eihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur on vU 3 Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Ceſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ e den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für ehhentlich Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 6* „ — *„ ² 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 2 —— E. L. Bulwer's Aus dem Engliſchen. Einhundertvierunddreißigſtes bis einhundert- achtunddreißigſtes Bändchen. Meine Novelle. Erſtes bis fünftes Bändchen. Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1853. Meine Movelle, oder Wechſelformen im engliſchen Leben, von piſiſtratus Carton. Von Sir Edward Bulwer Lytton, Baronet. Aus dem Engliſchen von Dr. Carl Kolb. In ſiebenzehn Bändchen. Erſtes bis fünftes Pändchen. ℳ Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1853. Meine Novelle. Erſtes Buch. Einleitungs⸗Kapitel: zeigt, wie es kam, daß meine Vovelle geſchrieben wurde. Schauplatz: die Halle in Onkel Rolands Thurm.— Zeit: Nacht.— Jahreszeit: Winter. Mr. Carton ſitzt vor einem großen Erdglobus, welchen er gemächlich und zu ſeiner eigenen Unterhaltung dreht, wie Sir Thomas Browne zufolge ein Philoſoph den Erdball drehen würde, deſſen Abbild und Repräſentant der Globus zu ſeyn vorgibt. Meine Mutter hat eben ein ſehr kleines Kleidchen mit einem recht hübſchen Vorſtoß beſetzt und hält es auf Armlänge vor ſich hin, um die Wirkung deſto beſſer bewundern zu können. Blanche, obgleich ihre beiden Hände auf den Achſeln der Mutter ruhen, betrachtet nicht das Kleidchen, ſondern blickt nach Piſiſtratus hin, welcher, in ſeinem Stuhle zurückgelehnt, am Feuer ſitzt und durch das Bulwer, meine Novelle. 1 —ůܼ auf die Bruſt niedergeſunkene Haupt anzudeuten ſcheint, daß er nicht in der beſten Stimmung ſey. Onkel Roland, der ein großer Liebhaber von Romanenlektüre geworden iſt, hat ſich in die Geheimniſſe irgend eines bezaubernden dritten Theils vertieft. Mr. Squills, der zu ſeinem eigenen Beſten und Vergnügen ſtets die Times in der Taſche trägt, run⸗ zelt ſeine Stirne über den„Stand des Geldmarktes“ und iſt ſehr im Zweifel, ob die Eiſenbahnaktien möglicher Weiſe noch tiefer fallen können. Denn Mr. Squills, der glückliche Mann, hat ſich etwas Schönes erſpart und weiß nun nicht, was er mit ſeinem Geld anfangen ſoll, oder— um uns ſei⸗ nes eigenen Ausdrucks zu bedienen— er iſt mit ſich im Un⸗ klaren, wie er's anzugreifen habe,„um am wohlfeilſten ein⸗ zukaufen und am theuerſten wieder loszuſchlagen.“ Mr. Caxton, nachſinnend.—„Es muß eine unge⸗ heuer lange Reiſe geweſen ſeyn. Wie ich mir denke, haben ſie ſich hier herum geſpalten.“ Meine Mutter ſtellt mechaniſch und um Auſtin zu zei⸗ gen, daß ſie ihm das Compliment erwieſen habe, ſeinen Bemerkungen zu folgen, die Frage:—„Wer hat ſich geſpal⸗ ten, mein Lieber?“ „Gott behüte mich, Kitty,“ verſetzte mein Vater mit großer Verwunderung,„Du frägſt da gerade etwas, was am ſchwerſten zu beantworten iſt. Ein ſcharfſinniger Forſcher über die Racen behauptet, die Dänen, deren Abkömmlinge den Haupttheil unſerer nordiſchen Bevölkerung ausmachen (und in der That, wenn ſeine Hypotheſe richtig wäre, ſo fände ſie Anwendung auf glle die alten Verehrer Odins) aß der hat ten ten un⸗ ind iſe che cht, ſei⸗ Un⸗ in⸗ ge⸗ ben zei⸗ nen al⸗ nit am her hen ſo 6) ſeyen mit den Etruriern von gleicher Abkunft. Und warum, Kitty— ich frage Dich, warum?“ Meine Mutter ſchüttelte gedankenvoll den Kopf und drehte das Kleidchen nach der andern Seite des Lichtes. „Warum auch!“ rief mein Vater herausplatzend.„Weil die Etrurier ihre Götter die Aeſar und die Scandinavier die ihrigen die Aeſir oder Aſen nannten. Und was glaubſt Du wohl, wohin er ihre Wiege verlegt?“ „Die Wiege!“ verſetzte meine Mutter träumeriſch. „Wohin ſonſt, als in die Kinderſtube?“ Mr. Caxton.—„Ganz recht— in die Kinderſtube des menſchlichen Geſchlechts— gerade hier herum—“ und mein Vater deutete auf den Globus—„wie Du ſiehſt, von dem Fluß Halys begränzt und in dem Erdtheile, der in Ab⸗ leitung ſeines Namens von Aes oder As(ein Wort, welches Licht oder Feuer bedeutet) ſeit undenklichen Zeiten Aſien ge⸗ nannt wurde. Nun will unſer ethnologiſcher Conjekturiſt von As oder Aes nicht nur den Namen des Landes Aſien, ſondern auch den ſeiner urſprünglichen Bewohner, der Aeſar oder Aſen ableiten. Daraus folgert er den gemeinſchaftlichen Urſprung der Etrurier und Scandinavier. Geben wir ihm aber ſoviel zu, ſo müſſen wir auch noch weiter gehen und der nämlichen Quelle den Es der Celten, den Iſed der Perſer und— was dem armen Manne wohl von größerem Nutzen wäre, als alles Uebrige zuſammengenommen, das Aes der Römer entnehmen, dieſen Gott des Kupfergelds, welcher ſogar bis guf unſere Tage ein gar gewaltiger Penat geblie⸗ ben iſt.“ 4 1 Meine Mutter betrachtete gedankenvoll ihr Kleidchen, als ziehe ſie die Anſicht ihres Gatten in reifliche Erwägung. „Und ſo gingen vielleicht,“ nahm mein Vater wieder auf,„ganz in Uebereinſtimmung mit der heiligen Ueberlie⸗ ferung von einer einzigen großen elterlichen Horde alle die verſchiedenen Stämme aus, die den Namen ihres geliebten Aſien mitnahmen. Mochten ſie nun nach dem Norden, Süden oder Weſten wandern, den Namen, welchen ſie ſelber trugen, Kinder des Lichtlandes' verherrlichten ſie dadurch⸗ daß ſie ihn ihren Göttern gaben. Und dann zu denken(fügte Mr. Caxton pathetiſch bei, indem er genau den Fleck auf dem Globus betrachtete, wo ſein Finger ruhte)— zu den⸗ ken, wie wenig ſie ihre Lage verbeſſerten, als ſie an den Don kamen oder mit ihren Flößen zwiſchen den Eisbergen des baltiſchen Meeres ſchaukelten, und doch dabei ſich ſo be⸗ haglich fühlten, als ſäßen ſie noch hier, wenn ſie nur ruhig hätten bleiben können.“ „Und warum zum Henker konnten ſie dies nicht?“ fragte Mr. Eauiſſ. „Vermuthlich aus Ueberfülle von Bevölkerung, wäh⸗ rend nicht genug zum Leben vorhanden war,“ verſetzte mein Vater. Piſiſtratus, verdrießlich.—„Noch wahrſchein⸗ licher hatten ſie die Korngeſetze abgeſchafft, Sir.“ „Papae!“ entgegnete mein Vater,„dies wirft ein neues Licht auf den Gegenſtand.“ Piſiſtratus, der nur Sinn für ſeinen Verdruß hat und ſich keinen Strohhalm kümmert um die Abkunft der es at er Scandinavier.—„Soviel wenigſtens weiß ich, wenn wir an einer rentenfreien Farm, welche nach dem Urtheil aller Sach⸗ verſtändigen als Muſterwirthſchaft für die ganze Gegend gilt, Jahr aus Jahr ein fünfhundert Pfund verlieren ſollen, ſo haben wir die höchſte Zeit, Aeſar, Aſen oder wie man ſie nennen will, zu werden und auf dem Eigenthum anderer Nationen eine Handhabe zu gewinnen, da ſonſt wahrſchein⸗ lich am Ende das Armenhaus unſere Herberge wird.“ Mr. Squills, der, wie man nicht vergeſſen darf, ein begeiſterter Verfechter des Freihandels iſt.—„Ihr braucht nur mehr Capital in das Land zu ſtecken.“ Piſiſtratus.—„Ei, Mr. Squills, wenn Ihrglaubt, daß dies eine ſo vortheilhafte Gelegenheit ſey, Geld anzu⸗ legen, ſo ſteckt das Eurige hinein. Ich verſpreche Euch, jeder Schilling Gewinn ſoll Euch zufließen.“ Mr. Squills flüchtet ſich haſtig hinter die Times zurück.—„Ich glaube nicht, daß die Great Weſtern⸗Aktien noch tiefer gehen können,'s iſt freilich gewagt; aber ich will ein Paar Hunderte daran rücken.“ Piſiſtratus.—„Auf unſer Land, Squills? Ich danke Euch.“ Mr. Squills.—„Nein, nein— dies ginge mir noch ab. Ich meine die Great Weſtern.“ Piſiſtratus verſinkt wieder in ſein düſteres Brüten. Blanche ſchleicht ſich ſchmeichelnd an ſeine Seite und erhält für ihre Mühe ein unmuthiges„laß mich!“ Eine Pauſe. Mr. Carton.—„Es gibt zwei goldene Lebensregeln, von denen ſich die eine auf den Geiſt, die andere auf die Taſche bezieht. Die erſte heißt— wenn unſere Gedanken kleinmüthig und peinlich werden, müſſen wir ſie eine Luft⸗ veränderung machen laſſen; die zweite liegt in dem Inhalt des Sprichworts:'es iſt gut, wenn man zwei Sehnen für ſeinen Bogen hat.“ Ich will Dir daher ſagen, Piſiſtratus, was Du thun mußt— ſchreib ein Buch!“ Piſiſtratus.—„Ein Buch ſchreiben?— Gegen die Abſchaffung der Korngeſetze? In der That Vater, das Un⸗ heil iſt ſchon geſchehen, und es bedarf einer weit beſſern Feder, als die meinige iſt, um eine Parlamentsakte todt zu ſchlagen.“ Mr. Caxton.—„Ich habe nur geſagt— ſchreib ein Buch. Alles Uehrige iſt eine Beigabe Deiner unge⸗ ſtümen Einbildungskraft.“ Piſiſtratus, vor dem die Erinnerung an das große Buch auftaucht.—„Wahrhaftig, Vater, ich glaube, daß dies uns vollends den Garaus machen könnte.“ Mr. Carton, der die Unterbrechung nicht zu beach⸗ ten ſcheint.—„Ein Buch, das Käufer findet! Ein Buch, das Erſatz leiſtet für das Sinken der Preiſe! Ein Buch, das Dir die unheimlichen Beſorgniſſe aus dem Kopf treibt, die Liebe zu Deinem Geſchlecht zurückführt und die Hoffnungen auf den endlichen Triumph geſunder Grundſätze neu belebt — durch den Anblick eines hübſchen neberſchuſſes beim Schluß der jährlichen Abrechnung. Es iſt erſtaunlich, welchen Unterſchied dieſer kleine Umſtand in unſerer Betrachtung der Dinge auszumachen pflegt. Ich erinnere mich eines merk⸗ eib ge⸗ oße daß ach⸗ uch, das die gen lebt eim chen der erk⸗ * würdig geſunden Jahres, in welchem ein Haus bankrut machte, bei dem Squills unbedachter Weiſe tauſend Pfund angelegt hatte; er ſchlug damals gewaltig Lärm und meinte, das Land ſey am Rande des Abgrundes. Nun aber hat er, Dank ſey es einer langen Reihe von ungeſunden Jahreszei⸗ ten, überſchüſſiges Capital genug, um es bei der Great Weſtern⸗Bahn aufs Spiel zu ſetzen, und iſt dabei vollkommen überzeugt, daß England ſich nie in einer gedeihlicheren Lage befunden habe.“ Mr. Squills, etwas verdrießlich.—„Pah, pah!“ Mr. Caxton.—„Schreib ein Buch, mein Sohn— ſchreib ein Buch. Brauche ich Dir zu ſagen, daß nach Hyginus Geld oder Moneta die Mutter der Muſen war? Schreib ein Buch.“ Blanche und meine Mutter in vollem Chor.— „Oh ja, Siſth— ein Buch, ein Buch! Du mußt ein Buch ſchreiben.“ „Ich bin überzeugt,“ ergriff nun Onkel Roland das Wort, indem er den Band zuſammenſchlug, mit welchem er eben fertig geworden war,„ein Buch aus ſeiner Feder würde verteufelt beſſer ausfallen, als dieſes hier. Wie komme ich auch dazu, Abend um Abend ſolches Gewäſche zu leſen! Dies iſt eine Frage, die ich wohl kaum zu Befriedigung eines ein⸗ ſichtsvollen Schwurgerichts zu beantworten vermöchte, wenn man mich auf die Zeugenbank ſetzte und mein eigener Anwalt mich auf die mildeſte Art ins Verhör nähme.“ Mr. Carton.—„Du ſiehſt, daß Roland über die Beſchaffenheit des Buchs Dir unumwundene Auskunft gibt.“ 8 Piſiſtratus.—„Gewäſche, Vater?“ ſter Mr. Carton.—„Nein, dies iſt nicht gerade noth⸗ vor wendig. Aber ein Buch ſollte es ſeyn, an dem die Lente De eben nicht vorbeigehen können, ob es nun Gewäſche enthalte, noc oder nicht. Novellen ſind ein Bedürfniß der Zeit geworden. gro Du mufßt eine Novelle ſchreiben.“ unt Piſiſtratus geſchmeichelt, aber zweifelhaft.— wã „Eine Novelle! Aber alle Gegenſtände, über die ſich No⸗ nat vellen ſchreiben laſſen, ſind ſchon vielfach behandelt. Wir En haben Novellen aus dem Volksleben, aus der vornehmen het Welt, militäriſche Novellen, Seeromane, philoſophiſche Ro⸗ det mane, religiöſe Romane, hiſtoriſche Novellen, Novellen aus Lei Indien, aus den Kolonien, aus dem alten Rom und von wer den ägyptiſchen Pyramiden. Aus welchem Vogel, ſeys ein dig wilder Adler oder ein Scheunenſperling, kann ich als Nur eine unverbrauchte Feder rupfen, fall Daß ſie der Phantaſie als Schwinge diene?“ hal Mr. Caxton, nach kurzem Beſinnen.—„Du er⸗ unt innerſt Dich der Geſchichte, welche uns Trevanion— ich bitte wie ihn um Vetzeihung, Lord Ulswater— kürzlich bei ſeinem Fo Abendbeſuch erzählte. Sie gibt Dir etwas von der Roman⸗ Fa tik des wirklichen Lebens für Deinen Entwurf, führt Dich vornämlich auf Schauplätze, mit denen Du vertraut biſt, die und liefert Dir Charaktere, wie man ſie ſeit der Zeit Fiel⸗ Eu dings nicht häufig findet. Du kannſt uns den Landſquire geben, wie Du Dich ſeiner aus Deiner Jugend erinnerſt: abe er iſt ein Pröblein von einer Race, die erhalten zu werden die verdient, obſchon ihre alten Eigenthümlichkeiten ſchnell dahin unt woth⸗ eute alte, den. No⸗ Wir men Ro⸗ aus von s ein er⸗ bitte inem nan⸗ Dich biſt, Fiel⸗ ſuire erſt: rden ahin 9 ſterben unker dem Eiſenbahntreiben, welches die Manieren von London ſo leicht nach Norfolk und Yorkſhire verpflanzt. Der altmodiſche Pfarrer mit allen ſeinen Weſentlichkeiten iſt noch jetzt zu finden, ohne daß Du nöthig haſt, ihn aus dem großen ſektireriſchen Sumpf der Puſeyiten herauszuholen, und was das Uebrige betrifft, ſo glaube ich in der That, während dem Vernehmen nach viele beliebte Schriftſteller, namentlich in Frankreich und vielleicht auch ein wenig in England ihr Beſtes thun, um die Klaſſen gegeneinander zu hetzen, und jeden Goſſenſtein aufheben, um ihn nach gebil⸗ deten Leuten zu werfen, die noch einen guten Rock auf dem Leibe tragen, dürfte es wohl als etwas Nützliches erſcheinen, wenn man in einigen humoriſtiſchen Skizzen jene unſchul⸗ digen Uebelthäter zeichnet, die ein wenig beſſer daran ſind, als ihre Nachbarn, und die wir, wie ſehr ſie uns auch miß⸗ fallen mögen, in einer oder der andern Geſtalt zu dulden haben werden, ſo lang es eine eiviliſirte Welt gibt. Ja, und mögen wir den Würfelbecher der Geſellſchaft ſchütteln, wie wir wollen, ſie nehmen ſich in ihrer gegenwärtigen Form ſo gut aus, als es bei uns je mit unſerer künftigen der Fall ſeyn wird.“ Piſiſtratus.—„Sehr gut geſagt, Vater; aber dieſes rauhe Landgentlemanleben iſt nicht ſo neu, als Ihr Euch vorſtellt. Wir haben Waſhington Irving—“ Mr. Carton.—„Bezaubernde Schilderungen— aber eher die Manieren des vergangenen Jahrhunderts, als die des gegenwärtigen. Du könnteſt eben ſo gut Addiſon und Sir Roger de Coverley anführen.“ — 10 Piſiſtratus.—„Tremaine und de Vere.“ Mr. Carton.—„Nichts kann anmuthiger ſeyn, aber auch nichts weiter entfernt von dem, was ich meine. Was Der Pales und Terminus, welche Du meinem Wunſche ge⸗ mäß in den Feldern aufpflanzen ſollſt, ſind bekannte Bilder, Färb die Du aus einem Eichklotz ſchnitzen kannſt, keine ſchöne verle Marmorſtatuen auf zwanzig Fuß hohen Geſtellen.“ Piſiſtratns.—„Miß Auſtin; Mrs. Gore in ihrem„Cor Meiſterwert Mrs. Armytage; auch Mrs. Marſh, und dann, was das Leben in Schottland betrifft, Miß Ferrier.“ Blar Mr. Caxton, der unmuthig wird.—„Oh wenn Du Dich nicht über einen bucoliſchen Gegenſtand auslaſſen üe kannſt, ohne daß Dir ein oder der andere Virgil nachruft: herb Haltet den Dieb, ſo verdienſt Du, in Deiner eigenen Dinte zu erſticken.(Mit noch größerer Verachtung.) Ich weiß„Bſ wahrhaftig nicht, warum wir ſo viel Geld ausgeben und 1 unſere Söhne auf Schulen ſchicken, damit ſie lateiniſch ler⸗ 2 nen, wenn dieſer Dein Anachronismus, Mrs. Caxton, es Sch nicht einmal ſo weit gebracht hat, anderthalb Zeilen des Phädrus zu conſtruiren. Phädrus, Mrs. Carton— ein Buch, das im Lateiniſchen iſt, was die Bilderfibel in unſerer Mutterſprache.“ 2 Mrs. Carton beunruhigt und entrüſtet.—„Pfui, Auſtin! Ich bin überzeugt, Du kannſt Phädrus conſtruiren, mein Lieber!“ Piſiſtratus beobachtet ein klügliches Stillſchweigen. Mr. Caxton.—„Ich will ihn auf die Probe ſtellen.— Ton u ſeyn, neine. he ge⸗ ilder, ſchöne ihrem „und rier.“ wenn slaſſen hruft: Dinte h weiß en und ſch ler⸗ on, es en des — ein unſerer „Pfui, ruiren, en. llen.— 11 gua cuique quum sit animi cogitalio Colorque propius.“ Was ſoll dies heißen?“ Piſiſtratus, lächelnd.—„Daß Jeder einen eigenen Färbeſtoff in ſich Krage um damit ſen eigenes Kolorit zu verleihen ſey—“ „Seiner Novelle,“ fiel mir der Vater ins Wort. „Contentus peragis.“ Während des letzteren Theils dieſes Zwiegeſprächs hatte Blanche drei Buch des beſten Poſtpapiers zuſammengenäht und legte jetzt das Heft auf einen kleinen Tiſch vor mich hin, indem ſie zugleich ihr eigenes Tintenfaß ſammt Stahlfeder herbeiholte. Meine Mutter legte den Finger an ihre Lippe und ſagte: „Bſt!“ Mein Vater kehrte zu der Wiege der Aeſar zurück; Kapitän Roland ſtützte die Wange auf ſeine Hand und blickte angelegentlich ins Feuer; Mr. Squills verſank in ein ruhiges Schlummern, und nach drei Seufzern, die im Stande gewe⸗ ſen wären, ein Steinherz zu ſchmelzen, warf ich mich auf meine Novelle. Zweites Kapitel. „Seit ich meinem Amte vorſtehe, hat ſich nie ein Anlaß ergeben, Gebrauch davon zu machen,“ ſagte Pfarrer Dale. „Was beweist dies?“ verſetzte der Squire in ſcharfem Tone und ſchaute dabei dem Pfarrer voll ins Geſicht. 42 „Was es beweiſe?“ entgegnete Mr. Dale mit einem Auge Lächeln wohlwollender, aber doch ſelbſtbewußter Ueberlegen⸗ Philo heit.„Was beweist die Erfahrung?“ dieſer „Daß unſere Vorfahren große Tölpel waren, und daß men 4 ihr Nachwuchs um fein Härlein weiſer geworden iſt.“ Pfarr „Squire,“ erwiederte der Pfarrer,„obgleich dies ein ſehr betrübender Schluß iſt, ſo bin ich doch als Denker auf⸗ Luſt, richtig und als Sterblicher demüthig genug, in ſeiner allge⸗ That meinen Faſſung nichts gegen ihn einzuwenden.“ des in „Ei, verſucht es einmal,“ rief Mr. Hazeldean trium⸗ und d phirend.„Aber um bei der Sache zu bleiben, was einem richter ſchlichten Mann ungeheuer ſchwer ankömmt, wenn er mit bewac einem Pfarrer zu thun hat— ich möchte Euch nur bitten, vi dorthin zu ſchauen und mir bei Eurem Gewiſſen, nicht als ſteln, Pfarrer, ſondern einfach als Gemeindeglied, zu ſagen, ob vollſt Euch je ein reſpektswidrigerer Anblick zu Geſicht gekom⸗ eines men iſt.“ dieſes Der Sguire, welcher ſich während dieſer Worte ſchwer daran auf die linke Schulter des Pfarrers gelehnt hatte, ſtreckte dem) ſeinen Stock in paralleler Linie mit dem rechten Auge dieſes diſputirluſtigen Geiſtlichen aus, um ſo deſſen Geſichtsorgan nach dem Gegenſtand hinzuleiten, den er ſo unſchmeichelhaft ſeine bezeichnet hatte. ein A „Ich geſtehe,“ ſagte der Pfarrer,„mit ſinnlichem Auge ſeinen betrachtet, iſt dies ein Ding, das in ſeinen beſten Tagen nur— au geringen Anſpruch auf Schönheit hatte und nicht einmal durch Vernachläſſigung und Verfall zu dem Charakter des Male⸗ gefeſſ riſchen erhoben wird. Wenn man es aber anſieht mit dem das einem rlegen⸗ ddaß ies ein er auf⸗ allge⸗ trium⸗ einem er mit bitten, icht als en, b gekom⸗ ſchwer ſtreckte e dieſes tsorgan chelhaft m Auge gen nur al durch Male⸗ nit dem Auge des innern Menſchen, mit dem Auge eines ländlichen Philoſophen und Parochialgeſetzgebers, ſo bietet uns eben dieſer Verfall, dieſe Vernachläſſigung einen ſehr angeneh⸗ men Zug in dem, was ich die moraliſche Topographie einer Pfarrgemeinde nennen möchte.“ Der Squire blickte den Pfarrer an, als habe er gute Luſt, denſelben mit ſeinem Stock zu bearbeiten; denn in der That bot der fragliche Gegenſtand nicht nur für das Auge des äußern Menſchen, ſonvern auch für das Auge des Geſetzes und der Ordnung, für einen Landedelmann und Friedens⸗ richter einen ſcandalös reſpektswidrigen Anblick. Mit Moos bewachſen, wurmſtichig, mitten durchgebrochen, durch die vier von Neſſeln umgebenen hohlen Augen wuchernde Di⸗ ſteln, ächte und gerechte Walddiſteln, und das Ganze ſo vollſtändig herabgewürdigt, daß eben dieſe Diſteln den Eſel eines wandernden Keſelflickers herbeigelockt hatten; denn dieſes aller ſchuldigen Ehrerbietung baare Thier war eben daran, ſein Frühſtück herauszuholen aus den Augen und dem Rachen des— Gemeindeſtocks. Der Squire machte ein Geſicht, als hätte er den Pfar⸗ rer mit ſeinem Rohre bearbeiten mögen; da er übrigens doch ſeine Aufwallungen einigermaßen zu beherrſchen wußte und ein Ableitungsgegenſtand juſt zur Hand war, ſo ſchluckte er ſeinen Ingrimm hinunter und ſtürzte fort zu einem Angriff — auf den Eſel. Nun waren die Vorderfüße des Eſels durch einen Strick gefeſſelt, an deſſen Ende ſich ein Holzſcheit befand, ſo daß das Thier eine geringe Ansſicht hatte, dem Angriff zu 44 entkommen, welchen es durch ſein ſaerilegiſches Frühſtück herausgefordert hatte. Bei dem erſten Stockſtreiche aber drehte ſich der Eſel mit ungewöhnlicher Hurtigkeit, und der Sauire verfing ſich mit dem Fuß in dem Stricke, ſo daß er Hals über Kopf in die Diſteln purzelte. Das Thier beugte ſich gravitätiſch nieder und beroch und beſchnüffelte dreimal ſeinen hingeſtreckten Feind; dann aber, nachdem es ſich über⸗ zeugt hatte, daß vorräufig nichts weiter zu beſorgen ſtand, ſchien er ſich in Maßgabe der poetiſchen Ermahnung: „Pflücket die Roſe, eh' ſie verblüht,“ ſchadlos halten zu wollen, indem er eine Diſtel in ſchönſter Blüthe dicht neben dem Ohre des Squire abrupfte, ſo dicht in der That, daß der Pfarrer glaubte, das Ohr ſelbſt ſey mitſpaziert. Dieſe Vermuthung wurde dem Letzteren um ſo wahrſcheinlicher, da der Squire, ſobald er den warmen Athem des Eſels ver⸗ ſpürte, mit aller Kraft ſeiner an den Jagdruf gewöhnten Lungen zu ſchreien anhub. „Du mein Himmel, iſt es ab?“ fragte der Pfarrer, indem er ſeine Perſon zwiſchen den Squire und den Eſel ſchob. „Höll' und Teufel!“ rief der Squire, ſich reibend, während er ſich auf die Beine half. „Bſt!“ ſagte der Pfarrer in ſanftem Tone.„Welch ein ſchrecklicher Fluch.“ „Was ſchrecklicher Fluch!“ entgegneie der Squire in ſeinem Reiben fortfahrend.„Hättet Ihr nur meine Nanking angehabt und wäret auch, wie ich, in einen Wald von Di⸗ ſteln gefallen, in dem ſich nur einen Zoll von Eurem Ohr ie zwei Zahnreihen eines Eſels befanden.“ Sqt ſtehe men End ich möc Sq Zor auf p irge liche hätt Beſ nach Sch eine nem ihm er h Flie ühſtück e aber ind der daß er beugte dreimal ch über⸗ n ſtand, hnung: lten zu eneen at, daß Dieſe cher, da els ver⸗ wöhnten Pfarrer, ſel ſchob. reibend, „Welch uire in Nanking von Di⸗ rem Ohr „Es iſt alſo nicht ab?“ fragte der Pfarrer. „Nein— das heißt, ich glaube nicht,“ verſetzte der Squire zweifelnd, indem er mit der Hand nach dem in Frage ſtehenden Organe fuhr.„Nein, es iſt nicht ab.“ „Gott ſey Dank!“ rief der gute Geiſtliche in theilneh⸗ mendem Tone. „Hum,“ brummte der Squire, der des Reibens kein Ende zu finden wußte.„Ja wohl da, Gott ſey Dank, wenn ich ſo voll von Dornen bin, wie ein Stachelſchwein! Ich mochte nur wiſſen, zu was in der Welt die Diſteln gut ſind.“ „Zum Futter für Eſel, wenn man es ihnen gönnt, Squire,“ antwortete der Pfarrer. „Huh, du Beſtie!“ rief Mr. Hazeldean, deſſen ganzer Zorn aufs Neue erwachte, ſey es in Folge der Hindeutung auf die Eſelſpecies, oder weil er auf die Entgegnung des Pfarrers nichts zu erwiedern wußte, vielleicht auch, weil irgend ein plötzlicher Dornſtich zu ſcharf war, als daß menſch⸗ liches Fleiſch, namentlich in einer Nankingbekleidung, ihn hätte ertragen können, ohne auszuſchlagen.„Huh, Du Beſtie!“ rief er, ſeinen Stock gegen den Eſel ſchüttelnd, der nach dem Dazwiſchentreten des Pfarrers achtungsvoll einige Schritte zurückgewichen war und nun daſtand, vergeblich einen ſeiner Vorderfüße aufzuheben verſuchend und mit ſei⸗ nem dünnen Schweife nach rechts und links peitſchend, da ihm die Fliegen gewaltig zuſetzten. „Armes Ding!“ ſagte der Pfarrer mitleidig.„Seht, er hat einen aufgeriebenen Fleck an der Schulter, und die Fliegen haben raſch die wunde Stelle aufgefunden.“ „Freut mich teufelmäßig, dies zu horen,“ ſagte der Squire rachſüchtig. „Pfui! Pfni!“ „Ihr habt gut Pfui! Pfui!' ſagen, denn Ihr ſeyd nicht in die Diſteln gefallen.— Der Tauſend, was führt der Menſch jetzt im Schilde?“ Der Pfarrer war inzwiſchen auf einen Kaſtanienbaum zugegangen, der auf dem Dorfraſen ſtand, brach einen Zweig ab und kehrte zu dem Eſel zurück, dem er mit dieſem kunſt⸗ loſen Fächer die Fliegen abwehrte; dann breitete er ſorglich die Blätter über die wunde Stelle aus, um ſie gegen den geflügelten Schwarm zu ſchützen. Der Eſel drehte den Kopf und betrachtete den Pfarrer mit ſtiller Verwunderung. „Ich wollte einen Schilling wetten,“ ſagte der Pfarrer vor ſich hin,„daß dies die erſte Handlung des Wohlwollens iſt, die dir ſeit vielen Tagen zu Theil wurde, und doch iſt ſie, weiß der Himmel, geringfügig genug.“ Mit dieſen Worten griff der Pfarrer in ſeine Taſche und zog einen Apfel heraus. Es war ein ſchöner, großer, roth⸗ backiger Apfel, einer von dem Vorrathe des letzten Winters und dem berühmten Baume in dem Pfarrgarten entnommen. Der Geiſtliche hatte ihn als Geſchenk für einen Knaben zu ſich geſteckt, welcher ſich in der Sonntagſchule rühmlich aus⸗ gezeichnet hatte. „Der gewöhnlichen Gerechtigkeit gemäß ſollte Lenny Fairfield den Vorzug haben,“ murmelte der Pfarrer. Der Eſel ſpitzte das eine ſeiner Ohren und brachte furchtſam den Kopf näher. —— eben . der P wöhn indem dem( ſchlas beim ſonde iſt— ſtall i hatte alt w ein V ſchen mehr der vivan unſch es w B1 e der ſeyd führt baum zweig kunſt⸗ rglich n den Kopf farrer oens iſie, che und roth⸗ inters mmen ben zu ch aus⸗ e Lenny brachte 17 „Aber Lenny Fairfield hat an einem Zweipenceſtück eine eben ſo große Freude, und was wäre ein ſolches für dich?“ Der Eſel berührte jetzt den Apfel mit ſeinen Nüſtern. „So nimm ihn im Namen der Barmherzigkeit,“ ſagte der Pfarrer,„denn die Gerechtigkeit iſt's ohnehin ſchon ge⸗ wöhnt, am letzten bedient zu werden.“ Und der Eſel nahm den Apfel. „Wie warſt du auch nur ſo keck?“ fuhr der Pfarrer fort, indem er auf den Stock des Squire deutete. Der Eſel hielt im Kauen inne und ſchaute ſchräg nach dem Squire hin. „Pah! Friß nur fort. Er wird dich jetzt nicht mehr ſchlagen!“ „Nein,“ ſagte der Squire, ſich entſchuldigend.„Aber beim Lichte betrachtet, gehört der Eſel nicht in die Gemeinde, ſondern iſt ein Landſtreicher, der gepfändet werden ſollte. Leider iſt— Dank ſey es Euren neumodiſchen Lehren— der Pfand⸗ ſtall in einem eben ſo verwahrlosten Zuſtand, wie der Stock.“ „Neumodiſch?“ rief der Pfarrer faſt unwillig, denn er hatte einen großen Abſcheu vor neuen Moden.„Sie ſind ſo alt wie das Chriſtenthum— ſogar ſo alt wie das Paradies, ein Wort, das, wie Ihr bemerken werdet, aus dem Griechi⸗ ſchen, oder vielmehr aus dem Perſiſchen ſtammt und etwas mehr als einen Garten bedeutet. Es entſpricht“— fuhr der Pfarrer ziemlich pedantiſch fort—„dem lateiniſchen vivarium— nämlich einem Hain vder Park, angefüllt mit unſchuldigen ſtummen Geſchöpfen. Verlaßt Euch darauf, es war dort den Eſeln ſtets geſtattet, Diſteln zu freſſen.“ Bulwer, meine Novelle. 2 18 „Wohl möglich,“ ſagte der Squire trocken.„Aber Hazeldean iſt kein Paradies, wenn auch ein recht hübſches Dorf. Morgen ſoll der Stock ausgebeſſert werden— ja, und der Pfandſtall dazu— und der nächſte Eſel, der ſich auf verbotenem Wege betreten läßt, ſoll mir hinein, ſo wahr ich Hazeldean heiße.“ „Dann,“ verſetzte der Pfarrer gravitätiſch,„will ich nur hoffen, daß das nächſte Kirchſpiel nicht Eurem Beiſpiele folge, oder daß wenigſtens wir beide nie auf einem falſchen Wege betroffen werden mögen.“ Drittes Kapitel. Pfarrer Dale und Squire Hazeldean trennten ſich, Letzterer um von ſeinen Schafen Einſicht zu nehmen, Erſterer um einige ſeiner Pfarrkinder, darunter auch Lenny Fairfield, zu beſuchen, welchen der Eſel um ſeinen Apfel gebracht hatte. Lenny Fairfield war zuverläſſig um den Weg, denn ſeine Mutter hatte vom Squire einige Acker Graslandes im Pacht, auf welchem eben jetzt die Heuernte beſorgt wer⸗ den mußte. Leonhard, den man kurzweg Lenny zu nennen pflegte, war der einzige Sohn einer Wittwe. Die Hütte ſtand bei Seite und etwas abgelegen in einem der vielen Winkel, welche die lange grüne Dorfgaſſe bildete. Sie war eine ächt engliſche Hütte, wenigſtens drei Jahrhunderte alt, mit Mauern von Geröllſteinen, die in eichenes Riegelfach⸗ werk eingefügt waren und jeden Sommer pflichtmäßig getün einer erhab fache, Ueber Fenſt Raſer nicht Steir Felſet rankt einen zogen welch und d Heim aufſ dem nur Nach ihm; len, als ſeyn um erwe ſpan 19 „Aber getüncht wurden, einem Strohdach, kleinen Glasſcheiben und hübſches einer alten Thüre, die um zwei Stufen über dem Boden — erhaben ſtand. Dieſe kleine Wohnung enthielt alle die ein⸗ r ſich auf fache, ländliche Eleganz, welche das Dorfleben zuläßt. wahr ich Ueber der Thüre rankte ein Bogen von Geisblatt, auf den Fenſterſimſen ſtanden einige Blumentöpfe, und der kleine „will ich Raſen vor dem Hauſe war mit der größten Nettigkeit und Beiſpiele nicht ohne Geſchmack angelegt. Einige unbehauene große n falſchen Steine zu jeder Seite des ſchmalen Weges bildeten eine Art Felſenportal, das mit eben blühenden Schlingpflanzen um⸗ rankt war, und das Kartoffelfeld wurde den Blicken durch einen Schirm von ſpaniſchen Wicken und Wolfsbohnen ent⸗ zogen. Allerdings nur eine ſehr einfache Eleganz; aber welch ein vortheilhaftes Zengniß gibt ſie nicht dem Pächter nten ſich, und dem Grundherrn, wenn man ſieht, daß der erſtere ſeine „Erſterer Heimath liebt und ſowohl Zeit als Luſt übrig hat, um ſie Fairfield, auf ſolche Verſchönerungen zu verwenden. Ein Bauer, bei cht hatte. dem man dieſe Liebe für ſein Anweſen findet, iſt ſicherlich eg, denn nur ein ſchlechter Wirthshauskunde und ein ungefährlicher aslandes Nachbar für die Wildbahn ſeines Herrn. Ehre und Preis orgt wer⸗ ihm; nur möge er dafür auch gutwillig die kleine Taxe zah⸗ u nennen len, die er ſeinem Grundherrn ſchuldig iſt. ie Hütte Ein ſolcher Anblick war für den Pfarrer ſo angenehm, er vielen als es die ſchönſte Landſchaft Italiens für den Touriſten Sie war ſeyn kann. Er hielt einen Augenblick vor dem Pförtchen, derte alt, um ſich umzuſehen, und ließ behaglich die Naſenlöcher ſich egelfach⸗ erweitern, welchen ein leichter Wind den Wohlgeruch der chtmäßig ſpaniſchen Wicken nebſt dem Dufte des friſchen Heus zutrug⸗ 2* — das hinten in den Feldern gehäufelt wurde. Dann ging er weiter, reinigte auf dem Kratzeiſen vor der Thüre ſorgfältig ſeine Schuhe, obſchon dies bei ihrer Reinheit und ihrem Glanze kaum nöthig zu ſeyn ſchien, da Mr. Dale große Stücke auf ſein Aeußeres zu halten pflegte, und drückte auf die Klinke.* Ein Kunſifreund betrachtet mit Entzücken die Geſtalt einer auf eine etruriſche Vaſe gemalten Nymphe, wie ſie den Saft der Rebe aus ihrer elaſſiſchen Urne gießt. Ein ebenſo harmloſes, wenn auch weniger elegantes Wohlbehagen em⸗ pfand jetzt der Pfarrer, als er der Wittwe Fairfield anſichtig wurde, wie ſie eine glänzende Kanne zum Ueberſchäumen aufüllte, um den durſtigen Mähdern ihre Erfriſchung zu bringen. Mrs. Fairfield war eine nette Frau in mittleren Jahren mit jener huttigen Beſtimmtheit in ihren Bewegun⸗ gen, welche aus einem thätigen geordneten Geiſt zu ent⸗ ſpringen pflegt. Wie ſie den Ton von des Pfarrers Fuß⸗ tritten vernahm, wandte ſie raſch den Kopf um und zeigte ein ſehr gewinnendes, wenn auch nicht gerade ſchönes Geſicht, aus dem ein angenehmes, herziges Lächeln hervorbrach. Dieſes Lächeln vertilgte für einen Augenblick einige Linien, die in der Ruhe„auf Sorgen, aber auf Sorgen der Ver⸗ gangenheit“ hindeuteten, wie denn auch ihre Wangen viel blaſſer waren, als man dies bei dem zarteren Geſchlecht, wenn es in Mitte einer ländlichen Bevölkerung geboren und erzogen wird, zu finden pflegt. Aus dem letztern Umſtande ließ ſich leicht der Schluß ziehen, daß die Wittwe den frühern Theil ihres Lebens in der dumpfen Luft u gebrack als M Schürz ſo begl vortref T ihm di I ordentl techisn erſt ſei ſam, eines 4 die Ar ſtarb, es der wenn: mir de mir ve guter doch b bis der „Ihr gehört ging er orgfältig id ihrem le große ückte auf Geſtalt e ſie den nebenſo gen em⸗ anſichtig chäumen hung zu nittleren ewegun⸗ zu ent⸗ rs Fuß⸗ d zeigte Geſicht, orbrach. Linien, e Ver⸗ en iel ſchlecht, geboren letztern aß die umpfen 21 Luft und unter der Stubenbeſchäftigung einer Stadt zu⸗ gebracht habe. „Laßt Euch durch mich nicht ſtören,“ ſagte der Pfarrer, als Mrs. Fairfield ihren hurtigen Knix machte und ihre Schürze zurechtſtrich.„Wenn Ihr auf's Feld hinaus geht, ſo begleite ich Euch. Ich habe Lenny etwas zu ſagen. Ein vortrefflicher Knabe.“ Die Wittwe.—„O Sir, Ihr ſeyd nur ſo freundlich, ihm dies nachzuſagen. Aber was iſt, muß wahr ſeyn.“ Pfarrer.—„Er liest ungemein gut und ſchreibt recht ordentlich; auch iſt er der beſte in der ganzen Schule im Ka⸗ techismus und in der bibliſchen Geſchichte. Und wenn ich erſt ſein Geſicht in der Kirche ſehe— er iſt da ſo aufmerk⸗ ſam, daß ich mir vorſtelle, meine Predigt ſey viel beſſer um eines ſolchen Zuhörers willen.“ Die Wittwe wiſcht ſich mit einem Schürzenzipfel die Augen.—„Ja wohl, Sir, als mein armer Mark ſtarb, hätte ich nie geglaubt, daß ich ſo fortleben könne, wie es der Fall war. Aber der Knabe iſt ſo lieb und gut, und wenn ich ihn daſitzen ſehe in des armen Mark Lehnſtuhl und mir dabei vergegenwärtige, wie Mark ihn liebte und was er mir von ihm zu ſagen pflegte, da iſt es mir oft, als ob mein guter Mann mir zulächle, und ich denke mir dann, es ſey doch beſſer, daß ich noch nicht bei ihm ſey, ſondern hier, bis der Knabe herangewachſen iſt und mich nicht mehr braucht.“ Pfarrer, der ſeitwärts ſchaut, nach einer Pauſe.— „Ihr habt nichts mehr von den alten Leuten zu iere gehort?“ „Nein, Sir. Seit der arme Mark ſtarb, haben ſie weder auf mich, noch auf den Knaben geachtet.'s iſt nicht,“ fügte die Wittwe mit dem gewöhnlichen Stolz der Landleute bei,„daß ich etwas von ihrem Gelde wollte; aber doch iſt's hart, wenn einem die eigenen Eltern ſo ganz und gar fremd geworden ſind.“ Pfarrer.—„Ihr müßt ſie entſchuldigen. Euer Va⸗ ter, Mr. Avenel, war ſeit jenem traurigen Ereigniß nie mehr der alte. Doch verzeiht mir, meine Freundin, Ihr weint. Eure Mutter iſt ein wenig ſtolz, und Ihr ſeyd hierin nicht aus der Art geſchlagen, obſchon in einer andern Weiſe.“ Wittwe.—„Ich ſtolz? Gott behüte Euch, Sir; ich habe nicht ein Fünkchen Stolz in mir, und dies iſt der Grund, warum man immer ſo auf mich herunter geſehen hat.“ Pfarrer.—„Eure Eltern müſſen in guten Verhält⸗ niſſen ſtehen und ich will mich nach einem oder zwei Jährchen wegen Lennys an ſie wenden, denn ſie haben mir verſprochen, für ihn zu ſorgen, wenn er herangewachſen ſey, wie dies auch ihre Pflicht iſt.“ Wittwe mit funkelnden Augen.—„Nein, Sir, Ihr werdet dies wohl bleiben laſſen; denn ich möchte nicht, daß Lenny ihnen verpflichtet würde, da ſie ihm nie ein freund⸗ liches Wort gegönnt haben, ſeit er auf der Welt Der Pfarrer lächelte und ſchüttelte ernſt den Kopf über den Beweis, den Mrs. Fairfield eben in Betreff ihres Mangels an Stolz geliefert hatte. Indeß ſah er wohl ein, daß der Augenblick nicht günſtig war, um wirkſam einen Ver⸗ ſuch von Friedensſtiftung zu machen in der reizbarſten von allen V Verwa 6 zu den Komm eines k 1 und ick fehlen aber u L dern k mir de Pacht ſtarb. zu we Euch „Ich hin. Ihr doch arme allen Mißhelligkeiten, in der nämlich zwiſchen den nächſten haben ſie Verwandten. Er ließ daher den Gegenſtand fallen und ſagte: iſt nicht,“ Landleute„Ja nun, es iſt noch immer Zeit, an Lennys Zukunft doch iſt's zu denken; mittlerweile aber vergeſſen wir die Mähder. zar fremd Kommt!“ Die Wittwe ſchloß die Hinterthüre auf, die vermittelſt Fuer Va⸗ eines kleinen Obſtgartens nach dem Felde führte. igniß nie Pfarrer.—„Ihr habt da einen angenehmen Platz⸗ din, Ihr und ich ſehe, daß es meinem Freund Lenny nicht an Aepfeln yd hierin fehlen wird. Ich hatte für ihn einen in der Taſche, habe ihn Weiſe.“ aber unterwegs weggegeben.“ Wittwe.—„Oh, Sir, es iſt nicht die That, ſon⸗ at.“ dern der gute Wille, und gerade ſo dachte ich damals, als Verhält⸗ mir der Squire— Gottes Segen über ihn— um zwei Pfund Pachtzins abſchlug von dem Jahre an, in welchem Mark Jährchen ſarb. Pfarrer.—„Wenn Lenny fortfährt, Euch ſo nützlich zu werden, ſo dürfte es wohl nicht mehr lange anſtehen, bis Euch der Squire die zwei Pfunde wieder zulegt.“ icht, daß„Ja, Sir,“ verſetzte die Wittwe in ihrer Einfalt. n freund⸗„Ich hoffe ſo.“ 1„Thörichtes Weib,“ murmelte der Pfarrer vor ſich hin.„Die Schulmeiſterin würde anders geſprochen haben. Ihr könnt weder leſen noch ſchreiben, Mrs. Fairfield, und doch drückt Ihr Euch recht gut aus.“ „Ihr wißt, Mark war gut geſchult, und eben ſo meine arme ſelige Schweſter. Ich bin freilich ein arg einfältiges Sir, Ihr dopf über eff ihres wohl ein, inen Ver⸗ rſten von 24 Mädchen geweſen, eh' ich heirathete; als wir aber zu⸗ ſammenkamen, gab ich mir alle Mühe, mich nach ihm zu guten 2 hilden.“ P weißt, nichts Viertes Kapitel. S— Sie waren jetzt auf der Wieſe angelangt. Ein Knabe Glut ſe von ungefähr ſechszehn, der aber wie die meiſten Bauern⸗ mit der jungen viel jünger ausſah, ſchaute mit lebhaften blauen P Augen, die unter einer Fülle von braunen Locken hervorblitz⸗ Du mu ten, von ſeinem Rechen auf. Le Leonhard Fairfield war in der That ein ſehr ſchöner P Knabe, wenn gleich nicht ſo ſtämmig oder rothbäͤckig, als Sprich man ſich ſonſt das Ideal eines Dorfjungen vorzuſtellen pflegt. Le Allerdings beſaß er nicht den zärtlichen Gliederbau und den heit.— ſcharfen Ausdruck der Stadtkinder, bei welchen der Geiſt auf Schafht Koſten des Körpers ausgebildet wird; aber die Geſundheit P der Landluft leuchtete von ſeinen Wangen, während ſeine ſondern gedrungene Geſtalt und die Leichtigkeit in ſeinen Bewegungen Le der ſtädtiſchen Zierlichkeit nicht ganz entbe, te. In ſeinen und ich Zügen drückte ſich ein eigenthümliches Gepräge von Unſchuld Das hei und Einfalt aus, und man ſah ihm an, daß er von einer Le Frau erzogen worden war, ohne mit anderen Kindern viel Fairfiel in vertrauliche Berührung gekommen zu ſeyn. Der in ihm ſtehen, entwickelte Verſtand war nicht gereift worden durch die grſein Scherze und Püffe ſeiner Altersgenoſſen, hatte aber Nah⸗ weinen! tung gefunden in den anſtändigen Leſeübungen älterer Kinder ———— aber zu⸗ hihm zu in Knabe Bauern⸗ blauen vorblitz⸗ ſchöner ig, als npflegt. und den zeiſt auf undheit id ſeine gungen ſeinen nſchuld neiner rn viel in ihm rch die Mah⸗ Kinder 25 oder in den Jugendſchriften, die den Geiſt des Knaben mit guten Lehren erfüllten. Pfarrer.—„Komm her, Lenny. Ich ſehe, Du weißt, was die Schule für eine Wohlthat iſt; ſie kann Dich nichts Beſſeres lehren, als daß Du Deiner Mutter eine Stütze ſeyn ſollſt.“ Lenny, blöde zu Boden ſchauend, während eine höhere Glut ſein Geſicht überfliegt.—„Nichts für ungut, Sir, mit der Zeit mags wohl ſo weit kommen.“ Pfarrer.—„Recht ſo, Lenny. Laß mich ſehen! Ei, Du mußt nahezu ein Mann ſeyn. Wie alt biſt Du?“ Lenny ſieht fragend ſeine Mutter an. Pfarrer.—„Dies ſollteſt Du doch wiſſen, Lenny. Sprich einmal. Und Ihr ſchweigt, Mrs. Fairfield.“ Lenny, ſeinen Hut drehend und in großer Verlegen⸗ heit.—„Wir haben da den Flop, Nachbar Duttons alten Schafhund. Er iſt jetzt ſehr alt.“ Pfarrer.—„Ich frage Dich nicht nach Flop's Alter, ſondern nach dem Deinigen.“ Lenny.—„Ja wohl, Sir; aber ich habe gehört, Flop und ich ſeyen um die gleiche Zeit auf die Welt gekommen. Das heißt, ich— ich—“ Lenny kann nicht weiter, denn der Pfarrer lacht, Mrs. Fairfield lacht, und die Mähder, welche zuhörend daneben ſtehen, lachen gleichfalls. Der arme Junge hat ganz und ger ſeinen Kopf verloren und macht ein Geſicht, als ob er weinen wollte. Pfarrer, ihm ermuthigend die braunen Locken 26 ſtreichelnd.—„Sey unbeſorgt, Deine Antwort iſt ſo ſchecht nicht. Und wie alt iſt Flop?“ Lenny.—„Ei, er muß fünfzehn alt ſeyn und darüber.“ Pfarrer.—„Wie alt biſt dann Du?“ Lenny, mit einem Strahl einſchießenden Lichtes auf⸗ blickend.—„Fünfzehn und darüber.“ Die Wittwe ſeufzt und nickt mit dem Kopf. „Das heißen wir Zwei und Zwei zuſammenſetzen,“ ſagte der Pfarrer,„oder mit anderen Worten“— und nun erhob er ſeine Augen majeſtätiſch gegen die Mähder—„mit andern Worten, Dank ſey es ſeiner Liebe zu ſeinem Buch: ſo einfach auch Lenny Fairfield hier ſteht, hat er ſich doch einer inductiven Rativeination fähig erwieſen.“ Bei dieſen Worten, deren er ſich ore rotundo entledigte, hörten die Mähder auf zu lachen, denn ſie hielten auch in weltlichen Dingen den Pfarrer für ein Orakel, und hinter ſo langen Worten mußte nothwendig viel ſtecken. Lenny richtete ſtolz ſeinen Kopf auf. „Ich denke mir, Du haſt Flop recht gerne?“ „Ja wohl,“ ergriff die Wittwe das Wort,„wie über⸗ haupt alle armen ſtummen Kreaturen.“ „Dies iſt ſchön von ihm. Denke Dir nun, mein Knabe, Du habeſt einen ſchönen Apfel und treffeſt mit einem Freunde zuſammen, der deſſen beſſer dedürfe als Du; was würdeſt Du damit thun?“ „Mit Gunſt, Herr ich würde ihm die Hälfte geben.“ ——— De den gan Le kann er: „A gut, da Ich hat für Dei traf ich weil er Wohlth ich ihm Le Sein J „ umherſt und ſeir ihn ber ſeyen, doch ni ſilberne des Ap würdeſt 62 ben, n und ſci o ſchlecht arüber.“ tes au⸗ nſetzen,“ und nun —„mit m Buch: ſich doch n. ntledigte, auch in hinter ſo wie über⸗ n Knabe, Freunde s würdeſt Das Geſicht des Pfarrers verlaͤngerte ſich.—„Nicht den ganzen Apfel, Lenny?“ Lenny beſann ſich.—„Wenn er ein Freund iſt, Sin fann er nicht von mir verlangen, daß ich ihm den ganzen gebe.“ „Auf mein Wort, Maſter Leonhard, Du ſprichſt ſo gut, daß ich ſchon mit dem wahren Sachverhalt heraus muß. Ich hatte für Dich einen Apfel zu mir geſteckt als Prämie für Dein gutes Benehmen in der Schule; unterwegs aber traf ich einen armen Eſel und einen Menſchen, der ihn ſchlug, weil er Diſteln gefreſſen hatte. Ich dachte daher, ihm eine Wohlthat zu erweiſen, wenn ich ihm den Apfel gebe. Hätte ich ihm blos die Hälfte geben ſollen?“ Lennys unſchuldiges Geſicht überflog von einem Lächeln. Sein Intereſſe war geweckt. „Und hat der Eſel den Apfel gerne gefreſſen?“ „Sehr gerne,“ verſetzte der Pfarrer, in ſeiner Taſche umherſuchend. Da er jedoch an Leonhard Fairfields Jahre und ſeinen Verſtand dachte, ferner der Stolz ſeines Herzens ihn bemerken ließ, daß viele Zeugen ſeiner That zugegen ſeyen, ſo meinte er, die beabſichtigten zwei Pence dürften doch nicht zureichen, und er zog deshalb großmüthig ein ſilbernes Sechspenceſtück heraus. „So, junger Mann, dies wird hinreichen, die Hälfte des Apfels zu bezahlen, die Du für Dich behalten haben würdeſt.“ Der Pfarrer ſtreichelte wieder den Lockenkopf des Kna⸗ ben, wechſelte einige herzliche Worte mit den Mähdern und ſchlug nach einem freundlichen„guten Tag“ gegen 28 Mrs. Fairfield einen Pfad ein, der ſeiner eigenen Scholle zuführte. Er war eben durch die Zaunöffnung gekommen, als er hinter ſich einen haſtigen, aber furchtſamen Schritt vernahm. Er drehte ſich um und bemerkte ſeinen Freund Lenny. Lenny, der halbweinend das Sechspeneeſtück ausſtreckt. —„Nein, Sir, ich will lieber nicht. Ich würde ihn Grauchen ganz gegeben haben.“ Pfarrer.—„Ei, junger Mann, dann haſt Du nur ein um ſo größeres Recht an die ſechs Pence.“ Lenny.—„Nein, Sir, denn Ihr habt mir das Geld gegeben, um mich für den halben Apfel zu bezahlen. Und wenn ich ihm den Apfel ganz gegeben hätte, wie ich hätte thun ſollen, ſo würde ich kein Recht an die ſechs Pence er⸗ worben haben. Mit Gunſt, Sir, Ihr werdet mirs nicht übel auslegen. Wollt Ihr nicht ſo gut ſeyn, das Geld wie⸗ der zurückzunehmen?“ Der Pfarrer zögerte und der Knabe ſteckte ihm das Geldſtück in die Hand, wie der Eſel ſeine Naſe unter dieſelbe geſchoben hatte, um den Apfel zu ſuchen. „Ich ſehe,“ ſprach Pfarrer Dale vor ſich hin,„wenn man der Gerechtigkeit nicht den erſten Platz am Tiſche ein⸗ räumt, zehren alle anderen Tugenden den Antheil derſel⸗ ben auf.“ Der Fall war in der That verwirrend. Die Barmher⸗ zigkeit, die ſich als vorlaute unverſchämte Waare einem überall in den Weg drängt und anderen Leuten ihre Aepfel nimmt, um ſich ſelbſt eine kleine Paſtete daraus zu machen, — hatte Le die Emt röthende ſtets die mäßigen in nicht Tücken; und ſie immer ſ da und! ſtück hin „B Stimme länder v Geſtalt M in einem an dens dickſohli Ein alte Schwül andern? ſehender ſchon an Eine Fi mit der huts mit mit derk holle ls er ahm. reckt. ihn nr Geld Und hätte e er⸗ nicht wie⸗ das ſelbe venn ein⸗ rſel⸗ her⸗ nem pfel hen, 29 hatte Lenny um ſeinen Antheil betrogen, und nun verſuchte die Empfindſamkeit, die zwar wie eine linkiſche, ſcheue er⸗ röthende Tugend in ihren Zehnen ausſieht, gleichwohl aber ſtets die Taſchen ihrer Schweſtern bemaust, ihm ſeinen recht⸗ mäßigen Lohn wieder abzujagen. Dies brachte den Pfarrer in nicht geringe Verlegenheit, da er, ihren heuchleriſchen Tücken zum Trotz, die Empfindſamkeit in hohen Ehren hielt, und ſie nicht in's Geſicht ſchlagen mochte, um ſie nicht für immer fortzuſchenchen. Mr. Dale ſtand daher unſchlüſſig da und ließ ſeine Blicke zwiſchen Lenny und dem Sechspence⸗ ſtück hin und her gleiten. „Buon giorno— guten Tag,“ ließ ſich von hinten eine Stimme vernehmen, deren Accent unverkennbar èinen Aus⸗ länder verrieth, und zugleich zeigte ſich eine fremdausſehende Geſtalt in der Zaunöffnung. Man denke ſich einen großen, ungemein hageren Mann in einem Anzug von roſtigem Schwarz, die Beinkleider dicht an den Waden und Knöcheln anliegend und dann über den dickſohligen Schnallenſchuhen eine loſe Gamaſche bildend. Ein alter, rothgefütterter Mantel hing ihm ungeachtet der Schwüle des Tages über die eine Schulter, und unter dem andern Arme ſtack ein wunderlicher rother, ausländiſch aus⸗ ſehender Regenſchirm mit einem ciſelirten Meſſinggriff, ob⸗ ſchon am Himmel weit und breit keine Wolke zu ſehen war. Eine Fülle rabenſchwarzen Haars in wehenden Locken, die mit der Seide wetteiferten, fielen zur Seite eines Stroh⸗ huts mit wunderbar breitem Rand nieder, in Einklang ſtehend mit der bleichen dunkeln Hautfarbe, während die Geſichtszüge, wenn auch nicht ohne beträchtliche Schönheit für das Auge des Künſtlers, doch keineswegs von dem Schnitt waren, welcher dem blonden, wohlgenährten und glattgeſichtigen Engländer als angenehm erſcheint. Dieſer würde vielleicht ſogar etwas Einſchüchterndes und Sataniſches erkannt haben in der langen gebogenen Naſe, in den hohlen Wangen und in den ſchwarzen Augen, deren ſtechender Glanz etwas Zau⸗ berartiges und Myſtiſches durch die großen Brillengläſer er⸗ hielt, durch welche er hervorleuchtete. Ein Mund, um den ein ſpöttiſches Lächeln ſpielte und in welchem ein Phyſiog⸗ nom auffallende Schlauheit und einige Verſchloſſenheit be⸗ merkt haben würde, vervollſtändigte das Bild. Denke man ſich dieſe ſeltſame, fremdartige und für das Auge eines Bauern ſicherlich diaboliſche Geſtalt, ſetze man ſie auf das Drehkreuz einer Zaunöffnung mitten in jenen grünen eng⸗ liſchen Auen, deren Hintergrund das einfache engliſche Dörf⸗ lein bildet; laſſe man ſie da ſitzen, die langen Beine herunter baumelnd und in den Mund eine kurze kölniſche Pfeife geſteckt, während einer Ecke der ſardoniſchen Lippen gelegentliche Rauchwolken entſtrömen— ſtelle man ſich vor, daß die dun⸗ keln ſtechenden Augen hinter der Brille voll auf den Pfarrer, zugleich aber auch ſchräg auf Lenny Fairfield geheftet ſind, ſo wird man leicht begreifen, daß ſich in den Zügen des Knaben große Furcht ausdrückte. „Auf mein Wort, Doctor Riccaboeca,“ begann Mr. Dale lächelnd,„Ihr kommt ganz zu gelegener Zeit, um eine ſehr ſpitzfindige kaſuiſtiſche Frage löſen zu helfen.“ Der Pfarrer ſetzte ſofort den Fall auseinander und ſchloß mit der Frag oder gacke dara ein, tor 9 „abe — d tet, wäre ſpart inder hätte einzt wied war wie kann 31 s Auge Frage, ob Lenny Fairfield das Sechspenceſtuͤck behalten ſolle waren, oder nicht. ichtigen„Cospetto!“ rief der Doctor.„Wenn das Huhn nicht ielleicht gackerte, würde Niemand wiſſen, daß es ein Ei gelegt hat.“ t haben. zen und Zau⸗ äſer er⸗ 3. Fünftes Kapitel. hyſiog⸗„Jugegeben,“ verſetzte der Pfarrer,„aber was folgt heit be⸗ daraus? Das Sptüchwort iſt ſchon recht, aber ich ſehe nicht ke man ein, wie es hieher paßt.“ e eines„Ich bitte tauſendmal um Verzeihung,“ verſetzte Doe⸗ auf das tor Riceabocra mit der ganzen Höflichkeit eines Italieners; en eng⸗„aber mir ſcheint es, wenn ihr die ſechs Pence dem Fanciullo e Dörf⸗— das heißt, dieſem guten kleinen Knaben— gegeben hät⸗ erunter tet, ohne ihm die Geſchichte von dem Eſel zu erzählen, ſo eſteckt, wäre ſowohl ihm als Euch dieſes ungeſchickte Dilemma er⸗ entliche ſpart geblieben.“ ie dun⸗„Aber mein lieber Sir,“ flüſterte der Pfarrer ſanft, farrer, indem er ſeine Lippen dem Ohre des Doctors näherte,„ich t eſind, hätte dann die Gelegenheit verabſäumt, eine moraliſche Lehre en des einzuſchärfen— verſteht Ihr nicht?“ Doetor Riccabocea zuckte die Achſeln, ſteckte die Pfeife m Mr. wieder in den Mund und that einen langen Zug daraus. Es m eine war ein beredter Zug, obſchon etwas eyniſch— ein Zug, Der wie man ihn an einem philoſophiſchen Raucher bemerken mit der kann— ein Zug, der, wenn gleich nicht in verletzender Weiſe, 32 den abſoluteſten Unglauben an die Wirkſamkeit der mora⸗ liſchen Lehre aus dem Munde des Pfarrers bekundete. „Ich ſehe noch immer Eurer Entſcheidung entgegen,“ ſagte der Pfarrer nach einer Pauſe. Der Doctor that ſeine Pfeife bei Seite.„Cospetto!“ ſagte er.„Wer den Kopf eines Eſels ſcheuert, vergendet ſeine Seife.“ „Und wenn Ihr den meinigen fünfzigmal ſcheuert mit Euren räthſelhaften Sprichwörtern,“ verſetzte der Pfarrer ärgerlich,„ſo werdet Ihr ihn damit nicht klüger machen.“ „Mein guter Sir,“ ſagte der Doetor, auf dem Kreuz⸗ balken ſeines Sitzes ſich tief verneigend,„ich habe mich nie erdreiſtet, zu ſagen, daß es ſich in dieſer Geſchichte um mehr als einen Eſel handle; indeß glaubte ich, meine Meinung nicht beſſer ausdrücken zu können, und dieſe läuft einfach darauf hinaus, daß Ihr den Kopf des Eſels geſcheuert habt und daher Eure Seife für verloren geben müßt. Laßt dem Fanciullo die ſechs Pence, obſchon ſie eine große Summe ſind für einen kleinen Knaben, der ſie vielleicht nur als Taſchengeld verthut.“ „Da, Lenny— hörſt Du?“ ſagte der Pfarrer, indem er das Sechspenceſtück ausſtreckte. Aber Lenny wich zurück und warf einen Blick großer Abneigung auf den Unparteiiſchen. „Mit Gunſt, Mr. Dale,“ verſetzte er ſtarrſinnig,„ich möchte lieber nicht.“ „Ihr ſeht, das iſt Gefühlsſache,“ bemerkte der Pfarrer, ſich der Rice das nicht Geld Dein Hant zu ſp Der Itali Land derſel blicke Wege und. Hazel auf d Weit rechts den P teres pfan gewal dieſer Bu er mora⸗ te. gegen,“ petto!“ ergendet uert mit Pfarrer chen.“ Kreuz⸗ mich nie im mehr Neinung einfach ert habt aßt dem Summe nur als „indem großer g„ich farrer, 33 ſich an den Unparteiiſchen wendend,„und ich glaube, vaß der Knabe Recht hat.“ „Wenn es eine Gefühlsſache iſt,“ entgegnete Doctor Riccabocca,„ſo läßt ſich nicht weiter darüber ſagen. Wo das Gefühl zur Thüre hereinkommt, bleibt dem Verſtand nichts mehr übrig, als zum Fenſter hinauszuſpringen.“ „Geh, mein guter Knabe,“ ſagte der Pfarrer, das Geldſtück wieder einſteckend.„Doch halt! Gib mir zuvor Deine Hand. So— ich verſtehe Dich. Gott ſey mit Dir.“ Lennys Augen glänzten, während ihm der Pfarrer die Hand ſchüttelte, und da der Knabe ſich nicht getraute, weiter zu ſprechen, ſo ging er mit aufrechter Haltung von dannen. Der Pfarrer wiſchte ſich die Stirne und nahm neben dem Italiener auf dem Querbalken der Verzäunung Platz. Die Landſchaft vor ihnen war lieblich, und beide erfreuten ſich derſelben, obſchon nicht in gleicher Weiſe, für einige Augen⸗ blicke in ſtummer Betrachtung. Auf der andern Seite des Weges ließen ſich zwiſchen den Lücken unter den alten Eichen und Kaſtanienbäumen, welche das mooſige Zaunwerk von Hazeldean⸗Park überhingen, ſanfte grüne Abhänge blicken, auf denen Schafe oder ganze Rudel von Hirſchen graſeten. Weit hin nach links erſtreckte ſich eine ſtattliche Allee, die rechts wenige Schritte von einer Platform endigte, welche den Park von einem ebenen Striche Tafellandes ſchied. Letz⸗ teres prunkte in den bunten Farben unterſchieblicher Strauch⸗ pflanzen und Blumenbeete, die durch den Schatten zweier gewaltiger Cedern eine liebliche Abwechslung erhielten. Auf dieſer Platform, nur theilweiſe dem Auge ſichtbar, ſtand das Bulwer, meine Novelle. 3 —————— 34 altmodiſche Haus des Squire, ein rothes Backſteingebäude mit ſteinernen Fenſterkreuzen, Giebeln und hübſchen Schorn⸗ ſteinen. Auf der Wegſeite, welche unmittelbar den beiden Gentlemen gegenüber lag, tauchte aus den Krümmungen des Gehäges in blendendem Weiß Hütte um Hütte auf, während jenſeits der ſich abdachende Grund eine weite Aus⸗ ſicht nach Wäldern, Kornfeldern, Thürmen und Meierhöfen geſtattete. Hinter einem Gürtel von Lilien und Immergrün ſah man das Pfarrhaus hervorſchauen, welchem eine Wald⸗ landſchaft zum Hintergrund diente, während vorn ein lär⸗ mendes Bächlein dahin rieſelte. Die Vögel trieben ſich noch in den Hecken um und hin und wieder erſcholl gleichſam aus dem Herzen des fernſten Waldes die gedämpfte Stimme des Kukuks. „Wahrhaftig,“ ſagte Mr. Dale ſanft,„mein Lvos iſt gefallen auf ein gutes Erbe.“ Der Italiener gab ſeinem Mantel einen Ruck und ſeufzte leiſe vor ſich hin. Vielleicht gedachte er ſeines eignen ſom⸗ merlichen Landes und fühlte, daß es unter dem friſchen Grün des Norden kein Erbe gebe für den Fremdling. Ehe jedoch der Pfarrer den Seufzer beachten oder über deſſen Urſache ſich eine Vermuthung bilden konnte, nahmen Dortor Riccabveca's dünne Lippen einen faſt boshaften Aus⸗ druck an. „Per Bacco!“ ſagte er.„In jedem Lande finde ich, daß die Raben ſich niederlaſſen, wo die Bäume am ſchönſten ſind. Ich ſtehe dafür, als Noah auf dem Ararat landete, muß er auf dem lieblichſten Theil des Gebirgs bereits einen Gen der ſoph vorn abw ein Seel doch einet bieti Glü werd ren! der k voll nen Wid⸗ auf! flicke und igebäude Schoru⸗ n beiden mungen itte auf, ite Aus⸗ ierhöfen mergrün e Wald⸗ ein lär⸗ ſich noch ſam aus ume des Loos iſt d ſeufzte nen ſom⸗ en Grün der über nahmen en Aus⸗ inde ich, ſchönſten landete, ts einen Gentleman in Schwatz vorgefunden haben, der von dem aus der Arche kommenden Vieh auf ſeinen Zehnten lauerte.“ Der Pfarrer heftete ſeinen ſauften Blick auf den Philo⸗ ſophen, und in ſeinem Auge lag eher ein bittender, als ein vorwurfsvoller Ausdruck, ſo daß der Doector ſein Geſicht abwandte und ſeine Pfeife füllte. Doector Riccabocca war ein Pfaffenfeind; aber obgleich Pfarrer Dale aus ganzer Seele ſeinem Beruf anhing, ſchien er in jenem Augenblicke doch ſo wenig von dem zu ſeyn, was der Italiener unter einem Pfaffen verſtand, daß letzterer innerlich ſeinen unehrer⸗ bietigen Scherz über das geiſtliche Gewand bereute. Zum Glück ergab ſich jetzt eine Wendung in dem unangenehm werdenden Geſpräch durch das Auftreten einer nicht geringe⸗ ren Perſon, als der des Eſels ſelbſt— ich meine des Eſels, der den Apfel verſpeiste. Sechstes Kapitel. Der Keſſelflicker war ein ſtämmiger, ſchwärzlicher Kerl voll Heiterkeit und Frohſinn, denn er ſang, während er ſei⸗ nen Stab ſchwang, ein Liedchen vor ſich hin, und bei der Widerkehr eines jeden Reimes ſank taktgemäß der Stecken auf das Hintertheil des armen Thieres nieder. Der Keſſel⸗ flicker marſchirte hinten und ſang, der Eſel ſpazierte voraus und mußte als Taktbrett dienen. „In Eurem Lande geht's drollig her,“ ſagte Doctor 3* 36 Riccabveca.„In dem meinigen wenigſtens iſt nicht der Eſel der erſte in der Proeeſſion, welcher die Schläge kriegt.“ Der Pfarrer ſprang von der Umzäunung herunter und ſchaute über die Hecke, welche das Feld von der Straße abſchied. „Sachte! ſachte!“ rief er.„Der Schall Deines Steckens verderbt den Geſang! O, Mr. Sprott, Mr. Sprott, ein guter Menſch iſt auch barmherzig gegen ſein Vieh.“ Der Eſel ſchien die Stimme ſeines Freundes zu erken⸗ nen, denn er blieb ſtehen, ſpitzte aufmerkſam das eine Ohr und ſchaute auf. Der Keſſelflicker langte an ſeinen Hut und blickte gleich⸗ falls auf. „Gott behüte Euer Ehrwürden, er macht ſich nichts daraus und hat's ſogar gerne. Oh, dir thu' ich nichts zu Leid— gelt, Grauchen?“ Der Eſel ſchüttelte zuerſt den Kopf und dann ſeine Haut. Vielleicht hatte eine Bremſe auf der wunden Stelle ſich nie⸗ dergelaſſen, die jetzt nicht mehr durch das Kaſtanienlaub geſchützt war. „Ich glaube wohl, daß Ihr nicht im Sinn hattet, ihm weh' zu thun,“ ſagte der Pfarrer, wie ich fürchte, mehr höflich als ehrlich, denn er hatte ſogar in der kleinen Welt eines Pfarrdörfleins ſchon genug geſehen von jenem wider⸗ haarigen Ding, Menſchenherz genannt, um nicht zu wiſſen, daß es einer geſchickten Behandlung und aller nur erdenk⸗ lichen guten Worte bedarf, wenn man ſich von einer Ver⸗ mittlung auch nur zwiſchen einem Menſchen und ſeinem Eſel Erfo im E hat j ſeine der der trach Ohr Muſ dem beur lag heit im 2 Mr. Keſſ nöth „unt yfeh ſollt cht der kriegt.“ ter und Straße Deines Sprott, h.“ erken⸗ te Ohr nichts chts zu Haut. ch nie⸗ enlaub hattet, mehr Welt wider⸗ wiſſen, rdenk⸗ Ver⸗ n Eſel Erfolg verſprechen will.„Ich glaube wohl, daß Ihr nicht im Sinue hattet, ihm weh' zu thun; aber das arme Thier hat ſchon eine wunde Stelle, ſo groß als meine Hand, auf ſeiner Schulter.“ „Herr Jerum, ja, das fing er ab durch ſein Tollen an der Krippe, als ich ihm kürzlich Haber zu freſſen gab,“ ſagte der Keſſelflicker. Doctor Riccabocea rückte ſeine Brille zurecht und be⸗ trachtete den Eſel. Der Eſel ſeinerſeits ſpitzte das andere Ohr und betrachtete den Doctor. Bei dieſer wechſelſeitigen Muſterung phyſiſcher Qualiſicationen, wenn man ſie nach dem Durchſchnitts-Ebenmaß der betreffenden Thierklaſſen beurtheilte, mochte es zweifelhaft erſcheinen, wo der Vorzug lag, auf der Seite des Thiers oder des Philoſophen. Der Pfarrer hatte eine hohe Meinung von der Weis⸗ heit ſeines Freundes in allen Dingen, die nicht mit der Kirche im Zuſammenhang ſtanden und flüſterte ihm deshalb zu: „Legt ein Fürwort ein für den Eſel.“ „Sir,“ nahm hierauf der Doctor das Wort, indem er Mr. Sprott achtungsvoll begrüßte,„ich habe einen großen Keſſel zu Haus— in dem Caſino— der des Löthens be⸗ nöthigt iſt. Könnt Ihr mir einen Keſſelflicker empfehlen?“ „Ei, das gehört ja zu meinem Fach,“ ſagte Sprott, „und es gibt keinen Keſſelflicker im Land, den ich ſo gut em⸗ pfehlen könnte, als mich ſelber, obſchon man ſich nicht loben ſollte.“ „Ihr ſcherzt, mein guter Sir,“ verſetzte der Doctor mit einem gefälligen Lächeln.„Ein Mann, der ein Loch 38 an ſeinem eigenen Eſel nicht flcken mag, wird ſich nicht ſo weit wegwerfen, mir meinen großen Keſſel auszubeſſern.“ „Herr Jerum, Sir!“ entgegnete der Keſſelſticker ſchalk⸗ haft,„wenn ich gewußt hätte, daß das arme Grauchen zwei ſolche Freunde bei Hof hat, ſo wär's mir unmöglich entgan⸗ gen, daß er ein Gentleman iſt, und ich würd' ihn demgemäß behandelt haben.“ „Corpo di Bacco!“ rief der Doctor.„Der Witz iſt zwar nicht neu; aber ich denke, der Keßler hat ſich gut her⸗ ausgewunden.“ „Wohl wahr; aber der Eſel,“ ſagte der Pfarrer.„Ich habe große Luſt, ihn zu kaufen.“ „Erlaubt mir, Euch ein hieher bezügliches Geſchichtchen zu erzählen,“ entgegnete Doctor Riccabocca. „Nun?“ verſetzte der Pfarrer neugierig. „Als einmal der Kaiſer Hadrian die öffentlichen Bäder beſuchte,“ begann der Doctor,„bemerkte er, wie ein alter Soldat, der unter ihm gedient hatte, ſeinen Rücken gegen die Marmorwand rieb. Der Kaiſer, der ein weiſer und deshalb auch ein nengieriger, frageluſtiger Mann war, ließ den Soldaten vor ſich beſcheiden und fragte ihn, warum er zu dieſer Art von Friktion ſeine Zuflucht nehme. Weil ich zu arm bin/ antwortete der Veteran, um mir Sclaven zu kaufen, die mir einen ſolchen Dienſt leiſten könnten“ Der Kaiſer war gerührt und gab ihm Sclaven und Geld. Als er am andern Tage die Bäder wieder beſuchte, rieben alle alten Männer der Stadt ſo hart, als ſie nur konnten, ihre Rücken gegen die Mauern. Der Kaiſer ließ ſie gleichfalls 39 ht ſo vorladen und ſtellte die nämliche Frage an ſie, welche die “* ſchlauen alten Schelme natürlich auf dieſelbe Weiſe beant⸗ halk⸗ worteten. Freunde, ſagte nun Hadrian, da eurer ſo viele zwei ſind, ſo könnt ihr ja gegenſeitig einander reiben. Mr. Dale, gan⸗ wofern Ihr nicht alle Eſel mit Löchern in der Schulter, die emäß in der Grafſchaft herumlaufen, auf den Hals friegen wollt, ſo thut Ihr wohl am beſten, wenn Ihr den des Keßlers un⸗ itz iſt gekauft laßt.“ her⸗„Ach, wie ſchwer iſt es doch in der Welt, auch nur das mindeſte Gute zu thun,“ ſeußzte der Pfarrer, während er „Ich einen Zweig von der Hecke brach, ihn zuſammendrückte und die Trůmmer auf den Weg warf, wobei eines der Bruchſtücke hchen den Eſel auf die Naſe traf. Hätte der Eſel Latein geſprochen, ſo würde er geſagt haben:„Et tu, Brute!“ So aber ließ er die Ohren hängen und trabte weiter. Bäder„Hü, ho!“ rief der Keſſelflicker und folgte ſeinem Thiere. walter Dann blieb er ſtehen, ſchaute über die Schulter zurück und gegen rief tröſtend dem Pfarrer zu, deſſen Angen noch immer weh⸗ er und müthig auf ſeinem Schützling ruhten:„Seyd unbeſorgt, r, ließ Euer Ehrwürden; ich will's ihm nicht nachtragen.“. cum er zeil ich 0 . Siebentes Kapitel. Als„Vier Uhr,“ rief der Pfarrer, auf ſeine Uhr ſehend. en ale„Schon eine halbe Stunde über die Dinerzeit, und Mrs. n, ihre Dale hat mich erſucht, heute beſonders puͤnktlich zu ſeyn eichfalls wegen der ſchönen Forelle, die der Squire geſchickt hat. ———— 40 Wollt Ihr verſuchen, was wir geringen Lente„Topfglück“ nennen, Doctor?“ Nun war Riccaboeca, wie die meiſten weiſen Leute, namentlich wenn ſie Italiener ſind, teineswegs geneigt, in die menſchliche Natur großes Vertrauen zu ſetzen, ſo daß er ſelbſt in den einfachſten Handlungen ſeiner Nebenmenſchen Eigennutz zu entdecken glaubte. Als daher der Pfarrer ihn zu ſeinem Topfglück einlud, lächelte er mit einer Art ſchlauen Verſtändniſſes; denn Mrs. Dale ſtand bei ihren Bekannten im Rufe, daß ſie ihre„Launen“ habe. Da nun gebildete Frauen in Gegenwart pritter, nicht zur Familie gehöriger Perſonen ſelten ihren Launen nachhängen, ſo kam Doector Riccabocca augenblicklich zu dem Schluß, er ſey eingeladen worden, um für den Topf das Glück zu vermitteln. Gleich⸗ wohl nahm er, da er ein Freund von Forellen und ein viel gutmüthigerer Mann war, als man von ſeinen Grundſätzen hätte erwarten ſollen, die Einladung an, that es übrigens mit einem ſo ſchlauen Blick über ſeinen Brillengläſern weg⸗ daß dem ſchuldbewußten Pfarrer das Blut in die Wangen ſchoß. Sicherlich hatte diesmal Riecabveca in ſeiner Wür⸗ digung menſchlicher Beweggründe das Wahre getroffen. Die Beiden gingen weiter und gelangten vermittelſt einer Keinen Brücke über den Bach nach dem Pfarrhauſe. Zwei Hunde, die längſt auf ihren Herrn gewartet zu haben ſchie⸗ nen, ſprangen dem Pfarrer bellend entgegen, und dieſer Ton weckte die Aufmerkſamkeit der Mrs. Dale, die jetzt, einen Sonnenſchirm in der Hand, durch die Fenſterthüre hervorkam/ welche in den Hof führte. läc det ſae we lä mi ha er rer un der ge zu ſei be Ar en lei er der ne ute in ß er ſchen rihn auen unten ildete riger oetr laden leich⸗ n viel ſätzen igens we⸗ angen Wür⸗ n. ſteiner Zwei ſchie⸗ er Ton einen orkam, 41 O Leſer, ich weiß, daß du im Innerſten deines Herzens lächelſt über den Mangel an Kenntniß in den Geheimniſſen des häuslichen Herdes, den der Autor an den Tag legt. Du ſagſt zu dir ſelbſt:„Eine ſaubere Art, Launen zu begütigen, wenn man zu dem Verbrechen, daß man den Fiſch verderben läßt, noch das weitere begeht, einen unerwarteten Freund mitzubringen, der ihn eſſen helfen ſoll. Wie kann da von Topfglück die Rede ſeyn, wenn der Topf ſchon mehr als eine halbe Stunde über ſeine Zeit geprudelt hat.