als die Einbildungskraft lebhaft iſt, wenn Ihr das Bekenntniß von dem Aufſchwung und dem Schmerz einer Dichterſeele lest, das ich in Eure Hände gegeben habe.“ Leonard wandte ſich ab. Harley's Blick folgte ihm mit neugieriger Theilnahme und traf plötzlich auf Violante's ſanfte dunkle Augenſterne. Die Faten! die Faten!“ murmelte Harley. — Neuntes Kapitel. Wir ſind jetzt in dem Beſuchzimmer des Weiſen zu Norwood. Violante hat ſich längſt zur Ruhe begeben, und 1756 Harley, der den Vater und die Tochter nach der Heimath be⸗ gleitete, unterhält ſich noch immer mit dem Erſteren. „In der That, mein theurer Herzog,“ ſagte Harley— „Bst! bst! Piavolo, nennt mich noch nicht Herzog. Hier in meinem Heimweſen bin ich weiter nichts als der Doktor Riecabocra.“ „Mein theurer Doktor alſo— erlaubt mir, Euch zu verſichern, daß Ihr meine Anſprüche auf Eure Dankbarkeit zu hoch anſchlagt. Eure alten Freunde Leonard und Frank Hazeldean theilen ſich redlich darein. Auch dürfen wir den treuen Giacomo nicht vergeſſen.“ „Fahrt fort in Eurer Erzählung.“ „Erſtlich erfuhr ich durch Frank, daß ein gewiſſer Ba⸗ ron Levy, ein faſhionabler Geldverleiher und allgemeiner Aushelfer in den Angelegenheiten der Herren von Ton, eben im Begriff ſtand, von Lord Spendquick für den Grafen eine Yacht anzukaufen. Eine kurze Beſprechung mit Spendquick genügte, um den Wucherer zu überbieten und einen Handel abzuſchließen, durch welchen die Yacht mein Eigenthum wurde. Ein Verſprechen, dem jungen Herrn aus den Krallen des Geldverleihers zu helfen(was mir, wie ich hoffe, ge⸗ lingen wird, indem ich ihn mit ſeinem Vater, einem ver⸗ ſtändigen und liberalen Manne, verſöhne), machte ihn bereit⸗ willig, meinem Plan zu Ueberliſtung des Feindes Vorſchub zu leiſten Er ließ Levy auf dem Glauben, daß der Graf von dem Schiff Beſitz nehmen könne, ſchützte aber eine Beſtellung vor, machte Bedingungen und verſchob die Ausgleichung des Kauſſchillings auf den gnderen Tag. So war ich Herr de wo Al ich ha wr che chi na zu keit ank den Ba⸗ ner ben eine uick del um llen ge⸗ er⸗ eit⸗ hub von ung ung 1757* der Yacht, von der mir mein Inneres ſagte, daß ſie beſtimmt war, für Peschiera's ehrloſen Plan zu dienen. Aber es lag Alles daran, den Argwohn des Grafen nicht zu wecken, und ich ließ daher die Piratenbande, welche er zuſammengerafft hatte, an Bord kommen, weil ich ſie ſchon wieder fortzubringen wußte, ſobald es nothwendig wurde. Mittlerweile beſorgte Frank Hazeldean den Dienſt, nicht von dem Grafen zu wei⸗ chen, bis es ihm gelungen wäre, den Diener, welchen Pes⸗ chiera ſeiner Schweſter als Begleitung mitgegeben hatte, nach ſeiner Wohnung zu locken und daſelbſt einzuſperren. Wenn er nun dieſen Menſchen in ſeine Gewalt bekam, ſo konnte ich mich der ſanguiniſchen Hoffnung hingeben, daß es mir gelingen werde, Eure Tochter zu entdecken und zu be⸗ freien, noch eh' Peschiera ſie mit ſeiner Anweſenheit zu beſchimpfen im Stande war. Aber Frank gehörte leider nicht zu den Schülern Macchiavels. Vielleicht entdeckte der Graf ſeine Gedanken unter dem offenen Geſicht oder wollte er blos ſich einen läſtigen Begleiter vom Hals ſchaffen; jedenfalls wußte er unſern jungen Freund ſo geſchickt zu be⸗ ſeitigen, als es Euch oder mir möglich geweſen wäre. Er ſagte ihm, daß Beatrice ſich in Roehampton befinde und zu dieſem Ausflug ſeinen Wagen geborgt habe, erbot ſich, Frank ſelbſt nach dem Hauſe zu bringen, und nahm ihn mit. Frank trat in das Beſuchzimmer und nachdem er einige Minuten gewartet hatte, während welcher der Graf angeblich nach ſeiner Schweſter ſehen wollte, pirouettirte eine gewiſſe in Ruf ſtehende Operntänzerin herein. Inzwiſchen hatte der Graf eiligſt den Rückweg nach London angetreten und über⸗ 1758 ließ es Frank, nachzukommen, wie er konnte. Er ſpähie dann überall nach Peschiera, fonnte ihn aber nirgends auf⸗ finden. Es war ſpät am Tag, als er mich traf und mir ſeine Trauerpoſt mittheilte. Sie beunruhigte mich ernſtlich, da der Graf meinen Gegenanſchlag mit der Yacht entdecken oder die Abfahrt verſchieben fonnte, bis es ihm gelungen war⸗ durch Schrecken oder eine ſonſtige Verſtrickung Violante zu einem—— kurz, bei einem Mann von dem Charakter des Grafen war Alles zu befürchten. Ich hatte keinen Finger⸗ zeig für den Platz, nach welchem Violante gebracht worden war, keinen Vorwand, um Peschiera verhaften zu laſſen, und nicht einmal die Mittel, zu erfahren, wo er ſich umtrieb. Er war nicht zu Mivart zurückgekehrt. Auch die Polizei richtete nichts aus und erwies ſich nutzlos, mit Ausnahme einer einzigen werthvollen Kunde, die ich ihr verdankte— nämlich einer Nachweiſung über den Platz, wo ſich einige von Euren Landsleuten aufhielten, die durch Peschiera's Verrath landflüchtig hatten werden müſſen. Ich wies Gia⸗ como an, dieſe Männer aufzuſuchen und für mein Schiff an⸗ zuwerben, denn nach Entfernung der Piratenmannſchaft mochte es nöthig werden, Italiener an Bord zu haben, die Peschiera oder ſeine vertrauten Diener, wenn ſie auf die Yacht kamen, für ihre eigenen Miethlinge halten konnten. Dieſen Ausländern gab ich einige engliſche Matroſen bei, die ſchon früher in demſelben Fahrzeug gedient hatten und auf die ich mich nach Spendquicks Verſicherung verlaſſen durfte. Indeß waren dieſe Vorſichtsmaßregeln nur von Nutzen, wenn Peschiera im Schilde führte, ſchnell unter hte uf⸗ ine da der ar, zu des ger⸗ rden und rieb. lizei hme — inige era's Gia⸗ ff an⸗ ſchaft , die f die nten. n bei, n und rlaſſen r von unter 1759 Segel zu gehen, und bis dahin die Anſchläge auf ſeine Ge⸗ fangene verſchob. Während ich noch in Furcht und Unge⸗ wißheit mir Mühe gab, meine Geiſtesgegenwart zu bewahren, und haſtig mich mit dem öſterreichiſchen Fürſten berieth, ob noch andere Schritte einzuſchlagen ſeyen, oder ob unſere ein⸗ zige Zuflucht darin beſtehe, nach dem Schiff zu gehen und dort das Weitere abzuwarten, trat plötzlich mit ſeiner ge⸗ wöhnlichen Ruhe Leonard in mein Zimmer. Ihr kennt ſein Geſicht, auf iſ ſich Freude oder Trauer weniger durch Leidenſchaft als durch die Abwechslung in dem geiſtigen Aus⸗ druck kund gibt. Nur aus der klareren Stirne und aus dem feſteren Blicke konnte ich entnehmen, daß er gute Nachrichten brachte.“ „Ah,“ ſagte Riccaboeca, denn ſo wollen wir den Wei⸗ ſen, da er es ſelbſt verlangt, noch immer nennen—„ah, ich unterwies dieſen jungen Mann ſchon früh in der großen Lehre, welche Helvetius einſchärft. Alle unſere Verirrungen entſpringen aus unſerer Unwiſſenheit oder aus unſeren Lei⸗ denſchaften. Ohne die Unwiſſenheit und ohne die Leiden⸗ ſchaften würden wir ruhige, Alles durchdringende intellektuelle Weſen ſeyn.“ „Ein Scheuerbeſen hat weder Unwiſſenheit, noch Leiden⸗ ſchaften,“ verſetzte Harley;„was aber ſein intellektuelles Weſen betrifft—“ „Pah!“ unterbrach ihn Riccaboeea—„fahrt fort.“ „Leonard hatte uns einige Stunden vorher verlaſſen. Meiner Weiſung gemäß ſollte er in Madame di Negra's Wohnung vorſprechen, um dort, da er mit der Dienerſchaft 1760 gut bekannt iſt, in aller Ruhe ſo viel wie möglich zu erkun⸗ den, jedenfalls aber, da ich in meiner Haſt dies zu beſorgen verabſäumt hatte, über den Namen und das Aeußere des Mannes Auskunft zu erhalten ſuchen, der mit ihr am Morgen ausgefahren war. Ich überließ ihm dabei, nach Gutdünken von den eingeholten Winken, die unſere Nach⸗ forſchungen unterſtützen konnten, Gebrauch zu machen. Es gelang Leonard blos, eine Schilderung des Kutſchers heraus⸗ zulocken, in welchem er einen gewiſſen Beppo erkannte, wel⸗ chem die Marcheſa öfters in ſeiner Anweſenheit Aufträge ertheilt hatte. Niemand konnte ihm ſagen, wo Madame di Negra, wenn ſie nicht bei dem Grafen wäre, aufzufinden ſeyn dürfte, und Leonard begab ſich deßhalb zuvörderſt nach Peschiera's Hotel. Beppo war den ganzen Tag nicht dort geweſen. Während unſer junger Freund noch mit ſich zu Rathe ging, was er zunächſt beginnen ſollte, wurde er Eures beabſichtigten Schwiegerſohnes gewahr, der auf der anderen Seite der Straße dahinſchlich. Eine von jenen lichtvollen, aus innerer Ahnung quellenden Muthmaßungen, die euch Philoſophen nie zur Laſt fallen, hatte von Anfang Leonard auf den Glauben geleitet, daß Randal Leslie bei dieſer Spitz⸗ bubengeſchichte die Hand im Spiel habe.“ „Ha! Er?“ rief Riccabocca.„Unmöglich! Was hätte er davon? Zu welchem Ende?“ „Ich bin da überfragt, und auch Leonard könnte Euch keine Antwort darauf geben. Genug, daß wir Beide dieſe Vermuthung theilten. Um es kurz zu machen— Leonard nahm ſich vor, Randal Leslie zu folgen und alle ſeine Be⸗ ——,—„ S co 8 kun⸗ gen des am nach ach⸗ Es aus⸗ wel⸗ räge e di nden nach dort h zu ures eren Ulen, euch nard it⸗ hätte Euch dieſe onard Be⸗ 1761 wegungen zu beobachten. Natürlich that er dies aus gehö⸗ riger Entfernung, ſo daß er nicht bemerkt werden konnte. Randal ging zuerſt nach Audley Egertons Wohnung— dann nach Eaton⸗Square— von da nach einem Haus in Bruton Street, von dem Leonard erfuhr, daß es dem Baron Levy gehöre. Iſt dies nicht verdächtig, mein lieber Weiſer?“ „Diavolo— ja!“ entgegnete Riccabocca gedankenvoll. „Bei Levy blieb Randal, bis es dunkelte; dann kam er mit ſeinem katzenartigen, ſchleichenden Tritt wieder heraus und eilte in die Nähe von Leiceſter⸗Square. Leonard ſah, wie er in eines der kleinen Gaſthäuſer trat, in welchen Aus⸗ länder einzuſprechen pflegen. Wilde, fremdausſehende Ge⸗ ſellen lungerten um die Thüre und in der Straße. Leonard ahnete, daß der Graf oder ſeine Spießgeſellen hier ſeyn müßten.“ „Wenn dies bewieſen werden kann,“ rief Riccabocca —„wenn Randal fähig war, in ſolchen Verkehr mit Pes⸗ chiera zu treten und ſeiner Schurkerei Vorſchub zu leiſten, ſo bin ich meiner Zuſage ledig. Oh, wer mir dies beweiſen könnte!“ „Der Beweis wird ſpäter kommen, wenn wir auf der rechten Fährte ſind. Laßt mich fortfahren. Während Leo⸗ nard in der Nähe dieſes Wirthshauſes auf der Lauer ſtand, kam derſelbe Beppo, den er ſuchte, heraus und ging, nach⸗ dem er mit einem der umherſtehenden Ausländer einige Worte geſprochen hatte, raſchen Schrittes Pieccadilly zu. Unſer Freund verzichtete jetzt auf die Beobachtung Leslie's und machte auf Beppo Jagd, den er auf den erſten Blick erkannt Bulwer, meine Novelle. 111 1762 hatte. Auf ihn zugehend, ſagte er ruhig: Ich habe einen Brief für die Marcheſa di Negra. Sie ſagte mir, ich ſolle ihn durch Euch ihr zuſtellen, und ich habe Euch deßhalb den ganzen Tag geſucht. Der Mann ging in die Falle, um ſo leichter, da ihn— wie er ſelbſt zu Entſchuldigung ſeiner Einfalt vorbrachte, die ohne Zweifel ſchwerer auf ſeinem Gewiſſen laſtete, als die tauſend und ein Verbrechen, welche er im Lauf ſeines glorreichen Lebens begangen haben mag — die Marcheſa ſelbſt zum Spion über Leonard beſtellt und er mit dem Scharfſinn eines Italieners, wo ſich's um Her⸗ zensangelegenheiten handelt, ihr Geheimniß entdeckt hatte.“ „Welches Geheimniß?“ fragte der unſchuldige Philo— ſoph. „Ihre Liebe zu dem ſchönen jungen Dichter. Ich ver⸗ rathe dieſes Geheimniß, weil es ihr einigermaßen als Ent⸗ ſchuldigung dafür dient, daß ſie ſich von Peschiera als Werk⸗ zeug brauchen ließ. Sie hegte den Wahn, Leonard ſey in Eure Tochter verliebt, und die Eiferſucht riß ſie zum Verrath hin. Ohne Zweifel wird Euch Violante hierüber weitere Auskunft geben. Gut; Beppo ging in die Falle. Gebt mir den Brief, Signor, aber ſchnell. „Ich habe ihn in einem Hotel, nicht weit von hier, liegen laſſen. Kommt mit; Ihr ſollt eine Guinee für Eure Mühe erhalten.“ „So brachte Leonard unſeren Ehrenmann in mein Hotel. Nachdem er ihn in mein Ankleidezimmer geführt hatte, drehte er den Schlüſſel um und ließ ihn drinnen. Als wir die Kunde von dieſer Habhaftwerdung vernahmen, beeilten inen ſolle den n ſo iner nem elche mag und Her⸗ hilo⸗ ver⸗ Ent⸗ Lerk⸗ y in rath itere Gebt hier, Eure otel. atte, wir ilten 1763 wir uns, der Fürſt und ich, unſeren Gefangenen aufzuſuchen. Er benahm ſich anfänglich ſtöckiſch und ſchweigſam; wie ihm aber der Fürſt ſeinen Rang und Namen nannte— Ihr wißt, welchen geheimnißvollen Schrecken ein öſterreichiſcher Magnat dem gemeinen Italiener einzuflößen vermag— veränderte ſich ſein Geſicht, und der Muth entſank ihm. Durch Drohun⸗ gen und Verſprechungen erfuhren wir bald Alles, was wir zu wiſſen wünſchten, und eine angebotene Beſtechung, die vielleicht zehnmal ſo viel betrug, als der Spitzbube von ſeinem verſchwenderiſchen Herrn erwarten durfte, bewog ihn ſchließlich, mit Seele und Leib in unſeren Dienſt zu treten. So erhielten wir Kunde von dem unheimlichen Platz, nach welchem Eure edle Tochter ſo ſchändlich entführt worden war. Wir erfuhren ferner, daß der Graf ſie noch nicht beſucht hatte, weil er hoffte, die längere Haft dürfte ſie mürbe machen und ihren hohen Geiſt brechen Peschiera wollte ſich erſt um Mitternacht in das Haus begeben und ſie dann ohne Weiteres nach der Yacht ſchaffen. Beppo hatte Befehl erhalten, den Wagen nach Leiceſter-Square zu bringen, wo der Graf einſteigen wollte. Richtig hatte dieſer, wie Leonard ver— muthete, ſich in dem Wirthshaus verkrochen, in welchem Randal Leslie verſchwunden war. Der Fürſt, Leonard, Frank, der ſich gleichfalls in meinem Hotel befand, und ich hielten jetzt einen Kriegsrath. Sollten wir uns ohne Verzug nach dem Haus begeben, mit Hilfe der Polizei den Eingang er⸗ zwingen und ſo Eure Tochter retten? Dies war ein ſehr gewagter Ausweg. Der Schlupfwinkel, welcher zu verſchie⸗ denen Zeiten Perſonen als Verſteck gedient hatte, die vor der 144 1764 Gerechtigkeit ſich flüchteten, war nach der Angabe unſeres Berichterſtatters reichlich mit unterirdiſchen Gewölben und geheimen Gängen verſehen und hatte mehr als einen Aus⸗ gang nach dem Fluſſe hin. Wenn wir alſo an die Thüre klopften, ſo konnten die im Innern befindlichen Strolche nicht nur ſich ſelbſt in Sicherheit bringen, ſondern auch ihre Ge⸗ fangene mitnehmen. Die Thüre war feſt, und eh es gelang, ſie zu erbrechen, fanden wir vielleicht keine Spur mehr von der, die wir ſuchten. Auch wünſchte der Fürſt, Peschiera für ſeinen verbrecheriſchen Plan verantwortlich zu machen, und es war ihm deßhalb darum zu thun, als Augenzeuge dem Kaiſer und dem großen Miniſter, ſeinem Verwandten, berichten zu können, wie ſchnöde der Graf die Erlaubniß ſeines kaiſerlichen Herrn, um Eure Tochter zu werben, miß⸗ braucht habe. Kurz, während ich nur an Violante dachte, hatte der Fürſt auch die Zurückgabe des Herzogthums an ihren Vater im Auge. Aber Violante auch nur noch eine Stunde, nur noch wenige Minuten in jenem enſſetzlichen Haus zu laſſen, wo ſie jeden Augenblick Peschiera's ent⸗ weihender Gegenwart ausgeſetzt war und keinen anderen Schutz beſaß, als den des ſchwachen, falſchen Weibes, das ſie bereits verrathen hatte und vielleicht auch jetzt von ihr ab⸗ trünnig wurde— wie war dieſer ſchrecklichen Gefahr zu be⸗ gegnen? Was konnte nicht vorfallen zwiſchen Peschiera's Beſuch in dem Haus und ſeinem Erſcheinen auf dem Schiff, nach welchem er ſein Opfer zu ſchleppen gedachte? Eine Idee zuckte in mir auf. Beppo ſollte den Grafen nach dem Schauplatz der Büberei führen. Konnte ich in Verkleidung — — ſeres und Aus⸗ hüre nicht Ge⸗ ang, von hiera chen, ee dten, bniß miß⸗ chte, 6 an eine ichen ent⸗ deren s ſie r ab⸗ tbe⸗ era's chiff, Eine dem dung 1765 mitgehen, das Haus betreten und ſelbſt gegenwärtig ſeyn— — ich eilte zu Beppo zurück, der jetzt unſer Werkzeug gewor⸗ den war, und fand, daß ſich der Plan noch leichter ausführen ließ, als ich anfänglich vermuthete. Beppo hatte den Grafen um die Erlaubniß gebeten, ſeinen Bruder, der ſeekundig war und England zu verlaſſen wünſchte, mitzubringen. Ich konnte dieſen Bruder vorſtellen. Ihr wißt, daß ich der italieniſchen Sprache mächtig bin und mich auf ihre meiſten Dialekte und Patvis, piemonteſiſch, genueſiſch, venetianiſch, ſo gut verſtehe, wie auf Addiſons Engliſch— ah, vielleicht noch beſſer. Presto, die Sache war abgemacht. Von dieſem Augenblick an fühlte ſich mein Herz ſo leicht wie eine Feder, und mein Witz ſo ſcharf, wie der gefiederte Pfeil. Schnell war mein Plan entworfen und in einem einzigen Satze dargelegt. Wir fanden es zweckmäßig, daß Ihr auf dem Schiffe anweſend ſeyd, um nicht nur den Sturz Eures Feindes mit anzuſehen, ſondern auch Euer Kind in die Vaterarme aufzunehmen. Leonard holte Euch von Norwood herbei, hatte aber die Weiſung erhalten, Euch nicht genau den Grund Eurer Be⸗ rufung namhaft zu machen, bis Ihr Euch auf dem Schiff befändet. „Da wir noch Zeit hatten, vor Mitternacht die geeig⸗ neten Vorbereitungen zu treffen, ſo begab ſich Frank mit Beppo und Giacomo auf die Yacht. Unſer neuer Verbün⸗ deter war mit den meiſten von dem Seeräubergeſindel gut bekannt, und die Anweſenheit Franks, von dem man wußte, daß er der Freund und künftige Schwager des Grafen war, diente ihm als eine Vollmacht. So befahl er nun Peschiera's 1766 Miethlingen, das Schiff zu verlaſſen und unter Giacomo's Kommando am Lande der weiteren Weiſungen zu harren. Auf dieſe Weiſe waren die Decke bald von den Strolchen geſäubert, indem man nur wenige, die ſpäter eine ſichere Verwahrung im Raum unten fanden, zurückbehielt, um einem Argwohn vorzubeugen. Sobald Giacomo ſein Gefolge in einem Wirthshaus untergebracht und ihm Erlaubniß er⸗ theilt hatte, auf ſeine Geſundheit unbeſchränkte Rationen Grog zu trinken, hrachte Euer unſchätzbarer Diener alle für unſeren Dienſt gewonnenen Italiener an Bord, und Frank ſorgte für die Beiſchaffung der engliſchen Matroſen. „Nachdem mir der Fürſt verſprochen hatte, in gehöriger Zeit ſich auf der Yacht einzufinden, verließ er mich, um ſeine Reiſevorbereitungen zu beendigen, da er am andern Morgen früh nach Wien aufzubrechen gedachte. Ich eilte nach einem Haus, wo Maskenanzüge verkauft wurden, und verwandelte mich daſelbſt unter Beihilfe eines ſinnreichen Theatermalers in einen Ausbund⸗Gurgelſchneider und erwartete nun mit größtem Selbſtvertrauen die Rückkehr meines Freundes Beppo.“ „Wenn aber dieſer Schurke den Falſchen geſpielt hätte und alle Eure Vorkehrungen vergeblich geweſen wären— Cospetto, Ihr habt da nicht weiſe gehandelt,“ ſagte der kluge Philoſoph. „Wohl möglich. An meiner Stelle wäret Ihr vielleicht ſo weiſe geweſen, daß Ihr mitlerweile Eure Tochter für immer verloren hättet.“ mo's rren. chen chere um olge er⸗ onen für rank iger eine gen nem ete lers mit des — der icht mer 1767 „Aber warum habt Ihr nicht die Polizei in Bewegung geſetzt?“ „Erſtlich, weil ich dies ſchon gethan hatte, ohne daraus viel Nutzen zu erholen— zweitens, weil ich ſie nicht mehr brauchte— drittens, weil durch ihren Beiſtand in der von mir beabſichtigten Schlußkataſtrophe Euer und Eurer Tochter Name vielleicht vor einem Polizeigericht figurirt hätte und jedenfalls vor das Tribunal der öffentlichen Klatſcherei ge⸗ langt wäre— und endlich, weil ich in Erwägung einer paſſenden Strafe eine gerechte Vergeltung im Auge hatte, die ſich vielleicht nicht ganz mit dem Buchſtaben des geſchrie⸗ benen Rechts vertrug. Namentlich hätte mir bei Ergreifung einer Perſon und ihrer Verſendung nach Norwegen meine Polizei traurig im Wege ſtehen können. Allerdings riecht mein Plan eher nach Lope de Vega, als nach dem Richter Blackſtone; aber Ihr ſeht, der Erfolg macht alle Unregel⸗ mäßigkeiten gut. Ich fahre fort. Beppo kam in guter Zeit, um mir zu melden, daß alle Vorbereitungen getroffen wären; auch ſey, als die neue Mannſchaft auf dem Deck verſammelt geweſen, ein Diener des Grafen mit der Weiſung an Bord gekommen, das Boot nach der Stelle zu ſchaffen, wo wir es fanden. Man hatte es für räthlich gehalten, dieſen Men⸗ ſchen feſt und in Verwahrung zu nehmen. Giacomo machte ſich anheiſchig, die Führung des Boots zu beſorgen. Ich bin nun bald am Ende des Geheimniſſes. In meiner Ver⸗ fleidung ſicher, ſtieg ich mit Beppo auf den Bock. Der Graf kam nach der bezeichneten Stelle und erwies mir nicht ein⸗ mal die Ehre einer Frage oder eines Blickes. Euer Bruder?“ 1768 ſagte er zu Beppo. Man kann das errathen. Familien⸗ ähnlichkeit. Keine ſchöne Race, die Eurige! Zugefahren!“ „Wir langten an dem Haus an. Ich ſtieg ab, um den Kutſchenſchlag zu öffnen. Der Graf ſah mich an. „Beppo ſagt, Ihr habet auf der See gedient.“ „Erxcellenza, ja— ich bin ein Genueſe.“ „Ha— wie kömmt dies? Beppo iſt ein Lombarde. „Bewundert nun die Fertigkeit, mit welcher ich meinen Verſtoß wieder gut machte. „Excellenza, es war der Wille des Himmels, Beppo in der Lombardei geboren werden zu laſſen und dann meine werthgeſchätzten Eltern nach Genua zu führen, in welcher Stadt meine Mutter eine ſo wohlwollende Behandlung fand, daß ſie ſich aus gemeiner Dankbarkeit verpflichtet fühlte, ihre Bevölkerung vermehren zu helfen. Weiter konnte die arme Frau nicht thun. Ihr ſeht, ſie hat ſich ehrlich angeſtrengt.“ „Der Graf lächelte und ſagte nichts weiter. Die Thüre ging auf— ich folgte ihm; das Uebrige kann Euch Eure Tochter erzählen.“ „Und Ihr habt Euer Leben aufs Spiel geſetzt in dieſer Schurkenhöhle! Edler Freund!“ „Mein Leben aufs Spiel geſetzt?— Nein. Aber das des Grafen ſtand auf dem Spiele. Es gab einen Augenblick, als mein Finger ſchon den Drücker faßte und meine Seele der Sünde eines rechtfertigbaren Mordes nahe war. Doch mein Bericht iſt zu Ende. Der Graf fährt die Themſe hinab und wird ſich bald auf den Salzfluthen befinden, obſchon ſeine Reiſe nicht nach Norwegen geht, wie ich urſprünglich be⸗ ab au ſa zu he ba ſte ge H lic im lien⸗ en den 7 inen o in eine cher nd, hre me gt üre ure 1769 abſichtigte. Ich konnte ſeiner Schweſter keine ſo kalte Fahrt auferlegen. Die Mannſchaft hat Befehl, ungefähr ſechs Tage außer Sicht der Küſte zu kreuzen und dann den Grafen ſammt der Marcheſa in einem Boot an's franzöſiſche Ufer zu bringen. Dieſe Zögerung wird dem Fürſten Zeit geben, Wien zu erreichen, eh' Peschiera ihm nachfolgen kann.“ „Würde er wohl ſo kühn ſeyn?“ „Laßt ihm mehr Gerechtigkeit widerfahren. An Kühn⸗ heit fehlt es ihm wahrlich nicht. Aber es iſt mir nicht bange vor ſeinem Auftreten in Wien, wenn ſolche Zeugniſſe gegen ihn ſprechen. Ich fürchtete nur, er möchte dem Für⸗ ſten unterwegs entgegentreten und ihn zu einem Duell zwin⸗ gen, eh' ſein Charakter ſo verrufen iſt, daß der Fürſt die Herausforderung zurückweiſen kann. Und der Graf iſt natür⸗ lich ein haarſcharfer Schütze, wie es dergleichen Männer immer ſind!“ „Er wird zurückkehren und Euch—“ „Mich? Macht Euch deshalb keine Sorge, denn er hat an mir genug gehabt. Doch Violante iſt jetzt wieder wohlbehalten unter Eurem Dach, mein theurer Freund, und meine geehrte Mutter muß längſt durch Leonard, der uns verließ, um ſich zu ihr zu begeben, erfahren haben, daß wir unſere Sendung ohne Gefahr und, was ſie am höchſten an ſchlagen wird, ohne Scandal vollbrachten. Euer Feind iſt ſo machtlos wie das Schilf, das auf dem Waſſer ſeinem Verderben entgegenſchwimmt, und der Fürſt ſchickt ſich viel⸗ leicht eben jetzt an, in den Wagen zu ſteigen, der ihn nach Dover bringen ſoll, während ihm das ſchöne Bewußtſeyn die 1770 Bruſt ſchwellt, Italien bald ſeinen würdigſten Sohn zurück⸗ geben zu können. Erlaubt mir daher, Euch Eurem glück⸗ lichen Schlummer zu überlaſſen, und geſtattet mir, mich in meinen Mantel zu hüllen und auf dem Sopha dort einen kurzen Schlaf zu thun, bis dieſe graue Dämmerung in dem reiferen Tag verſchmolzen iſt. Meine Augen ſind ſchwer, und wenn Ihr noch drei Minuten länger bleibt, werde ich außer dem Bereich des Hörens und im Land der Träume ſeyn. Buona notte!“ „Aber es iſt ein Bett für Euch hergerichtet.“ Harley ſchüttelte verneinend den Kopf und machte ſich's auf dem Sopha bequem. Nachdem Riccabocca ſeinen Gaſt mit dem Mantel zu⸗ gedeckt hatte, beugte er ſich zu ihm nieder, küßte ihn auf die Stirne und ſchlich aus dem Zimmer, um ſich zu ſeiner Jemima zu begeben, die noch auf war und mit der begierig⸗ ſten Spannung den Aufklärungen entgegenſah, welche ſie aus liebevoller Rückſicht der aufgeregten und erſchöpften Violante nicht abfragen wollte. „Noch nicht im Bette?“ rief der Philoſoph, als er ihrer anſichtig wurde.„Habt Ihr denn gar keinen Funken von Mitleid in Euch für meinen künftigen Sohn? Und dies gerade in einer Zeit, welche die vernünftige Wahrſcheinlich⸗ keit in Ausſicht ſtellt, daß ich einen Sohn werde erſchwingen können!“ Riccaboeca lachte heiter; ſeine Gattin dagegen warf ſich an ſeine Schulter und weinte vor Freude. Aber kein Schlaf kam über Harley L Estrange's Augen⸗ urück⸗ glück⸗ ich in einen dem hwer, de ich äume ſich's lzu⸗ auf einer erig⸗ e ſie ften ihrer von dies lich⸗ ngen varf gen⸗ 1771 lider. Sobald ſein Wirth ihn verlaſſen hatte, fuhr er auf und ging mit raſchen, obſchon lautloſen Schritten im Zim⸗ mer auf und ab. Alles Leichtfertige und Launenhafte war aus ſeinem Geſicht verſchwunden, das im Licht des grauen⸗ den Tags eine Leichenbläſſe zeigte. Und auf dieſem blaſſen Antlitz drückte ſich der ganze Kampf, der ganze Schmerz der Leidenſchaft aus. „Dieſe Arme haben ſie umſchlungen,“ murmelte er; „dieſe Lippen haben ihren Athem eingehaucht. Ich befinde mich mit ihr unter dem gleichen Dach, und ſie iſt gerettet — gerettet für immer von Gefahr und Armuth— und für immer getrennt von mir. Muth, Muth! Oh, Ehre und Pflicht— und du, dunkle Erinnerung der Vergangenheit— du, die du treu deine Liebe bewahrteſt, wenigſtens einem Grabe— hilf— vertheidige mich! Kann ich ſo ſchwach ſeyn?“ Die Sonne ſtand an dem winterlichen Himmel, als Harley ſich aus dem Hauſe ſchlich. Noch Niemand war auf, Giacomo ausgenommen, der auf der Schwelle der Thüre ſtand, welche er eben geoffnet hatte, und dem Haushund ſein Futter reichte. „Guten Tag,“ ſagte der Diener lächelnd.„Der Hund hat uns freilich nicht viel genützt; aber ich denke, der Padrone wird ihm fortan ſein Frübſtück nicht mißgönnen. Ich werde ihn mit nach Italien nehmen und dort verheirathen, damit unſere Loͤmbardenhunde eine beſſere Nachzucht kriegen.“ „Ah,“ verſetzte Harley,„Ihr werdet bald unſere kalten Ufer verlaſſen. Möge euch Allen die Sonne freundlich ſeyn.“ 1772 Er hielt inne und blickte gedankenvoll nach den geſchloſ⸗ ſenen Fenſtern hinauf. „Die Signorina ſchläft dort,“ ſagte Giacomo mit ge⸗ dämpfter Stimme;„juſt über dem Zimmer, in welchem Ihr die Nacht zugebracht habt.“ „Ich weiß es,“ murmelte Harley.„Eine innere Stimme hat mir's geſagt. Schließt das Thor auf; ich muß nach Haus. Entſchuldigt mich bei Eurem Herrn und bei Allen.“ Er hatte nur ein taubes Ohr für Giacomo, der ihn zu bleiben bat, wenigſtens bis die Signorina auf ſey— die Signorina, die ihm ihre Rettung verdanke. Ohne daß er es wagte, weiter zu ſprechen, verließ er den Hofraum und ging mit raſchen Schritten London zu. Zehntes Kapitel. Harley befand ſich noch nicht lange in ſeinem Hotel, und das Frühſtück ſtand noch unberührt vor ihm, als Mr. Randal Leslie angekündigt wurde. Randal, der des feſten Glaubens war, Violante ſey mit Peschiera bereits in weiter See, trat als die leibhaftige Verkörperung der Ermüdung und banger Sorge ein; denn gleich dem großen Cardinal Richelieu hatte er bereits die Kunſt gelernt, aus ſeinem zar⸗ ten und ſchwächlichen Aeußeren guten Nutzen zu ziehen. Der Cardinal wußte ſich nämlich wie ein harmloſer Leidender, der am Rande des Grabes lag, anzuſtellen, wenn irgend ein li fü ſchloſ⸗ it ge⸗ lchem nnere und ihn die aß er und otel, Mr, ſten iter ung inal zar⸗ Der der, ein blutiger Entwurf am meiſten ſeine Kraft und Lebhaftigkeit in Anſpruch nahm; und Randal, den die Aufregung des ge⸗ genwärtigen Augenblicks von einem Ende der ungeheuren Hauptſtadt bis zum anderen mit einer Eile hätte jagen kön⸗ nen, welche die des beſten Schnellläufers überboten haben würde, ſank jetzt mit dem Anſchein ſo tiefer Ermattung in einen Stuhl, daß keine Mutter ohne Mitleid es hätte mit anſehen können. Sein Aeußeres war, als ſey er während der vergangenen Nacht in's letzte Stadium der Schwind⸗ ſucht hineingaloppirt. „Habt Ihr keine Spur entdeckt, mein Lord? Sprecht — ich bitte, ſprecht!“ „Nun ja, ich will ſprechen, und es macht mich überglück⸗ lich, Euer Gemüth beruhigen zu können, Mr. Leslie. Was für Thoren wir waren! Ha! ha!“ „Thoren— wie ſo?“ ſtotterte Randal. „Natürlich. Die junge Dame befand ſich die ganze Zeit über in dem Hauſe ihres Vaters.“ „Wie?— was?“ „Und iſt noch dort.“ „Iſt es möglich!“ rief Randal in dem hohlen, träume⸗ riſchen Ton eines Schlafwandlers.„In dem Hauſe ihres Vaters— zu Norwvod? Wißt Ihr dies gewiß?“ Ji Randal machte einen verzweifelten und erfolgreichen Verſuch, ſich zu faſſen. „Der Himmel ſey geprieſen!“ rief er.„Und eben fing 1774 ich an, meinen Argwohn auf den Grafen und auf die Mar⸗ cheſa zu werfen, denn ich finde, daß weder er noch ſie letzte Nacht zu Haus geweſen iſt. Von Levy erfuhr ich, der Graf habe ihn beauftragt, ſeine Rechnungen auszubezahlen, da er auf einige Zeit von England abweſend ſeyn werde.“ „Wirklich? Nun, das geht uns nichts an, wohl aber ſehr viel den Baron Levy, wenn er den Auftrag vollzieht und die Zahlungen leiſtet. Wie— geht Ihr ſchon?“ „Wie mögt Ihr ſo fragen? Wie kann ich bleiben? Ich muß nach Norwood— muß mit eigenen Augen Violante ſehen! Vergebt mir meine Aufregung— ich— ich—“ Randal griff haſtig ſeinen Hut auf und eilte fort. Harley's dumpfes, höhniſches Lachen folgte ihm, als er ſich entfernte. „Ich zweifle ebenſowenig an ſeiner Schuld als Lev⸗ nard. Violante wenigſtens ſoll nicht die Beute dieſes dünn⸗ lippigen Schurken werden. Welchen ſeltſamen Zauber muß er in ſeiner Gewalt haben, daß er die beiden Männer, welche ich am meiſten ſchätze— Audley Egerton und Alphonſo von Serranv— ſo an ſich zu feſſeln weiß? Und beide ſind noch obendrein ſo weiſe— der eine in Büchern, der andere im Leben— und auch argwöhniſch; während ich, der offene, unklug vertrauende Mann—— Ah, der Grund muß darin liegen, daß unſere Naturen antipathiſch ſind. Er mir gegen⸗ über ſchlau, voll Verſtellung und Falſchheit. Ich habe kein Erbarmen, keine Nachſicht für ſolche Charakterzüge. Weh allen Heuchlern, wenn ich ein Großinquiſitor wäre!“ die ſaß feſt Zin Die hab Elt bin er ber we thi bre nic ſti net Mar⸗ letzte Graf da er aber lzieht iben? ante fort. er ſich Leo⸗ dünn⸗ muß velche o von nch re im ffene, darin een⸗ e kein Weh 1775 „Mr. Richard Avenel,“ ſagte der Kellner, indem er die Thüre öffnete. Harley griff nach der Lehne des Stuhls, in welchem er ſaß, und hielt ſie krampfhaft umfaßt, während ſeine Augen feſt die Geſtalt des Gentleman trafen, welcher jetzt in das Zimmer trat. Es koſtete ihn Anſtrengung, ſich zu erheben. „Mr. Avenel,“ ſagte er ſtotternd.„Habe ich Euren Namen recht gehört— Avenel?“ „Richard Avenel, zu dienen, mein Lord,“ antwortete Dick.„Meine Familie iſt Euch nicht unbekannt, und ich habe nicht Urſache, mich ihrer zu ſchämen, obſchon meine Eltern nur kleine Lansmerer Handelsleute ſind. Und ich bin— a— hem!— ein Weltbürger, der ſein Glück ge⸗ macht hat,“ fügte Dick bei, indem er ſeine Glacéhandſchuhe in den Hut warf und letzteren mit der Miene eines alten Bekannten, der ſich's heimiſch machen will, auf den Tiſch ſtellte. Lord L'Estrange verbeugte ſich und ſagte, während er wieder Platz nahm—(Dick Avenel hatte ſich inzwiſchen bereits feſtgeſetzt)—„Ihr ſeyd ſehr willkommen, Sir, und wenn ich für einen Mann, der Euren Namen trägt, etwas thun kann—“ „Danke Euch, mein Lord,“ unterbrach ihn Dick.„Ich brauche nichts für irgend einen Mann. Das iſt ein kühnes Wort; aber ich ſpreche es aus. Gleichwohl würde ich mir nicht die Freiheit genommen haben, Eure Gnaden zu belä⸗ ſtigen, ohne daß Ihr mir zuerſt die Ehre erwieſet, in mei⸗ nem Hauſe vorzuſprechen— Eaton Square, Nummer*** — ich würde mir nicht die Freiheit genommen haben, Euch 76 zu beſuchen, wenn mich nicht eine Geſchäftsſache hieher führte — eine öffentliche Angelegenheit, darf ich ſagen— eine Nationalangelegenheit!“ Harley verbeugte ſich abermals. Ein leichtes Lächeln umzuckte für einen Angenblick ſeine Lippe, machte aber ſchnell wieder einem wehmüthigen, gedankenvollen Geſichte⸗ ausdruck Platz, während er die ſchönen Züge des Mannes muſterte; denn bei aller männlichen Kühnheit darin bemerkte er doch eine gewiſſe Familienähnlichkeit mit dem Weſen, in deſſen Schönheit er früher ſein Jdeal von weiblicher Anmuth gefunden hatte. Er ſtreckte plötzlich ſeine Hand aus und ſagte mit mehr als gewöhnlicher Herzlichkeit: „Geſchäftsangelegenheiten oder nicht, laßt uns als Freunde mit einander ſprechen— um eines Namens willen, der mich wieder nach Lansmere und in meine Jugend verſetzt. Ich werde Euch mit Theilnahme Gehor ſchenken.“ Sehr überraſcht von dieſer unerwarteten Freundlichkeit und— er wußte nicht wie es kam— durch den weichen, melancholiſchen Ton von Harley's Stimme gerührt, drückte Richard Avenel mit Wärme die ihm dargebotene Hand. Ein ſeltener Anfall von Befangenheit bemächtigte ſich ſeiner; er erröthete, huſtete, räuſperte ſich und blickte Anfangs zu Boden und dann auf die Seite, bis er Worte finden konnte, die ihm doch ſonſt ſchnell genug zu Gebot ſtanden. „Ihr ſeyd ſehr gütig, Lord L'Estrange; nichts könnte ſchöner ſeyn. Ich fühle es hier, mein Lord“— und er klopfte auf ſeine gelbe Weſte—„ja⸗ das thu' ich, auf Ehre. Aber um nicht Eure Zeit zu mißbrauchen— denn Zeit iſt Geld— hrte cheln aber chts⸗ nnes erkte n, in muth und s als illen, rſetzt. ichkeit ichen, rückte Ein einer; igs zu onnte, könnte klopfte Aber — will ich zur Sache kommen. Es handelt ſich umn den Wahl⸗ bezirk von Lansmere. Aber entſchuldigt mich, wenn ich ſage, daß Ihr wahrſcheinlich nicht wißt, welchen ganz hübſchen Einfluß ich mir bei Eurer Gegenpartei zuſammengekocht habe. Nichts für ungut— Meinungen ſind frei. Und die populäre Fluth bei der bevorſtehenden Criſis, das heißt, bei der nächſten Wahl, iſt ſtark auf unſerer— auf meiner Seite, wollte ich ſagen. Nun habe ich eine große Achtung Lor dem Grafen, Eurem Vater, und daſſelbe iſt der Fall bei denen, welche mich in die Welt förderten. Mein Vater John war immer ein regelmäßiger guter Blauer— und meine Achtung vor Euch iſt, ſeit ich in dieſes Zimmer gekommen bin, auf dem Markt in die Höhe gegangen— ja, um ein gut Theil geſtiegen. So möchte ich nun ſehen, ob wir nicht un⸗ ſere Köpfe zuſammenſtecken und uns beide privatim auf güt⸗ lichem Weg in den Bezirk theilen können, wie es öffentliche Männer zu halten pflegen, wenn ſie ſich unter einander ab⸗ zufinden Gelegenheit haben, ohne daß Jemand dabeiiſt, durch den die Windbeuteleien nöthig würden, welche in dieſem windbeuteligen alten Lande ſo an der Tagesordnung ſind. Was ſagt Ihr dazu, mein Lord?“ „Mr. Avenel,“ verſetzte Harley langſam, indem er ſich aus der Zerſtreutheit aufraffte, mit welcher er die frühe⸗ ren Sätze in Dicks Rede angehoͤrt hatte—„ich fürchte, ich verſtehe Euch nicht ganz; aber ich habe bei der nächſten Wahl im Bezirk Lansmere kein anderes Intereſſe, als daß ich einem Manne einen Dienſt leiſten möchte, von dem Ihr, welcher Bulwer, meine Novelle. 112 politiſchen Farbe Ihr auch angehören mögt, zugeben werdet, er ſey—“ „Ein Windbeutel.“ „Mr. Avenel, Ihr könnt nicht die Perſon meinen, die ich im Auge habe. Ich ſpreche von einem der erſten Staats⸗ männer unſerer Zeit— von Mr. Audley Egerton— von“ „Einem ſteifhalſigen, pomphaften—“ „Meinem früheſten und theuerſten Freunde.“ Dieſer Verweis, obſchon ſo zart ausgedrückt, genügte, um Dick für den Augenblick zum Schweigen zu bringen, und als er wieder anfing, ſchlug er einen anderen Ton ein. „Ich bitte um Verzeihung, mein Lord. Natürlich darf ich nichts Reſpektwidriges ſagen gegen Euren Freund, ob⸗ ſchon es mir ſehr leid thut, daß er Euer Freund iſt. Wenn die Sachen ſo ſtehen, fürchte ich faſt, daß ich nichts bei Euch ausrichten werde. Aber Mr. Audley Egerton hat keine Aus⸗ ſicht. Erlaubt mir, daß ich Euch den Beweis liefere.“ Und Dick zog ein kleines Buch in einem hübſchen rothen Einband heraus. „Wahlbuch, mein Lord. Ich bin kein Ariſtokrat und maße mir nicht an, einen freien, unabhängigen Wahlkörper in der Hoſentaſche zu tragen. Verhüt's der Himmel! Aber als praktiſcher Geſchäftsmann laß ich mir's angelegen ſeyn, was ich thue, recht zu thun. Schaut einmal dieſes Buch an. Gut geführt— eh? Namen, Zuſagen, Richtung, öffent⸗ liche Meinungen und Privatintereſſen eines jeden einzelnen Lansmerer Wählers! Nun zeige ich Euch, als ein Ehren⸗ mann gegen den anderen, dieſes Buch, und Ihr werdet, di de w we lie an ſp die ats⸗ on“ ügte, und darf „ob⸗ Benn Euch Aus⸗ then und er Aber eyn, uch ent⸗ lnen ren⸗ det, denk ich, daraus erſehen, daß wir ein Mehr von wenigſtens achtzig Stimmen gegen Mr. Egerton haben.“ „Dies iſt Eure Anſicht von der Sache,“ verſetzte Harley, indem er das Buch in die Hand nahm und die darin ver⸗ zeichneten Namen ſammt den beigefügten Notizen überblickte. Aber ſein Geſicht wurde ernſt, als er viele Perſonen, die er in ſeiner Jugend als treue und gewichtige Anhänger der Fa⸗ milie Lansmere gekannt hatte, jetzt in die Reihen der Ge⸗ genpartei eingetragen fand.„Aber zuverläſſig täuſcht Ihr Euch in vielen hier aufgeführten Wählern— ich ſehe auf Eurer Seite manchen alten Freund meiner Familie— man⸗ chen treuen Anhänger unſerer Partei aufgezeichnet.“ „Ganz richtig. Aber dieſe neue Frage hat alle alten Dinge über den Haufen geworfen. Ihr könnt Euch auf kei⸗ nen Eurer Freunde— kurz auf nichts ſo verlaſſen, wie auf dieſes Buch!“ ſagte Dick, indem er mit ruhigem, aber un⸗ glückweiſſagendem Nachdruck auf die rothe Decke klopfte. „Mein Vorſchlag beſteht nun in Folgendem: Vermei⸗ det, daß der Lansmere⸗Einfluß eine Niederlage erleide; es würde dem alten Grafen wehthun— ihm zu Herzen gehen — zuverläſſig.“ Harley nickte. „Und dieſe Niederlage iſt auch recht wohl zu umgehen, wenn Ihr einen Anderen in Vorſchlag bringt ſtatt dieſes Kanzleimenſchen— bitte um Verzeihung. Ihr ſeht, es liegt mir bloß daran, einen Mann durchzuſetzen— den andern mögt Ihr nehmen. Warum nicht? Da iſt zum Bei⸗ ſpiel ein gewichster junger Burſch— ein Verwandter von 142* 1780 Mr. Egerton— Randal Leslie. Ich habe nichts gegen ihn, obſchon er von Eurer Farbe iſt. Zieht, noch eh' es zur Wahl kömmt, den Mr. Egerton zurück, und ich mach' es ebenſo mit meinem zweiten Mann; dann können wir glatt und eben den Wahlbezirk unter uns theilen. Dies iſt die Art, ſolche Geſchäfte abzumachen— was haltet Ihr davon, mein Lord?“ „Randal Leslie! Oh, Ihr wünſcht den Mr. Leslie durchzuſetzen? Aber er tritt mit Egerton auf, nicht ge⸗ gen ihn.“ „Ah,“ verſetzte Dick, vor ſich hinlächelnd,„ſo höre ich; und wir könnten ihm trotz ſeines Prinzipals durchhelfen, ohne ein Wort gegen Euch zu verlieren. Aber unſere ganze Familie achtet die Eurige, und ſo war ich Willens, die Sache ehrlich und offen abzumachen. Der Graf und ſeine Partei ſoll ſich mit dem jungen Leslie begnügen.“ „Hat der junge Leslie mit Euch bereits Rückſprache ge⸗ nommen?“ „Natürlich, obſchon er nichts von meinem Hieherkom⸗ men weiß. Oh nein— dies iſt ein Geheimniß— privat und vertraulich, mein Lord. Um nun die Sache noch glatter zu machen, laſſe ich mir's gefallen, daß mein Mann ganz einer nach Eurer Gnaden Herzen ſeyn ſoll. Ich finde, daß Ihr ſehr gütig gegen meinen Neffen geweſen ſeyd— macht Euch Ehre, mein Lord— ein wundervoller junger Menſch, obſchon ich's nicht ſagen ſollte. Hät's nie geglaubt, daß ſo viel hinter ihm ſtäcke. Und doch hatte er, ſchon als er in meinem Hauſe war, immer den Entwurf zu einer Erfindung —— S ——,„—— e— ihn, s zur ch' es glatt iſt die avon, — c — — höre elfen, ganze „die ſeine e ge⸗ rkom⸗ rivat latter ganz „daß nacht enſch, aß ſo er in dung 1781 in ſeinem Pulte liegen, die mich jetzt vom Untergang rettet — vom poſitiven Untergang— dem Baron Levy⸗ dem Kings⸗ bench und einem allmächtigen Pflumpf! Ein ſolcher junger Mann ſollte in's Parlament kommen. Ich liebe es, einen Verwandten vorwärts zu bringen— das heißt, wenn man Ehre von ihm hat.'s liegt in der Menſchennatur, in dem heiligen Band, für ſein eigen Fleiſch und Blut zu ſorgen; und außerdem wäſcht eine Hand die andere— ein Bein hilft dem anderen, und Verwandte kommen am beſten in der Welt voran, wenn ſie mit einander ziehen— das heißt, ſo fern's die rechte Verwandtſchaft iſt, die vorwärts und nicht abwärts zieht. Ich hatte einmal den Gedanken, ſelbſt als Candidat aufzutreten— hab's noch in der letzten Zeit gedacht. Das Land braucht Leute, wie mich— ich weiß das; aber dann iſt mir die Idee gekommen, daß es beſſer iſt, wenn ich nach meinem Geſchäft ſehe. Das Land, bieſes einfältige alte Ding, mag ſorgen, wie es ohne mich zu Stande oder nicht zu Stande kömmt, während es dagegen außer Zweifel iſt, daß meine Fabriken und meine neuen Dampfmaſchinen mich nicht entbehren können. Kurz, da wir allein bei einander ſind und, wie ich bereits bemerkte, keinerlei Nothwendigkeit zu den Windbeuteleien vorhanden iſt, denen man ſich in Ge⸗ genwart anderer Leute unterziehen muß— ſorgt anderwärts für Mr. Egerton, den ich wie Gift haſſe— nichts für ungut, Euer Gnaden, aber ich habe ein Recht dazu, ſchätz' ich— und die jungen Leute, Leonard Avenel und Randal Leslie, ſollen die Vertreter des freien und unabhängigen Wahlbezirks Lansmere werden.“ 1782 „Aber iſt es Leonards Wunſch, in's Parlament zu kommen?“ „Nein; er verſichert das Gegentheil— doch dies iſt Unſinn. Wenn Eure Gnaden ihm nur zu verſtehen geben wollte, er ſolle dieſe edle Gelegenheit, ſich im Leben zu he⸗ ben und etwas Schönes von der Nation herauszuſchlagen, nicht unbenützt laſſen, ſo bin ich überzeugt, daß er ſich Euch zu verpflichtet fühlt, weitere Umſtände zu machen, nament⸗ lich da ſich's ja um ſeinen eigenen Vortheil handelt. Und außerdem ſollte doch einer von uns Avenelen im Parlament ſeyn. Und da ich weder Zeit noch Gelehrſamkeit habe wie er, ei, ſo iſt's nur vernünftig, daß er gehen muß. Und wenn er eines Tages etwas für mich thun kann— nicht daß ich etwas verlangte— aber ein Baronetstitelchen oder ſo wäre doch ein Compliment für die engliſche Induſtrie und würde als ein ſolches von mir und von dem Volk im Allge⸗ meinen gewürdigt werden— ich ſage, wenn er etwas der Art thun könnte, ſo würde die ganze Familie dadurch geho⸗ ben— und kann er's nicht, je nun, ſo will ich's ihm ver⸗ zeihen.“ „Avenel,“ ſagte Harley mit jener zutraulichen, bezau⸗ bernden Anmuth, welcher nicht leicht Jemand widerſtehen konnte—„Avenel, wenn ich mir's als eine große perſön⸗ liche Gunſt für mich ſelbſt, für Euren Mitbürger— denn ich bin ein geborener Lansmerer— erbäte, daß Ihr Eurem Groll gegen Audley Egerton, worin derſelbe auch begründet ſeyn mag entſaget und ſeiner Wahl nichts in den Weg leget, während dagegen unſere Partei Eurem Neffen nicht oppo— ni U ſch 60 3 8 zu s iſt eben he⸗ gen, Fuch ent⸗ Und nent wie Und nicht oder und lge⸗ der eho⸗ ver⸗ zau⸗ ehen ſön⸗ denn rem ndet eget, ppo⸗ 1783 niren ſoll— könntet Ihr mir nicht dieſen Gefallen thun? Um unſeres lieben Lansmere's und um all der alten freund⸗ ſchaftlichen Gefühle willen, die zwiſchen Eurer und meiner Familie beſtehen— ſaßt Ja dabei ſoll's bleiben““ Richard Avenel war faſt erweicht. Er wandte ſein Geſicht ab. Aber da vergegenwärtigte ſich ihm plötzlich wieder Audley Egertons ſtolze Miene, als derſelbe ihn⸗ den damaligen Lord Mayor von Screwstown, voll hoch⸗ müthiger Verachtung aus ſeinem Amtszimmer gewieſen hatte. Das Blut ſtrömte nach ſeinem Geſicht; er ſtampfte mit dem Fuß auf den Boden und rief unmuthig: „Nein, ich ſchwöre, daß Andley Egerton ſeine Un⸗ verſchämtheit gegen mich büßen ſolle, ſo wahr mein Name Richard Avenel iſt, und alle Saife der Welt wird mir dieſen Eid nicht abwaſchen. Es geht alſo nicht anders: entweder zieht Ihr dieſen Mann zurück oder ich ſorge für ſeinen Durchfall. Dieſer ſoll ihm nicht entſtehen, und zwar auf eine Weiſe, die ihn auf's Bitterſte berühren wird, und wenn mich's mein halbes Vermögen koſten ſollte. Aber ſo viel koſtet's nicht,“ fügte Dick ſich verkühlend bei—„kein Ge⸗ danke davon; denn wenn man die Fluth der Volks gunſt auf ſeiner Seite hat, ſo iſt's erſtaunlich, wie wohlfeil man eine Wahl durchſetzen kann. Ihn dagegen wird's genug koſten — und doch vergeblich— ja, noch ſchlimmer als vergeblich. Denkt an mich, mein Lord.“ „Soll geſchehen, Mr. Avenel. Und ich ſage Euch mei⸗ ner Seits, daß meine Freundſchaft eben ſo ſtark iſt als Euer Haß, und wenn wir uns dafür entſcheiden, daß Andley Eger⸗ 1784 ton auf der Bewerbung beharre, ſo ſoll er ohne einen Schil⸗ ling eigenen Aufwands durchgeſetzt werden— und wenn es mich mein ganzes Vermögen koſtet.“ „Sehr gut, mein Lord— ſehr gut,“ entgegnete Dick ſteif, indem er ſeine Glacéhandſchuhe anſtreifte.„Wir wollen ſehen, ob die Ariſtokratie noch immer in dieſer Weiſe mit der freien Wahl des Volks umſpringen darf. Aber dos Volk iſt erwacht, mein Lord. Der Gang des Fortſchritts hat begonnen— wir ſind keine Schüler mehr, und der bri⸗ tiſche Löwe—“ „'s iſt Niemand hier außer uns, mein lieber Avenel⸗ Iſt dies nicht ſo ziemlich— Windbeutelei, wie Ihr's zu nennen pflegt?“ Dick ſtutzte, machte große Augen, wurde roth und brach dann in ein Gelächter aus. „Gebt mir noch einmal Eure Hand, mein Lord. Ihr ſeyd ein guter Kerl— dies muß Euch Euer Feind laſſen. Und um Euretwillen—“ „Wollt Ihr nicht gegen Egerton ankämpfen?“ „Mit Nägeln und Zähnen— mit Nägeln und Zäh⸗ nen!“ rief Dick, indem er, die Ohren mit beiden Händen zuhaltend, aus dem Zimmer lief. Jetzt kam über Harley's Geſicht jener Wechſel, der ſich ſo häuſig darauf bemerklich machte und in der That bei den heiteren Kindern der Welt weit öfter vorkömmt, als Leute von geſetzterem Temperament und gleichförmiger Lebensweiſe wohl glauben mögen. Es gibt Manchen, den wir Freund nennen und deſſen Geſicht uns ſo vertraut zu ſeyn ſcheint, wie au ſeh wit ſch üb: tor ger doe ſei ſos ſo zut nä der inr we ode blö rur in ſer hil⸗ es ick Wir eiſe das tts bri⸗ Ihr en. äh⸗ den ſich den ute iſe nd 1785 wie unſer eigenes; könnten wir aber nur einen einzigen Blick auf ihn werfen, nachdem wir ihn verlaſſen haben— ihn ſehen, wie er allein in ſeinen Stuhl zurückſinkt, ſo würden wir ſeufzen ob der Wahrnehmung, wie oft das Lächeln einer ſcheinbar ſo offenen Lippe nur für die Schauſtellung einge⸗ übt iſt. Welche Gedanken ließ der Beſuch Richard Avenels in Harley's Seele zurück? Es wäre ſchwer, dies zu beſtimmen. An ſeiner Stelle würde ein Mann wie Audley Eger⸗ ton einen Troſt in dieſem Beſuch gefunden und vor ſich hin⸗ gemurmelt haben—„Dem Himmel ſey Dank, ich muß doch der Welt nicht dieſen ſchrecklichen Menſchen als meinen Schwager vorſtellen!“ Aber wahrſcheinlich war Harley in ſeinem Brüten ganz von Richard Avenel abgekommen. Wie ſogar der unbedeutendſte, ſchon rein vergeſſene Vorfall in unſerem Tagleben Anlaß geben kann zu nächtlichen Träumen, ſo hatte vielleicht der Name, das Ausſehen des Beſuchers zugereicht, ein Geſicht herbeizuführen, ſo entfernt von dem nächſten Veranlaſſer, als das ſogenannte wirkliche Leben von dem viel wirklicheren, das unſere Einbildungskraft oder Er⸗ innerung in den Spukkammern unſeres Gehirns findet. Denn was iſt wirkliches Leben? Wie wenig haben die Dinge, welche um uns vorgehen, mit der Quelle unſerer Freuden oder Leiden zu ſchaffen? Doch das Leben, welches unſer blöder Sinn Romantik nennt— das Gefühl, die Erinne⸗ rung, die Hoffnung oder die Furcht, die man nie wahrnimmt in dem Schaffen unſerer Hände und in dem Jargon auf un⸗ ſeren Lippen— aus dieſem Leben wickelt ſich wie aus den 1786 Eingeweiden der Spinne das Gewebe, in deſſen Mitte wir uns des Sonnenlichts freuen oder an deſſen Fäden wir in den der Welt verborgenen Schirm der Heimath gleiten. „Ich darf weder an die Vergangenheit noch an die Gegenwart denken,“ ſagte Harley, ſich mit einem Seufzer aufraffend.„Ich will einer eingebildeten Zukunft entgegen⸗ eilen. Die glücklichſten Ehen', ſagt der franzöſiſche Phi⸗ loſoph, und mancher Weiſe iſt mit ihm der gleichen Anſicht, ſind diejenigen, in welchen der Mann nur die ſanfte Gefähr⸗ tin und das Weib nur den ruhigen Beſchützer ſucht. Ich will zu Helen gehen.“ Er erhob ſich und war eben im Begriff, ſeinen Schreib⸗ tiſch zu ſchließen, als er ſich der Papiere erinnerte, die ihm Leonard zum Leſen empfohlen hatte. Mit gleichgültiger Hand holte er ſie aus ihrem Fach„und wollte ſie mit nach dem Haus ſeines Vaters nehmen. ber als ſein Blick auf die Schriftzüge fiel, begann ſeine Hand plötzlich zu zittern, und er fuhr einige Schritte zurück, wie wenn er von einem heftigen Schlag getroffen worden wäre. Dann betrachtete er aufmerkſamer die Schrift, und ein dumpfer Ausruf entglitt ſeinen Lippen. Nachdem er wieder Platz genommen hatte, fing er an zu leſen. Eilftes Kapitel. Unter beklommenen Ahnungen— denn die verborgene Ironie in dem Ton des Lord LEstrange war ihm nicht enig Er f brack woh hatt zu ze gut kann Geſe gele er P der Gra ihn ihne geko Frei er d woll ande Red liche Ein Pla gefu mög Ein ewir ir ein n die ufzer egen⸗ Phi⸗ ſicht, fähr⸗ Ich hreib⸗ e ihm ltiger nach auf ttern, einem chtete glitt hatte, orgene nicht 1787 entgangen— lenkte Randal ſeine Schritte nach Norwood⸗ Er fand Riccaboeca ungemein kalt und abgemeſſen. Indeß brachte er bald den Weiſen dahin, daß dieſer ihm den Arg⸗ wohn mittheilte, welchen ihm Lord L'Estrange eingeflößt hatte, und kam dadurch in die Lage, ihn mit Leichtigkeit zu zerſtreuen. Er wußte die Beſuche bei Levy und Peschiera gut zu erklären. Natürlich hatte er erſteren als einen Be⸗ kannten aufgeſucht, der noch obendrein mit Audley Egerton Geſchäfte hatte und von dem er wußte, daß er auch die An⸗ gelegenheiten des Grafen beſorgte. Von dem Baron hatte er Peschiera's verdächtigen Umzug aus Mivarts Hotel nach der Umgebung von Leiceſter Square herausgelockt, den Grafen dort aufgeſucht, ſich Eingang erzwungen und offen ihn der Entführung Violante's beſchuldigt; es war zwiſchen ihnen zu hohen Worten und ſelbſt zu einer Herausforderung gekommen Randal zeigte ſogar ein Billet von einem ſeiner Freunde in der Armee vor, den er eine Stunde, nachdem er das Hotel verlaſſen, an den Grafen abgeſchickt haben wollte. Darin war von einer Beſtellung auf ſieben Uhr am anderen Morgen in die Nähe von Lords Cricket Ground die Rede. Sofort legte Randal Riccaboeca ein anderes förm⸗ liches Memorandum von demſelben kriegeriſchen Freunde zur Einſicht vor, des Inhalts, daß Randal und er ſich nach dem Platz des Stelldicheins begeben, aber keinen Grafen vor⸗ gefunden hätten. Man muß geſtehen, daß Randal alle möglichen Vorkehrungen getroffen hatte, um ſich zu reinigen. Einem ſolchen Mann darf man wahrhaftig nicht Mangel 1788 an Erfindungsgabe zur Laſt legen, wenn ihm bisweilen das ſchlimme Geſchick einen Plan nicht gelingen läßt. „In meiner Unruhe,“ fuhr Randal fort,„eilte ich zu Baron Levy und erfuhr von ihm, daß ihm der Graf die ſchriftliche Mittheilung gemacht hatte, er werde für einige Zeit von England abweſend ſeyn. Dann trieb mich die Ver⸗ zweiflung zu Eurem Freund Lord LEstrange, der mir ſagte, daß Eure Tochter ſich wohlbehalten unter Eurem Dache be⸗ finde. Und obſchon ich, wie Ihr Euch durch den Augenſchein überzeugen könntet, mein Leben bereitwillig gegen einen ſo berufenen Duellanten, als der Graf iſt, auf's Spiel ſetzte, weil ich glaubte, ich könne ſie gegen ſeine vermeintlichen Anſchläge ſchützen, freut es mich doch, denken zu dürfen, daß ſie meinen ungeſchickten Arm nicht nöthig hatte. Aber wie kam es, daß der Graf nach einer angenommenen Heraus⸗ forderung England verlaſſen konnte? Ein Mann, der ſeiner Waffe ſo ſicher iſt und im Rufe ſteht, eben ſo furchtlos in Gefahr zu ſeyn, als er ſtumpf von Gewiſſen iſt. Erklärt mir dies, Ihr, der Ihr die Menſchen ſo gut kennt— erklärt es. Ich kann's nicht.“ Der Philoſoph konnte dem Vergnügen nicht widerſtehen, die Entdeckung und Demüthigung ſeines Feindes zu erzählen und ſich über die Schlauheit, den Scharfſinn und das ſchnelle Handeln ſeines Freundes zu verbreiten. So erfuhr Randal allmälig das ganze Drama der letzten Nacht. Er ſah alſo, daß der Verbannte alle Hoffnung hatte, bald wieder in ſeinen Rang und Reichthum eingeſetzt zu werden. Violante war jetzt in der That ein herrlicher Preis— zu herrlich viellleicht we tes eit kor feſ tin un her Ra ndas e ich f die inige Ver⸗ agte, e be⸗ chein einen etzte, ichen „daß wie raus⸗ einer os in klärt klärt hen, ihlen nelle ndal alſo, inen war eicht 1789 für Randal— aber ſollte er ihn aufgeben, ohne auch nür einen Verſuch zu machen, ihn zu gewinnen? Der ſinnreiche junge Freier drückte daher krampfhaft die Hand ſeines beab⸗ ſichtigten Schwiegervaters, wandte den Kopf ab, als wolle er ſeine Aufregung verbergen, und ſtotterte hervor,„da nun Doktor Riccabveca ſo bald in dem Herzog von Serrano verſchwinden werde, habe er— Randal Leslie von Rood, obſchon ein Gentleman von Geburt, aber doch in zurückge⸗ kommenen Vermögensverhältniſſen— natürlich kein Anrecht mehr an die Zuſage, die ihm gegeben worden, ſo lang der Vater Urſache hatte, für die Zukunft ſeiner Tochter zu fürch⸗ ten; mit der Furcht höre auch das Verſprechen auf. Möge der Himmel Beide— Vater und Tochter— ſegnen!“ Dieſe Anrede traf ſowohl das Herz als die Ehre des Verbannten. Randal Leslie kannte ſeinen Mann. Und obſchon vor dieſem Beſuch Riccabocea nicht ſo ganz Philo⸗ ſoph geweſen war, um ſich nicht zu freuen, wenn ein Be⸗ weis von dem Verrath des jungen Mannes ihn ſeines Wor⸗ tes entband und eine Vermählung unter dem Rang ver⸗ eitelte, welcher ihm ſo bald wieder zurückgegeben werden ſollte, konnte doch kein Spanier zäher an einer gegebenen Zuſage feſthalten als dieſer inconſequente Jünger des tiefen Floren⸗ tiners. Er war jetzt von Randals Rechtlichkeit überzeugt, und wiederholte deshalb mit ſtattlicher Förmlichkeit ſein frü⸗ heres Anbieten von Vivlante's Hand. „Aber,“ ſtotterte der vorſichtige und weithin rechnende Randal mit einem Seufzer—„aber Euer einziges Kind — Eure einzige Erbin! Oh, könnte nicht Eure Zuſtim⸗ 1790 mung zu einer ſolchen Verbindung, wenn ſie vor Eurer Zurückberufung bekannt würde, Eure eigene Sache gefähr⸗ den? Eure Lande, Eure Fürſtenthümer— können ſie auf das Kind eines unbedeutenden Engländers übergehen? Ich wage nicht, es zu glauben. Ach, wollte der Himmel, daß Violante keine Erbin wäre!“ „„Ein edler Wunſch,“ verſetzte Riccabocca mit einem milden Lächeln,„den das Schickſal wohl verwirklichen dürfte. Seyd guten Muths— Violante wird nicht meine Erbin ſeyn.“ „Ah!“ rief Randal und athmete tief auf—„ah, was höre ich.“ „Böst! Ich werde bald zum zweitenmal Vater ſeyn— und zwar der Vater eines Sohnes, wenn mich die untrüg⸗ lichen Unterſuchungen der Schriftſteller über den intereſſan⸗ teſten von allen Gegenſtänden, die Geneſie, zu einem maß⸗ gebenden Schluß berechtigen. Auf ihn werden natürlich die Titel von Serrano und Monteleone übergehen. Und Violante—“ „Wird nichts haben, hoffe ich!“ rief Randal und that ſein Beſtes, um recht erfreut auszuſehen, bis ſeine Pfoten aus der Falle gezogen wären, in die er ſie ſo unvorſichtig ge⸗ ſteckt hatte. „Nicht doch; das Erbe, das ihr nach unſeren Geſetzen zufällt— meiner Liebe nicht zu gedenken— wird immer noch die gewöhnliche Morgengabe, welche die Töchter der Londoner Kaufleute den Söhnen britiſcher Peers zubringen, bei weitem überſteigen. Wer immer Violante heirathet, muß ſich— vorausgeſetzt, daß ich meine Beſitzungen wieder H— S—„ — rer as ch 1791 erringe— den Sorgen unterwerfen, welche nach der Verſiche⸗ rung der Dichter unabweislich dem Reichthum ankleben.“ „Oh!“ ächzte Randal, als fühle er ſich bereits erdrückt von dieſer Sorgenlaſt und theile er vollkommen die Anſicht der Dichter. „Die Vermählung braucht übrigens nicht ſtattzufinden, eh' mein Sohn geboren iſt, und dann iſt auch der letzte Vor⸗ wand gefallen, der dazu benützt werden könnte, meine freie Verfügung über die Hand meiner Tochter zu beſchränken. Doch erlaubt mir jetzt, Euch Eurer Verlobten vorzuſtellen.“ Der arme Randal war im Lauf der letzten drei Minuten erbarmenlos fortgeriſſen worden in der Tonleiter der Ge⸗ fühle, wie es Schiller nennt— hinab bis zu der tiefſten Saite der Verzweiflung bei der plötzlichen Kunde, daß ſeine Verlobte nichts weniger als eine Erbin ſey, dann ſteigend zu den Bebungen angenehmer Zweifel über den ungebornen Uſurpator ſeiner Rechte, trotz den Prophezeiungen der gene⸗ tiſchen Wiſſenſchaft, und endlich zu einem vollen Aeccord aller ſüßen Gedanken anſchwellend bei der Verſicherung, daß ſie, was da auch kommen mochte, eine reichere Braut ſeyn würde als irgend eine, welche ein Peers⸗Sohn in dem ehſtandlichen Potoſi von Lombardſtreet auffinden konnte. Gleichwohl wurde dem gequälten Liebhaber jetzt noch nicht geſtattet, ſeine erſchöpfte, obſchon in Entzücken ſchwelgende Seele zur Ruhe kommen zu laſſen; denn der Gedanke an ein perſönliches Zuſammentreffen mit der ihm beſtimmten Braut, deren leibliches Daſeyn in dem ſie umgebenden gött⸗ lichen Goldregen dem Auge ſeines Geiſtes ganz entrückt worden wär, erinnerte ihn plötzlich an die maßloſe Rohheit, mit welcher ſeine Politik ihn bei der letzten Begegnung ſeine Werbung vorbringen ließ, und an die Nothwendigkeit eines geſchickten Falcetto für die neuen Variationen, die ihn wie⸗ der auf der unbarmherzigen Tonleiter hin und her ſtießen. Wie dem nun ſeyn mochte, er konnte dem Vorſchlag des Vaters nicht ausweichen, obſchon er, um Riccabocca auf Violante's Einreden vorzubereiten, zuvor pathetiſch das Bekenntniß ablegte, ſeine Ungeduld, ihr Jawort zu erlangen und Peschiera's Anſchläge zu vereiteln, habe ihn wohl als einen rohen und anmaßenden Freier erſcheinen laſſen. Der Philoſoph, welcher ſich zu dem Glauben neigte, daß eine Art Werbung ſo ziemlich wie die andere ſey, wenn ſich's um ein ſchon zum Voraus beſtimmtes Reſultat handle, lächelte wohlwollend, klopfte mit einem—„Pah, pah, pazzie!“ Randal auf die ſchmale Wange und verließ das Zimmer, um Violante herbeizuholen. „Wenn Wiſſen Macht iſt,“ ſprach Randal zu ſich ſelber, „ſo bannt die Gewandtheit das Glück, wie Miß Edward in der Geſchichte von Murad, dem Unglücklichen, zeigt, die ich zu Eton geleſen habe und die obendrein eine recht verſtän⸗ dige Erzählung iſt. Alles ſchlägt zu meinem Beſten aus. Violante's Entkommen, das mich um die zehntauſend Pfund des Grafen gebracht hat, wird für mich— ich darf wohl ſagen— zehnmal ſo viel werth ſeyn; denn ohne Zweifel beſteht ihr Beibringen mindeſtens aus hunderttauſend Pfun⸗. den. Und wenn es am Ende nichts iſt mit dem erwarteten Kinde oder es in früher Jugend wegſtirbt, ſo muß nach der zu vo wr tiſ der ter Au eine nes vie⸗ en. des auf das gen als Der eine h's elte e!“ ner, ber, in än⸗ us. und ohl ifel un⸗ ten der Ausſöhnung mit der Regierung und nach der Zurückerſtat⸗ tung der Güter das Geſetz ſeinen natürlichen Gang gehen, ſo daß Violante zuletzt doch die reichſte Erbin von Europa wird. Was die junge Dame ſelbſt betrifft, ſo geſtehe ich, daß ich ziemlichen Reſpekt vor ihr habe, und ich weiß, ich werde mich unter den Pantoffel ducken müſſen. Doch dies iſt bei allen achtbaren Ehmännern der Fall, und wer ſich nicht fügen will, kömmt leicht in den Ruf eines ungeordneten, brutalen Menſchen.“ Das Lächeln, das jetzt über Randals Geſicht hinglitt, bot eine Parallele zu Plutv's eiſernen Thränen; aber ſo eiſern es auch war, ſchämte ſich doch der ernſte junge Mann deſſel⸗ ben.„Was fällt mir ein,“ ſagte er halblaut,„daß ich vor mich hinkichere, und die edle Zeit verderbe, während ich ernſtlich mit mir zu Rath gehen ſollte, wie ich es anzugreifen habe, um über den hohen Ton in meiner früheren Werbung eine befriedigende Aufklärung zu geben? Für welchen Meiſter⸗ zug habe ich ihn nicht damals gehalten; aber wer konnte vorausſehen, daß die Dinge eine ſolche Wendung nehmen würden? Ich will's überlegen. Peſt! da kömmt ſie ſchon.“ Aber Randal hatte nicht das feine Ohr unſerer roman⸗ tiſcheren Liebhaber, und zu ſeiner großen Erleichterung trat der Flüchtling ohne Violante's Geleite ein. Riccabocca's Miene war etwas verlegen. „Mein theurer Leslie, Ihr müßt für heute meine Toch⸗ ter entſchuldigen; ſie leidet noch immer an den Folgen der Aufregung, die ſie durchgemacht hat, und kann Euch nicht ſehen.“ Bulwer, meine Novelle. 113 1794 Der Liebhaber gab ſich alle Mühe, ſein Entzücken nicht merken zu laſſen. „Grauſam,“ ſagte er;„aber ich möchte nicht um Welten ihr mit meiner Gegenwart läſtig fallen. Herzog, ich hoffe, ſie wird es nicht allzu ſchwer finden, dem Gebot, das über ihre Hand verfügt, Folge zu leiſten und ihr Glück meiner dankbaren Obhut zu vertrauen.“ „Um offen gegen Euch zu ſeyn, Randal, es ſcheint ſie zur Zeit noch anzukommen, als ich aſih Sie ſiht ſogar von— „Einer anderen Neigung? Oh, Himmel!“ „Neigung? Pazzie! Wen könnte ſie geſehen haben? Nein— von einem Kloſter! Doch überlaßt dies mir. In einer ruhigeren Stunde wird ſie begreifen, daß es für ein Kind das beneidenswertheſte und heiligſte Lvos iſt, die Ehre des Vaters zu wahren. Ihr kehrt wohl jetzt nach London zurück— darf ich Euch bitten, dem jungen Mr. Hazeldean die Verſicherung meiner ewigen Dankbarkeit für ſeine Theil⸗ nahme an der Befreiung meiner Tochter aus den Händen jenes armen geſchlagenen Betrügers zu überbringen?“ Der Leſer bemerkt, daß, nun Peschiera nicht länger ein Gegenſtand der Furcht für den ängſtlichen Vater iſt, er dem Philoſophen nur noch als Gegenſtand des Mitleids, dem Fürſten aber als Gegenſtand der Verachtung erſcheint. „Richtig, verſetzte Randal, Ihr habt mir geſagt, daß Frank theilnahm an dem ſehr geſcheidten und dramatiſchen Entwurf des Lord LEstrange. Der gnädige Herr hat ein treffliches Schauſpielertalent— Komik mit einem Anflug von um og, ot, ück ſie n? In ein hre don ean eil⸗ den ger er em daß hen ein von Melodrama. Der arme Frank! Augenſcheinlich iſt jetzt Beatrice di Negra, die Dame, die er anbetete, für ihn ver— loren. Ihr ſagt, ſie habe den Grafen begleitet. Iſt das Verlöbniß, das zwiſchen ihr und Frank ſtattfand, wieder aufgelöst?“ „Ich habe nichts von einem ſolchen Verlöbniß, wohl aber von einer Neigung, die ſie zu einem Andern gefaßt hatte, gehört. Letzteres wäre freilich kein Abhaltungsgrund gewe⸗ ſen, gleichwohl den Mr. Hazeldean zu heirathen. Drückt ihm meinen Glückwunſch aus, daß er noch zu guter Zeit entronnen iſt.“ „Nicht doch; er darf nicht wiſſen, daß ich unabſichtlich ſein Geheimniß verrathen habe; aber Ihr könnt nun erra⸗ then, was Euch vielleicht früher räthſelhaft erſchien— die Art nämlich, wie ich ſo gut mit dem Grafen und ſeinen Be⸗ wegungen bekannt wurde. Ich ſtehe auf ſehr vertrautem Fuß mit meinem Vetter Frank, und Frank war der Ver— lobte der Marcheſa.“ „Es freut mich, daß Ihr mir dieſe Aufklärung gebt, die mir vollkommen befriedigend erſcheint. Am Ende iſt die Marcheſa keine von Natur aus ſchlechte Frau— das heißt, nicht ſchlimmer, als Weiber im Allgemeinen ſind. So ſagt wenigſtens Harley, und auch Violante verzeiht ihr und ent— ſchuldigt ſie.“ „Die edelmüthige Violante! Aber es iſt wahr. Die Marcheſa kam mir immer vor, als beſitze ſie ſchöne, wenn auch irregeleitete Eigenſchaften, und ich traute ihr zu, daß ſie geneigt ſey, zu Vereitlung der verbrecheriſchen Plane 1135 1796 ihres Bruders hülfreiche Hand zu bieten. Dies habe ich auch, wenn ich mich recht erinnere, gegen Violante aus⸗ geſprochen.“ Nachdem Randal dieſen klugen und verwahrenden Wink hin zeworfen hatte, um ſich gegen Alles ſicher zu ſtellen, was Violante in Betreffjener ſchlauen Andeutung vorbringen konnte, durch die ſie bewogen wurde, der Marcheſa zu ver⸗ trauen, fuhr er fort: „Aber Ihr bedürft der Ruhe. Ich verlaſſe Euch als der glücklichſte, der dankbarſte der Menſchen. Eure hoöfliche Vermeldung an Frank ſoll ausgerichtet werden.“ Zwölftes Kapitel. Neugierig, zu erfahren, was zwiſchen Frank und Bea⸗ tricen vorgefallen war, und bei Allem tief betheiligt, was Frank um die Liebe des Squire bringen oder ſeine eigenen Ausſichten durch eine Verſöhnung zwiſchen Vater und Sohn beeinträchtigen konnte, ſäumte Randal nicht, die Wohnung ſeines jungen Verwandten aufzuſuchen. Man könnte glau⸗ ben, daß der ſchlaue Intrikant gleichgültiger geworden ſey gegen ſeine Plane auf die Schatzkammer von Hazeldean, nach dem ihm das große Vermögen, welches die Hand Vivlante's begleiten ſollte, in ſo ſicherer Ausſicht zu ſtehen ſchien; aber mit einer ſolchen Vermuthung würde man dieſem lief⸗ gehenden jungen Mann ſchweres Unrecht thun. Denn erſtlich war weder Violante ſchon gewonnen, noch ihr Vater in die i 8⸗ ink n, Lande eingeſetzt, welche ihn eine ſolche Morgengabe er⸗ ſchwingen ließen, und zweitens liebte Randal gleich Jago die Schurkerei um des Genie's willen, das durch ſie in ihm hervorgerufen wurde. Der einzige Genuß, welchen der ent⸗ haltſame Strebling ſich geſtattete, war derjenige, welchen man in der Raſtloſigkeit des Geiſtes findet. Dem Wein abgeneigt, todt für die Liebe, gelangweilt von den ge⸗ wöhnlichen Vergnügungen, gleichgültig gegen die Künſte und ein Verächter der Literatur, wenn ſie nicht die Macht zum Zweck hatte, war Randal Leslie die Verkörperung des Gedankens, den die Verderbtheit des Willens ausbrütet. In der Dämmerung ſehen wir dünne, luftige, geſpenſtiſche Inſekten, faſt nur aus Schwingen und Beinen beſtehend, über einen düſteren giftigen Sumpf ſchweben, als ob ſie nie zur Ruhe kommen könnten. Ebenſo däucht mich, müſſen aus den ſtygiſchen Tiefen ähnliche ſchnackenartige, lautloſe Schweber in die düſtere Luft des Acheron auſſteigen als Ge⸗ danken von Seelen, welche der von Randal Leslie ähnlich ſind. Sie haben Schwingen, aber nur um deſto beſſer nie⸗ derſtürzen zu können, ziehen ihre Nahrung aus jedem un⸗ beſchützten Hauttheilchen, und wenn du faſt toll über die Quälgeiſter zuſchlägſt und jubelnd ausrufſt:„Erwiſcht, bei Jove!“ wh— irr ſchwirrt auf's Neue der durchſcheinende Unhold, und deine Hand hat nur deine eigene, nun doppelt beleidigte Wange getroffen. Die Jünglinge von Randals Bekanntſchaft ſagten ihm nach, daß er kein Laſter habe! Die Wahrheit beſtand indeß darin, daß ſeine ganze Organiſation ein einziges epiſches 1798 Laſter von ſo feiner Zuſammenſetzung war, daß es nicht eine Epiſode darbot, welche ein Kritiker für unerheblich erklärt haben würde. Großer junger Mann! „Aber mein lieber Freund,“ ſagte Randal, ſobald er von FrankAlles erfahren hatte, was an Bord des fliegenden Holländers zwiſchen ihm und Beatricen vorgegangen war, „ich kann dies nicht glauben. Euch nie geliebt? Welche Ab⸗ ſicht ſollte ſie denn dabei gehabt haben, nicht nur Euch, ſon⸗ dern auch mich zu täuſchen? Ich vermuthe, ihre Erklä⸗ rung war nur die heroiſche Feinheit der Großmuth. Nach ihres Bruders Niederlage und wahrſcheinlichem Ruin mochte ſie fühlen, daß ſie keine Partie für Euch ſey. Dazu noch der Widerwille des Squire. Ich durchſchaue das Ganze— es ſieht ihr gleich— der edlen, unglücklichen Frau.“ Frank ſchüttelte den Kopf. „Es gibt Angenblicke,“ ſagte er mit einer Weisheit, die aus dem Inſtinkt entſpringt, welcher bei der Jugend durch die Tiefe des erſten großen Schmerzes geweckt wird —„Augenblicke, in welchen ein Weib ſich nicht verſtellen kann, und es gibt Töne in der Stimme eines Weibs, welche keine falſche Deutung zulaſſen. Sie liebt mich nicht — hat mich nie geliebt, und ich konnte ſehen, daß ihr Herz anderswo war. Doch gleichviel— es iſt jetzt Alles vor⸗ über. Ich läugne nicht, daß ich tief bekümmert bin; der Gram zehrt an mir wie eine Art ſchleichenden Hungers, und ich fühle mich dabei ſo gedrückt, als ſey ich zum Greis ge⸗ worden und mir nichts geblieben, was mir das Leben werth machen kann. Ich will dies nicht in Abrede ziehen.“ 5 1799 „Mein armer theurer Freund, wenn Ihr nur glauben könntet—“ „Ich will nichts glauben, als daß ich ein großer Thor geweſen bin, und denke nicht, daß ich je wieder ſolche Thor⸗ heiten begehen kann. Aber ich bin ein Mann. Ich werde es überwinden und müßte mich ſelbſt verachten, wenn ich es nicht ſo weit zu bringen vermöchte. Laßt uns jetzt von mei⸗ nem lieben Vater ſprechen. Hat er London verlaſſen?“ „Er reiste geſtern Abend mit der Poſt ab. Ihr könnt ihm ſchreiben und ſagen, daß Ihr die Marcheſa aufgegeben habt; ſo wird Alles wieder gut zwiſchen Euch werden.“ „Sie aufgegeben? Pfui, Randal— glaubt Ihr, ich ſey einer ſolchen Lüge fähig? Sie gab mich auf, und ich kann mir daraus kein Verdienſt machen.“ „Oh ja; ich will den Squire dazu bringen, daß er Alles in einem für Euch vortheilhaften Licht anſieht. Oh, wenn es nur die Marcheſa wäre! Aber leider— das verwünſchte Poſtobit! Warum mußte auch Levy Euch verrathen! Traut nie wieder einem Wucherer; ſie können der Verlockung eines ſchnellen Gewinnes nicht widerſtehen. Zuerſt kaufen ſie den Sohn und verkaufen ihn dann an den Vater. Und der Squire hat ſo wunderliche Anſichten in dergleichen Dingen.“ „Er hat vollkommen Recht darin. Da— lest dieſen Brief von meiner Mutter; er iſt dieſen Morgen eingelaufen. Ich könnte mich hängen, wenn ich ein Hund wäre; ſo aber bin ich ein Mann und muß es tragen.“ Randal nahm Mrs. Hazeldeans Schreiben aus Franks zitternder Hand. Die arme Mutter hatte, obſchon erſt un⸗ 1800 vollſtändig, aus einigen haſtigen Zeilen, die der Squire an ſie abfertigte, Franks Miſſethaten erfahren und ſchrieb jetzt, wie allein gute, nachſichtige, aber zugleich verſtändige, recht⸗ ſchaffene Mütter ſchreiben können. Milder gegen eine un⸗ kluge Liebe, als der Squire, berührte ſie mit behutſamer Zartheit Franks übereiltes Verlöbniß mit einer Ausländerin, rügte aber mit Strenge den offenen Trotz gegen ſeines Vaters Wünſche, obſchon die Fülle ihres Unwillens jener unheiligen Poſtobit⸗Verſchreibung vorbehalten blieb. Hier überwältigte die herzliche, warme Anhänglichkeit an den Gatten die Liebe der Mutter. Mit kaltem Blut auf den Tod jenes Gatten zu zählen und ſein Herz ſo ſchwer zu verwunden— dies noch obendrein in einem Augenblick, in welchem es durch die eifer⸗ ſüchtige väterliche Zärtlichkeit am empfindlichſten geworden war! „Oh, Frank, Frank,“ ſchrieb Mrs. Hazeldean, „wäre dies nicht— handelte ſich's nur um Deine unſelige Zuneigung zu dieſer italieniſchen Dame, um Deine Schulden und um die Verirrungen einer unbe⸗ ſonnenen, überſprudelnden Jugend, ſo würde ich jetzt bei Dir ſeyn; meine Arme ſollten Dich umſchlingen, und mit Küſſen und Schmälen wollte ich Dich zu⸗ rückführen an das Vaterherz. Aber— aber der Ge⸗ danke, daß zwiſchen Dir und dieſem Herzen das ſchmutzige Rechnen auf ſeinen Tod liegt— dies iſt eine Mauer zwiſchen uns. Ich kann nicht in Deine Nähe kommen, könnte Dir nicht ins Geſicht ſehen, ohne der väterlichen Thränen zu gedenken, 1801 die darauf niederrieſelten, als ich Dich, den Neu⸗ gebornen, in Williams Arme legte und ihn bat, ſei⸗ nen Erben willkommen zu heißen. Wie— Du ein noch ſo junger Menſch und Dein Vater noch in der Vollkraft ſeines Lebens— und der Erbe kann es nicht erwarten, bis die Natur ihn vaterlos macht! Frank, Frank! Dies ſieht Dir nicht gleich. Wär's möglich, daß London einen ſo ehrlichen und liebe⸗ vollen Charakter ſchon völlig zu Grunde gerichtet hätte? Nein, ich kann's nicht glauben. Es muß ein Irrthum obwalten. Ich bitte Dich flehentlich, kläre ihn auf, oder ich könnte Dir, wenn ich Dich auch als Mutter bemitleidete, als Gattin nicht ver⸗ geben. Harriet Hazeldean.“ Selbſt Randal war ergriffen von dem Schreiben, denn wie wir wiſſen, fühlte auch er für ſeine Perſon die Kraft der Familienbande. Der Zorn und die Derbheit des armen Squire hatte das Vaterherz vor einem Auge bloß gelegt, welches bei all ſeiner Schärfe doch nur ungern daran glau⸗ ben wollte und, nur blos die Brille des Verſtandes ſehend, gerade das als Schwäche verachtete, auſ was Randal ſeine habgierigen Plane baute. Aber der Brief der Mutter, ſo gerecht und verſtändig(wenn man einräumt, daß die An⸗ ſichten des Squire natürlich auch in der Gattin von dem Anlehen eines Sohnes, welches erſt nach des Vaters Tod bezahlt werden ſollte, Begriffe wecken mußten, die den Män⸗ nern der Welt als eine ſehr übertriebene Auffaſſung eines ſo 1802 alltäglichen Vorfalls erſcheinen)— dieſer Brief, ſage ich, übertreibend zwar im Auge der faſhionablen Welt, aber ſo verſtändig, wenn der Maßſtab der natürlichen Liebe daran gelegt wurde, rührte das ſtumpfe Herz des Planmachers, weil der raſche Takt ſeines Geiſtes ihm Beifall zollen mußte. „Frank,“ ſagte er mit einer Aufrichtigkeit, über die er nachher ſelbſt erſtaunte,„geht jetzt unverweilt nach Hazeldean, ſucht Eure Mutter auf und erzählt ihr, wie dieſe Sache ſich wirklich zugetragen hat. Die Frau, die Ihr lieb⸗ tet und heimzuführen gedachtet, in Gefahr verhaftet zu werden— Euer verwirrter Geiſt— Levy's Rathſchläge— Eure Hoffnung, die ſo gegen den Wucherer eingegangene Schuld aus dem Vermogen zu tilgen, das die Marcheſa mitbringen würde. Sprecht mit Eurer Mutter— ſie iſt ein Weib; es liegt in dem gemeinſchaftlichen Intereſſe der Frauen, alle Fehler zu vergeben, die aus der Quelle ihrer Macht über uns Männer entſpringen— ich meine, aus der Liebe. Geht!“ „Nein, ich kann nicht gehen. Ihr habt ja ſelbſt geleſen, es thäte ihr leid, mir in's Geſicht zu ſehen, und ich kann nicht wiederholen, was Euch ſo glatt von der Zunge geht. Außerdem bin ich in einer oder der anderen Weiſe ſo ab⸗ hängig von meinem Vater— und er hat ſo Mancherlei fal⸗ len laſſen, daß ich fühle, es wäre eine Gemeinheit von mir, wenn ich mich entſchuldigen wollte. Ich hab's einmal ge⸗ than und muß dafür büßen. Aber ich bin ein M— ann — nein, hierin bin ich kein Mann.“ Und Frank brach in Thränen aus. e 1803 Dieſer weinerliche Anblick verbeſſerte in Randal all⸗ mälig die ſeltſame Verirrung zu einer niedrigen, gemeinen menſchlichen Theilnahme. Die gewohnte Verachtung gegen ſeinen Verwandten kehrte zurück, und in ihrem Gefolge kam die natürliche Gleichgültigkeit gegen die Leiden des Dings, aus dem er Nutzen ziehen konnte. Nur die Verachtung ge⸗ gen den Wurm iſt es, was den Fiſcher veranlaßt, ihn an ſeine Angel zu ſtecken und wohlgefällig die Lebhaftigkeit des krampfhaften Windens zu betrachten, das die Beute anlockt. Könnte der Wurm dem Fiſcher Achtung oder gar Furcht einflößen, ſo dürfte der Haken einen anderen Köder finden. Wenige Angler würden die werthvolle Seidenraupe anſpießen und noch weniger die furchtbare Horniſſe mit den Fingern in ihren Dienſt zwingen. „Pah, mein lieber Frank,“ ſagte Randal,„ich habe Euch meinen Rath ertheilt, und Ihr weist ihn zurück. Gut; aber was wollt Ihr nun anfangen?“ „Urlaub nehmen und in die Welt hinauslaufen,“ ver⸗ ſetzte Frank, ſeine Thränen trocknend.„Ich kann London nimmer anſehen, kann mich nicht mehr vor den Leuten blicken laſſen.— Ich will allein ſeyn und kämpfen mit Allem, was ich hier fühle— in meinem Herzen. Dann werde ich mei⸗ ner Mutter ſchreiben, ihr die einfache Wahrheit mittheilen und es ihr überlaſſen, mich ſo nachſichtig zu beurtheilen, als ſie kann.“ „Ihr habt ganz Recht. Ja; geht fort von London. Warum nicht in's Ausland? Ihr ſeyd noch nie gereist. 804 Neue Schauplätze werden Euch zerſtreuen. Macht einen Ausflug nach Paris.“ „Nein, nicht nach Paris; ich verlange keine Zerſtreu⸗ ung. Aber irgend wohin möcht' ich— in irgend einen ſchwermüthigen unheimlichen Winkel der Welt. Gott be⸗ hüt Euch. Denkt vorläufig nicht weiter an mich.“ „Aber laßt mich wiſſen, wohin Ihr geht; ich werde mittlerweile mit dem Squire zuſammentreffen.“ „Sagt ihm von mir ſo wenig als möglich. Ich weiß, Ihr meint es gut mit mir— aber, oh, wie wünſchte ich, es wäre nie eine dritte Perſon zwiſchen mich und meinen Vater getreten! Ja, Ihr habt wohl Urſache, Eure Hand wegzureißen. Welch ein undankbarer Wicht bin ich gegen Euch, und ich glaube nicht, daß die Erde einen ſchlechteren trägt. Wie, Ihr drückt mir dennoch die Hand? Mein theurer Randal, Ihr habt das beſte Herz— Gottes Segen über Euch!“ Frank wandte ſich ab und verſchwand in ſeinem An⸗ kleidezimmer. „Früher oder ſpäter muß es zwiſchen dem Vater und dem Sohn wieder zu einer Verſöhnung kommen,“ ſagte Ran⸗ dal vor ſich hin, als er Franks Wohnung verließ.„Nach⸗ dem die Marcheſa fort iſt, ſehe ich nicht, wie ich dies ver⸗ hindern kann— wenn nicht Frank ſelbſt für mich wirkt. Aber es iſt gut, daß er fort will— daraus läßt ſich viel⸗ leicht etwas machen. Inzwiſchen kann ich noch Alles thun, was ich vernünftiger Weiſe auszuführen hoffen durfte, ſelbſt wenn Frank die Beatrice geheirathet hätte— denn enterbt wr 1805 wurde er ja doch nicht. Der Squire ſoll das Geld für Thornhill ſchießen, daß dieſer Kauf ins Reine kommt; die Heirath mit Violante kann dazu helfen. Levy muß davon in Kenntniß geſetzt werden;— und dann der Wahlbezirk — gut, daß mir dies einfällt. Ich will zu Avenel gehen. Beiläufig— beiläufig— der Squire könnte mir eben ſo gut das Erbe nach Frank zuſchreiben für den Fall, daß Frank kinderlos ſtürbe. Dieſe Liebesgeſchichte wird ihm auf lange das Heirathen entleiden. Seine Hand war ſehr heiß — eine hektiſche Röthe;— ſolche kräftig ausſehende Burſche ſchwinden oft im Galopp dahin, namentlich wenn ihnen etwas auf dem Gemüth liegt; denn ihr Geiſt iſt ſo gar klein. Ah— der Pfarrer von Hazeldean— und mit Avenel! Auch dieſer junge Menſch— wer mag es ſeyn? Ich muß ihn ſchon irgendwo geſehen haben. Mein lieber Mr. Dale, dies iſt eine angenehme Ueberraſchung. Ich meinte, Ihr ſeyet mit unſerem Freund, dem Squire, wieder nach Hazeldean zurückgekehrt.“ Mr. Dale.—„Mit dem Squire?— Iſt er ſchon fort— und ohne mir etwas davon zu ſagen?“ Randal(den Pfarrer bei Seite nehmend).—„Er verlangte angelegentlich zu Mrs. Hazeldean zurück, die na⸗ türlich ſehr unruhig iſt wegen ihres Sohnes und wegen dieſer thörichten Heirath. Es freut mich übrigens, Euch ſagen zu können, daß die Heirathsgeſchichte ganz und für immer abgebrochen iſt.“ Mr. Dale.—„Wie? Was? Mein armer Freund ſagte mir doch, es ſey ihm ganz und gar mißglückt, auf 1806 Frank einen Eindruck zu machen, und verbot mir, von der Sache zu ſprechen. Ich wollte eben ſelbſt zu Frank, denn er hat immer etwas auf mich gehalten. Aber erklärt mir dieſes ebenſo unerwartete, als glückliche Ereigniß, Randal — die Heirath abgebrochen?“ Randal.—„Es iſt eine lange Geſchichte, und ich wage nicht, von meiner unbedeutenden Betheiligung dabei zu ſprechen. Nein, ich muß dieſes Geheimniß für mich be⸗ halten; denn Frank würde mir nie vergeben. Möge Euch meine Verſicherung genügen, daß die ſchöne Italienerin England verlaſſen und mit Entſchiedenheit Franks An⸗ dringen zurückgewieſen hat. Doch halt— wenn ich Euch rathen darf, ſo geht nicht zu ihm. Ihr wißt, es war nicht allein die Heirath, was den Squire ſo beleidigte, ſondern vornämlich eine Geldangelegenheit— eine unglückliche Poſt⸗ obit⸗Verſchreibung des Caſinoguts. Man ſollte Frank ſeinen reuigen Betrachtungen überlaſſen— ſie werden ihm ſehr heilſam ſeyn. Ihr kennt ſein Temperament— er kann keinen Vorwurf ertragen; und doch iſt es andererſeits beſ⸗ er, wenn man ihn das Vorgefallene nicht allzu leicht neh⸗ men läßt. Er ſollte deshalb einige Tage ſich ſelbſt überlaſſen bleiben. Er befindet ſich in einer vortrefflichen Gemüths⸗ ſtimmung.