—— der Leſer zum Erſatz des Si verpflichtet. —— Leihoiivthet deutſcher, engliſcher und öſiſcher Literatur Eduard Ollmunn in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256 cLeih- und eſebedingungen. 1. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Zite eines geliehenen Buches wird von) jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen. müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen,, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2½ ABücher: 4 4 Bücher: 6 Bücher: —— auf 1 1 Monat:— Pf. F. 50 5 Pf 2 Mk.— Pf. 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſ endung der Bücher auf eihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſenel, und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. E. L. Bulwer's Aus dem Engliſchen. Einhundertneununddreißigſtes bis einhundert- vierundvierzigſtes Bändchen. Meine Novelle. Sechstes bis eilftes Bändchen. Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1853. Meine Movelle, oder Wechſelformen im engliſchen Leben, von Piſiſtratus Carton. Von Sir Edward Bulwer Lytton, Baronet. Aus dem Engliſchen von Dr. Carl Kolb. In ſiebenzehn Bändchen. Sechstes bis eilftes Bändchen. Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1853. Sechstes PBuch. — Einleitungs⸗Kapitel. „Das Leben,“ ſagte mein Vater in höchſt dogmati⸗ ſchem Tone,„iſt eine gewiſſe Dauer von Zeit, die auf zweierlei Weiſe betrachtet werden kann, erſtlich als etwas Ganzes, und zweitens in ihren Bruchtheilen. Das integrale Leben iſt jenes vollſtändige Ganze, der Ausdruck eines gewiſſen Werthes, ſey er nun groß oder klein, das Jedermann in ſich trägt. Das fraktionelle Leben iſt daſſelbe Ganze, von anderen ergriffen, aufgefaßt und unter ſie ver⸗ theilt. Die eine große Schnitte davon erwiſcht haben, ſagen: Ein ſehr werthvolles Leben dies! Andere, die ſich mit einer kleinen Handvoll begnügen mußten, meinen: So ſo; nichts ſehr Großes“ und wer bei der Katzbalgerei gar nichts abgefangen hat, ruft: So gut wie Nichts!“ „Ich verſtehe kein Wort von dem, was Du da ſagſt,“ brummte Kapitän Roland. Mein Vater warf ſeinem Bruder einen mitleidigen Blick zu— „So will ich es auch Deinem Verſtändniß klar machen. Wenn ich in meinem Studirzimmer ſitze, vor euch Allen die Thüre ſorgfältig abgeſchloſſen habe und allein bin mit meinen Büchern und meinen Gedanken, ſo erfreue ich mich des vollen Beſitzes meines integralen Lebens. Ich bin 680 totus, teres atque rotundus— ein ganzes Menſchenweſen, im Werth gleichbedeutend mit— wir wollen beiſpiels⸗ halber ſagen— der runden Summe von hundert Pfunden. Sobald ich aber in's gemeinſchaftliche Zimmer herauskomme, ſteckt Jedes, für das ich einigen Werth habe, ſeine Finger in den Sack, der mein Ich enthält, und nimmt von mir heraus, was es brauchen kann. Kitty verlangt von mir, ich ſoll eine Rechnung zahlen; dem Piſiſtratus ſoll ich die Zeit und die Mühe erſparen, etliche Dutzend Bücher durch⸗ zugehen; die Kinder wollen Mährchen hören oder mit mir Verſtecken ſpielen; die Karpfen erwarten von mir Brod⸗ krumen, und ſo geht es durch den ganzen Kreis, dem ich mich unvorſichtiger Weiſe zur Plünderung und Theilung preisgegeben habe. Die hundert Pfund, welche ich in mei⸗ nem Studirzimmer repräſentirte, gehen demnach in Brüche und gelten für Kitty vierzig oder fünfzig, für Piſiſtratus zwanzig und für die Karpfen gar nur dreißig Schillinge etwa. Dies iſt das Leben in ſeiner fraktionellen Bedeutung, und ich höre auf, etwas Integrales zu ſeyn, bis ich wieder in mein Studirzimmer zurückkehre und mit Ausnahme des eigenen jedes andere Leben ausſchließe. Zugleich erhellt hieraus vollkommen, daß ich, mag ich nun in meinem Studirſtübchen oder im allgemeinen Zimmer mich befinden, für diejenigen, die nichts aus mir herauskriegen, keinen Far⸗ thing werth bin, und es muß für einen Eingebornen von Kamtſchatka zum Beiſpiel ſehr gleichgültig ſeyn, ob aus dem großen Hauptbuch menſchlicher Weſen der Poſten Auſtin Carton geſtrichen wird, oder nicht. g⸗ es lit m r⸗ on us in 681 „Daraus folgere ich nun,“ fuhr mein Vater fort, „je mehr Bruchtheile ein Leben hat— id est, je mehr Per⸗ ſonen vorhanden ſind, die ſich in daſſelbe theilen— deſto mehr werden auch ſagen: Ein ſehr werthvolles Leben das“ So hat das Haupt einer politiſchen Partei, ein Eroberer⸗ ein König oder ein Schriftſteller, der Hunderte, Tanſende, oder wohl gar Millionen zu unterhalten weiß, eine größere Zahl von Menſchen, die ſein Werth intereſſirt oder angeht, als ein heiliger Simon Stylites, der ſich auf ſeiner Säule aufpflanzte, obgleich dieſer Simon für ſich betrachtet in der großartigen Kreuzigung ſeines Fleiſches und in der Vorſtel⸗ lung, daß er dadurch ſeinem göttlichen Wohlthäter gefalle, vielleicht eine größere Summe inneren ſittlichen Werthes repräſentirte, als Bonaparte oder Voltaire.“ Piſiſtratus.—„Vollkommen klar, Vater; aber ich ſehe nicht ein, was dies mit Meiner Novelle' zu ſchaffen hat.“ Mr. Carton.—„Alles. Deine Novelle, wenn ſie eine vollſtändige, umfaſſende Ueberſicht von dem Quicquid agunt homines ſeyn ſoll— und ich muß annehmen, daß Du eine ſolche zu geben beabſichtigſt, wenn ich anders aus der langſamen Entwickelung Deiner Geſchichte einen Schluß auf ihre Länge und Breite ziehen darf— wird die zwei Anſichten des Daſeyns, die integrale und die fraktionale in ſich ſchließen. Die erſtere haſt Du uns in Leonard gezeigt, als er in der Hütte ſeiner Mutter ſaß oder neben dem kleinen SpringquelbRiccabocca's Garten von ſeiner Arbeit aus⸗ ruhte. Und in Harmonie mit dieſer Betrachtung ſeines 682 Lebens umgabſt Du ihn mit vergleichenden Integralen, in die ſich nur die zarten Hände der in unmittelbarer Beziehung ſtehenden Familien und Nachbarn theilen— mit Deinen Squiren und Pfarrern, Deinem italieniſchen Flüchtling und ſeiner Jemima Bei allen dieſen zeigt ſich das Leben vor⸗ zugsweiſe als natürliches, das immer mehr oder weniger das integrale iſt. Dann kommt das künſtliche Leben, wel⸗ ches im Gegenſatz von dem erſteren mehr oder weniger frak⸗ tional genannt werden muß. In dem Naturleben, in das wir nur durch die in uns wohnenden Triebe und Begierden gezogen werden und das ſich blos dem großen ſtummen Ge⸗ ſetz der Tugend unterwirft— einem Geſetz, welches das All' durchdrang, ſeit es ſich dem Chaos entwand— hat der Menſch denjenigen Werth, welchen er in ſich ſelber trägt. Newton war eben ſo werthvoll, eh' der Apfel vom Baume fiel, wie zu der Zeit, als ganz Europa dem Erfinder des Ge⸗ ſetzes der Schwere ſeinen Beifall zollte. Aber in dem künſtlichen Leben beſitzen wir blos in ſofern einen Werth, als wir auf Andere einen Einfluß üben. Und mit Rückſicht auf dieſes Leben ſtieg Newton um mehr als eine Million Prozente, nachdem der fallende Apfel den Anſtoß zu ſeiner großen Entdeckung gegeben hatte. Um die Civiliſation im Gang zu erhalten und das Licht menſchlicher Erkenntniß über die ganze Welt zu verbreiten, ſind gewiſſe Begierden in unſer Inneres gelegt, die ſtets über die Ruhe und Unabhängig⸗ keit unſeres integralen Seyns hinauswachſen. Wie kalt Newton auch ſeyn mochte— denke nur, Kitty, der große Philoſoph nahm einmal die Hand einer Dame in die ſeinige P mn n, in hung einen und vor⸗ niger wel⸗ frak⸗ das rden Ge⸗ All' der ägt. ume Ge⸗ dem rth, ſicht lion iner im iber nſer gig⸗ kalt oße ige 683 und bediente ſich ihres Zeigefingers als eines Pfeifenſtoppers — wie kalt er auch ſeyn mochte, ſah er ſich doch gedrungen, ſeine Entdeckungen der Welt preiszugeben, und dies aus Beweggründen, die in ihrer Art nur wenig verſchieden wa⸗ ren von denen, welche den Doctor Squills veranlaſſen, in das phrenologiſche Journal Abhandlungen über den Schädel⸗ bau der Buſchmänner und des Wombat einzuſenden. Denn es iſt eine Eigenthümlichkeit des Lichts, ſich zu verbreiten. Wenn ein Menſch Licht in ſich hat, ſo muß es aus ihm heraus⸗ gehen. Allein das erſte Heraustreten des Genies aus ſeinem integralen Zuſtand, in welchem es gleichſam auf ſeinem eige⸗ nen Reichthum ruhte, in den fraktionalen, führt gewöhnlich auf harte und gemeine Pfade. Jene ſelbſtbetrachtende Ruhe, die man die eines Träumers nennen könnte, die Geſichte der Einbildungskraft bleiben zurück, und der Geiſt geht plötzlich in den Zuſtand über, den wir als den poſitiven, als den Zuſtand der That bezeichnen wollen. Er ſieht jetzt die Wirkungen des Geldes auf das äußere Leben, erkennt alle die roheren und gemeineren Triebfedern des Handelns und wird gewahr, daß es einen Ehrgeiz ohne Seelenadel, eine Liebe ohne Romantik gibt. Er wird umhergeworfen, commandirt, mit Füßen getreten und eingeſchüchtert— mit einem Worte, er beginnt ſeine Lehrjahre bei irgend einem Richard Avenel, ohne vorläufig zu entdecken, welches Gute und Große, ja, welche Zugabe ſogar zu der wahren Poeſie des geſellſchaftlichen Ganzen fraktionale Eriſtenzen, wie die eines Richard Avenel an die Hand zu geben ver⸗ mögen. Denn die Pfeiler, welche die Geſellſchaft ſtützen, — 684 gleichen denen des Vorhofs der hebräiſchen Bundeslade— ſie ſind allerdings von Erz, aber mit Silber ausgelegt. Aus dieſem Mittelzuſtand wird das Genie verdrängt und vor⸗ wärts getrieben auf ſeinem Wege, und es hätte in dieſem Falle auch ſo kommen müſſen, wenn Mrs. Fairfield, welche hier nur die im wahren Genie am ſtärkſten ſich ausprägende heimiſche natürliche Liebe vertritt— denn das Licht iſt warm— nie Mr. Avenels Moosroſe an ihren ſchweſter⸗ lichen Buſen gedrückt hätte. Aus dieſem Engpaß des Uebergangs in die große Welt muß das Genie hinaus und ſeiner natürlichen Beſtimmung unter Dingen und Formen der künſtlichſten Art entgegen ringen. Leidenſchaften, welche Einfluß üben auf die Welt und ſie in Thätigkeit ſetzen, ma⸗ chen ſich rings umher geltend. Es verliert oft ſich ſelbſt aus dem Auge, und eben dieſe Abweſenheit bildet einen ſtummen Gegenſatz zu dem Treiben ſeiner Umgebung. Ver⸗ ſenkt und verſchwunden für eine Weile in der praktiſchen Welt, fühlen doch wir alle, daß es noch da iſt und in dem ſchaffenden Gewühle ſelbſt fortwirkt. Dieſelbe praktiſche Welt, die nichts von ihm will, hob ſich empor aus einem an— deren Genie, das voran gegangen iſt, und ſo übt jeder ge⸗ niale Mann einen unvergänglichen Einfluß auf die ihn ver⸗ kennende, obſchon wir ihm nie in den Weg kommen, weil der Schauplatz ſeines Wirkens ferne liegt von dem geſchäftigen Markte. Das iſt Genie! Wir können es nicht in Büchern beſchreiben, ſondern nur Winke und Andeutungen darüber geben nach den Zuthaten, die wir künſtlich um daſſelbe aufhäufen. Der Eintritt eines ächten Lehrlings in die ſchr trit der hab eine dirz San faſſ lun die Leg Em zutr tric ſich träf Gle ſie und nich Rei faß die nur ſolc fah e— Aus vor⸗ eſem elche ende t iſt ſter⸗ des und men elche ma⸗ elbſt inen Ver⸗ chen dem iſche an⸗ ge⸗ ver⸗ der igen ern iber elbe die 685 ſchrecklichen Ordalien des praktiſchen Lebens gleicht dem Ein⸗ tritt in jene mirakelhafte Höhle, durch welche nach der Sage der heilige Patrick Irland bekehrte.“ Blanche.—„Was iſt dies für eine Sage? Ich habe nie von ihr gehört.“ Mr. Carton.—„Meine Liebe, Ihr werdet ſie in einem dünnen Folioband rechts vom Eingang meines Stu⸗ dirzimmers finden. Er führt den Titel Florilegium Insulae sanctorum' und hat einen Thomas Meſſingham zum Ver⸗ faſſer. Der darin gegebene Bericht wird durch die Erzäh⸗ lung eines ehrlichen Soldaten, Namens Louis Ennius, der die Höhle ſelbſt betrat, beſtätigt. Kurz, die Wahrheit der Legende iſt unläugbar, wenn Ihr nicht geradezu dieſen Ennius für einen Lügner erklären wollt, was ich Euch nicht zutraue. Die Geſchichte iſt folgende:— Als der heilige Pa⸗ trick fand, daß die iriſchen Heiden ſeinen pathetiſchen Ver⸗ ſicherungen von den Strafen und Martern, welche diejenigen träfen, die ihre Sünden nicht in dieſer Welt abbüßten, keinen Glauben ſchenken wollten, ſo betete er um ein Wunder, das ſie zur Ueberzeugung brächte. Sein Gebet wurde erhört und eine gewiſſe Höhle, die ſo klein war, daß ein Menſch nicht gemächlich darin aufrecht ſtehen konnte, plötzlich in einen Reinigungsort umgewandelt, der zur Genüge Qualen in ſich faßte, um auch den Ungläubigſten zu überführen. Wer die menſchliche Natur nicht kennt, möchte wohl glauben, daß nur Wenige ſich gefunden haben werden, die freiwillig einen ſolchen Platz betraten. Dem war nicht ſo, denn die Wall⸗ fahrer ſtrömten in Scharen heran. Aber alle, die aus ——— 2.i, v4 bloſer Neugierde und mit unvorbereiteten Seelen hinein⸗ gingen, erlitten einen kläglichen Tod, während diejenigen, welche mit tiefem ernſtem Glauben, im Bewußtſeyn ihrer Mängel und mit zwar kühnem, aber demüthigem Sinne die Höhle betraten, nicht nur geſund und wohlbehalten, ſon⸗ dern auch gereinigt wie durch das Waſſer einer zweiten Taufe wieder herauskamen. Betrachte man des Nachts Savage und Johnſon in Fleetſtreet— und wer wird dann an der Wahrheit von Sanct Patricks Fegefeuer zweifeln?“ Mein Vater ſchloß den Lucian, der offen vor ihm auf dem Tiſch lag, mit einem Seufzer, und wollte an dieſem Abend nur noch„gute Bücher“ leſen. Zweites Kapitel. Nachdem Leonard und ſeine Mutter der Haft, zu wel⸗ cher ſie Mr. Avenel verurtheilt hatte, entwiſcht waren, führte ſie ihr Weg nach einer kleinen Schenke, die in kurzer Entfernung von der Stadt an der Landſtraße lag. Leonard hatte den Arm um den Leib ſeiner Mutter geſchlungen und ſuchte, während er ſo ihre Schritte unterſtützte, ihre Auf⸗ regung zu beſchwichtigen In der That waren die Nerven der armen Frau ſehr erſchüttert, und ſie machte ſich bittere Vorwürfe, daß ſie durch ihre Aufdringlichkeit den weltlichen Ausſichten des Jünglings ſo ſehr geſchadet hatte. Der ſcharfſinnige Leſer hat wohl bereits errathen, daß der ſchändliche Keſſelflicker die Hauptveranlaſſung zu der 687 ſchlimmen Wendung war, die in dem Schickſal ſeines vor⸗ maligen Kunden ſtattfand; denn bei der Rückkehr nach ſeinen Tummelplätzen in der Nähe von Hazeldean und dem Caſino wußte er nichts eiliger zu thun, als Mrs. Fairfield von ſeiner Zuſammenkunft mit Leonard zu unterrichten. Als der peſtilentialiſche Landſtreicher bemerkte, ſie wiſſe nichts davon, daß ſich ihr Sohn unter dem Dache ſeines Onkels befand, gab er der Wittwe— vielleicht aus Haß gegen Mr. Avenel, vielleicht aber auch nur aus reiner Schaden⸗ freude, aus der metaphyſiſche Kritiker den Charakter Jago's erklären und die ſicherlich ein Hauptelement in Mr. Sprotts geiſtiger Organiſation ausmachte— eine ſo eindrucksvolle Beſchreibung von dem hochmüthigen Weſen ihres Bruders und der ſchönen Kleidung Leonards, daß Mrs. Fairfield von einer bittern unerträglichen Eiferſucht erfaßt wurde. Man hatte die Abſicht, ihr den Knaben zu rauben— er ſollte zu vornehm gemacht werden für ſie. Sein Schweigen war jetzt erklärlich. Dieſe Art von Eiferſucht, welche immer mehr oder weniger eine weibliche Eigenſchaft iſt, fin⸗ det ſich oft in großer Stärke bei den Armen, und bei Mrs. Fairfield entwickelte ſie ſich um ſo kräftiger, weil in ihrer Verlaſſenheit der Knabe ihr Alles geweſen war. Und ob⸗ ſchon ſie ſich darein gefügt hatte, ihn von ſich zu laſſen, konnte ſie ſich doch nicht an den Gedanken gewöhnen, daß ihr ſeine Liebe entzogen werden möchte. Außerdem hafteten in ihrer Seele gewiſſe Eindrücke von einem Anſpruch auf ganz beſondere, mehr als kindliche Dankbarkeit, die Leonard ihr ſchulde— Eindrücke, über deren Gerechtigkeit ſich ein Urtheil —————— 688 zu bilden der Leſer ſpäter beſſer befähigt ſeyn wird. Mit zü einem Worte, ſie wollte ſich, wie man zu ſagen pflegt,„nicht De ſo abſchütteln laſſen“ und faßte daher nach einer ſchlaf⸗ ge loſen Nacht den Entſchluß, ſich ſelbſt zu überzeugen. In e dieſem Vorhaben wurde ſie kräftig unterſtützt durch die bos⸗ haften Andeutungen des Mr. Sprott, der eine mächtige ſpr Freude ob dem Gedanken empfand, dem Gentleman, der ihn ſo reſpektwidrig mit der Tretmühle bedroht hatte, einen Ge Aerger zu bereiten. Die Wittwe hegte gegen den Pfarrer wã Dale ſowohl als gegen die Riccabocca einen Groll, weil ſie * meinte, daß ſie bei dem Komplott gegen ſie betheiligt ſeyen, m und die Folge davon war, daß ſie von ihrer Abſicht gegen ge Niemand etwas verlauten ließ, ſondern ganz in der Stille un ihre Reiſe antrat, die ſie zum Theil auf dem Dachſitz einer Kutſche, zum Theil zu Fuß zurücklegte. Kein Wunder alſo, daß die arme Frau ſehr ſtaubig war. der „Und, o Kind!“ ſagte ſie, halbſchluchzend,„als ich k durch das große Thor kam und auf dem Raſen dieſe ganze fu Laſt von vornehmen Leuten ſah— ſagte ich zu mir ſelber, niß p ſag' ich— denn das Herz ſank mir— ich will nur einen 7 Blick auf ihn thun und wieder umkehren. Aber ach, Lenny Lir — wie ich Dich zu Geſicht kriegte und Du ſo ſchön aus⸗ ſahſt— und als Du Dich umwandteſt und Mutter* riefſt, nů da hüpfte mir das Herz auf die Zunge und ich konnte nicht Ac anders— ich mußte Dich in meine Arme ſchließen, und der wenn's mich das Leben gekoſtet hätte. Und Du warſt ſo St gut, daß ich Alles vergaß, was Mr. Sprott von Dicks ſei Stolze geſagt hatte, oder vielmehr glaubte, er habe mich au 689 auch angelogen, wie er mich wegen Deiner anlügen wollte. Dann kam Dick herzu— ich hatte ihn ſo viele Jahre nicht geſehen— und wir ſtammen doch von den nämlichen Eltern her— und ſo— und ſo—“ Die Wittwe konnte vor Schluchzen nicht mehr weiter ſprechen. „Ach!“ fuhr ſie fort, nachdem ſie dem Sturm ihrer Gefühle in ſolcher Weiſe Luft gemacht hatte, und ſchlang, während ſie in dem mit Sand beſtreuten Gaſtſtübchen der Schenke ſaßen, ihre Arme um Leonards Hals—„ach, und ich habe jetzt dies über Dich gebracht. Kehr' um— geh' wieder zurück, mein Kind, und kümmere Dich nicht um mich.“ Nur mit Mühe konnte Leonard die arme Mrs. Fairfield beſchwichtigen und dazu bewegen, daß ſie ſich zu Bette legte, denn ſie war wirklich im höchſten Grade erſchöpft. Dann trat er gedankenvoll auf die Straße hinaus. Die Sterne funkelten ſo ſchön, und die Jugend pflegt in ihrer Bedräng⸗ niß inſtinktartig nach den Geſtirnen aufzuſchauen. Leonard kreuzte die Arme und betrachtete den Himmel, während ſeine Lippen leiſe vor ſich hinmurmelten. Aus dieſer Verzückung, wenn man ſie ſo nennen kann, wurde er durch eine Stimme mit entſchiedenem Londoner Accent geweckt. Er wandte ſich haſtig um und erkannte in dem Sprecher die gentlemaniſche Figur von Mr. Avenels Schenken. Leonards erſter Gedanke war, ſein Onkel habe ſein früheres Benehmen bereut und ihn durch dieſen Diener aufſuchen laſſen. Aber der Schenk ſchien über dieſe Be⸗ Bulwer, meine Novelle. 44 3 5 ———— 690 gegnung ebenſo überraſcht zu ſeyn, wie er ſelbſt. Beſagte hohe Perſon hatte in einem von Mr. Gunters Kellnern einen alten Freund entdeckt und war mit letzterem eben auf dem Weg nach dem Wirthshaus, wo die Londoner Hülfsdiener⸗ ſchaft Quartier genommen, begriffen, um daſelbſt nach vollbrachter Tagesmühe ſich bei einem belebenden Gläschen gütlich zu thun und nebenbei— was ſich von ſelbſt verſtund — über ſeine gegenwärtige„Situwazion“ zu ſchimpfen. „Mr. Fairfield!“ rief der Schenk, während der Kellner beſcheiden weiter ging. Leonard ſah ſich um und ſagte nichts. Der Schenk begann zu glauben, es dürfte wohl eine Entſchuldigung am Platze ſeyn, weil er das Silbergeſchirr und die Speiſe⸗ kammer im Stich gelaſſen hatte; um ſich daher Levnards be⸗ gütigenden Einfluß bei ſeinem Herrn zu ſichern, griff er an den Hut und ſagte: „Mit Erlaubniß, Sir, ich wollte nur Mr. Giles den Weg nach den blauen Glocken zeigen, wo er zu übernachten gedenkt. Ich hoffe, der Herr wird keinen Anſtoß daran neh⸗ men. Wollt Ihr wohl ſo gut ſeyn, Sir, mir dies zu be⸗ zeugen, wenn Ihr nach Hauſe kommt.“ „Ich habe nicht im Sinne zurückzukehren, Jarvis,“ verſetzte Leonard nach einer Pauſe.„Es kömmt zwar etwas plötzlich, aber ich verlaſſe Mr. Avenels Haus, um meine Mutter zu begleiten. Wenn Ihr mir einige von meinen Habſeligkeiten in die blauen Glocken herausbringen wolltet, ſo würde ich es Euch ſehr Dank wiſſen. Seyd ſo gut, mit — n N en en h⸗ be⸗ „ ine len ₰ tet, nit —— 691¹ ins Wirthshaus hereinzukommen; ich will Euch die Liſte aufzeichnen.“ Ohne auf eine Antwort zu warten, kehrte Leonard in die Schenke zurück und fertigte ſein beſcheidenes Inventar aus. Es umfaßte die Kleider, die er von dem Caſino mit⸗ gebracht hatte, den Reiſeſack, welcher ihnen zur Aufbewah⸗ rung diente, einige Bücher, Doctor Ricabveca's Uhr und verſchiedene Manuſkripte, auf die der junge Literat nun alle ſeine Glücks⸗ und Ruhmeshoffnungen baute. „Sir,“ ſagte der Schenk, das Papier zwiſchen Zeige⸗ finger und Daumen rollend,„Ihr geht doch hoffentlich nicht auf lange?“ Und als er dabei der Scene auf dem Raſen und des Gerüchtes davon, das auch ſein Ohr erreicht hatte, gedachte, ſah er dem jungen Mann, der immer„ſo höflich“ gegen ihn geweſen war, mit aller jener Neugierde und Theilnahme in's Geſicht, die eine ſo erlauchte und durch nichts anfechtbare Perſon in den Angelegenheiten einer weniger ariſtokratiſchen Familie, als die waren, welchen er bisher zu dienen ſich herabgelaſſen hatte, kund zu geben vermochte. „Ja,“ verſetzte Leonard kurz und einfach,„und Euer Herr wird ohne Zweifel Euch entſchuldigen, wenn Ihr mir dieſen Dienſt leiſtet.“ Mr. Jarvis verzichtete vrliufig auf ſein Glas und auf die Unterhaltung mit dem Kellner und kehrte unverweilt zu Mr. Avenel zurück. Dieſer Gentleman, der noch immer in ſeinem Bibliothekzimmer ſaß, hatte die Abweſenheit des Schenken nicht bemerkt, und als letzterer eintrat, ihm Nach⸗ 44* —.——— ——— 6 92 richt von ſeinem Zuſammentreffen mit Leonard und von deſſen Auftrag gab und die Erlaubniß zu Vollziehung der⸗ ſelben einholte, fühlte Mr. Avenel, daß das Auge des Die⸗ ners ſpähend auf ihm haftete. Dieſe vermeintliche neue Demüthigung ſeines Stolzes brachte ihn noch mehr gegen ſeinen Neffen auf, denn es war ärgerlich, über den Aufbruch des jungen Mannes zu ſchweigen, noch verdrießlicher aber, eine Erklärung zu geben. Nach einer kurzen Pauſe ſagte Mr. Avenel in unmuthi⸗ gem Tone— „Mein Neffe verreist auf einige Zeit wegen einer Ge⸗ ſchäftsangelegenheit— thut, wie er Euch geheißen hat.“ Mit dieſen Worten wandte er ihm den Rücken zu und zündete ſeine Cigarre an. „Dieſe Beſtie von einem Jungen,“ ſagte er im Selbſt⸗ geſpräch;„entweder ſoll dies ein Schimpf pder ein Erbieten zur Annäherung ſeyn. Im erſteren Fall hat er ſeinen Zweck gut erreicht, im anderen— nun dann wird er den Verſuch bald in achtungsvollerer und geeigneterer Weiſe wiederholen. Im Grunde kann ich nicht zu wenig Verwandte haben, bis mir Mrs. M'Catchley's Hand geſichert iſt. Eine Ehren⸗ werthe! Ich möchte doch wiſſen, ob ich dadurch nicht be⸗ rechtigt werde, dieſen Titel gleichfalls zu führen. Der verwünſchte Debrett gibt keine praktiſche Auskunft über ſolche Punkte. Am andern Morgen wurden die Uhr und die Kleider, mit welchen Mr. Avenel ſeinen Reffen beſchenkt hatte, zu⸗ rück geſchickt. Es lag ein Briefchen bei, das Dank aus⸗ ———— 5 693 drücken ſollte, ſicherlich aber mit ſehr wenig Weltkenntniß geſchrieben war, denn es enthielt einen treuen Ausdruck jenes etwas überempfindlichen Stolzes, der Leonard im frühe⸗ ren Leben veranlaßt hatte, aus Hazeldean zu fliehen und gegen Randal die ihm zugemuthete Abbitte entſchieden zu verweigern. Kein Wunder alſo, daß Mr. Avenelé letzte Gewiſſensbiſſe in ſeinem Zorn verdunſteten. „Ich hoffe, er wird verhungern!“ ſagte der Onkel rach⸗ ſüchtig. Drittes Kapitel. „Hört mich an, meine liebe Mutter,“ ſagte Leonard am andern Morgen, als er, ſeinen Reiſeſack auf der Schulter und Mrs. Fairfield am Arm, die Landſtraße dahintrabte. „Ich verſichere Euch aus dem Grunde meines Herzens, daß ich den Verluſt von Gunſtbezeugungen nicht beklage, die, wie ich jetzt ſehe, jedes Gefühl von Unabhängigkeit aus mir verdrängt haben würden. Doch ſeyd um meinetwillen unbeſorgt; es fehlt mir nicht an Erziehung und Thatkraft, und Ihr dürft überzeugt ſeyn, daß ich mich ordentlich fort⸗ bringen werde. Freilich kann ich nicht mit Euch nach der Hütte zurückkehren— kann nicht wieder Gärtner werden. Verlangt dies nicht von mir, denn eine ſolche Stellung würde mich unzufrieden und elend machen. Aber ich will nach London gehen! Dies iſt der Platz wo man Geld und einen Namen erwerben kann. Beides will ich erringen— 694 ja glaubt mir, es iſt mein feſter Wille, Ihr ſollt bald ſtolz ſeyn auf Euren Leonard, und dann wollen wir ſtets beiſam⸗ men leken, ohne uns je wieder zu trennen. So weint doch nicht!“ „Aber was kannſt Du in London thun— ſo ein großer Platz, Lenny?“ „Was ich thun kann? Verläßt nicht jedes Jahr irgend einer unſer Dorf, um ſein Glück zu ſuchen, ohne etwas ande⸗ res mitzunehmen, als Geſundheit und kräftige Hände? Bei⸗ des habe ich auch und noch mehr— ich habe Kopf, Ge⸗ vanken und Hoffnungen, die— nein, nein, ich ſage es noch einmal— ſeyd unbeſorgt um meinetwillen.“ Der Jüngling richtete ſtolz den Kopf auf; es lag etwas Erhabenes in dieſem jugendfriſchen Vertrauen auf die Zu⸗ kunft. „Gut; aber Du wirſt doch Mr. Dale ſchreiben— oder mir? Ich will Mr. Dale oder den guten Musje bitten, mir Deine Briefe vorzuleſen; denn ich weiß ja jetzt, daß ſie nicht gegen mich waren.“ „Ihr dürft Euch darauf verlaſſen.“ „Aber Du haſt nichts in Deinen Taſchen, mein Kind. Wir haben Dick ſein Geſchenk zurückgegeben; doch dies wenigſtens wird mir nach Bezahlung des Kutſchers noch bleiben.“ Und ſie wollte Leonard ein Golbſtück und einige Schil⸗ linge in die Weſtentaſche ſtecken. Er ſträubte ſich, mußte aber endlich das Geld annehmen. „s iſt ein Sirpenceſtück darunter mit einem Loch 5 695 darin. Gib dies nicht aus, Lenny; es wird Dir Glück bringen.“ Unter ſolchen Geſprächen erreichten ſie das Wirthshaus, wo die drei Straßen zuſammentrafen. Die eine davon führte unmittelbar nach dem Caſino. Sie traten nicht ein, ſondern ſetzten ſich unter einer Hecke auf den Raſen, um die in die Richtung von Hazeldean fahrende Kutſche zu erwarten. Mrs. Fairfield war ſehr niedergeſchlagen; es lag ihr augen⸗ ſcheinlich etwas auf dem Herzen, was ſie beunruhigte, und ihr Gewiſſen ſchien mit etwas im Kampf begriffen zu ſeyn. Sie machte ſich nicht nur Vorwürfe über ihren unbeſonnenen Beſuch, ſondern ſprach auch viel von ihrem verſtorbenen Mark. Und was mußte er von ihr denken, wenn er ſie nicht im Himmel ſehen konnte? „Es war ſo ſelbſtſüchtig von mir, Lenny.“ „Pah, pah! Hat nicht eine Mutter ein Recht an ihr Kind?“ „Ja wohl, ja wohl!“ rief Mrs. Fairfield.„Ich liebe Dich wie ein Kind— als mein eigenes Kind. Aber wenn ich am Ende doch nicht Deine Mutter wäre und Dich um alles Dies gebracht hätte— oh, was würdeſt Du dann von mir ſagen, Lenny?“ „Nicht meine Mutter?“ verſetzte Leonard lachend, in⸗ dem er ſie küßte.„Ich weiß in der That nicht, was ich dann Anderes ſagen könnte, als was ich jetzt ſage— daß Ihr, die Ihr mich erzogen, genährt und geliebt habt, ein Recht beſitzt an meine Heimath und an mein Herz, wo ich auch ſeyn möge.“ —————— — 696 „Gott ſegne Dich!“ rief Mrs. Fairfield, ihn an ihr Herz drückend.„Aber hier laſtet es ſchwer— oh, ſo ſchwer“ — fügte ſie bei und erhob ſich raſch von dem Raſen. In dieſem Augenblick wurde die Kutſche ſichtbar, und Leonard eilte ihr entgegen, um zu fragen, ob noch ein Außen⸗ platz frei ſey. Der Pferdewechſel hatte für eine Weile ein kleines Getümmel zur Folge, und Mrs. Fairfield wurde ſo⸗ dann auf das Dach des Wagens gehoben. Von einem wei⸗ teren Privatgeſpräch zwiſchen ihr und Lenny konnte alſo keine Rede mehr ſeyn; aber als die Kutſche dahin rollte, winkte die Wittwe dem Jüngling, ber am Wege ſtand und ihr nachſchaute, mit der Hand zu, während ſie noch immer vor ſich hinnurmelte:—„Es laſtet ſchwer— oh, ſo ſchwer!“ Viertes Kapitel. Leonard wanderte mannhaft auf der Straße nach der großen Stadt weiter. Der Tag war ſchön und ſonnig: nur ein leichtes Lüftchen wehte von den fernen grauen Ber⸗ gen her. Mit jeder Wegſtunde, die er zurücklegte, ſchien ſein Schritt feſter und ſeine Bruſt freier zu werden. Oh, wie glücklich fühlt ſich die Jugend, wenn ſie allein iſt mit ihren Tagträumen! Welches edle Feuer fühlt ſie nicht im Bewußtſeyn ihrer Kraft, obſchon die Welt vor ihr liegt, und zwar eine feindliche Welt. Entnommen dem erkältenden Zwang des Comptvirs und dem gebieteriſchen Willen eines ——— 697 Schützers und Herrn, freundlo zwar, aber unabhängig, glaubte unſer junger Abenteurer ein ganz neues Weſen zu ſeyn; er fühlte ſeine erhabene Natur als Mann. Und der Genius, der lang unterdrückte und bei Seite geſtoßene, brach wieder hervor bei dem erſten Hauch der Widerwärtigkeit;— um zu tröſten? Nein, der Mann bedurfte des Troſtes nicht, ſondern um zu zünden, zu beleben und zu erfreuen. Wenn es auf der Welt ein Weſen gibt, das uns, nachdem wir weiſe Ofenphiloſophen geworden ſind, als beneidenswerth erſcheinen mag, ſo iſt dieſes nicht der verbleichte Lüſtling oder der von Sorgen gedrückte Staatsmann— nicht einmal der Fürſt der Künſte und Wiſſenſchaften mit dem ſchon er⸗ rungenen Lorbeer, deſſen Blätter eben ſo gut Gift bergen, als ſie zum Kranze dienen, ſondern der junge Sohn der Abenteuerluſt und der Hoffnung. Ja, und je leerer die Börſe— ich wette Zehn gegen Eins— um ſo reicher iſt das Herz, um ſo umfaſſender ſind die Beſitzthümer, in denen ſeine Einbildungskraft ſchwelgt, während er mit königlichem Schritt der Zukunft entgegengeht. Erſt gegen Abend ermäßigte unſer Abenteurer ſeine Schritte und begann an Ruhe und Erfriſchung zu denken. Er erreichte eine Stelle, wo auf der einen Seite die Straße weiter führte, auf der anderen jene weiten Striche uneinge⸗ zäunten Landes lagen, die in England oft die Nähe eines Dorfes bezeichnen. Bald wurde er einiger reinlicher Hütten anſichtig, und dann kam eine kleine Meierei mit ihrem Hof und den Scheunen. In kurzer Entfernung ſah er ein Schild vor einem nicht unanſehnlichen Wirthshaus ſchwingen; es ———————— 698 war eines von denen, welche man als Zwiſchenſtation zwi⸗ ſchen zwei großen Städten findet und die deshalb gemeinig⸗ lich„Halbweghäuſer“ genannt werden. Das Wirthshaus ſtand jedoch von der Straße zurück und hatte vorn einen eigenen, geſonderten Raſenplatz mit einer hohen Buche, an welcher das Schild hing, und einer ländlichen Laube, ſo daß die Kutſchen, welche dort anhalten wollten, von der Haupt⸗ ſtraße eine Abbeugung machen mußten. Zwiſchen unſerem Wanderer und dem Wirthshaus ſtand kahl und einſam auf dem Gemeindegrund eine Kirche. Unſere Altvorderen wür⸗ den dieſe Lage nicht gewählt haben. Das Gotteshaus war aus der neueren Zeit, in modern gothiſchem Styl gebaut und nahm ſich hübſch aus für ein Auge, das nicht an die Erfor⸗ derniſſe kirchlicher Architektur gewohnt war, obſchon das Bauweſen einem Kenner barbariſch genug vorkommen mochte. Jedenfalls hatte die Kirche ein kaltes, ſchmuckloſes, unein⸗ ladendes Ausſehen und ſchien mehr als eine Schauſtellung errichtet worden zu ſeyn, da ſie viel zu groß war für das kleine Dörfchen mit ſeinen zerſtreut ſtehenden Wohnungen; auch gebrach es ihr an allen den ehrwürdigen Anknüpfungs⸗ vunkten, die den Gotteshäuſern, in welchen viele aufein⸗ ander folgende Geſchlechter gekniet und angebetet haben, jene eigenthümliche, unausſprechliche Atmoſphäre der An⸗ dacht verleihen. Leonard blieb ſtehen und betrachtete das Gebäude mit ſeinem ungeübten aber poetiſchen Auge. Der Eindruck auf ihn war kein angenehmer, und er machte ſich noch ſeine Ge⸗ danken darüber, als ein junges Mädchen langſam und mit 699 zur Erde geſenktem Blick an ihm vorbeiging, das kleine Pförtchen, das in den Kirchhof führte, öffnete, und hinter demſelben verſchwand. Er hatte das Geſicht des Kindes nicht geſehen, aber in den Bewegungen deſſelben ſprach ſich eine ſo vollſtändige Achtloſigkeit, Trauer und Verlaſſenheit aus, daß er ſich in tiefſter Seele ergriffen fühlte. Was that ſie da? Mit lautloſem Schritte näherte er ſich der niedrigen Mauer und blickte mit geſpannter Aufmerkſamkeit hinüber. Bei einem ſichtlich ganz friſchen Grabe, das nicht wie die übrigen mit Kreuz oder Denkſtein geziert war, hatte ſich die Kleine niedergeworfen und brach in ein lautes leiden⸗ ſchaftliches Schluchzen aus. Leonard öffnete gleichfalls das Pförtchen und näherte ſich ihr mit leiſen Tritten. Das Schluchzen des Mädchens wurde von einzelnen Ausrufen unterbrochen, die freilich ſo wirr und eitel waren, wie es alles menſchliche Grämen auf einem Grabe ſeyn muß. „Vater— o Vater! Hörſt Du mich denn gar nicht mehr? Ich bin ſo allein— ſo verlaſſen! Nimm mich zu Dir— nimm mich zu Dir!“ Und ſie verbarg ihr Antlitz in dem tiefen Graſe. „Armes Kind!“ ſagte Leonard in halbem Flüſtern. „Er iſt nicht hier. Blick' nach oben!“ Das Mädchen achtete nicht auf ihn. Er ſchlang ſeinen Arm ſanft um ihren Leib; ſie machte eine ungeduldige, un⸗ willige Geberde, wollte aber ihr Geſicht nicht umwenden und klammerte ſich mit beiden Händen an das Grab an. Nach klaren ſonnigen Tagen fällt der Thau ſtärker. 700 Die Sonne war jetzt hinunter; das Gras badete ſich in den Dünſten des Abends, und rings herum erhob ſich ein dichter Nebel. Der Jüngling ſetzte ſich an der Seite der Kleinen nieder und verſuchte ſie an ſeine Bruſt zu ziehen. Jetzt wandte ſie ſich haſtig und unwillig um und ſchob ihn mit eiferſüchtigen Armen bei Seite. Er entweihte das Grab! Seine tiefe Dichterſeele ließ ihn dies ſogleich erfaſſen, und er erhob ſich von dem Raſen. Jetzt trat eine Pauſe ein. Leonard war der Erſte, der ſie unterbrach. „Kommt mit mir, daß ich Euch nach Haus bringe. Wir wollen unterwegs von ihm reden.“ „Von ihm? Wer ſeyd Ihr? Habt Ihr ihn gekannt?“ entgegnete die Kleine, noch immer gereizt.„Geht nur fort— warum ſtört Ihr mich? Ich bringe hier Niemand Schaden. Geht— geht!“ „Aber Euch ſelbſt ſchadet Ihr, und dies wird ihn ſchmerzen, wenn er es von drüben ſieht. Kommt!“ Das Kind blickte durch die Thränen, die ſein Auge blen⸗ deten, auf, und das Antlitz des Fremden übte einen beruhi⸗ genden Einfluß. „Geht!“ ſagte ſie im Ton flehentlicher Bitte, obſchon mit erſtickten Lauten.„Ich will nur noch eine Minute bleiben. Ich— ich habe noch ſo viel zu ſagen.“ Leonard verließ den Kirchhof und wartete draußen. Nach einer Weile kam auch die Kleine heraus; ſie winkte ihm zurück, als er ſich ihr nähern wollte, und eilte von hinnen. Er folgte ihr in einiger Entfernung nach und ſah ſie in dem Wirthshaus verſchwinden. 701 Fünftes Kapitel. „Hip— hip— hurrah!“ Dies waren die Laute, die unſeren jungen Wanderer begrüßten, als er die Wirthshaus⸗ thüre erreichte— an ſich ein fröhlicher Klang, der aber einen traurigen Gegenſatz bildete zu den Gefühlen, welche das auf dem ſchmuckloſen Grabe ſchluchzende Kind in ſeiner Seele zurückgelaſſen hatte. Der Lärm kam aus dem Innern des Hauſes, und man hörte zugleich ein Trommeln auf den Tiſch, ein Stampfen mit den Füßen und Gläſergeklirr. Der Geruch qualmenden Tabaks kam Leonard entgegen. Er zögerte einen Augenblick an der Schwelle. Vor ihm auf Bänken unter der Buche und in der Laube ſaßen in Gruppen unterſchiedliche baumſtarke Geſtalten mit„Pfeifen in der freien Luft“. Die Wirthin, welche auf ihrem Weg nach dem Schenkverſchlag über die Flur kam, wurde des neuen Gaſtes unter der Thüre anſichtig und trat auf ihn zu. Leonard war noch immer unſchlüſſig. Wäre das Kind nicht geweſen, das ihm ſo lebhafte Theilnahme eingeflößt hatte, ſo würde er wohl weiter gegangen ſeyn. „Ihr ſcheint ein volles Haus zu haben, Ma'am,“ ſagte er.„Könnt Ihr mir für die Nacht ein Unterkommen geben?“ „Oh, freilich, Sir,“ verſetzte die Wirthin hoflich. „Ihr könnt ein Schlafzimmer haben, aber ich weiß in der That nicht, wo ich Euch in der Zwiſchenzeit hinthun ſoll. Die zwei Stuben, der Schenkverſchlag und die Küche— Alles iſt gepfropft voll. In der Nachbarſchaft iſt großer 702 Viehmarkt geweſen, und ich glaube, wir haben wohl fünfzig Farmer und Ochſentreiber im Hauſe.“ „Oh, was dies betrifft, ſo kann ich mich ja in dem Schlafſtübchen aufhalten, das Ihr mir anzubieten ſo gut waret. Und wenn es Euch nicht zu viel Mühe macht, ſo wäre es mir lieb, wenn Ihr mir etwas Thee dahin ſchaffen wolltet. Es hat übrigens keine Eile damit. Ich will Euch in keiner Weiſe läſtig fallen. Die Wirthin nahm dieſe Rückſicht für ſie, an die ſie bei ihren derberen Kunden nicht gewöhnt war, ſehr gnä⸗ dig auf. „Ihr ſeyd ſehr höflich, Sir, und wir wollen unſer Beſtes thun, um Euch zu bedienen, Ihr müßt eben Nachſicht mit uns haben. Hier herein, Sir. Leonard nahm ſeinen Reiſeſack vom Rücken, trat in die Hausflur, brach ſich mit einiger Schwierigkeit Bahn durch eine Gruppe von ſtämmigen Rieſen in Stulpſtiefeln oder Lederkamaſchen, die am Schenkverſchlag ein⸗ und ausſchwärm⸗ ten, und folgte der Wirthin die Treppen hinauf nach einem leinen Schlafſtübchen unter dem Dache. „Es iſt zwar klein und unter dem Dache, Sir,“ ſagte die Wirthin entſchuldigend.„Aber es ſind vier Herrenfarmer da, die weit her kommen und den ganzen erſten Stock für ſich in Anſpruch genommen haben. Hier ſeyd Ihr übrigens mehr von dem Lärm abgeſchieden.“ „Ich bin vollkommen zufrieden. Doch halt— ich bitte um Verzeihung—“ und Levnard, der nach dem Kleid ſeiner Wirthin blickte, bemerkte jetzt, daß ſie nicht in Trauer war. te ter ich ns tte ner gr. 703 „Ich ſah auf dem Kirchhof dort ein kleines Mädchen bitter⸗ lich weinen— iſt ſie eine Verwandte von Euch? Das arme Kind! Sie ſcheint tiefer zu fühlen, als es in ihrem Alter gemeiniglich der Fall iſt.“ „Ach, Sir,“ verſetzte die Wirthin, den Zipfel ihrer Schürze nach den Augen führend,„dies iſt eine traurige Geſchichte, in der ich mir nicht zu helfen weiß. Ihr Vater erkrankte auf dem Weg nach London, mußte hier abgeſetzt werden, und vor vier Tagen hat man ihn begraben. Und das arme kleine Mädchen ſcheint keine Verwandte zu haben — und wohin ſoll ſie jetzt gehen? Der Advokat Jones ſagt, wir müßten ſie in das Kirchſpiel Marybone ſchaffen, weil ihr Vater zuletzt dort gelebt hat; aber was ſoll dann aus ihr werden? Das Herz blutet mir, wenn ich daran denke.“ Doch jetzt erhob ſich von unten ein ſolcher Lärm, daß man daraus entnehmen konnte, es müſſe dort zu Händeln gekommen ſeyn. Hiedurch an ihre Pflicht gemahnt, eilte die Wirthin hinab, um ihren begütigenden Einfluß geltend zu machen. Leonard ſetzte ſich gedankenvoll an dem kleinen Gitter⸗ fenſter nieder. Es gab alſo ein ebenſo verlaſſenes Weſen in der Welt als er ſelbſt war. Und die arme Waiſe hatte kein kräftiges Männerherz, um den Kampf mit dem Schickſal zu beſtehen, keine goldenen Manuſkripte, die den Schätzen Aladdins gegenüber als„Seſam, thu' Dich auf“ dienen konnten. Im Lauf der Zeit brachte ihm die Wirthin ein Brett mit dem Theegeräth und anderen Erfriſchungen, und Leonard nahm ſeine Fragen wieder auf. „Keine Verwandte?“ ſagte er.„Das Kind muß doch in London Angehörige haben. Hat ihr Vater nichts darüber hinterlaſſen, oder war er nicht mehr bei zureichender Be⸗ ſinnung, um Auskunft geben zu können?“ „Oh, Sir, er blieb bis auf den letzten Augenblick bei Verſtand, und ich fragte ihn, ob er nichts auf dem Herzen habe. Er antwortete mit Ja, und als ich zu ihm ſagte: Wahrſcheinlich Euer Töchterlein? gab er mir abermals ein Ja zur Antwort, ließ den Kopf auf ſein Kiſſen ſinken und weinte ſtille vor ſich hin. Ich konnte nichts mehr zu ihm ſagen, denn es erbarmte mich in tiefſter Seele, ihn ſo weinen zu ſehen. Aber mein Mann iſt härter als ich, und er ſagte zu ihm: Seyd nicht ſo troſtlos, Mr. Digby. Meint Ihr nicht, es wäre beſſer, wenn Ihr an Eure Freunde ſchrei⸗ ben ließet?“ „Freunde?' ſagte der Gentleman— oh, und mit welch' einer Stimme. Ich habe nur einen einzigen Freund, und zu Dem gehe ich jetzt. Sie kann ich nicht zu ihm mit⸗ nehmen“ Dann ſchien er ſich plötzlich zu ſammeln, ließ ſich ſeine Kleider geben und kramte in allen Taſchen herum, als ob er eine Adreſſe ſuche, konnte aber keine finden. Er ſchien überhaupt ein ſehr vergeßlicher Gentleman zu ſeyn, und ſeine Hände waren von der Art, die ich hülfloſe Hände nenne. Und dann keuchte er heraus: Halt— halt! Ich habe die Adreſſe nie gehabt. Schreibt an Lord Les— etwas wie Lord Leſter— aber wir konnten nicht recht auf 705 den Namen kommen. Er ſprach ihn auch nicht ganz aus, denn es kam plötzlich ein Blutſturz, und obgleich er, als er ſich wieder erholte, bei Verſtand war— denn er erkannte uns und ſein Töchterlein, bis er lächelnd den Geiſt aus⸗ hauchte— konnte er doch keine Sylbe mehr ſprechen.“ „Der arme Mann,“ ſagte Leonard, die Augen wiſchend. „Aber die Kleine kennt doch vermuthlich den Namen, den er nicht zu Ende brachte?“ „Nein. Sie ſagt, er müſſe damit einen Gentleman gemeint haben, der ihnen vor nicht gar langer Zeit im Park begegnet ſey. Dieſer habe ſich gegen ihren Vater ſehr gütig erwieſen und ſey ein Lord oder ſo etwas; aber ſie kenne ſeinen Namen nicht und habe ihn bei jener Ge⸗ legenheit zum erſten und letzten Mal geſehen. Ihr Vater habe in der letzten Zeit über Niemand viel geſprochen und ſey der Meinung geweſen, er werde in Serewstown einige wohlmeinende Freunde finden, weshalb er mit ihr von Lon⸗ don aus dahin reiste. Sie meint übrigens, er müſſe ſich in ſeinen Erwartungen getäuſcht haben, denn nachdem er zu ihnen gegangen, kehrte er wieder zurück und ſagte ihr blos, ſie ſolle die Sachen zuſammenpacken, denn ſie müßten wieder nach London. Er war auf dem Weg dahin begriffen, als ihn der Tod ereilte. Bst! was war dies? Ich hoffe nicht, daß ſie uns gehört hat. Nein, wir ſprachen ja leiſe. Sie wohnt in dem Zimmer neben Euch, Sir. Iſt mir's doch, als habe ich ſie ſchluchzen hören. Bst!“ „In dem Zimmer nebenan? Ich höre nichts. Nun, wenn Ihr nichts dagegen habt, ſo möchte ich mit ihr reden, Bulwer, meine Novelle. 45 —————— ₰ 706 eh' ich von hier aufbreche. Und hatte ihr Vater kein Geld bei ſich?“ „Ja, einige Goldſtücke, Sir. Sie reichten zur Beer⸗ digung, und es iſt noch ein Bischen übrig— genug, um damit nach London zu kommen; denn mein Mann ſagte zu mir: Hannah, die Wittwe gab ihr Scherflein, und wir vürfen nicht das der Waiſe nehmen. Und mein Mann iſt dazu noch ein harter Mann, Sir— Gott verzeih's ihm!“ „Laßt mich Euch die Hand drücken, Ma'am. Gott möge es Euch Beiden lohnen.“ „Oh, Sir, ſagte ja auch der Doctor Doſewell, ob⸗ ſchon er ein ziemlich verdrießliches Geſicht dazu machte: Mit der Rechnung wollen wir's gut ſeyn laſſen, aber beſchickt mich ein andermal nicht wieder um ſechs Uhr Morgens, wenn Ihr Eure Leute nicht ein Bischen beſſer kennt. Und ich habe nie zuvor gehört, daß der Doetor einmal vom Platz gegangen wäre ohne Bezahlung ſeiner Rechnung. Er ſagte, es ſey ein Spitzbubenſtreich geweſen von dem anderen Doctor, der ihn habe verhöhnen wollen. „Von welchem anderen Doctor?“ „Oh, er war ein ſehr guter Herr. Er verließ auch den Wagen, als Mr. Digby ſein Blutſpeien kriegte, und blieb bei ihm bis zum anderen Morgen. Und unſer Doector ſagt, er heiße Morgan, wohne in London und ſey ein Homi— ſo etwas.“ „Homieide?““ meinte Leonard unſchuldig. * Menſchenwürger. Das Wortſpiel iſt im Deutſchen nicht zu geben. ir 1 b⸗ tit ckt nn ich atz te, or, en eb t, c „Homicide— ſo klang's wohl ungefähr, aber nur ein Bischen länger und ärger. Er ließ einige von den winzigſten kleinen Kügelchen zurück, die Ihr nun ſehen könnt, Sir; und ſagte, man ſolle ſie dem Kind geben. Aber, behüte Gott, ſie haben nichts genützt— wie hätten ſie auch können?“ „Winzige Kügelchen? Oh— ein Homöopath— ich verſtehe. Und der Doctor war freundlich gegen ſie; vielleicht iſt er im Stande, ihr zu helfen. Habt Ihr ihm ge⸗ ſchrieben?“ „Wir wiſſen ſeine Adreſſe nicht, und London iſt ein ungeheuer großer Platz, Sir.“ „Ich gehe nach London und will ſie ſchon ausfindig machen.“ „Ach, Sir, Ihr ſcheint ſehr theilnehmend zu ſeyn, und wenn ſie doch nach London muß— denn was können wir hier mit ihr anfangen? ſie iſt zu vornehm für einen Dienſt— ſo wäre mir's am liebſten, ſie ginge mit Euch. „Mit mir?“ verſetzte Leonard betroffen.„Mit mir! Doch ja— warum nicht?“ „Ich bin überzeugt, ſie iſt von gutem Blute da, Sir. Hättet Ihr nur ihren Vater können ſterben ſehen; Ihr wür⸗ det geſagt haben, er ſey ganz ein Gentleman. Er ſchied dahin ſo ſanft und höflich, als ſchäme er ſich, daß er ſo viel Ungelegenheit verurſache. Ja, ganz ein Gentleman, wie es nur je einen gab. Und Ihr ſeyd auch einer, Sir, natür⸗ lich,“ fügte die Wirthin mit einem Knixe bei.„Oh, ich ver⸗ ſtehe mich wohl auf die vornehmen Leute. Ich bin in dieſer Grafſchaft Haushälterin geweſen bei einer der erſten 45* 708 Familien, Sir, obſchon ich nicht ſagen kann, daß ich in London gedient hätte. Und da die vornehmen Leute alle einander kennen, ſo zweifle ich nicht daran⸗ daß Ihr ihre Verwandten ausfindig machen werdet. Ach, Du mein Himmel, ich komme— ich komme ſchon!“ Es wurde unten nach der Wirthin gerufen, und ſie eilte fort. Die Farmer und Ochſentreiber waren im Be⸗ griff, aufzubrechen; es handelte ſich alſo um Berechnung und Zahlung der Zeche. Leonard ſah ſeine Wirthin an dieſem Abend nicht mehr. Das letzte„Hip— hip— Hur⸗ rah!“ erſcholl— ein Toaſt vielleicht auf die Geſundheit der Parlamentsmitglieder für die Grafſchaft— und unter dem Lärm klirrte das Fenſter in dem Kammerſtübchen, das neben Leonards Schlafgemach lag. Allmälig verſtummte unten das mißtönige Getöſe. Die Kutſchen und Wägelchen raſſel⸗ ten weiter; der Hufſchlag der Pferde erſtarb in der Ferne, und man hörte von unten nichts mehr, als die einförmigen Töne des Abſchließens, Fußtritte von Menſchen, welche die Treppe heraufkamen, um ihr Nachtlager zu ſuchen, und gelegentlich ein trunkenes Schluchzen oder weinſeliges Lachen, wenn irgend ein im Kampfe erlegener Bacchusſohn von ſeinen Kameraden nach ſeinem Lager geſchafft werden mußte. Endlich war Alles ſtill, und von der nahen Kirche ver⸗ fündigte die Uhr die eilfte Stunde. Leonard hatte inzwiſchen ſeine Manuſkripte durchge⸗ blättert. Das erſte enthielt einen Vorſchlag zu Verbeſſe⸗ rung der Dampfmaſchine— ein Gedanke, mit dem er ſich lang beſchäftigt hatte, ſeit er aus den Traktätchen des Keſſel⸗ ſſe⸗ ſich ſel⸗ 709 flickers eine Vorſtellung über den dabei ſtattfindenden Me⸗ chanismus gewonnen. Er legte dieſe Blätter bei Seite, da ihre Prüfung für den Augenblick eine zu große geiſtige An⸗ ſtrengung forderte, und nahm dann eine Sammlung von Aufſätzen über verſchiedene Gegenſtände zur Hand, die ihm jetzt zum Theil unbedeutend, zum Theil aber auch gelungen vorkamen. Länger verweilte er bei einem Heft von Ge⸗ vichten, die er mit liebender Sorgfalt in's Reine geſchrieben hatte— Verſe, welche ihm durch die erſte Lektüre von Nora's wehmüthigem Nachlaß eingehaucht worden waren. Dieſe Gedichte konnten als ein Tagebuch ſeines Herzens und ſeiner Phantaſie betrachtet werden und waren der Ausdruck jener zeugenloſen Kämpfe, denen die Jugend aller gedanken⸗ vollen Naturen in ihren, der Klarheit nach einem Gewitter⸗ himmel mit ſeinen Blitzen vergleichbaren Stürmen unter⸗ worfen iſt, obſchon nur wenige Jünglinge ſich dabei auf⸗ halten, um nachdenkſam die Kriſis zu beobachten, aus wel⸗ cher langſam der Mann hervorgeht. Und dieſes erſte unſtete Ringen mit den flüchtigen, luftigen Bildern, welche durch die dunkeln Kammern des Gehirns zucken, waren mit jeder neuen Anſtrengung klarer und kräftiger geworden, bis um die Geſichte ſich ein Bann ſchlang, der ihr Enteilen hinderte, das Weſenloſe faßte und in eine Form kleidete. Als Leonard ſeinen letzten Verſuch überlas, fühlte er, daß in demſelben endlich der Dichter ſich ausſprach. Es war ein Werk, das, obſchon erſt halb vollendet, aus einer kräftigen Hand kam: nicht jener auf bewegten Wellen zitternde Schatten, der nur der verblaßte Wiederſchein, die ſchwächliche Nachbildung 7¹⁰ eines weit aus dem Bereich liegenden glänzenden Geiſtes iſt, ſondern eine originelle Weſenhaftigkeit— ein Leben— ein Gebild wahrer ſchöpferiſcher Kraft, das bereits den Hauch zurückathmete, den es empfangen hat. Die Arbeit daran war während Leonards Aufenthalt in Mr. Avenels Hauſe eingeſtellt worden, oder hatte doch nur hin und wieder in nächtlichen Stunden verſtohlen einen weitern Strich erhalten. Jetzt las er ſie mit friſchem Auge und mit jener eigenthüm⸗ lichen unſchuldigen Bewunderung, nicht ſeiner ſelbſt—(denn die Arbeit eines Mannes iſt leider nicht ſein Ich, wohl aber die glorreiche, idealiſirte Eſſenz, die, ohne daß er weiß, wie es zuging, aus ſeinen menſchlichen Erdelementen ausgezogen wurde)— ſondern jener Bewunderung⸗ die nur dem Dichter bekannt iſt, ihm das reinſte Entzücken gewährt und oft ſeinen einzigen Lohn ausmacht. Und dann enteilte mit einem wärmeren und irdiſcheren Schlag des Herzens ſeine Phantaſie nach der großen Stadt, wo alle Ströme des Ruhms zuſammenfließen, aber nicht um ſich zu verlieren und unterzugehen, ſondern individualiſirt und geſondert wieder hervorzubrechen und ſich über den Einen ungeheuern Ge⸗ danken Gottes zu ergießen, den man die Welt nennt. Er legte ſeine Papiere zuſammen und öffnete, wie er es gewöhnlich vor dem Schlafengehen zu thun pflegte, ſein Fenſter; denn Leonard hatte allerlei ſeltſame Gewohnheiten und liebte es namentlich, wenn er betete, in die Nacht hinauszuſchauen. Seine Seele ſchien ſich von des Leibes Banden abzulöſen, in die Luft aufzuſteigen und ſchneller den Thron des Unendlichen zu erreichen, wenn ſein Hauch hin⸗ —— aus Hit dar ſchl zog ber Al im die ter nit ine ind der He⸗ er ſein iten acht ibes den hin⸗ 711 auswehte in die Winde und ſein Auge auf den Sternen des Himmels ruhte. So betete der Jüngling ſchweigend, und nachdem er damit fertig war, wollte er eben langſam das Fenſter ſchließen, als er deutlich in der Nähe ſchluchzen hörte. Er zögerte und hielt den Athem an; dann ſah er hinaus und bemerkte, daß das Fenſter neben dem ſeinigen offen ſtand. Alſo auch dort war Jemand wach und vielleicht gleichfalls im Gebet begriffen. Er lauſchte achtſamer und vernahm die in weichem leiſem Tone geſprochenen Worte:„Vater— Vater— hörſt Du mich jetzt?“ Sechstes Kapitel. Levnard öffnete ſeine Thüre und ſchlich ſich an die des anſtoßenden Gemachs, denn es drängte ihn, dort einzutreten und Troſt zu bringen. Aber ſeine Hand hatte kaum die Klinke berührt, als er ſie wieder zurückzog. Die Trauernde war zwar nur ein Kind, aber ihr Geſchlecht viente ihr gegen Aufdringlichkeit zu einem noch wirkſameren Schutze, als ihr Kummer. Ein Etwas, über das er ſich in ſeiner jugend⸗ lichen Unwiſſenheit keine Rechenſchaft zu geben vermochte, hielt ihn von der Schwelle zurück. Es däuchte ihm eine Entweihung, wenn er ſie überſchritt. Er kehrte alſo wieder um und hörte noch ſtundenlang gelegentlich dieſes Schluch⸗ zen, bis es endlich erſtarb und die Kleine ſich in Schlaf geweint hatte. ————— ——————— —.—————— ————————— 71²2 Als er jedoch am anderen Morgen hörie, daß ſeine Nachbarin auf war, klopfte er ſanft an ihre Thüre. Keine Antwort. Er trat leiſe ein und ſah, daß ſie wie betäubt mitten im Zimmer ſaß, als habe es keine trauliche Ecken oder Winkelchen, wie die Gemächer der Heimath; ihre Hände lagen auf ihrem Schooß und ihr Blick haftete troſtlos am Boden. Er näherte ſich ihr und redete ſie an. Helen war ſehr niedergedrückt und ſchweigſam. Ihre Thränen ſchienen verſiegt zu ſeyn; aber es ſtund lange an, eh' ſie durch ein Zeichen oder eine Geberde zu erkennen gab⸗ daß ſie ſeine Anweſenheit bemerke. Nur allmälig gelang es ihm, ihre Aufmerkſamkeit zu wecken, und der erſte Beweis davon gab ſich in dem Beben ihrer Lippen und dem Ueber⸗ ſtrömen der niedergeſchlagenen Augen zu erkennen. Nur nach und nach konnte er ſich in ihr Vertrauen einſchleichen, und ſie erzählte ihm in erſtickten, oft unter⸗ brochenen Lauten ihre einfache Geſchichte. Was ihn übri⸗ gens darin am meiſten ergriff, war der Umſtand, daß ſie, abgeſehen von dem allgemeinen Gefühl des Verlaſſenſeyns, nicht zu wiſſen ſchien, wie ſchutzlos ſie in der Welt daſtand. Sie trauerte um den Vater, den ſie gepflegt, behütet und geliebt hatte, denn ſie war mehr die Schützerin als die Be⸗ ſchützte des hülfloſen Verſtorbenen geweſen. Er konnte von ihr über ihre Verwandte und Ausſichten keine befriedigendere Auskunft erlangen als die war, welche ihm bereits die Wir⸗ thin mitgetheilt hatte; übrigens ließ ſie ihn geduldig die Hinterlaſſenſchaft ihres Vaters durchſuchen, indem ſie nur, wenn ſeine Hand einen Gegenſtand berührte, der ihren al ne eine eine ubt cken ihre tete an. hre an, ab, ang veis ber⸗ uen ter⸗ bri⸗ ſie, yns, and. und Be⸗ von dere Wir⸗ die nur, hren 713 Erinnerungen beſonders heilig war, ihm abwehrend zuwinkte, oder denſelben haſtig hinwegnahm. Die Habſeligkeiten des Verſtorbenen beſtanden aus unterſchiedlichen quittirten Rech⸗ nungen, die auf den Namen Kapitän Digby ausgeſtellt wa⸗ ren, aus vergilbten Muſikalien für die Flöte und aus ge⸗ ſchriebenen Theaterrollen, darunter die von Perſonen im Luſtſpiel, welche eine noble Verachtung des Geldes an den Tag legten(alſo ganz paſſende Helden für Sheridan und Farquhar); dazu kamen noch mehrere Leihhausſcheine und zwei oder drei Briefe, die nicht ordnungsmäßig zuſammen⸗ gelegt, ſondern zerknittert waren, als hätten die zitterigen Hände des Leidenden entrüſtet ſie zuſammengeballt. Er bat Helen um die Erlaubniß, ſie leſen zu dürfen, weil ſich vielleicht ein Aufſchluß über ihre Verwandtſchaft darin finden laſſe, und das Mädchen gab durch eine ſtumme Kopfver⸗ beugung ihre Zuſtimmung. Die Briefe waren nur kurze, froſtige Antworten, wie es ſchien, von entfernteren Ver⸗ wandten und früheren Freunden oder ſonſtigen Perſonen, die der Hingeſchiedene gebeten hatte, ihm eine Stelle zu verſchaffen. Der Inhalt war bei allen ſehr entmuthigend. Dann verſuchte Leonard, Helen auf den Namen des Edel⸗ manns zu bringen, den ihr Vater noch im Sterben auf den Lippen hatte, ohne ihn ganz ausſprechen zu können. Doch man wird ſich erinnern, daß Lord L'Estrange, als er Mr. Digby ſein Anlehen aufdrängte und wegen ſeiner Adreſſe an Mr. Egerton verwies, aus natürlichem Zartgefühl die Kleine bei Seite geſchafft hatte, damit ſie nichts wahr⸗ nehme von der Wohlthat, die er ihrem Vater zu Theil wer⸗ den ließ, und Helen ſagte nur die Wahrheit, wenn ſie angab, daß Mr. Digby in der letzten Zeit in Betreff ſeiner Ange⸗ legenheiten ſehr verſchloſſen geweſen ſey. Sie hatte viel⸗ leicht ihren Vater den Namen nennen hören, aber ihn nicht gemerkt, weshalb ſie keine andere Auskunft zu geben ver⸗ mochte, als ſie würde den Fremden wieder erkennen, wenn ſie ihm begegnete, und auch ſein Hund ſey ihr noch gut im Gedächtniß. Wie Leonard bemerkte, daß Helen ruhiger geworden war, wollte er ſich entfernen, um mit der Wirthin weitere Rückſprache zu nehmen; aber ſie erhob ſich jetzt plötz⸗ lich, obſchon nur ganz leiſe, und legte ihre kleine Hand in die ſeinige, als ob ſie ihn zurückhalten wolle. Sie ſprach kein Wort dabei, aber die Handlung ſagte deutlicher als alles Andere—„verlaßt mich nicht“. Jetzt war Leonard ſeiner nicht mehr mächtig; er antwortete auf die ſtumme Bitte dadurch, daß er ſich zu ihr niederbeugte und ſie auf die Wange küßte. „Armes verwaistes Kind,“ ſagte er,„wollt Ihr mit mir gehen? Wir Beide haben den nämlichen Vater über uns, und er wird uns auf Erden führen. Auch ich bin va⸗ terlos, wie Ihr.“ Sie erhob die Augen zu ihm, ſah ihm lange in's Geſicht und lehnte dann ihr Haupt vertrauensvoll an ſeine junge kräftige Schulter. für no wi der der ziel wü ſche wei wat frei wer 715 Siebentes Kapitel. Noch am nämlichen Mittag ſah man den Jüngling mit dem Kind auf dem Wege nach London. Der Wirth hatte anfänglich Bedenken getragen, Helen einem ſo jungen Reiſe⸗ gefährten anzuvertrauen; aber Leonard hatte ſich in ſeiner glücklichen Unerfahrenheit ſo zuverſichtlich darüber ausge⸗ ſprochen, daß er den Lord oder irgend einen anderen paſſen⸗ den Schutz für die Kleine auffinden werde, und auch ſeiner eigenen großartigen Ausſichten, obſchon er nicht näher auf die Beſchaffenheit derſelben einging, ſo hoffnungsvoll Er⸗ wähnung gethan, daß er, ſelbſt wenn er der ſchlaueſte Be⸗ trüger geweſen wäre, den ehrlichen Landmann nicht ktäftiger für ſich hätte einnehmen können. Und während die Wirthin noch immer die trügeriſche Vorſtellung unterhielt, daß in London alle Vornehmen einander ſo gut kennen müßten, wie es auf dem Lande der Fall ſey, gab der Wirth wenigſtens dem Glauben Raum, ein ſo achtbar gekleideter junger Mann, der, obſchon er nur zu Fuße reiste, in ſo zuverſichtlichem Tone ſpreche und ſich ſo bereitwillig einem Geſchäft unter⸗ ziehe, welches Jeder als eine drückende Laſt betrachten würde, wenn er nicht wüßte, wie er ſie wieder ſich vom Halſe ſchaffen ſollte, müſſe doch Angehörige haben, die älter und weiſer wären, als er ſelbſt, und daher wohl wiſſen dürften, was mit der Waiſe anzufangen ſey. Und was ging ſie überhaupt den Wirth an? Dieſes freiwillig angebotene Geleite war doch immer beſſer, als wenn man ſie ohne Plan von Kirchſpiel zu Kirchſpiel ſchob 716 und am Ende freundlos in den Straßen von London aus⸗ ſetzte. Auch Helen lächelte zum erſten Mal, als man ſie um ihre Meinung befragte, und legte wieder ihre Hand in die von Leonard. Kurz, die Sache war im Reinen. Helen packte die Gegenſtände, die ſie am meiſten ſchätzte oder nöthig hatte, in ein Bündel zuſammen. Leo⸗ nard fühlte nicht dieſe zugäbliche Laſt, die er über ſeinem Reiſeſack befeſtigte, und traf mit den Wirthsleuten die nebereinkunft, daß der Reſt von Mr. Pigby's Gepäck nach London geſchickt werden ſolle, ſobald Leonard brieflich den Abgabeort bezeichnet habe, was in thunlichſter Bälde ge⸗ ſchehen werde. Helen machte ihren letzten Beſuch auf dem Kirchhof und ſchloß ſich auf der Straße draußen ihrem Begleiter, der den geheiligten Raum nicht betreten hatte, wieder an. Sie waren einige Stunden weit gegangen, und auf Leonards Frage, ob ſie müde ſey, gab ſie eine verneinende Antwort. Unſer junger Freund erwies ſich übrigens barmherzig und machte nur kurze Märſche, ſo daß es einige Tage anſtund, bis ſie London erreichten. Während dieſer langen, einſamen Wanderung wurden ſie mit einander ſo vertraut, daß ſie ſich ſchon am Ende des zweiten Tages Bruder und Schweſter nannten, und Leonard bemerkte mit Freude, daß ſeine kleine Begleiterin eine für ihre Jahre merkwürdige Faſſungsgabe zeigte, nachdem er einmal in Folge der körperlichen Bewegung und der wechſelnden Scenerie ſo viel von ſeiner erſten ſinne⸗ verwirrenden Heftigkeit verloren hatte, daß nachgerade die Empfänglichkeit für andere Eindrücke Raum gewann. No hal ſtar Ge einſ Auf von ſpra Wel nur er. kämt woh ſchle verſt ſeine um an d wen bare zu C wollt in il wußt Sor dum aus⸗ e um n die eiſten Leo⸗ inem die nach hden ege⸗ chhof eiter, an. rards wort. und tund, amen ß ſie eſter leine gabe gung inne⸗ e die 717 Dem armen Kinde war dieſe frühe Reife durch die Nothwendigkeit aufgedrängt worden. Und ſie verſtand ſeine halb poetiſchen, halb religiöſen geiſtlichen Tröſtungen, ver⸗ ſtand ihn auch, wenn er ihr ſeine eigene Geſchichte, die Geſchichte ſeines ununterſtützten Bildungsgangs und ſeiner einſamen Kämpfe erzählte. Wenn er aber einen begeiſterten Aufſchwung nahm und von ſeinen glorreichen Hoffnungen, von ſeiner Zuverſicht auf das ihnen bevorſtehende Geſchick ſprach— da ſchüttelte ſie, ruhig zwar, aber mit großer Wehmuth den Kopf. Begrief ſie wohl dies? Ach, vielleicht nur zu gut; denn ſie kannte das wirkliche Leben beſſer als er. Leonard war Anfangs der gemeinſchaftliche Schatz⸗ kämmerer; aber noch vor Ablauf des zweiten Tages mochte wohl Helen die Entdeckung gemacht haben, daß er das Geld ſchlecht zu Rathe hielt, und gab ihm dies auch mit ernſtem, verſtändigem Blick zu verſtehen, indem ſie ihre Hand auf ſeinen Arm legte, als er in ein Wirthshaus treten wollte, um da zu Mittag zu ſpeiſen. Die Gravität, die ſie dabei an den Tag legte, würde ſich komiſch ausgenommen haben, wenn nicht die feuchten Augen ſo ſanft und ſo voll dank⸗ baren Ausdrucks geweſen wären. Sie fühlte, daß er dieſen zu Grunde richtenden Aufwand nur um ihrer willen machen wollte. Ich weiß nicht, wie es zuging, aber die Börſe kam in ihre Verwahrung, und jetzt erſt blickte ſie ſtolz auf; ſie wußte, daß ſie ſich in ihrem natürlichen Elemente befand. Ach, wie glücklich waren die Mahlzeiten, die ihre Sorgfalt beiſchaffte— wie viel erquickender, als die in dumpfen, mit Sand beſtreuten Wirthsſtuben, wo es von — 4 — ———————— Fliegen ſchwärmte und der Tabaksgeruch die Luft verpeſtete. Sie pflegte ihn am Eingang eines Dorfes zu verlaſſen und ihre Einkäufe zu machen, und kehrte dann mit einem Körb⸗ chen oder mit einem hübſchen blauen Napf zurück, von denen der letztere mit friſcher Milch, das erſtere mit neugebackenem Brod und einer leckeren Beilage in der Form von Radischen oder Brunnenkreſſe gefüllt war. Ein beſonderes Talent verrieth ſie im Auffinden des Platzes, wo Halt gemacht und die Mahlzeit eingenommen werden ſollte. Bisweilen wählte ſie dazu eine Stelle mitten im Wald— da war's ſo ſtill wie in den Zauberhainen der Feenmährchen, denn nur der Haſe ſchlich ſich durch's Gebüſch oder das Eichhörnchen ſchaute aus den Zweigen auf ſie nieder— bisweilen an einem plätſchernden Bach: die Fiſchlein ſpielten in der klaren Welle und ſchoſſen herzu, um die ihnen hingeworfenen Kru⸗ men aufzufangen. So wurde ihnen zu einem wahren Arka⸗ dien der Weg nach ihren gefürchteten Thermopylen, wo der Krieg der Million ihrer harrte auf der anderen Seite ihres Paſſes durch Tempe. „Werden wir ebenſo glücklich ſeyn, wenn wir groß ſind?“ ſagte Leonard in erhabener Einfalt. Helen ſeufzte und ſchüttelte das kluge Köpfchen. Achtes Kapitel. Endlich kamen ſie in London's Nähe. Aber Leonard hatte ſich vorgenommen, nicht müd und erſchöpft, als ein ner der hal Rei und ein. Her thor Beſi klein Tag Reiſ ihret ſtete. n körb⸗ enmen enem schen alent nacht eilen r's ſo nur nchen nan laren Kru⸗ Arka⸗ der ihres groß onard ein 719 Wanderer, der einer Zuflucht bedarf, ſondern friſch und ſchwungkräftig, gleich einem Eroberer, der im Triumph einherzieht, um die Hauptſtadt in Beſit zu nehmen, ihren Bann zu betreten. Früh am Abend des Tages vor dieſem glorreichen Einzug machten ſie deshalb zwei Stunden davon, in der Nähe von Ealing, das auf ihrem Wege lag, Halt. Sie waren nicht müde, als ſie in dem Wirthshaus an⸗ langten. Das liebliche Wetter hatte jene Weiche und Klar⸗ heit, die nur eine Eigenthümlichkeit der ſeltenen ächten Som⸗ mertage Englands ſind— die Erde ſo grün, der Himmel ſo blau; mit einem Worte, es war ein Tag, wie wir ihrer nicht ſechs im Jahre zählen und wie er uns unbeſtimmt vorſchwebt, wenn wir von Robin Hood und Fräulein Ma⸗ rianna, von der Dame und dem Ritter in Spenſers golde⸗ nem Sommerlied, oder von Jacques leſen, der in den Thälern der Ardennen unter dem Eichbaum die Hirſche belauſcht. Nachdem ſie ſich eine Weile in dem Wirthshaus aufge⸗ halten hatten, ſuchten ſie wieder das Freie, nicht um die Reiſe fortzuſetzen, ſondern um ſich der Landſchaft zu erfreuen, und ſchlugen dabei die Richtung gegen Sonnenuntergang ein. Sie kamen an den Gründen vorbhei, die ehemals dem Herzog von Kent gehörten, betrachteten durch das Park⸗ thor das Strauchwerk und die freien Plätze dieſer ſchönen Beſitzung, wanderten über die Felder und gelangten an ein kleines Flüßchen, das die Brent hieß. Helen war an dieſem Tage trauriger geweſen als während der ganzen übrigen Reiſe. Vielleicht hatte ihr die Nähe Londons das Andenken ihres Vaters lebhafter vergegenwärtigt, oder lag der Grund ——— in dem Umſtande, daß ſie trotz ihrer Jugend die ernſte Seite des Lebens ſchon näher kannte und deshalb mit trüben Ahnungen dem entgegenſah, was ihrer Beider harrte. Aber Leonard zeigte eine große Selbſtſucht; die Trauer ſeiner Begleiterin übte teinen Einfluß auf ihn. Er fühlte ſich, und ſchon die Atmoſphäre ſchien ihn mit dem Fieber angeſteckt zu haben, das zu den Eigenthümlichkeiten reg⸗ ſamer Hauptſtädte gehört. „Setzt Euch zu mir, Schweſter,“ ſagte er gebieteriſch, indem er ſich unter den Schatten einer knorrigen Weide warf, die am Flußufer ſtand.„Setzt Euch her und laßt uns ʒu⸗ ſammen plaudern.“ Er warf ſeinen Hut auf den Boden, ſtrich ſeine reichen Locken zurück und befeuchtete ſeine Schläfen aus dem Strom, der um die Wurzeln des kahl und knotig gegen die Waſſer⸗ fläche ſich neigenden Baumes ſpielte und mit ſeinen Wellen deſſen Standort unterhöhlte. Helen gehorchte ihm ſchwei⸗ gend und ſchmiegte ſich an ſeine Seite an. „Dieſes London iſt alſo wirklich ſo groß— ſo unge⸗ heuer groß?“ wiederholte er neugierig. „Ja wohl,“ antwortete Helen, und pflückte zerſtreut in ihrer Nähe die Schlüſſelblümchen ab, die ſie in die Wellen fallen ließ.„Seht, wie die Blumen im Strom abwärts treiben. Jetzt ſind ſie verſchwunden. London iſt für uns, was der Fluß für dieſe Blüthen— ſehr groß— erdrückend— und“ fügte ſie nach einer Pauſe bei—„ſehr grauſam.“ At wi un die te en te. ter lte ber ſch, uf, zu⸗ hen om, ſſer⸗ Uen wei⸗ nge⸗ treut die trom on iſt „ſehr 721 „Grauſam? Ah, früher mögt Ihr es ſo gefunden haben, aber jetzt! Jetzt will ich für Euch Sorge tragen!“ Er lächelte triumphirend, und dieſes Lächeln war lieb⸗ lich in ſeinem Stolz ſowohl, als in ſeiner Herzensgüte. Leo⸗ nard hatte ſich ſeit ſeiner Entfernung aus Mr. Avenels Hauſe erſtaunlich verändert. Er war zu gleicher Zeit jün⸗ ger und älter geworden, denn das Bewußtſeyn, daß der in⸗ wohnende Genius ſeine Feſſeln geſprengt hat, macht uns älter und weiſer in Beziehung auf die Welt, welcher er ſich entgegenſchwingt, jünger und blinder der Welt gegenüber, aus der er hervorgebrochen iſt. „Und Ihr ſagt, daß es keine ſonderlich ſchöne Stadt ſey?“ „Oh, wohl eine ſehr häßliche Stadt,“ entgegnete Helen nicht ohne Feuer;„wenigſtens war Alles ſo, was ich von ihr geſehen habe. „Aber es muß doch Oertlichkeiten darin geben, die hübſcher ſind, als die übrigen. Ihr ſagt, es ſeyen Parke da. Was hindert uns, eine Wohnung in ihrer Nähe zu nehmen, ſo daß wir doch eine Ausſicht nach dem Grün der Bäume haben?“ „Ach, das wäre hübſch!“ ſagte Helen, mit einem Anflug von Freude;„aber“— nun kam das Kopfſchütteln wieder—„für uns gibt es nur Wohnungen in den Höfen und Gäßchen.“ „Warum?“ „Warum?“ wiederholte Helen lächelnd und hielt ihm die Börſe entgegen. Bulwer, meine Novelle. 46 722 „Pfui! Immer dieſer abſcheuliche Geldbeutel! Als ob wir nicht auf dem Wege wären, ihn zu füllen! Hab' ich Euch nicht die Geſchichte von Fortunnat erzählt? Doch wollen wir jedenfalls zuerſt in den Stadttheil gehen, in welchem Ihr in letzter Zeit gewohnt habt, und dort ſehen, was wir erfahren können. Gleich am anderen Tag ſuche ich Doctor Morgan auf, und den Lord—“ Helen traten Thränen in das ſanfte Auge. „Ihr wollt alſo meiner ſo bald los werden, Bruder?“ „Ich? Ach, es iſt mir ſo wohl, daß ich Euch bei mir habe, und ich möchte faſt glauben, daß ich mich mein ganzes Leben über nach Euch geſehnt habe, bis Ihr endlich kamet. Ich hatte nie einen Bruder, nie eine Schweſter, nie ein Weſen zum Gegenſtand meiner Liebe, das nicht älter als ich geweſen wäre— ausgenommen—“ „Ausgenommen das junge Fräulein, von dem Ihr mir erzaͤhltet,“ ergänzte Helen, ihr Antlitz abwendend; denn Kinder ſind ſehr eiferſüchtig. „Ja, ich liebte ſie— liebe ſie noch immer. Aber dies war etwas ganz Anderes,“ ſagte Leonard, und eine Gluth überflog ſeine Wangen.„Ich hätte nicht ſo mit ihr ſprechen können, wie mit Euch. Gegen Euch thut ſich mein ganzes Herz auf; Ihr ſeyd meine kleine Muſe, Helen. Ich ge⸗ ſtehe Euch meine wilden Launen und Phantaſien ſo unum⸗ wunden, wie ich Gedichte dem Papier anvertraue.“ Während er ſo ſprach, ließ ſich ein Tritt vernehmen, und ein Schatten fiel über den Strom. Am Ufer wurde jetzt ein verſpäteter Fiſcher bemerklich, der ungeduldig ſeine o— v ch ch n, he 723 Leine in das Waſſer hinauswarf, als wolle er noch einen halb ſchlummernden Fiſch zum Anbeißen zwingen, eh' dieſer ſeinen Nachtſchlupfwinkel aufſuchte. Von ſeinem Geſchäft ganz in Anſpruch genommen, hatte der Angler kein Auge für das junge Pärchen, das unter dem Baum auf dem Raſen ſaß, obſchon er in ihrer unmittelbaren Nähe ſeinen Standort genommen. „Verwünſchter Barſch!“ ſagte er laut. „Habt Acht, Sir,“ rief Leonard, denn der Fremde war ſo plötzlich zurückgewichen, daß er mit ſeinem Fuße beinahe Helen getreten hätte. Der Angler wandte ſich um. „Was gibt's? Bst! Ihr habt mir meinen Barſch verſcheucht. Könnt Ihr Euch nicht ruhig verhalten?“ Helen kroch aus dem Bereich des eifrigen Fiſchers, und Leonard blieb regungslos ſitzen. Er dachte an Schakeimo und verſetzte ſich in die Lage des Anglers. „Iſt dies nicht der alleraußerordentlichſte Barſch!“ murmelte der Fremde im Selbſtgeſpräch.„Er hat Teufels⸗ glück und muß wahrhaftig mit einem ſilbernen Löffel im Mund geboren ſeyn; dieſer verwetterte Barſch. Ich werde ihn nie erwiſchen— nie! Ha!— nein— nur eine Waſſer⸗ pflanze. Ich geb' ihn auf.“ Mit dieſen Worten zerrte er unwillig die Angelſchnur aus dem Waſſer und begann den Stock auseinander zu nehmen. Während er gemächlich dieſe Verrichtung vornahm, wandte er ſich an Leonard. 46* „Hum! Ihr ſeyd wohl gut bekannt mit dieſem Waſſer, Sir?“ „Nein,“ antwortete Leonard.„Ich ſehe es heute zum erſten Mal.“ Der Angler(väterlich).— Dann, junger Mann, nehmt meinen Rath an und laßt Euch nicht kirren durch ſeinen Zauber. Ich bin ein Märtyrer dieſes Stromes, Sir; er iſt die Delila meines Daſeyns geweſen.“ Leonard(mit Intereſſe, denn der letztere Satz ſchien ihm poetiſch zu ſeyn).—„Die Delila, Sir— die Delila?“ Der Angler.—„Ja, die Delila. Junger Mann hört mich an und laßt Euch mein Beiſpiel zur Warnung dienen. Als ich ungefähr in Eurem Alter ſtand, kam ich zum erſten Mal an dieſen Fluß, um zu fiſchen.— An jenem verhängnißvollen Tag biß mir Nachmittags um drei Uhr ein Fiſch an— und welch' ein Fiſch; er muß wenigſtens andert⸗ halb Pfund gewogen haben. Er war von dieſer Länge, Sir,“ er bezeichnete das Maß, indem er die Finger der einen Hand unter das Gelenk der anderen legte.„Ich ſtand an derſelben Stelle, wo Ihr jetzt ſitzt junger Mann, juſt an dieſem abfallenden ufer, und hatte meine Beute faſt ſchon auf dem Lande, als meine Angelſchnur riß und der Barſch unter dieſe Wurzeln hinunter huſchte. Fort war der böſe Geiſt, denn ſo muß ich ihn nennen, mit Angel und Allem. Dieſer Barſch ſchwebte mir ſeit dem immer vor, denn ich hatte nie zuvor einen ſolchen Fiſch geſehen. In der Themſe und anderswo ſieng ich wohl Schmerlen, auch Gründlinge, und gelegentlich einen Weißſiſch. Aber ein 1——„— 5„ — 1—— te n, 725 Fiſch, wie dieſer— ein Barſch— alle ſeine Finnen aufge⸗ ſpannt, wie die Segel eines Kriegsſchiffs— ein Unge⸗ heuer— ein wahrer Walfiſch von einem Barſch! Nein, nie zuvor wußte ich, welche Leviathane in den Tiefen ver⸗ borgen liegen. Ich konnte nicht ſchlafen, bis ich wieder an den Platz zurückgekehrt war— und, Sir, der nämliche Barſch biß abermals an. Diesmal hatte ich ihn ganz aus dem Waſſer, und dennoch kam er mir durch— und wie, Sir? Er ließ ſein Auge an der Angel zurück. Jahre um Jahre ſind ſeitdem entſchwunden, aber nie werde ich den Schmerz jenes Augenblicks vergeſſen.“ Leonard.—„Den Schmerz, den der Fiſch erduldete, Sir?“ Der Angler.—„Der Fiſch? Er und Schmerz? Nein, er machte ſich luſtig über mich. Meinen Schmerz meine ich. Ich betrachtete das Auge, und es ſah mich ſo ſchlau und boshaft an, als lache es mir ins Geſicht. Nun hatte ich gehört, Sir, es gebe für Barſche keinen beſſeren Köder, als das Auge eines Barſches. Ich ſteckte nun dieſes Ange an die Angel und warf die Leine aus. Das Waſſer war ungewöhnlich klar, und nach zwei Minuten ſah ich den Fiſch wieder kommen. Er näherte ſich der Angel, erkannte ſein Auge, wackelte mit dem Schwanz, that einen Ruck, und— ſo wahr ich lebe— er hatte mir geſund und wohlbehalten das Auge entführt; ich ſah ihm zu, wie er es an der Seite jener Waſſerlilie verdaute. Der neckende Teufel! Seit jenem Tage habe ich im Laufe eines wechſel⸗ vollen und ereignißreichen Lebens dieſen Barſch noch ſieben⸗ mal an meine Angel gekriegt, und jedesmal iſt er mir ent⸗ kommen.“ Leonarbd(erſtaunt).—„Es kann nicht der nämliche Fiſch geweſen ſeyn. Die Barſche ſind ſehr zarte Fiſche — eine Angel im Leib und ein Auge ausgeriſſen— kein Barſch könnte ſolche zerſtörende Angriffe auf ſeine thieriſche Organiſation überleben.“ Der Angler(mit einer Miene unheimlichen Gran⸗ ſens.)—„Es ſcheint übernatürlich zu ſeyn; aber es iſt der nämliche Barſch— denn hört, Sir, es iſt nur ein einziger Barſch im ganzen Flüßchen. In der langen Reihe von Jahren, während welcher ich hier fiſchte, habe ich nie einen anderen Barſch gefangen, und dieſen einzelnen Bewohner des naſſen Elements kenne ich vom Anſehen beſſer, als ich meinen verſtorbenen Vater kannte. So oft ich ihn aus dem Waſſer hob, war mir ſein Profil zugekehrt, und ich ſah mit Schaudern, daß er nur— Ein Auge hatte. Dieſer Barſch iſt eine höchſt geheimnißvolle— eine wahrhaft teufliſche Erſcheinung, die alle meine Ausſichten im Leben zu Grunde richtete. Es wurde mir eine Stelle auf Ja maika angeboten; aber ich konnte nicht gehen und dieſen Barſch im Triumph zurücklaſſen. Später hätte ich ein Unterkommen in Indien finden können; aber ich mochte nicht daran denken, daß mich ein Weltmeer von dem Barſch trennen ſollte. So vertändelte ich mein Daſeyn in der un“ ſeligen Hauptſtadt meines Geburtslandes. Und jede Woche einmal, vom Februar bis zum Dezember, komme ich hieher — gütiger Himmel, und wenn ich den Barſch nicht endlich nt⸗ che ein che au⸗ der er von nen ner ich aus ſah eſer eben Ja⸗ ieſen ein nicht rſch run“ oche ieher idlich 727 erwiſche, ſo iſt das Geſchäft meines ganzen Lebens ein ver⸗ gebliches geweſen.“ Leonard betrachtete verwundert den Fremden, als die⸗ ſer in traurigem Tone ſeinen Erguß zu Ende brachte. Der zierliche Gang ſeiner Perioden ſtand nicht recht im Einklang mit ſeiner Kleidung, die kläglich abgeſchabt und fadenſcheinig ausſah; es war dabei eine gentile Art von Schäbigkeit, eine Schäbigkeit in Schwarz, zu bemerken. In ſeinen Mund⸗ winkeln zuckte Humor, und ſeine Hände, welche nicht ſon⸗ derlich rein waren— natürlich vertrug ſich ſeine dermalige Beſchäftigung nicht mit pünktlicher Säuberlichkeit— ver⸗ riethen einen Mann, der ſich nie mit Händearbeit abge⸗ geben hatte. Sein Geſicht war blaß und gedunſen und ſeine Naſenſpitze zeigte eine Purpurröthe. Kurz, es hatte nicht den Anſchein, als ſey ihm das naſſe Element ſo trau⸗ lich, wie ſeiner Delila, dem Barſch. „So iſt das Leben!“ nahm der Angler in moraliſtren⸗ dem Tone wieder auf, als er den Angelſtock in ſeinem Lein⸗ wandfutteral barg. Wenn der Menſch wüßte, was es darum iſt, ſein ganzes Leben über in einem Strom zu fiſchen, der nur einen einzigen Barſch enthält— dieſen einen Barſch im Ganzen neunmal zu fangen und ihn neunmal wieder— plumps— in's Waſſer entwiſchen zu ſehen; wenn der Menſch wüßte, was dies iſt— nun, dann—“ der Angler blickte über ſeine Schulter zurück und Leonard voll in's Ge⸗ ſicht—„dann, junger Mann, würde ihm klar, in welchem Verhältniß das menſchliche Leben zu dem erfolgloſen Ringen des Ehrgeizes ſteht. Guten Abend.“ Er entfernte ſich, die weißen und gelben Wieſen⸗ blümchen zuſammentretend. Helen's Auge folgte ihm ge⸗ dankenvoll. „Das iſt ein wunderlicher Menſch!“ ſagte Leonard lachend. WMir kamen ſeine Worte ſehr weiſe vor,“ murmelte Helen. Sie ſchmiegte ſich an Leonard an und faßte ſeine Hand mit der ihrigen, als fühle ſie jetzt ſchon, daß er einer Tröſterin bedürfe— daß die Leine gebrochen und der Barſch ent⸗ wiſcht ſey. Neuntes Kapitel. um Mittag des anderen Tages ſtahl ſich ihnen London vurch eine finſtere, dichte, drückende Atmoſphäre entgegen; denn gibt es einen Platz, von dem man ſagen könnte, dort öffne die Hauptſtadt Albions mit einemmal ſich dem Blicke? Sie beſchlich unſere Wanderer vermittelſt eines ihrer ſchön⸗ ſten und anmuthigſten Zugänge, in den Gärten von Kenſing⸗ ton, Hydepark entlang und dem Cumberlander Thore zu. Levnard fühlte ſich nicht im Geringſten überraſcht. 8 Und doch ließe ſich mit ſehr wenig Aufwand und Geld und Geſchmack dieſer Zugang von London ſo großartig und ein⸗ drucksvoll herſtellen, als der zu Paris von den eliſäiſchen Feldern aus. Als ſie in die Nähe von Edgeware Rvad famen, nahm Helen ihren Bruder bei der Hand, um ihm Vat betre terko gewe wölk niede fluch von voll, von um. welch Bald ſich t übrig Haſt als v ließ, betra ſchrit kam, Näſſe ſcheid Blick Hazel an erin ent⸗ don gen; dort cke? hön⸗ ing⸗ zu. ſcht. und ein⸗ chen twad ihm 729 als Führerin zu dienen, denn ſie kannte dieſe ganze Umgegend und wußte auch in der Nähe des Hauſes, das ſie mit ihrem Vater bewohnt hatte— dieſes ſelbſt hätte ſie um keine Welt betreten mögen— ein Quartier, wo ſie ein wohlfeiles Un⸗ terkommen ſinden konnten. Der Himmel, der ſchon am Morgen ſo trüb und düſter geweſen war, ſchien jetzt eine einzige Maſſe ſchwarzen Ge⸗ wölks zu ſeyn, und plötzlich ſchoß ein ſchwerer Regenſchauer nieder. Der Jüngling und die Kleine nahmen ihre Zu⸗ flucht nach einem bedeckten Schuppen in einer Seitenſtraße von Edgeware⸗Road. Dieſer Schirm war bald gedrängt voll, und die beiden jungen Pilger drückten ſich, abgeſondert von den Uebrigen, an die Wand. Leonard hatte ſeinen Arm um Helen geſchlungen und ſchützte ſie gegen den Regen, welchen der ſtarke Wind durch den Zugang hereinjagte. Bald nachher trat auch ein junger Gentleman ein, der ſich durch ſeine Miene und die beſſere Kleidung von den übrigen Zufluchtſuchenden unterſchied; er zeigte dabei keine Haſt, ſondern behielt ſeinen langſamen ſtolzen Schritt bei, als verſchmähe er ein gemeines Rennen, obſchon er ſich herab⸗ ließ, ein Obdach gegen das Unwetter nicht abzulehnen. Er betrachtete die Anweſenden mit ziemlich hochmüthigen Blicken, ſchritt durch die Gruppe hindurch, bis er in Leonards Nähe kam, nahm dann ſeinen Hut vom Kopf und ſchüttelte die Näſſe ab. Jetzt konnte man ſeine Züge deutlich unter⸗ ſcheiden, und unſer junger Dörfler erkannte auf den erſten Blick ſeinen alten ſiegreichen Gegner auf dem Raſen von Hazeldean. Gleichwohl war Leslie Randal ſehr verändert. Seine gelben Wangen waren noch ſo ſchmal, wie vordem, ja ſogar und obſchon ſein ganzes Aeußere nichts Geſuchtes, nichts Auffallendes verrieth, ſtund es doch über dem Bereich des 8 Gewöhnlichen. Niemand hätte den Gentleman in ihm ver⸗ kennen können; aber der Erfahrenere mußte ſich ſogleich ſagen, daß der junge Mann dem Stande der Gelehrten in Folge angeſtrengten Studiums und der Nachtwachen noch eingefallener; aber ſein Geſicht zeigte einen ſchöneren, männ⸗ vet licheren Ausdruck, und in ſeinem großen Auge lag ein ſte⸗ tiges, in einen Punkt zuſammengedrängtes Licht, wie man es bei Männern findet, welche gewohnt ſind, ihre Gedanken Es ſcharf zuſammenzufaſſen. Er ſah älter aus, als er war. mu Er trug ſich einfach ſchwarz— eine Farbe, die ihm gut ließ, angehörte. den Ueber Hals und Kopf drängte auf einmal die Gruppe rec am Eingang bunt durcheinander; einer ſchob den anderen; h nach allen Seiten gings hinaus und nach den Wänden hin, als ein feuriges Roß gleichfalls im Schuppen Schirm ſuchte. die Der Reiter, ein Jüngling mit ſehr ſchönem Geſicht und mit in jener eigenthümlichen Sorgfalt gekleidet, welche den Dandy ein bezeichnet, rief aus: für „Fürchtet euch nicht— das Pferd wird keinem von euch als etwas zu Leide thun— ich bitte tauſendmal um Verzeihung erſ — o ho! o ho!“ Er pätſchelte ſein Thier, das ſogleich in der Mitte des zut Ganges mauerfeſt ſtehen blieb. Die Gruppe ordnete ſich wieder, und Randal Leslie trat auf den Reiter zu.“ iſt Seine ſogar noch nänn⸗ n ſte⸗ man anen war. t ließ, nichts ich des m ver⸗ ogleich ehrten ruppe ideren; en hin, ſuchte. nd mit Dandy on euch zeihung itte des ete ſich 731 „Frank Hazeldean!“ „Ah, wahrhaftig, es iſt Randal Leslie!“ Im Nu war Frank von ſeinem Pferde und der Zügel der Obhut eines ſchmächtigen Lehrburſchen anvertraut, der mit einem Bündel unter dem Arm daſtand. „Mein lieber Freund, wie freut es mich, Euch zu ſehen. Es iſt ein glücklicher Zufall, daß ich hier ein Obdach ſuchen mußte.'s iſt ſonſt nicht meine Art, denn ich mache mir nichts aus einer Schwemme. Wohnt Ihr in der Stadt, Randal?“ „Ja— bei Mr. Egerton, Eurem Onkel. Ich habe Orford verlaſſen.“ „Seyd Ihr fertig?“ „Aber Ihr habt doch noch keinen Grad genommen, denk' ich? Wir haben Euch in Eton immer für A. 1 ge⸗ rechnet. Wie ſtolz wir auf Eure Auszeichnungen waren! Ihr habt ja alle Preiſe davon getragen.“ „Nicht alle, aber doch einige. Mr. Egerton ließ mir die Wahl, ob ich, bis ich das Dvetordiplom gewonnen habe, in Orford bleiben oder beim Miniſterium des Auswärtigen eintreten wolle. Ich zog den Zweck dem Mittel vor; denn für was Anderes haben academiſche Würden einen Werth, als für den Eintritt in's Leben? Das ſchnelle Eintreten erſpart alſo einen Schritt auf dem langen Wege, Frank.“ „Ah, Ihr ſeyd immer ehrgeizig geweſen und werdet zuverläſſig noch eine große Figur machen.“ „Vielleicht— wenn ich mir Mühe darum gebe. Wiſſen iſt Macht.“ —————————— 732 Leonard horchte auf. „Und Ihr,“ fuhr Randal fort, mit neugieriger Auf⸗ merkſamkeit ſeinen alten Schulkameraden betrachtend— „Ihr ſeyd nie in Orford geweſen. Wie ich horte, hattet Ihr Luſt, in die Armee einzutreten.“ „Ich bin in der Garde,“ verſetzte Frank, und gab ſich große Mühe, bei dieſer Erklärung nicht allzu dünkelvoll auszuſehen.„Mein Alter ſah freilich nicht gut dazu, denn es wäre ihm lieber geweſen, ich hätte bei ihm ausgehalten und mich auf die Landwirthſchaft gelegt. Doch dazu iſt's immer noch Zeit— meint Ihr nicht? Bei'm Zeus, Randal, es iſt doch ein angenehmes Leben in London. Sieht man Euch heute Abend nicht bei Almack?“ „Nein; am Mittwoch hat das Haus Ferien, und Mr. Egerton gibt den Mitgliedern ein großes Diner. Ihr wißt, er iſt jetzt im Kabinet; aber ich glaube, Ihr kommt wenig zu Eurem Onkel?“ „Unſer Schlag iſt ſo verſchieden,“ entgegnete der junge Gentleman mit einem Tone, der Brunnell's würdig geweſen wäre.„Dieſes Parlamentsvolk iſt verteufelt langweilig. Der Regen hat jetzt nachgelaſſen. Ich weiß nicht, ob mein Alter es gern ſehen würde, wenn ich Grosvenor⸗Square beſuchte. Aber ich bitte, kommt zu mir. Hier iſt meine Karte, die Euch daran erinnern ſoll. Ihr müßt an unſerem Tiſch ſpeiſen. So prächtige Kameraden. Welcher Tag iſt Euch gelegen?“ „Ich will vorher zu Euch kommen und es Euch wiſſen laſſen. Findet Ihr's nicht etwas koſtſpielig in der Garde? Ich nem Taſ in T bei die e Beſi Ver Ver nehn nicht daß nun Vat verd Ihr die l dies den Frei erfut rung leber Ged⸗ liefe: dener Auf⸗ — attet gab lvoll denn alten iſt's ndal, man Mr. wißt, wenig junge weſen eilig. mein quare meine iſerem ag iſt wiſſen zarde? 733 Ich erinnere mich, daß Ihr meintet, der Alte, wie Ihr ihn nennt, ſey ein wenig ungehalten, wenn Ihr ihm um mehr Taſchengeld ſchriebt; auch habe ich Euch meines Wiſſens nie in Thränen geſehen, als ein einziges Mal, und dies war bei einer Gelegenheit, als Mr. Hazeldean die fünf Pfund, die er Euch ſchickte, mit der Bemerkung begleitete, daß ſeine Beſitzungen kein Fideikommiß ſeyen, folglich ganz von ſeiner Verfügung abhingen, und er nicht Luſt habe, dieſelben einem Verſchwender zu hinterlaſſen. Dies war keine gar ange⸗ nehme Drohung, Frank.“ „Oh!“ rief der junge Mann hocherröthend,„es war nicht die Drohung, die mir weh that, ſondern der Umſtand, daß mein Vater mich für ſo gemein halten konnte, ich— nun, ſchon gut. Das war Schuljungenzeit. Und mein Vater iſt immer edelmüthiger gegen mich geweſen, als ich verdiente. Wir müſſen öfter zuſammenkommen, Randal. Ihr waret in Eton ſo freundlich gegen mich und habt alle die langweiligen Aufgaben für mich gemacht; ich werde Euch dies nie vergeſſen. Kommt nur bald.“ Frank ſchwang ſich wieder in den Sattel und belohnte den ſchmächtigen Lehrling mit einer halben Krone— eine Freigebigkeit, die ſein Vater als mehr denn viermal zu groß erfunden haben würde. Ein Ruck am Zügel, eine Berüh⸗ rung mit der Ferſe, und das feurige Roß ſprengte mit ſeinem lebensfrohen jungen Reiter von hinnen. Randal verſank in Gedanken, und da der Regen jetzt aufgehört hatte, ſo wer⸗ liefen ſich die Leute unter dem Schuppen, um ihren verſchie⸗ denen Wegen nachzugehen. Nur Randal, Leonard und ————————„ Helen blieben zurück. Als Erſterer aus ſeinem Nachſinnen erwachte und die Augen erhob, fiel ſein Blick auf unſeren jungen Freund. Er war betroffen, fuhr mit der Hand über die Stirne und ſchaute wieder hin, diesmal mit ſcharfem, durchbohrendem Blick. Sein bleiches Geſicht wurde noch bleicher, und ein raſches Zuſammenpreſſen der Lippen, die er krampfhaft mit den Zähnen zerbiß, zeigte, daß auch er den alten Feind erkannt hatte. Dann überflog ſein Auge haſtig Leonards Anzug, der zwar etwas ſtaubig war, aber doch nicht im Einklang mit der Klaſſe ſtand, welcher der Jüngling vermöge ſeiner Geburt angehorte. Randal runzelte überraſcht die Stirne, verzog ſein Geſicht zu einem hochmüthigen Lächeln, das Leonard in tiefſter Seele verletzte, verließ langſamen Schrittes den Schuppen und ſchlug die Richtung nach Grosvenor⸗Square ein. Für ihn war die Einzugspforte des Ehrgeizes keine düſtere. Helen nahm jetzt Leonard wieder bei der Hand und führte ihn durch Reihen von ſchlechten, dunkeln und trauri⸗ gen Straßen. Es nahm ſich faſt wie eine perſonifizirte Allegorie aus, als das traurige ſchweigende Kind, das aller Geldmittel baare, im Staub geborne, abenteuernde Genie an ſchmutzigen Werkſtätten vorbei und durch die winklichten, immer gemeiner werdenden Gaſſen geleitete, bis ihre Geſtalten dem Blick entſchwunden waren. 735 Zehntes Kapitel. „Aber kommen mußt Du. Wechsle Deinen Anzug, komm' wjeder und ſpeiſe bei mir; Du haſt gerade noch Zeit dazu. Du wirſt die ausgezeichnetſten Männer unſerer Partei bei mir finden. Sicherlich ſind ſie Deines Studiums werth, da Du Dich für einen Philoſophen ausgibſt.“ So ſprach Andley Egerton zu Lord LEstrange, mit welchem er nach den Anſtrengungen ſeines Bureaus einen Spazierritt gemacht hatte. Die beiden Gentlemen befanden ſich in Audley's Bibliothekzimmer. Mr. Egerton ſaß, wie gewöhnlich, bis an den Hals zugeknöpft, mit der aufrechten Haltung eines Mannes, der eine„unrühmliche Gemächlich⸗ keit“ verachtet, in ſeinem Armſtuhl, und Harley hatte ſich, gleichfalls ſeinem alten Brauche gemäß, der Länge nach auf dem Sopha ausgeſtreckt. Seine langen Haare ſielen in nachläſſigen Locken nieder, ſeine Kleidung war weit und in der That simplex munditiis— die Anmuth an ihm ganz perſön⸗ lich; bei aller anſcheinenden Sorgloſigkeit keine Schlamperei, ſein Benehmen überall und gegen Jedermann leicht, ſelbſt gegen Mr. Audley Egerton, in deſſen Anweſenheit ſich faſt Jedermann ſonſt befangen fühlte. „Nein, mein theurer Audley, verzeihe mir. Deine hochausgezeichneten Perſonen ſind lauter Männer einer ein⸗ zigen Idee von nicht ſehr unterhaltlicher Beſchaffenheit— Politik, Politik und wieder Politik! Der Sturm in einer Kaffeetaſſe.“ 736 „Aber was iſt Dein Leben, Harley?— die Kaffeetaſſe ohne den Sturm?“ ⸗ „Wahrhaftig, dies iſt ſehr gut geſagt, Audley; ich hätte Dir keine ſo ſchnelle und ſo treffende Erwiederung zu⸗ getraut. Das Leben?— Ja wohl das Leben iſt geſchmack⸗ los und ſeicht. Kein Abſtapeln von Karacken in der Taſſe. Audley, es iſt mir ein wunderlicher Gedanke gekommen—“ „Ich glaube dies gerne,“ verſetzte Audley trocken; „es kommen Dir keine anderen. Und was betrifft dieſer neue?“ Harley(mit großem Ernſt).—„Glaubſt Du an den thieriſchen Magnetismus?“ Audley.—„Wahrlich, nein.“ Harley.—„Ob es in der Macht eines Magneti⸗ ſeurs liegt, mich aus meiner Haut heraus in die eines An⸗ deren hineinzuzaubern? Ein ſolcher Verſuch käme mir äußerſt erwünſcht. Mein Ich iſt mir ſo entleidet— und wie ent⸗ leidet! Ich habe alle meine Ideen durchmuſtert, kann jede davon auswendig. Wenn irgend eine ſolche Betrügerin wichtig thuend vor mich hintritt und ſagt: Sieh' mich an, ich bin eine neue Bekanntſchaft', ſo ſchüttle ich nur mit dem Kopf und erwiedere: Weit gefehlt; du haſt nur einen neuen Rock angezogen. Du biſt dieſelbe alte Metze, die mich in den letzten zwanzig Jahren gelangweilt hat. Pack' dich von hinnen! Aber wenn man in eine neue Haut kriechen — wenn ich nur eine halbe Stunde Dein himmellanger Portier oder einer von Deinen ausgezeichneten Thatſachen⸗ männern ſeyn könnte, ſo wäre dies in der That ein Reiſen en ti⸗ An⸗ erſt nt⸗ ede rin an, em nen nich dich hen ger en⸗ iſen 737 in eine neue Welt.“ Jedes menſchliche Gehirn muß an ſich eine Welt ſeyn— meinſt Du nicht? Ich möchte mich nur für eine Weile in dem Deinigen einpfarren können, um allen Deinen Gedanken und Gefühlen zu folgen. Bei meiner Seele, ich will doch hingehen und jenen franzö⸗ ſiſchen Magnetiſeur darüber befragen.“ Audley(der keinen Gefallen an dem Gedanken zu haben ſcheint, daß ein Anderer, und wäre es ſogar ſein Freund, Luſt trägt, auch nur in der Phantaſie die innerſten Winkel ſeines Gehirns zu durchſtöbern).—„Pah, pah, pah! Sprich doch wie ein vernünftiger Menſch.“ Harley.—„Wie ein verſtändiger Menſch! Wo ſoll ich das Modell dazu finden? Ich kenne keinen vernünftigen Menſchen— bin nie mit einem ſolchen Geſchöpf zuſammen⸗ gekommen. Glaube ja nicht, daß je eines eriſtirt hat. Ein⸗ mal dachte ich, Socrates ſey ein verſtändiger Menſch ge⸗ weſen. Eitel Blendwerk! Er konnte hinſtehen, in die Luft hinausſtarren und mit ſeinem Dämon plaudern vom Son⸗ nenaufgang bis zum Untergang. Sieht dies einem verſtän⸗ digen Menſchen gleich? Der arme Audley— was er nicht für eine verdutzte Miene macht! Nun, ich will's meinet⸗ * Wenn zur Zeit, in welcher Lord LEstrange dieſe Zwie⸗ ſprache mit Mr. Egerton hielt, Alfred de Mußets Luſtſpiele be⸗ reits geſchrieben geweſen wären, ſo würden wir vermuthen, der gnädige Herr habe den ſeltſamen Gedanken, den er gegen ſeinen Freund äußert, dieſem Schriftſteller abgeborgt. Wenn der Ver⸗ faſſer dies hier berührt, kann er ſich's nicht verſagen, ſeine Dankesverpflichtung gegen einen Autor anzuerkennen, deſſen Hu⸗ mor reich genug iſt, um ein ſolches Anlehen zu rechtfertigen. Bulwer, meine Novelle, 47 738 wegen Dir zu Gefallen verſuchen, vernünftig zu ſprechen. Und zuvörderſt“(Harley ſtützte ſich jetzt auf ſeinen Ellen⸗ bogen)—„zuvörderſt: iſt es wahr, was ich nur als ein unbeſtimmtes Gerücht vernahm, daß Du der Schweſter jenes ſchändlichen italieniſchen Verräthers den Hof machſt?“ „Der Madame di Negra? Nein, ich mache ihr nicht den Hof,“ verſetzte Audley mit einem kallen Lächeln.„Aber ſie iſt ſehr ſchön, ſehr geſcheidt, und ich kann ſie brauchen. Wie oder warum? Dies ſind Geheimniſſe, die zu meinem métier als Politiker gehören. Wenn Du übrigens meinem Rath folgen oder Deinen Freund veranlaſſen willſt, guten Rath anzunehmen, ſo könnte ich durch meinen Einfluß bei ihr von ihrem Bruder einige recht annehmliche Zugeſtänd⸗ niſſe für Deinen Flüchtling auswirken. Sie möchte gar gerne wiſſen, wo er ſich aufhält.“ „Du haſt ihr's doch nicht geſagt?“ „Nein; denn ich habe Dir verſprochen, das Geheimniß für mich zu behalten.“ „Und ich darf auf Dich bauen. Wenn ſie von Dir eine ſolche Auskunft verlangt, ſo geſchieht es nur deshalb, weil irgend eine Bosheit im Hinterhalt ſteckt. Zugeſtänd⸗ niſſe! Pah! Es handelt ſich nicht um Zugeſtändniſſe, ſon⸗ dern um Rechte.“ „„Ich denke, Du ſollteſt dies Deinem Freund zur Be⸗ urtheilung überlaſſen.“ „Gut! Ich will ihm ſchreiben. Inzwiſchen aber nimm Dich vor dieſem Weib in Acht. Ich habe in Italien niß Dir b, on⸗ Be⸗ ber lien 739 viel von ihr gehört. Sie ſteht, gerade ſo wie ihr Bruder, im Ruf der Doppelzüngigkeit und—“ „Schönheit!“ unterbrach ihn Audley, mit der Ge⸗ wandtheit des Praktikers ablenkend.„Ich höre, der Graf ſey einer der ſchönſten Männer in Europa, ſogar ſchöner noch als ſeine Schweſter, obſchon faſt nochmal ſo alt. Sey unbekümmert, Harley; von mir iſt hier nichts zu befürchten. Ich bin gepanzert gegen allen weiblichen Zauber. Dieſes Herz iſt todt.“ „Nicht doch; Dir ſteht es nicht zu, ſo zu ſprechen. Ueberlaß dies mir. Und nicht einmal ich möchte mir eine ſolche Aeußerung erlauben, denn das Herz ſtirbt nie. Du? — Was haſt denn Du verloren?— allerdings eine Frau von trefflichem Charakter und edlem Herzen. Aber hatteſt Du Liebe für ſie gefühlt? Beneidenswerther Menſch, haſt Du je geliebt?“ „Vielleicht nicht, Harley,“ verſetzte Audley mit düſte⸗ rer Miene und in gedrücktem Tone.„Wenige Männer lieben in der Weiſe, die Du mit dem Wort Liebe bezeichneſt. Aber es gibt außer ihr noch andere Leidenſchaften, die das Herz ertödten und uns zu Maſchinen machen.“ Während Egerton ſo ſprach, wandte ſich Harley ab, und ſeine Bruſt wogte. Es folgte ein kurzes Schweigen. Andley war der Erſte, der es unterbrach. „Da wir eben von meiner verſtorbenen Gattin ſpre⸗ chen— ich bedaure, daß Du nicht billigſt, was ich für ihren jungen Verwandten Randal Leslie gethan habe.“ Harley(den es Anſtrengung koſtet, ſich zu ſammeln). 47* —„Iſt es wahres Wohlwollen, von ihm zu verlangen, daß er ſeine männliche Unabhängigkeit gegen den Schutz eines in Amt und Würden ſtehenden Gönners vertauſche?“ Audley.—„Ich verlangte es nicht von ihm, ſondern ließ ihm die Wahl. In ſeinem Alter wäre meine Entſchei⸗ dung eben ſo ausgefallen, wie die ſeinige.“ Harley.—„Ich will nicht hoffen— nein, ich habe eine beſſere Meinung von Dir. Aber gib mir eine unverhoh⸗ lene Antwort auf eine Frage, und dann will ich noch eine an Dich ſtellen. Haſt Du im Sinn, dieſen jungen Mann zu Deinem Erben zu machen?“ Audley(in einiger Verlegenheit).—„Zu meinem Erben? Pah! Ich bin ſelbſt noch jung und lebe vielleicht ſo lang als er. Es iſt immer noch Zeit, an dies zu denken.“ Harley.—„Dann zu meiner zweiten Frage. Haſt Du dieſem jungen Mann offen erklärt, daß er zwar auf Deinen Einfluß zählen, keinesfalls aber von Dir Reichthum erwarten dürfe?“ Audley(mit Feſtigkeit).—„Ich denke, ja; aber ich werde es ihm noch nachdrücklicher an's Herz legen.“ Harley.—„Dann bin ich mit Deinem Benehmen zufrieden, dafür aber um ſo weniger mit dem ſeinigen; denn er beſitzt einen zu ſcharfen Verſtand, um nicht zu wiſſen, was es heißt, ſeine Unabhängigkeit verwirkt zu haben. Verlaß Dich darauf, er hat bereits ſeine Berechnungen gemacht und wirft fogar Dich in jede Wagſchale, in welcher Du für ſein Intereſſe den Ausſchlag geben kannſt. Du läßt Dich bei Beurtheilung der Menſchen durch Deine Erfahrung leiten, ern ei⸗ abe oh⸗ ine ann nem icht n.“ Haſt auf hum rich men denn was erlaß nacht u für Dich eiten, 741 und ich folge dabei meinem Inſtinkt. Die Natur warnt uns ebenſogut, wie die niedrigeren Thiere— nur ſind wir Zwei⸗ füßler zu dünkelvoll, um es zu beachten. Mein ſolatiſcher und gentlemaniſcher Inſtinkt nimmt Anſtoß an dieſem alten jungen Mann. Er hat die Seele eines Jeſuiten. Ich ſehe dies in ſeinem Auge— ich höre es in dem Tritt ſeines Fußes; votio sciotto? hat er nicht, wohl aber i pensieri stretti.“ Bst! Ich höre eben ſeinen Tritt in der Halle; ich würde ihn unter Tauſenden heraus kennen. Dies iſt ſein Druck auf die Klinke.“ Randal Leslie trat ein. Harley, der ungeachtet ſeines Widerwillens gegen Formen und trotz ſeiner Abneigung gegen Randal zu fein gebildet war, um unhöflich zu ſeyn gegen einen Menſchen, der dem Alter und Range nach unter ihm ſtand, erhob ſich und machte eine Verbeugung. Aber ſein klares durchbohrendes Auge milderte ſich nicht, als es dem tieferen verborgenen Feuer im Auge Randals, der ſeinen Blick niederſchlug, begegnete. Er nahm ſeinen Sitz nicht wieder ein, ſondern trat an das Kamin und ſtützte ſich auf deſſen Sims. Randal.—„Eure Aufträge ſind vollzogen, Mr. Egerton. Ich ging zuerſt nach Maida Hall und ſprach Mr. Burley, dem ich den Wechſel gab; aber er ſagte, es ſey zu viel, und er wolle die Hälfte dem Bankier wieder zuſtellen. Den Artikel wird er nach Euren Andeutungen abfaſſen. Dann—“ * Ein freies Geſicht. ** Geheime Gedanken. 742 Audley.—„Genug, Randal. Wir wollen den Lord LEstrange nicht mit den kleinen Einzelnheiten eines Lebens ermüden, das ihm mißfällt— des politiſchen Lebens, meine ich.“ Harley.—„Gegen dieſe Einzelnheiten habe ich nichts einzuwenden; ſie verſöhnen mich mit m inem eigenen Leben. Ich bitte, fahrt fort, Mr. Leslie.“ Randal hatte zuviel Takt, als daß es des abmahnenden Blickes von Mr. Egerton bedurft hätte. Er fuhr nicht fort, ſondern ſagte mit weicher Stimme— „Glaubt Ihr, Lord LEstrange, daß eine Betrachtung der Lebensweiſe Anderer Jemanden mit ſeiner eigenen ver⸗ ſöhnen könne, wenn er ſchon vorher denkt, daß da ein Ver⸗ ſöhner nothwendig ſey 2 Harley's Miene heiterte ſich auf, denn die Frage war ironiſch, und vor Allem in der Welt haßte er Schmeichelei. „Beſinnt Euch auf Euren Lucrez, Mr. Leslie, auf das Suave mare und ſo weiter—'es iſt angenehm, von der Klippe aus die Matroſen zu ſehen, die von den Wellen hin und her geworfen werden“— In der That, ich glaube, dieſer Anblick kann Einen mit der Klippe verſöhnen— obſchon man ſich vorher über die ſpritzende Giſcht und über den be⸗ täubenden Lärm der Seemöven beklagte. Doch ich will jetzt gehen, Audley. Sonderbar, daß ich von meinem Sol⸗ daten nichts mehr gehört habe. Vergiß Dein Verſprechen nicht, wenn ich komme, Dich daran zu mahnen. Gott be⸗ fohlen, Mr. Leslie; ich hoffe, daß Mr. Burley's Artikel den Wechſel werth iſt.“ en e⸗ kel 743 Lord L'Estrange beſtieg ſein Pferd, das noch immer vor der Thüre ſtand, und ritt durch den Park. Aber er war jetzt keine unbekannte Perſönlichkeit mehr. Von allen Seiten begrüßte man ihn mit Nicken oder Verbeugungen. „So bin ich denn leider entdeckt,“ ſagte er zu ſich ſelbſt. „Dazu noch jene ſchreckliche Herzogin von Knaresborough — nein, es leidet mich nicht mehr im Lande!“ Er ſetzte ſein Pferd in Trab und hatte bald den Park im Rücken. Als er vor dem abgelegenen Hauſe ſeines Va⸗ ters abſtieg, würde man in ihm kaum den launigen phan⸗ taſtiſchen und dabei doch tiefen und feinen Humoriſten wieder erkannt haben, der ſich ein Vergnügen daraus machte, den materiellen Audley in Verwirrung zu bringen; denn ſein ausdrucksvolles Geſicht zeigte jetzt einen unbeſchreiblichen Ernſt. Sobald er übrigens in das Zimmer ſeiner Eltern trat, kehrte die Heiterkeit wieder zurück und wirkte auf das ganze Gemach wie Sonnenſchein. Eilftes Kapitel. „Mr. Leslie,“ ſagte Egerton, nachdem Harley das Bibliothekzimmer verlaſſen hatte,„Ihr handeltet nicht mit Eurer gewöhnlichen Vorſicht, indem Ihr in Gegenwart eines Dritten Dinge zur Sprache brachtet, welche auf die Politik Bezug haben.“ „Ich fühle dies bereits, Sir. Möge mir zur Ent⸗ ſchuldigung dienen, daß ich Lord LEstrange für Euren ver⸗ trauteſten Freund hielt.“ —— „Eine öffentliche Perſon, Sir, würde ihrem Land ſchlecht dienen, wenn ſie nicht namentlich gegen ihre Privat⸗ freunde ſehr zurückhaltend wäre, ſofern dieſe nicht zu ihrer Partei gehören“ „Entſchuldigt meine Unwiſſenheit. Lord Lansmere iſt zu bekannt als ein treuer Anhänger Eurer Seite, daß ich wohl Nachſicht verdiene, wenn ich der Meinung Raum gab⸗ der Sohn müſſe ſeine Geſinnungen theilen und in Eurem Vertrauen ſtehen.“ Egerton's Stirne furchte ſich ein wenig, ſo daß ſein immer feſtes und entſchiedenes Geſicht einen noch ernſteren Ausdruck gewann. Er entgegnete jedoch in mildem Tone: „Bei'm Eintritt ins politiſche Leben, Mr. Leslie, muß ein junger Mann von Euren Anlagen vor nichts ſo ſehr auf der Hut ſeyn, als vor dem Selbſtdenken, denn er wird dadurch immer das Unrechte reffen. Und ich glaube, dies iſt einer der Gründe, warum talentvolle junge Leute ſo oft die Hoffnungen ihrer Angehörigen täuſchen und— ſo lange für den Staatsdienſt unbrauchbar ſind.“ Eine ſtolze Glut überflog Randals Antlitz, verſchwand aber ſchnell wieder. Er verbeugte ſich ſchweigend. Gleichſam erklärend und in wohlwollender Entſchuldi⸗ gung fuhr Egerton fort— „Betrachtet zum Beiſpiel den Lord L'Estrange. Wel⸗ cher junge Mann hätte unter glänzenderen Ausſichten ins Leben eintreten fönnen? Rang, Reichthum, Lebensluſt,— dies iſt eine ſehr förderliche Eigenſchaft, Mr. Leslie— Muth, Beſonnenheit und eine gelehrte Bildung, die vielleicht 5* — 745 der Eurigen nicht nachſteht— und nun ſeht, wie dieſes Leben vergeudet iſt. Warum? Er meinte immer, für ſich ſelbſt denken zu müſſen, konnte ſich nie in's Geſchirr finden und wird es auch in Ewigkeit nicht lernen. Beim Staats⸗ wagen iſt es nöthig, Mr. Leslie, daß alle Pferde zugleich anziehen.“ „Mit Eurer Erlaubniß, Sir,“ erwiederte Randal, „ich möchte vermuthen, daß andere Gründe vorhanden waren, welche Lord LEstrange bei allen ſeinen Talenten, über die Euch natürlich das beſte Urtheil zuſteht, veran⸗ laßten, nichts von dem öffentlichen Leben zu wollen.“ „Nun, und die wären?“ entgegnete Egerton raſch. „Erſtlich,“ bemerkte Randal ſchlau,„hat das Privat⸗ leben zu viel für ihn gethan. Was kann das öffentliche einem Manne geben, der nichts braucht? Er iſt auf der Höhe der geſellſchaftlichen Leiter geboren; warum ſollte er ſich freiwillig an die unterſte Sproſſe ſtellen und noch einmal hinanklettern? Und zweitens ſcheint mir Lord LEstrange ein Mann zu ſeyn, in deſſen Organiſation das sentiment einen viel zu großen Antheil an ſich geriſſen hat, als daß ſie ſich gut mit dem praktiſchen Leben vertragen könnte.“ „Ihr habt ein ſcharfes Auge,“ ſagte Audley etwas verwundert,„ein ſcharfes Auge für einen ſo jungen Mann. — Der arme Harley!“ Mr. Egerton ſprach die letzteren Worte für ſich hin und nahm dann ſchnell wieder auf— „Ich habe etwas auf dem Herzen, mein junger Freund. Laßt uns offen gegeneinander ſeyn. Ich habe Euch unver⸗ hohlen die Vortheile und die Nachtheile der Wahl, die ich Euch anheim gab⸗ auseinander geſetzt. Ohne Zweifel wür⸗ det Ihr mit ſolchen Ehren Euren Grad gewonnen haben, daß Euch eine Collegialpfründe nicht entgangen wäre, und eine ſolche Auszeichnung hätte Euch großen Vorſchub auf der Laufbahn des Advokatenſtandes geſichert. Dies war der eine Weg— ein anderer der unmittelbare Eintritt in den öffentlichen Dienſt, in welchem Euch meine Erfahrung und mein Einfluß zu ſtatten kommen kann, obſchon Ihr bei der Wahl dieſer Laufbahn neben der Ausſicht des Emporkom⸗ mens möglicher Weiſe zu gewärtigen habt, in den Sturz Gurer Partei verwickelt zu werden. Ihr habt Euch für das Letztere entſchieden; aber vielleicht ließt Ihr Euch durch eine Rückſicht dazu beſtimmen, die Ihr bei Angabe der Gründe für Eure Wahl verſchwiegen habt.“ „Welche Rückſicht ſollte dies ſeyn, Sir?“ „Möglich, daß Ihr auf mein Vermögen zählt für den Fall, daß die Parteiausſichten Euch fehlſchlagen. Sprecht — iſt es ſo, ſo dürft Ihr Euch nicht ſcheuen, es zuzugeſtehen. Ich finde dies ganz natürlich bei einem jungen Mann, wel⸗ cher dem älteren Zweige eines Hauſes entſtammt, deſſen Erbin meine Gattin war.“ „Ihr thut mir weh, Mr. Egerton,“ verſetzte Randal, und wandte ſich ab. Mr. Egertons kalter Blick folgte Randals Bewegung⸗ die deſſen Geſicht verhüllte; aber er haftete auf der ganzen Figur, die oft weit mehr verräth, als das Antlitz. Randal vereitelte jedoch die Prüfung ſeines Gönners; die Erregtheit 747 des jungen Mannes konnte eine Folge ehrenhaften Stolzes, eines verletzten edeln Gefühls, aber auch etwas Anderes ſeyn. Egerton fuhr langſam fort— „Ich ſage Euch deshalb ein— für allemal deutlich und unverhohlen— zählt nie auf dies. Auf alles Andere, was ich für Euch thun kann, mögt Ihr bei mir bauen, und ver⸗ zeiht mir, wenn mein Rath oft hart, mein Tadel kalt klingt. Ihr müßt dies der Theilnahnie zuſchreiben, die ich für Euer Fortkommen hege. Außerdem iſt mir darum zu thun, daß Ihr, eh' Euere Entſcheidung unwiderruflich wird, praktiſch all' das Unangenehme und ſogar Demüthigende kennen lernt, das ſich an die erſten untergeordneten Schritte eines Mannes knüpft, welcher ſich, ohne von Vermögen und Stellung un⸗ terſtützt zu ſeyn, im öffentlichen Dienſt emporſchwingen will. Ich werde vor Ablauf von wenigſtens einem Jahr Eure Wahl nicht als endgültig betrachten. Euer Name ſoll bis dahin im Univerſitätskatalog fortgeführt werden, und wenn Ihrs nach gemachten Erfahrungen vorzieht, nach Orford zurückzukehren, um den langſameren aber ſichereren Pfad zu Auszeichnung und Unabhängigkeit zu verfolgen, ſo bleibt Euch dies unbenommen. Und jetzt gebt mir Eure Hand, Mr. Leslie, zum Zeichen, daß Ihr mir meine derbe Ge⸗ radheit nicht mißdeutet. Ich muß mich jetzt für das Diner umkleiden.“ Randal ſtreckte mit noch immer abgewandtem Geſicht ſeine Hand aus. Mr. Egerton nahm ſie einen Augenblick, ließ ſie dann fallen und entfernte ſich aus dem Zimmer. Als Randal die Thüre hinter ſich zudrücken hörte, richtete 748 er ſich auf, und in ſeinem dunkeln Geſicht wurde die Gewalt einer finſtern Leidenſchaft bemerklich, welche alle Warnungen Harley's rechtfertigte. Seine Lippen bewegten ſich, aber kein Laut entſtrömte ihnen. Dann folgte er, wie von einem plötzlichen Gedanken geſpornt, Egerton in die Halle. „Sir,“ ſagte er,„ich habe vergeſſen, Euch zu ſagen, daß ich auf dem Rückweg von Maida Hill, vom Regen überfallen, unter einem Schuppen Schutz ſuchen mußte. Ich traf da unerwartet mit Eurem Neffen Frank Hazeldean zuſammen.“ „Ah,“ verſetzte Egerton gleichgültig,„ein hübſcher junger Menſch— bei der Garde. Es iſt Schade, daß mein Bruder ſo veraltete politiſche Anſichten hat; er hätte ſeinen Sohn ins Parlament bringen und meiner Leitung anver⸗ trauen ſollen. Ich würde ihn wohl vorwärts gebracht haben. Nun, und was ſagte Frank?“ „Er lud mich ein, ihn zu beſuchen Ich erinnere mich, daß Ihr mich einmal warntet vor einer vertrauten Bekannt⸗ ſchaft mit ſolchen, die nicht erſt ihr Glück zu ſuchen haben.“ „Weil dies müſſige Leute ſind, und Müſſiggang iſt anſteckend. Ganz recht— der Umgang mit einem jungen Gardeoffizier kann nichts Gutes wirken.“ „Dann iſt es wohl Euer Wunſch, daß ich ihn nicht be⸗ ſuche, Sir? Wir ſtanden zu Eton auf ziemlich freund⸗ ſchaftlichem Fuße,— und wenn ich ſeine Annäherungen ganz und gar zurückweiſe, würde er nicht glauben, daß Ihr— „Ich?“ unterbrach ihn Egerton.„Ach, ja; mein 749 Bruder könnte glauben, ich trage ihm etwas nach— abge⸗ ſchmackt! So beſucht den jungen Mann und ladet ihn zu mir ein. Auf alle Fälle aber mißrathe ich einen vertrauten Umgang.“ Egerton ging ſeinem Ankleidezimmer zu. „Sir,“ meldete der Kammerdiener, der eben Dienſt hatte,„Mr. Levy iſt hier— wie er ſagt, auf Beſtellung; und Mr. Grinders iſt gleichfalls eben vom Land zurückge⸗ fommen.“ „Sagt zu Mr. Grinders, ich wolle zuerſt ihn ſprechen,“ verſetzte Egerton, ſich auf einen Stuhl niederlaſſend.„Ihr braucht nicht zu warten; ich kann mich ohne Euch ankleiden. Dem Mr. Levy meldet, daß ich nach fünf Minuten zu ſeiner Verfügung ſeyn werde.“ Mr. Grinders war Audley Egertons Haushofmeiſter. Mr. Levy war ein ſchöner Mann, der eine Camelia im Knopfloch trug, vor ſeinem Cabriolet ein raſches Pferd im Werth von zweihundert Pfund hatte und unter den jungen Modeherren den Hahn ſpielte, obſchon die Väter derſelben ihn als eine ſehr gefährliche Bekanntſchaft betrachteten. Zwölftes Kapitel. Nachdem ſich die Geſellſchaft in dem Salon verſam⸗ melt hatte, ſtellte Mr. Egerton ſeinen ausgezeichneten Freunden den jungen Randal in einer Weiſe vor, die einen ſchroffen Gegenſatz bildete zu dem abgemeſſenen und meiſtern⸗ 750 den Benehmen, mit welchem er denſelben unter vier Augen behandelte. Die Einführung geſchah mit jener Herzlichkeit und der gewinnenden Achtung⸗ mit welcher hoch geſtellte Perſonen ihre Aufmerkſamkeit für Diejenigen an den Tag zu legen pflegen, die erſt eine Stellung zu erringen haben. „Mein theurer Lord, erlaubt mir, Euch einen Ver⸗ wandten meiner verſtorbenen Gattin vorzuſtellen(flüſternd) — den Erben des älteren Zweigs ihrer Familie. Stan⸗ more, dies iſt Mr. Leslie, von dem ich mit Euch geſprochen habe. Ihr habt Euch ſelbſt in Orford ſo ausgezeichnet, daß er Euch nicht weniger gefallen wird um der Preiſe willen, die er dort errungen hat. Herzog, erlaubt mir, Euch Mr. Leslie vorzuſtellen. Die Herzogin iſt mir böſe, weil ich ihren Bällen deſertirt bin; ich hoffe, meinen Frieden mit ihr machen zu können, wenn ich ſtatt meiner einen jüngeren und lebhafteren Stellvertreter ſende. Ah, Mr. Howard, hier iſt ein junger Gentleman, der friſch von Orford her kommt und Euch Alles erzählen kann von der neuen Sekte, die ſich dort aufthut. Er hat ſeine Zeit nicht an Billardtiſche und Pferde verſchleudert.“ Leslie wurde mit all' der bezaubernden Höflichkeit auf⸗ genommen, die zu dem Kalov der Ariſtokratie gehört. Nach der Mahlzeit wurde von Politik geſprochen. Ran⸗ dal hörte mit ſtummer Aufmerkſamkeit zu, bis ihn Egerton in's Geſpräch zog und gerade genug aus ihm herausholte, um den Verſtand ſeines Schutzbefohlenen bemerklich zu machen, ohne daß derſelbe ſich dem Vorwurf der Anmaßung ausſetzte. Egerton wußte, wie man junge Männer aus⸗ mt che an⸗ ton lte, zu ing 751 holen mußte— eine ſchwierige Kunſt; und dies war einer der Gründe ſeiner Beliebtheit bei den vorwärtsſtrebenden Mitgliedern ſeiner Partei. Die Geſellſchaft brach früh auf. Es iſt jetzt Zeit für Almack,“ ſagte Egerton, nach der Uhr ſehend,„und ich bin für Euch eingeſtanden. Kommt!“ Randal folgte ſeinem Beſchützer in den Wagen. Unter⸗ wegs redete ihn Egerton folgendermaßen an: „Ich werde Euch heute mit den Hauptführern der Geſellſchaft bekannt machen. Faßt ſie aufmerkſam ins Auge und ſtudirt. Ich rathe Euch nicht mehr, zu thun — das heißt, Ihr müßt nicht verſuchen, ein Tonangeber werden zu wollen. Dies iſt ein ſehr koſiſpieliger Ehrgeiz, der nur Wenigen aufhilft, die Meiſten aber zu Grunde richtet. Am Beſten iſt ss, Ihr unterhaltet Euch mit dem Spiel. Tanzt, oder laßt es bleiben— nur keine Hof⸗ macherei! Wenn Ihr Euch in letzterer Beziehung verſeht, wird man ſich nach Eurem Vermögen erkundigen, und eine derartige Nachforſchung wird Euch nicht zu Statten kom⸗ men. Außerdem verſtrickt man ſich durch eine ſolche Spie⸗ lerei leicht in ernſtere Bande, und das Heirathen iſt noch nichts für Euch. Wir ſind am Platze.“ Zwei Minuten ſpäter befanden ſie ſich in dem großen Ballſaal, und Randals Augen fühlten ſich geblendet von den Lichtern, den Diamanten und dem Glanz der Schönheit. Audley ſtellte ſeinen Verwandten in raſcher Reihenfolge einigen Dutzend Damen vor und verlor ſich ſodann im Ge⸗ dränge. Randal zeigte keine Verlegenheit, und wenn er je etwas von der ſtörenden Schwäche der Befangenheit beſaß, ſo wußte er es recht gut zu verbergen. Auf die matten Fragen, die an ihn geſtellt wurden, antwortete er mit einem gewiſſen Geiſt, der die Unterhaltung im Gang erhielt und ſeine Eigenſchaften in ein günſtiges Licht ſtellte. Die Dame jedoch, mit der er am beſten vorwärts kam, war Lady Fre⸗ derick Coniers, eine ſchöne, geiſtreiche Frau, die keine Tochter bei ſich hatte. „Dies iſt alſo der erſte Almacksball, dem Ihr an⸗ wohnt, Mr. Leslie?“ „Der erſte.“ „Und Ihr habt Euch noch keine Tänzerin ausgeſucht? Soll ich Euch dazu behülflich ſeyn? Was haltet Ihr von jenem hübſchen Mädchen im Roſakleid?“ „Ich ſehe ſie— aber ich darf nicht daran denken.“ „Oder vielmehr, es ergeht Euch vielleicht wie einem Diplomaten, der an einen neuen Hof kommt und zuerſt wiſſen will, wen er vor ſich hat.“ „Ich geſtehe, daß ich, da ich nun anfangen muß, die Geſchichte meiner Zeit zu ſtudiren, gerne die Porträte möchte kennen lernen, welche das Memoir illuſtriren.“ „So gebt mir Euren Arm; wir wollen in das nächſte Zimmer treten. Dort ſehen wir der Reihe nach die verſchie⸗ denen Notabilitäten vorüberziehen und können Beobachtungen anſtellen, ohne bemerkt zu werden. Dies iſt das Wenigſte, was ich für einen Freund von Mr. Egerton thun kann.“ „Mr. Egerton,“ ſagte Randal, während er ſich mit ſeiner Begleiterin durch den Raum außerhalb der Schranke M 3 on m rſt die äte hſte hie⸗ gen gſte, mit anke 753 wand, die zum Schutz der Tanzenden aufgeſpannt war— „Mr. Egerton iſt demnach ſo glücklich, auch ſeinen Freun⸗ den, wie dunkel ſie ſeyn mögen, Eure Achtung zu ſichern?“ „Die Wahrheit zu geſtehen, ich glaube, Niemand, den Mr. Egerton ſeinen Freund nennt, wird lange in der Dunkel⸗ heit bleiben, wenn dieſer Freund Ehrgeiz genug beſitzt, ſich aus derſelben hervorzuringen. Denn es iſt der Grundſatz dieſes Genkleman, nie einen Freund oder einen Dienſt zu vergeſſen.“ „Wirklich?“ verſetzte Randal überraſcht. „Und deshalb,“ fuhr Lady Frederick fort,„ſammeln ſich immer mehr Freunde um ihn während ſeines Gangs durchs Leben. Er wird ſogar noch höher ſteigen. Dank⸗ barkeit, Mr. Leslie, iſt eine ſehr gute Politik.“ „Hem!“ murmelte Mr. Leslie. Sie hatten jetzt das Zimmer ergeicht, wo die Exclu⸗ ſivſten der Londoner Geſellſchaft ihren Thee mit Butter⸗ ſchnitten einzunehmen pflegten, und traten in eine ſchützende Fenſterniſche. Lady Frederick verwaltete ihr Amt als Cice⸗ rone mit lebhafter Ungezwungenheit und wußte jede Aus⸗ kunft über die Perſonen, welche panoramaartig an ihnen vorbeizogen, auf's Angenehmſte mit einer Skizze oder Anek⸗ dote zu würzen, die, bisweilen gutmüthig, meiſt aber ſaty⸗ riſch gehalten waren. Unter andern kam auch Frank Hazeldean, der eine junge Dame von ſtolzer Haltung und hohen aber feinen Zü⸗ gen am Anm führte, an den Theetiſch. Bulwer, meine Novelle. 48 „Unſer neueſter Gardeoffizier,“ bemerkte Lady Frede⸗ rick;„ſehr ſchön und noch nicht ganz verderbt. Aber er iſt in eine gefährliche Geſellſchaft gerathen.“ Randal.—„Die junge Dame an ſeinem Arm iſt allerdings ſchön genug, um gefährlich zu werden.“ Lady Fred erick(lachend).—„Oh, von dieſer Seite aus droht ihm keine Gefahr— wenigſtens für jetzt noch nicht. Lady Mary, die Tochter des Herzogs von Knares⸗ borough, iſt erſt in ihrem zweiten Jahr. Im erſten geht man nicht unter einen Grafen, im zweiten nicht unter einen Baron herunter. Es wird volle vier Jahre anſtehen, bis ein Bürgerlicher bei ihr Ausſicht hat. Mr. Hazeldean's Gefahr iſt anderer Art. Er lebt viel unter Leuten, die nicht gerade von mauvais ton, aber ſicherlich nicht vom beſten Geſchmack ſind. Er iſt übrigens noch ſehr jung und kann ſich herauswinden, wenn auch ſein halbes Vermögen darüber zu Grunde geht. Wie, er nickt Euch zu? Ihr kennt ihn?“ „Freilich; er iſt Mr. Egertons Neffe.“ „Wirklich? Davon wußte ich nichts. Hazeldean iſt ein neuer Name in London. Ich ließ mir ſagen, ſein Vater ſey ein einfacher Landedelmann von ſchönem Vermögen⸗ aber von einer Verwandtſchaft mit Mr. Egerton ſagte man mir nichts.“. „Er iſt ſein Halbbruder.“ „Wird Mr. Egerton wohl die Schulden des jungen Gentleman bezahlen? Er hat ſelbſt keine Söhne.“ Randal.—„Mr. Egertons Vermögen ſtammt von „ en, an gen von ſeiner Gattin her— aus meiner Familie— von einer Leslie, nicht von den Hazeldeanen.“ Lady Frederick wandte ſich raſch um, betrachtete Ran⸗ dals Geſicht mit weit mehr Aufmerkſamkeit, als ſie demſelben bisher hatte zu Theil werden laſſen, und verſuchte, das Ge⸗ ſpräch auf die Leslie zu bringen; aber Randal zeigte ſich bei dieſem Gegenſtand ſehr wortkarg. Mr. Leslie, welcher ſich am Tanz nicht betheiligte, be⸗ fand ſich eine Stunde ſpäter, nachdem Lady Frederick ihn längſt verlaſſen hatte, noch immer im Erfriſchungszimmer. Er plauderte eben mit einigen alten Etonianern, welche die frühere Bekanntſchaft erneuerten, als eine Dame von ſehr merkwürdigem Aeußern eintrat. Bei ihrem Erſcheinen lief ein Gemurmel durch das ganze Zimmer. Sie mochte drei⸗ oder vierundzwanzig zählen und war in ſchwarzen Sammt gekleidet, der einen lebhaften Gegen⸗ ſatz bildete zu dem Alabaſterweiß ihres Halſes und dem durchſichtigen Blaß des Geſichtes, noch mehr aber zu den funkelnden Diamanten, von denen das dunkle Gewand ſtrotzte. Ihre Haare waren vom tiefſten Schwarz und in einfache Flechten gewunden. Die dunkeln Augen leuchteten und ihre regelmäßigen Züge mußten Bewunderung finden, obſchon der Ausdruck derſelben in der Ruhe nichts Gewinnen⸗ des für Diejenigen hatte, welche von dem Zauber des Weibes Beſcheidenheit und Sanftmuth verlangen. Wenn ſie aber ſprach und lächelte, lag ſo viel Geiſt und Lebhaftigkeit in ihrem Geſichte, eine ſolche hinreißende Anmuth in dieſem Lächeln, daß mit Einemmale auf eine faſt unerklärliche Weiſe 48* 756 Alles verſchwand, was vorher ihrer Schönheit Eintrag ge⸗ than hatte. „Wer iſt dieſe wunderſchöne Frau?“ fragte Randal. „Eine Italienerin— eine Marcheſa So und So,“ verſetzte Einer der Etonianer. „Di Negra,“ bemerkte ein Anderer, der auf Reiſen ge⸗ weſen war.„Sie iſt Wittwe. Ihr Gatte gehörte der großen genueſiſchen Familie di Negra an— einem jüngeren Zweig derſelben.“ Um die ſchone Italienerin ſchaatte ſich jetzt eine Gruppe von Gentlemen. Einige Damen vom höchſten Rang ſpra⸗ chen mit ihr, maßen aber dabei ihre Höflichkeit ſorgfältiger ab, als dies gewöhnlich bei hochgeſtellten Frauen einer Aus⸗ länderin vom Stande der Marcheſa di Negra gegenüber der Fall war. Die weniger hochſtehenden Damen ſchienen ſie zu meiden— vielleicht aus Eiferſucht. Während Randal Leslie die Fremde mit größerer Bewunderung betrachtete, als ihm vielleicht je zuvor ein weibliches Weſen eingeflößt hatte, hörte er plötzlich eine Stimme neben ſich ſagen— „Oh, Madame di Negra iſt entſchloſſen, ſich unter uns niederzulaſſen und einen Engländer zu heirathen.“ „Wenn ſie einen findet, der den Muth dazu hat,“ ver⸗ ſetzte eine Frauenſtimme. „Jedenfalls hat ſie's ſcharf auf Egerton abgeſehen, und dieſer beſitzt Muth genug zu Allem.“ Die Frauenſtimme entgegnete lachend: „Mr. Egerton kennt die Welt zu gut und hat zu vielen Verſuchungen widerſtanden, um—“ —̃ „Bt!— Da iſt er.“ Egerton kam mit ſeinem gewohnten feſten Tritt und ſeiner aufrechten Haltung in's Zimmer. Randal bemerkte, daß ein raſcher Blick zwiſchen ihm und der Marcheſa ge⸗ wechſelt werde; aber der Staatsmann ging an ihr nur mit einer Verbeugung vorüber. Randal blieb auf der Lauer, und zehn Minuten ſpäter ſaßen Egerton und die Marcheſa bei Seite in derſelben bequemen Niſche, welche eine Stunde früher der Novize des Staatslebens mit Lady Frederick eingenommen hatte. „Iſt dies der Grund, warum Egerton mich in ſo kränkender Weiſe gewarnt hat, nicht auf ſein Vermögen zu rechnen?“ murmelte Randal.„Hat er etwa im Sinne, wieder zu heirathen?“ Ungerechter Argwohn!— Denn im nämlichen Augen⸗ blick glitten folgende Worte von Audley Egertons ehernen Lippen— „Nein, meine theure Madame, ſchreibt meiner unver⸗ hohlenen Bewunderung nicht mehr Galanterie zu, als ſie verdient. Eure Unterhaltung bezaubert— Eure Schön— heit entzuckt mich, und Eure Geſellſchaft erſcheint mir wie ein Feſttag, nach dem ich mich ſehne in den Anſtrengungen meines Lebens. Aber mit der Liebe habe ich abgeſchloſſen, und ich werde nie wieder heirathen.“ „Ihr ſtachelt mich faſt zu dem Verſuche, Euch zu ge⸗ winnen, um Euch mit einem Korb ablohnen zu können,“ verſetzte die Italienerin, und ihr glänzendes Auge blitzte. „Sogar Euch würde der Verſuch mißlingen,“ erwie⸗ 758 derte Audley mit ſeinem harten kalten Lächeln.„Aber um zur Sache zu kommen: auf dieſen ſchlauen Geſandten wenig⸗ ſtens habt Ihr mehr Einfluß, und ich baue auf Euch, daß Ihr ihm das beſprochene Geheimniß für mich ablockt. Laßt uns Freunde bleiben, Madame. Ihr ſeht, ich habe die un⸗ gerechten Vorurtheile gegen Euch überwunden, und Ihr werdet überall aufgenommen und fétirt, wie es Eurer Ge⸗ burt und Euren Reizen ziemt. Verlaßt Euch immerhin auf mich, wie ich mich auf Euch verlaſſe. Doch ich errege zuviel Neid, wenn ich länger hier bleibe, und bin eitel ge⸗ nug, zu glauben, daß ich Euch einen ſchlechten Dienſt leiſte, wenn ich der Klatſchſucht boswilliger Perſonen einen will⸗ kommenen Anhaltspunkt gebe. Als anerkannter Freund kann ich Euch nützlich werden, aber nicht als vermeintlicher Liebhaber.“ Während dieſer Worte hatte ſich Audley er⸗ hoben; er blieb bei dem Stuhle der Marcheſe ſtehen und fügte nachläſſig bei:„Daß ich's nicht vergeſſe, die Summe, die Ihr von mir borgen zu wollen ſo freundlich waret, ſoll morgen an Euren Bankier ausbezahlt werden.“ „Tauſend Dank— mein Bruder wird ſich beeilen, den Betrag an Euch zurückzuzahlen.“ Audley verbeugte ſich. „Ich hoffe, Euer Bruder wird dies in Perſon thun, früher nicht. Wann erwartet Ihr ihn?“ „Oh, er hat ſeinen Beſuch in London wieder aufſchieben müſſen, da man in Wien ſeiner bedurfte. Aber da wir eben von ihm ſprechen— erlaubt mir die Frage, ob Euer Freund im ig⸗ aß ßt in⸗ hr e⸗ hin ge ge⸗ ſte, ind her ind me, ſoll den un, ben ben und 759 Lord L'Estrange noch immer ſo bitter iſt gegen meinen armen Bruder.“ „Allerdings.“ „Es iſt ſchändlich!“ rief die Italienerin mit Wärme. „Was hat ihm mein Bruder je zu Leide gethan, daß er an dem eigenen Hof gegen den Grafen intriguirt?“ „Intriguirt? Ich denke, Ihr thut Lord L'Estrange Unrecht. Er glaubte nur im Dienſt der Wahrheit zu handeln, wenn er ſich eines zu Grunde gerichteten Flüchtlings an⸗ nahm.“ „Und Ihr wollt mir nicht ſagen, wo ſich dieſer Flücht⸗ ling aufhält und ob ſeine Tochter noch lebt?“ „Meine theure Marcheſe, ich habe Euch Freundin ge⸗ nannt und werde deshalb Lord L'Estrange keinerlei Unter⸗ ſtützung zu Theil werden laſſen, wenn er beabſichtigt, Euch und den Eurigen zu ſchaden. Aber auch L'Estrange iſt mein Freund, und Ihr könnt mir nicht zumuthen, das Vertrauen zu verrathen, das—“ Audley hielt inne und biß ſich in die Lippe.„Ihr verſteht mich,“ ſchloß er mit einem gemüth⸗ licheren Lächeln, als man gewöhnlich an ihm bemerken konnte, und machte ſeine Abſchiedsverbeugung. Die Brauen der Italienerin zogen ſich zuſammen, als ihr Auge dem ſich Entfernenden folgte. Als auch ſie ihren Platz verließ, begegnete ihr Blick dem des jungen Randal. Sie ſahen ſich gegenſeitig an— beide fühlten einen gewiſſen unerklärlichen Zauber— eine Anziehung— nicht des Her⸗ zens, ſondern des Geiſtes. „Dieſer junge Mann hat das Auge eines Italieners,“ 760 ſagte die Marcheſe zu ſich ſelber; und als ſie auf dem Wege nach dem Ballſaal an ihm vorbei kam, wandte ſie ſich um und lächelte.* Dreizehntes Kapitel. Leonard und Helen mietheten ſich zwei kleine Stübchen in einer engen Gaſſe. Die Nachbarſchaft war todt genug und die Möblirung ärmlich; aber die Hauswirthin hatte ein Lächeln. Dies war vielleicht der Grund, warum Helen die Wohnung erſtand, denn die Geſichter der Hausbeſitzerinnen zeigen nicht immer ein Lächeln, wenn die Miethlente arm ſind. Aus ihren Fenſtern hatten ſie die Ausſicht nach einem grünen Baum, einer ulme, die ſchön und hoch in dem Hof hinter dem Hauſe eines Zimmermanns aufgeſchoſſen war. Dieſer Baum galt ſtatt eines zweiten Lächelns an dieſem Platze. Sie ſahen die Vögel unter ſeinem Schirm ab⸗ und zufliegen und hörten ſogar, wenn ein Wind ſich erhob, das angenehme Rauſchen ſeiner Zweige. Leonard begab ſich noch am nämlichen Abend nach Ka⸗ pitän Digby's vormaliger Wohnung, konnte aber dort nichts erfahren, was ihn auf die Spur von Helen's Verwandten oder Beſchützern zu leiten vermochte. Die Leute waren roh und unfreundlich und behaupteten, der Kapitän ſey ihnen noch ein Pfund und ſiebenzehn Schillinge ſchuldig. Die Forderung ſchien jedoch ſehr zweifelhaft zu ſeyn und wurde von Helen auf's Entſchiedenſte in Abrede gezogen. Am —— — —— e as a⸗ s en oh ien ie rde Am 761 andern Morgen machte ſich Leonard auf den Weg, um Doctor Morgan aufzuſuchen. Es ſchien ihm am Gerathen⸗ ſten, ſich bei dem nächſten Droguiſten nach der Adreſſe zu er⸗ kundigen; dieſer war ſo höflich, im Wegweiſer nachzuſehen, und bezeichnete ihm ein Haus in Bulſtrode Street, Man⸗ cheſter⸗Square, als die Wohnung des Mannes, den er ſuchte. Es gelang unſerem jungen Freunde, die Straße aufzufinden, obſchon er ſich unterwegs nicht wenig wunderte über das gemeine Ausſehen von London. Serewstown war ſeiner Anſicht nach eine viel ſchönere Stadt. Ein Bedienter in ſchäbiger Kleidung öffnete die Thüre, und Leonard bemerkte, daß der ſchmale Hausgang mit Schachteln, Koffern und unterſchiedlichen Geräthſchaften verſtellt war. Der Bediente wies ihn nach einem kleinen Zimmer mit einem ſehr großen runden Tiſch, auf welchem mehrere Werke über Homöopathie, Parry's eymbriſcher Plutarch, Davies' Unterſuchungen und eine Sonn⸗ tagszeitung lagen. Das Porträt des berühmten Hahne⸗ mann, ein Kupferſtich, nahm den Ehrenplatz über dem“ Kaminmantel ein. Einige Minuten ſpäter öffnete ſich die Thüre eines inneren Zimmers, und Doctor Morgan erſchien, der Leonard hoflich eintreten hieß. Der Doctor ſetzte ſich an ein Pult, blickte haſtig auf Leonard und legte daun eine große Taſchenuhr auf den Tiſch. „Meine Zeit iſt kurz, Sir— ich bin im Begriff, ab⸗ zureiſen. Und nun ich gehe, ſtrömen mir Patienten zu. Zu ſpät. London wird ſeinen Stumpfſinn bereuen. Es darf auch!“ 762 Der Doetor hielt majeſtätiſch inne; da er aber auf Leo⸗ nards Geſicht nicht die erwartete Beſtürzung bemerkte, ſo wiederholte er verdrießlich: „Ich bin im Begriff, abzureiſen; aber ich will die Symptome Eures Falls aufzeichnen und ſie meinem Nach⸗ folger hinterlaſſen. Hum! Haare braun; Augen— welche Farbe? Schaut in dieſe Richtung— blau, dunkelblau. Hem! Nervöſe Conſtitution. Was ſind die Symptome?“ „Sir,“ begann Leonard,„ein kleines Mädchen—“ Doctor Morgan(ungeduldig).—„Was, kleines Mädchen! Die Geſchichte Eures Leidens geht mich nichts an— bleibt bei den Symptomen— bei den Symptomen.“ Leonard.—„Ihr ſeyd im Irrthum, Doctor. Ich bin nicht krank. Ein kleines Mädchen—“ Doctor Morgan.—„Schon wieder das kleine Mädchen Ah, ich verſtehe— ſie alſo iſt die Kranke. Soll ich zu ihr kommen? Sie muß mir ihren Zuſtand ſelbſt be⸗ ſchreiben— ich kann nicht urtheilen nach Eurem Geſchwätz. Ihr wollt mir ſagen, ſie habe die Auszehrung, eine Magen⸗ verſchleimung oder ſonſt eine Krankheit, die es nicht gibt. Lauter allopathiſche Erfindungen! Die Symptome Sir, die Symptome.“ Leonard(dem es unter dem Erguß des Doctors Mühe koſtet, zum Wort zu kommen).—„Ihr habt ihren armen Vater behandelt, den Kapitän Digby, als er neben Euch in der Kutſche erkrankte. Er iſt todt und ſein Kind eine Waiſe.“ Doctor Morgan(in ſeinem medieiniſchen Taſchen⸗ b⸗ ſo che m. ine oll ätz. en⸗ ibt. Sir, tors ren ben kind hen⸗ 763 buch blätternd).—„Waiſe? Nichts beſſer für Waiſen, namentlich wenn ſie untröſtlich ſind, als Aconit und Cha⸗ momilla.“* Mit einiger Schwierigkeit gelang es Leonard, dem Ho⸗ möopathiker Helen in Erinnerung zu bringen. Er erzählte, wie ſie unter ſeinen Schutz gekommen, und gab an, was ihn veranlaßt hatte, den Doctor aufzuſuchen. Mr. Morgan war ſehr ergriffen. „Aber ich ſehe in der That nicht ein,“ ſagte er nach einer Pauſe, wie ich dem armen Kind helfen kann. Ich weiß nichts von ihren Verwandten. Dieſer Lord Les— oder wie er heißen mag— ich bin mit keinem Londoner Lord bekannt. Ja, als ich noch ein ſtümperhafter Allopath war, hatte ich wohl mit Lorden zu ſchaffen und behandelte ſie ſogar. Zum Beiſpiel der Lord Lansmere— er hat manche Mereurial⸗ pille von mir eingenommen— Gott verzeih' mir's! Sein Sohn war klüger— er wollte nie Arznei nehmen. Ein ſehr geſcheidter junger Menſch, der Lord LEstrange— nur weiß ich nicht, ob ſein Herz eben ſo guk war, wie ſein Ver⸗ ſtand—“ „Lord LEstrange?— Dieſer Name beginnt mit Les—“ „Pah, er iſt immer auf Reiſen— ein Beweis von ſeinem Verſtand. Ich bin auch im Begriff zu reiſen. Kein „ Es wird nöthig ſeyn, hier zu bemerken, daß die Homöopa⸗ thie eben ſo gut Rückſicht nimmt auf unſere moraliſchen Affekte, wie auf unſere leiblichen Krankheiten, und gegen jede Gemüths⸗ bewegung ein Kügelchen hat. 764 Spielraum für die Wiſſenſchaft in dieſer ſchrecklichen Stadt — nichts als Vorurtheile, Sir— nur Sinn für die bar⸗ bariſchſten allopathiſchen Schröpfereien. Ich gehe nach dem Land Hahnemanns, Sir— habe meine Kundſchaft, mein Quartier und Mobiliar zu Geld gemacht und mich am Rhein angekauft. Natürliches Leben dort— die Homöo⸗ pathie bedarf der Natur. Man ſpeist um Ein Uhr, ſteht um Vier Uhr auf— weiß nichts von Thee und ſchätzt die Wiſſenſchaft. Doch ich vergaß— mein Gott, was kann ich für die Waiſe thun?“ „Nun, Sir,“ ſagte Leonard aufſtehend,„ſo wird mir Gott Kraft ſchenken, für ihr Fortkommen zu ſorgen.“ Der Doctor betrachtete den Jüngling aufmerkſam. „Und doch, junger Mann,“ ſagte er mit ſanfterer Stimme,„ſeyd Ihr Eurer eigenen Angabe zufolge für ſie nur ein Fremder, oder waret es wenigſtens, als Ihr es auf Euch nahmt, ſie nach London zu bringen. Ihr habt ein gutes Herz— behaltet es immer. Ein gutes Herz iſt ſehr för⸗ derlich für die Geſundheit, Sir— das heißt, wenn es nicht übertrieben wird. Aber Ihr habt wohl Freunde in der Stadt?“ Leonard.—„Noch nicht, Sir; aber ich hoffe, mir Freunde zu gewinnen.“ Doctor.—„Der Tauſend, Ihr hofft es? Und wie? — Mir iſt es nicht gelungen.“ Leonard erröthete und ſenkte den Kopf. Er hätte ſagen mögen—„Schriftſteller finden Freunde an ihren Leſern, und ich habe im Sinn, ein Autor zu werden;“ abe nel ihn geſ ein ſtü ein mi: mi thi fah jun nur Ve hell Na bet: ſein Fre Hat ſehe adt ar⸗ em ein am öo⸗ eht die rer ſie auf tes för⸗ es in mir 765 aber er fühlte, daß eine ſolche Antwort ſich anmaßend aus⸗ nehmen würde, und ſchwieg deshalb lieber. Der Doctor fuhr fort, mit freundlicher Theilnahme ihn auszufragen. „Ihr ſagt, Ihr ſeyet zu Fuß nach London gekommen; geſchah dies aus Liebhaberei oder aus Sparſamkeit?“ Leonard.—„Aus beiden Gründen, Sir.“ Doector.—„Setzt Euch wieder und laßt uns mit⸗ einander ſprechen. Ich kann Euch wohl noch ein Viertel⸗ ſtündchen ſchenken und will ſehen, ob ich in der Lage bin, einem von Euch Beiden zu helfen, vorausgeſetzt, daß Ihr mir alle Symptome— ich wollte ſagen, alle Einzelnheiten mittheilt. Doetor Morgan ſchickte ſich nun an, mit jener eigen⸗ thümlichen Gewandtheit, welche der Arzt durch die Er⸗ fahrung gewinnt, ſeine Fragen zu ſtellen, und hatte den jungen Menſchen bald über ſeine Geſchichte und ſeine Hoff⸗ nungen ausgeholt. Als aber endlich der Doctor in ſeiner Verwunderung über die große Einfalt, die ſich hier mit einem hellen Geiſte verband, unſeren jungen Freund nach ſeinem Namen und ſeiner Verwandtſchaft fragte unb Leonard die betreffende Auskunft gab, fuhr der Homöopath plötzlich von ſeinem Stuhle auf. „Leonard Fairfield?“ rief er;„der Enkel meines alten Freundes John Avenel von Lansmere? Ich muß Euch die Hand drücken. Von Mrs. Fairfield erzogen!— Ah, ich ſehe jetzt— eine große, eine ſehr große Familienähnlichkeit.“ Die Thränen ſtanden dem Doctor im Auge. „Arme Nora!“ fügte er bei. „Nora? Ihr habt alſo meine Tante gekannt?“ „Eure Tante? Ach, ja— ja! Die arme Nora! Sie iſt faſt in meinen Armen geſtorben. So jung und ſo ſchön! Es iſt mir noch, als ſey es geſtern geweſen.“ Der Dockor fuhr mit der Hand über die Augen und verſchluckte ein Kügelchen; und eh' der Jüngling wußte, was mit ihm vorging, hatte er in ſeinem Wohlwollen ein zweites auch dieſem zwiſchen die bebenden Lippen geſchoben. Von der Thüre her ließ ſich ein Pochen vernehmen. „Ha, das iſt mein Hauptpatient,“ rief der Doctor, der ſich ſchnell wieder ſammelte.„Ich muß ihn vorlaſſen. Ein chroniſcher Fall— vortrefflicher Patient— ein wahres Wunder, Sir— ein wahres Wunder. Verwickelt und intereſſant. Wenn ich ihn nur mitnehmen könnte, ſo wollte ich vom Himmel nicht weiter verlangen. Kommt am Mon⸗ tag wieder her; ich kann Euch dann vielleicht etwas ſagen, was Euch ſelbſt betrifft. Das kleine Mädchen darf nicht bei Guch bleiben— das wäre unrecht und thöricht. Ich will ſelbſt nach ihr ſehen. Laßt mir Eure Adreſſe da— ſchreibt ſie auf. Ich denke, ich kenne eine Lady, die ſich ihrer an⸗ nehmen wird. Gott befohlen! Am nächſten Montag um zehn Uhr.“ Mit dieſen Worten ſchob der Doctor Leonard hinaus und empfing ſeinen Hauptpatienten, den er ſo gerne nach den Ufern des Rheins mitgenommen hätte. Leonard hatte jetzt nur noch den adelichen Herrn auf⸗ zufinden, deſſen Namen von dem armen Kapitän Digby ſo unk Zu zwe Ael hal der dah in! ver er fra wa lan ein der kon und im! Na fäll jun zäh war glü dur Mi um ſo und ßte, ein en. der Ein hres und ollte Kon⸗ gen, t bei will reibt an⸗ um naus nach auf⸗ by ſo 767 unbeſtimmt angedeutet worden war. Er nahm wieder ſeine Zuflucht zu dem Wegweiſer und fand auch die Adreſſe von zwei oder drei Lorden, deren Titel in ihrer Anfangsſylbe Aehnlichkeit mit der von dem Sterbenden genannten zu haben ſchienen. Da dieſe Herren ziemlich nah bei einan⸗ der in der Gegend von May Fair wohnten, ſo machte er ſich dahin auf den Weg und bot all' ſeinen Mutterwitz auf, um in den benachbarten Läden durch Fragen ſich Auskunft zu verſchaffen über das Aeußere des von ihm beargwöhnten Gentleman. Aus Rückſicht für ſein ländliches Weſen erhielt er ſehr höfliche und klare Antworten; aber keiner von den fraglichen Herren paßte zu Helen's Schilderung. Der Eine war alt, der Andere ungemein beleibt und der Dritte ſchon lange bettliegerig— von keinem aber wußte man, daß er einen großen Hund hielt. Es iſt unnöthig, zu ſagen, daß der Name des Lord L'Estrange nicht im Wegweiſer ſtehen konnte, da dieſer Gentleman nicht in London ſeßhaft war, und die Verſicherung Doctor Morgan's, daß dieſe Perſon immer auf Reiſen ſey, hatte unglücklicherweiſe Leonard den Namen wieder vergeſſen laſſen, den der Homöopath ſo zu⸗ fällig hingeworfen. Aber Helen jammerte nicht, als ihr junger Beſchützer Abends ſpät nach Hauſe kam, und ihr er⸗ zählte, wie wenig erfolgreich ſeine Anſtrengungen geweſen waren. Die arme Kleine! Sie fühlte ſich in ihrem Innern glücklich, daß ſie ſich nicht von ihrem neuen Bruder trennen durfte, und Leonard war gerührt, als er bemerkte, welche Mühe ſie ſich während ſeiner Abweſenheit gegeben hatte, um dem kahlen Stübchen, das er bewohnen ſollte, ein behagliches und hübſches Ausſehen zu verleihen. Wie zier⸗ lich waren nicht ſeine wenigen Bücher und Papiere in der Nähe des Fenſters, welches die Ausſicht nach der Ulme bot, geordnet! Sie hatte der lächelnden Hauswirthin ein vaar Ertramöbelgegenſtände abgeſchmeichelt, namentlich einen Schreibtiſch von Nußbaumholz und einige Bandſtreifen, mit welchen ſie die Vorhänge ſchmückte. Sogar die alten Stroh⸗ ſeſſel gewannen durch die Art, wie ſie dieſelben aufſtellte, ein eigenthümlich elegantes Anſehen. Die Feen hatten der ſüßen Helen die Kunſt verliehen, die einer Heimath zur Zierde gereicht und ſogar dem dunkelſten Winkel einer Hütte oder eines Dachſtübchens ein Lächeln entlockt. Die Lippen des verwunderten Jünglings überſtrömten von Lob. Er küßte dankbar die erröthende Ordnerin, und ſie ſetzten ſich heiter zu ihrem ſpärlichen Mahl nieder. Da umwölkte ſich plötzlich Leonards Geſicht, denn er erinnerte ſich der Worte des Doctor Morgan:—„Das kleine Mädchen darf nicht bei Euch bleiben— das wäre unrecht und thö⸗ richt. Ich denke, ich kenne eine Lady, die ſich ihrer an⸗ nehmen wird.“ „Ah,“ rief Leonard bekümmert,„wie konnte ich dies vergeſſen!“ Und er erzählte Helen, was ihm auf dem Herzen lag. Helen erklärte Anfangs, daß ſie nicht gehen wolle. Leonard, darüber erfreut, begann nun wie gewöhnlich von ſeinen hohen Ausſichten zu ſprechen, brachte haſtig ſeine Mahlzeit zu Ende, als ob er keinen Augenblick zu verlieren habe, und ſetzte ſich unverweilt an den Schreibtiſch. Helen ſah ihm traurig zu⸗ wäh als hebe mu hüb einet dies ihre und mich dami wunt und Poeſ vielle blick Kind koſtb derne größ ev Schr ot, ien mit oh⸗ lte, der erde oder nten und Da terte chen thö⸗ an⸗ dies lag. nard, ohen Ende, e ſich g zu, 769 während er ſich entzückt über ſeine Arbeit hinbeugte. Und als er, die leuchtender Augen von ſeinem Manuſkript er⸗ hebend, ausrief:„Nein, nein, Ihr ſollt nicht gehen. Dies muß gelingen— wir können dann beiſammen in einem hübſchen Häuscher wohnen, wo wir mehr ſehen, als nur einen einzigen Baum—“ da ſeufzte Helen und antwortete diesmal nicht:„Nein, ich will nicht gehen.“ Bald wachher ſchlich ſie ſich aus dem Stübchen, um ihr eigenes aufzuſuchen. Hier kniete ſie nieder, um zu beten, und ihr Gebet lautete etwa folgendermaßen:„Bewahre mich, o Gott, vor meinem eigenen ſelbſtſüchtigen Herzen, damit ich dem, der mich beſchirmt hat, nie zur Laſt werde.“ Der Schöpfer ſchaut nieder auf dieſe Welt, deren wunderbare Schönheit in demſelben Verhältniſſe ſich mehr und mehr vor uns aufthut, je tiefer, abgeſehen von der Poeſie, die Wiſſenſchaft in ihre Geſetze eindringt— aber vielleicht bietet das ganze All' ihm keinen ſo ſchönen An⸗ blick dar, als das reine Herz eines einfachen, liebevollen Kindes. Vierzehntes Kapitel. Am anderen Morgen machte ſich Leonard mit ſeinen koſtbaren Manuſkripten auf den Weg. Er war mit der mo⸗ dernen Literatur hinreichend vertraut, um die Namen der größeren Londoner Buchhändler zu kennen. Zu dieſen lenkte er, kühn zwar, aber doch mit klopfendem Herzen, ſeine Schritte. Bulwer, meine Novelle. 49 770 An dieſem Tage blieb er länger aus als am vorigen, und als er in ſein Stübchen zurückam, ſtieß Helen einen lauten Schrei aus, da ſie ihn kaum wehr erkannte. Auf ſeinem Geſichte lag der Ausdruck einer ſtummen und tiefen Hoffnungsloſigkeit. Er ſetzte ſich zerſtreut nieder und grüßte ſie diesmal mit keinem Kuſſe, als ſie leiß an ſeine Seite trat. Wie gedemüthigt fühlte er ſich! Erwar ein abge⸗ ſetzter König. Er wollte für ein anderes Weſen Sorge tragen! Er! Durch Schmeicheln entlockte ſie ihm endlich die Ge⸗ ſchichte des Tages. Der Leſer kennt ſie bereits zum Voraus zu gut, als daß hier eine umſtändliche Erzählung nöthig wäre. Die meiſten Buchhändler hatten ſeine Manuſtripte gar nicht anſehen wollen; ein Paar blätterten wohl gut⸗ müthig darin, gaben aber die Papiere wieder zurück mit einigen höflichen Worten der Ablehnung. Nur Einer, der ſelbſt ein wiſſenſchaftlicher Mann war und in ſeiner Jugend den nämlichen bitteren Prozeß eines Sturzes aus ſeinen Himmeln durchgemacht hatte, welcher jetzt dem armen Dorf⸗ genie bevorſtand, nahm ſich die Mühe, dem unglücklichen Jüngling eine nähere Erklärung zu geben und ihm einen zwar ernſten aber wohlgemeinten Rath zu ertheilen. Er las einen Theil des Gedichtes, das Leonard als ſein Haupt⸗ werk betrachtete, mit Aufmerkſamkeit und ſogar mit unver⸗ hehlter Bewunderung, denn er wußte das ſeltene Talent, das ſich darin kund gab, zu würdigen. Die Geſchichte des Knaben und ſogar ſeine Hoffnungen erregten ſeine Theilnahme, und er erklärte dem jungen Dichter zum Abſchied: die bede den ich Fal dieſ dich nati freu Tha gan⸗ gun lung „Ni lang fügt perlt mich Tale chelh ein e Weg das und möge igen, inen Auf iefen rüßte Seite bge⸗ orge Ge⸗ raus öthig kripte gut⸗ k mit r, der ugend ſeinen Dorf⸗ lichen einen Er aut⸗ unver⸗ t, das naben , nd 771 „Wenn ich Euer Gedicht drucken laſſe, ſo komme ich, die Sache vom geſchäftlichen Standpunkt aus betrachtet, bedeutend in Schaden. Wollte ich aus Theilnahme für den Verfaſſer Alles verlegen, was mir gefällt, ſo wäre ich ein zu Grunde gerichteter Mann. Setzen wir aber den Fall, daß ich, wie ich mit guter Ueberzeugung thun könnte, dieſe Schrift als die Kundgebung einer nicht gewöhnlichen dichteriſchen Begabung veröffentlichte— ich müßte dabei natürlich nicht als Buchhändler, ſondern nur als Literatur⸗ freund handeln— ſo fürchte ich, es würde Euch damit in der That ein ſchlechter Dienſt geſchehen, der Euch für Euer ganzes Leben untauglich machen müßte zu den Anſtren⸗ gungen, von denen allein Ihr Euch eine unabhängige Stel⸗ lung verſprechen dürft.“ „Wie meint Ihr dies, Sir?“ verſetzte Leonard.— „Nicht daß es in meiner Abſicht läge, von Euch zu ver⸗ langen, daß Ihr durch mich in Schaden kommen ſollt,“ fügte er bei, während ſtolze Thränen in ſeinen Augen perlten. „Wie ich dies meine, mein junger Freund? Ich will mich gegen Euch erklären. Eure Verſe verrathen genug Talent, um in einigen literariſchen Journalen ſehr ſchmei⸗ chelhafte Rerenſionen hervorzurufen. Ihr lest ſie, glaubt ein anerkannter Dichter zu ſeyn und ruft: Ich bin auf dem Weg zum Ruhme. Ihr kommt zu mir und fragt mich, wie das Werk abgehe. Ich zeige Euch den ſich beugenden Sims und antworte: Keine zwanzig Eremplare! Die Journale mögen immerhin loben; das Publikum kauft nicht. Aber 49* 772 man erhält doch dadurch einen Namen, ſagt Ihr. Ja, einen Namen von der Art, daß jeder praktiſche Geſchäftsmann, vev Euch als einen Dichter kennt, keine Luſt tragen wird, Euren Talenten einen Verſuch über ein Thema aus dem poſitiven Leben anzuvertrauen. Kein Buchhändler ertheilt gerne einem Dichter einen Auftrag. Dieſer Titel bringt Euch nicht nur keinen Penny in die Taſche, ſondern wirkt im Gegen⸗ theil als eine Schranke gegen jedes Uebertteten auf die Wege, auf denen wirklich etwas zu erzielen iſt. Wenn Ihr aber einmal die Süßigkeit des Lobes gekoſtet habt, ſo wer⸗ det Ihr immer danach ſeufzen, und bringt Ihr auch einem Verleger kein Gedicht mehr, ſo werdet Ihr Euch doch in den Revieren der Muſen umhertreiben, für Zeitſchriften kritzeln und zum Laſtthier des Herausgebers eines Blättchens herab⸗ ſinken. Dabei ſteht Euch ein ſo kärglicher und unſicherer Erwerb in Ausſicht, daß Ihr unmöglich dem Schulden⸗ machen entgehen könnt. Ihr, der Ihr jetzt ſo edel und ſtolz zu ſeyn ſcheint, ſinkt dann noch tiefer in den literariſchen Troß— bettelt, borgt—“ „Nie— nie— nie!“ rief Leonard und verhüllte ſein Geſicht mit den Händen. „Dies wäre wahrſcheinlich meine Laufbahn geweſen,“ fuhr der Buchhändler fort.„Aber zum Glück hatte ich einen reichen Verwandten, einen Gewerbsmann, deſſen Beruf ich als junger Menſch verachtete, der mir aber wohl⸗ wollend meine Thorheit verzieh und mich in eine Lehre gab. So bin ich nun in der Lage, nicht nur Bücher ſchreiben, ſondern auch verkaufen zu können. iſt De ge Lä die nie inen ann, vird, dem heilt Euch egen⸗ f die Ihr wer⸗ einem in den ritzeln herab⸗ cherer ulden⸗ d ſtolz riſchen te ſein veſen,“ tte ich deſſen wohl⸗ re gab. reiben, 773 „Junger Mann, Ihr werdet ohne Zweifel achtbare Verwandte haben— laßt Euch von ihnen rathen und haltet feſt an irgend einem poſitiven Beruf. Werdet in London lieber alles Andere, als ein Poet von Fach.“ „Aber wie kömmt es, daß wir überhaupt Dichter haben, Sir? Treiben ſie die Poeſie als Nebengeſchäft?“ „Lest ihre Lebensbeſchreibungen, und Ihr werdet ſie nicht mehr beneiden.“ Leonard blieb einen Augenblick ſtumm; dann erhob er das Haupt und antwortete mit lauter, lebhafter Stimme: „Ich habe ſolche Lebensbeſchreibungen geleſen. Es iſt wahr, ihr Loos war Armuth— vielleicht gar Hunger. Dennoch, Sir, beneide ich ſie.“ „Armuth und Hunger ſind nur kleine Uebel,“ ent⸗ gegnete der Buchhändler mi einem ernſten, wohlwollenden Lächeln.„Es gibt ſchlimmere— Schulden, Herabwür⸗ digung und— Verzweiflung.“ „Nein, Sir, nein— Ihr übertreibt. Dieſe Uebel ſind nicht das Loos aller Dichter.“ „Ihr habt in ſofern Recht, als die meiſten unſerer großen Dichter Privatmittel beſaßen, und was die übrigen betrifft— nun, nicht Jeder, der in eine Lotterie ſetzt, zieht eine Niete. Aber wer würde wohl einem Anderen rathen⸗ ſeine ganze Hoffnung auf die Zufunft der Möglichkeit, aus der Glücksurne einen Treffer zu holen, anheimzugeben. Und dazu eine ſolche Lotterie!“ ſtöhnte der Buchhändler und warf dabei einen Blick auf die Papierballen todter Autoren, die wie Blei ſeine Bretter beſchwerten. Leonard drückte das krampfhaft zuſammengeraffte Ma⸗ nuſkript an ſeine Bruſt und eilte von hinnen. „Ja,“ murmelte er, als Helen ſich an ihn anſchmiegte und ihn zu tröſten verſuchte—„ja, Ihr hattet Recht. London iſt ſehr groß— erdrückend— und ſehr grauſam.“ Sein Haupt ſank immer tiefer, bis es auf ſeiner Bruſt ruhte. Plötzlich flog die Thüre weit auf, und ohne ein Zei⸗ chen der Anmeldung trat Doctor Morgan herein. Das Kind wandte ſich nach ihm um. Sein Antlitz rief ihr den Vater wieder in's Gedächtniß, und die Thränen, welche ſie um Leonards willen zurückzuhalten verſucht hatte, brachen ſich Bahn. Der gute Doctor hatte bald das ganze Vertrauen die⸗ ſer beiden jungen Herzen gewonnen. Levnard erzählte ihm die Geſchichte von ſeinem in einem einzigen Tage verlorenen Paradies; Mr. Morgan aber klopfte ihn auf die Schulter und ſagte zu ihm: „Laßt es gut ſeyn. Ihr kommt am Montag zu mir, und dann wollen wir ſehen. Inzwiſchen will ich Euch dies borgen—“ Und er verſuchte, dem Jüngling drei Goldſtücke in die Hand zu drücken. Leonards Geſicht glühte. Die Warnung des Buchhändlers ſchwebte ihm vor der Seele. Betteln! O nein— ſo weit war es noch nicht gekommen! Er be⸗ nahm ſich faſt roh und wild bei ſeiner Zurückweiſung, ob⸗ ſchon der Doctor das Gefühl, das dieſelbe einflößte, achtend zu würdigen wußte. „Ihr ſeyd ein ſtörriſches Maulthier,“ ſagte der Ho⸗ der jed tri ſte li Ma⸗ egte echt. F Zruſt Zei⸗ ntlitz inen, atte, die⸗ ihm renen ulter mir, dies in die rnung tteln! r be⸗ g, ob⸗ chtend rHo⸗ 775 möopath, als er wider Willen ſein Geld wieder einſteckte. „Wollt Ihr an etwas Praktiſchem und Proſaiſchem arbeiten und die Poeſie für eine Weile ruhen laſſen?“ „Ja,“ verſetzte Leonard finſter;„ich will arbeiten.“ „Gut alſo. Ich kenne einen achtbaren Buchhändler, der Euch einige Beſchäftigung geben wird. Ihr ſeyd dann jedenfalls unter Büchern, und dies mag Euch einigermaßen tröſten.“ Leonards Augen glänzten.—„Und welch' ein Troſt, Sir!“ Er drückte die Hand, die er vorher bei Seite ge⸗ ſtoßen, dankbar an's Herz⸗ „Aber fühlt Ihr denn wirklich einen ſo unwiderſteh⸗ lichen Drang, Verſe zu machen?“ nahm der Doctor wie⸗ der auf. „Es war ſo, Sir.“ „Dies iſt freilich ein ſehr ſchlimmes Symptom, und man muß ihm Einhalt thun, vamit kein Rückfall erfolgt. Da— ich habe ſchon drei Propheten und zehn Dichter curirt mit dieſem neuen Specificum.“ Mit dieſen Worten langte er ſeine Taſchenapotheke heraus, der er ein Kügelchen entnahm. „Agaricus muscarius, in einem Glas deſtillirten Waſſers aufgelöst— einen Theelöffel voll, ſo oft der Anfall kommt. Sir, dies würde ſogar Milton curirt haben.“ „Und nun kömmt die Reihe an Euch, mein Kind—“ er wandte ſich an Helen.„Ich habe eine Dame ausfindig gemacht, die Euch liebevoll behandeln wird. Keine fröhne⸗ riſche Stellung. Sie braucht Jemand, der ihr vorliest und 776. ſie pflegt— ſie iſt alt und hat keine Kinder, Da ſie eine Geſellſchafterin wünſcht, ſo würde ſie ein Mädchen von Euren Jahren einer älteren vorziehen. Iſt's Euch ſo recht?“ Leonard machte ſich bei Seite. Helen näherte ſich dem Doctor ſo, daß ſie deſſen Ohr erreichen konnte, und flüſterte ihm zu: „Nein, ich kann ihn jetzt nicht verlaſſen— er iſt ſo traurig.“ „Der Tauſend, ihr zwei müßt Paul und Virginia geleſen haben,“ brummte der Doctor.„Wenn ich nur in England bleiben könnte, ſo wollte ich verſuchen, was die Ignatia in dieſem Fall zu leiſten im Stand iſt— ein inte⸗ reſſantes Experiment! Hört mich an, kleines Mädchen— und Ihr, Sir, laßt uns eine Weile allein.“ Leonard wandte ſein Geſicht ab und gehorchte. He⸗ len machte eine Bewegung, als ob ſie ihm folgen wollte, aber der Doctor hielt ſie feſt und nahm ſie auf ſein Knie. „Wie iſt Euer Taufname?— Ich habe ihn vergeſſen.“ „Helen.