“ Aber zu deiner vernichtenden Scham und Verwirrüng erfahre, o Leſer, daß beide, ſowohl der Verfaſſer, als Pfar⸗ rer Dale recht wohl wußten, was ſie thaten. Doctor Riccabveca ſtand bei Mrs. Dale ſehr in Gnaden und war die einzige Perſon in der ganzen Grafſchaft, deren Beſuch ihr nie ungelegen kam. So ſonderbar es auch auf den erſten Blick ſcheinen mag, hatte Doctor Riccabocca jenes geheimnißvolle Etwas an ſich, welches wir Männer ſo wenig zu begreifen wiſſen, obſchon es das andere Geſchlecht ſtets günſtig zu ſtimmen pflegt. Er verdankte dies theilweiſe ſeiner großen, wenn auch heuchleriſchen Höflichkeit; denn er betrachtete das Weib als den natürlichen Feind des Mannes, vor dem man ſiets auf der Hut ſeyn und den man durch jede Art ſchmeichelnder Dienſtbarkeit und kriechender Gefälligkeit entwaffnen müſſe. Eben ſo ſehr war er jedoch dafür der mit⸗ leidigen und himmliſchen Natur der Engel verpflichtet, die er in ſeinen Gedanken ſo ſchnöde verrieth; denn Frauen fin⸗ den leicht Gefallen an einer Perſon, die ſie bemitleiden kön⸗ nen, ohne ſie verachten zu müſſen. In Signor Riccabveca's Armuth, in ſeiner Verlaſſenheit und in ſeiner Verbannung, mochte ſie nun freiwillig oder gezwungen ſeyn, lag etwas,„ ſell was Mitleid erregte, während zugleich, ungeachtet des faden⸗ ſcheinigen Rocks, des rothen Regenſchirms und des wilden nie Haars, namentlich in ſeinem Benehmen gegen Damen etwas Gentlemaniſches und Cavaliermäßiges lag, das dem Ita⸗ wit liener von guter Erziehung, welchem Range er auch ange⸗ hören mag, weit mehr angeboren zu ſeyn ſcheint, als viel⸗ daß leicht der höchſten Ariſtokratie irgend eines andern enropäiſchen Landes. Allerdings gebe ich zu, daß nichts über die Höf⸗ ſter. lichkeit eines franzöſiſchen Marquis vom alten Regime geht, Arm daß nichts anmuthiger und offener iſt, als der herzliche 3 Verkehr eines gebildeten engliſchen Gentleman, und daß nichts mehr anſpricht, als die heitere Gutmüthigkeit irgend eines patriarchaliſchen Deutſchen, der ſich in dem Vergnü⸗* gen, einem einen Gefallen zu erweiſen, herabläßt, ſeine ſechszehn Ahnen zu vergeſſen; dieſe Proben von Leutſeligkeit unter den verſchiedenen Nationen ſind übrigens ſelten, wäh⸗ lung rend Geſchmeidigkeit und Höflichkeit bei den Italienern in der ihrer . Regel angetroffen werden. Es ſcheint, als haben ſich ſeit drück undenklichen Zeiten dieſe Eigenſchaften auf ſie vererbt von geſch ihren Vorfahren her, welche mit dem gefälligen umgangs⸗ tone des Cäſar wetteiferten und durch die Anmuth des Horaz gebe verfeinert wurden. Sup „Doctor Riccabveca hat eingewilligt, mit uns zu ſpei⸗ lein, ſen,“ rief der Pfarrer haſtig. ſo ka „Wenn es Madame erlaubt?“ ſagte der Jtaliener, ſich Vari „ über die ihm vargebotene Hand niederbengend, ohne ſie zu ung⸗ vas, den⸗ lden was Ita⸗ nge⸗ viel⸗ ſchen geht. liche daß gend gnü⸗ ſeine igkeit wäh⸗ in der h ſeit t von angs⸗ Horaz ſpei⸗ e, ſich ſie zu 43 ergreifen, weil er bemerkte, daß ſich bereits die Uhr in der⸗ ſelben befand. „Es thut mir nur Leid, daß die Forelle kaum zu ge⸗ nießen ſeyn wird,“ begann Mrs. Dale in kläglichem Tone. „Es iſt nicht die Forelle, an was man denkt, wenn man mit Mrs. Dale ſpeist,“ verſetzte der ſchamloſe Heuchler. „Ich ſehe doch, daß James kommt, um zu melden, daß das Diner bereit ſey,“ bemerkte der Pfarrer. „Dies that er ſchon vor drei Viertelſtunden, Theuer⸗ ſter,“ entegnete Mrs. Dale, indem ſie Doctor Riccabveca's Arm nahm. Achtes Kapitel. Während der Pfarrer und ſeine Gattin ihren Gaſt be⸗ wirthen, erlaube ich mir, den Leſer mit einer kleinen Abhand⸗ lung über den„Theuerſten“ zu unterhalten, den Mrs. Dale ihrer Ehehälfte zumurmelte— eine Abhandlung, die aus⸗ drücklich zu Nutz und Frommen des häuslichen Kreiſes geſchrieben iſt. Es iſt ein alter Witz, daß es in der Sprache kein Wort gebe, welches ſo wenig Werthſchätzung in ſich faſſe, als der Superlativ von theuer. Allein, wenn auch das Sprüch⸗ lein, wie alle Wahrheiten, abgedroſchen und verbraucht iſt, ſo kann der Forſcher doch noch ungemein viel Neues in den Varietäten feindſeligen Inhalts finden, die in dieſem bos⸗ haften Wörtchen liegen. So möchte ich zum Beiſpiel den 44 Erfahrenen darüber hören, ob nicht der Grad der Gehäſſig⸗ feit aus der Stellung zu ermeſſen ſey, welche das Wort in einem Satz einnimmt. Gleitet es unbehindert durch bis zu dem Schluß des Satzes, ſo hat es, wie im obenſtehenden Falle, unterwegs viel von ſeiner Bitterkeit verſchnanbt, ſo daß es ſich zuletzt gar in ein Lächeln kleidet—„amara lento temperet risu.“ Bisweilen iſt das Lächeln klagend, bisweilen ſchalkhaft. Zum Beiſpiel: (Klagend.) „Ich weiß recht wohl, daß ich nichts recht thun kann, Theuerſter.“ „Es freut mich in der That, daß du dich ohne mich ſo gut unterhalten konnteſt, Theuerſter.“ „Nur nicht ſo laut. Wenn du mein Kopfweh hätteſt, Theuerſter,“ u. ſ. w. (Schalkhaft.). „Wenn du nur deine Tinte anderswo ausſpritzen könn⸗ teſt, als auf unſerem beſten Tiſchtuch, Theuerſter.“ „Aber obgleich man dir nichts in den Weg legen darf, biſt du doch nicht ganz fehlerlos. Geſteh' es nur, Theuerſter.“ In ſolcher Stellung kommen viele elterliche ſowohl als ehliche„Theuerſte“ vor. „Den Kopf aufrecht und mach tein ſo verdrießliches Geſicht, Theuerſter.“ „Sey nur ein einzigesmal in deinem Leben ein guter Knabe— ſo, mein Theuerſter.“ iſt ruc aus die gen um liche man legt Reg fer zu g Thei went mißl des? Liebe gime vond blicke — häſſig⸗ ort in bis zu enden bt, ſo mara agend, kann, nich ſo ätteſi, könn⸗ darf, nt, hl als liches guter Wenn der Feind in der Mitte des Satzes Halt macht, iſt natürlich das Gift weniger erſchöpft. Zum Beiſpiel: „Ich muß in der That ſagen, Theuerſter, daß du die rucheloſeſte Perſon biſt,“ u. ſ. w. „Und wenn die Rechnungen der letzten Woche ſo viel ausmachten, Theuerſter, ſo möchte ich nur wiſſen, an wem die Schuld liegt; weiter ſag' ich nicht.“ „Meinſt du, Theuerſter, du könneſt deine Stiefel nir⸗ gends abwiſchen, als an dem Sophaüberzug?“ „Doch du weißt, Theuerſter, daß du dich um mich und um die Kinder nicht weiter kümmerſt, als um“ u. ſ. w. Taucht übrigens das fatale Wort in ſeiner urſprüng⸗ lichen Friſche gleich am Anfange des Satzes auf, ſo mag man immerhin das Haupt beugen vor einem Gewitter. Es legt ſich dann die Majeſtät des„mein“ bei und iſt in der Regel nicht bloß ein einfacher Vorwurf, ſondern der Vorläu⸗ fer einer ganzen Predigt. Die Aufrichtigkeit zwingt mich zu geſtehen, daß dies die Art iſt, in welcher der männliche Theil des einen Fleiſches das häßliche Wort gern in An⸗ wendung zu bringen pflegt; es hat etwas an ſich von der mißliebigen Anmaßung des Petruchianiſchen pater familias, des Familienhauptes und deutet vielleicht nicht auf„Frieden, Liebe und ein ruhiges Leben,“ ſicherlich aber auf ſtrenges Re⸗ giment und einſchüchternde Oberherrlichkeit.“ Zum Beiſpiel: „Meine theuerſte Jane— ich möchte, daß du einmal von dieſem ewigen Kreuzſtich abließeſt, und mir einige Augen⸗ blicke Gehör ſchenkteſt“ u. ſ. w. „Meine theuerſte Jane— ich wünſche, daß wir mit ———— einemmale zu einem Verſtändniß kommen. Glaube nicht, daß ich zornig bin— nein, aber ich bin gekränkt. Du mußt berückſichtigen“ u. ſ w. „Meine theuerſte Jane— ich weiß nicht, ob du wirk⸗ lich die Abſicht haſt, mich zu Grunde zu richten; dies aber kann ich von dir verlangen, daß du thueſt, wie alle anderen Frauen, die ſich doch ein wenig um das Eigenthum ihrer Männer kümmern“ u. ſ. w. „Meine theuerſte Jane— merke wohl, daß ich die letzte Perſon von der Welt bin, die zur Eiferſucht geneigt iſt; aber ich will verdammt ſeyn, wenn jener Zieraffe, der Kapitän Prettyman“ u. ſ. w. Wenn dieſe Carissima mit Rechen und Haue ganz und gar ausgejätet werden könnten aus dem Eheſtandsgarten, ſo glaube ich, daß die übrigen Neſſeln nicht mehr viel zu bedeuten hätten. Doch auch ſo würde der gute Pfarrer Dale ſeinen Garten nicht gegen alle von Spenſer und Taſſo ſo muſikaliſch beſungenen Feenlauben vertauſcht haben, ſelbſt in dem Falle, daß Mrs. Dale alle Arten der erwähnten Pflanze durch ſorgliche Pflege zur ſchönſten Vollkommenheit gebracht hätte. Dies konnte man jedoch glůcklicherweiſe die⸗ ſer Dame entfernt nicht nachſagen, denn Mrs. Dale's „Theuerſte“ waren im Grund nur wilde Blumen. üb. ihn den der wa das Wi ſche nich bra den mei die Thet könn weiß Din nicht nicht, mußt wirk⸗ aber deren ihrer ch die eneigt e, der iz und arten, viel zu farrer Taſſo ſelbſt ähnten tenheit iſe die⸗ Dale's 47 Neuntes Kapitel. In der Kühle des Abends ſpazierte Doctor Riccabocca über die Felder nach Hauſe. Mr. und Mrs. Dale hatten ihn halbwegs begleitet, und als ſie wieder den Weg nach dem Pfarrhaus einſchlugen, ſchauten ſie ſich noch einmal nach der langen Geſtalt des Fremden um, der langſam unter dem wallenden Korne weiter ging. „Der arme Mann,“ ſagte Mrs. Dale gefühlvoll.„Und das Knöpfchen an ſeiner Manſchette war abgeſprungen. Wie ſchade, daß er Niemand hat, der für ihn ſorgt; er ſcheint für's Familienleben geſchaffen zu ſeyn. Glaubſt Du nicht, daß es ein Segen für ihn wäre, wenn wir ihm eine brave Frau verſchaffen könnten?“ „Hum,“ entgegnete der Pfarrer,„ich zweifle, ob er den Eheſtand ſo zu ſchätzen weiß, wie er ſollte.“ „Was meinſt Du damit, Charles? Ich habe doch in meinem Leben nie einen Mann geſehen, der ſo höflich gegen die Frauen geweſen wäre.“ „Ja, aber—“ „Was, aber—2 Du thuſt immer ſo geheimnißvoll, Theuerſter.“ „Geheimnißvoll? Nein, Carry, aberwenn Du nur hören könnteſt, was der Doctor hin und wieder von den Frauen ſagt.“ „Ja, wenn Ihr Männer unter einander ſeyd. Ich weiß, was dies zu bedeuten hat— da ſprecht ihr feine Dinge über uns. Hierin ſind Ihr alle gleich; mußt Du's nicht ſelbſt geſtehen, mein Lieber?“ — ——————————— 48 „Ich habe freilich alle urſache, Gutes von Deinem Geſchlecht zu reden,“ entgegnete der Pfarrer einfach,„wenn ich an Dich denke und an meine Mutter.“ Mrs. Dale, die bei all ihren Launen eine vortreffliche Frau war und ihren Gatten mit der ganzen Fülle ihres leb⸗ haften kleinen Herzens liebte, fühlte eine Rührung. Sie vrückte ihm die Hand, und auf dem ganzen Heimwege kam der Ausdruck„Theuerſter“ nicht mehr über ihre Lippen. Mittlerweile ſchritt der Italiener über die Felder und gelangte etwa eine halbe Stunde von Hazeldean auf die Landſtraße. Auf der einen Seite derſelben ſtand ein ein⸗ ſames altmodiſches Wirthshaus, ſo wie die engliſchen Wirths⸗ häuſer waren, eh' ſie Eiſenbahnhotels wurden— im Quadrat gebaut, ſolid und von gaſtlichem, behaglichem Ausſehen, vorn ein großes Schild, das von einer Ulme niederhing, und ein wenig nach hinten die lange Reihe von Ställen mit einem oder zwei Chaischen im Hof, und in der Nähe der fröhliche Wirth in eifrigem Geſpräch über die Ernte mit einem ſtäm⸗ migen Landmann, der ſeinen rauhhaarigen Pony an der wohlbekannten Thüre hatte halten laſſen. Auf der andern Seite der Straße, dem Wirthshaus gegenüber, ſtand die Wohnung des Doetor Riccabocca. Einige Jahre vor dem Datum dieſer Annalen pflegte die Poſtkutſche auf ihrem Weg von einer Hafenſtadt nach London eine Stunde vor dem Wirthshaus Halt zu machen, damit nach altem Brauche die Paſſagiere wie chriſtliche Eng⸗ länder ihr Mittagmahl einnehmen konnten, ohne ihre Schüſ⸗ ſel brühendheißer Suppe hurtig hinunterzugießen, wie die ewig bahn Hau die„ welch ſtand abgeſ kräfte ableh denen mann der Le zer Ar niger „ Die Kutſck ein ba feſſelt Mitte kehrt, legten einem vor de ein B die M ohne L 2 Bul inem wenn ffliche s leb⸗ Sie e kam t. rnd uf die nein⸗ irths⸗ tadrat ſehen, „und einem öhliche ſtäm⸗ an der andern nd die pflegte t nach nachen, eEng⸗ Schüſ⸗ wie die 49 ewigen heidniſchen Yankees mit ihren verwünſchten Eiſen⸗ bahnpfeifen, die einem wie Teufel in's Ohr ſchreien. Das Haus bot auf dem ganzen Weg den beſten Tiſch, da ſowohl die Forellen des nahen Baches, als das Schöpſenfleiſch, welches aus dem Hazeldean⸗Park kam, in verdientem Rufe ſtanden. Von einem Außenſitz der Kutſche waren zwei Reiſende abgeſtiegen, die, allein unempfänglich für die Anziehungs⸗ kräfte des Hammelsbraten und der Forellen, das Mittageſſen ablehnten— zwei melancholiſch ausſehende Fremde, von denen einer der Signor Rieccabocea, der andere ſein Dienſt⸗ mann war. Erſterer ſah damals ſo ziemlich aus, wie ihn der Leſer erſt kürzlich kennen gelernt hat, nur daß ſein ſchwar⸗ zer Anzug weniger fadenſcheinig und ſeine lange Geſtalt we⸗ niger mager war; auch trug er damals noch keine Brille. „Die beiden wollten einen Spaziergang machen, ſo lange die Kutſche hielt.“ Nun war das Auge des Italieners durch ein baufälliges Haus auf der andern Seite des Wegs ge⸗ feſſelt worden, das gleichwohl recht gut gelegen war, in der Mitte eines grünen Abhangs, die Front gegen Mittag ge⸗ kehrt, unfern ein kleiner Waſſerfall, der von künſtlich ange⸗ legten Felſen niederſtürzte, vor dem Haus eine Terraſſe mit einem Geländer und einigen zerbrochenen Urnen und Statuen vor dem joniſchen Porticus, während gegen die Straße hin ein Brett angebracht war, deſſen halb verwiſchte Inſchrift die Meldung machte, das Haus ſey„zu vermiethen mit oder ohne Land.“ Der Wohnplatz, welcher ſo trübſelig ausſah und Bulwer, meine Novelle. 4 — 50 augenſcheinlich lang verwahrlost worden war, gehörte dem Squire Hazeldean. Ein Großvater deſſelben von der weib⸗ lichen Linie war in Italien geweſen— damals eine ſeltene Reiſe, auf die man ſich ſchon etwas zu gut thun durfte— und hatte nach ſeiner Rückkehr den Verſuch gemacht, im Kleinen hier eine italieniſche Villa nachzubilden. Seine Tochter und einzige Erbin heirathete den Vater des Squire Hazeldean, und ſeit dieſer Zeit war das Haus unbewohnt und vernachläſſigt geblieben, da die Eigenthümer die größere Reſidenz der Hazeldeane bezogen hatten. Zwar waren von mehreren Seiten Miethanträge gemacht worden; aber ein Squire beſinnt ſich lange, ehe er ſein Eigenthum einem ri⸗ valiſirenden Nachbar überläßt. Der eine Liebhaber hatte ein Augenmerk auf die Jagd.„Davon iſt gar nicht die Rede,“ erklärten die Hazeldeane, die ſelbſt eifrige Jäger waren und ihre Gehäge eiferſüchtig bewachten. Andere waren vornehme Leute von London.„Londoner Dienſt⸗ boten,“ meinten die Hazeldeane, welche moraliſche und kluge Perſonen waren,„verderben uns die unſrigen und bringen die Londoner Preiſe mit.“ Wieder andere waren Manu⸗ fakturiſten, die ihr Geſchäft aufgegeben hatten, Ueber dieſe rümpften die Hazeldeane ihre landwirthſchaftlichen Naſen. Kurz, die einen waren zu vornehm, die andern zu gemein. Einige wurden zurückgewieſen um der genauen Bekanntſchaft willen.„Man bleibt am eheſten gut Freund, wenn man ſich nicht zu nahe kommt,“ ſagten die Hazeldeane. Andere, weil man ſie gar nicht kannte.„Von Fremden koͤmmt nichts Gutes,“ meinten die Hazeldeane. Und als zuletzt das Haus meh wen wür ſchüt unbe ſich ſich liſche haft bewe etwa zuge bocc des zuzie von Inh Scht auch deln. Abge nicht nur laſſu Miet ſehr! Zeit e dem weib⸗ eltene t, im Seine Squire wohnt rößere en von er ein em ri⸗ hatte icht die Jäger Andere Dienſt⸗ d kluge bringen Manu⸗ er dieſe Naſen. gemein. ntſchaft nn man Andere, t nichts Haus 51 mehr und mehr verſiel, hatte Niemand mehr Luſt daran, wenn es nicht einer gründlichen Ausbeſſerung unterworfen würde.„Als ob man das Geld nur aus dem Aermel ſchüttle,“ ſagten die Hazeldeane. Kurz, das Haus ſtand da, unbewohnt und verfallen, und auf ſeiner Terraſſe befanden ſich die beiden einſamen Italiener, die es betrachteten und ſich zulächelten; denn das erſtemal, ſeit ſie den Fuß auf eng⸗ liſchen Boden geſetzt hatten, erkannten ſie in den trümmer⸗ haften Pilaſtern, in den zerbrochenen Statuen, in der grün bewachſenen Terraſſe und in den Ueberreſten einer Orangerie etwas, was ſie an das Land erinnerte, dem ſie den Rücken zugekehrt hatten. In dem Wirthshauſe angelangt, erſah Doctor Ricca⸗ boeca die Gelegenheit, von dem Wirthe, der ein Pächter des Squire war, die wünſchenswerthen Erkundigungen ein⸗ zuziehen, und einige Tage nachher erhielt Mr. Hazeldean von einem achtbaren Londoner Commiſſionär einen Brief des Inhalts, daß ein achtbarer Gentleman vom Ausland dem Schreiber Auftrag ertheilt habe, wegen Clump⸗Logde, ſonſt auch das„Caſino“ genannt, mit dem Squire zu unterhan⸗ deln. Beſagter Gentleman ſey kein Jäger, lebe in großer Abgeſchiedenheit und mache ſich, da er keine Familie habe, nicht viel aus den Reparaturen des Hauſes, wenn daſſelbe nur gegen Wind und Wetter Schutz biete und die Unter⸗ laſſung koſtſpieligerer Ausbeſſerungen bei Berechnung der Miethe in Anſchlag komme, da die Finanzen des Gentleman ſehr beſchränkt ſeyen. Das Erbieten traf zu einem gelegenen Zeitpunft ein— gls nämlich der Hausmeiſter dem Squire . 4 5 5² eben dringende Vorſtellungen gemacht hatte über die Noth⸗ wendigkeit, etwas für das Caſino zu thun, wenn es nicht ganz und gar in Trümmer fallen ſolle, und der Squire nun das Geſchick verfluchte, welches ihm die Villa als Fideicom⸗ miß zugewieſen, ſo daß er ſie nicht niederreißen laſſen und das Baumaterial zu andern Zwecken verwenden durfte. Mr. Hazeldean griff deshalb nach dieſem Anerbieten wie eine— ſchöne Dame, welche die beſten Partien im Königreich zu⸗ rückgewieſen hat und am Ende froh iſt, noch einen ver⸗ witterten Halbſold⸗Kapitän abzufangen; ſeine Antwort lau⸗ tete deshalb, daß es ihm auf den Miethpreis nicht ſo ſonder⸗ lich ankomme, wenn nur der Client des Commiſſionärs ein ruhiger, achtbarer Mann ſey. Der Gentleman ſolle das erſte Jahr ganz frei ſitzen und weiter mit keiner Belaſtung behelligt ſeyn, als daß er die Steuer zahle und den Platz ein wenig in Ordnung bringe; geſielen ſich dann die Con⸗ trahenten, ſo könnten ſie ja noch eines Weiteren überein⸗ kommen. Zehn Tage nach dieſer gnädigen Antwort langte Signor Riecaboeca mit ſeinem Diener an, und noch vor Ablauf des Jahres war der Squire mit ſeinem Miethsmann ſo wohl zufrieden, daß er demſelben das Caſino auf ſieben, vierzehn oder einundzwanzig Jahre gegen einen blos nomi⸗ nellen Miethpreis anbot, mit der Bedingung, daß Doctor Riccabocca den Platz gehörig unterhalte, Dach und Ver⸗ zäunung ausgenommen, welche der Squire großmüthig auf eigene Koſten erneuern ließ. Es war erſtaunlich, welchen hübſchen Platz der Italiener nach und nach daraus gemacht, doch verwunderlicher aber, wie wenig dieſe Verſchönerung 1 ihn und gen Ta! gen ver den irge derl das für den niſſ und die als lich daß ſich unet hatt erre eine nich alte über beſo toth⸗ nicht nun icom⸗ und urfte. e eine ch zu⸗ er⸗ t lau⸗ onder⸗ rs ein e das aſtung Platz Con⸗ erein⸗ langte ch vor smann ſieben, nomi⸗ Doctor d Ver⸗ hig auf welchen emacht, nerung ihn gekoſtet hatte. Die Wände der Halle, das Stiegenhaus und die wohnlich eingerichteten Zimmer waren von ihm ſelbſt gemalt worden, während ſein Diener den größten Theil der Tapeziererarbeit beſorgt hatte. Den Garten brachten beide gemeinſchaftlich in Ordnung. Die Italiener ſchienen eine vereinte Vorliebe für den Platz gewonnen zu haben und demſelben ſo große Aufmerkſamkeit zu erweiſen, als ſey er irgend eine vielbeſuchte Kapelle ihrer Madonna. Es ſtund lang an, ehe die Umwohner ſich in die wun⸗ derlichen Weiſen der fremden Anſiedler finden konnten, und das Anſtößigſte war für ſie der ungemein kleine Verbrauch für die Haushaltung. Drei Tage in der Woche beſtand für den Herrn und den Diener das Mittageſſen bloß in Erzeug⸗ niſſen des Gartens und Fiſchen aus dem benachbarten Bach, und wenn keine Forellen aufzutreiben waren, ſo brieten ſie die Gründlinge, die auch im beſten Fiſchwaſſer häufiger ſind, als Forellen. Was die Nachbarn und namentlich den weib⸗ lichen Theil derſelben nicht weniger verdroß, war der Umſtand, daß die zwei fremden Mannsperſonen dem Geſchlechte, welches ſich für die Beſorgung von Haushaltungsangelegenheiten für unentbehrlich hält, faſt gar nichts zu thun gaben. Anfangs hatten ſie nicht einmal eine weibliche Bedienung, und dies erregte ein ſolches Entſetzen, daß Pfarrer Dale es wagte, einen Wink darüber fallen zu laſſen. Riccabocca nahm dies nicht ungünſtig auf und dingte nach einigem Accordiren eine alte Frau, welche für drei Schillinge wöchentlich den Tag über nach Belieben das Geſchäft des Waſchens und Scheuerns beſorgen konnte, Abends aber zum Schlafen in ihre eigene ————— ———— — 54 Hütte zurücktehrte. Alles Uebrige beſorgte der Bedienie, der in der ganzen Umgegend unter dem Namen„Schakeimo“ ging; er ordnete die Zimmer, ſtäubte die Papiere ſeines Herrn ab, bereitete den Kaffee, kochte das Mittageſſen⸗ bürſtete die Kleider aus und reinigte die Tabakspfeifen, von denen der Doctor eine große Sammlung beſaß. Wie ver⸗ ſchloſſen übrigens ein Charakter auch ſeyn mag, gibt er ſich doch gelegentlich in kleinen Zügen zu erkennen, und der Ita⸗ liener hatte bei vielen kleinen Anläſſen Handlungen des Wohlwollens, in ſeltenen Fällen wohl gar der Großmuth, an den Tag gelegt, ſo daß die Läſterzungen zum Schweigen gebracht worden waren und der Fremde nachgerade zu einem recht achtbaren Rufe gelangte. Freilich hatte man ihn immer einigermaßen im Verdacht, als treibe er ſchwarze Kunſt und als ſey er von der ſeltſamen Liebhaberei beſeſſen, ſich ſelbſt und ſeinen Schakeimo auszuhungern; in andern Beziehungen hielt man ihn aber für harmlos genug. Wir haben bereits geſehen, daß Signor Riccabveca im Pfarrhaus ſehr vertraut geworden war. Nicht ſo in der Halle. Der Squire lebte zwar gerne auf freundſchaftlichem Fuße mit allen ſeinen Nachbarn, war aber, wie die meiſten Landedelleute, leicht beleidigt. Zwar mit großer Höflich⸗ keit, aber doch ſehr entſchieden hatte Riccabveca früher ſtets Mr. Hazeldeans Einladungen zum Mittageſſen abgelehnt, und als der Squire fand, daß ſein Miethsmann keinen Au⸗ ſtand nahm, bei dem Pfarrer zu ſpeiſen, ſo fühlte er ſich in einem von ſeinen ſchwachen Punkten angegriffen, in ſeiner Sorgfalt für die Ehre der Gaſtlichkeit von Hazeldean Hall, 7 ⸗ ſo d Zur ließ. Gro lich Sti wür wen geze Lan pfle eine gela geſt dab beig wirl eine Tas wür ang kräf zu f dem kom Apr dieſ diente, keimo“ ſeines geſſen, n, von ie ver⸗ er ſich er Ita⸗ en des ßmuth⸗ weigen einem timmer nſt und h ſelbſt hungen occa im in der ftlichem meiſten Höflich⸗ her ſtets gelehnt, nen An⸗ r ſich in in ſeiner an Hall, 55 ſo daß er ſeine Einladungen, welchen dieſe verdrießliche Zurückweiſung zu Theil wurde, fortan ganz und gar unter⸗ ließ. Demungeachtet war es dem Squire unmöglich, einen Groll im Herzen zu tragen, weshalb er den Doctor gelegent⸗ lich dadurch an ſein Vorhandenſeyn erinnerte, daß er ihm Stücke von ſeiner Jagdbeute zum Geſchenk machte. Auch würde er ihn öfter beſucht haben, als wirklich der Fall war; wenn ihn nicht ſein Miethsmann ſtets mit einer ſo aus⸗ gezeichneten Höflichkeit empfangen hätte, daß der derbe Landedelmann dadurch ganz verſchüchtert wurde und zu ſagen pflegte,„ein Beſuch bei Riccabveca ſey eben ſo ſchlimm, als eine Aufwartung bei Hof.“ Doch ich habe Doctor Riccabveca auf der Landſtraße gelaſſen. Mittlerweile iſt er einen ſchmalen Pfad hinan⸗ geſtiegen, der an der Seite des Waſſerfalls hinführt, und dabei an einem mit Weinranken überzogenen Lattenwerk vor⸗ beigekommen— eine Pflanzung, aus der es Schakeimo wirklich gelungen iſt, einen ſogenannten Wein, das heißt, eine Flüſſigkeit zu erzielen, die, wenn die Cholera in jenen Tagen bekannt geweſen wäre, vollkommen zugereicht haben würde, dem kühnſten Mitglied des Sanitätskollegiums Todes⸗ angſt einzujagen. So war z. B. Squire Hazeldean ein kräftiger Mann, der täglich ſeine Flaſche Portwein ungeſtraft zu führen vermochte; als er aber eines Tages übereilt von dem auf ſeinen eigenen Gütern erzeugten Getränke koſtete, konnte er ſich von der Wirkung erſt erholen, nachdem ſeine Apothekenrechnung auf Armslänge angewachſen war. An dieſer Rebenpflanzung vorbei führte der Weg auf die Terraſſe, —————— die mit einem Steinpflaſter verſehen war, ſo glatt und nett, als es Hände nur zu machen vermochten. Hier befand ſich ein zierliches Gerüſt, auf dem in ſchöner Ordnyng die Lieblings⸗ pflanzen des Doctors aufgeſtellt waren. Da vier Orangen⸗ bäume in voller Blüthe, dort eine Art Sommerhaus oder ein Belvedere, von Schakeimo und dem Doctor ſelbſt gebaut, welcher darin für die Monate Mai bis Oktober ſeine Woh⸗ nung aufgeſchlagen hatte. Von dieſem Belvedere aus genoß man eine ſo herrliche Ausſicht, als habe unſere engliſche Natur auf ihrem grünen Teppich alles gaſtlich ausgebreitet, was ſie dem Verbannten zur Labe bieten konnte. Ein Mann in Hemdärmeln, der ſeinen Rock über das Geländer geworfen hatte, war damit beſchäftigt, die Blumen zu begießen. Die Bewegungen dieſes Menſchen waren ſo mechaniſch und die Züge ſeines braunen Geſichtes ſo voll ſtarren Ernſtes, daß er das Ausſehen eines Automaten aus Mahagoni gewann. „Giacomo,“ ſagte Doctor Rictaboeca in ſanftem Tone. Der Automat hielt die Hand an und drehte den Kopf. „Stellt die Gießkanne bei Seite und kommt hieher,“ fuhr Riccaboecca in italieniſcher Sprache fort, indem er auf das Geländer zuging und ſich auf daſſelbe niederließ. Giatomo kam gleichfalls nach der Baluſtrade und blieb ein wenig hinter ſeinem Gebieter ſtehen. „Freund,“ fuhr Riccaboeca fort,„unſere Unterneh⸗ mungen ſind uns nicht immer geglückt. Glaubt Ihr nicht, es hieße zuletzt nur unſern böſen Stern verſuchen, wenn wir dem Sguire dieſe Grundſtücke abmietheten?“ ⸗ 2 . ₰ ————— kora trug Kna feln boce im§ will) Hert er e Sigr — fort, dem Auge ein C ſagte nördl d nett, ſich ein lings⸗ angen⸗ der ebaut, Woh⸗ genoß ngliſche breitet, ber das Blumen aren ſo ſo voll ten as m Tone. n Kopf. hieher,“ mer auf 3 ind blieb interneh⸗ hr nicht, wenn wir — 57 Giacomo bekreuzte ſich und machte mit einem kleinen korallenen Amulet, das er in einem Ring an ſeinem Finger trug, eine ſeltſame Bewegung. „Wenn die Madonna uns Glück ſchickt und wir einen Knaben wohlfeil dingen könnten,“ verſetzte Giacomo zwei⸗ felnd. „Puo vale un presente che due futuri,“ fagte Ricca⸗ borca.„Ein Vogel in der Hand mehr werth, als zwei im Buſche.“ „Chi non fa quondo può, non può fare quondo vuole“ —(wer nicht will, wenn er kann, ſoll auch nicht, wenn er will)— entgegnete Giacomo eben ſo ſententiös, wie ſein Herr.„Und der Padrone ſollte in Zeiten daran denken, daß er etwas bei Seite legen muß zur Mitgift für die arme Signorina.“ Riccabocca ſeufzte und gab keine Antwort. „Sie muß jetzt ungefähr ſo groß ſeyn,“ fuhr Giacomo fort, ſeine Hand auf eine eingebildete Linie ein wenig über dem Geländer legend. Die über der Brille wegſehenden Augen des Doctors folgten der Hand. „Wenn der Padrone ſie nur hier ſehen könnte— „Ich dachte ſchon daran,“ murmelte der Italiener. „Er würde ſie nicht mehr von ſeiner Seite laſſen, bis ein Gatte ſie wegholte,“ fuhr Giacomo fort. „Aber dieſes Klima! Sie könnte es nicht erkragen,“ ſagte Riccabveca, den Mantel um ſich ſchlagend, da ein nordlicher Wind ihn von hinten faßte. „Blühen doch die Orangenbäume, wenn man Sorgfalt „ DOrangenbaum ohne Schirm.— 58 auf ſie verwenbet,“ verſetzte Giacomo⸗ ver ſich umwandte, um in der Richtung nördlich von den Bäumen ein Zelttuch niederzulaſſen.„Seht!“ fügte er bei, indem er mit einem Zweig in voller Blüthe zurückkehrte. Doctor Riccabocta beugte ſich über die Blüthe und ſteckte dann den Strauß in's Knopfloch. „Die Andere ſollte auch da ſeyn,“ ſagte Giacomv. „Um zu ſterben, wie es bereits bei dieſer der Fall iſt,“ antwörtete Riccabocca.“ Sprecht nicht mehr davon. Giacomo zuckte die Achſeln, warf ſeinem Herrn einen Blick 4* fuhr dann mit der Hand über die Augen. folgte ein tiefes Schweigen, welches Giacomo zuerſt wieder unterbrach. „Doch hier oder dort— Schönheit ohne Geld iſt der Wenn ein Knabe wohlfeil aufzutreiben wäre, ſo würde ich das Land miethen. Madonna ſegnet dann die Ernte.“ „Ich glaube, ich kenne einen ſolchen Knaben,“ ſagte Riccabocra, ſich ſammelnd, während das ſpöttiſche Lächeln abermals ſeinen Mundwinkel umzuckte—„einen Knaben, der für uns geſchaffen iſt.“ „Diavolo!“ „Nein, nicht den piavolo! Freund, ich habe heute einen Knaben geſehen, der— ein Sechspenceſtück zurückwies ℳ „Cosa stupenda! Augen weit aufſperrend ſeinen Händen entſank. „Es iſt wahrhaftig ſo, mein Freund.“ l(erſtaunlich) rief Giacomo, ſeine während zugleich die Gießkanne Feld erfor Riec Licht groß dean unter dem dean Leinn gäng es ſet ausſi raſen Vate auch ſie zu ten 2 andte, elttuch einem he und omo. all iſt,“ n einen n. io zuerſt d iſt der wohlfeil Nadonna „ ſagte eLächeln Knaben, ute einen wies!“ o, ſeine Hießkanne „Nehmt ihn, Padrone, in's Himmels Namen, und die Felder werden Gold einbringen.“ „Ich will darauf denken, denn es wird Geſchicklichkeit erforderlich ſeyn, um einen ſolchen Knaben zu fangen,“ ſagte Riccabocra.„Mittlerweile zündet in meinem Zimmer ein Licht an und bringt mir aus meinem Schlafgemach— den großen Folioband des Macchiavelli.“ Zehntes Kapitel. Im nächſten Kapitel werde ich dem Leſer Squire Hazel⸗ dean vorführen im patriarchaliſchen Prunk— nicht gerade unter dem Feigenbaum, den er gepflanzt hat, wohl aber vor dem Stock, den er wieder herſtellen ließ.— Squire Hazel⸗ dean und ſeine Familie auf dem Raſen des Dorfes! Die Leinwand iſt bereit und harrt nur der Farben. Im gegenwärtigen Hauptſtück muß ich jedoch auf Vor⸗ gänge ſo weit einen Blick zurückwerfen, daß der Leſer wiſſe, es ſey ein Mitglied der Familie vorhanden, welches er vor⸗ ausſichtlich, wenn überhaupt je, diesmal nicht auf dem Dorf⸗ raſen von Hazeldean treffen wird. Unſer Squire hatte zwei Jahre nach ſeiner Geburt den Vater verloren. Seine Mutter war ſehr ſchön, desgleichen auch ihr Leibgeding, und nach Ablauf des Trauerjahrs ſchritt ſie zu einer neuen Vermählung. Der Gegenſtand ihrer zwei⸗ ten Wahl war Obriſt Egerton. In jeder engliſchen Generation, wenigſtens ſeit Carls ——— 60 des Zweiten luſtiger Regierung, gibt es Einige, welche irgend ein eleganter Genius von der Milch der menſchlichen Natur abſchöpft, um ſie als den Rahm der Geſellſchaft auf⸗ zubewahren. Obriſt Egerton gehörte unter dieſe terque, quaterque beati und ſchwamm abgeſchieden auf einem oberen Sims in jener feinen Porzellänſchüſſel, die nicht zu gewöhn⸗ licher Buttermilch benützt und von fashionablen Perſonen die große Welt genannt wird. Wie verwunderte man ſich nicht zu Pall Mall und wie groß war nicht das Bedauern zu Park⸗Lane, als ſich dieſe überausgezeichnete Perſönlichkeit herabließ, ſich zu dem Stand eines Ehemanns zu erniedri⸗ gen. Aber Obriſt Egerton war nicht ein bloſer bunter Schmetterling, ſondern beſaß auch jenen vorſorglichen In⸗ ſtinkt, welchen man der Biene zuſchreibt. Die Jugend hatte ihn verlaſſen und in ihrem Flug viel ſubſtantielles Eigenthum mit fortgenommen, ſo daß er jetzt wohl einſah, es nahe mit Rieſenſchritten eine Zeit, in welcher eine Heimath mit einer Genoſſin, die zu Unterhaltung derſelben beitrage, ein werth⸗ voller Zuwachs ſey für ſeine Gemächlichkeit, während ein gelegentlicher hausbackener Abend am eigenen Herd auch ſei⸗ ner Geſundheit zu ſtatten komme. um die Mitte einer Sai⸗ ſon zu Brighton, wohin er den Prinzen von Wales begleitet hatte, lernte er eine Wittwe kennen, die ihm ungeachtet ihrer Trauerkleider doch nicht als ganz untröſtlich vorkam. Ihr Aeußeres befriedigte ſeinen Geſchmack und der Betrag ihres Leibgedings ſeinen Verſtand; er wußte es daher ein⸗ zuleiten, daß er mit ihr bekannt gemacht wurde, und kam nach kurzer Werbung zu einem glücklichen Schluß. Der verſtor zweite ſichtig getroff Mutte Teſtan Verbiü dean e ſie den es ha mütter L einem denklick ten. da ſie a nach 2 vorneh laubnij ſeiners lich un Weſene herann Landlel zu Car Jahrhi begabt Antritt welche hlichen ft auf⸗ terque, oberen ewöhn⸗ erſonen te man edauern nlichkeit rniedri⸗ bunter en In⸗ nd hatte zenthum tahe mit nit einer nwerth⸗ rend ein auch ſei⸗ ner Sai⸗ begleitet ngeachtet vorkam. r Betrag aher ein⸗ und kam ß. Der 61 verſtorbene Mr. Hazeldean hatte die Wahrſcheinlichkeit einer zweiten Vermählung von Seiten der jungen Wittwe berück⸗ ſichtigt und für dieſen Fall die teſtamentariſche Verfügung getroffen, daß die Vormundſchaft über ſein Kind von der Mutter auf zwei Squire übergehen ſollte, die er zugleich zu Teſtamentsexecutoren beſtellt hatte. Dieſer Umſtand in Verbindung mit den neuen Feſſeln entfremdete Mrs. Hazel⸗ dean einigermaßen dem Pfand ihrer früheren Liebe, und als ſie dem Obriſten Egerton einen Sohn geboren hatte, war es hauptſächlich dieſes Kind, dem ſie die Summe ihrer mütterlichen Liebe zufließen ließ. William Hazeldean wurde von ſeinen Vormündern nach einem großen Provinzial⸗Lyceum geſchickt, wo ſeit unfür— denklichen Zeiten ſeine Ahnen ſtets ihre Bildung geholt hat⸗ ten. Anfangs verbrachte er ſeine Ferien bei Mrs. Egerton; da ſie aber jetzt entweder in London wohnte oder ihrem Gatten nach Brighton folgte, um daſelbſt an der Beluſtigung der vornehmen Welt Theil zu nehmen, ſo erhielt er die Er⸗ laubniß, die Vacanztage in der alten Halle oder bei einem ſeiner Vormünder zuzubringen. Mrs. Egerton war näm⸗ lich ungemein fein geworden und ſchämte ſich des derben Weſens und der ländlichen Erziehung ihres mehr und mehr heranwachſenden Sohnes, der aus ſeiner Vorliebe für das Landleben durchaus keinen Hehl machte. Später trat er zu Cambrigde in ein kleines College, das im fünfzehnten Jahrhundert von einem Hazeldean mit einem Stipendium begabt worden war, und verließ daſſelbe wieder mit dem Antritt ſeiner Volljährigkeit, ohne einen Grad zu nehmen. Einige Jahre ſpäter heirathete er eine junge Dame, die, wie er ſelbſt, auf dem Lande geboren und erzogen worden war. Nittlerweile hatte ſein Halbbruder Audley Egerton ſo zu ſagen bereits ſeinen Anfang gemacht in dem beau monde, ehe er noch die Kinderklapper bei Seite geworſen⸗ Herzogin⸗ nen hätſchelten ihn auf ihrem Schooße, und er durfte auf den Stöcken von Fürſten und Geſandten im Zimmer herum galoppiren. Denn Obriſt Egerton ſtand nicht nur in ſehr hohen Verbindungen und behauptete die ausgezeichnete Stel⸗ lung eines Mannes, der unter die dii majores der Mode gehörte, ſondern hatte auch noch das ſeltenere Glück, bei allen, die ihn kannten, ungemein populär zu ſeyn, in einem Grade ſogar, daß ſelbſt die feinen Damen, deren Anbeter er früher geweſen, ihm ſeine Heirath„außer der Klaſſe“ ver⸗ gaben und ihn fortwährend ſo freundſchaftlich behandelten⸗ als ob er gar nicht verehlicht ſey. Leute, die man gemeinig⸗ lich herzlos nannte, wurden es nie müde, den Egertonen Angenehmes zu erweiſen. Als für Audley die Zeit herankam, die Vorbereitungs⸗ ſchule, auf der ſeine Kindheit unter den ſtattlichſten kleinen Lilien des Feldes geknoſpet hatte, zu verlaſſen und Eton zu beziehen, war ſchon die Hälfte der fünften und ſechsten Klaſſe zu ungemeiner Höflichkeit gegen den jungen Egerton ge⸗ wonnen. Der Knabe zeigte früh, daß er das Talent ſeines Vaters, Popularität zu erwerben, geerbt hatte, und daß er daſſelbe mit anderen zu bereichern wußte/ welche ihm von vieſer Popularität Nutzen in Ausſicht ſtellten. Ohne auf der Schule eine Auszeichnung zu erringen, wußte ex es doch dahin zu err Mitſe einma war. fort, keine erran ſtimm Staa Elter dahin er ſeit und e wußte halter einem Rente thung men v ( ein, d von E Londo: und er nicht e Anerke „wie var. ton ſo onde, zogin⸗ te auf herum in ſehr Stel⸗ Mode ck, bei einem beter er e“ ver⸗ ndelten, meinig⸗ ertonen eitungs⸗ nkleinen Eton zu en Klaſſe rton ge⸗ nt ſeines und daß ihm von Ohne auf er es doch 63 dahin zu bringen, zu Eton ſich den wünſchenswertheſten Ruf zu erwerben, den ein Knabe erzielen kann— unter ſeinen Mitſchülern nämlich als eine Perſon zu gelten, die ſicherlich einmal etwas leiſtete, wenn ſie zum Manne herangewachſen war. Zu Orford fuhr er als Collegiat von Chriſt Church fort, dieſe hohe Erwartung aufrecht zu erhalten, obſchon er keine Preiſe gewann und nur einen ganz gewöhnlichen Grad errang; ja, das künftige„Etwas“ wurde ſogar jetzt be⸗ ſtimmter und man verſicherte ſich, daß der junge Mann„im Staatsdienſt“ einmal etwas leiſten werde. Er befand ſich noch auf der Univerſität, als ſeine beiden Eltern in einem Zwiſchenraum von nur einigen Monaten dahin ſtarben. Als Audley Egerton volljährig wurde, trat er ſein väterliches Vermögen an, das für ſehr groß galt und es auch einmal geweſen war. Allein Obriſt Egerton wußte ſein Eigenthum nicht in einem Maße zu Rathe zu halten, daß ſein Erbe dadurch reich geworden wäre, und von einem Vermögen, das urſprünglich gegen zehntauſend Pfund Renten abgeworfen hatte, blieb nach Abzug der Verwer⸗ thungen und Pfandſchulden nur noch ein jährliches Einkom⸗ men von fünfzehnhundert Pfunden übrig. Gleichwohl galt Audley als reich, und es fiel ihm nicht ein, dieſe günſtige Meinung durch eine unkluge Kundgebung von Sparſamkeit zu zerſtreuen. Bei ſeinem Eintritt in die Londoner Welt flogen die Clubbe auf, ihn zu empfangen, und er erwachte eines Morgens, um zu finden, daß er— nicht gerade berühmt, aber doch in der Mode war. Dieſer, Anerkennung verſchaffte er dadurch einen gewiſſen Werth ———— 64 und Bedeutung, daß er ſo viel wie möglich mit öffentlichen Männern und politiſtrenden Damen verkehrte, ein Kunſt⸗ griff, durch den es ihm gelang, die Anſicht zu beſtätigen, daß er„dazu geboren ſey, einen Staat zu lenken oder zu Grunde zu richten.“ Sein beſter und vertrauteſter Freund war Lord L'Etrange, mit dem er ſchon zu Eton ſtets zuſammengeſteckt hatte, und während Audley Egerton in London nur als Held der Mode galt, machte deſſen Freund eigentlich Furore. Harley Lord LEtrange war der einzige Sohn des Grafen von Lansmere, eines Edelmanns von bedeutendem Vermögen, der durch Zwiſchenheirathen mit den erſten und mächtigſten Familien Englands in Verbindung ſtand. Trotz⸗ dem war Lord Lansmere in den Londoner Kreiſen nur wenig bekannt, da er hauptſächlich auf ſeinen Gütern lebte, den Obliegenheiten eines großen Grundbeſitzers nachkam und ſich nur ſelten in der Hauptſtadt blicken ließ. Er war daher in der Lage⸗ ſeinem Sohn, als dieſer von der ſechsten Klaſſe zu Eton aus in einem Alter von ſechszehn Jahren Dienſte in einem Garderegiment nahm, ein ſehr reichliches Taſchengeld zu verwilligen. was ſie aus Harley LEtrange Nicht Viele wußten, machen ſollten, und dies war vielleicht der Grund, warum man ſo viel an ihn dachte. der brillanteſte Knabe ſeiner Zeit geweſen, nicht nur ein Wunder auf dem Ballſpielplas, ſondern auch im Schulzim⸗ mer; dabei ſtack er aber ſo voll Grillen *. — Zu Eton war er bei weitem und Wunderlich⸗ feiten und ſchien überhanpt ſeine Triumphe mit ſo wenig Beih ſelber die ſe Uebe lunge dies Daß wie t der O Char es de ihren Verh mit e Natu mein publi ren 2 natur LEt kaner junge erlau fünfz der g die h nann vollke Br ichen unſt⸗ igen, er zu Lord eſteckt Held e. n des endem n und Trotz⸗ wenig e, den m und war echsten Jahren chliches Ftrange warum weitem nur ein chulzim⸗ nderlich⸗ ſo wenig 65 Beihilſe beharrlichen Eifers zu erringen, daß er nicht die⸗ ſelben Erwartungen von gediegener Auszeichnung zurückließ, die ſein älterer Freund Audley Egerton erregt hatte Seine Ueberſpanntheiten, ſeine ungewöhnlichen Reden und Hand⸗ lungen wurden in der großen Welt eben ſo notoriſch, wie dies in der kleinen einer öffentlichen Schule der Fall geweſen. Daß er ſehr geſcheidt war, unterlag keinem Zweifel, und wie tief ſein Verſtand ſeyn mußte, kieß ſich nicht nur aus der Originalität, ſondern auch aus der Unabhängigkeit ſeines Charakters muthmaßen. Er blendete die Welt, ohne daß es den Anſchein hatte, als kümmere er ſich um ihr Lob oder ihren Tadel— blendete ſie ſo zu ſagen deshalb, weil das Verbreiten von Glanz in ſeinem Weſen lag. Er trug ſich mit einigen eigenthümlichen Anſichten politiſcher oder ſocialer Natur, die ſeinen Vater etwas beunruhigten. Southey meint,„man brauche ſich des Umſtandes, daß man ein Re⸗ publikaner ſey, eben ſo wenig zu ſchämen, als ſeiner frühe⸗ ren Jugend.“ Jugend und überſpannte Meinungen gehen naturgemäß Hand in Hand. Ich weiß nicht, ob Harley L'Etrange in einem Alter von achtzehn Jahren ein Republi⸗ kaner war; ſoviel aber iſt gewiß, daß es in London keinen jungen Mann gab, der ſich ſo wenig um das Erbe eines erlauchten Namens und einer Jahresrente von vierzig oder fünfzig Pfunden zu kümmern ſchien. Es herrſchte damals der gemeine Ton, exeluſiv zu thun und Perſonen zu ſpielen, die häßliche Halsbinden trugen und ſich Smith oder Johnſon nannten. Lord LEtrange ſpielte nie etwas, und es reichte vollkommen zu, einen würdigen Mann wegen ſeiner Geburt Bulwer, meine Novelle. 5 66 und ſeines Halstuches gering zu ſchätzen, um einem ſolchen nebelthäter die ausgezeichneten Höflichkeiten von Seiten dieſes excentriſchen Nachfolgers der Dorimonte und Wildaire zu ſichern.* Der Graf hegte den Wunſch, ſein Sohn möchte, ſo bald er volljährig würde, die Vertretung des Wahlbezirks Lansmere übernehmen, denn die Wahlen daſelbſt waren die einzige Plage des gnädigen Herrn. Dieſer Wunſch ſollte jedoch nicht verwirklicht werden. Dem jungen Abgott von London fehlten noch zwei oder drei Jahre zu ſeiner Voll⸗ jährigkeit, als ſich ſeiner plötzlich eine neue Grille zu be⸗ mächtigen ſchien. Er zog ſich ganz aus der Geſellſchaft zurück, ließ die dringlichſten Einladungs⸗ und Erkundigungs⸗ billete, die je auf dem Tiſch eines jungen Gardeoffiziers ausgeſtreut lagen, unbeantwortet und mied ſeine früheren Tummelplätze, an denen er nur äußerſt ſelten und dann entweder allein oder blos in Egertons Geſellſchaft zu ſehen war. Kurz ſein lebensfroher Sinn ſchien ihn gänzlich ver⸗ laſſen zu haben. Eine tiefe Schwermuth drückte ſich in den Zügen ſeines Geſichtes aus und athmete in den verdroſſenen Tönen ſeiner Stimme. um dieſe Zeit erwarben ſich die Garden in Spanien ihren unvergänglichen Ruhm; das Bataillon aber, zu dem Harley gehört, hatte in England zurückbleiben müſſen. Ob nun den jungen Lord ſeine Un⸗ thätigkeit verdroß, oder ob ihn der Durſt nach Ruhm ſpornte, er trat plötzlich in ein Cavallerieregiment, das kürzlich in einem denkwürdigen Gefechte die Hälfte ſeiner Offiziere ver⸗ loren hatte. Unmittelbar vor dieſem Schritt war die — Repre nun i zu G begab ſeiner Egert Dieſe ſchich ich m Bewe L'Etr Thätt Lans: um d bahn Sach Gege ware des G Ende gezeie Lans! worde Einfl ſirend da de chen eiten daire ſo zirks n die ſollte t von Voll⸗ u be⸗ ſchaft ungs⸗ fiziers icheren dann ſehen ch ver⸗ in den oſſenen ſich die 1; das gland ine Un⸗ ſpornte, rzlich in ere ver⸗ war die —— 67 Repräſentation von Lansmere erledigt worden, und er drang nun in ſeinen Vater, daß er ſeinen ganzen Familieneinfluß zu Gunſten des jungen Egerton aufbieten möchte. Harley begab ſich ſodann nach dem väterlichen Landſitz, um ſich von ſeinen Eltern zu verabſchieden, und bald nachher folgte ihm Egerton in der Abſicht, ſich den Wählern vorſtellen zu laſſen. Dieſer Beſuch war ein denkwürdiges Ereigniß in der Ge⸗ ſchichte vieler Perſonen, die in meiner Erzählung figuriren; ich muß mich jedoch vorläufig mit der Bemerkung begnügen, daß Umſtände eintraten, welche in dem Augenblicke, als die Bewerbung für die neue Wahl beginnen ſollte, ſowohl LEtrange als Audley veranlaßten, ſich vom Schauplatz der Thätigkeit zu entfernen. Auch that Letzterer dem Lord Lansmere brieflich ſeine Abſicht kund, von der Bewerbung um den erledigten Poſten abzuſtehen. Zum Glück für Audley Egertons parlamentariſche Lauf⸗ bahn betrachtete Lord Lansmere die Wahl nicht nur als eine Sache von öffentlicher Wichtigkeit, ſondern auch als einen Gegenſtand, in welchem ſeine perſönlichen Gefühle betheiligt waren. Er hatte ſich vorgenommen, ſogar in Abweſenheit des Candidaten ganz und auf eigene Koſten die Schlacht zu Ende zu bringen. Bisher war der Kampf um dieſen aus⸗ gezeichneten Bezirk— um uns eines Ausdrucks des Lord Lansmere zu bedienen—„im Geiſt von Gentlemen geleitet worden;“ das heißt, die einzigen Gegner von Lansmere's Einfluß mußten in einer oder der anderen von zwei rivali⸗ ſirenden Familien derſelben Grafſchaft geſucht werden, und da der Lord ein gaſtfreundlicher höflicher Mann war, der bei 5 . das Haupt der anderen F ickte ſogar der feindliche ſchwenderiſch mit Complimenten hyohen Charakter und mit höflichen Aeußerungen über den Candidaten des Grafen. ar eine dieſer beiden Familien zu E 68 der umwohnenden Gentry in hoher Achtung ſtand, ſo durch⸗ Candidat ſtets ſeine Reden ver⸗ gegen Seiner Herrlichkeit In Folge der vielen Wahlen aber nde gegangen und ihr ermaliges Haupt reſidirte nun innerhalb der Rules of Bench; amilie war bereits ſitzendes Mit⸗ glied und blieb vermöge einer freundſchaftlichen Uebereinkunft mit dem Lansmere'ſchen Anhang ſo neutral, als dies einem Parlamentsmitglied in Mitte der Leidenſchaften eines unlenk⸗ ſamen Comite's nur möglich war. Es ſtand daher zu hoffen, daß Egerton ohne Oppoſition durchgreifen würde; aber an dem Tage ſeiner plötzlichen Abreiſe kündigten gedruckte Zettel in einer ſehr feurigen Sprache an, daß„Haverill Daſhmore, königlicher Flottenkapitän, Bakerſtreet in Portman⸗Square“ die Abſicht habe, den Bezirk von der unkonßitutionellen Herrſchaft einer oligarchiſchen Faktion zu befreien; es leite ihn dabei nicht der Hinblick auf eigenes politiſches Empor⸗ fommen, da im Gegentheil das Mandat für ihn von großen verſönlichen Nachtheilen beleitet ſey, ſondern ausſchließlich der Abſcheu vor der Tyrannei und patriotiſcher Eifer für die Reinerhaltung des Wahlrechts. Dieſer Ankündigung folgte eini Kapitän Daſhmore ſelbſt in einer vierſpännigen, mit Schleifen bedeckten Kutſche, welche innen und ausſehender Freunde ge Stunden ſpäter gelben außen mit einem Schwarm geſchäftig a angefüllt war. Natürlich hatten ihn dieſe begleitet, um bei d nehm hatte der mand ein 1 rechti Kapi ſo we nur demſe der eine bei d was zufäll vierzi wurd lamer riſche fern, war f dings einem Witz m rch⸗ ver⸗ eit den aber ihr nch; Mit⸗ kunft inem lenk⸗ offen, er an Zettel more, uare“ nellen s leite mpor⸗ großen ließlich für die ſpäter , mit en nd Freunde tet, um 69 bei der Werbung mitzuwirfen und an dem Spaß Theil zu nehmen. Kapitän Daſhmore war mit Leib und Seele Seemann, hatte aber gegen ſeinen Beruf einen Widerwillen gefaßt von der Zeit an, als der Neffe eines Miniſters mit dem Com— mando eines Schiffes betraut wurde, an welches der Kapitän ein unanfechtbares Recht zu haben vermeinte. Aus Ge⸗ rechtigkeit gegen den Miniſter müſſen wir beifügen, daß Kapitän Daſhmore einem aus der Ferne kommenden Befehle ſo wenig Achtung gezollt hatte, wie der unſterbliche Nelſon, nur mit dem Unterſchiede, daß der Ungehorſam nicht von demſelben verſöhnenden Erfolg begleitet wurde und deßhalb der Kapitän ſich hätte glücklich ſchätzen ſollen, wenn ihm eine ſtrengere Behandlung als ein bloſes Uebergangenwerden bei der Beforderung erſpart blieb. Aber Niemand weiß, was ihm gut thut. Er nahm ſeine Entlaſſung, und da ihm zufälligerweiſe um dieſelbe Zeit ein entfernter Verwandter vierzig oder fünfzigtauſend Pfund hinterlaſſen hatte, ſo wurde er von dem rachſüchtigen Wunſche erfüllt, ins Par⸗ lament zu kommen und tort der Adminiſtration eine orato— riſche Züchtigung zu Theil werden zu laſſen. Wenige Stunden reichten zu, um den Beweis zu lie⸗ fern, daß der Seekapitän ein ganz vortrefflicher Wahlintrikant war für einen kleinen nicht ſehr erleuchteten Bezirk. Aller⸗ dings ſchwatzte er den kläglichſten Unſinn, den man je von einem offenen Fenſter herunter vernommen hatte; aber ſein Witz war ſo derb, ſein Benehmen ſo treuherzig und ſeine Stimme ſo kräftig, daß er in jenen umnachteten Zeiten, eh' noch der Schulmeiſter auf Reiſen ging, ſowohl den philo⸗ ſophiſchen Radikalen, als den moraliſirenden Demokraten aus dem Felde geſchlagen haben würde. Anßerdem küßte er alle Frauen, mochten ſie alt oder jung ſeyn, mit dem Fener eines Matroſen, welcher weiß, was es heißt, drei Jahre zur See zu ſeyn, ohne einer bartloſen Lippe anſichtig zu werden, beſuchte alle Wirthshäuſer, lud jeden Tag eine zahlreiche Verſammlung zu Tiſch und erklärte, ſeinen Beutel in die Luft werfend und wieder auffangend,„er wolle bei ſeinem Geſchütz ausharren, ſo lange noch eine Kugel im Munitionskaſten ſey.“ Bei früheren Gelegenheiten hatte nicht viel politiſcher Unterſchied ſtattgefunden zwiſchen dem Candidaten des Lansmere'ſchen Anhangs und dem der opponirenden Partien, denn die Landedelleute der damaligen Zeit bekannten ſich ſo ziemlich zu der nämlichen Denkweiſe, und die Frage blieb in Wirklichkeit blos eine lokale, ob näm⸗ lich der Einfluß des Grafen Lansmere den Sieg davon tra⸗ gen werde über den der beiden ſquirearchiſchen Familien, die bisher allein eine Oppoſition gewagt hatten, oder nicht. Obgleich übrigens Kapitän Daſhmore ein ſehr loyaler Mann und ein viel zu alter Matroſe war, um zu denken, daß der Staat, welcher nach der hergebrachten Metapher ein Schiff par excellence iſt, dem gemeinen Mann Zutritt auf das Halbdeck geſtatten ſollte, hatte doch unter dem ewigen Lär⸗ men gegen Lords und Ariſtokratie, Aemtervergebung und Mißbräuche, wobei er zu den gedachten anſtößigen Sub⸗ ſtantiven die kräftigſten Eigenſchaftswörter aus einem nich ſehr gebildeten Wörtervorrath zuſammenflaubte, ſeine zalle n philo⸗ nokraten m küßte mit dem ßt, drei anſichtig Tag eine n Beutel wolle bei dugel im en hatte chen dem dem der amaligen enweiſe, ob näm⸗ avon tra⸗ ilien, die der nicht. ler Mann „daß der ein Schiff t auf das vigen Lär⸗ bung und gen Sub⸗ inem nicht eine Galle die Oberhand gewonnen über den Verſtand, und er wurde ſo zu ſagen duſelig von ſeiner eigenen Beredſamkeit. Wenn alſo ſchon in Betreff jakobiniſcher Plane ſo unſchuldig wie in Betreff des Gedankens, die Themſe in Brand zu ſtecken, würde man doch aus ſeinen Reden auf die Vermuthung gekommen ſeyn, er ſey einer der verwegenſten Brandſtifter, die nur je eine Lunte angelegt haben an den Brennſtoff einer ſtrittigen Wahl. Da er außerdem nicht daran gewöhnt war, ſeinen Widerſachern Achtung zu beweiſen, ſo durfte man auch nicht von ihm erwarten, er werde den Grafen Lans⸗ mere mit mehr Ceremonie behandeln, uls etwa ein fran⸗ zöſiſches Kriegsſchiff. Gewöhnlich bezeichnete er dieſen achtbaren Edelmann mit dem Litel„alte Hochnaſe“, wäh⸗ rend zwei andere Würdenträger, der Bürgermeiſter, welcher ſich außer dem Hauſe nie anders als in Stulpenſtiefeln blicken ließ, und der Advokat, ein handfeſt gebauter Mann, von ihm mit dem unehrerbietigen vereinten Spottnamen „Stulp⸗ und Waſſerſtiefel“ belegt wurden. Aus dieſem Grunde war jetzt, wie ich ſchon früher bemerkte, die Wahl für den Grafen und überhaupt für die großen Häupter des Lansmere'ſchen Anhangs ein perſönlicher Gegenſtand gewor⸗ den, und erſterer ſchien ſich die Sache ſo ſehr zu Herzen zu nehmen, als ob ſeine Grafenkrone bei der Frage auf dem Spiele ſtehe.„Der Mann von Bakerſtreet“ mit ſeiner übernatürlichen Kühnheit ſchien ihm ein unheimliches, ver⸗ hängnißvolles Weſen zu ſeyn, das er nicht ſo faſt mit Groll⸗ ſondern vielmehr mit aberglänbiſcher Scheu betrachtete. Es erging ihm wie dem würdevollen Montezuma, als ihm jener 72 lumpichte Cortez mit ſeiner Hand voll ſpaniſcher Galgen⸗ ſtricke in ſeiner eigenen Hauptſtadt und in Mitte ſeiner merikaniſchen Pracht Trotz bot.—„Die Götter waren be⸗ droht, wenn Menſchen ſo unverſchämt ſeyn konnten,“ und der gnädige Herr ſagte deshalb in bebendem Tone:„Die Conſtitution iſt hin, wenn der Mann von Bakerſtreet für Lansmere in's Parlament kömmt!“ Doch die Abweſenheit Audley Egertons gab der Wahl⸗ geſchichte ein ungemein häßliches Ausſehen, und Kapitän Daſhmore gewann mit jeder Stunde mehr Boden, bis ſich der Advokat von Lansmere glücklicher Weiſe auf einen acht⸗ baren Anwalt für den fehlenden Candidaten beſann. Der Graf hatte Audley zu Ehren den Squire von Hazeldean mit ſeiner jungen Gattin zu ſich eingeladen, und in dieſem nun erblickte der Advokat den einzigen Sterblichen, der mit dem Seekapitän anzubinden vermochte— einen Mann mit eben ſo kräftiger Stimme und kecker Stirne— einen Mann, der, wenn es ihm Mrs. Hazeldean für den Angenblick geſtattete⸗ alle die Frauen nicht weniger feurig küſſen konnte, als der Kapitän, und dabei obendrein viel größer, ſchöner und jün⸗ ger war,— drei Eigenſchaften, die in dem Küßdepartement einer ſtrittigen Wahl als große Empfehlungen in Rechnung famen. Ja, und bei der Werbung in einem Dorfbezirk und bei den Reden vom Fenſter herunter war Squire Hazeldean ſogar eine weit präſentablere Perſon, als der feine Audley Egerton mit ſeinem Londoner Anſtrich. Der Squire, der von allen Seiten angegangen und pedrängt wurde, entgegnete endlich in ſeiner derben Weiſe; „ern zu die wäre Lords der ei und ſie lel einme verge als ei der H Letzte tereſſe dieſen willig zutret altene einen des S wurde Unſint Agric aber r kannte und g eitel 2 algen⸗ ſeiner en be⸗ “ und „Die eet für Wahl⸗ apitän bis ſich nacht⸗ Der an mit m nun it dem it eben n, der, tattete, als der nd jün⸗ rtement chnun zirk und zeldean Audley en n Weiſe: „er wolle gerne alles Vernünftige thun, um ſeinem Bruder— zu dienen; für ſeinen Theil aber gefalle es ihm gar nicht, wäre es auch nur als Anwalt, für die Nomination eines Lords aufzutreten. Wenn er nun außerdem für ſeinen Bru⸗ der einſtehen ſolle, ſo müſſe er in deſſen Namen verſprechen und geloben, treu zu ſeyn dem Grund und Boden von dem ſie lebten; wie könne er nun ſagen, daß Audley, wenn er einmal ins Haus komme, nicht die Intereſſen des Bodens vergeſſe, und in dieſem Falle werde er, William Hazeldean, als ein Lügner und Abtrünniger erſcheinen.“ Dieſe Bedenken wurden jedoch durch die Vorſtellungen der Herren und durch die Bitten der Frauen überwunden; denn Letztere nahmen an der Wahl ganz das angelegentliche In⸗ tereſſe, welches alle Gegenſtände des Kampfes und Streites dieſen zarten Weſen einzuflößen geeignet ſind. Der Squire willigte endlich ein, dem Mann von Bakerſtreet entgegen⸗ zutreten und ging deshalb mit gutem Herzen und ächtem altengliſchem Geiſt, wie er dies ſtets that, wenn er einmal einen Entſchluß gefaßt hatte, auf die Sache ein. Die Erwartungen, die man ſich von der Befähigung des Squire für die Umtriebe einer Volkswahl gebildet hatte, wurden vollkommen gerechtfertigt. Er ſchwatzte eben ſo viel Unſinn wie Kapitän Daſhmore, wenn nicht gerade von den Agriculturintereſſen die Rede war; in dieſem Gegenſtand aber war er groß, da er ihn durch und durch kannte— ihn kannte in Folge jenes Inſtinkts, der mit der Uebung kömmt und gegen den alle, ſelbſt die prunkhafteſten Theorien wie eitel Mondſchein und Spinngewebe erſcheinen. 74 Die Wähler, welchen die Agrirulturintereſſen am Her⸗ zen lagen und von denen viele nicht unter Lord Lansmere ſtehende kleinere Freiſaßen ſich bisher ſtets ihrer Unabhängig⸗ teit und ihrer Oppoſition gegen den Grafen berühmt hatten, fonnten doch nicht gegen einen Mann gehen, von dem ſie wußten, daß jeder Zoll an ihm es gut mit den Bauern meinte. Sie begannen daher ſich mit dem Anhang des Grafen gegen den Mann von Bakerſtreet zu vereinigen⸗ und man ſah bald gewaltige Kerle, die allein um den Schenkel dicker waren, als Kapitän Daſhmore um den ganzen Leib⸗ mit ungeheuren Peitſchen in die Läden eintreten,„um die Wähler zu ſchrecken,“ wie Kapitän Daſhmore entrüſtet ſich ausdrückte. Dieſe neuen Rekruten machten einen großen Unterſchied aus in der Liſte der Lansmere'ſchen Streitkräfte, und als der Tag der Wahl herankam, ſtand die Angelegenheit ſo auf der Wage, daß man mit gleicher Wahrſcheinlichkeit für und wider wetten konnte. In der letzten Stunde ſtach Audley nach einem ſcharfen Kampfe den Kapitän mit einem Mehr von zwei Stimmen aus. Und die Namen der Wähler, welche dieſen Ausſchlag gaben, waren? John Avenel, ein anſäſſiger Freiſaße, und deſſen Schwiegerſohn Mark Fair⸗ ſield, der, obſchon in Lansmere ſtimmberechtigt, ſich in Ha⸗ zeldean niedergelaſſen hatte, wo ihm der Poſten des guts⸗ herrlichen Oberzimmermanns übertragen worden war. Dieſe Stimmen kamen unerwartet. Zwar leitete den Mark Fairſield bei dem Gang nach Lansmere keine andere Abſicht als die, den Bruder ſeines Squire zu unterſtützen, und! Lans Perſt ich h mein ſein Stat Lans Urſa wurd zutru Ehre wurd in d Gra leme hatte Blick ten d zu Y Die vorſe bildl ochſe liche erwi waſſe am Her⸗ ansmere bhängig⸗ t hatten, dem ſie Bauern hang des igen, und Schenkel nzen Leib⸗ „um die trüſtet ſich Unterſchied ind als der eit ſo auf eit für und ach Audley inem Mehr er Wähler, Avenel, ein Mark Fair⸗ ſich in Ha⸗ n des guts⸗ nwar. r leitete den feine andere unterſtützen, — 75 und die Avenele gehörten ſtets zu den treuen Anhängern des Lansmere'ſchen blauen Intereſſes; indeß hatte dieſe beiden Perſonen erſt kürzlich ein ſchweres Leid betroffen, über das ich hier vorſätzlich ſchweige, um nicht gleich die Einleitung meiner Geſchichte traurig zu machen. Der alte Avenel und ſein Schwiegerſohn waren gleich am andern Tage von der Stadt aufgebrochen, nachdem L'Etrange und Mr. Egerton Lansmere Park verlaſſen hatten. Wie auch der Squire als Wahlwerber und Bruder Urſache zur Frende haben mochte über Mr. Egertons Triumph, wurde dieſe doch ſehr gedämpft durch einen Umſtand, der ſich zutrug, als er von dem Feſteſſen zurückkehrte, welches zu Ehren des Sieges in dem Lansmerewappen abgehalten wurde. Er war eben im Begriff, nicht ſehr ſtetigen Fußes in den Wagen zu ſteigen, der ihn nach der Behanſung des Grafen zurückbringen ſollte, als ihm von einem der Gent⸗ lemen, welche den Kapitän nach dem Wahlplatz begleitet hatten, ein Schreiben in die Hand geſteckt wurde. Ein Blick in dieſe Mittheilung und einige Flüſterworte von Sei⸗ ten des Ueberbringers ſchickten den Squire weit nüchterner zu Mrs. Hazeldean zurück, als dieſe zu hoffen gewagt hatte. Die Sache verhielt ſich nämlich ſo, daß am Tag der Wahl⸗ vorſchläge der Kapitän beliebt hatte, den Squire mit allerlei bildlichen und poetiſchen Bezeichnungen, als da ſind:„Preis⸗ ochſe“,„Toni Knopf“,„blutſaugender Vampir“,„brüder⸗ liche Wärmpfanne“ u. ſ. w., zu beehren. Der Squire erwiederte dieſe Artigkeit mit einem Witz auf den„Salz⸗ waſſerhans“, ein Titel, welchen der Kapitän, der wie alle 7 6 findlich und dünnhäutig war, ſich blutſaugenden Vampir“ nicht gefallen laſſen konnte. Der Brief alſo, der Mr. Hazeldean von einem Gentleman übergeben wurde, welcher um ſeiner Abſtammung aus einem Schweſterland willen als der geeig⸗ netſte Mitſchuldige erſchien an der ehrenhaften Vernichtung eines Mitſterblichen, enthielt nichts mehr und nichts weniger, als eine Einladung zu einem Einzelnkampf, und der Beför⸗ derer derſelben deutete mit der gewinnenden Feinheit, welche die Etiquette bei ſolchen gebildeten Mordangelegenheiten vorſchreibt, auf die Zweckmäßigkeit hin, den Ort der Begeg⸗ nung in die Nähe von London zu verlegen, damit auf dieſe Weiſe eine etwaige Einmengung der argwöhniſchen Behorden von Lansmere umgangen werde. Die Angehörigen mancher Län kriegsluſtigen Franzoſen— machen ſich wenig aus der form⸗ gerechten Operation, welche unter dem Namen Duell be⸗ kannt iſt, und ſie ſcheint ihnen eher angenehm als zuwider zu ſeyn. Dagegen gibt es nichts, was ein ſo ausgemachter Engländer, alsz. B. ein Hazeldean von Hazeldean iſt, mit größerem Haß und Widerwillen betrachten fönnte, als rieſe kaltblütige Ceremonie, welche ganz und gar nicht in den Bereich der gewöhnlichen Denkweiſe eines Engländer gehört. Dieſer zieht es nämlich vor, zu dem zerſtörenderen Verfah⸗ ren, zu dem Prozeßwege zu greifen. Wenn übrigens ein Engländer fechten m uß, ſo thut er's auch. Allerdings ſagt er:„es iſt ſehr thöricht“—„es iſt ſehr unchriſtlich“ und iſt vollfommen damit einverſtanden, Satyriker ungemein emp von einem„Preisochſen“ und„ der— vornämlich die was Philoſophen/ Theo⸗ logen ſproch Gebet ( erwäh betret dem einen trat ſe anders Sarge Mann zahlt! ſchuhe ſchäft viel di Schro iſt wet der S einen Secur nen S wärts ſeiner Ausw ſeines Haltu ein tre w, ſich r“ nicht zeldean n ſeiner r geeig⸗ nichtung weniger, r Beför⸗ t, welche enheiten rBegeg⸗ auf dieſe Behörden imlich die der form⸗ nell be⸗ ls zuwider gemachter m iſt, mit als vieſe cht ein den der gehört. en Verfah⸗ brigens ein rdings ſagt ich“ und iſt hen, Theo⸗ ——— — — logen und Zeitungsſchreiber über den Gegenſtand ausge⸗ ſprochen haben; aber er macht ſein Teſtament, ſpricht ſein Gebet und zieht aus wie ein Heide. Es ſiel daher dem Squire nicht entfernt ein, bei der erwähnten unangenehmen Gelegenheit ſich als muthlos betreten zu laſſen. Am andern Tag gab er vor, er wolle dem Verkauf eines Jagdroſſes in Tatterſall anwohnen, nahm einen beſonders zärtlichen Abſchied von ſeiner Gattin und trat ſchweren Herzens die Reiſe nach London an, da er nicht anders glaubte, als er werde den Rückweg nur in ſeinem Sarge machen.„Es iſt ganz natürlich,“ ſagte er.„Ein Mann, den die Regierung für das Erſchießen der Leute be⸗ zahlt von der Zeit an, als er nach kaum abgelegten Kinder⸗ ſchuhen in der Midſhipmansjacke umherlief, muß das Ge⸗ ſchäft aus dem Grunde verſtehen. Ich wollte mir nicht ſo viel draus machen, wenn's mit doppelläufigen Mantons und Schroten geſchehen könnte; aber Piſtolen und Kugeln— das iſt weder menſchlich, noch waidmänniſch!