“ Mr. Dale(mit Wärme Randals Hand ſchüttelnd). —„Ihr ſprecht bewundernswürdig— ein Poſtobit? Wie oft hat er nicht ſeines Vaters Anſicht über dergleichen Dinge gehört! Nein, ich will nicht zu ihm— ich würde zornig werden—“ ht rn nn 1807 Randal(führt den Pfarrer zurück, wechſelt eine Be⸗ grüßung mit Avenel, der inzwiſchen ſich mit ſeinem Neffen unterhalten hat, und nimmt wieder auf)—„Ihr ſolltet nicht ſo lang von Eurer Pfarrei wegbleiben, Mr. Dale. Was wird aus Eurer Gemeinde werden ohne Euch?“ Mr. Dale.—„Die alte Fabel von dem Rad und der Fliege. Ich fürchte, das Rad nimmt den gewohnten Gang. Aber wenn ich auch von meiner Gemeinde weg bin, erfreue ich mich doch der Geſellſchaft eines alten Pfarrkindes, das mir Ehre macht. Ihr erinnert Euch Leonard Fairfields, Eures Gegners in der Schlacht bei den Stöcken?“ Mr. Avenel.—„Mein Neffe, wie ich mit Stolz ſagen darf.“ Randal verbeugte ſich mit ausgezeichneter Höflichkeit — Leonard mit nicht minder ausgezeichneter Zurückhaltung. Mr. Avenel(der die Zurückhaltung ſeines Neffen deſſen Schüchternheit zuſchreibt).—„Ihr ſolltet Freunde ſeyn, ihr zwei jungen Leute. Wer weiß, ob ihr nicht in demſelben Geſchirr zu ziehen habt. Ah⸗ dies erinnert mich, Mr. Leslie— ich muß Euch ein paar Wörtchen ſagen. Euer Diener, Mr. Dale. Werde mich glücklich ſchätzen, Euch Mrs. Avenel vorzuſtellen. Meine Karte— Eaton⸗Square — Nummer***. Ihr müßt mich morgen beſuchen, Leonard. Und merkt Euch, ich werde ſehr ungehalten ſeyn, wenn Ihr auf Eurer Weigerung beſteht. Solch ein Anfang!“ Avenel nahm Randals Arm, während der Pfarrer mit Leonard weiterging. 1808 „Habt Ihr etwas Neues von Lansmere erfahren?“ fragte Randal. „Ja; und ich bin jetzt mit mir im Reinen über den Plan des Wahlkampfs. Wir müſſen zwei gegen zwei ſtrei⸗ ten— Ihr und Egerton gegen mich und meinen Neffen Leo⸗ ard, wenn ich ihn, wie ich hoffe, zum Auftreten bewegen kann.“ „Wie?“ rief Randal erſchrocken;„dann kann ich alſo von Euch auf keine Unterſtützung rechnen?“ „Ich ſage dies nicht, habe aber Grund, zu glauben, daß Lord L'Estrange ſich ſehr eifrig zu Egertons Gunſten bemühen wird. In dieſem Fall wird es einen ſehr ſcharfen Kampf abſetzen, und ich muß die ganze Wahl auf unſerer Seite leiten und alle unſere ſchwankenden Stimmen verei⸗ nigen, was am beſten erzielt wird, wenn ich vorläufig ſelbſt auftrete und es einer ſpäteren Erwägung überlaſſe, ob ich am Ende von der Bewerbung abſtehen ſoll; denn ich ver⸗ lange jetzt nicht mehr ſo ſehr ins Parlament zu kommen, wie früher, eh' ich meinen Neffen aufgefunden hatte. Ein wunderbarer junger Mann— und ſolch ein Kopf!— wird dem wurmſtichigen alten Haus Ehre machen; und ich denke, für mich iſt's das Beſte, wenn ich London verlaſſe und in Serewstown nach meinem Geſchäft ſehe. Doch wenn Lev⸗ nard als Kandidat auftritt, muß ich ihm vorher durchhel⸗ fen und dafür ſorgen, daß Egerton nicht ins Parlament kömmt. Die Geſchichte wird deshalb wahrſcheinlich ſo aus⸗ gehen, daß von jeder Seite einer gewählt wird, wie wir's zum Voraus erwogen haben. Leonard von unſerer Partei— —— —— —„———+—+ 1809 aber der Mann der anderen ſoll nicht Egerton heißen. Ver⸗ ſtanden?“ „Ja wohl, mein theurer Avenel. Wie ich bereits be⸗ merkte, kann ich Eurer Partei nicht vorſchreiben, wem ſie ihre Stimmen geben ſoll— Egerton oder mir. Und man wird es in der Oeffentlichkeit wohl begreiflich finden, daß die Oppoſition lieber einen ausgezeichneten Gegner, wie Eger⸗ ton iſt, als einen Anfänger in der Politik, wie ich es bin, befehdet. Natürlich kann ich auf ein ſolches Ergebniß nicht hinwirken, da es mir übel gedeutet werden würde und mein Charakter darunter Noth leiden dürfte. Aber ich verlaſſe mich ganz auf Euer freundſchaftliches Verſprechen.“ „Verſprechen? Nein— ich verſpreche nichts. Ich muß zuerſt ſehen, wie die Katze ſpringt, und weiß noch nicht, wie Ihr unſeren Freunden gefallen werdet, und auf welche Weiſe ich mit ihnen zu Stand komme. Vorläufig kann ich weiter nichts ſagen, als daß Audley Egerton nicht Parla⸗ mentsmitglied für Lansmere werden ſoll. Mittlerweile wer⸗ det Ihr Sorge tragen, Euch in Euren Reden keine Blöße zu geben, die unſere Partei zwingen würde, conſequenterweiſe gegen Euch zu ſtimmen. Sie muß auf Euch zählen können, wenn Ihr in das Haus kommt.“ „Ich bin zur Zeit noch kein hitziger Parteimann,“ verſetzte der kluge Randal,„und wenn ich finde, daß ihr die öffentliche Meinung auf eurer Seite habt, ſo iſt es die Pflicht des Staatsmanns, mit der Zeit fortzuſchreiten.“ „Sehr verſtändig geſprochen; und ich habe eine und die andere Privathill und ſonſtige kleine Anliegen, die ich Bulwer, meine Novelle. 114 18¹⁰ der Beherzigung des Hauſes unterſtellen möchte. Doch dar⸗ über ſprechen wir ſpäter, wenn es zu einem freien Verſtänd⸗ niß unter uns kommen ſollte. Wir müſſen es einzuleiten ſuchen, daß wir erforderlichen Falls zu Lansmere im Ge⸗ heim zuſammentreffen können. Ich will dafür Sorge tragen. Ich gehe ſchon in dieſer Woche hinunter und habe im Sinn, einen Wink von dem freien, herrlichen Land Amerika zu bor⸗ gen, indem ich geheime Caucuses veranſtalte. NRichts geht über dieſe Einrichtung.“ „Caucuses?“ „Kleine Untercomité's, die Tag und Nacht ihren Leu⸗ ten nachſpüren und nicht dulden, daß ſie durch Einſchüchte⸗ rung zu einem Votum für die Gegenpartei veranlaßt werden können.“ „Ihr habt einen außerordentlichen Kopf für öffentliche Angelegenheiten, Avenel. Ihr ſolltet ſelbſt ins Parlament kommen— Euer Neffe iſt noch ſo gar jung.“ „Nicht jünger als Ihr.“ „Wohl wahr; aber ich kenne die Welt. Iſt es bei ihm derſelbe Fall?“ „Die Welt kennt ihn, obgleich nicht ſeinem eigentlichen Namen nach, und er hat mich wieder zum Mann gemacht.“ „Wie? Ihr ſetzt mich in Erſtaunen.“ Avenel verbreitete ſich zuerſt über das Patent, das ihm Leonard abgetreten hatte, und verſicherte dann Randal bei ſeinem Ehrenwort, daß der anonyme Schriftſteller, welchen der Pfarrer für den Profeſſor Moß gehalten, Niemand an⸗ ders ſey, als ſein Neffe. —, 1 m ei n 18¹1 Randal Leslie empfand die Pein der Eiferſucht. Wie? — dieſer Dorfjunge alſo— dieſer gute Freund des John Burley, eines literariſchen Vagabunden, von dem er an⸗ nahm, er ſey längſt zum Henker gegangen und auf Ge⸗ meindekoſten beerdigt worden— dieſer Burſche hatte in ſol⸗ cher Weiſe über Geburt, Erziehung und Verhältniſſe trium⸗ phirt, daß jeder Blick von Randal ſich ab und Leonard zu⸗ wandte, wenn er, nachdem die Identität des letzteren mit dem neuerſtandenen Autor bekannt war, an öffentlichen Plätzen mit ihm zuſammenkam? Alle Welt würde die him⸗ melweite Ueberlegenheit des Genius anerkannt haben, ſo bald er aus der Einſamkeit hervor in die Oeffentlichkeit trat. Wie? dieſer rohe Dörfler war das Kind des Ruhmes, wel⸗ ches ohne Anſtrengung und ohne darum zu wiſſen dem welt⸗ ſatten Herz der Marcheſe di Negra eine Liebe eingeflößt hatte, wie ſie für ihn— Randal fühlte dies in ſeinem Innern— keine Kunſt und kein Scharfſinn je in einem Weiberherzen zu wecken vermochte? Und nun ſollte der nämliche junge Menſch dieſelbe Sproſſe auf der Leiter zur Macht betreten, wie der wohlgeborne Randal Leslie, der talentvolle Schützling des ſtolzen Audley Egerton? War ihnen wirklich beſtimmt, Ne⸗ benbuhler zu werden auf dem gleichen Kampfplatz des prak⸗ tiſchen geſchäftigen Lebens? Randal biß ſich in die bebende Lippe. Inzwiſchen war jedoch der junge Mann, welchen der Intrikant ſo ſehr beneidete, die Beute von weit tieferer Sorge, als je in dem engen ſteinernen Herzen des liebeleeren Plan⸗ machers Raum oder Zugang finden konnte.— Leonard wan⸗ 114* 1812 delte an der Seite des Freundes und Ermahners ſeiner Kindheit durch die bevölkerten Straßen, vertraute ihm die einfache Geſchichte ſeiner früheren Prüfungen, und wie er von dem Engel in der Geſtalt eines Kindes ſprach, der ihm, ein Bild der Hoffnung, zulächelte, als er ſich im tiefſten Elend befand und an einem endlichen Gelingen ſeiner Beſtrebungen verzweifeln wollte— da erſchien ihm aller Ruhm ſo unfrucht⸗ bar und ſeine Zukunft ſo düſter. Seine Stimme bebte, und ſein Geſicht nahm den Ausdruck tiefer Wehmuth an, ſo daß ſein wohlwollender Zuhörer recht wohl ahnen konnte, an Helens Bild hefte ſich ein leidenſchaftlicher Kummer, wel⸗ cher ihm allen weltlichen Erfolg verbitterte. Mr. Dale holte ſeinen jungen Freund ſachte mehr und mehr aus, bis dieſer, welcher ſich längſt nach einem Vertrauten geſehnt, ſein gan⸗ zes Herz vor ihm aufgeſchloſſen hatte— wie er durch lange Jahre der einen reinen, glühenden Erinnerung treu geblieben — wie er Helen wieder geſehen— wie das Kind zur Jung⸗ frau herangereift— und wie er ſich jetzt geſtehen müſſe, daß jene Erinnerung Liebe ſey. Der Pfarrer hörte ihm mit milder, gedankenvoller Miene zu, die in einen weit heitereren Ausdruck überging, als Leonard ſeine Geſchichte ſchloß. „Ich ſehe keinen Grund zum Kleinmüthigwerden,“ ſagte Mr. Dale.„Ihr fürchtet, Miß Digby erwiedere Eure Neigung nicht, ſprecht von ihrer Zurückhaltung— von ihrem abgemeſſenen obſchon freundlichen Benehmen. Faßt Muth! Alle junge Damen ſtehen unter dem Einfluß deſſen, was die Phrenologen das Organ des Verheimlichungs⸗ MN d—* 2 18¹3 triebes nennen, wenn ſie ſich dem Gegenſtand ihres Vorzugs gegenüberſehen. Gerade ſo, wie Ihr das Benehmen der Miß Digby ſchildert, war das meiner Carry, als ich um ſie warb.“ Der Pfarrer erging ſich jetzt in einer ſehr ſachgemäßen Abſchweifung über weibliche Beſcheidenheit und ſchloß die⸗ ſelbe mit der Verſicherung, daß dieſe ſchätzbare Tugend in demſelben Verhältniſſe der Einwirkung des vorgenannten phrenologiſchen Triebes ſich hingebe, in welchem ein Freier einer beſtimmten Erklärung ſich nähere. Es ſey die Pflicht eines galanten und ehrenhaften Liebhabers, den Antrag in klarer und orthodorer Form zu ſtellen, eh' er erwarten könne, daß ein junges Frauenzimmer ſich bloßſtelle und auch durch die leiſeſte Andeutung über den Stand ihres Herzens der Würde ihres Geſchlechts etwas vergebe. „Dann,“ fuhr der Pfarrer fort,„fällt Euch gar ein, Euch durch Hervorhebung des Gegenſatzes in Eurer eigenen Herkunft und Lage zu den veränderten Verhältniſſen der Miß Digby, der Mündel des Lord L'Estrange und des Gaſtes der Lgdy Lansmere, zu quälen. Ihr ſagt, wenn Lord LEstrange eine ſolche Verbindung guthieße, würde er gegen Euch einen ganz andern Ton angenommen, Euer Herz ausgeholt, Eure Hoffnungen ermuthigt haben, und dergleichen. Ich ſehe die Dinge in einem ganz anderen Licht und habe meine Gründe dafür. Aus Allem, was Ihr mir über die Theilnahme dieſes Edelmanns an Eurem Schickſale mitgetheilt habt, getraue ich mir Euch zu verſprechen, daß Lord LEstrange den Bund beſtätigen wird, wenn Miß Digby geneigt iſt, Eure Hand anzunehmen.“ 1814 „Mein theurer Mr. Dale,“ rief Leonard entzückt— „Ihr ſeyd Eurer Sache ſo gewiß?“ „Ja— aus Allem, was ich geſagt habe und was ich ſelbſt von Lord L'Estrange weiß. Geht alſo ohne Umſtände nach Knightsbridge, ſucht Miß Digby auf, enthüllt ihr Euer Herz, ſetzt Ihr, wenn Ihr wollt, Eure Ausſichten auseinander, bittet ſie um die Erlaubniß, Euch an Lord LEstrange wenden zu dürfen(da er ſich zu ihrem Vormund aufgeworfen hat), und wenn Lord LEstrange zaudert— ich glaube aber nicht, daß er dies thun wird, da es ſich um Euer Lebensglück handelt— ſo ſetzt mich davon in Kenntniß und überlaßt das Uebrige mir.“ Leonard fügte ſich in des Pfarrers gewinnende Bered⸗ ſamkeit. Ja, wenn er ſich der Stellen in dem Manuſeript der unglücklichen Nora erinnerte, welche ſich auf die Liebe bezo⸗ gen, die Harley gegen ſie kundgegeben hatte(denn er fühlte ſich überzeugt, daß Harley und der knabenhafte Freier in Nora's Erzählung eine und dieſelbe Perſon ſey), und wenn er die Theilnahme, welche ſein Beſchützer an ſinem Geſchick genommen, aus ſeiner Verwandtſchaft mit ihr ableitete, ſelbſt während Lord L'Estrange ſie für weniger nahe hielt, als er jetzt entdecken mußte, ſo konnte er nach dem Urtheil ſeines Herzens recht wohl der Annahme Raum geben, es werde den edlen Harley freuen, den Sohn Derjenigen glücklich zu ma⸗ chen, welche er in ſeiner Jugend ſo innig geliebt hatte. „Und Dir vielleicht, v meine Mutter!“ dachte Levnard, und ſein Auge füllte ſich mit Thränen—„Dir verdanke ich vielleicht aus Deinem Grabe noch die Genoſſin meines Le⸗ — V ———— — 1815 bens, wie ich dem geheimnißvollen Hauche Deines Genius das erſte reinere Streben meiner Seele verdankte.“ Man wird bemerken, daß Leonard dem Pfarrer nichts über ſeine Entdeckung von Nora's ſchriftlichem Nachlaß, ja nicht einmal etwas davon mitgetheit hatte, daß er über die wahren Verhältniſſe ſeiner Geburt unterrichtet war. Denn obgleich der Leſer weiß, wie weit Mr. Dale's Kunde und Argwohn ging, wurde doch gegen ihn des Manuſcriptes keine Erwähnung gethan. Der ſtolze Sohn ſchrack natürlich vor einem Vertrauen zurück, das Nora's guten Namen bloß⸗ ſtellte, bis wenigſtens Harley, der, wie aus den Papieren hervorging, ſeinen Vater gut gekannt haben mußte⸗ vielleicht die Frage entſchieden hatte, welche in dem Manuſeript ſo ſchrecklich unbeſtimmt dalag— ob er nämlich aus einer ge⸗ ſetzlichen Ehe ſtamme oder Nora das Opfer eines unheiligen Betrugs geweſen ſey. Während der Pfarrer noch fortredete und Leonard ge⸗ dankenvoll ihm zuhörte, hatten ihre Schritte faſt mechaniſch die Richtung nach Knightsbridge eingeſchlagen, bis ſie end⸗ lich an dem Portale von Lord Lansmere's Wohnung ſtanden. „Geht hinein, mein junger Freund, während ich außen des Erfolgs Eures Anbringens harre,“ ſagte der Pfarrer ermuthigend.„Geht und lernet mit Dankbarkeit gegen den Bonne ertragen, die einem Sterb⸗ Himmel die koſtbarſte A lichen zu Theil werden kann; wo nicht, ſo ergebt Euch in den herbſten Schmerz der Jugend mit dem demüthigen Glau⸗ pen, daß auch das Leid nur eine verborgene Gnade iſt,“ 1816 Dreizehntes Kapitel. Leonard wurde in das Beſuchzimmer gewieſen, wo er zufälligerweiſe Helen allein traf. Das ſanfte Geſicht des Mädchens hatte, ſeit unſer junger Freund ſie zum letztenmal geſehen, eine traurige Veränderung erlitten, denn der Schmerz von ſanften, in ſich gekehrten Naturen greift mit raſcher Ver⸗ heerung um ſich; aber bei Leonards unerwartetem Eintreten wallte das Blut in ſo lebhaftem Strom nach den blaſſen Wangen, daß man die hektiſche Röthe leicht für den Wieder⸗ ſtrahl einer blühenden Geſundheit halten konnte. Sie ſtand haſtig auf und ſtotterte verwirrt,„ſie glaube, Lady Lansmere ſey auf ihrem Zimmer, und wolle gehen, um ſie zu holen. Mit dieſen Worten bewegte ſie ſich nach der Thüre und ſchien nicht auf die Hand zu achten, die ihr bebend hingeboten wurde, bis endlich Leonard in unbewältigbarer Aufregung, welche ihr tief ins Herz ſchnitt, und im bitteren Tone des Vorwurfs ausrief: „Oh, Miß Digby— oh, Helen— iſt dies der Gruß, den Ihr für mich habt, daß Ihr mir lieber aus dem Weg geht? Konnte ich vorausſehen, daß es dahin kommen werde, als wir, beide verwaist, auf jener traurigen Brücke ſtanden — ſo freundlos— ſo verlaſſen— und doch ſo treulich zu⸗ ſammenhaltend? Glückliche Zeit!“ Während er ſo ſprach, ergriff er plötzlich ihre Hand und beugte ſein Angeſicht darauf nieder. „Ich darf Euch nicht hören. Redet nicht ſo, Leonard — Ihr brecht mir das Herz. Laßt mich gehen— laßt mich los.“ —— 1817 „Bin ich Euch denn verhaßt geworden und redet Ihr ſo, weil Ihr meine Liebe bemerkt und ſie entmuthigen wollt? Helen, oh, ſprecht mit mir— ſprecht!“ Er zog ſie mit zärtlicher Gewalt an ſich, hielt ſie mit beiden Händen feſt und ſuchte in das Antlitz zu blicken, das von ihm— oh, und mit welchem Ausdruck der Verzweiflung — abgewendet war. „Ihr wißt nicht,“ ſagte ſie endlich, um Faſſung ringend —„Ihr wißt nicht, welche neue Anſprüche an mich geltend gemacht werden— wie ganz anders meine Lage geworden iſt— und was für Pflichten mir obliegen— ſonſt würdet Ihr wohl der Letzte ſeyn, der ſo mit mir ſpricht, wohl aber mir Muth einflößen— und mich auffordern—“ „Zu was auffordern?“ „Keinem anderen Gefühl als dem der Pflicht Gehör zu ſchenken!“ rief Helen, indem ſie ihre Hände den ſeinigen ent⸗ zog und feſt an ihre Bruſt drückte. „Miß Digby,“ ſagte Leonard nach einer kurzen Pauſe bitteren Nachdenkens— und wie ſchweres Unrecht that er ihr nicht, während er glaubte, den Sinn ihrer Worte zu errathen!—„Ihr redet von neuen Anſprüchen an Euch— von Eurer veränderten Lage— ich verſtehe Euch. Ihr bewahrt vielleicht noch eine zarte Erinnerung an die Ver⸗ gangenheit; aber jetzt iſt es Eure Pflicht, meine Anmaßung zurückzuweiſen. Es iſt ſo, wie ich dachte und fürchtete. Der eitle Ruf, den ich errungen habe, iſt nur ein hohler Klang — er verleiht mir weder einen Rang, noch ſchafft er mir Reichthum. Ich habe deshalb kein Recht, in der Helen von 1818 heute die Helen früherer Tage zu ſuchen. Doch ſey es darum. Vergeßt, was ich geſagt habe, und vergebt mir.“ Dieſer Vorwurf ergriff das Herz, welchem er galt, im Innerſten. Ein Feuer glänzte auf in den ſanften, thränen⸗ vollen Augen, faſt wie ein Blitz zürnenden Unwillens; ihre Lippen zuckten in ſchmerzlichem Krampf, und es war ihr, als ſey jede andere Qual nichts in Vergleichung mit der, welche ihr Leonard bereitete, indem er ihr Beweggründe unterſtellen konnte, die ihres einfachen Weſens ſo unwürdig waren und für ihn ſelbſt ſo bitter ſeyn mußten. Und wie aus höherer Eingebung glitt ein Wort über ihre Lippen, das wieder beruhigend auf ſie wirkte. „Bruder!“ ſagte ſie mit beweglicher Stimme.„Bru⸗ der!“ Aber dieſes Wort machte gerade die entgegengeſetzte Wirkung auf Leonard. So ſüß es klang und in ſo ſchmel⸗ zendem Tone es auch ausgeſprochen wurde, deutete es doch die Grenzlinie der Neigung an und traf ihn wie das Sterbe⸗ geläut der Hoffnung. Er trat zurück und ſchüttelte traurig den Kopf. „Es iſt zu ſpät, dieſes Band anzunehmen— zu ſpät ſogar für die Freundſchaft. Fortan— für lange Jahre der Zukunft— bis dieſes Herz aufgehört hat, bei dem Klang Eures Namens zu ſchlagen und in Eurer Nähe zu leben — fortan werden wir beide— fremd ſeyn für einander.“ „Fremd? Gut— ja, es iſt recht— muß ſo ſeyn. Wir dürfen uns nicht wieder ſehen. O Leonard Fairfield, wer war es, der in jenen Tagen, welche Ihr in meine Er⸗ 18¹9 zurückruft— Euch in Armuth und Niedrigkeit fand und, ohne Euch durch ſein Liebeswerk herabzuwürdigen, auf vie für Euch paſſende Laufbahn ſtellte— der Euch in dem Labyrinth, in welchem Ihr zu Grunde gegangen wäret, den breiten Weg zum Wiſſen, zur Unabhängigkeit und zum Ruhm aufſchloß? Antwortet mir hierauf— antwortet mir! War es nicht derſelbe, der auch die Euch verſchwiſterte Waiſe erzog und ſchirmte? Und wenn ich auch vergeſſen könnte, was ich ihm ſchuldig geworden bin, müßte ich nicht ſtets deſſen eingedenk ſeyn, was er für Euch gethan hat? Kann ich von Eurer Auszeichnung hören, ohne mich deſſen zu er⸗ innern? Darf ich daran denken, wie ſtolz diejenige ſeyn wird, die ſich eines Tags auf Euren Arm ſtützt und den Namen trägt, den Ihr bereits weit über alle die Titel einer Stunde erhoben habt— ich ſage, darf ich daran denken, ohne dabei mir unſeren gemeinſchaftlichen Freund, Wohl⸗ thäter und Beſchützer zu vergegenwärtigen? Könntet Ihr mir's vergeben, wenn ich es nicht thäte?“ „Aber,“ ſtotterte Leonard, und in die Vermuthungen, welche dieſe Worte hervorriefen, miſchte ſich bange Furcht daß Lord L'Estrange unſerem Bunde 2— oder von was ſprecht innerung —„aber glaubt Ihr, ſeine Zuſtimmung verſagen werde Ihr denn? Ihr verwirrt mir die Sinne.“ Helen war es eine Weile, als ſey ſie außer Stand, zu antworten, und als es ihr endlich gelang, ſchienen die Worte tropfenweiſe aus dem Innerſten ihrer Seele hervorzu⸗ quellen. „Er kam zu mir— unſer edler Freund. Es wäre mir 1820 nie im Traum eingefallen. Er ſagte mir nicht, daß er mich liebe, wohl aber, daß er einſam und elend ſey, und daß er in mir— in mir allein— eine Tröſterin, eine Beruhigerin finden könne. So ſagte er— er! Und ich war eben in England angelangt— befand mich unter dem Dache ſeiner Mutter— hatte Euch damals noch nicht wieder geſehen; und— und— was konnte ich antworten? Stärkt— kräf⸗ tigt mich, Ihr, zu dem ich aufblicke und den ich verehre. Ja, ja— Ihr habt Recht— wir dürfen einander nicht wieder ſehen. Ich bin die Verlobte eines Anderen— verlobt mit ihm! Oh, gebt mir Stärkung!“ Der ganze ſeiner Dichterſeele“ inwohnende Adel er⸗ wachte mit einemmale bei dieſer Berufung. „Oh, Helen— Schweſter— Miß Digby, vergebt mir. Ihr bedürft keiner Stärkung von mir, ſondern ich muß ſie von Euch borgen. Ich verſtehe Euch jetzt und achte Eure Beweggründe. Verbannt alle Gedanken an mich. Belohnt unſeren gemeinſamen Wohlthäter. Seyd ihm, was er von Euch verlangt, ſeine Tröſterin, ſeine Beruhigerin— ja, werdet ihm noch mehr— ſein Stolz und ſeine Freude. Das Glück wird bei Euch einkehren, wie es bei allen denen ein⸗ kehrt, welche glücklich machen und ſich ſelbſt vergeſſen. Gott tröſte Euch in dem kurzen Kampfe und ſchenke Euch ſeinen Segen für alle Zukunft. Schweſter— ich nenne Euch jetzt mit dieſem heiligen Namen und will ihn ſeiner Zeit in Anſpruch nehmen, wenn auch ich es ſo weit gebracht habe, mehr an Andere als an mich ſelbſt zu denken.“ Helen hatte ihr Antlitz mit den Händen bedeckt und ———+— 1821¹ ſchluchzte, aber mit jener zarten weiblichen Zuruͤckhaltung, die ihren Schmerz im Innerſten des Herzens verſchließen möchte. Ein ſeltſames Gefühl von Verödung bemächtigte ſich plötzlich ihres ganzen Weſens, und ſie entnahm daraus, daß ſie allein war, Vierzehntes Kapitel. In einem anderen Gemache deſſelben Hauſes ſaß, ebenſo einſam wie Helen, ein ernſter, düſterer, brütender Mann, in welchem ſelbſt diejenigen, welche von Kindheit auf ihm am nächſten geſtanden hatten, kaum eine Spur von dem menſchenfreundlichen, wohlwollenden und vertrauensvollen, wenn auch launiſchen und wandelbaren Harley Lord L'Es⸗ trange erkannt haben würden. Er hatte jenes Memoirenbruchſtück geleſen, in welchem aus all den Klüften ſeiner unfruchtbaren und traurigen Vergangenheit zwei boshafte Wahrheiten ihm entgegentra⸗ ten, welche wie die Augen eines höhnenden Teufels ihn an⸗ zugrinſen ſchienen. Das Weib, deſſen Erinnerung alles Sonnenlicht aus ſeinem Leben genommen, hatte einen An⸗ deren geliebt, und der Freund, dem er ſeine ganze liebevolle, treue Seele in ſchrankenloſem Vertrauen aufgeſchloſſen, war ſein verrätheriſcher Nebenbuhler geweſen. Er hatte das Manuſeript vom erſten Wort bis zum letzten geleſen, als übe ein Zauber Gewalt über ihn, der ihn athemlos hielt, und wie er damit fertig war, legte er die Papiere ohne einen 1622 Laut des Schmerzes oder der Klage wieder zuſammen. Nur auf ſeinen blaſſen Lippen bemerkte man jenes unheimliche Lächeln, welches das ſichere Kennzeichen eines von wilden, furchtbaren Leidenſchaften überladenen Herzens iſt, wie der zackige Strahl des Blitzes das Gewitter verkündet, das ſich in den Wolken angeſammelt hat. Er ſteckte dann die Papiere in ſeine Bruſt, drückte die feſtgeballte Hand darauf, verließ das Zimmer und ging langſam der Wohnung ſeines Vaters zu. Unterwegs ſchien ſein Weſen in dem Krieg mit ſeinen Elementen bei jedem Schritt ſich zu verändern und in granitenen Formen zu er⸗ ſtarren. Liebe, Menſchenfreundlichkeit und Vertrauen ſchwan⸗ den dahin, und an ihre Stelle traten Grimm, Rachedurſt, Menſchenhaß, Argwohn und Hohn gegen Alles, aus dem das Auge der Liebe blicken oder die Stimme der Ehre ſpre⸗ chen konnte. Dieſe bitteren Gefühle drangen in Schaaren aus der Nacht ſeiner Gedanken und ſuchten Platz in der Wüſte ſeines Innern, grimmig und drohend, wie die Harpyen des alten Liedes „— Uncacque manus et pallida semper Ora.“— So hatte der finſtere Mann die Schwelle von ſeines Vaters Haus überſchritten und ſchweigend die für ihn bereit⸗ gehaltenen Gemächer betreten. Er war eine Stunde vor Leonard angelangt, und während er, die Arme auf der Bruſt gekreuzt und die Augen ſchwer auf den Boden geheftet, vor ſeinem Herde ſtand, erſchien ſeine Mutter, um ihn mit Gruß und Umarmung willkommen zu heißen. Er unterbrach ie ihre begierigen Fragen nach Violanten und wich vor der Berührung ihrer Hand zurück. „Halt, Madame,“ ſagte er mit kalter Strenge in ſei⸗ nem Tone, ſo daß die beſorgte Mutter nicht wenig erſchrack. „Ich kann nicht auf Eure Fragen achten, da ich nur Sinn für die eine habe, welche ich Euch vorlegen muß. Ihr widerſetztet Euch meiner knabenhaften Liebe zu Nora Avenel. Ich mache Euch deshalb keinen Vorwurf, denn alle Mütter von Eurem Rang würden ebenſo gehandelt haben. Aber hättet Ihr nicht jeden freien Verkehr mit ihr vereitelt, ſo wäre ich vielleicht nach einer Zurückweiſung von ihren eigenen Lippen meines Schmerzes Meiſter geworden, und ich könnte jetzt ein glücklicher Mann ſeyn. Seitdem ſind Jahre ent⸗ ſchwunden— hingerollt über ihren ruhigen Schlummer und über mein ruheloſes, waches Leben. Und dieſe ganze Zeit über wußtet Ihr, daß Audley Egerton der Liebhaber von Nora Avenel war?“ „Harley, Harley, ſprich nicht in dieſem grauſamen Ton mit mir und ſieh mich nicht an mit ſolchen harten Augen.“ „Ihr wußtet es alſo— Ihr, meine Mutter!“ fuhr Harley fort, ohne ſich durch ihren Vorwurf beirren zu laſſen. „Und warum ſagtet Ihr nie: Sohn, Du verſchwendeſt die Blüte und Kraft Deines Lebens in kummervoller Treue gegen eine Lüge! Du wirfſt Dein Vertrauen und Deine Freund⸗ ſchaft weg an einen verrätheriſchen Heuchler?““ „Wie konnt' ich ſo mit Dir ſprechen— wie hätt' ich es wagen dürfen— da Du noch immer das Andenken an jenes unglückliche Mädchen feſthielteſt und des Glaubens lebteſt, 1824 ſie habe Deine Neigung erwiedert? Hätte ich Dir mitge⸗ theilt, was ich wußte, aber erſt nach ihrem Tode erfahren hatte— ihr Verhältniß nämlich zu Audley Egerton—“ „Nun? Ihr ſtottert— fahrt fort— wenn Ihr dies gethan hättet?“ „Würdeſt Du nicht dem Verlangen nach Rache Raum gegeben haben? Wäre es nicht vielleicht zum Kampf zwi⸗ ſchen euch gekommen— zu Gefahr— zum Blutvergießen? Harley, Harley, iſt ein ſolches Schweigen an einer Mutter nicht verzeihlich? Und warum Dich auch des einzigen Freun⸗ des berauben, den Du zu ſchätzen ſchienſt— der allein noch einigen Einfluß auf Dich hatte— der mit mir betete und hoffte, daß Du eines Tags eine lebende Gefährtin finden möchteſt, welche Dir das verlorene Blendwerk erſetzen und die Dir inwohnenden Kräfte wecken könnte, damit Du Dei⸗ nem Vaterland zur Zierde werdeſt, wie es Deine Jugend in Ausſicht ſtellte? denn Du thuſt Audley Unrecht— wahrhaf⸗ tig, Du thuſt ihm Unrecht!“ „Ihm Unrecht? Ah, das will ich nicht. Fahrt fort.“ „Ich entſchuldige ebenſowenig, daſt er ſich zu Deinem Nebenbuhler aufwarf, als daß er dieſen Umſtand Anfangs verheimlicht hat. Aber glaube mir, ſeit jener Zeit hat ſeine wahre Reue, ſeine ängſtliche Beſorgtheit um Deine Wohl⸗ fahrt, ſeine Furcht, Deine Freundſchaft zu verlieren—“ „Halt— ohne Zweifel war es Audley Egerton ſelbſt, der Euch veranlaßte, ſein— wie Ihr Euch ausdrückt— Verhältniß' zu derjenigen geheim zu halten, deren Namen ich jetzt ſo ruhig nennen kann— zu Leonora Avenel?“ — 1825 „Es iſt allerdings ſo, und zwar aus Beweggründen⸗ die—“ „Genug— ich will nicht weiter hören.“ „Aber Du wirſt doch nicht allzuſtreng über Vergangenes urtheilen, da Du im Begriff ſtehſt, neue Bande zu knüpfen. Unmöglich kannſt Du ſo wild und gottlos ſeyn. über Planen zu brüten, wie ſie Deine Stirne zu drohen ſcheint. Nicht wahr, Du denkſt nicht an Rache— willſt nicht Audley's Leben und das Deinige aufs Spiel ſetzen?“ „Bst!— bst!— bst! Welcher Grund wäre hier zu einem Duell? Einzelkämpfe ſind außer der Zeit— civiliſirte Menſchen erſchlagen ſich nicht mehr mit Schwert und Piſto⸗ len. Beruhigt Euch. Rache! Sieht es wie Rache aus, wenn der eine Zweck meines Hieherkommens der Bitte an meinen Vater gilt, er möchte mir erlauben⸗ perſönlich Audley Egertons Erwählung betreiben zu dürfen? Was er am meiſten in der Welt werth hält, das iſt ſeine politiſche Stel⸗ lung, und bei der bevorſtehenden Wahl ſteht ſeine ganze politiſche Eriſtenz auf dem Spiel. Ihr wißt, daß ich mein ganzes Leben in dem Ruf eines ſchwachen, ſorgloſen, etwas übergroßmüthigen Menſchen ſtand. Dergleichen Leute ſind nicht rachſüchtig. Halt! Ihr legt Eure Hand auf meinen Arm— ich kenne die Magie dieſer leichten Berührung⸗ Mutter; aber ihre Macht über mich iſt dahin. Gräfin von Lansmere, hört mich an. Mit Ausnahme jener wahnſinni⸗ gen Leidenſchaft, um deren willen ich mich jetzt ſelbſt verachte, habe ich, wie ich hoffe, von Jugend auf Euch ſtets Gehorſam geleiſtet. Jetzt iſt unſere gegenſeitige Stellung ein wenig Bulwer, meine Novelle. 115 anders geworden. Ich habe das Recht, zu verlangen— ich will nicht ſagen, zu befehlen— das Recht, welches Schimpf und Kränkung allen Menſchen verleiht. Madame, der be⸗ leidigte Mann hat Vorrechte, welche mit denen eines Königs wetteifern. Ich fordere daher, daß ich jetzt nicht mehr mit Fragen behelligt und daß der Name Nora Avenel mit keinem Hauch mehr berührt werde, wenn ich nicht ſelbſt die Anregung dazu gebe. Auch ſoll Audley Egerton durch keinen Wink, durch keinen Athemzug erfahren, daß ich— wie ſoll ich's nennen?— ſeine verzeihliche Täuſchung' entdeckt habe. Verſprecht mir dies bei Eurer Liebe als Mutter und bei Eurer Ehre als Edelfrau, oder ich erkläre Euch feierlich, daß Ihr in meinem Leben nie wieder mein Geſicht ſehen ſollt.“ So ſtolz und gebieteriſch auch die Gräfin war, fühlte ſich doch ihr Geiſt erſchüttert von der finſteren Stirne und der Stimme ihres Sohnes. „Iſt dies mein Sohn— dies mein edler Harley?“ ſprach ſie ſtotternd.„Oh, ſchling Deine Arme um meinen Nacken und laß mich fühlen, daß ich mein Kind nicht verloren habe.“ Harley's Miene wurde milder; aber die bewegliche Bitte fand keinen Gehorſam. Gleichwohl ſtreckte er die Hand aus, wandte ſein Geſicht ab und ſagte in ſanfterem Tone: „Habe ich Euer Verſprechen?“ „Ja, Du haſt es— aber nur unter der Bedingung, daß es zwiſchen Dir und Audley nicht zu einem Wortwechſel komme, welcher einen Zweikampf—“ „Zweikampf?“ unterbrach ſie Harley.„Ich wiederhole Euch, eine Herausforderung und ein Duell zwiſchen mir und ch en he nd dem Freund meiner Schuljahre— und zwar wegen eines Streites, über den wir feinen Sekundanten aufklären könn⸗ ten, wäre eine poſſenhafte Satyre auf Alles, was in den Wirklichkeiten des Lebens und der Gefühle ernſt iſt. Ich nehme Euer Verſprechen an und beſiegle es damit—“ Er drückte ſeine Lippen auf die Stirne der Mutter und ließ ſich geduldig ihre Umarmung gefallen. „Stille!“ ſagte er, ſich ihren Armen entwindend,„ich höre die Stimme des Vaters.“ Lord Lansmere riß die Thüre weit auf, wie es ſchien, in dem Bewußtſeyn, daß eine Thüre, durch welche ein Graf von Lansmere eintrat, nicht weit genug geöffnet werden fönne. Sie hätte nicht majeſtätiſcher auffliegen können, wenn zu jeder Seite ein Huiſſier oder ein Beamter des Haushalts aufgepflanzt geweſen wäre. Die Gräfin glitt an ihrem Herrn leichten Schritts vorbei und verſchwand. „Ich war mit meinem Baumeiſter in Prüfung der Riſſe zu dem neuen Krankenhaus beſchäftigt, das ich unſerem County zum Geſchenk machen werde, und habe eben erſt gehört, daß Du hier ſeyeſt, Harley. Wie iſt es mit unſerem ſchönen italieniſchen Gaſt gegangen? Kömmt ſie nicht zu uns zurück? Deine Mutter weist mich an Dich— Du werdeſt mir die betreffenden Aufklärungen geben.“ „Ihr ſollt ſie ſpäter erhalten, Vater; vorläufig habe ich nur Sinn für die öffentlichen Angelegenheiten.“ „Für die öffentlichen Angelegenheiten? Sie ſind in der That beunruhigend. Es freut mich, zu hören, daß Du Dich ſo würdig ausdrückſt. Eine unheimliche Criſis, Harley! 1 15* 1828 — und, barmherziger Himmel, ich habe gehört, daß ein gemeiner Menſch, ein geborener Lansmerer, der ſich aber in Amerika ein Vermögen gemacht hat, in dem Wahlbezirk eine Oppoſition vorbereitet. Wie man mir ſagt, iſt er einer von den Avenelen— ein geborener Blauer— iſt's möglich?“ „Ich bin eben wegen dieſer Sache hieher gekommen. Als ein Peer könnt Ihr Euch natürlich nicht einmengen; aber wenn Ihr nichts dagegen habt, will ich ſelbſt nach Lans⸗ mere gehen und die Ueberwachung der Wahl auf mich nehmen. Es iſt vielleicht beſſer, Ihr bleibet ganz weg, da wir dadurch mehr Freiheit zum Handeln gewinnen.“ „Mein lieber Harley, gib mir die Hand; Alles, was Du willſt. Du weißt, es war immer mein Wunſch, daß Du Dich auch hervorthueſt und im Leben die Rolle über⸗ nehmeſt, die Deiner Herkunft gebührt.“ „Ah, und Ihr glaubt, ich habe bisher mein Daſeyn in kläglicher Weiſe vergeudet?“ „Um offen gegen Dich zu ſeyn— ja, Harley,“ ſagte der Graf mit einem Stolz, der an ſich edel und auch in ſei⸗ nem Ausdruck würdevoll war.„Je mehr das Vaterland uns gibt, deſto mehr Pflichten legt es uns auf. Von dem Augenblick Deines Eintritts in die Welt, der Dich zu dem Erben von Land und Ehren beſtimmte, wurde Dir ein Gut anvertraut, das Du zum Beſten Anderer verwalten ſollteſt, und es gereicht Männern unſeres Standes zur Herabwürdi⸗ gung, wenn ſie dieſe Obliegenheit nicht erfüllen.“ Harley hörte ihn mit finſterer Stirne an und gab keine unmittelbare Erwiederung. 1829 „Es wäre mir in der That lieber,“ nahm der Graf wieder auf,„Du bewürbeſt Dich für Dich ſelber, als für Deinen Freund Egerton, obſchon ich zugebe, daß er ein Vor⸗ bild abgibt, welchem nachzufolgen nie zu ſpät iſt. Ha, wenn man euch Beide als junge Leute ſah, obgleich Audley den Vortheil von ein paar Jährchen mehr hatte— wer würde damals gedacht haben, daß ihm eine ſo hohe, ausgezeichnete Stellung vorbehalten war, während Du zu einem üppigen Müßiggänger verkamſt, der alle Anſtrengung ſcheute und keinen Sinn für den Ruhm in ſich trug? Du, der ſo viel vor ihm vorhatte— nicht nur ein großes Vermögen, ſondern auch, wie Jedermann ſagte, überlegene Talente— Du, der damals ſo ehrgeizig war, ſo begierig nach Auszeichnung ver⸗ langte, mit Plutarchs Lebensbeſchreibungen unter dem Kiſſen einſchlief und, mein wilder Sohn, nur zu viel Thatenluſt zeigte. Aber Du biſt noch ein junger Mann, und es iſt nicht zu ſpät, die verſchleuderten Jahre wieder gut zu machen.“ „Dieſe Jahre— ſind nichts— bloße Daten in einem Kalender; aber die Gefühle— wer kann mir dieſe zurück⸗ geben?— die Hoffnung, die Begeiſterung, den— doch gleichviel! Gefühle helfen dem Mann nicht zum Aufſchwung in der Welt. Die von Egerton ſind nicht ſehr lebhaft. Ueberlaßt das, was aus mir hätte werden können, meinem eigenen Nachdenken, und ſprechen wir vielmehr von dem Vorbild, auf das Ihr mich verweist— von Audley Egerton.“ „Wir müſſen ihn durchſetzen,“ ſagte der Graf, ſeine Stimme zu einem Flüſtern ermäßigend.„ Es iſt für ihn von 1830 weit größerer Wichtigkeit, als ich glaubte. Aber Du kennſt ſeine Geheimniſſe. Warum biſt Du nie über den Stand ſeiner Angelegenheiten frei gegen mich herausgegangen?“ „Ueber den Stand ſeiner Angelegenheiten? Wollt Ihr damit ſagen, daß er ernſtlich verſtrickt ſey? Dies intereſſirt mich ſehr. Ich bitte, ſprecht— was wißt Ihr?“ „Er hat den größten Theil ſeines Haushalts entlaſſen. An ſich iſt dies wohl durch ſeinen Austritt aus dem öffent⸗ lichen Dienſt erklärlich; aber es gibt doch den Leuten zu reden. Auch munkelt man davon, daß nicht nur ſeine Güter für weit mehr als ihren Werth verpfändet ſeyen, ſondern daß er ſeinen Unterhalt bloß noch in Diskontirung ſeiner Wechſel finde. Mit einem Wort, er iſt zu vertraut mit einem Manne geweſen, den wir Alle vom Sehen kennen— mit einem Mann, der in London mit den ſchönſten Pferden fährt und, wie man mir ſagt(obſchon ich dies kaum glauben kann), ganz familiär in der Geſellſchaft der jungen Laffen ſich umtreibt, die er zu ihrem Verderben an ſich zieht. Wie iſt doch der Name dieſes Menſchen? Levy, wenn ich nicht irre— ja, Levy.“ „Ich habe den Mann bei ihm geſehen,“ verſetzte Harley, und ein Blitz boshafter Freude zuckte in ſeinem Falkenauge auf.„Levy— Levy— es iſt gut.“ „Ich habe nur in den Cluben davon klatſchen hören,“ nahm der Graf wieder auf;„aber man ſagt, Levy mache kein Geheimniß aus ſeiner Macht über unſern ausgezeichneten Freund und rechne es ſich ſogar gegen unſere Partei oder überhaupt gegen Jedermann, da Egerton in allen Parteien — 183¹ viele perſönliche Freunde hat, als Verdienſt an, daß er un⸗ terſchiedliche Wechſel in ſeinem Pult verſchloſſen halte, bis Egerton wieder ſicher im Parlament ſitze. Wenn aber unſer Freund bei der Wahl durchfallen ſollte und Levy ſich dann ſeiner Habſeligkeiten bemächtigte und ſeinen Untergang ver⸗ öffentlichte, ſo wäre Audley's politiſche Laufbahn nicht nur ernſtlich beeinträchtigt, ſondern vielleicht gänzlich zu Grunde gerichtet.“ „Dies iſt auch meine Anſicht,“ ſagte Harley.„Ein Charles For konnte ein Spieler und ein William Pitt ein Bettler ſeyn; aber Audley Egerton hat nicht ihre Rieſen⸗ größe und ſteht nur ſo hoch, ſo lang ihm Haufen reſpektablen Goldes zur Unterlage dienen. Iſt er aber verarmt und be⸗ dürftig, aus dem Parlament verdrängt und, wie der ge⸗ meine Mann zu ſagen pflegt, weg von der Küche, vor Gläu⸗ bigern ſich verkriechend oder wohl gar im Kings Bench—“ „Nein, nein— unſere Partei würde dies nie zugeben; wir würden eine Subſeription eröffnen—“ „Oder ſchlimmer als Alles, als Penſionär abhängig von der Gnade der Partei, deren Führung er angeſtrebt hat — ja, Ihr habt Recht— mit ſeinen politiſchen Ausſichten wäre es vorbei für immer. Ein Mann, deſſen Ruf in ſeiner äußeren Achtbarkeit lag! Das Volk würde ſagen, Audley Egerton ſey— eine feierliche Lüge geweſen— meint Ihr nicht, Vater?“ „Wie magſt Du nur mit ſolcher Kälte von Deinem Freund ſprechen! Wenn Du damit mein Intereſſe für ſeine Erwählung ſteigern willſt, ſo bedarf es ſo vieler Worte nicht 1832 Iſt er einmal im Parlament, ſo kömmt er auch wieder in's Miniſterium und muß dann eben lernen, mit ſeinem Gehalt auszureichen. Sorge dafür, daß er mir ein Verzeichniß ſeiner Verbindlichkeiten mittheilt; denn Du weißt, ich habe einen Kopf für ſolche Geſchäftsſachen. Ich will ſeine An⸗ gelegenheiten für ihn in Ordnung bringen. Ja, und ich ſetze Fünf gegen Eins, obſchon mir ſonſt die Wetten verhaßt ſind, daß er in drei Jahren Premierminiſter ſeyn wird. Allerdings glänzt er nicht; aber in unſeren kritiſchen Zeiten brauchen wir einen ſicheren, gemäßigten, verſtändigen und vermitteln⸗ den Mann; und Audley Egerton hat ſo viel Takt, ſo viel parlamentariſche Erfahrung, ſo viel Weitfenntniß, und iſt“ — fügte der Graf bei, indem er mit Nachdruck alle die löb⸗ lichen Eigenſchaften zuſammenfaßte—„ſo durchaus ein Gentleman.“ „Durchaus ein Gentleman, wie Ihr ſagt— die Seele der Ehre! Aber mein lieber Vater, es iſt jetzt die Stunde, in der Ihr auszureiten pflegt; ich will Euch nicht länger abhalten. Es bleibt alſo dabei— Ihr kommt nicht ſelbſt nach Lansmere. Ihr ſtellt das Haus zu meiner Verfügung und erlaubt mir, natürlich zuerſt Egerton und dann ſonſtige Gäſte nach Gutdünken einzuladen— kurz, es bleibt Alles mir überlaſſen?“ „Zuverläſſig; denn wenn Du Deinen Freund nicht durchzuſetzen vermagſt, wer ſollte es dann können? Der Bezirk iſt ſtörriſch und undankbar und hat mir das Leben ſchon ſauer genug gemacht, trotzdem daß ich ſo viel dort ver⸗ 1833 brauchte und ſeine Gewerbsleute fortwährend in Nahrung ſetzte.“ Und mit einem unmuthigen Seufzer verließ der Graf das Zimmer. Harley ſetzte ſich bedächtig an ſeinen Schreibtiſch, ſtützte ſein Geſicht auf die Hand und blickte zerſtreut unter den zuſammengezogenen finſteren Brauen hervor in's Weite. Wie wir geſehen haben, war Harley LEstrange ein Mann, der Neigungen und Eindrücke mit ungemeiner Zähigkeit feſthielt, und dabei von kühnem, biederem und offenem Weſen. Sogar ſein Wankelmuth und ſeine augen⸗ fällige Launenhaftigkeit, welche die Welt zu einer irrigen Beurtheilung ſeiner Anlagen und Kräfte verleitete, ließ ſich hälftig aus ſeiner zwangloſen Gemüthsart erklären, die in ihrer überſtolzen Verachtung alles Deſſen, was nach Heuchelei ſchmeckte, mit den Formen und Ceremonien ihr Spiel trieb und„dem feierlichen Schein der Welt“ bisweilen in über⸗ treibender, oft aber auch in tiefernſter Weiſe die humoriſtiſche Seite abgewann. Die Erſchütterung, welche ihn jetzt be⸗ troffen, hatte bis in die Grundveſten ſeiner Seele gegriffen, alle die luftigeren Gebäude, welche Phantaſie und Witz darauf errichteten, umgeſtürzt und für das Wirken der dunk⸗ leren und ſchrecklicheren Leidenſchaften eine neue Welt ge⸗ lichtet. Wenn ein Mann mit einem ſo liebevollen Herzen und einer bei aller Unregelmäßigkeit ſo kräftigen Natur plötz⸗ lich und unverſehens Betrug entdeckt, wo er am meiſten vertraute, hat es nicht, wie bei den ruhigeren Zöglingen jener rauhen Lehrerin, der Erfahrung, damit ſein Bewenden, 1834 daß er dem Treuloſen einfach ſeine Achtung und Liebe ent⸗ zieht, ſondern Treu und Glauben ſcheint ihm aus der ganzen Welt verſchwunden zu ſeyn; der gekränkte Geiſt blickt in die Vergangenheit zurück und verwirft alle ihre ſchönen und edlen Züge als Thorheiten, welche nur Weh für ihn im Gefolge hatten, während die Zukunft ihm als ein Weg er⸗ ſcheint, mit lächelnden Verräthern beſetzt, die er mit gleicher Verſtellung behandeln oder mit überlegener Kraft zermalmen muß. Die Verſchuldung eines Verraths an ſolchen Men⸗ ſchen iſt unberechenbar; denn er beraubt die Welt aller Wohlthaten, die ſie ſonſt auf ihrem Gang durch's Leben ausgeſtreut hätten, und wird verantwortlich für all das Schlimme, das aus der Verderbniß von Naturen entſpringt, welche gerade durch ihre üppige Entwicklung, wenn die Luft einmal verunreinigt iſt, nur Krankheit verbreiten. So lagert die Malaria nicht über kahlem, unfruchtbarem Boden oder über der öden Wildniß, ſondern über Strichen, die vordem eine ſüdliche Sonne zu entzückenden Gärten gereift— über den Lagerpunkten mächtiger Städte, in welchen der Prunk der Paläſte geherrſcht hat. Es war nicht genug, daß der Freund ſeiner Jugend, der Vertraute ſeiner Jugend dieſes Vertrauen verrieth und im Geheim ſich zu ſeinem glücklicheren Nebenbuhler aufwarf — nicht genug, daß man ihm geſtattete, die Svuren des Weibes, das ſein junges Herz bis zum Wahnſinn vergötterte, überall hin mit dem Schmerz der Sehnſucht und Reue zu verfolgen— daß man ihn glauben ließ, ſie habe ſich ſeiner Bewerbung nur entzogen, weil ſie an Epelſinn nicht zurück⸗ 1835 ſtehen und lieber ihre eigene Neigung zum Opfer bringen als ihm das Opfer alles Deſſen auflegen wollte, was die Jugend ſo leicht von ſich ſtößt und die Welt ſo hoch achtet — nicht genng, daß all Dies geſchehen war, während ſie ihre Zuflucht zu dem Herzen eines Anderen genommen hatte: die Kränkung war damit noch nicht zu Ende. Sein ganzes Leben war an ein Blendwerk verſchwendet— jede Kraft, jedes Streben, der geſunde Ehrgeiz, der allen hohen Seelen eigen iſt, im erſten Beginn ihres ſchönen Daſeyns erſtickt worden; ſein Herz verzehrte ſich in einer Reue, für die er keinen Grund hatte, und ſein Gewiſſen kämpfte unter der Laſt des ſchrecklichen Gedankens, ſein wildes Nachjagen habe das allzu zarte Opfer in das Grab gehetzt, über dem er trauerte. Wie viele Jahre, die für ihn ſelbſt ſo ruhig und für die Welt ſo nützlich hätten entſchwinden können, waren in zweckloſen, unfruchtbaren, melancholiſchen Träumen ver⸗ geudet worden! Und dieſe ganze Zeit über— wem hatte er ſeine Klagen vertraut?— demſelben Mann, welcher wußte, daß ſeine Reue ein müßiges Geſpenſt, ſeine ſchmerzvolle Treue eine höhnende Selbſttäuſchung war. Jeder Gedanke, welcher den natürlichen Stolz des Mannes verletzen— jede Erinnerung, welche ein Herz, das zu tief geliebt hatte, um nicht dem Haß zugänglich zu ſeyn, zur Rachſucht ſpornen konnte, trug dazu bei, die raſendmachenden Furien zu hetzen, welche in jeden Tempel eindringen, wenn er einmal durch die Gegenwart der ſchlimmen Leidenſchaften entweiht iſt. Die Rachſucht nahm in jenem finſteren Zwielicht der Seele die Geſtalt der Gerechtigkeit an. So verändert auch ſeine 1836 Gefühle gegen Leonora Avenel waren, ſteigerte doch die Ge⸗ ſchichte ihrer Leiden den Zorn gegen ſeinen Nebenbuhler noch mehr; denn ihr ſchriftlicher Nachlaß hatte ihm natürlich die Ueberzeugung aufgedrungen, ſie ſey das Opfer eines ſchänd⸗ lichen Betrugs geweſen und durch eine Scheinheirath bethört worden. Man hatte ſeinen Abgott nicht nur von dem Altar weggeſtohlen, ſondern ihn auch durch das Opfer befleckt— mit ſchonungsloſer Hand zerſchlagen, und verſtümmelt und entehrt in ſchmutzigen Staub geſtoßen, ſo daß ihm ſogar die Erinnerung an ein Weſen, das anzubeten ſeine Wonne geweſen war, verächtlich werden mußte. Der lebende Harley und die todte Nora— beide riefen laut ihrem gemeinſamen Verderber zu:„Gib zurück, was du uns genommen haſt, oder erleide die Strafe!“ Mit ſolchen Gedanken ſaß während Helens und Leo⸗ nards Zwieſprache Harley LEstrange allein; und wie ein roher, unregelmäßiger Stahlklumpen, wenn er raſch im Kreiſe bewegt wird, in der Geſtalt des Ringes erſcheint, den er beſchreibt, ſo erfüllte ſein eiſerner Vorſatz, der fortgeriſſen wurde von ſeiner ſchonungsloſen Leidenſchaft, den Raum, in welchen er hinausſchaute mit optiſchen Blendwerken, Plan auf Plan entwerfend und die Kreiſe ziehend, welche ſauſend einen Feind umſtrickten. M Fünfzehntes Kapitel. Ein eintretender Diener meldete einen Namen, den Harley in der Zerſtreuung ſeiner finſteren Träume überhörte, und unmittelbar darauf erſchien eine Perſon, auf welche Lord LEstrange das Auge mit dem kalten, ſtolzen Staunen eines vielbeſchäftigten Mannes richtete, der ſchon durch die Art des Empfangs die Aufdringlichkeit eines unwillkomme⸗ nen Fremden rügen will. „Es iſt lange her, ſeit Eure Gnaden mich zum letzten⸗ mal geſehen hat,“ begann der Beſuch mit milder Würde, „und es nimmt mich deßhalb nicht Wunder, daß Ihr mich nicht mehr erkennt und meinen Namen vergeſſen habt.“ „Sir,“ verſetzte Harley mit ungeduldiger Barſchheit, welche ſchroff gegen die Leutſeligkeit abſtach, durch welche er ſich ſonſt auszeichnete—„Sir, Eure Perſon iſt mir fremd und Euren Namen habe ich nicht gehört; aber jedenfalls fehlt es mir jetzt an Muße, Euch Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Entſchuldigt meine freie Rede.“ „Verzeiht, wenn ich gleichwohl noch länger bleibe. Mein Name iſt Dale. Ich war früher Pfarrer in Lansmere, und ich wollte mit Euren Gnaden im Namen und im Rück⸗ blick auf ein Weſen ſprechen, das Euch ehmals theuer war — im Namen Nora Avenels.“ Harley(nach einer kurzen Pauſe).—„Sir, ich kann mir nicht denken, was Euer Anliegen ſeyn mag. Doch nehmt Platz. Ich erinnere mich jetzt Eurer, obgleich die Jahre uns Beide ſehr veränderten. Auch habe ich von Lev⸗ 1838 nard Fairfield viel Vortheilhaftes über Euch gehört. Indeß muß ich bitten, daß Ihr Euch kurz faſſet.“ Mr. Dale.—„Darf ich vornweg annehmen, daß Ihr eine Ahnung habt von der Herkunft des jungen Mannes, den Ihr Fairfield nennt? Als ich hörte, wie dankbar er Euer Wohlwollen pries und mit welcher wehmüthigen Wonne er Euch verehrt, ſchwoll das Herz in meinem Innern. Ich erkannte die geheimnißvolle Macht der Natur.“ Harley.—„Macht der Natur?— Ihr ſprecht in Räthſeln.“ Mr. Dale(unwillig).—„O mein Lord, wie könnt Ihr Euer beſſeres Ich ſo bemänteln? Ihr müßt doch wahrhaftig in Leonard Fairfield längſt den Sohn von Nora Avenel erkannt haben?“ Harley fuhr mit der Hand über ſein Geſicht.„Ah!“ dachte er,„ſie hat alſo einen Sohn gehabt— einen Sohn von Egerton— Leonard iſt dieſer Sohn. Ich hätte es aus der Aehnlichkeit erkennen ſollen— aus der thörichten inneren Stimme, die mich zu ihm hinzog. Deßhalb alſo hat er mir dieſen ſchrecklichen Nachlaß vertraut. Er ſucht ſeinen Vater — er ſoll ihn finden.“ Mr. Dale(der ſich Harley's Schweigen irrthümlich deutet).—„Ich ehre Eure Zerknirſchung, mein Lord. Oh⸗ laßt Euer Herz und Euer Gewiſſen fortwährend zu Eurem weltlichen Stolz ſprechen.“ Harley.—„Meine Zerknirſchung— Herz— Gewiſſen? Mr. Dale, Ihr beleidigt mich.“ Mr. Dale(ſtreng).—„Richt doch; ich erfülle mein nt va hn us ten nir ter lich h, em en? 1839 Amt, das mich anweist, das Herz des Sünders zu bewegen⸗ Leonora Avenel ſpricht aus mir und befiehlt dem ſchuldigen Vater, das unſchuldige Kind anzuerkennen!“ Harley richtete ſich halb auf, und ſeine Augen ſprühten buchſtäblich Feuer; dann dämpfte er ſeinen Zorn zu höhni⸗ ſchem Spott. „Ha,“ ſagte er mit einem ſarkaſtiſchen Lächeln,„und Ihr glaubt, daß ich der treuloſe Verführer von Nora Avenel — daß ich der verhärtete Vater eines Kindes ſey, das ohne Namen in die Welt kam. Sehr gut, Sir; aber nehmen wir dieſe Vorausſetzungen als zugeſtanden an, was verlangt Ihr von mir für dieſen jungen Mann?“ „Daß Ihr ihn glücklich machet,“ entgegnete Mr. Dale in flehendem Tone. Und dem Drange des Mitleids folgend, das Leonard ihm eingeflößt hatte, und in der feſten Ueberzeugung, Lord LEstrange empfinde eine väterliche Liebe für den jungen Mann, welchen er aus dem Strudel Londons gerettet und dem er zu einer ſicheren und ehrenvollen Unabhängigkeit ver⸗ holfen hatte, erzählte er mit einfacher Beredſamkeit von Leonards Gefühlen gegen Helen— von ſeiner ſtillen Treue gegen ihr Bild aus den Jahren ihrer Kindheit— von ſeiner Liebe, als er die Jungfrau wieder ſah— von der beſchei⸗ denen Furcht, welche der Pfarrer bekämpft hatte— von dem Rath, den er ſelbſt ihm aufgedrungen, daß er Helen den Zuſtand ſeines Herzens offenbare und für ſich das Wort nehme. „Mit klopfendem Herzen— Ihr könnt es mir glauben,“ fuhr der Pfarrer fort—„ſah ich dem Erfolg enigegen und wartete vor dem Portal außen, bis Leonard von Miß Digby zurücktam. Und, o mein Lord, hättet Ihr nur ſein Geſicht ſehen können!— ſolche Aufregung und ſolche Verzweiflung! Ich konnte von ihm nicht erfahren, was vorgegangen war. Er riß ſich von mir los und eilte fort. Er ließ nur ein paar abgebrochene Worte fallen, und aus dieſen zog ich die vielleicht irrthümliche Folgerung, daß das Hinderniß ſeines Glückes nicht in Helens Herzen, ſondern in Euch⸗ mein Lord, zu liegen ſcheine. Deßhalb faßte ich, ſobald er meinen Bli⸗ cken entſchwunden war, Muth, und begab mich ohne Weite⸗ res zu Euch. Wenn er Euer Sohn und Helen Eure Mündel iſt— ſie ſelbſt eine Waiſe, die von Eurer Güte abhängt— warum ſollten ſie getrennt werden? Gleich im Alter— durch frühe Schickſale vereint— für einander paſſend, wie es ſcheint, durch einfache Sitte und gebildeten Geſchmack— was könnte ihrer Vereinigung anders hinderlich ſeyn als der Mangel des Vermögens? Und die ganze Welt kennt Euren Reichthum, und Niemand hat je einen Zweifel in Eure Großmuth geſetzt. Mein Lord, mein Lord, vor Eurem Blick erſtarrt das Blut in meinen Adern. Wenn ich Euch beleidigt habe, ſo laßt mein Vergehen nicht ihn— nicht Leonard ent⸗ gelten.“ „Und ſo“— ſagte Harley, noch immer ſeinen Zorn zurückhaltend—„ſo hat dieſer junge Menſch, den ich, wie Ihr ſagt, gegen eine erbarmenloſe Welt ſchützte, welche ſchon ſo manchen edleren Genius in ihren Abgrund zog, zum Dank für Alles mich der letzten Zuneigung, die mir im Leben 1841 blieb— ſo arm und lau ſie auch ſeyn mag— zu berauben geſucht. Er erfrecht ſich, ſeine Augen zu meiner verlobten Braut zu erheben! Er!— und ſtiehlt mir am Ende ihr lebendes Herz, um mir nichts zu laſſen als ihre eiſige Hand!“ „O mein Lord, Eure verlobte Braut! Dies wäre mir nicht im Traum beigekommen, und ich bitte Euch flehentlich um Verzeihung. Der Gedanke iſt ſo ſchrecklich— ſo unnatür⸗ lich— der Sohn ein Nebenbuhler des Vaters! Oh, in welche Sünde bin ich verfallen! Die Sünde war die meinige — ich drängte und beredete ihn dazu. Er ſelbſt wußte ſo wenig davon als ich. Vergebt ihm— vergebt ihm!“ „Mr. Dale,“ verſetzte Harley, indem er aufſtand und ihm die Hand bot, die übrigens der arme Pfarrer zu ergrei⸗ fen ſich für unwürdig erachtete—„Mr. Dale, Ihr ſeyd ein guter Mann— wenn überhaupt dieſe lügneriſche Welt einen Menſchen enthält, der nicht unſeren Verſtand betrügt, ſobald wir ihn für ehrlich halten. Erlaubt mir indeß eine einzige Frage— warum meint Ihr, daß Leonard mein Sohn ſey?“ „War ich nicht Augenzeuge Eurer jugendlichen Be⸗ wunderung gegen die arme Nora? Erinnert Euch, daß ich häufig als Gaſt nach Lansmere Park kam; und es war ſo natürlich, daß Ihr mit Euren herrlichen Gaben ihre edle Phantaſie und ihr für Liebe ſo empfängliches Herz be⸗ zaubertet.“ „Natürlich? Meint Ihr ſo? Fahrt fort!“ „Eure Mutter hat euch getrennt, wie es in der Ord⸗ nung war, obgleich mir nicht unbekannt blieb, daß Ihr noch immer eine Leidenſchaft nährtet, deren rechtmäßige Befrie⸗ Bulwer, meine Novelle. 116 1842 digung Euch Euer Rang verbot. Das arme Mädchen! Sie verließ das Dach ihrer Beſchützerin, der Lady Jane, und man erfuhr nichts mehr von ihr, bis ſie wieder in das Vater⸗ haus zurückkam, um ihrem Kind das Leben zu geben und aus dem Leben zu ſcheiden. Und an dem nämlichen Tag, der über ihrer Leiche aufging, verließet Ihr eiligſt die Stadt. Jo, ohne Zweifel erwachten die Gewiſſensbiſſe; denn ſeitdem ſeyd Ihr nie wieder dahin zurückgekehrt.“ Harley's Bruſt wogte. Er winkte mit der Hand und der Pfarrer fuhr fort:— „Wen konnte mein Argwohn treffen, als Euch? Ich ſtellte Nachfragen an, und ſie beſtätigten meinen Verdacht.“ „Vielleicht erkundigtet Ihr Euch bei meinem Freund, Mr. Egerton? Er war bei mir, als— als ich— wie Ihr ſagt— eiligſt die Stadt verließ.“ „Ja, mein Lord.“ „Und er?“ „Zog Eure Schuld in Abrede; aber ein Mann von ſo zartem Ehrgefühl und einem ſo empfindſamen Herzen konnte ſich nicht gut genug verſtellen. Sein Läugnen täuſchte mich nicht.“ „Der Ehrenmann!“ ſagte Harley, und ſeine Hand griff in die Bruſt, wo noch immer wie in geſpenſtiſchen Seuf⸗ zern die hinterlaſſenen Papiere der Todten rauſchten.„Er wußte auch, daß ſie einen Sohn hinterlaſſen hatte?“ „Ja, mein Lord; ich habe ihm dies natürlich mitge⸗ theilt.“ „Der Sohn, welchen ich faſt verhungert in den Straßen 1843 von London auffand! Mr. Dale, Ihr ſeht, daß mir Eure Worte ſehr zu Herzen gehen. Ich kann nicht in Abrede zie⸗ hen, daß demjenigen, welcher dieſe junge Mutter hinterging, eine nicht gewöhuliche Tücke zur Laſt fällt; denn Nora Ave⸗ nel war nicht die Perſon, rie leicht zu einer Verirrung zu verleiten war—“ „Nein, wahrhaftig nicht!“ „Und der Mann, velcher nachher nicht mehr an den Sprößling ihrer Schmerzen und ſeiner eigenen Sünde dachte — ich bin mit Euch einverſtanden, daß er eine Züchtigung verdient und gut machen ſollte, was er verbrochen. Habe ich nicht Recht? Antwortet mir in der offenen Sprache, die Euch Euer heiliger Beruf auferlegt.“ „Ich kann nicht anders als Ja ſagen, mein Lord,“ verſetzie der Pfarrer in warmem Mitleid mit den vermeint⸗ lichen Gewiſſensvorwürfen des Lord L'Estrange.„Wenn er aber bereut—“ „Genug,“ unterbrach ihn Harley.„Ich lade Euch jetzt ein, mich in Lansmere zu beſuchen. Gebt mir Eure Adreſſe, damit ich Euch den Tag namhaft machen kann, für welchen ich mir Eure Anweſenheit erbitte. Leonard ſoll einen Vater finden— ich wollte ſagen, der ſeiner würdig iſt. Was das Uebrige betrifft— halt; nehmt wieder Platz. Was das uebrige betrifft“— und abe mals zuckte das unheimliche Lächeln um Harley's Auge und Lippe—„ſo bin ich noch nicht in der Lage, zu ſagen, ob ich einem jüngeren und ſchöneren Bewerber die Dame, welche meine Hand angenom⸗ men hat, abtreten kann oder darf. Ich habe noch keinen 116* 1844 Grund, zu glauben, daß ſie ihn vorzieht. Aber was haltet Ihr einſtweilen von dieſem Vorſchlag? Mr. Avenel wünſcht, daß ſein Neffe ſich um die Repräſentatur des Wahlbezirks Lansmere bewerbe, und hat mir eifrig angelegen, daß ich den jungen Mann zum Eingehen auf ſeine Wünſche beſtimme. Allerdings könnte dadurch die Erwählung des Mr. Audley Egerton gefährdet werden. Doch was macht's! Mr. Audley Egerton iſt ein großer Mann und wird einen anderen Sitz finden. Dies ſoll kein Hinderniß ſeyn. Leonard mag ſeinem Onkel gehorchen. Greift er durch— je nun, ſo wird er im Auge der Welt eine paſſendere Partie für Miß Digby ſeyn — das heißt, wenn ſie ihn wirklich mir vorzieht; und iſt Letzteres nicht der Fall, ſo bietet das öffentliche Leben ein Heilmittel für allen Privatkummer. Dies iſt ein Grundſatz des Mr. Audley Egerton, und Ihr kennt ihn ja als einen Mann, welcher mit dem zarteſten Ehrgefühl die vollendetſte weltliche Weisheit verbindet. Gefällt Euch mein Vorſchlag?“ „Er ſcheint mir ſehr rückſichtsvoll— ſehr edelmüthig zu ſeyn.“ „Dann habt die Güte, Leonard die Zeilen zu über⸗ bringen, die ich jetzt ſchreiben will.“ Lord LEstrange an Leonard Fairfield. „Ich habe das Tagebuch geleſen, das Ihr mir anvertrautet, und werde die Winke, die es mir gibt, verfolgen. Inzwiſchen bitte ich Euch, alle Fragen und überhaupt jede Hinweiſung auf einen Gegenſtand zu unterlaſſen, der, wie Ihr Euch denken könnt, für mich ſo ſchmerzliche Erinnerungen birgt. Dazu bin „ 1845 ich im gegenwärtigen Augenblick genöthigt, alle „ meine Gedanken für Angelegenheiten öffentlicher Na⸗ tur zuſammenzunehmen, obſchon vielleicht auch Ihr ſehr nahe dabei betheiligt ſeyd. Es ſind Gründe vor⸗ handen, welche mich veranlaſſen, das dringliche Er⸗ ſuchen an Euch zu ſtellen, daß Ihr auf den Wunſch Eures Onkels eingehet und bei der nächſten Wahl Euch um die Vertretung des Bezirks Lansmere be⸗ werbet. Wenn Eure zarte Dankbarkeit das, was ich vielleicht für Euch gethan habe, ſo überſchätzt, daß Ihr mir einige Verbindlichkeiten ſchuldig zu ſeyn glaubt, ſo werden ſie reichlich erfüllt ſeyn an dem Tage, an welchem ich Euch zum Parlamentsmitglied für Lansmere ausrufen höre. Im Vertrauen auf jenen edelmüthigen Grundſatz der Selbſtaufopferung, der die Richtſchnur Eures Lebens iſt, zähle ich dar⸗ auf, daß Ihr Eure Vorliebe für das Stillleben fallen laßt und den Kampfplatz des edlen Ehrgeizes be⸗ treten werdet, welcher den Namen meines Freundes Audley Egerton mit ſolcher Würde bekleidet hat. Allerdings wird er Euer Gegner ſeyn; aber er iſt zu großmüthig, um mir nicht meinen Eifer für die Intereſſen eines Jünglings zu verzeihen, dem ich, wie ich eitel genug zu glauben bin, zu einer Laufbahn verholfen habe. Und da Mr. Randal Leslie zugleich * mit Egerton auftritt und Mr. Avenel der Anſicht iſt, daß zwei Candidaten derſelben Partei ſich nicht durch⸗ ſetzen laſſen, ſo wird wohl der Erfolg zu Befrie⸗ 1846 digung aller der Gefühle ausfallen, die ich ſowohl gegen Audley Egerton als gegen Euch ſelbſt hege, da Ihr, wie ich wohl mit Recht annehme, ſeinen Anſprüchen an meine Achtung nacheifern werdet. Der Eurige L'Estrange.“ „So, Mr. Dale,“ ſagte Harley, indem er das Schrei⸗ ben ſiegelte und es ſodann dem Pfarrer einhändigte.„Ihr werdet ihm dieſes Billet übergeben. Doch nein— wenn ich's beſſer überlege, ſo erſcheint es mir räthlicher, ihn wegen Eures Beſuchs bei mir, von dem er noch keine Kunde hat, in Unwiſſenheit zu laſſen. Denn wenn Miß Digby ſich entſchließt, auf ihren bereits eingegangenen Verbindlichkeiten zu beharren, ſo fordert es das Zartgefühl, ihm die ſchmerz⸗ liche Erfahrung zu erſparen, daß Ihr mir Mittheilung von der Nebenbuhlerſchaft gemacht habt, die er ſelbſt geheim halten wollte. Betrachtet Alles, was zwiſchen uns vorging, als im ſtrengſten Vertrauen geſchehen.“ „Ich will Euch gehorchen, mein Lord,“ entgegnete der Pfarrer demüthig und kleinlaut, als er ſah, daß er, der ge⸗ kommen war, um eine Autorität auszuüben, ſich in der Lage befand, Befehle entgegennehmen zu müſſen. Er wußte nicht, welches Urtheil er ſich erlauben durfte über den Mann, den er für einen Verbrecher gehalten und der nicht einmal die ihm zur Laſt gelegte Vergehung in Abrede gezogen, gleich⸗ wohl aber dem anklagenden Geiſtlichen Einiges von jener Achtung eingeflößt hatte, nelche Mr. Dale nie zuvor etwas anderem als der Tugend zu zollen pflegte. Oh, hätte er W 1847 damals einen Blick thun können in das ſtürmiſche umnach⸗ tete Herz, das er jetzt zum zweitenm al mißverſtand! „Es iſt gut— ſehr gut,“ murmelte Harley, nachdem ſich die Thüre hinter dem Pfarrer geſchloſſen hatte.„Die Natter und die Natterbrut! Der Sohn dieſes Mannes war es alſo, den ich aus dem Pfuhl der Verzweiflung herauszog⸗ und der Sohn ahmt, ohne es zu wiſſen, die Dankbarkeit und Ehrenhaftigkeit des Vaters nach!— Ha— ha!“ Er unterbrach plötzlich ſein bitteres Lachen, und ein Blitz faſt himmliſcher Freude ſchoß durch die ſtreitenden Ele⸗ mente des Sturms und der Nacht. Wenn Helen Leonards Liebe erwiederte, ſo war Harley L'Estrange frei! Und aus dem Wiederſchein dieſes Blitzes trat ihm Violante's Ge⸗ ſicht wie das eines Engels entgegen. Aber ſchnell verſchwan⸗ den Himmelslicht und Engelsantlitz wieder in dem ſchwar⸗ zen Abgrund ſeingr zerriſſenen und gefolterten Seele. „Thor!“ ſagte der unglückliche Mann laut in ſeinem Schmerz—„Thor! Was dann? Wäre ich frei, könnte ich wieder mein Schickſal der Falſchheit anvertrauen? Wenn es mir in der Blüte und Herrlichkeit meiner Jugend nicht einmal gelang, die Neigung eines Dorfmädchens zu gewin⸗ nen— wenn ich in abermaliger Selbſtverblendung trachtete, den Keim weiblicher Liebe in der Waiſe groß zu ziehen, die ich der Armuth entriß— wie kann ich Liebe erwarten von der glänzenden Fürſtentochter, die alle glattzüngigen Lotha⸗ rio's unſerer bunten Welt mit ihrer Huldigung umgeben werden, ſobald ſie ſich in die Sphären derſelben hernieder⸗ läßt! Wenn Treuloſigkeit das mir beſchiedene Schickſal iſt 1848 — welche Hölle der Höllen liegt in dem Gedanken, daß ein Weib ihr Haupt an meinen Buſen legen könnte— und— oh, Entſetzen! Entſetzen!— Nein!— Ich könnte ihre Hand nicht annehmen, und wenn ſie mir angeboten würde — könnte nicht an ihre Liebe glauben, und wenn ſie mir dieſelbe durch die heiligſten Schwüre betheuerte. O du meine ernſte, endlich weiſe gewordene Seele— liebe nie mehr und glaube nie wieder an Wahrheit!“ Sechszehntes Kapitel. Als Harley ſein Zimmer verließ, blickte Helens bleiches holdes Antlitz aus einer Thüre in demſelben Gange heraus. Sie trat ſchüchtern auf ihn zu. „Darf ich mit Euch ſprechen?“ ſagtg ſie in faſt unver⸗ nehmlichen Lauten.„Ich habe Euren Füßtritt gehört.“ Harley faßte ſie feſt ins Auge. Dann folgte er ihr, ohne ein Wort zu reden, nach dem Zimmer, aus welchem ſie gekommen war, und ſchloß die Thüre. „Auch ich hatte im Sinne, eine Beſprechung mit Euch nachzuſuchen,“ ſagte er—„aber ſpäter. Ihr wolltet mit mir reden, Helen— ich höre.— Ah, Kind, was treibt Ihr? Wozu dies?“ Denn Helen kniete zu ſeinen Füßen. „Laßt mich knieen,“ entgegnete ſie, die Hand abweh⸗ rend, welche ſie aufrichten wollte.„Laßt mich knieen, bis ich Euch Alles mitgetheilt und vielleicht Eure Verzeihung 6 1849 gewonnen habe. Ihr ſagtet vor einigen Abenden etwas. Dies hat ſeitdem ſchwer auf meinem Herzen und auf meinem Gewiſſen gelaſtet. Ihr ſagtet, daß'ich kein Geheimniß vor Euch haben dürfe, da dies bei unſerem gegenſeitigen Ver⸗ hältniß ein Betrug wäre. Ich habe ein Geheimniß gehabt, obſchon es— oh glaubt mir— lang anſtand, bis ich ſelbſt mir deſſen klar bewußt wurde. Ihr beehrtet mich mit einer Werbung, die ſo hoch über meiner Geburt und meinen Ver⸗ dienſten ſteht. Ihr ſagtet, ich könne Euch tröſten und be⸗ ruhigen. Was konnte ich auf ſolche Worte erwiedern— ich, die ich Euch zu weit mehr, als zu kindlichem Danke ver⸗ pflichtet bin? Und ich glaubte, daß meine Neigungen frei ſeyen und daß ſie dieſer Pflicht mit Freuden nachkommen würden. Aber— aber— aber—“ fuhr Helen mit leiſerer Stimme fort, während ſie ihr Haupt noch tiefer beugte— „ich täuſchte mich ſelbſt. Ich ſah ihn wieder, der mein Alles in der Welt geweſen war zu einer Zeit, in welcher mir die Welt nur Schrecken bot— und da— da— ich zitterte. Meine eigenen Erinnerungen— meine Gedanken erſchreck⸗ ten mich. Gleichwohl rang ich feſt und entſchloſſen, um die Vergangenheit von mir zu verbannen; Ihr glaubt mir doch— nicht wahr? Und ich hoffte zu überwinden. Aber ſeit jenen Euren Worten fühlte ich immer, daß ich Euch auch von dieſem Kampf Mittheilung machen müſſe. Ich treffe jetzt zum erſtenmal wieder mit Euch zuſammen, ſeit Ihr ſie geſprochen habt. Und nun— nun— ich habe ihn wieder geſehen, und— und— obgleich diejenige, welche Ihr ge⸗ würdigt habt zu Eurer Braut zu erwählen, durch keine 1850 Sylbe die Hoffnung eines Anderen ermuthigen konnte— obgleich er dort— an derſelben Stelle, wo Ihr jetzt ſteht mir Lebewohl ſagte und wir Abſchied nahmen, als wäre es für immer— dennoch— dennoch— o Lord LEstrange — was kann ich Euch als Vergeltung für Euren Rang, Euren Reichthum und Eure noch edleren Naturgaben bringen? Ihr habt das Recht, mehr zu verlangen als Dankbarkeit, Achtung, Verehrung— zum mindeſten ein ungetheiltes Herz, das ganz und allein von Eurem Bild erfüllt iſt. Und dies kann ich Euch nicht geben. Verzeiht mir— nicht daß ich jetzt dieſe Enthüllung mache, ſondern daß es nicht früher geſchah. Verzeiht mir, o mein Wohlthäter— verzeiht mir.“ „Steht auf, Helen,“ ſagte Harley, und der Aus⸗ druck ſeiner Stirne wurde milder, obſchon er noch immer ſich ſträubte, einer weicheren, heiligeren Regung Raum zu geben. „Steht auf—“ und er half ihr in die Höhe und zog ſie gegen das Licht hin.„Laßt mich in Euer Geſicht ſehen. Nein, hier ſcheint kein Trug zuweilen. Zuverläſſig ſind dieſe Thrä⸗ nen ehrlich. Wenn ich nicht geliebt werden kann, ſo trifft die Schuld nicht Euch, ſondern mein Schickſal. Hört mich jetzt an. Wenn Ihr mir nichts Anderes ſchenken könnt, wollt Ihr mir den Gehorſam leiſten, den der Mündel ſeinem Be⸗ ſchützer, das Kind ſeinem Vater ſchuldet?“ „Ja— o ja,“ murmelte Helen. „Dann ſpreche ich, während ich Euch der Verlobung mit mir entbinde, das Recht an, nach meinem Gutdünken meine Zuſtimmung zu verſagen zu der Werbung des— des Menſchen, dem Ihr den Vorzug gebt. Ich ſpreche Euch frei von aller Täuſchung, behalte mir aber das Urtheil vor, das ich über ihn zu fällen habe. Bis ich alſo mein Jawort zu dieſer Bewerbung ertheilt habe— ich fordere von Euch das Verſprechen— werdet Ihr in keiner Weiſe die Ablehnung zurücknehmen, die Ihr, wenn ich Euch recht verſtehe, darauf gegeben habt?“ „Ich verſpreche es.“ „Und wenn ich Euch ſage:— Helen dieſer Mann iſt Eurer nicht würdig— „Oh, nein— nein! Sprecht nicht ſo— ich konnte Euch nicht glauben.“ Harley's Blick verdüſterte ſich; aber er fuhr ruhig fort: „Wenn ich alſo ſage— Ffragt mich nicht nach dem Wa⸗ rum; aber ich verbiete Euch, die Gattin Leonard Faiſields zu werden'— was würdet Ihr mir darauf antworten?“ „Ach, mein Lord, wenn Ihr ihn nur tröſten könnt, ſo mögt Ihr mit mir anfangen, was Ihr wollt; aber befehlt mir nicht, daß ich ihm das Herz breche.“ „O einfältiges Kind,“ rief Harley mit verächtlichem Lachen,„in dem Geſchlecht, aus welchem dieſer Mann ent⸗ ſprang, findet man keine Herzen. Aber ich nehme Euer Ver⸗ ſprechen an auch unter der leichtgläubigen Bedingung, die Ihr daran knüpft. Helen, ich bemitleide Euch. Bin ich doch, trotz meines alten Bartes, eben ſo ſchwach geweſen, wie Ihr. Wir erleben vielleicht noch die Zeit, daß wir Beide über die Thorheiten lachen, über welche Ihr jetzt weint. Ich kann Euch keinen anderen Troſt geben, denn ich habe ſelbſt keinen beſſern.“ 1852 Er ging auf die Thüre zu, machte aber auf der Schwelle wieder Halt. „Ich werde Euch im Lauf der nächſten Paar Tage nicht wieder ſehen, Helen. Vielleicht bitte ich meine Mutter, zu mir nach Lansmere zu kommen, und in dieſem Fall erſuche ich Euch, ſie zu begleiten. Vorderhand laßt Jedermann auf dem Glauben, daß unſer Verhältniß unverändert ſey. Bald wird die Zeit kommen, die mich vielleicht in die Lage ſetzt—“ Helen blickte fragend durch ihre Thränen auf. „Euch aller Pflichten gegen mich zu entbinden,“ fuhr Harley mit ernſter und ſtrenger Kälte fort,„wenn ich nicht etwa verlange, daß Ihr Euer Verſprechen einhaltet ungeach⸗ tet der Bedingung; denn Eures Liebhabers Herz wird nicht brechen. Adieu.“ Siebenzehntes Kapitel. Als Harley London betrat, ſtieß er plötzlich auf Randal Leslie, welcher von Eaton Square hergeeilt kam; denn er hatte Richard Avenel nicht nur auf ſeinem Spaziergang, ſondern auch nach Haus begleitet und den halben Tag in der Geſellſchaft dieſes Gentleman zugebracht. Er befand ſich jetzt auf dem Wege nach dem Unterhaus, in welchem eine Erklärung über den Tag, an dem das Parlament aufge⸗ löst werden ſollte, erwartet wurde. „Lord LEstrange,“ ſagte Randal,„entſchuldigt, daß ich Euch aufhalte. Ich bin zu Norwood geweſen und habe 1853 unſeren edlen Freund geſehen. Er hat mir natürlich Alles mitgetheilt, was vorgefallen iſt. Wie kann ich Euch meine Dankbarkeit ausdrücken! Mit welch ſeltenem Talent— mit welchem großartigen Muth habt Ihr das Glüͤck— vielleicht gar die Ehre— der mir verlobten Braut gerettet!“ „Eurer Braut? Der Herzog hält alſo noch immer das Verſprechen, das Ihr von Riccabveca zu erringen ſo glücklich wart?“ „Er beſtätigt ſeine Zuſage feierlicher als je. Eine ſolche Hochherzigkeit mag Euch wohl überraſchen.“ „Nein, denn er iſt ein Philoſoph— von ihm kömmt mir nichts unerwartet. Aber als ich ihn ſah, ſchien er der Anſicht zu ſeyn, daß Umſtände vorliegen, die zu erklären Euch ſchwer werden dürfte.“ „Schwer? Nichts leichter. Erlaubt mir, Euch die⸗ ſelben Aufklärungen zu geben, welche einen Mann zufrieden ſtellten, den ſeine Philoſophie eben ſo zugänglich für die Stimme der Wahrheit gemacht hat, als er ein ſcharfes Auge gegen den Betrug hat.“ „Ein andermal, mein lieber Leslie. Wenn der Vater Eurer Braut zufrieden iſt, welches Recht habe denn ich, zu zweifeln? Beiläufig, Ihr wollt Euch für Lansmere wäh⸗ len laſſen. Erweist mir die Gunſt, während der Wahl in dem Park Wohnung zu nehmen. Ihr werdet natürlich Egerton begleiten.“ „Ihr ſeyd ungemein gütig,“ entgegnete Randal mit großer Ueberraſchung. „Ihr nehmt die Einladung an? Das iſt ſchön. Wir 1854 werden dann hinlänglich Gelegenheit für die Aufklärungen finden, die anzubieten Ihr mir die Ehre erwieſet, und um Euren Beſuch deſto angenehmer zu machen, kann ich vielleicht unſere Freunde in Norwood bewegen, auch nach Lansmere Park zu kommen. Guten Tag!“ Harley ging weiter und ließ Randal regungslos vor Erſtaunen, aber auch in der Qual eines unbeſtimmten Arg— wohns zurück. Was konnte dieſe Höflichkeit des Lord L'Es⸗ trange bedeuten? Sicherlich nichts Gutes. „Ich bin im Begriff, die Wage der Gerechtigkeit in die Hand zu nehmen,“ ſagte Harley zu ſich ſelbſt,„und will das leichte Gewicht dieſes Schurken in die Schaale werfen. Violante kann nie die Meine werden, aber ich habe ſie nicht einem Peschiera abgejagt, um ſie einem Randal Leslie zu überlaſſen. Ha, ha! Audley Egerton hat einiges menſch⸗ liche Gefühl— Liebe zu dieſem jungen Burſchen, den er aus der Welt ſich ausgeleſen hat, in welcher er Nora's Kind dem Hungertod preis gab. Von dieſer Seite aus kann ich ſein Herz erreichen und ihm beweiſen, daß er wie ich ein Thor war, wo er achtete und vertraute. Gut.“ Unter ſolchen Selbſtgeſprächen erreichte Lord LEstrange die Ecke von Bruton Street, wo er wieder etwas plötzlich angeredet wurde: „Mein theurer Lord L'Estrange, erlaubt mir, Euch die Hand zu drücken, denn der Himmel weiß, wann ich Euch wieder ſehen werde. Ihr habt mir geſtattet, Euch in einer guten Handlung Beiſtand zu leiſten.“ „Frank Hazeldean, es freut mich in der That, Euch zu 1855 begegnen Aber warum gebt Ihr einem ſo ſchwermüthigen Zweifel über die Zeit Raum, wann wir uns wieder ſehen werden?“ „Ich habe eben meinen Urlaub erhalten. Ich bin nicht wohl und ein Bischen hüftlahm; deshalb will ich für einige Wochen auf Reiſen gehen.“ Wider Willen empfand der finſtere brütende Mann Mit⸗ leid und Theilnahme für die Niedergeſchlagenheit, die ſich in Franks Geſicht und Stimme ausſprach.„Wieder ein durch Liebe Bethörter,“ dachte er, als wolle er ſich gegen ſich ſelbſt entſchuldigen.„Natürlich ein Bethörter, denn er iſt ehrlich und truglos— wenigſtens jetzt noch.“ Er drückte wohl⸗ wollend den Arm an ſich, den er unwillkürlich in den ſeinigen gelegt hatte.„Ich kann mir wohl denken, daß der Gram an Eurem Herzen nagt, mein junger Freund„ſagte er;„aber Ihr werdet Euch ſpäter zu dem Glück wünſchen, was Euch jetzt das größte Leid zu ſeyn ſcheint.“ „Mein theurer Lord—“ „Ich bin zwar viel älter als Ihr, aber doch nicht alt genug für dieſe ſteife Förmlichkeit. Ich bitte, nennt mich LEstrange.“ „Ich danke Euch, und es wäre mir in der That lieb, wenn ich mit Euch wie mit einem Freunde reden dürfte. Es liegt mir ein Gedanke auf der Seele, den ich mir nicht aus dem Sinn ſchlagen kann. Er iſt freilich thöricht genug; aber ich bin überzeugt, daß Ihr nicht über mich lachen werdet. Ihr hörtet, was Madame di Negra in der letzten Nacht zu mir ſagte. Man hat mich verleitet und ein Spiel mit mir 1856 getrieben; aber ich kann nicht ſo bald vergeſſen, wie theuer mir dieſe Frau war. Indeß will ich Euch nicht mit dieſem Unſinn langweilen. So viel ich von dem Vorgefallenen verſtehe, wird ihr Bruder wahrſcheinlich all ſein Vermögen verlieren, und wenn auch nicht, ſo iſt er unter allen Um⸗ ſtänden ein kläglicher Schurke. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß ſie ſo ganz abhängig ſeyn ſoll und vielleicht gar dem Mangel preis gegeben iſt. Im Grunde muß doch Gutes in ihr ſeyn— ich ſehe dies ſchon darin, daß ſie meine Hand ablehnte, weil ſie mich nicht liebte. Eine habgierige Perſon würde in ihren Verhältniſſen nicht ſo ge⸗ handelt haben.“ „Ihr urtheilt hierin ganz richtig. Aber quält Euch nicht mit dieſen edelmüthigen Beſorgniſſen. Madame di Negra wird nicht dem Mangel anheimfallen und ebenſo wenig von ihrem ehrloſen Bruder abhängig bleiben. Die erſte Handlung des Herzogs von Serrano nach Wiedererringung ſeiner Lande wird in einer paſſenden Verſorgung ſeiner Ver⸗ wandten beſtehen. Dafür will ich bürgen.“ „Ihr nehmt mir eine Laſt von der Seele. Ich hatte im Sinne, Euch um Euer Fürwort zu bitten bei Riccaboeca — dem Herzog wollt ich ſagen(es hält bei mir ſo ſchwer, zu denken, daß er ein Herzog ſeyn kann!). Es ſteht leider nicht in meiner Macht, Madame di Negra etwas zu geben, und ich könnte höchſtens meine Offiziersſtelle verkaufen; aber dann habe ich Schulden, die ich abtragen möchte, und der Erlös aus meinem Patent würde nicht einmal ausreichen. Und wenn ich es verkaufe, könnte mein Vater vielleicht noch 1857 zorniger werden. Nun, lebt wohl. Ich werde jetzt glück⸗ lich von hinnen gehen— das heißt, vergleichungsweiſe. Man muß ſein Schickſal tragen, wie— ein Mann!“ „Ich möchte Euch übrigens doch noch einmal ſehen, eh' Ihr abreist, und will Euch beſuchen. Inzwiſchen könnt Ihr mir vielleicht über die Hausnummer eines gewiſſen Ba⸗ ron Levy Auskunft geben? Ich weiß, daß er in dieſer Straße wohnte.“ „Levy? Oh, ich rathe— ich bitte Euch, habt nur mit dieſem Manne nichts zu ſchaffen. Er iſt der einſchmei⸗ chelndſte und gefährlichſte Schurke. Und ums Himmels willen, nehmt mein eigenes Beiſpiel zur Warnung und laßt Euch nicht von ihm verſtricken zu— einem Poſtobit!“ „Seyd verſichert, daß ich eher daran gewöhnt bin, Geld auszuleihen, als ſelbſt zu borgen, und was die Poſtobite betrifft, ſo habe ich ein thörichtes Vorurtheil gegen derglei⸗ chen Geſchäfte.“ „Nennt es nicht thöricht, LEstrange; ich ehre Euch um dieſes Vorurtheils willen. Wie ſehr wünſchte ich, daß ich Euch früher gekannt hätte; denn es gibt ſo wenige Män⸗ ner wie Ihr in der Welt. Sogar Randal Leslie, der in den meiſten Dingen ſo fehlerfrei iſt und ſich nie in eine Patſche bringt, nannte meine Bedenklichkeiten thöricht. Indeß—“ „Halt— Randal Leslie! Wie? Er hat Euch gera⸗ then, Geld auf ein Poſtobit aufzunehmen und wahrſchein⸗ lich auch einen hübſchen Antheil davon bezogen?“ „Oh nein; nicht einen Schilling.“ Bulwer, meine Novelle. 117 1858 „Erzählt mir den ganzen Hergang, Frank. Vielleicht kann mir, weil ich ſehe, daß Levy mit im Spiel iſt, Eure Mittheilung von Nutzen ſeyn und mich behutſam machen gegen dieſen viel aufgeſuchten Gentleman.“ Frank fühlte ſich, ohne zu wiſſen wie es kam, ganz heimiſch bei Harley, und da er bei all ſeiner Achtung vor Randal Leslie's Talenten denken mochte, Lord LEstrange ſey ein ebenſo verſtändiger und ſchon um ſeiner Jahre und Erfahrung willen vorausſichtlich weit ſichererer und geſchick⸗ terer Berather, ſo that es ihm keineswegs leid, die ver⸗ langte Aufklärung zu geben. Er erzählte Harley von ſeinen Schulden— von ſeinem erſten Verkehr mit Levy— von dem unglücklichen Poſtobit, zu dem er ſich durch die Bedrängniß der Madame di Negra hinreißen ließ— von dem Zorn ſeines Vaters— von dem Brief ſeiner Mutter— von ſeinen eigenen Gefühlen, in welchen ſich Stolz und Scham miſchte, weil er fürchtete, daß ſeine Reue als eine Frucht des eigenen Intereſſes erſcheinen könnte— von dem Wunſch, ſein Offizierspatent zu verkaufen und mit dem Erlös einen Theil der Poſtobitſchuld abzutragen — kurz er machte, wie man zu ſagen pflegt, reine Bruſt. Natürlich kam dabei oft die Sprache auf Randal Leslie, und Harley's ſchlaue Querfragen ließen ihn bald weit mehr von der Betheiligung des jungen Diplomaten an dieſer kläglichen Geſchichte erkennen, als der argloſe Erzähler ſelbſt wußte. „Mr. Leslie hat Euch alſo verſichert,“ ſagte Harley, „daß Madame di Negra Euch liebe, während Ihr ſelbſt dieſe angebliche Zuneigung bezweifeltet?“ 1859 „Ja; ſie iſt falſch gegen ihn geweſen— ſogar noch mehr als gegen mich.“ „Das war einfältig von Mr. Leslie. Und derſelbe wohlmeinende Freund— habt Ihr nicht geſagt, daß er mit Euch verwandt ſey?“ „Seine Großmutter war eine Hazeldean.“ „Hum! Und derſelbe wohlmeinende Verwandte hat Euch auf den Glauben gebracht, Ihr könnet Eure Schuld mit der Morgengabe der Madame di Negra abtragen, wäh⸗ rend er Euch zugleich die Verſicherung gab, er werde Euch die Zuſtimmung Eurer Eltern zu der Heirath mit dieſer Dame verſchaffen?“ „Ich hätte dies beſſer wiſſen ſollen. Meines Vaters Vorurtheile gegen Ausländer und Papiſten ſind ſo ſtark.“ „Und jetzt iſt Mr. Leslie mit Euch einverſtanden, daß es am beſten ſey, wenn Ihr auf Reiſen geht und ihm die Ver⸗ mittlung zwiſchen Euch und Eurem Vater überlaßt? So muß er wohl einen großen Einfluß über Mr. Hazeldean gewonnen haben?“ „Mein Vater vergleicht ihn natürlich mit mir— er ſo geſcheidt, ſo viel verſprechend und ſo geordnet in ſeiner Le⸗ bensweiſe, und ich ein leichtſinniger Wicht.“ „Und die Hauptmaſſe von Eures Vaters Eigenthum iſt tein Fideicommiß— Mr. Hazeldean hat das Recht, Euch zu enterben?“ „Ich verdiene es und hoffe, daß er es thun wird.“ „Ihr habt keine Brüder oder Schweſtern— vielleicht 142 1860 keinen Verwandten, der Euch näher ſteht, als Euer vor⸗ trefflicher Freund Mr. Randal Leslie?“ „Nein. Dies iſt auch der Grund, warum er ſo freund⸗ ſchaftlich gegen mich iſt; denn ſonſt wäre ich wohl die letzte Perſon, die zu ihm paßte. Ihr habt keine Idee, wie gut unterrichtet und wie geſcheidt er iſt,“ fügte Frank in einem Tone bei, der zwiſchen Bewunderung und Ehrfurcht mitten inne ſchwebte. „Mein theurer Hazeldean— wenn ich Euch einen Rath ertheile, wollt Ihr ihm Folge leiſten?“ „Gewiß. Ihr ſeyd ſo gar gütig.“ „Laßt Eure ganze Familie, Mr. Leslie nicht ausge⸗ nommen, auf dem Glauben, daß Ihr ins Ausland gegangen ſeyd; aber bleibt ganz ruhig in England und ſchlagt Euren Wohnſitz in der Entfernung einer Tagreiſe von Lansmere⸗ Park auf. Ich muß mich wegen der bevorſtehenden Wahl nach dieſem Platz begeben und erſuche Euch vielleicht, auch dahin zu kommen. Ich glaube, ich ſehe einen Weg, Euch zu dienen, und wenn dies der Fall iſt, ſo werdet Ihr bald von mir hören. Nun, Baron Levy's Hausnummer?