“ „So hört mich an, Helen. In einem Jahr oder in zweien werdet Ihr eine Jungfrau ſeyn, und es wäre dann ſehr unrecht, wenn Ihr allein mit dieſem jungen Mann leben wolltet. Und auch jetzt habt Ihr kein Recht, alle ſeine Thatkraft zu verkrüppeln. Ihr müßt Euch nicht auf ſeinen rechten Arm lehnen wollen, denn Ihr würdet ihn zu Boden ziehen. Ich trete meine Reiſe an, und wenn ich fort bin, habt Ihr Niemand mehr, der Euch unterſtützt, wofern Ihr die Freundin, die ich Euch anbiete, zurückweist. Thut, wi jut tut un ich ge da un bri eit tre eine von Ohr ſt ſo nia ir in die inte⸗ 1— Ulte, . en.“ r in ann ann alle auf nzu fort fern hut, 777 wie ich Euch ſage, denn ein ſo eigenthümlich empfängliches junges Mädchen(durch und durch eine Pulſatilla⸗Conſti⸗ tution) kann nicht eigenſinnig und ſelbſtſüchtig ſeyn.“ „Gebt mir vorher die Verſicherung, daß er verſorgt und glücklich ſeyn wird, Sir,“ ſagte ſie mit Feſtigkeit,„und ich gehe hin, wohin Ihr wollt.“ „Ich nehme dies auf mich; und wenn er morgen aus⸗ gegangen ſeyn wird, will ich kommen, um Euch zu holen. Nichts iſt ſo leidig, als das Abſchiednehmen— es erſchüttert das ganze Nervenſyſtem und hat keinen anderen Zweck, als unnöthiger Weiſe die ganze Conſtitution in Unordnung zu bringen.“ Helen ſchluchzte laut; dann machte ſie ſich von dem Doetor los und rief: „Aber er darf doch wiſſen, wo ich bin— und wir können einander hin und wieder ſehen? Ach, Sir, es war an dem Grabe meines Vaters, als wir zum erſten Mal zuſammen⸗ trafen, und ich glaube, der Himmel hat mir ihn geſchickt.“ „Ich müßte ein Herz von Stein haben, wenn ich euch dies wehren wollte,“ rief der Doctor ungeſtüm,„und ich will Miß Starke veranlaſſen, daß ſie ihm geſtattet, Euch einmal in der Woche zu beſuchen. Will ſie nicht, ſo gebe ich ihr etwas ein, was ſie willfährig macht; denn ſie iſt von Na⸗ tur aus gleichgültig gegen Andere. Ja, ich will ihre ganze Conſtitution umändern und ihr Herz zur Theilnahme ſchmelzen— mit Rhododendron und Arſenie!“ Fünfzehntes Kapitel. Ehe ſich Doctor Morgan entfernte, ſchrieb er einige Zeilen an den Buchhändler Prickett in Holborn und for⸗ derte Leonard auf, am nächſten Morgen das Billet dem Adreſſaten zu überbringen. „Ich komme dieſen Abend ſelbſt zu Prickett und will ihn dann auf Euren Beſuch vorbereiten. Ich hoffe übri⸗ gens und habe das Vertrauen zu Euch, daß Ihr dort nicht lange werdet ausharren müſſen.“ Er ging dann auf etwas Anderes über und ſprach von ſeinen Planen für Helen. Miß Starke wohnte in High⸗ gate und war eine würdige Frauensperſon, allerdings ſteif und geziert, wie dies häufig bei alten Jungfern der Fall iſt. Aber der Platz paßte ganz für ein kleines Mädchen, wie Helen, und Leonard konnte darauf zählen, daß ihm geſtattet werden würde, gelegentlich einen Beſuch zu machen. Leonard hörte zu, ohne eine Einwendung zu erheben. Sein Tagtraum war verflogen und er hatte kein Recht mehr, Helens Beſchützer ſpielen zu wollen. Er hätte ſie auffor⸗ dern können, Theil zu nehmen an ſeinem Reichthum und ſeinem Ruhm; aber der Fall war anders, da er nur Armuth und Dienſtbarkeit zu bieten hatte. Der Abend entſchwand unſerem Glücksritter und dem armen Mädchen ſehr zummervoll. Sie blieben auf, bis die Kerze in den Leuchter hinabgebrannt war, ohne viel zu ſprechen; aber die ganze Zeit über hielt ſeine Hand die ihrige gefaßt und ihr Köpfchen ruhte an ſeiner Schulter. e 0r⸗ em vill bri⸗ icht rach igh⸗ ſteif iſt. wie ttet ben. nehr, ffor⸗ und muth dem „ bis e viel nd die hulter. 779 Ich fürchte, daß keines von Beiden den Schlaf fand, als ſie ſchieden. Und als Levnard am anderen Morgen ausging, blieb Helen an der Hausthüre ſtehen und ſah ihm nach, wie er langſam— langſam ſich entfernte. Ohne Zweifel gab es in jenem armſeligen Gäßchen viele traurige Herzen, aber feines ſo ſchwer, wie das des ſtillen ruhigen Kindes, als es die Geſtalt, welcher es nachſchaute, verſchwinden ſah, gleichwohl aber noch auf der verödeten Schwelle ſtehen blieb und in den leeren Raum hinausblickte. Sechszehntes Kapitel⸗ Mr. Prickett war ein Anhänger der Homöopathie und erklärte zum großen Aerger aller Apotheker in der Umgegend von Holborn, daß er Doctor Morgan ſeine Heilung von einem chroniſchen Rheumatismus verdanke. Der gute Doctor hatte ſeiner Zuſage gemäß unmittelbar nach ſeinem Auf⸗ bruch von Leonard den Buchhändler aufgeſucht und ſich's von ihm als Gunſt erbeten, er möchte dem jungen Mann einige leichte Geſchäfte übertragen, die als Vorwand für die Aus⸗ werfung eines kleinen Wochengehalts dienen könnten.„Es wird nicht für lange Dauer ſeyn,“ ſagte der Doctor.„Seine Verwandte ſind achtbar und wohlhabend. Ich will ſeinen Großeltern ſchreiben, und in einigen Tagen hoffe ich, Euch die Laſt wieder abnehmen zu können. Natürlich werde ich, wenn Ihr ihn nicht brauchen könnt, Euch den Aufwand, den er Euch während dieſer Zeit verurſacht, erſetzen.“ 780 Mr. Prickett, der ſo auf unſern Leonard vorbereitet war, empfing ihn ſehr gnädig, erklärte ihm nach einigen Fragen, daß er ganz die Perſon ſey, die er für Anferti⸗ gung ſeines Bücherkatalogs brauchen könne, und bot ihm für dieſes Geſchäft die ſehr anſehnliche Belohnung von einem Pfund wöchentlich an. Als ſich der junge Dorf⸗Student ſo mit einemmale in eine Welt von Büchern verſetzt ſah, unendlich größer als irgend eine, die ihm bisher zugänglich geweſen war, kehrte bei dem Anblick der ehrwürdigen Bände jener alte göttliche Traum des Wiſſens wieder zurück, der in ihm die dichte⸗ riſche Glut angefacht hatte. Indeß war Mr. Pricketts Sammlung in Wirklichkeit keineswegs groß, obſchon ſie außer den gewöhnlichen gangbaren Werken auch unterſchiedliche literariſche Seltenheiten umfaßte; und Leonard unterbrach ſich oft in ſeiner Arbeit und blätterte in den Büchern, die beim Katalogifiren durch ſeine Hand gingen. Der Buch⸗ händler, der eine Liebhaberei für alte Werke hatte, war erfreut, im Gegenſatz von der Theilnahmloſigkeit ſeines Ladenburſchen bei ſeinem neuen Gehülfen ein verwandtes Gefühl zu bemerken, und ſprach mit ihm viel über ſeltene Ausgaben und merkwürdige Exemplare, ſo daß Leonard manches von den Geheimniſſen des antiquariſchen Wiſſens ſich aneignen konnte. Der Laden war ſo dunkel und rauchbraun, wie man nur irgend einen ſehen konnte. Er hatte gegen Außen eine Bude mit wohlfeilen Büchern und literariſchen Curio⸗ ſitäten, um die ſich immer eine aufmerkſame Gruppe ſcharte, und flar ver die Hel nac Au ein, hel die ang an kan den wo ſo! ger als keh Zir die itet gen rti⸗ ihm em var nes tes ene ard s an en o⸗ te, und im Innern brannte Tag und Nacht eine Gas⸗ flamme. Aber die Zeit ſchwand für Leonard raſch dahin. Er vermißte die grünen Felder nicht, vergaß ſeiner Hoffnungen, die ſo bitter vereitelt worden waren, und hörte ſogar auf, an Helen zu denken. O ſeltſame Leidenſchaft, die in dem Durſt nach Wiſſen liegt! Keine andere gleicht dir an Kraft und Aufopferungsfähigkeit. Mr. Prickett war ein alter Junggeſelle und lud Leonard ein, zum Diner ihm ſeinen kalten Hammelsbug verzehren zu helfen. Während des Mahles mußte der Ladenburſche auf die Bude Acht haben, und Mr. Prickett war eine eben ſo angenehme als redſelige Perſönlichkeit. Er fand Gefallen an Leonard, und dieſer erzählte ihm ſeine Abenteuer mit den Buchhändlern, die Mr. Prickett als ein Kapitalſpaß vor⸗ kamen, ſo daß er ſich lachend darüber die Hände rieb. „Oh, gebt die Poeterei auf und haltet Euch dafür an den Laden,“ rief er.„Wenn Ihr für immer kurirt werden wollt von der tollen Grille, ein Schriftſteller zu werden, ſo will ich Euch Chattertons Leben und Werke bor⸗ gen. Ihr könnt das Buch mit nach Haus nehmen und vor Schlafengehen leſen. Ich ſtehe dafür, Ihr kommt morgen als ein ganz neuer Menſch zurück.“ Erſt ſpät Abends, nachdem der Laden geſchloſſen war, kehrte Leonard nach ſeiner Wohnung zurück. Und als er ins Zimmer trat, fühlte er ſich in tiefſter Seele erſchüttert durch die Stille und Leere. Helen war fort! Auf ſeinem Schreibtiſch ſtand ein Roſenſtöckchen und daneben lag ein Streifen Papier, auf welchen nachſtehende Worte geſchrieben waren: fol „Lieber, theurer Bruder Leonard! Gott behüte Euch. Ich will Euch zu wiſſen thun, wann ſic wir uns wieder ſehen können. Pflegt dieſes Roſenſtöckchen, Le Bruder, und vergeßt nicht die arme Helen.“ 5 Ueber dem Worte„vergeßt“ befand ſich ein großer Le 1 runder verwiſchter Flecken, der das Wort faſt unleſerlich Ei 1 machte.— Leonard ſtützte das Geſicht auf ſeine Hände, und das Je 1 erſtemal in ſeinem Leben fühlte er in Wirklichkeit, was es ſic um das Verlaſſenſeyn iſt. Es duldete ihn nicht lange in tu dem Stübchen. Er ging wieder ins Freie und wandelte gl zwecklos in den Straßen umher. Bald hatte er den ſtillen, beſcheidenen Stadttheil, in welchem er wohnte, im Rücken ſc 3 und kam in das Gedräng, das die bevölkerten Straßen be⸗ ſck lebte. Hunderte und Tauſende gingen an ihm vorbei, und di dennoch— ſtets das gleiche Gefühl der Einſamkeit. fa Er kehrte zurück, zündete ſein Licht an und nahm ent⸗ K 11 ſchloſſen den Chatterton zur Hand, welchen ihm der Buch⸗ di 7 1 händler geborgt hatte. Es war eine alte Ausgabe in einem u eiuzigen dicken Band. Sie mußte früher das Eigenthum ſo 1 eines Zeitgenoſſen des Dichters, augenſcheinlich eines Be⸗ ei 1 wohners von Briſtol, geweſen ſeyn, der viele Anekdoten über H Chattertons Leben geſammelt, ihn perſönlich gekannt und C wohl auch näheren Umgang mit ihm gehabt hatte; denn de das Buch war durchſchoſſen und die eingelegten Blätter ent⸗ ſt hielten in ſteifer, deutlicher Hand Notizen und Bemerkungen, nde inn en, 783 welche ein vertrautes Verhältniß zu dem vom Schickſal ver⸗ folgten unſterblichen Todten bekundeten. Anfangs koſtete Leonard die Lektüre Anſtrengung; aber bald bemächtigte ſich ſeiner der ſeltſame, wilde Zauber dieſes unglücklichen Lebens und erfüllte ihn mit Schmerz, Trauer und Schrecken — dieſer Jüngling war ungefähr in demſelben Alter, das Leonard jetzt erreicht hatte, durch die eigene Hand geſtorben. Ein wunderbarer Jüngling mit einem Genie ohne Gleichen — das größte, das ſich je in einem Alter von achtzehn Jahren entwickelt hat, um ſo ſchnell zu erlöſchen— ſelbſt ſich bildend— kämpfend— hingeopfert! Die ganze Litera⸗ tur bietet nichts auf, das dieſem Leben und dieſem Tode gliche! Mit der geſpannteſten Theilnahme las Leonard die Ge⸗ ſchichte der glänzenden Täuſchung, welche ſo hart und abge⸗ ſchmackt zu verbrecheriſcher Fälſchung geſtempelt wurde und die, wenn ſie auch nicht als ganz unſchuldig erſcheint, keines⸗ falls ſchlimmer war, als ſo mancher andere literariſche Kniff, den man nachſichtsvoll gewähren läßt. Und dabei die Geduld, die Ueberlegung, die Anſtrengung, der Muth und der geiſtige Reichthum— lauter Eigenſchaften, die in ſolcher Entwicklung und unter guter Leitung im Stande ſind, einen Mann nicht nur durch die Feder, ſondern auch durch Handeln groß zu machen! Und als der Jüngling von der Geſchichte der Täuſchung zu den Gedichten ſelbſt überging, da fühlte er ſich von Bewunderung ihrer Schönheit buch⸗ ſtäblich den Athem verſetzt. Wie hatte dieſer wunderbare Briſtoler Knabe ſeinen rohen, bunten Stoff bewältigt und in eine Muſik verwandelt, die jede Tonart umfaßte, von der einfachſten bis zur erhabenſten! Leonard ging wieder auf die Lebensbeſchreibung zurück— las weiter— und ſah den ſtolzen, kühnen, trauernden Geiſt allein, wie ſich ſelbſt, in der großen Stadt. Er folgte der trüben Laufbahn und ſah ihn zerquetſcht und mit beſchmutzten Schwingen in den Schlamm ſinken. Dann durchblätterte er die ſpäteren Ar⸗ beiten— Aufgaben, die er um des lieben Brobes willen gefertigt— die Satyren ohne moraliſche Größe, die po⸗ litiſchen Abhandlungen ohne Ueberzeugung und Ehrenhaftig⸗ keit. Er ſchauderte und fühlte ſich im Innerſten erſchüttert, als er weiter las. Allerdings erkannte auch hier ſein Dichter⸗ geiſt— wie dies vielleicht nur dem Dichter möglich iſt— das göttliche Feuer, das in krampfhaften Zuckungen durch den gemeineren und ſchmutzigeren Brennſtoff hervorbrach; ſelbſt in den rohen, haſtig hingeworfenen bitteren Opfer⸗ gaben, die ihm eine herbe Nothwendigkeit abrang, machte ſich ihm die Hand des Rieſen bemerklich, der die ſtattlichen Verſe Rowley's aufgebaut hatte. Aber ach, wie verſchieden waren ſie von dieſen gewaltigen Zeilen! Keine Heiterkeit, kein Frohſinn mehr in den ſpäteren Ergüſſen der Kunſt, die zum Handwerk herabgeſunken war! Dann kam raſch die Ka⸗ taſtrophe— die geſchloſſene Thüre— das Gift— der Selbſtmord— Manuſkripte, welche die Wuth der Ver⸗ zweiflung zerriſſen, hingeſtreut auf den Jammerboden um die Leiche her. Es war ſchrecklich! Das Geſpenſt des Ti⸗ tanenknaben(ſo nannte ihn eine auf den Rand geſchriebene Note) mit ſeiner ſtolzen Stirne, ſeinem eyniſchen Lächeln on der uf die h den in der nden n Ar⸗ villen e po⸗ aftig⸗ ttert, chter⸗ iſt— durch rach; pfer⸗ achte ichen ieden rkeit, „ die Ka⸗ der Ver⸗ um Ti⸗ bene heln 785 und ſeinen glänzenden Augen umſpukte in jener ganzen Nacht den um ſeine ſüßeſten Hoffnungen betrogenen einſamen Sohn des Liedes. Siebenzehntes Kapitel. Es fügt ſich oft, daß ein Umſtand, der darauf berech⸗ net iſt, den menſchlichen Geiſt von einem eigenthümlichen Hange abzuziehen, gerade die gegentheilige Wirkung übt. Man ſollte glauben, das Leſen eines Zeitungsberichts über ein Verbrechen und die darauf erfolgte Todesſtrafe müſſe allen zur Warnung dienen, die je auf ähnliche Thaten ſannen oder vor der Entdeckung Scheu trugen. Gleichwohl iſt es eine allgemein bekannte Thatſache, wie Mancher da⸗ durch zum Verbrecher wird, daß er das Schickſal eines Vor⸗ gängers in der Schuld zum Gegenſtand ſeines Brütens macht. In dem Finſtern und Verbotenen liegt ein Zauber, der, ſo ſeltſam dies erſcheinen mag, nur in der Poeſie verloren geht; denn kein Menſch hat mehr Luſt, ſeine Neffen zu ermorden oder ſein Weib zu erſticken, nachdem er Richard den Dritten oder Othello geleſen hat. Um die Gefahr der Anſteckung zu bedingen, iſt die Wirklichkeit nothwendig, und gerade dieſe Wirklichkeit in dem Schickſal, dem Leben und dem Selbſt⸗ mord Chattertons war es, was ſich den Gedanken Leonards aufzwängte und gleich einem ſichtlichen böſen Weſen daſaß, das Uebel wie eine Wolke um ſich ſammelnd. Es lag in dem Charakter, den Prüfungen und dem Ende des todten Dichters ſo viel, was unſeren jungen Freund wie ein kühner koloſſaler Bulwer, meine Novelle, 50 Schatten ſeines Ichs und ſeiner Schickſale anſprach. Ach, der Buchhändler hatte in einer Beziehung wohl Recht ge⸗ habt— Leonard kehrte am anderen Tag als ein neuer Menſch zu ihm zurück, und es kam ſogar ihm ſelbſt vor, als habe er in Helen einen guten Engel verloren. „Oh, daß ſie an meiner Seite geweſen wäre!“ dachte er.„Oh, hätte ich die Berührung ihrer vertrauenden Hand fühlen können— hätte ihr milder Blick, während ich auf⸗ ſchaute von den kläglichen Trümmern dieſes Lebens, das er⸗ haben von der Ebene aufwärts ſtieg, als ſuche es einen feſten Thurm zu bauen gegen jegliche Ueberſchwemmung— zu mir geſprochen von einer unſchuldigen, beſcheidenen, an⸗ ſpruchsloſen Kindheit! Ha, wenn ich in der That noch noth⸗ wendig für ſie— wenn ich noch ihr einziger Schutz und Schirm wäre, ſo könnte ich doch zu mir ſelbſt ſagen:„Du darfſt nicht verzweifeln und ſterben, denn es iſt deine Auf⸗ gabe, zu leben und für ſie zu kämpfen! Aber ſo bleibt mir nichts, als dieſes ungeheuere, ſchreckliche London, die Ein⸗ ſamkeit des traurigen Dachſtübchens und jene glänzenden Augen, die mir überall gleich entgegenfunkeln, im Gewühl der Menſchen ſowohl, als in der Oede meiner Kammer.“ Achtzehntes Kapitel. Am darauf folgenden Montag öffnete Doetor Morgans ſchäbig gekleideter Diener die Thüre einem jungen Mann, in welchem er anfänglich den früheren Beſuch nicht wieder erkannte. Sonnverbrannt von der kräftigenden Fußreiſe, ver Leo ſah in leg von ſchn ärg Erk Hal Vo her ſogl ung zu er 1 tral Sch eige in 2 wen woh Arb Ach, t ge⸗ neuer als achte Hand auf⸗ s er⸗ inen 5 an⸗ woth⸗ und „Du Auf⸗ mir Ein⸗ nden vühl 7 ans nn. eder iſe, 787 mit heiter ſtrahlendem Auge und einem Zug einfacher Zu⸗ verſicht um die ſorgloſen Lippen hatte einige Tage vorher Leonard Fairfield auf derſelben Schwelle geſtanden, und jetzt ſah man ihn wieder daſelbſt, bleich und hager, die Wangen in jenen tiefen ängſtlichen Linien gefurcht, die Zeugniß ab⸗ legen von der angeſtrengten Thätigkeit des Gedankens und von ſchlafloſen Nächten; eine düſtere Wolke breitete ſich ſchwer hin über ſein ganzes Aeußere. „Ich komme auf Beſtellung,“ ſagte der junge Mann ärgerlich, als der Bediente unſchlüſſig ſtehen blieb. Dieſe Erklärung veranlaßte den Letzteren zurück zu treten. „Der Herr iſt eben zu einem Patienten gerufen worden. Habt die Güte, zu warten.“ Mit dieſen Worten führte er ihn nach dem kleinen Vorzimmer. Bald nachher wurden zwei weitere Patienten hereingelaſſen. Dieſe waren Frauenzimmer und begannen ſogleich ſehr laut zu reden, ſo daß Leonard ſich in ſeinen ungeſelligen Gedanken geſtört fühlte. Er ſah, daß die Thüre zu des Doctors Empfangzimmer halb offen ſtand, und da er unbekannt mit der Etikette war, welche dergleichen pene- tralia für geheiligt erklärt, ſo ging er hinein, um den Schwätzerinnen zu entwiſchen. Er warf ſich in des Doctors eigenen wohlverbrauchten Lehnſtuhl und murmelte vor ſich hin: „Warum hieß er mich wohl kommen? Kann er ſich in Betreff meiner auf etwas Anderes beſonnen haben? Und wenn ſich's um eine Gunſtbezeugung handelt, kann ich ſie wohl annehmen? Er hat mir Gelegenheit verſchafft, durch Arbeit mein Brod zu erwerben; dies iſt Alles, was ich von 50* ihm oder irgend einem andern Mann verlangen— Alles, was ich von ihm annehmen kann.“ Während er ſo mit ſich ſelber ſprach, fiel ſein Auge auf einen Brief, der offen auf dem Tiſche lag. Er wurde be⸗ troffen, denn er kannte die Handſchrift; es war die des Brie⸗ fes, in welchem für ſeine Mutter die fünfzig Pfund einge⸗ ſchloſſen geweſen— die Hand ſeiner Großmutter. Er ſah ſeinen eigenen Namen und noch etwas mehr— Worte, die den Schlag ſeines Herzens lähmten und das Blut in ſeinen Adern zu Eis zu erkälten ſchienen. Während er ſo entſetzt daſtand, legte ſich eine Hand auf den Brief, und eine Stimme ſprudelte mit zorniger Heftigkeit: „Wie könnt Ihr Euch unterſtehen, in mein Zimmer zu treten und meine Briefe zu leſen— he?“ Leonard legte ſeine Hand mit Feſtigkeit auf die des Doctors und erwiederte in trotzigem Tone: „Dieſer Brief geht mich an— gehört mir— und ver⸗ nichtet mich. Ich habe genug geſehen, um dieſe Ueberzeu⸗ gung zu gewinnen; aber ich will ihn ganz leſen— muß Alles erfahren.“ Der Doctor blickte zurück, und als er bemerkte, daß die Thüre nach dem Vorzimmer offen ſtand, ſo ſtieß er ſie mit dem Fuße zu. Dann ſagte er mit gedämpfter Stimme: „Was habt Ihr geleſen? Sprecht die Wahrheit.“ „Nur zwei Zeilen, und man nennt mich darin— nennt mich Es durchſchütterte Leonard vom Kopf bis zu den Füßen, und die Adern ſeiner Stirne ſchwollen wie Stricke an. Er des zige kaut die gew daß Er „un dieſe war dem zu e wort field dies verp gege lles, Auge e be⸗ Brie⸗ inge⸗ ah „die einen tſetzt eine er zu des ver⸗ rzeu⸗ Alles ß die mit : . ennt üßen, Er 789 konnte den Satz nicht vollenden. Es ſchien, als woge ein Meer in ſeinem Gehirn und brauſe in ſeinen Ohren. Der Doctor bemerkte ſogleich, daß dieſer Zuſtand eine körper⸗ liche Gefahr beſorgen ließ und entgegnete deßhalb haſtig und in beruhigendem Tone: „Setzt Euch nieder, ſetzt Euch— kommt zur Ruhe! Ihr ſollt Alles erfahren— Alles leſen— trinkt von dieſem Waſſer.“ Und er goß in ein Glas, das mit dem friſchen Element des Brunnens gefüllt war, einige Tropfen aus einem win⸗ zigen Fläſchchen. Leonard gehorchte mechaniſch, da er in der That ſich kaum mehr auf den Beinen zu erhalten vermochte. Er ſchloß die Augen und einige Minuten ſchien alles Leben von ihm gewichen zu ſeyn. Als er wieder zu ſich kam, bemerkte er, daß der Blick des Doctors theilnahmvoll auf ihm haftete. Er ſtreckte ſchweigend ſeine Hand nach dem Briefe aus. „Wartet noch eine Weile,“ ſagte der umſichtige Arzt, „und hört mich inzwiſchen an. Ich beklage es ſehr, daß Ihr dieſen Brief geſehen habt, der nie für Euer Auge beſtimmt war, weil er Hindeutungen auf ein Geheimniß enthält, von dem Ihr nie etwas erfahren ſolltet. Wenn Ihr daher mehr zu erfahren wünſcht, ſo müßt Ihr mir bei Eurem Ehren⸗ wort verſprechen, mein Vertrauen weder gegen Mrs. Fair⸗ ſield, noch gegen die Avenele zu verrathen. Wollt Ihr dies? Ich habe mich ſelbſt zu Geheimhaltung der Sache verpflichtet und kann daher nur unter dieſer Bedingung offen gegen Euch ſeyn.“ „Es handelt ſich ja um nichts,“ verſetzte Leonard in undeutlichen Lauten, und ein bitteres Lächeln zuckte um ſeine Lippen—„wenigſtens hat es ſo den Anſchein— auf das ich ſtolz zu ſeyn Urſache hätte. Ich verſpreche es Euch— den Brief, den Brief!“ Der Doetor gab ihn Leonard in die Rechte und faßte ruhig mit dem Zeigefinger und Daumen das Gelenk ſeiner andern Hand, wie es der Sage nach die Aerzte zu halten pflegten, wenn ein Opfer unter den Händen der Folter⸗ knechte war. „Puls langſamer,“ murmelte er.„Eine wunderbare Arznei, dieſes Aconit.“ Mittlerweile las Leonard den Brief, der mit Schreib⸗ fehlern und Allem folgendermaßen lautete:— „Dr. Morgan. „Sir— ich habe eier Geöhrtes ſchreiben erhalten und freie mich zu hehren, das der Arme junge Geſund und Woll iſt. Aber er hat ſich ſchlecht und undangbar aufgefihrt gegen meinen guten Sohn Richard der ein Aehre iſt fir die ganze Famile und ſich ſelbſt zu einem Gentleman gemacht hat und ſehr Freindlich und Gitig war gegen den Knaben ohne zu wiſſen Wer und Was er iſt, was Gott verhiten wolle. Ich will den jungen nie wider ſehen. Der Arme John war krank und Unruhig noch viele tag nachher. John iſt jetz ein armes Geſchepf und hat Schlaganfälle. Und er Sprach von nichts als von Nora— die augen des jungen waren ſo wie die ſeiner Mutter. Nein, ich will nichts mehr Sehen von dem Kind der ſchande. Er ſoll nicht wieder hieher kommen, um Got Wir Une Thu koſte ſo h auf danr * Sir auf arm imm der ſ er ke aus werd er ur will wir Nore die C word will ſorgt Dem weni auser ihr z d in ſeine s ich den faßte einer alten lter⸗ bare reib⸗ mund Woll een anze und ne zu Ich krank rmes ichts e die dem um 794 Gottes Willen, verlangt dies nicht von uns, er darf nicht. Wir ſind immer ſo Achtbar geweſen und dieſe ſchmach! Unehrlich— unehrlich geboren. Behaltet Ihn wo er iſt, Thut Ihn in eine Leere und ich will alles zaalen Was es koſtet. Ihr ſagt, Sir, er ſey geſcheut und gut im Lernen, ſo hat auch Pfarrer Dale geſagt und wollte das man Ihn auf eine Unverſteht ſchicke und Etwas aus Ihm Mache, aber dann wär alles Herausgekommen und das wär mein todt, Sir, ich kennte im Grab nicht ruig ſchlafen, Sir. Nora auf die Wir alle ſo Stolz waren, was ſind wir doch für arme Sindige Geſchepfe. Noras guter nahme, den wir immer geſchohnt haben, dahin und verlohren, und Richard der ſo fornehm iſt und die arme, arme Nora ſo gern hatte, er kennte nie mehr den Kopf aufrecht tragen. Ihr mißt nichts aus Ihm machen in der Weld; er ſoll ein Gewärbsmann werden, wie wir es Vor Ihm waren, was er luſt hat, nur ſoll er uns nicht in den weeg kommen So lang er lebt. Dann will ich fir Ihn bäten und Ihm glick wenſchen. Und haben wir nicht ſchon Genug Kinder iber Ihre geburd erzbgen? Nora von der ich immer zu ſagen pflägte ſie ſähe aus wie die Erſte Lady im Land, oh, aber wir ſind mit recht Geſtraft worden. So will ich nun Alles eich iberlaſſen, Sir, und will Alles zaalen was ihr fir den jungen Braucht. Und ſorgt doch dafir das das Geheimnis nicht heraus Kommt. Denn wir haben Nie von dem Vater gehehrt und es weis wenigſtens niemand das Nora einen Lebenden ſohn hatte auser ich und meine dochter Jane und der Pfarrer Dale und ihr zwei ſind gute Gentlemen und Jane wird Ihr word 192 halten. Ich bin ald und werde Bald in meinem grabe ſehn aber ich hoffe nicht ſo Lang mich der Arme John noch braucht. Was kennte er anfangen ohne Mich? Und wenn dis her⸗ auskäme ſo wirde es mich Gerathenwegs unter den Booden bringen, Sir. Der Arme John iſt ein Hilfloßes geſchepf⸗ Gott ſägne ihn. So nichts weider von eier gehorſarnen Dinerin M. Avenel.“ Leonard egte mit der größten Ruhe den Brief wieder nieder und nur ein leichtes Wogen der Bruſt und die Leichen⸗ bläſſe ſeiner Lippen bekundeten die Aufregung ſeines Innern. Es iſt ein Beweis von der Vortrefflichkeit ſeines Herzens, daß die erſten Worte, die ſich ſeinem Munde entrangen, ein„Gott ſey Dank!“ war. Der Doctor erwartete keine ſolche Dankſagung und war darüber ſo erſtaunt, daß er ausrief: „Wofür?“ 7„Ich habe an der Frau, die ich als Mutter kannte und ehrte nichts zu beklagen, nichts zu entſchuldigen. Ich bin nicht ihr Sohn— ihr—“ Er hielt inne. „Nein; aber Ihr dürft auch nicht hart ſeyn gegen Eure wahre Mutter— gegen die arme Nora.“ Levnard ſchrack zuſammen und brach dann plötzlich in einen Strom von Thränen aus. — „Oh, meine Mutter!— meine todte Mutter! Du, für die ich eine ſo geheimnißvolle Liebe fühlte— du, von der ich dieſe ppetiſche Seele habe— vergib, vergib mir! ich bro gri ein ber bor ihm ſa ich met bed La ſie wer ma von wer unb wie geg leid alſo ſeyn aucht. her⸗ voden chepf, l.“ wieder ichen⸗ nnern. rzens, ngen, dwar te und ch ebin gegen lich in Di 1, von b mir! 793 Hart gegen Dich? Ich wollte, Du wäreſt noch am Leben, daß ich Dich tröſten könnte! Was mußt Du nicht gelitten haben!“ Dieſe Worte quollen, von ſchluchzenden Lauten unter⸗ brochen, aus dem innerſten Herzen des Jünglings. Dann griff er den Brief wieder auf, und ſeine Gedanken nahmen eine andere Wendung, als ihm daraus die Scham der Schrei⸗ berin wegen ſeines Daſehns entgegentrat. All' ſein ange⸗ borner Stolz kehrte jetzt wieder zurück. Der Kamm ſchwoll ihm, und ſeine Thränen verſiegten. „Sagt ihr,“ ſprach er mit ſtrenger, feſter Stimme— „ſagt Mrs. Avenel, daß geſchehen ſolle, wie ſie verlangt: ich werde nie ihr Dach aufſuchen, nie ihr in den Weg kom⸗ men und nie ihrem reichen Sohne Schande machen. Aber bedeutet ihr auch, daß ich entſchloſſen ſey, mir ſelbſt meine Laufbahn zu wählen, und daß ich das Sündengeld, mit dem ſie meine Dunkelheit erkaufen will, zurückweiſe. Sagt ihr, wenn ich auch namenlos ſey, ſo wolle ich mir einen Namen machen.“ Einen Namen! War dies nur eitle Prahlerei oder einer von jenen Blitzen der Ueberzeugung, die nie zu Lügnern werden und unſere Zukunft für einen Augenblick mit dem unbeſtimmten Schein des Wetterleuchtens erhellen, um dann wieder in der Dunkelheit zu erſterben? „Ich zweifle nicht daran, mein wackerer Junge,“ ent⸗ gegnete Dortor Morgan in großer Aufregung,„und viel⸗ leicht findet Ihr noch einen Vater, der—“ „Einen Vater? Wer iſt er— was iſt er? Er lebt alſo? Aber er hat mich verlaſſen— er muß ſie verrathen wurde, ohnmächtig zuſammen. 794 haben! Ich bedarf ſeiner nicht. Das Geſetz gibt mir keinen Vater.“ Die letzteren Worte klangen voll bitterer Ironie; dann nahm er in ruhigerem Tone wieder auf: „Aber ich möchte doch wiſſen, wer er iſt; denn viel⸗ leicht darf ich auch ihm nie in den Weg kommen.“ Doctor Morgan machte ein verlegenes Geſicht und ſchien eine Weile über Etwas nachzudenken. Endlich ſagte er:— „Nun ja, da Ihr ſchon ſo viel wißt, wird es wohl das Beſte ſeyn, wenn Ihr Alles erfahrt.“ Der Doctor holte dann etwas weit aus, um die Ein⸗ zelnheiten ſeiner Geſchichte auszukramen. Wir wollen ihm dabei nicht folgen, ſondern ſeine Erzählung kurz zuſammen⸗ faſſen. Nora Avenel war noch ſehr jung, als ſie ihren Ge⸗ burtsort oder vielmehr das Haus der Lady Lansmere, von der ſie erzogen und gebildet worden war, verließ, um in London den Poſten einer Gouvernante oder Geſellſchafterin zu über⸗ nehmen. Eines Abends erſchien ſie plötzlich wieder in dem elterlichen Hauſe und brach, wie ſie ihrer Mutter anſichtig und ließ den Doctor Morgan rufen, welcher damals der Hauptarzt des Städtchens war. Jene Nacht führte Leonard in die Welt ein, während ſie ſeine Mutter derſelben entriß. Sie kam nicht mehr zu klarer Beſinnung und hatte ſeit ihrem Eintritt in das Vater⸗ Man ſchaffte ſie zu Bett haus nur noch irre geredet.„Deßhalb erfuhren wir auch nic ga nar kan gez nie lich obet mat geg ſteh Rec war 1„ entg müt erfa als iſt v Für bei, zurü Toch kam Ungl einen dann viel⸗ und ſagte l das Ein⸗ ihm men⸗ Ge⸗ nder ndon über⸗ dem ichtig Bett s der hrend hr zu ater⸗ auch 795 nichts von dem Namen Eures Vaters,“ fügte Doctor Mor⸗ gan bei,„und wir wiſſen nicht, wer er iſt.“ „Und wie hat man ſich unterſtehen mögen,“ rief Leo⸗ nard aufbrauſend,„meine todte Mutter zu läſtern? Wie kann man wiſſen, daß ich nicht ein— ein— ein in der Ehe gezeugtes Kind bin?“ „Es war kein Trauring an Nora's Finger; man hatte nie etwas von einer Verheirathung gehört,— und ihr plötz⸗ liches, befremdliches Erſcheinen im elterlichen Hauſe, noch obendrein in einer Weiſe, wie wohl nie eine Frau ihre Hei⸗ math wieder betreten hat— dies ſind die einzigen Beweiſe gegen ſie. Aber ſie däuchten der alten Frau und— ich ge⸗ ſtehe— auch mir kräftig genug. Ihr habt wohl das Recht, zu glauben, daß wir übereilt urtheilten— vielleicht war es wirklich ſo.“ „Und es wurden keine Nachforſchungen angeſtellt?“ entgegnete Leonard nach einem langen Schweigen in weh⸗ müthigem Tone.„Man hat ſich keine Mühe gegeben, zu erfahren, wer der Vater des mutterloſen Kindes war?“ „Nachforſchungen? Mrs. Avenel wäre lieber geſtorben, als daß ſie ſich auf dies eingelaſſen hätte; Eure Großmutter iſt von gar ſtarrer Natur. Wäre ſie ein Sprößling von Fürſten, ja von Cadwaller ſelbſt geweſen,“ fügte der Waleſer bei,„ſo hätte ſie nicht mehr vor dem Gedanken an Schande zurückbeben können. Sogar an dem Todtenbette ihrer Tochter, des Kindes, das ſie am zärtlichſten geliebt hatte, kam ihr kein anderer Gedanke, als wie ſie den Namen der Unglücklichen ſchonen und ihr Andenken vor übler Nachrede bewahren ſollte. Zum Glück befand ſich kein Dienſtbote, überhaupt kein anderer Zeuge im Haus, als Mark Fairfield und ſeine Frau, Nora's Schweſter, die am nämlichen Tag auf Beſuch hergekommen waren. „Mrs. Fairfield ſäugte eben ihr eigenes Kind, das zwei oder drei Monate alt ſeyn mochte; ſie nahm Euch in ihre Verpflegung, Nora wurde begraben und ſo blieb das Ge⸗ heimniß bewahrt. Außer dem Kreiſe der Familie erfuhr Niemand etwas davon, als ich und der Pfarrer des Städtchens, Mr. Dale. Um einer Entdeckung vorzubeu⸗ gen, zog Mrs. Fairfield am Tag nach Eurer Geburt in ein ziemlich entlegenes Dorf, und nachdem dort ihr eigenes Kind geſtorben war, kehrte ſie nach Hazeldean zurück, wo ihr Mann ſich anſäßig gemacht hatte. Dort galtet Ihr für den Sohn, der ihr durch den Tod entriſſen worden war. Ich weiß, Mark hat wie ein Vater an Euch gehan⸗ delt, denn Nora, mit der er als Kind herangewachſen, war ihm lieb geweſen.“ „Und ſie kam nach London— London iſt erdrückend und grauſam,“ murmelte Leonard.„Sie war ohne Freunde und wurde getäuſcht. Ich ſehe Alles— will nicht weiter wiſſen. Dieſer Vater— er muß in der That ſeyn, wie jene, von denen ich in Büchern geleſen habe. Lieben und ſich verfehlen— das kann ich mir wohl denken; aber dann die Unglückliche aufgeben und verlaſſen— kein Beſuch an ihrem Grabe— kein Gewiſſensbiß— keine Nachforſchung nach dem eigenen Kinde! Ja; Mrs. Avenel hatte Recht. An ihn wollen wir nicht mehr denken.“ here ſage merl „daf Ich woll was Nien hält: Aber Geld Sir, gehal Er d ſchloß Knab Londo wie de bote, rfield gauf zwei ihre Ge⸗ rfuhr des ubeu⸗ in ein genes „ wo Ihr orden ehan⸗ „war d und eunde veiter wie n und dann ich an chung . An 797 Der Diener klopfte an die Thüre und ſteckte ſeinen Kopf herein. „Sir, die Frauenzimmer werden ſehr ungeduldig und ſagen, ſie wollen wieder gehen.“ „Ich bitte um Verzeihung, Sir,“ ſagte Leonard, mit merkwürdiger Ruhe zur Lage des Augenblicks zurückkehrend, „daß ich Eure Zeit ſo lange in Anſpruch genommen habe. Ich gehe jetzt. Gegen meine Mut— gegen Mrs. Fairfield wollte ich ſagen— ſoll keine Sylbe von dem laut werden, was zwiſchen uns zur Sprache kam, und auch ſonſt gegen Niemand. Ich will ſehen, wie ich mich fortbringe, und be⸗ hält mich Mr. Prickett, ſo werde ich vorläufig bei ihm bleiben. Aber ich wiederhole, es iſt mir unmöglich, Mrs. Avenels Geld anzunehmen und mich an eine Lehre feſſeln zu laſſen. Sir, Ihr wart gütig gegen mich und habt Geduld mit mir gehabt— der Himmel vergelte es Euch.“ Der Doctor war zu ergriffen, um antworten zu können. Er drückte Levnard die Hand und im nächſten Augenblick ſchloß ſich die Thüre zwiſchen ihm und dem namenloſen Knaben. Der Letztere ſtand jetzt allein in den Straßen von London, und die Sonne blitzte über ihm roth und drohend wie das Auge eines Feindes! Neunzehntes Kapitel. Leonard erſchien an jenem Tage nicht in Mr. Pricketts Laden. Es iſt unnöthig zu ſagen, wo er umherwanderte, 798 was er litt, was er dachte und fühlte. Wild ſtürmte es in ſeinem Innern, und er kehrte erſt in ſpäter Nacht nach ſeiner einſamen Wohnung zurück. Auf ſeinem Tiſche ſtand Helens Roſenſtöckchen, das vom Morgen an vernachläſſigt geblieben war. Das Herz wollte ihm brechen. Er befeuchtete die arme Pflanze— vielleicht mit ſeinen Thränen. Mittlerweile war Doctor Morgan, der lange mit ſich zu Rath ging, ob er gegen Mrs. Avenel von Leonards Ent⸗ deckung und Auftrag Erwähnung thun ſollte, zu dem Ent⸗ ſchluß gekommen, über das Vorgefallene zu ſchweigen und der alten Frau eine Unruhe zu erſparen, welche ihre Ge⸗ ſundheit beeinträchtigen konnte, um ſo mehr, da ihm eine ſolche Mittheilung unnöthig ſchien. Er antwortete ihr da⸗ her nur in Kürze, daß ſie nicht zu befürchten brauche, er könnte nach Hauſe kommen; der junge Menſch wolle nichts von einer Lehre wiſſen, habe aber vorläufig ein Unterkom⸗ men, wann er(der Doctor) von dem Gewerbsmann, bei dem Leonard ſich zur Zeit aufhalte, weitere Nachrichten er⸗ halten habe, werde er ihr von Deutſchland aus ſchreiben. Dann begab er ſich zu Mr. Prickett und bat dieſen wohl⸗ wollenden Mann, er möchte vor der Hand Leonard bei ſich behalten, ſich freundlich gegen ihn erweiſen, ſein Betragen überwachen und ſeiner Zeit dem Doctor in ſeiner neuen Hei⸗ math am Rhein Nachricht geben, für welchen Beruf der Jüngling Geſchick und Neigung an den Tag lege. Der edelmüthige Waleſer theilte ſich mit dem Buchhändler in den für Leonard beſtimmten Gehalt und zahlte ſeine Hälfte auf ein Vierteljahr voraus, Allerdings wußte er wohl, c— 799 daß ihm Mrs. Avenel dieſen Aufwand wieder erſetzen würbe, wenn er ſich an ſie wandte; aber da er ſelbſt ein Mann von unabhaͤngigem Geiſt war, ſo konnte er ſich wohl in Leo⸗ nards dermalige Gefühle hineindenken, und er glaubte, den Jüngling herabzuwürdigen, wenn er ihn— auch nur im Geheim— mit dem Gelde ſeiner Großmutter unterſtützte, das jedenfalls nicht dazu beſtimmt ſeyn konnte, ihn zu heben, ſondern in der Niedrigkeit zu erhalten. Auch war im ſchlimmſten Falle die Summe von einem Betrag, daß der Doctor ſie wohl zu erſchwingen vermochte, und ſchon das Bewußtſeyn, den jungen Mann in die Welt eingeführt zu haben, ſchien ihm ein hinreichender Lohn zu ſeyn. Nachdem er ſo, ſeiner Meinung nach, ordentlich für ſeine beiden jungen Pfleglinge geſorgt hatte, traf er ſeine ſchließlichen Vorbereitungen zur Abreiſe. Bei Mr. Prickett ließ er ein Briefchen für Leonard zurück, in welchem er dem⸗ ſelben einigen Rath ertheilte, Muth zuſprach und in einer Nachſchrift anzeigte, daß er es unterlaſſen habe, an Mrs. Avenel den Auftrag des Jünglings auszurichten, weil er meine, es ſey beſſer, daß ſie darüber in Unwiſſenheit bleibe. Dem Schreiben waren ſechs kleine Pulver angeſchloſſen, mit der Weiſung, ſie in Waſſer aufzulöſen und alle vier Stunden einen Theelöffel voll zu nehmen;„ſie ſeyen ein ſouveränes Mittel gegen den Zorn und trübe Gedanken“— hatte der Doetor beigefügt. Am Abend des nächſten Tages befand ſich Doctor Mor⸗ gan in Begleitung ſeines Lieblingspatienten mit dem chro⸗ niſchen Leiden, den er beſchwatzt hatte, mit ihm in die 80⁰ Fremde zu ziehen, auf dem Dampfboot, das ſie nach Oſtende bringen ſollte. Leonard nahm ſeinen Dienſt in Mr. Pricketts Haus wieder auf, aber die Veränderung, die mit ihm vorgegangen war, mußte dem Buchhändler auffallen. Er verhielt ſich ſehr abgemeſſen und ſchweigſam, ſo daß er mit einemmale viel älter geworden zu ſeyn ſchien. Ich will nicht verſuchen, dieſen Wechſel metaphyſiſch zu zergliedern. Der Leſer wird aus den Worten, die Leonard gelegentlich fallen ließ einen Blick in das Herz des Jünglings thun und daraus entneh⸗ men können, wie da die Veränderung gewirkt hatte und noch immer wirkte. Das glückliche träumeriſche Genie vom Lande, das mit trunkenem Blick nur Ruhm vor ſich ſieht, iſt nicht mehr vorhanden, nachdem es die Binde abgeſtreift hat. Statt ſeiner haben wir einen Menſchen vor uns, der plötzlich herausgeriſſen wurde aus den heiligen Banden des Familien⸗ lebens; wohl fühlt er noch gewaltige Kräfte in ſich, aber er ſieht auch, wie allenthalben eherne Schranken ſich um ihn her pflanzen— ſieht, daß er allein iſt mit einer grauſamen Wirklichkeit, allein in dem unbekümmerten London. Wenn auch hin und wieder ein Streiflicht des verlorenen Helicon vor ihm aufgeht, ſo erkennt er doch an der Stelle, wo früher die Muſe weilte, nur ein blaſſes, ſchwermüthiges Geſpenſt, vas beſchämt ſein Antlitz verhüllt— den klagenden Schatten der Mutter, deren Kind keinen, nicht einmal den geringſten Namen hat in der Familie der Menſchen. Am zweiten Abend nach Doctor Morgan's Abreiſe, als Leonard eben den Laden verlaſſen wollte, ſtürmte ein Kunde c— 801 mit einem Buch in der Hand herein, das er dem Laden⸗ jungen, welcher die Außenbude eben abzuräumen im Begriff war, entriſſen hatte. „Mr. Prickett! Mr. Prickett!“ rief der Kunde.„Ich chäme mich für Euch. Ihr erfrecht Euch, dieſes Werk in zwei Bänden zu dem Preis von acht Schillingen auszu⸗ bieten.“ Mr. Prickett trat aus dem kimmeriſchen Dunkel einer Vertiefung hervor und ſagte: „Wie, Mr. Burley— ſeyd Ihr's? Ohne die Stimme würde ich Euch wahrhaftig nicht erkannt haben.“ „Der Menſch gleicht einem Buche, Mr. Prickett. Der große Haufen ſieht nur auf den Einband. Es iſt allerdings wahr, ich bin jetzt beſſer gebunden.“ Leonard blickte nach dem Sprecher hin, der jetzt unter der Gaslampe ſtand, und glaubte das Geſicht zu erkennen. Er betrachtete ihn genauer. Ja es war der Barſchſiſcher, den er an dem Ufer der Brent getroffen und der ihn mit dem verlorenen Fiſch und der zerriſſenen Angelſchnur gewarnt hatte. Mr. Burley(fortfahrend).—„Aber die Kunſt des Denkens'— Ihr fordert acht Schillinge für die Kunſt des Denkens!“ Mr. Prickett.—„Wohlfeil genug, Mr. Burley. Es iſt ein ſehr gut erhaltenes Eremplar.“ Mr. Burley.—„Wucherer! Ich habe es Euch für drei Schillinge verkauft. Alſo mehr als hundert und fünf⸗ Bulwer, meine Novelle. 51 802 zig Prozent möchtet Ihr an meinet Kunſt des Denkens ge⸗ winnen?“ Mr. Prickett(ſtotternd und etwas betroffen).— „Ihr hättet es an mich verkauft? Ach, ja, ich erinnere mich jetzt. Aber ich gab Euch mehr als drei Schillinge dafür. Ihr vergeßt— zwei Gläſer Branntwein und Waſſer.“ Mr. Burley.—„Gaſtfreundſchaft, Sir, kann nicht in Geldrechnung kommen. Wenn Ihr damit Handel treibt, ſo ſeyd Ihr nicht werth, meine Kunſt des Denkens zu be⸗ ſitzen. Da ſind drei Schilling und noch einer als Zins. Doch nein; wenn ich's überlege, ſo halte ich es für zweck⸗ mäßiger, ſtatt des Schillings Eure Gaſtfreundſchaft zu erwiedern und Euch, wenn Ihr mir das erſtemal in den Weg kommt, zwei Gläſer Branntwein und Waſſer auftiſchen zu laſſen.“ Mr. Prickett ſchien dieſer Vorſchlag nicht beſonders ein⸗ zuleuchten; indeß erhob er keine Einwendung. Mr. Burley ſteckte das Buch in die Taſche und begann die Simſe zu muſtern. Er wählte ſich ein altes Witzbuch und einen ver⸗ einzelten Band von Destouches Luſtſpielen aus, zahlte den Betrag, ſteckte dieſe Schätze gleichfalls zu ſich und wollte eben den Laden verlaſſen, als er Leonard's anſichtig wurde, der jetzt auf der Thürſchwelle ſtand. „Ha! Wer iſt dies?“ fragte er, Mr. Prickett ins Ohr flüſternd. „Ein junger Gehülfe von mir— ein ſehr geſcheidtes Bürſchchen“ be⸗ en en in⸗ ley zu er⸗ den lte de, Ohr tes 803 Mr. Burley betrachtete Levnard vom Wirbel bis zur Zehe. „Wir haben uns ſonſt wo ſchon geſehen, Sir. Aber es kömmt mir faſt vor, als ſeyet Ihr nach der Bretzt zurück⸗ gekehrt und habet auf meinen Barſch Jagd gemacht.“ „Möglich, Sir,“ entgegnete Levnard.„Aber meine Leine iſt zäh und noch nicht gebrochen, wenn auch der Fiſch ſie unter das Schilf gezerrt und ſich in den Schlamm be⸗ graben hat.“ Er lüpfte den Hut, machte eine leichte Verbeugung und ging weiter. „Er iſt allerdings geſcheidt,“ ſagte Mr. Burley zu dem Buchhändler.„Er verſteht eine Allegorie.“ Mr. Prickett.—„Der arme Junge! Er kam mit dem Vorhaben nach London, ein Schriftſteller zu werden. Ihr wißt, was dies iſt, Mr. Burley.“ Mr. Burley(mit der Miene ſtolzer Würde).—„Ja, ich weiß dies, Bücherjude. Ein Schriftſteller iſt ein Weſen, das zwiſchen den Göttern und Menſchen ſteht. Man ſollte ihn in einem Palaſt beherbergen und auf öffentliche Koſten mit Ortolanen und Tokayer unterhalten. Er verdient, in Daunen gebettet zu werden, und durch ſeidene Vorhänge ſollte man die Sorgen des Lebens von ihm abwehren, damit er nichts anderes zu thun habe, als Bücher zu ſchrei⸗ ben auf Tafeln von Cedernholz und nach Barſchen zu angeln von einer vergoldeten Gallione aus. Und ſo weit muß es kommen, wann einmal die Zeit heraustritt aus ihrer Bar⸗ barei und ihre Wohlthäter kennen lernt. Inzwiſchen, Sir, 51* 804 lade ich Euch ein in meine Gemächer, und Ihr ſollt mit Branntwein und Waſſer bewirthet werden, ſo lange ich Geld in der Taſche habe. Iſt es damit am Ende, ſo ſollt Ihr mich frei halten.“ Mr. Prickett murmelte etwas vor ſich hin, das wie„in der That, ein ſauberer Handel“ klang, während Mr. Burley mit zurückgeworfenem Kopf in die Straße hinaustrat. Zwanzigſtes Kapitel. Früher war Leonard immer auf den von Menſchen wimmelnden Hauptſtraßen nach ſeiner Wohnung gegangen, da das Treiben großer Maſſen belebend auf ſeinen Geiſt wirkte; aber während der letzten zwei Tage— ſeit der Ent⸗ deckung über ſeine Geburt— hatte er den verhältnißmäßig wenig beſuchten Weg von New⸗Road eingeſchlagen. Er befand ſich eben in jenem äußern Stadttheil, wo die Bildhauer und Grabſteinverfertiger ihre melancholiſchen Fabrikate, die in gleicher Weiſe für Gärten und für Gräber berechnet ſind, auszuſtellen pflegen. Eine Säule mit einer Urne, die hälftig von einem Trauermantel verhüllt war, feſſelte ſeine Aufmerkſamkeit, und als er betrachtend vor dieſer Bildnerarbeit ſtand, fühlte er einen leichten Schlag auf ſeine Schulter. Er wandte ſich raſch um und erkannte in dem Manne, der ihn ſo aus ſeiner Träumerei geweckt hatte, den Mr. Burley. „Entſchuldigt mich, Sir, aber Ihr verſteht Euch auf's — c„———„—„— — ₰) it ch in y 805⁵ Barſchfiſchen. Da wir nun eines Weges gehen, ſo wäre es mir lieb, beſſer mit Euch bekannt zu werden. Wie ich hörte, hattet Ihr im Sinne, ein Schriftſteller zu werden. Ich gehöre zu dieſer Sippſchaft.“ Leonard hatte ſeines Wiſſens nie zuvor einen Schrift⸗ ſteller geſehen, und ein wehmüthiges Lächeln flog um ſeine Lippen, als er den Barſchfiſcher betrachtete. Mr. Burley war allerdings ganz anders gekleidet, als zur Zeit ihres Zuſammentreffens an der Brent, und ſah viel weniger wie ein Autor, vielleicht aber deſto mehr wie ein Barſchfiſcher aus. Er trug einen neuen weißen, auf die Seite gedrückten Hut, einen neuen grünen Rock, neue graue Beinkleider und neue Stiefel. In der Hand hatte er ein Fiſchbeinſtöckchen mit einem ſilbernen Griff, und ſein ganzes Aeußere hatte den Anſtrich eines ſorgloſen Luftibus. So gemein aber auch ſeine Tracht war, nahm doch er ſelbſt ſich nicht gemein, wohl aber etwas excentriſch und von einer geord⸗ neten Sitte abweichend aus. Sein Geſicht erſchien noch blaſſer und gedunſener als früher, und ſeine Naſenſpitze zeigte ein höheres Roth; aber in dem Funkeln ſeiner Augen war ein lebhafteres Licht nicht zu verkennen, und um die Winkel ſeiner ſinnlichen, launigen Lippen ſpielte ein Zug von froher Selbſtzufriedenheit. „Ihr ſeyd ein Schriftſteller, Sir?“ verſetzte Leonard. „Gut. Und was iſt Eure Anſicht von dieſem Beruf? Dieſe Säule hier trägt eine Urne; aber ſie nimmt ſich nicht gut an der Straße aus. Was ſagt Ihr dazu?“ 806 Mr. Burley.—„Auf einem Kirchhof wäre ſie aller⸗ dings beſſer am Platze.“ Leonard.—„So dachte ich auch. Und Ihr ſeyd ein Schriftſteller!“ Mr. Burley.—„Ach, ich ſagte es ja, Ihr hättet Sinn für Allegorie. Ihr ſeyd alſo der Anſicht, ein Schrift⸗ ſteller nehme ſich beſſer aus in einem Kirchhof, wo Ihr ihn, nur vom Mondlicht beleuchtet, als eine verhüllte Urne ſehen könnt, als wenn er unter dem Wiederſchein der Gas⸗ ſtamme mit einem weißen Hut und einer rothen Naſenſpitze vor Euch ſteht. Abſtrakt genommen, habt Ihr Recht. Aber mit Eurer Erlaubniß, der Autor iſt doch lieber da, wo er iſt. Laßt uns weiter gehen.“ Die Beiden fühlten ein ihenfelllhes Intereſſe und gingen einige Schritte ſchweigend neben einander her. „Um auf die Urne zurückzukommen,“ ſagte Mr. Burley —„Ihr denkt an Ruhm und an Kirchhöfe.„Natürlich genug, ſo lang die Selbſttäuſchung noch anhält; ich aber denke an den Augenblick, an das Daſeyn— und lache über den Ruhm. Der Ruhm, Sir— pah, er iſt kein Glas Waſſer werth— und hat man ein Glas Warmen vor ſich, ſtark und gehörig gezuckert, und fünf Schillinge in der Taſche, die man beliebig ausgeben kann— vermag wohl die Weſt⸗ minſterabtei etwas zu bieten, was ſich damit vergleichen ließe?“ „Sprecht fort, Sir— ich höre Euch gerne reden. Er⸗ laubt mir, ſchweigend Euren We⸗ Aufmerkſamkeit zu ſchenken.“ 807 Leonard drückte ſich den Hut in die Stirne und ſuchte den neuen Bekannten gegenüber ſeinem verſtimmten, unruhi⸗ gen, haderſüchtigen Geiſt zu bändigen. Und John Burley ſprach fort. Ein gefährliches, hin⸗ reißendes Geſpräch, das eines geſunkenen großen Geiſtes— eine Schlange, die am Boden dahin ſchleicht und auch im Staube ihre glänzenden, wechſelnden, herrlichen Farben zur Schau ſtellt— eine Schlange, doch ohne das Arg der Schlange. Wenn John Burley täuſchte und verführte, ſo lag es nicht in ſeiner Abſicht; ſein Kriechen und Glänzen war gleich ehrlich. Keine Taube hätte dabei mehr Einfalt kundgeben können. Während er über den Ruhm lachte, verweilte er doch mit beredter Begeiſterung bei der Wonne, die das geiſtige Schaffen gewährt. „Warum ſoll ich mich kümmern um das,“ rief er,„was die Außenwelt von den Worten ſpricht oder denkt, die meiner Feder entſtrömen? Wenn Ihr während des Schreibens Leſe⸗ welt, Urnen und Lorbeern im Auge habt, ſo fehlt der ächte Genius, und Ihr paßt nicht zum Schriftſteller. Ich ſchreibe, weil es mir Genuß gewährt— weil es in meiner Natur liegt. Iſt das Produkt zu Papier gebracht, ſo kümmere ich mich eben ſo wenig darum, was daraus wird, als die Lerche auf den Bauern Eindruck machen will, den ſie zu ſeinem Pfluge weckt. Gleich dem Lied der Lerche tönt das des Dichters aus des Himmels Höhen. Habe ich nicht Recht?“ „Ja, vollkommen Recht.“ „Was kann uns dieſe Wonne rauben? Der Buch⸗ 808 händler will nicht kaufen, das Publikum nicht leſen— ei, ſo mögen ſie ſchlafen an dem Fuß der Himmelsleiter, wäh⸗ rend wir zu ihrer Höhe hinanklettern. Man lullt ſich in eine heitere lucianiſche Menſchenverachtung hinein und braucht ſo wenig von ihnen, wenn man ſeinen eigenen Werth fühlt und den ihrigen kennt. Die Leute ſchätze ich nur nach dem Gelde, das ich aus ihnen herausbringen kann, um davon zu leben. Ja, das Leben hat für uns einen hohen Werth. Seine Freuden, die ſich bei ihnen ſo gemein ausnehmen, können wir golden und königlich machen. Meint Ihr, wenn Burns unter Bauern in einem Wirthshauſe ſaß, habe er wie ſie nur Bier und Whisky getrunken? Nein, er ſchwelgte in Nektar, ſog ſeine eigenen ambroſiſchen Gedanken ein und die Götter lachten aus ſeiner Kehle. Die rohe irdiſche Flüſſigkeit war nur nöthig, um ſeinen Geiſt von dem Thon zu befreien, ihn zu erheben über Zwilchkittel und Leder⸗ hoſen und ihn einzuhüllen in das Gewand des Liedes, das am weiten Himmel flattert. Nur dazu waren Bier und Whisky nöthig, die ſich dann mit einemmale in Hebe's Trank umwandelten. Doch Ihr habt dieſes Leben noch nicht kennen gelernt, noch nichts davon geſehen. Kommt mit mir— ſchenkt mir dieſe Nacht. Ich habe Geld bei mir und will es ſo freigebig ausſtreuen, wie Alexander, als er zu ſeinem Antheil ſich nur die Hoffnung vorbehielt. Kommt!“ „Wohin?“ „Zu meinem Thron. Mein Vorgänger darauf war Edmund Kean, der gewaltige Mime. Ich bin ſein Nach⸗ folger. Wir werden ſehen, ob jene wilden Söhne des Ge⸗ 809 nius, die nur angezogen werden, wenn es gilt eine Sitten⸗ lehre zuzuſpitzen oder einen Roman zu zieren, in Wahrheit ſo bemitleidenswerthe Geſchöpfe ſind. Der prpſaiſche Spieß⸗ bürger hat freilich immer ein Lamento über einen Savage und Morland— über einen Porſon und Burns im Munde!“ „Oder über einen Chatterton,“ verſetzte Leonard düſter. „Chatterton war ein Betrüger in allen Dingen. Er heuchelte Erceſſe, von denen er nie etwas wußte. Er ein Bacchusſohn— ein fideles Haus! Er!— Nie! Wir wollen von ihm ſprechen. Kommt!“ Und Leonard ging mit. ——————— Einundzwanzigſtes Kapitel. Das Zimmer— der Tabaksqualm— und die grellen Gasflammen! Die getünchte Wand und als Zierrath daran die lithographirten Porträte von Schauſpielern in ihren Theaterkoſtümen und Rollenhaltungen— von Schauſpielern, die ſich zurückdatirten bis zu ihrer verlorenen auguſtiſchen Aera, als die Bühne noch wirklich einen belebenden Einfluß übte auf die Sitten ihrer Zeit. Da war Betterton in Per⸗ rücke und Mantel als Cato, wie er über die Unſterblichkeit der Seele moraliſirt und ihm die Wahl ſchwer wird zwiſchen Plato und dem Dolche. Neben ihm Woodward als der „feine Gentleman“ mit der unnachahmlichen Wüſtlingshal⸗ tung, in welcher die Helden von Wycherly und Congreve und Farquhar wieder aufleben. Dann der fröhliche Quin 8¹⁰ als Fallſtaff mit dem runden Schild und dem ſchönen runden Bauch. Ferner Colly Cibber in Brokat, wie er Schnupf⸗ tabak nimmt von„ſeinem Lord“, Daumen und Zeigefinger nach oben gerichtet und den Beſchauer anblickend, als er⸗ warte er deſſen Applaus. Macklin als Shylock, mit dem Meſſer in der Hand, Kemble in dem feierlichen Trauerge⸗ wand des däniſchen Prinzen, und Kean auf dem Ehrenplatz über dem Kaminſims. Wenn wir plötzlich aus dem praktiſchen Leben mit ſeinen praktiſchen Alltagsmenſchen heraus und vor die Bilder dieſer einzigen Helden der Welt hintreten, phantaſtiſch in den Gewändern dargeſtellt, in welchen ſie auf der Bühne prunk⸗ ten und ihre Kräfte aufrieben, ſo können wir uns eines Ge⸗ fühls von Rührung nicht erwehren; denn jeder von uns hat einen Sinn für ein Daſeyn, geſondert von dem, welches unſere Tage verzehrt— für ein Daſeyn, das fern von St. James und St. Giles, von den Gerichtshöfen und der Börſe, in Schrecken oder Heiterkeit, in Thränen oder Lã⸗ cheln durch das weite Zauberland der Dichter hingleitet. Seht nun hier dieſe Schauſpieler! Sie ſind die Menſchen, die in demſelben lebten und für dis unſere Welt die falſche, die Phantaſiewelt aber die wirkliche war. Und hat wohl Shakeſpeare ſelbſt, als er noch lebte, je den Beifall ge⸗ hört, welcher die Verkörperer ſeiner luftigen Bilder um⸗ donnerte? Ihr wandelbaren Kinder der vergänglichſten aller Künſte, flüchtige Schatten auf dahinrieſelnder Welle, obgleich den ewigen Sternen entſtammt, waret Ihr nicht glücklicher, als wir, die wir in der Wirklichkeit leben? Wie v* 81¹ befremdlich muß es Euch vorkommen auf dem großen Gang durch die Ewigkeit! Keine Suuffleurbücher, keine Lampen, keine Congreve und Shakeſpeare! Für welche Rollen im Himmel habt ihr euch durch eure Studien auf Erden befä⸗ higt? Eure letzte Beſtimmung muß euch in nicht geringe Verlegenheit gebracht haben. Unſern Gruß euren Bildern! Gehen wir weiter. An den getünchten Wänden hatten auch die Porträte roherer Streiter in der Arena des Ruhms Aufnahme gefun⸗ den, die ebenfalls Beifall ernteten, und zwar einen wärmeren, als der war, welcher dem Shakeſpeare von ſeinem Zeitalter gezollt wurde— ich meine die der Kämpen des Rings, eines Cribb, eines Molyneur und des Holländers Sam. Unter dieſen ſah man einen alten Kupferſtich von New⸗ market aus der erſten Hälfte des abgelaufenen Jahrhunderts und einige hogarthiſche Bilder. Aber auch an Dichtern fehlte es nicht, an Dichtern, von denen man annahm, ſie ſehen ſo gute Burſche, um ſich heimiſch zu fühlen in einer ſolchen Genoſſenſchaft. Zuerſt natürlich Shakeſpeare mit ſeiner ruhigen Stirne, Ben Johnſon mit den finſteren Brauen, und Wange an Wange Burns und Byron. Die auffallendſte jedoch von allen dieſen verſchiedenartigen Proben der bilden⸗ den Kunſt war William Pitt, ganze Figur, in Kupfer ge⸗ ſtochen. William Pitt, dieſer ernſte, gebieteriſche Charakter! Was zum Henker hatte er unter Preiskämpfern, Komödianten und Poeten zu ſchaffen? Es ſah faſt aus wie ein Schimpf auf ſein großartiges Andenken. Gleichwohl war er da, bolz⸗ gerade und mit einem Zug unausſprechlicher Verachtung in 8¹2 der aufwärtsſtrebenden Naſe. Die Porträte an den ſchmutzi⸗ gen Wänden könnte man mit dem Gemengſel in dem Geiſt gewöhnlicher Menſchen oder mit den buntgemiſchten Bildern von Celebritäten vergleichen, die du in deinem Wohnzimmer aufgehangen haſt, mein liebes Publikum. Schauſpieler und Preisborer, Dichter und Staatsmänner, ohne Einklang und Grundſatz zuſammengeſtellt, blos weil du ſie einen Augenblick geſehen oder gehört haſt, oder weil ihre Namen dir aus deinen Zeitungen entgegenſtarrten, o mein Publikum! Und die Geſellſchaft? Unbeſchreiblich! Schauſpieler ohne Engagement von kleinen Theatern, blaſſe, hagere Jüng⸗ linge, wahrſcheinlich die Söhne achtbarer Gewerbsleute, die ihr Beſtes zu thun verſuchten, um ihren Vätern das Herz zu brechen— hie und da eine markirte Judenphyſiognomie oder auch das verwunderte Geſicht eines neugierigen Gelb⸗ ſchnabels. Gleichwohl fehlte es nicht an Männern von reiferem Alter, ſogar mit grauen Haaren, obſchon unter dieſen die Karfunkelgeſichter und Kumpfnaſen einen hervor⸗ ragenden Zug bildeten. Und als John Burley eintrat, erſcholl ein ſolches Jubelgeſchrei, daß William Pitt in ſeiner Rahme zitterte. Dieſes Geſtampf und Halloh! Und die Hurrah für„Burley John“. Der Gentleman, welcher inzwiſchen den hohen mit Leder überzogenen Lehnſtuhl einge⸗ nommen, wich jetzt dem rechtmäßigen Präſidenten, und Leo⸗ nard mit ſeinem ernſten, beobachtenden Auge und einem Zug um die Lippe, welcher halb Trauer, halb Weltverachtung ausſprach, nahm an der Seite ſeines Vorſtellers Platz. In der Verſammlung herrſchte jene namenloſe Unruhe der Er⸗ * 813 wartung, die man im Parterre bemerkt, wenn irgend ein be⸗ rühmtes Kunſttalent in der Oper gegen die Lampen vortritt, um ſein„Di tanti palpiti“ zu beginnen. Die Zeit hat Flügel. Sieh' auf die Schwarzwälder Uhr über der Thüre. Halb Ein Uhr! John Burley beginnt warm zu werden. Seine Augen leuchten noch lebhafter und im Sprechen macht ſich ein leichtes lallendes Anſtoßen ſeiner Zunge bemerklich. „Er wird heute Nacht groß ſeyn,“ flüſterte ein ſchmächtiger Mann, der wie ein Schneider ausſah, Leonards Nachbar zu. Die Zeit entflieht— eine Stunde! Blick wieder auf die Schwarzwälder Uhr. John Burley iſt wirklich groß; er be⸗ findet ſich im Zenith— auf ſeinem Culminationspunkt. Welche prächtige Drolligkeit— welche überquellende Laune! Wie der Rabelais in ſeinem Lehnſtuhl ſchüttert! Unter der Fluth und dem Brauſen ſeines Witzes— welche andere Ver⸗ gleichung wäre wohl ſo bezeichnend?— iſt des Mannes Geiſt ſo klar, wie Goldſand unter der Flußwelle. So viel Hu⸗ mor und ſo viel Wahrheit— bisweilen auch ein ſolcher Strom hinreißender Beredſamkeit! Alle hören zu— keine andere Unterbrechung, als die des Beifalls. Und auch Leo⸗ nard iſt ganz Ohr. Freilich nicht— wie es wohl einige Tage früher der Fall geweſen wäre— in argloſem, un⸗ ſchuldigem Entzücken. Nein; ſeine Seele hat einen großen Schmerz, eine ſchwere Leidenſchaft durchgekämpft und ihre feſteſte Stütze verloren; aufgeregt und voll Zweifeln brütet er über der Luſt ſelbſt wie über einem Problem. 3 3 — 814 Der Humpen kreist und die Geſichter verändern ſich. Man ſchwatzt und lallt bunt durcheinander. Burley iſt ſtumm — ſein Haupt auf die Bruſt niedergeſunken. Und nun be⸗ ginnt ein wildes, ausſchweifendes Bacchuslied von ſieben Stimmen. Der Tabaksqualm wird dichter und erſtickender, und das Gaslicht blinkt trübe durch den Nebel. Johns Angen ſehen doppelt.“ Blick wieder auf die Schwarzwälderin. Zwei Stunden ſind entflogen. John hat ſein Schweigen wieder gebrochen; ſeine Stimme iſt dick und heiſer, ſein Lachen wie das Schmettern eines zerbrochenen Topfs. Er ſpricht— aber, ö ihr Götter, welchen Wuſt, welche Zoten! Die Zuhörer brüllen laut und denken, es ſey jetzt ſchöner als je. Und Leonard, der bisher im Geiſte gegen den Rieſen ſich gemeſſen und innerlich zu ſich geſagt hat:„er ſchwingt ſich weit aus meinem Bereiche,“ findet, daß ſein Gigant mehr und mehr zuſammenſchrumpft, bis er ſich endlich geſtehen muß, er ſey zuletzt doch nur ein gewöhnlicher Menſch. Blick wieder auf die Uhr. Drei Stunden vorüber. Iſt John Burley jetzt nur ein gewöhnlicher Menſch? Nein, die Menſchheit ſcheint ganz und gar abgetreten zu ſeyn vom Schauplatz. Die Seele iſt ihm geſtohlen, der Leib zuſam⸗ mengewelkt im Qualm des Tabaks und im ekelhaften Dunſt der dampfenden Bowle. Leonard blickt umher und ſieht nur noch die Schweine der Circe— einige auf dem Boden liegend, andere an den Wänden ſich weiter taſtend, ein Paar, das auf dem Tiſch ſich umarmt, die Einen in gegenſeitiger Balgerei, die Anderen ſchreiend und wieder Andere weinend 81¹⁵ im trunkenen Elend. Der göttliche Funke iſt gewichen aus dem menſchlichen Antlitz, und allenthalben bricht mehr und mehr aus dem Ding, das Menſch geweſen das Thier hervor. Und John Burley— noch iſt er nicht überwunden, obſchon ſeiner Sinne nimmer mächtig. Er meint ein Prediger zu ſeyn und hält den allerkläglichſten Sermon, den je ein Sterb⸗ licher gehört hat, über die Kürze des Lebens, häufig von ſalbungsvollem Schluchzen unterbrochen. Zwar blitzt hin und wieder aus dem Gewäſche eine Prachtſtelle hervor, um die Jeremy Tailor ihn hätte beneiden können, verſinkt aber ſchnell wieder in einer Cadenz, welcher ſich die Rhetorik eines Muggletorianers geſchämt haben würde. Und die Kellner ſtehen unter der Thüre, hören zu, lachen und halten ſich ge⸗ faßt, nach Kutſchen und Kabrioletten zu rufen. Plötzlich dreht einer den Hahn der Gasleitung, und es iſt pechfinſtere Nacht. Ein Geheul und ein Gelächter, gleich dem der Verdammten ſchallt durch das Pandämonium. Der Dichter⸗ jüngling tritt hinaus aus der ſchwarzen Atmoſphäre; die ſtillen Sterne blinken durch die unheimlichen Dachfirſte auf ihn nieder, während er das Auge himmelwärts ſchlägt. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Gut, mein Leonard! Du haſt zum erſtenmale gezeigt, daß du das Erz in dir trägſt, aus dem der Mann geſchmiedet wird. Du beſitzſt die Kraft des Widerſtandes. Nüch⸗ tern und unbeſleckt ging er hervor aus der Orgie gleich 8¹6 jenem Sterne über ihm aus der flüchtigen Wolke. Er hatte einen Hausſchlüſſel zu ſeiner Wohnung. Leiſe ging er die knarrende Holztreßpe hinan. Der Morgen graute bereits. Er trat ans Fenſter und öffnete es. Die grüne Ulme im Hof des Zimmermanns nahm ſich ſo friſch und ſchön aus, als wurzle ſie in einſamem Thale, weit weg von dem Rauche Babels. „Natur! Natur!“ murmelte Leonard,„ich höre jetzt deine Stimme. Dies beruhigt— dies kräftigt. Aber der Kampf iſt ſchrecklich. Hier die Verzweiflung des Lebens— dort ſeine Wahrheit. Die Natur denkt an keines von beiden und nimmt ruhig ihren Gang.“ Aus der Krone des Baums huſchte ein Vogel und ließ ſich an einer Stelle nieder, die man vom Fenſter aus nicht ſehen konnte. Aber Leonard hörte ſein Lied— es weckte die geſiederten Kameraden. Ihre Fittiche ſchwirrten durch die Luft und im Oſten begannen die Wolken ſich zu röthen. Leonard ſeufzte und verließ das Fenſter. Er beugte ſich gedankenvoll über Helens Roſenſtöckchen nieder: daneben lag auf dem Tiſch ein Brief. Er hatte ihn früher nicht bemerkt. Die Ueberſchrift war von Helens Hand. Er nahm ihn ans Fenſter und las bei dem aufdämmernden Lichte des Morgens folgende Zeilen: „O mein theurer Bruder Leonard, wird Euch dieſes Schreiben wohl und— glücklicher, wage ich nicht zu ſagen, aber— weniger traurig finden, als bei unſerem Abſchied? Ich ſchreibe knieend und bilde mir dabei ein, als bete ich zugleich, während ich dieſe Zeilen zu Papier bringe. Ihr ———— — 8¹7* könnt mich morgen Abend beſuchen, Leonard. Oh, kommt doch— wir gehen dann miteinander in dem ſchönen Garten ſpazieren; es iſt eine Laube aus Schasmin und Jelängerje⸗ lieber darin, von der aus wir auf London niederſchauen können. Wie oft— ach wie oft that ich es nicht ſchon und verſuchte, ob ich die Dächer in unſerer armen kleinen Straße nicht zu errathen vermöge; ja, ich bildete mir ſogar ein, die liebe Ulme zu ſehen. Miß Starke iſt ſehr gütig gegen mich, und ich glaube hier glücklich ſeyn zu können, nachdem ich Euch wieder ge⸗ ſehen habe— das heißt, wenn ich Euch glücklich weiß. Eure dankbare Schweſter Helen.“ „Jvy Lodge.“ Nachſchrift. „Jedermann kann Euch nach unſerem Hauſe weiſen. Es liegt links, faſt ganz auf der Höhe; etwas weiter unten iſt ein Weg, den auf der einen Seite Kaſtanienbäume und Lilien begrenzen. Ich werde Euch am Gartenthor er⸗ warten.“ Leonards Stirne heiterte ſich auf, und er ſah wieber aus, wie früher. Auf die dunkle See ſeines Herzens lä⸗ chelte das ſanfte Antlitz eines Kindes nieder, und die Wogen legten ſich wie unter dem Zauber eines Geiſtes. Bulwer, meine Novelle. 52 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. „Und was iſt Mr. Burley? Welche Werke hat er ge⸗ ſchrieben?“ fragte Leonard Mr. Prickett, als er wieder in den Laden zurückkehrte. Wir wollen auf dieſe Frage mit unſeren eigenen Worten eine Erwiederung geben, da wir über Mr. Burleys Verhält⸗ niſſe beſſer unterrichtet ſind, als Mr. Prickett. John Burley war der einzige Sohn eines armen Geiſt⸗ lichen aus einem Dorf unweit von Ealing, der geſpart, ge⸗ knauſert und gedarbt hatte, um ſeinen Sprößling nach einer trefflichen Provinzialſchule in einer nördlichen Grafſchaft und von da in ein College ſchicken zu können. In dem letzteren machte ſich der junge Burley während des erſten Jahres bei den Zöglingen der Anſtalt durch dicke Schuhſohlen und grobe Leinwand, bei den Vorſtänden aber durch Fleiß und Talent bemerklich. Die Lehrer und Examinatoren verſpra⸗ chen ſich Ausgezeichnetes von ihm. Mit dem Anfang des zweiten Jahres entwickelte ſich die Lebhaftigkeit ſeines Geiſtes, die früher durch das Studiren im Zaum gehalten worden war. Das Leſen der Claſſiker wurde ihm leicht und er ſchüttelte ſeine Aufgaben ſo zu ſagen nur aus dem Aermel. Seine Mußeſtunden widmete er Sympoſien, die keineswegs ſokratiſch waren. Er gerieth in eine Geſellſchaft von ſcharfen Trinkern und kam dadurch in allerlei Ungelegen⸗ heiten. Die Vorſtände der Anſtalt ſuchten ihn anfänglich durch ſanfte und liebreiche Ermahnungen zu beſſern, da ſie ſeine Fähigkeiten achteten und immer der Hoffnung 819 Raum gaben, er dürfte noch eine Zierde der Univerſität wer⸗ p den. Einmal aber erſchien er betrunken in einem förm⸗ . lichen Examinatorium und legte eine Arbeit in der Manier n des Ariſtophanes vor, in welcher er über die geſtrengen Per⸗ rückenherrn ſelbſt die Lauge ſeines Witzes ausgoß. Man n ſchlug das Vergehen um ſo höher an, weil die Satyre in t⸗ griechiſcher Sprache geſchrieben, folglich als ein überlegter Schimpf zu beurtheilen war. John Burley wurde ausge⸗ ⸗ ſtoßen. Er kehrte als ein unglücklicher Menſch in das vä⸗ e⸗ terliche Haus zurück, denn bei allen ſeinen Thorheiten fehlte er es ihm doch nicht an einem guten Herzen. Dem ſchlimmen id Beiſpiel entrückt, führte er ein Jahr lang ein tadelloſes n Leben und erhielt die Stelle eines Unterlehrers in der Schule, 8 in welcher er ſelbſt ſeinen erſten Unterricht genoſſen hatte. 1d Dieſe Anſtalt befand ſich in einer großen Stadt. Er trat d einem Club von Leuten aus dem Gewerb⸗ und Handelsſtand S bei und verbrachte dreimal in der Woche ſeine Abende in es dieſer Geſellſchaft. Hier begann ſich bald ſeine Unterhal⸗ es tungsgabe kund zu thun. Er wurde das Orakel des Clubs, en und der friedlichſte, nüchternſte Verſammlungsſaal, in dem ht je ernſte Familienväter ihr Pfeifchen rauchten oder ſich ein m Gläschen belieben ließen, bildete ſich unter Mr. Burleys ie Auſpicien zu einem Tummelplatz von nicht minder fröhlichen ft und tollenden Gelagen um, als die waren, aus welchen der n⸗ alte griechiſche Bocksgeſang ſeinen weinſeligen Urſprung ch nahm. Dies konnte nicht ſo fortgehen. Eines Abends gab da es einen gewaltigen Straßentumult, und am andern Tag ng war der Unterlehrer entlaſſen. Zum Glück für John Bur⸗ 52* 82⁰ leys Gewiſſen hatte ſein Vater vor dieſem Vorfall und im feſten Glauben an die Beſſerung ſeines Sohnes das Zeitliche geſegnet. Während ſeines Aufenthalts an der Schule war Mr. Burley mit dem Herausgeber der Zeitung für die Graf⸗ ſchaft bekannt geworden und hatte ihm, da er gleich Parr und Porſon ein eifriger Politiker war, einige treffliche poli⸗ tiſche Artikel geliefert. Dieſer Mann verſah ihn mit Em⸗ pfehlungsſchreiben an die Londoner Journaliſten, und John fand in der Hauptſtadt ein Unterkommen als Mitarbeiter an einer ſehr achtbaren Zeitung. Er hatte auf dem College flüchtig die Bekanntſchaft Audley Egertons gemacht, der eben im Zug war, im Parlament ſeinen Ruf zu gründen. Bur⸗ ley ſympathiſirte mit einer Tagesfrage, in welcher Egerton ſich ausgezeichnet hatte und ſchrieb einen ſo guten Artikel darüber, daß Egerton ſich nach dem Verfaſſer erkundigte und ſich vornahm, für denſelben zu ſorgen, ſobald er ſelbſt ins Kabinet einträte. Doch Burley war ein Mann, für den man unmöglich ſorgen konnte. Er verlor bald die Mitre⸗ dakteurſtelle an der genannten Zeitung, denn erſtlich war er ſo ungeordnet, daß man ſich nicht auf ihn verlaſſen konnte, und zweitens trug er ſich mit ſeltſamen, excentriſch ehrlichen Vorſtellungen, die im Laufe der Zeit nothwendig mit dem Syſtem was immer für einer Partei in Widerſpruch gerathen mußten. Einer ſeiner Artikel, der aus Verſehen aufge⸗ nommen worden war, erregte das Entſetzen der Eigenthü⸗ mer ſowohl, als der Leſer der Zeitung, denn er ſprach das gerade Gegentheil von den Grundſätzen aus, deren Verfech⸗ fung das Journal ſich zur Aufgabe gemacht hatte, und ver⸗ 82¹ glich ſeinen gefeiertſten politiſchen Helden mit Catilina. Jetzt ſchloß ſich John Burley ein und ſchrieb Bücher. Er brachte zwei oder drei Werke zu Stande, die übrigens bei ihrer ſon⸗ ſtigen Gediegenheit durchaus nicht im populären Geſchmack gehalten, ſondern mit griechiſchen Stellen durchſpickt waren, und Gedanken enthielten, welche der Menge wie Caviar vorkommen mußten. Gleichwohl trugen ſie ihm ein wenig Geld ein, während ſie ihn zugleich bei den Männern der Wiſſenſchaft in Ruf brachten. Jetzt kam Mr. Egerton ins Miniſterium und verſchaffte ihm nicht ohne große Mühe — es mußten viele Vorurtheile gegen dieſen unordentlichen Sohn der Muſen überwunden werden— eine öffentliche Bedienſtung. Er hielt es jedoch nicht über einen Monat in dieſem Amte aus und legte es dann freiwillig wieder nieder. „Eine Brodrinde und Freiheit!“ ſagte John Burley und verſchwand in einem Dachſtübchen. Seit jener Zeit lebte er— Gott weiß, von was. Die Literatur iſt ein Geſchäft, wie jedes andere, und Burley wurde mit jedem Tag unfähiger dafür. Er könne nicht fröhnen, ſagte er und ſchrieb nur, wenn ihn die Laune anwandelte, wenn der letzte Heller in ſeiner Taſche klimperte oder wenn er im Fleeter Schuldthurm ſtack— eine Wanderung, die ihm durchſchnittlich zweimal im Jahre blühte. In der Regel konnte er verkaufen, was er vollſtändig ausgearbeitet hatte; aber zum Voraus wollte ihm Niemand einen Auftrag geben. Magazine und andere pe⸗ riodiſche Hefte nahmen gerne ſeine Arbeiten auf, aber nur unter der Bedingung, daß er ſeinen Namen nicht unterzeich⸗ nete; auch konnte ſein Styl um ſo weniger nothwendig 822 zur Entdeckung führen, da er denſelben mit der Leichtigkeit einer geübten Feder zu wechſeln wußte. In Audley Eger⸗ ton fand er fortwährend ſeine beſte Stütze, denn es gab gewiſſe Fragen, über die Niemand mit ſolcher Kraft zu ſchreiben verſtund, als John Burley— Fragen die auf die Philo⸗ ſophie der Politik, auf Geſetzesreform und Nationalökonomie Bezug hatten. Und Audley Egerton war der einzige Mann, zu deſſen Dienſt Mr. Burley ſich herabließ und um deſſen willen er ein Trinkgelag im Stiche laſſen konnte, wenn es galt für ihn eine Frohnarbeit zu beſorgen. Denn der Literat war von Natur dankbar und fühlte, daß Mr. Egerton es wirklich gut mit ihm gemeint hatte. Die Sache verhielt ſich in der That ſo, wie er an der Brent gegen Leonard geäußert hatte: nachdem er ſeine Bedienſtung in London aufgegeben, war ihm von dem Miniſter ein Poſten in Ja⸗ maika und eine Stelle in Indien angeboten worden. Aber wahrſcheinlich wurde er von noch anderen Zaubern feſtge⸗ halten, als von denen des einäugigen Barſches, welche ihn an die Umgegend von London feſſelten. Bei allen groben Fehlern des Charakters und der Gewöhnung entbehrte John Burley doch nicht alle ſchöne Eigenſchaften einer großen Na⸗ tur, und wenn man auch in Wahrheit von ihm ſagen konnte, däß er ſein eigener ärgſter Feind ſey, ſo trug er doch gegen Niemand ſonſt eine feindſelige Geſinnung im Herzen. Recenſirte er einen glücklicheren Schriftſteller, ſo lag ſelbſt in ſeiner Satyre Gutmüthigkeit, denn er kannte keine Galle, keinen Neid, und in Vermeidung boshafter Perſönlichkeiten hätte er allen Kritikern als Muſter dienen können. Nur 8²3 die Politik bildete hierin eine Ausnahme, da er auf dieſem Boden gerne herb und beißend wurde. Er war ein leiden⸗ ſchaftlicher Schwärmer für Unabhängigkeit— eine Eigen⸗ ſchaft, die bei aller Uebertreibung doch Züge von Größe zeigte. Kein Tellerlecker, kein Paraſit, kein Schmeichler, kein literariſcher Bettler, kein Dedicationen⸗ und Subſeri⸗ bentenjäger, beſtand er ſogar in ſeinem Verkehr mit Audley Egerton auf Feſtſetzung des Preiſes für die von ihm ge⸗ wünſchten Arbeiten. Dieſe berechnete er, weil die von Audley geforderten Schriftſätze viel Lektüre und Ausfüh⸗ rung im Einzelnen verlangten— eine Anſtrengung, die nicht gerade nach ſeinem Geſchmack war— etwas höher, als das Honorar, welches die Zeitung für dergleichen Leiſtungen an Andere zu bezahlen pflegte; aber er glaubte, hiezu ehren⸗ haft berechtigt zu ſeyn, und würde auch von einem Buch⸗ händler daſſelbe Honorar angeſprochen haben. Er wufßte, daß er, wenn er von Gläubigern bedrängt wurde oder in der Schuldenhaft ſaß, nur eine Zeile an Egerton zu ſchreiben brauchte, um ſich wieder frei zu machen; aber hiezu war er nie zu vermögen. Er wollte ſich nur auf ſeine Feder verlaſſen; dieſe tauchte er nun fleißig ins Tintenfaß und ſchaffte ſich dadurch ſeine Erlöſung. Das Schlimmſte an ihm war unſtreitig ſein unbeſſerlicher Hang zum Trinken und die gewöhnliche Begleiterin dieſes Laſters, die Vorliebe für gemeine Geſellſchaft. Zigeunerkönig zu ſeyn, ſeinen wilden Humor leuchten zu laſſen und ihn bisweilen durch ſeine phantaſtiſche Beredſamkeit zu ſteigern vor den rohen derben Naturen, die ihn umgaben— dies war eine Herr⸗ 824 lichkeit, die ihn völlig ſchadlos hielt für das Aufgeben einer gediegenen Würde, und er hätte die Krone des Fürſten von Thoren nicht gegen das Diadem eines Kaiſers vertauſcht. Um überhaupt John Burleys Talente gehörig würdigen zu können, mußte man ihn bei ſolchen Gelegenheiten ſprechen hören. Als Schriftſteller war er allerdings nur noch ſtoß⸗ weiſe einer gediegeneren Leiſtung fähig, aber wenn er in ſeiner wilden Weiſe zu ſprechen anfing, ſo mußte ſich jeder Zu⸗ hörer geſtehen, daß er ein Original ſey, das nicht ſeines Gleichen hatte. Und die Macht der Rede iſt eine von den Gaben, die für ihren Beſitzer am gefährlichſten ſind, weil der Beifall ſo augenblicklich folgt und mit ſo wenig Mühe errungen wird. John Burley war immer tiefer und tiefer geſunken, nicht nur in der guten Meinung Aller, die ſeinen Namen kannten, ſondern auch in der Verwendung ſeiner Talente. Und Letzteres ſchien abſichtlich— aus freier Wahl zu geſchehen. Es konnte ihm einfallen, in ein verrufenes Pöbelblättchen für etliche Pence Beiträge zu liefern, wäh⸗ rend ihm die achtbarſten Journale ſeine Artikel mit Pfunden bezahlt hätten. Eine beſondere Luſt machte es ihm, Penny⸗ balladen zu ſchreiben und auf die Straße hinzuſtehen, wenn ſie abgeleiert wurden. Ja, er vergaß ſich einmal ſogar ſo⸗ weit, die Geſchäftsempfehlungen eines Schneiders in Verſe zu bringen, und hielt dies für einen ausnehmend guten Spaß. Freilich währte dies nicht lange, denn John Burley war ein Pittianer—„kein Tory, ſondern ein Pittianer,“ wie er zu ſagen pflegte, und wenn man ihn von Pitt ſprechen hörte, ſo wußte wahrhaftig Niemand, was er aus 82⁵ vieſem großen Staatsmann machen ſollte. Er behandelte ihn wie die deutſchen Comentatoren den Shakeſpeare und legte ihm alle nur erdenklichen Meinungen und Zwecke unter, ſo daß der ausgezeichnete praktiſche Mann wie eine Sybille erſcheinen mußte. Nun, er war ein Pittianer und der Schneider ein Fanatiker für Thelwall und Cobbett. Mr. Burley ſchrieb ein Gedicht, in welchem dem Schneider Bri⸗ tannia erſchien und ihm wegen der Kunſtfertigkeit, mit wel⸗ cher er die Außenſeite ihrer Söhne ſchmückte, große Com⸗ plimente machte; dabei beſchenkte ſie ihn mit einem Rieſen⸗ mantel und ſagte ihm, er und nur er werde im Stande ſeyn, ihn den Schultern lebender Menſchen anzupaſſen. Der Reſt des Gedichts beſchreibt Mr. Snip's vergebliche Ver⸗ ſuche, dieſen Mantel für die berühmteſten Politiker des Tages zurecht zu legen. Er iſt eben in Verzweiflung niedergeſunken als Britannia ihm wieder erſcheint und ihn mit der Nach⸗ richt tröſtet, daß er Alles gethan habe, was man von einem Sterblichen verlangen könne; ihre Abſicht ſey blos geweſen, die Zwerge zu überzeugen, daß keine menſchliche Kunſt vermöge, ihren winzigen Leibern den Mantel des William Pitt anzupaſſen. Sic itur ad astra. Sie entflieht wieder zu den Sternen ſammt Mantel und Allem.— Aber Mr. Snip entrüſtete ſich höchlich über dieſe allegoriſche Ergießung und zerſchnitt mit zorniger Scheere das Band zwiſchen ihm und ſeinem Hauspoeten. Wir hoffen, der Leſer wird ſich jetzt ein ziemlich treues Bild machen können von John Burley— einem Exemplar eigener Art, die zu keiner Periode ſehr gewöhnlich und jetzt 8526 zum Glücke faſt ausgeſtorben iſt, ſeit die Schriftſteller von allen Schattirungen ſich dem veredelnden Einfluß fügen, welchen Ordnung, häuslicher Sinn und nüchterner Anſtand allgemein auf die Volksſitte übt. Mr. Prickett ging zwar weniger auf die hiſtoriſchen Einzelnheiten ein, die wir hier auseinandergeſetzt haben, brachte aber doch Leonard eine leidlich richtige Vorſtellung von dem Manne bei, indem er ihm denſelben als eine Perſon von hoher geiſtiger Begabung und großer Gelehrſamkeit ſchilderte, Eigenſchaften, die nur bedauern ließen, daß ihr Beſitzer durch eigene Schuld ſo ganz verſunken ſey.„ Leonard konnte freilich nicht begreifen, daß Mr. Bur⸗ ley ſeine Verkommenheit ausſchließlich ſelbſt verſchuldet haben ſollte, da es ihm unmöglich war, ſich einen Mann von Genie zu denken, der freiwillig die niederſte Sproſſe der geſell⸗ ſchaftlichen Leiter für ſich auserſah. Deshalb gab er lieber der Vorſtellung Raum, der Unglückliche müſſe in dem Kampf mit der Nothwendigkeit erlegen ſeyn. Und als Mr. Prickett mit den Worten ſchloß:„Na, ich denke, Burley kann Euch ſogar noch beſſer als Chatterton von der Sucht nach Schriftſtellerruhm kuriren,“ antwortete unſer junger Freund nur mit einem düſteren„Vielleicht“ und wandte ſich den Bücherbrettern zu. Mit Mr. Pricketts Zuſtimmung ſchloß Levnard früher als gewöhnlich ſein Tagewerk und trat ein wenig vor Son⸗ nenuntergang den Weg nach Highgate an. Zum Glück hatte man ihn angewieſen, die Richtung über Regents⸗ Park und die neue Straße zu nehmen, die durch eine grüne — N 8 — M 827 lachende Landſchaft führt. Der Spaziergang, die Friſche der Luft, der Geſang der Vögel und vor Allem die Ein⸗ ſamkeit des Weges, nachdem er einmal die Hälfte deſſelben zurückgelegt hatte— Alles dies diente dazu, ſeine ernſten düſteren Betrachtungen zu zerſtreuen. Und als er in die von Kaſtanienbäumen beſchattete Straße einbog und plötzlich das harrende, freudeſtrahlende Antlitz der kleinen Helen ge⸗ wahrte, welche an dem Pförtchen unter dem Schutze kühler, ſäuſelnder Zweige ſtand— da ſtrömte ihm das Blut froh durch die Adern und ſein Herz klopfte laut und dankbar. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Mit einer ſo wahrhaft kindlichen Freude zog ſie ihn durch die Gartenthüre hinein. Betrachten wir ſie jetzt in der Laube, unter dem ſüß duftenden Blüthendache. Weit hin ſtreckt ſich die Wildniß von Dachgiebeln und Kirchthürmen unter ihnen aus. London erſcheint ihnen ſtumm und neblicht wie in einem Traume. Sie nahm ihm ſanft den Hut von der Stirne und ſah ihm mit durchdringenden Augen, in welchen Thränen glänz⸗ ten, in's Geſicht. Ihre Anrede lautete nicht:„Ihr ſeyd verändert,“ ſondern ſie ſagte:„Warum, warum doch häbe ich Euch verlaſſen?“ und wandte ſich ab. „Kümmert Euch nicht um mich, Helen,“ verſetzte er. „Ich bin ein Mann und rauh erzogen. Sprecht von Euch. Die Dame des Hauſes iſt alſo gütig gegen Euch?“ 8²8 „Erlaubt ſie mir nicht, Euren Beſuch anzunehmen? Oh, ſie iſt ſehr gütig. Schaut her.“ Sie deutete auf das Obſt und die Kuchen, die auf dem Tiſch ausgebreitet waren.„Ich darf Euch bewirthen, Bruder.“ Und in allerliebſten gewinnenden Weiſen, ſcherzender als ſonſt ihre Gewohnheit war, begann ſie ihm ihre Gaſt⸗ lichkeit aufzudrängen. Sie ſprach dabei ſehr ſchnell und mit einem erzwungenen, aber ſilbern klingenden Lächeln. Allmälig gelang es ihr, ſein Düſter und ſeine Zurück⸗ haltung zu zerſtreuen. Freilich konnte er ihr die Urſache ſeines bitterſten Wehs nicht enthüllen; aber er geſtand, daß er viel gelitten habe. Zu einer ſolchen Einräumung hätte er ſich gegen kein anderes menſchliches Weſen herabgelaſſen. Von dieſem kurzen Bekenntniß ging er jedoch ſchnell zu der Verſicherung über, daß das Schlimmſte jetzt vorbei ſey; dann ſuchte er ſie dadurch zu unterhalten, daß er ihr von ſeiner neuen Bekanntſchaft mit dem Barſchfiſcher erzählte. Als er jedoch von dieſem Mann mit einer Art widerſtrebender Bewunderung ſprach, in welchem ſich Mitleid mit düſterer Theilnahme miſchte, und eine allerdings mild gehaltene, aber doch noch immer groteske Schilderung von der Scene entwarf, deren Zeuge er geweſen war, wurde Helen ernſt und unruhig. „Ach, Bruder,“ rief ſie,„geht nicht wieder dahin. Vermeidet den Umgang mit dieſem ſchlimmen Menſchen.“ „Schlimm? Das iſt er nicht. Hoffnungslos und un⸗ 829 glücklich ſucht er Reizmittel und Vergeſſen; aber Ihr könnt ſolche Dinge nicht verſtehen, meine kleine Predigerin.“ „Oh, wohl verſtehe ich ſie, Leonard. Was iſt der Unterſchied zwiſchen Gut und Böſe? Der Gute läßt die Verſuchung nicht über ſich Herr werden, aber der Böſe gibt ihr nach.“ Dieſe Unterſcheidung war ſo einfach und ſo weiſe, daß ſie auf Leonard einen tieferen Eindruck machte, als wenn er den gewählteſten Sermon des Pfarrers Dale mit angehört hätte. „Seit ich Euch verloren, habe ich oft vor mich hin⸗ gemurmelt: Helen war mein guter Engel. Fahrt fort, denn mein Herz iſt für mich mit Nacht umhüllt, und wäh⸗ rend Ihr ſprecht, däucht es mich, als dämmere ein Licht durch die Finſterniß.“ Dieſes Lob verwirrte Helen ſo ſehr, daß es lange an⸗ ſtund, eh' ſie im Stand war, der an ſie ergangenen Auf⸗ forderung zu entſprechen. Aber allmälig kam bei beiden die Rede beſſer in Fluß. Leonard erzählte ihr Chattertons traurige Geſchichte und erwartete mit Spannung, welche Anſicht ſie darüber äußern würde. „Ihr ſeht,“ ſagte er, als er bemerkte, daß ſie ſtumm blieb,„welche Hoffnung iſt für mich vorhanden, wenn dieſer gewaltige Geiſt kämpfte und verzweifelte? Vermiſſen wir an ihm irgend etwas, als Geburt, Vermögen, Freunde und die Gerechtigkeit ſeiner Zeitgenoſſen?“ „Hat er zu Gott gebetet?“ verſetzte Helen, ihre Thrä⸗ nen trocknend. Abermals fühlte ſich Leonard betroffen. Als er Chat⸗ terton's Leben las, hatte er nicht ſonderlich auf den zur Schau getragenen oder wirklichen Skepticismus dieſes un⸗ glücklichen Ringers nach irdiſcher Unſterblichkeit geachtet. Helen's Frage brachte ihm erſt dieſen Punkt lebhaft in Er⸗ innerung. „Warum fragt Ihr dies, Helen?“ „Weil wir ſo gar geduldig werden, wenn wir oft beten,“ antwortete die Kleine.„Hätte er ſich noch einige Monate weiter geduldet, ſo wäre vielleicht Alles gewonnen geweſen, wie es bei Euch der Fall ſeyn wird, Bruder— denn Ihr betet und werdet dadurch in der Geduld geſtärkt.“ Leonard ſenkte das Haupt in tiefen Gedanken, und dies⸗ mal waren ſeine Betrachtungen nicht düſter. Aus jenem erſchütternden Leben trat ihm jetzt ein neuer Zug entgegen, den er früher nicht gebührend berückſichtigt oder vielmehr als eines der dunkelſten Geheimniſſe in Chattertons Schickſal betrachtet hatte. Gerade in der Zeit, als der verzweifelnde Dichter ſich in ſein Dachſtübchen einſchloß, um ſeinen Erdenkampf zu endigen, hatte ſein Genius den Weg gefunden zu dem Lichte des Ruhms. Wackere, gelehrte und mächtige Männer trafen Einleitungen, ihm zu dienen und ihn zu retten. Noch ein Jahr— ja, vielleicht nur noch ein Monat— und er war anerkannt und glänzte als einer der Erſten ſeines Zeit⸗ alters. „Oh, Helen!“ rief Leonard, und von ſeiner Stirne war jede Wolke verſchwunden— warum, ach warum mußtet Ihr mich verlaſſen!“ 83¹ Die Reihe des Betroffenwerdens kam jetzt an Helen, als ſie in ſolcher Weiſe wiederholt ihn ſein Bedauern aus⸗ drücken hörte. Auch ſie verſank nunmehr in ernſte Ge⸗ danken. Endlich fragte ſie ihn, ob er nach dem Koffer ihres Vaters geſchrieben habe, der in dem Wirthshaus zurück⸗ geblieben war. Und Leonard, obſchon unangenehm berührt von dieſer — wie ihm däuchte— kindiſchen Unterbrechung eines The⸗ ma's von ſo hohem Intereſſe— mußte mit Beſchämung geſtehen, daß er dieſen Auftrag vergeſſen habe. Sollte er in ſeinem Briefe nicht Weiſung ertheilen, daß der Koffer nach Miß Starke's Wohnung geſchickt werde? „Nein, laßt ihn an Euch ſenden und nehmt ihn unter Eure Obhut. Es wird mich freuen, wenn ich etwas von dem Meinigen bei Euch weiß. Vielleicht iſt meines Bleibens doch nicht lange hier.“ „Nicht lange hier? Nicht doch, meine liebe Helen. Ihr müßt bleiben— wenigſtens ſo lange Euch Miß Starke behalten will und ſich gütig gegen Euch benimmt. Mit der Zeit(fügte Leonard in einem Tone bei, der an ſeine frühere Hoffnungsfülle erinnerte) mache ich vielleicht doch noch meinen Weg, und wir können dann ein Hüttchen für uns haben. Aber— o Helen— ich vergaß; Ihr habt mir weh gethan. Warum ließet Ihr Euer Geld bei mir. Ich fand es erſt kürzlich in der Kommode. Pfui!— Ich habe es mitgebracht.“ „Es war nicht mein Eigenthum, ſondern gehört Euch. Unſer Verbrauch ging in gleiche Theile, und Ihr habt 832 Alles bezahlt. Außerdem, wozu ſollte ich es hier brau⸗ chen?“ Aber Leonard zeigte ſich hartnäckig, und als Helen mit traurendem Herzen zurücknahm, was ihr von der Habe ihres Vaters übrig geblieben war, erſchien eine kleine weib⸗ liche Geſtalt unter dem Eingang der Laube, welche mit einer Stimme, die wohl geeignet war, alle Empfindſamkeit zu verſcheuchen, die Worte ſprach: „Junger Mann, es iſt jetzt Zeit, zu gehen.“ Fünfundzwanzigſtes Kapitel. „Schon!“ rief Helen mit ſtotternden Lauten und ſchlich an Miß Starke's Seite, während Levnard aufſtand und ſich verbeugte. „Ich bin Euch ſehr dankbar, Madame,“ ſagte er mit jener Anmuth, die man meiſt im Gefolge geiſtiger Ausbil⸗ dung trifft,„daß Ihr mir erlaubt habt, Miß Helen beſuchen zu dürfen. Ich will von Eurer Güte keinen Mißbrauch machen.“ Miß Starke ſchien über ſein Weſen und ſeine Miene betroffen zu ſeyn; ſie machte eine ſteife, halbe Verbeugung. Eine ſtarrere Figur als die der Miß Starke konnte man ſich nicht leicht denken; ſie war ein treues Gegenſtück von der grämlichen weißen Frau in den Ammenſtubenballaden. Gleich⸗ wohl verrieth es viel Gutmüthigkeit, daß ſie einem Fremden geſtattete, ihren hübſchen Garten zu betreten, und ſogar für N„ 833 ihn und ihre kleine Pflegbefohlene die Früchte und den Kuchen hergab, welche ihr Ausſehen Lügen ſtraften. „Darf ich ihn bis zum Gartenthor begleiten?“ flü⸗ ſterte Helen, als Leonard bereits den Rückzug angetreten hatte. „Meinetwegen, Kind; aber halte Dich nicht auf. Komm' dann zurück und ſchließ Kuchen und Kirſchen ein, da⸗ mit Patty nicht darüber kömmt.“ Helen eilte Leonard nach. „Schreibt mir, Bruder— ſchreibt mir, und befreundet Euch ja nicht mit jenem Mann, der Euch an den ſchlechten Platz mitnahm.“ „Oh, Helen, ich verlaſſe Euch ſtark genug, um ſogar ſchlimmere Gefahren zu beſtehen, als dieſe iſt,“ verſetzte Leo⸗ nard faſt fröhlich. Sie küßten ſich gegenſeitig an dem Gartenpförtchen und ſchieden. Leonard ging in der mondhellen Sommernacht nach Hauſe und ſah, auf ſeinem Zimmer angelangt, zuerſt nach ſeinem Roſenſtöckchen. Die Blätter der Blumen von geſtern lagen umhergeſtreut, aber der kleine Stamm hatte ſchon neue Knospen getrieben. „Die Natur iſt in ewiger Verjüngung begriffen,“ ſagte der Jüngling. Er hielt einen Augenblick inne und fügte dann bei:„Iſt die Natur auch ſo geduldig?“ In jener Nacht wurde ſein Schlaf nicht von jenen ſchrecklichen Träumen unterbrochen, welche während der letzten Zeit ihn zu ſtören pflegten. Erfriſcht ſtand er am Bulwer, meine Noyelle, 53 834 anderen Morgen auf und trat ſein Tagewerk wieder an. Sein Gang war heute kein Dahinſchleichen auf wenig be⸗ ſuchten Pfaden; mit feſtem Tritte ſchritt er durch das Ge⸗ dränge der Menſchen. Ermanne Dich, junger Abenteurer — Du haſt noch mehr zu leiden. Wirſt Du erliegen? Ich leſe in Deinem Herzen, kann aber die Frage nicht beantworten. Siebentes Puch. — Einleitungs⸗Kapitel. „Was iſt Muth?“ ſagte Onkel Roland, ſich aus einer Träumerei aufraffend, in die er verſunken war, nachdem ich vas ſechste Buch dieſer Geſchichte im Familienkreiſe vorge⸗ leſen hatte. „Was iſt Muth?“ wiederholte er ernſter.„Beſteht er in der Unzugänglichkeit des Menſchen für die Furcht? Dies kann in der zufälligen Beſchaffenheit ſeiner Conſtitution begründet ſeyn, und dann liegt im Muthigſeyn eben ſo wenig Verdienſt, als in dem Umſtande, daß dieſes Holz uns als Tiſch dient.“* „Es freut mich, Dich ſo ſprechen zu hören,“ bemerkte Mr. Carton,„denn ich möchte nicht gerne mich für eine Memme halten. Ich geſtehe, daß ich ſehr empfuͤnglich bin h 835 für Furcht, in körperlichen ſowohl als in ſittlichen Ge⸗ fahren.“ „Ei, Auſtin, wie magſt Du nur ſo ſprechen?“ rief meine Mutter, die jetzt Feuer fing.„Biſt Du nicht erſt in der letzten Woche keck dem großen Stier entgegengetreten, der Blanche und den Kindern nachrannte?“ Bei dieſer Erinnerung ſchlich ſich Blanche an den Stuhl des Vaters, beugte ſich über ſeine Schulter und küßte ihn auf die Stirne. Mr. Carton(der erhaben iſt über ſolche Schmei⸗ cheleien).—„Ich ziehe nicht in Abrede, daß ich mich dem Stier entgegenſtellte, muß aber zugleich erklären, daß ich ſchrecklich Angſt hatte.“ Roland.—„Das Gefühl der Ehre, welches die Furcht beſiegt, iſt der wahre Muth der Ritterlichkeit. Du konnteſt nicht Reißaus nehmen, während Andere zuſchauten — kein Gentleman wäre deſſen fähig.“ Mr. Carton.—„Poſſen! Meine Gentilität war nicht Schuld daran, daß ich ſtehen blieb, Bruder Capitän. Ich würde meine Beine hurtig genug gebraucht haben, wenn's mich etwas genützt hätte. Meine Heldenthat war nur die Frucht des Urtheils. Der Stier konnte ſchneller laufen als ich, und ſo hatte ich, wenn ich entkommen wollte, keine andere Wahl, als dem Thier dieſelbe Furcht einzujagen, die mich bedrängte. Blanche.—„Ah, an dies habt Ihr nicht gedacht. Eure einzige Abſicht war, mich und die Kinder zu retten.“ Mr. Carton.—„Möglich, meine Liebe. Es iſt ſehr 53* 836 möglich, daß ich auch für euch fürchtete; aber für mich ſelber hatte ich ſehr große Angſt. Es war ein Glück, daß ich mit dem Schirm ausgegangen war und ihn raſch vor den dum⸗ men Augen der Beſtie ausbreiten konnte, während ich ihr zugleich die kräftigſten Zeilen, deren ich mich aus dem erſten Chor der Sieben gegen Theben erinnerte, entgegenſchleuderte. Ich begann mit ELEDEMNAS pEDIOPLOKTUP0S, und als ich zu dem großartigen Geheul des 1, ic ic5, k05, kam, blieb das Ungethüm entſetzt ſtehen wie vor dem Brüllen des Löwen. Ich werde nie ſein verwundertes Schnauben nach meinem Griechiſch vergeſſen. Dann ſchlug es mit den Hinter⸗ beinen aus und ſtürzte wie ein Pfeil durch die Lücke in der Hecke. So blieb ich, mit Aeſchylus und dem Regenſchirm bewaffnet, Meiſter des Feldes, obſchon ich—“ fügte Mr. Caxton treuherzig bei—„um keine Welt jene halbe Minute noch einmal durchmachen möchte.“ „Das glaube ich gerne,“ verſetzte der Capitän mit freundlichem Lächeln.„Auch ich möchte nicht gutwillig einen tollen Stier beſtehen, ſelbſt wenn mein Regenſchirm noch größer wäre als der Deinige und ich den ganzen Aeſchylus und den Homer obendrein auswendig wüßte.“ WMr. Caxton.—„Aber aus einem Franzoſen mit dem Degen in der Fauſt würdeſt Du Dir nichts gemacht haben?“ Capitän.—„Verſteht ſich. Eine ſolche Begegnung wäre mir eher lieb als unangenehm geweſen,“ fügte er grämlich bei. Mr. Caxton.—„Und doch würde mancher ſpaniſche Matador, der ſich teinen Knopf um einen Stier kümmert, 837 vor dem erſten Stoß en quarte von dem Degen eines Fran⸗ zoſen Ferſengeld geben. Wenn daher Muth eine Frucht der Conſtitution iſt, ſo kann man ihn eben ſo gut als das Erzeugniß der Gewohnheit bezeichnen. Wir ſehen ruhig den Gefahren, an die wir gewöhnt ſind, entgegen, und ſchrecken vor denen zurück, mit denen uns die Uebung nicht vertraut gemacht hat. Ich zweifle, ob ſelbſt der Marſchall Turenne ſich ſonderlich behaglich gefühlt hätte auf dem ſtrammen Seile, und der Seiltänzer, welcher geneigt zu ſeyn ſcheint, mit titaniſcher Verwegenheit den Himmel zu erſteigen, dürfte wohl gegen den Sturm auf eine Batterie donnernder Feuerſchlünde ernſte Bedenken erheben.“ Capitän Roland.—„Gleichwohl habe ich nicht dieſen, ſondern eine andere Art von Muth im Auge. Unter Muth verſtehe ich das, was die Hauptſtärke und die Würde des menſchlichen Charakters ausmacht und ohne das es keine Grundſatzfeſtigkeit, kein Beharren in der Tugend gibt— eine Eigenſchaft,“ fuhr Onkel Roland galant und mit einer halben Verbeugung gegen meine Mutter fort—„die Euer Geſchlecht mit dem unſrigen theilt. Wenn zum Beiſpiel der Liebhaber die Hand ſeiner Verlobten ergreift und zu ihr ſpricht: Willſt Du mir treu ſeyn trotz Zeit und Entfernung, in Glück und Unglück— gleich treu, ob meine Feinde mich ſchmähen, oder Deine Freunde Dir abrathen, wie rauh auch unſer Lebenspfad ſeyn mag?' und wenn die Verlobte darauf antwortet: Ich will es, vertraut dann der Liebhaber nicht eben ſo gut auf ihren Muth als auf ihre Liebe?“ „Bewunderungswürdig geſtellt, Roland,“ ſagte mein 838 Vater.„Aber zu welchem Zweck ſollen wir uns ob dieſen Fragen über den Muth die Köpfe zerbrechen?“ Capitän Roland(mit einem leichten Erröthen).— „Ich fühlte mich zu der Frage veranlaßt— obſchon es viel⸗ leicht kleinlich iſt, ſo viel über eine Sache zu klügeln, die ohne Zweifel Piſiſtratus ſo wenig koſtete— durch die letzten Kapitel in der Erzählung meines Neffen. Ich ſehe dieſen armen Jungen, den Levnard, allein mit ſeinen geknickten Hoff⸗ nungen(wie unvernünftig ſie auch geweſen ſeyn mögen) und mit dem Gefühle der Scham. Und ich leſe, wie ich be⸗ haupten möchte, beſſer in ſeinem Herzen, als Piſiſtratus, denn ich könnte fühlen wie dieſer Jüngling, wenn ich mich in ſeiner Lage befunden hätte. Während ich mir nun ver⸗ gegenwärtigte, was er und Tauſende ſeines Gleichen durch⸗ zumachen haben, fragte ich mich: Was kann ihn und ſie retten?“ Die Antwort lautete, wie ſie von einem Soldaten nicht anders zu erwarten iſt: Muth“ Wohl gut, aber ich bitte, Anſtin— was iſt Muth?“ Mr. Caxton(der klüglich einer Antwort auszuweichen ſucht).—„Papae! Bruder, da Du wegen dieſer Eigenſchaft eben den Frauenzimmern ein Kompliment gemacht haſt, ſo thuſt Du wohl am beſten, Deine Frage an ſie zu richten.“ Blanche legte jetzt beide Hände auf die Lehne des Seſſels, in welchem mein Vater ſaß, und begann— anfäng⸗ lich mit verſchämt niedergeſchlagenen Blicken, obſchon ſie bald in Verfolgung des Gegenſtandes warm wurde. „Glaubt Ihr nicht, Sir, die kleine Helen habe bereits eine geeignete Andeutung gegeben? Wenn ſie auch nicht 839 gerade ſagte, was Muth iſt, machte ſie doch wenigſtens auf jenes weſentliche Erforderniß des Muths aufmerkſam, wel⸗ ches ihm Ausdauer, Kraft zum Ueberwinden, Adel, Heili⸗ gung und Sühne verleiht. Iſt es nicht die Geduld, Vater? Und eben deshalb haben auch wir Frauen unſeren eigenen Muth. Die Geduld erhebt ſich nicht über die Furcht, läßt aber wenigſtens die Verzweiflung nicht auf⸗ kommen.“ Piſiſtratus.—„Küſſe mich, Blanche, denn Du biſt der Wahrheit nahe gekommen, welche den Kriegsmann und den Weiſen in die Klemme brachte.“ Mr. Carton(ſpitzig).—„Wenn Du unter dem Weiſen mich meinſt, ſo war ich durchaus nicht in der Klemme. Der Himmel weiß, Du haſt Urſache, die Geduld hoch anzu⸗ ſchlagen, denn ſie iſt eine Tugend, die Deine Leſer gar gut brauchen können. Gleichwohl,“ fügte er bei, denn die Selbſt⸗ zufriedenheit über ſeinen Scherz ſtimmte ihn milder— „gleichwohl haben Blanche und Helen vollkommen Recht. Die Geduld iſt der Muth des Ueberwinders; ſie iſt par ex- cellence die Tugend des Menſchen gegen das Schickſal— des Einzelnen gegen die Welt und der Seele gegen die Materie. Deshalb iſt ſie auch der Muth des Evangeliums, und ihre Bedeutſamkeit für die Geſellſchaft, ihr Werth für Völker und Staaten kann nicht ernſtlich genug eingeſchärft werden. Was unterſcheidet den Angelſachſen von allen an⸗ deren Zweigen der menſchlichen Familie— was bevölkert die Einöden mit ſeinen Kindern und überträgt ihnen das Erbe entſtehender Welten? Nichts anderes, als ſeine Fä⸗ 84⁰ higkeit, Mühſeligkeit und Gefahren zu beſtehen und den⸗ ſelben nicht zu erliegen— die Geduld, welche mannhaften Widerſtand leiſtet und langſam mit ihren Neuerungen vor⸗ wärts ſchreitet. Vergleichen wir ihn mit dem Franzoſen. Letzterer beſitzt Tapferkeit im Uebermaß— man kann ihm dies nicht abſprechen; aber was ſeinen Vorrath von Aus⸗ dauer betrifft, ſo könnte man kaum damit eine Nadelſpitze bedecken. Er möchte ſchon aus der Welt ſtürmen, wenn er nur von einem Floh geſtochen wird.“ Capitän Roland.—„In den Zeitungen, Auſtin, war kürzlich von einem Franzoſen zu leſen, der in Wirk⸗ lichkeit ſich entleibte, weil er ſo ſehr durch die kleinen Ge⸗ ſchöpfe geplagt wurde, von denen Du ſprichſt. Er ließ auf dem Tiſch ein Blatt Papier zurück, auf das er geſchrieben hatte, das Leben verlohne ſich nicht der Mühe des Beſitzes, wenn man ſich denſelben durch den Preis einer ſolchen Qual erkaufen müſſe.“* Mr. Caxton(feierlich).—„Sir, Franfreichs ganze * Thatſache. In einem Werk von M. Gilbert, einem be⸗ rühmten franzöſiſchen Arzt, das von den Krankheiten der Haut handelt, findet ſich die Angabe, daß jene kleine, läſtige Art von Ausſchlag, welche unter dem Namen prurigo bekannt iſt— ein an ſich ganz gefahrloſes Leiden— habe ſchon oft die damit be⸗ hafteten Perſonen zum Selbſtmord getrieben. Ich glaube, daß unſer veränderlicheres Klima und unſere erhitzenderen Getränke und Nahrungsmittel dieſes Hautübel in England häufiger machen, als es in Frankreich vorkömmt, und doch zweifle ich, ob einer unſerer Aerzte je die Beobachtung machte, daß ein Engländer dadurch zum Selbſtmord bewogen wurde. — 841¹ volitiſche Geſchichte von dem großen Zuſammentritt des piers Etat an liefert den Beweis, daß die Franzoſen lieber zum Teufel fahren, als ſich von einem Floh ſtechen laſſen wollen. Sie iſt die Geſchichte menſchlicher Ungeduld, welche ſogar die Zeit zwingen möchte und von den Wurzelfaſern eines Pilzes verlangt, daß ſie über Nacht zu Wäldern heran⸗ wachſen. Deshalb ſtehen ſie auch, nachdem ſie alle Ertreme des conſtitutionellen Experiments durchlaufen haben und an die Schwelle der Demokratie gelangt ſind, unmittelbar vor der Thüre des Despotismus, und Alles, was ſie in Wirklich⸗ keit thaten, lief auf nichts anderes hinaus, als auf Zerſtörung jeglicher Grundlage einer leidlichen Regierung. Eine konſti⸗ tutionelle Monarchie kann nicht beſtehen ohne Ariſtokratie, und eine vernünftige Republik iſt unmöglich, wo Sittenver⸗ derbniß herrſcht. Das Geſchrei nach Gleichheit verträgt ſich nicht mit der Civiliſation, die durch den Gegenſatz von Reich und Arm bedingt wird. Mit einem Worte, ob ein Kaiſer herrſche, oder der Pöbel, die Gewalt allein ſtellt einen geordneten Zuſtand in Ausſicht, und das einzige Regiment wird das des Säbels ſeyn. „Darum, o Piſiſtratus, ſchärfe nur recht nachdrücklich die Lehre von der Geduld ein, ſo weit der Menſch ſeinen Nebenmenſchen gegenüber ſteht. Du haſt es da mit dem Kern des ſocialen Syſtems— mit dem Geheimniß zu thun, welches den Einzelnen kräftigt und die Millionen zähmt. Ich für meinen Theil mache mir nichts aus Deinen lang⸗ weiligen Ergießungen, wofern Du nur dieſe Aufgabe mit Ernſt behandelſt. Geh' in die kleinſten Einzelnheiten ein und 842 zeichne den erfolgreichen Kampf des wirklichen Lebens mit den Verhältniſſen. Kehre Dich nicht daran, daß man Dich nut langſam leſen wird— um ſo weniger haſt Du zu be⸗ fürchten, daß Du ſo ſchnell wieder vergeſſen werdeſt. Geduld — Geduld! Bei der Seele des Epiktet, Deine Leſer ſollen Dir ein Beiſpiel geben!“ Zweites Kapitel. Leonard hatte zweimal an Mrs. Fairfield, zweimal an Riccabocca und einmal an Mr. Dale geſchrieben, obſchon der arme ſtolze Jüngling es nicht über ſich gewinnen konnte, in ſeinen Briefen etwas von den demüthigenden Gefühlen merken zu laſſen, die ſein Inneres bedrängten. Er ſchrieb wie aus heiterem Herzen— als ſey er vollkommen zufrieden mit ſeinen Ausſichten. Er ſey ſehr beſchäftigt, ſagte er, und zwar mitten unter Büchern; auch habe er wohlwollende Freunde gefunden. Von ſich ſelbſt ging er auf die über, welchen ſeine Briefe galten, und ſprach von den Angelegen⸗ heiten und Verhältniſſen der ſtillen Welt, in welcher ſie leb⸗ ten. Ueber ſeine Adreſſe und die des Mr. Prickett bewahrte er Stillſchweigen, indem er ſeine Correſpondenz von einem kleinen Kaffeehaus aus datirte, das ſich in der Nachbar⸗ ſchaft ſeines Buchladens befand und von ihm gelegentlich beſucht wurde, wenn er ſeine kleine Mahlzeit einnehmen wollte. Er hatte ſeine Gründe dafür; denn er wünſchte nicht aufgefunden zu werden. Mr. Dale antwortete auf 843 die an ihn und an Mrs. Fairfield gerichteten Schreiben, und auch Riccaboeca antwortete. Ihre Erwiederungen waren Ausdrücke des edelſten Wohlwollens. Sie trafen Leonard in einer ſehr düſtern Periode ſeines Lebens und kräftigten den jungen Mann in dem ſtummen Kampf mit der Ver⸗ zweiflung. Wenn es in der Welt etwas Gutes gibt, das wir üben, ohne es zu wiſſen, ja, ohne die Wirkung zu ahnen, die es möglicherweiſe auf die menſchliche Seele hervorbringt, ſo dürfte es in dem Wohlwollen zu finden ſeyn, das wir der Jugend erzeigen auf ihrem erſten ſteinigen Fußpfad, wel⸗ cher den Berg des Lebens hinanführt. Im Verkehr mit Mr. Prickett zeigte Leonards Geſicht wohl Heiterkeit, obſchon das jugendliche, freie, offene Weſen nicht wiederkehren wollte. Die unteren Strömungen hatten ſich zwar gereinigt von dem Schlammboden und dem Trüm⸗ mergeſtein, das aus der Tiefe aufgewühlt worden; aber ſie waren doch zu ſtark und zu reißend, um das Waſſer bis zum Spiegel durchſichtig erſcheinen zu laſſen. Und er ſtand jetzt in der erhabenen Welt der Bücher, ſtill und ernſt wie ein Seher, der die Todten anruft. So Angeſicht in Angeſicht mit der Wiſſenſchaft, lernte er mit jeder Stunde mehr erkennen, wie wenig er wußte. Mr. Prickett erlaubte ihm, die Werke, die er zu leſen wünſchte, mit nach Hauſe zu nehmen, und ſo verbrachte er ganze Nächte mit Lektüre, die er jetzt geordneter einrichtete. Er wollte nichts mehr von Dichtern und Dichterleben, ſondern wählte ſich das aus, was Dichter leſen müſſen, wenn ſie nach Größe ſtreben— 844 sapere principium et fons— gute philoſophiſche Schriften über den menſchlichen Geiſt, die Beziehungen zwiſchen Anſtoß und Thätigkeit, zwiſchen Gedanke und Handlung, die erſten, feierlichen Wahrheiten der Vergangenheit, ihre Zeit⸗ und Kunſtgeſchichte und ihre Philoſophie. So wurde er aus ſich ſelbſt herausgeriſſen und dahingetragen auf dem Meere des Alls. In dieſem Ocean, o Forſcher, ſtudire das Geſetz der Strömungen. Du wirſt erkennen, daß nirgends der Zu⸗ fall, ſondern über Allem ein ewiger Gedanke waltet. Das Schickſal, dieſes geträumte Schreckbild, verſchwindet aus der Schöpfung, und im Himmel und auf Erden gibt ſich blos die Vorſehung zu erkennen. Drittes Kapitel. In einem Landhaus, ungefähr eine Tagereiſe von Lon⸗ don, ſollte eine anſehnliche Bücherſammlung zum Verkauf fommen, und Mr. Prickett war Willens, ſelbſt hinzugehen, um für ſich ſowohl, als für einige Gentlemen, die ihm Aufträge ertheilt hatten, als Steigerer aufzutreten. Am Morgen des für die Abreiſe beſtimmten Tages aber warf ihn die Wiederkehr ſeines alten Feindes, des Rhermatismus, auf's Krankenlager, ſo daß er Leonard bitten mußte, ſtatt ſeiner das Geſchäft zu beſorgen. Unſer junger Freund folgte bereitwillig dieſer Aufforderung und blieb drei Tage aus; denn ſo lange währte die Verſteigerung. Als er Abends ſpät zurückkehrte, begab er ſich zuerſt nach Mr. Pricketts n ir fi m m hn 8, tt te ds tts 845 Wohnung. Der Laden war geſchloſſen. Er klopfte an die Hausthüre; eine fremde Perſon öffnete und gab ihm, als er fragte, ob Mr. Prickett zu Hauſe ſey, mit langem Leichen⸗ bittergeſicht die Antwort: „Junger Mann, Mr. Prickett Senior iſt in ſeine ewige Heimath eingegangen; aber wenn Ihr zu Mr. Richard Prickett wollt, ſo wird er Euch empfangen.“ In dieſem Augenblick zeigte ſich unter der Thüre, welche von der Hausflur aus nach dem Laden führte, ein Mann von ſehr ernſtem Ausſehen mit ſchlichten Haaren, der mit den Worten herantrat: „Kommt herein, Sir. Ihr ſeyd der Gehülfe meines ſeligen Onkels. Mr. Fairfield, glaube ich?“ „Eures ſeligen Onkels? O Himmel, verſtehe ich Euch recht— kann Mr. Prickett geſtorben ſeyn, ſeit ich London verließ?“ „Ja, Sir, er iſt geſtern Nacht plötzlich verſchieden. Es war ein Herzleiden— der Doctor meint, der Rhev⸗ matismus habe ſich auf dieſes Organ geworfen. Es blieb ihm nur kurze Zeit, ſich auf die große Reiſe vorzubereiten, und ſeine Geſchäftsbücher ſcheinen in trauriger Verwirrung zu ſeyn. Ich bin ſein Neffe und Teſtamentsvollſtrecker.“ Leonard war dem Neffen in den Laden gefolgt, wo noch immer die Gaslampe brannte. Der Platz ſah noch düſterer und höhlenartiger aus, als früher. Wo der Tod in ein Haus eintritt, macht er ſeine Anweſenheit immer fühlbar. Leonard war tief ergriffen, um ſo mehr, da er bemerkte, 846 daß der Neffe ſo gar keine Spur von Gefühl an den Tag legte. Der Hingeſchiedene hatte freilich in keinem ſonder⸗ lich guten Einvernehmen mit dieſem Menſchen gelebt, der ſein nächſter Verwandter, der geſetzliche Erbe und gleichfalls ein Buchhändler war. „Ich finde in den Papieren meines Onkels, daß Ihr nur einen Wochenkontrakt habt, junger Mann. Er gab Euch ein Pfund wöchentlich— eine ungeheure Summe! Ich bedarf Eurer Dienſte nicht weiter. Dieſe Bücher wer⸗ den nach meinem Hauſe geſchafft. Habt die Güte, mir die Liſte derjenigen zu übergeben/ die Ihr in der Verſteige⸗ rung kauftet, nebſt einer Rechnung für die Reiſekoſten und ſo weiter. Was Euch noch zukömmt, ſoll an Eure Adreſſe übermacht werden. Guten Abend.“ Erſchüttert und voll tiefer Trauer über den plötzlichen Tod ſeines wohlwollenden Dienſtherrn begab ſich Leonard nach ſeiner Wohnung. In jener Nacht dachte er nicht viel an ſich ſelbſt; aber als er am anderen Morgen aufſtand, fühlte er mit einem Male, daß die Welt London vor ihm lag, ohne einen Freund, einen Beruf, ein Geſchäft für ihn zu haben, welches ihm auch nur ein kärgliches Brod in Aus⸗ ſicht ſtellte. Diesmal handelte ſich's nicht um eine eingebildete Sorge, nicht um einen poetiſchen Traum, der wie eine Seifenblaſe geplatzt war. Rieſengroß und taſtbar ſtand vor ihm— der Hunger. Ja, er konnte ihm entgehen. Zurück nach dem Dorf, in pie Hütte ſeiner Mutter, nach dem Garten des Flüchtlings, nir ge⸗ und eſſe chen rard viel and, ihm ihn Aus⸗ ldete eine ſtand rf, in ings⸗ 847 zu den Radischen und der Fontäne! War dies kein Ausweg? Fragt: warum kann die Civiliſation ihren Uebeln nicht ent⸗ gehen, warum nicht zurückkehren in die Wildniß und zu dem Wigwam? Leonard wäre es unmöglich geweſen, ſeine Zuflucht zu der Hütte zu nehmen, ſelbſt wenn der Hunger, der ihm in Ausſicht ſtand, ihn ſchon mit ſeiner Knochenhand gefaßt hätte. London läßt ſeine vom Unglück gehetzten Stieffinder nicht ſo leicht wieder los. Viertes Kapitel. Eines Tages ſtanden in einem Durchgang der von Orfordſtreet nach Tottenham⸗Court⸗Rood führte, drei Per⸗ ſonen vor einer Bücherbude. Zwei davon waren Gentle⸗ men, die dritte ſchien ihrem Ausſehen nach zu der Klaſſe jener Menſchen zu gehören, die häufiger vor den Ständen der Büchertrödler Halt zu machen pflegen. „Schaut,“ ſagte einer der Gentlemen zu dem andern, „ich habe da gefunden, was ich ſchon ſeit zehn Jahren ver⸗ geblich ſuchte— den Horaz von 1580, den Horaz der vier⸗ zig Commentatoren— ein wahrer Schatz von Gelehrſam⸗ keit, und nur zu vierzehn Schillingen angezeichnet.“ „Bst! Norreys,“ verſetzte der Andere.„Betrachtet da einen Gegenſtand, der Eures Studiums würdiger iſt.“ Und er deutete auf den Dritten, deſſen ſcharfgeſchnit⸗ tenes, ſchmächtiges Geſicht mit hingeriſſener und ſo zu ſagen 848 hungernder Aufmerkſamkeit über einen alten wurmſtichigen Band hingebeugt war. „Was iſt es für ein Buch, mein Lord?“ flüſterte Mr. Norreys.. Sein Begleiter lächelte und antwortete mit der Gegen⸗ frage: „Was iſt es für ein Menſch, der das Buch liest?“ Mr. Norreys trat einige Schritte weg und blickte dem leſenden Fremden über die Schulter. „Preſtons Ueberſetzung des Boethius— die Troͤ⸗ ſtungen der Philoſophie,“ ſagte er, zu ſeinem Freund zurückkehrend. „Er ſieht aus, als ob er aller Tröſtungen bedürftig ſey, welche die Philoſophie ihm geben kann— der arme Junge.“ In dieſem Augenblick blieb ein Vorübergehender vor der Bücherbude ſtehen, erkannte den blaſſen Leſer, legte ihm die Hand auf die Schulter und ſagte: „Aha, junger Sir, treffen wir hier uns wieder? Der arme Prickett iſt alſo todt; aber die alte Gewohnheit ſpukt noch immer in Euch. Bücher— Bücher— die Magnete, welchen alle eiſernen Geiſter unwiderſtehlich zu⸗ fliegen. Was iſt es? Boethius! Ah, ein Buch, im Ge⸗ fängniß geſchrieben, aber nur kurze Zeit vor der Ankunft des einzigen Philoſophen, der auch für den blödeſten Ver⸗ ſtand jedes Geheimniß des Lebens löst—“ „Und dieſer Philoſoph?“ „Iſt der Tod!“ verſetzte Mr. Burley.„Wie könnt ne or m eit die zu⸗ He⸗ nft er⸗ nnt 849 Ihr auch ſo einfältig ſeyn, zu fragen? Armer Boethius! Er war reich, von edler Geburt, ein Conſul, ſeine Söhne Conſuln— die Welt lachte dem letzten Philoſophen Roms. Dann tritt plötzlich gegen dieſen Typus von der hinſchei⸗ denden Weisheit der alten Welt zürnend der grimmige Genius einer neuen auf— die Gewalt. Der Oſtgothe Theodorich ſpricht das Todesurtheil über Boethius, den Mann der Schule, und dieſer hält in ſeinem Kerker zu Pavia Zwieſprache mit dem Schatten der atheniſchen Philoſophie. Es iſt das ſchönſte Bild, auf welchem der Schimmer des weſtlichen goldenen Tages zögert, eh' die Nacht herein⸗ bricht über die Zeit.“ „Und,“ nahm Mr. Norreys ſchnell das Wort,„Boe⸗ thius kömmt zu uns zurück mit dem erſten Schimmer des wiederkehrenden Lichtes, überſetzt von Alfred dem Großen. Dann abermals, während die Sonne des Wiſſens mit all' ihrer Herrlichkeit hervorbricht, in der Uebertragung der Königin Eliſabeth. Sogar während wir hier in dieſem Durchgang ſtehen, fühlen wir ſeinen Einfluß, und dies iſt doch die beſte von allen Tröſtungen der Philoſophie— meint Ihr nicht, Mr. Burley?“ Mr. Burley wandte ſich um und machte eine Verbeu⸗ gung. Die beiden Männer ſahen einander an; man hätte ſich keinen größeren Gegenſatz denken können. Mr. Burleys hellgrüner Anzug war bereits abgeſchabt, ſchmutzig und an den Schößen da und dort zerſchliſſen, während ſein Geſicht von vielen nächtlichen Bechern Zeugniß ablegte; Mr. Nor⸗ Bulwer, meine Novelle. 54 — 85⁵⁰ reys dagegen eine feſte, hagere Figur mit dem Ausdruck ruhiger, ſelbſtbewußter Kraft, zeigte die größte Pünktlichkeit und Ordnung in ſeiner Kleidung. „Wenn ein armer Teufel, wie ich bin, ſich unter⸗ fangen darf, gegen einen Gentleman das Wort zu nehmen, der von den Buchhändlern verlangen kann, ſo viel er will,“ verſetzte Mr. Burley,„ſo möchte ich behaupten, daß dies durchaus kein Troſt iſt, Mr. Norreys. Ich möchte wohl den vernünftigen Menſchen ſehen, der mit Boethius, hinter deſſen Gefängnißthüre ein Gurgelſchnürer oder Kopfabſchnei⸗ der lauert, tauſchen würde auf die Bedingung hin, daß er Jahrhunderte ſpäter von Königen und Königinnen überſetzt werde und einen mittelbaren Einfluß übe auf die Geiſtes⸗ bildung nordländiſcher Bärbaren, die in einer Winkelgaſſe von ihm ſchwatzen, während dieſe ſelbſt von den Vorüber⸗ gehenden, die nie ein Wort von Boethius gehört haben und um Philoſophie ſich keine taube Nuß kümmern, hin⸗ und her⸗ gedrängt werden. Euer Diener, Sir— junger Mann, kommt; wir müſſen mit einander plaudern.“ Burley ſchlang ſeinen Arm in den von Leonard und zog den Jüngling, der teinen Widerſtand leiſtete, mit ſich fort. „Das iſt ein geſcheidter Mann,“ ſagte Harley LEs⸗ trange.„Aber es thut mir leid, jenen jungen Studenten mit den leuchtenden ernſten Augen und mit der Lippe, auf der leidenſchaftliche Begeiſterung zuckt, an dem Arm eines Führers zu ſehen, der Alles abgeſtreift zu haben ſcheint, was der Gelehrſamkeit einen Zweck gibt und die Philoſophie — 851 für die Welt nutzbar macht. Wer und was iſt der Mann, den Ihr Burley nennt?“ „Ein Menſch, der eines hohen Rufes ſich erfreuen könnte, wenn er ſich herabgelaſſen hätte, achtbar zu ſeyn. Der Jüngling, welcher uns Beiden ſo aufmerkſam zuhörte, ſprach auch mich an, und es wäre mir lieb, wenn ich etwas aus ihm machen könnte. Aber ich muß dieſen Horaz kaufen.“ Der Büchertrödler, welcher in ſeiner Höhle wie eine auf Fliegen begierige Spinne lauerte, wurde nun angerufen. Mr. Norreys bezahlte den Horaz, gab die Adreſſe an, wo⸗ hin er geſandt werden ſollte, und fragte dann den Händler, ob er den jungen Mann kenne, der im Boethius geleſen habe.“ „Nur vom Sehen. In der letzten Woche kam er jeden Tag her und bleibt ſtundenlang an der Bude. Wenn er einmal ein Buch gefaßt hat, ſo liest er es durch.“ „Ohne zu kaufen?“ fragte Mr. Norreys. „Sir,“ verſetzte der Trödler mit gutmüthigem Lä⸗ cheln,„die Käufer von Büchern leſen ſelten. Der arme Junge zahlt mir täglich zwei Pence, um beliebig leſen zu können. Ich wollte nichts von ihm nehmen; aber er iſt ſtolz.“ „Ich habe Leute gekannt, welche ſich auf dieſe Weiſe einen großen Schatz von Gelehrſamkeit geſammelt haben,“ ſagte Mr. Norreys.„Ja, ich möchte dieſen jungen Men⸗ ſchen unter meine Hände kriegen. Und nun ſtehe ich Euch zu Dienſten, mein Lord. Laßt uns nach dem Studio Eures Künſtlers gehen.“ 54* 85² Die beiden Gentlemen ſchlugen eine der Straßen in der Nähe von Fitzroy⸗Square ein. Einige Minuten ſpäter befand ſich Harley LEstrange in ſeinem Element. Er ſaß unbekümmert auf einem tan⸗ nenen Tiſch, rauchte ſeine Cigarre und ſprach über die Kunſt mit dem Geſchmack eines gründlichen Kenners ſowohl, als eines aufrichtigen Verehrers. Der junge Maler war in ſeinem Hauskleide und führte langſam Strich um Strich, hielt aber oft inne, um beſſer zuhören zu können. Und Henry Norreys, dem der kurze Ruhepunkt in einem Leben voll ſchwergeiſtiger Anſtrengung wohl that, ließ ſich gern an die müßigen Stunden unter einem roſigen Himmel erinnern; denn die drei Männer hatten ſich in Italien zuſammengefun⸗ den, wo vie Bande der Freundſchaft durch die Finger der Grazien gewoben werden. Fünftes Kapitel. Leopard und Burley wandelten in der Vorſtadt, die um die Londoner Nordſtraße herlag, weiter, und Letzterer erbot ſich, ſeinem jungen Freund literariſche Arbeiten zu verſchaffen— ein Dienſt, der dem armen Jüngling nicht gelegener hätte kommen können. Sie traten in ein Wirthshaus an der Straße. Burley verlangte ein beſonderes Zimmer, ließ ſich Tinte, Feder und Papier geben, legte dieſe Materialien vor Leonard hin und ſagte: 853 „Schreibt etwas Beliebiges in Proſa— fünf Brief⸗ bogen voll, zweiundzwanzig Zeilen auf die Seite— nicht mehr und nicht weniger.“ „Ich kann nicht ſo ſchreiben.“ „Pah, es handelt ſich um Brod.“ Das Antlitz des Jünglings wurde ſcharlachroth. „Ich muß dies vergeſſen,“ ſagte er. „In dem Garten befindet ſich eine Laube unter einer Trauereſche,“ fuhr Burley fort.„Geht dort hin und bildet Euch ein, Ihr ſeyet in Arkadien.“ Leonard ging bereitwillig auf dieſen Vorſchlag ein. Er fand die Laube an dem Ende einer unbenützten Kugel⸗ bahn. Alles um ihn her war ſtille, und die Hecke ſchloß den Anblick des Wirthshauſes aus. Das Sonnenlicht lag warm auf dem Graſe und glitzerte lieblich durch die Blätter der Eſche. Und Leonard ſchrieb hier ſeinen erſten Verſuch als Schriftſteller von Beruf nieder. Was mochte wohl der Inhalt ſeyn? Seine träumeriſchen Eindrücke von London. — ein Fluch über ſeine Straßen und ſeine Herzen von Stein — ein Klagelied der Armuth— grollende Elegien über das Schickſal? O nein, Du kennſt den wahren Genius wenig, wenn Du ſolche Fragen ſtellen magſt oder dem Gedanken Raum gibſt, er könne ſich unter der Trauereſche des Umſtandes erinnern, daß die Arbeit dem Brode gelte, oder daß der Sonnenſtrahl in dem Blätterdach für die praktiſche Welt da ſey, welche gemein und ſchmutzig um ihn her lag. Leo⸗ nard ſchrieb ein Feenmährchen— eines der lieblichſten, das man ſich denken kann, mit einem zarten Anflug von neckiſchem Humor, und in einem Styl, der reich ausgeſchmückt war mit den Blumen einer glücklichen Einbildungskraft. Er lächelte, als er das letzte Wort niederſchrieb— er war glück⸗ lich. Nach etwas mehr als einer Stunde kam Burley zu ihm heraus und fand ihn mit dieſem Lächeln auf ſeinem Antlitz. Mr. Burley hatte ein Glas Grog in der Hand; es war ſein drittes⸗ Auch er lächelte und ſah glücklich aus. Nachdem er die Arbeit laut und mit gutem Vortrag geleſen hatte, lobte er ſie höchlich.„So iſt's recht,“ meinte er, indem er Leonard auf die Schulter klopfte.„Vielleicht ge⸗ lingt es Euch mit der Zeit, meinen einäugigen Barſch zu fangen.“ Dann faltete er das Manuſkript zuſammen, ſchrieb ein Billet, machte über Beides einen Umſchlag und d fehrte dann mit Leonard nach London zurück. Mr. Burley verſchwand unfern Fleetſtreet in einem rauchbraunen Geſchäftslokal, das mit„Redaktion des Bie⸗ nenkorbs“ überſchrieben war, und kam bald mit einem Goldſtück wieder heraus— die Erſtlingsfrucht von Leonards literariſcher Thätigkeit. Unſer junger Freund begleitete Mr. Burley nach deſſen Wohnung in Maida Hill. Der Weg war weit; aber Leonard fühlte keine Ermüdung und hörte mit noch lebhafterer Aufmerkſamkeit, als vorher, auf Bur⸗ leys Geſpräche. Und als ſie in der Wohnung des Letzteren angelangt waren und Mr. Burley nach der Garküche ſchickte, um für ſie Beide ein Nachteſſen holen zu laſſen, zu deſſen Beſtreitung das Goldſtück gewechſelt werden mußte, da 85⁵ fühlte ſich Leonard eigentlich ſtolz und lachte ſeit Wochen zum erſten Mal wieder aus vollem Herzen. Die beiden Literaten wurden nun immer vertrauter und herzlicher; Mr. Burley hatte ſo viel in ſich, was geeignet war, einen jungen Mann weiſer zu machen. Seine Wohnung zeigte nichts von Armuth— die beiden Zimmer waren hübſch, neu und gut möblirt; aber Alles lag in der ſchauderhafteſten Un⸗ ordnung da und verrieth den literariſchen Schmutzhammel. Leonard hielt ſich mehrere Tage faſt unaufhörlich bei ſeinem neuen Freunde auf und ſchrieb mit Eifer, wenn nicht etwa Burleys Unterhaltung ihn zur Unthätigkeit ver⸗ lockte. Man konnte es übrigens nicht gerade Unthätigkeit nennen, da durch Zuhören ſeine Kenntniſſe ſich ſehr erweiter⸗ ten; aber auch der Cynismus des Sprechers begann lang⸗ ſam ſeinen Einfluß zu äußern— ein Cynismus, in wel⸗ chem es keinen Glauben, keine Hoffnung, keinen belebenden Hauch durch einen edlen Ehrgeiz oder durch die Religion gab. Es war der Cynismus eines Epicuräers, weit mehr herabgewürdigt in ſeinem Stall, als ſich von dem des Dio⸗ genes in der Tonne je behaupten ließ, und doch mit ſo viel Leichtigkeit und Beredſamkeit vorgetragen, mit ſo viel Kunſt und Heiterkeit dargeſtellt und mit ſo vielen Bildern und Anekdoten ausgeſchmückt, daß man wohl ſah, wie wenig ſich Mr. Burley des Erniedrigenden darin bewußt wurde. Eine ſeltſame und traurige Philoſophie, die es zu ihrem Grundſatz machte, die Gaben des Geiſtes an die bloße Sorge für die Materie zu verſchwenden und die Seele an ein Leben von einem Tag zum andern zu gewöhnen, dabei verächtlich 85⁵6 5 ausrufend:„Keine taube Nuß für Unſterblichkeit und Lor⸗ peern!“ Ein Schriftſteller um das liebe Brod! O jammer⸗ voller Beruf! Lag am Ende etwas Großes und Heiliges ſogar in Chattertons Verzweiflung? Sechstes Kapitel. Der heilloſe Bienenkorb. Brod war daraus freilich zu holen, ob aber auch Ruhm und eine Hoffnung für die Zukunft? Gewiß nicht! Miltons verlorenes Para⸗ dies würde ſpurlos verklungen ſeyn, wenn es im Bienen⸗ korb erſchienen wäre. Burley lieferte zwar recht hübſche Arbeiten, obſchon nur in rohem, fragmentariſchem Zuſtande; aber am Ende der Woche waren ſie todt und vergeſſen, da ſie Männern von Bildung und Geſchmack nie zu Geſicht kamen. Der Bie⸗ nenkorb nahm gleichzeitig und ohne Unterſchied ſeichte poli⸗ tiſche Artikel und erbärmliche Verſuche auf, und ging ab, da vielleicht zwanzig oder dreißigtauſend Exemplare verkauft wurden— ein ungeheurer Abſatz; gleichwohl war dabei nichts zu erholen, als Brod und Branntwein. „Was wollt Ihr weiter?“ rief John Burley.„Hat nicht ſelbſt der ernſte alte Sam Johnſon geſagt,'er könne nie ſchreiben, wenn ihn nicht die Noth dazu treibe?“ „Das ſagte er vielleicht,“ verſetzte Leonard,„aber ſicherlich muthete er dabei der Nachwelt nicht zu, daß ſie ihm Glanben ſchenken ſolle. Und ich vermuthe, er wäre lieber 857 Hunger geſtorben, eh' er ſeinen Raſſelas für den Bienen⸗ korb geſchrieben hätte. Die Noth iſt freilich etwas Großes“ — fuhr er gedankenvoll fort—„und die Mutter von allem Großen. Sie iſt ſtark und geeignet, uns ihre Kraft zu leihen; aber mit ihrem Ringen ſollte ſie die Wände unſeres Gefängniſſes zerſchmettern und ſich nicht begnügen mit der ſchmalen Koſt, die der Kerker uns gibt für unſere Arbeit.“ „Es gibt keinen Kerker für den Mann, der dem reben⸗ bekränzten Gotte huldigt.— Halt, ich will Euch Schillers Dithyrambe überſetzen— Kaum daß ich Bacchus, den luſtigen, habe, Kommt auch ſchon Amor, der lächelnde Knabe, Phöbus, der Herrliche, findet ſich ein. Sie nahen, ſie kommen— Die Himmliſchen alle, Mit Göttern erfüllt ſich Die irdiſche Halle.““ Und in leichten Verſen aus dem Stegreif warf er eine zwar rohe, aber geiſtvolle Nachbildung dieſes herrlichen Ge⸗ dichtes hin. „O Materialiſt!“ rief der Jüngling mit ſchwimmen⸗ den Augen.„Schiller fordert die Götter auf, ihn empor⸗ zuheben zu ihrem Olymp, und Ihr möchtet ſie in eine Branntweinſchenke herabziehen.“ „Ho! ho!“ rief Burley mit ſeinem gigantiſchen Lachen. „Trinkt, und Ihr werdet die Dithyrambe verſtehen.“ 858 Siebentes Kapitel. Eines Morgens, als Leonard bei Burley ſaß, machte plötzlich ein modiſches Cabriolet mit einem ſehn ſchönen Pferde vor der Thüre Halt. Ein lautes Klopfen— ein raſcher Schritt die Treppe herauf— und Randal Leslie trat ein. Leonard erkannte ihn und fuhr zuſammen. Randal be⸗ trachtete ihn überraſcht; aber mit einem Takte, welcher be⸗ wies, daß er bereits aus dem Londoner Leben Nutzen zu ziehen gelernt hatte, trat er, nachdem er Burley die Hand gereicht, auf ihn zu und ſagte mit einem ziemlich gelungenen Verſuch der Unbefangenheit: „Wenn ich nicht irre, Sir ſo ſind wir uns früher ſchon begegnet. Wofern Ihr Euch meiner noch entſinnt, ſo darf ich wohl hoffen, daß alle Knabenſtreitigkeiten vergeſſen ſind?“— Leonard verbeugte ſich; ſein Herz war noch gut genug, um ſich beſchwichtigen zu laſſen. „Wo mögt ihr Beide je mit einander zuſammengetroffen ſeyn?“ fragte Burley. „Auf einem Dorfraſen in einer Balgerei,“ verſetzte Randal lächelnd, und erzählte die Geſchichte des Kampfs bei den Stöcken, in ſeiner Weiſe ſich über ſeine eigene Rolle dabei luſtig machend. Burley lachte über dieſe Erzählung und ſagte ſo⸗ dann: „Mein junger Freund hätte beſſer daran gethan, er wäre der Hüter des Gemeindeſtocks geblieben, als daß er E 3 859 nach London kommen mußte, um das Glück zu ſuchen, das auf dem Grunde eines Tintenfaſſes liegt.“ „Ah,“ verſetzte Randal mit der geheimen Verachtung, welcher Perſonen von ſorgfältiger Ausbildung gerne ſolchen gegenüber Raum geben, die ſich ſelbſt zu bilden ſuchen— „ah, Ihr macht die Literatur zu Eurem Beruf, S Sir? Auf welcher Schule habt Ihr dieſen Geſchmack für Wiſſenſchaften eingeſogen? Unſere Elementarſchulen führen ſelten zu einer ſolchen Liebhaberei.“ „Ich bin jetzt zum erſten Mal in einer Schule,“ ent⸗ gegnete Leonard trocken. „Die Erfahrung iſt die beſte Lehrerin,“ bemerkte Bur⸗ ley,„und dieſen Grundſatz konnte Göthe mit gutem Ge⸗ wiſſen zu dem ſeinigen machen, obſchon es ihm durchaus nicht an Büchergelehrſamkeit fehlte.“ Randal zuckte leicht die Achſeln und nahm, ohne den ſelbſt ſich bildenden Bauernburſchen eines weiteren Ge⸗ dankens zu würdigen, einen Sitz, um mit Burley eine poli⸗ tiſche Frage zu beſprechen, die damals das Feldgeſchrei der zwei großen parlamentariſchen Parteien war. Sie betraf einen Gegenſtand, über den Burley viele allgemeine Kennt⸗ niſſe an den Tag legte. Randal ſtellte ſich an, als ſey er verſchiedener Meinung, und entlockte auf dieſe Weiſe Burley nicht nur ſeinen Wiſſensvorrath, ſondern veranlaßte ihn auch, ſeine ganze Disputirkunſt zu entwickeln. Die Unter⸗ haltung dauerte mehr als eine Stunde. „Ich kann nicht ganz mit Euch einverſtanden ſeyn,“ ſagte Randal, als er ſich verabſchiedete;„aber Ihr müßt 860 mir erlauben, Euch wieder zu beſuchen. Komme ich morgen um dieſe Zeit gelegen?“ Burley antwortete bejahend. Der junge Mann fuhr in ſeinem Cabriolet wieder fort, und Leonard ſah ihm von dem Fenſter aus nach. An fünf auf einander folgenden Tagen ſtellte ſich Randal zum Beſuch ein, und die Frage wurde nach allen Richtungen beleuchtet. Nach der zweiten Beſprechung hatte der Gegen⸗ ſtand auch für Burley Intereſſe gewonnen, ſo daß er darüber ſeine Gewährsmänner nachſchlug und, um ſein Gedächtniß aufzufriſchen, ſogar einige Stunden in der Bibliothek des britiſchen Muſeums zubrachte. Am fünften Tage hatte Burley Alles erſchöpft, was von ſeiner Seite aus ſich über die Frage ſagen ließ. Leonard war während dieſer Geſpräche bei Seite ge⸗ ſeſſen und hatte ſich angeſtellt, als ob er ganz in ſein Leſen vertieft ſey, obſchon er ſich ſehr darüber ärgerte, daß Randal ſeine Anweſenheit ſo ganz unbeachtet ließ. Denn in ſeinem Hochmuth und ganz auf ſeinen ehrgeizigen Zweck erpicht, dachte dieſer junge Mann nicht entfernt daran, auch nur zu fragen, wie es komme, daß Leonard, den er blos für Burleys Schreiber hielt, ſich über ſeine frühere Stellung erhoben hatte. Wer übrigens aus ſich ſelbſt etwas geworden iſt, hat eine raſche und ſcharfe Beobachtungsgabe, und es entging unſerem jungen Freunde nicht, daß Randal eher in irgend einer beſonderen Abſicht eine Rolle zu ſpielen, als im Ernſt zu disputiren ſchien. Und als er endlich ſich mit den Worten erhob:„Mr. Burley, Ihr habt mich überzeugt,“ —— A Le P ——— 861 geſchah dies nicht mit der Beſcheidenheit eines aufrichtigen Opponenten, ſondern vielmehr mit dem Triumph eines Menſchen, der ſeinen Zweck erreicht hat. Indeß fühlte ſich doch unſer unbeachteter, ſtummer Zuhörer von der Gewalt Burleys, das Beſondere einem allgemeinen Geſichtspunkt unterzuordnen, und von deſſen umfaſſenden Kenntniſſen ſo hingeriſſen, daß er, nachdem Randal das Zimmer verlaſſen hatte, mit einem Blick auf den in ſeinem äußeren Leben ſo ungeordneten Mann laut ausrief: „Es iſt wahr, das Wiſſen iſt keine Macht.“ „Gewiß nicht,“ verſetzte Burley trocken,„ſondern im Gegentheil das ſchwächſte Ding von der Welt.“ „Wiſſen iſt Macht,“ murmelte ſeiner Seits Randal Leslie, als er mit einem Lächeln auf der Lippe von der Thüre wegfuhr. Einige Tage nach dieſer letzten Beſprechung erſchien eine kleine, namenloſe Flugſchrift, die in London großes Aufſehen erregte. Sie behandelte den Gegenſtand, der zwi⸗ ſchen Randal und Burley beſprochen worden war. Die Zeitungen brachten Auszüge daraus, und eines Morgens ſprang Burley ungeſtüm mit dem Rufe auf: „Das ſind meine Gedanken— meine eigenen Worte! Wer zum Teufel kann der Verfaſſer dieſer Flugſchrift ſeyn?“ Leonard nahm die Zeitung aus Burleys Hand. Dem Auszug gingen die ſchmeichelhafteſten Lobſprüche voran, und der Artikel ſelbſt war der treue Abdruck von Burleys Reden. „Könnt Ihr über den Autor im Zweifel ſeyn?“ rief Leonard mit Unwillen und edler Verachtung.„Niemand 862 anders, als der junge Mann, welcher hieher kam, um Euren Kopf zu ſtehlen und Euer Wiſſen—“ „In Macht zu verwandeln,“ unterbrach ihn Burley la⸗ chend; aber es war ein ſchmerzliches Lachen.„Ha, dies war ſehr gemein. Doch ich will's ihm ſagen, wenn er wieder herkömmt.“ „Er wird ſich nicht mehr blicken laſſen,“ verſetzte Leonard. Und ſo verhielt ſich's auch. Dagegen ſchickte Randal Leslie ein Eremplar an Mr. Burley, nebſt einem höflichen Billet, welches eine offene aber ſehr unbekümmerte Aner⸗ kennung und die Bemerkung enthielt,„er habe aus Mr. Burleys Winken und Bemerkungen viel Nutzen gezogen.“ Und nun las man in allen Zeitungen, die Flugſchrift, welche ſo viel Aufſehen erregte, habe einen ſehr jungen Mann, einen Verwandten von Mr. Audley Egerton, zum Verfaſſer; Mr. Randal Leslie dürfe ſich mit der Ausſicht auf eine glänzende Laufbahn ſchmeicheln. Burley verſuchte noch immer zu lachen, obſchon man ſah, daß es ihn eine peinliche Anſtrengung koſtete. Leonard verachtete und haßte Randal aus dem Grunde ſeines Herzens und fühlte eine edle, aber gefährliche Theilnahme für Burley. In ſeiner Begier, den Mann, der ſeiner Anſicht nach ſo ſchnöd um den ihm gebührenden Ruhm betrogen worden war, zu beruhigen und zu tröſten, vergaß er der Vorſicht, die er bisher beobachtet hatte, und gab ſich mehr und mehr dem Zauber dieſes verkommenen Geiſtes hin. Er begleitete jetzt Burley zu ſeinen Abendgeſellſchaften, und nachgerade m an ard ens ey. ſo den cht, ehr ete ade 863 — obſchon nur allmälig, nicht ohne Widerſtreben und häu⸗ fige Selbſtvorwürfe— faßte in ſeinem Innern dieſelbe cy⸗ niſche Verachtung des Ruhms, dieſelbe klägliche Philoſophie einer würdeloſen Genügſamkeit Wutzel. Randal hatte ſich durch Mr. Burleys Kenntniſſe zu einem hohen Ruf emporgeſchwungen; aber wenn dieſelbe Flugſchrift anerkannt aus Burleys Feder gefloſſen wäre, würde ſie ihm wohl dieſelbe Auszeichnung eingetragen haben? Gewiß nicht. Randal verband mit dem erborgten Wiſſen Eigenſchaften, die man ihm nicht ſtreitig machen konnte— einen einfachen, kräftigen, logiſchen Styl, einen gewiſſen Ton der guten Geſellſchaft und Anſpielungen auf Männer und Parteien, welche ſeine Beziehung zu einem Ca⸗ binetsminiſter verriethen und den Beweis lieferten, daß er ebenſo gut aus Egertons als aus Burleys Geſprächen Nutzen gezogen hatte. Unter Burleys Hand wäre die Arbeit ſicherlich mit mehr Geiſt, Witz und Humor behandelt worden, hätte aber auch ſo von Grillen, Sonderbarkeiten, Verſtößen gegen den guten Geſchmack und Mangel an Ernſt gewimmelt, daß ſie ohne Frage nirgends eine beſondere Aufmerkſamkeit erregt haben würde. Hier war alſo noch etwas Anderes, durch welches das Wiſſen zur Macht wurde. Das Wiſſen darf nicht nach der Branntweinflaſche riechen. Randals Plagiat konnte allerdings als Gemeinheit erſcheinen; aber er machte das Unnütze nutzbar, und dies durfte er ſich wohl als eigenes Verdienſt anrechnen. Gleichwohl gilt unſere Bewunderung demſelben Gegen⸗ 864 ſtand, welchem ſie Levnard widmete— dem armen, zerlump⸗ ten, ſchwelgeriſchen, von der Geſellſchaft ausgeſtoßenen, tiefgeſunkenen Manne. Burley begab ſich wieder nach der Brent und machte Jagd auf den einäugigen Barſch. Leonard begleitete ihn. Wie ganz anders waren ſeine Gefühle geworden ſeit der Zeit, als er unter dem alten Baume lag und mit Helen von der Zukunft plauderte! Aber auch Burleys Natur ſchien ſich hier ganz zu ändern, und er zeigte faſt etwas Er⸗ habenes, als er an den Ufern des Flüßchens hinwandelte und von ſeiner eigenen Jugend ſprach. Man hätte glauben können, daß ihm etwas von der Unſchuld ſeiner Kindheit zurückgegeben ſey. Er kümmerte ſich in Wirklichkeit nur wenig um den Barſch, der ſo unnahbar blieb, wie immer; aber er erfreute ſich der Luft, des Himmels, des rauſchenden Graſes und der murmelnden Wellen. Dieſe Ausflüge nach den Tummelplätzen ſeiner Jugend ſchienen wie eine neue Taufe auf ihn zu wirken und verliehen ſeiner Beredſamkeit einen idylliſchen Schwung, dem ſogar Iſak Walton gerne zugehört haben würde. Sobald er aber wieder in den Rauch der Hauptſtadt und zu den Gaslampen zurückgekehrt war, die ihn die Glut des Sonnenuntergangs und das ſanfte Flim⸗ mern des Abendſterns vergeſſen ließen, ſo gewannen auch die alten Gewohnheiten wieder die Oberhand, und er ſtolzirte auf's Neue unbekümmerten Schritts den Orgien zu, in welchen ſein mißbrauchter Geiſt aufflammte, um bald ſtrah⸗ lenlos und erloſchen im Leuchter zu verſinken. n, te n. der len tur Fr⸗ lte ben eit nur er; den ach eue keit rne uch ar, im⸗ die irte in ah⸗ 865 Achtes Kapitel. Helen konnte ſich einer tiefen, angſtvollen Trauer nicht erwehren. Leonard war drei oder viermal bei ihr geweſen, und bei jedem dieſer Anläſſe bemerkte ſie eine Veränderung an ihm, die alle ihre Beſorgniſſe auffriſchten. Allerdings ſchien er verſchlagener, und ſo zu ſagen für das rohe All⸗ tagsleben paſſender geworden zu ſeyn; aber anderer Seits ſchwand auch nachgerade die Friſche und Herrlichkeit ſeiner Jugend dahin. Sein Trachten richtete ſich erdwärts. Er hatte ſich nicht des Praktiſchen bewältigt und mit der ſtarken Hand des geiſtigen Bildners in eine nutzbare Form gebracht, ſondern das Praktiſche war über ihn Herr geworden. Die arme kleine Helen— ſie erblaßte und ſchauderte, wenn er von Burley ſprach und wenn ſie finden mußte, daß ihr junger Freund nicht nur alle Tage, ſondern faſt auch alle Nächte in einer Geſellſchaft war, die, wie ihr weiſer innerer Sinn ihr ſagte, ſo wenig ſich dafür eignete, ihn für die ihm bevor⸗ ſtehenden Kämpfe zu kräftigen und gegen die Verſuchung zu waffnen. Sie hätte weinen mögen, als ſie ihn über die Mittel zu ſeinem Fortkommen befragte und dabei die Wahr⸗ nehmung machen mußte, daß der frühere Schrecken vor dem Schuldenmachen mehr und mehr dahin ſchwand und die geſunden Grundſätze, welche er vom Dorfe mitgebracht hatte, allmälig ihren Halt verloren. Allerdings bewahrte er immer noch eine Eigenſchaft, von der eine weiſere und ältere Perſon, als Helen war, ſich noch alles Gute verſprochen haben würde — den Gram, einen erhabenen Schmerz darüber, daß er ſich Bulwer, meine Novelle. 55 866 ſelbſt ſagen mußte, es gehe abwärts mit ihm— den Kummer ri über ſeine Unmacht, dem Schickſal gegenüber, das er ſi herausgefordert und freiwillig auf ſich herabgerufen hatte. D Die Erhabenheit dieſes Schmerzes konnte Helen nicht er⸗ de kennen. Sie ſah nur, daß er vorhanden war, und grämte a ſich mit, ließ ihn als Entſchuldigung gelten für jeden Fehler, A und war daher nur um ſo eifriger mit ihren Tröſtungen, um fü retten zu können. Von dem Augenblick an, als ſie Leonard fü ausrufen hörte:„Ach, Helen, warum habt Ihr mich ver⸗ ih laſſen müſſen!“ ſtand ihr Entſchluß feſt, wieder zu ihm zu⸗ O rückzukehren, und da er ihr gar bei ſeinem letzten Beſuch er⸗ gi zählte, Burley wolle ſich den ihn verfolgenden Gläubigern dadurch entziehen, daß er heimlich ſeine dermalige Woh⸗ V nung verlaſſe und in dem von ihr geräumten Zimmer bei Leonard Quartier nehme, ſo hatte alle weitere Unſchlüſſig⸗ al keit ein Ende. Sie wollte ihm die Sicherheit und den Schutz der neuen Heimath zum Opfer bringen und beſchloß, nu lieber Leonards Armuth und Kampf zu theilen, als das alte V Stübchen, worin ſie für ihn gebetet hatte, der gefährlichen he Beſitznahme des Verſuchers preiszugeben. Aber mußte ſie E ihm nicht eine Laſt werden? Nein; hafte ſie ja auch ihrem Vater durch allerlei kleine weibliche Arbeiten Unterſtützung au verſchafft und ſich während ihres Aufenthalts bei Miß Starke ſe in dergleichen Fertigkeiten ſehr vervollkommnet. Sie fühlte le ſich alſo in der Lage, zu dem täglichen Aufwand ihren Bei⸗ le trag zu liefern. Nachdem dieſer Gedanke in ihr Wurzel ge⸗ faßt hatte, nahm ſie ſich vor, ihn an dem Tage vor Burleys„ heabſichtigtem Umzug, über den ſie von Leonard unter⸗ in 867 richtet war, zur Ausführung zu bringen. Demgemäß ſtand ſie eines Morgens ſehr früh auf, ſchrieb einige Zeilen des Dankes an Miß Starke, die noch in tiefem Schlafe lag, ließ das Blatt auf dem Tiſch zurück und ſchlich, ehe noch Jemand auf war, mit ihrem Bündel unter dem Arm aus dem Hauſe. An der Gartenthüre zögerte ſie einen Augenblick, denn ſie fühlte, daß ein ſolches Entweichen ein ſchlechter Dank war für den kalten und abgemeſſenen Schutz, den Miß Starke ihr verliehen hatte, aber die ſchweſterliche Liebe behielt die Oberhand. Mit einem Seußzer ſchloß ſie das Pförtchen und ging weiter. Leonard war noch nicht auf, als ſie in ihrer alten Wohnung anlangte. Sie nahm wieder Beſitz von ihrem Stübchen und— o kleine Lügnerin!— ſagte zu Leonard, als dieſer auszugehen im Begriff war: „Man hat mich fortgeſchickt, Bruder, und ich komme nun wieder zu Euch, um Euch um Euren Schutz zu bitten. Wir wollen uns nicht wieder trennen. Aber laßt mich Euch heiter und fröhlich ſehen, ſonſt muß ich wohl denken, daß ich Euch traurig im Wege ſey.“ Und Leonard ſah anfänglich heiter, ja ſogar glücklich aus; aber dann dachte er an Burley und an die Kärglichkeit ſeiner eigenen Mittel. Dieſe Betrachtung machte ihn ver⸗ legen, und er begann Helen auszuholen, ob es nicht viel⸗ leicht möglich ſey, Miß Starke zu verſöhnen. „Dies geht durchaus nicht an,“ verſetzte Helen ernſt. „Verlangt dies nicht von mir, und vermeidet es überhaupt, in ihre Nähe zu kommen.“ 55* 868 Leonard folgerte daraus, daß ihr eine Kränkung wider⸗ fahren ſeyn müſſe. Er erinnerte ſich, daß ſie die Tochter eines Gentleman war, und billigte in ſeinem Innern ihren Stolz— dieſe Eigenſchaft, welche er ja ſelbſt in ſo hohem Grade beſaß. Gleichwohl fühlte er ſich in großer Ver⸗ legenheit. „Soll ich die Börſe wieder in meine Verwahrung neh⸗ men, Leonard?“ fragte Helen ſchmeichelnd. „Ach!“ verſetzte Leonard,„ſie iſt leider leer.“ „Das iſt ſehr garſtig von der Börſe, nachdem Ihr ſo viel hineingethan habt,“ bemerkte Helen. „Ich?“ „Habt Ihr mir nicht geſagt, daß Ihr wenigſtens eine Guinee wöchentlich verdient?“ „Ja; aber Burley nimmt das Geld ein, und da ich dem armen Mann Alles verdanke, ſo habe ich nicht das Herz⸗ ihm zu wehren, daß er es nach ſeinem Belieben ausgibt.“ „Mit Erlaubniß, es wäre mir angenehm, wenn Ihr die verfallene monatliche Zimmermiethe berichtigen wolltet,“ ſagte die Hauswirthin, welche in dieſem Augenblick eintrat. Sie brachte dieſes Anliegen zwar höflich, aber mit Feſtig⸗ keit vor. Leonard erröthete. „Ihr ſollt das Geld heute noch erhalten.“ Dann drückte er ſich den Hut auf den Kopf, ſchob Helen ſanft bei Seite und verließ das Zimmer. „Wendet Euch in Zukunft an mich, meine gütige Mrs. Smedley,“ ſagte Helen mit der Würde einer Hausfrau. „E ge m we he ſe der⸗ hter hren hem Ber⸗ eine ich erz⸗ B r die tet,“ trat. ſtig⸗ elen itige frau. 869 „Er iſt immer im Studium e und darf darin nicht geſthrt werden.“ Die Hauswirthin, die zwar ſehr erpicht auf ihre Zim⸗ mermiethe, aber doch eine gute Frau war, lächelte wohl⸗ wollend. Sie liebte Helen, die ſie ſchon von früheren Zeiten her gekannt hatte. „Es freut mich ſehr, daß Ihr wieder zurückgekommen ſeyd, denn vielleicht bleibt der junge Mann jetzt nicht mehr bis in die ſpäte Nacht hinein aus. Ich war ſchon willens, ihm aufzukündigen, und nur—“ „Er wird mit der Zeit ein großer Mann werden, und Ihr müßt jetzt Nachſicht mit ihm haben.“ Und Helen küßte Mrs. Smedley, die eine Rührung fühlte und faſt Thränen in den Augen hatte, als ſie ſich ent⸗ fernte. Helen machte ſich nun in den Zimmern zu ſchaffen. Sie fand ihres Vaters Koffer, der richtig angelangt war, durch⸗ ſuchte wieder und wieder deſſen Inhalt und weinte, als ihr die verſchiedenen armen aber doch heiligen Reliquien durch die Hände gingen. Schon das Andenken an ihren Vater ſchien jetzt ihrer nunmehrigen Heimath eine Weihe zu verleihen, die die frühere nicht beſeſſen hatte. Sie erhob ſich ſodann ruhig, um die vorhandenen Habſeligkeiten in Ordnung zu bringen, und ſeufzte gelegentlich, als ſie Alles ſo vernach⸗ läſſigt ſah. Wie ſie aber an das Roſenſtöckchen kam, das allein die Merkmale von Sorgfalt und Pflege zeigte, ſiog ein Lächeln über ihre Lippen und ſie murmelte vor ſich hin: „der liebe Leonard!“ 87⁰ Neuntes Kapitel. Wahrſcheinlich wäre nichts im Stande geweſen, Leonard von Burley zu trennen, als Helens Rückkehr unter ſeine Ob⸗ hut; denn er mochte, ſelbſt wenn noch ein Zimmer im Hauſe ledig geweſen wäre, nicht daran denken, dieſen lärmenden, ſchwelgeriſchen, ſtets unter Bacchus Einfluß lebenden Muſen⸗ ſohn, der ohne Rückſicht ſeiner Zunge den Lauf ließ und ſtets nach Branntwein dürſtete, unter demſelben Dache mit einem unſchuldigen, zarten, ſchüchternen Mädchen zu beherbergen. Auch konnte ſie Leonard nicht die lieben vierundzwanzig Stunden des Tages allein laſſen. Sie gab ihn deshalb der Heimath zurück und machte ihn auf die Pflichten derſelben aufmerkſam. Demgemäß erklärte er gegen Burley, er werde künftig auf ſeinem eigenen Zimmer ſchreiben und ſtudiren, und deutete unter vielem Erröthen und ſo zart als nur immer möglich an, es ſcheine ihm billig, daß das, was er durch ſeine Feder verdiene, hälftig Burley zufallen ſolle, weil er deſſen Einfluß ſeine dermalige Beſchäftigung ver⸗ danke und aus deſſen Büchern und Kenntniſſen die Mittel ſchöpfe, ihr nachkommen zu können; wenn ſein Freund ihm aber die andere Hälfte belaſſen wolle, ſo ſey er nicht mehr im Stande, ſie auf Feſtlichkeiten und Gelage zu verwenden, da er noch für Jemand anders zu ſorgen habe. Burley verwarf die Zumuthung, die Hälfte von dem Verdienſt ſeines Gehülfen für ſich zu behalten, mit viel Großartigkeit, zeigte ſich aber ſehr ärgerlich über Leonards nüchternes Verlangen, die andere Hälfte für ſich zu behalten, ard Ob⸗ uſe en, ſen⸗ tets tem en. zig der ben er und als vas lle, ver⸗ ttel ihm ehr den, dem viel ds ten, 871¹ und namenklich entrüſtete er ſich, trotz ſeiner Gutmüthigkeit und ſeines warmen Herzens, höchlich über die plötzliche Ein⸗ mengung der armen Helen. Leonard aber blieb feſt. Dar⸗ über wurde Burley verdrießlich, und ſie trennten ſich⸗ Doch die Miethe ſollte bezahlt werden. Wie? Zum erſten Mal dachte Leonard an einen Pfandleiher. Er hatte übrige Kleider und Riccabocca's Uhr. Doch nein; Letztere war ihm zu heilig für einen ſo ſchnöden Gebrauch. Mittags kam er wieder nach Haus und fand Helen unten an der Thüre. Auch ſie hatte einen Ausgang ge⸗ macht, und ihre Sammtwangen glühten roſig in Folge der ungewohnten Bewegung und vor Freude. Von den Paar Golvſtücken, die Leonard ihr während ſeines erſten Beſuchs bei Miß Starke zurückgebracht hatte, war keines ausgegeben und erſt jetzt von ihr zum Ankauf von verſchieden gefärbter Wolle und Arbeitsgeräthſchaften verwendet worden. Auch die Zimmermiethe hatte ſie inzwiſchen bezahlt. Gegen ihr Arbeiten wollte Leonard nichts einwenden, aber er erröthete hoch, als er in Erfahrung brachte, daß ſie den Miethzins entrichtet hatte, und wurde ſehr ungehalten. Noch am nämlichen Abend zahlte er ihr das Geld zurück. Helen weinte in der Stille über ſeinen Stolz; noch bitterer aber floſſen ihre Thränen, als ſie am anderen Morgen die traurige Lücke in ſeinem Kleiderſchrank bemerkte. Aber Leonard arbeitete jetzt zu Hauſe, und zwar mit allem Eifer. Helen ſaß mit ihrem Geſchäft an ſeiner Seite, und ſo verging der nächſte und der darauf folgende Tag in friedlicher Stille. Abends lud er ſie zu einem Spa⸗ 872 ziergang in den Feldern ein. Freudig ſchickte ſie ſich an, dieſer Einladung Folge zu geben, als mit einem Male die Thüre aufgeriſſen wurde. John Burley taumelte betrunken herein— und wie betrunken! ————— Zehntes Kapitel. Und in Burleys Gefolge kam noch ein Anderer, ein Freund von Burley, ein Mann, der früher in ſehr vermög⸗ lichen Verhältniſſen gelebt und ein gutes Geſchäft gehabt hatte, unglücklicherweiſe aber literariſchen Liebhabereien nachhing und deshalb gerne in Burleys Geſellſchaft war. Seit ſeiner Bekanntſchaft mit dem ſtarken Geiſte ging es übrigens ſchlimmer und ſchlimmer mit ſeinem Geſchäfte, bis demſelben das Gantgericht völlig den Garaus machte. Der Menſch ſah ſchrecklich verwahrlost aus, und ſeine Naſe war ſogar noch röther als die des Mr. Burley. John tappte in ſeinem Zuſtand nach der armen Helen. „So, Ihr ſeyd alſo der Pentheus im Unterrock, der dem Bacchus Trotz bietet,“ rief er und begann einen Vers aus Euripides zu brüllen. Helen wich ihm aus und Leonard legte ſich ins Mittel. „Pfui, Burley!“ „Er iſt betrunken,“ ſagte Mr. Douce, der vergantete Geſchäftsmann—„ſehr betrunken— laßt ihn nur ge— gehen. Ich hoffe nicht, daß wir läſtig ſind, Sir? Setzt Euch ruhig nieder, Burley— ſetzt Euch, und ſprecht. So— ſeyd ein an, die nken ein abt ien ar. es bis Der var 873 ordentlicher Menſch. Ich möchte ihn ſpre— ſprechen hören, Sir.“ Leonard hatte mittlerweile Helen aus dem Zimmer nach ihrem eigenen geborgen und bat ſie, ſich durch den Auf⸗ tritt nicht beunruhigen zu laſſen, da ſie nur die Thüre ab⸗ zuſchließen brauche. Dann kehrte er zu Burley zurück, der auf dem Bette Platz genommen hatte und ſich alle Mühe gab, eine einigermaßen aufrechte Haltung zu bewahren, während Mr. Douce eine kurze Pfeife, die er aus dem Knopfloch genommen, anzuzünden verſuchte. Da ſie nicht gefüllt war, ſo erwieſen ſich alle ſeine Anſtrengungen frucht⸗ los, und dies veranlaßte den Ehrenmann, in ein trunkenes Weinen auszubrechen. Leonard war um Helens willen tief erſchüttert und em⸗ poͤrt, aber er durfte nicht hoffen, Burley zur Vernunft zu bringen; und wie wäre es ihm möglich geweſen, den Mann, gegen den er ſo große Verpflichtungen hatte, aus ſeinem Zimmer zu weiſen? Inzwiſchen klang mißtönig zu Helens entſetztem Ohr das laute Geſchrei der Trunkenen, ihr grelles Gelächter und die unſteten Verſuche, ein joviales Lied anzuſtimmen. Dann hoͤrte ſie Mrs. Smedley's Stimme, die im anſtoßenden Zim⸗ mer Leonard Vorwürfe machte, und dann Burleys Gelächter, das noch lauter klang als zuvor, ſo daß die Hauswirthin, die eine ſchüchterne Frau war, in den größten Schrecken ge⸗ rieth und ſchleunigſt den Rückzug wieder antrat. Darauf folgte ein langes, lebhaftes Geſpräch, in welchem Burleys Stimme alle anderen übertönte, während die des Mr. Douce 874 von häufigem Schluchzen unterbrochen wurde. So ent⸗ ſchwand Stunde um Stunde, weil es an dem Trunke fehlte, welcher die Scene früher zum Schluß gebracht haben würde. Burley hatte ſich zuletzt wieder einigermaßen nüchtern ge⸗ ſprochen. Dann hörte man Mr. Douce die Treppe hinunter ſteigen, und es folgte Stille. Mit Tagesanbruch klopfte Leonard an Helens Thüre. Sie öffnete ſogleich, denn ſie war nicht zu Bette gegangen. „Helen,“ ſagte er ſehr traurig,„Ihr könnt nicht länger hier bleiben. Ich muß ein paſſendes Quartier für Euch ſuchen. Dieſer Mann hat mir Dienſie geleiſtet, als ich in ganz London nicht einen einzigen Freund beſaß, und wie er mir ſagt, kann er nirgends anders hin, weil— die Schuldvögte ihm auf der Ferſe ſind. Er ſchläft eben. Ich will jetzt ausgehen und ſehen, ob ich nicht in der Nähe ein Zimmer für Euch finde; denn ich kann den nicht vertreiben, der mich beſchützt hat, und doch darf ich Euch nicht unter demſelben Dach mit ihm laſſen. Mein guter Engel, ich muß Euch verlieren.“ Er wartete ihre Antwort nicht ab, ſondern eilte die Treppe hinunter. Der Morgen blickte durch die nicht mit Läden geſchütz⸗ ten Fenſter von Leonards Dachſtübchen herein, und die Vögel begannen unter der Ulme zu zirpen, als Burley aufſtand, ſich ſchüttelte und mit großen Augen umherſtarrte. Er konnte ſich anfänglich nicht beſinnen, wo er war. Dann griff er nach dem Waſſerkruge, leerte ihn auf drei Züge und fühlte ſich dadurch ſehr erfriſcht. Jetzt erſt begann er, ſich im ———. t r d ie n r ß el d, te er te 875 Zimmer zurecht zu finden. Er muſterte Leonards Manu⸗ ſtripte, viſitirte ſeine Schubladen, drückte ſeine Verwunde⸗ rung aus, wo zum Teufel Leonard ſtecken möge, und unter⸗ hielt ſich zum Schluß damit, daß er die Feuerzange auf den Boden warf, die Klingel anzog und allen nur möglichen Lärm machte, in der Hoffnung, Jemand herbeizubringen, der ihm zu ſeinem Morgentrunk behülflich wäre. Während er ſo umher rumorte, ging leiſe, aber doch unter einer entſchloſſenen Hand, die Thüre auf, und Helens kleine, ruhige Geſtalt zeigte ſich auf der Schwelle. Burley wandte ſich um, und die Beiden betrachteten ſich eine Weile mit forſchenden Blicken, ohne das Schweigen zu unter⸗ brechen. Endlich verſuchte Burley ſeinem Geſicht den freundlichſten Ausdruck zu geben und begann: „Kommt her, Schätzchen. Ihr ſeyd alſo das kleine Mädchen, das ich mit Leonard an den Ufern der Brent ſah, und ſeyd zurückgekommen, um ſeine Wohnung zu theilen? — Schön; auch ich werde jetzt bei ihm wohnen. Ihr ſollt unſere kleine Haushälterin ſeyn, und ich will Euch die Ge⸗ ſchichte vom Hans Däumling und noch viele andere Mährchen erzählen, die nicht in der Mutter Gans ſtehen. Einſt⸗ weilen, meine liebe Kleine, iſt hier ein Sirpenceſtück— geht doch und holt mir Rum dafür.“ Helen(die langſam auf Burley zutritt und ihm immer noch ernſt ins Geſicht ſieht).