“ Nachdem übrigens der Squire ſeine zeitlichen Angelegenheiten bereinigt und einen alten Schulkameraden aufgetrieben hatte, der ihm als Serundant dienen ſollte, verfügte er ſich nach einer abgelege— nen Stelle der Wimbledoner Heide, wo er ſich nicht ſeit⸗ wärts, wie dies bei ſolchen Begegnungen üblich iſt(denn ſeiner Anſicht nach war dieſe Stellung ein ſehr unmännliches Ausweichen), ſondern mit voller Bruſt der Piſtolenmündung ſeines Feindes gegenüber aufpflanzte. Dieſe mannhafte Haltung flößte dem Kapitän Daſhmore, welcher, obſchon ein trefflicher Schütze, im Grunde der gutmüthigſte Menſch 78 eine ſolche Bewunderung ein, daß er ſeinen tapferen Gegner nur mit einer Kugel in dem fleiſchigen Theil der Schulter entlaſſen zu müſſen glaubte. Nachdem er dieſe ſeine Abſicht erreicht hatte, erklärte er ſich für voll⸗ kommen zufrieden geſtellt, und die Kämpfer ſchüttelten ſich nun die Hände. Es fanden gegenſeitige Entſchuldigungen ſtatt, und der Squire, welchen es nicht wenig Wunder nahm, daß er mit dem Leben davon gekommen war, wurde nach Limmer's Hotel gebracht, wo man ihm nach ſo vielen aus⸗ geſtandenen Aengſten die Kugel auszog und ſeine Wunde heilte. Nachdem Alles ſo gut abgelaufen, fühlte ſich der Squire ſehr in ſeiner eigenen guten Meinung gehoben, und wenn er ſpäter mehr als gewöhnlich ins Feuer gerieth⸗ pflegte er gern auf jenes gefährliche Ereigniß anzuſpielen. Außerdem war er der Ueberzeugung, ſein Bruder habe die unvertilgbarſten Verpflichtungen gegen ihn, und da er mit Gefährdung ſeines eigenen Lebens Audley's Wahl durch⸗ geſetzt und deſſen Intereſſen vertheidigt hatte, ſo glaubte er unbedingt berechtigt zu ſeyn, dieſem Gentleman zu befeh⸗ len, wie er abſtimmen müſſe— in allen Dingen wenigſtens⸗ die mit den Agriculturverhältniſſen in Verbindung ſtanden. Erſt einige Monate nachher nahm Audley ſeinen Sitz im Parlament ein, und da er es nun für paſſend hielt, in einer Weiſe zu ſprechen und abzuſtimmen, welche alle für ihn von von der Welt war, dem Squire gemachte Zuſagen Lügen ſtrafte, ſo ſchrieb ihm ß nothwendig Mr. Hazeldean einen ſo derben Wiſcher, da Bald darauf eine bitterböſe Antwort darauf erfolgen mußte. erreichte der Zorn des Squire ſeinen Höhenpunkt. Als er nämlich von den ſeinem ſchimpf konnte der Grr zu Geſi Reden der grö einen ſtand u loin“ „Fern tungsm D Park al zuwend eine ſch weißen zierende öffentli weniger Genius Schule 6 daß er chigen chdem r voll⸗ en ſich zungen nahm, e nach en aus⸗ Wunde ſich der en, und gerieth, ielen. der habe d da er hl durch⸗ glaubte zu befeh⸗ nigſtens⸗ ſtanden. Sitz im in einer r ihn von hrieb ihm thwendig ild darauf . Als er nämlich an einem Markttage durch Lansmere kam, wurde er von denſelben Farmern ausgeziſcht, die er veranlaßt hatte, ſeinem Bruder ihre Stimmen zu geben. Da er nun die Be⸗ ſchimpfung mit Recht auf Audley's Rechnung ſchrieb, ſo konnte er nachher den Namen dieſes Verräthers an der Sache der Grundbeſitzer nie nennen hören, ohne daß ihm das Blut zu Geſicht ſchoß und ſein Groll in einer Fluth entrüſteter Reden ſich Luft machte. Monſieur de Ruqueville, welcher der groͤßte Witzling ſeiner Zeit war, hatte wie der Squire einen Halbbruder, mit dem er nicht auf dem beſten Fuße ſtand und von dem er immer nur als von ſeinem„frère de loin“ ſprach. Ebenſo war auch Audley des Squire's „Fernbruder“! Doch genug dieſes erklärenden Einlei⸗ tungsmaterials— kehren wir zu dem Stock zurück. Eilftes Kapitel. Die Zimmerleute des Squire mußten ihren Dienſt im Park abbrechen und ihre Thätigkeit dem Stock des Dorfes zuwenden. Dann kam der Anſtreicher und gab dem Holz eine ſchöne dunkelblaue Farbe mit weißem Saum und einem weißen Rand um die Fußlöcher, zwiſchen denen noch ein ver⸗ zierender Schnörkel angebracht war. Es war das bunteſite öffentliche Bauwerk im ganzen Dorf, obſchon letzteres nicht weniger als drei andere Denkmäler von dem vitruviſchen Genius der Hazeldeane beſaß, nämlich das Armenhaus, die Schule und den Dorfbrunnen. rlicheres, verlockenderes, coquettiſcheres Paar as Auge eines Friedensrichters erfreut. Und Squire Hazeldeans Auge war erfreut. Im Stolze ſeines Herzens brachte er die ganze Familie herunter, um die Stöcke zu betrachten. Die Familie des Squire beſtand, wenn wir den kreère de loin übergehen, erſtlich aus Mrs. Hazeldean, ſeiner Gattin, zweitens aus Miß Jemima Hazel⸗ dean, einer Couſine⸗ drittens aus Maſter Francis Hazel⸗ dean, ſeinem einzigen Sohne und viertens aus Kapitän Barnabas Higginbotham, einem entfernten Verwandten, der allerdings nicht eigentlich zu der Familie gehörte, wohl aber zehn Monate im Jahr bei ihr zu Gaſt war. An Mrs⸗ Hazeldean war jeder Zoll die gnädige Frau— die gnädige Frau des Dorfes. In ihrem hübſchen blühenden, etwas ſonnverbrannten Geſichte lag ein gleichförmiger Ausdruck von Majeſtät und Wohlwollen; ihr blaues Auge mußte Jedermann anſprechen und ihre Adlernaſe flößte Achtung ein. Mrs. Hazeldean fand kein Gefallen an modiſchen Zierereien; ſie wollte weder größer, noch ſchöner oder geſcheidter ſeyn, als ſie war. Sie kannte ſich und ihre Stellung und dankte dem Himmel dafür. In ihrer Ausdrucksweiſe und in ihrem ganzen Weſen lag etwas von jener Kürze und Derbheit⸗ welche oft das königliche Geblüt charakteriſirt, und wenn die gnädige Frau eines Dorfes nicht eine Königin iſt in ihrem Kreiſe, ſo trägt in der That die Dorfgemeinde keine Schuld daran. Mrs. Hazeldean ſpielte ihre Rolle vortrefflich. Sie trug Seidengewänder⸗ machend, daß ſie Erbſtücke zu ſeyn ſchienen, Ein zie Stöcke hat nie d ſo ſchwer, dauerhaft und Eindruck und über denſ fand Cha eine Sch zune Wer majt von einh an d ſchne geſc die ſich ſelbſ liebl wüß ſein Kele war geh imn war am Stt wie ihre „ 7 Paar ut. Stolze r um eſtand, 8 Mrs. Hazel⸗ Hazel⸗ Kapitän vandten, e, wohl Un Mrs. gnädige t, etwas Ausdruck ge mußte tung ein. ierereien; dter ſeyn, ind dankte d in ihrem Derbheit, und wenn iſt in ihrem ine Schuld flich. Sie d Eindruck und über 81¹ denſelben, wenn ſie ſich auf ihrem eigenen Beſitzthum be⸗ fand, die weißeſte aller Schürzen, um den Leib keine läppiſche Chatelaine mit Breloques und anderem Kram, wohl aber eine gute ehrliche Uhr zum Bemeſſen der Zeit und eine lange Scheere, um von den Blumen das abgeſtorbene Laub weg⸗ zunehmen, da ſie große Freude an ihrem Ziergarten hatte. Wenn es übrigens ſeyn mußte, konnte ſie auch ihren reicheren, majeſtätiſchen Anzug bei Seite legen und ſich in ein Reitkleid von ſtarkem ſächſiſchem Tuch hüllen, um neben ihrem Gatten einherzutraben, wenn dieſer die Jagdhunde los ließ. Und an den Tagen, an welchen Mr. Hazeldean ſeinen berühmten ſchnelltrabenden Hengſt nach der nächſten Marktſtadt trieb⸗ geſchah es nur ſelten, daß man nicht zur Linken des Squire die gnädige Frau in dem Gig ſitzen ſah. Sie kümmerte ſich ſo wenig als ihr Eheherr um Wind und Wetter, und ſelbſt im ſchärfſten Regenſchauer konnte man ſehen, wie ihr liebliches Geſicht zwiſchen Kragen und Kaputze eines unver⸗ wüſtlichen Waſſerdichten herausſah, mit ſeinem Lächeln und ſeinem Roth einer friſchen Roſe vergleichbar, die aus dem Kelch hervorbricht und ſich des blitzenden Thanes freut. Es war leicht zu bemerken, daß das würdige Paar ſich aus Liebe geheirathet hatte, und man ſah ſie faſt ſtets beiſammen. Noch immer zog die Dame, wenn nicht etwa das Haus angefüllt war mit Geſellſchaft, welche ihre Sorgfalt in Anſpruch nahm, am erſten September zur Seite ihres Gatten hinaus über die Stoppelfelder, ſo leichten Trittes und ſo lebhaften Auges, wie in den Tagen der Honigmonde, als ſie den Squire durch ihre frohe Theilnahme an ſeiner Waibluſt bezauberte. Bulwer, meine Novelle, 6 82 Da ſteht nun Harriet Hazeldean, die eine Hand auf die breite Schulter des Squire ſtützend, die andere in ihre Schürze geſteckt, wie ſie eben verſucht, ihr Beſtes zu thun, um die Begeiſterung ihres Gatten für den patriotiſchen Ge⸗ meinſinn zu theilen, den derſelbe durch Wiederherſtellung des Gemeindeſtocks an den Tag gelegt hat. Ein wenig hinter ihr, zwei Finger auf den mageren Arm des Kapitän Bar⸗ nabas gelegt, ſteht Miß Jemima, die verwaiste Tochter eines Onkels des Squire, welcher unbeſonnenerweiſe eine junge Dame entführt und geheirathet hatte, deren Familie ſchon ſeit der Regierung Karls des Erſten mit den Hazel⸗ deanen in Fehde lag wegen eines Wegrechtes nach einem morgengroßen Stückchen Gehölz über einen Streifen Heide⸗ land, welcher für jährliche zwölf Schillinge an einen Ziegel⸗ brenner vermiethet war. Das Wäldchen gehörte den Hazel⸗ deanen, das Heideland den Sticktorighten, einer ſo alten ſächſiſchen Familie, als es nur je eine gab. Dieſer Streit brach alle zwölf Jahre auf's Neue aus, wenn nämlich das Gehölz ausgehauen und das gefällte Holz abgeführt werden ſollte; denn die Sticktorighte wollten den Hazeldeanen nicht geſtatten, ihre Scheite und Reiſigwellen auf dem einzigen Wege, der mit einem Fuhrwerk begangen werden konnte, fortzuſchaffen. Wir müſſen den Hazeldeanen die Gerechtig⸗ eit widerfahren laſſen, daß ſie ſich erboten hatten, das frag⸗ liche Grundſtück anzukaufen und den zehnfachen Werth dafür zu bezahlen; aber mit gleicher Großherzigkeit erklärten die Sticktorighte, ſie würden„von ihrem Familieneigenthum nichts vergeben und wenn ſich's um die Bequemlichkeit des beſter habt große torig inne fende unter griff mein Entſe nicht Anſp dung einer den erwä elterl eben den ſ Regi möge zige gefäl rig n dieſer lag Wai war. d auf n ihre thun, n Ge⸗ ng des hinter Bar⸗ Lochter ſe eine Familie Hazel⸗ einem Heide⸗ Ziegel⸗ Hazel⸗ ſo alten Streit lich das werden en nicht einzigen konnte, erechtig⸗ as frag⸗ th dafür rten die enthum eit des 83 beſten Squire handle, der je einen Lederſchuh am Fuß ge⸗ habt habe.“ Mit jedem zwölften Jahr fand daher ein großer Friedensbruch zwiſchen den Hazeldeanen und Stick⸗ torighten ſtatt, obſchon ſie die höchſten Aemter des Bezirks inne hatten. Der Handel wurde mannhaft durch die betref⸗ fenden Grundholden ausgefochten, und hintendrein folgten unterſchiedliche Prozeſſe wegen Körperverletzungen und Ein⸗ griff in fremdes Eigenthum. Da die juridiſche Frage unge⸗ mein dunkel war, ſo kam es nie zu einer ordnungsmäßigen Entſcheidung; ja, die ſtreitenden Parteien wünſchten letztere nicht einmal, da jede in Betreff der Rechtmäßigkeit ihrer Anſprüche einige Bedenken unterhielt. Eine ehliche Verbin⸗ dung zwiſchen einem jüngeren Sohn der Hazeldeane und einer jüngeren Tochter der Sticktorighte gab beiden Theilen den gleichen Anſtoß, und die Folge davon war, daß das erwähnte entlaufene Pärchen ohne Vergebung und ohne elterlichen Segen ſich durchs Leben ſchleppen mußte, wie es eben konnte, indem es nichts für ſeinen Unterhalt beſaß, als den ſpärlichen Sold des Gatten, der in einem marſchirenden Regiment ſtand, und tauſend Pfunde unabhängigen Ver⸗ mögens der Gattin. Sie ſtarben und hinterließen eine ein⸗ zige Tochter, auf welche die mütterlichen tauſend Pfund un⸗ gefähr um dieſelbe Zeit übergingen, als der Squire volljäh⸗ rig wurde und den Beſitz ſeiner Güter antrat. Obgleich nun dieſer den Familienhaß gegen die Sticktorighte geerbt hatte, lag es doch nicht in ſeiner Natur, hart gegen eine arme Waiſe zu ſeyn, die am Ende doch das Kind eines Hazeldean war. Er erzog deshalb Jemima mit ſo viel Sorgfalt, als 6 5 84 wäre ſie ſeine Schweſter geweſen, beſorgte für ihr mütter⸗ liches Vermogen gute Hypothek und legte demſelben von den eigenen baaren Mitteln, die er beim Antritt ſeines Erbes als Rentenanſammlung vorfand, ſo viel zu, daß ihre Habe mit den Zinſeszinſen ihres Grundſtocks nicht weniger als vier⸗ tauſend Pfund, die gewöhnliche Morgengabe einer Tochter aus dem Haus Hazeldean, ausmachte. Als ſie volljährig wurde, übertrug er ihr dieſe Summe zur freien Verfügung; ſie ſollte ſich nämlich unabhängig fühlen, ein Bischen mehr von der Welt ſehen, als ihr zu Hazeldean möglich war, Gelegenheit finden, unter etwaigen Freiern eine Wahl zu treffen, oder hinreichende Unterhaltsmittel beſitzen für den Fall, daß ſie unverheirathet bleiben wollte. Miß Jemima hatte ſich in ſo weit dieſe Freiheit zu NRutze gemacht, daß ſie gelegentlich Chebtenham oder irgend einen andern Brun⸗ nenort beſuchte. Ihre dankbare Anhänglichkeit an den Squire war jedoch ſo groß, daß ſie nie lange von der Halle entfernt bleiben wollte. Dies machte ihrem Herzen um ſo mehr Ehre, da ſie weit davon entfernt war, an dem Gedanken, als alte Jungfer abſterben zu wollen, Gefallen zu gewinnen. Und doch gab es in der Umgegend von Hazeldean ſo wenige Junggeſellen, daß ſich ihr keine andere als eben dieſe Aus⸗ ſicht vergegenwärtigte, wenn ſie zu den Hallenfenſtern hinaus⸗ ſchnte Miß Zeninn wrr in derghet enesder ſteih⸗ ſten und anhänglichſten weiblichen Weſen, und wenn ihr der Gedanke an das Glück der Jungfräulichkeit nicht zuſagte, ſo hatte dies einfach ſeinen Grund in dem unſchuldigen Ange⸗ zogenwerden von den zarten Lieblichkeiten des Herds und der ibe l Heim auch Mine Geſic genel würd drei wenr au d an il mim und jenet Mät die Die allg and End hün heir vor und ger und wa fall tter⸗ von rbes Habe vier⸗ ochter ährig gung; mehr war, hl zu ür den emima daß ſie Brun⸗ Squire ntfernt o mehr danken, winnen. wenige ſe Aus⸗ hinaus⸗ eundlich⸗ nihr der ſagte, ſo en Ange⸗ und der Heimath, ohne welches eine Frau, wie ſchätzbar ſie ſonft auch ſeyn mag, doch nicht viel beſſer iſt, als ein ehernes Minervenbild. Aber ungeachtet ihres Vermögens und ihres Geſichtes, das zwar nicht gerade ſchön, aber doch recht an⸗ genehm war und ſich noch hübſcher ausgenommen haben würde, wenn ſie öfter gelacht hätte, denn dann zeigten ſich drei bezaubernde Grübchen, die nicht bemerklich wurden⸗ wenn ihr Anlitz ernſt war— ich weiß nicht, lag die Schuld an der Unempfindlichkeit des männlichen Geſchlechts, oder an ihrem eigenen allzuekeln Geſchmack— genug⸗ Miß Je⸗ mima näherte ſich bereits den verhängnißvollen Dreißigen und war noch immer Miß Jemima. Kein Wunder alſo, daß jenes verſchönernde Lachen nur noch ſelten gehört und das Mädchen ſelbſt letzter Zeit in zwei Anſichten bekräftigt wurde, die nicht geeignet waren, der Lachluſt Vorſchub zu thun. Die eine war die Ueberzeugung von einer fortſchreitenden allgemeinen Verderbniß des männlichen Geſchlechts und die andere ein eniſchiedener wehmüthiger Glauben an das nahe Ende der Welt. Miß Jemima hatte bei jener Gelegenheit einen kleinen hundiſchen Liebling mit einer Stülpnaſe, einen ächten Blen⸗ heim, zum Geleite. Das Thier war in den Jahren ſchon vorgerückt und etwas fett. Es ſaß auf ſeinen Hinterbeinen und ließ die Zunge zum Mund heraushängen, wenn es nicht gerade nach den Fliegen ſchnappte. Zwiſchen Miß Jemima und dem Kapitän Barnabas Higginbotham beſtand eine warme platoniſche Freundſchaft; denn Letzterer war gleich⸗ falls unverheirathet und unterhielt von deinem Geſchlechte, eine ebenſo ſchlimme Meinung, wie Der Kapitän war ein Mann von zierlichem, ſchmächtigem Bau, und je weniger man von ſeinem Geſichte ſagte, deſto beſſer that man— eine Wahrheit, von welcher der Kapitän ſelbſt Kunde hatte, denn man hörte ihn oft als ſeinen Lieblingsgrundſatz aus⸗ ſprechen, daß„beim Mann eine ſchlanke gentlemaniſche Figur über Alles gehe.“ Kapitän Barnabas zog zwar nicht unbe⸗ dingt in Abrede, daß das Weltende herannahe, glaubte aber doch, ſo lange er lebe, ſey noch nichts dergleichen zu fürchten. Ganz abſeits von den Uebrigen und in dem unſchul⸗ digen hohen Selbſtgefühl ſeiner Jahre guckte Francis Hazel⸗ dean über einer der geſteiften hohen Halsbinden weg⸗ die damals Mode waren. Der Knabe, hübſch von Ausſehen⸗ fam friſch von Eton her, um zu Hauſe die Sommerferien zuzubringen, und ſtand gerade in jenem zweideutigen Alter, in welchem man die Spiele des Knaben verſchmäht, ohne ſich noch die Hilfsquellen des Jünglings angeeignet zu haben. „Es würde mich freuen, Frank,“ begann der Squire, der ſich jetzt plötzlich gegen ſeinen Sohn umwandte,„wenn ich ſähe, daß Du ein wenig mehr Antheil nähmeſt an den Obliegenheiten, deren Du Dich mit der Zeit wirſt zu ent⸗ ledigen haben. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß die Güter in die Hände eines ſeinen Herrn kommen ſollen, der Alles zu Grunde gehen läßt, während ich mir Mühe gebe, auch das Kleinſte in gutem Stand zu erhalten.“ Und der Squire deutete auf die Stöcke. meine werthe Leſerin, Miß Jemima von dem unſrigen. Maſter Franks Auge folgte der Richtung des Rohrs, tro me zel ja ni fü in ſic ſa wie r ein niger — hatte, aus⸗ Figur unbe⸗ te aber rchten. nſchul⸗ Hazel⸗ eg, die sſehen, erferien Alter, t, ohne thaben. Squire, „„wenn tan den tzu ent⸗ gen, daß en ſollen, ir Mühe n.“ 87 ſo gut ſeine Eravatte es ihm geſtattete, und verſetzte trocken: „Ja, Sir, aber wie kam es, daß die Stöcke ſo ſehr in Verfall geriethen?“ „Weil man nicht überall zugleich ſeyn kann,“ ent⸗ gegnete der Squire mit Schärfe.„Wenn ein Mann ſeine achttauſend Acker zu überſehen hat, ſo muß Eines nach dem Andern geſchehen.“ „Ja,“ ſagte Kapitän Bernabas.„Ich kenne dies aus Erfahrung.“ „Den Henker kennt Ihr!“ rief der Squire derb. „Erfahrung über achttauſend Acker?“ „Nein— ich ſprach ſo mit Beziehung auf meine Zim⸗ mer in dem Albany, Nro. 3 A. Ich bewohne ſie ſchon ſeit zehn Jahren und habe doch erſt letzte Weihnachten meine japaniſche Katze gekauft.“ „Der Tauſend,“ ſagte Miß Jemima.„Eine japa⸗ niſche Katze; die muß curios ausſehen. Was iſt denn dies für ein Geſchöpf?“ „Wißt Ihr's nicht? Ei, es iſt ein Ding mit drei Füßen, in das man die Röſtſchnitten thut. Ich kann Euch ver⸗ ſichern, daß ich nie daran dachte, bis eines Morgens mein Freund Coſey, der auf meinem Zimmer frühffückte, zu mir ſagte:— Higginbotham, wie kommt's, daß Ihr, der Ihr doch in allen Euren Dingen ſo ſehr auf's Comfortable ſeht, nicht auch eine Katze habt?— Bei meinem Leben, ant⸗ worte ich ihm, man kann nicht an Alles zu gleicher Zeit denfen. Gerade wie Ihr, Squire.“ ———— — S „Pah!“ verſetzte Mr. Hazeldean,„ich ſehe da durch⸗ aus keine Aehnlichkeit. Und ein andermal will ich's Euch Dank wiſſen, Vetter Higginbotham, wenn Ihr mich bei Beſprechung von wichtigen Angelegenheiten nicht aus dem Concept bringt, um Eure Katze in meinen Stock zu ſtecken. Jetzt ſieht er doch etwas gleich— nicht wahr Harry? In der That, es kömmt mir vor, als ſey das ganze Dorf dadurch achtbarer geworden. Es iſt erſtaunlich, wie viel eine kleine Verbeſſerung beiträgt zu dem— zu dem—* „Zauber einer Landſchaft,“ flocht Miß Jemima ſenti⸗ mental ein. Der Squire ließ weder eine Annahme noch eine Ab⸗ lehnung des angedeuteten Schluſſes laut werden, ſondern brach, ohne ſeinen Satz zu vollenden, mit den Worten ab: „Und wenn ich dem Pfarrer Dale Gehoͤr geſchenkt hätte—“ „So würdet Ihr ſehr weiſe gehandelt haben,“ ſprach eine Stimme von hinten aus dem Munde des Pfarrers ſelbſt, der ſich gleichfalls auf dem Schauplatz eingeſtellt hatte. „Weiſe? In der That, Mr. Dale,“ ergriff Mrs. Ha⸗ zeldean mit Lebhaftigkeit das Wort, denn ſie ahndete ſtets den mindeſten Widerſpruch gegen ihren Herrn und Meiſter vielleicht als eine Einmiſchung in die ausſchließlich von ihr in Anſpruch genommenen Rechte—„wenn es nothwendig iſt, Stöcke zu haben, wird es doch nöthig ſeyn, dieſelben wieder ausbeſſern zu laſſen.“ „Recht ſo! Auf ihn, Harry!“ rief der Squire kichernd und ſeine Hände reibend, als hätte er ſeinen Dachshund auf — Pfarre den P Dale, es vot gibt i hinfäl um de 7 dean; wollte Deine . „ fragte ſagte! Grunt Walpt ſetzen ruhig nicht; ziehen auszut ſtellen hinein 4 und fa durch⸗ den Pfarrer gehetzt.„Gſch!— Gſch! Hulla! Nun, Maſter s Euch Dale, was ſagt Ihr hiezu?“ ich bei„Meine theure Madame,“ entgegnete der Pfarrer, der s dem es vorzog, ſeine Erwiederung an die Dame zu richten,„es ſtecken. gibt im Lande viele Einrichtungen, die ſehr alt ſind, ſehr In der hinfällig ausſehen und nicht viel Nutzen zu bieien ſcheinen; dadurch um deswillen möchte ich ſie aber doch nicht niederreißen.“ e kleine„Ihr würdet ſie alſo reformiren,“ verſetzte Mrs. Hazel⸗ dean zweifelnd und mit einem Blick auf ihren Gatten, als a ſenti⸗ wollte ſie ſagen:„Er kömmt jetzt an die Politik— dies iſt Deine Sache.“ ine Ab⸗„Nein, auch dies nicht, Madam,“ erwiederte der ſondern Pfarrer mit Nachdruck.“ ten ab:„Und was ums Himmelswillen würdet Ihr dann thun?“ geſchenkt fragte der Squire. „Nicht mehr und nicht weniger als ſle gehen laſſen,“ “ſprach ſagte der Pfarrer.„Maſter Frank, es gibt einen lateiniſcher rs ſelbſt, Grundſatz, den man oft aus dem Munde des Sir Robert ate Walpole hörte und den man in die Etoner Grammatik hätte Rrs. Ha⸗ ſetzen ſollen— er heißt: Quieta non movere. Wenn D Dinge ete ſtets ruhig ſind, ſo laſſe man ſie ruhen! Ich würde den Stock dMeiſter nicht zerſtören, weil der Uebelgeſinnte daraus den Schluß von ihr ziehen könnte, er habe jetzt die Erlaubniß, Vergehungen thwendig auszuüben; aber eben ſo wenig möchte ich ihn wieder her⸗ dieſelben ſtellen, weil dadurch in den Leuten die Luſt erwachen dürfte, hinein zu kommen.“ e kichernd Der Squire war ein ſcharfer Politiker der alten Schule hund auf und fand keinen Gefallen an dem Gedanken, er könnte durch 90 Wiederherſtellung des Stocks vielleicht revolutionären Grund⸗„ ſätzen Vorſchub gethan haben. rer,“ „Dieſes fortwährende Streben nach Neuerung,“ ſagte gut w Miß Jemima, die jetzt plötzlich das trübſeligere von ihren beiden Steckenpferden beſtieg,„iſt eines von den ſicherſten 5 Anzeichen eines baldigen Zuſammenbrechens. Wir ändern, So,“ beſſern und reformiren, und höchſtens ſteht es noch zwanzig an ſei Jahre an, ſo liegt die Welt in Trümmern.“ ausdr Die ſchöne Sprecherin hielt inne und Kapitän Bar⸗ von( nabas ergriff nun gedankenvoll das Wort: Spiel „Zwanzig Jahre! Die Verſicherungsbureaus berechnen den 6 das beſte Leben ſelten höher als zu vierzehn.“ Er ſchlug, unſer während er ſo ſprach, mit der Hand auf die Stöcke und fügte Rubl ſeinen gewöhnlichen tröſtlichen Schluß bei:„Man kann ich h darauf wetten, daß es uns noch ausdauern wird, Squire.“ Art.“ Ob Kapitän Barnabas mit ſeinem„es“ die Welt oder die Stöcke meinte, ſetzte er nicht deutlicher auseinander, nicht und es nahm ſich auch Niemand die Mühe, ihn danach zu herz fragen. „Sir,“ ſagte Maſter Frank zu ſeinem Vater mit jenem dean heimlichen Geiſt des Schraubens, den er ſich unter andern feinen Tugenden in Eton angeeignet hatte—„Sir, es iſt fürc umütz, Betrachtungen darüber anzuſtellen, ob der Stock eber ausgebeſſert werden ſollte, oder nicht. Die einzige iſt die, arn wie Ihr Jemand kriegen wollt, den Ihr hineinlegen könnt.“ „Garz richtig,“ verſetzte der Squire mit vieler Würde. wat „Ja, dies iſt's eben,“ bemerkte der Pfarrer traurig. leit „Wenn Ihr nur lernen wolltet quieta non movere!“ 91 rund⸗„Sprudelt nicht immer Euer Latein gegen mich, Pfar⸗ rer,“ rief der Squire ärgerlich;„ich kann's Euch eben ſo ſagte gut wieder heimgeben. ſ ihren Propria quae maribus tribuuntur mascula dicas.— erſten As in praesenti, perfectum format in avi⸗ 3 ndern, So,“ fügte der Squire bei und wandte ſich triumphirend ſi anzig an ſeine Harry, deren Blicke keine geringe Bewunderung 3 ausdrückten über dieſen beiſpielloſen Gelehrſamkeitserguß Bar⸗ von Seiten des Mr. Hazeldean.„Andere können dieſes z Spiel auch. Und nun wir Einſicht genommen haben von echnen den Stöcken, können wir wieder nach Hauſe gehen und ſchlug⸗ unſern Thee trinken. Wollt Ihr uns begleiten und einen dfügte Rubber mitmachen, Dale? Nein?— Zum Henker, Mann, kann ich habe Euch nicht beleidigen wollen. Ihr kennt ja meine quire.“ Art.“. lt oder„Allerdings, und ſie gehört unter die Dinge, die ich nander, nicht geändert ſehen möchte,“ rief der Pfarrer, indem er ihm nach zu herzlich ſeine Hand hinbot. Der Sguire drückte ſie ihm kräftig und Mrs. Hazel⸗. tjenem dean beeilte ſich, daſſelbe zu thun. andern„Kommt mit,“ ergriff nun letztere das Wort.„Ich , es iſt fürchte, wir ſind ſehr unartig geweſen— rauhe Landskraft 3 Stock eben. Kommt— ſeyd ein lieber, guter Mann, und die t iſt die, arme Mrs. Dale muß natürlich auch mit.“ könnt.“ Mrs. Hazeldeans Lieblingsbeiwort für Mrs. Dale* Würde. war arm, aus Gründen, die ſich ſpäter ergeben werden. traurig. †„Ich fürchte, meine Frau hat wieder einmal ihr 6 leidiges Kopfweh; aber ich will Eure freundliche Einladung — 92 ausrichten, und jevenfalls könnt Ihr Euch auf mich ver⸗ laſſen.“ „Recht ſo!“ rief der Squire.„In einer halben Stunde — eh?— Wie geht's Dir, mein kleiner Mann?“ fügte er bei, als er Leuny Fairfields anſichtig wurde, der eben von einer Beſtellung im Dorf zurückkam und reſpektvoll ſich bei Seite aufſtellte, um mit beiden Händen ſeinen Hut abzu⸗ ziehen.„Halt, ſiehſt Du dieſe Stöcke— eh? Sag' all den böſen kleinen Buben im Ort, ſie ſollen ſich in Acht nehmen, daß ſie nicht hineinkommen—'s iſt eine arge Schande. Du wirſt wohl nie in eine ſolche Verlegenheit gerathen?“ „Für dieſen will ich wenigſtens einſtehen,“ ſagte der Pfarrer. „Und ich auch,“ fügte Mrs. Hazeldean bei und ſtreichelte dem Knaben den Lockenkopf.„Sag' Deiner Mut⸗ ter, ich wolle ſie morgen Abend beſuchen und ein Bischen mit ihr plaudern.“ Die Geſellſchaft ging weiter und Lenny blieb noch immer am Wege ſtehen und betrachtete die Stöcke, die ihn mit ihren vier großen Augen anſtierten. Der Knabe blieb übrigens nicht lange allein. Sobald das vornehme Volk verſchwunden war, tauchte ſchüchtern aus der benachbarten Hütte eine ziemliche Anzahl des gemeinen auf und näherte ſich mit Verwunderung ſowohl, als mit Furcht und Neugierde der Stelle, wo der Stock aufgeſchla⸗ gen war. In der That hatte das erneuerte Auftauchen dieſes Ungeheuers— à propos de pottes, wie man ſagen möchte „—— — be liches melte nung herbe Feind Vorſe haten reicher auf d an ih ren H rieth, gen zr S * dem L ſeine beſtoh ſchuld nicht . Kinde „ 7 der ju — = S unde te er on bei abzu⸗ Uden men, ande. 24 e der und Mut⸗ schen noch e ihn obald naus einen s mit ſchla⸗ dieſes röchte V 93 — bereits unter der Bevolkerung von Hazeldean beträcht⸗ liches Aufſehen gemacht, und die aufgeregten Dörfler ſam⸗ melten ſich nun um die anſtößige, inhaltsſchwere Erſchei⸗ nung den kleinen Vögeln gleich, die aus Baum und Buſch herbeikommen und ſich ſchaaren um ihren unheimlichen Feind, wenn unerwartet bei hellem Tageslicht eine Eule zum Vorſchein kömmt. „Wißt Ihr, warum der Squire dieſe Geſchichte da hat machen laſſen, Gaffer Solomons?“ fragte eine mit reichem Kinderſegen verſehene Matrone, die einen Säugling auf dem Arm hatte, während ein dreijähriger Knirps ſich an ihre Rockſchöße hielt und ihre Hand einen wagehalſige⸗ ren Helden von ſechſen zurückzog, der eine große Luſt ver⸗ rieth, ſeinen Kopf in eine von den unheimlichen Stocköffnun⸗ gen zu ſtecken. Aller Augen waren einem wohlweiſen alten Manne, dem Orakel des Dorfes, zugekehrt, der, beide Hände auf ſeine Krücke geſtützt, bedeutungsvoll den Kopf ſchüttelte. „Vielleicht hat einer von den Buben die Obſtgärten beſtohlen,“ ſagte Gaffer Solomons. „Die Obſtgärten?“ rief ein großer Junge, der die An⸗ ſchuldigung perſoͤnlich auf ſich zu beziehen ſchien.„Warum nicht gar! Es ſind ja kaum erſt Knospen an den Bäumen.“ „Mehr iſt's nicht?“ ſagte die Dame mit den vielen Kindern, indem ſie freier athmete.. „Kann ſeyn, daß einer von euch Schlingen gelegt hat.“ „Wozu auch?“ ſagte ein ſtämmiger, finſter ausſehen⸗ der junger Burſch, den wahrſcheinlich ſein Gewiſſen zu einer —————— Erwiederung ſpornte.„Wozu auch, wenn nicht die Zeit dazu iſt? Und wenn auch ein armer Mann einen Haſen in die Taſche ſteckt während der Heuernte, ſo möchte ich doch wiſſen, ob je ein Squire in der Welt ihn in den Stock ſpannen wollte — eh?“ Die letztere Frage ſchien die Sache zu bereinigen und die Weisheit Gaffer Solomons fiel um fünfzig Procent in der öffentlichen Meinung von Hazeldean. „Kann auch ſeyn,“ fuhr Gaffer fort, diesmal mit einem ergreifenden Eindruck, der ſeine Reputation wieder herſtellte—„kann auch ſeyn, daß Einige von euch ſich be⸗ trunken und ſich wie das liebe Vieh aufgeführt haben.“ Es trat eine tiefe Pauſe ein, denn dieſe Muthmaßung fand eine zu allgemeine Anwendung, als daß eine einzelne Erwiederung darauf zu erwarten geweſen wäre. Endlich bemerkte eines der Weiber mit einem vielſagenden Blick auf ihren Mann: „Gott ſegne den Squire; er wird dann einige von uns zu glücklichen Weibern machen.“ Unter dem weiblichen Theil der Zuhörerſchaft erhob ſich nunmehr ein faſt einſtimmiges Gemurmel des Beifalls, während die Männer zuerſt gegenſeitig ſich und dann den Wunderbau mit einem Geſichte betrachteten, als ſey für jeden ſchon der Strick zugerichtet. „Oder kann ſeyn,“ nahm Gaffer Solomons wieder auf, denn der Erfolg der letzten ſpornte ihn zu einer vierten Muthmaßung—„kann ſeyn, daß eine von den Fraunamen einen Rumpus gemacht und ihren Mann recht ausgeſchimpft ſey zu leid, Tauch Jeder — Gr und ſa Heider gotthe ſchrille gegen trachte den A den, d dem M der die Matro Glück rechte YV barer; rechte ſeyn pf ein, w war, e Hauſe war w Zeit die ſſen, ollte und it in mit ieder hbe⸗ ßung zelne dlich k auf uns rhob falls, den für auf, erten amen mpft hat. Ich hab' mir ſagen laſſen, zu meines Großvaters Zeit ſey zuerſt der Stock für die Weiber aufgekommen, aus Mit⸗ leid, weil die alte Mutter Bang von der Anwendung des Tauchſchemels faſt den Tod davon getragen hatte. Und Jedermann weiß, daß der Squire ein mitleidiger Mann iſt — Gott ſegne ihn!“ „Gott ſegne ihn!“ riefen die Männer aus voller Bruſt und ſammelten ſich andächtig um den Wunderbau, wie die Heiden des Alterthums um den Tempel irgend einer Schutz⸗ gottheit. Aber jetzt erhob ſich wie aus einem Munde ein ſchrilles Geſchrei unter den Weibern, die ſich unwillfürlich gegen den Rand des Raſens zurückzogen. Von da aus be⸗ trachteten ſie Solomons und den Wunderbau mit ſo funkeln⸗ den Augen und deuteten auf beide mit ſo drohenden Geber⸗ den, daß nur der Himmel weiß, ob von dem Gerüſt und dem Mann auch nur der kleinſte Fetzen übrig geblieben wäre, der die Augen der mit Recht aufgebrachten Hazeldeaner Matronenſchaft hätte beleidigen können, wenn nicht zum Glück noch im günſtigſten Augenblick Meiſter Stirn, die rechte Hand des Squire, aufgetreten wäre. Meiſter Stirn war eine furchtbare Perſon— furcht⸗ barer ſogar als der Squire ſelbſt, wie denn überhaupt die rechte Hand eines Menſchen weit ehrfurchtgebietender zu ſeyn pflegt, als ſein Kopf. Er flößte um ſo größere Scheu ein, weil er, wie der Stock, deren wohlbeſtellter Hüter er war, eine unbeſtimmte, dunkle Macht beſaß und außer dem Hauſe des Squire keine beſondere Stelle behauptete. Er war weder der Rechner, obſchon er viele in dieſes Amt 96 einſchlägige Geſchäfte beſorgte, noch der Gutsverwalter⸗ den der Squire in eigner Perſon vorſtellen wollte, obgleich letzterer meiſt ſo ziemlich ſäte und pflügte, erntete und auf⸗ ſpeicherte, kaufte und verkaufte, wie Meiſter Stirn herab⸗ laſſend es anrieth. Er war kein Parkwächter, da ihm weder die Erlegung des Wildes noch die Beaufſichtigung des Jagdreviers oblag, und doch wußte er ſiets ausfindig zu machen, wer einen Gartenzaun zerbrochen oder mit der Schlinge ein Kaninchen gefangen hatte. Mit einem Worte, in Folge von Gewohnheit und freier Wahl ruhte auf Meiſter Stirn's Schultern alles, was man die ſchwereren Obliegen⸗ heiten eines bedeutenden Grundbeſitzers nennen könnte. Sollte ein Arbeiter entlaſſen oder ein Rentenrückſtand durch Gewaltmaßregeln beigetrieben werden— Angelegenheiten, die natürlich viel Redens verurſachten und in denen der Rent⸗ beamte eben ſo weich war, wie der Squire ſelbſt— ſo durfte man mit Sicherheit darauf zählen, daß Mr. Stirn das Amt des ſtrafenden Engels übernahm, welcher die Schickſalsworte ausſprach. Er erſchien deshalb den Bewohnern von Hazel⸗ dean ungefähr wie die Saeva Nocessitas des Dichters, als unbeſtimmte Verkörperung einer erbarmenloſen, mit Peit⸗ ſchen, Nägeln und Keilen bewaffueten Gewalt. Sogar die unvernünftige Schöpfung hatte Furcht vor Mr. Stirm Die Kälber wußten, daß er es war, welcher diejenigen unter ihnen bezeichnete, die an den Schlächter verkauft werden ſollten, und drängten ſich klopfenden Herzens in einen Win⸗ kel zuſammen, wenn ſie ſeinen Fußtritt vernahmen. Das Schwein grunzte, die Ente quackte, das Huhn ſträubte die Fed in k aufl ſche Zur beſa Hel ſein hub Por und daß ſehe ihr Tha zu ſ ters Rer ten. gen zerf ſchl Wi eins alter, gleich auf⸗ erab⸗ ihm gung ig zu tder orte, eiſter egen⸗ nnte. durch eiten, Rent⸗ durfte Amt worte Hazel⸗ s, als Peit⸗ ar die Die unter werden Win⸗ Das bte die 97 Federn und lockte'ſeine Küchlein an ſich, wenn Mr. Stirn in die Nähe kam. Die Natur hatte ihm einen Stempel aufgedrückt. In der That konnte es wohl als fraglich er⸗ ſcheinen, ob ſelbſt der große M. de Chambray mit dem Zunamen„der Tapfere“ ein ſo ehrfurchtgebietendes Aeußere beſaß, wie unſer Meiſter Stirn, obſchon das Geſicht jenes Helden ſo ſchrecklich war, daß ein Mann, welcher früher ſein Bedienter geweſen, wie ein Espenlaub zu zittern an⸗ hub, als er zwanzig Jahre nach dem Tode deſſelben ſein Porträt zu Geſicht bekam. „Peſt und Hagel, was treibt ihr alle hier?“ ſagte Mr. Stirn, indem er eine lange Fuhrmannspeitſche ſchwenkte und ſie knallen ließ.„Macht ihr Weiber da ja einen Heiho, daß ich vermuthe, der Squire wird herausſchicken und nach⸗ ſehen laſſen, ob nicht etwa das Dorf in Brand ſteht. Wollt ihr machen, daß ihr nach Hauſe kommt? Es war in der That hohe Zeit, den Stock wieder in brauchbaren Stand zu ſetzen, wenn ihr ſogar unter der Naſe eines Friedensrich⸗ ters tumultuirt und conſpirirt, juſt wie die franzöſiſchen Revolutionäre thaten, ehe ſie ihrem König den Kopf abhack⸗ ten. Das Haar ſteht mir zu Berge, wenn ich euch anſehe.“ Aber noch eh' er mit dieſer Anrede zur Hälfte fertig geworden war, hatte ſich der Haufen nach allen Richtungen zerſtreut; die Weiber hielten noch zuſammen, die Männer ſchlichen dem Wirthshauſe zu. Dies war die wohlthätige Wirfung des Stocks am erſten Tage ſeines Wiederauflebens. Indeß muß bei dem Auflöſen eines Gedränges ſtets einer der Zuletztabgehende ſeyn, und ſo fügte ſich's denn, Bulwer, meine Novelle. 7 ——— 98 vaß dieſes Schickſal unſern Freund Lenny Fairfield traf. Dieſer hatte ſich mechaniſch dem Stocke genähert, um Gaf⸗ fer Solomons vrakelhafte Meinungen um ſo beſſer verneh⸗ men zu können, und war nicht minder mechaniſch bei Mr. Stirn's plötzlichem Auftreten hinter den Stamm der Ulme gekrochen, welche theilweiſe den Stock beſchattete, der getro⸗ ſten Hoffnung Raum gebend, daß er dort unbemerkt bleiben werde. Er duckte ſich, wie feſtgebannt, nieder, ohne daß er es wagte, voll vor Mr. Stirn's Blicke und im unmittel⸗ baren Bereich von deſſen Fuhrmannsgeißel aufzutauchen, als mit einemmale das raſche Auge der rechten Hand auf dem Gute ſeinen Schlupfwinkel entdeckte. „Heda, Bürſchlein— wie, zum Henker! willſt Du eine Mine legen, um den Stock in die Luft zu ſprengen? Wahrhaftig, dies ſieht ganz aus wie Guy Famkes und die Pulververſchwörung! Was haſt Du da in Deiner ſpitzbübi⸗ ſchen kleinen Fauſt?“ „Nichts, Sir,“ verſetzte Lenny, indem er ſeine Hand öffnete.: „Nichts?— hum!“ ſagte Mr. Stirn mit ſehr miß⸗ vergnügter Miene. Als er nun den Gegenſtand ſeines Miß⸗ trauens näher betrachtete und in ihm den Muſterjungen des Dorfes erkannte, falteten ſich ſeine Augbrauen noch düſte⸗ ver; denn er that ſich ſelbſt viel auf ſeine Schulbildung zu gut und verdankte auch wirklich den Kenntniſſen ſowohl als der Schlauheit, durch die er ſich vor ſeinen Nachbarn aus⸗ zeichnete, die bedeutſame Stellung, welche er zur Zeit einnahm, Deshalb lag es ihm auch ſehr am Herzen, daß af⸗ eh⸗ Nr. lme ro⸗ ben er tel⸗ als dem Du en die übi⸗ and miß⸗ Riß⸗ des üſte⸗ 8 zu lals aus⸗ Zeit daß 99 ſein einziger Sohn ſich in der Schule hervorthun moͤchte; aber dies war ein Wunſch, den„die Götter in die leere Luft zerſtreuten“. Maſter Stirn erwies ſich als ausgezeichneten Eſel in der Dorfſchule, während Lenny Fairfield der Ruhm und Stolz derſelben war. Mr. Stirn hegte daher einen ſehr natürlichen, faſt rechtfertigbaren Groll gegen den Knaben, der ſelbſt die Ehren an ſich riß, welche er als Vater ſeinem Sohne zugedacht hatte. „Um!“ ſagte die rechte Hand, Lenny einen finſtern, übelwollenden Blick zuwerfend.„Du biſt ja der Muſter⸗ bub des Dorfes?— Ganz recht, Bürſchlein. So wiill ich den Stock hier unter Deine Aufſicht ſtellen. Sorge dafür, daß ſich nicht die andern Jungen darauf ſetzen, daß ſie nicht die Farbe abkratzen, Grübchen ſpielen oder mit Rechen⸗ pfenningen anwerfen, was ſie ſicherlich gerade hier vorne an der Erhöhung bereits gethan haben. Nun kennſt Du Deine Verantwortlichkeit, kleiner Knabe—'s iſt noch oben⸗ drein eine große Ehre für Deinesgleichen. Iſt irgend etwas Unrechtes vorgefallen, ſo mußt Du dafür herhalten— ver⸗ ſtehſt Du mich? Dies iſt's, was der Squire zu mir geſagt hat. Du ſiehſt alſo, was es heißen will, wenn man den Titel eines Muſterjungen trägt, Mr. Lenny!“ Mit dieſen Worten ließ Mr. Stirn, gleichſam als militäriſche Ehrenbezeugung, ſeine Geißel laut knallen über dem Haupt des in ſolcher Weiſe erkieſenen Viceaufſehers und ſchritt dann von hinnen, um einem Pärchen nichts Schlimmes ahnender junger Hunde einen Beſuch zu machen, 7 6 — 100 gegen deren Eigenthümer er ſich durch ein huldvolles Ver⸗ ſprechen verpflichtet hatte, ihnen ſelbigen Abend die Ohren und Schwänze abzuſchneiden. Obgleich nur wenige Be⸗ dienſtungen anſtößiger ſeyn konnten, als die eines chargé gaffaires extraordinaires bei Kirchſpielſtock, zu deutſch eines Unterſtockmeiſters, und obgleich kein Aemtchen Lenny Fairſield bei ſeinen Altersgenoſſen verhaßter zu machen ver⸗ mochte, hätte er doch nicht unempfindlich ſeyn ſollen gegen den auffallenden Vortheil ſeiner Stellung, wenn er ſie mit der Lage der beiden armen Geſchöpfe verglich, gegen deren Ohren und Schwänze Mr. Stirn keine beſonderen Rachebe⸗ weggründe hatte. Jeder ſchlimmen Seite kann man eine noch ſchlimmere entgegenhalten, und es iſt ein Glück für kleine Knaben ſowohl als für erwachſene Männer, welchen die Stirne der Welt übelwollende Blicke zuwerfen, daß die Ma⸗ jeſtät des Geſetzes das menſchliche Ohr in Schutz nimmt. Zwölftes Kapitel. Der Spieltiſch war in dem Geſellſchaftszimmer von Hazeldean Hall zugerüſtet, obſchon die Spieler ſelbſt noch in der tiefen Niſche des großen Bogenfenſters zögerten, welche — an ſich von einem Umfang, der einem mäßig großen Lon⸗ doner Wohnzimmer gleich kam— den großen runden Thee⸗ tiſch ſammt allem Zubehör faßte. Der ſchöne Sommer⸗ mond goß nämlich einen ſo ſilbernen Glanz auf den Raſen, die Bäume warfen einen ſo ruhigen Schatten und das ne ine die ta⸗ von och lche on⸗ hee⸗ ner⸗ ſen, das 101 friſchgemähte Heu und die Blumen verbreiteten einen ſo lieblichen Wohlgeruch, daß ein Schließen der Fenſter, ein Niederlaſſen der Vorhänge und der Ruf nach anderen Lich⸗ tern ſtatt derer am Himmel ein Mißbrauch der Proſa des Lebens geweſen wäre, den ſelbſt Kapitän Barnabas nicht hätte veranlaſſen mögen, obſchon ihm das Whiſtſpiel als Hauptbeſchäftigung des Stadtlebens und als Feſttagsbelu⸗ ſtigung auf dem Lande erſchien. Draußen bot die Landſchaft in dem klaren Mondlichte jene Schönheit, welche den Gärten um ſolche altmodiſche Landſitze eigenthümlich iſt; denn wenn letztere auch ein wenig moderniſirt wurden, haben ſie doch ihren urſprünglichen Charakter noch immer beibehalten: der ſammtgleiche Raſen, mit großen Blumenbeeten beſtreut, hier zur Linken die Lilien, Acacien und reiche Syringen, dort rechts die Ausſicht über kurz beſchnittene Eibenbäume nach einer Kugelbahnlaube und den weißen Säulen eines Som⸗ merpavillons, der unter Wilhelm dem Dritten in hollän⸗ diſchem Geſchmack gebaut wurde, und vorn unter einer Gruppe ſtiller Cedern weg ein Blick in die wildere Land⸗ ſchaft des waldigen wellenförmigen Parkes. Im Innern war unter der ruhigen Beleuchtung des Monds die Scene nicht weniger charakteriſtiſch als Wohnplatz jener Race, die in anderen Ländern nicht ihres Gleichen hat und die leider auch auf dem heimiſchen Boden mehr und mehr von ihrer Eigenthümlichkeit verliert— ich meine die des derben Land⸗ gentlean, nicht die des verfeinerten, ſondern des Land⸗ gentleman, der ſich allerdings gehoben hat über den bloſen Jäger und Bauern, dabei aber ſeine ländliche Einfachheit ——— 11 102 bewahrte, obſchon er die alte Halle in ein Geſellſchaftszim⸗ mer umwandelte. Statt Forens Märtyrern und Bakers Chronik ſieht man Bücher auf ſeinem Tiſch, die nicht über drei Monate alt ſind; aber dennoch treffen wir noch manches alte Vorurtheil, das Zleich den Knorren an ſeiner heimiſchen Ciche eher dazu dient, dem Umriß des Baumes Zierde zu verleihen, als ſeiner Kraft Abtrag zu thun. Dem Fenſter gegenüber erhob ſich der hohe Kamin bis zu dem Karnies der Decke und glänzte mit ſeinem dunklen Getäfel im Mond⸗ licht. Die breiten und etwas plumpen Zitzſophas und die Kanapees aus der Periode Georgs des Dritten bildeten in Zwiſchenräumen einen Gegenſatz zu den hochlehnigen Stüh⸗ len einer weit früheren Generation, da die Damen in Reifröcken und die Gentlemen in Pluderhoſen ſich nie einer wagerechten Haltung hingegeben zu haben ſcheinen. Die Wände von blankem Tafelwerk waren reich bedeckt, haupt⸗ ſächlich mit Familienporträten,/ obſchon hin und wieder eine Niederländer Marktſcene oder ein Schlachtſtück andeutete, daß ein früherer Eigenthümer in ſeinem Geſchmack für Künſte weniger ausſchließend ſich verhielt. In der Nähe des Kamin befand ſich ein offenes Pianoforte, und ein langer niederer Bücherſchrank am andern Ende lächelte nüch⸗ tern in das Zimmer herein. Gedachter Schrank enthielt die ſogenannte„Lady's Bibliothek“, eine Sammlung, welche von der Großmutter des Sgquire, frommen Andenkens, be⸗ gonnen und von ſeiner Mutter beendigt wurde, die mehr Geſchmack für leichtere Lectüre hatte. Der dermaligen Mrs. Hazeldean verdanfte die⸗ Bibliothek nur einen geringen 19 3. Zu Leſ bir dig dea 103 Zuwachs, denn da die Dame keine große Freundin vom rs Leſen war, ſo begnügte ſie ſich, bei dem Leſezirkel zu ſubſcri⸗ biren. In dieſem weiblichen Bodleianum ſtanden die Pre⸗ er es digten, welche Mrs. Hazeldean, die Großmutter geſammelt, t Wange an Wange neben den Romanen, welche Mrs. Hazel⸗ zu dean, die Mutter, gekauft hatte. ter„Mixtaque ridenti fundet colocasia acantho!“ r Freilich waren die Romane, trotz ihrer ſehr zünd⸗ . baren Titel, z. B.„die verhängnißvolle Empfindſamkeit“, vit„Verirrungen des Herzens“ u. ſ. w., ſo harmlos, daß ich * zweifle, ob die Predigten gegen ihre nächſten Nachbarn viel ih⸗ einzuwenden gehabt haben würden— und dies iſt Alles, in was ſich von den Beſten unter uns erwarten läßt.* ut Ein Papagai, der auf ſeiner Stange ſchlummerte, die einige Goldſiſche, die tief ſchliefen in ihrem Glasbehälter, pt⸗ zwei oder drei Hunde auf dem Herdfries und Flimſey, Miß Me Jemimas Schvoßhündchen, das zu einer Kugel zuſammen⸗ ete, geballt auf dem weichſten Sopha lag— Mrs. Hazeldeans für Arbeitstiſch, in einiger Unordnung, als ſey er kürzlich erſt ihe gebraucht worden— die Chronik von Saint James, die 6it neben dem Armſtuhl des Squire von einem kleinen Dreifuß ch⸗ herunter baumelte— ein hoher Schirm aus gepreßtem, ver⸗ pie goldetem Leder, welcher den Kartentiſch abſperrte— alles lche Dies in einem Zimmer umhergeſtreut, das groß genug war, ſämmtliche Gegenſtände zu faſſen, ohne überfüllt zu ſeyn, be⸗ ehr bot manchen angenehmen Ruhepunkt für das Auge, wenn Rrs. es ſich von der Welt der Natur ab und der Wohnſtatt des Menſchen zuwandte. 3uh Doch ſeht— Kapitän Barnabas, geſtärkt durch die vierte Taſſe Thee, hat endlich ſo viel Muth gewonnen, um Mrs. Hazeldean zuzuflüſtern:„Glaubt Ihr nicht, daß der Pfarrer nachgerade ungeduldig wird nach ſeinem Rubber?“ Mrs. Hazeldean warf dem Pfarrer einen Blick zu und lächelte, gab aber zugleich dem Kapitän das Zeichen, worauf die Klingel erſcholl, Lichter hereingebracht wurden und die Vorhänge niederfielen. Einige Augenblicke nachher hatte ſich die Gruppe um die Kartentiſche geſammelt. Die Beſten unter uns ſind eben Menſchen. Ich geſtehe, dies iſt keine neue Wahrheit, und doch vergißt man ſie jeden Tag. Ich wette, es gibt Viele, welche eben jetzt in ihrer chriſtlichen Liebe denken, daß mein Pfarrer nicht Whiſt ſpielen ſollte. Solchen ſtrengen Sittenrichtern kann ich nur entgegenhalten: „Jedermann hat ſeine Lieblingsſünde, und Whiſt war die des Pfarrers Dale; meine Herrn und Damen, welche iſt die eurige?“ In der That will ich auch heut zu Tage meinen armeu Pfarrer nicht als einen Muſterpfarrer aufſtellen; ge⸗ nügt es ja, in einem Dorfe, welches nicht größer als Hazel⸗ dean iſt, ein Muſter zu haben, und wir wiſſen, daß dieſes Prädikat dem Lenny Fairfield zukömmt, und daß es demſelben die Aufſicht über den Stock als Auszeichnung eingetragen hat. Pfarrer Dale war vor nicht allzulanger Zeit, aber doch in einer Periode ordinirt worden, in welcher man es viel leichter nahm mit der geiſtlichen Würde, als heut zu Tage. Die älteren Pfarrer jener Zeit ſpielten ihren Rubber als eine Sache, die ſich von ſelbſt verſtund; die von mitt⸗ lerem Alter machten die Jagdausflüge mit(ich kannte einen — Scht haup Fam dieſe die gele Dar beth dene vor zu e mit ſchl geei Erſ Ber Sp Se geg eine rig lan vor Un die ſon änt die um der r?“ und auf die atte eſten eine Ich (chen te. lten: die ſt die einen ge⸗ azel⸗ dieſes elben ragen aber an es ut zu ubber mitt⸗ einen 105 Schulmeiſter, der zugleich Doetor der Theologie und über⸗ haupt ein vortrefflicher Mann war, ſo daß ihm die höchſten Familien Englands ihre Söhne zur Erziehung anvertrauten; dieſer pflegte während der Saiſon dreimal in der Woche auf die Jagd zu reiten), und die jüngeren verſchmähten es nicht, gelegentlich ein Kapitalliedchen vorzutragen, das nicht von David gedichtet worden war, oder ſich an einem Tanze zu betheiligen, welcher ſicherlich keine Aehnlichkeit hatte mit denen, die der vorgenannte fromme König des Alterthums vor der Bundeslade auszuführen pfiegte. Bedarf es einer langen Auseinanderſetzung, um dich zu entſchuldigen, armer Pfarrer Dale, daß du jenes Pick⸗A mit ſo triumphirendem Lächeln gegen deinen Partner auß ſchlägſt? Ich muß geſtehen, daß es an nichts fehlte, was geeignet war, die Vergehung des Pfarrers zu erhöhen. Erſtlich ſpielte er nicht mit chriſtlicher Liebe und aus dem Beweggrunde, Anderen einen Gefallen zu erweiſen; denn das Spiel bereitete ihm einen Hochgenuß— er war mit ganzer Seele dabei und zeigte ſich durchaus nicht ſo gleichgiltig gegen den damit in Verbindung ſtehenden Mammon, als einem chriſtlichen Pfarrer geziemt hätte. Er ſah ſehr trau⸗ rig aus, wenn er ſeine Schillinge aus der Börſe heraus⸗ langte, und ungemein erfreut, wenn er die Schillinge, die vorher anderen Leuten gehört hatten, hineinſtecken konnte. Und endlich waren vermöge einer von jenen Uebereinkünften, die unter an einem Tiſche ſpielenden verheiratheten Per⸗ ſonen gewöhnlich ſind, Mr. und Mrs. Hazeldean unab⸗ änderlich Partner, obſchon nie ein Paak Leutchen ſchlechter 106 ſpielte, während Kapitän Barnabas, der in Grahams Hotel ſeine Hand mit Glück und Ehre verſucht hatte, nothwendig der Partner von Pfarrer Dale wurde, welcher ſeinerſeits ſich clericaliſch gut auf die Karten verſtand. Beim Lichte betrach⸗ tet konnte alſo kaum von einem ehrlichen Spiel die Rede ſeyn und das Zuſammenwirken der beiden Spielhelden gegen das unſchuldige Ehepaar mußte faſt als Betrug erſcheinen. Allerdings kannte Mr. Dale dieſes Mißverhältniß der Streit⸗ träfte und hatte deshalb oft den Vorſchlag gemacht, die Partner zu wechſeln oder Marken vorzugeben; aber dieſe Anmuthung war von dem Squire und ſeiner Gattin ſtets mit Stolz zurückgewieſen worden, ſo daß ſich der Pfarrer möthigt ſah, ſeine Gewiſſenhaftigkeit mit den zehn Points, die er durchſchnittlich gewann, in die Taſche zu ſtecken. Das Sonderbarſte von der Welt iſt die Verſchiedenheit, mit welcher das Whiſt auf die Stimmung des Menſchen wirkt. Es iſt nicht eine Temperamentsprobe, wie Einige behaupten— durchaus nicht! Die ruhigſten Leute von der Welt werden beim Whiſt auffahrend, und ich habe Perſonen geſehen, die ſich bei den gewöhnlichen Angelegenheiten des Lebens im höchſten Grade murrköpfiſch und launiſch zu be⸗ nehmen pflegten, bei einem Rubber aber ihre Verluſte mit dem Stvicismus eines Epiktet ertrugen. Etwas Aehn⸗ liches zeigte ſich entſchieden in dem Gegenſatze, welchen die Opponenten aus der Halle und aus dem Pfarrhaus boten. Der Squire galt als ein ſo choleriſcher Mann, wie nur irgend einer in der Grafſchaft, war aber der gutmüthigſte Menſch von der Welt, wenn er dem ſonnigen Antlitz ſeiner Gatti das 2 Gege den H Beme dir g Hazel Zeit ſo ſc ſeiner mit e regel niſſes gehu Flut dient höhe ware Pfa mim bere Get Ma nich Gilr 107 otel Gattin gegenüber am Whiſttiſch ſaß. Nie hörte man, daß ndig das Pärlein ſich ſeine ewigen Fehler im Spiel vorwarf; im s ſich Gegentheil lachten ſie nur, wenn ſie, mit vier Honneurs in rach⸗ den Händen, die Karten wegwarfen. Höchſtens hörte man Rede Bemerkungen, wie:„Ei, Harry, das war doch kurios von egen dir getrumpft. Ho— ho— ho!“ oder:„Der Tauſend, inen. Hazeldean— ſie haben drei Stiche, während du die ganze treit⸗ Zeit über das Aß in der Hand hatteſt! Ha— ha— ha!“ , die Nicht ſo der Pfarrer. Das Spiel hatte für ihn ein dieſe ſo ſcharfes, kunſtgerechtes Intereſſe, daß ſogar die Fehler ſtets ſeiner Gegner ihn ärgerten. Man mußte ihn hören, wie er farrer mit erhobener Stimme und aufgeregten Geberden die Spiel⸗ vints, regeln erklärte, Hoyle eitirte, an alle Gewalten des Gedicht 3 . niſſes und des geſunden Verſtandes wegen derſelben Ver⸗ nheit, gehungen appellirte, die ihn bereicherten, und dabei eine nſchen Fluth von Beredſamkeit verſchwendete, welche nur dazu Einige diente, die Heiterkeit des Squire und ſeiner Gattin zu er⸗ on der höhen. Während dieſe vier in ſolcher eiſe beſchäftigt erſonen waren, ſaß Mrs. Dale, die ungeachtet ihres Kopfwehs den ten des Pfarrer begleitet hatte, auf dem Sopha neben Miß Je⸗ zu be⸗ mima oder vielmehr neben Miß Jemimas Flimſey, der iſte mit bereits den mittleren Platz beſetzt hielt und ſchon bei dem Aehn⸗ Gedanken an eine Verdrängung zu pelfern anfing. Und chen die Maſter Frank, der ſich allein an einem Tiſch befand, wußte boten. nichts Anderes zu thun, als daß er bald ſeine Schuhe, bald vie nur Gilray's Carricaturen betrachtete, welche Mrs. Hazeldean üthigſte zu ſeiner geiſtigen Ausbildung angeſchafft hatte. Mrs. Dale tz ſeiner gefiel ſich in der Geſellſchaft der Miß Jemima viel beſſer⸗ 108 als in der von Mrs. Hazeldean, da ſie vor letzterer zuviel arme Reſpekt hatte, obgleich ſie mit einander aufgewachſen waren ſo gu und auch jetzt noch hin und wieder ſich Harry und Carry„arm nannten. Doch dieſe zarteren Diminutive gehörten in die Wort Klaſſe der„Theuerſten“ und kamen nur ſelten unter den ſů Frauen zur Anwendung, Zeiten etwa ausgenommen, in könnt welchen ſie, wären ſie noch leine Mädchen und die Gouver⸗ nach nante nicht um den Weg geweſen, ſich zerklopft und gezwickt die A haben würden. Mrs. Dale konnte noch immer als eine recht als d hübſche Frau gelten, wie Mrs. Hazeldean eine ſehr ſchöne war. Erſtere malte in Waſſerfarben, ſang, ſchnitt Figuren Thier aus Kartenblättern, machte Federnhalter und hieß eine CAk elegante, talentvolle Frau, während letztere die Rechnungen Beit des Squire führte, den beſten Theil ſeiner Briefe ſchrieb, ein fügte großes Hausweſen in trefflicher Ordnung erhielt und als „gewandte, verſtändige Frau“ angeſehen war. Mrs. Dale dann hatte Kopfweh und Nerven, Mrs. Hazeldean weder Nerven vone noch Kopfweh. Mrs. Dale ſagte:„Harry hat keine ſchlimme Ader in ſich, iſt aber doch gar zu männlich“, während Mrs. als Hazeldean ihre Anſicht dahin ausdrückte,„Carry wäre wohl hüll ein gutes Geſchöpf, wenn ſie ihr geziertes Weſen ließe.“ ſchw Mr. Dale ſagte, Mrs. Hazeldean ſey„ganz geſchaffen zur die Frau eines Landſquire“, während Mrs. Hazeldean meinte, in d „Mrs. Dale ſey die allerletzte Perſon von der Welt, welche hätte einen Pfarrer heirathen ſollen“. Wenn Carry mit einer dritten Perſon über Harry ſprach, pflegte ſie zu ſagen: er li „die liebe Mrs. Hazeldean“, und kam Harcy gelegentlich 8 daß auf Carry zu reden⸗ ſo geſchah es mit dem Ansvruck:„die wert zuviel varen Carry in die eden n, in ouver⸗ ezwickt e recht ſchöne iguren ß eine nungen eb, ein ind als s. Dale Nerven chlimme d Mrs. ire wohl ließe.“ ffen zur meinte, t, welche arry mit zu ſagen! legentlich cuck:„die 109 arme Mrs. Dale“. Und nun weiß der Leſer— wenigſtens ſo gut als ich— warum Mrs. Hazeldean ihre Freundin „arm“ nannte; denn beim Licht betrachtet, gehoͤrt dieſes Wort zu jener Klaſſe im weiblichen Wörterbuch, welcher man die Eigenſchaft„von dunkler Bedeutung“ beilegen könnte, ähnlich dem Konr Ompar, welches die Forſcher nach den eleuſiniſchen Geheimniſſen ſo ſehr verwirrt hat; die Anwendbarkeit davon iſt eher in Beiſpielen darzuthun, als der Sinn ſich genau erklären läßt. „Euer Hündchen iſt in der That ein allerliebſtes Thier, Jemima,“ begann Mrs. Dale, die eben das Wort CARoOLIMR in die Ecke eines Battiſttaſchentuches zeichnete. Bei dieſer Bemerkung rückte ſie jedoch ein wenig zurück und fügte bei:„Er wird doch nicht beißen.“ „Ach Himmel, nein!“ verſetzte Miß Jemima und fügte dann in einem vertraulichen Flüſtern bei:„Ihr müßt nicht von einem er ſprechen—'s iſt ein Frauenzimmer.“ „Oh,“ entgegnete Mrs. Dale noch weiter wegrückend, als ob dieſe auf das Geſchlecht des Thiers bezügliche Ent⸗ hüllung nicht dazu gedient hätte, ihre Beſorgniß zu be⸗ ſchwichtigen—„oh, ſo dehnt Ihr Eure Abneigung gegen die Gentlemen auch auf die Schooßhunde aus?— Dies iſt in der That conſequent, Jemima!“ Miß Jemima.—„Ich hatte einmal ein Männchen — einen Mops!— ſie werden jetzt ſehr ſelten. Ich meinte, er liebe mich ſehr, da er nach Jedermann ſonſt ſchnappte, ſo daß ich manchen Kampf für ihn ausfechten mußte. Nun, werdet Ihr's wohl glauben?— ich wohnte damals bei — 1¹⁰ meiner Freundin Miß Smilecor in Cheltenham, und weil ich wußte, daß William ſo hitzig iſt und fo dicke Stiefelſoh⸗ len trägt, ſo zitterte ich bei dem Gedanken, was ein Fuß⸗ tritt zur Folge haben könnte. Als ich daher hieher kam⸗ ließ ich Buff— dies war ſein Name— bei Miß Smilecor.“ (Eine Pauſe.) Mr. Dale, gelangweilt aufblickend.—„Nun, meine Liebe?“ Miß Jemima.—„Werdet Ihr's wohl glauben, wenn ich's Euch erzähle? Als ich kaum drei Monate ſpäter wieder nach Cheltenham kam, hatte mir Miß Smilecor ſeine ganze Zuneigung geſtohlen, und das undankbare Geſchöpf kannte mich nicht einmal mehr. Noch dazu ein Mops— und die Leute ſagen, daß Möpſe treu ſeyen!!! Freilich, ſie ſollten es ſeyn, die garſtigen Dinger. Seitdem habe ich nie mehr einen männlichen Hund gehalten— glaubt mir, es iſt einer wie der andere— herzloſe, ſelbſtſüchtige Ge⸗ ſchöpfe.“. Mrs. Dale.—„Die Möpſe? Ja, da habt Ihr Recht.“ Miß Jemima, mit Feuer.—„Die Männer! Ich habe Euch ja geſagt, es ſey ein männlicher Hund geweſen!“ Mrs. Dale, ſich entſchuldigend.—„Wohl wahr, meine Liebe; aber das Ganze war ſo unter einander gemiſcht!“ „Miß Jemima.—„Ihr habt in den Zeitungen jenen kaltherzigen Bruch eines Eheverſprechens geleſen— noch obendrein von einem alten Wicht ausgehend, der ſchon pierundſechszig zählte. Kein Alter macht ſie auch nur um ein S allen Stec ſich a ten. wir! eigen Pfar dabei ja, ſ Miß übere klar, mima lieber in de ein ir Inter ihren um de „War Wie i weil lſoh⸗ Fuß⸗ kam, cox.“ meine muben, ſpäter r ſeine ſchöpf — reilich, abe ich tmir, e Ge⸗ bt Ihr Ich veſen!“ wahr, iſcht!“ itungen eſen— er ſchon nur um 111 ein Haar beſſer. Und wenn man bedenki, daß das Gube allen Fleiſches herannaht und daß—“ Mrs. Dale raſch, denn Miß Jemima's anderes Steckenpferd iſt ihr lieber, als das ſchwarze, auf welchem ſie ſich anſchickt, dem Leichencondukt des Weltalls vorauszurei⸗ ten.—„Ach, meine Liebe, wenn es Euch genehm iſt, wollen wir dieſen Gegenſtand beruhen laſſen. Mr. Dale hat ſeine eigenen Anſichten, und man kann von mir, als von einer Pfarrersfrau, verlangen,“(Mrs. Dale lächelt und zeigt dabei ein Grübchen, ſo hübſch als eines von Miß Jemima; ja, ſie weiß ſogar aus dieſem einen mehr zu machen, als Miß Jemima aus ihren dreien,)„daß ſie mit ihrem Gatten übereinſtimme— das heißt, was die Theologie betrifft.“ Miß Jemima, mit Eifer.—„Aber die Sache iſt ſo klar, wenn Ihr nur Einſicht nehmen wollt von—“ Mrs. Dale legt ſcherzend ihre Hand auf Miß Je⸗ mima's Lippen.—„Kein Wort mehr, ich bitte. Sagt mir lieber, was haltet Ihr von dem Miethsmann des Squire in dem Caſino, von dem Signor Riccabocca? Iſt er nicht ein intereſſanter Mann?“ Miß Jemima.—„Intereſſant? Für mich nicht. Intereſſant! Warum ſollte er intereſſant ſeyn?“ Mrs. Dale bleibt ſtumm und dreht das Taſchentuch in ihren hübſchen, kleinen weißen Händen, dem Anſcheine nach um das R in Caroline zu betrachten. Miß Jemima, halb ärgerlich, halb ſchmeichelnd.— „Warum iſt er intereſſant? Ich habe ihn kaum je angeſehen. Wie ich höre, raucht er und ißt nie. Dazu häßlich!“ 1¹2 Mrs. Dale.—„Häßlich?— Nein. Ein ſchoͤner Kopf— faſt wie Dante's. Doch was iſt Schönheit!“— k Miß Jemima.—„Sehr richtig; was iſt ſie! Ja, Dan wie Ihr ſagt— ich glaube, es iſt doch etwas Intereſſantes an ihm. Er ſieht melancholiſch aus; dies mag jedoch davon Haze herrühren, weil er arm iſt.“ Mrs. Dale.—„Es iſt erſtaunlich, wie wenig man Car die Armuth fühlt, wenn man liebt. Charles und ich⸗ wir peide waren ſehr arm, eh' der Squire—.“ Mrs. Dale— hielt inne, blickte nach dem Squire hin und murmelte einen Segenswunſch⸗ deſſen Wärme ihr Thränen in's Auge trieb. „Ja,“ fügte ſie nach einer Pauſe bei,„wir waren ſehr arm, dabei aber doch glücklich, und daß ich das Letztere behaupten Tru tann, kömmt mehr auf meines Gatten, als auf meine Kon Rechnung.“ Thränen, einer neuen Quelle entrieſelnd, trübten aber⸗ mals die lebhaften Augen⸗ als die kleine Frau zärtlich nach ihrem Gatten hinblickte, deſſen Stirne wegen eines ſchlechten Spiels von einer düſtern Wolke umlagert war. Miß Jemima.—„Nur dieſe ſchrecklichen Männer noch ſind's, die im Geld die einzige QOuelle des Glücks ſehen. Ich feſte wäre wohl die letzte Perſon, die einem Gentleman von ihrer„Dr Achtung etwas entziehen fönnte, weil er arm iſt.“ Mrs. Dale.—„Es nimmt mich Wunder, daß der helf Squire den Signor Riccabocea nicht öfter zu ihm einlädt. ſolle Wir finden eine werthvolle Erwerbung an ihm.“. eat Die Stimme des Squire vom Kartentiſch herüber.— „Wen ſollte ich öfter einladen, Mrs. Dale?“ ner Ja, ntes von man wir Dale inen rieb. arm, upten meine aber⸗ hnach echten känner n. Ich nihrer daß der einlädt. ber.— 113 Die Stimme des Pfarrers, ungeduldig.—„Kommt — kommt— kommt, Squire. Spielt auf meine Carreau⸗ Dame— heraus!“ Squire.—„Ltumpf da— zieht den Stich ein, Mrs. Hazeldean.“ Pfarrer.—„Halt! Halt! Trumpf auf mein Carreau?“ Der Kapitän feierlich.—„Der Stich iſt eingezogen — fortgeſpielt, Squire.“ Squire.—„Carreau⸗König.“ Mrs. Hazeldean.—„Ei der Tauſend, Hazeldean — Du haſt ja nicht Farbe bekannt— ha— ha— ha! Trumpft er da die Carreau⸗Dame und ſpielt den Carreau⸗ König nach. Dies iſt mir doch noch nie vorgekommen— ha — ha,— ha!“ Kapitän Barnabas im Tenor.—„Ha, ha, ha!“ Squire.—„Meiner Seele,'s iſt wahr— ho, ho, ho!“ Kapitän Barnabas im Baß.— o. Die Stimme des Pfarrers wird bei all ihrer Höhe den⸗ noch erſtickt durch das Gelächter ſeiner Gegner und durch den feſten klaren Ton des Kapitän Barnabas, welcher ruft:— „Drei uns zum Beſten! fortgemacht!“ Squire, die Augen wiſchend.—„Da iſt nicht zu helfen, Harry— gib für mich! Wen hätte ich einladen ſollen, Mrs. Dale?(Unwillig werdend). Ich höre da zum erſtenmal, daß man die Gaſtlichkeit der Hazeldeane beanſtandet!“ Mrs. Dale.—„Mein theurer Sir, ich tauſend⸗ Bulwer, meine Novelle. —— v S 114 mal um Verzeihung; aber der Horcher an der Wand— Ihr kennt das Sprüchwort.“ Squire, brummend wie ein Bär.—„Ich höre nichts als Sprüchwörter, ſeit dieſer Musje unter uns iſt. Wollt Ihr die Güte haben, Euch deutlicher auszuſprechen, Ma'am?“ Mrs. Dale, etwas übelgelaunt über dieſe rauhe An⸗ rede.—„Ich habe von dem Musje geſprochen, wie Ihr ihu nennt, Mr. Hazeldean.“ Squire.—„Was— von dem Rickybocky?“ Mrs. Dale, die reine italieniſche Accentuation ver⸗ ſuchend.—„Signor Riccabocca.“ Pfarrer, ſeine Karten verzweifelnd auf den Tiſch werfend.—„Spielen wir Whiſt oder nicht?“ Der Squire, welcher in der Hinterhand iſt, wirft auf Coeur⸗Aß, welches Kapitän Higginbotham in der Vorhand ausgeſpielt hat, den König zu. Dem Kapitän bleiben nur noch Dame, Bube und zwei andere Herzen, und vier Trümpfe zu der Dame⸗ zu den beiden anderen Farben aber keine Stechkarte. Das Spiel iſt alſo ſicherlich von der Art, daß es, nachdem der Gegner den Herzkönig zugeworfen hatte, zweifelhaft wird, ob der Spieler in der Vorhand trumpfen ſoll oder nicht. Der Kapitän zögert und möchte nicht gerne ſeine gute Herzen ausſpielen mit der Ueberzeugung⸗ daß ſie von dem Squire abgetrumpft werden; andererſeits aber iſt er eben ſo wenig geneigt, eine friſche Farbe anzuſpielen, in der er keine Karte hat, mit der er ſeinen Partner unterſtützen könnte. In dieſer Klemme beſchließt er, wie es einem Militär ziemt, einen kühnen Ausfall zu machen und zu tru in we lie lär Al hr ts lt 2 0 n⸗ hu er⸗ iſch auf and nur npfe keine daß atte, pfen gerne ß ſie er iſt n, in tützen einem nd zu 115 trumpfen, denn vielleicht iſt ſein Partner ſtark und kann ihm in ſolcher Weiſe aus der Noth helfen. Der Squire benützt die Pauſe, welche das Beſinnen des Kapitäns zur Folge hat, und bemerkt gegen die Pfarrerin: „Mrs. Dale, die Schuld liegt nicht an mir. Es iſt weiß Gott ſchon wie lange, daß ich Rickybocky zu mir bitten ließ; aber es ſcheint, ich bin nicht fein genug für ſolche aus⸗ ländiſche Geſellen. Er mochte nicht kommen— dies iſt Alles, was ich von der Sache weiß.“ Der Pfarrer iſt entſetzt über das Trumpfausſpielen ſeines Partners, denn er hat nur zwei Trümpfe, mit denen er in Pik, das bei ihm Seartin iſt, zu ſtechen hoffte; jetzt aber iſt ihm keine Ausſicht mehr gegeben⸗ einen Stich zu machen. „In der That, Saquire,“ bricht er los,„es iſt beſſer⸗ wir geben das Spielen auf, als daß Ihr meinen Partner in dieſer außerordentlichen Weiſe aus dem Concept bringt. Dieſes ewige Geplapper!“ Squire.—„Nun, wir müſſen jetzt gut thun, Harry. Wie, Trumpf, Barney? Schönen Dank dafür!“ Und wohl hatte er Urſache, dankbar zu ſeyn, denn der unglückliche Gegner traf in der Hand des Squire auf Aß⸗ König, Buben und noch zwei Trümpfe. Mr. Hazeldean ſtach die Zehn des Pfarrers mit ſeinem Buben und ſpielte dann das Aß und den König nach. So verlor der Kapitän alle ſeine Trümpfe, bis auf die Königin, während dem Squire noch zwei in der Hand blieben. Dieſer ſpielte nun in Pik, von dem der Pfarrer nur ein Blatt, der Kapitän aber 1¹6 blos zwei hatte, ſeine Terz Major ab, zwang ſo die Königin heraus und gewann das Spiel im Galopp. Pfarrer mit einem Blick auf den Kapitän, welcher dem ehrfurchtgebietenden Antlitz eines Jupiter, wenn er ſeine Donnerkeile entſandte, geziemt haben würde—„So iſt's vermuthlich in London neue Mode zu ſpielen! Zu meiner Zeit galt als Regel, zuerſt ſein Spiel zu ſichern und dann den Verſuch machen, es zu gewinnen.“ Kapitän.—„Konnte da nichts ſichern.“ Pfarrer, losbrechend.—„Nichts ſichern? Zwei Trümpfe in meiner Hand— zwei Stiche ſicher, bis Ihr ſie herausholtet! Abſcheulich! Dies war das voreiligſte Trumpfen“— er faßt die Karten zuſammen, breitet ſie mit zitternden Händen auf den Tiſch aus und verſucht mit beben⸗ den Lippen zu zeigen, wie fünf Stiche hätten gemacht werden können(wohlgemerkt, es iſt das kleine Whiſt, das Kapitän Barnabas in der Halle eingeführt hat), bringt aber nicht mehr als vier heraus. Der Kapitän lächelt triumphirend — der Pfarrer geräth in Leidenſchaft und wirft, nichts we⸗ niger als überzeugt, die Karten zuſammen; dann ſinkt er in ſeinen Stuhl zurück, ſtöhnt und ruft mit faſt weinerlicher Stimme:—„Das grauſamſte Trumpfen! Die grau⸗ ſamſte Vermeſſenheit!“ Die Hazeldeane im Chor:—„Ho— ho— ho! Ha— ha— ha!“ Der Kapitän, der diesmal nicht lacht und an dem die Reihe des Ausgebens iſt, miſcht die Karten für das Revangeſpiel mit ſo viel Umſtändlichkeit und Vorſicht, wie etr au ſei ei hr ſte it n⸗ en än cht end ve⸗ in her au⸗ die das wie 17 etwa Fabius ſeine Mannſchaft vertheilte. Der Squire ſteht auf, um ſeine Beine zu ſtrecken, und da ihm die Bean⸗ ſtandung ſeiner Gaſtlichkeit auf's Neue wurmt, ſo ruft er ſeiner Gattin zu: „Harry, Du mußt morgen ſelbſt an Rickybocky ſchrei⸗ ben und ihn bitten, er ſolle zwei oder drei Tage bei uns zubringen. Habt Ihr's gehört, Mrs. Dale?“ „Ja,“ verſetzte Mrs. Dale und hielt ihre Hände vor die Ohren, um auf dieſe Weiſe dem Squire wegen ſeiner lauten Stimme eine leiſe Rüge zugehen zu laſſen.„Mein theurer Sir, ich muß Euch daran erinnern, daß ich ein arg nervöſes Weſen bin.