“ „Dort, wo das Kabriolet vor der Thüre ſteht. Wie ein ſolcher Menſch nur ein ſolches Pferd haben kann! Es iſt außer aller Ordnung!“ „Durchaus nicht; Pferde ſind muthige, edle, argloſe Thiere und wiſſen es nie, wenn ein Schelm ihren Zügel führt. Ich habe alſo Euer Verſprechen, und Ihr werdet mir Eure Addreſſe ſenden?“ „Ja. Seltſam, daß ich mehr Vertrauen zu Euch ——————— 1861 fühle, als ſogar zu Randal! Nehmt Euch vor Levy in Acht.“ Lord L'Estrange reichte Frauk die Hand, und Letzterer ſah mit einem ängſtlichen Seufzer ſeinen neugewonnenen Freund unter dem Portal des glatten Verderbers verſchwinden. Achtzehntes Kapitel. Lord LEstrange folgte dem ſauber gekleideten Be⸗ dienten nach Baron Levy's üppigem Arbeitszimmer. Der Baron betrachtete mit großem Erſtaunen dieſen un⸗ erwarteten Gaſt, erhob ſich jedoch von ſeinem Sitze und bot dem Lord mit einer Verbeugung einen Stuhl an. „Dies iſt eine Ehre,“ ſagte er. „Ihr habt einen bezaubernden Wohnplatz hier,“ ſagte Lord L'Estrange, ſich umſehend.„Sehr ſchöne Bronzen — vortrefflicher Geſchmack. Eure Empfangzimmer oben ſind ohne Zweifel Muſter für alle Decorateure.“ „Will Eure Gnaden ſich herablaſſen, ſie zu ſehen?“ ver⸗ ſetzte Levy geſchmeichelt, aber noch immer voll Verwunderung. „Mit dem größten Vergnügen.“ „Lichter!“ rief Levy dem Bedienten zu, welcher auf ſein Klingeln erſchien.„Lichter in die Beſuchzimmer. Es fängt an zu dunkeln.“ Lord L Estrange folgte dem Wucherer die Treppe hin⸗ auf und bewunderte Alles— die Gemälde, die Behänge, das Sövres⸗Porcellän bis zu der Geſtalt der flaumweichen 1862 Fauteuils und der Zeichnung der Tournay⸗Tapete herab. In einem der ſchwellenden Sopha's ſich zurücklehnend, ſagte er lächelnd: „Ihr ſeyd ein weiſer Mann. Was nützt es, reich zu ſeyn, wenn man ſeine Schätze nicht genießt?“ „Ganz mein Grundſatz, Lord LEstrange.“ „Und es iſt auch etwas Schönes um den Geſchmack für gute Geſellſchaft. So üppig dieſe Zimmer auch ſind, könn⸗ tet Ihr Euch doch nicht viel darauf zu gut thun, mein theurer Baron, wenn Ihr ſie mit Gäſten von gemeinem Aeußeren und plebejiſchen Sitten füllen müßtet. Nur in der Welt, in welcher wir uns bewegen, finden wir Perſonen, welche ſo zu ſagen zu dem Porcellän von Sövres und zu den Sopha's paſſen, die von Verſailles ſtammen könnten.“ „Ich geſtehe,“ verſetzte Levy,„daß ich eine Eigenheit beſitze, die wohl Mancher an einem parvenu, wie ich, eine Schwäche nennen wird. Ich habe eine Vorliebe für den beau monde, und es iſt in der That für mich eine Luſt, wenn ich Männer wie Eure Gnaden empfangen kann.“ „Aber warum nennt Ihr Euch einen parvenu? Ob⸗ ſchon Ihr Euch begnügt, dem Namen Levy Ehre zu machen, wiſſen doch wir Alle in der Geſellſchaft, daß Ihr der Sohn eines ahnenreichen engliſchen Peers ſeyd. Allerdings ein Kind der Liebe; aber die Grazien ſind denen hold, bei deren Geburt Venus den Vorſitz führte. Verzeiht mein altmo⸗ diſches mythologiſches Gleichniß— es paßt ſo gut— zu dieſen Gemächern— Louis Quinze.“ „Da Ihr meine Geburt berührt,“ ſagte Levh und ein — 1863 leichtes Roth überflog ſein Geſicht— nicht das der Scham, ſondern das des Stolzes—„ſo ziehe ich nicht in Abrede, daß ſie einigen Einfluß auf meinen Geſchmack und meine Le⸗ bensweiſe geübt hat. In der That—“ „Ja, geſteht, daß Ihr ungeachtet Eures Reichthums ein unglücklicher Mann ſeyn würdet, wenn die jungen Stutzer, die ſich zu Euren Banketten drängen, Euch in den Straßen nicht mehr erkennen wollten— wenn Euer ſtolzes Pferd vor Eurem Clubhauſe Halt machte und der Pförtner Euch die Thüre vor der Naſe zuſchlüge— wenn Ihr, der ſchöne Mann, im Parterre der Oper umherſchlendertet und jeder verſchwen⸗ deriſche Taugenichts von Fops Alley, welcher jetzt nur auf einen Federzug von Euch wartet, um ein pillet doux mit dem Zauber zu endoſſiren, der irgend eine pirouettenkundige Balletnymphe auf einen Monat an ihn feſſeln ſoll, vor der Berührung Eures herablaſſenden Zeigefingers mit größerem Schreck zurückbebte, als vor der Haft bringenden Hand eines Bailiffs in dem Nebel von Pall Mall— wenn Ihr Euch be⸗ ſchränken müßtet auf die Geſellſchaft von City⸗Handlungs⸗ dienern, ſchmarotzenden Speichelleckern—“ „Oh, genug, genug, mein theurer Lord,“ rief Levy mit erkünſteltem Lachen.„Obgleich das Bild eine Unmöglich⸗ feit in ſich faßt, iſt es doch in der That ſchauerlich. Schließt mich von May⸗Fair und Saint James aus, und ich gehe in mein Kaſſenzimmer, um mich aufzuhängen.“ „Und doch, mein theurer Baron, könnte Alles ſo kom⸗ men, wenn mich die Luſt anwandelte, es zu verſuchen— ja, es wird ſo kommen, wenn Ihr nicht, noch eh ich dieſes Haus 1864 verlaſſe, auf die Bedingungen eingeht, um derenwillen ich Euch aufgeſucht habe.“ „Mein Lord!“ rief Levy aufſpringend, während er zu⸗ gleich mit zitternden leidenſchaftlichen Fingern ſeine Weſte abwärts zupfte—„wenn Ihr nicht unter meinem Dache wäret, ſo würde ich—“ „Pah— Ihr braucht nicht den Helden zu ſpielen. Setzt Euch, Sir— ſetzt Euch nieder. Ich will Euch in Kürze über meine Drohung aufklären und meine Bedingungen noch kürzer zuſammenfaſſen. Eure Antwort wird kaum weitſchwei⸗ figer ausfallen. An Euer Vermögen kann ich nicht Hand legen, wohl aber Euch den Genuß deſſelben verbittern. Weigert Euch, meine Bedingungen anzunehmen— macht mich zu Eurem Feind— ſo gilt es Krieg bis zum Meſſer! Ich werde alle die jungen Thoren befragen, die Ihr zu Grunde richtetet, und allen den Geſchäftchen auf den Sprung kommen, welche Euch zu dem Reichthum verhalfen, der Euch ſo viel Vergnügen macht, wenn Ihr ihn dazu verwenden könnt, um die Geſellſchaft und um die Theilnahme an den Laſtern von Menſchen zu buhlen, welche zu dieſen Zimmern Louis Quinze paſſen. Keine von Euren Schelmereien ſoll mir entgehen, ſogar bis zu Eurem letzten denkwürdigen Ver⸗ ſuch herab, einem italieniſchen Schurken zu der verbreche⸗ riſchen Entführung einer Erbin behilflich zu ſeyn. Alle die Einzelheiten werde ich in den Cluben, zu welchen Ihr Zu⸗ tritt gewonnen habt, und in jedem Londoner Club, in wel⸗ chen Ihr Euch noch einſchleichen zu können hofft, veröffent⸗ lichen. Ich werde ſie einer literariſchen Notabilität, wie „————— 1865 Mr. Henry Norreys iſt, mittheilen, und ſie ſollen unter Ge⸗ währſchaft meines eigenen Namens in einem Journal von Ruf vor die Oeffentlichkeit kommen, ſo daß Ihr entweder ſtillſchweigend die Enthüllungen, die Euch vernichten, hinneh⸗ men, oder ſie vor einen Gerichtshof bringen müßt, wo die Anſchuldigungen ſich in Beweiſe umwandeln werden. Ihr werdet zur Zeit in der Geſellſchaft nur geduldet und ſeyd ausgeſchloſſen, ſobald ein Mann wie ich auftritt, um Euch die Larve abzunehmen. Vergeblich verſucht Ihr, über meine Drohung höhniſch zu lächeln; denn die Bläſſe Eurer Lippen verräth Euren Schrecken. Ich habe ſelten im Leben von meinem Rang und von meiner Stellung einen Vortheil ent⸗ nommen; aber jetzt danke ich dem Himmel, daß ſie mir die Macht verleihen, meiner Stimme Achtung und meinen Bloß⸗ ſtellungen den Sieg zu verſchaffen. Wollt Ihr jetzt in Euer Kaſſenzimmer gehen und Euch aufhängen, Baron Levy, oder wollt Ihr meine ſehr mäßigen Bedingungen genehmigen? Ihr ſeyd ſtumm. Ich will Euch das Herz leichter machen und Euch die Bedingungen nennen. Bis die allgemeine Wahl, welche demnächſt ſtattfinden ſoll, geſchloſſen iſt, ſollt Ihr mir buchſtäblich in Allem Folge leiſten, was ich von Euch verlange— ohne Zögern, ohne Widerrede. Und als erſten Beweis Eures Gehorſams fordere ich eine offene Darlegung von Mr. Audley Egertons ſämmtlichen pecuniären Verbind⸗ lichkeiten.“ „Hat Euch mein Klient, Mr. Egerton, ermächtigt, mir eine ſolche Darlegung abzuverlangen?“ 1866 „Im Gegentheil; Alles, was zwiſchen uns vorgeht, werdet Ihr vor Eurem Klienten geheim halten.“ „Ihr möchtet ihn vom Untergang retten— Euren treuen Freund, Mr. Egerton?“ verſetzte der Baron mit bitterem Hohne. „Abermals auf falſcher Spur, Baron Levy. Wäre mir's um dies zu thun, ſo würde ich wohl zuletzt Euch um Euren Beiſtand angehen.“ „Ah, ich errathe. Ihr habt erfahren, wie er—“ „Kein Rathen; Gehorſam will ich in allen Dingen. Laßt uns nach Eurem Geſchäftszimmer hinunter gehen.“ Levy ſprach kein Wort, bis er den Gaſt wieder in ſeine Raubhöhle eingeführt hatte— überall die spoliarin in Roſen⸗ holz prunkend. Dann begann er: „Wenn Ihr nur Rache an Audley Egerton ſucht, Lord LEstrange, ſo hätte es Eurer Drohungen nicht bedurft. Auch ich— haſſe den Mann.“ Harley faßte ihn feſt ins Auge, und es erfüllte den Edel⸗ mann mit Bitterkeit, daß er ſich zu einem einzigen Gefühl herabgewürdigt hatte, welches der Wucherer mit ihm theilen konnte. Gleichwohl ſchloß die Beſprechung augenſcheinlich mit einer befriedigenden Uebereinkunft und einem freundlichen Einverſtändniß. Denn als der Baron ſeinen edlen Gaſt mit großer Förmlichkeit durch die Halle begleitete, ſagte Lord L'Estrange mit auffallender Zutraulichkeit: „Ich werde Euch alſo mit Mr. Egerton in Lansmere ſehen, wo Ihr mir ſeine Erwählung einleiten helft. Bei Eurer Freundſchaft verlohnt ſich wohl ein ſolches Zeitopfer. ch it re ei 1867 Nicht einen Schritt weiter, wenn ich bitten darf, Baron. Ich habe die Ehre, Euch einen guten Abend zu wünſchen.. Als ſich die Straßenthüre öffnete, ſah ſich Lord L'Es⸗ trange abermals Angeſicht in Angeſicht mit Randal Leslie, der die Hand bereits zu dem Klopfer erhoben hatte. „Ha— Mr. Leslie! Ihr auch ein Klient von Baron Levy? Ein ſehr nützlicher Aushelfer.“ Randal machte große Augen und ſtotterte: „Ich komme eben in Mr. Egertons Angelegenheiten vom Haus der Gemeinen hergeeilt. Habt ihr die Zeitungs⸗ verkäufer noch nicht ihr— Wichtige Neuigkeit— Auf⸗ löſung des Parlaments“— ausrufen hören?“ „Wir ſind vorbereitet. Levy ſelbſt willigt ein, uns den Beiſtand ſeiner Talente zu leihen. Ein freundlicher, ver⸗ bindlicher— ein geſcheidter Mann!“ Randal eilte in Levy's Arbeitszimmer, in das ſich der Wucherer zurückgezogen hatte. Er wiſchte ſich eben mit ſeinem parfümirten Taſchentuch die Stirne, ſah ſehr erhitzt und angegriffen aus und legte eine große Gleichgültigkeit ge⸗ gen Randals Beſuch an den Tag. „Was ſoll dies?“ rief Randal.„Ich komme, um zuerſt Euch Mittheilung zu machen über das völlige Fehlſchlagen von Peschiera's Plan— o der lächerliche Geck!— und be⸗ gegne an Eurer Thüre dem Mann, den ich am allerletzten hier zu treffen erwartet hätte— dem Lord LEstrange, wel⸗ cher Alles vereitelte, was ſo ſchön eingeleitet war. Was hat ihn zu Euch geführt? Ah, vielleicht ſein Intereſſe für Eger⸗ tons Erwählung?“ 1868 „Ja,“ verſetzte Levy verdrießlich.„Ich weiß Alles von Peschiera's Niederlage. Ich kann Euch jetzt kein Gehör ſchenken, da ich meine Vorbereitungen zum Aufbruch nach Lansmere machen muß.“ „Aber vergeßt den Ankauf von Thornhill nicht. Ich werde in Kurzem das Geld aus einer ſichereren Quelle er⸗ halten als Peschiera war.“ „Von dem Squire?“ „Oder von einem reichen Schwiegervater.“ Während Lord L'Estrange durch Bond Street ging, wurden ſeine Ohren durch das laute Geſchrei der von Stan⸗ dard, Sue und Globe aufgebotenen Stentorſtimmen be⸗ täubt, welche durch die Straßen riefen:—„Wichtige Neuig⸗ keit!— Auflöſung des Parlaments— wichtige Neuigkeit!“ Die Gaslampen waren angezündet— ein brauner Nebel lagerte auf den Straßen und miſchte ſich mit den fallenden Schatten der Nacht. Die Geſtalten der Menſchen wandelten geſpenſtiſch durch den Dunſt. Die Lichter in den Läden er⸗ ſchienen roth und trübe. Die Pflaſtertreter, welche gewöhn⸗ lich ſo gleichgültig gegen Politik ſind, ſprachen haſtig und ängſtlich von König, von Ober- und Unterhaus, von Gefahr für die Conſtitution oder von dem Trinmph der liberalen Anſichten— je nach ihrem verſchiedenen Verſtändniß. Unge⸗ ſellig, einſam und mit Verachtung auf das horchend, was um ihn vorging/ wandelte Harley LEstrange ſeines Weges. Mit ſeinen wilderen Leidenſchaften waren auch alle die ihm angeborenen Kräfte erwacht, die ſie doppelt gefährlich mach⸗ ten. Er fühlte jetzt mit Stolz ſeine eigenen großen Fähig⸗ ſa ſa tre ge M Pe Ar kre mi wi eis zu alt Ih ſch von hör ach Ich er⸗ ing, an⸗ be⸗ nig⸗ it!“ ebel iden lten er⸗ öhn⸗ und fahr alen nge⸗ was ges. ihm ach⸗ hig⸗ 1869 keiten, freute ſich ihrer aber nur in ſo weit, als ſie dem Zwecke dienten, der ſie in's Leben gerufen hatte. „Ich habe mich ſelbſt zum Schickſal aufgeworfen,“ ſagte er in ſeinem Innern.„Mögen die Götter neutral blei⸗ ben, ſo lang ich meine Maſchen ſtricke. Und hat das Schick⸗ ſal ſeine Sendung erfüllt, ſo will ich in den Schatten zurück⸗ treten mit dem ſtillen, einſamen Schritt, dem Niemand fol⸗ gen wird. Oh, ein Hüttchen mir in weiter Wildniß!“ Wie überdrüſſig bin ich dieſer Menſchenwelt!“ Und wieder erſcholl durch das wirre Gedränge der Ruf: —„Wichtige Neuigkeit!— Nationalkriſis— Auflöſung des Parlaments! Wichtige Neuigkeit!“ Drei Männer Arm in Arm ſtreiften an Harley vorbei und mußten an der Straßen⸗ kreuzung vor einer Reihe von Wagen Halt machen. Der mittlere war Audley Egerton, der andere ein Erminiſter, wie er ſelbſt, und der dritte einer von jenen großen Land⸗ eigenthümern, deren Stolz es nicht zuläßt, ein Staatsamt zu übernehmen, obſchon ſie ſich viel auf ihre Macht zu gute thun, Miniſterien zu ſchaffen und zu ſtürzen. „Ihr ſeyd der Mann, der an unſere Spitze treten muß, Egerton,“ ſagte der Landeigenthümer.„Ihr bedürft nur eines Weges in's Parlament, und ſobald dieſes Volksfieber ausgetobt hat, ſo wird ein Bischen mehr aus Euch werden als ein Führer der Oppoſition. Es kann nicht fehlen, daß Ihr als der erſte Mann von England an die Spitze der Ge⸗ ſchäfte tretet.“ „Ohne Zweifel,“ ſtimmte der exminiſterliche Kollege bei— ein ehrenwerther Mann, vollkommen vertraut mit dem Geſchäftsmechunismus, aber nicht hörbar für die Jour⸗ naliſtengallerie.„Und Ihr ſeyd doch Eurer Erwählung ſicher? Davon hängt Alles ab. In ſolchen Zeiten dürft Ihr nicht fehlen— nicht einmal für einen Monat oder zwei. Ich höre, Ihr werdet einen Kampf zu beſtehen haben— mit einem Bürger aus dem Bezirk, glaube ich. Aber der Ein⸗ fluß des Grafen Lansmere muß allgewaltig ſeyn, und ich ver⸗ muthe, LEstrange wird ſelbſt Hand anlegen und für Euch werben. Ihr ſeyd nicht der Mann, der laue Freunde haben kann.“ „Seyd unbeſorgt wegen meiner Erwählung; ſie iſt mir ſo ſicher wie LEstrange's Freundſchaft.“ Harley hörte mit grimmigem Lächeln dieſe Worte und griff in die Bruſt nach Nora's hinterlaſſenen Papieren. „Was könnten wir im Parlament thun ohne Euch?“ ſagte der große Landbeſitzer in faſt kläglichem Tone. „Vielmehr, was könnte ich thun ohne Parlament? Das öffentliche Leben iſt das einzige Daſeyn, das für mich vorhanden iſt, und im Parlament erkenne ich mein Alles in Allem. Aber wir können jetzt über die Straße.“ Harley's Auge funkelte kalt, als er der hohen Geſtalt des Staatsmanns nachblickte, welche hoch über die Vorüberge⸗ henden hinausragte. „Ja,“ murmelte er—„ja, bau' nur ſo ſicher auf meine Freundſchaft, wie ich auf die deinige baute! Und möge Lans⸗ mere unſer Feld bei Philippi ſeyn. Dort, wo du den erſten Schritt thateſt in das einzige Leben, das du als Daſeyn an⸗ m ur od ſch eir tic N mit our⸗ her nicht Ich mit Ein⸗ ver⸗ Euch aben mir und c ent mich es in lt des erge⸗ meine Lans⸗ erſten nan⸗ 1871 erkennſt, ſoll die Leiter unter deinem Fuße morſch zuſammen⸗ brechen. Dort, wo dein edleres Opfer von dem Betrug deiner Liebe gebärend den Tod fand, ſoll ein Betrug, wie der deinige, deinem kalten Ehrgeiz das Grab graben. Ich borge die Pfeile aus dem Köcher deiner Hinterliſt; ſie ſollen dich in aller Stille treffen, und wenn die Spitzen dir in's Herz dringen, ſo kannſt auch du ſagen: Dies kömmt von der Hand eines Freundes. Ja, in Lansmere— in Lansmere ſoll der Ausgang das Werk krönen! Geh und leg' auf der Lein⸗ wand die Linien zu einer langen Perſpektive an; mein Auge ſieht bereits den verſchwindenden Punkt des Gemäldes.“ Dann verfolgte Harley LEstrange durch den dicken Nebel und im bleichen Licht der Gasflammen lautlos ſeinen Weg und ließ ſich bald nicht mehr erkennen unter den verſchie⸗ denen, gemiſchten, raſch auf einander folgenden Gruppen mit ihren endloſen Schattirungen des Gedankens, der Sorge und der Leidenſchaft. Und neben dem dumpfen Gemurmel oder den ſchweigenden Herzen hörte man laut den Hufſchlag der Roſſe, das Raſſeln von Rädern und das mißtönige Ge⸗ ſchrei, welches aufgehört hatte, den Ohren, die es peinigte, ein Intereſſe abzugewinnen:—„Wichtige Neuigkeit! Wich⸗ tige Neuigkeit!— Auflöſung des Parlaments!— Wichtige Neuigkeit!“ Nrunzehntes Kapitel. Der Schauplatz iſt Lansmere Park— ein umfangreiches Gebäude, das unter der Regierung Karls II. begonnen und unter der der Königin Anna erweitert und abgeändert wurde. Ein herrlicher Abſchnitt in der Geſchichte unſerer Volksſitten, als ſelbſt der Höfling ſich ſcheute, langweilig zu ſeyn, und Sir Fopling ſich auf die Zehenſpitzen ſtellte, um das Ohr eines Witzlings zu erwiſchen— als die Namen Devonſhire und Dorſet, Halifar und Carteret, Orford und Bolingbroke brüderlich ſich einten mit denen von Hobbes und Dryden, von Prior und Bentley, von Arbuthnot, Gay, Pope und Swift! Und noch ſtehen, wohin wir uns wenden, um uns ein Ideal von einem großen Lord oder einem feinen Gent⸗ leman zu vergegenwärtigen, die Unſterblichen der Literatur an ſeiner Seite. Die Wände der Zimmer in Lansmere waren mit den Porträten Derjenigen bedeckt, welche uns ein Bild der Pe⸗ riode geben, die Europa das Zeitalter Ludwigs XIV. nennt. Ein LEstrange, der unter der Regierung von vier engliſchen Fürſten lebte und unter allen eine nicht unwichtige Rolle ſpielte, hatte dieſe Abbildungen edler Zeitgenoſſen geſammelt. Wenn man durch die Gemächer ging und eines um's andere mit jener pomphaften Schauſtellung ſich aufthat, die von Karl II. aus den franzöſiſchen Paläſten eingeführt und unter uns beibehalten wurde, bis Verſailles und Trianon ſelbſt altmodiſch geworden waren, fühlte man ſich ohne Frage in trefflicher Geſellſchaft. Welche Salone unſerer Tage mit ihren Fräcken und weißen Weſten bieten jenen Zauber der ho⸗ hen Bildung, der von der Leinwand eines Kneller und Jervis, eines Vivien und Rigaud zu uns ſpricht? Und daneben blicken ungeachtet der Spitzen und Stickereien, des Trödels einer de. en, nd hr ire oke en, ind ins nt⸗ tur 18*³ erkünſtelten Tracht, diejenigen, welche jener Zeit Reiz und Intereſſe verliehen, aus ihren Bildern wie Männer herunter — liederlich oder mild, wie man will— aber nie geziert oder weibiſch. Kann man daſſelbe von den Porträten des Lawrence ſagen? Betrachte jenen ſchönen Marlborough— welche feine Vollendung der Züge, und doch wie leicht in ſeiner Kühnheit, wie ruhig in dem Bewußtſeyn der Macht! So ſchön und beſonnen mag er ausgeſehen haben in der Breſche von Ramilies und Blenheim, als er Addiſon zu dem Bild eines Kriegsengels begeiſterte. Ah, da iſt Sir Char⸗ les Sedley, der Lovelace der witzigen Geiſter! Beachte das ſtarke Kinn und die ausdrucksvolle Stirne— erkennſt du darin nicht den Höfling, der es verſchmähte, ſich von dem König, mit dem er auf dem Fuße der Gleichheit lebte, auch nur eine einzige Gunſt zu erbitten, und der ſeine männliche Rechte ausſtreckte, um den Monarchen vom Throne zu ſchleudern, der ſeine Tochter— zu einer Gräfin gemacht hatte?“ Da Harley LEstrange von früheſter Jugend an ſtets von dieſen Spukgeſichtern umgeben geweſen war, die, wäh⸗ rend ſie von den Wänden herunterſchauten, von ihrer Zeit „ Sedley wollte ſeiner Unabhängigkeit ſo wenig vergeben, daß er ſelbſt in ſeiner bedrängteſten Lage jede Geldunterſtützung, die ihm Karl IM. anbot, zurückwies. Man kennt den bitteren Sarkas⸗ mus, mit welchem er ſeine Theilnahme an der Abſetzung Jakobs II. rechtfertigte, der ſeine Tochter verführt und ihr den Titel einer Gräfin von Dorcheſter verliehen hatte.„Da der König meine Toch⸗ ter zu einer Gräfin machte, ſo Forderte es die gewöhnliche Dank⸗ parkeit mindeſtens von mir, mehen Beiſtand zu leiſten, als es galt, Seiner Majeſtät Tochter— zu einer Königin zu machen!“ Bulwer, meine Novelle. 1¹18 1874 erzählten, ſo konnten dieſe Porträte und ihr Zeitalter nicht ohne Einfluß auf den Charakter des jungen Lord bleiben. Die Launenhaftigkeit und der kühne Muth— die Begeiſte⸗ rung für Literatur und die Verehrung alles Genialen— das Gemiſch von Leichtfertigkeit und Kraft— die vornehme ſichgehenlaſſende Trägheit und die ſchwungkräftige Thaten⸗ luſt, wenn ſich einmal ein Anſtoß dazu ergab— alle dieſe Eigenſchaften mochten ihre Vorbilder in dem Leben derje⸗ nigen gefunden haben, deren Bilder ſo lebenstreu auf ihn niederblickten. Nur das tiefere Gefühl und die ernſtere Na⸗ tur, welche ſich bei Harley den in einem entſchwundenen Jahrhundert ſo gewöhnlichen Eigenſchaften beimiſchten, wa⸗ ren ſein ausſchließliches Eigenthum. Du ſo wenig begriffene Gegenwart, obſchon du uns mit deiner Atmoſphäre Farbe verleihſt— ſo reich an geheimnißvollen tiefen Erregungen, von denen unſere Vorfahren nie etwas wußten— werden dieſe Erregungen von unſeren Nachkommen verſtanden werden? In dieſem ſtattlichen Hauſe waren jetzt als Harley's Gäſte viele von den wichtigeren Perſonen verſammelt, mit denen in dem langſamen Verlauf unſerer Geſchichte der Leſer vertraut geworden iſt. Die beiden Candidaten der blauen Partei, Audley Egerton und Randal Leslie;— Levy, der erſte unter den Baronen, welchen die moderne Geſellſchaft Raubritterſchaftsrechte geſtattet, wie ſie kein Baron des Alterthums ſich hätte anmaßen dürfen, ohne daß ſich Bürger und Bauern, Fröhner und Löhner, Leibeigene und Schalks⸗ knechte zuſammengethan hätten, um ihn lebendig in ſeinem Schloß zu verbrennen;— der Herzog von Serrano, der noch 1875 immer ſeinen Doktortitel und den geliebten Namen Rieca⸗ bocca mit Zärtlichkeit feſthält;— Jemima, die ſich noch nicht den Anſtand einer Herzogin gibt, aber als im Pup⸗ penzuſtand dieſer Entwicklung unter ſchweren Seidengewän⸗ dern ſtrotzt— und auch Violante iſt da, obgleich ſehr gegen ihren Willen, was ſie dadurch zu erkennen gibt, daß ſie ſo viel wie möglich in der Einſamkeit ihres Zimmers bleibt. Die Gräfin von Lansmere hatte ihren Herrn verlaſſen, um die Gäſte ihres Sohnes zu empfangen, und der gnädige Herr ſelbſt, der immer in irgend einem Theile ſeiner Lände⸗ reien ſich nützlich zu machen ſuchte und ſich alle Mühe gab, das Intereſſe an jenem undankbaren Wahlbezirk ſich aus dem Sinn zu ſchlagen, war nach Cornwall hinuntergegangen, um Erkundigungen einzuziehen über die Lage gewiſſer Troglo⸗ dyten in ſeinem Dienſt, den Arbeitern in einem Bergwerke, das der Graf kürzlich nach einem Rechtsſtreit, der ſchon unter ſeinem Großvater begonnen wurde, dem Court of Chancery zu entreißen das Unglück gehabt hatte. Ein Blaues Buch nämlich, das während der letzten Sitzungen auf Anordnung des Parlaments herausgegeben worden war, hatte insbeſon⸗ dere die in ſolcher Weiſe an den Grafen gekommenen Troglo⸗ dyten als Zweifüßler geſchildert, die ſo in Unwiſſenheit ver⸗ ſtrickt ſeyen, daß ſie nicht einmal etwas von der Sonne wüßten, und von denen kein Menſch geſehen habe, daß ſie ſich je die Füße gewaſchen hätten, ſeit ſie in die Welt famen— in ihre unterirdiſche Welt nämlich, dieſes Ab⸗ ſchnipfel von dem bodenloſen Abgrund. Mit der Gräfin kam natürlich auch Helen Digby, und 118* 1876 Lady Lansmere, die bisher ſo höflich kalt gegen die Aus⸗ erwählte ihres Sohnes geweſen war, hatte ſich ſeit ihrer Beſprechung mit Harley zu Knightsbridge ſtets mit faſt lieb⸗ koſender Zärtlichkeit an Helen angeklammert. Die Furcht hatte die ſtrenge Gräfin zahm gemacht; ſie fühlte, daß es mit ihrem eigenen Einfluß auf Harley vorbei war, und hoffte auf den von Helen— im Falle— ja, in welchem Falle? Eben weil die Gefahr ihr nicht klar war, zitterte ihr kühner Geiſt.„Der Aberglaube gleicht der Fledermaus unter den Vögeln und fliegt nur in der Dämmerung.“ Harley hatte den Gedanken an eine Herausforderung und an ein Duell zwiſchen Audley und ihm hinweggelacht; aber dennoch fürch⸗ tete Lady Lansmere das heftige Aufwallen ihres Sohnes und den hohen Geiſt und die Selbſtachtung, um deren willen der Staatsmann im Rufe ſtand. Unwillkürlich wurde da⸗ durch ihr Vertrauen zu Helen inniger; denn wenn ihre Be⸗ ſorgniſſe als gerechtfertigt erſcheinen ſollten, welche Vermitt⸗ lung konnte in Beſchwichtigung der gereizten Leidenſchaften wirkſamer ſeyn als die des ihm verlobten Weſens, durch das ſeine edelſten eine Weihe erhalten hatten? In Lansmere angelangt fühlte ſich jedoch die Gräfin ein wenig erleichtert. Harley hatte ſie, wenn auch nicht mit der zärtlichen Herzlichkeit von früher, doch freundlich und mit ruhiger Faſſung empfangen. Sein Benehmen gegen Audley Egerton machte ſie noch ſicherer; ſie bemerkte darin weder eine übertriebene Zutraulichkeit und Freundſchaft, die auf ein⸗ mal die Furcht vor einem finſteren Plan in ihr geweckt ha⸗ hen würde, noch anderer Seits eine unter Sarkasmen übel „ W N W V M 1877 verhehlte Rachſucht. Mit einem Wort, es war ſo, wie ſich's unter den obwaltenden Umſtänden von einem Mann erwarten ließ, der von einem ihm naheſtehenden Freund eine Kränkung erlitten hatte, aber ſie aus Großmuth oder Klug⸗ heitsrückſichten überſehen wollte, obſchon die Unterrichteten bemerken konnten, daß die frühere Zuneigung kälter und ab⸗ gemeſſener geworden war. Unermüdlich mit allen den Ein⸗ zelheiten der Wahl beſchäftigt, hatte Harley einen guten Vorwand, ſich von Audley entfernt zu halten, der ſeiner Seits ein Unwohlſeyn, das durch ſein ſehr übles und er⸗ ſchöpftes Ausſehen beſtätigt wurde, als Grund vorſchützte, warum er ſich den Anſtrengungen einer perſönlichen Be⸗ werbung entziehen müſſe, und die meiſte Zeit in den ihm an⸗ gewieſenen Gemächern zubrachte, während er die Vorberei⸗ tungen für den Kampf ſeinen thätigeren Freunden überließ. Erſt nach ſeiner Ankunft in Lansmere erfuhr Egerton den Namen ſeines Hauptgegners. Richard Avenel!— Nora's Bruder alſo war aus ſeiner Dunkelheit hervorgetreten und wollte jetzt Angeſicht in Angeſicht gegen ihn ſtehen in einem Kampf, von deſſen Ausgang ſein ganzes Schickſal abhing. Egerton bebte wie vor einem gegen ihn gehetzten Rächer und wäre gern vom Wahlplatz abgetreten. Er ſprach mit Harley darüber. „Wie kannſt Du alle die ſchmerzlichen Erinnerungen ertragen, die ſchon der Name meines Gegners heraufbeſchwö⸗ ren muß?“ „Haſt Du mich nicht ſelbſt aufgefordert,“ verſetzte Har⸗ ley,„gegen dieſe Erinnerungen anzukämpfen und ſie als 1878 krankhafte Träume zu betrachten? Ich habe mich ermannt,. ihnen Trotz zu bieten. Sollteſt Du empfindſamer ſeyn als ich?“ Egerton wagte es nicht, mehr zu ſagen, und vermied alle weitere Berührung des Gegenſtandes. Das Getüm⸗ mel der Wahlumtriebe tobte um ihn her, und er ſchloß ſich aus davon, um allein zu ſeyn mit ſeinem Herzen. Auch da war Kampf genug! Einmal in ſpäter Nacht ſchlich er ſich hinaus und ſuchte Nora's Grab auf. Da ſtand er lang und in tiefem Schweigen unter dem welken Gras und dem fro⸗ ſtigen Sternenhimmel. Sein ganzes vergangenes Leben ſchien an ihm vorüberzuziehen; und als er wieder auf ſeinem einſamen Zimmer anlangte und den Blick auf die Zukunft zu richten ſuchte, ſtand noch immer das Einſt und jener Leichen⸗ hügel vor ſeiner Seele. Man fand es in der Ordnung, daß Audley Egerton ſich aller thätigen Betheiligung an dem vorbereitenden Trei⸗ ben der Repräſentantenwahl enthielt, und betrachtete den Zuſtand ſeiner Geſundheit ſowohl als das Gefühl ſeiner Würde für einen genügenden Entſchuldigungsgrund. Ein Staatsmann von ſeiner hohen Stellung und ſo unanfecht⸗ baren öffentlichen Verdienſten, deſſen Anſichten nicht erſt aus⸗ einandergeſetzt werden mußten, konnte ſich wohl die Mühe erſparen, der ein dunklerer Bewerber ſich nicht entziehen durfte. Und außerdem war nach dem allgemeinen Gerücht und nach dem Urtheil des blauen Comité's Mr. Egertons Erwählung geſichert. Aber obgleich Audley ſelbſt ſo nachſichtig behan⸗ delt wurde, ſorgten Audley und das blaue Comité dafür, „ 1879 daß Randal die doppelte Arbeitslaſt auf ſich nehmen mußte. Dieſer rührige junge Mann fand reichlichen Stoff für ſeine raſtloſe Thatkraft. Randal Leslie mußte auf den Beinen ſeyn von Sonnenaufgang, bis die Sterne am Himmel ſtan⸗ den. In allen drei Königreichen gibt es keine Wählerſchaft, die einem Candidaten ſo viel Anſtrengung auferlegt, als die von Lansmere. Sobald der blaue Candidat von der Hauptſtraße abgeht, in welche man ihn nach unfürdenklichem Brauch zuerſt einführt, um ihn für die Mühen, die ſeiner harren, zu ermuthigen—(entzückende, verheißungsvolle, conſtitutionelle Hauptſtraße, in welcher wenigſtens zwei Drit⸗ theile der Wähler— lauter durch den Park in Nahrung ge⸗ ſetzte wohlhabende Gewerbsleute— ſtets für den„Candi⸗ daten des gnädigen Herrn“ ſtimmen und gaſtfreundlich Wein und Kuchen in ihren ſchmucken Hinterſtübchen auftiſchen); — ſobald er von dieſem feſten Platz ſeiner Partei abgeht, erſtrecken ſich Labyrinthe von Gaſſen und Feldwegen bis an den äußerſten Horizont— nirgends ein ebener Grund, immer bergauf und bergab— jetzt ein rauhes, riſſiges Pflaſter, das Blaſen an den Füßen macht und mit dem erſten Tritt den prophetiſchen Schmerz aller verborgenen Hühnerangen in's Leben ruft— jetzt dieſe kothigen Wagenleiſe, in denen man bis an die Knöchel einſinkt, während in die Fußſtapfen ſchlam⸗ miges Waſſer ſickert, das den Weg für Catarrhe, Rhevma, Huſten, böſen Hals, Luftröhrenentzündung und Schwind⸗ ſucht anfeuchtet. Schwarze Abzugsgräben und acherontiſche Lachen, die vor den Schwellen hinlaufen und die dahinter beſindlichen Stuben mit Ausdünſtungen füllen, daß man 1880 mit der einen Hand inſtinktartig die ekle Naſe gegen Typhus und Cholera ſchützt, während man mit der anderen die grim⸗ mige Pfote des Wählers faßt. In jenen Tagen hatte die Menſchheit noch nichts von einer geſundheitspolizeilichen Reform gehört, und wäre es auch der Fall geweſen, ſo lä⸗ gen doch— nach dem langſamen Fortſchritt dieſer Reform zu urtheilen— Gräben und Lachen noch in dem alten Zu⸗ ſtand. Nach dem Pfarrſchoß Stimmende waren, nebſt einer Zugabe von privilegirten Freien, die unabhängigen Wähler von Lansmere. Das allgemeine Stimmrecht könnte kaum in wirkſamerer Weiſe die Vorrechte derjenigen wegſchwemmen, welche ſich noch ein wenig darum kümmern, was aus Groß⸗ britannien wird. Bei Randal Leslie's ganzer tiefer Diplo⸗ matik, bei all ſeiner Kunſt, gebildete Perſonen zu beſchwatzen, zu täuſchen und— um einen Ausdruck aus Dick Avenels Naturſprache zu borgen— zu„bewindbeuteln,“ prallte ſeine Beredſamkeit ab an Geiſtern, die ſtichfeſt waren gegen jede Berufung, mochte ſie nun dem Staat oder der, Kirche, der Reform oder der Freiheit gelten. Einen Wähler nach dem Pfarrſchoß mit ſolchen geringfügigen Dingen zu fangen— Randal Leslie hätte es eben ſo gut verſuchen können, mit der Erbſenladung einer Schlüſſelbüchſe die dicke Haut eines Nashorns zu durchbohren. Der junge Mann, welcher ſo feſt glaubte, daß„Wiſſen Macht ſey“, fühlte ſich höchlich entſetzt. Hier war es die Unwiſſenheit, welche die Macht handhabte. Erwiſchte Randal einen Mann von einigen Kenntniſſen, ſo konnte er ſicher ſeyn, ihm eine Stimme ah⸗ zuliſten. n h⸗ 1881 Gleichwohl hielt Randal Leslie ſeinen Umgang und ſchwatzte fort mit der anerkennenswertheſten Ausdauer. Das blaue Comité gab ihm das Zeugniß, daß er ein vortreff⸗ licher Werber ſey, und faßte eine mitleidige Zuneigung zu ihm, da es in ſeiner Sicherheit von Egertons Erwählung die ſeinige für eine Unmöglichkeit hielt. Er ſollte nur dazu behülflich ſeyn, daß die zerſplitterten Stimmen nicht der Gegenpartei zufielen, und ſeine Aufgabe beſtand darin, im Dienſte ſeines Gönners, des Erminiſters, Pfoten zu ſchüt⸗ teln und liebliche Gerüche einzuathmen— ein Geſchäft, für das der Erminiſter ein zu großer Mann war. In Wirklich⸗ keit aber wußte von den Mitgliedern des blauen Comité's keines, wie eigentlich die Ausſichten der Wahl ſtanden. Die Berichte eines jeden Werbetags wurden an Harley erſtattet, und dieſer hielt die Aufzeichnungen vor aller Augen verſchloſ⸗ ſen, mit Ausnahme ſeiner eigenen und vielleicht derer des Baron Levy, der als Audley Egertons Vertrauter, wenn auch nicht gerade berufsmäßiger Rathgeber angeſehen wurde, da Baron Levy, der Millionär, längſt ſich von jedem öffentlich anerkannten Beruf zurückgezogen hatte. Der an ſich hal⸗ tende, achtſame und verſchmitzte Randal bemerkte übrigens bald, daß er ſtärker war, als das blaue Comité glaubte, und zu ſeinem gränzenloſen Erſtaunen mußte er die Wahr⸗ nehmung machen, daß er dieſe Ueberlegenheit der Verwen⸗ dung des Lord LEstrange zu danken hatte. Denn obgleich Harley nach dem erſten Tag, an welchem er ſich mit dem Scheine großen Eifers in der Hauptſtraße zeigte, nicht offen mit Randal die Werbung beſorgte, ſo pflegte er doch, wenn die Berichte eingebracht wurden und er die Namen der Stimm⸗ berechtigten ſah, welche die eine Stimme Audley zuſagten, ohne zugleich die zweite ſeinem Nebenmann zu verſprechen, Randal, auch wenn dieſer junge Gentleman ſchon halb todt gehetzt war, ins Ohr zu flüſtern:„Schlüpft, ſobald das Diner vorüber iſt und noch eh' Ihr Eure Runde in den Wirths⸗ häuſern macht, mit mir hinaus; da und da ſind einige Wäh⸗ ler, die wir heute Abend noch für Euch gewinnen müſſen.“ Und es fehlte nicht— einige freundliche Worte des Erben der Herrengüter von Lansmere gewannen in der Regel die Wähler, denen Randal, und wenn er ihnen bewieſen hätte, das Wohl von ganz England hinge davon ab, daß ſie ihm ihre Stimme gäben, nicht weiter entlockt haben würde, als ein—„Ma wurd ſeha, wieni ſchtimm, wann der Tag kommt!“ Auch war dies nicht Alles, was Harley für den jüngeren Candidaten that. Wenn ſich's klar herausſtellte, daß nur eine Stimme für die Blauen errungen werden fonnte und die andere ſchon an die Gelben verſprochen war, ſo konnte er ſagen:„Dann ſtimmt für Mr. Leslie;“— ein Erſuchen, welchem um ſo bereitwilliger willfahrt wurde, weil Audley Egerton den Blauen als völlig geſichert erſchien und man deshalb den Gelben die Furcht überließ. So gewann Randal, der für ſich eine eigene genaue kleine Wahlliſte hielt, mehr und mehr die Ueberzeugung, daß er ſelbſt ohne die heimliche Beihülfe, die er von Avenel erwartete, beſſere Ausſichten hatte, als Egerton, und er konnte ſich die auffallenden Bemühungen Harleys zu ſeinen Gunſten nur durch die Annahme erklären, daß LEstrange, m⸗ en hm als en te, en ar, ein eil ind ue ng⸗ nel er ten 1883 als Neuling in Wahlangelegenheiten und getäuſcht von dem blauen Comité, an die Sicherheit von Egertons Erwählung glaubte und um der Ehre des Familieneinfluſſes willen beide Candidaten der blauen Partei durchzuſetzen verſuchte. Die öffentlichen Sorgen raubten Randal alle Gelegen⸗ heit, ſeiner Bewerbung um Violante Nachdruck zu geben, und wenn er je einen Augenblick fand, ſich an die Seite der widerſtrebenden Braut zu ſchleichen, hatte ſicherlich Harley eine dringliche Weiſung für ihn, einen wankelmüthigen Wäh⸗ ler aufzuſuchen oder in irgend einem Wirthshaus eine Stand⸗ rede zu halten. Leslie war zu ſchlau, um nicht zu entdecken, daß dieſen dienſtbefliſſenen Aufträgen eine ſeiner Freierei feindliche Trieb⸗ feder zu Grunde liege, wie ſehr auch Harley ſie durch ſeinen eifrigen Wunſch, den jungen Mann als Erwählten aus dem Kampf hervorgehen zu ſehen, bemänteln mochte. Indeß ſah Lord LEstrange's Benehmen gegen Violante nicht wie das eines eiferſüchtigen Liebhabers aus, und ihr Verhältniß zu Randal war ihm ſo wohl bekannt, daß der Letztere den früher gefaßten Argwohn, Harley könnte ſein Nebenbuhler ſeyn, wieder aufgab. Dagegen fand er ſich bald zu dem Glauben verleitet, daß Lord L'Estrange aus einem anderen uneigennützigeren und weniger furchtbaren Grund ihm die Gelegenheiten verkümmere, der Erbin den Hof zu machen. „Mr. Leslie,“ ſagte eines Tages Lord LEstrange,„der Herzog hat mir mit Bedauern anvertraut, daß ſeine Tochter nicht geneigt iſt, ſeiner Zuſage Kraft zu geben. Da er nun meine warme Theilnahme an ihrem Wohl kennt und zugleich 1884 glaubt, daß einige Dienſte, welche ich ihr ſelbſt und dem Vater, den ſie ſo innig liebt, zu leiſten Gelegenheit fand, mir einen gewiſſen Einfluß verliehen über ihr unerfahrenes Urtheil, ſo hat er mich ſogar erſucht, daß ich bei ihr Euren Fürſprecher mache.“ „Ah, wenn Ihr dies wolltet!“ verſetzte Randal über⸗ raſcht. „Ihr müßt mich zuerſt dazu befähigen. Ihr ſeyd ſo verbindlich geweſen, Euch gegen mich zu gewiſſen Aufklä⸗ rungen zu erbieten, die Ihr bereits dem Herzog gegeben und ihn dadurch in einem Grade befriedigt habt, daß er die Zu⸗ ſage von ſeiner Tochter Hand erneuerte oder beſtätigte. Wenn Eure Angaben mich ebenſo befriedigen, wie ihn, ſo iſt nach meiner Anſicht der Herzog verpflichtet, ſein Ver⸗ ſprechen zu halten, und ich bin überzeugt, daß ſeine Tochter dann nicht unbeugſam ſeyn wird gegen Eure Werbung. Eh' ich aber Eure Aufklärung vernommen habe, geſtattet mir weder die Freundſchaft zu dem Vater, noch meine Theilnahme für die Tochter, einer Sache Vorſchub zu leiſten, die übri⸗ gens vorderhand durch eine Zögerung wenig Noth leidet.“ „Wenn es Euch angenehm iſt, ſo will ich Euch unver⸗ weilt mittheilen, was ich zu meiner Rechtfertigung vorzu⸗ bringen habe.“ „Nein, Mr. Leslie, ich habe vorläufig für nichts einen Sinn, als für die Wahlen. Sobald dieſe vorüber ſind, könnt Ihr Euch darauf verlaſſen, daß Euch jede Gelegenheit ge⸗ geben werden ſoll, die Zweifel zu zerſtreuen, zu welchen Gure Vertraulichkeit mit dem Grafen di Peschiera und mit in did dri die des em nd, nes ren ber⸗ d ſo klä⸗ und Zu⸗ „ſo ger⸗ hter Eh' mir hme bri⸗ ver⸗ rzu⸗ inen nnt ge⸗ chen 1885 Madame di Negra Anlaß gegeben haben mag. Da wir aber von den Wahlen ſprechen— hier iſt eine Liſte von Stimmberechtigten, die Ihr unverweilt in Fiſhlane aufſuchen müßt. Verliert keinen Augenblick.“ Richard Avenel und Leonard hatten ihr Hauptquartier in dem Gaſthof aufgeſchlagen, in welchem ſtets die Can⸗ didaten der Gelben Herberge zu nehmen pflegten, und die Bewerbung wurde von dieſer Seite aus mit dem vollen Nach⸗ druck verfolgt, welcher von Operationen zu erwarten ſtand, die von Richard Avenel geleitet und durch die Meinungen des großen Haufens unterſtützt wurden. Die wetteifernden Parteien begegneten ſich gelegentlich auf den Straßen und Feldwegen in dem vollen Pomp des Kriegs— mit flatternden Fahnen und klingendem Spiel. denn Muſikbanden und Feſtbanner waren in jenen guten alten Tagen die weſentlichen Beweiſe des öffentlichen Geiſtes und unerläßliche Poſten auf der Rechnung des Wahlcandidaten. Bei ſolchem Zuſammentreffen wurden ſehr ſteife Verbeugun⸗ gen unter den betreffenden Führern gewechſelt. Aber Ran⸗ dal, der es ſtets einzuleiten wußte, daß er ganz nah an Ave⸗ nel vorbeikam, hatte jedesmal die Befriedigung, zu bemer⸗ ken, daß ſich das Geſicht dieſes Gentleman zu einem ſchlauen Blinzeln verzog, als wollte er ſagen:„Alles in Richtigkeit, trotz dieſer verwetterten Windbeutelei.“ Da aber jetzt beide Parteien offen ins Feld gerückt waren, ſo traten zu den geheimen Künſten des Werbers die offenen des Rednertalents. Die Candidaten mußten an dem Schluß eines jeden Werbetags aus hölzernen Käfichten her⸗ 1886 aus, die vor den Fenſtern ihrer Gaſthäuſer aufgehangen wa⸗ ren und wie Menageriekaſten ausſahen, Reden halten. Ferner hatten ſie in den Comité's und in den Wählerverſammlun⸗ gen zu ſprechen, mußten allmälig die Runde machen in den begeiſterungsvollen Wirthshäuſern und ſahen ſich genöthigt durch Tabakswolken und Bierdampf an den geſunden Ver⸗ ſtand eines erleuchteten Volks zu appelliren. Durch vorgeſchützte Unpäßlichkeit wurde Audley der Aufregung des Redenhaltens und der Anſtrengung der per⸗ ſönlichen Wählerwerbung enthoben. Der gewandte De⸗ battenmann hatte die Schauſtellung auf eine kurze, aber klare und meiſterhafte Darlegung ſeiner eigenen Anſichten über die leitenden öffentlichen Fragen des Tages und den Zuſtand der Parteien beſchränkt. Dieſer Vortrag, welchen er am Tag nach ſeiner Ankunft zu Lansmere in dem Saal des blauen Hotels vor einer Verſammlung ſeines Generalcomité's abhielt, wurde gebruckt und in vielen Exemplaren unter die Wähler vertheilt. Obgleich Randal ſich mit mehr Faſſung und Geläufig⸗ keit auszudrücken wußte, als dies gewöhnlich bei den erſten Verſuchen öffentlicher Redner der Fall iſt, ſo machte ſeine Anſprache an eine ungelehrte Volksmenge doch nur geringen Eindruck; denn derartige Volkshaufen ſind ganz Herz, und wir wiſſen von Randal Leslie, daß das ſeinige ſo klein war, wie nur eines ſeyn konnte. Wenn er es verſuchte, von ſeiner intellektuellen Höhe herab zu ſprechen, ſo war er ſo fein und hoch, daß ihn kein Menſch verſtand, und verfiel er in den unglücklichen Irrthum, der ſogar erfahrenen Rednern wa⸗ rner lun⸗ den higt Ver⸗ der per⸗ De⸗ aber hten den lchen ldes ite's r die ufig⸗ rſten ſeine ngen und war, von er ſo el er nern nicht ſelten begegnet, ſich zu der intellektuellen Tiefe ſeiner Zuhörerſchaft herablaſſen zu wollen, ſo lachte man über die ausgeſuchte Einfältigkeit. Für einen Volkshaufen kann Nie⸗ mand zu gut ſprechen, wie für die Bühne Niemand zu gut ſchreiben kann; aber in beiden Fällen bedarf es keiner rheto⸗ riſchen Schnörkel, und namentlich muß man nicht die dürren Knochen des Raiſonnements in lange Perioden ſchachteln. Ein Volksredner ſoll die Gefühle oder den Humor ſeiner Zuhörer anſprechen; ſein Auge muß leuchten von edlem Sinn oder das Spiel ſeiner Lippen das einer lebhaften Phantaſie oder eines witzigen Geiſtes begleiten. Randals Stimme war zwar ſchmiegſam und überredend in der Privatunterhal⸗ tung, nahm ſich aber dünn und dürftig aus, wenn ſie das Ohr einer zahlreichen Verſammlung feſſeln ſollte. Die Falſch⸗ heit ſeines Weſens ſchien an's Licht zu treten, wenn er die Töne ſteigerte, die er auf Täuſchung eingeübt hatte. Män⸗ ner wie Randal können ſcharf in der Debatte und bewunde⸗ rungswürdige Speecialplaideure werden, ſind aber für den eigentlichen Redner eben ſo verdorben, wie für den Dichter. Eine gebildete Zuhörerſchaft wird für ſie zu einem weſent⸗ lichen Erforderniß, und je kleiner ſie iſt— das heißt, je mehr der Verſtand über die Regungen des Herzens vorwaltet— deſto beſſer können ſie ſprechen. Dick Avenel war meiſt ſehr kurz und körnig derb in ſeinen Anſprachen, und ſie drehten ſich um zwei oder drei Lieblingsmomente, die er jedesmal vorbrachte. Er gehoörte als Bürger dem Bezirk an, war ein Mann, der ſeinen Weg gemacht hatte im Leben, wollte ſeinen Geburtsort von den 1888 Anmaßungen der Ariſtokratie befteien und ſtand nicht für ſeine Privatſache da, ſondern an den Wählern lag es, im Kampfe ſich nicht flau zu zeigen, und ſo weiter. Gegen Randal ſagte er wenig.—„Schade, daß ein geſcheidter junger Mann ſeine Zukunft im Aktenſtaub ſuche, und er dürfte wohl daran thun, wenn er nach dem langen Seil griffe, welches das Volk aus Mitleid mit ſeiner Jugend ihm noch zuwerfen dürfte, damit er vom Verſinken gerettet werde,“ und dergleichen mehr. Aber wenn Dick auf Audley Egerton zu ſprechen kam,„die⸗ ſen Gentleman, der ſich nicht einmal zeigen mochte— der ſich fürchtete, vor den Wählern aufzutreten— der nur in einer Winkelverſammlung ſeine Stimme finden konnte, da er ſein ganzes feiles Leben nur auf ein lichtſcheues ſchänd⸗ liches Treiben verwendet habe“, da gingen ihm ſeine Phi⸗ lippiken mit der Beredſamkeit eines Demoſthenes von den Lippen. Leonard dagegen erlaubte ſich nie einen Angriff auf Harley's Freund, obſchon er erbarmenlos gegen den jungen Mann zu Feld zog, welcher ſeinen Ruhm von John Burley geſtohlen hatte, und von dem er wußte, daß Lord L'Es⸗ trange ihn eben ſo herzlich verachtete, wie er ſelbſt. Und Randal wagte es aus Furcht Leonards Onkel zu beleidigen, nicht, dieſe Angriffe zu erwiedern, obſchon ihm oft die Galle aufwalite in entrüſteter Wuth. Leonard war unter den drei Bewerbern ohne Frage der volksthümlichſte Sprecher, trotz⸗ dem, daß ſein Temperament nicht das eines Redners, ſon⸗ dern eines Schriftſtellers war— daß er einen Abſcheu hegte vor der theatraliſchen Schauſtellung des Ichs, wie er's nannte, die den ſo betitelten„Vortrag“ wirkſamer macht eine npfe agte eine un, aus mit ehr. die⸗ der r in da änd⸗ Bhi⸗ den griff den John Es⸗ Und igen, alle drei trotz⸗ ſon⸗ emte er's nacht 1889 als die Ideen— vaß er nie ein beſonderes Intereſſe für die Parteipolitik gewinnen konnte— und daß eben jetzt ſein Herz, traurig und einſam, wenig Sinn hatte für die Lans⸗ merer Gelben und Blauen. Sah er ſich aber einmal zur Thätigkeit gezwungen, ſo kam unwillkürlich auch die Bered⸗ ſamkeit in Fluß, welche ihm in der Unterhaltung ſo natürlich war. Er hatte warmes Blut in ſeinen Adern, und der Widerwille gegen Randal verlieh ſeinem Witz ſowohl, als ſeiner leidenſchaftlichen Beweisführung einen herben Stachel. In der That konnte ſich Leonard für die Aufforderung des Lord L'Estrange, daß er ſich an dem Wahlkampf betheili⸗ gen ſolle, keinen anderen Grund denken, als den Wunſch ſeines Beſchützers, den Mann zu demüthigen, den ſie Beide als einen Betrüger kannten. Und dieſe Anſicht wurde auch durch einige unachtſame Aeußerungen bekräftigt, welche Ave⸗ nel entfielen und unſerem jungen Freund den Argwohn bei⸗ brachten, wenn er ſelbſt nicht in's Feld gerückt wäre, würde ſein Onkel all ſeinem Einfluß aufgeboten haben, um die Wahl von Egerton ab auf Randal zu leiten. Er fand es unmöglich, Dicks Abneigung gegen den Staatsmann durch Vernunftgründe zu beſchwichtigen, und ebenſo wenig waren die Schelt⸗ oder Schmeichelworte des Onkels im Stand, ihn zu bewegen, daß er nach einer Beſiegung Randals zu An⸗ griffen auf den Mann überging, welcher ſeinem Wohlthäter, wie dieſer ſelbſt oft verſichert hatte, ſo theuer war wie ein Bruder. Mittlerweile führte Dick über den Stand der Dinge unter den Gelben ſo ſorgfältig Buch, wie Harley über den Bulwer, meine Novelle. 119 unter den Blauen, und gab ſich trotz der vielen Anfälle des Schmollens und der Ausbrüche ſeines Mißvergnügens für ſeinen Neffen genau dieſelbe Mühe, welche LEstrage für Randal aufbot. Indeß war noch immer eine geſchloſſene Körperſchaft von ungefähr hundert und fünfzig Wählern, meiſt aus Freiſaſſen beſtehend, vorhanden, die bis jetzt gegen die Verſuchungen beider Parteien Stand gehalten hatten. Ob ſie wohl gelb, ob ſie blau ſtimmten? Niemand konnte varüber in's Klare kommen, obſchon ſie verſicherten, daß ſie Mann für Mann in der gleichen Weiſe abſtimmen würden. Dick ließ ſeine geheimen„Caucuſes“, wie er's nannte, ſtets an dieſer Phalanr anbeißen. Hundert und fünfzig Stimm⸗ berechtigte!— ſie hatten die Wahl in ihren Händen! Nie gab es ſo herzliche Händedrücke— ein ſo liebkoſendes Stellen auf der Straße— und ſo zärtliche Anſprachen, die kein Ende nehmen wollten! Aber die Stimmen klebten ſo feſt an dieſen Händen, als wären ſie ein Theil der ſchmutzigen Haut oder der— nun, es kömmt ſo ziemlich auf das Gleiche heraus. Zwanzigſtes Kapitel. So oft Audley in den Abendſtunden, während Harley vielleicht mit Levy und den Comitémitgliedern eingeſchloſſen war und Randal ſeine Runde in den Wirthshäuſern machte, ſich den ührigen Gäſten anſchloß, unterhielt er ſich haupt⸗ ſächlich mit Violante. Seiner trüben Stimmung zum Trotz fühlte er ſich ſchon bei der erſten Begegnung betroffen, viel⸗ 1891 leicht weniger von ihrer außerordentlichen Schönheit, als von einem gewiſſen Ausbruck in ihrem Geſicht, der bei allem Unterſchied der Linien und der Farbe ihn an Nora erinnerte. e Und während er durch ſeine Lobſprüche auf Harley ihre Auf⸗ merkſamkeit feſſelte und ſich ihre Zuneigung gewann, machte n er vielleicht die Entdeckung, daß die Aehnlichkeit, die ihm . aufgefallen war, eher ihren Grund in den Charakterzügen e hatte, welche die Lebende mit der Verlorenen theilte— die⸗ e ſelbe bezaubernde Vereinigung eines edlen Gedankenſchwungs . mit kindlicher Unſchuld— dieſelbe Begeiſterung— dieſelbe 8 reiche, überſprudelnde Phantaſie, verbunden mit der Tiefe ⸗ des Gemüths. Zwei einander ſo ähnliche Seelen drücken ie dieſe Aehnlichkeit auch in den Blicken aus, die ihr Abglanz ſind. n Andererſeits unterhielt ſich Harley während der ſeltenen e„ Zwiſchenräume ſeiner Muße am liebſten und auf's traulichſte en mit Helen. Eines Tages ſtand Audley Egerton traurig an er dem Fenſter des ihm angewieſenen Wohnzimmers und be⸗ merkte, wie die Beiden, welche er noch immer für Verlobte hielt, Seite an Seite durch den Park gingen.„Wollte der Himmel, daß ſie ihn für Alles entſchädigte!“ murmelte Audley.„Aber ach, wenn es doch Violante geweſen wäre! Dann hätte ich die Ueberzeugung gehabt, daß die Zukunft ey die Vergangenheit austilgen werde— und ich würde den en Muth ſinden, ihm Alles zu ſagen. Als ich geſtern Abend te, davon ſprach, was Harley in England ſeyn könnte— wie t⸗ glichen da ihre Augen und ihr Lächeln den erfreuten Blicken otz Nora's, wenn dieſe in entzückter Theilnahme den Hoffnungen zuhörte, die mein jugendlicher Ehrgeiz ihr vertraute.“ Mit 410 1892 einem Seufzer wandte er ſich ab und ſetzte ſich entſchloſſen nieder, um die vielen Briefe zu leſen und zu beantworten, welche den Tiſch des thätigen Staatsmanns bedeckten. Denn da die Anhänger ſeiner Partei keinen Augenblick an ſeiner Erwählung zweifelten, ſo theilten ſie ihm alle Hoffnungen und Beſorgniſſe der großen und einflußreichen Fraktion mit, die in ihm ihren künftigen Führer ſah und aus jener allge⸗ meinen Wahl, welche beſtimmt war, eine beiſpiellos große Zahl ausgezeichneter Männer aus dem Parlament zu ver⸗ treiben und dafür neue Politiker zu ſenden, die einzige Aus⸗ ſicht ſchöpfte, die verlorene Macht wieder zu erringen. Dazu beſtimmte ſie Audley's ſanguiniſches Vertrauen auf das Um⸗ ſchlagen der öffentlichen Meinung, die er bisher ſtets ſo tief erfaßt hatte; denn es war jetzt nur zu klar geworden, daß das letzte Kabinet, deſſen ausgezeichnetſte Mitglieder ſich kaum auf der Wahltribüne zeigen durften, ſein Daſeyn und ſeine Popularität gerettet haben würde, wenn es in Zeiten ſich zu Egertons Rath bequemt hätte. Inzwiſchen führte Lord L'Estrange ſeine junge Beglei⸗ terin nach einem grünen Hügel in der Mitte des Parks; auf welchem ſich ein runder Tempel befand, der eine weite Ausſicht ins Land darbot. Sie waren ſchweigend neben ein⸗ ander hergegangen, bis ſie die Höhe der ſanften Anſteigung erreicht hatten, und als ſie ſo, noch immer Seite an Seite, daſtanden, begann Harley folgendermaßen: „Helen, Ihr wißt, daß Leonard ſich im Städtchen befindet, obſchon ich ihn im Park nicht empfangen kann, da er der Gegenbewerber meiner Gäſte Egerton und Leslie iſt.⸗ ei⸗ 3: ite in⸗ ng en n, 1893 Helen.—„Dies kömmt mir ſehr befremdlich vor. Wie konnte Leonard ſich zu etwas hergeben, das den Anſchein einer Feindſeligkeit gegen Euch hat?“ Harley.—„Würde ihn ſeine Feindſeligkeit gegen mich in Eurer Achtung herabſetzen? Er weiß, daß ich ſein Nebenbuhler bin— ſchließt dieſes Verhältniß nicht Haß in ſich?“ Helen.—„Oh, Lord LEstrange, wie könnt Ihr ſo ſprechen— ſo Euch ſelbſt Unrecht thun? Haß— Haß gegen Euch— und von Leonard Fairfield!“ Harley.—„Ihr weicht meiner Frage aus. Würde ſein Haß und ſeine Feindſeligkeit gegen mich Eure Geſin⸗ nungen gegen ihn ändern?“ Helen(niederblickend).—„Ich könnte es nicht über mich gewinnen, daran zu glauben.“ Harley.—„Warum?“ Helen.—„Weil es ſeiner ſo unwürdig ſeyn würde.“ Harley.—„Armes Kind! Ihr lebt in der Selbſt⸗ täuſchung Eurer Jahre. Ihr bedeckt die Wolke mit den Farben des Regenbogens und wollt nicht glauben, daß ihre Herrlichkeit nur geborgt iſt von der Sonne Eurer Phantaſie. Aber in dieſem Punkt wenigſtens habt Ihr Euch nicht ge⸗ täuſcht. Leonard gehorcht nur meinen Wünſchen und, wie ich glaube, gegen ſeinen Willen. Er beſitzt nichts von der edelſten Eigenſchaft des Mannes— dem Ehrgeize.“ Helen.—„Keinen Ehrgeiz!“ Harley.—„Nur die Eitelkeit iſt's, was den Dichter veranlaßt ſich abzumühen, wenn das eigenſinnige Jagen nach 1894 den Hirngeſpinnſten der Phantaſie eine Mühe genannt wer⸗ den kann. Der Ehrgeiz iſt eine männlichere Leidenſchaft.“ Helen ſchüttelte leicht den Kopf und gab keine Erwie⸗ derung. Harley.—„Wenn ich ein Wort laut werden laſſe, das eine von Euren Verblendungen unangenehm berührt, ſo ſchüttelt ihr den Kopf und ſeyd ungläubig. Haltet inne und hört einen Angenblick meinen Rath an— vielleicht iſt es der letzte, mit dem ich Euch je läſtig falle. Erhebt Eure Augen und ſchaut umher. So weit Eure Blicke reichen und weit über die Linie des Horizonts hinaus erſtrecken ſich die Ländereien meines Erbes. Dort ſeht Ihr die Heimath, in welcher durch viele Geſchlechter hindurch meine Vorfahren mit Ehren lebten und betrauert ſtarben. Alles Dies hätte im Lauf der Natur eines Tages Euer Eigenthum werden können, wenn meine Anträge nicht von Euch zurückgewieſen worden wären. Ich bot Euch allerdings nicht, was man gemeiniglich Liebe nennt, dagegen aber eine aufrichtige Ach⸗ tung und eine Zuneigung, der ihre Ruhe Dauer verſprach. Ihr ſeyd von der Welt nicht zu dem eitlen Götzendienſt des Rangs und Reichthums verzogen worden; aber ſelbſt der ro⸗ mantiſchſte Sinn kann die Macht, Anderen zu dienen, welche durch Rang und Reichthum verliehen wird, nicht geringſchätzen. In meinem Falle raubten bisher Trägheit und in letzter Zeit der Ueberdruß dem Vermögen dieſe edlere Beigabe; aber diejenige, welche mein Geſchick theilen wird, kann frei dar⸗ über verfügen und meine Unterlaſſungsſünden gut machen⸗ Wenn ich auf der andern Seite einräume, daß Euch kein es ro⸗ che en. eit ber ar⸗ en 1895 Hinberniß im Wege liegt, Leonard Fairfield den Vorzug zu geben— was wird Euch durch dieſe Wahl geboten? Seine Verwandte, mit denen Ihr in Verkehr kommen müßt, ſind gemein und ungebildet. Sein Einkommen quillt bloß aus einer unſicheren Beſchäftigung. Die kläglichſte von allen Sorgen— die um das tägliche Brod— wird ſich bald in die Romantik miſchen und Eurer Liebe alle Poeſie rauben. Ihr denkt, ſeine Zuneigung werde Euch für jedes Opfer ſchadlos halten. Thorheit!— die Liebe der Dichter gilt einem Dunſt— einem Mondſtrahl— einem Luftbewohner— einem Phantom, das ſie ein Ideal nennen. Für einen Augen⸗ blick wähnen ſie, daß ſie in Chloe oder Phyllis, in Helen oder einem Milchmädchen dieſes Ideal gefunden haben. Pah! — Wenn Ihr das erſtemal mit der Bäckerrechnung vor den Dichter hintretet— wohin entweicht das Ideal? Ich kannte einen herrlicheren Geiſt, als der von Leonard iſt— eine weit begabtere Natur— es war ein Weib. Sie ſah einen Mann, der ſo hart und kalt war wie jener Stein zu Euren Füßen— ein falſcher, hohler, ſchmutziger Weltling — und erblickte in ihm Alles, was die Geſchichte nicht ein⸗ mal an einem Cäſar anerkennen und die Mythologie kaum einem Apollo zutheilen würde. Für ihn war ſie das Spiel⸗ zeug einer Stunde— ſie ſtarb, und noch vor Ablauf eines Jahres hatte er eine Geldheirath geſchloſſen. Ich kannte ein anderes Beiſpiel— es betrifft mich ſelbſt. Ich liebte, eh' ich noch ſo alt war, als Ihr. Hätte mich damals ein Engel gewarnt, ſo wäre ich eben ſo ungläubig geweſen, wie Ihr. Es liegt nichts daran, wie dies endete; aber ohne jenen 1896 Traum eines trunkenen Irrſinns hätte ich gelebt und gehan⸗ delt wie Andere von meinem Geſchlecht und meiner Sphäre — hätte eine verſtändige Ehe eingegangen und wäre jetzt ein nützlicher und glücklicher Mann. Beſinnt Euch jetzt. Wollt Ihr mich noch immer wegen eines Leonard Fairfield verwer⸗ fen? Zum letztenmal laſſe ich Euch die Wahl— ich biete Euch all das Weſentliche des wachen Lebens— Leonard Fairfield bringt Euch die Schatten eines flüchtigen Traumes. Sprecht! Ihr zaudert? Nun gut; laßt Euch Zeit zur Ueberlegung.“ Helen.—„Ach, Lord LEstrange, könnt Ihr zweifeln, wie meine Antwort lauten muß, wenn Ihr gefühlt habt, was Liebe iſt?— oder glauben, daß ich ſo niedrig und un⸗ dankbar zu ſeyn vermöge, um von Euch das, was Ihr das Weſentliche des wachen Lebens nennt, zu nehmen— während mein Herz weit weg wäre— treu einem Traume, wie Ihr Euch ausdrückt?“ Harley.—„Könnt Ihr Euch dieſen Traum nicht aus dem Sinn ſchlagen?“ Helen(deren ganzes Antlitz eine Glut iſt).—„Es war Unrecht, es einen Traum zu nennen! Für mich iſt es die Wirklichkeit des Lebens. Alle anderen Dinge ſind Träume dagegen.“ Harley(ergreift ihre Hand und küßt ſie achtungs⸗ voll).—„Helen, Euer Herz iſt edel, und ich habe Euch ver⸗ geblich verſucht. Ich bedaure Eure Wahl, obgleich ich ihr nicht mehr entgegentreten will und nie Zeuge Eurer Ent⸗ täuſchung ſeyn werde. Seyd Ihr einmal die Gattin dieſes — — N* MN 3 1897 Mannes, ſo werde ich Euch nie wieder ſehen— Euch nicht mehr kennen.“ Helen.—„Oh nein!— Sprecht nicht ſo. Warum? — weßwegen?“ Harley(mit finſterer Stirne).—„Er iſt das Kind des Betrugs und der Schande. Sein Vater iſt mein Feind, und mein Haß erſtreckt ſich auf den Sohn. Auch er, der Sohn, ſtahl mir— doch Klagen ſind jetzt eitel. Wenn noch ein paar Tage vorüber ſind, ſo denkt an mich nicht weiter als an einen Mann, der ſich aller Rechte über Euer Handeln begeben hat und Eurem künftigen Schickſal fremd iſt. Pah! — trocknet Eure Thränen. Und ſo lang Ihr Leonard liebt oder mich achtet, darf es Euch freuen, daß unſere Pfade ſich nicht kreuzen.“ Er ging ungeduldig von hinnen; aber erſtaunt und beunruhigt folgte ihm Helen auf der Ferſe, nahm ſchüchtern ſeinen Arm und verſuchte, ihn zu beſchwichtigen. Sie fühlte, daß er Leonard Unrecht that— daß er nicht nußte, wie der junge Mann alle Hoffnung aufgegeben hatte, ſobald er erfuhr, weſſen Verlobte ſie war. Um Leonards willen überwand ſie ihre Verſchämtheit und ſuchte ihm die geeignete Aufklärung zu geben. Aber bei ihren erſten ſcheuen ſtotternden Worten verließ Harley, der nur mit größter Anſtrengung den Sturm ſeines Innern niederzukämpfen vermochte, plötzlich ihre Seite und ſtürzte ſich in das Dunkel der dichten, weithin ſich aus⸗ dehnenden Waldgruppen, die ihn bald ihren Blicken entzogen. Während dieſe Beſprechung zwiſchen Lord LEstrange und ſeinem Schützling ſtattfand, erging ſich der Soit-disunt 1898 Riccabveca mit Violante langſam in dem Garten. Die glänzenden Ausſichten⸗ hatten den Philoſophen, ſoſern der äußere Menſch in Frage kam, nicht geändert, denn er trug noch immer den rothen Regenſchirm und die gewohnte Pfeife. Er ſchlug jetzt mechaniſch den Weg nach dem ſonnigſten Theile des Gartens ein und blickte hin und wieder zärtlich auf Vio⸗ lante's geſenktes, trauriges Antlitz, ſprach aber kein Wort, obſchon nach jedem ſolchen Blicke gleichſam im Einklang mit dem ſchweren Schlage ſeines Herzens eine ſtärkere Wolke aus ſeiner Pfeife aufſtieg. Endlich erreichten ſie eine Stelle, die gegen Süden frei lag und, vor dem ſchneidenden Oſtwind durch dichtes Immer⸗ grün und gegen Norden durch hohe Mauern geſchützt, die mildeſten Strahlen der Novemberſonne zu ſammeln ſchien. Hier hielt Riccabocca an und ſetzte ſich. Auf dem Gelände nach vorn blühten noch Blumen und darüber flatterten die Schwingen jener ſpäteren und ſchöneren Schmetterlinge, die, in den warmen Tagen des engliſchen Sommers unſichtbar, erſt mit dem herbſtlichen Himmel zum Vorſchein kommen und die froſtigen Fußſtapfen des nahenden Winters umſpielen⸗ — Sinnbilder von Gedanken, welche das beſchauliche Alter heimſuchen und erfreuen, ſo lang der Strom noch frei dahin⸗ gleitet, ungehemmt von der Feſſel des Eiſes, und die Blätter zögernd an den Zweigen zittern— von Gedanken, welche die Erinnerungen des hingeſchiedenen Sommers mit der Ahnung von Sonnen in Verbindung bringen, die dem Win⸗ ter folgen werden und die lichteſten, herrlichſten Farben aus⸗ ſtreuen, während der Himmel, zu dem ſie ſich glänzend auf⸗ 5 1899 ſchwingen, düſterer wird und die Blumen, über denen ſie ſchweben, an der Oberfläche der Erde erbleichen, wohl noch Samen ausſtreuend, der aber bald unter der Rinde des Bo⸗ dens ſich dem Auge entzieht. „Tochter,“ ſagte Riccabocca, indem er mit liebkoſen⸗ dem Arm Violante an ſeine Seite zog—„Tochter, Du ſiehſt, wie diejenigen, welche ſich dem Süden zuwenden, noch immer die Sonnenſeite einer Landſchaft auffinden kön⸗ nen. In allen Jahreszeiten des Lebens hängt die Kälte und Wärme nur von dem Standpunkt ab, den wir wählen. Setz' dich nieder und laß ein vernünftiges Wort mit Dir ſprechen.“ Violante nahm gehorſam Platz und umfaßte die Hand ihres Vaters mit den ihrigen. Vernünftiges Wort— ein harter Ausdruck für das Ohr des Gefühls! „Du bebſt ſogar vor der Anſprache, vor der Gegenwart des Freiers zurück,“ fuhr Riccaborca fort,„den als Deinen Bräutigam zu betrachten Dich meine Ehre verpflichtet.“ Violante zog ihre Hände zurück und bedeckte damit ſchaudernd ihre Augen. „Aber,“ nahm Riccabveca ärgerlich wieder auf,„dies heißt nicht der Vernunft Gehör ſchenken. Ich könnte gegen Mr. Leslie Einwendungen erheben, weil weder ſein Rang noch ſein Vermögen ihn zu einem entſprechenden Freier um eine Tochter meines Hauſes machen. Dies wäre ein Grund, den alle Welt bei einem Vater als vernünftig anerkennen würde— es ſey denn,“ fügte der arme Philoſoph mit einem gewaltſamen Anlauf zur Munterkeit bei, indem er nach einem Sprichwort griff, das ihm helfen ſollte—„es ſey 1900 denn, daß dieſe Welt weiſe genug wäre, ſich jenes mahnenden Sprüchleins zu erinnern: Casa il üiglio quando vuoi e la ſiglia quando puof—(verheirathe den Sohn wann duwillſt, und die Tochter wann du kannſt). Wenn ich dieſen Einwurf gegen Mr. Leslie ernſtlich erwäge, ſo ſcheint er mir nicht von der Art zu ſeyn, daß ihn ein Mädchen erheben ſollte, und was Du für vernünftig hältſt, ſtellt ſich mir in einem ganz anderen Lichte dar. Mr. Leslie iſt jung, von nicht üblem Ausſehen, hat die Haltung eines Gentleman, liebt Dich leidenſchaftlich und lieferte den Beweis davon dadurch, daß er gegen den ſchurkiſchen Peschiera ſein Leben auf's Spiel ſetzte— das heißt, er würde es auf's Spiel geſetzt haben, wenn Peschiera nicht aus dem Weg geſchafft worden wäre. Wenn Du alſo der Vernunft Gehör geben willſt, was kannſt Du Vernünftiges gegen Mr. Leslie vorbringen?“ „Vater, ich verabſcheue ihn!“ „Cospetto!“ beharrte Riecabveca ärgerlich,„Du haſt keinen vernünftigen Grund, ihn zu verabſcheuen; denn wenn dies der Fall wäre, mein Kind, ſo ſey verſichert, daß ich der letzte Menſch ſeyn würde, der ihn Dir anfechten wollte. Wie kannſt Du in einer ſolchen Sache mit dieſer Beſtimmtheit ſprechen?— es wäre denn, daß Du einen Anderen geſehen hätteſt. welchen Du vorziehſt. Aber Du kennſt nicht einmal einen Mann von Deinen Jahren— als etwa den Leonard Fairfield; aber wenn ich auch zugebe, daß er ſchöner iſt und mehr Phantaſie und Genius hat als Mr. Leslie, ſo darfſt Du doch nicht vergeſſen, daß der Knabe ein Arbeiter war in meinem Garten. Freilich— da iſt auch noch Frank Hazel⸗ 1901 dean— ein hübſches Bürſchlein— aber ſeine Neigung iſt ſchon anderswo vergeben. Kurz“— fuhr der Weiſe ſtarr⸗ ſinnig fort—„es iſt Keiner vorhanden, den Du in irgend einer flüchtigen Laune dem Mr. Leslie hätteſt vorziehen lön⸗ nen; und wenn ein Mäochen, das keinen Andern im Kopf hat, daron ſpricht, daß ſie einen gut ausſehenden, gut ge⸗ kleideten und geſcheidten jungen Mann verabſcheue, ſo iſt dies— ein Unſinn—'chi lascia il poco per haver l'assai nö'uno, nö laltro avepa maf— was ſich etwa ſo umſchrei⸗ ben läßt: das Mädchen, das einen Sterblichen in der Hoff⸗ nung zurückweist, einen Engel davonzutragen, verliert den einen und wird den anderen nie finden. Nachdem ich Dir nun bewieſen habe, daß die dunklere Seite der Frage im Widerſpruch mit der Vernunft ſteht, ſo wollen wir die hellere in's Auge faſſen. Erſtlich—“ „Oh, Vater, Vater!“ rief Violante leidenſchaftlich, „Ihr, zu dem ich immer kam, um mir Troſt zu holen für jeden lindlichen Schmerz— ſprecht nicht mit mir in dieſer herzzerreißenden Leichtfertigkeit. Seht, ich lege mein Haupt an Eure Bruſt— ich umfange Euch mit meinen Armen— und nun, kann mich Eure Vernunft in mein Elend ſchicken?“ „Kind, Kind, ſey nicht ſo eigenſinnig. Kämpfe wenig⸗ ſtens gegen ein Vorurtheil an, das Du nicht aufkommen laſſen darfſt. Meine Violante, mein Liebling, es handelt ſich nicht um eine Spielerei. Ich muß hier aufhören, der zärtliche, thoͤrichte Vater zu ſeyn, mit dem Du anfangen kannſt, was Du willſt. In dieſem Falle ſpricht Alphonſo, der Herzog von Serrano, denn meine Ehre als Edelmann 1902 und mein Manneswort kömmt dabei in Frage. Als ein hülfloſer Flüchtling, dem jede Hoffnung auf ein beſſeres Schickſal benommen war und der wie eine Memme vor der Argliſt eines gewiſſenloſen Verwandten zitterte, griff ich nach jeder Ausſicht, Dich ſeinen Schlingen zu entreißen, und bot Randal Leslie ſelbſt Deine Hand an— eine Zuſage, die ich mit meinem Wort bekräftigte. Ziemt es mir jetzt, zu⸗ rückzunehmen, was ich damals ſelbſt ſo angelegentlich ſuchte, nachdem mein Vermögen geſichert zu ſeyn ſcheint, die Aus⸗ ſicht auf Zurückerringung meines Ranges vorhanden iſt, der Feind zerdrückt am Boden liegt und ich nichts mehrzu fürch⸗ ten brauche? Nicht der Edle, ſondern der Parvenu iſt es, der nur reich zu werden braucht, um alle Diejenigen zu ver⸗ geſſen, die er in ſeiner Armuth als Freunde gegrüßt hat.“ Soll ich zu der armſeligen Entſchuldigung, die nie von den Lippen eines italieniſchen Fürſten gehört wurde, meine Zu⸗ flucht nehmen, daß ich nicht über den Gehorſam meines Kindes gebieten könne'— mich der bitteren Antwort aus⸗ ſetzen— Herzog von Serrano, du hatteſt einmal Gewalt über dieſen Gehorſam, als du, ein armer in Schrecken leben⸗ der Verbannter, mir eine Braut ohne Morgengabe anboteſt? Kind— Violante— Tochter von Ahnen, auf deren Ehre nie ein Schimpf oder Flecken haftete, ich fordere Dich auf, das verpfändete Wort Deines Vaters einzulöſen!“ „Vater, muß es ſo ſeyn? Iſt mir nicht einmal das *) Quando'1 villano è devenuto ricco Non ha(i. e. riconosce) parente nè amico. Italieniſches Sprüchwort. M— 1903 Kloſter offen? Oh, ſeht mich nicht ſo kalt an. Wenn Ihr nur in meinem Herzen leſen könntet. Und oh! ich fühle ſo feſt die Ueberzeugung in mir, daß Ihr es bereuen werdet — daß dieſer Mann nicht iſt, für was Ihr ihn haltet. Ich argwöhne ſogar, daß er fortwährend im Geheim eine treu⸗ loſe Rolle geſpielt hat.“ „Ha!“ unterbrach ſie Riccabocea,„hat Dich vielleicht Harley mit dieſer Einbildung angeſteckt?“ „Kein— nein. Aber iſt nicht Harley— iſt nicht Lord LEstrange ein Mann, deſſen Anſicht zu achten Ihr alle Ur⸗ ſache habt? Und wenn er ein Mißtrauen in Mr. Leslie ſetzt— „So ſoll eraſein Mißtrauen durch Beweiſe bekräftigen, die mich meines Wortes entbinden, und ich werde dann ebenſo erfreut ſeyn wie Du. Ich habe ihm dies geſagt und ihn auf⸗ gefordert, ſeinem Argwohn eine greifbare Grundlage zu ge⸗ ben— aber er weicht aus. Er kann nichts gegen ihn be⸗ weiſen,“ fügte Riccabocca kleinlaut bei,„denn Randal hat bereits Alles auf's befriedigendſte aufgeklärt, was Har⸗ ley verdächtig ſchien. Violante, mein Name und meine Ehre ſind in Deinen Händen. Tritt ſie mit Füßen, wenn Duwillſt; ich kann Dich nicht zwingen und eben ſo wenig mich zum Flehen herablaſſen. Noblesse oblige— mit Deiner Geburt haſt Du auch ihre Pflichten auf Dich genommen. Mögen ſie entſcheiden, was mehr gelten ſoll, Deine thörichte Laune oder Deines Vaters feierliche Vorſtellung.“ Mit einer Strenge, von der das Vaterherz nichts wußte, 1904 drängte der Verbannte die Arme ſeiner Tochter bei Seite und ging von hinnen. Violante hielt einen Augenblick inne, ſchauderte, ſah ſich um, als wolle ſie der Freude, dem Frieden und der Hoffnung das letzte Lebewohl ſagen, und ging dann mit feſten Schritten ihrem Vater nach. „Ich habe Euch nicht den Gehorſam verweigert, Va⸗ ter,“ ſagte ſie,„ſondern nur meine flehentliche Bitte an Euch gerichtet. Was Ihr mir ſagt, wird mir auch jetzt Geſetz ſeyn, wie es immer der Fall geweſen iſt; und mag kommen was will, nie ſollt Ihr von mir einen Laut der Klage oder des Murrens hören. Armer Vater, Ihr werdet tiefer lei⸗ den als ich. Küßt mich!“ Ungefähr eine Stunde ſpäter, als der kurze Tag be⸗ reits in die Dämmerung überging, kehrte Harley von den einſamen Wanderungen zurück, die er nach ſeiner Beſprechung mit Helen angetreten hatte. Er begegnete auf der Terraſſe vor dem Haus der Lady Lansmere, welche mit Audley Eger⸗ ton Arm in Arm ſpazieren ging. Harley hatte ſich den Hut tief in die Stirne gedrückt und die Augen auf den Boden geheftet, ſo daß er des luſt⸗ wandelnden Paares nicht gewahr wurde, bis ihn Audley's Stimme aus ſeinen Träumen aufſchreckte. „Mein theurer Harley,“ ſagte der Erminiſter mit einem matten Lächeln,„Du mußt nicht an uns vorübergehen, nun Dir die Sorgen der Wahl eine augenblickliche Muße gönnen. Ich ſehe ja ſo gar wenig von Dir, obſchon wir unter dem⸗ ſelben Dache wohnen.“ ——— — ch en ei⸗ en ng ſſe er⸗ ckt ſt⸗ 8 em un m⸗ 1905 Lord LEstrange ließ einen raſchen Blick gegen ſeine Mutter hinſchießen, als wollte er fagen:„Ihr lehnt auf Audley's Arm. Habt Ihr Euer Verſprechen gehalten?“ Und das Auge, welches dem ſeinigen begegnete, beruhigte ihn. „Es iſt wahr,“ verſetzte Harley;„aber Du wirſt mich entſchuldigen, weil Du ja ſelbſt weißt, daß man kein Herz mehr hat für die Bande des Privatlebens, wenn man einmal in die öffentlichen Angelegenheiten verſtrickt iſt. Auch liegt ſo un⸗ gemein viel an dieſer Wahl.“ „Und Ihr, Mr. Egerton,“ nahm Lady Lansmere das Wort,„der Ihr doch bei der Wahl am meiſten betheiligt ſeyd, ſcheint das Vorrecht zu haben, allein den gleichgültigen Zu⸗ ſchauer zu ſpielen.“ „Ja— aber der Erfolg iſt Dir doch nicht gleichgültig?“ fragte Lord LEstrange abgebrochen. „Nein. Wie wäre dies möglich, da meine ganze künf⸗ tige Laufbahn davon abhängt?“ Harley zog Egerton bei Seite. „Ein Wähler iſt wenigſtens vorhanden, den Du be⸗ ſuchen und ihm danken ſollteſt. Man kann ihm nicht begreif⸗ lich machen, daß er um irgend eines Verwandten„ja ſogar um ſeines eigenen Sohns willen gegen die Blauen, alſo gegen Dich, ſtimmen ſollte. Ich meine natürlich Nora's Vater, John Avenel. Seine und ſeines Schwiegerſohns Stimme haben Dir bei der erſten Wahl die Majorität verſchafft.“ Egerton.—„John Avenel beſuchen? Biſt Du bei ihm geweſen?“ Harley(tuhig).—„Ja. Der arme alte Mann— Bulwer, meine Novelle. 120 1906 ſein Geiſt iſt wirr ſeit Nora's Tod. Aber Dein Name als der des Wahleandidaten aus jener Zeit— des ſiegreichen Can⸗ didaten, für deſſen Triumph der Klang der Freudenglocken ſich in das Leichengeläute miſchte— Dein Name ruft ihm die Erinnerung an ſie zurück, und er ſpricht in einem Athem von ihr und von Dir. Komm— wir wollen mit einander nach ſeinem Haus gehen; es liegt nicht weit von dem Pfört⸗ nerhüttchen.“ Die Tropfen ſtanden auf Audley's Stirne. Mit weh⸗ müthigem Staunen heftete er die dunkeln ſchönen Augen auf Harley's ruhiges Geſicht. „Harley, ſo haſt Du endlich die Vergangenheit vergeſſen.“ „Nein; aber die Gegenwart iſt gebieteriſcher, und es ſind alle meine Anſtrengungen nöthig, um Deine Freund⸗ ſchaft zu vergelten. Du trittſt auf gegen ihren Bruder— — und doch ſtimmt ihr Vater für Dich. Und ihre Mutter ſagt zu dem Sohn: Laß den alten Mann gewähren! Das Gewiſſen iſt Alles, was noch in ihm lebt, und er glaubt, er würde ſich gegen die Ehre verſündigen, wenn er gegen die Blauen ſtimmte.— Ein Wählervorurtheil, würde ein Skeptiker ſagen. Aber dieſer Zug Menſchennatur muß Dich rühren— zumal an ihrem Vater— Dich, Audley Eger⸗ ton, der Du die Seele der Ehre biſt. Was wandelt Dich an?“ Egerton.—„Nichts— ein Herzkrampf— meine alte Beſchwerde. Gutz ich will den armen Mann beſuchen — aber ſpäter, nicht jetzt— und nicht mit Dir. Nein, nein, ich will nicht— ich kann nicht. Harley, in dem Augenblick, gls Du zu uns kamſt, ſprach ich mit Deiner Mutter.“ der an⸗ ken hm der rt⸗ eh⸗ gen 1907 Harley.—„So— und von was?“ Egerton.—„Von Dir. Ich ſah Dich von meinem Fenſter aus mit Deiner Verlobten ſpazieren gehen und be⸗ merkte ſpäter, daß ſie allein zurückkam. Ich konnte ihr ſanf⸗ tes Geſicht nur flüchtig in's Auge faſſen; aber es ſchien trau⸗ rig zu ſeyn. Harley, täuſcheſt Du uns?“ Harley.—„Täuſchen— ich!— Wie ſo?“ Egerton.—„Fühlſt Du wirklich, daß Deine beab⸗ ſichtigte Heirath Dir das Glück verleihen wird, um das ich zum Himmel für Dich flehe, wie es ein Gegenſtand des Gebets für Deine Mutter ſeyn muß?“ Harley.—„Glück— ich hoffte ſo. Aber vielleicht—“ Egerton.—„Was willſt Du mit dieſem vielleicht?“ Harley.—„Vielleicht findet die Heirath nicht ſtatt. Vielleicht habe ich einen Nebenbuhler— keinen offenen, ſon⸗ dern einen geheimen, verſtohlenen Werber— und dazu noch in einem Menſchen, dem ich Dienſte geleiſtet und Liebe und Vertrauen geſchenkt habe. Frag mich nicht weiter. Aus ſolchen Beiſpielen von Verrath lernt man eine ehrliche, auf⸗ opfernde und treue Freundſchaft, wie die Deinige, Audley Egerton, nur um ſo höher ſchätzen. Doch da kömmt Dein Schützling, der für eine kleine Weile von den Mühen der Wahlbewerbung ausruhen will, und Dein vertrauter Be⸗ rather, Baron Levy. Er begleitete heute Randal auf ſeinem Umgang durch die Stadt; ſo angelegentlich ſorgt er dafür, daß der junge Mann kein falſches Spiel treiben könne und ſein eigenes Intereſſe dem Deinigen vorziehe. Würde dies Dich überraſchen?“ 120* 1908 Egerton.—„Du biſt zu ſtreng gegen Randal Leslie. Er iſt wohl ehrgeizig und weltlich, und ſeinem Herzen ſteht kein Ueberfluß von Zuneigung zu Gebot—“ Harley.—„Iſt es Randal Leslie, den Du ſo ſchilderſt?“ Egerton(mit mattem Lächeln).—„Ja; Du ſiehſt, ich ſchmeichle nicht. Aber er iſt zum Gentleman geboren und erzogen und wird als ſolcher ſich kaum etwas Gemeines zu Schulden kommen laſſen. Und im Grunde muß er mit mir ſich heben oder fallen. Dies wird ihm ſein eigener Verſtand ſagen. Ich bitte Dich indeß wiederholt, ſuch' nicht, mich gegen ihn einzunehmen. Ich bin ein Mann, der einen Sohn hätte lieben können, und da ich keinen habe, ſo erſcheint mir Randal, ſo wie er iſt, als eine Art Sohn. Um ſeinet⸗ willen gehen meine Entwürfe und meine Theilnahme an der Menſchenwelt über das Ziel des Grabes hinaus.“ Audley wandte ſich freundlich an Randal. „Nun, Leslie, welchen Bericht bringt Ihr über den Stand der Dinge?“ „Levy hat das Wahlbuch, Sir. Ich denke, wir haben zehn neue Stimmen für Euch und ſieben für mich gewonnen.“ „Erlaubt mir, Euch Euer Buch abzunehmen, Baron Levy,“ ſagte Harley. In demſelben Augenblicke näherten ſich Riccabocca und Violante ſchweigend dem Hauſe. Sobald der Italiener Randal bemerkte, gab er ihm durch einen Wink zu ver⸗ ſtehen, daß er ſich ihnen anſchließen ſolle. Der junge Lieb⸗ haber ließ einen furchtſamen Blick nach Harley hingleiten, eilte dann behend vorwärts und befand ſich bald an Vio⸗ lie. eht ich und zu mir and ich nen int et⸗ der den ben n.“ ron und ener ver⸗ ieb⸗ ten, Bio⸗ 1909 lante's Seite. Aber kaum hatte Harley, von Randals plötzlichem Verſchwinden überraſcht, die Urſache wahrgenom⸗ men, als auch er eben ſo abgebrochen die leiſe Beſprechung, die er mit Levy angeknüpft, abbrach, Randal haſtig nach⸗ ging und ihm die Hand auf die Schulter legte, indem er ausrief: „Ich muß euch alle Drei zehntauſendmal um Verzei⸗ hung bitten, kann aber nicht zugeben, daß Ihr nicht nach allen Kräften Eure Zeit benützt, Mr. Leslie. Ihr habt noch eine Stunde, bis es dunkel wird, und es befinden ſich ſechs (engl.) Meilen von hier drei auswärtige ſtimmberechtigte einflußreiche Farmer, bei denen Ihr in Perſon Eure Wer⸗ bung vorbringen müßt. Der Verwalter meines Vaters ſoll Euch begleiten. Hurtig in den Stall und wählt Euch die Pferde aus. In den Sattel— in den Sattel! Baron Levy geht und beauftragt Smart, den Verwalter des Gra⸗ fen, daß er Mr. Leslie nach dem Stall führe; dann kommt wieder zu mir zurück— ſchnell! Wie, Ihrzögert, Mr. Leslie? Ihr macht noch, daß ich aus Unwillen über Eure Trägheit und Unthätigkeit Eure ganze Sache fallen laſſe.“ Durch dieſe Drohung erſchreckt erhob Randal anklagend ſeine Augen gen Himmel und entfernte ſich. Inzwiſchen hatte ſich Audley wieder der Gräfin Lansmere genähert, welche gedankenvoll auf dem Terraſſengeländer lehnte. „Habt Ihr bemerkt,“ ſagte Audley flüſternd,„wie Harley vorwärts eilte, als er der ſchönen Italienerin anſich⸗ tig wurde? Verlaßt Euch darauf, daß ich Recht hatte, 19¹⁰ Zwar kenne ich die junge Dame nur wenig, habe mich aber ſchon mit ihr unterhalten und in ihrem Geſicht geleſen. Wenn Harley je wieder lieben kann und die Liebe im Stand iſt, einen erhebenden Einfluß auf ſeinen Geiſt zu üben, ſo wünſcht mit mir, daß ſeine Wahl dahin falle, wohin, wie ich glaube, ſein Herz ſich neigt.“ Lady Lansmere.—„Oh, daß es ſo wäre! Ich gebe zu, daß Helen bezaubernd iſt; aber— aber— Violante ſteht ihm gleich durch ihre Geburt! Wißt Ihr nicht, daß ſie mit Eurem jungen Freund Mr. Leslie verlobt iſt?“ Audley.—„Randal hat mir davon geſagt; aber ich kann es nicht glauben. Auch habe ich in der That die Gelegenheit erfaßt, das Herz dieſes ſchönen Weſens auszu⸗ forſchen, und wenn ich anders etwas von Frauenzimmern verſtehe, ſo iſt keine Zuneigung zu Randal vorhanden. Ich fann von ihr nicht annehmen, daß ihre Gefühle ſo ſchwach ſeyen, um leicht im Zaum gehalten zu werden, und es er⸗ ſcheint mir nicht glaubhaft, daß ihr Vater den Wunſch hat, eine Verbindung zu erzwingen, die faſt als eine mésalliance erſcheint. Randal muß ſich ſelbſt täuſchen, und aus einer Aeußerung, die Harley eben in unſerer kurzen aber peinlichen Beſprechung fallen ließ, möchte ich folgern, daß ſein Ver⸗ hältniß zu Miß Digby abgebrochen iſt. Er verſpricht, ſpäter mehr darüber zu ſagen. Ja,“ fuhr Audley traurig fort, „beobachtet Violaute's Antlitz mit ſeinem ſtets wechſelnden Spiel, hört auf ihre Stimme, welche das Gefühl zur aus⸗ drucksvollſten Muſik zu machen ſcheint, und ſagt mir, ob Euch dies nicht erinnert an— an— Mit einem Wort, wir 19¹¹ haben hier ein Weſen, das ſogar ohne Rang oder Vermögen würdig wäre, Leonora's Bild zu erſetzen und Harley's Gat⸗ tin zu werden— was bei Leonora nicht der Fall war; denn ich bin überzeugt, daß Violante ihn liebt.“ Nittlerweile hatte Harley bei Riccabocca und Violante geſtanden und, da nur von gleichgültigen Dingen die Rede war, von dem Erſteren nur kurze, von der Letzteren gar keine Antwort erhalten. Da zog mit einemmal der Weiſe ihn ein wenig bei Seite und flüſterte ihm zu: „Sie hat eingewilligt, meiner Ehre das Opfer zu brin⸗ gen. Aber, Harley, es würde mir das Herz brechen, wenn ſie unglücklich ſeyn ſollte. Entweder müßt Ihr einen zu⸗ reichenden Beweis von Randals Unwürdigkeit beibringen und ſo mich meiner Zuſage entbinden— oder ich bitte Euch aber⸗ mals flehentlich, daß Ihr verſuchet, das arme Kind zu ſeinen Gunſten zu ſtimmen. Alles, was Ihr ſagt, hat bei ihr Ge⸗ wicht, und ſie achtet in Euch— einen zweiten Vater.“ Harley ſchien ſich durch dieſe letztere Verſicherung nicht beſonders geſchmeichelt zu fühlen, wurde aber einer unmittel⸗ baren Erwiederung durch das Erſcheinen eines Mannes ent⸗ hoben, der aus der Richtung des Stalles herkam und deſſen beſtaubter, mit Koth beſpritzter Reiſeanzug einen Courier aus dem Ausland zu bekunden ſchien. Kaum war Harley dieſes Menſchen anſichtig geworden, als er ihm entgegeneilte und ihn mit kurzen, raſchen Worten anredete: „Ihr ſeyd ſehr behend geweſen; ich erwartete Euch nicht ſo bald. Habt Ihr die Spur entdeckt? Iſt mein Brief übergeben?