—„Ach, Sir, Leonard rühmt Euer gutes Herz und ſagt, Ihr hättet ihm Dienſte geleiſtet— er kann nicht von Euch verlangen, daß Ihr das 876 Haus verlaſſet, und deshalb ſoll ich, die ihm nie nützlich war, fort und in Zukunft allein leben.“ Burley(mit Bewegung).—„Ihr ſollt fort, meine kleine Lady? Und warum? Können wir nicht alle da⸗ bleiben?“ Helen.—„Nein, Sir. Ich habe Alles verlaſſen, um zu Leonard zu ʒiehen/ denn wir trafen uns zum erſten Mal auf dem Grab meines Vaters. Aber Ihr raubt mir ihn, und ich habe keinen anderen Freund mehr auf Erden.“ Burley(betroffen).—„Erklärt Euch deutlicher. Warum ſollte Euch meine Ankunft vertreiben?“ Helen wirft Mr. Burley wieder einen langen, aus⸗ vrucksvollen Blick zu, gibt aber keine Antwort. Burley(mit einem Schlucken).—„Meint er viel⸗ leicht, ich ſey keine paſſende Geſellſchaft für Euch?“ Helen nickte mit dem Kopf. Burley ſtampfte mit dem Fuß, ſagte aber nach einer kurzen Pauſe— „Er hat Recht.“ Helen(dem Drange ihres Herzens Folge gebend, eilt vorwärts und ergreift Burleys Hand.—„Ach, Sir,“ rief ſie,„eh' er Euch kennen lernte, war er ſo ganz anders— war er ſo heiter— und ſelbſt als der erſte Schlag über ihn kam, weinte ich wohl und grämte mich; aber ich fühlte, daß er überwinden würde, denn ſein Herz war ſo gut und rein. Oh, Sir, glaubt nicht, daß ich Euch einen Vorwurf ma⸗ chen will; doch was ſoll aus ihm werden, wenn— wenn —— nein, ich ſpreche nicht für mich. Ich wußte wohl, ner eilt rief ihn daß ein. ma⸗ enn 877 wenn ich hier wäre und er für mich zu ſorgen hätte, ſo würde er früh nach Hauſe kommen— und geduldig arbeiten — und— und— dadurch könne ich ihn retten. Aber nun ſoll ich fort und Ihr bleibt bei ihm— Ihr, dem er ſich dankbar verpflichtet fühlt und dem er— Ihr müßt dies ſelbſt ſehen, Sir— folgen würde auch gegen die Stimme ſeines Gewiſſens. Was muß da aus ihm werden?“ Helens Stimme erſtarb unter Schluchzen. Burley machte drei oder vier lange Schritte durch das Zimmer— er war in großer Aufregung. „Ich bin ein Dämon,“ murmelte er vor ſich hin. „Früher ſah ich es nie, aber es iſt wahr, ich würde der Untergang dieſes jungen Menſchen ſeyn.“ Thränen glänzten in ſeinen Augen; er hielt plötzlich inne, griff nach ſeinem Hut und wandte ſich der Thüre zu. Helen vertrat ihm den Weg, faßte ihn ſanft beim Arm und ſagte: „Oh, Sir, vergebt mir— ich habe Euch weh ge⸗ than.“ Und dabei blickte ſie ihn ſo mitleidvoll an, daß ihr hol⸗ des Geſicht ſich wie das eines Engels ausnahm. Burley beugte ſich zu ihr nieder, als wollte er ſie küſſen, richtete ſich aber ſchnell wieder auf, als erfaſſe ihn ein Ge⸗ fühl, daß ſeine Lippen nicht würdig ſeyen, dieſe unſchuldige Stirne zu berühren. „Wenn ich eine Schweſter gehabt hätte— ein Kind, wie Ihr, meine Kleine,“ murmelte er,„ſo wäre vielleicht auch ich noch in Zeiten gerettet worden. Jetzt—“ 878 „Ah, jetzt mögt Ihr pleiben, Sir. Ich fürchte Euch nicht mehr.“ „Nein, nein; Ihr würdet mich wieder fürchten, noch ehe die Nacht kömmt, und ich dürfte mich wohl nicht immer in einer Laune befinden, die mich geneigt macht, auf eine Stimme, wie die Eurige, zu hören. Euer Leonard hat ein edles Herz und ſeltene Gaben. Er kann ſich noch aufſchwin⸗ gen— ja, er wird es, und ich will ihn nicht in den Schlamm zerren. Gott behüte Euch— Ihr werdet mich nicht mehr ſehen.“ Damit riß er ſich von Helen los, erreichte mit einem einzigen Satz die Treppe und war im Nu aus dem Hauſe. Als Leonard zurückkehrte, ſtaunte er ſehr über die Kunde, daß ſein unwillkommener Gaſt fort ſey; aber Helen wagte es nicht, von der Art, wie ſie ſich dabei eingemengt hatte, zu ſprechen. Ihr Inneres ſagte ihr, wie ſehr eine ſolche Dienſtbefliſſenheit den männlichen Stolz kränken und ver⸗ letzen mußte; aber ſie hütete ſich, fortan ein hartes Urtheil über den armen Burley laut werden zu laſſen. Leonard war der Meinung, man werde im Laufe des Tages ſchon etwas von ihm ſehen oder hoͤren; als jedoch dies nicht der Fall war, ging er aus, um ihn an ſeinen alten Tummelplätzen aufzuſuchen. Keine Spur. Er fragte bei der Redaktion des Bienenkorbs nach; auch dort konnte man ihm keine Auskunft geben. Verſtimmt und beſorgt kam er nach Hauſe; denn das — plötzliche Verſchwinden ſeines wilden Freundes hatte ihn un⸗ —— ch ch er ine ein in⸗ nm ehr iem dem nde, gte tte, che ver⸗ theil nard ſchon der ätzen ktion keine das nun⸗ 879 ruhig gemacht. Da trat ihm unter der Thüre Mrs. Smedley entgegen. „Mit Erlaubniß, Sir, ich muß Euch bitten, eine an⸗ dere Wohnung zu ſuchen,“ ſagte ſie.„Ich kann bei Nacht kein ſolches Singen und Lärmen in meinem⸗Hauſe brauchen. Und dazu noch das arme kleine Mädchen— Ihr ſolltet Euch vor Euch ſelbſt ſchämen.“ Leonard machte ein finſteres Geſicht und ging an ihr vorbei. Eilftes Kapitel. Inzwiſchen war Burley, nachdem er Helen verlaſſen hatte, weiter geſchritten und unwillkürlich, als leitete ihn ein beſſerer Inſtinkt, auf den Weg gelangt, der nach den ſtillen, grünen Tummelplätzen ſeiner Jugend führte. Als er endlich Halt machte, ſtand er bereits vor der Thüre einer ländlichen Hütte, die einſam mitten in den Feldern lag und an der Hinterſeite einen kleinen Farmhof hatte. Vorn ſah man unter den Bäumen die Brent ſich hinwinden. In dieſer Hütte war Burley nicht fremd; ſie hatte ein ehrliches altes Paar, das ihn von ſeinen Kindsbeinen an kannte, zu Bewohnern. Hier pflegte er ſeine Angelruthen und das ſonſtige Geräthe zum Fiſchen abzulegen und hielt ſich gelegentlich, wenn er für Augenblicke ſeines ſchlemme⸗ riſchen Lebens überdrüſſig war, zwei oder drei Tage bei den guten Leutchen auf, am erſtem die ländliche Gegend ſich als 880 einen Himmel träumend, obſchon er noch vor dem dritten die Ueberzeugung gewann, daß ſie ein wahres Fegfeuer ſey. Eine alte Frau von ſchmuckem, reinlichem Aeußeren kam heraus, um ihn zu begrüßen. „Ah, Mr. John,“ ſagte ſie, ihre mageren Hände zuſammenſchlagend—„wie die Felder jetzt ſo lieblich ſind. Ich hoffe, Ihr ſeyd gekommen, um eine Weile bei uns zu bleiben. Oh, thut es— Ihr werdet wieder ganz aufge⸗ friſcht werden, denn in London verliert Ihr immer die gute Farbe, die Ihr vorher hattet.“ „Ja, ich will bei Euch bleiben, meine wohlwollende Freundin,“ verſetzte Burley in ungewöhnlich ſanftem Tone. „Ich kann alſo das alte Stübchen haben?“ „Freilich. Kommt nur und ſeht es. Ich gebe es jetzt an Niemand anders mehr ab als an Euch— und kein anderer Menſch hat darin gewohnt, ſeit die liebe ſchöne Lady mit dem Engelsgeſicht wegging. Das arme Ding— was mag wohl aus ihr geworden ſeyn 2 So ſprechend zog ſie Burley, der nicht auf ihre Reden achtete, in die Hütte und führte ihn die Treppe hinauf nach einem Zimmer, das ſelbſt für ein beſſeres Haus gut gepaßt haben würde, da es mit Geſchmack, ja ſogar mit Eleganz möblirt war. Ein kleines Pianoforte ſtand dem Kamin gegenüber, und das Fenſter bot eine liebliche Ausſicht dar auf grüne Auen, kunſtloſe Gehäge und die ſchmalen Windun⸗ gen des blauen Flüßchens. Burley warf ſich erſchöpft auf einen Sitz und ſchaute gedankenvoll ins Freie hinaus. wi m B no rů mc ern un un! lich ſtec keh zub lich laff kon wo nde ind. zu fge⸗ ute ende one. e es kein höne g— eden nach paßt ganz amin t dar dun⸗ t auf 88¹ „Ihr habt noch nicht gefrühſtückt?“ fragte die Haus⸗ wirthin mit beſorgter Theiluahme. „Nein.“ „Wir haben friſchgelegte Eier, und Ihr nehmt vielleicht mit einer Speckſchnitte vorlieb, Mr. John? Wenn Ihr Branntwein in Eurem Thee haben wollt, ſo iſt das Reſtchen noch in der Flaſche, die Ihr bei Eurem letzten Beſuch zu⸗ rückließt.“ Burley ſchüttelte den Kopf. „Keinen Branntwein, Mrs. Godyer— nur friſche Milch. Ich will ſehen, ob ich die Natur mir wieder geneigt machen kann.“ Mrs. Godyer verſtand nicht, was er damit ſagen wollte, erwiederte aber gleichwohl:„Ja, thut dies, Maſter John,“ und verſchwand. Denſelben Tag ging Burley mit ſeiner Angelruthe aus und ſiſchte eifrig nach dem einäugigen Barſch; aber vergeb⸗ lich. Dann wandelte er pfeifend und mit in die Taſche ge⸗ ſteckten Händen an dem Ufer hin. Mit Sonnenuntergang kehrte er nach der Hütte zurück und verzehrte das für ihn zubereitete Mahl, ohne daß er den Genuß deſſelben mit Branntwein würzte. Aber er fühlte ſich ſchrecklich unbehag⸗ lich. Nachdem er ſich Tinte, Feder und Papier hatte geben laſſeh, verſuchte er zu ſchreiben. Es ging nicht, denn er konnte keine zwei Zeilen zu Stande bringen. Dann rief er Mrs. Godyer. „Sagt Eurem Mann, er ſolle heraufkommen. Wir wollen mit einander plaudern.“ Bulwer, meine Novelle. 56 882 Der alte Jakob Godyer erſchien, und der ſtarke Geiſt forderte ihn auf, ihm alle Dorfneuigkeiten zu erzählen. Jakob that bereitwillig, was von ihm verlangt wurde, bis Burley endlich darüber einſchlief. Der nächſte Tag verlief ſo ziemlich in der gleichen Weiſe, nur mußte zum Mittag⸗ eſſen die Branntweinflaſche herbeigebracht werden, welcher er vollends den Garaus machte. Von Jakobs Geſellſchaft wollte er heute nichts; dagegen gelang es ihm, Einiges zu Papier zu bringen. Am dritten Tage regnete es mit Macht. „Habt Ihr keine Bücher, Mrs. Godyer?“ fragte der arme John Burley. „O ja, die liebe Lady hat einige zurückgelaſſen, und vielleicht macht's Euch ein Vergnügen, die Sachen, die ſie ſelbſt geſchrieben hat, anzuſehen.“ „Nein, nur kein Weibergeſchreibſel— es iſt bei allen dieſelbe Leier. Holt mir die Bücher.“ Die Bücher, aus Gedichten und Abhandlungen hend, wurden gebracht— John konnte ſie auswendig. Er ſchaute zum Fenſter hinaus. Gegen Abend ließ der Regen nach. Haſtig griff er nach ſeinem Hut und entfloh. „Natur! Natur!“ rief er, als er im Freien angelangt war und an den triefenden Hecken dahin eilte,„Du willſt Dich von mir nicht begütigen laſſen! Freilich muß ich ge⸗ ſtehen, daß ich Dich ſchamlos vernachläſſigt habe. Du biſt ein Frauenzimmer und kennſt keine Vergebung. Nun, ich beklage mich nicht. Du magſt meinetwegen ſehr hübſch ſeyn, aber ſicherlich biſt Du die dummſte und langweiligſte eiſt en. bis lief ag⸗ cher aft ges der und e ſie llen Er egen angt villſt ge⸗ biſt t, ich übſch ligſte 883 Geſellſchafterin, die mir je vorkam. Gott ſey Dank, daß ich nicht durch das Band der Ehe an Dich gefeſſelt bin!“ John Burley eilte wieder nach London und kehrte in dem erſten Wirthshaus, das ihm aufſtieß, ein. Mit heiterer⸗ Miene verließ er es wieder und ſchlug mit keckem Schritt die Richtung ins Innere der Stadt ein. Er hat jetzt Lei⸗ ceſter Square erreicht, betrachtet die Fremden, die dort um⸗ herwandeln, und ſummt ein Liedchen vor ſich hin. Da tau⸗ chen aus einem Gäßchen zwei Geſtalten auf, die ſeinen un⸗ bekümmerten Tritten nachſchleichen. Er ſchlägt den Weg ein durch das Straßenlabyrinth bei Sankt Martin; die Nähe ſeiner Lieblingstummelplätze erfüllt ihn mit dem ſüßen Vorgefühl einer Orgie, und ſchon klimpert er mit dem Geld in der Taſche. Jetzt ſind ihm die beiden Geſtalten auf der Ferſe. „Sey gegrüßt, o Freiheit!“ murmelte John Burley. „Du haſt Deinen Wohnſitz in den großen Städten, und Dein Palaſt iſt die Schenke.“ „In des Königs Namen!“ rief eine rauhe Stimme, und John Burley fühlte den ſchrecklichen, aber für ihn nicht neuen Griff auf ſeiner Schulter. Die zwei Bailiffe, die ihm nachgegangen waren, bemäch⸗ tigten ſich ihrer Beute. „Auf weſſen Geheiß?“ fragte John Burley ſtotternd. „Mr. Cor, der Weinhändler, iſt der Kläger.“ „Cor? Habe ich nicht dieſem Menſchen vor drei Mo⸗ naten einen Wechſel auf meinen Bankier gegeben?“ „Ja; aber er wurde nicht honorirt.“ 56* 884 „Was hat dies zu ſagen? Die Abſicht, zu bezahlen, war wenigſtens vorhanden, und ein rechter Mann nimmt den Willen für die That. Cor iſt ein undankbarer Schurke, und ich werde ihm meine Kundſchaft entziehen.“ „Ja, ſtraft ihn nur in ſolcher Weiſe. Beliebt Euer Ehren ein Kabriolet?“ „Ich will mein Geld für etwas Anderes ſparen,“ ver⸗ ſetzte John Burley.„Gebt mir Euren Arm; ich bin nicht ſtolz. Immerhin danke ich dem Himmel, daß ich nicht wie⸗ der auf dem Land übernachten muß 0 Und ſo wurde John Burley eine vergnügliche Nacht im Schuldgefängniß des Fleet geſichert. Zwölftes Kapitel. Miß Starke war eines von jenen Frauenzimmern, welche ihr Leben in dem herbſten von allen inneren Kriegen — im Krieg mit ihrem Geſinde verbringen. Sie betrach⸗ tete ſämmtliche Angehörige dieſer Klaſſe als die unverſöhn⸗ lichen, ſchlafloſen Feinde der Dienſtherrſchaften, welche un⸗ glücklicher Weiſe genöthigt wären, ſie ins Haus zu nehmen. Ihrer Meinung nach überfüllten ſie ſich mit Speiſe und Getränk in der ſchändlichen Abſicht, ihre Wohlthäter zu Grunde zu richten, und lebten in ſteter Verſchwörung unter einander und mit den Gewerbsleuten, um überall betrügen und für ſich etwas wegzwacken zu konnen. Miß Starke war ein unglückliches Geſchöpf. Sie hatte keine Verwandte und nd uer cht ie⸗ cht ern, gen ach⸗ öhn⸗ un⸗ nen. und r zu inter ügen war und Freunde, welche ſich hinreichend um ſie bekümmerten, um an ihren Kämpfen gegen ihre Hausfeinde Theil zu nehmen; ihr Einkommen, das ihr einen gemächlichen Unterhalt ſicherte, beſtand in einer Leibrente, die mit ihrem Ableben fiel und deß⸗ halb die verſchiedenen Neffen, Nichten oder Muhmen auf den ſcharf abzugränzenden Bann einer nicht vorhandenen natür⸗ lichen Liebe verwies; und da ſie in ihrer Welt voll Miß⸗ trauen und Haß den Mangel eines freundlichen Geſichtes fühlte, ſo hatte ſie verſucht, demſelben durch gedungene Ge⸗ ſellſchafterinnen abzuhelfen. Freilich waren dieſe nie lang geblieben, weil ſie entweder Miß Starke nicht geſielen, oder ſie an Miß Starke keinen Gefallen fanden. Die arme alte Jungfer hatte deßhalb den Entſchluß gefaßt, ein Kind zu ſich zu nehmen, deſſen Herz, wie ſie zu ſich ſelbſt ſagte, friſch und unverdorben wäre und bei dem ſie auf Dankbar⸗ keit rechnen könnte. Im Allgemeinen war ſie mit Helen zufrieden geweſen, weßhalb ſie ſich vornahm, für ihre ganze Lebenszeit, das heißt, auf ſo etlich und dreißig Jährchen noch, die Verwaiste bei ſich zu behalten und ihr, nachdem ſie dieſelbe gewiſſenhaft vor Eheſtandsgelüſten und anderen Bekanntſchaften bewahrt hatte, nichts zu hinterlaſſen, als den Schmerz über den Verlnſt einer ſo gütigen Wohlthäterin. Im Einklang mit dieſem Plane und um ſich die Liebe der Kleinen zu ſichern, hatte ſie ein wenig abgelaſſen von der falten Strenge im Thun und Denken, die zu ihrer Natur gehörte, und in ihrer ehernen Art gegen Helen Wohlwollen bewieſen, indem ſie dieſelbe weder ſchlug, noch kniff oder hungern ließ. Ja ſie erlaubte auf Doctor Morgans Vor⸗ 886 ſtellung hin ſogar Leonards Beſuche und trieb ihre Güte ſo weit, daß ſie bei Gelegenheit ſeines erſten Einſprechens zehn Pence für Kirſchen und Kuchen zum Opfer brachte— eine Gaſtlichkeit, die ſie bei ſpäteren ähnlichen Anläſſen nicht zu erneuern für gut fand. Als Lohn dafür glaubte ſie, Helen mit Leib und Seele als ihr Eigenthum anſprechen zu dürfen, und ihre Entrüſtung kannte keine Grenzen, als ſie eines ſchönen Morgens finden mußte, daß die Kleine fort war. Sie hatte früher nie daran gedacht, ſich nach Leonard's Adreſſe zu erkundigen, und obſchon ſie ſich dachte, ſie werde zu ihm gegangen ſeyn, wußte ſie doch nicht, was ſie jetzt anfangen ſollte— eine Ungewißheit, welche ſie vierund⸗ zwanzig Stunden in einem Zuſtande rathloſer Niederge⸗ ſchlagenheit erhielt. Allmälig aber wurde ihr die Leere ihres Hauſes ſo peinlich, daß ihre Thatkraft erwachte, und ſie überredete ſich, daß ſie nur aus Beweggründen des reinſten Wohlwollens handle, wenn ſie verſuche, dieſes arme Geſchöpf der Welt wieder zu entreißen, in die es ſich ſo unbedacht ge⸗ ſtürzt hatte. Demgemäß ließ ſie in die Times eine Ankündigung folgenden Inhalts einrücken— die buchſtäbliche Nachbil⸗ dung einer früheren, durch welche ſie vor Jahren wieder in den Beſitz ihres verlorenen Lieblingsmopſes gekommen war: Zwei Guincen Velohnung. „Abhanden gekommen von Jvy Cottage, Highgate, ein kleines Mädchen, das auf den Namen Helen antwortet, mit blauen Augen und braunem Haar, weißem Muslinkleid e ſo zehn eine t zu elen rfen, ines war. d's erde und⸗ erge⸗ Leere nd ſie inſten choͤpf t ge⸗ igung chbil⸗ vieder mmen hgate, vortet, inkleid 887 und Strohhut mit blauem Band. Wer es nach Jvy Cottage zurückbringt, erhält obige Belohnung.“ „N. B. Weiter wird nicht bezahlt.“ Nun fügte ſich's, daß Mrs. Smedley ſelbſt wegen einer Nichte, die vom Land gekommen war und für die ſie eine Stelle ſuchte, eine Ankündigung in die Times hatte einrücken laſſen. Dieſer Umſtand bewog ſie, gegen ihre Ge⸗ wohnheit das Blatt holen zu laſſen, und gerade unter ihrer Ankündigung bekam ſie die der Miß Starke zu leſen. Es war unmöglich, daß ſie ſich in der Beſchreibung Helen's täuſchen konnte, und da eben Tags zuvor das ganze Haus durch Burley's lärmenden Beſuch in einem Grade ge⸗ ſtört und geärgert worden war, daß ſie den Entſchluß gefaßt hatte, ſich den Miethsmann, der ſolchen Gäſten Unterſchleif gebe, vom Hals zu ſchaffen, ſo fühlte ſich die gutherzige Frau glücklich in dem Gedanken, Helen einer ſicheren Hei⸗ math zurückgeben zu können. Während ſie eben hierüber mit ſich zu Rathe ging, kam Helen zu ihr in die Küche, und ſie war ſo unklug, der Kleinen die Ankündigung zu zeigen und, wie ſie es nannte, ein„ernſtes Wörtchen“ mit ihr zu reden. Vergeblich und unter Thränen bat Helen ihre Haus⸗ wirthin, auf dieſe Ankündigung hin doch ja keinen Schritt zu thun. Mrs. Smedley fühlte, daß ſie hier eine Pflicht erfüllen möſſe, und blieb unerbittlich. Bald nachher ſetzte ſie ihren Hut auf und verließ das Haus. Helen zweifelte nicht daran, daß ſie auf dem Weg zu Miß Starke begriffen ſey, und entſchloß ſich deshalb zu ſchleuniger Flucht. Leo⸗ 888 nard war mit einem Manuſkript nach dem Bureau der Redaktion des Bienenkorb gegangen. Dies hinderte ſie jedoch nicht, ihre und ſeine Habſeligkeiten zuſammen⸗ zupacken, und wie ſie eben mit dieſem Geſchäft fertig war, langte Leonard wieder an. Sie erzählte ihm die Geſchichte mit der Ankündigung, erklärte ihm, daß ſie keine frohe Stunde mehr haben könne, wenn man ſie zwinge, zu Miß Starke zurückzukehren, und flehte ihn ſo eindringlich an, er möchte ſie vor dieſem Schmerz bewahren, daß er ohne Wei⸗ teres in die beabſichtigte Flucht willigte. Zum Glück waren ſie der Hauswirthin nur wenig ſchuldig, und der Betrag des Guthabens wurde dem Dienſtmädchen eingehändigt. Mrs. Smedleys Abweſenheit ſetzte ſie in die Lage, ohne Aufſehen und Widerſpruch fortzukommen. Leonard trug das Gepäck nach einem Wirthshauſe, wo Miethkutſchen anzuhalten pfleg⸗ ten, gab es dort in Verwahrung und machte ſich mit Helen auf den Weg, um eine Wohnung aufzuſuchen. Die Klug⸗ heit forderte, daß ſie ſich in einem neuen, entlegenen Be⸗ zirk einmietheten, und noch vor Abend hatten ſie ein Paar Dachſtübchen in Lambeth bezogen. Dreizehntes Kapitel. Wie der Leſer erwarten wird, konnte Leonard die Spur von Burley nicht auffinden; der Letztere hatte aufgehört, mit dem Bienenkorb zu verkehren. Gleichwohl kümmerte ſich unſer junger Freund ſehr um den armen Humoriſten, und es der erte nen⸗ var, ichte rohe Miß „er Lei⸗ ren des ers. hen äck leg⸗ len Be⸗ aar ur mit ſich 889 that ihm leid, den Umgang mit dieſem großen, wenn auch verſchrobenen Geiſt entbehren zu müſſen. Er gewöhnte ſich jedoch allmälig an die einfache liebevolle Geſellſchaft ſeiner kindlichen Gefährtin und wurde in ihrer Nähe ruhiger. Die Tagesſtunden, welche nicht der Arbeit gewidmet waren, ver⸗ brachte er damit, daß er wie früher ſein Wiſſen an den Bü⸗ cherbuden zu erweitern ſuchte, und in der Dämmerung pflegte er mit Helen Spaziergänge zu machen, die ihn gelegentlich über den Bann der langen Vorſtadt hinaus in die friſche Landluft führten. Noch öfter aber wandelte er auf der Brücke hin und her, die den Zugang zu dem herrlichen Weſt⸗ minſter vermittelt und Londons klaſſiſche Landſchaft bildet, um ſich an dem Reflex der zahlloſen Lichter zu vergnügen, der auf dem Spiegel der Themſe zitterte. Dieſer Spazier⸗ platz ſagte dem gedankenvollen, ſchwermüthigen Jüngling beſonders zu. Manche Stunde ſtand er an dem Geländer, auf dem ſich Helen niedergelaſſen hatte, um gleichfalls die dunkeln traurigen Wellen betrachten zu können, die unge⸗ achtet des düſtern Anblicks doch den Zauber einer geheim⸗ nißvollen Ruhe darbieten. Wie der Fluß zwiſchen der Welt von Dächern und dem Lärm menſchlicher Leidenſchaften dahinſtrömte, ſo fluthete zwiſchen dieſen zwei Herzen der Gedanke— und Alles, was ſie von London kennen lernten, war nur ſein Schatten. ———— 890 Vierzehntes Kapitel. Im Bienenkorb erſchienen einige ſehr aufreizende politiſche Abhandlungen nach der Art der Traktate in dem Sack des Keſſelflickers. Leonard ſchenkte ihnen keine ſonder⸗ liche Beachtung; aber ſie machten unter der Leſewelt des Bienenkorbs weit größeres Aufſehen, als die Arbeiten Leonard's, obſchon letztere zu den ſchönſten Ausſichten berech⸗ tigten. Gerade dieſe giftige Literatur verſchaffte dem Blatt einen ſehr erweiterten Abſatz in den Fabrikſtädten und be⸗ gannen das ſchläfrige Ange der Regierung zu wecken. Die Papiere und Preſſen des Bienenkorbs wurden polizeilich mit Beſchlag belegt, und da ſich der Herausgeber mit einer Kriminalklage bedroht ſah, die ihm eine zweijährige Haft in Ausſicht ſtellte, ſo hielt er es für das Gerathenſte, ſich un⸗ ſichtbar zu machen. Als eines Abends Leonard, der von die ſen Vorfällen nichts wußte, vor dem Bureau anlangte, fand er die Thüre geſchloſſen Ein aufgeregter Pöbelhaufen hatte ſich um das Haus geſammelt, und eine Stimme, die unſerem jungen Freunde nicht fremd war, hetzte an der Menge unter vielen Verwünſchungen gegen die„Tyrannen“. Er blickte auf und erkannte zu ſeinem großen Erſtaunen in dem Sprecher Mr. Sprott, den Keſſelflicker. Die Polizei kam in Scharen heran, um die Menge zu zerſtreuen, und Mr. Sprott wußte mit aller Behendigkeit zu verſchwinden. Jetzt erſt erfuhr Leonard, was vorgefallen war; er ſah ſich abermals ohne Beſchäftigung und ohne die Mittel, ſich das tägliche Brod zu erwerben. 2 2—— grr gek M Fr ver mi an nic hei Fi ge Ti er nu tig zende dem nder⸗ des eiten rech⸗ Blatt d be⸗ Die eilich einer Haft ch n⸗ r von ngte, aufen , die n der nen“. en in ige zu eit zu fallen ne die 89¹ Langſam kehrte er nach Hauſe zurück. „O Wiſſen! Wiſſen! In der That— wo iſt deine Macht?“ murmelte er vor ſich hin. Während er ſo ſprach, fiel ſein Blick auf einen mit großen Buchſtaben gedruckten Zettel, der an die Mauer an⸗ geklebt war.—„Es werden einige kräftige junge Männer nach Indien geſucht.“ Ein Seelenverkäufer redete ihn an. „Ihr würdet einen hübſchen Soldaten abgeben, guter Freund. Ihr habt ſtarke Glieder.“ Leonard ging weiter. „Wäre es alſo dahin mit mir gekommen?“ ſagte er. „Die rohe phyſiſche Kraft meine einzige Ausſicht! O Geiſt, verzweifle! Bauer, werde wieder zur Maſchine!“ Lautlos trat er in ſein Dachſtübchen und betrachtete mit tiefem, innigem Mitleid die arme Helen, welche ſich an dem offenen Fenſter faſt blind arbeitete. Sie hatte ihn nicht eintreten hören und wußte nichts von ſeiner Anweſen⸗ heit. Geduldig und ſtill ſaß ſie da, während ſie ihre kleinen Finger emſig ſpielen ließ. Er bemerkte, wie blaß und ein⸗ gefallen ihre Wangen, wie abgezehrt ihre Händchen waren. Tief fühlte er ſich ergriffen. In jenem Augenblick hatte er keinen Sinn für die ſchlimme Lage des in ſeinen Hoff⸗ nungen getäuſchten Dichters, keinen Gedanken, der ſelbſttüch⸗ tig geweſen wäre. Er trat leiſe auf ſie zu und legte ſeine Hand auf ihre Schulter. „Helen,“ ſagte er,„werft Euer Halstuch um und 892 ſetzt Euren Hut auf, wir wollen einen Spaziergang machen. Ich habe Euch viel zu ſagen.“ laut Nach einigen Augenblicken war ſie bereit. Sie ſchlugen den Weg nach ihrem Lieblingsplätzchen, der Brücke, ein. 6 In einer der Austiefungen des Geländers Halt machend, be⸗ 2 gann Leonard folgendermaßen— el „Helen, wir müſſen uns trennen.“ „Trennen? Oh, Bruder!“ iſt „Hört. Mit meiner geiſtigen Thätigkeit iſt's zu Ende, eine und es bleibt mir fortan nichts mehr übrig, als körperliche Ant Arbeit. Ich kann nicht nach meinem Dorf zurückkehren und dort zu aller Welt ſagen: Meine Hoffnungen waren flüſt dünkelhaft, und was ich von meinem Geiſte träumte, iſt Blendwerk. Dies wäre mir nicht möglich. Und auch hier in dieſer ſchmutzigen Stadt kann ich kein Fröhner oder den Laſtträger werden. Vielleicht bin ich zu ſolchen knechtiſchen iſt Dienſten geboren, aber mein Geiſt hat ſich leider über meine jetzt Geburt erhoben. Was ſoll ich nun anfangen? Ich weiß es noch nicht. Vielleicht werde ich Soldat oder ſuche als Aus⸗ wanderer in einer fernen Wildniß kargen Unterhalt zu ge⸗ abei winnen. Aber wofür ſich auch meine Wahl entſcheiden mag, zu1 ich muß fortan allein ſeyn, denn ich habe keine Heimath mehr. Für Euch iſt wohl eine vorhanden— freilich nur wen eine ſehr geringe für ein Mädchen von ſo guter Geburt— aber Ihr ſeyd geborgen dort— unter dem Dach meiner dieſ Mutter, obgleich ſie nur eine— eine Bäuerin iſt. Sie klar wird Euch lieben um meinetwillen, und— und—“ her achen. ugen ein. id, be⸗ Ende, erliche en und waren te, iſt ach roder tiſchen meine eiß es Aus⸗ zu ge⸗ maäg⸗ eimath ch nur urt— meiner Sie 893 Helen klammerte ſich zitternd an ihn an und ſchluchzte laut. „Ich will Alles, Alles thun, was Ihr wollt. Aber ich kann arbeiten, kann Geld verdienen, Leonard. Ja, ich verdiene jetzt ſchon— Ihr wißt nicht wie viel— aber genug für uns Beide, bis beſſere Zeiten kommen. Oh, laßt uns beiſammen bleiben.“ „Und ich— ein Mann, der zur Thätigkeit geboren iſt— ich ſollte mich unterhalten laſſen durch die Arbeit eines Kindes? Nein, Helen, würdigt mich nicht ſo herab.“ Sie wich von ihm zurück, als ſie die Glut in ſeinem Antlitz bemerkte, ſenkte ergebungsvoll das Köpfchen und flüſterte: „Verzeiht mir.“ „Ach,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort,„wenn wir nur den Freund meines armen Vaters auffinden könnten. Nie iſt mir dies ein ſo dringendes Anliegen geweſen, als eben jetzt.“ „Ja, er würde ſicherlich für Euch ſorgen.“ „Für mich?“ wiederholte Helen im Tone ſanften aber tiefen Vorwurfs und wandte ſich ab, um ihre Thränen zu verbergen. „Ihr wißt gewiß, daß Ihr ihn wieder kennen würdet, wenn er Euch zufällig begegnete?“ „O ja. Er war ſo verſchieden von Allen, die wir in dieſer ſchrecklichen Stadt ſehen, und ſeine Augen glänzten ſo klar, wie jene Sterne dort. Doch ſchien das Licht von weit her zu kommen, wie es bei Euren Augen der Fall iſt, 894 wenn Eure Gedanken weg ſind von den Dingen in Eurer umgebung. Und dann hatte er einen Hund, den er Nero nannte— ich könnte dieſen nicht vergeſſen.“ „Aber der Hund iſt wahrſcheinlich nicht immer bei ihm.“ „Jedenfalls doch ſeine klaren Augen! Ach, wie Ihr ſo zum Himmel aufblickt, ſcheinen die Eurigen gleich den ſeinen zu träumen.“ Leonard erwiederte nichts, denn ſeine Gedanken hatten ſich in der That über die Erde aufgeſchwungen, und ſchienen den fernen geheimnißvollen Himmel durchdringen zu wollen. Beide ſchwiegen geraume Zeit. Die Menge wogte an ihnen hin und her, ohne auf ſie zu achten. Dunkler lagerte die Nacht auf dem Fluß, aber der Widerſchein der Lichter auf ſeinen Fluthen war ſogar lebhafter, als der der Sterne. Die Strahlung hob das Schwarz der ſtarken Strömung noch mehr hervor, und die Fahrzenge, welche oſtwärts auf der Fluth lagen, nahmen ſich mit ihren ſegelloſen, geſpen⸗ ſtiſchen Maſten und den dunkeln unheimlichen Rumpfen in der Stille wie Leichenſchiffe aus. Leonard blickte nieder und der Gedanke an Chattertons grauſenvollen Selbſtmord durchzuckte ſeine Seele. Ein blaſſes, bitteres Geſicht mit funkelnden, ſpukhaften Augen ſchien aus dem Strom aufzutauchen und von leichenfahler Lippe zu murmeln—„Kämpfe nicht mehr gegen die Fluth auf der Oberfläche— Alles iſt ſtill und ruhig in der Tiefe.“ Entſetzt vor der Nacht ſeiner Träume zurückbebend, begann er ſehr ſchnell mit Helen zu ſprechen und verſuchte ſie die M er red me leb unt La blu ſog fun ein un Er ſie tre un mi dar iſt. kon An er Furer Nero r bei hr ſo ſeinen atten ienen ollen. te n agerte ichter terne. mung ts auf eſpen⸗ fen in ertons Ein Augen fahler Fluth iefe.“ ebend, rſuchte 895 ſie mit Schilderungen von der armen Heimath zu beruhigen, die er ihr angeboten hatte. Er redete von den wenigen Sorgen, die ihr bei ſeiner Mutter bevorſtünden— denn mit dieſem Namen bezeichnete er noch immer die Wittwe— und verweilte mit einer Be⸗ redſamkeit, welche dem Gegenſatze in ſeiner Umgebung noch mehr Kraft und Wahrheit verlieh, bei dem glücklichen Land⸗ leben, den ſchattigen Wäldern, den ſäuſelnden Kornfeldern und dem feierlichen einſamen Kirchthurm, der ſich über die Landſchaft erhob. In ſchmeichelnden Zügen malte er die blumenreichen Terraſſen des italieniſchen Flüchtlings, und ſogar während er ſprach, ſchien die ſpielende Fontaine ihre funkelnden Diamanten gegen die Sterne zu ſpritzen unter einem heitern Himmel, ungetrübt vom Rauch der Städte und unbefleckt von den ſündigen Seufzern der Menſchen. Er verſprach ihr die Liebe und den Schutz von Weſen, wie ſie zu dem glücklichen Schauplatz paßten— ſeiner einfachen, treuherzigen Mutter, des wackeren Geiſtlichen, des weiſen und gütigen Italieners— und namentlich ſollte Violante mit ihren dunkeln Augen und einer geheimnißvollen Ge— dankenfülle, wie die Einſamkeit ſie einem ſehr jugendlichen Geiſte einzuflößen im Stande iſt, ihre kleine Gefährtin ſeyn. „Ach!“ rief Helen;„wenn das Leben dort ſo glücklich iſt, warum kehrt Ihr nicht zurück? Oh, kommt mit— kommt mit!“ „Wenn der Hammer einmal den Funken von dem Ambos geſchlagen hat,“ murmelte der Jüngling,„ſo muß er aufwärts fliegen und kann erſt zur Erde zurückkehren, 896 nachdem er erloſchen iſt. Mich treibts noch aufwärts, Helen — noch immer aufwärts. Laßt mich gewähren.“ Fünfzehntes Kapitel. Am andern Morgen fühlte ſich Helen ſehr unwohl— ſo unwohl, daß ſie bald nach dem Aufſtehen wieder ins Bett kriechen mußte. Ihr Körper ſchauderte, ihre Augen waren ſchwer und ihre Hand brannte wie Feuer. Sie lag im Fieber. Vielleicht hatte ſie ſich auf der Brücke erkältet, oder war zuletzt die Aufregung des geſtrigen Abends zu überwältigend für ſie geweſen. Leonard gerieth in große Unruhe und holte Rath bei einem in der Nähe wohnenden Apotheker. Dieſer machte ein ernſtes Geſicht und ſprach von Gefahr. Auch ließ die Gefahr nicht lange auf ſich warten, denn Helen begann irre zu reden. Mehrere Tage lag ſie in dieſem Zuſtand zwiſchen Leben und Tod. Leonard fühlie jetzt, daß alle Sorgen der Erde leicht ſeyen in Vergleichung mit der Furcht, das zu verlieren, was wir lieben. Wie werthlos erſchien ihm der erſehnte Lorbeer neben der ſterbenden Roſe. Dank ſey es— vielleicht mehr ſeiner ſorglichen Pflege, als der ärztlichen Geſchicklichkeit— ſie kam wieder zur Beſinnung, und die nächſte Gefahr war vorüber. Aber ſie fühlte ſich im höchſten Grade ſchwach— ihre endliche Wie⸗ derherſtellung ſchien zweifelhaft, und im beſten Falle durfte man nur auf eine langſame Wiedergeneſung rechnen. Als ſie jedoch erfuhr, wie lange ſie ſo ſchwer krank elen Bett ren ber. war en olte eſer luch elen ſem daß der hlos oſe. ege, zur ſie Pie⸗ rfte rank 897 geweſen war, blickte ſie Leonard, der ſich zu ihr niederbeugte, ängſtlich ins Geſicht und ſtammelte: „Gebt mir meine Arbeit; ich bin jetzt kräftig genug dafür. Sie wird mir Kurzweil machen.“ Leonard brach in Thränen aus. Ach, er hatte ſelbſt nichts zu arbeiten. Das Geld, welches ſie gemeinſchaftlich beſeſſen, war dahingeſchmolzen, denn der Apotheker gehörte nicht zu der mitleidigen Klaſſe des Doctor Morgan. Die Arzneien und die Zimmermiethe mußten bezahlt werden. Zwei Tage vorher hatte Leonard Riccabveca's Uhr verpfäͤndet, und nachdem der letzte Schil⸗ ling, den er in ſolcher Weiſe hatte auftreiben können, fort war, wie ſollte er weiter Helen's Bedürfniſſe beſtreiten? Gleichwohl kämpfte er ſeine Thränen nieder und tröſtete ſie mit dem Vorgeben, daß er beſchäftigt ſey. Er that dies mit ſolchem Ernſt, daß ſie ihm Glauben ſchenkte und in einen ſanften Schlaf verſank. Er lauſchte auf ihre Athemzüge, küßte ſie auf die Stirne und verließ das Zimmer. Im anſtoßenden Gemache, das ihm ſelbſt zur Wohnung diente, ſtützte er ſein Geſicht auf die Hände und ſuchte ſeine Ge⸗ danken zu ſammeln. Endlich war es bis zum Betteln gekommen. Er mußte an Mr. Dale um Geld ſchreiben— ha! an Mr. Dale, der das Geheimniß ſeiner Geburt kannte! Lieber hätte er bei einem Fremden gebettelt. Es ſchien ihm eine neue Schmach für das Andenken ſeiner Mutter zu ſeyn, wenn ihr Kind einen Mann um Unterſtützung anſprach, der von Bulwer, meine Novelle. 57 898 ihrer Schande unterrichtet war. Hätte ſich's blos für ſeine Perſon um Mangel und Hunger gehandelt, ſo wäre er lieber Zoll um Zoll dem Hungertod erlegen, eh' er ſeinen Stolz ſo tief gedemüthigt hätte. Aber Helen dort auf jenem Bette— Helen, die vielleicht noch für Wochen der Unter⸗ ſtützung bedurfte und deren Krankheit Manches zum Bedürf⸗ niß machte, was ſonſt als Lurus erſchienen wäre! Ohne Betteln ging es nicht. Ach, hättet ihr ſehen können, welchen bitteren Kampf ihn dieſer Entſchluß koſtete, ſo würdet ihr wohl geſagt haben—„Das was er für Herab⸗ würdigung anſieht, iſt Heldenmuth. O ſeltſames Menſchen⸗ herz! Nie iſt ein Epos geſchrieben worden, das ſich aufge⸗ ſchwungen hat zu der Schönheit und Höhe, die, unbeachtet von dem menſchlichen Auge, in deine geheimen Blätter ein⸗ gegraben ſind.“ Bei wem anders ſollte er betteln? Seine Mutter hatte nichts, Riccabveca war arm, und die ſtattliche Violante, welche ausgerufen hätte:„Oh, baß ich ein Mann wäte!“— er vermochte den Gedanken nicht zu ertragen, daß ſie ihn bemeitleiden und verachten könnte. Die Avenele? Nein— dreimal nein. Er zog haſtig Papier und Tinte zu ſich hin und ſchrieb haſtig die Zeilen nieder, die ſich blu⸗ tend von ſeinem Leben abzulöſen ſchienen. Doch die Poſtſtunde war vorüher, und der Brief mußte bis zum nächſten Tage warten. Es ſtund wenigſtens drei Tage an, eh' er eine Antwort erhalten konnte. Er ließ den Brief auf dem Tiſch liegen und ſuchte im Freien ſeiner ſchwer gepreßten Bruſt Erleichterung zu verſchaffen. Nachdem er über die Brücke gekommen war, ſchritt er mechaniſch weiter 899 und ließ ſich von der Menge fortreißen, die nach dem Par⸗ lamentsgebände hindrängte. Eine Debatte von volksthüm⸗ lichem Intereſſe ſtand für den Abend auf der Tagesordnung; es befanden ſich daher viele Menſchen auf der Straße, welche die Mitglieder ab⸗ und zugehen ſehen, in Betreff der Spre⸗ cher, welche noch aufzutreten gedachten, Erkundigung ein⸗ ziehen oder ſich Billette für die Gallerie ſichern wollten. Theilnahmlos machte er unter dem müßigen Haufen Halt. Was ſie anſprach, hatte kein Intereſſe für ihn. Zerſtreut blickte er über ihren Köpfen weg nach der hohen, leichenhaften Abtei, dieſem berühmten Golgatha der Dichter, Helden und Könige. Plötzlich wurde ſeine Aufmerkſamkeit der nächſten Um⸗ gebung zugelenkt durch den Ruf eines Namens, der ihm nicht in der angenehmſten Weiſe bekannt war. „Wie gehts Euch, Randal Leslie? Seyd Ihr gekom⸗ men, um die Debatte mit anzuhören?“ ſagte ein Parlaments⸗ mitglied, welches die Straße daher kam. „Ja. Mr. Egerton verſprach, mir einen Platz unter der Gallerie zu verſchaffen. Er wird heute Abend ſelbſt ſprechen, und ich habe ihn noch nie gehört. Ihr geht ins Haus; wollt Ihr ihn daran erinnern?“ „Im Augenblick wird dies nicht angehen. Er iſt ſchon aufgetreten— und ſpricht in der That vortrefflich. Ich eilte von dem Athenäum, wo ich ſpeiste, herbei, um noch zu rechter Zeit anzulangen, da ich horte, ſeine Rede mache gewaltiges Aufſehen.“ „Dies iſt mir ſehr unangenehm,“ verſetzte Randal, 57* 900 „denn ich dachte nicht, daß er ſchon ſo früh in die Reihe kommen werde.“ „Man veranlaßte ihn dazu durch einen unmittelbaren perſönlichen Angriff. Vielleicht kann ich Euch in dem Hauſe unterbringen, denn ich darf Euch wohl ſagen, Leslie, ein Mann wie Ihr, von dem mit der Zeit ſo Großes zu er⸗ warten ſteht, ſollte keine ſolche Gelegenheit verſäumen, die ihm einen Begriff von dem geben kann, was wir im Hauſe einen Schlachtabend nennen. Kommt mit!“ Das Mitglied eilte der Thüre zu, und während Randal ihm folgte, rief ein in der Nähe Stehender: „Dies iſt der junge Mann, der die famoſe Flugſchrift verfaßte— Mr. Egerton's Verwandter.“ „Iſt's wahr?“ verſetzte ein Anderer.„Ein geſcheidter Mann, dieſer Egerton. Ich warte auf ihn.“ „Ich auch.“ „Wirklich? Ihr ſeyd doch keiner von ſeinen Wählern, wie es bei mir der Fall iſt.“ „Nein; aber er iſt ſehr gütig gegen meinen Neffen ge⸗ weſen, und ich muß ihm danken. Ihr ſeyd alſo einer ſeiner Wähler? Er gereicht Eurer Stadt zur Ehre.“ „Ja wohl— ein erleuchteter Mann.“ „Und ſo hochſinnig.“ „Sorgt für gute Maßregeln,“ bemerkte der Politiker. „Und für begabte junge Männer,“ ſagte der Onkel. Nun ſtimmten noch einige Andere in Audley Egerton's Lob ein, und es kamen verſchiedene Anekdoten über ſeine Freigebigkeit zur Sprache. 901 Leonard hörte anfangs achtlos, ſpäter mit geſpannter Aufmerkſamkeit zu. Er hatte ſchon aus Burleys Munde das Lob dieſes hochſinnigen Staatsmannes vernommen, der das Genie an Anderen zu würdigen wußte, ohne ſelbſt für ein ſolches gelten zu wollen. Auch fiel ihm plötzlich ein, daß Egerton ein Halbbruder des Squire war. Da zuckte in dem unerfahrenen Jüngling der unbeſtimmte Gedanke auf, ob es nicht von Erfolg ſeyn dürfte, wenn er dieſe hochſtehende Perſon nicht um ein Werk der Barmherzigkeit, ſondern um Beſchäftigung für ſeinen Geiſt anſpräche. Während er noch über dieſem Plane brütete, öffnete ſich die Thüre des Hauſes, und Egerton ſelbſt trat heraus. Ein theilweiſer Hurrahruf, welchem allgemeines Gemurmel folgte, verkündigte Leonard die Nähe des beliebten Staatsmannes. Egerton mußte der Reihe nach fünf oder ſechs Perſonen Stand halten. Ein Händedruck, ein Nicken, einige kurze Flüſterworte reichten für das geübte Parlamentsmitglied zu, um ſich auf eine an⸗ muthige Weiſe loszuſchälen, und bald ſah man ſeine hohe, aufrechte Geſtalt außer dem Bereich des Gedränges der Brücke zuſchreiten. An der Ecke machte er Halt, nahm ſeine Uhr heraus und zog ſie im Scheine der Gaslampen zu Rathe. „Harley wird bald hier ſeyn,“ murmelte Egerton.„Er iſt immer pünktlich, und da ich mit meinem Vortrag fertig bin, kann ich ihm wohl ein Stündchen widmen. Gut ſo.“ Er ſteckte die Uhr wieder in die Taſche und knöpfte den Rock über der feſten, breiten Bruſt zu. Als er die Augen erhob, ſah er einen jungen Mann vor ſich ſtehen. 902 „Wollt Ihr Etwas von mir?“ fragte der Staatsmann mit der bündigen Kürze ſeines praktiſchen Charakters. „Mr. Egerton“, verſetzte der Jüngling mit einem leichten Beben in ſeiner Stimme, obſchon ihn bei aller Auf⸗ regung ſeines Innern die Mannhaftigkeit nicht verließ,„Ihr habt einen großen Namen und große Macht. Ich ſtehe hier in dieſen Straßen von London ohne einen Freund und ohne Beſchäftigung. Ich glaube etwas in mir zu tragen, was mich zu einem edleren Werk befähigt, als zu bloſer körper⸗ licher Arbeit, wenn ich nur einen einzigen Freund, eine ein⸗ zige Thüre hätte, die mir einen Spielraum öffnete für die Thätigkeit des Gedankens. Und nun ich Euch dies geſagt — ich weiß kaum wie oder warum ich es that, aber es ge⸗ ſchah aus Verzweiflung und unter dem plötzlichen Antrieb, den dieſe Verzweiflung aus den Lobſprüchen gewann, welche anerkennend Eurem Wirken gezollt wurden— habe ich nichts weiter beizufügen.“ Betroffen von dem Ton und der Anrede des Fremden blieb Audley Egerton einen Augenblick ſtumm; aber die leichte vorübergehende Wirkung auf den ausgelernten ſchlauen Weltmann, der an alle Arten befremdlicher Geſuche und an die verſchiedenſten Täuſchungen gewohnt war, verſchwand ſchnell wieder. „Seyd Ihr von—?“(Er nannte die Stadt, für welche er in das Parlament gewählt war.) „Nein, Sir.“ „Ich bedaure Euch ſehr, junger Mann, aber der Ver⸗ ſtand, den Ihr beſitzt— ich ſchließe nämlich auf ihn aus der * — 903 guten Erziehung, die Ihr augenſcheinlich genoſſen habt— muß Euch ſagen, daß eine öffentliche Perſon, wie umfang⸗ reich auch ihr Einfluß ſeyn mag, zu ſehr von Bittſtellern in Anſpruch genommen iſt, die ein Recht an ihren Schutz haben, als daß ſie den Geſuchen von Fremden Beachtung ſchenken könnte.“ Er hielt einen Augenblick inne, und da Leonard ſchwei⸗ gend ſtehen blieb, ſo fuhr er mit mehr Güte fort, als wohl die meiſten öffentlichen Männer bei einem ſolchen Geſuche an den Tag gelegt haben würden.— „Ihr ſagt, Ihr ſeyet ohne Freunde— armer Menſch. Im früheren Leben begegnet dies ſo Vielen von uns, die in reiferem Alter Freunde genug finden. Seyd ehrlich und haltet Euch gut; verlaßt Euch auf Euch ſelbſt und nicht auf Andere; arbeitet mit den Händen, wenn Ihr für den Geiſt keine Beſchäftigung finden könnt, und glaubt mir, dieſer Rath iſt Alles, was ich Euch geben kann, wenn nicht etwa mit dieſer Kleinigkeit—“ Und der Miniſter bot ihm eine Krone hin. Leonard verbeugte ſich, ſchüttelte traurig den Kopf und ging von hinnen. Egerton ſah ihm mit einem Anflug von Bedauern nach. „Pah!“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„es müſſen ſich Tauſende, die in der gleichen Lage ſind, in den Straßen von London umtreiben, und ich bin außer Stand, die Nachtheile gut zu machen, welche die Civiliſation nothwendig mit ſich führt. Er zeigte eine gute Erziehung! Unſere Geſellſchaft wird fortan nicht mehr durch die Unwiſſenbeit leiden, wohl aber 904 durch die Ueberbildung der hungernden Tauſende, welche, ungeſchickt für körperliche Arbeit und ohne Spielraum für ein geiſtiges Wirken, eines Tags wie dieſer Jüngling in un⸗ ſeren Straßen ſtehen und weiſere Miniſter, als ich bin, in Berlegenheit bringen werden.“ Während Egerton ſich in dieſer Betrachtung erging und mittlerweile in die Nähe der Brücke gekommen war, ſchmet⸗ terte luſtig ein Poſthorn von dem Bock eines vierſpännigen Gefährtes. Ein Charabank mit ſtolzem Vollblut raſſelte über das Pflaſter und in dem Zügelführer erkannte Egerton ſeinen Neffen Frank Hazeldean. Der junge Gardeoffizier kam mit einer fröhlichen Ge⸗ ſellſchaft von Greenwich her, wo ſie ein Diner eingenommen hatten, und das unbekümmerte Lachen dieſer Kinder der Freude ſchallte weit hin über den ſtillen Fluß. Es verletzte das Ohr des bekümmerten Staatsmannes, der vielleicht bei all' ſeiner Größe und ungeachtet des Schwarms von Freunden ſich traurig und einſam fühlte. Er gedachte dabei wohl ſeiner eigenen Jugend, als der⸗ gleichen Ausflüge und Geſellſchaften noch nach ſeinem Ge⸗ ſchmack waren, obſchon ſie ſeiner ehrgeizigen, hochſtrebenden Seele nichts anhaben konnten. „Le jeu, vaut il la chandelle?“ ſagte er und zuckte die Achſeln. Der Charabank rollte raſch an Leonard, welcher an der Ecke der Brücke ſtand, vorbei, und der Hufſchlag der Pferde ſpritzte den Koth der Gaſſe über ihn hin. Das Ge⸗ lächter erregte in ihm einen noch herberen Mißklang, als in S ———— * — 905 dem Ohr des Miniſters, obſchon es keinen Neid in ihm weckte. „Das Leben iſt ein dunkles Räthſel,“ ſagte er und ſchlug ſich an die Bruſt. Er ging langſam weiter und bis zu der Austiefung vor, in welcher er vor einiger Zeit mit Helen geſtanden hatte. Schwindlich vor Mangel an Nahrung und durch die ſchlaf⸗ loſen Nächte entkräftigt, ſank er in dieſem dunkeln Winkel⸗ chen nieder, während der Fluß, der unter dem ſteinernen Bogen dahinfluthete, ein Leichenlied zu murmeln ſchien, wie unter dem ſocialen Gewölbe fort und fort das Geheimniß menſchlicher Unzufriedenheit ſeine klagenden Wellen dahin⸗ wälzt. Hol' dir Troſt, o Denker, bei dieſem Strom! Er iſt's, welcher die Stadt gründete und zur Pracht gedeihen ließ; und ohne die Unzufriedenheit— wo bliebe der Fort⸗ ſchritt und was wäre der Menſch? Tröſte dich, o Denker, wo immer der Strom, über den du dich beugſt oder an deſſen Seite du müde und erſchöpft niederſinkſt, än dem Bo⸗ gen nagt, der dich ſtützt, und träume ja nicht, du könneſt durch das Zerſtören der Brücke das Aechzen der Welle zum Schweigen bringen! Sechszehntes Kapitel. Verſetz' dich, mein lieber Leſer, nach dem Hauſe des Lords Lansmere bei Knightsbridge. Du ſiehſt dort den Lord L'Estrange vor einem Tiſche ſitzend, wie er Briefe und Pa⸗ 906 piere ordnet, die er theilweiſe zerreißt, wie man wohl zu thun pflegt, wenn man mit einem Ortswechſel umgeht. Es gibt gewiſſe Kleinigkeiten, aus denen ein ſcharfer Beobachter einen Schluß ziehen kann über die Stimmung des Men⸗ ſchen. So hier. Auf dem Tiſch lagen, mit einiger Ele⸗ ganz und mit ſoldatiſcher Pünktlichkeit geordnet, unterſchied⸗ liche kleine Reliquien aus früheren Zeiten, die durch irgend eine ſüße Erinnerung oder vielleicht nur durch die Gewohn⸗ heit geheiligt waren und ſtets einen Theil von Harleys Zim⸗ mergeräth ausmachten, mochte er ſich in Italien, in Egypten oder in England aufhalten. Sogar das kleine, altmodiſche, etwas unbequeme Tintenfaß, in welches er die Feder tauchte, um die Briefpakete mit Aufſchriften zu verſehen, hatte zu dem Schreibpult gehört, auf das er als Schulknabe ſtolz ge⸗ weſen war. Die Bücher, die um ihn her lagen, waren keine neuen Werke, keine ſolche, zu denen man greift, um für ein Stündchen ſeine Neugierde zu befriedigen oder ernſtere Gedanken zu zerſtreuen, ſondern hauptſächlich lateiniſche und italieniſche Dichter mit vielen Bleiſtiftbemerkungen auf dem Rande, oder Schriften, die als Prüfſteine des Geiſtes ein langſames und wiederholtes Leſen fordern, eben dadurch aber zu werthvollen Geſellſchaftern werden. Aus dem Um⸗ ſtande, daß der Mann auch in ſtummen ſeelenloſen Dingen den Wechſel nicht liebte und an Allem hing, was alte Erinne⸗ rungen in ihm weckte, dürfen wir wohl die Folgerung ziehen, daß er auch mit ähnlicher Hartnäckigkeit ernſtere Gefühle feſthielt, und daraus erklaͤrt ſich uns die Friſche ſeiner Freundſchaft gegen eine ihm in Charakter und Streben ſo 907 unähnliche Perſönlichkeit, wie die des Audley Egerton war. Eine Neigung, die einmal in dem Herzen Harley L'Es⸗ trange's Zutritt gewonnen hatte, ſchien jede weitere Bean⸗ ſtandung auszuſchließen und faßte ſtill Wurzel in ſeinem Weſen, ſo daß eine Revolution in ſeinem ganzen Seyn nö⸗ thig geweſen wäre, um ſie zu ſtören oder auszutreiben. Lord LEstrange's Hand ruhte eben auf einem Brief in ſteifer, deutlicher, italieniſcher Schrift, und ſtatt ihn ohne Weiteres abzufertigen, wie er bei den übrigen gethan hatte, breitete er ihn vor ſich aus, um nochmal ſeinen Inhalt zu leſen. Er war von Riccabocca vor einigen Wochen ein⸗ gelaufen und lautete wie folgt:— Brief des Signor Biccabocca an Lord LEstrange. „Ich danke Euch, mein edler Freund, daß Ihr meiner Ehrenhaftigkeit vertraut und mein Unglück geachtet habt. „Nein und dreimal Nein auf alle Zugeſtändniſſe, alle Anerbietungen und jedes Unterhandeln mit Giulio Franzini. Die Aufregung will mich erſticken, während ich dieſen Namen ſchreibe. Ich muß inne halten und wieder bis zur Verach⸗ tung erkalten. Es iſt vorüber. Nichts weiter von dieſem Gegenſtand. Aber Ihr habt mich beunruhigt. Dieſe Schwe⸗ ſter! Ich habe ſie ſeit ihrer Kindheit nicht mehr geſehen; aber ſie wurde unter ſeinem Einfluß erzogen und kann daher nur in ſeinem Intereſſe wirken. Sie wünſcht meinen Aufent⸗ halt zu erfahren! Sicherlich nur in böslicher, feindſeliger Abſicht. Ich weiß, daß ich auf Euch bauen darf, und Ihr gebt mir die Verſicherung, daß ich mich ebenſo gut auf die 908 Verſchwiegenheit Eures Freundes verlaſſen könne. Ver⸗ zeiht mir— mein Vertrauen iſt nicht ſo dehnbar. Ein ein⸗ ziges Wort kann den Schlüſſel zu meinem Verſtecke geben. Und wenn eine Entdeckung erfolgte, was könnte es mir ſchaden? Ein engliſches Dach ſchützt mich freilich vor öſter⸗ reichiſcher Zwingherrſchaft, aber ſelbſt der eherne Thurm der Danas wäre nicht im Stande, mich vor italieniſcher Argliſt zu bewahren. Und wenn es auch nichts Schlimmeres zur Folge hätte, ſo wäre es mir unerträglich, unter den Augen eines ſchonungsloſen Spähers zu leben. Wie wahr ſagt unſer Sprüchwort: Ein ſchlechter Schlaf, wo der Feind wacht. Mein Freund, ich habe abgeſchloſſen mit meinem früheren Leben und möchte es von mir werfen, wie die Schlange ihre alte Haut— habe auf Alles verzichtet, was dem Verbannten ſonſt als Troſt erſcheint. Kein Mit⸗ leid für das Unglück, keine Botſchaft von theilnehmenden Freunden, keine Kunde aus dem verlorenen unglücklichen Vaterland folgt mir nach dem Herde, den ich unter fremdem Himmel gefunden. Von alle Dem habe ich mich freiwillig losgeſchält. Ich bin todt für mein früheres Leben, als wälzte der Styr ſeine Fluthen zwiſchen mir und ihm. Mit gleicher Strenge, die man nur dem Unglück zu gut halten kann, verzichte ich ſogar auf den Troſt Eurer Beſuche. Ich habe Euch offen und ehrlich erklärt, daß Eure Anweſenheit alle meine erkünſtelte und ſchwankende Philoſophie über den Haufen werfen und mich nur an die Vergangenheit erinnern würde, die ich aus meinem Gedächtniß austilgen möchte. Ihr willfahrtet mir unter der ausdrücklichen Bedingung, daß 909 ich mich an Euch wenden wolle, wann immer ich Eures Bei⸗ ſtands bedürfe, und mittlerweile habt Ihr edelmüthig ver⸗ ſucht, mir von den Kabineten der Miniſter und den Höfen der Könige Gerechtigkeit zu verſchaffen. Dieſen Hochgenuß wollte ich Eurem Herzen nicht verweigern, denn ich habe ein Kind. Ach, ich lehrte es bereits Euren Namen verehren, und er iſt in ihrem Gebete nicht vergeſſen. Aber nun Ihr Euch überzeugt habt, daß ſelbſt Euer Eifer fruchtlos iſt, bitte ich Euch, alle weiteren Verſuche aufzugeben, die am Ende nur den Späher auf meine Spur bringen und mich in neues Unglück verwickeln. Glaubt mir, o herrlicher Sohn Eng⸗ lands, ich bin zufrieden und mit meinem Schickſal aus⸗ geſöhnt. Es würde wahrhaftig nicht zu meinem Glücke dienen, wenn ich es ändern wollte. Chi non ha provato il male non conosce il bene.“(Wer nicht Schlimmes erfahren hat, weiß das Gute nicht zu erkennen.) Ihr fragt mich, wie ich lebe; ich antworte: alla giornata— für den Tag, nicht für das Morgen, wie es ſonſt bei mir der Fall war. Ich habe mich an ein ruhiges Landleben gewöhnt und intereſſire mich für alle ſeine Einzelnheiten. Meine Frau, das gute Weſen, ſitzt mir gegenüber und fragt nie, was oder an wen ich ſchreibe, iſt aber bereit, ihre Arbeit bei Seite zu werfen und mit mir zu plaudern, ſobald ich die Feder niederlege. Zu plaudern— über was? Der Himmel weiß es Aber ich höre ſie lieber von den Angelegenheiten des Dorfes ſprechen, als daß ich abermals mein Ohr dem Gefaſel eines feigen Adels und ſtümperhafter Schulmänner über Staaten und Conſtitutionen leihen möchte. Will ich mich überzeugen, 910 welchen geringen Einfluß dieſe auf das Glück des Weiſen üben, ſo habe ich ja meinen Machiavel und Thucydides. Ge⸗ legentlich ſpricht auch der Pfarrer ein, und wir disputiren. Er weiß nie, wenn er geſchlagen iſt, und ſo bleibt das Thema unerſchöpflich. An ſchönen Tagen mache ich mit meiner Violante einen Spaziergang an den Bach hin oder beſuche meinen Freund, den Squire, und lerne daraus erken⸗ nen, wie kräftigend ein reines Vergnügen auf die Geſundheit wirkt. Bei regneriſchem Wetter ſchließe ich mich ein und hänge vielleicht den Kopf, bis— horch!— ein leiſes Pochen an der Thüre ſich vernehmen läßt. Dann tritt Violante herein, vorwurfsvolle Thränen in ihren ſchwarzen Augen⸗ weil ich allein traure, während ſie unter meinem Dache iſt. Sie ſchlingt ihre Arme um mich, und nach fünf Minuten iſt Alles in meinem Innern Sonnenſchein. Was kümmern uns draußen eure grauen engliſchen Wolken? „Laßt mir, mein theurer Lord— laßt mir dieſen ruhi⸗ gen, glücklichen Uebergang ins Alter: er iſt ſchöner, als die Jugend, die ich ſo wild vergendete; und bewahrt das Ge⸗ heimniß, von welchem dieſes Glück abhängt. „Nun ein Wort über Euch, eh' ich ſchließe. Von Euch ſelbſt ſprecht Ihr zu wenig, wie von mir zu viel. Allein ich erkenne vollkommen die tiefe Melancholie unter der wilden, launenhäften Stimmung⸗ durch welche Ihr, gleichſam im Spiele, andeutet, was Ihr im Ernſte fühlt. Die geſchäftige Einſamkeit der großen Städte wird Euch drückend, und Ihr wollt zurückfliehen zu dem dolce far niente, zu den wenigen aber warmen Freunden, zu dem — far 911 eintönigen aber zwangloſen Leben. Aber auch da wird das Gefühl der Einſamkeit Euch wieder beſchleichen, denn Ihr ſucht nicht, wie ich es thue, die Erinnerung zu vernichten. Eure todten Leidenſchaften wandeln ſich zu Geſpenſtern, die um Euch herſpuken und Euch untauglich machen für die le⸗ bende Welt. Ich ſehe dies Alles— ſehe es noch in Euren haſtig hingeworfenen, phantaſtiſchen Zeilen, wie ich es wahrnahm, als wir Beide unter den Pinien ſaßen und in der Tiefe der blaue See ſich vor uns ausbreitete— ich von dem Schatten der Zukunft und Ihr von dem der Vergan⸗ genheit beunruhigt. „Aber Ihr ſagt halb im Ernſt, halb im Scherz:'ich will mich flüchten aus dieſem Kerker der Erinnerung, will neue Bande knüpfen nach dem Beiſpiele Anderer, eh' es zu ſpät iſt; ich will heirathen— ja, aber ich muß lieben— und da ſitzt der Knoten. Ein Knoten— ja, und dem Him⸗ mel ſey Dank dafür. Vergegenwärtigt Euch alle die un⸗ glücklichen Ehen, die zu Eurer Kunde gekommen ſind— ſind nicht achtzehn unter zwanzig aus Liebe eingegangen worden? So iſt's immer geweſen und wird immer ſo ſeyn. Der Grund liegt darin, daß wir, wenn wir recht innig lieben, ſo viel anſprechen und ſo wenig nachſehen können. Seyd zufrieden, wenn Ihr ein Weſen gefunden habt, bei dem Euer Herd und Eure Ehre ſicher iſt. Es wird eine Liebe entſtehen, die das Herz nicht verwundet, und die bald über das hinauswächst, was ſtets Eure Einbildungskraft täuſchen muß. Cospetto! Ich wünſchte, meine Jemima hätte eine jüngere Schweſter für Euch. und doch koſtete es mich 912 ſchweres Herzweh„bis ich mich entſchließen konnte— ſogar zu einer Jemima. „Ich habe Euch einen langen Brief geſchrieben, um Euch zu beweiſen, wie wenig ich Eures Mitleids oder Eures Eifers bedarf. Laſſen wir nun wieder ein langes Stillſchweigen eintreten. Es wird mir nicht leicht, mit einem Mann von Eurem Rang zu korreſpondiren, ohne der neugierigen Klatſchſucht des ſtillen kleinen Teichs zu ver⸗ fallen, der meine Welt bildet und den der Wurf eines Kieſel⸗ ſteines mit weiteren und weiteren Kreiswellen bedeckt. Ich muß das gegenwärtige Schreiben ſelbſt nach einer vier Stunden entlegenen Poſtſtadt nehmen und darf es nur ver⸗ ſtohlen in den Schalter werfen. „Lebt wohl, theurer und edler Freund, mit einem Herzen, ſo gefühlvoll, und einem Gemüth, ſo warm, wie ſie mir nie auf dem Gang durchs Leben begegnet ſind. Lebt wohl— und gebt mir kurze Nachricht, wenn Ihr von Eu⸗ rem Tagtraum abgelaſſen und eine Jemima gefunden habt. Alphonſo. Nachſchrift. „Um Himmelswillen ſchärft ja Eurem Freunde, dem Miniſter, die größte Vorſicht ein, daß er gegen dieſes Weib kein Wort fallen laſſe, welches meinen Bergwinkel verrathen könnte.“ „Iſt er wirklich glücklich?“ murmelte Harley, als er den Brief zuſammenlegte; und verſank dann für eine kurze Weile in ein Brüten. „Dieſes Leben in einem Dorf— dieſe Frau, welche em eib en er rze che 913 ihre Arbeit nieberlegt, um von den Bauern und ihren Ange⸗ legenheiten zu ſprechen— welcher Gegenſatz zu Audleys geſchäftigem Daſeyn. Ich kann weder das eine noch das andere beneiden oder begreifen— und doch, das meinige — was iſt es?“ Er ſtand auf und trat ans Fenſter, von dem eine länd⸗ liche Treppe nach einem grünen Raſenplatze hinunter führte. Auf dem Raſen befanden ſich größere Bäume, als man ge⸗ wöhnlich in der Nähe einer Londoner Vorſtadtwohnung antrifft. In dem Anblick lag eine Ruhe und Friſche, welche nicht hätte ahnen laſſen, daß London ſo nahe ſey. Leiſe ging die Thüre auf und eine bejahrte Frau trat ein. Sie näherte ſich Harley, der noch immer gedankenvoll am Fenſter ſtand und legte ihre Hand auf ſeine Schulter. Welch' ein Charakter liegt nicht in einer Hand! Die, von welcher wir ſprechen, war ſo, daß Titian ſie mit ganz beſon⸗ derer Sorgfalt gemalt haben würde. Klein, weiß und zart — die blauen Adern ſich über die Oberfläche erhebend. Und doch lag mehr als bloſe Patricierfeinheit in Form und Gewebe. Ein ächter Phyſiolog würde ohne Weiteres er⸗ flärt haben:„Verſtand und Stolz ſpricht ſich aus in dieſer Hand, die zu feſſeln ſcheint, wo ſie ruht, und nicht ſo leicht abzuſchütteln iſt, wie ſanft ſie auch aufliegen mag.“ „Harley“, ſagte die Frau— und Harley wandte ſich um—„Dein Lächeln täuſcht mich nicht,“ fuhr ſie fort. „Du haſt nicht gelächelt, als ich eintrat.“ „Es iſt ſelten, daß man vor ſich hinlächelt, meine theure Mutter, und ich habe in der letzten Zeit nichts ſo Bulwer, meine Novelle. 58 914 Thoͤrichtes gethan, daß ich Urſache hätte, über mich ſelbſt zu lächeln.“ „Mein Sohn,“ verſetzte Lady Lansmere etwas abgebro⸗ chen, aber mit großem Ernſt,„Du ſtammſt von einer Reihe erlauchter Vorfahren ab, und mich dünkt, ſie rufen Dir aus ihren Gräbern die Frage zu, warum der Letzte ihres Ge⸗ ſchlechtes kein Ziel, keinen Lebenszweck, keine Heimath in dem Lande habe, welchem ſie dienten und das ſie mit ſeinen Auszeichnungen belohnte.“ „Mutter,“ entgegnete der Soldat einfach,„als das Land in Gefahr war, diente ich ihm, wie es meine Ahnen thaten. Die Narben auf meiner Bruſt können ihnen Ant⸗ wort geben.“ „Fordert das Vaterland den Dienſi ſeiner Söhne blos, wenn es in Gefahr iſt und gibt es blos im Krieg eine Pflicht zu erfüllen? Meinſt Du, Dein Vater erfülle in„ dem einfachen männlichen Leben eines Landedelmanns die Zwecke nicht, für welche der Adel geſchaffen und der Reich⸗ thum verliehen iſt, wenn es auch im Dunkeln geſchieht?“ „Ohne Zweifel, Mutter, und ich glaube, er thut dies beſſer, als es ſeinem unſteten Sohn je möglich iſt.“ „Und doch hat dieſer unſtete Sohn ſo große Gaben von der Natur empfangen. Seine Jugend war ſo verheißungs⸗ voll, und als Jüngling glühte er für den Traum des Ruhmes.“ „Ja, es iſt möglich,“ verſetzte Harley in weichem Tone —„und glles Dies liegt jetzt eingeſchloſſen in einem einzigen— Grab.“ 8 — 9¹⁵ Die Gräfin fuhr zurück und nahm ihre Hand von Har⸗ leys Schulter. Das Antlitz der Lady Lansmere war einem beſonderen Wechſel im Ausbruck nicht ſehr zugänglich und hatte hierin ſowohl, wie überhaupt in ſeinem Schnitt wenig Aehnlichkeit mit dem ihres Sohnes. Ihre Züge waren leicht adlerartig, die Augbraunen von jener Wölbung, welche dem Geſicht eine gewiſſe Ma⸗ jeſtät verleiht, und die Linien um den Mund gewöhnlich ſtarr und unbeweglich. Man las in dieſem Antlitz frühere ſchwere Kämpfe, die jetzt überwunden waren. In dem Charakter ihrer immer noch vorhandenen Schönheit lag etwas Förmliches und ſagar Ascetiſches, das ſich auch in ihrer Haltung und in ihrem Anzug kund gab. Ihre äußere Erſcheinung erinnerte an die Ritterfrauen des Alterthums, die man ſich halb als Burgwächterinnen, halb als Kloſter⸗ frauen denken kann, und man ſah auf den erſten Blick, daß ſie nicht in der leichten Welt um ſie her lebte, deren Moden und Denkweiſe ſie verſchmähte. Bei aller Starrheit aber war ihr Geſicht doch das einer Frau, die menſchliche Bande und menſchliches Lieben gekannt hatte, und namentlich in dieſem Moment, als ihr Blick lange auf Harleys ruhigen aber traurigen Zügen haftete, ſprachen ſich darin die Gefühle einer Mutter deutlich aus. „In einem einzigen Grab,“ ſagte ſie nach einer langen Pauſe.„Und Du warſt damals nur ein Knabe, Harley! Kann eine ſolche Erinnerung auch heute noch Einfluß auf Dich haben? Es iſt kaum moglich und ſcheint mir im Wi⸗ 58* „einer Frau.“ 916 derſpruche zu ſtehen mit den Wirklichkeiten im Leben des Mannes— obſchon es im Einklang ſtehen dürfte mit dem „Ich glaube,“ entgegnete Harley halb im Selbſtge⸗ ſpräch,„daß in meinem Weſen viel Frauenhaftes liegt. Männer, die viel allein leben und ſich nicht um das gewöhn⸗ liche Treiben der Männer kümmern, lernen vielleicht Ein⸗ drücke eben ſo feſt halten, wie Euer Geſchlecht. Aber ach,“ rief er laut und mit einem plötzlichen Wechſel in ſeinem Geſichte,„der härteſte und kälteſte Mann hätte fühlen müſſen, wie ich, wenn er ſie gekannt— ſie geliebt hätte. Unter allen weiblichen Weſen, denen ich je begegnete, war nicht ihres Gleichen, denn ein ſchöner herrlicher Engel ſchien ſie einer anderen Welt anzugehören. Sie ſtieg hernieder auf dieſe arme Erde, und Alles war dunkel, wo ſie nicht weilte. Mein Mühen iſt fruchtlos. Ich hatte ſo viel Muth, als meine von Stahl umhüllten Vorfahren, Mutter. Ich bewies ihn auf dem Schlachtfeld und in der Wüſte— gegen den Menſchen und gegen das Raubthier— gegen Sturm und Meere, überhaupt gegen die gewaltigen Kräfte der Natur und ſo furchtbare Gefahren, wie nur je ein Pilger oder Kreuzfahrer Luſt daran fand, ſie zu beſtehen. Aber Muth gegen dieſe einzige Erinnerung! Nein! den habe ich nicht.“* „Harley, Harley, Du brichſt mir das Herz,“ rief die Gräfin, ihre Hände zuſammenſchlagend. „Es iſt erſtaunlich,“ fuhr der Sohn, ſo ſehr in ſeine Gedanken vertieft, fort, daß er den Ausruf ſeiner Mutter — — 917 vielleicht nicht einmal hörte—„ja es iſt in Wahrheit er⸗ ſtaunlich, daß ich unter den Tauſenden ihres Geſchlechts, mit denen ich in Berührung kam, nie ein Geſicht ſah, wie das ihrige— nie eine ſo ſüße Stimme hörte. Und dieſes ganze lebendige All iſt nicht im Stande, mir nur einen ein⸗ zigen Blick, einen Ton zu bieten, der mir das ſchöne Recht des Menſchen, die Liebe, zurückgeben könnte. Doch auch gut; das Leben hat noch andere Dinge. Kunſt und Poeſie ſind nicht ausgeſtorben— noch lächelt der Himmel und noch ſäuſeln die Bäume. Laßt mich das Glück in meiner eigenen Weiſe ſuchen.“ Die Gräfin war eben im Begriff, eine Antwort zu geben, als haſtig die Thüre aufgeriſſen wurde und Lord Lansmere hereintrat. Der Graf war einige Jahre älter, als ſeine Gattin, obſchon ſein Aeußeres viel friſcher ſich erhalten hatte. Sein Geſicht, das keinen beſonders ſcharfen Geiſt, aber doch auch keinen Mangel an Verſtand verrieth, war angenehm, ge⸗ fällig und wohlwollend. Seine aufrechte Geſtalt hatte Mittelgröße und zeigte einen Ausdruck von Conſequenz ver⸗ rieth jedoch bei aller Gutmüthigkeit ein etwas pomphaftes Weſen— die Wichtigthuerei des grand seigneur, der viel in der Provinz gelebt hat, deſſen Wille ſelten Widerſpruch findet und deſſen Bedeutſamkeit ſo ſehr gefühlt und aner⸗ kannt wird, daß das Gefühl derſelben unwillkürlich zu ſeinem zweiten Ich geworden iſt. Der Lord war ein vortrefflicher Mann; wenn man aber dagegen die hohe Stirne und die dunkeln Augen der Gräfin betrachtete, ſo durfte man ſich 918 wohl ein wenig wundern, wie ſich bieſes Paar zuſammenſin⸗ den mochte, das doch der allgemeinen Stimme zufolge mit einander in einer ſo glücklichen Ehe lebte. „Ho, ho! mein lieber Harley,“ rief Lord Lansmere, augenſcheinlich in großer Selbſtzufriedenheit die Hände rei⸗ bend, ich habe eben der Herzogin einen Beſuch gemacht.“ „Welcher Herzogin, mein theurer Vater?“ „Welcher Herzogin! Natürlich der Couſine Deiner Mutter, der Herzogin von Knaresborough, der Du aus Gefälligkeit gegen mich die Aufwartung zu machen Dich herabgelaſſen haſt. Und ich bin überglücklich ob der Nach⸗ richt, daß Du Lady Mary bewunderſt. „Sie iſt ſehr hoch gebildet und etwas— hochnaſig,“ verſetzte Harley. Als er aber bemerkte, daß er dadurch ſeiner Mutter weh that und ſein Vater ein betrübtes Geſicht machte, fügte er bei:„Aber jedenfalls ſehr ſchön.“ „Wohlan, Harley,“ ſagte der Graf, zu ſeiner früheren Heiterkeit zurückkehrend, die Herzogin, die aus unſerer Verwandtſchaft Anlaß nahm, ſich frei auszuſprechen, hat gegen mich angedeutet, daß auch Du der Lady Mary nicht gleichgültig ſeyeſt. Um nun zur Sache zu kommen— da Du ſelbſt zugeben mußt, es ſey einmal Zeit, ernſtlich an den Eheſtand zu denken, ſo wüßte ich in der That keine wün⸗ ſchenswerthere Verbindung. Was iſt Eure Anſicht von der Sache, Katharine?“ „Der Herzog gehört einer Familie an, welche über die Kriege zwiſchen den beiden Roſen hinaufreicht,“ ent⸗ gegnete Lady Lansmere mit der Miene der Unterwerfung 919 unter die Wünſche ihres Gatten,„und es hat in ihren An⸗ nalen nie einen Skandal, auf ihrem Wappen nie einen Makel gegeben. Aber mein theurer Lord iſt ohne Zweifel der Anſicht, daß der erſte Schritt nicht von der Herzogin hätte ausgehen ſollen— ſelbſt gegen einen Freund und Verwandten?“ „Ei, wir ſind Leute nach der alten Mode,“ erwiederte der Graf in einiger Verlegenheit,„und die Herzogin iſt eine Weltdame.“ „Laßt uns hoffen, daß es ihre Tochter nicht iſt,“ ver⸗ ſetzte die Gräfin in mildem Tone. „Ich würde Lady Mary nicht heirathen, und wenn alle übrigen Frauenzimmer ſich in Affen verwandelten,“ ſagte Lord LEstrange mit abſichtlicher Wärme. „Gütiger Himmel!“ rief der Graf.„Was iſt dies für eine außerordentliche Sprache. Und darf ich fragen, warum, Sir?“ Harley.—„Ich kann dies nicht ſagen. In ſolchen Fällen gibt es kein Warum. Aber Ihr haltet mir nicht Wort, mein theurer Vater.“ Lord Lansmere.—„Wie ſo?“ Harley.—„Ihr beide, Ihr und meine gnädige Frau Mama, dringt in mich, zu heirathen, und ich habe ver⸗ ſprochen, mein Beſtes zu thun, um Euch zu gehorchen, aber nur unter der Bedingung, daß ich für mich ſelbſt wählen und mir Zeit dazu nehmen dürfe. Dies wurde von beiden Seiten zugeſtanden. Da geht nun Eure Herrlichkeit wahr⸗ haftig ſchon am Vormittag zu einer Stunde hin, in welcher 920 keine Dame ohne Schauber an kalte Blonden und feuchte Orangeblüten denkt— ich ſage, Eure Herrlichkeit geht hin, um die arme Lady Mary und Euren unwürdigen Sohn durch eine wechſelſeitige Bewunderung, die weder von ihrer noch von meiner Seite gefühlt wird, bloßzuſtellen. Entſchuldigt, mein Vater, aber die Sache iſt von zu ernſter Natur, und ich muß Euch noch einmal Eure Zuſage ins Gedächtniß rufen— eine freie Wahl für mich und keine Hindeutung auf die Kriege der Roſen. Welcher Roſenkrieg gleicht dem zwiſchen der Beſcheidenheit und Liebe auf der Wange der Jungfrau?“ Lady Lansmere.—„Freie Wahl für Dich, Harley — es ſey ſo. Aber auch wir haben eine Bedingung geſtellt — nicht wahr, Lansmere?“ Der Graf(verlegen).—„Wie— haben wir? Ja, ja, es iſt ſo. Harley.—„Und welche?“ Lady Lansmere.—„Die Gattin eines Sohnes des Grafen von Lansmere kann nur die Tochter eines Gent⸗ leman ſeyn.⸗ Der Graf.—„Natürlich— natürlich.“ Das Blut ſtrömte plötzlich gegen Harleys ſchönes Geſicht, das unmittelbar darauf leichenblaß wurde. Er trat ans Fenſter. Seine Mutter folgte ihm und legte wieder ihre Hand auf ſeine Schulter. „Ihr ſeyd grauſam geweſen,“ ſagte er in weichem flüſterndem Tone, und ſein Körper zuckte unter der Berüh⸗ rung der mütterlichen Hand. — — —— — 92¹ Dann waudte er ſich gegen den Grafen, der ihn mit ſtummem Erſtaunen anſah, denn es wäre dem Lord Lans⸗ mere nicht im Schlaf eingefallen, daß ſich ſein Sohn je unter dem von der Gräfin ſo beſcheiden angedeuteten Range ver⸗ mählen könnte. Harley ſtreckte ſeine Hand aus und ſprach in ſanfter, gewinnender Weiſe— „Ihr ſeyd immer ſehr gütig und nachſichtig gegen mich geweſen; es iſt daher nur ein Akt der Gerechtigkeit, wenn ich Euch meine ſelbſtſüchtigen Gewohnheiten zum Opfer bringe und einen Wunſch erfülle, den Ihr mit ſo viel Wärme hegt. Auch ich bin mit Euch einverſtanden, daß unſer Ge⸗ ſchlecht mit mir nicht zum Abſchluß kommen ſollte— Noblesse oblige. Aber Ihr wißt, ich war immer roman⸗ tiſch und muß lieben, wenn ich heirathe— oder wenn ich auch nicht liebe, ſo muß ich doch fühlen, daß meine Gattin aller der Liebe würdig ſey, deren ich ehedem fähig war. Was nun das unbeſtimmte Wort Gentleman' betrifft, deſſen ſich meine Mutter bedient und das auf verſchiedenen Lippen eine ſo verſchiedene Bedeutung hat, ſo bekenne ich, daß ich ein Vorurtheil hege gegen junge Frauenzimmer, die in der hohen Ziererei der Welt erzogen wurden, wie es bei den Töchtern von Gentlemen unſeres Ranges meiſt der Fall iſt. Ich verlange daher, daß ich das Wort Gentleman in der liberalſten Weiſe deuten darf. Woferne alſo nichts Gemeines oder Schmutziges an der Geburt, der Lebensweiſe und der Erziehung des Baters meiner künftigen Braut haftet, hoffe ich, ihr beide werdet keine weitere Anforderungen ſtellen, weder auf Titel noch Stammbaum. 922 „Auf Titel— gewiß nicht,“ ſagte Lady Lansmere; „ſie machen den Gentleman nicht.“ „Nein, davon iſt nicht die Rede,“ bemerkte der Graf. „Viele unſerer beſten Familien haben keine Titel.“ „Auf Titel— nein,“ wiederholte Lady Lansmere;„auf Ahnen— ja.“ „Ach, meine Mutter,“ ſagte Harley mit ruhigem, ob⸗ ſchon ſehr wehmüthigem Lächeln,„wir ſind dazu beſtimmt, daß wir nie einig werden. Der Erſte eines Geſchlechts iſt immer derjenige, auf welchen ſeine Nachkommen am meiſten ſtolz zu ſeyn Urſache haben, und ſagt mir, welche Vorfahren hatte dieſer? Schönheit, Tugend, Beſcheidenheit, Verſtand — wenn dieſe für den Mann nicht Adel genug ſind, ſo iſt er ein Sklave der Todten.“ Mit dieſen Worten griff Harley nach ſeinem Hut und ſchickte ſich an, das Zimmer zu verlaſſen. „Du haſt ſelbſt geſagt: Noblesse oblige,“ ſagte die Gräfin, ihm nach der Schwelle folgend.„Wir haben nichts mehr beizufügen.“ Harley zuckte leicht die Achſeln, küßte ſeiner Mutter die Hand, pfiff ſeinem Hunde, der am Fenſter eingeſchlafen war, und ging ſeines Weges. „Will er wirklich in der nächſten Woche wieder ab⸗ reiſen?“ fragte der Graf. „So ſagt er.“ „Ich fürchte, für Lady Mary iſt keine Ausſicht vorhan⸗ den,“ nahm Lord Lansmere mit einem leichten aber trübſin⸗ nigen Lächeln wieder auf. — 923 „Sie hat nicht Geiſt genug, um ihn zu feſſeln, und iſt Harleys nicht werth,“ bemerkte die ſtolze Mutter. „Unter uns,“ fuhr der Graf etwas ſchüchtern fort,„ich ſehe nicht ein, was ihn ſein Geiſt nützt. Er könnte nicht unſteter und unnützer ſeyn, wenn er der größte Pinſel in den drei Königreichen wäre. Und dazu noch ſein Ehrgeiz, als er kaum die Knabenjahre zurückgelegt hatte! Katharine, es kömmt mir hin und wieder der Gedanke, Ihr müßtet wiſſen, was ihn ſo verändert hat.“ „Ich? Mein theurer Lord, ſolche Wechſel kommen oft genug vor bei jungen Männern von ſolchem Vermögen, die, wenn ſie ins Leben eintreten, die Wahrnehmung machen, daß es für ſie nur wenig mehr zu erſtreben gibt. Der Fall würde anders ſeyn, wenn Harley der Sohn eines armen Mannes geweſen wäre.“ „Ich wurde zu demſelben Erbe geboren, wie Harley,“ bemerkte der Graf ſchlau und ſchmeichle mir dennoch, daß ich für das alte England von einigem Nutzen bin.“ Die Gräfin benützte dieſe Gelegenheit, ihrem Herrn ein Kompliment zu machen, und ging auf einen anderen Gegenſtand über. Siebenzehntes Kapitel. Harley verbrachte den Tag in ſeiner gewohnten unſteten müßigen Weiſe und beſuchte ſein Lieblingsclubhaus, wo er in ſeiner ruhigen Ecke ein Mittagsmahl einnahm, während 924 Nero, dem der Zutritt in den Club verſagt war, geduldig vor der Hausthüre wartete. Nach beendigter Mahlzeit ſchlenderten Herr und Hund, der Eine ſo gleichgültig gegen das Gedränge wie der Andere, die Straße hinab, welche den Wenigen, die einen Sinn für die Poeſie Londons haben, ſo große Erinnerung des Ruhms erhabener Trauer bietet, wie nur irgend ein Trümmerhaufen der todten älteren Welt — ich meine die Straße, welche den vormaligen Schloßhof von Whitehall durchſchneidet und zur Linken den Palaſt hat, der das königliche Geblüt Schottlands beherbergte. Auf ihr gelangt man nach der durch einen kleinen Flußarm ab⸗ geſchiedenen alten Inſel Thorney, wo Edward, der Bekenner, den verhängnißvollen Beſuch des Eroberers empfing; ſie erweitert ſich bei der Abtei und der Halle von Weſtminſter und verliert ſich zuletzt wie alle Erinnerungen irdiſcher Größe in geringe Durchläſſe und gemeine Gaſſen. So dachte auch Harley LEstrange, der immer we⸗ niger in der ihn umgebenden wirklichen Welt, als in den von ſeiner einſamen Seele heraufbeſchworenen Bildern lebte, als er die Brücke erreichte und der trägen lebloſen Schiffe anſichtig wurde, die ſchlummernd dalagen auf dem„ſtillen Weg“ einſt ſo laut und funkelnd von den vergoldeten Barken der alten Seignorie Englands. Die Brücke hatte Audley Egerton ſeinem Freunde als Stelldichein namhaft gemacht und dafür eine Stunde be⸗ zeichnet, jm welcher er ſeiner Berechnung nach ſich am leich⸗ teſten von der Debatte losmachen konnte. Denn die Sam⸗ melplätze von ſeines Gleichen waren Harley zuwider, und 925 er hatte es deßhalb abgelehnt, den Staatsmann in den überfüllten Regionen von Bellamy aufzuſuchen. Als Harley über die Brücke ging, fiel ihm eine ſtumme Geſtalt auf, die in einem der Brückenvorſprünge auf den Steinen ſaß und das Geſicht mit den Händen bedeckt hielt. „Wäre ich ein Bildhauer,“ ſagte er zu ſich ſelber,„ſo würde ich mir dieſe Haltung vergegenwärtigen, wenn ich die Idee des Kleinmuths verkörpern wollte.“ Er erhob den Blick und bemerkte ganz in der Nähe mitten auf der Straße die feſte, aufrechte Geſtalt Audley Egertons. Das Licht des Mondes lag voll auf der ehernen Stirne des mächtigen Staatsmanns und ließ die Linien des Gedankens und der Sorge, wie auch den kräftigen, aber kalten Ausdruck achtſamer Selbſtbeherrſchung deutlich unter⸗ ſcheiden. „Und ſehe ich dorthin,“ fuhr Harley in ſeinem Selbſt⸗ geſpräch fort,„ſo würde ich mir dieſes Bild in die Erinne⸗ rung rufen für den Fall, daß ich die Idee der Ausdauer in Granit zu meiſeln wünſchte.“ „Du haſt Dich doch pünktlich eingefunden,“ ſagte Eger⸗ ton, indem er ſeinen Arm in den von Harley legte. Harley.—„Natürlich pünktlich, denn ich weiß, wel⸗ chen Werth Deine Zeit hat, und will Dich nicht lange in Anſpruch nehmen. Ich denke, Du wirſt heute Abend als Redner auftreten.“ Egerton.—„Ich habe bereits geſprochen.“ Harley(mit Intereſſe).—„Und gut, wie ich hoffe?“ Egerton.—„Mit Erfolg wenigſtens, darf ich glan⸗ 926 ben; denn ich erntete lauten Beifall, deſſen ich mich nicht immer zu erfreuen habe.“ Harley.—„Und dies machte Dir Vergnügen?“ Egerton(nach kurzem Beſinnen).—„Nein, nicht im Geringſten.“ Harley.—„Was feſſelt Dich dann ſo ſehr an dieſes Leben— an dieſe unabläſſige Plackerei— an dieſen ewigen Krieg, in welchem alle erfreulicheren Vermögen ſchlummern und nur die wilden thätig ſind, wenn ſelbſt ihre Beloh⸗ nungen, von denen doch wohl der Beifall die beſte iſt, Dir kein Vergnügen bereiten können? Egerton.—„Was mich daran feſſelt?— Die Ge⸗ wohnheit.“ Harley.—„Märtyrer!“ Egerton.—„Du ſprichſt ein wahres Wort. Aber um auf Dich ſelbſt zu kommen— Du biſt alſo entſchloſſen, England in der nächſten Woche zu verlaſſen?“ Harley(verdrießlich).—„Ja. Dieſes Leben in einer Hauptſtadt, wo Alles ſo rührig iſt und ich allein zwecklos umherwandle, nagt an mir, wie ein zehrendes Fieber. Hier finde ich nichts, was mich unterhält, intereſſirt oder tröſtet. Ich habe mir übrigens vorgenommen, eh' es zu ſpät iſt, durch eine Gewaltanſtrengung die Vergangenheit abzuſtreifen und in die natürliche Welt der Menſchen zurückzukehren. Mit einem Worte— ich bin Willens, zu heirathen.“ Egerton.—„Wen?“ Harley(mit Ernſt).—„Bei meinem Leben, lieber Freund, Du biſt ein großer Philoſoph und haſt gengn den 927 Punkt getroffen, um den ſichs handelt. Du ſiehſt, ich kann keinen Traum heirathen, und wo anders, als in meinen Träumen, ſoll ich dieſes Wen' finden?“ Egerton.—„Du ſuchſt eben nicht danach.“ Harley.—„Sucht man je die Liebe? Blitzt ſie uns nicht entgegen, wo wir ſie am wenigſten erwarten? Iſt ſie nicht gleich der Begeiſterung der Muſe? Welcher Dichter ſitzt nieder und ſagt: Ich will ein Gedicht ſchreiben'? Wel⸗ cher Menſch ſieht ſich um und ſagt: Ich will mich ver⸗ lieben? Nein, das Glück fällt, wie der große Deutſche ſagt, plotzlich aus dem Schooß der Götter', und daſſelbe iſt bei der Liebe der Fall.“ Egerton.—„Du erinnerſt mich an die alte Stelle im Horaz: Des Lebens Fluth entſtrömt, während der Bauer an dem Ufer ſitzt und auf die Furth wartet.“ Harley.—„Ein Gedanke, der Dir zufällig vor eini⸗ gen Wochen entfiel und über den ich mir früher ſchon halb und halb Gedanken machte, hat mich ſeitdem immer um⸗ ſpukt. Könnte ich nur ein Kind von gefälligem Charakter und guten Anlagen finden, das ſich nach meinem Ideal heranbilden ließe. Ich bin noch jung genug, um einige Jährchen zuzuwarten, und für die Zwiſchenzeit hätte ich doch gewonnen, was mir ſo kläglich gebricht— einen Lebens⸗ zweck.“ Egerton.—„Du bleibſt doch ſtets ein Kind der Romantik. Aber was—“ In dieſem Augenblicke wurde der Miniſter durch einen Poten aus dem Haus der Gemeinen unterbrochen, welchen 928 Audley beauftragt hatte, ihn auf der Brücke zu ſuchen, im Fall man ſeiner bedürfen ſollte. „Sir, die Oppoſition zieht Vortheil aus der Leere des Hauſes und verlangt Abſtimmung. Um Zeit zu gewin⸗ nen, hat Mr. R— das Wort verlangt; aber man will ihn nicht hören.“ Egerton wandte ſich haſtig gegen Lord LEstrange. „Du ſiehſt, daß ich nicht länger bleiben kann. Morgen muß ich auf zwei Tage nach Windſor; aber wir ſehen uns noch nach meiner Rückkehr.“ „Mach' Dir keine Ungelegenheiten,“ verſetzte Harley. „Ich ſtehe außer dem Bereich Deines Rathes, o praktiſcher Verſtandesmenſch. Und wenn ich—“ fügte Harley mit liebevoller, wehmüthiger Weiche bei—„wenn ich Dich mit Klagen quäle, die Du nicht verſtehen kannſt, ſo iſt dies eine Gewohnheit, die noch von unſeren Schuljahren herſtammt. Ich muß Dir Alles vertrauen, was mir auf dem Herzen liegt.“ Egertons Hand bebte, als ſie die des Freundes drückte, und ohne ein Wort zu ſprechen, eilte er von hinnen. Harley blieb eine kleine Weile regungslos und in tiefem aber ruhi⸗ gem Nachdenken ſtehen; dann rief er ſeinen Hund und ſchlug die Richtung wieder nach Weſtminſter hin ein. Er kam an der Austiefung vorbei, in welcher das Bild des Kleinmuths ſich befand; es war jetzt aufgeſtanden und lehnte an dem Geländer. Der Hund, welcher vor ſeinem Herrn herlief, blieb vor der einſamen Geſtalt und beſchnüffelte ſie argwöhniſch. 929 „Nero, komm hieher,“ ſagte Harley. Nero? Dies war der Name, mit welchem nach Helens Ausſage der Freund ihres Vaters ſeinen Hund gerufen hatte. Dieſes Wort machte auf Leonard einen ſo erſchütternden Eindruck, daß er halb ohnmächtig gegen den Steinſims hin⸗ ſank. Er erhob das Haupt und blickte mit hoffnungsvoller Begier zu Harleys Geſicht auf. Die glänzenden, klaren Augen und doch ſo wunderſam tief und zerſtreut, wie Helen ſie beſchrieben hatte, begegneten den ſeinigen und hielten ſie gefeſſelt. Denn LEstrange hatte gleichfalls Halt gemacht, und das Geſicht des Jünglings ſchien ihm nicht unbekannt zu ſeyn. Er erwiederte den forſchenden Blick, der auf dem ſeinigen haftete, und erkannte den Leſer vor der Bücherbude. „Der Hund iſt ganz harmlos, Sir,“ bemerkte L'Es⸗ trange mit einem Lächeln. „Und ihr nennt ihn Nero?“ verſetzte Leonard, noch immer den Fremden betrachtend. Harley faßte die Frage in einem andern Sinne auf, als ſie gemeint war. „Ja, Sir; aber er iſt frei von den blutgierigen Ge⸗ lüſten ſeines römiſchen Namensvetters.“ Harley wollte vorübergehen; aber Leonard ſagte ſtot⸗ ternd— „Verzeiht mir, aber waͤre es möglich, daß Ihr derjenige ſeyd, den ich ſo lange vergeblich ſuchte wegen der Tochter des Kapitän Digby?“ Harley blieb ſtehen. Bulwer, meine Novelle. 59 930 „Digby?“ rief er.„Wo iſt er? Ich gab ihm eine Adreſſe und er hätte mich leicht finden können.“ „Ach, dem Himmel ſey Dank!“ rief Leonard.„Helen iſt gerettet— ſie wird jetzt nicht ſterben.“ Und er brach in Thränen aus. Einige Augenblicke und ein Paar Worte reichten zu, um Harley über die Lage der Waiſe ſeines alten Kameraden zu unterrichten. Bald nachher ſtand er ſelbſt in dem Zimmer der kleinen Kranken, kühlte ihre brennenden Schläfen an ſeiner Bruſt und flüſterte ihr in die Ohren, denen Alles nur wie ein glücklicher Traum vorkam—= „Tröſte Dich; Dein Vater lebt in mir wieder auf.“ Und dann erhob Helen ihre Augen und ſagte: „Aber Leonard iſt mein Bruder— mehr als Bruder — und er iſt väterlicher Fürſorge mehr benöthigt, als ich.“ „Böt, bst, Helen! Ich bedarf keiner ſolchen Sorge— jetzt nicht mehr!“ rief Leonard, und ſeine Thränen floßen über die kleine Hand nieder, welche die ſeinige umfaßt hielt. Achtzehntes Kapitel. Harley LEstrange war ein Mann, auf den Alles, was zur romantiſchen und poetiſchen Seite des menſchlichen Le⸗ bens gehört, einen tiefen Eindruck machte. Als er erfuhr, welche Bande dieſe Kinder der Natur zuſammenknüpften, die mitten in den Stürmen des Schickſals allein Seite an Seite ſtanden, fühlte er eine mächtige Regung, wie er ſie in Jahren 931 nicht empfunden hatte. In jenen traurigen Dachkammern, die vom Rauch und Qualm einer armen Vorſtadt verdüſtert wurden und die Werktagswelt in ihrer rauheſten und ge⸗ meinſten Form zur Umgebung hatten, trat jenes göttliche Gedicht vor ſeine Seele, das aus der völligen Verbindung des Geiſtes mit dem Herzen quillt. Hier auf dem rauhen, tannenen Tiſche befanden ſich— die Tinte war kaum trocken — die Schriften des jugendlichen Kämpfers um Ruhm und Brod, und dort, hinter der bretternen Scheidewand, lag auf ſchlechter Streu des Jünglings einzige Tröſterin, ſein Alles, für das ſein Hetz mit inniger menſchlicher Zuneigung er⸗ warmen konnte. Dieſſeits der Wand die Welt der Phan⸗ taſie, jenſeits die des Grams und der Liebe, und da wie dort ein gleich erhabener Geiſt— eine Aufopferung ohne alle Selbſtſucht, jenes„Etwas“, das ſich weit aufſchwingt über die Sphäre der Sorgen. Als Harley Helens Lager verließ und Leonard in ſein Gemach folgte, ſah er ſich um und bemerkte auf dem Tiſche das Manuſeript. Er deutete danach hin und ſagte in ſanf⸗ tem Tone: „Und dies ſind die Arbeiten, durch welche ihr die Sol⸗ datenwaiſe unterſtütztet— ſelbſt ein Soldat in einem harten Kampfe?“ „Die Schlacht war verloren— ich konnte nichts für ſie thun,“ verſetzte Levnard traurig. „Aber Ihr ſeyd doch nicht zum Ausreißer geworden. Als Pandoras Büchſe geöffnet wurde, blieb der Sage nach als Letztes die Hoffnung zurück—“ 59* 932 „Dies iſt falſch,“ verſetzte Leonard;„eine heidniſche Vorſtellung. Es gibt Gottheiten, welche bleiben, wenn auch die Hoffnung entſchwunden iſt— die Dankbarkeit, die Liebe und das Pflichtgefühl.⸗ „Eure Natur iſt keine gewöhnliche,“ rief Harley be⸗ wundernd;„doch wir können ſpäter näher darauf eingehen. Vorderhand eile ich zu einem Arzt, um ihn herzuholen. Das arme Kind muß ſobald als möglich aus dieſer dumpfen Luft entfernt werden. Inzwiſchen laßt mich Eure Verwerfung der alten Fabel berichtigen. So lange Dankbarkeit, Liebe und Pflichtgefühl dem Menſchen bleiben, iſt auch, glaubt es mir, die Hoffnung noch da, obſchon ſie vielleicht nicht ſicht⸗ bar unter den ſchirmenden Schwingen der edleren Gottheiten ſich birgt.“ Harley ſprach dies mit ſeinem wundervollen Lächeln, das einen Glanz über das ganze Gemach breitete, und ent⸗ fernte ſich. Leonard ſchlich an das verwitterte Fenſter und blickte nach den Sternen auf, die blaß über den Dachfirſten her⸗ nieder blinkten. „O Allgegenwärtiger und Albarnherziger“ mur⸗ melte er—„wie tröſtlich iſt es mir jetzt, denken zu können, daß ich, wie ſehr auch meine Träume vom Wiſſen den Him⸗ mel verdunkelten, nie an Deinem Daſeyn zweifelte, lichtvoll und ewig, wenn auch hinter einer Wolke verborgen.“ So betete er eine Weile in ſeinem Innern fort und ging dann in das Kämmerchen der Kranken, an deren Seite er regungslos ſitzen blieb, da ſie eingeſchlafen war. Sie 933 erwachte wieder, als Harley mit dem Arzt anlangte. Leo⸗ nard kehrte jetzt nach ſeinem Gemach zurück und bemerkte unter ſeinen Papieren den Brief, den er an Mr. Dale ge⸗ ſchrieben hatte. „Jetzt habe ich nicht nöthig, meinen Beruf zu be⸗ ſchimpfen— ich brauche nicht mehr zu betteln,“ murmelte er und hielt den Brief an die Flamme der Kerze. Und während er dies ſagte und die glimmende Papier⸗ kohle auf den Boden fiel, ſpürte er zum erſtenmal in ſeinen Eingeweiden den nagenden Hunger, von dem die Span⸗ nung und Aufregung der letzten Stunden ihn nichts hatte empfinden laſſen. Doch auch der Hunger konnte den edlen Stolz nicht dämpfen, welcher nur einem noch edleren Ge⸗ fühle gewichen war, und er lächelte, als er wiederholte:— „Kein Bettler!— Das Leben, das ich zu hüten ge⸗ ſchworen habe, iſt gerettet. Ich kann wieder frei die Stirne erheben gegen das Schickſal.“ Neunzehntes Kapitel. In einer geſünderen Umgebung und unter geſchickter ärztlicher Behandlung war Helen ſchon nach einigen Tagen außer Gefahr. Ihre Wohnung war ein hübſches einſam ſtehendes Häuschen, deſſen Fenſter eine Ausſicht nach den wilden Haiden von Norwood boten, und Harley ritt täglich heraus, um ſelbſt Zeuge von der fortſchreitenden Beſſerung ſeiner kleinen Pfleg⸗ 934 befohlenen zu ſeyn; ein Lebenszweck war alſo bereits für ihn gefunden. Als Helen beſſer wurde und ſich kräftiger fühlte, ließ ſie ſich leicht zum Plaudern veranlaſſen, und er hörte ihr mit froher Ueberraſchung zu. Das kindliche Herz und der gereifte Verſtand, beides in einem ſo ſeltenen Gegenſatz und Einklang, machte einen ſehr angenehmen Eindruck auf ihn. Seinem Verlangen gemäß mußte Leonard gleichſam die Hütte beziehen, und unſer junger Freund blieb gerne da, bis Helens Geneſung außer Zweifel war. Eines Tages aber kam er zu Lord L'Estrange, als dieſer eben wieder nach der Stadt zurückreiten wollte und ſagte ruhig zu ihm: „Mein Lord, Helen iſt jetzt außer Gefahr und wird mich nicht mehr brauchen. Ich darf daher Eurer Güte nicht länger zur Laſt fallen und will nach London zurückkehren.“ „Ihr ſeyd mein Gaſt— von Laſt iſt keine Rede, thörich⸗ ter Junge,“ verſetzte Harley, dem der Stolz, welcher in dieſer Verabſchiedung ſich kund gab, nicht entgangen war. „Kommt mit in den Garten; wir wollen uns über die Sache beſprechen.“ Harley ſetzte ſich im Freien auf eine Bank, Nero kauerte ſich zu ſeinen Füßen nieder, und Leonard blieb neben ihm ſtehen.. „Ihr wollt alſo nach London zurückkehren,“ ſagte Lord L'Estrange—„was dort thun?“ „Mein Schickſal erfüllen.“ „Und das wäre?“ „Wie kann ich dies wiſſen? Das Schickſal iſt die Iſis, deren Schleier kein Sterblicher zu lüften vermag.“ 935 „Ihr könntet zu großen Dingen geboren ſeyn,“ ſagte Harley abgebrochen.„Ohne Zweifel ſchreibt Ihr gut; ich habe geſehen, daß Ihr Eure Studien mit Leidenſchaft be⸗ treibt. Und was beſſer iſt, als ſchreiben und ſtudiren, Ihr habt ein edles Herz und ein ſtolzes Verlangen nach Unab⸗ hängigkeit. Laßt mich Eure Manuſkripte oder etwas von dem ſehen, was Ihr bereits habt drucken laſſen. Ihr braucht keinen Anſtand zu nehmen— ich wünſche blos zu leſen. Es fällt mir nicht ein, mich zu Eurem Patron auf⸗ werfen zu wollen— ich kann dieſes Wort nicht leiden.“ Leonards Augen funkelten durch das Naß, welches ſich plötzlich darin zeigte.— Er holte ſeine Mappe heraus, legte ſie neben Harley auf die Bank und entfernte ſich dann nach einem entlegeneren Theil des Gartens. Nero ſah ihm nach, ſtand dann auf und folgte ihm langſam. Der Jüngling ſetzte ſich auf den Raſen und Nero legte ſeinen trägen Kopf auf das lautpochende Herz des Dichters. Harley nahm die verſchiedenen vor ihm liegenden Pa⸗ piere auf und las ſie mit Muße durch. Er war ſicherlich kein Kritiker und nicht daran gewöhnt, das, was ihm ge⸗ fiel oder nicht gefiel, zu zergliedern; aber er beſaß eine raſche Auffaſſung und einen feinen Geſchmack. Während des Le⸗ ſens zeigte ſein immer ſo ausdrucksvolles Geſicht bald Zweifel, bald Bewunderung. Bald fiel ihm in den Schrif⸗ ten des Jünglings ein gewiſſer Gegenſatz auf zwiſchen den Stellen, in welchen blos die Phantaſie waltete, und denen, welche die Frucht ringenden Nachdenkens waren. In den erſteren ſchien der junge Dichter ſeiner Individualität ganz 936 unbewußt zu ſehn; die Einbildungskraft, welche ſich hoch und weit erhob über die Schauplätze ſeiner Leiden, tum⸗ melte ſich in einem Paradies voll glücklicher, goldener Schöpfungen. Aber in der letzteren ſtand der Denker allein und trauernd da, in bekümmerter Sorge ſeine Fragen an die harte Welt richtend, die vor ſeinen Blicken lag. Im Bereich ſeines Denkens war Alles unſtet und wild, in dem des Fühlens Alles heiter und voll Frieden. Der Genius ſchien ſich in zwei Geſtalten zu theilen, von denen die eine ihre Schwingen in dem Sternenthau des Himmels ba⸗ dete, die andere langſam und trübſinnig auf öden, endloſen Sandwüſten dahin wandelte. Harley legte die Papiere nieder und ſann eine Weile nach. Dann erhob er ſich, ging auf Leonard zu und betrachtete das Geſicht des Jünglings, als er näher trat, mit neuer und innigerer Theilnahme. „Ich habe Eure Arbeiten geleſen,“ ſagte er,„und er⸗ kenne darin zwei Menſchen, welche zwei weſentlich von ein⸗ ander verſchiedenen Welten angehören.“ Leonard war betroffen und murmelte: „Ihr ſagt die Wahrheit.“ „Ich ſürchte,“ fuhr Harley fort,„daß der eine davon den anderen aufreiben muß, wofern ſie nicht zu einem einzigen harmoniſchen Daſeyn verſchmelzen. Holt Euren Hut, nehmt das Pferd meines Reitknechts und kommt mit mir nach London; wir wollen unterwegs mit einander reden. Ich bin mit Euch der Anſicht, das erſte Ziel eines jeden edleren Geiſtes ſey Unabhängigkeit. Nur auf dem Wege zu ihr erlaube ich mir, Euch meinen Beiſtand anzu⸗ „„— 937 bieten, und dies iſt ein Dienſt, welchen der ſtolzeſte Menſch ohne Erröthen ſich gefallen laſſen kann.“ Leonard erhob den Blick zu Harley und ſeine Augen ſchwammen in dankbaren Thränen; aber ſein Herz war zu voll, um ein Wort der Erwiederung zu finden. „Ich gehöre nicht zu denen,“ ſagte Harley, als ſie unterwegs waren,„welche glauben, daß ein junger Menſch, welcher Verſe machen kann, zu nichts Anderem tauge und entweder ein Dichter oder ein Bettler werden müſſe. Bereits habe ich gegen Euch bemerkt, daß in Euch zwei Weſen⸗ heiten thätig zu ſeyn ſcheinen, der Menſch der idealen und der Menſch der wirklichen Welt. Jedem von dieſen kann ich eine beſondere Laufbahn anweiſen. Die des erſteren iſt vielleicht die verlockendere. Es liegt im Intereſſe des Staats, alles Talent und allen Gewerbfleiß, die er für ſich gewinnen kann, in ſeinen Dienſt zu ziehen, und ſeinem Va⸗ terland dienen iſt ein Beruf, auf den jeder Angehörige eines freien Landes ſtolz ſeyn darf. Ich habe einen Freund, der Miniſter iſt und bekanntlich das Talent gerne ermuthigt— Audley Egerton. Es koſtet mich gegen ihn nur die Erklä⸗ rung: Da iſt ein junger Mann, welcher der Regierung gut lohnen wird, was ſie auf ihn verwendet', und Ihr ſteht morgen, was die Mittel betrifft, unabhängig da und habt die ſchönſte Gelegenheit, Euch Vermögen und Auszeich⸗ nung zu erwerben. Dies iſt ein Anerbieten. Was ſagt Ihr dazu?“ Eine bittere Erinnerung an die angebotene Krone be⸗ 938 ſchlich Leonard bei Erwähnung von Egertons Namen. Er ſchüttelte den Kopf und entgegnete:— „Oh, mein Lord, wie habe ich dieſe Güte verdient? Thut mit mir, was Ihr wollt, aber wenn mir die Wahl bleibt, möchte ich lieber dem begonnenen Berufe folgen. Dies iſt nicht der Ehrgeiz, der mich beſeelt.“ „So hört denn meinen zweiten Vorſchlag. Ich habe noch einen Freund, mit dem ich freilich weniger vertraut bin als mit Egerton, und der über keine materiellen Mittel zu gebieten hat. Ich ſpreche von einem Mann der Wiſſen⸗ ſchaft, von Henry Norreys, der Euch ohne Zweifel nicht un⸗ bekannt iſt und, wie ich wohl ſagen darf, ein Intereſſe für Euch faßte, als er Euch vor der Bücherbude leſen ſah. Ich hörte ihn oft ſich äußern, man täuſche ſich ſo häufig in einem vermeintlichen Beruf für die Literatur; aber wenn man ſie ſich zur Lebensaufgabe mache und ſich dabei die⸗ ſelbe Mühe, dieſelbe Klugheit, welche jeder andere Beruf in ſeiner Vollendung fordert, nicht verdrießen laſſe, ſo könne man zuletzt immerhin ſein ordentliches Auskommen darin finden. Freilich iſt der Weg lang und mühſam und führt zu keiner anderen Macht, als zu der über die Gedanken. Reichthum wird dadurch ſelten errungen, und obgleich man eines Rufes ſicher ſeyn darf, ſo wird doch der Ruhm, von dem die Dichter träumen, nur Wenigen zu Theil. Was ſagt Ihr zu dieſer Laufbahn?“ „Mein Lord, ich bin entſchloſſen,“ entgegnete Leonard mit Feſtigkeit, und ſein Geſicht leuchtete von Begeiſterung, als er fortfuhr:„Ja, wenn es, wie Ihr ſagt, zwei Menſchen — ———— A— — 8 N— N 8—— 8 * n 939 in mir gibt, ſo fühle ich, daß der Eine zu Grunde gehen müßte, im Fall mich mein Geſchick ganz auf die mechaniſche, praktiſche Welt verwieſe. Und der Sieger wäre dann der rohere und unedlere. Laßt mich jenen Ideen folgen, die, obſchon ſie bis jetzt nur unbeſtimmt und formlos vor mir auf⸗ zuckten, mich immer ſonnenwärts trugen. Was liegt daran, ob ſie Ruhm und Vermögen einbringen oder nicht— wenig⸗ ſtens werden ſie mich nach Oben führen. Das Wiſſen iſt Selbſtzweck, und es kümmert mich nicht, daß es nicht auch Macht iſt.“ „Genug“, ſagte Harley mit einem wohlgefälligen Lächeln über die Ergießung ſeines jungen Gefährten.„Da Ihr Euch hiefür entſcheidet, ſo ſoll es dabei bleiben. Er⸗ laubt mir, wenn es nicht als Ungebühr erſcheint, noch einige Fragen. Euer Name iſt Leonard Fairfield?“ Der Jüngling erröthete hoch und ſenkte den Kopf als Bejahung. „Helen ſagt, Ihr hättet Euch ſelbſt unterrichtet; in Betreff des Uebrigen verweist ſie mich an Euch. Vermuth⸗ lich dachte ſie, ich würde Euch weniger achten— im Gegen⸗ theil, nur noch höher— wenn ſie mir mittheilte, Ihr ſeyet, wie ich zu vermuthen mir erlaube, von geringer Herkunft.“ „Meine Geburt,“ verſetzte Leonard,„iſt ſehr— ſehr — gering.“ „Der Name Fairfield iſt mir nicht unbekannt. Ein Mann dieſes Namens heirathete in eine Familie von Lans⸗ mere— verband ſich mit einer Avenel—“ fügte Harley bei, und ſeine Stimme bebte.„Ihr wechſelt die Farbe. 94⁰ Wie, ſollte der Name Eurer Mutter Avenel geweſen ſeyn?“ „Ja,“ antwortete Fairfield durch die geſchloſſenen Zähne. Harley legte ſeine Hand auf die Schulter des Jüng⸗ lings. „So habe ich in der That einen Anſpruch auf Euch. Wahrhaftig, dann ſind wir Freunde. Ich habe ein Recht, jedem von dieſer Familie zu dienen.“ Leonard ſah ihn überraſcht an. „Denn ſie hing immer treu an der meinigen,“ fuhr Harley ſich faſſend fort,„und meine Erinnerungen an Lans⸗ mere, vbgleich ſie nur aus meiner Knabenzeit ſtammen, ſind unzerſtörlich.“ Nachdem er ausgeſprochen, gab er ſeinem Pferd den Sporn, und es trat wieder eine lange Pauſe ein. Von die⸗ ſer Zeit an aber ſprach er ſtets in ſanftem Tone mit Leonard und betrachtete ihn oft mit angelegentlichen⸗ wohlwollenden Blicken. Sie erreichten ein Haus in der Mitte der Stadt, ob⸗ ſchon nicht in einer faſhionablen Straße. Ein Diener von auffallend ernſtem und gravitätiſchem Ausſehen öffnete die Thüre. Der Mann hatte ſein ganzes Leben bei Schrift⸗ ſtellern zugebracht, und ſo war der arme Teufel vor der Zeit alt geworden. Die Sorge auf ſeinen Lippen und Wichtig⸗ thuerei auf ſeiner Stirne— keines Sterblichen Feder ver⸗ mag ſie zu ſchildern! „Iſt Mr. Norreys zu Hauſe?“ fragte Harley. —+—„—— — ₰ h. t 94¹ „Er iſt zu Hauſe— für ſeine Freunde, mein Lord,“ antwortete der Diener majeſtätiſch und ſtolzirte mit dem Schritt eines Dangeau, der einen Montmorench bei Louis le grand einführt, durch die Halle. „Bleibt— weist dieſem Gentleman ein anderes Zim⸗ mer an. Ich will zuerſt mit Mr. Norreys allein ſprechen. Wartet auf mich, Leonard.“ Der Diener nickte mit dem Kopf und führte Leonard in das Speiſezimmer. Dann blieb er vor der Bibliothek⸗ thüre ſtehen, lauſchte einen Augenblick, ob er nicht vielleicht einen Moment der Begeiſterung ſtöre, und öffnete dann ganz ſachte. Zu ſeinem unausſprechlichen Aerger drängte Harley vor und trat ohne Umſtände ein. Das große Zimmer war vom Boden bis an die Decke mit Büchern ausgekleidet. Auch auf den Tiſchen und auf allen Stühlen umher lagen Bücher. Harley ſetzte ſich auf einen Folioband von Ra⸗ leigh's Weltgeſchichte und rief— „Ich habe Euch einen Schatz gebracht!“ „Was für einen?“ verſetzte Norreys, in guter Laune von ſeinem Pult aufſehend. „Einen Geiſt!“ „Einen Geiſt?“ wiederholte Norreys zerſtreut.„Euren eigenen?“ „Pah— ich habe keinen— ich habe nur ein Herz und eine Phantaſie. Hört mich an. Ihr erinnert Euch des jungen Menſchen, den wir vor der Bücherbude leſen ſahen. Ich habe ihn für Euch aufgefiſcht, und Ihr ſollt ihn zum Mann bilden. Ich hege das wärmſte Intereſſe für 942 ſeine Zukunft, denn ich kenne ſeine Familie, und ein Mitglied derſelben iſt mir ſehr theuer geweſen. Was die Geldmittel betrifft, ſo hat er keinen Schilling und keinen Schilling würde er umſonſt von Euch oder von mir annehmen. Aber er bringt ein kühnes Herz für die Arbeit, und dieſe müßt Ihr für ihn ausfindig machen.“ Harley erzählte ſodann ſeinem Freund in Kürze, welche Vorſchläge er ihm gemacht und welche Wahl Leonard ge⸗ troffen hatte. „Dies verſpricht ſehr viel,“ verſetzte der Gelehrte. „Für die Literatur muß eben ſo gut ein innerer Beruf vor⸗ handen ſeyn, wie für die Rechtsgelehrſamkeit. Ich will Alles thun, was Ihr wünſcht.“ Harley erhob ſich haſtig, drückte Norreys herzlich die Hand und eilte aus dem Zimmer, um alsbald mit Leonard zurückzukehren. Mr. Norreys betrachtete den jungen Mann mit Auf⸗ merkſamkeit. Er war in ſeinem Benehmen von Natur aus eher abgemeſſen als herzlich gegen Fremde und bildete darin, wie in den meiſten Dingen einen ſtrengen Gegenſatz gegen den armen, verkommenen Burley. Indeß war er ein guter Phyſiognomiker, und Leonards Geſicht gefiel ihm. Nach einer Pauſe bot er ihm die Hand hin: „Sir,“ begann er,„Lord LEstrange ſagt mir, daß Ihr die Literatur zu Eurem Beruf zu machen und ohne Zweifel als eine Kunſt zu ſtudiren wünſcht. Ich will Euch vazu behülflich ſeyn, und zugleich könnt Ihr mir ſelbſt an die Hand gehen. Ich hrauche einen Ammanuenſis und biete ₰„„ ℳ ed el de er he e⸗ te. r ill die uf⸗ us in, en ter 943 Euch dieſe Stelle an. Der Gehalt wird ſich nach den Dienſten richten, die Ihr mir leiſtet. Ich habe in meinem Haus ein Zimmer zu Eurer Verfügung. Als ich zum erſten Mal nach London kam, traf ich dieſelbe Wahl, für die Ihr Euch dem Vernehmen nach entſchieden habt, und ich finde, ſelbſt vom weltlichen Standpunkt aus betrachtet, keinen Grund, ſie zu bereuen. Sie half mir zu einem Einkommen, das mir mehr abwirft, als ich brauche, und den Erfolg mei⸗ ner Bemühungen verdanke ich den Grundſätzen, welche auf alle Berufsarten Anwendung finden. Erſtlich: überlaß nichts dem Genie, was du durch Arbeit erringen kannſt; zweitens: wolle nicht das lehren, was du dir nicht vurch Studium ganz zu eigen gemacht haſt, und drittens: über⸗ nimm nie einen Auftrag, den du nicht nach deinen beſten Kräften auszuführen Willens biſt. Folgt man dieſen Re⸗ geln, ſo iſt die Literatur, vorausgeſetzt, daß man ſich nicht in ſeiner Befähigung dafür täuſcht und unter gutem Rath ſeine natürlichen Kräfte eine Schule durchmachen läßt, die ja in allen Zweigen der Thätigkeit nöthig iſt, ein eben ſo guter Beruf, wie jeder andere. Ohne ſie aber iſt ein Schuhputzer unendlich beſſer daran.“ „Wohl möglich,“ murmelte Harley;„aber es hat große Schriftſteller gegeben, die keine von Euren Regeln beob⸗ achteten.“ „Sie mögen große Schriftſteller geweſen ſeyn, waren aber gewiß als Menſchen durchaus nicht beneidenswerth. Mein Lord, mein Lord, verderht mir den Zögling nicht, den Ihr mir zuführt.“ 944 Harley lächelte und verabſchiedete ſich, das Genie bei dem geſunden Verſtand und der Erfahrung in der Schule zurücklaſſend. Zwanzigſtes Kapitel. Während Leonard Fairfield in der Dunkelheit mit Ar⸗ muth, Vernachläſſigung, Hunger und furchtbaren Verſuchun⸗ gen zu kämpfen hatte, war für Randal Leslie der Tag glän⸗ zend aufgegangen, und der Pfad aufwärts lag eben vor ihm. Sicherlich konnte kein fähiger, ehrgeiziger junger Mann mit ſchöneren Ausſichten ins Leben eintreten. Er war der Ver⸗ wandte und anerkannte Günſtling eines beliebten thatkräf⸗ tigen Staatsmannes, der Verfaſſer einer trefflichen po⸗ litiſchen Schrift, welche ihm mit einemmal eine eigene Stel⸗ lung angewieſen hatte, gelitten und geehrt in jenen höchſten Kreiſen, zu denen weder Rang noch Vermögen als alleiniger Paß gilt, in Kreiſen, die über der vornehmen Welt ſtehen und, da ſie die Macht in ſich vereinigen, alle Leichtigkeit bieten, ſein Wiſſen zu erweitern und gelegentlich die Welt aus den Reden ihrer anerkannten Lenker kennen zu lernen — mit einem Worte, Randal durfte nur geradeaus gehen⸗ um ſeines Erfolges ſicher zu ſeyn. Aber ſein Schlangengeiſt liebte geheime Anſchläge und Ränke um ihrer ſelbſt willen, und die Intrigue ſchien ihm einen kürzeren Weg zum Reich⸗ thum, wenn auch nicht zum Ruhme zu bieten. Seine Hauptſünde war auch zugleich ſeine ſchwächſte Seite. Sein en eit elt en en, eiſt en, (ch⸗ ine 945 Trachten beſtand nicht in einem thatkräftigen Streben, ſon⸗ dern in neidiſchem Begehren. Obgleich er auf einer weit höheren geſellſchaftlichen Stufe ſtand, als Frank Hazel⸗ dean ungeachtet ſeiner günſtigeren weltlichen Verhältniſſe einnahm, neidete er ihm doch gerade die Dinge, die das Emporkommen ſeines alten Schulkameraden hinderten— ſeinen fröhlichen Müſſiggang, ſein ſorgloſes Haſchen nach Vergnügungen und ſogar die Vergeudung ſeiner Jugend⸗ kräfte. Eben ſo war es ihm weniger darum zu thun, Audley Egerton im Ruhme nachzueifern, ſondern der Prunk des Miniſters, ſein Reichthum, ſein fürſtlicher Aufwand und ſein Schloß Rackrent in Grosvenor Square ſtach ihn hauptſäch⸗ lich in die Augen. Es war ein Unglück ſeiner Geburt, daß er dieſem beiderſeitigen Vermögen ſo nahe ſtand— dem einer Leslie als das künftige Haupt des geſunkenen Hauſes, und dem der Hazeldeane aus dem früher angedeuteten Grunde: wenn nämlich der Squire keinen Sohn gehabt hätte, ſo wäre Randal vermöge ſeiner Abſtammung von einer Hazeldean derjenige geweſen, an welchen der umfaſſende Grundbeſitz dieſer Familie kommen mußte. Die meiſten jungen Männer, welche mit Audley Egerton in ſo vertraute Berührung gekommen wären, würden doch für dieſen Mann eine gewiſſe pflichtmäßige und bewundernde, wenn auch nicht gerade liebevolle Achtung empfunden haben, denn es lag etwas Großartiges in Egerton— ein Etwas, das die Jugend bezaubert und einen gebieteriſchen Eindruck auf ſie macht. Sein entſchloſſener Muth, ſein thatkräftiger Wille, ſeine faſt königliche Freigebigkeit, welche einen merkwürdigen Gegen⸗ Bulwer, meine Novelle. 60 9456 ſatz bildete zu ſeiner einfachen Lebensweiſe, die man faſt Strenge gegen ſich ſelbſt nennen möchte, eine ſeltene, ſchein⸗ bar unbewußt geübte hinreißende Gewalt ſelbſt über die verwöhnteſten Frauen und die ſtarrköpfigſten Männer, wenn es für ſeine Zwecke nöthig war— alles Dies diente dazu, dem praktiſchen Mann einen Zauber zu verleihen, der ge⸗ wöhnlich nur bei dem idealen zu finden iſt. Hier war nicht die gewöhnliche, ſich abrackernde Bindfadenmaſchine klein⸗ lichen Geſchäfts, ſondern der ſcharfe Verſtand, der ſich ſeiner Zwecke klar bewußt iſt und ſie mit unbeugſamer Thatkraft verfolgt. In einer der Auflöſung nahen und verderbten Staatsform hätte Audley bei ſolchen Eigenſchaften und der Entſchloſſenheit ſeines Ehrgeizes ein ſehr gefährlicher Bürger werden können; aber das öffentliche Leben Eng⸗ lands hat einen Kern, welcher dem Ehrgeizigen zugleich Ehrenhaftigkeit aufzwingt, wenn anders ſein Blick nicht ſo ſchielend und gelbſüchtig iſt, wie der Randal Leslie's. Es iſt in England ſo nothwendig, ein Gentleman zu ſeyn. Wie wenig ſtolz und empfindlich auch ein Angehöriger dieſes Lan⸗ des in anderen Dingen ſeyn mag, man darf ihn nur bei vieſem Punkte anfaſſen, und alles iſt Feuer und Reizbar⸗ keit. Da Randal mehr von ſeinem Gönner ſah, als andere, und ſeine Launen mit den Luchsaugen des Hausſpions be⸗ wachte, ſo entging es ihm nicht, daß dieſer harte methodiſche Mann gelegentlich Anfällen der Schwermuth und ſogar des Trübſinns ausgeſetzt war, und obſchon ſie nie lange dauerten, ſo ſchienen ſie doch die Vermuthung zu rechtfertigen, daß tief in ſeinem Innern etwas Gepreßtes und Peinliches verborgen —— v 8— NM 947 liege, aus welchem ſich auch ſeine gewöhnliche Kälte erklärte. Dies würde ein dankbares Herz zu wohlwollender Theil⸗ nahme bewogen haben; aber für den wachſamen, lauernden Randal bot es nur in ſo fern Intereſſe, als er darin den Schlüſſel zu einem Geheimniß zu finden hoffte, aus dem er für ſich ſelbſt Vortheil ziehen konnte. Denn der junge Mann haßte Egerton, und zwar um ſo mehr, weil er trotz ſeiner Schulweis heit und der hohen Meinung von ſeinem eige⸗ nen Talente, ſeinen Gönner nicht verachten konnte— weil es ihm noch nicht gelungen war, denſelben zu einem bloſen Werkzeug, zu der Leiter für ſeine Erhöhung zu machen— und weil er glaubte, der Miniſter durchſchaue ſein ränke⸗ volles Herz, obſchon derſelbe, gleichſam in tiefer Gering⸗ ſchätzung, ſeinem Schützling vorwärts half. Dieſer letztere Argwohn war übrigens unrichtig, denn Egerton ahnete nichts von Leslie's verderbtem, tückiſchem Weſen. Er hatte vielleicht andere Gründe, denſelben in einer gewiſſen Ent⸗ fernung zu halten; aber er kümmerte ſich zu wenig um Randals perſönliche Gefühle gegen ihn, um nach ſeiner Zu⸗ neigung zu fragen oder die Aufrichtigkeit eines Menſchen in Zweifel zu ziehen, der ihm ſo viel zu verdanken hatte. Was übrigens Randal noch mehr als alles Andere erbitterte, war die abſichtliche Offenheit, mit welcher Egerton zu wiederholten Malen die gehäſſige Erklärung gegen ihn laut werden ließ, er habe nichts zu erwarten von des Miniſters Teſtament, alſo nichts von dem Reichthum, welcher den armen Erben der Leslie von Rood ſo ſcharf in die hungrigen Augen biß. Wen gedachte wohl Egerton zu ſeinem Erben zu machen? 60* 948 Natürlich Niemand anders als Frank Hazeldean. Und doch ſchenkte Audley ſeinem Neffen ſo gar keine Aufmerkſamkeit und war ſo gleichgültig gegen ihn, daß dieſe Vorausſetzung, wie nahe ſie auch liegen mochte, einem Zweifel ausgeſetzt zu ſeyn ſchien. Randals Verſchmitztheit ſah ſich in einer Klemme. Je weniger er übrigens vorderhand auf Eger⸗ ton's Vermögen Rechnung machen durfte, deſto mehr be⸗ ſchäftigten ſich ſeine Gedanken mit der Möglichkeit, Frank Hazeldean wenigſtens theilweiſe, wo nicht ganz, aus ſeinem väterlichen Erbe zu verdrängen. Einem weniger ſchlauen, ränkeſüchtigen und gewiſſenloſen Charakter, als der war, zu welchem ſich Randal mit jedem Tage mehr und mehr ausbildete, hätte ein ſolcher Plan als die verrückteſte Selbſt⸗ verblendung vorkommen müſſen; aber es lag etwas Furcht⸗ bares in der Art, wie dieſer junge Mann das Wiſſen in Macht umzuwandeln ſich mühte und es zu ſeinem Studium machte, alle Schwächen Anderer zum Dienſt für ſeine Zwecke zu benützen. Er hatte ſich vollkommen in Franks Vertrauen eingewühlt, erfuhr von ihm alle Charaktereigenheiten des Squire und wog reiflich jedes Wort in den Briefen des alten Herrn ab, die der junge Gardeoffizier nie dem tückiſchen Freunde mitzutheilen verſäumte. Randal bemerkte an dem Squire zwei bei Grundeigenthümern nicht ſeltene Züge, die ſich vielleicht als Gegengewichte gegen die Wärme der väter⸗ lichen Liebe benützen ließen. Erſtlich lagen dem Squire ſeine Güter wie ein lebendes Weſen, wie ein Theil von ſeinem Fleiſch und Blut, am Herzen, und er pflegte dieſe ſeine Schwäche, wenn er Frank eine Vorleſung hielt über die 949 Sünde der Verſchwendung, ſtets in folgenden Worten aus⸗ zulaſſen:—„Was ſoll aus dem Gut werden, wenn es in die Hände eines Verſchwenders fällt? Kein Menſch ſoll mir Hazeldean in die Winde jagen. Frank mag ſich in Acht nehmen,“ u. ſ. w. Zweitens liebte der Squire nicht blos ſeine Ländereien, ſondern war auch eiferſüchtig auf ſie— eine Eiferſucht, welche man bisweilen ſogar an den zärtlichſten Vätern ihren natürlichen Erben gegenüber bemerkt. Der Gedanke war ihm unerträglich Frank könnte auf ſeinen Tod rechnen, und er ſchloß ſelten einen Ermahnungsbrief, ovhne ſeinen Sohn darauf aufmerkſam zu machen, daß Hazeldean kein Fideicommiß ſey und es ihm(dem Squire) freiſtehe, ſowohl während ſeiner Lebzeiten als für den Fall ſeines Todes nach Willkür darüber zu verfügen. Derartige mittel⸗ bare Drohungen wirkten eher kränfend und erbitternd, als einſchüchternd auf Frank, der von Natur edelmüthigen und hochherzigen Sinnes und nie mehr zu Unbeſonnenheiten ge⸗ neigt war, als nach ſolchen Hindeutungen auf ſein eigenes Intereſſe, welche das Verlangen in ihm weckten, zu zeigen, daß dergleichen Berufungen am allerwenigſten bei ihm ver⸗ fingen. Mit Hülfe ſolcher Blicke in den Charakter des Va⸗ ters und des Sohnes glaubte Randal die erſten Streiflichter des Tages zu ſehen, der im Laufe der Zeit ihm den Beſitz der Ländereien von Hazeldean ſichern ſollte. So viel leuch⸗ tete ihm ſchon vorläufig ein, daß, mochte kommen was wollte, ſein eigenes Intereſſe nichts verlieren konnte, ſondern im Gegentheil um ein Namhaftes gefördert würde, wenn ſich der Squire ſeinem natürlichen Erben entfremden ließ. Dem⸗ 950 gemäß verleitete er, obſchon mit vollendetem Takt, Frank gerade zu jenen Ueberſchkeitungen, die am meiſten darauf be⸗ rechnet waren, den Squire aufzubringen, während er ſich zugleich den Anſchein gab, als rathe er davon ab, wie er denn auch nie an den Thorheiten Theil nahm, zu welchen er ſeinen gedankenloſen Freund verführte. Seine Thätigkeit ſpielte hier hauptſächlich in der Vermittlung Anderer, indem er Frank in Bekanntſchaften verwickelte, die höchſt gefährlich ſind für junge Leute entweder wegen des Witzes, der über die Klugheit lacht, oder wegen der falſchen Großmuth, die ſich ſo ſchön ausnimmt auf Wechſeln, endoſſirt durch Freunde von„großen Ausſichten“. Der Miniſter ſaß mit ſeinem Schützling beim Früh⸗ ſtück. Der Erſtere las die Zeitung und Letzterer überflog ſeine Briefe; denn Randal hatte es ſchon ſo weit gebracht, daß er viele Briefe erhielt— ja, und Billette obendrein, dreieckig eingeſchlagen und mit phantaſtiſchen Verzierungen. Egerton ſtieß einen Ruf der Ueberraſchung aus und legte die Zeitung- nieder. Randal blickte von ſeiner Correſpon⸗ denz auf. Der Miniſter verſank in eine von ſeinen Träume⸗ reien. Nach einer langen Pauſe ſagte Randal, als er be⸗ merkte, daß Egerton die Zeitung nicht wieder aufnahm: „Hem— Sir, ich habe ein Billet erhalten von Frank Hazeldean, der mich angelegentlich um einen Beſuch bittet. Sein Vater iſt ganz unerwartet in London angelangt.“ „Was führt ihn hieher?“ fragte Egerton, noch immer zerſtreut. Wꝙ 95¹ „Es ſcheint, es ſind ihm Gepüchte über das verſchwende⸗ riſche Leben des armen Frank zu Ohren gekommen, und jetzt fürchtet oder ſchämt ſich Frank, ſeinem Vater entgegenzu⸗ treten.“ „Ja, Verſchwendung iſt ein ſehr großer Fehler an jun⸗ gen Leuten, vernichtet ihre Unabhängigkeit und richtet ihre Zukunft zu Grund oder macht ſie zy ewigen Sklaven. Ein ſehr großer Fehler! Und was gebricht der Jugend, daß ſie ihre Freuden ſo theuer erkauͤft? Hat ſie nicht Alles in ſich— eben weil ſie die Jugend iſt? Was bedarf ſie mehr?“ Nach dieſen Worten ſtand Egerton auf und zog ſich nach ſeinem Schreibpult zurück, um gleichfalls ſeine Cor⸗ reſpondenz durchzuſehen. Randal griff nach der Zeitung und ſuchte darin vergeblich einen Schlüſſel zu dem Aus⸗ ruf des Miniſters und dem darauf folgenden Brüten zu finden. „Wenn Ihr mit den Times fertig ſeyd,“ ſagte Eger⸗ ton plötzlich, indem er ſich raſch in ſeinem Stuhl umwandte, „ſo habt die Güte ſie hieher zu legen.“ Randal hatte eben dieſer Aufforderung entſprochen, als ſich ein Klopfen an der Hausthüre vernehmen ließ, und bald nachher trat Lord LEstrange ein. Sein Schritt war etwas ſchneller und ſeine Miene heiterer als gewöhnlich. Audley's Hand fiel gleichſam mechaniſch auf die Zei⸗ tung, und zwar auf jenen Theil der Spalten, welcher den Geburten, Todesfällen und Trauungen gewidmet war. Randal ſtand daneben und merkte ſich dies; dann machte 952 er gegen Lord LEstrange eine Verbeugung und verließ das Zimmer. „Audley,“ begann LEstrange,„ſeit wir uns zum letzten Mal ſahen, habe ich ein Abenteuer erlebt— ein Abenteuer, das mir die Vergangenheit wieder aufſchloß und wohl Einfluß auf meine Zukunft haben wird.“ „Wie ſo?“ „Erſtlich traf ich mit einem Verwandten der— der — der Avenele zuſammen.“ „Wirklich? Und mit welchem— mit Richard Avenel?“ „Richard— Richard— wer iſt dies? Ah, ich entſinne mich— der wilde Junge, der nach Amerika durchging. Doch das geſchah, als ich noch ein Kind war.“ „Dieſer Richard Avenel iſt jetzt ein reicher, ange⸗ ſehener Geſchäftsmann, und ich leſe hier in dem Trauungs⸗ anzeiger ſeine Vermählung mit einer ehrenwerthen Mrs. M Catchley. Da ſehe man— wer darf ſich in England noch auf Geburt etwas einbilden?“ „Du haſt nicht immer ſo geſprochen, Egerton,“ ver⸗ ſetzte Harley im Ton wehmüthigen Vorwurfs. „Aber jetzt ſage ich dies mit Beziehung auf eine Mrs. M'Catchley, nicht im Hinblick auf den Erben der L'Es⸗ trange. Doch nichts mehr von dieſen— dieſen Avenelen.“ „Nicht doch— ich ſage Dir ja eben, ich hätte einen Verwandten von ihnen gefunden— einen Neffen von— von—“ „Von Richard Avenel?“ unterbrach ihn Egerton und fügte dann in dem langſamen, bedächtigen und bündigen —— ——— 953 Tone fort, in welchem er öffentlich zu ſprechen pflegte. „Dieſer Richard Avenel— ich ſah ihn einmal. Er iſt ein anmaßender unerträglicher Menſch.“ „Der Reffe iſt frei von dieſen Sünden— ſtolz zwar, aber voll Beſcheidenheit und mit den herrlichſten Anlagen ausgeſtattet. Und ſein Geſicht— oh, Egerton, er hat ihre Augen.“ Egerton gab keine Antwort, und Harley fuhr in ſeiner Rede fort— „Ich dachte daran, ihn unter Deine Leitung zu ſtellen, weil ich weiß, daß Du für ihn ſorgen könnteſt.“ „Recht gerne— bring' ihn her,“ rief Egerton haſtig. „Ich bin zu Allem bereit, wenn ſich's darum handelt, Dir meine— Achtung gegen Deine Wünſche zu beweiſen.“ Harley drückte mit Wärme die Hand ſeines Freundes. „Ich danke Dir von Herzen. Ich höre jetzt den Audley meiner Jugend wieder ſprechen. Aber der junge Menſch hat ſich für etwas Anderes entſchieden, und ich tadle ihn nicht darum. Ja, es freut mich ſogar, daß er eine Laufbahn gewählt hat, die ihn wenigſtens nicht in Abhängigkeit ver⸗ ſtrickt, wenn ſie auch eine beſchwerliche iſt.“ „Und dieſe Laufbahn wäre?“ „Die Literatur.“ „Literatur?“ rief der Staatsmann.„Pah, Bettelei! Nein, nein, Harley, dies iſt wieder eine ungereimte ro⸗ manhafte Idee von Dir.“ „Ich ſehe keine Bettelei darin, und der Gedanke ging nicht von mir, ſondern von dem jungen Menſchen ſelbſt aus. 95⁵4 Laß ihn gewähren— fortan wird er unter meiner Sorgfalt und Pflege ſtehen. Er iſt von ihrem Blut, und ich ſagte Dir bereits, daß er ihre Augen habe.“ „Aber Du gehſt ja auf Reiſen. Laß mich wiſſen, wo er iſt, daß ich über ihn wachen kann.“ „Du möchteſt wohl einen gediegenen Ehrgeiz in einen falſchen umwandeln? Nein, nein, ich ſage Dir nichts von ihm, bis er ſich ſelbſt bekannt machen kann— und ich glaube, dies wird mit ver Zeit kommen.“ Audley ſann einen Augenblick nach und ſagte dann: „Sey's drum. Du haſt vielleicht Recht. Ich bin mit Deiner Anſicht einverſtanden, daß Unabhängigkeit ein großer Segen iſt, und mein Ehrgeiz hat mich weder beſſer, noch glücklicher gemacht.“ „Und doch, mein armer Audley, verlangſt Du von mir, ich ſolle ehrgeizig ſeyn.“ „Ich wünſche für Dich nichts als Troſt,“ rief Egerton mit Wärme. „Ich will verſuchen, ob ich ihn finden kann; aber es geht vielleicht mit einem milderen Mittel, als das von Dir vorgeſchlagene iſt. Ich habe Dir geſagt, das Abenteuer übe vielleicht einen Einfluß auf meine Zukunft; es führte mich nicht blos mit dem Jüngling zuſammen, von dem ich Dir eben erzählte, ſondern auch mit einem ſehr anſprechenden und gefühlvollen Kinde— mit einem Mädchen.“ „Iſt dieſes Kind auch eine Avenel?“ „Nein, ſie ſtammt aus gutem Blut— eine Soldaten⸗ tochter. Sie iſt das Kind jenes Kapitän Digby, um deſſen —— ——„— N — t 0 n ch en⸗ ſen 955 willen ich bei Dir ſchon einmal zum Bittſteller ward. Er iſt todt, und im Sterben noch ſchwebte mein Name auf ſeinen Lippen. Ohne Zweifel meinte er damit, ich ſolle mich ſeiner Waiſe annehmen. Dies wird geſchehen. Endlich habe ich doch einen Zweck für mein Daſeyn gefunden.“ „Aber kannſt Du ernſtlich im Sinn haben, dieſes Kind mit auf Reiſen zu nehmen?“ „Dies iſt allerdings meine ernſtliche Abſicht.“ „Und es in Deinem Hauſe wohnen zu laſſen?“ „Ein Jährchen etwa, oder ſo lang eben, als ſie noch ein Kind iſt. Wächst ſie zur Jungfrau heran, ſo werde ich für ſie ein anderes Unterkommen ſuchen.“ „Du verliebſt Dich vielleicht in ſie. Wird ſie auch Dich lieben können und nicht vielleicht Dankbarkeit für Liebe nehmen? Dies iſt ein ſehr gefährlicher Verſuch.“ „So war auch der Wilhelms, des Normannen, bis er Wilhelm, der Eroberer, war. Du verlangſt von mir, ich ſolle der Vergangenheit entfliehen und für den Troſt zu⸗ gänglicher werden, möchteſt mich aber mit Deinen verwünſch⸗ ten Einreden zum Weiterſchreiten ſo ungeſchickt machen wie den Mauleſel im Slackenbergius'ſchen Mährchen. Fürchtet man nicht ein Straucheln bei jedem Schritt!— beim Sankt Niklas, wie lang wird's da anſtehen, bis man endlich ins Glück hineinkömmt! Höre mich,“ fuhr Harley fort, der jetzt in einer von ſeinen excentriſchen Stimmungen weiter machte.„Von den Prophetenſöhnen Israels, die in der Nähe des Jordans Holz fällten, verlor einer das Eiſen ſeiner Art, das in dem Fluß zu Boden ſank. Da er es 956 wieder zu haben wünſchte, ſo betete er darum— Du be⸗ merkſt, es war nur ein kleines Anliegen. Aber er hatte einen ſtarken Glauben und warf nicht die Art dem Stiel, ſondern den Stiel der Art nach. Nun geſchahen zu gleicher Zeit zwei große Wunder. Das Eiſen ſpringt von dem Grund des Fluſſes in die Höhe und heftet ſich an ſeine alte Bekanntſchaft, an den Stiel. Hätte er nun den feurigen Wagen des Elias gewünſcht, um in den Himmel zu kut⸗ ſchiren— oder den Reichthum Hiobs, die Stärke Simſons oder die Schönheit Abſalons, glaubſt Du, es wäre auch willfahrt worden? In Wahrheit, mein Freund, ich möchte es ſehr bezweifeln.“ „Ich kann nicht begreifen, was Du damit meinſt. Du ſprichſt traurigen Unſinn.“ „Wenn es ſo iſt, kann ich nicht dafür; der Vorwurf gilt Rabelais, den ich citire, und die Stelle findet ſich in ſeinem Vorwort zu den Kapiteln über Mäßigung im Wünſchen. Wenn ich nun auf den mäßigen Wunſch in Betreff der Art anſpiele, ſo möchte ich Dir dadurch bemerklich machen, daß ich nur wenig vom Himmel verlange. Ich ſchleudere einfach den Stiel der Art nach, die in dem ſtillen Strom verſenkt iſt. Ich brauche die andere Hälfte der klaftertief begrabenen Waffe, denn weil ſie mir fehlt, wächst mir das dichte Ge⸗ hölz um den heiligen Fluß nachtverbreitend über den Kopf, ſo daß mir die Ausſicht nach den Sternen benommen iſt.“ „In den einfachen Lauten unſerer Mutterſprache,“ ſagte Audley,„Du möchteſt—“ er hielt verlegen inne. „Ich möchte meinen alten Charakter und die Natur wie⸗ N ee — ———— e te el, m te en ns ch te 957 der haben, die Gott mir gab. Ich wünſche mir die Hälfte der Seele zurück, die mir verloren iſt. Ich ſehne mich nach einer Liebe, welche mir die entſchwundene erſetzen kann. Be⸗ mühe Dich nicht mit weiteren Vorſtellungen— ich werfe den Stiel der Art nach.“ Einundzwanzigſtes Kapitel. Nachdem Randal Leslie Audley verlaſſen hatte, begab er ſich nach Frank's Wohnung ſchloß ſich etwa eine Stunde mit dem jungen Gardevffizier ein, ging dann nach Limmer's Hotel und fragte nach Mr. Hazeldean. Er wurde in das Kaffeezimmer gewieſen, während der Kellner mit ſeiner Karte die Treppe hinaufging, um zu ſehen, ob der Squire zu Hauſe und zu ſprechen ſey. Auf einem der Tiſche lagen die Times ausgebreitet, und Randal, der ſich darüber hin⸗ beugte, durchſpähte mit Aufmerkſamkeit die Spalten der Geburts⸗, Trauungs⸗ und Sterbefälle. Aber es war ihm unmöglich, in der langen, gemiſchten Liſte den Namen zu errathen, der Mr. Egerton's Intereſſe ſo ſehr angeregt hatte. „Aergerlich!“ murmelte er.„Es gibt kein macht⸗ verleihendes Wiſſen, welches nützlicher wäre, als das Wiſſen um die Geheimniſſe der Menſchen.“ Er wandte ſich um und bemerkte den Kellner, welcher eingetreten war, um ihm zu melden, daß Mr. Hazeldean mit Vergnügen ſeinem Beſuch entgegen ſehe. 958 Als Randal in dem Beſuchzimmer anlangte, drückte ihm der Squire die Hand und blickte nach der Thüre hin, als ob er noch Jemand erwarte; aber ſein ehrliches Geſicht nahm bald den leeren Ausdruck getäuſchter Hoffnung an, denn die Thüre ſchloß ſich wieder, ohne einen Begleiter von Randal einzulaſſen. „Ich habe geglaubt,“ ſagte er plump heraus,„Ihr bringet Euren alten Schulkameraden, den Frank, mit.“ „Iſt er noch nicht bei Euch geweſen, Sir?“ „Nein; ich kam erſt dieſen Morgen hieher, reiste im Coups des Poſtwagens. Ich habe zwar nach ſeiner Kaſerne geſchickt, aber das junge Herrlein wohnt nicht dort, ſondern hat ein eigenes Logis, von dem er mir nie etwas ſagte Die Hazeldeane ſind einfache Leute, junger Sir, und ich kann's nicht leiden, wenn man Heimlichkeiten vor mir hat, und noch obendrein an meinem eigenen Sohn.“ Randal gab keine Antwort, nahm aber eine beküm⸗ merte Miene an. Der Squire, welcher den jungen Leslie nie zuvor geſehen hatte, ſchien zu denken, es ſey unhöflich, einen Fremden, auch wenn derſelbe ein Verwandter ſey, mit ſeinen Familienverdrießlichkeiten zu behelligen, und fuhr da⸗ her gutmüthig fort: „Es freut mich ſehr, Euch enklich kennen zu lernen, Mr. Leslie. Ihr wißt ohne Zweifel, daß Ihr gutes Hazel⸗ deanblut in Euren Adern habt?“ Randal(lächelnd).—„Ich werde dies nicht ſo leicht vergeſſen. Es iſt der Stolz unſeres Stammbaums.“ Squire Cherzlich).—„Gebt mir noch einmal die , ——S— —— — E ckte in, cht an, on hr im rn te ich t, n⸗ lie h, tit d= n, 955 Hand darauf, mein Junge. Ihr werdet wohl keines Freun⸗ des bedürfen, da mein großmächtiger Herr Bruder ſich Eurer angenommen hat; aber wenn es je der Fall ſeyn ſollte, ſo iſt der Weg von Rood nach Hazeldean nicht ſehr weit. Mit Eurem Vater iſt nicht gut auskommen, junger Mann. Schade, denn ich hätte ihm manchen Wink geben können über die Verbeſſerung ſeines Eigenthums. Wenn er jene häß⸗ lichen Heiden anpflanzen würde— Lerchen und Föhren geben bald einen Ertrag, Sir, und in der Nähe von Rood liegen Niederungen, die ſich durch Anlegung von Abzugsgräben ſehr nutzbar machen ließen.“ Randal.—„Mein armer Vater lebt ſo abgeſchieden von der Welt, daß Ihr Euch nicht darüber wundern dürft. Gefallene Bäume liegen ſtill, und ebenſo ergeht es gefallenen Familien.“ Squire.—„Ei, Familien können ſich wieder auf⸗ richten, was bei dem Baum nicht der Fall iſt.“ Randal.—„Ach, Sir, es bedarf oft der ange⸗ ſtrengteſten Kräfte ganzer Generationen, um die Gedanken⸗ loſigkeit und Verſchwendung eines einzigen Eigenthümers wieder gut zu machen.“ Squire(die Stirne runzelnd).—„Das iſt ſehr wahr. Auch Frank iſt ein verdammter Verſchwender und behandelt mich obendrein ſehr kühl— kömmt nicht einmal her, und es iſt ſchon drei Uhr vorüber. Beiläufig, er muß Euch geſagt haben, wo ich bin, ſonſt hättet Ihr mich nicht auffinden können.“ Randal(mit Widerſtreben).—„Sir, ja, er ſagte 960 mir's; und offen geſprochen, es nimmt mich nicht Wunder, daß er noch nicht gekommen iſt.“ Squire.—„Ei, der Tauſend!“ Randal.—„Wir ſind ſehr vertraut mit einander geworden.“ Squire.—„So ſchreibt er mir, und ich freue mich darüber. Unſer Mitglied, Sir John, lobte mir Euren Verſtand und GFuren geſetzten Charakter. Auch Frank ſagt, er wünſchte ſich nur Eure Klugheit, wenn er Eure Talente nicht haben könne. Er hat ein gutes Herz, der Frank,“ fügte der Vater ſich begütigend bei.„Aber, Donner⸗ wetter, Sir, Ihr ſagt, es nehme Euch nicht Wunder, daß er nicht gekommen ſey, um ſeinen Vater zu begrüßen!“ „Mein theurer Sir,“ verſetzte Randal,„Ihr thatet Frank zu wiſſen, daß Ihr durch Sir John Kunde hättet von ſeinem Treiben, und daß Ihr gar nicht zufrieden ſeyet mit ſeinen Antworten auf Eure Briefe.“ „Nun?“ „Und dann kamt Ihr plötzlich nach London.“ „Was weiter?“ „Wohlan, Frank ſchämt ſich, Euch unter die Augen zu treten, denn er iſt, wie Ihr ſagt, etwas verſchwenderiſch geweſen und hat mehr gebraucht, als Ihr ihm ausſetztet. Da er nun meine Achtung vor Euch und meine Freund⸗ ſchaft für ihn kennt, ſo bat er mich, Euch auf ſein Bekennt⸗ niß vorzubereiten und ihm Eure Verzeihung auszuwirken. Ich weiß, ich nehme mir eine große Freiheit und habe kein Recht, mich zwiſchen Vater und Sohn einzumengen. Indeß der, der ren gt. nte E aß tet on nit en ch 3 d⸗ t⸗ in 6 961 bitte ich, mir zu glauben, daß es in der beſten Abſicht ge⸗ ſchieht.“ „Hum!“ verſetzte der Squire mit ſchmerzlicher Miene und nur langſam ſeinen Verdruß niederkämpfend,„ich weiß bereits, daß Frank mehr gebraucht hat, als er ſollte, meine aber, es hätte keiner dritten Perſon bedurft, um mich zur Verzeihung zu beſtimmen.(Entſchuldigt mich— ich will Euch nicht damit beleidigen.) Und wenn eine dritte Perſon nöthig war, hatte er dazu nicht ſeine Mutter? Was zum Teufel—(aufbrauſend)— bin ich ein Tyrann— ein Pa⸗ ſcha— daß mein eigener Sohn ſich fürchtet, mit mir zu ſpre⸗ chen? Donnerwetter! Das will ich ihm eintränken.“ „Entſchuldigt mich, Sir,“ entgegnete Randal, mit einem Male die achtunggebietende Miene annehmend, die man einem überlegenen Geiſte ſo gerne zu gut hält,„aber ich möchte Euch mit allem Nachdruck den Rath ertheilen, über Franks Vertrauen zu mir keinen Unwillen laut werden zu laſſen. Zur Zeit habe ich noch Einfluß auf ihn. Was immer Ihr auch von ſeinem ungeordneten Leben denken mögt, ſo habe ich ihn doch von mancher Unbeſonnenheit und oft ge⸗ nug vor Verſtrickung in Schulden abgehalten. Ein junger Mann ſchenkt Perſonen von ſeinem Alter weit bereitwilliger Gehör, als ſelbſt den wohlwollendſten Freunden, wenn ſie in reiferen Jahren ſtehen. In der That, Sir, ich ſpreche ſo in Eurem eigenen, wie in Franks Intereſſe. Laßt mich dieſen Einfluß über ihn behalten und macht ihm keinen Vorwurf wegen des Vertrauens, das er in mich geſetzt hat. Es dürfte im Gegentheil zweckmäßiger ſeyn, ihn 6 den Glauben Bulwer, meine Novelle. 962 zu bringen, daß ich den Zorn abgelenkt habe, den Ihr an⸗ derenfalls gegen ihn ausgelaſſen hättet.“ Randals Vorſchlag klang ſo verſtändig, und er wußte ſeine Worte ſo ſehr in das Gewand uneigennütziger freund⸗ ſchaftlicher Theilnahme zu hüllen, daß der natürliche Scharf⸗ ſinn des Squire getäuſcht wurde. „Ihr ſeyd ein wackerer junger Menſch,“ ſagte er,„und ich bin Euch ſehr verbunden. Schätz' wohl, man darf von jungen Leuten keine alten Köpfe verlangen, und ich verſpreche Euch, Frank ſoll kein zorniges Wort von mir hören. Ich zweifle nicht daran, daß der arme Junge ſehr bekümmert iſt, und ſehne mich danach, ihm die Hand zu reichen. Ihr könnt ihn alſo beruhigen.“ „Ach, Sir,“ ſagte Randal mit der Miene tiefer Er⸗ regtheit,„Euer Sohn hat wohl Urſache, Euch zu lieben, und für ein ſo wohlwollendes Herz, wie das Eurige iſt, wird es wohl eine ſchwere Aufgabe ſeyn, ihm gegenüber die er⸗ forderliche Feſtigkeit zu behaupten.“ „Oh, ich kann feſt genug ſeyn,“ entgegnete der Squire, „namentlich wenn ich ihn nicht vor Augen habe, den hüb⸗ ſchen Schelm. Er iſt ſo ganz das Abbild ſeiner Mutter— meint Ihr nicht?“ „Ich habe ſeine Mutter nie geſehen, Sir.“ „Der Tauſend— meine Harry nicht geſehen? Ach, es iſt wahr. Ihr müßt kommen und uns einen Beſuch machen. Wir haben das Bild Eurer Großmutter im Haus, wie ſie als Mädchen war, mit einer Sichel in der einen und einem 963 Lilienſtrauß in der andern Hand. Ich denke, mein Halb⸗ bruder wird Euch wohl kommen laſſen?“ „Zuverläſſig, Sir. Werdet Ihr ihn nicht beſuchen, ſo lang Ihr in London ſeyd?“ „Nein, gewiß nicht. Er könnte meinen, ich wollte etwas von der Regierung. Sagt ihm nur, die Miniſter müßten ſich beſſer halten, wenn ſie meine Stimme für ihr NMitglied verlangten. Doch geht jetzt— ich ſehe, es drängt Euch, Frank zu ſagen, daß Alles vergeben und vergeſſen iſt. Speist heute um ſechs Uhr mit mir und ſagt ihm, er ſolle ſein Sündenregiſter mitbringen. Oh er ſoll kein böſes Wort von mir hören.“ „Gerade in dieſer Beziehung,“ entgegnete Randal lächelnd,„wäre ich— entſchuldigt meine Freiheit— der Anſicht, daß Ihr die Sache nicht allzuleicht nehmen ſolltet. Ich glaube zwar, daß es räthlich iſt, ihm wegen der ſehr natürlichen und lobenswerthen Scheu, die ihn abhält, ſeinem Vater unter die Augen zu treten, keine Vorwürfe zu machen; indeß ſolltet Ihr meiner Meinung nach auch nichts thun, was dazu führen könnte, dieſe Scheu zu vermindern, da ſie ihm als Zügel dienen wird. Vermögt Ihr's daher über Euch zu gewinnen, ihm Euren Unwillen zu zeigen über ſeine ausſchweifende Lebensweiſe, ſo dürfte dies von ſehr guter Wirkung ſeyn.“ „Ihr ſprecht wie ein Buch, und ich will verſuchen, mein Beſtes zu thun.“ „Wenn Ihr zum Beiſpiel die Drohung fallen ließet, 54 964 Ihr würdet ihn aus der Armee nehmen und auf das Gut zurückholen— ich verſpreche mir Erfolg davon.“ „Wie— meint Ihr, er hielte es für eine ſchwere Strafe, wenn er nach Haus kommen und bei ſeinen Eltern leben müßte?“ 4 „Ich will dies nicht behaupten; aber das Londoner Leben gefällt ihm ſehr gut, und ich finde dies auch ſehr natürlich bei ſeinem Alter und bei dem ſchönen Erbe, das ihm in Ausſicht ſteht.“ „Erbe?“ rief der Squire unmuthig—„Erbe! Ich will nicht hoffen, daß er an's Erben denkt! Donnerwetter, Sir, ich habe ein ſo gutes Leben, als er. Erben! Das Caſino iſt allerdings ein Fideicommiß, das ihm nicht ent⸗ geht, aber was das Uebrige betrifft, ſo bin ich kein Erb⸗ vächter. Ich kann die Hazeldean'ſchen Güter meinem Acker⸗ knecht vermachen, wenn ich Luſt dazu habe. Ja, wohl da — Erbe!“. „Mein theurer Sir, es fällt mir nicht ein, andeuten zu wollen, daß Frank die unnatürliche und abſcheuliche Vorſtellung hege, auf Euren Tod rechnen zu wollen, und wir haben nichts zu thun, als ihn zu veranlaſſen, daß er ſich ſo bald wie möglich die Hörner ablaufe. Dies geſchieht am beſten durch eine Heirath und Gründung eines Haus⸗ ſtandes auf dem Lande. Denn es wäre ewig Schade, wenn man zugäbe, daß die großſtädtiſchen Gewohnheiten und Liebhabereien in ihm feſt wurzelten— jedenfalls ſehr ſchlimm für die Hazeldean'ſchen Güter. Und,“ fügte Randal la⸗ chend bei,„ich fühle ein Intereſſe für den alten Platz, von 965 dem meine Großmutter herſtammt. Zwingt Euch daher zu einem zornigen Geſicht und brummt ein wenig, wenn Ihr die Rechnungen zahlt.“ „Ah, verlaßt Euch auf mich,“ verſetzte der Squire mit veränderter Miene, als gälte es bereits jetzt, den ungehalte⸗ nen Vater zu zeigen.„Ich bin Euch ſehr verbunden für dieſe Winke, mein junger Vetter.“ Und ſeine derbe Hand zitterte ein wenig, als er ſie Randal hinbot. Der junge Leslie verließ Limmer's Hotel und eilte nach Franks Wohnung in St. James⸗Street. „Mein lieber Freund,“ ſagte er, ins Zimmer tretend, „es iſt ein großes Glück, daß ich Euch beredete, mich bei Eurem Vater Fürſprache einlegen zu laſſen. Ihr hattet Recht, wenn Ihr meintet, er werde etwas leidenſchaftlich ſeyn; aber es gelang mir, ihn zu beſchwichtigen. Habt keine Sorge; er wird Eure Schulden bezahlen.“ „Daran zweifelte ich nie,“ verſetzte Frank, die Farbe wechſelnd.„Ich fürchtete nur ſeinen Zorn— aber in der That, noch mehr bang iſt mir vor ſeiner Güte. Welch' ein leichtſinniger Strick bin ich geweſen! Es ſoll mir übrigens eine Warnung ſeyn, und ſind erſt meine Schulden bezahlt, ſo will ich ein ſo guter Haushalter werden, wie Ihr.“ „Recht ſo, Frank. Freilich fürchte ich, Euer Vater werde, wenn er die ganze Summe Eurer Schulden erfährt, eine Drohung zur Ausführung bringen, die Euch ſicherlich ſehr unangenehm wäre.“ „Was meint Ihr damit?“ 966 „Er führt im Schild, Euren Poſten zu verkaufen und Euch von London wegzunehmen.“ „Der Teufel!“ rief Frank aufbrauſend,„das hieße mich wie ein Kind behandeln!“ „Es würde Euch allerdings etwas lächerlich machen bei Eurer Kameradſchaft, die natürlich nicht nach der Acker⸗ ſcholle riecht. Und Ihr, der Ihr Euch ſo wohl gefallt in London und ſo ſehr in der Mode ſeyd!“ „Sprecht nicht weiter davon,“ rief Frank, ſehr auf⸗ geregt im Zimmer auf⸗ und abgehend. „Es iſt deshalb am Ende beſſer, wenn Ihr nicht auf einmal alle Eure Schulden namhaft macht. Nennt Ihr ungefähr die Hälfte, ſo liest Euch Euer Vater wahrſchein⸗ lich ein wenig den Text und zahlt; aber in der That, ich zittere vor der Wirkung des Ganzen.“ „Aber wie ſoll ich die andere Hälfte zahlen?“ „Oh, Ihr müßt ſie an dem erſparen, was Euch aus⸗ geworfen iſt. Ihr bezieht einen ſchönen Wechſel, und die Gewerbsleute drängen Euch nicht.“ „Nein— aber die verwünſchten Wechſelmäkler—“ „Erneuern ſtets einem jungen Mann von Euren Aus⸗ ſichten. Und wenn ich einmal ein Amt erhalte, ſo kann ich Euch immer aushelfen, mein theurer Frank.“ „Ach, Randal, ich bin nicht ſo ſchlecht, daß ich Eurer Freundſchaft Vortheil mißbrauchen könnte,“ entgegnete Frank mit Wärme.„Aber im Grunde ſcheint es mir doch gemein— ja, es iſt eigentlich eine Art Lüge, wenn ich den wahren Stand meiner Angelegenheiten verhehle. Ein An⸗ e n — 967 derer hätte mir nicht mit einem ſolchen Rath kommen dürfen. Aber Ihr ſeyd ein geſcheidter Kerl und ein ehrenhafter Freund.“ „Nach dieſer Beilegung von ſo ſchmeichelhaften Eigen⸗ ſchaften erſchrecke ich vor der Verantwortlichkeit meines Raths. Aber abgeſehen von Eurem eigenen Intereſſe möchte ich Eurem Vater den Schmerz erſparen, den er fühlen muß, wenn er die ganze Patſche erfährt, in die Ihr Euch verrannt habt. Und hat dieſer Schritt die Folge, daß Ihr ſparen, das Hazardſpielen aufgeben und von dem Bürg⸗ ſchaftleiſten für Andere abſtehen müßt, ſo iſt dies ja das Beſte, was man für Euch wünſchen kann. Es ſcheint mir überhaupt hart, daß Mr. Hazeldean allein Eure Schuld büßen ſoll, und ich finde es billig, daß Ihr doch die Hälfte der Bürde tragt, die Ihr Euch aufgeladen habt.“ „Ihr habt Recht, Randal; in dieſem Lichte habe ich es nie betrachtet. Ich will Eurem Rathe folgen und mich ohne weitere Zögerung nach Limmer's Hotel begeben. Mein lieber Vater! Ich hoffe, er ſieht gut aus?“ „Sehr gut— welch' ein Gegenſatz zu den bleichen Londonergeſichtern! Aber ich denke, es iſt am beſten, wenn Ihr erſt zum Diner hingeht. Er hat mich gebeten, um ſechs Uhr mit Euch zuſammenzutreffen. Ich will ein wenig früher bei Euch einſprechen; wir können dann mit einander hin⸗ gehen. Dadurch wird viel géne und Zwang vermieden. Bis dahin gehabt Euch wohl.— Ha!— beiläufig, ich denke, an Eurer Stelle würde ich die Sache nicht allzu ernſt und reuig nehmen. Ihr wißt, die beſten Väter lieben es, 968 ihre Söhne, wie man zu ſagen pflegt, unter dem Daumen zu halten. Und wenn Ihr in Eurem Alter Euch Eure Unabhängigkeit wahren und nicht wie ein in Ungnade ge⸗ fallener Schulknabe weggeholt und unter den Viehheerden begraben werden wollt, ſo wird ein wenig Mannhaftigkeit in der Haltung nicht am unrechten Platze ſeyn. Ihr könnt Euch darüber bedenken.“ Das Diner in Limmer's Hotel lief ganz anders ab, als für Vater und Sohn zu wünſchen geweſen wäre. Randals Worte hatten in dem Herzen des Squire tief um ſich ge⸗ freſſen, und ihr Eindruck verlieh ſeinem Benehmen eine gewiſſe Kälte, die ſehr im Widerſpruch ſtand mit dem herz⸗ lichen, nachſichtigen, großmüthigen Verlangen, welches den Vater nach London geführt hatte und ſogar durch Randals glatte Zunge nicht ganz verwiſcht worden war. Andererſeits mußte auch das Benehmen Franks, den das Bewußtſeyn der Unaufrichtigkeit und der Wunſch,„die Sache nicht zu ernſt zu nehmen,“ in keine kleine Verlegenheit brachte, auf den Squire den Eindruck der Liebloſigkeit und des Undanks machen. Nach dem Diner begann es bei dem Squire mit unter⸗ ſchiedlichem„Hum“ und„Ha“, und Frank fing an, abwech⸗ ſelnd zu erröthen und zu erblaſſen, ährend er ängſtlich auf dem Stuhl hin und her rückte. Beide fühlten den Zwang, welchen ihnen die Gegenwart eines Dritten auflegte. Dennoch gelang es Randal bald, mit einer Kunſt und Ge⸗ wandtheit, die einer beſſern Sache würdig geweſen wäre, das Eis zu brechen, ſo daß am Ende Vater und Sohn —— 969 herzlich froh waren, die Sache den guten und kurzen Ver⸗ lauf nehmen zu ſehen, welchen ihr der Takt und das Geſchick ihres Verwandten zu geben wußte. Franks Schulden waren in Wirklichkeit nicht groß, und als er mit beſchämt niedergeſchlagenem Blicke gar nur die Hälfte nannte, wollte der Squire voll freudiger Ueberra⸗ ſchung ſchon in die freigebige Herzlichkeit ausbrechen, die ihm das edle Gemüth ſeines Sohnes mit einem Mal aufge⸗ ſchloſſen haben würde. Aber ein warnender Blick von Ran⸗ dal that dieſem Drang Einhalt, und der Squire hielt es für ganz in der Ordnung, ſeinem Verſprechen gemäß einen Unwillen zu äußern, den er nicht fühlte, und die unglückliche Drohung hinzuwerfen, daß„dieſe einmalige Ueberſchreitung ſeines Wechſels auch die letzte ſeyn müſſe; wenn Frank in Zukunft nicht mehr Verſtand zeige und ſich abermals von den Londoner Gecken und Haiſiſchen ausbeuten laſſe, ſo habe es mit der Armee ein Ende; er müſſe dann nach Haus und zur Landwirthſchaft greifen.“ Frank ließ ſich dadurch zu dem unklugen Ausruf ver⸗ leiten— „O Vater, ich kann der Landwirthſchaft keinen Ge⸗ ſchmack abgewinnen, und nach dem Leben in London würde für einen Menſchen in meinem Alter das auf dem Lande ſchrecklich langweilig ſeyn.“ „Aha!“ verſetzte der Squire ergrimmt, und ſteckte einige Extrabanknoten, die es ihn den bereits ausgezahlten beizulegen ſcharf gejuckt hatte, wieder in ſein Taſchenbuch. „Auf dem Land iſt's alſo ſchrecklich langweilig. Bei uns 970 geht freilich das Geld nicht drauf für Thorheiten und Laſter, ſondern wir verwenden es an ehrliche Arbeiter und auf Ver⸗ größerung des Nativnalwohlſtands. Es gefällt Dir nicht, das Geld in ſolcher Weiſe zu verwenden, und dann wäre es Schade, wenn Du je mit ſolchen Pflichten geplagt würdeſt.“ „Mein theurer Vater—“ „Holt Dein Maul, Laffe. Oh, ich kann mir denken — wenn Du in meinen Schuhen ſtändeſt, würdeſt Du die Eichen fällen laſſen und das Gut verpfänden oder wohl gar verkaufen, um Alles auf den Wurf aus dem Knöchelbecher zu ſetzen. Aha, Sir— ganz gut, ganz gut— das Land⸗ leben iſt alſo ſchrecklich langweilig? Da muß ich Dich frei⸗ lich bitten, in der Stadt zu bleiben.“ „Mein theurer Mr. Hazeldean,“ ergriff Randal ge⸗ ſchmeidig das Wort und gab ſich das Anſehen, als wolle er in einen Scherz verwandeln, was bitterer Ernſt zu werden drohte,„Ihr müßt einen unüberlegten Ausdruck nicht ſo buchſtäblich nehmen. Ei, Ihr macht ja Frank ſo ſchlimm wie den Lord A-—, der ſeinem Verwalter Befehl ertheilte, noch mehr Holz fällen zu laſſen, und als dieſer ihm anzeigte, es ſtünden nur noch drei Signalpfoſten auf dem ganzen Be⸗ ſitzthum, ihm zurückſchrieb: Die wachſen doch nicht mehr — nieder damit“ Ihr müßt Lord A— kennen, Sir— ein ſehr witziger junger Mann und— Franks beſonderer Freund.“ „Was— Euer beſonderer Freund, Maſter Frank? Saubere Freunde, das!“ ſter, Ver⸗ icht, äre lagt iken die gar cher nd⸗ rei⸗ ge e den ſo nm lte, te, Be⸗ ehr 971 Und der Squire knöpfte mit entſchloſſener Miene die Taſche zu, in welcher er ſein Notenbuch verſorgt hatte. „Aber ich bin auch ſein Freund,“ fuhr Randal im Tone der Begütigung fort,„und kann Euch verſichern, daß ich's bei ihm am Predigen nicht fehlen laſſe.“ Dann begann er, als ſey er freundſchaftlich beſorgt, dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben, über die Ernten und die Verſuche mit Knochendünger Fragen zu ſtellen. Er ſprach mit Wärme und Geſchmack, zugleich aber auch mit der Ehrerbietung eines jungen Mannes, der bei einer großen praktiſchen Autorität Belehrung ſucht. Randal hatte näm⸗ lich den Nachmittag darauf verwendet, ſich dieſen Gegen⸗ ſtand aus landwirthſchaftlichen Journalen und Parlaments⸗ berichten zu eigen zu machen, und dabei nach Weiſe ge⸗ übter Leſer in wenigen Stunden mehr gelernt, als ein An⸗ derer, der nicht an's Studium gewöhnt iſt, in einem Jahr aus Büchern erholt. Dem Squire bereiteten die Kenntniſſe des jungen Mannes und ſein Geſchmack für ſolche Dinge eine angenehme Ueberraſchung. „Aber freilich,“ bemerkte er, mit einem zornigen Blick auf den armen Frank,„Ihr habt gutes Hazeldeanblut in Euren Adern und wißt eine Rübe von einer Bohne zu unter⸗ ſcheiden.“ „Ich bilde mich für das öffentliche Leben aus, Sir,“ bemerkte Randal unbefangen,„und was iſt eine öffentliche Perſon werth, wenn ſie nichts von der Agricultur des Landes verſteht?“ „Ihr habt Recht— ja, was iſt ſie werth? Stellt 972 dieſe Frage nebſt meinem Kompliment an meinen Halbbruder. Welchen Unſinn hat er nicht letzthin geſchwatzt über die Malzſteuer!“ „Mr. Egerton hat an ſo viele andere Dinge zu denken, daß man ihm zu gut halten muß, wenn er über Einen Ge⸗ genſtand, wie wichtig er auch ſey, minder gut unterrichtet iſt. Bei ſeinem gediegenen Verſtand muß er auch dieſen Punkt früher oder ſpäter ſich aneignen, denn er liebt die Macht, und Wiſſen iſt Macht, Sir.“ „Sehr wahr— ſehr ſchön ausgedrückt,“ entgegnete der arme Squire arglos, während Randals Auge auf Mr. Hazeldean's offenem Antlitz ruhte und dann einen Blick nach Frank hin gleiten ließ, der mit einer ſehr betrübten Miene daſaß. „Ja,“ wiederholte Randal,„Wiſſen iſt Macht“. Und er ſchüttelte wohlweiſe den Kopf, während er ſeinem Wirth die Flaſche hinbot. Gleichwohl erwarmte beim Abſchied das Herz des Squire, der am anderen Morgen wieder nach der Halle zurückzukehren beabſichtigte, gegen ſeinen Sohn, um ſo mehr, da ihm Franks Niedergeſchlagenheit Mitleid einflößte. Auch lag es nicht in Randals Politik, gleich im Anfang und in ſeiner eigenen Gegenwart die Entfremdung zu weit kommen zu laſſen. „Seyd jetzt freundlich gegen den armen Frank— ich bitte, Sir,“ flüſterte er, als er bemerkte, daß der Squire mit feuchtem Auge an das Fenſter trat. bett Kle lich hig Bli Her füll „es arm kunf Zeit die nur Ver konn Hote uder. r die nken, Ge⸗ t iſt. zunft acht, gnete Mr. nach diene d er des alle ehr, Auch d in men ich mit 973 Und der Squire gehorchte mit Freuden und ſtreckte die Hand gegen ſeinen Sohn aus. „Mein lieber Junge,“ ſagte er;„da— mach' kein ſo betrübtes Geſicht— pah!— es war im Grunde nur eine Kleinigkeit. Denk' nicht weiter daran.“ Frank ergriff die dargebotene Hand und ſchlang plötz⸗ lich den Arm um die breiten Schultern ſeines Vaters. „Oh, Sir, Ihr ſeyd zu gütig— zu gütig.“ Seine Stimme zitterte. Randal, den dies beunru⸗ higte, trat heran und berührte ihn mit einem mahnenden Blicke. Der Squire drückte den Sohn an ſein Herz— an ein Herz, ſo groß, daß es die ganze Breite ſeiner Weſte auszu⸗ füllen ſchien. „Mein lieber Frank,“ ſagte er, mit erſtickter Stimme, „es iſt nicht wegen des Geldes; aber Du ſiehſt, daß Du Deiner armen Mutter ſchweren Kummer machſt. Nimm Dich in Zu⸗ kunft mehr in Acht— und Donnerwetter, Junge, mit der Zeit fällt doch Alles Dir zu; nur rechne nicht darauf— dies könnte ich nicht ertragen. Nein, wahrhaftig nicht.“ „Rechnen?“ rief Frank.„O Vater, wie könnt Ihr nur ſo etwas denken?“ ** „Ich bin hocherfreut, daß ich zu Eurer vollkommenen Verſöhnung mit Mr. Hazeldean einigermaßen mitwirken konnte,“ ſagte Randal, als die jungen Männer von dem Hotel weggingen.„Ich bemerkte, daß Ihr ganz entmuthigt 974 waret, und ſagte ihm deshalb, er ſolle doch wieder freundlich gegen Euch ſeyn.“ „Iſt's wahr? Ach— es thut mir leid, wenn eine ſolche Erinnerung nöthig war.“ „Ich kenne ſeinen Charakter ſchon ſo gut,“ bemerkte Randal,„daß ich mir ſchmeichle, die Angelegenheiten zwiſchen euch Beiden immer in Ordnung halten zu können. Welch' ein vortrefflicher Mann!“ „Der beſte Mann von der Welt,“ rief Frank herzlich, dämpfte aber ſeine Stimme, als er fortfuhr:„Und doch habe ich ihn hnr Ich hätte gute Luſt, wieder umzukehren und—“ „Ihm zu ſagen, er ſolle Euch noch einmal ſo viel Geld geben, als Ihr ſchon erhalten habt? Dann wird er glauben, Ihr hättet Euch nur ſo kindlich geſtellt, um etwas aus ihm herauszulocken. Nein, nein, Frank— ſpart— ſteckt auf— haltet Haus, und dann könnt Ihr ihm ſagen, Ihr hättet die Hälfte Eurer Schulden ſelbſt bezahlt. Ihr zeigt dadurch Euren Hochſinn.“ „Ja, Ihr habt Recht. Euer Herz iſt ſo gut, wie Euer Kopf. Gute Nacht.“ „Geht Ihr ſchon nach Hauſe— ſo früh? Habt Ihr keine Beſtellung?“ „Keine, die ich zu halten gedenke.“ „Alſo, gute Nacht!“ Sie ſchieden und Randal begab ſich in einen der faſhionablen Clubbe. Er näherte ſich einem Tiſch, an wel⸗ chem drei oder vier Jünglinge(üngere Söhne, die, der lel me lic gel ſte wa ein cla me ſuck glä „Y wel flei wer ihn als ben nich dlich ſolche erkte iſchen Lelch' zlich, doch ieder iel rd er twas rt— agen, Ihr wie t Ihr der twel⸗ der Himmel weiß aus welchen Mitteln, im ſplendideſten Style lebten) beim Wein ſaßen. Leslie hatte ſonſt mit dieſen Gentlemen nicht viel Ge⸗ meinſchaft; aber er zwang ſich in Folge eines Raths welt⸗ licher Klugheit, den ihm Audley Egerton ertheilte, auch gegen ſolche Perſonen ſich auf einen angenehmen Fuß zu ſtellen.„Die Stutzer dürfen Euch keinen übermüthigen Geſellen nennen,“ ſagte der Staatsmann.„Mancher ge⸗ wandte Kopf bringt es nicht vorwärts im Leben, weil dieſe einfältigen Burſche, die er durch ein einziges gutes Wort als claqueurs gewinnen könnte, ihn lächerlich machen. Ver⸗ meidet daher den Fehler der meiſten beleſenen Männer und ſucht nicht durch Euer Wiſſen vor ſolchen Leuten zu glänzen.“ „Ich habe eben Hazeldean verlaſſen,“ ſagte Randal. „Welch' ein guter Burſche!“ „Ein Kapitalkerl,“ bemerkte der ehrenwerthe Borrow⸗ well.„Wo iſt er?“ „Er iſt nach Hauſe gegangen. Es gab einen kleinen Auftritt zwiſchen ihm und ſeinem Vater, der ein einge⸗ fleiſchter rauher Landſquire iſt. Es wäre ein Liebesdienſt, wenn ihr zu ihm ginget und ihm Geſellſchaft leiſtetet oder ihn an einen Platz nähmet, wo er mehr Aufheiterung findet, als in ſeiner Wohnung.“ „Was— der alte Gentleman hat ihm die Daumſchrau⸗ ben angelegt? Pfui der Schande! Frank braucht ja beinahe nichts, und er ſoll wohl ſehr reich werden— he?“ „Ein ungeheures Vermögen,“ ſagte Randal.„Keine Schulden auf den Gütern, und ein einziger Sohn,“ fügte er bei und entfernte ſich von dem Tiſche. Unter den jungen Gentlemen fand nun ein freund⸗ ſchaftliches, wohlwollendes Geflüſter ſtatt; dann ſtanden ſie insgeſammt auf und begaben ſich nach Franks Wohnung. „Der Keil ſteckt in dem Baum,“ murmelte Randal vor ſich hin,„und es iſt bereits ein Spalt zwiſchen der Rinde und dem Holz.“ Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Harley L'Estrange ſitzt neben Helen an dem Jalouſien⸗ fenſter in der Hütte von Norwood. Das Roth wiederkehren⸗ der Geſundheit liegt auf dem Antlitz der Kleinen, und ſie hört lächelnd zu, denn Harley ſpricht von Leonard mit Lobeserhebungen und hegt die beſten Hoffnungen von ſeiner Zukunft. „Er iſt jetzt geſichert gegen die früheren Verſuchungen,“ fuhr er fort,„fühlt ſich glücklich in ſeiner Beſchäftigung und kann die Laufbahn verfolgen, die er ſelbſt gewählt hat. Wir können alſo mit aller Ruhe von ihm ſcheiden.“ „Von ihm ſcheiden?