“ „Bitt' um Verzeihung,“ brummte Mr. Hazeldean und wandte ſich an ſeinen Sohn, der, nachdem er der Carri⸗ caturen überdrüſſig geworden, den großen Folioband der Grafſchaftsgeſchichte für ſich herausgeſiſcht hatte. Dieſes Buch war das einzige in der Bibliothek, auf welches der Sauire einen beſondern Werth legte und das er gewöhnlich in ſeinem Arbeitszimmer neben den Urbarien und Wirth⸗ ſchaftsbüchern unter Schloß und Riegel verwahrte, heute aber ſehr wider ſeinen Willen dem Kapitän Higginbotham zu Gefallen nach dem Geſellſchaftszimmer genommen hatte. Die Higginbothame nämlich gehoͤrten, wie ſchon der Name beſagte, einer alten ſächſiſchen Familie an, welche früherer Zeit in der nämlichen Grafſchaft Güter beſeſſen hatte. Auch pflegte der Kapitän während ſeiner Beſuche in Hazeldean⸗ Hall unabänderlich ſich die Erlaubniß zu erbitten, von der Grafſchaftsgeſchichte Einſicht nehmen zu dürfen, da es ſeinen 118 Augen wohl that und das Gefühl von der Würde ſeines alten Adels auffriſchte, wenn er folgende Stelle las:— „Links von dem Dorfe Dunder und angenehm in einem Thal gelegen, befindet ſich Botham⸗Hall, der Wohnſitz der alten Familie Higginbotham, wie ſie jetzt gemeiniglich genannt wird. Indeß geht aus den Grafſchaftsliſten und einigen alten Urkunden hervor, daß die Angehörigen der Familie, die Higgen hießen, bis ſie zuletzt/ da das Herrenhaus in Botham lag, die Bezeichnung„die Higgen in Botham“ annahmen, eine Veränderung⸗ welche im Laufe der aller Verderbniß durch das Gemeine zugänglichen Zeit ſich in den Namen „Higginbotham“ umwandelte.“ „Wie, Frank! Meine Graſſchaftsgeſchichte?“ rief der Squire.„Mrs. Hazeldean, er hat meine Grafſchafts⸗ geſchichte“ „Ei, Hazelvean, ich dächte doch, es ſey an der Zeit, daß er etwas von der Graſſchaft kennen lernt.“ „Ja, und von der Geſchichte dazu,“ fügte Mrs. Dale boshaft bei, da ihre gereizte Stimmung noch nicht ver⸗ rauſcht war. Frank.—„Aber ich verderbe ja nichts daran, Vater. Es intereſſirt mich gerade etwas.“ Der Kapitän, der die Karten zum Abheben hinlegt. —„Ihr habt gewiß die Stelle über Botham⸗Hall vor Euch— Seite 706; nicht wahr?“ Frank.—„Nein. Ich verſuchte ausſindig zu machen⸗ wie weit es iſt bis zu Mr. Leslie's Sitz Rood Hall. Wißt Ihr's, Mutter?“ der iſt de de m es al en nt en die am en, niß nen der fts⸗ Zeit, Dale ver⸗ ater. nlegt. l vor achen, Wißt 119 Mrs. Hazeldean.—„Ich will dies nicht behaupten, denn die Leslie verkehren wenig mit der Grafſchaft. Auch iſt Rood ſehr abgelegen.“ Frank.—„Und warum wollen ſie denn nichts von der Grafſchaft?“ Mrs. Hazeldean.—„Ich glaube, ſie ſind arm und deshalb wohl auch ſtolz. Sie gehoͤren einer alten Fa⸗ milie an.“ Pfarrer, mit großer Ungeduld auf den Tiſch trom⸗ melnd.—„Was wollt Ihr doch mit Euren alten Familien⸗ während die Karten ſchon eine halbe Stunde gemiſcht auf dem Tiſch liegen.“ Kapitän Barnabas.—„Wollt Ihr für Euren Mitſpieler abheben, Ma'am?“ Der Squire, der mit nachdenkſamem Geſicht Franks Fragen verfolgt hat.—„Warum möchteſt Du die Entfer⸗ nung von Rood Hall kennen?“ Frank, etwas ſtockend.—„Weil Randal Leslie die Vacanz über dort iſt, Vater.“ Pfarrer.—„Eure Gattin hat für Euch abgehoben, Mr. Hazeldean. Ich denke, dies war ganz in der Ordnung, und mein Mitſpieler ſchlug eine Zwei auf— Coeur Zwei. Habt die Güte, herzukommen und zu ſpielen, wenn es Euch überhaupt ums Spielen zu thun iſt!“ Der Squire kehrt an den Tiſch zurück, und nach einigen Minuten iſt das Spiel durch eine geſchickte Feinheit des Kavitän gegen die Hazeldeane entſchieden. Die Uhr ſchlägt Zehn und die Bedienten treten mit dem Servirbrett ein. 120 Der Squire rechnet ſeinen und ſeiner Frau Verluſt zuſam⸗ men, während der Kapitän und der Pfarrer ſechszehn Schillinge unter ſich theilen. Squire.—„Nun, ich denke, Ihr werdet jetzt in beſſerem Humor ſeyn, Pfarrer. Ihr gewinnt genug von uns, ſo daß Ihr bald werdet vierſpännig fahren können.“ „Pah!“ murmelte der Pfarrer.„Wenn's Jahr um iſt, bin ich deshalb doch um keinen Penny reicher geworden.“ Und in der That war dieſe Verſicherung, ſo ungeheuer⸗ lich ſie auch erſchien, vollkommen wahr, denn der Pfarrer pflegte ſeinen Gewinn in drei Häuflein zu theilen. Das eine erhielt Mrs. Dale als ihr eigenes Taſchengeld; was aus dem zweiten wurde, konnte dem Pfarrer ſelbſt ſeine beſſere Ehehälfte nie entlocken, obſchon ſoviel ſeine Gewißheit hatte, daß jedesmal, ſo oft Mr. Dale ſieben Schillinge und ſechs Pence gewann, eine halbe Krone ihren Weg in die Armen⸗ büchſe fand, vhne daß man ſich zu erklären vermochte, woher ſie kam; das dritte dagegen behielt der Pfarrer offen und zugeſtandenermaßen für ſich, obſchon ich nicht daran zweifle, daß es am Schluſſe des Jahres ſich eben ſo wohlbehalten in den Händen der Armen befand, als wäre es in die Armen⸗ büchſe gelegt worden. Die Geſellſchaft hatte ſich nun um das Servirbrett geſammelt und nach Belieben mit Wein und Waſſer oder blos mit Wein bedient. Nur Frank machte hievon eine Aus⸗ nahme, denn er brütete noch immer über der Charte, die der Grafſchaftsgeſchichte angeheftet war, den Kopf auf ſeine Hände geſtützt und die Finger in den Haaren wühlend. nie ſ hau; Stir Lesl frag erwi Kna Wor dam nenn mit lie, dum Ege Kna ſügt denn übri nehr nach 121 „Frank,“ ſagte Mrs. Hazeldean,„ich habe Dich noch uie ſo fleißig ſtudiren ſehen.“ Frank fuhr auf und erröthete, als ſchäme er ſich, über⸗ haupt des zu vielen Studirens beſchuldigt zu werden. Der Squire mit ein wenig Verlegenheit in ſeiner Stinime.—„Frank, was weißt Du denn von Randal Leslie?“ „Ei, er iſt eben in Eton, Vater.“ „Was für ein Schlag von einem Jungen iſt er?“ fragte Mrs. Hazeldean. Frankzauderte, als brauche die Antwort Beſinnens, und erwiederte ſodann:—„Es heißt, er ſey der geſcheidteſte Knabe in der Schule, aber er ſchanzt auch tüchtig.“ „Mit anderen Worten,“ ergriff Pfarrer Dale das Wort,„er weiß, daß man ihn auf die Schule gethan hat, damit er ſeine Aufgaben lerne, und deshalb lernt er. Ihr nennt dies Schanzen— ich heiße es Pflichterfüllung. Doch mit Vergunſt, Squire, wer und was iſt dieſer Randal Les⸗ lie, daß Ihr ſo verſtört ausſehet?“ „Wer und was er iſt?“ wiederholte der Squire mit einem dumpfen Stöhnen.„Wißt Ihr denn nicht, daß Mr. Audley Egerton Miß Leslie, die große Erbin, heirathete? Und dieſer Knabe iſt ein Verwandter von ihr. Ich könnte auch ſagen,“ fügte er bei,„er ſey ein ebenſo naher Verwandter von mir, denn ſeine Großmutter war eine Hazeldean. Ich weiß übrigens von dieſen Leslien nicht weiter, als daß dem Ver⸗ nehmen nach Mr. Egerton, der keine eigene Kinder hat, nach dem Tode ſeiner Gattin— Gott habe ſie ſelig— ſich 122 des jungen Randal annahm, den Unterricht für ihn bezahlt lange und, wie ich vermuthe, den Knaben als Erben adoptirt hat. bar, Wohl bekomm's ihm; denn Gott ſey Dank, wir beide, Man Frank und ich, brauchen nichts von Mr. Audley Egerton.“ ein „Ich will wohl glauben, daß Euer Bruder großmüthig wurd iſt gegen die Verwandten ſeiner Frau,“ ſagte der Pfarrer ausz gerade heraus,„denn ich bin überzengt, daß Mr. Egerton wege ein Mann von tiefem Gefühl iſt.“ Offi „Was zum Geier wißt Ihr von Mr. Egerton? Ich vieir fann mir nicht denken, daß Ihr je auch nur einmal mit ihm alled geſprochen hättet.“ ſein „Ich habe mich wohl einmal mit ihm unterhalten,“ ti entgegnete der Pfarrer erröthend und mit der Miene der wie i Verlegenheit. Als er die Ueberraſchung des Squire be⸗ Sit merkte, fügte er bei:„Ich war damals Pfarrer in Lans⸗! Jud mere, und es handelte ſich dabei um eine leidige Geſchichte, Ihr die eines meiner Pfarrkinder betraf.“ Me „Oh, eines von Euren Pfarrkindern zu Lansmere— pecc einen von den Wählern, den Mr. Audley Egerton abſchüt⸗ Chr telte, nachdem ich mir ſo viele Mühe gegeben hatte, ihm zu jetzt einem Sitz im Parlament zu verhelfen. Ich finde es übrigens ein ſonderbar, daß Ihr mir früher nie etwas davon geſagt habt, Wi Mr. Dale.“ ode „Mein theurer Sir,“ verſetzte der Pfarrer, ſeine„S Stimme dämpfend und im milden Tone verſöhnlicher Vor⸗ ger ſtellung ſprechend.„Ihr ſeyd ſtets ſo reizbar, wenn Mr.. bin Egertons Name erwähnt wird.“ Kr „Reizbar?“ rief der Squire, deſſen Zorn, nachdem er ich zahlt hat. eide, on.“ üthig arrer erton Ich tihm lten,“ le der re be⸗ Lans⸗ hichte, — bſchüt⸗ ihm zu rigens thabt, ſeine er Vor⸗ nn Mr. hdem er 123 lange gekocht hatte, endlich zum Ueberſprudeln kam.„Reiz⸗ var, Sir? Ich dächte, ich hätte auch alle Urſache dazu. Ein Mann, für den ich gut ſagte auf der Tribüne, Mr. Dale! ein Mann, um deſſen willen ich ein Preisochſe genannt wurde, Mr. Dale! ein Mann, um deſſen willen man mich ausziſchte auf offenem Marktplatze, Mr. Dale! ein Mann, wegen deſſen kaltblütig auf mich geſchoſſen wurde von einem Offizier in Seiner Majeſtät Dienſt, der mir eine Kugel in die rechte Schulter jagte, Mr. Dale! ein Mann, der nach alledem ſo undankbar war, den Intereſſen des Grundbeſitzes ſeinen Rücken zuzukehren— in Abrede zu ziehen, daß es ein Nothjahr geweſen, in welchem drei der beſten Farmer, die ich je hatte, zu Grunde gingen, Mr. Dale! ein Mann, Sir, der über Geldkurſe eine Rede hielt, welche von dem Juden Ricardo becomplimentirt wurde! Gütiger Himmel! Ihr ſeyd mir ein ſauberer Pfarrer, daß Ihr für einen Menſchen das Wort nehmen fönnt, der ſich von einem Juden becomplimentiren läßt! Ihr mögt mir feine Ideen vom Chriſtenthum haben. Reizbar, Sir!“ Der Squire brüllte jetzt laut hinaus und verband mit dem Donner ſeiner Stimme eine Gewitterwolke auf ſeiner Stirne, welche eine ſo drohende Wildheit an den Tag legte, daß ſie einem Buſſy d'Ambviſe oder dem ſechtenden Fitzgerald Ehre gemacht haben würde. „Sir, wenn dieſer Menſch nicht mein eigener Halbbruder geweſen wäre, ſo würde ich ihn herausgefordert haben. Ich bin meiner Zeit auch feſt hingeſtanden. Ich habe eine Kugel davon getragen in meiner rechten Schulter. Ja, Sir, ich hätte ihn vor mein Rohr genommen.“ 124 „Mr. Hazeldean! Mr. Hazeldean! Ich bin entſetzt über 5 Cuch,“ rief der Pfarrer. Dann brachte er ſeine Lippen dicht einand an das Ohr des Squire und fuhr im Flüſtertone fort: übern „Welch ein Beiſpiel gebt Ihr Eurem Sohne! Ihr werdet Du in ſehen, daß er ſeiner Zeit auch Duelle mitmacht, und könnt dann deshalb Niemand etwas vorwerfen, als Euch ſelbſt.“ wunde Dieſe Warnung kühlte Mr. Hazeldean ab, der jetzt dieſen brummend erwiederte:—„Wer zum Henker heißt Euch die H auch mich ſo in Harniſch bringen!“ Dann ſank er in ſeinen Stuhl zurück und begann ſich mit ſeinem Taſchentuch Luft ſo ſpr zuzufächeln. ſcheid Der Pfarrer verfolgte geſchickt und ohne Schonung den davor errungenen Vortheil.—„Und nun hättet Ihr's in Eurer den K Gewalt, Höflichkeit und Güte einem Knaben zu erweiſen, halter den Mr. Egerton aus Achtung vor dem Andenken ſeiner Gattin an Kindesſtatt angenommen— einem Knaben, der, Mutt wie Ihr ſagt, Euch nahe ſteht durch die Bande der Ver⸗ papt a wandtſchaft, der Euch nie beleidigt hat und der durch den Fleiß in ſeinen Studien beweist⸗ welch ein trefflicher Ge⸗ fährte er für Euren Sohn ſeyn würde— Frank—“ bei ſie fü dieſem Worte erhob er ſeine Stimme wieder—„vermuth⸗ lich möchteſt Du den jungen Leslie beſuchen und haſt wohl Preit aus keinem andern Grund die Charte der Grafſchaft ſo auf⸗ w merkſam ſtudirt?“ „Freilich,“ entgegnete Frank etwas ſchüchtern,„wenn der Vater nichts dagegen hätte. Leslie iſt ſehr freundlich m gegen mich geweſen, obſchon er in der ſechsten Klaſſe und frſt der Erſie in der ganzen Schule iſt.⸗ ſchni darü über dicht fort: erdet könnt bſt.“ jetzt Euch ſeinen Luft ig den Eurer eiſen, ſeiner ,eder, Ver⸗ ch den r Ge⸗ — bei rmuth⸗ ſtwohl ſo auf⸗ „wenn undlich ſſe und 125 „Ah,“ ſagte Mrs. Hazeldean,„fleißige Knaben ſind einander ſtets zugethan, und obſchon Du Dir's die Vacanz über wohl ſeyn läßſt, Frank, bin ich doch überzeugt, daß Du in der Schule ſcharf hinter Deinen Büchern her biſt.“ Mrs. Dale machte ſehr große Angen und ſchaute ver⸗ wundert umher; Mrs. Hazeldean dagegen antwortete auf dieſen Blick mit großer Lebhaftigkeit, indem ſie den Kopf in die Höhe warf. „Ja, Carry, wenn Ihr auch anderer Meinung ſeyd, ſo ſprechen ſich doch Franks Lehrer dahin aus, daß er ge⸗ ſcheidt ſey, und im letzten halben Jahr hat er einen Preis davon getragen. Jenes ſchöne Buch, Frank— halte doch den Kopf aufrecht, mein Kind— weshalb haſt Du es er⸗ halten?“ Frank mit Widerſtreben.—„Wegen der Verſe, Mutter.“ Mrs. Hazeldean triumphirend.—„Verſe!— Da habt Ihr's, Carty; Verſe!“ Frank, ſchnell einfallend.—„Ja, aber Leslie machte ſie für mich.“ Mrs. Hazeldean zurückfahrend.—„O Frank! einen Preis für eine Arbeit, die ein Anderer für Dich machte, das war gemein.“ Frauk unſchuldig.—„Ihr könnt Euch nicht mehr darüber ſchämen, Mutter, als ich mich ſchämte, weil man mir den Preis gab.“ Mrs. Dale, obgleich vorhin gereizt durch Harry's ſchnippiſches Benehmen, läßt der Großmuth die Oberhand 126 über ihre Verſtimmtheit.—„Ich bitte Euch um Verzeihung, Frank. Eure Mutter darf eben ſo ſtolz ſeyn auf dieſe Scham, als ſie es auf den Preis war.“ Mrs. Hazeldean legt ihren Arm um Franks Nacken, lächelt heiter Mrs. Dale zu und beſpricht ſich in gedämpfter Stimme mit ihrem Sohn über Randal Leslie. Miß Je⸗ mima näherte ſich jetzt Carty und bemerkte bei Seite gegen ſie: „Aber wir vergeſſen den armen Mr. Riccabocca. Mrs. Hazeldean iſt zwar die beſte Frau von der Welt, hat aber voch beim Einladen der Leute eine ſo plumpe Manier. Glaubt Ihr nicht, Carry⸗ es wäre gut, wenn Ihr ein Wörtchen mit ihm ſprächet?“ Mrs. Dale, während ſie ihr Tuch umſchlägt.— „Dann könnt ja Ihr das Billet ſchreiben. Inzwiſchen werde ich ihn ohne Zweifel ſehen.“ Pfarrer, ſeine Hand auf die Schulter des Squire legend.—„Vergebt mir die ungebühr, mein wohlwollender Freund. Ihr wißt ja, wir Geiſtliche nehmen uns gerne große Freiheiten, wenn wir's mit Perſonen zu thun haben⸗ die wir lieben und ſchätzen.“ „Pfui!“ ſagte der Squire, aber wider ſeinen Willen umflog das bekannte herzliche Lächeln ſeinen Mund.—„Ihr ſetzt es immer durch, wenn Ihr Euch etwas vornehmt, und ich denke, Frank muß wohl hinüber reiten und einen Beſuch machen bei dieſem Herzblättchen meines—“ „Bruders,“ fügte der Pfarrer bei, den Satz mit einer Stimme ſchließend, welche dem ſüßen Wort einen ſo ſüßen Ton gab⸗ daß der Squire es nicht wagte, dem Geiſt die er an K wolle ſagte Gatt ein k „Wi Taſe The wen wer unt ſich ſche we vie ng, am, cken, fter Je⸗ nſie: Mrs. aber laubt tchen werde Squire llender gerne haben, Willen 7„Ihr nt, und Beſuch atz mit einen ſo dem N 127 Geiſtlichen gegenüber die Verbeſſerung geltend zu machen⸗ die er mit ſeinem eigenen Schluſſe beabſichtigt hatte. Mr. Dale ſchickte ſich zum Abgehen anu. Als er jedoch an Kapitän Barnabas vorbeikam, verwandelte ſich der wohl⸗ wollende Austruck ſeines Geſichts in einen betrübten. „Das grauſamſte Trumpfen, Kapitän Higginbotham. ſagte er finſter und ſchritt majeſtätiſch weiter. Die Nacht war ſo ſchön, daß der Pfarrer mit ſeiner Gattin noch einen kleinen Umweg durch das Gebüſch machte. Mrs. Dale.—„Ich denke, ich habe dieſen Abend ein hübſches Stück Arbeit geliefert.“ Pfarrer, ſich aus einer Träumerei anfraffend.— „Wirklich, Carry? Ja, ich glaube, daß es ein recht artiges Taſchentuch geben wird.“ Mrs. Dale.—„Taſchentuch?— Unſinn, mein Theuerſter. Meinſt Du nicht, es ſey ein Glück für beide, wenn Jemima und Signor Riccabocca zuſammengebracht werden könnten?“ Pfarrer.—„Zuſammengebracht Mrs. Dale.—„Ich wünſche nicht in ſolcher Weiſe unterbrochen zu werden, mein Theuerſter. Ich denke, wenn ſich hier eine Verbindung einleiten ließe.“ Pfarrer.—„Da werdet ihr den Signor wohl zu ſcharf finden— Du ſowohl, als Miß Jemima.“ Mrs. Dale mit einem ſtolzen Lächeln.—„Gut; wir werden ſehen. Betrug nicht Jemima's Vermögen ungefähr viertauſend Pfund?“ Pfarrer träumeriſch, denn er hat ſich ſchnell wieder 128 in ſeinen früheren Ideengang vertieft.—„Ja— ja— ich glaube ſo.“ Mrs. Dale.—„Und ſie muß noch mehr erſpart haben, ſo daß ſie jetzt vielleicht ſechstauſend Pfund beſitzt. He, Charles, mein Theuerſter, Du biſt wahrhaftig ſo—— Gütiger Himmel, was iſt dies?“ Als Mrs. Dale dieſen Ausruf laut werden ließ, waren ſie eben aus dem Gebüſch herausgetreten und auf dem Dorf⸗ raſen angelangt. Pfarrer.—„Was meinſt Du denn?“ Mrs. Dale ihren Gatten ſcharf in den Arm kneipend. —„Das Ding— dort— dort!“ Pfarrer.—„Nur der neue Stock, Carty. Es wundert mich nicht, daß Du darüber erſchrickſt, denn Du biſt eine verſtändige Frau. Wenn nur der Squire auch darüber erſchräcke.“ Dreizehntes Kapitel. Ein Brief, angeblich von Mrs. Hazeldean an—— Riccabocca Esquire, in dem Caſino, in der That aber verfaßt von Miß Jemima Hazeldean. „Mein theurer Sir, „Für ein gefühlvolles Herz iſt es immer ſchmerzlich, Anderen weh zu thun, und Ihr habt(freilich ohne es zu wiſſen, wie ich nicht zweifle) dem armen Mr. Hazeldean, mir und unſerem ganzen leinen Kreiſe den allergrö ßten art tt. ren orf⸗ end. Es Du auch That erzlich, es zu eldean, ößten * 129 Schmerz bereitet, indem Ihr ſo grauſam allen unſeren Ver⸗ ſuchen auswichet, näher mit einem Gentleman bekannt zu werden, den wir in ſo hohem Grade ſchätzen. Habt daher die Güte, mein theurer Sir, uns eine ehrenhafte Genugthuung zu geben und uns für einige Tage das Vergnügen Eurer Geſellſchaft in der Halle zu ſchenken. Dürfen wir Euch nächſten Sonnabend erwarten?— Unſere Dinerſtunde iſt ſechs Uhr. „Mit den beſten Complimenten von Mr. und Miß Je⸗ mima Hazeldean empfiehlt ſich hochachtungsvoll 1c. „Hazeldean Hall. H. H.“ Mrs. Hazeldean hatte die Beſorgung dieſer briefſtelle⸗ riſchen Leiſtung recht gerne ihrer Verwandten überlaſſen, und Miß Jemima begab ſich nach ſorgfältiger Verſiegelung des Schreibens perſönlich nach dem Stallhof, um dem Reit⸗ knecht gemeſſenen Befehl zu ertheilen, daß er auf Antwort warte. Während ſie ſich jedoch mit Letzterem beſprach, kam Frank, der mit mehr als ſeiner gewöhnlichen Stutzerhaftig⸗ keit für einen Ausritt herausgeputzt war, gleichfalls in den Hof, befahl mit lauter Stimme, ſeinen Pony vorzuführen, und richtete dann ſein Augenmerk auf den nämlichen Reit⸗ knecht, welchem Miß Jemima eben ihre Aufträge er⸗ theilte. Kein Wunder, daß Maſter Frank ihm die Wei⸗ ſung zugehen ließ, den Apfelſchimmel zu ſatteln und mit ihm zu reiten, denn der junge Menſch hatte wirklich das achtbarſte Ausſehen unter der ganzen Stallbedienung des Squire. „Nein, Frank,“ ſagte Miß Jemima;„Du kannſt Bulwer, meine Novelle. 9 130 George nicht haben, da ihm Dein Vater einen Auftrag ertheilt hat. Du kannſt Mat mitnehmen.“ „Warum nicht gar— Mat!“ verſetzte Frank murrend und zwar nicht ohne Grund; denn Mat war ein ſauer⸗ töpfiſcher alter Burſche, der ein höchſt unvertheidigbares Halstuch trug und es immer ſo einzuleiten wußte, daß auch ſeine beſten Stiefel mit Rüſtern verſehen waren. Außerdem nannte er Frank ſtets„Maſter“ und weigerte ſich auf's Starrſinnigſte, bergab im Trab zu reiten.„Warum nicht gar, Mat. Laßt Mat den Auftrag beſorgen und George mit mir gehen.“ Aber Miß Jemima hatte gleichfalls ihre Gründe, Mat zu verwerfen; denn Unterthänigkeit gehörte nicht zu den Schwächen dieſes Dienſtmanns, und er pflegte ſtets in den Häuſern, in welchen man ihn nicht einlud, im Bedienten⸗ zimmer ſein Ale einzunehmen, eine ächt engliſche Unab⸗ hängigkeit zu zeigen. Mat hätte Signor Riccaboeca be⸗ leidigen und dadurch Alles verderben können. Es folgte des⸗ halb jetzt ein lebhafter Wortwechſel, in deſſen Verlauf der Squire und deſſen Gattin gleichfalls erſchienen, weil ſie in ihrem zweiſchläfrigen Gig nach der Marktſtadt zu fahren beabſichtigten. Die ſtreitenden Parteien zögerten nicht, ihr Anliegen dem geeignetſten Schiedsrichter vorzutragen. Der Squire warf ſeinem Sohn einen Blick tiefer Ver⸗ achtung zu. „und weshalb brauchſt Du überhaupt einen Reitknecht. Fürchteſt Du, von Deinem Pony herunter zu fallen?“ — — —„4) 1— m f's cht ge kat den den ten⸗ lab⸗ be⸗ des⸗ der ie in hren „ihr Ver⸗ necht. C 13¹ Frauk.—„Nein, Vater; aber ich möchte wie ein Gentleman auftreten, wenn ich einen Gentleman beſuche.“ Squire in hohem Zorn.—„Ha, Du köſtlicher Laffe! Ich denke, ich bin zu jeder Stunde des Tags ſo gut ein Gent⸗ leman, als Du, und haſt Du mich je zu einem nachbarlichen Beſuch ausreiten ſehen mit ſo einem klingelnden Schlingel an meiner Ferſe, wie der geckenhafte Protze Ned Spankin, deſſen Vater ein Baumwollenfabrikant war? Ich höre wahr⸗ haftig heute zum erſtenmal, daß ein Hazeldean eine Livree für nöthig hält, um ſeine Gentilität zu beweiſen. Mrs. Hazeldean, welche bemerkt, daß Frank er⸗ röthet und ſich zu einer Antwort anſchickt.—„Stille, Frank— keine Widerrede gegen Deinen Vater. Du willſt alſo Mr. Leslie beſuchen?“ „Ja, Mutter, und ich bin dem Vater ſehr dankbar, daß er mir die Erlaubniß dazu ertheilt hat,“ ſagte Frank⸗ indem er die Hand des Squire ergriff. „Gut,“ fuhr Mrs. Hazeldean fort;„aber ich glaube, Du haſt gehört, daß die Leslie ſehr arm ſind.“ Frank.—„Wie, Mutter?“ Mrs. Hazeldean.—„Und möchteſt Du Gefahr laufen, den Stolz eines Gentleman zu kränken, der von eben ſo guter Geburt iſt, wie Du, indein Du Deine Ueber⸗ legenheit an zeitlichen Gütern zur Schau trägſt?“ Squire mit großer Bewunderung.—„Harry, ich wollte mich's zehn Pfund koſten laſſen, wenn ich dies geſagt hätte.“ Frank, der die Hand des Squire losläßt, um die 9 3 ſeiner Mutter zu ergreifen.—„Ihr habt ganz recht, Mut⸗ ter; nichts könnte bub enhafter ſeyn!“ Junge. Du gibſt am Ende doch einen Span von dem alten Block.“ Frank lächelte und entfernte ſich nach ſeinem Pony hin. Mrs. Hazeldean zu Miß Jemima.—„Iſt dies das Billet, das Ihr für mich ſchreiben wolltet?“ Miß Jemima.—„Ja; doch da ich dachte, Ihr wer⸗ det nicht wünſchen, es zu ſehen, ſo hab' ich es bereits ge⸗ ſiegelt und George übergeben.“ Mrs. Hazeldean.—„Aber Frank kömmt auf ſei⸗ nem Wege zu den Leslieen an dem Caſino vorbei. Es erſcheint vielleicht als höflicher, wenner das Billet beſorgt.“ Miß Jemima zögernd.—„Meint Ihr ſo?“ Mrs. Hazeldean.—„Ei, freilich. Frank— Frank — wenn Du an dem Caſinv vorbeikömmſt⸗ ſo ſprich bei Mr. Riccabocca vor⸗ übergib ihm dieſes Billet und ſage, es werde uns ſehr freuen, wenn er kommen wolle.“ Frank nickt. „Halt ein wenig,“ ruft der Squire.„Wenn Ricky⸗ bocky zu Hauſe iſt⸗ ſo iſt Zehn gegen Eins zu wetten, daß er Dir ein Glas Wein anbietet. Thut er dies, ſo vergiß nicht, daß dieſe Höflichkeit ſchlimmer iſt, als die Daumen⸗ ſchraube. Pfui— erinnerſt Du Dich noch, Harry? Ich meinte, es ſey aus mit mir.“ „Ja,“ rief Mrs. Hazeldean.„Um's Himmelswillen, nur keinen Tropfen davon! Dies ſoll ein Wein ſeyn?“ Squire.—„Gib noch einmal Deine Pfote her, — ei⸗ Fs ank bei ige, icky⸗ daß rgiß men⸗ Ich 133 „Sprich nicht weiter davon,“ rief der Squire, das Geſicht verziehend. „Ich will mich in Acht nehmen, Vater,“ ſagte Frank miit Lachen, während er durch die Stallthüre unſichtbar wurde. Miß Jemima folgte ihm und begütigte ihn wieder mit Schmeicheln, indem ſie zugleich ihm mit Ermahnungen zu⸗ ſetzte, ja recht höflich gegen den fremden Gentleman zu ſeyn. Dies wurde fortgeſetzt, bis Frank den Fuß im Bügel hatte. Dem Pony war wohl bekannt, mit wem er zu thun hatte, weshalb er ein Paar Anlaufsverſuche machte und dann im Galopp aus dem Hofe hinausſprengte. Zweites Buch. — Einleitungs⸗Kapitel: Unterrichtet den Leſer, wiees kam, daß dieſes Werk Einleitungs⸗Kapitel hat. „Es kann keinem Zweifel unterliegen,“ ſagte mein Vater,„daß es zweckmäßig wäre, wenn Du jedem Haupt⸗ abſchnitt Deines Werkes, magſt Du ihn nun Buch oder Theil nennen, ein Einleitungs⸗Kapitel vorausſchickteſt.“ Piſiſtratus.—„Warum ſoll dies keinem Zweifel unterliegen können, Vater?“ Mr. Carton.—„Fielding ſtellt es als eine uner⸗ 134 läßliche Regel auf und bethätigt es mit ſeinem Beiſpiel. Und Fielding war ein kunſtgerechter Schriftſteller, der wohl wußte, was er that.“ Piſiſtratus.—„Erinnert Ihr Euch der Gründe, die er dafür anführt, Vater?“ Mr. Carton.—„Ei, freilich. Fielding ſagt zwar mit Recht, daß er nicht verpflichtet ſey⸗ ſeine Anſicht mit Gründen zu belegen, bringt aber deren an unterſchievlichen Stellen recht viele vor, in Betreff deren ich dich auf den Tom Jones verweiſen will. Nur ſoviel muß ich bemerken, daß einer ſeiner Gründe, welcher unwiderleglich iſt, auf den Vortheil aufmerkſam macht, der durch dieſe Einrichtung dem Leſer zu Theil wird— er kann gleich mit der vierten oder fünften Seite eines Werkes ſtatt mit der erſten anfangen. Dies iſt keineswegs von geringem Belang', ſagt Fielding⸗ da es Perſonen gibt⸗ die ein Buch nur deshalb leſen, um ſagen zu können, daß ſie's geleſen haben. Dies iſt ein weit allgemeinerer Beweggrund für die Lektüre, als man gemei⸗ niglich glaubt, und er gibt Anlaß, daß man nicht nur juridiſche Werke und ſonſtige gute Bücher, ſondern auch den Homer und Virgil, den Swift und Cervantes oft genug durchblättert. So,“ rief mein Vater triumphirend,„ich wette einen Schilling gegen zwei Pence, daß ich die Stelle auf's Wort getreu citirt habe.“ Mrs. Carton.—„Der Tauſend, das wäre ja nur zum Ueberhüpfen. Ich ſehe doch wahrhaftig keinen Vor⸗ theil in dem Schreiben eines Kapitel, damit es überſchlagen werde.“ ig⸗ um eit nei⸗ nur den nug „ich telle nur Vor⸗ agen „ 135 Piſiſtratus.—„Ich auch nicht.“ r. Carton, mit Beharrlichkeit.—„Es iſt die Ruhe in dem Bild— Fielding nennt es Contraſt—(noch entſchiedener) und ich ſage, es kann durchaus keinem Zweifel unterliegen. Außerdem— fügte mein Vater nach einer Pauſe bei— verdankt man dieſem Brauche eine Gelegen⸗ heit, auseinander zu ſetzen, was vorausgegangen iſt, oder auf das Kommende vorzubereiten. Vielleicht auch wird es Dir dadurch, da Fielding ganz der Wahrheit gemäß behaup⸗ tet, daß für eine ſolche Art hiſtoriſcher Compoſition einige Gelehrſamkeit nothwendig iſt⸗ ermöglicht, mit Leichtigkeit und Natürlichkeit dergleichen angenehmen Zierrath einzu⸗ flechten. Bei jedem Treppenabſatz der Terraſſe kannſt Du dem Auge als Ruhepunkt eine Urne oder eine Statue bieten, daneben auch, wenn Du Luſt dazu haſt, Haltpunkte für das Nachdenken anbringen und durch ein geſondertes, aber doch harmoniſches ethiſches Fach die Skizze eines Werks vervoll⸗ ſtändigen, das am Ende ein bloſes Ammenmährchen wäre, wenn es nicht auch einen allgemeinen Ueberblick über die Gedanken und Handlungen der Menſchheit in ſich faßte.“ Piſiſtratus.—„Aber in den Einleitungs⸗Kapiteln drängt ſich der Autor ſo ungebührlich vornehin, und wenn man eben auf die dramatis personae geſpannt iſt, ſieht man ſich plötzlich Angeſicht in Angeſicht dem Dichter ge⸗ genüber.“ Mr. Carton.—„Pah, dies läßt ſich wöhl ver⸗ hindern. Ahme den Chor der griechiſchen Bühne nach, der die Zwiſchenräume zwiſchen der Handlung dadurch ausfüllt, 136 daß er ſagt, was der Schriftſteller andernfalls in Perſon Cond hätte vorbringen mögen.“. nichte Piſiſtratus ſchlau.—„Dies iſt ein guter Gedanke, Vater. Ich habe bereits einen Chor im Ange und einen Chorägus dazu.“ Mr. Carton arglos.—„Aha, Du biſt nicht der vlöde Burſche, als den Du Dich anſtellſt, und ſelbſt wenn ein Schriftſteller ſich vornehin drängte, was läge daran? Es iſt eitel Ziererei, wenn man die Leute auf den Glauben ſolche bringen will, als könne ein Buch in die Welt kommen ohne Verfaſſer. Jedes Kind hat einen Vater, wenigſtens Cita: einen Vater, wie der große Condé ſehr gut in ſeinem eben Gedicht ſagt.“ Piſiſtratus.—„Der große Condé ein Dichter? Davon habe ich nie etwas gehoͤrt.“. dieſe Mr. Caxton.—„Ich will nicht gerade behaupten⸗ ume daß er ein Dichter war; aber er ſchickte ein Gedicht an Ma⸗ dage dame de Montanſier. Neidiſche Kritiker ſind der Meinung, er müſſe Jemand Anders für das Verfaſſen deſſelben bezahlt Kind haben; aber es iſt kein Grund für die Annahme vorhanden, daß ein großer Feldherr nicht auch ſollte ein Gedicht ſchreiben War können— ich ſage nicht, ein gutes Gedicht, ſondern nur ein Gedicht. Ich möchte wohl wiſſen, Roland, ob der Herzog denn je ſeine Feder in Stanzen an Maria' oder in Verſen'auf Held einen ſchlafenden Säugling verſucht hat.“ 4 Kapitän Roland.—„Auſtin, ich ſchäme mich Dei⸗ dem ner. Natürlich konnte der Herzog Verſe machen, wenn er. wollte— ich denke mir, Gedichte im Charakter des großen die F 8— i⸗ er en F— Condé— etwas Kriegeriſches und Heroiſches. Sicherlich nichts Anderes. Laß hören, was Du weißſt.“ Mr. Carton recitirend „Telle est du Cie! la loi sévère Qu'il faut q'un enfant ait un pere; On dit quelque kois Tel enfant en a jusqu'à trois.“ Kapitän Roland, ſehr unwillig.—„Condé hätte ſolches Zeug geſchrieben? Ich glaube es nicht.“ Piſiſtratus.—„Aber ich; und ich verwende die Citation in meinem Nutzen. Ihr und Roland, ihr beide ſollt eben ſo gut die Väter meines Kindes ſeyn, wie ich ſelbſt. Fel enfant en a jüsqu'ä trois.“ Mr. Carton feierlich.—„Ich will nichts wiſſen von dieſer Paternität; ſo weit ſich's übrigens hin und wieder um eine geſunde kleine Züchtigung handelt, habe ich nichts dagegen, die Pflicht eines Vaters zu erfüllen.“ Piſiſtratus.—„Einverſtanden. Habt Ihr über das Kind ſo weit noch etwas zu bemerken?“ Mr. Caxton.—„Es ſteckt noch im Tragekiſſen. Warten wir vorderhand, bis es gehen kann.“ Blanche.— Aber mit Erlaubniß, wen wollt ihr denn zum Helden machen— und ſoll Miß Jemima eure Heldin ſeyn?“ Kapitän Roland.—„Es ſteckt ein Geheimniß in dem—“ Piſiſtratus haſtig.—„Bſt, Onkel; Ihr müßt die Katze noch nicht aus dem Sack laſſen. Hört ihr alle! 2 138 Ich verließ Frank Hazeldean auf dem Weg nach dem Caſino.“ Zweites Kapitel. „Es iſt ein recht hübſcher, angenehmer Platz,“ dachte Frank, als er die Gatterthüre zu dem Weg über die Felder öffnete, in deren Hintergrunde das Caſino mit ſeinen Gyps⸗ pilaſtern auf ihn niederlächelte.„Nur wundert es mich, daß mein Vater, der doch ſonſt ſo pünktlich iſt, den Fahrweg mit ſeinen Löchern und ſeinem Unkraut ſo liegen läßt. Der fremde Herr empfängt wohl nicht viele Beſuche, wie ich ſehe.“ Als jedoch Frank den Platz unmittelbar vor dem Hauſe erreichte, fand er keine Urſache, ſich über den Mangel an Ordnung und Ausbeſſerung zu beklagen, denn nichts hätte in zierlicherem Stande erhalten werden können. Frank ſchämte ſich der Hufſpur, welche ſein Pony in dem glatten Sandweg abdrückte, ſtieg ab, band das Thier an das Pförtchen und ging zu Fuß auf die Glasthüre an der Vor⸗ verſeite des Gebäudes zu. 3 Er zog einmal, zweimal an der Klingel, ohne daß Jemand erſchien, denn die alte Magd, mit deren Gehor es ohnehin nicht am beſten ſtand, war weit weg in dem Hof und ſpähete nach den Eiern, welche möglicherweiſe ein ſcham⸗ loſes Huhn den Küchenzwecken entrückt hatte, während Schakeimo nach Stichlingen und Schmerlen ſiſchte, die, wenn ſie gefangen waren, im Verein mit den Eiern dazu — dienen Seele alte Y bezog mit de Belve „Jun und d ſo un herau von ſe unden Munt den er ſteckte aber ein n dieſe liener nehm ich ſe geger üͤber Verb dem achte elder yps⸗ „daß gmit Der ehe.“ Hauſe el an hätte Frank latten das Vor⸗ e daß hör es m Hof ſcham⸗ ihrend „ die, dazu 139 dienen mußten, ſowohl dem Herrn als dem Knechte Leib und Seele zuſammenzuhalten. Das glückliche Weibsbild, die alte Magd, theilte nicht den Tiſch ihres Gebieters, ſondern bezog ſtatt deſſen Koſtgeld. Frank läutete zum drittenmal mit dem Ungeſtüm ſeines Alters, und jetzt ſchaute von dem Belvedere auf der Terraſſe ein Geſicht nieder. „Diavolo!“ ſagte Doctor Riccabocea zu ſich ſelber. „Junge Hähne krähen laut auf ihrem eigenen Düngerhaufen und dieſer muß ein Hahn von hoher Race ſeyn, daß er ſich ſo ungeberdig benimmt auf dem eines andern.“ Mit dieſen Worten ſchlurfte er aus dem Pavillon heraus und zeigte ſich plötzlich vor Frank in einem Anzug von ſchwarzer Serge, in dem er wie ein Zauberer ausſah, und mit einer rothen Mütze auf dem Kopf, während ſeinen Mund eine Rauchwolke umhüllte— der letzte Labeſtrom, den er von ſich geblaſen hatte, ehe er ſeine Pfeife bei Seite ſteckte. Frank hatte den Doctor wohl ſchon früher geſehen, aber nie in einem ſo pedantiſchen Koſtüm; er war daher ein wenig betroffen, als er bei einer Wendung plötzlich dieſe ſeltſame Geſtalt neben ſich wahrnahm. „Signorino— junger Gentleman,“ begann der Ita⸗ liener, mit ſeiner gewöhnlichen Höflichkeit die Mütze ab⸗ nehmend,„entſchuldigt die Nachläſſigkeit meiner Leute— ich ſchätze mich überglücklich, Eure Befehle in Perſon ent⸗ gegenzunehmen.“ „Doctor Rickybocky?“ ſtammelte Frank, ſehr verwirrt über dieſe höfliche Anrede und die tiefe, aber doch ſtattliche Verbeugung, von welcher ſie begleitet war.„Ich— ich 140 habe ein Billet von der Halle. Mamma— das heißt, meine Mutter— und Tante Jemima laſſen ihre beſten Complimente vermelden und hoffen, daß Ihr kommen wer⸗ det, Sir.“ Der Doctor nahm das Billet mit einer abermaligen Verbeugung in Empfang, offnete die Glasthür und lud Frank zum Eintreten ein. Mit der gewöhnlichen Derbheit eines Schulknaben wollte der junge Gentleman ſich mit ſeiner Eile entſchuldi⸗ gen und die Einladung ablehnen; aber Doctor Riccaboeca's anſtandsvolles Benehmen ſchüchterte ihn ein, und da noch obendrein ein Blick durch die Thüre ſeine Neugierde reizte, ſo leiſtete er ſchweigend der Aufforderung Folge. Die Halle hatte die Form eines Achtecks und war ur⸗ ſprünglich mit Fachwerk getäfelt geweſen, in deſſen Fächer ver Italiener Landſchaften, reich von dem warmen ſonnigen Licht ſeines heimathlichen Klimas, gemalt hatte. Frank war kein Kunſtkenner, wurde aber gleichwohl in Erſtaunen geſetzt durch die abgebildeten Partien, die insgeſammt einen wirklichen oder eingebildeten See zur Schau ſtellten— dun⸗ telblaues glänzendes Waſſer, in dem der klare dunkelblaue Himmel ſich ſpiegelte. Auf einem der Bilder führte eine Treppenflucht nach dem See hinunter, an deſſen Ufern eine feſtlich geſchmückte Gruppe ſich beluſtigte; auf einem andern warf die untergehende Sonne ein roſiges Licht über eine große Villa oder einen Palaſt, in deſſen Hintergrund ſich die Alpen befanden, während rechts und links lange Reben⸗ arkaden ſich hinzogen und auf den Wellen unten Luſtboote ſchauke ſchaft, denſelb lingsöt Luſt, ſ her du Zimme mit eit Schüc feſſelte Aufme geweſe geſpar die du ſtehen! Cupid lichen ſcheinl Dioge gehen verhöl auder: rend einem Gänſ mann kräfte rahm beſten wer⸗ ligen d lud naben chuldi⸗ occa's noch reizte, ar r⸗ Fächer nnigen Frank ſtaunen it einen — dun⸗ kelblaue rte eine ern eine andern ber eine ſich die Reben⸗ uſtbvote 141 ſchaukelten. Kurz in allen acht Fächern bewahrte die Land⸗ ſchaft, bei mannigfaltiger Verſchiedenheit im Einzelnen, denſelben Allgemeincharakter, als ſey hier irgend eine Lieb⸗ lingsörtlichkeit abgebildet. Der Italiener zeigte jedoch keine Luſt, ſeine Kunſtwerke zu erklären, ſondern ſchritt vor Frank her durch die Halle, öffnete die Thüre ſeines gewöhnlichen Zimmers und bat ſeinen Gaſt einzutreten. Frank gehorchte mit einigem Widerſtreben und ſetzte ſich mit ungewohnter Schüchternheit auf die Ecke eines Stuhls. Doch auch hier feſſelten bald neue Proben von der Kunſt des Doctors ſeine Aufmerkſamkeit. Das Gemach war urſprünglich tapezirt geweſen; Riccaboeca aber hatte Leinwand über die Wände geſpannt und unterſchiedliche ſatyriſche Bilder darauf gemalt, die durch Einfaſſungen, aus phantaſtiſchen Arabesken be⸗ ſtehend, von einander getrennt waren. Da ſchob z. B. Cupidvo einen Schubkarren voll Herzen, die er an einen häß⸗ lichen alten Kerl mit einem Geldſack in der Hand— wahr⸗ ſcheinlich Plutus— zu verkaufen ſchien. Dort ſah man Diogenes mit der Laterne in der Hand über den Marktplatz gehen, wie er einen ehrlichen Menſchen ſucht; die Kinder verhöhnen ihn und die Hunde pelfern ihm nach. An einem andern Platze ſtack ein Löwe halb in einer Fuchshaut, wäh⸗ rend ein Wolf im Schafskleid ſich ganz freundſchaftlich mit einem jungen Lamm unterhielt. Dort ſtreckten ſchnatternde Gänſe ihre Hälſe aus dem römiſchen Capitol, während die mannhaften Eindringlinge in einiger Entfernung aus Leibes⸗ kräften davon liefen. Kurz, in allen dieſen zierlichen Ein⸗ rahmungen war irgend ein beißender Sarcasmus ſymboliſch ——————— ——— 142 dargeſtellt, und nur über dem Kaminmantel befand ſich ein Bild von ernſterem und rührenderem Charakter. Es ſtellte einen Mann im Pilgergewand dar, der mit feinen, aber zahlloſen Banden an die Erde gefeſſelt war, während ein geſpenſtiſches Abbild ſeines Ichs, ſein Schatten, geſehen wurde, wie er durch eine ſcheinbar endloſe Viſta hinab⸗ ſchwebte. Unter dem Bilde las man die pathetiſchen Worte des Horaz: 5 „Patriae quis exul 8e quoque fugit?“ „Kann, wer aus dem Vaterlande floh, ebenſogut ſich ſelbſt entfliehen?“ Das Möbelwerk des Zimmers war ungemein einfach und etwas dürftig, doch aber ſo angebracht, daß es dem Gemach einen Anſtrich von Eleganz und Geſchmack ver⸗ lieh. Sogar die Paar Gypsbüſten und Statuen, obſchon ſie nur einem herumziehenden Figurenhändler abgekauft waren, verfehlten nicht, einen elaſſiſchen Eindruckzu machen; denn ihr Weiß nahm ſich ſehr gut aus zwiſchen den darum her gruppirten Bäumen oder vor dem zierlich aus Band⸗ weiden geflochtenen Gitterwerk, welches durch die einfache Vorrichtüng von mit Erde gefüllten und auf den Boden geſtellten Holztrögen die Haftpunkte für Paraſitenpflanzen abgab, ſo daß die bunten Blumen einen lebhaften Gegen⸗ ſatz bildeten zu den dicht verwobenen Epheublättern und das ganze Zimmer das Ausſehen einer Laube gewann. „Darf ich Euch um Erlaubniß bitten?“ ſagte der Ita⸗ liener mit dem Finger an dem Siegel des Schreibens. „O ja,“ verſetzte Frank mit Naivität. 5 ſtahl ſ von F ſchien das V kaum haben über unbeſ das ſtaben len, e ſchaft der Je Frank Ihrn ſie ſol Antw und ſ lände wie e zuwä Schr ſtabe ein tellte aber d ein ſehen inab⸗ Worte ſelbſt emein daß es ck ver⸗ bſchon gekauft achen; darum Band⸗ einfache Boden flanzen Gegen⸗ n ud m. der Ita⸗ 8. 143 Riccaboeca erbrach das Siegel, und ein leichtes Lächeln ſtahl ſich über ſein Geſicht. Dann wandte er ſich ein wenig von Frank ab, beſchattete das Geſicht mit der Hand und ſchien nachzudenken.„Mrs. Hazeldean,“ nahm er endlich das Wort,„erweist mir eine ſehr große Ehre. Ich erkenne kaum ihre Handſchrift, ſonſt würde ich mich mehr beeilt haben, das Billet zu öffnen.“ Die dunkeln Augen ſchauten über der Brille weg und drangen geradewegs in Franks unbeſchütztes und undiplomatiſches Herz. Der Doctor erhob das Papier und deutete mit dem Zeigefinger auf die Buch⸗ ſtaben. „Couſine Jemima's Hand,“ ſagte Frank ſo unverhoh⸗ len, als ob die Frage an ihn gerichtet worden wäre. Der Italiener lächelte.„Mr. Hazeldean hat Gefell⸗ ſchaft in ſeinem Hauſe?“ „Nein, das heißt, nur Barney— den Kapitän. Vor der Jagdſaiſon gibt es ſelten viel Geſellſchaft bei uns,“ fügte Frank mit einem leichten Seufzer bei, und dann iſt, wie Ihr wißt, die Vacanz vorüber. Ich für meinen Theil meine, ſie ſollte einen Monat ſpäter ſtattfinden.“ Der Doctor ſchien durch den erſten Satz in Franks Antwort beruhigt zu ſeyn; denn er ſetzte ſich an den Tiſch und ſchrieb ſeine Erwiederung— nicht haſtig, wie wir Eng⸗ länder ſchreiben, ſondern mit Sorgfalt und Genauigkeit, wie einer, der gewöhnt iſt, die Beſchaffenheit der Worte ab⸗ zuwägen, in jener ſteifen italieniſchen Hand, welche dem Schreiber Zeit läßt, nachzudenken, während er ſeine Buch⸗ ſtaben bildet. Er entgegnete daher vorläuſig nichts auf —.—— 144 Franks Bemerkung über die Vacanz und ſchwieg, bis er mit ſeiner Rückſchrift zu Stande gekommen war; dann über⸗ las er ſie dreimal, ſiegelte ſie, nachdem er langſam eine Kerze angezündet hatte, und übergab ſie ſodann Frank mit den Worten— „Um Euretwillen, junger Gentleman, bedaure ich, daß Eure Vacanz ſo früh einfällt; um meinetwillen aber muß es mich freuen, weil ich dadurch ſo glücklich werde, dieſe freundliche Einladung aus Euren Händen zu empfan⸗ gen, durch welche ſie mir doppelt angenehm wird.“ „Der Henker hole den Menſchen mit ſeinen ſchönen Reden! Man weiß ja nicht, in welche Richtung man ſchauen ſoll,“ dachte der engliſche Frank. Der Italiener lächelte wieder, als habe er diesmal in der Seele des Knaben geleſen, ohne jener durchdringenden ſchwarzen Augen zu bedürfen, und ſagte mit weniger Förm⸗ lichkeit, als zuvor—„Ihr macht Euch wohl nicht viel aus Complimenten, junger Gentleman?“ „Nein, wahrhaftig nicht,“ verſetzte Frank herzlich. „Um ſo viel beſſer für Euch, daß Euch Euer Weg durch die Welt ſchon gebahnt iſt; es wäre ſchlimm, wenn Ihr ihn Euch ſelbſt ſchaffen müßtet.“ Frank machte ein verlegenes Geſicht und wandte ſich, da der Gedanke zu tief für ihn war, gegen die Bilder. „Die ſind recht ſpaßhaft,“ ſagte er,„und ſcheinen gut gemacht zu ſeyn. Wer hat ſie gemalt?“ mir nicht annehmen wolltet.“ „Signorino Hazeldean, Ihr macht mir, was Ihr von nicht ger daß eig is er über⸗ eine k mit e ich, aber verde, pfan⸗ chönen chauen mal in genden Förm⸗ iel aus lich. Weg „wenn r. inen gut Ihr von „Eh?“ verſetzte Frank fragend. „Complimente!“ „Oh— ich?— Nein. Aber ſie ſind ſchon gemalt, oder nicht, Sir?“ „Nicht beſonders. Ihr ſprecht mit dem Verfertiger.“ „Wie— Ihr habt ſie gemacht?“ „Ja“ „Und die Bilder in der Halle?“ „Gleichfalls.“ „Der Natur entnommen— eh?“ „Die Natur läßt ſich nichts nehmen,“ verſetzte der Italiener ſententiös, vielleicht um der Frage auszuweichen. „Oh!“ ſagte Frank, abermals in Verwirrung. „Ich muß Euch jetzt guten Morgen wünſchen, Sir. Es freut mich ſehr, daß Ihr kommt.“ „Ohne Compliment?“ „Ohne Compliment.“ „A rivedersi— Gott befohlen vorderhand, mein jun⸗ ger Signorino. Hier hinaus,“ fügte er bei, als er bemerkte, daß Frank einen Anlauf gegen die unrechte Thüre nahm. „Kann ich Euch ein Glas Wein anbieten? Er iſt rein; eigenes Gewächs.“ „Nein, ich muß in der That ſchoͤn danken,“ rief Frank, der ſich plötzlich der Ermahnung ſeines Vaters erinnerte. „Gott befohlen! Bemüht Euch nicht; ich kenne jetzt meinen Weg.“ Aber der geſchmeidige Italiener folgte ſeinem Gaſt bis nach dem Pförtchen, wo der Pony angebunden ſtand. Der Bulwer, meine Novelle. 10 welcher fürchtete, ein ſo höflicher Wirih junge Gentleman, könnte ihm den Steigbügel halten wollen, riß haſtig den Zaum los und ſchwang ſich auf das Thier, ohne den Italiener auch nur um den Weg nach Rood Hall zu befragen, obſchon ihm derſelbe vollkommen unbekannt war. Das Auge des Doctors folgte dem Knaben, während dieſer zwiſchen den Gehägen einen Abhang hinanritt. Riccaboeca ſeufzte dabei ſchwer auf und ſprach vor ſich hin: „Je weiſer wir werden, deſto mehr ſehnen wir uns zu dem Alter unſerer Thorheit zurück. Es iſt beſſer, mit leichtem Herzen den ſteinigten Hügel hinangaloppiren, als hier in dem Pavillon ſitzen, um über den ſteinigten Wahr⸗ heiten Macchiavellis Wie wahr zu rufen.“ Mit dieſen Worten kehrte er nach dem Belvedere konnte aber ſeine Studien nicht wieder aufnehmen. Er betrachtete einige Minuten die Ausſicht, bis ihn dieſe an die Felder erinnerte/ auf deren Pachtung Schakeimo ſo er⸗ picht war, und dieſe riefen ihm Lenny Fairfield ins Gedächt⸗ niß. Er kehrte nach dem Hauſe zurück, kam aber bald in ſeinem Ausgangskoſtüm wieder zum Vorſchein, dem Mantel, dem Regenſchirm und der angezündeten Pfeife, um nach dem Dorfe Hazeldean hinzuſpazieren. 3 Frank war eine Weile fortgaloppirt und machte jetzt vor einer Hütte Halt, wo er erfuhr, daß er durch einen Ritt querfeldein wohl eine Stunde Wegs nach Rood Hall abſchneiden konnte. Da er jedoch die Richtung verfehlte, ſo kam er wieder auf die Landſtraße, wo ein Schlagbaum⸗ wärter, dem er ſein Weggeld bezahlt hatte, ihn auf's Neue zurück, die hu irth den ener chon des den abei is zu mit „ als Bahr⸗ urück, Er eſe an ſo er⸗ dächt⸗ ald in tantel, nach te jetzt einen dHall rfehlte, gbaum⸗ s Neue zurechtwies. Der kürzere Weg führte zuletzt in einige grüne Heckengaſſen, wo ein verwitterter Wegweiſer die Richtung nach Rood angab. Nachdem Frank, um eine Wegſtrecke von vier Stunden auf drei zu ermäßigen, ſechs Stunden geritten war, gelangte er plötzlich auf ein wildes Stück Urbodens, das halb Jagdgrund, halb Waideplatz zu ſeyn ſchien und in deſſen ſeltſamen Winkeln ſchlumpichte, verfallende Hütten von erbärmlichem Ausſehen umhergeſtreut waren. Müßige, ſchmutzige Kinder fertigten Paſteten an aus Straßenkoth, unordentlich gekleidete Weiber machten Strohgeflechte unter den Hausthüren, und eine große aber verwahrloste und baufällige Kirche ſtand kühn und kahl an der Straße, als wolle ſie der Welt verkündigen, daß die Generation, von welcher ſie gebaut wurde, frömmer geweſen ſey, als die jetzt lebende. „Iſt dies der Weg nach Rood?“ fragte Frank einen ſtämmigen jungen Mann, der an der Straße Steine zer⸗ ſchlug— ein trauriges Zeichen, daß keine beſſere Arbeit für ihn zu finden war. Der Steinſchläger nickte verdrießlich und machte in ſei⸗ ner Arbeit fort. „Und wo iſt die Halle— Mr. Leslie's Wohnung?“ Der Mann blickte in dummem Staunen auf und langte diesmal an ſeinen Hut. „Wollt Ihr hin?“ „Ja, wenn ich ſie finden kann.“ „So will ich's Euer Ehren zeigen,“ ſagte der Baner hurtig. 10* 148 Frank zügelte ſeinen Pony und der Mann ſchritt an ſeiner Seite hin. Trotz der Verſchiedenheit des Alters und ungeachtet jenem noch ſchrofferen Wechſel in den Sitten, durch den die fortſchreitende Civiliſation ſpäterer Generationen ſich kund⸗ zugeben pflegt, hatte doch Frank viel von ſeinem Vater; denn bei all ſeiner in Eton erworbenen Stutzerhaftigkeit war er doch ſchnell familiär mit den Bauern und hatte für länd⸗ liches Weſen ganz das Auge eines auf dem Lande Geborenen. „Ihr ſcheint in dem Dorfe da kein ſonderliches Fort⸗ kommen zu finden, mein guter Freund?“ „Nein; Winters gibt's viel Noth hier, und was dies anbelangt, im Sommer auch, und von der Gemeinde hat ein lediger Menſch nicht viel zu erwarten.“ „Aber ich denke, die Landwirthe brauchen hier Arbeiter ſo gut als anderwärts?“ „Wohl; aber es gibt nicht viel Bauernwerk hier. Was zur Dorfmarkung gehoͤrt, iſt meiſt wilder Grund.“ „Aber der Arme hat doch ein Anrecht auf die Allman⸗ den, ſollte ich meinen,“ bemerkte Frank, der einen großen Haufen vagabundirenden Geflügels und vierfüßigen Vieh's auf der Heide bemerkte. „Ja, Nachbar Timmins läßt ſeine Gänſe auf der Allmand laufen, und hin und wieder hat einer eine Kuh⸗ dazu kommen noch Nachbar Jowla's Schweine. Aber ich weiß nicht, ob es dafür ein Recht gibt. Die Leute in der Halle thun zwar Alles, was ſie können, um uns zu helfen; aber das will nicht viel heißen, denn ſie ſind nicht ſo reich, wie Str in d ger mit ein ger art an et die nd⸗ e war ind⸗ nen. ort⸗ dies hat eiter Was man⸗ roßen Bieh's uf der Kuh⸗ er ich in der helfen; o reich, 149 wie manche andere. Gleichwohl,“ fügte der Bauer mit Stolz bei,„find ſie von ſo gutem Blut, als irgend einer in der Grafſchaft.“ „Jedenfalls freut es mich, wahrzunehmen, daß Ihr ſie gern habt.“ „O ja, ich habe ſie gern genug. Ihr ſeyd vielleicht mit dem jungen Gentleman auf der Schule?“ „Ja,“ verſetzte Frank. „Ah! Ich hörte den Pfarrer ſagen, Maſter Randal ſey ein mächtig geſcheidter Junge und werde eines Tags reich genug werden. Wollte Gott, es wäre ſo, denn bei einem armen Squire iſt auch die Gemeinde arm. Dort iſt die Halle, Sir.“ Drittes Kapitel. Frank ſchaute geradaus und erblickte ein viereckiges Gebaͤude, das ungeachtet ſeiner modernen Schiebfenſter einem fernen Alterthum angehorte. Das Haus hatte ein hohes kegelförmiges Dach; ein Kaminſtock mit hohen zier⸗ lichen Schornſteinſpitzen von rothgebranntem Thon, ähnlich denen zu Suttonplace in Surrey, überragte herriſch die ein⸗ zelnen gemeinen Rauchableiter von der unedeln Form der gegenwärtigen Zeit; verwitterte Steinornamente umrahmten innerhalb eines Tudorbogens eine Thüre von dem comfor⸗ tabeln Datum Georgs des Dritten, und all dies im Verein mit dem eigenthümlich ſchmutzigen, wetterfleckigen Ausſehen —————— ver kleinen, ſchön gearbeiteten Ziegel, aus denen das Haus gebaut war, deutete darauf hin, daß der Wohnplatz früherer. Bei Generationen mit geſchmackloſer Unehrerbietigkeit den Ge⸗ Eile wohnheiten von Nachkömmlingen angepaßt worden war, die Fan nichts wußten von Pugins Licht und keinen Sinn hatten für ſich vie Poeſie der Vergangenheit. Das Gebäude war aus der in 1 vüſtern öden Landſchaft urplötzlich vor Frank aufgetaucht, zieh denn es lag in einem Thaleinſchnitt und wurde dem Blick mer durch eine unordentliche Gruppe von ſiechen, zackigen, trüb⸗ ſein ſeligen Föhren entzogen, bis eine ſchnelle Wegwendung die⸗ Geſ ſen Schirm bei Seite ſchob und die verödete Stelle ſchutz⸗ mer los dem unbefriedigten Blicke preisgab. Frank ſtieg ab; er der Bauer hielt ihm den Pony, und nachdem die Halsbinde eine gehörig zurecht gezupft war, ſtolzirte der patente Etonianer alte Sck nach der Thüre hinauf, wo er die tiefe Stille des Platzes durch den kräftigen Anſchlag des neumodiſchen Meſſing⸗ Ta klopfers unterbrach— ein Ton, welcher flugs aus ſeinem ren Neſt unter den Rinnen des Giebeldachs einen erſtaunten den Staar aufſchreckte und eine ganze Wolke von Sperlingen⸗ ſche Meiſen und Emmerlingen von der Streu eines ſchlumpich⸗ ſiel ten Meierhofs wegjagte, der rechts neben der Halle lag und Gr durch ein primitives Holzgeländer ohne Anſtrich abgezäunt ſen war. Im Laufe der Zeit ſpazierte ein Mutterſchwein, be⸗ Ei gleitet von einer gedeihlichen forſchluſtigen Familie, nach wo der Zaunthüre herauf, ſtützte ihren Rüſſel auf den unteren St Querbalken derſelben und betrachtete den Ankömmling mit ſtů einem Blicke, in welchem ſich viel Neugierde mit etwas de Argwohn miſchte. uen gã ür der ht. lick üb⸗ ie⸗ utz⸗ ab; nde mner tzes ing⸗ nem nten gen, pich⸗ und äunt be⸗ nach teren mit twas 15¹ Während Frank noch außen iſt und ungeduldig ſeine Beinkleider mit der Reitgerte peitſcht, wollen wir in der Eile einen Blick werfen auf die achtbaren Mitglieder der Familie innen. Mr. Leslie, der pater familias, befindet ſich in einem kleinen Gemach, das Studirzimmer genannt, in welches er ſich jeden Morgen nach dem Frühſtück zurück⸗ zieht, um etwa gegen Ein uhr wieder zum Vorſchein zu kom⸗ men, weil er gewöhnt iſt, zu dieſer unfaſhionabeln Stunde ſein Mittagsmahl einzunehmen Welche geheimnißvollen Geſchäfte Mr. Leslie während dieſer Zeit in Anſpruch neh⸗ men, hat ſich nie Jemand denken können. Eben jetzt ſitzt er vor einem kleinen, gichtbrüchigen Schreibtiſch, deſſen eines Bein, weil es kürzer iſt, als das andere, verſchiedene alte Briefe und Zeitungsfetzen zur Unterlage hat. Der Schreibtiſch ſteht offen und enthält eine große Menge von Taubenlöchern und Fächern, die mit unterſchiedlichen, wäh⸗ rend vieler Jahren geſammelten Dingen angefüllt ſind. In den einen finven ſich Bündel ſehr vergilbter Briefe, mit ver⸗ ſchoſſenen Schnüren zuſammengebunden, in einem andern ſieht man, ausſchließlich dieſem Zwecke gewidmet, ein Stück Grauwacke, das Mr. Leslie auf einem Spaziergang aufgele⸗ ſen hat und das er für ein ſehr ſeltenes Mineral hält. Ein Zettel mit hübſcher Schrift verkündet, daß es gefunden ward„in Hollow Lane, den 21. Mai 1824 von Maunder Slugge Leslie, Esquire.“ Das nächſte Fach enthält Eiſen⸗ ſtücke in der Form von Nägeln, zerbrochenen Hufeiſen und dergleichen, die Mr. Leslie gleichfalls auf ſeinen Spazier⸗ gängen fand; einem harmloſen Volksaberglauben zu Folge —————— 152 hielt er es nämlich für unglückbringend, ſolche Dinge nicht aufzuleſen, und für nicht minder unheilvoll, das Aufge⸗ hobene wieder wegzuwerfen. Ferner im anſtoßenden Tauben⸗ loche eine anſehnliche Sammlung von durchlöcherten Kieſel⸗ ſteinen, aus demſelben Grunde aufbewahrt, nebſt einem krumm geſchlagenen Sechspenceſtück. Ferner, hübſch in phantaſiereiche Moſaik geordnet, mehrere Herzmuſcheln, Mohrenzähne(ich meine die Muſcheln, welche dieſen Namen führen) und andere Pröbchen von dem Scharfſinn der Natur in Hervorbringung von Conchilien; die Sammlung iſt zum Theil ein Erbſtück aus dem Nachlaſſe einer jungfräulichen Angehörigen ſeines Stammbaums, zum Theil ward ſie von Mr. Leslie ſelbſt zuſammengebracht, als er in ſeiner Jugend einmal einen Ausflug nach der Küſte machte. Dann kom⸗ men die Rapporte des Gutsvogtes, mehrere Pakete Rech⸗ nungen, ein alter Steigbügel, drei Paar Knie⸗ und eben ſo viele Schuhſchnallen, welche Mr. Leslie's Vater gehört hatten, einige Petſchafte, die vermittelſt eines Schuhneſtels zuſammen gehalten werden, ein Zahnſtocherfutteral mit Fiſchhaut überzogen, ein in Schildkrott gefaßtes Vergröße⸗ rungsglas zum Leſen, die erſten Schreibbücher ſeines älteſten Sohns, die ſeines zweiten Sohns, die ſeiner Tochter und eine Haarlocke ſeiner Gattin, in einen Liebesknoten geſchlun⸗ gen, unter Glas und mit Metalleinfaſſung. Außerdem ſieht man eine kleine Mäuſefalle, einen Patentſtöpſelzieher, der für den gewöhnlichen Gebrauch zu gut erſcheint, Bruchſtücke von einem ſilbernen Theelöffel, der in Folge eines natür⸗ lichen Zerfalls bei der Auflöſung ſeiner Theile angelangt iſt, und penc der einet tere hat fidei wür vork Ord er e pfle dem ſam Kon gla als wur ſein len mel zim Au tiſe icht en⸗ ſel⸗ tem in eln, men atur zum chen von gend kom⸗ kech⸗ en ſo hört ſtels mit röße⸗ eſten und hlun⸗ ſieht „der ſtücke atür⸗ 153 und einen kleinen braunen Holländerbeutel, in dem ſich Halb⸗ pence befinden von verſchiedenem Datum, bis zur Regierung der Königin Anna zurück, nebſt zwei franzöſiſchen Sous und einem deutſchen Silbergroſchen. Mr. Leslie pflegt die letz⸗ tere Sammlung hochtönend ſeine Münzen zu nennen und hat ihnen in ſeinem Teſtament die Bedeutung eines Familien⸗ fideicommiſſes verliehen. Dann ſind noch viele andere Merk⸗ würdigkeiten von ähnlicher Beſchaffenheit und gleichem Werthe vorhanden—„quae nune discribere longum est.“ Mr. Leslie war eben damit beſchäftigt, ſeine Sachen in Ordnung zu bringen, wie er's nannte— eine Aufgabe, die er einmal in der Woche mit größter Pünktlichkeit zu erfüllen pflegte. Heute war der Tag dazu, und er wollte eben, nach⸗ dem er ſeine Münzen gezählt hatte, ſeinen Beutel wieder zu⸗ ſammenbinden, als der Schall von Franks Pochen an ſein Ohr ſchlug. Mr. Maunder Slugge Leslie hielt inne, ſchüttelte den Kopf, als könne er nicht recht an die Wirklichkeit des Tones glauben, und wollte ſchon ſein Geſchäft wieder aufnehmen, als er von einem ſo gewaltigen Anfall von Gähnen ergriffen wurde, daß der Beutel volle zwei Minuten unzugebunden in ſeiner Hand blieb. Während es alſo auf dem Studirzimmer hergeht, wol⸗ len wir uns den Ergötzlichkeiten des Beſuchzimmers oder viel⸗ mehr des Wohnzimmers zuwenden. Das eigentliche Beſuch⸗ zimmer befand ſich im erſten Stock und hatte eine bezaubernde Ausſicht, nicht nach den Föhren, ſondern nach der roman⸗ tiſchen wellenförmigen Waldlandſchaft, war aber ſeit dem —————— Tod der letztverſtorbenen Mrs. Leslie nicht mehr benützt losge worden, weil man meinte, es ſey zu gut, um ſich anders als. den in Gegenwart von Geſellſchaft darin aufzuhalten, und da geric nie Geſellſchaft erſchien, ſo kam es natürlich nie zur Ver⸗ war wendung. Jetzt war es damit ſo weit gekommen⸗ daß in ſelbſt Folge der Feuchtigkeit die Tapeten von den Wänden fielen, hätt während die Ratten⸗ Mäuſe und Motten, dieſe„edaces Näh rerum“, die meiſten Stuhlſitze und einen beträchtlichen Theil und des Bodens zerfreſſen hatten. Deshalb war denn auch das zeug Wohnzimmer der einzige zum Aufenthalt geeignete Platz⸗ der L in welchem das Frühſtück, das Mittagsmahl und das Nacht⸗ zwar eſſen eingenommen wurde; auch pflegte daſelbſt Mr. Leslie ſie e nach letzterem bei ſeinem Grog zu rauchen, ſo daß man nicht dem in Abrede ziehen konnte, das Gemach ſtehe in einem Geruch früh — nicht gerade der Heiligkeit, wohl aber in einem com⸗ ſehr fortabeln, geſunden Familiengeruch, der auf zahlreiche Mahl⸗ Zwi zeiten und behagliche Letzungen hindeutete. um Es waren zwei Fenſter vorhanden; das eine hatte die eine volle Ausſicht nach den Föhren, das andere nach dem Oel Farmhof, deſſen Hintergrund der Schweinſtall bildete. Kan Neben dem Föhrenfenſter ſaß Mrs. Leslie und hatte vor aus ſich auf einem hohen Stuhl einen Korb ſtehen, in welchem brat ſich die ausbeſſ erungsbedürftige Leinwand der Kinder befand. dert Daneben ſtand ein mit Meſſing eingelegter Arbeitstiſch aus mei Roſenholz in jenem eigenthümlichen Geſchmack, den man wiſſ gemeiniglich„Brumagem“ nennt— ein Hochzeitgeſchenk aus der Dame und urſprünglich ein gar koſtbarer Gegenſtand; Stellen das Meſſing hat jetzt aber hatte ſich an mehreren tzt s da er⸗ in en, ces heil das latz⸗ cht⸗ slie icht ruch com⸗ ahl⸗ te die dem ldete. e vor chem efand. ch aus tman eſchenk iſtand; Reſſing 15⁵ losgemacht und an den Fingern der Kinder ſowohl, als an den Kleidern der Mrs. Leslie nicht geringe Zerſtörungen au⸗ gerichtet. In Folge dieſer unverſchämten Meſſingleiſten war der Tiſch das lebhafteſte Stück Möbel im Haus, das, ſelbſt wenn es ein Affe geweſen wäre, keinen größeren Unfug hätte anrichten können. Auf demſelben befand ſich eine Nählade ſammt Fingerhut, eine Scheere, Knauel Garn und Zwirn und kleine Streifen Leinwand und Baumwollen⸗ zeug zum Flicken. Aber Mrs. Leslie war nicht wirklich in der Arbeit begriffen, ſondern ſchickte ſich erſt dazu— und zwar ſchon ſeit anderthalb Stunden. Auf ihren Knien hatte ſte einen Roman liegen, von einer Dame verfaßt, die unter dem Namen einer„Mrs. Bridget Blue Mantle“ für eine fruhere Generation ſchrieb. In der Linken hatte ſie eine ſehr feine Nadel und in der Rechten ein ſehr grobes Trum Zwirn, deſſen Ende ſie gelegentlich gegen ihre Lippen führte, um ſodann, die Augen fortwährend auf das Buch geheftet, einen blinden hin⸗ und herſchwankenden Angriff auf das Oehr der Nadel zu machen. Aber eben ſo leicht wäre ein Kameel durchgegangen. Indeß feſſelte der Roman nicht ausſchließlich Mrs. Leslie's Aufmerkſamkeit, denn ſie unter⸗ brach ihre Lektüre gelegentlich damit, daß ſie mit den Kin⸗ dern ſchmählte, daß ſie fragte, wie viel Uhr es ſey, daß ſie meinte, Sara werde nie zu Etwas taugen, und daß ſie zu wiſſen wünſchte, ob Mr. Leslie wohl je den Arbeitstiſch ausbeſſern laſſen werde. Mrs. Leslie iſt eine ziemlich hübſche Frau geweſen und hat noch immer, ungeachtet ihres Anzugs, der ſich etwas ——————— 156 ungeordnet und ſpärlich ausnimmt, das Ausſehen einer Lady, vielleicht ſogar in einem höhern Grade, als ſich dies mit den ſauren Pflichten ihrer Lage zu vertragen ſcheint. Sie iſt ſtolz auf das Alter ihrer Familie von beiden Seiten; denn ihre Mutter gehörte dem ehrwürdigen Stamm der Daudler von Daudle⸗Place an⸗ eines Geſchlechtes, das ſchon vor der Froberung beſtand. Ueberhaupt braucht man nur unſere früheſten Chroniken zu leſen oder eines jener ge⸗ dehnten, moraliſtrenden Gedichte zu überblicken, an denen die Thane und Galdermen einer früheren Zeit ihre Luſt hat⸗ ten, um die Ueberzeugung zu gewinnen, daß die Daudle eine ſehr einflußreiche Familie geweſen ſeyn müſſen, eh' Wilhelm der Eroberer im Lande das Unterſte zu oberſt kehrte. Während ſo das Geſchlecht der Mutter unzweifelhaft ſäch⸗ ſiſch war, hatte das des Vaters nicht nur den Namen, ſon⸗ dern auch die Sinneseigenthümlichkeit der Normannen, welche ſo weit ging⸗ in Betreff des fortlaufenden Unter⸗ ſchieds zwiſchen Eroberern und Eroberten jene Grille feſt⸗ zuhalten, welche der berühmte Verfaſſer des Werks„Sybille oder die zwei Nationen““ aufgeſtellt hat. Mrs. Leslie's Vater konnte ſich des Namens Montfydget berühmen und ſtammte ohne Zweifel von den großen Baronen Montſichet ab, welche vordem ſo ausgedehnte Ländereien und ſo un⸗ ruhige Schlöſſer beſaßen. Die Montfydgete waren ein ſo hochnaſiges⸗ mageres unb reizbares Geſchlecht, wie dies nur der ärgſte Störenfried von einem Normannen wünſchen tonnte, und die Kreuzung der Racen gab ſich ſogar dem „DIsraeli. gewi phyſ nen. und einic ler d Mä mit Gen Fra Mir Har Pul plar ſein ihm Eto blic voll ſich der zwi ber der Jal Ge geſ ner ies int. en; der das man ge⸗ enen hat⸗ udle eh' hrte. ſäch⸗ „ſon⸗ nnen, Inter⸗ e feſt⸗ ybille eslie's n und tſichet ſo un⸗ ein ſo ie dies ünſchen ar dem 457 gewöhnlichſten Phyſiognomen auf den erſten Blick in der phyſiſchen und moraliſchen Natur der Mrs. Leslie zu erken⸗ nen. Sie hatte das ſpeculative blaue Auge des Sachſen und die leidenſchaftliche hohe Naſe des Normannen und ver⸗ einigte in ſich mit der träumeriſchen Thatloſigkeit der Dand⸗ ler die rückſichtsloſen Haltfeſtgelüſte der Montfydgete. Zu Mrs. Leslie's Füßen unterhielt ſich ein kleines Mädchen, deſſen ſchöne Haare über die Ohren niederfielen, mit einer naſenbrüchigen Puppe, und am andern Ende des Gemachs ſaß vor einem hohen Schreibpult der älteſte Sohn, Frank's Schulkamerad von Eton her. Letzterer hatte einige Minuten, bevor Frank durch ſeinen Lärm die Ruhe des Hausweſens aufſtörte, die Augen von den Büchern auf dem Pulte abgewandt, um nach einem ſehr verbrauchten Exem⸗ plar des griechiſchen neuen Teſtaments zu ſehen, in welchem ſein Bruder Oliver eine Schwierigkeit gefunden hatte, die ihm Randal löſen ſollte. Da das Geſicht des jungen Etonianers dem Lichte zugekehrt war, ſo würde der erſte An⸗ blick dem Beſchauer wohl ein wehmüthiges aber achtungs⸗ volles Intereſſe eingeflößt haben; denn in den Zügen ließ ſich nichts mehr bemerken von dem frohſinnigen Charakter der Jugend— ja, es befand ſich ſogar ſchon eine Furche zwiſchen den Brauen. Die Linien der Erſchöpfung waren bereits ſichtbar unter den Augen und um den Mund, und der gelblichten Geſichtsfarbe entſprachen die blaſſen Lippen. Jahre eifrigen Studiums hatten bereits die Keime manchen Gebrechens, manchen Schmerzes in die zarte Organiſation geſät; wenn aber der Blick länger auf dem Antlitz ruhte, ſo Mitleid einem anderen unheim⸗ das vielleicht mit der Furcht ver⸗ Ausdruck ließ ſo viel kalte ruhige Kraft erkennen, daß ſie die Hinfälligkeit des Körpers Lügen ſtrafte. Man ſah darin die Kundgebung eines Geiſtes⸗ der ſehr gebildet war; aber man mußte doch ſagen, daß ge⸗ rade in dieſer Bildung etwas Furchtbares liege. Einen merkwürdigen Gegenſatz zu dieſem geiſtreichen aber früh⸗ zeitig hingewelkten Geſichte bot das geſunde runde Antlitz Hlivers, der das langſame blaue Auge feſt auf die durchboh⸗ renden Bälle ſeines Bruders heftete, als verſuche er mit aller Macht einen Strahl jener Erkenntniß in ſich aufzunehmen⸗ mit welcher ſie ſternengleich plinkten, klar und kalt. Bei Franks Pochen begannen Olivers blaue Augen lebhaft zu funkeln, und er eilte von der Seite ſeines Bru⸗ ders weg. Das kleine Mädchen ſchüttelte die Locken aus dem Geſicht und blickte die Mutter mit einem Ausdrucke an⸗ in welchem ſich Neugierde und Furcht kund gab. Der junge Student furchte die Stirne und wandte ſich langſam wieder zu den Büchern auf ſeinem Tiſch⸗ „Ach, Himmel!“ rief Mrs. Leslie,„wer kann moͤg⸗ licherweiſe dies ſeyn? Oliver, tritt vom Fenſter zurück— auf der Stelle! Man könnte Dich ja ſehen. Juliet, hurtig — die Klingel gezogen! Nein; geh nach der Treppe und ſage: nicht zu Hauſe. Nicht zu Hauſe— unter allen Um⸗ ſtänden,“ wiederholte Mrs. Leslie aufgeregt, denn das Blut der Mondfydgete war jetzt in vollem Fluß.. Eine Minute ſpäter ließ ſich Franks laute knaben⸗ mußte wohl allmälig das licheren Gefühle weichen, wandt war. Der ganze haft neh ihn ſehe ſey abe unt unt ga zwi Les ſpr wi ſät ge an im⸗ ver⸗ hige igen ſtes, ge⸗ inen früh⸗ ntlitz hboh⸗ taller hmen⸗ Augen Bru⸗ aus cke an dte ſich n moͤg⸗ wück— „hurtig ppe und len Um⸗ das Blut knaben⸗ * 2 159 hafte Stimme deutlich von der äußern Thüre her ver⸗ nehmen. Randal fuhr leicht auf. „Frank Hazeldeans Stimme,“ ſagte er.