“ 1912 „Ja, und ich bringe eine Antwort darauf mit, mein Lord,“ verſetzte der Mann, indem er ein Schreiben aus der an ſeiner Seite hängenden Ledertaſche herausholte. Harley riß das Siegel auf und überblickte den Inhalt, der nur aus einigen Zeilen beſtand. „Gut. Sagt Niemand, woher Ihr kommt. Auch braucht Ihr Euch hier nicht aufzuhalten. Kehrt ſchleunigſt nach London zurück.“ Als ſich Harley wieder dem Italiener anſchloß, zeigte ſein Geſicht eine ſo ungewöhnliche Heiterkeit, daß der Herzog ausrief:— „Eine Depeſche von Wien! Meine Zurückberufung!“ „Von Wien, mein theurer Freund? Noch nicht mög⸗ lich. Ich kann nicht erwarten, daß früher als einen oder zwei Tage vor dem Schluß der Wahl eine Nachricht von dem Fürſten einläuft. Aber Ihr wünſcht, daß ich mit Violante ſpreche. Leiſtet inzwiſchen meiner Mutter dort Geſellſchaft. Was kann ſie Egerton mitzutheilen haben? Ich will bei Seite einige Worte an Eure ſchöne Tochter richten und da⸗ mit wenigſtens die Theilnahme bekunden, die an ihrem Schickſal— ihr zweiter Vater nimmt.“ „Gütigſter der Freunde!“ verſetzte der argloſe Schüler Macchiavels und begab ſich nach der Terraſſe. Violante wollte ihm folgen. Harley hielt ſie zurück. „Geht nicht, bis Ihr mir gedankt habt; denn Ihr ſeyd nicht die edle Violante, für die ich Euch halte, wenn Ihr Euch nicht zu Dank verpflichtet fühlt gegen Jeden, der Euch — 1913 von der Gegenwart eines Bewunderers wie Mr. Randal Leslie befreit.“ Violante.—„Muß ich dies von einem Manne hören, von dem— von dem—“ Harley.—„Euer Vater ſo hartnäckig verlangt, daß er gegen Euren Willen ſich Euch auforänge. Dennoch, mein theures Mädchen, werde ich wenigſtens Euch, die Ihr faſt noch ein Kind ſeyd und nicht wißt, welche Schlingen und Fallgruben für alle vertrauenden Seelen ſelbſt unter dem Raſen verborgen ſind, welche der Frühling mit ſeinen ſchön⸗ ſten Blumen bekleidet— die Ihr Eure kleinen Arme um meinen Nacken ſchlanget und mit Eurer mufikaliſchen Stimme mir zurieft:„Rettet uns— rettet meinen Vater!— Euch wenigſtens werde ich nicht verlaſſen in einer Gefahr, ſchlim⸗ mer als die, welche Euch damals drohte— in einer Gefahr, die für Euch mehr Schrecken hat als diejenige, welche Euch in Peschiera's Schlingen drohte. Mag Randal Leslie in den gemeineren Zielpunkten ſeines Ehrgeizes glücklich ſeyn; ich überlaſſe ſie ihm mit Verachtung— aber Euch!— der anmaßende Schurke!“ Halb erſtickt vor Unwillen hielt Harley einen Augen⸗ blick inne und fuhr dann ruhig wieder fort: „Verlaßt Euch auf mich und fürchtet nichts. Ich will dieſe Hand bewahren vor der Entweihung durch Randal Leslie's Berührung— und dann möge für immer jede ſanfte Regung hinfahren. Vor mir breitet ſich eine will⸗ kommene Einſamkeit aus. Die Unſchuld gerettet— dem Ehrenmann Recht geſchafft— der Treuloſe geſchlagen durch 19¹4 den Arm einer gerechten Vergeltung— und dann— was dann? Je nun, ich werde wenigſtens den Macchiavel mit mehr Erfolg ſtudirt haben als Euer weiſer Vater, und kann ihn bei Seite legen, weil ich nicht erſt von der Philoſophie die Lehre zu holen brauche, daß ich mich nie wieder täuſchen laſſen möge.“ Seine Stirne verdüſterte ſich und er entfernte ſich plötz⸗ lich, während Violante erſtaunt und voll Furcht, aber doch in einem unbeſtimmten Entzücken zurückblieb, das bei weitem die übrigen Gefühle überwog. Einundzwanzigſtes Kapitel. Nach den Anſtrengungen des Tages hatte ſich Ran⸗ dal in das Heiligthum ſeines Zimmers zurückgezogen und ſaß an dem Tiſch, um die Hauptzüge der wichtigen Rede zu entwerfen, die er nun ſehr bald an dem Tage der Ernen⸗ nung zu halten beabſichtigte— wohl eine wichtige Rede, wenn er Angeſichts von Feinden und Freunden, in Gegen⸗ wart der Londoner Berichterſtatter und im Getümmel der widerſtreitenden Intereſſen, die er in dem ausſchließlichen des Randal Leslie zu vereinigen ſuchte, aufgefordert wurde, eine förmliche Auseinanderſetzung ſeiner politiſchen Anſichten zu geben. Er war in der That keiner von jenen Sprechern, welche Beſcheidenheit, der Wunſch, nicht gegen den guten Geſchmack zu verſtoßen, oder das ſelbſtbewußte Streben nach Wahrheit geneigt macht, ſich der Mühe einer ſchriftlichen 51 as nit nn hie en och em an⸗ und zu en⸗ ede, gen⸗ der des eine nzu ern, uten nach 191⁵ Abfaſſung zu unterziehen. Er war zu gewandt, als daß ihm nicht ſtets ein geläufiger Periodenbau und die geſchickte Einmengung von Gemeinplätzen, das gewöhnliche Material eines oratoriſchen Stegreifvortrags, zu Gebot geſtanden hätte— beſaß zu wenig Geſchmack für das Schöne, um zu ſtudiren, welche anmuthige Wendung einem edlen Satz die meiſte Zierde verleihe— und hatte ein zu ſtumpfes Gewiſſen, um ſich darum zu kümmern, ob auch der populäre Stoff frei ſey von den Träbern, welche in der Regel ein ſorgloſes Sichgehenlaſſen in einem ertemporirten Vortrag um ſich her ſtreut. Aber der gegenwärtige Anlaß war kein gewöhnlicher und forderte ein ſehr beſonnenes Studium nicht ſo faſt von dem Redner, ſondern von dem Heuchler. Eine harte Auf⸗ gabe, den Blauen zu gefallen und nicht bei den Gelben an⸗ ſtoßen— auf Audley Egertons Seite zu erſcheinen und doch die Sympathie mit Dick Avenel merken zu laſſen— mit höflichem Lächeln dem jüngeren Opponenten entgegenzutreten, deſſen Worte wie Pfeile ſeine Eitelkeit durchbohrt und um ſo mehr einen bitteren Groll zurückgelaſſen hatten, weil ſein Gewiſſen ſich ſagen mußte, daß ſie nicht unverdient waren. Er hatte bereits ſeine Feder in die Tinte getaucht und das Papier vor ſich geglättet als ein Klopfen an der Thüre ſich vernehmen ließ. „Herein!“ rief er ungeduldig. Und Leyy ſchlenderte nachläſſig herein. „Ich komme, um über den Stand der Dinge mit Euch zu ſprechen, mon cher,“ ſagte der Baron, ſich auf das 1916 Sopha werfend.„Und zuvörderſt wünſche ich Euch Glück zu Euren guten Ausſichten auf günſtigen Erfolg.“ Randal verſchob die beabſichtigte Abfaſſung ſeines Auf⸗ ſatzes mit einem haſtigen Seufzer, rückte ſeinen Stuhl an das Sopha und entgegnete mit einer Stimme, deren Laute ſich zu einem Flüſtern ermäßigten: „Ihr ſeyd alſo mit mir der Meinung, daß die Chance meines Erfolgs gut ſey?“ „Chance? Ei, es iſt eine Whiſtpartie, in welcher Euer Freund Euch allen Gewinn läßt und Ihr bei dem Gegner faſt ſicher auf den Rückzug rechnen dürft. Allerdings muß entweder Avenel oder ſein Neffe durchkommen; aber von beiden iſt nicht die Rede. Zwei parvenus ſollten danach trach⸗ ten, einen gräflichen Wahlbezirk zu ihrem Familieneigenthum zu machen— pah, zu abgeſchmackt!“ „Ich höre von Riccaboeca oder vielmehr von dem Herzog di Serrano, daß dieſer junge Fairfield dem Lord L'Estrange zu großem Danke verpflichtet iſt. Sehr ſeltſam, daß er gegen den gräflichen Einfluß auftritt.“ „Ehrgeiz, mon cher. Ihr ſelbſt ſteht unter ähnlichen Verpflichtungen gegen Mr. Egerton; und doch hat er in Wirklichkeit mehr von Euch zu fürchten als von Mr. Fairfield.“ „Ich erkenne keine Verpflichtung gegen Mr. Egerton an. Und wenn die Wähler mich lieber wollen als ihn, den ſie, beiläufig bemerkt, ſchon einmal im Bilde verbrannt haben, ſo iſt es nicht meine Schuld, ſondern vielmehr die ſeines theuerſten Freundes LEstrange. Ich begreife nicht, wie ein Mann von dem klaren Verſtand, welchen ohne Zweifel 5 „ —„——+—„— an ute nee uer ner uß oon ch⸗ um am, hen in ld.“ ton den ben, ines wie eifel 1917 LEstrange beſitzt, Egertons Erwählung durch ſeinen Eifer für die meinige auf's Spiel ſetzen kann. Auch täuſchen mich ſeine förmlichen Höflichkeiten nicht. Er hat ſogar angedeu⸗ tet, daß er mich beargwöhne, als habe ich Peschiera in ſei⸗ nen Anſchlägen auf Violante Vorſchub geleiſtet. Freilich kann er ſeinen Verdacht durch nichts begründen— und Ihr, Levy, werdet mich natürlich nicht verrathen?“ „Ich? Welchen Vortheil könnte ich möglicherweiſe daraus erringen?“ „Allerdings keinen, ſo viel ich ſehen kann,“ verſetzte Randal, die Lippe zu einem Lächeln verziehend.„Und wenn ich in's Parlament komme, ſo bieten ſich mir, unterſtützt von der geſellſchaftlichen Stellung, die mir durch meine Heirath zu Theil wird, ſo mancherlei Wege, Euch zu dienen. Nein; es liegt ſicherlich nicht in Eurem Intereſſe, mich zu verrathen. und ich werde mich auf Euch als auf einen Zeugen berufen, wenn ein Zeugniß nöthig werden ſollte.“ „Ihr könnt ohne Beanſtandung auf mich zählen, mein lieber Freund,“ ſagte der Baron.„Und ich denke, von der anderen Seite her wird es keine Zeugen geben. Es iſt für alle Ewigkeit aus mit meinem armen, lieben Freund Peschiera, deſſen Cigarren, beiläufig bemerkt, unvergleichlich waren— ich möchte wiſſen, ob es ähnliche im Handel gibt. Und ſelbſt wenn er nicht abgeſponnen hätte, ſo könnte er ſich nicht verſucht fühlen, Euch, ſondern dem Lord LEstrange etwas am Zeuge zu flicken.“ „Wir können den Peschiera aus der Karte der Zukunft ſtreichen,“ verſetzte Randal.„Menſchen, von denen wir —— — —————— 1918 fortan weder etwas zu hoffen noch zu fürchten haben, ſind für uns wie die Völker vor der Sündfluth.“ „Eine ſchöne Bemerkung,“ entgegnete der Baron be⸗ wundernd.„Peschiera war zwar nicht ohne Gehirn, gab uns aber ein Beiſpiel des vollſtändigſten Fehlſchlagens. Und wenn das Fiasco eines Mannes, dem ich zu dienen verſuchte, unverbeſſerlich iſt, ſo gebe ich ihn ganz und gar auf. An dieſe Regel hab' ich mich mein Leben lang gehalten.“ „Dies iſt natürlich,“ ſagte Randal. „Allerdings natürlich,“ erwiederte der Baron.„An⸗ dererſeits wißt Ihr, daß ich gerne hoffnungsvollen jungen Männern, die ſich auszeichnen, Vorſchub leiſte. Ihr ſeyd in der That zum Verwundern geſcheidt; aber wie kömmt es, daß Ihr nicht beſſer ſprecht? Erlaubt mir die Bemerkung, daß ich zweifle, ob Ihr im Haus der Gemeinen alles Das leiſten werdet, was ich von Eurer Gewandtheit und ſchnellen Beſonnenheit im Privatleben erwartete.“ „Weil ich mich nicht auf die gemeine Zungendreſcherei verſtehe, die einem Pöbelhaufen gefällt? Pah! Ich werde Glück haben, wo immer das Wiſſen wirkliche Macht iſt. Außerdem müßt Ihr auch meine hoölliſche Lage in Rechnung nehmen. Ihr wißt ja, daß im Grunde Avenel, ob er nun ſich oder ſeinen Neffen durchſetze, die Wahl des Candidaten auf unſerer Seite in ſeinen Händen hat. Ich darf ihn nicht angreifen— und eben ſo wenig ſeinen unverſchämten Neffen—“ „Unverſchämt? Nicht doch; aber er gebietet über eine bittere Beredſamkeit und ſetzt Euch hart zu. Ihr ſeyd ihm ind be⸗ ab nd te, eſe ln⸗ en yd es, g⸗ s len rei rde g un en cht ten ine 191¹⁸ vor einer Zuhörerſchaft aus dem Volk nicht gewachſen, Ran⸗ dal, obſchon en petit comité der Teufel ſelbſt Euch kaum überbieten dürfte. Doch um jetzt auf einen ernſteren Punkt zu kommen: Eure Erwählung werdet Ihr durchſetzen, und die Braut iſt Euch zugeſagt; aber die alten Leslie⸗Lände⸗ reien, die zur Zeit ſich im Beſitz des Squire Thornhill be⸗ finden, gehoren Euch noch nicht und ſtehen in großer Gefahr, für Euch verloren zu gehen. Ich wollte Euch dieſen Mor⸗ gen nichts davon ſagen, weil es Euch in der Wahlwerbung hätte verſtimmen können; aber ich habe von Thornhill ſelbſt ein Schreiben erhalten. Man hat ihm ein Anerbieten auf das Eigenthum gemacht, das nur tauſend Pfund weniger be⸗ trägt, als er zu erlöſen wünſcht. Ein City⸗Alderman, Na⸗ mens Jobſon, iſt der Liebhaber— wie es ſcheint, ein Mann von großen Mitteln und wenig Worten. Er hat den Tag beſtimmt, an welchem er eine entſcheidende Antwort haben will, und das Datum fällt auf den— ſten, alſo zwei Tage nach dem Lansmerer Wahlakt. Der Protz erklärt, daß er ſein Geld anderswo anlegen werde, wenn Thornhill bis dahin nicht auf ſeine Bedingungen eingegangen ſey. Da nun mein Auftraggeber auf dieſes Angebot eingehen will, wenn ich ihm nicht mit Beſtimmtheit eine beſſere Zuſage machen kann, und die Mittel, auf welche Ihr rechnetet, im Falle die Heirath Peschiera's mit Violante und Frank Hazeldeans mit Madame di Negra ſtattgefunden hätte, Euch entgangen ſind, ſo ſehe ich nicht ein, wie Ihr in gehöriger Zeit die er⸗ forderliche Summe beizuſchaffen im Stande ſeyn werdet, 1920 und die alten Ländereien der Leslie müſſen demnach mit ihren Einkünften an einen Jobſon übergehen.“ „Nichts auf Erden liegt mir ſo am Herzen als dieſes frühere Eigenthum meiner Vorfahren,“ ſagte Randal mit ungewöhnlicher Heftigkeit.„Meine Verehrung gilt nicht ſon⸗ derlich den Lebenden, deſto mehr aber den Todten. Und meine Heirath wird ſo bald ſtattfinden, und die Morgengabe ſollte doch dieſen ärmlichen Vorſchuß, der da erforderlich iſt, reich⸗ lich decken.“ „Ja; aber die bloße Ausſicht auf die ehliche Verbin⸗ dung mit der Tochter eines Mannes, auf deſſen Güter der Staat die Hand gedeckt hat, iſt keine Sicherheit für ein Geld⸗ darlehen.“ „Aber doch,“ verſetzte Randal,„könntet Ihr, der Ihr mir einmal Aushülfe anbotet, als meine Verhältniſſe viel zweideutiger ſtanden, mir jetzt als Freund dieſes Anleihen machen und die Titelurkunden des Beſitzthums in Handen behalten als—“ „Als ein Gläubiger,“ ergänzte der Baron mit einem ſcherzhaften Lachen.„Nein, mon cher. Die Hälfte der erforderlichen Summe will ich Euch vorſchießen, aber die andere Hälfte wäre mehr, als der Freund erſchwingen oder ein Geldausleiher wagen kann. Auch wäre es außer aller Regel und würde meinem Charakter Abtrag thun, wenn in dem Falle, daß die Beſitzungen wegen verabſäumter Zah⸗ lung in meine Hände übergingen, ſich herausſtellte, daß ich der wahre Käufer des Eigenthums geweſen ſey, das mein Klient in ſeiner Bedrängniß veräußerte. Doch eben fällt mir ei di li N un mit ieſes mit ſon⸗ eine ollte eich⸗ bin⸗ der el⸗ Ihr viel hen den der die der ller in ah⸗ ein mir 1921 ein— hat Euch nicht Squire Hazeldean ſeinen Beiſtand in dieſer Angelegenheit verſprochen?“ „Ja,“ antwortete Randal;„er wollte mir dazu behülf⸗ lich ſeyn, ſobald er ſich die Heirath Franks mit Madame di Negra aus dem Sinn geſchlagen hätte. Es war meine Ab⸗ ſicht, ſogleich nach der Wahl einen Beſuch in Hazeldean zu machen. Aber wie kann ich früher von hier abkommen?“ „Wenn Ihr jetzt geht, ſo iſt die Wahl für Euch ver⸗ loren. Aber warum nicht an den Squire ſchreiben?“ „Es iſt gegen meinen Grundſatz, zu ſchreiben, wo ich ſprechen kann. Indeß habe ich keine andere Wahl, und ſo muß ich wohl zur Feder greifen. Inzwiſchen könnt Ihr Euch mit Thornhill ins Vernehmen ſetzen. Macht ihm Hoffnung und verſichert Euch wenigſtens, daß er mit dem gierigen Alderman nicht vor dem von ihm maßgebend feſtge⸗ ſtellten Termin abſchließt.“ „Ich habe dies bereits gethan, und mein Brief iſt ſchon abgegangen. Thut Ihr jetzt das Eurige, und wenn Ihr ſo geſcheidt ſchreibt, als Ihr zu ſprechen verſteht, ſo müßt Ihr das Geld einem ſteinerneren Herzen abſchwatzen können, als das des armen Mr. Hazeldean iſt. Ich verlaſſe Euch jetzt. Gute Nacht!“ Levy nahm ſeinen Leuchter auf, nickte, gähnte und ent⸗ fernte ſich. Randal verſchob noch immer die Abfaſſung ſeiner Rede und ſchrieb ſtatt ihrer die nachſtehende Epiſtel:— „Mein theurer Mr. Hazeldean! „Vor meinem Abgang von London ſchrieb ich Euch Bulwer, meine Novelle. 121 1922 einige haſtige Zeilen, um Euch mitzutheilen, daß die Partie, die Ihr ſo ſehr fürchtetet, abgebrochen ſey, und daß ich den ausführlichen Bericht über den Hergang verſchieben wolle, bis es mir möglich würde, Euch unter Eurem freundlichen und wirthlichen Dache zu beſuchen— einen Ausflug, den ich von hier aus machen zu können hoffte, da Lansmere keine Tagreiſe von Hazeldean abliegt. Aber ich rechnete nicht dar⸗ auf, daß ich hier in einen ſo ſcharfen Kampf gera⸗ then würde. Ich glaube, daß bei keiner Wahl im Königreich die Sache des großen Güterbeſitzes einen denkwürdigeren Triumph davon tragen oder eine er⸗ ſchütterndere Niederlage erleiden dürfte. Denn im Bezirk Lansmere, der ſo ganz vom Ackerbau abhängt, haben wir Oppoſition zu beſtehen von einem gemei⸗ nen, ſchmutzigen Fabrikanten voll der revolutionär⸗ ſten Anſichten, der noch obendrein die Frechheit hat, der Wählerſchaft ſeinen eigenen Neffen aufzudrängen — denſelben Burſchen, den ich für ſeine Unverſchämt⸗ heit auf Eurem Dorfraſen züchtigte und der der Sohn eines geringen Zimmermanns iſt. Ich ſage, er hat die Frechheit, mit aller Gewalt nicht nur dieſen Bauernbuben von Neffen, ſondern auch ſich ſelbſt in die Repräſentantſchaft von Lansmere einzudrängen im Widerſpruch mit dem Intereſſe des Grafen und im Gegenſatz von Eurem ausgezeichneten Bruder— meiner ſelbſt gar nicht zu gedenken. Ihr ſolltet nur hören, welche Sprache dieſe zwei Menſchen gegen daß hen den rde, iche aus eiſe ar⸗ ra⸗ im nen im gt, nei⸗ är⸗ mat, gen mt⸗ ohn hat ſen in im im nur gen 1923 Eure ganze Familie führen! Wenn wir durch ſolche Perſonen in einem Bezirk geſchlagen werden, der für ſo pflichtgetreu gilt, wie Lansmere, ſo darf wohl Je⸗ der, für den bei der Wahl des Landes etwas auf dem Spiele ſteht, bei einem ſolchen Vorzeichen des Ver⸗ derbens zittern, das nicht nur unſere alte engliſche Konſtitution, ſondern den Beſtand des Eigenthums ſelbſt bedroht. Ich brauche wohl nicht zu bemerken, daß ich mich bei einer ſo dringlichen Lage der Dinge nicht ſchonen darf. Außerdem iſt Mr. Egerton un⸗ wohl, und es liegt deshalb die ganze Anſtrengung der Wahlwerbung auf mir. Mein theurer und ver⸗ ehrter Freuno, ich fühle, daß ich, während ich Eure Schlacht kämpfe, ein ächter Hazeldean bin, und dies hält mich in Allem aufrecht. Ich kann Euch daher nicht beſuchen, bis die Wahl vorüber iſt. Weil jedoch ſchon jetzt Euch und der theuren Mrs. Hazel⸗ dean viel daran gelegen ſeyn muß, von der Geſchichte, die euch beiden ſo viel Herzeleid machte, mehr zu erfahren, als ich Euch früher mittheilte oder füg⸗ lich einem Briefe vertrauen kann, ſo genüge Euch einſtweilen die Verſicherung, daß das Schlimmſte vorüber iſt und die Lady England verlaſſen hat. Ich bat Frank, welcher mir den rührenden Brief der Mrs. Hazeldean zu leſen gab, angelegentlich, er ſolle ohne Verzug nach der Halle eilen und die Herzen ſeiner Eltern erleichtern. Leider wollte er von meinem Rathe nichts hören und ſprach dagegen von einer 1924 Reiſe ins Ausland— nicht(wie ich hoffe, ja, wie ich mich ſogar überzeugt fühle) der Madame di Ne⸗ gra nach; aber doch— kurz, es wäre mir ſo lieb, wenn ich Euch ſehen und über das Ganze mit Euch ſprechen könnte. Wäre es Euch nicht möglich, hie⸗ her zu kommen? Ich bitte, thut dies. Und nun muß ich auf die Gefahr hin, daß Ihr mein gegen⸗ wärtiges Schreiben als dem eigenen Intereſſe ent⸗ quollen betrachtet(doch nein— Euer edles engliſches Herz wird mich nicht ſo falſch beurtheilen), mit ein⸗ facher Offenheit beifügen, daß Ihr, wenn Ihr mir ohne Verzug mit dem Anlehen aushelfen wolltet, welches Ihr mir ſeiner Zeit ſo großmüthig anbotet, unſerer Familie die früher beſeſſenen Ländereien retten könntet, welche ſonſt für immer in andere Hände übergehen. Ein gewiſſer Jobſon, ein Alderman aus der City, iſt gemein genug, Thornhills Bedrängniß zu benützen und ihm, weil er verkaufen muß, die Güter unter dem Werthe abzuſpannen. Er hat für die Antwort als letzten Termin den— ſten dieſes Mo⸗ nats anberaumt, und Levy, welcher ſich hier befindet, um für Mr. Egertons Erwählung mitzuwirken, theilt mir mit, daß Thornhill auf das Angebot eingehen werde, wenn ich nicht, vorher mit zehntauſend Pfun⸗ den bereit ſey; die anderen zehn tauſend Pfunde, welche zu Vervollſtändigung des Baarſchuſſes erfor⸗ derlich ſind, will Levy mir leihen. Ihr dürft Euch nicht über die Bereitwilligkeit des Wucherers wundern, wie Ne⸗ ieb, uch hie⸗ nun en⸗ ent⸗ ches ein⸗ mir tet, tet, tten inde aus niß die für Mo⸗ det, heilt ehen fun⸗ nde, rfor⸗ Fuch E 1925 denn er weiß, daß ich im Begriff bin, eine ſehr reiche Erbin zu heirathen(Ihr werdet Euch freuen, wenn Ihr hört, wer die Braut iſt, und Euch dann meine Gleichgültigkeit gegen Miß Sticktorights erklären tönnen) und ihre Morgengabe wird mich überflüſſig in den Stand ſetzen, ſein Anlehen und das Eurige zurückzuzahlen, wenn ich auf Eure großmüthige Zu⸗ neigung zu dem Enkel einer Hazeldean bauen darf! Ich trage um ſo weniger Bedenken, mich in dieſer Angelegenheit an Euch zu wenden, da ich weiß, wie es Euch verdrießen würde, wenn ein Jobſon, der viel⸗ leicht nie eine Großmutter kannte, Euren eigenen Verwandten von den Beſitzungen ſeiner Väter ver⸗ drängte. Jedenfalls bin ich überzeugt— wir Squire und Söhne von Squiren müſſen gemeinſchaftliche Sache machen gegen die großen Kapitaliſten, wenn ſie nicht uns alle ſchon nach wenigen Generationen ausgekauft haben ſollen. Die alte Race der Land⸗ gentlemen wird jetzt ſchon immer kleiner in den hab⸗ gierigen Krallen dieſer Leviathane, und iſt ſie ein⸗ mal ganz erloſchen, was ſoll dann aus dem Stolz und aus der Kraft Englands werden? „Der Eurige, mein theurer Hazeldean, mit der anhänglichſten und dankbarſten Hochachtung Randal Leslie.“ ——————— —————— 1926 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Nichts konnte für Leonard widerlicher und peinlicher ſeyn, als ſeine Betheiligung an jener denkwürdigen Wahl. Erſtlich riß es die alten Wunden ſeines Herzens wieder auf, daß er genöthigt war, den Namen Fairfield wieder anzu⸗ nehmen und dadurch ſtillſchweigend ſeine Herkunft anzuer⸗ kennen. Er hatte ſich ſo wohl darin gefallen, daß dieſelben Buchſtaben, welche der Name Nora enthielt, auch den Na⸗ men Oran bildeten, der durch ihn bereits einen guten Klang gewonnen und mit dem alle ſeine edleren Bemühungen, ſeine Hoffnungen auf einen andauernden Ruhm in Verbindung ſtanden; er ſah darin ein geheimnißvolles Kettenglied zwiſchen ſeiner eigenen Laufbahn und dem unbekannteren Genius ſeiner Mutter. War es ihm doch, als verleihe dieſer Name ihr die Ehren, welche ihm zu Theil wurden— eine zarte und edle Vorſtellung von Liebe, deren nur die Dichter fähig ſind, obſchon vielleicht auch andere Perſonen, als Dichter, ſie begreifen können. Der frühere Name Fairfield erinnerte ihn an alle die roheren Beſchäftigungen und niedrigeren Prü⸗ fungen ſeiner Knabenzeit; an den Namen Oran aber heftete ſich Poeſie und Ruhm. Er war ſein Titel in der Welt der Ideale mit ihren ſchönen Geſtalten und Geiſtern. Mit dem Wiederaneignen der alten Benennung kehrte wie auf einen Zauberſpruch die praktiſche Welt mit ihrer Bitterkeit und ihrem Ringen wieder zu ihm zurück. Sobald er aber nach Lansmere ging, blieb ihm keine andere Wahl. Wenn auch, wie nicht zu erwarten ſtand, bei Dick und Dicks Eltern icher ahl. auf, nzu⸗ uer⸗ lben Na⸗ lang eine un chen nius ame arte ähig ter, erte Prü⸗ ftete Welt Mit auf rkeit aber zenn tern 1927 ſein Geheimniß ſicher geweſen wäre, ſo wußte doch Randal Leslie, daß er den Namen Fairfield geführt hatte, kannte ſeine vermeintliche Herkunft und würde natürlich Gebrauch davon gemacht haben. Wie nun den ſpäteren Namen erklä⸗ ren, ohne durch das Anagramm die Neugierde zu wecken und Anlaß zu einem Argwohn über ſeine Abkunft von Nora zu geben, deren bisher fleckenfreies Andenken dadurch gekränkt worden wäre? Seine Gefühle gegen Nora die durch die Entdeckung ihres ſchmerzlichen Nachlaſſes noch tiefer und inniger gewor⸗ den waren, wurden ihm noch bitterer gemacht durch die Be⸗ rührung mit ihren Eltern. Der alte John befand ſich nach Körper und Geiſt noch immer in demſelben hilfloſen Zuſtande und war weder ſchlimmer noch beſſer geworden. Nur in Zwiſchenräumen tauchten lebhafte Blitze der Theilnahme für die Wahl in ihm auf, wenn er der blauen Fahne anſichtig wurde, oder der Ruf—„Blau für immer!“ an ſein Ohr ſchlug. Er glich dem alten, gliedlahmen Schlachtroß, das auf dem Anger aus ſeinem Doſen auffährt, wenn es den Wirbel der Trommeln hört. Keine Ueberredungskunſt von Seiten Dicks war im Stande, dem Vater das Verſprechen abzuringen, daß er auch nur für einen Gelben ſtimmen wolle. Man hätte eben ſo gut von dem alten Römer mit ſeinem wahnſinnigen Ruf gegen Karthago erwarten können, daß er dafür ſtimmte, Karthager zu Conſuln zu wählen. Gleichwohl benahm ſich der alte John nicht nur ſehr höflich, ſondern auch ſehr unterthänig gegen Dick—„ſehr glücklich, dem Genkleman gefällig zu ſeyn.“ 1928 „Euer eigener Sohn!“ ſchrie ihm Dick ins Ohr.„Und hier iſt Euer eigener Enkel.“ „Sehr glücklich, euch beiden zu dienen; aber Iyr ſeht, Ihr habt die unrechte Farbe.“ Dann blickte der Alte Leonard an, näherte ſich ihm mit wankenden Knien, ſtreichelte ihm das Haar und ſchaute ihm kläglich ins Geſicht. „Biſt Du mein Enkel?“ ſtotterte er.„Weib, Weib, Nora hatte keinen Sohn— oder? Mein Gedächtniß fängt an mich zu verlaſſen, Sir. Ich bitte, entſchuldigt mich. Aber Ihr habt einen Zug um die Augen, der—“ Der alte John begann zu weinen, und Mrs. Avenel führte ihn fort. „Komm nicht wieder her,“ ſagte ſie rauh zu Leonard, als ſie wieder zurückkehrte.„Er wird jetzt die ganze Nacht nicht ſchlafen können.“ Und als ſie bemerkte, daß in den Augen ihres Enkels Thränen ſtanden, fuhr ſie in milderem Tone fort:„Es freut mich, zu hören, daß es Dir ſo gut geht, und daß Du meinem Sohn Richard einen ſo großen Dienſt geleiſtet haſt. Er iſt der Ruhm und die Ehre der Familie, obſchon der alte John weder für ihn noch für Dich gegen ſein Gewiſſen ſtimmen kann. Und man ſollte es gar nicht von ihm verlangen—“ fügte ſie aufbrauſend bei—„und es iſt eine Sünde, es dem alten Manne zuzumuthen, ber Nie⸗ mand zu ſeinem Schutz hat, als mich. Aber ich will ihn ſchützen, ſo lange noch ein Funken Leben in mir iſt.“ Der Dichter erkannte hierin das wackere, liebevolle weibliche Herz und würde gerne die ſtrenge Großmutter um⸗ —+ 5 8„ ind ht, nit ute gt ch. nel rd, ht en t. nſt en ht es n le 19 29 armt haben, wenn ſie nicht vor ihm zurückgewichen wäre; aber als ſie ſich dem Gemach zuwandte, nach welchem ſie ihren Gatten geführt hatte, blickte ſie über ihre Schulter nach dem Enkel hin und ſagte: „Ich bin nicht ſo lieblos, als es den Anſchein hat, Junge; aber es iſt beſſer für Dich und für alle, wenn Du nicht wieder in dieſes Haus kömmſt— beſſer, Du wäreſt gar nicht in die Stadt gekommen.“ „Pfui, Mutter,“ ſagte Dick, als er bemerkte, daß Leo⸗ nard ſchweigend und mit geſenktem Haupte das Zimmer verließ.„Ihr habt Urſache, auf Euren Enkel ſtolzer zu ſeyn, als auf mich.“ „Stolzer auf ihn, der noch uns alle in Schande bringen kann?“ „Wie meint Ihr dies?“ Aber Mrs. Avenel ſchüttelte den Kopf und verſchwand. „Kehrt Euch nicht an die arme alte Seele,“ ſagte Dick, als er Leonard auf der Schwelle einholte;„ſie hat immer ihre Launen gehabt. Und da in dieſem Haus doch kein Vo⸗ tum zu erholen iſt und man keinen Caucus für den eigenen Vater beſtellen kann— wenigſtens nicht in dieſem ertraor⸗ dinären, verfaulten und vorurtheilsvollen alten Lande, das bis zum Kindiſchwerden heruntergeſunken iſt, ſo brauchen wir nicht mehr herzukommen, um uns anſchnauzen zu laſſen. Gleichwohl behüte Gott ihre alten Herzen!“ Leonards feine Empfindlichkeit in allem, was ſeine Ge⸗ burt betraf, war tief verwundet durch die Anſpielungen der alten Frau, die er beſſer begriff, als ſein Onkel, und dazu 1930 kam noch die peinliche Spannung, in welche ihn Harley's fortgeſetztes Stillſchweigen über die Papiere verſetzte, die er dieſem Edelmann anvertraut hatte. Es erſchien unſerem jungen Freunde vollig unerklärlich, daß Harley, wenn er jene Schriften geleſen hatte, in derſelben Stadt ſich aufhal⸗ ten ſollte, ohne von ſelbſt mit ihm in Verkehr treten zu wollen. Endlich ſchrieb er einige Zeilen an Lord LEstrange, erinnerte ihn an den Gegenſtand, welcher ihm ſo ſehr am Herzen lag, und machte ihn darauf aufmerkſam, wie wichtig für ihn jede Mittheilung ſeyn müſſe, welche dazu diene, die Lücken in jenen unzuſammenhängenden Bruchſtücken aus⸗ zufüllen. Harley erwiederte darauf in einem Billet, augen⸗ ſcheinlich mit gutem Grunde, daß„zu Erörterung des ange⸗ zogenen Gegenſtandes eine lange perſönliche Beſprechung erforderlich ſey, die bei dem ſcharfen Kampf zwiſchen ihm und den Gegencandidaten der Lansmerer Partei ſicherlich ruchbar und politiſchen Intriken zugeſchrieben werden würde, da man ſie unmöglich anders deuten könnte, und dies dürfte die Intereſſen, welche ihrer beiderſeitigen Sorge vertraut ſeyen, ſehr benachtheiligen. Im Uebrigen ſey er der äng⸗ ſtlichen Sorge Leonards wohl eingedenk geweſen, welchem hauptſächlich darum zu thun ſeyn müſſe, der todten Mutter Gerechtigkeit zu verſchaffen und den Namen, den Stand und den Charakter des überlebenden Vaters kennen zu lernen. Hierin hoffe er dem jungen Mann Beiſtand leiſten zu kön⸗ nen, ſobald ſich nach dem Schluß der Wahl eine paſſende Gelegenheit dafür biete.“ Das Schreiben zeigte nichts von Harley's früherem herzlichem Tone, ſondern war im Gegen⸗ ley's die erem n er hal⸗ nzu nge, am chtig iene, aus⸗ gen⸗ nge⸗ ung ihm rlich ürde, ürfte raut äng⸗ chem utter tand nen. kön⸗ ende von gen⸗ 1931 theil hart und trocken. Leonard achtete VEstrange zu ſehr, um ſich zu geſtehen, daß es gefühllos ſey, und ſuchte mit dem ganzen reichen Edelmuth ſeines Weſens Entſchuldigungen für das, was ihm tadelnswerth vorkam. Vielleicht hatte etwas in Helens Benehmen oder Reden Harley zu dem Argwohn Anlaß gegeben, daß ſie noch immer ein zu warmes Intereſſe für den Gefährten ihrer Kindheit fühle, und möglich, daß unter dieſen kalten Ausdrücken die brennende Qual der Eifer⸗ ſucht lauerte. Und oh, Leonard verſtand dies ſo wohl und empfand ſelbſt gegen ſeinen glücklichen Nebenbuhler ein ſo edles Mitleid mit der Folter der peinlichſten aller menſchlichen Leidenſchaften, in welcher alles Vernünfteln nur den krampf⸗ haften Zuckungen unſeres Schmerzes folgt. Dabei fühlte ſich Leonard neben den übrigen Urſachen zur Unruhe von ſeiner eigenen Eiferſucht in ſo hohem Grade gequält und gedemüthigt. Er wußte, daß Helen ſich mit Harley unter demſelben Dache befand, und die Verlobten fonnten ſich täglich— ja ſtündlich ſehen. Bald hörte er wohl von ihrer Heirath. Sie wurde dann weit über den Kreis ſeines Daſeyns erhoben, in höhere Regionen entführt und war dann nur noch ſeinen Träumen zugänglich. Und doch ſetzte ihn die Eiferſucht gegen einen Mann, gegen den ſie beide, er und Helen, ſo tief verpflichtet waren, in ſeiner Achtung herunter und erſchien ihm in dem Lichte des Undanks. Was hätte ohne Harley aus Helen werden müſſen, wenn ſie ſeiner knabenhaften Fürſorge überlaſſen geblieben wäre? Hatte er doch ſelbſt in ſeiner Verzweiflung zu dem Gedan⸗ fen ſich genöthigt geſehen, ſie von ſeiner Seite wegzuſchicken, 1932 damit ſie eine freudloſe Jugend hinbringe in der beſcheidenen Hütte ſeiner Mutter und ihn allein den Kampf mit dem Hunger beſtehen laſſe. Dort auf der Brücke, bei welcher er einmal ſogar um Almoſen gebettelt hatte— gebettelt bei demſelben Audley Egerton, welchem er jetzt als ein Gleicher gegenüberſtand, ſchaute er nieder auf den ſchrecklichen Fluß— ha, ſollte er vor dem verſuchenden Teufel fliehen, der ihm unter den Augenliden des ſpukhaften Chatterton entgegen⸗ grinste? Nein, Eiferſucht war hier mehr als Qual— war eine Herabwürdigung, ein Verbrechen! Aber ach, konnte dieſe vornehme Heirath Helen glücklich machen? Durfte er ſich deſſen getröſten? Oh des bitteren Gedankens, wie er die Frage auch betrachten mochte— entweder vergaß ſie ihn völlig in dem Glück, von dem er ausgeſchloſſen ſtand als ein fündiger Gegenſtand, oder ſie gedachte ſündig ſein und war elend! Mit jener geſunden Willenskraft, die öfter im Verhält⸗ niß zu der Tiefe des Gefühls ſteht, als die Welt gewöhnlich glaubt, riß ſich der junge Mann endlich auf eine Weile von der Feſſel los, die ſeine Seele umſtrickt hielt, und zwang ſeine Gedanken, Erleichterung bei denſelben Gegenſtänden zu ſu⸗ chen, vor denen er ſonſt mit dem größten Widerwillen zu⸗ rückgewichen wäre. Er mühte ſich, ſeine Einbildungskraft in Einklang mit dem Verſtand zu bringen und ſuchte eine Erklärung für Harley's Beweggründe, die er nicht auf eine einfache Niederlage des ränkevollen Randal vermittelſt eines Gegenanſchlags beziehen und noch weniger ſich als einen Dienſt für Audley Egerton deuten konnte, da er nicht begriff, ten em bei her hm en⸗ ar nte die hn s lt⸗ ich on ne u⸗ aft ne es en f 1933 welcher Vortheil aus der Verſtrickung der Maſchen des Wahl⸗ getriebs für dieſen Gentleman hervorgehen ſollte. Hatte L'Estrange vielleicht im Sinn, das Herz des jungen Man⸗ nes für den Wahlſtreit zu gewinnen und den Erfolg davon mit ſeiner Zuſage, daß er zu Lichtung des Geheimniſſes von Leonards Herkunft Beihilfe leiſten wolle, in Verbindung zu bringen? Unſer junger Freund wußte aus Nora's hinter⸗ laſſenen Papieren, daß ſein Vater einem Rang und einer Stellung angehörte, die hoch über ihren eigenen Lebens⸗ verhältniſſen ſtanden. Sie hatte die Glut ihrer herrlichen Phantaſie über den Ehrgeiz und die Laufbahn des Geliebten ausgegoſſen, in welchem ſich ihr Ehrgeiz als Dichterin und ihre Laufbahn als Weib vereinigte. Möglich, daß der Va⸗ ter geneigter war, den Sohn anzuerkennen und willkommen zu heißen, wenn dieſer ſich einen von ſeinem Werth zeugenden Eingang verſchaffte zu der großen öffentlichen Welt, in welcher nur der Ruhm dem Range vorangeht. Möglich alſo, daß er, im Fall er in ſolcher Weiſe einen Erfolg er⸗ zielte und ſich als einen Jüngling bewies, der auch einem ſtolzen Vater zur Ehre gereichte, nicht nur eine erfreute Auf⸗ nahme für ſich, ſondern auch eine Ehrenrettung des mütter⸗ lichen Namens erwirkte. Die Heirath, welche man Nora, wie ſich aus den dunkeln Winken erſehen ließ, für betrüge⸗ riſch zu halten veranlaßt hatte, war vielleicht doch eine ge⸗ ſetzliche geweſen und der kirchliche Act bisher nur aus welt⸗ licher Scham wegen der Ungleichheit des Ranges verheimlicht worden; Leonard gab daher dem Gedanken Raum, dieſe Scham dürfte verſchwinden, wenn der Sohn in die Reihen ——————— —— 1934 derjenigen eingetreten ſey, unter denen ſelbſt die durch Rang Ausgezeichneten die hervorragenden Talente an ihre Spitze ſtellten. Dieſe Muthmaßungen waren nicht unwahrſchein⸗ lich und ſtanden, wie der junge Mann aus Erfahrung wußte, ganz im Einklang mit dem Zartgefühl in Harley's wohlwollendem Handeln. Auch hier trat das Bild Helens mit dem ſeiner Eltern in Verbindung, um ſeinen Muth zu träftigen und einen Einfluß zu üben auf ſeinen neuen Ehr⸗ geiz. Allerdings war ſie auf immer für ihn verloren, und kein weltlicher Erfolg, keine politiſchen Ehren konnten ſie an ſeine Seite zurückführen. Aber ſie hörte vielleicht, daß ſein Name mit Achtung genannt wurde in den Kreiſen, in welchen allein ſie ſpäter ſich bewegte und in denen der parla⸗ mentariſche Ruf höher angeſehen war, als der literariſche. Möglich auch, daß ſie in künftigen Jahren ſich als Freunde begegnen durften, nachdem die Liebe das Leidenſchaftliche verloren und nur ihre Innigkeit bewahrt hatte. Er konnte dann ohne Schmerz ihre Kinder auf das Knie nehmen und vielleicht, wenn ſie beide betagt waren und er die Stufe geſellſchaftlicher Gleichheit ſogar mit ihrem hochgeborenen Gatten errungen hatte, ſagen:„Nur die Hoffnung, das Vor⸗ recht wieder zu gewinnen, welches unſere Kindheit erfreute, war es, was mir die Kraft verlieh, nach Auszeichnung zu ringen, nachdem Ihr mich verlaſſen hattet und damit das Glück von mir gewichen war.“ Von dieſem Geſichtspunkt aus betrachtet gewann die Wahl, welche ihm vorher mit ihrem Firlefanz von Fahnen und dem mißtönigen Schall der Trom⸗ peten nur im Lichte einer ärmlichen und gemeinen Kund⸗ — 1— — * — * 1935 gebung von ungeſtümen Leidenſchaften wegenkleinlicher Zwecke erſchienen war, plötzlich ein lebhaftes Intereſſe für ihn und nahm in ſeinem Auge ſogar den Charakter der Würde und Bedeutſamkeit an. So geht es immer in dem Streit der Sterblichen. In demſelben Verhältniß, als er jenes gött⸗ lichere Etwas beſitzt oder entbehrt, das die Pulſe des Her⸗ zens beſchleunigt und den Schwung der Einbildungskraft be⸗ flügelt, erſcheint er dem Philoſophen als Gegenſtand des Spottes oder dem Barden als Stoff ſeiner Begeiſterung. Fühlſt du dieſes Etwas, ſo iſt kein Streit gemein; an⸗ derenfalls aber magſt du wie Byron das Blutbad bei Cannä mit dem Schlachtfeld von Waterlov, das die Gränzen der Nationen wieder ordnete, in eine Reihe ſtellen oder mit Juvenal den Staub Hannibals verhöhnen, weil er Karthago von dem Verderben zu retten und eine Welt vom römiſchen Joch zu befreien ſuchte. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Nachdem Leonard einmal mannhaft die begonnene Auf⸗ gabe zur Hand genommen und ſich dazu gezwungen hatte, ihr, wie Riccabocca ſich ausgedrückt haben würde,„die mittägliche Seite“ abzugewinnen, trat auch Alles, was wirklich groß im Grundſatz und ehrenhaft für die menſchliche Natur war, obſchon es tief unter den ſchmutzigen Einzel⸗ heiten und kläglichen Intereſſen verborgen lag, die auf der Oberfläche des aufgeregten Stromes ſichtbar wurden, klar 1936 vor das Auge ſeiner Seele. Die Begeiſterung ſeiner Um⸗ gebung begann auch auf ihn anſteckend zu wirkenz die groß⸗ müthige Hingebung an eine nicht das eigene Ich berührende Sache, wie ſie bei einer Wahl herrſcht und der oft der ärmſte Stimmberechtigte Opfer bringt, welche erhaben genannt werden können— die warme perſönliche Zuneigung, welche der gemeinſchaftliche Eifer für den Vertheidiger beliebter Anſichten erzeugt— alles Dies wirkte zuſammen, um ſeine Gleichgiltigkeit gegen Parteipolitik zu zerſtreuen und dem Widerwillen vor dem Abſchaum derſelben, der vorher den jungen Dichter zurückgeſchreckt hatte, ein Gegengewicht entgegenzuſtellen. Er begann nun um der Sache ſelbſt willen mit Wohlgefallen auf die Laufbahn der Anſtrengungen und Ehren hinzublicken, für die er bei ſeinen früheren Arbeiten und Beſtrebungen keinen Sinn gehabt hatte, und legte nach Art der Dichter die Poeſie der Idee in die Proſa des Han⸗ delns, zu dem er ſich hingeriſſen ſah. Deshalb verſtummten jetzt ſeine Einreden gegen Dick Avenels Vorſtellungen, wie nachtheilig es für ſein Geſchäft in Serewstown ſeyn würde, wenn er ſelbſt ſeinem Lande die Zeit und den Kopf widme, die für ſeine Fabrik und ſeine Dampfmaſchinen ſo hoch von Nöthen ſeyen, und wie wünſchenswerth es wäre, daß jeden⸗ falls Leonard Fairfield der parlamentariſche Vertreter der Avenele werde. „Da nun wir Beide nicht durchgreifen können und einer von uns zurücktreten muß,“ ſagte Avenel,„ſo überlaßt es mir, mich mit dem Comité dahin zu einigen, daß Ihr als der Hauptbewerber angeſehen werdet. Oh, ſorgt nicht— m⸗ oß⸗ ide ſte int 1937 alle Bedenklichkeiten Eures Ehrgefühls ſollen Befriedigung finden. Ich möchte ſchon um der Avenele nicht, daß man ihrem Vertreter etwas anhaben könne.“ „Aber wenn ich mir dies auch gefallen laſſe,“ verſetzte Leonard,„ſo fürchte ich, Ihr habt die Abſicht, die Stim⸗ men, die durch Euren Zurücktritt frei werden, zu Egertons Nachtheil auf Leslie übergehen zu laſſen.“ „Was zum Henker kümmert Ihr Euch um Egerton?“ „Ich ſtehe in keiner anderen Beziehung zu ihm als in derjenigen, welche mir die Dankbarkeit gegen ſeinen Freund Lord LEstrange auflegt.“ „Pah! Ich will Euch ein Geheimniß mittheilen. Levy hat mir im Vertrauen geſagt, LEstrange ſey wohl damit zuftieden, wenn die Wahl der Lansmerer ſtatt auf Egerton auf Leslie falle, und ich glaube, ich habe ſelbſt den Lord, wel⸗ chen ich in London beſuchte, zu der Ueberzeugung gebracht, vaß für Egerton keine, wohl aber für Leslie Ausſicht vorhan⸗ den ſey.“ „Ich muß glauben, daß Lord LEstrange alle ſeine Kräfte aufbieten wird, um zu verhindern, daß Leslie, welchen er verachtet, ſeinem geehrten Freunde Egerton vorgezogen werde. Und in dieſer Ueberzeugung erhebe ich auch Oppo⸗ ſition gegen den Erſteren, wie Ihr ſelbſt aus den Reden er⸗ ſehen konntet, die Euch ſo wenig gefallen haben.“ „Laßt uns dieſes Garn kurz abſchneiden, denn wenn wir auf's Gefallen und Nichtgefallen zu ſprechen kommen, könnte es einen allmächtigen Klapf geben. Ich verlange von Euch Bulwer, meine Novelle. 1938 keine Schritte, die nicht die Genehmigung des Lord LEs⸗ trange haben. Wird Euch dies genügen?“ „Allerdings, unter der Vorausſetzung, daß ich dieſer Ge⸗ nehmigung gewiß bin.“ Endlich kam der hochwichtige Tag vor dem Wahlakt heran, an welchem die Candidaten förmlich vorgeſtellt wer⸗ den und ſich mit der ganzen Feierlichkeit der erklärz Neben⸗ buhlerſchaft gegenübertreten ſollten. Zu dieſem Vorgang hatte man das Rathhaus auser⸗ ſehen, und ſchon vor Sonnenaufgang tönte Muſik durch alle Straßen, in welchen die Fahnen der Parteien hin und her zogen. Egerton fühlte, daß er von dem Rathhaus nicht eben ſo gut wie aus den Schenken und von dem Balkon wegblei⸗ ben konnte, wenn er nicht den Unzufriedenen, die ihn be⸗ reits im Bilde verbrannt hatten, gerechten Anlaß geben wollte, ſpöttiſche Bemerkungen über die Furcht zu machen, die ihn abhielt, der Wählerſchaft, die er früher vertreten hatte, in's Geſicht zu ſehen. Es war ihm allerdings peinlich, Nora's Bruder gegenüberzutreten und vor den verſammelten Volks⸗ maſſen gegen die geheimen Erinnerungen anzukämpfen, welche das Treiben des gegenwärtigen Kampfes ſo ſchmerz⸗ lich mit dem früheren in Verbindung brachten; allein dies ließ ſich nicht ändern, und er war ſein Leben lang daran gewöhnt, das Nothwendige mit dem Muth eines Engländers zu beſtehen. 1939 5 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Ge⸗ Die Haupthähne der blauen Partei zogen prunkhaft von Lansmere Park weg— die zwei Candidaten in offenen hlakt Kutſchen, jeder von ſeinem Vorſchlagenden und deſſen Se⸗ wer⸗ kundanten begleitet. In den anderen Equipagen ſaßen Har⸗ ben⸗ ley, Levy und die Hauptmitglieder des Comité's. Riccaboeca litt an einem Anfall von Melancholie oder Cynismus und ser⸗ lehnte es ab, an dem Zuge theilzunehmen. Aber unmittel⸗ alle bar vor dem Aufbruch der Proceſſion, während noch Alles dher um das Hauptportal verſammelt war, langte der Brief⸗ träger mit ſeiner willkommenen Ledertaſche an. Er brachte eben Briefe für Harley, ein paar für Levy, viele für Egerton und blei⸗ Einen für Randal Leslie. be⸗ Levy, der mit Durchleſung ſeiner Correſpondenz bald Ute, ſertig war, blickte mit der familiären Frechheit, die er ſich ihn gewöhnlich gegen ſeine beſonderen Freunde erlaubte, über in's Randals Schulter. ra's„Von dem Squire?“ ſagte er.„Ah, er hat endlich olks⸗ geſchrieben. Was ließ ihn ſo lange zögern? Ich hoffe, fen, er erleichtert Euch das Herz?“ nerz⸗„Ja,“ rief Randal, von einer Freude ſtrahlend, wie ſie dies nur ſelten ſein heimliches, verſchloſſenes Geſicht erhellte— aran„ja; er ſchreibt nicht von Hazeldean aus. Mein Brief mußte ders ihm nach London nachgeſchickt werden. Er konnte es in der Halle nicht aushalten, weil ihn der Platz zu viel an Frank erinnerte, und als er meinen erſten Brief erhielt, in welchem ich ihm die Auflöſung der heabſichtigten Heirath anzeigte, 122* 1940 eilte er wieder nach der Hauptſtadt, um nach ſeinem Sohn zu ſehen und mit dem mitgenommenen Geld das Poſtobit ein⸗ zulöſen. Lest ſelbſt, was er ſagt.“ „Da ich nun doch Geld aufnehmen mußte— ich hätte mir freilich nie davon träumen laſſen, daß ich der Mann ſeyn könnte, der das Hazeldeaner Beſitz⸗ thum mit Schulden belaſtet— dachte ich, daß es auf zehntauſend Pfund weiter nicht gerade ankomme. Warum ſolltet Ihr überhaupt dieſem Baron Levy eine Verpflichtung ſchulden? Ihr müßt Euch nicht mit Geldverleihern einlaſſen. Eure Großmutter war eine Hazeldean, und von einem Hazeldean ſollt Ihr die ganze Summe haben, die als Baarſchuß für den Ankauf der Rood'ſchen Güter— theilweiſe ein guter, leichter Boden— erforderlich iſt. Was die Zurück⸗ bezahlung betrifft, ſo können wir davon ſpäter reden. Wenn Frank und ich wieder mit einander ſtehen, wie es früher war, ſo kommt ja Alles mit der Zeit an ihn, und er wird mir die Verpfändung nicht übel nehmen, da er immer ſo große Stücke auf Euch hielt — und kommen wir nicht wieder zuſammen, ſo liegt nichts daran, wie viel Hunderte oder Tauſende ich mehr oder weniger habe. Ich werde daher übermor⸗ gen nach Lansmere kommen— gerade zu dem Ge⸗ tümmel der Abſtimmung. Stecht den Fabrikanten aus, mein Junge, und ſeyd ein treuer Verfechter der Landintereſſen. Dem Levy könnt Ihr ſagen, daß er Alles bereit halten ſolle, Ich bringe das Geld in — c ℳ 5„ e— ohn ein⸗ ich ich auf me. e icht war Ihr den ter, ück⸗ en. wie an ibel ielt egt ich or⸗ Ge⸗ ten der er in 1941 guten Banknoten mit und werde ein paar Piſtolen beiſtecken für den Fall, daß Räuber das Geld bei mir witterten und es mir auf der Landſtraße abjagen wollten, wie es einmal meinem Großvater erging. Eine Lansmerer Wahl erinnert mich ſtets an Pi⸗ ſtolen, denn ich hatte einmal ein Duell mit einem Offizier aus Seiner Majeſtät Flotte, der mir we⸗ gen einer Lansmerer Wahl eine Kugel in die rechte Schulter ſchoß; aber ich habe Audley ſeine Betheili⸗ gung an dieſer Geſchichte verziehen. Grüßt ihn freundlich von mir. Nehmt Euch vor einem Duell in Acht; aber ich denke, Fabrikanten haben keine Luſt, auf die Menſur zu treten, und ich mache es ihnen auch nicht zum Vorwurf— weit entfernt.“ Das Schreiben enthielt noch weiter Aeußerungen des Staunens und Muthmaßungen über die reiche Heirath, die Randal dem Squire als eine angenehme Ueberraſchung an⸗ gekündigt hatte.„Es konnte nicht die Miß Sticktorights ſeyn!“ „Gut,“ ſagte Levy, indem er ihm den Brief zurück⸗ gab.„Ihr müßt eben ſo geſcheidt geſchrieben haben, als Ihr ſprecht, wenn anders nicht der Squire ein Tölpel iſt.“ Randal lächelte, ſteckte das Schreiben in ſeine Taſche und ſchwang ſich, der Aufforderung ſeines Vorſchlagenden Folge gebend, mit Leichtigkeit in den Wagen. Auch Harley ſchien über den Inhalt der ihm überliefer⸗ ten Briefe erfreut zu ſeyn. Während die Candidaten lang⸗ ſam vom Platze wegfuhren, ſchloß er ſich Levy an. 1942 „Hat nicht Mr. Leslie von dem Squire eine Antwort auf das Schreiben erhalten, von dem Ihr mir Mittheilung machtet?“ „Ja, mein Lord, der Squire wird morgen hier eintreffen.“ „Morgen? Ich danke Euch, daß Ihr mich davon in Kenntniß ſetzet. Er ſoll Zimmer für ihn bereit finden.“ „Ich denke, er wird ſich nur ſo lang aufhalten, bis er mit Leslie und mir geſprochen und das Geld ausbezahlt hat.“ „Aha! das Geld ausbezahlt. Iſt es wirklich an dem?“ „Zweimal die Summe, und, wie es ſcheint, als Ge⸗ ſchenk, was Leslie ſich blos als ein Anlehen erbeten hat. In der That, mein Lord, Mr. Leslie iſt ein ſehr geſcheidter Mann, und obgleich ich mich nach Euren Geboten richte, möchte ich ihm bei ſolchen Heirathsausſichten doch nicht gerne einen Nachtheil zufügen. Er könnte ein gar mächtiger Feind werden, und dies um ſo mehr, wenn die Wahl ihn in's Par⸗ lament bringt.“ „Baron, dieſe Genklemen warten auf Euch. Ich werde allein nachkommen.“ Fünfundzwanzigſtes Kapitel. In der Rathshalle war eine Platform aufgeſchlagen, in deren Mitte der Mayor ſaß, und zu beiden Seiten dieſes Würdenträgers hatten ſich die Candidaten der blauen und gelben Partei aufgepflanzt. Rechts von ihm befanden ſich Audley Egerton und Leslie, zu ſeiner Linken Dick Avenel vort ung n. n in s er at.“ n?“ Ge⸗ hat. dter chte, erne eind ßar⸗ erde gen, ieſes und ſich enel 1943 und Leonard. Die Halle war gedrängt voll, und ſogar von außen ſchauten Reihen von grimmigen Geſichtern zu den oberen Fenſtern herein. Der Wahlkampf war einer von de⸗ nen, welche nicht nur durch den Widerſtreit der politiſchen Grundſätze, ſondern auch durch Lokalleidenſchaften ein beſon⸗ deres Intereſſe gewinnen. Dick Avenel, der Sohn eines fleinen Handelsmannes aus der Stadt gegenüber dem ſehr ehrenwerthen Audley Egerton, dem Schützling der mächtigen Lansmerer Ariſtokratenpartei— dazu noch der Neffe an ſeiner Seite, und er ſelbſt im Begriff, wie er ſich auszudrücken pflegte,„den verwetterten blauen Ochſen an ſeinen beiden oligarchiſchen Hörnern zu faſſen!“ Es lag ein gewiſſer ritterlicher Muth ſogar in der Unverſchämtheit des Verſuches, den wichtigen Wahlbezirk, für deſſen einen Vertreter ein großer Graf ſich bisher ſo viele Mühe und Sorgen aufgela⸗ den hatte, in zwei Familienſitze für das Haus Avenel und in den Triumph des Pfahlbürgerregiments umzuwandeln. Dies allein ſchon würde alle aufgeſparten Leidenſchaf⸗ len einer Lanbwählerſchaſt in Thätigkeit geſest haben; ube außerdem knüpfte ſich die Neugierde an das ſo lange ver⸗ ſchobene öffentliche Auftreten eines Candidaten von der Be⸗ rühmtheit des Erminiſters— eines Mannes, deſſen Lauf⸗ bahn mit ſeinem Erfolg in Lansmere ihren Anfang nahm und der jetzt mitten in dem Volksſturm, welcher ſeine Kolle⸗ gen autinuider gebliſen hatte ſein Schf inden ninithe⸗ Hafen wieder herzuſtellen verſuchte, von welchem es urſprüng⸗ lich ſeinen Auslauf genommen hatte. Neue Generationen wgren entſtanden, ſeit zum erſtenmal der Name Egerton die —————— == —— ————— — 1944 Taubenſchläge dieſes Corioli beunruhigte. Die Fragen, welche damals als ſo wichtig erſchienen, hatten großentheils ihre Erledigung gefunden. Indeß waren die Anweſenden, welche ſich Egertons aus jener Zeit erinnerten, ſelbſt ver⸗ wundert, wie dieſelben Eigenthümlichkeiten in Haltung und Außenſeite, durch die er ſich in ſeiner Jugend auszeichnete, ihre Theilnahme an dem reifen und gefeierten Mann neu be⸗ lebten. Als er, eh' er an der Seite des Mayor Platz nahm, eine Weile daſtand und die Verſammlung mit ihrem toben⸗ den Lärm von Hurrahrufen und Ziſchlauten überſchaute, er⸗ kannte man an ihm die alte ſtattliche, aufrechte Geſtalt, den nämlichen feſten Blick und dieſelbe unbeſchreibliche ge⸗ heimnißvolle Würde im Aeußeren, welche Achtung auferleg⸗ ten, das Vertrauen bekräftigten oder die Abneigung milder⸗ ten. Unwillkürlich hörten die Ziſcher auf. Nachdem die Einleitungsförmlichkeiten vorüber waren, begannen die Vorſchlagenden und ihre Sekundanten ihr Amt. Audley wurde natürlich von dem Hauptſprecher der Partei vorgeſchlagen— von einem Gentleman, der in einem weißen Haus der Hauptſtraße von ſeinen Mitteln lebte, eine Univerſitätsbildung genoſſen hatte und der jüngere Sohn einer„County⸗Familie“ war. Dieſer Herr ſprach viel von der Conſtitution, Einiges von Griechenland und Rom, ver⸗ glich Egerton mit William Pitt und Ariſtides, und ſetzte ſich nach Abhaltung ſeiner Rede nieder, die von den Wenigen für klaſſiſch, von den Vielen aber für Salbaderei erklärt wurde. Audley's Sekundant, ein derber und einflußreicher Malzhänd⸗ ler, ſchlug eine keckere Taſte an. Er verbreitete ſich über —,———————— gen, eils den, ver⸗ und ete, be⸗ hm, en⸗ er⸗ alt, ge⸗ er⸗ —,—————————— 1945 die Nothwendigkeit, durch Gentlemen von Reichthum und Rang, nicht aber durch„Glückspilze und Abenteurer“ vertre⸗ ten zu werden.(Bravorufe und Grunzen.)„Betrachte man die Candidaten auf der andern Seite, ſo ſey es ein Schimpf für die Achtbarkeit von Lansmere, wenn man annehme, ſeine Wähler könnten ihre Stimmen einem Mann geben, der an ihre Beachtung keine anderen Anſprüche habe, als daß er ein leiner Knabe in der Stadt geweſen ſey, in welcher ſein Va⸗ ter einen Laden führte— und noch obendrein ein recht ſchlim⸗ mer, händelſüchtiger, ſchmutziger kleiner Knabe!“ Dick glättete ſeinen ſchneeweißen Buſenſtreif, und Dolche blitzten aus ſeinen Augen, während die Blauen lachten und die Gelben„Pfui!“ riefen.„Was den anderen Candiduten dieſer Seite betreffe, ſo habe er, der Malzhändler, nichts gegen ihn zu ſagen. Er ſey ohne Zweifel zu dieſer Anmaßung durch ſeinen Onkel und durch ſeine eigene Unerfahrenheit ver⸗ führt worden. Wie er vernehme, ſey dieſer Candidat, Mr. Fairfield, ein Schriftſteller und Dichter; wenn ſich's wirk⸗ lich ſo verhalte, habe er ſich noch keinen Namen gemacht, da kein Buchhändler in der Stadt je etwas von Mr. Fair⸗ ſields Werken gehört habe. Man könne vielleicht ſagen, Mr. Fairfield habe unter einem anderen Namen geſchrieben. Aber was beweiſe dies? Entweder ſchäme er ſich ſeines Namens oder gereichen ihm ſeine Schriften zu keiner Ehre. Er für ſeinen Theil(der Malzhändler) ſey ein Engländer und könne anonyme Federfuchſer nicht leiden; denn es müſſe etwas nicht recht ſeyn, wenn man irgend etwas verheimliche. Ein Mann ſollte nie Anſtand nehmen, zu Allem⸗ was er 1946 ſchreibe, ſeinen Namen zu ſetzen. Aber ſelbſt zugegeben, daß Mr. Fairfield ein großer Schriftſteller und großer Dich⸗ ter ſey, der Wahlbezirk Lansmere brauche keinen Vertreter, der ſeine Zeit mit dem Schreiben von Sonetten auf Grete und Lene vergeude, ſondern einen praktiſchen Geſchäftsmann — einen Staatsmann— einen Mann wie Mr. Egerton — einen Gentleman von alter Herkunft, hoher Stellung und fürſtlichem Vermögen. Das Parlamentsmitglied für einen Platz wie Lansmere ſollte ganz beſonders durch Reichthum ausgezeichnet ſeyn.“(„Hört, hört!“ von den hundertund⸗ fünfzig Zauderern, welche in einer Reihe die hintere Wand der Halle einnahmen; und„Schund!“„Unſinn!“ von einigen revolutionären aber unbeſtechlichen Gelben.) Indeß machte doch die Anſpielung auf Egertons Privatvermögen einen beträchtlichen Eindruck auf die Maſſe der Zuhörerſchaft, und der Malzhändler ärntete beim Schluß ſeiner Rede lauten Beifall. Zunächſt trat Mr. Avenels Vorſchlagender, ein bedeu⸗ tender Spezereihändler, auf, und ihm folgte ſein Sekundant, der Inhaber eines neuen Cottonerieladens, der ſich rühmte, den Leuten für ihr gutes Geld gute Waare zu geben— eine Anſicht, die er auch für vollkommen begründet halten mochte, da er wenigſtens einen etwaigen Irrthum nie wieder gut machte. Dieſe beiden Männer brachten ſo ziemlich das Nämliche vor. Mr. Avenel habe ſich ein Vermögen er⸗ worben durch ehrenhaften Gewerbsfleiß, ſey ein Mitbürger, müſſe die Intereſſen der Stadt beſſer kennen als Fremde, huldige gediegenen politiſchen Grundſätzen, haſſe alle Schmei⸗ —— c —.— ben, ich⸗ ter, rete ann rton und nen um ind⸗ and gen chte nen und ten eu⸗ nt, te, ine te, gut das er⸗ er, de, ei⸗ 1947 chelei gegen die Regierung, wolle dafür ſorgen, daß das Volk zu ſeinen Rechten komme, beabſichtige einen mannhaften Feldzug gegen die Armee, die Flotte und alle anderen Ein⸗ richtungen einer verderbten Ariſtokratie u. ſ. w. Randal Leslie's Vorſchlagender, ein Halbſoldkapitän, erging ſich in einer langen Vertheidigung der Armee und Flotte gegen die unpatriotiſchen Verdächtigungen der frühe⸗ ren Sprecher und kam dadurch ganz von dem beabſichtigten Lob ſeines Candidaten ab⸗ bis der Ruf:„Macht's kurz!“ ihn an dieſes Thema erinnerte. Er wählte dann als erhebliche Empfehlungspunkte„die Liebenswürdigkeit des Charakters, welche ſein junger Freund ſo augenfällig durch ſein leut⸗ ſeliges Weſen an den Tag gelegt habe“—„die Ueberein⸗ ſtimmung ſeiner Anſichten mit denen des ausgezeichneten Staatsmanns, in deſſen Gemeinſchaft er auftrete“—„ſeine frühe Erziehung in den beſten Grundſätzen“—„der einzige Fehler ſeine Jugend, der ſich übrigens mit jedem Tage verbeſſere.“ Der Sekundant war ein handfeſter Freiſaße, deſſen Stimme bei den wahlberechtigten Feldwirthen der umgegend großes Gewicht hatte. Auch er haßte alle Halb⸗ heit, rügte es, daß Egerton ſo bald von den Intereſſen des Landbeſitzes abgefallen ſey, und drückte die Hoffnung aus, daß er an den großen Städten genug gehabt habe; er Ger Frei⸗ ſaße) ſey bereit, zu verzeihen und zu vergeſſen, erwarte aber, daß der Candidat keinen weiteren Anlaß zu Verbrennung ſeines Bildes geben werde. Was den jungen Mann be⸗ treffe, deſſen Vorſchlagung zu ſekundiren er das Vergnügen habe, ſo wiſſe er nicht viel von ihm; aber die Leslie ſeyen —.————— 1948 eine alte Familie in einem benachbarten County, und Mr. Leslie verſichere, daß er ein naher Verwandter des Squire Hazeldean ſey— eines ſo wackeren Mannes, als nur je einer auf Schuhleder geſtanden. Er(der Freiſaße) halte viel auf eine gute Zucht bei den Schafen und Ochſen, und er denke, daß eine gute Zucht unter den Menſchen ebenſo an⸗ zuſchlagen ſey. Die Mißbräuche könne auch er nicht leiden; aber gleichwohl ſtehe er ein für König und Verfaſſung. So habe er zum Beiſpiel nicht das Geringſte einzuwenden gegen eine Ermäßigung des Zehnten und gegen Abſchaffung der Malzſteuer. Mr. Leslie erſcheine ihm als ein recht ordent⸗ licher junger Kunde, der gut zu ſprechen verſtehe, und ſo viel er(der Freiſaße) im Ganzen an ihm wahrnehmen könne, werde er ſich im Parlament eben ſo gut halten wie neun Zehntheile von den Gentlemen, die man hineinſchicke. Der Beifall der Blauen war ſpärlich, deſto größer aber der der Gelben, als der Freiſaße mit dem unbeſtimmten Bewußt⸗ ſeyn wieder Platz nahm, daß er in einer oder der anderen Weiſe die Sache der Partei, welche ihn zu ihrem Sprecher wählte, eher benachtheiligt als gefördert habe. Leonard war nicht beſonders glücklich mit ſeinem Vor⸗ ſchlagenden, einem noch ziemlich jungen Gentleman, der ſich in verſchiedenen Berufsarten mit erkleklichem Nichterfolge verſucht und nach Ererbung eines ſeine Unabhängigkeit ſichern⸗ den kleinen Vermögens einen Geſchmack an den Lorbeeren der Literatur gewonnen hatte. Dieſer Gentleman unternahm es, nach Art des Halbſoldkapitäns, welcher für die Armee und Flotte eine Lanze brach, die Dichter zu vertheidigen Mr. uire r je viel r ich ge 1949 und bereitete den ungeduldigen Zuhörern eine große Beruhi⸗ gung, als er nach einem Dutzend genäſelter Phraſen über „das Mondlicht des Daſeyns“ und die„Oaſe in der Wüſte“ plötzlich abbrach. Dieſes Mißlingen wurde jedoch durch geonards Sekundaten wieder gut gemacht— einen Schnei⸗ dermeiſter, der ein geübter Sprecher und ein ernſter denken⸗ ver Mann war und den von ihm bewunderten Leonard Fair⸗ field aufrichtig lieb gewonnen hatte. Er trug ſeine Anſichten kurz und einfach vor, erklärte ſein volles Vertrauen zu Leo⸗ nards Talenten und Ehrenhaftigkeit und fand Anklang, weil er ſich mit Gefühl ausdrückte. Nachdem dieſe Einleitungsreden vorüber waren, folgte eine tiefe Stille, und Audley Egerton erhob ſich. Schon bei den erſten Paar Sätzen fühlten alle Anweſen⸗ den, daß jetzt ein Mann ſprach⸗ welcher gewöhnt war, über die Aufmerkſamkeit zu gebieten und ſeinen Anſichten das Ge⸗ wicht einer anerkannten Autorität zu verleihen. Der lang⸗ ſame Vortrag mit der abgemeſſenen Betonung, die Ruhe in der männlichen Haltung und der Anſtand in dem einfachen Geberdenſpiel— Alles bekundete würdevoll den Miniſter eines großen Reichs, der weniger durch leidenſchaftliche Be⸗ redſamkeit die Verſammlungen aufregte als für das urtheil des Scharfblicks und der Erfahrung ihre ſchweigende Achtung erzwang. Was übrigens bei einem Andern als förmlich und ſchulmeiſterhaft erſchienen wäre, wurde bei Egerton durch die Geberden, den Ton und die Haltung des Gentleman gehoben— ein Zauber, der auch bei der ungebildetſten Zuhörerſchaft verfängt. Er beſaß ſchon im Privatleben dieſe —.————— 1950 Zugaben in einem ausgezeichneten Grade; aber ſie ent⸗ wickelten ſich deſto augenfälliger, ſo oft er öffentlich aufzu⸗ treten hatte. Der senatorius decor ſchien ein auf ihn ge⸗ machter Ausdruck zu ſeyn. Audley begann ſeine Rede damit, daß er von ſeinen Gegnern mit jener feinen Höflichkeit ſprach, welche eine Zierde der höheren Stellung iſt und eher den Sieg in Aus⸗ ſicht ſtellt, als die ſchärfſten Stachelreden einer feindſeligen Deklamation. Mit einer Kopfbeugung gegen Avenel drückte er ſein Bedauern aus, zum Opponenten einen Gentleman zu haben, den natürlich ſeine Geburt der Stadt theuer mache, deren ausgezeichneter Angehöriger er ſey; der ach⸗ tungswerthe Ehrgeiz dieſes Mannes liefere an ſich ſchon den Beweis von der bewundernswürdigen Grundlage einer Ver⸗ faſſung, welche dem Geringſten geſtatte, ſich zu ihren Aus⸗ zeichnungen aufzuſchwingen, während ſie zugleich den Höch⸗ ſten nöthige, durch Thätigkeit und Wetteifer der erſehnteſten Ehren ſich würdig zu machen, weil ſie von dem Vertrauen der Vaterlandsgenoſſen abhängen und durch das Gefühl der Verantwortlichkeit für die übernommenen Pflichten ge⸗ heiligt ſeyen. Den durch den Ruf ihm bekannten Fähigkeiten Leonard Fairfields zollte er eine kurze, aber edelmuthige An⸗ erkennung und berührte dann mit ſachgemäßer Anmuth das Intereſſe, das er ſtets an den Erfolgen der Jugend genom⸗ men, wenn ſie nach einer Stellung in der Vorhut der neuen Generation rang, welche die alte zu erſetzen im Begriff ſey. Aus dieſem Grunde, fuhr er fort, betrachte er Leo⸗ nard nicht als ſeinen Gegner, ſondern als den wetteifern⸗ ent⸗ fzu⸗ ge⸗ inen eine lus⸗ igen ückte man euer ach⸗ den Ver⸗ lus⸗ eſten auen fühl ge⸗ iten An⸗ das wom⸗ euen griff Leo⸗ fern⸗ 195¹ . den Mitbewerber ſeines jungen und geſchätzten Freundes Mr. Randal Leslie um einen würdigen Preis.„Sie ſind glücklich in ihren Jahren!“ ſagte der Staatsmann mit einem gewiſſen Pathos;„denn in der Zukunft ſehen ſie nichts, was ſie zu fürchten, in der Vergangenheit nichts, was ſie zu rechtfertigen hätten. Bei mir iſt dies nicht der Fall.“ Eh' er nun auf die unbeſtimmten Andeutungen oder die küh⸗ neren Angriffe gegen ihn ſelbſt und ſeine Politik überging, welche die früheren Redner ausgeſprochen hatten, richtete er ſich ſtolz auf und hielt eine Weile inne; denn ſein Auge ruhte auf den Berichterſtattern, die unmittelbar unter ihm um den Tiſch her ſaßen und unter denen er manches Geſicht entdeckte, das er von den Verſammlungen der Hauptſtadt her kannte, als dieſe jedes Wort von den Lippen auffingen, welche damals das Vorrecht hatten, dem König von Eng⸗ land Rath zu ertheilen. Und unwillkürlich kam nun dem Exminiſter der Gedanke, ſich über den beſchränkten Hörer⸗ freis, über die Wahl mit allen ihren peinlichen Erinnerun⸗ gen ganz wegzuſetzen und dagegen ausſchließlich ſich an das große und unſichtbare Publifum zu wenden, welchem dieſe Berichterſtatter ſeine Ideen mitzutheilen berufen waren. Bei dieſem Gedanken erlitt allmälig ſein ganzes Weſen eine Veränderung. Sein Auge richtete ſich auf die äußerſte Gränze der Verſammlung und die tiefen, klangvollen Töne wurden feierlich. Er begann einen Ueberblick zu geben über ſein ganzes politiſches Leben und es zu rechtfertigen. Er ſprach von den Maßregeln, die unter ſeiner Beihülfe durch⸗ geführt worden waren, von ſeiner Betheiligung an den Ge⸗ 1952 ſetzen, welche jetzt im Lande Geltung hatten. Zwar nür leicht, aber mit Stolz berührte er die Dienſte, die er den von ihm vertretenen Anſichten geleiſtet. Er ſpielte auf die Nachläſſigkeit an, mit der er ſein Privatvermögen ver⸗ waltete; aber wer, fuhr er zu fragen fort, und ſelbſt wenn es ſein bitterſter Feind wäre, könne ihm zur Laſt legen, daß er in dem ſeiner Sorge vertrauten öffentlichen Amt auch nur das Geringſte verſäumt habe? Dieſe Andeutung war ohne Zweifel darauf berechnet, ſeine Zuhörer auf die Kunde vorzubereiten, daß Andley Egertons vermeintlicher Reich⸗ thum dahin ſey. Am Schluß ging er auf die Fragen des Tages über, welche die Gemüther in ſo hohem Grade auf⸗ regten, und gab eine allgemeine aber meiſterhafte Darle⸗ gung der Politik, deren Einhaltung er unter den vorauszu⸗ ſehenden Veränderungen ſeiner Partei empfehlen würde. Der gemiſchten Verſammlung in der Rathhaushalle gegenüber, verbreitete ſich Audleys Rede allerdings über einen Kreis von Intereſſen, der zu hoch für die Sympathie einer ſolchen Zuhörerſchaft war; aber dieſe hatte er nicht im Auge gehabt und ſie ſogar völlig vergeſſen. Die Bericht⸗ erſtatter dagegen verſtanden ihn, und ihre flüchtigen Fe⸗ dern folgten ſeinen Worten, ohne daß ſie es gewagt hätten, etwas daran zu verbeſſern oder abzukürzen. Andleys Rede galt dem ganzen Volk; ſie war die eines Mannes, in welchem die Nation noch immer einen Führer anerkannte— eines Mannes, der ſeine vergangene Laufbahn über eine falſche Dentung erheben wollte— der, wenn ſein Leben erhalten hlieb, auf höhere Beſtimmungen zählte, als er bisher erfüllt nür den auf er⸗ aß ar he 195³ hatte— der ein Manifeſt von Grundſätzen erließ, welche ſpäter in Macht übergehen ſollten, und ein Banner auf⸗ pflanzte, um welches die zerſprengten Abtheilungen eines Heers ſich noch ſammeln konnten zum Kampf und zum Siege. Oder wurde vielleicht in den Tiefen ſeines Herzens(nicht einmal von den Berichterſtattern begriffen, geſchweige denn, daß die Zuhörer eine Ahnung davon gehabt hätten) die Un⸗ ſicherheit des Lebens mehr gefühlt, als die Hoffnung des Ehrgeizes, und wünſchte der Staatsmann eine vollkommene Rechtfertigung jener öffentlichen Geradheit und Ehren⸗ haftigkeit zurückzulaſſen, auf der, wie ihm ſein Gewiſſen wenigſtens Zeugniß ablegte, kein Flecken haftete?„Seit mehr als zwanzig Jahren,“ ſagte Audley am Schluß, „hat es für mich keinen Tag gegeben, deſſen Leben nicht dem Vaterland gewidmet geweſen wäre. Ich mag mich zuweilen den Wünſchen des Volks widerſetzt haben und komme viel⸗ leicht in den Fall, wieder ſo handeln zu müſſen— ſo oft es aber geſchieht, liegt der Grund nur darin, weil ich nach eigener beſter Ueberzeugung die Wohlfahrt des Volkes ſeinen Wünſchen vorziehe. Und wenn, wie ich glaube, der Ge⸗ legenheiten nicht wenige waren, bei welchen ich, als Einer unter Männern von größerem Rufe, die Geſetze Englands verbeſſerte, ſeine Sicherheit befeſtigte, ſeinen Verkehr aus⸗ dehnte und ſeine Ehre aufrecht erhielt— ſo überlaſſe ich das Uebrige dem Tadel meiner Feinde und(ſeine Stimme bebte) dem milden Urtheil meiner Freunde.“ Noch ehe die Bravorufe, welche dieſen Schluß der Rede begrüßten, vorüber waren, erhob ſich Richard Avenel. Der Bulwer, meine Novelle. 123 1934 ſogenannte„achtbarere Theil“ der Zuhörerſchaft, nämlich die Gebildeteren und beſſer Gekleideten ſogar unter den Gelben, geriethen einigermaßen in Angſt um die Ehre ihres Bezirks, wenn ſie ihren Candidaten mit dem großen Unter⸗ hausredner verglichen, deſſen ſtolze Anweſenheit ſie noch in die Augen biß und deſſen majeſtätiſche Worte noch in ihren Ohren nachhallten. Aber die große Mehrheit auf beiden Seiten, Blaue ſowohl als Gelbe, begrüßten das Aufſtehen Dick Avenels als eine troſtbringende Befreiung von dem Zwange, der ihrem geringen Verſtändniß angethan worden war, obſchon ſie mit ehrfurchtsvoller Aufmerkſamkeit zu⸗ gehört hatten. Die Gelben riefen Hurrah und die Blauen puſteten; ein wirrer Stimmenlärm, und in der ganzen aufgeregten Maſſe ein Hinundherwogen von ungewaſchenen Geſichtern und derben Schultern. Aber Dick hatte ſo viel Muth als Audley ſelbſt, und allmälig verſchafften ihm dieſe Herzhaftigkeit, ſeine ſchönen Züge und die Neugier, was er wohl vorbringen werde, Gehör. Hatte es Dick einmal ſo weit gebracht, ſo war es ihm nicht bange, es feſtzuhalten. Sein Selbſtvertrauen wurde durch den Groll gegen Egerton unterſtützt, der ſich bis zur Höhe der Gehäſſigkeit ſteigerte. Er hatte ſich für den gegenwärtigen Anlaß mit einem Arſe⸗ nal von Citaten aus Egertons Reden, die Hanſard's De⸗ batten entnommen waren, gewaffnet, und indem er dieſe Belege in der unendlichſten und ſinnreichſten Weiſe aneinan⸗ der reihte, gelang es ihm, aus den unzuſammenhängendſten Bruchſtücken nachtheilige Conſequenzen zu ziehen und die harmloſeſten Reden in ſo unpopuläre, willkürliche und tyran⸗ nif al vo — lich den hres ter⸗ h in hren iden hen dem rden zu⸗ muen nzen nen viel ieſe s er l ſo ten. rton rte. rſe⸗ De⸗ ieſe rau⸗ ſten die ans niſche Lehrſätze zu verkehren, daß der erleuchtete und unbe⸗ ſtechliche Egerton ſo ziemlich als ein ränkevoller Wetterhahn⸗ als ein Vertheidiger von Unterſchleifen, als ein Lobredner von Mancheſtermetzeleien und ſo weiter daſtand. Alles Dies ſprach um ſo mehr au⸗ weil die ausgeſuchte Selbſtvertheidi⸗ gung des Erminiſters dazu herausgefordert zu haben ſchien. Nachdem Dick, wie er erklärte,„den ſehr ehrenwerthen Gentleman triumphirend mit ſeinen eigenen Worten über⸗ wieſen hatte“, glaubte er ſich die Freiheit nehmen zu dürfen, in die— wie ers nannte— gerechte Entrüſtung eines frei⸗ gebornen Briten, mit anderen Worten, in alle Schattirun⸗ gen von Schimpfreden auszubrechen, welche ſchlechter Ge⸗ ſchmack einem gereizten Gefühl eingeben konnte. Und dieſer Freiheit bediente er ſich ſo rundweg und furchtlos, in einem ſo echten Wahltribünenſtyl, daß er für den Augenblick wenig⸗ ſtens den großen Haufen hinreichend für ſich begeiſterte, um das unwillige Gemurmel ſämmtlicher Mitglieder des blauen Comitsé's zu erſticken; denn was kümmerte ſich der Held um das ärgerliche Kopfſchütteln, durch das die ariſtokratiſcheren und gebildeteren Anhänger der gelben Partei ſich gegenſeitig zu verſtehen gaben, wie herzlich ſie ſich ihres Candidaten ſchämten? Dick ſchloß ſeine Rede mit der nachdrucksvollen Erklärung, daß der Tag des ſehr ehrenwerthen Gentleman vorüber ſey; das Volk habe genug gelitten unter den Prel⸗ lereien und Plünderungen hochmüthiger Aktenwürmer, die nur an ihre Beſoldungen dächten und nie in ihren Kanzleien erſchienen, ohne Tinte, Papier und Federn zu vergeuden, die ſie nicht bezahlten; der ehrenwerthe Gentleman habe da⸗ 123* 1956 mit großgethan, daß er zwanzig Jahre ſeinem Vaterland gedient habe— ſeinem Vaterland gedient! Von ihm ver⸗ dient, hätte er ſagen ſollen!(Viel Gelächter.) Und in einer ſauberen Patſche ſtecke jetzt das Vaterland. Kurz zwanzig Jahre lang haben die Hände des ſehr ehrenwerthen Gent⸗ leman in den Taſchen des Vaterlandes geſteckt.„Und ich frage Euch jetzt,“ rief Dick mit donnernder Stimme:„ob Einer von Euch nur um einen Strohhalm beſſer daran iſt, trotz all Dem, was er daraus geholt hat!“ Die hundert und fünfzig Zauderer ſchüttelten die Köpfe.„Noi, des ſimmer it!“ riefen die Hundert und fünfzig in kläglichem Ton.„Ihr hört das Volk!“ ſagte Dick, ſich majeſtätiſch an Egerton wendend, der, die Arme über der Bruſt gekreutzt und die Oberlippe leicht gekrümmt, wie ein unbeweglicher Atlas daſaß.—„Ihr hört das Volk! Es verdammt Euch und Eure ganze Genoſſenſchaft. Ich wiederhole hier, was ich einmal bei einem weniger öffentlichen Anlaß gelobte — So wahr mein Name Richard Avenel iſt, Ihr ſollt mir büßen für'—“ Dick ſtockte—„büßen für Eure Verachtung gegen die Rechte, die ehrenhaften Anſprüche und das er⸗ leuchtete Streben Eurer entrüſteten Landsleute. Wir ſind keine Schuljungen mehr, und der britiſche Löwe iſt erwacht!“ Dick ſetzte ſich nieder. Die krumme Linie der Ver⸗ achtung war von Egertons Lippe gewichen; der Staatsmann hatte bei dem Namen„Avenel“, der ihm ſo rauh entgegen⸗ gehalten wurde, plötzlich mit der Hand ſein Geſicht bedeckt. Der Nächſte, der ſich erhob, war Randal Leslie, und Audley ſchlug langſam die Augen auf und blickte mit dem A and er⸗ iner izig ent⸗ ich „ob iſt, dert des hem iſch utzt cher umt ier, obte mir ung er⸗ ſind t ber⸗ ann en⸗ ckt. und 1957 Ausbruck liebevoller Theilnahme nach ſeinem Schützling hin. Welche beſſere Antrittsrolle konnte es geben für einen jungen Mann, die groben Angriffe gegen einen ausgezeichneten Be⸗ ſchützer, dem er mit Wärme zugethan war, zurückzuweiſen, oder für einen angehenden Politiker, die von dieſem Gönner vertretenen Grundſätze zu vertheidigen? Die Blauen, denen das Herz klopfte vor entrüſteter Aufregung, hielten ſich dar⸗. auf gefaßt, lauten Beifall jedem Satze zururufen, welcher dem Gefühl des erlittenen Schimpfs Ausdruck verlieh, und ſelbſt die Gemeinſten unter den Gelben hatten, nun Dick zum Schluſſe gekommen war, eine unbeſtimmte Empfindung, daß ihr Redner ſich ſchreckliche Blößen gegeben und namentlich von dem Freund und Verwandten Audley Egertons reichlich jede Züchtigung verdient habe, die aus dem gekränften Men⸗ ſchenherzen über die Zunge eines öffentlichen Sprechers ſtrö⸗ men konnte Nicht leicht ließ ſich für einen ehrenhaften und jungen Debutanten ein ſchönerer Anlaß finden; aber für Randal Leslie war er der unangenehmſte, verwirrendſte und am ſchwerſten zu bewältigende, welchen die Bosheit der Schickſalsmächte zuſammenbrauen konnten. Wie war es ihm möglich, Dick Avenel anzugreifen— ihm, der durch eben dieſen Ehrenmann ſeine Erwählung durchzuſetzen hoffte? Wie konnte er die Gelben in Harniſch jagen, nachdem Dick ihm ſo feierlich eingeſchärft hatte, ja nichts vorzubringen, wodurch er ihre Stimmen verſcherzen könnte? Durfte er Egertons Politik zu der ſeinigen machen, welche doch darin beſtand, ſeine Gegner auf den Glauben zu bringen, daß er ein vorurtheilsfreier, verſtändiger junger Mann ſey, der 1958 ſich als ein ächter und gerechter Volksfreund eines Tags offen die zu ihrer Farbe bekennen werde? Selbſt einem Demoſthenes ge würde, hätte er ſich in einer ſo verwünſchten Klemme befun⸗ un den, der Schluck ſchlimmer im Hals gequollen ſeyn, als beim ſte Leeren von des Harpalus goldenem Becher. Deshalb mag un Randal Leslie wohl zu entſchuldigen ſeyn, wenn er ſtotterte ih und ſtockte— wenn er ob dem Bravo erblaßte, das irgend ei ein zu Egertons Vertheidigung geſprochenes Wort begrüßte ri 3— wenn er ſo jämmerlich und kriechend ausſah, ſo oft ihm F eine wedelnde Höflichkeit gegen Dick über die Lippen ſchlich. ih Die Blauen waren kläglich in ihren Erwartungen getäuſcht di und machten niedergeſchlagene Geſichter, während die Gel⸗ h ben ſchmunzelten und ſich ein Herz faßten. Audley Eger⸗ le tons Stirne zeigte eine finſtere Wolke. Harley, der als. ruhiger Zuhörer halb hinter der vorderen Reihe verborgen„ 6 auf der Platform ſtand, beugte ſich zu Audley nieder und ſi flüſterte ihm trocken zu—„Du hätteſt Deinen geſcheidten jungen Freund vorher unterweiſen ſollen. Seine Liebe zu Dir überwältigt ihn!“ Audley gab keine Antwort, ſondern riß ein Blatt aus ſeinem Taſchenbuch und ſchrieb darauf mit Bleiſtift folgende Zeilen:„Sagt, Ihr habet wohl Urſache, Euch verlegen zu fühlen, wie Ihr dem Mr. Avenel antworten ſollet, weil Ihr von mir erſucht worden ſeyed, Euch zu keiner gehäſſigen Aeu⸗ ßerung gegen einen Gentleman reizen zu laſſen, deſſen Va⸗ ter und Schwager ich die Mehrheit von zwei Stimmen ver⸗ dankte, durch welche mir mein erſter Sitz im Parlament geſichert wurde. Dann geht ohne weitere Einleitung auf us nde zu Ihr eu⸗ Ba⸗ er⸗ ent auf 1959 die allgemeine Politik über.“ Er drückte dieſes Papier gerade noch zu rechter Zeit Randal in die Hand, denn der unglückliche junge Mann war auf dem Punkt, ganz und gar ſtecken zu bleiben. Mr Leslie hielt inne, athmete tief auf und las die Worte mit Bedacht, bis das allgemeine Gekicher ihm ſeine Geiſtesgegenwart wieder zurückgab. Jetzt ſah er einen Ausweg aus ſeiner Klemme— er ſammelte ſich— richtete plötzlich das Haupt auf und verbreitete ſich mit einer Feſtigkeit und einem Redefluß, wie man dies nicht mehr von ihm erwartet hatte, über den ihm gebotenen Text. Er that dies ſo gut, daß die ganze Zuhörerſchaft durch Ueberraſchung hingeriſſen wurde. Den Blauen gefiel der Beweis von Aud⸗ ley's Edelmuth und die Gelben fühlten ſich gerührt durch eine ſo rückſichtsvolle Achtung gegen die Familie ihrer zwei Candidaten. Jetzt ſah ſich der Sprecher in den Stand ge⸗ ſetzt, auf ſeinen ſo ſorgfältig vorbereiteten Vortrag überzu⸗ gehen, und er hielt eine ſehr kunſtvoll durchgearbeitete Stand⸗ rede, die allerdings nirgends recht anbeißen wollte, aber den bewundernswürdigen Takt und die Feinheit eines alten Büh⸗ nenhelden zeigte, welcher ſich gegen Niemand und in Nichts eine Blöße geben will. Im Ganzen war der Vortrag eine anerkennenswerthe Leiſtung, wenigſtens als Beweis einer wohlüberdachten Zurückhaltung, wie man ſie ſelten an einem ſo jungen Mann traf— für eine Volksrede allerdings zu fein und zu gelehrt, aber doch eine recht gute Abhandlung— über beide Seiten der Frage. Randal wiſchte ſich die blaſſe Stirne und nahm ſeinen Sitz wieder ein, nicht ohne große Selbſtzufriedenheit, da ihm, namentlich von den anweſenden 1960 Rechtsgelehrten, wieberholte Bravi zugerufen worden waren. Jetzt kam die Reihe des Sprechens an Leonard. Von leicht erregbarer Nervenbeſchaffenheit, wie es bei Literaten meiſt der Fall iſt, und von Natur aus ſchüchtern, bebte ſeine Stimme, als er zu ſprechen anfing. Aber er baute unwill⸗ kürlich weniger auf die Schärfe ſeines Verſtandes, als auf ſein warmes Herz und ſein edles Gemüth, von denen das erſtere ihm die Worte eingab und das letztere allmälig ſeinem ganzen Weſen Würde einflößte. Er benützte die Stellen, welche Audley Randal in den Mund gelegt hatte, um den Eindruck zu verwiſchen, welchen der rohe Angriff ſeines Onkels zurückgelaſſen hatte. Wenn doch der ſehr ehren⸗ werthe Gentleman ſelbſt jene edle und zarte Anſpielung auf die Dienſte gemacht hätte, deren eingedenk zu ſeyn er unſere Familie würdigte; denn in dieſem Falle ſey er(Leonard) überzeugt, daß Mr. Avenel frei geblieben wäre von all der Bitterkeit, welche ein politiſcher Kampf in demſelben Ver⸗ hältniß zu erzeugen pflege, in welchem der Eifer die po⸗ litiſche Meinung feſthalte. Man hätte ſich Glück wünſchen dürfen, wenn ſolche mildere Erklärungen, wie ſie Mr. Egerton dem Mr. Leslie auszudrücken die Weiſung ertheilte, dem ſcharfen Streit vorgeſchickt und die Gegner dadurch an die von Mr. Leslie ſo nachdrücklich hervorgehobene Wahrheit erinnert worden wären, wie jeder Schild zwei Seiten habe und es recht wohl denkbar ſey, daß man die eine für golden erklären könne, ohne die Wahrheitsliebe des Kämpen anzu⸗ fechten, welcher behaupte, die andere ſey ſilbern. Dann — * rden Von aten eine will⸗ auf das nem llen, den ines ren⸗ auf iſere ard) der Ver⸗ po⸗ chen rton dem die theit habe lden nzu⸗ ann 1961 wußte der junge Redner, ohne daß es den Anſchein gewann, als laſſe er ſeinen Onkel fallen, in Dicks Namen mit ſo feiner Anmuth und richtigem Gefühl eine Entſchuldigung einzuflechten, daß beide Parteien ihm ein lautes Bravo zu⸗ riefen und ſelbſt Mr. Avenel es nicht wagte, die Unzufrieden⸗ heit, welche auf ſeinen Lippen ſchwebte, laut werden zu laſſen. Aber wenn auch Leonard mit ſolcher Achtung gegen Mr. Egerton verfuhr, ſo hatte er doch keinen Grund, mit Ran⸗ val Leslie ſchonend umzugehen. Mit der inneren Anſchau⸗ ung der Geiſter, welche daran gewöhnt ſind, Charaktere zu zergliedern und die menſchliche Natur zu erforſchen, entdeckte er ſchnell die übertünchte Unredlichkeit in Randals kunſtreich gedrechſelter Anſprache. Sein Geſicht glühte, ſeine Stimme hob ſich, ſeine Phantaſie gewann freien Schwung und ſein Witz begann zu funkeln, als er daran kam, die rhetoriſche Moſaik ſeines jüngeren Gegners in ihre einzelnen Beſtand⸗ theile zu zerlegen. Er ſtellte die Falſchheit ſeiner erkün⸗ ſtelten Mäßigung bloß, riß den Schleier der Worte mit ſeinem Schillergewebe von Gelb und Blau in Stücke und zeigte, daß auch nicht eine einzige feſte Ueberzeugung da⸗ hinter verborgen ſey.„Mr. Leslie's Rede,“ ſagte er,„er⸗ ſcheint mir wie ein Fährboot, das zu keinem anderen Zweck gemacht iſt, als um von der einen Seite nach der anderen hinüber zu gehen.“ Das Gleichniß war ſo treffend, daß es mit einem ſchallenden Gelächter aufgenommen wurde und auch Egerton ſich eines Lächelns nicht erwehren konnte. „Was mich betrifft,“ ſchloß Leonard, die Ergebniſſe ſeiner ſchonungsloſen Zergliederung zuſammenfaſſend,„ſo bin ich 1962 ein Neuling in dem Szreit der Parteien; wäre ich aber nicht ein Gegencandidat des Mr. Leslie in der Bewerbung um eure Stimmen, ſondern nur ein einfacher Wähler, ſo würde ich, der ich durch meine Stellung und meine Arbeiten dem Volk angehöre, die Ueberzeugung in mir tragen, daß er einer von jenen Politikern iſt, in welchen die Wohlfahrt, die Ehre und die ſittliche Erhebung des Volks keine paſſenden Vertre⸗ ter findet.