“ rief Helen, und die Roſe auf ihren Wangen verſchwand. Harley bemerkte ihre Aufregung nicht ungerne. Er würde ſich in ihrem Herzen ſehr getäuſcht haben, wenn ihre Anhänglichkeit auf einem ſo ſeichten Grund geruht hätte. „Es iſt wohl hart für Euch, Helen,“ ſagte er,„Euch —- e r—„— 8— —— e—— — ügte und⸗ n ſie g. ndal inde ſien⸗ ren⸗ d ſie mit einer en,“ un hat. auf ihre e. Euch 977 von dem zu trennen, der Euch wie ein Bruder geweſen iſt. Aber ich betrachte mich als Euren Vormund und Eure Hei⸗ math muß vorläufig auch die meinige ſeyn. Wir verlaſſen dieſes Land der Wolken und des Nebels, um in eine Welt voll Sommer zu ziehen. Gefällt Euch dies nicht? Ihr weint, mein Kind, und trauert um Euren Freund; vergeßt aber darob nicht den Eures Vaters. Ich bin allein und oft traurig, Helen; wollt Ihr nicht meine Tröſterin ſeyn? Ihr drückt mir die Hand— aber Ihr müßt auch lernen, mir zu⸗ zulächeln. Ihr ſeyd zu einer Tröſterin geboren, und Tröſter wiſſen nichts von Selbſiſucht; ſie ſind ſtets heiter, wenn ſie ihr Liebeswerk verrichten.“ Harley's Stimme klang ſanft, und ſeine Worte trafen ſo ſehr das Herz der Kleinen, daß ſie lächelnd zu ihm auf⸗ blickte, als er ihre unſchuldige Stirne küßte. Dann aber gedachte ſie Leonards und fühlte ſich ſo einſam und verwaist, daß ihre Thränen wieder hervorbrachen. Eh' dieſe noch vertrocknet waren, trat Leonard ſelbſt ein. Einem unwider⸗ ſtehlichen Drange gehorchend, eilte ſie in ſeine Arme, legte ihr Koͤpfchen auf ſeine Schulter und ſchluchzte heraus:— „Ich muß fort von Euch, Bruder— grämt Euch nicht — laßt Euch mein Fernſeyn nicht Leid thun.“ Harley fühlte ſich ſehr ergriffen; er kreuzte ſeine Arme und betrachtete' ſchweigend das Pärchen. Seine Augen feuchteten ſich.„Dieſes Herz,“ dachte er,„iſt werth, daß ich es zu gewinnen ſuche.“ Er nahm Leonard bei Seite und flüſterte ihm zu: „Beruhigt ſie; aber Ihr müßt ihr auch Muth und Bulwer, meine Noyelle, 62 978 Kraft zuſprechen. Ich laſſe Euch allein mit ihr; ſucht mich dann ſpäter in dem Garten auf. Es währte nahezu eine Stunde, eh' Leonard dem letz⸗ zeren Geheiß Harley's Folge gab. „Sie hat doch nicht geweint, als Ihr ſie verließt?“ lautete L'Estrange's Frage. „Nein; ſie beſitzt mehr Seelenſtärke, als wir erwarten durften. Der Himmel weiß, wie dieſe Standhaftigkeit die meinige unterſtützte. Ich habe ihr zugeſagt, daß ich ihr oft ſchreiben wolle.“ Harley that einige Schritte auf dem Raſen, kam dann zu Leonard zurück und ſagte: „Haltet Euer Verſprechen und ſchreibt ihr im erſten Jahr oft. Dann möchte ich Euch bitten, die Correſpondenz allmälig fallen zu laſſen.“ „Fallen zu laſſen?— Ach, mein Lord!“ „Ihr müßt bemerken, junger Freund, daß es mein Wunſch iſt, dieſen ſchönen Geiſt ganz von den Sorgen der Vergangenheit abzubringen. Helen ſoll— nicht plötzlich, ſondern Schritt um Schritt— in ein neues Leben eintreten. Ihr liebt euch jetzt gegenſeitig wie zwei Kinder— als Bruder und Schweſter. Würde aber dieſe Liebe, wenn Ihr ſie er⸗ muthigt, ſpäter dieſelbe bleiben? Und iſt es nicht beſſer für euch Beide, wenn eure Jugend mit den der Jugend nalür⸗ lichen Gefühlen frei und ungefeſſelt in die Welt eintritt?“ „Ihr habt Recht. Und ſie ſteht ſo weit über mir,“ ſagte Leonard in wehmüthigem Tone. „Niemand ſteht über dem, welcher, von einem Ehrgeiz 2 ten die 979 wie der Eurige beſeelt, ſich Erfolg zu erkämpfen weiß, Leo⸗ nard. Glaubt mir, ich meine nicht dies.“ Leonard ſchüttelte den Kopf. „Vielleicht dünkt mich eher,“ fuhr Harley mit einem Lächeln fort,„daß Ihr über mir ſtehet. Welcher Vortheil hat einen ſo hohen Werth, wie die Jugend? Ich könnte am Ende eiferſüchtig auf Euch werden. Es iſt in der Ord⸗ nung, daß ſie den Mann lieben lernt, welcher fortan ihr Hüter und Beſchützer ſeyn wird. Kann ſie aber dies, wie ſie ſollte, wenn ihr Herz nur für Euch einen Sinn hat?“ Der Jüngling ſenkte das Haupt, und Harley beeilte ſich, auf einen anderen Gegenſtand überzugehen, indem er von der Literatur und ihrem Ruhme ſprach. Seine Worte waren beredt, und in ſeiner Stimme lag begeiſternde Gluth; denn in früheren Jahren hatte er ſelbſt für den Ruhm ge⸗ ſchwärmt, und in Leonard ſchien ihm die eigene Jugend wie⸗ der aufzuleben. Aber das Herz des Dichters hatte kein Echo dafür— es war mit einem Male leer und verödet. Als aber Leonard im Mondlichte nach Haus ging, murmelte er vor ſich hin: „Seltſam— ſeltſam— ſie ein bloſes Kind! Dies kann nicht Liebe ſeyn. Und doch, was bleibt mir ſonſt zu lieben?“ Er hielt auf der Brücke an, wo er ſo oft mit Helen ge⸗ ſtanden und auf welcher er den Beſchützer gefunden hatte, dem ſie eine Heimath und er ſelbſt die Einführung in eine Laufbahn verdankte. Oh, wie ſo lang erſchien ihm das Leben, der Ruhm dagegen nur wie ein trauriges Wahnbild. 62* 980 Doch Muth, Leonard! Dies ſind die Sorgen des Herzens⸗ und Du kannſt daraus beſſere Lehren ziehen, als aus den Regeln der Weiſen und der Kritiker. Noch ein Tag, und Helen hatte die Küſte Englands mit ihrem wunderlichen, träumeriſchen Beſchützer verlaſſen. Jahre werden vergehen, eh' wir den Schauplatz unſerer Er⸗ zählung wieder öffnen können. Das Leben ſchreitet fort in allen den Formen, in welchen wir es geſehen haben. Der Squire baut ſeine Felder und jagt; der Pfarrer predigt, ſchmält und begütigt. Riccabocca liest ſeinen Machiavelli und ſeufzt und lächelt, während er über Menſchen und Staaten moraliſirt. Violante's dunkle Augen gewinnen einen tieferen, geiſtvolleren Glanz, und ihre einſamen Träume verleihen ihrer Schönheit den Ausdruck der Ge⸗ dankenfülle. Mr. Richard Avenel macht ein Haus in Lon⸗ don, und die ehrenwerthe Mrs. Avenel hat ihre Opernloge. Hart und ſchwer iſt ihr gemeinſamer Kampf in der vor⸗ nehmen Welt, und der neue Mann, der die Ariſtokratie ver⸗ achtet, brennt vor Begier, ſelbſt ein Ariſtokrat zu werden. Audley Egerton geht von ſeinem Bureau nach dem Parla⸗ ment, plackt ſich, debattirt und hilft das Reich regieren, in welchem die Sonne nicht untergeht. Arme Sonne, wie müde muß ſie ſeyn— aber nicht müder als die Regierung! Randal Leslie hat einen anſehnlichen Poſten im Bureau eines Miniſters und harrt der Zeit, wann er ihn nieder⸗ legen kann, um in das Parlament zu treten und auf dieſem großen Kampfplatz das Wiſſen in Macht umzuwandeln. Mittlerweile iſt er noch immer viel um Audley Egerton; 18, en er t, lli nd en ze⸗ n⸗ ge. or⸗ er⸗ en. la⸗ in vie ! au er⸗ em 981 aber er hat ſich auch auf einen ſehr vertrauten Fuß zu dem Squire geſtellt und ſeitdem zwei Mal Hazeldean beſucht, wo er das Haus und den Grundriß der Güter muſterte, da⸗ bei aber nahezu wieder in den Graben gepurzelt wäre. Der Squire glaubt, Randal ſey der einzige Menſch, welcher Frank in Ordnung halten könne, und hat ſchon rauhe Worte fallen laſſen gegen ſeine Harry wegen Franks ausſchweifen⸗ dem Leben. Frank fährt fort, dem Vergnügen nachzu⸗ rennen, fühlt ſich aber dabei ſehr elend und ſteckt ſchrecklich in Schulden. Madame di Negra iſt von London nach Paris gereist, hat eine Tour durch die Schweiz gemacht und be⸗ findet ſich jetzt wieder in London, wo ſie auf einem ſehr vertrauten Fuß mit Randal Leslie ſteht. Randal hat Frank bei ihr eingeführt, und dieſer hält ſie für die liebenswür⸗ digſte Frau von der Welt, Alles, was man gegen ſie ſagt, für eitel Verleumdung ſchmähſüchtiger Zungen erklärend. Der Bruder der Madame di Negra wird endlich in London erwartet; man iſt ſehr geſpannt auf das Aufſehen, das er machen wird, denn er ſteht im Rufe großer Schönheit und eines ungeheuern Reichthums. Und Leonard— und Harley — und Helen? Geduld— ſie werden Alle wieder erſcheinen. 982 Achtes Bucch. — Einleitungs⸗Kapitel. Vom Mißbrauch der Intelligenz. Man hört gegenwärtig ſo ſchmetternde Trompetenfan⸗ faren und ein ſo gewaltiges Trommelwirbeln, wann immer wir aufgefordert werden, unſere Hüte in die Höhe zu werfen und dem„Fortſchritt des Lichtes“ ein Vivat zu bringen, daß wir uns in Gemäßheit des Widerſpruchsgeiſtes, der von Natur allen vernünftigen Geſchöpfen eingepflanzt iſt, uns verſucht fühlen, die Ohren zuzuhalten und zu ſagen:„Ge⸗ mach, gemach— das Licht iſt geräuſchlos; wie kömmt es dazu, einen ſolchen Lärm zu machen? Inzwiſchen bitte ich, wenn es nicht ungebührlich iſt, mir die Frage zu erlauben, wohin denn eigentlich das Licht fortſchreiten ſoll.“ Richtet man dieſe Frage an ſechs der lauteſten Schreier in der Pro⸗ zeſſion, ſo wette ich zehn Pence gegen Californien, daß man ſehr verſchiedene, ſehr unbefriedigende Antworten er⸗ hält. Der Eine, ein achtbar ausſehender Gentleman, der zu unſerem großen Erſtaunen darauf beſteht, ſich ſelbſt einen „Sklaven“ zu nennen, zugleich aber eine merkwürdig freie Art an ſich hat, ſeine Meinungen auszudrücken, wird ant⸗ worten:—„Das Licht ſchreitet fort zu den neun Punkten der Charte.“ Ein Anderer mit einem Haarſchnitt à la 983 zeune France, der eine Paſſion gefaßt hat für die Frau ſeines Freundes und durch ſeine eigene darin incommodirt wird, verſichert, das Ziel dieſes Fortſchritts ſeyen die Rechte der Frauen, das Reich der ſocialen Liebe und die Vernich⸗ tung tyramiſcher Vorurtheile. Der Dritte, ein wohlha⸗ bender Mann aus der Mittelklaſſe, welcher beſcheidener iſt in ſeinen Hoffnungen und nicht eben wünſcht, daß ihm ſein Laufbube den Schädel einſchlägt oder der Lehrjunge ihm ſeine Frau nach einem Agapemone entführt, läßt das Licht nicht weiter fortſchreiten, als bis zu einer Belagerung des Adelshandbuchs und zu einer Kanonade auf das Budget. Illiberaler Mann! Der Fortſchritt, den du unterſtützſt, wird dich bald unter die Füße treten! Niemand fährt in einem Gedränge ſo ſchlimm, als wer in der Mitte eingekeilt iſt. Ein Vierter mit wildem, träumeriſchen Ausſehen, als tomme er eben aus der Höhle des Trophonius— ein Menſch, der viel auf Myſtik und thieriſchen Magnetismus hält, meint, der Fortſchritt gehe ſchnurſtraks auf die guten alten Zeiten der Alchymiſten und Necromanten los. Ein Fünfter, den man für einen Quäcker halten könnte, ver⸗ ſichert, der Fortſchritt des Lichts ſey ein Kreuzzug für all⸗ gemeine Menſchenliebe, Pflanzenkoſt und Erhaltung eines ewigen Friedens durch Reden, welche allerdings ganz die gegentheilige Wirkung haben von den Philippiken des De⸗ moſthenes. Der Sechste— ein guter Kerl ohne einen gan⸗ zen Fetzen auf dem Rücken— kümmert ſich keinen Stroh⸗ halm darum, wohin der Fortſchritt geht. Er kann's nicht ſchlimmer kriegen, als er es ſchon hat, und es iſt für ihn 984 ſehr unweſentlich, ob er nach dem Hundsſtern hinauf oder die in die bodenloſe Hölle hinab führe. Ich für meine Perſon ſch ſage nichts gegen den Fortſchritt, ſo lange wir alle daran Pi Theil nehmen. Was auch kommen mag, wir ſind in guter ſta Geſellſchaft. Zwar bin ich von Natur aus träge und bliebe we lieber zu Haus bei Locke und Burke— ſo langweilige Ge⸗ ruſ ſellen ſie auch ſind— als daß ich mir meine Gedanken bunt über Se den Haufen werfen laſſe durch dieſes verwünſchte Trompeten⸗ für und Paukengetös, aufgeführt von Kerlen, denen ich— beim der Himmel!— keine Fünfpfundnote anvertrauen möchte; aber nur gleichwohl muß ich mit fort, und ſo hole der Henker den An Hinterſten. Wenn aber die einzelnen Vorwärtsdränger für ſtre eigene Rechnung in Frage kommen— die Freibeuter und zu Condottieri des Fortſchritts, welche die Taſchen mit Phos⸗ me phorzündhölzchen angefüllt haben und eine erhabene Ver⸗ mã achtung für die Scheunen und Heuſtöcke ihrer Nachbarn kund Ne geben— ei, da ſeh' ich wahrhaftig nicht ein, warum ich ſch mich in den ſiebenten Himmel der Bewunderung und des S Entzückens verſetzen ſoll. Wenn nur Diejenigen, welche ohne Unterlaß von den köp himmliſchen Segnungen des Fortſchritts, allgemeiner Ver⸗ klir breitung der Intelligenz und ſo weiter declamiren, die Augen tell aufthun und umherſchauen wollten, ſo möchte ich achtungs⸗ wãä voll die Frage an ſie richten, ob ihnen nie ein ſehr kennt⸗ gla nißreicher intelligenter Gentleman begegnet iſt, deſſen Be⸗ dar kanntſchaft in keiner Weiſe wünſchenswerth war. Müſſen ger ſie mit Nein antworten, ſo können ſie von ungeheurem tre Glücke ſagen. Jeder urtheilt nach ſeiner Erfahrung, und ma 985 die größten Spitzbuben, die mir je vorkamen, waren ge⸗ ſcheidte, gutunterrichtete Kerle. Vor Dummköpfen und Pinſeln können wir uns in Acht nehmen; aber einem ſolchen ſtarkgeiſtigen Herrn gegenüber, der nichts von Vorurtheilen weiß und durch und durch Erleuchtung iſt, mögen wir wohl rufen:„Himmel, bewahre uns!“ Allerdings bringt es der Schurke, mag er auch noch ſo erleuchtet ſeyn, in der Regel für ſich ſelbſt zu nichts Gutem, obſchon ihn dies nicht hin⸗ dert, ſeinem Nächſten möglichſt zu ſchaden; aber dies beweist nur, daß die Welt von Denen, welche ſie belohnt, noch etwas Anderes verlangt, als die Intelligenz per se und im Ab⸗ ſtrakten, denn ſie iſt zu alt, um dem nächſten beſten Pfiffikus zu erlauben, daß er ſich nur Vergnügens halber ihre Pflau⸗ men ausleſe. Deshalb wird auch ein Mann von nur mittel⸗ mäßiger Intelligenz, der an Gott glaubt, ein Herz für ſeinen Nebenmenſchen hat und unrechtmäßige Vortheile verab⸗ ſcheut, vielleicht unendlich mehr Macht gewinnen, als der Spitzbube aus ſeinem Wiſſen zu ziehen vermag. Ich ſehe voraus, daß der ganze Schwarm jener Hohl⸗ köpfe über mich herfahren wird, die, ſo ſonderbar es auch klingen mag, die leichtgläubigſten Anbeter des Götzen In⸗ telligenz ſind, obſchon ſie, wenn das Wiſſen wirklich Macht wäre, auf dem Düngerhaufen verfaulen müßten. Indeß glaube ich, alle wahrhaft intelligenten Menſchen werden darin mit mir einverſtanden ſeyn, daß wenn wir auf der all— gemeinen Bahn des Fortſchritts auch einzelne Marodeure treffen, kein Grund vorhanden iſt, uns zu ihrer Zielſcheibe zu machen, weil die Intelligenz ſie mit einer Waffe verſehen 986 hat. Der unſichtige Leſer hat ohne Zweifel bereits be⸗ merkt, daß unter den vielen in unſerer Erzählung aufgeführ⸗ ten Charakteren der größere Theil jener Klaſſe angehört, welche man die intelligente nennt, und daß durch ſie eben die menſchliche Intelligenz in ihren verſchiedenen Formen und Richtungen zergliedert und entwickelt wird. Richtig betrachtet iſt alſo vorliegende Geſchichte ein beſcheidenes Familienepos, oder, wenn man lieber will, ein langes Ernſtluſtſpiel über die Wechſelformen des engliſchen Lebens in unſerem Jahrhundert, durch die vorherrſchendſten In⸗ telligenzen in Bewegung geſetzt. Und wo alltäglichere und weniger ausgebildete Typen dieſer Klaſſe das Bild der über die Bühne ſchreitenden Generation abrunden und vervoll⸗ ſtändigen, werden ſie vft durch Gegenſätze die Mängel an⸗ deuten, welche die blos intellektuelle Bildung des Geiſtes zur Folge hat. Ich habe gewiß nichts gegen Intelligenz und Erleuchtung— Gott verhüte, daß ich ein ſolcher Van⸗ dale ſeyn könnte— möchte aber doch dem geſunden Ver⸗ ſtand und einem ehrlichen Spiel das Wort reden. Von einem fähigen Mann verlange ich nicht, daß er ein Engel ſeyn ſoll; aber ich bin der Anſicht, wenn Herz und Kopf im Einklang ſtehen und beide fortwandeln auf der großen Bahn unter einem göttlichen Oriflam, ſo ſteht er dem Engel ſo nah, als dies der menſchlichen Natur möglich iſt. Steht jedoch im Gegentheil der Werth ſeines Herzens zu dem ſeines Kopfes in einem Verhältniß wie der Penny zum Pfund, ſo ſage ich: Bon jour, mon ange! ich ſehe nicht die den Sternen zuſtrebenden Schwingen, ſondern nur den ger leu get wö dig ein üb vor da ſich an, äu der bis an ob in noe Ru ma ſol Zie dal etn be⸗ hr⸗ ört, ben nen tig nes ges ns n⸗ nd ber l⸗ m⸗ tes nz n⸗ er⸗ 987 gemeinen Pferdefuß?“ Lieber möchte ich mich von dem Squire Hazeldean verduinmen, als von Randal Leslie er⸗ leuchten laſſen. Jeder nach ſeinem Geſchmack! Die Intelli⸗ genz übrigens, nicht im philoſophiſchen, ſondern im ge⸗ wöhnlichen Sinne iſt ſelten oder nie eine einzige, vollſtän⸗ dige Thätigkeit; ſie iſt kein beſonderes Vermögen, ſondern ein Gemiſch von vielen, die theilweiſe feindlich ſich gegen⸗ überſtehen und den Einklang des Ganzen vergällen. Wenige von uns beſitzen ein einzelnes ſo vorherrſchendes Vermögen, daß es an ſich eine Kraft iſt, und wo es ſich findet, maßt es ſich gerne eine ungebührliche Herrſchaft über die anderen an, theilt aber dann auch das Lvos aller Tyrannei: bei allem Glanz iſt Zwietracht im Innern und Schwäche gegen einen äußeren Feind vorhanden. Daher auch die Verkehrtheit der Intelligenz bei einem Mann von ſchlechtem Herzen, und bisweilen ihre eitle Vergeudung bei ſolchen, die vom beſten Willen beſeelt ſind, weil es ihr an der nöthigen Zucht oder an einem ſtarken leitenden Antrieb gebricht. Ich zweifle, ob es in der Welt irgend eine wegen ihrer geiſtigen Gaben in hohem Rufe ſtehende Perſon gibt, welche nicht ſchon einer noch begabteren begegnet wäre, die ſich durchaus keines Rufes zu erfreuen hat. Männer wie Audley Egerton ſieht man ſtets in den hohen Stellungen des Lebens, während ſolche, wie Harley L'Estrange, die im Ringen nacheinem Ziel ſie bei weitem ausſtechen würden, mit dem Strome dahinſchwimmen und unbemerkt zu Grabe gehen, wenn nicht etwa ein plötzliches Reizmittel ſie aus ihren Träumen zu kräftiger That weckt. Wären Hamlet und Polonius noch 1 988 unter den Lebenden, ſo würde Letzterer weit mehr Ausſicht auf den Poſten eines Kanzlers der Schatzkammer haben, trotz der unzweifelhaft viel höheren Intelligenz des Erſteren. Was würde wohl aus Hamlet werden? Der Himmel weiß es! Der erfahrene Schulmann Doctor Arnold ſagt, der eine Menſch unterſcheide ſich von dem andern nicht blos durch Fähigkeit, ſondern namentlich durch Thatkraft. Es liegt viel Wahres in dieſer Anſicht. Indem ich dieſe Andeutungen dem urtheil und der Würdigung des tiefer Blickenden überlaſſe, gehe ich zu einer neuen Abtheilung dieſes Werkes über und ſehe bereits im Hintergrund Randal Leslie ſich in die Lippe beißen. Der deutſche Dichter bemerkt, die Iſis ſey für den Einen die erhabene Göttin, für den Anderen die Kuh, die ihn mit Butter verſorgt. O Hang unſeres Zeitalters, in der Wiſſen⸗ ſchaft nur die Milchkuh zu ſehen! O Herabwürdigung des großartigſten Strebens zu der ſchnödeſten Benützung! Blick auf die Göttin, Randal Leslie, und halte das Rührfaß und die Wage bereit. Wir wollen ſehen, was Dir die Butter auf dem Markte einbringt. Zweites Kapitel. Ein neues Regiment bereitet ſich vor. Es hat eine allgemeine Wahl ſtattgefunden, und auf den Huſtings zeigte ſich, daß die Verwaltung ihre Volksthümlichkeit verloren hat. Audley Egerton, der bisher durch gewaltige Majorität ſicht ben, ren. veiß eine urch iegt der iner im Der die mit ſen⸗ des lick rfaß tter eine igte ren ität 989 gewählt wurde, iſt— Dank ſey es einem Mehr von fünf Stimmen— kaum einer Niederlage entgangen. Die Koſten der Wahl ſollen ungeheuer geweſen ſeyn.„Wer kann gegen einen Reichthum, wie der von Egerton iſt, und ohne Zweifel auch gegen die Zuſchüſſe aus dem Staatsſchatz Stand halten?“ ſagte der durchgefallene Bewerber. Es iſt Ende Oktober. London füllt ſich wieder, und in weniger als vierzehn Tagen wird das Parlament eröffnet werden. In einem der ſchönſten Zimmer des Hotels, in welchem Ausländer erfahren können, was engliſches Comfort iſt und welchen Preis ſie dafür zu bezahlen haben, ſaßen zwei Per⸗ ſonen neben einander in angelegentlichem Geſpräch. Die eine war eine Frau, und wir erkennen in ihrem blaſſen, klaren Teint, in den rabenſchwarzen Locken und in den Augen mit einer Gewalt des Ausdrucks, wie ſie den Schönheiten des Nordens ſelten verliehen iſt, Beatrice, die Marcheſa di Negra. So ſehr auch die Schoͤnheit der Italienerin Aner⸗ kennung finden mußte, zeichnete ſich doch ihr Gefährte, ein Mann, der im mittleren Alter ſchon ziemlich vorgerückt war, durch körperliche Vorzüge noch mehr aus. Zwiſchen Beiden fand eine große Familienähnlichkeit, aber auch ein auffallender Gegenſatz in Miene, Haltung und allen jenen Stempeln ſtatt, welche einer Phyſiognomie die Eigenthüm⸗ lichkeiten des Charakters aufdrücken. In Beatrice's Antlitz konnte man bei aufmerkſamer Betrachtung etwas Würde⸗ volles und Ernſtes, nicht ohne Leidenſchaftlichkeit, bemerken, und wenn ihr Lächeln auch bisweilen falſch war, zeigte es doch nur ſelten einen ironiſchen oder eyniſchen Ausdruck, 990 Ihre Geberden waren anmuthig, leicht und ungezwungen, und die Tochter des Südens ließ ſich in ihr nicht verkennen. In dem ſchönen glatten Geſicht ihres Gefährten dagegen, in das die Jahre kaum eine Linie oder Falte gezeichnet hatten, lag Etwas, das ſich beim erſten Blick vielleicht als den Leicht⸗ ſinn und die Gedankenloſigkeit einer lebensfrohen jugend⸗ friſchen Natur deuten ließ; aber ſein Lächeln zeigte doch bei aller Feinheit gelegentlich den Ausdruck höhniſchen Spot⸗ tes. Seine Bewegungen waren ſo gehalten und frei, wie die eines engliſchen Gentleman. Seine Haare hatten jenes rothbraune Kolorit, mit welchem die italieniſchen Maler einen ſo wunderbaren Farbeneffekt hervorbringen, und wenn auch da und dort ein Silberfaden durch die Locken glänzte, ging er doch ſchnell wieder verloren unter der reichen Fülle derſelben. Seine Augen waren blau und der wenig gefärbte Teint erſchien auffallend durchſichtig. Den Styl ſeiner Schönheit hätte man wohl eher weiblich als männlich nennen müſſen, ohne die Höhe und ſehnichte Gedrungenheit eines Baus, in welchem die Muskelkraft durch eine bewunderns⸗ würdige Eleganz des Ebenmaßes eher gehoben, als ver⸗ hüllt wurde. Den Italiener hätte man nicht in dieſem Mann vermuthet, aber vielleicht einen Pariſer. Er ſprach franzöſiſch, kleidete ſich ſo, und auch ſeine Denkweiſe ſchien franzöſiſch zu ſeyn. Nicht daß er Aehnlichkeit hatte mit dem Franzoſen des heutigen Tags— ein Geſchöpf, das entweder roh oder zurückhaltend iſt; ſondern er war, wie wir uns einen Marquis des alten régime, den roué der Regent⸗ ſchaft denken. iſt fre mi ni lie pr en, nen. in ten, cht⸗ nd⸗ och pot⸗ wie nes aler enn zte, ülle ner nen nes ns⸗ er⸗ ſem ach ien mit das wir nt⸗ 994 Er war übrigens ein Italiener und zwar aus einem in der Geſchichte Italiens nicht unberühmten Geſchlechte. Allerdings ſpielte er, als ſchäme er ſich ſeines Vaterlandes und ſeiner Geburt, die Rolle des Weltbürgers— aber Gott behüte die Welt, wenn ſie nur ſolche Bürger hat! „Selbſt zugegeben, Giulio,“ ſagte Beatrice di Negra italieniſch,„daß Du dieſes Mädchen auffindeſt, kannſt Du glauben, der Vater werde je ſeine Zuſtimmung geben zu eurer Verbindung? Ohne Zweifel kennſt Du den Charakter Deines Verwandten gut genug?“ „Tu te trompes, ma soeur,“ verſetzte Giulio Fran⸗ zini, Graf von Peschiera, wie gewöhnlich in franzöſiſcher Sprache—„tu te trompes. Ich kannte ihn, eh' Ver⸗ bannung und Armuth über ihn kam; aber was kann ich jetzt davon wiſſen? Doch troſte Dich, meine allzu ängſtliche Beatrice; ich kümmere mich nicht um ſeine Einwilligung, wenn ich nur die ſeiner Tochter habe.“ „Und wie dieſe gewinnen, wenn der Vater dawider iſt?“ „Eh, mordieu!“ unterbrach ſie der Graf mit ächt franzöſiſcher Leichtfertigkeit,„was müßte aus all' den Ko⸗ mödien, die je über die Bretter gingen, werden, wenn ſich nicht Ehebündniſſe hinter dem Rücken der Väter ſchließen ließen? Merke wohl,“ fuhr er mit einem leichten Zuſammen⸗ preſſen der Lippe und einem noch leichteren Rücken in ſeinem Stuhle fort—„merke wohl, es handelt ſich hier um kein Wenn und Aber, ſondern um ein Sollen und Müſſen— um eine Lebensfrage für Dich und für mich. Als Danton ſein 992 Todesurtheil angekündigt wurde, warf er ſeinem reſpektabeln Richter ein Brodkügelchen nach der Naſe und ſagte: Mon individu sera bientòt dans le néant.“— Mein väter⸗ liches Erbe iſt bereits dort! Ich bin mit Schulden überladen und ſehe nichts vor mir, als auf der einen Seite Ruin und Selbſtmord, auf der anderen Heirath und Reichthum.“ „Aber haſt Du denn von den ungeheuren Beſitzungen, deren Ertrag ſo lang in Deine Hände floß, gar nichts für die Zeit aufgeſpart, in welcher ſie Dir wieder abgenommen werden könnten?“ „Meine Schweſter, verſetzte der Graf,„ſehe ich wie ein Mann aus, der ſich aufs Sparen verſteht? Außerdem, der öſterreichiſche Kaiſer, der aus ſeinen lombardiſchen Be⸗ ſitzungen ein ſo erlauchtes Haus, wie das unſeres Verwandten iſt, nicht ſtreichen und, während er die Rebellion deſſelben ſtrafte, zugleich meine Anhänglichkeit belohnen wollte, beſchloß keine peremtoriſche Konfiskation der herrlichen Län⸗ dereien, nach denen mir, ſchon wenn ich davon ſpreche, der Mund wäſſert, ſondern theilte ſie nur für unbeſtimmte Zeit den Krongütern zu und geſtattete mir, als dem nächſten männlichen Verwandten, auf ſo lange die Hälfte der daraus fließenden Einkünfte zu beziehen. Hatte ich nun nicht Grund, zu glauben, es werde mir in kurzer Friſt gelingen, von Seiner Majeſtät oder ſeinem Miniſter ein Dekret aus⸗ zuwirken, welches das Ganze unbedingt und unwiderruflich auf mich übertrüge? Auch zweifle ich nicht, daß ich dieſen Plan hätte durchſetzen können, wenn nicht jener verwünſchte, naſeweiſe engliſche Mylord geweſen wäre, der nie aufgehört — — beln Mon ter⸗ aden und gen, für men wie dem, Be⸗ dten ben Ute, Län⸗ der Zeit hſten raus nicht gen, aus⸗ flich ieſen ſchte, ehört 993 hat, dem Hof und den Miniſtern vorzuſtellen, daß die Schuld unſeres Couſins viel geringer ſey und namentlich ich— frei⸗ lich konnte er den Beweis nicht liefern— mich bei der Re⸗ bellion betheiligt und meinen Verwandten darein verſtrickt habe, um hintendrein den Angeber machen und aus ſeinem Unglück für mich ſelbſt Vortheil ziehen zu können. Ja, er brachte es ſo weit, daß mir endlich der Miniſter ſelbſt zum Dank für alle meine geleiſteten Dienſte und als Erwiederung auf meine Anſprüche die kalte Antwort gab:„Graf von Peschiera, Euer Dienſt iſt wichtig, aber er iſt auch gut be⸗ lohnt worden. Dieſe Belohnung können wir um Eurer Ehre willen nicht weiter ausdehnen, denn Eure Landsleute hätten dann ein Recht zu der ſchlimmen Meinung, der Hochverrath ſey nur um deßwillen von Euch zur Anzeige gebracht worden, damit Ihr Euch die der Krone verfallenen Güter Eures Ver⸗ wandten förmlich zueignen könnet. Die Makelloſigkeit des edlen Namen, den Ihr tragt, ſollte Euch theurer ſeyn, als jene Güter.“ „Ach, Güulio,“ rief Beatrice, und ihr erglühendes Geſicht wechſelte ſeinen ganzen Ausdruck—„dies waren Worte, vor denen der Dämon der Habſucht, welcher Dich verſucht, beſchämt aus Deiner Bruſt weichen ſollte.“ In großem Erſtaunen riß der Graf ſeine Augen weit auf, blickte dann im Zimmer umher und erwiederte ruhig: „Außer mir hört Dich Niemand; ſchwatze daher nicht ſolchen Unſinn. Der Hervismus klingt gut in einer gemiſch⸗ ten Geſellſchaft, paßt aber ſchlecht zu dem Ton einer fami⸗ liären Unterhaltung.“ Bulwer, meine Novelle. 63 994 Madame di Negra ſenkte ſchamroth das Haupt und der plötzliche Wechſel in dem Ausdruck ihres Geſichts, der eine Empfänglichkeit für edle Gefühle zu verrathen ſchien, war eben ſo ſchnell wieder verſchwunden. „Gleichwohl haſt Du zur Hälfte die Nutznießung dieſer großen Einkünfte, verſetzte ſie mit Kälte.„Warum alſo von Ruin und Selbſtmord ſprechen?“ „Ich habe ſie, ſo lang es der Krone genehm iſt. Wie aber dann, wenn es ihr gefällt, meinen Couſin zurückzurufen und ihm ſeine Beſitzungen wieder zu übertragen?“ „Es wäre alſo Wahrſcheinlichkeit zu einer ſolchen Begnadigung vorhanden? Als Du mich auf die Spähe aus⸗ ſandteſt, ſprachſt Du nur von einer Möglichkeit.“ „Die Wahrſcheinlichkeit iſt ſehr groß, und deßhalb bin ich hier. Erſt vor Kurzem habe ich in Erfahrung gebracht, der Kaiſer ſey zu einer Zurückberufung geneigt und der Gegenſtand auf ſeinen Antrag im geheimen Rath zur Ver⸗ handlung gekommen. Die Gefahr, die dem Staat aus meines Couſins Reichthum erwachſen könnte, ſeine aner⸗ kannten Fähigkeiten— Fähigkeiten! pah!— und die Be⸗ liebtheit ſeines Namens waren Gründe für eine vorläufige Zögerung, und ich glaube, auch der Umſtand blieb nicht außer Betracht, daß die Miniſter nicht wußten, was man dann mit mir anfangen ſollte. Gleichwohl handelt ſich's jetzt nur noch um eine Friſt, denn man kann ihn nicht für die Dauer von der allgemeinen Amneſtie ausſchließen, die bereits alle anderen Flüchtlinge in ſich faßt. Ich verdanke dieſe Mittheilung einer hochgeſtellten Perſon, die mir freundlich geſinnt iſt und noch einen Rath beifügte, in deſſen Gemäßheit ich handelte. Mein Berichterſtatter ſagt mir, von einem der Wortführer meines Couſins ſey ange⸗ deutet worden, der Flüchtige könne in der Perſon ſeiner Tochter und Erbin einen Leibbürgen geben; ſie ſey bereits heirathsfähig, und wenn ſie ſich unter Zuſtimmung des Kai⸗ ſers mit einem Manne verbände, deſſen Anhänglichkeit an die öſterreichiſche Krone keiner Beanſtandung unterliege, ſo gewinne letztere eine Bürgſchaft für die Treue des Vaters ſowohl, als dafür, daß ein ſo wichtiges Erbe nicht in unzuverläſſige Hände gelange. Warum nun nicht ſelbſt an den Kaiſer gehen und ihn um Genehmigung dieſer Ver⸗ bindung mit Euch bitten?“ ſagt mein Freund.— Ihr, auf den er ſich verlaſſen kann— Ihr, der Ihr, im Falle die Tochter ſtürbe, der geſetzliche Erbe der Güter wäret?“ Nach dieſem Winke richtete ich meine Schritte ein.“ „Du haſt beim Kaiſer Audienz gehabt?“ „Ja; und nachdem ich das ungerechte Vorurtheil gegen mich bekämpft hatte, erklärte ich, mein Couſin habe, wenn ihm Alles gehörig auseinandergeſetzt werde, ſo wenig Grund zu einem Groll gegen mich, daß ich nicht daran zweifle, von ihm ſogar die Hand ſeiner Tochter zu erhalten.“ „Dies ſagteſt Du?“ rief die Marcheſa erſtaunt. „Und in dieſer Weiſe,“ fuhr ohne Rückſicht auf die Un⸗ terbrechung der Graf fort, indem er mit ſorgloſer Hand die ſchneeweißen Falten ſeines Vorhemdes glatt ſtrich,„hoffe ich das Glück zu haben, mich ſelbſt zum Bürgen für die Unter⸗ thanentreue meines Verwandten machen und die Wiederein⸗ 63* ren vermitteln zu können. Nur Neid und Bosheit heften an meinen Namen den Makel als habe ich ihm Unrecht gethan. Ein ſolches Verhalten meinerſeits müßte mich vor aller Welt reinigen.“ „Und der Kaiſer gab ſeine Einwilligung?“ „Pardien, meine theure Schweſter, was konnte Seine Majeſtät ſonſt thun? Mein Vorſchlag räumte jedes Hinder⸗ niß weg und verſöhnte die Politik mit der Gnade. Es handelt ſich jetzt nur varum, daß wir den Schlupfwinkel unſeres theuren Verwandten, welcher bisher alle unſere Be⸗ mühungen zu vereiteln wußte, auffinden und ich ſelbſt der Demoiſelle gegenüber als Liebhaber mich angenehm mache. Zwar muß ich geſtehen, daß wir in den Jahren etwas un⸗ gleich ſind; aber wenn mir Dein Geſchlecht und mein Spiegel nicht allzuſehr ſchmeichelt, ſo fann ich noch mit manchem galanten Herrn von fünfundzwanzig in die Schranken treten.“ Der Graf ſprach dies mit einem ſo bezaubernden Lã⸗ cheln und ſah dabei ſo ausnehmend ſchon aus, daß ſeine Worte das Geckenhafte in dem angenehmen Vortrag ver⸗ loren und man ſich an einen blendenden Helden aus der großartigen alten Komödie des Pariſer Lebens erinnert fühlte. Er kreuzte dann ſeine Finger, legte die ſo verſchlunge⸗ nen Hände leicht auf die Schulter ſeiner Schweſter, blickte ihr ins Geſicht und ſagte langſam; ſetzung in ſeine Eh „und nun, meine Schweſter, zu einem ſanften aber ——— ——— — 1 be its ine er⸗ Es nkel Be⸗ der che. un⸗ egel hem nken Lä⸗ ſeine ver⸗ der nnert unge⸗ blickte aber 997 verdienten Vorwurf. Biſt Du nicht traurig ſäumig geweſen in dem Auftrag, den ich Dir im Hinblick auf meine Inte⸗ reſſen an das Herz legte? Sind es nicht ſchon einige Jahre, ſeit Du Deinen erſten Beſuch in London machteſt, in der Abſicht, dem Aufenthalt unſerer würdigen Verwandten auf die Spur zu kommen? Flehte ich Dich nicht an, in Dein Netz den Mann zu ziehen, von dem ich wußte, daß er mein Feind iſt und der ohne Zweifel den Zufluchtsort unſeres Couſins kennt, ihn aber bisher als Geheimniß in ſeiner Bruſt bewahrt hat? Sagteſt Du mir nicht, Du habeſt, obſchon er damals in England war, keine Gelegenheit finden können, auch nur mit ihm zuſammenzutreffen, dagegen aber die Freundſchaft eines Staatsmanns gewonnen, auf den ich, als auf ſeinen vertrauteſten Genoſſen, Deine Aufmerkſamkeit lenkte? Und doch erfährſt Du, deren Reize ſonſt ſo unwider⸗ ſtehlich ſind, eben ſo wenig von dieſem Staatsmann, als Du von dem Mylord zu ſehen kriegſt. Ja, Du läßt Dir am Ende gar den Irrwahn aufbinden, was Du ſucheſt, habe ſeine Zuflucht nach Frankreich genommen, gehſt nach und thuſt dergleichen, als durchſpäheſt Du die Hauptſtadt, die Provinzen, die Schweiz— que sais je? alles vergeblich — obſchon— foi de gentilhomme— Dein Dienſt mich theuer zu ſtehen kommt. Du kehrſt nach England zurück — dieſelbe Jagd und das nämliche Ergebniß. Palsembleu, ma soeur, ich ſchenke Deinen Talenten ein zu großes Ver⸗ trauen, um nicht Deinen Eifer in Frage ziehen zu müſſen. Mit Einem Wort— war es Dir wirklich Ernſt mit Deinen Bemühungen, oder haſt Du Dir blos ein Vergnügen daraus 998 gemacht, mein Vertrauen zu mißbrauchen, während Du Dich ſelbſt amüſirteſt?“ „Giulio,“ antwortete Beatrice traurig,„Du kennſt den Einfluß, den Du auf meinen Charakter und auf mein Schickſal geübt haſt. Deine Vorwürfe ſind ungerecht. Ich ſtellte alle die Nachforſchungen an, welche in meiner Macht lagen, und habe jetzt Urſache zu glauben, daß ich Jemand kenne, der in das Geheimniß eingeweiht iſt und uns dazu behülflich ſeyn kann.“ „Ah, iſt's wahr?“ rief der Graf. Aber Beatrice achtete nicht auf dieſe Unterbrechung, ſondern fuhr in raſcher Rede fort: „Aber auch angenommen, daß mein Herz vor der Auf⸗ gabe zurückbebte, die Du mir auferlegteſt, wäre dies nicht natürlich geweſen? Als ich zum erſtenmal nach England kam, erklärteſt Du gegen mich, der Grund, warum Du die Flüchtlinge aufzufinden wünſcheſt, ſey von der Art, daß ich in allen Ehren die Hand dazu bieten könne. Zuvörderſt wollteſt Du natüklich Gewißheit darüber einziehen, ob die Tochter noch am Leben ſey, denn im entgegengeſetzten Falle warſt Du der Erbe. Lebte ſie noch, ſo hatteſt Du Deiner Verſicherung zufolge die Abſicht, durch meine Vermittlung einen Vergleich zwiſchen Dir und Alphons zu erzielen, in deſſen Gemäßheit Du ſeine Begnadigung unter der Bedin⸗ gung auswirken wollteſt, daß Du, ſo lange Du lebeſt, im Beſitz deſſen verbleibeſt, was Du zur Zeit als Lehen der Krone inne habeſt. So lange dies dein Plan war, that ich ſt 5 t M — —— W MN———— 999 — wenn auch ohne Erfolg— mein Beſtes, die gewünſchte Auskunft zu erhalten.“ „Und was beraubt mich jetzt eines ſo wichtigen, ob⸗ gleich vergeblich operirenden Verbündeten?“ fragte der Graf, noch immer lächelnd, während ein düſteres Blitzen aus ſeinem Auge dieſes Lächeln Lügen ſtrafte. „Einfach der Umſtand, daß Du von mir verlangteſt, ich ſolle die erbärmlichen Spione, die falſchen⸗Italiener, die Du herüber ſchickteſt, in meinem Hauſe empfangen und ge⸗ meinſchaftlich mit ihnen wirken, um den armen Verbannten, wenn er ſich auffinden ließe, in eine voreilige Correſpondenz zu verſtricken, die man dem Hof vorlegen könne,— die That⸗ ſache, daß Du es verſuchteſt, die Tochter des Grafen von Peschiera, eine Abkömmlingin derer, welche in Italien herrſchten, zu einer ſchnöden Verſtrickerin und tückiſchen An⸗ geberin zu machen! Nein, Giulio— dieſer Gedanke er⸗ füllte mich mit Entſetzen, und weil ich Deine Gewalt über mich kannte, zog ich mich nach Frankreich ur Ich hih Dir offen geantwortet.“ Der Graf entfernte ſeine Hände von der Schulter, auf welcher ſie bisher ſo herzlich geruht hatten. 8 „Und dies iſt Deine Weisheit,“ ſagte er;„dies iſt Dein Dank. Du, deren Glück Hand in Hand mit dem mei⸗ nigen geht— Du, die Du von meiner Güte abhängſt— Du, die—“ „Halt!“ rief die Marcheſa, ſich erhebend und mit einer Aufregung, als wollten ſich die aufs Aeußerſte gekränkten Gefühle in gerechter Empörung Luft machen gegen Jahre 1000 lang geübte Tyrannei—„Halt!— Dank! Güte! Bruder, Bruder— in der That, was iſt es, das ich Dir zu danken habe? Die Schande und das Elend eines Lebens. Noch als Kind verdammteſt Du mich zu einer Ehe gegen meinen Willen— gegen mein Herz— gegen meine Gebete— und verlachteſt meine Thränen, als ich knieend vor Dir um Erbarmen flehte. Ich war damals rein, Giulio— rein und unſchuldig wie die Sen in meinem jungfräulichen Kranze. Und jetzt— jetzt— Beatrice hielt plötzlich inne und drückte die Hände vor ihr Geſicht. „Du machſt mirs jetzt zum Vorwurf,“ verſetzte der Graf, ohne ſich durch ihre plötzliche Leidenſchaft aus der Faſſung bringen zu laſſen,„weil ich Dir einen jungen Mann von gutem Adel zur Ehe gab?“ „Alt in Laſtern und gemein von Seele! Die Heirath habe ich Dir vergeben, denn Du warſt nach der Landes⸗ ſitte berechtigt, über meine Hand zu verfügen; aber die Tröſtungen konnte ich Dir nicht verzeihen, die Du einem unglücklichen gekränkten Weib ins Ohr flüſterteſt.“ „Erlaube mir die Bemerkung,“ entgegnete der Graf mit einer höflichen Verbeugung des Kopfes,„daß jene Trö⸗ ſtungen gleichfalls im Einklang ſtanden mit der Landesſitte, und ich muß erſt jetzt erfahren, daß Du ſie ungnädig auf⸗ genommen haſt. Auch warſt Du nicht ſo lang eine Gattin,“ fuhr er fort,„daß die Schwielen jener Kette noch ſchmerzen ſollten. Du wurdeſt bald Wittwe— biſt frei, kinderlos, jung, ſchön—“ 1001 „Und eine Bettlerin.“ „Di Negra war freilich ein Spieler— leider muß ich es ſagen; aber die Schuld lag nicht an mir. Ich konnte ihm eben ſo wenig die Karten aus der Hand reißen, als ihm ſagen, wie er ſie ſpielen ſollte.“ „Und meine eigene Mitgift? O Güulio, ich erfuhr erſt bei ſeinem Tode, warum Du mich an dieſen abtrünnigen Genueſen gefeſſelt hatteſt. Er war Dir Geld ſchuldig, und allem Ehrgefühl, ja ich glaube auch allen Rechtsgrund⸗ ſätzen zum Trotz behielteſt Du mein Geld als Zahlung ſeiner Schuld.“ „Er hatte keine anderen Mittel, mich zu befriedigen, und Ehrenſchulden müſſen bezahlt werden— das ſind alte Geſchichten. Was liegt auch daran? Seitdem hat Dir meine Börſe immer offen geſtanden.“ „Ja, aber nicht als Deiner Schweſter, ſondern nur als Deinem Werkzeug, Deinem Spion. Und wenn mir Deine Börſe offen ſtand, waren die Bezüge knauſerig genug zugemeſſen.“ „Un peu de conscience, ma chère, Du haſt gar zu verſchwenderiſch gewirthſchaftet. Doch laſſen wir dies— ſey offen. Was verlangſt Du von mir.“ „Meine Unabhängigkeit.“ „Das heißt, Du möchteſt eine zweite ehliche Verbin⸗ dung eingehen mit einem von dieſen reichen Inſel⸗Lorden. Ma foi, ich habe Reſpekt vor Deinem Ehrgeiz.“ „Er verſteigt ſich nicht ſo hoch. Mein Streben geht nur dahin, der Sklaverei zu entkommen und mich dem Bereich 1002 unehrenhafter Verſuchung zu entziehen. Ich verlange“— rief Beatrice mit geſteigerter Aufregung—„ich verlange, wieder ein Weib zu ſeyn.“ „Genug!“ erwiederte der Graf mit ſichtlicher Ungeduld. „Liegt denn in der Erringung Deines Zieles Etwas, das Dich gleichgültig machen muß gegen das meinige? Wenn ich Dich recht verſtehe, ſo möchteſt Du heirathen. Um nun eine Partie zu finden, die ſich für Dich ſchickt, ſollteſt Du Deinem Gatten keine Schulden, ſondern eine Morgen⸗ gabe zubringen. Sey es darum. Ich will jene Summe, die ich vor den Klauen des verſchwenderiſchen Genueſen ge⸗ borgen habe, Dir zurückgeben— das heißt, ſobald es in meiner Macht liegt— ſobald ich die Erbin meines Ver⸗ wandten geheirathet habe. Du gabſt mir zu verſtehen, Beatrice, meimrüheren Plane hätten Dich empört; ich denke, bei meinen dermaligen könnte Dein Gewiſſen ſich be⸗ ruhigen, da durch dieſen Ehebund unſer Cvuſin ſein Vater⸗ land und wenigſtens die Hälfte ſeines Beſitzthums wieder gewinnt. Sollte dann Demviſelle nicht einen trefflichen Gatten in mir finden, ſo wird die Schuld auf ihrer Seite ſeyn, da ich mir die Hörner bereits abgelaufen habe. Je suis bon prince, wenn man mir ein Bischen meine Art läßt. Ich hoffe und wünſche— ja, es liegt ſogar in meinem Inte⸗ reſſe, un digne époux et irréprochable pöre de famille zu werden. Wenn ich ſo leichtfertig ſpreche, ſo liegt dies eben in meiner Art; aber ich meine es ernſtlich. Das kleine Mädchen wird⸗ ſehr glücklich mit mir ſeyn, und ich ver⸗ zweifle nicht daran, ihrem Vater allen Groll auszureden, den 6 1003 er gegen mich im Herzen tragen mag. Willſt Du mir nun dazu behülflich ſeyn— ja oder nein? Geh mir an die Hand, und Du ſollſt in der That frei werden. Der Zauberer wird den ſchönen Geiſt entlaſſen, den er an ſeinen Willen gebun⸗ den hat. Willſt Du nicht, ma chöre— merke wohl auf — ich drohe nicht, ſondern warne blos— wenn Du mir Deinen Beiſtand entziehſt und ich zum Bettler werde, ſo frage Dich ſelbſt, was aus Dir werden muß, da Du außer Deiner Jugend und Schönheit keinen Penny beſitzeſt. Und nicht nur keinen Penny, ſondern noch ſchlimmer: Du haſt mir die Ehre erwieſen—“ der Graf blickte jetzt auf den Tiſch und holte aus einem mit dem gräflichen Wappen verzierten Porte⸗ feuille einen Brief hervor—„Du haſt mir die Ehre er⸗ wieſen, mich wegen Deiner Schulden zu Rath zu ziehen.“ „Du willſt mir mein Vermögen zutkkgeben?“ ſagte die Marcheſa unſchlüſſig und das Geſicht von einer häßlichen Zahlenreihe abwendend. „Wenn mir mein eigenes durch Deinen Beiſtund ge⸗ ſichert iſt.“ „Aber überſchätzeſt Du nicht den Werth meiner Hülfe?“ „Möglich,“ verſetzte der Graf mit liebkoſender Ge⸗ ſchmeidigkeit und küßte ſeine Schweſter auf die Stirne. „Möglich: aber bei meiner Ehre, ich wünſche alles wirk⸗ liche oder vermeintliche Unrecht, das ich Dir in vergangenen Zeiten angethan habe, wieder gut zu machen. Ich möchte in Dir wieder meine liebe Schweſter finden. Vielleicht ſchlage ich Deinen Beiſtand zu hoch an, aber nicht die Liebe, aus welcher er quillt. Laß uns Freunde ſeyn, cara Beatrice 1004 mia, fügte der Graf bei, jetzt zum erſtenmal ſich italieniſcher Worte bedienend. Die Marcheſa legte ihr Haupt auf ſeine Schulter, und Thränen rieſelten über ihre Wangen. Augenſcheinlich beſaß dieſer Mann eine große Gewalt über ſie, und ihre Zuneigung zu ihm war noch immer ſtark und ſchweſterlich, welchen Grund zur Beſchwerde ſie auch haben mochte. In ihrem Weſen lagen einzelne ſchöne Züge von Edelmuth, Ehren⸗ haftigkeit und Wärme des Gefühls; aber es hatte der nö⸗ thigen Pflege und Leitung entbehrt. Verderbt durch die ſchlimmſten Beiſpiele der vornehmen Welt, ließ die Marcheſa ſich leicht irre führen, ohne ſogar das Unrecht zu erkennen, und die Einflüſterungen ihrer Neigung, mochten ſie nun gut oder ſchlimm ſehn, übertäubten ihr Gewiſſen oder verblen⸗ deten ihre Vernunft. So ſind Frauen, wenn ſie einen falſchen Weg betreten haben, oft weit gefährlicher, als die ganz verworfenen, und werden leicht zu ſolchen Mitſchul⸗ digen, wie Männer, gleich dem Grafen von Peschiera, ſie ſich wünſchen müſſen. „Ach, Giulio,“ ſagte Beatrice nach einer Pauſe, durch ihre Thränen zu ihm aufblickend,„wenn Du ſo mit mir ſprichſt, weißſt Du wohl, daß Du mit mir anfangen kannſt, was Du willſt. Vater und Mutter wurden mir früh ent⸗ riſſen, und wen konnte das Kind lieben, wem gehorchen, als Dir?“ „Liebe Beatrice,“ murmelte der Graf zärtlich und küßte ſie wieder auf die Stirne. Dann fuhr er ſorgloſer fort: „Unſere Verſöhnung wäre alſo bewerkſtelligt und unſere +„———— 1005 Herzen und Intereſſen ſind wieder vereinigt. Wir müſſen uns leider jetzt zu Geſchäftsſachen herablaſſen. Du ſagſt, Du kenneſt Jemand, von dem Du glaubſt, er ſey von dem Schlupfwinkel meines künftigen Schwiegervaters unter⸗ richtet?“ „Ich denke ſo. Du erinnerſt mich daran, daß ich ihm verſprochen habe, heute für ihn zu Hauſe zu ſeyn. Es iſt um die Zeit, ich muß Dich verlaſſen.“ „Um das Geheimniß zu erfahren?— Hurtig— hurtig! Ich zweifle nicht an Deinem Erfolg, wenn ſein Herz bei der Sache im Spiel iſt.“ „Du irrſt; auf ſein Herz ſteht mir kein Einfluß zu. Er hat jedoch einen Freund, der mich liebt und dem er bei mir das Wort redet, da ſeine Abſichten ehrenhaft ſind. Dieſer Umſtand gibt mir, glaube ich, ein Mittel an die Hand, ihn zu überreden. Wo nicht— er iſt ein Charakter, den ich mir in nichts zu deuten weiß, als in ſeinem weltlichen Ehr⸗ geiz; und wie können wir Ausländer die ſen für unſere Zwecke benützen?“ „Iſt er arm— oder verſchwenderiſch?“ „Verſchwenderiſch in keinem Fall und auch nicht gerade arm, aber abhängig.“ „Dann haben wir ihn,“ verſetzte der Graf mit Ent⸗ ſchiedenheit.„Wenn ſein Beiſtand des Erkaufens werth iſt, ſo können wir viel dafür kieten. Sur mon ame, ich wüßte nicht, daß Geld je fehlgeſchlagen hätte bei einem Mann von abhängiger Stellung und weltlichem Sinne. Ich gebe ihn und mich in Deine Hände.“ 1006 Mit dieſen Worten öffnete der Graf die Thüre und ge⸗ leitete ſeine Schweſter mit förmlicher Höflichkeit nach ihrem Wagen. Dann kehrte er zurück, ſetzte ſich in einen Stuhl und verſank in ein ſtummes Brüten. Während er ſo daſaß, trat eine große Veränderung in ſeinem Geſicht ein. Die franzöſiſche Leichtfertigkeit entwich daraus, und in dem Auge, das in den Raum hinausſtarrte, war jene ſtetige Tiefe zu bemerken, die man an den alten Porträten florentiniſcher Diplomaten oder venetianiſcher Oligarchen wahrnimmt. In dieſem Moment zeigte ſein Antlitz bei aller Schöne einen Ausdruck von erbarmenloſer Härte und unzugänglicher Beharrlichkeit, ſo daß ſelbſt das Auge der Liebe ſcheu davor zurückgebebt wäre. Doch währte dieſer Wechſel nicht lange. Augenſcheinlich war der Mann wohl für Momente, aber nicht für die Dauer eines angeſtrengten Denkens fähig. Er hatte ſich an ein Leben, das Alles leicht nimmt, gewöhnt, weßhalb er jetzt mit der Miene der Erſchöpfung aufſtand und ſich reckte und ſchüttelte, als wolle er jede unangenehme oder läſtige Stimmung abſtreifen. Eine Stunde ſpäter be⸗ zauberte der Graf von Peschiera alle Augen und Ohren in dem Salon einer hochgeborenen Schönheit, deren Bekannt⸗ ſchaft er in Wien gemacht hatte und durch deren Reize jenem alten, nie die Wahrheit treffenden Orakel, der edeln Klatſchſucht zufolge der gefeierte Fremdling nach London gelockt worden ſeyn ſollte. e S ₰ — 1007 Drittes Kapitel. Die Marcheſa fuhr nach ihrer eigenen Wohnung in Curzonſtreet, wo ſie ſich in ihr Ankleidegemach zurückzog, um ihren Anzug zu ordnen und von ihrem Geſichte alle Spuren wegzuwiſchen, welche die Thränen darauf zurückgelaſſen hatten. Eine halbe Stunde ſpäter befand ſie ſich gefaßt und ruhig in ihrem Beſuchzimmer, und wer ſie jetzt ſah, würde wohl nimmer geglaubt haben, daß ſie einer ſolchen Auf⸗ regung und ſolcher Schwäche fähig ſey. In ihrem ſtatt⸗ lichen Aeußeren, in der ruhigen Haltung und in jener ge⸗ wählten Eleganz, die ebenſoſehr von den Künſten der Toi⸗ lette, als von der conventionellen Geſchmeidigkeit des Ranges ſtammt, ſprach ſich nur die Frau von Welt und die große Dame aus. An der Thüre ließ ſich ein Pochen vernehmen, und einige Augenblicke nachher trat mit der zwangloſen Vertraulichkeit ſehr naher Bekanntſchaft ein Gaſt ein— ein Jüngling zwar, an dem ſich aber keine Spur von jugendlicher Blüthe wahr⸗ nehmen ließ. Seine Haare, ſchön wie die einer Frau, waren dünn und fielen tief über die Stirne, dieſe edelſte Partie des menſchlichen Antlitzes, nieder.„Der Mann von edler Bildung,“ ſagte Apulejus,„ſollte, wenn er kann, ſeinen ganzen Geiſt auf der Stirne tragen.““ Der junge Gaſt * Man muß mich entſchuldigen, wenn ich die Stelle des Originals hier anführe, da ſie in der Ueberſetzung viel verliert: „Hominem liberum et magnificum debere, si queat, in pri- mori fronte animum gestare.“ 1008 würde ſich freilich nie eine ſo offenbare Unklugheit erlaubt* * haben. Seine Wangen waren blaß und in ſeinem Schritt und ſeiner Bewegung lag eine Schlaffheit, die auf erſchöpfte Nerven oder eine ſchwächliche Geſundheit zu deuten ſchien. Das Feuer der Augen aber und der Ton der Stimme bekun⸗ deten eine geiſtige Kraft, welche ſich weit erhob über die des Körpers. Im Uebrigen zeichnete ſich ſein Aeußeres ſowohl durch intellektuelle, als durch ſociale Feinheit aus. Wenn man ihn einmal geſehen hatte, konnte man ihn ſo leicht nicht wieder vergeſſen, und unſer Leſer wird ohne Zweifel bereits Randal Leslie erkannt haben. Seine Begrüßung war, wie ich ſchon bemerkte, die der vertrauten Bekannt⸗ ſchaft und wurde mit jener rückhaltloſen Offenheit gegeben F und erwiedert, welche das Nichtvorhandenſeyn eines zarteren Gefühls bezeichnet.* Randal nahm an der Seite der Marcheſa Platz und ſt begann die Unterhaltung mit Neuigkeiten des Tags und aus der Modewelt; indeß konnte dabei auffallen, daß er ihr zwar die im Umlauf befindlichen Geſchichten und Schwatzereien h. entlockte, ſelbſt aber nichts von ähnlichem Charakter dagegen bot. Er hatte bereits die Kunſt gelernt, eine Bloßſtellung. zu vermeiden, und wollte nicht, daß man in Betreff irgend 5 einer anſtößigen Bemerkung über Höhere ſich auf ihn be⸗ F ziehen konnte. Dem Mann, der ſich über den Ruf der Salone zu erheben wünſcht, kann nichts nachtheiliger ſeyn, m als wenn er für eine hämiſche Klatſchbaſe gehalten wird. n Und doch iſt es immer nützlich, dachte Randal Leslie, die di Schwächen anderer Leute, die kleinen ſoeialen und in lei nd us var ien gen ung end yn, 1009 Privatkreiſen wirkenden Federn kennen zu lernen, durch welche die Großen in Bewegung geſetzt werden. Es können Umſtände eintreten, die ein ſolches Wiſſen in Macht um⸗ wandeln. Und deßhalb vielleicht(abgeſehen von einem beſondern Beweggrund, der bald an's Licht kommen wird) hielt Randal ſeine Zeit nicht für weggeworfen, wenn er die Freundſchaft der Madame di Negra cultivirte. Denn ſo viel auch über ſie geflüſtert wurde, war es ihr doch ge⸗ lungen, die Kälte zu zerſtreuen, mit der ſie anfänglich in den Londoner Kreiſen aufgenommen wurde. Ihre Schön⸗ heit, ihre Anmuth und ihre hohe Geburt hatten ſie in die Mode gebracht, und die Huldigung von Männern des erſten Ranges erhöhte ihren Ruf als ſchöne Dame, wenn vielleicht auch der der Frau ein wenig darunter Noth litt. So nach⸗ ſichtig ſind die kalten Engländer bei all ihrem Sprödethun gegen Fremde in dem, was ſie bei Eingeborenen ſtreng zu ahnden pflegen. Endlich ging Randal von dieſer allgemeineren Unter⸗ haltung auf ein ſehr feines verſönliches Kompliment über und erzählte ihr von den Lobſprüchen, welche Lord N. N. und der Herzog von So und ſo über die Reize der Marcheſa geäußert hatte. Er legte dabei mit der Freiheit anerkannter Freundſchaft ſeine Hand auf die ihrige und fuhr fort: „Doch Ihr habt mich Eures Vertrauens gewürdigt und mit einer edlen Offenheit, welcher eine Coquette nimmer⸗ mehr fähig geweſen wäre, noch in guter Zeit ein Gefühl in die Schranken der Freundſchaft verwieſen, welches ſonſt leicht ſich zu der Glut hätte entzünden können, die Ihr ein⸗ Bulwer, meine Novelle. 64 1010 zuflößen geſchaffen ſeyd, obſchon Ihr es verſchmäht, ſie zu erwiedern. Noch iſt mir Euer bezauberndes Lächeln gegen⸗ wärtig, als Ihr mir ſagtet: Es ſoll mir Niemand von Liebe ſprechen, der mir nicht ſeine Hand und zugleich auch die Mittel anbietet, in meiner gewohnten Weiſe, die leider ſchrecklich koſtſpielig iſt, fortzuleben. Da Ihr mir nun in ſolcher Weiſe geſtattet habt, Euren Zweck, den ich ſehr na⸗ türlich finde, zu ahnen, und auf dieſes Verſtändniß ſich unſere Freundſchaft gründet, ſo werdet Ihr mir die Bemerkung verzeihen, daß die Bewunderung, welche Ihr den genannten grands seigneurs einflößt, nur dazu dient, Euren Plan zu vereiteln und weniger glänzende, aber aufrichtigere Verehrer abzuhalten. Die meiſten von dieſen Gentlemen ſind unglück⸗ licherweiſe verheirathet oder gehören dem hohen Adel an, der bei einer ehelichen Verbindung mehr ſucht, als Schönheit und Geiſt, nämlich eine einflußreiche Verwandtſchaft zu Kräf⸗ tigung der politiſchen Stellung oder Reichthum, um ſeine Schulden zu bezahlen und ein ſtandesmäßiges Leben zu führen.“ „Mein theurer Mr. Leslie,“ verſetzte die Marcheſa, und in dem Ton ihrer Stimme ſowohl, als in dem Senken des Auges war eine gewiſſe Wehmuth nicht zu verkennen —„ich habe lange genug in der wirklichen Welt gelebt, um die ſchnöde Falſchheit der meiſten jener Gefühle zu kennen, welche die edelſten Namen annehmen. Ich durchſchaue die Herzen der Verehrer, die Ihr mir herzählt, und weiß wohl, daß keiner derſelben mit ſeinem Hermelin die Frau ſchützen würde, mit der er von ſeinem Herzen ſpricht. Ach,“ fuhr —— 1011 Beatrice mit einer unwillkürlichen Weichheit fort, die einem unvorſichtigeren und weniger geſtählten Jüngling, als Ran⸗ dal Leslie war, leicht ſehr gefährlich hätte werden können— „ach, ich bin nicht ſo ehrgeizig, wie Ihr glaubt. Ich träumte von einem Freund, einem Gefährten, einem Beſchützer, mit noch friſchen Gefühlen, der nicht herabgewürdigt wäre durch den Strudel gemeiner Ausſchweifung und Luſt— von einem Herzen, welches das meinige zu dem wieder machen könnte, was es in ſeinem Lenze war. Ich ſah in Eurem Lande einige eheliche Verbindungen, deren Anblick ſchon meine Augen mit Thränen des Entzückens füllte, und lernte erſt in England den Werth einer Heimath recht ſchätzen. Mit einem Herzen nun, wie ich es ſchilderte, und mit einer ſolchen Heimath könnte ich vergeſſen, daß ich je einen weniger reinen Ehrgeiz kannte.“ „Dieſe Sprache überraſcht mich nicht,“ verſetzte Ran⸗ dal,„obſchon ſie nicht im Einklang ſteht mit den Antworten, die Ihr mir früher gabt.“ „Die ich Euch gab, allerdings,“ entgegnete Beatrice lächelnd und ihr leichteres Weſen wieder annehmend.„Aber ich hatte nie die Eitelkeit, zu glauben, Eure Zuneigung zu mir könne die Opfer bringen, die der eheliche Bund mit mir fordern würde, denn Euer Ehrgeiz läßt ſich nicht durch den Traum einer glücklichen Heimath feſſeln. Und zudem“— fügte ſie bei, indem ſie mit einem gewiſſen würdevollen Stolz in ihrer Miene das Haupt erhob— hätte ich damals nie einwilligen können/ mein Geſchick mit einem Manne zu theilen, dem meine Armuth zu einer ſchweren Laſt werden 64* 1012 mußte. Ich durfte nicht auf die Stimme des Herzens hören, wenn es für einen Liebhaber ohne Vermögen ſchlug, denn die Verbindung mit mir würde ihm nur Armuth und Schulden gebracht haben. Jetzt iſt der Fall vielleicht ein anderer, und möglicherweiſe habe ich über eine Morgengabe zu verfügen, die mit meiner Geburt im Einklang ſteht. Jetzt bin ich vielleicht in der Lage, als Weib frei nach meinem Herzen zu wählen, nicht als eine arme, geängſtigte Verzweifelnde, welcher die Nothwendigkeit ihr unerbittliches Geſetz auf⸗ erlegt.“ „Ah,“ erwiederte Randal neugierig und ſeiner ſchönen Gefährtin näher rückend—„ah, ich wünſche Euch von ganzem Herzen Glück. Ihr habt alſo Urſache zu glauben, daß Euch— Reichthum in Ausſicht ſteht?“ Die Marcheſa zögerte mit der Antwort, und Randal benützte dieſe Pauſe, um das Gewebe des Planes, den er im Geheim angezettelt hatte, etwas aufzulockern; denn er dachte, wenn Beatrice di Negra wirklich reich würde, könnte ſie auch ihm als Frau gut anſtehen. Wie ſollte er es nun in dieſem Falle angreifen, um den Ton der Freundſchaft in den der Liebe übergehen zu laſſen? Während er ſo mit ſich zu Rathe ging, nahm Beatriee den Faden des Geſprächs mit den Worten wieder auf— „Ein Reichthum— im Sinne des Engländers aller⸗ dings nicht, wohl aber nach den Begriffen des Italieners. Mein Vermögen beträgt vorausſichtlich eine halbe Million—“ „Eine halbe Million!“ rief Randal, und es fehlte wenig, ſo wäre er anbetend ihr zu Füßen gefallen. — 8— 1013 „Franken!“ fuhr die Marcheſa fort. „Franken! Ah,“ ſagte Randal tief aufathmend und ſich von ſeiner plötzlichen Begeiſterung erholend—„ungefähr zwanzigtauſend Pfunde— achthundert Pfund Jahresrente zu vier Prozent. Allerdings eine ſehr ſchöne Mitgift— (Gentile Armuth!“ murmelte er vor ſich hin.„Da bin ich noch gut entronnen. Aber ich ſehe— ich ſehe. Dies wird meinem früheren und beſſeren Plane alle Schwierig⸗ keiten aus dem Weg räumen.)— Eine ſehr ſchöne Mitgift,“ fügte er laut bei;„freilich nicht für einen grand seigneur, aber doch für einen Gentleman von guter Geburt und Aus⸗ ſichten, welche Eure Wahl zu einer würdigen machen, wofern nicht der Ehrgeiz Eure Haupttriebfeder iſt. Ach, während Ihr mit ſo entzückender Beredſamkeit von friſchen Gefühlen und Herzen und von einer glücklichen engliſchen Heimath ſprachet, konntet Ihr wohl errathen, daß meine Gedanken ſich mit dem Freunde beſchäftigten, der Euch ſo innig liebt und in der That Euer Ideal verwirklicht. Sprichwörtlich findet man bei uns die glücklichen Ehen und Haushaltungen nicht in den genußſüchtigen Kreiſen der Londoner vornehmen Welt, ſondern an den Herden unſeres Provinzialadels— bei unſeren unbetitelten Landgentlemen. Und welcher unter allen Euren Verehrern könnte Euch in Wahrheit ein ſo be⸗ neidenswerthes Lvos bieten, als— ah, die Glut Eurer Wangen ſagt mir, daß Ihr errathet, wen ich meine.“ „Wie, bin ich wirklich roth geworden?“ verſetzte die Marcheſa mit einem ſilbernen Lachen.„Nein, der Eifer für Euren Freund muß Euch getäuſcht haben. Indeß will ich 1014 Euch unverhohlen geſtehen, daß ſeine ehrliche, aufrichtige Lebe, die ſich eher in Blicken, als in Worten ausdrückte, mich gerührt hat. Welch' ein Unterſchied zwiſchen ihr und der Bewunderung, die herabzuwürdigen ſucht! Mehr kann 3 ich nicht ſagen; denn wenn ich auch Eurem hübſchen Freund 1 einen hohen und edlen Sinn nicht abſprechen will, ſo iſt er 8 doch nicht, was—“ „Glaubt mir, Ihr ſeyd im Irrthum,“ unterbrach ſie Randal.„Ich kann Euch nicht ausſprechen laſſen. Er iſt in Wirklichkeit Alles, was Ihr noch nicht in ihm ſucht; denn 1 nur ſeine Schüchternheit, ſeine Liebe und ſeine Achtung vor 3 Eurer Ueberlegenheit laſſen ſeinen Geiſt und ſein Weſen in einem minder vortheilhaften Lichte erſcheinen. Ihr habt allerdings Sinn für Literatur und Dichtkunſt— eine ſeltene Gigenſchaft unter Frauen auf dem Land. Dieſer geht ihm zur Zeit noch ab, wie den meiſten Männern. Aber welcher Cimon würde nicht veredelt durch eine ſo ſchöne Iphigenia? Den Leichtſinn, welchen er noch blicken läßt, müßt Ihr auf Rechnung der Jugend und des Mangels an Lebenserfahrung ſchreiben. Sicherlich würde ſich jeder Bruder glücklich 3 ſchätzen, ſeine Schweſter als Gattin Frank Hazeldean's zu ſehen.“ Die Marcheſa ſtützte ſchweigend ihre Wange auf die Hand. Sie ſuchte in der Ehe mehr, als ſonſt träumeriſche Mädchen und troſtloſe Wittwen von ihr zu erwarten pflegen. Der glühende Wunſch, ſich der Gewalt ihres gewiſſenloſen Bruders, der keine Schonung kannte, zu entziehen, war mit ihrer Seele verſchmolzen und, was Gutes und Edles nn or in bt m er a? uf ng ich zu die e ſen var les 101⁵ in ihrem gemiſchten Charakter lag, durch ihre freundloſe, ausgeſetzte Lage, durch die zweideutige Bewunderung, welche man ihrer Schönheit zollte, ſo wie durch die verſchie⸗ denen Demüthigungen, welche ſie ihren Geldverlegenheiten verdankte, bitter verletzt und vergällt worden. Ueberhaupt hatten die letzteren mit zu dem Plane ihres Bruders gehort, der bei all ſeiner Habgier zwar nicht knauſerig war, aber doch das einemal durch reiche Gaben, das anderemal durch gänzliche Entziehung jeglicher Unterſtützung, wie es ihm ge⸗ rade die Laune einzugeben ſchien, dazu beitrug, ſie in Schul⸗ den zu verſtricken, welche ſeine Macht über ſie befeſtigten. Dieſe Lage war natürlich für eine Frau von ihrem Stolz und ihrer Geburt ſo peinlich und herabwürdigend, daß eine eheliche Verbindung ihr nur in dem Lichte einer Wiederbrin⸗ gerin von Freiheit, Leben und Ehre erſchien, und dieſe Be⸗ trachtung, obſchon ſie ſich durch dieſelbe gezwungen ſah, an den Planen des Grafen mitzuwirken, der bei Gewinnung einer Braut ihr ſelbſt eine Mitgift in Ausſicht ſtellte, machte ſie jetzt geneigt, Randal Leslie's Fürwort für ſeinen Freund ein beifälliges Ohr zu ſchenken. Der Fürſprecher ſah, daß er Eindruck gemacht hatte. Die genaue Kenntniß der Naturen, welche er einmal ſich zum Studium auserſehen, hatte ſeinen Geiſt geſchärft und ihm ein wunderbares Geſchick verliehen, das er jetzt benützte, um ſeine Sache durch Vorſtellungen, welche ihm beſonders wirkſam zu ſeyn ſchienen, weiter zu verfolgen. Sein feiner Takt ließ ihn alle Lobſprüche auf Frank als bloſes Indi⸗ viduum vermeiden; dagegen zeichnete er ihn im Allgemeinen 1016 als Typus und Ideal deſſen, was eine Frau in Beatrice's Lage wünſchen konnte, indem er die Sicherheit, den Frieden und die Ehre einer Heimath, wie auch das Vertrauen, die Treue und die hingebende Liebe deſſen hervorhob, mit wel⸗ chem ſie dieſelbe theilen ſollte. Er malte ihr kein Elyſium vor, ſondern ſchilderte ihr einfach einen Hafen; ſein Bild von Frank war nicht das eines Romanhelden, ſondern das nüchterne Porträt eines Repräſentanten jener uchtbaren Wirklichkeit, die für das Weib Reiz gewinnt, wenn ſie ein⸗ zuſehen anfängt, daß die Romantik blos eine Selbſttäu⸗ ſchung iſt. In der That, wenn man ihn ſo ſprechen hoͤrte und einen Blick in das Herz derjenigen hätte thun können, welcher ſeine Worte galten, ſo wäre es wohl unmöglich ge⸗ weſen, den bewundernden Ausruf zu unterdrücken:„Wiſſen iſt Macht, und dieſer Mann, wenn er ſich auf einem größe⸗ ren Thätigkeitsfelde eben ſo fähig erweist, trägt die Beſtim⸗ mung in ſich, keine geringe Rolle in der Geſchichte ſeiner Zeit zu ſpielen.“ Nur allmälig raffte ſich Beatrice aus dem Träumen auf, das ſie bei den Worten ihres Gefährten beſchlichen hatte. Nach einem tiefen Seufzer ſagte ſie langſam: „Gut, ich will Euch Alles zugeben. Aber eh' ich einer ſo ehrenhaften Liebeswerbung Gehör ſchenken kann, muß ich wenigſtens von dem ſchnöden ſchimpflichen Druck befreit ſeyn, der auf mir laſtet. Ich kann doch zu dem Manne, der um mich wirbt, nicht ſagen:„Willſt Du die Schulden der Tochter des Franzini und der Wittwe des di Negra zahlen?“ la n n er 6 it n E 1017 „Pah, Eure Schulden werden die Morgengabe, die Ihr mitbringt, nur um ein Geringes ſchmälern.“ „Aber dieſe Morgengabe muß mir erſt geſichert wer⸗ den.“ Und nun wendete, wie man zu ſagen pflegt, Madame di Negra den Stiel gegen ihren Gefährten, indem ſie Ran⸗ dal ihre Hand hinbot und in dem gewinnendſten Tone die Frage an ihn richtete: „Ihr ſeyd alſo wirklich und aus aufrichtigem Herzen mein Freund?“ „Könnt Ihr daran zweifeln?“ „Ich will Euch beweiſen, daß dies nicht der Fall iſt, indem ich Euch um Euren Beiſtand bitte.“ „Den meinigen? In wie ferne?“ „Hört mich an. Mein Bryder iſt in London ange⸗ langt—“ „Ich habe ſein Eintreffen in den Zeitungen geleſen.“ „Und er kömmt in der Abſicht, mit der Zuſtimmung des Kaiſers um die Hand einer Verwandten von ihm, gleich⸗ falls einer Italienerin, zu werben. Dieſe Verbindung ſoll einen langen Familienzwiſt zur Ausgleichung bringen und ſein eigenes Vermögen mit dem einer Erbin vermehren. Es erging meinem Bruder wie mir: er iſt kein guter Haus⸗ hälter geweſen. Die Morgengabe alſo, welche er mir dem Geſetz nach ſchuldet, würde ihn ſehr in Noth bringen, wenn er ſie zahlen müßte, eh' dieſe Heirath im Reinen iſt.“ „Ich verſtehe,“ entgegnete Randal.„Aber wie kann ich dazu behülflich ſeyn?“ 1018 „Dadurch, daß Ihr uns die Braut auffinden helft. Sie hat mit ihrem Vater eine Zuflucht und einen Verſteck in England geſucht.“ „So gehort wohl der Vater zu den politiſchen Unzu⸗ friedenen, welche ſich flüchten mußten?“ „Ja; und er hat ſich ſo gut verſteckt, daß alle unſere Bemühungen, ſeinen Schlupfwinkel aufzufinden, vergeblich waren. Wenn er in die Verbindung willigt, kann mein Bruder ſeine Begnadigung auswirken.“ „Fahrt fort.“ „Ach Randal, Randal, iſt dies die Offenheit der Freündſchaft? Ihr wißt, daß ich ſchon früher bemüht war, den geheimen Aufenthalt unſeres Verwandten zu entdecken — daß ich ihn vergeblich von Mr. Egerton zu erfahren ſuchte, der ihn ſicherlich kennt— „Aber keinem Lebenden Geheimniſſe mittheilt,“ ver⸗ ſetzte Randal faſt mit Bitterkeit.„Er iſt ſo ſtarr wie Eiſen und läßt ſich von mir eben ſo wenig hämmern, wie von Euch.“ „Verzeiht mir. Ich kenne Euch gut genug, um der ueberzeugung zu leben, Ihr wiſſet jedem Geheimniß auf den Grund zu kommen, wenn es Euch ernſtlich darum zu thun iſt. Ja, noch mehr, ich glaube ſogar, daß Ihr bereits Kunde habt von dem, was ich Euch mir mitzutheilen bitte.“ „Was in aller Welt kann Euch auf einen ſolchen Gedanken bringen?“ „Als Ihr mich vor einigen Wochen auffordertet, Euch re ich ein ar, ken ren er ſen der den n its len hen uch 1019 das Aeußere und das Benehmen des Flüchtlings zu beſchrei⸗ ben, und ich dies that, ſo gut mich dabei theilweiſe die Erinnerungen aus meiner früheſten Jugend, theilweiſe die Schilderungen anderer Perſonen leiteten, entging mir nicht, daß Euer Geſicht ſeinen Ausdruck wechſelte, obſchon—“ fügte die Marcheſa lächelnd bei und faßte während ihrer Rede Randal ſcharf ins Auge,—„obſchon Ihr Euch ſonſt ſo gut zu beherrſchen wißt.— Auch konnte mich Euer Nein auf meine Frage, ob Euch ſchon eine Perſon begegnet ſey, auf welche meine Schilderung paſſe, nicht täuſchen. Noch mehr, als Ihr erſt neulich aus freien Stücken wieder auf dieſen Gegenſtand zurückkamt, ſuchtet Ihr mich ſchlau über die Gründe auszuholen, warum mir ſo viel an Auffindung der Flüchtlinge gelegen ſey. Ich umging damals eine be⸗ friedigende Antwort, weil ich bemerkte—“ „Ha, ha,“ unterbrach ſie Randal mit dem gedämpften leichten Lachen, durch das er hin und wieder die Empfehlung Lord Cheſterfield's übertrat, wenn dieſer davor warnt, eine Heiterkeit zu zeigen, die für den Ungebildeten ſo natürlich ſey.—„Ihr habt den Fehler aller zu ſcharfen und aufs Kleinliche eingehenden Beobachter. Aber ſelbſt zugegeben, daß ich mit einigen italieniſchen Flüchtlingen in Berührung gekommen bin(denn dergleichen kann Einem leicht begegnen), ſo liegt es doch nahe genug, daß ich ihr Aeußeres mit Eurer Schilderung zu vergleichen ſuche. Nehmen wir nun an, ich vermuthe in einem derſelben den Mann, den Ihr ſucht, ſo liegt gewiß nichts Befremdliches darin, wenn ich zu entdecken wünſche, ob Euer Spähen nach ſeinem Aufenthalt 1020 in freundſchaftlicher oder feindlicher Abſicht geſchehe. Denn im letzteren Falle,“ fügte Randal im Tone des Stolzes bei, „würde es mir übel anſtehen, auch der Freundſchaft gegen⸗ über den Zufluchtsort einer Perſon zu verrathen, die ſich vor Verfolgung ſchützen will. Aber auch wenn ich mich ſo weit vergeſſen könnte— denn ſelbſt die Ehre iſt nur eine ſchwache Schutzwehr gegen Euren Zauber— ſo dürfte doch eine ſolche Unbeſonnenheit leicht verhängnißvoll werden für meine künf⸗ tige Laufbahn.“ „Wie ſo?“ „Sagt Ihr mir nicht ſelbſt, Egerton ſey von dem Ge⸗ heimniß unterrichtet, wolle es aber Euch nicht mittheilen? Und iſt er der Mann, der mir je eine Unklugheit verzeihen würde, die ihn bloßſtellt? Meine theure Freundin, ich will noch offener gegen Euch ſeyn. Als Audley Egerton die zu⸗ nehmende Vertraulichkeit zwiſchen Euch und mir bemerkte, ließ er ſich herab, mir mit der gewöhnlichen Trockenheit ſei⸗ nen Rath in den Worten zu ertheilen: Randal, ich verlange nicht, daß Ihr die Bekanntſchaft mit Madame di Negra auf⸗ geben ſollt, denn der Umgang mit ſolchen Frauen wirkt bil⸗ dend auf den Geiſt und das Benehmen. Doch ſind bezau⸗ bernde Frauen auch gefährlich, und Madame di Negra iſt— eine bezaubernde Frau““ Das Geſicht der Marcheſa erglühte. Randal fuhr fort: „Eure ſchöne Bekannte— ich führe noch immer Eger⸗ tons eigene Worte an— ſſucht den Aufenthaltsort eines ihrer Landsleute zu entdecken und hat mich im Verdacht, daß he f⸗ n en ill zu⸗ te, ige uf⸗ il⸗ au⸗ uhr er⸗ nes daß 1021 ich ihn kenne. Sie wird wohl ſuchen, die Auskunft, welche ſie wünſcht, durch Euch zu erhalten, und der Zufall könnte Euch in die Lage bringen, ihr zu willfahren. Nehmt Euch in Acht, daß Ihr Euch nicht von Ihr ausholen laßt. Eine einzige ſolche Schwäche ließe mich einen Blick thun in Euren Geſammt⸗Charakter. Wer ſich durch ein Weib Geheimniſſe ablocken läßt, paßt nicht für den öffentlichen Dienſt. Deß⸗ halb meine theure Marcheſa, wäret Ihr, ſelbſt angenommen, daß ich von dem Geheimniß Kunde hätte, nicht meine wahre Freundin, wenn Ihr von mir eine Enthüllung verlangtet, die alle meine Ausſichten gefährden würden. Denn bis jetzt“ — fügte Randal mit einem düſtern Schatten auf ſeiner Stirne bei—„ſtehe ich noch nicht allein und aufrecht. Ich bin blos angelehnt— bin abhängig.“ „Es gibt vielleicht einen Weg,“ verſetzte Madame di Negra,„mich auf die rechte Spur zu bringen, ohne daß es Mr. Egerton möglich wird, die Enthüllung bis auf Euch zu verfolgen; und obgleich ich nicht weiter in Euch dringen will, füge ich nur ſo viel bei:— Ihr ſetzt mir zu, die Hand Eures Freundes anzunehmen, ſcheint Euch für den Erfolg ſeiner Bewerbung zu intereſſiren und ſprecht ihr mit einer Wärme das Wort, welche zeigt, wie ſehr Euch das am Herzen liegt, was Euch als ein Glück für ihn erſcheint. Aber ich kann ſeine Hand nicht annehmen, ſo lange ich über meine Armuth erröthen muß. Ich will zuvor meine Mitgift geſichert wiſſen, und dies kann nur dadurch geſchehen, daß mein Bruder den Bund mit der Tochter des Flüchtlings ſchließt. um Eures Freundes willen möchte ich Euch deßhalb rathen, 1022 in Erwägung zu nehmen, wie Ihr mir in dem erſten Schritt zu dieſer Verbindung behülflich ſeyn könnt. Iſt die junge Dame einmal aufgefunden, ſo fürchtet mein Bruder nichts für den Erfolg ſeiner Bewerbung.“ „Und Ihr würdet Frank heirathen, wenn Ihr Eurer Morgengabe gewiß ſeyd?“ „Eure Gründe zu ſeinen Gunſten ſcheinen mir unwider⸗ ſtehlich zu ſeyn,“ entgegnete Beatrice, die Augen nieder⸗ ſchlagend. Ein Blitz zuckte aus Randals Auge. Er verſank für eine Weile in ein Nachdenken. Dann erhob er ſich langſam, zog ſeine Handſchuhe an und ſagte: „Wohlan, Ihr habt wenigſtens in ſo weit mein Ehrgefühl beruhigt, daß Ihr mir die Verſicherung gebt, wenn ich Eure Nachforſchungen unterſtütze, leiſte ich keiner feindſeligen Abſicht gegen den Flüchtling Vorſchub.“ „Feindſelig?— Die Zurückgabe ſeines Vermögens, ſeiner Ehren und ſeines Vaterlandes!“ „Ihr wißt mein Herz ſo ſchön auf Eure Seite zu brin⸗ gen, daß Ihr mich mit der Hoffnung begeiſtert, zu dem Glück zweier Perſonen beitragen zu können, die mir ſo werth und theuer ſind. Ich will daher mit allem Fleiß nachforſchen, ob unter den Flüchtlingen, welche ich kenne, diejenigen ſind, die Ihr ſuchet. Gelingt es mir, ſie aufzufinden, ſo werde ich in Erwägung ziehen, wie ich Euch auf ihre Spur leiten tann. Mittlerweile aber ja kein unvorſichtiges Wort gegen Egerton.“ ein bt, ner 1023 „Verlaßt Euch auf mich— ich bin eine Frau der großen Welt.“ Randal hatte jetzt die Thüre erreicht. Er hielt inne und warf ſorglos die Worte hin: „Dieſe junge Dame muß die Erbin eines großen Reich⸗ thums ſeyn, da ein Mann von dem Range Eures Bruders ſich ſo viel Mühe gibt, ſie aufzufinden.“ „Für die Folge ſteht ihr ein ungeheurer Reichthum in Ausſicht,“ erwiederte die Marcheſa,„und wenn Reichthum und Einfluß in einem fremden Lande die Dankbarkeit meines Bruders beweiſen dürfen, ſo—“ „Ah, pfui!“ unterbrach ſie Randal. Dann näherte er ſich der Marcheſa di Negra, erhob ihre Hand zu ſeinen Lippen und ſprach galant: „Dies iſt Lohn genug für Euren preux chevalier.“ Mit dieſen Worten verabſchiedete er ſich. Viertes Kapitel. Die Hände auf dem Rücken verſchlungen und das Haupt auf die Bruſt geſenkt, ſchlich Randal, nachdem er das Haus der Italienerin verlaſſen hatte, langſam, verſtohlen und ge⸗ räuſchlos durch die Straßen. Den Entwurf, mit welchem er ſich hisher getragen, durchkreuzte jetzt ein neuer, glänzen⸗ derer, deſſen Vortheil vielleicht ſchneller und ſicherer war. Wenn des Flüchtlings Tochter wirklich die Erbin eines ſo großen Reichthums war, ſo konnte ja er ſelbſt hoffen.— Er 1024 hielt inne in ſeinem Selbſtgeſpräch, und ſeine Athemzüge gingen ſchneller. Bei ſeinem letzten Beſuche zu Hazeldean war er mit Riccaboeca in Berührung gekommen und von Violante's Schönheit überraſcht worden. Ein unbeſtimmter Argwohn tauchte in ihm auf, dieſe Perſonen möchten der Gegenſtand von Beatrice's Nachforſchungen ſeyn, und ſein Verdacht wurde durch die Schilderung bekräftigt, welche ihm die Marcheſa über den von ihr geſuchten Flüchtling gab. Damals war ihm allerdings der Grund ihres eifrigen Spä⸗ hens noch unbekannt, und er dachte nicht entfernt daran, daß die Ermittelung der Wahrheit perſönliches Intereſſe für ihn haben könnte, weßhalb er das fragliche Geheimniß in die Klaſſe derjenigen zählte, deren nähere Erforſchung er der Zeit und Gelegenheit überlaſſen wollte. Sicherlich wird der Leſer dem rückſichtsloſen Geiſte Randal Leslie's nicht die ungerechtigkeit widerfahren laſſen, zu glauben, daß er wirk⸗ lich durch das Gefühl der Ehre, welches er ſich ſo ritterlich vorſpiegelte, abgehalten wurde, das, was er von Ricca⸗ bocca wußte, ſeiner ſchönen Freundin mitzutheilen. Da⸗ gegen hatte es mit Audley Egerton's Warnung wegen eines unbeſonnenen Vertrauens ſeine vollkommene Richtigkeit, ob⸗ ſchon Randal es nicht für paſſend fand, eine ſpätere und be⸗ ſtimmtere Erneuerung derſelben zu erwähnen. Den erſten Beſuch in Hazeldean hatte er gemacht, ohne Egerton darüber zu Rath zu ziehen; er war zuerſt einige Tage im Hauſe ſeines Vaters geweſen und von da aus zu dem Squire hin⸗ übergegangen. Bei ſeiner Rückkehr nach London erzählte er jedoch Audley von dieſem Beſuch, welchen letzterer gar nicht vo w m vi de 1025 gerne geſehen zu haben ſchien, obwohl Randal den Charakter ſeines Beſchützers zu gut kannte, um der Vermuthung Raum zu geben, der Verdruß deſſelben könne einfach durch die Ent⸗ fremdung veranlaßt worden ſeyn, welche zwiſchen den beiden Brüdern herrſchte. Die Unzufriedenheit, welche Egerton über die Art, wie der junge Mann ſeine Ferien benützt hatte, an den Tag legte, verblüffte unſeren Randal; da jedoch für ſeine Plane die Herſtellung eines vertrauten Verhältniſſes zu dem Squire nöthig war, ſo fügte er ſich diesmal nicht mit der gewohnten Ehrerbietigkeit in die Launen ſeines Gönners. Er bemerkte deßhalb gegen ihn, daß es ihm ſehr leid thue, wenn er durch dieſen Beſuch ſich das Mißfallen ſeines Wohlthäters zugezogen habe; aber ſeinem Vater ſey natürlich ſehr am Herzen gelegen, daß der Sohn ſich nicht den Anſchein gebe, als verachte er die freundſchaftliche An⸗ näherung des Mr. Hazeldean. „Warum natürlich?“ „Ihr wißt doch, daß Mr. Hazeldean ein Verwandter von mir iſt, und daß meine Großmutter eine Hazeldean war.“ „Ah, ſo,“ verſetzte Egerton, der, wie bereits oben be⸗ merkt wurde, von dem Hazeldean'ſchen Stammbaum nicht viel wußte und ſich auch wenig darum kümmerte.„Ich wußte dies nicht, oder habe es vergeſſen. Und Euer Vater denkt wohl, der Squire könne Euch ein Legat vermachen?“ „Oh, Sir, mein Vater iſt nicht ſo gierig— dieſer Gedanke iſt ihm nie in den Sinn gekommen. Wohl hat der Squire ſelbſt gegen mich bemerkt: Wenn dem Frank etwas Bulwer, meine Novelle. 65 1026 zuſtieße, wäret Ihr der nächſte Erbe meiner Güter, und deßhalb ſollten wir doch einander kennen lernen“ Aber—“ „Genug,“ unterbrach ihn Egerton;„ich bin gewiß der Letzte, der ſich ein Recht anmaßt, Euch auch nur die ge⸗ ringſte Ausſicht auf ein künftiges Vermögen zu vertreten vder Euch in den Mitteln dazu hinderlich zu ſeyn. Wen habt Ihr in Hazeldean getroffen?“ „Es war Niemand dort— nicht einmal Frank.“ „Hum. Steht der Squire auf gutem Fuß mit ſeinem Pfarrer? Keine Händel wegen der Zehnten „Oh, durchaus nicht. Ich vergaß Mr. Dale. Mit ihm kam ich oft zuſammen. Er iſt in hohem Grade Euer Bewun⸗ derer und Lobredner.“ „Der meinige— warum? Was ſagt er von mir?“ „Daß Euer Herz ſo geſund ſey, wie Euer Kopf. Er ſey einmal bei Euch geweſen wegen einiger von ſeinen alten Pfarrkindern und habe ſich ſehr gefreut über die Tiefe Eures Gefühls, die er bei einem vornehmen Herrn und Staats⸗ mann nicht erwartet hätte.“* „Oh, ſonſt nichts? Wahrſcheinlich eine Angelegen⸗ heit, als ich noch Parlamentsmitglied für Lansmere war?“ „Ich denke ſo.“ 8 Damit hatte die Unterhaltung ein Ende. Als jedoch Randal das nächſtemal dem Squire einen Beſuch machen wollte, verſäumte er nicht, förmlich Mr. Egerton's Erlaub⸗ niß nachzuſuchen. Nach einigem Zögern erwiederte dieſer eben ſo förmlich: „Ich habe nichts dagegen.“ —,——,———,—,— nd der ge⸗ ten zen em hm un⸗ lten wes ats⸗ gen⸗ r doch chen aub⸗ ieſer 1027 Als Randal von dieſem Beſuch wieder zurückkam, berührte er auch ſein Zuſammentreffen mit Riccabocca. Egerton war darüber Anfangs betroffen, erwiederte aber dann mit Ruhe: „Ohne Zweifel einer von den politiſchen Flüchtlingen. Nehmt Euch in Acht, daß Ihr nicht Madame di Negra auf ſeine Spur bringt, und vergeßt nicht, daß der Verdacht auf ihr haftet, ſie ſey eine Kundſchafterin der öſterreichiſchen Re⸗ gierung.“ „Verlaßt Euch auf mich,“ verſetzte Randal;„aber ich kann mir kaum denken, daß dieſer arme Doector die Perſon ſey, welche die Marcheſa zu entdecken ſucht.“ „Dies iſt nicht unſere Sache,“ entgegnete Egerton. „Wir ſind engliſche Gentlemen und thun keinen Schritt, umn die Geheimniſſe Anderer auszuſpüren.“ Randal machte ſich über dieſe ausweichende Autwort Gedanken, verglich damit die Unruhe, welche Egerton über die Nachricht von ſeinem erſten Beſuch zu Hazeldean kund⸗ gegeben hatte, und kam dadurch zu dem Schluß, daß er dem Geheimniß nahe ſeyn müſſe, welches der Staatsmann vor ihm ſowohl als vor allen anderen Menſchen zu verbergen ſuchte. Es ſchien ihm kaum mehr zweifelhaft, daß Riecca⸗ bocca der Italiener ſey, welchen Lord L'Estrange unter ſeinen Schutz genommen hatte. „Mein Spiel wird ſchwierig,“ fuhr Randal tief auf⸗ ſeufzend in ſeinem Selbſtgeſpräch fort.„Wenn ich auf der einen Seite Frank zu einer Heirath mit dieſer Ausländerin verleite, ſo wird ihm der Saquire nie vergeben. Anderer 65* 1028 Seits aber will ſie nicht heirathen ohne die Mitgift— dieſe hängt von dem Umſtande ab, daß ihr Bruder ſeine Landsmännin heirathet; wenn nun dieſe Landsmännin, wie ich vermuthe, Violante iſt— wenn ſie ein ſo großes Ver⸗ mögen beſitzt und ſich durch mich gewinnen ließe— bst, bst! Einer Frau in der Lage der Beatrice di Negra laſſen ſich ſo zarte Bedenklichkeiten leicht ausreden. Ja, gerade das Fehlſchlagen der Plane ihres Bruders, der Verluſt ihrer Mitgift und der Druck unter Armuth und Schulden ſind Momente, welche ſie zwingen werden, zu dem einzigen Rettungsmittel zu greifen, das ihr noch freiſteht. Ich will auf dem alten Plan fortbauen und in Hazeldean einen Be⸗ ſuch machen, um zu ſehen, welche Grundlage ich für den neuen finde. Vielleicht laſſen ſich beide vereinigen— und dann— ah, das Haus Leslie ſoll ſich wieder aus ſeinem Verfall erheben—“ Er wurde jetzt aus ſeinen Träumen durch einen freund— ſchaftlichen Schlag auf die Achſel und durch die Anrede auf⸗ geſchreckt: „Ei, Randal, Ihr treibt's ja mit Eurer Geiſtesabweſen⸗ heit ärger, als zu Eton, wo Ihr Euch von dem Ballſpiel⸗ platz wegzuſchleichen und griechiſche Verſe zu murmeln pflegtet.“ „Mein theurer Frank,“ verſetzte Randal,„Ihr— Ihr ſeyd ſo brusque, und ich habe eben an Euch gedacht.“ „Iſts wahr? Und natürlich in aller Liebe,“ ſagte Frank Hazeldean, und ſein ehrliches ſchönes Geſicht leuchtete von dem Ausdruck argloſer, vertrauensvoller Freundſchaft. — 5—„5 1029 „Aber der Himmel weiß,“ fügte er in traurigerem Tone bei, während ein ernſterer Zug ſich um Lipp' und Auge lagerte —„der Himmel weiß, ich bedarf aller der Liebe, die Ihr, mir ſchenken könnt!“ „Ich dachte,“ verſetzte Randal,„der letzte Zuſchuß von Eurem Vater, den ich Euch ſelbſt zu überbringen ſo glücklich war, dürfte zureichen, um Eure drängendſten Schul⸗ den zu tilgen. Ich will nicht den Prediger machen, muß Euch aber doch immer wieder an's Herz legen, daß Ihr Euer Geld beſſer zu Rathe halter ſolltet.“ Frank(ernſt).—„Ich habe mein Beſtes gethan, um anders zu werden. Meine Pferde ſind verkauft, und in ſechs Monaten habe ich weder Würfel noch Karten ange⸗ rührt. Ja, ich mochte auf dem letzten Derby nicht einmal in die Lotterie ſetzen.“ Das Letztere ſprach er mit der Miene eines Mannes, welcher an der Möglichkeit zweifelt, für die Verſicherungen einer ſo übernatürlichen Tugend und Enthaltſamkeit Glauben zu finden. Randal.—„Was Ihr da ſagt! Aber wie kömmt's, daß Ihr es bei einer ſolchen Selbſtüberwindung nicht ſo weit bringt, mit den ſehr reichlichen Zuſchüſſen von Haus auszu⸗ reichen?“ Frank(kleinlaut).—„Ach, wenn man einmal mit dem Kopf unter dem Waſſer iſt, ſo hält es ſchwer, wieder an die Oberfläche zu kommen. Ihr ſeht, alle meine Ver⸗ legenheiten rühren von jener erſten Verheimlichung meiner Schulden her, die damals ſo leicht hätten getilgt werden 1030 können; denn mein Vater war voll guten Willens nach London gekommen.“ „Dann thut es mir ſehr leid, daß ich Euch den Rath dazu ertheilte.“ „Oh, Ihr habt es gut gemeint, und ich mache Euch keinen Vorwurf. Die Schuld trifft allein mich.“ „Ich drang allerdings in Euch, die Hälfte der Schul⸗ den, die damals nicht bezahlt wurden, durch Erſparniſſe von Eurem Taſchengeld zu tilgen. Hättet Ihr dies gethan, ſo ſtünde jetzt Alles gut.“ „Ja, aber der arme Borrowwell gerieth zu Gvodwood in eine ſo ſchwere Klemme; ich konnte nicht widerſtehen. Eine Ehrenſchuld— die muß bezahlt werden, und ſo unter⸗ zeichnete ich noch einen Wechſel für ihn, den der arme Schelm nicht honoriren konnte. Er würde ſich wahrhaftig eine Kugel durch den Kopf geſchoſſen haben, wenn ich ihn nicht verlängert hätte, und nun iſt er mit den verwünſchten Zinſen zu einem Betrag angelaufen, den er nie zahlen kann. Ein Wechſel hat natürlich den andern zur Folge, welcher alle drei Monate erneuert werden muß, und ſo iſt der ganze Teufel los. Für alle meine Verpflichtungen habe ich ſo we⸗ nig erhalten,“ fügte Frank mit der Miene jammernden Er⸗ ſtaunens bei.„Nicht fünfzehnhundert Pfund in Baarem, und jetzt koſten ſie mich faſt jährlich ſo viel, wenn ichs hätte.“ „Nur fünfzehnhundert Pfund?“ „Nun ja, dazu noch ſieben große Kiſten der aller⸗ ſchlechteſten Cigarren, die ich je rauchte, drei Stückfaß Wein, den Niemand trinken mochte, und einen Bären, ——————— ———————————— —— k „ 3„ rc — ——— 1034 der des Fettes wegen aus Gronland importirt worden war.“ „Der hätte Euch wenigſtens eine Rechnung bei Eurem Friſeur erſparen ſollen.“ „Ich zahlte ſeine Rechnung damit,“ ſagte Frank,„und es war noch recht freundſchaftlich von ihm, daß er mir das Ungeheuer abnahm; es hatte bereits zwei Soldaten und einen Reitknecht zu Pfannkuchen zuſammengedrückt. Ich will Euch was ſagen,“ nahm Frank nach einer kurzen Pauſe wieder auf.„Ich habe gute Luſt, ſelbſt jetzt noch meinem Vater ehrlich alle meine Verlegenheiten zu geſtehen.“ Randal(feierlich).—„Hum!“ Frank.—„Wie? Meint Ihr, es ſey nicht das Beſte, was ich thun könne? All mein Sparen hilft nichts— ich kann nie bezahlen, was ich ſchuldig bin, und meine Be⸗ drängniſſe nehmen zu, wie ein rollender Schneeball.“ Randal.—„Wenmn ich aus den Reden des Squire einen Schluß ziehen darf, ſo möchte ich der Anſicht Raum geben, durch den erſten Blick in Eure Angelegenheiten wür⸗ det Ihr ſeine Gunſt für immer verwirken. Und dann der erſchütternde Eindruck auf Eure Mutter, welche meint, die Summe, die ich Euch kürzlich brachte, reiche zu, alle Eure Verbindlichkeiten zu tilgen! Die Sache wäre vielleicht an⸗ ders, wenn ihr dies nicht von Euch verſichert worden wäre. Denkt Euch nun dieſe Frau, welche eine ſo abgeſagte Fein⸗ din jeder Unwahrheit iſt und dem Squire erklärte: Frank ſagt, daß er ſich damit freimachen könne, und was auch ſonſt 1032 ſeine Fehler ſeyn mögen, ſo hat er uns doch noch nie mit einer Lüge hintergangen““ „O meine theure Mutter! Ich meine ſie zu hören!“ rief Frank in großer Aufregung.„Aber ich habe nicht ge⸗ logen, Randal; ich habe nicht geſagt, daß dieſe Summe zu Bezahlung meiner Schulden zureichen würde.“ „Aber Ihr gabt mir die Vollmacht und batet mich, ſo zu ſagen,“ verſetzte Randal mit kaltem Ernſt,„und Ihr könnt mir keinen Vorwurf machen, wenn ich Euch Glauben ſchenkte.“ „Nein, nein; aber ich ſprach nur davon, daß ich mich mit dieſem Gelde für den Augenblick freimachen könne.“ „Dann habe ich Euch kläglich mißverſtanden, und bei ſolchen Irrthümern iſt meine Ehre betheiligt. Entſchuldigt mich, Frank; aber Ihr müßt mich fürderhin nicht mit Bitten um meine Beihülfe behelligen. Ihr ſeht, daß ich mit der beſten Abſicht nur mich ſelbſt bloßſtelle.“ „Wenn Ihr mich im Stiche laßt, ſo bleibt mir nichts übrig, als daß ich hingehe und ins Waſſer ſpringe,“ ſagte Frank im Tone der Verzweiflung.„Und früher oder ſpäter muß mein Vater doch meine Bedrängniſſe erfahren. Die Juden drohen jetzt ſchon, ſich an ihn zu wenden, und je länger ich zögere, deſto ſchrecklicher wird die Erklärung ſeyn.“ „Ich ſehe überhaupt nicht ein, warum Euer Vater je Kunde von dem Stand Eurer Verhältniſſe erhalten muß. Es ſcheint mir, Ihr könntet wohl Geld unter verhältniß⸗ mäßig leichten Bedingungen aufnehmen und damit die Wucherer bezahlen und die Wechſel einlöſen.“ Au da kan iß⸗ 1033 „Wie?“ rief Frank begierig. „Die Caſinogüter ſind Euer Fideikommiß, und Ihr könnt eine Summe darauf erhalten, die erſt bezahlt zu wer⸗ den braucht, wenn das Eigenthum an Euch übergeht.“ „Das wäre nach dem Tod meines armen Vaters? Oh nein— nein! Ich kann den Gedanken an ein ſo kaltblütiges Rechnen auf den Tod meines Vaters nicht ertragen. Zwar kömmt Aehnliches oft vor, und ich kenne ſelbſt Einige, die ſo gehandelt haben; aber ſie hatten keine ſo gütigen Eltern, wie ich, und ſelbſt ſo empörte und erſchütterte mich ihr Be⸗ nehmen. Sich des Vaters Tod vorſtellen und daraus Vor⸗ theil ziehen— es kömmt mir wie eine Art Vatermord vor — es iſt gegen alles natürliche Gefühl, Randal. Und zu⸗ dem, Ihr erinnert Euch ja, was er mit Thränen in den Augen zu mir ſagte: Rechne nicht auf meinen Tod; ich könnte dies nicht ertragen. O Randal, Randal, nichts mehr davon.“ „Ich achte Eure Geſinnung, obſchon alle post opilum Contrakte, die Ihr eingehen könnt, Mr. Hazeldeans Leben um keinen Tag verkürzen werden. Doch gehen wir davon ab; wir müſſen auf einen andern Plan denken. Was meint Ihr, Frank?— Ihr ſeyd ein hübſcher Burſche von ſchönen Ausſichten— warum heirathet Ihr nicht eine Frau mit Geld?“ „Puh!“ rief Frank, erröthend.„Ihr wißt, Randal, daß es in der Welt nur eine Dame gibt, an die ich denken kann. Ich liebe ſie aus tiefſter Seele, und obſchon ich früher ſo lebensluſtig war, wie die meiſten jungen Männer, 1034 kömmt es mir jetzt doch vor, als ob ihr gegenüber das ganze iſt weibliche Geſchlecht allen Reiz verloren habe. Ich ging erſt N vorhin durch die Straße— nur um nach ihrem Fenſter hin⸗ aufſehen zu können—“ M „Ihr ſprecht von Madame di Negra? Ich komme He eben von ihr her. Sie iſt allerdings zwei oder drei Jahre Be älter, als Ihr, aber wenn Ihr Euch über dieſen Mißſtand erl wegheben könnt— warum heirathet Ihr ſie nicht?“ un „Sie heirathen!“ rief Frank erſtaunt, und alle Farbe di wich aus ſeinem Antlitze„Sie heirathen! Sprecht Ihr im Ernſt?“ „Warum nicht?“ um 3„Aber ſelbſt wenn ſie, die Hochbegabte und allgemein die Bewunderte— ſelbſt wenn ſie meine Werbung annehmen ihr relite, ſo iſt ſie ja, wie Ihr wohl wißt, noch ärmer als ja“ ich. Sie hat dies offen gegen mich erklärt. Dieſe Frau— beſitzt ein ſo edles Herz! und— und— mein Vater ſie würde nie ſeine Zuſtimmung geben— und meine Mutter ein eben ſo wenig. Ich weiß dies zum Voraus.“ „Weil ſie eine Ausländerin iſt?“ „Ja, theilweiſe.“ dea „Und doch hatte der Saquire nichts dagegen, daß ſeine ſein Couſine einen Ausländer heirathete.“ und „Das war etwas Anderes. Er hatte keine Gewalt über mel 3 Jemima, und zwiſchen einem ſolchen Verwandten und einer ich Schwiegertochter iſt doch ein großer Unterſchied. Mein rech 3 Vater ſteckt ſo voll engliſcher Vorurtheile, und Ihr wißt ja mit ſelbſt, daß Madame di Negra ganz und gar eine Ausländerin anze erſt hin⸗ nme hre and be Ihr ein nen als rau ater tter eine iber iner kein t ja erin 1035 iſt. Sogar ihre Anmuth würde ihr in ſeinen Augen zum Nachtheil gereichen.“ „Ich denke, Ihr thut ſowohl Eurem Vater, als Eurer Mutter Unrecht. Gegen eine Ausländerin von geringer Herkunft— gegen eine Schauſpielerin oder Sängerin zum Beiſpiel— ließen ſich allerdings ſehr gerechte Einwendungen erheben, aber nicht gegen eine Frau von ſo hoher Geburt und ſo angeſehenen Familienverbindungen, wie Madame di Negra—“ Frank ſchüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, ob ſich mein Vater einen Strohhalm um ihre Familienverbindungen kümmerte, ſelbſt wenn ſie die Tochter eines Königs wäre. Alle Ausländer erſcheinen ihm ſo ziemlich in dem gleichen Lichte. Und dann wißt Ihr ja“— Franks Stimme ermäßigte ſich zu einem Flüſtern —„Ihr wißt, daß gerade einer von den Gründen, welcher ſie mir ſo theuer macht, den altmodiſchen Leutchen zu Haus einen unüberwindlichen Anſtoß geben würde.“ „Ich verſtehe Euch nicht, Frank.“ „Ich liebe ſie um ſo mehr,“ ſagte der junge Hazel⸗ dean, ſein Haupt mit einem edlen Stolze erhebend, der ſeine Abſtammung aus einem Geſchlechte von Cavalieren und Gentlemen zu verbürgen ſchien—„ich liebe ſie um ſo mehr, weil die Welt ihren Namen geſchmäht hat— weil ich glaube, daß ſie rein iſt, und daß man ihr ſchweres Un⸗ rechk zufügte. Aber würde man in der Halle, wo man nicht mit den Augen eines Liebhabers ſieht und wo die ſtörriſchen engliſchen Vorurtheile in dem Benehmen der Angehörigen 1036 des Feſtlands nur Anſtandswidrigkeit und ungebührliche Freiheit erblicken laſſen, nicht recht gerne das Allerſchlimmſte glauben? Oh nein— wenn ich liebe, ſo folge ich dem Drang einer innern Nothwendigkeit; aber ich habe keine Hoff⸗ nung.“ „Es iſt ſehr wohl möglich, daß Ihr Recht habt,“ rief Randal, als ſey er betroffen und halb überzeugt von den Gründen ſeines Gefährten—„recht wohl möglich; und ich zweifle auch nicht im Geringſten daran, daß die einfachen Leutchen in der Halle Anfangs ſich ärgern und gewaltig toben würden, wenn ſie hörten, ihr hättet Euch mit Ma⸗ dame di Negra verehelicht. Wenn aber Euer Vater den Grund erführe, warum Ihr ſo handeltet— daß Ihr den Schritt nicht aus bloſer Leidenſchaft, ſondern in der Abſicht thatet, ihm alle weiteren Geldopfer zu erſparen— Euch von Schulden frei zu machen— und—“ „Was meint Ihr damit?“ rief Frank ungeduldig. „Ich weiß aus guter Quelle, daß Madame di Negra eine ſo große Morgengabe mitbringen wird, als Euer Vater vernünftigerweiſe von irgend einer Engländerin er⸗ warten kann. Und wenn der Squire von dieſem Umſtand gebührend in Kenntniß geſetzt iſt, und er die Dokumente von dem hohen Stand und der Stellung Eurer Gattin in Händen hat— denn ich denke, dieſe werden doch verfangen, trotz Eurer übertriebenen Anſicht von ſeinen Vorurtheilen— wenn er ferner Madame di Negra wirklich ſieht und ſich über ihre Schönheit und ihre hohen Gaben ſelbſt ein Urtheil bilden kann, ſo iſt es meine feſte Ueberzeugung, daß Ihr we vei ihr au ſeh rliche mmſte rang H off⸗ “ rief n den nd ich fachen valtig Ma⸗ rden r den lbſicht Euch Negra Euer in er⸗ nſtand te von änden trotz en— d ſich rtheil ß Ihr 1037 wenig zu fürchten haben werdet. Und wenn all' Dies nicht verfängt, ſo ſeyd Ihr doch ſein einziger Sohn. Es wird ihm keine andere Wahl bleiben, als Euch zu vergeben; und außerdem weiß ich, wie gern Eure Eltern Euch verheirathet ſehen würden.“ Franks ganzes Geſicht ſtrahlte. „Es verſteht freilich Niemand den Charakter meines Vaters ſo gut, wie Ihr,“ ſagte er mit freudiger Lebhaftig⸗ keit,„und er hat eine ſehr hohe Meinung von Eurem Ver⸗ ſtand. Ihr glaubt alſo in Wirklichkeit, daß Ihr die Dinge in Ordnung bringen könnt?“ „Allerdings glaube ich dies, denn es würde mir ſehr Leid thun, wenn ich Euch zu einem Schritt veranlaßte, der gefährliche Folgen nach ſich ziehen könnte. Wenn Ihr übri⸗ gens bei kalter Ueberlegung der Anſicht ſeyd, es ſtehe etwas dabei zu befürchten, ſo rathe ich Euch allen Ernſtes, jede Gelegenheit, die Euch mit der armen Marcheſa zuſammen⸗ führen könnte, zu vermeiden. Ah, das will Euch nicht gefallen; aber ich ſpreche eben ſo gut um ihrer als um Eurer willen. Denn einmal ſeht Ihr ſelbſt ein, daß Eure Aufmerkſamkeiten, wenn Ihr nicht ernſtliche Abſichten damit verbindet, nur dazu dienen werden, die Gerüchte zu be⸗ ſtärken, welche über ſie im Umlauf ſind, und deren Unge⸗ rechtigkeit Eurem empfindſamen Herzen ſo weh thut; und zweitens glaube ich nicht, daß irgend Jemand befugt iſt, die Neigung einer Dame, und namentlich einer Dame, die mir einer Liebe aus ſo ganzer Seele und mit ſo vollem Herzen fähig zu ſeyn ſcheint, zu erſchleichen, wenn er damit 1038 weiter nichts erzielen will, als eine Befriedigung ſeiner Eitelkeit.“ „Eitelkeit! Gütiger Himmel— könnt Ihr ſo ering von mir denken? Aber was die Neigung der Marcheſa be⸗ trifft,“ fügte Frank mit ſtotternder Stimme bei—„glaubt Ihr wirklich und aufrichtig, daß es mir gelingen werde, ſie zu gewinnen?“ „Ich fürchte, ſie iſt bereits zur Hälfte gewonnen,“ ver⸗ ſetzte Randal lächelnd, während er zugleich den Kopf ſchüt⸗ telte;„aber ſie iſt zu ſtolz, um Euch merken zu laſſen, wel⸗ chen Eindruck ihr auf ſie gemacht habt, namentlich wenn Ihr, wie ich wohl annehmen darf, nie auf Eure Hoffnung hindeutetet, Ihre Hand zu erhalten.“ „Bis jetzt glaubte ich nie, einer ſolchen Hoffnung Raum geben zu dürfen. Mein theurer Randal, alle meine Sorgen ſind jetzt in die Winde zerſtoben— ich ſchwebe in den Wolken. Ich habe gute Luſt, ihr ſogleich einen Beſuch zu machen.“ „Halt— halt!“ ſagte Randal.„Ihr müßt vorſichtig ſeyn. Ich habe Euch eben erſt mitgetheilt, daß gegen Euer früheres Erwarten der Madame di Negra ein Ver⸗ mögen in Ausſicht ſtehe, das ihrer Geburt angemeſſen iſt. Ein ſo plötzlicher Wechſel in Eurem Benehmen könnte ſie auf den Glauben führen, daß dieſe Nachricht Euch beſtimmt habe.“ „Ha!“ rief Frank, plötzlich ſtehen bleibend, als fühle er ſich bis ins Innerſte getroffen.„Und ich fühle mich ſchuldig— es iſt mir, als ſey ich wirklich durch ſie beſtimmt wo vet ſie un ger die ſtel ſpr wir ge rich ſich gen nen liel mit daf her beh aus jetz me wie ſich ſeiner ering ſa be⸗ laubt de, ſie ver⸗ ſchüt⸗ wel⸗ wenn fnung fnung meine be in weſuch gegen Ver⸗ n iſt. te ſie immt fühle mich immt 1039 worden. Es iſt allerdings mehr,“ fügte er mit einer Nai⸗ vetät bei, die ſich halb pathetiſch ausnahm;„aber ich hoffe, ſie wird nicht ſehr reich ſeyn. Wäre dies der Fall, ſo unterlaſſe ich jeglichen Beſuch.“ „Beruhigt Euch darüber— es handelt ſich blos um ein Heirathgut von zwanzig oder dreißig tauſend Pfunden— gerade hinreichend, um alle Eure Schulden zu zahlen und die Hinderniſſe wegzuräumen, die der Verbindung im Weg ſtehen. Ihr könnt Ihr als Erſatz dafür ein mehr als ent⸗ ſprechendes Leibgeding auf das Caſinogut verſchreiben. Da wir bei dieſem Gegenſtand ſind, will ich mich noch weiter gegen Euch ausſprechen. Madame di Negra hat, wie Ihr richtig bemerkt, ein edles Herz, und erklärte mir, ſie hätte ſich vor der Ankunft ihres Bruders, durch den ihr die Mor⸗ gengabe zugeſichert werden mußte, nie dazu verſtehen kön⸗ nen, Euch die Hand zu reichen und den Mann, welchen ſie liebt, in ihre eigenen Verlegenheiten zu verſtricken. Ach, mit welchem Entzücken wird ſie den Gedanken begrüßen, daß ſie Euch Beiſtand leiſten kann, wenn es gilt, das Vater⸗ herz wieder für Euch zu gewinnen! Aber geht vorderhand behutſam zu Werke. Und nun, was ſagt Ihr dazu, Frank — wenn ich hurtig nach Hazeldean ginge, um Eure Eltern auszuholen? Es kömmt mir freilich ſehr ungelegen, eben jetzt London zu verlaſſen; indeß würde ich für Euch noch mehr thun, als dies, ſelbſt wenn ſich's um einen weniger wichtigen Dienſt handelte. Ja, ich will morgen nach Rood⸗ Hall und von da aus nach Hazeldean gehen. Voraus⸗ ſichtlich wird Euer Vater in mich drängen, etwas länger 1040 bei ihm zu bleiben, und dadurch gewinne ich reichliche Ge⸗ legenheit, mir ein Urtheil darüber zu bilden, wie er wohl Eure Verbindung mit Madame di Negra aufnehmen dürfte, vorausgeſetzt, daß ihm die Sachegin gehöriger Weiſe bei⸗ gebracht wird. Wir können uns dann danach mit unſeren Schritten richten.“ „Mein theurer, theurer Randal— wie ſoll ich Euch genug danken? Wenn je ein armer Teufel wie ich Euch einen Gegendienſt leiſten kann— aber dies iſt unmöglich.“ „Ich werde Euch freilich nie erſuchen, für einen Wechſel auf mich Bürgſchaft zu leiſten,“ verſetzte Randal lachend; „denn ich übe die Sparſamkeit, die ich Euch predige.“ „Ach!“ entgegnete Frank mit einem Seufzer,„der Grund liegt darin, weil Ihr Euch Mühe gabt, Euren Geiſt auszubilden— Ihr habt ſo viele Hülfsquellen, und alle meine Fehler rühren von dem leidigen Müßiggang her. Wenn ich an Regentagen nur etwas zu thun gehabt hätte, ſo wäre ich nie in ſolche Klemmen gerathen.“ „Oh, Ihr werdet ſeiner Zeit genug zu thun kriegen, wenn Ihr Euer Eigenthum ſelbſt verwalten müßt. Wer nichts hat, muß ſeine Aecker in der Wiſſenſchaft ſuchen. Gott befohlen, mein lieber Frank; ich muß jetzt nach Hauſe gehen. Beiläufig, Ihr habt doch nie gegen Madame di Negra ein Wort über die Riccabveca fallen laſſen?“ „Ueber die Riccabveca? Nein. Dies iſt ein guter Gedanke. Es wird für ſie von Intereſſe ſeyn, zu erfahren, daß meine Verwandte einen Landsmann von ihr geheirathet hat. Sonderbar, daß mir dies nie eingefallen iſt; aber um die zu mi zut En er noc ſtel gab kam wer Gel wen in( lant luti aug Fra ſein „Ic P Ge⸗ vohl rfte, bei⸗ eren Fuch Fuch h. chſel end; „der Heiſt alle her. ätte, en, Wer chen. aue te di uter hren, athet tum 1041 die Wahrheit zu ſagen, ich getraue mich nicht, viel mit ihr zu reden. Sie hat einen ſo hohen Geiſt, und ich ſcheue mich eigentlich vor ihr.“ „Thut mir den Gefallen,“ ſagte Randal, welcher ruhig zugewartet hatte, bis Frank mit ſeiner Erwiederung zu Ende war; denn er ging mit ſich zu Rath, welchen Grund er für ſein Anſinnen vorſchützen ſollte—„weder gegen ſie, noch gegen ihren Bruder, dem ſte Euch ohne Zweifel vor⸗ ſtellen wird, je der Riccabocca Erwähnung zu thun.“ „Und warum nicht?“ Randal zögerte einen Augenblick. Seine Erfindungs⸗ gabe ließ ihn noch immer im Stich, und zum Verwundern kam er endlich auf den Gedanken, es dürfte das Beſte ſeyn, wenn er ſo ziemlich bei der Wahrheit bliebe. „Je nun, ich wills Euch ſagen. Die Marcheſa hat kein Geheimniß vor ihrem Bruder, und dieſer iſt einer von den wenigen Italienern, welche bei dem öſterreichiſchen Hof ſehr in Gunſten ſtehen.“ „Was dann?“ „Ich vermuthe, daß der arme Rieccabocea ſein Vater⸗ land meiden mußte, weil er ſich in einen wahnſinnigen revo⸗ lutionären Verſuch eingelaſſen hat, und daß er den Luchs⸗ augen der öſterreichiſchen Polizei auszuweichen ſucht.“ „Aber was kann dieſe ihm hier anhaben?“ verſetzte Frank mit der ſtarren Ueberzeugung von der Unverletzlichkeit ſeiner heimathlichen Inſel, die dem Engländer angeboren iſt. „Ich möchte doch den Oeſterreicher ſehen, der ſich erdreiſtete, Bulwer, meine Novelle. 66 1042 uns vorſchreiben zu wollen, wen wir aufnehmen dürfen und wen nicht.“ „Hum!— das iſt wahr und ohne Zweifel auch ver⸗ faſſungsmäßig; aber Rieccabocca hat vielleicht ſeine guten Gründe— und offen geſprochen, ich weiß, daß ſich's hier nicht blos um ein Vielleicht handelt(vermuthlich ſteht dabei die Sicherheit von Freunden in Italien auf dem Spiel)— ſein Incognito zu bewahren, und wir ſind verpflichtet, dieſe Gründe zu achten, ohne uns in weitere Unterſuchungen sinzulaſſen.“ „Gleichwohl kann ich von Madame di Negra nicht ſo gering denken,“ entgegnete Frank mit Beharrlichkeit(in dem vorliegenden Falle ſchlau, wie leichtgläubig er in allen andern ſeyn mochte, obwohl ſtets dabei ſein Ehrgefühl zu Grunde lag),„daß ſie fähig ſey, ſich zu einer Spionsrolle herabzulaſſen und einem armen Landsmann zu ſchaden, wel⸗ cher ſich in die Arme derſelben Gaſtfreundſchaft geworfen hat, die ſie unter uns Engländern genießt. Oh, wenn ich dies von ihr annehmen müßte, könnte ich ſie nicht lieben!“ fügte er mit Nachdruck bei. „Ihr habt hierin zuverläſſig Recht. Aber bedenkt, in welche ſchiefe Stellung Ihr ſowohl ſie als ihren Bruder bringen würdet. Erhielten ſie Kunde von Riccabveca's Ge⸗ heimniß und meldeten es der öſterreichiſchen Regierung, ſo wäre dies, wie Ihr bemerkt, grauſam und gemein; aber wenn ſie darum wiſſen und es verhehlen, ſo könnte es für ſie die ernſtlichſten Folgen haben. Ihr wißt doch, daß die ſch rec Fr auf ern daß wü ihn eine nen in und wele in e alle der nund h ver⸗ guten s hier dabei — „dieſe ungen cht ſo it(in allen ihl zu srolle wel⸗ oren n ich en! denkt, ruder Ge⸗ g ſo aber für ß die 1043 Eiferſucht und Thrannei der öſterreichiſchen Politik bei uns zum Sprichwort geworden iſt?“ „Den Zeitungen nach— allerdings.“ „Mit einem Wort, Eure Verſchwiegenheit kann nicht ſchaden, während dies bei einem etwaigen Ausplaudern recht leicht möglich wäre. Gebt mir daher Euer Wort, Frank. Ich kann mich nicht länger mit Beweisführungen aufhalten.“ „Auf Ehre, ich werde der Riccabocca mit keiner Sylbe erwähnen,“ entgegnete Frank, obſchon ich überzeugt bin, daß die Marcheſa ihre Sicherheit eben ſo wenig gefährden würde, wie—“ „Ich verlaſſe mich auf Euer Ehrenwort,“ unterbrach ihn Randal haſtig und eilte von hinnen.“ Fünftes Kapitel. Am andern Tag gegen Abend bog Randal Leslie von einem nur eine kleine Wegſtunde von Rood⸗-Hall abgelege⸗ nen Dorf, wo er die Landkutſche verlaſſen hatté, langſam in die Hauptſtraße ein. Der Weg führte ihn über Wieſen und Kornfelder und an den Gränzen von Wäldern vorbei, welche früher ſeinen Vorfahren gehört hatten, aber längſt in andere Hände gekommen waren. Er befand ſich jetzt allein auf den Tummelplätzen ſeiner Knabenzeit und in Mitte der Scenen, wo er zuerſt den gewaltigen Geiſt des Wiſſens heraufbeſchworen hatte, daß er ungeachtet ſeiner himmliſchen 66* 1044 Weſenheit ihm zu Zwecken eines irdiſchen, nimmer raſtenden Ehrgeizes diene. Er machte oft Halt auf ſeinem Pfade, namentlich wenn eine Hebung des wellenförmigen Grundes ihm die Ausſicht nach dem grauen Kirchthurm oder nach den düſteren Föhren aufſchloß, die ſich über die öden Steppen von Rood erhoben. „Ach,“ dachte Randal, und das Stechende in ſeinem Auge milderte ſich,„wie oft habe ich nicht hier die Frucht⸗ barkeit der Güter, die von dem Erbe meiner Väter losge⸗ riſſen wurden, mit der troſtloſen Wildniß verglichen, welche der baufälligen Halle verblieben iſt— wie oft ſprach ich hier nicht zu mir ſelber:— Ich will den Wohlſtand meines Hauſes wieder herſtellen! Und die Anſtrengung verlor den Schein der Plackerei und wurde etwas Erhabenes; die Bü⸗ cher zeigten ſich mir im Lichte lebender Heere, bereit, meinen Gedanken zu dienen.— Wie oft— wie oft!— O du ſtolze Vergangenheit, ſtähle und kräftige mich in dem Kampf mit der Zukunft.“ Seine bleichen Lippen zuckten bei dieſem Selbſtgeſpräch, denn während er ſo ſeinen Willen anredete, ließ auch das Gewiſſen ſeine Stimme hören und ſprach hier in der Ruhe der ländlichen Landſchaft viel lauter, als in dem Gewühl und Lärm jenes gewaffneten und ſchlafloſen Lagers, das wir London nennen. Obſchon dem Ehrgeiz ohne Zweifel weit groößere und edlere Zielpunkte offen ſtehen, als die Herſtellung eines Na⸗ mens, liegt doch ſchon in dieſem etwas Erhabenes und Ritterliches, das im menſchlichen Herzen große Theilnahme weckt. Aber alles Streben, alle Erregungen vyn edlerem me wů der den ade, ndes den pen nem ucht⸗ sge⸗ elche hier ines den Bü⸗ einen du ampf eſem dete, hier ls in loſen e und Na⸗ und ahme lerem 1045 Charakter ſchienen dadurch ihr Gold zu verlieren, daß ſie durch den Mechanismus von Randals Verſtand wandern mußten; denn aus einem ſo ſelbſtſüchtigen Geiſte konnte nur unlauteres Korn hervorgehen. Gleichwohl iſt es eine ſeltſame Wahrheit, daß in einem Menſchen von gebildetem Geiſte, wie verkehrt und laſterhaft er auch ſeyn mag, doch Anflüge edleren Gefühls und Ahnungen einer moraliſchen Schönheit auftauchen, welche der rohen, gedankenloſen Schlechtigkeit ungebildeter Schurkerei verſagt ſind. Frei⸗ lich müſſen ſie vielleicht zuletzt als Strafe dienen, im Ein⸗ klang mit dem alten Gedanken des Satyrikers, daß es keinen größeren Fluch gebe, als die Tugend zu erkennen und doch dem Laſter zu folgen. Während der einſame Ränkeſchmied langſam ſeines Weges ging, trat ihm durch den Schimmer entſchwundener Träume— weit reinere Träume, als die waren, aus welchen er jetzt jeden Morgen zur thätigen Menſchenwelt erwachte — mit größerer Klarheit das Bild ſeiner, wenigſtens durch Thaten unbefleckten Kindheit vor die Seele, und eine tiefe Schwermuth beſchlich ihn. Plötzlich rief er laut aus: „Damals ging mein Streben auf Ruhm und Größe— wie kömmt es wohl, daß jetzt, nun ich ſo vorgerückt bin auf meiner Laufbahn, Alles dahin geſchwunden iſt, was ich ehe⸗ dem für erhaben hielt, und ich nur noch auf ſolche Mittel ſinne, die ich als Knabe gering und ſchnöde genannt haben würde? Liegt der Grund wohl darin, daß ich damals nur Bücher kannte, jetzt aber mein Wiſſen fortgeſchritten iſt und der Umgang mit Menſchen befleckender wirkt, als der mit 1046 Büchern? Aber—“ fuhr er mit gedämpfterer Stimme fort, als wolle er ſich ſelbſt rechtfertigen—„wenn die Macht blos ſo gewonnen werden kann— und was nützt das Wiſſen, wenn es nicht Macht iſt— rechtfertigt im Leben nicht der Erfolg alle Dinge— und wer hat ein Lob für den Weiſen, wenn er ſich nicht Geltung zu verſchaffen verſteht?“ In dieſer Weiſe fuhr er fort; aber noch immer wirkte die tiefe Ruhe rings umher wie ein Vorwurf auf ihn, und Vernunft ſowohl als Gewiſſen blieb unbefriedigt. Es gibt Zeiten, in welchen die Natur wie ein Bad der Verjüngung der ermatte⸗ ten Seele ihre Friſche wieder zu geben ſcheint— Zeiten, aus welchen manche Menſchen wie neugeboren hervorgehen. Die Kriſen des Lebens nehmen einen ſehr ſtillen Verlauf. Plötzlich öffnete ſich die Landſchaft vor Randals Blicken. Die öde, kahle Heide— die baufällige Kirche— das alte Herrenhaus, nur theilweiſe ſichtbar in dem dumpfen, trau⸗ rigen Engthal, in welchem es, wie Randal meinte, ſeit ſeinem letzten Beſuch tiefer und tiefer eingeſunken war. Auf der Heide befanden ſich einige junge Burſche, welche Hockey ſpielten. Dieſe altmodiſche Beluſtigung, welche jetzt in England ſehr ſelten mehr und nur noch in den Schulen vorkömmt, hatte ſich in der idylliſchen Umgebung von Rood unter den jungen Freiſaßen und Farmern noch immer er⸗ halten. Randa blieb an dem Zaune ſtehen und ſah zu, da er unter den Spielenden ſeinen Bruder Oliver erkannte. Der Ball wurde gegen Letzteren hingeſchlagen, und alsbald ſammelte ſich die Gruppe um dieſen jungen Gentleman, ſo daß er Randals Blicken entzogen wurde. Aber der ältere 1047 ort, Bruder vernahm jetzt ein widerliches Geſchrei und ein hoh⸗ cht nendes Gelächter. Oliver war vor der Gefahr der dicken ſen, Knotenſtöcke, die ihn umſpielten, zurückgewichen und hatte der einige Streiche über die Beine erhalten. Seine Stimme ſen, erhob ſich winſelnd, wurde aber durch das Geſchrei übertönt? In—„Geht heim zu Eurer Mamme. Das iſt mit Haut und iefe Haar Noll Leslie— das Hühnlein.“ unft Randals bleiches Geſicht wurde ſcharlachroth. i„Ein Leslie— der Spott von Bauernkerlen,“ mur⸗ tte⸗ melte er und knirſchte mit den Zähnen. Er ſprang über den len Zaun und ſchritt ſtolz und aufrecht über den Grund. Die hen. Spieler ſchrieen ihm unwillig zu; er aber lüpfte ſeinen Hut dif— ſie erkannten ihn und unterbrachen ihr Spiel.— Vor ihm wenigſtens fühlte man eine gewiſſe Achtung. Oliver alte wandte ſich raſch um und eilte auf ihn zu. Randal faßte it⸗ ihn feſt am Arm und zog ihn, ohne gegen die übrigen ſeit ein Wort zu verlieren, gegen das Haus hin. Mit einer 5 Jammermiene ſchaute Oliver zögernd nach dem Spielplatz t zurück, rieb ſich die Beine und blickte dann ſcheu zu Ran⸗ jetzt vals ſtrengem, finſterem Geſichte auf. uien„Du biſt doch nicht böſe, daß ich mit unſeren Nach⸗ tö barn Hockey ſpielte?“ ſagte er abbittend, als er bemerkte, daß Randal das Schweigen nicht unterbrechen wollte. da„Nein,“ verſetzte der ältere Bruder;„aber im Verkehr mit Untergeordneten muß ein Gentleman ſeine Würde zu be⸗ te. ſiel haupten wiſſen. Es iſt nichts Unrechtes, mit Untergebenen ſ zu ſpielen; aber ein Gentleman ſollte ſo ſpielen, daß er nicht itere das Geſpott roher Bauerntölpel wird.“ 1048 Oliver ließ den Kopf hängen und gab keine Antwort. Sie kamen an die verwahrloste Umzäunung des Hofes, und die Schweine glotzten eben ſo verwundert durch die Pfähle nach ihnen hin, wie ſie vor Jahren bei Frank Hazeldeans Ankunft gethan hatten. Mr. Leslie Senior, in einem ſchäbigen Strohhut, war eben unter der Hausthüre beſchäftigt, den Hühnern Futter zu ſtreuen, verrichtete aber auch dieſe Obliegenheit mit ver⸗ droſſener Unachtſamkeit, indem er die Gerſte faſt Korn um Korn durch ſeine trägen träumeriſchen Finger gleiten ließ. Randals Schweſter, welcher wie immer die Haare über die Ohren niederhiengen, ſaß auf einem Binſenſtuhl und las in einem zerfetzten Roman, während von einem Fenſter der Wohnſtube her ſich die lamentirende Stimme der nie ruhenden Mrs. Leslie vernehmen ließ. Wenn man den jungen Erben aller dieſer hoffnungs⸗ loſen Armuth mit ſeinen ſcharfen, feinen, geiſtvollen Ge⸗ ſichtszügen und der hier ſo fremden Eleganz der Tracht und der Haltung in dem Hofraume ſtehen ſah, konnte man beſſer begreifen, warum ſeine Seele, blos der Selbſtſucht des Wiſſens und ihres Ehrgeizes überlaſſen, in einer ſolchen Fa⸗ milie, die ihm nichts von den ſüßen, namenloſen Lehren einer Heimath bot, ſo einſam und verſchloſſen werden mußte— warum ſein Geiſt ſo wenig Nahrung aus dem Herzen ge⸗ ſogen, und warum jene Liebe und Achtung, welche der warme Herd der Familie gewöhnlich erzeugt, ihn nur nach den Gräbern todter Ahnen himiſſen, um daſelbſt ſozuſagen blu den ſchl auc Hit mu un wo ſpr ie zur W Ae kon bil laf kön He wort. und fä hle ns war utter ver⸗ num eß. über und nſter r nie ings⸗ Ge⸗ und eſſer des Fa⸗ einer ge⸗ arme den agen 1049 blutlos und gulenartig zu werden unter den Gerippen, von denen ſie zehrten. „Ha— Randal, mein Junge,“ ſagte Mr. Leslie, ſchläfrig aufſchauend,„wie geht es Dir? Wer hätte Dich auch heute erwartet! Du mein Himmel— Du mein Himmel,“ rief er mit gebrochener Stimme und einem Klein⸗ muth, als ob er ſich gar nicht zu helfen wiſſe,„da iſt Randal, und er wird ein Mittageſſen, ein Abendeſſen oder ſo etwas wollen.“ Mittlerweile war Randals Schweſter, Juliet, aufge⸗ ſprungen und ihrem Bruder an den Hals geflogen. Er zog ſie liebevoll bei Seite, denn ſein ſtärkſtes, rein menſchliches Gefühl galt dieſer Schweſter. „Du wirſt ſehr hübſch, Juliet,“ ſagte er, ihr Haar zurückſtreichend.„Warum thuſt Du Dir ſelbſt ſo Unrecht? Warum verwendeſt Du nicht mehr Aufmerkſamkeit auf Dein Aeußeres, wie ich Dich ſchon ſo oft gebeten habe?“ „Ich habe Dich nicht erwartet, lieber Randal. Du kommſt immer ſo plötzlich und ertappſt uns dann im Tiſcha⸗ bill.“ „Tiſchabill!“ wiederholte Randal mit einem Seufzer. „Dishabille!— Aber Du ſollteſt Dich nie ſo ertappen laſſen.“ „Oh, es ſieht uns Niemand anders ſo, denn es kömmt kein Menſch zu uns. Leider!“ Und die junge Dame ſeufzte aus dem Grunde ihres Herzens. „Geduld! Geduld! Mein Tag kömmt und dann auch 1050 der Deinige, meine Schweſter,“ verſetzte Randal, mit un⸗ verhohlenem Mitleid das Geſchöpf betrachtend, welches ſich wut mit ein wenig Sorgfalt zu einer ſo ſchönen Blume umwan⸗ deln ließ, nun aber wie ſtruppiges Unkraut ausſah. hal Jetzt ſtürzte in einem Zuſtande höchſter Aufregung,„M nachdem bei dem Stürmen durch das Wohnzimmer ein den Stück des Kleides an dem immer noch unausgebeſſerten eine Brummagemarbeitstiſch hängen geblieben war, Mrs. Leslie zur Thüre heraus, ſo daß die Hühner nach rechts und links tit! die Flucht ergriffen, und packte Randal in mütterlicher Um⸗ er; armung. „Ach, wie Du meine Nerven erſchütterſt,“ rief ſie, hat nachdem ſie ihm einige ſehr haſtige und unbequeme Kuͤſſe Gel verſetzt hatte.„Und hungrig wirſt Du auch ſeyn, und wir gen haben nichts im Haus, als kaltes Schöpſenfleiſch! Jenny, lich Jenny— hörſt Du nicht, Jenny? Juliet, haſt Du Jenny nicht geſehen? Wo iſt doch die Jenny! Ich ſtehe dafür,„die wieder fort mit dem ſchlechten Niemand.“ liet „Ich bin nicht hungrig, Mutter,“ verſetzte Randal, geb „und wünſche nichts als Thee.“ Juliet ſcharrte ſich das Haar zurück und ſtürzte in das imn Haus, um den Thee zu bereiten und auch„ſich ſelbſt ſauber“ zu machen. Sie liebte ihren feinen Bruder innig, hatte aber auch große Scheu vor ihm. zu; Randal ſetzte ſich auf die mürben Stangen. Le „Nimm Dich in Acht, daß ſie nicht unter Dir brechen“ und ſagte Mr. Leslie mit einiger Beſorgniß. un „Oh, Vater, ich bin ſehr leicht. Mit mir bricht nichts.“ un⸗ ſich van⸗ ung, ein rten eslie links Um⸗ ſie, küſſe wir nny, enny für, al, das ber“ atte en, ts.“ 1051 Die Schweine machten große Augen und grunzten ver⸗ wundert nach dem Fremden hin. „Mutter,“ ſagte der junge Mann, Mrs. Leslie zurück⸗ haltend, die ſich anſchickte, auf Jenny Jagd zu machen— „Mutter, Ihr ſolltet es nicht dulden, daß Oliver ſich mit den Bauernburſchen des Dorfs einläßt. Es iſt Zeit, an einen Beruf für ihn zu denken.“ „Oh, er ißt uns von Haus und Hof— ſolch' ein Appe⸗ tit! Aber Du ſprichſt von einem Beruf— zu was könnte er paſſen? Im Studiren bringt er's zu nichts.“ Randal nickte eine trübe Zuſtimmung, denn Oliver hatte bereits auf Koſten ſeines Bruders, welcher von ſeinem Gehalt die Mittel beiſchoß, Cambridge beſucht, ohne übri⸗ gens von ſeinem koſtſpieligen Univerſitätsgang etwas Rütz⸗ liches zu erholen. „Wir haben die Armee,“ ſagte der ältere Bruder— „dies iſt ein gentlemaniſcher Beruf. Wie ſchön könnte Ju⸗ liet ſeyn— aber— ich habe doch Geld für Lehrer herge⸗ geben, und ſie ſpricht franzöſiſch wie eine Kammerjungfer.“ „Und doch iſt ſie ſo auf ihr Buch verſeſſen. Sie liest immer und iſt für nichts Anderes zu haben.“ „Aber was liest ſie— erbärmliche Romane.“ „Dies ſieht Dir gleich. Du kömmſt immer nur, um zu zanken und uns die Dinge zu entleiden,“ verſetzte Mrs. Leslie ſchnippiſch.„Du biſt für uns zu vornehm geworden, und wir erleiden wahrhaftig genug Schimpf von Anderen, um nicht von unſeren eigenen Kindern ein wenig Achtung verlangen zu können.“ 1052 „Ich wollte Euch nicht kränken, Mutter,“ entgegnete Randal.„Verzeiht mir. Aber wer hat Euch beſchimpft?“ Mrs. Leslie ging nun auf eine ausführliche, ſehr ge⸗ reizte Aufzählung aller erlittenen Kränkungen und Schimpfe ein; es waren die kleinlichen Beſchwerden einer Provinzial⸗ familie von großen Anſprüchen und ſehr geringer Macht, wie man ſie in der Regel bei Leuten findet, welche ohne die Luſt, ſich irgend Jemand gefällig zu erweiſen, und ohne die Fähigkeit, ihren Nachbarn einen Dienſt zu leiſten, jeden Anſtoß, den ſie finden, übertreiben und nichts von einem Dank für bezeigte Freundlichkeit wiſſen wollen. Farmer Jones hatte die Unverſchämtheit begangen, ſeinen Wagen nicht vier Stunden weit ſchicken zu wollen, um für ſie Kohlen beizuführen. Als Mr. Giles, der Schlächter, die Zahlung ſeiner Rechnung forderte, erklärte er, die Kund⸗ ſchaft von Rood ſey zu klein, als daß er auf Borg geben könne. Squire Thornhill, welcher ſich die ſchönſte Schnitte von den vormals Leslie'ſchen Domänen zugeeignet, hatte ſich die Freiheit genommen, um die Erlaubniß zu bitten, auch auf Mr. Leslie's Beſitz jagen zu dürfen, weil Mr. Leslie ſelbſt von ſeinem Recht keinen Gebrauch mache. Lady Spratt (neues Volk aus der Stadt, das einen benachbarten Landſitz gemiethet) hatte eine Dienſtmagd(früher im Hauſe der Mrs. Leslie) angenommen, ohne ſich zuvor bei der vorigen Herrſchaft derſelben um ihr Prädikat zu erkundigen. Zu einem Ball bei dem Lordlieutenant waren die Leslie nicht eingeladen worden. Mr. Leslie's Grundſaßen hatten bei der letzten Wahl gegen den Wunſch ihres Gutsherrn ge⸗ ſtimmt. Noch mehr: der Squire Hazeldean war mit ſeiner Harry nach Rood auf Beſuch gekommen; aber obgleich Mrs. Leslie ihrer Jenny zurief:„Nicht zu Hauſe,“ hatte man ſie doch am Fenſter geſehen, weshalb der Squire ſich mit Ge⸗ walt eindrängte und die ganze Familie in einem Zuſtand er⸗ tappte, in welchem man ſich nicht gern ſehen läßt. Das all den hill ein Lie hal nete 3 ge⸗ mpfe zial⸗ acht, die e die eden nem emer agen ſie die und⸗ eben nitte ſich auch eslie ratt idſitz der igen Zu nicht bei ge⸗ iner Nrs. n ſie Ge⸗ er⸗ Das 1053 Aergſte aber war, daß ſich der Squire erdreiſtete, Mr. Leslie über die Art, wie er ſein Eigenthum zu bewirthſchaften habe, belehren zu wollen, während Mrs. Hazeldean das unerhörte Verbrechen beging, Juliet zu ſagen, ſie ſolle auch auf ihr Aeußeres etwas halten und ſich das Haar ordentlich flechten. „Als ob wir Bauernleute wären!“ fügte Mrs. Leslie mit dem Stolze einer Montfydget bei. Alle dieſe und noch verſchiedene andere Beſchwerden, deren Geringfügigkeit zwar Randals Verſtand nicht ent⸗ gingen, kränkten gleichwohl den zuhörenden Erben von Rood, denn ſelbſt in dem wohlgemeinten Rath der Hazeldeane zeigte ſich, wie wenig Rückſicht man der gefallenen Familie ſchul⸗ dig zu ſeyn glaubte. Während er noch immer finſter und ſchweigſam auf der mooſigen Stange ſaß, die Mutter mit verkehrt aufgeſetzter Haube ihm zur Seite ſtehend, kam Mr. Leslie einhergeſchlürft, und ſagte mit gedankenvollem, kläglichem Greinen: „Ich wünſchte nur, daß wir eine hübſche Summe Gel⸗ des hätten, Randal, mein Junge.“ Um Mr. Leslie Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, müſſen wir ſagen, daß er ſelten einen Wunſch laut werden ließ, der nach Habſucht ſchmeckte. Sein Geiſt mußte in auffallender Weiſe angeregt ſeyn, wenn er aus den ge⸗ wohnten Gränzen ſeiner trägen Zufriedenheit heraustrat. Randal blickte ihn deshalb mit Ueberraſchung an und entgegnete: „Wirklich, Vater?— Warum?“ „Die Herrengüter Rood und Dulmansberry ſammt allen den Ländereien, welche mein Urgroßvater aus den Hän⸗ den gab, ſollen wieder verkauft werden, ſobald Squire Thorn⸗ hills älteſter Sohn volljährig wird, damit das Fideicommiß ein Ende nehme. Sir John Spratt ſpricht davon, daß er Liebhaber ſey. Ich möchte ſie wohl ſelbſt wieder zurück⸗ haben, denn es iſt eine Schande, daß der Leslie'ſche Güter⸗ 1054 beſitz hin und her verhöckert und von Spratten und ſolchen Leuten gekauft wird.„Wenn ich nur eine recht große— große Summe baar Geld hätte.“ Während dieſer Worte ſpreizte der arme Gentleman ſeine hülfloſen Finger und verſank in ein niedergeſchlagenes Träumen. Randal ſprang von ſeinem Sitze auf— eine Bewe⸗ gung, welche die contemplativen Schweine ſo in Schrecken ſetzte, daß ſie grunzend von hinnen liefen. „Wann wird der junge Thornhill volljährig?“ „Er war im Auguſt neunzehn. Ich erinnere mich ge⸗ nau, denn am Tage ſeiner Geburt fand ich mein Seepferd⸗ foſſil ganz in der Nähe der Kirche von Dulmansberry. Man ließ eben die Freudenglocke läuten. Mein foſſiles See⸗ pferd! Das iſt ein Familienſtück, Randal—“ „Zwei Jahre— nahezu zwei Jahre— bis dahin— ach, ja,“ ſagte Randal und ſchlang den Arm um den Hals ſeiner Schweſter, die eben angelangt war, um zu melden, daß der Thee fertig, und küßte ſie. Juliet hatte ihr Haar geordnet und ſich auch beſſer herausgeputzt, ſo daß ſie recht hübſch ausſah und ganz die Figur eines Mädchens von Stand zeigte. In ihren ſchmäch⸗ tigen Verhältniſſen und in der guten Bildung des Kopfs war Etwas von Randals feinen Zügen zu bemerken. „Geduld— nur Geduld, meine liebe Schweſter,“ flü⸗ ſterte Randal,„und erhalte Dein Herz noch zwei Jahre anz.“ junge Mann war ſehr heiter und wohlgelaunt bei ſeinem einfachen Mahl, während die übrige Familie ſich um ihn her gruppirte. Nachdem das Theegeräth wieder ab⸗ getragen war, zündete Mr. Leslie ſeine Pfeife an und ließ ſich ſeinen Abendtrunk, aus Branntwein und Waſſer be⸗ ſtehend, bringen. Mrs. Leslie wollte Neuigkeiten hören über London und den Hof, von dem König, von der neuen S S 66 hen an nes we⸗ ken ger rd⸗ tan e⸗ als en, ſer die ch⸗ pfs ü⸗ hre int ſich ab⸗ ieß be⸗ ren ten 1055 Königin und von Mr. Audley Egerton, und drückte ihre Hoffnung aus, Mr. Egerton werde Randal all' ſein Geld vermachen, Randal eine reiche Frau heirathen und der König ihn eheſtens zu ſeinem Premierminiſter erheben; dann wollte ſie doch ſehen, ob Farmer Jones ſich wieder weigere, ihr Kohlen zu führen. Als gelegentlich die Worte „Reichthum“ oder„Geld“ auch in Mr. Leslie's Ohr ſich verfingen, ſchüttelte er den Kopf, nahm die Pfeife aus dem Mund und murmelte: „Ein Spratt ſollte nicht bekommen, was meinem Ururgroßvater gehört hat. Wenn ich nur eine hübſche Summe in Baarem hätte! Das alte Familienbeſitzthum!“ Oliver und Juliet ſaßen ſtumm und anſtändig da, und Randal, der ſich in Gedanken vertiefte, vernahm in ſeinem Träumen die Worte„Geld“,„Spratt“,„Ururgroßvater“, „reiche Frau“, und„Familienbeſitzthum“. Sie klangen ihm fern und hohl wie Flüſterlaute aus der Romanen⸗ und Sagen⸗ welt— zauberhafte Prophezeiungen von Dingen, die da kommen ſollten. Dies war der Herd, der die Natter wärmte, die um Randals Herz ſich ringelte und es zernagte, all' das Streben vergiftend, das die Jugend zu einem reinen, der Ehrgeiz zu einem erhabenen, die Wiſſenſchaft aber zu einem wohl⸗ thätigen und göttlichen hätte machen ſollen. Sechstes Kapitel. Während die übrigen Familienangehörigen in tiefem Schlafe lagen, ſtand Randal lang an dem offenen Fenſter und blickte in die düſtere, unheimliche Landſchaft hinaus. Der Mond goß von dem halb herbſtlichen, halb winterlichen Himmel durch die zackigen Riſſe in dem Baunſchlag der 1056 Föhren ſein Licht auf den Schauplatz ſchmutzigen Zerfalls nie⸗ der. Als der junge Mann ſich endlich zur Ruhe niederlegte, war ſein Schlaf fieberiſch und von wilden Träumen geſtört. Gleichwohl war er früh wieder auf den Beinen, und auf ſeinen Wangen zeigte ſich ein ungewohntes Roth, das ſeine Schweſter der Landluft zuſchrieb. Nach dem Frühſtück machte er ſich nach Hazeldean auf den Weg. Er hatte zu dieſem Ende von einem Nachbar, der ſich gelegentlich mit der Jagd abgab, ein leidliches Pferd gemiethet. Noch vor Mittag wurde er des Caſino's mit ſeinem Garten und ſeiner Terraſſe anſichtig. In der Nähe deſſelben hielt er ſein Thier an. Neben der Fontäne, an welcher Leonard ſeine Radischen zu verzehren und ſein Buch zu leſen pflegte, ſaß Riccabocca unter dem Schatten des rothen Regenſchirms, und an der Seite des Italieners ſtand eine Geſtalt, die ein Grieche des Alterthums für die Najade der Quelle gehalten haben würde. In ihrer jugendlichen Schönheit lag etwas ſo Poetiſches und ein Ausdruck, in welchem ſich Höhe mit Lieblichkeit auf ſo eigenthümliche Weiſe verband, daß Phan⸗ taſie und Sinne in gleicher Weiſe hingeriſſen wurden. Randal ſtieg ab, band ſein Pferd an das Gartenthor und gelangte vermittelſt eines Spalierwegs nach der Stelle. Sein dunkler Schatten fiel auf den klaren Spiegel des Springquells, als Riccabocca eben geſagt hatte: „Alles hier iſt ſicher vor dem Uebel! Die Wellen der Fontäne werden nie ſo aufgewühlt, wie die eines Fluſſes!“ Und Violante erhob daxauf ihre dunkeln geiſtvollen Augen und antwortete in der weichen Sprache ihres Mutter⸗ landes: „Aber die Fontäne wäre nur ein lebloſer Sumpf, o mein Vater, wenn ihr Strahl nicht himmelwärts ſtiege!“ Druck der J. B. Metzler'ſchen Buchdruckerei in Stuttgart. ie⸗ te, rt. ind as ück zu nit vor ind er ard te, ns, ein ten as mit an⸗ hor le. des der 5 llen ter⸗ ein Achtes Buch. Siebentes Kapitel. Randal trat näher. „Ich fürchte, Signor daß ich mich Euch etwas unceremoniös nähere.“ „Das Fallenlaſſen der Ceremonie iſt die zarteſte Art, einem ein Compliment zu machen,“ verſetzte der hoöfliche Italiener und bot Randal die Hand hin, nachdem er ſich von der erſten Ueberraſchung über deſſen plötzliche Anrede er⸗ holt hatte. Violante ſenkte bei der achtungsvollen Begrüßung des jungen Mannes ihr anmuthiges Köpfchen. „Ich bin auf dem Wege nach Hazeldean,“ nahm Ran⸗ dal wieder auf,„und da ich Euch im Garten bemerkte, konnte ich dem Drange einer Begrüßung nicht widerſtehen, ſelbſt auf die Gefahr hin, läſtig zu fallen.“ Riccabveca.—„Ihr kommt von London? Aufre⸗ gende Zeiten für euch Engländer. Aber ich frage Euch nicht um Neuigkeiten. Die Weltbegebenheiten können uns nicht anſprechen.“ Randal(in ſanftem Tone).—„Vielleicht doch.“ Ricrabocca(betroffen).—„Wie ſo?“ Violante.— Sicherlich ſpricht er von Italien, und Bulwer, meine Novelle. 67 — 1058 Neuigkeiten aus dieſem Lande haben doch noch einen Werth für Euch, mein Vater.“ Riccabocca.—„Ja, ja, nichts macht einen ſol⸗ chen Eindruck auf mich, als das Heimathland. Seine Oſt⸗ winde könnten einen Steinhaufen erweichen. Wirf deinen Mantel um, Kind, und gehe hinein; die Luft iſt plötzlich kühl geworden. Violante lächelte ihrem Vater zu, warf einen unru⸗ higen Blick auf Randals ernſte Stirne und bewegte ſich lang⸗ ſam gegen das Haus hin. Riccabocca blieb eine Weile ſtumm, als erwarte er, daß Randal den Faden des Geſprächs wieder aufnehme, und ſagte dann mit erkünſtelter Gleich⸗ gültigkeit: „Ihr glaubt alſo im Beſitz von Neuigkeiten zu ſeyn, die mich angehen? Corpo di Bacco! Ich bin doch begie⸗ rig zu hören, was dies ſeyn mag.“ „Ich irre vielleicht— doch dies wird ſich heraus⸗ ſtellen, wenn Ihr mir eine einzige Frage beantwortet. Kennt Ihr den Grafen von Peschiera?“ Riccaboeca fuhr zurück und erblaßte. Er konnte das lauernde Auge des Fragers nicht irre führen. „Genug,“ fuhr Randal fort.„Ich ſehe, daß ich Recht habe. Glaubt mir, daß meine Abſicht gut iſt, und daß ich nur ſpreche, um Euch zu warnen und Euch zu die⸗ nen. Der Graf ſucht den Zufluchtsort eines Landsmanns ausfindig zu machen, der zugleich ſein Verwandter iſt.“ „Und in welcher Abſicht?“ rief Riccabveca, aller Be⸗ hutſamkeit vergeſſend, während ſeine Bruſt ſich erweiterte, ——„—,„—— ——— — rth ſol⸗ nen ühl ru⸗ ng⸗ eile chs ich⸗ yn, gie⸗ us⸗ tet. ich und die⸗ uns rte. 1059 das Haupt ſich erhob und ſein Auge blitzte. Mannhaftig⸗ keit und herausfordernder Trotz waren an die Stelle der gewohnten Vorſicht und Selbſtbeherrſchung getreten.— „Aber pah!“ fügte er bei und ſuchte die frühere halb eherne Ruhe wieder zu gewinnen,„was geht dies mich an? Ich gebe zu, Sir, daß ich den Grafen di Peschiera kenne; aber was hat Doktor Rieccabocca mit den Verwandten eines ſo vornehmen Herrn zu ſchaffen?“ „Doctor Riecabocca freilich nichts— aber—“ Randal hielt ſeine Lippe dicht an das Ohr des Ita⸗ lieners und flüſterte ihm ein paar Worte zu. Dann trat er einen Schritt zurück, legte die Hand auf die Schulter des Flüchtlings und fuhr fort— „Muß ich Euch betheuern, daß Euer Geheimniß bei mir ſicher iſt?“ Ricrabocca gab keine Antwort. Seine Augen ruhten gedankenvoll auf dem Boden. Randal nahm wieder auf— „Und ich werde mir's zur höchſten Ehre rechnen, wenn Ihr mir geſtattet, Euch in Abwehrung der drohenden Ge⸗ fahr Beiſtand zu leiſten.“ Riccabveca(langſam).—„Sir, ich danke Euch. Ihr kennt mein Geheimniß, und ich fühle mich überzeugt, daß es bei Euch ſicher iſt; denn ich ſpreche mit einem eng⸗ liſchen Gentleman. Es mag Familienrückſichten geben, die mich veranlaſſen, den Graſen di Peschiera zu vermeiden, denn man iſt überhaupt am ſicherſten vor dem Stranden, 67* 1060 wenn man ſich möglichſt fern hält— von ſeinen Ver⸗ wandten.“ Der arme Doktor gewann ſein cauſtiſches Lächeln wie⸗ der, als dieſer kluge, obſchon herzloſe italieniſche Grundſatz über ſeine Lippen glitt. Randal.—„Ich weiß nicht viel weiter von dem Gra⸗ fen di Peschiera, als was das Tagesgeſpräch über ihn gibt. Dem Vernehmen nach hat er die Güter eines Verwandten an ſich gebracht, der ſich bei einer Verſchwörung gegen die öſterreichiſche Herrſchaft betheiligte.“ Riccabocca.—„Es iſt ſo. Möge ihm dies genü⸗ gen. Was will er weiter? Ihr ſprecht von einer drohen⸗ den Gefahr— welcher Gefahr? Ich befinde mich auf Eng⸗ lands Boden und unter dem Schutz ſeiner Geſetze.“ Randal.—„Erlaubt mir eine Frage: Wemn jener Verwandte kinderlos wäre, würde dann nicht der Graf di Peschiera der geſetzliche und natürliche Erbe der Güter ſeyn, die er jetzt zur Nutznießung hat?“ Riccaboeca.—„Allerdings. Und was folgt daraus?“ Randal.—„Flößt Euch dieſer Gedanke keine Be⸗ ſorgniß ein— das Kind jenes Verwandten betreffend?“ Ritccabveca bebte zurück und keuchte heraus— „Das Kind? Ihr wollt damit doch nicht ſagen, daß jener Menſch, wie ehrlos er auch ſonſt ſeyn mag, auf das Verbrechen des Mordes ſinne?“ Randal hielt verlegen inne. Er fühlte, daß er ſich auf einem verfänglichen Boden befand, weil ihm unbekannt war, welche Gründe der Flüchtling hatte dem Grafen zu grollen. ——— ie⸗ atz ra= bt. ten die nü⸗ en ng⸗ ner f di yn, 62“ daß das auf war, llen. 1061 Konnte er ja doch nicht wiſſen, ob nicht etwa Ricraboeca in eine Verbindung willigen würde, welche ihm die Rücktehr ins Vaterland möglich machte, und er beſchloß deshalb, ſich behutſam weiter zu taſten. „Es kam mir nicht zu Sinne,“ verſetzte er mit einem ernſten Lächeln,„eine ſo ſchreckliche Beſchuldizung gegen einen Mann zu erheben, den ich nie geſehen habe. Er ſucht Euch— dies iſt Alles, was ich weiß. Indeß ziehe ich aus ſeinem Allgemeincharakter die Folgerung, daß ſeinen Nach⸗ forſchungen das eigene Intereſſe zu Grunde liegt. Vial⸗ leicht ließen ſich durch eine perſoͤnliche Begegnung alle Miß⸗ helligkeiten zur Ausgleichung bringen.“ „Durch eine perſonliche Begegnung?“ rief Rieccabveca. „Es gibt nur eine Art derſelben, die zwiſchen uns möglich iſt— Fuß gegen Fuß und Hand gegen Hand.“ „Stehen die Sachen ſo? Dann würdet ihr dem Grafen wohl ſchwerlich Gehör ſchenken, wenn er Euch ein gütliches Abfinden vorſchlüge. Setzen wir den Fall, er bewürbe ſich um die Hand Eurer Tochter?“ Bei aller Weisheit und Behutſamkeit im Reden benahm ſich der arme Italiener doch, ſobald er zum Handeln kam, ſo blind und übereilt, als hätte Irland ihn geboren und ſeine Nahrung lebenslänglich aus nichts Anderem beſtanden, als aus Kartoffeln und Repeal. Seine ganze Seele lag offen da vor Randals erbarmenloſen Augen. „Meiner Tochter!“ rief er.„Sir, ſchon dieſe Frage iſt eine Beſchimpfung.“ Randal ſah mit einemmale den Weg offen vor ſich. 1062 „Verzeiht mir,“ ſagte er in mildem Tone,„ich will Euch unverhohlen Alles mittheilen, was ich weiß. Ich bin mit der Schweſter des Grafen bekannt und beſitze einigen Einfluß auf ſie. Von ihr habe ich erfahren, daß der Graf in der Abſicht nach England gekommen ſey, Euern Zufluchts⸗ ort ausfindig zu machen und Eure Tochter zu heirathen. Dies iſt die Gefahr, von der ich ſprach, und wenn ich Euch um die Erlaubniß bat, Euch bei Abwehr derſelben an die Hand gehen zu dürfen, ſo wollte ich Euch blos auf die Zweck⸗ mäßigkeit der Erwählung eines ſicheren Bergewinkels auf⸗ merkſam machen. Seyd Ihr hierin mit mir einverſtanden, und iſt es Euch ſeiner Zeit genehm, mich Euern neuen Zu⸗ fluchtsort kennen zu laſſen und mir einen gelegentlichen Be⸗ ſuch zu geſtatten, ſo werde ich in der Lage ſeyn, von Zeit zu Zeit Euch über die Plane und Schritte des Grafen zu unter⸗ richten.“ „Sir, ich danke Euch, aus aufrichtiger Seele,“ entge⸗ gnete Riccabveca nicht ohne Aufregung.„Aber bin ich hier nicht ſicher?“ „Ich bezweiſle es. Der Squire erhält während der Jagdſaiſon viele Beſuche, die von Euch hören, vielleicht auch Euch ſehen und möglicherweiſe in London mit dem Grafen zuſammentreffen. Dann iſt ferner Frank Hazeldean, der Bekanntſchaft hat mit der Schweſter des Grafen—“ „Ja, ja,“ unterbrach ihn Riccabocca.„Ich ſehe, ich ſehe. Gut— ich will es überlegen, will mich bedenken. Ihr geht inzwiſchen nach Hazeldean— aber kein Wort zu ill in en raf ts⸗ um nd ck⸗ en, zu⸗ Be⸗ ter⸗ ge⸗ hier der much afen der ich ken. tzu 1063 dem Sauire, wenn ich bitten darf. Er weiß nichts von dem Geheimniß, dem Ihr auf die Spur gekommen ſeyd.“ Mit dieſen Worten wandte ſich Riccabveca ein wenig ab, und Randal erkannte darin einen Wink, daß er ſich ent⸗ fernen ſolle. „Ihr könnt zu jeder Zeit auf mich bauen und über mich gebieten,“ ſagte der tückiſche junge Mann und kehrte nach dem Thore zurück, wo er ſein Pferd angebunden hatte. Als er im Sattel ſaß warf er einen Blick zurück nach der Stelle wo er Riccabvera verlaſſen hatte. Der Italiener ſtand noch dort, und aus dem Gebüſch tauchte jetzt Scha⸗ keimos Geſtalt auf. Riccabveca wandte ſich haſtig um und ſtieß, als er ſeinen Diener erkannte, einen Ruf aus, der laut genug war um Randals Ohr zu erreichen. Dann faßte er Schakeimo beim Arme und verſchwand mit ihm unter den ſchattigeren Partien des Gartens. 8 „Es wird ſicherlich mir zu gut kommen,“ dachte Ran⸗ dal, während er ſeines Weges ritt,„wenn ich ſie bewegen kann, in die Umgebung von London zu ziehen. Ich erhalte dadurch eine ſchöne Gelegenheit, der jungen Dame den Hof zu machen und, wenn die Verhältniſſe ſo vortheilhaft ſind, als ich vermuthe, die Erbin zu gewinnen.“ Achtes Kapitel. „Hol mich Dieſer und Jener,“ rief der Squire, als er mit ſeiner Gattin in dem Parke ſtand, um einige Stücke 1064 South⸗Downer erſten Rangs, mit denen er ſeinen Vieh⸗ ſtand vermehrt hatte, zu beaugenſcheinigen—„hol mich Dieſer und Jener, wenn das dort nicht Randal Leslie iſt, der durch das Hinterpförtchen in den Park hereinzukommen ſucht! Hollah, Randal! Ihr müßt zum Thorhäuschen hinüberrei⸗ ten, mein Junge,“ fuhr er fort.„Ihr ſeht, das Pfört⸗ chen iſt zu, um die Schadengänger abzuhalten.“ „Schade,“ verſetzte Randal.„Ich liebe die kurzen Wege, und Ihr habt gerade den kürzeſten verſperrt.“ „So meinten die auch, welche ſich nichts aus meinem Graswuchs machten,“ entgegnete der Squire;„aber Stirn wollte nichts davon hören— ein unbezahlbarer Mann, die⸗ ſer Stirn. Laßt Euer Sis ausholen und Ihr erreicht noch vor uns das Haus.“. Randal nickte lächelnd mit dem und ritt raſch weiter. Der Squire kehrte zu ſeiner zurück.— „Ach William,“ nahm ſie ängſtlich das Wort,„ich glaube wohl, daß Randal Leslie es gut meint; aber gleichwohl fürchte ich ſeine Beſuche.“ „In einem Betracht geht es mir eben ſo,“ ſagte der Squire,„denn er ſchwatzt mir jedesmal eine Banknote für Frank ab.“ „Ich hoffe, daß er in Wahrheit Franks Freund iſt,“ verſetzte Mrs. Hazeldean. „Weſſen ſonſt könnte er ſeyn? Jedenfalls nicht ſein eigener, denn der arme Burſche nimmt nie nur einen Schil⸗ ling von mir an, obgleich ſeine Großmutter ſo gut zu den em irn ie⸗ och ſch 1065 Hazeldeanen gehörte wie ich. Aber alle Hagel— ſein Stolz gefällt mir, und ebenſo ſein haushälteriſcher Sinn. Was Frank betrifft—“ „Böt, William!“ rief Mrs. Hazeldean und legte ihre ſchönen Finger auf den Mund des Squire. Mr. Hazeldean war beſchwichtigt und küßte galant die zarte Rechte, vielleicht auch die Lippen ſeiner Gattin; jedenfalls ging das würdige Paar liebevoll Arm in Arm, als Randal ſie einholte. Er that nicht dergleichen, als bemerke er eine gewiſſe Kälte in Mrs. Hazeldeans Weſen, ſondern hub ſogleich an, mit ihr von Frank zu ſprechen, indem er das gute Ausſehen dieſes jungen Gentleman lobte und ſich über ſeine Geſund⸗ heit, über die Achtung, die er allenthalben genoß, und über ſeine gewinnenden körperlichen und geiſtigen Begabungen ver⸗ breitete. Dies geſchah mit ſo viel Wärme, daß jeder ge⸗ heime Argwohn, der das Innere der Mutter trüben mochte, bald dahin ſchwand. Randal fuhr fort, ſich in dieſer Weiſe angenehm zu machen, bis der Squire, welcher ſeinen jungen Verwandten für einen Landwirth erſten Ranges hielt, darauf beſtand, ihn nach ſeiner Muſterfarm zu führen, worauf Harry ſich anſchickte, nach dem Haus zuückzukehren, um für den Gaſt ein Zimmer zurichten zu laſſen.„Denn da ich wohl weiß,“ ſagte Randal,„daß Ihr meinen Morgenanzug entſchuldigt, ſo wage ich es, mich ſelbſt auf eine Mahlzeit und eine Nacht in die Halle einzuladen.“ In der Nähe der Farmgebäude wandelte Randal der Schrecken eines mit Entlarvung bedrobten Betrügers an; 1066 denn trotz aller thevretiſchen Kenntniſſe von Feldbau und Viehzucht, mit welchen er den Squire zu blenden wußte, würde ihn doch der arme ſo verachtete Frank bei weitem aus⸗ geſtochen haben, wenn ſich's darum handelte, die Vorzüge eines Ochſen oder den Werth einer Ernte zu ſchätzen. „Ha, ha!“ rief der Squire kichernd,„ich bin begierig⸗ zu ſehen, wie Ihr den Stirn in Reſpekt ſetzt. Ihr werdet im Augenblick errathen wo wir die obere Düngung anwen⸗ den, und ich will darauf ſchwören, daß Ihr, wenn Ihr meine Kurzhörner betrachtet, aufs Pfund hin ſagen könnt, wie viele Oelfuchen in ihre Wampen gegangen ſind.“ „O, Ihr erweist mir zu viele Ehre— wahrhaftig, Ihr habt eine zu gute Meinung von mir. Ich kenne nur die all⸗ gemeinen Grundſätze der Landwirthſchaft, und wie intereſ⸗ ſant die Einzelheiten der Praris ſeyn mögen, ſo hat es mir doch ſtets an Gelegenheit gefehlt, mir ſie zu eigen zu machen.“ „Poſſen!“ rief der Squire.„Wie kann Jemand mit den allgemeinen Grundſätzen vertraut ſeyn, wenn er nicht zuerſt die Einzelheiten ſtudirt hat? Ihr ſeyd zu beſcheiden, mein Junge. Ho, dort iſt Stirn, der uns ſchon bemerkt hat.“ Randal ſah Stirns grimmiges Geſicht durch eine Stallthüre herausſchauen und fühlte ſich vernichtet. Er nahm einen verzweifelten Anlauf, um die Laune des Squire umzuſtimmen. „Vielleicht erfüllt Frank bald Euern Wunſch, Sir, und wird ſelbſt ein Farmer.“ „Was Ihr da ſagt!“ verſetzte der Squire und blieb ſtehen. und te, us⸗ ige det en⸗ ine iele mit icht den, at.“ eine Er uire Sir, blieb 1067 „Setzen wir den Fall, daß er heirathete?“ „So würde ich ihm die zwei beſten Farmen auf den Gütern ohne Pachtzins geben. Ha, ha! Hat er das Mä⸗ del ſchon geſehen? Ich möchte ihm gern freie Wahl laſſen, Sir— ich hab' ſie auch gehabt, und ſie ſollte Niemand verfümmert werden. Miß Sticktorights iſt freilich eine Erbin, und wie ich höre, ein ſehr anſtändiges Mädchen; auch käme dadurch das beiderſeitige Eigenthum zuſammen und es hätte ein Ende mit jenem Prozeß über das Weg⸗ recht, der unter Karls II. Regierung begann und andern⸗ falls bis zum jüngſten Tag dauern kann. Aber ich bin durch⸗ aus nicht auf ſie erpicht; mag Frank wählen ganz nach ſeinem Belieben.“ „Ich werde nicht verſäumen, ihm dies mitzutheilen, Sir; um ſo mehr, da ich bei Euch auf einige Vorurtheile zu treffen befürchte. Doch da iſt die Meierei.“ „Zum Geier mit der Meierei! Wie kann ich an Meie⸗ reien denken, wenn Ihr von Franks Heirath redet. Kommt — wir wollen den Spaziergang in dieſer Richtung fort⸗ ſetzen. Ihr habt etwas von Vorurtheilen fallen laſſen?“ „Ich dachte, es könnte zum Beiſpiel Euer Wunſch ſeyn, daß er ſich mit einer Engländerin vereheliche.“ „Ei, freilich mit einer Engländerin. Gütiger Him⸗ mel, Sir, will er denn etwa eine Hindu heirathen?“ „Nicht daß ich wüßte, denn von einer Heirath iſt eigent⸗ lich noch gar nicht die Rede. Ich kann blos Vermuthungen laut werden laſſen; aber wenn er ſich in eine Ausländerin verliebt hätte—“ 1068 „In eine Ausländerin! Ah, dann hatte Harry doch— Der Squire hielt inne. „Die vielleicht—“ bemerkte Randal, ohne daß er dabei gerade auf Madame di Negra hinweiſen wollte— „die vielleicht nur ſehr wenig Engliſch ſpricht?“ „Herr, hab Erbarmen!“ „Und ſich zum römiſch⸗katholiſchen Glauben bekennt— „Was— Götzenbilder anbetet und andere Leute, die dies nicht thun wollen, auf den Scheiterhaufen liefern will?“ „Signor Riccabveca iſt doch nicht ſo ſchlimm.“ „Rickibocky? Ja, wenn es ſeine Tochter wäre. Aber nicht Engliſch ſprechen und nicht in die Dorftirche gehen! Beim Georg, wenn mir Frank mit ſolchen Dingen käme, ſo würde ich ihn mit einem Schilling abſpeiſen. Keine Wider⸗ rede, Sir— ja, das würde ich. Ich bin ein milder, ein ru⸗ higer Mann; doch wenn ich etwas ſage, ſo ſage ich es, Mr. Leslie. Oh, aber Ihr habt nur geſcherzt— wolltet Euch einen Spaß mit mir machen. Frank hat es nicht auf ein ſolches geſchminktes nichtsnutziges Geſchöpfabgeſehen— he?“ „Wenn ich je dieſe Entdeckung machen ſollte, Sir, ſo zweifelt nicht, daß ich Euch zeitig genug davon in Kennt⸗ niß ſetzen werde. Vorläufig wöllte ich nur auf den Buſch klopfen, um zu ſehen, was Ihr Euch für eine Schwieger⸗ tochter wünſcht. Ihr ſagtet, Ihr hättet keine Vorurtheile.“ „Die hab ich auch nicht— nicht im Geringſten.“ „Und doch nehmt Ihr Anſtoß an einer Ausländerin und einer Katholikin?“ „Wer zum Teufel ſollte nicht?“ vb m eit da [2* ber en ſo der⸗ ru⸗ Mr. uch ein e?“ Sir, nnt⸗ uſch ger⸗ le erin 1069 „Aber wenn ſie Rang und Titel beſäße?“ „Rang und Titel! Spreu und Häckſel! Nein, nicht halb ſo gut wie Spreu und Häckſel, die doch noch zum Fut⸗ ter taugen für ein engliſches Stück Vieh. Bleibt mir vom Leibe mit Eurem ausländiſchen Rang und Titel, hinter dem doch nichts ſteckt als Betrug und Schein.“ Der Squire verzog den Mund und ſpuckte voll Ver⸗ achtung und Unwillen auf den Boden. „Ihr verlangt alſo eine Engländerin?“ „Natürlich.“ „Geld?“ „Danach frage ich nicht, vorausgeſetzt, daß ſie ein ſchmuckes, verſtändiges, rühriges Mädel iſt, und einen gu⸗ ten Ruf als Heirathgut mitbringt.“ „Ein guter Ruf— ah, der wäre unerläßlich?“ „Das will ich doch meinen. Eine Mrs. Hazeldean von Hazeldean— Ihr erſchreckt mich. Er wird doch nicht mit einer geſchiedenen Frau durchgehen wollen oder mit einer—“ Der Squire hielt inne. Sein Geſicht war ſo roth geworden, daß Randal einen Schlaganfall befürchtete, eh Franks Verbrechen den unglücklichen Vater ſo weit gebracht hatte, ſein Teſtament zu ändern. Der junge Mann beeilte ſich daher, Mr. Hazeldean mit der Verſicherung zu beruhi⸗ gen, daß ſeinen Reden durchaus keine Thatſachen zu Grunde lägen; Frank beſuche allerdings gelegentlich fremde Damen, da dies zum Ton der Londoner Welt gehöre, aber er ſey überzengt, daß ſein Freund ſich nie vermählen werde, ohne 1070 die volle Zuſtimmung und Billigung ſeiner Eltern. Er ſchloß mit der wiederholten Betheurung, daß er dem Squire warnende Winke zugehen laſſen wolle, ſobald es nöthig ſey. Aber Mr. Hazeldeans Unruhe war nicht ſo leicht zu beſänftigen. Die Reden ſeines jungen Verwandten hatten ihn Farm und Alles vergeſſen laſſen, ſo daß er verſtimmt eine ganz andere Richtung einſchlug, bis ſie den Park an ſeinem äußerſten Ende erreichten. Als ſie in die Nähe der Halle gelangten, verließ der Squire in aller Eile ſeinen Gaſt, um zum Zwecke ernſter elterlicher Berathung ſich mit ſei⸗ ner Gattin einzuſchließen, während Randal, auf einer Ter⸗ raſſenbank Platz nehmend, über den angerichteten Unfug und über die Wahrſcheinlichkeiten eines günſtigen Erfolges Be⸗ trachtungen anſtellte. Während er ſo daſaß und ſeinen Gedanken nachhieng, näherte ſich ihm ein vorſichtiger Fußtritt, und eine leiſe Stimme redete in gebrochenem Engliſch ihn an: „Sir, Sir, erlaubt mir, mit Euch zu ſprechen.“ Randal wandte ſich überraſcht um und erblickte ein blaſ⸗ ſes ſchwärzliches Geſicht mit grauen Haaren und ſehr mar⸗ kirten Zügen. Es war dieſelbe Geſtalt, die er im Garten des Italieners ſich dem Doetor Rieccabocca hatte anſchlie⸗ ßen ſehen. „Sprecht Ihr Italieniſch?“ fuhr Schakeimo fort. Randal, der ſich viel mit Sprachſtudien abgegeben hatte, nickte bejahend, und Schakeimo, der über dieſe Antwort ſehr erfreut war, bat ihn, er möchte ihm nach einem abgelegeneren Theile des Gartens folgen. der iſt, ſei⸗ er⸗ ind ug⸗ eiſe laſ⸗ ar⸗ rten lie⸗ ben dieſe nem 1071 Randal entſprach dieſem Erſuchen, und beide hatien bald den Schatten einer ſtattlichen Allee von Kaſtanienhäu⸗ men erreicht. „Signor,“ begann nun Schakeimo in der Sprache ſei⸗ nes Heimathlandes und mit einem Ausdruck, in welchem ein gewiſſes einfaches Pathos nicht zu verkennen war,„ich bin nur ein armer Mann; mein Name iſt Giacomo. Ihr habt wohl ſchon von mir gehört— Diener des Signor, bei dem Ihr heute geweſen ſeyd— blos ein Diener; aber er beehrt mich mit ſeinem Vertrauen. Wir haben Gefahren mit einander getheilt, und von allen ſeinen Freunden und Anhängern bin ich der einzige, der ihm folgte in das Land der Fremden.“ „Gute, treue Seele,“ verſetzte Nandal und muſterte das Geſicht des Sprechers.„Fahrt fort. Euer Herr ſetzt Vertrauen in Euch? So hat er Euch wohl mitgetheilt, von was ich ihn heute unterrichtete?“ „Ja, Sir. Ach, der Padrone war zu ſtolz, Euch um weitere Erklärungen zu bitten— zu ſtolz, um Furcht zu zei⸗ gen vor einem Andern. Aber et fürchtet wirklich— hat auch alle Urſache dazu— und muß fürchten“—(fügte Schakeimo bei, ſich in Leidenſchaft hineinarbeitend)—„denn der Padrone hat eine Tochter, und ſein Feind iſt ein Schurke. O Sir, theilt mir Alles mit, was Ihr dem Padrone noch verſchwiegen habt. Ihr deutetet an, dieſer Menſch habe die Abſicht, die Signora zu heirathen. Sie heirathen! Ich könnte ihm am Altar das Meſſer in den Leib rennen 14 1072 „Ich glaube allerdings, daß dies in ſeinem Plane liegt,“ verſetzte Randal. „Aber warum? Er iſt reich und ſie eine Bettlerin; nein nicht ganz ſo, denn wir haben geſpart— aber eine Bettlerin im Vergleich mit ihm.“ „Mein guter Freund, ich keune ſeine Beweggründe noch nicht, werde ſie aber leicht auskundſchaften können. Wenn übrigens dieſer Graf der Feind Eures Gebieters iſt, ſo muß man ſich natürlich vor ihm in Acht nehmen, was auch ſeine Plane ſeyn mögen. Um dies zu können, wird es nothwendig ſeyn, daß Euer Herr nach London oder in deſ⸗ ſen Umgebung zieht; denn ich fürchte, während wir ſpre⸗ chen iſt der Graf ihm ſchon auf die Spur gekommen.“ „Er wird gut thun, nicht hieher zu kommen!“ rief der Diener drohend und fuhr mit der Hand nach der Stelle, wo ſein Meſſer nicht ſtack. „Nehmt Euch vor einem übereilten Zorn in Acht, Gia⸗ como, denn eine einzige Handlung der Gewaltthat liefert Euch auf das Deportirtenſchiff und bringt Euern Herrn um einen Freund.“ Dieſe Warnung ſchien auf Schakeimo Eindruck zu machen. „Und wenn der Padrone mit ihm zuſammentrifft, meint Ihr, er werde demüthig zu ihm ſagen: Come stä Sa Sig- noria'? Der Padrone ſchlägt ihn todt k „Stille— ſtille! Ihr ſprecht von Etwas, was man in England Mord nennt und mit dem Galgen beſtraft. Wenn Ihr Euren Gebieter wirklich liebt, ſo ſchafft ihn um's —,—— ne in; ine nde en. iſt, vas es deſ⸗ pre⸗ rief elle, Bia⸗ efert um zu neint Sig- man traft. um's 40*3 Himmels willen fort von hier— bringt ihn aus dem Be⸗ reich der Möglichkeit leidenſchaftlicher und gefährlicher Handlungen. Ich reiſe morgen wieder nach London und will ein Haus für ihn ausfindig machen, in welchem er ſicher iſt vor Spionen und Entdeckung. Dort, mein Freund, werde ich für ihn thun können, was mir hier unmöglich iſt — über ihm wachen und die Schritte ſeines Feindes be⸗ obachten.“ Schakeimo ergriff Randals Hand und führte ſie gegen ſeine Lippen, ließ ſie aber, als tauche ein plötzlicher Arg⸗ wohn in ihm auf, wieder fallen und ſagte derb— „Signor, ich denke, Ihr habt den Padrone kaum zwei⸗ mal geſehen. Warum nehmt Ihr dieſes Intereſſe an ihm?“ „Iſt es etwas ſo Ungewöhnliches, daß man für einen Fremden Theilnahme zeigt, wenn man ihn von Gefahr be⸗ droht weiß?“ Schakeimo, der keinen ſonderlichen Glauben an allge⸗ meine Philanthropie hatte, ſchüttelte bedenklich den Kopf. „Außerdem,“ fuhr Randal fort, der ſich ſchnell auf einen ſcheinbareren Beweggrund beſonnen hatte—„außer⸗ dem bin ich ein Freund und Verwandter von Mr. Egerton, der ſeiner Seits der vertrauteſte Freund von Lord LEstrange iſt. Und von Lord L'Estrange weiß ich—“ „Der gute Lord! Ah, nun verſtehe ich,„unterbrach ihn Schakeimo, und ſein Geſicht klärte ſich auf.„Ach, wenn er in England wäre! Aber Ihr werdet uns wiſſen laſſen, wann er kömmt?“ „Zuverläſſig! Doch ſagt mir jetzt, Giacomv, iſt dieſer Bulwer, meine Novelle. 68 Graf wirklich ſo grundſatzlos und gefährlich? Ihr wißt, daß ich ihn nicht von Perſon kenne.“ „Er hat weder Herz, noch Kopf, noch Gewiſſen.“ „Dies mag ihn für Männer gefährlich machen, aber den Frauenzimmern gegenüber liegt die Gefahr in andern Eigenſchaften. Wäre es möglich, daß er die Neigung der Signora gewinnen könnte, wenn er mit ihr zuſammenträfe?