„Ich möchte ihn wohl gerne ſehen, Mutter.“ „Ihn ſehen?“ wiederholte Mrs. Leslie erſtaunt.„Ihn ſehen— und das Zimmer in dieſem Zuſtand!“ Randal hätte darauf antworten können, das Zimmer ſey in keinem ſchlimmeren Zuſtande als ſonſt auch, ſagte aber nichts. Ein leichtes Roth überflog ſein blaſſes Geſicht und wich wieder; dann ſtützte er die Wange auf ſeine Hand und preßte die Lippen feſt zuſammen. Die äußere Thüre ſchloß ſich mit einem ächzenden un⸗ gaſtlichen Knarren und eine ſchlappſchuhige Magd trat ein, zwiſchen ihren Fingern eine Karte tragend. „Für wen dieß?— Gebt ſie mir, Jenny,“ rief Mrs. Leslie. Aber Jenny ſchüttelte den Kopf, legte die Karte neben Randal auf das Pult und verſchwand, ohne ein Wort zu ſprechen. „O komm, Randal— ſchau dahin,“ rief Oliver, der wieder an's Fenſter geeilt war;„welch ein hübſcher grauer Pony!“ Randal blickte nicht nur auf, ſondern ging ſogar vor⸗ ſätzlich an das Fenſter, um einen Augenblick nach dem feuri⸗ gen Pony ſowohl als nach deſſen Reiter hinunter zu ſchauen. Jetzt flogen Veränderungen über ſein Geſicht, ſchneller als an einem windigen Tage die Wolken am Himmel hinfliehen. 160 Neid und Unzufriedenheit vrückte ſich aus in der aufge⸗ worfenen Lippe und in den finſteren Falten der Stirne; aber* das die letztere klärte ſich wieder hoffnungsvoll und in dem ſtolzen auft Lächeln war hohes Selbſtgefühl nicht zu verkennen. Dann wurde Alles auf's Neue kalt, ſtarr und verſchloſſen. Ran⸗ und dal kehrte zu ſeinen Büchern zurück, ſetzte ſich entſchloſſen nicht nieder und ſagte halblaut vor ſich hin:— blick „Wiſſen iſt Macht!“ mien Freu Olir ich, Viertes Kapitel. In größter Unruhe und Aufgeregtheit kam Mrs. Leslie zärtl heran, beugte ſich über Randals Schulter und las die Charte. haſt Auf den erſten Blick fiel in Tinteſchrift, obſchon die Buch⸗„ ſtaben eine Nachbildung lateiniſcher Druckinitialen war, dem daß Auge der Name MR. pRANR RAZRILPEaN auf; aber vorn unmittelbar darüber ſtanden, mit Bleiſtift hingekritzelt und then faum leſerlich, die Worte: liche „Lieber Leslie, mit „Es thut mir recht leid, daß Ihr nicht zu Hauſe ſeyd. So kommt doch zu mir auf Beſuch!“ Mu „Und Du willſt gehen⸗ Randal?“ fragte nach einer Pauſe Mrs. Leslie. Alli „Ich weiß es noch nicht.“ Sch „Ja, Du kannſt wohl gehen. Du haſt Kleider wie ein ſche mat Gentleman und kannſt überall hin. Bei dieſen Kindern iſt's anders.“ F fge⸗ aber lzen ann Kan⸗ oſſen Leslie harte. Buch⸗ „dem aber lt und e ſeyd. h einer wie ein ern iſt's 161 Und Mrs. Leslie warf einen faſt verächtlichen Blick auf das grobe, fadenſcheinige Wamms des armen Oliver und auf das zerriſſene Kleidchen der kleinen Juliet. „Was ich habe, verdanke ich vorläufig Mr. Egerton, und deshalb möchte ich zuvor ſeinen Wunſch hören, da er nicht auf dem beſten Fuße ſteht mit den Hazeldeanen.“ Er blickte dann nach ſeinem Bruder hin, der eine Schmerzens⸗ miene machte, und fügte mit einer befremdlichen Art ſtolzer Freundlichkeit bei:„Was mit der Zeit aus mir werden mag, Oliver, ich werde es mir ſelbſt zu danken haben, und ſteige ich, ſo will ich auch meine Familie erheben.“ „Lieber Randal,“ ſagte Mrs. Leslie, indem ſie ihn zärtlich auf die Stirne küßte,„was Du für ein gutes Herz haſt!“ „Nein, Mutter; in meinen Büchern finde ich nicht, daß man eines guten Herzens bedarf, um es in der Welt vorwärts zu bringen; dagegen iſt ein harter Kopf von nö⸗ then,“ verſetzte Randal mit roher Offenheit und in verächt⸗ lichem Tone.„Doch ich kann jetzt nicht mehr leſen. Komm mit hinaus, Oliver.“ Mit dieſen Worten entrang er ſich der Hand ſeiner Mutter und verließ das Zimmer. Als Oliver nachkam, war Randal bereits auf der Allmande angelangt und fuhr fort, raſch und mit langen Schritten ſchweigend weiter zu gehen, ohne daß es den An⸗ ſchein hatte, als ob er auf ſeinen Bruder achte. Endlich machte er unter dem Schatten einer alten Eiche Halt, die der Art entronnen war, weil ſie eben um ihres Alters willen Bulwer, meine Novelle. 11 462 keinen Werth mehr als Brennholz beſaß. Der Baum ſtand 3 auf einem Hügel, von welchem aus man das baufällige Ge⸗* päude, die alte gebrechliche Kirche und das unheimliche, trübſelige Dorf überſchauen konnte. Oli „Oliver,“ ſprach Randal zwiſchen den Zähnen, ſo daß Bar ſeine Stimme einen ziſchenden Ton gewann,„unter dieſem Baume faßte ich zuerſt den Entſchluß—“ n Er hielt inne. Ga „Was für einen Entſchluß, Randal?“ Tri „Mit Eifer zu lernen. Wiſſen iſt Macht!“ „Aber Du biſt ohnehin ein Freund vom Leſen.“ „Ich?“ rief Randal.„Meinſt Du, als Wolſey und bro Thomas a Becket Prieſter wurden, ſey dies aus Liebhaberei für das Herplappern von Paternoſtern und Aven geweſen? — Ich ein Freund vom Leſen!“ Oliver machte große Augen, denn die hiſtoriſchen An⸗ ſpielungen überſtiegen ſeine Faſſungskraft. „Du weißt,“ fuhr Randal fort,„daß wir Leslien jn nicht immer die bettelarmen Gentlemen waren, die wir jetzt Eo ſind. Du weißt, es gibt einen Mann in Grosvenor Square, und der iſt reich, ſehr reich. Er wurde es durch eine Leslie. ßi Dieſer Mann iſt mein Gönner, Oliver, und benimmt ſich Al ſehr gütig gegen mich.“ hi Ein bitteres Lächeln begleitet Randals Worte. Nach ſo einer Pauſe forderte er ſeinen Bruder abermals auf, mit ihm Bt zu kommen, und beide gingen auf's Neue raſchen Schritts und in tiefem Schweigen nebeneinander her. Endlich erreichten ſie ein ſeichtes Bächlein, in welchem ſel and Ge⸗ iche, daß eſem und berei eſen? n An⸗ eslien ir jetzt quare, Leslie. nt ſich Nach nit ihm chritts velchem 163 einige Trittſteine lagen, ſo daß die Knaben trockenen Fußes hinüberſchreiten konnten. „Willſt Du mir nicht einen Zweig dort abknicken, Oliver?“ ſagte Randal abgebrochen, indem er auf einen Baum deutete. Oliver gehorchte mechaniſch. Randal ſtreifte die Blät⸗ ter und Nebenzweige ab, ſo daß an dem Ende nur noch eine Gabel übrig blieb, und begann mit dieſem Werkzeuge die Trittſteine wegzuräumen. „Was treibſt Du, Randal?“ fragte Oliver verwundert. „Wir ſind jetzt auf der andern Seite des Baches und brauchen die Trittſteine nicht mehr.— Hinweg damit.“ ——— Fünftes Kapitel. Am Morgen nach dem Beſuche, den Frank Hazeldean in Rood Hall gemacht hatte, ſaß der ſehr ehrenwerthe Audley Egerton, Paralmentsmitglied, geheimer Rath und Miniſter in einem Departement, das dem Range nach ſogleich auf das Kabinet folgte, in ſeiner Vibliothek und erwartete die Ablieferung der Poſiſtücke, eh' er nach ſeinem Büreau hinunterging. Er ſchlürfte inzwiſchen ſeinen Thee und über⸗ ſlog die Zeitungen mit jenem raſchen, halbgeringſchätzigen Blicke, mit welchem erfahrene Staatsmänner das Lob oder den Tadel des vierten Standes zu betrachten pflegen. Zwiſchen Mr. Egerton und ſeinem Halbbruder findet ſehr wenig Aehnlichkeit ſtatt, überhaupt keine andere, als 41* 164 daß beide groß und von kräftigem engliſchem Bau ſind. Aber ſelbſt hierin hat die Aehnlichkeit bald ihre Grenze, denn die athletiſche Geſtalt des Squire fängt ſchon an, ſich zu jenem ſtattlichen Embonpoint zu erbreitern, welches die natürliche Entwickelung zufriedener Männer zu ſeyn ſcheint, wenn ſie ſich dem mittleren Alter nähern. Audley dagegen iſt eher von magerer Conſtitutivn, und neben dem ehernen Muskelbau hat ſeine Geſtalt doch etwas Schmächtiges, ſo daß ſie den Ideen der Hauptſtadt von Eleganz entſpricht. Anzug, Blick, kurz das ganze Enſemble iſt das eines Lon⸗ doner Mannes. In der Kleidung zeigt ſich mehr Rückſicht auf die Mode, als man dies gewöhnlich bei den geſchäftigen Nitgliedern des Unterhauſes findet; aber Audley Egerton iſt freilich immer etwas mehr geweſen, als daß man ihn zu dieſer Klaſſe hätte zählen können. Sogar in den beſten Geſellſchaften galt er als eine Perſon von Auszeichnung, und eines der Geheimniſſe, welchen er ſeinen Erfolg im Leben verdankte, lag in dem hohen Ruf, deſſen er ſich als „Gentleman“ erfreute. Während er ſich über die Zeitſchriften niederbeugt, iſt der Ausdruck der Diſtinction nicht zu verkennen in der Hal⸗ tung des wohlgebildeten Kopfes; die dunkelbraunen Haare, dunkel trotz eines röthlichen Anflugs, ſind hinten kurz ab⸗ geſchnitten und vorn gegen den Scheitel zu ziemlich dünne, ſo daß die gebieteriſche Stirne noch eine zugäbliche Breite gewinnt. Sein ſchönes Profil hat jenen Schnitt, welcher auf Männer Eindruck macht und den Frauen gefällt, iſt daher, ungleich jenem der blos hübſchen Geſichter, ein ſind. enze, „ſich s die heint, gegen ernen 8, ſo richt. Lon⸗ ckſicht ftigen ertn hu zu beſten nung, lg im ch als t, iſt Hal⸗ Haare, rz ab⸗ ünne, Breite velcher Ut, iſt ein 165 entſchiedener Vortheil für das öffentliche Leben. Die ſchar⸗ fen, männlichen, ſtrengen Züge bieten nicht den offenen Ausdruck, wie die des Squire, haben aber eben ſo wenig die kalte Verſchloſſenheit, welche ſich in dem Charakter des jungen Leslie ausſpricht; dagegen ſind ſie zurückhaltend⸗ würdevoll und von Selbſtbeherrſchung zeugend, wie dies der Phyſiognomie eines Mannes ziemt, der daran gewöhnt iſt⸗ zu denken, eh'er redet. Wer ihn betrachtet, wundert ſich nicht darüber, wenn er erfährt, daß er kein ſchwunghafter Redner, kein gewandter Debattenmann iſt; dafür iſt er aber ein gewichtiger Sprecher. Er hat viel geleſen, aber nicht in der Abſicht, für ſeine Vorträge einen Schmuck zu ſuchen, und zeigt in ſeinem Humor jene Art Witz⸗ welche für ernſte, ſchneidende Ironie weſentlich iſt. Phantaſie beſitzt er nicht viel und auch keine beſondere Feinheit im Räſonne⸗ ment; doch wenn er auch nicht blendet, ſo langweilt er eben⸗ ſowenig, denn für das Letztere iſt er zu ſehr Weltmann. Sein geſunder Verſtand und ſein richtiges Urtheil findet allgemein Anerkennung. Ueberhaupt wirſt du, lieber Leſer, nun er die Blätter bei Seite legt und ſeine Züge in ihrem Ernſte nachlaſſen, nicht erſtaunt ſeyn, wenn du hörſt, daß er ein Mann iſt, welchem man nachſagt, er habe viel Glück gehabt bei den Frauen und übe noch immer einen bedeuten⸗ den Einfluß in den Geſellſchaftszimmern und Boudoirs. Wenigſtens nahm es Niemand Wunder, als man von den intimſten Freundinnen der großen Erbin Clementina Leslie, einer Verwandten und Mündel des Lord Lansmere, welche drei Grafen und den muthmaßlichen Erben eines Herzog⸗ thums ausgeſchlagen hatte, erfuhr, daß ſie in Audley Eger⸗ ton ſterblich verliebt ſey. Die Lansmere mußten natürlich — Dieſes Cartonblatt iſt vom Buchbinber an der durch die Seitenzah⸗ len bezeichneten Stelle einzukleben. ————— 166 wünſchen, daß die junge Dame ſich mit dem Sohne des Hauſes, mit dem Lord BEstrange, verbinden möchte; aber dieſer junge Gentleman, der in Betreff der Ehe Anſichten unterhielt, welche ganz im Einklang ſtanden mit der ſonſti⸗ gen Ueberſpanntheit ſeines Charakters, ließ ſich durchaus nicht dazu vermögen, ihr einen Antrag zu machen. Ja, man erzählte ſich ſogar in London, er ſey die Hauptmittelsperſon geweſen, um die Verbindung zwiſchen Clementina und ſeinem Freunde Audley zu Stande zu bringen; denn die Partie be⸗ durfte wirklich der Vermittlung, ungeachtet der Neigung der jungen Erbin. Mr. Egerton unterhielt Bedenken der Deli⸗ cateſſe und räumte zum erſtenmal ein, daß ſein Vermögen nicht ſo groß ſey, als man allgemein glaube; auch könne er ſich nicht mit dem Gedanken befreunden, Alles einer Gattin zu verdanken, wie ſehr er dieſelbe auch ſchätzen und bewundern mochte. Nun war Lord LEstrange bald nach der Wahl zu Lansmere, welche Audley ſeinen erſten Sitz im Parlament verſchaffte, plötzlich von dem Gardebataillon, in dem er ſtand und das zu London in Garniſon blieb, in ein Cavallerieregi⸗ ment übergetreten, welches ſich an dem ſpaniſchen Feldzug be⸗ theiligte. Aber ſelbſt im Ausland und mitten in den Zer⸗ ſtreuungen des Kriegs nahm er fortwährend das gleiche In⸗ tereſſe an Allem, was Egertons Laufbahn fördern konnte. Durch Briefe an ſeinen Vater und ſeine Couſine Clementina unterſtützte er die Heirathsverhandlungen zwiſchen Miß Leslie und ſeinem Freund, und noch vor Ablauf des erſten Jahrs nach ſeiner Erwählung für Lansmere führte der junge Senator die reiche Erbin als Braut heim. Ihr Vermögen war hauptſächlich in Fonds angelegt, eine Ver⸗ wendung, welche dem Gatten beſonders vortheilhaft wurde; denn obgleich im Intereſſe etwa zu erzielender Kinder ———-— 167 e des das Kapital während beiderſeitiger Lebzeiten unangetaſtet aber bleiben ſollte, war doch im Ehevertrag die Beſtimmung ge⸗ ichten troffen, daß, im Falle die Ehe kinderlos bliebe, der über⸗ onſti⸗ lebende Theil in den vollen ungeſchmälerten Genuß und Beſitz chaus des Ganzen einzutreten habe. Die Zuſtimmung zu dieſem Punkte, oder vielmehr die Beantragung deſſelben verrieth allerdings ein ſehr hochherziges Vertrauen der Miß Leslie e zu ihrem künftigen Gemahl; indeß fügte ſie dadurch ihren ng der Verwandten keine entſchiedene Beeinträchtigung zu, da die⸗ Deli⸗ ſelben ihr nicht ſo nahe ſtanden, um auf dieſen Grund Erb⸗ mögen anſprüche zu bauen. Ihr nächſter Verwandter und deshalb nne er 5 auch natürlicher Erbe war Harley LEtrange, und wenn Hattin dieſer ſich zufrieden gab, ſo hatte Niemand ein Recht zur undern Beſchwerde. Jedenfalls war die Blutsverwandtſchaft zu den zahl zu Leslien von Rood Hall, wie wir bald ſehen werden, nur eine Kpent ſehr entfernte. Erſt nach dieſer Vermählung betheiligte ſich Mr. Eger⸗ zug be⸗ ton lebhaft an den Geſchäften des Unterhauſes. Er hatte en Zer⸗ jetzt einen der vortheilhafteſten Auslaufpunkte für die Bahn che In⸗ des Ehrgeizes. Was er über den Zuſtand des Landes ſagte, fonnte. gewann Bedeutung, weil ſeine eigenen Intereſſen ſo tief nentina dabei betheiligt waren. Seine Talente fanden um ſo mehr n Miß Anerkennung, da ſie unterſtützt waren durch den fürſtlichen s erſten Glanz eines Haushalts in Grosvenor Square, durch die ete der Achtbarkeit einer unabhängigen Lebensſtellung und durch Ihr den Ruf eines in Wirklichkeit ſehr großen Vermogens, das aber im Mund des Volkes zum Reichthum eines Cröſus 7 wuchs,„ Eger 3 gr: Kinder anwuchs. Audley Egerton errang im Parlamente einen 168 Erfolg, der die früheren Erwartungen von ihm weit über⸗ bot. Anfangs nahm er in dem Haus jene Stellung ein, deren Behauptung großen Takt erfordert und bei der es nicht geringer Weltkenntniß bedarf, wenn man ſich von dem Vor⸗ wurf des Unbeſtandes und des Unpraktiſchſeyns frei halten will, obſchon ſie, mit Feſtigkeit durchgeführt, bedentenden Eindruck macht, weil ſie eine ſeltene Unabhängigkeit verräth — ich meine die Stelluug deß Gemäßigten, der zureichend einer Partei angehört, um ſich ihre Unterſtützung zu ſichern⸗ aber ſich doch genugſam frei hält von Parteieinflüſſen, um bei gewiſſen Fragen ſein Wort und ſeine Stimme zu einem Gegenſtand der Spannung und Beſorgniß zu machen. Da er zu den Tories hielt— der Ausdruck„zu den Conſervativen“ würde ihm beſſer zugeſagt haben, wenn er zu jener Zeit bekannt geweſen wäre— ſo trennte er ſich natürlich von der Partei des Landvolkes und zeigte ſtets Achtung vor den Anſichten der großen Städte, und wenn er etwas vortrug, ſo pflegten Journaliſtik und Parlaments⸗ glieder ſeine Reden mit dem Prädikat„erleuchtet“ zu bezeich⸗ nen. Ohne je der Leidenſchaft des Tages zu weit voraus⸗ zueilen, blieb er doch nie hinter ſeiner Bewegung zurück, und bei der Berechnung der Wahrſcheinlichkeiten zeigte er jene vollendete Meiſterſchaft, welche der Politiker bisweilen durch den Umgang mit der Welt gewinnt, indem er die Aus⸗ ſichten für oder wider eine beſtimmte Frage, die im Lauf einer gewiſſen Zeit zum Abſchluß kommen mußte, mit ſolchem Scharfſinn zu ermeſſen wußte, daß er den eigentlichen Punkt ſtets im geeigneten Moment zwiſchen Wind und Waſſer zu — ———— ———₰— über⸗ ein, nicht Vor⸗ alten enden rräth chend chern, „um einem den nn er r ſich ſtets enn er nents⸗ ezeich⸗ oraus⸗ zurück, er jene durch Aus⸗ n Lauf olchem Punkt ſſer zu — —— 169 treffen verſtand. Er war für jenes veränderliche Wetter, das man„die öffentliche Meinung“ nennt, ein ſo guter Barometer, daß er ſich zu einem Mitarbeiter der Times geeignet haben würde. Mit ſeinen Wählern zu Lansmere kam er bald in Streit, den er abſichtlich herbeiführte; auch beſuchte er den Wahlſlecken nie wieder, vielleicht weil der briefliche Wiſcher des Squire oder der Umſtand, daß die ackerbauenden Wähler auf dem Fruchtmarkte ſein Bild ver⸗ brannt hatten, unangenehme Erinnerungen in ihm weckten. Indeß hatten die Reden, welche die Entrüſtung von Lans⸗ mere weckten, der größten unſerer Handelsſtädte ſolche Freude gemacht, daß ſie ihm bei der nächſten Wahl die Ehre erwies, ſich durch ihn vertreten zu laſſen. In jenen Tagen, das heißt vor der Reformbill, wählten die großen Handelsſtädte nur Männer von hoher Auszeichnung zu ihren Abgeordne⸗ ten, und es war in der That eine ſtolze Stellung, wenn ein Mann mit dem Auftrag betraut wurde, im Namen der fürſtlichen Kaufleute Englands zu ſprechen. Mrs. Egerton lebte nur wenige Jahre in der Ehe und hinterließ keine Kinder, da die zwei, welche ſie geboren hatte, früh weggeſtorben waren. Das Eigenthum der Hingeſchie⸗ denen ging daher ohne Beſchränkung an den überlebenden Gatten über. Wie tief auch der Schmerz des Wittwers geweſen ſeyn mochte jedenfalls verſchmähte er es, denſelben vor der Welt kund zu geben, denn Audley Egerton war ein Mann, der ſich früh daran gewöhnt hatte, ſeine Gefühle zu verbergen. Er zog ſich mehrere Monate auf's Land zurück, ohne daß 1 3 * * 3 5 170 Jemand ſeinen Aufenthaltsort kannte, und als er wieder zurückkehrte, ſah man eine tiefe Furche auf ſeiner Stirne. In ſeinen Gewohnheiten übrigens und in ſeinem ſonſtigen Treiben war keine Veränderung eingetreten, mit der ein⸗ zigen Ausnahme, daß er bald nachher die Uebertragung eines Staatsamtes ſich gefallen ließ, nach deſſen Uebernahme er eine größere Thätigkeit als je zuvor entwickelte. In Geldangelegenheiten war Mr. Egerton ſehr frei⸗ gebig, ja ſogar verſchwenderiſch geweſen. An das Ver⸗ mögen eines reichen Staatsmannes werden gar viele An⸗ ſprüche erhoben und Niemand that derſelben in ſo königlicher Weiſe Genüge, wie Audley Egerton. Unter all den vielen Handlungen der Wohlthätigkeit aber war keine, die ein höheres Lob zu verdienen ſchien, als die freigebige Gunſt, die er einem Sohne der Leslien von Rood Hall, einem ent⸗ fernten armen Verwandten ſeiner Gattin, zu Theil werden ließ. Etwa vier Generationen früher hatte ein gewiſſer Squire Leslie gelebt, ein Mann von großem Grundbeſitz und ſehr thätigem Geiſte. Er hatte Urſache, mit ſeinem älteren Sohne unzufrieden zu ſeyn, weßhalb er, ohne dieſen gerade zu enterben, die Hälfte ſeiner Güter einem jüngeren hinterließ. Der jüngere Bruder beſaß Geiſt und Fähigkeiten, welche dieſe Maßregel des Vaters rechtfertigten. Er ver⸗ größerte ſein Vermögen und errang ſich durch öffentliche Dienſte und die Verbindung mit einer Dame aus hoher Fa⸗ milie eine Stellung, welche ihm Beachtung und Auszeichnung ſich nal Un mä als nac vieder tirne. ſtigen r ein⸗ gung tahme frei⸗ Ver⸗ e An⸗ licher vielen ie ein Hunſt, nent⸗ verden wiſſer dbeſitz einem dieſen geren keiten, r ver⸗ ntliche er Fa⸗ hnung 17¹ ſicherte. Seine Nachkommen folgten ſeinem Beiſpiele und nahmen ihre Stelle ein unter den erſten Mitgliedern des Unterhauſes von England, bis nach dem Tode des letzten männlichen Familienglieds nur noch Clementina übrig blieb als einzige Erbin und Vertreterin des Zweiges, welche ſich nachher mit Mr. Egerton ehlich verband. Dagegen verthat der ältere Sohn des obengedachten Squire einen großen Theil der väterlichen Erbſchaft in wüſter Schlemmerei und beeinträchtigte durch ſeine gemeinen Ge⸗ wohnheiten ſowohl, als durch ſeine ſchlechte Geſellſchaft die Ehre des Namens, den er als Stammeshaupt zu vertreten hatte. Seine Nachkommen trieben es um nichts beſſer, als er ſelbſt, ſo daß Randals Vater, dem Mr. Maunder Slugge Leslie, nur noch das verfallene Stammſchloß und der ſchlechte Boden in deſſen unmittelbarer Umgebung blieb. Obgleich übrigens aller Verkehr zwiſchen den beiden Familien aufgehört hatte, fühlte der jüngere Zweig doch ſtets eine gewiſſe Achtung vor dem älteren, welchem das Stammeshaupt angehörte. Auch vermuthete man, Mrs. Egerton habe auf dem Sterbebette die herabgekommenen Verwandten der Fürſorge ihres Ehemanns empfohlen; denn als Letzterer nach dem Tode ſeiner Gattin wieder in London erſchien, wurde Mr. Maunder Slugge Leslie die Summe von fünftauſend Pfunden mit dem Bemerken zugefertigt, die Selige habe zwar kein ſchriftliches Teſtament hinterlaſſen, dagegen mündlich ihrem Verwandten das gedachte Legat zu⸗ gewieſen; dabei bitte Mr. Egerton um die Erlaubniß, die 172 Koſten für die Erziehung des älteſten Sohnes beſtreiten zu dürfen. Mr. Maunder Slugge Leslie hätte mit dieſen fünftau⸗ ſend Pfunden viel für ſein kleines Eigenthum thun oder auch bei Anlegung in dreiprocentigen Staatspapieren aus den Intereſſen einen weſentlichen Beitrag für ſeine Bequem⸗ lichkeit erzielen können. Aber ein benachbarter Sachwalter erhielt Witterung von dem Legat, wußte es unter dem Vor⸗ wand, daß er es bei einer Kanalbaugeſellſchaft vortheilhaft anlegen könne, in ſeine Hände zu bringen, und hatte die fünftanſend Pfund kaum in ſeinen Klauen, als er damit nach Amerika durchbrannte. Randal, den Mr. Egerton in einer trefflichen Vorberei⸗ tungsſchule untergebracht hatte, ließ anfänglich nicht viele Merkmale von Fleiß oder Talent blicken; aber kurz vor ſei⸗ nem Austritt aus der Anſtalt kam an dieſelbe als Lehrer der claſſiſchen Sprachen ein ehrgeiziger junger Mann, der in Orford ſeine Studien gemacht hatte. Dieſer war ein treff⸗ licher Lehrer und machte durch ſeinen Eifer einen bedentenden Eindruck auf ſeine Zöglinge, namentlich aber auf Randal Leslie. Er unterhielt ſich außerhalb der Unterrichtsſtunden viel mit ſeinen Schülern über die Vortheile des Studirens, von denen bald nachher auch an ſeiner eigenen Perſon ein Beweis geliefert werden ſollte; denn er gab ein griechiſches Trauerſpiel heraus und begleitete es mit ſo ſcharfſinnigen Noten, daß er in ſein Collegium, deſſen Mißfallen er ſich durch einige kleine Unregelmäßigkeiten zugezogen hatte, ehren⸗ voll unter Uebertragung eines Stipendiums zurückgerufen wur rer, grie pfri ſcho dal nach dien Letz zu 1 beze zu faſt wel zub Kn müt Vo ger Me nich An! küm feni hat Ra dea en zu iftau⸗ oder aus uem⸗ valter Vor⸗ ilhaft te die tnach berei⸗ viele or ſei⸗ er der der in treff⸗ tenden andal unden irens, on ein iſches migen er ſich ehren⸗ erufen 173 wurde. Er nahm dann die Ordination, wurde Collegialleh⸗ rer, zeichnete ſich durch eine weitere Abhandlung über den griechiſchen Accent aus, erhielt eine ſehr einträgliche Pfarr⸗ pfründe und galt als ein Mann, der es noch bis zum Bi⸗ ſchof bringen mußte. Dieſer junge Mann nun flößte Ran⸗ dal den Durſt nach Wiſſen ein, und als der Knabe ſpäter nach Eton kam, lag er mit einem ſolchen Eifer ſeinen Stu⸗ dien ob, daß ſein Lob bald auch Audley zu Ohren kam. Letzterer, der das Talent und namentlich die Entſchloſſenheit zu würdigen wußte, welche oft den ehrgeizigen Menſchen bezeichnet, nahm daraus Anlaß, ſeinen Schützling in Eton zu beſuchen, und zeigte von dieſer Zeit an eine lebhafte, faſt väterliche Theilnahme für den ausgezeichneten Etonianer, welcher in den Ferien ſtets einige Tage bei ſeinem Gönner zubringen durfte. Ich habe geſagt, Egertons Benehmen gegen dieſen Knaben verdiene mehr Lob als die meiſten von den groß⸗ müthigen Handlungen, um deren willen er im Munde des Volkes lebte, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil gerade dieſer die Welt keinen Beifall zollte. Was der Menſch im Bereich ſeiner Familienverbindungen thut, hat nicht jenen Celat zur Folge, der ſich an eine bei öffentlichen Anläſſen geübte großmüthige Handlung heftet; denn man kümmert ſich entweder nicht darum, oder meint, die betref⸗ fende Perſon habe damit blos ihre Pflicht gethan. Dabei hatte es, wie der Saquire bemerkte, ſeine Richtigkeit, daß Randal Leslie ſogar näher verwandt war mit den Hazel⸗ deanen, als mit Mrs. Egerton, da Randals Großvater 174 eine Miß Hazeldean geheirathet hatte, der höchſte Griff in weltlichen Verbindungen, welchen jener Zweig der Familie ſeit der obenerwähnten großen Scheidung zu thun wagte. Audley Egerton ſchien jedoch von dieſem Verhältniß gar nicht einmal etwas zu wiſſen, denn da er ſelbſt nicht von den Hazeldeanen abſtammte, ſo kümmerte er ſich nie viel um ihren Stammbaum; auch trug er Sorge dafür, den Leslien bemerklich zu machen, daß ſeine Großmuth gegen ſie keine andere Quelle habe, als die Achtung gegen das Andenken und die Verwandtſchaft ſeiner Gattin. Gleichwohl kam es dem Squire vor, als mache ihm ſein„Fernbruder“ durch ſeine Freigebigkeit gegen die Leslien den Vorwurf, daß er ſelbſt dieſe Verwandte vernachläſſige, eine Auffaſſung, die ihn doppelt empfindlich machte, wenn der Name Randal Leslie's erwähnt wurde. Die Sache verhielt ſich übrigens ſo: die Leslie von Rood waren ſo ganz und gar außer Beachtung gekommen, daß der Squire ſogar ihr Vorhandenſeyn ver⸗ geſſen hatte, bis Mr. Egertons Benehmen gegen Randal ihm die Familie wieder ins Gedächtniß rief, und nun machte er ſich Vorwürfe, daß irgend Jemand, außer ihm ſelbſt, dem Haupt der Hazeldeane, dem Enkel einer Hazeldean hilf⸗ reiche Hand bieten mußte. Nachdem ich nun, freilich in etwas ermüdender Weiſe, Audley Egertons Stellungſ owohl der Welt als ſeinem Schütz⸗ ling gegenüber auseinander geſetzt habe, kann ich ihm wohl erlauben, ſeine Briefe in Empfang zu nehmen und zu leſen. ſich kau den von wel len Au den Die Fri zeic der unt Br kun ſtel unt zu von Pa ein die iff in milie ate. nicht den um eslien keine enen am es durch daß er ie ihn eslie's o: die chtung n ver⸗ tandal nachte ſelbſt, nhilf⸗ Weiſe, Schütz⸗ wohl leſen. Sechstes Kapitel. Mr. Egerton überblickte die Schichte von Briefen neben ſich und riß Anfangs an einigen das Siegel auf, um ſie kaum geleſen in den Papierkorb zu werfen. Oeffentliche Männer werden mit ſo verſchiedenen entbehrlichen Correſpon⸗ denzen behelligt, daß ihr Papierkorb nie leer iſt. Schreiben von Dilettanten auf dem Boden der Finanzwiſſenſchaft, welche neue Mittel angeben, um die Nationalſchuld zu zah⸗ len; unfrankirte Briefe aus Amerika, bei denen es um ein Autograph zu thun iſt; Briefe von zärtlichen Müttern auf dem Lande, die irgend einen Wunderſohn für den königlichen Dienſt empfehlen; Schreiben von Freigeiſtern, die über die Frömmelei losziehen; Briefe, mit Brutus Redivivus unter⸗ zeichnet, welche die angenehme Mittheilung enthalten, daß der Schreiber einen Dolch für Tyrannen habe, wenn nicht unverweilt die däniſchen Anſprüche ihre Erledigung finden; Briefe, mit Mathilda oder Caroline unterſchrieben, welche kund thun, daß Caroline oder Mathilda in der Kunſtaus⸗ ſtellung das Porträt eines öffentlichen Mannes geſehen habe, und daß ein empfindſames Herz für deſſen Anziehungskräfte zu finden ſey in Nummer ſo und ſo viel, Piecadilly; Briefe von Bettlern, Betrügern, Tollhäuslern, Speculanten und Papiermäcklern— lauter Futter für den Papierkorb. Aus dieſer bunt gemiſchten Correſpondenz las Mr. Egerton zuerſt die Geſchäftsbriefe aus, die er methodiſch in ein Fach ſeines Taſchenbuches zuſammenlegte; dann kommen die Schreiben, welche ihn ſelbſt betrafen und die er ſorg⸗ ————— 176 fältig in einem anderen Fache unterbrachte. Von letzteren waren nur drei vorhanden— einer von ſeinem Rentbeam⸗ ten, der andere von Harley LEtrange und ein dritter von Randal Leslie. Er pflegte alle Briefe auf ſeinem Büreau zu beantworten, weshalb er denn auch einige Minuten ſpäter dahin langſam ſeine Schritte lenkte. Mancher Vorüber⸗ gehende blieb ſtehen, um der feſten Geſtalt nachzuſchauen, welche ungeachtet des heißen Sommertages den ſchwarzen Frack bis an den Hals zugeknöpft hatte; denn das Kleidungs⸗ ſtück, ſo getragen, paßte recht gut zu der aufrechten Haltung und der breiten Bruſt des ſchönen Senators. Als Audley Egerton in die Parlamentsſtraße gelangte, ſchloß ſich einer ſeiner Kollegen ihm an, um gemeinſam mit ihm an die Sorgen und Mühen des Tages zu gehen. Nach einigen Bemerkungen über die letzte Debatte ſagte dieſer Gentleman:— „Beiläufig, könnt Ihr nicht nächſten Sonnabend bei mir ſpeiſen? Ihr werdet mit Lansmere zuſammentreffen, der nach London kömmt, um am Montag für uns zu ſtimmen.“ ch habe einige Perſonen zu meiner Tafel geladen, will ihnen aber wieder abſagen laſſen,“ verſetzte Egerton. „Ich ſehe Lord Lansmere zu ſelten, als daß ich die Gelegen⸗ heit verſäumen möchte, einem Mann zu begegnen, den ich in ſo hohem Grade ſchätze.“ „So ſelten? Er kömmt freilich nur wenig nach Lon⸗ don, aber warum macht Ihr ihm nicht einen Beſuch auf dem Lande? Ein angenehmes altmodiſches Haus— gute Jagd.“ — vicir in et für ſelbſ ſtim ſich ſeher Eng ein, nach Zeit Lant nach land fuhr teren eam⸗ von wreau päter über⸗ auen, arzen ungs⸗ ltung udley einer n die ebatte d bei reffen, men.“ laden, erton. legen⸗ en ich Lon⸗ ch auf gute 177 „Mein theurer Weſtbourne, ſein Haus iſt nimium vicina Cremonae', in der Nähe eines Wahlortes, wo ich in efügie verbrannt wurde.“ „Ha— ha! Ja, ich erinnere mich. Ihr kamt zuerſt für dieſen kleinen Bezirk ins Parlament. Aber Lansmere ſelbſt hat doch nie etwas Unrechtes gefunden an Eurer Ab⸗ ſtimmung— oder?“ „Er benahm ſich ſehr wacker und erklärte mir, daß er ſich nie angemaßt habe, mich als ſein Sprachrohr anzu⸗ ſehen. Auch ſtehe ich aufſehr vertrautem Fuße mitL Etrange.“ „Kömmt dieſer wunderliche Kauz noch immer nicht nach England zurück?“ „In der Regel ſtellt er ſich alle Jahre auf einige Tage ein, um ſeine Eltern zu beſuchen; dann aber kehrt er wieder nach dem Feſtland zurück.“ „Ich bin nie mit ihm zuſammengetroffen.“ „Er kömmt im September oder October, zu einer Zeit alſo, während welcher Ihr Euch natürlich auf dem Lande aufhaltet, und er beſtellt gewöhnlich ſeine Familie nach London.“ „Warum beſucht er ſie nicht in der Heimath?“ „Wer nur einmal im Jahr auf einige Tage nach Eng⸗ land kömmt, hat in London viel zu beſorgen, ſollte ich meinen.“ „Iſt er noch immer ſo unterhaltlich?“ Egerton nickte. „Welche Auszeichnungen er errungen haben könnte!“ fuhr Lord Weſtbourne fort. „Er hat genug errungen,“ verſetzte Egerton förmlich, Bulwer, meine Novelle, 12 ——————* 178 „Als Offizier iſt er ſo preiswürdig wie einer, der bei Quatre Bras und Waterloo mitgefochten hat; ſeine wiſſen⸗ ſchaftliche Bildung iſt vom feinſten Geſchmack, und als Gent⸗ leman ſucht er ſeines Gleichen.“ „Es freut mich, in dieſer Welt des Neides einen Mann den andern ſo warm loben zu hören,“ entgegnete Lord Weſtbourne;„aber wenn ich auch nicht daran zweifle, daß er iſt, wie Ihr ſagt, ſo werdet Ihr doch ſelbſt geſtehen müſſen, daß er durch ſeinen Aufenthalt im Ausland ſein Leben verſchwendet.“ „Iſt es Verſchwendung, wenn er verſucht, glücklich zu ſeyn? Und wißt Ihr gewiß, ob nicht wir unſer Leben ver⸗ ſchwenden? Doch ich kann mich nicht aufhalten, um Eure Antwort abzuwarten. Hier ſind wir an der Thüre meines Gefängniſſes.“ „Sonnabend alſo?“ „Ja; am Sonnabend. Guten Tag!“ Die nächſte Stunde oder länger nahmen Staatsange⸗ legenheiten Mr. Egerton in Anſpruch. Dann gönnte er ſich eine Zeit lang, während ein Secretär einen ihm aufgetra⸗ genen Bericht für ihn fertigte, Muße, um ſeine Briefe zu beantworten. Die über öffentliche Angelegenheiten waren bald abgefertigt. Er warf ſeine Antworten bei Seite, um ſie durch einen Erxpeditor ſiegeln zu laſſen, und zog die Briefe heraus, denen er, als ihn ſelbſt angehend, ein geſon⸗ dertes Fach zugewieſen hatte. Zuerſt las er das Schreiben ſeines Rentmeiſters, das ſehr lang war, aber von ihm aus mit drei Zeilen beant⸗ wor ſich Aut ſchr wat als nac Be ſeyt ſche als gel ſein thu den ver daß Eu nac nich mit In; De er bei viſſen⸗ Gent⸗ einen egnete weifle, ſtehen d ſein lich zu n ver⸗ Eure neines zange⸗ er ſich getra⸗ efe zu waren um g die eſon⸗ „das eant⸗ 179 wortet wurde. Pitt ſelbſt war kaum nachläſſiger, wenn ſich's um ſeine Privatintereſſen handelte; und doch hatte Audley Egerton Feinde, die ihn als einen Egoiſten ver⸗ ſchrieen. Der nächſte Brief, den er ſchrieb, galt Randal. Er war zwar etwas länger, als der vorige, aber nichts weniger als weitläufig, und lautete folgendermaßen:— „Mein lieber Mr. Leslie, „Ich erkenne Euer Zartgefühl, daß Ihr meinen Rath nachſucht, ob Ihr Frank Hazeldean's Einladung zu einem Beſuch in ſeiner Halle annehmen ſollt. Da Ihr gebeten ſeyd, ſo ſehe ich nicht ein, was Euch hindern könnte, ob⸗ ſchon es mir Leid thäte, wenn es den Anſchein gewänne, als wolltet Ihr Euch dort aufdrängen. Als allgemeine Re⸗ gel möchte ich jedoch bemerken, daß ein junger Mann, der ſeinen eigenen Weg im Leben zu machen hat, gut daran thut, jedes innige Verhältniß zu Altersgenoſſen zu vermei⸗ den, die nicht von ähnlicher Geiſtesrichtung ſind oder ein verwandtes Ziel verfolgen. „Seyd Ihr mit dieſem Beſuche fertig, ſo wünſche ich, daß Ihr nach London kommt. Die Zeugniſſe, die ich über Eure Fortſchritte in Eton erhielt, machen es meiner Anſicht nach unnöthig, daß Ihr dahin zurückkehrt. Wenn Euer Vater nichts dagegen einzuwenden hat, ſo bin ich dafür, daß Ihr mit dem Beginn des nächſten Studienjahrs Orford bezieht. Inzwiſchen habe ich einen Gentleman, einen Collegiaten von Baliol, angeworben, die Vorleſungen mit Euch zu beſuchen. Dem Rufe zu Folge, den Ihr von Eton her habt, iſt er der 12 180 Meinung, daß Ihr unverweilt in ſein Collegium aufgenom⸗ men werden dürftet. Iſt dies wirklich der Fall, ſo ſehe ich Eure Laufbahn im Leben als geſichert an. Euer aufrichtiger, wohlmeinender Freund A. E.“ Der Leſer wird in dieſem Brief einen gewiſſen Ton von Förmlichkeit bemerken. Mr. Egerton nennt ſeinen Schütz⸗ ling nicht, wie dies natürlich ſcheinen würde,„lieber Ran⸗ dal“, ſondern kalt und ſteif„lieber Mr. Leslie“. Auch deu⸗ tet er darauf hin, daß der Knabe ſeinen eigenen Weg im Leben zu machen habe. Beabſichtigt er damit alle zu ſanguiniſche Erwartungen einer Erbſchaft niederzuſchlagen, die etwa aus ſeinem großmüthigen Benehmen geſchöpft wer⸗ Das Schteiben an Lord LEtrange hatte eine ganz an⸗ dere Haltung als die übtigen. Es war lang und voll von ſolchen kleinen Neuigkeiten, die einen Freund, welcher ſich in einem fremden Lande aufhält, intereſſiren können. Aus dem munteren Tone konnte man entnehmen, daß es die Ab⸗ ſicht des Schreibers war, den Freund aufzuheitern, denn augenſcheinlich lag hier die Antwort auf einen melancholi⸗ ſchen Brief vor; ja es wehte ſogar ein Hauch von Innigkeit und Zärtlichkeit darin, welchen auch diejenigen, die Audley Egerton am meiſten zugethan waren, ihm kaum zugetraut haben würden. Bei alledem lag in dem Schreiben ein ge⸗ wiſſes erzwungenes Weſen, freilich blos in einem ſo leichten Anflug, daß nur der zarte weibliche Takt es erkannt haben om⸗ e ich nd von Ran⸗ deu⸗ im e zu gen, wer⸗ an⸗ von ſich Aus Ab⸗ denn holi⸗ gkeit idley raut nge⸗ chten aben 181 würde, und in keinem Fall fand man darin jenes Sichgehen⸗ laſſen, jene herzliche Ergießung, die man von der Corre⸗ ſpondenz zweier Freunde zu erwarten berechtigt war, welche ſich ſchon auf der Schule geliebt hatten, obſchon ein ſolches Gefühl unverkennbar in allen den abgebrochenen von Einem auf's Andere überſpringenden Sätzen des fernen Correſpon⸗ denten athmete. Doch in was lag dieſer Zwang? Egerton iſt doch gewandt genug, wenn ſeine Feder glatt durch Artikel eilt, die auf andere Bezug haben. Er beſteht einfach darin, daß er nichts von ſich ſelbſt ſagt— daß er jegliche Beziehung zu der inneren Welt des Gefühls vermeidet. Aber vielleicht entbehrt der Mann überhaupt des Gefühls! Wie kann man erwarten, daß eine durch das praktiſche Leben erkältete Per⸗ ſon, die ihre Morgen in Downingſtreet zubringt und deren Nächte dazu verwendet werden, mit einem Comite die Ge⸗ ſetzesentwürfe der Regierung abzufaſſen, in dem gleichen Style ſchreiben kann wie ein müßiger Träumer, welcher ſich unter den Pinien von Ravenna oder an den Ufern des Comer⸗ ſees umtreibt. Andley hatte ſeinen Brief, wie er nun einmal war, eben zu Ende gebracht, als der aufwartende Diener die An⸗ kunft einer Deputation aus einer Gewerbeſtadt der Provinz anmeldete, deren Mitgliedern zwei Uhr als die Stunde der Audienz anberaumt worden war. In ganz London gab es kein Bureau, in welchem man Abgeordnete weniger lange warten ließ, als in dem, welchem Mr. Egerton vorſtand. Die Deputation trat ein— ein Paar Dutzend Männer von mittlerem Alter und behäbigem Ausſehen, die aber —— 182 demungeachtet ihre Beſchwerden hatten und ihre eigenen Intereſſen, demnach auch die des Vaterlandes, durch eine Klauſel in einem Geſetzesentwurf für bedroht hielten, welchen Mr. Egerton eingebracht hatte. Das Hauptwort führte der Mayor der Stadt, welcher recht gut, aber in einem Style ſprach, an den man in dem Audienzzimmer eines Miniſters nicht gewöhnt war— gerad' aus, leicht, frei und ohne Umſtände, kurz in einem ame⸗ rikaniſchen Styl. Und in der That lag in dem Aeußern und in der Haltung des Mayor etwas, was nach dem Aufenthalt in der großen Republik roch. Er war ein ſehr ſchöner Mann, hatte aber einen ſcharfen, heroiſchen Blick, der zu ſagen ſchien, ſein Beſitzer kümmere ſich keinen Strohhalm um einen Präſidenten oder Monarchen und ſey in der Stimmung, ſich ſo ganz nach Herzensluſt auszuſprechen, wie nur je einer, der ſeine Freiheit ſogar bis zum Lebendigröſten ſeines Negers ausgedehnt habe. Seine Mitbürger hielten ihn augenſcheinlich in großer Achtung und Mr. Egerton beſaß hinreichenden Scharfblick, um wahrzunehmen, daß der Mayor nicht nur ein beredter, ſondern auch ein reicher Mann ſeyn mußte, da es ihm ſonſt ſchwerlich gelungen wäre, die Eindrücke der Empfindlichkeit und Eiferſucht zu überwältigen, welche ſein Ton der Eigen⸗ liebe von Standesgenoſſen gegenüber hervorzurufen be⸗ rechnet war. Mr. Egerton war viel zu weiſe, um an einer bloſen Manier leicht Anſtoß zu nehmen, und obgleich er große Augen machte, als er ſehen mußte, daß ſeine Bemerkungen eine doch gen Rec ſie i Thi auf ten die in Ar ein enen eine ſchen lcher dem erad' ame⸗ und thalt öner er zu um ung, iner, gers roßer blick, dter, ſonſt hkeit igen⸗ be⸗ loſen roße ngen 183 eine ſehr geringſchätzige Beurtheilung erfuhren, ſo lieh er doch überzeugenden Gründen Gehör. In den Vorſtellun⸗ gen des Mayor lag ſo viel geſunder Menſchenverſtand und Rechtsſinn, daß der Staatsmann die höfliche Zuſage gab⸗ ſie in reifliche Erwägung zu ziehen. Er hatte die Deputation unter Verbeugungen nach der Thüre begleitet und letztere kaum zugedrückt, als ſie wieder aufging und der Herr Mayor allein eintrat, ſeinen Gefähr⸗ ten in der Flur außen laut zurufend: „Ich habe Mr. Egerton noch etwas zu ſagen, was ich anzuführen vergeſſen habe. Wartet unten auf mich.“ „Nun, Mr. Mayor,“ ſagte Audley, indem er auf einen Sitz deutete,„was habt Ihr ſonſt noch zu bemerken?“ Der Mayor blickte zurück, um ſich zu überzeugen, daß vie Thüre geſchloſſen war, brachte dann ſeinen Stuhl ganz in Mr. Egertons Nähe, legte ſeinen Zeigefinger auf den Arm dieſes Gentleman und ſagte: „Ich glaube, mit einem Weltmann zu ſprechen, Sir.“ Mr. Egerton verbeugte ſich und gab nicht in Worten eine Erwiederung, ſondern brachte nur mit aller Gelaſſenheit ſeinen Arm aus dem Bereich des berührenden Fingers. Mr. Mayor.—„Ihr bemerkt, Sir, daß ich die Ab⸗ geordneten, die wir ins Parlament ſchickten, nicht um ihre Begleitung erſuchte. Es geht beſſer ohne ſie. Ihr wißt, beipe gehören zur Oppoſition— zu den ultras.“ Mr. Egerton.—„Dies iſt ein unglück, welches der Regierung nicht zur Laſt fällt, wenn ſich's darum handelt, 184 vb dem Geſchäftsverkehr der Stadt ein Dienſt geleiſtet wer⸗ den oder ein Nachtheil zugehen ſoll.“ Mr. Mayor.—„Na, ich denke, Ihr ſprecht ſchon recht, Sir. Aber es würde Euch doch freuen, wenn Euch die nächſte Wahl ein Paar Mitglieder zuführte, vlch die Miniſter unterſtützen. Mr. Egerton.—„Ohne Zweifel, Mr. Mayor.“ Mr. Mayor.—„Und dies kann ich bewirken, Mr. Egerton. Ich darf Euch wohl ſagen, daß ich die Stadt in meiner Taſche habe— nicht mehr wie billig, denn ich ſetze daſelbſt ein ſchönes Stück Geld in Umlauf. Ihr ſeht nun, Mr. Egerton, ich habe einen Theil meines Lebens in dem Lande der Freiheit zugebracht— in den Vereinigten Staa⸗ ten— und will nun auf den Punkt kommen, da ich ja mit einem Weltmann ſpreche. Ich bin ſelbſt ein Weltmann, Sir, und wenn die Regierung geneigt iſt, etwas für mich zu thun, ſo bin ich der Regierung gleichfalls zu einem Dienſt erbötig. Zwei Stimmen für eine freie, unabhängige Stadt, wie die unſtige— das iſt doch etwas, oder nicht?“ Mr. Egerton in großer Ueberraſchung.—„In der Mr. Mayor, der ſeinen Stuhl noch näher rückt und den Beamten unterbricht.—„Keinen Unſinn, ſeht Ihr, weder auf der einen noch auf der andern Seite. Die Sache verhält ſich nämlich ſo, daß ich mir in den Kopf geſetzt habe, den Ritterſchlag zu erhalten. Ihr mögt wohl eine über⸗ raſchte Miene machen, Mr. Egerton; weiß ich doch ſelbſt, daß es nur eine Lumperei iſt. Gleichwohl hat Jedermann ſeine Rich Tite Wa heiß man nich höc der am lich wa wer⸗ ſchon 6u8 e die A. Mr. dt in ſetze nun, dem taa⸗ mit ann, mich ienſt tadt, der und Ihr, ache ae, iber⸗ elbſt, nann „ 185 ſeine ſchwache Seite, und die meinige iſt die, daß ich Sir Richard heißen möchte. Wohlan, könnt Ihr mir zu dieſem Titel verhelfen, ſo mögt Ihr mir immerhin für die nächſte Wahl die zwei Namen nennen, die Euch anſtehen— das heißt, wenn ſie zu Eurem Schlag gehören— erleuchtete Männer von Zeitbewußtſeyn. Iſt dies nicht offen und mannhaft geſprochen?“ Mr. Egerton, ſich aufrichtend.—„Ich kann mir nicht denken, warum Ihr gerade an mich kommt mit dieſem höchſt außerordentlichen Vorſchlag.“ Mr. Mayor, gut gelaunt mit dem Kopf nickend.— „Jerum, Ihr müßt wiſſen, daß ich nicht allenthalben mit der Regierung einverſtanden bin, und Ihr gefallt mir noch am beſten unter dem Haufen. Ich denke mir auch den mög⸗ lichen Fall, daß Ihr Eure eigene Partei zu verſtärken wünſcht. Doch wohl verſtanden— dies unter uns. Ehrenſtellen ſind was Koſtbares.“ Mr. Egerton mit großer Würde.—„Sir, ich bin Euch ſehr verbunden für Eure gute Meinung; aber ich har⸗ monire mit meinen Collegen vollkommen in allen Haupt⸗ fragen, welche die Regierung dieſes Landes betreffen, und—“ Mr. Mayor, ihn unterbrechend.—„Ah, natürlich. So müßt Ihr ſagen. Ganz recht. Aber ich meine, die Dinge könnten doch ganz anders gehen, wenn Ihr Pre⸗ mierminiſter wäret. Ich habe übrigens noch einen andern Grund, warum ich mich mit meinem kleinen Anliegen an Euch wende. Ihr ſeyd einmal Mitglied für Lansmere — ²— 186 geweſen, und ich denke, Ihr habt nur mit einer Majorität von zwei Stimmen durchgegriffen— eh?“ Mr. Egerton.—„Ich weiß nichts von den Einzel⸗ heiten jener Wahl, da ich nicht dabei anweſend war.“ Mr. Mayor.—„Nein. Aber zum Glück für Euch waren zwei Verwandte von mir dabei, und dieſe ſtimmten für Euch. Zwei Stimmen; und mit zweien kamt Ihr ins Parlament! Seitdem iſt es Euch recht wacker ergangen, und ich denke, wir haben einen Anſpruch an Euch— Mr. Egerton.—„Ich erkenne keine ſolche Anſprüche. Für Lansmere war und bin ich ein Fremder, und wenn die Wähler mir die Ehre erwieſen, mich ins Parlament zu ſen⸗ den, ſo war dies mehr ein Compliment gegen—“ Mr. Mayor abermals den Beamten unterbrechend. —„Gegen Lord Lansmere, wolltet Ihr ſagen. Eine ſehr unconſtitutionelle Anſicht, ſollte ich meinen. Peer des Reichs. Doch gleichviel; ich kenne die Welt. Und ich würde Lord Lansmere bitten, meine Angelegenheit in die Hand zu neh⸗ men, wenn ich nicht horen müßte, er ſey ſo ſtolz wie Lucifer.“ Mr. Egerton in großem Unmuth, indem er ſich mit ſeinen Papieren beſchäftigt.—„Sir, es gehört nicht in meinen Geſchäftskreis, Seiner Majeſtät Candidaten für die Ehre der Ritterwürde zu empfehlen. Noch weniger iſt es meines Amtes, wegen der Sitze im Parlament einen Handel zu treiben.“ Mr. Mayor.—„Oh, wenn dies der pull iſt, ſo werdet Ihr mich entſchuldigen. Ich weiß nicht, was in ſolchen Dingen die Etiquette vorſchreibt. Aber ich dächte, — wenn ſtelle kreis Doc den ſ Ihr will ſelbſ derg meir aber runs ihr als füc Ich Ehr wet her mã mie ten ſo rität inzel⸗ Euch mten r ins „und rüche. n die ſen⸗ hend. ſehr eichs. Lord neh⸗ fer.“ hmit ht in ir die iſt es andel t, ſo as in ichte, 187 wenn ich Euch zwei Sitze für Eure Freunde zur Verfügung ſtelle, ſo könntet Ihr die Sache wohl in Euren Geſchäfts⸗ kreis ziehen, wenn er ſchon ſonſt nichts damit zu ſchaffen hat. Doch Ihr ſagt ja, daß Ihr mit Euren Kollegen einverſtan⸗ den ſeyet, und ſo kömmts am Ende auf das Nämliche heraus. Ihr müßt nicht etwa glauben, daß ich die Stadt verkaufen will, und daß ich der Mann ſey, um meine Politik wegen ſelbſtſüchtiger Zwecke zu ändern und zu modeln. Nichts dergleichen. Unſere dermaligen Abgeordneten ſind nicht nach meinem Geſchmack. Ich bin vollkommen für den Fortſchritt; aber ſie ſchießen mir viel zu weit voraus, und da die Regie⸗ rung ſelbſt auch geneigt iſt, einen Zug zu thun, ſo kann ich ihr eben ſo gut meine Unterſtützung zu Theil werden laſſen, als nicht. Aber gewöhnlicher Dankbarkeit gemäß, ſeht Ihr (fügte der Mayor ſchmeichelnd bei), ſollte ich Ritter werden. Ich kann dieſe Würde aufrecht erhalten und Seiner Majeſtät Ehre machen.“ Mr. Egerton, ohne von ſeinen Papieren aufzuſehen. —„Ich kann Euch nur an die geeignete Stelle verweiſen.“ Mr. Mayor ungeduldig.—„Geeignete Stelle! Nun, wenn doch einmal in dieſem alten Lande ſo viel Alfanzerei herrſcht, daß man alle Formen durchmachen muß, um regel⸗ mäßig zu einer Sache zu gelangen, ſo ſagt mir, wohin ich mich zu wenden habe.“ Mr. Egerton, den die Art und Weiſe ſeines Gefähr⸗ ten nachgerade ebenſo ſehr beluſtigt als aufbringt.—„Wenn es Euch ſo ſehr um die Ritterwürde zu thun iſt, Mr. Mayor, ſo müßt Ihr den Premierminiſter darum angehen; verlangt enrswet e 185 Ihr aber der Regierung Mittheilung zu machen über die Sitze im Parlament, ſo habt Ihr Audienz nachzuſuchen bei Mr. N—, dem Secretär der Schatzkammer.“ Mr. Mayor.—„Und wenn ich zu dieſem Schatz⸗ kammerpatron gehe, was glaubt Ihr wohl, was er ſagen werde?“ Mr. Egerton, in welchem der Humor die Oberhand gewinnt über den Unwillen.—„Velmuthlich wird er Euch bemerklich machen, daß Ihr die Sache nicht in dem Licht vor⸗ pringen dürfet, wie Ihr's mir gegenüber gethan habt; die Regierung werde ſich Euer und Eurer Mitwähler Vertrauen zur Ehre rechnen, und ein Gentleman, wie Ihr, in der ſtol⸗ zen Stellung eines Mayor, habe alle Ausſicht, bei einer paſſenden Gelegenheit die Ritterwürde zu erhalten; indeß müſſet Ihr vorderhand dieſen Punkt noch nicht zur Sprache bringen, ſondern Euch darauf beſchränken, in den unglück⸗ lichen politiſchen Anſichten der Stadt einen Umſchwung her⸗ beizuführen.“— Mr. Mayor.—„Ich ja, ich kann mir denken, daß der Patron dies gerne von mir haben möchte; aber ich bin nicht ganz ſo grünſchnäbelig, Mr. Egerton. Vielleicht iſt's am beſten, ich wende mich gleich an die Hauptquelle. Wie würde Eurer Anſicht nach wohl der Premier mein Anliegen aufnehmen?“ Mr. Egerton, in welchem die Entrüſtung ſtait des Humor übermächtig wird.—„Wahrſcheinlich ebenſo, wie ich jetzt thun werde.“ Mr. Egerton zog die Klingel und ein Diener trat ein. ſagte überf Thür Vort ſtickt Dick Abet nehn dien Bri zog weſe Wo Sch auf wie wie ten. keht lan er er die en bei chatz⸗ ſagen rhand Euch t vor⸗ t; die trauen ex ſtol⸗ einer indeß prache nglück⸗ g her⸗ n, daß ich bin ht iſt's Wie nliegen att des o, wie at ein. 189 „Zeigt dem Mr. Mayor, wo der Weg hinausgeht,“ ſagte der Miniſter. Der Mayor wandte ſich raſch um und ſein Geſicht überflog von einer Purpurglut. Er ging feſten Schritts der Thüre zu, ließ aber in der Flur draußen dem Bedienten den Vortritt, kehrte noch einmal um, und rief mit von Zorn er⸗ ſtickter Stimme, während er zugleich die Fäuſte ballte:— „Ihr ſollt mir dies eines Tags büßen, ſo wahr ich Dick Avenel heiße!“ „Avenel?“ wiederholte Egerton betroffen.„Avenel!“ Aber der Mayor war fort. Audley verſank in ein tiefes Brüten, das nichts Ange⸗ nehmes zum Gegenſtand zu haben ſchien, bis ihm der Be⸗ diente meldete, daß die Pferde bereit ſtünden. Noch immer zerſtreut, blickte er jetzt auf und ſah ſeinen Brief an Harley LEtrange offen auf dem Tiſch liegen. Er zog ihn heran und ſchrieb:„Eben iſt ein Mann bei mir ge⸗ weſen, deſſen Name Aven—“. Aber in der Mitte dieſes Wortes hielt ſeine Feder inne.„Nein, nein,“ murmelte der Schreiber.„Es wäre Thorheit, jetzt eine alte Wunde aufzureißen.“ Und er radirte ſorgfältig das Geſchriebene wieder aus. Andley Egerton ritt an dieſem Tage nicht in den Park, wie er ſonſt zu thun pflegte, ſondern entließ ſeinen Bedien⸗ ten. Den Kopf ſeines Pferdes der Weſtminſterbrücke zu⸗ kehrend, ſuchte er ins Freie zu kommen. Anfangs ritt er langſam wie in tiefen Gedanken, dann ſchneller, als wünſche er dem Sturm ſeines Innern zu entfliehen. Als er gegen 190 ſeine Gewohnheit ſpät im Hauſe anlangte, ſah er bleich und erſchöpft aus. Aber er hatte eine Rede zu halten, und ſein Vortrag war gediegen. Siebentes Kapitel. Ungeachtet aller ſeiner macchiavelliſtiſchen Weisheit war es Doetor Riccabveca doch nicht gelungen, Leonhard Fairfield in ſeinen Dienſt zu locken, obſchon er es theilweiſe ſo weit gebracht hatte, die Wittwe für ſeine Anſichten zu gewinnen. Letzterer ſtellte er die weltlichen Vortheile der Sache vor: Lenny ſollte nämlich allerlei Dinge lernen, welche ihm eine beſſere Stellung ſicherten, als die eines gewöhn⸗ lichen Tagwerkers war— z. B. die Gärtnerei in all ihren Theilen, ſo daß er mit der Zeit der größten Gartenwirth⸗ ſchaft vorſtehen könne.„Auch will ich Sorge tragen,“ fügte Doctor Riccaboeca bei,„daß er die Schulbildung nicht vernachläſſigt. Er ſoll alles lernen, wozu er Kopf hat.“ „Er hat Kopf für gar Alles,“ meinte die Wittwe. „Dann ſoll auch gar Alles hinein,“ verſetzte der weiſe Mann. Die Wittwe war augenſcheinlich geblendet; denn, wie wir bereits bemerkten, hatte ſie eine hohe Meinung von „Büchergelehrſamkeit, und es war ihr bekannt, daß der Pfar⸗ rer den Doctor für einen wunderbar gelehrten Mann anſah. Gleichwohl ſtand Riccabocca in dem Geruch eines Papiſten, und Viele hielten ihn gar für einen Zauberer. Der Italiener war beſch wohl führi Verl Abn ſeine den ispf ich dahe ſtiſch Frei mut dure früh erſch Beg gen ſch eite boc von grif jede verſ Ta bleich „und isheit nhard lweiſe en zu e der velche vöhn⸗ ihren virth⸗ gen,“ ldung hat.“ weiſe „wie n Pfar⸗ nſah. iſten, liener 191 war jedoch Meiſter in der Kunſt, das ſchöne Geſchlecht zu beſchwatzen, und würde die Mutter über dieſe beiden Punkte wohl zufriedengeſtellt haben, wenn es hätte zu einem Zweck führen können; allein Lenny Fairfield machte alle weiteren Verhandlungen unnöthig. Der Knabe hegte eine tödtliche Abneigung gegen Riccabveca; er fürchtete ihn ſowohl als ſeine Brille, die Pfeife, den Mantel, das lange Haar und den rothen Regenſchirm, ſo daß er auf jedes Erbieten ſtarr⸗ köpfig antwortete:„Mit Gunſt, Sir; ich will lieber nicht; ich möchte bei der Mutter bleiben.“ Rircaborca ſah ſich daher genöthigt, alle weiteren Verſuche, ſeine macchiavelli⸗ ſtiſche Diplomatik in Anwendung zu bringen, aufzugeben. Freilich ließ er ſich durch das erſte Fehlſchlagen nicht ent⸗ muthigen, da er ig Gegentheil zu denen gehörte, welche durch Widerſpruch nur beharrlicher werden. Was ihm daher früher aus Rückſichten der Klugheit als wünſchenswerth erſchienen war, wurde jetzt für ihn ein Gegenſtand eifriger Begierde. Ohne Zweifel hätte er unter ähnlichen Bedingun⸗ gen Knaben zu Dutzenden haben können; aber ſobald Lenny ſich herausnahm, die Plane des Italieners auf ihn zu ver⸗ eiteln, gewann gerade ſeine Erwerbung in Signor Ricca⸗ bocca's Augen eine ganz beſondere Bedeutung. Auch Schakeimo war ganz in Anſpruch genommen, die von ſeinem Gebieter vorgeſchlagenen Schlingen und Kunſt⸗ griffe zu Lenny's Abfangung in Thätigkeit zu ſetzen, vergaß jedoch all dies in der Ueberraſchung, in welche ihn die Kunde verſetzte, daß Doctor Riccaboeca eine Einladung, etliche Tage in der Halle zuzubringen, angenommen habe. 192 N Wir treffen dort mit Niemand zuſammen, als mit den Angehörigen der Familie,“ ſagte Riccabocea.„Armer Gia⸗ como, das bischen Unterhaltung in dem Bedientenzimmer wird Dir gut thun, und das Ochſenfleiſch des Squire iſt im Grunde nach unſeren Stichlingen und Schmerlen auch nicht zu verachten. Es wird zu Verlängerung Deines Lebens bei⸗ tragen.“ „Der Padrone ſcherzt,“ ſagte Schakeimo ſtattlich. „Als ob in ſeinem Dienſte Jemand Hunger ſterben könnte!“ „Hm,“ entgegnete Riccabocca.„Wenigſtens haft Du dieſes Experiment verſucht, ſoweit es die menſchliche Natur geſtattet, mein treuer Freund.“ Und er bot ſeinem Mitverbannten die Hand hin mit jener Vertraulichkeit, welche nach der Sitte des Feſtlands zwiſchen Herrn und Diener ſtattfindet. Schakeimo beugte ſich tief, und eine Thräne fiel auf die Hand nieder, die er küßte. „Cospetto!“ ſagte Doctor Riccaboccä;„tauſend falſche Perlen wiegen den Werth einer einzigen ächten nicht auf! Wir wiſſen, was Weiberthränen zu beſagen haben; aber die Thräne eines ehrlichen Mannes— Pfui, Giacomo!— dieſe wenigſtens kann ich Dir nie bezahlen! Geh und ſiehe nach unſerer Garderobe.“ Soweit die Garberobe des Gebieters in Frage kam, war dieſer Auftrag für Schakeimo nicht unangenehm, denn der Doctor hatte in ſeinen Käſten Kleider, welche der Die⸗ net für ſo gut wie neu erklärte, obgleich ſchon manches lange Jahr entſchwunden war, ſeit ſie die Werkſtätte des Sch kam zu n daß auf aber tete faſſe war wie Här ſtück eine mel in! des Ver Kle als das ſolc gla bis blic wat ten 1— den Gia⸗ mer ſt im nicht bei⸗ lich. te Du atur mit ands ugte ie er lſche auf! r die dieſe nach kam, denn Die⸗ iches des 193 Schneiders verlaſſen hatten. Als jedoch Schakeimo daran kam, den Zuſtand ſeines eigenen Bekleidungsdepartements zu muſtern, wurde ſein Geſicht beträchtlich länger. Nicht daß er keine andere Gewandung beſeſſen hätte, als die er auf dem Leibe trug— am Vorrath fehlte es nicht, wohl aber an der Beſchaffenheit. Wehmüthigen Blickes betrach⸗ tete er zwei Anzüge, vollſtändig die drei Abtheilungen um⸗ faſſend, aus denen die männliche Bekleidung beſteht: der eine war der Länge nach auf das Bett hingebreitet, ſo daß er ſich wie ein Veteran ausnahm, dem nach dem Tode fromme Hände den letzten Dienſt geleiſtet haben, während der andere ſtückweis in dem hämiſchen Licht paradirte— der Torſo über einen Stuhl gelegt, während die Beine von Schakeimo's melancholiſchem Arme niederhingen. Keine ſchon lange Zeit in der Morgue ausgeſtellte Leiche konnte weniger Zeichen des Wiedererwachens von ſich geben, als dieſe achtbaren Verblichenen; denn Schakeimo hatte in der That mit ſeinen Kleidern— magis profusus sui— weit weniger geknauſert⸗ als ſein Herr. In der früheren Zeit ihrer Verbannung mußte das anſtändigere Gewand beim Diner dienen, da er einen ſolchen Beweis von Achtung dem Padrone ſchuldig zu ſeyn glaubte, und dieſer Gewohnheit hatte er treulich nachgelebt, bis beide Kleider die erſten Merkmale ihrer Hinfälligkeit blicken ließen. Nun mußte auch das beſſere Gewand im Morgendienſt zum Gebrauch kommen, und die Folge davon war, daß es zuletzt unter der ſcharfen Benützung ſeinen let⸗ ten Athem aushauchte. Obgleich der Doctor ſolchen Haushaltseinzelnheiten in Bulwer, meine Novelle. 13 194 philoſophiſcher Zerſtreuung keine beſondere Aufmerkſamkeit ſchenkte, hatte er doch eher aus Mitleid gegen Schakeimo, als aus Rückſicht für jene Achtbarkeit, die aus der Beklei⸗ dung des Dieners auf die Würde des Herrn zurückfällt, mehr als einmal geſagt:„Giacomo, du brauchſt Kleider. Hole dir das Nöthige aus meinem Vorrath.“ Und Schakeimv pflegte ſich dankbar zu verbeugen, als hätte er die Schen⸗ kung angenommen; die Sache verhielt ſich übrigens ſo, daß das Holen des Nöthigen weit leichter geſagt als gethan war. Allerdings war— Dank ſey es der hauptſächlichen Ernäh⸗ rung durch Stichlinge und Schmerlen— ſowohl Schakeimo als Riccaborca bei jenem Zuſtand angelangt, welcher, wenn man anders aus dem langen Leben der Geizhälſe einen Schluß ziehen darf, der Geſundheit äußerſt zuträglich iſt— wir meinen die Minderung des körperlichen Umfangs bis auf Haut und Knochen; aber die Knochen in der Haut des Doctors ſchlugen insgeſammt die Längenrichtung ein, wäh⸗ rend die in der Haut Schakeimo's ſich hauptſächlich in die Breite ausdehnten. Man hätte eben ſo gut die Rinde einer lombatdiſchen Pappel zum Ueberzug für den Stamm einer gekappten Zwergeiche, in deſſen hohlem Bauch die Jugend des Waldes gemächlich des Schlummers pflegte, benützen⸗ als Schakeimo aus der Garderobe des Doctors mit dem Nöthigen verſehen können. Wenn es übrigens auch der Geſchicklichkeit des Schneibers gelungen wäre, dieſe Aufgabe zu ermöglichen, ſo würde ſich's doch der treue Schakeimo nie unterfangen haben, von der Großmuth ſeines Gebieters Vortheil zu ziehen, da er, abgeſehen von ſeinem natürlichen Zar Eh eine der geke der dieſ an anl wif geh vie des den ihn we nie teſ flü Hi amkeit keimo, Beklei⸗ ickfällt, kleider. aeim Schen⸗ ſo, daß n war. Ernäh⸗ akeimo wenn e einen h iſt— bis auf aut des , wäh⸗ hein die de einer m einer Jugend enützen, nit dem auch der Aufgabe eimo nie ebieters türlichen 195 Zartgefühl, die Kleider des Padrone mit einer Art religiöſer Ehrfurcht betrachtete. Wir wiſſen, daß die Alten, wenn ſie einem Schiffbruch entronnen, in dem Votivtempel die Klei⸗ der aufzuhängen pflegten, in welchen ſie ſich durch die Wellen gekämpft hatten. Auch Schakeimo betrachtete dieſe Reliquien der Vergangenheit mit einem verwandten abergläubiſchen Gefühl.„Dieſen Rock trug der Padrone bei dieſer und dieſer Gelegenheit. Ich erinnere mich noch genau des Abends, an welchem der Padrone zum letztenmal jene Beinkleider anlegte!“ Und Rock und Beinkleider wurden mit einer ge⸗ wiſſen Zärtlichkeit ausgeſtäubt und ſorgfältig wieder ihrer geheiligten Ruhe überantwortet. Aber jetzt— was war jetzt zu thun? Schakeimo beſaß viel zu viel Stolz, um ſeine Perſon vor dem Kellermeiſter des Sanire in einem Aufzuge blicken zu laſſen, der ihm und dem Padrone Unehre machte. Während er noch in ſeiner Verwirrung ſich Gedanken machte, läutete die Klingel, die ihn nach dem Wohnzimmer beſchied. Riccabocea ſtand vor dem Herd unter dem Bilde, welches ſymboliſch den patriae exul darſtellte. „Giacomo,“ begann er,„es fällt mir ein, daß Du nie gethan haſt, was ich Dich hieß, indem Du es verabſäum⸗ teſt, Dir das Nöthige aus dem zu nehmen, was ich über⸗ flüſſig daliegen habe. Aber wir gehen jetzt in die große, Welt. Hat das Beſuchen einmal begonmen, ſo weiß der Himmel, wo es ein Ende nehmen wird. Geh in die nächſte Stadt und kauf Dir Kleider. In England iſt alles theuer. Wird dies zureichen?“ 13* — 196 Und Riccabveca bot ihm eine Fünfpfundnote hin. Schakeimo lebte, wie wir bereits bemerkt haben, mit Rü ſeinem Gebieter auf einem viel vertraulicheren Fuße, als len der förmliche Engländer dies von ſeinen Dienſtboten dulden He würde; aber bei aller Vertraulichkeit ließ er es nie an e Achtung fehlen. Nur diesmal machte er eine Ausnahme. 3 „Der Padrone iſt toll!“ rief er.„Er würde ſein gan⸗ ſch zes Vermögen zum Fenſter hinaus werfen, wenn ich nicht Au wäre. Fünf Pfund Engliſch oder hundertundſechsundzwanzig we Pfund Mailändiſch!“ Santa Maria! Unnatürlicher Vater! Und was ſoll aus der armen Signorina werden? Glaubt G Ihr, auf dieſe Weiſe ſie in dem fremden Lande an den Mann H bringen zu können?“— G „Giacomo,“ ſagte Ricccabocea, ſein Haupt vor dem 9 Sturme beugend,„denken wir morgen an die Signorina;. B heute gilt es der Ehre des Hauſes. Deine Beinkleider, ſa Giacomo— unglücklicher Mann, Deine Beinkleider!“ V „Der Padrone hat Recht,“ verſetzte Schakeimo, ſich* beſinnend und in demüthigem Tone;„er iſt vollkommen be⸗ fugt, mich zu tadeln, obſchon die Art, wie er's thut, grauſam 2 iſt. Er hat Recht, denn er gibt mir Koſt, Wohnung und x einen ſchönen Lohn, kann alſo füglich von mir erwarten, ſt daß ich nicht in einer ſolchen Geſtalt herumgehen ſollte.“ 6 „Was Koſt und Wohnung betrifft, ſo wäre dies wohl gut,“ ſagte Riccabocca;„aber der ſchöne Lohn gehört unter 1 die Träume Deiner Phantaſie!“ „Unter einem mailändiſchen Pfund verſteht Giacomo eine mai⸗ ländiſche Lira. „mit „als ulden ie an me. gan⸗ mnicht vanzig Bater! Hlaubt Mann or dem wrina; kleider, 1 w, ſich men be⸗ rauſam ng und warten, . es wohl rt unter eine mai⸗ * 197 „Durchaus nicht,“ verſetzte Schakeimo;„er iſt nur im Rückſtand. Als ob ihn der Padrone nicht eines Tages zah⸗ len— als ob ich mich ſelbſt ſo erniedrigen könnte, einem Herrn zu dienen, der nicht im Sinne hat, ſeine Dienſtleute zu zahlen! Und kann ich nicht warten? Habe ich nicht auch meine Erſparniſſe? Doch nur getroſt, nur getroſt; Ihr ſollt ſchon zufrieden mit mir werden. Ich habe noch zwei ſchöne Anzüge und ordnete ſie eben, als Ihr mir klingeltet. Ihr werdet ſehen, Ihr werdet ſehen.“ Und Schakeimo eilte aus dem Zimmer nach ſeinem Gemache zurück, ſchloß einen kleinen Koffer auf, der zu den Häupten ſeines Bettes ſtand, warf unterſchiedliche belangloſe Gegenſtände bei Seite und zog aus dem unterſten Winkel einen ledernen Beutel hervor. Der Inhalt deſſelben wurde auf das Bett geleert. Er beſtand hauptſächlich aus italieni⸗ ſchen Münzen, einigen Fünffrankenſtücken, einem ſilbernen Medaillon, in dem ſich ein kleines Bild ſeines Schutzheiligen, des San Giacomo, befand, einer vollgewichtigen engliſchen Guinee und engliſchem Silbergeld im Betrag von ungefähr drei Pfunden. Schakeimo ſchob die ausländiſchen Münzen wieder in den Beutel zurück, indem er klüglich vor ſich hin⸗ ſprach:„man verliert hier daran,“ und zählte das engliſche Geld.„Aber ſeyd ihr auch genug, ihr Schurken?“ rief er unmuthig und ſchüttelte ſie tüchtig durch. Sein Auge wurde jetzt des Medaillons anſichtig— er hielt inne. Nachdem er eine Weile mit großer Bedächtigkeit das winzige Abbild des Heiligen betrachtet hatte, fügte er in einer Bilderſprache, 198 die er wahrſcheinlich den aphoriſtiſchen Sprichwortern ſeines Gebieters entnommen hatte, bei— „Welcher Unterſchied findet ſtatt zwiſchen dem Feind, der mir nichts zu Leide thut, und dem Freund, der mich nichts nützt? Monsignore San Giacomo, mein Schutzhei⸗ liger, Du biſt mir wahrhaftig in dem ledernen Beutel ſehr wenig nütze; aber wenn Du mir bei dieſem wichtigen Anlaß zu einem Paar neuer Beinkleider verhilfſt, ſo leiſteſt Du mir wahrhaftig einen Freundſchaftsdienſt. Alla pisogna, Mon- signore.“ Dann küßte er gravitätiſch das Medaillon, ſteckte es in die eine Taſche, verſorgte die Münzen in der andern, packte die zwei Anzugsleichen in ein Bündel und murmelte vor ſich hin:„Was bin ich nicht für ein geiziges Stück Vieh, daß ich dem Padrone Schande mache, während ich doch ſo viel erſparte in ſeinem Dienſt!