“ Nach dieſer Rede, durch welche die Gelben ſich in ihrer eigenen Achtung wieder gehoben fühlten, während ſie zu⸗ gleich Randal in den Augen der Blauen großen Abtrag ge⸗ than hatte, ſetzte ſich Leonard unter ſtürmiſchen Beifalls⸗ äußerungen. Mr. Leslie konnte ſich die Sachlage nicht ver⸗ bergen und empfand bitteres Herzweh, obgleich ein höhni⸗ ſches Lächeln um ſeine Lippen zuckte. Er blickte verſtohlen nach Dick Avenel hin, von dem am Ende doch noch, den Blauen zum Trotz, ſeine Erwählung abhing. Dick beant⸗ wortete den heimlichen Blick durch ein ermuthigendes Blin⸗ zeln. Randal wandte ſich an Egerton und flüſterte ihm zu: „Wie ſehr hätte ich gewünſcht, mehr Uebung im Spre⸗ chen zu beſitzen, um Euch mehr Gerechtigkeit widerfahren laſſen zu können.“ „Ich danke Euch, Leslie; Mr. Fairfield hat Euer Ver⸗ ſäumniß, ſo weit es mich betraf, wieder gut gemacht. Und Ihr ſolltet ſeinen Angriff auf Euch entſchuldigen, weil er dazu dienen kann, Euch zu zeigen, was Euch als einem Sprecher abgeht.“ „Und das wäre?“ fragte Leslie mit eiferſüchtigem Aerger. — e)— c— — 1963 „Der Glaube an das, was Ihr zagt,“ verſetzte Eger⸗ ton ſehr trocken und wandte ſich dann von ihm ab, um mit einem leichten Seufzer laut gegen ſeinen Vorſchlagenden die Bemerkung zu äußern:„Mr. Avenel darf ſtolz ſeyn auf ſei⸗ nen Neffen! Ich wünſchte, der Jüngling wäre auf unſerer Seite— ich könnte einen großen Debattenmann aus ihm ziehen.“ Die Verhandlungen ſollten jetzt durch ein Erheben der Hände zum Abſchluß kommen, als ein großer handfeſter Wahlmann in der Mitte der Halle ſich erhob und erklärte, daß er einige Fragen zu ſtellen habe. Dies war wie ein Guß falten Waſſers für die ganze Verſammlung, denn dieſer Wahlmann war der Demagog der Gelben— ein Menſch, den man nicht einzuſchüchtern hoffen durfte— ein guter Sprecher mit ehernen Lungen.„Ich werde mich ganz kurz faſſen,“ ſagte der Demagog und begann nun unter der Form von Fragen an die beiden blauen Candidaten einen wüthen⸗ den Angriff auf den Grafen von Lansmere und den Sohn des Grafen, Lord L'Estrange, indem er letztern der gröbſten Einſchüchterungen und Beſtechungen beſchuldigte und als einen Beleg dafür die Anweſenheit verſchiedener Wähler aus Fiſhlane und der Back Slums bezeichnete, welche ihre Zu⸗ ſagen gegen die Gelben gebrochen hätten, verführt durch die ſchändlichen Kunſtgriffe der blauen Ariſtokratie, deren Vertre⸗ ter, den edlen Lord, er jetzt herausfordere, ihm Rede zu ſte⸗ hen. Der Sprecher hielt inne, und Harley trat plötzlich an die Vorderſeite der Platform, zum Zeichen, daß er das unholde Aufgebot annehme. So begierig man auf Audley Egertons ——— 3 1964 Rede geweſen war, ſteigerte ſich wo möglich die Neugierde noch mehr, als Lord L'Estrange ſeine Abſicht zu ſprechen kund that. Er war viele Jahre in fremden Ländern geweſen, hatte ein unermeßliches Vermögen zu erwarten und ſtand im Ruf ausgezeichneter, obſchon nie von ihm erprobter Talente; es hätte deshalb in der That wunderbar zugehen müſſen, wenn picht Blaue und Gelbe hochaufgehorcht und ſogar ihren Athem angehalten hätten, um keines von ſeinen Wor⸗ ten zu verlieren. Man ſagt, der Dichter ſey geboren und der Redner werde— ein Sprüchlein, das nur theilweiſe wahr iſt. Einige ſind zu Poeten geworden und einige wurden zu Red⸗ nern geboren. Höchſt wahrſcheinlich hatte Harley LEstrange früher nie vor einer öffentlichen Verſammlung geſprochen, und jetzt waren keine fünf Minuten vergangen, als ſchon alle Leidenſchaften und Launen der Anweſenden eben ſo ſich ihm unterordneten, wie die Taſten eines Inſtruments auf die Fingerbewegung des Muſikers anſprechen. Er beſaß von Natur eine Stimme, die der größten Abwechslung in der Modulation fähig war, ein Geſicht mit dem fügſamſten Aus⸗ druck und, wie es bei tiefen Humoriſten gewöhulich der Fall iſt, eine lebhafte Empfänglichkeit für das Komiſche ſowohl als für das Ernſte in Allem, was ſich ſeinem kräftigen Ver⸗ ſtand zur Verarbeitung darbot. Leonard war beredt wie ein Dichter und Audley Egerton wie ein Parlamentsredner⸗ Harley aber mit jener ſelteneren Gabe ausgeſtattet, die nichts mit dem Stoff gemein hat, welchen ſie behandelt oder ziert — die Gabe, welche Demoſthenes mit dem dreifachen Er— ——— 1965 forderniß des Redners meint und die unpaſſend mit„Hand⸗ lung“ überſetzt worden iſt, da in Wirklichkeit das Handeln ſelbſt, das„Bühnenſpiel“ darunter verſtanden werden muß. Sowohl Harley als Egerton ſprachen gut, weil ihre Reden verſtändig waren; aber Harley hätte Unſinn reden und ihn wirkſamer als die Weisheit machen können, wie zum Beiſpiel ein Kemble oder Macready das Gewäſche in„Menſchenhaß und Reue““ zu einem Eindruck zu ſteigern vermochte, wel⸗ chen unſere blos talentvollen Schauſpieler nicht einmal den Schönheiten des Hamlet zu entlocken im Stande ſind. Die Rednerkunſt ſteht in der That mit der dramatiſchen in einer innigeren Verbindung, als irgend eine andere, und durch Harley's ganzes Weſen zog ſich, wie der Leſer bemerkt haben wird, obſchon Harley ſelbſt keine Ahnung davon hatte, der Drang, ſein Denken, ſein Handeln und die Verhältniſſe in einem einzelnen Zweck zu concentriren, wodurch die Welt ſich zu einer Schaubühne umwandelt und die verſchiedenen und zerſtreuten Handlungen zu dem Ebenmaß und der Gedrungen⸗ heit des Drama's geſammelt werden. Dieſer Drang, wel⸗ cher oft Wirkungen hervorbringt, die ſich kunſtgerecht theatra⸗ liſch ausnehmen, wird nicht ſelten bei den natürlichſten und einfachſten Perſonen gefunden und iſt eine reine Folge ra⸗ ſcher Kraftentwicklung, die aus warmen Gefühlen entſpringt. Deshalb drückt ſich ſogar die Geſchichte der Völker, ſo lange ſie in ihrer friſchen, kräftigen, halbeiviliſirten Jugend ſtehen, ſtets in dramatiſchen Formen aus, während man in demſelben „ Dieſes Kotzebue'ſche Stück iſt unter dem Titel„lhe stranger“ (der Fremde) auf die engliſche Bühne gekommen. 1566 Verhältniß, in welchem an der Hand der Civiliſation der nüchterne Verſtand auf Koſten der lebhafteren Fähigkeiten und der phantaſiereicheren Impulſe um ſich greift, geneigt iſt, in der dramatiſchen Form, mag dieſe nun Gedanken oder Handlung in ſich faſſen, eher das Widerſpiel von der Wahr⸗ heit, als eine Zuſammendrängung ihrer Weſenheit zu ſehen. um jedoch von dieſer langen und etwas metaphyſiſchen Abſchweifung über den wahrſcheinlichen Grund, warum Harley LEstrange ſo wunderbar gut ſprach, zu der Rede ſelbſt zurückzukommen, müſſen wir bemerken, daß ſie wirklich wunderbar gut war. Er zog den Demagogen und ſeinen Angriff auf die glücklichſte und priginellſte Weiſe ins Lächer⸗ liche, ſchilderte die Abenteuer dieſes tugendhaften Gentleman, wie er durch die reinen Regionen von Fiſhlane und Back Slums nach Beſtechung fahndete, und faßte dann die Zeug⸗ niſſe, auf welche der Demagog ſeine Anklage gründete, mit einem ſo ächten und ätzenden Humor zuſammen, daß die Zu⸗ hoͤrerſchaft vor Lachen platzen wollte. Und von dem Geläch⸗ ter riß Harley die Anweſenden faſt zu Thränen hin, als er von den Verdächtigungen gegen ſeinen Vater in einer Weiſe ſprach, daß jeder Sohn und jeder Vater in der Verſamm⸗ lung ſich gleichſam von der Stimme der Natur ergriffen fühlte. Eine Wendung in der Rede, und eine neue Erregung bemächtigte ſich der Anweſenden. Harley ſtellte ſich auf gleichen Fuß mit den Lansmerer Wählern. Er ſprach von ſeinem Stolz, den Lansmerern als Mitbürger anzugehören und mit einemmale wurden auch dieſe ſtolz auf ihn. Mit der ten igt der en. hen um ede lich nen er⸗ an, ack ug⸗ mit Zu⸗ ich⸗ er eiſe m⸗ ffen ung auf von ren Mit 1967 traulicher Anhänglichkeit erinnerte er ſich der alten Freunde aus ſeinen Schulferien und freute ſich, daß noch ſo viele am Leben waren und ihr gutes Auskommen hatten. Er fand ein glückliches Wort für Jeden. „Theures altes Lansmere!“ ſagte er, und dieſer ein⸗ fache Ausruf gewann ihm die Herzen Aller. Und als er inne hielt, wie wenn er fertig wäre, brach ein eigentlicher Sturm von Beifall los. Andley ergriff ſeine Hand und flüſterte:—„Ich bin hier der einzige, der nicht überraſcht iſt, Harley. Du haſt Deine Kräfte aufgefunden und wirſt ſie nicht wieder einſchlummern laſſen. Welch ein Leben wird das Deinige ſeyn, wenn es nicht länger brach liegen muß.“ Harley machte ſeine Hand los und ſein Auge funkelte. Er gab ein Zeichen, daß er noch weiter ſprechen wolle, und der Lärm verſtummte. „Mein ſehr ehrenwerther Freund ſchilt mich wegen der Jahre, die ich ungenützt ließ. Es iſt wahr, dieſe Jahre ſind verſchwendet— gleichviel, wie oder weshalb. Aber die ſeinigen— wie hat er ſie hingebracht? In ſolcher Auf⸗ opferung für das Gemeinwohl, daß diejenigen, welche ihn nicht kennen, wie ich, ſagen würden, es ſey ihm nicht ein Gefühl übrig geblieben für die geringeren Pflichten und die beſchränkteren Neigungen, die bei Männern von gewöhn⸗ lichen Talenten und beſcheidenem Sinne die Kettenglieder in jener geſellſchaftlichen Ordnung bilden, welche werth zu halten und zu vertheidigen die erhabene Aufgabe von Staats⸗ männern wie derjenige iſt, welcher jetzt an meiner Seite ſitzt⸗ 1968 Aber ich für meinen Theil bin der Anſicht, daß es kein ge⸗ fährlicheres Geſchöpf gibt, als den feierlichen Heuchler, der ſich alles Deſſen entbindet, was in dem warmen Blut des Privatlebens Liebe zum Guten und Vertrauen zu der Wahr⸗ heit erzeugt, weil er ſeine kalte Natur mechaniſch iu den Dienſt eines conventionellen Begriffs zwängt, mag dieſer nun Konſtitution oder Volk heißen. Mögen daher An⸗ dere meinen ſehr ehrenwerthen Freund als einen durch Nichts beſtechbaren Politiker preiſen. Ihr müßt es mir zu gut hal⸗ ten, wenn ich euch ſein Bild als das des treuen aufrichtigen Mannes vorführe, der wohl mit dem ehrlichen Prieſter ſpre⸗ chen könnte, er wäre nie im Stande eine Lüge zu ſagen⸗ und wenn ſich der Himmel damit gewinnen ließe— als das eines Mannes von ſo feinem Ehrgefühl, daß er die bloße Verheimlichung einer Wahrheit für eine Lüge halten würde.“ Harley entwarf ſodann eine glänzende Zeichnung von dem Muſterbild ritterlicher Ehrenhaftigkeit, von dem Ideal, welches der Engländer mit dem Namen„ein vollkommener Gentleman“ belegt, und wandte jeden Satz mit einem Nach⸗ druck, der aus dem Herzen zu quellen ſchien, auf ſeinen ſehr ehrenwerthen Freund an. Der ganzen Zuhörerſchaft, mit Ausnahme von zwei Perſonen, erſchien dieſes Lob als der Erguß warmen Freundeseifers, welchem man es zu gut hal⸗ ten konnte, wenn er in ſeinen Farben auch ein wenig zu hoch auftrug. Aber Levy rieb ſich die Hände und kicherte innerlich, während Egerton mit geſenktem Kopfe unruhig auf ſeinem Sitz hin und her rückte. Jedes Wort aus Har⸗ ley's Munde war ein Pfeil für Audley's Bruſt. Unter den 1969 Beifallsrufen, welche dieſer bewunderungswürdigen Schilde⸗ rung des„treuen Mannes“ folgte, erkannte Harley Leonards begeiſterte Stimme. Er wandte ſich raſch gegen den jungen Mann und ſprach: „Mr. Fairfield zollt dieſem Bild von Rechtſchaffenheit und ſeiner Anwendung Beifall. Möge er das Muſter, das ich ihm vorgehalten habe, nachahmen— möge er es er⸗ leben, ein ſo ächtes Lob, wie das meinige, aus dem Munde eines Freundes zu hören, der ſeinen Werth erprobt hat, wie ich den des Mr. Egerton erprobte. Mr. Fairfield iſt ein Dichter; ſein Anſpruch an dieſen Titel wurde von einem der Redner vor mir angefochten— mit Unrecht angefochten! An Mr. Fairfield iſt jeder Zoll ein Dichter. Aber es iſt gefragt worden, ob Poeten auch für die Geſchäfte der Senate paßten; ob nicht zu fürchten ſey, daß ſie Sonette ſchrieben an Grete und Lene, wenn von ihnen verlangt werde, ihre gött⸗ liche Einbildungskraft den Einzelheiten eines Bierſteuerge⸗ ſetzes zuzuwenden. Mr. Fairfields Freunde brauchen ſich dadurch nicht beunruhigen zu laſſen. Auf die Gefahr hin, den beiden Candidaten, für deren Sache ich eingeſtanden bin, einen Nachtheil zuzufügen, zwingt mich die Wahrheit zu der Erklärung, daß Dichter, wenn ſie ſich zum Handeln her⸗ ablaſſen, nicht weniger proſaiſch ſind, als der Blödeſte unter uns; ſie werden durch dieſelben Intereſſen geleitet und durch die nämlichen kleinlichen Leidenſchaften in Bewegung geſetzt⸗ Es iſt ein Irrthum, wenn man wähnt, daß irgend etwas im gewöhnlichen Leben, im öffentlichen ſowohl, als im Privatleben zu gemein ſeyn kann für die außerordentliche Bulwer, meine Novelle. 124 1970 Schmiegſamkeit ihrer Phantaſie. Ja, im öffentlichen Le⸗ ben kann man ihnen ſogar beſſer trauen, als anderen Leuten, denn die Eitelkeit iſt eine Art zweiten Gewiſſens, und wie ein Dichter ſelbſt geſagt hat: Wer nicht das Böſe ſcheut, flieht doch den Namen; So wird ſtatt des Gewiſſens Scham ſein Zwingherr.“ Im Privatleben allein thun wir gut, uns vor dieſen Kin⸗ dern der Phantaſie in Acht zu nehmen; denn ſie weihen die Schätze ihres Gefühls ſo ganz der Muſe, daß wir ihnen ebenſowenig zumuthen dürfen, einen Gedanken an die ein⸗ fachen Menſchenpflichten zu vergeuden, als ſich von einem in der Hauptſtadt flunkernden Verſchwender erwarten läßt, er werde ſein Geld in Bezahlung ſeiner Schulden verzet⸗ teln. Aber die ganze Welt vereinigt ſich darin, Nachſicht zu tragen mit den Schwächen derjenigen⸗ welche ihre eige⸗ nen Täuſcher und Züchtiger ſind. Die Dichter haben mehr Begeiſterung, mehr Liebe und mehr Herz⸗ als andere Leute, aber nur für die Erzeugniſſe ihres eigenen Schaffens. Es iſt vergeblich, ſie durch alltägliches Verdienſt und gewöhn⸗ liche Verpflichtungen an uns feſſeln zu wollen, gleichviel, was wir an Mühe und Opfern aufwenden mögen. Sie ſind undankbar gegen uns, blos weil die Dankbarkeit eine ſo gar unpoetiſche Eigenſchaft iſt. Wir verlieren ſie, ſo bald wir ſie zu feſſeln ſuchen. Ihre Zuneigung iſt Leicht wie die Luft, wenn's Menſchenbanden gilt; Ihr Flügelſchlag trägt ſie im Nu von hinnen.“ Sie folgen ihren Launen, beten ihre eigenen Blendwerke an und beſchwören, da ihnen die menſchlichen Geſtalten zu ma⸗ an 10= 1971 teriell erſcheinen für ihr phantaſtiſches Lieben, ein Geſpenſt herauf, deſſen Umarmung ſie in den Tod erkältet.“ Harley, der mit einemmal fühlte, daß er über das Faſ⸗ ſungsvermögen ſeiner Zuhörer hinausging und an die Grän⸗ zen ſeines bitteren Geheimniſſes ſtreifte(denn er dachte im Augenblick nicht an Leonard, ſondern an Nora), gab nun⸗ mehr ſeiner ſchrecklichen Jronie eine neue verſtändlichere Wendung, indem er die erhabenſten Stellen aus Leonards Rede ins Lächerliche zog. Dann warf er einen raſchen Ueberblick auf die politiſchen Fragen im Allgemeinen, ver⸗ theidigte Leslie mit demſelben ſcheinbaren Ernſt und der ver⸗ borgenen Satyre, welche wir in ſeinen Lobeserhebungen auf Egerton bemerkten, und ſchloß ſeine Rede, die in Beziehung auf populären Eindruck in dieſer Halle nie ihres Gleichen hatte, unter einem Donner von Bravorufen, welcher die Deck⸗ balken zu ſprengen drohte. Nach einigen Minuten wurden die Verhandlungen ge⸗ ſchloſſen und man ging nun zum Erheben der Hände über. Der Mayor, der ein durchaus Blauer war, erklärte, daß das Ergebniß dieſer Probe zu Gunſten des ſehr ehrenwer⸗ then Audley Egerton und des Randal Leslie Esquire ſpreche. Rufe von—„Nein!“—„Pfui!“—„parteiiſch!“ und ſo weiter. Es wurde Abzählung der Stimmen für die beiden anderen Candidaten verlangt— und dann begann das Volk aus der Halle hinaus zu ſtrömen. Harley war der erſte, der ſich durch einen beſonderen Eingang zurückzog, und Egerton folgte ihm. Randalzögerte noch, und Avenel benützte dies, um auf ihn zuzugehen und 124* 1972 offen ihm die Hand zu drücken. Dabei flüſterte er ihm heim⸗ lich zu: „Ich erwarte Euch heute Abend in Lansmere⸗Park unter den Eichen, ungefähr dreihundert Schritt von dem Einlaß am Ende des Parks gegen die Stadt hin. Wir müſſen ſorgen, daß die Geſchichte recht wird. Was dies nicht für eine verwetterte Windmacherei geweſen iſt!“ Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Obſchon die Kraft in Harley's Anrede ſowohl Freunde als Feinde hingeriſſen hatte, befand ſich doch Niemand, ſelbſt den von ſeinem Gewiſſen geſchlagenen Egerton nicht ausgenommen, in der Verſammlung, auf den ſie einen ſo tiefen Eindruck gemacht hätte, als auf den beſtürzten und ſchwer gekränkten Leonard. Er fühlte ſich anfänglich völlig betäubt von der ſo unverdienten Bitterkeit, und erſt nachdem der Volkshaufen verlaufen war, gewann er ſo viel Faſſung, um über die Anläſſe nachzudenken, welche dieſen Hohn her⸗ ausgefordert und deſſen Pfeile geſpitzt haben mochten. Es lag vor Augen, daß Harley Kunde erhalten hatte von ſeiner Liebeserklärung gegen Helen, und zwar in einer Weiſe, welche ihn dieſen Vorfall ganz irrig und als eine Beleidigung auffaſſen ließ. Die Beſchuldigungen einer Nichtachtung der Pflichten im gewöhnlichen Leben flößten nun nicht nur Galle in das Herz des jungen Mannes, ſondern kränkten auch ſeine Ehre. Er mußte unverweilt Lord L'Estrange auf⸗ 1973 ſuchen und ſich rechtfertigen— Helen rechtfertigen; denn * die Anklage gegen ihn war ſtillſchweigend auch eine Beſchul⸗ digung des Mädchens. Nachdem ſich Leonard ſeinen eigenen begeiſterten An⸗ hängern entwunden hatte, ging er geradenwegs auf Lans⸗ 3 mere Houſe zu. Die Einfriedigungen des Parks bis dicht an die Stadt waren dort mit einem Einlaß für Fußgänger verſehen. Unſer junger Freund benützte denſelben und hatte kaum einige hundert Schritte im Park zurückgelegt, als er in der Mitte derſelben Eichengruppe, welche von Avenel dem Mr. Leslie als Stelldichein bezeichnet worden war, ſich e Helen Digby gegenüber ſah. , Helen erſchrack und ſtieß einen leichten Schrei aus. Aber t Leonard, der für nichts mehr einen Sinn hatte, als für ſein o„ Verlangen, ſie beide zu rechtfertigen, war höchlich erfreut d über dieſen Anblick und hielt ſich nicht damit auf, ſein eige⸗ g nes Erſcheinen zu erklären oder ihre Aufregung zu beſchwich⸗ m tigen. g.„Miß Digby,“ rief er, indem er in ſeine Stimme und r⸗ in ſein Benehmen jene Achtung legte, welche oft ſo grauſam 8 die vergangene Vertraulichkeit von der gegenwärtigen Ent⸗ er fremdung ſcheidet—„Miß Digby, ich freue mich, Euch zu ſe, ſehen— freue mich, daß ich Euch um die Erlaubniß bitten ng kann, mich von einer Beſchuldigung zu reinigen, welche in ng Wirklichkeit auch Euch verwundet, obſchon ſie nur gegen mich ur gerichtet war. Lord LEstrange hat eben öffentlich zu ver⸗ en † ſtehen gegeben, daß ich— ich— der ich ihm ſo viel verdanke — der ich ihn ſo innig verehrte, daß mir ſogar der gerechte 1974 Unwille, welchen ich jetzt fühle, halb in dem Lichte des Un⸗ vanks erſcheint, den er mir zur Laſt legt— hat angedeutet, daß— Ach, Miß Digby, kaum ſtehen mir die Worte zu Ge⸗ bot, um das Gehörte, das mich ſo tief demüthigte, nachzu⸗ ſprechen. Aber Ihr wißt, wie falſch die Beſchuldigung iſt, daß eines von uns je fähig geweſen ſey, unſeren gemein⸗ ſchaftlichen Wohlthäter zu täuſchen. Erlaubt mir, daß ich vor Eurem Beſchützer wiederhole, was ich bei unſerer letzten Begegnung zu Euch ſprach und Ihr mir darauf antwortetet — vaß ich ihm ſage, in welcher Weiſe ich Euch verließ.“ „Oh, Leonard, thut dies; reinigt Euch in ſeinen Au⸗ gen. Geht! Lord LEstrange iſt ungerecht und unedelmü⸗ thig.“ „Helen Digby!“ rief eine Stimme ganz in der Nähe. „Von wem ſprecht Ihr ſo?“ Bei dieſem Ton wandten ſich Helen und Leonard um und ſahen Violante vor ſich ſtehen. Ihre jugendliche Schon⸗ heit erſchien faſt erhaben in dem edlen Unwillen, der aus ihren Augen blitzte, auf ihren Wangen glühte und ihre ſtattliche Geſtalt beſeelte. „Seyd Ihr's, die ſo von Lord LEstrange ſprechen kann? Ihr— Helen Digby— Ihr?“ Hinter Violante kam jetzt auch Mr. Dale zum Vor⸗ ſchein. „Ruhig, Kinder,“ ſagte er, indem er die eine Hand auf Violante's Schulter legte und die andere Leonard hinbot. „Was ſoll dies? Kommt mit mir, Levnard, und erklärt mir dieſen Auftritt.“ M. uf ot. nir Leonard ging mit dem Pfarrer bei Seite und machte in gedrängten Sätzen ſeinem ſchwellenden Herzen Luft. Der Pfarrer theilte Leonards Unwillen, und nachdem er bald von ihm Alles erfahren hatte, was bei jener denk⸗ würdigen Zuſammenkunft mit Helen vorgefallen war, rief er aus: „Genug! Unterlaßt es vorderhand, Lord LEstrange ſelbſt aufzuſuchen; ich gehe zu ihm und bin hier auf ſein Ge⸗ heiß. Er hat mich zwar erſt auf morgen beſchieden; aber der Squire hat mich in einigen haſtigen Zeilen erſucht, ich möchte morgen mit ihm in Lansmere zuſammentreffen und ihm nachher den armen Frank aufſuchen helfen. Da dachte ich nun, ich dürfte nur wenig Zeit finden zu der Beſprechung mit Lord LEstrange, wenn ich ſeine Einladung nicht ſchon früher benützte und heute käme. Es iſt gut, daß ich es that. Ich bin erſt vor einer Stunde angelangt, und als ich fand, vaß er ſich auf das Rathhaus begeben hatte, ſuchte ich die jungen Frauenzimmer im Park auf. Miß Digby, welche ſich dachte, ich werde meiner alten jungen Freundin Violante Manches im Vertrauen zu ſagen haben, ging einige Schritte vor uns her. So traf ſich's denn glücklich, daß ich hier war, um Euren Bericht zu vernehmen, und ich hoffe, jedes Miß⸗ verſtändniß beſeitigen zu können. Lord LEstrange muß jetzt zurückgekehrt ſeyn, und ich will mich nach dem Haus begeben. Ihr aber, ich bitte Euch, geht wieder in die Stadt; ich werde Euch ſpäter in Eurem Gaſthaus aufſuchen. Schon Euer Erſcheinen in dem Park und die wenigen Worte, welche zwiſchen Euch und Helen ſielen, könnten den Bruch er⸗ 4976 weitern zwiſchen Euch und Eurem— Eurem— Wohlthäter. Ich kann nicht dulden, daß dies noch dazwiſchen komme. Geht zurück, ich bitte Euch. Ich will alle erforderliche Aufklä⸗ rung geben, und Lord L'Estrange wird Euch gerecht wer⸗ den! Dies iſt wirklich ſeine Abſicht— muß ſeine Abſicht ſeyn!“ „Iſt— muß ſeine Abſicht ſeyn— nachdem er mich eben ſo ungerecht gekränkt hat?“ „Ja, ja,“ ſtotterte der arme Pfarrer, welchem das dem Lord L'Estrange gegebene Verſprechen einfiel, daß er ſeine Zuſammenkunft mit ihm geheim halten wolle, während er doch nicht wußte, in welcher anderen Weiſe er ſeine Worte erklären und den jungen Mann beſchwichtigen ſollte. Weil er übrigens noch immer glaubte, daß Leonard Harley's Sohn ſey, und dabei ſich alles Deſſen erinnerte, was der Edel⸗ mann, augenſcheinlich von Gewiſſensbiſſen gequält, mit ſolcher Beſtimmtheit von Sühne geſprochen hatte, ſo er⸗ ſchien es Mr. Dale als rein unbegreiflich, warum Harley die Genugthuung durch eine Beſchimpfung einleiten mochte. Um jedoch einem Zuſammentreffen zwiſchen Leonard und dem Lord vorzubeugen, ſo lange ihre Gefühle gegen einander ſo gereizt waren, hielt er mit Gewalt an ſich und begründete ſeinen diplomatiſchen Vorſchlag ſo gut, daß unſer junger Freund, obſchon nur mit Widerſtreben, ſich darein fügte, die weiteren Berichte des Pfarrers abwarten zu wollen. „Was die Genugthuung oder Entſchuldigung betrifft,“ ſagte er ſtolz,„ſo muß dieſe dem Lord LEstrange anheim⸗ gegeben hleiben. Ich verlange ſie nicht. Sagt ihm nur —— dies, daß ich, ſobald ich vernahm, diejenige, welche ich liebte und ſo viele Jahre wie ein Heiligthum verehrte, ſey mit ihm verlobt, ſogar den Wunſch, ſie die meinige zu nen⸗ nen, als Entweihung aus meinem Herzen verbannte; wenn dies ein Abtrünnigwerden von der Menſchenpflicht ſey, ſo fühle ich mich ſchuldig. Ich habe Tag und Nacht gebetet, daß ſie, welche der Segen meines einſamen, mühevollen Le⸗ bens hätte ſeyn können, dem ſeinigen ein Glück bereite, wie es ihm weder ſein Reichthum noch ſeine Größe zu verleihen vermöge; wenn dies Undank ſey, ſo treffe mich ſein Vor⸗ wurf mit Recht, und er möge mich immerhin verdammen. Ich wolle aus ſeinem Kreiſe weichen— als ein Ding, das ihm für einen Angenblick in den Weg gekommen und dahin ſey; aber Helen dürfe er keinen Vorwurf machen— keinen Argwohn auf ſie werfen— nicht einmal in Gedanken. Noch ein Wort. In dieſer Wahl— in dieſem Streit um Sachen, die meinen Gewohnheiten völlig fremd ſind, zu meiner Armuth nicht paſſen und meinem Ringen, welches ſo lange ſchon einem ſchöneren Ziele gilt, obſchon ich dieſem nur auf beſcheidenen Pfaden nachſtrebe— habe ich nur ſeinem Willen oder ſeiner Laune gehorcht— dies noch obendrein in einem Augenblick, als meine ganze Seele ſich nach Ruhe und Einſamkeit ſehnte. Ich that mir Gewalt an, um endlich ein Intereſſe an dem zu gewinnen, was mir ſo zuwider geweſen war. Aber in jeder Hoffnung auf die Zukunft— in jedem Sporn des Ehrgeizes ſtand mir ſtets Lord L'Estrange's Achtung vor Augen. Was ſoll ich jetzt länger hier? Sein ganzes Benehmen, mit Aus⸗ nahme ſeiner Verachtung gegen mich, iſt mir ein Räthſel. 1978 Und wenn er nicht ſeinen früheren Wunſch wiederholt, in deſſen Erſüllung ich noch immer eine mir durch die Dankbar⸗ keit gebotene Pflicht erkenne, ſo trete ich von dem Kampfe zu⸗ rück, den er mir verbitterte, und entſage dem Ehrgeiz, in welchen er Gift gemiſcht hat. Ja, ich will dann in meine Heimath zurückkehren, eingedenk jener beſcheidenen Pflichten, von denen er behauptet, daß ich ſie geringſchätze.“ Der Pfarrer nickte zu jedem vieſer Sätze ſeinen Beifall, und Leönard krat den Rückweg nach der Stadt an, nachdem er im Vorbeigehen Helen ſowohl als Violanten in gleich ab⸗ gemeſſener Weiſe gegrüßt hatte. Mittlerweile hatten auch die beiden Mädchen ſich mit ein⸗ ander beſprochen und waren dadurch plötzlich ſich viel theurer geworden; denn Helen ließ ſich durch ihre Ueberraſchung, ihr Staunen und die Aufregung hinreißen, auch Violanten daſſelbe Bekenntniß ihrer Neigung für einen Anderen, das ſie dem Lord LEstrange gemacht hatte, und die Auflöſung ihrer Verlobung mit dem Letzteren zu vertrauen. Violante ſah, daß Harley frei war. Und er hatte außerdem verſpro⸗ chen, ſie ſelbſt frei zu machen. Sie rief ſich ſeine Worte, ſeine Blicke in's Gedächtniß und gewann dadurch plötzlich die innere Ueberzeugung, daß ſie geliebt ſey und daß, ſo lange ſie Beide als gebunden erſchienen, nur die Ehre ihm verboten habe, ſeine Liebe zu bekennen. Violante ſtand jetzt wie ein ganz anderes Weſen da,„erglühend in himmliſchem Roſen⸗ roth“— den Himmel in ihrem Herzen und Wonne in ihren Augen. Sie liebte ſo innig und vertraute ſo unbedingt. Dann von ihren Hoffnungen und ihrem Glück überſtrömend, U, em b⸗ in⸗ rer ng. ten das ung nte r⸗ rte, die e ſie oten ein ſen⸗ hren ingt. 1979 ward ſie für Helen eine ſo füße Tröſterin, daß der Arm der Letzteren ſich um ſie her ſchlang und ihre Wangen ſich berühr⸗ ten. Sie waren Schweſtern. Zu jeder andern Zeit würde ſich Mr. Dale nicht wenig gewundert haben über dieſe plötzliche Zuneigung unter den beiden Mädchen; denn in ſeiner früheren Unterhaltung mit Violante hatte er, wie er meinte, ſehr ſchlau und in ſcher⸗ zender Weiſe die junge Italienerin über ihre Anſicht von den verſchiedenen guten Eigenſchaften ihrer jungen Freundin aus⸗ geholt und Violante den Titel Freundin eher zu umgehen geſucht; auch ſchien das Lob, das ſie edelmüthig Hele ſpen⸗ dete, ihr nicht ſo recht vom Herzen zu gehen⸗ Der gute Mann war übrigens im gegenwärtigen Augenblick ausſchließ⸗ lich damit beſchäftigt, ſeine Gedanken für die Zuſammen⸗ kunft mit Harley in Ordnung zu bringen; er ſchloß ſich deß⸗ halb ſchweigend den beiden jungen Damen wieder an, bot jeder einen Arm und führte ſie langſam nach dem Hauſe zurück. Als er ſich der Terraſſe näherte, bemerkte er Ricca⸗ boeca, welcher ſich mit Randal Seite an Seite auf dem Kiesweg erging. Violante drückte den Arm des Pfarrers und flüſterte: „Laßt uns einen Umweg um das Haus machen; ich möchte einige Worte ungeſtört mit Euch ſprechen.“ Mr. Dale, welcher der Meinung war, Violante wünſche Helen beſeitigt zu ſehen, ſagte zu der Letzteren: „Mein theutes Fräulein, vielleicht habt Ihr die Güte, mich bei Doctor Ricrabocea zu entſchuldigen, der mir winkt und ohne Zweifel ſehr überraſcht iſt, mich hier zu ſehen— 1980 denn ich habe mit Violanten das vollends zu beſprechen, wo⸗ rin wir unterbrochen wurden.“ Helen verließ ſie, und Violante führte den Pfarrer durch das Geſträuch nach einer Seitenthüre in einem anderen Flü⸗ gel des Hauſes. „Was habt Ihr mir mitzutheilen?“ fragte Mr. Dale, verwundert, daß ſie nicht von ſelbſt zu ſprechen anfing. „Ihr werdet Lord LEstrange ſehen. Sorgt ja dafür, daß Ihr ihn von Leonards Ehrenhaftigkeit überzeugt. Ein Argwohn wirkt ſo ſchmerzlich auf ſein edles Herz, daß er viellcht ſein Urtheil trüben dürfte.“ „Ihr ſcheint eine ſehr hohe Meinung zu haben von dem Herzen dieſes Lord LEstrange, mein Kind,“ verſetzte Mr. Dale mit einiger Ueberraſchung. Violante erröthete, fuhr aber mit Feſtigkeit und eifrigem Ernſt fort: „Einige Worte, die er— das heißt, Lord LEstrange — erſt kürzlich gegen mich äußerte, laſſen mich Euer Hieher⸗ fommen mit Freude begrüßen, und ich bin froh⸗ daß Ihr ihn beſuchen wollt; denn ich weiß, wie gut Ihr ſeyd— und wie weiſe— mein lieber, theurer Mr. Dale. Er ſprach wie ein Mann, der ein ſchweres Unrecht erlitten hat und dem plötzlich jede glücklichere Lebensanſicht verbittert wurde. Er redete vom Meiden der Welt— von der Einſamkeit— er, an den ſein Vaterland ſo viele Anſprüche hat. Ich weiß nicht, was er damit meinen kann— wenn der Grund nicht in der Auf⸗ löſung ſeines Verlöbniſſes mit Helen Digby liegt.“ ge hn ie in ich en as uf⸗ 1981 „Auflöſung ſeines Verlöbniſſes— hat es damit ſeine Richtigkeit?“ „Ich weiß es aus ihrem eigenen Munde. Ihr mögt wohl ſtaunen, daß ſie auch nur für einen Gedanken an einen Anderen Raum finden konnte, nachdem ſie ihn kennen gelernt hatte.“ Der Pfarrer heftete ſeine Augen mit großem Ernſt auf die junge Schwärmerin. Aber obgleich ihre Wangen glüh⸗ ten, lag doch in ihrem Geſichte der Ausdruck einer ſo arg⸗ loſen, offenen Unſchuld, daß Mr. Dale ſich mit einem leich⸗ ten Kopfſchütteln und der trockenen Bemerkung begnikßte: „Ich halte es für ganz natürlich, daß Helen Digby ihm den Leonard Fairfield vorzieht. Sie iſt ein gutes Mäd⸗ chen, das ſich nicht durch Eitelkeit und Ehrgeiz irre leiten läßt, und vor dieſen Verſuchungen ſollten wir Alle uns in Acht nehmen— vielleicht vornämlich junge Frauenzimmer, die plötzlich mit Reichthum und Rang in Berührung kommen. Was die guten Eigenſchaften dieſes adelichen Herrn betrifft, ſo weiß ich nicht, ob ich ſie zugeben oder in Abrede ziehen ſoll, und will mir mein Urtheil vorbehalten, bis ich ihn geſpro⸗ chen habe. Iſt dies Alles, was Ihr mir zu ſagen habt?“ Violante hielt eine Weile inne. „Ich kann mir nicht denken,“ fuhr ſie mit einem halben Lächeln fort—„ich kann mir nicht denken, daß die Verän⸗ derung, die mit ihm vorging— denn er iſt ſehr verändert — und die dunkeln Winke über ein erlittenes Unrecht und über die Gerechtigkeit, welche ſtattfinden müſſe, ihren Grund 1982 blos in ſeinen wegen Helens getäuſchten Erwartungen haben. Nein, ich glaube dies nicht.“ Sie nahm ihre leichte Hand aus dem Arm des Pfar⸗ ers und huſchte durch das Immergrün. Halb von den Lor⸗ beerbäumen verborgen wandte ſie ſich um, und Mr. Dale bemerkte ihren halb ſchalkhaften, halb traurigen Blick; ſein Licht ſtrahlte weich durch eine Thräne. „Das gefällt mir nur halb,“ murmelte der Pfarrer. „Ich werde dem Doktor Riccabocca einen Wink geben.“ Mit dieſem Vornehmen drückte er die Seitenthüre auf, und dg er dort einen Bedienten antraf, ließ er ſich durch ihn bei Lord LEstrange melden. Harley hatte ſich um jene Zeit mit Levy eingeſchloſſen. Sein Geſicht war gefaßt; aber ſeine Züge zeigten einen fürchterlichen Ernſt. „So, ſo,“ ſagte er;„morgen um dieſe Zeit wird Mr. Egerton um ſeinen Sitz im Parlament durch Mr. Randal Leslie betrogen ſeyn— gut! Morgen um dieſe Zeit iſt ſein Ehrgeiz in den Staub getreten durch den Verrath ſeiner Freunde— gut! Morgen um dieſe Zeit werden die Häſcher ihn feſtnehmen— er iſt zu Grunde gerichtet, ein Bettler, gefangen— alles Dies, weil er vertraut hatte und getäuſcht wurde— gut! Und wenn er Euch einen Vorwurf macht, mein kluger Baron Levy— wenn er den glatten Mr. Ran⸗ dal Leslie anklagt— ſo vergeßt nicht, ihm zu ſagen: Wir Beide ſind nur die blinden Werkzeuge Eures Freundes Harley LEstrange. Fragt ihn, warum Ihr ſo kläglich bethört wurdet.““ d h n⸗ 1983 „Und darf ich nun Eure Gnaden um ein einziges Wort der Aufklärung bitten?“ „Nein, Sir!— es iſt genug, daß ich Euch geſchont habe. Aber Ihr wart nie mein Freund, und ich habe keine Rache zu nehmen an einem Mann, deſſen Hand ich nicht ein⸗ mal berührte.“ Der Baron ſchoß einen finſteren Blick; allein ſein Tyrann war mit einer Gewalt gegen ihn aufgetreten, die ihn zumal einſchüchterte und ſchreckte. Nach einer Pauſe entgegnete er: „Und obgleich Mr. Leslie Parlamentsmitglied für Lans⸗ mere werden ſoll— eine Auszeichnung, die er Euch zu dan⸗ ken hat— verlangt Ihr doch, daß ich—“ „Thut genau, wie ich Euch geſagt habe. Von mei⸗ nen Planen wird nicht um die Breite eines Haares mehr ab⸗ gegangen.“ Der Kammerdiener trat ein. „Mein Lord, der ehrwürdige Mr. Dale läßt anfragen, ob Ihr ihn empfangen könnt.“ „Mr. Dale?— Er hätte erſt morgen kommen ſollen. Sagt ihm, ich habe ihn heute noch nicht erwartet und ſey unglücklicherweiſe bis zum Diner beſchäftigt, das heute früher als gewöhnlich ſtattfinden wird. Weist ihm ſein Gemach an; er wird nur wenige Zeit haben, um ſeinen An⸗ zug zu wechſeln. Beiläufig, Mr. Egerton ſpeist auf ſeinem eigenen Zimmer.“ 1984 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Die Hauptmitglieder des blauen Comité's waren im Park zur Taſel geladen und für das Diner eine ſehr frühe Stunde anberaumt worden, weil es an dem Vorabend einer Wahl, die einen ſo ſcharfen Kumpf in Ausſicht ſtellte, noch viel zu thun gab, namentlich da die unerſchütterlichen hun⸗ dert und fünfzig„Warter auf die Vorſehung“ noch imme⸗ mit ihren ſehr werthvollen Stimmen an ſich hielten. Die Geſellſchaft war heiter und lebhaft, trotz der Ab⸗ weſenheit Audley Egertons, der ſich unter dem Vorwande ſtärkeren Unwohlbefindens unmittelbar nach ſeiner Rückkehr vom Rathhaus in ſeine Zimmer eingeſchloſſen und an Har⸗ ley die Meldung hatte ergehen laſſen, daß er ſich zu ange⸗ griffen fühle, um an der Tafel theilnehmen zu können. ungeachtet des zweideutigen Erfolgs ſeiner Rede war Randal ſehr aufgeräumt. Was lag auch daran, daß ſein Vortrag nicht angeſprochen hatte, wenn nur ſeine Erwäh⸗ lung geſichert war? Er ſehnte ſich nach dem Zuſammen⸗ treffen mit Dick Avenel, welches„die Geſchichte recht machen ſollte.“ Der Squire brachte am andern Morgen das Geld, deſſen er zum Ankauf der erſehnten Güter bedurfte, und Rie⸗ cabveca hatte ihm wiederholt Violante's Hand zugeſichert. Wenn je Randal Leslie ein glücklicher Mann genannt werden konnte, ſo war es, als er an jener Tafel ſaß, mit Mr. Mayor und Mr. Alderman anſtieß und über dem blanken Silber⸗ plateau weg die lange Perſpektive von Reichthum und Macht vor ſich ſah. W. „ Das Diner war kaum vorüber, als Lord LEstrange in einer kurzen Anſprache ſeine Gäſte an die noch vor ihnen lie⸗ gende Arbeit erinnerte. Er brachte einen Trinkſpruch auf das Wohl der künftigen Vertreter von Lansmere aus und entließ dann das Comité zu ſeinen Geſchäften. Auf einen Wink Levy's folgte Randal dem Baron nach ſeinem Zimmer. „Leslie, Eure Erwählung ſteht in einiger Gefahr. Aus der Unterhaltung mit meinen Tafelnachbarn habe ich entnom⸗ men, daß Egerton durch ſeine Rede einen tiefen Eindruck auf die Blauen gemacht hat. Sie ſind in großer Sorge, daß ſie einen Mann verlieren könnten, der ihnen ſo ſehr zur Ehre gereicht, und ſprechen nicht nur davon, Euch ihr zwei⸗ tes Votum zu entziehen und in Bauſch und Bogen für Eger⸗ ton zu ſtimmen, ſondern wollen auch unter ſich eine Sub⸗ ſeription veranſtalten, um die ſcheue Körperſchaft der Hun⸗ dertundfünfzig für ſich zu gewinnen, auf die, wie ich weiß, Avenel in Beziehung auf die Stimmen rechnet, die er Euch zuwenden zu können hofft.“ „Es wäre ſehr unehrlich von dem Comité, das für uns Beide zu handeln vorgibt, wenn es um Egertons willen mich fallen laſſen wollte,“ ſagte Randal mit folgerichtigem Un⸗ muth.„Aber ich glaube nicht, daß ſie die Hundertundfünfzig ohne die offenſte und ſchreiendſte Beſtechung gewinnen können — ein Aufwand, den Egerton nicht erſetzen wird und deſſen Duldung dem Lord LEstrange oder ſeinem Vater in hohem Grad zur Unehre gereichen müßte.“ „Ich habe ihnen glatthin erklärt,“ verſetzte Levy,„daß Bulwer, meine Novelle, 125 1986 ich als Mr. Egertons Agent jeden Schritt ablehnen müſfe, der ſeine Erwählung anfechtbar machen könnte; dagegen wolle ich die Unterhandlung mit jenen Männern ſelbſt über mich nehmen, und ich bin auch wirklich im Begriff, zu die⸗ ſem Ende in die Stadt zurückzukehren. Ferner beredete ich die Hauptmitglieder des Comités, ſie möchten ihren Ent⸗ ſchluß, für Egerton mit Umgehung Eurer Perſon zu ſtim⸗ men, wohl überlegen, und erhielt von ihnen die Zuſage, daß ſie ſich nach L'Estrange's Weiſungen richten würden. Was nun Dieſer ſagt, weiß ich zum Voraus. Ihr könnt Euch darauf verlaſſen,“ fuhr der Baron mit einem finſteren Ernſt fort, der ſehr gegen ſein ſonſtiges eyniſches Weſen ab⸗ ſtach,„daß Ihr, wenn es anders in meiner Macht liegt, Eger⸗ ton den Vorrang ablaufen ſollt. Indeß iſt es nothwendig, daß Ihr heute noch mit Avenel Rückſprache nehmt.“ „Er hat mich auf zehn Uhr beſtellt, und wenn man ſich aus ſeiner Rede gegen Egerton ein Urtheil bilden darf, ſo kann ich an ſeiner Unterſtützung meiner Bewerbung nicht zweifeln, ſofern er aus ſeiner Wahlliſte die Ueberzeugung gewonnen hat, daß er nicht im Stande ſeyn wird, ſich ſelbſt und ſeinen unverſchämten Neffen durchzuſetzen. Wie höh⸗ niſch übrigens meine Rede von Mr. Fairfield behandelt wor⸗ den ſeyn mag, ſo muß ſie wenigſtens die gelbe Partei ge⸗ neigt gemacht haben, lieber für mich als für einen ſo ent⸗ ſchiedenen Widerſacher, als Egerton iſt, zu ſtimmen.“ „Ich hoffe ſo; denn Eure Rede und Fairfields Antwort hat Euch bei den Blauen ſchrecklich geſchadet. Eure Haupt⸗ hoffnung beruht übrigens darauf, daß es mir gelingt, jene 1987 hundertundfünfzig Hallunken von Zerſplitterung ihrer Stim⸗ men auf Egerton abzuhalten und ſie insgeſammt zur Ab⸗ gabe eines Votums für Euch zu veranlaſſen. Zu dieſem Ende werde ich allen Mitteln aufbieten und mich nur in Acht zu nehmen haben, daß ich nicht wegen erweislicher Be⸗ ſtechung vor einem Comité des Unterhauſes mich verantwor⸗ ten muß, da dies meiner dermaligen Stellung in der Ge⸗ ſellſchaft ſehr nachtheilig ſeyn würde. Ich will ſie, wie ich ſchon beim Comité gethan habe, auf den Glauben bringen, daß Egertons Wahl geſichert ſey und er nichts zahlen werde, während dagegen Ihr der Stimmen bedürftig ſeyed. Mit einem Wort, wenn ſie auf Borg zu kaufen ſind, ſo will ich ſie kaufen. Avenel kann Euch jedoch hierin die beſten Dienſte leiſten; denn da ſie im Grund gelb geſinnt ſind, ſo tragen ſie kein Bedenken, anzudeuten, daß ſie für eine blaue Stimme noch einmal ſo viel erwarten als für eine gelbe. Da nun Avenel ein Bezirksangehöriger iſt und ihre Art kennt, ſo dürfte es ihm gelingen, ſie zu gewinnen ohne Beſtechung.“ Randal(der ungläubig den Kopf ſchüttelt).—„Ohne Beſtechung!“ Levy.—„Pah!— Ich meine, ohne eine Beſtechung, die ſich beweiſen ließe.“ Es wurde an die Thüre geklopft. Ein Diener trat ein und meldete dem Baron Levy ein Compliment von Mr. Eger⸗ ton, welcher den Baron erſuche, ſogleich auf einige Minuten zu ihm zu kommen. „Gut,“ ſagte Levy, nachdem der Bediente ſich wie⸗ der entfernt hatte,„ich muß jetzt zu Egerton gehen, und ſo⸗ 125* 1988 bald ich mit ihm fertig bin, werde ich mich nach der Stadt begeben. BVielleicht bleibe ich die Nacht über dort.“ Mit dieſen Worten verließ er Randal und ſchlug den Weg zu Audley's Zimmern ein. „Levy,“ ſagte der Staatsmann abgebrochen, ſobald der Baron eingetreten war—„habt Ihr an Lord L'Es⸗ trange mein Geheimniß— meine erſte Vermählung— ver⸗ rathen?“ „Nein, Egerton; auf Ehre, ich habe nichts verrathen.“ „Ihr habt ſeine Rede gehört. Entdecktet Ihr nicht eine fürchterliche Ironie in ſeinen Lobeserhebungen?— oder iſt es— iſt es nur— mein Gewiſſen?“ fügte der ſtolze Mann durch die geſchloſſenen Zähne bei. „In der That,“ verſetzte Leyy,„Lord L'Estrange ſchien mir für ſein Lob gerade jene Punkte in Eurem Charakter aus⸗ zuleſen, die jeder Andere von Euren Freunden für einen Panegyrikus gewählt haben würde.“ „Ha, jeder Andere von meinen Freunden!— Welche Freunde?“ murmelte Egerton düſter. Dann raffte er ſich plötzlich auf und fügte mit einer Stimme bei, die nicht den gewöhnlichen, klaren, feſten Ton verrieth:„Eure Anweſen⸗ heit in dieſem Haus hat mich, wie ich Euch ſchon Anfangs ſagte, überraſcht; denn ich konnte mir ihre Nothwendigkeit nicht denken. Harley drang in Euch, zu kommen— er, deſſen Liebling Ihr nie geweſen ſeyd? Er und Ihr, von euch Beiden höre ich, Eure Bekanntſchaft mit Richard Avenel werde es Euch möglich machen, ſeine Oppoſition zu verſöh⸗ nen. Ich kann Euch zu dem Erfolg nicht Glück wünſchen—“ 1989 Wie ſich's damit verhält— dies wird ſich erſt noch „Q erweiſen. Sein heutiger Angriff iſt vielleicht nur eine Finte, um ſeine morgige Verwendung für Euch zu bedecken.“ Audley fuhr fort, ohne auf dieſe Unterbrechung zu achten: „Es iſt mit Harley eine Veränderung vorgegangen— gegen mich und gegen Alle— eine Veränderung, die viel⸗ leicht von Anderen nicht bemerkt wird; aber ich habe ihn von ſeinen Knabenjahren an gekannt.“ „Er iſt zum erſtenmal durch die praktiſchen Geſchäfte des Lebens in Anſpruch genommen, und dieſer Umſtand dürfte wohl eine noch größere Veränderung, als die von Euch be⸗ merkte, erklärlich machen.“ „Ihr ſteht zu ihm auf vertrautem Fuße— ſprecht oft mit ihm?“ „Nein, und nur über Dinge, welche zu der Wahl Beziehung haben. Gelegentlich zieht er mich allerdings we⸗ gen Randal Leslie's zu Rath, an welchem er, als an Eurem beſonderen Schützling, großen Antheil nimmt.“ „Auch dies überraſcht mich. Gut; ich bin es müde, mir den Kopf zu zerbrechen. Dieſer Platz iſt mir verhaßt, und ich verlaſſe ihn morgen, um wieder ruhig athmen zu können. Ihr habt Einſicht genommen von den Berichten über den Gang der Wahl— ich getraue mich nicht, es ſelbſt zu thun. Iſt meine Erwählung ſo ſicher, als man mirſagt?“ „Wenn Avenel ſeinen Neffen zurückzieht und die da⸗ durch frei werdenden Stimmen Euch zufallen, ſo ſeyd Ihr geſichert.“ „Und Ihr glaubt, dieſer Neffe werde zurücktreten? 1990 Der arme junge Mann! In ſeinem Alter und bei ſolchen Talenten iſt eine getäuſchte Hoffnung ein ſchwerer Schlag.“ Audley ſeufzte. „Ich muß Euch jetzt verlaſſen, wenn Ihr mir nichts Wichtigeres zu ſagen habt,“ bemerkte der Baron, von ſeinem Sitz aufſtehend.„Es gibt alle Hände voll zu thun, da die Wahl noch gewonnen werden muß, und— für Euch wäre ein Durchfallen—“ „Ruin— ich weiß dies. Wohlan, Levy, im Ganzen liegt es in Eurem eigenen Intereſſe, daß ich durchgreife; denn es dürfte noch mehr bei mir zu holen ſeyn. Und nach den Briefen, welche ich dieſen Morgen erhielt, wird meine Stellung durch die unbedingte Nothwendigkeit von Seiten meiner Partei, mich zu halten, ſo geſichert, daß auch ein Ruchbarwerden meiner pekuniären Verhältniſſe mich nicht ſo anzufechten braucht, als ich fürchtete. Nie war meine Lauf⸗ bahn ſo frei von Hemmniſſen— ſo offen für die höchſte Stufe des Ehrgeizes— ſelbſt in den prunkhafteſten Tagen meiner Größe nicht, wie jetzt, nun ich im Begriffe ſtehe, mit einem einzigen Bedienten eine Miethwohnung zu be⸗ ziehen.“ „Es freut mich, dies zu hören, und ich werde mir um ſo mehr Mühe geben, Euch die Wahl zu ſichern, von welcher di ſe Laufbahn abhängt, weil— doch es kömmt mich ſchwer an, es Euch zu ſagen—“ „Sprecht fort.“ „Ich bin durch einen plötzlichen Anlauf gegen mich genöthigt worden, alle meine Hülfsquellen aufzubieten und 1991 einige von Euren Wechſeln und Handſcheinen einem Anderen zu überlaſſen, der, wenn Eure Perſon nicht durch das Par⸗ lamentsprivilegium vor Verhaftung geſchützt wird, etwas hart auftreten dürfte, und—“ „Verräther!“ unterbrach ihn Egerton mit Heftigkeit, indem er der vollen Verachtung, mit welcher er den Wu⸗ cherer gewöhnlich behandelte, ihren Lauf ließ—„kein Wort mehr. Wie hätte ich auch etwas Anderes erwarten können! Ihr ſeht meine Niederlage voraus und habt es auf mein Verderben angelegt. Erfrecht Euch zu keiner Erwiederung — fort— aus meinen Augen.“ „Ihr werdet finden, daß Ihr ſchlimmere Freunde habt, als mich,“ entgegnete der Baron, ſich der Thüre nähernd, „und wenn es mit der Niederlage ſeine Richtigkeit hat und Eure Ausſichten für Lebenszeit zerſtört ſind, ſo bin ich der letzte Mann, der daran denkt, Euch einen Vorwurf zu ma⸗ chen. Doch ich habe Nachſicht mit Eurem Zorn und hoffe, daß Ihr morgen über mein Benehmen Aufklärungen erhalten werdet, für welche Ihr in Eurer dermaligen Stimmung doch kein Ohr hättet. Ich gehe, um der Wahl meine Sorge zu⸗ zuwenden.“ Als Audley allein war, entſchwand auch jede Spur von dem plötzlichen leidenſchaftlichen Aufwallen. Mit der ſchnell⸗ fertigen, logiſchen Pünktlichkeit, welche allein durch ſtetige Uebung im öffentlichen Leben gewonnen wird, faßte er alle ſeine Gedanken zuſammen und prüfte die Begründung ſeiner Beſorgniſſe. Am meiſten machte ihm der faſt unabweisliche 1992 Gedanke und die quälende Furcht zu ſchaffen, daß der Baron ihn an LEstrange verrathen haben müſſe. „Ich kann dieſe Ungewißheit nicht ertragen,“ rief er plötzlich laut.„Ich will Harley ſelbſt aufſuchen. Offen, wie er iſt, wird mir ſchon der Ton ſeiner Stimme ſagen, ob ich auch in menſchlicher Freundſchaft zum Bettler geworden bin. Wenn mir nur dieſe Freundſchaft geſichert bleibt— wenn Harley meine Hand noch mit derſelben herzlichen Wärme drückt— ſo ſoll jeder andere Verluſt meiner Standhaftigkeit nicht einen einzigen Laut der Klage abringen.“ Er zog die Klingel. Sein Kammerdiener, der ſich im Vorzimmer befand, trat ein. „Geht und ſeht nach, ob Lord L'Estrange beſchäftigt iſt. Ich möchte ihn ſprechen.“ Der Bediente kam nach weniger als zwei Minuten wie⸗ der zurück. „Ich finde, daß der gnädige Herr beſonders dringlich in Anſpruch genommen ſeyn muß, denn er hat gemeſſenen Befehl ertheilt, ihn nicht zu ſtören.“ „In Anſpruch genommen!— von was?— vonwem?“ „Ein Geiſtlicher iſt auf ſeinem Zimmer, der heute Abend hier ankam und mit bei Tafel war. Wie ich höre, war er früher Pfarrer in Lansmere.“ „In Lansmere— Pfarrer! Sein Name— ſein Name? Heißt er nicht Dale?“ „Ja, Sir, ſo iſt der Name— der ehrwürdige Mr. Dgle.“ „Verlaßt mich,“ ſagte Audley mit tonloſer Stimme. — — 1993 „Dale! Der Mann, welcher auf Harley Verdacht hatte— der mich in London aufſuchte, von einem Kind ſprach —von meinem Kind— und mich hinſchickte, um noch ein Grab zu finden! Er mit Harley eingeſchloſſen— er!“ Audley ſank in ſeinen Stuhl zurück und haſchte buch⸗ ſtäblich nach Luft. Wenige Männer ſtanden ſo im Ruf des Muthes, welcher der Mannheit Würde verleiht, ſowohl ein körperlicher als in moraliſchrBeziehung. Aber in jenem Augenblicke war es weder Schmerz noch Gewiſſenspein was Audley lähmte, ſondern die Furcht. Der muthige Mann ſah deutlich und drohend das Bild ſeines eigenen Verraths vor ſich— das Verbrechen eines Feiglings— und dies machte ihn ſelbſt zur Memme. Was hatte er zu fürchten? Nichts als das anklagende Geſicht eines gekränkten Freundes— ſonſt nichts. Aber was konnte ſchrecklicher ſeyn? Mitten in dem Prunk ſeiner Anhänger das einzige Weſen, das ihm geblieben war, um ihn zu lieben— das einzige Weſen, für das der kalte Staatsmann die glückliche, belebende menſch⸗ liche Innigkeit einer Herzenszuneigung fühlte— ſollte ihm verloren ſeyn für immer. Er bedeckte ſein Geſicht mit den Händen und ſaß da in geſpannter Erwartung vor etwas Schrecklichem, wie das Kind im Finſtern. Schwere Tropfen ſtanden auf ſeiner Stirne, und ſein Körper bebte. 1994 Achtundzwanzigſtes Kapitel. Inzwiſchen hatte Harley mit kalter Aufmerkſamkeit zugehört, wie Mr. Dale ſeinen ehemaligen Schüler zu recht⸗ fertigen ſuchte. „Genug,“ ſagte er endlich.„Mr. Fairfield— denn ſo will ich ihn noch nennen— wird mich heute noch ſehen, und wenn ihm eine Abbitte gebührt, ſo ſoll ſie ihm werden. Bis dahin muß ſich entſchieden haben, ob er auf der Wahl⸗ bewerbung beharren oder zurücktreten ſoll. Aber ich habe mir nicht von Euch verſprechen laſſen, daß Ihr mich in die⸗ ſem Hauſe beſuchet, Mr. Dale, um von Euch zu hören, wie dieſer junge Mann um meine Verlobte warb oder vor der Werbung zurückſchrack. Wir ſind darüber einverſtanden ge⸗ weſen, daß der Verführer von Nora Avenel Züchtigung ver⸗ diene, und ich ſagte Euch zu, daß Nora Avenels Sohn einen Vater finden ſolle. Das Eine wie das Andere ſoll morgen in Erfüllung gehen. Und Ihr, Sir,“ fuhr Harley fort, indem er ſich erhob— und ſeine ganze Geſtalt ſchien ſich allmälig zu vergrößern unter der Würde der Leidenſchaft, „der Ihr das Gewand tragt, das dem heiligſten Dienſt der chriſtlichen Liebe angehört— Ihr, der Ihr Euch anmaßtet, zu glauben, daß ich, noch eh der Bart meine Wangen um⸗ dunkelte, fähig geweſen ſey, zuerſt das Mädchen, das unter dieſem Dache erzogen wurde, zu verrathen und dann zu ver⸗ laſſen— wie eine Memme von dem Platz wegzuſchleichen, nach welchem das Opfer gekommen war, um ſich in den Tod zu legen— meinen eigenen Sohn, geboren von dem 1995⁵ ſchwergekränkten Weibe, preis zu geben, ohne weitere Sorge oder nur einen Gedanken für ihn während der gefährlichen Jahre einer verführeriſchen Jugend, bis ich ihn zufällig als einen Ausgeſtoßenen fand in einer Wüſte, ſchrecklicher als tie der Hagar— Ihr, Sir, der Ihr ſo lange Jahre dieſe ſchlimme Meinung von mir hegtet, ſollt nun Gelegenheit erhalten, Euren heiligen Eifer gegen das rechte Haupt zu kehren, und in mir, welchen Ihr als einen Schuldigen ver⸗ dammtet, mögt Ihr dann ehrfurchtsvoll den Richter er⸗ kennen.“ Mr. Dale war anfänglich beſtürzt und erſchüttert von dieſem unerwarteten Ausbruch. Längſt aber gewöhnt, mit den wildeſten und finſterſten Leidenſchaften zu verkehren, er⸗ holte ſich ſein ruhiger Verſtand und das Gefühl der Ueber⸗ legenheit über diejenigen, welche ihm einen Blick in ihr Herz geſtatteten, edel von dem Sturm der Ueberraſchung. „Mein Lord,“ ſagte er,„zuerſt beuge ich mein Haupt in Demuth vor Eurem Tadel und bitte Euch, mir den Irr⸗ thum meiner liebloſen Anſicht— wie Ihr ſie nennt— zu verzeihen. Wir auf dem Dorfe ſind nur geringe Hirten einer beſcheidenen Heerde und durch Gottes Gnade abgeſchieden von den Verſuchungen, ſo daß wir leicht in die Lage kom⸗ men, ihren Einfluß auf diejenigen, deren Lvos gefallen iſt in der großen Welt mit ihren vielen, der Sünde offen ſtehen⸗ den Thoren, in einem zu grellen Licht aufzufaſſen. Dies iſt meine einzige Entſchuldigung, wenn ich mich durch einen ſcheinbar ſo ſtarken Anzeigenbeweis irreleiten ließ. Aber vergebt mir auch dann, wenn ich Euch warne vor einem 1996 Irrthum, der vielleicht nicht viel geringer iſt, als der mei⸗ nige. Die Leidenſchaftlichkeit, mit der Ihr Euch von mei⸗ nem falſchen Verdacht reinigtet, gereicht Euch zur Ehre. Aber ach, mein Lord, als Ihr mit ſo finſterer Stirne und ſo blitzenden Augen Eure Drohung gegen einen Anderen aus⸗ ſprachet, über den Ihr Euch zum Richter aufwerfen wollt, ohne der göttlichen Vorſchrift: Richtet nicht! eingedenk zu ſeyn, fühlte ich wohl, daß ich nicht länger die Stimme einer ehrlichen Selbſtvertheidigung hörte, ſondern daß aus Eurem Munde der Durſt nach Rache redete.“ „Nennt es Rache, oder wie Ihr wollt,“ verſetzte Har⸗ ley mit finſterer Entſchloſſenheit;„aber ich bin zu tief ge⸗ ſtochen worden, um nicht wieder zu ſtechen. Bis auf die letzten paar Tage bin ich ſtets offen geweſen gegen Jeder⸗ mann— bin es auch jetzt wenigſtens gegen Euch. Ich er⸗ kläre Euch daher, daß ich mir nicht als Tugend anrechne, was meiner Ueberzeugung nach hier Gerechtigkeit iſt; aber keine Declamationen und Predigten, welche darauf abzielen, mir dieſe Gerechtigkeit als ſündhaft vorzuſtellen, werden an meinem Entſchluß etwas ändern. Als Mann bin ich bis zur Wuth gekränkt worden und als Mann will ich Sühne nehmen. Der Weg und die Art— der wahre Verbrecher und das ihm gebührende Urtheil— bald wird alles Dies Euch kein Geheimniß mehr ſeyn, Sir. Ich habe heute Nacht noch viel zu beſorgen; entſchuldigt mich daher, wenn ich Euch mit der weiteren Beſprechung auf morgen verweiſe.“ „Nein, nein— ſchickt mich nicht in dieſer Weiſe fort. Ungeachtet Eurer gegenwärtigen Sprache regt ſich in mei⸗ M— 1997 nem Inneren ein gebieteriſches Gefühl der Theilnahme für Euch, denn ich ſehe, daß da viel Herzeleid vorausgegangen ſeyn muß, wo jetzt ſo herber Groll waltet. Ich möchte Euch einen Schmerz erſparen, der bitterer iſt, als alle an⸗ dern— die Folter des Gewiſſens. Oh, haltet inne, mein theurer Lord— haltet inne und antwortet mir nur auf zwei Fragen. Dann mögt Ihr bei Eurem Handeln dem eigenen Rathſchluß folgen.“ „So ſprecht, Sir,“ verſetzte Lord LEstrange achtungs⸗ voll und mit einiger Rührung. „Zuerſt alſo— prüft Eure Gefühle. Gilt Eure Ge⸗ reiztheit blos der Beſtrafung eines Uebelthäters und dem Wunſche, den Lebenden zu ihrem Recht zu verhelfen?— Denn wer kann ſich anmaßen, den Todten Recht zu ſchaffen? Oder folgt Ihr den Eingebungen eines Privathaſſes, der in Euch thätig iſt und Alles durcheinander wirft?“ Harley blieb ſtill. Mr. Dale nahm wieder auf. „Ihr liebtet jenes unglückliche Mädchen, und ſogar Eure gegenwärtige Sprache bekundet dies. Ihr redet von Verrath; vielleicht hattet Ihr einen Nebenbuhler, der Euch hinterging. Wer er iſt, weiß ich nicht und will auch nicht rathen. Aber wenn Ihr den Nebenbuhler ſchlagt, werdet Ihr dann nicht auch den unſchuldigen Sohn treffen? Und wenn Ihr Nora's Kind ſeinem Vater zuführt, wie Ihr mir verſprochen habt— könnt Ihr dabei einen ſo grauſamen Hohn im Schilde führen, daß Ihr das anſcheinende Wohl⸗ wollen nur zum Deckmantel der Rache brauchen wollt?“ „Ihr verſteht Euch gut darauf, im menſchlichen Herzen 1998 zu leſen,“ entgegnete Harley,„und ich habe Euch erklärt, daß ich nur ein Menſch bin. Fahrt fort; Ihr wolltet noch eine zweite Frage ſtellen.“ Mr. Dale.—„Und zwar eine weit feierlichere und wichtigere. In meiner Dorfwelt gehört die Rache zu den gewöhnlichen Leidenſchaften; ſie iſt die Sünde der Unge⸗ bildeten. Dem Wilden erſcheint ſie edel; aber die chriſtliche Religion, dieſe erhabene Bilderin, verwirft ſie mit allem Nachdruck. Warum? Weil die Religion ſtets den Menſchen zu veredeln ſucht und ihn nichts ſo tief erniedrigt, als die Rachſucht. Blickt in Euer Herz und ſagt mir, ob ſich, ſeit dieſe Leidenſchaft in Euch Wurzel faßte, nicht Euer Sinn für Recht und Unrecht verwirrt hat— ob Ihr Euch nicht geſtehen müßt, daß Euch jetzt nur als rechtmäßiges Mittel zu Erreichung des heißerſehnten Zweckes erſcheint, was Euch früher gemein und ſchlecht däuchte. Die Rachſucht iſt ſtets eine Heuchlerin. Der Zorn ſchlägt wenigſtens mit nacktem Schwerte zu; aber geduldig und verſtohlen trägt die Rache den verborgenen Dolch des Meuchlers. Mein Lord, Ihr verfärbt Euch. Welche Antwort habt Ihr auf meine Frage?“ „Oh,“ rief Harley mit einer Stimme, die von inne⸗ rem Weh erbebte,„nicht erſt ſeit ich dem Gedanken an Rache Zutritt geſtattete, bin ich verändert und iſt Recht und Unrecht für mich dunkel geworden— dieſe Heuchelei ſcheint die für die Erde paſſende Atmoſphäre zu ſeyn. Nein, der Grund liegt in der Entdeckung, welche Rache fordert. Es iſt nutzlos, Sir,“ fuhr er ungeſtüm fort—„Ihr verſchwendet Eure Mühe, wenn Ihr mir Vorſtellungen machen wollt. Wenn — daß ine und den ge⸗ iche lem hen die ſeit inn icht ttel uch tets tem ache Ihr e?“ me⸗ che echt für und los, ure 1959 ich unter dem Gefühl der Kränkung, die ich erlitten habe, geduldig und thatlos daſitzen wollte, ſo würde ich in der That jene Erniedrigung in mir fühlen, die Ihr der Befriedigung deſſen zuſchreibt, was Ihr Rachſucht nennt. Ich könnte nie die Selbſtachtung wieder gewinnen, die durch das Ge⸗ fühl der Macht in mir geweckt wurde, und es wäre mir, als müßte mir die ganze Welt meine Demüthigung anſehen und mich darum verhöhnen. Ich weiß nicht, warum ich mich ſo weit gegen Euch ausſprach— warum ich Euch ſo viel von dem verrieth, was mein Innerſtes bewegt, und mich herabließ, meine Entſchließungen vor Euch zu rechtfertigen. Dies lag nicht in meiner Abſicht. Noch einmal ſage ich — wir müſſen dieſe Beſprechung ſchließen.“ Harley ging nach der Thüre und öffnete ſie bedeu⸗ tungsvoll. „Nur noch ein Wort, Lord LEstrange— ein einziges. Ihr wollt nicht auf mich hören. Ich bin Euch ſo zu ſagen fremd; aber Ihr bergt unter gleichem Dache mit Euch einen Freund— einen warmen innigen Freund. Wollt Ihr nicht wenigſtens bei Mr. Audley Egerton Euch Raths erholen? Niemand kann an ſeiner Freundſchaft zu Euch zweifeln— und Niemand wird in Abrede ziehen, daß jeder Rath, den er Euch ertheilt, im Einklang ſtehen muß mit Eurer Ehre. Wie, mein Lord, Ihr wollt nicht?— Ihr ſchämt Euch, Eurem theuerſten Freunde ein Vorhaben zu vertrauen, das ſein edler Sinn verwerfen würde? Dann will ich ſelbſt zu ihm gehen— will ihn flehentlich bitten, daß er Euch vor einer Handlung bewahr⸗, die Euch nur Reue bringen kann.“ 2000 „Mr. Dale, ich verbiete Euch, mit Mr. Egerton zu ſprechen. Was zwiſchen uns vorgefallen iſt, muß Euch ſo heilig ſeyn, wie dem römiſchen Prieſter ſein Beichtſiegel. Hört indeß ſo viel zu Eurer Befriedigung: ich verſpreche Euch, daß ich nichts thun will, was mich der Freundſchaft des Mr. Egerton unwerth machen oder ſein zartes Ehr⸗ gefühl zum Tadel berechtigen könnte. Möge Euch dies ge⸗ nügen.“ „Ach, mein Lord,“ rief Mr. Dale, der unſchlüſſig auf der Schwelle ſtehen blieb, während er Harley's Hand ergriff, „ich wäre in der That völlig zufrieden geſtellt, wenn Ihr Euch einem höheren Rathe, als dem meinigen, dem von Mr. Egerton oder irgend eines Menſchen unterwerfen woll⸗ tet. Habt Ihr nie die Kraft des Gebets empfunden?“ „Mein Leben iſt ein vergeudetes geweſen,“ verſetzte Harley,„und ich wage es daher nicht, mich zu rühmen, daß ich mein Beten wirkſam gefunden habe. Aber ſo weit ich mich erinnern kann, pflegte ich regelmäßig mein Morgen⸗ und Abendgebet zu verrichten— wenigſtens bis— bis—“ Die natürliche und ſtarre Offenheit des Mannes ſprach ſich in den letzten Worten aus, welche den Vorbehalt in ſich faßten. Er hielt inne. „Bis Ihr der Rachſucht Eingang geſtattetet. Ihr habt es ſeitdem nicht mehr gewagt zu beten. Oh, bedenkt, wie ſchlimm es um unſer Inneres ſtehen muß, wenn wir den Muth verlieren, zu Gott aufzublicken und ihn um das zu bitten, was wir wünſchen. Ihr ſeyd bewegt— ich überlaſſe Euch Eurem Nachdenken.“ tzu h ſo gel. eche haft Fhr⸗ ge⸗ auf riff, Ihr von voll⸗ etzte daß ich gen⸗ rach t in habt wie den s zu laſſe 2001 Harley ſenkte den Kopf; der Pfarrer ging an ihm vorbei und ließ ihn allein— erſchüttert zwar, ob aber auch be⸗ ſänftigt? Als Mr. Dale in großer Aufregung den Gang ent⸗ lang eilte, ſchlich Violante aus einer Niſche der hohen Bogen⸗ fenſter heraus, legte ihren Arm in den ſeinigen und ſagte mit ängſtlicher Begier: „Ich habe auf Euch gewartet— oh, und wie lange! Ihr ſeyd bei Lord L'Estrange geweſen?“ „Ja.“ „Warum ſprecht Ihr nicht? Ihr habt ihn getröſtet verlaſſen— glücklicher?“ „Glücklicher? Nein.“ „Wie?“ rief Violante mit der Miene der Ueberraſchung und mit einer Wehmuth, die in der Raſchheit des Tons auch einen Anflug von Aerger erkennen ließ. Wie— er nimmt ſich's ſo ſchwer zu Herzen, daß Helen einen Anderen vorzieht?“ Trotz der ernſten Aufregung, welche den Sinn des ehrlichen Pfarrers verſtörte, wurde er doch betroffen ob die⸗ ſer Frage und dem Ton, in welchem Violante ſie an ihn ſtellte. Er war ihr mit väterlicher Liebe zugethan und ſagte daher zu ihr: „Kind, Kind, ich freue mich, daß Helen dem Lord L'Es⸗ trange entronnen iſt. Seht Euch vor— oh, ſeht Euch vor, daß er nicht ein wärmeres Intereſſe in Euch wecke. Er iſt ein gefährlicher Mann— um ſo gefährlicher wegen der ein⸗ zelnen Züge einer urſpränglich ſchönen Natur. Ich glaube wohl, daß er die Herzen der Unſchuldigen und Unerfahrenen Bulwer, meine Novelle. 126 5 zu rühren vermag, denn er hat ſich ſeltſamerweiſe ſogar in das meinige eingeſchlichen. Aber ſein Herz iſt angeſchwol⸗ len von Stolz, Rachſucht und böſem Willen.“ „Ihr ſeyd im Irrthum— es iſt falſch!“ rief Violante mit Ungeſtüm.„Ich kann kein Wort zum Nachtheil desje⸗ nigen glauben, der meinen Vater vom Gefängniß oder vom Tod gerettet hat. Ihr ſeyd zu rauh mit ihm umgegangen. Er meint, von Leonard ein Unrecht erlitten zu haben und von Helen mit Undank gelohnt worden zu ſeyn. Dieſen Stachel fühlt er im Verhältniß der Tiefe ſeines edlen, empfänglichen Herzens, und Ihr habt geſchmält, wo Ihr hättet beſchwichtigen ſollen. Armer Lord LEstrange! Und Ihr verließt ihn noch immer zornig und unglücklich?“ „Thörichtes Mädchen! Ich verließ ihn, über Sünde prütend und in einem Zuſtand, in welchem er ſich vor dem Gebete fürchtet; ich verließ ihn am Rande eines Anſchlags — was er ſinnt, weiß ich nicht— aber es handelt ſich um Entwürfe der Rache, die über ſein Verhältniß zu Leonard hinausgehen. Ich habe ihn ſo verlaſſen, daß er, wenn ſein Herz wirklich edel und empfänglich iſt, aus ſeinem Grimm nur erwachen wird, um einer langen und nutzloſen Reue anheim zu fallen. Wenn Euer Vater Einfluß auf ihn hat, ſo wiederholt ihm, was ich Euch ſagte, und fordert ihn auf, ſeinerſeits den Mann zu retten, welcher ihn gerettet hat. Er hat nicht hören wollen auf die Stimme der Reli⸗ gion; vielleicht findet die Philoſophie mehr Beachtung bei ihm. Meines Bleibens iſt nicht länger hier— ich muß zu Leonard gehen.“ 2003 4 Mr. Dale machte ſich von Violanten los und eilte den Gang hinab; Violante blieb betäubt und athemlos auf ihrer Stelle. Harley auf eine geheimnißvolle Sünde ſinnend— Har⸗ ley, der erwachen ſollte als Opfer der Gewiſſensbiſſe— Harley zu retten, wie er ihren Vater gerettet hatte! Ihre Bruſt wogte; die Farbe kam und ging. Ihre Augen waren aufwärts gerichtet und ihre Lippen murmelten. Leiſen Trit⸗ tes bewegte ſie ſich im Gang vorwärts. Sie ſah den Wie⸗ derſchein der Lichter aus Harleys Zimmer; aber plötzlich wurde es dunkel, wie wenn der Bewohner mit zorniger ungeduldiger Hand die Thüre geſchloſſen hätte. Eine äußere Hanblung verräth vft, was im Inneren vor⸗ geht. Mit dem Schließen der Thüre in der angedeuteten ha⸗ ſtigen Weiſe hatte er ſein Herz gegen das Eindringen ſanfterer und heiligerer Gedanken abzuſperren geſucht. Er trat an den Herd und blieb entſchloſſen und verhärtet vor demſelben ſtehen. Der Mann, welcher eine lange Reihe von Jahren mit ſo beharrlicher Treue geliebt hatte, konnte nicht mit einemmale in Haß ſcheiden. Eine Leidenſchaft, wenn ſie einmal Eingang gewonnen hat in der Bruſt, faßt bald ſo tiefe Wurzeln. Aber wehe— weh Dir, Harley LEstrange, wenn Du morgen um dieſe Stunde wieder an Deinem Herd ſtehſt und Deine Plane erfüllt ſind— wenn Du Dir ſagen mußſt, in Voll⸗ ſtreckung Deines blinden Willens habeſt Du Falſchheit mit Falſchheit und Täuſchung mit Täuſchung vergolten! Obſchon Dir dieſe Anſchläge jetzt nur als der Vollzug eines gerech⸗ ten, verdienten und ausgeſucht paſſenden Strafgerichts, als 126* die einzige Rache erſcheinen, welche das civiliſirte Leben dem Witz der Sterblichen geſtattet— wirſt Du je aus Deiner Erinnerung den Flecken austilgen fönnen, mit dem Du Deine Ehre beſudelteſt— Du, der Du noch Freundſchaft heuchelſt und den Verrath unter Lächeln birgſt? Zugegeben, daß das erlittene Unrecht ſo groß ſey wie es Dir vorkömmt — ja, wenn es auch noch zehnmal größer wäre, immerhin wird das Gefühl Deiner Gemeinheit, o Gentleman und Krieger, in der Tiefe Deiner Einſamkeit Dir die Glut auf die Wangen jagen. Du, der Du Andere einer vertrauenden Liebe für unwerth hältſt, wirſt fühlen müſſen, daß Du ſelbſt der ihrigen unwürdig geworden biſt. Die Ruhe wird Deiner Abgeſchiedenheit fremd bleiben und die Manneswürde Dich verlaſſen. Dein ſtolzes Auge muß ſich ſenken vor dem Blick, der Dich trifft, und Dein Schritt wird nicht länger den Bo⸗ den verachten, den er betritt. Wer einmal eine niedrige Handlung beging, kann ſich nie wieder ganz mit der Ehre verſöhnen. Und wehe, dreimal wehe, wenn Du zu ſpät erfährſt, daß Du das vermeintliche Unrecht übertrieben haſt — daß Entſchuldigungsgründe vorhanden waren, wo Du teine ſaheſt— und daß Dein Freund zwar irrte, ſein Irr⸗ thum aber verzeihlich iſt im Gegenſatz zu dem, was Du für Vergeltung hielteſt. So ſtand in der ſtolzen Erhabenheit des ihm inwohnen⸗ den Machtgefühls, obſchon es einem kläglichen Zwecke zu⸗ ſtrebte— ein ſchreckliches Beiſpiel der Veränderung, welche ein einziger böſer häßlicher Gedanke, den man mit Aus⸗ ſchluß aller anderen hegt, in der edelſten Natur hervorbrin⸗ ge hre ät aſt Du rr⸗ für len⸗ zu⸗ lche lus⸗ rin⸗ 2005 gen kann— ſo ſtand an dem Herd ſeiner Väter und an dem Abgrunde einer Seelenpein und Schande, die nicht mehr auszutilgen ſind— der entſchloſſene, übermüthige Mann. Eine Hand iſt an der Thüre— er hört ſie nicht, eine Geſtalt ſchwebt über die Schwelle— er ſieht ſie nicht; ein leichter Schritt hält inne und ein ſanftes Auge blickt auf — er iſt taub und blind für beides. Muth faſſend kam Violante näher und trat vor den Herd an ſeine Seite. Neunundzwanzigſtes Kapitel. „Lord LEstrange— edler Freund!“ „Ihr?— und hier— Violante? Sucht Ihr mich? Weßwegen? Gütiger Himmel, was iſt vorgefallen? Warum ſeyd Ihr ſo blaß— warum zittert Ihr?“ „Habt Ihr Helen vergeben?“ Kutgegnete Violante, mit einer ausweichenden Frage beginnend, und ihre Wange zeigte keine Bläſſe mehr. „Helen— das arme Kind! Ich habe ihr nichts zu vergeben, aber für viel zu danken. Sie iſt offen und ehrlich geweſen.“ „Und Leonard— den ich von meiner Kindheit her kenne — Ihr habt ihm verziehen?“ „Schöne Vermittlerin,“ erwähnte Harley lächelnd, ob⸗ ſchon mit Kälte,„glücklich iſt der Menſch, der Andere täuſcht, denn Alles legt Fürſprache für ihn ein. Und wenn der Ge⸗ 2006 täuſchte nicht vergeben kann, ſo hat Niemand eine Theil⸗ nahme oder Entſchuldigung für ihn.“ „Aber Leonard hat Euch doch nicht getäuſcht?“ „Ja; von Anfang an. Es iſt eine lange Geſchichte, und ſie paßt nicht für Euer Ohr. Aber ich kann ihm nicht vergeben.“ „Adieu, mein Lord. Helen muß Euch alſo noch ſehr theuer ſeyn!“ Violante wollte ſich entfernen. Ihre Aufregung war ſo ungekünſtelt und ſelbſt ihr Unwille ſo bezaubernd, daß die Liebe, gegen welche Harley unter dem Walten ſeiner ſpäte⸗ ren und finſtereren Leidenſchaften ſo ernſtlich angekämpft hatte, wieder ſein Weſen durchſtröͤmte; aber es war nur ein ſtürmiſcher Anlauf. „Bleibt, aber ſprecht nicht von Helen!“ rief er.„Ach, wenn Leonards einziges Vergehen in dem läge, was Ihr an⸗ zunehmen ſcheint, glaubt Ihr, daß ich mich gekränkt fühlen fönnte? Mein, ich würde dankbar die Hand gegrüßt haben, die ein übereiltes und unpaſſendes Band trennte, und meine Mündel ſollte ihrem Liebhaber eine Morgengabe mitbringen, wie ſie zu verleihen meinem Reichthum ziemte. Aber ſeine Verſündigung gegen mich rührt ſchon von ſeiner Geburt her. Segen und Glück zu bereiten dem Sohn eines Men⸗ ſchen, der—— Violante hört mich an. Wir ſcheiden viel⸗ leicht bald und für immer. Mögen auch Andere meine Handlungen mißdeuten, Ihr wenigſtens ſollt wiſſen, wel⸗ chem Grundſatz der Gerechtigkeit ſie entſpringen. Es war ein Mann, den ich vor aller übrigen Welt mehr als einen c e, t n, en, ine urt en⸗ el⸗ ine el⸗ var nen 2007 Bruder liebte. In der Romantik meiner Knabenjahre lernte ich ein Weſen kennen, das meine Einbildungskraft bezau⸗ berte und mein Hetz feſſelte. Es war ein Traum von Schon⸗ heit im wachenden Leben. Ich liebte— und glaubte mich geliebt. Mein ganzes Herz vertraute ich jenem Freunde, der mir mehr als ein Bruder war; er übernahm es, meine Bewerbung zu unterſtützen und ihr das Wort zu reden. Unter dieſem Vorwand ſah er zuerſt das unglückliche Mädchen — ſah ſie— verrieth ſie— und richtete ſie zu Grunde. Mir ſagte er kein Wort davon, daß ihre Liebe, die ich mir geweiht wähnte, ſo wild an einen Anderen verſchwendet worden war. Er ließ mich auf dem Glauben, meine Bewer⸗ bung habe ſie in edelmüthiger Selbſtaufopferung zur Flucht bewogen— denn ſie war arm und von geringer Herkunft — und dieſes Opfer— o eitler Thor, der ich war— ſey zu gewaltig geweſen für ein junges Menſchenherz, das in dem Kampfe brach. Er ließ mich den Lenz meines Lebens in Gewiſſensbiſſen verzehren, drückte meine Hand mit fal⸗ ſchen Troſtworten und lächelte bei meinen Schmerzens⸗ thränen, während er ſelbſt nicht eine für ſein armes Opfer hatte! Und plötzlich— es iſt noch nicht lange her— mußte ich alles Dies erfahren. Und in Leonard Fairfields Vater erblickt Ihr den Mann, der mir alle Quellen der Freude vergiftet hat. Ihr weint! Oh, Violante, die Vergangen⸗ heit, die von ihm verbittert und zu Grunde gerichtet wurde — dies koͤnnte ich vergeben; aber ſein giftiger Hauch hat auch meine Zukunft getroffen. Denn unmittelbar vor der Entdeckung ſeines Verraths hatte ich angefangen, aus der 2008 Starrſucht meiner trübſeligen Buße zu erwachen und mit Standhaftigkeit die bisher vernachläſſigten Pflichten in's Auge zu faſſen. Ich geſtand mir, daß die Pilgerfahrt, die vor mir lag, keine verödete ſey). Und dann— o dann fühlte ich, daß nicht all mein Lieben dem Grab angehoͤrte. Mein Inneres flüſterte mir zu, daß Ihr, wenn es der Wille des Schickſals war, für mein Mannesalter Alles das hättet ſeyn können, was die Jugend nur in der Blendung ihrer goldenen Nebel ſah. Allerdings war ich damals an Helen gebunden und die Ehre gebot mir, allem Hoffen zu entſagen. Aber dennoch erſchien ſchon das Bewußtſeyn ſo himmliſch ſüß, daß mein Herz noch nicht ganz Aſche ſey— daß ich wieder lieben könne— und daß ich dieſes herrliche Vorrecht unſeres Seyns noch mein Eigenthum nennen dürfe. Doch jetzt brach die Enthüllung jenes Betrugs auf mich herein, und mit ihr däuchte mich alle Wahrheit aus der Welt ge⸗ wichen. Ich bin von Helen befreit— ach, ja wohl befreit — weil nicht einmal Rang und Reichthum, Wohlthaten und vertrauensvolle Innigkeit auch nur ein einziges menſch⸗ liches Herz an mich zu feſſeln vermochten! Frei von ihr; aber zwiſchen mir und Eurer friſchen Natur ſteht der Arg⸗ wohn wie der Upasbaum. Keine Hoffnung, die durch die vergiftete Luft dringen und Euch zufliegen könnte, ſondern todt niederfallen muß unter den unheimlichen Zweigen. Ich lieben! Ha, ha! ich— ich, den die Vergangenheit gelehrt hat, wie unmöglich es iſt, wieder geliebt zu werden. Nein; wenn dieſe ſanften Lippen Ja' murmelten zu der glühenden Bitte, die, wäre ich nur vor zwei kurzen Wochen frei ge⸗ mit n's rt, nn te. der das rer len en. iſch ich cht och in, ge⸗ reit ten ſch⸗ hr; rg⸗ die ern Ich hrt in; den 2009 weſen, aus den aufrichtigen Tiefen meines Herzens hervor⸗ gebrochen ſeyn würde, ſo könnte ich mir nur vorſtellen, daß Ihr Euch ſelbſt täuſchet und Eurer Antwort nichts weiter zu Grunde liege, als der erſte flüchtige, verblendende Traum eines Mädchens. Wäret Ihr meine Braut, Violante, ſo würde ich nur Euer herrliches Weſen herabwürdigen durch den Fluch meines Mißtrauens, und bei jedem Wort der Zärtlichkeit hörte ich mein argwöhniſches Herz ſprechen: Wie lange wird dies währen?— Wann wird die Enttäu⸗ ſchung kommen? Eure Schönheit und Eure hohen Eigen⸗ ſchaften würden mir eiferſüchtigen Schrecken einjagen und ewig müßte ich aus der Gegenwart in die Zukunft fliehen und mir ſagen: Dieſe Haare werden grau ſeyn, während ſchmeichelnd die Jugend ſie im Höhenpunkt ihrer Reize um⸗ gibt“ Warum alſo haſſe und verfluche ich meinen Feind? Warum füllt ſich mein Geiſt mit Entwürfen der Rache? Ich begreife es jetzt. Ich wußte, daß etwas Gebieteriſcheres als der Geiſt der Vergangenheit mich vorwärts drängte, und wie ich Euch ſo vor mir ſehe, wird mir klar, daß es das unbe⸗ ſtimmte Gefühl eines gewaltigen, unſchätzbaren Verluſtes war. Dieſes Gefühl gilt nicht der todten Nora— nein, der lebenden Violante. Seht mich nicht mit ſo vorwurfs⸗ vollen Augen an; ſie können nichts ändern an meinem Ent⸗ ſchluß, vermögen nicht den Argwohn zu bannen aus meiner kranken Seele und ſind nicht im Stande, dieſes geſpenſtiſche Zwielicht in Sonnenſchein umzuwandeln. Geht jetzt, geht, und überlaßt mich der einzigen Wonne, die keine Täuſchung zur Folge hat— dem einzigen Gefühl, das mich noch mit 2040 menſchlicher Geſellſchaft in Verbindung hält— überlaßt mich meiner Rache.“ „Rache? Oh, wie grauſam!“ rief Violante, ihre Hand auf Harley's Arm legend.„Und durch Rache wollt Ihr alſo Euer eigenes Leben in Gefahr bringen?“ „Mein Leben? Thörichtes Kind! Es handelt ſich nicht um einen Streit des Lebens gegen das Leben. Könnte ich aller Welt zu ſchadenfrohem Gelächter die erlittenen Krän⸗ kungen vorlegen, ſo würde ich meinem Feind nur den Triumph bereiten, meinen Wahnſinn zu bemitleiden und dem Kampf auszuweichen; oder nähme er ihn an und ich könnte einen Secundanten finden, ſo ginge ſein Schuß in vie Luft, und alle Welt würde ſagen:— der großmüthige Egerton— er iſt die Seele der Ehre!“ „Egerton— Mr. Egerton! Er kann doch nicht dieſer Feind ſeyn? Ihm ſollte Eure Rache gelten— ihm, für deſſen Sache Ihr jede Stunde Eurer Zeit opfert— der Euch ſo inniges Vertrauen ſchenkt— auf deſſen Schultern Ihr noch geſtern lehntet, während Ihr ihm ſo ermuthigend zu⸗ lächeltet?“ „That ich dies? Heuchelei gegen Heuchelei— Schlinge gegen Schlinge; dies iſt meine Rache!“ „Harley, Harley! Hört auf, hört auf!“ Der Sturm der Leidenſchaft brauste auf nichts achtend fort. „Ich gebe mir den Anſchein, als unterſtütze ich ſeinen Ehrgeiz, aber nur, um ihn in den Koth zu treten. Ich habe ihn aus den wilderen Krallen eines Wucherers befreit, n er ch hr ⸗ en ch 2011 damit es in meine Wahl gegeben ſey, ihn mit einem Almo⸗ ſen zu entlaſſen oder dem Gefängniß zu überantworten.“ „Freund, Freund Stille, ſtille!“ „Ich habe den jungen Menſchen, welchen er unterſtützte und zu einer Tücke heranzog, ſeiner eigenen gleich— Eures Vaters koſtbaren Auserwählten, den Randal Leslie— zu meinem Werkzeug gemacht, um ihm die bittere Lehre zu geben, wie tief der Stachel des Undanks dringt. Sein eigener Sohn ſoll die Mutter rächen und an die Bruſt des Vaters geführt werden— mit Randal Leslie als Sieger in dem Kampf, welcher den Vater und den Wohlthäter alles Deſſen beraubt, was dem ſelbſtſüchtigen Ehrgeiz das Leben theuer macht. Und wenn in der Bruſt Audley Egertons noch eine Erinnerung an das ſich bergen kann, was ich ihm und der Wahrheit geweſen bin, ſo wird vielleicht nicht die ge⸗ ringſte Strafe für ihn in dem Bewußtſeyn liegen, daß ſeine eigene Treuloſigkeit den Mann ſo umgewandelt hat, der eben in ſeiner Verachtung der Falſchheit die Lehre fand, in ihr die Gewalt der Vergeltung zu ſuchen.“ „Wenn dies nicht ein ſchrecklicher Traum iſt,“ murmelte Violante zurückſchaudernd,„ſo beraubt Ihr nicht blos Euren Feind alles deſſen, was das Leben theuer macht. Handelt ſo — und was wird in Zukunft mir bleiben?“ „Euch? Oh, ſeyd unbekümmert. Ich helfe wohl Ran⸗ dal Leslie zu einem Triumph über ſeinen Beſchützer, aber in derſelben Stunde werde ich ſeine Schurkerei enthüllen und ihn für immer aus Eurem Pfad werfen. Was Euch in Zukunft bleibt?— Euer Geburtsrecht, Euer Vaterland, 2012 Hoffnung, Freude, Liebe und Glück. Könnte es möglich ſeyn, daß bei der weichen aber ſonnigen Einbildungskraft, welche das jungfräuliche Herz umſpielt, obſchon ſie keine Wärme in ſeine Tiefen ſendet— könnte es möglich ſeyn, daß Ihr mich mit einem zarteren Gedanken beehrtet, ſo iſt er ſicherlich bald wieder entſchwunden, und Ihr werdet der Stolz und die Wonne eines Mannes von Euren Jahren werden, in deſſen Zukunft keine erkältende Geſpenſter ſpuken — eines Mannes, der zu dieſem lieblichen Antlitz aufſchauen kann, ohne daß er ſich abwenden und vor ſich hinmurmeln muß— zu ſchön, zu ſchön für mich?“ „O des bitteren Weh's!“ rief Violante mit plötzlicher Leidenſchaft.„Hört jetzt mich an. Wenn Eure Zuſage ſich erfüllt und ich erlöst bin von dem ſchrecklichen Gedanken, daß ein Menſch, vor deſſen Berührung ſogar ich zurück⸗ ſchaudere, Anſprüche erheben könne an meine Händ, ſo iſt meine Wahl unwiderruflich getroffen. Die Altäre, die mei⸗ ner harren, werden keiner menſchlichen Liebe geweiht ſeyn. Aber ach, ich beſchwöre Euch— bei allen Erinnerungen Eures wenn auch kummervollen, ſo doch bisher unbefleckten Lebens— bei der edlen Theilnahme, deren Ihr ein Weſen verſichert, das Ihr zweimal aus Gefahren rettetet, gegen welche der Tod Barmherzigkeit geweſen wäre— laßt, oh laßt mir das Recht, Euer Bild zu verehren, wie ich von den erſten Tagen meiner Kindheit an gethan habe. Zerſtört nicht dieſes heilige Recht. Geſtattet nicht, daß eine Hand⸗ lung der Gemeinheit— oh, daß ich ein ſolches Wort aus⸗ ſprechen muß!— der Gemeinheit und Grauſamkeit, die oh rt d⸗ 2013 Euer ganzes Leben zur Lüge machen würde— ſogar die dankbare Erinnerung an Euch zu einer unwürdigen Sünde für mich mache. Wenn ich in den Mauern kniee, die mich von der Welt ſcheiden, ſo laßt mich denken, daß ich für Euch beten könne als für das edelſte Weſen, welches die Welt enthält! Hört mich! hört mich!“ „Violante!“ murmelte Harley, und ſein ganzer Körper zeigte die Merkmale der inneren Erregung⸗„habt Nachſicht mit mir. Ihr müßt von mir kein Opfer verlangen, das mir als die Sache der Menſchheit ſelbſt erſcheint. Ich ſoll voll Demuth und Geduld mich fügen in eine Kränkung, die mich herabwürdigt, und, während ich das Bewußtſeyn in mir trage, daß ich mein Leben lang der erbärmliche Bethörte von Neigungen geweſen bin, die mir ehrenhaft ſchienen, blos beklagen, daß ich ſie für ſo heilig hielt? Ach, ich würde mir in meiner Vergebung weit niedriger vorkommen, als in meiner Rache. Wäre es ein offener Feind, ſo könnte ich ihm meine Arme entgegenbreiten auf Euer Geheiß; aber dem verrätheriſchen Freunde?— verlangt dies nicht von mir. Meine Wange brennt vor dem Gedanken wie vor der Schmach eines Schlages. Laßt mir nur das Morgen— nur einen Tag noch, weiter verlange ich nicht für mich und die Ver⸗ gangenheit, und Ihr ſollt für die Zukunft aus mir machen dürfen, was Ihr wollt. Verzeiht, verzeiht die unedlen Ge⸗ danken, welche das Mißtrauen ſogar auf Euch ausdehnten. Ich widerrufe ſie; nichts iſt mehr davon vorhanden— alles zerſtreut von Euren beweglichen Worten und dieſen treuen Augen. Reuig und flehend werfe ich mich Euch zu Füßen, 2014 Violante. Euer Vater ſelbſt wird jenem ſchnöden Freier die Thüre weiſen. Noch eh morgen dieſe Stunde ſchlägt, ſeyd Ihr frei. Oh, dann, dann!— wollt Ihr mir dieſe Hand nicht geben, damit ſie mich wieder einführe in das Paradies meiner Jugend? Violante, es iſt umſonſt, daß ich mit mir ſelbſt ringe— daß ich zweifle— klügle— furchtſamer Weisheit Raum gebe— ich liebe, ich liebe Euch. Ich glaube wieder an Tugend und Treue. Mein Schickſal ſteht in Eurer Hand.