“ Schakeimo bekreuzte ſich haſtig und gab keine Antwort. „Ich habe gehört, daß er noch immer ſehr ſchön ſey.“ Schakeimo ſtöhnte. „Genug,“ fuhr Randal fort.„Bringt den Padrone ſo weit, daß er nach London zieht.“ „Aber hält ſich nicht der Graf eben dort auf?“ „Dies hat nichts zu bedeuten. Großſtädte ſind immer die ſicherſten Plätze, denn an jedem andern Ort iſt der Ausländer ſtets ein Gegenſtand der Aufmerkſamkeit und Neugierde.“ „Ganz richtig.“ „So veranlaßt Euern Gebieter zur Ueberſiedelung nach London. Er kann zu ſeinem Aufenthalt eine Vorſtadt wählen, die am weiteſten von den Tummelplätzen des Gra⸗ fen abgelegen iſt. In zwei Tagen habe ich ein paſſendes Quartier für ihn gefunden und will ihm dann ſchreiben. Schenkt Ihr mir jetzt Vertrauen?“ „O, gewiß, Ercellenzu. Ja, wenn die Signorina verheirathet wäre, ſo könnten wir ſchon unbekümmerter ſeyn.“ „Verheirathet? Aber ſie macht wohl ſehr hohe An⸗ ſprüche⸗ ——————— —„——— ———„— S en ißt, aber dern der e ort. y.“ e ſo mer der und lung ſtadt Fra⸗ ndes ben. rina yn.“ An⸗ 1075 „Ach, jetzt nicht— hier nicht!“ Randal athmete tief auf. Schakeimo's Augen fun⸗ kelten. Er glaubte einen neuen Beweggrund für Randals Intereſſe entdeckt zu haben— einen Beweggrund, der ei⸗ nem Italiener als der natürlichſte und löblichſte erſcheinen mußte. „Beſorgt die Wohnung, Signor— ſchreibt dem Pa⸗ drone. Er wird kommen. Ich will ihm zureden— ich werde wohl mit ihm zurecht kommen. Santo Giacvmo, rühr' dich jetzt— es iſt lange her, ſeit ich dich nicht mehr belä⸗ ſtigt habe.“ Lächelnd und vor ſich hinmurmelnd ſchritt jetzt Gia⸗ como unter den vergilbenden Bäumen von hinnen. Die Dinerglocke gab das erſte Zeichen, und als Ran⸗ dal in das Beſuchzimmer trat, fand er den Pfarrer Dale und ſeine Gattin, die man zu Ehren des unerwarteten Ga⸗ ſtes in aller Eile eingeladen hatte. Nachdem die einleiten⸗ den Begrüßungen vorüber waren, benützte Mr. Dale die Gelegenheit, welche ihm durch die Abweſenheit des Squire geboten wurde, um ſich nach dem Befinden des Mr. Egerton zu erkundigen. „Er iſt immer wohl,“ verſetzte Randal.„Ich glaube, er hat eine eiſerne Conſtitution.“ „Sein Herz iſt von Gold,“ verſetzte der Pfarrer. „Ah!“ entgegnete Randal ausforſchend.„Ihr habt mir geſagt, daß Ihr einmal mit ihm in Berührung gekommen ſeyed— ich glaube, es handelte ſich um eines von Euern alten Pfarrkindern aus Lansmere?“ 1076 Der Pfarrer nickte, und es trat eine kurze Pauſe ein. „Erinnert Ihr Euch auch noch Eures Kampfes bei den Stöcken, Mr. Leslie?“ ſagte Mr. Dale mit gutmüthigen Lachen. „Ei, freilich. Doch da Ihr eben davon ſprecht— im erſten Jahre meines Aufenthalts in London traf ich da⸗ ſelbſt wieder mit meinem alten Gegner zuſammen.“ „Wirklich?— und wo?“ „Bei einem vagabundirenden Literaten— einem ge⸗ ſcheidten Kerl, Namens Burley. „Burley? Ich habe einige burleske griechiſche Verſe von einem Mr. Burley geleſen.“ „Ohne Zweifel dieſelbe Perſon. Er iſt verſchwunden — wahrſcheinlich zu Grund gegangen. Burleskes Griechiſch iſt kein Wiſſenszweig, mit dem man heut zu Tage viel aus⸗ richten kann.“ „Gut; aber Leonard Fairfield?— Ihr habt ihn ſeit⸗ dem nicht wieder geſehen?“ „Nein.“ „Auch nichts von ihm gehört?“ „Rein. Ihr vielleicht?“ „Seltſam genug— ſchon lange nichts mehr. Aber ich habe Grund, zu glauben, daß es ihm gut geht.“ „Das nimmt mich Wunder. Und woraus ſchließt Ihr dies?“ „Weil er vor zwei Jahren ſeine Mutter zu ſich tonmen ließ. Sie iſt jetzt bei ihm.“ „Dies der einzige Grund Eurer Vermuthung?“ S bei gen da⸗ ge⸗ erſe den iſch us⸗ eit⸗ lber Ihr men 1077 „Er reicht zu, denn wenn er nicht für ſie ſorgen konnte, würde er nicht nach ihr geſchickt haben.“ Jetzt trat Arm in Arm das Hazeldean'ſche Ehepaar ein, und der wohlbeleibte Tafeldecker kündigte das Diner an. Der Squire war ungewöhnlich ſchweigſam— Mrs. Hazeldean gedankenvoll— Mrs. Dale matt und kopfwehig. Der Pfarrer, dem ſelten anders der Genuß einer Diſputa⸗ tion mit einem wiſſenſchaftlich gebildeten Manne zu Theil wurde, als wenn er mit Doktor Riccabocca anbinden konnte, fühlte ſich glücklich in dem Vorgenuß eines ſcharfen Gefech⸗ tes, da Randal in dem Ruf eines tüchtigen Kämpen ſtand. „Ein Glas Wein, Mr. Leslie; Ihr ſagtet vor dem Diner, burleskes Griechiſch ſey kein Wiſſenszweig, mit dem man heut zu Tage viel ausrichten könne. Darf ich fragen, Sir, welchem anderen Ihr beſondere Macht zutraut?“ Randal(lakoniſch).—„Praktiſcher Kenntniß.“ Pfarrer.—„Weſſen?“ Randal.—„Des Menſchen.“ Pfarrer(offen).—„Ich glaube ſelbſt auch, daß, vom weltlichen Geſichtspunkt aus betrachtet, dies die nützlichſte Art Kenntniß iſt. Aber wie erwirbt man ſie? Sind auch Bücher dazu behülflich?“ Randal.—„Je nachdem man ſie liest, ſind ſie foͤr⸗ derlich oder nachtheilig.“ Pfarrer.—„Und wie muß man ſie leſen, um den erwünſchten Nutzen daraus zu ziehen?“ Randal.—„Man habe bei der Lektüre ſtets das, was zu Macht führt, im Auge.“ 1078 Pfarrer(ſehr betroffen ob Randals ſcharfer und ſpartaniſcher Logik).—„Auf mein Wort, Sir, Ihr drückt Euch ſehr gut aus. Ich muß geſtehen, daß ich meine Fragen in der Hoffnung begann, mit Euch andeter Anſicht ſeyn zu können, denn ich liebe einen wiſſenſchaftlichen Diſput.“ „Ja, das iſt wahr,“ brummte der Squire.„Der leib⸗ haftige Geiſt des Widerſpruchs.“ Pfarrer.—„Verſchiedenheit der Anſichten iſt das Salz des Geſprächs. Aber jetzt fürchte ich, daß ich mit Euch einverſtanden ſeyn muß, und hierauf war ich durchaus nicht gefaßt.“ Randal verbeugte ſich und entgegnete: „Ueber die Anwendung des Wiſſens können zwei Män⸗ ner von unſerer Erziehung nicht in Streit gerathen.“ Pfarrer(die Ohren ſpitzend).—„Anwendung— auf was?“ Randal.—„Natürlich im Intereſſe der Macht.“ Pfarrer(erfreut).— Der Macht— im gemein⸗ ſten oder im höchſten Sinne? Doch Ihr habt freilich das Letztere im Auge.“ Randal(der nun auch Intereſſe nimmt, geſpannt). —„Was verſteht Ihr unter dem gemeinſten und was unter dem höchſten Sinn?“ „Unter dem gemeinſten die Selbſtſucht, unter dem höchſten die Menſchenliebe.“ Randal unterdrückte das halb verächtliche Lächeln, das über ſeine Lippen gleiten wollte. „Ihr ſprecht, Sir, wie es von einem Geiſtlichen nicht — „— nit in⸗ in⸗ as anders zu erwarten iſt. Ich achte Eure Geſinnung und bin mit ihr einverſtanden. Indeß fürchte ich, daß in dieſer Welt mit dem Wiſſen, welches blos die Menſchenliebe im Auge hat, ſelten Macht erzielt wird.“ Squire(ernſt).—„Das iſt wahr. Es geht nie wie ich's haben möchte, wenn ich die Menſchenliebe walten laſſe, während Stirn ſeinen Willen immer durchſetzt, wenn er recht teufelmäßig hart und roh iſt.“ Pfarrer.—„Erlaubt mir die Frage, Mr. Leslie: wem gleicht die am hoͤchſten entwickelte intellektuelle Kraft, wenn ſie der Menſchenliebe völlig baar iſt, am meiſten?“ Randal.—„Wem ſie gleicht?— dies kann ich kaum ſagen. Meinetwegen einem ſehr großen Mann— ja, faſt jedem ſehr großen Mann, der alle ſeine Feinde be⸗ ſiegt und alle ſeine Zwecke erreicht hat.“ Pfarrer.—„Ich zweifle, ob irgend ein Mann ſehr groß wurde, der nicht eine wohlwollende Abſicht beſaß, wenn er auch vielleicht in den Mitteln fehlgriff. Cäſar war von Natur aus menſchenfreundlich und Alerander gleichfalls. Aber die am höchſten entwickelte intellektuelle Macht, die allen Wohlwollens entkleidet iſt, kann nur mit Einem Weſen verglichen werden, und dieſes, Sir, iſt das Princip des Böſen.“ Randal(betroffen).—„Ihr meint den Teufel?“ „Pfarrer.—„Ja, Sir— den Teufel. Und ſelbſt dieſer hat ſeinen Zweck nicht erreicht. Auch er, Sir, iſt, was Eure großen Männer den entſchiedenſten Bankruttirer nen⸗ nen würden.“ 1080 Mrs. Dale.—„Lieber Mann— ich bitte—“ Pfarrer.— Unſere Religion beweist es, meine Liebe. Er war ein Engel, und er fiel.“ Es trat eine feierliche Pauſe ein. Die Worte des Pfar⸗ rers hatten auf Randal einen tiefern Eindruck gemacht, als er ſich ſelbſt geſtehen wollte. Mittlerweile war das letzte Gericht abgetragen worden, und die Dienerſchaft hatte ſich entfernt. Harry blickte nach Carry hin. Letztere ſtrich ihr Gewand zurecht und ſtand auf. Die Gentlemen blieben beim Wein ſitzen, und der Pfarrer, der zufrieden war, die Disputation über ſein Lieblingsthema mit einem vermeintlich tüchtigen Trumpfe geſchloſſen zu haben, ging auf gleichgiltigere Gegenſtände über, bis endlich auch die Zehnten zur Sprache kamen. Dies war das eigentliche Element des Squire, welcher kraft ſeiner lauten Stimme und ſeines wilden Stirnerunzelns beide Gäſte zum Schweigen brachte, indem er zu ſeiner eigenen großen Befriedigung den Beweis lieferte, die Zehn⸗ ten ſeyen eine ungerechte und unchriſtliche Aumaßung von Seiten der Kirche im Allgemeinen und vornämlich eine höchſt unbillige Belaſtung der Hazeldearſchen Güter insbeſondere. Neuntes Kapitel. Als Randal im Beſuchzimmer erſchien, fand er die bei⸗ den Frauen dicht neben einander ſitzend, in einer Haltung, die viel mehr an die Pertrautheit ihrer Schuljahre, als an die r⸗ l6 te hr 1081 abgemeſſene Freundſchaft erinnerte, welche jetzt zwiſchen ih⸗ nen beſtand. Mrs. Hazeldean hatte den Kopf liebevoll über Carry's Schulter geneigt, und die beiden ſchönen eng⸗ liſchen Geſichter beugten ſich gegen daſſelbe Buch nieder. Es war ein ſchönes Schauſpiel, dieſe geſetzten Frauen, bei all ihrer Verſchiedenheit in Charakter und Außenſeite, ſo un⸗ willkürlich der Traulichkeit glücklicher Mädchen zurückgegeben zu ſehen durch die goldene Kette irgend eines Zauberers aus dem Lande der Wahrheit oder der Phantaſie— die Herzen ineinander verſchmelzend; wie jedes Auge auf dem⸗ ſelben Gedanken haftete— inniger und inniger, wie die Sympathie, die in der wirklichen Welt verloren geht, aus jener ſich herüber ergoß, welche durch das gleiche Band der Gefühle die Leſer des nämlichen edlen Buches vereinigt. „Und welches Werk hat für Euch ſo großes Intereſſe?“ fragte Randal, vor dem Tiſche ſtehen bleibend. „Eines, das Ihr natürlich ſchon geleſen habt,“ ver⸗ ſetzte Mrs. Dale, eine Buchmarke, die ſie ſelbſt geſtickt hatte, zwiſchen die Blätter legend und den Band Randal hingebend. „Es hat, glaube ich, großes Aufſehen gemacht.“ Randal überblickte den Titel. „Ihr habt Recht,“ verſetzte er.„Es wurde in London viel davon geſprochen; aber ich habe noch keine Zeit gehabt, es zu leſen.“ Mrs. Dale.—„Wenn Ihr es heute Nacht durch⸗ gehen wollt, kann ich es Euch borgen. Ihr braucht es dann nur bei Mrs. Hazeldean zurückzulaſſen.“ Pfarrer(herantretend).—„Ah, dieſes Buch? Ja, — 1082 das müßt Ihr leſen. Ich kenne kein Werk, das belehrender wäre.“ Randal.—„Belehrend? dann werde ich es zuver⸗ läßig leſen. Ich dachte, es ſey nur eine Unterhaltungs⸗ ſchrift— Phantaſieerguß. Und ſo ſcheint es auch zu ſeyn, wie ich beim Durchblättern ſehe.“ Pfarrer.—„Der Landprediger von Wakefield iſt nichts anderes, und gibt es wohl eine belehrendere Schrift?“ Randal.—„Dies möchte ich von dem Landpre⸗ diger nicht behaupten, der wohl ein recht artiges Buch iſt, obſchon mir der Inhalt ſehr unwahrſcheinlich vorkommt. Aber in wie ferne wäre er belehrend?“ Pfarrer.—„In ſeinen Wirkungen. Er macht uns glücklicher und beſſer. Was kann jede andere Belehrung mehr thun? Die einen Werke belehren durch den Kopf, die anderen durch das Herz. Letztere ziehen die weiteſten Kreiſe und üben oft den wohlthätigſten Eindruck auf den Chärakter. In dieſe Claſſe gehört auch das gegenwärtige Buch, und ihr werdet mit meiner Behauptung einverſtanden ſeyn, wenn Ihr es geleſen habt.“ Randal lächelte und nahm den Band zu ſich. Mr. Dale.—„Iſt der Perfaſſer noch nicht bekannt?“ Randal.—„Ich habe viele Verfaſſer namhaft ma⸗ chen hören, glaube aber, daß ſich noch Niemand zur Autor⸗ ſchaft bekannt hat.“ Pfarrer.—„Meiner Anſicht nach kann es Niemand anders geſchrieben haben, als mein alter Collegienfreund ——— — — —„— ——,— 1083 Profeſſor Moß, der Naturforſcher. Die Schilderungen der Stenerie ſind ſo richtig.“ Mrs. Dale.—„Pah, mein theurer Charles— jener ſchnupftabakige, langweilige, proſaiſche Profeſſor? Wie magſt du nur ſolchen Unſinn ſprechen. Ich bin überzeugt, der Verfaſſer muß jung ſeyn. Die Friſche des Gefühls verräth es.“ Mrs. Hazeldean(entſchieden).—„Ja, gewiß jung.“ Pfarrer(mit nicht geringer Beſtimmtheit).—„Ich möchte gerade das Gegentheil behaupten. Der Ton iſt zu klar und der Styl zu einfach für einen jungen Mann. Außer⸗ dem kenne ich keine jungen Leute, von denen mir einer ſein Buch zum Geſchenk machen ſollte, und dieſes hier iſt mir, wie ihr ſeht, in dem ſchönen Einband zugeſchickt worden. Verlaßt Euch darauf, Moß iſt der Verfaſſer— ganz ſeine Geiſtesrichtung.“ Mrs. Dale.—„Es iſt nicht mit Dir auszuhalten, mein theurer Charles! Und dazu iſt Mr. Moß ſo ausge⸗ zeichnet häßlich.“ Randal.—„Muß ein Schriftſteller ſchön ſeyn.“ Pfarrer.— Ha, ha! Antworte darauf, wenn du kannſt, Carry.“ Carry blieb ſtumm und rümpfte die Naſe. Squire(mit großer Naivetät).—„Hm, ich meine nicht, daß viel hinter dem Buche ſtecken könne, mag's auch geſchrieben haben, wer es will; denn ich habe es ſelber ge⸗ leſen und jedes Wort darin verſtanden.“ Mrs. Dale.—„Ich ſehe nicht ein, warum Ihr an⸗ 1084 nehmt, daß es überhaupt von einem Manne geſchrieben ſeyn müſſe. Ich für meinen Theil möchte eher daß ein Frauenzimmer die Verfaſſerin iſt.“ Mrs. Hazeldean.—„Ja, es iſt eine Stelle äber Mutterliebe darin, die nur aus einem weiblichen Herzen quellen konnte.“ Pfarrer.—„Pah, pah! Ich möchte das Frauen⸗ zimmer ſehen, das eine ſolche Schilderung geben könnte von einem Auguſtabend vor einem Donnerwetter— jede Feld⸗ blume unter den Hecken genau die des Auguſts und jedes Zeichen in der Luft ganz im Einklang mit dieſem Monat. Gott behüt! Ein Frauenzimmer hätte die Hecken mit Veil⸗ chen und Schlüſſelblumen angefüllt. Niemand als mein Freund Moß iſt im Stande, ſolche Schilderungen zu machen.“ Squire.—„Ich weiß nicht, es iſt ein Bild drin⸗ nen über die Vergeudung der Saatfrucht beim Säen aus der Hand, und dies bringt mich auf die Vermuthung, daß er ein Landwirth ſeyn muß.“ Mrs. Dale(geringſchätzigt).—„Ein Landwirth! Wahrſcheinlich einer in genagelten Schuhen! Ich behaupte, das Buch iſt von einem Frauenzimmer verfaßt.. Mrs. Hazeldean.—„Ja, von einem Frauenzimmer, und zwar von einer Mutter.“ Pfarrer.—„Von einem Mann in den mittleren Jahren, der die Natur zu ſeinem Studium gemacht hat.“ Squire.—„Nein, nein, Pfarrer— ſicherlich von einem jungen Mann; denn jene Liebesſcene ruft mir meine eigene Jugend wieder ins Gedächtniß— die ſchöne Zeit, in welcher ich meine Ohren darum gegeben hätte, um Harrh ſagen zu können, wie ſchön ſie in meinen Augen ſey. Und doch konnte ich weiter nichts herausbringen, als: Schön Wetter für die Aernte, Miß'. Ja, ein junger Mann hats geſchrieben und ein Landwirth. Ich möchte nur wiſſen, ob er ſelbſt ſchon den Pflug geführt hat.“ Randal(der inzwiſchen in dem Buch geblättert hat). „Dieſe Beſchreibung einer Londoner Nacht rührt von einem Verfaſſer her, der das Leben der Großſtädte kennt und den Reichthum mit dem Auge der Armuth betrachtet. Nicht übel — ich will das Buch leſen.“ „Sonderbar,“ ſagte der Pfarrer lächelnd,„daß dieſes kleine Schriftchen uns ſo zu Herzen gehen und, während es uns alle bezauberte, jedem eine andere Vorſtellung beibringen konnte. Welchen neuen, friſchen Schwung gibt es nicht unſerem kintönigen Landleben, indem es in unſerem Innern die Bilder einer Welt weckt, die wir höchſtens in unſern Träumen geſchaut haben. Und doch iſt das Büchlein von einem Menſchen, den wir nicht kennen und vielleicht nie ken⸗ nen lernen. Ja, ein ſolches Wiſſen iſt Macht, und zwar eine edle.“ „Sicherlich eine Art Macht, Sir,“ verſetzte Randal aufrichtig. Und als er jene Nacht in ſeinem Schlafzimmer zu⸗ brachte, ließ er ſeine Plane und Entwürfe ruhen, um, was ſelten bei ihm geſchah, zu leſen, ohne bei ſeiner Lektüre einen möglichen Vortheil im Auge zu haben. Die Schrift überraſchte ihn durch das Vergnügen, 1055 das ſie ihm bereitete. Ihr Zauber lag in dem ruhigen Hochgenuß, mit welchem den Verfaſſer das Schöne erfüllt hatte. Es war, als ſonne ſich eine glückliche Seele in dem Licht ihrer eigenen Gedanken. Das Eindrucksvolle in dem Buch war ſo ruhig und gleichförmig gehalten, daß nur ein Kenner beurtheilen konnte, wie viel Kraft erforderlich gewe⸗ ſen, um den Schwung zu erreichen, welcher ſcheinbar mit ſo wenig Anſtrengung in den Höhen ſich hinbewegte. Keine geiſtige Richtung überwog tyramniſch die übrigen, ſondern alle ſchienen in dem glücklichen Ebenmaß einer geſunden, abgerundeten, in ſich vollkommen klaren Natur zu wirken. Und hatte man das Büchlein geſchloſſen, ſo ließ es eine zarte Wärme zurück, welche das Herz des Leſers umſpielte und Gefühle ins Leben rief, die man früher nicht gekannt zu haben glaubte. Randal legte den Band ſanft nieder, und eine kurze Weile ſtanden die ſchnöden und unedlen Ent⸗ würfe, in deren Dienſt er ſein Wiſſen zu benützen pflegte, nackt und ohne Maske vor ſeiner Seele. „Pah!“ rief er endlich, ſich gewaltſam des wohlthätigen Einfluſſes, welchen die Lektüre auf ihn geübt hatte, entſchla⸗ gend,„nicht aus Mitgefühl für Hekkör, ſondern um mit Achilles zu ſiegen, hatte der maredoniſche Alexander ſtets den Homer unter ſeinem Kiſſen liegen. Dies iſt der rechte Ge⸗ brauch der Bücher für den, welcher die praktiſche Welt ſich vienſtbar zu machen hat, mögen auch Pfarrer und Weiber einer andern Anſicht ſeyn.“ Und das Prineip des Böſen ſtieg wieder auf den Geiſt nieder, aus welchem die leitende Menſchenliebe gewichen war⸗ ——— t⸗ 1087 Zehntes Kapitel. Randal ſtand mit dem Ton der erſten Frühſtückglocke auf und traf auf der Treppe mit Mrs. Hazeldean zuſammen. Er gab ihr das Buch zurück und wollte eben ſprechen, als ſie ihm durch einen Wink zu verſtehen gab, daß er ihr nach einem kleinen Morgenſtübchen, welches ſie ſich als ihr Eigen⸗ thum vorbehalten hatte, folgen möchte. Es war kein Bou⸗ doir voll Stuck und Gold mit Gemälden von Watteau, ſondern mit großen Nußbaumſchränken angefüllt, in wel⸗ chen ſich die mit Lavendel beſtreute Familienleinwand, Vor⸗ räthe für die Haushälterin und Arzneien für die Armen be⸗ fanden.. Mrs. Hazeldean nahm in dieſem Heiligthum auf einem großen Lehnſeſſel Platz— eine furchtbare Geſtalt, wenn ſie ſo in dem Herzen ihres Heimweſens ſaß. „Ich bitte,“ begann die Lady, mit ihrer gewöhnlich ge⸗ raden Offenheit ohne Umſtände zur Sache übergehend, „welche Bewandtniß hat es mit all dem, was ihr mit mei⸗ nem Gatten über die Möglichkeit ſpracht, daß Frank eine Ausländerin heirathen könnte?“ Randal.—„Würde Euch ein ſolcher Einfall wohl ebenſo zuwider ſeyn, wie dem Squire?“ Mrs. Hazeldean.—„Ihr gebt mir eine Frage zu⸗ rück, ſtatt der Antwort auf die meinige.“ Dieſer rauhe Contrehieb brachte Randal ſo ziemlich aus ſeiner Parade. Er verfolgte in der That einen vop⸗ pelten Zweck— einmal wollte er ſich ſattſam überzeugen, ₰ ob Franks Verehelichung mit einer Frau wie Madame di Negra den Squire hinreichend aufbringen würde, um das Erbe des Sohnes zu gefährden, und dann lag es in ſeiner Abſicht, Mr. und Mrs. Hazeldean von der Beſorgniß ab⸗ zubringen, daß ein ſolcher Fall ſtattfinden könnte, weil er ſonſt befürchten mußte, ſie möchten allzufrüh ſich mit Frank über dieſen Gegenſtand benehmen und die Heirath ver⸗ eiteln. Gleichwohl mußte er ſoweit mit der Sprache her⸗ aus, daß ihm die Eltern ſpäter nicht den Vormurf machen konnten, er habe den Stand der Dinge verheimlicht. In der Rückſprache, welche er Tags zuvor mit dem Squire ge⸗ nommen, war er ein wenig zu weit gegangen— weiter, als wohl der Fall geweſen wäre, wenn ihn nicht der Vieh⸗ ſtall und die Kurzhorner in Noth gebracht hätten. Während er ſich nun über eine entſprechende Antwort beſann, bewachte ihn Mrs. Hazeldean ſcharf mit ihren ehrlichen verſtändigen Augen und rief endlich— „Heraus damit, Mr. Leslie!“ „Mit was heraus, meine theure Madame? Der Squire hat wohl die Bedeutſamkeit deſſen, was ich haupt⸗ ſächlich im Scherz hinwarf, arg übertrieben. Indeß will ich Euch unverhohlen geſtehen, daß es mir vorkömmt, als ſey Frank ein wenig verliebt in eine gewiſſe ſchöne Ita⸗ lienerin.“ „In eine Italienerin?“ rief Mrs. Hazeldean.„Nun, ich ſagte es ja von Anfang. Eine Italienerin— dies iſt alſo Alles?“ Und ſie lächelte. Randal fühlte ſich mehr und mehr Die 1089 Pupille ſeines Auges wurde kleiner, wie es gewöhnlich der Fall iſt, wenn man ſich in ſich ſelbſt zurückzieht, um nachzu⸗ denken und behutſam zu lauern. „Und vielleicht, nahm Mrs. Hazeldean mit einem ſehr ſonnigen Ausdruck in ihrem Geſicht wieder auf,„habt Ihr dieſe Wahrnehmung gemacht, ſeit Frank das letzte Mal hier war?“ „Allerdings,“ murmelte Randal; aber ich denke, ſein Herz oder ſeine Phantaſte mußte doch ſchon früher etwas ab⸗ gefangen haben.“ „Sehr natürlich,“ erwiederte Mrs. Hazelbean;„wie wäre es auch anders möglich einem ſo ſchönen Weſen ge⸗ genüber. Gut; ich will Euch nicht über Franks Geheim⸗ niſſe ausholen, kann aber den Magnet wohl errathen. Was das Vermögen betrifft, ſo iſt dies freilich nicht der Rede werth, und er könnte in dieſer Beziehung wohl auf eine ganz andere Partie Anſpruch machen; aber ſie iſt ſo lie⸗ benswürdig, ſo gut erzogen und ſo gar nicht, wie man ſich im Allgemeinen eine Katholikin zu denken pflegt, daß ich glaube, ich werde Mr. Hazeldean wohl bereden können, ſeine Zuſtimmung zu geben.“ „Ah,“ ſagte Randal tief aufathmend, da er anfing, mit ſeinem geübten Scharfſinn Mrs. Hazeldeans Irrthum zu entdecken,„dies beruhigt mich ſehr, und ich freue mich, Euch ſo ſprechen zu hören. Ich darf es alſo wagen, Frank Hoffnung zu machen, wenn ich ben armen Schelm kleinmü⸗ thig und verzagend finde?“ „Ich denke, ja,“ entgegnete Mts. Hazeldean mit einem Bulwer, meine Novelle. 69 1090 angenehmen Lachen.„Aber Ihr hättet den armen William nicht ſo erſchrecken ſollen durch die Andeutung, daß die Lady nur ſehr wenig Engliſch verſtehe. Man merkt allerdings ihrem Accent die Ausländerin an, aber ſie ſpricht allerliebſt, und ich vergeſſe dabei immer, daß ſie keine geborene Tochter Englands iſt. Ha, ha! armer William!“ Randal.—„Ha, ha!“ Mrs. Hazeldean.—„Wir hatten früher für Frank eine andere Partie im Auge— ein Mädchen aus einer guten engliſchen Familie.“ Randal.—„Miß Sticktorights?“ Mrs. Hazeldean.—„Nein; dies iſt nur eine alte Grille von Hazeldean, obſchon er recht gut weiß, daß die Sticktorights ihr Eigenthum nie mit dem unſrigen verſchmel⸗ zen würden. Gott behüte— wenn es ſo weit käme, wäre ja Alles im Reinen, und ſie müßten das Wegrecht aufgeben. Wir dachten an eine ganz andere Partie; aber jungen Her⸗ zen läßt ſich nicht befehlen, Mr. Leslie.“ Randal.—„Ihr habt Recht, Mrs. Hazeldean. Doch da wir uns jetzt ſo gut verſtehen, werdet ihr mich ent⸗ ſchuldigen, wenn ich mir die Andeutung erlaube, daß es wohl am beſten ſeyn dürfte, Ihr laſſet der Sache ihren Gang, ohne Frank darüber zu ſchreiben. Ihr wißt, junge Herzen werden oft durch ſcheinbare Schwierigkeiten geſpornt und erkalten, wenn die Hinderniſſe verſchwinden.“ Mrs. Hazeldean.—„Sehr möglich, obſchon dies bei Hazeldean und mir nicht der Fall war. Ich werde übrigens aus einem andern Grund Franf nicht darüber ſchrei⸗ —.,.—— 2* 3 ink en lte die el⸗ äre en. er⸗ an. ent⸗ es ang, rzen und dies erde hrei⸗ 1091 ben; denn wenn ich ſchon ſeine Neigung billige und auch William nichts dagegen haben wird, ſo wäre es uns beiden doch viel lieber, wenn ſich Frank mit einer Engländerin und einer Proteſtantin vermählte. Wir wollen deßhalb nichts thun, was ein ſolches Vornehmen ermuthigen könnte, und werden erſt dann einſchreiten, wenn wir ſehen, daß Franks Glück wirklich auf dem Spiele iſt. Kurz, wir wollen weder Vorſchub thun noch Widerſpruch einlegen. Ihr verſteht?“ „Vollkommen.“ „Und mittlerweile finde ich es ganz in der Ordnung, daß Frank die Welt ſehe. Vielleicht bringt ihn das auf andere Gedanken, oder lernt er wenigſtens, was er eigentlich will. Vermuthlich iſt dies auch der Grund, warum er nicht hieher kömmt.“ Randal, der eine nähere und bündigere Erklärung fürch⸗ tete, erhob ſich jetzt mit den Worten: „Entſchuldigt mich; aber ich muß mich mit dem Früh⸗ ſtück beeilen, da ich zeitig genug zurück zu ſeyn wünſche, um mit der Landkutſche zuſammenzutreffen.“ Er bot nun ſeiner Wirthin den Arm an und führte ſie nach dem Frühſtückzimmer. Nachdem er haſtig das Frühſtück eingenommen hatte, beſtieg er ſein Pferd, nahm herzlichen Abſchied von dem Hazeldeanſchen Ehepaar und trabte von hinnen. Alles wirkte zuſammen, um ſeinen Plan zu unterſtützen, ſelbſt der Zufall, welcher Mrs. Hazeldeans Irrthum zu ſei⸗ nen Gunſten kehrte. Sie war auf die nicht unnatürliche Vermuthung gekommen, Violante habe bei Gelegenheit 69* 1092 ſeines letzten Beſuchs in der Halle Franks Herz gerührt. Während alſo Randal ſich überzeugt hatte, daß den Squire nichts mehr aufbringen könne, als die Verehelichung ſei⸗ nes Sohnes mit Madame di Negra, ſah er ſich zugleich in der Lage, dem jungen Ofſizier die Verſicherung zu geben, daß die Mutter ganz auf ſeiner Seite ſtehe. Wenn dann hintendrein der Irrthum ans Licht kam, ſo dürfte Mrs. Ha⸗ zeldean blos ſich ſelbſt Vorwürfe machen. Noch erfolgreicher hatte ſich ſeine Diplomatik Riccabveca gegenüber erwie⸗ ſen; denn er war jetzt im Beſitz des Geheimniſſes, wegen deſſen Erkundung er nach der Halle gekommen, und wenn vollends, wie er nicht zweifelte, Riccabocca zu einem Um⸗ zug nach London ſich bewegen ließ und Violanten wirklich das reiche Erbe in Ausſicht ſtand, von dem er gehört hatte — wen anders von ſeinem Alter konnte ſie dann zu ſehen bekommen, als eben ihn? Er dachte an die alten Leslie'⸗ ſchen Domänen, die nach zwei Jahren zum Verkauf kom⸗ men ſollten— mit einem Theil ihrer Morgengabe konnte er ſie erſtehen. Sein Geſicht glühte ob dem Triumph ſei⸗ ner Schlauheit, und alles frühere Schwanken war verſchwun⸗ den.— In der ſchwunghafteſten Stimmung kam er an dem Caſino vorbei, deſſen Garten öd und verlaſſen war, und er⸗ reichte noch immer in hoher Aufregung das väterliche Haus, wo er Oliver zum Fleiß und Juliet zur Geduld ermahnte. Er verließ dann zu Fuß Rvod, um mit der Landkutſche zu⸗ ſammenzutreffen und nach London zurückzukehren. e— 1093 Eilftes Kapitel. Violante ſaß in ihrem Stübchen und ſah von dem Fenſter aus nach der Terraſſe hin, die ſich unter ihr aus⸗ ſtreckte. Der Tag war warm für die Jahreszeit. Schakeimo hatte wegen des herannahenden Winters die Orangenbäume bereits unter Dach gebracht, und wo ſie geſtanden, ſaß Mrs. Riccabocca mit einer weiblichen Arbeit. Der Doktor dagegen befand ſich in dem Belvedere und hielt Rückſprache mit ſeinem Diener. Die Thüre und die Fenſter des letzteren ſtanden offen, und von ihren Sitzen aus konnten Gattin und Tochter den Padrone ſehen, der mit gekreuzten Armen und auf den Boden gehefteten Blicken an der Wand lehnte, während Schakeimo, den Finger auf den Arm ſeines Ge⸗ bieters legend, augenſcheinlich in eifrigem Geſpräch begriffen war. Und die Tochter richtete von dem Fenſter aus und die Mutter von ihrer Arbeit weg liebevolle ängſtliche Blicke auf die ſtille, nachdenkſame Geſtalt, die Beiden ſo theuer war und an der ſie während der letzten paar Tage ein ungewöhn⸗ lich zerſtreutes, ja, bis zum Düſter ſich ſteigerndes Weſen wahrgenommen hatten. Sie fühlten, daß ſein Herz durch etwas beunruhigt wurde, das ihnen noch ein Geheimniß war. Violante's Zimmer zeigte in ſtillen Zügen die Beſchaf⸗ fenheit der Erziehung, durch welche ihr Charakter gebildet worden war. Außer einem Skizzenbuch, das offen auf ei⸗ nem neben ihr ſtehenden Pult lag und ein ſehr ſorgfältig ge⸗ pflegtes Talent bekundete(denn im Zeichnen war Ricca⸗ boeca ihr Lehrer geweſen), ſah man nichts, was man mit 1094 den gewöhnlichen weiblichen Fertigkeiten in Verbindung brin⸗ gen konnte. Kein Piano ſtand offen, keine Harfe füllte jene Niſche aus, die für ein ſolches Inſtrument gemacht zu ſeyn ſchien; kein Stickrahmen oder Arbeitstiſch deutete auf die gewöhnlichen anmuthigen Beſchäftigungen eines Mädchens; aber auf an der Wand angebrachten Simſen befand ſich eine Sammlung der beſten engliſchen, italieniſchen und fran⸗ zöſiſchen Schriftſteller, und dieſe deuteten auf einen Um⸗ fang von Beleſenheit, welchen man ſicherlich nicht als männ⸗ lich verdammen wird, wenn man geiſtigen Genuß wünſcht in dem ſüßen Verkehr mit einer Angehörigen des zweiten Geſchlechts, der Alles mildert und veredelt, was er in Tauſch gibt und nimmt. Man durfte nur Violante ins Geſicht ſchauen, um zu ſehen, wie edel der Geiſt war, der dieſe lieb⸗ lichen Züge beſeelte— nichts Hartes, nichts Trockenes oder Strenges darin. Allerdings konnte es Niemand entgehen, daß ſie etwas wußte; aber auch dieſer Ausdruck verlor ſich in holder Anmuth. In der That verwandelten bei ihr Herz und Phantaſie alles, was ſie ſich von den ernſteren Kennt⸗ nißzweigen angeeignet hatte, in geiſtiges Gold. Gab man ihr ein noch ſo langweiliges und trockenes Geſchichtswerk in die Hand, ſo fand doch ihre Einbildungskraft Schön⸗ heiten auf, die anderen Leſern entgangen waren, und mit dem Auge des Künſtlers entdeckte ſie überall ſogleich das Maleriſche. In ihrem Geiſte ſchien Etwas zu liegen, das alles Gemeine und Niedrige zurückwies, während es in allem Aufgenommenen das Schöne und Erhabene hervorhob. Sie hatte ſo abgeſchieden von Altersgenoſſinnen gelebt, daß man —„—+— in⸗ ene yn die 18; ſich an⸗ m⸗ nn⸗ ſcht ten iſch icht eb⸗ der en, ſich erz int⸗ nan erk ön⸗ mit das das lem Sie nan 1095 kaum ſagen konnte, ſie gehöre der Gegenwart an, wie ſie denn überhaupt weit mehr in der Vergangenheit weilte, wie Sabrina in ihrem Zauberborn. Romantiſche Bilder des Schönen und Heldenhaften, wie ſie bei der Lektüre von Taſfo's Silberverſen vor uns aufſteigen, Stärke und Tapfer⸗ feit durch Liebe und Geſang mildernd, woben ſich durch alle die Träume des ſchönen italieniſchen Mädchens. Man muß uns nicht glauben machen wollen, daß vor dem kalten Blicke der Philoſophie die Vergangenheit nicht beſſer und erhabener ſey, als die Gegenwart, denn einem edlen und reinen Auge erſcheint dies anders. Mag immerhin das Gewe⸗ ſene der Vergangenheit anheimfallen, ſo bald es aufhört in ihrem Zauberſpiegel die ſchöne Romantik wiederzuſtrahlen, welche ſeine edelſte Wirklichkeit, wenn ſchon vielleicht nur der Schatten einer Täuſchung iſt. Dennoch war Violante nicht blos eine Träumerin; denn in ihr entfaltete ſich das Leben ſo reich und mächtig, daß für ſeine glorreiche Entwicklung das Handeln eine Noth⸗ wendigkeit ſchien— allerdings ein Handeln in der Sphäre des Weibes— der Drang, zu beglücken, Alles um ſie her zu veredeln, zu erheben und den Ehrgeiz, der noch unbe⸗ friedigt in ihr liegen mochte, in Theilnahme an mann⸗ haftem Streben ausſtrömen zu laſſen. Trotz der Befürch⸗ tungen ihres Vaters wegen der kalten Luft Englands hatte doch der fremde Himmel die zarte Geſundheit ihrer früheren Jahre gekräftigt. Ihr ſchwunghafter Tritt, das Auge voll Licht und Lieblichkeit, die ſanfte und reiche Blüthe ihres Antlitzes— alles deutete auf eine Lebenskräftigkeit, die in 1096 ſchönem Einklang ſtand mit dem edelgebildeten Geiſte und den Regungen eines Herzens, welche, einmal erwacht, die Leidenſchaften des Süden durch die Reinheit und Hingebung des Nordens zu adeln vermochten. Die Einſamkeit macht die eine Natur ſchüchtern, die andere kühn. Violante wußte nichts von Furcht. Ihr Auge begegnete freimüthig dem Blicke beſſen, mit dem ſie ſprach, und ſie war ſo vhne alles Arg, daß ſie kaum etwas von Scham zu wiſſen ſchien. Dieſem Muth, im Verein mit Ideen⸗ reichthum, entquoll anmuthig der Strom einer frohherzigen Unterhaltung. Obſchon ſie nicht viel wußte von den Kunſt⸗ fertigkeiten, in welchen man gewöhnlich junge Frauenzimmer zu unterrichten pflegt, trotzdem daß auch die höchſte Aus⸗ bildung darin die Gedanken öd und die Converſation leer läßt, beſaß ſie doch jene ſchöne Eigenſchaft, welche einen tie⸗ fen Eindruck macht auf den Geſchmack und das Herz begab⸗ ter Männer, namentlich wenn ihr Geiſt von dem Ring⸗ kampf des Lebens nicht ſo in Anſpruch genommen iſt, daß ſie im geſellſchaftlichen Verkehr blos Ruhe ſuchen— ich meine eine anmuthige Leichtigkeit im Austauſch der Gedanken und den Zauber, welcher ſchöne weibliche Ideen in muſika⸗ liſche Worte kleidet. „Ich höre ſchon aus der Ferne ſein Seufzen,“ ſagte Violante in weichem Tone, während ſie noch immer kein Ange von ihrem Vater verwandte,„und wie mich däucht iſt dies ein neuer Gram, der nicht ſeinem Vaterlande gilt. Er ſprach geſtern zweimal von dem engliſchen Freunde, den W W 8 X 8 N M M NM——— 1097 er ſo werth hält, und drückte den Wunſch aus, daß er hier ſeyn möchte.“ Bei dieſen Worten erröthete die Jungfrau unwillkür⸗ lich; ſie ließ ihre Hände auf die Kniee ſinken und war bald ebenſoſehr in Gedanken vertieft, wie ihr Vater, obſchon die ihrigen eine weniger düſtere Färbung trugen. Sie hatte ſeit ihrer Ankunft in England mit dem Namen Harley LEs⸗ trange ein dankbares Intereſſe verbinden gelernt. Ihr Va⸗ ter, der in Betreff ſeiner alten italieniſchen Freunde ein Still⸗ ſchweigen zu beobachten pflegte, das an Verachtung zu grän⸗ zen ſchien, liebte es, mit offenem Herzen von dem Englän⸗ der zu ſprechen, der ihm als Retter erſchienen war, wo er von ſeinen Landsleuten nur Verrath zu beſorgen hatte. Gerne erzählte er von dem Soldaten, welcher, damals in der vollen Blüthe der Jugend, im Ruhm keinen Troſt gefunden und unter den Pinien, die ihren Schatten auf den ſonnigen italieniſchen See warfen, die Erinnerung an irgend einen geheimen Schmerz in ſeinem Buſen genährt hatte. Er, Riccabocca, ſtand damals noch in Glück und Ehren, und es war ihm gelungen, den engliſchen Signor, welcher unter fremdem Himmel ſeiner Trauer nachhing, ſeiner Einſamkeit zu entreißen. Oft verweilte er bei der Erinnerung, wie ſie Freunde geworden waren in den herrlichen Gegenden, wo Violante ihre Augen dem Tag geöffnet— wie Harley ver⸗ geblich ihn abgemahnt von den unbeſonnenen Entwürfen, durch die er die Trümmer aufreibender Jahrhunderte in einer Stunde neu aufzubauen geſucht hatte— wie der Kriegs⸗ mann aus dem fernen England, als er ſelbſt, das arme 1098 Kleine an ſeine Bruſt gedrückt, ſich verlaſſen, geächtet und verfolgt ſah, ſo daß nur die Flucht ſein Leben retten konnte, die Bemühungen der Nachſetzenden vereitelte, ſeine Diener bewaffnete, den Flüchtling bei nächtlicher Weile nach dem Engpaß in den Apenninen begleitete und, als die Sendlinge eines treuloſen Feindes in hitziger Verfolgung ihm nahe kamen, zu ihm ſagte:„Es gilt der Rettung Eures Kin⸗ des! Setzt eiligſt Eure Flucht fort. Noch eine Stunde, und Ihr ſeyd über der Grenze. Wir wollen die Feinde mit Parlamentiren hinhalten; ſie werden uns nichts zu Leide thun.“ Und erſt nachdem die Flucht gelungen war, erfuhr der Vater, daß der engliſche Freund die Nachſetzenden nicht durch Parlamentiren, ſondern mit dem Schwert aufge⸗ halten hatte, indem er den Paß gegen die Ueberzahl mit ebenſo unerſchrockener Bruſt behauptete, wie Bayard die un⸗ ſterbliche Brücke. Und ſeitdem hatte derſelbe Engländer nie aufgehört, ſeinen Namen und ſeine Sache zu vertheidigen, und wenn der Flüchtling je hoffen durfte, wieder in Land und Ehren eingeſetzt zu werden, ſo durfte er einen ſolchen glücklichen Ausgang nur auf Rechnung der unermüdeten Thätigkeit ſeines Freundes ſchreiben. Naturgemäß und ohne es ſelbſt zu wiſſen, hatte daher das dem Verkehr mit der Welt entzogene, nachdenkſame Mäd⸗ chen alles, was es in romantiſchen Dichtungen und Sagen geleſen, mit dem Bilde jenes tapferen und treuen Fremd⸗ lings in Verbindung gebracht. Er war es, der ihre Träume von der Vergangenheit beſeelte und geboren zu ſeyn ſchien, „ ———— ——„——,— —-—+„„— 8S——+ c 6 „—„— 1099 zur beſtimmten Stunde als der Befreier der Zukunft auf⸗ zutreten. Um dieſes Bild gruppirten ſich alle die Anziehungs⸗ punkte, welche das Zauberland alter Heldenſage einer jung⸗ fräulichen Phantaſie zu bieten vermochte. Sie war noch ſehr jung, als Riccabocca einmal der geliebten Tochter, um ihre Neugierde zu befriedigen und ihr eine allgemeine Vorſtellung von dem Gegenſtand ſeiner Verehrung beizu⸗ bringen, aus der Erinnerung mit kunſtfertiger Hand eine Skizze von dem Aeußeren des Fremdlings entworfen und das Bild Harley's, der ſich damals in der Blüthe männlicher Schönheit befand, ohne Zweifel idealiſirt und mit einem von der Dankbarkeit geführten Pinſel gemalt hatte, obſchon es bei alledem mit ziemlicher Treue ausgeführt war. Nament⸗ lich fehlte nicht der Schatten tiefer Trauer über einen noch jungen Schmerz, welcher den hervorragendſten Zug bildete in dem wechſelnden Ausdruck des ſchönen Geſichts, ſo daß man bei der Betrachtung ſich des Ausrufs nicht erwehren konnte—„So traurig und doch ſo jung!“ Violante hielt ſich nie mit der Vorſtellung auf, daß dieſelben Jahre, welche ihre Kindheit zur Jungfräulichkeit gereift hatten, weniger ſanft über jene glatte Wange und die träumeriſche Stirne hingegangen ſeyn dürfte, und daß die Welt vielleicht die Natur wie die Zeit das Aeußere geändert hatte. Für ſie verblieb der Held ihrer Ideale unſterblich in blühender Ju⸗ gend. Eine ſchöne Täuſchung, die wir alle mit ihr gemein haben, wo irgend die menſchliche Geſtalt durch die Poeſie geheiligt wird. Wer kann ſich Petrark denken als einen Greis, wankend und hinfällig unter der Laſt der Jahre? 1100 Wer ſieht ihn nicht immer ſo, wie er zuerſt auf Laura blickte?— „Ogni altra cosa ogni pensier va fore; E sol ivi con voi rimansi Amore!“ Zwölftes Kapitel. Und Violante, in ſolche Träumereien vertieft, vergaß, das Belvedere im Auge zu behalten. Und das Belvedere war jetzt verlaſſen. Die Gattin, welche von keinem andern Ideal wußte, das ihre Gedanken zerſtreuen konnte, ſah Rie⸗ caboeca ins Haus treten. Der Flüchtling kam in das Zimmer ſeiner Lochter. Sie fuhr auf als ſie ſeine Hand auf ihren Locken und ſeinen Kuß auf ihrer Stirne fühlte. „Mein Kind,“ rief Riccabocca, als er ſich niederſetzte, „ich habe den Entſchluß gefaßt, für eine Weile dieſen Zu⸗ fluchtsort zu verlaſſen und in die Nähe von London zu ziehen.“ „Ah, mein theurer Vater, dies lag Euch alſo im Sinne? Aber was veranlaßt Euch dazu? Wendet Euch nicht ab, Ihr wißt, wie ſorgfältig ich Euren Befehlen nachkam und wie treu ich Euer Geheimniß bewahrte. Ja, Ihr werdet mir Vertrauen ſchenken.“ „Zuverläßig,“ entgegnete Riecabveca voll Aufregung. „Ich weiche von dieſem Platze, weil ich fürchte, daß meine Feinde mich hier entdecken könnten. Zu unſeren Nachbarn werde ich ſagen, Du ſteheſt jetzt in einem Alter, welches 11014 Lehrer für dich nothwendig machen, die hier nicht zu haben ſind. Indeß wünſche ich, daß Niemand erfahre, wohin wir gehen.“ Dieſe letzteren Worte ſprach der Italiener durch die Zähne, während er zugleich das Haupt ſenkte. Es war als wandle ihn ein Gefühl von Scham an. „Und die Mutter—“ Violante nannte ſie immer ſo —„Ihr habt doch mit der Mutter ſchon darüber geſprochen?“ „Noch nicht. Eben darin liegt die Schwierigkeit.“ „Warum eine Schwierigkeit, da ſie Euch ſo innig liebt?“ verſetzte Violante im Tone ſanften Vorwurfs.„Ach warum wollt Ihr nicht auch ihr vertrauen? Wer iſt ſo treu und ſo gut wie ſie?“ „Gut— ich gebe dies zu,“ erwiederte Riecaboeca. „Aber was nützt dies? Pa cattiva Donna guardati, et alla buona non fidar niente'(vor dem böſen Weibe hüte dich und dem guten vertraue kein Geheimniß.) Wenn man je ver⸗ trauen will,“ fügte der abſcheuliche Mann bei,„ſo thue man es mit allem nur nicht mit einem Geheimniß.“ „Pfui!“ rief Violante mit ſchalkhaftem Vorwurf, denn ſie kannte Ihres Vaters Launen zu gut, um ſeine garſtigen Worte buchſtäblich zu deuten.„Ihr zeigt eine ſchöne Conſe⸗ quenz, Padre carissimo. Seyd Ihr mit Eurem Geheimniß gegen mich auch ſo rückhaltig?“ „Gegen Dich? Ein Kätzchen iſt keine Katze und ein Mädchen keine Frau. Außerdem war Dir das Geheimniß ſchon bekannt, und ich hatte keine andere Wahl. Beruhige Dich; Jemima wird vorläufig hier bleiben. Sieh nach, 1102 was Du mitzunehmen wünſchſt. Wir brechen noch heute Abend auf.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, eilte Riccabocca weg und nach der Terraſſe, wo er ſich ſeiner Gattin näherte. „Anima mia,“ begann der Zögling Machiavels, die grauſamſten Abſichten in die zärtlichſten Worte verhüllend, denn aus einem ſeiner liebſten italieniſchen Sprüchwörter hatte er gelernt, daß man mit einem Maulthier und einem Weibe ohne Schmeicheln nicht vorwärts komme—„Anima mia— Seele meines Lebens— Ihr müßt bereits bemerkt haben, daß Violante ſich hier zu Tode langweilt.“ „Wirklich?— das arme Kind! Nein ich habe noch nichts davon wahrgenommen.“ „Und doch iſt es ſo, Herz meines Lebens. Auch ver⸗ ſteht ſie von der Muſik ſo wenig, als ich von dem Blattſtich.“ „Sie ſingt ſchön.“ Ja, wie der Vogel auch— gegen alle Regeln und ohne Rückſicht auf die Tonleiter. Um deßhalb zur Sache zu kommen, Schatz meiner Seele— ich bin willens, ſie auf eine kurze Zeit von hier fortzunehmen; vielleicht nach Chelten⸗ ham oder nach Brighton— wir werden ſehen.“ „Jeder Platz iſt mir gleichgiltig, wo ich bei Euch bin, Alphonſo. Wann reiſen wir ab?“ „Wir gehen noch heute Abend; aber es wird mir ſchreck⸗ lich, mich von Euch zu trennen— von Euch—“ „Ah!“ unterbrach ihn die Gattin und bedeckte das Antlitz mit ihren Händen. Riccabocca, der ſeinen Grundſätzen nach unter die nd zu auf en⸗ 1103 verſchmitzteſten und ſchonungsloſeſten Männer gehörte, ſchmolz zu abſoluter ehlicher Schwäche herab bei dem Anblick dieſes ſtummen Grames. Er ſchlang mit ungeheuchelter In⸗ nigkeit den Arm um ſeine Gattin und fuhr fort, ohne weiter an italieniſche Sprüchwörter zu denken: „Carissima, härmt Euch nicht ſo; wir kehren bald wie⸗ der zurück, denn das Reiſen iſt koſtſpielig. Ein rollender Stein ſetzt kein Moos an, und wir haben hier ſo mancher⸗ lei, was der Ueberwachung bedarf.“ Mrs. Riccabocca entwand ſich ſanft den Armen ihres Gatten, ließ die Hände ſinken und wiſchte ſich die Thränen weg, die in ihren Augen ſtanden. „Alphonſo,“ verſetzte ſie mit rührendem Tone,„hört mich an. Was Euch gut dünkt, wird immer auch für mich gut ſeyn. Aber glaubt nicht, daß ich mich blos über unſere Trennung gräme. Nein; beſonders ſchmerzlich iſt mir der Gedanke, daß ungeachtet der Reihe von Jahren, während welcher ich Euren Herd theilte und an Eurer Bruſt ruhte, einer Reihe von Jahren, während welcher mein einziges Bemühen war, nach meinen ſchwachen Kräften gegen Euch und die Eurigen meine Pflicht zu erfüllen, und kein anderer Wunſch in mir auftauchte, als daß Ihr möchtet in meinem Herzen leſen können, das nur für Euch und Euer Kind einen Platz hat— ich ſage, beſonders ſchmerzlich iſt mir der Gedanke, daß Ihr mich noch immer Eures Vertrauens ſo unwerth haltet, wie zur Zeit, als Ihr mit mir vor den Altar tratet.“ „Meines Vertrauens?“ wiederholte Riccaboeca in 1104 ſchuldbewußter Betroffenheit.„Warum ſagt Ihr— mei⸗ nes Vertrauens? In welcher Beziehung habe ich Euch mein Vertrauen vorenthalten? Wahrlich“(fuhr er mit der Zungenfertigkeit eines böſen Gewiſſens fort)„ich habe nie einen Zweifel geſetzt in Eure Treue, obſchon ich weiß, daß ich nur ein ſperbernaſiger, langgeſichtiger Ausländer bin, nie in Euren Briefſchaften umhergeſpürt— nie nach Euren einſamen Spaziergängen gefragt— nie auf Euer Coquet⸗ tiren mit dem hübſchen Pfarrer Dale geachtet— nie das Geld eingeſperrt und nie die Einſicht in Euer Haushaltungs⸗ buch verlangt!“ Mrs. Riccabocca würdigte dieſen empörenden Auswei⸗ chungsverſuch nicht einmal eines Lächelns der Verachtung und ſchien überhaupt ſeine Worte kaum gehört zu haben. „Könnt Ihr glauben,“ nahm ſie wieder auf und drückte die Hand auf ihr Herz, als wolle ſie es zur Ruhe bringen, da es in Schluchzen ſich Erleichterung zu ſchaffen ſuchte— „könnt Ihr glauben, mein armer Sinn habe ſich ſo aus⸗ ſchließlich und unabläßig abgemüht, nur Euch zu Gefallen zu denken und zu handeln, ohne daß ich nicht längſt hätte die Entdeckung machen müſſen, wie Ihr Geheimniſſe habt, die Eurer Tochter, ja ſogar Eurem Diener bekannt ſind, nur mir nicht? Seyd unbeſorgt,— die Geheimniſſe können nichts Schlimmes bergen, ſonſt würdet Ihr ſie nicht Eurem unſchuldigen Kinde vertrauen. Zudem, kenne ich nicht Euer Weſen und liebe ich Euch nicht gerade deshalb, weil ich es kenne? Gewiß, um eines Vorgangs willen, der mit jenen Geheimniſſen i in Verbindung ſteht, habt Ihr Euch zu dieſer „—.——„— ——— e—— —— P 1105 ſchnellen Abreiſe entſchloſſen. Ihr glaubt, ich könnte unvor⸗ ſichtig— unklug ſeyn und wollt mich deshalb nicht mit Euch nehmen. Sey es darum. Ich gehe, um für Eure Reiſe die nöthigen Vorbereitungen zu treffen. Vergebt mir, wenn ich Euch wehe gethan habe, mein Gatte.“ Mrs. Riecabocca wandte ſich ab; aber eine weiche Hand berührte den Arm des Italieners. „O Vater, könnt Ihr noch immer widerſtehen? Ver⸗ traut ihr— ſie gehört zu demſelben Geſchlecht, wie ich, und ich bürge für die Verläßlichkeit des Weibes. Bleibt Euch ſelbſt treu— immer edler, als alle anderen, o mein Vater.“ „Diavolo! Nie ſchließt ſich eine Thüre, ohne daß eine andere aufgeht,“ ſtöhnte der Italiener.„Biſt Du den ganz närriſch geworden, Kind, und ſiehſt Du nicht ein, daß ich nur um Deinetwillen fürchtete und vorſichtig ſeyn wollte?“ „Um meinetwillen? O, dann laßt mich nicht ſo ge⸗ mein von mir ſelbſt denken, daß ich die Urſache einer nie⸗ drigen Handlung ſey. Um meinetwillen! Bin ich nicht Eure Tochter— der Abkömmling von Männern, die nicht wußten, was Furcht iſt?“ Violante nahm ſich wirklich erhaben aus, als ſie ſo ſprach. Nachdem ſie geſchloſſen, ergriff ſie ſanft die Hand ihres Vaters und führte ihn nach der Thüre hin, die Mrs. Rierabocea eben erreicht hatte. „Jemima— meine Gattin!— Verzeihung, Verzei⸗ hung,“ rief der Italiener, deſſen Herz ſich längſt geſehnt hatte, ſo viel Zärtlichkeit und Hingebung zu vergelten— Bulwer, meine Novelle. 70 1106 „komm zurück an meine Bruſt. Sie iſt lange verſchloſſen geweſen, ſoll aber von jetzt an immer für Dich offen ſeyn.“ Ein Augenblick und die Gattin lag an dem Platze, wohin ſie gehörte— an dem Buſen ihres Mannes. Und Violante, die ſchöne Vermittlerin, ſtand eine Weile lächelnd ihnen zur Seite. Dann warf ſie einen Blick des Dankes zum Himmel und ſchlich von hinnen. Dreizehntes Kapitel. Als Randal wieder in London anlangte. Hörte er in den Straßen und in den Clubben allerlei widerſprechende Gerüchte über den wahrſcheinlichen Sturz des Miniſteriums beim nächſten Zuſammentreten des Parlaments. Dieſes umſchlagen des Windes am politiſchen Horizont ſchien das plötzliche Werk einer Stunde zu ſeyn. Allerdings hatten ſchon ſeit einiger Zeit manche ſcharfblickende Politiker ihre Köpfe geſchüttelt und die Bemerkung hingeworfen, daß Miniſterien nicht von ewiger Dauer ſeyen; auch ließ ſich nicht in Abrede ziehen, daß vor einem Jahr oder zweien in Folge von gewiſſen Veränderungen in der Politik unter der Re⸗ gierungspartei eine Spaltung eingetreten war, welche der Oppoſition zu ſtatten kam Gleichwohl hatte ſich das Mi⸗ niſterium fortwährend gehalten, und die Gegenpartei ſchien zu machtlos zu ſeyn, um aus Namen von gutem Klang ein Kabinet zu bilden, ſo daß die öffentliche Meinung höchſtens einige partielle Veränderungen in Ausſicht nahm. Jetzt —————————— S 2 ht ge e⸗ er ti⸗ en ein ns tzt 1107 gingen aber die Gerüchie viel weiter, zu Randals großem Schrecken, da er zur Zeit ſeine Zukunft nur im Lichte eines Wiederſcheins von ſeines Gönners Größe betrachten durfte. Er ſuchte Egerton auf; aber der Miniſter war ver⸗ ſchloſſen und zeigte ſeine frühere ruhige zuverſichtliche Hal⸗ tung. Hiedurch einigermaßen beruhigt, ſetzte ſich Randal in Bewegung, um für Riccabocca ein ſicheres Unterkommen zu beſorgen, da es für ihn um ſo dringender nothwendig wurde, ſich auf dieſem Wege ein Vermögen in Ausſicht zu eellen, wenn Egerton nicht in der Lage war, ihm eine ge⸗ borgene Zukunft zu verſchaffen. Er fand eine ruhige abge⸗ legene Wohnung in der Nähe von Norwood. Keine Gegend ſchien mehr gegen Späherblicke und unbequeme Neugierde abgeſchloſſen zu ſeyn. Er ſchrieb an Riccabocca, theilte ihm die Adreſſe mit und gab ihm aufs Neue Verſicherungen von ſeiner Macht, ihm nützlich zu werden. Am andern Morgen ſaß er auf ſeiner Kanzlei und ar⸗ beitete eben, ohne daß ſeine Gedanken an den Einzelnheiten des vor ihm liegenden Gegenſtandes zu haften vermochten, mit mechaniſcher Pünktlichkeit in ſeiner Aufgabe fort, als der Miniſter ſeines Departements ihn zu ſich auf ſein Zim⸗ mer beſcheiden ließ und ihn erſuchte, einen Brief an Mr. Egerton zu beſorgen, mit welchem er ſich über einen wich⸗ tigen Punkt zu berathen wünſchte, der noch am nämlichen Tag im Kabinet zur Verhandlung kommen ſollte.„Es iſt mir daran gelegen,“ ſagte der Miniſter, der ein offener ein⸗ facher Mann war, mit Lächeln,„daß Ihr ſelbſt den Ueber⸗ hringer des Schreibens macht, denn Ihr ſteht in Mr. Eger⸗ 70* 1 „ * 1108 tons Vertrauen, und er hat Euch vielleicht außer der ſchrift⸗ lichen Antwort eine mündliche Botſchaft mitzugeben. Eger⸗ ton iſt oft allzu vorſichtig und kurz, wo ſich's um die litera scripta handelt.“ Randal begab ſich zuerſt nach der nahgelegenen Kanzlei ſeines Gönners— Egerton war heute noch nicht dagewe⸗ ſen. Dann nahm er ein Kabriolet und fuhr nach Grosvenor Square. Ein beſcheidener Wagen ſtand vor der Thüre. Mr. Egerton war zu Haus; aber der Bediente ſagte:„Dok⸗ tor F. iſt bei ihm, Sir, und er ſieht es vielleicht nicht gerne, wenn er jetzt geſtört wird.“ „Wie— iſt Euer Gebieter unwohl?“ „Nicht, daß ich wüßte, Sir. Er ſagt nie, daß ihm etwas fehle. Aber er hät ſeit ein paar Tagen ſehr übel aus⸗ geſehen.“ Randal zögerte einen Augenblick. Aber es handelte ſich vielleicht um einen Auftrag von großer Wichtigkeit, und Eger⸗ tons Grundſatz war, daß Geſundheit und alles Andere nicht in Betracht komme, wo es einem Geſchäfte galt. Er be⸗ ſchloß daher einzutreten und öffnete ſeiner Gewohnheit ge⸗ mãß vhne Umſtände und Anmeldung die Thüre des Biblio⸗ thelzimmers. Faſt wäre er aber wieder zurückgewichen. Audley Egerton ſaß im Sopha zurückgelehnt, und der Dok⸗ tor, der vor ihm auf den Knieen lag, hatte das Stethoſcop auf ſeine Bruſt gerichtet. Egertons Augen waren halb ge⸗ ſchloſſen, als die Thüre aufging. Bei dem durch das Oeffnen veranlaßten Geräuſch ſprang er raſch auf die Beine, ſo daß er den Arzt faſt umgeworfen hätte, und rief mit zorniger 1109 Stimme:—„Wer iſt dies?— Wie könnt Ihr Euch unter⸗ ſtehen?“ Als er jedoch Randal erkannte, wechſelte er die Farbe, biß ſich in die Lippe und murmelte trocken:„Ent⸗ ſchuldigt meine Heftigkeit. Was iſt Euer Begehren, Mr. Leslie?“ „Dieſes Schreiben von Lord P—. Ich habe die Wei⸗ ſung, es unverweilt in Eure Hände zu überliefern, und muß deßhalb um Verzeihung bitten—“ „Nicht Urſache,“ verſetzte Egerton kalt.„Ich hatte einen leichten Catarrhanfall, und da nächſtens das Par⸗ lament zuſammentritt, ſo wollte ich die Meinung des Arz⸗ tes hören, ob ich wohl für die Berichterſtatter verſtändlich ſprechen kann. Legt das Schreiben nur auf den Tiſch und habt die Güte auf die Antwort zu warten.“ Randal entfernte ſich. Nie zuvor hatte er einen Arzt im Hauſe geſehen, und es fiel ihm auf, daß Egerton um eines unbedeutenden Anfalls willen einen Doktor ſollte be⸗ rufen haben. Während er noch im Vorzimmer wartete ver⸗ nahm er ein Pochen an der Hausthüre, und unmittelbar darauf wurde ein ſehr elegant gekleideter Gentleman ein⸗ geführt, welcher den jungen Mann mit einer nachläßigen, halbvertraulichen Verbeugung grüßte. Randal erinnerte ſich, daß er dieſen Mann bei dem Diner eines jungen, ſehr faſhionablen Lords ſchon geſehen hatte, war ihm aber nicht vorgeſtellt worden und kannte ihn nicht einmal dem Namen nach. Der Beſuch war beſſer unterrichtet. „Unſer Freund Egerton iſt beſchäftigt, wie ich höre, 111⁰ Mr. Leslie,“ ſagte er, indem er die Kamelia in ſeinem Knopf⸗ loch feſtſteckte. „Unſer Freund Egerton!“ Es mußte wohl eine ſehr bedeutende Perſon ſeyn, daß ſie ſagen konnte:„Unſer Freund Egerton.“ „Ich denke, er wird nicht lange in Anſpruch genommen ſeyn,“ verſetzte Randal, ſeinen ſchlauen, forſchenden Blick über die Geſtalt des Fremden hingleiten laſſend. „Ich will es hoffen, denn meine Zeit iſt faſt eben ſo koſtbar, wie die ſeinige. Ich war nicht ſo glücklich, Euch vorgeſtellt zu werden, als ich bei Lord Spendquick mit Euch zuſammentraf. Ein guter Kerl dieſer Spendquick, und un⸗ gemein geſcheidt.“ Lord Spendquick galt allgemein als ein Gentleman, der keine drei Ideen im Kopf hatte. Randal lächelte. Inzwiſchen hatte der Fremde aus einem Futteral von gepreßtem Maroquin eine Karte genommen und bot ſie Ran⸗ dal hin, der darauf las „Baron Levy, Nr.—, Bruton Str.“ Der Name war Randal nicht unbekannt; man hörte ihn zu oft von den Lippen vornehmer Lebemänner, als daß er nicht einem hapitus der guten Geſellſchaft hätte zu Ohren kommen ſollen. Mr. Levy war von Beruf ein Sachwalter geweſen, hatte aber in den letzten Jahren dieſe oſtenſible Stellung aufgegeben und in Folge der Dienſte, die er bei Nego⸗ cirung eines Anlehens leiſtete, von einem der deutſchen Kö⸗ ——————— 3—— —— 11¹1 nige den Baronentitel erhalten. Es ging allgemein die Rede, ſein Reichthum ſey nur mit ſeiner Zuvorkommenheit gegen diejenigen zu vergleichen, die eines zeitweiligen An⸗ lehens bedurften und ſich der vernünftigen Ausſicht erfreuten, es des einen oder andern Tages wieder zu bezahlen. Man traf nicht leicht einen Mann von feinerem Aus⸗ ſehen, als den Baron Levy. Er mochte ungefähr in Eger⸗ tons Alter ſtehen, ſchien aber jünger zu ſeyn, und hatte ſich ungemein gut erhalten. Welch ein prächtiger ſchwarzer Backenbart— und die ſchönen Zähne! Ungeachtet ſeines Namens und ſeiner dunkeln Geſichtsfarbe ſah er keinem Ju⸗ den gleich— wenigſtens nicht äußerlich; auch war er in Wirklichkeit von väterlicher Seite aus kein Angehöriger die⸗ ſes Volks, ſondern der natürliche Sohn eines ſehr reichen engliſchen grand seigneur und einer iſraelitiſchen Dame von Diſtinktion— bei der Oper. Nach ſeiner Geburt hatte die gedachte Dame einen deutſchen Handelsmann ihres eigenen Glaubens geheirathet und ihren Gatten zur größern Be⸗ quemlichkeit für alle Theile veranlaßt, ihren Erſtgebornen an Kindesſtatt anzunehmen und ihm ſeinen ifraelitiſchen Namen zu ertheilen. Mr. Levy senior wurde bald Wittwer, und nun erzeigte der wahre Vater dem Knaben, obſchon er ihn nie förmlich als ſeinen Sohn anerkannte, große Aufmerk⸗ ſamkeit, indem er ihn häufig in ſein Haus kommen ließ und ihn bei Zeiten in ſeine eigene hochgeborene Geſellſchaft einführte, an der das Jüngelchen bald großen Geſchmack gewann. Aber als der gnädige Herr ſtarb und dem jünge⸗ ren Levy, der damals achtzehn Jahre zählte, nur ein mäßiges 1112 Legat hinterließ, gab der angebliche Papa die zweideutige Perſon einem Attorney in die Lehre und kehrte bald darauf in ſeine Vaterſtadt Prag zurück, wo noch heutigen Tags ſein Grabſtein zu ſehen iſt. Der junge Levy machte ſich übrigens auch ohne ihn. Die wahren Verhältniſſe ſeiner Herkunft waren allgemein bekannt und kamen ihm vom geſellſchaft⸗ lichen Geſichtspunkt aus ſehr zu ſtatten. Das Legat be⸗ fähigte ihn mit ſeinem Lehrherrn in Compagnonſchaft zu treten, und er gewann unter den faſhionablen Klaſſen der Geſellſchaft bald eine große Praxis. In der That wußte er ſich ſo nützlich zu machen— er war ein Mann von Welt und ſo angenehm im Verkehr, daß er mit ſeinen Klienten, hauptſächlich vornehmen jungen Männern, auf einen ganz vertraulichen Fuß zu ſtehen kam. Dabei unterhielt er ein gutes Einvernehmen mit Jud und Chriſt, und da er weder das eine noch das andere war, ſo konnte er, um mich des trefflichen Simile's von Sheridan zu bedienen, mit dem weißen Blatt zwiſchen dem alten und neuen Sßapent ver⸗ glichen werden. Vielleicht nannten Einige Mr. Levy wegen ſeiner Drei⸗ ſtigkeit gemein; indeß war es nicht die Gemeinheit eines an niedrige und ſchlechte Geſellſchaft gewöhnten Menſchen, ſon⸗ dern eher der mauvais ton einer Perſon, die ihrer eigenen Stellung nicht gewiß, dabei aber entſchloſſen iſt, in der beſten, die ihm zugänglich wird, ſich Geltung zu verſchaffen. Wenn man dabei ins Auge faßt, daß er ſich in der Welt aufgeſchwungen und ein ungeheures Vermögen zuſammen gebracht hatte, ſo brauchen wir nicht weiter anzufügen, daß 11¹3 er ſo ſcharf wie eine Nadel und ſo hart wie ein Kieſelſtein war. Nie hatte ein Menſch mehr Freunde gehabt, nie einer feſter bei denſelben ausgehalten— ſo lange noch ein Pfund in ihrer Taſche klimperte. Randal hatte Einiges von dieſem Charakter des Ba⸗ rons gehört und betrachtete verwundert zuerſt die Karte und dann den Mann. „Ich habe kürzlich bei Borrowell einen Freund von Euch kennen gelernt,“ nahm der Baron wieder auf— „den jungen Hazeldean.„Ein vorſichtiger Jüngling— ganz ein Mann der Welt.“ Da dies ein Lob war, welches der arme Frank am allerletzten verdiente, ſo lächelte Randal abermals. Der Baron fuhr fort:— „Ich hoͤre, Mr. Leslie, daß Ihr großen Einfluß habt auf den jungen Hazeldean. Seine Angelegenheiten befinden ſich in einem traurigen Zuſtand. Ich würde mich ſehr glücklich ſchätzen, wenn ich ihm nützlich werden könnte, da es ein Verwandter meines Freundes Egerton iſt; aber er verſteht ſich auf Geſchäftsſachen ſo gut, daß er meinen Rath verachtet.“ „Ihr thut ihm ſicherlich Unrecht.“ „Unrecht? Nein; ich ehre ſeine Vorſicht. Ich ſage zu Jedermann: Kommt nicht zu mir, denn ich kann Euch Geld unter viel billigeren Bedingungen ſchäffen, als irgend ein Anderer! Was iſt die Folge davon? Man kommt ſo oft, bis man ſich regelrecht zu Grunde gerichtet hat, während man den gewerbsmäßigen Wucherer ohne Gewiſſen fürchtet. 1144 Hundert Procent! heißt es da. O, ich muß einziehen. Wenn Ihr Einfluß auf Euren Freund habt, ſo ſagt ihm, di er ſolle bei ſeinen Wechſelmäklern bleiben und ja nicht mit ir dem Baron Levy anbinden.“ Jetzt läutete die Klingel des Miniſters, und Randal, der zum Fenſter hinausſchaute, ſah den Doktor F— nach ſeinem Wagen gehen, welcher Baron Levy's prächtigem Cabriolet hatte Platz machen müſſen— einem Cabriolet vom vollendetſten Geſchmack— die Freiherrnkrone auf den dunkelbraunen Thüren— ein ſchwarzes Roß mit welchem w Feuer!— und das Geſchirr durch feine Plattirung geho⸗ ni ben. Der Bediente erſchien und erſuchte Randal einzutre⸗ ten, indem er zugleich den Baron verſicherte, daß er keine ſti Minute aufgehalten werden würde. Y „Leslie,“ ſagte der Miniſter, indem er ein Schreiben zuſiegelte,„bringt dies Lord P— wieder zurück und ſagt ihm, daß ich in einer Stunde bei ihm ſeyn werde.“ „Sonſt habt Ihr mir nichts aufzutragen? Er ſchien etwas Weiteres zu erwarten.“ „Ich kann mir dies denken. Wohlan, mein Schreiben ph iſt officiell, mein Auftrag aber nicht. Bittet ihn, er möchte, au eh' ich zu ihm komme, mit Mr. N— Rückſprache nehmen. eit Er wird mich verſtehen, denn Alles hängt von dieſem Be⸗ wi ſuch ab.“ 6 Egerton bot ihm das Schreiben hin und fuhr dann mit M Ernſt fort: S „Natürlich werdet Ihr gegen Niemand auch nur wa⸗ nie von athmen, daß Doktor F— bei mir geweſen iſt. Die Ge⸗ hen. ihm, mit wal, nach gem iolet den chem eho⸗ utre⸗ keine iben ſagt chien iben men. Be⸗ mit da⸗ 11¹⁵ ſundheit eines Staatsmannes darf nicht beargwöhnt wer⸗ den. Hum— wart Ihr auf Eurem eigenen Zimmer, oder im Vorgemach?“ „Im Vorgemach, Sir.“ Egertons Stirne furchte ſich leicht. „Und Ihr ſeyd dort mit Mr. Levy zuſammengetroffen — wie?“ „Ja— mit dem Baron.“ „Baron— richtig. Vermuthlich kömmt er, um mich wegen des merikaniſchen Anlehens zu quälen. Ich will Euch nicht länger aufhalten.“ In tiefem Nachdenken verließ Randal das Haus und ſtieg in ſein Mietheabriolet, während der Baron bei dem Miniſter eingeführt wurde. Vierzehntes Kapitel. Egerton hatte ſich der vollen Länge nach auf das So⸗ pha geworfen, eine Lage, die ungemein ſelten bei ihm war, auch zeigte bei Levy's Eintritt ſeine Stirne und Haltung einen Ausdruck, der auffallend verſchieden war von dem ge⸗ wöhnlichen ſtattlichen Weſen des Geſetzgebers. Sogar ſeine Stimme hatte einen anderen Ton. Es war als ob der Miniſter, der Geſchäftsmann, verſchwunden und an ſeine Stelle der faſhionable Müſſiggänger getreten ſey, denn er nickte indolent ſeinem Beſuch zu und ſagte: „Levy, wie viel Geld kann ich auf ein Jahr haben?“ 1116 „Die Güter können nicht viel weiter tragen. Mein theurer Freund, die letzte Wahl iſt ein wahres Teufelsding geweſen. So könnt Ihrs nicht mehr lange forttreiben.“ Mein theurer Freund“ Baron Levy redete Audley Egerton als ſeinen theuren Freund an. Und Audley Egerton fand nichts Anſtößiges in dieſer Begrüßung, obſchon ſein Lippe ein wenig kraus wurde. „Dies wird auch nicht nöthig ſeyn,“ antwortete Eger⸗ ton, und die krauſe Lippe verzog ſich zu einem düſteren Lä⸗ cheln.„Indeß müſſen die Güter immer noch fünftauſend Pfund aushalten können.“ „Eine ſchwere Belaſtung. Ihr thätet beſſer, ſie zu verkaufen.“ „Ich kann dies vorderhand nicht. Es iſt mir unmög⸗ lich, den Leuten Anlaß zu dem Gerede zu geben: Mit Aud⸗ ley Egerton iſts aus— ſein Beſitzthum wird zum Verkauf ausgeboten?“ „Es iſt allerdings ſehr traurig, wenn man bedenkt welch ein reicher Mann Ihr geweſen ſeyd— und es ſogar jetzt noch werden könntet.“ „Jetzt noch?— Wie ſo?“ Baron Levy warf einen Blick nach den dicken Maha⸗ gonythüren— dick und undurchdringlich, wie die Thüren von Staatsmännern ſeyn müſſen. „Je nun, Ihr wißt, daß ich mit drei Worten von Euch auf die Staatspapiere dreier Nationen einen Einfluß üben könnte, der jedem von uns hunderttauſend Pfund ein⸗ bringen dürfte. Wir würden theilen.“ ſich die Le an ho bei es lich LC für, klei mel Züůe Mi ein ng ley ton er⸗ Lä⸗ end zu ud⸗ auf nkt gar ha⸗ von von fluß ein⸗ 1417 „Levy,“ verſetzte Egerton kalt, obſchon ein tiefes Roth ſich über ſein Antlitz breitete,„Ihr ſeyd ein Schurke; doch dies iſt Eure Sache. Ich kümmere mich nicht um anderer Leute Geſchmack und Gewiſſen, will aber nicht ſelbſt zum Schurken werden und habe Euch dies ſchon früher erklärt.“ Der Baron lachte, ohne die mindeſte Empfindlichkeit an den Tag zu legen. „Gut,“ entgegnete er,„Ihr ſeyd weder klug, noch höflich, aber Ihr ſollt das Geld haben. Indeß fällt mir bei,“ fuhr er mit Nachdruck fort—„thätet Ihr nicht beſſer, es ohne Intereſſe von Eurem Freund L'Estrange zu borgen?“ Egerton fuhr auf, als wäre er von einer Schlange ge⸗ ſtochen. „Ihr wollt mich höhnen, Sir!“ rief er leidenſchaft⸗ lich.„Ich pecuniäre Verpflichtungen eingehen gegen Lord LEstrange— ich!“ „Beruhigt Euch, mein theurer Egerton. Ich ſtehe da⸗ für, der gnädige Herr würde jetzt nicht ſo ſchlimm von jenem kleinen Vorfall in Eurem Leben denken, der—“ „Halt!“ rief Egerton, das Geſicht verzerrend.„Kein Wort mehr!“ Er hielt inne, ſchritt im Zimmer auf und ab und mur⸗ melte vor ſich hin:— „Vor dieſem Menſchen erröthen zu müſſen! O herbe Züchtigung!“ Levy betrachtete ihn mit hartem finſterem Blicke Der Miniſter wandte ſich plötzlich wieder an ihn. „Ich ſehe, Leyy,“ ſagte er mit erkünſtelter Faſſung— 1118 „Ihr haßt mich— warum, weiß ich nicht. Ich habe Euch nie beleidigt— nie das unſühnbare Unrecht geahndet, das Ihr mir zufügtet.“ „Unrecht? Euch— einem Mann der großen Welt? Unrecht!— Nun, nennt es meinetwegen, wie Ihr wollt,“ fügte er einziehend bei, denn Audley's Stirne wurde fürch⸗ terlich;„aber habe ich es nicht wieder gut gemacht? Säßet Ihr jetzt in dieſem Palaſt und beherrſchtet dieſes Land als einer ſeiner einflußreichſten Miniſter ohne meine Vermitt⸗ lung— ohne meine Fürſprache bei der reichen Miß Leslie? Sprecht ſelbſt— was wäre aus Euch geworden ohne mich? Vielleicht ein Bettler!“ „Was wird jetzt aus mir, wenn ich lebe? Zum Bettler wäre ich damals nicht geworden, denn bei aller Armuth an Geld war ich doch reich— reich an allem, was jetzt entflohen iſt und mein Leben bankrutt zurückläßt. Geld iſt bei mir nicht gediehen— wie hätte es auch ſollen? Und dieſes Vermö⸗ gen?— der größte Theil davon iſt ſchon in Euren Händen — geduldet Euch; bald werdet Ihr Alles haben. Aber es lebt ein Mann in der Welt, der mich von meinen Knaben⸗ jahren an geliebt hat, und weh Euch, wenn er je erfährt, daß er berechtigt iſt, mich zu verachten.“ „Egerton, mein lieber Freund,“ erwiederte Levy mit großer Faſſung,„Ihr braucht mir nicht zu drohen, denn wel⸗ ches Intereſſe könnte es für mich haben, gegen Lord LEs⸗ trange zu plaudern? Daß ich Euch haſſen ſollte— pah! Ihr kapitelt mich ab unter vier Augen und wollt vor den Leuten nichts von mir wiſſen; Ihr weigert Euch, an meiner Ta ber zuc dre lan ſon ſcho auc ten der Ver ein and von und Anz ſtan Ser ch 16 t* ch⸗ jet ls tt⸗ ie? h ler an hen icht mö⸗ den ber en⸗ hrt, mit wel⸗ Es⸗ a den iner 11¹9 Tafel zu erſcheinen, und wollt mich nicht an der Eurigen ha⸗ ben; gleichwohl gibt es keinen Menſchen, dem ich mehr zugethan wäre und dem ich bereitwilliger dienen könnte. Wann braucht Ihr die fünftauſend Pfund?“ „Vielleicht ſchon in einem Monat, vielleicht erſt nach drei oder vier. Haltet es bereit für den Fall, daß ich es ver⸗ lange.“ „Genug; Ihr könnt Euch darauf verlaſſen. Habt Ihr ſonſt noch etwas zu befehlen?“ „Nein?“ „So will ich mich verabſchieden. Beiläufig, wie hoch ſchätzt Ihr den Ertrag von Hazeldean— den reinen, meine ich?“— „Ich kann da keine Auskunft geben und kümmere mich auch nicht darum. Ihr habt doch keine Abſichten darauf?“ „Na, ich liebe es, Familienbeziehungen zu unterhal⸗ ten. Frank ſcheint ein ſplendider junger Gentleman zu ſeyn.“ Bevor Egerton antworten konnte, war der Baron nach der Thüre hingeglitten. Er machte noch eine anmuthige Verbeugung und verſchwand. Egerton blieb zurück an dem einſamen Herd. Es war ein trauriges Hageſtolzenzimmer von einer Wand bis zur andern, trotz der ſtukkirten Decke und des offiziellen Prunks von Bramaſchreibzeugen und rothen Aktenkapſeln. Traurig und freudelos— keine Spur von weiblicher Nähe— kein Anzeichen von der Aufdringlichkeit glücklicher Kinder. Da ſtand der ernſte Mann— allein. Und mit einem tiefen Seufzer murmelte er endlich vor ſich hin: „Gott ſey Dank, nicht lunge mehr— es wird nicht mehr lang dauern.“ Während er dieſe Worte wiederholte, ſchloß er mecha⸗ niſch ſeine Papiere ein. Dann drückte er für einen Augen⸗ blick die Hand auf die Bruſt, als habe dieſelbe ein plötzlicher Krampf durchzuckt. „So— ich muß alle Aufregung vermeiden!“ er mit leichtem Kopfſchütteln. Und fünf Minuten ſpäter befand ſich Audley Egerton auf der Straße. Seine Haltung war aufrecht und ſein Schritt ſo feſt, wie immer. „Dieſer Mann iſt von Eiſen,“ ſagte ein Führer der Oppoſition zu einem Freund, als ſie an dem Miniſter vor⸗ beiritten.„Was würde ich geben um ſeine Nerven!“ Meuntes Buch. Einleitungs⸗Kapitel. Da ich nun bis ins Herz meiner Geſchichte vorgeſchrit⸗ ten bin, müſſen dieſe einleitenden Kapitel verhältnißmäßig auf einen kleineren Umfang zuſammenſchrumpfen und dürfen den Raum nicht beeinträchtigen, deſſen ich für die verſchiede⸗ nen Perſonen bedarf, deren Bekanntſchaft ich da und dort gemacht habe, und die jetzt alle auf mich hereinbrechen, armen „ n in er t⸗ ig rt en 1121 Verwandten gleich, welche in Folge einer unüberlegten allge⸗ meinen Einladung gleichzeitig um Weihnachten angeſtiegen kommen. Wo ſie ein Unterkommen finden und was aus ih⸗ nen werden ſoll, weiß der Himmel. Mittlerweile wird der Leſer bereits bemerkt haben, daß die Caxtonfamilie aus ihren Zimmern verdrängt worden iſt und aufgepackt hat, um den neuen Ankömmlingen Platz zu machen. Da eben von dieſer achtbaren Familie die Rede iſt, ſo ergreife ich mit Umgehung aller weiteren Metaphern die Gelegenheit, einen Zweifel auszudrücken, ob für den Fall, daß dieſe Papiere geſammelt werden und wieder zum Ab⸗ druck kommen, die Einleitungskapitel, in welchen ich die Cax⸗ tone wieder auftauchen laſſe, nicht einen völligen Umguß erleiden müſſen. Sie geben mir ſelbſt die Verſicherung, daß ſie ſich beſchämt fühlen vor dem möglichen Vorwurf, ſie hät⸗ ten ihre unbedeutenden Naſen in Dinge hineingeſteckt, welche ſie lediglich nichts angingen— eine Ungebühr, die von ihnen als einer eigenthümlich ſchüchternen Race während des frü⸗ heren Verlaufs ihres unſchuldigen und abgeſchiedenen Da⸗ ſeyns ſorgfältig vermieden worden ſey. In der That iſt auch einiger Grund für dieſe Befürchtung vorhanden, ſintemalen vor nicht langer Zeit in einem ſo betitelten critiſchen Jour⸗ nal die Schrift: Meine Novelleoder Wechſelformen im englichen Leben ſchnöderweiſe als„eine Fortſetzung der Caxtone“ bezeichnet iſt, obſchon ſie mit dem letzteren biographiſchen Werk, wenn man von den gedachten Einlei⸗ tungen in die früheren Bücher der voörliegenden abwechs⸗ lungsreichen und kurzgefaßten Erzählung abſieht, ſo we⸗ Bulwer, meine Novelle. 7¹ 1122 nig zu ſchaffen hat, als ich mit Hecuba oder Hecuba mit mir. Das eben ausgedrückte Bedenken einer reiferen Er⸗ wägung vorbehaltend, fahre ich in meinem neuen Einlei⸗ tungskapitel fort und beſchränke den Gegenſtand deſſelben auf einen kurzen Commentar über das öffentliche Leben. Haſt du dich je an dem öffentlichen Leben betheiligt, mein lieber Leſer? Ich will mit dieſer Frage dir nicht auf den Zahn fühlen, ob du je Lordkanzler, Premierminiſter, Führer der Oppoſition oder auch nur ein Mitglied des Unter⸗ hauſes geweſen ſeyeſt; denn ein Schriftſteller hofft weit über dieſen ſehr anſehnlichen aber auch ſehr kleinen Abſchnitt des großen Kreiſes hinaus Leſer zu finden. Ich meine blos, ob du je Kirchenälteſter, Gemeinderath oder Mitglied eines Comites zu Förderung der Intereſſen eines erleuchteten Wahlcandidaten für deinen Bezirk— mit einem Wort, ob du je in der Lage warſt, deiner Privatbequemlichkeit als Menſch Abbruch zu thun, um an den öffentlichen Mühen des Menſchengeſchlechts Theil zu nehmen. Wenn du dich ſo weit der lukreziſchen Philoſophie entſchlagen konnteſt, ſo⸗ blick rückwärts und ſag mir: war es überhaupt ein Leben, das du lebteſt? warſt du ein individuelles ſelbſtſtändiges Weſen— ein Paſſagier auf der Eiſenbahn— oder nicht vielmehr ein unablösbarer Theit jener gemeinſamen Flamme, die den Keſſel zum Sieden brachte und den Dampf erzeugte, durch welchen der Rieſenzug in Bewegung kam? Sehr heiß, ſehr thätig und ſehr nützlich ohne Zweifel; aber dein eigenes Selbſt zerſchmolz in der Flamme, und alle deine Thatkraft ging in Dampf guf⸗ — —————————— me en n, 1123 Und glaubſt du, die Leute in den Wagen kümmern ſich um dich? Glaubſt du, jener Gentleman in dem wolle⸗ nen Ueberhalstuch ſage zu ſeinem Nachbar mit dem geſtreif⸗ ten Fries auf den behaglichen Knieen:—„Wie dankbar müſſen wir jenem Feuertheilchen ſeyn, das unter dem Keſſel praſſelt und ziſcht! Es bringt uns auf dem Wege von Vaux⸗ hall nach Putney um den Bruchtheil eines Zolls vorwärts.“ Nicht daran zu denken! Im Gegentheil wette ich Zehn ge⸗ gen Eins, daß er ruft:—„Keine ſechszehn Meilen in der Stunde! Was zum Teufel treibt denn der Heizer?“ Betrachte nun unſeren Freund Egerton. Du haſt eben einen Blick auf das wahre Leben geworfen, das unter dem ungeheuren Keſſel kämpft— vernahmſt, wie hohl die Koffer des reichen Mannes klangen unter dem Klopfen von Baron Levy's freundlichem Finger— hörteſt, wie das Herz des ſtarken Mannes ſeinen dumpfen Warneruf erſchallen ließ unter dem wiſſenſchaftlichen Ohr des Doctor F—. Und wieder verſchwindet das geſonderte Daſeyn, aufs Neue ſich verlierend in die Flamme, die den Keſſel heizt, und in den Rauch, der aus dem ſchwarzen Kamin kraus in die Luft aufſteigt. Sieh zu, öffentlicher Mann, wer und weſſen Grades du auch ſeyn mögeſt— ſteh zu, ob du's nicht einzuleiten ver⸗ magſt, daß dir wenigſtens ein kleiner Theil deines Privat⸗ lebens bleibe— das heißt für den eigenen Gebrauch. Laß die große Popkinsfrage nicht deine individuelle Smith⸗ oder Johnſohn⸗Seele ganz aufſaugen. Verzehre dich nicht ſo völlig unter dem unerſättlichen Keſſel, daß du, wenn deine (6 ½ arme kleine Monade durch den rußigen Kamin ausfährt und bei den Sternen anlangt, dort keinen Beruf für dich findeſt und dir ſagen müſſeſt, du habeſt nichts zu ſchaffen mitten in der ſtillen Pracht der Unendlichkeit. Ich will den Nutzen deines„öffentlichen Lebens“ nicht in Abrede ziehen und gern zugeben, daß es viel iſt, bei Durchführung der großen Popkinsfrage mitgeholfen zu haben; aber das Privatleben, mein Freund, iſt das Leben deiner individuellen Seele, und es kann in Beziehung auf dieſes Dinge geben, die, wie du nach reiferer Erwägung vielleicht ſelbſt zugibſt, nicht ganz in der großen Popkinsfrage aufgehen dürfen und wohl kaum ihre ſchließliche Erledigung finden, wenn du rufen kannſt:„Ich habe nicht umſonſt gelebt— die Popkinsfrage iſt endlich durchgedrungen!“ O unſterbliche Seele, nur für eine Vier⸗ telſtunde des Tags entpopkinſire deine Unſterblichkeit! Zweites Kapitel. Es bedurfte wirklich großer Ueberredungskünſte von Seiten Schakeimo's, um Riccabocta zu bewegen⸗ daß er ein⸗ willigte, das von Randal empfohlene Haus zu beziehen. Nicht daß der Flüchtling gegen den jungen Mann einen anderen Argwohn gehegt hätte, als den, welchen er vielleicht mit Schakeimo theilte und Randals Intereſſe für den Vater aus einer ſehr natürlichen und verzeihlichen Bewunderung der Tochter ableitete— nein, der Italiener beſaß den Stolz⸗ welcher dem Unglück ſo gewöhnlich iſt; er wollte Anderen ich er⸗ on in⸗ en. nen icht ter ing olz, ren 1125 nicht verpflichtet ſeyn und ſchrack vor dem Mitleid derje⸗ nigen zurück, welche wußten, daß er in ſeinem Vaterland eine höhere Stellung eingenommen hatte. Dieſe Bebenk⸗ lichkeiten ließen ſich nur durch die Stärke der Vaterliebe und durch ſeine Furcht vor dem Feinde überwinden. Wie verſtändig und muthig auch der Rechtſchaffene ſeyn mag, ſo iſt er doch, wenn er viel durch die Schlachten gelitten hat, nur allzugeneigt, ſich übertriebene Vorſtellung von der Macht zu bilden, welcher er unterliegen mußte. Schakeimo hegte eine abergläubiſche Furcht vor Peschiera, und wenn auch Riecabveca von der Schwäche des Aberglaubens frei war, ſo überkroch es ihn doch mit eiſiger Kälte, ſo oft er an ſeinen Feind dachte. Aber Riccabveca, der bei allem phyſiſchen Muthe in mancher Beziehung moraliſch ungemein ſchüchtern war, fürch⸗ tete in dem Grafen weniger den Feind, als den Freier. Er erinnerte ſich der ſeltenen Schönheit ſeines Verwandten und wußte, welche Macht derſelbe über die Frauen beſaß; denn der Graf war in alle die Künſte der Verführung ein⸗ geweiht, ohne ſich bei ihrer Anwendung durch Gewiſſen⸗ bedenklichkeiten ſchrecken zu laſſen. Dabei hegte unglücklicher⸗ weiſe der Doktor eine ſo geringe Meinung von dem weib⸗ lichen Charakter, daß ſelbſt Violante's reine, hehre Natur ihm keine hinreichende Bürgſchaft gegen die Schlauheit und den böſen Willen eines geübten ſchonungsloſen Ränkeſchmieds zu ſeyn ſchien. Von allen Vorſichtsmaßregeln übrigens, die er einſchlagen konnte, durfte wohl keine ſicherer zum Ziele führen, als wenn er in ein freundliches Einvernehmen trat 1126 mit einem Manne, der ſeiner Betheurung nach in der Lage war alle Plane und Bewegungen des Grafen zu erkunden und Riccabocea zu warnen, im Falle der Feind von ſeinem Zu⸗ fluchtsort Kenntniß erhalten hatte.„Eine Warnung in Zeiten iſt ſo gut wie eine Waffe,“ ſagte er zu ſich ſelbſt in einem der Sprüchwörter, die man unter allen Nationen vorfindet. Als er jedoch mit ſeinem gewöhnlichen Scharf⸗ ſinn die beunruhigende Mittheilung Randals, daß Peschiera der Hand ſeiner Tochter nachſtelle, in Erwägung zog, konnte er ſich der Muthmaßung nicht entſchlagen, daß dieſem Plane irgend ein ſtarkes perſönliches Intereſſe zu Grunde liegen müſſe; und was konnte dies wohl anders ſeyn, als die Wahr⸗ ſcheinlichkeit einer endlichen Begnadigung Riccabveca's und das Verlangen des Grafen, ſich die Erbnachfolge auf einer Domäne zu ſichern, deren Nutznießung ihm in einem ſolchen Fall entriſſen wurde? Riccabocea kannte nicht einmal die Bedingung, unter denen der Graf die verfallenen Güter be⸗ ſaß, da der öſterreichiſche Hof in dem vorliegenden Beiſpiele eine von ſeiner gewöhnlichen Politik abweichende Praris ein⸗ geſchlagen hatte. Von der widerruflichen Eigenſchaft der Verleihung an den Grafen wußte er nichts, wohl aber genug von Peschiera's Charakter, um der Ueberzeugung zu leben, daß dieſer nicht um eine Braut ohne Morgengabe freien oder durch Gewiſſensbiſſe zu einer verſöhnlichen Annäherung ſich bewegen laſſen würde. Seine Furcht wurde noch durch den Umſtand erhöht, daß er nicht daran zweifelte, Peschiera werde es unter keinen Umſtänden wagen, ihm perſönlich zu nahen, und es ſtand deshalb zu erwarten, daß der Graf alle e⸗ in⸗ ug en, ien ng rch ra lle 1127 ſeine Anſchläge auf Piolante heimlich, ſchleichend und im Dunkeln betrieb. Dazu kam die quälende Ungewißheit, ob er gegen ſeine Tochter offen ſeine Befürchtungen ausſprechen ſollte oder nicht. Er hatte nur ganz unbeſtimmt hinge⸗ worfen, daß er um ihretwillen einen Verſteck ſuche; aber damit war nicht viel geſagt, denn galt nicht jede Gefahr, die ihn bedrohte, auch ihr? Gleichwohl ging es ganz gegen die Natur eines Mannes von ſeinen italieniſchen Anſichten und macchiavelliſtiſchen Grundſätzen, ſich weiter auszulaſſen. Sollte er zu einem jungen Mädchen ſagen:„Es ifl ein Mann nach England herüber gekommen, in der Abſicht, um Dich zu werben und Dich zu gewinnen. Ums Himmelswillen, nimm Dich vor ihm in Acht; er iſt verteufelt ſchön und unwiderſtehlich, wo er erobern will.“—„Cospetto!“ rief der Doktor laut, als dieſe Erwägungen in der Camera obscura ſeines Gehirns ſich zu Worten geſtaltet hatten— „eine ſolche Warnung würde ſelbſt das unſchuldige jung⸗ fräuliche Herz einer Cornelia zur leichten Beute des Feindes gemacht haben.“ Nein, ſein Entſchluß ſtand feſt, Violanten nichts von den Abſichten des Grafen mitzutheilen. Dagegen nahm er ſich vor, unermüdlich zu wachen; er und Schakeimo wollten ganz Auge und Ohr ſeyn. Das von Randal ausgewählte Haus gefiel Riccabocca auf den erſten Blick. Es ſtand allein auf einer kleinen An⸗ höhe, und die oberen Fenſter boten eine Ausſicht nach der Landſtraße. Das Gebäude war früher eine Schule geweſen und von hohen Mauern umgeben, welche einen für die nö⸗ thige Leibesbewegung hinreichend großen Hof und Garten 1128 einſchloſſen. Die Gartenthore waren ſtark und mit feſtem Riegelwerk verwahrt, dabei mit einer kleinen vergitterten Oeffnung verſehen, die beliebig geſchloſſen werden konnte und Schakeimo in die Lage ſetzte, jeglichen Beſuch vorher in Augenſchein zu nehmen, eh er ihn eintreten ließ. Als weitere Bedienung wurde eine alte Magd aus der Umgegend gedungen; auch verzichtete Riccabveca auf ſeinen italieniſchen Namen und ſchwur ſeiner Herkunft ab. Er ſprach das Engliſche gut genug, um, wie er meinte, für einen gebornen Engländer gelten zu können, und nannte ſich Mr. Richmouth(eine buchſtäbliche Ueberſetzung von Riccabveca). Nachdem er ferner ein Musketon, zwei Paar Piſtolen und einen ungeheuren Haushund gekauft und ſo ſich gehörig vor⸗ geſehen hatte, erlaubte er Schakeimo, an Randal einen kurzen Bericht von ſeiner Ankunft ergehen zu laſſen. Randal ſäumte nicht, ſeinen Beſuch zu machen. Bei ſeiner Anſchicklichkeit und Verſtellungskunſt gelang es ihm leicht, ſich Mrs. Riccabocea geneigt zu machen und die gute Meinung, die der Flüchtling von ihm hegte, noch zu ſteigern. Mit Violante unterhielt er ſich über Italien und ſeine Dich⸗ ter, verſprach ihr, Bücher für ſie zu kaufen, und begann, obſchon in abgemeſſenerer Weiſe, als ihm lieb war, da ihre anmuthige Stattlichkeit ihm eine unwillkürliche Scheu ein⸗ flößte, die Vorbereitungen zu einer ſpäteren Werbung. Bald wurde er von allen als Hausfreund angeſehen, der nach den Mühen ſeines Amtes täglich in der Abenddämmerung her⸗ angeritten kam und nach einem Beſuch von ein Paar Stun⸗ den wieder zurückkehrte. Schon nach vier oder fünf Tagen „ en d 1129 glaubte er bei der ganzen Familie große Fortſchritte ge⸗ macht zu haben. Riccabocca beobachtete ihn ſorgfältig und vertiefte ſich nach jedem Beſuch in ernſte Gedanken, die endlich bei ihm zum Durchbruch kamen, als er eines Abends, nachdem Violante bereits zu Bette gegangen war und er allein mit ſeiner Gattin im Beſuchzimmer ſaß, ſeine Pfeife ſtopfend folgendermaßen anhub:— „Glücklich iſt der Mann, der keine Kinder— und drei⸗ mal glücklich, wer keine Mädchen hat!“ „Mein theurer Alphonſo!“ verſetzte Mrs. Riccaboeea, von dem Hemdpreischen aufblickend, an welchem ſie eben ein zierliches Perlmutterknöpfchen feſtnähte. Sie ſprach nicht weiter, denn dieſe Erwiederung⸗ war der ſchärfſte Verweis, welchen ſie den anſtößigen und cyni⸗ ſchen Bemerkungen ihres Gatten entgegen zu ſetzen pflegte. Riccabocca zündete mit einem Papierſtreifen ſeine Pfeife an, that drei kräftige Züge und fuhr fort: „Ein Musketon, vier Piſtolen und einen Haushund Namens Pompejus, der aus dem Julius Cäſar Hackfleiſch gemacht haben würde!“ „Er frißt freilich ſehr viel,“ entgegnete Mrs. Ricca⸗ bocea unſchuldig.„Aber wenn Ihr Euch nur durch ihn beruhigt fühlt!“ „Von Beruhigung iſt nicht im Mindeſten die Rede, Ma'am,“ ſtöhnte Riccabocca,„und dies iſt eben der Punkt, den ich im Auge habe. Welch ein beängſtigendes und würde⸗ loſes Leben hier— und dies mir, der ich mir vom Himmel nichts erbeten habe als Ruhe und Achtbarkeit. Freilich, 1130 wenn Violante einmal verheirathet wäre, ſo hätte ich weder Musketon und Piſtolen, noch Pompejus mehr nöthig. Dies iſis allein, was mein Herz erleichtern könnte, cara mia;— Pompejus erleichtert nur meine Speiſekammer.“ Riccabocca war jetzt gegen Jemima mittheilſamer ge⸗ worden, als er es gegen Violante je geweſen. Nachdem er ihr einmal ein Geheimniß anvertraut hatte, ſah er keinen Grund mehr ein, warum er ihr andere vorenthalten ſollte, weßhalb er auch keinen Anſtand nahm, ihr ſeine Befürch⸗ tungen wegen des Grafen von Peschiera mitzutheilen. Sie legte jetzt ihre Arbeit nieder, ergriff zärtlich die Hand ihres Gatten und ſprach: „In der That, mein Theurer, wenn Ihr dieſen ſchlim⸗ men und gefährlichen Mann ſo ſehr fürchtet, obſchon ich der Anſicht bin, daß er Euch nicht ſo viel wird anhaben kön⸗ nen, ſo wäre es ein großes Glück, wenn wir die liebe Vio⸗ lante gut verheirathet ſehen könnten; denn iſt ſie dies ein⸗ mal, ſo hätte ein anderer das Nachſehen, und alle Furcht vor dieſem Grafen wäre dann, wie Ihr ſagt, zu Ende.“ „Ihr hättet Euch nicht beſſer ausdrücken können,“ ver⸗ ſetzte Riccabveca.„Es iſt doch ein großer Troſt, wenn man ſein Herz einer lieben Gattin aufſchließen kann.“— „Aber,“ fuhr Mrs. Riccabveca nach einem dankbaren Kuſſe fort—„wo und wie ſollen wir einen Gatten finden, der dem Rang Eurer Tochter angemeſſen iſt?“ „Ah— ja— da haben wirs,“ rief Riccaboeca, ſeinen Stuhl bis an's hinterſte Ende des Zimmers zurückſchiebend. „So weit bringt mans, mit dem Auffchließen des Herzens! ——— — eber ies ge ner inen llte, rch⸗ Sie res im⸗ ich kön⸗ Bio⸗ ein⸗ rcht ver⸗ nan ren den, inen end. ns! 1131 Hat man ſich ein Geheimniß entwiſchen laſſen, ſo iſts wie mit dem Oeffnen des Deckels von Pandora's Büchſe; man iſt verrathen und verkauft!“ „Warum doch, da uns keine Seele hören kann?“ entge⸗ gnete Mrs. Riccabocra beſchwichtigend. „Daran iſt nur der Zufall Schuld, Ma'am. Habt Ihr Euch einmal daran gewöhnt, ein Geheimniß heraus⸗ zuplappern, wenn Niemand da iſt, wie ums Himmelswillen werdet Ihr widerſtehen können, wenn Euch die angenehme Aufcegung lockt, es der ganzen Welt mitzutheilen? O Eitel⸗ keit— Eitelkeit des Weibes! Welche Frau hätte je den Lockungen des Ranges widerſtehen können!“ Der Doktor fuhr noch eine Viertelſtunde fort, das zarte Geſchlecht zu verunglimpfen, und ließ ſich endlich nur nach vielem Widerſtreben durch Mrs. Riceabocca's wiederholte und thränenvolle Betheuerungen beruhigen, daß ſie künftig⸗ hin nicht einmal ſich ſelbſt zuflüſtern wolle, ihr Gatte habe je einen andern Rang beſeſſen als den eines Doftors. Mit zweifelndem Kopfſchütteln nahm Riecabocca wieder auf— „Ich habe nichts mehr zu ſchaffen mit Pomp und An⸗ ſpruchsfülle. Zudem iſt der junge Mann ein Gentleman von Geburt, ſcheint ſich in guten Umſtänden zu befinden, beſitzt Thätigkeit und einen geheimen Ehrgeiz, iſt mit L'Estrange's vertrauteſtem Freund verwandt und ſcheint Violanten zu⸗ gethan zu ſeyn. Ich glaube nicht, daß wir beſſer fahren fönnten. Wenn außerdem Peschiera fürchtet, ich möchte meinem Vaterland wiedergegeben werden, und ich erfahre durch dieſen jungen Mann die Wege, wie ich es einzuleiten 1132 habe, um zu meinen alten Rechten zu gelangen— je nun, ſo iſt Dankbarkeit die erſte Tugend des Edlen.“ „Ihr ſprecht alſo von Mr. Leslie?“ „Natürlich— von wem ſonſt?“ Mrs. Riccaborca unterftützte gedankenvoll ihre Wange mit der Hand. „Nun ich dies von Euch gehört habe, will ich ihn mit anderen Augen beobachten.“ „Anima miah ich ſehe nicht ein, wie eine Veränderung in Euren Sehwerkzeugen an dem Gegenſtand Eurer Beobach⸗ tung etwas ändern kann,“ brummte Riccabocca, indem er die Aſche aus ſeiner Pfeife klopfte. „Der Gegenſtand erſcheint anders wenn wir ihn von einem andern Geſichtspunkt aus betrachten,“ verſetzte Je⸗ mima beſcheiden.„Dieſer Faden erſcheint meinem Auge als vollkommen tauglich, wenn ſichs darum handelt, einen Knopf feſtzunähen; aber ich möchte nicht behaupten, daß er eben ſo brauchbar wäre, wenn man damit Pompejus an ſeine Hundehütte anlegen wollte.“ „Ein Räſonnement mittelſt Illuſtration, bei meiner Seele“! rief Riccaboeea erſtaunt. „Und wenn ich in Jemand einen Mann ſehe,“ fuhr Je⸗ mima fort,„von welchem das ganze Lebensglück des theuren Kindes abhängt, muß ich ihn dann nicht mit andern Augen betrachten, als ſelbſt den angenehmſten Gaſt, mit dem wir uns vielleicht für die Dauer eines Abends vergnügen? Ach⸗ glaubt mir, Alphonſp— ich maße mir nicht an, ſo weiſe zu ſeyn, wie Ihr— aber wenn eine Frau in Erwägung zieht, te , ge hn g ch⸗ 42 on Je⸗ en aß an 1133 was ein Mann wohl für eine Frau ſeyn dürfte— wie es mit ſeiner Offenheit, ſeiner Ehrenhaftigkeit, ſeinem Herzen beſtellt iſt— o, glaubt mir, in dieſem Punkte kennt ſie ſich beſſer aus, als der klügſte Mann!“ Riceaboeca fuhr fort, Jemima mit dem ungetinſelten Ausdruck der Bewunderung und des Staunens anzuſehen. Und in der That— ſeit er, um uns ſeiner eigenen Phraſe zu bedienen, das Herz aufgeſchloſſen hatte gegen ſeine beſſere Hälfte— ſeit er angefangen, ihr zu vertrauen und ſich mit ihr zu berathen, war auch ihre Faſſungsgabe raſcher ge⸗ worden. Ihr ganzer Geiſt ſchien ſich erweitert zu haben. „Meine Liebe,“ ſagte der Weiſe,„ich erkläre feierlich, daß Machiavelli nur ein Einfallspinſel iſt gegen Euch. Und ich war ſo dumm, wie der Stuhl auf dem ich ſitze, daß ich mir ſo viele Jahre den Troſt verſagen konnte, mich zu bera⸗ then mit einer ſolchen— aber corpo di Baccho! ſchlagt Euch nur alle Gedanken an Rang aus dem Kopf. Und jetzt zu Bette!“ „Man muß nicht Hollah rufen, bis man aus dem Wald iſt,“ murmelte der undankbare, argwöhniſche Wicht, als er ſein Nachtlicht anzündete. Drittes Kapitel. Rieccabveca konnte ſich nicht auf den engen, ummauer⸗ ten Raum beſchränken, zu dem er Violante verurtheilt hatte; er nahm ſeine Brille wieder auf, hüllte ſich in ſeinen Mantel 1134 und zog gelegentlich zum Recognosciren aus, hielt ſich aber dabei ſtets an die unmittelbare Nachbarſchaft und verlor das Haus nie aus dem Geſichte. Sein Lieblingsſpaziergang führte nach der Höhe eines mit niedrigem Buſchholz über⸗ kleideten Hügels. Dort konnte er oft nachſinnend ſitzen blei⸗ ben, bis der Hufſchlag von Randals Roß von der gekrümm⸗ ten Straße herklang und die Sonne, mit rothem Lichte das gelbe Laub beleuchtend, am dunſtigen Herbſthimmel in pur⸗ purner Glut niederging. Unten an dem Hügel und keine zweihundert Schritte von ſeiner eigenen Wohnung befand ſich eine zweite Behauſung, die einzige, derer man in der umgegend anſichtig wurde— eine allerliebſte ländliche, durch⸗ aus engliſche Hütte, obſchon ſie einigermaßen denen in der Schweiz nachgebildet zu ſeyn ſchien, mit ſtrohgedecktem Gie⸗ beldach und hübſchen, vorſpringenden Fenſterſchößen, die von Schlingpflanzen und Rankenroſen umwachſen waren. Von ſeiner Anhöhe aus konnte er den Garten des Häuschens über⸗ ſchauen, und ſein Künſtlerauge ſchwelgte vom erſten Augen⸗ blick an in der Schönheit, den ein gewählter Geſchmack dem kleinen Raume verliehen hatte. Selbſt in jener unluſtigen Jahreszeit zeigte der Garten ein ſommerliches Lächeln in der Abwechslung des hellen Immergrün's und in dem küh⸗ nen kräftigen Stand der wenigen noch vorhandenen Blumen. Gegen Mittag war eine Co lonnade oder bedeckte Gallerie, einfach aus Lattenwerk zuſammengeſetzt, angebracht, und erſt vor kurzem eingepflanzte Schlinggewächſe begannen be⸗ reits die Säulen zu überkleiden. Dieſer Colonnade gegen⸗ über befand ſich eine Fontäne, die den Doktor an ſeine ber das ing er⸗ lei⸗ im⸗ das ur⸗ eine and der rch⸗ der ie⸗ von Bon ber⸗ gen⸗ dem igen in küh⸗ nen. erie, und be⸗ gen⸗ ſeine 1135 eigene bei dem verlaſſenen Caſino erinnerte. Sie hatte in der That eine auffallende Aehnlichkeit mit derſelben— die nämliche Kreisform und die gleiche Blumenumfaſſung. Aber ihr Strahl wechſelte mit jedem Tage— fantaſtiſch und viel⸗ geſtaltig, wie das neckiſche Spiel einer Najade— indem er bisweilen baumartig auseinander ſchoß, ein andermal die Blüthe einer Winde nachbildete, oder auch auf ihrem Silber⸗ ſtrom eine Scharlachblume, eine goldene Frucht in die Höhe trug, als tändle er wie ein glückliches Kind mit ſeinem Spielzeug. Und in der Nähe der Fontäne ſtand ein Vogel⸗ haus, groß genug, um einen Baum einzuſchließen. Der Italiener konnte kaum noch das bunte Farbenſpiel ſeiner gefiederten Bewohner unterſcheiden, die innerhalb des Gitter⸗ werks hin und herhuſchten, und hörte ihren Geſang, einen lebhaften Gegenſatz bildend zu dem Schweigen des frei durch die Lüfte ſchwebenden Völkchens, welchem der nahe Winter bereits die Kehlen geſchloſſen hatte. Riccabveca's Auge, das dem Reiz des Schönen ſo zu⸗ gänglich war, labte ſich in dem Hochgenuß, welchen ihm der Anblick dieſes Gartens bereitete. Er fühlte darin einen Zauber, der am wirkſamſten ſeine ängſtlichen Sorgen und ſeine wehmüthigen Erinnerungen bannte. Er hatte auf jenem kleinen Beſitzthum nie mehr als zwei Geſtalten wahrgenommen, deren Züge er nicht zu unterſcheiden vermochte. Die eine war eine Frau, wie es ihm däuchte, von geſetztem Weſen und ländlichem Ausſehen, die ſich jedoch nur ſelten blicken ließ, die andere ein Mann, welcher oft in der Colonnade auf und ab ging und häufig 1136 vor dem ſpielenden Springquell oder vor dem Vogelhaus ſtehen blieb, deſſen Bewohner bei ſeiner Annäherung nur um ſo lauter ſangen. Der einſame Spaziergänger pflegte dann in einem Zimmer, deſſen Glasthüre ſich am anderen Ende der Colonnade befand, zu verſchwinden, und wenn die Thüre offen blieb, konnte Riccabveca bemerken, daß der Unbekannte über einen mit Büchern bedeckten Tiſch niedergebeugt daſaß. Stets vor Sonnenuntergang pflegte übrigens der Mann raſcher aufzutreten und ſich mit dem Garten zu beſchäftigen, in welchem er wohlgemuth arbeitete, als finde er in dieſer Thätigkeit einen beſonderen Genuß. Und dann kam auch wohl die Frau heraus und ſchien ſich mit dem Arbeitenden zu unterhalten. Riccabocca's Neugierde war geweckt. Er ließ durch Jemima bei der alten Magd Erkundigung über die Bewohner des Häuschens einziehen und erfuhr, daß der männliche Inſaße ein Mr. Oran ſey, ein ruhiger Gentleman und ein großer Freund von Büchern. Während Riccabocea ſich in ſolcher Weiſe unterhielt, fand Randal weder in ſeinen amtlichen Geſchäften noch in ſeinen Planen auf Violante's Herz und Vermögen ein Hin⸗ derniß, auch den Entwurf zu fördern, der Frank Hazeldean mit Beatrice di Negra vereinigen ſollte. In Betreff des erſteren reichte allerdings ſchon der kleinſte Hoffnungsſtrahl zu, dieſen glühenden und argloſen Lieb⸗ haber zu entzünden, und Randals verſchmitzte Darſtellung ſeines Geſprächs mit Hazeldean bannte alle Furcht vor väter⸗ lichem Zorn aus einem Geiſte, der ohnehin immer nur zu geneigt war, ſich der Verlockung des Augenblicks hinzugeben. die ſei aus um ann nde üre nte ſaß. ann en, eſer uch den ber der nan elt, in ean nſte ieb⸗ ung ter⸗ zu en. 1¹37 Beatrice dagegen ließ ſich, obſchon ihre Gefühle gegeh Frank nicht die der Liebe waren, mehr und mehr von Ran⸗ dals Gründen und Vorſtellungen kirren, namentlich, da ihr Bruder immer mürriſcher wurde und ſogar zu drohen anfing, weil die Tage entſchwanden, ohne daß es ihr gelang, den Faden zu dem Zufluchtsort der Verſchwundenen aufzufinden. Auch wurde ſie ſchwer von ihren Schulden bedrängt, und Randals tiefe Kenntniß der menſchlichen Schwäche hatte ſich nicht verrechnet, wenn er annahm, daß die Einreden des Stolzes und der Ehre, einem Gatten nicht blos eine Laſt beibringen zu wollen, vor dem erdrückenden Gewicht der Nothwendigkeit bald weichen müßten. Sie hörte ſchon ohne ſtarke Einwendungen zu, wenn Randal in ſie drang, nicht eine ungewiſſe Entdeckung, von der ihre Mitgift abhängig war, abzuwarten, ſondern durch eine geheime Vermählung mit Frank ſich zugleich Sicherheit und Unabhängigkeit von ihrem Bruder zu erkaufen. Anfangs hatte der ſchlaue Ränke⸗ ſchmied ſeinem jungen Verwandten die Lockſpeiſe hingeworfen, daß Beatrice's Morgengabe ihn wohl in den Augen des Squire rechtfertigen werde; aber jetzt fand er es bequemer, dieſen Beweggrund fallen zu laſſen, da er ohnehin eher dazu gedient hatte, den hohen Sinn und das edle Herz des armen Gardevffiziers einzuſchüchtern, denn als Ermuthi⸗ gungsmittel zu wirken. Konnte doch Randal mit gutem Gewiſſen ſagen, der Squire habe ihm auf ſeine Frage, ob er bei Franks Braut auf Vermögen ſehe, geantwortet, daß dieſer Punkt kein Gegenſtand des Anſtoßes ſey. Alſo durch ſeinen Freund, durch das eigene Herz und durch das ſanfte Pulwer, meine Novelle. 72 Weſen einer Frau erneuert, die wohl im Stande wat, ſelbſt fältere Männer hinzureißen und weiſere zu bethören, verfing ſich Frank ſchnell in den Schlingen, die zu ſeinem Verderben gelegt waren. Und obſchon er noch immer ehrenhaft vor dem Gedanken zurückſchrack, der ſchönen Wittwe eine Hei⸗ rath vorzuſchlagen ohne Einwilligung oder gar ohne Vor⸗ wiſſen ſeiner Eltern, glaubte doch Randal ſein Ziel vollkom⸗ men zu erreichen, wenn er die Natur ſeines Vetters, welche bei aller Güte doch nur einem regelloſen Drange folgte, dem Einfluß der erſten ſtarken Leidenſchaft überließ, die ſich ihrer bemächtigt hatte. Mittlerweile wurde es ihm nicht ſchwer, Frank abzumahnen, daß er gegen ſeine Eltern einen Wink über ſeine Verhältniſſe fallen ließ;„denn obgleich wir der Einwilligung der Mrs. Hazeldean und ihres kräf⸗ tigen Fürworts bei Eurem Vater ſicher ſeyn dürften,“ meinte der tückiſche Schlaukopf,„ſo iſt doch nicht mit Zuverläſ⸗ ſigkeit auf den Squire zu zählen, deſſen kolleriges und übereiltes Weſen ihr ja ſelbſt kennt. Es ſteht zu befürchten, daß er in aller Eile nach London kömmt, Madame di Negra aufſucht und mit einigen rohen leidenſchaftlichen Aeußerungen gegen ſie herausplatzt, die kränkend für ſie ſind und eine entſchiedene Ablehnung aller Eurer Anträge zur Folge ha⸗ ben. Und wenn er es, wie ich nicht zweifle, auch hintendrein bereut, ſo wird es dann doch zu ſpät ſeyn.“ Um jene Zeit gab Randal Leslie im Clarendonhotel ein Diner(bei ihm eine ſehr ungewöhnliche Verſchwendung), zu welchem er Frank, Mr. Borrowell und Baron Levy einlud. Aber dieſe Winkelſpinne, die durch ſo zahlreiche und elbſt fing rben vor Hei⸗ Bor⸗ om⸗ elche gte, die ihm tern leich kräf⸗ inte rläſ⸗ und ten, egra gen eine ha⸗ rein otel ng), lud. und 1¹³9 verwickelte Gewebe mit aller Ruhe ihren vielen Fliegen nachſchlich, mußte auch Madame di Negra mit Verſicherun⸗ gen tröſten, daß die Flüchtlinge, welche ſie ſuchte, früher oder ſpäter ſich auffinden laſſen würden. Zwar wußte er ihrem Argwohn, daß er bereits mit denſelben bekannt ſey, geſchickt auszuweichen, indem er erklärte, die Perſonen, auf die er ſein Augenmerk geworfen, paßten durchaus nicht zu ihrer Schilderung; auch trieb er es einmal ſo weit, daß er ihr ſogar einen alten Singlehrer und ſeine bleichſichtige Tochter als die Italiener vorſtellte, die zu ſeinem Irrthum Anlaß gegeben hätten. Gleichwohl fand es Beatrice nöthig, die Aufrichtigkeit der Beihilfe, welche ſie ihrem Bruder zugeſagt hatte, zu beweiſen und zu dieſem Ende Randal mit dem Gra⸗ fen bekannt zu machen. Aber auch für Randal war es wünſchenswerth, dieſen Mann, der ſein Nebenbuhler war, kennen zu lernen und ſogar ſein Vertrauen zu gewinnen. Die beiden trafen im Hauſe der Madame di Negra zuſammen. Es liegt etwas Wunderſames, faſt Magnetiſches in dem Rapport zwiſchen zwei ſchlimmen Naturen. Bringt man ein Paar ehrenhafte Männer zuſammen, ſo iſt Zehn gegen Eins zu wetten, daß ſie ſich gegenſeitig ſchwerlich in dieſer Eigenſchaft erkennen, da Verſchiedenheit der Tempe⸗ ramente, der Manieren, oder auch der politiſchen Anſichten leicht zu einem irrigen Urtheil führen. Treffen ſich aber ein Paar grundſatzloſe Schurken— Männer, welche, wären ſie in einem Keller geboren, Futter abgeben würden für den Galgen oder das Deportirtenſchiff— ſo findet die Erkennung in Folge einer augenblicklichen Sympathie ſtatt. Die Au⸗ 72* 1140 gen Franzini's, des Grafen von Peschiera, waren kaum denen unſeres Randal Leslie begegnet, als aus beiden ein Strahl gegenſeitigen Verſtändniſſes ſchoß. Sie ſprachen zwar nur von gleichgiltigen Dingen, vom Wetter, von Stadtneuig⸗ keiten, von Politik und ſo weiter, verbeugten ſich und lächel⸗ ten; aber mittlerweile blieb jeder auf der Lauer und ſuchte die Gedanken des Andern zu ergründen. Sie maßen gegen⸗ ſeitig ihre Kräfte und ſagten innerlich zu ſich:„dies iſt ein ausgemachter Schurke; bin ich ihm wohl gewachſen?“ Die Begegnung hatte beim Diner ſtattgefunden, und nach eng⸗ liſcher Sitte ließ Madame die Negra die beiden Ehrenmänner bald bei ihrem Weine allein. Jetzt zum erſtenmal verſuchte der Graf di Peschiera vor⸗ ſichtig und gewandt einen gedeckten Zug, um dem Zweck ihrer Zuſammenkunft näher zu rücken. „Ihr habt wohl noch nie das Feſtland bereist, mein theurer Sir? Seht zu, daß Ihr mich in Wien beſuchen könnt. Ich räume gerne ein, daß Euer London prächtig ge⸗ nug iſt; aber offen geſtanden, ich vermiſſe hier die Freiheit unſerer Kaiſerſtadt, eine Freiheit, welche die Lebensluſt mit der feinen Sitte paart. In eurer gemiſchten Geſellſchaft bemerke ich Aufdringlichkeit und Anſpruchsfülle bei denen, welche kein Recht haben, ſich in dieſelbe einzudrängen, und gekünſtelte Herablaſſung oder erkältenden Hochmuth auf Seite derjenigen, welchen daran gelegen iſt, untergeordnete Per⸗ ſonen in einer gewiſſen Entfernung zu halten. Bei uns, wo Rang und anerkannte Geburt Bedingungen des Zutritts ſind, fühlt man ſich bald traulich, und es gibt deßhalb—“ fü be jut ver Lel Ic daf M mu ſchu ten Ung am ſein Beſ mer für geſe leert Ho enen rahl nur uig⸗ chel⸗ uchte gen⸗ ein Die eng⸗ nner vor⸗ weck mein chen ge⸗ iheit mit haft nen, und eite Per⸗ wo itts —4 114¹ fügte der Graf mit ſeinem lebhaften franzöſſſchen Lächeln bei—„es gibt deßhalb keinen Platz wie Wien für einen jungen Mann— keinen Platz wie Wien für bonnes fortunes.“ „Dieſe ſind allerdings das Paradies des Müſſigen,“ verſetzte Randal,„aber für den Mann, dem ein geſchäftiges Leben zur zweiten Natur geworden iſt, ein wahres Fegefeuer. Ich muß Euch unverhohlen geſtehen, mein theurer Graf, daß ich für das Ringen nach bonnes fortunes eben ſo wenig Muße habe, als ich mich der erforderlichen perſönlichen An⸗ muth erfreue, um ſie mit leichter Mühe zu gewinnen.“ Und er neigte den Kopf wie zu einem Compliment. „Ah,“ dachte der Graf;„Frauen ſind alſo nicht ſeine ſchwache Seite. Was dann?“ „Morbleu! mein theurer Leslie— hätte ich in den letz⸗ ten Jahren ebenſo gedacht, wie Ihr, ſo wären mir viele Ungelegenheiten erſpart geblieben. Im Grunde iſt es doch am beſten, den Ehrgeiz zur Geliebten zu erkieſen; denn in ſeinem Gefolge iſt immer die Hoffnung, die nie durch den Beſitz vergällt wird.“ „Der Ehrgeiz, Graf,“ verſetzte Randal, ſich noch im⸗ mer hinter trockene Kürze verſchanzend,„iſt ein Hochgenuß für die Reichen und die Nothwendigkeit der Armen.“ „Aha,“ dachte der Graf,„es kommt, wie ich voraus⸗ geſehen habe; alſo Beſtechung.“ Er füllte zuerſt Randals Glas, dann das ſeinige und leerte es nachläſſig. „Sur mon äme, mon chér,“ fuhr er laut fort,„der Hochgenuß iſt immer angenehmer, als die Nothwendigkeit, 1142 und ich bin willens, wenigſtens einen Verſuch mit dem Ehr⸗ geiz zu machen. Je vais me réfugier dans le sein du bonheur domestique— eines verheiratheten Lebens und eines ru⸗ higen Hausſtandes. Peste! Geſchähe es nicht um des Ehr⸗ geizes willen, ſo könnte man vor langer Weile ſterben. Apro⸗ pos, mein theurer Sir, ich bin Euch zu Dank verpflichtet, daß ihr meiner Schweſter verſpracht, ihr zu Auffindung eines nahen und lieben Verwandten behilflich zu ſeyn, der nach England ſeine Zuflucht genommen hat und ſich ſogar vor mir verſteckt hält.“ „Ich würde mich ſehr glücklich ſchätzen, wenn ich Euren Nachforſchungen einen erfolgreichen Vorſchub leiſten könnte, muß aber bedauern, daß bis jetzt alle meine guten Wünſche vergeblich waren. Man ſollte übrigens meinen, daß ein Mann von ſolchem Range ſich leicht auffinden ließe, und zwar einfach durch die Vermittlung Eures Geſandten.“ „Unſer Geſandter gehört eben nicht zu meinen beſten Freunden, und der Rang kann uns keinen Aufſchluß geben, da mein Verwandter augenſcheinlich keinen Gebrauch davon gemacht hat, ſeit er ſein Vaterland verließ.“ „So iſt er wohl nicht ganz aus freier Wahl ein Gaſt auf unſerm Boden?“ verſetzte Randal lachend.„Entſchul⸗ digt meine Freiheit und Nengierde; aber Ihr habt vielleicht die Güte, mir ein wenig ausführlicher auseinander zu ſetzen, als das Gerücht in England es that, welches oft in weit bedeutſameren Angelegenheiten des Auslands es mit That⸗ ſachen nicht ſonderlich genau nimmt— wie ein Mann, der durch eine Revolution ſo viel verlieren und mur ſo wenig hr⸗ eur ru⸗ hr⸗ ro⸗ tet, ung der gar tren nte, ſche ein und ſten ben, von Haſt hul⸗ eicht tzen, weit hat⸗ der enig 1143 gewinnen konnte, ſich mit einem Schwarm hirnverbrannter Abenteurer und kräumeriſcher Profeſſoren in das gleiche ge⸗ brechliche Boot ſetzen mochte.“ „Profeſſoren!“ wiederholte der Graf.„Ich denke, Ihr habt in Eurer Frage auch ſchon die Antwort— nicht als ob Männer von hoher Geburt ſo toll wären, wie die Canaille. Ich bin um ſo mehr bereit, Eure Neugierde zu befriedigen, da es vielleicht dazu dient, Euch für meine Nachforſchungen günſtig zu ſtimmen. Ihr müßt nämlich wiſſen, daß er nicht der geborene Erbe des Ranges war, der ihm ſpäter zu Theil wurde, da er mit dem Haupte des Hau⸗ ſes nur in entfernter Verwandtſchaft ſtand. Er machte Studien auf einer italieniſchen Univerſität und zeichnete ſich daſelbſt ebenſoſehr durch Gelehrſamkeit, als durch ſein ercen⸗ triſches Weſen aus. Dabei brütete er, wie ich glaube, über Kinderſtubenmährchen von Freiheit und dergleichen, und die Ideen der Carbonari erfüllten ſeinen Geiſt mit verrückten Anſichten von der Unabhängigkeit Italiens. Da traten ſchnell hintereinander drei Todesfälle ein, und er ſah ſich in unreifer Jugend zu einer Stellung und Auszeichnung erhoben, die einen jeden vernünftigen Menſchen wohl hätte zufrieden ſtellen können. Que diable! was konnte die Unab⸗ hängigkeit Italiens für ihn thun? Er und ich, wir beide waren Vettern und hatten als Knaben mit einander geſpielt; ſpäter trennten uns die Verhältniſſe, bis ſeine Erhebung zu Rang und Würden uns nothwendig wieder zuſammen⸗ führte. Wir wurden gegenſeitig die beſten Freunde, und Ihr könnt Euch denken, wie ſehr ich ihn liebte,“ fuhr der 1144 Graf fort, indem er die Augen leicht von Randals ruhigem lauerndem Blicke abwandte,„wenn ich beifüge, daß ich ihm den Genuß eines Erbes verzieh, das ohne ihn an mich gekommen wäre.“ „Ah, Ihr wart der nächſte Erbe?“ „Es iſt ein herber Schlag, ſich einem großen Vermö⸗ gen ſo nahe zu wiſſen und es in andere Hände kommen zu ſehen.“ „Ihr habt Recht,“ rief Randal faſt mit Ungeſtüm. Der Graf erhob den Blick wieder, und abermals ſahen die beiden Männer ſich gegenſeitig in die Seele. „Noch härter vielleicht,“ nahm der Graf nach einer kurzen Pauſe wieder auf—„noch härter wäre es vielleicht manche Leute angekommen, dem Nebenbuhler eben ſo gut zu vergeben wie dem Erben.“ „Dem Nebenbuhler— wie ſo?“ „Eine Dame, die von ihren Eltern mir beſtimmt gewe⸗ ſen, obſchon wir, wie ich geſtehen muß, nie förmlich verlobt waren, wurde die Gattin meines Verwandten.“ „Wußte er etwas von Euren früheren Rechten?“ „Ich muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, zu ſagen, daß dies nicht der Fall war. Er ſah die junge Dame, von der ich ſpreche, und verliebte ſich in ſie. Die Eltern waren geblendet. Der Vater ſchickte nach mir, kam mit Entſchuldigungen, Erklärungen und hielt mir, allerdings nur in ganz milder Weiſe— gewiſſe jugendliche Unbeſonnen⸗ heiten und Verirrungen vor, die ihn bewogen hätten, ſeinen Sinn zu indern, Er verlangte von mir, ich ſolle nicht nur un ich ich ö⸗ zu en ner cht ve⸗ obt ne, ern nit mur en⸗ en mur 1145 alle meine Hoffnungen auf ſeine Tochter aufgeben, ſondern auch vor ihrem neuen Freier verbergen, daß ich je zu hoffen gewagt habe.“ „Und Ihr thatet, was Euch zugemuthet wurde?“ „Ja.“ „Das war edel. Ihr müßt in der That Eurem Ver⸗ wandten ſehr zugethan geweſen ſeyn. Von einem Liebhaber iſt dies nicht gut zu begreifen; aber vielleicht, mein theurer Graf, ſetzt ihr mich in die Lage, Eure Großmuth zu ver⸗ ſtehen, wenn Ihr mir erklärt, was der Mann von Welt damit zu ſchaffen hatte.“ „Gut,“ verſetzte der Graf mit der vollendetſten Miene eines rous—„ich denke, wir beide ſind Männer von Welt?“ „Beide— zuverläſſig,“ entgegnete Randal ganz in dem Tone, deſſen ſich wohl Peachum bedient hatte, als er um Lockits Vertrauen buhlte. „Als Mann von Welt alſo muß ich zugeſtehen,“ ſagte der Graf, mit den Ringen an ſeinen Fingern ſpielend,„daß ich, wenn ich die Dame nicht ſelbſt heirathen konnte(und dies ſchien außer Frage zu ſeyn), natürlich ſie am liebſten mit meinem reichen Verwandten vermählt ſah.“ „Sehr natürlich. Dies konnte Euern reichen Vetter noch enger an Euch ketten.“ „In der That ein durchtriebener Burſche!“ dachte der Graf, gab aber keine unmittelbare Antwort. „En fin, um die lange Geſchichte zu einem kurzen Schluß zu bringen, mein Vetter verſtrickte ſich nachher in Uumtriebe, deren Fehlſchlagen geſchichtlich bekaunt iſt. Seine Entwürfe wurden entdeckt und er ſelbſt angeklagt. Er floh, und der Kaiſer, der ſeine Güter mit Sequeſter belegte, ge⸗ ruhte in ſeltener und auffallender Gnade, mir als dem näch⸗ ſten Verwandten des Hauſes, auf die Dauer kaiſerlichen Wohlnehmens die Hälfte der Einkünfte zu beziehen. Auch die andere Hälfte erlitt keine förmliche Confiscativn. Ohne Zweifel lag es nicht in dem Willen ſeiner Majeſtät, daß ein großer italieniſcher Name erlöſchen ſollte, und wenn mein Vetter und ſein Kind im Auslande ſtarben— je nun, ſo war ich, Franzini, Graf von Peschiera, ein treuer Un⸗ terthan Oeſterreichs, der Repräſentant deſſelben. So hielt es in ähnlichen Fällen bisweilen die ruſſiſche Politik, den polniſchen Inſurgenten gegenüber.“ „Ich begreife vollkommen; auch kann ich mir denken, daß Ihr, wenn Ihr ſelbſt mit dem größten Recht aus dem Sturz Eures Verwandten ſo anſehnliche Vortheile zogt, eine Impopularität— vielleicht gar einen peinlichen Argwohn auf Euch ludet.“ „Entre nous, mon chèr, ich kümmere mich keinen Deut um Popularität, und was den Argwohn betrifft— wer kann der Schmähſucht des Neides entgehen? Aber ohne Frage wäre es ſehr wünſchenswerth, die getrennten Glie⸗ der des Hauſes wieder zu vereinigen, und dieſe Einigung kann ich jetzt in Gemäßheit kaiſerlicher Zuſtimmung zu einer Heirath mit der Tochter meines Verwandten bewirken. Ihr ſeht deßhalb, welch ein gewichtiges Intereſſe dieſe Nachforſchung für mich hat?“ — ——„— — c9) g nen hne lie⸗ ing zu en. ieſe 1147 „Durch den Ehevertrag könntet Ihr Euch ohne Zwei⸗ fel jene Hälfte des Güterertrags, die Ihr jetzt ſchon bezieht, ſichern, und nach dem Ableben Eures Verwandten das Ganze an Euch bringen. Eine ſehr vortheilhafte Partie, und wenn ſie zum Abſchluß käme, ſo würde dies vermuthlich zureichen, Eurem Vetter Begnadigung zu verſchaffen?“ „So iſt's.“ „Da aber des Kaiſers Huld ſich ſchon auf ſo viele Flüchtlinge ausgedehnt hat— wäre es nicht möglich, daß Euer Verwandter auch ohne dieſe Heirath amneſtirt würde?“ „Ich dachte einmal ſelbſt ſo,“ entgegnete der Graf mit Widerſtreben,„aber ſeit ich in England geweſen bin, glaube ich es nicht mehr. Die jüngſte Revolution in Frank⸗ reich und der demokratiſche Wind, der durch Europa weht, kann nur dazu dienen, der Sache eines geächteten Empörers zu ſchaden. England ſchwärmt von Revolutionären, und der Aufenthalt meines Vetters in dieſem Lande iſt an ſich ſchon ein verdächtiges Moment. Der Argwohn wird noch erhöht durch ſeine auffallende Abgeſchloſſenheit. Es gibt hier viele Italiener, die über ihn ausſagen würden, ſie ſeyen mit ihm zuſammengekommen und können betheuern, daß er ſich noch immer mit revolutionären Entwürfen abgebe.“ „Und dieſe Ausſage— natürlich eine falſche?“ „Ma foi— was liegt daran? Les absents ont tou- jours tort. Ich ſpreche mit einem Weltmann. Nein; ohne eine Bürgſchaft für ſeine Treue, wie ſie die eheliche Verbindung ſeiner Tochter mit mir geben kann, iſt ſeine 1148 Begnadigung nicht wahrſcheinlich. Ha, beim Himmel über mir— ſie ſoll unmöglich werden.“ Mit dieſen Worten erhob ſich der Graf und ſtand da, ein Bild des Verbrechens, welches unverhohlen die Maske der Verſtellung hat fallen laſſen— ſtand da hoch und dro⸗ hend, im vollen Ausdruck männlicher Kraft neben der ſchmächtigen, gebeugten Geſtalt und dem krankhaft blaſſen Geſicht des ſchlauen Ränkeſchmieds. Randal war im erſten Augenblick betroffen. Dann aber ſtand er auf und warf nach⸗ läſſig hin:— „Wie, wenn dieſe Bürgſchaft nicht mehr gegeben wer⸗ den könnte? Wäre es nicht möglich, daß Euer Verwandter, an einer endlichen Rückkehr verzweiſelnd und voll Ergebung in ſein verändertes Schickſal, die Hand ſeiner Tochter bereits an einen engliſchen Freund vergabt hätte?“ „Ah, das wäre, abgeſehen von meiner eigenen Ver⸗ bindung mit ihr, das Glücklichſte, was mir zuſtoßen könnte!“ „Wie— verſtehe ich Euch recht?“ „Je nun, wenn mein Vetter ſeinem Geburtsrecht ab⸗ geſchworen und ſeinem Rang entſagt hat— wenn dieſes Erbe, das um ſeines Umfangs willen ſo gefährlich iſt, im Falle ſeiner Begnadigung an einen dunklen Engländer über⸗ gehen müßte— an einen Fremdling, den Angehörigen eines Landes, das keine Bande mit uns gemein hat und der Zu⸗ fluchtsort aller Gleichheitsmänner und Carbonari iſt— mort de ma vie— glaubt Ihr, dies würde nicht meinem Vetter alle Ausſicht auf Begnadigung nehmen und ſogar in den Augen Italiens als ein gewichtiger Grund gelten, em ar en, 1149 die ſequeſtrirten Beſitzthümer auf einen Italiener zu über⸗ tragen? Nein, wenn das Mädchen nicht mit einem Eng⸗ länder vermählt iſt, deſſen Namen, Geburt und Familie an ſich ſchon als Bürgſchaft dient— und wie wäre dies bei ihrer Armuth möglich?— ſo könnte ich leichten Herzens nach Wien zurückkehren und ſagen: Meine Verwandte iſt an einen Engländer verheirathet— ſollen ſeine Kinder die Er⸗ ben eines Hauſes von ſo berühmtem Adel ſeyn, das durch ſeinen Reichthum ſo furchtbar wird? Parbleu! Wäre mein Vetter nur ein Abenteurer oder ein bloſer Stubengelehrter, ſo hätte er ſchon längſt wieder heimkehren können. Die Großen erfreuen ſich der Ehre, nicht ſo leicht begnadigt zu werden.“ Randal verſank für eine kurze Weile in tiefe Gedanken. Der Graf beobachtete ihn, nicht Antlitz gegen Antlitz, ſon⸗ dern in dem Wiederſtrahl eines gegenüberhängenden Spiegels. „Dieſer Mann weiß etwas. Er überlegt. Dieſer Mann kann mir helfen,“ dachte der Graf. Aber Randal ſagte nichts zu Bekräftigung dieſer Vor⸗ ausſetzung. Aus ſeinem Brüten ſich aufraffend, drückte er höflich ſeine erfreute Theilnahme aus, daß die Ausſichten des Grafen unter allen Verhältniſſen ſo günſtig ſtünden, und fügte bei: „Da Ihr es ſo gut mit Eurem Vetter meint, ſo fällt mir ein einfacher engliſcher Ausweg ein, der zur Entdeckung führen könnte.“ „Der wäre?“ „Ein öffentlicher Aufruf in der Zeitung, daß er ſich an 11⁵⁰ einem beſtimmten Platz einſfinden ſolle, wo er etwas für ihn Vortheilhaftes erfahren werde.“ Der Graf ſchüttelte den Kopf. „Er würde vermuthen, daß der Aufruf von mir aus⸗ gehe, und nicht kommen.“ „Aber er ſtand ja auf ſo gutem Fuße mit Euch. Er nahm Theil an der Empörung— Ihr wart klüger. Und wenn auch der Gang der Dinge zu Eurem Vortheil aus⸗ ſchlug, ſo habt Ihr ihm doch kein Unrecht gethan. Warum ſollte er Euch vermeiden?“ „Verſchwörer verzeihen denjenigen nie, die es nicht mit ihnen halten. Außerdem— offen geſprochen, er meint, ich habe ihm Unrecht gethan.“ „Könntet ihr ihn nicht durch ſeine Gattin begütigen — die— ihr ihm abtratet?“ „Sie iſt todt— heingegangen, noch eh' er Italien verließ.“ „Dies iſt freilich ein Unglück. Dennoch bin ich der Meinung, daß der Aufruf nicht am unrechten Ort wäre. Erlaubt mir, die Sache weiter in Erwägung zu nehmen. Wollen wir uns jetzt der Frau Marquiſe wieder anſchließen?“ Als die Gentlemen das Beſuchzimmer erreichten, ſaß Beatrice in vollem Putz bei dem Kamin und las ſo eifrig, daß ſie den Eintritt derſelben nicht bemerkte. „Was ſpricht Euch ſo an, ma soeur?— Ohne Zwei⸗ fel der letzte Roman von Balzac?“ Beatrice fuhr zuſammen, und als ſie aufblickte waren ihre Augen voll Thränen. — da we in all ab Re n für us⸗ Und us⸗ rum mit ich igen alien der väre. men. en?“ „ſaß Zwei⸗ varen 1¹⁵⁴ „O nein— kein Bild des elenden, laſterhaften Pariſer Lebens. Dies iſt ſchön— es liegt Seele darin.“ Randal nahm das Buch auf, das die Marquiſe nieder⸗ gelegt hatte. Es war daſſelbe, das den Kreis von Hazel⸗ dean ſo bezauberte— ein Zauber für unſchuldige, friſche Herzen, jetzt auch ein Zauber für die erſchlaffte und verſuchte Anbeterin des Götzen Welt. „Hm,“ murmelte Randal;„der Pfarrer hatte Recht. Dies iſt Macht— eine Art Macht.“ „Ich möchte nur den Verfaſſer kennen. Wißt Ihr nicht, wer es iſt— könnt Ihrs nicht errathen?“ „Nein. Vermuthlich ein alter Pedant mit einer Brille auf der Naſe.“ „Ich glaube nicht— nein, gewiß nicht. Hier ſchlägt ein Herz“ wie ich ſtets danach geſeufzt habe, ohne es zu finden.“ „Oh, la naive enfant!“ rief der Graf;„comme son imagination s'égare en réves enchantés. Und zu denken, daß Ihr, während Ihr wie eine Arcadierin ſchwatzt, wie eine Prinzeſſin gekleidet ſeyd!“ „Ah, ich vergaß— der öſterreichiſche Geſandte. Ich werde heute Abend nicht hingehen. Dieſes Buch hat mich untauglich gemacht für die künſtliche Welt.“ „Wie Ihr wollt, meine Schweſter; dann gehe ich allein. Ich kann den Mann nicht leiden und er mich nicht aber man muß vor den Leuten Umſtände machen.“ „Ihr geht zu der öſterreichiſchen Geſandtſchaft?“ ſagte Randal.„Ich komme auch hin und werde Euch dort treffen.“ „ 11⁵2 Damit verabſchiedete er ſich. „Dein junger Freund gefällt mir ausnehmend wohl,“ ſagte der Graf gähnend.„Ich bin überzeugt, er weiß etwas von den verlorenen Vögeln und wird ſie wie ein Hühnerhund ſtehen, wenn ich ſein Intereſſe damit ins Spiel bringen kann. Wir wollen ſehen.“ Viertes Kapitel. Randal langte vor dem Grafen bei dem Geſandten an und miſchte ſich unter die jungen Edelleute, die bei der Ge⸗ ſandtſchaft attachirt und ihm ſchon von früher bekannt waren. Bei dieſen ſtand ein auf Reiſen befindlicher junger Oeſter⸗ reicher von ſehr hoher Geburt und mit der edlen, anmuthigen Haltung, welche man gerne mit den Muſterbildern alt⸗ deutſcher Ritterlichkeit in Verbindung bringt. Randal wurde ihm vorgeſtellt und bemerkte, nachdem die Unterhal⸗ tung ſich eine Weile um allgemeine Gegenſtände gedreht hatte: „Beiläufig, Prinz, wir haben gegenwärtig einen Lands⸗ mann von Euch in London, mit dem Ihr ohne Zweifel genau bekannt ſeyd— den Grafen von Peschiera.“ „Er iſt kein Landsmann von mir, ſondern ein Ita⸗ liener. Ich kenne ihn nur vom Sehen und dem Namen nach,“ verſetzte der Prinz ſteif. „Er iſt von ſehr altem Adel, glaube ich?“ „Unzweifelhaft. Seine Vorfahren waren Männer von großem Ruf.“ he def in we Pr nur und ſind Enc zuſa 36 er e Anſe ter! ſtellu geſel 8 hl,“ was und en man Ge⸗ ren. ſter⸗ igen alt⸗ ndal hal⸗ tte: nds⸗ nau Ita⸗ ch. von 1153 „Unb ſehr reich?“ „Nicht daß ich wüßte— im Gegentheil. Allerdings hat er ſich des Genuſſes bedeutender Einkünfte zu erfreuen.“ Ein junger Attaché von weniger Zurückhaltung als der Prinz flocht jetzt die Bemerkung ein: „O, Peschiera! Der arme Schelm! Er liebt das Spiel zu ſehr, um reich ſeyn zu können.“ „Auch iſt Ausſicht vorhanden, daß der Verwandte, deſſen Revenüen er theilweiſe genießt, begnadigt und wieder in den Beſitz ſeiner Güter eingeſetzt werde— ſo höre ich wenigſtens,“ warf Randal argliſtig hin. „Es ſoll mich fteuen, wenn es wahr iſt,“ verſetzte der Prinz mit Beſtimmtheit,„und ich theile hierin die Geſin⸗ nung von ganz Wien. Jener Verwandte hat einen edlen Geiſt und wurde, wie ich glaube, in gleicher Weiſe bethört und verrathen. Entſchuldigt, Sir; aber wir Oeſterreicher ſind nicht ſo ſchlimm, als man uns malt. Seyd Ihr in England je mit dem Verwandten, von dem ihr ſprecht, zuſammengetroffen?“ „Nein, obſchon man vermuthet, daß er auf engli⸗ ſchem Boden weilt. Ich habe von dem Grafen gehört, daß er eine Tochter hat.“ „Der Graf— ha! Ich vernahm etwas von einem Anſchlag— eine Wette jenes— jenes Grafen. Eine Toch⸗ ter! Das arme Mädchen! Ich hoffe, daß ſie ſeinen Nach⸗ ſtellungen entgeht; denn ohne Zweifel hat er es auf ſie ab⸗ geſehen.“ Bulwer, meine Novelle. 73 1154 „Es wäre möglich, daß ſie bereits einen Engländer geheirathet hätte.“ „Ich will nicht hoffen,“ entgegnete der Prinz ernſt. „Dies würde eben jetzt der Rückkehr ihres Vaters ein ſchlim⸗ mes Hinderniß in den Weg legen.“ „Glaubt Ihr ſo?“ „Daran iſt gar nicht zu zweifeln,“ nahm der Attaché wieder mit entſchiedener, wichtigthuender Miene das Wort, „wenn nicht etwa der Engländer ihr im Range gleich⸗ ſtünde.“ Man vernahm jetzt ein leichtes Gemurmel von der Thüre her, denn eben hatte man den Grafen von Peschiera angemeldet; und als er eintrat, machte ſein Aeußeres einen ſo auffallenden und ſeine Schönheit einen ſo blendenden Ein⸗ vruck, daß alle Vorurtheile, die man gegen ſeinen Charakter haben mochte, augenblicklich verſchwunden oder vergeſſen zu ſeyn ſchienen in der unwiderſtehlichen Bewunderung, die hervorzurufen ein Vorrecht ausgezeichneter äußerlicher Eigen⸗ ſchaften iſt. Der Prinz verzog leicht die Lippe gegen die Gruppen, welche den Grafen umdrängten, wandte ſich wieder zu Ran⸗ dal und ſprach: „Könnt Ihr mir nicht ſagen, ob ein ſehr ausgezeich⸗ neter Landsmann von Euch eben jetzt in England ſich aufhält — Lord LEstrange?“ „Nein, Prinz— er iſt nch nicht unzet Ihr kennt ihn?“ „Ja. 6 — 2— — ei w ge der gli ein nder rnſt. lim⸗ aché ort, eich⸗ der hiera einen Ein⸗ akter en zu die igen⸗ ppen, Ran⸗ zeich⸗ fhält Ihr „Er iſt bekannt mit dem Vetter des Grafen— und hat Euch vielleicht die gute Meinung, die Ihr über dieſen Verwandten hegt, beigebracht?“ Der Prinz verbeugte ſich und ſprach, indem er ſich zum Weitergehen anſchickte: „Wenn ein Mann von hoher Ehrenhaftigkeit für einen andern Gewähr leiſtet, ſo findet er allgemein Glau⸗ ben.“ „Ich darf mich wahrhaftig nicht übereilen,“ ſagte Ran⸗ dal zu ſich ſelbſt,„und wäre da um ein Haar in eine ſchreck⸗ liche Schlinge gefallen. Wenn ich das Mädchen heitathete und damit nur ſo viel erzielte, daß ihr ganzes Erbe an Peschiera übergeht!— Wie ſchwer iſt es doch in dieſer Welt, ſeine Schritte mit der gehörigen Vorſicht einzuleiten!“ Während er ſo mit ſich ſelbſt zu Rath ging, klopfte ihn ein Parlamentsmitglied auf die Schulter. „Melancholiſch, Leslie?— Was gilts, ich errathe, womit ſich Eure Gedanken beſchäftigen.“ „So rathet,“ verſetzte Randal. „Ihr dachtet an den Poſten, den Ihr ſo bald werdet ab⸗ geben müſſen.“ „Abgeben?“ „Je nun, wenn die Miniſter abziehen, werdet Ihr ihn, denke ich, doch nicht beibehalten können.“ Dieſes ſchreckliche, unheilverkündende Parlamentsmit⸗ glied und Squire Hazeldeans Liebling, Sir John, war einer von jenen Geſetzgebern, die einen beſondern Zahn auf die Beamten haben— ein unabhängiger Mann von großem 73* Grundbeſitz, der eben ſo gern in ſeinen Forſten die Eichen niedergeſchlagen als ein Regierungsamt angenommen haben würde und deshalb keine menſchliche Regung für diejenigen unterhielt, welche bei weniger großartigen Mitteln einer andern Liebhaberei folgten. „Hm!“ ſagte Randal etwas ſauertöpfiſch,„fürs erſte iſt von einem Abzug der Miniſter noch keine Rede, Sir John.“ „O ja, es iſt. Ihr wißt, ich ſtimme im Allgemeinen mit ihnen und würde wohl das Meinige beitragen, um ſie feſtzuhalten; aber ſie ſind Männer von Geiſt und Ehrge⸗ fühl, und wenn ſie ihre Maßregeln nicht durchführen kön⸗ nen, müſſen ſie abdanken. Beim Jupiter, hielten ſie's an⸗ ders, ſo würde ich linksum machen und ſie ſelbſt hinaus⸗ votiren.“ „Daran zweifle ich durchaus nicht, Sir John; ich traue Euch dies wohl zu— doch das iſt Eure und Eurer Wähler Sache. Wenn übrigens auch die Miniſter abdanken, ſo bin ich nur ein armer, untergeordneter Staatsdiener,— kein Miniſter— warum ſollte alſo ihre Abdankung auch auf mich Bezug haben?“ „Warum? zum Henker, Leslie, Ihr wollt mich zum Beſten haben. Ein junger Menſch wie Ihr, kann doch nicht ſo gemein ſeyn, unter denſelben Männern zu dienen, die Euren Freund Egerton vertrieben haben!“ „Es iſt⸗nicht gewöhnlich, daß diejenigen, welche in öffentlichen Dienſten ſtehen, bei jedem Miniſterwechſel ihre Entlaſſung nehmen.“ 1157 „Allerdings nicht; aber jedenfalls erwartet man es von denen, welche mit einem abtretenden Miniſter verwandt ſind — von denen, die als Politiker gelten und ſelbſt Parla⸗ mentsmitglieder zu werden gedenken; denn ohne Zweifel werdet Ihr bei der nächſten Wahl als Candidat auftre⸗ ten. Doch dies wißt Ihr ſelbſt ſo gut wie ich. Ihr, der Ausbundpolitiker— der Verfaſſer jener bewundernswürdigen Flugſchrift! Ich möchte meinem Freund Hazeldean, der ſo aufrichtigen Antheil an Euch nimmt, nicht gerne ſagen müſſen, daß Ihr zweifelhaft wart in einem Ehrenpunkte, der ſo einfach iſt wie das A B C.“ „In der That, Sir John,“entgegnete Randal, ſeine gewohnte Geſchmeidigkeit wieder aufnehmend, während er in ſeinem Innern den grimmigſten Fluch keuchte gegen den Parlamentsmann,„ich bin in dergleichen Dingen noch ein Neuling, ſo daß mir nie zuvor eingefallen iſt, was Ihr mir da eben ſagt. Ohne Zweifel müßt Ihr Recht haben; aber jedenfalls werde ich mich an keinen beſſeren Führer und Berather wenden können als an Mr. Egerton ſelbſt.“ „Nein, gewiß nicht— ein vollkommener Gentleman, dieſer Egerton. Ich wünſchte, wir könnten die Geſpannt⸗ heit zwiſchen ihm und Hazeldean zur Ausgleichung bringen.“ Randal(ſeufzend).—„Ach, ich wünſchte, wir könnten's.“ Sir John.—„Und einige Ausſicht dazu wäre jetzt vorhanden; denn es naht eine Zeit, in der alle treuen Männer der alten Schule zuſammenhalten müſſen.“ Randal.—„Weiſe— bewundernswürdig geſprochen, 1158 Sir John. Aber entſchuldigt mich; ich muß dem Geſand⸗ ten meine Achtung bezeugen.“ Randal machte ſich davon und bemerkte im nächſten Zimmer den Geſandten, der ſich in einer Ecke mit Audley Egerton unterhielt. Der erſtere ſchien ſehr ernſt, Egerton aber, wie gewöhnlich ruhig und verſchloſſen zu ſeyn. Der Graf kam eben an ihnen vorbei und der Geſandte machte gegen ihn eine ſehr ſteife Verbeugung. Als einige Zeit nachher Randal unten ſeinen Mantel ſuchte, trat ihm unerwartet Audley Egerton an die Seite. „Ah, Leslie,“ ſagte der Miniſter in freundlicherem Tone, als er ſonſt gewöhnt war,„wenn Euch die Nachtluft nicht zu kalt iſt, ſo wollen wir miteinander zu Fuß nach Haus gehen. Ich habe den Wagen weggeſchickt.“ Dieſe Herablaſſung von Seiten des Gönners war etwas ſo Ungewöhnliches, daß Randal darüber betroffen und von einer ſchlimmen Ahnung befallen wurde. Als ſie ſich auf der Straße befanden, begann Egerton nach einer Pauſe: „Mein lieber Mr. Leslie, ich glaubte und hoffte, we⸗ nigſtens für Euer anſtändiges Auskommen geſorgt zu haben und Euch in ſpäterer Zeit eine noch glänzendere Laufbahn aufſchließen zu können. Bst! Ich zweifle nicht an Eurer Dankbarkeit. Laßt mich fortfahren. Nach gewiſſen Ent⸗ ſcheidungen, zu denen die Regierung ſich genöthigt ſah, iſt die Möglichkeit vorhanden, daß wir im Hauſe der Ge⸗ meinen geſchlagen werden und dann natürlich unſere Ent⸗ laſſung nehmen müſſen. Ich ſage Euch dies zum Voraus, 6 ——————— —————— and⸗ ſten dley rton Der chte ntel te. rem luft nach war ffen ſie iner we⸗ ben ahn urer Ent⸗ ſah, Ge⸗ Fnt⸗ us, 1159 denn ich wünſche, daß Ihr Zeit habt, für einen ſolchen möglichen Fall zu erwägen, welche Schritte Ihr wohl am beſten einſchlagen könnt. Mit meiner Macht, Euch zu die⸗ nen, wird es dann wahrſcheinlich zu Ende ſeyn. Ohne Zweifel wird man im Hinblick auf unſere nahe Verwandt⸗ ſchaft, und weil man weiß, welche Abſichten ich mit Euch für die Zukunft hatte, von Euch erwarten, daß auch Ihr Eure Entlaſſung nehmt und auf Gut oder Uebel Euern Glücksſtern an den meinigen heftet. Da ich aber unter der Gegenpartei keine perſönlichen Feinde habe und meine Stellung in der Welt ſo anerkannt iſt, daß ich Eure Wahl, wohin ſie auch fallen möge, zu rechtfertigen im Stand bin, ſo mögt Ihr Euch unverhohlen gegen mich ausſprechen, im Fall es Euch räthlicher erſcheint, auf Eurem Poſten zu bleiben. Ich werde es ſchon ſo einleiten, daß Ihr dies thun könnt, ohne daß Eurer Ehre und Eurem Charakter ein Abtrag geſchieht. Aber wenn Ihr dieſen Entſchluß faßt, ſo rathe ich Euch, Euren Ehrgeiz nur auf ein allmäliges Vorrücken im Dienſt zu beſchränken, ohne daß Ihr Euch in die Politik miſcht. Zieht Ihr es übrigens andererſeits vor, in der Ausſicht auf meinen Wiedereintritt in das Kabinet Euren Poſten abzugeben und außerdem Eurer bisherigen Politik zu folgen, die dann freilich nicht nur eine oppoſitio⸗ nelle, ſondern auch eine unpopuläre ſeyn würde, ſo will ich mein Beſtes thun, Euch in das parlamentariſche Leben einzu⸗ führen, obſchon ich Euch zu dem letzteren nicht rathen möchte.“ 3 Es war Randal wie einem Menſchen nach einem 1160 ſchweren Fall— er fühlte ſich buchſtäblich betäubt. Endlich ſtotterte er heraus— „Könnt Ihr von mir glauben, daß ich je Euern Stern — Eure Partei— Eure Sache verlaſſen werde?“ „Mein lieber Leslie,“ erwiederte der Miniſter,„Ihr ſeyd zu jung, als daß Ihr Euch gegen Perſonen oder gegen irgend eine Partei hättet eine Blöße geben können, jene unſelige Flugſchrift ausgenommen. nicht um eine Sache des Gefühls, ſondern des Verſtandes und Nachdenkens. Vorläufig nichts mehr davon. Wenn Ihr erſt das Pro und das Contra werdet erwogen haben, ſo ſeyd Ihr auch in der Lage beſſer beurtheilen zu können, was zu thun für Euch am gerathenſten iſt, falls die Zeit der Entſcheidung plötzlich hereinbrechen ſollte.“ „Aber ich denke, damit hat es noch gute Weile?“ „Ich hoffe es auch, und von ganzem Herzen,“ erwie⸗ derte der Miniſter mit überlegtem und ungekünſteltem Nach⸗ druck. 4 „Könnie es ein größeres Unglück für das Land geben?“ rief Randal.„Ich mag es nicht für möglich halten— es wäre gegen die Natur der Dinge, wenn Ihr und Eure Partei je von dem Staatsruder verdrängt würden.“ „Und ſind wir einmal verdrängt, ſo wird es wohlweiſe Köpfe in Fülle geben, welche verſichern, daß es gegen die Natur der Dinge wäre, wenn wir je wieder ans Ruder ge⸗ langten. Da ſind wir an der Thüre.“ Es handelt ſich hier La de ihr die me um we Tr lie we er dlich tern Ihr gen jene hier des enn ben, ſen, Zeit iſe die e⸗ 1161 Fünftes Kapitel. Randal verbrachte eine ſchlafloſe Nacht; er gehörte übrigens zu den Perſonen, die weder vielen Schlafes bedür⸗ fen, noch daran ſich gewöhnen mögen. Erſt gegen Morgen — um die Zeit, von der man glaubt, daß ſie prophetiſche Träume bringe— verſank er in einen ſehr angenehmen Schlummer, voll von Geſichten, die geeignet waren, zukünftige Kanzler durch die Labyrinthe des Rechts zu locken, oder den trunkenen Muth jugendlicher Fähndriche auf den Klippen des Ruhms zu zerſchellen. Seine Träume zeigten ihm Rood Hall, wie es, gekrönt mit den Thürmen von Belvoir oder Roby, in die Höhe ſtieg und niederſchaute auf unterworfene Ländereien und Herrengüter, die er den räuberiſchen Händen⸗ der Thornhille und Hazeldeane entriſſen hatte— ließen ihn Audley Egertons Gold und Macht— die Zimmer in Dawningſtreet und die Salone in Grosvenor Square ſchauen, die übergegangen waren in die Hände des lächelnden Träu⸗ mers, wie das Chaldäerreich an Darius den Meder. War⸗ um Randal Leslie's Pfühl Träume heimſuchen konnten, welche die vorausgegangenen düſteren und ängſtlichen Träume ſo ſehr Lügen ſtraften?— dies iſt eine Frage, ob deren Löſung meine Philoſophie zu Schanden wird. Er ließ ſich jedoch gerne ihren Zauber gefallen und war nicht wenig betroffen, wie er die Glocke Eilf ſchlagen hörte, als er zum Frühſtück hinunterging.. Es ärgerte ihn, daß es ſchon ſo ſpät war, denn er hatte gehofft, aus Egertons ungewohnter Milde Vortheil zu ziehen und ihm einige Zu⸗ 1162 ſagen oder Anerbietungen abzulocken, welche geeignet wä⸗ ren, die Ausſichten aufzuheitern, die am Abend zuvor der Miniſter ſo erkältend vor ihm ausbreitete, und nur beim Frühſtück bot ſich ihm eine Gelegenheit zu einem Privatge⸗ ſpräch mit ſeinem ſo viel beſchäftigten Gönner dar. Audley Egerton mußte natürlich ſchon fort ſeyn. Und ſo fand er es auch; nur überraſchte es ihn, als er vernahm, daß der Mi⸗ niſter ausgefahren, und nicht, wie er ſonſt zu thun pflegte, zu Fuß weggegangen war. Randal war mit ſeinem ein⸗ ſamen Mahl bald fertig und begab ſich mit einer neuen und plötzlichen Vorliebe für ſein Amt nach ſeiner Kanzlei. Als er durch Pieccadilly kam, hörte er hinter ſich eine Stimme, die ihm in letzter Zeit ſehr bekamit geworden war, und beim Umwenden bemerkte er den Baron Levy Seite an Seite, obſchon nicht Arm in Arm mit einem faſt ebenſo elegant gekleideten Gentleman, der übrigens mit lebhaften Geberden und munteren Schritts einherging— ein Schritt, wie Shakeſpeare, den das Diomed ſchildert: „Gehoben auf der Zehenſpitze; von Der Erde weg trägt ihn der Strebegeiſt Nach oben.“ Man kann in der That den Geiſt und Charakter eines Mannes aus ſeinem gewöhnlichen Gang und den Geberden, mit welchen er ihn begleitet, beurtheilen. Der abſtrakte Denker blickt gewöhnlich auf den Boden, und wer ſich leicht von plötzlichen Antrieben hinreißen läßt oder irgend eine noth⸗ wendige Erinnerung aufzugreifen ſucht, wirft mit einer Art Ruck den Kopf in die Höhe. Der geſetzte, vorſichtige, blos ————— —————————— pr ge mi La zu wä ſch de der kül zie ren er ger dur Ei ron Ler tet geh Av 1163 praktiſche Mann geht bedächtig einher, die Augen vor ſich gerichtet, und achtet auch in ſeiner gedankenvollſten Stim⸗ mung hinreichend auf ſeine Ungebung, um der Bürde des Laſtträgers oder dem Tragbrett eines Fleiſcherjungen aus⸗ zuweichen. Aber der Mann mit ſtarken Ganglien, von vor⸗ wärts drängendem, lebhaftem Temperament, der, wenn ſchon praktiſch, zugleich auch ſpeculativ iſt— der Mann der Thatkraft und des Wetteifers, der an nichts Anderes denkt, als ſich im Leben aufzuſchwingen— der behende, fühne Sanguiniker geht einher wie auf Federn und blickt ſo ziemlich über den Köpfen ſeiner Nebenmenſchen weg, wäh⸗ rend der eigene ihm ſo leicht auf den Schultern ſitzt, daß er in eigenthümlicher Weiſe ihn ſchnell nach allen Richtun⸗ gen drehen kann; ſein Auge iſt glänzend, eher unruhig als durchdringend, ſeine Haltung etwas herausfordernd und ſeine Geſtalt aufrecht, aber ohpe Steifigkeit. Alle dieſe letzteren Eigenthümlichkeiten ließen ſich an dem Begleiter des Ba⸗ rons wahrnehmen. Und als Randal ſich bei dem Ton von Levys Stimme umwandte, ſagte letzterer eben zu ſeinem Nachbar: „Ein junger Mann aus den erſten Cirkeln— Ihr ſoll⸗ tet ihn ſuchen für die Partieen Eurer ſchönen Lady. Wie gehts Euch, Mr. Leslie? Erlaubt mir, Euch Mr. Richard Avenel vorzuſtellen.“ Dann legte er ſeinen Arm in Randals und flüſterte: „Mann von ausgeſuchtem Talent— ungeheuer reich — hat zwei oder drei Parlamentsſitze in der Taſche— Frau gibt Partieen— ihre ſchwache Seite.“ 1164 „Stolz, Eure Bekanntſchaft zu machen, Sir,“ ſagte Mr. Avenel, ſeinen Hut lüpfend.„Schöner Tag.“ „Etwas kalt dabei,“ entgegnete Leslie, der wie alle ſchmächtigen Perſonen mit ſchwacher Verdauung gegen kühle Luft ſehr empfindlich war, abgeſehen davon, daß ihm genug auf der Seele lag, um auch den Leib zu durchkälten. „Um ſo geſünder— ſtählt die Nerven,“ ſagte Mr. Ave⸗ nel.„Aber Ihr junges Volk verweichlicht Eure Conſti⸗ tutionen durch heiße Zimmer und ſpäte Stunden. Natür⸗ lich Freund vom Tanzen, Sir?“ Und ohne Randals ver⸗ neinende Antwort abzuwarten, fuhr Mr. Richard haſtig fort:„Mrs. Avenel gibt am Donnerſtag eine Soirée dansante — wird ſehr glücklich ſeyn, Euch in Eaton Square zu ſehen. Halt; ich habe eine Karte.“ Und er zog ein Dutzend große Einladungskarten heraus, von denen er eine auswählte und ſie Randal hinbot. Der Baron drückte den jungen Gentleman am Arm, und Ran⸗ dal erwiederte höflich, daß er ſich ein großes Vergnügen daraus mache, Mrs. Avenel vorgeſtellt zu werden. Dann ſuchte er, weil er kein Verlangen danach trug, unter dem Fittich des Baron Levy wie die Taube unter dem des Ha⸗ bichts geſehen zu werden, mit Art los zu kommen, indem er große Eile vorſchützte und ſich ſofort ruhig nach ſeinem Bureau begab. „Dieſer junge Mann wird eines Tags Figur machen,“ ſagte der Baron.„Ich kenne Niemand von ſeinem Alter, der ſo wenig von Vorurtheilen befangen wäre. Er iſt von der ton der St ihn mir ver ſoll nich nin mü hab ſchr und Eh dieſ wat ſeit die zun nüt ſagte alle kühle enug Ave⸗ nſti⸗ tür⸗ ver⸗ aſtig ante e zu aus, Der tan⸗ igen ann dem Ha⸗ dem nem en,“ lter, von 1165 der Seite der Frau her ein Verwandter des Audley Eger⸗ ton, der—“ „Audley Egerton!“ rief Mr. Avenel.„Verdammt ſey der ſtolze, ariſtokratiſche, widerwärtige, undankbare Kerl!“ „Wie— was wißt Ihr von ihm?“ „Er verdankte ſeinen erſten Sitz im Parlament den Stimmen zweier naher Verwandter von mir, und als ich ihn vor einiger Zeit auf ſeinem Bureau beſuchte, wies er mir ohne Umſtände die Thüre. Zum Henker mit ſeiner Un⸗ verſchämtheit. Wenn ichs ihm je heimzahlen kann, ſo ſoll es, ſchätz ich, bei mir nicht an gutem Willen fehlen.“ „Euch die Thüre gewieſen? Dies liegt doch ſonſt nicht in ſeiner Art, da er ſich ſtets höflich und förmlich be⸗ nimmt— wenigſtens gegen die meiſten Menſchen. Ihr müßt eine ſchwache Seite von ihm unangenehm berührt haben.“ „Ein Mann, den das Volk ſo ſchön bezahlt, ſollte keine ſchwache Seite haben. Worin beſteht die von Egerton?“ „O, er thut ſich etwas darauf zu gut, daß er durch und durch ein Gentleman ſey— ein Mann vom feinſten Ehrgefühl,“ verſetzte Levy mit Hohn.„Ihr müßt in dieſem Punkt ihn gegen die Haare geſtrichen haben. Um was handelte ſichs?“ „Ich hab's vergeſſen,“ antwortete Mr. Avenel, der ſeit ſeiner Vermählung zu wohl wußte, wie man in London die Titel anſah, um nicht mit Erröthen auf ſeinen Wunſch, zum Ritter gemacht zu werden, zurück zu ſchauen.„Was nützts, uns die Köpfe voll zu ſchwatzen über den Pelz eines 1166 anmaßenden Affen. Kehren wir lieber zu dem Gegenſtand unſeres früheren Geſprächs zurück. Ich muß mich darauf verlaſſen können, daß ich das Geld nächſte Woche erhalte.“ „Soll nicht fehlen.“ „Und Ihr werdet meine Wechſel nicht auf den Markt geben, ſondern ſie unter Schloß und Riegel bewahren.“ „So iſt's ausgemacht.“ „Nur eine vorübergehende Schwierigkeit— Hoftrauer, ſolcher Unſin— paniſcher Schrecken im Verkehr, weil jene koſtbaren Miniſter im Begriff ſind, abzufahren. Ich werde bald wieder flott ſeyn auf dem trüben Waſſer.“ „Mit Hülfe eines Papierbvots,“ verſetzte der Baron lachend, worauf die beiden Gentlemen ſich die Hände drückten und ſchieden. Sechstes Kapitel. Inzwiſchen hatte Audley Egertons Wagen den Mini⸗ ſter an der Thüre von Lord Lansmere's Wohnung, bei Knightsbridge, abzeſetzt.. Er fragte nach der Gräfin und wurde nach dem Beſuchzimmer gewieſen, das er leer fand. Er war blaſſer als gewöhnlich, und als die Thüre aufging, wiſchte er eben ein ungewohntes Naß von ſeiner Stirne, während ein leichtes Beben über ſeine feſten Lippen zuckte. Auch die Gräfin zeigte bei ihrem Eintritt eine Aufregung, die ſehr gegen ihre ſonſtige Selbſtbeherrſchung abſtach. Sie drückte ſchweigend Audley's Hand, nahm an ſeiner Seite 2 ſa un H tig me an mi rut mi vo ſat ein Al vpt tarkt uer, weil Ich aron ckten Lini⸗ bei und and. ing, irne, ckte. ung, Sie eite 1167 Flatz und ſchien ihre Gedanken zu ſammeln. Endlich ſagte ſie— „Es iſt in der That eine große Seltenheit, daß wir uns ſehen, Mr. Egerton, obſchon Ihr mit Lansmere und Harley ſo vertraut ſeyd. Ich komme ſo wenig in Eure Welt, und Euch führt Euer guter Wille nicht zu mir.“ „Madame,“ verſetzte Egerton,„ich könnte Eurem gü⸗ tigen Vorwurf durch die Verſicherung ausweichen, daß meine Zeit mir nicht zu freier Verfügung ſteht; aber ich antworte Euch in einfacher Wahrheit— ſolche Begegnungen müſſen für uns beide ſchmerzlich ſeyn.“ Die Gräfin erröthete und ſeufzte, ſchien aber die Aeuße⸗ rung Egertons nicht in Abrede ziehen zu wollen. Audley nahm wieder auf: „Und deshalb muß ich aus dem Umſtande, daß Ihr mich rufen ließt, den Schluß ziehen, Ihr habet mir etwas von Wichtigkeit mitzutheilen.“ „Es geht Harley an,“ entgegnete die Gräfin, gleich⸗ ſam entſchuldigend,„und ich möchte Euern Rath hören.“ „Harley? Sprecht fort— ich bitte Euch.“ „Mein Sohn hat Euch wahrſcheinlich geſagt, er habe ein junges Mädchen erzichen und ausbilden laſſen in der Abſicht, ſie zur Lady L'Estrange und ſeiner Zeit zur Gräfin von Lansmere zu machen.“ „Harley hat keine Geheimniſſe vor mir,“ erwiederte Egerton in wehmüthigem Tone. „Dieſe junge Dame iſt in England angelangt— iſt hier in dieſem Hauſe.“ „Und auch Harley?“ „Nein. Sie kam mit Lady N— und ihren Töchtern herüber. Harley verſprach bald nachzufolgen, und ich er⸗ warte ihn mit jedem Tage. Hier iſt ſein Brief. Wie Ihr ſeht, hat er der jungen Perſon, welche ſich jetzt unter meiner Obhut befindet, ſeine Abſichten noch nicht mitgetheilt— noch nie als Liebhaber mit ihr geſprochen.“ Egerton nahm den Brief und durchlas ihn raſch, ob⸗ ſchon mit Aufmerkſamkeit. „Richtig,“ verſetzte er⸗ indem er das Schreiben zurück⸗ gab;„und eh er es thun will, wünſcht er, daß Ihr Miß Digby ſehet und Euch ſelbſt ein Urtheil über ſie bildet. Er möchte zuvor wiſſen, ob Ihr ſeine Wahl billigen und ſegnen könnet.“ „Und dies iſt's, weshalb ich Euern Rath hören möchte. — Ein Mädchen ohne Rang— der Vater allerdings ein Gentleman, obſchon ein etwas zweideutiger— aber die Mutter, ich weiß nicht was. Und Harley, für den ich eine Verbindung mit den erſten Häuſern Englands hoffte!“ Die Gräfin preßte ihre Hände krampfhaft zuſammen. Egerton.—„Er iſt kein Knabe mehr. Seine Ta⸗ lente ſind verſchwendet, ſein Leben iſt das eines Wanderers. Er bietet Euch eine Ausſicht zu Beruhigung ſeines Geiſtes — zu Erweckung der ihm inwohnenden Kräfte— zu einer Heimath neben der Eurigen. Lady Lansmere, Ihr könnt nicht zaudern!“ Lady Lansmere.—„Doch— doch! Nach allem w ve eir me net wi Ac daf me ein ück⸗ Miß nen hte. ein die eine en. Ta⸗ rers. einer önnt em 1469 was ich gehofft— nach allem, was ich gethan habe, um zu verhindern—“ 8 Egerton(ſie unterbrechend).—„Ihr ſeyd ihm jetzt eine Sühne ſchuldig. Dies ſteht in Eurer Macht— in der meinigen nicht.“ Abermals preßte die Gräfin Audleys Hand und Thrä⸗ nen entſtrömten ihren Augen⸗ „Es ſoll ſo ſeyn. Ich gebe meine Zuſtimmung. Ich will ſchweigen— will es niederdrücken, dieſes ſtolze Herz. Ach, iſt doch das ſeinige nahezu gebrochen. Es freut mich, daß Ihr ſo ſprecht— freut mich, denken zu dürfen, daß er meine Einwilligung Euch verdankt— denn es liegt darin eine Sühne für uns Beide— für mich und Euch.“ „Ihr ſeyd zu edelmüthig, Madame,“ verſetzte Eger⸗ ton in ſichtlicher Erregung, obſchon er, wie immer, bemüht war, ſie niederzukämpfen. Und ich darf wohl jetzt die junge Dame ſehen? Dieſe Beſprechung wird mir ſchmerzlich. Iht bemerkt, daß ſelbſt meine ſtarken Nerven beben, und dies eben jetzt, in einer Zeit, die ſo ſchwer auf mir laſtet und alle meine Kraft und Feſtigkeit in Anſpruch nimmt.“ „Ich habe allerdings gehört, daß vermuthlich das Miniſterium zurücktreten wird. Aber es geſchieht auf eine ehrenhafte Weiſe und die Stimme der Nation wird es bald wieder zurückrufen.“ „Laßt mich Harley L'Estrange's künftige Gattin ſehen,“ verſetzte Egerton, ohne auf dieſe Worte des Troſtes zu achten. Die Gräfin ſtand auf und verließ das Zimmer. Nach Bulwer, meine Royelle. 74 1170 einigen Minuten kehrte ſie mit Helen Digby wieder zu⸗ rück. Wie wunderbar hatte ſich das blaſſe zarte Kind mit dem ſanften Lächeln und dem ſeelenvollen Auge, das wir in dem Dachſtübchen an Leonards Seite ſitzen ſahen, ver⸗ ändert. Sie war von mittlerer Größe und noch immer ſchmächtig, aber von ſchöner Bildung und von jener feinen, ebenmäßigen Abrundung, die in ihrer wellenförmigen, ge⸗ ſchmeidigen Anmuth ſo ſehr der Idee des Weibes entſpricht, beſtimmt, das Leben zu verſchönern und ſeine rauhen Ecken zu mildern— beſtimmt zum Schmucke und nicht zum Schutz. Allerdings hätte vielleicht ihr Geſicht das kritiſche Auge des Künſtlers nicht befriedigt, da es nicht ganz regelmäßig war; aber es beſaß einen ungemein edeln und gewinnenden Ausdruck, und wohl Wenige würden nicht gerufen haben —„Welche lieblichen Züge!“ Auf ihrer ſanften Stirne lag ein Anflug von Schwermuth und ihre Jugend zeigte noch immer die Spuren des kindlichen Alters. Ihr Schritt war langſam und ihr Weſen ſchüchtern, unterwürfig und 1 furchtſam. Audley faßte ſie ernſt ins Auge, als ſie ſich ihm näherte. Dann trat er auf ſie zu, faßte ihre Hand und führte ſie an ſeine Lippen. „Ich bin der langjährige Freund Eures Beſchützers,“ ſagte er und führte ſie nach einem Sitz in der Fenſter⸗ miſche, wo er neben ihr Platz nahm. Ein raſcher Blick auf die Gräſin ſchien anzudeuten, daß er ſich bei Seite mit Helen zu beſprechen wünſche. So Leutete wenigſtens die Gräfin 6 ———— —„— zu⸗ mit wir ver⸗ mer nen, ge⸗ icht, cken hutz. luge äßig nden aben tirne eigte hritt und erte. ie an ers,“ nſter⸗ k auf Helen räfin dieſen Blick; denn obſchon ſie im Zimmer blieb, ſetzte ſie ſich doch in weiter Entfernung nieder und nahm ein Buch auf. Es war rührend anzuſehen, wie der ernſte Geſchäfts⸗ mann ſich Mühe gab, den Geiſt dieſes ruhigen ſcheuen Mäd⸗ chens zu prüfen, und wer ihm zugehört hätte, würde wohl begriffen haben, wie es kam, daß er einen ſo großen geſell⸗ ſchaftlichen Einfluß beſaß, und wie gut er im Laufe ſeines Lebens zu einer oder der andern Zeit gelernt hatte, mit den Frauen umzugehen. Er redete zuerſt von Harley L'Estrange— ſprach von ihm mit Takt und Zartgefühl. Helen antwortete Anfangs nur einſylbig, ging aber allmälig in einen Ton dankbarer und offener Anhänglichkeit üͤber. Andleys Stirne beſchat⸗ tete ſich. Er ſprach dann von Italien, und obgleich Nie⸗ mand weniger von einem Dichter in ſeinem Weſen hatte, wußte er doch mit der Gewandtheit eines erfahrenen Welt⸗ mannes, der daran gewöhnt war, die Eigenthümlichkeiten der verſchiedenartigſten Charaktere auszuholen, Gegenſtände auf die Bahn zu bringen, welche dazu dienten, das Poeti⸗ ſche in anderen Naturen zu wecken. Helens Antworten be⸗ kundeten einen gebildeten Geſchmack und einen bezaubern⸗ den weiblichen Geiſt, verriethen aber zugleich, daß der⸗ ſelbe gewöhnt war, ſein Colorit Anderen zu entnehmen und das Hehre und Schöne zu ſchätzen, zu verehren, zu be⸗ wundern, jedoch nur mit beſcheidenem, demüthigem Sinne. Da war nichts von feuriger Begeiſterung, keine Aeußerung von auffallender Originalität, kein Leuchten einer zünden⸗ den, ſchöpferiſchen Kraft. Egerton ging endlich auf Eng⸗ 74* 1172 land uͤber— auf die bedenkliche Zeitenlage und auf die Anſprüche, die das Vaterland an alle diejenigen habe, welche die Fähigkeit beſäßen, in die Wirren helfend oder leitend einzugreifen. Mit Wärme verbreitete er ſich über Harley's natürliche Talente und drückte ſeine Freude aus, daß er nach England zurückkehre, um vielleicht eine große Laufbahn zu beginnen. Helen ſchaute überraſcht auf; aber ihr Antlitz holte keine entſprechende Glut aus Audley's Beredſamkeit. Er ſtand auf und über ſein ernſtes ſchönes Geſicht glitt ein Ausvruck getäuſchter Erwartung, der jedoch eben ſo ſchnell wieder verſchwand. „Abdien, meine theure Miß Digby, ich fürchte, ich habe Euch ermüdet, namentlich mit meiner Politik. Adieu, Lady Lansmere. Wann Harley zurückkommt, hoffe ich ihn bald zu ſehen.“ Er verließ haſtig das Zimmer, ſtieg in ſeinen Wagen und befahl dem Kutſcher, nach Downingſtreet zu fahren. Dann ließ er die Blenden nieder und lehnte ſich zurück. Eine gewiſſe Erſchlaffung machte ſich in ſeinen Zügen be⸗ merklich, und ein⸗ oder zweimal fuhr ſeine Hand mechaniſch nach ſeinem Herzen. „Sie iſt gut, liebenswürdig, gelehrig— und wird ohne Zweifel eine vortreffliche Frau abgeben,“ murmelte er vor ſich hin.„Aber kann ſie Harley lieben, wie er von Liebe geträumt hat? Nein! Beſitzt ſie genug Feuer und Thatkraft, um ſeine Vermögen zu wecken und der Welt den alten Harley wieder zu geben? Nein! Sie iſt vom Himmel peſtimmt, der Schatten von eines Anderen Sonne, nicht en en. be⸗ ſch er on ind den nel cht 1173 ſelbſt Sonne zu ſeyn. Wahrlich, dieſes Kind vermag nicht, die Vergangenheit gut zu machen und die Zukunft zu er⸗ hellen.“ Siebentes Kapitel. Noch am nämlichen Abend langte Harley in dem elter⸗ lichen Hauſe an. Die wenigen Jahre, ſeit wir ihn zum letztenmal ſahen, hatten keine merkliche Veränderung in ſeinem Aeußern hervorgebracht. Seine Geſtalt zeigte noch die frühere Jugendfülle und ſein Geſicht daſſelbe wechſelnde Spiel der Züge. Seine Freude über das Wiederſehen der Eltern ſchien ungekünſtelt zu ſeyn, und in der Zärtlichkeit gegen ſeine Verwandten ſowohl, als in ſeinem Frohſinn, lag etwas von dem Weſen eines in die Ferien heimkehrenden Knaben. Sein Benehmen gegen Helen zeugte von dem ritterlichen Geiſte, der alle Knoten und Krümmungen ſeines Charakters durchdrang; es war zärtlich, aber achtungsvoll, das ihrige dagegen ſchüchtern, obſchon voll unſchuldiger, zarter anmuthiger Herzlichkeit. Harley führte hauptſächlich das Wort. Der Stand der öffentlichen Verhältniſſe war ſo bedenklich, daß er es nicht vermeiden konnte, auch die po⸗ litiſchen Fragen zu berühren, und er zeigte dabei in der That ein Intereſſe, das man früher nie an ihm wahrge⸗ nommen hatte. Lord Lansmere war entzückt. „Schön, Harley; du liebſt im Grunde doch dein Vater⸗ land.