“ Dann eilte er die Treppe hinunter nach ſeiner Brodkammer, holte Hut und Stock, und einige Augenblicke ſpäter ſah man ihn der nah⸗ gelegenen Stadt L— zutraben. Augenſcheinlich hatte der arme Italiener keinen erfolg⸗ loſen Gang gemacht, denn er kam am Abend noch in Zeiten zurück, um den dünnen Haferſchleim zu kochen, aus welchem das Nachteſſen ſeines Herrn beſtand, einen ſchwarzen, zwar etwas abgetragenen, aber doch noch ſehr anſtändig aus⸗ ſehenden Anzug, zwei Vorſteckhemden und zwei weiße Hals⸗ binden mitbringend. Unter all dieſen Verſchönerungsgegen⸗ ſtänden hielt er jedoch die Beinkleider in beſonderer Ver⸗ ehrung; denn da ſie gerade den Preis koſteten, für welchen er d Gia er a Die Ge die ——— eines eind, mich tzhei⸗ ſehr Unlaß mir Mon- te es dern, melte Stück id ich er die t und nah⸗ rfolg⸗ Zeiten chem zwar aus⸗ Hals⸗ gegen⸗ Ver⸗ elchen 199 er das Medaillon verkauft hatte, ſo bildete er ſich ein, San Giacomo habe ſein Gebet in der Richtung erhört, auf die er ausdrücklich die Aufmerkſamkeit des Heiligen lenken wollte. Die übrigen Gewänder erſchienen ihm nur in dem Licht von Gegenſtänden, die durch Kauf gewonnen wurden, während die Beinkleider San Giacomo's perſönliche Gabe waren⸗ — Achtes Kapitel. Man hat das Leben vielen ſinnreichen Vergleichungen unterworfen, und wenn wir gleichwohl von ſeinem Weſen nicht viel wiſſen, ſo liegt die Schuld ſicherlich nicht an dem Mangel eines ſogenannten„illuſtrirenden“ Raiſonnements. Unter andern Bildern vergegenwärtigt es ſich je zuweilen einem ruhigen Beobachter wie eine von jenen rotatoriſchen Schauſtellungen, die man auf Jahrmärkten zu ſehen kriegt, und in welchen von den mitwirkenden Figuren jede auf ihrem hölzernen Pferd unabläſſig einem Vorgänger nachzujagen ſcheint, während ſie ihrerſeits von einer anderen verfolgt wird. Der Menſch, Mann ſowohl als Weib, iſt von Natur ein auf die Jagd erpichtes Thier; auch die am höchſten Ge⸗ ſtellten finden immer noch etwas, dem ſie nachſetzen, und ſelbſt der Geringſte iſt nicht ſo unbedentend, daß er nicht für einen Anderen eine Beute abgeben könnte. Wenn wir nun dieſe Vergleichung auf das Dorf Hazeldean anwenden⸗ ſo bemerken wir in dem Carrouſel zuvörderſt den Doctor Riccaboeca auf ſeinem Steckenpferd, welcher Lenny Fairfield 200 nachſetzt, und Miß Jemima, welche, anſtändig in einem Seitenſattel ſitzend, ihr Rößlein hinter dem Doector her⸗ peitſcht. Warum ungeachtet ihrer langgehegten und tiefen Ueberzeugung von der Falſchheit des männlichen Geſchlech⸗ tes die genannte Dame ſich entſchließen konnte, der männ⸗ lichen Thierwelt noch einmal eine Ausſicht zu geſtatten, ihre günſtige Meinung zu gewinnen— dies zu erklären überlaſſe ich jenen Gentlemen, welche verſichern, daß ſie„in keinen andern Büchern leſen, als in den Blicken der Frauen“. Vielleicht lag der Grund in der übermäßigen Milde und Zärtlichkeit von Miß Jemima's Weſen, vielleicht aber auch in dem Umſtande, daß ihre Erfahrungen ſich nur auf Män⸗ ner beſchränkten, die in Englands kaltem, nordiſchem Klima geboren und erzogen worden waren; denn von dem Lande Petrarcas und Romeos, dem Lande der Myrte und Citrone, durfte man wohl hoffen, daß das dort geborne Ungeheuer weniger verhärtet ſey in ſeiner Bosheit und edleren Einflüſſen leichter einen Zutritt geſtatte. Wir wollen übrigens nicht weiter eingehen in dieſe Hypotheſen, ſondern uns mit der Bemerkung begnügen, daß Miß Jemima bei Doetor Ricca⸗ bocca's Erſcheinen in dem Beſuchzimmer der Hazeldeane ſich mehr als je erfreut fühlte, zu ſeinen Gunſten ihre Abneigung gegen das Männergeſchlecht im Allgemeinen milder werden laſſen zu können. Allerdings fand Frank etwas Poſſierliches in dem altmodiſchen, ausländiſchen Schnitt an der nüchter⸗ nen Kleidung des Italieners, in dem langen Haar und in dem chapeau bas, über dem ſich der Doctor ſo anmuthig verbeugte und den er dann ſozuſagen ans Herz drückte, eh' er der abe: woh Ber ober Che mar Beſ brin lebt die wele und Gen gebi nich ande ſchw mit Bla daß Stu Der der inem her⸗ tiefen hlech⸗ ränn⸗ ihre rlaſſe einen ten“. und auch Män⸗ lima ande rone, heuer üſſen nicht t der icca⸗ e ſich gung erden iches hter⸗ d in eh' 201 er ihn wieder unter den Arm ſchob, wo er ruhen blieb wie der Magen unter dem Flügel eines gebratenen Hühnchens; aber dennoch mußte auch dieſer Jüngling dem Fremden das wohlverdiente Lob zugeſtehen, daß ſeine Haltung und ſein Benehmen unverkennbar den Gentleman verrathe. Als noch obendrein nach dem Diner das Geſpräch einen vertraulicheren Charakter gewann und der Pfarrer und Mrs. Dale, welche man dem Gaſt zu Ehren gleichfalls eingeladen hatte, ihr Beſtes thaten, um die geiſtigen Schätze deſſelben in Fluß zu bringen, da wurde ſeine Unterhaltung in hohem Grade be⸗ lebt und angenehm, obſchon ſie bisweilen zu hoch war für die Zuhörer. Seine Converſation verrieth einen Mann, welcher mit der Kenntniß, die er dem Studium der Bücher und des Lebens verdankte, die Kunſt verband, die einem Gentleman ſo wohl anſteht— ich meine die Kunſt, in einer gebildeten Geſellſchaft zu gefallen. Rieccaboeca war jedoch nicht nur Meiſter in dieſer Kunſt, ſondern auch in einer anderen, die oft weniger unſchuldig iſt— in der nämlich, die ſchwachen Seiten ſeiner Umgebung ſchnell zu erfaſſen und mit der ſorgloſen Miene eines Schützen, der eine Kugel ins Blaue abfeuert, dieſelben derb ins Herz zu treffen. Das Ergebniß davon war allſeitige Bewunderung, ſo daß ſelbſt Kapitän Barnabas die Whiſtpartie erſt eine volle Stunde nach der gewöhnlichen Zeit in Erinnerung brachte. Der Doctor ſpielte nicht und wurde deshalb das Eigenthum der beiden Damen Miß Jemima und Mrs. Dale. Zwiſchen dieſen beiden auf dem Platze ſitzend, welcher von Rechts wegen Flimſey gehörte, die diesmal zu ihrer 202 großen Verwunderung und Unzufriedenheit in einen Winkel des Zimmers verwieſen worden war, ſah der Doctor ganz aus wie das Sinnbild häuslichen Glückes, von Freundſchaft und Liebe umgeben. Die Freundſchaft arbeitete geziemendermaßen ruhig an dem geſtickten Taſchentuche und überließ die Liebe ihren leb⸗ hafteren Operationen. „Ihr müßt Euch ſehr einſam fühlen in dem Caſino,“ begann die Liebe in theilnehmendem Tone. „Madam,“ verſetzte Riccabvcca galant,„es wird mir ſo vorkommen, wenn ich Euch verlaſſen habe.“ Die Freundſchaft warf der Liebe einen ſchlanen Blick zu— die Liebe erröthete oder ſenkte den Blick nach dem Tep⸗ pich, was ebenſo viel beſagen will. „Dennoch,“ begann die Liebe abermals—„dennoch hat die Einſamkeit für ein fühlendes Herz—“ Riecabveca dachte an das Einladungsbillet und knöpfte unwillkürlich ſeinen Rock zu, gleichſam zum Schutz des Organs, welches in ſo beunruhigender Weiſe zur Sprache gekommen war. „Die Einſamkeit hat wohl ihre Reize für ein fühlendes Herz. Es iſt ſogar für uns arme unwiſſende Frauen ſo ſchwer, eine gleichgeſtimmte Seele zu finden— aber für Euch!“ ² Die Liebe hielt inne, als hätte ſie zuviel geſagt, und roch verlegen an ihrem Blumenſtrauß. Doctor Riccabocea ſenkte vorſichtig ſeine Brille und entſandte einen Blick, welcher mit der Schnelle des Blitzes ſozu lich Nu des und mit wen verl mili zu trül in: verd heit rech auf Nat hatt dure zeln war ſam Mel Trä auf von ſey Uebe 203 inkel ſozuſagen das ganze Inventar von Miß Jemima's perſön⸗ ganz lichen Reizen zu entfalten und in ſich aufzunehmen ſchien. ſchaft Nun hatte, wie wir bereits oben bemerkten, die Verwandte des Squire einen milden und tiefſinnigen Geſichtsausdruck ig an und hätte wohl recht hübſch genannt werden können, wenn n leb⸗ mit der Milde mehr Lebhaftigkeit und mit dem Tiefſinn weniger Schmachtendes verbunden geweſen wäre. Die Sache ino,“ verhielt ſich nämlich ſo, daß Miß Jemima von Natur wohl mild, keineswegs aber tiefſinnig war, denn es ſtrömte viel d mir zu viel von dem Hazeldeanblut in ihren Adern, als daß die trübe, träge Stimmung, welche man Melancholie nennt, Blick in ihr hätte aufkommen können. Das Nachdenkſamthun Tep⸗ verderbte daher den Charakter ihrer Züge, die nur durch ein heiteres Lächeln erhellt zu werden brauchten, um wirklich ennoch recht gewinnend zu ſeyn. Dieſelbe Bemerkung ließ ſich auch auf ihre Figur anwenden, die— Dank ſey es derſelben nöpfte Nachdenkſamkeit— alle die wellenförmige Anmuth verloren tz des hatte, welche den leichten Curven der weiblichen Geſtalt prache durch Bewegung und Lebhaftigkeit verliehen wird. Im Ein⸗ zelnen betrachtet ließ ſich an ihrer Figur nichts ausſetzen; ſie lendes war ſchlank, ohne mager zu ſeyn, und von leichtem, bieg⸗ uen ſo ſamem, zierlichem Gliederbau. Aber das nämliche unſelige ber für Melancholiſchthun verlieh dem Ganzen einen Ausdruck von Trägheit und Unbehilflichkeit, ſo daß man, wenn die Dame t, n auf das Sopha ſich zurücklehnte, aus der völligen Erſchlaffung von Nerven und Muskeln hätte den Schluß ziehen mogen, ſie le und ſey ganz und gar des Gebrauchs ihrer Glieder beraubt. Blitzes Ueber ein Antlitz und eine Geſtalt nun, die in ſolcher Weiſe 204 um alle von der Vorſehung verliehenen Reize betrogen waren, flog raſch das Auge des Doctors hin, der jetzt Mrs. Dale näher rückte und die Erwiederung gab:— „Schützt mich“— er hielt einen Angenblick inne und fuhr dann fort—„vor dem Vorwurf, als wüßte ich eine gleiche Seelenſtimmung nicht zu ſchätzen.“ „Oh, ich habe dies nicht geſagt!“ rief Miß Jemima. „Verzeiht mir,“ verſetzte der Italiener,„wenn ich ſo ſtumpfſinnig bin, Euch falſch zu verſtehen. Wenigſtens iſt es kein Wunder, wenn man in einer ſolchen Nachbarſchaft den Kopf verliert.“ Er erhob ſich mit dieſen Worten und blickte über Franks Schulter, um einige Anſichten von Italien zu betrachten, welche Miß Jemima dem Gaſte zu Ehren aus der Bibliothek zuſammengeleſen hatte— eine gewiß ſehr zarte Aufmerk⸗ ſamkeit, wenn ſie frei von Selbſtſucht war. „In der That eine ſehr intereſſante Perſon“— ſeufzte Miß Jemima,„nur zu— zu ſchmeichelhaft!“ „Sagt mir doch, meine Liebe,“ bemerkte Mrs. Dale, „glaubt Ihr wohl, daß Ihr das Ende der Welt noch ein wenig weiter hinausſchieben könnt, oder müſſen wir uns beeilen, um noch recht zu kommen?“ „Wie boshaft Ihr ſeyd!“ ſagte Miß Jemima, indem ſie ſich bei Seite wandte. Einige Minuten ſpäter wußte es Mrs. Dale einzulei⸗ ten, daß ſie ſich in einer Ecke des Zimmers allein mit Doctor Riccabocta vor einem Gemälde befand, das angeblich ein Wouverman war. mei ſtück lich füh rad an win gen äuß und wor ſie den ſeir noc ein abe aren, Dale und eine ma. ich ſo ns iſt ſchaft Franks chten, liothek fmerk⸗ ſeufzte Dale, och ein ir uns indem inzulei⸗ Doctor lich ein 205 Mrs. Dale.— Jemima iſt recht liebenswürdig— meint Ihr nicht?“ Riccabocca.—„Ungemein. Sehr ſchönes Schlacht⸗ ſtück!“ Mrs. Dale.—„So gutherzig.“ Riccabocca.—„Das ſind alle Damen. Wie natür⸗ lich dieſer Soldat den verzweifelten Hieb nach dem Ausreißer führt!“ Mrs. Dale.—„Freilich iſt ſie nicht, was man ge⸗ rade ſchön nennt; aber ſie hat doch etwas ſehr Gewinnendes an ſich.“ Riccabocca, mit einem Lächeln.—„Etwas ſo Ge⸗ winnendes, daß man ſich wundern muß, warum ſie noch nicht gewonnen iſt. Der Grauſchimmel im Vordergrund hat eine äußerſt kühne Haltung.“ Mrs. Dale, die dem Lächeln des Doctors nicht traut und deshalb einen Kernſchuß thun will.—„Noch nicht ge⸗ wonnen— es iſt allerdings ſehr ſonderbar. Und doch hat ſie ein recht hübſches Vermögen.“ Riccabocca.—„Ah!“ Mrs. Dale.—„Man ſpricht von ſechstauſend Pfun⸗ den— von vieren weiß ich gewiß.“ Riccaboceca, einen Seufzer unterdrückend und mit ſeiner gewöhnlichen Gewandtheit.—„Wenn Mrs. Dale noch unverheirathet wäre, ſo würde ſie nie nöthig haben, einem Freund zu ſagen, wie groß ihre Mitgift ausfallen dürfte; aber Miß Jemima iſt ſo gut, daß ich überzeugt bin, die Schuld liegt nicht an ihr, wenn ſie noch— Miß Jemima iſt.“ 206 Nit dieſen Worten trat der Doctor von ihr weg und nahm neben den Whiſtſpielern Platz. Mrs. Dale ſah ſich in ihren Erwartungen getäuſcht, konnte ſich aber keineswegs beleidigt fühlen.„Es wäre ſo gut für beide,“ murmelte ſie leiſe vor ſich hin. „Giacomo,“ ſagte Riccabocca, als er ſich an dieſem Abend in dem großen, gemächlichen, wohl mit Teppichen verſehenen engliſchen Schlafgemach entkleidete, in welchem, in eine Niſche gedrückt, das große engliſche Vierpfoſtenbett ſtand, das dazu erfunden zu ſeyn ſcheint, das Glück des ehloſen Lebens zu Schanden zu machen—„Giacomo, man hat mir dieſen Abend wahrſcheinliche ſechstauſend— jeden⸗ falls ſichere viertauſend Pfund angeboten.“ „Cosa meravigliosa!“ rief Schakeimv.„Welch ein Wunder!“ Und er bekreuzte ſich mit großer Andacht.„Sechs⸗ tauſend Pfund Engliſch— ei dies muß hunderttauſend— Dummkopf, der ich bin!— mehr als hundertfünfzigtauſend Pfund Mailändiſch ſeyn!“ und Schakeimo, der von dem Ale des Squire bedeu⸗ tend aufgeregt war, begann eine Reihe von Geſticulationen und Sprüngen, in deren Mitte er plötzlich inne hielt, um auszurufen:— „Aber doch nicht für Nichts?“ „Für nichts? Nein!“ „Dieſe filzigen Engländer!— Will Euch die Regierung beſtechen?“ „Das nicht.“ wer der gro lein erh bat ein dal we kra ſat rat all zig un er und ſcht, re ſo eſem ichen chem, nbett k des man jeden⸗ ch ein Sechs⸗ — auſend bedeu⸗ tionen t, um gierung 207 „Oder verlangen die Geiſtlichen, daß Ihr ein Ketzer werden ſollt?“ „Es handelt ſich um etwas noch Schlimmeres,“ ſagte der Philoſoph. „Um etwas noch Schlimmeres? O Padrone— pfui!“ „Sey kein Narr, ſondern zieh mir die Beinkleider aus. Man verlangt von mir, ich ſolle nie dieſe mehr tragen.“ „Nie was mehr tragen?“ rief Schakeimo, der mit großen Angen die langen Beine ſeines Gebieters in ihrer leinenen Umhüllung anſtarrte—„nie was?“ „Die Hoſen,“ ſagte Riceabocea lakoniſch. „Oh, die Barbaren!“ ſtotterte Schakeimv. „Meine Nachtmütze!— und nie mehr mich Troſtes erholen in dieſer,“ fuhr Riccabocea fort, indem er die baumwollene Bedeckung über den Kopf zog,„und nie mehr einen geſunden Schlaf zu haben in dieſem—“ er deutete dabei auf das Vierpfoſtenbett.„Ein Leibeigener und Selave zu werden,“ ſprach Riecabveca in ſteigendem Unmuth weiter;„beſchwatzt und angeſchnurrt, geſtreichelt und ge⸗ kratzt, geſchmeichelt und gezankt, geblendet und betäubt, ge⸗ ſattelt, gezäumt und beteufelt— mit einem Wort, verhei⸗ rathet zu werden!“ „Verheirathet?“ ſagte Schakeimo ruhiger.„Dies iſt allerdings ſehr ſchlimm. Aber mehr als hundertundfünf⸗ zigtauſend Lire, und vielleicht eine hübſche junge Dame und—“ „Hübſche junge Dame!“ brummte Riccabocea, indem er ins Bett ſprang und umuthig die Decke über ſich zog. 208 „Löſch das Licht aus und mach, daß Du fortkömmſt, Du ſpitzbübiſcher alter Brandſtifter!“ — Neuntes Kapitel. Die unſeligen Stöcke hatten kaum vor einigen Tagen ihr Auferſtehungsfeſt gefeiert; aber auch ein ganz gewöhn⸗ licher Beobachter hätte ſchon die Wahrnehmung machen müſ⸗ ſen, daß es im Dorfe nicht mehr ganz recht ſtand. Auf den Geſichtern der Bauern zeigte ſich ein finſterer Ausdruck, und wenn ſie dem Squire begegneten, zogen ſie mit mehr als gewöhnlicher Förmlichkeit die Hüte, ohne mit dem früheren breiten Lächeln ſeinen raſchen herzlichen Gruß„Guten Tag, Nachbar,“ zu erwiedern. Die Weiber ſchauten ihm verſtoh⸗ len von der Thüre oder aus dem Fenſter nach, erſahen aber nicht mehr— wie ſie oder doch die hübſcheſten unter ihnen ſonſt zu thun pflegten— die Gelegenheit, heraus zu kommen und ihm ein flüchtiges Compliment über ihr gutes Ausſehen oder über die Ordnung vor ihren Hütten abzulocken. Und die Kinder, welche vordem die Stelle, wo die Stöcke ſtan⸗ den, nach vollbrachter Arbeit zum Tummelplatz ihrer Spiele gewählt hatten⸗ mieden jetzt den Ort und ſchienen nicht einmal mehr Luſt am Spielen zu haben. Andererſeits läßt Niemand gerne eine öffentliche Anſtalt für nichts und wieder nichts bauen oder wiederherſtellen. Der Sgquire hatte die Stöcke auf's Neue ins Leben gerufen und ſie ſo ungemein ſchön gemacht, daß man ſich nicht wunt hinei gefül den; und! einen Stoc man ſeine drohe beme denn Fall in di kocht weſe Seit lutio deſſe Vier nahn war wort im g rend B Du agen vöhn⸗ müſ⸗ uf den , und hr als üheren Tag, erſtoh⸗ n aber rihnen ommen usſehen Und ke ſtan⸗ Spiele en nicht Anſtalt erſtellen. gerufen ich nicht 209 wundern durfte, wenn er den Wunſch unterhielt, Jemand hineinzulegen. Außerdem war ſein Stolz und ſein Selbſt⸗ gefühl durch den Widerſpruch des Pfarrers gekränkt wor⸗ den; ſeine weisliche Vorſorge fand daher eine Rechtfertigung, und der Pfarrer mußte ſich geſchlagen geben, wenn die Folge einen genügenden, thatſächlichen Beweis lieferte, daß der Stock gerade in einer Zeit wiederhergeſtellt wurde, in welcher man ihn brauchte. Ohne es daher ſelbſt zu ahnen, zeigte der Squire in ſeinem Aeußeren eine viel barſchere, gebieteriſchere und drohendere Haltung als früher. Der alte Gaffer Solomons bemerkte,„man dürfe wohl Acht haben, was man thue, denn der Squire habe etwas ganz Maliciöſes im Augen⸗ winkel ſitzen, juſt wie es bei dem ſchwarzbraunen Stier der Fall war, eh' er den kleinen Knaben des Nachbar Barnes in die Luft warf.“ Dieſe ſtummen Anzeichen, daß etwas in der Atmoſphäre kochte, waren ſeit zwei oder drei Tagen eher bemerklich ge⸗ weſen als wirklich bemerkt worden, ohne daß auf der einen Seite ein Akt offener Tyrannei oder auf der andern eine revv⸗ lutionäre Kundgebung ſtattgefunden hätte. In der Nacht deſſelben Samſtags aber, in welcher Doctor Riecabocca das Vierpfoſtenbett in der Kattunkammer zum erſtenmal beſetzte, nahm die Emporung ihren Anfang. Bei nächtlicher Weile war an den Stöcken eine perſönliche Beſchimpfung verübt worden, und am Sonntag Morgen machte Mr. Stirn, der im ganzen Dorfe am früheſten aus den Federn war, wäh⸗ rend ſeines Ganges nach der Meierei die Wahrnehmung, Bulwer, meine Nyyelle, 14 daß man boshafter Weiſe an der Seitenſäule den Knauf abgeſchlagen und die vier Löcher mit Straßenkoth ausge⸗ füllt hatte; auch waren von irgend einem jacobiniſchen Schurken mitten in das Schnörkelwerk die Worte eingeſchnit⸗ ten worden:„Zum Teufel mit den Stöcken.“ Mr. Stirn war eine zu wachſame rechte Hand und ein viel zu eifriger Freund des Geſetzes und der Ordnung, um nicht ein ſolches deſpektirliches Benehmen mit Unruhe und Schrecken zu be⸗ trachten. Als daher der Squire um halb acht Uhr in ſeinem Ankleidezimmer erſchien, meldete ihm der Kellermeiſter, der zugleich das Amt eines Kammerdieners verſah, mit geheim⸗ nißvoller Miene, daß ihm Mr. Stirn„etwas ganz Beſon⸗ deres mitzutheilen habe über eine höchſt freche mitternächt⸗ liche Verſchwörung und Rebellion.“ Der Squire machte große Augen und ertheilte Befehl, WMr. Stirn vorzulaſſen. „Nun?“ rief der Squire, ſein Raſirmeſſer, das er eben auf dem Streichriemen abzog, Halt machen laſſend. Mr. Stirn ſtöhnte. „Nun, Mann, was gibts?“ „Nie hab' ich etwas Solches in unſerem Kirchſpiel er⸗ lebt,“ begann Mr. Stirn,„und ich kann mir's nur durch die Vermuthung erklären, daß jene fremden Papiſten ſemmi⸗ nirt haben—“ „Was haben ſie?“ „Semminirt—“ „Diſſeminirt, Ihr Gim minirt?“ pel— was haben ſie diſſe⸗ der tel Jh wů da El un ſetz übe ma tra rul wa au un Ze nauf usge⸗ iſchen chnit⸗ Stirn friger olches zu be⸗ einem r, der heim⸗ Beſon⸗ nächt⸗ Befehl, reben iel er⸗ r durch ſemmi⸗ e diſſe⸗ 2¹¹ „Zum Teufel mit den Stöcken!“ begann Mr. Stirn, der ſich recht medias in res ſtürzte, und zwar vermit⸗ telſt ſchöner Benützung einer der edelſten Figuren in der Rhetorik. „Mr. Stirn!“ rief der Squire rothwerdend,„habt Ihr wirklich geſagt: Zum Teufel mit den Stöcken'? Ihr wünſcht mein ſchönes neues Paar Stöcke zum Teufel?“ „Gott verhüte dies, Sir; aber ſie ſagen's und haben's darauf eingeſchnitten mit Meſſern und Dolchen und haben Straßenkoth in die vier Löcher geſtopft und den Kranz der Elewation abgeſchlagen.“ Der Squire nahm das Handtuch von ſeiner Schulter und legte Streichriemen und Raſirmeſſer nieder. Dann ſetzte er ſich majeſtätiſch in ſeinen Armſtuhl, ſchlug die Beine übereinander und begann mit einer Stimme, in welcher die Ruhe nur erkünſtelt war:— „Faßt Euch, Mr. Stirn. Ihr habt eine Anzeige zu machen über einen Angriff gegen— kann ich meinen Sinnen trauen— gegen meine neuen Stöcke? Faßt Euch— ſeyd ruhig. Nun! Was zum Teufel hat das Kirchſpiel ange⸗ wandelt?“ „Ja, Sir, dies iſt eben die Frage!“ entgegnete Mr. Stirn. Dann legte er den Zeigefinger der rechten Hand auf die Fläche der linken und berichtete den Sachverhalt. „Und auf wen habt Ihr Argwohn? Seyd jetzt ruhig und ſprecht nicht leidenſchaftlich. Ihr ſeyd ein Zeuge, Sir — ein leidenſchaftsloſer, nicht von Vorurtheilen befangener Zeuge. Blitz und Donner, das iſt ein ſchamloſes, unverant⸗ 14* — wottliches, teufliſches Benehmen. Auf wen habt Ihr Ver⸗ dacht, frage ich.“ Stirn drehte ſeinen Hut in der Hand, zog die Aug⸗ Y brauen in die Höhe, ſtieß mit dem Daumen über die Schul⸗ ſp ter und flüſterte:— 3 „Wie ich höre, haben letzte Nacht die zwei Papiſten ho bei Euer Ehren geſchlafen.“ „Wie, Einfaltöpinſel! Glaubt Ihr, Doetor Rickyboch gehe aus ſeinem warmen Bett, um in meinem neuen Stock C die Löcher zuzuſchmieren?“ 8 „Nein, er iſt zu pfiffig, um es ſelbſt zu thun; aber S kann ſeyn, daß er es ſemminirt hat. Er iſt gewaltig dick ſch mit Pfarrer Dale, und Euer Ehren weiß, wie der Pfarrer 6 ſich gegen die Stöcke ausgelaſſen hat. Eine kleine Geduld, 2 Sir— Ihr müßt mir's nicht vornweg verwerfen. Es iſt B ein Junge hier im Ort—“ i „Ein Junge?— ah, Narr, jetzt ſeyd Ihr näher am 8 Ziel. Wie ſollte auch der Pfarrer zum Teufel mit den Stöcken ſchreiben! Welchen Knaben meint Ihr?“ „Und dieſer Junge hat viel zuſammengeſteckt mit 6 Miſter Dale; und der Papiſt lief ihm letzthin auch in's Haus und blieb eine volle Stunde bei ihm und ſeiner Mut⸗ ter ſitzen. Und dieſer Bub iſt ſo ſchlau wie ein Fuchs, und au ich ſah ihn um den Platz ſchleichen und ſich unter dem Baum we verſtecken am nämlichen Tag, als der Stock aufgeſchlagen we wurde. Und dieſer Junge iſt kein anderer, als Lenny Fairfield.“ ſpi „Hui!“ pfiff der Squire vor ſich hin,„Ihr habt heute Gure Sinne nicht ſo gut beiſammen, wie ſonſt, Mann. Re er⸗ ul⸗ ſten ocky tock aber dick wrer uld, s iſt am den mit in's Mut⸗ und Zaum lagen ield.“ heute Nann. 213 Lenny Fairfield— der Muſterknabe des Dorfes! Haltet's Maul. Ich wette, am Ende hat's gar keiner aus dem Kirch⸗ ſpiel gethan. Irgend ein landſtreicheriſcher Taugenichts vielleicht— jener verwünſchte Keſſelflicker, der mit einem höchſt boshaften Eſel herumzieht— beiläufig, ich habe ihn erwiſcht, wie er Diſteln fraß mitten aus den Augen der alten Stöcke heraus, zum Beweis, wie der Keſſelflicker ſeine Eſel aufzieht. Na, haltet ſcharfen Lugaus. Heute iſt's Sonntag— leider der ſchlimmſte Tag in der Woche für Spitzbübereien und Unordnungen— Schande genug! Zwi⸗ ſchen den Gottesdienſten und nach der Abendkirche laufen immer müſſige Burſche aus der ganzen Nachbarſchaft herum, wie Ihr ſelbſt nur zu gut wißt. Verlaßt Euch darauf, die wahren Schuldigen werden ſich ſicherlich um die Stöcke ver⸗ ſammeln und bei dieſer Gelegenheit ſich ſelbſt verrathen. Nehmt alle Eure Sinne und Euren ganzen Witz zuſam⸗ men; ich zweifle dann nicht, daß wir mit der Sache zurecht kommen werden, noch eh' der Tag um iſt. Und glückt es uns,“ fügte der Squire bei,„ſo wollen wir an dem Schur⸗ ken ein Exempel ſtatuiren.“ „Natürlich,“ entgegnete Stirn,„und wenn wir ihn auch nicht finden, ſo muß gleichwohl ein Beiſpiel gegeben werden. Da liegt der Haſ' im Pfeffer, Sir. Die Stöcke werden nur deshalb nicht reſpektirt, weil's an einem Bei⸗ ſpiel fehlt. Man muß ein Exempel ſtatuiren.“ „Meiner Seele, ich glaube, Ihr habt da vollkommen Recht. Wir wollen deshalb den erſten müſſigen Schlingel, 2¹4 den Ihr auf etwas Unrechtem erwiſcht, hineinſtecken und we⸗ nigſtens ein Paar Stunden drin laſſen.“ „Mit größtem Vergnügen, Euer Ehren— ſo muß es kommen.“ Und Mr. Stirn, dem in ſolcher Weiſe unbedingte Macht⸗ vollkommenheit anheimgegeben war über alle Fuß⸗ und Hand⸗ gelenke im Kirchſpiel, ſo weit nämlich die Stöcke in Frage kamen, machte ſeine Abſchiedsverbeugung. Zehntes Kapitel. „Randal,“ ſagte am nämlichen denkwürdigen Sonntag Mrs. Leslie zu ihrem Sohne,„Randal, haſt Du im Sinne, zu Mr. Hazeldean zu gehen?“ „Ja, Mutter,“ antwortete Randal.„Mr. Egerton hat nichts dagegen einzuwenden, und da ich nicht wieder nach Eton zurückkehre, ſo werde ich wohl nicht ſo bald eine andere Gelegenheit finden, eine Weile mit Frank zuſammen zu ſeyn. Ich darf es doch nicht an Achtung fehlen laſſen gegen Mr. Egerton's natürlichen Erben.“ „Barmherziger Himmel!“ rief Mrs. Leslie, die gleich vielen Frauen ihren Schlags in ihrer Denkweiſe eine Art Wellklichkeit hatte, welche ſich in ihrem Benehmen nie kund⸗ gab—„barmherziger Himmel! Der natürliche Erbe von dem alten Eigenthum der Leslie.“ „Er iſt Mr. Egerton's Neſſe— und,“ fügie Randal bei, ſagte nicht Dein Dich mein net k wie da d hera tesdi ſie w Lesl und das Tie vom drüc Sch Halt Klei ve⸗ es ⸗ nd⸗ age ntag inne, erton ieder eine nmen laſſen gleich e Art kund⸗ e vn tandal 215 bei, indem er unverhohlen ſeine Gedanken laut werden ließ, „ich bin nicht einmal verwandt mit Mr. Egerton.“ „Aber es wäre doch eine Schande von dem Mann,“ ſagte Mrs. Leslie mit Thränen in den Augen,„wenn er nicht ſeine beſonderen Abſichten mit Dir hätte, da er doch Deine Erziehungskoſten in Eton und Orford beſtreitet und Dich Deine Vacanztage bei ſich zubringen läßt.“ „Abſichten wohl, Mutter, aber nicht die, welche Ihr meint. Doch gleichviel. Es iſt genug, daß er mich bewaff⸗ net hat für das Leben, und ich werde meine Wehr benützen, wie es mir am Beſten dünkt.“ In dieſem Geſpräch fand jetzt eine Unterbrechung ſtatt, da die übrigen Mitglieder der Familie, für den Kirchgang herausgeputzt, eintraten. „Es kann noch nicht Zeit ſeyn für den Beſuch des Got⸗ tesdienſtes— nein— unmöglich!“ rief Mrs. Leslie, denn ſie war für Alles zu ſpät daran. „Das letzte Zeichen hat ſchon geläutet,“ ſagte Mr. Leslie, der, obſchon ein träger, doch ein ſehr methodiſcher und pünktlicher Mann war. Mrs. Leslie ſtürzte jetzt außer ſich nach der Thüre, denn das Mondfydgetblut war in hoher Wallung, ſtürmte die Treppe hinauf nach ihrem Zimmer, riß ihren beſten Hut vom Nagel und den neueſten Shawl aus der Kommode, vrückte erſteren auf den Kopf und warf letzteren über die Schulter, ſteckte eine verzweifelte Nadel in die Falten des Halstuches, um ein knopfloſes Klaffen in dem Leib ihres Kleides zu verbergen und jagte dann wieder wie eine Winds⸗ — ————. praut zurück. Mittlerweile wartete die Familie unter dem Hauſe, und die Glocke hatte eben zu läuten aufgehört, als der Zug von dem ſchäbigen Hauſe aus nach der baufälligen Kirche ſich in Bewegung ſetzte. Die Kirche war groß, die Gemeinde aber klein und ebenſo auch das Einkommen des Pfarrers. Der Zehnien, ein Laienzehnten, hatte früher den Leslien gehört, war aber längft in andere Hände gekommen, und ſo mochte die Pfründe, die noch immer von den Leslien vergabt wurde, eine Klei⸗ nigkeit über hundert Pfund jährlich abwerfen. Der der⸗ malige Inhaber der Pfarrei beſaß außer ſeinem Einkommen keine weiteren Hilfsquellen. Er war ein guter Mann und von Haus aus nicht gerade beſchränkten Geiſtes; aber Dürf⸗ tigkeit und die Sorgen für Weib und Kinder in Verbindung mit dem Umſtande, daß er nie mit Leuten von intellektueller Bildung in Berührung kam, deren Umgang ihn über den alltäglichen Kreis ſeiner ſeelſorgerlichen Pflichten erheben konnte, hatten ihn eingelullt in eine trübſinnige Trägheit, die ſich bisweilen ganz wie geiſtige Schwäche ausnahm. Sein Einkommen geſtattete ihm nicht, ſeinen Pfarrange⸗ hörigen durch Liebesgaben oder Anlehen thatſächlich unter die Arme zu greifen, ſo daß ihm alſo kein anderes mora⸗ liſches Gewicht zur Seite ſtand, als ſein untadeliger Wan⸗ del und die negative Wirkung, die aus ſeinen ſchläfrigen Erinahnungen zu erholen war. Die Gemeindegenoſſen be⸗ unruhigten ihn daher nicht viel, und ohne den Einfluß, welchen Mrs. Leslie in den Stunden ihrer Montfydgetrüh⸗ rigkeit auf die Lenkſamſten, das heißt, auf die Kinder und die e ſpiel ſeine renſt die konn wuß Wei weſe das der Mr. hatt gem erlös Sch der Lesl Reiſ Bau man der S der auf nicht dem „als ligen und nten, aber ünde, Klei⸗ r der⸗ mmen n und Dürf⸗ indung tueller e en rheben nahm. rrange⸗ hunter mora⸗ rWan⸗ läfrigen ſſen be⸗ Finfluß, getrüh⸗ der und 217 die alten Leute übte, würden nicht ſechs Perſonen im Kirch⸗ ſpiel davon gewußt oder ſich darum gekümmert haben, ob er ſeine Kirche ſchloß oder nicht. Unſere Familie ſaß jedoch prunkvoll in dem alten Her⸗ renſtuhl; Mr. Dundrum trug mitkläglicher näſelnder Stimme die Gebete vor und die Alten, welche nicht mehr ſündigen konnten, im Verein mit den Kindern, welche noch nicht wußten, was Sünde war, krächzten die Reſponſorien in einer Weiſe, die eines ariſtophaniſchen Fröſchechors würdig ge⸗ weſen wäre. Dann kam eine lange Predigt über ein Thema, das Niemand von den Anweſenden intereſſiren konnte, denn der Sermon war nichts anderes, als eine Controverſe, die Mr. Dundrum vor vielen Jahren abgefaßt und vorgetragen hatte. Nach dem Schluſſe derſelben vernahm man ein all⸗ gemeines lautes Grunzen, als danke jeder Gott, daß er erlöst ſey, und nun begann ein Schuhegeklapper und ein Schieben nach der Kirchenthüre hin, humpelnd von Seiten der Alten und zappelnd von Seite der Jugend. Unmittelbar nach dem Gottesdienſt nahm die Familie Leslie ihr Diner ein, nach welchem Randal zu Fuß ſeine Reiſe nach Hazeldean⸗Hall antrat. Obſchon von ſchmächtigem und ſogar ſchwächlichem Bau hatte Randal doch die raſche Beweglichkeit, welche man an nervöſen Temperamenten wahrnimmt, und während der Wanderungen wurden die Beine des langſamen Bauern, der ihm für die erſte Stunde als Wegweiſer dienen ſollte, auf eine ſchwere Probe geſetzt. Der junge Leslie beſaß nichts von dem gewinnenden offenen Weſen gegen die Armen, das Frauk von ſeinem Vater geerbt hatte, war aber doch Gentleman genug, um keinen rohen Stolz gegen Untergebene kund zu geben, obſchon manche heuchleriſch verſteckte Un⸗ tugend in ihm lag, die ſich weniger mit dem Charakter eines Gentleman vertrug. Er ſprach wenig, ließ aber ſeinen Führer ungehindert fortplaudern, und der Banuer— der⸗ ſelbe, an welchen Frank ſich gewendet hatte— ergoß ſich zuerſt in lobpreiſenden Bemerkungen über den Pony jenes jungen Herrn, um ſpäter in gleich anerkennender Weiſe auf den jungen Herrn ſelbſt überzugehen. Randal drückte ſich den Hut in die Stirne. Es ſteckt ein wundervoller Takt und eine recht gute Bildung in unſeren Bauern; denn ob⸗ gleich Tom Stowell nur ein ganz rohes Exemplar dieſer Klaſſe war, bemerkte er doch bald, daß ſeine Aeußerungen nicht angenehm wirkten auf ſeinen Begleiter. Er hielt daher inne, kratzte ſich im Kopf, warf Randal einen Blick liebevoller Anhänglichkeit zu und rief: „Aber ich erleb's noch, daß Ihr auf einem ſchoͤneren Roß ſitzt, als dieſer Pony iſt, Maſter Randal. Und warum nicht? Ihr ſeyd ja ſo gut ein Gentleman, wie nur irgend einer im Land.“ „Ich danke Euch,“ verſetzte Randal.„Das Gehen iſt mir übrigens lieber, als das Reiten— ich bin mehr daran gewöhnt.“ „Gut, und Ihr marſchirt wacker— keiner beſſer im Land. Das Zufußgehen iſt auch recht angenehm, und Ihr habt einen hübſchen Landſtrich vor Euch auf Eurem ganzen Weg bis zur Halle.“ 5 R Juche, und als 6 / Vielen U ters eir ſtreben Schilli als Fre der arn er den E die Ge kehrte voran. unruhi danken deten Heimat A Heidele Ermüd Aus et ſelbe R terer m hielt. . och ene„ Un⸗ ines inen der⸗ ſich enes auf ſich Takt nob⸗ dieſer ngen hielt Blick neen arum irgend hen iſt daran ſer im nd Ihr ganzen 2¹9 Randal ſchritt kräftiger aus, als ſeyen ihm dieſe Ver⸗ ſuche, ihm zu ſchmeicheln oder ihn zu beruhigen, zuwider, und als er endlich eine breitere Straße erreichte, ſagte er: „Ich denke, ich kann jetzt ſelbſt meinen Weg finden. Vielen Dank, Tom.“ Und er drang der hornharten Handfläche ſeines Beglei⸗ ters einen Schilling auf. Tom nahm ihn nur mit Wider⸗ ſtreben an und eine Thräne trat ihm ins Auge. Dieſer Schilling erfüllte ihn mit innigeren Gefühlen des Dankes, als Frank's freigebig geſpendete halbe Krone, und wenn er der armen, heruntergekommenen Familie gedachte, vergaß er den eigenen ſauren Kampf mit dem Wolf vor ſeiner Thüre. Er blieb zögernd in dem Heckenwege ſtehen, bis er die Geſtalt Randals aus dem Geſicht verloren hatte, und kehrte dann langſam um. Der junge Leslie ſchritt rüſtig voran. Bei all ſeiner geiſtigen Ausbildung und ſeinem unruhigen Streben bot ihm ſeine Bruſt keinen ſo edeln Ge⸗ danken, kein ſo poetiſches Gefühl, wie dies bei dem ungebil⸗ deten Bauer der Fall war, welcher jetzt ſchwerfällig der Heimath zutrabte. An einer Stelle, wo auf einem ausgedehnten Stück Heidelands mehrere Wege zuſammentrafen, begann Randal Ermüdung zu fühlen, und ſeine Schritte wurden langſamer. Aus einer Seitenſtraße tauchte ein Gig auf, welches die⸗ ſelbe Richtung einſchlug, wie der Fußgänger, ſo daß Letz⸗ terer mit dem Fuhrwerk eine Weile ziemlich gleichen Schritt hielt. „Ihr ſcheint müde zu ſeyn, Sir,“ ſagte der darin — 220 ſitzende Landmann, ein ſtämmiger junger Burſche aus der beſſeren Klaſſe der Pächter, und ſchaute mitleidig nieder auf das bleiche Geſicht und die müden Glieder des Knaben. Vielleicht haben wir einen Weg und ich kann Euch ein Plätzchen geben?“ Es gehörte zu Randals Grundſätzen, jeden Vortheil zu benützen, der ſich ihm darbot, weshalb er auch zur Freude des Landmanns ohne Umſtände das Erbieten annahm. „Ein hübſcher Tag,“ ſagte der Letztere, nachdem Ran⸗ dal an ſeiner Seite Platz genommen hatte.„Kommt Ihr weit her?“ „Von Rood Hall.“ „Oh, Ihr ſeyd der junge Squire Leslie,“ verſetzte der Farmer achtungsvoller, indem er ſeinen Hut lüpfte. „Ja, mein Name iſt Leslie. Ihr ſeyd alſo zu Rood bekannt?“ „Ich wurde auf Eure Ihr habt vielleicht ſchon von dem Farmer Bruce gehört Randal.—„Ich erinnere mich aus meiner früheſten s Mr. Bruce, der, wenn ich nicht irre, den Pacht hatte und uns Kuchen u meinem Vater kam. Er 8 Vaters Gut erzogen, Sir. 24 Jugend eine beſten Theil von unſerem Land ir zu bringen pflegte, wenn er 3 iſt wohl ein Verwandter von Euch?“ Farmer Bruce.—„Es war mein Onkel. Jetzt iſt er todt, der arme Mann.“ Randal.—„Todt? Es thut mir leid, dies zu hören; denn er war ſehr freundlich gegen uns Kinder. Es iſt übrigens ſchon lang, daß er von meines Vaters Farm abzog.“ 2 zeugt, ihm un § 5 Capite Land d ) Gütert überno 8 das de Es ha Grund 9 Land en 8 Zeit. — Sc Herſtel nicht je reicher T ſein R damit umzuft — s der r auf aben. h ein ortheil Freude Ran⸗ nt Ihr tzte der u Rood 1, Sir. hört“ rüheſten re, den Kuchen m. Er Jetzt iſt u hören; Es iſt abzog.“ 221 Farmer Bruce, entſchuldigend.—„Ich bin über⸗ zeugt, daß er's nur ungern that. Aber Ihr ſeht, es ſiel ihm unerwartet eine Erbſchaft zu—“ Randal.—„Und er gab den Landbau auf?“ Farmer Bruce.—„Nein. Aber er hatte jetzt Capital und konnte es erſchwingen, für ein wirklich gutes Land das höhere Pachtgeld zu bezahlen.“ Randal, bitter.—„Alles Capital ſcheint von den Gütern zu Rood zu fliehen. Und von wem hat er eine Farm übernommen?“ Farmer Bruce.—„Er pachtete das Gut Hawleigh, das dem Squire Hazeldean gehört. Ich ſitze jetzt darauf. Es hat uns eine Laſt Geld gekoſtet; aber wir haben keinen Grund, uns zu beſchweren; das Ausgelegte rentirt ſich gut.“ Randal.—„Würde ſich das Geld auf meines Vaters Land nicht eben ſo gut rentirt haben?“ Farmer Bruce.—„Vielleicht wohl im Laufe der Zeit. Aber dann hätten wir neue Baulichkeiten gebraucht — Scheunen, Viehſtälle und noch allerlei— Dinge, deren Herſtellung dem Grundherrn obliegt. Freilich kann dies nicht jeder Grundherr erſchwingen. Squire Hazeldean iſt ein reicher Mann.“ Randal.—„Ach, freilich!“ Der Weg wurde nun ziemlich gut, und der Farmer ließ ſein Roß raſcher ausholen. „Wohin wollt Ihr, Sir? Wenn Euch ein Gefallen damit geſchieht, ſo liegt mir nichts daran, ein Stündchen umzufahren,“ 222 „verſetzte Randal, ſich aus aßt Euch durch mich nicht „Ich gehe nach Hazeldean, einer Träumerei aufraffend.„L von Eurem Wege abbringen.“ „Oh, Hawleigh Farm liegt auf der anderen Seite des Dorfs, und ich kann Euch deshalb ganz mitnehmen, Sir.“ Der Farmer, welcher in der That ein hübſcher Burſche und von dem Schlag war, wie ihn die Verwendung von Capital auf's Land hervorzubringen pflegt, das heißt ein Menſch, der im Punkte der Bildung und Erziehung den Squiren einer früheren Generation nicht nachſtand— be⸗ gann von ſeinem hübſchen Roß, von Pferden überhaupt und von Jagden und Wettrennen zu ſprechen, Gegenſtände, die er mit Verſtand und Beſcheidenheit behandelte. Randal vrückte ſich den Hut noch tiefer in die Stirne und unterbrach ſeinen Gefährten nicht, bis ſie an dem Caſino vorbeikamen. Der claſſiſche Anſtrich des Platzes fiel ihm auf, und da zu gleicher Zeit der Wind ihm den Geruch der blühenden Oran⸗ genbäume zuwehte, ſo fragte er ſchnell:— „Wem gehört dieſes Haus?“ „Oh, es gehört dem Squire Hazeldean, der es einem ausländiſchen Musje vermiethet oder geborgt hat. Man ſagt, er ſey ein ganzer Gentleman, aber ungemein arm.“ „Arm?“ verſetzte Randal, indem er nach dem wohl⸗ neten Garten, der zierlichen Terraſſe und dem hübſchen Belvedere zurückſchaute und zugleich durch die offene Haus⸗ thüre der gemalten Halle anſichtig wurde.„Arm! Der Platz ſcheint gut unterhalten zu ſeyn. Was nennt Ihr arm, Mr. Bruce?“ geord glau kanr ſtirb und ſein es l ihre hüb Hier ſchm Hoc ſch dal, erſu Kna gru fuhr noch ſtim mili Bra aus nicht e des i urſche g von ßt ein gden — be⸗ pt und e, die Randal erbrach kamen. d da zu Oran⸗ 6 einem Man arm.“ m wohl⸗ hübſchen e Haus⸗ m! Der nnt Ihr 5 223 Der Farmer lachte. „Ei, das iſt eine Gewiſſensfrage, Sir. Aber ich glaube, der Musje iſt ſo arm, als es nur ein Mann ſeyn kann, der keine Schulden macht und nicht geradezu Hunger ſtirbt.“ „So arm wie mein Vater?“ fragte Randal plötzlich und unverhohlen. „Du meine Güte, Sir! Euer Vater iſt ein ſehr reicher Mann in Vergleichung mit ihm.“ Randals Blick haftete noch immer an dem Caſino, und ſein geiſtiges Auge vergegenwärtigte ihm den Contraſt, den es bot gegen ſeine verwahrloste ſchäbige Heimath mit all ihrem herabgekommenen Zubehör. Rood Hall hatte keinen hübſchen Garten, keinen würzigen Orangenblüthenduft. Hier war die Armuth wenigſtens elegant— dort, wie ſchmutzig! Er begriff nicht, zu wie wohlfeilem Preis der Hochgenuß der Schönheit ſich erzielen läßt. Sie näherten ſich jetzt dem Ende des Parks von Hazeldean, weßhalb Ran⸗ dal, welcher eines Thores anſichtig wurde, ſeinen Führer erſuchte, Halt zu machen, daß er ausſteigen könne. Der Knabe befand ſich bald unter dem Schatten der dichten Eichen⸗ gruppen, während der Farmer wohlgemuth ſeines Weges fuhr und luſtig vor ſich hinpfiff, mit der Muſik ſeines Liedes noch das Ohr Randals erreichend, der in bitterer Gemüths⸗ ſtimmung unter den Bäumen weiter ſchritt. Als er in der Halle ankam, fand er, daß die ganze Fa⸗ milie in der Kirche war; und nach dem patriarchaliſchen Brauch gehörte zur kirchgehenden Familie faſt die ganze ———— Es war daher nur eine alte gebrechliche eblieben, welche ihm die Thüre öffnete. Dienerſchaft. Hausmagd zurückg Sie hörte nicht gut und ſchien ſo einfältig zu ſeyn, daß Randal ſie nicht um die Erlaubniß bitten mochte, im Hauſe Franks Rückkehr abwarten zu dürfen, weshalb er ihr nur in Kürze erklärte, er wolle ſich in der Nachbarſchaft umſehen und wieder kommen, wann der Gottesdienſt vorüber ſey. Die alte Magd machte große Augen und gab ſich alle Mühe, ihn zu verſtehen; Randal aber wandte ihr raſch den Rücken zu und ſchlenderte nach der Gartenſeite des ſchönen großen Hauſes hin. Der geräumige Raſen bot genug dar, was das Auge anziehen konnte— zahlreiche Blumenbeete in wechſelndem „ Farbenſpiel, zwei gewaltige Cedern von ehrwürdiger Groß⸗ artigkeit, und das maleriſche Gebäude mit ſeinen vor⸗ ſpringenden Fenſtern und Giebeln. Indeß fürchte ich, daß der knabenhafte Greis die Scene vor ihm nicht mit dem Auge des Dichters oder des Malers betrachtete. Er erblickte nur die Kundgebung von Reichthum, und der Neid, welchen Reichthum einzuflößen geeignet iſt, ver⸗ gällte ſein Inneres. Die Arme auf der Bruſt kreuzend, blieb er eine Weile ſtehen und muſterte ſeine Umgebung mit geſchloſſenen Lippen und finſterer Stirne; dann ging er langſam weiter und mur⸗ melte, den Blick zur Erde geſenkt, vor ſich hin:— „Der Erbe dieſes Eigenthums iſt wenig beſſer, als ein Schöps; mir aber rühmt man Talent und Kenntniſſe nach, und mein Grundſatz heißt: Wiſſen iſt Macht. Aber wird mich heber dert allen Reick Audl ment Alles etwa käme Mar mach arme Woh imm liege liere: fortn einer derſe einer empt ſollt treib Vat Haze B he te. aß uſe nur hen alle den nen luge ndem roß⸗ vor⸗ „daß dem „und „ver⸗ Weile Lippen d mur⸗ als ein ſe nach, er wird mich bei all meinem Ringen das Wiſſen je auf dieſelbe Stufe heben, auf welcher dieſer Gimpel geboren wurde? Es wun⸗ dert mich nicht, daß der Arme den Reichen haßt; wer von allen Armen aber iſt mehr befugt zu dieſem Haß gegen die Reichen, als ein armer Gentleman? Wahrſcheinlich erwartet Audley Egerton von mir, ich ſolle mit der Zeit ins Parla⸗ ment eintreten und ein Tory werden, wie er ſelbſt. Was! Alles im alten Stand erhalten? Ich wollte nicht einmal etwas von der Demokratie, wenn nicht zuerſt die Revolution käme. Ich begreife den Ruf eines Marat— Mehr Blut! Marat hat als armer Mann gelebt und ſeine Studien ge⸗ macht— einem fürſtlichen Palaſt gegenüber.“ Er wandte ſich raſch um und blickte grimmig nach der armen alten Halle hin, die, wenn auch eine recht behagliche Wohnung, doch ſicherlich kein Palaſt war. Die Arme noch immer über der Bruſt verſchlungen, ging er rückwärts, als liege ihm daran, den Anblick nicht aus dem Auge zu ver⸗ lieren, damit der Faden der heraufbeſchworenen Ideen einen fortwährenden Anhaltspunkt habe. „Aber,“ fuhr er in ſeinem Selbſtgeſpräch fort—„zu einer Revolution iſt keine Ausſicht vorhanden. Freilich ſollte derſelbe Geiſt und derſelbe Wille, die ſich in Revolutionen einen Weg bahnen, auch in dieſem alltäglichen Leben ſich emporringen können. Wiſſen iſt Macht. Wohlan denn, ſollte es mir an Macht gebrechen, dieſen Dummkopf zu ver⸗ treiben? Ihn zu vertreiben aus was? Aus der Halle ſeines Vaters? Gut— aber wenn er todt wäre, an wen würde Hazeldean übergehen? Habe ich nicht meine Mutter ſagen Bulwer, meine Novelle. 15 226 hören, ich wäre mit dieſem Squire ſo nah' verwandt, als irgend Jemand, wenn er teine Kinder hätte? Ha— aber vas Leben bieſes Knaben iſt mehr werth, als das von zehn ſolchen, wie ich! Ihn vertreiben von was? Wenigſtens aus den Gedanken ſeines Onkels Egerton— eines Onkels, der ihn nie geſehen hat! Dies wenigſtens wäre thunlicher. Ich ſolle im Leben meinen Weg machen, ſagteſt du, Audley Egerton. Ja, aber auch zu dem Vermögen, das du von meinen Ahnen ſtahlſt. Verſtellung— Verſtellung! Lord Bacon erklärt die Verſtellung für zuläſſig. Lord Bacon übte ſie ſelbſt— und—“ Das Selbſtgeſpräch nahm hier plötzlich ein Ende; denn ganz verzückt in ſeinen Gedanken war der Knabe immer rück⸗ lings gegangen bis zu der Stelle, wo der Raſen gegen den Graben abſchoß. Wie er ſich nun eben kräftigen wollte an Lord Bacon's Lehre und Beiſpiel, hörte der Boden unter ihm auf und klatſch ging es mit Randal Leslie hinunter in den Graben. Der Squire, deſſen thätiger Geiſt immer etwas zu ändern oder zu verbeſſern haben mußte, hatte an jener Stelle erſt vor einigen Tagen den Graben erweitern und abdachen laſſen, ſo daß die Erde noch friſch und feucht und der Rand weder flach geſchlagen noch mit Raſen belegt war. Als daher Randal, nachdem er ſich vom erſten Schrecken und von der Ueberraſchung erholt hatte, wieder aufſtand, fand er, daß ſeine Kleider über und über mit Koth beſudelt waren. Die Macht ves Falls bekundete ſich namentlich an dem außer⸗ ordentlichen phantaſtiſchen Ausſehen ſeines Hutes, der da als aber zehn aus der cher. dley von Lord übte denn rück⸗ en den lte an unter ter in s e jener rn und cht und t war. ken und d, fand waren. außer⸗ der da 227 eine Beule, dort einen Kropf hatte und überhaupt ſo zer⸗ drückt war, daß man kaum mehr einen Hut in ihm erkannte, geſchweige denn den eines anſtändigen, fleißig dem Studium ergebenen jungen Gentleman, welchen Mr. Audley Egerton ſeines Schutzes würdigte. Eher hätte man glauben ſollen, es ſey eine Kopfbedeckung, die nach einer Rauferei betrunke⸗ ner Geſellen aus einer Goſſe gezogen wurde. Randal war zerquetſcht, betäubt und ſchwindlig, ſo daß es eine Weile anſtund, ehe er dem Zuſtand ſeiner Kleider Aufmerkſamkeit ſchenken konnte. Als dies endlich geſchah, wurde ſeine üble Laune noch erhöht. Er war Knabe genug, um von dem Gedanken, ſich dem unbekannten Squire und dem ſtutzerhaften Frank in ſolchem Aufzuge zu zeigen, empört zu werden, und faßte daher ſchnell den Ent⸗ ſchluß, lieber wieder in den Heckenweg einzubiegen und nach Haus zurückzukehren, ohne den Zweck ſeiner Reiſe erfüllt zu haben. Gerade vor ſich bemerkte er den Fußpfad nach einem Thore, und da er dachte, derſelbe werde ihn früher nach der Landſtraße bringen, als der Weg, auf welchem er her⸗ gekommen war, ſo ſchlug er ihn unverweilt ein. Es iſt erſtaunlich, wie wenig wir Erdenwürmer die Warnungen unſeres guten Engels beachten. Ich zweifle nicht, daß irgend eine wohlwollende Macht Randal Leslie in den Graben geſtürzt hatte, um ihm einen bedeutungs⸗ vollen Wink zu geben über das Schickſal aller, deren freie Wahl mit dem in unſeren Tagen keineswegs ungewöhnlichen Schritt im Gange des Menſchengeiſtes zuſammenfällt— ich meine den Schritt rückwärts in der Abſicht, an dem 15 ———— 228 Eigenthum des Nächſten ſein Müthchen zu kühlen. Indeß Wirt vermuthe ich, daß noch vor Ablauf dieſes Jahrhunderts* ſich! manches ſaubere Bürſchlein ſeinen Graben gefunden haben pert wird, aus dem er mit weit ſchäbigerem Rock herauszappelte, rühre als der war, welchen er anhatte, als er hineinfiel. Doch ſichs Randal wußte es ſeinem guten Geiſte nicht Dank, daß er ihm in dieſer mahnenden Weiſe ein Bein geſtellt hatte— fein Wunder; denn ich habe noch nie einen Menſchen geſehen, Gol bei dem dies der Fall geweſen wäre. die G in d nicht Eilftes Kapitel. Der Squire kam an jenem Morgen in ſehr gereizter die L Stimmung zum Frühſtück. Er war zu ſehr Engländer, um 1 verw eine Beleidigung und Beſchimpfung geduldig hinzunehmen, wiſſe und betrachtete es als einen perſönlichen Schimpf, daß man die v vas Geſchenk, welches er dem Kirchſpiel gemacht, in ſolcher eren Weiſe verunehrt hatte. Neben ſeinem Stolz waren aber Prie auch ſeine Gefühle verletzt. Das ganze Benehmen zeugte Gem von dem ſchreiendſten Undank, denn er hatte ſich ſo viel Wei Mühe gegeben, nicht nur die Stöcke wieder ins Leben zu gebe rufen, ſondern auch ſie zu verſchönern. Freilich war eine hat, Verſtimmung des Squire keine ſo ſeltene Erſcheinung, daß Erſ die heutige ſonderliche Beachtung zur Folge gehabt hätte. Gro Zwar konnte es weder Riccabocca, obſchon er ein Fremder der( war, noch der Mrs. Hazeldean, die als Gattin die Eigen⸗* jedoe heiten ihres Mannes kannte, entgehen, daß der Squire als 4 war . ndeß erts aben ete, Doch ß er — ehen, eizter ,um hmen, man olcher aber zeugte o viel en e r eine daß hätte. remder Eigen⸗ ire als 5 229 Wirth ziemlich wortkarg und als Gatte gehörig auffahrend ſich benahm; aber der eine war zu rückſichtsvoll und die an⸗ dere zu verſtändig, in der friſchen Wunde, woher ſie auch rühren mochte, zu wühlen, und bald nach dem Frühſtück zog ſich Mr. Hazeldean nach ſeinem Studirzimmer zurück, das er auch nicht verließ, um dem Morgengottesdienſt anzuwohnen. Foſter trägt in ſeiner ſchönen Biographie Oliver Goldſmiths Sorge, unſere Herzen zu rühren, indem er die Entſchuldigungsgründe vorbringt, warum ſein Held nicht in den geiſtlichen Stand getreten war. Er meinte, dafür nicht gut genug zu ſeyn. Dein Landprediger von Wakeſield armer Goldſmith, war ein vortrefflicher Erſatzmann für dich, und Doctor Primroſe wenigſtens wird gut genug für die Welt ſeyn, bis ſich einmal Miß Jemima's Beſorgniſſe verwirklichen. Nun beſaß der Squire Hazeldean eine Ge⸗ wiſſenszartheit, welche nicht weniger vernünftig war, als die von Goldſmith, denn es gab gelegentlich Tage, an welchen er nicht gut genng zu ſeyn vermeinte, nicht gerade für den Prieſterſtand, wohl aber für ein Plätzchen in der chriſtlichen Gemeinde—„Tage(pflegte der Squire in ſeiner derben Weiſe zu ſagen), an welchen der ſchlimmſte Teufel, den es geben kann, der Teufel des Zorns von mir Beſitz genommen hat, und den mag ich nicht in meinen Familienſtuhl tragen. Er ſoll mir nicht heuchleriſche Reſponſorien aus meiner armen Großmutter Gebetbuch herausbrummen.“ So blieb nun der Squire mit ſeinem Dämon zu Haus. Letzterer mußte jedoch in der Regel abziehen, noch eh' der Tag vorüber war, und als bei dem erwähnten Anlaß die Glockzzum —— Nachmittagsgottesdienſt läutete, hatte der Squire entweder durch Vernunftgründe, oder weil ſein Koller ſich von ſelbſt gelegt hatte, die gehörige Gemüthsruhe wieder gefunden, denn man ſah ihn um dieſe Zeit Arm in Arm mit ſeiner Gattin und an der Spitze ſeines Hausweſens aus dem Por⸗ tikus ſeiner Hausthüre hervorkommen. Wie gewöhnlich auf dem Lande war der zweite Gottesdienſt weit beſuchter als der erſte, weshalb denn auch unſer Pfarrer der Nachmit⸗ tagspredigt eine beſonders eifrige Vorbereitung zu widmen pflegte. Mr. Dale war zwar kein übler Gelehrter, aber weder in die Theologie noch in die Alterthumskunde ſo tief einge⸗ gangen, wie man dies bei der heranwachſenden Geiſtlichkeit wahrnimmt. Ich möchte ſogar zweifeln, ob er im Stande geweſen wäre, ein ſogenanntes reſpektables Examen in den Kirchenvätern zu beſtehen, und was die ſpitzfindigen Forma⸗ litäten in der Rubrik betrifft, ſo wäre er wohl nie der Mann geweſen, in einer Gemeinde eine Spaltung zu veranlaſſen oder einen Biſchof in Verlegenheit zu bringen. Auch in der kirchlichen Architektur war Pfarrer Dale nicht beſonders be⸗ wandert. Er kümmerte ſich nicht viel darum, ob ein Gottes⸗ haus in all ſeinen Einzelnheiten rein gothiſch gebaut war, oder nicht, und die verſchiedenartigen Ornamente, Rund⸗ bogen oder Spitzbogen waren Dinge, mit denen er, wie ich fürchte, ſeinen Kopf nie behelligte. Indeß beſaß er doch ein Geheimniß, das vielleicht nicht minder wichtig iſt, als jene feineren Myſterien— er wußte ſeine Kirche zu füllen. Selbſt beim Morgengottesdienſt war kein Stand leer find men geiſ hat veder ſelbſt nden, ſeiner Por⸗ h auf r als chmit⸗ idmen weder einge⸗ lichkeit Stande in den Forma⸗ Mann mlaſſen in der ders be⸗ Gottes⸗ ut war, „Rund⸗ wie ich er doch htig iſt, kirche zu n Stand 234 leer, Nachmittags aber konnten Viele nicht einmal Platz finden. Heut zu Tage würde Pfarrer Dale in den Geruch kom⸗ men, als habe er nur eine geringe Vorſtellung von der geiſtlichen Gewalt der Kirche, da man nie von ihm gehört hatte, daß er in dieſer Beziehung mit dem Staat in Streit gekommen ſey oder daß ihm die Fragen zu ſchaffen machten, ob ſie dem weltlichen Regiment gegenüber höher, gleich oder niedriger ſtehe, ob ſie die Vorläuferin des Pabſtthums geweſen, oder ob ſie aus dem Pabſtthum hervorgegangen u. ſ. w. Ohne Zweifel folgte er auch hierin ſeinem Lieb⸗ lingsgrundſatz, Quieta non movere(nicht aufzuſtören, was ruhig iſt), und meinte deshalb, je weniger man über der⸗ gleichen Dinge ſich herumbalge, deſto beſſer ſey es für die Kirche und für die Laienwelt. Ebenſowenig hatte man von ihm je gehört, daß er das Außerbrauchkommen der Excom⸗ munication oder irgend eine andere Schmälerung der prie⸗ ſterlichen Droh⸗ oder Streitgewalt beklagt hätte, obſchon er hohe Achtung hegte vor dem heiligen Vorrecht eines Dieners des Evangeliums— zu rathen— abzuſchrecken— zu über⸗ zeugen— und zu verweiſen. Namentlich pflegte er für den Abendgottesdienſt diejenigen Predigten vorzubereiten, von welchen man ſagen konnte, daß ſie Jedem galten. Zu Ein⸗ ſchärfung der chriſtlichen Zucht wählte er die Nachmittags⸗ ſtunde nicht blos weil ſie ihm eine zahlreichere Zuhörerſchaft zuführte, ſondern auch weil er— bei all ſeiner Unſchuld doch ein ſchlauer Mann— recht wohl wußte, daß die Leute nach dem Mittageſſen eine Predigt weit beſſer ertragen, als 232 vorher, und man dem Herzen weit eher beikommen kann, wenn der Magen zufrieden geſtellt iſt. In Pfarrer Dale's Nachmittagspredigten herrſchte ein eigenthümlicher Geiſt des Wohlwollens. Sein Vortrag hatte ſo ganz den Charakter einer väterlichen Anſprache, daß man ſich nicht verletzt füh⸗ len konnte, und dabei zeigte er eine ſolche Gewandtheit, daß Niemand als das eigene ſchuldbeladene Ich den Sünder erkannte, dem ſeine Ermahnung galt. Dabei ſchonte er den Reichen ſo wenig, als den Armen, und er predigte dem Sauire und großen wohlbeleibten Pächter und Kirchenpfleger Mr. Bullock ſo kühn, wie dem Söldner Hodge und dem Tag⸗ löhner Serub. Für Mr. Stirn hatte er in ſeinen Vorträ⸗ gen weit öfter etwas, als für irgend einen andern Ge⸗ meindeangehörigen; wenn aber auch der Betroffene dies fühlte, nahm er es ſich doch nicht in einem Grade zu Her⸗ zen, daß er ſich gebeſſert hätte. In Pfarrer Dale's Predig⸗ ten lag nebenbei etwas von jener Kühnheit bilvlicher Dar⸗ ſtellung, welche man in den Homilien unſerer älteren Got⸗ tesgelehrten findet und die ſich als Gelehrſamkeit ausgenom⸗ men haben würde, wenn er den Styl weniger familiär ge⸗ halten hätte. Gleich ſeinen Vorgängern liebte er es nämlich, hin und wieder eine geſchichtliche Anekdote einzuflechten oder neben der Bibel auch aus anderen Schriftſtellern eine An⸗ ſpielung zu borgen, um die Aufmerkſamkeit ſeiner Zuhörer⸗ ſchaft zu beleben oder eine Beweisführung deutlicher zu machen. Dabei hatte der gute Mann einen Zweck, der zwar nicht ganz im Einklang ſtand mit der Hauptaufgabe ſeiner Rede, dieſer aber doch ſich vollſtändig unterordnen ließ. nn, le's des kter üh⸗ eit, ider er dem eger ag⸗ trä⸗ Ge⸗ dies Her⸗ edig⸗ Dar⸗ Got⸗ nom⸗ r ge⸗ nlich, oder An⸗ örer⸗ erzu zwar ſeiner ließ. 233 Mr. Dale war ein Freund der Wiſſenſchaft, forderte aber als ihre Geleiterin die Religion, und ſeine Hinweiſung auf Quellen, die nicht in den gewöhnlichen Leſebereich ſeiner Gemeinde gehörten, ſpornte manchen Pächterſohn, in den Stunden der Abendmuße den Pfarrer um weitere Aufklärung zu bitten, ſo daß dergleichen aufmerkſame Zuhörer verleitet wurden, unter ſicherer Führung eine gediegenere oder erbau⸗ lichere Belehrung zu ſuchen. Der Pfarrer, deſſen Auge und Herz ſtets an ſeiner Heerde hing, hatte nur mit großem Leidwefen das Wieder⸗ aufleben der Stöcke geſehen. Es war ihm bekannt, daß der Geiſt der Unzufriedenheit unter den Bauern um ſich griff wegen der zuchtmeiſterlichen, inquiſitionsluſtigen Plane des Squire, die deſſen natürliches Wohlwollen ſo ſehr in Schatten ſtellten, und die Zeichen eines Bruchs zwiſchen den verſchiedenen Klaſſen, die Vorläufer einer immer Zündſtoff vorfindenden Fehde zwiſchen Reich und Arm, entgingen ſeiner Aufmerkſamkeit nicht. Er ſann daher bei dem gegenwär⸗ tigen Anlaß auf nichts Geringeres, als auf einen großen politiſchen Sermon— auf eine Predigt, welche aus den Wurzeln ſocialer Wahrheiten eine Heilkraft ausziehen ſollte für die Wunde in der Bruſt ſeiner Hazeldeaner Gemeinde, welche nichts deſto weniger ſchmerzte, weil ſie zur Zeit noch verborgen war. Wir gehen nunmehr über zu der Politiſchen Predigt des Pfarrers Dale. 234 Zwölftes Kapitel. „Denn ein Jeglicher wird ſeine Laſt tragen.