“ Wenn es zuweilen den Anſchein gewinnt, als habe Violante die Gränze ſtrenger, jungfräulicher Verſchämtheit überſchritten, ſo kömmt viel davon auf Rechnung ihrer ge⸗ wohnten Offenheit, ihrer abgeſchiedenen Erziehung, ihres Fernſeyns von der Welt, namentlich aber auf die Unſchuld ihrer Seele und des warmen Herzens, welches Italien ſeinen Töchtern mitgibt. Aber jetzt ließ ſie die Erhabenheit des Sinnes und Willens, die ihr Weſen durchdrang und zu ihrer Entfaltung nur eines Anlaſſes bedurfte, ſich ſogar über die Einflüſterungen ihrer Liebe hinwegſetzen. Träume, die ſie ſich kaum zu geſtehen gewagt hatte, waren verwirklicht — Harley frei— Harley zu ihren Füßen. Das ganze Weib rang in ihrem Herzen, und eine hohe Glut bedeckte ihre Wangen. Aber ſtärker als die Liebe— ſtärker als die Wonne, ſich geliebt zu ſehen— war der heldenhafte Wille — der Wille, den, welcher ihr in allem Anderen als die Richtſchnur ihres Daſeyns erſchien, vor der bleibenden Herab⸗ würdigung zu bewahren, zu welcher die Leidenſchaft blindlings fo le ſt 1— 2015 ſeinen wirren, mit ſich ſelbſt im Kampfe liegenden Geiſt fortriß. Während er ſo vor ihr kniete und eine ihrer Hände leidenſchaftlich umfaßt hielt, erhob ſie die andere hoch und ſprach mit kaum vernehmlicher Stimme: „Ach, wenn mir der Himmel das ſtolze und ſegenvolle Vorrecht beſcheerte, an Euer Schickſal gekettet zu ſeyn und zu Eurem Glück beitragen zu dürfen, ſo würde mich keinen Augenblick eine Furcht vor Eurem Mißtrauen anwandeln. Keine Zeit, kein Wechſel, kein Leid, nicht einmal der Verluſt Eurer Liebe könnte mir das Recht rauben, eingedenk zu ſeyn, daß Ihr mir einſt ein ſo edles Herz vertrautet. Aber—“ und jetzt ſteigerte ſich ihre Stimme, und die Glut wich von ihrer Wange—„aber Du Allgegenwärtiger, hör' und empfange das feierliche Gelübde. Wenn er mir das Opfer der Sünde verweigert, die ihn herabwürdigt, ſo ſey dieſe Sünde eine Schranke zwiſchen uns auf ewig. Und möge mein Leben, Deinem Dienſt geweiht, eine Sühne ſeyn für die Stunde, in welcher er die Natur Lügen ſtrafte, die er von Dir empfing. Harley, laßt mich los! Ich habe geſpro⸗ chen, feſt, wie Ihr ſelbſt— Ihr mögt nun wählen.“ „Ihr beurtheilt mich hart,“ verſetzte Harley, in finſterem Unmuth ſich erhebend.„Aber wenigſtens bin ich nicht ſo gemein, um zu verkaufen, was ich für Gerechtigkeit halte, und wenn der Beſtechungsſold auch meine letzte Glückshoff⸗ nung in ſich faßt.“ „Gemein! O unglücklicher, geliebter Harley!“ rief Violante in einem ſo beweglichen Erguß zarter, vorwurfs⸗ 2016 voller Innigkeit, daß die Stimme ihn wie die eines ſcheiden⸗ den Schutzengels durchbebte.„Eben die Gemeinheit iſt es, vor der Euch zu bewahren ich meine flehentliche Bitte an Euch richte. Ihr habt kein Urtheil— könnt nicht ſehen. Ihr ſeyd dunkel, dunkel. Verlorener Chriſt! iſt es nicht weit ſchlimmer als die Nacht des Heidenthums, Freundſchaft zu heucheln, um deſto beſſer verrathen zu können— Falſchheit dadurch zu ſtrafen, daß Ihr ſelbſt ſo falſch werdet— das Vertrauen ſelbſt Eures bitterſten Feindes anzunehmen und dann im Betrug weit unter ihn hinabzuſinken? Und oh— ſchlimmer, ſchlimmer als Alles— zu drohen, daß ein Sohn — der Sohn des Weibes, das Ihr geliebt zu haben ver⸗ ſichert— mitwirken ſoll, um die Rache gegen einen Vater zu erfüllen. Nein, dies habt nicht Ihr ſelbſt geſagt— es war der Teufel!“ „Genug!“ rief Harley erſchüttert und in ſeinem Ge⸗ wiſſen betroffen, obſchon er dem Gefühl der Scham in zor⸗ niger Aufwallung zu entrinnen ſuchte.„Genug! Ihr be⸗ ſchimpft den Mann, den Ihr zu ehren behauptetet.“ „Ich ehrte das Vorbild eines edlen, männlichen Sinnes. Ich ehrte den, welcher mir jedes großartige und edle Bild, das die Seelen der Dichter ſchufen, mit Leben zu bekleiden ſchien. Zerſtört dieſes Ideal, und Ihr vernichtet den Harley, welchen ich ehrte. Er iſt todt für mich auf immer. Ich werde trauern um ihn als ſeine Wittwe und, treu ſeinem Gedächt⸗ niß, weinen über dem Gedanken was er war.“ Ein Schluchzen erſtickte ihre Stimme; aber als Harley, abermals gerührt, an ihre Seite eilte, entwiſchte ſie ihm mit einer noch raſcheren Bewegung, erreichte die Thüre, ſchoß den Gang entlang und verſchwand vor ſeinen Blicken. Harley blieb eine Weile ſtehen— unſchlüſſig— ja, faſt vernichtet. Dann umzog die Wolke finſteren Ernſtes, obſchon weniger ſtarr als zuvor, abermals ſeine Stirne. Der Dämon behauptete ſich noch immer in der eigenſinnigen und wunder⸗ baren Hartnäckigkeit, mit welcher der Mann an allem feſt⸗ hielt, was einmal in ſeinem Herzen Wurzel geſchlagen hatte. In Folge eines plötzlichen Dranges, der noch keinen Entſchluß bekundete, aber doch auf eine ſchwere Erſchütterung der ge⸗ faßten Vorſätze deutete, ging er auf ſein Pult zu, nahm Nora's Papiere heraus und verließ das Zimmer. Harley hatte im Sinne gehabt, das von ihm aufge⸗ fundene Geheimniß erſt in dem Augenblick vor Audley zu enthüllen, der ſeiner Rache die Krone aufſetzte, da er ſich nicht mit eitlen Vorwürfen befaſſen wollte. Sein Zorn ſollte in Thaten reden, und dann genügte ein Wort als Schlüſſel zu Allem. Vielleicht geneigt, mit Freuden einen Milderungs⸗ grund für die Treuloſigkeit zu begrüßen, obgleich er vorher jede Möglichkeit einer Entſchuldigung von ſich abgewieſen hatte, beſchloß er jetzt, die Zuſammenkunft herbeizuführen, welcher er bisher ſo ſtarrſinnig ausgewichen war, und begab ſich geradenwegs nach dem Zimmer, in welchem noch immer einſam und voll Furcht Audley Egerton ſaß. Bulwer, meine Novelle. Dreißigſtes Kapitel. Egerton hörte in dem Gang den wohlbekannten Schritt näher und näher kommen— hörte, wie die Thüre aufging und ſich ſchloß— und fühlte aus einem jener ſeltſamen und unerklärlichen Inſtinkte, welche wir Ahnungen nennen, daß die Stunde, vor der er ſo viele Jahre im Geheim gezittert hatte, endlich da war. Er nahm ſeinen Muth zuſammen, entfernte die Hände von ſeinem Geſicht und erhob ſich ſchwei⸗ gend. Nicht weniger lautlos ſtand Harley vor ihm. Die bei⸗ den Männer ſahen einander an; man konnte jeden ihrer Athemzüge hören. „Du haſt Mr. Dale geſehen?“ begann endlich Egerton. „Du weißt—“ „Alles!“ verſetzte Harley, den abgebrochenen Satz be⸗ endigend. Audley ſeufzte tief auf. „Sey es darum. Doch nein, Harley— Du biſt im Irrthum. Von keinem anderen Lebenden, als von mir, kannſt Du Alles wiſſen.“ „Meine Kunde kömmt von den Todten,“ erwiederte Harley, und die verhängnißvolle Denkſchrift entſank ſeiner Hand auf den Tiſch. Die Blätter fielen mit einem leiſen dumpfen Ton auf, ſchwach und klagend, wie man ſich den Tritt eines Geiſtes denken möchte, wenn ſolche Tritte einen Laut von ſich gäben. Die ſtillen Bekenntniſſe eines dunkeln, unbegriffenen Lebens lagen jetzt mitten unter Briefen und Dokumenten, welche 20¹9 berebte Zeugen waren von dem Kampf, der damals Millionen bewegte— von den flüchtigen und ängſtlichen Beſorgniſſen und Hoffnungen, welche die Parteien quälten und die Völker verwirrten— von dem ſtürmiſchen Treiben des praktiſchen öffentlichen Lebens, das ſo gar nichts gemein hat mit dem Lieben und Leiden des Einzelweſens. Egertons Auge ſah ſie fallen. Das Zimmer war nur theilweiſe erhellt. In der Entfernung, in welcher er ſtand, erkannte er die Schriftzüge nicht; aber ein unwillkürlicher Schauder wandelte ihn an und er trat näher. „Halt noch eine Weile!“ ſagte Harley.„Ich bringe meine Anklage vor und überlaſſe es dann Dir, das einzige Zeugniß, das ich bringe, zu beſtreiten. Audley Egerton, Du brachſt das heiligſte Vertrauen, das ein Mann dem anderen ſchenken kann. Du wußteſt, wie ich Leonora Avenel liebte. Ich durfte ſie nicht ſehen und meiner Bewerbung Nachdruck geben; Du hatteſt Zutritt zu ihr, während er mir ſelbſt verſagt war. Ich bat Dich, die Bedenklichkeiten zu zer⸗ ſtreuen, die mir nur einem edlen Sinn zu entquellen däuch⸗ ten, und für mich um ſie zu werben, nicht in Unehren, ſon⸗ dern als um das rechtmäßige Weib. War es ſo? Antwort!“ „Es iſt wahr,“ verſetzte Audley und drückte krampfhaft die Hand an ſein Herz⸗ „Du ſahſt ſie, die ich ſo innig liebte— die ich ſo zu⸗ verſichtlich Deiner Ehre vertraute. Du warbſt für Dich ſelbſt. Iſt es ſo?“ „Harley, ich läugne es nicht. Doch halt inne jetzt. Ich erkenne die Gerechtigkeit der Strafe— ich verzichte auf * 2020 Deine Freundſchaft, verlaſſe Dein Dach und unterwerfe mich Deiner Verachtung, denn es gebricht mir der Muth, Dich um Deine Verzeihung anzuflehen. Hör' auf— laß mich von hinnen ziehen, und bald.“ Der kräftige Mann haſchte nach Luft. Harley ſah ihn feſt an, wandte dann die Augen ab und fuhr fort: „Nein; iſt dies Alles? Du warbſt um ſie für Dich — und gewannſt ſie. Gib mir Rechenſchaft über dieſes Leben. das Du von dem meinigen weggeriſſen haſt. Du ver⸗ ſtummſt? So will ich ſelbſt dieſes Geſchäft übernehmen. Du nahmſt jenes Leben und zerſtörteſt es.“ „Schone mich— ſchone mich!“ „Was war das Loos des Weſens, das mir ſo friſch vom Himmel gekommen zu ſeyn ſchien, als dieſe Augen es zum letztenmal erblickten? Ein gebrochenes Herz— ein entehrter Name— ein früher Tod— ein vergeſſener Grabſtein.“ „Nein, nein— vergeſſen— nein.“ „Nicht vergeſſen? Kaum war ein Jahr entſchwunden, und Du heiratheteſt eine Andere. Ich war Dir zu der Verbindung behülflich, welche Dir Dein Vermögen ver⸗ ſchaffte. Du haſt Rang, Macht und Ruhm gewonnen. Der hochſte Adel des Reichs nennt Dich das Vorbild der engli⸗ ſchen Gentlemen, und die Geiſtlichen ſehen in Dir ein Muſter chriſtlicher Tugend. Wirf Deine Maske ab, Audley Egerton, daß die Welt Dich in Deinem wahren Weſen erkenne.“ Egerton erhob ſein Haupt und kreuzte ruhig ſeine Arme. Dann ſprach er mit melancholiſcher Demuth: ———* 2021 „Ich ertrage Alles von Dir, denn es iſt gerecht. Fahle fort.“ „Du ſtahlſt mir das Herz von Nora Avenel— ver⸗ ließeſt ſie und richteteſt ſie zu Grunde. Und ihr Andenken warf keinen Schatten in das Sonnenlicht Deiner Tage, während über meinen Gedanken— meinem Leben—— oh⸗ Egerton— Andley, Andley— wie haſt Du ſo mich täuſchen können!“ In dieſen Worten brach der unter dem Haß verborgene Strahl der Innigkeit— der Springquell, eingebettet unter hartem Geſtein— ſich Bahn zum Licht. Harley ſchämte ſich dieſer Schwäche und fuhr haſtig fort: „Betrogen— nicht für eine Stunde oder einen Tag, ſondern durch eine ganze vergiftete Jugend. Du ließeſt mich der Reue zum Raub, die an Deinem Herzen hätte zehren ſollen. Ihr Leben gemordet, das meinige verſchwendet— ſoll keines von uns Rache haben?“ „Rache! Ach, Harley, Du haſt ſie gehabt.“ „Nein; aber ſie ſoll mir werden. Nicht umſonſt ſind mir aus dem Grabe die Berichte zugekommen, die ich vor⸗ zeige. Und wen hat das Schickſal auserleſen, das ſchreiende Unrecht zu enthüllen, das einer Mutter angethan wurde— wen hat es zu ihrem Rächer beſtellt? Deinen Sohn— Deinen eigenen Sohn; Deinen verlaſſenen, namenloſen Sohn!“ „Sohn!— Sohn!“ „Den ich vom Hungertod rettete oder von etwas Schlimmerem— und der zum Dank dafür mir die Beweiſe in die Hand lieferte, welche in Dir den meineidigen Freund Harley L'Estrange's und den ſchändlichen Verführer von Nora Avenel anklagen, der— ſchlimmer als jede offene Sünde— ſeinen Betrug durch erlogene Trauungsceremonien bemäntelte.“ „Das iſt unwahr— eine Lüge!“ rief Egerton, wel⸗ chem durch dieſe Beſchuldigung ſeine ganze Stattlichkeit und Kraft zurückgegeben wurde.„Ich verbiete Euch, ſo mit mir zu ſprechen— verbiete Euch, auch nur mit einem Wort das Andenken meines rechtmäßigen Weibes zu beflecken.“ „Ah!“ ſagte Harley betroffen. „Ah— eine Lüge? Beweiſe dies und die Rache iſt vorüber! Dem Himmel ſey Dank!“ . „Es beweiſen? Was iſt leichter! Und warum habe ich mit dieſem Beweis ſo lange gezögert— warum anders ihn verheimlicht, als aus Liebe zu Dir?— aus Furcht auch — aus einer ſelbſtſüchtigen, aber menſchlichen Furcht, in Dir die einzige Achtung zu verlieren, die mir theuer war— den einzigen Leidtragenden, der eine Thräne vergoſſen haben würde über dem Stein mit einer lügneriſchen Grabſchrift, in welcher man aus Parteizwecken den Dank einer Nation aus⸗ zudrücken pflegt. Du haſt von einem Sohn geſprochen. Eitle Hoffnung! Ich entſage ihr. Aber Ach, leider biſt Du hierin abermals getäuſcht worden. Ich hörte, daß ich einen Sohn hatte— es ſind Jahre, Jahre her. und fand ein Grab. Aber Gottes Segen über Dich, Harley, Ich ſuchte ihn 2023 wenn Du Einem Beiſtand leiſteteſt, den Du, wenn auch irr⸗ thümlich, für Leonora's Kind hielteſt.“ Er ſtreckte während dieſer Worte ſeine Hände aus. „Von Deinem Sohn wollen wir ſpäter ſprechen,“ ver⸗ ſetzte Harley, ſeltſam erweicht.„Aber eh' ich mehr von ihm ſage, muß ich Aufklärung verlangen— laß mich hoffen, daß Du Milderungsgründe für das haſt, was— „Du biſt in Deinem Recht,“ unterbrach ihn Egerton mit begieriger Haſt.„Du wiliſt endlich von meinen eigenen Lippen die einfache Erzählung meiner Sünde gegen Dich. Ich bin dies mir und Dir ſchuldig. So höre mich denn geduldig an.“ Egerton erzählte nun Alles— ſeine Liebe zu Leonora — ſeine Kämpfe gegen das, was ihm als Verrath am Freund erſchien— ſeine plötzliche Entdeckung von Nora's Liebe zu ihm— nach dieſer Entdeckung das Fallenlaſſen aller ſeiner Entſchlüſſe ihte geheime Heirath— ihre Trennung— Nora's Flucht, welche Audley noch immer ihrem grundloſen Argwohn beimaß, daß die Trauung keine geſetzliche geweſen ſey— und ihre Ungeduld, weil er ſo lange zögerte, den kirchlichen Akt zu veröffentlichen. Der Zuhörer unterbrach ihn hier mit einigen Fragen, und Audley's klare, beſtimmte Antworten ſetzten LEstrange in den Stand, Levy's gewandte Verdrehung der Thatſachen zu entdecken. Der unbeſtimmte Verdacht ſtieg in ihm auf, daß die Urſache zu der Falſchheit des Wucherers in einer verbrecheriſchen Leidenſchaft liegen dürfte, welche ihm die unglückliche junge Frau eingeflößt hatte. 2024 „Egerton,“ ſagte Harley, mit Mühe ſeinen Grimm gegen den ſchändlichen Lügner erſtickend,„wenn Du bei Durchleſung dieſer Papiere findeſt, daß Leonora mehr Grund für ihren Argwohn und ihre Flucht hatte, als Du jetzt glaubſt, und Verrath entdeckſt an dem Vertrauten Deines Geheim⸗ niſſes, ſo überlaß die Strafe dem Himmel. Was Du ſagſt, überzeugt mich mehr und mehr, daß wir nicht einmal durch die Wolke ſehen, geſchweige den Blitzſtrahl leiten können. Doch fahre fort.“ Audley ſah überraſcht und betroffen Harley an, und ſein Auge wandte ſich verlangend den Papieren zu; aber nach einer kurzen Pauſe fuhr er in ſeiner Erzählung fort. Er kam auf Nora's unerwartete Rückkehr in das elterliche Haus — ihren Tod— die Ueberwindung ſeines tiefen Schmerzes, um Harley die plötzliche erſchütternde Kunde von ihrem Hin⸗ ſcheiden zu erſparen. Er hatte ſich losgeriſſen von der Todten in reuigem Mitgefühl für den Lebenden. Er ſprach von Har⸗ ley's Krankheit, die ſo verhängnißvoll zu werden drohte— wiederholte ſeine eiferſüchtigen Worte,„daß er lieber um den Tod Nora's trauern, als Troſt aus dem Gedanken, ſie hätte einen Anderen geliebt, holen wolle.“ Er erzählte von ſeiner Reiſe nach dem Dorf, wo Mr. Dale's Ausſage zufolge ſich Nora's Kind befand, und wie er daſelbſt gehört, daß das Kind der Mutter nachgefolgt ſey.„Wem konnte ich nun Recht ſchaffen durch die Anerkennung eines Bundes, den, wie ich fürchtete, Du Dir ſo ſehr zu Herzen genommen haben würdeſt?“ Audley hielt wieder einen Augenblick inne und fuhr dann in kurzen, kräftigen, eindrucksvollen Sätzen e —„——„„ e e— 2025 fort. Der kalte, ſtrenge Mann der Welt legte jetzt zum erſtenmal ſein Herz bloß— vielleicht ohne ſelbſt zu wiſſen, . daß er es that— ohne zu wiſſen, daß er damit an den Tag brachte, wie tief er mitten in den Staatsſorgen und öffent⸗ lichen Auszeichnungen den Mangel häuslicher Liebe empfun⸗ den hatte— wie mechaniſch in den Falten des Lebens der äußere Kreis war, den man eine„Laufbahn“ nennt— und wie unwerth ihm ſein Reichthum geworden, den er auf Niemand vererben konnte. Nur von der an ſeinem Leben nagenden und immer fortſchreitenden Krankheit redete er vicht; er war zu ſtolz und zu männlich, um für phyſiſche Leiden eine Theilnahme anzuſprechen. Er erinnerte Harley, wie oft und nachdrücklich er Jahr um Jahr, Monat um Monat ſeinem Freund angelegen habe, ſich ſeiner ſchwer⸗ müthigen Träume zu entſchlagen und die ihm inwohnenden Kräfte ſeinem Vaterland zu weihen oder ein ſichereres Glück in häuslichen Banden zu ſuchen.„Ich mochte wohl ſelbſt⸗ ſüchtig ſeyn in dieſen Verſuchen,“ ſagte Egerton,„denn nur wenn ich Dich glücklich ſah, durfte ich hoffen, daß Du im Stande ſeyn werdeſt, meine Aufklärungen über die Ver⸗ gangenheit anzuhören und auf dem beſeligenden Boden einer Heimath mir Deine Verzeihung zu Theil werden zu laſſen. Ich ſehnte mich nach dieſem Bekenniniß, ohne je den Muth dazu faſſen zu können. Oft haben mir die Worte auf den Lippen geſchwebt— und eben ſo oft ſchreckte mich eine zu⸗ fällige Aeußerung von Dir wieder ab. Mit einem Wort, in Dir vereinigten ſich alle Gedanken und Gefühle meiner Ju⸗ gend— ſelbſt wenn ſie Nora's Grab umſpukten— ſo ſehr, 2026 vaß ich es nicht ertragen konnte, auf Deine Freundſchaft zu verzichten und, umgeben von der Achtung und den Ehren einer Welt, um die ich mich nicht kümmerte, der Verachtung in Deinem vorwurfsvollen Auge zu begegnen.“ Aus Allem, was Audley ſagte— aus Allem, was keine Entſchuldigung zuließ, hoben ſich zwei überwiegende Gefühle klar und in nicht zu mißdeutendem rührendem Pathos hervor— reuevoller Schmerz um die verlorene Nora und ſelbſtanklagende, ernſte, faſt weibliche Zärtlichkeit für den Freund, den er getäuſcht hatte. Während er ſo zu reden fortfuhr, vergaß Harley mehr und mehr ſogar die Erinne⸗ rung an die ſchuldhafte und ſchreckliche Periode ſeines Haſſes. Die Schlucht, welche ſo ſchwarz ſich zwiſchen den Beiden auf⸗ gethan hatte, ſchloß ſich, und ſie ſtanden wieder wie in den Zeiten ihrer Schuljahre Seite an Seite. Aber LEstrange blieb ſtumm, hörte zu und beſchattete ſein Geſicht vor Audley, als ſtehe er unter dem Einfluß eines ſanften, aber doch zwingenden Zaubers, bis Egerton folgendermaßen ſchloß: „Und nun, Harley, habe ich Dir Alles mitgetheilt. Du ſprachſt von Rache?“ „Rache?“ murmelte Harley, zuſammenfahrend. „Und glaube mir,“ fuhr Egerton fort,„läge Rache in Deiner Gewalt, ſo würde es mich freuen, ſie als Sühne hinzunehmen. Ein Unrecht zu erleiden für die Kränkung, die ich Dir zufügte und Anfangs aus jugendlicher Leidenſchaft, ſpäter aus Mangel an feſtem Willen Dir verhehlte— dies würde mein Gewiſſen beruhigen und mir die verlorene Selbſt⸗ acht über dem ſein mit als geb Tas hilf Zur Les die kön zun dert dal noc nah das trat Unf wa 2027 achtung zurückgeben. Die einzige Rache, die Du an mir üben kannſt, nimmt die Geſtalt an, welche mich am meiſten demüthigt; rächen heißt vergeben.“ Harley ſtöhnte. Er hielt noch immer die eine Hand vor ſein Geſicht, ſtreckte aber jetzt die andere aus— freilich mehr mit der Miene eines Mannes, der um Verzeihung bittet, als ſie ertheilt. Audley ergriff und drückte die ſo ihm dar⸗ gebotene Hand. „Und nun lebe wohl, Harley. Mit dem Grauen des Tages verlaſſe ich dieſes Haus. Ich kann jetzt Deine Bei⸗ hilfe bei der Wahl nicht mehr annehmen. Levy ſoll meinen Zurücktritt verkündigen. Wenn Du ſo willſt, ſo mag Randal Leslie ſtatt meiner gewählt werden. Er beſitzt Fähigkeiten, die unter einer geeigneten Leitung dem Lande nützlich werden können, und ich habe kein Recht, aus eitlem Stolz zurück⸗ zuweiſen, was immer der Laufbahn eines jungen Mannes Vorſchub zu leiſten vermag, deſſen Fortkommen ich zu för⸗ dern unternahm, ohne mein Wort halten zu können.“ „Nicht doch,“ murmelte Harley.„Denk nicht an Ran⸗ dal Leslie— denk nur an Deinen Sohn.“ „An meinen Sohn! Aber weißt Du gewiß, daß er noch lebt? Du lächelſt; Du— Du— oh, Harley— ich nahm Dir ſeine Mutter— gib mir den Sohn. Brich mir das Herz in Dankbarkeit. Deine Rache iſt gefunden!“ Wie in Folge eines jähen Schreckens fuhr Lord L'Es⸗ trange auf und betrachtete einen Augenblick Audley mit der unſchlüſſigkeit der Scham, nicht des grollenden Herzens. Er war jetzt der gedemüthigte— er war der Mann, welcher 2028 Vorwürfe fürchtete und der Verzeihung bedurfte. Audley, den der keine Ahnung von dem hatte, was in Harley's Bruſt vorging, wandte ſich ab. Lät „Du denkſt, daß ich zu viel verlange; und doch iſt Alles, mo was ich dem Kind meiner Liebe und dem Erben meines Na⸗ Ha mens geben kann, weiter nicht als der werthloſe Segen eines zu Grunde gerichteten Mannes. Harley, ich ſage nicht weiter. Ich wage es nicht, beizufügen: Auch Du liebteſt ſeine Muiter— und zwar mit einer tieferen, edleren Liebe, als die meinige war.“ Er hielt inne, und Harley warf ſich an ſeine Bruſt. als „Mir— mir— mußt Du verzeihen, Audley! Dein met Vergehen iſt gering geweſen in Vergleichung mit dem mei⸗ nigen. Du haſt mir das Deine enthüllt; das meine kann wee ich Dir nie entdecken. Freue Dich, daß wir beide einander ther etwas zu vergeben haben, und in dieſem Austauſch ſind wir noch die Gleichen, Audley— noch Brüder. Blick auf— Au blick auf; denke, wir ſeyen wieder Knaben, wie ehedem— mir Knaben, die einen tollen Streit mit einander hatten und, ſo⸗ bald er vorüber iſt, ſich inniger lieben als vorher.“ „Oh, Harleh, dies iſt ſchwere Rache— ſie trifft ins Stt Herz,“ murmelte Egerton, und reichliche Thränen entſtröm⸗ ten einem Augenpaar, das ohne Zucken der Folter entgegen⸗ geſehen haben würde. Die Glocke ſchlug; Harley eilte der Thüre zu. „Ich habe noch Zeit,“ rief er.„Es gilt, viel zu thun häl und viel ungeſchehen zu machen. Du biſt befreit von den den Krallen Levy's— Deine Erwählung wird durchgeſetzt wer⸗ ley, ruſt lles, Na⸗ egen icht bteſt ebe, ein nei⸗ ann nder wir ſo⸗ ins öm⸗ en⸗ der hun den er⸗ 2029 den— Dein Vermögen läßt ſich in Vielem wiederherſtellen — noch nicht errungene Ehren liegen vor Dir— Deine Laufbahn hat kaum erſt begonnen— Deinen Sohn ſollſt Du morgen umarmen. Laß mich gehen— noch einmal Deine Hand! Ach, Audley, wir werden noch ſo glücklich ſeyn!“ Einunddreißigſtes Kapitel. „Es iſt ein Haken da,“ ſagte Dick in kläglichem Tone, als Randal um zehn Uhr unter den Eichen mit ihm zuſam⸗ mentraf.„Das Leben iſt voll von Hinderniſſen.“ Randal.—„Die Kunſt des Lebens beſteht darin, ſie wegzuräumen. Was für ein Hinderniß meint Ihr, mein theurer Avenel?“ Dick.—„Leonard hat Anſtoß genommen an gewiſſen Ausdrücken, deren ſich Lord LEstrange heute bei der No⸗ mination bediente, und will ſeine Bewerbung fallen laſſen.“ Randal(mit geheimer Freude).—„Aber ſein Zurück⸗ tritt wird eher ein Hinderniß beſeitigen, als es ſchaffen. Die Stimmen, die ihm zugeſagt ſind, werden frei und gehen an—“ Dick.—„Den ſehr ehrenwerthen Aktenwurm über.“ Randal.—„Iſt's Euch Ernſt?“ Dick.—„Wie einem Leichenbitter. Die Sache ver⸗ hält ſich nämlich ſo, daß es, wie in der Kirche, ſo auch unter den Gelben zwei Parteien gibt— Hochgelbe und Niedergelbe. Leonard hat Anklang bei den Hochgelben gefunden und beſitzt 2030 bei ihnen mehr Einfluß als ich; auch iſt ihnen Egerton weit lieber als Ihr. Sie ſagen,'abgeſehen von der Politik, iſt er ein Mann, der dem Bezirk zur Ehre gereicht. Auch Leonard hegt dieſe Anſicht, und wenn er zurücktritt, ſo glaube ich nicht, daß meine Schmeichelworte bei ihm oder bei den Hochfliegern genug verfangen werden, um aus dieſer Ab⸗ dankung für Euch einen Vortheil zu erzielen.“ Randal.—„Aber ohne Zweifel muß die Dankbarkeit gegen Euch Euren Neffen veranlaſſen, nicht Euren Wün⸗ ſchen zuwider zu handeln?“ Dick.—„Zum Unglück liegt die Dankbarkeit ganz auf der anderen Seite. Ich habe Verpflichtungen gegen ihn, während er ſeinerſeits mir nichts ſchuldig iſt. Was Lord LEstrange's wahre Abſichten betrifft, ſo weiß ich ſie weder hinten noch vorn anzufaſſen, und warum er Leonard in dieſer Weiſe angegriffen hat, iſt mir vollends unerklärlich, da mein Neffe nur auf ſeinen Wunſch hin aufgetreten iſt. Und Levy hat mir im Vertrauen mitgetheilt, trotz der Freund⸗ ſchaft des gnädigen Herrn gegen den ſehr Ehrenwerthen ſeyed doch Ihr der Mann, den er durchzuſetzen wünſcht.“ Randal.—„Er hat dies zuverläſſig während der ganzen Wahlwerbung an den Tag gelegt.“ Dick.—„Ich argwöhne, daß die Herren, welche mit den Wahlbezirken ihr Spiel treiben, für Egerton anderswo einen Sitz im Hinterhalt haben; oder ſind ſie vielleicht wil⸗ lens, wenn ſeine Partei wieder obenauf kömmt, ihn ins Oberhaus zu ſchieben.“ Randal(lächelnd).—„Ah, Avenel, Ihr ſeyd ſo weit ik, iſt Auch laube ei den r Ab⸗ arkeit Wün⸗ z auf ihn, Lord weder dieſer dä Und eund⸗ rthen A. der mit rswo wil⸗ ins d ſo 2031 ſchlau und durchſchaut Alles. Ich will auch noch beifügen, daß ſich Egerton nach einer kurzen Ruhe ſehnt, um ſeine Geſundheit zu pflegen und nach ſeinen Privatangelegenheiten zu ſehen; denn wenn dies nicht der Fall wäre, könnte ich nicht ohne Schmerz auch nur an die Möglichkeit denken, daß die Wähler mich ihm vorzögen.“ Dick.—„Schmerz?— Unſinn.— Warum nicht gar! Die Eichbäume hören uns nicht. Ihr wollt ins Parlament kommen— dies iſt eine ausgemachte Sache. Wenn das Zurücktreten an mich kömmt, wie ich immer Willens war— und auch Leonard theilte meine Anſicht vor dieſer verwünſch⸗ ten Rede des Lord L'Estrange— ſo gewinnt Ihr die Wahl, denn die Niedergelben kann ich um meinen Finger wickeln, vorausgeſetzt, daß die Hochgelben ſich nicht einmengen— kurz, ich bin in der Lage, die mir zugeſagten Stimmen auf Euch überzupflanzen; für die aber, welche Leonard verſpro⸗ chen wurden, ſtehe ich nicht. Ich höre von Levy, daß Ihr im Begriff ſeyed, ein reiches Mädchen zu heirathen, die Euch eine Laſt Geld zubringt; ſo werdet Ihr natürlich auch meine Unkoſten zahlen, wenn Ihr durch meine Stimmen durch⸗ greift.“ Randal.—„Dies ſoll zuverläſſig geſchehen, mein theurer Mr. Avenel.“ Dick.—„Und ich habe auch ein paar Privatanträge, die ich durch das Parlament ſmuggeln möchte.“ Randal.—„Sie ſollen durchgeſmuggelt werden, ver⸗ laßt Euch darauf. Wenn Mr. Fairfield auf der einen Seite des Hauſes iſt und ich mich auf der andern befinde, ſo 2032 können wir beide jede mißliebige Oppoſition beſeitigen. Mit Privatanträgen läßt ſich leicht zu Stand kommen, wenn man ſie mit dem Takt behandelt, den zu beſitzen ich mir ſchmeichle.“ Dick.—„Und wenn die Billen im Haus durchge⸗ gangen ſind und Ihr Zeit gehabt habt, Euch umzuſehen, ſo werdet Ihr ohne Zweifel die Wahrnehmung machen, daß Niemand der öffentlichen Meinung widerſtreben kann, wenn er ſich nicht den Kopf an einer Steinmauer zerſtoßen will — und daß die öffentliche Meinung entſchieden gelb iſt.“ Randal(mit Offenheit).—„Ich kann nicht in Ab⸗ rede ziehen, daß die öffentliche Meinung gelb iſt, und bei meinem Alter wird man es natürlich finden, daß ich keine Luſt trage, mich der Politik einer früheren Generation hin⸗ zugeben. Das Blau nützt ſich immer mehr ab. Doch um wieder auf Mr. Fairfield zu kommen— Ihr ſprecht nicht ſo, als ob Ihr gar keine Hoffnung hättet, ihn bei dem zu erhalten, was, wie mir ſcheint, früher unter euch ausge⸗ macht war. Es iſt doch ein Ehrenpunkt für ihn, auszu⸗ harren?“ Dick.—„Ich weiß nicht, ob er dies für einen Ehren⸗ punkt hält; aber er hat jetzt eine Vorliebe gefaßt für das öffentliche Leben. So ſagte er wenigſtens erſt heute Morgen noch, eh' wir auf das Rathhaus gingen, und ich hoffe daher, daß ſich die Sache wieder ins Geleis bringen läßt. In der That habe ich den Pfarrer Dale bei ihm gelaſſen, der mir verſprach, allen ſeinen Kräften aufzubieten, um Leonard mit — Nit nn nir ge⸗ ſo aß enn ill nir nit 2033 dem gnädigen Herrn zu verſöhnen und ihn von übereilten Schritten abzuhalten.“ Randal.—„Aber warum mag wohl Mr. Fairfield ſich Lord LEstrange's harte Worte ſo zu Herzen nehmen, daß er zurücktreten will? Hat er doch ſelbſt meine Gefühle ſchwer verletzt; aber es fällt mir deshalb nicht ein, meine Bewerbung aufzugeben.“ Dick.—„Oh, Leonard iſt eben ein Dichter, und dergleichen Leute ſind ganz ſo grillenhaft, wie LEstrange ſie geſchildert hat. Auch ſteht er gegen den Lord LEstrange in Verpflichtung und glaubte dem gnädigen Herrn durch ſeine Candidatur einen Gefallen zu thun, während er jetzt—— mit einem Wort, alles Dies iſt mir ſpaniſch, nur nicht, daß Leonard das hohe Roß beſtiegen hat, und wenn ihn dieſes abwirft, ſo wird es auch um Euch geſchehen ſeyn. Indeß habe ich großes Vertrauen zu Pfarrer Dale, der ein guter Burſch iſt und bei Leonard viel gilt. Und obgleich ich es für recht hielt, nicht unter dem Hütchen zu ſpielen und Euch wiſſen zu laſſen, wo die Gefahr liegt, kann ich Euch doch nur ſo viel verſprechen— wenn ich abdanke, ſo ſollt Ihr ins Parlament kommen. Darauf habt Ihr.meine Hand.“ Randal.—„Mein theurer Mr. Avenel! Es iſt alſo wirklich Euer Wunſch, zurückzutreten?“ Dick.—„Allerdings. Ich werde es thun ein wenig nach Mittag und will es ſo einleiten, daß ich in der Stim⸗ menzahl hinter Leonard zurückbleibe. Ihr kennt Emmanuel Trout, den Hauptmann der hundert und fünfzig Warter auf die Vorſehung', wie man ſie nennt?“ Bulwer, meine Novelle. 128 2034 Randal.—„Gewiß.“ Dick.—„Sobald Emmanuel Trout in die Bude tritt, werdet Ihr wiſſen, welche Wendung es mit der Wahl nimmt. Wie er ſtimmt, geben alle die Hundertundfünfzig ihre Vota ab. Jetzt muß ich wieder zurück. Gute Nacht. Ihr werdet nicht vergeſſen, daß meine Koſten zu bezahlen ſind. Ehren⸗ vunkt. Haltet Ihr nicht Wort, ſo kann die Wahl umge⸗ ſtoßen werden— Klage wegen Beſtechung; zahlt Ihr aber — je nun, ſo könnt Ihr für Lebenszeit auf den Sitz für Lansmere rechnen.“ Randal.—„Euer Aufwand ſoll Euch erſetzt werden, ſobald ich durch meine Heirath die Mittel dazu gewinne— und dies wird eheſtens der Fall ſeyn.“ Dick.—„So höre ich von Levy. Und meine kleine Anliegen— die Privatbillen?“ Randal.—„Betrachtet die Billen als erlaſſen und die Sache als abgethan.“ Dick.—„Und man muß ſein Vaterland nicht vergeſſen — muß ſein Beſtes thun für ſeine Grundſätze. Egerton iſt teufelmäßig blau. Ihr gebt zu, die öffentliche Meinung— iſt—“ Randal.—„Gelb. Dies unterliegt keinem Zweifel.“ Dick.—„Gute Nacht. Ha— ha, Windmacherei, he?“ Randal.—„Windmacherei— zwiſchen Männern wie wir?— oh nein. Gute Nacht, mein theurer Freund. Ich verlaſſe mich auf Euch.“ Dick.—„Ja; aber wohlgemerkt, ich verſpreche nichts, wenn Leonard Fairfield nicht Stand hält.“ ð 2035 Randal.—„Er muß Stand halten; faßt ihn nur feſt. Eure Angelegenheiten— Euer Geſchäft— Eure Fabrik—“ Dick.—„Sehr wahr. Er muß Stand halten. Ich habe großes Vertrauen zu Pfarrer Dale.“ Randal glitt durch den Park zurück. Als er die Terraſſe erreichte, begegnete ihm plötzlich Lord L'Estrange. „Ich bin eben in der Stadt geweſen, mein theurer Lord, und habe dort ein ſeltſames Gerücht vernommen. Mr. Fairfield ſoll durch einige Bemerkungen in Eurer Gnaden bewunderungswürdiger Rede ſich ſo verletzt fühlen, daß er von der Bewerbung zurücktreten will. Dies würde der Wahl eine neue Wendung geben und alle unſere Berechnungen ver⸗ wirren. In dieſem Fall fürchte ich nun, es dürfte eine ge⸗ heime Uebereinkunft zwiſchen Avenels Freunden und unſerem Comité ſtattfinden, das, wie ich höre, unzufrieden iſt mit meiner gemäßigten Rede, die Euer Gnaden ſo trefflich in Schutz genommen hat. Dieſe Uebereinkunft würde nach Mr. Egerton Avenel den Sieg ſichern, während, wenn wir alle vier auftreten, mir doch eine hübſche Ausſicht bleibt, abge⸗ ſehen davon, daß Mr. Egerton bereits als gewählt betrachtet werden kann.“ Lord L'Estrange.—„Um meiner Bemerkungen willen gedenkt Mr. Fairfield von der Wahl abzuſtehen? Ich bin eben im Begriff, mich nach der Stadt zu begeben, und habe im Sinne, das, was ihn verletzt haben mag, zu⸗ rückzunehmen.“ Randal(erfreut).—„Edel!“ 128* 2036 Lord LEstrange betrachtete ſich das Geſicht Leslie's, das matt vom Sternenlicht erhellt wurde. „Mr. Egerton hat an Euren Erfolg mehr als an ſei⸗ nen eigenen gedacht,“ ſagte er ernſt und eilte weiter. Randal blieb auf der Terraſſe zurück. Vielleicht hatten Harley's letzte Worte ſein Gewiſſen getroffen. Er ließ ge⸗ dankenvoll den Kopf auf die Bruſt ſinken und ſchritt den langen Kiesweg auf und ab, allem ſeinem Witz aufbietend, um jeder Verſuchung, die ſein eigenes Intereſſe beeinträch⸗ tigen könnte, Widerſtand zu leiſten. „Der ſchleichende Schurke!“ murmelte Harley„Hier wenigſtens wird es nichts zu bereuen geben, wenn ich an ihm Gerechtigkeit üben kann. Dies iſt keine Rache. Was über ihn kömmt, iſt nur gerechte Vergeltung, und außerdem — wie könnte ich ſonſt Violanten befreien?“ Er lachte heiter vor ſich hin. Das Herz war ihm ſo leicht, und ſein Fuß glitt ſo flüchtig dahin wie der des aus dem Farrenkraut aufgeſchreckten Rehes. Einige Schritte von dem Einlaß holte er Richard Ave⸗ nel ein, der ſich durch einen rauhen Ueberrock und eine Brille unkenntlich zu machen geſucht hatte. Gleichwohl entdeckte Harley auf den erſten Blick unter dieſer Hülle den gelben Kandidaten. Er nahm Dick vertraulich beim Arme. „Das trifft ſich glücklich; ich wollte eben zu Euch. Wir haben die Wahl mit einander ins Reine zu bringen.“ „Unter den Bedingungen, die ich Euer Gnaden ange⸗ deutet habe?“ verſetzte Dick betroffen.„Ich laſſe mirs 2037 gefallen, daß einer von Euren Kandidaten gewählt wird; nur darf dieſer nicht Audley Egerton ſeyn.“ Harley flüſterte nun Avenel ins Ohr. Dick ſtieß einen Ruf des Erſtaunens aus. Die beiden Gentlemen gingen raſch weiter und ſprachen ſehr eifrig mit einander. „Man thut freilich viel,“ ſagte Avenel, als er endlich Halt machte,„um ſeiner Verwandtſchaft zu dienen— und dazu einer Verwandtſchaft, von der man ſo viel Ehre hat. Wie kann man gegen ſeinen eigenen Schwager auftreten— einen Gentleman von ſo hoher Stellung, der die ganze Fa⸗ milie zu heben im Stande iſt? Was Mrs. Richard Avenel erfreut ſeyn wird! Warum zum Teufel habe ich nicht früher etwas davon erfahren? Und die arme— die liebe— liebe Nora! Ach, daß ſie noch am Leben wäre!“ Dicks Stimme zitterte. „Ihrem Namen wird Gerechtigkeit zu Theil werden, und ich will Euch ſpäter erklären, warum die Schuld an mir lag, daß Egerton ſeine Ehe nicht früher anerkannte und Euch als Schwager begrüßte. Es iſt alſo Alles feſt und ausge⸗ macht?“ „Nein, mein Lord, mein Wort iſt anderweitig vergeben, und ich ſehe nicht, wie ich mir mein Verſprechen— gegen Randal Leslie— vom Hals ſchaffen kann. Ich bin freilich nicht überbedenklich oder quirotiſch, wie man's nennt; aber Wort bleibt Wort, und wenn ich von der Bewerbung zurück⸗ trete, werde ich mein Beſtes thun, die Wahl ſtatt auf Eger⸗ ton auf Leslie zu lenken.“ 2038 „Ich weiß dies von dem Baron. Aber wenn Euer Neffe zurücktritt?“ „Oh, dies würde alle Schwierigkeiten beſeitigen. Aber der arme Junge wünſcht jetzt ſelbſt ins Parlament zu kommen und hat mir einen großen Dienſt erwieſen in der Stunde der Noth.“ „Ueberlaßt dies mir. Und was Randal Leslie betrifft, ſo ſoll er eine Gelegenheit finden, Euch freizuſprechen und Vieles wieder gut zu machen. Es wird ein Glück für ihn ſeyn, wenn ihm nur noch ein Funke Dankbarkeit oder ein Titelchen Ehrgefühl geblieben iſt.“ Die Beiden unterhielten ſich noch eine Weile. Dick ſchien die Wahl ganz vergeſſen zu haben und ſtellte Fragen, die ſeinem Herzen viel näher lagen und in einer Weiſe be⸗ antwortet wurden, daß er dem Lord L'Estrange in großer Aufregung die Hand drückte und murmelnd ſagte: „Meine arme Mutter! Ich verſtehe nun, warum ſie nie von Nora mit mir ſprechen wollte. Wann darf ich ihr die Wahrheit mittheilen?“ „Morgen Abend nach der Wahl. Dann wird Egerton euch Alle umarmen.“ Mit den Worten:„Sucht ſo bald als möglich Leonard zu ſprechen— es iſt keine Zeit zu verlieren,“ machte Dick ſich los und verſchwand in einer Gaſſe, welche nach den un⸗ anſehnlicheren Stadttheilen führte. Harley verfolgte ſeinen Weg mit dem leichten, ſchwungkräftigen Schritt, der ihm ſeit der Verläugnung ſeiner wahren Natur verloren gegangen, jetzt aber einem Fuß zurückgegeben war, welcher zu be⸗ 2039 dauern ſchien, daß er auf dem Koth einen Abdruck zurück⸗ laſſen mußte. Am Eingang der Hauptſtraße begegnete er Mr. Dale und Fairfield, die langſam Arm in Arm einherkamen. Harley.—„Leonard, ich wollte eben zu Euch. Gebt mir Eure Hand. Vergeßt vorderhand die Worte, die Euch verletzten und an denen Ihr mit Recht Anſtoß genommen habt. Ich will mehr thun, als eine Abbitte leiſten— ich will das Unrecht wieder gut machen. Entſchuldigt mich, Mr. Dale— ich habe mit Leonard ein Wort unter vier Angen zu ſprechen.“ Er zog Fairfield bei Seite. „Avenel ſagt mir, es wäre ein Opfer Eurer Neigung, wenn Ihr von dieſem Wahlſtreit zurücktreten würdet. Iſt es ſo?“ „Mein Lord, es liegt ein Leid auf meinem Herzen, das ich vergeſſen möchte, und obſchon ich Anfangs vor dem Kampf zurückbebte, der mich letzter Zeit in Anſpruch nahm, ſo hat doch meine literariſche Laufbahn ihren alten Zauber verloren. Auch finde ich, daß das öffentliche Leben eine Zerſtreuung für die Gedanken bietet, welche mir die Ein⸗ ſamkeit verbittern und gegen die ich vergeblich bei meinen Büchern einen Schutz ſuche. Wenn Ihr daher noch immer verlangt, daß ich auf der Bewerbung beharre— für die ich mir freilich Eure Beweggründe nicht denken kann— ſo wird es nicht mehr, wie Anfangs, in Folge eines widerſtreben⸗ den und ſchmerzlichen Gehorſams gegen Eure Wünſche ge⸗ ſchehen.“ — 2040 „Ich begreife. Ihr habt Eurer Neigung Zwang ange⸗ than, als Ihr den Kampf begannt— und es würde wieder ein Opfer der Neigung ſeyn, wenn Ihr zurücktreten ſolltet?“ „Ehrlich geſtanden— ja, mein Lord.“ „Es freut mich, dies zu hören; denn ich verlange dieſes Opfer— ein Opfer, das Euch ſeiner Zeit mit Entzücken und Stolz erfüllen wird— ein Opfer, das, wenn ich Eure Natur recht verſtehe, ſüßer— oh, weit ſüßer iſt als Alles, was dieſer alltägliche Ehrgeiz Euch bieten kann. Und wenn Ihr erfahrt, warum ich dieſes Anſinnen an Euch ſtelle, ſo werdet Ihr ſagen: Dies heißt in der That die Worte wie⸗ der gut machen, durch die mein Herz gekränkt wurde.“ „Mein Lord, mein Lord!“ rief Levnard,„die Kränkung iſt bereits wieder gut gemacht. Ihr gebt mir Eure Achtung zurück, indem Ihr meine Antwort zum Voraus in meinem Herzen last. Eure Achtung!— das Leben hat wieder einen Reiz für mich. Ohne einen Seufzer kann ich zu der beſſer für mich paſſenden Laufbahn zurückkehren und brauche jetzt nicht mehr Zerſtreuung für meine Gedanken zu ſuchen. Ihr werdet mir glauben, daß ich, wie groß auch meine frühere Anmaßung geweſen ſeyn mag, aus aufrichtigem Herzen für Euer Glück beten kann.“ „Dichter!— Ihr ſeyd eine Zierde Eurer Laufbahn und erfüllt Eure Sendung ſelbſt in dieſem Augenblick; Ihr verſchönert die Welt und umgebt die harte Form der Pflicht mit dem Gürtel der Gracien,“ ſagte Harley, indem er ver⸗ ſuchte, ſeinen bebenden Lippen ein Lächeln abzuringen.„Aber wir müſſen zurückeilen zu der Proſa des Daſeyns. Ich nehme — —— 18— — 2041 Euer Opfer an. Welche Zeit und welche Art ich dafür wählen muß, um den Erfolg zu ſichern— dies ſoll Euch durch weitere Weiſungen kund gethan werden, die ich Euch durch Euren Onkel zugehen laſſen will. Bis dahin kein Wort von Eurem Entſchluß— nicht einmal gegen Mr. Dale. Verzeiht mir, daß mir Mr. Egertons Erwählung näher am Herzen liegt, als die Eurige. Möge Euch vor⸗ läufig dieſe Ekklärung genügen. Beiläufig, was haltet Ihr von Mr. Egerton?“ „Als ich ihn ſprechen hörte und er mit den rührenden Worten ſchloß, daß er Alles, was von ſeinem Leben nicht dem Wohl des Vaterlands geweiht geweſen, dem liebevollen Urtheil ſeiner Freunde anheimſtelle— da dachte ich, daß ich mir's zum Stolz anrechnen würde, wenn ich, auch als ſein Gegner, ihm hätte die Hand drücken können. Und wäre ich auch im Privatleben von ihm gekränkt worden, ſo würde ich's für Undank gegen das Vaterland, dem er ſo treu ſeine Dienſte widmete, gehalten haben, wenn ich einem Gedanken an perſönliche Beleidigungen Raum gegeben hätte.“ Harley wandte ſich plötzlich ab und ſchloß ſich Mr. Dale an. „Laßt Leonard allein nach Haus gehen, Ihr ſeht, daß ich die Wunden, die ich ihm ſchlug, wieder geheilt habe.“ Pfarrer.—„Und ich hoffe, mein theurer Lord, Eure beſſere Natur iſt in ſo weit erwacht, daß Ihr völlig entſagt habt dem Gedanken an—“ Harley.—„Rache— nein. Und wenn Ihr morgen 42 dieſe Rache nicht billigt, ſo will ich nicht eher ruhen, bis Ihr— Biſchof ſeyd!“ Mr. Dale(höchlich entſetzt).—„Mein Lord— pfui!“ Harley(ernſt).—„Meine Leichtfertigkeit iſt nur lippentief, mein theurer Mr. Dale. Aber bisweilen erkennt man an dem Schaum auf der Welle die veränderte Strö⸗ mung der Fluth.“ Der Pfarrer blickte ihn ernſt an und ekgriff dann mit beiden Händen in heiliger Freude und Liebe die ſeinige. „Kehrt jetzt nach dem Park zurück,“ fuhr Harley lächelnd fort,„und ſagt Violanten— wenn es nicht zu ſpät iſt, ſie zu ſehen— daß ſie ſogar noch beredter geweſen ſey, als Ihr.“ Lord LEstrange eilte von hinnen. Mr. Dale ging durch den Park nach Lansmere Houſe zurück. Auf der Straße fand er Randal, der noch immer, bald im Sternenlicht, bald im Schatten, hin und her wandelte. Leslie blickte auf, und als er Mr. Dale's anſichtig wurde, kehrte der Ausdruck heimlicher Verſchmitztheit wieder in ſein Geſicht zurück. Er trat aus dem matten Licht in den tiefen Schatten und ſagte: „Ich habe mit Bedauern erfahren, daß Mr. Fairfield die ſtrengen Aeußerungen des Lord L'Estrange ſich ſo ſehr zu Herzen nahm. Schade, daß politiſche Meinungsverſchie⸗ denheiten auch auf freundſchaftliche Privatverhältniſſe einen ſtörenden Einfluß üben; aber ich höre, daß Ihr bei Mr. Fairfield geweſen ſeyd— und ohne Zweifel als Friedens⸗ —— — i nur nnt rö⸗ mit ley pät ey, uſe er, eer tig er en 2043 ſtifter. Vielleicht iſt Euch unterwegs Lord LEstrange be⸗ gegnet? Er verſprach mir, daß er die Beleidigung zurück⸗ nehmen wolle.“ „Ein guter junger Mann,“ ſagte der argloſe Pfarrer. „Ja, er hat dies gethan.“ „Und Mr. Leonard Fairfield wird deshalb vermuthlich auf ſeiner Bewerbung beharren?“ „Bewerbung?— Ah, Ihr meint die Wahl! Ich denke ſo— natürlich. Aber es thut mir leid, daß er gegen Euch auftritt, der Ihr doch ſo freundliche Geſinnungen gegen ihn zu hegen ſcheint.“ „Oh,“ verſetzte Randal mit einem wohlwollenden Lã⸗ cheln,„Ihr wißt, wir haben ſchon einmal mit einander ge⸗ kämpft, und wie ich damals den Sieg über ihn errang, ſo mag's jetzt wieder ſo geſchehen.“ Und er begab ſich Arm in Arm mit dem Pfarrer in das Haus. Mr. Dale ſuchte Violanten auf; Leslie dagegen zog ſich nach ſeinem Zimmer zurück, feſt überzeugt, daß ſeine Erwählung geſichert ſey.“ Lord LEstrange war in das Straßengewühl gekommen. Gruppen brüllender Parteifanatiker, Blaue und Gelbe, zogen hin und her und begrüßten ihn mit ihren Hurrahrufen oder Katzenmuſifen. Vor einem Wirthshaus an der Ecke einer in die Hauptſtraßen einmündenden Nebengaſſe, welches ſehr hell beleuchtet war und von wildem Lärm erdröhnte, bemerkte er den graciöſen Baron, der an dem Thürpfoſten lehnte und, zu ekel, um den Dampf ſeines göttlichen Krauts mit den Knellerwolken im Innern zu vermiſchen, ſeine Cigarre rauchte. 2044 Levy plauderte behaglich mit einer Gruppe von Weibsperſo⸗ nen, welche entweder durch die allgemeine Aufregung her⸗ beigezogen worden waren, oder auf einen Gatten, Vater, Bruder oder Sohn warteten, während dieſe an dem Chor: „Blau für immer!“ mitmachten, der von der Schenkſtube an bis in die Dachzimmer das von Licht ſtrahlende Wirths⸗ haus erfüllte. Als er Lord L'Estrange's anſichtig wurde, nahm er die Cigarre aus dem Mund und eilte ihm entgegen. „Alle die Dreihundert und fünfzig ſind drinnen,“ ſagte der Baron, mit einer bedeutſamen Bewegung ſeines Dau⸗ mens gegen das Wirthshaus hin.„Ich habe ſie insgeſammt in Haufen von je Zehen privatim vorgenommen und den Damen außen geſagt, daß es für das Intereſſe ihrer Fami⸗ lien am beſten wäre, wenn ſie nach Haus gingen, damit wir die Hundertundfünfzig von den Gelben abſperren könnten, bis es zur Abſtimmung komme. Aber ich fürchte,“ fuhr Levy fort,„man kann ſich auf die Spitzbuben nicht verlaſſen, wenn ich ihnen nicht zum Voraus etwas auf die Hand gebe; und dies wäre nicht achtbar, unmoraliſch und— was noch mehr iſt— könnte die Wahl umſtoßen. Und haben ſie das Geld, ſo frägt ſich's erſt, ob man hintendrein ihrer Stimmen ſicher ſeyn kann.“ „Mr. Avenel wird, denke ich, mit ihnen zu Recht kommen,“ ſagte Harley.„Ich bitte, thut ja nichts Unmora⸗ liſches oder Etwas, was pie Wahl umſtoßen könnte. Ueber⸗ haupt bin ich der Anſicht, daß es eben ſo gut wäre, wenn Ihr nach Hauſe ginget.“ „Nach Hauſe? Nein, verzeiht mir, mein Lord. Es — un erl de rſo⸗ er⸗ ter, ube he⸗ u⸗ — 2045 muß ein Haupt da ſeyn, um das Comité zu leiten und die Wachpoſten vor den zweifelhaften Wählern in Ordnung zu halten. Zwiſchen jetzt und Morgen kann noch viel Unheil vorfallen, und ich will lieber die ganze Nacht— ja ſechs Nächte in jeder Woche während der nächſten drei Monate, wenn es ſeyn müßte— aufbleiben, damit nur nicht durch irgend ein Ungeſchick Audley Egerton gewählt werde.“ „Seine Erwählung wäre Euch demnach in ſo hohem Grade zuwider?“ ſagte Harley. „Ihr mögt Euch ein Urtheil darüber bilden aus dem Eifer, mit welchem ich auf alle Eure Plane eingehe.“ Jetzt erſcholl ein plötzliches und wunderbar lautes Ge⸗ ſchrei von einem andern Wirthshaus her— einem gelben, das weit hinten in der Gaſſe lag und lange nicht ſo beleuchtet war, wie das blaue, ſondern im Gegentheil ſchwarz und dunkel ausſah, eher wie ein Sammelplatz für Verſchwörer oder Spitzbubengeſindel, als für ehrliche, unabhängige Wähler— „Avenel für immer!— Avenel und die Gelben!“ „Entſchuldigt mich, mein Lord; ich muß zurückkehren und über meine ſchwarzen Schafe wachen, wenn ich ſie blau erhalten will!“ ſagte Levy und beſetzte wieder die Schwelle des Wirthshauſes. Aber bei dem Ruf„Avenel für immer!“ ftürzten, als wäre derſelbe ein Signal geweſen, verſchiedene Wähler von den gefürchteten Hundertundfünfzig aus dem blauen Wirths⸗ haus hervor, fegten an Levy vorbei und eilten die Gaſſe abwärts nach der dunklen kleinen gelben Herberge, während 2046 einige von den weiblichen Pflaſtertretern ihnen nachfolgten, wie die kleineren Vögel einer Eule. Es war jedoch nicht ſehr leicht, in die gelbe Schenke zu gelangen. Gelbe Re⸗ former hielten in ihrem Eifer für die Reinheit der Wahl die Thüre beſetzt und geſtatteten nur je einer einzigen Perſon den Eintritt. „Im Grunde,“ dachte der Baron, als er in das Haupt⸗ zimmer des blauen Wirthshauſes trat und daſelbſt tie Ver⸗ ſammelten zum Singen des Nationalliedes Rule Britannia' aufforderte—„im Grunde haßt Avenel dieſen Egerton eben ſo ſehr, wie ich, und ſo wirken beide Theile demſelben Ziel entgegen.“ Und auf den Tiſch trommelnd, fiel er mit einer ſchönen Baßſtimme in den berühmten Vers ein: „Denn nimmer wird der Brit' ein Sklave!“ Mittlerweile war Harley in dem„Lansmerewappen“, dem Hauptquartier des blauen Comité's, verſchwunden. Statt jedoch nach dem Zimmer hinaufzuſteigen, in welchem einige von den Unermüdlicheren ihre Arbeiten fortſetzten, von ihren Kundſchaftern Berichte in Empfang nahmen, Befehle er⸗ theilten, Wetten eingingen und in ſehr verwirrter Weiſe ihre britiſchen Grundſätze und ihren britiſchen Geiſt an den Tag legten, rief Harley den Wirth bei Seite und fragte, ob der Fremde, für welchen ein Quartier beſtellt worden, ſchon angelangt ſey. Auf die bejahende Antwort folgte er dem Wirth eine Privattreppe hinauf, welche nach einem Theil des Hauſes führte, der von den für das Wählergeſchäft be⸗ ſtimmten Gelaſſen abgeſchieden war. Er blieb ungefähr eine halbe Stunde hei dem Fremden und begab ſich dann nach ten, icht Re⸗ ahl ſon pt⸗ er⸗ 5 1a ben iel ner * att ige ren er⸗ iſe den n em ſeil be⸗ ine ach Ed 2047 dem Comitézimmer, wo er die Aufgeregteren bei Seite zu ſchaffen wußte. Nachdem dies geſchehen war, beſprach er ſich mit den Rüchterneren, ertheilte etliche kurze Weiſungen an diejenigen unter den Führern, welche er als die zuver⸗ läſſigſten kannte, und kehrte eben ſo ſchnell als er gekommen war, wieder nach Lansmere Houſe zurück. Der Morgen graute bereits am Himmel, als Harley in ſeinem Gemach anlangte. Auf dem Wege dahin war er an Violante's Zimmer vorbeigekommen. Sein Herz fühlte ſich von ſo unausſprechlicher dankbarer Innigkeit ergriffen, daß er innehielt und die Schwelle küßte. Als er ſich in ſeinem Zimmer befand— es war daſſelbe, welches er in ſeiner frühen Jugend bewohnt hatte— kam es ihm vor, als ſey die Laſt von Jahren ſeiner Bruſt entnommen. Die frohe göttliche Spannkraft des Geiſtes, die im Morgen des Lebens der Zukunft entgegeneilt, wie der Vogel ſich himmelwärts ſchwingt, war wieder erwacht in ſeinem Daſeyn. Ein grie⸗ chiſcher Dichter meint, der Höhepunkt des-Glückes liege in der plötzlichen Befreiung von einem Schmerz; aber es gibt ein noch edleres Glück— das Entzücken über das Bewußt⸗ ſeyn, daß man plötzlich eines ſchuldhaften Gedankens ledig geworden iſt.“ Neben dem Bette, an welchem der Knabe ſo oft gekniet hatte, ſank jetzt der Mann auf ſeine Kniee. Der Hochgenuß des Gebets, ihm verſagt, ſeit er ſich Gedanken hingegeben hatte, welche in der Verblendung der Leiden⸗ ſchaften zu ſündigen Anſchlägen reiften und die er nicht vor dem Allbarmherzigen zu bekennen wagte— war ihm zurück⸗ gegeben. Aber während er ſein Knie beugte, wich die vor⸗ — ———————— 2048 her empfundene Erhebung des Geiſtes von ihm. Die Gefahr, der ſeine Seele entronnen, die volle Erkenntniß der Schuld, zu welcher der Arge ihn verlockt hatte, trat mit furchtbarer Klarheit vor ſeinen geläuterten Blick, und er ſchauderte im Abſcheu vor ſich ſelbſt. Und er, der vor wenigen Stunden noch wähnte, es ſey unmöglich, daß er ſeinem Nebenmenſchen vergebe, fühlte ſich jetzt in einer Stimmung, wie wenn nur Jahre eines nützlichen, auf Menſchenwohl abzielenden Han⸗ delns ſeine reuige Seele reinigen könnten von der Erinnerung an eine einzige häßliche Leidenſchaft. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Aber während Harley in ſolcher Weiſe die Stunden der Nacht mit der Sorge für die Lebenden verbracht, hatte Audley Egerton Gemeinſchaft mit den Todten gehalten. Aus dem Haufen von Papieren zog er den Bericht von Nora's verſtummtem Herzen hervor und erſah mit wehmüthigem Staunen, wie innig er geliebt worden war. Welchen Erſatz konnten dem einſamen Staatsmann alle die Früchte eines erfolgreichen Ehrgeizes bieten für die Herrlichkeit, die er verloren hatte— für ſolche köſtliche Reiche einer lieblichen Phantaſie, für die Welten edlen Gefühls und für das Un⸗ endliche in der göttlichen Sphäre, das den Genius mit menſchlicher Liebe verbindet? Seine poſitive und irdiſche Natur lernte zum erſtenmal, als wäre es zu ihrer Züchtigung, jenen höheren und ätheriſcheren Gaſt vom Himmel begreifen, —— — hr, ld, rer im en en ur n⸗ er te *s m 2049 der einmal mit einem Seraphelächeln hereingeſchaut hatte durch das Gefängnißgitter ſeines eiſernen Lebens. Die himmliſche Zartheit der Liebe, jener überſtrömende Reich⸗ thum des Gefühls, welcher unter dem Hauch der Einbildungs⸗ kraft, dieſer Verſchönererin der Erde, in ſo vielen warmen Abwechslungen ſich kundgab— von alle Dem hatte er ſich, als er es ſein Eigenthum nennen konnte, ungeduldig und halb überſättigt abgewendet und es die Uebertreibungen einer träumeriſchen Romantik genannt; aber nun ſie für die Welt auf immer verloren waren, deutete er ſie richtig ſich als Wahrheiten— denn obſchon Blendwerke, waren ſie dies dennoch. Der Phyſiker ſagt uns, daß der Farbenglanz, wel⸗ cher das All bedeckt, ſich nicht auf der Oberfläche der Ge⸗ genſtände, ſondern in unſerem eigenen Geſicht befinde; doch nehme man dem Univerſum ſein Farbenſpiel, welche Philo⸗ ſophie wird uns dann den überzeugenden Beweis liefern können, daß das All keinen Verluſt erlitten habe? Aber als Audley bei der Stelle in dem Manuſeript anlangte, welche, obſchon nur unvollkommen, die wahre Urſache von Nora's Flucht erklärte— als er ſah, wie Levy aus einem Grunde, über den er ſich keine Muthmaßungen bilden konnte, ſeiner Gattin die ihn kränkenden Zweifel eingeflößt, den Trauungsakt als einen betrüglichen darge⸗ ſtellt, zum Beweis dafür Audley's eigene kurze unmuthige Briefe an Nora benützt und ſo die unerfahrene junge Frau mit ihrem zarten Gefühl für Ehre in die Ueberzeugung von ihrer Schande hineingehetzt hatte da wurde ſeine Stirne dunkel und ſeine Hand ballte ſich. Er ſtand auf und begab Bulwer, meine Novelle. 129 —————— ſich geraden Weges nach Leuy's Zimmer. Es war leer, und als er Nachfrage hielt, erfuhr er, daß Levy ausgegangen ſey und im Lauf der Nacht nicht zurückkommen werde. Es war vielleicht ein Glück für Audley— ein Glück für den Baron, daß ſie ſich damals nicht begegneten. Trotz der Abmahnungen des Freundes hätte in jener Stunde die Rach⸗ ſucht über Egerton einen eben ſo gewaltigen Einfluß üben können, wie früher über Harley, ohne daß ſie, wie bei dem Letzteren, abgelenkt worden wäre. Audley kehrte nach ſeinem Zimmer zurück und las den traurigen Bericht zu Ende. Er folgte dem Zittern der ge⸗ liebten Hand durch die letzten Folterqualen des Zweifels und der Verzweiflung, ſah, wo die heißen Thränen aufgefallen waren, und bemerkte, wo die Hand inne gehalten und den Satz nicht vollendet hatte. Er begleitete im Geiſt die Un⸗ glückliche auf der jammervollen Reiſe nach der elterlichen Heimath und erblickte ſie vor ſich, wie er ſie zum letztenmal geſehen hatte, im Tode ſogar ſchöner noch, als ihm das Anttitz der Lebenden je vorgekommen war. Und als er ſich über die letzten Worte niederbeugte und der weiße Raum, welchen ſie auf dem Blatt ließen, bleich ſich über die zittern⸗ den Schriftzüge und Thränenſpuren hinaus erſtreckte— bleich und weiß wie die Leere, welche zurückbleibt, wenn die Liebe dahin iſt— da war es ihm, wie wenn plötzlich ſein Herz ſtillſtehe und der Lauf deſſelben gehemmt ſey gleich dem des Berichts mit ſeinem ſchnell abgebrochenen Schluſſe. Es ſchlug wieder, aber ſchwach— ſo ſchwach! Sein Athem wurde eng und ſchmerzlich; ſein Gehirn ſchwindelte. Aber der un ge dat Ke Fr ſch ſch es me bre da ſch ſch Ge un hä ſic ver vo der in ſei lãc Ta 2051 der ſtarre Mechanismus der Gewohnheit hielt die alte Faſſung und Mannhaftigkeit feſt; der Wille kämpfte noch mit Erfolg gegen die Krankheit, und das Leben ſammelte ſich, wie das Licht in der flackernden Flamme der ausgebrannten Kerze. Als am andern Morgen Harley in das Zimmer ſeines Freundes kam, fand er Egerten ſchlafend. Aber der Schlaf ſchien ſchwer beunruhigt zu ſeyn; der Athem ging hart und ſchwierig, die Bettdecken waren zum Theil abgeworfen, wie es zu geſchehen pflegt, wenn man ſich in ängſtigenden Träu⸗ men umherwälzt, und der muskelige ſtarke Arm, wie die breite athletiſche Bruſt, lag theilweiſe entblößt. Seltſam, daß eine ſo verderbliche innere Krankheit dem Körper ſo viel ſcheinbare Kraft ließ, um dem gewöhnlichen Auge in dem ſchlafenden Leidenden das Bild eines Muſters von kräftiger Geſundheit zu vergegenwärtigen. Die eine Hand ſtack mit unruhiger Anſpannung unter den Kiſſen und hielt die ver⸗ hängnißvollen Papiere umfaßt, deren Blätter zum Theil ſichtbar waren; und wo die Buchſtaben von Nora's Zähreh verwiſcht erſchienen, ſah man jetzt die noch feuchten Spuren von viellleicht noch bittereren Thränen. Harley fühlte ſich tief ergriffen. Er ſtand noch neben dem Bette, als Egerton ſchwer aufſeufzte und erwachte. Wie in Verwirrung ſah er ſich mit großen Augen um, bis endlich ſeine Blicke auf Harley haften blieben. Dann ſagte er lächelnd: „So früh? Ah— ich erinnere mich; es iſt heute der Tag für unſer großes Schifferſtechen. Wir werden die 429* ————.——— — 2052 Strömung gegen uns haben; aber Du und ich zuſammen — wann haben wir je verloren?“ Audley's Geiſt beſchäftigte ſich mit irren Bildern und war zu den alten Tagen von Eton zurückgekehrt; aber Harley glaubte, er ſpreche in einer metaphoriſchen Anſpie⸗ lung von dem gegenwärtigen wichtigeren Wettkampfe. „Ganz richtig, mein Audley— Du und ich zuſammen — wann haben wir je verloren? Aber willſt Du nicht auf⸗ ſtehen? Ich wünſche, daß Du Dich nach dem Platz der Ab⸗ ſtimmung begebeſt und Deinen Wählern, wenn ſie angezogen kommen, die Hand vrückeſt. um vier Uhr wirſt Du frei und die Wahl wird dann gewonnen ſeyn.“ „Die Wahl! Wie?— was?“ verſetzte Egerton, der nur allmälig zu ſich kam.„Ich erinnere mich jetzt. Ja, ich nehme dieſen letzten Liebesdienſt noch an von Dir. Ich ſagte immer, daß ich im Harniſch ſterben wolle. Das öffentliche Leben— ich habe kein anderes. Ah, ich träume ſchon wieder! Oh, Harley!— mein Sohn— mein Sohn!“ „Du wirſt ihn nach vier Uhr ſehen. Ihr Beide könnt ſtolz ſeyn auf einander. Aber ſpute Dich mit Deinem An⸗ zug. Soll ich nach Deinem Bedienten klingeln?“ „Thu' dies,“ verſetzte Egerton kurz und ſank wieder auf das Kiſſen zurück. Harley verließ das Zimmer und ſchloß ſich einigen der anſehnlicheren Mitglieder des blauen Comité's an, die eben in Geſellſchaft von Randal haſtig ihr Frühſtück einnahmen. Alle waren ſehr ängſtlich und aufgeregt, nur Harley nicht, welcher ſeiner mäßigen italieniſchen Gewohnheit zu⸗ a we ch vo ſie ert lic men und aber pie⸗ men auf⸗ Ab⸗ gen und der Ja, Ich as me 12 int ln⸗ der er en n. ey 2053 folge mit ruhiger Faſſung eine Röſtſchnitte in ſeinen Kaffee tauchte. Vergebens ſuchte Randal eine ähnliche Ruhe an den Tag zu legen; denn obſchon er ſeiner Erwählung ſicher war, mußte derſelben doch eine Scene folgen, welche die Vollkraft ſeiner Heuchelei in Anſpruch nahm. Denn es galt dann, mitten in der ſchnöden Freude das tiefſte Leid zu erkünſteln und die Rolle eines anſtändigen und hochſinni⸗ gen Bedaurens zu ſpielen, weil durch irgend einen unglück⸗ lichen Zufall eine unerklärliche Stimmenzerſplitterung Ran⸗ dal Leslie's Gewinn zum Nachtheil Audley Egertons aus⸗ gefallen war. Außerdem ließ ihm die Erwartung, den Squire zu ſehen und das Geld ſich anzueignen, mit welchem er das theuerſte Ziel ſeines Ehrgeizes erkaufen wollte, keine Ruhe. Das Frühſtück war bald abgethan. Die Comitémänner ſahen ſich geſchäftig nach ihren Hüten um oder ſchauten auf ihre Uhren, und deuteten damit an, daß es hohe Zeit ſey, aufzubrechen; und noch immer hatte ſich kein Squire Hazel⸗ dean eingefunden. Harley, der durch die Fenſterthüre auf die Terraſſe hinaustrat, winkte Randal, worauf der junge Mann nach ſeinem Hut griff und ihm folgte. „Mr. Leslie,“ ſagte Harley, an die Baluſtrade gelehnt, während er nachläſſig Nero's rauhen, ehrlichen Kopf ſtrei⸗ chelte,„Ihr erinnert Euch, daß Ihr ſo gütig geweſen ſeyd, Euch gegen mich zu der Erklärung gewiſſer, mit dem Grafen von Peschiera in Verbindung ſtehender Thatſachen, wie Ihr ſie dem Herzog di Serrano gegeben habt, zu erbieten. Ich erwiederte darauf, daß meine Gedanken zur Zeit ausſchließ⸗ lich von der Wahl in Anſpruch genommen ſeyen; indeß —.—.———— 2054 werde ich, ſobald die Abſtimmung ſtattgefunden habe, be⸗ reitwillig jeder Eröffnung Gehör ſchenken, die Ihr mir in Betreff Eurer ſelbſt oder meines alten Freundes, des Her⸗ zogs, zu machen ſo gütig ſeyn ſolltet.“ Dieſe Anrede überraſchte Randal in hohem Grade und trug nicht dazu bei, ſeine Nerven zu beruhigen. Indeß er⸗ wiederte er mit ſchneller Beſonnenheit:— „Ueber dieſen wie über jeden anderen Gegenſtand, der einen Einfluß auf Eure Beurtheilung meiner Perſon üben mag, werde ich begierig jeden Zweifel zu beſeitigen bemüht ſeyn, der in Euren Augen auf meiner Ehre haften könnte.“ „Ihr ſprecht ungemein gut, Mr. Leslie— kein Menſch kann ſich ſchöner ausdrücken; und ich werde Eure Zuſage mit um ſo weniger Bedenken in Anſpruch nehmen, weil dem Herzog die Abneigung ſeiner Tochter, dem Wort Kraft zu geben, das ſeine Ehre bindet, im Fall die Eurige nicht an⸗ gefochten werden kann, ſehr nahe geht. Ich kann mich eini⸗ gen Einfluſſes rühmen bei der jungen Dame, da ich dazu be⸗ hülflich war, ſie vor Peschiera's ſchändlichem Anſchlag zu bewahren, und der Herzog dringt in mich, Eure Erklärung anzuhören, weil er glanbt, wenn ſie mich ebenſo befriedige, wie ihn, ſo werde ich im Stande ſeyn, Violanten mit der Be⸗ werbung eines Freiers zu verſöhnen, der kein Bedenken ge⸗ tragen haben würde, gegen einen ſo furchtbaren Duellanten, als Peschiera iſt, ſogar ſein Leben auf's Spiel zu ſetzen.“ „Lord LEstrange,“ verſetzte Randal, ſich verbeugend, „ich werde Euch in der That tief verpflichtet ſeyn, wenn Ihr bei meiner Verlobten den Widerwillen verbannen könnt, der ——— be⸗ ir in Her⸗ und ß er⸗ der üben nüht te nſch ſage dem zu an⸗ ini⸗ be⸗ zu ung ige, 2055 allein mein Glück trübt und meiner Bewerbung unbedingt ein Ende machen würde, wenn ich nicht annehmen müßte, der Grund dazu liege in einer unvollkommenen Kenntniß mei⸗ ner Perſon, die in Vertrauen und Liebe umzuwandeln die Aufgabe meines Lebens ſeyn ſoll.“ „Kein Menſch weiß ſchöner zu ſprechen,“ wiederholte Harley gleichſam in tiefer Bewunderung, und betrachtete dabei Randal, wie man eine ſeltene Merkwürdigkeit zu be⸗ trachten pflegt.„Auch freue ich mich, Euch mittheilen zu fönnen,“ fuhr LEstrange fort,„daß, im Fall Eure Ver⸗ bindung mit der Tochter des Herzogs von Serrano ſtatt⸗ findet—“ „Im Fall?“ wiederholte Randal. „Ich bitte um Verzeihung, wenn ich bedingungsweiſe ſtellte, was Ihr als Gewißheit anſprechen zu können glaubt, und will deshalb meinen Ausdruck verbeſſern.— Sobald Eure Verbindung mit dieſer jungen Dame ſtattfindet, wer⸗ det Ihr wenigſtens nichts mehr von der Klippe zu befürchten haben, an welcher ſo viele junge Männer mit glühenden Herzen ſchon beim Beginn der großen Reiſe geſcheitert ſind. Man wird Eure Heirath keine unkluge nennen können— mit einem Worte: ich habe geſtern von Wien eine Depeſche er⸗ halten, welche mich von der vollſtändigen Begnadigung Al⸗ phonſo's, des Herzogs von Serrano, und von ſeiner förm⸗ lichen Wiedereinſetzung in ſeine Lande benachrichtigt. Dem will ich noch beifügen, daß die öſterreichiſche Regierung, welche bei uns oft genug verkannt wird, durch die Landes⸗ geſetze gebunden iſt und dem Herzog nach ſeiner Begnadigung ———— 2056 in keiner Weiſe bei der Wahl eines Schwiegerſohns Be⸗ fehle vorſchreiben oder den Uebergang des Erbes an ſein Kind verhindern kann.“ „Und iſt der Herzog von ſeiner Zurückberufung bereits unterrichtet?“ rief Randal mit glühenden Wangen und fun⸗ kelnden Augen. „Nein. Ich ſpare dieſe gute Neuigkeit mit anderen Dingen bis nach der Wahl auf. Aber Egerton läßt uns fläglich lang warten. Ah, da kömmt ſein Kammerdiener.“ Audley's Diener trat heran. „Mr. Egerton fühlt ſich heute beſonders unwohl, mein Lord, und bittet Euch um Entſchuldigung, daß er Euch jetzt nicht nach der Stadt begleiten kann. Sollte ſeine Anweſen⸗ heit durchaus nöthig werden, ſo will er ſpäter nachkommen.“ „Nicht doch; ich laſſe ihn bitten, er ſolle ſich pflegen und ruhig verhalten. Es wäre mir nur lieh geweſen, wenn er ſeinen Triumph ſelbſt hätte mit anſehen können. Sagt ihm, ich werde ihn auf dem Abſtimmungsplatz vertreten. Gentlemen, ſeyd Ihr bereit? Wir wollen weiter gehen.“ Die Abſtimmungsbude war mitten auf dem Markt⸗ platz aufgeſchlagen, und die Stimmenabgabe hatte bereits ihren Anfang genommen. Mr. Avenel und Leonard ſtan⸗ den ſchon auf ihren Poſten, um ihren Freunden unter den Wählern, wenn ſie an ihnen vorbeikamen, Gruß und Dank auszudrücken. Randal und LEstrange betraten unter lauten Hurrahrufen und unter Anſtimmung der Nationalhymne: „Sieh, der Held, der Sieger kömmt,“ die Bude. In raſcher Folge hielten die Wähler ihren Durchgang. Diejenigen, 2057 welche ausſchließlich nach Grundſätzen oder Farbe, was bei⸗ des gleichviel beſagen will, abſtimmten und deshalb der ſo⸗ genannten„Behandlung“ nicht zugänglich waren, ſtrömten zuerſt herein und gaben unverhohlen ihre zwei gelben oder zwei blauen Stimmen ab. Nach Abfluß der erſten halben Stunde waren die Gelben um ungefähr Zehn vor den Blauen voraus. Dann begannen verſchiedene zerſplitterte Vota die Muthmaßungen über den Erfolg zu verwirren, und am Ende der erſten Stunde hatte Randal fünfzehn Stimmen mehr als Audley Egerton, und zwei mehr als Dick Avenel, während dagegen Leonard Fairfield ſeinen alten Feind um fünf überbot. Randal verdankte dieſen Platz auf der Liſte den Wählern, welche durch Harley's perſönliche Anſtrengun⸗ gen für ihn gewonnen worden waren, und fühlte ſich höch⸗ lich vergnügt bei der Wahrnehmung, daß Lord LEstrange ihm auch nicht eine einzige ſo errungene Zuſage wieder ab⸗ geſpannt hatte. Ein gutes Vorzeichen für Harley's bereit⸗ williges Glauben an ſeine verſprochenen„Erklärungen“. Kurz, die Wahl ſchien ganz abzulaufen, wie er zum Vor⸗ aus gerechnet hatte. Aber um zwölf Uhr trat ein Wechſel in der verhältnißmäßigen Stellung der Candidaten ein. Dick Avenel hatte allmälig Boden gewonnen und nicht nur Ran⸗ dal, ſondern auch Leonard überſprungen. Er ſtand mit einem Mehr von Zehn auf der Wahlliſte oben an. Nach ihm kam Randal. Audley blieb um zwanzig hinter Randal, und Leonard um vier hinter Audley zurück. Mehr als die Hälfte der Wählerſchaft hatte abgeſtimmt; unter denen, welche noch an ſich hielten, befanden ſich die Mit⸗ 2058 glieder der beiden Comitö's und die gefürchtete Schaar der Hundertundfünfzig. Mit der Stimmenabgabe ging es nun ſehr langſam. Als Randal ſich verlangend nach einer Gelegenheit umſah, Dick zu fragen, ob er wirklich ſelbſt ſtatt ſeines Neffen durch⸗ zugreifen wünſche, bemerkte er, daß Harley verſchwunden war. Bald darauf wurde ihm ein Billet zugeſchickt, das ihn nach dem Comitézimmer entbot. Er entſprach eiligſt dieſer Aufforderung. Als er ſich durch die Perſonen, welche in der Flur um⸗ herſtanden, gegen die Thüre des Zimmers hindrängte, faßte ihn Levy am Arm und flüſterte ihm zu: „Sie fangen an für Egerton zu fürchten und möchten gerne einen Vergleich eingehen, um ihn zu ſichern. Man wird Euch daher den Vorſchlag machen, daß Ihr zurücktre⸗ ten ſollet, wenn dagegen Avenel ſeinen Neffen zum Abdan⸗ fen veranlaſſe. Geht nicht in die Schlinge. LEstrange legt Euch vielleicht die Frage vor; aber— ein Wort in's Ohr— es iſt Niemand lieber als ihm, wenn Egerton durch⸗ fällt. Verlaßt Euch auf dies und haltet feſten Stand.“ Randal gab keine Antwort und gelangte endlich, nach⸗ dem ihm die Menge Platz gemacht hatte, nach dem Zimmer. Die Thüren wurden ſogleich wieder geſchloſſen. Das ganze blaue Comité war verſammelt. Die Mitglieder deſſelben zeigten aufgeregte rothe Köpfe und ängſtliche Geſichter. Lord LEstrange allein, der oben an der langen Tafel ſtand, benahm ſich kalt und ruhig; doch war bei aller Faſſung auch ſeine Stirne gedankenvoll. der am. ſah, rch⸗ den ihn eſer im⸗ ßte ten an re⸗ an⸗ ige n*6 ch⸗ g 2059 „Ja, ich will dieſem jungen Mann eine ſchone Gelegen⸗ heit geben, ſich gegen ſeinen Wohlthäter dankbar zu erwei⸗ ſen,“ ſagte er zu ſich ſelber,„und wenn er ſich in dieſem Punkte ordentlich benimmt, ſo ſoll ihm wenigſtens eineöffent⸗ liche Bloßſtellung ſeines Betrugs erſpart bleiben. Bei ſeiner Jugend muß er doch einiges Gute in ſich haben— zum Mindeſten gegen den Mann, dem er Alles verdankt.“ „Mr. Leslie,“ ſagte LEstrange laut,„Ihr kennt den Stand der Abſtimmung. Unſer Comité glaubt, daß Eger⸗ ton durchfallen muß, wenn Ihr auf Eurer Bewerbung be⸗ harrt, und fürchtet, weil für Leonard Fairfield wenig Aus⸗ ſicht vorhanden iſt, ſo werden die Gelben ihre zweite Stimme nicht an ihn wegwerfen, ſondern auf Euch übertragen, um Egerton zu verdrängen. Tretet Ihr zurück, ſo iſt Egerton ſicher; und wir haben Grund für die Annahme, daß dann auch Leonard Fairfield von der Bewerbung abſtehen wird.“ „Ihr habt von Egerton nichts mehr zu hoffen und nichts mehr zu fürchten,“ flüſterte Levy.„Er iſt gänzlich zu Grunde gerichtet, und von ſeinem Durchfall wird er ſich im Gefängniß erholen müſſen. Die Bailiffe warten bereits auf ihn.“ Randal ſchwieg noch immer, und dieſes Schweigen hatte unter den einflußreicheren Mitgliedern des Comité's ein unwilliges Gemurmel zur Folge. Denn obgleich Audley perſönlich nicht ſehr populär war, lag ihnen doch ein ſo aus⸗ gezeichneter Candidat beſonders am Herzen, und ſie muß⸗ ten vor den Gelben ſo gar klein erſcheinen, wenn ihr großer Mann von demſelben Bewerber ausgeſtochen wurde, welchen —————— 2060 ſie ihm als Gehülfen an die Seite gegeben hatten— von einem unbekannten jungen Menſchen. Eitelkeit und Pa⸗ triotismus ſteigerten die Unzufriedenheit. „Ihrſeht, junger Sir,“ rief ein reicher, derber Schläch⸗ termeiſter,„man hat in der ehrlichen Vorausſetzung gehan⸗ delt, daß Mr. Egerton ſicher ſey. Ihr hattet an uns keine Anſprüche als die eines ſekundirenden Mitſtreiters, und wir können uns daher nicht genug wundern, daß Ihr nicht ohne Umſtände erklärt, Egerton müſſe um jeden Preis durchgeſetzt werden. Entſchuldigt meine Freiheit, Sir; aber wir haben keine Zeit für müßiges Gerede.“ „Lord LEstrange,“ verſetzte Randal, ſich geſchmeidig von dem Schlächter abwendend,„verlangt Ihr, als der Erſte hier in Rang und Einfluß und als Mr. Egertons beſonderer Freund, daß ich meine Erwählung und augenſcheinlich auch die Wünſche der Wählermehrheit zum Opfer bringe, damit ſtatt meiner dem Mr. Egerton eine im Grunde doch nur zwei⸗ felhafte Ausſicht verſchafft werde?“ „Ich verlange nichts von Euch, Mr. Leslie. Es han⸗ delt ſich um eine Sache des Gefühls und der Ehre, die ein Gentleman recht wohl für ſich entſcheiden kann.“ „Iſt ein ſolcher Vertrag zwiſchen Euren Gnaden und mir vorausgeſetzt worden, als Ihr Euren Einfluß für mich aufbotet und in Perſon für mich warbet?“ „Gewiß nicht. Gentlemen, ich muß um Stillſchwei⸗ gen bitten. Ich habe nie von einem ſolchen Vertrag ge⸗ ſprochen.“ „Und eben ſo wenig iſt es von Mr. Egerton geſchehen. — ——+—— 2061 Unter welchen Vorausſetzungen der geachtete Wahlmann, welcher mich eben anredete, gehandelt haben mag— ich bin mir keiner Betheiligung daran bewußt. Auch bin ich überzeugt, Mr. Egerton kann am allerwenigſten wünſchen, daß ſeine Erwählung durch einen Kunſtgriff, den man mitten in der Wahlhandlung gegen Wähler übt, und durch einen Schritt durchgeſetzt werde, in welchem die Welt eine ſehr unbiedere Behandlung meiner ſelbſt erkennen müßte, da die ganze Mühe der Bewerbung auf meinen Schultern lag.“ Abermals erhob ſich ein Gemurmel; doch Randal zeigte eine ſo entſchiedene Haltung, daß die weiteren Aeußerungen des Unwillens verſtummten und die Anweſenden ihm fort⸗ während, obſchon nur kalt und halb verächtlich, Gehör ſchenkten. „Gleichwohl würde ich ohne Verzug zurücktreten,“ nahm Randal wieder auf,„wenn ich nicht der feſten Ueber⸗ zeugung lebte, die ich auch allen Anweſenden beizubringen hoffe, obſchon ſie mich zur Zeit noch zu verdammen ſcheinen, daß ich ganz in Gemäßheit von Mr. Egertons Privatnei⸗ gung handle. Ihr wißt ſelbſt, dieſer Gentleman iſt nie un⸗ ter Euch geweſen— hat ſich nicht in Perſon beworben und überhaupt ſich nicht die mindeſte Mühe gegeben, die einzige Rede ausgenommen, in welcher er augenſcheinlich nur ſeine frühere politiſche Laufbahn zu rechtfertigen beabſichtigte. Was ſoll dies heißen? Einfach, daß ſein Auftreten nur der Form wegen und gegen ſeine eigene Neigung geſchah, weil er den Wünſchen ſeiner Partei willfahren wollte.“ Die Comitémitglieder ſahen einander erſtaunt und 2062 zweifelnd an. Randal bemerkte, daß er einen Vortheil er⸗ rungen hatte, und verfolgte ihn mit einem Takt und einer Gewandtheit, welche zeigten, daß er trotz ſeiner mangelhaf⸗ ten vratoriſchen Gaben die Elemente eines geſchickten De⸗ battenführers in ſich barg. „Ich will offen gegen euch ſeyn, Gentlemen. Mein Charakter und mein Wunſch, gut mit euch Allen zu ſtehen, verpflichten mich dazu. Mr. Egerton wünſcht vorerſt nicht in's Parlament zu kommen; denn ſeine Geſundheit iſt unter⸗ graben, und ſeine Privatangelegenheiten nehmen ſeine ganze Zeit und Aufmerkſamkeit in Anſpruch. Ich darf wohl ſagen, daß ich ihm wie ein Sohn bin. Mein Glück liegt ihm ſehr am Herzen, und Lord L Estrange hat erſt geſtern Abend gegen mich den ſehr richtigen Ausdruck gebraucht, daß mein Erfolg ihm näher gehe als ſein eigener. Nichts kann ihm mehr Freude machen als der Gedanke, daß ich, wie ſchwach auch meine Kräfte ſeyn mögen, im Parlament jenen großen Intereſſen diene, die er in ihrer gegenwärtigen Criſe aus Rückſichten auf ſeine Geſundheit und ſeine perſönlichen Ver— hältniſſe nicht mit dem gewohnten Nachdruck zu vertheidigen vermag. Später wird er allerdings ohne Zweifel bemüht ſeyn, auf den Wahlplatz zurückzukehren, auf dem er ſich ſo große Auszeichnung holte, und iſt einmal die populäre Auf⸗ regung vorüber, welche die populäre Ungerechtigkeit des Ta⸗ ges zur Folge hat, welcher Wahlbezirk wird dann nicht ſtolz ſeyn, einem ſolchen Mann ſeine Vertretung zu über⸗ tragen? Zu Bekräftigung deſſen, was ich geſagt habe, be⸗ rufe ich mich auf Mr. Egertons eigenen Agenten— einen N— WM 2063 Gentleman, der ungeachtet ſeines ungeheuren Vermögens und des Rangs, welchen er in der Geſellſchaft behauptet, ſich freiwillig dazu hergibt, für dieſen großen Staatsmann zu wirken. Baron Levy, ich ſtelle an Euch die achtungsvolle Frage— iſt nicht Mr. Egertons Geſundheit ſehr leidend und bedarf er nicht der Ruhe?“ „Es iſt ſo,“ verſetzte Levy. „Und nehmen nicht ſeine Privatangelegenheiten ſeine ungetheilte und ernſtliche Aufmerkſamkeit in Anſpruch?“ „Zuverläſſig,“ entgegnete der Baron.„Gentlemen, ich habe im Namen meines ausgezeichneten Freundes nichts wider die Angabe ſeines Adoptivſohnes, des Mr. Leslie, vor⸗ zubringen.“ „Dann kann ich weiter nicht ſagen,“ rief der Fleiſcher, mit ſeiner ungeheuren Fauſt auf den Tiſch ſchlagend,„als daß ſich Mr. Egerton verdammt unſchön gegen uns benont⸗ men hat. Wir werden zum Geſpött des ganzen Wahlbezirks.“ „Ruhig, ruhig!“ ſagte Harley.„Ich höre hinten an der Thüre klopfen. Entſchuldigt mich.“ Harley verließ das Zimmer, aber nur für ein paar Mi⸗ nuten. Als er wieder zurückkam, richtete er an Randal die Frage: „Müſſen wir Euch ſo verſtehen, Mr. Leslie, daß Ihr nicht willens ſeyd, zurückzutreten?“ „Wenn Eure Gnaden nicht wirklich mich zum Gegen⸗ theil drängt, ſo möchte ich ſagen: Laßt der Wahl ihren Lauf, und Jeder ſehe zu, wie weit er's bringt. Dies ſcheint mir das ehrliche, männliche, engliſche“— großer Nach⸗ 2064 druck auf letzterem Beiwort—„und ehrenwerthe Verfahren zu ſeyn.“ „Gut alſo,“ verſetzte Harley,„Jeber ſehe zu, wie weit er's bringt. Mr. Leslie, wir wollen Euch nicht länger aufhalten. Geht nach dem Abſtimmungsplatz zurück— Einer von unſeren Candidaten ſollte dort ſeyn. Und Ihr, Baron Levy, habt die Güte, gleichfalls zu gehen und Mr. Egertons Dank denen auszudrücken, welche noch immer für ihn ſtimmen.“ Levy verbeugte ſich und verließ Arm in Arm mit Ran— dal das Zimmer. „Vortrefflich, vortrefflich!“ ſagte der Baron.„Ihr habt einen wunderbaren Kopf.“ „Gleichwohl hat mir Lord LEstrange's Blick ganz und gar nicht gefallen. Doch er kann mir nichts mehr anhaben. Die Stimmen, die er ſtatt Egertons mir ſicherte, ſind bereits abgegeben. Das Comité verweigert mir vielleicht ſeine Stimme; aber dann iſt Avenels Mannſchaft noch im Hinter⸗ halt. Ja, die Wahl kann als beendigt angeſehen werden. Und kommen wir wieder zurück, ſo wird auch Hazeldean mit dem Geld angelangt ſeyn, das mir das Eigenthum meiner Ahnen zurückgibt. Doktor Riceabocca iſt ſchon in die Lande und Titel von Serrano eingeſetzt— was kümmere ich mich alſo weiter um Lord LEstrange? Dennoch hat mir ſein Blick nicht gefallen.“ „Pah, Ihr habt ganz ſo gehandelt, wie er's wünſchte. Ich darf Euch nicht weiter ſagen. Doch da ſind wir an der Bude. Ein neuer Anſchlag in unſerer Abweſenheit. Wie P 2065 ſtehen die Zahlen? Avenel um vierzig Euch voraus, Ihr dreißig mehr als Egerton, und Leonard Fairfield noch im⸗ mer der Letzte auf der Liſte. Aber wo ſind Avenel und Fairfield?“ Dieſe beiden Candidaten waren verſchwunden— viel⸗ leicht nach ihrem Comitézimmer gegangen. Kaum hatten ſich hinter Levy und Randal die Thüren geſchloſſen, als ſich unter den Mitgliedern des blauen Co⸗ mité's ein wildes Getümmel zorniger Entrüſtung erhob. Um ſich in demſelben vernehmlich zu machen, ſprang Lord L'Es⸗ trange auf den Tiſch. Dieſe Bewegung und ſein Blick brachte mit einemmal Alles zum Schweigen. „Genitlemen, es liegt in unſeren Händen, einen von unſeren Candiraten durchzuſetzen, und wir haben unter den Beiden die Wahl. Ihr habt Mr. Leslie und Baron Levy gehört. Auf ihre Verſicherungen will ich blos dies erwie⸗ dern:— Mr. Egerton iſt dem Lande nöthig, und wie es auch mit ſeiner Geſundheit oder mit ſeinen Angelegenheiten ſtehen mag, er iſt bereit, dem Ruf, der an ihn ergeht, Folge zu leiſten. Wenn er ſich nicht ſelbſt bewarb— wenn er ſelbſt in dieſem Augenblick nicht vor euch erſcheint, ſo führen für ihn die Dienſte von mehr als zwanzig Jahren das Wort. Welchen alſo von den beiden Candidaten wollt ihr zu eurem Vertreter wählen— einen erprobten Staatsmann oder einen unbärtigen Jungen? Beide beſitzen Ehrgeiz und Fähigkeit; der Eine hat dieſe Eigenſchaften in der Geſchichte eines Landes, und zwar— wie jetzt zu ſeinem Nachtheil be⸗ hauptet wird— mit einer Hingebung bewieſen, die eine Rie⸗ Bulwer, meine Rovelle. 130⁰ 2066 ſengefundheit untergrub und ein fürſtliches Vermögen zu Grunde richtete. Der Andere gibt euch eine Probe von ſeinem Ehrgeiz darin, daß er euch einlädt, ihn ſeinem Wohlthäter vorzuziehen, und beweist ſeine Fähigkeit in den Entſchul⸗ digungsvorwänden, mit denen er ſeinen Undank zu bemänteln ſucht. Welchen von Beiden wollt ihr— einen Egerton oder einen Leslie?“ „Egerton für immer!“ rief wie mit einer Stimme die ganze Verſammlung und ließ ein„Pfui!“ für Leslie folgen. „Aber haben wir auch wirklich die Wahl?“ bemerkte ein ernſter und kluger Comitémann.„Geben nicht die Gel⸗ ben den Ausſchlag? Iſt Eure Gnaden nicht zu ſanguiniſch?“ „Oeffnet die Hinterthüre. Eine Deputation von unſern Gegnern wartet in dem Zimmer auf der andern Seite des Gangs. Laßt ſie ein.“ Ein athemloſes Schweigen herrſchte unter den Comité⸗ mitgliedern, während dem Befehle Harley's Folge geleiſtet wurde. Und zum großen Erſtaunen der Anweſenden trat un⸗ mittelbar darauf Leonard Fairfield ſelbſt, von ſechs Haupt⸗ anhängern der gelben Partei begleitet, in's Zimmer. Lord L'Estrange.—„Mr. Fairfield, Ihr habt uns für Euch und Mr. Avenel unter Genehmigung Eures Comité's einen Vorſchlag zu machen?“ Leonard(an den Tiſch vortretend).—„Ja. Wir haben die Ueberzeugung gewonnen, daß keine der beiden Par⸗ teien ihre zwei Candidaten zumal durchzuſetzen im Stande iſt. Mr. Avenels Erwählung iſt geſichert, und es frägt ſich jetzt — — zu em iter ul⸗ eln der me lie kte e⸗ 2 ern es t6⸗ n⸗ t⸗ 2067 nur noch, welcher der beiden Candidaten von eurer Seite der Wählerſchaft zur größeren Ehre gereicht. Mein Zurück⸗ tritt, den anzukündigen ich im Begriff ſtehe, wird eine hin⸗ reichende Anzahl von Stimmen frei machen, um entweder Mr. Egerton oder Mr. Leslie den Triumph zu ſichern.“ „Egerton für immer!“ riefen abermals die aufgereg⸗ ten Blauen. „Ja, Egerton für immer!“ ſtimmte Leonard bei, und ſeine Wangen glühten.