“ „Sobald ihm Gefahr droht— ja,“ verſetzte der Pa⸗ 1174 mrieier, und der Sybarite ſchien ſich zum Athener zu er⸗ heben. Dann erkundigte er ſich angelegentlich nach ſeinem alten Freund Audley, und nachdem in dieſer Beziehung ſeine Neugierde befriedigt war, fragte er nach den jüngſten literariſchen Neuigkeiten. Er hatte viel von einem erſt kürz⸗ Uch erſchienenen Buche gehört und bezeichnete Dasjenige, welches von Pfarrer Dale dem Profeſſor Moß zugeſchrieben worden war. Niemand von ſeinen Zuhörern hatte es ge⸗ leſen. Harley that ſehr ungehalten darüber und beſchuldigte ſie alle in ſeinem wunderlichen, metaphoriſchen Styl der Trägheit und des Stumpfſinns. Dann fragte er nach den Meuigkeiten aus London. „Wir hören nie davon,“ verſetzte Lady Lansmere. „Bei Boodle iſt kürzlich viel von einem neuen Pflug 3 geſprochen worden,“ ſagte Lord Lansmere. „Gott ſchenke ihm Gedeihen. Aber ſpricht man in White's Club nicht viel von einem neuen Mann?“ „Ich gehöre nicht zu dieſem Club.“ „Gleichwohl könnt Ihr von ihm gehort haben— von einem Ausländer, dem Grafen di Peschiera.“ „Ja,“ erwiederte Lord Lansmere.„Ich ließ ihn mir im Park zeigen— ein ſchöner Mann für einen Ausländer, trägt ſein Haar gehörig geſchnitten und ſieht ganz aus wie unſere engliſchen Gentlemen.“ „Ah, er iſt alſo hier!“ und Harley rieb ſich die Hände. 2 e⸗ in n mir der, wie 1175 „Welchen Weg haſt du gemacht? Biſt du über den Simplon gekommen?“ „Nein. Ich komme geraden Weges von Wien“ Er erzählte nun mit großer Lebhaftigkeit ſeine Reiſe⸗ abenteuer und fuhr fort, den Lord Lansmere durch ſein hei⸗ teres Weſen zu unterhalten, bis es Schlafengehenszeit war. Er hatte kaum ſein Zimmer erreicht, als ſeine Mutter ihm nachkam. „Nun, ich brauche Euch wohl nicht zu fragen, ob Euch Miß Digby gefällt,“ ſagte er;„wem gefiele ſie nicht!“ „Harley, mein Sohn— mein Einziger,“ rief die Mutter, in Thränen ausbrechend,„ſey glücklich in deiner Weiſe— nur glücklich; dies iſt Alles, um was ich bete.“ Harley antwortete in tiefer Bewegung und voll Dankes auf dieſen zärtlichen Ausruf. Er ſuchte dann allmälig das Geſpräch auf Helen zu lenken und fragte plötzlich: „Und was haltet Ihr von unſerem Glück— von dem ihrigen ſowohl, als von dem meinigen? Sprecht Euch un⸗ verhohlen aus.“ „Ihr Glück kann keinem Zweifel unterliegen,“ verſetzte die Mutter ſtolz.„Und was das Deinige betrifft— wie kaunſt du mich fragen.“ Haſt du nicht ſelbſt darüber deinen Ent⸗ ſchluß gefaßt?“ „Aber doch freut und ermuthigt es Einen bei jedem auch noch ſo wohl überlegten Verſuch, wenn man des Bei⸗ falls Anderer verſichert ſeyn darf. Helen hat ſicherlich ein ſehr edles Gemüth.“ „So kömmt es mir auch vor. Aber ihr Geiſt“ 1176 „Iſt ſehr ausgebildet.“ „Sie ſpricht ſo wenig—“ „Wirklich? Dies wundert mich. Sie iſt voch ein Frauenzimmer.“ „Pah!“ verſetzte die Gräfin, wider Willen einem klei⸗ nen Lächeln Raum gebend.„Aber erzähle mir mehr von dem Fortgang Deines Verſuchs. Du nahmſt ſie als Kind auf in der Abſicht, ſie nach Deinem Ideal zu bilden. War dies leicht?“ „Es ſchien ſo. Ich hatte die Abſicht, die Wahrheit ihr zu einer Gewohnheit zu machen, aber ſie war ſchon von Natur ſo lauter wie der Tag. Der Sinn für Natur und das Naturſchöne— dieſes war ihr angeboren. Die Auf⸗ faſſung der Kunſt als einer Auslegerin der Natur— dies ihr beizubringen hatte ſchon mehr Schwierigkeit, wird aber, denke ich, auch noch kommen. Ihr habt ſie ſpielen und ſingen hören?“ „Nein.“ „Sie wird Euch in Erſtaunen ſetzen. Für's Zeich⸗ nen hat ſie weniger Talent, obſchon nichts verſäumt wurde, was durch Unterricht zu erzielen iſt. Mit einem Wort, ſie beſitzt eine vollendete Bildung. Gemüth, Herz und Geiſt — alles iſt vortrefflich.“ Harley hielt inne und unterdrückte einen Seufzer.„Gewiß, ich werde ſehr glücklich ſeyn.“ Und er begann ſeine Uhr aufzuziehen. „Natürlich muß ſie Dich lieben?“ ſagte die Gräfin nach einer Pauſe.„Wie könnte ſie anders?“ ein klei⸗ von dind War heit von und luf⸗ dies ber, gen ich⸗ rde, ſie zeiſt ckte 4427 „Mich lieben? Meine theure Mutter, dies iſt gerade die Frage, die ich erſt noch zu ſtellen habe.“ „Die Frage ſtellen? Liebe enthüllt ſich auf einen Blick; ſie bedarf nicht erſt der Frage.“ „So hat ſich mir noch nichts davon enthüllt, kann ich Euch verſichern. Die Sache verhält ſich nämlich ſo, daß ich ſie, wie Ihr Euch denken könnt, noch als Kind aus mei⸗ nem Hauſe that. Sie fand ein Unterkommen bei einer italieniſchen Familie, die in der Nähe meines gewöhnlichen Anfenthalts wohnte. Ich beſuchte ſie oft, leitete ihre Studien, überwachte ihre Ausbildung—“ „Und verfielſt in Liebe zu ihr?“ „Verfallen iſt ein gar ungeſtümes Wort. Ich er⸗ innere mich nicht, daß es ſo Knall und Fall ging. Das Ganze war eine glatte, geneigte Ebene vom erſten Schritt an, bis ich endlich zu mir ſagte: Harley l'Estrange, deine Zeit iſt gekommen. Die Knoſpe hat ſich zur Blüte entfaltet— nimm ſie an deine Bruſt“ Und ich antwortete mir darauf: Sey es darum. Ich erfuhr ſodann, daß Lady N— mit ihren Töchtern nach England zurückzukehren be⸗ abſichtigte, bat die gnädige Frau, meine Mündel in ihr Haus aufzunehmen, ſchrieb Euch um Eure Einwilligung in der Ueberzeugung, daß der Eurigen auch die meines Vaters folgen werde— und nun bin ich hier. Ihr habt mir die gewünſchte Zuſtimmung ertheilt, und morgen will ich mit Helen ſprechen. Möglich, daß ſie mich am Ende zurück⸗ weist.“ „Seltſam— höchſt ſeltſam. Du ſprichſt ſo kalt, ſo 1178 leichthin— Du, der Du einer ſo glühenden Liebe fä⸗ hig biſt!“ „Mutter,“ verſetzte Harley mit Ernſt,„gebt Euch zu⸗ ftieden. Ich wenigſtens bin es. Eine Liebe wie früher— ich fühle dies leider nur zu gut— kann nie mehr bei mir einkehren Aber eine ſanfte Gefährtin mir zur Seite, zärt⸗ liche Freundſchaft, der Troſt und das ſinnige Licht in dem Lächeln eines Weibes— ſpäter die Stimmen von Kin⸗ dern, eine Muſik, die, in den Herzen beiner Eltern wieder⸗ hallend, vie nachhaltigſten und reinſten Sympathien weckt — dies ſind meine Hoffnungen. Kommen ſie Euch ſo ge⸗ ring vor, meine zärtliche Mutter?“ Abermals weinte die Gräfin, und ihre Thränen waren noch nicht vertrocknet, als ſie das Zimmer verließ. Achtes Kapitel. O Helen, ſchöne Helen— Muſterbild von der ruhi— gen, heitern, unbeachteten, tiefgefühlten Trefflichkeit des Weibes! Des Weibes, vicht im Sinne des vom Dichter aus der Luft hervorbeſchworenen Ideals, ſondern wie der Dichter es wünſchens muß zur Genoſſenſchaft auf Erden! Des Weibes, das mit ſeiner klaren, ſonnigen Anſchauung der Dinge in der Wirklichkeit und mit der feinen Empfäng⸗ lichkeit eines zarten Geiſtes die Mängel deſſen erſetzt, der mit dem Fuß ſtets auf der Erde ſtrauchelt, weil ſein Auge zu unverwandt an den Sternen hängt! Des vorſorglichen, uhi⸗ des chter e der den! uung äng⸗ der Auge chen, 1179 tröſtenden Weibes, des Engels, deſſen Schwingen ſich um ſein Herz falten und vort den göttlichen Springquell warm bewahren gegen den Winter der Welt! Helen, weiche Helen, trägſt du wirklich das in dir, worin der wilde, präch⸗ tige„Herr des Ueberfluſſes und der Ruhe“ die Neugeburt ſeines Lebens, die Wiedertaufe ſeiner Seele finden ſoll? Was können deine beſcheidenen, klugen, häuslichen Tugen⸗ den dem nützen, den ſein Reichthum vor rauher Ver⸗ ſuchung ſchirmt— deſſen Sorgen weit aus deinem Geſichts⸗ kreis liegen— deſſen unſteter, verſtörter Sinn, bald ſich hebend, bald fallend, eines feineren Blicks bevarf, als der deinige iſt, und einer Kraft, welche auf dem Fittich der Begeiſterung und der Leidenſchaft den Geiſt zu heben weiß, wenn er ſinken will? ind du ſelbſt, o ſchüchternes, anſpruchsloſes Weſen, das aus ſeiner Verborgenheit hervorgelockt und entwickelt ſeyn will in der ruhigen, warmen Atmoſphäre einer hei⸗ ligen glücklichen Liebe— kann eine Zuneigung, wie Harley vEstrange ſie dir zu bieten vermag, dir genügen? Wer⸗ den nicht die Blüten, welche kaum erſt ihren Kelch aufge⸗ ſchloſſen haben, unter dem Schgtten hinwelken, der dich vielleicht gegen den Sturm ſchützt, aber auch die Sonue von dir abhält? Du, die du im Geben»von Liebe bei aller Schüchternheit doch auch Gegenliebe ſuchſt und dem, wel⸗ chem deine ganze hingebende Treue geweiht iſt, der Seele ſüßeſte Nothwendigkeit, die innigſte Lebensgenoſſin ſeyn willſt.— Kannſt du einen Einfluß üben auf die Quellen der Frende und des Leids in einem Herzen, das nicht 1180 ſchneller pocht bei deinem Namen? Beſitzeſt du den Zau⸗ ber und die Gewalt des Mondes, daß die Wellen jener ſtürmiſchen See ebben und fluthen nach deinem Willen? Und dennoch wer iſt im Stande zu ſagen oder auch nur zu muthmaßen, wie nahe ſich zwei Herzen kommen können, wenn keine Schuld zwiſchen ihnen liegt und die Zeit alle ihre Bande bringt? Die ſeltenſte von allen Erſcheinungen auf Erden iſt eine Verbindung, in welcher beide Theile durch ihre Gegenſätze zu einer harmoniſchen Miſchung werden, indem jeder die Mängel des anderen ausgleicht und ihr Zuſammenwirken ſo zu ſagen durch Verſchmelzung eine ein⸗ zige kräftige Menſchenſeele darſtellt. Selbſt wo das Ein⸗ verſtändniß nur ſelten das Uebergewicht behauptet, geht es ſchon glücklich genug, wenn jedes, obſchon nicht die Flamme, ſo doch den Weihrauch zu dem Altar bringen kann. Iſt die Denkweiſe des Mannes edel und hochherzig, die der Frau dagegen ſanft und rein, ſo mag Liebe, wenn ſie auch nicht vorausgegangen iſt, ſpäter entſtehen, und wäre dies auch nicht der Fall— fehlen wirklich die Roſen in der Guirlande, ſo ſeufzt man vielleicht nach der Blumenkönigin, iſt aber auch vor den Dornen ſicher. Der Morgen war mild, die Luft aber ein wenig von dem Nebel getrübt, der in London den nahen Winter ver⸗ kündigt, als Helen gedankenvoll unter den Bäumen ſich er⸗ ging, welche den Garten von Lord Lansmere's Wohnung umgaben. An den Zweigen zitterten noch viele Blätter; aber ſie waren dürr und vergilbt. Auch die Vögel ließen ſich noch bisweilen hören, obſchon ihre Muſik nur traurig und die ſ entn freut aufg gege legte auf eſſe Gaſt laue men! — a eint und diſch zu d Gep gew in d tern lichk mut Har men eine nom Zau⸗ jener illen? nur zu wenn e ihre en auf durch erden, d ihr e ein⸗ Ein⸗ eht es mme, ſt die Frau nicht auch lande, aber g von ver⸗ ich er⸗ nung ätter; ließen aurig 1¹81 und wehklagend klang. Bis zu Harley's Ankunft wal für die ſchüchterne, unterwürfige Helen alles im Hauſe fremd und entmuthigend geweſen. Lady Lansmere hatte ſie zwar freundlich, aber doch mit einer gewiſſen Zurückhaltung aufgenommen, und das ſtolze Weſen, welches die Gräfin gegen Jedermann, ihren Sohn ausgenommen, an den Tag legte, mußte nothwendig einen erkältenden Eindruck machen auf die befangene Waiſe. Sogar das mütterliche Inter⸗ eſſe an Harley's Wahl, die Verſuche der Gräfin, ihren Gaſt aus ſeiner Zurückhaltung herauszulocken, und ihre lauernden Blicke, ſo oft das arme Kind in der Beklom⸗ menheit ſeines Herzens etwas ſprach oder ſich auch nur rührte — alles Dies ſchüchterte unſere Helen nur mehr und mehr ein und machte ſie ungerecht gegen ſich ſelbé. Auch die Dienerſchaft, obſchon ſie ſich ſo geſetzt, ernſt und achtungsvoll benahm, wie es der würdevolle, altmo⸗ diſche Haushalt forderte, bildete einen peinlichen Gegenſatz zu dem heiteren lächelnden Grüßen und dem unbefangenen Geplauder, an das ſie bei den italieniſchen Domeſtiken gewöhnt war. Ihr Rückblicken auf die behagliche Wärme in dem Benehmen der Feſtländer, welches auch den Schüch⸗ ternen zutraulich macht, ließ ihr die ſtattliche, kalte Pünkt⸗ lichkeit in ihrer ganzen Umgebung doppelt troſtlos und ent⸗ muthigend erſcheinen. Lord Lansmere, welcher zur Zeit Harleys Abſichten noch nicht kannte, und ſich wenig träu⸗ men ließ, er habe in dem Mädchen, welches ſein Sohn in einem Anflug romantiſcher Laune unter feinen Schutz ge⸗ nommen, eine künftige Schwiegertochter vor ſich, benahm 1182 ſich höflich und zutraulich, wie es ihm als Wirth zuſtand, betrachtete aber Helen blos als Kind, das er natürlich der Gräfin überließ. Ein unbeſtimmtes Gefühl von ihrer zweideutigen Stellung, von der verhältnißmäßigen Unan⸗ ſehlichkeit ihrer Geburt und ihrer Glücksgüter, laſtete pein⸗ lich auf ihr, und ſogar ihre Dankbarkeit gegen Harley wurde ihr durch das. Bewußtſeyn ihrer Hilfloſigkeit zu einer Bürde. Der Dankbare ſehnt ſich nach Vergeltung— und was konnte ſie je für ihn thun? Unter ſolchen Gedanken wandelte ſie einſam durch die geſchlängelten Spazierwege und Nachäffungen einer länd⸗ lichen Gegend; und das jenſeits der hohen düſtern Mauern eben ſichtbare lärmende London, während man nicht einmal den Fenſtern jenes maſſenhaften, förmlichen Hauſes aus⸗ weichen konute, ſchien dem armen Weſen, das ſich nach der einfachen liebenden Natur ſehnte, ein Abbild der feſſelnden Schranken des Rangs zu ſeyn. Helens Träumen wurde durch Nero's frohes Gebell unterbrochen. Das Thier hatte ſie bemerkt, kam auf ſie zu⸗ geſprungen und ſchob ſeinen großen Kopf in ihre Hand. Glücklich in dieſer ehrlich gemeinten Begrüßung beugte ſie ſich nieder, um den Hund zu ſtreicheln, und die Thränen, welche ihr längſt in den Augen geſtanden, träufelten auf den vernunftloſen Freund nieder; denn ich kenne nichts, was uns mehr zu Thränen bewegt, als die treue Anhänglichkeit eines Hundes, wenn die Berührung mit menſchlichen We⸗ ſen ſchmerzlich und erkältend auf uns eingewirft hat. Da hörte ſie plötzlich hinter ſich den Ton von Harley's muſi⸗ kal der ihr ſo in kur lar Ve Ki ſch nal an, Jc der alt abe ſta ſtand, h der ihrer man⸗ pein⸗ arley it zu ng— ch die länd⸗ auern inmal aus⸗ ch der elnden Hebell ſie zu⸗ Hand. gte ſie ränen, uf den „was lichkeit nWe⸗ Da muſi⸗ 1183 kaliſcher Stimme. Sie trocknete oder unterdrückte haſtig den Thau in ihren Augen, als ihr Beſchützer herankam und ihren Arm in den ſeinigen legte. „Ich hatte geſtern Abend von Eurer Unterhaltung ſo wenig, meine liebe Mündel, daß ich Euch jetzt wohl ganz in Anſpruch nehmen Larf, und wenn auch Nero darüber zu kurz kömmt. So ſeyd Ihr nun wieder in Eurem Geburts⸗ land.“ Ein leiſer Seufzer entſchlüpfte Helen. „Und ich hoffe, Eure Rückkehr hat unter günſtigeren Verhältniſſen ſtattgefunden, als die waren, welche Eure Kindheit begleiteten.“ Helen erhob den Blick voll warmen Dankes zu ihrem Beſchützer, und die Erinnerung alles deſſen, was ſie ihm ſchuldete, trat mit einem Male vor ihre Seele. Mit Ernſt, obſchon zugleich mit ſanfter Wehmuth, nahm Harley wieder auf— „Helen, Euer Auge dankt mir, aber hört mich vorher an, eh' ihrs mit Worten thut. Ich verdiene keinen Dank. Ich bin im Begriff, Euch ein ſeltſames Bekenntniß von Selbſtſucht abzulegen.“ „Ihr?— O, nicht möglich.“ „Urtheilt ſelbſt und entſcheidet dann, wer von uns Bei⸗ den Urſache hat, dankbar zu ſeyn. Helen, als ich kaum ſo alt war, wie Ihr jetzt— den Jahren nach nur ein Knabe, aber wie mich däucht, im Herzen mehr ein Mann mit der ſtarken Thatkraft und dem erhabenen Streben eines Mannes, 1184 als ich es ſeitdem je geweſen bin— liebte ich— und mit welcher Innigkeit—“ Er hielt einen Augenblick an in ſichtbarem Kampf⸗ Helen hörte ihm zu in ſtummer Ueberraſchung. Aber ſeine Aufregung wirkte anſteckend auf ſie, und ihr zartes Mädchen⸗ herz ſehnte ſich, Troſt zu bringen. Unwillkürlich ruhte ihr Arm weniger leicht in dem ſeinigen. „Tief und ſchmerzlich. Es iſt eine lange Geſchichte, die ich Euch beſſer zu einer andern Zeit erzähle. Die Welt⸗ lichgeſinnten würden meine Liebe Wahnſinn nennen. Ich hörte damals nicht auf die Stimme des Verſtandes und bin dazu auch jetzt noch unfähig. Genug; der Tod traf plötz⸗ lich, ſchrecklich und für mich auf eine geheimnißvolle Weiſe den Gegenſtand meiner Liebe. Aber die Liebe lebte fort. Zum Glück vielleicht fand ſich bald Zerſtreuung— für meinen Schmerz zwar nicht, wohl aber dafür, daß ich ihm nicht unthätig nachhing. Ich wurde Soldat und folgte un⸗ ſerem Heere. Man nannte mich tapfer. Schmeichelei! Denn ich war feige bei dem Gedanken, daß ich leben müſſe. Ich ſuchte den Tod; aber eben ſo wie der Schlaf, kömmt er nicht immer, wenn wir ihn rufen. Es wurde Friede. Wenn der Wind ſich legt, ſo fallen die Segel— ebenſo ſchien, als die Aufregung vorüber war, mir Alles ſchal und zweck⸗ los zu ſeyn. Mein Herz war ſchwer, ſehr ſchwer. Viel⸗ eicht wäre der Gram weniger hartnäckig geweſen, wenn ich nicht gefürchtet hätte, daß Urſache zu Selbſtvorwürfen vorhanden ſey. Seitdem bin ich ein unſteter Wanderer, ein freiwilliger Verbannter geweſen. Als Knabe war ich ehr⸗ gei Fla ren kurz Ra zug von ſche wur bem gen Aus jeni der ich; will ſoh ich zuſa an; mic Hel gele wie den. es ſeyd 1185 geizig— von Ehrgeiz jetzt keine Spur mehr. Wenn eine Flamme das Innerſte des Herzens erreicht, frißt ſie verzeh⸗ rend um ſich und läßt nichts zurück als Aſche. Ich will kurz ſeyn. Sollte ich der Schwäche unmännlicher Klage Raum geben— ich, dem der Himmel ſo viele Segnungen zugetheilt hatte? Ich fühlte mich ſo zu ſagen abgelöst von dem gewöhnlichen Ringen und den Freuden der Men⸗ ſchen, und es erſchreckte mich, wenn ich wahrnahm, welche wunderliche Launen Jahr um Jahr ſich immer mehr meiner bemächtigten. Da beſchloß ich, mich wieder anzuſchmie⸗ gen an ein lebendes Herz; es war für mich die einzige Ausſicht, dem eigenen wieder Feuer zu geben. Aber die⸗ jenige, welche ich geliebt hatte, blieb für mich das Ideal der Weiblichkeit, da ſie ſo ganz anders war, als alle, die ich je geſehen hatte. Deßhalb ſagte ich zu mir ſelbſt: Ich will mir von der Kindheit aus ein junges, friſches Leben ſo heranbilden, daß es meinem Ideal entſpreche. Während ich mit dieſem Gedanken umging, traf ich zufällig mit Euch zuſammen. Die Romantik Eures jungen Lebens ſprach mich an; Euer Muth rührte und Euer liebevolles Herz bezauberte mich, und ich ſagte zu mir ſelbſt: Hier iſt, was ich ſuche Helen, als ich Euch unter meine Obhut nahm und Eure gelehrige Kindheit auszubilden bemüht war, handelte ich, wie ich Euch bereits erklärte, nur aus ſelbſtſüchtigen Grün⸗ den. Und nun Ihr ein Alter erreicht habt, in welchem es mir ziemt, zu ſprechen, und Ihr mich anzuhören geeignet ſeyd— nun Ihr Euch unter dem geheiligten Dach meiner Mutter befindet— ſtelle ich an Euch die Frage: könnt Ihr Bulwer, meine Noyelle. 75 1¹86 dieſes Herz annehmen ſo, wie es iſt, verheert von der Reihe der Jahre und von einem Grame, dem ich nur zu nachſichtig Raum gab? Könnt Ihr es über Euch ge⸗ winnen, endlich meine Tröſterin zu werden? Wollt Ihr mir dazu behülflich ſeyn, daß ich das Daſeyn als Pflicht betrachten und das Strehen wieder aufnehmen kann, wel⸗ ches ſich einſt ſo weit erhob über die erbärmlichen Grenzen unſeres kleinlichen Alltaglebens? Helen, ich lege Euch jetzt dieſe Frage vor: könnt Ihr Alles dies ſeyn und unter dem Namen einer— Gattin?“ Vergeblich würde ich verſuchen, die ſchnellen, wech⸗ ſelnden und unbeſchreiblichen Empfindungen zu ſchildern, die bei Harley's Anrede das unerfahrene Herz der jungen Zu⸗ hörerin durchzuckten. Er hatte alle Springfedern der Ueber⸗ raſchung, des Mitleids, zarter Achtung, der Theilnahme und kindlicher Dankbarkeit in einer Weiſe berührt, daß ſie, als er innehielt und ſanft ihre Hand faßte, in der maßloſen Verwirrung ihres Innern keine Worte finden konnte. Harley betrachtete lächelnd das erröthende, abwärts geneigte, aus⸗ prucksvolle Antlitz, denn er konnte mit einemmale darin leſen, daß ihr nie der Gedanke an einen ſolchen Antrag zu Sinne gekommen, daß er ihr nie in dem möglichen Licht eines Freiers erſchienen, ja, daß ihr nicht einmal eingefallen war, ihr Herz über die Beſchaffenheit der Gefühle zu erfor⸗ ſchen, welche ſein Bild in ihr geweckt hatte. „Meine Helen,“ fuhr er mit einem ruhigen Pathos in ſeiner Stimme fort,„es findet eine Ungleichheit der Jahre zwiſchen uns ſtatt, und ich darf vielleicht auf keine Liebe mehr ho mi an be Fr ich gu kin bei we we mi unt wü der zu ge⸗ Ihr licht wel⸗ nzen Euch imter vech⸗ t, die Zu⸗ eber⸗ ahme ß ſie⸗ loſen arle aus⸗ darin ag zu Licht fallen erfor⸗ zathos Jahre emehr 1187 hoffen, wie ſie die Jugend der Jugend weiht. Erlaubt mir daher einfach die Frage, die Ihr mir unverhohlen be⸗ ntworten könnt— habt Ihr während Eures ſtillen Le⸗ bens im Ausland oder unter dem Dach Eurer italieniſchen Freunde Jemand geſehen, den Ihr mir vorzieht?“ „Nein— gewiß nicht!“ murmelte Helen:„Wie ſollte ich auch— wer könnte die Vergleichung mit Euch aus⸗ halten?“ Dann zog ſie ſich mit einer plötzlichen Gewaltanſtren⸗ gung— denn ihr treuer Wahrheitsſinn erſchrack und ihre kindliche ehrfurchtsvolle Zuneigung zu Harley ließ ſie ſchon bei dem Gedanken zittern, daß ſie ihn täuſchen könnte— ein wenig bei Seite und ſprach wie folgt: „O mein theurer Beſchützer, edelſtes aller Menſchen⸗ weſen, wenigſtens in meinen Augen, verzeiht— verzeiht mir, wenn ich den Schein der Undankbarkeit auf mich lade und zaudere. Ich kann— unmöglich kann ich mich Eurer würdig halten und habe nie meine Augen ſo weit erhoben. Euer Rang— Eure Stellung—“ „Müſſen denn dieſe ewig mein Fluch ſeyn? Vergeßt ſie und ſprecht weiter.“ „Dies iſt's nicht allein,“ ſagte Helen faſt ſchluchzend, „obſchon es ſchwer ins Gewicht fällt; aber ich— ich Euer Ideal! Unmöglich! O, wie kann ich je einem Manne wie Ihr etwas ſeyn— wie Euch nützen, Euch helfen oder zur Tröſterin werden?“ „Ihr könnt es, Helen— Ihr könnt es,“ rief Harley, 1188 entzückt von der unſchuldigen Beſcheidenheit des Mädchens. „Darf ich dieſe Hand nicht behalten?“ Helen ließ ſie in der ſeinigen und wandte ſich ab, mit ſtillem Weinen. Unter den winterlichen Bäumen ließ ſich ein ſtattlicher Schritt vernehmen. „Meine Mutter,“ ſagte Harley aufblickend,„ich ſtelle Euch meine künftige Gattin vor.“ Neuntes Kapitel. Langſam und mit zerſtreuter Miene ſchlug Harley nach dieſer inhaltſchweren Beſprechung mit Helen den Weg nach Egertons Wohnung ein. Er bog eben in eine der Straßen ein, die nach Grosvenor⸗Square führten, als ein junger Mann, der raſchen Schrittes gerade aus der entgegen⸗ geſetzten Richtung herkam, gegen ihn anrannte und mit einer kurzen Entſchuldigung zurücktrat. Schnell aber er⸗ fannte ihn der Gegenmann und rief: „Wie— Ihr in England, Lord LEstrange? Em⸗ pfangt meine Glückwünſche zu Eurer Rückkehr. Aber Ihr ſcheint Euch kaum meiner zu erinnern.“ „Ich bitte um Verzeihung, Mr. Leslie. Ich erkenne Euch jetzt an Eurem Lächeln; aber Ihr ſeyd in einem Alter, das es noch nicht zur Unhöflichkeit macht, wenn ich ſage, Ihr ſehet älter aus, als bei unſerer letzten Begegnung.“ „Mir dagegen kömmt es vor, als ob Ihr Euch ver⸗ jüngt hättet, Lord LEstrange.“ 2) S 3 08S 12 w — ( ns. ab, ieß elle nach nach aßen nger gen⸗ mit er⸗ Em⸗ Ihr kenne lter, ſage, . er 1189 In der That war dieſe Antwort inſoferne keine Un⸗ wahrheit, als zwiſchen Leslie und LEstrange gegen früher ein geringerer Unterſchied der Jahre ſtattzufinden ſchien; denn die Furchen in dem Geiſt des Ränkeſchmieds be⸗ gannen jetzt auch in ſeinem Geſicht bemerklich zu wer⸗ den, während es den Anſchein gewann, wie wenn die träu⸗ meriſche Verehrung des Wahren und Schönen, welche Har⸗ ley's Seele erfüllte, dem treuen Jünger die ewige Jugend dieſer Gottheiten mitgetheilt hätte. Harley nahm dieſes Kompliment mit der ſupremen Gleichgiltigkeit hin, welche man vielleicht an einem Stoiker natürlich gefunden haben würde, obſchon ſie an einem Gentleman auffallen mochte, der eben einer viel jüngeren Dame ſeine Hand angeboten hatte. Leslie nahm wieder auf: „Ihr ſeyd vielleicht auf dem Wege zu Mr. Egerton. Wenn dies der Fall iſt, ſo müßt Ihr ihn auf ſeinem Buread, nicht in ſeiner Wohnung aufſuchen.“ „Ich danke Euch. So kehre ich wieder um, denn dies war wirklich meine Abſicht.“ „Ich bin auch auf dem Wege dahin,“ bemerkte Randal zögernd. Aus dem Wenigen, was LEstrange von Mr. Leslie geſehen, hatte er keine beſondere Vorliebe für dieſen jungen Gentleman gewonnen; aber Randals Bemerkung war eine Berufung auf ſeine gewöhnliche Höflichkeit, und er ant⸗ wortete daher mit der Bereitwilligkeit der feinen Bildung— „So laßt uns bis dahin Gefährten ſeyn.“ 1190 Randal nahm den ihm angebotenen Arm an, und Lord Ar LEstrange ſpielte in der nun folgenden Unterhaltung, zu wie es gewöhnlich bei ſolchen der Fall, die lange von ihrem M Vaterland abweſend waren, die Rolle des Fragers. hie „Egerton iſt wohlen woch immer der nämliche— zu be⸗ we ſchäftigt, um Zeit fürs K rankſeyn zu gewinnen, und zu feſt, um ſich von Sorgen quäl len zu la ſe n?“ ein „Wenn je eines oder das andere ihm zu ſchaffen macht, Lo: ſo wird er jedenfalls ſich nicht zu einem Laut der Klage ſiti herablaſſen. Ich möchte übrigens in der That von Euch das hören, mein theurer Lord, was Ihr von ſeiner Geſundheit haltet.“ Ra „Wie?— Ihr erſchreckt mich!“ „Dies lag nicht in meiner 2 Abſicht, und ich muß Euch gen bitten, ihn nicht merken zu laſſen, daß ich ſo weit ging. In⸗ zah i deß kömmt es mir vor, als ſehe er ein wenig erſchöpft und unf leidend aus.“ dnn „Armer Audley!“ rief LEstrange im Tone warmer Theilnahme.„Ich will ihm auf den Zahn fühlen, und ton ſeyd verſichert, daß dabei Euer Name nicht in Anregung nac 3 kommt, denn ich weiß wohl, wie wenig er es leiden kann, wenn man ihn einer menſchlichen Ge ebrechlichkeit fähig geh hält. Ich bin Euch verbunden für Euren Wink— ver⸗ bunden für Eure Theilnahme an einem Mann, der mir ſo Gr theuer iſt.“ 35 Und Harley's Stimme war herzlicher gegen Randal, als ſie es je zuvor geweſen. Er ging dann auf die Frage Da über, was ſein Begleiter von den Gerüchten über das in nur 1191 Ausſicht ſtehende Abtreten der Miniſter halte, die auch ihm zu Ohren gekommen ſeyen, und welchen Eindruck eine ſolche Möglichkeit auf Audley's Geiſt mache. Aber Randal ver⸗ hielt ſich in dieſer Beziehung vorſichtig und zurückhaltend, weil er ſah, daß Harley ihm nichts mittheilen konnte. „Der Verluſt eines Portefeuille's ſollte, wie ich meine, einen Mann wie Audley nicht ſonderlich anfechten,“ bemerkte Lord LEstrange.„Er wird ſich auf den Bänken der Oppo⸗ ſition eben ſo groß, wo nicht größer ausnehmen, und was das Einkommen betrifft—“ „Das Einkommen iſt ſehr bedeutend,“ unterbrach ihn Randal mit einem halben Seufzer. „So bedeutend etwa, denke ich, um unſerem großmüthi⸗ gen Freund ungefähr ein Zehntheil von dem heimzube⸗ zahlen, was ihn ſeine Stellung koſtet. So viel muß man unſeren engliſchen Staatsmännern nachſagen, daß keiner durch ſeinen Poſten reicher geworden iſt.“ „Und ich nehme für ausgemacht an, daß Mr. Eger⸗ ton ein ſehr großes Privatvermögen beſitzt,“ warf Randal nachläſſig hin. „Es muß wohl ſo ſeyn, wenn er ſich Zeit nimmt, es gehörig zu verwalten.“ Sie kamen jetzt an dem Hotel vorbei, in welchem der Graf von Peschiera wohnte. Randal hielt an. „Wollt Ihr mich für einen Augenblick entſchuldigen. Da wir eben an dieſem Hotel vorbeigehen, ſo möchte ich nur meine Karte abgeben.“ 1192 Mit dieſen Worten händigte er einem Kellner, der unter der Thüre lungerte, eine Karte ein. „Dem Grafen di Peschiera,“ ſagte er laut. LEstrange war betroffen und fragte, als Randal wieder ſeinen Arm nahm: „Dieſer Italiener wohnt alſo hier— und Ihr kennt ihn?“ „Nur wenig— wie man eben einen Fremden kennt, der Aufſehen macht.“ „So— er macht Aufſehen?“ „Natürlich, denn er iſt ſchön, witzig und auch dem Vernehmen nach ſehr reich— das heißt, ſo lang er die Ein⸗ künfte ſeines flüchtigen Verwandten zu genießen hat.“ „Ich ſehe, Ihr ſeyd gut unterrichtet, Mr. Leslie. Hat man Vermuthungen über den Beweggrund, welcher den Grafen di Peschiera nach London führte?“ „Ich habe von etwas gehört, was ich nicht recht ver⸗ ſtand— von einer eingegangenen Wette, daß er die Tochter ſeines Verwandten heirathen werde. Man vermuthet, daß er ſich hiedurch das ganze Erbe ſichern will, und daß er in der Abſicht hier iſt, den Verwandten aufzuſuchen und die Erbin für ſich zu gewinnen. Doch Ihr ſeyd von dieſer Ge⸗ ſchichte wahrſcheinlich beſſer unterrichtet und könnt mir ſa⸗ gen, was man von ſolchem Gerede zu halten hat.“ „Wenn er wirklich eine derartige Wette ausbot, ſo weiß ich wenigſtens genug, um Euch das Halten mit dem Gegenpart zu jeder Summe anrathen zu können,“ ver⸗ ſetzte VEstrange trocken; und während ſeine Lippe von —— —„—„—— ter dal nnt nnt, dem Ein⸗ lcher ver⸗ chter „daß ß er id die rGe⸗ ir ſa⸗ t, ſo t dem ver⸗ e von 1193 Unmuth bebte, glühte ſein Auge von ſchalkhaftem, ironi⸗ ſchem Humor. „Ihr glaubt alſo, daß jener arme Verwandte keine ſolche Verbindung braucht, um wieder in den Beſitz ſeiner Güter zu gelangen?“ „Ja; denn ich habe noch nie einen Schelm gekannt, gegen den ich nicht wetten würde, wenn er ſein Schurken⸗ glück gegen Vorſehung und Gerechtigkeit verſuchen will.“ Randal verzog das Geſicht, und es war ihm, als ob ein Pfeil ſein Herz geritzt hätte. Aber er faßte ſich ſchnell wieder. „Und in der That— man trägt ſich auch mit einem anderen unbeſtimmten Gerücht, welches wiſſen will, daß die fragliche Dame bereits vermählt ſey— an einen Eng⸗ länder.“ Diesmal war an Harley die Reihe, das Geſicht zu verziehen. „Gütiger Himmel!“ rief er.„Dies kann unmöglich wahr ſeyn— würde Alles verderben. Einen Engländer— eben in dieſem Augenblick! Aber der Engländer wäre doch hoffentlich von entſprechendem Rang— oder wenigſtens be⸗ kannt als entſchiedener Gegner von Grundſätzen, die in Oeſterreich als revolutionär gelten würden?“ „Ich weiß nichts Beſtimmtes— man meint übrigens, die fragliche Perſon ſey nur ein Privatgentleman von guter Familie. Würde dies nicht zureichen? Kann der öſter⸗ reichiſche Hof der Tochter als Bedingung für die Begnadi⸗ gung ihres Vaters eine Heirath anbefehlen?“ 1194 „Nein, dies nicht,“ verſetzte Harley in großer Un⸗ ruhe.„Aber denkt Euch in die Lage eines Miniſters an einem der großen europäiſchen Höfe. Setzt den Fall, ein politiſcher Verbrecher, furchtbar durch ſeine Stellung und ſeinen Reichthum, ſey geächtet und die Verwendungen für ihn haben gegen Perſonen von großem Einfluß anzu⸗ kämpfen. Wenn Ihr nun als ſolcher Miniſter in dem Augen⸗ blick, in welchem Ihr zur Nachſicht geneigt wäret, erfahren müßtet, die Erbin eines ſolchen Reichthums und einer ſol⸗ chen Stellung ſey mit dem Angehörigen eines Landes ver⸗ mählt, in welchem Anſichten, um deren willen der Flücht⸗ ling verbannt wurde, zur Tagesordnung gehören, und der Reichthum, welchen Ihr zurückgeben wollt, könnte zu Stö⸗ rung der öffentlichen Sicherheit, zum Umſturz der beſtehen⸗ den Ordnung verwendet werden— dies noch obendrein zu einer Zeit, nachdem eben in Frankreich eine von allen Klaſſen unterſtützte Revolution ſtattgefunden hat, deren Nachklänge beſonders in dem Lande dieſes Verbannten gefühlt werden“ — faßt alles Dies zuſammen und ſagt mir, ob es für den Flüchtling ein ungünſtigeres Zuſammenwirken von Umſtän⸗ den und für ſeine Feinde einen gelegeneren Vorwand geben könne, die Zurückgabe ſeines Vermögens zu hintertreiben? Doch pah— dies muß ein Hirngeſpenſt ſeyn. Wäre etwas * Da es in Frankreich ſo viele Revolutionen gegeben hat, mag es paſſend ſehn, hier anzudeuten, daß im Einklang mit den leiten⸗ den Zügen unſerer Geſchichte Harley ohne Zweifel auf diejenige anſpielt, welche Karl X. vertrieh und Louis Philipp auf den Thron rief. lich ger an! bu leit daf vie iſt ſch the lan He den zur keir den nag ten⸗ tige den 1195 Wahres an der Sache, ſo müßte ich auch davon erfahren haben.“ „Ich bin vollkommen mit Euren Gnaden einverſtanden — dieſem Gerüchte kann keine Wahrheit zu Grunde liegen. Möglich, daß ein Engländer, welcher von der wahrſchein⸗ lichen Begnadigung des Flüchtlings hörte, auf eine Erbin gerechnet und die falſche Kunde in Umlauf geſetzt hat, um andere Bewerber abzuhalten. Wenn er nun in ſeiner Wer⸗ bung glücklich iſt, ſo dürfte er Eurer Anſicht nach wohl eine Braut ohne Erbe gewinnen?“ „Kein Zweifel daran. Wie die Sache auch einge⸗ leitet werden möchte, jedenfalls kann ich mir nicht denken, daß man ihm das Vermögen zugeſtehen wird, obſchon man vielleicht ſeinen Kindern die Anwartſchaft darauf beläßt. Es iſt übrigens eine ſo große Seltenheit, wenn eine italieni⸗ ſche Jungfrau von großem Namen einen Ausländer heira⸗ thet, daß wir dieſen Gedanken mit einem Lächeln über das lange Geſicht des möglichen Glücksjägers abfertigen können. Helf' ihm der Himmel, wenn er in Wirklichkeit vorhan⸗ den iſt!“ „Amen!“ echvete Randal andächtig.„ „Ich höre, daß Peschiera's Schweſter nach England zurückgekehrt iſt. Kennt Ihr ſie auch?“ „Ein wenig.“ „Mein theurer Mr. Leslie, entſchuldigt mich, wenn ich mir eine Freiheit nehme, die durch unſere Bekanntſchaft keine Berechtigung hat. Gegen die Dame ſage ich nichts; denn ich habe im Gegentheil Manches von ihr gehört, was 1¹96 ihr ein Anrecht auf Achtung und Milleid ſichert. Aber dieſem Peschiera, hinter dem jeder Ehrenmann einen Schurken vermuthet, kann ich das Zeugniß geben, daß er wirklich einer iſt. Nun denke ich, daß unſer Mannesalter nur um ſo ſchöner und das des Greiſen um ſo ehrwürdiger ſeyn wird, je länger wir den Abſcheu vor Schurkerei be⸗ wahren, der dem edlen Inſtinkt der Jugend angehört. Ihr ſeyd mit mir einverſtanden?“ Und Harley wandte ſich plötzlich um; ſeine Augen fielen wie ein Lichtſtrom auf Randals bleiches, verſtecktes Antlitz. „Natürlich,“ murmelte der Ränkeſchmied. Harley, der ſeinen Gefährten prüfend betrachtete, empfand einen unwillkürlichen Schrecken und entzog ihm ſeinen Arm. Zum Glück fühlte ſich jetzt Randal, welcher wohl merkte, daß er ſich in eine falſche Stellung verſtrickt habe, obſchon er ſich das Wie oder Warum nicht klar machen konnte, von der andern Seite am Arm ergriffen, und eine klare, offene, männliche Stimme rief: „Mein lieber Freund, wie geht's Euch? Ich ſehe, Ihr ſeyd in Anſpruch genommen; aber ſprecht im Laufe des Tags bei mir ein, wenn Ihr's möglich machen könnt.“ Der Sprecher machte gegen Lord LEstrange eine ent⸗ ſchuldigende Verbeugung wegen der genommenen Freiheit und wandte ſich ab. Harley jedoch entgegnete: „Nein, ich will Euch nicht von Eurem Freunde zu⸗ rückhalten, Mr. Leslie. Auch braucht Ihr Euch, wenn h Vr An Er um fre bei gir zu ab kü mi wi ich irt ſa ete, ihm vohl abe, chen eine aufe ent⸗ iheit e zu⸗ wenn 1197 Ihr zu Mr. Egerton wollt, nicht ſo zu beeilen, da ich das Vorrecht der ältern Freundſchaft für die erſte Begegnung in Anſpruch nehmen werde.“. „Es iſt Mr. Egertons Neffe, Frank Hazeldean.“ „Ich bitte, ruft ihn zurück und ſtellt mich ihm vor. Er hat ein Geſicht, das wohl ſo weit gereicht haben würde, um ſelbſt einen Timon mit Athen auszuſöhnen.“ Randal entſprach dieſer Aufforderung. Nach einigen freundlichen Worten gegen Frank beſtand Harley darauf, die beiden jungen Männer bei einander allein zu laſſen, und ging raſcheren Schrittes Downingſtreet zu. Zehntes Kapitel. „Dieſer Lord LEstrange ſcheint ein ſehr guter Kerl zu ſeyn.“ „So ſo— ein verweichlichter Humoriſt— ſagt die abgeſchmackteſten Dinge und hält ſie für weiſe. Doch was kümmert er uns! Ihr wolltet mich fprechen Frank?“ „Ja. Ich weiß es Euch ſo viel Dank, daß Ihr mich mit Levy bekannt gemacht habt, und muß Euch erzählen, wie ſchön er ſich gegen mich benommen.“ „Halt! Erlaubt mir, Euch daran zu erinnern, daß ich Euch nicht mit Levy bekannt machte. Wenn ich nicht irre, ſo wart Ihr ſchon früher bei Borrowell mit ihm zu⸗ ſammen gekommen, und er ſpeiste mit uns im Clarendon⸗ hotel— dieß iſt Alles, was ich mit dieſer Bekanntſchaft 1¹98 zu ſchaffen habe. Im Gegentheil, ich warnte Euch vor ihm und muß deßhalb bitten, nicht von mir zu glauben, als hätte ich Euch mit einem Menſchen in Berührung gebracht, der, wie angenehm und wie ehrlich er auch vielleicht ſeyn mag, doch ein Geldausleiher iſt. Euer Vater könnte mir mit Recht grollen, wenn ich zu ſolchen Dingen meine Hand böte.“ „Ah, pfui— Ihr ſeyd von Vorurtheilen eingenommen gegen den armen Levy. Aber hört mich an. Ich ſaß in der hellen Verzweiflung da, über die verwünſchten Wechſel nach⸗ denkend, von denen ich nicht wußte, wie zum Henker eine Verlängerung zu erzielen ſey, als Levy zu mir ins Zim⸗ mer trat. Er ſprach mit mir von ſeiner langen Freundſchaft mit meinem Onkel Egerton, von ſeiner Achtung gegen Euch und ſagte— gebt mir Eure Hand, Randal— wie gerührt er ſich fühle von Eurer liebevollen Theilnahme an meiner Bedrängniß. Dann öffnete er ſein Taſchenbuch und zeigte mir die Wechſel— alle geſund und wohlbehalten in ſeinem eigenen Beſitz.“ „Wie?“ „Er hatte ſie aufgekauft. Es müſſe mir ſo unan⸗ genehm ſeyn, ſagte er, wenn ſie auf dem ganzen Londoner Geldmarkt herumflögen, und dieſe Juden würden ſich ſicher⸗ lich früher oder ſpäter an meinen Vater wenden. Und da ich das Geld ſo ſchnell nicht brauche, fügte Levy bei, ſo braucht Ihr Euch nicht zu beunruhigen; auch wollen wir die Intereſſen in einer billigeren Weiſe berechnen. Mit einem Wort, ſein Ton hätte nicht liberaler ſeyn können. Und er ſagt, er wolle über eine Art nachdenken, wie er mich ga we m da ih m hrt 1¹99 ganz und gar erleichtern könne, und nach einigen Tagen, wenn er ſeinen Plan zur Reife gebracht habe, wieder zu mir kommen. Im Grunde muß ich dieß doch Euch zu ver⸗ danken haben, und ich wollte darauf ſchwören, daß Ihr es ihm in den Kopf ſetztet.“ „O nein— gewiß nicht. Im Gegentheil, ich ſage noch immer: Seyd vorſichtig in Eurem Verkehr mit Levy. Ich weiß in der That nicht, was er Euch vorzuſchlagen beabſichtigt. Habt Ihr in letzter Zeit nichts aus der Halle gehört?“ „Ja— erſt heute. Denkt nur, die Riccabocca ſind ver⸗ ſchwunden. Meine Mutter ſchreibt mir davon— ein ſehr ſeltſamer Brief. Sie ſcheint zu vermuthen, ich wiſſe, wo ſie ſeyen, und macht mir Vorwürfe wegen meinem Heim⸗ lichthunn— ganz räthſelhaft. Aber in ihrem Brief be⸗ findet ſich eine Stelle— ſeht, hier in der Nachſchrift— welche ſich auf Beatrice zu beziehen ſcheint. Ich verlange nicht, daß du mir deine Geheimniſſe mittheilſt, Frank; aber Randal wird dich ohne Zweifel verſichert haben, daß meine erſte Rückſicht deinem Glücke gilt in was immer für einer Sache, bei welcher dein Herz wirklich betheiligt iſt.“ „Ja,“ verſetzte Randal langſam;„ohne Zweifel hat dieß Beziehung auf Beatrice. Aber wie ich Euch ſchon früher bedeutete, Eure Mutter will ſich weder auf die eine noch auf die andere Weiſe einmengen, da dieß ihrem Einfluß auf den Squire Abtrag thun würde. Außerdem kann ſie, wie ſie ſagt, nicht wünſchen, daß Ihr Euch mit einer Ausländerin verbindet, obſchon ſie, wenn Ihr einmal 1200 vermählt waͤret, nicht abgeneigt ſey— doch wie ſteht Ihr jetzt mit der Marcheſa? Hat ſie in Eure Anträge ge⸗ willigt?“ „Nicht ganz; auch habe ich Ihr überhaupt noch keinen förmlichen Antrag gemacht, denn bei aller Sanftmuth iſt ihr Benehmen doch ſo, daß ich mir noch nie ein Hetz faſſen konnte. Und außerdem muß ich doch, eh' ich eine entſchie⸗ dene Erklärung abgeben darf, einen Beſuch in der Halle machen und wenigſtens mit meiner Mutter Rückſprache nehmen.“ „Ihr müßt dieß natürlich ſelbſt am beſten wiſſen; aber thut keinen übereilten Schritt und ſprecht zuvor mit mir. Da ſind wir an meinem Bureau. Gott befohlen, und— und ich bitte, glaubt, daß ich bei nichts die Hand im Spiele habe, was Ihr auch mit Levy verhandeln mögt.“ Eilftes Kapitel. Gegen Abend ſah man Randal raſchen Trabs auf der Landſtraße nach Norwood hinreiten. Die Ankunft Harley's und die Beſprechung, welche er mit dieſem Gentleman ge⸗ habt hatte, weckte das Verlangen in ihm, Erkundigungen einzuziehen, ob Riccabvera ſich wohl in der Lage befand, von Lord LEstrange's Rückkehr nach England etwas zu erfahren und mit ihm zuſammenzukommen. Denn er fühlte, daß letzterer, wenn ihm bekannt würde, der Italiener habe ſich in ſeinen Bewegungen durch Randals Rath leiten lai wo eig nie nic kel net kor na ger ba ger leic zu Zei wer es ſtat ehe wie ſch Kö nick dal bur ys ge⸗ en nd, lte, abe ten i 1201 laſſen, ſeiner Unredlichkeit auf die Spur kommen mußte, während andererſeits in dem Falle, daß Riccabveca unter Lord L'Estranges freundlichen Schutz zu ſtehen kam, ſein eigener Beiſtand zu Abwehr von Peschiera's Anſchlägen nicht mehr nöthig war. Einem Leſer, der glücklicherweiſe nicht daran gewöhnt iſt, in die tiefen und verborgenen Win⸗ kel eines ränkevollen Geiſtes einzudringen, möchte es ſchei⸗ nen, daß es für Randal von keinem Intereſſe mehr ſeyn konnte, ſich das Vertrauen des Flüchtlings zu erhalten, nachdem ihm von mehr als einer Seite die Verſicherung geworden war, Violante höre auf, eine Erbin zu ſeyn, ſo bald ſie ihn heirathe.„Aber vielleicht“— denken die Jün⸗ geren und Unſchuldigeren aus unſerem Leſerkteiſe—„viel⸗ leicht iſt Randal Leslie wirklich verliebt in das ſchöne Weſen?“ Randal— und verliebt! O nein. Er war viel zu tief verſenkt in die härteren Leidenſchaften, als daß er Zeit gewonnen hätte für dieſe beſeeligende Thorheit.“ Und wenn er auch wirklich der Liebe fähig geweſen wäre, ſo war es ſicherlich nicht Violante, welche dieſes finſtere, verſchloſſene Herz feſſeln konnte— ſie, deren angeborener Adel und deren ſtattliche Schönheit, trotz des zarten weiblichen Charakters, eher dazu diente, ihm Ehrfurcht einzuflößen. Männer, wie er, können vielleicht ihre Neigung einer ſanften Sclavin ſchenken, ſind aber nicht im Stande, ihre Augen zu einer Königin zu erheben. Sie vermögen wohl abwärts, aber nicht aufwärts zu ſchauen. Einerſeits übrigens wollte Ran⸗ dal nicht ganz auf die Möglichkeit der endlichen Erwer⸗ bung eines Vermögens verzichten, das ſeine kühnſten Bulwer, meine Novelle. 76 1202 Träume verwirklicht hätte, denn wie groß auch die er⸗ ſchütternde Wahrſcheinlichkeit war, daß ſeine Auskunft⸗ geber Recht hatten, ſo könnten ſie dennoch in einem Irr⸗ thum befangen ſeyn; und ſelbſt in dem Fall, daß er ſich auch gezwungen ſah, alle Gedanken an eine ſolche Ver⸗ bindung aus dem Sinn zu ſchlagen— er wollte ſich zwar nicht zu der Schändlichkeit erniedrigen, Peschiera's offen zugeſtandene Anſchläge wirklich zu unterſtützen— aber wenn Franks Verbindung mit Beatrice unbedingt davon abhing, daß ihr Bruder Kunde von Violante's Verſteck er⸗ hielt und dieſe Verbindung wirklich ſo förderlich für ſeine Intereſſen wurde, als ſie es ſeinem Plane nach werden konnte, ei dann—— Er ſcheute ſich, ſogar in ſeinem Innern dieſe Folgerungen weiter fortzuführen, weil ſie allzu ſchwarz ſchienen; aber ein tiefer Seufzer, der ſich aus ſeiner Bruſt emporhob, bekundete, wie ſchwach bei ihm ſich das Gefühl für Sittlichkeit und Ehre erweiſen muß, wenn es mit dem Ehrgeiz und der Habſucht in Kampf gerieth. Ricca⸗ bocca war daher unter allen Umſtänden eine von den Kar⸗ ten in einer Sequenz, die ein ſo berechnender Spieler nicht verwerfen mochte, da ſie im ſchlimmſten Fall zu einem Ge⸗ genſtich dienen und recht leicht im Spiel zu vielen Points helfen konnte. Die Fortführung eines vertrauten Ver⸗ hältniſſes mit dem Italiener erſchien ihm daher immer noch als ein Bruchſtück und Theil jenes Wiſſens, welches für ihn gleichbedeutend mit Macht war. Während der junge Mann auf ſeinem Wege nach Norwyod ſich in ſolchen Betrachtungen erging, hielt Rieca⸗ liſ ber on er⸗ ine den em llzu aus ſich es cca⸗ dar⸗ icht Ge⸗ ints Per⸗ mer für nach icca⸗ 1203 bocca im Beſuchzimmer mit ſeiner Jemima eine Berathung. Und wenn du ſie da hätteſt ſehen können, mein lieber Leſer, ſo würdeſt du eben ſo ſehr dem Staunen als der Neugierde Raum gegeben haben; denn zwiſchen beiden mußte es un⸗ ſtreitig zu einer außerordentlichen Verhandlung gekommen ſeyn. Riccabvecä war ſichtlich ſeh aeet, e zwar in einer Weiſe, wie man es ſonſt nie an ihm bemerkte. Thrä⸗ nen ſtanden in ſeinen Augen, w 6 end zugleich ein nichts veniger als ſpöttiſches und eyniſches Lächeln ſeine Lippen krümmte. Jemima dagegen hatte ihr Haupt an ſeine Schulter gelehnt, ihre Hand xuhte in der ſeinigen, und dem Ausdruck ihres Geſichtes ließ ſich entnehmen, daß der Dok⸗ tor ihr ein ſehr wohlthuendes Compliment gemacht hatte — ich meine, ein ehrliches und aufrichtiges, keines von denen, welche ſonſt für ſeine hohle heuchleriſche Galanterie charakteriſtiſch waren. Doch in dem nämlichen Augen⸗ blick trat Giacomo und mit ihrer angeborenen eng⸗ liſchen Beſcheidenheit 3 og ſich Jemima haſtig von der ſchützenden Seite ihres 6. tten zurück. „Padrone,“ ſagte Giacomo, der, wie ſehr ihn auch die von ihm geſtörte zärtliche Stellung überraſchen mochte, doch zu rückſichtsvoll war, um ſein Erſtaunen merken zu laſſen—„Padrone, ich ſehe den jungen Engländer gegen das Haus her reilen und hoffe, Ihr werset wenn er an⸗ kömmt, der beunruhigenden Kunde eingedenk ſeyn, die ich Euch dieſen Morgen mittheilte.“ „Ah— ah!“ entgegnete Riccaboeca, und ſein Ge⸗ ſicht verlängerte ſich. 76* 1204 „Wenn die Signorina nur verheirathet wäre!“ 1. „Ganz mein Gedanke— mein beſtändiger Gedanke! rief der Doktor.„Und Ihr glaubt wirklich, daß der junge Engländer ſie liebt?“ „Aus welchem anderen Grunde ſollte er kommen, Grcellenza?“ fragte Giacomo mit großer Naivetät. „Sehr wahr— aus welchem andern Grunde?“ erwie⸗ derte Riccabocca.„Jemima, ich kann die Aengſten nicht durchmachen, denen ich ſtets um dieſes Kindes willen ausge⸗ ſetzt bin, und will mich offen gegen Randal Leslie ausſpre⸗ chen. Dann wird auch im Falle meiner Rückkehr nach Italien das, was ſonſt in ernſtlichen Betracht kommen würde, uns nicht länger im Wege ſtehen, Jemima.“ Ein leiſes Lächeln überflog Jemima's Antlitz, und ſie flüſterte Riccabocca etwas zu⸗ worauf dieſer antwortete: „Unſinn, anima mia. Ich weiß, es wird ſo ſeyn— zweifle nicht daran. Ich verſichere Dir, es ſteht wie Neun gegen Vier nach den genaueſten Berechnungen. Ich will ſogleich Randal ins Gebet nehmen. Er iſt zu jung— zu ſchüchtern, um frei mit der Farbe heraus zu gehen.“ „Zuverläſſig,“ ergriff Giacomo das Wort.„Wie könnte er es wagen, ſich auszuſprechen, wenn er auch noch ſo ſehr verliebt wäre?“ Jemima ſchüttelte den Kopf. „O, ſey unbeſorgt,“ ſagte Riccabocca, als er dieſe Geberde bemerkte—„ich will ihn auf die Probe ſtellen. Sind ſeine Abſichten blos habſüchtiger Natur, ſo werde ich dies bald entdecken. Meine Liebe, ich denke, ich ver⸗ 1. en, ie⸗ cht ge⸗ re⸗ ach de, eun will Wie ch ſo dieſe llen. verde ver⸗ 1 — 05 ſtehe mich ziemlich gut auf die Menſchen; und Giacomo— hol mir meinen Machiavel— ſo iſts recht. Laß mich jetzt allein, meine Liebe, ich muß überlegen und mich vorbereiten.“ Randal hatte kaum das Haus betreten, als Giacomo ihn mit einem eigenthümlich freundlichen Lächeln in das Beſuchzimmer führte. Er fand Riccaboeca allein. Der Doktor ſaß vor dem Kamin ſtützte das Geſicht auf die Hand und hatte den großen Folioband Machiavels offen auf dem Tiſch vor ſich liegen. Der Italiener empfing den Gaſt mit ſeiner gewöhn⸗ lichen Höflichkeit; aber in ſeinem Weſen lag eine gewiſſe ernſte, gedankenvolle Würde, die vielleicht wegen ihrer Seltenheit einen um ſo tieferen Eindruck machte. Nach einigen einleitenden Bemerkungen berührte Randal die Mit⸗ theilung Frank Hazeldeans über die Verwunderung, welche Riccabocca's Verſchwinden in der Halle veranlaßt hatte, und warf nachläſſig die Frage hin, ob von dem Doktor viel⸗ leicht in Betreff der Briefſchaften, die unter der Adreſſe des Caſino an ihn einliefen, eine Weiſung hinterlaſſen wor⸗ den ſey. „Briefſchaften?“ verſetzte Riccabveca einfach.„Ich erhalte nie welche, oder doch nur ſo ſelten, daß es ſich nicht der Mühe verlohnte, eine ſo unwahrſcheinliche Sache in Rechnung zu nehmen. Nein; wenn je ein Brief in dem Ca⸗ ſino einläuft, mag er dort liegen bleiben.“ „Dann ſehe ich keine Möglichkeit eines unbeſonnenen Ausſchwatzens— keine Ausſicht für irgend Jemand, der Eurer Adreſſe nachſpürt.“ 1206 „Ich auch nicht.“ Randal war in ſo weit befriedigt, und da er wußte, Rieccaboeca pflege keine Zeitungen zu leſen, aus denen er anderweitig von LEstranges Ankunft in London unter⸗ richtet werden konnte, fo fuhr er fort, mit nbar großem Intereſſe ſich nach V Violantens Befinden zu erkunvigen, indem er die Hoffnung ausdrückte, daß ſ err 4 ihrer Ge⸗ ſundheit nicht zuſetzen werde und zährend er ſo ſprach, betrachtete ihn der Dokto n großem ſtand dann plötzlich auf, und die würdevolle Haltung, deren wir bereits Erwähnung thaten, wurde noch eindrucksvoller „Mein junger Freund,“ ſagte er,„ſchenkt mir üfnteit ſames Gehör antwortet mir offen. Ich kenne die menſch⸗ liche Natur—“ Hier glitt ein leichtes Lächeln ſtolzer Selbſtgefällig⸗ keit über die Lippen des Weiſen, und ſein Auge blickte nach dem Macchiavel hin. „Ich die menſchliche Natur— wenigſtens habe ich ſie ſtudirt,“ er mit ſteigendem Ernſt und mit we⸗ niger augenfälligem Dünkel fört,„und ich glauke, wenn ein gänzlich Fremder an me inen Angelegenheiten ein Inte eſſe nimmt, das ihm nicht wenig Mühe verurſacht— ein Intereſſe,“(fügte er bei, indem er die Hand auf Randals Schulter legte)„das kaum bei einem Soh ſeyn könnte, ſo muß er dabei von dem Einfluß irgend eines mächtigen Betezen es geleitet werden.“ O, Sir!“ rief Randal in ſtotterndem Tone, und ſein —— Geſicht wurde um einen Schatten bläſſer. — — — 8 — r⸗ hn theilnehmender —.—————— ſo and wir erk⸗ ſch⸗ lig⸗ ach abe we⸗ enn ter⸗ ein als nder ines ſein 1207 Riccabocca muſterte ihn mit der Zartheit eines über⸗ legenen Weſens und fuhr in ſeiner theoretiſchen Folge⸗ rung fort. „Und welcher Beweggrund waltet in Eurem Falle vor? Ein politiſcher nicht, denn Ihr theilt ohne Frage die An⸗ ſichten Eurer Regierung, welche die meinigen nicht begün⸗ ſtigt hat. Ebenſowenig können Euch gewinnſüchtige oder ehrgeizige Berechnungen leiten, denn wie wären ſie am Platze bei einem zu Grunde gerichteten Flüchtling? Was bleibt nun noch? Wohl nichts anderes, als die Triebfeder, welche in Eurem Alter ſtets die natürlichſte und ſtärkſte iſt. Ich tadle Euch nicht darum. Macchiavel ſelbſt gibt zu, daß derartige Motive die weiſeſten Geiſter beherrſcht und die feſteſten Staaten umgeſtürzt haben. Mit einem Wort, junger Mann, Ihr liebt— liebt meine Tochter Violante?“ Randal war ſo betroffen ob dieſem unmittelbaren und unerwarteten Angriff auf ſeine maskirten Batterien, daß er nicht einmal den Verſuch zu einer Abwehr machte. Das Haupt ſank ihm auf die Bruſt und er blieb ſprachlos. „Ich zweifle nicht,“ nahm der tiefblickende Kenner der Menſchennatur wieder auf, daß Ihr Euch durch die löblichen und edelmüthigen Bedenken, welche Eurem glücklichen Alter eigenthümlich ſind, abhalten ließet, mir den Zuſtand Eures Herzens freiwillig zu entdecken. Ihr mochtet wohl ver⸗ muthen, ich dürfte, ſtolz auf meine frühere Stellung oder ſanguiniſch in meinen Hoffnungen auf Wiedererringung der verlorenen Güter, überehrgeizig ſeyn in meinen Planen zu Violantens Vermählung, oder dachtet Ihr, wenn meine 1208 Wiedereinſetzung in meine alten Ehren und Glücksverhält⸗ niſſe in Ausſicht ſtehe, ſo könnte es bei Euch den Anſchein ge⸗ winnen, als ließet Ihr Euch durch die allerletzten Triebfedern leiten, welche auf Jugend und Liebe einen Einfluß üben. Deshalb, mein theurer junger Freund, bin ich von dem in England üblichen Brauch abgegangen, um nach einem in Italien ſehr gewöhnlichen zu handeln. Bei uns wagt ein Freier ſelten einen Antrag, ohne daß er vorher der Zuſtim⸗ mung des Vaters verſichert iſt. Ich habe nun nur noch Dieſes zu ſagen: wenn ich nicht in einem Irrthum befangen bin und Ihr meine Tochter wirklich liebt, ſo iſt es der ſehn⸗ lichſte Wunſch meines Lebens, ſie geborgen und glücklich zu wiſſen. Mit einem Wort alſo— Ihr verſteht mich.“ Welch ein großer Troſt iſt es nicht für uns gewöhnliche Sterbliche, die keinen Anſpruch auf außerordentliche Weis⸗ heit und Fähigkeit haben, wenn wir ſehen, welche unge⸗ heure Mißgriffe von dieſen beiden ſehr ſchlauen Perſonen begangen werden— von Doktor Riccaboeca, der ſich ſo viel auf ſeine Menſchenkenntniß zu gut thut, und von Ran⸗ dal Leslie, der ſonſt ſo geſchickt die innerſten Winkel der Ge⸗ danken und Thaten auszuſpüren verſteht, wenn ſichs darum handelt, ein Wiſſen zu erweitern, das ihm als Macht gilt. Denn während der Weiſe, welcher ſich nicht blos durch die früheren Gefühle ſeines eigenen Herzens, ſondern auch durch ſeine Vorſtellung von dem allgemeinen Einfluß der Hauptleidenſchaft auf die Jugend beſtimmen ließ, ſchrieb er Randal Geſinnungen zu, welche keinen Boden hatten in dem Weſen dieſes tüchtigen Diplomaten, und er hatte ſeine —i lt⸗ ge⸗ rn 1209 Anſprache kaum zum Schluſſe gebracht, als Randal, wel⸗ cher gleichfalls auf die Stimme ſeines Herzens hörte und nach den allgemeinen Geſetzen urtheilte, durch die aller Wahrſcheinlichkeit nach ein Mann von reiferem Alter und der eingebildeten weltlichen Weisheit eines Macchiavel⸗ ſchülers ſich leiten ließ, ſchon mit ſich einig war, Ricca⸗ bocca beabſichtige, ſeine Jugend und Unerfahrenheit zu mißbrauchen und ihn auf die ſchändlichſte Weiſe einzuziehen. „Der arme Jüngling!“ dachte Riccaboeca.„Wie wenig war er auf das Glück gefaßt, das ich ihm gebe!“ „Der verſchmitzte alte Jeſuit!“ ſagte ſeinerſeits Ran⸗ dal zu ſich ſelber.„Zuverläſſig hat er ſeit meiner letzten Anweſenheit erfahren, daß ihm keine Ausſicht bleibt, ſeine Erbgüter wieder zu gewinnen, und deßhalb möchte er mir die Hand eines Mädchens aufſchwatzen, die über keinen Schilling zu gebieten hat. Es iſt kein anderer Beweg⸗ grund denkbar. Stünde ſeiner Tochter nur entfernt die Wahrſcheinlichkeit in Ausſicht, mit der Zeit die größte Erbin Italiens zu werden, könnte es ihm auch nur im Traum einfallen, ſie mir in dieſer wegwerfenden Weiſe anzubieten? Es wäre gegen alle Vernunft.“ Erbittert über die Falle, die man ihm ſeiner Mei⸗ nung nach gelegt hatte, wollte eben Randal die uneigen⸗ nützige und abgeſchmackte Neigung, die ihm zur Laſt ge⸗ legt wurde, geradezu in Abrede ziehen, als ihm noch ein⸗ fiel, daß er dadurch den Italiener tödtlich beleidigen könnte, weil der Schlaue dem nie vergibt, der ſich von ihm nicht will bethoren laſſen. Da es außerdem für ihn werthvoll 12¹⁰ werden konnte, wenn er das vertraute Verhältniß zu Ricca⸗ bocca aufrecht erhielt, ſo kämpfte er ſeine Aufwallung nie⸗ der und rief: „O allzuedelmüthiger Mann! Verzeiht mir, daß ich mich ſo lange unfähig fühlte, Euch mein Erſtaunen, meinen Dank auszudrücken; aber ich kann— nein, ich kann unmög⸗ lich von Eurer— Euter unüberlegten Großmuth Vortheil ziehen, ſo lang Eure Ausſichten nicht beſtimmter geworden ſind. Euer ſeltenes Benehmen kann meine Bedenken nur verdoppeln; denn wenn Ihr, wie ich feſt hoffe und glaube, wieder zu dem Beſitz Eures Eigenthums gelangt ſeyd, ſo ſteht Ihr natürlich viel zu hoch über mir. Anders dürfte ſich die Sache geſtalten, wenn Eure Hoffnungen unerfüllt bleiben; aber ſelbſt dann— kann Ich Eurer Tochter eine Stellung oder Glücksgüter bieten, die ihrer würdig wären?“ „Ihr ſeyd von guter Geburt; alle Gentlemen ſtehen auf dem Fuße der Gleichheit,“ verſetzte Riccaboeca mit einer Art herablaſſenden Adels.„Ihr beſitzt Jugend, Kenntniſſe, Talente, lauter Quellen eines ſicheren Reich⸗ thums in dieſem glücklichen Lande, und habt einflußreiche Verbindungen. Kurz, wenn Euch bei Schließung einer Ehe die Liebe genügt, ſo werde ich nicht weiter verlangen; wo nicht, ſo ſprecht Euch offen aus. Was die Wiedererrin⸗ gung meiner Beſitzungen betrifft, ſo darf ich wohl kaum an ſie denken, ſo lang mein Feind lebt. Wie dem übrigens ſeyn möge— ſeit Eurem letzten Beſuch(Riccaboeca ſprach dies mit einem ſeltſamen Lächeln, welches Randal auf⸗ fallend unheimlich und boshaft vorkam) hat ſich etwas zuge⸗ 12¹¹ tragen, das alle Schwierigkeiten beſeitigen dürfte. Inzwi⸗ ſchen dürft Ihr mich nicht für ſo übertrieben großmüthig halten und recht wohl vin Freude in Anſchlag bringen, die ich fühlen muß, wenn ich weiß, daß Violante ſicher iſt vor den Anſchlägen eines Peschiera— und zwar für im⸗ mer geſichert 8 dem eines Gatten. Ich will Euch ein rt mittheilen— es enthält eine weiſe, aber auch gie ſh ctihe Wahrheit: Rai cinquante Amici?— non basta.— Hai un Nemico?— è troppo.““* „Etwas zugetragen?“ wiederholte Randal, nicht auf den Schluß dieſer Rede achtend und kaum etwas von dem Sprüchwort vernehmend, das der Weiſe in ſeinem nachdrück⸗ lichſten und tragiſchſten Tone vortrug.„Es hat ſich etwas zugetragen? Mein theurer Freund, ſpre ht deutlicher. Was hat ſich zugetragen?“ Niccabocca blieh ſtumm. „Etwas, das Euch veranlaßt, mir Eure Tochter zu geben?“ Der Doktor nickte und kicherte leicht vor ſich hin. „Das leibhaftige Lachen eines Teufels,“ murmelte Randal.„Natürlich etwas, was die Gabe ſehr werthlos macht. Er verräth ſich ſelbſt. Hinterliſtige Leute thun dies immer“ „Entſchuldigt mich, wenn ich die Antwort auf Eure Frage für mich behalte,“ ſagte endlich der Italiener.„Ihr * Haſt du der Freunde fünfzig?— Nicht genug. Lebt dir ein einz'ger Feind?— Es iſt zu viel. 1212 ſollt es ſpäter erfahren, aber vorläufig iſt es noch ein Fa⸗ miliengeheimniß. Und nun muß ich auf einen anderen, be⸗ unruhigenderen Punkt zu ſprechen kommen, der mich zu ſol⸗ cher Freiheit gegen Euch veranlaßt hat.“ Rieccabveca's Geſicht veränderte ſich jetzt und zeigte den gemiſchten Aus⸗ druck von Zorn und Furcht.„Ihr müßt wiſſen,“ fuhr er mit gedämpfter Stimme fort,„daß Giacomo bemerkt hat, wie eine fremde Perſon um das Haus herum lungerte und nach den Fenſtern hinaufſchaute. Er zweifelt nicht daran, und auch mir kömmt es wahrſcheinlich vor, daß wir es in dieſem Menſchen mit einem Spion oder Sendling des Peschiera zu thun haben.“ „Unmöglich. Wie hätte er Euch entdecken ſollen?“ „Ich weiß es nicht; aber wer ſonſt hätte ein Inter⸗ eſſe dabei? Der Menſch hielt ſich etwas entfernt, und Giacomo konnte ſein Geſicht nicht ſehen.“ „Möglich, daß es blos eine müſſige Perſon iſt. Weiter nichts?“ „Doch. Die alte Frau, welche uns bedient, ſagte uns, man habe ſie in einem Laden gefragt, ob wir nicht Italie⸗ ner ſeyen.“ „Und ſie antwortete?“ „Mit Nein, geſtand aber zu, daß wir einen ausländi⸗ ſchen Bedienten hätten, Namens Giacomo.“ „Ich will danach ſehen. Verlaßt Euch darauf: wenn Peschiera Euch entdeckt hat, ſo bringe ich es heraus. Ja, ich will keinen Augenblick verziehen und ſogleich meine Nach⸗ forſchungen beginnen.“ e. 5TI 1213 „Ich kann Euch nicht zurückhalten. Darf ich glau⸗ ben, daß wir nunmehr in der Sache ein gemeinſames Inter⸗ eſſe haben?“ „O, gewiß! Aber— aber— Eure Tochter! Wie kann ich träumen, daß ein ſo ſchönes, ſo unvergleichliches Weſen die Hoffnungen beſtätigen werde, die Ihr in mir ge⸗ weckt habt?“ „Die Tochter eines Italieners iſt in der Ueberzeugung erzogen, daß der Vater ein Recht hat, über ihre Hand zu verfügen.“ „Aber das Herz?“ „Cospetto!“ erwiederte der Italiener, treu ſeinen heil⸗ loſen Vorſtellungen von dem ſchönen Geſchlecht—„das Herz eines Mädchens iſt wie ein Kloſter; je heiliger die Zelle, deſto barmherziger die Thüre.“ Zwölftes Kapitel. Randal hatte kaum das Haus verlaſſen, als Mrs. Riccaboeca voll zärtlicher Beſorgniß in Beziehung auf Alles, was Violante betraf, ſich ihrem Gatten anſchloß. „Der junge Mann gefällt mir wohl,“ ſagte der Weiſe —„in der That recht wohl. Ich finde ihn gerade ſo, wie mich es im Allgemeinen meine Kenntniß der Menſchennatur erwarten ließ; denn wie in der Regel die Liebe Hand in Hand geht mit der Jugend, ſo auch die Beſcheidenheit mit 12¹4 dem Talent. Er iſt jung, ergo verliebt— er hat Talent, ergo iſt er beſcheiden— beſcheiden und edel.“ „Und Ihr glchubt nicht, daß ſeiner Liebe ſelbſtſüch⸗ tige Beweggründe beigemiſcht ſeyen?“ „Im Gegentheil; und um ihn deſto mehr auf die Probe zu ſtellen, habe ich kein Wörtchen über die weltlichen Vortheile fallen laſſen, welche ihm unter allen Umſtänden aus einer Verbindung mit meiner Tochter erwachſen müſſen. Ich ſage, unter allen Umſtänden; denn wenn ich wieder in den Beſitz meiner Erbgüter gelange, ſo iſt ihr Vermögen ge⸗ ſichert— wo nicht, ſo hoffe ich—“ und der arme Flücht⸗ ling richtete das Haupt auf mit ſtattlichem und geziemen⸗ dem Stolz—„daß ich meine und meines Kindes Würde zu gut kenne, um von Jemand zu verlangen, er ſolle ſeine zeitlichen Ausſichten durch eine Verbindung mit meiner Tochter beeinträchtigen.“ „Wie— ich verſtehe Euch richt ganz, Alphonſo. Allerdings habt Ihr Euer theures Leben zu ihren Gunſten verſichern laſſen, aber—“ „Pazzie— Poſſen!“ rief Riccaboeca ärgerlich.„Was ihr auf dieſem Wege zufallen kann, wird ſo viel wie nichts ſeyn für einen jungen Mann von Randals Geburt und Ausſichten. An dies denke ich nicht. Doch hört, ich habe mich nie dazu verſtehen können, aus Harley L'Estrange's Freundſchaft Vortheil für mich zu ziehen; aber meine Bedenken dehnen ſich nicht auf meinen Schwiegerſohn aus. Dieſer edle Freund beſitzt nicht nur einen hohen Rang, ſon⸗ dern auch bedeutenden Einfluß— Einfluß bei der Regie⸗ g ſe e⸗ t⸗ n⸗ de ine ner ſo. ten as hts abe es ine us. on⸗ ie⸗ 121⁵ rung— Einfluß auf Randals Gönner, der, unter uns ge⸗ ſprochen, dem jungen Mann nicht unter die Arme zu greifen ſcheint, wie er könnte. So muß ich wenigſtens aus Ran⸗ dals Aeußerungen ſchließen. Ich werde daher, eh' die Sache zum Abſchluß kömmt, dem Lord LEstrange ſchreiben und ihm einfach erklären: Ich habe Euch nie gebeten, mich meiner Armuth zu entreißen; jetzt aber bitte ich Euch, eine Tochter meines Hauſes vor Demüthigung zu be⸗ wahren. Ich kann ihr keine Mitgift geben; wird aber ihr Gatte meinem Freund jene Förderung auf einer ehren⸗ vollen Laufbahn, jene Unterſtützung der Thatkraft und des Talents verdanken dürfen, welche einem edlen Ehrgeiz mehr iſt, als ein Heirathgut?““ „O, umſonſt ſucht Ihr Euren Rang zu bemänteln,“ rief Jemima mit Begeiſterung;„er ſpricht ſich in jedem Eurer Worte aus, wenn Eure Leidenſchaften in Wallung gerathen.“ Der Italiener ſchien ſich durch dieſes Lob nicht ge⸗ ſchmeichelt zu fühlen. „Pfui!“ ſagte er.„So ſeyd Ihr! Schon wieder der Rang!“ Aber Jemima hatte Recht. Man konnte an ihrem Gatten das Großartige und Fürſtliche nicht verkennen, wenn immer er ſeinem verwünſchten Marchiavel entwiſchte und ſeinem Herzen freien Spielraum ließ. Und er verbrachte die nächſten paar Stunden in eifri⸗ ger Erwägung alles deſſen, was er für Randal thun konnte, indem er ſich für ſeinen beabſichtigten Schwiegerſohn die 1216 angenehmſten Ueberraſchungen ausdachte, obſchon zu glei⸗ cher Zeit der nämliche Randal ſein Gehirn mit Entwürfen abquälte, wie er dieſe guten Abſichten vereiteln ſollte. Nachdem Riecabvrca ſeine Plane genugſam bebrütet hatte, ſchloß er ſeinen Macchiavel und durchſtörte ſeine ſpärliche Bücherſammlung nach Buffons Werk über den Menſchen und nach verſchiedenen anderen pſychologiſchen Schriften, die ihn bald vollſtändig in Anſpruch nahmen. Warum mochte wohl der Weiſe dieſe Bücher zu ſeinem Studium wählen? Vielleicht erfahren wir es bald von ihm ſelbſt, denn es waltet augenſcheinlich ein Geheimniß ob, von dem ſeine Frau Kunde hat, und obgleich ſie bisher das eine treulich bewahrte, ſo iſt doch zuverläſſig dies ein „Grund, warum er nicht wünſchen kann, ihre Zunge auf die Dauer mit einem zweiten zu überbürden. Dreizehntes Kapitel. Randal erreichte ſeine Wohnung noch in guter Zeit, um ſich zu einem ſpäten Diner bei Baron Levy ankleiden zu können. Des Barons Lsbensweiſe war ihrem Styl und Cha⸗ rakter nach ganz ſo, wie man ſie bei den anerkannteſten Er⸗ quiſiten des Tages und, wie wir einräumen müſſen, auch bei den hervorragendſten Parvenus wahrnehmen konnte, denn es iſt eine beachtenswerthe Thatſache, daß der Empor⸗ kömmling, ſofern ſichs um das Aeußere handelt, in Sachen — — — it, ha⸗ uch nte, or⸗ hen 1217 des Tons dem ächten Exquiſiten immer am nächſten kömmt⸗ Der Parvenu nimmt es äußerſt genau mit dem Schnitt ſei⸗ nes Rocks, mit ſeiner Equipage und mit den kleinſten Einzel⸗ heiten ſeiner Haushaltung. Diejenigen, welche zwiſchen dem Parvenu und dem Exquiſiten ſtehen— ich meine Per⸗ ſonen, welche ihre Bedeutung kennen und eine gediegene Grundlage haben— ſind bei weitem nicht ſo geneigt, allen Launen der Mode zu folgen, und verhalten ſich ſehr gleich⸗ giltig gegen die kleinlichen Feinheiten, die ihnen weder einen anderen Ahnen geben, noch ſie über ein weiteres Tauſend bei ihrem Bankier verfügen laſſen, ſondern, was den letzteren Fall betrifft, eher das Gegentheil bewirken. Das Haus und das Diner des Barons zeigte entſchiedene Eleganz. Wäre er einer von den rechtmäßigen Königen der Stutzer geweſen, ſo würde man gerufen haben:„Welcher vollkommene Ge⸗ ſchmack!“ Aber ſo iſt die Menſchennatur, daß die Stutzer, welche an ſeiner Tafel mitmachten, zu einander ſagten:„Er vermißt ſich, D— nachzuahmen! der gemeine Hund!“ Man bemerkte nicht viel Ziererei, die ſich vft bei prunk⸗ hafterer Wohlhabenheit bemerklich macht. Die Zimmer⸗ möbel, dem Anſcheine nach einfach, in Wirklichkeit aber doch wegen ihrer üppigen Behaglichkeit koſtbar, das Porcellän und die Verzierungen, die reichlich auf den Kommoden um⸗ herſtanden, nicht minder von merkwürdiger Seltenheit, als von großem Werth, und die Gemälde an den Wänden wahre Pretioſen. Beim Diner durfte kein Silbergeſchirr auf die Tafel gebracht werden. Die ruſſiſche Mode, die jetzt allge⸗ mein iſt, damals aber ſehr ungewöhnlich war, herrſchte im Bulwer, meine Novelle. 77 1248 Hauſe, und man ſah Früchte und Blumen in alten Sövre⸗ Gefäſſen von unſchätzbarem vertu oder in funkelndem Glas aus den böhmiſchen Fabriken aufgeſtellt. Kein Livrébe⸗ dienter hatte die Aufwartung. Hinter jedem Gaſt ſtand ein Gentleman, der, ebenſo wie der Gaſt, in feine Linnen, in einfaches Schwarz gekleidet war, ſo daß Diener und Tafel⸗ genoſſen ſich wie Stereotypen von derſelben Platte aus⸗ nahmen. Die Speiſen waren auserleſen und der Wein ſtammte aus den Kellern verſtorbener Erzbiſchöfe und Geſandten. Die Geſellſchaft war gewählt und beſtand blos aus acht Perſonen, darunter vier älteſte Söhne aus der Peerie, vom Baron aufwärts bis zum Herzog, und ein Witzling von Be⸗ ruf, der nur dann zu haben war, wenn er vier Wochen vor⸗ her beſtellt wurde, und bei Parvenus nur unter der Be⸗ dingung erſchien, daß grüne Erbſen und Pfirſiche außer der Jahreszeit auf die Tafel kamen. Als ſechster fand ſich, zu Randals großem Erſtaunen, Mr. Richard Avenel ein, wäh⸗ rend er ſelbſt und der Baron die Zahl voll machte. Die älteſten Söhne begrüßten ſich gegenſeitig mit einem bedeu⸗ tungsvollen Lächeln. Derx jugendlichſte darunter(er war noch kein Jahr in London) hatte in der That die Gnade, zu erröthen und etwas ſchafmäßig auszuſehen, während die anderen beeits abgehärtet waren; aber alle vereinigten ſich darin, mit großem Erſtaunen Randal und Dick Avenel zu betrachten. Der Erſtere war den meiſten von ihnen per⸗ ſönlich bekannt und ſtand bei Allen in dem Rufe eines ernſten, geſcheidten Mannes mit ſchönen Ausſichten, von dem man „———— — W 4219 wußte, daß er eher klug als verſchwenderiſch war und ſich muthmaßlich noch nie in einer Klemme befunden hatte. Was zum Henker machte er da? Mr. Avenels Anweſenheit erſchien ihnen noch räthſelhafter. Ein Mann von mittlerem Alter, dem Vernehmen nach mit einem ſchönen Geſchäft— ſie hatten ſein auffallendes Geſicht und ſeine nicht minder merkwürdige Geſtalt wohl auf Spazierritten durch den Park und im Parterre der Oper, aber nie in einem anerkannten Klub oder in den Koterien von ihres Gleichen wahrgenom⸗ men— ein Mann, deſſen Gattin ſchauerliche Partien dritten Rangs gab, Partien, deren Schilderung nebſt einer Liſte der„anweſenden Geſellſchaft“ eine halbe Spalte der Mor⸗ ningpoſt einnahm und in denen die tropfenweiſe Beimengung von aus der Mode gekommenen Wittwen und einer oder zweier ausländiſcher Titel die Dunkelheit der dunkleren Na⸗ men verdoppelte! Warum wohl zugleich mit ihnen ein ſolcher Mann zu dem Diner des Baron Levy gebeten wurde, der ein entſchiedener Verehrer des Rangs war und gerne ſelbſt als Ereluſiver gegolten hätte— dies war eine Frage, deren Löſung alle ihre geiſtigen Fähigkeiten in Anſpruch nahm. Der Witzling, welcher, obſchon nur der Sohn eines fleinen Handelsmanns, für die beſten Geſellſchaften geſucht wurde und ſich weit mehr in die Bruſt warf, als die jungen Lorde, gab einen ſehr naſeweiſen Aufſchluß über das Ge⸗ heimniß.„Verlaßt Euch darauf,“ flüſterte er Spendquick zu—„verlaßt Euch darauf, dieſer Mann iſt der. Y. i den Times, der ſich erbietet, jede beliebige Summe von zehn Pfunden an bis zu einer halben Million auszuborgen, 77 1220 Gebt Acht— er iſts, der alle Eure Wechſel hat. Levy iſt nur ſein Zutreiber.“ „Bei meiner Seele,“ verſetzte Spendquick etwas beun⸗ ruhigt,„wenn dies der Fall iſt, ſo muß man wohl höflich gegen ihn ſeyn.“ „Ihr allerdings,“ ſagte der Witzling.„Aber ich habe noch nie einen x. Y. aufgefunden, der mir die Pfunde und Schillinge vorgeſchoſſen hätte, weßhalb ich mich gegen A. Y. nicht achtungsvoller benehmen werde, als gegen jede andere unbekannte Größe.“ Mit dem Kreiſen des Weines wurde die Partie all⸗ mälig heiter und geſellig. Levy war in der That ein unter⸗ haltlicher Wirth, wußte allen Stadtklatſch an den Fingern herzuzählen und beſaß außerdem die angenehme Kunſt, Ab⸗ weſenden alles Boshafte nachzuſagen, was den Anweſenden immer Freude macht. Nachgerade wurde auch Mr. Richard Avenel warm, und da die flüſternde Vermuthung, welche ihn zu dem X. Y. geſtempelt, bereits an dem Tiſch die Runde gemacht hatte, ſo hörte man ihn mit ſo tiefer Achtung an, daß ſeine Lebensgeiſter mehr und mehr ſich ſteigerten. Ja, als der Witzling einmal verſuchte, ihn aufzuziehen oder zu myſtifiziren, antwortete er ihm mit einer Derbheit, die, obſchon ſie ſehr roh war, von Lord Spendquick und den an⸗ deren mit ihm in gleicher Weiſe pekuniär verſtrickten Gentle⸗ men ſo humoriſtiſch erfunden wurde, daß ſie das Gelächter gegen den witzigen Kopf kehrten und ihn für den ganzen übrigen Abend zum Schweigen brachten— ein Umſtand, per eher zu Gunſten als zum Rachtheil der gemeinſchaftlichen iſt un⸗ flich ae und dere all⸗ ter⸗ gern Ab⸗ aden hard ihn inde an, Ja, rzu die, an⸗ ntle⸗ hter nzen and, chen * 1221 Heiterkeit wirkte. Nach dem Diner drehte ſich, wie es bei unverheiratheten Männern üblich iſt, leicht und debonnair die Unterhaltung um die Rennbahn, das Ballet, den letzten Scandal, und ging endlich auf die Politik über; denn die Zeiten waren von der Art, daß man überall politiſirte— hier natürlich um ſo mehr, da drei von den jungen Lords für ihre Grafſchaft im Parlament ſaßen. Randal ſprach wenig und machte blos ſeiner Gewohn⸗ heit gemäß den aufmerkſamen Zuhörer; aber mit Entſetzen mußte er jetzt vernehmen, wie allgemein der Glaube an den baldigen Zurücktritt des Miniſteriums war. Aus Rück⸗ ſicht gegen ihn und mit dem Zartgefühl der Bildung, welche man an einer gewiſſen Klaſſe der Geſellſchaft nie vermißt, fielen über Mr. Egerton keine perſönlichen Bemerkungen, und als Avenel mit einigen rohen Ausdrücken gegen dieſen Miniſter herausplatzen wollte, wurde ihm von dem Baron ſogleich Einhalt gethan. „Schont meinen Freund und Mr. Leslie's nahen Ver⸗ wandten,“ ſagte er mit einem hoöflichen, aber ernſten Lächeln. „Oh,“ verſetzte Avenel,„öffentliche Männer, die wir zahlen, ſind öffentliches Eigenthum— meint Ihr nicht auch, mein Lord?“ fügte er gegen Spendquick bei. „Allerdings,“ erwiederte Spendquick ſehr geiſtvoll— „öffentliches Eigenthum, denn wofür zahlen wir ſie ſonſt? Es muß ein ſehr gewichtiger Beweggrund vorhanden ſeyn, um uns dazu zu veranlaſſen. Es iſt mir in der Seele zu⸗ wider, Leute zu zahlen.. In der That,“ bemerkte er bei Seite—„ich thu' es nie!“ 1222 „Uebrigens will ich Eure Gefühle nicht verletzen, Mr. Leslie,“ nahm Mr. Avenel gnädig wieder auf.„Und was die Gefühle unſeres Wirths, des Barons, betrifft, ſo rechne ich, ſie ſind in Folge der Uebung, die ſie durchzumachen hatten, erträglich zäh geworden.“ „Gleichwohl,“ ſagte der Baron, in das Gelächter ein⸗ ſtimmend, welches die jedesmalige ſichere Folge einer leb⸗ haften Aeußerung des vermeintlichen A. Y. war—„gleich⸗ wohl heißt's im Sprichwort: Liebſt du mich, ſo liebe auch meinen Hund. Liebt Ihr mich, ſo liebt meinen Egerton.“ Randal war betroffen, denn ſeinem ſcharfen Ohr und ſeinem Verſtand entging nicht, daß in dem Tone, mit wel⸗ chem Levy dieſe zweideutige Vergleichung vorbrachte, etwas Finſteres und Feindſeliges lag. Sein Auge blitzte gegen den Baron hin; aber dieſer hatte ſein Geſicht niedergebeugt und letzte ſich an einer Olive. Endlich erhob ſich die Tiſchgeſellſchaft. Die vier jun⸗ gen Edelleute waren anderswohin verſagt und machten den Vorſchlag zum Aufbruch, ohne vorher ſich im Beſuchzimmer wieder zu verſammeln. Wie nach Göthe's Theorie verwandte Monaden unwiderſtehlich zu einander hingezogen werden, traten wie in Folge gemeinſamen Autriebs dieſe heitern Kinder der Luſt, nachdem ſie ſich von der Tafel erhoben hatten, zuſammen und bildeten eine Gruppe um den Kamin. Randal ſtand gedankenvoll bei Seite; der Wisling muſterte die Gemälde durch ſein Augenglas, und Mr. Avenel zog den Baron nach dem Seitentiſch, wo er ſich flüſternd mit dem⸗ ſelben beſprach. Dieſer geheimnißvolle Dialog entging ——————————————— — ——— 1223 den jungen Gentlemen an dem Kamine nicht, und ſie warfen ſich gegenſeitig Blicke zu. „Feſiſetzung der Procente für die Verlängerung,“ ſagte der Eine sotta voce. „4 Y. ſcheint kein ſo gar übler Kerl zu ſeyn,“ meinte ein Anderer. „Er ſieht reich aus und ſpricht wie ein reicher Mann,“ bemerkte der Dritte. „Eine entſchieden unabhängige Art, ſeine Anſichten auszudrücken. Die Geldprotzen haben dies gemeiniglich.“ „Gütiger Himmel!“ rief Spendquick, deſſen Auge fortwährend ängſtlich auf dem Paar gehaftet hatte;„ſeht nur! x. Y. holt wahrhaftig ſein Taſchenbuch heraus und kommt auf uns zu. Verlaßt Euch darauf, er hat unſere Wechſel— der meinige iſt morgen fällig.“ „Und der meinige auch,“ ſagte ein Anderer, ſich bei Seite vrückend.„Ein ſauberer Nachtiſch dies!“ Inzwiſchen hatte ſich Mr. Avenel von dem Baron losgemacht, der dem Anſcheine nach ihn ängſtlich zurück⸗ halten wollte und, da ihm dies nicht gelang, ſich bei Seite wandte, als wolle er nichts von Dicks Bewegungen ſehen— ein Umſtand, welcher der Aufmerkſamkeit der jungen gnädi⸗ gen Herren nicht entging und ihren Argwohn noch mehr bekräftigte. Langſam und mit ernſter, gedankenvoller Miene kam der neue Mann auf die Gruppe zu, und die„Tauben⸗ ſchläge von Corioli“ geriethen in keine ängſtlichere Verwir⸗ rung vor dem großen römiſchen Feldherrn, als die aufge⸗ regten Herzen des Lord Spendquick und ſeiner ſympathiſi⸗ 1224 renden Freunde vor der Annäherung des vermeintlichen K. Y. Das Taſchenbuch in der Hand und angenſcheinlich nach etwas Schrecklichem taſtend in deſſen geheimnißvollen Fä⸗ chern, kam Dick Avenel Schritt um Schritt dem Kamin näher. Von Entſetzen gebannt blieb die Gruppe mäuschen⸗ ſtille ſtehen. „Hum!“ begann Mr. Avenel, ſeine Kehle befreiend. „Dieſes Hum will mir ganz und gar nicht gefallen,“ murmelte Spendquick. „Stolz, Eure Bekanntſchaft gemacht zu haben, Gentle⸗ men,“ ſagte Dick mit einer Verbeugung. Die ſo angeredeten Gentlemen verbeugten ſich ihrer⸗ ſeits gleichfalls tief. „Mein Freund, der Baron, meinte, die Zeit ſey nict eben paſſend dafür— Dick hielt einen Augenblick inne. Man hätte die vier jungen Gentlemen, obſchon der ganze hohe Adel von Europa keine ſchöneren Exemplare der menſchlichen Species aufzu⸗ weiſen hatte, mit einer Feder zu Boden ſchlagen können! „Aber ich habe mir's zur unverbrüchlichen Lebensregel gemacht,“ fuhr Avenel fort, ohne den früheren Satz zu Ende zu bringen,„nie eine gute Gelegenheit unbenützt vorbei⸗ gehen zu laſſen— mit einem Wort, den Augenblick an der Stirnlocke zu packen. Und dieſe Regel“— fügte er mit einem Lächeln bei, ob welchem dem Lord Spendquick das Blut in den Adern gerann—„hat mich zu einem ſehr warmen Mann gemacht. Ich erlaube mir deßhalb, Gentle⸗ men, jedem von Euch mit einem von dieſen Dingern auf⸗ 1225 zuwarten.“— Jede Hand hatte hinter dem Rücken ſeines hochgeborenen Eigenthümers einen Verſteck geſucht, bis zur unausſprechlichen Erleichterung Aller Dick mit den Wor⸗ ten ſchloß:„Eine kleine soirée dansante,“ und den Gentle⸗ men vier Einladungskarten hinbot. „Schätze mich ſehr glücklich!“ rief Spendquick.„Zwar tanze ich in der Regel nicht; aber aus Rückſicht für&— das heißt, um beſſer mit Euch bekannt zu werden, Sir, würde ich auf dem Spannſeil tanzen.“ Auf dieſen begeiſterten Erguß des Lord Spendquick folgte ein heiteres Gelächter. Man drückte ſich gegenſeitig die Hände, und die Einladungskarten wurden in die Taſchen geſteckt. „Ihr ſeht mir nicht aus wie ein Liebhaber vom Tan⸗ zen,“ ſagte Avenel zu dem Witzling, der— wie es in der Regel bei Witzlingen der Fall iſt, welche fünfmal in der Woche auswärts zu diniren pflegen— ziemlich wohlgemäſtet und etwas gichtbrüchig war;„aber wir ſoupiren um Ein Uhr.“ Ungemein gekränkt und entſetzt erwiederte der Witz⸗ ling trocken, daß„für den Reſt der Saiſon jede Stunde ſei⸗ ner Zeit in Anſpruch genommen ſey,“ und entfernte ſich mit einer ſteifen Verbeugung. Die übrigen von der Geſell⸗ ſchaft eilten in ſehr heiterer Stimmung nach ihren Cabrio⸗ leten, als der Baron in der Halle den jungen Leslie noch mit den Worten zurückhielt: „Ich bitte, bleibt, Sir; ich möchte mit euch etwas ſprechen.“ — 1226 Vierzehntes Kapitel. Der Baron ſchlug die Richtung nach dem Beſuchzim⸗ mer ein, und Leslie folgte ihm. „Angenehme junge Leute dies,“ ſagte der Baron mit einem leichten Hohn, indem er ſich in einen Lehnſtuhl warf und das Feuer ſchürte.„Und durchaus nicht ſtolz; aber frei⸗ lich, ſie ſtehen— in großer Obligation gegen mich. Ja, ſie ſchulden mir ſehr viel. Apropos, ich hatte eine lange Rück⸗ ſprache mit Frank Hageldean— feiner junger Mann— merkwürdige Capacität für Geſchäftsſachen. Ich kann ſeine Angelegenheiten in Ordnung bringen. Eine Anfrage auf der Teſtamentsregiſtratur hat mich überzeugt, daß ich von Euch ganz richtig belehrt wurde. Das Caſinv⸗Gut muß an Frank übergehen. Er wird das Lehen einfach haben, und kann ganz frei über die Nachfolge verfügen. In dieſer Beziehung liegt alſo unſerem Uebereinkommen kein Hinder⸗ niß in dem Weg.“ „Abher ich ſagte Euch auch, daß Frank Bedenken trägt, auf den Fall von ſeines Vaters Ableben hin Geld zu borgen.“ „Ja, ich erinnere mich. Kindliche Liebe! Bei Geld⸗ angelegenheiten nehme ich dies nie in Rechnung. Solche kleine Bedenklichkeiten ſind wohl ſehr ehrenhaft für die menſchliche Nalur, verſchwinden aber bald vor der Ausſicht auf das Kings Bench. Und außerdem iſt, wie Ihr ſo weis⸗ ich bemerkt habt, unſer geſcheidter junger Freund in Ma⸗ dame di Negra verliebt.“ „Hat er Euch davon geſagt?“ ———————————— — H 12 che die cht is⸗ ————— 1227 „Nein, aber Madame di Negra.“ „Ihr kennt ſie?“ „Ich kenne die meiſten Perſonen der guten Geſellſchaft, welche hin und wieder eines Freundes für Ordnung ihrer Angelegenheiten benöthigt ſind. Nachdem ich nun mir über die Richtigkeit des von Euch angedeuteten Sachverhalts, Hazeldeans Vermögen betreffend, Ueberzeugung eingeholt habe— Ihr entſchuldigt meine Vorſicht— ſchlichtete ich auch die Angelegenheiten der Madame di Negra, indem ich ihre Schulden aufkaufte.“ „Das thatet Ihr wirklich— Ihr ſetzt mich in Er⸗ ſtaunen!“ „Bei einigem Nachdenken wird dieſes Erſtaunen bald verſchwinden. Doch Ihr ſeyd noch ein Neuling in der Welt, mein theurer Leslie. Beiläufig, ich habe mit Pes⸗ chiera eine Beſprechung gehabt—“ „Ueber die Schulden ſeiner Schweſter?“ „Theilweiſe. Peschiera iſt ein Mann von dem zar⸗ teſten Ehrgefühl.“ Randal hatte Levy's Gewohnheit, die Leute wegen Eigenſchaften zu rühmen, welche ihnen nach dem Urtheil weniger ſcharfblickender Sterblichen am meiſten abgingen, bereits bemerkt, weßhalb er nur über dieſes Lob lächelte und zuwartete, bis der Baron wieder fortfuhr. Dieſer aber blieb ein paar Minuten ſtumm und gedankenvoll ſitzen und ging dann auf einen ganz anderen Gegenſtand über. „Ich glaube, Euer Vater hat einiges Eigenthum in — ſhire, und Ihr könnt mir wahrſcheinlich Auskunft geben 1228 über die Güter eines gewiſſen Thornhill— ein Beſitzthum, das, wie ich aus den Kaufbriefen erſehe, einmal Eurer Familie gehört hat.“ Der Baron blätterte in einem ſehr eleganten Notizenbuch.—„Die Herrengüter Rvod und Dul⸗ mansberry mit unterſchiedlichen Farmen darauf. Mr. Thorn⸗ hill möchte ſie verkaufen, ſobald ſein Sohn volljährig wird. — Thornhill iſt ein alter Client von mir. Er hat mich wegen dieſer Sache angegangen. Glaubt Ihr, daß die Güter einer Verbeſſerung fähig ſind?“ Mit leichenhafter Wange und klopfendem Herzen hörte ihm Randal zu. Wir haben geſehen, daß die Hoffnung einer Wiederaufbauung des geſunkenen Glücks ſeines alten Hau⸗ ſes und der Rückerwerbung lange entfremdeter Ländereien, welche um die unheimlichen Oedungen der verfallenen Halle herlagen, der einzige ſeinen Berechnungen beigemiſchte ehr⸗ geizige Gedanke war, der, obgleich man ihn nicht unbedingt edel und herviſch nennen konnte, doch geeignet war, ſich einigermaßen die Sympathie auch unverdorbener Seelen zu erringen. Und nun hören zu müſſen, daß dieſe Län⸗ dereien in Levy's unerbittliche Krallen übergehen ſollten! — Bittere Thränen ſtanden ihm in den Augen. „Thornhill,“ fuhr Levy fort, ohne ſeinen Blick von dem Geſicht des jungen Mannes zu verwenden—„Thorn⸗ hill ſagt mir, daß jener Theil ſeines Kigenthums— die alten Leslie⸗Ländereien— jährlich zweitauſend Pfund ein⸗ brächten, und daß der Rentenertrag ſich noch erhöhen ließe. Er verlange dafür fünfzigtauſend Pfund— zwanzigtauſend Pfund baar, die übrigen dreißigtauſend Pfund können zu — —, „— ———— r⸗ ch en n⸗ — 1229 vier Proeent auf Hypothek ſtehen bleiben. Der Kauf ſcheint nicht übel zu ſeyn. Was ſagt Ihr dazu?“ „Fragt mich nicht,“ verſetzte Randal, dem die Auf⸗ regung eine ſeltene Ehrlichkeit entlockte,„denn ich hatte ge⸗ hofft, mit der Zeit ſelbſt jenes Eigenthum wieder in den Beſitz unſerer Familie zu bringen.“ „Ah⸗ wirklich? Es würde natürlich Eure Bedeutſam⸗ keit in der Welt ſehr erhöhen— nicht ſo faſt wegen des Umfangs der Beſitzung, ſondern um der ſich forterbenden Erinnerungen willen. Und wenn Ihr Luſt zu dem Kaufe habt— glaubt mir, ich werde Euch nicht im Wege ſtehen.“ „Wie könnte mir auch nur ein ſolcher Gedanke kommen?“ „Ich meinte doch, Ihr hättet dies eben geſagt?“ „Ich hörte, jene Güter könnten zum Verkauf kommen, wenn Mr. Thornhills Sohn volljährig würde, und daß dies dann geſchehen ſolle, um ſich des Fideicommiſſes zu entle⸗ digen.“ „Ja, ſo glaubte Thornhill ſelbſt auch, bis ich ihm nach Prüfung der Beſitzurkunden den Irrthum aufdeckte. Dieſe Ländereien fallen nicht unter die Bedingungen, mit welchen der alte Jaſper Thornhill das übrige Beſitzthum belegte. Der Kauf kann vollgültig geſchehen. Thornhill möchte mit der Sache ſchnell in's Reine kommen— Verluſte auf der Rennbahn; Ihr verſteht. Ein unmittelbarer Käufer würde noch beſſere Bedingungen erzielen. Ein Sir John Spratt wäre wohl ſogleich bereit, den Kaufſchilling zu erlegen; aber die Erwerbung dieſer Ländereien würde den Spratt'ſchen Gütern das Uebergewicht geben über die Thornhill ſchen, 1230 und deshalb auch den Einfluß des Verkäufers auf das County mindern. Mein Client nähme deshalb lieber einige tauſend Pfund weniger von einem Mann, der nicht als Nebenbuhler gegen ihn auftritt. Das Gleichgewicht der Macht iſt in Countys von eben ſolcher Wichtigkeit, wie bei den Nationen.“ Randal blieb ſtumm. „Nun, ich ſehe, dieſer Gegenſtand thut euch weh,“ be⸗ merkte Levy im Tone des Gefühls,„und obwohl ich im Sinne meiner angenehmen Gäſte nur ein Parvenu bin, ſo, begreife ich doch, was Ihr als ein Gentleman von alter Herkunft empfinden müßt. Parvenu! Ah, iſt es nicht ſelt⸗ ſam, daß weder Reichthum, noch guter Ton oder Ruhm dieſe Makel austilgen kann? Sie nennen mich einen Parvenu und borgen mein Geld— nennen unſeren Freund, den Witz⸗ ling, einen Parvenu und laſſen ſich all ſeine Unverſchämtheit gefallen, wenn ſie ihn nur für ein Diner kriegen können; denn in dieſem Falle läßt man ſich herab, von ſeiner Geburt Umgang zu nehmen. So nennen ſie auch den beſten Redner im Parlament von England einen Parvenu, werden ihn aber eines Tags erſuchen, den Poſten eines Premierminiſters anzunehmen, und dann bei ihm um Sterne und Ordensbänder vetteln. Eine drollige Welt, und es iſt kein Wunder, wenn die Parvenus gern ihren Umſturz ſehen würden.“ Bisher hatte Randal geglaubt, dieſer notoriſche Ein⸗ vringling in adelige Geſellſchaft, dieſ er ſtutzerhafte Kapitaliſt, der ſein ganzes Vermögen nur den Bedürfniſſen und Thor⸗ heiten einer Ariſtokratie verdankte, welcher er Geld borgte, müßte naturgemäß ein treuer Vertheidiger der beſiehenden ——— —— — 3 S——— — 6 nd ler in⸗ liſt, or⸗ gte, den p 1234 Verhältniſſe ſeyn— denn wie hätte ſich die Lage der Dinge für Männer, wie Levy, beſſer geſtalten können. Aber der Ausbruch demokrgtiſchen Grolls von Seiten des Wucherers kam der frühreifen und ſcharfen Beobachtungsgabe des jungen Diplomaten nicht überraſchend. Er hatte ſchon früher be⸗ merkt, daß diejenigen in ihrem Inneren die bitterſten Haſſer des Adels ſind, welche vor demſelben kriechen und eben aus dieſem hündiſchen Schmeicheln den meiſten Vortheil ziehen. Warum dies? Weil die volle Hälfte des demokratiſchen Gei⸗ ſtes auf den Neid ſich gründet und wir nur das beneiden können, was uns vor Augen liegt und bei aller Nähe doch nicht erreichbar iſt. Niemand beneidet einen Erzengel. „Aber eine neue Ordnung der Dinge iſt im Anzug,“ ſagte Levh⸗ ſich in ſeinem Stuhl zurückwerfend.„Wir wer⸗ den ſehen. Leslie, es iſt ein Glück für Euch, daß Ihr nicht unter dieſem Miniſterium in's Parlament tratet; denn dies würde Euch für Lebenszeit politiſch zu Grund n haben.“ „Ihr glaubt alſo wirklich, daß ſich das gegenwärtige Kabinet nicht halten kann?“ „Allerdings glaube ich dies; und was noch mehr iſt, ich denke, daß ein Miniſterium von den nämlichen Grund⸗ ſätzen fortan zu einer Unmöglichkeit wird. Ihr ſeyd ein junger Mann von Talent und Geiſt; Eure Geburt iſt nichts in Vergleichung mit dem Rang der herrſchenden Partei, wird aber bis zu einem gewiſſen Grad bei der demoktati⸗ ſchen Beachtung finden. Ich meine deßhalb, Ihr ſolltet höf⸗ 1232 ſicher gegen Avenel ſeyn. Er iſt in der Lage, Euch bei der nächſten Wahl einen Sitz im Parlament zu verſchaffen.“ „Bei der nächſten Wahl? In ſechs Jahren! Es hat ja kürzlich erſt eine allgemeine Wahl ſtattgefunden.“ „Es wird wieder eine geben, noch eh' ein Jahr, eh' ein Halbjahr— vielleicht eh' ein Vierteljahr um iſt.“ „Was bringt Euch auf dieſen Glauben?“ „Leslie, laßt uns Vertrauen zu einander faſſen; wir fönnen einander helfen. Wollen wir Freunde ſeyn?“ „Von ganzem Herzen. Aber wenn auch Ihr mir von Nutzen ſeyn könnt, ſo ſehe ich nicht ein, wie dies bei mir Euch gegenüber der Fall iſt.“ „Ihr ſeyd mir bereits zu Frank Hazeldean— und zu dem Caſinveigenthum behülflich geweſen. Alle geſcheidten Männer können mir nützlich werden. Wohlan alſo, wir ſind Freunde, und was ich ſage, bleibt unter uns. Ihr fragt mich, warum ich glaube, daß ſo bald eine allgemeine Wahl ſtattfinden werde. Ich will Euch offen antworten. Von allen Staatsmännern, die ich je kennen lernte, beſitzt Nie⸗ mand einen ſo klaren Ueberblick über den augenblicklichen Stand der öffentlichen Verhältniſſe, als Audley Egerton.“ „Er ſteht in dieſem Ruf. Nicht weit, aber ktar ſe⸗ hend bis zu einer gewiſſen Gränze.“ „Ganz richtig. Deshalb kennt auch Niemand beſſer die öffentliche Stimmung und ihr gegenwärtiges Fluthen und Ebben.“ „Zugegeben.“ „Egerton alſo rechnet innerhalb eines Zeitraums von vir von mir zn ten wir tagt ahl Von Nie⸗ ichen ne r ſe⸗ er die tund von „ 1233 drei Monaten auf eine allgemeine Wahl, und ich habe ihm das Geld dazu geborgt.“ „Ihm das Geld dazu geborgt? Egerton borgt Geld von Euch— der reiche Egerton?“ „Reich?“ wiederholte Levy in einem Tone, der ſich unmöglich beſchreiben läßt, und begleitete zugleich das Wort mit jener Bewegung des Daumens und Mittelfingers, welche gemeiniglich ein„Schnippchen“ genannt wird und den Aus⸗ druck tiefer Verachtung in ſich faßt. Er ſagte nicht weiter. Randal ſaß betäubt da. End⸗ lich murmelte er: „Aber wenn Egerton wirklich nicht reich iſt— wenn er ſeinen Poſten verliert, ohne Hoffnung⸗ ihn wieder zu er⸗ ringen—“ „So iſt er zu Grunde gerichtet,“ verſetzte Levy kalt; „und aus Achtung vor Euch und weil ich an Eurem künf⸗ tigen Schickſal Antheil nehme, ſage ich Euch— hofft ja nichts für Euer Glück und Eure künftige Laufbahn von Audley Egerton. Bleibt vorderhand auf Eurem Platz aber haltet Euch gefaßt, bei der nächſten Wahl auf die Seite der volksthümlichen Partei zu treten. Avenel wird Euch in's Parlament bringen, und das Uebrige hängt von dem Glück und von Eurer Thatkraft ab. Ich will Euch nicht länger aufhalten,“ fügte Levy bei, indem er aufſtand und die Klingel zog. Der Diener trat ein. „Iſt mein Wagen da?“ „Ja, Baron.“ Bulwer, meine Novelle. 78 1234 „Kann ich Euch irgendwo abſetzen?“ „Nein, ich danke Euch. Ich gehe lieber zu Fuß.“ „Gott befohlen alſo— und vergeßt mir die soirée dansante der Mrs. Avenel nicht.“ Randal ergriff mechaniſch die ihm dargebotene Hand und ging die Treppe hinunter. Die friſche, kalte Luft weckte ſeine geiſtigen Fähig⸗ keiten wieder, die durch Levy's verhängnißvolle Worte faſt gelähmt worden waren. Und das Erſte, was der verſchmitzte Planmacher zu ſich ſelbſt ſagte, beſtand in den Worten: „Aber was kann den Mann bewogen haben, mir dieſe Mittheilungen zu machen?“ Sein nächſter Gedanke war— „Egerton zu Grunde gerichtet! Was bin dann ich?“ Die dritte Betrachtung— „Und jenes ſchöne Ueberbleibſel von dem Leslie⸗Eigen⸗ thum. Zwanzigtauſend Pfund baar— wie zu dieſer Summe gelangen? Warum ſollte Levy hierüber mit mir geſprochen haben?“ Und endlich kam das Selbſtgeſpräch wieder auf den Ausgangspunkt zurück— „Die Beweggründe dieſes Menſchen! Seine Beweg⸗ gründe.“ Mittlerweile hatte ſich der Baron in ſeine Kaleſche geworfen— die behaglichſte Halbkutſche, die man ſich nur denken kann— die Kaleſche eines Junggeſellen, vollkommen im Geſchmack; nie hatte ein verheiratheter Mamn eine ——— d 9. ſt zu n⸗ ſer nir den ——— ähnliche gehabt— und einige Augenblicke ſpäter befand er ſich in—s Hotel bei Giulio Franzini, Graf di Peschiera. „Mon chèr,“ ſagte der Baron in ſehr gutem Franzö⸗ ſiſch und im Ton der vertraulichſten Gleichheit zu dem Ab⸗ kömmling der Fürſten und Helden des großartigen mittel⸗ alterlichen Italiens—„mon chér, gebt mir eine von Euren trefflichen Cigarren. Ich denke, ich habe Alles im Zug.“ „Ihr machtet alſo die Entdeckung—“ „Nein, dies geht nicht ſo ſchnell,“ verſetzte der Baron, die ihm dargebotene Cigarre anzündend.„Aber Ihr ſagtet, daß Ihr vollkommen zufrieden wäret, wenn es Euch blos zwanzigtauſend Pfund koſte, um Eure Schweſter, welcher Ihr dieſe Summe geſetzlich ſchuldig ſeyd, an den Mann zu bringen und ſelbſt die Erbin heirathen zu können.“ „Ich ziehe dies nicht in Abrede.“ „Dann zweifle ich nicht, daß ich für dieſe Summe beide Punkte bereinigen kann, im Fall Randal Leslie wirklich weiß, wo die junge Dame ſich befindet, und in der Lage iſt, Euch beizuſtehen. Ein ſehr verheißungsvoller, fähiger Mann, dieſer Randal Leslie— aber unſchuldig wie ein neugebornes Kind.“ „Ha, ha! Unſchuldig! Que diable!“ „Unſchuldig, wie dieſe Cigarre, mon chér— ſtark allerdings, aber raucht ſich ſehr leicht. Soyez tranquille!“ 1236 Fünfzehntes Kapitel. Wer hätte nicht das herrliche Gemälde von Daniel Macliſe, das den unſterblichen Namen meines Vorfahren Caxton auffriſcht, geſehen und angeſtaunt? Mit nationalem Stolz vernahm ich das Murmeln der Bewunderung aus dem Munde der Fremden, die ſich darum geſammelt hatten (denn im Kryſtallpalaſt war für ſie nichts zu ſehen, das Eng⸗ land größere Ehre gebracht hätte), und mit nicht geringerem Stolz erfüllte der edle Sinn der Kunſtgenoſſen, indem der warme Beifall noch lebender Meiſter, die bereits für die Un⸗ ſterblichkeit gearbeitet hatten, der Begeiſterung der Volks⸗ menge die Weihe ertheilte. Aber was mich weit mehr au⸗ ſprach, als die correkte Zeichnung, um deren willen der Künſt⸗ ler längſt im Ruf ſteht, und das erſt in neuerer Zeit von ihm errungene prächtige Colorit, das war die Tiefe der Auf⸗ faſſung, aus der dieſes Meiſterwerk hervorgegangen iſt. Der Mönch mit dem finſteren Blick nach dem Buchdrucker, den Rücken der Bibel zuwendend, auf welche ſein Schatten fällt:— der ganze Uebergang des klöſterlichen Chriſtenthums im Mittelalter zu dem neueren, welches ſich freut im Lichte des Tages, malt ſich in dem Schatten, der das Buch verdun⸗ kelt, und in dem Stirnrunzeln, das dem Verbreiter von Büchern gilt. Das düſtere, gedankenvolle Antlitz Richards, des Herzogs von Glouceſter, der mit der Schönheit eines Napoleon den dunkeln Ausdruck eines Teufels verbindet, ſchaut weit und ängſtlich in die Zukunft, als vergegenwärtige ſich ihm bereits der Kampf, welcher ſich in der neuen Erfin⸗ ——„—— —5 1237 dung vorbereitete, gegen die Anſchläge geheimen Verbrechens und ſchonungsloſer Gewaltthat. Der ritterliche Kopf des begabten Rivers iſt unter ſeinem Helm nur im Proſil ſicht⸗ bar, als ſey die Zeit, in welcher das Ritterthum ſeine edeln Vorrechte in Stahl zu vertheidigen hatte, bereits halb vor⸗ über. Aber nicht am wenigſten groß unter allen Uebrigen erſcheinen die rauhen Sehnen und Muskeln des Arbeiters, der an der Preſſe thätig iſt, während der Blitz des Gei⸗ ſtes, der ſich durch die knorrigen Z Züge kämpft und über die niedrige, gefurchte Stirne hingleitet, auf die wilden und drohenden Umwälzungen der Zukunft hindeutet. Alle dieſe Momente, welche zeigten, wie tief der Gedanke der Erfin⸗ dung mit allen ihren Segnungen und Uebeln, ihrem retten⸗ den Licht und ihren gefährlichen Stürmen die Seele des Mei⸗ ſters durchddungen hatte, bewirkte in mir den Zauber des voll⸗ kommenen Einklangs zwiſchen Auffaſſung und Ausführung, welcher die wahre, abergreilich ſeltene Vollendung des Idea⸗ len in der Kunſt ausmacht. Doch während man in den erwähn⸗ ten Perſonen der Gruppe die tieferen und ernſteren Wir⸗ kungen dieſer ſchönen aber ſchrecklichen Er findung vorgedeutet ſieht, bemerkt man auch, wie wenig die gedankenloſen Epi⸗ euräer der Stunde auf die finſtere Miene des Mönchs, auf die unruhige Geberde Richards oder auf den Blick der Sorge in dem Auge des Arbeiters achten. König Edward, ein ſchöner Poco curante, zeigt das verwunderte Entzücken eines Kindes ob einem neuen Spielzeug, und Clarence ſteht mit unbekümmerter Neugierde da, während Carton ſelbſt in ruhiger Heiterkeit nur auf Verweiſung der Erfindung bedacht 1238 nimmt. Ob die erſten Proben der neuen Kunſt einem Ri⸗ vers oder einem Edward, einem Richard oder einem Henry, einem Plantazenet oder einem Tudor gewidmet werden mö⸗ gen— dem ſchönen Mann mit dem edlen Antlitz iſt alles Dies höchſt gleichgiltig, ein treues Bild des abſtrakten Wiſſens, deſſen leidenſchaftsloſe Logik ſich kein Haar kümmert um das Wohl oder das Weh der nächſten Paar Generationen. Der Strom, nachdem er ſeine Quelle verlaſſen, eilt dahin in das große Meer der Intelligenz und lächelt über den Elenden, ven ſeine Fluthen begraben, oder unter dem Kiel des Schif⸗ fes, dem er als Sklave dient. Als ich das gegenwärtige Kapitel über die Wechſel⸗ formen des Lebens begann, drängte ſich dieſes Meiſterwerk denkender Kunſt meiner Erinnerung auf und diente mir als bildlicher Beleg zu dem, was ich ſagen wollte. In jedem Zeitalter ſtellt ſich oft heraus, daß dasjenige, was den ge⸗ wöhnlichen Kindern eines vergnüglichen Daſeyns, den Ed⸗ warden und Clarencen, mögen dieſe nun Könige und Her⸗ zoge, oder die einfachſten unter einfachen Unterthanen ſeyn, für den Augenblick Unterhaltung bereitet, ſpäter zur ernſte⸗ ſten Epoche der Zeit heranwächst. Blicken wir zurück in die Geſchichte der Menſchheit— das Auge haftet an den Schriftſtellern als an den Hauptlandmarken der Ver⸗ gangenheit. Wir ſprechen von dem Zeitalter des Auguſtus, der Eliſabeth, Ludwigs des Vierzehnten, und der Anna, als von den denkwürdigſten Perioden der Geſchichte. Warum dies? Weil ihre Schriftſteller ſie dazu gemacht haben. Zeiträume, die der ſchildernden Feder entbehrten, liegen un⸗ —— el⸗ erk als em ge Fd⸗ er⸗ yn, ſte⸗ die den er⸗ s, als rum ben. un⸗ 1239 beachtet da als die Haiden und Oedungen eines unkultivirten hiſtoriſchen Bodens. Und doch bemerken wir als ſonderbare Thatſache, daß eben dieſe Schriftſteller, wenn ſie unter uns leben, nur einen ſehr kleinen Theil unſerer Gedanken in An⸗ ſpruch nehmen und blos die Höhlungen und Blaſen in dem Bimsſtein oder Tuff ausfüllen, womit wir das Babylon unſeres Lebens aufbauen. So iſt es und muß vielleicht ſo ſeyn, wie wenig es auch dem Dünkel der Helden von der Feder gefallen mag. Das Leben hat die Beſtimmung der Thätig⸗ keit, und Bücher, obgleich ſie die That künftigen Genera⸗ tionen überliefern, ſind nur für die Feiertäge der Gegenwart. Nach dieſer langen Vorrede kehre ich plötzlich den Ran⸗ dalen und Egertonen, den Levys, Avenelen und Peschiera's den Rücken. Laſſen wir die Entwürfe und Leidenſchaften des praktiſchen Lebens, um uns in jene dunkeln Niſchen zu verſenken, in welchen der Gedanke aus unbeachteten Mo⸗ menten ein neues Glied zu der Kette ſchmiedet, welche die Zeitalter unter einander verknüpft. In einem kleinen Stübchen, deſſen einziges Fenſter nach dem bereits beſchriebenen zauberhaften Garten hinausgeht, ſaß ein junger Mann allein. Er hatte geſchrieben. Die Tinte klebte noch feucht auf ſeinem Manuſeript, aber ſeine Gedanken waren plötzlich von der Arbeit abgezogen worden, und ſein Blick haftete, funkelnd von Entzücken, auf dem Brief, der die Unterbrechung veranlaßt hatte. „Er wird kommen,“ rief der Jüngling—„hieher kom⸗ men, nach der Heimath, die ich ihm verdanke. Ich bin ſei⸗ ner Freundſchaft nicht unwürdig geweſen. Und ſie—“ ſeine 1240 Bruſt wogte, aber der Ausdruck der Freude wich aus ſeinem Geſicht.„O, ſeltſam, ſeltſam, daß mir ſo traurig zu Muth wird bei dem Gedanken, ſie wieder zu ſehen. Sie ſehen! Ach nein!— Helen, du meine Tröſterin,— mein Engel in der Geſtalt eines Kindes! Dich ſehe ich nie wieder. Die reife Jungfrau— nein, das iſt meine Helen nicht. Und doch“(nahm er nach einer Pauſe wieder auf)—„wenn ſie je dieſe Blätter liest, in welchen der Gedanke ſtrömte und zitterte unter ihrem fernen ſternigen Licht— wenn ſie je ſieht, wie ihr Bild nie von mir gewichen iſt, und ſich ſagen muß, daß ich, während Andere wähnen, ich habe erfunden, nur aus der Erinnerung niederſchrieb— wird ſie dann nicht für einen Augenblick wieder meine Helen ſeyn— wieder in ihrem Herzen und in der Einbildungskraft an meiner Seite ſtehen an jener troſtloſen Brücke— Hand in Hand — beide verwaist— wie wir dort ſtanden in den Tagen des Kummers, deren Erinnerung mir jetzt gleichwohl ſo ſüß wird. Helen in England. Es iſt ein Traum!“ Er ſtand auf, ſelbſt kaum wiſſend, daß er es that, und ging an das Fenſter. Die Fontäne ſpielte luſtig unter ſei⸗ nen Augen, und der Geſang der gefiederten Bewohner des Vogelhauſes ſchlug laut an ſein Ohr. „Und in dieſem Hauſe ſah ich ſie zum letztenmal,“ murmelte er vor ſich hin.„Und dort, wo die Fontäne jetzt ihren Strahl in die Luft wirft— dort ſagte mir ihr Wohl⸗ thäter und der meine, daß ſie für mich verloren ſey, wäh⸗ rend ich ſtatt ihrer— Ruhm gewinnen könne. Ach!“ In dieſem Augenblick trat eine Frau ins Zimmer —— —— 1241 deren Anzug nicht recht zu ihrer Miene und Haltung zu paſ⸗ ſen ſchien, da in letzteren, abgeſehen von einer gewiſſen Acht⸗ barkeit, die bäuriſche Einfachheit nicht zu verkennen war. Da ſie den jungen Mann ſo gedankenvoll am Fenſter ſtehen ſah, verhielt ſie ſich ruhig, denn ſie war an ſeine Art und Weiſe gewöhnt und hatte ſie achten gelernt, ſeit ſie bemerkte, daß der Jüngling ſich durch ſeine Thätigkeit ein ordentliches Auskommen errang. Sie ſtörte ihn deshalb nicht in ſeinen Träumen, fing aber an, in aller Stille das Zimmer zu ordnen, indem ſie mit dem Zipfel ihrer Schürze die verſchie⸗ denen Möbel abwiſchte und ein paar verirrte Stühle an ihren rechten Platz ſtellte, ohne jedoch etwas von den Pa⸗ pieren zu berühren. Treffliche Frau— und ſo ſelten als trefflich! Endlich wandte ſich der Jüngling mit einem tiefen aber doch nicht gerade ſchmerzlichen Seufzer um. „Guten Tag, meine liebe Mutter. Ach, Ihr thut wohl daran, wenn Ihr das Zimmer recht hübſch heraus⸗ putzt. Frohe Botſchaft! Ich erwarte einen Beſuch!“ „Ach du mein Himmel, Leonard— wird er etwas wollen— ein Lunch oder was?“ „Nein, ich glaube nicht, Mutter. Ich erwarte den Mann, dem wir Alles verdanken— haec otia fecit. Ent⸗ ſchuldigt mein Latein; der Beſuch iſt Lord LEstrange.“ Das Geſicht der Mrs. Fairfield— denn der geneigte Leſer hat längſt ihren Namen errathen— erlitt eine plötz⸗ liche Veränderung und zeigte ein nervöſes Zucken aller Mus⸗ 1242 keln, welches die Familienähnlichkeit mit der alten Mrs. Avenel völlig herſtellte. „Beunruhigt Euch nicht, Mutter; eriſtder gütigſte— „Sprich nicht ſo; ich kanns nicht hören!“ rief Mrs. Fairfield. „Kein Wunder, daß Ihr Euch angegriffen fühlt bei der Erinnerung an ſeine vielen Wohlthaten; aber wenn Ihr ihn einmal geſehen habt, werdet Ihr finden, daß Ihr Euch um ſeinetwillen nicht zu beunruhigen braucht. Ich bitte Euch daher, lächelt wieder und macht Euer gutes Geſicht, denn ich bin ſtolz auf Eure offene ehrliche Miene, wenn Ihr heiter ſeyd, Mutter. Ich wünſche, daß er Euer Herz eben ſo gut in Eurem Geſicht leſe, wie ich.“ Mit dieſen Worten ſchlang Leonard den Arm um den Nacken der Wittwe und küßte ſie. Die gute Frau drückte ihn für einen Augenblick zärtlich an ſich, und er fühlte, daß ſie vom Kopf bis zu den Füßen zitterte. Dann riß ſie ſich aus ſeiner Umarmung und verließ das Zimmer. Leonard glaubte, ſie ſey vielleicht weggegangen, um ſich beſſer an⸗ zukleiden vver ihre hausmütterliche Sorgfalt in hübſcher Aus⸗ ſtattung eines anderen Zimmers zu zeigen; denn das„Haus“ war Mrs. Fairfields Steckenpferd und Leidenſchaft, die ſie jetzt um ſo mehr hätſchelte, da ſie nur noch zur Unterhaltung arbeiten durfte. Es war ſelbſt ſür Leonards Genius rein unbegreiflich, wie ſie es angriff, daß ſie ſo viele Stunden täglich in den kleinen Stübchen zu ſchaffen hatte, während doch dem Anſcheine nach darin Alles immer ſo ausſah, wie vorher. Aber es machte ihr immer die größte Freude, w zu h kö c ei hr ich ht, hr en en kte aß ſich ard an⸗ us⸗ u8“ ſie ung rein den rend wie ——— 1243 wenn Mr. Norreys oder ſonſt ein ſeltener Beſuch kam und zu ihr ſagte(wenigſtens verſäumt Mr. Norreys nie, dies zu thun):„Wie hübſch doch Alles hier gehalten iſt! Was könnte Leonard anfangen ohne Euch, Mrs. Fairfield?“ Und zu Mr. Norreys unendlicher Beluſtigung gab Mrs. Fairfield ſtets dieſelbe Antwort: „Ja wohl, Sir, danke gar ſchön; aber ich denke, daß das Beſuchzimmer ſchrecklich ſtaubig iſt.“ Als Leonard ſich allein ſah, kehrte ſein Geiſt wieder zu dem früheren Träumen zurück und ſein Geſicht nahm den Ausdruck an, welcher demſelben nun gewöhnlich geworden war. Sein Aeußeres hatte ſich, ſeit wir ihn zum letzten⸗ mal ſahen, ſehr verändert. Seine Wangen waren blaß und ſchmächtig, ſeine Lippen feſter und gedrungener und ſeine ernſten Augen gedankenvoller, ſo daß man wohl bemer⸗ ken konnte, es ſey der Schmerz über ihn hingegangen. Aber die Schwermuth in ſeinem Antlitz erſchien unausſprechlich ſüß und ruhig, und ſeine breite Stirne bekundete jene Kraft, die man ſo ſelten an der Jugend wahrnimmt— die Kraft, welche überwunden hat und ihre Siege nur durch Ruhe ver⸗ räth. Die Periode des Zweifels, des Kampfs und des Trotzes war für immer vorüber; Genius und Seele hatten ſich mit dem menſchlichen Leben verſöhnt. Welch ein liebliches Antlitz — ſo fanft und friedlich in ſeinem Charakter! Kein Mangel an Feuer— im Gegentheil, das Feuer brannte ſo klar und ſtetig, daß es nur den Eindruck des Lichtes machte. Die Offenheit ſeiner Knabenjahre, die Einfachheit des Dörflers — beides war noch vorhanden, aber veredelt durch das Ge⸗ 1244 präge eines Geiſtes, der die Bahn des Wiſſens nicht mit Fußſtapfen, ſondern mit der Schwinge durchgemeſſen hatte — unbefleckt von niedrigem Staub, den Sternen zuſtrebend, in den verſchiedenen Abſtufungen des Daſeyns nur die lieb⸗ licheren Formen des Wahren und Guten ſuchend und, wie es der Kunſt ziemt, die das Schöne zur Vollendung bringt, — heimiſch— „In den heitern Regionen, Wo die reinen Formen wohnen.“ Leonard ſuchte ſich ſeinen Träumen nicht zu eniſchla⸗ gen, bis die Klingel an der Gartenthüre laut und ſchrill erſchallte. Jetzt fuhr er auf und eilte nach der Halle, wo er ſeine Hand plötzlich von der ſeines Wohlthäters ergriffen fühlte. Sechszehntes Kapitel. Eine volle und glückliche Stunde entſchwand unter Harleys Fragen und Leonards Antworten; denn hierin be⸗ ſtand natürlich der erſte Dialog bei einem Wiederſehen nach der jahrelangen, für den jüngeren Mann ſo ereignißreichen Ttennung. Die Geſchichte Leonards während dieſes Zwiſchenraums war faſt ausſchließlich eine innere— der Kampf des Geiſtes mit ſeinen eigenen Schwierigkeiten, das Schweifen der Phan⸗ taſie durch ihre abenteuerlichen Welten. Als Norreys das Geſchäft begann, den Geiſt ſeines Zöglings für ſeinen Beruf vorzubereiten, hatte er es zu⸗ vö zu ger ha der Er faf der Er der lur Fl De es au ſon gri M Sr rut gel vor her M a⸗ wo en ter be⸗ ach en m6 tes n⸗ nes 1245 vörderſt darauf abgeſehen, das Gleichgewicht der Kräfte her⸗ zuſtellen und die Elemente in eine ruhige Harmonie zu brin⸗ gen, welche durch die Prüfungen und Leidenſchaften des alten, harten, äußern Lebens ſo rauh durcheinander gerüttelt wor⸗ den waren. Norreys Theorie beſtand kürzlich in Folgendem. Die Erziehung eines höher ſtehenden menſchlichen Weſens um⸗ faßt nichts Anderes, als die Entwicklung von Ideen in dem Individuum zum Beſten der Mitgeſchöpfe. Zu dieſem Ende muß die Aufmerkſamkeit gerichtet ſeyn— erſtlich auf den Werth der geſammelten Ideen, zweitens auf ihre Rege⸗ lung, und drittens auf ihren Ausdruck. Für das erſtere iſt Fleiß, fürs zweite Schule und fürs dritte Kunſt erforderlich. Der erſte umfaßt rein intellektuelles Wiſſen, ſammle man es aus der Beobachtung oder aus dem Gedächtniß, aus Büchern oder von den Menſchen, aus dem Ariſtoteles, oder aus Fleetſtreet. Die zweite verlangt nicht nur intellektuelle, ſondern auch ſittliche Bildung, die Veredelung der Beweg⸗ gründe, die Regelung ſeiner Gewohnheiten; hierin iſt die Methode nur ein Theil einer göttlichen und harmoniſchen Symmetrie— eine Vereinigung der Intelligenz mit dem Gewiſſen. Hat man durch den erſten Proceß Vorräthe er⸗ rungen und dieſelben Kraft des zweiten geordnet und unter gehörige Leitung geſtellt, ſo wird es die Aufgabe des dritten, ſie der Welt in der anziehendſten und eindrucksvollſten Form vorzulegen. Dies kann durch Handlung eben ſo gut geſche⸗ hen, als durch Worte; die zweckmäßige Verwendung der Mittel aber, der Uebergang der Ideen aus dem Gehirn des 1246 einen Menſchen in das Leben und in die Seelen von Allen in Handlungen ſowohl als in Büchern heißt Studium. Das Handeln hat nicht minder ſeine Kunſt als das Studium. Norreys hatte bei ſeiner Theorie nur den Beruf des Ge⸗ lehrten, die Bildung des Schriftſtellers im Auge; er wollte die Empfänglichkeit hinführen zu der Abwechslung in dem Erhabenen und Schönen, deren gleichmäßige Verbindung eben das Schaffen iſt. Der Menſch ſelbſt iſt nur eine Ver⸗ bindung von Elementen. Wer in der Natur zu verbinden weiß, zeigt ſich ſchaffend in der Kunſt. Lir haben hier in gedrängter, vielleicht nicht ganz ent⸗ ſprechender Weiſe das Shſtem angeführt, nach welchem Nor⸗ reys die gewaltigen angeborenen Kräfte ſeines Zöglings zu regeln und zu vervollkommnen ſuchte; und obgleich der Leſer vielleicht ſagt, daß kein von einem Anderen gebildetes Syſtem im Stande ſey, den Genius zu bilden oder ſeinem Wirken Befehle vorzuſchreiben, ſo haben doch wahrſcheinlich wenig⸗ ſtens neun Zehütheile von denen, welche wir als Leuchten unſeres Geſchlechts anerkennen, dieſe Proceſſe, ſogar ohne daß ſie es ſelbſt wußten, durchgemacht, denn die Selbſterzie⸗ hung achtet nicht gerade auf die verſchiedenen Phaſen ihres Fortgangs. Auch wird Niemand, der ſich die Mühe des Nachdenkens nimmt, in Abrede ziehen, daß durch dieſe Theorie, aufgeſtellt durch einen Mann von reicher Erfah⸗ rung, gründlichem Wiſſen und gediegenem Geſchmack, das Regen des Genins unendlich erleichtert, ſein Blick geläutert und geſchärft und der Abſtand zwiſchen Anſtrengung und Er⸗ folg weſentlich abgekürzt wird. in as m. ze⸗ lte em ng er⸗ den nt⸗ or⸗ zu eſer tem rken nig⸗ hten hne rzie⸗ hres des dieſe fah⸗ das utert dEr⸗ 1247 Norreys war jedoch ein zu tiefer Denker, um in den Irrthum der modernen Lehrer zu verfallen, welche meinen, daß Erziehung die eigene Anſtrengung entbehrlich mache. Kein Geiſt wird kräftig ohne frühzeitige und nicht eben leichte Uebung. Die Arbeit muß ſtreng ſeyn und braucht nur ge⸗ hörig gelenkt zu werden; wir können dabei nichts thun, als daß wir ſie vor Zeitverſchwendung in nutzloſen, ungeſchickten Anſtrengungen bewahren. Demgemäß hatte ihn der Meiſter zuvörderſt mit Zuſam⸗ mentragung und Ordnung von Materialien zu einem gro⸗ ßen eritiſchen Werk beſchäftigt, an welchem Norreys ſelbſt arbeitete. In dieſem Stadium der Vorbereitung zur Ge⸗ lehrſamkeit ſah Leonard ſelbſt die Nothwendigkeit der Er⸗ lernung von Sprachen ein, für die er ein großes Geſchick hatte, und er legte damit einen gediegenen Grund für um⸗ faſſende Kenntniſſe, indem er ſo zu ſagen mit der Pflug⸗ ſchaar die Mauerlinie der künftigen Stadt bezeichnete. An das Generaliſiren und an pünktliche Arbeit gewöhnte er ſich, ohne daß er ſelbſt wußte, wie er dazu kam, und die koſibare Fähigkeit, aus einem Haufen von Material ſchnell das Paſ⸗ ſende heraus zu finden— eine Gabe, welche die Kräfte vervierfältigt, indem ſie dieſelben auf Einen Punkt concen⸗ trirt— verlieh, ſobald ſie einmal geweckt war, ſeiner Thä⸗ tigkeit ein Ziel und ſchärfte ſeine Auffaſſung. Aber Norreys beſchränkte ſeinen Schüler nicht blos auf die ſtumme Welt einer Bibliothek, ſondern machte ihn auch mit einigen in Kunſt und Literatur hochſtehenden Geiſtern und nicht minder mit dem thätigen Leben bekannt.„Dies ſind die lebendigen 1248 Ideen der Gegenwart,“ ſagte er,„aus denen Bücher für die Zukunft geſchrieben werden. Studirt ſie mit Fleiß, ſam⸗ melt mit Umſicht, wie Ihr es mit den Schriftſchätzen der Vergangenheit thut.“ Allmälig leitete Norreys den jungen glühenden Geiſt von der Auswahl der Ideen zu ihrer äſthetiſchen Analyſe, von der Compilation zur Kritik, aber zu einer ſtrengen, ge⸗ wiſſenhaften, logiſchen Kritik, die ſich von jedem Wort des Lobes oder des Tadels Rechenſchaft geben konnte. Als er ſich ſo in das Studium der Geſetze des Schönen eingeleitet ſah, ging in ſeiner Seele ein neues Licht auf, und aus den Maſſen von Marmor, die er um ſich aufgehäuft hatte, hob ſich das Geſicht der Statue. Und ſo ſagte eines Tages Norreys plötzlich zu ihm: „Ich brauche keinen Compilator mehr— Ihr könnt Euch jetzt durch Eure eigenen Schöpfungen fortbringen.“ Und Leonard ſchrieb, und ein Werk blühte auf aus der tief begrabenen Saat und aus dem Boden, der ſo wohl gelichtet war, daß die Strahlen der Sonne und die friſchen Lüfte freien Zutritt fanden. Seine erſte Leiſtung fand keinen ſonderlich ausgedehn⸗ ten Leſerkreis— nicht daß ſie an namhaften innern Män⸗ geln gelitten hätte: aber es gehört Glück zu allen Dingen. Das erſte anonyme Werk eines vriginellen Genius tritt ſelten mit einem ſchlagenden Erfolg an's Licht. Gleichwohl erkann⸗ ten die Erfahreneren, was das Buch in Ausſicht ſtellte. Ver⸗ leger, die inſtinktartig ein nutzbares Talent zu entdecken wiſſen und in ihrem Takt oft vorausſehen, wie das Publikum ſpäter au ſet au zu vie wi zu für m⸗ der eiſt ſe, ge⸗ des er itet den hob nnt 74 aus ohl chen ehn⸗ tän⸗ gen. lten ann⸗ Ver⸗ iſſen äter 1249 urtheilen wird, erboten ſich zu guter Honorirung.„Dies⸗ mal müßt Ihr mit vollem Erfolg arbeiten,“ ſagte Norreys. „Denkt nicht an Modelle oder an den Styl. Schlagt ge⸗ radezu die gemeinſame Saite des menſchlichen Herzens an — werft die Korke weg und verſucht Euch kühn im freien Schwimmen. Noch ein Wort— ſchreibt nie eine Seite, bis Ihr von Eurem Zimmer aus einen Spaziergang nach Tem⸗ plebar gemacht und Euch unter die Leute gemiſcht habt. Lest in dem menſchlichen Geſicht und lernt daraus, warum die größten Dichter ihr Leben vornämlich in Hauptſtädten zugebracht haben.“ Leonard ſchrieb wieder, und erwachte eines Morgens, um zu finden, daß ſein Ruf gegründet war. Soweit der Erfolg eines jeden Berufs von der Geſundheit des ihm Nach⸗ kommenden abhängt, konnte er ſich nun für den Augenblick geborgen fühlen und bei Vorſicht und Sparſamkeit auch einer geſicherten Zukunft entgegenſehen. „Und in der That,“ ſagte Leonard, indem er ſeine Erzählung ſchloß, welche länger und einfacher war, als die hier mitgetheilte—„in der That, ich habe jetzt Ausſicht, auf einmal eine Summe zu erwerben, welche mich in die Lage ſetzt, für den Reſt meines Lebens meine Gegenſtände ſelbſt auszuwählen und zu ſchreiben ohne Ruckſicht auf das etwa zu erzielende Honorar. Dies iſt es, was ich die ächte und vielleicht leider nur ſeltene Unabhängigkeit deſſen nenne, der ſich der Literatur widmet. Norreys, der von einem ge⸗ wiſſen, noch aus meiner Knabenzeit ſtammenden Entwurf zu Verbeſſerung der Dampfmaſchine Einſicht genommen hat, Bulwer, meine Novelle. 79 1250 beſtand darauf, daß ich einen großen Theil meiner Zeit der Mechanik widme. Freilich erſchien mir das Studium, das mir einſt ſo viel Vergnügen machte, jetzt langweilig; aber ich ging wohlgemuth daran, und der Erfolg davon iſt, daß ich meinen urſprünglichen Gedanken ſo weit verbeſſern konnte, um für meinen Vorſchlag den Beifall unſerer gediegen⸗ ſten Techniker zu gewinnen, welche mir die Verſicherung gaben, der Verkauf des Patents werde mir eine Summe einbringen, die ich Euch zu nennen mich ſchäme, weil ſie mir in gar keinem Verhältniß zu ſtehen ſcheint zu dem Werth einer ſo einfachen Erfindung. Aber auch jetzt habe ich mir ſchon hinreichende Mittel erworben, um zwei Träume meines Herzens erfüllen zu können— nämlich das Häuschen, wo ich Euch und Helen— Miß Digby wollte ich ſagen— das letztemal geſehen, zu meiner Heimath zu machen und in dieſelbe die Beſchützerin meiner Jugend einzuladen.“ „Eure Mutter— wo iſt ſie? Laßt mich ſie ſehen.“ Leonard eilte hinaus, um die Wittwe herbeizurufen, mußte aber zu ſeinem Aerger und Erſtaunen erfahren, daß ſie kurz vor L'Estrange's Ankunft das Haus verlaſſen hatte. Verlegen kam er zurück, weil ex nicht wußte, wie er vieſes anſcheinend rohe und undankbare Benehmen erklären ſollte. Seine Lippe zögerte und ſeine Wange glühte, als er von der natürlichen Schüchternheit der Frau ſprach, die ſich ihrer niedrigen Stellung bewußt ſey.„Und die Er⸗ innerung an Alles, was wir Euch zu danken haben,“ fügte Leonard bei,„überwältigte ſie ſo ſehr, daß ſie Euren Namen 1251 nie ohne Aufregung oder Thränen nennen hört; auch zit⸗ terte ſie wie ein Laub bei dem Gedanken, Euch zu ſehen.“ „Ha!“ rief Harley mit ſichtlicher Bewegung.„Iſt es ſo?“ Er beugte ſich nieder und beſchattete ſein Antlitz mit der Hand. „Und“— nahm er nach einer Pauſe wieder auf, ohne die Augen zu erheben—„und Ihr ſchreibt dieſe Furcht vor meinem Anblick, dieſe Aufregung bei Nennung meines Namens nichts Anderem zu als einer übertriebenen Vorſtel⸗ lung von— von den Umſtänden, die mit unſerer Bekannt— ſchaft zuſammenhängen?“ „Vielleicht kömmt auch eine Art Scham mit in Rech⸗ nung, daß die Mutter eines Menſchen, den Ihr zu ihrem Stolz gemacht habt, nur eine Bäurin iſt.“ „Das iſt Alles?“ entgegnete Harley mit Ernſt und blickte auf, das in Thränen ſchwimmende Auge mit Feſtig⸗ keit auf Leonards edles Antlitz richtend. „Oh, mein theurer Lord, welcher andere Grund könnte obwalten? Beurtheilt ihr Benehmen nicht zu hart.“ L'Estrange ſtand plötzlich auf, drückte Leonard die Hand und murmelte etwas Unverſtändliches vor ſich hin. Dann legte er den Arm ſeines jungen Freundes in den ſeinigen, führte ihn nach dem Garten und lenkte das Ge— ſpräch wieder auf die früheren Gegenſtände. Leonard hätte gar zu gerne ſich nach Helen erkundigt, fand aber nicht den Muth dazu, bis er endlich, als er wahr— 79 55 1252 nahm, daß Harley nicht von ſelbſt auf ſie zu ſprechen kam, dem Drang ſeines Innern nicht mehr widerſtehen konnte. „Und Helen— Miß Digby, wollte ich ſagen— iſt ſie ſehr verändert?“ „Verändert? nein— doch ja— ſehr.“ „Sehr!“ Leonard ſeufzte. „Werde ich ſie wieder ſehen?“ „Zuverläſſig,“ verſetzte Harley im Tone der Ueber⸗ raſchung.„Wie könnt Ihr daran zweifeln? Und es ſoll Euch das Vergnügen vorbehalten bleiben, ihr zu ſagen, daß Ihr jetzt berühmt ſeyd. Ihr erröthet? Nun, ſo will ich's für Euch thun. Aber Ihr müßt ihr Eure Bücher geben.“ „Sie hat ſie alſo noch nicht geleſen— auch das letzte nicht? Das erſte war ihrer Aufmerkſamkeit nicht würdig,“ ſagte Levnard im Tone getäuſchter Hoffnung. „Sie iſt kürzlich erſt in England angekommen, und ob⸗ gleich Eure Schriften mich in Deutſchland erreichten, war ſie doch damals nicht bei mir. Sobald ich eine Geſchäfts⸗ ſache, die meine Abweſenheit von London fordert, bereinigt habe, werde ich Euch ihr und meiner Mutter vorſiellen.“ Harley's Stimme zeigte eine gewiſſe Befangenheit, als er ſo ſprach; dann wandte er ſich plötzlich um und rief: „Aber Ihr zeigt auch hier Poeſie. Ich hätte mir nie vorgeſtellt, daß ſich ſo viel Schönheit einem Platz entlocken ließe, der mir als der ordinärſte von allen Vorſtadtgärten vorkam. In der That, wo jetzt dieſe herrliche Fontäne ſpielt, ſtand die rauhe Bank, wo ich Eure Verſe las.“ ,„Es iſt wahr: ich wünſchte hier alle meine glücklichſten Erinnerungen zu vereinigen. Ich habe Euch, glaube ich, ſt mitgetheilt, mein Lord, daß ich eine ſehr glückliche, obſchon kämpfevolle Zeit meines Knabenalters dem ſeltenen Wohl⸗ wollen und der edlen Unterweiſung eines Ausländers ver⸗ dankte, in deſſen Dienſten ich ſtand. Dieſe Fontäne iſt ein Abbild derjenigen, welche ich in ſeinem Garten anlegte und r⸗ an deren Rande ich manchen Sommertag ſaß, um von Ruhm ll und Wiſſen zu träumen.“ n,„Richtig; Ihr habt mir dies erzählt; und Euer Aus⸗ ill länder wird ſich ebenſo über den von Euch errungenen Er⸗ er folg, als über die dankbare Erinnerung freuen, die Ihr ihm bewahrt, im Falle er Kunde davon erhält. Beiläufig, Ihr zte habt mir ſeinen Namen nicht genannt.“ „Riccabotca.“ „Riccabocea— dieſer mir ſo theure edle Freund? ob⸗ Iſi's möglich? Einer der Gründe, welche mich nach England ar zurückführten, betrifft ihn. Ihr müßt mich auf dem Beſuch ts⸗ bei ihm begleiten. Ich gedachte, noch dieſen Abend die Reiſe igt zu ihm anzutreten.“ „Mein theurer Lord,“ verſetzte Leonard,„ich glaube als daß Ihr Euch den weiten Weg erſparen könnt, denn ich habe Grund zu vermuthen, daß Signor Riccabocca mein nie nächſter Nachbar iſt. Vor zwei Tagen, als ich mich in dem cken Garten erging und zufällig aufblickte, bemerkte ich auf jenem rten Hügel die Geſtalt eines Mannes, der unter dem Gebüſch ielt, ſag. Ich konnte zwar ſein Geſicht nicht ſehen, aber der ganze Umriß der Figur und die eigenthümliche Haltung erinnerte 1254 mich ſogleich an Riccabocca. Ich verließ eiligſt den Gar⸗ ten und eilte den Hügel hinan; aber er war nicht mehr da. Da ich mir die Vermuthung, meinen alten Lehrer geſehen zu haben, nicht aus dem Sinn ſchlagen konnte, ſo ließ ich in den benachbarten Läden Erkundigung einziehen, und brachte in Erfahrung, daß in jüngſter Zeit ein Gentleman mit ſeiner Gattin und Tochter das Haus bezogen habe, an welchem Ihr auf Eurem Wege hieher vorbeigekommen ſeyn müßt — es ſteht ein wenig von der Straße ab und iſt von einer Mauer umgeben.— Zwar ſagte man mir, die neuange⸗ kommene Familie ſey eine engliſche; aber aus der Beſchrei⸗ bung, die man mir von dem Aeußeren des Gentleman machte, aus dem Umſtand, daß er einen ausländiſchen Diener bei ſich hat, und noch weiter aus dem Namen„Richmouth“, wel⸗ chen die Familie meines Nachbars führt, glaube ich die un⸗ zweifelhafte Folgerung ziehen zu dürfen, daß die Perſonen, welche Ihr ſucht, in unſerer Nähe wohnen.“ „Und Ihr ſeyd nicht hingegangen, um Euch zu über⸗ zeugen?“ „Ich bitte um Verzeihung, nein. Die Familie ſucht ſich augenſcheinlich jeder Beachtung zu entziehen, und Nie⸗ mand als der Herr hat ſich jemals außerhalb der Mauern blicken laſſen. Dies und die Führung eines anderen Na⸗ mens läßt mich vermuthen, daß Signor Riecabveca Gründe hat, ſich verborgen zu halten, und da ich ſeitdem das Leben beſſer kennen gelernt habe, muß ich wohl aus manchen Rück⸗ plicken in die Vergangenheit ſchließen, daß Riccaborca nicht war, was er zu ſeyn ſchien. Ich nahm deshalb Anſtand, 1255 r⸗ mich in ſeine Geheimniſſe, worin dieſe auch beſtehen mögen⸗ . förmlich einzudrängen, und wollte lieber die Gelegenheit en abwarten, ob ich nicht auf einem von ſeinen Spaziergängen ich mit ihm zuſammentreffen könne.“ te„Ihr habt daran wohl gethan, mein lieber Leonard; er aber die Gründe, welche mich veranlaſſen, meinen alten m Freund aufzuſuchen, geſtatten mir nicht die Bedenklichkeit des ßt Zartgefühls. Ich werde daher ohne Säumen mich nach er ſeinem Hauſe begeben.“ e⸗„Ihr ſagt mir dann, ob ich Recht hatte, mein Lord?“ „Ich hoffe, daß es mir geſtattet ſeyn wird. Ich bitte, te, bleibt zu Hauſe, bis ich zurück komme. Und nun noch eine ich Frage, eh' ich gehe: Ihr gebt in Betreff Riccabocca's Ver⸗ muthungen Raum, weil er ſeinen Namen geändert hat— un⸗ warum habt Ihr Euren eigenen fallen laſſen?“ en,„Ich wünſchte, keinen anderen Namen zu haben,“ entgegnet Leonard mit tiefem Erröthen,„als den, welchen er⸗ ich mir ſelbſt ſchaffen würde.“ „Dichterſtolz. Ich kann dies begreifen. Aber warum icht habt Ihr den ſeltſamen und phantaſtiſchen Namen Oran ge⸗ tie⸗ wählt?“ ern Das Roth auf Leonards Antlitz wurde immer tiefer. Na⸗„Mein Lord,“ ſagte er mit erſtickter Stimme,„es nde iſt nur eine kindiſche Grille von mir— ein Anagramm.“ ben„Ah!“ ück⸗„In einer Zeit, als mein Drang nach Wiſſen leicht cht auf Abwege hätte gerathen können, die mich möglicherweiſe and, zu Grunde gerichtet haben würden, kamen mir zufällig einige 1256 Gedichte in die Hand, die plötzlich meine ganze Seele erfüll⸗ ten und mich in eine reinere Luft führten. Man hatte mir geſagt, die Gedichte ſeyen die Erzeugniſſe eines jungen Weſens, in dem ſich Schönheit mit Genie verband— eines Weſens, das längſt die Erde deckt— einer Verwandten von mir; ihr Taufname war Nora—“ „Ah!“ rief Lord LEstrange abermals, und ſein Arm preßte den von Leonard feſter an ſich. „So kam mich denn der Wunſch an,“ fuhr der junge Schriftſteller ſtotternd fort,„daß, wenn ich mir je den Namen eines Dichters erränge, derſelbe, für mein Herz wenigſtens, mit dem Namen Nora in Verbindung ſtehen möchte— mit ihr, welcher der Tod die Lorbeern raubte, die ſie ſonſt gewon⸗ nen haben würde— mit ihr, die—“ Die Aufregung erſtickte ſeine Stimme; er konnte nicht weiter. Bei Harley war es der gleiche Fall. Aber wie in Folge eines plötzlichen Dranges beugte der Soldat ſein männliches Haupt nieder und küßte die Stirne des Dichters. Dann eilte er nach dem Gartenthor, warf ſich auf ſein Pferd und ritt von hinnen. Siebenzehntes Kapitel. Lord LEstrange begab ſich nicht ſogleich nach Ricca⸗ bocca's Wohnung, denn es hatten ſich ſeiner Erinnerungen bemächtigt, die zu tief und zu gewaltig waren, als daß ſie ſo we ein der der lic wi S wa au ein iſt Se ken Lel Ab die Pf ihr ent lan un au m en 8, nit n cht ca⸗ en 1257 ſo ſchnell den laueren Anſprüchen der Freundſchaft hätten weichen können. Er ließ ſein Pferd raſch ausholen und machte einen weiten Ritt. Es wäre unmöglich, die Gefühle zu ſchil⸗ dern, welche dieſe empfindſame Seele mit ihrem tiefwurzeln⸗ den Haften an der früheren Liebe bewegten. Als er end⸗ lich, ſich ſeiner Obliegenheit bei dem Italiener erinnernd, wieder gegen Norwvod hinritt, konnte man den langſamen Schritt ſeines Thiers wohl als ein Abbild ſeiner eigenen Erſchöpfung betrachten, denn auf die fieberiſche Aufregung war eine tiefe Erſchlaffung gefolgt. „Vergebliche Mühe,“ murmelte er,„mir die Todte aus dem Sinn ſchlagen zu wollen! Gleichwohl bin ich jetzt einer Anderen verlobt; aber ſie mit allen ihren Tugenden iſt doch nicht das Weſen, das—“ Er hielt wie in edlem Selbſtvorwurf inne.„Es iſt zu ſpät, jetzt an dies zu den⸗ ken, und es bleibt mir nichts übrig, als für das Glück des Lebens zu ſorgen, an welches ich das meine gekettet habe. Aber—“ Er ſeufzte, während er ſo vor ſich hinſprach. Als er in die Nähe von Riceabocca's Wohnung kam, ſtellte er ſein Pferd in einem kleinen Wirthshaus ein und ging zu Fuß über die Haide auf das graue viereckige Gebäude zu, welches ihm durch Leonards Schilderung kenntlich genug als der Auf⸗ enthalt des Flüchtlings bezeichnet worden war. Es ſtund lange an, eh' auf ſein Klingeln am Thor eine Antwort erfolgte, und er mußte daſſelbe zweimal wiederholen, bis er endlich auf dem Kiesweg innen einen ſchweren Tritt knirſchen hörte. Der Schieber in dem Thore wurde theilweiſe zurückgezogen, 1258 ein dunkles Auge ſchaute heraus, und eine Stimme fragte in gebrochenem Engliſch, wer da ſey. „Lord LEstrange. Und wenn hier die Perſon wohnt, die ich ſuche, ſo wird dieſer Name mir unverweilten Zutritt verſchaffen.“ Das Thor flog zurück wie das der Zauberhöhle bei den Lauten„Seſam, thu' dich auf,“ und faſt weinend vor freu⸗ diger Bewegung rief Giacomo in italieniſcher Sprache: „Der gute Signor! San Giacomo, ſo haſt du mich endlich erhört! Wir ſind jetzt ſicher.“ Und den Musketon fallen laſſend, mit welchem er Vor⸗ ſicht halber ſich bewaffnet hatte, faßte er Harley's Hand und führte ſie in der traulich grüßenden Weiſe ſeiner Hei⸗ math an ſeine Lippen. „Und der Padrone?“ fragte Harley, als er die eifer⸗ ſüchtig bewachten Räume betrat. „Oh, er iſt eben ausgegangen, wird aber bald wieder zurück ſeyn. Ihr wartet doch auf ihn?“ „Zuverläſſig. Wer iſt die Dame, die ich dort am Ende des Gartens ſehe?“ „Der Segen des Himmels über ſie, es iſt unſere Sig⸗ norina. Ich will zu ihr eilen und ihr ſagen, daß Ihr ge⸗ kommen ſeyd.“ „Daß ich gekommen ſey? Sie kann ja nicht einmal meinen Namen kennen.“ „Ah, Excellenza, wie mögt Ihr ſo denken? Oft und oft hat ſie mit mir von Euch geſprochen, und ich hörte ſie zu ne da be lot m ko he an ni ſel un agte hut, tritt den reu⸗ mich Vor⸗ and Hei⸗ ifer⸗ ieder Ende Sig⸗ ge⸗ nmal und te ſie — zur heiligen Madonna beten, daß ſie Euch in ihre Obhut nehme— und mit welcher ſüßen Stimme ſie dies that—“ „Halt, ich will mich ihr ſelbſt vorſtellen. Geht in das Haus; wir wollen außen den Padrone erwarten. Ich bedarf der friſchen Luft, mein Freund.“ Mit dieſen Worten machte ſich Harley von Giacomo los und ging auf Violante zu. Das arme Kind war auf ihrem einſamen Spaziergang durch die dunkleren Theile des einförmigen Gartens der Be⸗ achtung Giacomo's entgangen, als dieſer dem Aufgebot der Klingel Folge leiſtete, und da ſie die Beſorgniſſe, deren Ge⸗ genſtand ſie war, nicht kannte, ſo gab ſie beim Tone der Glocke der jugendlichen Neugierde Raum, welche ſich noch ſteigerte, als ſie einen Fremden in freundlicher, angelegent⸗ licher Weiſe mit dem ſonſt ſo ungeſelligen Giacomo ſich be⸗ ſprechen ſah. Wie Harley mit der allen ſeinen Bewegungen eigen⸗ thümlichen Anmuth ſich ihr näherte, durchzuckte es mit einem⸗ male ihr Herz, ohne daß ſie ſich einen Grund dafür angeben konnte. Die Porträtſkizze, welche Riccabocca Harley's frü⸗ herer Jugend entnommen hatte, gab ihr keinen Schlüſſel an die Hand über die Perſon dieſes Beſuchers. Sie konnte nicht errathen, wer der Fremde war, und doch fühlte ſie ſelbſt das brennende Roth auf ihren Wangen, als ſie ſich ungeachtet ihrer angebornen Furchtloſigkeit in unbeſtimm⸗ tem Bangen abwandte. „Entſchuldigt, wenn ich ſo ohne Umſtände auf Euch zutrete, Signorina,“ ſagte Harley in italieniſcher Sprache; 1260 „aber ich bin ein zu alter Freund Eures Vaters, um mich Euch gegenüber als ein Fremdling fühlen zu können.“ Jetzt erhob Violante ihr dunkles Auge— ein Auge, ſo geiſtvoll und unſchuldig—, es war Ueberraſchung darin zu leſen, aber nicht die des Mißvergnügens. Auch Harley ſtand erſtaunt und faſt beſchämt da, als ihm dieſe reiche und wunderbare Schoͤnheit entgegenſtrahlte. „Meines Vaters Freund,“ begann ſie zögernd—„und doch habe ich Euch früher nie geſehen.“ „Ah, Signorina,“ verſetzte Harley, und etwas von ſeinem angsborenen Humor, halb ſchalkhaft, halb weh⸗ müthig, ſpielte um ſeine Lippen—„Ihr ſeyd im Jerthum. Freilich habt Ihr mich ſchon geſehen, aber damals wurde mir ein weit freundlicherer Empfang zu Theil—“ „Signor!“ ſagte Violante in ſteigender Ueberraſchung, und ein noch reicheres Roth überflog ihr Antlitz. Harley, der ſich jetzt von dem erſten Eindruck ihrer Schönheit erholt hatte und in ihr nach Weiſe der Männer von ſeinen Jahren und ſeinem Charakter, wenn ſie Mädchen in den Zehnen vor ſich haben, nur das Kind, nicht die Jungfrau ſah, weidete ſich ein Weilchen an ihrer Verwir⸗ rung, denn es lag in ſeiner Natur, daß er um ſo mehr einer tändelnden Laune Raum gab, je ſchwerer und weh⸗ müthiger es ihm um's Herz war. „Ja wohl, Signora,“ ſagte er geſetzt,„Ihr beſtan⸗ det damals darauf, eines von dieſen ſchönen Händchen in die meinige zu legen, und die andere war— verzeiht mir die Tre ſchl ihre ſpra als ſie? mut ihm ſo wüt und daß änd geſt ben ſeyt niſe ich tha dan mich Auge, darin arley eund „und von weh⸗ hum. vurde un, ihrer inner dchen t die rwir⸗ mehr weh⸗ eſtan⸗ en in ir die 1261 Treue meiner Erinnerung— liebevoll um meinen Hals ge⸗ ſchlungen.“ „Signor!“ rief Violante abermals, obſchon jetzt in ihrer Stimme eben ſo gut Staunen als Unwillen ſich aus⸗ ſprach, während zugleich nichts bezaubernder ſeyn konnte, als die Miene des Stolzes und der Empfindlichkeit, mit ver ſie den Fremden betrachtete. Harley lächelte wieder, aber mit ſo liebevoller An⸗ muth, daß Violante's Zorn mit einemmal dahinſchwand — oder vielmehr, ſie zürnte ſich ſelbſt, daß ſie nicht länger ihm grollen konnte. Gleichwohl hatte ſie in ihrem Unwillen ſo ſchön ausgeſehen, daß Harley vielleicht einen Rückfall wünſchte. Er ließ deshalb das begütigende Lächeln fallen und nahm im Tone des Ernſtes wieder auf— „Eure Schmeichler werden Euch ſagen, Signorina, daß Ihr Euch ſeit jener Zeit ſehr zu Eurem Vorktheil ver⸗ ändert habt; aber damals gefielt Ihr mir doch beſſer, ab⸗ geſehen davon, daß ich hoffe, Euch eines Tages zurückzuge⸗ ben, was Ihr mir damals ſo großmüthig aufdrängtet.“ „Ich— hätte Euch etwas aufgedrängt? Signvr, Ihr ſeyd in einem ſeltſamen Irrthum befangen.“ „Leider nein; aber ein Frauenzimmerherz iſt ſo lau⸗ niſch und wankelmüthig. Ihr drängtet es mir auf, kann ich Euch verſichern, und ich geſtehe, daß es mir nicht Leid that, es anzunehmen.“ „Ich drängte es Euch auf— und was denn?“ „Einen Kuß, mein Kind,“ entgegnete Harley und fügte dann mit ernſter Innigkeit bei:„und ich wiederhole es, daß 1262 ich hoffe, ihn eines Tages Euch zurückzugeben— wenn ich Euch in Eurem Heimathland ſehe an der Seite Eures Vaters und eines Gatten als die ſchönſte Braut,welcher der Himmel Italiens je zulächelte. Und nun verzeiht einem Einſiedler und Soldaten ſeinen rauhen Scherz, reicht mir Eure Hand, zum Zeichen, daß Ihr— Harley LEstrange vergeben habt.“ Violante, welche bei den erſten Worten dieſer Anrede zurückgewichen war unter dem unbeſtimmten Eindruck, daß es in dem Kopf des Fremden nicht ganz richtig ſeyn könne, hatte kaum den Schlußſatz vernommen, als ſie auf Harley zueilte und mit der ganzen lebhaften Begeiſterung ihres Weſens die dargebotene Hand mit ihren beiden faßte. „Harley LEstrange— meines Vaters Lebensretter!“ rief ſie, und ihre Augen hafteten mit ſo ſichtlicher Dankbar⸗ keit und Verehrung auf dem unerwarteten Gaſt, daß Harley ſich eben ſo entzückt als verlegen fühlte. Sie dachte in jenem Augenblick nicht an den Helden ihrer Träume, ſondern nur an den Mann, der ihren Vater gerettet hatte. Aber als ſeine Augen ſich vor ihrem Blicke ſenkten und das unbe⸗ deckte Haupt ſich niederbeugte zu der Hand, die er in der ſeinigen hielt, da erkannte ſie die Aehnlichkeit mit den Zü⸗ gen, welche ſie ſo oft betrachtet hatte. Die erſte Blüte der Jugend war allerdings dahin, von der Jugendlichkeit ſelbſt übrigens noch genug zurückgeblieben, um die Spuren der Zeit zu mildern und dem Mannesalter die Anziehung zu be⸗ wahren, welche das Auge bezaubert. Unwillkürlich zog ſie ihre Hand aus der ſeinigen zurück, und die Reihe des Zu⸗ bodenſchauens kam jetzt an ſie. die al m nich ters mel dler and, bt.“ rede daß nne, rley hres er! bar⸗ rley nem nur als nbe⸗ der Zü⸗ der elbſt der ube⸗ ſie Zu⸗ —— 1263 Während dieſer Pauſe beiderſeitiger Verlegenheit hatte Riccabveca mit ſeinem Schlüſſel das Gartenthor gesffnet. Er war nicht wenig erſtaunt, an Violante's Seite einen Mann zu ſehen, und eilte mit einem plötzlichen, zornigen Ausruf heran. Harley vetnahm den Ruf und wandte ſich um. Bei dem Bewußtſeyn von ihres Vaters Anweſenheit kehrte Vivlante's Muth und Faſſung wieder zurück. Sie ergriff die Hand des Gaſtes und ſagte einfach: „Vater, er iſt es— endlich iſt er gekommen.“ Dann trat ſie einige Schritte zurück und betrachtete die beiden. Ihr Geſicht ſtrahlte von Glück, als ſey etwas, das man lange ſchweigend vermißt und erſehnt hatte, in aller Stille gefunden worden— als fehle dem Leben nichts mehr, deſſen Leere jetzt ausgefüllt war. Zehntes Buch. Einleitungskapitel. Ein trefflicher Schrifiſteller, welcher freilich heut zu Tage nur von den wenigen hartnäckigen Wackern geleſen wird, die noch immer einen ſchweren Kampf kämpfen, um die durch die geräuſchvollen Tritte der Lebenden umherge⸗ ſtoßenen und gehetzten Seelen hingeſchiedener Autoren von 1264 Pluto's Haus zu bewahren— der bewundernswürdige Charron bemerkt, daß Urtheil und Weisheit nicht nur das beſte, ſondern auch das glücklichſte Erbtheil ſey, welches der Allmächtige den Menſchen beſcheert habe; denn unge⸗ achtet der ſehr ungleichen Vertheilung dieſer Gaben halte ſich doch Niemand für verkürzt oder vernachläſſigt, ſo daß auch der am dürftigſten Bedachte in dieſer Beziehung voll⸗ kommen zufrieden iſt.“ Und gewiß, die gegenwärtige Erzählung kann als denk⸗ würdiger Beleg dienen für die Bemerkung, die der witzige und weiſe Prediger ſo trocken hingeworfen hat. Denn ob unſer Freund Riccaboeca Theorien für das tägliche Leben aus dem großen Folioband des Macchiavel ableite, der hoff⸗ nungsvolle junge Gentleman Mr. Randal Leslie die Macht des Wiſſens als die Kunſt deute erfolgreich mit einfältigen, ehrlichen Leuten den Kampf zu beſtehen, der ſchlaue Dick Avenel ſeinen Weg auf der geſellſchaftlichen Leiter nach der erprobten Weiſe unſeres ſtarken neuen Manns mit einem Fauſtſchlag für die vor, und einem Fußtritt für die hinter ihm verfolge, oder der Baron Levy, dieſe eyniſche Ver⸗ körperung des Goldes, ſich mit dem Magnetfelſen im mor⸗ genländiſchen Mährchen vergleiche, dem die Nägel aller in ſeine Nähe kommenden Schiffe zufliegen, ſo daß jeden Tag ein Schiffbruch die Strandgüter des Felſen vergrößert— ſo viel liegt wenigſtens außer Frage, daß jede von dieſen Perſonen des Glaubens lebte, die Vorſehung habe ihr an * Charron, über die Weisheit. d dige das ches nge⸗ alte daß oll⸗ enk⸗ tzige nob eben of acht gen, Dick der nem nter Ver⸗ nor⸗ r in Tag eſen an 1265 Weisheit das Erbtheil eines älteren Sohnes zugewieſen. Wenn wir ferner einen Blick auf die unanſehnlicheren Pfade des Lebens werfen, ſo werden wir finden, daß der gute Pfarrer in Betreff dieſer koſtharen Gabe nicht übler daran zu ſeyn glaubt, als die übrige Welt, wie er überhaupt erſt kürz⸗ lich in ſeiner ſchlauen Vermuthung über das Autorentalent des rührenden Profeſſor Moß einen ſchlagenden Beweis davon geliefert hat. Selbſt der einfache Squire Hazeldean zweifelte nicht daran, daß Audley Egerton Ein und das Andere von ihm lernen könne, was für einen Politiker zu wiſſen nöthig ſey; Mr. Stirn meinte, es gebe keinen Zweig nützlicher Kenntniſſe, worin er nicht den Squire zu belehren vermöge, und der Keſſelflicker Sprott mit ſeinem Sack voll Flugſchrif⸗ ten und Zündhölzchen betrachtete das ganze Fachwerk der modernen Geſellſchaft, vom Heuſchober an bis zu einer Con⸗ ſtitution, mit der gründlichen Verachtung eines revolutionä⸗ ren Philoſophen. Faſſen wir in's Auge, daß jedes Einzel⸗ weſen zu dem Vorrath der Welt einen ſo ungeheuren An⸗ theil von Intelligenz mitbringt, ſo muß es uns wohl nicht wenig wundern, daß man dem Kanzler Oxenſtiern gemeinig⸗ lich Recht gibt, wenn er ſagt:„Sieh', mein Sohn, wie wenig Weisheit nöthig iſt, um Staaten—(das heißt, Menſchen)— zu regieren.“ Daß ſo viele Millionen, unter denen jeder Einzelne gründlich von der Tiefe ſeiner Weis⸗ heit überzeugt iſt, nach Maßgabe einiger einfältigen, pro⸗ ſaiſchen, ſich von ſelbſt verſtehenden Regeln, die ſo alt ſind wie die Berge, zu Anerkennung des Uebergewichts einiger untergeordneter Köpfe ſich vereinigen mogen, iſt eine Er⸗ Bulwer, meine Novelle. 8⁰ 1266 ſcheinung, die dem Geiſt und der Thatkraft der menſchlichen Species in ihrer Geſammtheit durchaus nicht zur Ehre gereicht. Es erregt keine Ueberraſchung, wenn ein einziger verſtändiger Hirtenhund die Bewegungen einer ganzen Heerde von einfältigen grasfreſſenden Schafen leitet; wenn aber zwei oder drei einfältige grasfreſſende Schafe ganzen Heer⸗ den von ſo gewaltig verſtändigen Hunden Geſetze vorſchrei⸗ ben— Diavolo! Doktor Riccabveca, erklärt mir das, wenn Ihr könnt! Und wunderbar auffallend iſt es, daß wir unge⸗ achtet der allerwärts fortſchreitenden Erleuchtung und un⸗ geachtet der Schlag auf Schlag folgenden Entdeckungen in den Geſetzen der Natur, denen wir unſere Eiſenbahnen, Dampfmaſchinen und Theorien über thieriſchen Magnetis⸗ mus und Elektrobiologie verdanken, ſeit dem Aufhören des Troglodyten⸗ und Nomadenlebens nie eine allgemein aner⸗ kannte Verbeſſerung in der altmodiſchen Stufenleiter der p und z aufgefunden haben, um den unregelmäßigen, nach allen Seiten ausſchlagenden Trab, den die Völker von der Wiege bis zum Grab gehen, in Harmonie zu bringen. Den⸗ noch ſpornt das Verlangen nach etwas, das wir nicht haben, alle Thatkräfte, die uns in Bewegung erhal⸗ ten, zum Guten oder Böſen, je nachdem der individuelle Lieblingswunſch Vorſchub oder Hinderniſſe findet. Ein Freund von mir ſagte einmal zu einem Millionär, den er fortwährend im Gelderwerb beſchäftigt ſah, ohne daß eine ſonderliche Luſt an ihm bemerklich wurde, etwas davon auszugeben: „Wollt Ihr wohl die Güte haben, Mr.—, mir eine — 1—,+ ————„— —— hen hre ger erde ber er⸗ rei⸗ enn ge⸗ un⸗ gen en, is⸗ er⸗ der ach der en⸗ ir al⸗ elle är, aß on ine 1267 einzige Frage zu beantworten? Ihr ſeyd dem Vernehmen nach im Beſitz von zwei Millionen, und Euer Verbrauch macht ſechshundert Pfund im Jahr. Wie viel habt Ihr wohl noch nöthig, bis Ihr Euch in die Ruhe begebt und Euch von dem Erworbenen gütlich thut?“ „Noch ein Bischen mehr,“ antwortete der Millionär. Dieſes„ein Bischen mehr“ iſt der Haupthebel der Civiliſativn. Niemand erringt es. „Philus,“ fagt ein lateiniſcher Schriftſteller,„war nicht ſo reich als Lälius, Lälius nicht ſo reich als Seipio, Seipio nicht ſo reich als Craſſus, und Craſſus nicht ſo reich— als er zu ſeyn wünſchte!“ Wenn John Bull einmal zufrieden wäre, dürfte Mancheſter ſeine Fabriken ſchließen. Das„Bischen mehr“ iſt es, was die engliſche Nationalſchuld zu einer bloßen Kleinigkeit macht. Es lebe das„Bischen mehr!“ 2 Noch ſehen wir uns, mögen wir unſere Geſetzbücher verbeſſern, wie wir wollen, zu dem Bekenntniß genöthigt, daß Schurken vft in feiner Leinwand einherziehen, während ehrliche Leute ſich in die ſchäbigſten alten Fetzen kleiden müſ⸗ ſen. Noch iſt, aller Ausnahmen ungeachtet, die Schurkerei ein ſehr gewagtes Spiel und Ehrlichkeit im Ganzen bei weitem die beſte Politik. Noch bilden die meiſten der zehn Gebote den Kern aller Pandekten und Inſtitutionen, die un⸗ ſere Hände abhalten von unſerer Nächſten Kehlen, Weibern und Taſchen; noch zeigt jedes Jahr, daß Pfarrer Dale's Grundſatz— non quieta movere— für das Wohl der Kör⸗ perſchaft ebenſo zweckdienlich iſt, als Apollo's Watnung für 80* 1268 ſeine Verehrer, durch Aufſtörung des Camarinaſee's nicht Fieber hervorzurufen; noch tragen, dem Himmel ſey Dank, die Leute kein Verlangen, in Owen'ſchen Parallelogrammen zu wohnen, und der ſicherſte Beweis, daß wir unter einer freien Staatseinrichtung leben, beſteht darin, daß wir von den Perſonen, welche uns beherrſchen in Rüge und Satyre darzuthun berechtigt ſind, ſie ſeyen wahre Dummköpfe gegen uns. Nehme man uns dieſes entzückende Vorrecht, und, bei Jove, Sir, es iſt dann weder eine Luſt, noch eine Ehre, überhaupt beherrſcht zu werden. Man möchte ebenſogut ein — Franzoſe ſeyn! Zweites Kapitel. Der Italiener hat ſich mit ſeinem Freunde eingeſchloſſen. „Und warum wohnt Ihr nicht mehr in— ſhire? Wozu dieſer neue Namenswechſel?“ „Peschiera iſt in England.“ „Ich weiß es.“ „Und darauf erpicht, mich aufzufinden. hat er die Abſicht, mir mein Kind zu ſtehlen.“ „Er war ſo vermeſſen, eine Wette auszubieten) daß er die Hand Eurer Erbin gewinnen wolle. Auch dies weiß ich und bin deßhalb nach England gekommen— einmal um ſeinen Plan zu vereiteln, da mir Eure Beſorgniß nicht als übertrieben erſcheint, und dann, um von Euch zu erfah⸗ xen, wie wir einen Schlüſſel auffinden können, der, wenn Wie ich höre, V. — icht ank, men iner von yre gen ind, hre, ein en. ozu 8 1269 meine Hoffnungen nicht zu ſanguiniſch ſind, zu ſeinem Unter⸗ gang und zur unbedingten Rückerſtattung Eures Eigenthums führen wird. Hört mich an. Ihr wißt, daß mir nach meinem Scharmützel mit Peschiera's bewaffneten Miethlingen, die zu Eurer Verfolgung ausgeſendet waren, von Seiten der öſterrei⸗ chiſchen Regierung das höfliche Anſinnen geſtellt wurde, ihre italieniſchen Lande zu verlaſſen. Da ich es nun für die erſte Pflicht des Fremden halte, welcher in einem Staat gaſtliche Aufnahme gefunden hat, daß er jeder Theilnahme an ſeinen bürgerlichen Wirren fern bleibe, ſo fühlte ich durch dieſe Ausweiſung meine Ehre gekränkt und begab mich unverweilt nach Wien, um dem Miniſter, den ich perſönlich kenne, aus⸗ einanderzuſetzen, daß ich zwar, wie es die Menſchenpflicht forderte, dazu behülflich geweſen ſey, einen Unglücklichen, der ſich unter mein Dach flüchtete, gegen eine von ſeinem Privatfeind befehligte wüthende Soldateska zu ſchützen, aber nicht nur an der Empörung keinen Antheil genommen, ſon⸗ dern ſogar meinen italieniſchen Freunden nach Kräften von ihrer Unternehmung abgerathen habe, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil ich, ohne Rückſicht auf die Motive der Bewegung, als Soldat und kalter Zuſchauer der Anſicht war, die Sache könne nur mit einem nutzloſen Blutver⸗ gießen endigen. Ich war in der Lage, meine Verſicherung genügend belegen zu können, und meine Bekanntſchaft mit dem Miniſter nahm etwas von dem Charakter der Freund⸗ ſchaft an. Dadurch wurde es mir möglich, Euer Fürſpre⸗ cher zu werden und vorzubringen, wie abgeneigt Ihr anfäng⸗ lich geweſen ſeyed, auf die Anſchläge der Aufſtändiſchen — —— 1270 einzugehen. Ich räumte unverhohlen ein, daß Ihr warm fühlet für die Unabhängigkeit Eures Vaterlandes und daß man Euch in der Vorhut der Reihen Eurer Landleute ge⸗ funden haben würde, ſobald das Banner Italiens kühn auf⸗ gepflanzt worden wäre von ſeinen geſetzmäßigen Führern oder durch eine allgemeine Erhebung des Volkes, behauptete aber zugleich, Ihr hättet nie an einer an ſich ſchon wahnſinnigen Verſchwörung, die noch außerdem durch die verbrecheriſchen Umtriebe und den ſchmutzigen Ehrgeiz ihrer Hauptanſtifter befleckt daſtand, theilgenommen, wenn Ihr nicht durch die trügeriſchen Vorſpiegelungen und den häuslichen Verrath Eures Verwandten— desſelben Mannes, der Euren An⸗ kläger machte— treuloſer Weiſe dazu verlockt worden wä⸗ ret. Leider hatte ich für dieſe Behauptung keinen andern Beleg, als Eure eigenen Angaben. Es gelang mir jedoch, in ſo weit einen Eindruck zu Euren Gunſten und vielleicht auch zum Nachtheil des Verräthers zu erzielen, daß Euer Eigenthum nicht eingezogen oder unter dem Vorwand Eures bürgerlichen Todes an Euren Verwandten übermacht wurde.“ „Wie?— Ich verſtehe Euch nicht. Peschiera wäre nicht der wirkliche Eigenthümer?“ „Er genießt die Hälfte der Einkünfte auf die Dauer kaiſerlicher Gnade, und ſie würden ihm entzogen werden, wenn ich für ſein tückiſches Benehmen in der Sache den Be⸗ weis liefern könnte. Es war mir unterſagt, von dieſem Verhältniß früher gegen Euch Gebrauch zu machen, und der Miniſter iſt zu entſchuldigen, wenn er Euch die Prüfung einer unbedingten Verbannung beſtehen laſſen wollte. Eure — * arm daß ge⸗ auf⸗ oder aber igen chen ifter die rath An⸗ wãä⸗ dern och, icht uer wes de.“ äre er den, Be⸗ ſem und ung ure —, 1271 Begnadigung konnte davon abhängig werden, daß Ihr Euch von allen weiteren Verſchwörungen— entſchuldigt dieſes Wort— fern hieltet. Ich brauche Euch nicht zu ſagen, daß mir geſtattet wurde, wieder in die Lombardei zurückzu⸗ tehren. Bei meiner Ankunft daſelbſt fand ich, daß— daß Eure unglückliche Gattin in meinem Haus geweſen war und bei der Kunde von meiner Abreiſe eine große Verzweiflung an den Tag gelegt hatte.“ Riccaboeca runzelte die dunklen Brauen und athmete tief auf. „Ich hielt es nicht für nöthig, dieſes Umſtandes, den ich ohnehin nicht ſonderlich anſchlug, gegen Euch zu erwäh⸗ nen. Ich glaubte an ihre Schuld— und was konnten jetzt Gewiſſensbiſſe nützen, wenn ſie anders Reue fühlte? Bald nachher hörte ich, daß ſie heimgegangen ſey.“ „Ja,“ murmelte Riccabocca,„ſie ſtarb in demſelben Jahr, in welchem ich Italien verließ. Es muß ein gewich⸗ tiger Grund vorhanden ſeyn, der einen Freund entſchuldi⸗ gen kann, wenn er mich daran erinnert, daß ſie überhaupt nur einmal lebte.“ „Ich komme ſogleich auf dieſen Grund zu ſprechen,“ verſetzte LEstrange in ſanftem Tone.„Im letzten Herbſt durchſtreifte ich die Schweiz und erlitt auf einer Fußpartie durch das Gebirg einen Unfall, der mich für einige Tage in dem Wirthshaus eines unanſehnlichen Dorfs auf das Sopha bannte. Die Wirthin war eine Italienerin, und da ich meinen Bedienten in einer ziemlich entfernten Stadt zurück⸗ gelaſſen hatte, ſo kam mir, bis dieſer herbeibeſchieden wer⸗ 1272 den konnte, ihre Pflege ſehr erwünſcht. Ich muß mit Dank ihre Sorgfalt anerkennen; auch ließ ich mich gern durch ihr italieniſches Plandern unterhalten. Wir wurden ſehr gute Freunde. Sie erzählte mir, ſie ſey im Dienſt einer ſehr vor— nehmen Dame geſtanden, die in der Schweiz ihren Tod fand, und da ihre Gebieterin ſie reichlich bedacht, ſo habe ſie nach dem Ableben derſelben einen Schweizer Wirth geheirathet und ſey eine Schweizerin geworden. Als mein Bedienter anlangte, erfuhr ſie meinen Namen, den ſie vorher nicht gekannt hatte. Sie kam in großer Aufregung zu mir auf's Zimmer— mit einem Wort, ſie war das Dienſtmädchen Eurer Gattin geweſen, hatte ſie nach meiner Villa begleitet und wurde bei dieſer Gelegenheit Zeuge ihres Jammers, weil ſie mich, Euren Freund, nicht aufzufinden wußte. Die Regierung hatte ihr Euren Palaſt in Mailand mit zureichen⸗ dem Einkommen angewieſen, aber ſie wollte weder den einen noch das andere annehmen. Da ſie mich nicht gefunden, machte ſie ſich auf den Weg nach England, um Euch ſelbſt aufzuſuchen, denn ſie hatte in öffentlichen Blättern geleſen, daß Ihr nach dieſem Lande entwichen ſeyet.