“ Gala⸗ „Meine Brüder, „Jeder Menſch hat ſeine Laſt. Läge es in der Abſicht Gottes, daß unſer Leben ein Ende nähme mit dem Grabe, dürften wir dann nicht glauben, er würde ein ſo kurzes Daſeyn befreit haben von den Sorgen und Leiden, welchem ſeit dem Beginn der Welt das menſchliche Geſchlecht unter⸗ worfen war? Setzen wir den Fall, ich ſey ein wohlwollen⸗ der Vater und im Beſitz eines Kindes, das ich innig liebe, wiſſe aber vermöge einer göttlichen Offenbarung, es werde in ſeinem achten Jahre ſterben, ſo würde ich ſicherlich nicht die Tage ſeiner Kindheit durch nutzloſe Vorbereitungen für die Obliegenheiten des Lebens verkümmern. Wäre ich ein reicher Mann, ſo entzöge ich es nicht den Liebkoſungen ſei⸗ ner Mutter, um es der ſtrengen Zucht der Schule zu unter⸗ werfen; wäre ich arm, ſo nähme ich es nicht mit hinaus zu meinem Feldgeſchäft, damit die Sonne es verſenge oder der Froſt des Winters ſein Mark erkälte. Warum Mühſal haufen auf ſeine Kindheit, um es für das Mannesalter tauglich zu machen, wenn ich doch weiß, daß ihm nicht ge⸗ gönnt iſt, zum Mann heranzureifen? Wenn ich aber ande⸗ rerſeits der Meinung bin, meinem Kinde ſey ein längeres Daſeyn beſchieden, muß ich dann nicht aus Liebe zu ihm ſchon ſeine frühe Jugend vorbereiten auf den Kampf des Lebens, je nach der Stellung, welche ihm ſeine Geburt „ a⸗ ſicht abe, rzes chem nter⸗ llen⸗ iebe, erde nicht für hein n ſei⸗ nter⸗ us zu der ühſal zalter t ge⸗ ande⸗ geres ihm f des eburt 235 anweist? Muß ich ihm nicht manche Mühe, manchen Schmerz bereiten, auf daß es gekräftigt werde für ſeine künftigen Mannesobliegenheiten? Ebenſo hält es unſer Vater⸗ der im Himmel iſt Das Erdenleben iſt nur unſere Kind⸗ heit, das zukünftige erſt gibt uns die geiſtige Reife. Da er in dem letzteren blos uns die überſchwenglichen Reich⸗ thümer ſeiner Gnade zeigen kann, ſo müſſen wir ſowohl ſeine Liebe als ſeine Weisheit darin anerkennen, wenn er in Leiden und Mühen uns die Kräfte der Seele erproben und ihre Tugenden entwickeln läßt, auf daß ſie tauglich werde für den Vorſchmack unſeres Erbes und für die Erringung des uns erkauften Beſitzes. Deshalb wird Jeglicher ſeine Laſt tragen. Wenn ihr alſo glaubet, meine Brüder, daß Gott gut— ja, daß er nur ſo liebevoll wie ein irdiſcher Vater iſt, ſo könnt ihr daraus entnehmen, wie eure Erden⸗ mühen blos ein Beweis ſind, daß ihr beſtimmt ſeyd für ein ewiges Leben. Freilich meint ein Jeder, ſeine Laſt ſey die ſchwerſte; der Arme ächzt unter ſeinem Mangel, der Reiche unter den Sorgen, welche mit der Vergrößerung ſeiner Habe zunehmen. Denn der Reichthum befreit uns ſo wenig von Sorge, daß vielmehr die Weiſen aller Zeiten einſtimmig die Worte des Weiſeſten wiederholt haben: Wo viel Gutes iſt, da ſind viele, die es eſſen; und was genießt ſein, der es hat, ohne daß er es mit Augen anſieht? Und dies iſt buch⸗ ſtäblich wahr, meine Brüder; denn mag auch einer ſo reich ſeyn wie der große König Salomon ſelbſt, ſo muß ſein Gold, wenn er es nicht etwa in ſeine Truhe ſperrt, hinaus und ſich unter andere vertheilen; und wenn er nun wie Salomon —— 236 große Werke unternimmt, Häuſer baut, Weinberge pflanzt in d und Gärten anlegt, ſo nährt das Geld, das er hierauf ver⸗„ heir wendet, diejenigen, welche in ſeinem Dienſte arbeiten. Sa⸗ ſein lomo ſelbſt konnte nicht mit beſſerem Appetit eſſen, als der aus ärmſte Maurer, der das Haus baute, oder der geringſte gen Taglöhner, der den Garten anlegen half. Wo alſo viel daß Gutes iſt, da ſind viele, die es eſſen. Und dies, meine ſein Brüder, kann uns zur Duldſamkeit gegen die Reichen und fert zur Theilnahme für ſie veranlaſſen. Wir bekommen auch ein von ihren Schätzen, mag dies nun mit oder ohne ihren Wil⸗ ſic len geſchehen, während ihnen ihre Sorgen bleiben. Die lau Geſchichte unſeres eigenen Vaterlandes erzählt uns, daß eine ble Prinzeſſin, welche beſtimmt war, die größte Königin zu wer⸗ Va den, die je auf Englands Throne ſaß, ein ſingendes Milch⸗ rei mädchen beneidete, und ein Profandichter, deſſen Weisheit Ge nur durch die der inſpirirten Schriftſteller der Bibel über⸗ zig ʒ troffen wird, ſchildert uns einen Mann, der durch Gewalt die õ und Liſt ſich zum König aufgeſchwungen hatte, wie er ſich un ſeufzend nach dem Schlaf ſehnt, welcher dem Geringſten ſei⸗ ge ner Unterthanen beſcheert iſt. All Dies dient zu Beleuch⸗ S nng der Worte von Davids Sohn: Der Schlaf des ar⸗ be beitſamen Mannes iſt ſüß, ob er viel oder wenig eſſe; aber det 1 den Reichen wird ſein Ueberfluß nicht ſchlafen laſſen. in 4„Unter meinen hier anweſenden Brüdern befindet ſich eit ohne Zweifel mancher, der arm war und durch ehrenhafte di Thätigkeit beziehungsweiſe reich geworden iſt. Möge ſein S Herz antworten, wenn ich an ihn die Fragen ſtelle: haben G nicht die Hauptſorgen, die ihn jetzt quälen, ihren Grund th ———— ——————— 237 in den Gütern, die er erworben, und wird er nicht jetzt oft heimgeſucht von Anfechtungen ſeines Geiſtes und Prüfungen ſeiner Tugend, die er nicht kannte, als er zu ſeiner Arbeit auszog, ohne ſich zu grämen wegen des kommenden Mor⸗ gens? Aber es iſt ganz in der Ordnung, meine Brüder, daß jede Stellung hienieden ihre Sorgen und Jeglicher ſeine Laſt habe; denn wenn der Arme nicht bisweilen in ſo ferne ſeine Dürftigkeit als Laſt fühlte, daß der Wunſch zu einer Verbeſſerung ſeiner Lage in ihm erwachte und er ſuchte, ſich im Leben emporzubringen', wie die Sprache der Welt lautet, ſo würden ſeine werthvollſten Kräfte im Schlummer bleiben, und wir könnten nie Zeuge ſeyn eines in unſerem Vaterlande ſo häufigen Schauſpieles, nämlich des erfolg⸗ reichen Kampfs mannhafter Anſtrengung gegen ein widriges Geſchick, eines Kampfes, in welchem der Sieg eines Ein⸗ zigen Tauſende mit Hoffnung erfüllt. Das Sprichwort ſagt, die Noth ſey die Mutter der Erfindungen, und dieſem Geſetz unſerer Natur verdanken wir die geſellſchaftlichen Segnun⸗ gen, welche uns jetzt ſo gemeinſam zukommen, wie Luft und Sonnenſchein. Dieſes Geſetz läßt uns ohne Ende auf Ver⸗ beſſerungen ſinnen, bereichert jedes ſpätere Geſchlecht mit den Früchten der Mühe eines vorausgegangenen und erhebt in freien Ländern nicht ſelten das Kind eines Arbeiters zu einem Platz unter den Lenkern des Landes. Wenn die Noth die Mutter der Erfindungen iſt, ſo iſt die Armuth die Schöpferin der Künſte. Gäbe es keine Armuth und kein Gefühl für dieſelbe, wo wäre wohl das, was wir den Reich⸗ thum eines Landes nennen? Ziehe man von der Civiliſation „—————— 238 Alles ab, was durch die Armen hervorgebracht wurde— was bleibt dann? Der Zuſtand des Wilden. Wo man jetzt Arbeiter ſieht und einen Fürſten, würde man allerdings Gleichheit wahrnehmen, aber nur die Gleichheit wilder Menſchen— oder nicht einmal dieſe; denn dann ringt rohe Gewalt nach der Oberhand, und wehe unter ſolchen Ver⸗ hältniſſen den Schwachen! Wo ihr nunmehr den Einen in Zwilch, den Anderen in Purpur einhergehen ſeht, würde euer Auge nur auf Nacktheit treffen. Wo jetzt der Palaſt ſteht und die Hütte, gäbe es nichts als Erdlöcher und Höh⸗ len. Soviel ein einfacher Bauer einen wilden König über⸗ trifft, um ebenſoviel übertrifft die Geſellſchaft, gehoben und bereichert durch die Kämpfe der Arbeit, einen Zuſtand, in welchem die Armuth keine ungleichheit fühlt und die Mühe nicht nach Erleichterung ſeufzt. Wenn andererſeits die Reichen vollkommen zufrieden wären mit ihrem Reichthum, ſo würden ihre Herzen verhärtet durch die ſinnlichen Genüſſe, die ſie ſich dadurch ſchaffen können. Die göttliche Weisheit aber hat der Seele das Gefühl eingepflanzt, daß im Mam⸗ mon Eitelkeit liege und Ueberdruß— ein Gefühl, welches den Reichen empfänglich macht für ein höheres Sehnen und ihn lehrt, ſein Glück zu ſuchen in jenen erhabenen Tugen⸗ den, zu welchen ihn ſeine Schätze befähigen— im Schutz des Schwachen nämlich und in der Wohlthätigkeit gegen das Unglück. „Und dies, meine Brüder, führt mich zur Betrachtung einer anderen Seite des unerſchöpflichen Themas, das uns geboten wird in den Worten des Apoſtels: Jeglicher wird ſeine War Wen daß Arm ang denr geſe wir und liche dies den notl Ung das Tuc wer noc nig Leb wü der Re kei der die jetzt ings ilder rohe Ver⸗ n in ürde alaſt döh⸗ über⸗ tund d, in Rühe s die hum, nüſſe, isheit Ram⸗ elches nund ugen⸗ Schutz n das chtung 8 uns r wird 239 ſeine Laſt tragen. Die irdiſchen Lebenslagen ſind ungleich. Warum dies? O, meine Brüder, bemerkt ihr dies nicht? Wenn es beſſer geweſen wäre für unſer geiſtiges Erſtarken, daß es weder Vornehm gäbe noch Gering, weder Reich noch Arm, glaubt ihr nicht, die Vorſehung würde es dann ſo angeordnet haben ſtatt durch ihr geheimnißvolles, aber gna⸗ denreiches Einwirken die Grundmauern und das Gerippe des geſellſchaftlichen Gebäudes ſo herzuſtellen, wie es iſt? Wenn wir aber in den entfernteſten Perioden unſerer Geſchichte und in den zahlloſen Regierungsvetſuchen, die der menſch⸗ liche Geiſt erſann, immer dieſe ungleichheit finden, muß uns dies nicht auf die Vermuthung bringen, es liege etwas in den Grundzügen unſerer Natur, was dieſe Ungleichheit nothwendig und weſentlich macht? Ihr fragt, warum dieſe ungleichheit? Warum? Ebenſogut könnt ihr fragen, warum vas Leben ein Ring von Pflichten und die Pflanzſchule von Tugenden ſey. Denn wenn alle Menſchen gleich wären, wenn es weder Leiden noch Gemächlichkeit, weder Armuth noch Reichthum gäbe, würdet ihr nicht mit einem Zuge we⸗ nigſtens die Hälfte der menſchlichen Tugenden aus dem Leben ſtreichen? Gäbe es nicht Schmerz und Mangel, was würde aus der Standhaftigkeit, aus der Geduld und aus der Ergebung werden? Hätten wir keine Größe, keinen Reichthum, was würde aus dem Wohlwollen, aus der Barmherzigkeit, aus der ſegensvollen chriſtlichen Mildthätig⸗ keit, aus der Mäßigung in Mitte des Ueberfluſſes und aus der Gerechtigkeit bei Ausübung der Gewalt? Führen wir die Frage weiter aus. Es ſollen alle Lagen die gleichen ſeyn— es ſoll kein Umſchlagen geben, kein Steigen oder Fallen, nichts zu hoffen und nichts zu fürchten— welcher moraliſche Todesſtoß würde dadurch nicht allen Kräften der Seele verſetzt, und welches werthvolle Kettenglied wäre nicht zerriſſen, welches das menſchliche Herz an die Vorſehung Gottes knüpft? Wenn wir das Böſe vernichten könnten, ver⸗ nichteten wir auch die Hoffnung, und die Hoffnung iſt die Thüre zum Glauben. Gibt es dagegen eine Zeit zum Wei⸗ nen, und hat auch das Lachen ſeine Zeit, ſo kann der Trauernde Troſt ſuchen in der Ewigkeit, der Fröhliche aber Gott ſegnen für ſeine glückliche Stunde. Ach, meine Brü⸗ der, wäre es möglich, die Ungleichheiten des Lebens aufzu⸗ heben, ſo würden unſere ſchönſten Tugenden verbannt, unſer geiſtiges Weſen ſänke in eine Starrſucht, und unſere Seelen⸗ kräfte müßten erlahmen. Die ſittliche Welt ſowohl als die Körperwelt verdankt ihre Schönheit und Kraft dem Wechſel und dem Gegenſatze. „Ein Jeglicher wird ſeine Laſt tragen. Gut. Wen⸗ den wir uns nun zu einem früheren Vers des nämlichen Kapitels— Einer trage des Anderen Laſt, ſo werdet ihr das Geſetz Chriſti erfüllen. Ja. Während der Himmel jedem ſein eigenes Leiden auflegt, verbindet er zugleich die menſchliche Familie zu Einem Hausweſen durch das Gefühl, welches Bielleicht mehr als jedes andere uns vor der unver⸗ nünftigen Thierwelt auszeichnet— ich meine das Gefühl, welchem wir den Namen Theilnahme geben, das Gefühl, welches Einer für den Anderen hegt. Die übrige Heerde mei⸗ det den Hirſch, der von dem Schützen gezeichnet iſt, und die at bei S aber beidet Wer natur keine Und Kum Herr Beru über ſich nigen der u oder ſelige Gebe mein das( und gefal leicht want die C währ undſ B oder lcher der wäre hung „ver⸗ ſt die Wei⸗ n der aber Brü⸗ aufzu⸗ unſer eelen⸗ als die Pechſel Wen⸗ mlichen det ihr Himmel eich die Gefühl, unver⸗ Gefühl, Gefühl, rde mei⸗ iſt, und 241 die anderen Schafe achten nicht auf das arme Thier, welches bei Seite ſchleicht, um im Schatten zu ſterben; der Menſch aber hat Freude und Leid nicht für ſich allein, ſondern findet beides auch in der Freude und in dem Leid ſeiner Umgebung. Wer nur für ſich ſelbſt fühlt, hat ſeiner wahren Menſchen⸗ natur abgeſchworen; denn nennen wir nicht den, welcher keine Theilnahme hat für ſeinen Nächſten, unmenſchlich? Und erſcheint uns nicht der, welcher ſich kümmert mit dem Kummervollen, als menſchlich? „Was nun hauptſächlich die göttliche Sendung unſeres Herrn bezeichnet, meine Brüder, das iſt die unmittelbare Berufung an jenes Gefühl der Theilnahme, welches uns über die unvernünftige Schöpfung erhebt. Chriſtus wendet ſich nicht an irgend ein geiſtiges Vermögen, das nur We⸗ nigen verliehen iſt, ſondern erfaßt jenen Drang des Herzens, der uns allen inwohnt, und wenn er ſagt: Liebet einander, oder Trage Einer des Andern Laſt, ſo erhebt er die be⸗ ſeligendſte unſerer inneren Regungen zu dem heiligſten ſeiner Gebote. Der Schriftgelehrte fragt unſern Herrn: Wer iſt mein Nächſter? und Chriſtus antwortet ihm darauf durch das Gleichniß von dem barmherzigen Samariter. Prieſter und Levit ſahen den Verwundeten, der unter die Räuber gefallen war, und gingen vorüber. Der Prieſter war viel⸗ leicht ein Eiferer für die Satzungen und der Levite ſehr be⸗ wandert in der Schrift; aber weder den Eifer des Einen noch die Gelehrſamkeit des Andern würdigt der Herr einer Er⸗ wähnung. Er ſchildert nur die Handlung des Samariters und ſagt zu dem Schriftgelehrten: Welcher von dieſen dreien, 16 Bulwer, meine Novelle. ——— 242 meinſt du, war der Nächſte deſſen, der unter die Räuber wortete: Der, welcher ihm Barm⸗ gefallen war? Und er ant herzigkeit erwieſen hat. Und Jeſus ſagte zu ihm: Geh hin und thu desgleichen. „Oh Seichtigkeit des menſchlichen Urtheils! Es reichte zu als Samariter geboren zu ſeyn, um von dem Prieſier verworfen und von dem Leviten verachtet zu werden. Und was iſt uns jetzt der Prieſter oder der Levit, obſchon ſie Gottes auserleſenem Volke angehörten? Sie gingen vorüber an den Herzen der Menſchen, wie ſie vorübergingen an dem Leidenden, der am Wege lag, während jener verabſcheute Samariter, der halb ausgeſtoßen war aus dem Banne der Hebräer, ein Mitglied unſerer Familie, ein Bruder in der Brüderſchaft der Liebe wird, ſo lange Erbarmen und Noth ſich auf der gemeinſchaftlichen Heerſtraße des Lebens be⸗ gegnen. „Einer trage des Anderen Laſt, ſo werdet ihr das Ge⸗ ſetz Chriſti erfüllem. Denket nicht, meine Brüder, daß ſich dies blos auf das Almoſengeben bezieht— auf jene Milde⸗ rung der Noth, welche man gemeiniglich Barmherzigkeit nennt— auf die augenfällige Pflicht, von unſerem Ueberfluß etwas, das wir kaum vermiſſen, abzutreten an einen hungern⸗ den Bruder. Nein. Ich will den Aermſten unter euch fra⸗ gen, ob die ſchlimmſten Laſten die des Leibes ſind— ob nicht vielmehr ein freundliches Wort, ein liebevoller Ge⸗ danke ſeinem Herzen wohler gethan haben, als das Brod⸗ das man ihm murrend reichte, oder die Gabe, die man ihm demüthigend verkümmerte durch eine finſtere Stirne. Theil⸗ nahm Arme Reich darat und e achtet den 2 Reie vor ſetz G neidi Anth Kreu leicht wurd daß iſt es ſind fung ihr 1 ſelbſt In 2 frühe geſas Plat wenn äuber arm⸗ h hin reichte rieſter Und on ſie orüber in dem ſcheute nne der in der d Noth ns be⸗ s Ge⸗ daß ſich Milde⸗ erzigkeit eberfluß unern⸗ euch fra⸗ d— ob ler Ge⸗ as Brod, man ihm Theil⸗ 243 nahme iſt eine Wohlthat, die wir alle ſpenden können, der Arme ſo gut wie der König, und Theilnahme iſt Chriſti Reichthum, Theilnahme iſt Brüderlichkeit. Die Reichen ſind darauf angewieſen, mildthätig zu ſeyn gegen die Armen, und an die Armen iſt die Weiſung ergangen, die Reichen zu achten. Gut; ich will nichts dagegen einwenden. Aber zu den Armen ſage ich noch weiter: Seyd mild gegen die Reichen, und den Reichen rufe ich zu: Habt Achtung vor den Armew. „Einer trage des Anderen Laſt, ſo werdet ihr das Ge⸗ ſetz Chriſti erfüllen. Du, armer Mann, blicke nicht mit neidiſchem Murren auf deinen Bruder, weil ihm ein größerer Antheil irdiſcher Güter zugefallen iſt. Glaube, daß er ſein Kreuz und ſeine Sorgen hat, wie du, während er es viel⸗ leicht um ſo empfindlicher ſpürt, weil er zärtlicher erzogen wurde. Ja, bedrängen ihn nicht Verſuchungen, ſo groß, daß unſer Herr ſelbſt darüber ausgerufen hat: Wie ſchwer iſt es, daß ein Reicher ins Himmelreich eingehe'? Und was ſind Verſuchungen anders als Prüfungen— was iſt Prü⸗ fung anders als Gefahr und Trübſal? Glaubet nicht, daß ihr nicht auch barmherzig ſeyn könnet gegen den Reichen, ſelbſt wenn ihr euren Unterhalt aus ſeinen Händen zieht. In Wahrheit hat ein heidniſcher Schriftſteller, der von den früheſten Predigern des Evangeliums oft angezogen wurde, geſagt: Wo immer Raum iſt für einen Menſchen, da iſt Platz für eine Wohlthat'. „Und ich frage jeden reichen Bruder unter euch, ob er, wenn er ausgeht, im Stolze ſeines Herzens, um ſeine 16* 244 Scheunen, Speicher, Gärten und Felder zu betrachten, nicht kräfti die finſtere Wolke ſieht auf der Stirne des Arbeiters. Wie thům muß ihm ſeyn, wenn er ſich für gehaßt hält in Mitte ſeines zeuge Reichthums— wenn er fühlt, daß ſeine geringſten Fehler fluß, aufgegriffen werden mit der Härte des Grolls und ſeine un⸗ biſt, verkennbarſten Wohlthaten eine Erwiederung finden in nei⸗ niiw diſchem Undank! Ja, ich frage jeden reichen Mann, ob nicht alle Luſt an ſeinem weltlichen Beſitzthum ſchnell ihren Glanz Lippe verliert vor ſeinem Herzen und ob er nicht fühlt, welch einen Wart Reichthum von Frohſinn der arme Mann zu verleihen ver⸗ Weil mag. Denn all ſein Mammon ſchwindet, aber im Lächeln welch des Nebenmenſchen, dem wir einen Dienſt geleiſtet haben, Erlöj liegt etwas, was wir mit in den Himmel nehmen können. Näch Wenn alſo Einer des Anderen Laſt trägt, ſo wird der Arme ſinne mild ſeyn gegen die Verirrungen und Mitleid haben mit nehm den Sorgen des Reichen. Allen Menſchen, dem Lazarus an ſi ſowohl als dem reichen Manne, gilt das Wort:— Richtet dich nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet. Aber denke nicht, deine du reicher Mann, daß wir nur für die Armen predigen. auf; Wenn die Pflicht von Letzteren fordert, nicht zu murren über dein deinen Wohlſtand, ſo liegt dir die deinige auf, Alles zu du ſt thun, was ihnen ihre Arbeit verſüßen kann⸗ Sey eingedenk ſeine der Worte unſeres Herrn: Wie ſchwer iſt es, daß ein Reicher recht eingehe ins Himmelreich, und ſeine Erwiederung an den, veral welcher ihn fragte, wer denn da Hoffnung habe, gerettet ein 2 zu werden— Was den Menſchen unmöglich ſcheint, iſt rechti Gott möglich. Dies will heißen: der Menſch, ſeinen Ver⸗ 3 ſuchungen überlaſſen, würde erliegen; wenn ihn aber Gott heit. „nicht Wie ſeines Fehler ne un⸗ in nei⸗ b nicht Glanz heinen n ver⸗ Lächeln haben, können. r Arme en mit azarus Richtet e nicht, redigen. en über Ulles zu ngedenk Reicher an den, gerettet int, iſt en Ver⸗ er Gott 245 kräftigt, ſo wird er gerettet werden. Wenn deine Reich⸗ thümer deine Verſucher ſind, ſo können ſie auch zu Werk⸗ zeugen deiner Tugenden werden. Beweiſe mit deinem Ueber⸗ fluß, daß du mitleidig und liebevoll, mäßig und wohlwollend biſt, ſo können ſelbſt deine Schätze Zeugniß ablegen von dei⸗ nem Glauben und deinen Werken. „Wir haben die einfache Vorſchrift immer auf unſeren Lippen: Thu Anderen, wie du willſt, daß dir geſchehe'. Warum verfehlen wir uns ſo oft gegen dieſe Weiſung? Weil wir verabſäumen, das Mitgefühl auszubilden, welches die Natur uns als Inſtinkt eingepflanzt und der Erlöſer zu einem Gebot erhöht hat. Willſt du deinem Nächſten thun, wie du wünſcheſt, daß dir geſchehe, ſo be⸗ ſinne dich wohl, wie dein Nebenmenſch die Handlung auf⸗ nehmen wird, die du gegen ihn im Sinne haſt. Denke dich an ſeine Stelle. Biſt du ſtark und iſt er ſchwach, ſo laß dich aus deiner Kraft zu ſeiner Schwäche hernieder; lege deine Laſt für eine Weile bei Seite und nimm die ſeinige auf; laß dein Auge gleichſam durch das ſeine ſchauen und dein Herz ſchlagen, als klopfte es in ſeiner Bruſt. Wenn du ſo handelſt, wirſt du dir oft bekennen müſſen, daß für ſeine Schwäche zu ſchwer ſey, was dir für deine Kraft eben recht vorkam. Denn wie ein eifriger Mann ſeine Pflicht verabſäumt, wenn er ſeinen Bruder einen Trunkenbold und ein Vieh nennt',* ebenſo verfehlt der Verwalter der Ge⸗ rechtigkeit ſeinen Zweck, wenn er auf die große Säule der *Jeremias Tahlor— Von der Ghriſtlichen Klug⸗ heit. Thl. 2. 246 Geſellſchaft nur Warnungen ſchreibt, die den Kühnen auf⸗ bringen und den Furchtſamen einſchüchtern; denn man kann dem Menſchen Liebe zu Geſetz und Tugend nicht beibringen wenn er mit Rohheit und Härte dazu gewungen wird.* Ihr Großen, wenn ihr nun die Laſt des Gexingen tragen wollt, ſo fühlt nicht nur für ſie, ſondern auch mit ihnen. Hütet euch, daß nicht euer Stolz ſie reize— eure Macht nicht durch Uebermuth ſie aufbringe. Die euch untergeord⸗ nete Klaſſe iſt diejenige, aus welcher die Apoſtel gewählt wurden, in deren Mitte der Herr der Schöpfung herabſtieg von einem Thron über den Seraphim.“ Der Pfarrer hielt hier eine Weile inne und ſein Auge ſchweifte nach dem Stuhl in der Nähe der Kanzel, wo der Magnat von Hazeldean ſaß. Der Sauire hatte ſein Kinn nachdenkſam auf die Hand geſtützt; ſeine Stirne war ab⸗ wärts geneigt und das natürliche Roth ſeines Geſichtes ſehr erhöht. „Wer aber“— nahm der Pfarrer in ſanftem Tone wieder auf, ohne in ſein Heft zurückzuſchauen, als folge er mehr einer Eingebung des Augenblicks—„Wer aber das Mitgefühl ausgebildet hat, begeht keine ſolche Verirrungen, oder, wenn es doch geſchieht, beeilt ſich, ſie wieder gut zu machen. Dem guten Menſchen iſt das Mitgefühl ſo natür⸗ lich, daß er ihm mechaniſch gehorcht, wenn er uur ſeinem Gewiſſen die Mahnung an das Herz geſtattet. Erkennet in dieſem Mitgefühl das Band zwiſchen Reich und Arm. Wie immer auch unſere Erdenſtellung ſeyn mag, durch das * Ebendaſelbſt. Mitg für di der C Verb rung Heer die Z in mir Pret dafü Scht die 6 vor, ſich kann ngen r* ragen nen. Nacht eord⸗ wählt bſtieg Auge der Kinn wab⸗ s ſehr Tone olge er er das ungen, gut zu natür⸗ ſeinem nnet in .Wie ch das 247 Mitgefühl wird ſie zu dem was ſte ſeyn ſoll— ein Boden für die ihr eigenthümlichen Tugenden. Und während ſo in der Geſammtheit Jeglicher ſeine Laſt trägt⸗ gewinnen in der Verbrüderung der Seelen alle eine gemeinſame Erleichte⸗ rung, wenn Einer des Anderen Laſt trägt. „Dies iſt das Geſetz Chriſti— erfülle es, o meine Heerde!“ Mit dieſen Worten ſchloß der Pfarrer ſeine Rede und die Zuhörer beugten ihre Häupter. Drittes Buch. — Einleitungs⸗Kapitel: in welchem zu erſehen, wie meine Movelle zu dem Litel „Meine Uovelles kam. „Deine Novelle, ſo weit ſie bis jetzt gediehen iſt, gefällt mir nicht übel,“ ſagte mein Vater in Gnaden;„nur was die Predigt betrifft—“ Ich zitterte; aber die Frauen— der Himmel ſegne ſie dafür— hatten den Pfarrer Dale unter ihren beſonderen Schutz genommen. Als ſie daher bemerkten, daß mein Vater die Stirne in kritiſche Falten legte, ſtürmten ſie kühn her⸗ vor, um die Predigt zu vertheidigen, und Mr. Carton ſah ſich genöthigt, zum Rückzug zu blaſen. Allerdings erneuerte 248 er noch, gleich einem geſchickten General, den Angriff gegen weniger ſcharf gedeckte Außenpoſten; aber da es nicht meine Aufgabe iſt, ſelbſt meine ſchwachen Seiten zu verrathen, ſo überlaſſe ich es dem Scharfſinn der Kritiker, die Stellen aufzufinden, gegen welche der Verfaſſer des menſchlichen Irrthums ſein grobes Geſchütz richtete. „Du biſt ein zu verſtändiger Junge, Piſiſtratus,“ be⸗ merkte der Kapitän,„als daß Du uns immer in dem dun⸗ Feln Quartier von Hazeldean feſthalten könnteſt. Du wirſt uns doch hoffentlich bald hinausführen ins offene Schlacht⸗ feld?“ Piſiſtratus mit einer Magiſtermiene, denn er iſt ärgerlich über Mr. Caxtons Bemerkungen und hüllt ſich jetzt in Würde, um minder gewaltige Gegner einzuſchüchtern.— „Ja, Kapitän Roland; jetzt zwar noch nicht, aber Alles zu ſeiner Zeit. Ich habe mit der Leinwand nicht geknauſert, und hinter der Halle und dem Pfarrhaus, die mir als Vor⸗ dergrund dienen, werden ſich in verlängerter Perſpektive die Wechſelfälle des engliſchen Lebens darſtellen—“ Mr. Caxton.—„Hum!“ Blanche, die Hand auf meines Vaters Lippen legend. —„Wir können uns vielleicht eher eine Vorſtellung machen von dem Entwurf, wenn wir den Titel wiſſen. Herr Ver⸗ faſſer, wie lautet denn der Titel?“ Meine Mutter, mit mehr Lebhaftigkeit als gewöhn⸗ lich.—„Ja, Siſty— der Titel?“ Piſiſtratus betroffen.—„Der Litel? Bei dem Tite in Erf ſchr nur nen ſent ſchy lich abn ler ode Abe von mat in ſchr geſi Sc ſam egen neine , ſo ellen chen “ be⸗ dun⸗ wirſt lacht⸗ er iſt hjetzt n.— Alles uſert, Vor⸗ ve die egend. nachen Ver⸗ wöhn⸗ i dem 249 Schatten des Cervantes! ich habe noch nicht einmal an einen Titel gedacht!“ Kapitän Roland feierlich.—„Es liegt ſehr viel in einem guten Titel. Als Novellenleſer weiß ich dies aus Erfahrung.“ Mr. Squills.—„Gewiß. Es gibt keinen Batzen⸗ ſchnapper in der Welt, der nicht reißend abginge, wofern nur der Titel geſchickt und verlockend iſt. Zum Beweis die⸗ nen des alten Parr Lebenspillen. Sie werden dem Tau⸗ ſend nach verkauft, Sir, während meine Pillen für den ſchwachen Magen', die doch, wie ich glaube, ganz die näm⸗ lichen Beſtandtheile enthalten, nicht die Einrückungsgebühr abwarfen.“ Mr. Carton.—„Parr's Lebenspillen! Ein geiſtvol⸗ ler Gedanke! Nicht Jedermann hat einen ſchwachen Magen oder, ſelbſt wenn's der Fall iſt, Zeit, um darauf zu achten. Aber wer verſchluckt nicht gern eine Pille, die ihm ein Alter von hundertundzweiundfünfzig Jahren in Ausſicht ſtellt?“ Piſiſtratus in großer Aufregung das Feuer ſchürend. —„Mein Titel— mein Titel! Was ſoll ich zum Titel machen?“ Mr. Caxton, die Hand in ſeine Weſte ſteckend und in ganz beſonders didactiſchem Tone ſich vernehmen laſſend. —„Schon in früheſter Zeit hat die Wahl eines Titels den ſchreibenden Theil des Menſchengeſchlechts in Verlegenheit geſetzt. Wir können uns denken, wie die Phantaſie der Schriftſteller auf der Folter gelegen hat, wenn wir ihre ſelt⸗ ſamen Gliederverdrehungen ins Ange faſſen. Um mit dem 250 Hebräiſchen anzufangen. Die Lippen der Schlafenden (abia dormientium)— was meint ihr wohl, welches Buch durch dieſen Titel bezeichnet ſey? Ein Namensverzeichniß rabbiniſcher Schriftſteller! Denkt euch ferner eine junge Dame des Alterthums, die ſich durch den ſentimentalen Titel der Granatapfelbaum mit ſeinen Blüthen angezogen fühlt und beim Oeffnen des Buchs eine Abhandlung über das jüdiſche Ceremoniel findet! Wenden wir uns zu den Römern. Aulus Gellius beginnt ſein angenehmes Geplauder Noetes mit Aufzählung der Titel, welche zu ſeiner Zeit Mode waren. Z. B.: Die Muſen und der Schleier, das Füll⸗ horn, der Bienenſchwarm' und die Wieſe'! Es gab auch grauſenhaftere, welche Nahrung für ſolche verſprachen, die ſich gern am Entſetzen ſättigten— z. B.: Die Brand⸗ fackel, der D olch, das Mordmeſſer—“ Piſiſtratus ungeduldig.—„Gut, Bater; aber um auf Meine Novelle zu kommen— Mr. Carton, der nicht auf die Unterbrechung achtet. —„Ihr ſeht, es gibt da eine ſchöne Auswahl, die dazu recht angenehm und einem Freund der Claſſiker nicht unbe⸗ kannt iſt. Man könnte auch einen Wink von einem alten Dramatiker borgen.“ Piſiſtratus, hoffnungsvoller.—„Ah, die Novelle hat etwas dem Drama Verwandtes. Vielleicht läßt ſich hierin eine Idee finden.“ Mr. Carton.—„Z. B.: Der Verfaſſer der Curio⸗ ſitätender Literatur— ich muß beiläufig bemerken, daß die Belehrung, die ich Euch ertheile, großentheils ein Plag Spar Mor des Kom nenn zur Eſel die 2 mutl Perc Vate fähr ich e muß leſen nicht lade man rio⸗ rken, s ein 254 Plagiat aus dieſer Schrift iſt— erzählt uns von einem Spanier, der eine Komödie ſchrieb, durch welche er der Moralphiloſophie zu dienen vermeinte.“ Piſiſtratus, haſtig.—„Nun, Sir?“ Mr. Caxton.—„Und dieſe nannte er den Schmerz des Weltſchlafs'.“ Piſiſtratus.—„In der That ſehr komiſch, Vater.“ Mr. Carton.—„Ernſte Dinge nannte man damals Komödien, wie man heut zu Tage alte Dinge Novellen nennt. Dann ſtehen Dir noch alle Titel der alten Romane zur Verfügung— Theagenes und Chariclea', oder der Eſel von Longus, oder der goldene Eſel' des Apulejus, oder die Titel der gothiſchen Romane, z. B. die gar ſchone, au⸗ muthige, honigfließende und entzückende Geſchichte von Percival, dem König von Großbritannien—“ Und mein Vater ließ nun eine Namenliſte folgen, ſo lang und unge⸗ fähr eben ſo unterhaltlich, wie ein Wegweiſer. „Nun,“ bemerkte meine Mutter,„die Romane, die ich als Mädchen zu leſen pflegte(denn zu meiner Schande muß ich geſtehen, daß ich ſeit jener Zeit nicht mehr viele ge⸗ leſen habe)—“ Mr. Carton.—„Du brauchſt Dich deſſen durchaus nicht zu ſchämen, Kitty.“ Meine Mutter, fortfahrend.—„Waren viel ein⸗ ladender, als die von Dir aufgeführten, Anſtin.“ Der Kapitän.—„Ganz richtig bemerkt.“ Mr. Squills.—„Ja wohl. Heut zu Tage hat man nichts mehr ſo!“ 252 Meine Mutter.—„Sagt ſie zu ihrem Nach⸗ bar, Was?“ Der Kapitän.—„Der Unbekannte, oder die Gallerie auf der Mitternachtſeite.“ Mr. Squills.—„Wer ergründet dies Ge⸗ heimniß?“ 5 Piſiſtratus, der ſich bis an den Rand der menſch⸗ lichen Geduld getrieben ſieht und Zange, Schüreiſen und Kohlenſchaufel umwirft.—„Welchen Unſinn ſchwatzt Ihr alle miteinander? Ums Himmelswillen, bedenkt doch, welch einen wichtigen Gegenſtand wir vor uns haben. Ich ver⸗ lange nicht, daß Ihr mir die Titel der hochachtbaren Werke herzählt, die aus der Minervapreſſe hervorgegangen ſind, ſondern möchte einen Titel haben für meine— Meine Novelle!“ Mr. Carton, ſanft die Hände zuſammenſchlagend. —„Gut— vortrefflich! Nichts kann beſſer ſeyn. Einfach, natürlich, ſachgemäß, kurz—“ Piſiſtratus.—„Nun, was iſt Euch eingefallen, Vater— was iſt Euch eingefallen? Habt Ihr wirklich einen Titel gefunden für Meine Novelle?“ Mr. Caxton.—„Du fandeſt ihn ja ſelbſt— Meine Novelle. Es iſ Deine Novelle— die Leute werden wiſſen⸗ daß es Deine Novelle iſt. Drehe und zerre Deine Mutter⸗ ſprache, wie Du willſt— ſey ſo allegoriſch, wie ein Hebräer, Grieche oder Römer— wie ein Fabeldichter oder ein Pu⸗ ritaner— am Ende iſt's doch Deine Novelle und nichts mehr oder weniger, als Deine Novelle.“ dener Mei rung liſche Wes kling Euch teriſ heit ein( trüb ſches rühr ohne Lieb rers (hie finde Zen ſchre 5 nd hr lch er⸗ erke ind, ine end. llen, inen eine ſſen, tter⸗ räer, Pu⸗ ichts 253 Piſiſtratus, gedankenvoll und die Worte in verſchie⸗ dener Weiſe betonend.—„Meine Novelle— hm, hm! Meine Novelle'! Etwas kühn— und kurz, he?“ Mr. Caxton.—„Füge bei, was Du Deiner Aeuße⸗ rung zufolge zu ſchildern gedenkſt— Wechſelfälle im eng⸗ liſchen Leben.“ Meine Mutter.—„Meine Novelle; oder Wechſelfälle im engliſchen Leben— ich denke, das klingt nicht ſo unrecht. Was ſagt Ihr, Roland? Würde Euch dieſer Titel in einem Bücherkatalog anlocken?“ Mein Onkel zögert; aber Mr. Carton ruft nun gebie⸗ teriſch:— „Die Sache iſt abgethan. Stört nicht die Camarina.“ Squills.—„Wenn ich mir keine allzugroße Frei⸗ heit nehme, darf ich fragen, was die Camarina iſt?“ Mr. Carton.—„Die Camarina, Mr. Squills, war ein See, der leicht bei gelegentlichem ſeichterem Waſſerſtand trüb wurde. Stört nicht die Camarina', war ein griechi⸗ ſches Sprichwort, das von einem Orakel des Apollo her⸗ rührte. Und von dieſem griechiſchen Sprichwort ſtammt ohne Zweifel der Rath, Quieta non movere, welcher der Lieblingsgrundſatz des Sir Robert Walpole und des Pfar⸗ rers Dale wurde. Die griechiſche Stelle, Mr. Squills (hier begann meines Vaters Gedächtniß warm zu werden), findet ſich bei Stephanus Byzantinus, de urbibus—“ My uinet Kacdoiwcen, dninyrog ydo dueivow⸗ Zenobius erklärt ſie in ſeinen Sprichwörtern; Suidas ſchreibt Zenobius nach; Lucian ſpielt darauf an, Virgil . thut daſſelbe im dritten Buch der Aeneide, und Silius Italieus folgt Virgils Beiſpiele— Pt eui non licitum fatis Camarina moverf᷑. Pfarrer Dale als Geiſtlicher und Gelehrter konnte ohne Zweifel dieſe Autoritäten an den Fingern herzählen, und es wundert mich nur, daß er ſie nicht angeführt hat,“ fügte mein Vater bei.„Aber freilich, er wird als ein milder Mann geſchildert und wollte den Squire in Gegenwart ſei⸗ ner Familie nicht allzuſehr demüthigen. Inzwiſchen bleibt es bei Meiner Novelle', und nun dieſe Sache bereinigt iſt, können wir vielleicht die Zange, das Schüreiſen und die Schaufel wieder aufheben und die Kinder zu Bette ſchaffen. Blanche und Kitty mögen bei Seite ſpeculiren über die künftigen Würden des Neogilus, dabei aber Sorge tragen⸗ daß die Geiferlätzchen fertig werden, die vorläuſig nöthig ſind. Du, Roland, bringſt Dein Abrechnungsbuch ins Reine, und Mr. Sauills läßt ſich ſeinen Grog geben, ſo daß alle Welt, jedes in ſeiner Art, es gemächlich habe. Blanche, komm nur hinter jenem Schirm hervor, bring mir meine Pantoffeln und überluß Piſiſtratus ſich ſelbſt. Mi „lpol Kaciotwen— ſtöre die Camarina nicht. Du ſiehſt, meine Liebe“— ſagte mein Vater freundlich, der, nachdem er ſich's in ſeinen Pantoffeln bequem gemacht hatte, Blanche's Hand mit der ſeinigen faßte—„Du ſiehſt, meine Liebe, jedes Haus hat ſeine Camarina. Der Mann, der von Natur ein träges Geſchöpf iſt findet ſich leicht darein, ſie unbehelligt zu laſſen; das Weib aber, rühriger und neugieriger, zeigt immer eine Geneigtheit, ihr verſtohlen eins zu verſetzen.“ Euch ich ni von d „Alle große ſtöre Nach hervo rathe und 1 ich h weit! auf d wühl des J ne es te der ſei⸗ ibt iſt, die fen. die gen, thig ins eſo abe. mir My iehſt, hdem nche's jedes ur ein elligt zeigt n 255 Blanche mit frauenhafter Würde.—„Ich verſichere Euch, wenn mich Piſiſtratus nicht gerufen hätte, ſo würde ich nicht—“ Mr. Carton, ſie unterbrechend, ohne ſeine Augen von dem Buch zu erheben, das er bereits ergriffen hat.— „Allerdings würdeſt Du nicht. Ich bin jetzt mitten in der großen Puſeyitiſchen Controverſe. My nlvet Kahcipinten— ſtöre die Camarina nicht.“ Für eine halbe Stunde trat eine Todtenſtille ein. Rach Ablauf derſelben ruft Piſiſtratus hinter dem Schirm hervor:— „Blanche, meine Liebe, ich möchte mich mit Dir be⸗ rathen.“ Blanche rührt ſich nicht. Piſiſtratus.—„Blanche— hörſt Du?“ Blanche blickt triumphirend nach Mr. Carton hin. Mr. Carton legt den theologiſchen Tractat nieder und reibt traurig ſeine Brille.—„Ich höre ihn, Kind— ich höre ihn. Meine Vertheidigung des Mannes iſt nicht weit her. Orakel warnen vergeblich. So lange ein Weib auf der andern Seite des Schirms ſteht, iſt Alles aufge⸗ wühlt in der Camarina.“ Zweites Kapitel. Es iſt ſehr zu bedauern, daß Mr. Stirn dem Vortrage des Pfarrers nicht anwohnte. Dieſer unſchätzbare Beamte 256 war übrigens ganz anders beſchäftigt und ließ ſich in der Regel während der Sommermonate nur ſelten beim Nach⸗ mittagsgottesdienſt blicken. Nicht daß er ſich viel daraus gemacht hätte, wenn in einer Predigt etwas auf ihn ge⸗ münzt war. Nein, über ſolche Schwächen fühlte er ſich er⸗ haben, und er würde nach allen Donnern des Vatikan mit den Fingern geſchnippt haben. Die Sache verhielt ſich übrigens ſo, daß Mr. Stirn eine große Menge freiwilliger Arbeit auf den Tag der Ruhe zu verlegen pflegte. Der Squire erlaubte Jedem, der Luſt dazu hatte, an Sonntagen in ſeinem Park ſpazieren zu gehen, und Viele kamen aus ziemlicher Entfernung her, um an dem See zu luſtwandeln, oder unter den Ulmen ſich niederzulegen. Für Mr. Stirn waren dieſe Gäſte ſtets Gegenſtände des Argwohns und des Aergers, und zwar nicht ganz ohne Grund, denn der Frei⸗ heitsſinn des Engländers entfaltet ſich weit lieber auf anderer Leute Gründen, als auf denen, die er ſelbſt angebaut hat. Es erfüllte Mr. Stirn mit einer unbeſchreiblichen wilden Freude, wenn er gelegentlich auf einen Haufen Knaben ſtieß, die nach den Schwänen warfen, oder wenn er ein junges Bäumchen vermißte und daſſelbe in verbrecheriſchen Händen fand, die es in einen Spazierſtock umgewandelt hatten. Bisweilen erwiſchte er auch einen Spitzbuben, der die Gra⸗ benböſchung hinankletterte, um von den Lieblingsblumen⸗ beeten der armen Mrs. Hazeldean einen Strauß für ſein Liebchen zu holen, und nicht ſelten kam es vor, daß, wenn die ganze Familie in der Kirche war, einige unverſchämte Naſenweiſe in den Garten einbrachen, um durch die Fenſter —— hineit Verg lange laubn zuneh Hazel verm⸗ lich e Selb nur it tagen Mr. Am wachf Nach Dunk lieger gabe und L gen e Mr. gen. war, Män die ü Stirt Squi nun Br der ach⸗ raus ge⸗ h er⸗ mit ſich lliger Der tagen aus ndeln, Stirn d des Frei⸗ nderer t hat. wilden nſtieß, junges änden hatten. e Gra⸗ lumen⸗ ür ſein „wenn ſchämte Fenſter hineinzuſehen. Wegen dieſer und unterſchiedlicher anderer Vergehungen von gleicher Größe hatte Mr. Stirn ſchon lange, obgleich vergeblich, dem Squire angelegen, die Er⸗ laubniß, welche ſo heillos mißbraucht würde, wieder zurück⸗ zunehmen. Wenn es aber auch Zeiten gab, in welchen Mr. Hazeldean murrte und brummte und ſich hoch und theuer vermaß, er werde den Park ſchließen und ihn(wie ungeſetz⸗ lich auch dieſer Akt ſeyn möge) mit ſpaniſchen Reitern und Selbſtgeſchoſſen füllen, ſo machte ſich doch ſein Zorn ſtets nur in Worten Luft. Der Park ſtand noch immer an Sonn⸗ tagen für alle Welt offen, ſo daß dieſer Tag des Segens für Mr. Stirn ſtets ein Tag der Mühe und des Zornes wurde. Am meiſten beunruhigt fühlte ſich aber der Geiſt dieſes wachſamen Parkvogtes vom letzten Glockenton an, der zum Nachmittagsgottesdienſt läutete, bis zum Einbruch der Dunkelheit; denn unter den Heerden, die ſich aus den um⸗ liegenden Dörfchen um die Stimme des Hirten ſammelten, gab es immer einige verirrte Schafe oder vielmehrunſtäte, kecke und vagabundirende Böcke, welche die verkehrteſten Richtun⸗ gen einſchlugen, als ſey es ihnen abſichtlich darum zu thun, Mr. Stirn's eifrige Wachſamkeit zur Verzweiflung zu brin⸗ gen. Sobald an ſchönen Tagen der Gottesdienſt vorüber war, wurde der ganze Park ein Schauplatz, bunt von rothen Mänteln, lebhaften Halstüchern, Sonntagsweſten und Hüten, die im Schmucke wilder Blumen prunkten, obſchon Mr. Stirn oft ſteif und feſt behanptete, daß letztere von des Squire's neueſten Geranien ſeyen. An dieſem Sonntage nun war die Wachſamkeit des Aufſehers ganz beſonders in Bulwer, meine Novelle. 17 258 Anſpruch genommen; venn es galt nicht nur, die gewöhn⸗ lichen Uebelthäter abzufangen, ſondern zuvörderſt die Urheber der Verſchwörung gegen die Stöcke zu entdecken, und dann „ein Exempel zu ſtatuiren.“ Er hatte daher ſchon mit dem frühen Morgen ſeine Runden begonnen, und kaum war der letzte Ton von dem Nachmittagsgeläute verklungen, als er aus einem Hecken⸗ weg hervor, hinter welchem er lange auf der Lauer gelegen, um ausfindig zu machen, wer ſich in beſonders verdächtiger Weiſe den Stöcken näherte, auf dem Dorfraſen zum Vor⸗ ſchein kam. In jenem Augenblick war der Platz verlaſſen. Aus der Entfernung bemerkte der Vogt die ſchnell verſchwin⸗ denden Umriſſe einiger verſpäteter Gruppen, welche der Kirche zueilten, und vor ihm ſtanden die Stöcke, ihn me⸗ lancholiſch anſtarrend mit ihren vier großen Augen, welche, obſchon der Straßenkoth fortgeſchafft war, doch noch immer die ſchmierigen Abzeichen des kürzlich ihnen zugefügten Schimpfes zur Schau trugen. Mr. Stirn blieb ſtehen, nahm ſeinen Hut ab und wiſchte den Schweiß aus ſeinem Geſichte. „Hätt' ich nur Jemanden hier zu Wache,“ dachte er, „während ich am Waſſer hinaufgehe; vielleicht käme etwas dabei heraus. Die's gethan haben, ſind ſchwerlich in der Kirche und ſchleichen heran, um ihr Spitzbubenſtück zu be⸗ trachten, wie es ja auch heißt, daß Mörder immer wieder nach der Stelle zurückkommen müſſen, wo ſie den Todten haben liegen laſſen. Aber im ganzen Dorf iſt außer mir kein Mann, Weib oder Kind, der ſich um den Squire oder um das Kirchſpiel kümmerte.⸗ Schl ſchne klopf Arm kam, Kirch der J und! in di mußt ſiehſt ſollſt ihr? bares für E Ich! Herz währ wiſch plotz hn⸗ eber ann eine dem cken⸗ gen, tiger Vor⸗ ſſen. win⸗ e der tme⸗ elche, mmer ügten nahm ſichte. te er, etwas in der zu be⸗ wieder Todten er mir re oder — ti————— 259 Gerade als Mr. Stirn bei dieſem menſchenfeindlichen Schluß angelangt war, erblickte er Leonhard Fairfield, der ſchnellen Schrittes von ſeiner Wohnung herkam. Der Vogt klopfte ſich den Hut auf den Kopf und ſtemmte den linken Arm in ſeine Seite. „Holla, Bürſchlein!“ rief er, als Lenny in Hörweite kam,„wohin ſo ſchnell?“ „Mit Vergunſt, Sir, ich will in die Kirche.“ „Halt, Bürſchlein— halt, Maſter Lenny! In die Kirche? Ei, es hat ja ſchon ausgeläutet, und Du weißt, der Pfarrer ſieht nicht gut dazu, wenn man zu ſpät kömmt und die übrige Gemeinde ſtört. Du kannſt jetzt nicht mehr in die Kirche.“ „Mit Vergunſt, Sir—“ „Ich ſage, Du gehſt jetzt nicht in die Kirche. Du mußt lernen, auch an Antere zu denken, Bürſchlein. Du ſiehſt wie ich ſchwitze, um dem Squire zu dienen, und Du ſollſt ihm auch dienen. Deine Mutter hat ihr Haus und ihr Feld faſt umſonſt; es iſt daher Deine Pflicht, ein dank⸗ bares Herz zu zeigen und ein Gefühl an den Tag zu legen für Seiner Ehren, Leonhard Fairfield. Der arme Mann! Ich bin überzeugt, was da vorgefallen iſt, hat ihm faſt das Herz gebrochen.“ Leonhard öffnete weit ſeine unſchuldigen blauen Augen, während Mr. Stirn mit einer Jammermiene die ſeinigen wiſchte. „Sieh nur das ſtumme Geſchöpf da an,“ ſagte Stirn plötzlich, indem er auf die Stöcke deutete—„ſieh es an. 1 260 Wenn es ſprechen könnte, was würde es ſagen, Leonhard Fairfteld? Beantworte mir dies! Ja wohl da— zum Teufel mit den Stöcken“.“ „Es war ſehr bös von den Leuten, ſo garſtige Worte hinzuſchreiben,“ ſagte Lenny gravitätiſch.„Die Mutter war ganz entſetzt, als ſie heute Morgen davon hörte.“ Mr. Stirn.—„Ich glaub's gern, wenn man be⸗ denkt, wie wenig ſie zu bezahlen hat.(Verfänglich.) Du weißt nicht, wer es gethan hat— he, Lenny?“ Lenny.—„Nein, Sir, dies weiß ich wahrhaftig nicht.“ Mr. Stirn.—„Nun, Du ſiehſt, daß Du doch nicht mehr in die Kirche kannſt— das Gebet iſt ſchon halb vor⸗ über. Du weißt, daß ich die Stöcke unter Deine Verant⸗ wortlichkeit geſtellt habe, und nun ſiehſt Du, in welcher Weiſe Du Deine Schuldigkeit erfüllt haſt. Ich hätte gute Luſt—“ Mr. Stirn warf ſeinen Blick auf die Stöcke. „Mit Vergunſt, Sir,“ begann Lenny abermals, da ihn jetzt eine Angſt anwandelte. „Keine Vergunſt da— ich will nichts vergünſtigen. Diesmal will ich Dir noch verzeihen, Junge; aber halte mir dafür in Zukunft ſtärkeren Lugaus. Du bleibſt jetzt hier— nein, nicht da, ſondern dort hinter der Hecke, und gibſt Acht, ob nicht Perſonen kommen, welche die Stöcke anſehen oder darüber lachen, während ich meine Runde mache. Ich werde wieder da ſeyn, noch eh' die Kirche vor⸗ über iſt, oder doch gleich nachher; Du bleibſt alſo bis zu meiner Ankunft und erſtatteſt Bericht. Sey ſcharf, Junge, oder mor Pfu hiel eine hin Nac Lem Hec voſt Ehr bari welt wol haft auck die dari eine war zien geg beſe und Or aus ard ufel orte tter be⸗ Du cht.. nicht vor⸗ rant⸗ lcher gute a ihn tigen. halte tjetzt „ und Stöcke Runde e r⸗ bis zu Junge, 261 oder es ſoll Dir und Deiner Mutter ſchlecht ergehen. Schon morgen habe ich für das Gütchen einen Liebhaber, der vier Pfund weiter dafür bezahlt.“ Nach dieſer drohenden und ſehr bedeutſamen Bemerkung hielt ſich Mr. Stirn nicht länger auf, ſondern winkte, ohne eine Antwort abzuwarten, mit der Hand und ging von hinnen. Sehr niedergeſchlagen und nicht ſehr erbaut von der Nachbarſchaft, in die er ſich gebannt ſah, blieb der arme Lenny bei den Stöcken. Endlich ſchlich er langſam hinter die Hecke und ſetzte ſich auf dem ihm zugewieſenen Spionir⸗ poſten nieder. Die Philoſophen meinen zwar, der ſogenannte Ehrenpunkt ſey ein dem Mittelalter entſtammendes bar⸗ bariſches Vorurtheil, und bei den höheren Klaſſen, unter welchen man hauptſächlich dieſes Vorurtheil finden ſoll, wäre wohl Lenny Fairſield's Aufgabe als nicht beſonders ehren⸗ haft angeſehen worden; aber in demſelben Lichte mochte ſie auch den unruhigen Geiſtern der niederen Klaſſen erſcheinen, die ihren eigenen Ehrenpunkt haben und ihn vomehmlich darin ſuchen, daß ſie feſt zuſammen halten, wenn es gilt, einer geſetzlichen Auctvrität Trotz zu bieten. Allerdings war Lenny Fairfield von der Geſellſchaft anderer Knaben ziemlich fern gehalten und in tiefer, dankbarer Verehrung gegen den Squire erzogen worden; ſeine Begriffe von Ehre beſchränkten ſich daher einfach auf ſtrenge Wahrheitsliebe und einfache Ehrlichkeit. Da nun unbedingte Ehrfurcht vor Ordnung und Obrigkeit einen Grundzug ſeiner Erziehung ausmachte, ſo ſah er nichts Herabwürdigendes oder Schimpf⸗ iches darin, wenn ihm in ſolcher Weiſe der Auftrag zu liche Theil wurde, einem Verbrecher aufzulauern. Im Gegen⸗ Lau theil, wie er anfing ſich über ſeine Verſäumniß des Got⸗ tesdienſtes zu tröſten, ließ ihn auch der Genuß der kühlen verl Sommerluft im Schatten und der Geſang der Vögel ſeinem dem Auftrag eine angenehmere Seite abgewinnen. In der als Jugend wenigſtens hat Alles ſeine angenehme Seite, ſogar Tas die Ernennung zu einem Hüter des Gemeindeſtocks. An den unt Stöcken ſelbſt fand Lenny allerdings kein ſonderliches Be⸗ Zw hagen; aber er hatte keine Sympathie für die Leute, die ſich daran vergriffen hatten und fonnte ſich wohl denken, daß Hec der Squire ſich über das revolutionäre Gebaren der letzten Nacht ſehr gekränkt fühlen mußte.„Wenn ich alſo Seiner wa Ehren einen Dienſt leiſten kann,“ dachte der arme Lenny in der Einfalt ſeines Herzens,„indem ich boshafte Knaben zu⸗ ſo! rückhalte oder ihm ſage, wer den Unfug verübt hat, ſo bin hat ich überzengt, daß ſich meine Mutter etwas darauf ein⸗ St bilden wird.“ Dann begann er in Erwägung zu ziehen, daß ein ſeine Beſtallung, wie ungnädig ſie ihm Mr. Stirn auch St übertragen haben mochte, doch ein Ehrenamt ſey, denn es 6 beweiſe jedenfalls ein großes Vertrauen, daß man ihn, den mi geordneten, ſittlichen Muſterknaben, aus der Zahl ſeiner ga Altersgenoſſen dazu ausgeleſen habe. Lenny beſaß nämlich de einen nicht geringen Stolz in allen Dingen, die mit Cha⸗ Le rakter und Reputation zuſammenhingen. m Faſſen wir dies zuſammen, ſo erſcheint es ganz in der ve Ordnung, wenn Leonhard Fairfield, obſchon nicht gerade F mit Luſt und berauſchendem Entzücken, aber doch mit leid⸗ 5 8 zu gen⸗ Got⸗ hlen inem der ſogar nden Be⸗ „ die „daß etzten einer ny in n zu⸗ ſo bin f ein⸗ „daß auch nn es t, den ſeiner ämlich Cha⸗ in der gerade it leid⸗ 263 lichem Behagen und einiger Selbſtgefälligkeit in ſeinem Lauſchwinkel ſaß. Mr. Stirn mochte ungefähr eine Viertelſtunde den Platz verlaſſen haben, als durch ein kleineres Parkthor, gerade dem Verſteck Lenny's gegenüber, ein Knabe hereinkam, der, als ſey er müde vom Gehen oder erſchöpft von der Hitze des Tages, eine Weile auf dem Raſen Halt machte und dann unter den großen Baum trat, der über den Stock ſeine Zweige breitete. Lenny ſpitzte die Ohren und guckte begierig durch die Hecke. Er hatte den Knaben früher nie geſehen. Das Geſicht war ihm völlig fremd. Leonhard Fairfield war kein Freund von Fremden, um ſo weniger, da die dunkle Vorſtellung in ihm Wurzel gefaßt hatte, nur Fremde können es geweſen ſeyn, welche an dem Stock eine ſolche Entweihung übten. Der Knabe nun war ein Fremder— aber von welchem Rang? Gehörte er jener Stufe in der Geſellſchaft an, deren natürliche Vergehungen in Harmonie ſtanden mit Angriffen auf einen Stock, oder nicht? In dieſer Beziehung fühlte ſich Lenny Fairfield nicht ganz ſicher. Nach allen Erfahrungen eines Dörflers war der Knabe nicht wie ein junger Gentleman gekleidet, denn Leonhards Vorſtellungen von einem ariſtokratiſchen Koſtüm modelten ſich natürlich nach Frank Hazeldean's Vorbild und verlangten jedenfalls ſchneeweiße Beinkleider, ſchöne blaue Fräcke und unvergleichliche Halsbinden. Obſchon nun der Fremde nicht wie der Sohn eines Bauern oder eines Pächters 264 gekleidet war, entſprach er doch keineswegs den Begriffen, welche ſich Lenny von einem jungen Gentleman und ſeiner Tracht gebildet hatte. Namentlich däuchte ihm die letztere im höchſten Grad unachtbar, denn der Rock war mit Koth beſchmutzt und der Hut in alle Formen gedrückt; auch zeigte ſich an der gedachten Kopfbedeckung zwiſchen der Seite und der Krone ein bedeutender Riß. Lenny war verwirrt, bis ihm plötzlich einfiel, daß das Thor, durch welches der Knabe gekommen, unmittelbar nach einem unfernen Städtchen führte, deſſen Bewohner in der Halle ſehr übel berufen waren; es hatte nämlich ſeit undenk⸗ lichen Zeiten ſtets die verwegenſten Wilddiebe für den Jagd⸗ bezirk, die läſtigſten Schadenſtifter im Park, die gewiſſen⸗ loſeſten Diebe für die Obſtgärten und die ſtreitſüchtigſten Anfechter unterſchiedlicher problematiſ cher Weggerechtigkeiten geliefert, welche nach den Anſichten der Städter öffentliches, nach denen der Hallebewohner von den Zeiten der Eroberung her Privateigenthum waren. Allerdings kam derſelbe Pfad auch geradenwegs vom Hauſe des Squire her, aber es ließ ſich nicht annehmen, daß der Träger eines ſolchen Anzugs dort zu Beſuch geweſen ſey. In Anbetracht aller Dinge unterhielt Lenny keinen Zweifel, daß der Fremde ein Laden⸗ junge oder Lehrling von Thorndyke ſeyn müſſe, und der üble Ruf dieſer Stadt in Verbindung mit ſolcher Anmaßung ließ es dem jugendlichen Stockhüter als ſehr wahrſcheinlich vor⸗ kommen, daß er einen von den mitternächtlichen Revolutio⸗ nären vor ſich habe. Dieſer Argwohn tauchte in Lenny's Gehirn mit einer Geſchwindigkeit auf, die durchaus in keinem —— 2—————— Verl war, zu b vor! umt ſtellt ihn Läche ſpött Grat Stoc von er ei ſchrei ein 2 einer mit ſ nach wie k buch Rant ſchüt Schr könne legen er au ſich„ ffen, iner ztere Koth eigte und das nach der denk⸗ agd⸗ ſſen⸗ gſten eiten ches, rung Pfad ließ zugs ine den⸗ üble ließ vor⸗ utio⸗ my's inem 265 Verhältniß ſteht zu der Zahl der Zeilen, welche erforderlich war, um ſie anſchaulich zu machen, und um ihn noch mehr zu bekräftigen, mußte noch der Knabe unglücklicher Weiſe vor dem Stock ſtehen bleiben, vor dem er ſich niederbengte, um das ſchimpfliche Anathem zu leſen, mit welchem er ent⸗ ſtellt war. Er wiederholte die Worte laut und Lenny ſah ihn lächeln— und welch ein unangenehmes, finſteres Lächeln! Nie zuvor hatte unſer Stockwächter ein ſolches ſpöttiſches Lächeln wahrgenommen. Aber denke man ſich erſt Lenny's frommes Entſetzen und Grauſen, als dieſer unheimliche Fremde geradezu auf dem Stock Platz nahm und entweihend ſeine Ferſen auf den Lidern von zweien der vier runden Augen ausruhen ließ, während er ein Bleiſtift und ein Taſchenbuch herausnahm und zu ſchreiben begann. Nahm vielleicht dieſer freche Unbekannte ein Inventar auf über die Kirche und die Halle zum Zweck einer Brandſtiftung? Während ſeines Schreibens ſchaute er mit ſo ſeltſamen, ſtarren Blicken bald nach der einen bald nach der andern hin, das Auge nicht auf das Papier richtend, wie doch Lenny gelehrt worden war, wenn er ſein Schreibe⸗ buch vor ſich hatte. Die Sache verhielt ſich nämlich ſo, daß Randal Leslie erſchöpft und müde war, und da er die Er⸗ ſchütterung des Falles weit mehr fühlte, nachdem er einige Schritte gegangen, ſo hatte ihm nichts willkommener ſeyn konnen, als ein Platz, der ihm für einige Augenblicke Ge⸗ legenheit zum Ausruhen bot. Auf dem Stocke ſitzend kam er auf den Gedanken, an Frank eine Zeile zu ſchreiben und ſich wegen der Unterlaſſung ſeines Beſuchs zu entſchuldigen. 266 Er hatte die Abſicht, das Blatt, auf welches er geſchrieben, aus ſeinem Taſchenbuch zu reißen und es im Vorbeigehen in einem Bauernhauſe zur Beſorgung nach der Halle abzu⸗ geben. Während Randal in dieſer unſchuldigen Weiſe beſchäf⸗ tigt war, kam Lenny mit dem feſten gemeſſenen Schritt einer Perſon auf ihn zu, welche entſchloſſen war, ihre Schuldig⸗ keit zu thun, mochte es koſten was es wollte. Der junge Stockhüter war zwar muthig, aber nicht wild, weshalb der Verdruß, den er empfand, und der Argwohn, den er hegte, ſich nur in folgender feierlichen Berufung an das Schicklichkeitsgefühl des Uebelthäters Luft machte: „Schämt Ihr Euch nicht vor Euch ſelbſt? Da hin zu ſitzen auf des Squire's neue Stöcke! Herunter und fort mit Euch!“ Randal wandte ſich raſch um, und obgleich er in jedem anderen Angenblicke beſonnen genug geweſen wäre, um ſich mit Leichtigkeit aus ſeiner falſchen Stellung herauszuziehen, iſt doch nemo mortalium et cetera— zu deutſch, Niemand iſt allezeit weiſe. Dazu befand ſich der junge Leslie bei un⸗ gemein ſchlimmer Laune, und die Leutſeligkeit gegen ge⸗ ringere Perſonen, um deren willen ich ihn früher gerühmt habe, ging ganz verloren in der Verachtung gegen naſen⸗ weiſe Flegel, die einem beleidigten Etonſchüler ſo natürlich iſt. Randal muſterte daher Lenny mit großer Geringſchätzung und entgegnete in Kürze:— „Du biſt ein unverſchämter junger Schlingel.“ Ob einer ſo bündigen Erwiederung ſchoß unſerem Lenny das Eind fühlt durck Blic Wüt artie herv män Cha hüb Hut Aeu quet ſere Ger das geg Lad wir leic ſtan ein ren ſeli wer eben, ehen abzu⸗ ſchäf⸗ einer uldig⸗ junge shalb en er n das hin zu rt mit jedem um ſich ziehen, iemand bei un⸗ zen ge⸗ erühmt naſen⸗ rlich iſt. hätzung m Lenny 267 das Blut ins Geſicht. Schon vorher überzeugt, daß der Eindringling ein geſetzloſer Lehrling oder Ladenjunge ſey, fühlte er ſich in dieſer Anſicht noch mehr bekräftigt nicht nur durch die unhöfliche Sprache, ſondern auch durch den wilden Blick, der die Worte begleitete und wahrhaftig nicht viel Würde gewann durch den zerfetzten, zerbeulten, ſtrolchen⸗ artigen Hut, unter welchem das finſtere, drohende Feuer hervorſchoß. Von allen den verſchiedenen Artikeln, aus welchen der männliche Anzug beſteht, iſt vielleicht keiner, der ſo viel Charakter und Ausdruck hat, als die Kopfbedeckung. Ein hübſcher, wohlgebürſteter, kurzhaariger, gentlemaniſcher Hut, mit einem gewiſſen Air getragen, verleiht dem ganzen Aeußern Diſtinktion und Achtbarkeit, während eine zer⸗ quetſchte und übel zugerichtete Hauptbedeckung, wie die un⸗ ſeres Randal war, ſo ziemlich geeignet iſt, den ſtattlichſten Gentleman, der je durch Saint James Street ſpazierte, in das Urbild eines landſtreicheriſchen Hallunken umzuwandeln. Es iſt eine bekannte Thatſache, daß ein Bauernjunge gegen nichts eine ſchärfere Antipathie hat, als gegen einen Ladenburſchen, und ſelbſt bei wichtigen politiſchen Fragen wird es der gewerbtreibenden ſtädtiſchen Bevölkerung nicht leicht, durch Schmeicheleien die Sympathieen des Bauern⸗ ſtandes zu erkaufen. Ein ächter engliſcher Bauer iſt immer ein Ariſtokrat. Aber auch abgeſehen von dem ewigen Mur⸗ ren über Standesvorrechte liegt etwas eigenthümlich Feind⸗ ſeliges in dem Verhältniß zwiſchen Knabe und Knabe, wenn ihrer Zwei einmal etwas gegen einander haben und ſie 268 allein ſind auf einem ruhigen Stückchen Raſen. Es iſt ein Gefühl, ähnlich dem des Streithahns— ein Etwas das in der ſonſt ſo lammartigen und friedlichen Berölkerung Englands die kampfgerechte Luſt nährt, den Daumen feſt über den vier Fingern zu ſchließen und, wie man zu ſagen pflegt,„eine Fauſt daraus zu machen“. Gefährliche An⸗ zeichen von dieſer gemiſchten und angriffsbegierigen Geſin⸗ nung gaben ſich nach den Worten und dem Blicke des nichts weniger als anſprechenden Fremden an Lenny Fairfield zu erkennen. Und der Fremde ſchien es zu merken, denn ſein blaſſes Geſicht wurde noch blaſſer und ſein finſteres Ange ſtarrte noch wachſamer nach dem Gegner hin. „Willſt Du von dem Stock herunter?“ rief Lenny, der es unter ſeiner Würde hielt, auf die an ihn gerichteten rohen Schimpfworte etwas Alderes zu erwiedern. Den Worten die That folgen laſſend, that er an dem Eindringling einen Ruck, welchen dieſer irrthümlicher Weiſe für einen Schlag nahm. Der Etonſchüler ſprang auf, und durch die Schnel⸗ ligkeit dieſer Bewegung ſowohl, als durch eine leichte Hand⸗ berührung verlor Lenny ſein Gleichgewicht, ſo vaß er Hals über Kopf auf den Stock hin purzelte. Glühend vor Wuth half ſich der junge Dörfler hurtig wieder auf die Beine, ſtürzte auf Randal los und ſchlug rechts und links um ſich. Perſi zuruf aurie Stöe an je des ſ Unte über: mütl und nenn und Neu Stei ſie z groß nach ten muſt farb von von dach iſt.“ ſt ein das rung nfeſt ſagen An⸗ eſin⸗ nichts ld zu ſein Auge , der rohen orten einen chlag chnel⸗ Hand⸗ Hals Wuth Beine, ſich. 269 Drittes Kapitel. Helft mir, o ihr Neun, auf die der unvergleichliche Perſius eine Satyre ſchrieb, weil ſeine Zeitgenoſſen euch an⸗ zurufen pflegten, und die er hintendrein plötzlich für ſich ſelbſt anrief— helft mir jene denkwürdige Schlacht bei den Stöcken und zu Vertheidigung derſelben beſchreiben, welche an jenem Tage gekämpft wurde von den beiden Vertretern des ſächſiſchen und normanniſchen Englands. Hier nüchterne Unterſtützung von Geſetz und Pflicht mit Rechtfertigung übertragenen Vertrauens— pro aris et focis; dort hoch⸗ müthiges Eindringen, der kriegeriſche Geiſt des Ritterthums und jene Achtung vor Perſon und Namen, die wir Ehre nennen. Hier kühne körperliche Kraft, dort durch Uebung und Schule gewonnene Gewandtheit. Hier— ach, die Neun ſind ſo taub wie ein Thürpfoſten und ſo kalt wie ein Stein! Die Peſt über die Dirnen!— Ich werde beſſer ohne ſie zurecht kommen. Randal war ein Jahr älter, als Lenny, aber nicht ſo groß, auch nicht ſo ſtark und nicht einmal ſo behend. Als nach dem erſten blinden Anlauf die beiden Knaben inne hiel⸗ ten und ein wenig zurückwichen, um ſich zu verſchnauben, muſterte der junge Fairfield die ſchmächtige Geſtalt und die farbloſe Wange ſeines Gegners, und wie er bemerkte, daß von Randal's Lippe Blut niederträufelte, wurde er ſchnell von edelmüthiger Reue ergriffen.„Es war nicht ſchön,“ dachte er,„mit einem anzubinden, der ſo leicht zu werfen iſt.“ Er zog ſich deshalb noch weiter zurück, ließ die Arme 270 ſinken und ſagte in mildem Tone:„Wir wolllen's gut ſeyn laſſen; aber geht jetzt nach Hauſe und ſeyd ordentlich.“ Randal Leslie war nicht in ſonderlichem Grade mit jener von der Leibesbeſchaffenheit abhängigen Eigenſchaft begabt, die wir phyſiſchen Muth nennen, beſaß aber alle jene moraliſchen Fähigkeiten, die ſeine Stelle erſetzen. Er war ſtolz und rachſüchtig, hatte eine hohe Meinung von ſich ſelbſt und zeigte in der Bildung ſeines Schädels eher das Organ der Zerſtörung, als das der Kampfluſt; wenn ein⸗ mal etwas ſeinen Zorn gereizt hatte, ſo ward es in ihm zur inſtinktartigen Begier, es zu vernichten. Obſchon daher alle ſeine Muskeln zuckten und heiße Thränen in ſeinen Augen ſtanden, trat er doch mit dem Trotz eines Gladiators auf Lenny zu und ſprach durch die feſtverbiſſenen Zähne, wäh⸗ rend er zugleich das Schluchzen der Wuth und des Schmerzes niederzukämpfen bemüht war:— „Du haſt mich geſchlagen und ſollſt nlir nicht von die⸗ ſer Stelle kommen, bis Du mir's gebüßt haſt. Erhebe Deine Hände— ſo will ich Dich nicht ſchlagen— verthei⸗ dige Dich!“ Mechaniſch gehorchte Lenny und hatte auch alle Urſache, dieſer Ermahnung Folge zu geben; denn wenn er auch das erſtemal im Vortheil war, ſo geſtaltete ſich doch jetzt, nach⸗ dem ſich Randal von ſeiner Ueberraſchung erholt hatte, der Kampf nicht zu Gunſten der größern Körperkraft. Obſchon Leslie in Eton nicht zu den Raufbolden ge⸗ hört hatte, war er doch, als er ſich noch in den unteren Klaſſen befand, durch ſein Temperament in manchen Streit verwi lismu nicht an öf manc einen die i brach Wah zu ſe die e ließ. errut auf't und gere ſeine nich der gem verſ meh beſt Aus dem ein ſeyn mit haft alle Er ſich das ein⸗ zur aher einen ators wäh⸗ erzes ndie⸗ rhebe rthei⸗ ſache, h das nach⸗ , der en ge⸗ nteren Streit 271 verwickelt und dadurch einigermaßen in die Kunſt des Pugi⸗ lismus eingeweiht worden. Dergleichen Uebungen ſind gar nicht übel, und ich bin barbariſch genug, zu hoffen, daß ſie an öffentlichen Schulen nie ganz ausſterben werden. Wie mancher junge Herzog iſt für ſeine ganze Lebenszeit zu einem erträglicheren Menſchen geworden um der Püffe willen, die ihm irgend ein Bürgerſohn im ehrlichen Kampfe bei⸗ brachte, und mancher Bürgerſohn hat gelernt, auf der Wahlbewerbungstribüne einem Lord mannhafter ins Auge zu ſehen, wenn er ſich der geſunden Prügelſuppe erinnert, die er irgend einem kleinen Lord Leopold Dawdle angedeihen ließ. Randal brachte nun ſeine Kunſt und die durch Uebung errungene Fertigkeit in Anwendung, indem er die ſchweren, auf's Ungefähr geführten Streiche ſeines Gegners abſchlug und nun ſelbſt raſch und ſcharf manövrirte, mit dem kunſt⸗ gerechten Moment der pugiliſtiſchen Mechanik die Schwäche ſeines Armes unterſtützend. Ja, und auch der Arm war nicht länger ſchwach— ſo ſeltſam entwickelt ſich Stärke aus der Leidenſchaft. Der arme Lenny, der nie zuvor einen Fauſtkampf mit⸗ gemacht hatte, war ganz verwirrt, und ſeine Empfindungen verſchwammen ſo ineinander, daß er ſich ſpäter dieſelben nie mehr recht vergegenwärtigen konnte. Er beſaß nur eine un⸗ beſtimmte Erinnerung an einen athemloſen, unmächtigen Ausfall— an ein plötzliches Schwarzwerden vor den Augen, dem raſche Blitze eines unerträglichen Lichtes folgten— an ein Schwinden aller Kräfte wie im Sterben und an ein * 272 Wiedergewecktwerden durch eindringliche Schmerzen— hier — dort— allenthalben. Und dann entſann er ſich keines Weitern, als daß er, gliedlahm und ſchwer athmend, auf dem Boden lag, während der Feind ein Geſicht über ihn hin⸗ beugte, ſo finſter und bleich, wie man ſich's etwa an Lara vorſtellen mag, wenn er den gefallenen Otho betrachtet. Denn Randal Leslie war keiner von denen, deren edler Sinn es mit dem Grundſatz hält:„Führe keinen Streich nach dem erlegenen Feind,“ und es koſtete einen ſchweren, wenn auch nur kurzen Kampf, daß er ſeine Ferſe nicht auf den nieder⸗ geſtreckten Gegner ſetzte. Der Verſtand, nicht das Herz war es, was den Wilden in ihm bändigte, als der Sieger, inner⸗ lich etwas vor ſich hinmurmelnd, was gewiß nicht wie chriſt⸗ liche Vergebung klang, ſich düſter von ſeinem Opfer abwandte. Viertes Kapitel. In demſelben Augenblicke betrat Mr. Stirn wieder den Schauplatz. Des Saquire's rechte Hand würde es nicht ungerne geſehen haben, wenn er Lenny hätte in Ungnade bringen können, und gab deshalb der Hoffnung Raum, der junge Dörfler dürfte von dem ihm vertrauten Poſten fort⸗ geſchlichen ſeyn. Demgemäß geſchah ſein Wiedererſcheinen ganz verſtohlen, weil er kaum zweifelte, daß er ſeine liebens⸗ würdige Erwartung bethätigt ſinden würde. Als er er⸗ ſchien, erhob ſich Lenny eben mit Mühe von dem Boden— noch immer ſchwer keuchend und krampfhafte Laute aus⸗ ſtoßen Name Blut einer war, wuche Erſch Mr. an de der a komm det u gibt's abgel nicht der unter das l gen( Men denke ihm hier nes auf hin⸗ ara tet. inn dem auch der⸗ war mer⸗ riſt⸗ adte. ieder nicht nade „der fort⸗ einen bens⸗ r er⸗ — aus⸗ 273 ſtoßend, verwandt mit denen, welchen man gemeiniglich den Namen Heulen gibt. Seine ſchöne neue Weſte war mit Blut beſudelt, das noch immer ſeiner Naſe entſtrömte— einer Naſe, die Lenny's Empfindung zufolge keine Naſe mehr war, ſondern ein geſchwollener, rieſiger, bergartiger Aus⸗ wuchs— oder vielmehr, er meinte nichts als Naſe zu ſeyn. Erſchrocken von dieſem Anblick ſich abwendend, muſterte Mr. Stirn mit nicht mehr Achtung, als der junge Fairfield au den Tag gelegt hatte, den fremden Knaben, der jetzt wie⸗ der auf dem Stocke ſaß, vielleicht um daſelbſt zu Athem zu kommen, vielleicht auch um zu zeigen, daß ſein Sieg vollen⸗ det und er im Rechte eines erkämpften Beſitzes war. „Holla,“ rief Mr. Stirn.„Was ſoll alles dies? Was gibt's da, Lenny, Du Dummkopf?“ „Er will durchaus dort ſitzen,“ antwortete Lenny in abgebrochenen Lauten,„und hat mich geſchlagen, weil ich's nicht leiden wollte. Aber ich mache mir nichts daraus,“fügte der Knabe bei, indem er ſich Mühe gab, ſeine Thränen zu unterdrücken,„und bin ſchon wieder bereit für ihn— ja⸗ das bin ich.“ „Und was ſoll dies heißen, daß Ihr auf dem geſtren⸗ gen Stock da niederhockt?“ „Ich betrachte die Gegend. Mir aus dem Lichte, Menſch!“ Dieſer Ton erfüllte Mr. Stirn augenblicklich mit Be⸗ denken. Es war ein Ton, ſo reſpektswidrig gegen ihn, daß ihm dadurch eine unwillkürliche Achtung eingeflößt wurde, Bulwer, meine Novelle. 18 274 Wer anders als ein Gentleman konnte ſo mit Mr. Stirn ſprechen? „Und darf ich fragen, wer Ihr ſeyd?“ begann Stirn ſtotternd und halb geneigt, an ſeinen Hut zu greifen. „Mit Vergunſt, wie heißt Ihr und was habt Ihr hier zu ſuchen?“ „Ich heiße Randal Leslie und war im Begriff, die Fa⸗ milie Eures Gebieters zu beſuchen— das heißt, wenn Ihr, wie ich Eurem Benehmen nach ſchließen muß, Mr. Hazel⸗ deans Ackerknecht ſeyd.“ Mit dieſen Worten erhob ſich Randal und ging einige Schritte weit; dann wandte er ſich wieder um, warf eine halbe Krone in den Weg und ſagte zu Lenny:— „Behalt dies für Deine Beulen und nimm Dich ein andermal in Acht, wenn Du mit einem Gentleman ſprichſt. Was Euch betrifft, Menſch“— er machte eine verächtliche Handbewegung gegen Mr. Stirn, der jetzt mit weit offenem Mund und tief abgezogenem Hute daſtand, ſich ohne Unter⸗ laß bis zur Erde verbeugend—„was Euch betrifft, ſo könnt Ihr Mr. Hazeldean mein Compliment vermelden und ihm ſagen, daß ich hoffe, wenn er uns einmal in Rood Hall die Ehre eines Beſuches erweiſe, werde das Benehmen der Bewohner unſeres Dorfes das ſeiner Hazeldeaner beſchämen.“ O, mein armer Squire. Rood Hall ſollte Hazeldean beſchämen! Wenn dir dieſer Auftrag ausgerichtet würde, könnteſt du dann je wieder ſtolzen Hauptes einhergehen?, Mit dieſen bitteren Worten ſchwang ſich Randal über den Zaunbalken, der des Pfarrers Grundſtück abgränzte, währ Stir Err den, als Squ wär an! Bek ang Rei Hat Eig trac pur ſchn Beſ wo tige wei ſter deſt unt Stirn Stirn eifen. er zu e Fa⸗ Ihr, azel⸗ einige eine ch ein richſt. tliche fenem lnter⸗ t, ſo n und Hall n der men.“ ldean oürde, 12 über änzte, 275 während Lenny noch immer ſeine Naſe betaſtete und Mr. Stirn fortfuhr, ſich bis zur Erde zu verbeugen. Fünftes Kapitel. Randal Leslie hatte einen ſehr weiten Weg nach Hauſe. Er war vom Kopf bis zu den Füßen voll Beulen und Wun⸗ den, und ſein Geiſt fühlte ſich noch ſchmerzhafter ergriffen, als ſein Körper. Aber wenn Randal Leslie im Garten des Squire ruhig einen Sitz genommen hätte und nicht rück⸗ wärts gegangen wäre, erfüllt von Gedanken, die ihm Marat an die Hand gegeben und für die er bei Lord Bacon eine Bekräftigung gefunden hatte, ſo wäre ihm ſicherlich ein recht angenehmer Abend und in ſofern ein Genuß von des Squire's Reichthum zu Theil geworden, daß ihn deſſen Equipage nach Hauſe geführt haben würde. Weil er es aber vorzog, das Eigenthum in einem ſo intellektuellen Geſichtspunkt zu be⸗ trachten, purzelte er in den Graben; weil er in den Graben purzelte, verderbte er ſeine Kleider; weil ſeine Kleider be⸗ ſchmutzt waren, gab er ſeinen Beſuch auf; weil er auf den Beſuch verzichtete, führte ihn ſein Weg über den Dorfraſen, wo er mit einem Hute, der ihm das Ausſehen eines flüch⸗ tigen Zuchthäuslers verlieh, auf dem Stock Platz nahm; weil er mit dieſem Hut und einem darunter befindlichen fin⸗ ſtern Geſicht auf dem Stock ſaß, wurde er in einen ſehr deſpektirlichen Fauſtkampf mit einem Bauernbuben verwickelt und hinkte jetzt der Heimath zu, mit Göttern und Menſchen 18* 276 im Hader— ergo, wenn du auf eines reichen Mannes Gut kömmſt, ſo begnüge dich, das davon zu genießen, was dein iſt, ich meine die Anſicht; wahrſcheinlich bereitet ſie dir eine groößere Augenweide als ihm. Sechstes Kapitel. Wenn Lenny Fairfield in der Einfalt ſeines Herzens und in der Dürftigkeit ſeiner Erfahrung an die Möglichkeit gedacht hatte, Mr. Stirn werde ihn loben wegen ſeiner Rit⸗ terlichkeit oder ihm Theilnahme bezeugen wegen der erhalte⸗ nen Beulen, ſo fand er jedenfalls bald, daß dieſe Erwartung nur eine bittere Täuſchung war. Dieſer wahrhaft große Mann, welcher es verdiente, Premierminiſter von Hazeldean zu ſeyn, würde vielleicht ein Abgehen von ſeinen Befehlen verziehen haben, wenn es zum Vortheil des Dienſtes und in einer Weiſe geſchehen wäre, daß die Ehre davon auf den Auftraggeber zurückgefallen wäre; aber er zeigte ſich uner⸗ bittlich gegen jene ſchlimmſte von allen diplomatiſchen Ver⸗ fehlungen— einen unzeitigen, unverſtändigen, übereifrigen Gehorſam, der, wenn er auch einen Beweis liefert von der Aufopferungstüchtigkeit des Beauftragten, doch zugleich ge⸗ eignet iſt, den Auftraggeber in eine ſogenannte Patſche zu bringen. Wer das Labyrinth des menſchlichen Herzens nicht kennt und namentlich nicht weiß, wie es in den Herzen von Premierminiſtern und ſogenannten rechten Händen ausſieht, könnte es für natuͤrlich halten, daß Mr. Stirn, wie er ſo den H wenn dal Le lemat doch ſchen höher dem als z gleich wand kaſten beme dem umi lopf „Br dieſet Kirck Dein mit will, mein war Mop Gut dein eine rzens chkeit Rit⸗ alte⸗ tung roße dean ehlen nd in den uner⸗ Ver⸗ rigen nder h ge⸗ he zu nicht von ieht, er ſo 277 den Hut in der Hand mitten im Wege ſeine Bücklinge machte, wenn gleich ſein Inneres von Galle kochte ob der von Ran⸗ dal Leslie ihm zugefügten Kränkung, in dieſem jungen Gent⸗ leman einen paſſenden Gegenſtand für ſeine Rache erkannte; doch ein ſolcher Verſtoß gegen alle Etiquette des diplomati⸗ ſchen Lebens, ich meine der Gedanke an Rache gegen eine höher ſtehende Gewalt, wäre das Letzte geweſen, was ſich dem tiefen Verſtand des Premierminiſters von Hazeldean als zuläſſig hätte darbieten können. Da übrigens der Zorn gleich dem Dampf irgend einen Ausweg haben muß, ſo wandte ſich Mr. Stirn in dem Gefühle, daß„ſein Bruſt⸗ kaſten am Zerſpringen war,“ wie er nachher gegen ſein Weib bemerkte, mit dem natürlichen Inſtinkt der Selbſterhaltung dem eine Erploſion verhütenden, nächſten Sicherheitsventil zu, und die Dämpfe in ſeinem Innern fanden einen Ausweg nmittelbar gegen Lenny Fairfield. Mit wilder Miene kunſt er ſich den Hut auf den Kopf und eeichtert⸗ ſeinen „Bruſtkaſten“ in folgender Ergießung: „Du junger Spitzbub! Du verwegene Viper! Alſo an dieſem geſegneten Sonntagsmorgen, an dem Du in der Kirche auf Deinen Knochen hätteſt liegen ſollen, um für Deine Vorgeſetzten zu beten, fängſt Du eine Balgerei an mit einem jungen Gentleman, der Deinen Herrn beſuchen will, und dazu noch gerade auf dem Platz, wo eine Ge⸗ meindenutzung ſteht, die Deiner Aufſicht und Hut übertragen war und die Du jetzt mit dem Blut aus Deiner verweiterien Mopsnaſe beſudelſt!