„Wir mögen andere politiſche An⸗ ſichten haben als er; aber wer weiß etwas von denen des Mr. Leslie? Wir ſind vielleicht nicht einig mit dem Poli⸗ tiker; aber wer darf nicht ſtolz ſeyn auf den Senator? Ein großer und unberechenbarer Vortheil kömmt der Wählerſchaft zu gut, die einen ausgezeichneten Mann in's Parlament ſchickt. Sein Ruhm adelt den Platz, den er vertritt, hält den öffent⸗ lichen Geiſt aufrecht und erhöht das männliche Intereſſe an Allem, was die Nation angeht. So oft ſeine Stimme das verſammelte Parlament zum Schweigen bringt, erinnert ſie uns an das gemeinſame Vaterland, und ſelbſt die Geſpräche unter ſeinen Wählern, die durch ſeine Worte veranlaßt wer⸗ den, klären ihre Anſchauungen über das Gemeinwohl auf und verleihen ihnen das Licht eines Geiſtes, der über ihre Intereſſen gebietet und ſich ihre Aufmerkſamkeit erzwingt. Alſo Egerton für immer! Wenn unſere Partei ſich zu der Erwählung eines Gegners bequemen muß, ſo mögen ſich Alle auf den Würdigſten vereinigen. Mein Lord L'Estrange, wenn ich dieſes Zimmer verlaſſe, ſo geſchieht es, um meinen Zurücktritt anzukündigen und diejenigen, welche mir ihre 130* 2068 Stimmen zugeſagt haben, zu bitten, daß ſie dieſelben auf Mr. Audley Egerton übertragen.“ Unter den tobenden Hurrahrufen, welche dieſer Anrede folgten, näherte ſich Leonard Harley und ſagte: „Mein Lord, ich bin Euren Wünſchen ſo nachgekommen, wie ſie mir von meinem Onkel mitgetheilt wurden. Mr. Avenel iſt anderswo beſchäftigt, ſie in Vollzug zu ſetzen.“ „Leonard,“ verſetzte Harley gleichfalls in gedämpftem Tone,„Ihr habt Audley Egerton geſichert, was allein in Euren Kräften lag— den Triumph über einen treuloſen Abhängigen— die Fortſetzung der einzigen Laufbahn, in welcher er bisher den Troſt und die Würze ſeines Lebens ge⸗ funden hat. Er muß Euch mit ſeinen eigenen Lippen danken. Kommt nach dem Park, ſobald die Abſtimmung vorbei iſt. Ihr werdet dort alle die Aufklärungen erhalten, die Euch noch nöthig ſeyn dürften.“ Dann verbeugte ſich Harley gegen die Verſammlung und erhob ſeine Stimme: „Gentlemen, ich habe geſtern bei der Nomination der Candidaten Bemerkungen fallen laſſen, durch die Mr. Fair⸗ field mit Recht ſich verletzt fühlte. In eurer Gegenwart nehme ich ſie unbedingt zurück und bitte ſte ihm ab. In eurer Gegenwart bitte ich ihn um Verzeihung und erkläre: wenn er mir ſeine Freundſchaft ſchenken will, ſo ſoll er in meiner Achtung und Liebe an der Seite des Staatsmannes ſtehen, den er ſeinem Lande wieder gegeben hat.“ Leonard ergriff mit beiden Händen die ihm dargebo⸗ tene Rechte und eilte dann, von innerer Erregung üherwäl— 2069 tigt, aus dem Zimmer. Blaue und Gelbe dagegen tauſch⸗ ten ihre Begrüßungen aus und freuten ſich des Vergleichs, welcher in Ausſicht ſtellte, daß ſich nun alle Parteiaufregung legen und der Frieden des Wahlbezirks zurückkehren werde. Die ruhigen Leute, welche ſich Tags zuvor gegenſeitig ver— abſcheut und in ihrem Innern gelobt hatten, einander nach Kräften in Gewerbe und Kundſchaft zu ſchädigen, waren nun voll freundſchaftlicher und brüderlicher Gefühle— bis zur nächſten allgemeinen Wahl. Inzwiſchen war die Abſtimmung ſo langſam wie bis⸗ her fortgeſchritten und zeigte noch immer ein für Randal vortheilhaftes Ergebniß. „Keine zwei Drittel der Wahlmänner werden abſtim⸗ men,“ murmelte Levy, auf ſeine Uhr ſchauend.„Die Sache iſt entſchieden. Aha, Andley Egerton! Du, der du mich einſt mit der unausſprechlichen Eiferſucht folterteſt, welche einen ſo unverſöhnlichen Haß zur Folge hatte— du, der du meine Geſellſchaft mit Verachtung zurückwieſeſt und mich einen Schurken nannteſt, ohne ſogar der Macht zu gedenken, welche mir deine Thorheit in die Hände gab— aha, deine Zeit iſt aus, und der Geiſt, der zu deiner Vernichtung thä⸗ tig war, ſchreitet in den Kreis, um ſeine Beute zu faſſen.“ „Ihr ſollt mein erſtes Frankocouvert haben, Levy,“ ſagte Randal,„um Euren Brief an Mr. Thornhills Sach⸗ walter darin zu befördern. Dieſe Wahlgeſchichte iſt im Reinen; wir müſſen nun ſehen, was es ſonſt noch für uns zu thun gibt.“ 2070 „Was zum Teufel ſoll jenes Placat?“ rief Levy und wurde blaß. Randal blickte auf und ſah mitten auf dem Marktplatz, von einem gewaltigen Menſchengewühl umgeben, hoch über den Köpfen von Allen eine gelbe Tafel ſich hinbewegen, die cometenartig durch die Luft zu ziehen ſchien. Zwei Uhr Nachmittags. FARFIEIDs ZURUCKTRITT! Gelbe! Stimmt für Avenel und Egerton! (Unterzeichnet) Gelbes Comité. Timothy Alljack. „Was iſt dies für ein hölliſcher Verrath?“ rief Randal, leichenblaß vor ehrlicher Entrüſtung. „Wartet einen Augenblick; dort iſt Avenel!“ entgeg⸗ nete Levy. Und an der Spitze einer anderen Proceſſion, die aus den dunkleren Gaſſen der Stadt auftauchte, ſchritt mit ernſter Majeſtät der überlebende gelbe Candidat einher. Dick ver⸗ ſchwand für einen Augenblick in dem Laden eines Gewürz⸗ krämers, der den breiteſten Theil des Platzes beherrſchte, und kam dann auf dem Balkon des erſten Stockes unmittelbar tz, er ie 2071 über einem ungeheuren gelben Tabakkorb, der das Gewerbe und die Politik des Hausbeſitzers bezeichnete, wieder zum Vorſchein. Er hatte kaum, den Hut in der Hand, dieſes Roſtrum betreten, als die beiden Proeeſſionen unten Halt machten. Die Muſikanten hörten auf zu ſpielen, die Fahnen rollten ſich um ihre Stäbe, Volkshaufen ſtrömten herbei und ſogar die Wahlſchreiber verließen ihre Bude. Randal und Levy miſchten ſich unter das Gedränge. Dick auf dem Balkon war der Deus ex machina. „Freie Männer und Wähler!“ rief Dick in ſeinen kräf⸗ tigſten Lauten—„als ich die öffentliche Meinung dieſer unabhängigen und erleuchteten Wählerſchaft ſo gleich ge⸗ theilt fand, daß nur ein gelber Candidat durchgeſetzt wer⸗ den kann und nur ein blauer eine Ausſicht hat, war es noch geſtern Abend meine Abſicht, von dem Kampf zurückzutreten und ſo allen Häkeleien und allem böſen Blut ein Ende zu machen.— Haltet Eure Mäuler dort— könnt Ihr nicht? — Ich ſage es ehrlich, daß es mir lieber geweſen wäre, ihr hättet meinen ausgezeichneten und talentvollen Neffen— eine ehrenwerthe Ver vandtſchaft— ſtatt meiner gewählt; aber er will nichts davon hören und hat unſer ganzes Co⸗ mité in die irrthümliche, aber doch hochſinnige Anſicht hinein⸗ geſchwatzt, daß die ganze Stadt Pfui ſchreien müßte, wenn der Neffe dadurch in's Parlament fahre, daß er dem Onkel den Hals breche.“(Lautes Hurrah von Seiten des Pöbels und theilweiſer Ruf:„Wir wollen euch Beide haben!“) „Ihr werdet dies nicht, und wißt es wohl; haltet eure Rachen!“ nahm Dick mit gebieteriſcher guter Laune wieder 2072 auf.„Laßt mich fortmachen— wollt ihr? Die Zeit drängt. Mit einem Wort, mein Neffe hat den Entſchluß gefaßt, zu⸗ rückzutreten, wenn heute Mittag um zwei Uhr nicht die Aus⸗ ſicht vorhanden ſey, daß wir Beide gewählt werden. Und dieſe Ausſicht iſt nicht da. Es kömmt nun zunächſt den Gel⸗ ben, welche noch nicht abgeſtimmt haben, zu, über die Perſon, welcher ſie ihre zweite Stimme geben ſollen, mit ſich zu Rath zu gehen. Wäre ich der Abtretende geweſen, ſo hätte ich meine gewiſſen Gründe, euch zu empfehlen, daß ihr ſie dem Leslie zu Theil werden laßt— er iſt ein geſcheidter Burſche und beträchtlich ſcharf.“ „Hört, hört, hört!“ rief der Baron aus vollem Halſe. „Aber ich bin verpflichtet, euch zu ſagen, daß mein Neffe ſeine eigene Anſicht hat und— als ein unabhängiger Britiſcher, mag er auch zweimal mein Neffe ſeyn— zu haben berechtigt iſt. Und ſeine Anſicht geht in eine andere Richtung— ebenſo auch die des Comité's.“ „Verkauft!“ rief der Baron; und einige unter der Menge ſchüttelten die Köpfe und machten ernſte Miene— namentlich ſolche, denen man den Wunſch des Erkauftwerdens anſehen konnte. „Verkauft?— Sauberer Burſch, Ihr, mit dem Blu⸗ menſtrauß im Knopfloch, um vom Verkaufen zu ſprechen! Ihr, der Ihr Euren eigenen Clienten gerne verkauft hät⸗ tet— und Ihr wißt dies wohl.(Leyy ſchrack zurück.) Ei, Gentlemen, das iſt Levy, der Jude, der vom Verkaufen ſpricht! Und wenn er den Charakter dieſer Wählerſchaft heſchimpft, ſo ſtehe ich hier, um ihn zu vertheidigen.— Und — —0 ———————————— ———————— 2073 dort ſteht der Gemeindebrunnen mit einem Pumpſtock für den Arm der Ehrlichkeit und einer Schnauze für die Lippen der Falſchheit!“ Am Schluß dieſes großartigen Perioden, der ohne Zweifel von einem großen amerikaniſchen Redner geborgt war, zog ſich der Baron unwillkürlich unter den Schirm der Abſtimmungsbude zurück, während ihm mehrere zürnende Gelbe mit ſehr drohenden Geberden folgten. „Aber der Verläumder ſchleicht davon; überlaßt ihn den Vorwürfen ſeines Gewiſſens,“ nahm Dick mit edler Hochherzigkeit wieder auf. „Verkauft!“—(das Wort dröhnte wie Poſaunen⸗ ſchall über den Platz)—„verkauft! Nein, glaubt mir, Niemand, der ſtatt für Fairfield für Egerton ſtimmt, wird, ſo weit ich betheiligt bin, auch nur um einen Penny beſſer daran ſeyn—(erkältendes Schweigen)— oder(mit einem kaum bemerklichen Blinzeln gegen die ängſtlichen Geſichter der Hundertundfünfzig, welche den Hintergrund ausfüllen) oder um einen Penny ſchlechter.(Lautes Hurrah von Sei⸗ ten der Hundertundfünfzig und einzelne Rufe'edel“) Ich bin kein Freund von der Politik des Mr. Egerton. Aber ich bin nicht blos Politiker, ſondern auch Menſch! Die Vor⸗ ſtellunzen unſeres geachteten Comité's— beſtehend ans Geſchäftsmännern, zärtlichen Ehegatten und aufopfernden Vätern— haben Gewicht bei mir. Ich bin ſelbſt Gatte und Vater. Wenn ein nutzloſer Kampf mit allen den Ge⸗ häſſigkeiten in ſeinem Gefolge auf's Aeußerſte getrieben wird, wer hat darunter zu leiden?— Niemand anders, als der 2074 Gewerbs⸗ und Handelsmann. Parteihaß, Verluſt der Kund⸗ ſchaft, tyranniſche Einforderung der Hausmiethe, Aufkün⸗ digungen— mit einem Wort, die Schraube!“ „Hört, hört,“ und„gebt uns den Stimmzettel!“ „Den Stimmzettel— herzlich gerne, wenn ich ihn bei mir hätte. Und wenn es auf uns ankäme, möchte ich den Mann ſehen, der ſich unterſtünde, blau zu ſtimmen.(Lautes Hurrah von den Gelben.) Aber da es nicht an dem iſt, ſo müſſen wir an unſere Familien denken. Auch will ich beifü⸗ gen, daß ich, ſelbſt wenn Mr. Egerton wieder ins Miniſte⸗ rium kömmt“— erklärte Dick mit Feierlichkeit—„als ſein College mein Beſtes thun werde, um ihn auf rechtem Wegzu halten; und eure eigene Erleuchtung— denn Ihr ſeyd keine Schulknaben mehr— wird ihm zeigen, daß kein Miniſter der öffentlichen Meinung Trotz bieten und mit ſeinem eige⸗ nen Brod und Butter Streit anfangen darf.(Großer Beifall.) In dieſen Zeiten muß ſich die Ariſtokratie bei den mittleren und arbeitenden Klaſſen wohl daran machen, und ein Parla⸗ mentsmitglied, das ins Kabinet eintritt, hat viel im Stem⸗ pel⸗, Aceis⸗ und Zollamt, im Poſtdienſt und in anderen De⸗ partements dieſes wurmſtichigen alten— dieſes großartigen Reiches, wollte ich ſagen— zu vergeben, womit er ſeinen Wählern Wohlthaten erweiſen und die Vorrechte der Ariſto⸗ kratie mit den Anſprüchen des Volks verſöhnen kann— im gegenwärtigen Falle namentlich mit den Anſprüchen des Volks im Wahlbezirk von Lansmere.(Hört, hört!) „Indem ich nun die Parteineigungen auf dem Altar der allgemeinen guten Geſinnung zum Opfer bringe(und es ——— c——,„—-—„—„—— nd⸗ ün⸗ bei den tes ſo fü⸗ ſte⸗ ein zu ine ſter ge⸗ l.) ren la⸗ m⸗ De⸗ gen nen im des tar es ————————— 2075 ſcheint mir, daß ſie ſich in keiner anderen Weiſe fördern laſſen), kann ich dem Zurücktritt meines Neffen— eines ehrenwerthen Verwandten— nichts entgegenhalten und eben ſo wenig meine Augen gegen die Vortheile verblenden, die einem ſo wichtigen Wahlbezirk und dem Volk im Allgemei⸗ nen zugehen dürften, wenn die Wähler es für paſſend halten ihre Stimmen meinem ſehr ehrenwerthen Schwa— dem ſehr ehrenwerthen blauen Candidaten— als meinem Collegen geben. Nicht daß ich mir anmaße, Vorſchriften zu erthei⸗ len oder in einer oder der anderen Weiſe einen Wunſch aus⸗ zudrücken; denn ich ſpreche blos als Familienvater zu euch Wählern und freien Männern und ſage euch, nachdem ihr durch meine Erwählung dem Land einen Dienſt geleiſtet, habt ihr auch ritterlich das Recht gewonnen, an eure Klei⸗ nen zu Haus zu denken.“ Dick legte die Hand an's Herz, verbeugte ſich anmuthig und zog unter einſtimmigem Beifall von ſeinem Balkone ab. Drei Minuten ſpäter hatte Mr. Avenel in der Eigen⸗ ſchaft des Candidaten wieder ſeinen Platz in der Bude ein⸗ genommen. Heiß und raſch ſtrömten jetzt die gelben Wähler heran. Und nun kam Emanuel Trout, der in feſtem Tone ſeine Stimme—„Avenel und Egerton“— abgab. Von den Hundertundfünfzig ſtimmte Mann für Mann in derſelben Weiſe. Auf jede Frage„für wen ſtimmt Ihr?“ dröhnte einer Todtenglocke gleich der verwünſchte Refrain—„Avenel und Egerton“ in Randal Leslie's Ohren. In finſterer Ver⸗ zweiflung kreuzte der junge Mann die Arme über der Bruſt. Levy mußte den Leuten in Egertons Namen mit eines Ge⸗ —.————— 2676 ſchwindigkeit, welche ihm den Athem benahm, die Hände drücken. Er ſehnte ſich, hinwegſchleichen zu können— ſehnte ſich, dem Lord L'Estrange beizukommen, von dem er glaubte, er werde über dieſe Wendung des Glücksrades eben ſo auf⸗ gebracht ſeyn, als er ſelbſt. Aber wie konnte er ſich als Egertons Stellvertreter den fortwährenden Griffen jener hornharten Tatzen entziehen? Außerdem ſtand gerade der Bude gegenüber der Marktbrunnen, und einige baumſtarke, ſchrecklich anzuſehende Gelbe lungerten in deſſen Nähe, als ſeyen ſie bereit, über den Baron herzuſtürzen, ſobald er ſein gegenwärtiges Heiligthum verließ. Plötzlich wichen die Haufen, welche die Bude umringten, zurück. Lord L'Es⸗ trange's Wagen fuhr vor, und Harley half einem grau⸗ haarigen gelähmten Alten heraus. Der Greis ſah ſich mit großen Augen um und nickte lächelnd den Leuten zu. „Ich bin hier— bin gekommen. Ich bin nur ein ar— mes Geſchöpf; aber ein guter Blauer bis auf's Letzte.“ „Der alte John Avenel— der wackere alte John!“ ließ ſich manche Stimme vernehmen. Und John Avenel, noch immer auf Harleys Arm ge⸗ ſtützt, wankte in die Bude und gab nur eine einzige Stimme für„Egerton“ ab. „Eure Hand, Vater,“ ſagte Dick, ſich vorwärts beu⸗ gend,„obſchon Ihr für mich nicht ſtimmen wollt.“ „Ich war ein Blauer, eh' Du geboren wurdeſt,“ ant⸗ wortete der alte Mann mit zitternder Stimme.„Aber ich wünſche Dir dennoch Glück und Gottes Segen, mein Sohn.“ Sogar die Wahlſchreiber waren gerührt; und als man — ———— fä ab ne di te al we ſti 20 7 ſah, wie Dick ſeinen Platz verließ und mit Lord LEstrange dem armen John wieder in den Wagen half, übte dieſes Bild von Familienliebe in Mitte der politiſchen Meinungs⸗ verſchiedenheit— auf der einen Seite der wohlhabende thatkräftige Sohn, den man gekannt, als er noch in derſelben Straße mit Marbeln ſpielte, und der ſich durch eigene An⸗ ſtrengung im Leben aufgeſchwungen hatte und jetzt in Wirk⸗ lichkeit der parlamentariſche Vertreter ſeines Geburtsorts war, auf der andern der von ihm zärtlich gepflegte breſthafte alte Vater, den nicht einmal die Intereſſen des Sohnes, auf welchen er ſo ſtolz war, beſtimmen konnten, von der Farbe abzuſtehen, in welcher ſich für ihn Wahrheit und Rechtlich⸗ keit verkörperte— ich ſage, dieſes Bild übte auch auf die Roheſten unter den anweſenden Volkshaufen, eine ſolche Wirkung, daß man eine Nadel hätte fallen hören können. Erſt als der Wagen Johns beſcheidener Wohnung zufuhr, brach der Sturm von Hurrahrufen los. John Avenels Abſtimmung für Egerton gab den Wechſel⸗ fällen jener denkwürdigen Wahl eine abermalige Wendung. Bisher hatte Dick vor Audley einen Vorſprung gehabt; aber eine einfache Abſtimmung für Egerton von Dicks eige⸗ nem Vater war ein Vorgang und diente vielen Blauen, die noch nicht gewählt hatten und ſich nicht entſchließen konn⸗ ten, ihre Stimmen zwiſchen Dick und Audley zu theilen, als Entſchuldigung. Mehrere von den Hauptgewerbenden, welche, als ſie Audley ſicher ſahen, ſich der Wahl ganz enthalten wollten, kamen daher noch in der letzten Stunde herbei, ſtimmten blos für Egerton und ſicherten ihm in dieſer Weiſe 2078 die erſte Stelle auf der Liſte. So fügte ſich's denn, vaß der arme John, deſſen Stimme nebſt der von Mark Fair⸗ field dem jugendlichen Ehrgeiz des ihm unbekannten Schwie⸗ gerſohns den erſten Anlauf im öffentlichen Leben geſichert hatte, auch jetzt noch dazu beitragen mußte, die Namen des hochgebornen Egerton und des geringen Avenel mit Erfolg und Triumph, aber auch mit Schmerz und gewiſſermaßen mit dem Tod in Verbindung zu bringen. Die große Stadtuhr zeigt die Stunde Vier an. Der leitende Beamte erklärt die Wahlhandlung für geſchloſſen; die förmliche Verkündigung des Wahlergebniſſes ſoll ſpäter ſtattfinden. Aber in der ganzen Stadt weiß man, daß Audley Egerton und Richard Avenel die gewählten Parla⸗ mentsmitglieder für Lansmere ſind. Und Fahnen flattern, Trommeln wirbeln und die Leute drücken ſich herzlich die Hände. Man ſpricht von einer morgen abzuhaltenden Volks⸗ verſammlung; die Wirthshäuſer ſind gefüllt, und in Straßen und Gaſſen hört man ein Summen und Toſen, das gelegent⸗ lich in plötzliche tumultuariſche Rufe übergeht. Und die Wolken am Abendhimmel ſchaaren ſich roth und ſchwarzgelb um die Sonne, die niedergegangen iſt hinter dem Kirch⸗ thurm und hinter den Eibenbäumen, die das ruhige Grab von Nora Avenel überſchatten. —+ e 8 d c— —— 79 Dreißigſtes Kapitel. Unter den dunkler werdenden Schatten der Dämmerung ging Randal Leslie durch den Park auf Lansmere Houſe zu. Er hatte ſich noch vor dem Schluß der Abſtimmung fortge⸗ ſchlichen, für ſeinen Rückzug die Nebengaſſen benützt und den Weg durch das lautloſe Gehölz auf des Grafen ſtattlichen Waidegründen eingeſchlagen. Seine Gedanken verwirrten ſich in Muthmaßungen, wie ihm dieſes befremdliche Miß⸗ geſchick begegnen konnte, indem er daſſelbe einestheils dem Einfluß Leonards auf Avenel zuſchrieb, andererſeits aber auch Harley im Verdacht hatte und ſeine Zweifel auf den Baron Levy warf. Er ſuchte nun zu ermitteln, durch wel⸗ chen Urtheilsfehler er ſich bloßgeſtellt, welchen Schlich er vergeſſen, welchen Faden in ſeinem Gewebe er brüchig oder unvollſtändig gelaſſen hatte, konnte aber nichts entdecken. Seine Fähigkeit ſchien ihm unanfechtbar zu ſeyn— totus teres atque rotundus. Und dann durchzuckte ſeine Bruſt ein peinliches Weh, peinlicher als das des in ſeinen Hoffnungen getäuſchten Ehrgeizes— das Gefühl, daß er hintergangen, an der Naſe herumgeführt und verrathen worden ſey. Denn für alle Lebenden iſt die Wahrheit eine ſo unbedingte Noth⸗ wendigkeit, daß ſelbſt der tückiſchſte Verräther ſtaunt, ſich ge⸗ kränkt fühlt und die Pfeiler der Erde erſchüttert wähnt, wenn der Verrath ihm heimgegeben wird.„Daß Richard Avenel mich betrügen konnte, auf den ich doch ſo großes Vertrauen ſetzte!“ murmelte Randal, und ſeine Lippe bebte. Er befand ſich noch in der Mitte des Parks, als ein Mann mit einer gelben Kokarde auf dem Hut, der eiligſt aus der Richtung der Stadt hergelaufen kam, ihn einholte, ein Schreiben an ihn ablieferte und, ohne auf eine Antwort zu warten, eben ſo ſchnell wieder zurückkehrte. Randal erkannte auf der Addreſſe Avenels Handſchrift, erbrach das Siegel und las wie folgt: („Privat und vertraulich.) „Mein lieber Leslie, „Seyd nicht niedergeſchlagen. Ihr werdet heute Abend oder morgen erfahren, was mich bewog, meine Anſicht in Beziehung auf den ſehr Ehrenwerthen zu ändern, und daraus entnehmen, daß ich als ein Fa⸗ milienmann nicht anders handeln konnte. Obſchon ich mein Wort gegen Euch nicht gebrochen habe— denn Ihr erinnert Euch, daß ich meine zugeſagte Hülfe von meinem eigenen Zurücktritt abhängig machte und nichts verſprach für den Fall, daß Leo⸗ nard von der Bewerbung abſtand— iſt es mir doch, als könntet Ihr glauben, daß Ihr über den Löffel barbiert worden ſeyed. Aber ich habe Euch opfern müſſen aus Rückſicht für Familienpflichten, wie Ihr bald ſelbſt anerkennen werdet. Iſt ja mein eigener Neffe geopfert worden, und ich bringe meine Ge⸗ ſchäftsangelegenheiten zum Opfer, welche für die nächſten Paar Jahre in Serewstown den ganzen Mann brauchen könnten. So ſitzen wir alle in dem⸗ ſelben Boot, obſchon Ihr vielleicht glaubt, man habe Euch allein triftig werden laſſen. Ich bin — igſt lte, ort dal das ute ine zu Fa⸗ on te ig eo⸗ ch fel ern ler — 2081 übrigens nicht Willens, im Parlament zu bleiben, und werde eheſtens wieder austreten. Wenn Ihr's nun mit den Blauen nicht verderbt, ſo will ich bei den Gelben mein Möglichſtes thun, daß Ihr ſtatt meiner einrücken könnt; denn ich glaube nicht, daß Leonard den Wunſch hegt, wieder als Bewerber auf⸗ zutreten. Ein Wort reicht zu für den Weiſen— Ihr könnt alſo noch immer Parlamentsmitglied für Lansmere werden.— R. A.“ In dieſem Brief konnte Randal bei all ſeiner Schlau⸗ heit nichts von den ehrlichen Gewiſſensvorwürfen entdecken, die ſich der Schreiber machte. Zuerſt ſah er, da er gewöhnt war, die menſchliche Natur von ihrer ſchlimmſten Seite auf⸗ zufaſſen, nur einen jämmerlichen Verſuch darin, ſeinen ge⸗ rechten Zorn zu beſchwichtigen und ſeine Verſchwiegenheit zu ködern. Bei weiterer Erwägung erſchien es ihm jedoch wahrſcheinlich genug, daß Dick erlöst zu ſeyn wünſchte, um nach ſeiner Fabrik ſehen zu können, und daß es ihm ver⸗ muthlich darum zu thun war, von Randal ein quid pro quo unter dem Allgemeintitel„Koſtenserſatz“ herauszuſchlagen. Ja, vielleicht hatte man ihn vorläufig blos deshalb fallen laſſen, um bei einer Einzelwahl von ihm beſſere Bedingungen zu erzielen. So folgernd, tröſtete er ſich in dem Glauben an die feilen Beweggründe Anderer. Die Täuſchung war allem Anſchein nach nur von kurzer Dauer, und noch ſeh' das nächſte Parlament einen Monat lang Sitzungen gehalten hatte, nahm er vielleicht ſchon ſeinen Platz ein als Vertreter für Lansmere. Freilich hing Alles von ſeiner ehlichen Ver⸗ Bulwer, meine Novelle. 2082 bindung mit der Erbin ab, und es galt jetzt, dieſe zu be⸗ ſchleunigen. Vorderhand aber wurde es nöthig, ſich feſt zuſammen⸗ zunehmen und ſeinen vollen Muth, ſeine ganze Geiſtesgegen⸗ wart zu zeigen. Mit bangem Herzen dachte er an die Rück⸗ kehr nach Lansmere Houſe, wo er Egerton, Harley— kurz, allen entgegentreten ſollte. Es blieb ihm jedoch keine an⸗ dere Wahl. Er mußte es bei den Blauen wieder gut ma⸗ chen und die Art und Weiſe, wie er ſich in dem Comitézimmer benommen hatte, rechtfertigen. Ohne Zweifel wartete der Squire Hazeldean auf ihn mit dem Kaufſchilling für die Rood'ſchen Güter, und eben dort traf er auch den in ſeine Ehren und Lande wieder eingeſetzten Herzog von Serrano und ſeine Braut, die große Erbin, von welcher Alles abhing, was dem armen Gentleman zu Reichthum und zu einer an⸗ geſehenen Stellung verhelfen konnte. Mit dem ſpannkräf⸗ tigen Temperament, das einem ſyſtematiſchen Intrikanten nicht fehlen darf, entſchlug ſich Randal dem peinlichen Brü— ten über einen vereitelten Anſchlag, um ſich für die Vollen⸗ dung derjenigen vorzubereiten, die einen ſo nahen Erfolg in Ausſicht zu ſtellen ſchienen. Und wenn es ihm zuletzt auch mißlang, Egertons Gunſt wieder zu gewinnen, ſo konnte ja ſein früherer Wohlthäter ihm doch nichts mehr nützen. Er brauchte nur den Kopf hochzutragen und durch Keckheit den Vorwurf des Undanks' zurückdrängen, vorausgeſetzt, daß es ihm gelang, das blaue Comité zufrieden zu ſtellen. Und den einfältigen Geſellen gegenüber mußte ihm dies gelin⸗ gen. Den Macchigvelliſchen Weiſen konnte er gar leicht be⸗ ——— — —————————— 2083 ſchwatzen, und ebenſo wenig Schwierigkeit fand er darin, Audleys entferntem Bruder, dem Squire, befriedigende Er⸗ klärungen zu geben. Harley allein— aber Levy hatte ihm mit ſolcher Beſtimmtheit die Verſicherung gegeben, daß Lord L'Estrange ſich nicht mit aufrichtigem Herzen um Egertons Sache angenommen habe; und was die wichtigere Aufklärung wegen Peschiera's betraf, ſo mußte doch zuverläſſig das, was Violante's Vater zufriedengeſtellt hatte, auch einem Mann genügen, dem überhaupt die Befügniß abging, eine Erklä⸗ rung zu fordern. Oder ſollte ſie ihm nicht genügend erſchei⸗ nen, ſo lag der Gegenbeweis Harley ob, und wer oder was konnte in Widerſpruch treten zu Randals ſcheinbaren Ver⸗ ſicherungen, zu deren Bekräftigung ihm das Zeugniß des Baron Levy zu Gebot ſtand? So ermuthigte er ſich zu Allem, was ſeine Kräfte auf die Probe ſtellen konnte, und ſchritt über die Schwelle von Lansmere Houſe, wo er in der Halle den Baron antraf, der auf ihn wartete. Levy.—„Ich kann mir nicht erklären, warum dieſe verwünſchte Wahl ſo ſchief abgelaufen iſt. Aus L'Estrange kann ich gar nicht kommen; aber ich weiß, daß er Egerton haßt und ſeinen Haß in einer anderen Art von Rache kund⸗ geben wird, wenn es ihm in dieſer mißlungen iſt. Aber Ihr dürft Euch Glück wünſchen, Randal, daß Euch das Geld des Mr. Hazeldean und die Hand der reichen Erbin zuge— ſichert iſt, denn ſonſt—“ „Was ſonſt?“ „Würde ich meine Hände über Euch waſchen, mon cher. Trotz aller Eurer Geſcheidtheit und nach dem, was ich 131* ——————— 2084 für Euch zu thun verſucht habe, fange ich an zu vermuthen, daß Ihr durch Eure Talente nie zu einem Vermögen kom⸗ men würdet. Ein Zimmermannsſohn ſticht Euch aus in öffentlichen Reden und ein gemeiner Fabrikant überliſtet Euch in Privatnegoeiationen. Bis jetzt habt Ihr entſchieden Fiasko gemacht, Randal Leslie, und wie Ihr ſelbſt ſo be⸗ wundernswürtig bemerktet—'einen Mann, von dem wir nichts zu hoffen oder zu fürchten haben, müſſen wir aus⸗ tilgen aus der Karte der Zukunft.“ Randals Antwort wurde durch das Erſcheinen des Zim⸗ merbedienten abgeſchnitten. „Der gnädige Herr iſt in dem Salon und bittet Euch und Mr. Leslie, gleichfalls dahin zu kommen.“ Die beiden Gentlemen folgten dem Bedienten die breite Treppe hinauf. Der Salon nahm die Mitte ein in einer Reihe von Zimmern. Um ſeiner Größe willen wurde er ſelten anders als bei beſonders feierlichen Anläſſen benützt; auch hatte er das froſtige förmliche Ausſehen von Gemächern, die nur bei feſtlichen Gelegenheiten in Verwendung kommen. Riccabocca, Violante, Helen, Mr. Dale, Squire Hazel⸗ dean und Lord LEstrange ſtanden in einer Gruppe um den kalten florentiniſchen Marmortiſch her, auf dem keine Bü⸗ cher, keine weibliche Arbeit und überhaupt keines von den traulichen Zeichen wohnlicher Benützung zu bemerken war, welche der Heimath das Lächeln des Lebens verleihen. Nur ein großer ſilberner Armleuchter ſtand da, der das geräumige Zimmer nur ſpärlich erhellte und die Porträte an der Wand — ———— 2085 als einen Theil der Verſammlung erſcheinen ließ, welcher nach Art der Porträte mit ſpähenden, neugierigen Blicken auf die ihnen zugekehrten Augen niederſchaute. Sobald jedoch Randal eintrat, machte ſich der Squire von der übrigen Geſellſchaft los, ging auf den unterlegenen Candidaten zu und drückte ihm herzlich die Hand. „Nur den Muth nicht ſinken laſſen, mein Junge; es iſt keine Schande, geſchlagen zu werden. Lord L'Estrange ſagt, Ihr habet Euer Beſtes gethan, um zu ſiegen, und mehr kann man von einem Mann nicht verlangen. Es freut mich, Leslie, daß ich mit unſerem kleinen Anliegen zuge⸗ wartet habe, bis die Wahl vorüber war; denn nach dem Aergerlichen kommt etwas Angenehmes doppelt erfreulich. Ich habe das Geld in meiner Taſche. Bst!— und hoöͤrt, mein lieber, guter Junge, ich kann nicht ausfindig machen, wo Frank ſich aufhält; aber iſt auch wirklich Alles vorbei mit jenem ausländiſchen Weibsbild— he?“ „Freilich, Sir; ich hoffe ſo. Wir wollen übrigens davon ſprechen, wenn wir allein ſind. Vermuthlich werden wir uns bald wegſchleichen können.“ „Ich will Euch einen geheimen Plan von mir und Harry mittheilen,“ ſagte der Squire, noch immer in flüſtern⸗ dem Tone.„Wir müſſen dem Jungen die Marcheſa, oder was ſie iſt, aus dem Kopf treiben und dafür ein hübſches engliſches Mädchen hineinſetzen. Dies wird ihn auf Lebens⸗ zeit in Ordnung bringen. Und ich muß ſchon verſuchen, daß ich die bittere Pille des Poſtobits hinunterwürge. Harry macht die Sache ſogar noch ſchlimmer als ich, und iſt ſo 2086 hart gegen den armen Tropf, daß ich für ihn Partei neh⸗ men mußte. Ich habe nicht Luſt, mich ins Pantoffelregiment zu fügen— dies iſt nicht die Art der Hazeldeane. Um aber wieder auf den Hauptpunkt zurückzukommen— wen glaubt Ihr wohl, daß ich unter dem hübſchen Mädchen meine?“ „Miß Sticktorights?“ „Alle Hagel, nein— Eure eigene kleine Schweſter, Randal— ein ſüßes, hübſches Geſichtchen Harry hat ſie von Anfang an wohl leiden können, und dann ſeyd Ihr Franks Schwager und werdet ihn mit Eurem geſunden Kopf und Eurem guten Herzen in Ordnung halten. Und da Ihr Euch auch zu verheirathen gedenkt— wie dies zuging, müßt Ihr mir ſpäter erzählen— ſo haben wir vielleicht am näm⸗ lichen Tag zwei Hochzeiten in der Familie.“ Randal ergriff die Hand des Squire mit einer Regung menſchlicher Dankbarkeit— denn wir wiſſen, daß er, trotz ſeiner Härte gegen alles Andere, ein natürliches Gefühl gegen ſeine herabgekommene Familie bewahrt hatte, und ſeine vernachläſſigte Schweſter war das einzige Weſen auf Erden, von dem man beinahe ſagen konnte, daß er es liebte. Obſchon er von ſeiner geiſtigen Höhe nur mit Gering⸗ ſchätzung auf den ehrlichen, einfachen Frank herunter ſchaute, kannte er doch Niemand auf der Welt, mit dem ſeine junge Schweſter beſſer und glücklicher fahren konnte. Unter das Dach der Mrs. Hazeldean verpflanzt und durch ihr thätiges Wohlwollen veredelt— glücklich in der ehrlichen Zuneigung eines Mannes, der ſelbſt nicht zu gebildet war, um an den Mängeln ihrer Erziehung Anſtoß zu nehmen— was konnte —————„—, 6— ſte ks 1d hr ßt 1⸗ 2087 er mehr wünſchen für ſeine Schweſter, die er ſich ſteis verge⸗ genwärtigen mußte mit um die Ohren hängenden Haaren, während ihr Geiſt über einem erbärmlichen Roman in Sa⸗ men ſchoß? Aber eh' er antworten konnte, kam auch Vio⸗ lante's Vater auf ihn zu, um die ehrlichen Tröſtungen des Squire durch ſeine philoſophiſchen zu unterſtützen. „Wer hatte je auf Volkslaune zählen können? Die Weiſen aller Zeitalter hatten ſie verachtet. In dieſer Be⸗ ziehung waren Horaz und Macchiavel einverſtanden,“ u. ſ. w. „Aber vielleicht,“ fuhr der Herzog mit wohlwollendem Nachdruck fort,„kömmt Euch gerade dieſes Unglück anders⸗ wo zu ſtatten. Das weibliche Herz iſt zum Mitleid geneigt und ſtets begierig zu tröſten. Außerdem werdet Ihr, wenn ich nach Italien zurückkehren darf, Zeit haben, uns zu be⸗ gleiten und das Land kennen zu lernen, wo leicht jeder andere Ehrgeiz vergeſſen wird— ſogar(fügte der Italiener mit einem Seufzer bei) von ſeinen eigenen Söhnen!“ Als Randal ſich von Hazeldean und dem Herzog ſo an⸗ geredet ſah, faßte er wieder frohen Muth. Es war klar, daß Lord L'Estrange von ſeinem Benehmen im Comitözim⸗ mer keinen für ihn nachtheiligen Gebrauch gemacht hatte. Während Leslie auf ſolche Weiſe in Anſpruch genommen war, machte ſich Levy an Harley, der ſich mit dem Baron in die Vertiefung des großen Fenſters zurückzog. „Mein Lord, begreift Ihr dieſes Benehmen von Richard Avenel? Er trägt ſelbſt dazu bei, die Erwählung Egertons zu ſichern— er!“ 2088 „Was iſt natürlicher, Baron Levy— ſeinem eigenen Schwager gegenüber?“ Der Baron wurde betroffen und erblaßte. „Aber wie hat er dies en Ich es ihm nie geſagt und meinte überhaupt— „Ihr meintet vielleicht, Egertons Stolz endlich dadurch zu beſchämen, daß Ihröffentlich ſeine Verbindung mit einer Krämerstochter bekannt machtet. Es bleibt Euch noch eine ſehr gute Rache übrig— aber Rache für was? Noch ein Wort zu Euch, Baron, da unſere Bekanntſchaft an dem iſt, ſich für immer zu ſchließen. Ihr wißt, welche Urſache ich hatte, auf Egerton erbittert zu ſeyn; die Eurige kann ich nur vermuthen— wollt Ihr mich darüber aufklären?“ „Mein Lord, mein Lord,“ ſtotterte Baron Levy,„auch ich warb um Nora Avenel als Gattin; auch ich hatte einen glücklicheren Nebenbuhler in dem hochmüthigen Weltling, der ſein Glück nicht zu würdigen wußte; auch ich— mit einem Wort, manche Weiber flößen Gefühle ein, die mit dem ganzen Weſen des Mannes verwachſen und alle Ströme ſeines Lebensbluts durchdringen. Nora Avenel war eines von dieſen Weibern.“ Harley war erſtaunt. Dieſer Ausbruch von Gefühl bei einem ſo verderbten und eyniſchen Menſchen erſtickte ſogar die Verachtung, die er gegen den Wucherer fühlte. Levy faßte ſich bald wieder. „Aber unſere Rache iſt noch nicht vereitelt. Egerton befindet ſich, wenn auch nicht bereits in meiner, ſo doch in Eurer Gewalt. Seine Erwählung ſichert ihn zwar vor — d.5 e 2 — — —„— n 2089 Haft, aber das Geſetz hat noch andere Mittel zu öffentlicher Bloßſtellung und einem wirkſamen Verderben.“ „Für den Schurken, ja— wie ich Euch in Eurem eige⸗ nen Hauſe zu verſtehen gab— Euch, der Ihr Euch der Liebe zu Nora Avenel rühmt und doch recht gut wißt, daß Ihr ihr Verderber waret— Euch⸗ der Ihr als Zeuge ihrer Ghe mit vor dem Altare ſtandet und Euch doch erfrechtet, ihr zu ſagen, daß ſie entehrt ſey.“ „Mein Lord— ich— wie könnt Ihr wiſſen— ich wollte ſagen, wie denken, daß— daß—“ ſtotterte Levy entſetzt. „Nora Avenel hat aus ihrem Grabe geſprochen,“ ver⸗ ſetzte Harley feierlich.„Lernet daraus, daß wo immer der Menſch ein Verbrechen begeht, der Himmel einen Zeugen findet!“ „Dann bin alſo ich es,“ ſagte Levy, gegen einen aber⸗ gläubiſchen Schauer in ſeinem Herzen ankämpfend—„auf den Ihr jetzt Eure Rache häuft, und ich muß mir's gefallen laſſen, ſo gut ich kann. Aber ich habe meinen Antheil an unſerem Vertrag erfüllt— habe Euch unbedingt Folge ge⸗ leiſtet— und—“ „Ich werde auch den meinigen erfüllen und Euch un⸗ geſtört im Beſitz Eures Reichthums laſſen.“ „Ich wußte, daß ich auf Eurer Gnaden Ehre bauen kann,“ rief der Wucherer in froher Unterwürfigkeit. „Und dieſes ſchnöde Geſchöpf hegte dieſelben Leiden⸗ ſchaften wie ich, und erſt geſtern noch waren wir Genoſſen deſſelben Anſchlags und folgten dem Einfluß des gleichen 2090 Gedankens,“ murmelte Harley vor ſich hin. Dann fuhr er laut fort:„Ich wage es nicht, mich zu Eurem Richter auf⸗ zuwerfen. Mögt Ihr fortwandeln auf Eurem Pfad; alle Wege treffen endlich vor dem gemeinſchaftlichen Richterſtuhl zuſammen. Aber Ihr ſeyd Eures Vertrages noch nicht ent⸗ bunden und müßt gegen Euren Willen noch zu einem guten Zweck mitwirken. Schaut dorthin, wo Randal Leslie mit ſo ſicherem Lächeln zwiſchen den beiden Gefahren ſteht, die er ſelbſt über ſich heraufbeſchworen. Und da Randal Leslie ſelbſt mich eingeladen hat, über ihn zu richten, und Ihr wohl wißt, daß er ſich erſt heute noch auf Euer Zeugniß berief, ſo muß ich hier den Schuldigen bloßſtellen, denn in dieſem Falle leben die Unſchuldigen noch und bedürfen des Schutzes.“ Harley wandte ihm den Rücken und nahm ſeinen Platz neben dem Tiſche wieder ein. „Ich habe gewünſcht,“ begann er mit lauter Stimme, „mit dem Triumph meines früheſten und theuerſten Freundes das Glück Anderer in Verbindung zu bringen, an deren Wohlfahrt ich warmen Antheil nehme. Euch, Alphonſo, Herzog von Serrano, übergebe ich jetzt dieſe Depeſche, die ich geſtern Abend durch eine Stafette von dem Fürſten von — erhielt und die Euch Eure Wiedereinſetzung in Land und Ehren ankündigt.“ Der Squire ſperrte Mund und Augen weit auf. „Rickybocky ein Herzog? Ei, und Jemima eine Herzo⸗ gin! Gott behüt', da weint ſie wahrhaftig!“ —. „— ⸗ en 2091 Und ſein gutes Herz drängte ihn, auf ſein Bäschen zu⸗ zueilen und ſie ein Bischen aufzuheitern. Violante blickte auf Harley und warf ſich ihrem Vater an die Bruſt. Randal ſtand unwillkürlich auf und näherte ſich dem Stuhle des Herzogs. „Und Ihr, Mr. Randal Leslie,“ fuhr Harley fort,„habt, obſchon es Euch mit der Wahl nicht nach Wunſch erging, in dieſem Augenblick ſo ſchöne Ausſichten auf Reichthum und Glück vor Euch, daß ich Euch nur werde Glückwünſche bie⸗ ten können, gegen welche diejenigen, die den Mr. Audley Egerton begrüßen, ſchal und lau erſcheinen, vorausgeſetzt, daß Ihr den Beweis liefert, Ihr habet nicht das Recht ver⸗ ſcherzt, die Zuſage in Anſpruch zu nehmen, die Euch der Herzog von Serrano als dem Bewerber um die Hand ſeiner Tochter gegeben hat. Ich habe einige Zweifel auf dem Her⸗ zen, die zu zerſtreuen Ihr Euch freiwillig anheiſchig machtet, und der Herzog geſtattet mir, einige Fragen an Euch zu richten, um deren Beantwortung ich Euch bitte.“ „Jetzt— und hier, mein Lord?“ verſetzte Randal, ſich in dem Salon umſchauend, als verbitte er ſich die An⸗ weſenheit ſo vieler Zeugen. „Jetzt— und hier. Auch ſind die Anweſenden Euren Aufklärungen nicht ſo fremd, als Ihr durch Eure Fragen andeuten wollt. Mr. Hazeldean, es fügt ſich zufällig, daß viel, was ich Mr. Leslie zu ſagen habe, Euren Sohn be⸗ trifft.“ Randals Geſicht verlängerte ſich, und ein unruhiges Zittern beſchlich ihn. 2092 „Meinen Sohn— Frank? Oh, dann wird ſich natür⸗ lich Randal ſchon ausſprechen. Redet, mein Junge!“ Randal blieb ſtumm. Der Herzog betrachtete ſein ar⸗ beitendes Geſicht und rückte ſeinen Stuhl weiter weg. „Junger Mann, könnt Ihr zaudern?“ ſagte er.„Es iſt ein Zweifel ausgedrückt worden, der Eure Ehre trifft.“ „Potz Tod!“ rief der Squire, dem gleichfalls Randals ſcheuer Blick und bebende Lippe auffiel—„vor was fürchtet Ihr Euch?“ „Fürchten?“ ſagte Randal, der ſich ſo zum Sprechen gezwungen ſah, mit einem hohlen Lachen—„ich— mich fürchten? Vor was? Ich wunderte mich nur, was Lord L'Estrange meinen kann.“ „Ich will Euch mit einemmal aus dem Wunder ſetzen. Mr. Hazeldean, Euer Sohn hat zuerſt Euer Mißfallen dadurch auf ſich gezogen, daß er ohne Eure Zuſtimmung der Marcheſa di Negra einen Heirathsantrag machte, und der zweite Punkt, der Euch verletzte, war die Ausſtellung eines Poſtobits an den Baron Levy. Hat Euch Mr. Leslie ge⸗ ſagt, er habe gegen die genannte Heirath Einrede erhoben oder ſie begünſtigt— er habe für oder gegen das Poſtobit geſprochen?“ „Ei, natürlich,“ rief der Squire;„er hat dem einen wie dem andern ſich widerſetzt.“ „Iſt es ſo, Mr. Leslie?“ „Mein Lord— ich— ich— meine Zuneigung zu Frank und meine Achtung vor ſeinem geehrten Vater— ich— ich—“ er nahm jetzt allen ſeinen Muth zuſammen und fuhr —„— 2093 mit feſter Stimme fort:—„Natürlich habe ich Allem auf⸗ geboten, um Frank abzurathen, und was das Poſtobit be⸗ trifft, ſo weiß ich gar nichts davon.“ „So viel vorderhand von dieſer Sache. Ich gehe nun zu der ernſteren über, welche ſich auf Eure Verlobung mit der Tochter des Herzogs von Serrano bezieht. Wie Ihr mir mittheiltet, Herzog, habt Ihr, als Ihr noch ein armer Ver⸗ bannter waret, dem Mr. Leslle die Hand Eurer Tochter zugeſagt, um ſie vor den Schlingen des Grafen di Peschiera zu bewahren, und weil Ihr glaubtet, daß dieſer Gentleman Eure Furcht vor den Anſchlägen des Grafen theile. Als die Wahrſcheinlichkeit Eurer Wiedereinſetzung in Eure Fürſten⸗ thümer nahezu zur Gewißheit geworden war, beſtätigtet Ihr Euer Verſprechen auf Mr. Leslie's Angabe hin, daß er, wenn auch ohne Erfolg, ſich Mühe gegeben habe, Eure Erbin aus der hinterliſtigen Fallgrube zu retten. Iſt es nicht ſo?“ „Allerdings. Und wenn mir ein Thron zugefallen wäre, hätte ich ein Verſprechen nicht zurücknehmen können, das ich in Armuth und Verbannung ertheilte. Ich kann dem Mann, der ſeinen weltlichen Ehrgeiz zum Opfer bringen wollte, indem er eine pennyloſe Braut heimführte, den Lohn ſeiner Großmuth nicht verweigern, und meine Tochter iſt hierin mit mir einverſtanden.“ Violante zitterte und ihre Hände verklammerten ſich krampfhaft; aber ihr Blick war auf Harley geheftet. Mr. Dale wiſchte ſich die Augen und gedachte des ar⸗ men Flüchtlings, wie er vordem Schmerlen fütterte und ſich's * 2094 angelegen ſeyn ließ, unter dem Schatten des Caſino ſich von Schulden frei zu halten. „Eure Antwort iſt Eurer würdig, Herzog,“ nahm Har⸗ ley wieder auf.„Wenn ſich aber herausſtellen ſollte, daß Mr. Leslie, ſtatt um die Prinzeſſin für ſich zu werben, wirklich für ihre Auslieferung an den Grafen di Peschiera auf eine Geldbelohnung rechnete— daß er, ſtatt ſie vor der gefürchteten Gefahr zu bewahren, ſelbſt den Anſchlag ent⸗ warf, der ſie in die Schlinge führte— würdet Ihr noch immer glauben, daß Ihr Wort zu halten verpflichtet ſeyed einem—“ „Solchen Schurken? Wahrhaftig, nein!“ rief der Her⸗ zog.„Aber dies iſt eine grundloſe Vorausſetzung. Sprecht, Randal.“ „Lord LEstrange kann mich nicht ſo ſehr beſchimpfen wollen, daß er es ſelbſt für etwas Anderes, als für eine grundloſe Vorausſetzung hält,“ ſagte Randal, indem er es verſuchte, den Kopf hoch zu tragen. „Wenn ich Euch recht verſtehe, Mr. Leslie, ſo weist Ihr eine ſolche Annahme mit Geringſchätzung zurück?“ „Mit Geringſchätzung— ja. Und,“ fuhr Randal fort, indem er einen Schritt näher trat,„da die Annahme auf⸗ geſtellt wurde, ſo verlange ich von Lord L'Estrange als ſeines Gleichen— denn alle Gentlemen ſind gleich, wo es gilt, die Ehre auf Koſten des Lebens zu vertheidigen— daß er ent⸗ weder augenblicklich ſie zurücknehme oder ſie beweiſe.“ „Dies iſt das erſte Wort, das Ihr wie ein Mann geſprochen habt,“ rief der Squire.„Ich bin ſelbſt um einer * —————— w ur ge w w ei — w 2095 weniger wichtigen Sache willen auf dem Wahlplatz geſtanden und habe dafür eine Kugel in der rechten Schulter davon getragen.“ „Euer Verlangen iſt gerecht,“ erwiederte Harley unbe⸗ wegt.„Widerrufen kann ich nicht und will daher meine Be⸗ weiſe beibringen.“ Er ſtand auf und zog die Klingel. Der Diener trat ein, erhielt leiſe ſeine Befehle und entfernte ſich. Eine für Alle peinliche Pauſe folgte. Randal aber hielt in der Angſt ſeines Herzens eine Rundſchau über die möglichen Beweiſe, die gegen ihn aufzubringen waren, ohne ſich etwas denken zu können. Da wurden die Flügelthüren des Salons aufgeriſſen, und der Bediente meldete: „Der Graf di Peschiera.“ Eine durch das Dach hereinfallende Bombe hätte keinen erſchütternderen Eindruck hervorbringen können. Aufrecht, keck und mit der ganzen imponirenden Wirkung ſeiner Geſtalt und Haltung ſchritt der Graf in die Mitte des Kreiſes. Nach einer leichten, hochmüthigen Verbeugung, welche allen An⸗ weſenden galt, richtete er ſein ſtolzes Haupt auf und ſah ſich mit ruhigem Blick und höhniſch aufgeworfener Lippe um — ein ſelbſtvertrauender, großartiger, feingebildeter, ſelbſt den Teufel nicht fürchtender Trotzkopf. „Herr Herzog,“ ſagte der Graf in engliſcher Sprache und mit einer Stimme, deren langſame, klare und feſte Töne den ganzen Salon zu erfüllen ſchienen, zu ſeinem erſtaunten Verwandten„ich bin nach Empfang eines Briefes von Lord 2096 L'Estrange nach England zurückgekehrt— ich geſtehe, in der Abſicht, von ſeinen Händen die Genugthuung anzuſpre⸗ chen, welche Männer von unſerer Geburt ſich gegenſeitig gewähren, gleichviel, aus welcher Urſache die Beſchimpfung gegeben oder empfangen wurde. Nicht doch, meine ſchöne Verw. udte—“ und der Graf verbeugte ſich mit einem leich⸗ ten, aber ernſten Lächeln gegen Violante, die einen ſchwachen Schrei ausgeſtoßen hatte—„dieſe Abſicht iſt aufgegeben. Wenn ich zu leichtfertig den alten Hofgrundſatz annahm, daß in der Liebe jede Liſt erlaubt ſey', ſo kann ich nicht umhin, auch Lord LEstrange's Beweisgründen Recht zu geben, daß Gegenliſt nicht minder mit Nachſicht beurtheilt werden müſſe. Und am Ende ziemt es mir eher, zu lachen über die traurige Figur, die ich bei meiner Niederlage ſpielte, als mich ernſt⸗ lich über einen Scharfſinn zu ärgern, welcher erfolgreicher war, denn der meinige.“ Der Graf hielt inne, und aus ſeinem Auge leuchtete ein düſteres Feuer, das nicht ſonderlich im Einklang ſtand mit ſeinem ſcherzenden Ton und mit der feinen Ungezwungen⸗ heit in ſeiner Haltung. „Ma foi!“ fuhr er fort,„ich darf wohl ſo ſprechen, denn ich habe wenigſtens Beweiſe gegeben von meiner Gleichgil⸗ tigkeit gegen die Gefahr und von meinem guten Glück, wenn ich ihr ausgeſetzt war. Während der letzten ſechs Jahre habe ich die Ehre gehabt, neun Duelle auszufechten, in welchen ich zu meinem Bedauern fünf von meinen Gegnern verwun⸗ dete und vier der tapferſten und ehrenwertheſten Gentlemen, bi ſc 2097 in 3 die nur je von der Sonne beſchienen wurden, aus ber Welt ung„Ungeheuer!“ ſtotterte der Pfarrer.. e Der Squire ſtarrte entſetzt den Italiener an und rieb ich⸗ ſich mechaniſch die Schulter, welche durch Kapitän Daſh⸗ n more's Kugel zerfleiſcht worden war. Randals blaſſes Ge⸗ en. ſicht wurde noch bläſſer, und das Auge, das er auf das daß kecke Geſicht des Grafen gerichtet hatte, ſuchte ſcheu den in, Boden. daß„Aber,“ nahm der Graf mit einer anmuthigen Hand⸗ ſſe. bewegung wieder auf,„ich weiß es Lord LEstrange Dank, ige daß er mich daran erinnerte, ein Mann, deſſen Muth über nſt⸗ allen Argwohn erhaben iſt, beſitze das Vorrecht, nicht nur her das einem Andern zugefügte Unrecht abzubitten, ſondern auch die Abbitte mit einer Sühne zu begleiten. Herzog von ie Serrano, in dieſer Abſicht bin ich hier. Mein Lord, Ihr i habt den Wunſch gegen mich geäußert, einige Fragen, die für den Herzog und ſeine Tochter von großem Belang ſind, an mich richten zu dürfen; ich werde ſie ohne Rückhalt be⸗ antworten.“ „Monsieur le comte,“ verſetzte Harley,„ich mache von il⸗ Eurem hoflichen Erbieten Gebrauch und erlaube mir, Euch M zu fragen, wer Euch mitgetheilt hat, daß ſich dieſe junge be Dame als Gaſt unter dem Dach meines Vaters befinde?“ 2„Mein Auskunftgeber ſteht dort— Mr. Randal Leslie. in⸗ Und ich fordere den Baron Levy auf, meine Angabe zu be⸗ e tigen „Es iſt wahr,“ ſagte der Baron langſam und in einer Bulwer, meine Novelle, 132 2098 Weiſe, als ſeyh er durch den Ton und die Miene eines ge⸗ bieteriſchen Häuptlings überwältigt. Von Randals blaſſen Lippen brach ein leiſer Ton wie ein Ziſchen. „Und hatte Mr. Leslie Kunde von dem Plane, der Euch die Perſon und die Hand Eurer jungen Verwandten ſichern ſollte?“ „Allerdings. Auch dies iſt dem Baron Levy bekannt.“ Der Baron nickte zuſtimmend.„Erlaubt mir, beizufügen — denn ich bin dies einer mir ſehr nahverwandten Dame ſchuldig— daß, wie ich ſeitdem erfuhr, nur gewiſſe falſche Vorſpiegelungen des Mr. Leslie dieſe Dame, nachdem meine eigenen Vorſtellungen fehlgeſchlagen hatten, bewogen, ihre Hilfe einem Entwurf zu leihen, den ſie ſonſt ſo ſtreng von ſich abgewieſen haben würde, als ich jetzt ſelbſt, Herzog di Serrano, ihn mit ungeheuchelter Aufrichtigkeit verdamme.“ Während der Graf ſo ſprach, lag in ſeinem Weſen viel von jener perſönlichen Würde, die, ob natürlich oder erkünſtelt, für den Augenblick das menſchliche Urtheil beſticht— eine Würde, die durch die auffallenden Vortheile ſeiner prächtigen Geſtalt, ſeines ſchönen Geſichtes und ſeiner patrieiſchen Hal⸗ tung in einem Grade gehoben wurde, daß der Herzog, von ſeinem guten Herzen getrieben, dem treuloſen Verwandten die Hand bot und alle ſeine Macchiaveliſche Weisheit vergaß, obſchon ihn letztere hätte belehren können, daß ein Mann von der ſtarren Verderbtheit des Grafen nicht wohl durch reinere Beweggründe weder für ein offenes Bekenntniß noch für eine mannhafte Reue zu gewinnen war. Der Graf nahm ge⸗ wie Fuch hern nt.“ ügen ame lſche teine ihre von g di me.“ viel ſtelt, eine igen Hal⸗ von dten gaß, tann urch noch ahm 2099 die ihm ſo dargebotene Hand und verbeugte ſich, vielleicht um das Lächeln zu verbergen, das die geheimen Gedanken ſeiner Seele verrathen haben würde. Randal war noch immer ſtumm und blaß wie der Tod. Die Zunge klebte ihm an dem Gaumen. Er fühlte, daß alle Anweſenden ſcheu von ſeiner Seite zurückwichen. Endlich brachte er mit gewaltſamer Anſtrengung die abgebrochenen Sätze hervor: „Eine ſo plötzliche Beſchuldigung iſt wohl— iſt wohl im Stande, mich zu verwirren. Aber— aber— wer kann ihr glauben? Sowohl das Geſetz als der geſunde Menſchen⸗ verſtand ſetzt bei einer verbrecheriſchen Handlung einen Be⸗ weggrund voraus. Was könnte mich in dem gegenwärtigen Fall veranlaßt haben? Ich— ich ſelbſt der Bewerber um die Hand der Tochter des Herzogs— ich ſie verrathen! Abgeſchmackt— abgeſchmackt. Herzog— Herzog— ich berufe mich auf Eure eigene Menſchenkenntniß— wer han⸗ delt je gegen ſein eigenes Intereſſe— und— und gegen ſein eigenes Herz?“ Dieſe Berufung, wie ſchwach ſie auch war, blieb nicht ohne Wirkung auf den Philoſophen: „Es iſt wahr,“ ſagte der Herzog, die Hand ſeines Verwandten fallen laſſend;„ich ſehe keinen Beweggrund.“ „Vielleicht kann uns hierüber der Baron Levy Aufſchluß geben,“ verſetzte Harley.„Iſt Euch eine Triebfeder des eigenen Vortheils bekannt, die Mr. Leslie bewogen haben mag, zu den Planen des Grafen Beihülfe zu leiſten?“ Levy zauderte. Statt ſeiner ergriff der Graf das Wort, „Pardieu!“ ſagte er in dem klaren Tone der Entſchie⸗ 132* 2¹00 denheit unb des feſten Willens—„Pardieu! ich kann nicht dulden, daß meine Verſicherung bezweifelt werde— am aller⸗ wenigſten von denen, welche von ihrer vollen Währheit über⸗ zeugt ſind. Und ich fordere Euch auf, Baron Levy, anzugeben, ob ich für den Fall meiner ehlichen Verbindung mit der Herzogstochter nicht verſprochen habe, meiner Schweſter ein Geſchenk zu machen mit einer gewiſſen Summe, an die ſie alte Anſprüche zu haben vorgab und die durch Eure Hände gehen ſollte?“ „Ja, dies iſt wahr,“ verſetzte der Baron. „Und war nicht ein Theil dieſer Summe beſtimmt, an Mr. Leslie überzugehen?“ Levy wollte abermals nicht mit der Sprache heraus. „Redet, Sir,“ rief der Graf zürnend. „Die Sache verhält ſich ſo,“ ſagte der Baron,„daß dem Mr. Leslie angelegentlich darum zu thun war, einen Kauf über gewiſſe Beſitzungen abzuſchließen, die vormals ſeiner Familie gehört hatten. Die Vermählung des Grafen mit der Signorina und die Heirath ſeiner Schweſter mit Mr. Hazeldean würde mich in die Lage geſetzt haben, dem Mr. Leslie durch ein Anlehen zu dem Kauf behülflich zu ſeyn.“ „Was! was!“ rief der Squire, haſtig ſeine Bruſttaſche mit der einen Hand zuknöpfend, während er mit der anderen Randals Arm packte—„die Heirath meines Sohnes! Auch dazu habt Ihr Euch hergegeben? Steht nicht ſo da wie ein gepeitſchter Hund, ſondern redet wie ein Mann, wenn Ihr ein Mann ſeyd,“ in aß en en it zu en ch ie 2¹01 „Dazu hat er ſich hergegeben, mein guter Sir!“ ſagte der Graf.„Meint Ihr, die Marcheſa di Negra hätte ſich herablaſſen können zu einer Verbindung mit einem Mr. Ha⸗ zeldean—“ „Herablaſſen!— ein Hazeldean von Hazeldean!“ rief der Squire wild aufbrauſend und halb erſtickt vor Unwillen. „Wenn ſie nicht,“ fuhr der Graf fort, ohne ſich ſtören zu laſſen,„durch die Umſtände gezwungen worden wäre, be⸗ ſagtem Mr. Hazeldean die Ehre zu erweiſen, von ihm eine Aushülfe in einer Geldverlegenheit anzunehmen, die ſie in keiner anderen Weiſe zu beſeitigen wußte? Und ich halte mich für verpflichtet, zu erklären, Sir, daß in dieſer Beziehung die Familie Hazeldean alle Urſache hat, dem Mr. Leslie dankbar zu ſeyn; denn er war es, welcher ihr die Nothwen⸗ digkeit dieſer mesalliance auf's Nachdrücklichſte an's Herz legte. Auch hat er, wie ich glaube, meinem Freund, dem Baron, die Art angedeutet, wie Mr. Hazeldean am beſten in die Lage geſetzt würde, die Aushülfe zu leiſten, welche meine Schweſter anzunehmen ſich herabließ.“ „Die Art!— das Poſtobit!“ rief der Squire, Randals Arm loslaſſend und dafür Levy packend. Der Baron zuckte die Achſeln. „Jeder Freund von Mr. Frank Hazeldean würde ihm daſſelbe Verfahren empfohlen haben als die ökonomiſchſte Weiſe, Geld aufzunehmen.“ Pfarrer Dale, welchen anfänglich die allmäligen Ent⸗ hüllungen von Randals Schurkerei mehr als irgend einen Anderen der Anweſenden entſetzt hatten, richtete jetzt ſeine 2102 „ Blicke auf den jungen Mann und wurde von dem Bild der Vernichtung in ſeinen Zügen ſo ergriffen, daß er ſeine Hand auf Harley's Arm legte und ihm zuflüſterte: „Seht— ſeht nur dieſes Geſicht an!— Und er noch ſo jung! Schont ihn, ſchont ihn!“ „Mr. Leslie,“ ſagte Harley in milderem Tone,„glaubt mir, daß nichts Anderes als die Gerechtigkeit gegen den Herzog di Serrano und auch gegen meinen jungen Freund Mr. Hazeldean mich zu dieſer peinlichen Pflicht gezwungen hat. Mögen damit alle weiteren Fragen beendigt ſeyn.“ „Und da ich von dem Lord L'Estrange in Erfahrung gebracht habe,“ nahm der Graf mit ausgeſuchter Geſchmei⸗ digkeit wieder auf,„daß Mr. Leslie jene perſönliche Heraus⸗ forderung gegen mich, welche meiner Meinung nach nur eine angenehme und freundliche Uebereinkunft in einem Theil unſeres vereitelten Planes ſeyn ſollte, als einen von ſeiner Seite ernſtlich gemeinten Akt vorfeellte, ſo mag mir dieſer Gentleman die Verſicherung geſtatten, daß ich, wenn er nicht zufrieden iſt mit dem Bedauern, welches ich über meine vor⸗ zugsweiſe Betheiligung an dieſen Enthüllungen ausdrücke, ganz zu ſeinen Dienſten ſtehe.“ „Friede— keinen Mord!“ rief der Pfarrer ſchaudernd und ſchlich an die Seite des entlarvten Sünders, von dem alle Anderen mit Abſcheu zurückwichen. Schlauheit gegen Schlauheit, Talent gegen Talent, Tücke gegen Tücke— in alle Dem wäre Randal Leslie dem Giulio di Peschiera weit überlegen geweſen. Aber was ihn jetzt in den Staub drückte, war nicht der höhere Geiſt, er d N W 2103 ſondern die rein thieriſche Gewalt des Muths und der Kühnheit. Da ſtand der unbekümmerte, ſchamloſe Schurke⸗ der ſeine Schuld nur auf die leichte Achſel nahm und den Abſcheu davor durch einen entſchloſſenen Blick und eine auf⸗ rechte Stirne im Zaum hielt— und da ſtand der fähigere, ſchlauere und tiefere Verbrecher— ſcheu, kriechend und ein Bild des Erbarmens. Die Macht des bloßen intellektuellen Wiſſens zerſplitterte an dem feſten Metall, mit welchem der Zufall der Leibesbeſchaffenheit oft eine unedlere Natur waffnet. Der Gegenſatz war ſchlagend und faßte die ſo allgemein gefühlte, obſchon im wirklichen Leben ſo wenig anerkannte Wahrheit in ſich, daß Menſchen von überlegener Charakter⸗ kraft einen einſchüchternden und lähmenden Einfluß ſelbſt auf ſolche zu üben im Stande ſind, denen gegenüber ſie in Beziehung auf Fähigkeit und Einſicht nur eine ſehr unter⸗ geordnete Stelle einnehmen. Dieſe Kraft war es, welche Peschiera zu Randals Meiſter machte— ja ſogar die rein phyſiſchen Attribute des Grafen, ſeine Stimme und Geſtalt⸗ ſeine kühne Stirne und ſein dreiſtes Auge, überwältigten den ſchärferen Geiſt des ſchwächlichen Intrikanten, wie etwa in einer Volksverſammlung irgend ein derber Eulenſpiegel jeden Weiſen, der andere Anſichten hat, zu furchtſamem Schweigen einzuſchüchtern vermag. Aber Randal wandte ſich in finſterer Ungeduld von dem Pfarrer ab, der ihm Troſt zuflüſterte oder Reue einzuflößen ſuchte, und ſagte endlich in klareren Tönen, als er bisher aufzubringen im Stande geweſen war: „Nicht ein perſonlicher Zuſammenſtoß mit dem Grafen 2104 di Peschiera kann meine Ehre rechtfertigen, und ich ver⸗ ſchmähe es, mich zu vertheidigen gegen die Anſchuldigungen eines Wucherers und eines Mannes, der—“ „Monsieur!“ ſagte der Graf und warf ſich in die Bruſt. „Eines Mannes,“ beharrte Randal, obſchon man be⸗ merken konnte, daß er zitterte,„der ſeinem eigenen Geſtänd⸗ niß zufolge ſich der Anſchläge ſchuldig gemacht hat, in die er mich als Theilhaber verſtricken möchte, und der jetzt, ohne ſich ſelbſt zu reinigen, einen Anderen mit hineinziehen will—“ „Cher petit Monsicur!“ ſagte der Graf, die Miene großartiger Verachtung annehmend,„wenn Männer wie ich von Perſonen wie Ihr Gebrauch machen, ſo belohnen wir ſie für die Dienſte, welche ſie uns leiſten, oder danken ſie ab, wenn der Dienſt nicht geſchieht. Und wenn ich mich herab⸗ laſſe, eine von mir begangene Handlung zu bekennen und um Entſchuldigung zu bitten, ſo kann wahrhaftig ein Mr. Randal daſſelbe thun, ohne ſeiner Würde etwas zu ver⸗ geben. Ich würde mir aber wahrhaftig nie die Mühe ge⸗ nommen haben, gegen Euch aufzutreten, wenn Ihr nicht, wie ich erfahren mußte, unverſchämte Anſprüche erhoben hättet auf die Hand der Dame, die ich, mit weniger An⸗ maßung, als meine Braut heimzuführen hoffte; und iſt nicht eben dies ein Punkt, der mich zu der Erklärung zwingt, daß Ihr mich betrogen und verrathen habt? Gibt es in unſerer früheren Bekanntſchaft irgend etwas, das mich annehmen läßt, Ihr hättet nicht, ſtatt mir zu dienen, nur Euch ſelbſt zu dienen geſucht? Sey dem übrigens wie ihm wolle, es +„ — „—— —, er en 2105 blieb mir nur ein Mittel, das Unrecht, welches ich dem Haupt meines Hauſes zufügte, wieder gut zu machen— und dies beſtand darin, daß ich ſeine Tochter vor der entehrenden Ver⸗ bindung mit einem Betrüger bewahrte, der zuerſt als ge⸗ dungener Miethling meinen Anſchlägen Vorſchub leiſtete und nun die Frucht derſelben für ſich ſelbſt wegſtehlen möchte.“ „Herzog!“ rief Randal. Der Herzog wandte ihm den Rücken zu. Randal ſtreckte ſeine Hand gegen den Squire aus. „Mr. Hazeldean— wie? Auch Ihr verdammt mich — ungehört?“ „Ungehört? Alle Hagel, nein! Wenn Ihr etwas zu ſagen habt, ſo ſprecht die Wahrheit und macht den Teufel zu Schanden.“ „Ich Franks Heirath Vorſchub geleiſtet!— Ich zu dem Poſtobit Anlaß gegeben!— Oh!“ rief Randal, ſich an einem Strohhalm feſthaltend,„wenn doch Frank ſelbſt hier wäre!“ Harleys Mitleid verſchwand vor dieſer unüberwindli⸗ chen Heuchelei. „Ihr wünſcht Euch Frank Hazeldeans Gegenwart. Ich finde dieſen Wunſch billig. Mr. Dale, Ihr könnt jetzt die Seite dieſes jungen Mannes verlaſſen und dem Frank Hazel⸗ dean Platz machen. Er wartet im nächſten Zimmer— ruft ihn herbei.“ Bei dieſen Worten ſtieß der Squire einen lauten Schrei aus. „Frank! Frank!— mein Sohn! mein armer Sohn!“ 2106 Und er ſtürzte durch die Thüre, auf welche Harley ge⸗ deutet hatte, aus dem Salon. Dieſer Ausruf und die Haſt des Squire gab den Ge⸗ fühlen der Anweſenden mit einemmal eine andere Wendung, und für den Augenblick war Randal ganz vergeſſen. Der junge Mann benützte dieſen Moment. Sozuſagen geſchont von dem Blitzen der Verachtung ausgießenden, anklagenden Augen, ſchlich er langſam der Thüre zu— langſam und lautlos, wie die Schlange, die, wenn ſie verwundet iſt, den Kamm ſinken läßt und durch das Gras hingleitet. Levy folgte ihm nach der Schwelle und flüſterte ihm in's Ohr: „Ich konnte nicht anders— Ihr würdet an meiner Stelle ebenſo gehandelt haben. Ihr ſeht, es iſt Euch in Allem fehlgeſchlagen, und wenn ein Mann völligen Fiasko macht, ſo ſind wir ja Beide der Ueberzeugung, daß man ihn aufgeben müſſe.“ Randal ſprach kein Wort, und der Baron bemerkte, wie ſein Schatten auf die breite Treppe fiel und Schritt um Schritt kleiner wurde, bis er endlich von den Steinen verſchwand. „Aber er war von einigem Nutzen,“ murmelte Levy. „Sein Verrath und ſeine Bloßſtellung werden dem kinder⸗ loſen Egerton eine bittere Zeit bereiten. Doch noch eine kleine Rache!“ Der Graf berührte den Arm des gedankenvoll daſtehen⸗ den Wucherers. „Jai bien joué mon röle, n'est ce pas?“—(Ich habe meine Rolle gut geſpielt, nicht wahr²) 2407 „Eure Rolle? Ah! Aber mein theurer Graf, ich ver⸗ ſtehe es nicht ganz.“ „Ma foi— dann ſeyd Ihr paſſabel blöde. Ich war eben in Frankreich an's Land geſtiegen, als mich ein Brief von L'Estrange erreichte. Er enthielt eine Einladung, die ich mir als zu einem Duell deutete. Solche Einladungen weiſe ich nie zurück. Ich antwortete ihm, kam hieher und nahm meine Wohnung in einem Gaſthaus. Der Lord ſucht mich geſtern Abend auf und ich beginne in dem Ton, den Ihr Euch denken könnt. Pardieu, Mylord iſt geſcheidt! Er zeigt mir einen Brief des Fürſten von—, Alphonſo's Zurückberufung und meine eigene Verbannung. Dann legt er mir, und zwar mit bewunderungswürdiger Anmuth, die Wahl vor zwiſchen Bettlerarmuth und Ruin oder einem ehrenhaften Anſpruch an Alphonſo's Dankbarkeit. Und was dieſen petit Monsieur betrifft, glaubt Ihr, ich hätte es ruhig mit anſehen können, daß mein Werkzeug alles Das ärntete, was für mich verloren war? Ja, noch mehr— wenn dieſer junge Harpagon Alphonſo's Schwiegerſohn wurde, konnte der Herzog einen Ohrbläſer zur Seite haben, der meinen eigenen Intereſſen nachtheiliger geweſen wäre? Um kurz zu ſeyn, ich ſah mit einem Blick, welche Richtung ich einzuſchlagen hatte, und entſchied mich für dieſelbe. Die Schwierigkeit lag nur darin, daß ich mich herauswickelte, wie es einem Mann'de sang et de feu' zuſtand. Wenn mir dies gelungen iſt, ſo mögt Ihr mir Glück wünſchen. Alphonſo hat meine Hand genommen, und ich überlaſſe es jetzt ihm, für mein Fortkommen zu ſorgen und meinen Ruf herzuſtellen.“ 2108 „Wenn Ihr nach London geht,“ ſagte Levy,„ſo muß demnächſt mein Wagen vorfahren, und ich rechne mir's zur Ehre, Euch einen Sitz anzubieten und mich mit Euch über Eure Ausſichten zu unterhalten. Aber, peste, mon cher, Euer Sturz ging von einer großen Höhe herunter, und jeder andere Mann würde darob die Beine gebrochen haben.“ „Die Kraft iſt ſtets leicht,“ ſagte der Graf lächelnd, „und fällt nicht, ſondern hüpft blos herunter und ſpringt wieder auf.“ Levy ſah den Grafen an und machte ſich in ſeinem Innern Vorwürfe, daß er Peschiera zu gering und Randal zu hoch angeſchlagen hatte. Während dieſe Beſprechung vor ſich ging, befand ſich Harley an Violante's Seite. „Ich habe Euch mein Verſprechen gehalten,“ ſagte er mit einer Art zärtlicher Unterwürfigkeit.„Seyd Ihr noch immer ſo ſtreng gegen mich?“ „Ach,“ antwortete Violante, mit dem ganzen Stolz des Weibes in den beredten, bewundernden Augen ihm in das edle Antlitz blickend,„ich habe ſchon von Mr. Dale ge⸗ hört, daß Ihr einen Sieg über Euch ſelbſt erkämpftet, der mich ſchamroth macht bei dem Gedanken, daß ich mich er⸗ dreiſten konnte, zu zweifeln, wie Euer Herz ſprechen würde, ſobald der Augenblick des Zorns, ſelbſt aus der gerechteſten Urſache, vorüber wäre.“ „Nein, Violante— ſprecht mich noch nicht frei, ſon⸗ dern ſeyd Zeuge meiner Rache, der ich nicht entſagt habe, und geſtattet dann meinem Herzen, zu ſprechen und die Bitte —— zu h 8— — c— 38 —— uß zur ber der nd, igt em dal e⸗ er er⸗ de, en n⸗ e, te 2109 zu athmen, daß die Engelſtimme, bei deren Lauten es jetzt ſo hoͤrbar pocht, fortan ſeine mahnende Bewahrerin ſeyn möge.“ „Was iſt dies?“ rief eine erſtaunte Stimme; und Harley bemerkte, als er ſich umwandte, daß der Herzog an ſeiner Seite ſtand. In komiſcher Ueberraſchung bald Harley, bald Violante anſehend, fuhr der Letztere fort:„Muß ich dies ſo verſtehen, daß Ihr—“ „Daß ich Euch von dem einen Bewerber um dieſe ſchöne Hand befreit habe, um ſelbſt als Bittſteller aufzutreten.“ „Corpo di Bacco!“ rief der Weiſe, Harley faſt um⸗ armend,„dies iſt in der That eine erfreuliche Neuigkeit. Aber ich darf keine übereilte Zuſage mehr geben— darf der Neigung meines Kindes nicht wieder Zwang anthun. Und Ihr ſeht, Violante läuft davon.“ Der Herzog ſtreckte ſeinen Arm aus und hielt ſein Kind zurück. Er zog ſie an ſeine Bruſt und flüſterte ihr in's Ohr. Violante wurde ſcharlachroth und lehnte ihr Haupt an ſeine Schulter. Harley drängte ſich haſtig heran. „Da,“ ſagte der Herzog, Harley's Hand mit der ſeiner Tochter vereinigend;„ich denke, ich werde jetzt nichts mehr vom Kloſter hören müſſen; aber etwas der Art habe ich nie geahnt. Wenn es eine Sprache in der Welt gibt, für die wir kein Wörterbuch und keine Grammatik haben, ſo iſt es die, welche in den Gedanken des Weibes liegt, aber nie ſich laut werden läßt.“ „Es iſt Alles, was uns von der Sprache im Paradies übrig geblieben iſt,“ ſagte Harley. „In der Unterhaltung zwiſchen Eva und der Schlange ——————— 211⁰ — ja,“ bemerkte der unbeſſerliche Weiſe.„Aber wer kömmt da?— unſer Freund Leonard.“ Leonard trat jetzt in den Salon; aber Harley hatte ihn kaum begrüßen können, als er von dem Grafen unterbrochen wurde. „Mein Lord,“ ſagte Peschiera, ihm bei Seite winkend, „ich habe mein Verſprechen erfüllt und will jetzt Euer Dach verlaſſen. Baron Levy kehrt nach London zurück und bietet mir einen Sitz in ſeinem Wagen an, der, wie ich glaube, ſchon vor der Thüre ſteht. Der Herzog und ſeine Tochter werden mir bereitwillig vergeben, wenn ich mich nicht förm⸗ lich von ihnen verabſchiede. In unſeren veränderten Stel⸗ lungen ziemt es mir nicht, allzu aufdringlich die Verwandt⸗ ſchaftsrechte geltend zu machen, und es kam mir blos zu, eine Schranke gegen dieſe Anſprüche wegzuräumen— eine Aufgabe, die ich, wie ich glaube, gelöst habe. Wenn mein Benehmen ſich Eures Beifalls erfreut, ſo werdet Ihr den Herzog für Eure Anſicht gewinnen.“ Mit einer tiefen Verbeugung ſchickte ſich der Graft an, ſich zu entfernen, und Harley verſuchte nicht, ihn aufzuhalten, ſondern begleitete ihn mit höflicher Förmlichkeit die Treppe hinab. „Vergeßt nur nicht, mein Lord, daß ich um nichts bitte, und daß ich mir vielleicht erlaube, anzunehmen. Voila tout.“ Er verbeugte ſich abermals mit der unnachahmlichen Zierlichkeit des alten régime und ſtieg in des Bgrons Reiſe⸗ wagen. — imt ihn hen nd, tet be, ſter m⸗ tel⸗ dt⸗ zu, ine ein den an, en, pe s ila en 2111 Levy, der zurückgeblieben war, hielt an, um noch einige Worte an LEstrange zu richten. „Eure Gnaden wird dem Mr. Egerton auseinander⸗ ſetzen, wie ſein adoptirter Sohn ſeine Achtung verdiente und ſeine Liebe belohnte. Was das Uebrige betrifft, ſo habt Ihr zwar die dringenderen und unmittelbareren Anforderun⸗ gen an Mr. Egerton aufgekauft; aber ich fürchte, daß ſelbſt Euer Vermögen nicht im Stande iſt, die Verbindlichkeiten zu tilgen, welche ihn dennoch der völligen Armuth preisgeben werden.“ „Baron Levy,“ ſagte Harley abgebrochen,„wenn ich Mr. Egerton vergeben habe, koönnt Ihr nicht ein Gleiches thun? Mir hat er, Ihr aber habt ihm Unrecht gethan, und zwar in einer weit ſchändlicheren Weiſe.“ „Nein, mein Lord, ich kann ihm nicht vergeben. Euch hat er nie gedemüthigt— Euch nie um Beiſtand angegangen für ſeine Bedürfniſſe, und zugleich den Helfer verächtlich aus ſeiner Geſellſchaft gewieſen. Ihr habt nie erfahren, was es heißt, den gleichen Anlauf im Leben zu nehmen mit einem Menſchen, dem man gleich ſteht an Vermögen und der an Talenten nichts voraus hat. Seht, Lord L'Estrange, obſchon zwiſchen mir und Egerton der Unterſchied ſtattfindet, daß er ſeinen Reichthum, den er ohne Anſtrengung gewann, ver⸗ geudete, während ich aus den Thorheiten Anderer ein reich⸗ liches Einkommen zu erringen wußte, genießt doch der Ver⸗ ſchwender in ſeiner Armuth eine Achtung und Stellung, wie ſie mir nicht einmal Millionen zu verſchaffen vermögen. Ihr erwiedert mir darauf; daß ich ein Wucherer und er ein 2112 Staatsmann ſeh. Aber wißt Ihr, was aus mir hätte wer⸗ den können, wenn ich nicht als der natürliche Sohn eines Peers in die Welt gekommen wäre? Koͤnnt Ihr Euch denkeu, was ich ſeyn würde, wenn mir Nora Avenel als Weib zur Seite geſtanden hätte? Der Flecken auf meiner Geburt und jene Demüthigung des Jünglings— dazu das Bewußtſeyn, daß dieſer Menſch, der mit jedem Jahr in dem Range ſtieg, welcher ihn berechtigte, mich als Gaſt von ſeiner Tafel zu⸗ rückzuweiſen— daß dieſer Menſch, welchen die Welt als ein Muſter aller Gentlemen ausrief, ein Feigling und ein Lügner gegen den Freund ſeiner Jugend war— alles Dies wirkte zuſammen, um mich mit Verachtung gegen die Welt zu er⸗ füllen— namentlich aber gegen Audley Egerton, den ich zugleich haßte und beneidete. Ihr, den er ſchwer gekränkt hat, bietet wieder wie zuvor dem großen Staatsmann Eure Hand, während Ihr vor meiner Berührung wie vor der eines Peſtkranken zurückſchreckt. Mein Lord, Ihr mögt dem Mann vergeben, den Ihr liebt und bemitleidet, aber ich kann dem nicht verzeihen, den ich verachte und beneide. Entſchuldigt meine Weitſchweifigkeit. Ich verlaſſe jetzt Euer Haus.“ Der Baron ging einen Schritt weit, kehrte aber wieder um und ſagte mit einem tödtlichen Hohne— „Aber Ihr werdet Egerton mittheilen, wie ich dazu behilflich war, den Sohn bloßzuſtellen, den er adoptirte! Ich dachte an den kinderloſen Mann, als Eure Gnaden ſich einbildete, ich handle blos aus Furcht vor Euren Drohungen. Ha! ha!— dies wird ein Stachel ſeyn,“ Ku kon wä we ma wie 2¹¹³ Der Baron kniſchte mit den Zähnen, als er, haſtig in ſeinen Wagen ſteigend, die Blenden niederließ. Die Po⸗ ſtillone knallten mit ihren Peitſchen und die Räder rollten von hinnen. „Wer kann beurtheilen,“ dachte Harley, auf welchen Wegen die Vergeltung Zugang zu dem Menſchen findet? Dieſer Mann iſt gezüchtigt in ſeinem Reichthum, und es frißt ihm an der Seele, daß er nicht hat, was ihm kein Reichthum kaufen kann!“ Er ſammelte ſich wieder, ſtrich die Furchen der Unruhe und des Nachdenkens aus ſeiner Stirne und kehrte nach dem Salon zurück. Dort legte er die Hand auf Leonards Schulter, blickte mit innerer Freude in die milden, ehrlichen, leuchtenden Augen des Dichters und ſagte in ſanftem Tone: „Leonard, Eure Stunde iſt endlich gekommen.“ Vierunddreißigſtes Kapitel. Audley Egerton befand ſich allein in ſeinem Zimmer. Kurz nachdem Harley und Randal am frühen Morgen das Haus verlaſſen hatten, war ein ſchwerer Schlaf über ihn ge⸗ kommen, der bis zum Abend anhielt. Dieſe ganze Zeit über, während die Stadt Lansmere um ſeinetwillen in wilder Be⸗ wegung war und ſo viele ungeſtüme Leidenſchaften in dem Kampfe Sturm liefen, welcher dem Ehrgeiz des Staats⸗ mannes die Janusthore des politiſchen Kriegs ſchließen oder wieder öffnen ſollten, hatte der Gegenſtand ſo vieler Be⸗ Bulwer, meine Novelle. —————— 2144 ſorgniſſe und Hoffnungen, ſo vieler Entwürfe und Gegen⸗ anſchläge, tief geſchlummert wie das Kindlein in der Wiege. Er erwachte erſt, als Harley's Botſchaft einlief, welche ihm ſeinen Wahltriumph ankündigte. Dieſer Meldung waren die Worte beigefügt: „Noch vor Einbruch der Nacht wirſt Du Deinen Sohn umarmen. Komm' nicht herunter, wenn ich zurückkehre. Verhalt Dich ruhig— wir werden zu Dir kommen.“ Lord LEstrange kannte die gefährliche Beſchaffenheit von Audley's Leiden und die warnenden Symptome nicht, wünſchte aber unter allen Umſtänden ſeinen Freund mit dem Auftritt von Randals Bloßſtellung zu verſchonen. Nach Empfang der gedachten Mittheilung ſtand Eger⸗ ton auf. Die Ausſicht, ſeinen Sohn— Nora's Sohn— zu ſehen, verwiſchte ſogar die Erinnerung an ſeine Krankheit aus ſeiner Seele. Wohl klopfte das arme, müde, überange⸗ ſtrengte Herz laut und mit manchem krampfhaften Stoße; aber er achtete nicht darauf. Der Sieg, welcher ihn dem einzigen Leben zurückgab, das ihm bisher das Leben werth gemacht hatte, war völlig vergeſſen. Die Natur machte ihre Rechte geltend— machte ſie geltend in Verachtung des Todes und in Vergeſſenheit des Ruhms. Da ſaß der Mann, mit der alten Pünktlichkeit angeklei⸗ det— der ſchwarze Rock über der breiten Bruſt zugeknöpft, das Geſicht, mechaniſch die gewohnte ruhige Faſſung zeigend, obſchon ſich Spuren einiger Aufregung bemerklich machten. Ein krankhaftes Roth überflog von Zeit zu Zeit die eherne egen⸗ iege. ihm varen einen n ich en zu nheit nicht, dem Fger⸗ — kheit nge⸗ oße; dem verth achte des klei⸗ öyft, end, ten. erne 2115 Wange; das Auge ruhte auf der Uhr, die er in der Hand hielt, und ſein Ohr hungerte nach einem Fußtritt auf dem Gang draußen. Endlich kam der erſehnte Ton— Tritte — viele Tritte. Er ſprang auf— er ſtand vor dem Herde. Sollte der Herd kein einſamer mehr ſeyn? Harley trat zuerſt ein. Egertons Augen ruhten einen Moment begierig auf ihm und ſpähten dann über die Schwelle hinaus. Leo⸗ nard kam zunächſt— Leonard Fairfield, den er als ſeinen Gegner geſehen hatte! Er begann zu argwöhnen— zu muthmaßen— der Mutter liebevolle Augen in des Sohnes männlichem Geſicht zu erkennen. Unwillkürlich öffnete er ſeine Arme; aber da Leonard noch immer ruhig blieb, ließ er ſie mit einem tiefen Seufzer wieder fallen und glaubte ſich getäuſcht. „Freund,“ ſagte Harley,„ich bringe Dir einen Sohn, geprüft in Widerwärtigkeiten, der bereits ſich Bahn gebro⸗ chen hat zum Ruhm. Leonard, in dem Mann, welchem Ihr meiner Bitte gemäß den eigenen Ehrgeiz zum Opfer brach⸗ tet— von dem Ihr mit ſo ehrenwerthem Lobe ſprachet— deſſen Ehrenlaufbahn Ihr befördertet— und deſſen von allen Auszeichnungen unbefriedigtes Leben Ihr durch Eure kindliche Liebe verſchönern werdet— erblickt Ihr den Gatten von Nora Avenel! Kniet nieder vor Eurem Vater! O Audley, umarme Deinen Sohn.“ „Hieher— hieher,“ rief Egerton, als Leonard ſein Knie beugte—„an mein Herz! Sieh mich an mit dieſen Augen— freundlich, vergebend; ſie ſind die Deiner Mut⸗ ter!“ 133* Sein ſtolzes Haupt ſank nieder auf die Schulter des Sohnes. „Aber dies iſt nicht genug,“ ſagte Harley, indem er Helen herbeiführte und ſie an Levnards Seite ſtellte.„Du mußt Dein Herz noch weiter aufthun. Schließ in ſeine Räume auch meine ſüße Mündel und Tochter ein. Was iſt eine Heimath ohne das Lächeln eines Weibes? Sie haben einander von Kindheit an geliebt. Audley, Deiner Hand kömmt es zu, ſie zu vereinigen— Deinen Lippen gebührt es, ſie zu ſegnen.“ Leonard fuhr ängſtlich zuſammen. „Oh, Sir!— oh, mein Vater!— dieſes edelmüthige Opfer darf nicht geſchehen; denn er— der mir dieſe über⸗ ſchwengliche Freude bereitet hat— er liebt ſie gleichfalls!“ „Nicht doch, Leonard,“ verſetzte Harley,„ich habe mich nicht ſo ſehr vernachläſſigt. Audley, Dir ſteht eine andere Heimath bevor, und auch derjenige, welchen Du ſo vergeblich mit dem Leben zu verſöhnen ſuchteſt, tauſcht ſeine ſchwer⸗ müthigen Träume gegen glücklichere Pflichten aus. Er ſtellt Dir ſeine Braut vor. Liebe ſie um meiner— um Deiner willen; denn nicht mir, ſondern ihr gebührt die Ehre dieſer heiligen Wiedervereinigung. Ohne ſie wäre ich ein verblen⸗ deter, rachſüchtiger, ſchuldiger, der Reue verfallener Mann geweſen, und—“ Violante's weiche Hand bedeckte ſeine Lippen. „So muß der Menſch finden,“ ſagte der Pfarrer mit milder Feierlichkeit,„daß die Vorſchriften des Erlöſers: Laß die Sonne nicht untergehen über Deinem Zorn', und Liebet 4 ein des Hin mit wo: We Au Wo ihn Ha die mit che ſam taſt kraf Pr We und dem weg erſc Plö zuri läng Fer hrül r des em er „Du ſeine as iſt aben Hand ührt hige ber⸗ ls!“ mich dere lich wer⸗ tellt iner eſer len⸗ ann mit Laß bet 2117 einander, die Fäden ſind, welche uns durch das Labyrinth des menſchlichen Lebens führen, während die Anſchläge der Hinterliſt und des Haſſes brüchige Stützen ſind, die uns mitten in dem Irrgewind untreu werden.“ Egerton richtete das Haupt auf, als wollte er ant⸗ worten; aber alle Anweſenden erſchracken ob dem plötzlichen Wechſel, der in ſeinem Geſichte vorgegangen war. Sein Auge ſah trüb aus, als läge ein Häutchen darüber her; die Worte verſagten ſeinen Lippen und er ſank auf den neben ihm ſtehenden Sitz nieder. Im Sinken fing ſich die linke Hand auf den Stößen von Akten und amtlichen Dokumenten; die Finger ſpielten mit den Blättern, wie der Sterbende ſich mit der Decke zu ſchaffen macht, die er bald mit dem Lei⸗ chentuch vertauſchen wird. Aber ſeine Rechte ſchien gleich⸗ ſam durch die Dunkelheit nach dem aufgefundenen Sohn zu taſten, und nachdem er gefunden, was er ſuchte, zog er kraftlos Leonard näher und näher. Leider glitt das glückliche Privatleben, dieſer verborgene Mittelpunkt im innerſten Weſen des individuellen Menſchen, den er ſo lang vermißt und nach dem er ſich ſo ſehr geſehnt hatte, ſo zu ſagen in dem Augenblicke, als es vor ihm auftauchte, wieder von ihm weg und eilte weiter wie der Kreis auf dem Meer, den man erſcheinen und alsbald in dem Unendlichen verſchwinden ſieht. Plötzlich wurden beide Hände ruhig, und ſein Haupt ſank zurück. Die Freude hatte die letzten Bande zerriſſen, die längſt durch den Gram mürbe geworden waren. Von der Ferne her hörte man Triumphgeläute; die Pöbelhaufen hrüllten ihre Hurrah, und vielleicht miſchte ſich auch John 2418 Avenels ſchwacher Ruf in den Lärm der trunkenen Eiferer, die an ſeiner Hütte vorbeitaumelten und die ſchreienden um die hohle Eiche herflatternden Raben aufſtörten. Das frohe Getümmel auf der Oberfläche des Lebens, während die Wogen der Tiefe ſo geräuſchlos ihren Lauf gehen, wurde von der winterlichen Luft nach dem Gemach des Staats⸗ manns, den es ehren wollte, und über das Gras hin getra⸗ gen, das leiſe über Nora's Grab ſeufzte. Aber in dem Ge⸗ mach wie in dem Grabe befand ſich ein Geſchöpf, für das der Freudenlärm auf der Oberfläche keinen Klang, die Wellenbewegung in der Tiefe keine Fluth hatte. Unter den Verheißungen einer Heimath, der Vereinigung, des Frie⸗ dens und des Ruhms war der Tod in den Ring des Haus⸗ halts geſchritten und hatte ruhig, ſtill und mit dem Ausſehen des Lebens ſich niedergelaſſen. Warme Herzen klopften um ihn her; ſchöne Hoffnungen flatterten aufwärts; die Liebe kniete zu ſeinen Füßen, und mit erhobenem Finger ſtand die Religion ihm zur Seite. Schlußkapitel. Schauplatz.— Die Halle in dem alten Thurm des Kapitän Roland Caxton. „Aber Du biſt doch noch nicht fertig?“ fragte Auguſtin Carton. Piſiſtratus.—„Was bleibt noch übrig?“ Se ver erer, um rohe die urde ats⸗ tra⸗ Ge⸗ das die den Frie⸗ aus⸗ ehen um iebe die än uſtin 21¹9 Mr. Caxton.—„Was noch übrig bleibt? Ei, das Schlußkapitel!— die letzten Nachrichten, die Du uns geben kannſt über diejenigen, welche Du uns lieben oder verabſcheuen lehrteſt.“ Piſiſtratus.—„Zuverläſſig iſt es dramatiſcher, das Werk mit einer Scene zu ſchließen, welche den Hauptplan des Stücks vollendet und es der prophetiſchen Einbildungs⸗ kraft aller, deren ſchmeichelhafte Neugierde noch nicht befrie⸗ digt iſt, zu überlaſſen, ſelbſt die Ströme der verſchiedenen Einzelleben zu verfolgen, wo ſie wieder abbeugen von dem See, in welchem ihre Waſſer ſich ſammelten und durch den die Sibylle den Satz beſtätigt und klar gemacht hat, daß⸗ durch das Handeln des Menſchen ſein Schickſal beſtimmt wird'.“ Mr. Carton.—„Dramatiſcher— ich gebe dies zu; aber Du haſt kein Drama geſchrieben. Ein Novelliſt müß ein behaglicher, geſchwätziger, mittheilſamer Geſchichten⸗ erzähler ſeyn, keine grimmige, lakoniſche, vrakelhafte Sibylle. Eine Novelle gefällt mir nur dann, wenn ſie ſich an die altmodiſchen Kunſtbräuche hält, die ihr durch die Regeln der Meiſter vorgeſchrieben ſind, und ich fordere dies um ſo mehr von einer Novelle, der Du par excellence den Titel meine Novelle' gibſt.“ Kapitän.—„Ein ſehr unbeſtimmter und unprakti⸗ ſcher Titel: Meine Novelle. Er muß in der That geändert werden, eh das Werk in gehöriger Form vor die Oeffentlich⸗ keit tritt.“ Mr. Squills.—„Sicherlich kaun der dermalige 2420 Titel von Vielen nicht einmal ohne eine namhafte Erſchüt⸗ terung ihres Nervenſyſtems ausgeſprochen werden. Glaubt ihr zum Beiſpiel, daß meine Freundin, Lady Priscilla Graves, die wohl eine eifrige Novellenleſerin iſt, aber alle weiblichen Schriftſteller für unweibliche Ueberläufer zu der Fahne des Mannes hält, je im Stande wäre, die Worte herauszubringen— Ei, Sir, habt Ihr ſchon Zeit gehabt, meine Novelle anzuſehen? Sie würde lieber ſterben. Und doch über die letzte Erwerbung der Leihbibliotheken ganz zu ſchweigen— dies müßte ein weſentliches Derange⸗ ment in ihrer Gnaden Sprachorganen zur Folge haben. Oder wie könnte die hübſche Miß Duleet, die allerdings ganz Gefühl, aber auch in dem gleichen Grade ein Bild verſchäm⸗ ter Schüchternheit iſt, den Kapitän Smirke durch die Frage in Entſetzen jagen: Glaubt Ihr nicht, die Predigt des Pfarrers in meiner Novelle ſey ein wenig zu trocken?“ Es bedarf einer ehernen Stirne oder wenigſtens eines langen Gebrauchs von citronſaurem Eiſen, eh' eine achtbare Dame oder ein anſpruchsloſer junger Gentleman, der eine gebüh⸗ rende Furcht davor hat, für einen Scribler gehalten zu wer⸗ den, es über ſich gewinnen kann, einen geſelligen Kreis durch die Bemerkung zu elektriſiren: Die Kritiker laſſen den vor⸗ trefflichen Dingen in meiner Novelle keine Gerechtigkeit widerfahren.“ Kapitän Roland.