“ „Sie wagte dies— die Schamloſe! Und ſeht— einen Augenblick vorher ſchwebte mir nichts mehr vor der Seele, als ihr Grab in einem fremden Boden— und dieſe Thrä⸗ nen hatten ihr vergeben,“ murmelte der Italiener. „Laßt ſie immerhin den Beweis Eurer Vergebung ſeyn,“ entgegnete Harley mit ſeiner ausgeſuchten Zartheit in Ton und Geberde.„Ich fahre fort. In der Schweiz erlag die Geſundheit Eurer Gattin, die, wie Ihr wißt, immer ſehr ank ihr ute or⸗ 1273 ſchwächlich geweſen iſt. Der Anſtrengung und dem Kummer folgte ein nervöſes Fieber. Sie hatte, als ſie die Heimath verließ, nur dieſe einzige Begleiterin mit ſich genommen— die einzige, der ſie trauen konnte, denn ſie glaubte Grund zu der Vermuthung zu haben, daß ihr ganzer übriger Haus⸗ halt von Peschiera beſtochen worden ſey. In der Gegenwart dieſer Dienerin, als ihr Geiſt bereits vom Delirium verwirrt war, raste ſie fortwährend von ihrer Unſchuld, klagte in Lauten des Schreckens und des Abſcheus Euren Verwand⸗ ten an und forderte Euch auf, ihre und Eure Ehre zu retten.“ „Ja, wohl Delirien. Arme Paulina!“ ſtöhnte Ricca⸗ bocca und bedeckte das Geſicht mit beiden Händen. „Aber ihr Irrereden hatte auch lichte Zwiſchenräume. In einem derſelben ſtand ſie auf, ohne daß die Dienerin, trotz ihrer Anſtrengungen, ſie zurückzuhalten vermochte, nahm aus ihrem Pult mehrere Briefe, durchlas ſie und rief in kläg⸗ lichem Tone: Aber wie kann ich ſie ihm zuſtellen— wem ſie anvertrauen? Und ſein Freund iſt fort“ Dann ſchien plötz⸗ lich ein Gedanke in ihr aufzublitzen, denn ſie ſtieß einen Ruf der Freude aus, ſetzte ſich nieder und ſchrieb lang und haſtig, worauf ſie das Geſchriebene mit allen andern Briefſchaften in ein einziges Packet zuſammenmachte und es ſorgfältig ver⸗ ſiegelte. Sie ertheilte der Dienerin die Weiſung, es ja eigen⸗ händig auf die Poſt zu tragen und das Porto dafür zu ent⸗ richten, denn o, ſagte ſie— ich wiederhole die Worte ge⸗ rade ſo, wie ich ſie aus dem Munde der Berichterſtatterin habe — dies iſt meine einzige Ausſicht, meinem Gatten zu bewei⸗ ſen, daß ich, wenn ich auch geirrt habe, doch nicht das 1274 ſchuldbeladene Geſchöpf bin, für das er mich hält— auch die einzige Ausſicht, meinen Fehler wieder gut zu machen und vielleicht den Gatten ſeinem Vaterland und meinem Kind ſein Erbe wieder zu geben.“ Die Dienerin beſorgte das Packet auf die Poſt, und als ſie zurückkam hatte die Kranke ein Schlummer beſchlichen. Ein Lächeln lag auf ihrem Antlitz. Dieſer kurzen Ruhe folgten neue Delirien, und noch vor Anbruch des nächſten Tages war ihre Seele entflohen.“ Riecaborca entfernte jetzt die eine Hand von ſeinem Geſichte und faßte Harley am Arm, gleichſam in ſtummem Flehen, daß er inne halten möchte. Das Herz des Mannes kämpfte ſchwer gegen ſeinen Stolz und ſeine Philoſophie. Auch währte es lange, bis Harley die Aufmertſamkeit ſei⸗ nes Freundes auf die weltlichen Ausſichten lenken konnte, welche ihm dieſe letzte Mittheilung der Sterbenden in Be⸗ treff ſeines zertrümmerten Glücks aufſchloß, und Riccabocea gewann erſt ein Ohr dafür, nachdem er ſich ſelbſt und halb auch Harley— denn in der That ſprachen ſtarke Anzeichen für die Schuld der Todten— überzeugt hatte, daß die Un⸗ ſchulbsbetheuerungen der Fieberkranken in Allem, mit Aus⸗ nahme des Irrens, als Delirien zu betrachten ſeyen. „Sey dem, wie ihm wolle,“ ſagte Harley,„jeden⸗ falls ſcheint Grund für die Annahme vorhanden zu ſeyn, daß die eingeſchloſſenen Briefe von Peschiera herrührten, und wenn dies der Fall iſt, ſo würden ſie beweiſen, welchen Ein⸗ fluß er auf Eure Gattin übte und welche verrätheriſche Winkelzüge er gegen Euch ins Werk ſetzte. Ich beſchloß da⸗ her, bei meiner Rückreiſe den Umweg über Wien zu machen, wo nu ſer lick be ihr da ge in nü füt au ko we auch achen Kind das ranke hrem noch en inem mem nnes hie. ſei⸗ inte, Be⸗ ocea halb chen Un⸗ lus⸗ den⸗ eyn, und Fin⸗ ſche da⸗ hen, 1275 wo ich zu meinem Entſetzen vernahm, daß Peschiera nicht nur zu der Bewerbung um die Hand Eurer Tochter die kai⸗ ſerliche Zuſtimmung erhalten, ſondern auch in ſeinen ſchänd⸗ lichen Zirkeln zuverſichtlich des Erfolgs ſich gerühmt und bereits den Weg nach England angetreten habe. Gelang es ihm, durch was immer für Trug und Argliſt bei Violante ſeinen Plan durchzuſetzen— denn ich brauche kaum zu ſagen, daß mir nicht entfernt einfiel, Ihr könntet Eure Zuſtimmung geben— ſo war ſein Zweck erreicht, und ich ſah wohl ein, daß in dieſem Fall die Entdeckung jenes Packets nichts weiter nützte. Eben ſo mußte der Erfolg zureichen, ſeinen Namen für immer zu reinigen, weil dabei Eure Zuſtimmung vor⸗ ausgeſetzt und dieſe als Eure Freiſprechung gedeutet werden konnte, da die Verſicherung Eurer Tochter, ſie habe die Hei⸗ rath ohne dieſelbe eingegangen, ihr wenig Ehre gemacht ha⸗ ben würde. Ferner erfüllte mich die Ueberzeugung mit Un⸗ ruhe, daß er zu Erreichung ſeines Zweckes alle Mittel, welche die Verzweiflung an die Hand gibt, aufbieten werde, da er maßlos überſchuldet und ſein Anſehen nur durch neuen Reichthum aufrecht zu erhalten iſt. Ich kenne ſein gewandtes Weſen, ſeine kühne Entſchloſſenheit, wußte, daß er große Summen, auf Wucher geborgt, mitgenommen hatte, und— mit einem Wort, ich zitterte für Euch beide. So geſchickt übrigens Peschiera in den Künſten der Verführung zu ſeyn wähnt, hat mir doch der erſte Blick auf das holde und dabei ſo edle Antlitz des Mädchens die Ueberzeugung ge⸗ geben, daß eine Legion ſolcher Peschiera ihr nichts wird an⸗ haben können. Kehren wir deshalb zu einem hochwichtigen 1276 Gegenſtand— zu dem Packet— zurück. Ihr habt es nicht erhalten, und Jahre ſind darüber hingegangen. Iſt es noch vorhanden? In welche Hände mag es gefallen ſeyn? Ver⸗ ſucht es, alle Eure Erinnerungen aufzubieten. Die Frau konnte ſich des Namens der Perſon, an welche die Addreſſe lautete, nicht mehr entſinnen, wollte aber für gewiß wiſſen, er habe mit einem B. angefangen und die Addreſſe nach England gelautet, für welche Route auch das Porto be⸗ rechnet worden ſey. Beſinnt Euch alſo auf einen Namen, der mit B. anfängt, oder im Falle das Gedächtniß jener Frau trügeriſch wäre, auf die Perſonen, mit denen Ihr oder Eure Gattin während Eures Beſuchs in England, in hin⸗ reichend nahe Bekanntſchaft tratet, um es wahrſcheinlich zu machen, daß ſie eine derſelben zum Vertrauten wählte.“ „Ich kann mir Niemand denken,“ verſetzte Riceabocca, den Kopf ſchüttelnd.„Wir machten kurz nach unſerer Ver⸗ mählung die Reiſe nach England. Paulina fand das Klima ihr nicht zuträglich. Sie ſprach kein Wort Engliſch, ja nicht einmal franzöſiſch, wie man von ihrer Geburt hätte erwarten ſollen, denn ihr Vater war arm und durchaus ein Italiener. Sie mied alle Geſellſchaften. Ich ſah mich allerdings ein wenig um in der Londoner Welt— hinreichend wenigſtens, um vor dem Gegenſatz zu erſchrecken, den mein zweites Er⸗ ſcheinen als bettelarmer Flüchtling mit der Aufnahme dar— geboten haben würde, deren ich mich bei meinem erſten Beſuch erfreuen durfte— aber es kam zu keinen vertrauten Freundſchaftsanknüpfungen. Ich erinnere mich keiner Seele, an der „F mi get La der nat ber höt ein vie lic der mo ſch rei ein un es me Ze 1277 an die ſie ſich um der Bekanntſchaft mit mir willen hätte wen⸗ den können.“ 6 „Beſinnt Euch noch einmal,“ beharrte LEstrange. „Fällt Euch keine Dame ein, die Italieniſch verſtund und mit der gerade deshalb Eure Gattin vertraut wurde?“ „Ah, es iſt wahr. Sie verkehrte mit einer eingezo⸗ genen alten Frau, die ſich lang in Italien aufgehalten hatte. Lady— Lady— ich erinnere mich— Lady Jane Horton.“ „Horton— Lady Jane!“ rief Harley.„Schon wie⸗ der! Dreimal an Einem Tage— ſoll dieſe Wunde nie ver⸗ narben?“ Als er an Riccabocea den Blick der Ueberraſchung bemerkte, fuhr er fort:„Entſchuldigt mich, mein Freund; ich höre Euch jetzt mit erneutem Intereſſe zu. Lady Jane war eine entfernte Verwandte von mir. Sie beurtheilte mich vielleicht zu hart, und ihr Name weckt in mir manche pein⸗ liche Erinnerung; aber ſie war eine Frau von vielen Tugen⸗ den. Eure Gattin kannte ſie?“ „Entfernt nur, aber doch beſſer als ſonſt irgend Je⸗ manden in London. Indeß kann Paulina nicht an ſie ge⸗ ſchrieben haben, denn ſie wußte, daß bald nach ihrer Ab⸗ reiſe von England Lady Jane mit Tod abging. Mich rief eine dringliche Angelegenheit plötzlich nach Italien zurück, und ſie war zu unwohl, um ſo ſchnell reiſen zu können, als es mir der Drang der Umſtände auferlegte, weßhalb ſie noch mehrere Wochen in England zurückblieb. Während dieſer Zeit kann ſie wohl Bekanntſchaften angeknüpft haben. Ah, jetzt ſehe ich— ich errathe. Ihr ſagt, der Name fange mit B. an. Paulina nahm nach meiner Abreiſe eine Geſellſchaf⸗ 1278 terin zu ſich— ſie that es auf meinen Rath— eine Mrs. Bertrag. Dieſe Frau begleitete ſte auch auf der Reiſe, und Paulinä wurde ihr ſehr zugethan, weil ſie ſo gut italieniſch verſtand. Sie ging nicht mit bis nach Italien, ſondern mußte wegen eigener Angelegenheiten unterwegs wieder um⸗ kehren. Ich vergaß den Grund, wenn ich ihn anders je kannte oder danach fragte. Paulina vermißte ſie ſchmerzlich, ſprach oft von ihr und wunderte ſich ſehr, daß ſie nie von ſich hören ließ. Ohne Zweifel war es dieſe Mrs. Bertram, an die ſie geſchrieben hat.“ „Kennt Ihr die Verwandten dieſer Frau oder ihre Addreſſe?“ „Nein.“ „Auch nicht die Perſon, welche ſie Eurer Gattin empfoh⸗ len hat?“ „Nein.“ „Wahrſcheinlich Lady Jane Horton.“ „Mag ſeyn. Sehr wahrſcheinlich.“ „Ich will dieſe Spur weiter verfolgen, wie unſicher ſie auch iſt.“ „Aber wenn Mrs. Bertram das Packet erhielt, wie kömmt es, daß es nie an— o, Thor, der ich bin, wie wäre es auch möglich geweſen! An mich, der ich ſo ſorgfältig mein Incognito bewahrte!“ „Ihr habt Recht. Eure Gattin konnte dies nicht vor⸗ ausſehen und mußte natürlich glauben, daß ſich in Eng⸗ land Euer Aufenthalt leicht ermitteln laſſe. Aber wenn ſie dieſe Bekanntſchaft ſo bald nach Eurer Verehelichung machte, mů aut zus nic des ſe wir unt daf ber Se zu rei wa mit vor lich Nrs. und niſch dern um⸗ nnte rach ören e ſie ihre L 1279 müſſen viele Jahre hingegangen ſeyn, ſeit ſie Mrs. Bertram aus dem Geſicht verloren hatte, und wir haben weit zurück⸗ zugreifen— in eine Zeit, als Eure Violante noch lange nicht geboren war.“ „Leider ja. Ich habe zwiſchen hinein zwei Söhne zu Grab begleitet. Violante wurde mir geboren als das Kind des Schmerzes.“ „Und um den Schmerz lieblich zu machen. Wie ſchön ſie iſt!“ Der Vater lächelte ſtolz. „Wo, ſelbſt in den höchſten Familien Europa's, finden wir einen Gatten, der eines ſolchen Preiſes würdig wäre?“ „Ihr vergeßt, daß ich noch immer ein Verbannter bin und ſie keine Morgengabe mitzubringen hat. Ihr vergefßt, daß mir Peschiera nach der Ferſe ſteht, und daß ich ſie lie⸗ ber einem Bettler zum Weibe geben würde— als— Pah! Schon der Gedanke bringt mich von Sinnen— es wäre zu ſchändlich! Corpo di Bacco! Ich bin froh, daß ich be⸗ reits einen Gatten für ſie gefunden habe.“ „Schon gefunden? Dann hätte der junge Mann doch wahr geſprochen!“ „Welcher junge Mann?“ „Randal Leslie. Wie— Ihr kennt ihn?“ Es folgte nun eine kurze Erklärung. Aufmerkſam und mit ſichtlichem Unmuth vernahm Harley die Einzelheiten von Riccabocca's Verbindung mit Leslie und der vermeint⸗ lichen Neigung des jungen Mannes. In alledem liegt mir etwas ſehr Verdächtiges,“ ſagte er. 1280 „Warum hat der junge Menſch mich ſo ausgeholt über die Wahrſcheinlichkeit, daß Biolante ihr Vermögen verlieren werde, wenn ſie einen Engländer heirathe?“ „Hat er dies gethan? O— pah! Haltet es ihm zu gut. Ich finde es natürlich, daß er wünſcht, in Beziehung auf Alles, was mich betrifft, unwiſſend zu ſcheinen. Er kannte meine Vertrautheit mit Euch nicht genug, um mein Geheimniß an Euch zu verrathen.“ „Aber er kannte ſie hinreichend— mußte ſie gut ge⸗ nug kennen, um ſich verpflichtet zu fühlen, Euch von meiner Anweſenheit in England zu benachrichtigen. Er ſcheint dies nicht gethan zu haben.“ „Nein— dies iſt allerdings befremdlich. Doch kaum befremdlich; denn als ich ihn das letztemal ſah, war ihm der Kopf ſo voll von anderen Dingen— von Liebe und Hoch⸗ zeit. Baſta! Die Jugend bleibt Jugend.“ „In ihm iſt keine Jugend zurückgeblieben!“ rief Harley leidenſchaftlich.„Ich zweifle, ob er je eine gehabt hat. Er iſt einer von den Menſchen, welche mit dem Puls eines Greiſen in die Welt kommen. Ihr und ich, wir beide wer⸗ den nie ſo alt, als er es ſchon im Flügelkleide war. Ah, Ihr mögt lachen; aber mein Inſtinkt hat mich noch nie irre geführt. Er mißfiel mir vom Anfang an— ſein Auge, ſein Lächeln, ſeine Stimme, ſogar ſein Tritt. Es iſt Wahnſinn von Euch, eine ſolche Verbindung gut zu heißen, die noch obendrein alle Ausſicht auf Wiedereinſetzung in Euer Eigen⸗ thum vernichten kann.“ „Beſſer, als ein einmal gegebenes Wort brechen,“ be klä jun ni die de eit de r die ieren m zu hung Er mein t ge⸗ einer dies aum nder och⸗ rley hat. ines wer⸗ Ah, irre ſein ſinn noch gen⸗ 1281 „Nein, nein,“ rief Harley,„Euer Wort iſt nicht gege⸗ ben— und ſoll nicht gegeben werden. Seht mich nicht ſo kläglich an. Jedenfalls haltet inne, bis wir mehr von dieſem jungen Manne wiſſen. Iſt er ihrer würdig ohne Morgen⸗ gabe— nun, ſo laßt Euer Erbe fahren. Ich habe dann nichts mehr zu ſagen.“ „Aber wrum ſoll ich mein Erbe fahren laſſen?“ „Glaubt Ihr, die öſterreichiſche Regierung werde zu⸗ geben, daß Euer Beſitzthum an dieſen engliſchen Laffen über⸗ geht— an einen untergeordneten Beamten im öffentlichen Dienſt? O Weiſer in der Theorie, wie ſeyd Ihr ſo ein⸗ fältig im Handeln!“ Ohne ſich an dieſen Spott zu kehren, rieb Riccabocca die Hände und ſtreckte ſie dann behaglich über das Feuer aus. „Mein Freund,“ ſagte er,„das Erbe geht an meinen Sohn über— der Tochter gebührt nur eine Mitgift.“ „Aber Ihr habt keinen Sohn.“ „Bst! Ich werde einen haben. Meine Jemima hat mich geſtern Morgen davon unterrichtet, und das war die Veranlaſſung zu meinem Entſchluß, mit Leslie zu ſprechen. Bin ich jetzt noch ſo einfältig?“ „Ihr werdet einen Sohn haben?“ wiederholte Harley mit ſehr betroffener Miene.„Wie wißt Ihr, daß es ein Sohn ſeyn wird?“ „Die Phyſiologen ſind darin einverſtanden,“ verſetzte der Weiſe im Tone der Beſtimmtheit,„daß das Erzeugniß ein männliches ſeyn wird, wenn der Gatte viel älter iſt und der weibliche Theil ſich lange beſonnen hat, bis er ſich herab⸗ Bulwer, meine Novelle. 81 1282 läßt, die Bevölkerung der Welt zu vermehren. Ich betrachte dieſen Punkt als bereinigt durch die Berechnungen der Sta⸗ iſtit und die Unterſuchungen der Naturforſcher.“ Harley konnte ſich eines Lachens nicht erwehren, obſchon er noch immer ärgerlich und unruhig war. „Er wird nicht anders und bleibt ſtets philoſophiſche Thor.“ „Cospetto!“ verſetzte Riccabocca, ſzt liebet der Philoſoph unter den Thoren. Und weil wir daven reden, ſoll ich Euch meiner Jemima vorſtellen?“ „Ja; aber dafür erlaubt mir, eine Perſon bei Euch einzuführen, die ſich voll Dank Eurer Güte erinnert und zum Wunder durch Eure Philoſophie nicht zu Grunde gerichtet worden iſt. Ihr müßt mir zu einer gelegenen Zeit erklären, wie dies zugegangen iſt. Entſchuldigt mich für einen Augen⸗ blick; ich will ihn holen.“ „Ihn holen—— In meiner Lage muß ich vor⸗ ſichtig ſeyn, und— 2 „Ich flehe 3. Zuverläſſigkeit und Vorſicht. In⸗ zwiſchen beſtellt ein Mittageſſen und laßt mich und meinen Freund daran Theil nehmen.“ „Mittageſſen? Corpo di Bacco!— nicht daß Bacchus uns dazu behilflich ſeyn könnte. Was wird Jemima ſagen?“ „O Pantoffelheld, macht das mit Eurem Ehetyrannen aus. Aber bei dem Mittageſſen muß es bleiben.“ Ich überlaſſe es dem Leſer, ſich Leonards Entzücken vorzuſtellen, als er ſah, daß Riccabocca noch immer der alte, Jemima ſo freundlich wie nur je und Violante ſo ſchon ge⸗ ———— chte Sta⸗ chon iſche der den, Euch zum chtet iren, gen⸗ vor⸗ In⸗ inen chus n? nnen cken alte, ge⸗ —.———— 1283 worden war. Und ihre Verwunderung über ihn und ſeine Geſchichte, ſeine Bücher und ſeinen Ruf. Er erzählte ſeine Kämpfe und Abenteuer mit einer Einfachheit, die einer ſo perſönlichen Geſchichte den Charakter des Egoismus völlig benahm; aber als er auf Helen zu ſprechen kam, wurde ſeine Mittheilung kurz und zurückhaltend. Violante hätte gerne weitere Fragen geſtellt, aber Harley legte ſich ins Mittel. „Ihr werdet die, von welcher er ſpricht, bald ſelbſt ſehen und könnt dann Eure Fragen an ſie richten.“ Mit dieſen Worten gab Harley der Erzählung des Jünglings eine neue Richtung, und Leonards Bericht gewann wieder einen freieren Fluß. So entſchwand der Abend glück⸗ lich für alle, nur nicht für Rieccabocca. Der Gedanke an ſeine verſtorbene Gattin trat hin und wieder vor ſeine Seele; ſchmerzliche Gefühle bemächtigten ſich ſeiner, und er rückte näher an Jemima, blickte in ihr einfaches Antlitz und drückte ihre herzliche Hand. Und doch hatte das Ungeheuer Har⸗ ley auf den Glauben gebracht, daß ſeine Tröſterin eine Thörin ſey. Ja, ſie war es, daß ſie einen ſo verächtlichen Schmäher ihrer Perſon und ihres Geſchlechtes lieben konnte. Violante war in einem Zuſtand ſeliger Aufregung, ob⸗ ſchon ſie ſich ihre Freude nicht zu erklären vermochte. Sie unterhielt ſich vorzugsweiſe mit Leonard, und die ſchweig⸗ ſamſte Rolle unter allen ſpielte Harley. Er war ganz Ohr für Leonards warme und doch anſpruchsloſe Beredſamkeit — jene Beredſamkeit, die ein natürlicher Ausdruck des Ge⸗ nius iſt, wenn ſie ſich gehen laſſen darf und nicht erkältet 81* 1284 wird durch harte, kheilnahmloſe Zuhörer— lauſchte aber mit noch größerem Entzücken auf die zwar weniger tiefen, ob⸗ ſchon nicht weniger ernſten Erwiederungen voll Weiblichkeit und Edelſinn, mit denen Violante's jungfräuliches Herz auf die Ergüſſe der feurigen Dichterſeele einging. Was ſie ſprach, war ſo ungleich Allem, was er in der gewöhnlichen Welt hörte, ſo verwandt den Gefühlen ſeiner eigenen entſchwun⸗ denen Jugend. Gelegentlich, wenn ſie einen eigenen erha⸗ benen Gedanken laut werden ließ oder mit leuchtenden Au⸗ gen und melodiſcher Stimme eine ſchöne Stelle aus einem italieniſchen Gedicht anführte, erhob ſich ſein edles Antlitz⸗ und ſeine Lippe bebte, als hätte er den Schall einer Schlacht⸗ trompete vernommen. Die Trägheit langer Jahre war er⸗ ſchüttert. Dieſe Laute hatten Zugang gefunden zu dem Herviſchen, das der Launenhaftigkeit ſeines Temperaments zu Grunde lag, und riefen alle damit in Verbindung ſtehen⸗ den Erinnerungen aus ihrem langen Schlummer wieder ins Leben. Als er, überraſcht von der ſpäten Stunde, aufſtand, um ſich zu verabſchieden, ſagte er in einem Tone, welcher die Aufrichtigkeit des Compliments bekundete:„Ich verdanke Euch die glücklichſten Stunden, deren ich mich in Jahren zu erfreuen hatte.“ Sein Auge haftete auf Violante, als er ſo ſprach. Aber bei dieſem Blick kehrte ihre Schüchtern⸗ heit zurück, und er ſah nicht mehr die begeiſterte Muſe, ſon⸗ dern das verſchämte Mädchen vor ſich ſtehen. „Und wann werde ich Euch wieder ſehen?“ fragte Ricca⸗ Pooca mit betrübter Miene, als er ſeinem Gaſt nach der Thüre folgte. K ko ſp 1285 mit„Wann?— Natürlich morgen. Adieu, mein Freund! ob⸗ Kein Wunder, daß Ihr Eure Verbannung ſo geduldig tragen eit konntet— mit ſolch einem Kinde.“ auf Er ergriff Leonards Arm und ging mit ihm nach dem ach, Wirthshaus, wo er ſein Pferd eingeſtellt hatte. Leonard gelt ſprach von Violante mit Begeiſterung— Harley blieb ſtill. un⸗ ha⸗ Au⸗. nem Drittes Kapitel. tlitz, Am andern Tage machte eine etwas altmodiſche, aber cht⸗ ſehr vornehme Equipage vor Riccaboeca's Gartenthore Halt. er⸗ Giacvmo, der ſie von dem Fenſter ſeiner Schlafkammer aus dem auf das Haus hatte zu fahren ſehen, wurde von einem unbe⸗ ents ſchreiblichen Schrecken ergriffen, als ſie endlich gar vor der hen⸗ Mauer draußen anhielt und das laute Pochen am Portal ins ſein Ohr erreichte. Er ſäumte nicht, zu ſeinem Gebieter and, zu eilen, und beſchwor ihn, doch ja nicht von der Stelle zu rdie gehen und keinem von den Feinden Einlaß zu geſtatten, die anke der Bauch der Maſchine ausſpeien könnte.„Ich habe ge⸗ hren hört,“ ſagte er,„wie einmal eine Stadt in Italien— ich als meine, es war Bologna— eingenommen und ihre Einwoh⸗ tern⸗ nerſchaft dem Schwert überantwortet wurde, weil ſie unvor⸗ ſon⸗ ſichtiger Weiſe ein hölzernes Pferd in ihre Mauern aufnahm, das mit Barbaroſſa's Truppen und mit allen Arten von ieca⸗ Bomben und congreveſchen Raketen angefüllt war.“ hüre„Virgil erzählt die Geſchichte anders,“ verſetzte Ricca⸗ bocca, einen vorſichtigen Blick durch das Fenſter hinaus 1286 werfend.„Gleichwohl ſieht das Ding ſehr groß und ver⸗ dächtig aus. Laß Pompey los!“ „Vater,“ ſagte Violante erröthend,„es iſt Euer Freund Lord LEstrange. Ich höre ſeine Stimme.“ „Biſt Du deſſen gewiß?“ „Vollkommen. Wie könnte ich mich täuſchen?“ „So geh, Giacomo; aber nimm Pompey mit— und mach Lärm, wenn du es anders findeſt.“ Doch Violante hatte Recht, und einige Augenblicke ſpäter ſah man Lord LEstrange, der an jedem Arm eine Dame führte, den Garten heraufkommen. „Ah,“ ſagte Riccaboeca, indem er die für ihn hingeleg⸗ ten Kleider zuſammenraffte,„geh, mein Kind und ruf Je⸗ mima. Mann gegen Mann: aber ums Himmelswillen nur Frauenzimmer gegen Frauenzimmer.“ Harley hatte aus Artigkeit gegen den weiblichen Theil in den Haushalt ſeines Freundes ſeine Mutter und Helen mitgebracht. Die ſolze Gräfin wußte, daß ſie ſich in einem Hauſe des Unglücks befand, und ihr Gruß gegen Riccabveca war nicht weniger achtungsvoll, als wenn ſie dem König ſelbſt ihre Huldigung dargebracht hätte. Aber Riccabocca, welcher ſich ſtets galant gegen das Geſchlecht zeigte, das er zu ver⸗ achten derſicherte, ließ ſich an Förmlichkeit nicht überbieten, und die Verbeugung, mit welcher er die Höflichkeit der alten Dame erwiederte, würde die entſtehende Generation erbaut und alle Ueberreſte von der alten Hofzucht, die noch in Mitte des düſtern Pomps von Faubonrg Saint Germain 1287 r⸗ lungern mögen, mit Entzücken erfüllt haben. Nachdem der Etiquette der gebührende Zoll entrichtet war, ſtellte die nd Gräfin Helen einfach als Miß Digby vor und nahm in der Nähe des Verbannten ihren Sitz. Schon in kurzer Zeit thaten die älteren Perſonen ganz heimiſch miteinander, und in der That hatte ſich Riccabveca, ſeit wir ihn kennen, viel⸗ nd leicht nie ſo vortheilhaft gezeigt, als an der Seite ſeines feingebildeten, aber etwas förmlichen Gaſtes. Beide hat⸗ cke ten ſo wenig in unſerem modernen, ungezogenen Zeitalter ine gelebt. Sie entnahmen ihre Manieren einem früheren Ge⸗ ſchlecht und ſchienen mit einer Art von Stolz wieder einmal eg⸗ ſo feine Spitzen und eine ſo prächtige Verbrämung zur Schau Je⸗ zu tragen. Rieccabveca verzichtete auf die ſchlaue, aber ein⸗ ur fache Weisheit ſeiner Sprichwörter, weil er ſich vielleicht erinnerte, daß Lord Cheſterfield ihren Gebrauch für gemein eil erklärte, und trotz ſeiner hageren Figur und der nicht eben len großen Eleganz ſeiner Kleidung fiel an ihm etwas auf, was unläugbar den grand seigneur verrieth— einen Maun, des dem ein Marquis de Dangeau einen Fauteuil an der Seite icht der Rohans und Montmorencies angeboten haben würde. hre Mittlerweile hatten ſich Helen und Harley bei Seite her niebergelaſſen. Beide verhielten ſich ſtumm, erſtere aus e Schüchternheit und der letztere, weil ſeine Gedanken zer⸗ en ſtreut waren. Endlich ging die Thüre auf, und Harley er⸗ der hob ſich plötzlich— Violante und Jemima traten ein. Lady ion Lansmere's Augen ruhten zuerſt auf der Tochter, und ſie och konnte ſich kaum eines Ausrufs überraſchter Bewunderung in erwehren; als ſie jedoch die beſcheidene, obſchon ſich nicht 1288 wegwerfende Miene der Mrs. Riccabocca gewahrte, in der ſich bei aller ſchüchternen Einfachheit doch die Edeldame Creilich mit dem Anſtrich, welchen das Landleben gibt) nicht verkennen ließ, wandte ſie ſich von der Tochter ab, um mit dem feinen savoir vivre der alten Schule zuerſt der Frau des Hauſes ihre Achtung zu bezeugen. Ich meine Achtung im buchſtäblichen Sinne, denn dieſe ſprach ſich in ihrem gan⸗ zen Weſen aus, und die Kundgebung derſelben war lieb⸗ reicher, einfacher und herzlicher, als die Artigkeit der Dame gegen Riccabocea, da jetzt, wie der Weiſe richtig bemerkte, „Frauenzimmer gegen Frauenzimmer“ ſtand. Dann faßte ſie mit beiden Händen Violante's Rechte und verwandte kein Auge von dem Mädchen, als könne ſie ſich die Luſt nicht verſagen, ſo viel Schönheit zu betrachten.„Mein Sohn,“ ſagte ſie in weichen Lauten und mit einem halben Seufzer, „mein Sohn hat umſonſt geredet, wenn er mir ſagte, ich ſolle mich nicht überraſchen laſſen. Ich finde zum erſtenmal in meinem Leben, daß die Schilderung durch die Wirklichkeit weit überboten wird.“ Die Glut, welche Violante's Antlitz überflog, ließ ſie nur um ſo ſchöner erſcheinen, und als die Gräfin zu Rieca⸗ bocca zurückkehrte, ſchlich ſie ſich leiſe an Helen's Seite. „Miß Digby, meine Mündel,“ ſagte Harley mit Nach⸗ druck, als er bemerkte, daß ſeine Mutter ihre Obliegen⸗ heit, Helen den Damen vorzuſtellen, verabſäumt hatte. Dann nahm er ſelbſt Platz und unterhielt ſich mit Mrs. Riccabvcea, obſchon ſein leuchtendes Auge häufig Blicke nach den beiden Mädchen entſandte. Sie waren ungefähr von —— der me icht mit rau ing an⸗ eb⸗ me kte, ßte dte icht n,“ zer, nal keit 1289 gleichem Alter, aber Jugend ſchien bei oberflächlicher Be⸗ obachtung Alles zu ſeyn, was ſie mit einander gemein hat⸗ ten. Man konnte ſich nicht leicht einen größeren Gegenſatz denken, und das Seltſamſte dabei war, daß beide dadurch gewannen. Violante's leuchtende Lieblichkeit wurde noch blendender, und Helen's ſchönes, ſanftes Antlitz noch ge⸗ winnender. Weder die Eine noch die Andere hatte mit Mäd⸗ chen ihres Alters verkehrt, und beide fühlten ſich gegen⸗ ſeitig gleich angezogen. Violante als die weniger ſchüchterne begann die Unterhaltung. „Ihr ſeyd ſeine Mündel— Lord LEstrange's Pfleg⸗ befohlene?“ 5Ja „Vielleicht kamt Ihr mit ihm aus Italien?“ „Nein, das eben nicht; aber ich habe mich mehrere Jahre in Italien aufgehalten.“ „Ah, und es thut Euch leid— doch nein, wie thöricht — Ihr kamt ja wieder in Euer Geburtsland zurück. Aber der Himmel Italiens iſt ſo blau, und hier ſcheint ihm von Natur die Farbe zu fehlen.“ „Lord LEstrange ſagte mir, Ihr ſeyet noch ſehr jung geweſen, als Ihr Italien verließet, und doch iſt Eure Erin⸗ nerung ſo gut. Auch er zieht Italien England vor.“ „Er?— Unmöglich!“ „Warum unmöglich, meine ſchöne Zweiflerin?“ rief Harley, ſich mitten in einer Rede an Mrs. Riccabveca unter⸗ brechend. Violante hatte ſich's nicht träumen laſſen, daß ſie ge⸗ 1290 hört werden könnte, da die beiden Mädchen ihre Unterhal⸗ tung nur leiſe führten. Sie fühlte ſich etwas verlegen, er⸗ wiederte aber mit Beſtimmtheit: „Weil England für einen edlen Geiſt die edelſte Lauf⸗ bahn darbietet.“ Harley war betroffen und entgegnete mit einem Seufzer: „In Eurem Alter würde ich ebenſo geſprochen ha⸗ ben. Aber unſer England iſt ſo überfüllt mit edlen Gei⸗ ſtern, daß keiner ſich rühren kann, ohne dem andern Rippen⸗ ſtöße zu geben, und ſo wird die Laufbahn zu einer einzigen Staubwolke.“ „So erſcheint, wie ich geleſen habe, das Getümmel der Schlacht dem gemeinen Soldaten, aber nicht dem Anführer.“ „Ich ſehe, Ihr habt gute Schlachtſchilderungen geleſen.“ Mrs. Riccabocca, welche in dieſer Bemerkung einen Spott auf die Studien ihres Stieftöchterchens zu erkennen glaubte, beeilte ſich, Violanten beizuſtehen. „Ihr Papa empfahl ihr, die Geſchichte Italiens zu le⸗ ſen, und die iſt, glaube ich, voll von Schlachten.“ Harley.—„Wir finden dies bei jeder Geſchichte, und alle Frauenzimmer lieben den Krieg und die Soldaten. Woher dies wohl rühren mag?“ Violante(ſich an Helen wendend und ſehr leiſe ſpre⸗ chend, entſchloſſen, daß Harley diesmal ihre Worte nicht hören ſoll).—„Wir können den Grund wohl errathen— nicht wahr?“ Harley(der jede Sylbe vernommen hat, als ſeyen ſie in der Flüſtergallerie von Saint Paul geſprochen worden). —„Wenn Ihr ihn errathen könnt, Helen, ſo bitte ich Euch, ihn mir mitzutheilen.“ Helen(ſchüttelt ihr hübſches Köpfchen und antwortet uf⸗ mit einem lieblicheren Lächeln als gewöhnlich).—„Ich bin keine Freundin von Krieg und Kriegern.“ Harley(zu Violante).—„Dann muß ich mich . unmittelbar an Euch wenden, meine überzeugte Bellona. 6— Liegt der Grund in der Grauſamkeit, die dem weiblichen Charakter eigen iſt?“ Violante(mit einem ſüßen muſikaliſchen Lachen). —„Nein; ſondern in zwei Eigenſchaften, die ihm noch na⸗ 8. türlicher ſind.“ Harley.—„Dies geht über meine Faſſungskraft. 3 Welche mögen dies ſeyn?“ Violante.—„Mitleid und Bewunderung. Wir ha⸗ b ben Mitleid mit dem Schwachen und bewundern den Tapfern.“ Harley ſenkte den Kopf und ſchwieg. le⸗ Lady Lansmere hatte ihre Unterhaltung mit Ricca⸗ bocca unterbrochen, um dieſem Geſpräch ihr Ohr zu ſchenken. te⸗„Entzückend!“ rief ſie.„Ihr habt mit einemmale aus⸗ gedrückt, über was ich mir oft Gedanken machte, ohne zu einem Ergebniß zu kommen. Ah, Harley, es freut mich, zu ſehen, daß Deine Satyre abgeſchlagen wurde. Du haſt hier⸗ ht auf nichts zu erwiedern.“ „Nein; ich gebe mich gerne gefangen und will bereit⸗ willig das Mitleid der Signorina in Anſpruch nehmen, da mein ritterliches Schwert an der Wand hängt und ich 1292 nicht länger von Berufs wegen einen Anſpruch auf Ihre Be⸗ wunderung beſitze.“ Er ſtand auf und warf einen Blick durch das Fenſter. „Doch ich ſehe da einen furchtbareren Kämpen, mit dem es meine Siegerin aufnehmen mag, auf den Wahlplatz ſchreiten, obſchon ſein Beruf ihn auf ein romantiſcheres Feld führt, als auf das des Lagers und der Kanonen.“ „Unſer Freund Leonard,“ ſagte Rieccabocca, ſein Auge gleichfalls dem Fenſter zuwendend.„Ganz richtig, wie der witzige Quevedo ſagt: Seit ſo große Nachfrage nach Schrift⸗ lettern vorhanden iſt, hat man viel weniger Blei übrig für Kanonenkugeln.“ Leonard trat ein. Harley hatte ihn durch ein Billet, welches er durch den Bedienten der Lady Lansmere überbrin⸗ gen ließ, auf das Zuſammentreffen mit Helen vorbereitet. Beim Eintritt ergriff Lord LEstrange den Jüngling bei der Hand und führte ihn der Lady Lansmere vor. „Der Freund, von dem ich geſprochen habe. Heißt ihn jetzt um meiner und ſpäter für immer um ſeinetwillen willkommen.“ Dann zog er Leonard, der Gräfin kaum Zeit laſſend zu ihrer zierlichen und huldreichen Erwiederung, zu Helen hin. „Kinder,“ ſagte er mit rührender Stimme, die Bei⸗ den in's Innerſte des Herzens drang;„ſetzt euch zuſam⸗ men und ſprecht mit einander von der Vergangenheit. Sig⸗ norina, ich lade Euch ein zu Wiederaufnahme des dunkeln metaphyſiſchen Thema's, das Ihr aufgeſtellt habt. Laßt uns ſehen, ob wir für das Mitleid und die Bewunderung —„— —— „ nit ge er n⸗ ln 1293 nicht edlere Quellen auffinden können, als den Krieg und ſeine Handlanger.“ Er nahm Violante bei Seite in ein Fenſter. „Ihr erinnert Euch, daß Ihr meintet, Leonard ſey, als er Euch geſtern Abend ſeine Geſchichte erzählte, allzukurz weggegangen über das kleine Mädchen, welches ſeine Ge⸗ fährtin war in der herbſten Zeit ſeiner Prüfungen. Ihr woll⸗ tet ihn weiter ausfragen, und ich unterbrach Euch mit den Worten, Ihr würdet ſie bald ſehen und könnet dann an ſie Eure Fragen richten. Was haltet Ihr nun von Helen Digby? Bſt!— ſprecht leiſe. Doch ihr Ohr iſt nicht ſo ſcharf als das meinige.“ Violante.—„Ah, dies iſt alſo das ſchöne Weſen, das Leonard ſeinen kindlichen Engel nannte? Welch ein liebliches, unſchuldiges Geſicht! Der Engel iſt noch vor⸗ handen.“ Harley(gleich angeſprochen von dem Lob als von der Loberin).—„Meint Ihr? Ja, Ihr habt Recht. Helen iſt nicht redſelig; aber ſchöne Naturen ſind wie ſchöne Gedichte — ein Blick auf die erſten Paar Zeilen reicht zu, um uns den Genuß ahnen zu laſſen, der unſerer beim Weiterleſen harrt.“ Violante warf einen Blick auf das bei einander ſitzende Pärchen. Leonard führte das Wort und Helen war die Zuhörerin. Erſterer hatte allerdings in der Erzählung des vorigen Abends die Epiſode in ſeinem Leben, welche mit der Waiſe in Verbindung ſtand, nur kurz, dennoch aber in einer Weiſe berührt, um Violante ein Intereſſe einzuflößen 1294 für das Rührende in ihrer früheren gegenſeitigen Stellung, ſo daß ſie ſich wohl denken konnte, wie glücklich ſie ſich fühlen mußten bei dem gegenwärtigen Wiederſehen nach jahrelan⸗ ger Trennung auf dem weiten Meer des Lebens— jetzt, nachdem Beide ſich geſichert ſahen vor Sturm und Schiff⸗ bruch. Thränen traten ihr ins Auge. „Ihr habt Recht,“ ſagte ſie in weichem Tone.„Hier iſt mehr, was unſer Mitleid und unſere Bewunderung in An⸗ ſpruch nimmt, als im—“ Sie hielt inne. Harley.—„Vollendet den Satz. Oder ſchämt Ihr Euch des Widerrufs? Pfui über Euren Stolz und Starrſinn.“ Violante.—„Nein; aber auch hier iſt Krieg und Heldenmuth geweſen— der Kampf des Genius mit der Noth, und Heldenmuth in dem Weſen, das ihn als Tröſterin theilt. Ach, wo immer Mitleid und Bewunderung Platz greifen, muß etwas Größeres vorausgegangen ſeyn, als bloſes Un⸗ glück. Das Heroiſche darf nicht fehlen.“ „Helen weiß nicht, was das Wort herviſch' beſagen will,“ erwiederte Harley mit etwas trauriger Stimme. „Ihr müßt ſie es lehren.“ Iſt's möglich, dachte er, während er ſo ſprach, daß ein Randal Leslie dieſes großartige Weſen bezaubert haben ſollte? In dieſem glatten jungen Bureaumenſchen iſt doch wahrhaftig nichts Herviſches. „Euer Vater,“ fuhr er laut fort und heftete ſein Auge auf ihr Antlitz,„empfängt, wie er mir ſagt, häufig Beſuche von einem jungen Mann, dem Datum nach von Leonards S dH+ fe ng, en an⸗ tzt, iff⸗ ier An⸗ K und th, ilt. fen, Un⸗ gen me. daß ben och ige che rds 1295 Alter, obſchon ich das Alter der Menſchen nie nach dem Kirchenregiſter bemeſſe und deshalb dieſen ſogenannten jungen Mann für einen Zeitgenoſſen meines Urgroßvaters anſprechen möchte— ich meine Mr. Randal Leslie. Gefällt er Euch?“ „Ob er mir gefällt?“ verſetzte Violante langſam, als wolle ſie vorher dieſe Frage an ſich ſelbſt richten.„Nun — ja.“ „Wirklich?“ entgegnete Harley im kurzen und trockenen Tone des Unwillens. „Mein lieber Vater ſcheint ſeine Beſuche gern zu ſehen, und ſo muß er mir wohl gefallen.“ „Hum. Er verſichert wohl, daß Ihr ihm auch gefallt?“ Violante lachte arglos. Sie hatte faſt Luſt, zu er⸗ wiedern, ob dies Harley ſo ſonderbar vorkomme; aber die Achtung vor dem Freunde ihres Vaters hielt ihre Zunge im Zaum, da die Worte als muthwillig hätten erſcheinen können. „Er ſoll ſehr geſcheidt ſeyn,“ nahm Harley wieder auf. „Dies iſt er ſicherlich.“ „Und auch ziemlich ſchön. Aber Leonärds Geſicht ge⸗ fällt mir doch beſſer.“ „Beſſer— dies iſt nicht das rechte Wort. Leonards Geſicht iſt das eines Menſchen, der ſo oft in den Himmel geſchaut hat, und in dem von Mr. Leslie— oh, da iſt nir⸗ gends ein Wiederſtrahl von Sonne oder Sternenlicht.“ „Meine theure Violante!“ rief Harley hocherfreut und drückte ihr die Hand. Das Blut ſtrömte dem Mädchen nach Wangen und Stirne, und ihre Hand zitterte in der ſeinigen, Aber Harley's 1296 traulicher Ausruf hätte eben ſo gut von den Lippen eines Vaters kommen können. In dieſem Augenblick trat Helen leiſe auf die Beiden zu, blickte ſchüchtern ihrem Beſchützer in's Antlitz und ſagte: „Leonard hat ſeine Mutter zu ſich genommen und bittet mich, ſie zu beſuchen. Darf ich?“ „Ob Ihr dürft? Die Signorina wird eine ſchöne Vorſtellung von dem ſelaviſchen Zuſtand meiner Mündel erhalten, wenn ſie Euch eine ſolche Frage ſtellen hört. Natür⸗ lich dürft Ihr.“ „Wollt Ihr mich hinführen?“ Harley's Miene wurde verlegen. Er erinnerte ſich der Aufregung, welche die Wittwe bei Nennung ſeines Namens an den Tag gelegt hatte und wie ſie ihm Leonards Ger ſtändniß zufolge aus dem Wege gegangen war— ein Be⸗ nehmen, deſſen Grund er errathen zu können glaubte. Und eben dieſer Grund ließ ihm ein Zuſammentreffen mit ihr nicht wünſchenswerth erſcheinen. „Ein andermal alſo,“ ſagte er nach einer Pauſe. Helens Miene verrieth getäuſchte Erwartung; aber ſie ſprach nicht weiter. Violante war überraſcht ob dieſer unholden Antwort und würde ſie aus dem Munde eines Anderen als gefühllos getadelt haben. Aber Alles, was Harley that, war recht in ihren Augen. „Kann nicht ich mit Miß Digby gehen?“ ſagte ſie. „Meine Mutter wird uns begleiten. Wir beide kennen Mrs. Fairfield, und es wird uns freuen, ſie wieder zu ſehen.“ bet dig bez ter Bi deß unt me nes den te: ttet öne del ür⸗ der ens Ser Be⸗ Ind ihr ort los 1297 „Gut,“ verſetzte Harley.„Ich will bei Eurem Vater Eure Zurückkunft abwarten. Oh, und was meine Mutter betrifft, ſo wird ſie— wird ſie Mrs. Riccabveca entſchul⸗ digen— und Euch auch. Seht, wie ſie von Eurem Vater bezaubert iſt. Ich muß bleiben, um über den ehlichen In⸗ tereſſen des meinigen zu wachen.“ Aber Mrs. Riccaboeca beſaß zu viel gute alte ländliche Bildung, um die Gräfin zu verlaſſen, und Harley ſah ſich deßhalb genöthigt, ſich auf Lady Lansmere ſelbſt zu berufen. Nachdem ihr der Fall auseinandergeſetzt war, ſtand ſie auf und ſagte— „Ich will ſelbſt Miß Digby auf dieſem Beſuch begleiten.“ „Nein,“ verſetzte Harley ernſt, aber in Flüſterlauten⸗ „Nein— laßt dies. Ich will Euch ſpäter meinen Grund angeben.“ 5 „Dann muß ich darauf beſtehen,“ ſagte die Gräfin laut nach einem Blick der neberraſchung auf ihren Sohn, „daß Ihr, meine theure Madame, und Ihr, Signorina, euch durch mich nicht von dieſem Beſuch abhalten laßt. Ueber⸗ haupt habe ich eine vertrauliche Mittheilung zu machen an—“ „An mich?“ unterbrach ſie Riccabocca.„Ah, Madame la Comtesse, Ihr macht mich wieder zu einem Fünfund⸗ zwanziger. Geh hurtig.— O eiferſüchtiges und betrogenes Weib! Geht beide— ſchnell, und auch Ihr, Harley.“ „Nein,“ verſetzte Lady Lansmere in demſelben Tone, „Harley muß bleiben, denn vorderhand liegt es nicht in meiner Abſicht, Euer ehliches Glück zu ſtören, was immer auch die Folge bringen mag. Es handelt ſich dabei um eine Bulwer, meine Novelle. 82 1298 ſo unſchuldige Sache, daß mein Sohn daran theilnehmen wird.“ Die Gräfin näherte jetzt ihre Lippen Harley's Ohr und flüſterte. Er nahm lihre Mittheilung in aufmerkſamem Schweigen hin; aber als ſie fertig war, drückte er ihre Hand und nickte ihrem Vorſchlag Beifall zu. Einige Minuten ſpäter waren die drei Damen und Leonard auf dem Weg zu der benachbarten Hütte. Violanten ſagte ihr zarter innerer Sinn, daß Leonard und Helen einander viel müßten mitzutheilen haben, und da ſie ebenſowenig als Leonard ſelbſt von Helens Verlöbniß mit Harley unterrichtet war, ſo begann ſie bereits mit der ihrem Alter natürlichen Romantik dem Pärchen eine glück⸗ liche, vereinte Zukunft vorauszuſagen. Sie ergriff den Arm ihrer Mutter und überließ es Helen und Leonard, ihnen zu folgen. „Wie nur auch Miß Digby Lord LEstrange's Mündel geworden ſeyn mag!“ ſagte ſie nachſinnend.„Ich hoffe, ſie iſt nicht ſehr reich oder von ſehr hoher⸗Geburt.“ „Ei, meine Liebe,“ verſetzte die gute Jemima,„dies ſieht Dir gar nicht gleich. Du biſt doch nicht neidiſch auf das arme Mädchen?“ „Neidiſch?— Liebe Mama, welch ein Wort! Aber kömmt es Euch nicht vor, als ob Leonard und Miß Digby für einander geboren ſeyen? Und dann die Erinnerungen ihrer Kindheit— die Gedanken der erſten Jugend ſind ſo tief und die Rückblicke darauf ſo merkwürdig weich!“ Die langen Wimpern ſenkten ſich über Violantens ſinnige Augen, ein an fal we die Ler un ſü gel mi „n nen und tem hre und ard und niß der ück⸗ Arm nzu ndel offe, dies auf Aber igby ngen d ſo Die gen, 1299 als ſie ſo ſprach.„Und deshalb“— fuhr ſie nach einer Pauſe fort—„deshalb hoffte ich, Miß Digby möchte nicht ſehr reich und von nicht ſehr hoher Abkunft ſeyn.“ „Ich verſtehe Dich jetzt, Violante,“ rief Jemima, in welcher plötzlich ihre frühere Luſt zum Eheſtiften wieder auf⸗ tauchte;„denn wie ſehr ſich Leonard auch ausgezeichnet haben mag, iſt er doch nur der Sohn von Mark Fairfield, dem Zimmermann, und es wäre Alles verdorben, wenn Miß Digby, wie Du ſagſt, großen Reichthum beſäße oder einer hohen Familie angehörte. Ich bin ganz Deiner Meinung — ein recht hübſches Paar— in der That, ein prächtiges Pärchen. Ich wünſchte nur, daß Mrs. Dale hier wäre— ſie hat ſo viel Geſchick, dergleichen Dinge in Gang zu bringen.“ Mittlerweile gingen Leonard und Helen Seite an Seite einige Schritte hinter ihnen her. Er hatte ihr nicht den Arm angeboten, und noch keine Sylbe war zwiſchen ihnen ge⸗ fallen, ſeit ſie die Wohnung des Doktors verlaſſen hatten. Helen ſprach zuerſt. In ähnlichen Fällen iſt es ſtets der weibliche Theil, wie ſchüchtern er auch ſonſt ſeyn mag, der die Unterhaltung eröffnet. Helen war die kühnere, denn Leonard verhehlte ſich nicht die Beſchaffenheit ſeiner Gefühle, und ſie ſah ſich einem Anderen verlobt. Ihr reines Herz fühlte ſich ſtark in dem Vertrauen, das ihr geſchenkt ward. „Habt Ihr nie mehr von dem guten Doktor Morgan gehört, der Pulver gegen den Kummer hatte und es ſo gut mit uns meinte, obgleich“— fügte ſie erröthend bei— „wir es damals nicht gebührend erkannten?“ „Er nahm meinen kindlichen Engel von mir,“ ſagte 82* 1300 Leonard mit ſichtlicher Bewegung,„und wo vder was würde ich jetzt ſeyn, wenn er nicht zu mir zurückgekehrt wäre? Aber ich habe ihm vergeben. Nein, ich ſah ihn ſeitdem nicht wieder.“ „Und jener ſchreckliche Burley?“ „Der arme, arme Burley! Auch er iſt verſchwunden aus meinem gegenwärtigen Leben. Ich habe vielfache Nach⸗ fragen nach ihm gehalten, erfuhr aber nicht weiter, als daß er in's Ausland gereist ſey, wahrſcheinlich um für irgend ein Journal die Correſpondenz zu beſorgen. Ich möchte ihn wohl wieder ſehen, denn vielleicht könnte ich ihm jetzt helfen, wie er mir geholfen hat.“ „Euch geholfen— ah!“ Leonard lächelte und das Herz klopfte ihm, als er wieder den lieben, klugen, warnenden Blick hemerkte. Unwill⸗ türlich rückte er Helen näher. Es däuchte ihm, ſie ſey wieder mehr ihm und ihrem früheren Weſen zurückgegeben. „Er hat mir viel genützt durch ſeine Unterweiſung, vielleicht noch mehr durch ſeine Fehler. Ihr könnt Euch nicht vorſtellen, Helen— ich bitte um Verzeihung, Miß Digby, denn ich vergeſſe, daß wir keine Kinder mehr ſind— Ihr könnt Euch nicht vorſtellen, wie viel der Mann und vielleicht vornämlich der Schriftſteller, deſſen Aufgabe es iſt, das Gewebe menſchlicher Handlungen zu entwirren, ſogar ſeinen eigenen früheren Verirrungen zu danken hat; und wenn wir nichts aus den Fehlern Anderer lernten, ſo müßten wir in der That auf den Kopf gefallen ſeyn. Wir müſſen wiſſen, wo die Wege ſich ſcheiden, und uns merken, wohin ſie führen, eh' wir unſere Wegweiſer aufpflanzen ————— kö A rde ber den ch⸗ daß end ihn fen, er ill⸗ eder ng uch Riß und es ren, at; ſo Wir ken, zen — — — 1301 fönnen; denn im menſchlichen Leben ſind die Bücher nichts Anderes.“ „Bücher!— Und ich habe noch keines von den Eurigen geleſen. Und Lord LEstrange ſagt mir, daß Ihr bereits einen großen Ruf errungen habt. Gleichwohl ſeyd Ihr meiner eingedenk— des armen, verwaisten Kindes, das Ihr zuerſt am Grabe ſeines Vaters weinen ſaht und mit dem Ihr Euer junges, ohnehin ſo ſchwer belaſtetes Leben noch weiter überbürdetet. Nein, nennt mich immerhin Helen; Ihr werdet mir ſtets— ein Bruder ſeyn! Lord LEstrange fühlt dies und hat es auch gegen mich erklärt, als er mir ſagte, daß wir uns wiederſehen dürften. Er iſt ſo hoch⸗ herzig— ſo edel. Bruder!“ rief Helen plötzlich und bot ihm ihre Hand hin, während ein ſüßer, aber erhabener Ausdruck ihr ſanftes Antlitz überflog—„Bruder, wir wollen ſeine Achtung nie verſcherzen— wollen Beide unſer Beſtes thun, ihm zu vergelten. Wollen wir nicht?— ſprecht!“ Leonard fühlte ſich von widerſtreitenden und unerklär⸗ lichen Erregungen überwältigt. Die liebevolle Anrede rührte ihn faſt zu Thränen; der Druck der Hand, welche die ſeinige gefaßt hielt, durchzuckte ſein Innerſtes; und doch erfüllte ihn zugleich eine unbeſtimmte Furcht, eine Art Bewußtſeyn, daß den Worten ein tieferer Sinn zu Grunde liege— ein Etwas, das alle Hoffnung erſtickte. Und das Wort„Bruder“, ein Name, welcher ihm früher ſo theuer und koſtbar ge⸗ weſen— warum bebte er jetzt davor zurück? Warum konnte er nicht gleichfalls von dem ſüßen Namen„Schweſter“ Ge⸗ brauch machen? 1302 „Sie ſteht jetzt und immer hoch über mir,“ dachte er traurig, und der Ton ſeiner Stimme gewann fortan einen ganz anderen Charakter. Die Aufforderung zu Erneuung des früheren traulichen Verhältniſſes ließ ihm den Abſtand nur um ſo größer erſcheinen, und er enthielt ſich einer un⸗ mittelbaren Antwort darauf; denn eben jetzt wandte ſich Mrs. Riccabveca um, deutete auf das Häuschen, das mit ſeinen maleriſchen Giebeln auftauchte, und rief: „Iſt dies Eure Wohnung, Leonard? Ich habe nie ein ſo allerliebſtes Häuschen geſehen.“ „Ihr erinnert Euch alſo ſeiner nicht mehr,“ ſagte Leonard im Tone wehmüthigen Vorwurfs.„Es iſt der Ort, wo ich Euch zum letztenmal geſehen habe. Anfangs dachte ich ihn im alten Zuſtand zu laſſen, ſagte aber dann zu mir: Nein, die Erinnerung verwiſcht ſich nicht, wenn ich ſein Aeußeres mit den Anforderungen des Schönen zu vereinbaren ſuche. Je theurer die Erinnerung iſt, deſto natürlicher wird ihr das Schöne. Vielleicht verſteht Ihr dies nicht, vielleicht haben nur wir armen Dichter einen Sinn für ſolche Dinge.“ „Ich verſtehe es,“ entgegnete Helen ſanft und blickte gedankenvoll nach dem Häuschen hin. „Wohl verändert— ich habe mir es ſo oft vor die Seele gerufen— aber nie, nie ſo, wie dieſes. Und es war mir lieb, trotz ſeines gewöhnlichen Ausſehens. Auch das Dachſtübchen und der Baum in dem Hofe des Zimmermanns.“ Sie ließ dieſe Gedanken nicht laut werden. Die kleine Geſellſchaft hatte jetzt den Garten erreicht. ——— „—„——— —— er nen ung and un⸗ nen ein gte Ort, chte nir: ſein ren vird eicht ge. ickte die d es das ns.“ leine — —— 1303 Viertes Kapitel. Mrs. Fairfield fühlte ſich ſtolz, Mrs. Rieccabocca und Violante in ihrem großartigen Hauſe empfangen zu können; denn ſo erſchien ihr die Heimath, in welche der Knabe Lenny ſie eingeführt hatte. Die Wittwe war in der That immer ſtolz; aber ſie dachte, erſt dann ſey die Schale menſchlichen Glücks voll für ſie und ſie könne ihr Haupt ſtolz niederlegen, um zu ſterben, wenn ſie erſt einmal in dem Beſuchzimmer dieſes großartigen Hauſes Mrs. Hazeldean empfangen hatte, die hohe Dame, von der ihr ſo ſcharf der Tert geleſen worden war, weil ſie ſich weigerte, länger in dem von dem Squire gemietheten Hüttchen zu wohnen. Sie achtete nicht viel auf Helen, denn ihre Aufmerkſamkeit wurde zu ſehr von den beiden Damen in Anſpruch genommen, welche die alte Bekanntſchaft mit ihr erneuerten, und ſie führte dieſelben im ganzen Haus herum, ja ſogar in die Küche, ſo daß Helen eine Weile mit Leonard allein blieb. Der Schauplatz iſt das Studirzimmer des Letzteren. Helen hatte ſich, ohne es zu wiſſen, auf Leonards Stuhl geſetzt und überblickte mit beſorgter Theilnahme die umhergeſtreuten Papiere, die ſo ungeordnet ausſahen, obſchon in dieſer Unordnung Methode lag, welche freilich nur dem Eigenthümer klar war. Die ehr⸗ würdigen, wohlverbrauchten Bücher aus allen Sprachen überdeckten die Stühle, den Boden, kurz Alles, und ich muß geſtehen, daß der erſte Gedanke, welcher ſich Helens ord⸗ nungsliebendem weiblichem Sinn aufdrang, die Luſt war, Hand anzulegen, um den Stall zu ſäubern. 1304 „Der arme Leonard,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt.„Das ganze übrige Haus iſt ſo geputzt; aber Niemand nimmt ſich ſeiner und ſeines Stübchens an.“ Leonard lächelte, als hätte er ihren Gedanken etrathen, und ſagte: „Es wäre ein grauſames Wohlwollen gegen die Spinne, wenn auch die zarteſte Hand von der Welt es verſuchte, ihr Gewebe in Ordnung zu bringen.“ Helen.—„In früheren Tagen habt Ihr es nicht ſo gar arg gemacht.“ Leonard.—„Und doch fandet Ihr es ſelbſt damals für nöthig, das Geld in Eure Obhut zu nehmen. Ich habe jetzt mehr Bücher und mehr Geld. Meine dermalige Haus⸗ hälterin überläßt mir die Sorge für die erſteren, iſt aber in Betreff des letzteren Punktes weniger nachſichtig.“ Helen(ſchalkhaft).— Seyd Ihr noch immer ſo zer⸗ ſtreut wie früher?“ Leonard.—„Ich fürchte, ſogar noch mehr. Dieſe Angewöhnung iſt unbeſſerlich. Miß Digby—“ Helen.—„Nicht Miß Digby— Schweſter, wenn Ihr ſo wollt.“ Leonard(ein Wort umgehend, das einen ſo hinder⸗ lichen Verwandtſchaftsgrad in ſich faßt).—„Helen, wollt Ihr mir eine Gunſt erweiſen? Euer Auge und Euer Lächeln bejaht es. Ich bitte, legt nun für eine einzige Minute Euren Hut und Euer Halstuch bei Seite. Wie— über⸗ raſcht Euch dieſes mein Anſinnen? Könnt Ihr nicht begrei⸗ as ſich en, me, ihr ſo als abe us⸗ in er⸗ eſe ——— — 1305 fen, daß ich für eine ſo kleine Friſt Euch wieder heimiſch unter dieſem Dache ſehen möchte?“ Helen ſchlug die Augen nieder und ſchien beunruhigt; dann erhoben ſich die taubenartigen blauen Sterne wieder mit einer ſanften, engelgleichen Offenheit. Und als ſuche ſie Schutz gegen jede mögliche Anwandlung einer wärmeren Zu⸗ neigung, murmelte ſie abermals das Wort:„Bruder,“ und that, wie ſie gebeten worden war. So ſaß ſie da unter den beſtäubten Büchern, an ſeinem Tiſch und in der Nähe des offenen Fenſters. Ihr ſchones Haar war auf der Stirne geſcheitelt. Wie gut, wie ruhig, wie glücklich ſah ſie aus! Leonard wunderte ſich über ſeine eigene Faſſung. Sein Herz klopfte ihr entgegen mit ſo un⸗ ausſprechlicher Liebe, und wie gerne hätten ſeine Lippen geflüſtert:„Ach, daß es immer ſo ſeyn könnte, wie jetzt! Iſt Dir dieſe Heimath zu gering?“ Aber das Wort Bruder war ein Talisman zwiſchen ihr und ihm. Und doch ſchien ſie ſich ſo heimiſch zu fühlen— fühlte ſich auch ſicherlich heimiſcher, als in jenem ſteifen ſtattlichen Hauſe, in welchem ſie ſo bald die Rechte einer Tochter an⸗ treten ſollte. War dieſe Betrachtung vielleicht der Grund, warum ſie ſo plötzlich aufſtand und mit dem Ausdruck der Unruhe und des Kummers in ihrem Geſichte ſagte: „Doch— wir laſſen Lady Lansmere zu lange warten.“ Mit dieſen Worten nahm ſie haſtig Halstuch und Hut wieder auf. In demſelben Augenblick trat Mrs. Fairfield mit ihren Gäſten ein und begann ſich wegen ihrer Achtloſigkeit gegen 1306 Miß Digby zu entſchuldigen, in welcher ſie noch nicht Leonards kindlichen Engel kennen gelernt hatte. Helen nahm die Entſchuldigung mit ihrer gewöhn⸗ lichen Anmuth auf. „Euer Sohn und ich,“ ſagte ſie—„wir beide ſind zu alte Freunde; warum ſolltet Ihr gegen mich ſo viele Umſtände machen?“ „Alte Freunde?“ rief Mrs. Fairfield erſtaunt und die Augen weit aufſperrend. Und erſt jetzt betrachtete ſie die ſchöne Sprecherin neugieriger als ſie bisher gethan hatte. „Sie weiß recht artig zu ſprechen,“ dachte die Wittwe,„ſo artig wie Miß Violante, nur ſieht ſie demüthiger aus. Aber ihr Anzug— er iſt ſo ſchön, wie ich ihn gemalt nicht ſchöner geſehen habe.“ S Helen eignete ſich nun Mrs. Riecabocca's Arm zu, und nach einer freundlichen Verabſchiedung von der Wittwe traten die Damen den Rückweg nach Riecabveca's Wohnung an. Mrs. Fairfield aber eilte ihnen mit Leonards Hut und Handſchuhen nach, die der junge Mann vergeſſen hatte. „Der Tauſend, Junge,“ ſagte ſie in gutmüthigem Schmälen,„was würde aus den ſchönen Büchern werden, wenn Dir der liebe Gott nicht den Kopf zwiſchen den Schul⸗ tern hätte feſtwachſen laſſen. Ihr würdet's nicht glauben, Ma'am,“ fügte ſie gegen Mrs. Riccaboeca bei,„aber ſeit er Euch verlaſſen hat, iſt er nicht halb mehr der gewitzte Junge, der er war— zeitenweis ganz hilflos, Ma'am.“ Helen konnte ſich's nicht verſagen, ſich umzuwenden und Leonard mit einem ſchlauen Lächeln anzuſehen. — ds hn⸗ ind ele die die te. „ſo ber ner ind ten ind em en, ul⸗ en, er ge, nd 1307 Die Wittwe, welche dies bemerkte, etwiſchte Leonard beim Arm und flüſterte ihm zu: „Aber wo haſt Du denn das hübſche junge Frauen⸗ zimmer kennen gelernt? Alte Freunde!“ „Ach, Mutter, dies iſt eine lange Geſchichte,“ verſetzte Leonard wehmüthig.„Ihren Anfang habt Ihr gehört, und wer weiß, wie ſie enden wird.“ Und er machte ſich los. Aber Helen hing noch immer am Arm der Mrs. Riccabocca, und auf dem Rückwege kam es Leonard vor, als ſey der Himmel ganz winterlich geworden. Und doch befand er ſich an Violante's Seite, die nicht genug Worte zu Helen's Lobe finden konnte. Ach, es iſt nicht immer ſo angenehm, das Lob derer zu hören, die wir lieben, wie die Leute ſagen; denn oft ſchlägt es wie die höh⸗ nende Frage an unſer Ohr:„Welch ein Recht haſt du, auf deine Liebe Hoffnungen zu bauen? Alles liebt ſie.“ Fünftes Kapitel. Lady Lansmere ſah ſich kaum mit Rieccabocca und Harley allein, als ſie ihre Hand auf den Arm des Flüchtlings legte und ihn mit einem Titel anredete, den ſie früher umgangen hatte und der auch jetzt ihn mit ängſtlicher Aufregung zu er⸗ füllen ſchien. „Harley mußte mir, wenn er mich mit Euch zuſam⸗ menbringen wollte, Euer Incognito enthüllen,“ ſagte ſie, „da ich es ſonſt doch durchſchaut haben würde. Trotz Eurer — 1308 Galanterie erinnert Ihr Euch vielleicht meiner nicht mehr; aber zur Zeit Eures erſten Beſuchs in England trieb ich mich mehr in der Welt um, als jetzt der Fall iſt, und einmal war ich bei einem Diner in Carlton Houſe Eure Tafelnach⸗ barin. Nein, keine Complimente, ſondern hört mich an. Harley ſagt mir, Ihr habet Urſache, Euch zu hüten vor den Anſchlägen eines kühnen und gewiſſenloſen— Aben⸗ teurers, muß ich ſagen, denn Abenteurer finden ſich in allen Rangſtufen. Geſtattet Eurer Tochter, zu mir auf Beſuch zu kommen, ſo lang Ihr wollt. Bei mir wenigſtens wird ſie ſicher ſeyhn. Und wenn auch Ihr und die—“ „Halt, meine theure Madame,“ unterbrach ſie Rieca⸗ bocca mit großer Lebhaftigkeit;„Eure Güte überwältigt mich. Mit innigem Dank erkenne ich die wohlwollende Ab⸗ ſicht, die in der Einladung meines Kindes liegt; aber—“ „Nicht doch,“ fiel ihm Harley ins Wort.„Kein Aber. Ich kannte Anfangs die Abſicht meiner Mutter nicht, doch ſeit ſie mir dieſelbe zuflüſterte, und ich darüber nachgedacht habe, bin ich zu der Ueberzeugung gekommen, daß Ihr nichts Klügeres thun könnt. Euer Aufenthalt iſt Mr. Leslie be⸗ kannt, der ſeinerſeits in Beziehungen zu Peschiera ſteht. Wollen wir auch annehmen, daß Mr. Leslie rückſichtsvoll genug iſt, Euer Geheimniß zu bewahren, ſo habe ich doch Grund für die Annahme, daß der Graf ſeine Bekanntſchaft mit Euch muthmaßt. Audley theilte mir dieſen Morgen mit, er müſſe dies nicht gerade aus den Aeußerungen des jungen Mannes ſelbſt, wohl aber aus den Fragen entnehmen, welche Madame di Negra an ihn geſtellt habe; es unterliege — 1309 deshalb keinem Zweifel, daß Peschiera alle Schritte und Tritte Leslie's bewachen— und noch natürlicher, daß er namentlich meine— Bewegungen ausſpioniren laſſen werde. Wäre dieſer Menſch ein Engländer, ſo würde ich lachen über ſeine Umtriebe; aber er ſtammt aus Italien und iſt ein Ver⸗ ſchwörer geweſen. Weſſen er fähig iſt, weiß ich nicht; aber ein Meuchelmörder findet ſeinen Weg durch ein Heerlager und ein Verräther kann ſich durch geſchloſſene Thüren an den Herd ſeines Opfers ſchleichen. Bei meiner Mutter muß Violante ſicher ſeyn; dagegen könnt Ihr nichts einwenden. Aber warum wollt Ihr nicht ſelbſt auch kommen?“ Riccaboeca wußte auf dieſe Vorſtellungen, ſoweit ſie Violante betrafen, nichts zu erwiedern; ſie weckten im Ge⸗ gentheil aufs Neue den faſt abergläubiſchen Schrecken, mit welchem der Doktor ſeinen Feind betrachtete, und er ging be⸗ reitwillig darauf ein, daß Violante die Einladung annehmen ſollte. Dagegen lehnte er ſie für ſich ſelbſt und für Jemima ab. „Offen geſprochen,“ ſagte er einfach,„ich habe mir, als ich den engliſchen Boden wieder betrat, in meinem In⸗ nern gelobt, mit Niemand zu verkehren, der Kenntniß von der Stellung hat, welche ich in meinem Vaterlande ein⸗ nahm. Ich fühlte, daß ich aller meiner Philoſophie bedurfte, um mich an meine neue Lage zu gewöhnen und in die ver⸗ änderten Umſtände zu ſchicken. Es war für die arme ſchwache Menſchennatur unerläßlich, daß ſie ſich der Vergangenheit völlig entſchlug, wenn ſie ſich für die Gegenwart bei aller Dürftigkeit die Segnungen ſichern wollte, welche alle das Daſeyn adeln— Würde und Seelenfrieden. Ich wäre 1310 unglücklich, wenn ich in Euer Haus käme, um für eine Weile in Eurem Wohlwollen und in Eurer Achtung, ja in der ganzen Atmoſphäre Eurer Geſellſchaft zu träumen von dem, was ich war, und nachher, wenn ſich meine mehr als zwei⸗ felhaften Hoffnungen einer Rückberufung in die Heimath nicht verwirklichen ſollten, erwachen und für den Reſt meines Lebens als das mich finden müßte— was ich bin. Wäre ich allein, ſo könnte ich mich vielleicht der Gefahr anver⸗ trauen— aber meine Gattin! Sie iſt jetzt glücklich und zu⸗ frieden; würde ſie es auch ſeyn, wenn Ihr ſie einmal für die einfache Stellung eines Weibes des Doktor Riccabocca verderbt hättet? Müßte ich nicht ſtets Klagen, Hoffnungen und Befürchtungen hören, die in dem dünnen Mantel meiner Philoſophie nur eine ſchlechte Abwehr finden dürften? Sogar jetzt, da ich in einem Augenblick der Schwäche ihr mein Geheimniß vertraut habe, wird mir immer mein Rang' hin⸗ geworfen— freilich mit ſorgloſer Hand, aber es trifft den⸗ noch ſchwer. Kein Stein thut weher, als der, welcher zum Wurf den Trümmern des eigenen Hauſes entnommen wird und je größer dieſes Haus war, um ſo ſchwerer trifft uns auch der Stein. Meine theure Madame, ich empfehle die Tochter Eurem Schutz, da der Vater an der Kraft dazu ver⸗ zweifelt— aber verlangt nicht weiter.“ Riccabveca blieb hierin unerſchütterlich. Nachdem die Sache ſoweit bereinigt war, wurde noch weiter abgemacht, daß Violante unter keinem anderen Namen als unter dem einer Tochter des Doktor Riccabocca auftreten ſollte. „Und nun noch ein Wort,“ ſagte Harley.„Ver⸗ — —— —— — — S— N N 1311 ſchweigt gegen Mr. Leslie dieſe Uebereinkunft und laßt ihn nicht erfahren, wo Violante ein Unterkommen gefunden hat — wenigſtens nicht eher, als bis ich Euch zu dieſem Ver⸗ trauen ermächtige. Ihr müßt dieſen meinen Wunſch damit entſchuldigen, daß eine ſolche Mittheilung ja doch nutzlos iſt, wenn er ſie nicht beſuchen kann; denn wie ich Euch bereits ſagte, werden ſeine Bewegungen wahrſcheinlich beobachtet. Aus demſelben Grunde mögt Ihr ihn erſuchen, ſeinen Ver⸗ kehr mit Euch einzuſtellen. Laßt mir inzwiſchen Zeit, mein Urtheil über den jungen Mann zur Reife zu bringen; auch werde ich mittlerweile Gelegenheit finden, mich über die wahre Beſchaffenheit von Peschiera's Anſchlägen zu unterrichten. Seine Schweſter hat Schritte gethan, meine Bekanntſchaft zu machen, und ich will ihr Gelegenheit dazu geben. Wäh⸗ rend meines letzten Aufenthalts im Ausland habe ich Manches über ſie erfahren, was mich auf den Glauben bringt, daß ſie ſich unmöglich ganz zum Werkzeug des Grafen hergeben kann, wenn dieſer auf nackte Schurkerei ſinnt, und daß ſie einige edlere Eigenſchaften beſitzt, als ich ihr früher zutraute. Sie kann vielleicht ſeinem Einfluß entzogen werden. Es han⸗ delt ſich jetzt um den Kriegszuſtand, und wir wollen ihn nach dem Lager des Feindes hinüberſpielen. Ihr verſprecht mir, alle weitere Vertraulichkeit gegen Mr. Leslie einzuſtellen?“ „Vorderhand, ja,“ verſetzte Riccabveca mit Wider⸗ ſtreben. „Verſchweigt ihm ſogar, daß Ihr mich geſehen habt, wenn er Euch nicht zuvor mittheilt, daß ich in England ſey und Euren Aufenthalt zu erfahren wünſche. Ich will ihm 13¹2 volle Gelegenheit geben, dies zu können. Bst! Keine Ein⸗ wendung; Ihr kennt das italieniſche Sprüchwort— Pocca chiusa, et occhio aperto Non fece mai nissun deserto.“ Der geſchloſſene Mund und das offene Auge' und ſo weiter.“ „Dies iſt ſehr wahr,“ entgegnete der Doktor betroffen. „Sehr wahr. In boccha chiusa non c'entrano mosche'. Man kriegt keine Fliege in den Hals, wenn man den Mund geſchloſſen hält. Corpo di Bacco! dies iſt in der That ſehr wahr.“ Harley nahm den Italiener bei Seite. „Ihr ſeht, wenn auch unſere Hoffnung, das verlorene Packet aufzufinden, und unſer Glaube an die Beſchaffen⸗ heit ſeines Inhalts ſich als zu ſanguiniſch erweist, ſo dürfte ſichs doch fügen, daß ſchon nach wenigen Monaten Peschiera alle weiteren Eutwürfe auf Eure Tochter aufgeben muß. Vielleicht wird Euch dann ein Sohn geboren, und Vio⸗ lante hat keine Gefahr mehr zu befürchten, weil ſie aufgehört hat, eine Erbin zu ſeyn. Es wäre in der That nicht übel, Peschiera von dieſer Möglichkeit in Kenntniß zu ſetzen, da ſie ihn dazu veranlaſſen dürfte, mit ſeinen Anſchlägen zuzu⸗ warten, und wir können inzwiſchen den Beweismitteln nach⸗ ſpüren, die ſie für immer zu nichte machen.“ „Nein, nein— ums Himmels willen, nein,“ rief Ricca⸗ bocca mit aſchfahlem Geſichte.„Kein Wort gegen ihn. Ich will ihm keine Verbrechen in die Seele legen, deren er vielleicht nicht ſchuldig iſt, aber er hatte es auf mein Leben R⸗ era zio⸗ ört bel, da zu⸗ ca⸗ hn. ner ben 1313 abgeſehen, als er in Italien die Miethlinge gegen mich aus⸗ ſchickte, denen ich glücklich entrann. Seine Habſucht ließ ihn keinen Anſtand nehmen, gegen ſeinen Verwandten den Angeber zu machen und im Fall des Widerſtands Hunderte dem Schwert oder, wenn ſie ſich ergaben, dem Gefängniß zu überantworten. Wüßte er, daß meine Frau mir einen Sohn in Ausſicht ſtellt— wer kann ſagen, ob dann ſeine Anſchläge nicht einen ſchwärzeren und ungeheuerlicheren Charakter an⸗ nähmen, als derjenige iſt, mit dem er ſie in nicht minder ſchändlicher und ehrloſer Weiſe jetzt offen zur Schau trägt. Wäre das Leben meiner Gattin ſicher? Er würde es nicht ſchwieriger finden, Gift in mein Haus zu bringen, als mir die Tochter vom Herde wegzuſtehlen. Ihr müßt um des⸗ willen nicht gering von mir denken; aber wenn ich auf meine Gattin, meine Tochter und dieſen Menſchen hinblicke, ſo verwirren ſich meine Sinne, und ich kenne nur noch das ein⸗ zige Gefühl der Furcht.“ „Nicht doch— Eure Beſorgniß iſt übertrieben. Wir leben nicht in dem Zeitalter der Borgia, und wenn Peschiera zum Mord greifen wollte, ſo müßte die Furcht Eurer eigenen Perſon gelten.“ „Meiner eigenen Perſon— mir?“ rief der Flüchtling und richtete ſeine hagere Geſtalt in ihrer vollen Höhe auf. „Iſt es für einen Mann, der den Namen ſolcher Ahnen ge⸗ tragen hat, nicht genug Herabwürdigung, daß er fürchten muß für diejenigen, die er liebt? Furcht für mich ſelbſt! Muß ich aus Eurem Munde mich einen Feigling nennen hören?“ Bulwer, meine Novelle. 83³ 1314 Er wurde ruhiger, als er fühlte, daß Harley mit reuiger Bewunderung ſeine Hand faßte. „Seht,“ ſagte er, mit wehmüthigem Lächeln ſich an die Gräfin wendend,„wie der Umgang einer kurzen Stunde mit Euch die Gewohnheit von Jahren vernichtet. Doktor Riccabocca ſpricht von ſeinen Ahnen!“ Sechstes Kapitel. Der Leſer kann ſich denken, daß Violante und Jemima mit nicht geringer Ueberraſchung vernahmen, was während ihrer Abweſenheit in Betreff der erſteren beſchloſſen worden war. Die Gräfin beſtand darauf, die Signorina ſogleich mitzunehmen, und Riccabocca erklärte kurz, daß es um ſo beſſer ſey, je bälder es geſchehe. Violante war verwirrt und betäubt; Jemima dagegen beeilte ſich, die nothwendigen Dinge in ein Bündelchen zuſammen zu packen— ein Geſchäft, vas ſie nicht ohne manchen weiblichen Seufzer über die man⸗ gelhafte, dürftige Garderobe beſorgte. Unter die Anzugs⸗ artikel aber ließ ſie eine Börſe gleiten, welche die Erſparniſſe von Monaten, vielleicht von Jahren enthielt, und legte einige liebevolle Zeilen bei, in welchen ſie Violante bat, ſie möchte die Gräfin erſuchen, Alles, was für ihres Vaters Kind paſſend wäre, anzuſchaffen. Es liegt immer etwas Haſtiges und Unbehagliches in der plötzlichen unerwarteten Trennung, die ein ruhiges Hausweſen in einem ſeiner An⸗ gehörigen trifft. Die kleine Geſellſchaft machte ſich in noch kle vo me na kö eit zu ma end den ich ſo irrt gen äft, an⸗ gs⸗ iſſe gte ſie ers vas ten An⸗ och 1315 kleinere Gruppen zuſammen. Violante hielt ſich an ihren Vater und hörte nur mit halbem Ohr ſeine nicht ſehr licht⸗ vollen Erklärungen an. Die Gräfin näherte ſich Levnard und machte ihm nach der Weiſe vornehmer Perſonen, wenn ſie mit jungen Schriftſtellern zuſammen treffen, Complimente über ſeine Schriften, die ſie nicht geleſen hatte, obſchon ſie nach dem Urtheil ihres Sohnes ausgezeichnete Leiſtungen ſeyn mußten. Sie war ein wenig neugierig, zu erfahren, wo wohl Harley Mr. Oran, den er ſeinen Freund nannte, kennen gelernt hatte; aber ihre feine Bildung hielt ſie ab, deshalb eine Frage zu ſtellen, oder ihre Verwunderung dar⸗ über auszudrücken, daß Rang und Genius ſich im Band der Freundſchaft zuſammen finden konnten. So viel ſchien ihr ausgemacht zu ſeyn, daß ſich ihre Bekanntichaft im Ausland gebildet habe. Harley unterhielt ſich mit Helen. „Es thut Euch doch nicht leid, daß Violante zu uns kömmt? Sie ſteht in Euxen Jahren und wird für Euch eine Gefährtin ſeyn, wie Ihr ſie nur wünſchen könnt.“ Helen(unſchuldig).—„Es kömmt mich ſchwer an, zu glauben, daß ich nicht jünger ſey, als ſie.“ Harley.—„Warum, meine theure Helen?“ Helen.—„Sie iſt ſo prächtig— ſpricht ſo ſchön— und ich—“ Harley.—„Euch fehlt nur die Gewohnheit des Sprechens, um Euren ſchönen Gedanken Gerechtigkeit wiver⸗ fahren zu laſſen.“ Helen blickte dankbar zu ihm auf, ſchüttelte aber den 83* 13¹6 Kopf. Dies war ihr gewöhnlicher Kunſtgriff, wenn ſie gelobt wurde. Endlich waren die Vorbereitungen zur Abreiſe getroffen und man ſagte ſich Lebewohl. Violante ſaß im Wagen an Lady Lansmeres Seite. Langſam fuhr die ſtattliche Equipage mit ihren vier Pferden dahin. Die blanken Poſtillone trugen heraldiſche Abzeichen auf ihren Schultern— eine Mode, die man nur ſelten mehr in der Nähe von London wahrnimmt und die auch in den fernergelegenen Grafſchaften immer mehr in Abnahme kömmt. Lange ſahen Riccabvcca, Jemima und Schakeimo dem dahin rollenden Wagen von dem Gartenthor aus nach. „Sie iſt fort,“ ſagte Schakeimo und bürſtete ſich die Augen mit dem Rockärmel,„aber damit auch eine Laſt von unſerer Seele.“ „Und dafür eine andere auf dem Herzen,“ murmelte Riccabocca.„Weine nicht, Jemima; es könnte dir und dem Zukünftigen ſchaden. Es iſt erſtaunlich, wie die Stimmung der Mutter auf die Ungeborenen wirken kann, und ich wünſche nicht, daß mein Sohn mit einem mehr als gewöhnlichen Hang zu Thränen behaftet wäre.“ Der arme Philoſoph verzog den Mund zu einem Lächeln; aber es war nur ein kläglicher Verſuch. Langſam ging er in das Haus zurück und ſchloß ſich mit ſeinen Büchern ein. Doch mit dem Leſen wollte es nicht gehen. Sein ganzer Geiſt war aus den Fugen. Und obgleich er, wie alle Eltern, ein ſehnliches Verlangen danach getragen hatte, ſich für immer eine geliebte Tochter vom Hals zu ſchaffen, ſchien ihm fen an ge en die mt ner die on elte und die nn, als ln; er ein. nzer ern, für ihm 1317 doch, nun ſie fort war— freilich nur für eine Weile— eine Saite zerriſſen zu ſeyn in der Muſik der Heimath. Siebentes Kapitel. Am Abend deſſelben Tages war Egerton, der eine große Geſellſchaft zur Tafel geladen hatte, eben damit beſchäftigt, ſeinen Anzug zu wechſeln, als Harley zu ihm ins Zimmer trat. Egerton entließ ſeinen Kammerdiener durch ein Zeichen und machte in ſeiner Toilette fort. „Entſchuldige mich, mein lieber Harley, wenn ich dir nur zehn Minuten widmen kann. Ich erwarte einen der Herzoge von Geblüt, und Pünktlichkeit iſt die ſtrenge Tugend des Geſchäftsmanns, wie huldvolle Höflichkeit die der Fürſten. Harley hatte gewöhnlich einen Scherz für die Aphoris⸗ men ſeines Freundes; nicht ſo diesmal. Er legte ſeine Hand theilnehmend auf Egertons Schulter und ſagte: „Eh ich zu meinem Anliegen übergehe, ſag mir, wie du dich befindeſt— beſſer?“ „Beſſer?— Ei, ich bin immer wohl. Pah! Vielleicht ſehe ich ein wenig erſchöpft aus, denn Jahre der Anſtrengung ſind wohl geeignet, in einem Geſichte Spuren zurückzulaſſen; doch daran liegt nicht viel. Bei mir iſt's vorbei mit der Zeit, wo man ſich darum kümmert, wie man im Spiegel ausſieht.“ Während Egerton ſo ſprach, hatte er ſeinen Anzug be⸗ endigt. Er kam ſodann an den Herd und blieb daſelbſt ſo aufrecht und würdevoll wie gewöhnlich ſtehen. Er nahm ſich 13¹8 noch weit ſchöner aus, als mancher jüngere Mann, und ſein Körperbau ſchien noch hinreichend Kraft in ſich zu tragen, um noch für manches Jahr der traurigen Bürde Macht ge⸗ wachſen zu ſeyn. „Und nun, was haſt du auf dem Herzen, Harley?“ „Zuvörderſt wünſche ich, daß du mich bei der nächſten Gelegenheit Madame di Negra vorſtelleſt. Du ſagſt, ſie wünſche mit mir bekannt zu werden.“ „Iſts dein Ernſt?“ Ja „Wohlan denn, ſie empfängt dieſen Abend Geſellſchaft. Ich hatte zwar nicht im Sinn, zu ihr zu gehen, aber ſobald meine Gäſte aufgebrochen ſind—“ „Di kannſt mich in den Reiſenden abholen.— Ich bitte, thu es.“ „Ferner— du warſt mit Lady Jane Horton noch beſſer bekannt als ich— wenigſtens in dem letzten Jahr ihres Lebens.“ Harley ſeufzte, und Egerton wandte ſich ab, um im Feuer zu ſtören. „Haſt du in ihrem Hauſe nie eine Mrs. Bertram ge⸗ ſehen oder von ihr ſprechen hören.“ „Von wem?“ verſetzte Egerton mit hohler Stimme, indem er das Geſicht noch immer dem Feuer zugekehrt hielt. „Von einer Mrs. Bertram. Aber, v Himmel, mein lie⸗ ber Freund, was iſt mit dir? Biſt du krank?“ „Ein Herzkrampf— das iſt Alles— klingle nicht; es wird ſchnell vorüber ſeyn. Sprich fort. Mrs.— warum fragſt du?“ iiii— —,—————— ſein gen, ge⸗ ſten ſie haft. bald Ich eſſer ns.“ nim 1ge⸗ mme, hielt. n lie⸗ 1349 „Ich habe kaum Zeit, dir den Grund auseinander zu ſetzen. Du weißt, ich bin entſchloſſen, meinem alten italieni⸗ ſchen Freund zu ſeinen Rechten zu verhelfen, wenn anders der Himmel mir günſtig iſt, wie der Redliche wohl erwarten darf, ſo⸗ fern er die Hände nicht in den Schooß legt; und dieſe Mrs. Ber⸗ tram iſt in die Angelegenheiten meines Freundes verflochten.“ „In ſeine? Wie wäre dies möglich? Harley gab raſch und bündig die entſprechende Erklä⸗ rung. Andley hörte aufmerkſam zu; ſeine Augen waren auf den Boden gerichtet, und er ſchien noch immer ſchwer und an⸗ geſtrengt zu athmen. Endlich antwortete er: „Ich erinnere mich einigermaßen dieſer Mrs.— Mrs⸗ — Bertram. Aber deine Erkundigungen nach ihr werden vergeblich ſeyn. Ich glaube, gehort zu haben, daß ſie längſt todt iſt. Ja, ich weiß es gewiß.“ „Todt?— Dies iſt ſehr ſchlimm. Aber kennſt Du Niemand von ihren Verwandten oder Freunden? Fällt Dir kein Weg ein, wie etwa dieſes Packet aufzuſpüren wäre, wenn es in ihre Hände kam?“ „Nein.“ „Und Lady Jane hatte meines Wiſſens kaum eine andere Freundin, als meine Mutter, welche nichts von dieſer Mrs. Bertram weiß. Wie unglücklich! Ich denke, ich werde meine Zuflucht zu einem Aufruf in den Zeitungen nehmen müſſen. Doch nein. Ich könnte dieſe Perſon unter den vielen anderen ihres Namens nur dadurch näher bezeichnen, daß ich angäbe, mit wem ſie auf Reiſen ging, und dies würde Peschiera auf⸗ merkſam machen und zu Gegenminen veranlaſſen.“ 1320 „Und was könnte es nützen?“ entgegnete Egerton. „Sie, die du ſuchſt, iſt nicht mehr— iſt todt!“ Er hielt inne und fuhr dann raſcher fort:„Das Packet konnte erſt Jahre nach ihrem Tod in England angelangt ſeyn— wurde ohne Zweifel an die Poſt zurückgegeben— und iſt längſt vernichtet.“ Auf Harleys Geſicht zeigte ſich der Ausdruck ſchmerzlich getäuſchter Erwartung. Egerton ſprach gewiſſermaßen mechaniſch weiter, als ſeyen ſeine Gedanken nicht bei ſeinen Reden— trockene praktiſche Vorſtellungen, wie er durch Gewohnheit ſie ſich angeeignet hatte und die im Munde eines Weltmanns ſo ſehr darauf berechnet ſind, ſchwärme⸗ riſche Hoffnungen niederzuſchlagen. Dann fuhr er bei dem Schall des erſten donnernden Schlages an die Hausthüre auf und ſagte: „Horch, du mußt mich entſchuldigen.“ „Ich verlaſſe dich, mein lieber Audley. Fühlſt Du dich jetzt beſſer?“ „Viel— viel beſſer. Ich bin wieder ganz wohl. Es bleibt dabei; ich hole dich ab— wahrſcheinlich zwiſchen eilf und zwölf Uhr.“ Achtes Kapitel. Wenn an jenem Abend irgend Jemand noch mehr als die ſchöne Wirthin ſelbſt überraſcht war, Lord L'Estrange im Hauſe der Madame di Negra zu ſehen, ſo ließ ſich dies von S uf —— — 1321 Randal Leslie behaupten. Eine geheime Ahnung ſagte ihm, daß dieſer Beſuch ſeinen ſchließlichen Entwürfen in Beziehung auf Riecabocca und Violante, wie ſie ſich nun auch geſtalten mochten, Abtrag thun dürften. Doch er war nicht der Mann, der ſich durch den Hinblick auf einen Kampf geiſti⸗ ger Kräfte einſchüchtern ließ, ſondern vertraute im Gegen⸗ theil zu ſehr auf die Macht ſeiner Verſchlagenheit, um nicht jede Gelegenheit, ſie in Handlung zu ſetzen, mit Freuden aufzugreifen. Er konnte ſich nicht denken, daß der träge Harley es mit ſeiner raſtloſen Thätigkeit und ſeiner ſtarren Ausdauer erfolgreich aufzunehmen im Stande ſey. Gleich⸗ wohl wandelte ihn ſchon nach einigen Augenblicken eine Furcht an. Kein Mann ſeiner Zeit konnte einen glänzen⸗ deren Eindruck machen, als Lord L'Estrange, wenn er es wollte. Ohne viel Anſpruch auf jene perſoͤnliche Schönheit machen zu können, welche auf den erſten Blick hinreißt, war doch in ſeinem Aeußeren noch der ganze Zauber und in ſei⸗ nem Weſen die Anmuth zurückgeblieben, wodurch der Jüng⸗ ling zum gehätſchelten Liebling der Geſellſchaft wurde. Madame di Negra hatte nur einen kleinen Kreis um ſich verſammelt, der übrigens aus der dlite der großen Welt be⸗ ſtand. Man vermißte zwar darin jene ekeln und zurück⸗ haltenden dames du chateau, welche von den zwangloſeren und leichtfertigeren Angeberinnen des Tons als prudes lächerlich gemacht werden; gleichwohl ſah man hier Damen von eben ſo makelloſem Ruf als hoher Abkunft— tändelnde Coquetten vielleicht, weiter nicht, aber doch mit einem Wort, „bezaubernde Geſchopfe“— die fröhlichen Schmetterlinge, 1322 welche über das ſteife Blumenbeet hinflatterten. Außerdem ſah man in Madame di Negra's Geſellſchaft Geſandte und Miniſter, Witzlinge und glänzende Parlamentsredner, die vornehmen Stutzer nicht zu vergeſſen, welche in der Regel recht angenehme Männer ſind. Unter allen dieſen verſchie⸗ denen Perſonen ſchien ſich Harley, obſchon er der Londoner Welt ſo lange fremd geblieben war, mit der Leichtigkeit eines Alcibiades zu bewegen. Viele von den weniger jugend⸗ lichen Damen erinnerten ſich ſeiner und ſäumten nicht, die alte Bekanntſchaft durch Zunicken, Winken und lächelnde Lippen zu erneuern. Er hatte ein gewandtes Compliment für Jede; und in der That befanden ſich in dem Kreiſe der Männer ſowohl als in dem der Frauen nur wenige, für die Harley L'Estrange nicht eine eigenthümliche Anziehung hatte. Sein Ruf als Krieger und Freund der Wiſſenſchaften beſtach die Ernſten, ſein launiger Scherz die Fröhlichen, die Neu⸗ heit ſeiner Erſcheinung ſprach die Blaſirten an, und war er für die gemeineren Naturen nicht Lord LEstrange, der unver⸗ mählte Erbe eines alten Grafentitels und einer Jahres⸗ rente von etlich und fünfzigtauſend Pfunden? Erſt nachdem es Harley gelungen war, dieſen allge⸗ meinen Eindruck zu machen— und ich muß ſagen, daß er zu dieſem Ende alle ſeine Eigenſchaften aufbot, ſchickte er ſich an, ſeine Aufmerkſamkeit ernſtlich und vorzugsweiſe der ſchönen Wirthin zu widmen. Er nahm an ihrer Seite Platz, und aus Artigkeit gegen Beide zogen ſich allmälig alle weniger eifrigen Bewunderer zurück. Frank Hazeldean war der letzte, welcher ſeinen Poſten dem und die egel chie⸗ oner gkeit en⸗ die nde ment der r die atte. ſtach Neu⸗ r für nver⸗ hres⸗ ge⸗ daß ickte weiſe Seite nälig oſten —— 1323 hinter Madame di Negra's Stuhle aufgab. Erſt als er fand, daß die beiden italieniſch zu ſprechen anfingen und er von ihrer Unterhaltung kein Wort verſtehen konnte— der arme Junge mochte wohl auch fühlen, daß er in ſeiner dermaligen Lage eine ziemlich läppiſche Figur machte— zog er ſich zu Randal zurück, einen geheimen Fluch ausſtoßend über ſeine Eton⸗Erziehung, welche wegen Sprachen, die von längſt Geſtorbenen geſprochen wurden und von denen er wenig genug gelernt hatte, ſolche verabſäumte, die noch unter den Lebenden im Gang ſind und von denen er gar nichts verſtand. „Sagt mir doch,“ redete er ſeinen Freund an,„wie alt LEstrange ſeyn mag. Er muß verteufelt viele Jahre auf dem Rücken haben trotz ſeines Ausſehens. Er iſt ja bei Waterloo geweſen.“ „Er iſt jung genug, um einen furchtbaren Nebenbuhler abzugeben,“ verſetzte Randal mit argliſtiger Wahrheit. Frank wurde blaß, und ſein Kopf füllte ſich mit ſchreck⸗ lichen, blutdürſtigen Gedanken, von welchen Menſur und Lords Cricket Ground die Mittelpunkte bildeten. Allem Anſcheine nach war Grund für die Eiferſucht eines Liebhabers vorhanden, denn Harley und Beatrice unterhielten ſich jetzt leiſe, letztere in ſichtlicher Aufregung und LEstrange mit großer Angelegentlichkeit. Randal ſelbſt fühlte ſich mehr und mehr verwirrt. War Lord LEstrange wirklich in die Marcheſa verliebt? In dieſem Fall durfte er allen Hoffnungen auf Franks Verheirathung mit ihr den Abſchied geben. Oder ſpielte er bloß eine Rolle in Rieca⸗ bocca's Intereſſe und nahm die Maske des Liebhabers vor, 1324 um Einfluß auf ſie zu gewinnen, ihren Ehrgeiz zu benützen und in ihr eine Verbündete gegen ihren Bruder zu gewin⸗ nen? War dieſe Fineſſe mit Randals Anſichten von Harley's Charakter verträglich? Stand es im Einklang mit dem ritter⸗ lichen, ſoldatiſchen Ehrgefühl, das der offene Edelmann zur Schau trug, aus bloßer Kriegsliſt einer Dame den Hof zu machen? Konnte einfach die Freundſchaft zu Riccabocea ein zureichender Beweggrund für einen Mann ſeyn, der bei allen ſeinen Schwächen und Irrthümern den Stempel einer über Täuſchung erhabenen Seele an der Stirne trug, ſelbſt für einen edlen Zweck ſich zu ſo ärmlichen Mitteln herabzu⸗ würdigen? Bei dieſer Frage blitzte in Randal ein neuer Ge⸗ danke auf. Spekulirte vielleicht Lord L'Estrange ſelbſt darauf, Violante zu gewinnen, und ließ ſich daraus nicht die Mühe erklären, die er ſich wegen ihres Erbes an dem Wiener Hofe gegeben hatte und über die ſich Peschiera ſowohl als Beatrice ſo bitter beſchwerten? Die Einſprache, welche vorausſichtlich die öſterreichiſche Regierung einer Ehe Violante's mit einem unbekannten Engländer entgegenſetzte, fiel mit aller Wahrſcheinlichkeit einem Mann von Harley LEstrange's Stellung gegenüber hinweg, da ſeine Familie nicht nur Englands höchſtem Adel angehörte, ſondern auch ſtets jener politiſchen Richtung zugethan geweſen war, welche von den leitenden Kabineten Europa's befolgt wurde. Aller⸗ dings hatte ſich Harley ſtets von Politik fern gehalten; aber ſeine Anſichten waren ohne Zweifel die eines ariſtokratiſchen Soldaten, der ſeiner Zeit im Bunde mit Oeſterreich für die Wiedereinſetzung der Bourbonen den Degen führte. Und tzen in⸗ y's ter⸗ zur ein bei ner lbſt zu⸗ He⸗ lbſt icht em era che, he te, ley ilie uch che er⸗ ber en für nd 1325 muthmaßlich konnte nichts mehr dazu dienen, Violanten den ungeheuren Reichthum zu ſichern, der für ſie vielleicht ver⸗ loren ging, wenn ſie einen Mann wie Randal heirathete, als eine Verbindung mit dem Erben der Lansmere. Konnte Harley bei allen ſeinen eigenen Ausſichten blind ſeyn gegen einen ſolchen Preis— er, der ohne Zweifel aus ſeinem Briefwechſel mit Riccaboeca Kunde hatte von Violante's ſeltener Schönheit? Von dieſer Betrachtung und von ſeiner eigenen Wür⸗ digung der menſchlichen Natur ausgehend, hielt es Randal nur für allzu wahrſcheinlich, daß auch bei Harley die zar⸗ teren Berückſichtigungen der Ehre und deſſen, was den Frauen gebührt, einer ſo ſtarken Verſuchung weichen müßten. Bloſe Freundſchaft konnte kein hinreichend mächtiger Beweggrund ſeyn, ſie zu erſchüttern, wohl aber der Ehrgeiz. Während Randal ſich in ſolchen Gedanken erging, Frank vor Eiferſucht verzweifeln wollte und manche flüſternde Bemerkung über die Traulichkeit zwiſchen der ſchönen Wirthin und ihrem ausgezeichneten Gaſt die Ohren des brütenden Intrikanten und des unglücklichen Liebhabers erreichte, hatte die Unterhaltung der beiden Gegenſtände ſo vieler klatſch⸗ ſüchtiger Aufmerkſamkeit eine neue Wendung genommen. In der That war der Anſtoß dazu von Beatrice ausge⸗ gangen. „Es iſt lange her, mein Lord,“ ſagte ſie, noch immer italieniſch redend,„daß ich keine ſolche Sprache mehr hörte, wie die Eurige, und wenn ich mich ihrer nicht ganz unwerth fühle, ſo verdanke ich es dem Vergnügen, mit welchem ich 1326 hier Gemüthsergüſſe geleſen habe, die der Sprache der Welt, in welcher ich lebe, eben ſo fremd ſind.“ Sie nahm während dieſer Worte ein Buch von dem Tiſch.„Iſt Euch dieſes Werk ſchon zu Geſicht gekommen?“ Harley blickte nach dem Titelblatt. „Allerdings,“ entgegnete er,„und ich kenne auch den Verfaſſer.“ „Ich beneide Cuch um dieſe Ehre. Wie gerne möchte auch ich den Mann kennen, welcher mir die von mir nie er⸗ forſchten Tiefen meines eigenen Herzens aufgeſchloſſen hat.“ „Wenn dieſes Buch eine ſolche Wirkung hervorgebracht hat, bezaubernde Marcheſa, ſo glaubt mir, daß ich Euch kein falſches Compliment machte, ſondern Euer Weſen richtig gewürdigt habe; denn der ganze Zauber des Schriftchens liegt in der einfachen Anſprache an die guten und edlen Re⸗ gungen des Herzens, und es kann nur da Anklang finden, wo dieſe Regungen vorhanden ſind.“ „Hierin könnt Ihr unmöglich Recht haben. Warum iſt das Buch ſo populär?“ „Weil gute und edle Gefühle dem Herzen natürlicher ſind, als wir wiſſen, und wir erfahren dies erſt, wenn ſie ſich angeſprochen finden.“ „Verlangt von mir nicht, daß ich Eure Anſicht theilen ſoll. Ich habe die Welt ſo ſchlimm gefunden.“ „Haltet mir eine unartige Frage zu gut; aber was wißt Ihr von der Welt?“ Beatrice warf zuerſt einen erſtaunten Blick auf Harley und ſah ſich dann mit bedeutungsvoller Ironie im Zimmer um. lt, end er den hte er⸗ t.“ cht uch tig ens Re⸗ den, miſt cher ſie ilen was rley um. 1327 „Wie ich mir dachte; Ihr nennt dieſes kleine Zimmer die Welt. Sey es darum. Ich erlaube mir übrigens die Bemerkung: wenn ſich die hier anweſende Geſellſchaft plötz⸗ lich in das Auditorium eines Theaters verwandelte, und Ihr ſelbſt wäret ebenſo vollendet in der Kunſt mimiſcher Darſtellung, wie Ihr es in allen anderen ſeyd, welche die Herzen und den Geiſt bezaubern—“ „Nun?“ „Wolltet aber eine Rede verderbten und unſittlichen In⸗ halts vortragen, ſo würdet Ihr ausgeziſcht werden. Laßt aber jede andere Frau, die nur zur Hälfte Eure Eigenſchaf⸗ ten beſitzt, ſich erheben und ſüße, weibliche, ehrenhafte und erhabene Gefühle ausſprechen, ſo ertönt Beifall von jeder Lippe, und Ihr ſeht manches weltliche Auge in Thränen ſchwimmen. Der wahre Beweis von dem unſerer gemein⸗ ſamen Natur inwohnenden Adel gibt ſich in der Sympathie für das Edle kund, wo immer große Maſſen ſich verſammeln. Glaubt nie, daß die Welt ſchlecht ſey— wäre dies der Fall, ſo könnte ſich kein geſellſchaftlicher Verband auch nur einen Tag halten. Aber Ihr wünſcht den Verfaſſer dieſes Buchs kennen zu lernen? Ich will ihn bei Euch einführen.“ „Thut dies.“ „Und nun,“ ſagte Harley mit ſeinem offenen, gewinnen⸗ den Lächeln, indem er ſich von ſeinem Sitze erhob,„glaubt Ihr, daß wir Freunde werden können?“ „Ihr habt mich ſo beſtürzt gemacht, daß ich kaum zu antworten weiß. Warum ſolltet Ihr mein Freund werden wollen?“ 1328 „Weil Ihr eines Freundes bedürft. Ihr habt keinen.“ „Seltſamer Schmeichler!“ verſetzte Beatrice mit einem Lächeln, in dem aber viel Wehmuth lag. Sie blickte auf⸗ und ihr Auge begegnete dem von Randal. „Pah!“ ſagte Harley,„Ihr ſeyd zu klug, um zu glau⸗ ben, daß Ihr dort Freundſchaft einflößen konntet. Ah⸗ meint Ihr, ich habe, während ich mich mit Euch unterhielt, nicht wahrgenommen, wie ſich der wachſame Blick des Mr. Randal Leslie keinen Moment von uns verwandte? Ich weiß nicht, welches Band möglicherweiſe zwiſchen euch Bei⸗ den beſtehen mag, werde es aber bald erkunden.“ „In der That, Ihr ſprecht wie Einer aus dem alten Rathe von Venedig, und Ihr ſetzt mir ſo ſcharf zu, daß ich mich vor Euch fürchten muß,“ ſagte Beatrice und ſuchte den ernſteren Eindruck, den Harley auf ſie gemacht hatte, da⸗ durch zu verwiſchen, daß ſie zum Theil die Miene der Coquet⸗ terie, zum Theil die des leichten Sinnes erkünſtelte. „Und ich ſage Euch jetzt ſchon,“ entgegnete LEstrange mit Ruhe,„daß ich Euch nicht mehr fürchte.“ Er verbeugte ſich und machte einen Gang durch die Gruppen, um Audley aufzuſuchen, der in einer Ecke ſaß und ſich flüſternd mit einigen politiſchen Freunden unterhielt. Eh' Harley den Miniſter erreichte, traf er auf Randal und den jungen Hazeldean. Er verbeugte ſich gegen den erſteren und bot letzterem die Hand hin. Randal fühlte dieſe Unterſcheidung, und ſein finſterer, bitterer Stolz gerieth in Wallung— ein Gefühl des Haſſes gegen Harley durchzuckte ſein Inneres. n.“ nem auf, lau⸗ Ah⸗ ielt, Mr. Bei⸗ Uten ich den da⸗ uet⸗ ange die ſaß ielt. und erem und ein eres. 1329 Er freute ſich, als er bemerkte, daß Frank in kaltem Zögern die ihm dargebotene Rechte nur leicht berührte. Aber Mr. Leslie war nicht die einzige Perſon geweſen, deſſen lauernde Blicke Harley beobachtet hatte; auch die der zornigen Eifer⸗ ſucht in Franks Auge waren ihm nicht entgangen, und er ahnete die Urſache. Die Kälte, mit welcher der junge Gardevoffizier ſeinen herzlichen Gruß erwiederte, entlockte ihm daher nur ein Lächeln der Nachſicht. „Es geht Euch wie mir, Mr. Hazeldean,“ ſagte er. „Ihr denkt, bei jeder Höflichkeit, welche ihre Form von der Freundſchaft borgt, müſſe auch etwas von dem Herzen be⸗, theiligt ſeyn— „Die Hand des Douglas iſt ſein eigen.“ Harley zog jetzt Randal bei Seite. „Mr. Leslie, ein Wort mit Euch. Wenn ich von Euch den Aufenthalt des Doktor Riccabocca zu erfahren wünſchte, um ihm einen wichtigen Dienſt zu leiſten, würdet Ihr mir dieſes Geheimniß vertrauen?“ „Das Weib hat ihren Argwohn ausgelaſſen, daß ich den Bergewinkel des Flüchtlings kenne,“ dachte Randal und erwiederte dann mit einer ſeltenen Gegenwart des Geiſtes: „Mein Lord, dort ſteht ein Verwandter des Riccabveca. Sicherlich iſt Mr. Hazeldean die Perſon, an welche Ihr dieſe Frage richten müßt.“ „Nicht doch, Mr. Leslie, denn ich vermuthe, daß er keine Antwort darauf hat, wohl aber Ihr. Nun gut, ſo will ich Euch um etwas bitten, was Ihr mir, wie mich däucht, ohne Bedenken gewähren könnt. Wenn Ihr Doktor Bulwer, meine Novelle. 84 1330 Riccabocea ſehen ſolltet, ſo ſagt ihm, daß ich in England ſey, damit er je nach ſeinem Dafürhalten mit mir in Verkehr treten könne oder nicht. Aber vielleicht habt Ihr dies be⸗ reits gethan?“ „Lord LEstrange,“ entgegnete Randal mit einer tiefen Verbeugung,„entſchuldigt mich, wenn ich weder auf eine Einräumung, noch auf eine Ablehnung des Wiſſens eingehe, das Ihr bei mir vorausſetzt. Bin ich im Beſitz eines Ge⸗ heimniſſes, das mir Doktor Riccabveca vertraut hat, ſo baute er wohl auch ſo weit auf meine Vorſicht, daß ich es gehörig wahre; und was das Uebrige betrifft, ſo hat der ſchottiſche Graf, deſſen Worte Eure Herrlichkeit anführte, wohl ſchwerlich den Marmion nach Verweigerung ſeiner Hand zurückgerufen, um ihm— einen Botendienſt aufzutragen!“ Harley war auf dieſen Ton bei Mr. Egertons Schütz⸗ ling nicht vorbereitet, und ſein ritterliches Weſen fühlte ſich eher angeſprochen als verletzt durch einen Stolz, der wenigſtens einen unabhängigen Geiſt zu bekunden ſchien. Gleichwohl war LEstrange's Argwohn gegen Randal zu tief gewurzelt, um ſich ſo leicht beſeitigen zu laſſen, weßhalb er zwar höflich, aber doch mit verdecktem Spott erwiederte: „Ich muß mir Euren Vorwurf gefallen laſſen, Mr. Leslie, obſchon die Kränkung, die Ihr mir unterſtellt, nicht in meiner Abſicht lag. Ich bedaure mein unglückliches Citat um ſo mehr, da der Witz Eurer Erwiederung Euch nöthigte, mit Marmion in eine Parallele zu treten, der wohl ein geſcheidter und muthiger Mann, aber zugleich— ungemein tückiſch war.“ bre and kehr be⸗ efen eine ehe, Ge⸗ ſo ich der rte, an ütz⸗ hlte der ien. l zu halb erte: Mr. tellt, iches Euch der 1331 Und nachdem Harley ſo die Lacher auf ſeine Seite ge⸗ bracht hatte, ging er weiter, um ſich Egerton anzuſchließen, mit welchem er einige Minuten ſpäter das Zimmer verließ. „Was hat L'Estrange mit Euch geſprochen?“ fragte Frank.„Gewiß etwas von Beatrice?“ „Nein; es handelte ſich blos um ein poetiſches Citat.“ „Aber warum habt Ihr denn ſo unmuthig ausgeſehen, mein lieber Freund? Ich weiß, der Grund muß in Eurer guten Geſinnung gegen mich liegen. Wie Ihr ſagt, er iſt ein furchtbarer Nebenbuhler. Aber dies kann nicht ſein eigenes Haar ſeyn. Glaubt Ihr, er trage ein Toupet? Sicherlich hat er Beatrice gelobt. Man ſieht, daß er tief mit ihr drin⸗ nen iſt; aber ich halte ſie nicht für die Frau, die ſich durch bloſen Rang und Reichthum beſtechen läßt. Meint Ihr nicht auch? Ei, könnt Ihr nicht ſprechen?“ „Ich meine, wenn Ihr nicht bald ihre Einwilligung erringt, ſo iſt ſie für Euch verloren,“ entgegnete Randal und hatte in aller Stille das Haus verlaſſen, noch eh' ſich Frank von ſeinem Entſetzen erholen konnte. Neuntes Kapitel. Der erſte Abend im Hauſe des Grafen Lansmere ſchien für Violante glücklicher zu entſchwinden, als dies bei Helen der Fall geweſen war. Sie vermißte allerdings ihren Vater ſehr und einigermaßen auch Jemima; aber die Angelegen⸗ heiten des Erſteren waren in ihren Augen ſo innig mit 84* ſpielen und von Kleidern und Liebhabern zu ſprechen. Dieſes 1332 Harley verflochten, daß ſie ſich des unbeſtimmten Gefühls nicht erwehren konnte, Ihr Beſuch bei den Eltern von dem Freunde ihres Vaters ſey dazu beſtimmt, der Sache ihres Erzeugers Vorſchub zu leiſten. Und man muß geſtehen, daß die Gräfin ſich gegen ſie mit weit größerer Herzlichkeit be⸗ nahm, als ſie je gegen die Waiſe des Capitän Digby an den Tag gelegt hatte. Aber vielleicht beſtand der eigentliche Unterſchied in den Herzen der beiden Mädchen darin, daß Helen nur mit Ehrfurcht zu der Gräfin Lansmere aufblicken konnte, während Violante zu Lord L'Estrange's Mutter blos Liebe fühlte. Auch war die junge Italienerin eine von jenen Perſonen, mit welchen eine ſo abgemeſſene, förmliche Frau, wie die Gräfin war— um uns des üblichen Ausdrucks zu bedienen—„auskommen“ konnte. Bei Helen war dies nicht der Fall, da es bei ihrer Schüchternheit ſchwer hielt, ihr mehr als ſanfte einſylbige Worte zu entlocken. Und Lady Lansmere's Lieblingsthema war immer Harley. Helen ſchenkte ihren Reden mit Achtung und Theilnahme Gehör, Violonte that es aber mit forſchbegieriger Haſt und mit er⸗ röthendem Entzücken. Das Mutterherz bemerkte dieſen Unter⸗ ſchied zwiſchen den beiden Mädchen, und man wird es daher begreiflich finden, daß es ſich mehr Violanten als Helen zu⸗ wandte. Dazu kam, daß Lord Lansmere, wie die meiſten Gentlemen ſeines Alters, alle jungen Damen gemeinhin als eine harmloſe, liebenswürdige, aber ungemein einfältige Klaſſe des Genus Unterrock betrachtete, welche kein anderes Geſchäft hatte, als ſchmachtend auszuſehen, Klavier zu leb im im bis Arl ſich unt ſie hin unt vor Lar Fre unt lich we ber un La kan im Kn ſeit noc laf mi ühls dem hres daß be⸗ n liche daß icken tter von liche ucks dies ielt, Und elen hör, t er⸗ nter⸗ aher zu⸗ iſten als ltige eres r zu ieſes 1333 lebhafte, blendende Weſen mit der unendlichen Abwechslung im Blick und im Spiele ihres Geiſtes eroberte ihn daher im Sturm, feſſelte ſeine Aufmerkſamkeit und erwärmte ihn bis zur Galanterie. Helen ſaß in ihrer ſtillen Ecke bei der Arbeit und lauſchte bisweilen mit faſt wehmüthiger, obſchon ſicherlich nicht neidiſcher Bewunderung auf Violante's beredte und ungekünſtelte Kundgebungen ihrer Gedanken, während ſie zu anderen Zeiten ihren eigenen geheimen Träumen nach⸗ hing. Und mittlerweile nahm die Arbeit ihren Fortgang unter den geräuſchloſen kleinen Fingern. Dies war eine von Helens Gewohnheiten, welche die Nerven der Gräfin Lansmere nicht ertragen konnten. Sie verachtete die jungen Frauenzimmer, welche weibliche Beſchäftigungen liebten, und konnte ſich nicht vorſtellen, wie oft der holde jungfräu⸗ liche Geiſt nicht wegen Mangels an Gedanken, ſondern wegen der ſlillen Tiefe derſelben ſeine Zuflucht dazu nimmt. Violante war überraſcht und vielleicht unangenehm davon berührt, daß Harley vor dem Diner das Haus verlaſſen hatte und den ganzen Abend nicht zurückkehrte; aber als Lady Lansmere ihn durch geſchäftliche Abhaltungen entſchuldigte, kam ihr dieſe Gelegenheit ſo erwünſcht, von ſeinem Treiben im Allgemeinen, von den ſeltenen Verheißungen ſeiner Knabenjahre, von ihrem Bedauern über die Thatloſigkeit ſeines reiferen Alters und von ihren Hoffnungen, er werde noch den ihm inwohnenden Kräften Gerechtigkeit widerfahren laſſen, zu ſprechen, daß Violante faſt aufhörte ihn zu ver⸗ miſſen. Und als Lady Lansmere ſie nach ihrem Zimmer führte 1334 und mit einem zärtlichen Kuß auf ihre Wange zu ihr ſagte: „Aber Ihr ſeyd gerade ein Weſen, wie Harleys Herz es bedarf— ganz die Perſon, welche im Stand iſt, ihn aus den ſchwermüthigen Träumen zu wecken, die er vergeblich durch ſeinen wilden Humor zu bemänteln ſuchte“— da kreuzte Violante ihre Arme auf der Bruſt, und ihre glänzenden inni⸗ gen Augen ſchienen zu fragen:„Er ſchwermüthig?— und warum?“ Nachdem Lady Lansmere Violante's Zimmer verlaſſen hatte, hielt ſie vor Helens Thüre und trat nach kurzem Be⸗ ſinnen leiſe ein. Helen hatte ihr Mädchen entlaſſen und kniete in dem Augenblicke, als die Gräfin ihr Zimmer betrat, zu den Füßen ihres Bettes, das Antlitz mit ihren Händen verhüllt. Ihre Geſtalt ſo geſehen, nahm ſich ſo jugendlich und kindlich, die Haltung ſelbſt ſo heilig und rührend aus, daß der ſtolze und kalte Ausdruck auf Lady Lansmere's Geſicht entſchwand. Sie hielt unwillkürlich die Hand vor das Licht und ſetzte ſich ſchweigend nieder, um die Handlung des Ge⸗ bets nicht zu ſtören. Als Helen ſich erhob, war ſie nicht wenig beſtürzt, die Gräfin neben dem Feuer ſitzen zu ſehen, und fuhr haſtig mit der Hand über die Augen. Sie hatte geweint. Lady Lansmere bemerkte jedoch nichts von den Thränen⸗ ſpuren, die, wie Helen befürchtete, nur zu ſichtlich waren; ſie hatte zu viel mit ihren eigenen Gedanken zu ſchaffen, und als Helen ihr ſchüchtern nahete, ſagte ſie, das Auge noch immer guf das klare, niedrig brennende Feuer gerichtet:— te: es aus lich uzte nni⸗ und ſſen Be⸗ dem den üllt. und daß ſicht icht Ge⸗ die aſtig nen⸗ ſie als mer 1335 „Ich bitte um Verzeihung wegen meines Eindringens, Miß Digby; aber mein Sohn hat es mir überlaſſen, Lord Lansmere auf das Anerbieten vorzubereiten, mit deſſen An⸗ nahme ihr meinen Sohn beehrt habt. Ich habe mit dem Lord noch nicht Rückſprache genommen, und es können noch Tage vergehen, eh ſich eine paſſende Gelegenheit dazu findet. Indeß bin ich überzeugt, Euer eigenes Schicklichkeitsgefühl wird darüber mit mir einverſtanden ſeyn, daß man es dem Vater des Lord L'Estrange ſchuldig iſt, gegen Fremde von einer ſo wichtigen Angelegenheit in ſeiner Familie nichts verlauten zu laſſen, bevor ſeine Zuſtimmung erfolgt iſt.“ Die Gräfin ließ auf dieſe Anrede ein tiefes Schweigen folgen, und die arme Helen, welche ſah, daß auf die kalte Anſprache eine Antwort erwartet wurde, ſtammelte in kaum vernehmlichen Lauten— „Zuverläſſig, Madame; ich träumte nie von— „Das iſt recht, meine Liebe,“ fiel ihr die Gräfin ins Wort und erhob ſich plötzlich, als ſey ihr ein Stein vom Herzen genommen.„Ich zweifelte nicht daran, daß Ihr höher ſteht, als die gewöhnlichen Mädchen Eures Alters, welche in dergleichen Dingen keinen Augenblick ſchweigen können. Ihr werdet daher auch vorläuſig gegen die Freunde, mit welchen Ihr in brieflichem Verkehr ſteht, nichts von dem erwähnen, was zwiſchen Harley und Euch vorgefallen iſt.“ „Ich ſtehe mit Niemand in Briefwechſel— habe keine Freunde, Lady Lansmere,“ verſetzte Helen in ſchmerzlichem Tone, und es koſtete ſie Mühe, ihre Thränen zurückzuhalten. „Es freut mich dies zu hören, meine Liebe; es ſollte bei 1336 allen jungen Frauenzimmern der Fall ſeyn. Freunde, nament⸗ lich Freunde, die correſpondiren, ſind die ſchlimmſten Feinde, die ſie haben können. Gute Nacht, Miß Digby. Beiläufig, ich brauche Euch nicht darauf aufmerkſam zu machen, daß die junge italieniſche Dame, obſchon wir verpflichtet ſind, ihr mit aller Freundlichkeit zu begegnen, durchaus in keiner Be⸗ ziehung zu unſerer Familie ſteht, und Ihr werdet Euch des⸗ halb gegen ſie ſo vorſichtig benehmen, wie gegen Eure Correſpondenten— wenn Ihr das Unglück hättet, ſolche zu beſitzen.“ 2 Lady Lansmere ſprach die letzteren Worte mit einem Lächeln und drückte einen widerſtrebenden Kuß(einen ſtief⸗ mütterlichen) auf Helens vorwärts geneigte Stirne. Dann verließ ſie das Zimmer und Helen nahm den Sitz ein, welchen die ſtattliche unliebenswürdige Dame eben geräumt hatte. Abermals verhüllte ſie das Geſicht mit den Händen, und die Thränen entſtrömten aufs Neue. Aber als ſie ſich endlich erhob und das Licht auf ihre Züge fiel, da zeigte das ſanfte Antlitz wohl den Ausdruck der Wehmuth, mit welchem die Ergebung ſtatt der Hoffnung die Geduld hinnimmt, aber zugleich den einer heiteren Ruhe, wie ſie das Bewußtſeyn der Pflichterfüllung einzuflößen geeignet iſt. Zehntes Kapitel. Am andern Morgen erſchien Harley beim Frühſtück. Er war ſehr aufgeräumt und unterhielt ſich mit Violante zwe feck vo1 ſie ſo wü bo ent⸗ nde, ſig, daß ihr Be⸗ es⸗ ure zu tem ief⸗ ann hen tte. die lich nfte die ber eyn ick. nte 1337 zwangloſer, als er bisher gethan hatte. Er ſchien ſich ein Vergnügen daraus zu machen, Alles, was ſie ſprach, anzu⸗ fechten und ſie zum Streit herauszufordern. Violante war von Natur ſehr ernſt; aber ob ernſt oder heiter, ſtets ſprach ſie mit dem Herzen auf der Lippe und der Seele im Auge. Da ſie die leichte Ader von Harlehs Ironie noch nicht begriff, ſo erhitzte ſie ſich bis zum Aerger und war dabei ſo liebens⸗ würdig in ihrem Verdruß, der ihre Schönheit nur um ſo glänzender erſcheinen ließ und ihren Worten ein erhöhtes Feuer verlieh, daß es kein Wunder war, wenn Harley ſie ſo boshaft quälte. Aber vielleicht noch weniger als dieſes Schäckern gefiel ihr, obſchon ſie ſich ſelbſt keinen Grund dafür angeben konnte, die Art der Vertraulichkeit, welche Harley gegen ſie angenommen hatte; denn er that, als hätte er ſie ſchon ihr Leben lang gekannt, und benahm ſich gegen ſie wie ein ſcherzhafter älterer Bruder oder ein Onkel im Jung⸗ geſellenſtand. Gegen Helen dagegen, wenn er nicht bei Seite mit ihr ſprach, war ſein Benehmen achtungsvoller. Er nannte ſie nicht wie Violante bei ihrem Taufnamen, ſondern „Miß Digby“ und milderte ſeinen Ton und neigte den Kopf, wenn er mit ihr redete. Auch erlaubte er ſich keinen Scherz über die wenigen und kurzen Worte, die ſie ſich entlocken ließ, ſondern horte ſie im Gegentheil achtungsvoll an und zollte ihr ſtets Beifall. Nach dem Frühſtück bat er Violante, ſie ſolle ſich an das Piano ſetzen oder ſingen, und als ſie offen geſtand, wie wenig ſie dem Dienſt dieſer ſchönen Künſte ob⸗ gelegen hatte, überredete er Helen, eine Partie vorzutragen, wobei er ſich an ihre Seite ſtellte und die Blätter des 1338 Notenhefts mit der bereitwilligen Aufopferung eines bewun⸗ dernden Kunſtfreundes umkehrte. Helen ſpielte immer gut, aber an dieſem Tag weniger als gewöhnlich, da ſich ihr edles Weſen beſchämt fühlte. Es war ihr, als müſſe ihre Fertig⸗ keit Violanten wehe thun. Dieſe dagegen war eine ſo leiden⸗ ſchaftliche Verehrerin von Muſik, daß ſie in dieſer Beziehung dem Gefühl ihrer eigenen Mangelhaftigkeit keinen Raum gab. Gleichwohl ſeufzte ſie, als Helen vom Piano aufſtand und Harley ihr für das Vergnügen dankte, das ſie ihm be⸗ reitet hatte. Der Tag war ſchön. Lady Lansmere machte den Vor⸗ ſchlag zu einem Spaziergang im Garten. Während ſie ſich nach ihren Gemächern, begaben um ihre Hüte und Hals⸗ tücher zu holen, zündete Harley ſeine Cigarre an und trat durch die Fenſterthüre auf den Raſen hinaus. Lady war die erſte, die ſich ihm anſchloß. „Harley,“ ſagte ſie, indem ſie ſeinen Arm nahm,„welch eine bezaubernde Geſellſchaft haſt du bei uns eingeführt! Nie iſt mir ein weibliches Weſen vorgekommen, das mich ſo angeſprochen und entzückt hatte, wie dieſe liebe Violante. Die meiſten Mädchen, welche die Gabe der Rede beſitzen und es gewagt haben, für ſich ſelbſt zu denken, ſind ſo pedantiſch oder ſo männlich; aber ſie iſt immer ſo einfach und dabei doch das Mädchen. Ach, Harley!“ „Warum dieſer Seufzer, meine theure Mutter?“ „Ich dachte, wie vortrefflich ſie für dich gepaßt hätte— wie ſtolz ich darauf wäre, ſie als Schwiegertochter zu beſitzen ſet Il un⸗ ut, les tig⸗ en ung um and be⸗ or⸗ ſich s⸗ trat tere elch rt! nich nte. und iſch bei — . tzen 1339 — und wie glücklich du an der Seite einer ſolchen Gattin ſeyn müßteſt.“ Harley war betroffen. „Bst!“ ſagte er verdrießlich;„ſie iſt ein bloſes Kind. Ihr vergeßt meine Jahre.“ „Wie?“ entgegnete Lady Lansmere;„iſt nicht Helen von gleichem Alter mit Violante?“ „Den Jahren nach allerdings; aber Helen beſitzt einen geſetzten Charakter, und wie er jetzt iſt, wird er immer ſeyn. Zudem läßt ſie ſich aus Dankbarkeit, Achtung oder Mitleid herab, die Trümmer meines Herzens anzunehmen, während dieſe glänzende Italienerin die Seele einer Julia hat und von einem Gatten die ganze Glut eines Romeo verlangen würde. Nein, Mutter— ſtille davon! Habt Ihr vergeſſen, daß ich verlobt bin und zwar aus eigener freier Wahl? Die arme liebe Helen! Beiläufig, habt Ihr Eurem Vornehmen gemäß mit meinem Vater Rückſprache gehalten?“ „Noch nicht; ich muß dazu den rechten Augenblick er⸗ ſehen. Du weißt, daß bei meinem Lord Behandlung nöthig iſt.“ „Meine liebe Mutter, dieſer weibliche Wahn, uns Männer behandeln zu müſſen, veranlaßt euch Frauenzimmer zu unendlich viel Zeitverſchwendung und verurſacht uns viel Leid. Der Vater iſt leicht zu behandeln, wenn man wahr gegen ihn iſt; denn unſere Erziehung leitet uns darauf hin, die Wahrheit zu achten, wie befremdlich auch dies euch vor⸗ kommen mag.“ Lady Lansmere lächelte mit der Miene überlegener Weisheit und der Erfahrung einer Frau von Geiſt. 1340 „Ueberlaß dies mir, und du kannſt auf die Zuſtim⸗ mung deines Vaters bauen.“ Harley wußte, daß Lady Lansmere Alles bei ihrem Gatten durchzuſetzen verſtand, und fühlte zugleich, daß eine ſolche Verbindung natürlich dem Grafen unerwartet kommen mußte, deßhalb auch wohl zu befürchten ſtand, er dürfte, wenn man ihn nicht vorher gütlich ſtimmte, ſeinen Verdruß an Helen auslaſſen. Es wurde demnach Pflicht für ihn, ihr jede Möglichkeit einer ſolchen Demüthigung zu erſparen. Er wünſchte nicht, daß ſie glauben ſollte, ſie ſey in ſeiner Familie unwillkommen, und ſagte daher: „Ich vertraue meine Sache ganz Eurer Zuſage und Eurer Diplomatik an. Mittlerweile aber, wenn Ihr mich liebt, ſeyd freundlich gegen meine Verlobte.“ „Bin ich es denn nicht?“ „Hm! Benehmt Ihr Euch ſo gegen ſie, wie wenn ſie die große Erbin wäre, für welche Ihr Violante haltet?“ „Geſchieht es wohl darum,“ veiſetzte Lady Lansmere ausweichend,„geſchieht es darum, weil die Eine eine Erbin und die Andere es nicht iſt, daß du in deinem Benehmen gegen die Beiden einen ſo auffallenden Unterſchied machſt — daß du Violante wie ein verhätſcheltes Kind behandelſt, und Miß Digby wie—“ „Die künftige Gattin des Lord LEstrange und die Schwiegertochter der Lady Lansmere— ja.“ Die Gräfin unterdrückte einen ungeduldigen Ausruf, der ihr ſchon auf den Lippen ſchwebte, denn Harleys Stirne zeigte jenen ernſten Ausdruck, welcher ſelten und nur dann in ti B. 28 S— im⸗ rem eine men fte, ruß ihr ren. iner und nich enn t?“ ere bin nen chſt lſt, die uf, ne nun 1341 an ihm bemerklich war, wenn er unter dem Einfluß von einer jener Stimmungen ſtand, in welchen Männer keine Widerrede ertragen können, ſondern im Gegentheil der Be⸗ ſchwichtigung bedürfen. Nach einer Pauſe fuhr er fort: „Ich bin im Begriff, Euch zu verlaſſen, und habe mir in dem Clarendon eine Wohnung gemiethet. Ich beabſich⸗ tige, Eurem ſo oft gegen mich ausgedrückten Wunſche nach⸗ zukommen und mich den ſogenannten Vergnügungen meines Ranges, den Vorrechten des ledigen Standes hinzugeben. Ich will meinen Abſchied an den Cölibat feiern und auf Hyde Park und May Fair noch einmal glänzen mit der Pracht einer untergehenden Sonne.“ „Du biſt ein vollkommenes Räthſel. Unſer Haus ver⸗ laſſen, während es deine Braut zur Bewohnerin hat! Iſt dies ein Benehmen, wie man es von einem Liebhaber er⸗ warten ſollte?“ „Wie kann Euer Frauenauge ſo blöd und Euer weib⸗ liches Herz ſo ſtumpf ſeyn?“ antwortete Harley halb lachend, halb ſchmälend.„Könnt ihr nicht errathen, daß es mein Wunſch iſt, das Band des bloſen Schutzverhältniſſes zwiſchen mir und Helen in Vergeſſenheit zu bringen— daß eben die Vertraulichkeit unſeres Verkehrs unter einem Dache uns faſt verbietet die Rolle von Liebenden zu ſpielen— und daß uns dadurch die Freude des Wiederſehens und das Leid des Ab⸗ ſchieds benommen wird? Erinnert Ihr Euch nicht der Ge⸗ ſchichte von dem Franzoſen, der zwanzig Jahre eine Frau liebte und nie verſäumte, ſeine Abende in ihrem Hauſe zu⸗ zubringen? Sie wurde Wittwe. Ich wünſche Euch Glück', 1342 ſagte ſein Freund zu ihm; Ihr könnt jetzt die Frau hei⸗ rathen, die Ihr ſo lang angebetet habt.— Leider', verſetzte der arme Franzoſe in tiefer Niedergeſchlagenheit; und wenn ich's thue, wo ſoll ich meine Abende todtſchlagen?““ Jetzt traten Violante und Helen, traulich Arm in Arm geſchlungen, in den Garten. „Ich kann nicht einſehen, auf was deine witzige herzloſe Anekdote abzielt,“ verſetzte Lady Lansmere ſtarrſinnig. „Nun, mache dies meinetwegen mit Miß Digby aus. Aber am zweiten Tag aufbrechen, nachdem die Tochter deines Freundes als Gaſt bei uns eingezogen iſt— was wird ſie davon denken?“ Lord LEstrange faßte ſeine Mutter feſt ins Auge. „Liegt denn ſo viel daran, was ſie von mir denkt— von einem Mann, der mit einer Anderen verlobt und alt genug iſt, um—“ „Gäbe der Himmel, daß du nie von deinem Alter ſprächeſt, Harley, da dies einen Rückſtrahl auf das meinige wirft, und du biſt mir noch nie ſo gut ausſehend oder ſo ſchön vorgekommen.“ Mit dieſen Worten nahm ſie ſeinen Arm und ging mit ihm den beiden Mädchen entgegen. Dann führte ſie Helen bei Seite und fragte ſie, ob ſie wiſſe, daß Lord LEstrange in dem Clarendon eine Wohnung gemiethet habe, und ob ihr der Grund davon nicht bekannt ſey. Während ſie in dieſer Weiſe ein Geſpräch anknüpfte, ging ſie mit Helen weiter und ließ Harley an Violantens Seite zurück. art ſpr ſich unt ei⸗ tzte nn lter ige ſo mit len nge ob in len — 1343 „Ich fürchte, Ihr werdet es hier ſehr langweilig finden, armes Kind,“ ſagte er. „Langweilig! Aber warum muß ich in Euren Augen immer das Kind ſeyn? Bin ich denn ſo gar— ſo gar kindiſch?“ „Zuverläßig ſeyd Ihr für mich— ein bloſes Kind. Habe ich Euch nicht in den Lacken geſehen— nicht als kleines Würmchen auf den Armen getragen?“ Violante.—„Aber das iſt ſchon ſehr lange her.“ Harley.—„Wohl wahr. Aber wenn für Euch die Jahre nicht ſtille hielten, ſo ſind ſie auch für mich nicht ſtehen geblieben. Zwiſchen uns findet noch derſelbe Unterſchied ſtatt, wie damals. Und deshalb erlaubt mir, Euch noch immer Kind zu nennen und Euch als Kind zu behandeln.“ Violante.—„Daraus wird nichts. Wißt Ihr, daß ich bis auf dieſen Morgen immer meinte, ich könne nicht böſe werden?“ Harley.—„Und was hat Euch enttäuſcht? Habt Ihr vielleicht Eure Puppe zerbrochen?“ Violante(mit einem Blick der Entrüſtung aus ihrem dunklen Auge).—„Da!— Schon wieder!— Es macht Euch Freude, mich zu reizen.“ Harley.—„Es war alſo richtig die Puppe. Nein, Ihr müßt nicht weinen; ich will Euch eine andere bringen.“ Violante riß ſich von ſeinem Arme los und ging in ſprachloſem Zorn der Gräfin nach. Harley's Stirne furchte ſich in düſterer Gedankenfülle. Er blieb eine Weile ſtehen und ſchloß ſich dann den Damen an. 1344 „Ich verderbe Euch kläglich Euren Morgen; aber ich erwarte einen Beſuch, den ich herbeibeſcheiden ließ, noch eh' Ihr auf waret. Er wird um zwölf Uhr hier eintreffen. Mit Eurer Erlaubniß will ich morgen an Eurem Diner theil⸗ nehmen, und Ihr habt wohl die Güte, auch ihn dazu einzuladen.“ „Zuverläßig. Und wer iſt Dein Freund? Ich kann mir's denken— der junge Schriftſteller?“ „Leonard Fairfield!“ rief Violante, die ihren kurzen Unmuth bereits überwunden hatte oder ſich vielleicht deſſelben ſchämte. „Fairfield?“ wiederholte Lady Lansmere.„Ich meine, Du habeſt geſagt, ſein Name ſey Oran.“ „Er hat dieſen Namen angenommen. Er iſt der Sohn von Mark Fairfield, welcher eine Avenel heirathete. Habt Ihr keine Familienähnlichkeit an ihm wahrgenommen— keine mit jenen Augen, Mutter?“ ſagte Harley, indem er ſeine Stimme zu einem Flüſtern dämpfte. „Nein,“ entgegnete die Gräfin ſtotternd. „Als Harley bemerkte, daß Violante ſich mit Helen über Leonard unterhielt und keine von beiden auf ihn achtete, fuhr er in demſelben leiſen Tone fort: „Und ſeine Mutter— Nora's Schweſter— ſchrack zurück bei dem Gedanken, mich zu ſehen. Dies iſt der Grund, warum ich Euch von dem Beſuche bei ihr abhielt. Sie hat gegen den jungen Mann nichts über den Grund ver⸗ lauten laſſen, warum ſie mir aus dem Wege ging, und auch ich habe ihm noch keine Aufklärung darüber gegeben. Viel⸗ leicht unterlaſſe ich es für immer.“ ich eh' fen. eil⸗ en.“ ann rzen lben ine, ohn abt — dem elen ihn hrack und, Sie ver⸗ auch Viel⸗ 1345 „In der That, mein theurer Harley,“ entgegnete die Gräfin in ſanftem Tone,„auch ich wünſchte nur zu ſehr, Du könnteſt jene Thorheit— nein, ich will es nicht ſo nennen — den Schmerz Deiner Knabenzeit vergeſſen, um nicht zu hoffen, daß Du lieber ſolche peinliche Erinnerungen bekämpfen, als ſie durch unnöthiges Vertrauen gegen irgend Jemand erneuern werdeſt— am allerwenigſten aber gegen Ver⸗ wandte von—“ „Genug— keine Nennung des Namens, der immer ſchmerzlich auf mich wirkt. Und was das Vertrauen betrifft, ſo gibt es nur zwei Perſonen in der Welt, vor denen ich je die alten Wunden aufgedeckt habe— vor Euch und vor Egerton. Laßt dies vorüber ſeyn. Ha!— man läutet— er iſt es!“ Eilftes Kapitel. Leonard trat ein und ſchloß ſich der Geſellſchaft im Garten an. Die Gräfin benahm ſich, vielleicht ihrem Sohne zu Gefallen, mit mehr als gewöhnlicher Höflichkeit und aus⸗ gezeichneter Güte gegen ihn. Sie ſchenkte ihm mehr Auſ⸗ merkſamkeit als bisher, und war bei ihren Vorurtheilen über Geburt nicht wenig verwundert, als ſie in dem Sohne des Zimmermanns Mark Fairfield ſo durchaus den Gentleman anerkennen mußte. Er beſaß vielleicht nicht gerade den Ton und die Phraſeologie, deren ſtereotypes Gepräge die Convention denjenigen aufdrückt, welche in einer gewiſſen Bulwer, meine Novelle. 85⁵ 1346 Welt geboren und geſchult wurden; aber der Adel der Natur kann ſolche verbrauchte Kleinlichkeiten wohl miſſen. Und Leonard hatte letzterer Zeit wenigſtens in einer Geſellſchaft gelebt, die am heſten geeignet war, Sprache und Sitten zu veredeln— in der Geſellſchaft, wo die ſchönſten Ideen in die anmuthigſten Formen gekleidet werden und die, wenn gleich nur mittelbar, ſelbſt den Höfen Geſetze vorſchreibt— ich meine die Geſellſchaft der klaſſiſchen Schriftſteller aller Jahrhunderte, in welchen auf dem Boden der Civiliſation die Literatur ihre Blüten trieb. Und wenn ſchon in der ungemeinen Zartheit, welche ſich in Leonards Stimme, Miene und Benehmen kundgab, die Gräfin jene Vollkom⸗ menheit der feinen Bildung anerkennen mußte, die unter dem Namen„Anmuth“ den Weg zu den Herzen nicht verfehlt, ſo wurde ihr Intereſſe noch mehr geweckt durch eine gewiſſe gedämpfte Melancholie, die ſelten ohne Erhebung und nie ohne Zauber iſt. Er wechſelte mit Helen nur wenige Worte. Es ergab ſich blos eine einzige Gelegenheit⸗ die zu einer Beſprechung bei Seite hätte benützt werden können, und auch dieſer wußte Helen mit Gewandtheit auszuweichen. Sein Geſicht glänzte bei der herzlichen Einladung, welche die Gräfin Lansmere an ihn erließ, und ſein Blick ſuchte den von Helen, als er ſie annahm; aber ihr Auge war zur Erde geſenkt. „Und nun,“ ſagte Harley, indem er Nero pfiff, dem ſein Pflegling noch immer ſchweigend ſchmeichelte,„muß ich euch Leonard entreißen. Adieu euch Allen bis morgen zum Diner. Miß Violante, ſoll die Puppe blaue oder ſchwarze Augen haben?“ S ſc) ₰ z) c c tur Und aft zu nin enn — ller tion der me, kom⸗ dem ehlt, wiſſe nie orte. einer und chen. eche nvon ſenkt. ſein euch iner. lugen 1347 Violante richtete die eigenen ſchwarzen Augen in ſtum⸗ mem Flehen auf Lady Lansmere und ſchmiegte ſich an die Seite dieſer Dame, als ſuche ſie da eine Zuflucht gegen un⸗ würdigen Schimpf. Zwölftes Kapitel. „Der Wagen ſoll nach dem Clarendon fahren,“ ſagte Harley zu ſeinem Bedienten.„Ich gehe mit Mr. Oran zu Fuß nach der Stadt. Leonard, ich denke, es wird Euch Freude machen, wenn Ihr Euren alten Freunden, dem Doktor Riccabveca und ſeiner Tochter, dienen könnt?“ „Ihnen dienen?— Sicherlich!“ Und Leonards Erinnerung fühlte ſich plötzlich zu Vio⸗ lantens Worten zurückgeführt, als er vor ſeinem Abſchied von dem ruhigen Dörflein über die Trennung von Allen ſeufzte, die er liebte. Wie klang die ſtolze, aber doch tröſt⸗ liche Rede des kleinen ſchwarzäugigen Mädchens?„Ihr thut es, um denen zu dienen, die Ihr liebt!“ Mit leuchtendem, begierigem Blicke wandte er ſich gegen Harley. „Ich verſicherte unſeren Freund,“ fuhr Harley fort, „daß ich für Eure Ehre eben ſo gut wie für meine eigene bürge. Ich bin im Begriff, dieſen Worten Kraft zu geben und Euch die Geheimniſſe zu vertrauen, die Euer Scharf⸗ blick bereits geahnet hat— unſer Freund iſt nicht, was er ſcheint.“ Harley gab ſodann einen kurzen Umriß von der Ge⸗ 85* 1348 ſchichte des Flüchtlings; er unterrichtete Levnard von dem Rang, den Riccabveca in ſeiner Heimath begleitet hatte, und theilte ihm mit, wie derſelbe theilweiſe durch die trüge⸗ riſchen Verlockungen eines Freundes, dem er Vertrauen ſchenkte, theilweiſe durch den Einfluß eines Weibes, das er geliebt hatte, in Anſchläge verſtrickt wurde, von denen er glaubte, ſie beſchränken ſich auf die Befreiung Italiens von dem Joch der Fremdherrſchaft durch die vereinten Anſtren⸗ gungen ſeiner beſten und tapferſten Söhne. „Ein edler Ehrgeiz,“ unterbrach ihn Leonard;„und verzeiht mir, mein Lord, ich hätte nicht gedacht, daß Ihr davon in einem Tone ſprechen würdet, welcher Tadel in ſich faßt.“ „Der Ehrgeiz an ſich war edel,“ verſetzte Harley; „aber die Sache, welcher er dienen ſollte, wurde befleckt, weil ſie ihren Weg durch die geheimen Geſellſchaften nahm. Es iſt das Unglück aller gemiſchten politiſchen Verbindungen, daß die reinſten Beweggründe ihrer edleren Mitglieder durch die ſchmutzigen Intereſſen und wilden Leibenſchaften niedrig⸗ geſinnter Bundesgenoſſen getrübt werden. Wo ſolche Ver⸗ brüderungen offen, im Angeſicht des hellen Tages, unter den Augen der öffentlichen Meinung in Thätigkeit treten, be⸗ halten die geſünderen Elemente die Oberhand; wo ſie ſich aber ins Geheimniß einhüllen und der Würdigung durch eine unparteiiſche, leidenſchaftsloſe Beſprechung entzogen ſind— wo die im Dunkeln wirkenden Führer einen blinden Ge⸗ horſam fordern und Jeder, der im Krieg mit dem Geſetze ſteht, als ein Freund der Freiheit bereitwillige Aufnahme fint den geſ die den wet den kan geh in noc wü gei die der ita die telt Eit Ch tro ver die Rit hei dem tte, ige⸗ uen s er er von ren⸗ und Ihr ſich ley; eckt, hm. gen, urch rig⸗ Ber⸗ den be⸗ ſich eine Ge⸗ ſetze hme ————— 1349 findet, da iſt es, wie es die Geſchichte aller Zeiten lehrt, mit dem Patriotismus bald zu Ende. Wenn Alles öffentlich geſchieht, wird vorausſichtlich die öffentliche Tugend durch die natürlichen Sympathien des Gemeingeiſtes und durch den heilſamen Zügel der Scham die Herrſchaft gewinnen; wenn aber Alles geheim iſt und das Wort Scham nur für den Einen Sinn hat, welcher es nicht über ſich gewinnen kaun, ſeinem Gewiſſen abzuſchwören, ſo ſucht Jeglicher ſeinen geheimen Laſtern nachzuhängen. Und deshalb finden wir in den geheimen Geſellſchaften, aus denen für ganz Europa noch große Gefahr hervorgehen kann, nur ſchnöde, fluch⸗ würdige Eleuſinen, die einen Mantel abgeben für den Ehr⸗ geiz der Großen, für die Zügelloſigkeit der Unbemittelten, für die Leidenſchaftlichkeit des Rachſüchtigen und für die Anarchie der Hohlköpfe. Mit einem Wort, die Geſellſchaften der italieniſchen Carbonari erzeugten nur Anſchläge, mit welchen die fähigeren Führer neue Formen des Deſpotismus bemän⸗ telten, die revolutionsluſtige Menge aber den Umſturz aller Einrichtungen beabſichtigte, die zwiſchen dem Geſetz und dem Chavos lagen. Es war deshalb natürlich“— fügte L'Estrange trocken bei—„daß nach Entdeckung und Vereitelung ſolcher Complotte die ehrlichen Einfaltspinſel, welche ſich darein verſtricken ließen, die Geſchichte auszubaden hatten, während die Führer zu Angebern und die gemeinen Miethlinge zu Banditen wurden.“ Harley fuhr dann fort zu erzählen, daß der angebliche Riccabocca in dem Augenblicke, als er die wahre Beſchaffen⸗ heit und den endlichen Zweck der Verſchwörung entdeckt, auch 1350 ſich bereits von den Berathungen der Rebellen zurückgezogen hatte, von dem Verwandten, durch deſſen Tücke er in das Complot verflochten worden war und der jetzt die Früchte ſeines Verrathes genoß, angeklagt wurde. Die Erzählung führte zunächſt auf das Packet, welches Riccabveca's ſter⸗ bende Gattin muthmaßlich an Mrs. Bertram abgeſandt hatte, und auf die Hoffnungen, die man ſich im Falle der Auffindung von dem Inhalt deſſelben machen durfte. Dann berührte Harley den Plan, welcher Peschiera nach England führte und den dieſer Menſch unter ſeinen Genoſſen zu Wien mit ſolcher Schamloſigkeit auspoſaunt hatte, daß er ſich nicht entblödete, ſogar öffentlich Wetten auf das Gelingen des⸗ ſelben auszubieten. „Aber ſolche Leute kennen natürlich England und den ſicheren Schutz ſeiner Geſetze nicht,“ ſagte Leonard unſchuldig. „Wir nehmen es für ausgemacht an, daß Riccabocca, wenn ich ihn ſo nennen muß, die Einwilligung zur Verheirathung ſeiner Tochter mit ſeinem Feind verweigert. Wo iſt alſo die Gefahr? Selbſt wenn Violante ſich nicht unter dem Dach Eurer Mutter befände, ſo könnte dieſer Graf doch keine Gelegenheit finden, mit ihr bekannt zu werden. Man greift nicht mehr die Häuſer an und raubt Jungfrauen, wie es gelegentlich die Ritter des Mittelalters zu halten pflegten.“ „Alles Dies iſt ſehr wahr,“ entgegnete Harley.„Gleich⸗ wohl habe ich in meinem Leben oft gefunden, daß man Ge⸗ fahren nicht nach den äußeren umſtänden, ſondern nach dem Charakter derjenigen beurtheilen muß, von denen aus ſie drohen. Dieſer Graf iſt ein Mann von merkwürdiger Kühn⸗ en as hte ng er⸗ ndt der nn nd ien icht es⸗ den ig. enn ing die ach ine eift es n.“ ich⸗ Ge⸗ dem ſie hn⸗ 1351 heit und mit nicht gewoͤhnlichen natürlichen Talenten begabt, die er in allen Künſten der Doppelzüngigkeit und der Intrike geübt hat— einer von jenen Männern, welche ſich rühmen, daß ihnen Alles gelingt, was ſie angreifen; und im gegen⸗ wärtigen Fall wird er einerſeits durch Alles, was die Hab⸗ ſucht reizen kann, andererſeits durch den vollen Stachel der Verzweiflung geſpornt. Daher zweifle ich nicht, obſchon ich mir nicht denken kann, wie er die Sache angreifen mag, vaß er bereits mit aller Schlauheit ſeine Plane entworfen hat und ſie, ſobald er Violantens Aufenthalt entdeckt, mit der ihm eigenen Kühnheit verfolgen wird, wenn es uns nicht gelingt, der Gefahr durch die Zurückberufung des Vaters und durch die Enthüllung der hinterliſtigen Falſchheit vor⸗ zubeugen, durch welche Peschiera das Vermögen ſeines Ver⸗ wandten an ſich brachte. Während wir deshalb alle Minen ſpringen laſſen, um die vermißten ſchriftlichen Belege bei⸗ zubringen, müſſen wir namentlich auch Bedacht darauf neh⸗ men, uns wo möglich von den geheimen Schritten des Grafen Kenntniß zu verſchaffen, um ſie vereiteln zu können. Mit Vergnügen habe ich nun ſchon in Deutſchland in Erfahrung gebracht, daß ſich Peschiera's Schweſter in London befinde. Ich kenne den Charakter des Grafen und ſein Verhältniß zu diefer Dame hinreichend, um es für wahrſcheinlich zu halten, daß er ſuchen wird, im Nothfall ſie zu ſeinem Werkzeug und zur Mitſchuldigen zu machen. Peschiera iſt, wie Ihr aus ſeiner ſchamloſen Wette entnehmen mögt, keiner von jenen ſchleichenden Spitzbuben, die ſich die rechte Hand abhauen würden, wenn ſie wüßten, daß ſie die Thaten der linken ver⸗ 1352 rathen könnte, ſondern eher ein zuverſichtlicher, prahleriſcher Schurke von hohem Geiſt und ſo ſtumpfem Gewiſſen, daß auch die Schärfe ſeines Verſtandes darüber ſchartig wird. Dergleichen Leute müſſen Jemand haben, vor dem ſie ihre Fähigkeiten herausſtreichen und dem ſie ihre Entwürfe ver⸗ trauen können. Auch hat Peschiera Allem aufgeboten, um dieſe arme Frau ſo völlig von ſich abhängig zu machen, daß ſie ihm wohl oder übel als ſelaviſches Werkzeug dienen muß. Indeß habe ich einige Charakterzüge von ihr kennen gelernt, welche mir beweiſen, daß ſie nicht unzugänglich für das Gute iſt und Ehrgefühl beſitzt. Vor einigen Jahren nämlich benützte Peschiera die Bewunderung, die ſie einem reichen jungen Engländer einflößte, dazu, den Anbeter zum Spielen zu verlocken, und ſeine Schweſter ſollte ihm als Köder und als Werkzeug für die beabſichtigte Plünderung dienen. Sie ermuthigte jedoch die Bewerbungen unſeres Landsmannes nicht, ſondern warnte ihn vor der ihm gelegten Schlinge und bat ihn, den Ort zu verlaſſen, damit nicht ihr Bruder ihre Ehrlichkeit entdecke und dafür an ihr Rache nehme. Ich weiß dies aus dem Munde des Engländers ſelbſt. Und nun hoffe ich, dieſe arme Frau von Peschiera's In⸗ tereſſen abzuziehen und ſie zu bewegen, uns vor ſeinen An⸗ ſchlägen zu warnen, ohne dabei einen anderen, als den unſchuldigen und, wie ich meine, löblichen Kunſtgriff zu ge⸗ brauchen, daß wir ſie ihrem edleren Weſen wieder gewinnen und durch Berufung an die beſſern Triebfedern ihrer Natur ihnen eine andere als die ſo lange mißbrauchte Thätigkeit geben.“ der un kön chi ſeh ſpr gel bez Si — MN „ —————— Mit Bewunderung und nicht ohne Staunen erkannte Leonard das auffallend feine und ſcharfſinnige Urtheil, das Harley in den kurzen, klaren Strichen an den Tag legte, mit welchen er die Charaktere von Peschiera und Beatrice zeich⸗ nete; auch überraſchte ihn die Kühnheit, mit welcher derſelbe ein ganzes Syſtem von Handlungen auf einige Folgerungen gründete, die er ſeiner Würdigung menſchlicher Antriebe und charakteriſtiſcher Elemente entnahm. Unſer junger Freund hatte nicht erwartet, ſo viel praktiſchen Scharfblick bei einem Manne zu finden, der bei all ſeiner hohen Begabung ſonſt ſo gleichgültig, ſo träumeriſch und um die gewöhnlichen Dinge des Lebens ſo unbekümmert zu ſeyn ſchien. Aber Harley L'Estrange gehörte unter diejenigen, deren Kräfte nur ſo lange ſchlummern, bis Umſtände eintreten, welche ſie in Thätigkeit rufen— mit einem Worte, er bedurfte nur des ſpornenden Antriebs. Harley fuhr fort:— „Nach einer Unterhaltung, die ich geſtern Abend mit der Dame hatte, kam mir der Gedanke, daß bei dieſem Theil unſerer Diplomatik Ihr uns einen weſentlichen Dienſt leiſten könnet. Madame di Negra— dies iſt der Name von Pes⸗ chiera's Schweſter— bewundert Euren Genius und wünſcht ſehr, Euch perſönlich kennen zu lernen. Ich habe ihr ver⸗ ſprochen, daß ich Euch bei ihr einführen wolle, und werde Wort halten, muß aber zuvor eine Warnung an Euch er⸗ gehen laſſen. Die Dame iſt ſehr ſchön und in Wahrheit bezaubernd. Es wäre möglich daß ſich Euer Herz und Eure Sinne ihren Reizen gegenüber nicht probefeſt erhielten.“ 1354 „Oh, ſeyd um deßwillen unbeſorgt!“ rief Leonard in einem Tone ſo ernſter Ueberzeugung, daß Harley lächelte. „Vorher gewarnt iſt nicht immer auch vorher bewaffnet gegen die Macht der Schönheit, mein lieber Leonard; ich kann daher Eure Verſicherung nicht ſo unbedingt annehmen. Hört mich vorher. Gebt ſorgfältig Acht auf Euch, und wenn Ihr findet, daß ihre Reize Euch gefährlich werden könnten, ſo müßt Ihr mir mit Eurem Ehrenwort ver⸗ ſprechen, ſogleich das Feld zu räumen. Ich habe nicht das Recht, um Anderer willen Euch einer Gefahr auszuſetzen, und was immer die guien Eigenſchaften der Madame di Negra ſeyn mögen, ſo iſt ſie doch die letzte Perſon, in die ich Euch verliebt ſehen möchte.“ „Ich in ſie verliebt! Unmöglich!“ „Unmöglich iſt ein ſtarkes Wort,“ erwieberte Harley. „Indeß geſtehe ich unverhohlen zu, und dieſer Glaube allein rechtfertigt mich, Euch ihrem Zauber anzuvertrauen, daß ich, ſoweit ein Mann den anderen beurtheilen kann, ſie nicht für die Frau halte, welche geeignet wäre, Euch zu feſſeln. Auch werdet Ihr ſie mit einem geläuterten Blicke betrachten, wenn Ihr in Eurem Verkehr mit ihr den reinen, edlen Zweck nicht aus dem Auge verliert. Gleichwohl muß ich mir Eure Zuſage auf Ehrenwort erbitten.“ „Ihr habt ſie,“ entgegnete Leonard mit Entſchiedenheit. „Aber wie kann ich Riccabocea dienen?— wie ihm behülflich ſeyn zu—“ „Hört mich an,“ unterbrach ihn Harley.„Der Zauber Eurer Schriften beſteht darin, daß ſie uns, ohne daß wir ——— ——,—FHñjᷓj,— * ſit tr in es wiſſen, beſſer und edler machen. Und eben dieſe Schriften ſind nur die Kundgebungen Eures Geiſtes. Eure Unterhal⸗ et tung wird, ſobald Ihr erwarmet, dieſelbe Wirkung üben. ich Und wenn Ihr mit Madame di Negra vertrauter werdet, ſo n. wünſche ich, daß Ihr mit ihr von Eurer früheren Jugend nd redet. Schildert ihr den Flüchtling, wie Ihr ihn kennen en gelernt habt— ſo rührend bei allen ſeinen Schwächen, ſo er⸗ groß in Mitte der Entbehrungen nach ſeinem gefallenen as Glücksſtern, ſo wohlwollend trotz ſeines Brütens über dem en, garſtigen Macchiavel, ſo ſtachellos in ſeiner Schlangenweis⸗ di heit und ſo ſpielend ſchlau in ſeiner Taubeneinfalt— ich die überlaſſe die Ausführung des Bildes Eurer Kenntniß des Humoriſtiſchen und Pathetiſchen. Schildert ihr Violante, wie ſie ſich an Italiens Dichtern begeiſtert und in Träumen ey. von ihrem Vaterland ſchwelgt; gebt ſie mit all den Blitzen ein eines fürſtlichen Weſens, die aus der Niedrigkeit und dem daß Dunkel ihrer Lage hervorleuchten. Weckt in Eurer Zuhörerin icht Mitleid, Achtung und Bewunderung für ihre der Heimath n. beraubte Verwandte— und ich glaube, unſer Werk iſt ge⸗ ten, than. Sie wird zuverläßig in Eurer Darſtellung Diejenigen veck erkennen, welche ihr Bruder ſucht, und Euch genau aus⸗ ure forſchen, wo Ihr ſie kennen gelernt habt und wo ſie ſich jetzt befinden. Bewahrt dieſes Geheimniß wohl und erklärt ihr unverhohlen, daß es nicht das Eurige ſey. Gegen Eure flich Schilverungen und die Gefühle, welche ſie hervorrufen, wird ſie ſich nicht ſo in Acht nehmen, wie gegen die meinigen. ber„ Und es ſind noch andere Gründe vorhanden, die Euren wir'Einfluß auf dieſe Frau von ſo gemiſchtem Charakter 1356 unmittelbarer und wirkſamer machen können, als den meinigen.“ „Ich verſtehe nicht, was Ihr damit meint.“ „Glaubt es mir, ohne eine weitere Erklärung zu ver⸗ langen,“ entgegnete Harley. Er hielt es nämlich nicht für nöthig, Leonard zu ſagen: —„Ich bin reich und von hoher Herkunft— du aber der Sohn eines Handwerkers, der von ſeiner Thätigkeit lebt. Dieſe Frau iſt ehrgeizig und in bedrängten Verhältniſſen. Sie könnte Plane auf mich haben, welche den meinigen gegen ſie entgegenarbeiten würden. Du findeſt bereitwilliges Gehör bei ihr in Folge ihres Sinnes für das Gute im Poe⸗ tiſchen; aber ſie hat kein Intereſſe dabei, dich in ihr Joch zu nehmen— keinen Grund, dich zu verſtricken.“ „Und nun,“ fuhr Harley fort, indem er auf einen anderen Gegenſtand überging,„habe ich noch einen Zweck im Auge. Unſer thörichter weiſer Freund hat in dem Uebermaß ſeiner Aengſten Violante vor dem einen Schurken dadurch zu be⸗ wahren geſucht, daß er ihre Hand einem Manne verſprach, von dem ich, wenn mich meine innere Stimme nicht trügt, vermuthe, daß er gute Luſt hat, den anderen zu ſpielen. Soll dieſes reiche Leben, dieſer überquellende Geiſt jenem blutloſen Herzen, jenem kalten, erdwärts gerichteten Ver⸗ ſtande geopfert werden? Nein, nimmermehr!“ „Aber mit wem kann möglicherweiſe der Flüchtling bekannt geworden ſeyn, den Geburt und Vermögen zu einem paſſenden Gemahl für ſeine Tochter machen würden? Ihr ſeyd, meines Wiſſens, der einzige, mein Lord.“ 1357 „Ich?“ rief Harley ungeduldig und wechſelte die Farbe. „Ich eines ſolchen Weſens würdig? Ich— mit meinen Gewohnheiten! Ich— der weichliche Egoiſt! Und Ihr, der Ihr ein Dichter ſeyd— wie mögt Ihr ſolche Ungerechtigkeit begehen an einem Weſen, das zur Königin für die Träume eines Dichters geſchaffen zu ſeyn ſcheint!“ „Mein Lord, als wir jüngſt Abends um Riccabveca's Herd ſaßen, war ich ganz Ohr für ihre Reden, und beob⸗ achtete, mit welcher Aufmerkſamkeit Ihr den Zuhoörer machtet. Da ſagte ich zu mir ſelbſt in Folge der Kunde von der Menſchennatur, die uns Dichtern kömmt, ohne daß wir ſelbſt wiſſen, wie es zugeht— Harley LEstrange hat lange ſehnſüchtig zum Himmel aufgeblickt und hört jetzt das Rauſchen der Schwingen, die ihn hinauftragen können. Und dann ſeufzte ich, denn ich dachte, wie die Welt gegen unſeren Willen uns beherrſcht. Und ich ſagte: Wie ſchade für Beide, daß die Tochter des Verbannten in weltlichen Ehren nicht dem Sohne des Peers gleichſteht. Und auch Ihr ſtießt einen Seufzer aus, als ich ſo dachte, und ich bildete mir ein, daß Ihr das Eiſen der Kette fühltet, während Ihr die Muſik des Flügelſchlags vernahmt. Nun aber iſt die Tochter des Flüchtlings wirklich der Geburt nach Eures Gleichen, während Ihr nach Herz und Seele ihr ebenbürtig ſeyd.“ „Mein armer Leonard, Ihr raſet,“ verſetzte Harley mit Ruhe.„Und wenn Violante nicht zu der Braut eines jungen Fürſten beſtimmt iſt, ſollte ſie die eines jungen Dich⸗ ters werden.“ 1358 „Eines Dichters? O nein,“entgegnete Leonard lächelnd. „Wo der Dichter liebt, bedarf er der Ruhe.“ Harley war betroffen ob dieſer Erwiederung und ſann ſchweigend darüber nach. „Ich begreife,“ dachte er.„Es geht mir ein neues Licht auf. Der Mann, deſſen ganzes Leben ein einziges Ringen nach Ruhm iſt und deſſen Seele nur erſchöpft zur Geſellſchaft mit der Erde zurückſinkt, hat ein anderes Be⸗ dürfniß als die Liebe eines ihm ähnlichen Weſens. Er hat Recht— es iſt die Ruhe. In der That, trotz ſeiner Jugend liegt in ſeiner inneren Anſchauung doch eine weit tiefere Weisheit, als in aller meiner Erfahrung. Mir dagegen ſollte die Liebe Aufregung, Thatkraft, Erhebung verleihen. Aber ich habe gewählt, und an Helens Seite wird mein Leben wenigſtens ruhig hinſtrömen und mein Herd geheiligt bleiben. Mag das Uebrige ſchlafen in demſelben Grabe, wie meine Jugend.“ „Aber,“ hub Leonard an, der ſeinen edlen Freund theil⸗ nehmend aus einem Träumen wecken wollte, welches ihm ein ſchmerzliches zu ſeyn ſchien, obſchon er keine Ahnung von der wahren Urſache hatte—„aber Ihr habt mir noch nicht geſagt, wer der Verehrer der Signora iſt. Darf ich ſeinen Namen wiſſen?“ „Wahrſcheinlich einer, den Ihr nie gehört habt. Randal Leslie— ein Bureaumenſch. Ihr habt nichts vom Staats⸗ dienſt wiſſen wollen— Ihr thatet wohl daran.“ „Randal Leslie? Das wolle Gott nicht!“ rief Leonard in großer Ueberraſchung, als er dieſen Namen nennen hoͤrte. c — S ſ e⸗ on cht en al rd —— 1359 „Amen! Aber was wißt Ihr von ihm?“ Leonard erzählte die Geſchichte von Burley's Flugſchrift. Harley ſchien entzückt zu ſeyn über dieſe Beſtätigung ſeines Argwohns gegen Randal. „Der erbärmliche Prahler mit fremden Federn! Und voch bildete ich mir ein, er könnte furchtbar werden! Wie dem übrigens ſeyn mag— vorläufig weg mit ihm! Wir nähern uns dem Haus der Madame di Negra. Nehmt Euch zuſammen und vergeßt Euer Verſprechen nicht.“ Dreizehntes Kapitel. Einige Tage ſind entſchwunden. Leonard und Beatrice haben ſich bereits befreundet. Harley iſt zufrieden mit dem Bericht ſeines jungen Freundes und in der Zwiſchenzeit ſelbſt nicht unthätig geweſen. Er hat, obſchon hisher immer ver⸗ geblich, jede Spur von Mrs. Bertram aufzufinden geſucht und für dieſen Zweck einen Advokaten zum Beiſtand ange⸗ nommen, deſſen Bemühungen übrigens ebenſo fruchtlos ge⸗ blieben ſind. Zu gleicher Zeit hat er nicht verſäumt, ſich wieder in der Welt zu zeigen, und es gewinnt den Anſchein, daß er abermals Furore machen werde, obſchon ihm dabei immer noch Zeit geblieben iſt, ein paar Stunden von den vier⸗ undzwanzig des Tags in dem Hauſe ſeines Vaters zuzu⸗ bringen. Gegen Violante hält er ſtets den nämlichen Ton ein wie bisher, und ſie beginnt ſich daran zu gewöhnen, ob⸗ ſchon ſie es an ſcharfen Erwiederungen nicht fehlen läßt. 1360 Helen macht er fortwährend ruhig den Hof. Auch Leonard findet ſich häufig als Gaſt ein in der Behauſung des Grafen Lansmere, und Alles heißt ihn dort freudig willkommen. Peschiera hat kein Zeichen der mörderiſchen Anſchläge, die man ihm zutraut, von ſich gegeben. Er läßt ſich weniger in der Salonwelt blicken, trifft aber doch gelegentlich mit Lord LEstrange zuſammen, der, trotz der blendenden Eigen⸗ ſchaften des Grafen, gleich Rob Roy Macgregor ſich auf ſeiner„heimiſchen Haide“ befindet und gegen den Ausländer entſchieden im Vortheil iſt. Peschiera dagegen glänzt in den Cluben und ſpielt hoch. Gleichwohl vergeht kaum ein Abend, ohne daß er mit dem Baron Levy zuſammentrifft. Audley Egerton iſt fortwährend von Geſchäften in An⸗ ſpruch genommen und Harley hat nur ein einziges Mal einen Beſuch bei ihm gemacht. Bei dieſer Gelegenheit wollte der Letztere ſeine Meinung über Randal Leslie ausſprechen und dem Staatsmann die Geſchichte von Burley und der Flug⸗ ſchrift mittheilen. Aber Egerton ließ ihn nicht ausreden. „Mein lieber Harley, verſuche nicht, mir eine üble Mei⸗ nung von dieſem jungen Mann beizubringen. Ich will nichts zu ſeinem Nachtheil hören, da es doch nichts in dem Benehmen ändern würde, welches ich in Betreff ſeiner einzu⸗ ſchlagen gedenke. Er iſt der Verwandte meiner Gattin, und wie es ihr Wunſch war, daß ich mich ſeiner annehmen ſollte, ſo halte ich es nunmehr für meine Pflicht, für ſeine Laufbahn zu ſorgen. Indem ich den jungen Mann an mein Geſchick feſſelte, habe ich ihn nothwendig einem Berufe entzogen, in welchem er ſich bei dem Fleiß und den Talenten, die er „ 1361 in ungewöhnlichem Maße beſitzt, ein Vermögen erworben haben würde; mag er daher gut oder ſchlimm ſeyn, ſo will ich doch verſuchen, nach Kräften für ihn zu ſorgen. Außer⸗ dem habe ich, ſo kalt ich mich auch ſonſt gegen ihn benehme und ſo weltlich er auch ſeyn mag, ein Intereſſe— ich möchte ſagen eine Zuneigung zu ihm gefaßt. Er iſt mein Hausgenoſſe geweſen, iſt von mir abhängig, hat ſich ſtets lenkſam und klug benommen, und ich bin ein einzeln ſtehen⸗ der kinderloſer Mann. Deshalb ſchone ihn— Du ſchonſt mich, wenn Du es thuſt; und ach, Harley, es laſten eben jetzt ſo viele Sorgen auf mir, daß—“ „Oh, ſprich nicht weiter, mein lieber, theurer Audley,“ rief der edelmüthige Freund.„Wie wenig kennen Dich die Leute!“ Audley's Hand zitterte. Seine Nerven begannen die Wirkung der Anſtrengung zu zeigen. Mittlerweile befand ſich der Gegenſtand dieſer Zwie⸗ ſprache— das Muſter verkehrter Intelligenz, eines Geiſtes ohne Herz und eines Wiſſens, das kein anderes Ziel als die Macht kannte— in einem Zuſtand ängſtlicher und düſterer Verſtörtheit. Er wußte nicht, ob er Levy's Verſicherung von dem gänzlichen Ruin ſeines Beſchützers Glauben ſchenken ſollte, und es ſchien ihm ſogar eine Unmöglichkeit zu ſeyn, daß er der Wahrheit gemäß berichtet wurde, wenn er das große Haus in Grosvenor Square, ſeine mit Bedienten an⸗ gefüllte Halle und die von Silber funkelnden Seitentiſche in's Auge faßte. Hatte er doch nie einen Mahner im Vorzimmer geſehen, und kein Gewerbsmann war je genöthigt, zum Bulwer, meine Novelle, 86 zweitenmal mit ſeiner Rechnung zu kommen. Er äußerte gegen Levy die Zweifel, welche ihm dieſe Erſcheinungen ein⸗ ſtößten; aber der Baron hatte dafür nur ein unheilverkün⸗ dendes Lächeln und ſagte: „Allerdings werden die Gewerbsleute immer bezahlt; aber das Wie iſt die Frage. Randal, mon cher, Ihr ſeyd zu unſchuldig. Ich kann Euch nur zwei Stückchen Roth er⸗ theilen, und zwar in der Form von bekannten Sprüchwör⸗ tern: Kluge Ratten verlaſſen ein einſtürzendes Haus' und man muß Heu machen, wenn die Sonne ſcheint“ Beiläufig, Avenel hat großen Gefallen an Euch gefunden und ſpricht von dem Flecken Lansmere für Euch. Er beſitzt dort großen Einfluß. Laßt ihn nicht aus der Hand.“ Randal war in der That bei Mrs. Avenels soirée dansante geweſen und hatte ſie zweimal in ihrem Hauſe beſucht, dabei ſich ſehr höflich und einſchmeichelnd benommen und namentlich ihre Kinder bewundert. Sie beſaß deren zwei, einen Knaben und ein Mädchen, die viel Aehnlichkeit mit ihrem Vater und namentlich deſſen offenes, ehernes Ge⸗ ſicht hatten. Dadurch war er bei Mrs. Avenel in Gnaden gekommen, die ihrerſeits nicht verſäumte, auch ihren Gatten günſtig für den jungen Mann zu ſtimmen. Avenels Scharf⸗ blick entging die Schlauheit von Randals Geiſt nicht; er nannte ihn einen„Smart man“ und meinte,„er würde es in Amerika zu etwas gebracht haben“— das höchſte Lob, welches Dick Avenel je irgend Jemand zugeſtand. Aber auch in Dicks Geſicht waren Spuren von Sorge zu leſen. Bereits fing er an, über die Putzrechnungen ſeiner Frau zu brummen, und icks ger und 1363 er betheuerte mit einem Fluch, daß man„auch zu raſch vor⸗ wärts gehen könne.“ Randal hatte Doktor Riccabocea beſucht und gefunden, daß Violante verſchwunden war. Dem an Harley gegebenen Verſprechen zufolge weigerte ſich der Italiener, ihm ihren Aufenthalt zu nennen, und bemerkte verabredeter Maßen noch weiter, daß es klug ſeyn würde, wenn Randal die Be⸗ ſuche bei ihm ſelbſt einſtelle. Leslie, welchem dieſer Vor⸗ ſchlag nicht gefiel, verſuchte noch immer, ſich nothwendig zu machen, indem er mit Hinweiſung auf die in der Nähe lauernden Spione, um deren willen der Italiener haupt⸗ ſächlich ſich hatte hinreißen laſſen, Randal Violantens Hand anzubieten, auf ſeine Furcht einzuwirken gedachte. Aber Riccabocca wußte jetzt, daß der vermeintliche Spion Nie⸗ mand anders geweſen war, als ſein Nachbar Leonard, und ohne ſich dies merken zu laſſen, ſtellte er gerade den von Randal angezogenen Umſtand als einen neuen Grund dar, welcher die Einſtellung der Beſuche als räthlich erſcheinen laſſe. Dann hatte Randal in ſeiner ſchlauen, ruhigen und nur gedeckt auf ſein Ziel zugehenden Weiſe ausfindig zu machen geſucht, ob irgend ein Verkehr zwiſchen LEstrange und Riccaboeca ſtattgefunden habe. Seine gewöhnliche ſcharfblickende Schlauheit ließ ihn dies ſchon in Harley's Worten vermuthen. In Betreff dieſes Punktes war Ricca⸗ bocea weniger auf ſeiner Hut, oder wich vielmehr den Seiten⸗ fragen aus, ſtatt die Folgerungen daraus in Abrede zu ziehen. Randal begann bereits die Wahrheit zu muthmaßen. Wohin anders konnte möglicherweiſe Violante gegangen 86* 1364 ſeyn, als zu den Lansmeren? Dies bekräftigte ſeinen Arg⸗ wohn, daß Harley es auf ihre Hand abgeſehen habe. Und welche Ausſicht hatte er einem ſolchen Nebenbuhler gegen⸗ über? Er zweifelte keinen Augenblick, daß der Schüler des Macchiavel ihn über Bord werfen würde, ſobald ſich in Wirk⸗ lichkeit eine ſolche Verbindung für ſeine Tochter darbot. Der ränkevolle Mann ließ nun mit einemmal ſeinen Plan auf Violante fallen; denn ſie war entweder arm, und dann wollte er ſie nicht, oder ſie war reich, und dann vergab der Italiener ihre Hand an einen Andern. Sein Herz hatte mit der ganzen Sache nie etwas zu ſchaffen, und ſo fiel es ihm nicht ſchwer, der ſchönen Beute zu entſagen, ſobald ihre Erbſchaft mehr als zweifelhaft wurde; gleichwohl erfüllte es ihn mit ſchmerzlichen, rachſüchtigen Gedanken, daß er durch Lord LEstrange, den Mann, welcher ihn beleidigt hatte, erſetzt werden ſollte. Auch ſeine Anſchläge auf Frank waren noch nicht weiter vorgeſchritten, da ſchon ſeit mehreren Tagen Madame di Negra ſich ſowohl vor ihm, als vor dem jungen Hazeldean verläugnen ließ. Frank hatte bei dem ganzen Gefühl ſeines Unglücks auch Raum für den Aerger, und Randal muthmaßle, muthmaßte und muthmaßte— er wußte nicht genau was, aber doch, daß ihm der Teufel nicht ſo treulich an die Hand ging, als dieſem Vater der Lügen gegen einen ſo pflicht⸗ getreuen Sohn zuſtand. Indeß hielt er doch, aller dieſer Ent⸗ muthigung zum Trotz, ſo ſtarr und beharrlich ſeine Ueber⸗ zeugung feſt, ſein Plan müſſe dennoch gelingen— ſeine Zähigkeit unter Hinderniſſen war ſo groß, und ſein Auge ben lief blo änt wei ſchi das wu un Fä we ken un ſch ma ha ge we vor Le ſtä tre im ve we nd en⸗ es rk⸗ er auf llte ner der icht aft mit ord ſetzt iter di ean ines ßte, vas, mn icht⸗ Ent⸗ ber⸗ ſeine Auge 1365 bewachte die Zufälligkeiten, die ſich zu ſeinen Gunſten kehren ließen, ſo ſorgfältig, daß er nie ſeine Hoffnung aufgab und blos in untergeordneten Punkten ſeiner Hauptentwürfe Ver⸗ änderungen vornahm. Aus Berechnungen, die ungemein weit hergeholt zu ſeyn und keine Ausſicht zu verſprechen ſchienen, hatte er ſich ein Syſtem gedultiger Politik gebildet, das er mit aller Hartnäckigkeit verfolgte. In wie weit ſeine Reflerion und Geduld den ihm vorgeſetzten Zwecken dienlich wurde, werden wir in der Folge ſehen. Aber könnten wir unſere Verachtung gegen die Schlechtigkeit Randals von den Fähigkeiten trennen, die er in ſo niedrigem Dienſte ver⸗ wendete, ſo müßten wir uns geſtehen, daß doch etwas Aner⸗ kennenswerthes in dieſem ſtillen Selbſtvertrauen, in dieſer unbeugſamen Entſchloſſenheit liege. Wären ſolche Eigen⸗ ſchaften, unterſtützt von einem durchdringenden Geiſte, den man hier nicht in Abrede zu ziehen vermag, zu gemeinehren⸗ haften Zwecken verwendet worden, ſo hätte man auf Randal gegen fünfzig auserleſene Preisträger aus den Collegien wetten können. Doch haben wir auch jetzt Sachverſtändige von Gewicht und Metall, die dies thun, namentlich den Baron Levy, welcher zu ſich ſelbſt ſagt, während er das blaſſe ver⸗ ſtändige Geſicht und die ſchmächtige thatkräftige Geſtalt be⸗ trachtet:„Dies iſt ein Mann, der ſeinen Weg machen muß im Leben; er iſt werth, daß man ihm helfe.“ Und unter den Worten:„werth, daß man ihm helfe,“ verſtand Levy:„es lohnt ſich der Mühe, ihn in meine Ge⸗ walt zu bringen, auf daß er mir helfe.“ ——— 1366 Vierzehntes Kapitel. Das Parlament war zuſammengetreten, und Ereigniſſe, welche der Geſchichte angehören, hatten noch mehr dazu beigetragen, das Miniſterium zu ſchwächen. Randal Leslie ſah ſich völlig von der Politik in Anſpruch genommen, da ſeine ganze öffentliche Laufbahn davon abhing. Trat Audley ab, ſo konnte er, ſelbſt wenn es mit allen Ehren geſchah, von dieſer Seite her auf keine Hilfe mehr rechnen; aber Levys Rathe zu Folge ſeinen Beſchützer aufzugeben und ſich an einen Fremden— an einen unbekannten Fremden, wie Dick Avenel war, zu heften— dies war eine Politik, auf die er nicht ſo unbedingt eingehen konnte. Mittlerweile ſah man faſt jeden Abend, wenn das Haus ſeine Sitzungen hielt, jenes vlaſſe Geſicht und die ſchmächtige Geſtalt, in welcher ſich Levy die Schlauheit und Thatkraft verkörvert dachte, auf den Bänken der auserleſenen Fremden, welche von dem Sprecher Einlaßkarten erhalten hatten. Dort hörte Randal die großen Männer des Tages, und zwar mit jenem halb⸗ verächtlichen Staunen, welches man häufig genug unter den talentvollen jungen Männern von guter Erziehung findet, die noch nicht wiſſen, was es heißen will, im Haus der Ge⸗ meinen als Redner aufzutreten. Er hörte viel ſchlechtes Eng⸗ liſch und viel abgedroſchenes Räſonnement, aber auch manche beredte Gedanken und bündige Beweisführungen, oft in jenem ſtoßenden Ton vorgetragen, welchen man gemeiniglich den Parlamentston nennt, und oft von einem Geberdenſpiel begleitet, das den Direktor eines Provinzialtheaters zur Ver⸗ Lo all ſſe, zu lie ley on ys an die an les ſich auf em dal b⸗ den det, Ge⸗ ng⸗ che in lich piel 1367 zweiflung gebracht haben würde. Er meinte, um wie viel beſſer er ſelbſt ſprechen würde, als dieſe großen Herren, etwa einen oder zwei ausgenommen— mit welcher ſchlagenderen Logik, in welchem feineren Periodenbau und wie weit mehr einem Cicero oder Burke ähnlich. Wahrſcheinlich würde er es auch gethan und aus dieſem Grund den ſchlimmſten von allen ſchimmen Mißgriffen gemacht haben in dem Vortrag von einer trefflich geſprochenen Abhandlung. Eines mußte er übrigens einräumen, daß nämlich in einer volksthümlichen repräſentativen Verſammlung das Wiſſen nicht gerade Macht iſt, es ſey denn, daß unter dieſem Wiſſen ein genaues Kennen der beſagten Verſammlung und deſſen, was am beſten Anklang bei ihr findet, verſtanden wird. Leidenſchaftlichkeit, Schmähſucht, Hohn, kühne Deklamation, ein verſchmitzter Verſtand und jenes ſchnelle Fertigſeyn mit einer Erwiederung, das man ſo ſelten bei gründlicheren Denkern findet,— er mußte ſich geſtehen, daß dies die Eigenſchaften waren, welche verfingen, während der Mann, welchem nichts als„Wiſſen“ im gewöhnlichen Sinn des Worts zu Gebot ſtand, Gefahr lief, niedergehuſtet zu werden. Von hier aus bewachte Randal Audley Egerton, der ſich links von ihm als der vorletzte in der Reihe der Ka⸗ binetshäupter befand. Der Staatsmann hatte die Arme auf der Bruſt gekreuzt, den Hut tief in die Stirne gedrückt und verwandte muthvoll kein Auge von den Sprechern der Oppoſition, welche die Rednerbühne einnahmen. Und zwei⸗ mal hörte Randal ſeinen Beſchützer das Wort ergreifen, voll Spannung der Wirkung harrend, welche dieſer Miniſter her— 1368 vorbrachte. Denn von allen oben aufgezählten Eigenſchaften, welche, wie Randal bemerkte, am meiſten den Erfolg eines Redners ſicherten, beſaß Audley, aber in ausgezeichnetem Maße, nur den eindringenden Verſtand und die ſchnell fertige Erwiederung. Und doch ſchien, trotz des ſchwachen Zurufs von lärmenden Bravo's, kein Sprecher ſeine Freunde ſo zu befriedigen und ſeinen Feinden mehr Achtung einzuflößen. Das wahre Geheimniß davon lag in einem Umſtande, von dem Randal freilich keine Ahnung haben konnte, da er, trotz ſeiner alten Familie, ſeiner Etonererziehung und ſeines feinen Weſens, nicht zu den Gentlemen der Natur gehörte— wir meinen, das Geheimniß lag darin, daß Audley in Geberden, Blick und Sprache durchaus den ächten engliſchen Gentleman an den Tag legte— den Gentleman, der, mit mehr als gewöhnlichen Kenntniſſen und reicher Erfahrung ausgeſtattet, aufrichtig ſeine Anſichten ausſprach, ohne nach rhetoriſchem Effekt zu haſchen. Zudem war Egerton ein vollendeter Weltmann. Er faßte mit kräftiger Einfachheit das, was ſeine Partei von ihm verlangte, in Worte, und hob nament⸗ lich die Punkte hervor, welche auch die Gegner im Geheim als die ſtarke Seite der Frage anerkennen mußten. Ruhig und voll Anſtand, aber zugleich mit Feuerkraft, ohne viel Abwechslung im Tone und nur mit ſeltenem und mäßigem Geberdenſpiel, das aber gleichwohl die Wärme ſeines Eifers bekundete, wußte Audley Egerton auf den Verſtand des Blö⸗ veſten Eindruck zu machen und den Geſchmack des Ekelſten zu befriedigen. Einmal jedoch, als auf eine gewiſſe populäre Frage an Er ob kei an ne m de zu m S w en, es em ige ufs zu en. on rotz nen wir en, nan als tet, m eter vas ent⸗ eim hig viel gem fers Blö⸗ nzu rage ——— —— — ————— 1369 angeſpielt wurde, in deren Betreff der erſte Miniſter ſeinen Entſchluß angezeigt hatte, keine Zugeſtändniſſe zu machen, obſchon man wußte, daß im Kabinet ſelbſt über die Thunlich⸗ keit der Regierungsmaßregel eine getheilte Anſicht herrſchte — als ferner dieſen Anſpielungen unmittelbare Berufungen an Mr. Egerton,„den erleuchteten Vertreter einer großen Handelswählerſchaft“ folgten und der Redner den beſcheide⸗ nen Zweifel ausdrückte, ob„dieſer ſehr ehrenwerthe Gentle⸗ man, Mitglied für die große Stadt L—, der immer die Sache der Bürger vertreten habe, ſo weit hinter dem Geiſt der Zeit zurückbleiben koönne, wie das Haupt des Kabinets“— be⸗ merkte Randal, daß Egerton ſich den Hut noch tiefer in die Stirne drückte und flüſternd ſich an einen ſeiner Collegen wandte. Er war nicht zu bewegen, das Wort zu ergreifen. An jenem Abend ging Randal mit Egerton nach Haus und äußerte ſein Erſtaunen gegen ihn, daß er die, wie Randal meinte, ſo gute Gelegenheit zu einer von den kurzen und ge⸗ wichtigen Erwiederungen, um deren willen der Miniſter hauptſächlich im Rufe ſtand, unbenützt gelaſſen habe, obſchon er durch den lauten Zuruf des Hauſes„Hört!