—„Allerdings können aus den Irrthümern, zu welchen ein ſolcher Titel Anlaß gibt, ſchau⸗ derhafte Folgen hervorgehen. Da haben wir zum Beiſpiel den Rath Digwell, einen Rechtsgelehrten mit Geſchmack für 2121 ſchöne Literatur, deſſen Laufbahn vor den Gerichtsſchranken aber lange unter dem ungerechten Argwohn der Attorneye nothgelitten hat, als ſey er der Verfaſſer einer philoſophi⸗ ſchen Abhandlung. Denke man ſich nun einen ſolchen Mann, der ſeine Verſpätung bei einem Diner der großen Perrücken mit den Worten entſchuldigen wollte: Ich habe nicht ab⸗ kommen können von— meiner Novelle'. Sein Geſchäft wäre entſchieden zu Grunde gerichtet! Ich bin im Allge⸗ meinen kein Advokatenfreund, möchte aber dennoch nicht Theil daran haben, wenn Leuten mit Familie das Brod vor dem Munde weggenommen wird; und Digwell hat Kinder — das zehnte, ein unſchuldiges Bübchen, das man noch tra⸗ gen muß.“ Mr. Carton.—„Was Digwell im Beſonderen und die Advokaten im Allgemeinen betrifft, ſo ſind ſie zu ſehr an umſchreibungen gewöhnt, als daß ſie ſich der Gefahr aus⸗ ſetzen ſollten, die Dein menſchenfreundliches Herz befürchtet; aber ich gebe zu, daß ein ſchüchterner Gelehrter, wie ich, oder ein ernſter Collegiumslehrer ein wenig ſchamroth wer— den könnte, wenn er unachtſam herausplatzte mit einem: Verderbt doch Eure Zeit nicht mit einem Gedreſche wie— meine Novelle'. Und dieſer Gedanke bietet uns einen anderen und angenehmeren Geſichtspunkt für dieſe verfäng⸗ liche Frage. Der Titel, den ihr verdammt, ſtellt das Werk unter den allgemeinen Schutz. Gibt es wohl einen Mann oder eine Frau, welche ſo todt wäre für die Selbſtliebe, daß ſie ſagen könnten: Welch ärmliches Zeug iſt doch— meine Novelle? Würde nicht er oder ſie durch den ſtarken Drang 2122 eines ehrlichen und tugendhaften Herzens, das uns bewegt, uns ſo gut mit unſeren Freunden zu ſtellen als wir können, ſich lieber zu der Verſicherung hinreißen laſſen— Man muß zugeben, daß hin und wieder wirklich etwas Gutes in mei⸗ ner Novelle vorkömmt? Da außerdem eine Novelle danach trachtet, die meiſten Intereſſen oder Leidenſchaften, welche die Menſchheit in Thätigkeit ſetzen, zu umfaſſen und die Einzelheiten des Lebens, welche uns Alle angehen, zu generaliſiren, ſo deutet in Wirklichkeit der Titel an, daß das Werk, wenn es der Autor nicht unpaſſend als ſeine Novelle bezeichnet hat, auch dem Leſer in dieſem Lichte erſcheinen darf, da er, wer er auch immer ſeyn mag, ſeinen Theil darin findet, einen Ausdruck ſeiner Ideen, eine Darſtellung ſeiner Erfahrungen und ein, wenn auch nicht volles, ſo doch ein Profilſpiegelbild ſeiner perſönlichen Identität. So eignet ſich unſer Abbild, wenn wir in dem Zimmer eines Anderen in den Spiegel ſehen, dieſen Spiegel an, und je nach der Stimmung, in der wir uns befinden, oder nach dem Zuſtand unſeres Geiſtes und unſerer Geſundheit ſagen wir zu uns ſelber: Gallicht und gelb!— ich muß wohl mehr Rückſicht auf meine Diät nehmen, oder— Ei, ich habe gute Luſt, der lieben Jane meinen Antrag zu machen; denn ich ſehe doch nicht ſo übel aus, als ich glaubte! Was übrigens auch der Erfolg eines ſolchen Blicks in den Spiegel ſeyn mag, in keinem Fall wird es uns zweifelhaft, daß wir unſer Abbild ſehen, und Jedermann ſagt zu dem geſpenſtiſchen Wieder⸗ ſchein: dies bin ich, obſchon das Stück Möbel, das ihn von ſich gibt, einem Andern gehört. Das Bild iſt mein, wenn er 8— 2423 auch das Glas ſein Eigenthum nennt. Und eine Erzählung, welche treu die Wechſelbilder des Lebens zeichnet, iſt Jeder⸗ manns Novelle, gleichviel, von welchen Ufern, Flüſſen, Buchten oder Gruben der Sand, der Kieſel, die Perlaſche, der Salpeter und das Queckſilber genommen ſind, welche ihre Beſtandtheile abgeben— gleichviel, welcher Künſtler ſie in Form brachte— gleichviel, welcher Verkäufer ſie zu Markt ſchafft oder welcher Kunde ſie kauft; ſo bald ich nur einen Zug von mir ſelbſt darin erkenne, ſo macht dieſes mein Abbild ſie zu meiner Novelle.“ Mr. Squills(der dies nicht verſtanden hat und daher bewundert).—„Fein, Sir— ſehr fein. Ein ſchönes Ver⸗ gleichungsorgan an Mr. Cartons Kopf, und er hat es dieſen Abend ſcharf in Thätigkeit geſetzt.“ Mr. Carton(wohlwollend).—„Schließlich umgeht der Verfaſſer durch die Wahl dieſes bewundernswürdigen und ſehr bezeichnenden Titels die Nothwendigkeit einer Vorrede. Er braucht auf keine Verdienſte hinzudeuten, keine Fehler zu entſchuldigen; denn indem er ſein Werk kurzweg meine Novelle nennt, gibt er mit Zartheit zu verſtehen, daß es unnütz iſt, mit Beſprechung von Schönheiten oder Mängeln die Zeit zu verderben.“ Piſiſtratus(erſtaunt).—„Wie meint Ihr dies, Vater?“ Mr. Carton.—„Gibt es etwas Klareres? Du deuteſt an, daß Du, wenn auch Andere eine beſſere Novelle geſchrieben haben mögen, keine zu ſchreiben hoffeſt, welcher Du, als Novelle betrachtet, mit mehr Beſtimmtheit und mit —.————— 2124 weniger Schamröthe den Gewährſchein der perſönlichen Au⸗ torſchaft und Identität mitgeben möchteſt, der in der einzigen Sylbe mein' liegt. Und wenn Du Dein Beſtes gethan haſt, mag es auch noch ſo ſchlecht ſeyn, was kann ein verſtändiger und rechtſchaffener Mann mehr von Dir verlangen? Viel⸗ leicht ſagſt Du, wenn Du zweitauſend Jahre früher gelebt hätteſt, ſo würdeſt Du ſie die Novelle oder die goldene Novelle genannt haben, wie Lucius ſeine Geſchichte den Eſel' und Apulejus, um ſeinen feineren Eſel von allen vor⸗ hergehenden Eſeln zu unterſcheiden, ſein Mährchen den gol⸗ denen Eſel betitelte. Aber da wir in der gegenwärtigen Zeit ſtehen, ſo wäre eine derartige Bezeichnung, weil ſie ein Verdienſt im Allgemeinen und nicht das partielle und be⸗ ſchränkte in ſich faßte, das allein Deinen individuellen Fähig⸗ keiten entſpricht, anmaßend und anſtößig. Allerdings— ich greife nämlich der Bemerkung vor, die, wie ich ſehe, Mr. Squills zu machen im Begriff ſteht.“ Squills.—„Ich, Sir?“ Mr. Carton.—„Ihr wolltet ſagen, wie Searron ſein poetiſches Werk die komiſche Novelle' nannte, ſo hätte Piſiſtratus dem ſeinigen den Titel die ernſthafte Novelle' oder die tragiſche Novelle' geben können. Aber, Squills, dieſer Titel wäre weder einladend noch paſſend geweſen und würde zu einer Vergleichung mit Scarron geführt haben, der, weil todt, unnachahmlich iſt. Um nun die Frage auf eine unanfechthare mathematiſche Grundlage zurückzuführen — da 4B Meine Novelle' nicht gleich iſt B C der goldenen Novelle' und eben ſo wenig DE der ernſten oder tragiſchen ſt, 2125 Novelle', ſo folgt daraus, daß Aß meine Novelle gleich iſt PC Piſiſtratus Carton, und P6 Piſiſtratus Carton' muß deshalb gleich und weder mehr noch weniger ſeyn denn A B meine Novelle'— was zu erweiſen war.“ Mein Vater ſah ſich triumphirend um; als er aber ſah, daß Squills nichts zu erwiedern wußte und auch die übrige Zuhörerſchaft zum Schweigen gebracht war, ſo fügte er ſanft bei: „Und ſo, non quieta movere, fahr' fort in dem Schlußkapitel und ſag' uns zuerſt, was aus dem jugendlichen iles Overreach wurde, der ſein eigener Marrell war?“ „Ja,“ ſagte der Kapitän,„was iſt aus Randal Leslie geworden? Hat er bereut und ſich gebeſſert?“ „Nein,“ bemerkte mein Vater mit einem traurigen Kopfſchütteln.„Man kann die warme Fluth wilder Leiden⸗ ſchaft regeln und die dunkele Verirrung der Unwiſſenheit zu dem Licht der Tugend kehren; aber wo die Gewalt des Ge⸗ hirns nur der Hemmſtein iſt für die freie Thätigkeit des Her⸗ zens— wo man es nicht mit einer irregeleiteten Unwiſſenheit, ſondern mit einem verderbten Verſtand zu thun hat, darf man ſich nicht viel Hoffnung auf Beſſerung machen, da in dieſem Fall die Beſſerung in einer völligen Umwandlung beſtehen muß. Ich habe irgendwo— vielleicht in der hebräiſchen Tradition— geleſen, daß von den zwei Klaſſen gefallener Geiſter— den Engeln der Liebe und den Engeln des Wiſſens — die erſteren die verlorenen Sterne vermißten und deshalb einer um den andern durch die Dunkelheit in den Himmel zurückwanderten; aber die letzteren, von ihrem eigenen trüben —————— 2¹²6 Aichte erhellt, ſagten: Wo immer wir gehen, da iſt der Himmel! Und immer weiter und weiter herabſteigend, ver⸗ loren ſie ihre Geſtalt und Natur, bis ſie endlich, formlos und unfläthig, von dem bodenloſen Abgrund umſchloſſen wurden.“ Mr. Squills.—„Ich hätte nicht gedacht, Mr. Caxton, daß ein Büchermann wie Ihr, ſo ſtreng mit dem Wiſſen umgehen könnte!“ Mr. Caxton(aufbrauſend).—„Streng mit dem Wiſſen? Oh, Squills— Squills— Squills! Verkehrtes Wiſſen iſt nicht länger Wiſſen. Der Eſſig, in welchem ſich, wenn man ihn der Sonne ausſetzt, kleine Schlangen oder im beſten Fall ſchleimige Aale erzeugen, ſo daß er ungenieß⸗ bar wird, war vordem Wein. Wenn ich zu meinen Enkeln ſage: Trinkt nicht von dieſem ſauren Zeug, den ſogar die Sonne mit häßlichem Gewürm füllt', liegt darin ein Beweis, daß ich ein Feind von einem geſunden Aeres ſey? Squills, wenn Ihr eine gelehrte Schulbildung genoſſen hättet, ſo würdet Ihr auch den weiſen Grundſatz kennen, der da ſagt: Die ſchlechteſten Dinge ſind nur die Verderbniß von ſolchen, welche urſprünglich beſtimmt waren, die beſten zu werden'. Iſt nicht durch die Freiheit die Anarchie und durch die Religion der Fanatismus erzeugt worden? Und wenn ich Marats Blutdurſt oder die Ketzerfolterung der Dominikaner verabſcheue, bin ich ſtreng gegen die Religion, welche den Franz von Sales zum Heiligen, oder gegen die Freiheit, welche den Thraſybul unſterblich machte?“ Mr. Squills, der eine Aufzählung aller Heiligen im der er⸗ los ſen em em tes ich, der eß⸗ eln die is, ls, t: en, die ich en it, im 2127 Kalender und einen Auszug aus der ganzen alten Geſchichte fürchtet, ruft haſtig— „Genug, Sir— ich bin überzeugt.“ Mr. Caxton.—„Ueberdies erſchien es mir als ein ſehr naturgemäßer künſtleriſcher Zug von Piſiſtratus, daß er Randal Leslie in ſeinem Fortſchreiten zu der Fäulniß eines ungeſund ausgebildeten Verſtandes frei gehalten hat von all den wohlthätigen Einflüſſen, welche den Ehrgeiz hindern könnten, im Egoismus zu erſtarren. Weder in ſeiner ſchlum⸗ pigen Heimath, noch von dem Lehrer der Claſſiker an ſeiner Vorbereitungsſchule ſcheint er religiöſe oder ſittliche Wahr⸗ heiten gelernt zu haben, die dem friſchen Schößlinge Saft geben konnten, nachdem über den erſten geilen Wuchs das Meſſer gekommen war. Und namentlich iſt mir als bezeich⸗ nend für Egerton ſowohl, als für Randal nicht entgangen, daß die gelegentlichen berathenden Winke des Staatsmanns an ſeinen Schützling zwar in ihrer Art viele weltliche Weis⸗ heit in ſich faßten und auf die Ehre als auf das paſſende Glaubensbekenntniß des Gentleman abzielten, aber doch nicht geeignet waren, großen Einfluß zu üben auf einen ſchlauen Verſtandesmenſchen, wie Randal, den ſogar das Beiſpiel auf dem Spielplatz zu Eton nicht von ſeiner ſtarren Selbſtſucht heilen konnte und der in dem Wiſſen kein anderes Ziel erkannte, als die Macht. Ein durch Leidenſchaften verſuchter Mann, wie Audley oder ein zum Betrug verlockter kalter, feiner Geiſt, wie Leslie wird nur eine ärmliche Schutz⸗ mauer in der eleganten Vorſchrift finden: Vergiß nicht, als ein Gentleman zu handeln'. Solche moraliſche Verbrämun⸗ 2¹28 gen nehmen ſich wohl gut aus an der Schärpe über dein Harniſch, ſind aber nicht der Harniſch ſelber! Zehn Uhr, ſo wahr ich lebe! Mach fort, o Piſiſtratus, und bring Dein Kapitel zum Schluß.“ Mrs. Caxton(wohlwollend).—„Uebereile Dich nicht. Fang Deinem Vater zu Gefallen mit dem garſtigen Randal Leslie an; aber es ſind noch Andere da, von denen Blanche und ich lieber etwas hören möchten.“ Als Piſiſtratus bemerkt, daß er nicht anders kann, zieht er ein Ergänzungsmanuſcript hervor, mit welchem er be⸗ weist, daß er, wie zweifelhaft ihm auch die künſtleriſche Wirkung eines Schlußkapitels ſeyn mochte, vorausgeſehen hat, ſeine Zuhörerſchaft werde ſich ohne ein ſolches nicht zufrieden geben. Mittags ſpät an dem Tage, nach welchem Randal Leslie Lansmere Park verlaſſen hatte, langte er in dem Haus ſeines Vaters an. Er hatte den ganzen Weg in der Ein⸗ ſamkeit der Winternacht zu Fuß zurückgelegt, ohne eine Er⸗ müdung zu ſpüren, bis die trübſelige Heimath ihn mit ihrer Luft voll hoffnungsloſer, unedler Armuth umſchloß; dann aber ſank er auf den Boden hin und fühlte ſich ſelbſt als eine Ruine unter Trümmern. Er ſagte zu ſeinen Verwand⸗ ten nichts von dem was vorgefallen war. Der Unglückliche! er hatte Niemand, dem er vertrauen oder von dem er die Wahrheiten vernehmen konnte, welche in der Reue Troſt in ht e= en t — 2129 bieten. Nachdem er einige Wochen in finſterem, faſt un⸗ unterbrochenem Schweigen zu Hauſe zugebracht hatte, ent⸗ fernte er ſich eben ſo plötzlich wieder, als er gekommen war, und kehrte nach London zurück. Das ſchnelle Hinſterben eines Mannes, wie Egerton, hatte ſogar in jenen aufge⸗ regten Zeiten großes, obgleich nur kurzdauerndes Aufſehen erregt. Die Vorgänge bei der Wahl, welche von den Pro⸗ vinzialblättern mit allen Einzelheiten gebracht wurden, wa⸗ ren auch in die Londoner Journale übergegangen, und ſo hatte Randal Leslie's Benehmen in dem Comitézimmer unter entrüſteter Beleuchtung ſeiner Selbſtſucht und ſeines Undanks die gebührende öffentliche Würdigung gefunden. Die voli⸗ tiſche Welt aller Parteien vereinigte ſich über den armen Abhängigen des großen Mannes zu einem von jenen Urthei⸗ len, welche dem Charakter einen Flecken anheften und der Laufbahn einer ehrgeizigen Jugend einen Riegel vorſchie⸗ ben. Die hochgeſtellten Perſonen, welche früher Randal um Audley's willen berückſichtigt hatten und, da ſie bald nachher wieder ans Ruder kamen, wohl in der Lage geweſen wären, ſein Glück zu fördern, gingen ohne ein Kopfnicken in den Straßen an ihm vorbei. Er wagte es nicht, Avenel an ſeine Zuſage, ihm bei einer zweiten Wahl in Lansmere an die Hand zu gehen, zu erinnern oder auch nur daran zu denken, daß er in die durch Egertons Tod erledigte Stelle einrücken konnte. Er war zu klug, um nicht einzuſehen, daß in dieſem Wahlbezirk alle Hoffnung für ihn verloren war. Man würde ihn auf det Straße ausgeziſcht und mit Steinen von der Wahltribüne gejagt haben. Verlaſſen in der un⸗ Bulwer, meine Novelle⸗ 134 2130 geheuren Hauptſtadt, wie ehedem Leonard, lungerte jetzt er auf der Brücke und ſchaute nach dem erbarmenloſen Strom hinunter. Er beſaß weder Geld, noch Verbindungen— nichts als Talente und Kenntniſſe, die ihm wieder Bahn brechen konnten in der hohen Welt, wo ihm früher Alles gelächelt hatte; aber eben dieſe Talente und Kenntniſſe mach⸗ ten ihn nur um ſo verächtlicher, weil ſie zum Schaden eines Wohlthäters benützt worden waren. Doch ſelbſt jetzt noch warf Fortuna dem armen Erben von Rood, dem ſie ſo viele und blendende Vortheile geboten, um welche er ſich ſelbſt betrogen hatte, eine Ausſicht auf wenigſtens vorläufige Un⸗ abhängigkeit zu, die ihm bei geduldiger Anſtrengung, wenn auch nicht gerade zu den höchſten Poſten, ſo doch wenigſtens zu einer Stellung führen konnte, welche ihn befähigte, die Welt zu zwingen, daß ſie ſeine Erklärungen anhörte und vielleicht auch ſeine Entſchuldigungen gelten ließ. Die von Audley ihm beſtimmten fünftauſend Pfunde, deren Rettung aus den Krallen des Geſetzes in einem Privatmemorandum der Staatsmann dringlich ſeinem Freund Harley ans Herz gelegt hatte, waren von Lord LEstrange's Sachwalter Randal übermacht worden; aber dieſe Summe ſchien ihm nach dem Verluſt ſeiner prächtigen Hoffnung ſo geringfügig und der mühſame Pfad, den ein Rechtsanwalt zurückzu⸗ legen hat, nach den früheren kurzen Anläufen zur Macht ſo langſam zu ſeyn, daß er in dem unerwarteten Vermächt⸗ niß einfach einen Vorwand ſah, ſich gar keinem Beruf hin⸗ zugeben. Bis ins Innerſte verwundet von dem Gegenſatz zwiſchen ſeiner früheren und gegenwärtigen Stellung in der 2431 engliſchen Welt, eilte er ins Ausland. Hier ſtürzte ſich Ran⸗ dal Leslie, der bisher ſo todt geweſen war für die Beluſti⸗ gungen der Jugend— ſey es um ſeine Gedanken zu zer⸗ ſtreuen oder in Folge der Neugier, welche einen raſtloſen Geiſt drängt, den Werth von noch unverſuchten Dingen ken⸗ nen zu lernen, in die Geſellſchaft von zu Grunde gerichteten Spielern und roués dritten Ranges. In dieſer Genoſſen⸗ ſchaft kamen ſogar ſeine Talente in Verfall, und ihre Ver⸗ wendung auf gemeine Intriken und erbärmliche Anſchläge würdigte ſeinen geſellſchaftlichen Charakter mehr und mehr herab, bis er endlich, nach Erſchöpfung ſeiner Mittel von Stufe zu Stufe ſinkend, auch aus der Sphäre verſchwand, in welcher ſelbſt die Laſterhaften ihren Gewohnheiten treu bleiben und als Gentlemen an ihrer Kaſte feſthalten. Sein Vater ſtarb, und das vernachläſſigte Eigenthum Rood ging an Randal über. Aber aus dem ſpärlichen Ertrage hatte er die Erbportionen ſeiner Geſchwiſter und das Witthum ſeiner Mutter zu beſtreiten, ſo daß auf der Rechnung des Teſtamentsvollſtreckers kaum ein Ueberſchuß ſichtbar blieb. Die Hoffnung, ſeine Heimath und das Vekmögen ſeiner Vorfahren wieder herzuſtellen, hatte er längſt aufgegeben. Was war ihm die verfallene Halle mit ihren kahlen Haiden ohne dieſe Ausſicht, welche vordem auch den Trümmern und der Einöde eine Würde verliehen hatte? Er ſchrieb von St. Petersburg zurück, daß man das Eigenthum verkaufen ſolle. Kein einziger großer Grundbeſitzer war Liebhaber für das entwerthete Gut, und ſo wurde es ſlückweiſe an kleine Freiſaßen und vom Geſchäft zurückgetretene Gewerbsleute 134* ———————— 2132 abgegeben. Ein Baumeiſter kaufte die Halle auf den Abbruch, und ſo waren Halle, Ländereien und Namen ausgetilgt aus der Geſchichte des County. Die Wittwe zog mit Oliver und Juliet nach einem Städtchen in einem anderen Shire. Juliet heirathete einen Fähndrich in einem Marſchregiment und ſtarb an Vernach⸗ läſſigung im Wochenbett. Mrs. Leslie überlebte ſie nicht lange. Oliver vergrößerte ſein kleines Vermögen durch eine Heirath mit der Tochter eines Kleinhändlers, der einige tauſend Pfund zuſammengerafft hatte, errichtete eine Brau⸗ erei und brachte ſich ſchuldenfrei durch, obſchon eine große Familie und die in ſeiner Natur liegende Trägheit ihn aus ſeinem Geſchäft nur geringen Gewinn und keine Erſparniſſe erzielen ließen. Nach dem Verkauf von Rood hatte Randal Jahre lang nichts weiter von ſich hören laſſen, als daß er nach Auſtralien oder den vereinigten Staaten gegangen ſey. Wo er ſich eigentlich aufhielt, wußte man nicht gewiß; aber man nahm an, daß er ſich in Amerika befinde. Gleich⸗ wohl war Oliver in einer ſo hohen Verehrung gegen ſeines Bruders Talente erzogen worden, daß er ſtets in dem ſan⸗ guiniſchen Glauben lebte, Randal werde eines Tages reich und mächtig erſcheinen wie der Onkel in der Komödie, um die geſunkene Familie wieder zu heben und die plumpen Bübchen und die gemeinen Mädchen, welche ſich jetzt mit einem Appetit um Olivers Tiſch ſchaarten, der in durch⸗ aus keinem Verhältniß zu der Größe des Bratens ſtand, zu anmuthigen Ladies und feinen Gentlemen heranzuziehen. An einem Winterabend, als die Familie ſich bereits — 2133 von dem beſagten Tiſch zurückgezogen hatte, ſaß Oliver bei ſeiner halben Pinte ſchlechten Portwein, den er bedächtig ſchlürfte und überblickte ſeine unbefriedigenden Rechnungen. Da ſprang plötzlich ein magerer Dachshund, der auf dem fadenſcheinigen Herdfries neben dem ſpärlichen Feuer lag, auf und bellte wüthend. Oliver erhob ſeine trägen blauen Augen und ſah, ſich gegenüber, vor dem Fenſter ein menſch⸗ liches Geſicht. Dieſes Geſicht war dicht an die Scheiben gedrückt und durch den Duft verdunkelt, welcher, dem Munde entſtrömend und zu Reif erſtarrend, das Glas beſchlug. Oliver, der dieſen aufdringlichen Betrachter ſeines Privatlebens für einen kecken, dem Geſetz verfallenen Land⸗ ſtreicher hielt, verließ unruhig und aufgebracht das Zimmer, öffnete die Hausthüre und rief dem Fremden zu, er ſolle ſeiner Wege gehen, während der Hund noch ungaftfreund⸗ licher kläffte und dem Unbekannten nach der Ferſe ſchnappte. Dann ließ ſich eine heiſere Stimme vernehmen:„Kennſt Du mich nicht, Oliver? Ich bin Dein Bruder Randal! Ruf den Hund zurück und laß mich ein.“ Oliver entſetzte ſich und machte große Augen; er konnte ſeinen langſamen Sinnen nicht glauben und erkannte in der hageren, grimmigen Er⸗ ſcheinung vor ihm den Bruder nicht. Endlich aber trat er näher, blickte Randal ins Geſicht, ergriff in erſtauntem Schweigen ſeine Hand und führte ihn nach dem kleinen Sprechzimmer. Da war keine Spur mehr vorhanden von der gebildeten Feinheit, durch welche ſich Randal früher in Figur und Haltung ausgezeichnet hatte. Sein Anzug deu⸗ tete auf die letzte Stufe in jenem ſchrecklichen Verfall, 2134 welche man ſo bezeichnend mit dem Ausbruck der„ſchäbigen Gentilität“ belegt. Seine Miene war die eines ſchleichen⸗ den, ſcheuen, ausgehungerten Landſtreichers. Als er den ſchmierigen zerriſſenen Hut abnahm, erblickte man in ſeinem Geſicht, ungeachtet er den Jahren nach noch jung war, die Merkzeichen eines frühreifen Alters. Sein ſonſt ſo ſchönes Seidenhaar war von eiſengrauer Farbe und zeigte da und dort kahle Stellen; auf Stirne und Geſicht bemerkte man tiefe Furchen, und obſchon ſich der Ausdruck des Verſtan⸗ des nicht verkennen ließ, erſchien er doch in einer Weiſe, daß man ſich unwillkürlich davor in Acht nahm— finſter— unheimlich— drohend. Randal fertigte alle Fragen kurz ab. Er griff nach der mäßigen Quantität Wein auf dem Tiſch und leerte ſie in ei⸗ nem Zuge.„Pah!“ ſagte er;„haſt Du nichts, was den Menſchen beſſer wärmt, als dies?“ Oliver, der unter dem Einfluß eines ſchrecklichen Traumes zu ſtehen meinte, ging an den Schrank und holte eine Flaſche heraus, die zu drei Viertheilen mit Branntwein gefüllt war. Randal langte haſtig darnach und ſetzte ohne Umſtände den Hals der Flaſche an ſeine Lippen.„Ah,“ ſagte er nach einer kurzen Pauſe, „das ſtärkt. Jetzt gib mir zu eſſen.“ Oliver beeilte ſich, ſeinen Bruder zu bedienen; denn in Wirklichkeit ſchämte er ſich, wenn ſein Gaſt auch nur der ſchlappſchuhigen Magd zu Geſicht kam. Als er mit dem Mundvorrath, den er in der Speiſekammer zuſammenraffen konnte, zurückkehrte, ſaß Randal bei dem Feuer und breitete ſeine abgezehrten, kns⸗ — ————„8—, ———„— e— 2135 chernen Hände wie die Fänge eines Geier über die glimmen⸗ den Kohlen aus. Er verzehrte die kalten Speiſen, die ihm vorgeſetzt wur⸗ den, mit ſchrecklicher Gier und machte auch ſo ziemlich dem Branntwein in der Flaſche den Garaus, obſchon es nicht den Anſchein gewann, als ob letzterer im Stande ſey, ihn aufzuheitern. Oliver ſah ihn mit furchtſamen Augen an, und der Dachs fuhr fort, ein dumpfes, argwöhniſches Knur⸗ ren auszuſtoßen. „Du möchteſt meine Geſchichte hören?“ ſagte endlich Randal derb.„Sie iſt kurz. Ich habe dem Glücknachgejagt und es nicht gefunden. Ich bin ohne einen Penny und ohne eine Hoffnung. Du ſcheinſt ſelbſt arm zu ſeyn und kannſt mir vermuthlich nicht viel helfen. So laß mich wenigſtens für eine Weile bei Dir bleiben— ich weiß nicht, wo ich an⸗ ders mich um Brod und um ein Obdach umſehen ſoll.“ Oliver brach in Thränen aus und hieß ſeinen Bruder herzlich willkommen. Randal blieb einige Wochen in Oli⸗ vers Haus, ohne je vor den Thüren draußen ſich blicken zu laſſen, und ſchien nicht einmal den neuen Anzug zu beachten, den Oliver ohne eine Bemerkung nach ſeinem Zimmer ge⸗ ſchafft hatte, obſchon er kein Bedenken trug, denſelben zu benützen. Aber ſeine Anweſenheit wurde bald der Hausfrau unerträglich und ſogar dem Hausherrn läſtig. Randal, der früher ſo enthaltſam geweſen war, daß ihm ſogar der mäßigſte Genuß des Weines als unverträglich erſchien mit einem klaren Urtheil und wachſamer Beobachtung, hatte ſich jetzt daran gewöhnt, zu allen Stunden des Tages ſtarke gei⸗ 2136 ſtige Getränke zu ſich zu nehmen; aber obſchon ſie ihn gele⸗ gentlich bis zur Betäubung trunken machten, ſchloßen ſie ihm doch nie das Herz auf oder entriſſen ihn ſeiner finſteren Laune. Wenn er auch nicht mehr ſo ſcharf beobachtete, wie ehedem, war er doch immer noch eben ſo verſchloſſen. Mrs. Oliver Leslie, die ſich Anfangs ſcheu und ſchweigſam be⸗ nahm, wurde bald kalt und abſtoßend, dann naſeweis und ſpöttiſch, und zuletzt trat die Rohheit offen und gemein her⸗ vor. Randal vermied den Streit, aber ſein Hohn war ſo bitter, daß ſie ohne Weiteres über ihren Mann herfiel und ihm erklärte, daß entweder ſie oder ſein Bruder das Haus verlaſſen müſſe. Oliver verſuchte, zu beſchwichtigen und zu vermitteln, was ihm auch theilweiſe gelang; aber einige Tage nachher kam er zu Randal und machte ihm die ſchüch⸗ terne Vorſtellung:„Du ſiehſt, mein Weib hat mir faſt Alles zugebracht, was ich beſitze, und Du kannſt es nicht über Dich gewinnen, Dich zu ihr auf einen freundlichen Fuß zu ſtellen. Dein Aufenthalt hier muß Dir alſo eben ſo peinlich ſeyn, als mir. Aber ich möchte Dich verſorgt ſehen, und ich könnte Dir etwas anbieten— nur ſcheint es auf den er⸗ ſten Blick ſo unter—“ „Unter was?“ unterbrach ihn Randal bitter.„Was ich war— oder was ich bin? Sprichs aus!“ „Du biſt freilich ein Gelehrter, und ich habe Dich ſchöne Dinge ſagen hören über Wiſſen und ſo weiter. Und es werden Dir ohne Zweifel viele Bücher zu Gebot ſtehen. Auch biſt Du noch jung— und kannſt ſteigen— und—“ —+„— — e—— u 2137 „Höll und Qualen! Mach hurtig— ſag' das Schlimmſte oder das Beſte!“ rief Randal ungeſtüm. „Wohlan denn,“ ſagte der arme Oliver, indem er ſei⸗ nen beabſichtigten Vorſchlag noch immer zu mildern ſuchte, Du mußt wiſſen, daß der Mann unſerer Schweſter ein Neffe des Doktor Felpem iſt, der eine ſehr achtbare Schule hält. Er iſt ſelbſt kein Gelehrter und unterrichtet hauptſächlich in der Arithmetik, im Buchführen und in ſolchen Dingen; aber er bedarf eines Hülfslehrers, der ſich auf die Klaſſiker ver⸗ ſteht, da einige ſeiner Knaben für Collegien beſtimmt ſind. Und ich habe ihm geſchrieben— nur um auf den Buſch zu klopfen— und nannte keinen Namen, weil ich zuvor wiſſen wollte, ob Dir die Sache anſteht; aber er will meine Empfeh⸗ lung annehmen. Freie Koſt und Wohnung— fünfzig Pfund im Jahr. Kutz, wenn Dir die Stelle gefällt, ſo iſt ſie Dein.“ Randal ſchauderte vom Kopf bis zu den Füßen, und es ſtund lange an, bis er antwortete. „Gut; ſey es darum. So weit hat es mit mir kom⸗ men müſſen. Ha, ha! ja, Wiſſen iſt Macht!“ Er hielt einige Augenblicke inne.„Die alte Halle iſt alſo weggetilgt von dem Boden, Du biſt ein Gewerbsmann in einer kleinen Landſtadt; meine Schweſter hat das Zeitliche geſegnet, und ich bin fortan— John Smith! Du ſagſt, Du habeſt dem Schulmeiſter meinen Namen nicht genannt— behalt ihn immerhin für Dich und vergiß, daß ich einmal ein Leslie war. Das brüderliche Band hört auf, ſobald ich Deinen Herd verlaſſe. Schreibe alſo Deinem Schulmeiſter, der in der Arithmetik unterrichtet, und ſichere den Rang eines 2138 Hülfslehrers im Lateiniſchen und Griechiſchen— dem John Smith.“ Einige Tage nachher trat der Schützling von Audley Egerton ſein Amt als Fachlehrer in einer jener großen, wohl⸗ feilen Schulen an, in welche ſich hin und wieder ein Spröß⸗ ling des Honoratioren- oder Geiſtlichenſtandes, der für einen gelehrten Beruf beſtimmt iſt, unter die Söhne von Ge⸗ werbsleuten verliert, welchen das Comptvir oder der Laden⸗ tiſch in Ausſicht ſteht. Dort lebt Randal Leslie noch hiu⸗ tigen Tags unter dem Namen John Smith. Wahrſcheinlich iſt es nicht Stolz allein, was ihn be⸗ ſtimmt, auf ſeiner Namensveränderung zu beharren und für immer auf denjenigen zu verzichten, den er von ſeinen Vor⸗ vätern erbte und der einſt in Verbindung geſtanden hatte mit ſeinem hochſtrebenden Ehrgeiz; denn bald nach ſeinem Austritt aus dem Haus ſeines Bruders las Oliver in einer Wochenzeitung, aus welcher er ausſchließlich die Kenntniß der Zeit ſchöpfte, in welcher er lebte, einen Auszug aus einem amerikaniſchen Journal, in welchem eines engliſchen Abenteurers Erwähnung gethan wurde, der ſich unter an⸗ deren Aliaſen auch den Namen Leslie beigelegt hatte. Die⸗ ſer Auszug machte Oliver ſehr betroffen; er wurde blaß, ſah ſich um und warf das Zeitungsblatt ins Feuer. Von dieſem Augenblick an verſuchte er nie mehr, die von Rantal ihm auferlegte Bedingung zu verletzen; er entſchlug ſich allen Verkehrs mit dem Bruder und dachte nicht daran, die Verwandtſchaftsrechte weiter in Anſpruch zu nehmen. Wenn der ſo bezeichnete Abenteurer wirklich der Mann war, wel⸗ chen das ſeine ſam iſt, des die Har wiſe rich wär fere nich ſein geg ſo vor ein dac gal Se chet zu Sc ein lun vor ohn ley hl⸗ öß⸗ en Se⸗ en⸗ — eu⸗ 2¹39 chen Oliver in ihm vermuthete, ſo gehörte, ohne Zweifel das, was Randal zur Laſt gelegt wurde und die Wange ſeines Bruders zum Erblaſſen brachte, nicht zu den gewalt⸗ ſameren Verbrechen, gegen welche das Geſetz unerbittlich iſt, ſondern vielmehr— wie es ſo häufig auf der Laufbahn des Undanks und der Doppelzüngigkeit der Fall iſt, wenn die Noth als Drängerin dazu kömmt— zu jenen unehrlichen Handlungen, die wohl noch dem Arm der Gerechtigkeit ent⸗ wiſchen mögen, aber den Namen unwiderbringlich zu Grunde richten. Wie dem übrigens ſeyn mag, in Randals gegen⸗ wärtiger Lebensweiſe zeigt ſich nichts, was einen noch tie⸗ feren Fall in Ausſicht ſtellt Er hat erfahren, was es heißt, nicht einmal das tägliche Brod erſchwingen zu können, und ſeine frühere Raſtloſigkeit iſt in eine eyniſche Apathie über⸗ gegangen. Er hat eine Stadtwohnung unfern der Schule, und ſo kömmt ſeine gewohnte herabwürdigende Trunkliebe nicht vor die Augen ſeines Vorgeſetzten. Der Branntwein iſt ſein einziger Hochgenuß und wird, wenn man ihn darum im Ver⸗ dacht hat, für ſein einziges Laſter angeſehen. Seiner Auf⸗ gabe als Lehrer entledigt er ſich ſo ziemlich mit Ehren. Sein Geiſt für die Intrike zeigt ſich gelegentlich in Verſu⸗ chen, ſich bei den Söhnen reicher Väter einzuſchmeicheln, die zu einem höheren Rang geboren wurden, als die übrigen Schüler, und er macht dann ſehr verwickelte Anſchläge, um eine Einladung für die Ferien zu erringen; ſind ſie aber ge⸗ lungen und läuft die Einladung ein, ſo zieht er ſich ſcheu da⸗ vor zurück, weil er es nicht wagt, ſich an den Gränzen der ——.———* 2140 glänzenderen Welt zu zeigen, die er einſt zu beherrſchen hoffte. in der Er fürchtet, man möchte entdecken, daß er— ein Leslie ſey! An ſolchen Tagen verkriecht er ſich nach beendigter Arbeit in ſein Zimmer, ſchließt die Thüre ab und ſpricht der Flaſche zu bis zur Beſinnungsloſigkeit. Einmal fand er einen abgegriffenen Band, der ſeine Runde unter den entzückten Schulknaben machte, nahm ihn auf und erkannte Leonards früheſte populäre Schrift, die einmal auch ihn zu angenehmen Gedanken und ſanften Re⸗ gungen verführt hatte. Er nahm das Buch mit in ſeine Wohnung— las es noch einmal, und als er es ſeinem jungen Eigenthümer wieder zurückſtellte, waren einige der Blätter von Thränen befleckt. Leider vielleicht nur die truu⸗ kenen Thränen einer gebrochenen Kraft, nicht die einer er⸗ weckten Seele; denn die Blätter rochen ſtark nach Whisky. Indeß gab ſich ſeit jener Zeit Randal doch ernſteren Studien hin, als für ſeine gewöhnliche Plackerei nöthig waren. Er belebte und erweiterte ſeine frühere Kenntniß und legte den Entwurf zu einem Werk von großer Gelehrſamkeit an, in welchem die Schärfe ſeines Verſtandes auf dem Boden einer tiefgehenden, gründlichen Kritik ſpielte. Aber er iſt in die⸗ ſer Arbeit nie weit vorgeſchritten. Nach jedem unregel⸗ mäßigen, krampfhaften Anlauf läßt er die Feder ſinken und murmelt:„Wozu auch? Ich kann mir jetzt nie mehr einen Namen ſchaffen. Warum ſoll ich mir Mühe geben— für einen John Smith?“ So ſchleppt er ſein Leben hin, und wenn er ſtirbt, finden ſich vielleicht die Bruchſtücke ſeines gelehrten Werkes Stud Leslie cher G Rand Geiſt Zeich ren 2 Falle er au errich Mil! nicht Denn Eing er be der v zes 3 zu be zerin, aller heit ſtechu dieſet Quir er ſo wurd offte. eslie igter t der ſeine ihn „die Re⸗ ſeine inem der ruu⸗ er⸗ isky. dien Er den „in iner die⸗ gel⸗ nnd nen für bt, kes 2141 in dem Pult des Hülfslehrers und dienen einem verſchmitzten Studenten als Winke, der Ideen und Ruf von dem todten Leslie ſtehlen kann, wie ſie Leslie dem lebenden Burley abſtahl. Während die ſogenannte poetiſche Gerechtigkeit in ſol⸗ cher Geſtalt aus den Anſchlägen hervorgegangen iſt, in denen Randal Leslie unter Vereitelung ſeines Glücks ſeine ſeltenen Geiſtesgaben vergeudete, verkündet kein äußeres ungünſtiges Zeichen die Strafe, welche die Vorſehung an dem ſchwere⸗ ren Verbrecher, dem Baron Levh, genommen hat. Kein Fallen der Fonds erſchütterte das prächtige Gebäude, das er aus den zertrümmerten Wohnſtätten anderer Menſchen errichtete. Baron Levy iſt noch immer Baron Levy, der Millionär; aber ich zweifle, ob er ſich in ſeinem Innern nicht viel elender fühlt, als Randal Leslie, der Lehrgehülfe. Denn Levy iſt ein Mann, der den wilderen Leidenſchaften Eingang geſtattet hat in ſeine Philoſophie des Lebens; er beſitzt nicht das blaſſe Blut und das ſtarre Herz⸗ welches der verwundeten Natter geſtattet, das Gefühl ihres Schmer⸗ zes zu verſchlafen. Wie das höhere Alter den Wucherer zu beſchleichen begann, verliebte er ſich in eine Operntän⸗ zerin, deren leichte Beine die noch leichteren Köpfe der Hälfte aller élégans von Paris und London verdrehte. Die Schlau⸗ heit der Tänzerin war probefeſt gegen alle geringeren Be⸗ ſtechungen, als die der Ehe, und Levy heirathete ſie. Von dieſem Augenblick an drängten ſich in ſeinem Hauſe Louis Quinze die hochgeborenen Dandies, um deren Geſellſchaft er ſo eifrig gebuhlt hatte, mehr als je, und dieſe Geſellſchaft wurde ſein Fluch. Die Baronin war eine vollendete Co⸗ ——.——— 2142 quette, und Levy, bei dem, wie wir geſehen haben, Eifer⸗ ſucht die vorherrſchende Leidenſchaft bildete, lag auf einer ewigen Folterbank. Seine Geringſchätzung der menſchlichen Natur, ſein Unglaube an die Möglichkeit der Tugend er⸗ höhte die Qual ſeines Argwohns und führte gerade die Ge⸗ fahren herbei, die er fürchtete. Die Selbſtqual, am eige⸗ nen Herd den Spion zu machen, war ſein einziges Geſchäft. Bei ſeinen Banketten ſpukte ein Geſpenſt, und die Beiga⸗ ben ſeines Reichthums wurden ihm zur Geiſel der Nemeſis. Sein heiteres cyniſches Lächeln verwandelte ſich in ein fin⸗ ſteres Grollen, ſein Haar bleichte zu Weiß und ſeine Augen wurden hohl unter einer verzehrenden Sorge. Plötzlich verließ er ſein koſtbares Haus— verließ Alles, ſchwor gãnz⸗ lich der Geſellſchaft ab, die mit ſeinem Reichthum zu erkaufen ſeine Luſt geweſen war, und begrub ſich und ſein Weib in einem abgelegenen Winkel des Landes, wo er noch lebt. Vergeblich ſucht er ſeine Tage mit ländlichen Beſchäftigun⸗ gen zu kürzen— er, für den die Aufregungen der Haupt⸗ ſtadt mit all ihrer Verderbtheit und ihren Laſtern die alleini⸗ gen Quellen des trüben Stromes waren, welchen er„Ver⸗ gnügen“ nannte. Auch hier hält ihn noch der Teufel der Eiferſucht gefeſſelt. Mit dem hohlen Auge und dem ver⸗ ſtohlenen Schritt eines Diebs ſchleicht er auf ſeinen Beſitzun⸗ gen umher und hütet ſein Weib wie eine Gefangene, da ſie ihm jeden Tag zu entlaufen droht. Das Leben des Mannes, der für ſo viele das Gefängniß aufgeſchloſſen hat, iſt das eines Kerkerknechts. Seine Frau verabſcheut ihn und ver⸗ hehlt es ihm nicht; aber gleichwohl betet er ſie ſelaviſch an. An als Geif mac ihm fläch den eine verb Auf weil guü die Ahn die biſſe von gen in il eine Sei und Ber Anſt von ſein kein 2143 An die freieſte Freiheit gewöhnt, Beifall und Bewunderung als ihr Recht anſprechend, ohne alle Erziehung, gemeinen Geiſtes, roh in der Sprache und heftig von Gemüthsart, macht die ſchöne Furie, welche er in ſeine Heimath einführte, ihm dieſe Heimath zur Hölle. So wird das, was dem ober⸗ flächlichen Blick als am beneidenswertheſten erſcheint, für den Beſitzer am verhaßteſten. Er wagt es nicht, irgend eine Seele aufzufordern, daß ſie mit anſehe, wie er ſein Gold verbraucht, ſondern hat ſich auf einen gemeinen, knickeriſchen Aufwand beſchränkt und klagt über Unglücksfälle und Armuth, weil ihm dies einen Vorwand gibt, ſeinem Weib die Ver⸗ gnügungen zu verſagen, welche ſie ſich von den Geldſäcken die ſie geheirathet, verſprochen hatte. Eine unbeſtimmte Ahnung von Vergeltung hat in ihm Gewiſſensbiſſe geweckt, die ſeine anderen Qualen erhöhen. Und da dieſe Gewiſſens⸗ biſſe aus dem Aberglauben, nicht aus der Religion quellen, von unten aufſteigen und nicht von oben herkommen, ſo brin⸗ gen ſie ihm keine von den Tröſtungen, welche die ächte Reue in ihrem Gefolge hat. Er ſucht nie, gut zu machen, und eine ſühnende gute Handlung fällt ihm nicht im Traume ein. Seine Schätze fluthen um ihn her und breiten ſich weiter und weiter aus ſeinem eigenen Bereich. Der Graf di Peschiera hatte ſich nicht getäuſcht in den Berechnungen, die ihn bewogen, Reue zu heucheln und einen Anſpruch an ſeinen Verwandten zu begründen. Er erhielt von der Großmuth des Herzogs di Serrano einen nicht mit ſeinem Rang im Mißverhältniß ſtehenden Jahrgehalt, und kein Hofbefehl verbot ihm die Rückkehr nach Wien. Aber 2144 ſchon in dem Sommer, welcher auf ſeine Rückkehr nach Lans⸗ mere folgte, kam ſeine Laufbahn zu einem plötzlichen Schluß. Er machte in Baden⸗Baden einer reichen und geiſtvollen polniſchen Wittwe den Hof, und ſeine ſchöne Perſönlichkeit ſowohl, als ſein ſchrecklicher Ruf ſchreckte alle Nebenbuhler zurück, einen jungen Franzoſen ausgenommen, der dem Grafen an Kühnheit nicht nachſtand und noch viel verliebter war. Eine Herausforderung wurde erlaſſen und angenom⸗ men. Peschiera erſchien auf dem verhängnißvollen Grunde, ſummte mit ſeinem gewöhnlichen sang froid eine Opernarie und machte eine ſo diaboliſch heitere Miene, daß die Nerven des Franzoſen, ſeinem Muth zum Trotz, ergriffen wurden. Der Hahn knackte, noch eh' er ſogar hatte zielen können, und zu ſeinem unausſprechlichen Erſtaunen ſtürzte der Graf nie⸗ der— durch's Herz getroffen, todt. Beatrice di Negra lebte einige Jahre nach ihres Bru⸗ ders Tod in ſtrenger Abgeſchiedenheit; ſie hatte ihre Zuflucht in einem Kloſter geſucht, obſchon ſie nicht den Schleier nahm, wie es urſprünglich ihre Abſicht geweſen. In der That fand ſie, je mehr ſie von der Schweſterſchaft ſah, daß menſchliches Sehnen und menſchliche Leidenſchaften ihren Weg auch durch vergitterte Fenſter und über hohe Mauern finden und nur Naturen von ſeltener Begabung hievon eine Ausnahme ma⸗ chen. Zuletzt wählte ſie Rom zu ihrem Aufenthalt, wo ſie allgemeine Achtung genießt nicht nur wegen ihres ſtreng ſittlichen Lebens, ſondern auch wegen ihrer Wohlthätigkeit. Sie iſt nicht zu vermögen, von dem Herzog mehr als den vierten Theil des Jahrgehalts anzunehmen, der ihrem Bruder — N—— aus wa unt vie In ihr vor ſo leiſ ma lick bot Ca ab der hö der ſeh tü eh tiſ Pe det nö ei ind ie⸗ ht m, nd es ur a⸗ ſie ng it. en 2145 ausgeworfen war; aber ſie hat, mit Ausnahme deſſen⸗ was ſie für ihre Liebesgaben braucht, wenig Bedürfniſſe⸗ und wo die Barmherzigkeit wirklich eine thätige iſt, kann man viel thun, ohne daß große Haufen Goldes nöthig wären. In den heitereren Kreiſen der Stadt weiß man nichts von ihr; aber ſie verſammelt eine kleine Geſellſchaft um ſich, die vorzugsweiſe aus Künſtlern und Gelehrten beſteht, und iſt nie ſo glücklich, als wenn ſie einem Kind des Genius Vorſchub leiſten kann, namentlich wenn es England zu ſeiner Hei⸗ math hat. Der Squire und ſeine Gattin erfreuen ſich eines glück⸗ lichen Alters zu Hazeldean, wo Kapitän Barnabas Higgin⸗ botham ſeinen bleibenden Wohnſitz aufgeſchlagen hat. Der Capitän iſt ein eingefleiſchter Hypochondriſt, heitert ſich aber hin und wieder auf, wenn er von einer Krankheit in der Familie des Mr. Sharpe Currie Kunde erhält, und man hört ihn dann murmeln:„Wenn jene ſieben kränklichen Kin⸗ der mit Tod abgehen, ſo gibt es am Ende für mich doch noch ſehr große— Ausſichten.“ Dafür ſchilt ihn nun der Squire tüchtig aus, und der Pfarrer hält ihm eine ernſte Predigt. Er nimmt jedoch dreimal in der Woche an Beiden in einer ehrlichen und gentlemaniſchen Weiſe ſeine Rache an dem Whiſt⸗ tiſch, da der Pfarrer nicht mehr den Kapitän zum beſtändigen Partner hat, ſondern ein fünfter Mitſpieler in der Perſon des alten Feindes und Nachbars Mr. Sticktorights den roi nöthig macht. Der Pfarrer, welcher in ſolcher Weiſe ſeine eigenen Schlachten ausfechten muß, ohne den Kapitän zum Bundesgenoſſen zu haben, bemerkt mit melancholiſcher Ueber⸗ Bulwer, meine Novelle. 135 2146 raſchung, daß endlich das Glück umgeſchlagen hat und er nicht mehr ſo viel gewinnt wie früher. Zum Glück iſt dies, mit Ausnahme von Mrs. Dale's kleinen Launen, an die er ſich gewöhnt hat, die einzige Unannehmlichkeit, welche den ruhigen Lauf ſeines Pfarrlebens trübt. Wir müſſen nun erklären, wie Mr. Sticktorights dazu kam, mit am Whiſt⸗ tiſch von Hazeldean zu ſitzen. Frank hat ſich auf dem Caſino mit einer Gattin ſeßhaft gemacht, die vollkommen für ihn paßt, und dieſe Gattin iſt die vormalige Miß Sticktorights. Es ſtund zwei Jahre an, eh' ſich Frank von der Täuſchung erholen konnte, die in dem Verluſt Beatrice's ſeine Hoff— nungen traf und ſeinen Geiſt mit langer Trauer erfüllte; er war aber dabei nüchterner in ſeiner Lebensweiſe geworden und zum Nachdenken erwacht. Eine ehrlich gemeinte und tief gefühlte Liebe, wenn ſie auch unrichtig angebracht und ſchlecht vergolten wird, verfehlt ſelten die Selbſterziehung des Mannes zu fördern. Frank wurde geſetzt und ernſt. Bei Gelegenheit eines Beſuchs zu Hazeldean traf er auf einem Countyball mit Miß Sticktorights zuſammen, und die beiden jungen Perſonen zogen ſich alsbald gegenſeitig an, vielleicht gerade in Folge des Streits, der ſo lange zwiſchen den bei⸗ den Häuſern ſtattgefunden hatte. Auch wären die Ehverträge beinahe im letzten Augenblick wieder abgebrochen worden wegen einer hitzigen Beſprechung zwiſchen den Eltern über das Wegrecht. Aber der Zwiſt fand glücklicher Weiſe ſeine Beilegung in Mr. Dale's Bemerkung, daß die Vereinigung der beiden Beſitzthümer in den aus der beantragten Ehe erzielten Kindern dem Streitanlaß natürlich ein Ende ma⸗ 2147 chen werde, weil es keinem Menſchen einfalle, mit ſich ſelbſt zu prozeſſiren. Mr. Sticktorights und Mr. Hazeldean be⸗ ſchloßen jedoch vorſichtig, den Ehpakten eine von den Rechis⸗ gelehrten freilich nicht als zuläſſig und praktiſch erklärte Clauſel beizufügen, kraft welcher in Ermanglung eines erb⸗ fähigen Sprößlings aus der beſagten Che, wenn die Stick⸗ torights'ſchen Beſitzungen an einen entfernteren Abkömmling der Familie Sticktorights kommen ſollten, das Wegrecht von dem Wald über die Haide in daſſelbe Verhältniß ergötz⸗ licher Beanſtandung zurückzukehren habe, in welchem es ſich dermalen befinde. Der Prozeß übrigens, der in ſolcher Weiſe fernen Generationen zu ihrem Elend vermacht wurde, ſcheint wenig Ausſicht zu haben, da bereits zwei Söhne und zwei Töchter Verſtecken ſpielen auf der Terraſſe, wo Schakeimo ehebem die Orangenbäume bewäſſerte, und in dem Belve⸗ dere, wo Riccabocca ſeinen Macchiavel ſtudirt hatte. Es ſtund lange an, bis ſich Riccabveca wieder an den Prunk ſeiner Fürſtenwürde und an ſeinen Herzogstitel ge⸗ wöhnen konnte. Jemima wußte ſich viel leichter in die Größe zu ſchicken, vbſchon ſie ſich die ganze ihr angeborene Hazel⸗ deaniſche Herzenseinfalt bewahrte. Sie wird angebetet von den Dorfbewohnern in ihrer Nachbarſchaft, namentlich von der Jugend beider Geſchlechter, da ſie ſtets bereit iſt, Hei⸗ rathen zu ſtiften und Pärchen auszuſtatten; denn ſie hat längſt ſich von den veredelbaren Eigenſchaften der Männerwelt in ihrer Verehrung gegen den Herzog überzeugt, der fortfährt, über Weiber und Eheſtand zu ſatyriſiren, und ſich ſelbſt, Dank ſey es ſeinen gründlichen Erfahrungen bei den einen und 135* —.————— 2148 ſeiner philoſophiſchen Geduld in dem anderen, für den einzigen glücklichen Ehmann in der Welt hält. Letzter Zeit beſteht ſeine Hauptunterhaltung in Erziehung des Sohnes, mit welchem in Gemäßheit ſeiner wiſſenſchaftlichen Vorausſagen Jemima ihn kurz nach ſeiner Rückkehr in das Heimathland beſchenkt hat. Der Weiſe begann früh mit ſeinen italieni⸗ ſchen Sprichwörtern voll hartherziger Weltklugheit, und der Knabe war kaum mit ſeinem ABC⸗Buch zu Ende, als er ſchon in den Macchiavel eingeführt wurde. Wie es übrigens ſo kommen mag, die einfache Biederkeit in dem thätigen Leben des Philoſophen und ſein hoher adelicher Sinn für Recht⸗ ſchaffenheit und Ehre wirken den theoretiſchen Lehren in einem Grade entgegen, daß der Erbe von Serrano vorausſichtlich durch die Sprichwörter nicht weiſer und durch den Macchiavel nicht ſchlechter werden wird, als es bei ſeinem Erzeuger der Fall war, deſſen Anſichten ſich von ſeinen Landleuten dadurch Lügen ſtrafen laſſen müſſen, daß ſie ihm den Titel„Alphonſo der Gute“ beilegen. Der Herzog war lang begierig geweſen, zu erfahren, was wohl aus Randal geworden ſeyn mochte, ohne daß es ihm gelungen wäre, die Spur des Abenteurers bis zu ſeiner Schlußſcene aufzufinden. Aber einmal(Jahre vor der Zeit, in welcher Randal ſeinen endlichen Schlupfwinkel gefunden) bemerkte der Herzog bei Gelegenheit eines Inſpektionsbeſuchs in dem Hoſpital zu Genua mit der ihm eigenthümlichen ſchlauen Beobachtungsgabe für alle Dinge, nur für die nicht, welche ihn ſelbſt angingen, gegen den dienſtthuenden Wärter, „wie er nach einer Prüfung der Vorgänge gefunden habe, 2149 daß auf einen einfältigen, ehrlichen Mann, den ſein Miß⸗ geſchick in's Spital oder in's Gefängniß liefere, drei durch⸗ triebene Spitzbuben kämen, die ſich ſelbſt zu dieſem Aeußer⸗ ſten gebracht hätten.“ Da ſiel ſein Blick auf einen Mann, der in einem der Krankenſäle ſchlafend lag, und er erkannte das Geſicht, welches damals noch nicht ſo verändert war, wie Oliver es geſehen hatte. Er näherte ſich dem Kranken und ſchaute auf Randal Leslie nieder. „Ein Engländer,“ ſagte der Wärter.„Er wurde be⸗ ſinnungslos hieher eingeliefert mit einer ſchweren Kopfwunde, die ihm, wie wir erfuhren, von einem wohlbekannten cheva- lier d'industrie beigebracht wurde, welcher erklärte, daß der Engländer ihn betrogen habe. Dies war allerdings nicht ſeht wahrſcheinlich; denn wir konnten bei dem Engländer nicht weiter finden als ein paar Kronen, und erfuhren noch weiter, daß er Schulden halber ſeine Wohnung hatte ver— laſſen müſſen. Er befindet ſich auf dem Wege der Beſſe⸗ rung, obſchon noch immer Fieber vorhanden iſt.“ Der Herzog betrachtete ſchweigend den Schläfer, der ſich unruhig auf ſeinem Lager hin und her warf, und mur⸗ melte einige Worte vor ſich hin; dann legte er ſeine Börſe in die Hand des Wärters und ſagte zu ihm: „Gebt dies dem Engländer, aber verbergt ihm meinen Namen. Es iſt wahr— es iſt wahr— das Sprichwort iſt ſehr wahr“— nahm der Herzog wieder auf, als er die Treppe hinunter ſtieg—„Piu pelli di volpi che di asini vanno in Pellicciaria.“(Man findet beim Kürſchner mehr Fuchs⸗ bälge als Eſelshäute.) —.—.——— 2150 Doctor Morgan fährt fort, Kügelchen gegen den Kum⸗ mer zu verordnen und unendlich kleine Gaben gegen die Trübungen des Geiſtes anzuwenden. Da er ſeine Vor⸗ ſchriften auch auf ſich ſelbſt anwendet, ſo verſchluckt er ein Kügelchen Causticum, ſo oft der Anblick eines unglücklichen Nebenmenſchen ihn zum Mitleid rührt— eine conſtitutio⸗ nelle Schwäche, die, wie er ſich endlich überzeugt hat, keine Radikalkur zuläßt. Im Uebrigen hat ſich der Kreis ſeiner Patienten beträchtlich ausgedehnt, und unter ſeiner weiſen Sorgfalt leben ſeine Patienten ohne Frage ſo lang— als es der Vorſehung gefällt. Kein Allopath kann mehr für ſich behaupten. Der Tod des armen Burley fand einen gebührenden Platz in dem„Gelehrtennekrolog“. Früher unbekannte Bewunde⸗ rer traten jetzt auf und eröffneten eine Subſeription, um in Kenſall Green ſeinem Andenken ein ſchönes Monument zu errichten. Sie würden auch zu Unterſtützung ſeiner Wittwe und Kinder Beiträge gezeichnet haben, wenn eine ſolche Hinterlaſſenſchaft von ihm vorhanden geweſen wäre. Schrift⸗ ſteller, die für die Magazine arbeiteten, zehrten noch Monate lang von Zuſammentragung ſeiner humoriſtiſchen Sprüche, von Anekdoten über ſeine Ercentricitäten und von Bered⸗ ſamkeitsproben, welche ehedem durch den Tabaksqualm der Schenken und Clubzimmer wetterleuchteten. Leonard beſorgte zuletzt eine Sammlung ſeiner zerſtreuten Schriften, welche in den Muſterbibliotheken einen Platz fanden, obgleich ihre Gegenſtände ein zu flüchtiges Intereſſe boten oder in einer zu launenhaften Weiſe behandelt waren, als daß ſie mehr ——+„ 8ScS„8 8 — — —„ M r e e e r r 2151 geboten hätten denn eine Andeutung von dem Werth des Erzes, wenn daſſelbe von der Schlacke gereinigt und der Kunſt des Münzmeiſters unterſtellt worden wäre. Dieſe Pro⸗ ben konnten ſich nicht als das geprägte Geld des Gedankens in Cirkulation erhalten, wurden aber doch von Sammlern als ſeltene Merkwürdigkeiten aufbewahrt. Ach, armer Burley Die Pompleye kamen in bedeutenden Verluſt durch den Bankbruch einer Eiſenbahncompagnie, bei welcher der Obriſt mehrere Aktien genommen hatte. Er war dazu veranlaßt worden durch einen der geprieſenſten„Verwandten“ ſeiner Frau, über deſſen Beſitzthum die beſagte Eiſenbahn gehen ſollte und dem in jenem goldenen Zeitalter, als die Eiſen⸗ bahngeſellſchaften noch die Rechte des Eigenthums achteten, für das Aere vierhundert Pfund zugeſagt waren. Der Obriſt war nicht mehr im Stande, ſein Einkommen in England von einem Jahresende bis zum andern zu ſtrecken, und gibt ſich nun alle Mühe, dieſes Kunſtſtück in Boulogne zur Ausfüh⸗ rung zu bringen; er iſt aber bei dieſem Prozeß ſo roth im Geſicht geworden, daß diejenigen, welche ihm bei ſeinem Mor⸗ genſpaziergang auf dem Damm, oder wenn er um Fiſche marktet, begegnen, die Köpfe ſchütteln und ſagen:„Der alte Pompley wird bald an einem Schlaganfall abſegeln. Ein großer Verluſt für unſere Geſellſchaft. Die Pompleye ſind gentile Leute und ſtehen in einer ſehr ſchönen Verwandt⸗ ſchaft.“ Der durch Audley Egertons Tod erledigte Parlamentsſitz für den Wahlbezirk Lansmere wurde durch unſeren alten Bekannten Haveril Daſhmore ausgefüllt, der bei Egertons 2152 erſter Erwählung der erliegende Gegencandidat geweſen war. Der Flottenoffizier hatte es inzwiſchen zum Admiral gebracht, und iſt nun vollkommen verſöhnt mit der Conſtitution und ihrer ganzen ariſtokratiſchen Legirung. Dick Avenel trat nicht ſo bald aus dem Parlament, als er ſich vorgenommen hatte. Es gelang ihm nicht, Leo⸗ nard, deſſen kurzes Fieber von politiſchem Ehrgeiz jetzt in der ruhigen Quelle der Muſe erloſchen war, zu überreden, daß er ſeinen Platz in dem Senat einnehme, und er fühlte, daß das Haus Avenel wenigſtens eines Vertreters bedurfte. Indeß wußte er es einzuleiten, daß er die erſten paar Jahre ſeinen Intereſſen in Screwstown weit mehr Zeit widmen konnte als den Angelegenheiten des Landes, und der allzu⸗ großen Konkurrenz brach er dadurch ein Bein, daß er mit ſeinem Nebenbuhler in Compagnonſchaft trat. Nachdem ſich Dick in ſolcher Weiſe zu Screwstown ein Monopol geſichert hatte, kehrte er natürlich mit großem Eifer zu ſeinen früheren erleuchteten Anſichten über Freiheit des Verkehrs zurück. Er blieb einige Jahre im Parlament, und obſchon er zu ſchlau war, um als Redner ſich in's tiefe Waſſer zu wagen, wo er keinen Boden ſah, zeichnete er ſich doch durch Bloßſtellung der„Windmacherei“ eines gewiſſen wichtigen Comité's ſo ſehr aus, daß er den Ruf eines ſehr tüchtigen Geſchäftsmanns errang. Dies hatte zur Folge, daß er nachgerade bei allen Mitgliedern, die„auserleſene Comités“ beantragten, ſehr in Nachfrage kam und dadurch an Bedeutſamkeit gewann. Und Mrs. Avenel, der man jetzt mehr um ſeiner als um ihrer willen Berückſichtigung ſchenkte, erreichte den Wunſch ihres Herzens und wurde als eine anerkannte habituse in die faſhionablen Cirkel aufgenommen. Dick dagegen mußte die leidige Erfahrung machen, daß vor lauter Cirkeln die Hei⸗ math ihm ganz zu Grunde ging; denn wenn er Morgens um zwei Uhr todtmüde aus dem Unterhaus heimkehrte, mußte er ſtets mit Entſetzen vernehmen, daß ſich Mrs. Avenel noch immer auf einem Ball bei dieſer oder jener feinen Lady be⸗ ſinde. Darob entleidete ihm Parlament, vornehme Geſell⸗ ſchaft und London in einem Grade, daß er ſein jetzt ſehr be⸗ deutendes Kapital aus dem Geſchäfte zurückzog und die Ueber⸗ reſte von Squire Thornhills Beſitzungen ankaufte, und nun beſteht das Hauptziel ſeines Ehrgeizes darin, durch Schmei⸗ cheleien oder Eiſenfreſſerei alle die kleinen Freiſaßen in der umgegend, welche das Randal Leslie beſtimmte Eigenthum in Aker und Furlongen unter ſich getheilt haben, aus ihren winzigen Beſitzungen zu verdrängen. Er iſt ein trefflicher Friedensrichter, obſchon viel ſtrenger als gewöhnlich die Eigenthümer aus den alten Familien, und zeigt ſich als rühriger Landwirth, indem er, natürlich gegen gehörige Pro⸗ cente, alle nachhaltigen Verbeſſerungen des Bodens ermu⸗ thigt und durchführt, obſchon er furchtbar wird, wenn der Pachtzins nicht auf den Tag eingeht oder der geringſte Ver⸗ tragsbruch unbedacht auf einer Farm ſtattfindet, die er für eine höhere Rente an den Mann bringen kann. Er be⸗ ſchäftigt viele Hände in nutzbarer Arbeit, verlangt aber un⸗ erbittlich von allen ſeinen Abhängigen den größten Fleiß für den geringſten Lohn, welchen die Konkurrenz und die Armen⸗ ſtener möglich machen. Den Jungen und Kräftigen in der 2154 Umgegend fehlt es nie an Beſchäftigung, während die Alten und Breſthaften als verbrauchtes Gerumpel in dem Armen⸗ haus untergebracht werden. Richard Avenel ſtellt ſich ſelbſt als Muſter für die alte Race der Landwirthe auf und iſt im Ganzen kein gar übles Pröbchen der ländlichen Civiliſirer, welche der verſtändigen Anwendung von Kapital in der neuen ihren Aufſchwung verdanken. Aus den Trümmern von Egertons Vermögen konnte Harley unter dem Beiſtand ſeines geſchäftserfahrenen Vaters für den einzigen Sohn und Erben des Staatsmanns nicht viel weiter retten als einige tauſend Pfunde, und ohne die Wech⸗ ſel und Schuldſcheine, welche er in ſeinem Verlangen nach Rache von Levy aufgekauft und ſpäter in's Feuer geworfen hatte— ein theurer Preis für jene abſcheuliche Pfeife— wäre nicht einmal dieſer Ueberſchuß herausgekommen. Harley bezahlte aus ſeinem eigenen Vermögen die fünf⸗ tauſend Pfunde, welche Egerton Leslie vermacht hatte. Vielleicht wollte er nach Erfüllung der ſtrengen Pflicht, die falſchen Winkelzüge des Ränkeſchmieds bloßzuſtellen, gerne ſelbſt dem Opfer, welches ſein Schickſal ſo wohl verdient hatte, einen Erſatz bieten, und es machte ihm ein wenn auch wehmüthiges Vergnügen, der feierlichen Bitte des Freun⸗ des zu entſprechen, deſſen Verfehlung in der reuigen Erin⸗ nerung an die eigenen Racheplane gänzlich in Vergeſſenheit gekommen war. Leonards Geburt und Identität ließ ſich leicht erweiſen, und Niemand trat auf, ihm ſeine Rechte ſtreitig zu machen. Was ihm noch von ſeines Vaters Hinterlaſſenſchaft zufiel, 2155 nebſt der Summe, welche ihm Avenel zuletzt für das Patent auf ſeine Erfindung zahlte, und der Morgengabe, mit wel⸗ cher Harley ſeine Mündel auszuſtatten ſich nicht nehmen ließ, ſicherte ihm jenes glückliche Auskommen⸗ das den Sorgen der Armuth vorbengt und in gleicher Weiſe den Prunk und die Verantwortlichkeit des Reichthums, welche für einen be⸗ ſchaulichen Geſchmack und eine eingezogene Lebensart oft weit läſtiger ſind, unzuläſſig macht. Der Tod des Vaters ließ in Leonards Geiſt einen tiefen Eindruck zurück; aber die Ent⸗ deckung, daß er ſeine Geburt einem Staatsmann von ſo großem Rufe und einer ſo anſehnlichen Stellung in der Ge⸗ ſellſchaft verdankte, trug nicht dazu bei, den Ehrgeiz zu be⸗ kräftigen, welcher ihn für eine kleine Weile ſeinem ruhigen Streben abgezogen hatte, da er im Gegentheil denſelben eher zum Schweigen brachte. Er brauchte nicht länger einen Rang zu gewinnen, der ihn Helen gleichſtellte, und hatte teinen Vater mehr, deſſen Neigung ſich vielleicht am beſten durch die Einwirkung auf ſeinen Stolz erringen ließ. Die Erinnerungen an ſein früheres Landleben und ſeine Liebe für die Abgeſchiedenheit, in welcher die Gewohnheit den na⸗ türlichen Hang gekräftigt hatte, flößten ihm einen Wider⸗ willen ein gegen das, was einem weltlicheren Sinn als das beneidenswerthe Glück eines Namens erſchienen wäre, wel⸗ cher als Schlüſſel galt zu den höchſten Kreiſen unſerer geſell⸗ ſchaftlichen Welt. Er bedurfte dieſes Namens nicht, um ſich auf dem Pfad zu einem Range fortzuhelfen, der dauer⸗ hafter iſt als jeder, welchen die Könige verleihen können. Auch behielt er in den Werken, welche er veröffentlicht hatte, 2156 den von ihm ſelbſt erfundenen Namen, der ſich an das Ge⸗ dächtniß der niedriggeborenen Mutter anknüpfte, bei und wollte ihn ſelbſt bei den ſpäteren ehrgeizigeren Schriften nicht fallen laſſen, die er jetzt, nun ihm Muße und ein ſorgen⸗ freies Auskommen lächelte, mit mehr Sorgfalt entwerfen und mit mehr Geduld ausführen konnte. Obgleich man ſich daher in den Salonen und Clubs nicht wenig wunderte über die Kunde von Egertons erſter nicht veröffentlichter Ehe und die Neugier rege war, was wohl der Sprößling dieſer Ver⸗ bindung anfangen werde— obwohl hochgeſtellte Männer ſich darauf gefaßt hielten, den Erben von dem bedeutſamen Ruhm des Staatsmanns willkommen zu heißen, und elegante Damen ihn einzuladen und in die Welt einzuführen gedach⸗ ten— ſtarben doch Verwunderung und Neugierde bald da⸗ hin; der Ruhm verlor ſich aus der Tagesgeſchichte und der Erbe wurde vergeſſen. Berühmte Politifer gleichen den Schauſpielern; kein Beifall iſt ſo lebhaft, als wenn ſie über die Bretter ſchreiten— kein Vergeſſen ſo vollſtändig, als wenn nach ihrem letzten Lebewohl der Vorhang fällt. Leonard ließ einen ſchönen Denkſtein auf Nora's Grab errichten, und auf dem Stein war das Wort Gattin einge⸗ graben, das ihr theures Gedächtniß rechtfertigte. Er fühlte die warme Umarmung von Nora's Mutter, die ſich jetzt nicht mehr ihres Enkels ſchämte, und ſogar der arme John merkte, daß eine geheime Kummerlaſt dem ernſten, ſtillen Her⸗ zen ſeines Weibes entnommen war. Auf Leonards Arm geſtützt betrachtete der alte Mann aufmerkſam Nora's Grab⸗ ſtein und murmelte:—„Egerton! Egerton! Leonora, die erſte Ich Far geſt Fra mei aber ein im ſehr meh Da mei We und kom her geſe in t von gen mit alte ſtar vie! ſie En Ge⸗ und ften en⸗ fen ſich ber und er⸗ ner nen nte da⸗ der den ber als 2157 erſte Gattin des ſehr ehrenwerthen Audley Egerton!“ Ha! Ich habe für ihn geſtimmt. Sie heirathete in die rechte Farbe. Iſt dies das Datum? So lange ſchon her, daß ſie geſtorben iſt? Ja, ja, ich vermiſſe ſie bitterlich. Aber die Frau ſagt, wir werden ſie jetzt bald wieder ſehen; und ſie meinte einmal, wir würden ſie nie wieder ſehen— nie; aber ich wußte dies beſſer. Ich danke Euch, Sir. Ich bin ein armes Geſchöpf; aber dieſe Thränen thun nicht weh— im Gegentheil. Ich weiß nicht, wie es kömmt, aber ich bin ſehr glücklich. Wo iſt meine Alte? Sie macht ſich jetzt nichts mehr daraus, wie viel ich auch von Nora rede. Oh, da iſt! Danke, Sir, unterthänig; aber ich will mich lieber auf meine Alte ſtützen— bin mehr daran gewöhnt; und— Weib, wann gehen wir zu Nora?“ Leonard hatte Mrs. Fairfield zu ihren Eltern gebracht, und Mrs. Avenel hieß ſie mit unerwarteter Innigkeit will⸗ kommen. Der Name auf Nora's Grab milderte das Mutter⸗ herz gegen die noch lebende Tochter. Wie der arme John geſagt hatte— jetzt konnte ſie ſprechen von Nora„ und in dieſem Geſpräch enthüllten ſie und das Kind, das ſo lang von ihr vernachläſſigt worden war, wie viel ſie mit einander gemein hatten. Als Leonard bald nach ſeiner Verheirathung mit Helen auf Reiſen ging, blieb Jane Fairfield bei dem alten Paar zurück, und nach dem Tode deſſelben— Beide ſtarben nur einen Tag nach einander— weigerte ſie ſich, vielleicht aus Stolz, wieder zu Leonard zu ziehen, obſchon ſie ihre Wohnung in ſeiner Nähe nahm, als er ſpäter in England ſeine Heimath gründete. Leonard war ein Jahr —————— 2158 im Ausland geblieben. Ein ruhiger Beobachter der verſchie⸗ denen Sitten und der geiſtigen Entwicklung lebender Racen — ein entzückter und denkender Forſcher in den Monumenten, welche die Todten wieder in's Leben rufen— breiteten ſich ſeine Erfahrungen über das Menſchengeſchlecht in der Stille weiter und weiter aus, und ſeine Auffaſſungen des Erhabe⸗ nen und Schönen verherrlichten ſich in ruhiger Kunſt unter dem ihnen heimiſchen Himmel. Nachdem er wieder in England angelangt war, kaufte er ſich in einer der ſchönſten Gegenden von Devonſhire ein kleines Haus, und begann daſelbſt geduldig ein Werk, in welchem er ſeinem Lande ſeine edelſten Gedanken in den ſchön— ſten Formen zu vermachen beabſichtigte. Manche Menſchen entwickeln ihre Ideen am beſten, wenn ſie ſich in beſtändiger Uebung erhalten; ihre Gedanken ſpringen bereits gewaffnet aus ihrem Gehirn und ſuchen gleich der fabelhaften Göttin beharrlich Theil zu nehmen an den Kriegen der Erdgebornen. Dies iſt vielleicht im Ganzen bei den kräftigſten und erhaben⸗ ſten Schriftſtellern der Fall; aber Leonard gehorte nicht in dieſe Klaſſe. Ruhe und heitere Anmuth waren die Haupt⸗ eigenthümlichkeiten ſeines Genius, die noch durch das innige Gefühl ſeines häuslichen Glücks erhöht wurden. Allein mit Helen an dem Ufer des murmelnden Fluſſes hinzuwan⸗ deln, mit ihr in's tiefe, ſtille Meer hinauszuſchauen und zu fühlen, daß ſeine Gedanken, auch die verſchwiegenſten, intni⸗ tiv von ihrer Liebe erfaßt und von jener durchſcheinenden Sympathie wiedergeſtrahlt wurden, nach welcher die Dich⸗ ter ſich ſo ſehr ſehnen, obſchon ſie dieſelben ſo ſelten finden hat kein Er der ihn ſeit lei ver ger Se wi ein me kel ihr ſie ſie At W n S ur U de ie⸗ cen en, ſch ille be⸗ ter fte ein in n⸗ en er net tin R⸗ in bt⸗ in n⸗ zu ti⸗ en 2159 — dies waren die Sabbathe ſeiner Seele, deren er für die Förderung ſeiner Arbeiten bedurfte; denn der Schriftſteller hat über andere Menſchen den Vortheil, daß ſeine Ruhe keine Unthätigkeit iſt. Er erfüllt ſeine Pflichten gegen die Erde und die Menſchen, wenn er ſie recht verſteht, durch an⸗ dere Eigenſchaften als die des Handelns, und wenn man ihn nicht im Kreis der offen Wirkenden ſieht, ſo benützt er ſeine Zeit zu Reifung eines geräuſchloſen Einfluſſes, welcher leitend oder erleuchtend, bilvend oder erhebend ſich Geltung verſchafft bei den raſtloſen Menſchen, deren edelſte Handlun⸗ gen nur die dienſtwilligen Folgen aus den Gedanken der Schriftſteller ſind. Nenne man daher den Dichter, welchen wir in die Mitte der Wechſelbilder des Lebens ſtellen, nicht einen Sybariten der literariſchen Muſe, wenn er, an Som⸗ merabenden mit Helen an ſeiner Seite gedankenvoll zurück⸗ kehrend, ſeine abgeſchiedene Heimath begrüßt, die ihm mit ihren Blumengewinden aus den einſamen Klippen, in welche ſie eingebettet iſt, entgegenlächelt. Obgleich ſchon lange ver⸗ heirathet, ſind ſie noch immer wie Liebende, und während ſie ſich einander zuwenden, leuchtet aus ihren ſprechenden Augen eine ſo innige Freude, ein ſo warmer Dank, daß die Welt mit ihren mannigfaltigen Zerſtreuungen und lärmenden Kämpfen ihrem Daſeyn ſo fern liegt und ſie mit denſelben nur durch das glückliche Band verflochten ſind, welches der Schriftſteller unſichtbar um die Herzen, die er rührt, und um die Seelen webt, die er begeiſtert. Nein! Charakter und Umſtände machten in gleicher Weiſe Leonard untauglich für den Kampf der mehr und mehr ſich häufenden literariſchen —.—.——— 2160 Demokratie, und führten ihn zu der Entwicklung der edleren und reineren Theile ſeines Weſens, wie auch zur allmäligen Unterdrückung der ſtürmiſcheren und ſtreitluſtigeren. Der Einfluß des glücklichen Lichts, unter welchem ſein Genius ſo ſtill und ruhig ſich entfaltete, machte ſich eher in der zar⸗ ten Harmonie der Farben als in der prächtigen Abwechs⸗ lung ihrer Glut bemerklich. Seine Beobachtung, die vor⸗ zugsweiſe Gegenſtänden von friedlicher Schönheit galt und ſich nicht durch rohe Sorgen und heftige Leidenſchaften ſtö⸗ ren ließ, gab ſeinen ſchöpferiſchen Kräften blos zur Belebung verwandter Bilder Anlaß, ſo daß der ganze Menſch nicht nur ein Dichter, ſondern ſozuſagen auch ein Gedicht war— eine lebende Idylle, welche jedem Rohr, das an dem Strom des Lebens ſeufzte und zitterte, einen Hirtengeſang entlockte. Und Helen paßte ſo trefflich zu einer ſolchen Natur und wußte ſo treu das ideale Daſeyn zu bewahren, das ihre Lebensluft iſt! Alle die kleinen Sorgen und Mühen des gewöhnlichen praktiſchen Lebens hat ſie in aller Stille ſich zugeeignet als die ſtärkere in den nothwendigen Haushaltungstugenden der Klugheit und Vorſorge, wie es ſtets bei der Gattin eines Dichters der Fall ſeyn ſollte. Wenn alſo des Mannes Ge⸗ nius die Heimath zu einem Tempel machte, ſo verlieh die Weisheit der Frau dieſem Tempel die Sicherheit einer Feſtung. Sie haben nur ein Kind— ein Mädchen, Nora mit Namen. Sie hat des Vaters ſeelenvolle Augen und das warme menſchenfreundliche Lächeln der Mutter. Morgens hilft ſie Helen in ihren ſtillen häuslichen Obliegenheiten und ſitzt Abends zu Leonards Füßen, während dieſer liest oder ———— 2161 ſchreibt. In jedem kleinen Kummer der Kindheit ſtiehlt ſie ſich an der Mutter Knie; aber bei jedem jugendlichen Impuls der Freude, bei jedem helleren Aufblitzen des fortſchreiten⸗ den Verſtandes eilt ſie an die Bruſt des Vaters. Süße Helen, du haſt ſie dies gelehrt, wie du ſelbſt in deinem kindlichen Leben die Schatten für dich nahmſt und dem Auge deines Gefährten nur das roſige Licht ließeſt! Doch hiemit ſoll das Bild von Helen nicht geſchloſſen ſeyn. Auch das Ideale kann ſeinen Zweck nur erfüllen durch die Verbindung mit dem Wirklichen. Selbſt in der Einſam⸗ keit hängt der Schriftſteller von ſeiner Mitwelt ab. Leonard hat endlich das Werk zu Ende gebracht, das die Luſt und die Arbeit ſo vieler Jahre war— das Werk⸗ welches er für die Blüte ſeiner geiſtigen Weſenheit betrach⸗ tet und dem er alle die Hoffnungen vertraute, welche das Geſchöpf. von heute mit den Generationen der Zukunft in Verbindung bringen. Die Arbeit iſt im Druck erſchienen; mit der unermüdlichen Geduld des Künſtlers hat er über jeder Zeile gezögert und den geformten Gedanken nicht aus den Händen gelaſſen, ſo lang der Meißel noch einen ver⸗ beſſernden Zug anbringen konnte. Er hat eine Einladung von Norreys angenommen, und in unruhiger Aufregung, wie er ſie ſeit ſeinem erſten glücklichen jungfräulichen Ver⸗ ſuche nicht mehr fühlte, iſt er nach London geeilt. Uner⸗ kannt in der ungeheuren Hauptſtadt, drängt ihn die Begier, zu erfahren, ob die Welt das neue Band anerkennt, das er zwiſchen ihrem rührigen Treiben und ſeiner abgeſchiedenen Thätigkeit gewoben hat. Und das Werk erſchien zu einer Bulwer, meine Novelle. 136 2162 ungünſtigen Stunde. Andere Dinge beſchäftigten die Oeffent⸗ lichkeit; die Welt hatte nicht Zeit, auf ihn zu achten, und das Buch drang nicht in die großen Kreiſe der Leſer. Aber ein wilder Recenſent iſt darüber hergefallen und hat es ver⸗ ſtümmelt, verzerrt und entſtellt, indem er Schönes und Man⸗ gelhaftes in einen Guß ſpottenden Lächerlichmachens zu⸗ ſammenſchmolz. Und die Schönheiten haben noch keinen Ausleger, die Mängel noch keinen Vertheidiger gefunden; und der Buchhändler ſchüttelt den Kopf, deutet auf die ächzenden Simſe und gibt mit Zartheit zu verſtehen, daß das Werk, welches der Inbegriff des geheiligten Lebens im Le⸗ ben ſeyn ſollte, den Geſchmack des Tages nicht getroffen habe. Leonard denkt an die Jahre, welche ſeine ſtille Arbeit ihn koſtete, und fühlt, daß er die reichſten Minen ſeines Gei⸗ ſtes erſchöpft hat. Er weiß, daß lange Jahre entſchwin⸗ den müſſen, eh' er das Ideenkapital erſetzen kann, welches nöthig iſt, um neue Schachte abzuteufen und friſches Erz zu Tag zu fördern. Ob der Vereitelung ſeines höchſten Ziels hat ihn tiefer Kleinmuth ergriffen; denn alle ſeine früheren Leiſtungen ſind mit inbegriffen in dem Fehlſchlagen des letz⸗ ten krönenden Erfolgs. Sein ganzer Ehrgeiz als Schtift⸗ ſteller erſcheint ihm unwiederbringlich als ein verfehltes Stre⸗ ben; ſein Wirken im Reich der Ideale kommt ihm wie ein werthloſer Traum vor, und das Antlitz des Idealen ſelbſt iſt für ihn getrübt. Sogar Norreys bemerkt unverhohlen, obſchon wohlmeinend, gegen ihn, daß vas Leben in einer Groß⸗ ſtadt ein weſentliches Bedürfniß ſey, wenn der Schriftſteller eine geſunde Anſchauung gewinnen wolle von den intellef⸗ *— t⸗ e⸗ in bſt n, ler 2163 zuellen Bedürfniſſen ſeiner Zeit. Denn jeder große Autor ſoll einem Bedürfniß ſeiner Generation entſprechen, indem er irgend ein Gefühl erweckt oder eine Wahrheit enthüllt; und da dieſer Grundſatz im Allgemeinen gut iſt, und die meiſten bedeutenden Schriftſteller in Hauptſtädten gelebt ha⸗ ben, ſo wagt es Leonard nicht, ſich an die Ausnahmen zu halten. Nur der Erfolg rechtfertigt ein Abweichen von der gewöhnlichen Regel, und mit der derben Mannhaftigkeit ſei⸗ nes Weſens, welches nicht das eines Dichters iſt, macht Nor⸗ reys die Schlußbemerkung:„Was iſt's auch? Ein Verſuch iſt mißglückt; paßt Euer Leben Eurem Genius an und ver⸗ ſucht es noch einmal.“ Noch einmal verſuchen! Ein leich⸗ ter Rath für einen Mann von ſtets bereiten Hülfsquellen und einem raſchen, kampfrüſtigen Geiſte; aber wie ſchwer — oh, wie ſchwer für Leonard!„Sein Leben ſeinem Genius anpaſſen!“— auf Beſchaulichkeit und Natur verzichten, um ſich in das Gewühl von Orfordſtreet zu werfen!— Mußte ein ſolches Leben den Genius nicht für immer verſcheuchen? Verwirrt und zaghaft, obſchon noch immer um Standhaf⸗ tigkeit ringend, kehrt er in ſeine Heimath zurück. Dort am Herd harrt ſeiner die Beſchwichtigerin; dort iſt die Stimme, welche ihm die ſchönſten Stellen vorſagt und ihm mit Zuver⸗ ſichtlichkeit künftigen Ruhm prophezeit; und allmälig wird die Umgebung wieder lächelnd unter dem Lächeln von Helen. Und die tiefe Ueberzeugung, daß der Himmel das menſchliche Glück über den Bereich weltlicher Mißachtung oder Lob⸗ ſprüche geſtellt hat, rinnt durch ſeine Adern und ſtellt ſeine heitere Ruhe wieder her. Und er fühlt, daß es die Aufgabe 136* 2164 des Geiſtes iſt, an ſich ſelbſt zu bilden und ſich zu vervoll⸗ tommnen— ſeine Töne in eine harmoniſche Muſik umzuwan⸗ deln, der man im Himmel horcht, wenn ſie auch auf Erden fein Echo weckt. Geſchieht dies, wie bei einigen Menſchen, am beſten im Lärm und Streit, ſo ſey es darum; geſchieht es, wie bei ihm, am beſten in der Stille— auch gut. Und am anderen Tag ſitzt er wieder mit Helen am Geſtade des Meeres und blickt wie früher ruhig auf den endloſen ſonnigen Ocean hinaus. Und Helen blickt in ſein Antlitz und ſieht, daß es ebenſo ſonnig iſt wie die tiefe See. Seine Hand ſtiehlt ſich in die ihrige voll Dankes, der inniger iſt als die Gewalt der Leidenſchaft, und er murmelt leiſe:„Segen über das Weib, das tröſtet.“ Das Werk fand endlich ſeinen Weg zum Ruhm, und der Ruhm ſandte ſeine Stimmen laut in die Heimath des Dichters. Aber der Beifall der Welt klang ſeinem Ohr lange nicht ſo ſüß und ſtärkend wie die Worte, welche Helens Lippen ihm zuflüſterten, als Zweifel, Demüthigung und Trauer ihn niederdrückten:„Hoffe! und glaube.“ Seite an Seite mit dieſem Bild des Weibes als Trö⸗ ſterin möge hier eine verwandte Skizze ſtehen. Harley L Es⸗ trange hatte ſich bald nach ſeiner Vermählung mit Violante — ſey es durch die Zureden ſeiner jungen Gattin, oder weil er die Schatten zerſtreuen wollte, welche nach Egertons Tod noch immer ſein ehliches Glück umwölkten— bewegen laſ⸗ ſen, eine zeitweilige halb ſtaatsmänniſche, halb militäriſche Sendung nach einer der engliſchen Colonien zu übernehmen. In Erfüllung ſeines Auftrags bekundete er ſo viel Fähigkeit, unt Rü che zeic ſon wo er der ger nie un de br un n, ht 2¹65 und der Erfolg war ſo ausgezeichnet, daß er nach ſeiner Rückkehr in die Heimath zur Peerswürde erhoben wurde. Sein Vater erlebte alſo noch die Freude, daß der Sohn, wel⸗ cher ihm in ſeinen Ehren nachfolgen ſollte, die edlere Aus⸗ zeichnung errungen hatte, welche nicht durch die Geburt, ſondern durch Verdienſte erreicht wird. Man verſprach ſich Großes von Harley's parlamentariſchem Erfolg; aber er ſah wohl ein, daß derſelbe nur dann von Dauer ſeyn konnte, wenn er ſich auf mühſame Detailkenntniſſe und auf das Studium der Geſchäftspraris gründete, dem ſeine Talente allervings gewachſen waren, obſchon es ſeinem Geſchmack durchaus nicht zuſagte. Harley war ſo viele Jahre unthätig geweſen, und die Trägheit hat ſo viel Verlockendes für einen Mann, deſſen Rang geſichert iſt, der nicht nach Vermögen zu fragen braucht und der in ſeinem Heimweſen gegen keine Sorgen Zerſtreuung ſuchen muß, daß er in der Launenhaftigkeit ſei⸗ nes angenehmen Humors über den Ehrgeiz ſich luſtig machte und die Erwartungen, welche man ſich aus ſeinem diploma⸗ tiſchen Triumph gebildet hatte, bald dahinſtarben. Aber dann erſchien eine von jenen politiſchen Criſen, in welchen auch Männer, die ſonſt gleichgültig gegen Politik ſind, zu dem Bewußtſeyn erwachen, daß das Probiren in der Geſetzgebung nicht einer todten Materie, ſondern der lebendigen Form eines edlen Landes gilt. Und in beiden Häuſern des Par⸗ laments rüſteten ſich die Parteien. Es war ein ſchöner Früh⸗ lingstag, und Harley ſaß an dem Fenſter ſeines alten Zim⸗ mers zu Knightsbridge. Bald blickte er auf das friſche Grün der knoſpenden Bäume nieder, bald ſpielte er mit 2¹66 Nero, der trotz ſeines hohen Hundealters ſich doch der Sonne erfreut, wie ſein Herr— oder ſprach er, während er in ſei⸗ nem Liebling Horaz blätterte, einige von jenen Zeilen vor ſich hin, welche die ſtändige Moral des feinen Epikuräers in ſich faſſen, indem ſie die Kürze des Lebens zum Vorwand nehmen für den Genuß ſeiner Freuden und das Vermeiden ſeiner Mühen. Leiſe tritt Violante— oh, zu welcher herr⸗ lichen Schönheit iſt die jungfräuliche Knoſpe herangereift! — in's Zimmer, ſetzt ſich zu ſeiner Seite auf einen Schemel, ſtützt das Antlitz auf ihre Hände und blickt durch ihre ſchwar⸗ zen, klaren, geiſtvollen Augen zu ihm auf. Und wie ſie mit ihm ſpricht, fömmt allmälig ein Wechſel über ſeine Züge; ſeine Stirne wird gedankenvoll und ſeine Lippen verlieren ihr ſpielendes Lächeln. Da iſt nicht die häßliche Anmaßung des ſich überlegen dünkenden Weibes, keine förmliche Vorſtellung, keine Ehſtandspredigt, die den männlichen Stolz verletzt, ſon⸗ dern der bedeutſame Gegenſtand und die beredten Worte ge⸗ winnen unwillkürlich Erhabenheit, und der Horaz wird bei Seite gelegt. An ſeine Stelle tritt, wie durch ein Wunder herbeigeſchworen, ein parlamentariſches blaues Buch, und Violante will ſich jetzt eben ſo leiſe wieder entfernen, als ſie gekommen iſt. Harley's Hand hält ſie zurück. „Nicht doch. Nimm Theil an der Aufgabe, oder ich laſſe ſie fahren. Hier iſt ein Auszug, zu deſſen Abſchrift ich Dich verurtheile. Glaubſt Du, ich wolle dieſe Arbeit durchführen, ohne daß Dir die Hälfte des Erfolgs zukömmt? So nimm auch die Hälfte der Mühe auf Dich.“ Und überglücklich küßt Violante den leiſen Tadel weg, und Ark in! Zei traf Tal des köm heit wer einf Rul trãt durt eine begl Liel um zu geei nich ben Ga thei mit in( mei 2¹67 und iſt ſo geſetzt und ſo ſtolz, während ſie neben ihm an die Arbeit geht. Ich weiß nicht, ob Harley an jenem Morgen in dem blauen Buche große Fortſchritte machte; aber kurze Zeit nachher hielt er in dem Oberhaus eine Rede und über⸗ traf darin Alles, was ſeine ſanguiniſchſten Freunde von ſeinen Talenten ſich verſprochen hatten. Nachdem die Süßigkeit des Ruhms und das Bewußtſeyn, ſich nützlich machen zu können, einmal voll gekoſtet war, konnte man mit Sicher⸗ heit darauf zählen, daß Harley ſeine Beſtimmung erfüllen werde. Ein Jahr ſpäter, und ſeine Stimme war eine der einflußreichſten von England. Sein früherer Durſt nach Ruhm erwachte auf's Neue— jetzt nicht unbeſtimmt und träumeriſch, ſondern geadelt durch die Vaterlandsliebe und durch den Willen gekräftigt. Und als eines Abends nach einem ausgezeichneten Triumphe fein Vater ihn nach Hauſe begleitete, kam Violante, welche bei aller ihrer leuchtenden Liebenswürdigkeit in Abweſenheit ihres Herrn nie ausging, um unter Gecken und Schmeichlern die Würde des Namens zu erniedrigen, den ſie zu erheben ſtrebte— ihm entgegen⸗ geeilt. Harley's älteſter Sohn, welcher der Kinderſtube noch nicht entwachſen war, hatte länger als gewöhnlich aufblei⸗ ben müſſen— vielleicht weil Violante den Triumph des Gatten ahnte und den Wunſch hegte, daß der Knabe ihn theile. Der alte Graf winkte das Kind zu ſich und legte mit ungewöhnlichem Ernſt die Hand auf ſeine krauſen Locken. „Mein Knabe,“ ſagte er,„du magſt wohl trübe Zeiten in England erleben, bis dieſe Haare ſo grau ſind wie die meinigen, und es wird in Englands Ehre und Frieden viel 2168 für dich auf dem Spiele ſtehen. Achte auf dieſen Wink eines alten Mannes, der keine Talente beſitzt, um in der Welt Lärm zu machen, aber doch ſeinen Zeitgenoſſen von einigem Nutzen geweſen iſt. Weder hochtönende Titel, noch ausgedehnte Ländereien oder ſchöne Fähigkeiten können dir ein wirkliches Glück ſchaffen, wenn ſie dir nicht das Bewußtſeyn auflegen, daß du für ſie Gott und deinem Lande verantwortlich biſt; und fühlſt du dich zu glauben verſucht, daß die Gaben, welche du beiden verdankſt, keine Pflichten in ſich ſchließen, oder daß dieſe Pflichten im Widerſpruch ſtehen mit wahrem Vergnügen, ſo erinnere dich, wie ich dich in deines Vaters Hände gab und ſagte: Möge er eines Tages ſo ſtolz auf dich ſeyn, wie ich es in dieſer Stunde auf ihn bin.“ Der Knabe klammerte ſich an die Bruſt ſeines Vaters an und rief mannhaft:„Ich will's verſuchen!“ Und Harley beugte ſeine ſchöne glatte Stirne zu dem eifrigen Geſicht des Knaben nieder und ſagte mit ſanfter Stimme:„Deine Mut⸗ ter ſpricht aus dir!“ Dann erhob ſich die alte Gräfin, die ſchweigend in ihrem Armſeſſel zugehört hatte, und küßte ehrerbietig die Hand des Grafen. Vielleicht lag in dieſem Kuß das reuige Bewußtſeyn, wie weit die werkthätige Güte, die ſie oft im Geheim unter ihrem Werth angeſchlagen hatte, in den Früch⸗ ten, die ſie hervorgebracht, ihre eigenen kalten und unfrucht⸗ baren Willens⸗ und Geiſteskräfte übertraf. Als ſie darauf ſich Harley näherte, hob ſich ihr Haupt, und der Stolz kehrte in ihr Auge zurück. „Endlich,“ ſagte ſie und legte ihm jene leichte, feſte 2169 Hand, vor deren Berührung er nicht länger zurückwich, auf die Schulter—„endlich, o mein edler Sohn, haſt Du alle Verheißungen Deiner Jugend erfüllt „Wenn dies der Fall iſt,“ verſetzte Harley,„ſo liegt der Grund in dem Umſtande, daß ich gefunden habe, was ich damals vergeblich ſuchte.“ Er ſchlang ſeinen Arm um Violante und fügte mit halb zärtlichem, halb feierlichem Lächeln bei:„Segen über das Weib, das erhebt!“ In dieſen ſchönen Zwillingsblüten ſehen wir die Sym⸗ bole deſſen, was Eva aus dem Paradies für die Erde rettete. Beide bergen unter den Blättern, welche ihre ſüßen Düfte in die Luft ſtreuen, die Kraft, zu heilen oder zu kräftigen— hier das Herz zu beruhigen, wenn das Leben ſeine Mühſal bringt— dort die Seele zu verjüngen, wenn Trägheit oder Sinnlichkeit ſie entkräftet. Und ſo laſſen wir dem Weib wenigſtens den Platz, welchen ihm der Himmel anweist in den vielgeſtaltigen„Wechſelformen des Lebens“. Ein Lebewohl dir, mein freundlicher Leſer, und du, geh' hinaus in die Welt, o meine Novelle! Ende. Druck der J. B. Metzler'ſchen Buchdruckerei in Stuttgart. —— —— — 5