“ dazu einge⸗ laden worden ſey. „Leslie,“ antwortete der Staatsmann kurz,„ich ver⸗ danke alle meine parlamentariſchen Erfolge der einfachen Regel, daß ich nie gegen meine Ueberzeugung geſprochen habe. Und ſo will ich's auch halten bis zum Ende.“ „Aber wenn die Frage im Haus zur Abſtimmung kömmt, werdet Ihr dagegen ſtimmen?“ „Zuverläſſig; mein Votum iſt das eines Cabinetsmit⸗ 1370 glieds. Aber da ich weder der Führer noch das Munbſtück der Partei bin, ſo behalte ich mir das Recht vor, in der De⸗ batte nur meine eigenen Anſichten zu vertreten.“ „Ah, mein theurer Mr. Egerton,“ rief Randal, ver⸗ zeiht mir, aber dieſe Frage, mag das Recht da oder dort liegen, hat ſich tief in die oͤffentliche Meinung eingewurzelt. Ein kleines Zugeſtändniß zur rechten Zeit würde Alle zufrie⸗ den ſtellen, und wenn ich mir aus dem, was ich auf allen Wegen und Stegen höre, ein Urtheil bilden darf, ſo iſt es augenfällig, daß das Miniſterium abtreten muß, wofern es ſtarr auf ſeinem Entſchluſſe beharrt. Deßhalb würde ich wünſchen—“ „Es iſt auch mein Wunſch,“ unterbrach ihn Egerton mit einem düſteren, ungeduldigen Seufzer—„auch der mei⸗ nige. Aber was nützt es? Wenn mein Rath nur vor drei Wochen angenommen worden wäre— jetzt iſt es zu ſpät. Damals hätten wir die Klippe umſchiffen können; wir wollten es nicht und müſſen deshalb daran ſcheitern“ Dieſe Sprache klang aus dem Munde des beſonnenen und verſchloſſenen Miniſters ſo unerwartet, daß Randal ſich Muth faßte, mit einer Idee herauszurücken, die ſeine eigene Schlauheit eingegeben hatte.— Ehe wir jedoch fortfahren, muß ich bemerken, daß Egerton letzter Zeit viel mehr per⸗ ſönliche Zuneigung gegen ſeinen Schützling an den Tag ge⸗ legt hatte. Der ſtrenge Audley ſchien weicher und milder geworden zu ſeyn, ſey es nun, daß ſein Geiſt gebrochen war, oder daß wenigſtens auch die Feſtigkeit ſeiner ehernen Natur gebieteriſch das Bedürfniß fühlte, ihr Seufzen laut einem lie we nie ton ei⸗ rei ät. ten nen ſich ene er ge⸗ der ar, tur em ———— 1371 liebenden Ohr vertrauen zu lönnen. Dies war der Grund, welcher Randal zum Weiterſprechen ermuthigte. „Darf ich Euch mittheilen, was ich in Beziehung auf Cuch und Eure Lage auf den Straßen und in den Cluben äußern hörte?“ „Ja; die Straßen und die Clube ſind die Schule für Staatsmänner. Ich höre.“ „Wohlan denn, man wundert ſich allenthalben, warum Ihr nebſt einem oder zwei Andern, die ich nicht nennen will, nicht ohne Weiteres von dem Kabinet zurücktretet und als Grund dafür Eure Sympathie für die öffentliche Meinung in dieſer unwiderſtehlichen Frage angebet.“ „Wie?“ „Es iſt klar, daß Ihr durch einen ſolchen Schritt zum populärſten Mann im Lande würdet— klar, daß Ihr, getra⸗ gen vom Volk, die Macht wieder aufnehmen könntet, die Ihr abgegeben habt. Ohne Euch ließe ſich kein neues Ka⸗ binet bilden, und Eure Stellung in demſelben würde vielleicht für Euer ganzes Leben höher ſeyn, als die iſt, welche Euch möglicher Weiſe nur noch einige Wochen belaſſen bleibt. Iſt Euch dies nie eingefallen?“ „Nein,“ verſetzte Audley mit trockener Faſſung. Erſtaunt über ſolchen Stumpfſinn rief Randal: „Iſts möglich? Und doch glaube ich— verzeiht mir dieſe Bemerkung— daß Ihr ehrgeizig ſeyd und die Macht liebt.“ „Niemand iſt ehrgeiziger, und wenn Ihr unter Macht mein Amt verſteht, ſo iſt dieſes zur Gewohnheit meines 1372 Lebens geworden, und ich werde nicht wiſſen, was ich anfan⸗ gen ſoll, wenn ich es abgegeben habe.“ „Und wie konnte Euch nie einfallen, was mir doch ſo nahe zu liegen ſcheint?“ „Ihr ſeyd jung und deshalb vergebe ich Euch; aber ich dehne meine Verzeihung nicht auf die Schwätzer aus, welche ſich wundern können, daß Egerton unfähig iſt, Ver⸗ rath zu üben an den Genoſſen ſeiner ganzen Laufbahn und aus dem Verrath Vortheil zu ziehen.“ „Aber man ſollte doch das Vaterland mehr lieben, als eine Partei.“ „Ohne Zweifel— und das erſte Intereſſe eines Landes iſt die Ehrenhaftigkeit ſeiner öffentlichen Männer.“ „Aber man kann doch eine Partei verlaſſen, ohne daß man ſeine Ehre bloß gibt.“ „Wer zweifelt daran? Glaubt Ihr, ich würde einen Au⸗ genblick über die Richtung, die ich einzuſchlagen hätte, un⸗ ſchlüſſig ſeyn, wenn ich ein gewöhnliches unabhängiges Parlamentsmitglied wäre, dem durch keine Verpflichtung, fein geſchenktes Vertrauen die Hände gebunden ſind? O, daß ich nur der Vertreter von L— wäre! Aber wenn ein Ka⸗ binetsmitglied, ein Miniſter, auf welchen Tauſende ihr Ver⸗ trauen ſetzen, ſich plötzlich zurückzieht, weil er im Rath von ſeinen Amtsgenoſſen überſtimmt wurde, und dadurch die ganze Partei auflöst, die ihm ihr Vertrauen ſchenkte, deren Be⸗ lohnungen er geärndtet hat und der er die Stellung verdankt, welche er zu ihrem Verderben benützt— ſagt ſelbſt, ob der ſo Ha nic füͤc wi Ee un un da die de eit vo br ſa aß Au⸗ un⸗ ges ng, daß Ka⸗ er⸗ von nze Be⸗ nkt, r ſo 1373 Handelnde, ſelbſt wenn er von der beſten Abſicht geleitet iſt, nicht aller Tröſtungen ſeines Gewiſſens bedürfen wird.“ „Dieſe Tröſtungen werden Euch beruhigen. Und—“ fügte Randal mit Nachdruck bei—„welcher ungeheure Ge⸗ winn für Eure Laufbahn!“ „Gerade hievon könnte keine Rede ſeyn,“ entgegnete Egerton düſter.„Ich gebe zu, wenn ich wollte, könnte ich unter dem gegenwärtigen Miniſterium mein Amt niederlegen und ſo mit einemmale das Kabinet zur Auflöſung bringen, da meine Abdankung wegen eines ſolchen Grundes nothwen⸗ dig dahin führen müßte. Ich gebe dies zu. Aber eben deshalb könnte ich nicht bei der nächſten Combination wieder eintreten— es wäre der Lohn für den Treubruch; kein Mann von Ehre kann ſolchen Schimpf auf ſich laden. Und darum—“ Audley hielt inne und knöpfte den Rock über ſeiner breiten Bruſt zu. Die Handlung war bedeutungsvoll, ſie ſagte, daß der Mann ſeinen Entſchluß gefaßt hatte. Ob Audley Egerton in ſeiner Theorie Recht oder Un⸗ recht hatte, dies feſtzuſtellen müſſen wir feineren und vielleicht erhabeneren Anſichten von der Caſuiſtik politiſcher Pflichten überlaſſen, als die waren, welche der Miniſter mit ſeinem Charakter für verträglich hielt. Und ich verwahre mich da⸗ gegen, als wolle ich etwas zum Lob oder zum Tadel ſeiner Auffaſſungsweiſe ſagen, da ich ihn für ähnliche Fälle weder als ein nachahmungswerthes noch als unpaſſendes Vorbild aufzuſtellen gedenke. Ich ſchildere nur den Mann, wie er war, und wie ein Mann, wie er, werden mußte, unter den Verhältniſſen, in welchen er lebte, und in jener eigenthüm⸗ 1374 lichen Welt, zu welcher er ſo vorzugsweiſe als Mitglied ge⸗ hörte. Ce west pas moi, qui parle, c'est Mare Aurèle.“ Er ſpricht, nicht ich. Randal hatte keine Zeit, ſeinen Faden weiter fortzu⸗ ſpinnen. Sie hatten jetzt Egertons Wohnung erreicht. Der Miniſter nahm ſeinem Bedienten den Leuchter ab, nickte ſchweigend Leslie ein„Gute Nacht“ zu und zog ſich erſchöpft nach ſeinem Zimmer zurück. Fünfzehntes Kapitel. Doch nicht durch die angedrohte Frage wurde der er⸗ eignißreiche Parteikampf zur Entſcheidung gebracht. Das Kabinet fiel weniger durch eine Schlacht, als durch Schar⸗ mützel. An einem Montag wurde der verhängnißvolle Streich geführt. Eine langweilige Finanz⸗ und Ziffernfrage ſtand auf der Tagesordnung. Es wurden nur wenige proſaiſche Reden gehalten. Die Vertreter der Regierung verhielten ſich ſtumm, den Kanzler des öffentlichen Schatzes und einen Aktenwurm aus der Handelskammer ausgenommen, welch letzteren das Haus kaum anzuhoͤren ſich herabließ. Das Haus war nicht in der Stimmung, ſich mit trockenen That⸗ ſachen und Zahlen behelligen zu laſſen. Früh am Abend, zwiſchen neun und zehn Uhr, erſcholl die kräftige Stimme des Sprechers:„Die Fremden haben ſich zu entfernen!“ Aengſtlich und mit ſchlimmen Ahnungen erfüllt erhob ſich Randal von ſeinem Sitz und ging auf die Thüre zu. Dort ang Aut mit rück hin Zal läch Läc hein jun ziel ein hal vor wit ver ebe ver mu ba rei ode eb ſei u⸗ er kte pft er⸗ as ar⸗ eich and ſche ten nen elch Das hat⸗ end, nme n!“ angelangt wandte er ſich, um noch einen letzten Blick auf Audley Egerton zu werfen. Der Beitreiber flüſterte eben mit dem Miniſter, welcher jetzt den Hut von der Stirne zu⸗ rückſchob und ſeinen Blick über das Haus und die Gallerieen hingleiten ließ, als berechne er in der Geſchwindigkeit das Zahlenverhältniß der beiden im Feld ſtehenden Heere; dann lächelte er bitter und warf ſich in ſeinen Sitz zurück. Dieſes Lächeln konnte ſich Leslie nicht aus dem Sinn ſchlagen. Unter den Fremden, welche ſich für die Dauer der ge⸗ heimen Abſtimmung entfernen mußten, befanden ſich viele junge Männer, die, wie er ſelbſt, zu der Regierung in Be⸗ ziehung ſtanden— theils durch Verwandtſchaft, theils durch eine Stelle. Die Herzen pochten laut in den gefüllten Vor⸗ hallen, und man hörte manches unheilverkündende, traurige Geflüſter.„Man ſpricht, die Regierung habe eine Majorität von Zehn.“„Nein; ich höre, daß ſie zuverläßig geſchlagen wird.“„H— ſagt, gegen fünfzig.“„Ich glaube es nicht,“ verſetzte ein Kammerherr;„es iſt nicht moglich. Ich habe eben fünf Miniſterielle bei einem Diner in den Reiſenden verlaſſen.“„Niemand ließ ſich einfallen, daß die Abſtim⸗ mung ſo früh ſtattfinden würde.“„Ein Kunſtgriff der Whige — ſchändlich!“„Es wundert mich, daß nicht Jemand das Wort genommen hat, um Zeit zu gewinnen. Sehr ſonder⸗ bar— auch P— ſprach nicht; aber er iſt ſo verwünſcht reich, daß er ſich nichts daraus macht, ob er im Kabinet iſt oder nicht.“„Ja, und auch Audley Egerton— ihm geht's ebenſo; er iſt ohne Zweifel froh, daß er los wird, um nach ſeinem Eigenthum ſehen zu fönnen. Die Taktik würde ganz 1376 anders ausfallen, wenn wir Männer hätten, denen ein Amt ſo nothwendig wäre— wie mir!“ ſagte ein aufrichtiger junger Bedienſteter. Plötzlich fühlte der ſchweigende Leslie einen freundlichen Griff an ſeinem Arm. Er wandte ſich um und erkannte Levy. „Hab' ich es Euch nicht geſagt?“ begann der Baron mit einem jubelnden Lächeln. „Ihr wißt alſo gewiß, daß das Miniſterium überſtimmt werden wird?“ „Ich habe den ganzen Morgen damit zugebracht, daß ich mit einem meiner Klienten aus dem Parlament die Mit⸗ gliederliſte durchging. Er kennt ſie Alle, wie der Hirte ſeine Schafe. Die Oppoſition hat eine Mehrheit von wenigſtens fünfundzwanzig Stimmen.“ „Und in dieſem Falle muß das Kabinet abdanken?“ fragte der aufrichtige junge Kanzleiverwandte, der ganz Ohr war für die Worte des elegant herausgeputzten Barons. „Natürlich, Sir,“ verſetzte der Baron leutſelig und bot ihm ſeine Tabakdoſe hin(ein ächter Louis Quinze mit dem in Perlen gefaßten Miniaturbild der Madame de Pompadour). „Ihr ſeyd ein Freund von den gegenwärtigen Miniſtern? So könnt Ihr doch nicht wünſchen, daß ſie gemein genug ſeyen, um zu bleiben.“ Randal zog den Baron bei Seite. „Was kann Audley anfangen, wenn ſeine Angelegen⸗ heiten ſo ſtehen, wie Ihr ſagt?“ „Ich werde ihn das morgen fragen,“ antwortete der Baron mit einem Blicke, in welchem bitterer Haß nicht zu ver gek die Unt Zei ein; ha die Ab mit ver ſeit fra ebe vot ter un de lmt iger slie ſich ron nmt daß Nit⸗ eine tens n?“ Ohr bot dem ur ern? enug gen⸗ der ht zu 1377 verkennen war.„Ich bin aus keinem andern Grunde hieher gekommen, als um zu ſehen, wie er die Ausſicht aufnimmt, die ihm vor Augen ſteht.“ „In ſeinem Geſicht werdet Ihr dies nicht entdecken. Und ſeine abgeſchmackten Bedenklichkeiten! Wenn er nur in Zeiten abgedankt hätte, um mit den neuen Männern wieder einzutreten.“ „Oh natürlich, unſer ſehr Ehrenwerther iſt zu gewiſſen⸗ haft für dies!“ erwiederte der Baron höhniſch. Plötzlich gingen die Thüren auf— athemlos ſtürzten die Harrenden hinein. „Wie ſtehen die Zahlen? Was iſt das Ergebniß der Abſtimmung?“ „Mehrheit gegen die Miniſter,“ ſagte ein Oppoſitions⸗ mitglied, eine Orange ſchälend—„Neunundzwanzig.“ Auch der Baron war mit einer Einlaßkarte des Sprechers verſehen; er trat mit Randal in den Saal und nahm an ſeiner Seite Platz. Aber zu ihrem Aerger ſprach eben ein Mitglied über die anderen Anträge vor der Verſammlung. „Wie, iſt nichts über die Abſtimmung geſagt worden?“ fragte der Baron ein junges Grafſchaftsmitglied, das ſich eben mit einem nichtparlamentariſchen Freund auf der Bank vor Levy unterhielt. Das Grafſchaftsmitglied war einer von den gehätſchel⸗ ten älteſten Söhnen des Barons, hatte oft mit ihm geſpeist und ſtand gegen ihn in Verpflichtung. Derjunge Geſetzgeber machte ein ſehr beſchämtes Geſicht zu dem freundlichen Klatſch, den Levy ſeiner Schulter verſetzte, und antwortete haſtig: Bulwer, meine Novelle. 87 1378 „O ja; H— fragte, ob es nach einem ſolchen Aus⸗ vruck der Geſinnungen des Hauſes in der Abſicht der Mi⸗ niſter liege, ihre Poſten beizubehalten und die Geſchäfte der Regierung fortzuführen.“ „Dies ſieht H— ganz gleich— ein gar gründlicher Geiſt. und welche Antwort erhielt er?“ „Keine,“ entgegnete das Grafſchaftsmitglied und kehrte haſtig nach ſeinem Platz in der Verſammlung zurück. „Da kömmt Egerton,“ ſagte der Baron. Und wie nun überhaupt die meiſten Parlamentsmit⸗ glieder das Haus verließen, um in den Cluben oder Salonen vie Angelegenheiten zu beſprechen und die wichtige Nachricht durch die Stadt zu verbreiten, ſo ſah man auch Audley Egertons hohe Geſtalt unter den Abgehenden hervorragen. Levy wandte ſich, wie es ſchien in getäuſchter Erwartung, ab, denn das ſchöne Geſicht des Miniſters zeigte trotz ſeiner Bläſſe einen Ausdruck von heiterer Ruhe, und es lag eine augenfällige Höflichkeit, eine auszeichnende Achtung in der Art, mit welcher die ganze rauhe Verſammlung dem ge⸗ ſtürzten Miniſter Platz machte, als er durch die ſich drän⸗ genden Haufen ging. Und der offene, leutſelige Edelmann, der ſpäter nicht in Folge ausgezeichneter Talente, ſondern durch die Kraft ſeines Charakters der Führer des Hauſes wurde, drückte ſeinem alten Widerſacher die Hand, als ſie ſich in der Nähe der Thüre begegneten, und ſagte laut: „Wenn ich es je erlebe, an einem Miniſterium theil⸗ zunehmen, werde ich nicht ſtolz darauf ſeyn; aber das würde mich mit Stolz erfüllen, wenn bei meinem Abtreten meine — Geg Euck Ege lehn ſo lo Ben Mit gall L'E Bar den und wen zuri 18⸗ ei⸗ —— 1379 Gegner ſo wenig wider mich ſagen könnten, als dies gegen Euch ſelbſt Eure bitterſten Feinde zu thun vermögen, Egerton.“ „Ich bin neugierig,“ rief der Baron, ſich auf die Schranke lehnend, welche ihn von dem Gedränge unten trennte, mit ſo lauter Stimme, daß ihn Egerton hören mußte. Dieſes Benehmen hatte jedoch von Seiten der Anſtand liebenden Mitglieder den unwilligen Ruf:„Ordnung in der Fremden⸗ gallerie!“ zur Folge.—„Ich bin neugierig, was Lord LEstrange dezu ſagen wird.“ Audley erhob ſeine dunklen Brauen, betrachtete den Baron einen Moment mit blitzenden Augen, ging dann durch den ſchmalen Durchlaß zwiſchen den letzten Bänken hinunter und verſchwand von dem Schauplatz, auf welchem leider ſo wenige von den bewundertſten handelnden Perſonen mehr zurücklaſſen als den kurzdauernden Ruf eines Schauſpielers Sechszehntes Kapitel. Baron Levy brachte ſeine Drohung, ſchon am anderen Morgen Egerton zu beſuchen, nicht zur Ausführung. Viel⸗ leicht ſcheute er ſich, wieder dem Blitz des entrüſteten Auges zu begegnen. Und in der That war Egerton jenen ganzen Vormittag zu beſchäftigt, um Perſonen, die nicht mit der Staatscriſis in Verbindung ſtanden, vorzulaſſen. Nur bei Harley machte er eine Ausnahme, welcher nicht ſäumte, ihn zu tröſten und zu ermuthigen. Beim nächſten Zuſammen⸗ 5 1380 treten des Hauſes wurde angekündigt, daß die Miniſter ihre Entlaſſung eingereicht hätten und ihre Poſten nur noch ſo lange beibehalten würden, bis ihre Nachfolger ernannt wären. Aber bereits hatte ein Rückſchlag zu ihren Gunſten ſtattgefunden, und als ruchbar wurde, daß das neue Kabinet meiſt aus Männern zuſammengeſetzt werden ſollte, die noch nie ein höheres Staatsamt bekleideten, ſo begann der in der öffentlichen Meinung ſo gewöhnliche Aberglaube die Oberhand zu gewinnen, daß das Regieren wie jedes andere Gewerbe ein Geſchäft ſey, in welchem man ſeine regelmäßige Lehrzeit durchgemacht haben müſſe. Man ſprach deshalb in allen Cluben davon, daß die neuen Männer nicht lange Stand halten könnten und noch vor Ablauf eines Monats das alte Kabinet mit einiger Modifizirung wieder an's Ruder treten werde. Vielleicht war dies mit ein Grund, der es dem Baron Levy räthlich erſcheinen ließ, mit ſeinen hämiſchen Beileidbezeugungen gegen Egerton vorläufig zu zögern. Randal verbrachte einen Theil ſeines Morgens mit Erkun⸗ digungen über die Schritte, welche Gentlemen von ſeiner Lage in Betreff ihrer Bedienſtungen einzuſchlagen beabſich⸗ tigten, und hörte mit großer Befriedigung, daß nur wenige Luſt hatten, freiwillig ihre Poſten aufzugeben. Wie Randal ſelbſt gegen Egerton bemerkt hatte,„ſie liebten das Vater⸗ land mehr als ihre Partei“. Für Randal war ſein Poſten von großer Wichtigkeit; die Obliegenheiten deſſelben nahmen ihn nicht allzuviel in Anſpruch, der Gehalt reichte für ſeine Bedürfniſſe aus und bot ihm ſogar die Mittel, für die Erziehung Olivers und ſeiner junge ten, heit ſ Verl ſtand haar nen wiſſet Fam heit. ſchrei durch niger was halt lichz ſeinet berei Art, zu ei erheb Entſe gäng in ſe ſich: und e in de iſter noch annt nſten inet noch r in die dere ßige halb ange nats uder res chen ern. kun⸗ iner ſich⸗ nige ndal ter⸗ eit; lin und und 1381 ſeiner Schweſter Sorge zu tragen. Denn ich muß dem jungen Mann die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, zu berich⸗ ten, daß er, wie gleichgültig ihm auch die übrige Menſch⸗ heit ſeyn mochte, die Bande der Familie werth hielt und vielen Verlockungen, die für junge Leute ſo verführeriſch ſind, wider⸗ ſtand, nur um den blöden, ehrlichen Oliver und die zottel⸗ haarige hübſche Juliet einigermaßen zu der Höhe ſeiner eige⸗ nen Bildung zu erheben. Männer von habgierigem und ge⸗ wiſſenloſem Charakter ſuchen häufig in der Sorge für ihre Familie eine Entſchuldigung für ihre Sünden an der Menſch⸗ heit. Selbſt Richard der Dritte ſuchte, wenn wir den Chronik⸗ ſchreibern Glauben ſchenken dürfen, den Mord ſeiner Neffen durch die leidenſchaftliche Liebe zu ſeinem Sohn zu beſchö⸗ nigen. In ſeiner Stelle verlor Randal mit Ausnahme deſſen, was Audley ihm geben konnte, alle Mittel für ſeinen Unter⸗ halt— und was dann, wenn ſein bisheriger Beſchützer wirk⸗ lich zu Grunde gerichtet war? Dazu hatte ſich Randal auf ſeinem Bureau wegen ſeines Fleißes und ſeiner Tüchtigkeit bereits einen Namen erworben. Die Laufbahn war von der Art, daß ſie ihn, wenn er ſich nicht in die Politik miſchte, zu einer ſchönen Stellung und einem anſehnlichen Einkommen erheben konnte. Daher vernahm er mit Wohlgefallen den Entſchluß ſeiner meiſten Collegen, der auch in früheren Vor⸗ gängen eine vollkommene Rechtfertigung fand; er ließ ſich in ſeinem Club das Diner recht behaglich ſchmecken, fügte ſich mit chriſtlicher Ergebung in den Sturz ſeines Gönners und ging nach beendigter Mahlzeit nach Grosvenor Square, in der Hoffnung, Audley zu Hauſe zu treffen. Seine 1382 Erwartung wurde nicht getäuſcht. Der Pförtner öffnete ihm die Thüre und er trat in das Bibliothekzimmer. Egerton befand ſich in der Geſellſchaft von drei Gentlemen, dem Lord LEstrange und zwei Mitgliedern des nur dem Namen nach noch beſtehenden, in Wirklichkeit aber verſchiedenen Ka⸗ binets. Randal wollte ſich eben wieder zurückziehen, um in dem Conclave nicht als aufdringlich zu erſcheinen, als Egerton in ſanftem Tone ihm zurief: „Bleibt nur, Leslie; wir haben eben von Euch geſprochen.“ „Von mir, Sir?“ „Ja, und von dem Poſten, den Ihr innehabt. Ich fragte Sir O—(er deutete auf einen der miniſteriellen Collegen), ob es nicht thunlich ſey, Euren Chef zu erſuchen, daß er in einer Note eine Würdigung Eurer ausgezeichneten Fähigkeiten zurücklaſſen möchte, da Euch dies bei ſeinem Nach⸗ folger zu Statten kommen könnte.“ „Oh, Sir, daß Ihr in einer ſolchen Zeit noch einen Gedanken für mich habt!“ rief Randal mit wirklicher Rührung. „Aber“— nahm Audley in ſeinem gewöhnlichen trocke⸗ nen Tone wieder auf—„zu meiner Ueberraſchung iſt Sir O— der Anſicht, daß es ziemlicher wäre, wenn Ihr ab⸗ danktet. Wenn die Gründe dafür, welche er noch nicht nam⸗ haft gemacht hat, nicht ſehr gewichtig ſind, ſo möchte ich zu dem Gegentheil rathen.“ „Meine Gründe“— nahm Sir O— mit amtlicher Förmlichkeit das Wort—„beſtehen einfach darin: ich habe einen Neffen, der ſich in der gleichen Lage befindet, und er wird natürlich ſeine Entlaſſung nehmen. Alle Bedienſteten thr be Le na we kn ſo ich ho m lie fä eihm erton dem amen Ka⸗ „um „als hen.“ Ich iellen. ichen, neten Nach⸗ einen rung. rocke⸗ ſt Sir r ab⸗ nam⸗ ich zu licher habe ind er ſteten 1383 thun dies, deren nahe Verwandte eine hohe Staatswürde bekleidet haben, und ich habe eine zu gute Meinung von Mr. Leslie, als daß ich glauben könnte, er werde die einzige Aus⸗ nahme machen wollen.“ „Mr. Leslie iſt kein naher— eigentlich kaum ein Ver⸗ wandter von mir,“ verſetzte Egerton. „Aber ſein Name iſt ſo ſehr mit dem Eurigen ver⸗ knüpft— er hat ſo lange in Eurem Hauſe gewohnt— iſt ſo gut bekannt in der Geſellſchaft, und ich glaube nicht, daß ich ihm ein bloſes Compliment mache, wenn ich beifüge, wir haben ſo vortheilhafte Hoffnungen von ihm, daß ich meine, man ſollte gar nicht ſo viel Worte verlieren über dieſen ärm⸗ lichen Poſten, deſſen Beibehaltung ihn noch obendrein un⸗ fähig macht, einen Sitz im Parlament einzunehmen.“ Sir O— war einer von jenen furchtbar reichen Män⸗ nern, denen alle Rückſichten auf blos Brod und Käſe als Aermlichkeiten erſcheinen. Aber ich muß beifügen, daß er meinte, Egerton ſey noch reicher als er und zuverläſſig in der Lage, für Randal, zu dem Sir O— eine Zuneigung gefaßt hatte, recht anſtändig zu ſorgen. Um Randals willen war daher Sir O— der Anſicht, es müßte ihn ſogar in Egertons Augen, obſchon ihm dieſer zu dem Gegentheil rieth⸗ herabwürdigen, wenn er nicht dem Beiſpiel des Mannes folgte, der als ſein offener Beſchützer bekannt war. „Ihr ſeht, Leslie,“ ſagte Egerton, der Erwiederung zuvorkommend, welche Randal vorzubringen beabſichtigte, „daß man Eurer Ehrenhaftigkeit durchaus nichts anhaben kann, wenn Ihr Euren Poſten beibehaltet. Es handelt ſich 1384 blos um das, was für Euch zweckmäßiger iſt, und dieſe Frage will ich für Euch zur Erledigung bringen. Bleibt in Eurem Amte.“ Unglücklicherweiſe war der andere Miniſter, welcher ſich bisher ſtille verhalten hatte, ein Kenner der Literatur. Er hatte im Lauf dieſes Geſprächs von dem Bibliothektiſch ein Heft aufgenommen, das unglücklicherweiſe nichts Anderes als jene berühmte Flugſchrift war, und mit einemmal ver⸗ gegenwärtigte ſich ſeinem nur zu treuen Gedächtniß wieder der ganze Geiſt und Inhalt dieſer meiſterhaften, das ganze Weſen der miniſteriellen Partei ausdrückenden und vollkom⸗ men im Sinne des abtretenden Kabinets abgefaßten Arbeit. Auch er fühlte Intereſſe für Randal— ja, er bewunderte den Verfaſſer dieſer ſchlagenden und eindrucksvollen Flug⸗ ſchrift. Er raffte ſich daher auf aus der großartigen Gleich⸗ gültigkeit, die er bisher bei den Verhandlungen über das Schickſal eines Subalternen an den Tag gelegt hatte, und ſagte mit einem geſchmeidigen Lächeln, das ein Compliment ausdrücken ſollte: „Nein; den Verfaſſer einer ſo überaus talentvollen Ar⸗ beit dürfen wir nicht im Lichte eines gewöhnlichen Bureau⸗ gehülfen betrachten. Seine Anſichten ſind hier zu kräftig ausgedrückt— ſeine feine Fronie gegen denſelben Mann, welcher aller Wahr cheinlichkeit nach an die Spitze des Ka⸗ binets treten wird, hat ſeiner Zeit zu viel Aufſehen erregt, als daß wir ihn dem sedet aeternumque sedepit an einem Kanzleipult überlaſſen dürfen. Ha, ha! Dies iſt zu gut! Lest es, L'Estrange. Was ſagt Ihr dazu?“ ——————— age rem Er ein res er der nze m⸗ it. rte g⸗ 1385 Harley überblickte die ihm angedeutete Seite. Die breite, rohe, aber ſprechende Burleske des vriginellen Burley hatte ſich durch Randals mehr geglättete Satyre nicht ver⸗ wiſchen laſſen, und die Stelle war vortrefflich. Harley lächelte und erhob ſeinen Blick zu Randal. Das Geſicht des unglücklichen literariſchen Diebs glühte und große Tropfen ſtanden ihm auf der Stirne. Harley war ſtark in ſeinem Haß; er liebte viel zu warm, um nicht auch auf der entgegenge⸗ ſetzten Seite in's Uebermaß zu gerathen; aber er gehörte unter die Männer, die ihres Haſſes vergeſſen, wenn der Gegenſtand deſſelben ſich in Noth und Demüthigung befindet. Er legte die Schrift nieder und ſagte: „Ich bin kein Politiker; aber Egerton ſteht im Rufe, in allen Punkten officieller Etiquette ſo übergewiſſenhaft zu ſeyn, daß Mr. Leslie kaum einen beſſeren Rathgeber finden kann.“ „So lest dies ſelbſt, Egerton,“ bemerkte Sir B— und ſchob Audley die fragliche Flugſchrift hin. Nun erinnerte ſich Egerton wohl noch dunkel, daß dieſe Arbeit eine für die gegenwärtigen Verhältniſſe ſehr unglück⸗ liche ſeyn mußte; aber er hatte den Inhalt nur haſtig über⸗ flogen und im gegenwärtigen Augenblick das Ganze vergeſſen. Mit widerſtrebender Hand nahm er die nur allzu bekannte Schrift auf, las aufmerkſam die ihm angedeuteten Stellen und ſagte dann ernſt und traurig:— „Mr. Leslie, ich nehme meinen Rath zurück. Ich glaube, Sir B— hat Recht, wenn er vermuthet, daß der Gentleman, welchem dieſe Satyre gilt, erſter Kabinetsminiſter werden 1386 wird, und ich zweifle, ob er in dieſem Fall Eure Entlaſſung nicht erzwingen dürfte. In Anbetracht der Umſtände aber iſt ſicherlich kaum eine Beförderung für Euch zu erwarten, und es wird Euch daher nichts Anderes übrig bleiben, als“ — Egerton hielt einen Augenblick inne und ſchloß dann mit einem Seufzer, der die Frage zur vollen Erledigung zu brin⸗ gen ſchien—„zu handeln wie ein Gentleman.“ Nie fühlte Hans Cade oder Wat Tyler einen tödt⸗ licheren Haß gegen das Wort„Gentleman“, als in jenem Augenblickter hochwohlgeborne Leslie; aber er ſenkte den Kopf und erwiederte mit ſeiner gewöhnlichen Geiſtesgegenwart:— „Ihr ſprecht ganz meine Geſinnung aus.“ „Ich denke, wir haben Recht, Harley?“ fragte Egerton mit einer Unſchlüſſigkeit, welche alle Anweſenden überraſchte. „Ich bin der Meinung,“ entgegnete Harley mit einer Theilnahme, die faſt überedelmüthig war, obſchon er trotz ſeines Mitleids einen gewiſſen Doppelſinn in die Worte legte —„ich bin der Meinung, daß nie Jemand durch Dienſt⸗ leiſtungen gegen Audley Egerton in Nachtheil gekommen iſt, und wenn Mr. Leslie der Verfaſſer dieſer Flugſchrift iſt, ſo hat er ihm einen guten Dienſt geleiſtet. Kömmt er dadurch zu Schaden, ſo dürfen wir zuverſichtlich darauf rech⸗ nen, daß Egerton ihm Erſatz dafür bieten wird.“ „Ich bin längſt dafür entſchädigt,“ verſetzte Randal im Tone des Dankes,„und daß Mr. Egerton in einer Stunde, welche ſeine Thätigkeit ſo ſehr in Anſpruch nimmt, ſo ſorg⸗ fältig um mein Geſchick bekümmert iſt— dies denken zu dürfen, erfüllt mich mit einem Stolze, der—“ ung aber ten, als“ mit rin⸗ ödt⸗ nem topf rton chte. iner trotz legte enſt⸗ men hrift it er rech⸗ l im nde, org⸗ nzu 1387 „Genug, Leslie— genug!“ unterbrach ihn Egerton, indem er ſich erhob und ſeinem Schützling die Hand drückte. „Kommt noch einmal zu mir, eh' Ihr zu Bette geht.“ Die beiden anderen Miniſter ſtanden jetzt gleichfalls auf, reichten Leslie die Hand, lobten ſeinen Entſchluß und drückten die Hoffnung aus, ihn bald im Parlament zu ſehen; dabei deuteten ſie lächelnd an, daß das nächſte Kabinet kein langes Leben in Ausſicht ſtelle, und der eine bat ihn zum Diner, während der andere ihn einlud, eine Woche auf ſeinem Landſitz zuzubringen. Und unter Glückwünſchen wegen eines Schritts, der ihn zum Bettler machte, verließ der Verfaſſer der be⸗ rühmten Flugſchrift das Zimmer. Wie verwünſchte er den langen John Burley! Siebenzehntes Kapitel. Es war Mitternacht vorüber, als Audley Egerton Randal zu ſich rufen ließ. Der Staatsmann war allein. Er ſaß vor ſeinem großen Schreibtiſch mit den vielen Fächern und war eben damit beſchäftigt, verſchiedene Papiere und Briefſchaften zum Theil dem Papierkorb, zum Theil den Flammen zu übergeben; andere dagegen legte er in zwei große eiſerne Truhen mit Patentſchlöſſern, die offen zu ſeinen Füßen ſtanden. Stark, finſter und grimmig ausſehend, nah⸗ men ſie die Ueberreſte einer entſchwundenen Macht auf— ſtark, finſter und grimmig wie das Grab. Audley erhob bei Randals Eintritt den Blick, winkte ihm, ſich einen Sitz zu 1388 nehmen, fuhr nach einer kleinen Weile in ſeinem Geſchäft fort, wandte ſich dann um, als könne er nur mit Mühe ſich ſeiner Hauptleidenſchaft, dem öffentlichen Leben, entreißen, und begann mit bedächtigem Tone: „Ich weiß nicht, Randal Leslie, ob Ihr mich für un⸗ nöthig vorſichtig oder für lieblos hieltet, als ich Euch er⸗ klärte, Ihr ſolltet nie weiter von mir erwarten, als diejenige Förderung Eurer Laufbahn, welche mir meine Stellung mög⸗ lich macht— namentlich weder von meiner Freigebigkeit während meines Lebens, noch von meinem Teſtamente nach meinem Tode auf eine Vermehrung Eurer materiellen Mittel rechnen. Ich ſehe an Eurer Geberde, was Ihr mir erwie⸗ dern wollt, und danke Euch. Ich muß Euch jetzt, vorläufig im Vertrauen, obſchon es der Welt bald kein Geheimniß mehr ſeyn wird, mittheilen, daß ich, während ich mich ausſchließ⸗ lich den Angelegenheiten des Staates widmete, meine eige⸗ nen in einem Grade vernachläſſigt habe, um mit dem Manne verglichen werden zu können, der ſein Vermögen in Tages⸗ rationen abtheilte und darauf rechnete, er werde gerade lang genug leben, um das Ganze verbrauchen zu können Unglück⸗ licherweiſe lebte er zu lang.“ Audley lächelte; aber das Lächeln war ſo kalt wie ein Sonnenſtrahl auf dem Eis. Dann fuhr er in demſelben feſten Tone fort:„Auf die Aus⸗ ſichten, die meiner harren, bin ich gefaßt— ſie kommen nicht unerwartet. Ich ſah lange voraus, wie es enden mußte, wenn ich den Verluſt meines Amtes überlebte— wußte es, eh' Ihr zu mir kamet, und ſprach deshalb mit Euch, wie es geſchehen iſt; denn ich hielt es für Mannespflicht, Euch vor mi jet h 1389 Hoffnungen zu warnen, denen Ihr ſonſt hättet Raum geben mögen. Ueber dieſen Punkt brauche ich nicht weiter zu ſagen. Es überraſcht Euch vielleicht und Ihr findet es wohl gar tadelnswürdig, daß ich, der ich doch als methodiſch und praktiſch genug galt für die Angelegenheiten des Staats, in Betreff meiner eigenen ſo unbeſonnen ſeyn konnte.“ „O, Sir! Ihr ſeyd mir keine Rechenſchaft ſchultig.“ „Euch wenigſtens eben ſo gut, als jedem Anderen. Ich ſtehe vereinzelt in der Welt und meine wenigen Ver⸗ wandten brauchen nichts von mir. Ich hatte ein Recht, mit meinem Beſitzthum ganz nach Gutdünken zu verfahren, und wenn ich dabei auch die Rückſicht auf mich ſelbſt außer Acht ließ, ſo iſt es wenigſtens in ſeiner Wirkung auf andere nicht fruchtlos verwendet worden. Eine Reihe von Jahren war es meine ſtetige Aufgabe, kein Privatleben zu haben und mich frei zu halten von ſeinen Leiden, Freuden und Herzens⸗ genüſſen, denn Pflichten legte es mir nicht auf.— Ihr wißt jetzt Alles.“ Nachdem der Miniſter ſo geſprochen hatte, ſchloß er mechaniſch an einer der eiſernen Kiſten den Deckel auf und ſetzte ſeinen Fuß darauf. „Aber es iſt mir nicht gelungen,“ fuhr er fort, Eure Laufbahn ſicher zu ſtellen. Allerdings machte ich Euch darauf aufmerkſam, daß der Staatsdienſt eine Lotterie ſey, obſchon Ihr mehr Ausſicht hättet auf einen Treffer als auf eine Niete. Gleichwohl hat er ſich für Euch als das letztere ausgewieſen, und die Frage wird ernſt. Was gedenkt Ihr anzufangen?“ 1390 Als Randal bemerkte, daß Egerton zu einer vollen Pauſe gekommen war, erwiederte er in ſchneller Faſſung: „Ich will mich noch immer durch Euern Rath leiten laſſen, Sir.“ „Mein Rath würde Euch vielleicht als roh und un⸗ ſchmackhaft erſcheinen,“ ſagte Audley in ſanftem Tone.„Ich möchte Euch lieber eine Wahl anheimſtellen. Entweder fangt Ihr Euer Leben von vorne an— ich habe Euch geſagt, daß ich Euren Namen auf der Liſte Eures Colleges fortlaufen laſſen wolle. Ihr könnt auf die Univerſität zurückkehren, ein Grad erwerben und dann Advokat werden. Ihr beſitzt die erforderlichen Talente, welche Euch in dieſem Beruf vorwärts zu bringen vermögen. Der Erfolg wird zwar nur langſam, aber ſicher ſeyn. Und glaubt mir, Leslie, der Ehrgeiz iſt nur ſüß, ſo lang er der erhabenere Name für Hoffnung iſt. Wer würde ſich um den Schweif des Fuchſes kümmern, wenn er nicht der Preis wäre, welcher die Aufregung der Jagd belohnt?“ „Wieder nach Orford? Dies iſt ein langer Schritt rück⸗ wärts im Leben,“ verſetzte Randal traurig und nicht ſon⸗ derlich auf die ungewohnte Einflechtung von Bildern in Egertons Rede achtend.„Ein langer Schritt rückwärts— und zu was? Zu einem Beruf, in welchem ſich Niemand zu heben anfängt, ehe ſeine Haare ergraut ſind! Zudem— von was ſoll ich inzwiſchen leben?“ „Laßt Euch dieſen Gedanken nicht beunruhigen. Die beſcheidenen Mittel, welche für einen Anfänger vor der Ge⸗ rich Trü Wel als ein war verſ meit wür nich Abe ſchm eine erw dem für ſolle um dem woh Fre Ma lieb en en n⸗ ch gt aß en in ie m, 1391 richtsbank zureichen, hoffe ich Euch wenigſtens aus den Trümmern meiner Habe retten zu können.“ „Ach, Sir, ich möchte Euch nicht länger zur Laſt fallen. Welch' ein anderes Anrecht hätte ich auf eine ſolche Güte, als den Namen Leslie?“ Und unwillkürlich miſchte ſich in Randals Schlußworte ein Ton von Bitterkeit, der wie Vorwurf klang. Egerton war zu viel ein Mann der Welt, um nicht dieſen Vorwurf zu verſtehen und zu vergeben. „Allerdings habt Ihr als ein Leslie ein Anrecht auf meine Berückſichtigung,“ entgegnete er mit Ruhe,„und würdet vielleicht zu mehr berechtigt ſeyn, wenn ich Euch nicht ausdrücklich erklärt hätte, was Ihr zu erwarten habt. Aber die Gerichtsſchranken ſcheinen nicht nach Eurem Ge⸗ ſchmack zu ſeyn?“ „Welche Wahl bleibt mir ſonſt noch, Sir? Laßt mich einen Entſchluß faſſen, nachdem ich Euch angehört habe,“ erwiederte Randal verdrießlich. Er begann die Achtung vor dem Manne zu verlieren, welcher zugeſtand, daß er ſo wenig für ihn thun konnte, und ihm augenſcheinlich empfahl, er ſolle für ſich ſelbſt ſorgen. „Wenn Jemand einen Blick hätte thun können in das umnachtete Herz Egertons, als dieſer die Veränderung in dem Tone des jungen Mannes bemerkte, ſo würde es ihm wohl ſchwer geworden ſeyn, zu entſcheiden, ob Schmerz oder Freude darin vorwaltete— Schmerz, denn in Folge der Macht der Gewohnheit hatte Audley angefangen, Randal liebzugewinnen— oder Freude hei dem Gedanken, daß er . ſ 1392 jetzt Grund hatte, dieſe Zuneigung zurückzuziehen. So ein⸗ ſam und ſtoiſch war der Mann geworden, der ſich's zur Auf⸗ gabe machte, kein Privatleben zu haben. Er ließ ſich jedoch weder das eine noch das andere von dieſen Gefühlen merken, ſondern antwortete mit der gefaßten Ruhe eines Richters im Gerichtsſaal:— „Die andere Wahl iſt— fortzufahren in der begon⸗ nenen Laufbahn und noch immer auf mich zu bauen.“ „Sir— mein theurer Mr. Egerton,“ rief Randal, der die ganze gewöhnte Zartheit in Miene und Stimme wieder gewonnen hatte—„noch immer auf Euch zu bauen? Dies iſt ja Alles, was ich wünſche! Nur—“ „Nur trete ich vom Ruder ab, wollt Ihr ſagen, ohne daß eine Ausſicht für mich vorhanden wäre, es wieder auf⸗ zunehmen?“ „Dies kam mir nicht zu Sinne.“ „Erlaubt mir anzunehmen, daß Ihr wirklich ſo dachtet. Allerdings trete ich ab; aber die Partei, der ich angehöre, wird ſo ſicher wieder die Oberhand gewinnen, als das Pendel jener Uhr dem Mechanismus Folge leiſtet, der es von Links nach Rechts bewegt. Unſere Nachfolger geben vor, wegen Ihrer Sympathie für die Sache des Volks das Regiment zu übernehmen. Alle Verwaltungen, die dies thun, können unmöglich langen Beſtand haben. Entweder gehen ſie nicht weit genug, um ſich den Beifall ihres Anhangs zu erhalten, oder ſie gehen ſo weit, um ſich neue Feinde in Nebenbuhlern zu ſchaffen, welche ſie in dem Haſchen nach Volksgunſt über⸗ bieten. Dies lehrt die Geſchichte aller Revolutionen und alle keit eine durc in d derſ ſone grü einn wirk unſe Ihr mich doch um wele ſone Sac Fre dafi ſpre er g abet lich wür ein⸗ luf⸗ och ken, ters on⸗ der der ies hne uf⸗ tet. 6re, del nks gen ent nen icht ten, er⸗ und 1393 aller Reformen. Selbſt unſer Kabinet verbankt in Wirklich⸗ keit ſeinen Sturz nur dem Umſtande, daß es vor ungefähr einem Jahr eine ſogenannte populäre Maßregel durchſetzte, durch welche wir die Hälfte unſerer Freunde verloren, und in dieſem Jahr gegen eine andere populäre Maßregel Wi⸗ derſpruch einlegten, um deren willen uns die nämlichen Per⸗ ſonen verdrängten, die uns bei der letzten mit Jubel be⸗ grüßten. Was immer für Nachfolger alſo unſere Stellen einnehmen mögen, in Gemäßheit des Geſetzes der Gegen⸗ wirkung wird uns noch einmal Gelegenheit gegeben werden, unſere Macht zu erproben. Es iſt nur eine Frage der Zeit; Ihr könnt es abwarten— ob ich, iſt ungewiß. Aber wenn mich vor dieſem Tage der Tod ereilen ſollte, ſo beſitze ich doch hinreichenden Einfluß bei den künftigen Gewalthabern, um Euch eine beſſere Stellung zu ſichern, als diejenige iſt, welche Ihr verloren habt. Die Zuſagen öffentlicher Per⸗ ſonen ſind ſprüchwörtlich unzuverläſſig; aber ich werde Eure Sache einem Manne anvertrauen, dem es nie an einem Freunde gefehlt hat, und deſſen Rang ihn in die Lage ſetzt⸗ dafür zu ſorgen, daß Euch Gerechtigkeit widerfahre— ich ſpreche von Lord LEstrange.“ „Von dieſem?— o nein! Er iſt ungerecht gegen mich; er grollt mir— er—“ „Mag er immerhin Euch grollen(er hat ſeine Launen), aber er liebt mich, und obſchon ich für kein anderes menſch⸗ liches Weſen bei Harley L'Estrange um eine Gunſt bitten würde, ſo ſoll es doch in Eurem Intereſſe geſchehen. Ja, für Euch will ich ſein Fürwort ſuchen“— fuhr Egerton Bulwer, meine Rovelle, 85 6 1394 fort, in dem jetzt zum erſtenmal während dieſes Zwiege⸗ ſprächs ſich eine ſichtliche Bewegung verrieth—„für Euch, einen Leslie, einen wenn auch noch ſo entfernten Verwandten der Frau, welcher ich mein Vermögen verdankte! Und trotz aller meiner Verwarnungen iſt es doch vielleicht möglich, daß ich in Verwahrloſung jenes Vermögens Euch ein Unrecht zugefügt habe. Genug. Ihr könnt jetzt zwiſchen dieſen beiden Vorſchlägen wählen— ſie ſind dieſelben, die ich Euch urſprünglich vorhielt. Doch Ihr habt zur Zeit mehr Erfah⸗ rung, die Euch in Eurer Wahl leiten kann. Ihr ſeyd ein Mann und mit mehr Gehirn begabt, als die meiſten Männer; überlegt die Sache wohl und faßt dann Euren Entſchluß. Nun zu Bette und verſchiebt Eure Gedanken auf morgen. Armer Randal— Ihr ſeht ſo blaß aus!“ Bei dieſen Worten legte Audley mit faſt väterlicher Innigkeit ſeine Hand auf Randals Schulter; dann aber richtete er ſich plötzlich wieder auf. Der harte, unbeugſame Ausdruck, ſeit Jahren der Stempel dieſes Geſichtes, kehrte zurück, und der Staatsmann ſchickte ſich an, auf's Neue dem öffentlichen Leben und der eiſernen Truhe ſeine Thä⸗ tigkeit zuzuwenden. Achtzehntes Kapitel. Am andern Morgen früh fand ſich Randal Leslie in dem üppig ausgeſtatteten Geſchäftslokal des Baron Levy ein. Wie ganz anders war hier Alles in Vergleichung mit der ———————— dori man la f min Tite gen dene eing laut nirt flam terie nich eine Feir Har leich welc mit Mor und ſo ſc Rüſt tiger wich bind uch, dten trotz daß recht eſen Fuch ein ner; luß. gen. cher ber ame hrte eue ein. der ————— doriſchen Einfachheit in dem Bibliothekzimmer des Staats⸗ manns! Drei Zoll dicke Arminſter Teppiche, portières à la frangaise vor den Thüren, Pariſer Broncen auf dem Ka⸗ mine, und die Schränke in dem Zimmer, angefuüllt mit Titelurkunden, Poſtobiten, Wechſeln, Zahlungsverſprechun⸗ gen und advokatenmäßig ausſehenden Japankiſtchen, auf denen mancher edle Name mit großen weißen Buchſtaben eingelegt war—„um den Ruin pomphaft zu machen“— lauter Gräber hingeſchiedener Erbgüter, mit Roſenholz four⸗ nirt, das in franzöſiſcher Politur glänzte und von Ormolu flammte. Ueber das ganze Gemach breitete ſich eine Coquet⸗ terie, ein petit maitre Anſtrich hin, ſo daß man um alle Welt nicht daran erinnert wurde, man befinde ſich in dem Zimmer eines Wucherers. Plutus trug hier das Ausſehen ſeines Feindes Cupido, und wer hätte wohl ſich die Idee eines Harpagon verwirklichen können in dieſem Baron mit ſeinem leichten franzöſiſchen mon cher, mit den weißen Händen, welche die des Beſuchers mit ſo viel Wärme drückten, und mit dem ausgeſucht geſchmackvollen Anzug ſchon am frühen Morgen? Niemals hatte Jemand den Baron im Schlafrock und in Pantoffeln geſehen. Wie man ſich die nicht halb ſo ſchrecklichen Feudal⸗Barone des Mittelalters ſtets in ihrer Rüſtung denkt, ſo ſtand jede Vorſtellung von dieſem großar⸗ tigen Freibeuter der Civiliſation unzertrennlich mit ge⸗ wichsten Stiefeln und einer Camelia im Knopfloch in Ver⸗ bindung. „Und dies iſt Alles, was er für Euch thut?“ rief der Baron, die Spitzen ſeiner zehn feinen Finger zuſammen⸗ 88* ———————— 8 1396 preſſend.„Hätte er Euch nur Eure Studien in Orford fort⸗ ſetzen laſſen! Ich hörte genug von Eurer Gelehrſamkeit, um die Ueberzeugung zu gewinnen, daß Ihr hohe Ehren davongetragen haben würdet. Eine Collegialpfründe hätte Euch nicht entgehen können— Ihr wäret zufrieden zu einem langſam fördernden und mühſamen Beruf übergegangen und hättet Euch vorbereiet, auf dem Wollſack zu ſterben.“ „Er ſchlägt mir jetzt vor, wieder nach Oxford zurück⸗ zukehren,“ ſagte Randal.„Es iſt nicht zu ſpät!“ „Doch,“ verſetzte der Baron.„Weder als Einzelweſen noch als Völker machen die Menſchen aus freiem Antrieb Rückſchritte. Es muß ein Erdbeben eintreten, eh' der Fluß zurückſtrömt zu ſeiner Quelle.“ „Ihr ſprecht gut,“ entgegnete Randal,„und ich weiß nichts darauf zu erwiedern.— Aber was jetzt?“ „Ah, das Jetzt iſt die große Frage im Leben— das Einſt iſt verbraucht, vergangen, aus der Mode. Und jetzt, mon cher, kommt Ihr, um Euch bei mir Raths zu erholen?“ „Nein, Baron, ich komme, um mir von Euch eine Er⸗ klärung zu erbitten.“ „Ueber was?“ „Ich möchte wiſſen, warum Ihr mit mir von Egertons Ruin, von den Ländereien, welche Thornhill verkaufen will, und von dem Grafen Peschiera ſpracht. Alle dieſe Punkte habt Ihr in einem Zeitraum von zehn Minuten berührt, ver⸗ gaßt aber dabei, anzudeuten, welcher Zuſammenhang zwiſchen ihnen ſtattfindet.“ „Bei Joye,“ ſagte der Baron ſich erhebend und meht Bew einer halte Schl Eure holfe und ſlößte ein. — Erkle Polit Ich k treib⸗ faſſen und« — n alle 2 oder wie e die z benöt die J Läche ort⸗ eit, ren itte em und ück⸗ ſen ieb luß eiß das tzt, 1 24 Er⸗ ons ill, kte er⸗ hen 1397 Bewunderung in ſeinen Zügen blicken laſſend, als man bei einem ſo lächelnden und chniſchen Geſichte für möglich ge⸗ halten haben würde—„bei Jove, Randal Leslie, Eure Schlauheit iſt wunderbar. Ihr ſeyd der erſte junge Mann Eurer Zeit, und ich will Euch helfen, wie ich Egerton ge⸗ holfen habe. Vielleicht werdet Ihr dankbarer ſeyn.“ Randal dachte an Egertons zu Grund gerichtete Lage, und die von dem Baron in Anwendung gebrachte Parallele flößte ihm nicht eben die ſeltene Begeiſterung der Dankbarkeit ein. Er ſagte übrigens blos: „Ich bitte, fahrt fort— ich ſehe mit Spannung Eurer Erklärung entgegen.“ „Nun denn,“ nahm der Baron wieder auf,„was die Politik betrifft, ſo wollen wir dieſen Punkt ſpäter erörtern. Ich bin ſelbſt begierig, zu ſehen, wie es dieſe neuen Männer treiben. Zuerſt müſſen wir Eure Privatverhältniſſe in's Auge faſſen. Ihr ſolltet jenes alte Leslie⸗Eigenthum— Rood und Dulmansberry— durch Kauf wieder an Euch bringen — nur zwanzigtauſend Pfund Baarſchuß, der Reſt kann für alle Zeiten als Hypothekenſchuld auf dem Gut ſtehen bleiben, oder wenigſtens ſo lange, bis Ihr ein reiches Weib findet, wie es ja auch bei Egerton der Fall war. Thornhill braucht die zwanzigtauſend Pfund jetzt— iſt ihrer ſehr dringend benöthigt.“ „Und woher ſollen die zwanzigtauſend Pfund kommen, die Ihr mir zuſchreibt?“ verſetzte Randal mit einem ehernen Lächeln. „Zehntauſend ſollt Ihr an dem Tage erhalten, an 1398 welchem mit Eurer Unterſtützung und Beihülfe der Graf Peschiera die Tochter ſeines Verwandten heirathet, die anderen Zehntauſend will ich Euch borgen. Ihr könnt ohne Bedenken Ja ſagen— ich wage nichts dabei— die Güter tragen ſchon dieſe zugäbliche Laſt. Was meint Ihr— ſoll's dabei bleiben?“ „Zehntauſend Pfund von dem Grafen Peschiera!“ ſagte Raudal und athmete ſchwer auf.„Kann Euch dies Ernſt ſeyn? Eine ſolche Summe— für was?— blos für eine einfache Mittheilung? Denn wie vermöchte ich, ihm ander⸗ weitig Beihülfe zu leiſten? Dahinter muß eine Täuſchung, eine Tücke ſtecken.“ „Mein lieber Freund, ich will Euch einen Wink geben,“ entgegnete Levy.„Man kann im Leben auch allzu arg⸗ wöhniſch ſeyn, und wenn Ihr einen Fehler habt, ſo iſt es dieſer. Die Mittheilung, auf die Ihr anſpielt, iſt natürlich die erſte Beihulfe, die Ihr leiſten könnt. Vielleicht wird noch mehr nöthig, vielleicht auch nicht. Darüber mögt Ihr ſelbſt urtheilen, da die zehntauſend Pfund erſt am Tage der Vermählung zahlbar ſind.“ „uUeberargwöhniſch oder nicht,“ erwiederte Randal,„der Betrag dieſer Summe iſt zu unwahrſcheinlich und die Bürg⸗ ſchaft zu ſchlecht, als daß ich einem ſolchen Vorſchlag Gehör ſchenken kann, ſelbſt wenn ich geneigt wäre, mich ſo weit herabzuwürdigen—“ „Halt, mon cher. Zuerſt das Geſchäft— hintendrein die Bedenklichkeiten. Die Bürgſchaft zu ſchlecht— welche Bürgſchaft?“ davr Bür „Ab mir die d gezo auf. eine zahle Könt erinð Engl ich g führ: und di N ſehr ich d hoch dieſe Verr Uebe hat. anfin Fraf die ohne üter oll's agte Frnſt eine der⸗ ung, en arg⸗ ſt es rlich wird Ihr e der „der ürg⸗ ehör weit drein elche 1399 „Das Wort des Grafen di Peschiera.“ „Er hat nichts damit zu ſchaffen— braucht gar nichts davon zu wiſſen. Ihr bezweifelt mein Wort— ich bin die Bürgſchaft.“ Randal dachte an den tzpckenen Witz von Gibbon: „Abu Rafe ſagt, er verbürge dieſe Thatſache, doch wer bürgt mir für Abu Rafe?“ blieb übrigens ſtumm und heftete blos die dunkeln ſpähenden Augen mit ihren ſchlauen, zuſammen⸗ gezogenen Sternen auf Levy. „Die Sache verhält ſich einfach ſo,“ nahm Levy wieder auf.„Graf di Peschiera hat verſprochen, ſeiner Schweſter eine Morgengabe von zwanzigtauſend Pfunden auszube⸗ zahlen, im Fall er in die Lage kömmt, es zu können. Dieſes Können wird ihm nur durch die Heirath, von der wir ſprechen, erinöglicht. Ich habe ihm, da ich ſeine Angelegenheiten in England beſorge, von meiner Seite aus verſprochen, daß ich gegen die beſagte Summe für die Koſten, die zu Herbei⸗ führung jener Heirath aufzuwenden ſeyn dürften, einſtehen und in Betreff der Morgengabe die Sache mit Madame di Negra ausgleichen wolle. Obſchon nun Peschiera ein ſehr freigebiger Kerl iſt und ein warmes Herz hat, ſo glaube ich doch nicht, daß er mit der Mitgift ſeiner Schweſter ſo hoch gegriffen haben würde, wenn er in Wahrheit ihr nicht dieſe Summe ſchuldete. Sie iſt der Betrag ihres eigenen Vermögens, das er in Folge einer nicht eben geſetzlichen Uebereinkunft mit ihrem verſtorbenen Gatten an ſich gebracht hat. Wenn Madame di Negra deshalb mit ihm einen Prozeß anfinge, ſo würde ſie ihn gewinnen. Dies habe ich ihm 1400 auseinandergeſetzt, und— kurz, Ihr begreift jetzt, warum die Summe ſo beſtimmt wurde. Aber ich habe die Schulden der Madame di Negra und ebenſo die des jungen Hazeldean aufgekauft; denn wir müſſen eine Verbindung zwiſchen dieſen Beiden zu einem Theil unſexer Uebereinkunft machen. Ich werde Peschiera und dieſeni Kefflichen jungen Pärchen eine Rechnung vorzulegen haben, welche die ganzen zwanzigtauſend Pfunde aufzehrt. Dieſe Summe kömmt in meine Hände. Wenn ich nun die Anſprüche daran mit dem halben Betrag abfinde, wozu ich, nachdem ich mich zum einzigen Gläubiger gemacht, das Recht habe, ſo bleibt noch die Hälfte übrig. Und wenn ich dieſe Euch gebe als Lohn für die Dienſte, welche Peschiera mit einem fürſtlichen Vermögen ausſtatten, die Schulden ſeiner Schweſter zahle und ihr in meinem hoff⸗ nungsvollen jungen Clienten Mr. Hazeldean einen Gatten verſchaffe, ſo iſt dies meine Sache— alle Parteien ſind zu⸗ friedengeſtellt, und Niemand braucht zu wiſſen, wie es zu⸗ ging. Allerdings iſt die Summe groß; allein es convenirt mir einmal, ſie Euch zu geben— convenirt es Euch, ſie an⸗ zunehmen?“ Randal befand ſich in großer Aufregung; aber wie ſchlecht auch ſein Herz ſeyn und wie ſyſtematiſch er ſich in den Gedanken hineingelebt haben mochte, Andere nur in ſo weit zu beachten, als er ſie ſeinem eigenen Intereſſe dienſtbar machen konnte, ſo findet dennoch bei Allen, welche noch nicht in wirklichen Verbrechen verhärtet ſind, ein weiter Abſtand ſtatt zwiſchen dem Gedanken und der That; und obgleich er ſich nicht lange beſonnen hätte, auf jenen moraliſchen Betrug rum lden ean eſen Ich eine ſend nde. trag iger rig. che die hoff⸗ tten zu⸗ zu⸗ nirt an⸗ wie h in n ſo tbar nicht tand ch er 1401 einzugehen, den man mit dem milden Ausdruck„Ueberliſten“ bezeichnet, bebie er doch davor zurück, ſo nackt und offen eine Beſtechung anzunehmen für den Verrath an dem armen Italiener, welcher ſo edelmüthig ihm vertraut hatte. Er ſuchte Kraft zum Widerſtand zu ſammeln; aber Levy, der jetzt ſein Taſchenbuch öffnete und die Aufzeichnungen darin durchblätterte, ſagte wie für ſich ſelber hin: „Rood Manor— Dulmansberry, verkauft an die Thornhille von Sir Gilbert Leslie, Ritter der Graſfſchaft, dermalen geſchätzt zu cinem Nettoertrag von zweitauſend zweihundert und fünfzig Pfunden, ſieben Schillingen. Es iſt der vortheilhafteſte Kauf, der mir je vorkam. Und mit dieſem Beſitzthum i: Eurer Hand und bei Euren Talenten, Leslie, ſehe ich nicht ein, warum Ihr nicht noch höher ſteigen ſolltet als Andley Egerton. Es gab eine Zeit, in welcher er ärmer war als Ihr.“ Die alten Leslie⸗Ländereien— ein entſchiedener Einfluß in der Grafſchaft— die Wiederherſtellung einer gefallenen Familie, und auf der anderen Seite entweder lange Plackerei vor den Gerichtsſchranken— eine ſpärliche Unterſtützung durch Egertons Gunſt— ſeine Schweſter, deren Jugend in dem häßlichen, troſtloſen Rood verkümmerte— Oliver zum Bauern herabgeſunken!— oder eine bettelhafte Abhängigkeit von dem Mitleid Harley L'Estrange's, dieſes Mannes, der ihm ſeine Hand verweigert hatte, der vielleicht Violante's Gatte wurde! Wuth faßte ihn, als dieſe Gegenſätze vor das Auge ſeiner Seele traten. Er ging verwirrt auf und ab und ſuchte ſeine Gedanken zu ſammeln, um nach Beſchwörung des 1402 inneren Sturms wieder in den Mechanismus des berechnen⸗ den Verſtandes einlenken zu können. „Ich kann nicht begreifen,“ ſagte er abgebrochen, „warum Ihr mich ſo verſuchet. Welches Intereſſe mögt Ihr dabei haben?“ Baron Levy lächelte und machte ſein Taſchenbuch zu. Er ſah von dieſem Augenblick an, daß der Sieg errungen war. „Mein lieber Junge,“ ſagte er mit der angenehmſten Bonhomie,„ich finde es ſehr natürlich, daß Ihr denkt, ein Mann müſſe bei dem, was er für einen Anderen thut, ein perſönliches Intereſſe haben. Ich glaube, man nennt dieſe Anſicht von der menſchlichen Natur Utilitarphiloſophie, und ſie iſt gegenwaͤrtig ſehr in der Mode. Laßt mich verſuchen, Euch die Sache klar zu machen. Ich komme dabei durch⸗ aus nicht in Schaden. Ihr werdet allerdings ſagen, wenn ich Anſprüche im Betrag von zwanzigtauſend Pfunden im Wege des Vergleichs mit zehntauſend ablöſe, ſo könne ich ja den Ueberſchuß in meine eigene Taſche ſtecken, ohne daß ich nöthig habe, ihn Euch zu geben. Zugeſtanden. Aber ich komme weder zu den zwanzigtauſend Pfunden, noch werde Bezahlung erhalten für Madame di NRegra's Schulden(wie immer es mit denen des jungen Hazeldean gehen mag), wenn der Graf nicht dieſe Erbin heirathet. Hiezu könnt Ihr be⸗ hülflich ſeyn. Ich brauche Euch, und glaube nicht, daß ich Euch durch ein geringeres Anerbieten, als das gemachte iſt, auf meine Seite bringen kann. Ich ſichere mir in dieſer Weiſe die Zahlung meiner zehntauſend Pfunde, welche er⸗ folgen wird, ſobald der Graf ſich der Lady und damit auch ——— X — W w Rv 1403 ihres Vermögens bemächtigt hat. Kurz— ich habe in dem Vorſchlag, den ich Euch mache, ganz mein Intereſſe im Auge. Verlangt Ihr noch weitere Gründe?— Ihr ſollt ſie haben. Ich bin jetzt ein reicher Mann. Wie bin ich's ge⸗ worden? Dadurch, daß ich mich von Anfang an zu Perſonen hielt, die durch Vermögen oder Talente etwas in Ausſicht ſtellten. Ich knüpfte Verbindungen an mit der hohen Welt, und ſie hat mich reich gemacht. Meine Leidenſchaft für den Gelderwerb iſt noch immer vorhanden. Que voulez vous? Sie iſt mein Beruf, mein Steckenpferd. Es wird mir auf tauſenderlei Weiſe von Nutzen ſeyn, mir einen Freund zu ſichern in einem jungen Mann, der Einfluß haben wird auf andere Jünglinge, welchen beſſere Erbgüter in Ausſicht ſtehen als Rood Hall. Vielleicht macht Ihr eine glänzende Lauf⸗ bahn im Staatsdienſt. Ein Mann im öffentlichen Leben hat Gelegenheit, Staatsgeheimniſſe zu erfahren, die ſehr vortheilhaft ſind für einen Mann, der ein wenig in den Fonds ſpielt. Wir können vielleicht ſeiner Zeit zuſammen ein Ge⸗ ſchäftchen machen, das Euch in die Lage ſetzt, alle Pfand⸗ ſchulden von den Gütern abzulöſen, zu deren vorderhand noch belaſtetem Beſitz ich Euch bald werde Glück wünſchen können. Ihr ſeht, ich bin offen— dies iſt die einzige Art, mit einem ſo feinen Kopf, wie Ihr ſeyd, zurecht zu kommen. Und nun laßt uns an nichts Anderes denken als an die Er⸗ reichung unſeres Zweckes, denn es iſt nur um ſo beſſer, je weniger man in dem Sumpf, aus dem man zu trinken ſich entſchloſſen hat, den Schlamm aufwühlt. Wollt Ihr Peschiera ſagen, wo ſich die junge Dame aufhält, oder ſoll 1404 ich es thun? Beſſer iſt es, wenn Ihr ſelbſt dieſes Geſchäft übernehmt. Grund genug dazu, daß er Euch ſeine Hoffnung anvertraut und Euch um Eure Beihülfe gebeten hat— warum alſo nicht? Aber ja kein Wort gegen ihn über unſere kleine Uebereinkunft; er braucht nichts davon zu erfahren, und Ihr ſollt keine Ungelegenheit davon haben.“ Levy zog die Klingel.„Mein Wagen ſoll vorfahren.“ Randal erhob keine Einwendung. Er war blaß wie eine Leiche, aber um ſeine dünnen, blutloſen Lippen ſchwebte ein Ausdruck finſterer Entſchloſſenheit. „Der nächſte Punkt“— nahm Levy wieder auf—„be⸗ ſteht darin, die Hochzeit zwiſchen Frank und der ſchönen Wittwe zu beſchleunigen. Wie verhält ſich's mit dieſer An⸗ gelegenheit?“ „Sie nimmt weder meine noch ſeine Beſuche an.“ „Ah— ſucht den Grund zu erfahren. Und wenn Ihr auf einer oder der andern Seite einen Haken findet, ſo laßt mich's wiſſen— ich will ihn bald beſeitigt haben.“ „Hat Hazeldean in das Post obit eingewilligt?“ „Noch nicht. Die Sache iſt nicht dringlich. Ich will den rechten Augenblick abwarten, wenn es nöthig wird.“ „Es wird nöthig werden.“ „Ah— Ihr wünſcht es. So ſoll es geſchehen.“ Randal ſchritt wieder im Zimmer auf und ab und ver⸗ tiefte ſich in Gedanken. Dann trat er hart vor den Baron hin und ſagte: „Wohlan, Sir, ich bin arm und ehrgeizig. Ihr habt mich im rechten Augenblick und mit der rechten Lockſpeiſe hr ßt ill n t 140⁵ verſucht. Ich unterliege. Aber welche Bürgſchaft habe ich, daß dieſes Geld bezahlt und jene Beſitzung unter den von Euch angedeuteten Bedingungen an mich übergehen wird?“ „Ehe wir eine maßgebende Uebereinkunft ſchließen,“ verſetzte der Baron,„geht hin und erkundigt Euch über meinen Charakter bei einem von Euren jungen Freunden— bei Spendquick oder bei Borrowell, bei wem Ihr wollt. Sie werden natürlich über mich losziehen, mir aber zugleich das Zeugniß geben, daß ich, wenn ich einmal etwas zuſage, mein Wort halte. Spreche ich: mon cher, Ihr ſollt das Geld haben, ſo iſt dies ſo gut, als hättet Ihr es ſchon in der Taſche, und ſage ich: Ich will Euren Wechſel auf ſechs Monate verlängern, ſo iſt er verlängert. Dies iſt die Art, wie ich Geſchäftsſachen behandle, und unter allen Umſtänden kann man auf mein Wort ſo ſicher bauen, als auf meine Handſchrift. In dem vorliegenden Fall kann von ſchriftlicher Zuſage nicht die Rede ſeyn, und Ihr müßt Euch mit meinem Wort begnügen. Geht nun hin, um Euch über die Bürg⸗ ſchaft, die Ihr habt, aufzuklären, und nehmt heute Abend um acht Uhr an meinem Diner Theil. Wir wollen nach der Mahlzeit Peschiera beſuchen.“ „Ja, ich will mir jedenfalls die Sache im Laufe des Tages überlegen,“ entgegnete Randal.„Inzwiſchen muß ich Euch ſo viel ſagen, daß ich die Beſchaffenheit der mir an⸗ geſonnenen Rolle wohl zu würdigen weiß; habe ich aber ein⸗ mal meinen Entſchluß gefaßt, ſo führe ich ihn auch durch. Wenn ich hier mit einem falſchen Würfel ſpiele, ſo kann mich nur die Größe des Gewinns vor mir ſelbſt rechtfertigen, und iſt dieſer einmal errungen, ſo wird die Erhabenheit des Ziels die Schmach des Spiels zudecken. Nicht um dieſe Geldſumme verkaufe ich mich— nein, um des Zweckes willen, zu deſſen Erreichung ſie mir behilflich ſeyn wird. Und bei der Heirath des jungen Hazeldean mit der Italienerin habe ich ein anderes, vielleicht noch größeres Intereſſe. In der letzten Zeit ſchlief ich dafür— jetzt bin ich erwacht. Bringt dieſen Ehebund zu Stand, ſchafft Euch von Hazeldean das Post obit, und wie auch der unmittelbarere Entwurf, für den Ihr meine Dienſte ſucht, ausfallen mag. Ihr könnt auf meine Dankbarkeit zählen und dürft glauben, daß Ihr mich in die Lage geſetzt habt, meinem Dank Nachdruck zu geben. um acht Uhr werde ich bei Euch ſeyn.“ Randal verließ das Zimmer. Der Baron blieb gedankenvoll ſitzen. „Es iſt wahr,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„der junge Mann hat die nächſte Anwartſchaft auf die Hazeldean'ſchen Güter, wenn Frank ſeinen Vater ſo gegen ſich aufbringt, daß dieſer ihm das Erbe entzieht. Nichts Anderes kann die Abſicht des jungen Schlaukopfs ſeyn. Gut; im Lauf der Zeit werde ich eben ſo viel oder mehr aus ihm machen können, als aus dem verſchwenderiſchen Frank, deſſen Fehler die der Jugend ſind. Im reiferen Alter wird er ſich bekehren und Maß halten. Aber dieſer Mann! Nein, ihn habe ich fürs ganze Leben. Und ſollte auch ſein Plan auf Hazeldean fehlſchlagen und hätte er nur jenes belaſtete Eigenthum— ein Landbeſitzer bis über die Ohren verſchuldet— ei, er iſt mein Sklave, und ich kann die Güter für verfallen erklären, Die reit als deſſ als dem wie lung an, zu e Ran inw des ieſe llen, bei ae der ingt das für auf nich ben. ann ter, eſer icht erde als der und ich ean 1407 wenn ich will, oder wenn er ſich als nutzlos erweist. Nein, ich wage nichts dabei. Und wenn auch— wenn ich zehn⸗ tauſend Pfund verlöre— was macht's? Ich kann wohl ſo viel an die Rache rücken und mir den Hochgenuß damit er⸗ kaufen, zu ſehen, daß Audley Egerton allein bleibt in ſeiner Armuth und ſeinem Untergang, in der Stunde der Noth ver⸗ laſſen von dem Mann, den ſeine Güte genährt hat, wie er von dem letzten Freund ſeiner Jugend verlaſſen ſeyn wird, ſo bald ich will— ich, den er einen Schurken' genannt hat und den er—“ Levy hielt in ſeinem Selbſtgeſpräch inne, denn der Diener war eingetreten, um zu melden, daß der Wagen be⸗ reit ſey. Und der Baron fuhr mit der Hand über ſein Geſicht, als wolle er jede Spur der Leidenſchaften wegwiſchen, die deſſen lächelnde Dreiſtigkeit verzerrt hatten. Und ſo war, als er Rohr und Handſchuhe aufnahm und ſein Blick nach dem Spiegel hinflog, das Geſicht des faſhionablen Wucherers wieder ſo glänzend, wie ſeine Stiefel. Neunzehntes Kapitel. Wenn ein kluger Kopf ſich zu einer ſchurkiſchen Hand⸗ lung entſchließt, ſo weist ihn eben ſeine Klugheit darauf an, das Gefühl der Schlechtigkeit mit möglichſter Eile in ſich zu erſticken. Mit mehr als gewöhnlichem Eifer verwendete Randal die nächſte Stunde dazu, Erkundigungen einzuziehen, inwieweit der Baron das Lob verdiente, deſſen er ſich ſelbſt 1408 rühmte, und ob auch wirklich ſeinem Worte ſo gut zu trauen war, wie ſeiner Handſchrift. Er ſuchte junge Männer auf, welchen er in dergleichen Dingen ein beſſeres Urtheil zutraute, als dem Spendquick und Borrowell,— Jünglinge, welche inſoweit dem fröhlichen Monarchen glichen, daß ſie „Die Weisheit zwar in jedem Wort, Doch niemals in der That“ an den Tag legten. Dergleichen Perſonen beherbergt London in Menge— außerordentlich kluge Leute, nur da nicht, wo ſich's um ihre eigenen Angelegenheiten handelt. Niemand kennt die Welt beſſer und weiß die Charaktere richtiger zu würdigen, als ein halb zum Bettler gewordener roué. Von allen dieſen erhielt der Baron Levy ſo ziemlich das nämliche Zeugniß. Man machte ſich luſtig über ſeine Bemühungen, als Dandy zu erſcheinen, achtete ihn aber als einen ſehr zu⸗ verläſſigen Geſchäftsmann und hatte ihn ſogar gern als eine freundliche und leichtzugängliche Spielart aus der Sippe des Sir Epikur Mammon, die ſich, wie man meinte, oft in einer recht ſchönen, liberalen Weiſe benahm.„Mit einem Worte,“ ſagte einer der um ihr Gutachten Befragten,„er iſt der beſte Kerl von der Welt— als Geldausborger! Ihr könnt Euch ſtets auf ſein Verſprechen verlaſſen, und im All⸗ gemeinen iſt er ſehr ſchonend und nachſichtig gegen uns Leute von der guten Geſellſchaft, vielleicht aus demſelben Grunde, aus welchem es unſere Schneider ſind. Wollte er uns ins Gefängniß ſchicken, ſo würde es ſeine Kundſchaft be⸗ einträchtigen. Seine Schwäche beſteht darin, daß er den Gentleman ſpielen will, und ich glaube, ſo ſehr er auch das Gel mög könr eine Alle vor über Auc gehe gele habe Spi Ich den Lebe Erkt hatt welc Ave in ſ Sch Auß muß gnüc liche Ran brin B uf, te, ſche don wo and zu Bon iche en, zu⸗ eine ppe t in nem „er Ihr All⸗ uns lben e er be⸗ den das Geld liebt, ließe er ſich doch lieber die Hälſte ſeines Ver⸗ mögens koſten, eh' er etwas thäte, was uns veranlaſſen könnte, ihm den Laufpaß zu geben. Dem Lord S— hat er eine Penſion von jährlichen hundert Pfunden ausgeſetzt. Allerdings war er zwanzig Jahre ſein Geſchäftsführer und vor dieſer Zeit gehörte S— zu den Beſonnenen und konnte über eine Jahresrente von fünfzehntauſend Pfunden verfügen. Auch hat er manchem geſcheidten jungen Mann vorwärts geholfen— der geſchickteſte Wahlumtreiber, den ich je kennen gelernt habe. Er hält darauf, Freunde im Parlament zu haben. Er iſt freilich ein Spitzbube; aber wenn man einmal Spitzbuben braucht, ſo kann man keinen angenehmeren finden. Ich möchte ihn nur auf der franzöſiſchen Bühne ſehen als den Macaire im Glück. Le Maitre könnte ihn nach dem Leben darſtellen.“ Nachdem Randal mit ſeinem gewöhnlichen Takt dieſe Erkundigungen in den faſhionableren Kreiſen eingezogen hatte, wandte er ſich einer weniger hochſtehenden Quelle zu, welcher er übrigens mehr Bedeutſamkeit beilegte. Dick Avenel verkehrte mit dem Baron— alſo mußte Dick Aygel in ſeinen Krallen ſeyn. Nun ließ Randal der vennh Schlauheit dieſes Gentleman alle Gerechtigkeitcjgerfahren. Außerdem war Avenel ein Geſchäftsmann P Er mußte mehr von Levy wiſſen, als jene Männek des Ver⸗ gnügens, und da er einfach in ſeiner Rede und im gewöhn⸗ lichen Sinne des Worts ein ehrlicher Mann war, ſo zweifelte Randal nicht, daß er aus Dick Avenel die Wahrheit heraus⸗ bringen werde. Bulwer, meine Novelle.„ 89 * 141⁰ In Eaton Square angelangt, fragte Randal nach Mr. Avenel und wurde ſogleich in das Beſuchzimmer geführt. Das Gemach war nicht mit dem guten gediegenen kaufmän⸗ niſchen Geſchmack ausgeſtattet, welcher Avenels beſcheidenere Junggeſellenwohnung in Serewstown auszeichnete. Natürlich hatte die ehrenwerthe Mrs. Avenel den ihrigen geltend ge⸗ macht, und man muß in der That geſtehen, daß kein Geſchmack ſchlechter ſeyn konnte. Möbel aus allen Zeitaltern bunt durch einander gehäuft— hier ein Sopha à la renaissance in Gobelin, dort ein Roſenholz⸗Conſole von Gillow— ein hoher ſogenannter Eliſabethen⸗Seſſel aus ſchwarzem Eichen⸗ holz neben einem modernen Florentiner⸗Tiſch mit Marmor⸗ moſaik. Alle Arten von Farben im Zimmer und alle im Krieg mit einander. Sehr ſchlechte Copien der berühmteſten Gemälde von der Welt in den prunkvollſten Rahmen und durch angeheftete Zettel mit den Namen ihrer gemordeten Originale bezeichnet—„Raphael“,„Correggio“,„Titian“, „Sebaſtian Piombino“. Gleichwohl war darauf eine Menge Geldes verwendet worden, und man konnte doch etwas dafür ſehen laſſen. Mrs. Avenel ſaß auf ihrem Sopha à la renaissance und hatte zu ihren Füßen eines von ihren Kindern, welches damit beſchäftigt war, einen neuen Almanach in ſcharlachſeidenem Einband zu leſen. Die Dame des Hauſes hatte eine Haltung angenommen, als ob ſie zu ihrem Porträt ſitze. Die feine Geſellſchaft iſt ſehr launiſch in Beziehung auf Aufnahme und Zurückweiſung. Man ſieht manche ſehr ge⸗ meine Perſon in dem beau monde feſtgewurzelt, während Ande und ſ Schr Aven durch frühe ihr j Geltt rinne terſtü geſch geirr Man Aven Welt dieſer die ſi es ih gerat denn ſchlü; Dam hat, rothe Siche wird, die„ n———*————— 141¹ Andere mit allen Anſprüchen der Geburt, des Vermögens Mr. und ſo weiter zurückgewieſen werden oder doch nur über die 36. Schranken hereinſchauen dürfen. Die ehrenwerthe Mrs. na Abenel gehörte unzweifelhaft durch ihre Geburt ſowohl als n durch ihren erſten Gatten edlen Familien an, und wenn ſie 6 früher wegen ihrer Armuth einziehen mußte, ſo fehlte es 8e ihr jetzt wenigſtens nicht an Mitteln, um ihren Anſprüchen Geltung zu verſchaffen. Gleichwohl waren alle Tonangebe⸗ rinnen darin einig, der ehrenwerthen Mrs. Avenel ihre Un⸗ terſtützung zu verſagen. Man hätte glauben können, dies geſchehe wegen ihres plebejiſchen Gatten, würde aber darin 36 geirrt haben. Eine Frau von hoher Familie kann wohl einen . WMann von geringer Herkunft, der ſo vorſtellbar iſt, wie Mr. DQenel, heirathen und mit Hilfe ſeines Geldes ſich die feine 65 Welt zu Füßen legen; aber Mrs. Avenel verſtand nichts von u dieſer Kunſt. Sie war noch immer eine ſehr ſchöne Frau, ei die ſich ſehen laſſen konnte, und was den Putz betraf, ſo that S es ihr darin keine Herzogin zuvor. Und doch hatte vielleicht ku gerade dieſer Umſtand ihrem Ehrgeiz entgegengearbeitet; ſ denn ruhige, einfache Weibchen, die keinen Neid hervorrufen, 2 k ſchlüpfen in die Coteries hinein, während die ſchöne flunkernde 6 Dame, welche, wenn man ſie einmal im Salon bemerkt S hat, eben ſo wenig überſehen werden kann, als die ſcharlach⸗ ar rothe Klatſchroſe in einem Veilchenbeet, mit ziemlicher ie zu Sicherheit darauf zählen darf, daß man ſie ebenſo entfernen wird, wie jene Blume. auf Mr. Avenel ſaß etwas verſtimmt am Feuer; er hatte 3 die Hände in ſeine Taſchen geſteckt und pfiff vor ſich hin, rend 89* 1412 Die Wahrheit zu geſtehen, ſein thätiger Geiſt hatte ſich, wenigſtens während der erſten Hälfte des Tags, in London ſehr gelangweilt. Avenel begrüßte daher Randals Eintritt mit einem Lächeln der Erleichterung, ſtand auf, ſtellte ſich, die Arme unter ſeinen Frackſchößen gekreuzt, vor das Feuer hin, und geſtattete dem Beſuch kaum, Mrs. Avenel die Hand zum Gruße zu bieten und mit der gemurmelten Bemerkung: „ein ſchönes Weſen,“ dem Kind den Kopfzu ſtreicheln. Randal war nämlich immer freundlich gegen die Kinder— ganz nach Art der Wölfe in Schafskleidung; laßt euch nicht betrügen, ihr thörichten jungen Mütter! Dick, ſage ich, geſtattete Randal kaum, dieſe einleitenden Höflichkeiten anzubringen, als er ſich ſchon weit über Gattin und Kind hinaus in das Meer der Politik ſtürzte. „Jetzt wirds recht werden— eine ſchändliche Oligarchie iſt zu Grunde gegangen. Britiſche Achtbarkeit und britiſches Talent haben wieder freien Spielraum.“ Wer ihn ſo ſprechen hörte, hätte glauben ſollen, daß jetzt das tauſendjährige Reich ſeinen Anfang genommen habe! „Und was noch mehr iſt,“ fuhr Avenel fort, indem er mit der Fauſt ſeiner rechten Hand auf die Fläche ſeiner linken ſchlug,„wenn's neue Wahlen gibt, müſſen wir nene Männer haben— keine ausgenützte alte Beſen, die nie rein⸗ lich fegen, ſondern Leute, welche wiſſen, wie man ein Land regieren muß, Sir. Ich beabſichtige, ſelbſt aufzu⸗ treten!“ „Ja,“ bemerkte Mrs. Avenel, die jetzt Gelegenheit fand, ein Wort einzuflechten,„ich bin überzeugt, Mr. Leslie, daß Ihr m er mit landes Anſich früher 2 Avene blick n ie G zwar i andere von V Schott der Pr es zer flitteri gekoſte 2 den Al ſeinerſ gewöh Willer Leslie mich ſt 1 Decke ſich ondon intritt e ſich, Feuer Hand kung: andal nach ügen, attete ngen, n das archie iſches „daß ae! ndem ſeiner neue rein⸗ Land fzu⸗ daß 1413 Ihr mir Recht gebt. Ich habe Mr. Avenel zugeredet, daß er mit ſeinen Talenten und ſeinem Vermögen um des Vater⸗ landes willen ein Opfer bringe; und dann wißt ihr ja, ſeine Anſichten ſind ganz in der Mode, Mr. Leslie, obſchon man ſie früher für entſetzlich und— für gemein gehalten haben würde.“ Bei dieſen Worten blickte ſie mit zärtlichem Stolz in Avenels ſchönes Geſicht, welches übrigens in dieſem Augen⸗ blick nur ein finſteres Grollen zeigte. Ich muß Mrs. Avenel e Gerechtigkeit widerfahren laſſen, zu berichten, daß ſie zwar in manchen Dingen eine ſchwache einfältige Frau, in anderen dagegen ſehr klug und im Ganzen, ſo weit ſich dies von Weibern behaupten läßt, ein gutes Weib war. Die Schottländerinnen verdienen in der Regel dieſes Zeugniß. „Poſſen,“ verſetzte Dick,„was verſtehen Frauen von der Politik! Ich wollte, Ihr gäbet mehr auf das Kind Acht; es zerknittert und verzaust mir auf elende Weiſe dieſes flitterige Buch da, das mich ein Pfund und einen Schilling gekoſtet hat.“ Mrs. Avenel beugte ſich unterwürfig nieder und nahm den Almanach aus den Händen des jungen Zerſtörers, der ſeinerſeits ein gewaltiges Geſchrei anhub, wie es Zerſtörer gewöhnlich zu halten pflegen, wenn man ihnen nicht ihren Willen läßt. Dick hielt ſich die Hände vor die Ohren. „Hu— u— ih! das kann ich nicht aushalten. Kommt, Leslie, wir wollen einen Spaziergang machen. Ich muß mich ſtrecken.“ Und er ſtreckte ſich bei dieſen Worten bis halb an die Decke hinauf und dann zum Zimmer hinaus. 1414 Randal wandte ſich mit ſeiner Mah⸗Fair⸗Art gegen Mrs. Avenel, als wolle er ihren Gatten und ſich ſelbſt ent⸗ ſchuldigen. „Der arme Richard!“ ſagte ſie;„er iſt in einer von ſeinen üblen Launen, die man ja bei allen Männern findet. Beſucht mich bald wieder. Wann geht Almacks auf?“ „Dieſe Frage muß ich an Euch ſtellen, da Ihr Alles wißt, was in unſeren Kreiſen vorgeht,“ verſetzte die junge Schlange. Jeder Baum, in„unſere Kreiſe“ gepflanzt, und wäre es auch nur ein Holzapfelbaum geweſen, würde Mr. Avenels Eva verführt haben, auf ſeine Zweige loszuſtürzen. „Wie— kommt Ihr nicht?“ rief Dick vom Fuß der Treppe aus. Zwanzigſtes Kapitel. „Ich bin eben bei unſerem Freund Levy geweſen,“ begann Randal, als er mit Dick auf der Straße draußen an⸗ gelangt war.„Er ſteckt, wie Ihr, voll Politik— ein an⸗ genehmer Mann in Anbetracht des Geſchäfts, das er dem Vernehmen nach treibt.“ „Wohl,“ verſetzte Dick langſam,„ich glaube auch, daß er angenehm iſt, aber auch ſeinen Vortheil davon hat. Und dennoch—“ „Was wollt Ihr mit dieſem Dennoch ſagen, mein theu⸗ rer Avenel?“ entgegnete Randal, der hier zum erſtenmal das förmliche„Miſter“ umging. ang meit Ben kein oder wen geg lege Ein leih mei in d ter die wiſ zu dar we ſch zu ein üb een ent⸗ von ndet. Alles unge wäre nels der en,“ an⸗ an⸗ dem uch, hat. heu⸗ mal —————-———— 14¹⁵ Mr. Avenel.—„Dennoch iſt die Sache an ſich nicht angenehm.“ Randal(mit ſeinem ſanften hohlen Lachen).—„Ihr meint das Borgen von Geld zu mehr als fünf Procenten.“ „Oh, zum Henker mit dem Intereſſengeſetz! Ich bin mit Bentham einverſtanden. Zu was Wuchergeſetze? Ich will teine Feſſeln haben in Geſchäftsſachen, mögen ſie nun Geld oder etwas Anderes betreffen. Nein, das iſts nicht.. Aber wenn man einem Andern Geld ſchuldig iſt, wär's auch nur gegen zwei Procente, und die Zahlung kommt Einem unge⸗ legen, ſo fühlt man ſich irgendwie doch ſo klein; es zieht Einem die britiſche Freiheit aus dem Leibe.“ „Ich hätte gedacht, Ihr wäret eher der Mann, auszu⸗ leihen, als zu borgen.“ „Nun, ich ſchätze, Ihr habt hierin Recht, als allge⸗ meine Regel. Aber ich ſage Euch wie es iſt, Sir; es herrſcht in dieſem unſerem faulen alten Lande eine zu große Wuth un⸗ ter den Leuten, ſich zu überbieten. Ich bin ſo liberal, wie die meiſten Leute, und liebe die Concurrenz bis zu einer ge⸗ wiſſen Ausdehnung; aber ſie iſt viel zu groß, Sir— viel zu groß!“ Randal machte eine betrübte Miene; auch er fühlte ſich davon überzeugt. Aber wie würde Leonard geſtaunt haben, wenn er Dick Avenel ſo hätte ſprechen hören? Dieſer Mann ſchimpfte auf die Concurrenz— konnte glauben, daß es ihrer zu viel geben könne! Natürlich—„Himmel und Erde fallen ein,“ ſagte die Spinne, als die Hausmagd mit dem Beſen über ihr Gewebe kam Dick hielt es damit, alle anderen 1416 Spinngewebe wegzufegen, dachte aber ſicherlich, Himmel und Erde müßten einſtürzen, wenn ein großer Diſtelbeſen an ſeinem eigenen anklopfte. Mr. Vvenel hatte in ſeinem Sinn für Speculation und Verbeſſerung zu Screwstown eine Fabrik errichtet— die erſte, welche je mit ihrem titaniſchen Kamin den Kirch⸗ thurm in Schatten ſtellte. Die Sache ging anfänglich gut, und Mr. Avenel verwandte faſe all ſein Capital auf dieſes Unternehmen.„Nichts werfe ein ſolches Intereſſe ab,“ meinte er.„Mancheſter nütze ſich aus, und die Zeit werde zeigen, was Serewstown thun könne. Nichts gehe über die Concurrenz!“ Mittlorweile ſtellte aber ein noch größerer Capitaliſt als Dick Avenel, welcher dahinter kam, daß Serewstown an der Ausmündung einer Kohlenmine lag und daß Dick ſehr gute Geſchäfte mache, ein noch häßlicheres Gebäude mit einem noch höheren Kamin her. Als ein Mann, der dazu erzogen war, ſtund er ſelbſt ſeiner Fabrik vor, und nahm ſeinen Wohnſitz in der Stadt, während Dick Avenel für das Geſchäft einen Faktor hielt und in Lon⸗ don den Herren ſpielte. So kam es denn, daß dieſer ſchänd⸗ liche Coneurrent zuerſt einen Theil und allmälig die ganze Kundſchaft in den Artikeln an ſich zog, welche der neue Mann biöher als Monopol ausgebeutet hatte, und es war daher kein Wunder, daß Letzterer meinte, die Concurrenz müſſe ihre Gränzen haben.„Die Zunge ſtößt an, wo der Zahn ſchmerzt,“ wie der Doktor Riccabveca ſagen würde. Allmälig entlockte unſer junger Talleyrand(ich bitte den älteren großen Mann um Verzeihung) dem armen Dick ſeine Ver ſagt finde flieg zen bei Zeit lich gen gent wie el an on t, „— 8 8 8 — S„ 1417 ſeine Schmerzen und erkannte daraus den Urſprung zu ſeiner Verbindung mit dem Geldausleiher. „Aber Levy iſt ein anſtändiger Burſch in ſeiner Art,“ ſagte Avenel offen,„und auch freundſchaftlich. Mrs. Avenel findet ihn nützlich; er bringt einige von euren jungen Hoch⸗ fliegern zu ihren soirées. Freilich tanzen ſie nicht und pflan⸗ zen ſich in Einer Reihe an der Thüre auf wie die Stummen bei einem Leichenbegängniß. Nicht daß ſie nicht in letzter Zeit ungemein höflich gegen mich geweſen wären— nament⸗ lich Spendquick. Weil wir davon ſprechen, ich ſpeiſe mor⸗ gen bei ihm. Die Ariſtokratie bleibt zurück— nicht pfifſig genug, Sir— nicht auf dem Zuge; aber wenn man weiß, wie man ſie zu faſſen hat, ſo überbietet ſie die New⸗Yorker in guten Manieren. Dies muß ich ihr zum Lob nachſagen. Ich hege keine Vorurtheile.“ „Ich habe nie einen Mann gekannt, der weniger damit behaftet geweſen wäre. Nicht einmal ein Vorurtheil gegen Levy.“ „Nein, durchaus keines! Jedermann ſagt, er ſey ein Jude; er läugnet es. Auch kümmere ich mich keinen Knopf darum, was er iſt. Sein Geld iſt engliſch, und dies muß jedem Mann von liberaler Geiſtesrichtung genügen. Auch ſeine Bedingungen ſind mäßig. Natürlich weiß er, daß ich ihn bezahlen werde; nur dies will mir nicht an ihm gefallen, daß er ſo mit mon cher' und guter Freund' um ſich wirft und daß er Dinge thut, die bei ſolchen Geſchäf⸗ ten durchaus nicht in der Regel ſind. Er weiß, daß ich Einfluß auf Wähler beſitze. Ich könnte ein paar Mitglie⸗ 1418 der für Serewstown und eines, vielleicht auch zwei für Lansmere, wo ich jüngſter Zeit ein Intereſſe aufgewärmt habe, ins Parlament bringen; und er diktirt mir— nein, von diktiren iſt keine Rede— aber er verſucht mich zu be⸗ ſchwatzen, daß ich ſeine Leute vorſchlage. In Einem Punkt könnten wir allerdings übereinſtimmen. Er ſagt mir, daß Ihr ins Parlament zu kommen wünſcht. Ihr ſcheint mir ein tüchtiger junger Mann zu ſeyn; nur müßt Ihr Euer ſteifes Kanzleiweſen wegwerfen und mit der öffentlichen Mei⸗ nung gehen und— mit mir.“ „Ihr ſeyd ſehr gütig, Avenel, und wenn wir dazu kom⸗ men, unſere Anſichten zu vergleichen, ſo werden wir vielleicht finden, daß wir vollkommen mit einander übereinſtimmen. Gleichwohl muß ich in Egertons gegenwärtiger Lage mit Zartgefühl— doch ſchweigen wir jetzt davon. Ihr glaubt alſo wirklich, daß ich in Lansmere durchgreifen könnte— dem Einfluß von LEstrange zum Trotz, der ohne Zweifel groß ſeyn muß?“ „Er war allerdings ſehr groß, aber ich hab' ihm den Treff gegeben, ſchätz' ich.“ „Würden die Koſten ſich hoch belaufen?“ „Nun ja, ich rechne, Ihr müßt mit Baarem angerückt kommen. Aber wie Ihr ſagtet,'s iſt Zeit genug, dies zu beſprechen, wenn Ihr Eure Rechnung abgeſchloſſen habt mit dem Zartgefühl. Dann kommt zu mir, und wir wollen ſehen, was zu thun iſt.“ Da Randal nun ſeine Orange ausgedrückt hatte und es nicht ſeine Zeit lohnte, die Schaale mit dem Aermel ab⸗ — 18— ——0 ——„——„ für mt in, be⸗ nkt aß nir uer ei⸗ m icht en. mit ubt ifel den ückt zu mit llen und ab⸗ 1419 zuwiſchen, ſo zog er ſeinen Arm aus dem ſeines Begleiters, ſah auf ſeine Uhr und that als beſinne er ſich, daß er die hochſte Zeit habe, einer Beſtellung wegen eines höchſt dring⸗ lichen Geſchäftes nachzukommen. Er rief ein Cabriolet an und fuhr von hinnen. Dick ſah hüftlahm und unzufrieden aus, als er ſo allein zurückblieb. kamed, und dann begann ſich ſein Geiſt der Fabrik zu Serews⸗ town zuzuwenden, welche ihn mit dem Baron in Verbindung gebracht hatte. Er machte ſich Gedanken über einen Brief, der erſt dieſen Morgen eingelaufen war und in welchem ihm ſein Faktor mittheilte, es gehe in Serewstown das Gerücht, Mr. Dyce, ſein Nebenbuhler, ſey im Begriff, eine neue Maſchinerie nach verbeſſerten Grundſätzen einzuführen; allem Vernehmen nach trage ſich Mr. Dyce mit der Abſicht, eine patentiſirte Entdeckung anzukaufen und ſie auf die neue Maſchinerie anzuwenden; auch habe dieſer Gentleman öffent⸗ lich auf dem Kornmarkt erklärt,„Mr. Avenel werde ſeine Fabrik ſchließen müſſen, noch eh' das Jahr um ſey.“ Die Erinnerung an dieſe bedrohliche Epiſtel erſtickte in Dick Avenel alle weitere Luſt zu gähnen. Seine Stirne umzog ſich mit ſchweren Wolken, und er ging mit unruhigen Schrit⸗ ten weiter und weiter, bis er endlich den Strand erreichte. Dort ſtieg er in einen Omnibus und fuhr nach der City, wo er den Reſt des Tages damit verbrachte, die Maſchinen und Gießhütten zu muſtern, in der Hoffnung, vielleicht zu ent⸗ decken, welche hölliſche Erfindung Mr. Dyce in den Wurf Er gähnte ſehr laut zum Schrecken dreier ge⸗ zierter alter Jungfern von Belgrave, die an ihm vorüber⸗⸗ ——————————— 1420 gekommen ſeyn und ihn zu einer ſo vernichtenden Concurrenz befähigen mochte.„Wenn ein Mann, wie ich,“ ſagte Dick Apenel zu ſich ſelbſt, als er ärgerlich den Heimweg antrat— „wenn ein Mann, wie ich, der ſo viel für die britiſche In⸗ duſtrie und für die Grundſätze des Fortſchritts gethan hat, mir nichts dir nichts aus dem Feld geſchlagen werden ſoll durch einen gierigen ſelbſtfüchtigen Vielfraß von Capitaliſten, wie dieſer zwiſchenläuferiſche Dummkopf Tom Dyce in ſeinen grauen Hoſen, ſo ſag' ich weiter nichts, als daß es mich freuen wird, wenn dieſes verwünſchte alte Land je eher je lieber zum Teufel fährt. Ich waſche meine Hände in Unſchuld.“ Einundzwanzigſtes Kapitel. Randals Entſchluß war gefaßt. Was er über Levy erfahren, hatte nur dazu gedient, in ſeinem Vorhaben ihn zu bekräftigen und ſeine Bedenklichkeiten zu zerſtreuen. Es war ihm unwahrſcheinlich vorgekommen, daß Peschiera ihm für die Beihilfe oder Mittheilungen, durch welche er die Plane des Grafen fördern konnte, die Summe von zehntauſend Pfunden anbieten, noch unwahtſcheinlicher, daß er ſie ihm zahlen würde. Aber wenn Levy den Vertrag ausſchließlich auf ſich nahm, ſo wurde es für Randal zur Hauptfrage— konnte es im Intereſſe des Baron liegen, ein ſo beträchtliches Opfer zu bringen? Hätte dieſer nur freundſchaftliche Ge⸗ ſinnungen als Beweggrund vorgeſchützt, ſo würde Randal nicht getraut haben; aber des Wucherers freimüthige Ver⸗ ————————— ſicherung, daß er von den vortheilhaften Zugeſtändniſſen, die er machte, im Lauf der Zeit Früchte ſich verſpreche, än⸗ derte die Sachlage und bewog unſeren Philoſophen, die An⸗ gelegenheit mit ruhigem, contemplativem Auge zu betrach⸗ ten. Lag es hinreichend nah, daß Levy auf einen entſpre⸗ chenden Nutzen zählen und darauf rechnen konnte, metzenweiſe die Hilfe zu ärnten, die er handvollweiſe ausgeſät hatte? Das Ergebniß von Randals Betrachtungen war, daß der Baron wohl Urſache habe, ſeine Saat als nicht in den Wind geſtreut anzuſehen. Denn erſtlich war es klar, daß Levy nicht ohne vernünftigen Grund glaubte, er könne bald mit ungemein guten Intereſſen ſich für jede an Randal vorge⸗ ſchoſſene Summe aus dem Reichthum bezahlt machen, wel⸗ cher durch die geſchickte Beihilfe des jungen Schlaukopfs für ſeinen Klienten, den Grafen, errungen werde; und zweitens beſaß Randal eine ungemein hohe Meinung von ſich ſelbſt, und es gelang ihm nun, ſich für den Augenblick durch Er⸗ langung einer pekuniären Unabhängigkeit der mühſamen Plackerei vor den Gerichtsſchranken entziehen und der zwei⸗ felhaften Hoffnung auf die Unterſtützung eines außer Macht geſetzten Staatsmanns entrathen zu können, ſo war er ſo feſt von ſeinem raſchen Aufſchwung im öffentlichen Leben über⸗ zeugt, als hätte es ihm ein Engel zugeflüſtert oder ein Teufel verſprochen. Bei ſolchen Triumphen und der geſell⸗ ſchaftlichen Stellung, die daraus hervorgehen mußte, konnte Levy wohl darauf rechnen, daß ihm auf tauſend unmittel⸗ baren Wegen Erſatz wurde. Es entging Randals Schlau⸗ heit nicht, daß der Wucherer bei allen ihm zugeſchriebenen 1422 gutmüthigen und liberalen Handlungen ſtets nur ſein eige⸗ nes Intereſſe verfolgt hatte, und er ſah recht gut ein, daß ihn Levy in ſeine Gewalt zu bekommen ſuchte, um ſeine Fähig⸗ keiten als Werkzeuge zum Graben von neuen Minen zu be— nutzen, von denen der Baron das Recht ſchöner Regalien anſprechen würde. Aber bei dieſem Gedanken zuckte Randals blaſſe dünne Lippe verächtlich, denn er vertraute ſeiner eige⸗ nen Kraft zu ſehr, um nicht der Ueberzeugung zu leben, er könne den Krallen des Wucherers entwiſchen, ſo bald es ihm gut dünke. Da ſein Gewiſſen ſchon vorher zum Schweigen gebracht war, ſo malte er ſich nach dieſer Erwägung die Zukunft bereits aufs Schönſte aus. Er ſah ſich wieder im Beſitz ſeiner Familiengüter, gleichviel, wie ſehr ſie auch ver⸗ ſchuldet waren, denn ſobald er ſie geſetzlich ſein Eigenthum nennen konnte, reichten ſie doch für den Lebensunterhalt eines Mannes von ſo wenigen Bedürfniſſen aus und befreiten ſei⸗ nen Namen von dem Titel des Abenteurers, mit dem man in reichen alten Ländern ſo freigebig gegen Perſonen iſt, deren Beſitzthum nur in ihrem Gehirne liegt. Er dachte wohl noch an Violante, aber nur wie einer von den Krämern der Civiliſation, welcher eine unbedeutende Münze oder eine Glasperle gegen den Goldſtaub eines Wilden umtauſcht; er dachte ſich Frank Hazeldean an eine ausländiſche Bettlerin von anrüchigem Ruf verheirathet und ſein Leben von den Vorſchüſſen friſtend, die er aus einer Post obit-Verſchrei⸗ bung des Caſinoguts bezog; er dachte an die Rache des ar⸗ men Squire und an die ausgedehnten Ländereien von Hazel⸗ dean, welche ſeine Habſucht bereits denen von Rood beifügte; er k mit ſein ein eine Erb diun erſte nur wäh ſein er n rüſt dah auf Geſ Cab nun halt einz Thi die! Dac ihre wor 1423 er dachte an Avenel, an Lansmere, an das Parlament— mit einem Wort, ſeine eine Hand griff nach dem Reichthum, ſeine andere nach der Macht.„Und doch trat' ich ins Leben ein ohne ein anderes Erbgut— die baufällige Halle und eine klägliche Oedung ausgenommen— ohne ein anderes Erbgut, als meinen Kopf. Ich habe mich von dem Stu⸗ dium der Bücher auf das des Menſchen gelegt, denn wenn erſtere auch Ruhm nach dem Tode geben, ſo kann uns doch nur Kenntniß des letzteren Macht im Leben verleihen.“ Und während er ſolchen Gedanken nachhing, verſäumte er nicht, ſeinem Entſchluß durch Handeln Kraft zu geben. Obgleich er nur in einem erbärmlichen Mietheabriolet die luftigen Ge⸗ rüſte um ſeine Luftſchlöſſer baute, raſſelte daſſelbe doch raſch dahin, um ihm die erſte Fußbreite des feſten Bodens zu ſichern, auf welchem der geiſtige Plan des Baumeiſters in wirklichem Geſtein und Mörtel ſeine Grundmauer finden ſollte. Das Cabriolet hielt an der Thüre von Lord Lansmere's Woh⸗ nung. Randal hatte vermuthet, daß Violante ſich hier auf⸗ halte, und deßhalb ſich vorgenommen, darüber Gewißheit einzuziehen. Er ſtieg aus ſeinem Wagen und läutete. Der Thürhüter öffnete die großen hölzernen Thore. „Ich bin gekommen, um die junge Dame zu ſprechen, die hier auf Beſuch iſt— die junge Ausländerin, meine ich.“ Lady Lansmere hatte zu ſehr auf die Sicherheit ihres Daches gebaut, um ſich herabzulaſſen, wegen des Gaſtes ihren Dienſtleuten Befehle zu geben, und der Thürhüter ant⸗ wortete deshalb arglos; 1424 „Sie iſt zu Hauſe, glaube ich, Sir— oder vielmehr, ſie befindet ſich mit der gnädigen Frau im Garten.“ „Ich ſehe,“ verſetzte Randal. Und er bemerkte wirk⸗ lich in der Entfernung Vivlante's Geſtalt.„Aber da ſie ſpazieren geht, ſo will ich ſie im Augenblick nicht ſtören, ſondern lieber an einem andern Tag vorſprechen.“ Der Thürhüter verbeugte ſich achtungsvoll und Randal ſprang in ſein Cabriolet. „Nach Curzonſtreet— raſch!“ Zweiundzwanzigſtes Kapitel. In der Berufung an den beſſeren und edleren Theil in Beatricens Weſen, mit welchem Harley den jungen Leonard zu betrauen für gut fand, hatte er ein merkwürdiges Ueber⸗ ſehen begangen. Der Entwurf an ſich ſtand vollkommen im Einklang mit derromantiſchen Gemüthsart ſeines Schöpfers, und entweder weiſe oder thöricht, mußte derſelbe nach Maß⸗ gabe von Harley's nachſichtiger Theorie über menſchliche Eigenheiten im Allgemeinen und über die der Beatrice di Negra insbeſondere ſich als der Traum eines Schwärmers oder als die induetive Folgerung eines Philoſophen erweiſen. Harley hatte Leonard vor einem Verlieben in die ſchöne Italienerin gewarnt, aber dabei vergeſſen, die Italienerin zu warnen, daß ſie ſich nicht in Leonard verliebe, da ihm die Möglichkeit eines ſolchen Falles nicht entfernt zu Sinne gekommen war. Hierüber darf man ſich nicht ſehr wundern; — den ſtär nich ſche ßen bär neh ein Fra dem laß moc geiz und ſich Geb die: ſtelle konn gew vora Pan Anſi es f ihrer hr, irk⸗ ſie en, dal rd r⸗ im —5 —————— 142⁵ denn wenn es einen Punkt gibt, in welchem ſelbſt die ver⸗ ſtändigſten Männer kurzſichtig ſich zeigen, wofern ihr Auge nicht durch die Eiferſucht geſchärft wird, ſo iſt dies die Wahr⸗ ſcheinlichkeit, daß ein anderes männliches Weſen Liebe einflö⸗ ßen könne. Sogar die am wenigſten Eitlen aus dem backen⸗ bärtigen Geſchlecht halten es für räthlich, ſich in Acht zu nehmen, daß ſie nicht allzu unwiderſtehlich werden für die Schönen, während Jeder von ſeinem Freunde ſagt:„Er iſt ein grundguter Kerl, aber wohl der letzte, in den ſich ein Frauenzimmer verlieben wird!“ Aber freilich ſchien bei oberflächlicher Betrachtung in dem vorliegenden Falle Harley mehr als gewöhnlichen An⸗ laß zu ſeiner Kurzſichtigkeit zu haben. Worin auch Beatrice's beſſere Eigenſchaften beſtehen mochten, jedenfalls galt ſie allgemein für weltlich und ehr⸗ geizig. Sie befand ſich in einer drückenden pecuniären Lage und war an ein verſchwenderiſches Leben gewöhnt; wie ließ ſich alſo erwarten, daß ſie einen Verehrer von ſo niedriger Geburt und ſo beſcheidenen Vermögensverhältniſſen, als die unſeres aus dem Bauernſtand hervorgegangenen Schrift⸗ ſtellers waren, auszeichnen würde? Die Eroberungsluſt konnte ſie wohl zu dem Verſuch bewegen, ſeine Bewunderung gewinnen und ſeine Phantaſie bezaubern zu wollen; aber vorausſichtlich wahrte ſie ihr eigenes Herz mit dem dreifachen Panzer des Stolzes, der Armuth und der conventionellen Anſichten jener Welt, in welcher ſie lebte. Hätte Harley es für möglich gehalten, Madame di Negra könnte von ihrer Stellung herabſteigen und einer zwar unklugen, aber Bulwer, meine Novelle. 90 1426 innigen Herzensneigung Raum geben, ſo wäre es ihm nicht eingefallen, den Gegenſtand vafür in einer anderen Perſoͤn⸗ lichkeit, als in der eines glänzenden faſhionablen Abenteurers zu vermuthen, der gegen ſie alle Künſte abſichtlicher Be⸗ zauberung und die ganze Erfahrung häufig errungener Siege in Anwendung zu bringen vermochte. Wie war an etwas der Art zu denken bei der Einfachheit, der Jugend und der Unerfahrenheit unſeres Levnard? Harley würde über ſich ſelbſt gelächelt haben, wenn ſein Geiſt ſich vas Bild hätte vorſtellen wollen, wie dieſer unſchuldige Jüngling dem Weibe des Ehrgeizes die uneigennützige Liebe einer Dorfnymphe einflößte. Gleichwohl verhielt es ſich ſo, und zwar gerade aus denſelben Gründen, welche nach Harley's Anſicht die Begehung einer ſolchen Schwäche hätten verhindern ſollen. Die Reinheit und Friſche des Herzens— ernſte ein⸗ fache Anmuth— der Gegenſatz in Ton, Gefühl und Ge⸗ ſinnung mit Allem, was in dem Kreiſe ihrer Bewunderer ſie ermüdet und angeekelt hatte— dies war es, was Beatrice ſchon beim erſten Zuſammentreffen mit Leonard feſſelte. Hier fand ſie, wovon ſie, ihrem eigenen Geſtändniß gegen Randal zu Folge, ſo lange geträumt, wonach ſie ſtets ge⸗ ſeufzt hatte. Ihre erſte Jugend war in einem verhaßten Ehebund hingeſchwunden, ohne daß ſie je jene ſanfte, un⸗ ſchuldige Entwicklungsphaſe des menſchlichen Lebens— die jungfräuliche Liebe— kennen lernte. Mancher Anbeter berührte vielleicht die Saiten ihrer Eitelkeit, wußte ihrer Phantaſie zu ſchmeicheln oder reizte ihren Ehrgeiz; aber ihr Herz blieb leer, und erſt jetzt war es erwacht. Die Welt 1427 und die Jahre, welche ſie in derſelben vergeudet hatte, ſchienen vor ihren Augen wie Nebel dahinzuſchwinden. Es war ihr, als ſey ſie dem Erröthen und Seufzen der Jugend — der Jugend der italieniſchen Jungfrau zurückgegeben. Wie in der Hervorrufung unſerer goldenen Jahre die Poeſie ihren Zauber auf uns alle übt, ſo wirkte auf ſie der Zauber des Dichters ſelbſt. O wie ſchön war dieſe kurze Epiſode in dem Leben der Frau, welche die„feilen Scenen und Klänge“ des welt⸗ lichen Lebens ſatt hatte! Wie wunderbar beſeligend ent⸗ ſchwanden ihr die Stunden, als, durch ihre ſtumme Sym⸗ pathie angelockt, der junge Dichter von ſeinen frühen Kämpfen des inneren Drangs mit dem Schickſal ſprach— wie er unter den Blumen brütete und das Plätſchern der Fontäne dabei in ſein Ohr ſchlug, oder wie er im düſtern Licht der Lampen durch die öden Straßen wandelte, während das Geſpenſt von Chatterton's blitzenden Augen ſchreckenerregend hinter den freundloſen Schatten zu lauern ſchien. Und mochte er von ſeinem Hoffen oder Fürchten reden, ihr Blick weilte zärtlich auf dem jungen Antlitz, deſſen Ausdruck zwi⸗ ſchen Stolz und Wehmuth wechſelte— der erſtere ſo ſanft und die letztere ſo edel rührend. Sie wurde es nie ſatt, dieſe Stirne mit ihrer ruhigen Kraft zu betrachten; aber ihre Wimpern ſenkten ſich vor den Augen ſo voll erhabener unerforſchlicher Glut. Sie fühlte, und es kam ihr keinen Augenblick aus dem Sinn, was es Tiefes und Heiliges um die Liebe in ſolchen Seelen ſeyn müſſe. Leonard ſprach nie von Helen mit ihr— eine Zurückhaltung, die man be⸗ 90* 1428 greiflich finden wird. Für Naturen wie die ſeinige iſt die erſte Liebe ein Geheimniß, das Jemand Anders zu ver⸗ trauen Entweihung wäre. Doch erfüllte er ſeinen Auftrag, indem er ihr Intereſſe für den Flüchtling und ſeine Tochter einflößte. Und ſeine Schilderung derſelben brachte ihr Thrä⸗ nen in die Augen. Sie nahm ſich in ihrem Innern vor, Peschiera in ſeinen Anſchlägen auf Violante keine Beihülfe zu leiſten, und vergaß für den Augenblick, daß die Wie⸗ dererringung ihres eigenen Vermögens nur von dem Ge⸗ lingen derſelben abhing. Levy hatte es ſo einzuleiten ge⸗ wußt, daß ſie von ihren Gläubigern nicht an ihre Ar⸗ muth erinnert wurde. Wie ihm dies gelungen, war ihr un⸗ bekannt, da ſie nichts von Geſchäftsſachen verſtand. Des⸗ halb gab ſie ſich dem Entzücken der Stunde und unbeſtimm⸗ ten Ausſichten auf die Zukunft hin, mit welchen ſtets dieſer junge Mann mit dem Geſicht eines ſchützenden Engels in Verbindung ſtand, das ihr unabläſſig vorſchwebte und am ſchönſten in ſeiner Abweſenheit; denn in ſolchen Augenblicken, wenn wir unſere Augen vor der Welt ſchließen und durch den Nebel goldener Träume ſchauen, thut ſich das ganze Feenreich vor uns auf. So hätte denn für Leonard die weiche Geſellſchaft von Madame di Negra in der That ſehr gefährlich werden können, wenn ſein Herz nicht ganz einem einzigen Gegenſtand geweiht und ſein Ideal von Weiblichkeit der ausſchließliche und untheilbare Abglanz dieſes Gegen⸗ ſtandes geweſen wäre. Aber Beatrice hatte keine Ahnung von der Schranke, die ihn von ihr trennte. In Mitte der Schatten, die er aus ſeiner Vergangenheit heraufbeſchwor, —„— ze ie 1429 bemerkte ſie nirgends die Geſtalt einer Nebenbuhlerin. Sie ſah ihn einſam in der Welt, wie ſie es ſelbſt war. In Anbetracht ſeiner niedrigen Herkunft, ſeiner Jugend und der Beſcheidenheit, welche ihm mit Ausnahme ſeiner Zuverſicht in ſeinen geiſtigen Beruf, der ſtets das wahre Genie beglei⸗ tet, in allen Dingen eigen war, mußte ſie wohl die kühnere Rolle übernehmen, da ſie ſich nicht bergen konnte, ſelbſt wenn er ſie wirklich liebe, werde er es nicht wagen, ihr ein Geſtändniß zu machen. Und ſo geſchah es denn eines Tages, als ſie, wie ſie im⸗ mer gewöhnt war, dem Antrieb ihres feurigen italieniſchen Herzens nachgab— wie und in welchen Worten, deſſen konnte ſie ſich ſpäter nicht erinnern— aber ſie ſprach ſich aus— geſtand ihm ihre Liebe— und flehte unter Thränen und Er⸗ röthen um Erwiederung. Alles, was bei dieſer Gelegen⸗ heit vorging, war ihr wie ein Traum, aus dem ſie mit dem bitteren Gefühl des peinlichſten Weh's und der Demü⸗ thigung erwachte— als das„verſchmähte Weib“ erwachte. Gleichviel, wie dankbar und wie zart auch Leonard's Antwort klang— ſie blieb eine Ablehnung. Das erſtemal erfuhr ſie jetzt, daß ſie eine Nebenbuhlerin hatte, und daß alle Liebe, die ihm zu Gebot ſtand, ſchon aus ſeiner Knabenzeit her an eine Andere verſchenkt war. Zum erſtenmal im Leben lernte dieſes glühende Weſen die Eiferſucht kennen mit ihrem mar⸗ ternden Stachel, mit ihrem Durſt nach Rache und ihrem ge⸗ witterſchwangeren liebenden Haß. Doch dem Aeußeren nach ſtand ſie kalt und ſtumm da wie Marmor. Worte, die zu beſänftigen ſuchten, trafen ein achtloſes Ohr und erſtick⸗ 1430 ten in dem innen tobenden Sturm. Der Stolz war das erſte Gefühl, welches in den kämpfenden Elementen, die ihre Seele durchwühlten, die Oberhand gewann. Sie riß ihre Hand aus derjenigen, welche ſie mit ſo achtungsvoller Er⸗ gebenheit gefaßt hielt, und hätte mit einem Tritt die Ge⸗ ſtalt von ſich ſtoßen können, welche zu ihren Füßen kniete, um ſich nicht Liebe, ſondern Verzeihung zu erbitten. Mit der Geberde einer beleidigten Königin winkte ſie nach der Thüre. Sie wußte nichts mehr von ſich ſelber, bis ſie allein war. Jetzt erſt zuckte jener Blitz des Argwohns in ihr auf, welcher dem Sturm der Eiferſucht eigenthümlich iſt und in“ der ganzen Natur nur einen einzigen Gegenſtand auffinden zu können ſcheint, in dem er das Ziel ſeines Fürchtens und ſeiner Zerſtörungsluſt erkennt— eines Argwohns, der oft ſo falſch iſt, aber in der Seele mit einer Ueberzengungskraft wurzelt, als ſey er die Eingebung der innerlich erſchauten Wahrheit. Er, vor dem ſie ſich gedemüthigt hatte, liebte eine Andere— wen ſonſt als Violante?— wen ſonſt als die jugendliche Schönheit, die er in der Geſchichte ſeines Lebens aufgeführt hatte? Keine Andere! Und er hatte ge⸗ ſucht, ihr, der Beatrice di Negra, Theilnahme einzuflößen für den Gegenſtand ſeines Liebens— auf die Gefahren hin⸗ gedeutet, welche Beatrice nur zu gut kannte— und ſein Vertrauen in ihren willfährigen Schutz geſetzt. Welche blinde Thörin war ſie geweſen! Dieſer Grund alſo hatte ihn Tag für Tag nach Beatrice's Wohnung geführt; dies war der einzige Zauber geweſen, der ihn an ihren Kreis feſſelte. Dies— ſie drückte ſich die Hände an die glü⸗ 5 lie j „—— 2 en ten bte als ge⸗ en in⸗ ein che tte ies eis lü⸗ 1434 henden Schläfe, als ob ſie dadurch der QOual des Gedankens Halt gebieten wolle. Plötzlich ließ ſich von unten her eine Stimme vernehmen. Die Thüre ging auf und Randal Les⸗ lie trat ein. — Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Mit dem Glockenſchlag acht Uhr bewillkommnete an jenem Abend der Baron Levy den neuen Verbündeten, welchen er ſich geſichert hatte. Das edle Paar ſpeiste téte atéte und unterhielt ſich über allgemeine Gegenſtände, bis die Diener abgetreten waren und ſie allein beim Wein ſaßen. Dann erhob ſich der Baron, ſtörte im Feuer und ſagte kurz und bedeutungsvoll— „Nun?“ „Was das beſprochene Grundeigenthum betrifft,“ ant⸗ wortete Randal,„ſo bin ich geneigt, es unter den von Euch namhaft gemachten Bedingungen anzukaufen. Der einzige Punkt, der mich in Verlegenheit ſetzt, beſteht darin, wie ich in Beziehung auf die Mittel, die mir dieſen Kauf möglich machen, Audley Egerton, meinen Eltern und der Welt eine geeignete Erklärung geben kann.“ „Wahr,“ verſetzte der Baron, nicht einmal ein Lächeln plicken laſſend, bei der ſinnreichen und ächt griechiſchen Weiſe, mit welcher Randal es angriff, ſeine Abſicht auszu⸗ vrücken, ohne auf das Häßliche derſelben einzugehen— „wahr; wir müſſen darüber nachdenken. Wenn wir's ſo ein⸗ 1432 leiteten, daß der Name des wirklichen Käufers ein Jahr oder ſo verſchwiegen bliebe— nun, das geht leicht— ſo könnte man glauben, Ihr habet in den Fonds ſpekulirt. Oder vielleicht ſtirbt Egerton, und die Leute wähnen, er habe von den Trümmern ſeines Vermögens etwas Schönes für Euch geborgen.“ „Es iſt wenig Ausſicht auf Egertons Tod vorhanden.“ „Hum!“ entgegnete der Baron.„Nun, das geht zu viel in's Einzelne, und wir müſſen es weiterer Berückſich⸗ tigung vorbehalten. Ihr könnt uns jetzt ſagen, wo ſich die junge Dame befindet?“ „Allerdings. Dieſen Morgen noch konnte ich es nicht — aber jetzt bin ich in der Lage. Ich will mit Euch zu dem Grafen gehen. Inzwiſchen bin ich auch bei Madame di Negra geweſen. Sie wird Frank's Hand annehmen, wenn er ſie ihr jetzt anbietet.“ „Will er nicht?“ „Nein. Ich habe ihn geſprochen. Er iſt überglücklich ob meinen Mittheilungen, hält es aber für Pflicht, zuvor die Zuſtimmung ſeiner Eltern einzuholen. Natürlich wird dieſe nicht ertheilt, und wenn noch weitere Zögerung ſtatt⸗ findet, tritt ſie zurück. Sie ſteht unter dem Einfluß von Leidenſchaften, auf deren Dauer nicht zu rechnen iſt.“ „Was für Leidenſchaften? Liebe?“ „Ja, aber nicht Liebe für Hazeldean. Die Leidenſchaf⸗ ten, welche ſie zu Annahme ſeiner Hand bewegen, ſind Aerger und Eiferſucht. Mit einem Wort, ſie glaubt, daß Jemand, der mit befremdlicher Hurtigkeit ſich in ihr Herz einge ihren blend Hant walt des! „zeig liche ſie ſi Bar und „Ab ſo in mich aber Gra denn Lord nicht rung von es n gege zu g hr ſo er be ir t u 1e M S S —————————— 1433 eingeſchlichen zu haben ſcheint, nur deshalb kein Auge für ihren Zauber habe, weil er durch die Reize Violante's ge⸗ blendet ſey. Sie iſt deshalb auch bereit, zu Allem hülfreiche Hand zu bieten, was ihre Nebenbuhlerin in Peschiera's Ge⸗ walt bringen kann. Und doch— o des weiblichen Unbeſtan⸗ des!“— fügte der junge Philoſoph mit Achſelzucken bei, „zeigt ſie ſich nicht abgeneigt, jeder Hoffnung auf die end⸗ liche Gewinnung ihres Liebhabers dadurch zu entſagen, daß ſie ſich an einen Andern vergibt!“ „Ja wohl, durch und durch das Weib!“ ſagte der Baron, auf die Schnupftabakdoſe(Louis Quinze) klopfend und ſeine Naſenlöcher mit einer verächtlichen Priſe labend. „Aber wer iſt der Mann, welcher bei der ſchönen Beatrice ſo in Ehren ſteht? Superbes Geſchöpf! Ich hatte die Idee, mich ſelbſt an ſie machen, als ich ihre Schulden aufkaufte; aber dies hätte mich wegen allgemeinerer Plane, die den Grafen betreffen, in Verlegenheit bringen können. So iſt's denn am beſten, wie es iſt. Wer iſt der Mann? Doch nicht Lord LEstrange?“ „Ich glaube nicht, bin aber über dieſen Punkt noch nicht im Klaren. Ihr wißt nun Alles, was ich in Erfah⸗ rung bringen konnte. Ich fand ſie in einem ſolchen Zuſtand von Aufregung, daß ſie ſich ſelbſt gar nicht mehr glich und es mir nicht leicht wurde, ſie auch nur zu ſo viel Vertrauen gegen mich zu begütigen. Ich durfte es nicht wagen, weiter zu gehen.“ „Und ſie will Frank annehmen?“ 1434 „Wenn er ihr heute ſeine Hand angeboten hätte, ſo würde ſie ohne Weiteres Ja geſagt haben.“ „Es mag wohl Eurem Glücksſtern einen artigen Vor⸗ ſchub leiſten, mon cher, wenn Frank Hazeldean dieſe Dame ohne Einwilligung ſeines Vaters heirathet. Vielleicht wird er enterbt. Ihr ſeyd dann der nächſte Verwandte des Hauſes.“ „Wie wißt Ihr dies?“ fragte Randal ärgerlich. „Es gehört zu meinem Geſchäft, mich über die Aus⸗ ſichten und Verwandtſchaftsverhältniſſe aller Derjenigen zu unterrichten, mit denen ich in Geldangelegenheiten verkehre. Ich habe mit dem jungen Mr. Hazeldean zu ſchaffen und weiß deshalb, daß die Hazeldean'ſchen Güter kein Fideicom⸗ miß ſind. Da nun der Halbbruder des Squire kein Hazel⸗ dean⸗Blut in ſich hat, ſo ſtehen Eure Ausſichten gar nicht übel.“ „Hat Euch Frank geſagt, daß ich ſein nächſter Ver⸗ wandter ſey?“ „Ich meine ſo; aber gewiß weiß ich, daß Ihr mir's ſagtet.“ „Ich?— wann?“ „Als Ihr mir erklärtet, wie dringend nöthig es für Euch ſey, daß Frank Madame di Negra heirathe. Peste! mon cher, haltet Ihr mich für einen Strohkopf?“ „Nun ja, Baron, Frank iſt volljährig und kann nach ſeiner Neigung heirathen. Ihr habt mir angedeutet, daß Ihr ihm dazu behülflich ſeyn könnet.“ „Ich will's verſuchen. Sorgt mir dafür, daß er mor⸗ gen pünktlich um zwei Uhr Madame di Negra beſuche.“ Ang leiter uns ſtück Ma mac men einz in L Fre la 8 mu ſaß wei wa ren vo1 bel ve , ſo Vor⸗ ame wird ſes.“ Aus⸗ n zu ehre. und ieom⸗ azel⸗ gar Ver⸗ mir's s für ete nnach daß rmor⸗ . . ———————— 1435 „Es wäre mir lieb, wenn ich jede Einmengung in dieſe Angelegenheit umgehen könnte. Wißt Ihr es nicht einzu⸗ leiten, daß er ſie beſuchen muß?“ „O ja. Noch etwas Wein?— Nicht?— So laßt uns zu dem Grafen gehen.“ Vierundzwanzigſtes Kapitel. Am andern Tag ſaß Frank bei ſeinem einſamen Früh⸗ ſtück. Die Mittagſtunde war längſt vorüber. Der junge Mann hatte ſich allerdings ſchon früh aus den Federn ge⸗ macht, um ſeinen militäriſchen Obliegenheiten nachzukom⸗ men, war aber gewöhnt, erſt ſpät ſeinen Morgenimbiß einzunehmen. Der Appetit kömmt nicht früh, wenn man in London lebt und nie vor Tagesanbruch zu Bette geht. Es war nichts Verſchwenderiſches oder Weichliches in Franks Wohnung, obſchon ſie in einer ſehr theuern Straße lag und ein ungeheuer hoher Preis für ſie bezahlt werden mußte. Gleichwohl ließ ſie ein geübtes Auge in dem In⸗ ſaßen einen Menſchen erkennen, der ſein Geld durchzubringen weiß, ohne dafür viel aufweiſen zu können. Die Wände waren mit farbigen Kupferſtichen von Wett⸗ und Kirchthurm⸗ rennen überkleidet, und dazwiſchen ſah man die Porträte von Operntänzerinnen— lauter Lächeln und Luftſprünge. Eine halbkreisförmige Vertiefung war mit rothem Tuch behangen und zum Rauchen eingerichtet, wie man aus den verſchiedenen Pfeifenbrettern voll türkiſcher Pfeifen mit 1436 Weichſelrohr, Schasmin und Bernſteinſpitzen entnehmen konnte, während ein großes ſchlangenförmiges Huka, aus wel⸗ chem Frank eben ſo wenig geraucht haben konnte, als aus dem Kopf einer Boa Conſtrictor, auf dem Boden zuſam⸗ mengerollt lag. Ueber dem Kaminmantel befand ſich eine Sammlung von mauriſchen Waffen. Was um's Himmels⸗ willen ein Patagan, ein Seimetar und damascirte Piſtolen, welche auf keine drei Schritte ſicher ſchoßen, einen Offizier aus Seiner Majeſtät Garde nützen konnten, iſt mehr als ich muthmaßen kann oder ſogar Frank befriedigend zu erklä⸗ ren vermochte. Ich habe einen ſtarken Argwohn, daß dieſes werthvolle Arſenal an Frank als Theilzahlung für einen zu discontirenden Wechſel überging. In dieſem Fall war es eine verbeſſerte Auflage des Bären, den er an ſeinen Haar⸗ kräusler verkaufte. Von Büchern war nichts zu ſehen als ein Hofwegweiſer, ein Wettrennkalender, eine Armeeliſte, das vollſtändige Sporting Magazine in ſcharlachrothen Marv⸗ quinbänden, von denen jeder einzelne Einband eine Guinee gekoſtet haben mochte, und ein kleines Buch, nicht größer als ein Elzevir'ſcher Klaſſiker, auf dem Kaminſtück neben der Cigarrenbüchſe. Dieſes kleine Buch war Frank höher zu ſtehen gekommen als alle übrigen zuſammen. Es war ſein eigenes Buch, ſein Vuch par excellence, ein Buch von ihm ſelbſt geſchrieben— ſein Wettenbuch! Ein Tiſch ſtand mitten im Zimmer; darauf lag Franks wohlgebürſteter Hut, eine Schachtel von Atlasholz, an⸗ gefüllt mit Glacéhandſchuhen in verſchiedenen zarten Farben, von Lila bis zu Schwefelgelb— ein Brett voll Karten und dreieck Abonn Stöcke Zeiten vor di ſo gle Mach Schla taliſch berech ſeyn, Rahn liche G Mort den m müde Morr groß ſo vi gegat zum fühlt Eger Trün ſehen liche —————— 1437 men dreieckigen Billeten— ein Opernglas und ein elfenbeinernes wel⸗ Abonnementbillet für ſeine Opernloge. aus In einer Ecke befand ſich ein ſinnreicher Behälter für ſam⸗ Stöcke und Reitpeitſchen— ich hätte in dieſen ſchlimmen eine Zeiten die Rechnungen dafür nicht bezahlen mögen— und nels⸗ vor dieſem Behälter ſtanden ein Paar Stiefel Schildwache, olen, ſo glänzend wie die des Baron Levy—„nicht konnt' die fizier Macht des Glanzes weiter gehen.“ Frank war in ſeinen als Schlafrock gehüllt— ſehr guter Geſchmack— ganz orien⸗ rklä⸗ taliſch— für ächt oſtindiſchen Kaſchmir garantirt und dafür ieſes berechnet. Nichts konnte bei aller Einfachheit zierlicher en zu ſeyn, als der Zubehör ſeines Theetiſches— Theekanne, r es Rahmkanne und Zuckerdoſe, alles von Silber; und ſämmt⸗ aar⸗ liche Geräthe in das Toilettenetui paſſend, für das Storr und als Mortimer jetzt noch geprieſen und eines Tages bezahlt wer⸗ „das den mögen! Frank ſah ſehr ſchön aus— allerdings etwas Karv⸗ müde und ungemein gelangweilt. Er hatte verſucht, die uinee Morningpoſt zu leſen, aber die Anſtrengung war für ihn zu rößer groß geweſen. nder Armer lieber Frank Hazeldean! Treues Muſterbild er zu ſo vieler lieben armen Burſche, die längſt vor die Hunde r ſein gegangen ſind, ohne daß die Wallfahrer auf dem Wege n zum Verderben ſich ſonderliche Ehre erholt hätten! Man fühlt Achtung vor dem Ruin eines Mannes, wie Audley ranks Egerton; er iſt en roi zu Grunde gerichtet. Von den an⸗ Trümmern ſeines Glücks kann er niederſchauen und mit an⸗ eben, ſehen, wie aus dem Geſtein des verfallenen Baues ſtatt⸗ nund liche Monumente errichtet werden. In jeder Anſtalt, welche 1438 Zeugniß ablegt von Englands Menſchenliebe, war ein Be⸗ richt von der fürſtlichen Wohlthätigkeit des öffentlichen Man⸗ nes aufgezeichnet. Für jene Parteizwecke, zu deren Er⸗ ringung der ſprichwörtliche Nerv des Krieges nöthig iſt, und für die Belohnung geleiſteter Dienſte, welche durch Privatfreigebigkeit gereicht werden kann, war die Hand Eger⸗ tons ſtets offen geweſen mit dem Herzen eines Königs. Man⸗ ches in Aufnahme gekommene Parlamentsmitglied verdankte in jenen Tagen, in welchen Talent nur durch die Beihülfe des Rangs und des Reichthums gehoben werden konnte, ſeine Laufbahn dem Sitz, welchen Audley Egertons frei⸗ gebige Subſeription ihm geſichert hatte, und mancher dunkle Handlanger der Literatur und der Preſſe konnte auf den Tag zurückſchauen, an welchem er durch die Dankbarkeit ſeines Gönners aus Kerkerhaft befreit worden war. Die Stadt, welche er vertrat, hatte er auf eigene Koſten verſchönert, und durch den Bezirk, in welchem ſeine verpfändeten und nur ſelten von ihm beſuchten Güter lagen, war ſein Geld wie ein Pactolus geſtrömt. Alles, was daſelbſt den öffent⸗ lichen Geiſt beleben oder ſeiner Civiliſation Aufſchwung ge⸗ ben konnte, erhob an die Großmuth des Staatsmannes Ver⸗ wandtſchaftsanſprüche, welche ſtets Beachtung fanden. Selbſt in ſeinem ſorglos großartigen Haushalt mit der Menge von Dienern und der edlen Gaſtlichkeit lag ein Anſtrich, würdig eines Vertreters jenes damals ſo geehrten Theils unſeres ächten Adels— der titelloſen Gentlemen mit Grundbeſitz. Das große Mitglied des Hauſes der Gemeinen hatte in der That„etwas aufzuweiſen“, für das Geld, das er gering⸗ ſchätz übrig zu en geben ſtattu Stöc ſchrie langl Renn und auf bleib Herz erſch einer nur! vom nie Aber nicht wele dem nich Alte Zuf ich Be⸗ an⸗ Er⸗ iſt, urch ger⸗ an⸗ nkte ülfe nte, frei⸗ mkle Tag ines tadt, nert, und Geld fent⸗ 3ge⸗ Ver⸗ elbſt von irdig ſeres eſitz. der ring⸗ 1439 ſchätzte und mit verſchwenderiſcher Hand ausſtreute. Was übrigens Franks Methode betraf, ſich des ärmlichen Troſſes zu entledigen— was blieb zurück, um davon Kunde zu geben, wenn er fort war? Schlechte Kupferſtiche zu Aus⸗ ſtattung einer Junggeſellenwohnung, eine Sammlung von Stöcken und Weichſelrohren, ein halb Dutzend ſchlecht ge⸗ ſchriebene franzöſiſche Briefe von einer Figurantin, einige langbeinige Pferde, die zu nichts taugten, als um in einem Rennen die hinterſten zu bleiben, das verdammte Wettenbuch, und— sic transit gloria mundi— ein Habicht Levy's fährt auf den Schwingen eines 10 V herunter und der Taube bleibt kein Federchen mehr! Und doch beſaß Frank einen edlen Kern— ein gutes Herz und ſtrenge Ehrenhaftigkeit. Obſchon er als Thor erſcheinen mußte, lag ein geſunder, gediegener Sinn in einem verborgenen Winkel ſeines Gehirns, wenn man ihm nur beikommen konnte. Er brauchte weiter nichts, um ſich vom Untergang zu retten, als Etwas zu thun, was er noch nie gethan hatte— nämlich einzuhalten und zu denken. Aber freilich iſt das Geſchäft des Denkens für Leute, die nicht daran gewöhnt ſind, keine ſo leichte Aufgabe, als Leute, welche dieſe Kunſt verſtehen, ſich vorſtellen. „Nein, es iſt unerträglich!“ rief Frank plötzlich, in⸗ dem er von ſeinem Sitze aufſprang.„Dieſe Frau will mir nicht aus dem Kopf hinaus. Ich ſollte nur ſelbſt zu dem Alten gehen; aber wenn er in Leidenſchaft geräth und ſeine Zuſtimmung verweigert— wie bin ich dann daran? Und ich fürchte, er wird nicht Ja ſagen. Wenn ich nur ausfindig ——,——— *- 1440 machen könnte, was Randals Meinung iſt. Er ſcheint mir zu empfehlen, ich ſolle ohne Weiteres Beatrice heirathen und es meiner Mutter überlaſſen, die Sache hintendrein in's Reine zu bringen. Aber wenn ich ihn frage: Iſt dies wirklich Euer Rath? ſo weicht er aus. Nun, ich denke, er hat Recht darin. Ich kann mir wohl denken, daß der gute Kerl zu nichts rathen mag, was meinem Vater unangenehm ſeyn dürfte. Aber doch—“ Frank hielt in ſeinem Selbſtgeſpräch inne und machte die erſte verzweifelte Anſtrengung, zu— denken! Ich nehme natürlich an, mein lieber Leſer, daß du unter diejenige Claſſe gehörſt, welche mit dem Denken vertraut iſt, und du haſt vielleicht verächtlich oder ungläubig über die Bemerkung gelächelt, welche ich Franks Selbſtgeſpräch vor⸗ ausſchickte— ch meine die, welche die Schwierigkeit des Denkens betrifft. Aber weißt du auch gewiß, daß jeder deiner Verſuche, zu denken, von Erfolg begleitet war? Biſt * du nicht oft durch jenes blaſſe, unweſenhafte Scheinbild des Gedankens bethört worden, das man Träumen nennt? Der ehrliche alte Montaigne bekannte, daß er den Prozeß des Niederſitzens, um zu denken, von dem manche Leute zu zungenfertig zu ſprechen wiſſen, nicht verſtehe. Er konnte nicht denken, wenn er nicht die Feder in der Hand und einen Bogen Papier vor ſich liegen hatte, und ſo erfaßte er ver⸗ mittelſt einer Manualoperation die Kettenglieder des Schlie⸗ ßens, um ſie an einander zu reihen. Auch mir iſt es oft be⸗ gegnet, wenn ich mit Entſchiedenheit zu meinem Denkver⸗ mögen ſagte:„Rühr' dich, du haſt eine ernſte Sache vor nir hen ein ies er ute hm hte ter aut die or⸗ des eder Biſt des nt? ozeß e zu nnte inen ver⸗ lie⸗ be⸗ ver⸗ vor 1441 dir liegen— erwäge ſie wohl— denk darüber nach,“ daß eben dieſes Vermögen ſich in möglichſt denkbarer Weiſe widerſpenſtig und rebelliſch benahm und, ſtatt ſeine Strah⸗ len in einen einzigen Lichtſtrom zu vereinigen, in allen den unſteten Tinten des Regenbogens ſich brach, ſinnloſe Wolken ſäumend und in den ſiebenten Himmel enteilend, bis ich am Ende, nachdem ich eine gute Stunde mit gefurchter Stirne dageſeſſen hatte, als wolle ich die Quadratur des Cirkels erfinden, plötzlich die Entdeckung machte, ich hätte ebenſo gut gemächlich mich ſchlafen legen können; denn mein Ge⸗ ſchäft war doch nichts weiter geweſen als ein Träumen, und zwar ein recht unſinniges Träumen. Als daher Frank Hazel⸗ dean mit dem beſchaulichen—„Aber doch—“ innehielt und, den Arm auf den Kamin und das Kinn auf die Hand geſtützt, in dem Gefühle des für ſein Leben ſo bedeutungsvollen Augenblicks ſich zum„Denken“ anzuſchicken meinte, trat ihm nur eine Reihe von ſchattenhaften Bildern vor die Seele. Randal Leslie mit ſeinem unbefriedigenden Geſichte, aus dem nichts zu erholen war; der Sgquire, der in ſeinem Studirzimmer zu Hazeldean wie ein ſchwarzes Donnerwetter ausſah; ſeine Mutter, die für ihn Fürſprache einlegen wollte, aber für ihre Mühe nur die gehörigen Scheltworte abfing; und dann flackerte der Irrwiſch, welcher ſich mit dem Namen des Denkens brüſtete, weit weg und begann das blaſſe bezaubernde Geſicht der Madame di Negra in dem Beſuch⸗ zimmer zu Curzonſtreet zu umſpielen, mit kleiner Elfen⸗ ſtimme ihm Randal Leslies Verſicherung vom vorigen Tag wiederholend:„An ihrer Liebe zu Euch iſt nicht zu zwei⸗ Bulwer, meine Novelle, 9⁴ 1442 feln, Frank; aber ſie fängt an zu glauben, daß Ihr nut Euer Spiel mit ihr treibt.“ Und nun vergegenwärtigte ſich ihm ein entzücktes Nebelbild von einem jungen Gent⸗ lemän auf ſeinen Knieen, von dem ſchönen blaſſen Geſicht, in die Glut des Erröthens getaucht, von einem Geiſtlichen, der vor dem Altar ſtand, von einer vierſpännigen, mit Feſt⸗ ſchleifen geſchmückten Equipage vor der Kirchenthür, und von einem Honigmonat, der für den Honig aller Bienen des Hymettus Erſatz leiſtete. Und in Mitte dieſes Schattenſpiels, deſſen luſtige Geſtalten dem armen Frank in dem Lichte von „Faſſung eines Entſchluſſes“ erſchienen, ließ ſich von der Hausthüre her das elegante Rat⸗tat⸗tat eines jungen Gentle⸗ man vernehmen. „Man hat doch nie einen Augenblick zum Denken!“ brach Frank unwillig aus und rief ſeinem Bedienten zu: „Nicht zu Hauſe.“ Aber es war zu ſpät. Lord Spendquick befand ſich ſchon in der Halle und unmittelbar darauf in Franks Zimmer. Die üblichen„Wie geht's?“ wurden unter Händedrücken ge⸗ wechſelt. Lord Spendquick.—„Ich bringe für Dich ein Billet mit, Hazeldean.“ Frank(ſchläfrig).—„Von wem?“ Lord Spendquick.—„Von Levy. Ich komme eben von ihm her, habe in meinem Leben ihn nie ſo unruhig ge⸗ ſehen. Er war im Begriff, in die City zu gehen— vermuth⸗ lich um X. Y. aufzuſuchen— ſudelte geſchwind dieſes Billet für Dich hin— würde es Dir durch einen Diener geſchickt 5 4 w h v 3 — — — 8 3 1443 haben, wenn ich nicht geſagt hätte, daß ich es beſorgen wolle.“ Frank(ängſtlich das Billet betrachtend).—„Ich hoffe, er braucht doch jetzt ſein Geld nicht? Privat und vertraulich— das ſieht ſchlimm aus.“ Spendquick.—„In der That verteufelt ſchlimm.“ Frank öffnet das Billet und liest halblaut: „Mein lieber Hazeldean—“ Spendquick(ihn unterbrechend).—„Ein gutes Zei⸗ chen! Er ſpendquickt' mich immer, wenn er mir Geld borgt, und wenn er es wieder haben will, ſo heißt es: Mein theurer Lord. Ein kapitales Zeichen.“ Frank liest weiter, aber für ſich, und im Verlauf des Leſens ändern ſich ſeine Züge. —, Mein lieber Hazeldean,— ich bedaure ſehr, Euch mittheilen zu müſſen, daß ich mich durch den plötzlichen Bankrutt eines Pariſer Hauſes, mit welchem ich bedeutend verhängt bin, in die Nothwendigkeit verſetzt ſehe, ohne Verzug alle meine zugänglichen Ausſtände einzuziehen. Ich möchte Euch keine Ungelegenheit bereiten, aber ſorgt dafür, die Wechſel einzulöſen, welche ich von Euch in Händen habe und die, wie Ihr wißt, ſchon ſeit einiger Zeit verfallen ſind. Ich habe Euch einen Weg angedeutet, wie ſich Eure An⸗ gelegenheiten bereinigen ließen; aber als ich davon ſprach, ſchien Euch mein Vorſchlag nicht zu gefallen; auch weiß ich ſeitdem von Leslie, daß Ihr in hohem Grade abgeneigt ſeyd, das Euch in Ausſicht ſtehende Eigenthum als Sicher⸗ heit einzulegen. Alſo nichts mehr davon, mein theurer 1444 Freund. Ich bin in aller Eile aufgeboten worden, zu ver⸗ ſuchen, was ich für eine ſehr bezaubernde Clientin von mir thun kann, die ſich in großer pekuniärer Bedrängniß befindet, obſchon ihr Bruder ein ausländiſcher Graf und reich wie ein Cröſus iſt. Es findet eine Exekution in ihrem Hauſe ſtatt. Ich bin im Begriff, zu dem Gläubiger zu gehen, der ſie an⸗ ordnete, habe aber geringe Hoffnung, ihn zu beſchwichtigen, und fürchte außerdem, daß vor Ablauf des Tages noch An⸗ dere kommen werden. Dies iſt ein weiterer Grund, warum ich Geld brauche, wenn Ihr mir dazu helfen könnt, mon cher!— Eine Exekution in dem Hauſe einer der prächtig⸗ ſten Frauen in London— eine Exekution in Curzonſtreet, May fair! Man wird's in der ganzen Stadt erfahren, wenn ich nicht Einhalt thun kann. Der Eurige, in Eile Levy. „Nachſchrift.— Laßt Euch das, was ich Euch ſchreibe, nicht zu ſehr anfechten. Ich würde Euch nicht behelligen, wenn Spendquick und Borrowell mir etwas bezahlen woll⸗ ten. Vielleicht könnt Ihr ſie dazu veranlaſſen.“ Betroffen von Franks Stillſchweigen und Bläſſe legte jetzt Lord Spendquick in möglichſt theilnehmender Weiſe ſeine Hand auf die Schulter des jungen Gardeoffiziers und blickte mit der Freiheit, welche ſich Gentlemen in ſchwieri⸗ gen Lagen gerne gegen die vertrauliche Privatkorreſpondenz Anderer herausnehmen, in das Billet. Sein Auge fiel auf die Nachſchrift. „Oh, zum Henker mit ihm; aber das iſt zu ſchnöde — Dich zu beauftragen, daß Du mich zur Bezahlung an —„—— nz uf de 1445 ihn veranlaſſen ſollſt! Das wäre ſchrecklicher Freundes⸗ verrath! Doch beruhige Dich, mein lieber Frank; ich habe Dir nie eine ſo unſchöne Handlung zugetraut. Eben ſo gut könnte ich mich ſelbſt im Verdacht haben— daß ich ihn zahlen werde—“ „Curzon Street! Graf!“ murmelte Frank, als ob er aus einem Traume erwache.„Es muß ſo ſeyn.“ Hurtig die Stiefel anziehen— den Schlafrock gegen einen Frack umtauſchen— Hut, Handſchuhe und Stock auf⸗ greifen— ſich von Spendquick losreißen— mit einem Satz die Treppe hinunter fliegen— die Straße gewinnen und ſich in ein Cabriolet werfen— Alles dies waren Hand⸗ lungen, welche vor ſich gingen, noch eh' der erſtaunte Gaſt ſo weit zu Athem kommen konnte, um zu fragen, was es denn gebe. Lord Spendquick, der in ſolcher Weiſe allein zurückblieb, ſchüttelte den Kopf— ſchüttelte ihn zum zweitenmal, als wolle er ſich zu voller Genüge überzeugen, daß nichts drinnen ſey, rückte dann vor dem Spiegel ſeinen Hut zurecht, zog bedächtig ſeine Handſchuhe an, ſtieg die Treppe hinunter und begab ſich, obſchon mit verwirrter und zerſtreuter Miene, nach White's Hotel. Nachdem er eine Weile in brütendem Stillſchweigen vor dem berühmten Bogenfenſter geſtanden hatte, ſprach er endlich einen ungemein eyniſchen, ſkeptiſchen alten roué in folgender Weiſe an: „Glaubt Ihr, daß in den alten Geſchichten etwas Wah⸗ res liege, wenn ſie von Leuten erzählen, die vor Zeiten ſich an den Teufel verkauft hahen?“ 1446 „Hu!“ antwortete der roué, welcher zu weiſe war, um je von etwas überraſcht zu werden,„habt Ihr ein perſön⸗ liches Intereſſe bei der Frage?“ „Ich?— Nein. Aber ein Freund von mir hat eben einen Brief von Levy erhalten und flog darauf in höchſt ertra⸗or⸗di⸗nä⸗rer Weiſe aus dem Zimmer— juſt wie Leute in jenen Tagen zu thun pflegten, wenn ihre Zeit um war. Und Ihr wißt, Levy iſt—“ „Nicht ganz ein ſo großer Eſel, wie der andere ſchwarze Gentleman, mit dem Ihr ihn vergleichen möchtet; denn Levy geht nie einen für ihn ſo ſchlimmen Handel ein. Zeit aus! Ohne Zweifel iſt dies der Fall geweſen. Ich möchte nicht in den Schuhen Eures Freundes ſtecken.“ „Schuhen?“ verſetzte Spendquick mit einer Art Schau⸗ der.„Ihr habt nie einen netteren Kerl oder einen Menſchen geſehen, der ſich mehr Zeit zu ſeinem Anzug genommen hätte, als im Allgemeinen bei ihm der Fall iſt. Und da Ihr von Schuhen ſprecht— er ſtürzte hinaus mit dem rechten Stiefel am linken Fuß und mit dem linken Stiefel am rechten. Sehr geheimnißvoll!“ Und zum drittenmal ſchüttelte Lord Spendquick den Kopf— und auch zum drittenmal ſchien er ihm wunderbar leer zu ſeyn. ———————— Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Frank war mittlerweile in Curzonſtreet angelangt. Er ſprang aus dem Cabriolet und klopfte an die Thüre, — —„——„ M — —— E ————— 1447 welche ihm von einem fremdausſehenden Menſchen in hell⸗ gelber Weſte und gerippten baumwollenen Kniehoſen geöff⸗ net wurde. Frank warf einen Blick auf dieſe Perſon, ſchob ſie bei Seite und eilte die Treppe hinauf. Er ſtürzte in das Beſuchzimmer— da war keine Beatrice. Ein ſchmächtiger ältlicher Mann mit einem Schreibheft in der Hand ſchien damit beſchäftigt zu ſeyn, die Hausgeräthſchaften zu mu⸗ unter Beihülfe von Madame di Negra's Ober⸗ bedienten ein Inventar aufzunehmen. Der ſchmächtige Mann ſah Frank mit großen Augen an und berührte den Hut, den er auf dem Kopfe hatte; der Bediente aber, welcher ein Aus⸗ länder war, näherte ſich unſerem jungen Freund und ſagte ihm in gebrochenem Engliſch, daß ſeine gnädige Frau keine Beſuche annehme, weil ſie unwohl ſey und ihr Zimmer hüten müſſe. Frank drückte dem Diener ein Goldſtück in die Hand und erſuchte ihn, Madame di Negra zu melden, daß ſich Mr. Hazeldean die Ehre einer Beſprechung erbitte. So⸗ bald der Bediente zu Erfüllung dieſes Auftrags ſich entfernt hatte, ergriff der junge Gardeoffizier den ſchmächtigen Mann am Arme und fragte: „Was iſt dies?— Eine Auspfändung?“ „Ja, Sir.“ „Für welche Summe 2 „Fünfzehnhundert und ſiebenundvierzig Pfund. Wir ſind die erſten im Beſitz.“ „Sind alſo noch Andere da?“ „Wenn dies nicht der Fall wäre, würden wir uns nie dieſen Schritt herausgenommen haben. Sehr peinlich ſtern und 1 1 7 1448 für unſere Gefühle, Sir; aber dieſe Ausländer ſind heute da und morgen fort. Und—“ Der Bediente trat wieder ein. Madame di Negra wollte Mr. Hazeldean ſehen. Ob er die Treppe hinaufkom⸗ men wolle? Frank eilte, dieſer Aufforderung Folge zu leiſten. Madame di Negra befand ſich in einem kleinen Zimmer, das als Voudoir ausgeſtattet war. Ihre Augen zeigten die Spuren eben erſt verwiſchter Thränen; aber ihr Geſicht war gefaßt und ſogar ſtarr in ſeinem ſtolzen, obſchon weh⸗ müthigen Ausdruck. Frank hielt ſich übrigens nicht damit auf, auf dieſes Antlitz zu achten oder ihre würdevolle Begrüßung anzuhören. Alle ſeine Schüchternheit war verſchwunden. Er ſah nur die Frau, die er liebte, in Demüthigung und Bedrängniß. Sobald die Thüre ſich hinter ihm geſchloſſen hatte, ſtürzte er ihr zu Füßen, ergriff ihre Hand und faßte den Saum ihres Kleides. „Oh, Madame di Negra!— Beatrice!“ rief er mit Thränen in den Augen, und ſeine Stimme erſtickte faſt in edelmüthiger Aufregung;„vergebt mir— vergebt mir— und betrachtet mich nicht blos als einen Bekannten. Zu⸗ fällig erhielt ich Kunde— oder vielmehr eine Ahnung— von der— der auffallenden Beſchimpfung, welcher man Euch ſo ſchmählich ausgeſetzt hat. Ich bin hier. Denkt an mich— nur als an Euren Freund— an Euren treuſten Freund. Oh, Beatrice,“ und er beugte das Haupt über die Hand, welche er in der ſeinigen hielt—„ich hätte mich früher nie ſo weit erdreiſtet— und es ſcheint mir auch jetzt eine Anmaßung zu ſeyn— obſchon ich nicht mehr anders N — — ——————— 1449 kann. Ich liebe Euch— liebe Euch von ganzem Herzen und aus voller Seele— Euch zu dienen— ja, wenn auch ſonſt nichts, Euch dienen zu dürfen iſt Alles, um was ich bitte.“ Und das warme, thörichte junge Herz machte ſich durch ein Schluchzen Luft. Die Italienerin fühlte ſich tief ergriffen. Ihr Cha⸗ rakter war nicht der einer ſchmutzigen Abenteurerin. So viel Liebe und Vertrauen! Sie war nicht darauf vorbe⸗ reitet, das eine zu verrathen und die andere zu verſtricken. „Steht auf— ſteht auf!“ ſagte ſie mit ſanfter Stimme. „Ich Euch aus aufrichtigem Herzen; aber glaubt nicht, daß— —— oh, ſtille!— Ihr müßt mich nicht zurück⸗ weiſen. Laßt nicht Euren Stolz ſprechen.“ „Nein, es iſt nicht mein Stolz. Ihr ſeht das, was hier vorgeht, in zu grellen Farben. Ihr vergeßt⸗ daß ich einen Bruder habe. Ich ſchickte nach ihm. Er iſt der Einzige, an den ich mich wenden kann. Ah! dies iſt ſein Pochen! Aber ich werde nie— nie vergeſſen, daß ich in dieſer hohlen Welt Ein edles, großmüthiges Herz gefunden habe.“ Frank wollte antworten; da er aber die Stimme des Grafen ſchon auf der Treppe hörte, ſo hatte er nur noch Zeit, aufzuſtehen und ſich nach dem Fenſter zurückzuziehen, wäh⸗ rend er zugleich nach Kräften verſuchte, ſeine Aufregung niederzukämpfen und ſeinen Geſichtszügen den Ausdruck der Faſſung zu geben. Graf di Peschiera trat ein— trat ein als die leibhaftige Verkörperung der Schönheit und Pracht⸗ 1450 liebe einer ſorgloſen, üppigen, verwöhnten und ſelbſtſüch⸗ tigen Welt. Sein mit Zobelpelz gefütterter Oberrock ſchlug ſich zurück von der ſtolzen Bruſt. In den Falten des glän⸗ zenden Atlaſſes, der ſeinen Hals umgab, blitzte ein Türkis von ſo hohem Werth, daß er fünfzig Jahre bei dem Juwelier hatte liegen bleiben müſſen, bis ſich Jemand fand, der reich und leichtſnnig genug war, ihn zu kaufen. Sogar der Knopf ſeines Stocks war ein Meiſterſtück der Kunſt, und der Mann ſelbſt ſo elegant, ungeachtet ſeiner Stärke, und ſo friſch, trotz ſeiner Jahre! Es iſt erſtaunlich, wie gut ſich die Menſchen erhalten, wenn ſie an nichts denken als an ſich ſelbſt! „Pr— rr!“ ſagte der Graf, ohne Frank zu bemerken, der hinter den Fenſtervorhängen verborgen war.„Pr—rr! Es ſcheint mir, Du haſt eine ſehr unangenehme Viertelſtunde durchgemacht. Und nun— Pieu me damue— quoi faire?“ Beatrice deutete auf das Fenſter, und es war ihr, als müſſe ſie in die Erde ſinken vor Scham. Aber da der Graf franzöſiſch ſprach und Frank ſich nicht ſonderlich hierauf verſtand, ſo hatten die Worte ſelbſt keinen Sinn für ihn, obſchon eine gewiſſe ſatyriſche Leichtfertigkeit in dem Tone einen ſehr mißfälligen Eindruck auf ihn machte. Frank trat hervor. Der Graf bot ihm die Hand hin und ſagte mit einer ſchnellen Veränderung in ſeinem Ton und Weſen: „Wer von meiner Schweſter in einem ſolchen Augen⸗ blicke zugelaſſen wird, muß auch ein Freund von mir ſeyn.“ „Mr. Hazeldean,“ verſetzte Beatrice mit Bedeutung, 5 — ₰ 1— 5 ————————— 145¹ „wollte in der That edelmüthig mir einen Beiſtand aufdrän⸗ gen, deſſen ich nicht mehr benöthigt bin, ſeit Du hier biſt, mein Bruder.“ „Allerdings,“ entgegnete der Graf mit der ſtolzen Miene des grand seigneur;„ich will hinuntergehen und Dein Haus von dieſer unverſchämten Canaille ſäubern. Allein ich meinte, Deine Angelegenheiten ſeyen in den Hän⸗ den des Baron Levy. Er ſollte hier ſeyn.“ „Ich erwarte ihn mit jedem Augenblick. Adieu, Mr. Hazeldean.“ Beatrice bot ihrem jungen Verehrer die Hand mit einer Freimüthigkeit, die nicht ohne eine gewiſſe pathetiſche und herzliche Würde war. Die Anweſenheit des Grafen legte Frank einen Zwang auf, der ihn nicht weiter ſprechen ließ; er beugte ſich daher ſchweigend über die ſchöne Hand und entfernte ſich. Noch auf der Treppe wurde er von Peschiera eingeholt. „Mr. Hazeldean,“ ſagte der Letztere in gedämpftem Ton,„wollt Ihr mit mir in das Beſuchzimmer treten?“ Frank gehorchte. Der Mann, welcher das Verzeichniß der Hausgeräthſchaften aufnahm, war noch immer an ſeiner Arbeit; aber ein kurzes Flüſtern von Seite des Grafen reichte zu, ihn zu entfernen. „Mein theurer Sir,“ ſagte Peschiera,„ich bin un⸗ bekannt mit Euren engliſchen Geſetzen und der Art, wie man hier zu Lande Verlegenheiten von ſo herabwürdigender Natur ausgleicht. Aber Ihr habt ſo augenſcheinlich Eure freundliche Theilnahme für die Bedrängniß meiner Schweſter den Tag gelegt, daß ich die Bitte an Euch zu ſtellen wage, Ihr möchtet hier bleiben und mir in der Berathung mit Baron Levy Euren Beiſtand leihen.“ Frank war eben im Begriff ſeine ungeheuchelte Freude zu erkennen zu geben, wenn er ſich in irgend etwas nützlich machen könne, als von der Hausthüre her Levy's Pochen erſcholl und unmittelbar darauf der Baron ſelbſt in's Zim⸗ mer trat. „Uff!“ ſagte Levy, der die Stirne wiſchte und ſich in einen Stuhl warf, als habe er Anſtrengungen der erſchöpfend⸗ ſten Art durchgemacht.—„Uff! Das iſt eine ſehr trau⸗ rige Geſchichte— ſehr traurig; und Nichts, mein theurer Graf— Nichts als baares Geld kann uns hier retten.“ „Ihr kennt meine Verhältniſſe, Levy,“ verſetzte Pes⸗ chiera, traurig den Kopf ſchüttelnd;„und obgleich ich nach wenigen Monaten, vielleicht ſchon nach wenigen Wochen in der Lage ſeyn werde, mit aller Leichtigkeit die Schulden meiner Schweſter, wie hoch ſie ſich auch belaufen mögen, zu tilgen, ſo iſt mir dies doch im gegenwärtigen Augenblick und in einem fremden Lande unmöglich. Die Summe, welche ich mitbrachte, iſt nahezu verbraucht. Könnt Ihr den erfor⸗ derlichen Betrag nicht vorſchießen?“ „Unmöglich!— Mr. Hazeldean weiß, in welcher Ver⸗ legenheit ich ſelbſt mich gegenwärtig befinde.“ „In dieſem Fall“— erwiederte der Graf—„kön⸗ nen wir für heute nichts thun, als meine Schweſter fortneh⸗ men und der Exekution ihren Gang laſſen. Inzwiſchen will — 1453 ich bei meinen Freunden Umfrage halten und ſehen, mit wie viel ſie mir auszuhelfen in der Lage ſind. „Leider“— ſagte Levy, indem er aufſtand und zum Fenſter hinausblickte—„leider können wir die Marcheſe nicht mit fortnehmen— das Schlimmſte kömmt erſt. Schaut hin— ſeht Ihr jene drei Männer? Sie ſind im Beſitz einer Vollmacht ſie verhaften zu laſſen, und ſobald ſie den Fuß über die Schwelle ſetzt, wird ſie feſtgenommen werden.“* „Feſtgenommen!“ riefen Peschiera und Frank in einem Athem. „Ich habe mein Beſtes verſucht, um dieſe Schmach abzuwehren, aber vergeblich,“ ſagte der Baron, eine troſt⸗ loſe Miene annehmend.„Ihr ſeht, unſere engliſchen Ge⸗ werbsleute bilden ſich ein, ſie hätten keine feſte Handhabe an Ausländer. Aber wir müſſen für eine Bürgſchaft beſorgt ſeyn. Sie darf nicht in's Gefängniß—“ „Gefängniß!“ echvete Frank. Er eilte auf Levy zu und zog ihn bei Seite. Der Graf ſchien vor Scham und Kummer ganz gelähmt zu ſehn. Er warf ſich in den Sopha zurück und bedeckte das Geſicht mit ſeinen Händen. „Meine Schweſter!“ ſtöhnte der Graf—„die Toch⸗ ter eines Peschiera und die Wittwe des di Negra!“ Es lag etwas Ergreifendes in dem ſtolzen Wehe dieſes hochſtehenden Patriciers. * Zur Zeit dieſer Geſchichte ſtand noch das law ok mesne process in Kraft. 1454 „Was iſt die Summe?“ flüſterte Frank ängſtlich, damit der arme Graf ihn nicht höre. Und in der That ſchien Peschiera zu betäubt und über⸗ wältigt zu ſeyn, um für etwas Geringeres als für einen Don⸗ nerſchlag ein Ohr zu haben. „Wir könnten alle Verbindlichkeiten mit fünftauſend Pfund ausgleichen— ein wahres Nichts für Peschiera, der ungeheuer reich iſt. Entre nous, ich glaube nicht an ſeine Verſicherung, daß er kein baar Geld habe. Es iſt vielleicht möglich, aber—“ „Fünftauſend Pfund! Wie kann ich eine ſolche Summe aufnehmen!“ „Ihr, mein theurer Hazeldean? Was fällt Euch ein! Ihr könntet natürlich mit einem einzigen Federzug zweimal ſo viel erhalten und Eure eigenen Schulden drein gehen laſſen. Aber— eine ſolche Großmuth wegen einer bloſen Bekanntſchaft!“ „Madame di Negra— eine bloſe Bekanntſchaft? Das höchſte Ziel meines Ehrgeizes iſt, ſie als Gattin heim⸗ zuführen“ „Und dieſe Schulden ſchrecken Euch nicht?“ „Wenn der Mann liebt,“ entgegnete Frank einfach, „ſo hat er für nichts Anderes Sinn, als für die Bedrängniß, in welcher ſich der Abgott ſeines Herzens befindet. Und“ — fügte er nach einer Pauſe bei—„ob auch die Schulden Mängel ſind, ſo werde ich, wenn ſie ſich jetzt gütig gegen mich zeigt, die Kraft gewinnen, ſie und mich, uns Beide, 4 1 4 ————————— 1455⁵ für immer von dieſen Mängeln zu heilen. Ich kann alſo durch einen Federzug das Geld beiſchaffen— wie?“ „Mit dem Caſino⸗Gut.“* Frank fuhr zurück. „Auf keine andere Weiſe?“ „Natürlich, nein. Aber ich kenne Eure Bedenklich⸗ keiten; laßt mich ſehen, ob ſie nicht zu beſchwichtigen ſind. Ihr beabſichtigt, Madame di Negra zu heirathen— ſie wird an ihrem Vermählungstag eine Mitgift von zwanzig⸗ tauſend Pfund erhalten. Warum es nicht ſo einrichten, daß von ihrer Morgengabe auf einmal die Schuld bezahlt wird, mit welcher Ihr das Caſino belaſtet? In ſolcher Weiſe hat die Verſchreibung nur für einige Wochen Geltung und bleibt ſo lange in meinen Pult eingeſchloſſen. Euer Vater kann keine Kunde davon erhalten, und es findet keine Verletzung ſeiner Gefühle ſtatt. Kömmt nun vollends die Heirath, ſo ſeyd Ihr ein freier Mann und ſchuldet keinem Menſchen mehr einen Schilling, vorausgeſetzt, daß Ihr Euch in der Zwiſchenzeit klug benehmt.“ Jetzt fuhr der Graf plötzlich auf. „Mr. Hazeldean, ich bat Euch zu bleiben und uns mit Eurem Rathe beizuſtehen; aber ich ſehe jetzt, daß da kein Rath helfen kann. Der Schlag, welcher unſer Haus trifft, iſt nicht abzuwehren! Ich danke Euch, Sir“— ich danke Euch. Lebt wohl! Levy, kommt mit mir zu meiner armen Schweſter und bereitet ſie vor auf das Schlimmſte.“ „Graf,“ ſagte Frank,„hört mich an. Meine Bekannt⸗ ſchaft mit Euch iſt nur kurz, aber Eure Schweſter kenne 3 1456 und verehre ich ſchon lange. Baron Levy hat mich auf ein Mittel aufmerkſam gemacht, welches mir die Ehre und das Glück ſichert, dieſe vorübergehende, aber peinliche Verlegen⸗ heit zu beſeitigen. Ich kann das Geld vorſchießen.“ „Nein— nein!“ rief Peschiera.„Wie könnt Ihr glau⸗ ben, daß ich einem ſolchen Vorſchlag Gehör ſchenken werde! Eure Jugend und Herzensgüte leiten Euch irre und machen Euch blind. Unmöglich, Sir— unmöglich! Selbſt wenn mein Stolz und mein Zartgefühl nicht im Wege ſtünde, ſo müßte doch der gute Ruf meiner Schweſter—“ „Er würde allerdings nothleiden,“ unterbrach ihn Levy, „wenn ſie ſich dieſer Verpflichtung gegen Jemand Anders unterziehen müßte, als gegen ihren Verlobten. Und wie ſehr ich Euch auch achte, Graf, ſo könnte ich doch nicht zugeben, daß mein Client Mr. Hazeldean den Vorſchuß gegen eine ge⸗ ringere Sicherheit leiſte, als die iſt, welche ihm durch das Vermögen geboten wird, das Madame di Negra anzu⸗ ſprechen hat.“ „Ha— ſtehen die Sachen ſo? Ihr ſeyd ein Bewer⸗ ber um die Hand meiner Schweſter, Mr. Hazeldean?“ „Aber nicht in dieſem Augenblick— ich verlange nicht, daß der Drang der Dankbarkeit mir ihre Hand zuführe,“ ant⸗ wortete der Gentleman Frank. „Dankbarkeit! Ihr kennt alſo ihr Herz nicht? Ihr wißt nicht—“ Der Graf unterbrach ſich ſelbſt und fuhr nach einer Pauſe fort:„Mr. Hazeldean, ich brauche Euch nicht zu ſagen, daß unſer Haus zu den erſten von Europa gehört. Mein Stolz hat mich früher zu dem Irrthum verleitet⸗ die —— 1———— ——————— 1457 in Hand meiner Schweſter an einen Mann zu vergeben, den as ſie nicht liebte— blos weil er dem Range nach ihres Glei⸗ en⸗ chen war. Ich werde nicht zum zweitenmal in dieſen Fehler verfallen, um ſo weniger, da ich nicht mehr auf Beatrice's u⸗ Gehorſam rechnen dürfte, wenn ich ihr Zwang auflegen e! wollte. Heirathet ſie jetzt, ſo wird es aus Liebe geſchehen, en und wenn ſie Euch, wie ich nicht zweifle, ihre Hand reicht, nn ſo geht auch das Herz mit. In dieſer Vorausſetzung nun ſo fann ich kein Bedenken tragen, dieſes Darlehen anzunehmen — ein Darlehen von einem Schwager— ein Darlehen an vy, mich, mit dem ihr Vermögen nicht belaſtet werden ſoll. Dies, ers Sir,“(und er wandte ſich mit großartiger Miene an Levy) ehr„werdet Ihr nach meinem Wunſche einzurichten die Güte en, haben. Sollte ſie Eure Bewerbung zurückweiſen, Mr. Hazel⸗ ge⸗ dean, ſo kann— ich wiederhole es— von dem Darlehen s teine Rede ſeyn. Entſchuldigt mich, wenn ich Euch ver⸗ zu⸗ laſſe. Ich wünſche, daß die Sache in einer oder der andern Weiſe zur ſchnellen Entſcheidung komme.“ er⸗ Der Graf verbeugte ſich mit großer Stattlichkeit und verließ das Zimmer. Man hörte ſeinen Tritt, als er die cht, Treppe hinaufſtieg. nt⸗„Wenn der Graf die Schulden ſeiner Schweſter bezahlt,“ ſagte Levy im Tone des bloſen Geſchäftsmannes,„und das ißt Vermögen der Lady nur mit den Eurigen belaſtet iſt, ſo ner macht Ihr in den Augen der Welt keine ſo üble Partie, und zu Euer Vater ſollte ſie auch von dieſem Geſichtspunkt aus ört. betrachten. Glaubt mir, wir bringen es noch ſo weit, daß die Mr. Hazeldean mit Frenden ſeine Einwilligung gibt.“ Bulwer, meine Novelle. 92 1458 Frank hörte nichts von dieſen Worten und hatte über⸗ haupt nur Sinn für ſeine Liebe; er hörte blos das laute Klopfen ſeines zwiſchen Furcht und Hoffnung ſchwankenden Herzens. Levy ſetzte ſich an den Tiſch und ſchrieb mit zierlicher Hand eine lange Reihe von Zahlen nieder— eine Zahlen⸗ reihe über zwei Abrechnungen, welche durch die Poſtobit⸗ verſchreibung des Caſino's ausgeglichen werden ſollten. Nach Ablauf einer Zeit, welche für Frank gar kein Ende nehmen zu wollen ſchien, trat der Graf wieder ein. Er nahm Frank bei Seite und machte gegen Levy eine Geberde, welche dieſen veranlaßte, aufzuſtehen und ſich in ein anſtoßendes Zimmer zu begeben. „Mein theurer junger Freund,“ ſagte Peschiera;„wie ich vermuthet habe, iſt das Herz meiner Schweſter ganz das Eurige. Halt— laßt mich ausreden. Aber unglücklicher⸗ weiſe machte ich ihr Mittheilung von Eurem großmüthigen Erbieten. Dies war ſehr unbehutſam und unklug von mir und hat faſt Alles verderbt. Sie beſitzt Stolz und Geiſt; auch fürchtet ſie ſo ſehr, Ihr könntet glauben, man habe Euch um ihretwillen zu einer Unbeſonnenheit verlockt, die Ihr ſpäter bereuen möchtet, daß ich überzeugt bin, ſie wird Euch ſagen, ſie liebe Euch nicht, könne Eure Hand nicht annehmen und ſo weiter. Liebhaber, wie Ihr, ſind nicht leicht zu täuſchen. Geht nicht auf ihre Worte; aber Ihr ſollt ſie ſelbſt ſehen und urtheilen. Kommt!“ Frank folgte mechaniſch dem Grafen, welcher die Treppe hinaufſtieg und die Thüre zu Beatrice's Zimmer aufriß. Die . 1459 ⸗ Marcheſa hatte den Eintretenden den Rücken zugekehrt; aber e Frank konnte ſehen, daß ſie weinte. n„Ich habe meinen Freund mitgebracht, damit er für ſich ſelbſt das Wort nehme,“ ſagte der Graf in franzöſiſcher r Sprache;„und laßt Euch rathen, Schweſter: ſtoßt nicht ⸗ alle Ausſicht auf ein wirkliches und gediegenes Glück von t⸗ Euch um einer eitlen Bedenklichteit willen. Seht Euch e Er entfernte ſich und ließ Frank mit Beatricen allein. n Und nun wandte die Marcheſa— ihre Bewegung war e dabei ſo haſtig und ihr Blick ſo wild, daß es ſie eine gewal⸗ 6 tige Anſtrengung zu koſten ſchien— das Antlitz gegen ihren Freier. Sie kam auf die Stelle zu, wo Frank ſtand. ie„Oh,“ ſagte ſie, ihre Hände zuſammenſchlagend,„iſt 8 es wahr? Ihr wollt mich retten von Schande— von r⸗ Kerkershaft; und was kann ich Euch dafür geben? Meine Liebe? Nein, nein. Ich will Euch nicht täuſchen. So jung, ir ſo ſchön, ſo edel Ihr ſeyd, liebe ich Euch doch nicht, wie Ihr ; geliebt werden ſolltet. Geht— verlaßt dieſes Haus; Ihr be kennt meinen Bruder nicht. Geht, geht— ſo lange ich noch ie Kraft, noch Tugend genug habe, zurückzuweiſen, was mich rd vor ihm ſchützen könnte. Wie immer— auch— mein— ht Oh— geht, geht!“ ht 4„Ihr liebt mich nicht,“ verſetzte Frank.„Ich muß hr dies freilich begreiflich finden; Ihr ſeyd ſo prächtig und mir ſo weit überlegen. Ich will der Hoffnung entſagen und ve Cuch verlaſſen, wie Ihr mich geheißen habt. Aber wenig⸗ ie ſtens das Recht, Euch zu dienen, werde ich nicht aufgeben, 92 1460 und was das Uebrige betrifft— Schande über mich, wenn ich gemein genug ſeyn könnte, mit Liebe groß zu thun und in einem ſolchen Augenblick meiner Bewerbung Nachdruck ge— ben zu wollen.“ Frank wandte ſein Geſicht ab und ſchlich ſich leiſe von hin⸗ nen. Er trat nicht in das Beſuchzimmer ein, ſondern ging unten in das Sprechzimmer, wo er in einigen Zeilen an Levy die Weiſung zurückließ, er ſolle das Exekutionsperſonal ent⸗ laſſen und mit den erforderlichen Urkunden nach Franks Woh⸗ nung kommen, vor Allem aber nichts gegen den Grafen ver⸗ lauten laſſen. Dann entfernte er ſich aus dem Hauſe und begab ſich nach ſeinem eigenen Quartier zurück. Noch am nämlichen Abend kam Levy zu ihm. Die Ab⸗ rechnungen wurden verglichen, die Papiere unterzeichnet, und am anderen Morgen ſah ſich Madame di Negra von ihren Schulden befreit. Allerdings belaſteten dafür große An⸗ ſprüche die Anwartſchaft auf das Caſinogut. Am Mittag des nächſten Tages fand eine Beſprechung unter vier Augen zwiſchen Randal und Beatricen ſtatt, und noch vor Abend lief ein haſtig hingeworfenes und mit Thränen bethautes Billet der Madame di Negra ein, welches Frank nach Curzon Street entbot. Und als er in das Beſuchzimmer der Mar⸗ cheſa trat, ſaß Peschiera an Beatrice's Seite. Der Graf erhob ſich bei Franks Eintritt, ſagte:„Mein lieber Schwa⸗ ger!“ und legte die Hand des jungen Mannes in die ſeiner Schweſter. „Ihr verwerft mich alſo nicht— nehmt meine Bewer⸗ get 1461 bung an— und zwar aus freiem Willen und freier Wahl?“ Und Beatrice antwortete: „Habt noch ein wenig Nachſicht, und ich will es ver⸗ ſuchen, es Euch zu vergelten nach all— nach all meinen—“ Sie hielt inne und ſchluchzte laut „Ich hätte ihr nie ein ſo tiefes Gefühl und eine ſo glühende Leidenſchaft zugetraut,“ flüſterte der Graf. Frank hörte und ſein Geſicht verklärte ſich. Allmälig gewann Madame di Negra ihre Faſſung wieder und ſchenkte ihrem jungen Verehrer mit einem, wie es ihm dünkte, zärt⸗ lichen Intereſſe, in Wahrheit aber nur mit trauriger und gedemüthigter Ergebung Gehör, als dieſer frohherzig von ihrer Zukunft ſprach. Ihm entſchwanden die Stunden kurz und ſtrahlend wie ein Sonnenblick. Und ſeine Träume waren ſo golden, nachdem er ſich zur Ruhe begeben hatte! Aber als er am andern Morgen erwachte, ſagte er zu ſich ſelber: „Was— was werden ſie in der Halle dazu ſagen?“ Zu derſelben Stunde lag Beatrice da, das Antlitz in dem Kiſſen verbergend, um nur des leidigen Tages nicht an⸗ ſichtig zu werden, und hätte um den Tod beten mögen. Um dieſelbe Stunde machte ſich Giulio Franzini, Graf di Pes⸗ chiera, nachdem er einige lange, hagere Italiener entlaſſen hatte, mit welchen er geraume Zeit eingeſchloſſen geweſen war, auf den Weg, um das Haus, welches Violante barg, in Augenſchein zu nehmen. Um dieſelbe Stunde ſaß der Baron Levy vor ſeinem Pult und ſchrieb eine vernichtende Zahlenreihe nieder, die zur Aufſchrift hatten:„Abrechnung gegen den ſehr ehrenwerthen Audley Egerton, Parlaments⸗ mitglied, Dr. und Cr.“ Um ihn her lagen Titelurkunden, und Franks Poſtobit guckte friſch unter den älteren Pergamenten hervor. Um dieſelbe Zeit hatte Audley einen Brief von dem Vorſitzenden ſeines Comité's in der Stadt, welche er reprä⸗ ſentirte, vor ſich liegen und daraus erſehen, daß er auf die Ausſicht, wieder gewählt zu werden, verzichten mußte Und 1462 die Linien ſeines Geſichts zeigten dieſelbe Faſſung wie im⸗ mer, und ſein Fuß ruhte noch eben ſo feſt auf der grimmigen Eiſentruhe; aber die Hand war an ſein Herz gedrückt und ſein Auge haftete auf der Uhr, während ſeine Stimme mur⸗ melte:„Doktor F— ſollte jetzt hier ſeyn!“ Und um die⸗ ſelbe Stunde ging Harley LEstrange, der am Abend vor⸗ her den Schwarm eines Hofeirkels durch ſeinen heiteren Hu⸗ mor bezaubert hatte, mit unruhigen Schritten und manchem ſchweren Seufzer in dem Zimmer ſeines Hotels auf und ab. Und Leonard ſtand bei der Fontaine in ſeinem Garten, die winterlichen Sonnenſtrahlen beobachtend, die in den nieder⸗ fallenden Tropfen ſich brachen Und Violante war auf Helens Schulter gelehnt, und verſuchte mit unſchuldiger Schalk⸗ haftigkeit, das Geſpräch der Freundin auf Leonard zu leiten. Und Helen hielt den Blick unverwandt auf den Boden gehef⸗ tet und antwortete nur in einſylbigen Erwiederungen. Und Randal Leslie war zum letztenmal auf dem Weg nach ſeinem Bureau, und las, während er über Green Park ging, einen Brief aus der Heimath von ſeiner Schweſter. Dann ſchaute er, den Brief plötzlich in ſeiner ſchmächtigen weißen Hand zerknitternd, auf und erblickte in der Ferne die Thürme der großen National⸗Abtei, wobei er die Worte unſeres Helden Nelſon vor ſich hinmurmelte:„Sieg und Weſtminſter, aber nicht die Abtei!“ Und Randal Leslie fühlte, daß er während der letzten paar Tage in ſeinem Ehrgeiz einen mächtigen Schritt vorwärts gethan hatte:— eine Handhabe an die alten Leslie⸗Ländereien— Frank Hazeldean verlobt und vielleicht ſeines Erbes verluſtig— und im Hintergrund Dick Avenel, welcher im Widerſtreit mit dem verhaßten Einfluß der Lansmere ihm denſelben Parlamentsſitz aufſchloß, welcher Zeuge von dem erſten politiſchen Auftreten ſeines zu Grunde gerichteten Beſchützers geweſen war. Doch „Der muß lachen, Jener weinen; So geht der Lauf der Welt!“ 4 — ——,— — 1