“ Mit dieſen Worten holte, als würde die Sache dadurch 278 beſſer, Mr. Stirn nach dem geſchmähten Organ aus, um ihm! ihm einen zugäblichen Streich zu verſetzen; aber Lenny Muft ſtreckte mechaniſch ſeine beiden Arme vor, um ſein Geſicht zu Beſte ſchützen, ſo daß die Knöchel des Vogts an die großen Meſ⸗ Scht ſingknöpfe ſtießen, welche den Rockärmelaufſchlag des Kna⸗ der g ben zierten. Dieſer Zufall ſteigerte Mr. Stirn's Ent⸗ und rüſtung noch mehr. Lenny aber, dem das Blut zu kochen weg begann ob einer Behandlung, die ihm bei der Engherzigkeit müſſ ſeiner Erziehung als himmelſchreiendes Unrecht vorkam, Stö flüchtete ſich hinter den Baumſtamm und begann das Ge⸗ ſchle ſchäft der Selbſtrechtfertigung— ein gar npolitiſcher Ge⸗ laſſe danke von ihm, deſſen Ausführung noch unkluger war, da in faßt ſolchen Fällen das Vertheidigen nichts anderes als ein An⸗ war klagen iſt. trau „Ich wundere mich über Euch, Mr. Stirn— wenn Nat nur die Mutter Euch hören könnte! Ihr wißt, daß Ihr mich und von der Kirche abgehalten habt, und daß Ihr mir ſagtet— lich „Du ſolleſt Dich balgen mit einem jungen Gentleman vor und den Sabbath entheiligen?“ unterbrach ihn Mr. Stirn 1 Mr mit vernichtendem Hohne.„O ja; ich ſagte Dir, Du ſolleſt hin Schande häufen über Seiner Ehren, den Squire, über mich, ſchr über das Kirchſpiel, und uns alle in Ungelegenheit bringen. ihr Aber der Squire hat mir den Auftrag ertheilt, ein Erempel Kir zu ſtatuiren, und das ſoll jetzt geſchehen.“ Sa Bei dieſen Worten hatte mit Blitzesſchnelle Mr. Stirn den glorreichen Gedanken aufgegriffen, den armen Lenny in 8 en denſelben Stock zu legen, welchen er mit nur allzugroßer Treue bewacht hatte. Eöoye! Das„Erempel“ lag vor um enny ht zu Meſ⸗ Kna⸗ Ent⸗ ochen igkeit rkam, Ge⸗ Ge⸗ da in An⸗ wenn mich t eman Stirn ſolleſt mich, ingen. empel Stirn my in roßer g vor — 279 ihm! Jetzt konnte er ſeinen lang gehegten Groll an dem Muſterknaben auslaſſen und, wenn er in ſolcher Weiſe den Beſten auslas, allen, bis auf den Schlechteſten hinunter⸗ Schrecken in die Glieder jagen. Die Gelegenheit war da, der gekränkten Würde Randal Leslie's eine Sühne zu bieten, und der Squire wurde dadurch thatſächlich gerechtfertigt wegen des Schimpfs, den ſein junger Gaſt hatte erleiden müſſen, während zugleich Mr. Hazeldean's Wunſch, daß die Stöcke ſo bald wie möglich einen Inſaſſen erhalten möchten, ſchleunige Erfüllung fand. Dem Gedanken die That folgen laſſend, ſtürzte Mr. Stirn raſch auf ſein Opfer los und faßte es an einem Wammszipfel; einige Sekunden ſpäter war der Stock gesffnet und Lenny Fairfield ſtack drinnen als trauriges Wahrzeichen, wie ſchnell das Glück oft wechſelt. Nach dieſer That und während der Knabe noch zu erſtaunt und beſtürzt war, um etwas anderes als einige unverſtänd⸗ liche Worte hervorzubringen— die Ueberraſchung hatte von vornherein jeden Widerſtand unmöglich gemacht— eilte Mr. Stirn von hinnen, aber nicht ohne zuerſt die für Lenny hingeworfene halbe Krone aufzuleſen und einzuſtecken, ob⸗ ſchon Anfangs ſeine Aufregung ſo groß geweſen war, daß er ihrer faſt vergeſſen hätte. Er ſchlug die Richtung nach der Kirche ein, in der Abſicht, ſich an der Thüre aufzuſtellen und den Squire gleich beim Herauskommen abzufangen, damit er ihn von dem Vorgefallenen unterrichten und ihn ſammt der ganzen Gemeinde nachdem Orte führen könne, wo den vereinten Mäch⸗ ten Nemeſis und Themis ein Opfer dargebracht worden war. 280 Siebentes Kapitel. Bei meiner Ehre als Gentleman und bei meiner Re⸗ putation als Schriftſteller gebe ich dem Leſer die gewiß nicht übertriebene Verſicherung, daß meine Worte unmächtig ſind, die Gefühle zu ſchildern, welche Lenny Fairfield durchkämpfte, als er allein auf jenem Strafplatze ſaß. Er empfand nicht mehr den phyſiſchen Schmerz ſeiner Beulen, denn die Qual ſeiner Seele erſtickte und überbot alles körperliche Leiden— eine Qual, ſo groß, als ſie die kindliche Bruſt nur zu faſſen vermochte. Zuvörderſt und am tiefſten peinigte ihn das brennende Gefühl der an ihm verübten Ungerechtigkeit. Sein Urtheil hatte ihn vielleicht einen Fehlgriff thun laſſen; aber jedenfalls ſuchte er mit ehrlichem und gewiſſenhaftem Eifer den ihm gegebenen Auftrag zu erfüllen; er war mannhaft für denſelben eingeſtanden und hatte im Kampf, den er von Amts wegen ausfocht, nicht nur Beulen geholt, ſondern auch ſein Blut vergoſſen. Und nun ſolcher Lohn! In Lenny's Geiſt war die Eigenſchaft, welche die angelſächſiſche Race auszeichnet, beſonders ausgeprägt, ich meine der Sinn für Gerechtigkeit, der vielleicht der ſtärkſte Grundzug in ſeiner moraliſchen Natur war und noch nie ſeine jungfräuliche Blüthe und Friſche durch jene kleineren Acte von Bedrückung und Unrecht verloren hatte, welche Knaben von höherer Geburt ſo oft von harten Eltern oder in tyranniſchen Lehr⸗ anſtalten erdulden müſſen. Jetzt alſo zum erſtenmal drang das Eiſen in ſeine Seele, und damit kam zugleich das unzer⸗ trennliche Geleite, der bittere Grimm über die eigene Re⸗ nicht ſind, pfte, nicht Aual ſ— ſſen das Sein aber Fifer für von dern ny's kace für iner liche ung erer ehr⸗ ang zer⸗ ene 281 Unmacht. Man hatte ihm Unrecht gethan, und er beſaß kein Mittel, ſich zu ſeinem Rechte zu verhelfen. Dann kam eine andere vielleicht weniger tiefe, aber doch für den Augen⸗ blick weit ſchmerzlichere Empfindung— die Scham. Er, der beſte unter allen guten Knaben— er, der Muſterknabe des Dorfes und der Stolz des Pfarrers— er, welchen der Squire ſo oft vor allen ſeinen Altersgenoſſen durch ein Klopfen auf den Rücken ausgezeichnet und den die gnädige Frau nicht ſelten auf den Kopf gepätſchelt hatte, ihn be⸗ lobend, weil er bei ſeiner Jugend ſchon einen ſo guten Ruf gewonnen— er, welcher bereits gelernt hatte, die Süßig⸗ keit eines ehrenvollen Namens ſo hoch zu ſchätzen— er ſollte nun ſo zu ſagen in einem Nu ein Gegenſtand des Schimpfs, eine Zielſcheibe des Hohns und der Verachtung, ein Spott⸗ und Ekelname für Alle werden! Die Ströme ſei⸗ nes Lebens waren in ihrer Quelle vergiftet. Und dann kam ein zarterer Gedanke— der an ſeine Mutter! Welch ein Schlag mußte es für ſie ſeyn, für ſie, die in ihm bereits ihre Stütze und ihren Stab geſehen hatte! Er beugte ſein Haupt, und die langverhaltenen Thränen rollten ihm über die Wan⸗ gen nieder. Dann rang und zappelte er, ob es ihm nicht gelänge, ſeine Glieder den verhaßten Banden zu entziehen; denn er hörte bereits Schritte näher kommen. Das Bild der ganzen um ihn verſammelten Gemeinde tauchte vor ſeiner Seele auf; er ſah den traurigen Blick des Pfarrers, die gefurchte Stirne des Squire und die ſchlechtverhehlte Heiterkeit der Knaben, die ſtets eiferſüchtig geweſen waren auf ſeinen 282 tadelloſen Ruf, auf einen Ruf, der in urſprünglicher Rein⸗ heit nie, nie wiederhergeſtellt werden konnte, da immer der Makel an ihm haftete, er ſey der Knabe, welcher im Stock ſaß. Und die Worte, welche der Squire geſprochen hatte, tauchten in ſeiner Erinnerung auf wie die Stimme des Ge⸗ wiſſens in den Ohren eines dem Verderben geweihten Mak⸗ beth:„Eine arge Schande, Lenny— Du wirſt nie in eine ſolche Klemme kommen.“„Klemme!“ Das Wort war ihm neu und mußte wohl etwas ſehr Schimpfliches bedeuten. Der arme Knabe hätte beten mögen, daß die Erde ihn ver⸗ ſchlinge. „ Achtes Kapitel. „Keſſel und Pfannen, was haben wir da!“ rief der Keſſelflicker. Diesmal hatte Mr. Sprott ſeinen Eſel nicht bei ſich, denn da es Sonntag war, durfte derſelbe ohne Zweifel auf der Gemeinheide Sabbath halten. Der Keßler hatte ſich ſauber und reinlich auf's Beſte herausgeputzt, um ſeinen Spaziergang im Park herum zu machen. Lenny Fairfield blieb ſtumm bei dieſer Anrede. „Du in dem Holz, Kindlein? Wahrhaftig, dieſes An⸗ blicks hätte ich mich am allerletzten verſehen. Aber wir Alle leben, um zu lernen,“ fügte der Keßler bei.„Wer half Dir zu dieſen Strumpfbändern? Kannſt Du nicht ſprechen, Junge?“ Und ben Und nich Sg rent grij nur ſo ſich den geſe ang ſey ein ten im liel laf Ar ein⸗ der tock tte, Ge⸗ tak⸗ eine ihm ten. ver⸗ 283 „Nick Stirn.“ „Nick Stirn? Ja, darauf hätt' ich ſchwören wollen. Und warum denn?“ „Weil ich that, was er mich geheißen, und einen Kna⸗ ben angriff, der ſich an dem Stock da verſündigt hatte. Und der Knabe ſchlug mich— doch daraus wollte ich mir nichts machen— und er war ein junger Gentleman, der den Sauire beſuchen wollte; und deshalb hat Nick Stirn—“ Zorn und Scham erſtickte den Reſt von Lenny's Worten. „Au,“ ſagte der Keſſelflicker, die Augen weit aufſper⸗ rend,„Du haſt Dich alſo an einem jungen Gentleman ver⸗ griffen? Thut mir leid, dies zu hören, mein Junge. Sey nur zufrieden mit Deinem Sitz da und danke Gott, daß Du ſo wohlfeil davon gekommen biſt.'s iſt Salz und Pfeffer, ſich an Vornehmeren zu vergreifen, und ein Londoner Frie⸗ densrichter würde Dich auf zwei Monate in die Tretmühle geſchickt haben. Aber warum mußteſt Du ihn um deswillen angreifen, daß er ſich am Stock verſündigte? Ich meine dies ſey nicht eben die Seite, für die Du Dir Mühe geben ſollteſt.“ Lenny murmelte etwas nicht ſehr Verſtändliches von einem Dienſt gegen den Squire und Erfüllung eines ertheil⸗ ten Auftrags. „Oh, ich ſehe, Lenny,“ unterbrach ihn der Keſſelflicker im Tone großer Verachtung,„Du biſt einer von denen, die lieber mit den Hunden jagen, als ſich mit den Haſen jagen laſſen. Und Du biſt der gute Muſterbub und nimmſt keinen Anſtand, Dich zu verſündigen an Deinem eigenen Volk, um Dich in Gunſt zu ſetzen bei den vornehmen Leuten! Pfui, 284 Junge; Dir iſt recht geſchehen. Hätteſt Du's mit Deines⸗ gleichen gehalten, ſo würdeſt Du geachtet werden, auch wenn Du in eine ſolche Patſche gerathen wäreſt; ſo aber trifft Dich verdientermaßen allgemeine Verachtung, wie Du er⸗ fahren wirſt, wenn die Leute aus der Kirche kommen. Du ſitzeſt da in einem gar unrepetirlichen Schräubſtock, und ich kann mich nicht mit Ehren in Deiner Geſellſchaft blicken laſſen, da es meinem Charakter ſchaden würde bei denen ſo⸗ wohl, die den Stock bauten, als bei denen, die ihn nieder⸗ reißen möchten. Alte Keſſel zu flicken! Ei, ob Dir vergeſſe ich ganz und gar, daß es Sabbath iſt. Gehorſamer Diener, mein Junge, und wünſche wohl herauszukommen. Meinen Gruß an Deine Mutter und ſag' ihr, wir können wohl noch wegen der Pfanne und der Schaufel handelseins wer⸗ den, wenn Dir ſchon dieſes Unglück begegnet iſt.“ Der Keſſelflicker ging ſeines Weges und Lenny's Auge folgte ihm mit dem Düſter der Verzweiflung. Wie die ganze Zunft menſchlicher Tröſter hatte der Keßler den Brom⸗ beerſtrauch nur begoſſen, um wieder Saft in die Dornen zu bringen. Ja, wenn Lenny über dem Niederreißen des Stocks ertappt worden wäre, ſo würden wenigſtens Einige ihn bemitleidet haben; ſo aber, da er wegen Vertheidigung deſſelben in Strafe verfallen war— ebenſogut hätte man erwarten können, daß die Wittwen und Waiſen der Schreckens⸗ regierung den Doctor Guillotin beklagten, als man ihn durch die Falze der von ihm erfundenen Mordmaſchine ſchob. So⸗ gar der Keſſelflicker, der doch nur ein zerlumpter Landſtreicher war, ſchämte ſich, in der Geſellſchaft des Muſterknaben bet als bis wei kein ſchy auf Se ſehe nes⸗ uch rifft er⸗ Du ich cken ſo⸗ der⸗ eſſe ner, inen vohl wer⸗ luge die om⸗ nzu des nige ung man ens⸗ urch So⸗ cher ben 285 betroffen zu werden! Lenny's Kopf ſank auf die Bruſt nieder, als wäre er eine Bleilaſt. So vergingen einige Minuten, bis endlich der unglückliche Gefangene die Anweſenheit eines weiteren Zeugen ſeiner Schande gewahrte; er hörte zwar keinen Schritt, ſah aber einen Schatten über den Raſen hin⸗ ſchweben. Den Athem an ſich haltend wagte er es nicht aufzuſchauen, in der dunkeln Vorſtellung, wenn er das Sehen vermeide, dürfte es ihm auch gelingen, das Ge⸗ ſehenwerden zu umgehen. Neuntes Kapitel. „Per Bacco!“ ſagte Doctor Riccaboeca, ſeine Hand auf Lenny's Schulter legend und ſich niederbeugend, um dem Knaben ins Geſicht zu ſehen—„Per Bacco! Mein junger Freund, ſitzſt Du hier aus eigener Wahl oder aus Nothwendigkeit?“ Lenny ſchauderte leicht und wand ſich unter der Berüh⸗ rung eines Mannes, den er bisher mit einer Art aber⸗ gläubiſchen Grauſens betrachtet hatte. „Ich fürchte,“ nahm Riccabocea wieder auf, nachdem er geraume Zeit vergeblich auf eine Beantwortung ſeiner Frage gewartet hatte,„daß Du dieſen Betrachtungspunkt, wie lieblich er auch ſeyn mag, nicht freiwillig gewählt haſt. Doch was iſt dies?“— und die Jronie verſchwand aus ſei⸗ nem Tone—„was iſt dies, mein armer Knabe? Du haſt geblutet, und ich ſehe, die Thränen, welche Du zurückzuhalten 286 verſuchſt, quellen aus einem tiefen Born. Sage mir, povero lanciullo mio(die ſüßen italieniſchen Vocale, obſchon Lenny ſie nicht verſtand, klangen ſanft und beruhigend)— ſage mir, mein Kind, wie alles Dies gekommen iſt. Vielleicht kann ich Dir helfen. Wir Alle ſind dem Irrthum zugänglich und ſollten uns gegenſeitig eine hilfreiche Hand bieten.“ Lenny's Herz, das eben vorhin noch in Erz gebunden zu ſeyn ſchien, wurde weich, als der Italiener die gedachten freundlichen Worte ſprach und ein Strom von Thränen ſtürzte hervor. Bald aber hielt der Knabe wieder an und ſchluchzte heraus:— „Ich habe nichts Unrechtes gethan. Die Schuld liegt nicht an mir, und dies iſt's, warum ich ſterben möchte,“ fügte Lenny, alle ſeine Kraft zuſammennehmend, bei. „Du haſt nichts Unrechtes gethan? Dann“— ſagte der Philoſoph, indem er mit großer Ruhe ſein Taſchentuch herausnahm und es auf den Boden breitete—„kann ich recht wohl neben Dir Platz nehmen. Einer Vergehung zolle ich mein Mitleid, aber das Unglück läßt in mir eine gleichgeſtimmte Saite ertönen.“ Lenny Fairfield verſtand dieſe Worte nicht ganz⸗ erfaßte aber doch genug von ihrem Sinne, um daraus Anlaß zu nehmen, dem Italiener einen dankbaren Blick zuzuwerfen. Während Rieccabocca ſein Tuch auseinanderſtrich, fuhr er fort:— „Ich habe ein Recht an Dein Vertrauen, mein Kind, denn auch mich hat das Unglück heimgeſucht, und ich kann nit Dir ſagen: Ich habe nichts Unrechtes gethan Cospetlo⸗ 5—. — vero enny ſage eicht glich nden chten ürzte chzte liegt te ſagte ntuch nich hung eine faßte aß zu rfen. hr er Kind, kann etto“ — — der Doetor ſetzte ſich bedächtig nieder und ſtützte den einen Arm auf die Seitenſäule des Stocks, ſo daß er in vertrauliche Berührung kam mit der Schulter des Gefange⸗ nen, während zugleich ſein Blick über die liebliche Landſchaft hinſchweifte—„Cospetto, wenn man mich erwiſcht hätte, würde mir mein Gefängniß keine ſo ſchöne Ausſicht geboten haben. Doch daran liegt natürlich nichts; ein Mädchen iſt nie häßlich im Auge ihres Anbeters und ein Gefängniß nie ſchön für den Gefangenen.“ Nach dieſen Worten, die Riecaboeca italieniſch vor ſich hinmurmelte, wandte er ſich gegen den Knaben und erneuerte ſeine beſchwichtigende Einladung, ihm Vertrauen zu ſchen⸗ ken. Ein Freund in der Noth iſt wahrhaft ein Freund, ſelbſt wenn er in der Maske eines Papiſten oder Zauberers käme. Lenny's frühere Abneigung gegen den Ausländer war mit einemmale völlig verſchwunden, und er erzählte jetzt ſeine ganze kleine Geſchichte. Doctor Riccabocca war ſchlau genug, um— ſehen von dem perſönlichen Groll, zu dem ihm Lenny's Er⸗ zählung keinen Schlüſſel gab— die Beweggründe zu durch⸗ ſchauen, welche Mr. Stirn veranlaßt hatten, ſeinen Agenten mit der Stockhaft zu belegen. Daß ein Mann in Amt und Würden ſeinen eigenen Wachhund zum Sündenbock machte wegen eines unglücklichen Schnappens oder unzeitigen Bel⸗ lens, hatte nichts Befreundliches für den Doctor, der die Weisheit des Macchiavelli ſtudirt hatte. Indeß übernahm er das Geſchäft der Tröſtung mit eben ſo viel Philoſophie als Zartgefühl. Er begann damit, daß er Lenny daran 288 erinnerte, oder vielmehr ihm mittheilte, wie viele ausgezeich⸗ ohne nete Männer, die ihn ſein treffliches Gedächtniß namentlich Sch aufführen ließ, unter der Ungerechtigkeit anderer gelitten Des hätten. So erzählte er ihm, wie der berühmte Epietet Selave bei einem Mann war, der kein größeres Vergnügen kannte, als als ihn auf die Beine zu ſchlagen, bis dieſe Beluſtigung im zuletzt einen Beinbruch zur Folge hatte— ein noch ſchlim⸗ meres Mißgeſchick, als wenn dieſe Gliedmaßen eine Weile wen im Stocke ſtacken. Dann berührte er die Geſchichte von dieſe Lenny's tapferem Landsmann, dem Admiral Byng, deſſen trau Hinrichtung zu Voltaire's berühmtem Witzwort Anlaß gab: mit „En Angleterre on tue un Amiral pour encourager les die autres“(In England tödtet man einen Admiral, um den Get anderen Muth einzuflößen.) Eine Menge weiterer Belege, Stt die noch mehr zu dem vorliegenden Falle paßten, ſchöpfte ſeine Aus umfaſſende Beleſenheit aus den Vorrathskammern der Ge⸗ neh ſchichte. Als er aber bemerkte, daß Lenny aus ſo denkwür⸗ digen Vorbildern nicht viel Troſt zu erholen ſchien, wechſelte big er ſeinen Boden und begann, ſeine Logik auf ein ausſchließ⸗ ihn liches argumentum ad rem beſchränkend, mit der Beweis⸗ erb führung, daß erſtlich Lenny's dermalige Lage gar nichts tre Schimpfliches in ſich faſſe, indem jede billigdenkende Perſon nal Mr. Stirn's Tyrannei und die Unſchuld ſeines Opfers aner⸗ kennen müſſe; und zweitens, wenn ſeine Anſicht über dieſe Sache auch ſich als Irrthum erweiſen ſollte, da die öffent⸗ Wi liche Meinung nicht immer den richtigen Weg gehe— was ſey im Grunde die öffentliche Meinung?—„Ein Hauch— 1 eine Rauchwolke,“ rief Doetor Rieccabvera—„ein Ding G eich⸗ tlich tten lave inte, ung lim⸗ eile von eſſen gab: les den lege, ſeine Ge⸗ wür⸗ ſelte ließ⸗ veis⸗ ichts erſon aner⸗ dieſe fent⸗ was 5— Ding 289 ohne Körper— ohne Länge, Breite oder Weſenheit— ein Schatten— ein Geſpenſt von unſerer eigenen Schöpfung. Des Menſchen Gewiſſen iſt ſein einziger Richterſtuhl, und man ſollte ſich um dieſes Phantom eben ſo wenig kümmern, als der Vernünftige ſich vor einem Geiſt fürchtet, wenn er im Dunkeln über einen Kirchhof geht.“ Da nun aber Lenny ſich ſehr vor Geſpenſtern fürchtete, wenn er Nachts über den Kirchhof gehen ſollte, ſo verderbte dieſes Gleichniß die ganze Beweisführung; er ſchüttelte ſehr traurig den Kopf. Doctor Riccabocca war eben im Begriff, mit einem„Drittens“ anzufangen, welches ohne Zweifel die Sache ins Reine gebracht und den Knaben mit dem Gedanken verſöhnt haben würde, bis zum jüngſten Tag im Stock ſitzen zu bleiben, als der Gefangene mit dem raſchen Auge und Ohr des Schreckens und des Unglücks die Wahr⸗ nehmung machte, daß die Kirche vorüber war und ſchon nach einigen Minuten ein Ueberfluthen des Platzes durch die glau⸗ bige Gemeinde zu erwarten ſtand. Seine Phantaſie ließ ihn bereits Männer- und Frauenhüte unter den Bäumen erblicken, von denen Doetor Riccabveca ungeachtet der Vor⸗ trefflichkeit ſeiner Brille nichts entdecken konnte— er ver⸗ nahm ein phantaſtiſches Murmeln und Rauſchen, von welchem der Italiener nichts hören konnte trotz ſeiner theoretiſchen Erfahrung in Complotten, Verſchwörungen und ſtrategiſchen Winkelzügen, die ſein Ohr ſo ſcharf hätten machen ſollen, wie das eines Verſchwörers oder eines Maulwurfs. Und mit einer abermaligen gewaltſamen, obſchon vergeblichen Anſtrengung, ſich zu befreien, rief der Gefangene:— Bulwer, meine Novelle. 19 290 „Oh, wenn ich nur heraus könute, eh' ſie kommen! Laßt mich heraus— laßt mich heraus! Oh, freundlicher Sir, habt Mitleid— laßt mich heraus!“ „Diavolo!“ entgegnete der Philoſoph betroffen,„daß mir dies nicht früher eingefallen iſt! Ich glaube, er hat am Ende doch den rechten Nagel auf den Kopf getroffen.“ 3 Eine genaue Beſichtigung der Stöcke belehrte ihn, daß die obere Backe zwar feſt in eine Art Federklappe einge⸗ ſchnappt war, ſo daß Lenny mit ſeinen ununterſtützten Be⸗ freiungsverſuchen nichts auszurichten vermochte; aber das wirkliche Abſperren fehlte, denn Schloß und Schlüſſel be⸗ fanden ſich wohlbehalten in der Gerichtsſtube des Squire, dem es nicht im Traume eingefallen wäre, man könne ſeine Befehle ſo buchſtäblich und ſummariſch vollziehen, daß eine förmliche Berufung an ihn als unnöthig erſchien. Sobald Doctor Riccaboeca dieſe Entdeckung gemacht hatte, fiel ihm— ein, daß die Weisheit aller Schulen, die je exiſtirten, nicht im Stande ſey, einen Menſchen, alt oder jung, mit einer ſchlimmen Lage zu verſöhnen, ſobald ſich eine günſtige Ge⸗ legenheit darbietet, ihr zu entrinnen. Ohne daher weiter viel Aufhebens zu machen, lüpfte er das knarrende Brett, und Lenny Fairfield ſchoß von hinnen wie ein ſeinem Käficht entronnener Vogel. Einen Augenblick hielt er an— ſey es vor Freude, oder um Athem zu ſchöpfen— und verließ ſich 1 dann abermals auf ſeine Ferſen, dem Haſen gleich, der nach 1 ſeinem Lager eilt, dem Hauſe ſeiner Mutter zuflüchtend. Doctor Riccabveca ließ den gähnenden Rachen zufal⸗ len, hob ſein Tuch auf und ſteckte es wieder in die Taſche; en! cher daß am daß nge⸗ Be⸗ das lbe⸗ uire, ſeine eine bald ihm nicht einer Ge⸗ eiter rett, ificht ey es ſich nach d. ufal⸗ ſche; 291 dann begann er mit einiger Neugierde die Natur der Haft⸗ anſtalt zu unterſuchen, welche ſeinem geretteten Opfer ſo viele peinliche Erregungen verurſacht hatte. „Der Menſch iſt im beſten Fall ein ſehr unvernünftiges Thier,“ ſprach der Weiſe vor ſich hin,„und läßt ſich durch ſeltſame Popanze einſchüchtern. Dies iſt nur ein Stück Holz und durchaus nicht geeignet, Jemanden in Wirklichkeit zu ſchädigen, da im Gegentheil die Löcher als Stützpunkte für die Beine dienen, welche dadurch vor dem Schmutz bewahrt bleiben. Und dieſe Raſenbank unter dem Schatten der ulme— wahrhaftig, es muß ſich ſogar recht angenehm hier ſittzen. Ich hätte große Luſt—“ Der Doector ſchaute umher, und da er in keiner Rich⸗ tung einen Zeugen wahrnahm, ſo bemächtigte ſich ſeiner einer der ſonderbarſten Gedanken— allerdings nicht ſehr fonderbar vom philoſophiſchen Standpunkt aus betrachtet, da alle Philoſophie ſich auf den praktiſchen Verſuch gründet, und Doctor Riecaboeca fühlte wirklich ein unwiderſtehliches Gelüſte, praktiſch zu erproben, was es denn eigentlich mit der Stockſtrafe für eine Bewandtniß habe. „Ich kann's ja verſuchen— nur für einen Augenblick,“ entſchuldigte er ſich gegen eine innere Stimme, die ihm das Gefühl ſeiner Würde vorhielt.„Die Zeit reicht wohl noch zu, eh Jemand kömmt.“ Er lüpfte die obere Backe abermals; aber ein Stock iſt nach dem ächten Grundſatz des engliſchen Geſetzes gebaut, vas nicht leicht Jemand geſtattet, gegen ſich ſelbſt zu zeugen — es hielt ſchwer, ohne die Hilfe eines Freundes hinein⸗ 782 292 zukommen. Wie wir übrigens ſchon früher bemerkten, dien⸗ ten Hinderniſſe dem Erfindungsgeiſte des Doctors nur zum Sporne. Er blickte umher und bemerkte unter der Ulme ein trockenes Stück Holz, das er zwiſchen die beiden Backen ſperrte, etwa ſo, wie Knaben einen Span unter einem Sieb anbringen, wenn ſie Sperlinge fangen wollen. Nachdem das verhängnißvolle Holz in ſolcher Weiſe geſtützt war, nahm Doctor Riccabocea gravitätiſch Platz auf der Bank und ſchob ſeine Beine durch die Oeffnungen. „Dies iſt gar nichts!“ rief er triumphirend nach turzem Nachdenken.„Das Uebel liegt nur in der Vorſtellung. Aber ſo iſt's mit der gerühmten Vernunft der Sterblichen!“ Aber ungeachtet dieſer Betrachtung war er doch im Be⸗ griffe, ſeine Beine aus der freiwilligen Klemme zurückzu⸗ ziehen, als das mürbe Stück Holz plotzlich ausglitt und das obere Brett in den Falz einklappte. Doctor Riccabocca war gefangen—„facilis descensus— sed revocare gradum!“ Allerdings hatte er die Hände frei, aber ſeine Füße waren ſo lang, daß ſie, in den Löchern feſtgeklemmt, den Händen jede Hilfeleiſtung unmöglich machten. Da außerdem die Ge⸗ ſtalt des Doetors nicht beſonders geſchmeidig war und die beiden hölzernen Backen mit der Feſtigkeit der Anziehung an einander hafteten, welche neuangeſtrichenen Gegenſtänden eigenthümlich iſt, ſo fügte ſich endlich das Opfer ſeines eigenen übereilten Verſuchs nach einigen vergeblichen Win⸗ dungen und Verkrümmungen, unter denen ihm alle Gelenke knackten, in ſein Schickſal, denn ſeine Bemühungen führ⸗ ten zu weiter nichts, als daß er die Klampe fand und ſich den nes in⸗ nke hr⸗ ſich —ůů ůmů—ů—————— 293 die Nägel daran zerſchund. Doctor Riccabocca war einer von denen Männern, die eine Sache nie blos zur Hälfte thun. Wenn ich ſage, er fügte ſich, ſo verſtehe ich darunter nicht eine chriſtliche, ſondern eine philoſophiſche Ergebung. Seine Lage war nicht ſo ganz angenehm, als er ſich dieſelbe in der Theorie vorgeſtellt hatte; aber er nahm ſich vor, ſich ſo gemächlich darein zu finden, als er es nur immer konnte. Wie es nun in allen Drangſalen für Männer natürlich iſt, die ſich vertraut gemacht haben mit dem duftigen Tröſter, welchen die kaukaſiſche Race dem Sir Walter Raleigh ver⸗ dankt, ſo benützte zuvörderſt der Doctor ſeine Hände dazu, um aus ſeiner Taſche die Pfeife, den Feuerzeug und den Ta⸗ baksbeutel zu langen. Nach einigen Zügen würde er ſich ſchon recht gut in ſeine Lage gefunden haben, wenn er nicht hätte die Entdeckung machen müſſen, daß die Sonne am Himmel einen anderen Stand genommen hatte und ſein Ge⸗ ſicht nicht länger durch die Ulme beſchattet wurde. Wieder ſah er ſich um und bemerkte auf Armsweite den rothen ſei⸗ denen Regenſchirm, welchen er niedergelegt hatte, als er neben Lenny Platz nahm. Er bemächtigte ſich dieſes Schatzes und breitete ſofort deſſen ſchützende Falten aus. In ſolcher Weiſe doppelt gekräftigt, von innen ſowohl als von außen, unter dem Schatten des Schirms und mit der behaglichen Pfeife zwiſchen den Lippen, blickte er ſogar mit Wohlge⸗ fälligkeit auf ſeine gefangene Beine nieder. „Wer alle Dinge verachten kann,“ ſagte er, von einem ſeiner vaterländiſchen Sprichwörter Gebrauch machend, „beſitzt Alles.— Man iſt frei, wenn man die Freiheit 294 verachtet. Dieſer Sitz iſt ſo weich, wie ein Sopha. Ich weiß doch nicht“— nahm er nach einer Pauſe in ſeinem Selbſtgeſpräch wieder auf—„ich weiß doch nicht, ob in dem vaterländiſchen Sprichwort von den unſchönen Gefängniſſen, das ich gegen den Fanciullo anführte, nicht am Ende nur ein Witz, keineswegs aber eine männliche, philoſophiſche Wahrheit liegt. Hat nicht der Sohn jenes berühmten Franzoſen, der den Zunamen Bras de Fer führte, ein Buch geſchrieben, in welchem er den Beweis führte, daß Wider⸗ wärtigkeiten nicht nur nothwendiger ſeyen als das Glück, ſondern auch, daß unter allen Widerwärtigkeiten ein Ge⸗ fängniß die angenehmſte und nützlichſte ſey?* Aber iſt nicht dieſe meine Lage, in die ich mich freiwillig und verſuchs⸗ weiſe verſetzte, ein Bild meines Lebens? Wäre es das erſte⸗ mal, daß ich mich in eine Klemme brachte— und wenn die Klemme durch meine freie Wahl herbeigeführt wurde, warum ſollte ich die Götter anklagen?“ Der Doctor verſank hierauf in eine Kette von Betrach⸗ tungen, welche mit der Zeit und dem Platze ſo wenig zu thun hatten, daß er ſchon nach wenigen Minuten eben ſo wenig daran dachte, er ſitze im Kipchſpielſtock, als ein Geizhals der Vergänglichkeit ſeiner Schätze, ein Liebender des Bibelwortes, daß Fleiſch Heu ſey, oder ein Philoſoph der Eitelkeit aller Weisheit gedenkt. Doctor Riccabocca war in den Wolken. „„Entre tout,'état d'une prison est le plus doux et le plus proſitable!“ nem dem ſſen, nur iſche nten Buch ider⸗ lück, Ge⸗ nicht uchs⸗ erſte⸗ ndie rum rach⸗ g zu en ſo ein ender oſoph bocca plus —x.— Zehntes Kapitel. Der langweiligſte Menſch, der je eine Novelle ſchrieb — und unter uns geſagt, es gibt viele in der Zunft, die keine Walter Seotte ſind— hätte mit einem halben Auge ſehen können, daß die Rede des Pfarrers eine ſehr ſachge⸗ mäße und humaniſirende Wirkung auf die Zuhoörerſchaft gemacht hatte. Nachdem Alles vorüber war, erhob ſich die Gemeinde, um dem zu Hazeldean herkömmlichen Brauche zufolge Mr. Hazeldean Platz zu machen, während dieſer zuerſt mit ſeiner Familie durch den Mittelgang ſich nach der Thüre hinbewegte; und bei dieſer Gelegenheit begegneten viele ſeuchte Blicke dem ſonnverbrannten männlichen Antlitz des Squire mit einer Freundlichkeit, welche Zeugniß ableg⸗ ten, daß die Erinnerung an ſo viele edelmüthige Wohlthaten und an ſo manchen bereitwillig geleiſteten Dienſt wieder auflebte. Mochte auch der Kopf hin und wieder irren, das Herz war noch immer am alten Flecke. Und die gnädige Frau, die ſich auf ſeinen Arm ſtützte, fing auch einen großen Theil von den Kundgebungen dieſes wohlwollenderen Ge⸗ fühls ab. Allerdings erregte ſie hin und wieder Anſtoß, wenn die Häuſer nicht ſo reinlich waren, als ſie dieſelben gewünſcht hätte— und arme Leute lieben es eben ſo wenig, wie reiche, wenn man ſich Freiheiten gegen ihre Wohnun⸗ gen erlaubt; auch war ſie bei den Frauen nicht ganz ſo be⸗ liebt wie der Squire, denn wenn der Mann zu oft ins Wirths⸗ haus ging, pflegte ſie ſtets dem Weibe die Schuld beizu⸗ meſſen und zu ſagen:„Kein Mann ſucht das Vergnügen 296 außer dem Hauſe, wenn er in demſelben ein lächelndes Ge⸗ ſicht und einen reinlichen Herd findet,“ während der Squire die galantere Anſicht feſthielt,„wenn Grete eine Keiferin ſey, ſo habe dies ſeinen Grund in dem Umſtande, daß Hans ihr nicht, wie es doch ſeine Pflicht fordere, den Mund mit einem Kuſſe ſtopfe.“ Aber ungeachtet dieſer ihrer anſtößi⸗ gen Meinungen und einer gewiſſen Ehrfurcht, welche ihr ſteifes Seidengewand und ihre ſchöne Ablernaſe einflößte, war es doch, namentlich bei der milderen Stimmung dieſes Sonntagsmorgens, kaum möglich, das ehrliche, hübſche ſtrahlende Geſicht der Mrs. Hazeldean nicht in Verbindung zu bringen mit der behaglichen Erinnerung an Suppen, Leck⸗ ſäfte und Wein in Tagen der Krankheit, an Brodlaibe und warme Decken im Winter, an ermuthigende Worte und freundliche Beſuche bei jedem kleinen Unglück, und an aller⸗ lei Vorwände zu Verbeſſerungen auf den Gütern und in den Gärten— Verbeſſerungen, die kein Ende nehmen wollten, wie der Squire mit Recht zu klagen pflegte, da er beſonders auf nützliche Arbeit hielt— nur um irgend einem alten Großvater oder den rothbackigen kleinen Knirpſen in einer Familie, die„zu ſchnell kamen“, Gelegenheit zum Erwerb eines ehrlichen Pfennigs zu geben. Sogar Frank, der in den weiteſten Hoſen und in der allerſteifſten Halsbinde hin⸗ tendrein ſpazierte, in dem hellen Auge einen Blick unter⸗ drückter Schelmerei, welcher einen ſcharfen Gegenſatz bildete zu der erkünſtelten Stattlichkeit ſeiner Miene, ging nicht ohne ſtumme Segenswünſche aus. Nicht daß er bereits etwas gethan hätte, ſie zu verdienen; aber wir Alle ſchenken 297 der Jugend einen großen Kredit für die Zukunft. Was Miß Jemima betrifft, ſo entſprangen ihre kleinen Schwächen nur aus einer allzugroßen weiblichen Empfindſamkeit und aus der epheuartigen Sehnſucht nach irgend einer männlichen Eiche, an die ſich ihre zarten Ranken anſchmiegen konnten; auch war die natütliche Liebesfülle ihres Charakters ſo we⸗ nig ſelbſiſüchtiger Natur, daß ſie mancher Bauerndirne durch eine beſtechende Mitgift aus ihrer eigenen Börſe zu einem Manne verhalf, obſchon ſie bei ſolchen Gelegenheiten nie verſäumte, der Hochzeitgabe Verſicherungen des Inhalts beizufügen,„daß der Bräutigam eben auch ſeyn werde, wie alle übrigen Angehörigen dieſes undankbaren Geſchlechts, und es ſey ein Troſt, denken zu dürfen, daß bei dem nahen Zuſammenſturz des Alls nicht viel daran liege, ob es einer mehr oder weniger ſey.“ Sie hatte daher gleichfalls ihre warmen Parteigänger, namentlich unter der jungen Welt, während der ſpindeldünne Kapitän, auf deſſen Arm ihr Zeigefinger ruhte, jedenfalls ein höflicher Gentleman war, der Niemand ein Leides that und ohne Zweifel viel Gutes gethan haben würde, wenn er zum Kirchſpiel gehört hätte. Ja, ſogar der wohlgemäſtete Bediente, der mit dem Fa⸗ miliengebetbuch hintendrein kam, empfing ſeinen gehörigen Antheil an dem allgemeinen Austauſch nachbarlichen Wohl⸗ wollens zwiſchen Dorf und Halle. Waren doch nur wenige anweſend, mit denen er nicht auf gute Kameradſchaft ge⸗ trunken hatte; und außerdem konnte er ſich berühmen, daß ihn, wie überhaupt zwei Drittel von des Squire's Diener⸗ ſchaft, welche jetzt aus ihrem weiten Stuhl unter der Empor⸗ 298 kirche herausſtrömte, das Dorf Hazeldean geboren und er⸗ zogen hatte. Ferner konnte man die Wahrnehmung machen, daß auch der Squire ergriffen und zugleich ein wenig gedemüthigt war. Statt aufrecht einherzugehen und die Verbeugungen und Knixe als eine belangloſe Sache, die ſich von ſelbſt ver⸗ ſtund, hinzunehmen, trug er den Kopf etwas geſenkt; auf ſeinen Wangen war ein leichtes Roth zu bemerken, und als er ſeinen Blick faſt ſcheu umhergleiten ließ und ſein Auge den freundlichen Mienen begegnete, erwiederte er ſie mit einer Wärme, die eben ſo rührend, als herzlich erſchien— mit einem Auge, das ſo deutlich, als es einem Auge nur möglich war, ſagte:—„Ich fürchte, liebe Nachbarn, daß ich dieſe Freundlichkeit nicht ganz verdiene; aber ich danke euch aus vollem Herzen für eure gute Meinung.“ Und dieſer Blick wurde ſo gut verſtanden, daß ich glaube, wäre dieſe Scene außerhalb, ſtatt innerhalb der Kirchenthüren vorge⸗ gangen, ſo würden die Verſammelten dem ſich entfernenden Squire ein lautes Hurrah nachgerufen haben. Kaum hatte übrigens der Squire ſeinen Fuß über die Schwelle des Kirchhofs geſetzt, als Mr. Stirn ihm ſchon ins Ohr flüſterte. Und während Stirn ſeine leiſe Meldung machte, verlängerte ſich das Geſicht des Squire und wechſelte ſeine Farbe. Die Gemeinde, die jetzt gleichfalls durch die Kirchenthüren herausſtrömte, tauſchte unter ſich Blicke aus, und das verhängnißvolle Beiſammenſtehen des Herrn und des Dienſtmanns brachte die ganze Wirkung, welche der Pfarrer mit ſeiner Rede erzielt hatte, wieder zum Erkalten. — in ke fe g te ie 8, nd er n. ——— ——————— 299 Der Squire ſtieß unmuthig mit ſeinem Stock auf den Bo⸗ den.„Ich wollte lieber, Ihr hättet mir geſagt, daß mein ſchöner Rappe die Druſe habe. Ein junger Gentleman, der meinen Sohn beſuchen wollte, in Hazeldean geſchlagen und beſchimpft; ein junger Gentleman, Blut und Tod, Sir, der ein Verwandter von mir iſt— ſeine Großmutter war eine Hazeldean! Ich glaube, Jemima hat Recht, und es geht mit der Welt zu Ende! Aber Leonhard Fairfield im Stock! Was wird der Pfarrer ſagen? Und obendrein nach einer ſolchen Predigt! Reicher Mann, achte den armen! Dann auch die gute Wittwe und der arme Mark, der faſt in meinen Armen ſtarb. Stirn, Ihr habt ein Herz von Stein! Ihr verwünſchter, ungeſetzlicher, erbarmenloſer Hal⸗ lunke, wer zum Henker gab Euch das Recht, in meinem Gerichtsbann Hazeldean ohne Unterſuchung, Spruch oder Vollmacht irgend Jemand, mag's nun Mann oder Knabe ſeyn, in den Stock zu legen? Rennt hin und laßt den Jun⸗ gen heraus, eh' ihn Jemand ſieht. Hurtig, oder Euch ſoll—“ Der Squire erhob ſein Meerrohr, und ſeine Augen ſchoßen Feuer. Mr. Stirn rannte zwar nicht, lief aber doch ſehr ſchnell von hinnen. Dann trat Mr. Hazeldean ein Paar Schritte zurück und nahm wieder den Arm ſeiner Gattin. „Ich will noch ein wenig auf den Pfarrer warten und inzwiſchen die Leute anreden. Es liegt mir daran, ihre Rück⸗ kehr nach dem Dorfzu verzögern, wenn ich kann. Aber wie?“ Frank, der dies hörte, war mit der Antwort ſchnell fertig:— LRE 300 „Gebt ihnen Bier zu trinken, Vater.“ „Bier zu trinken— an einem Sonntag? Pfui, Frank!“ ₰ rief Mrs. Hazeldean.“ „Gib Dich zufrieden, Harry. Ich danke, Frank,“ ne ſagte der Squire, und ſeine Stirne wurde ſo heiter, wie der de blaue Himmel über ihm. Ich zweifle, ob ihm Doctor Ricca⸗ he bocca eben ſo leicht hätte aus der Verlegenheit helfen kön⸗ ar nen, als Frank es gethan hatte. ſe „Halt da, ihr Leute— auch ihr, junges Volk, Bur⸗ i ſchen und Dirnen— haltet noch ein wenig. Mrs. Fair⸗ L ſield, hört Ihr?— Ihr ſollt da bleiben. Ich denke, Seiner tr Ehrwürden hat uns eine Capitalpredigt gehalten. Geht fr alle miteinander hinauf nach dem großen Hauſe und trinkt di ein Glas auf ſeine Geſundheit. Frank, geh mit ihnen und ur gib Spruce den Auftrag, er ſolle eines der Fäſſer anzapfen,. †r die wir für die Mähder aufbehalten haben. Harty“— P dies im Flüſtertone—„fang den Pfarrer ab und ſag ihm, hi er ſolle ſogleich zu mir kommen.“ de „Mein lieber Hazeldean, was iſt denn vorgefallen? Biſt de Du von Sinnen?“ at „Plandere nicht lange— thu, was ich Dich geheißen t habe.“ ſt „Aber wo ſoll Dich der Pfarrer aufſuchen?“ m 3„Wo?— Donner und Hagel, Mrs. Hazeldean— wo de ſonſt, als bei den Stöcken?“ w ———————— — ———— 3 301 — Eilftes Kapitel. Der Schall von Fußtritten weckte den Doctor aus ſei⸗ nen Träumen; indeß hatte er noch immer ſo wenig Sinn für er das Schimpfliche ſeiner Lage, daß er mit der ganzen Bos⸗ a⸗ heit ſeines natürlichen Humors ein höchliches Ergötzen fand n⸗ an der Beſtürzung, welche Stirn an den Tag legte, als die⸗ ſer Ehrenmann des außerordentlichen Stellvertreters an⸗ r⸗ ſichtig wurde, welchen Philoſophie und Schickſal unſerem ir⸗ Lenny zugeführt hatte. Statt des weinenden, zerknirſchten, er troſtloſen Gefangenen, den er nur mit Widerſtreben zu be⸗ ht freien gekommen war, erblickte er mit ſprachloſem Entſetzen nkt die unheimliche aber ruhige Geſtalt des Doctors, der ſich nd unter dem kühlen Schatten des Regenſchirms mit einem sang en, 4 froĩd, das in der That grauſenhaft und diaboliſch war, ſeiner — Pfeife erfreute. Hatte doch Stirn immer den Argwohn ge⸗ m, hegt, daß der Papiſt ſeine Hand im Spiele gehabt habe bei der ſchwarzen mitternächtlichen Unthat einer Beſchimpfung iſt der Stöcke in der Ausdehnung bis zu ihrer Ueberantwortung an den Teufel; und wenn man noch dazu rechnet, daß Doc⸗ en tor Riccabocca im ſchlimmen Rufe eines Schwarzkünſtlers ſtand, ſo darf es nicht befremden, wenn die hocuspocus⸗ mäßige Art, wie der von ihm gefangen geſetzte Lenny in wo den Doctor verwandelt worden war, der jetzt mit einer wahren Mephiſtophelesphyſiognomie daſaß, die Bruſt des Dorftyrannen mit einem kalten Grauſen des Aberglaubens — erfüllte. Auf ſeine erſten verwirrten und abgebrochenen Rufe und Fragen antwortete Signor Riccabocea mit einer ſo tragiſchen Miene, mit einem ſo unheimlichen Kopfſchütteln und mit ſo geheimnißvollen, unverſtändlichen und wortreichen Sprüchen, daß Mr. Stirn jeden Augenblick mehr und mehr die Ueberzeugung gewann, der Knabe habe ſich den Mächten der Finſterniß verkauft und er ſelbſt ſtehe vor der Zeit und noch im Fleiſche Angeſicht in Angeſicht dem Erzfeind gegen⸗ über. Der Vogt hattt ſeine Sinne, die ihn(wir müſſen ihm dieſe Gerechtigkeit widerfahren laſſen) ſonſt nicht leicht im Stiche ließen, noch immer nicht beiſammen, als der Squire bei den Stöcken anlangte. Ihm auf dem Fuße folgte der Pfarrer; denn Mrs. Hazeldeans dringliche Bitte, ihr ver⸗ ſtörtes Weſen und die beiſpiellos ungehörige Einladung an die Gemeindemitglieder hatten Mr. Dale's in der Regel langſamen und geſetzten Bewegungen Schwingen verliehen. Der Squire, welcher Stirn's Erſtaunen theilte, betrachtete das große Paar Füße, welche durch die Stocklöcher heraus⸗ ragten, und ſah hinter ihnen das ernſte Geſicht des Doctor Riccabocca unter dem majeſtätiſchen Schatten des Regen⸗ ſchirms, aber nicht eine Spur von dem einzigen Weſen, das ihm ſein Geiſt als einzig möglichen Inſaſſen der Stöcke vergegenwärtigte. Während er noch in dieſe Anſchauung vertieft war, faßte ihn der keuchende Pfarrer am Arm und rief mit einer Heftigkeit, die er ſich außer beſonderen Anläſ⸗ ſen am Spieltiſch nie gegen den Squire herauszunehmen erkühnte:— „Mr. Hazeldean, Mr. Hazeldean— ich bin beſchimpft — ich bin entſetzt über Euch. Ich kann viel von Euch ertre mein aufz gurg Pret ſey! Was möch dem iſt u fahr Wat ſagt letzt keit, Fair ſich und Ital ſitze und freir hatt 4.—— nn—————— 303 ertragen, Sir, und dies iſt nicht mehr wie billig; aber meine ganze Gemeinde unmittelbar nach dem Gottesdienſt aufzufordern, ſie ſolle nach der Halle kommen, um Bier zu gurgeln und auf meine Geſundheit zu trinken— als ob die Predigt eines Geiſtlichen eine Rede auf einem Viehmarkt ſey! Ich ſchäme mich Eurer und meiner Pfarrgemeinde. Was, ums Himmelswillen, hat denn euch alle angewandelt?“ „Dies iſt gerade die Frage, die ich, wollte es Gott, möchte beantworten können,“ ließ ſich der Squire in mil⸗ dem, pathetiſchem Seufzen vernehmen.„Was auf Erden iſt uns alle angekommen! Fragt den Stirn da—“ heraus⸗ fahrend—„Stirn, Ihr hoölliſcher Schurke, hört Ihr nichts? Was auf Erden hat uns alle angewandelt?“ „Der Papiſt ſteckt hinter der ganzen Geſchichte, Sir,“ ſagte Stirn, welcher ob dieſer ſtrengen Anrede auch noch die letzte Spur von Faſſung verlor.„Ich thue meine Schuldig⸗ keit, bin aber am Ende doch nur ein ſterblicher Menſch.“ „Ja, ein ſterblicher Lumpenhund— wo iſt Leonhard Fairfield, will ich jetzt fragen.“ „Er wird's am beſten wiſſen,“ antwortete Stirn, der ſich ſicherheitshalber mechaniſch hinter den Pfarrer flüchtete und nach Doctor Riccaboeca hindeutete. Der Squire und der Pfarrer hatten allerdings den Italiener erkannt, aber blos geglaubt, daß er auf der Bank ſitze, denn es wäre ihnen nie eingefallen, ein ſo achtbarer und würdevoller Mann könne je, ſey es nun gezwungen oder freiwillig, ein Inſaſſe des Gemeindeſtocks werdzn. Freilich hatte, wie bereits bemerkt wurde, der Squire das lange 304 Paar Sohlen geſehen, das aus den Oeffnungen herausragte; dieſer Anblick diente jedoch nur dazu, ihn zu verwirren, da er ihn nicht mit dem Rumpf und dem Geſicht Lenny Fair⸗ field's, der ja der Gefangene ſeyn ſollte, in Verbindung brin⸗ gen konnte. Die Sohlen kamen ihm wie optiſche Blend⸗ werke oder als Ausgeburten ſeiner erhitzten Phantaſie vor⸗ Jetzt aber faßte er Stirn am Rockzipfel, während der Pfar⸗ rer in ſeinem Erſtaunen auf der anderen Seite das Gleiche that, und rief ſtotternd: „Nein, das iſt doch zu arg Der Menſch iſt ſo toll wie ein Merzhaſe und hat den Doctor Rickybocky für den kleinen Lenny genommen.“ „Vielleicht“— begann der Doctor, der mit einem ge⸗ ſchmeidigen Lächeln das Schweigen unterbrach und eine ſo höfliche Kopfverbeugung zu machen verſuchte, als es ſeine Lage zuließ—„vielleicht habt ihr, wenn es euch nichts ausmacht, die Güte, mir aus dem Stocke zu helfen, eh' ihr zu weiteren Erklärungen übergeht.“ Ungeachtet ſeiner Verwirrung und ſeines Unmuths konnte der Pfarrer ein Lächeln nicht. unterdrücken, als er an die Seite ſeines gelehrten Freundes trat und ſich nieder⸗ beugte, um ihn aus ſeiner Haft zu befreien. „Gott ſey bei Euch, Euer Ehrwürden— thut doch dies nicht!“ rief Mr. Stirn.„Laßt Euch nicht in Ver⸗ ſichung führen, denn 6 iſt ihm nur darun zuthun, Guch in ſeine Klauen zu kriegen. Ich möchte ihm nicht zu nahe kommen um keine—“ Dieſe Rede wurde durch Doctor Riccabocca ſelbſt unte Pfa um dem Har tete nen ſchie Sti thů din zeu ein unt ne kre gie; „ da Fair⸗ brin⸗ lend⸗ vor. Pfar⸗ leiche ll wie leinen m ge⸗ ine ſo ſeine nichts eh' ihr muths er an nieder⸗ ut doch n Ver⸗ „Euch zu nahe a ſelbſt F —,— 305 unterbrochen, der nun, Dank ſey es der Hilfeleiſtung des Pfarrers, ſich zu ſeiner vollen Höhe aufgerichtet hatte und, um einen halben Kopf über allen Anweſenden, ſelbſt über dem großen Squire wegragend, ſich mit einer huldvollen Handbewegung Mr. Stirn näherte. Letzterer dagegen flüch⸗ tete ſich raſch nach der Hecke hin und achtete nicht der Dor⸗ nen, die ihm jetzt einen willkommenen Schutz zu bieten ſchienen. „Ich kann mir denken, für wen Ihr mich haltet, Mr⸗ Stirn,“ ſagte der Italiener, indem er mit der ihm eigen⸗ thümlichen Höflichkeit ſeinen Hut lüpfte.„Es iſt mir aller⸗ dings eine große Ehre; aber Ihr werdet eine beſſere Ueber⸗ zeugung gewinnen, wenn der fragliche Gentleman Euch eines Tages ſeiner Aufmerkſamkeit würdigt in einer andern und— heißeren Welt.“ — Zwölftes Kapitel. „Aber wie, ins Himmels Namen, ſeyd Ihr in meine neuen Stöcke gekommen?“ fragte der Squire, ſich am Kopf kratzend. „Mein theurer Sir, Plinius der Aeltere kam in den Krater des Aetna.“ „So— und warum?“ Vermuthlich um zu ſehen, wie es darin iſt,“ antwortete Riccabocca. Der Sauire brach in ein helles Lachen aus. Bulwer, meine Novelle 20 306 „Und ſo wolltet Ihr auch ſehen, wie es in den Stöcken iſt? Nun, ſo gar nimmt mich's nicht Wunder, denn ſie ſind ein ſehr ſchönes Paar Stöcke,“ fuhr der Squire fort, einen liebevollen Blick nach dem Gegenſtand ſeines Lobes entſen⸗ dend.„Niemand braucht ſich zu ſchämen⸗ in ſolchen Stöcken geſehen zu werden— und ich hätte faſt ſelbſt Luſt—“ „Machen wir lieber, daß wir vom Platze kommen,“ bemerkte der Pfarrer trocken,„oder wir haben nächſtens die ganze Gemeinde hier, für die es keine geringe Erbauung ſeyn dütfte, ihren Grundherrn in demſelben Zuſtand zu ſehen, aus dem wir eben den Dortor befreit haben. Aber wenn ich bitten darf, was hat es mit Lenny Fairfield für eine Bewandtniß? Ich verſtehe von dieſen Vorgängen keine Sylbe. Ihr wollt mich doch nicht glauben machen, der gute Lenny Fairfield, den ich, beiläufig bemerkt, nicht in der Kirche wahrgenommen habe, könne auf einer Handlung ertappt worden ſeyn, die ihm Schande macht?“ „Freilich iſt dies der Fall,“ rief der Squire.„Stirn — he, Stirn!“ Aber Stirn halte ſich durch die Hecke durchgebohrt und war verſchwunden. In ſolcher Weiſe ſeinen eigenen Er⸗ zählungskräften überlaſſen, erſtattete nun Mr. Hazeldean Bericht über das Vernommene— übep, den Angriff gegen Randal Leslie und die prompte Züchtigung, die Stirn darauf hatte folgen laſſen— über den Unwillen, welchen er wegen der Beſchimpfung ſeines Verwandten empfunden, und über ſeinen gutmüthigen, barmherzigen Wunſch, dem Schuldigen —. ken ſind nen ſen⸗ cken n* die ung zu lber für eine der t in ung tirn und ean egen rauf gen über igen 307 die Schärfung der Strafe durch eine öffentliche Demüthigung zu erſparen. Der Pfarrer, welcher jetzt den rohen und übereilten Einfall, die Gemeinde um ein Bierfaß zu verſammeln, in einem milderen Lichte beurtheilte, nahm den Squire bei der Hand. „Ah, Mr. Hazeldean, vergebt mir,“ ſagte er reuig; „ich hätte mir denken können, daß nur eine Aufwallung Eures Herzens im Stande war, Euer Gefühl für den An⸗ ſtand zu erſticken. Aber dies iſt eine traurige Geſchichte— Lenny ein Raufbold und Krakehler am Sabbath! Es ſieht ihm ſo gar nicht gleich, und ich weiß nicht, was ich daraus machen ſoll.“ „Mag es ihm nun gleich ſehen oder nicht,“ verſetzte der Squire,„es war eine grobe Beſchimpfung gegen den jungen Leslie und gewinnt ein um ſo ſchlimmeres Geſicht, weil ich und Audley ohnehin nicht die beſten Freunde von der Welt ſind. Ich kam mir nicht denken, wie es kömmt,“ fuhr Mr. Hazeldean fort,„aber doch hat's den Anſchein, als ob jede Beziehung zu dieſem meinem ſauberen Halbbruder ein Gefecht zur Folge haben müſſe. So hätte ich, der Sohn ſeiner eigenen Mutter, eine Kugel in die Lungen kriegen können, wenn ſie nicht zufällig blos in der Schulter wäre ſtecken geblieben— und nun kann ein Verwandter ſeines Weibes— auch ein Verwandter von mir, denn ſeine Groß⸗ mutter war eine Hazeldean— wie ich höre, ein gar fleißiger und nüchterner Knabe— ſeinen Fuß nicht auf den Boden des ruhigſten Dorfes in allen drei Königreichen ſetzen, ohne 20* ——— Ü—— 308 daß der ſanfteſte Knabe, den man je geſehen hat, auf ihn losſtürzt wie ein wüthender Stier. Es iſt V erhängniß!“ rief der Squire feierlich. „Die Mythologie erzählt von ähnlichen Schickſals⸗ fügungen in gewiſſen Häuſern,“ bemerkte Riccabocca.„Da iſt z. B. das Haus des Pelops— Polinices und Eteokles, die Söhne des Oedipus.“ „Pah!“ ſagte der Pfarrer.„Aber was iſt jetzt anzu⸗ fangen?“ „Was anzufangen iſt?“ entgegnete der Squire.„Na⸗ türlich muß dem jungen Leslie Genugthuung werden. Ich möchte allerdings dem jungen Hallunken, dem Lenny, eine öffentliche Beſchämung erſparen— um Euretwillen, Pfarrer Dale, und um ſeiner Mutter willen; aber einen ordentlichen Hoſenſpanner privatim—“ „Halt, Sir,“ unterbrach ihn Doetor Riccabocca in mildem Tone;„hört mich zuerſt an.“ Und der Italiener vertrat nun mit viel Gefühl und ſeinem Takt die Sache ſeines armen Schützlings, indem er auseinanderſetzte, wie Lenny's Irrthum nur in einem miß⸗ verſtandenen Eifer für den Dienſt des Squire ſeinen Grund habe, indem der Knabe bei ſeinem Benehmen ſich ganz nach den von Mr. Stirn ertheilten Weiſungen richtete. „Dies ändert freilich die Sache,“ entgegnete der Squire beſänftigt,„und ſo wird weiter nichts nöthig ſeyn, als daß er meinem Vetter Abbitte leiſte.“ „Dies laß ich mir gefallen,“ ſagte der Pfarrer.„Aber jetzt möchte ich auch hören, wie er aus dem Stocke kam.“ 5 N 8— — E 309 Riecabocca nahm ſeine Erzählung wieder auf, gab zu, daß er bei Lenny's Befreiung die Hauptrolle geſpielt habe, und entwarf ein rührendes Bild von der Scham und dem Herzeleid des armen Knaben.„Laßt uns gegen Philipp ziehen!“ riefen die Athener, als ſie Demoſthenes hörten.— „Gehen wir unverweilt hin, um das arme Kind zu tröſten,“ rief der Pfarrer, noch eh' Riccaboeca hatte endigen können. In dieſer wohlwollenden Abſicht beſchleunigten alle drei ihre Schritte und erreichten bald das Haus der Wittwe. Aber Lenny hatte ihre Annäherung durch das Fenſter be⸗ merkt, und da er nicht zweifelte, ungeachtet Riccabveca's Fürwort komme der Pfarrer, um ihm Vorwürfe zu machen, und der Squire, um ihn wieder einſperren zu laſſen, ſo ſtürzte er zur Hinterthüre hinaus und flüchtete ſich in den Wald, wo er den ganzen Abend perdu liegen blieb. Es war ſchon ganz finſter, und der Pfarrer ſowohl, als ſeine Frau, welche Boten ausgeſandt hatten, um den Flüchtling zu ſuchen, gaben ſich eben alle Mühe, in der kleinen Küche die haͤnderingende Mutter zu tröſten, als ſich ein ſchüchternes Klopfen an der Thüre und ein ängſtliches Taſten an der Klinke vernehmen ließ. Mrs. Fairfield fuhr auf und öffnete— Lenny warf ſich an ihre Bruſt und verbarg daſelbſt unter lautem Schluch⸗ zen ſein Antlitz. „Sey unbeſorgt, mein Junge,“ ſagte der Pfarrer freundlich;„Du haſt nichts zu fürchten. Der Squire kennt den Hergang der Sache und hat Dir verziehen.“ 310 Lenny blickte auf, und die Adern ſeiner Stirne ſchwol⸗ len an. „Ich brauche keine Verzeihung, Sir,“ entgegnete er mannhaft,„denn ich habe nichts Unrechtes gethan. Und — ich bin beſchimpft worden— und ich will nicht mehr in die Schule gehen— nie mehr!“ „Stille, Carry!“ nahm der Pfarrer das Wort, da ſeine Gattin mit der gewöhnlichen Lebhaftigkeit ihres Tem⸗ peraments ihn zurechtweiſen wollte.„Gute Nacht, Mrs. Fairfield. Ich komme morgen wieder und will dann mit Dir reden. Inzwiſchen wirſt Du Dich eines Beſſeren be⸗ ſinnen.“ Der Pfarrer führte nun ſeine Gattin nach Hauſe und begab ſich ſodann nach der Halle, um von Lenny's wohlbe⸗ haltener Rückkehr Meldung zu machen; denn der Squire war ſehr unruhig wegen des Knaben und hatte ſich ſogar in Perſon beim Aufſuchen deſſelben betheiligt. Sobald er hörte, daß Lenny kein Unglück zugeſtoßen war, ſagte er: „Gut. So ſoll er gleich morgen früh nach Rvod Hall gehen und Maſter Leslie um Verzeihung bitten. Dann iſt Alles wieder in gehöriger Ordnung.“ „Der junge Schurke!“ rief Frank, auf deſſen Wangen eine Scharlachröthe glühte.„Einen Gentleman und einen Etonianer zu ſchlagen, der gekommen war, um mich zu be⸗ ſuchen! Aber es wundert mich nur, daß Randal ihn ſo leich⸗ ten Kaufs entkommen ließ— jeder andere Knabe aus der ſechsten Klaſſe würde ihn todtgeſchlagen haben.“ „Frank,“ nahm der Pfarrer mit Strenge das Wort, — 311 „wenn Jebem von uns zu Theil würde, was ihm gebührt⸗ was müßte aus dem werden, der nicht nur die Sonne unter⸗ gehen läßt über ſeinem Zorn, ſondern auch bemüht iſt, mit liebloſem Athem bei Anderen die erſterbenden Funken des Haſſes neu anzufachen?“ Der Geiſtliche wandte ſich von Frank ab, der ſich in die Lippe biß und beſchämt zu ſeyn ſchien. Nicht einmal ſeine Mutter verſuchte ein Wort zu ſeiner Entſchuldigung; denn wenn der Pfarrer in ſo ernſtem Tone ſtrafte, beugte ſich die Majeſtät der Halle ehrfurchtsvoll vor dem Verweis der Kirche. Als Mrs. Dale Riccabveca's fragenden Blick be⸗ merkte, nahm er den Philoſophen bei Seite und flüſterte ihm ſeine Beſorgniß zu, es werde ſchwer halten, Lenny zu vermögen, daß er Randal um Verzeihung bitte, denn der ſtolze Magen des Muſterknaben könne den Stock nicht mit ver Leichtigkeit eines nach praktiſcher Weisheit trachtenden Philoſophen verdauen. Dieſe Beſprechung wurde durch Miß Jemima unterbrochen, welche an den Doctor die Frage richtete, wie viele Jahre es ſeiner Anſicht nach wohl noch anſtehen dürfte, bis das Rad der Welt, auch abgeſehen von irgend einem früheren gewaltſameren Ereigniſſe, ſich aus⸗ genützt hätte. „Ma'am,“ ſagte der Doctor, dem es nicht angenehm war, eben jetzt zu Einſichtnahme einer Stelle, die ſich in einem prophetiſchen Schriftchen über den berührten intereſ⸗ ſanten Gegenſtand befand, aufgefordert zu werden— „Ma'am, es iſt ſehr hart, daß Ihr Jemanden an das Ende der Welt erinnern mögt, während man ſich doch in der 312 Unterhaltung mit Euch auf's Natürlichſte verſucht fühlt, zu vergeſſen, daß es überhaupt eine Welt gibt.“ Eine Scharlachröthe überflog Miß Jemima's Antlitz. Sicherlich rechtfertigte dieſes falſche, herzloſe Compliment all ihre Verachtung gegen das männliche Geſchlecht; und doch— ſo groß iſt die menſchliche Blindheit— diente es im vorliegenden Falle nur dazu, das leichtgläubige, nur allzu vertrauensvolle Herz des Mädchens mit dem ganzen Men⸗ ſchengeſchlecht zu verſöhnen. Er iſt im Begriff, mir den Antrag zu machen,“ ſeufzte Miß Jemima.“ „Giacomo,“ ſagte Riecabveca, als er ſich die Nacht⸗ mütze über den Kopf zog, um majeſtätiſch in das Vierpfoſten⸗ bett zu ſteigen;„ich denke, wir kriegen jetzt jenen Knaben für unſern Garten. So ſpornte jeder ſein Steckenpferd vder kutſchirte ſein Wägelchen in dem Hazeldeaner Carrouſſel. Dreizehntes Kapitel. Welcher Erfolg auch den Planen der Miß Jemima Hazeldean auf Doctor Ricecabveca in Ausſicht ſtehen mochte, jedenfalls führte die macchiavelliſtiſche Schlauheit, mit welcher der Italiener darauf gerechnet hatte, ſich Lenny Fair⸗ field's Dienſte zu ſichern, ſchnell zu einem triumphirenden Reſultate. Selbſt die gewinnendſten Zuſprüche von Seiten des Pfarrers waren nicht im Stande, den Bauernknaben zu —.——Ü— ————— B————— — 1 313 bewegen, daß er hinging und den jungen Gentleman um Verzeihung bat, denn er hatte ja nur gethan, was man ihn geheißen, und dafür nicht nur eine klägliche Niederlage, ſondern auch eine ſchimpfliche Einſperrung erlitten. Auch ergriff zu Mr. Dale's großem Verdruß die Wittwe Partei für ihr Kind. Sie fühlte ſich tief gekränkt durch die ſchmach⸗ volle Ungerechtigkeit, die an ihrem Lenny geübt wurde, als man ihn in den Stock ſperrte, und indem ſie ſeinen Stolz theilte, billigte ſie offen ſeine Geſinnung. Desgleichen hielt es ſehr ſchwer, den Knaben zum ferneren Beſuch der Schule zu vermogen, da er anfänglich nicht einmal den Fuß über die Grenzen des mütterlichen Pachtguts hinausſetzen wollte. In Betreff der Schule gab er endlich nach, obſchon nur mit großem Widerwillen, und der Pfarrer hielt es für räthlich, in Betreff des unſchmackhafteren Anſinnens vorderhand zu temporiſtren. Leider hatte Lenny vollkommen Recht gehabt, wenn er ſich vor dem ſchonungsloſen Hohn der ihn umgeben⸗ den Dorfwelt fürchtete; denn wenn auch Mr. Stirn anfäng⸗ lich reinen Mund hielt, ſo ließ ſich doch der Keſſelflicker das Ausplaudern nicht wehren. Ueberhaupt wäre nach der Spähe, welche an jenem verhängnißvollen Abend nach Lenny angeſtellt wurde, jedes Vertuſchen unmöglich geweſen. Stirn rückte alſo heraus mit ſeiner Geſchichte, wie der Keſſelflicker die ſeinige erzählt hatte, und beide Darſtellungsweiſen lauteten für den jungen Fairfield gleich ungünſtig. Der Muſterknabe hatte den Sabbath entweiht, einen Vornehme⸗ ren angegriffen und dabei tüchtige Püffe davön getragen; der Dorfjunge war auf die Seite Mr. Stirn's und der ————— 314 Behörden getreten, um die Vergehungen von ſeines Gleichen auszuſpüren.— Leonhard Fairfield konnte alſo in der doppelten Eigenſchaft eines abgeſetzten Muſterfnaben und eines beſchämten Spions keine Schonung erwarten; in der einen Rolle hatte er ſich lächerlich, in der andern verhaßt gemacht. Allerdings wagte es in Anweſenheit des Schulmeiſters oder unter dem Auge des Pfarrers Niemand, ſeinen bos⸗ haften Gefühlen offen Luft zu machen aber ſobald dieſer Zwang beſeitigt war, begann die allgemeine Verfolgung. Einige drehten ihm Naſen oder machten ſchiefe Geſichter gegen ihn/ Andere verwünſchten ihn als einen Schleicher und Alle mieden ſeine Geſellſchaft. Wenn er nach Einbruch der Dunkelheit durch's Dorf ging, ſo hörte er hinter den Hecken hervor Stimmen:„Wer hat im Stocke geſeſſen?— Boh!“ „Wer hat eine blutige Schnauze geholt, als er für Nick Stirn den Spion machtz?— Boh!“ Dieſer Angriffsweiſe Widerſtand zu leiſten, wäre eine vergebliche Mühe geweſen ſelbſt für einen weiſeren Kopf und ein gelaſſeneres Tem⸗ perament, als unſer Muſterknabe deren ſich berühmen konnte. Er faßte daher raſch einen Entſchluß, den ſeine Mutter bil⸗ ligte. Am zweiten oder dritten Tage nach Doetor Ricca⸗ bocca's Wiederankunft in dem Caſino ſtellte ſich Lenny Fair⸗ field mit einem kleinen Bündel in der Hand auf der Ter⸗ raſſe ein. „Mit Vergunſt, Sir,“ ſagte er zu dem Dyetor, der mit gekreuzten Beinen auf der Baluſtrade ſaß und den roth⸗ ſeidenen Regenſchirm über ſeinem Haupte ausgebreitet hielt — aufz ich f Loh ten beit rers wür tet. kunf betr wo hatt waie wort und auf und wem erla eine Pac Ren Wun hen der und der aßt ers o6 ſer ter nd der en 14 iſe en m⸗ te. ir⸗ r⸗ er h⸗ t 3¹5 —„Mit Vergunſt Sir, wenn Ihr jetzt ſo gut wäret, mich aufzunehmen und mir eine Schlafſtelle zu geben, ſo wollte ich für Euer Ehren arbeiten Tag und Nacht. Und was den Lohn betrifft, Sir, ſo ſagt die Mutter, Ihr könnt's da hal⸗ ten wie Ihr wollet.“ „Mein Kind,“ verſetzte der Doctor, indem er Lenny bei der Hand nahm und mit dem ſchlauen Auge eines Zaube⸗ rers ihn betrachtete,„ich wußte wohl, daß Du kommen würdeſt, und Giacomo hat bereits Alles für Dich hergerich⸗ tet. Ueber den Lohn können wir gelegentlich eine Ueberein⸗ kunft treffen.“ Nachdem Lenny in ſolcher Weiſe untergebracht war, betrachtete ſeine Mutter einige Abende den leeren Stuhl, wo er ſo lange an der Stelle ihres geliebten Mark geſeſſen hatte; und der Stuhl kam ihr ſo troſtlos, ſo öde und ver⸗ waist vor, daß ſie es nicht mehr länger zu ertragen vermochte. In der That war ihr das Dorf eben ſo zuwider ge⸗ worden, wie ihrem Knaben— ja, vielleicht ſogar noch mehr, und eines Morgens rief ſie den Rentbeamten an, als dieſer auf ſeinem kurzbemähnten Roß an ihrem Hauſe vorbeiritt, und erſuchte ihn, dem Squire zu ſagen,„es wäre ihr lieb, wenn ihr die ſechs Monate Kündigungsfriſt für das Gütchen erlaſſen würden; es ſeyen ja Leute genug vorhanden, die ſich eine Freude daraus machten, auch gegen einen viel höheren Pachtzins für ſie einzutreten.“ „Ihr ſeyd eine Närrin,“ verſetzte der wohlmeinende Rentmeiſter,„und es iſt mir lieb, daß Ihr Euren thörichten Wunſch nur gegen mich und nicht gegen jenen Stirn geäußert — 1 316 habt. Es iſt Euch ja ganz gut ergangen hier, und Ihr habt den Platz gehabt— faſt umſonſt, möcht' ich ſagen.“ „Wohlfeil genug in Betreff der Rente, Sir, aber ſehr theuer für das Gefühl,“ entgegnete die Wittwe.„Lenny iſt jetzt fort, um bei dem fremden Gentleman zu arbeiten, und da möchte ich in ſeiner Nähe wohnen.“ „Ah, ja— ich hörte davon, daß ſich Lenny in dem Caſino eingethan habe— einfältig genug von ihm. Aber was fällt Euch ein? Eine halbe Stunde oder ſo iſt ja keine Entfernung. Kann er denn nicht jeden Abend nach der Ar⸗ beit zu Euch kommen?“ „Nein, Sir,“ rief die Wittwe mit Heftigkeit;„er ſoll nicht hieher kommen, daß man ihn verhöhne und ihm Ekel⸗ namen nachrufe— er, den mein ſeliger Mann ſo liebte und auf den er ſo ſtolz war. Nein, Sir. Wir armen Leute haben auch Gefühl, wie ich zu Mrs. Dale ſagte und wie ich dem Squire ſelbſt ins Geſicht ſagen würde. Nicht, daß ich undankbar ſeyn wollte für Alles, was er an mir gethan— er iſt ein guter Herr, wie er ſonſt ſo iſt; aber er ſagt, er wolle nicht in unſere Nähe kommen, bis Lenny hingegangen ſey und um Verzeihung gebeten habe. Verzeihung— für was? Dies möchte ich doch wiſſen! Das arme Lamm! Ich wünſchte nur, Ihr hättet ſeine Naſe geſehen, Sir— ſie war ſo groß wie Eure beiden Fäuſte. Um Verzeihung bitten! Wenn der Squire eine ſolche Naſe davon getragen hätte, ſiele es ihm ſicherlich auch nicht ein, um Verzeihung zu bit⸗ ten. Doch ich ſehe, ich komme in Leidenſchaft— entſchuldigt mich, Sir. Ich bin kein Gelehrter, wie's der arme Mark war v und uns Sqi was ſtück fel d außi ſoen der Kna gebe tiget ſowt ſeine er a doch Obo die hatt ſo o als mitt Sen geſel ſtant blau Stir 317 hr und wie's auch Lenny geworden wäre, wenn nicht der Herr + uns anderweitig heimgeſucht hätte. Deshalb ſagt nur dem ehr Squire, er möchte mich je eher je lieber abziehen laſſen, und ny was das Bischen Heu und den übrigen Ertrag des Grund⸗ en ſtücks und des Obſtgartens betrifft, ſo wird dies ohne Zwei⸗ fel der neue Miethsmann ſchon ins Reine bringen.“ en Da der Rentmeiſter bemerkte, ſeine Beredſamkeit ſey ber außer Stande, die Wittwe von ihrem Entſchluß abzubringen, ins ſo meldete er dem Squire ihr Anliegen. Mr. Hazeldean, Ar⸗ der ſich beleidigt fühlte durch die hartnäckige Weigerung des Knaben, Randal Leslie eine ehrenhafte Genugthuung zu ſoll geben, vernahm die Kunde anfänglich nur mit einigen kräf⸗ kel⸗ tigen Flüchen über den Stolz und den Undank der Mutter und ſowohl als des Sohnes. Es iſt übrigens zu vermuthen, daß zute*. ſeine ſpäteren Gedanken milderer Natur waren, denn wenn ich er auch für die eigene Perſon jeden Verkehr mied, ſo mußte ich doch noch din nämlichen Abend Harry zu der Wittwe gehen. u⸗ Obgleich nun Harry, wenn ſie ſich gehen ließ oder in Dingen, er die vornämlich ſie mit den Dorfbewohnern zu verhandeln gen hatte, ſtreng und barſch genug ſeyn konnte, erſchien ſie doch, ſür ſo oft ſie als Abgeſandte ihres Herrn auftrat, nie anders Ich als in der Eigenſchaft eines Friedensboten und eines ver⸗ mittelnden Engels. Auch übernahm ſie die gegenwärtige Sendung mit großer Bereitwilligkeit, denn wir haben ſchon itte, geſehen, daß Mutter und Kind bei ihr ſehr in Gnaden bit⸗ ſtanden. Mit dem freundlichſten Leuchten in ihrem klaren digt † blauen Auge trat ſie in die Hütte, und ihre offene herzliche wat Stimme klang im ſanfteſten Ton, als ſie die Wittwe anredete. 318 Doch die Letztere zeigte ſich gegen die gnädige Frau ebenſo unzugänglich, wie gegen den Rentbeamten. Ich glaube in der That, daß ſelbſt der hochmüthigſte Herzog in den drei Königreichen nicht ſo ſtolz iſt, wie ein einfacher engliſcher Bauer, und daß dieſer ſich weit ſchwerer behandeln oder wieder gut machen läßt, wenn einmal ſeine Gefühle verletzt ſind. Ebenſo zeigen viele von meiner eigenen literariſchen Genoſſenſchaft, obſchon wir ſonſt ſehr dünne Häute haben, lange nicht die ſcharfe Empfindlichkeit gegen die von unſerem Riecabveca ſo weislich verachtete öffentliche Meinung, welche man an demſelben Vauern wahrnimmt. Allerdings kann er bisweilen von ſeinen Oberen einen guten Theil Schimpf ertragen, obſchon ihm, Gott ſey Dank, in dieſer Beziehung nicht oft Unrecht geſchieht; aber es ſchneidet ihm tief in die Seele, wenn ſeines Gleichen auf ihn niederſchaut und ihn mit Hohn und Verachtung behandelt. Gelingt es übrigens, ſeinen Stolz zu brechen und ſeine Empfindlichktit zu ver⸗ nichten, ſo iſt er ein verlorenes Weſen. Rie kann er ſeine Selbſtachtung wieder erringen, und das ſtumpfe, träge, mißmuthige Opfer iſt dadurch auf eine Bahn geſtoßen, welche ihn dem völligen Verderben in einem Gefängniß oder auf dem Verbrecherſchiff entgegenführt. Von dieſem Stoff war die Ratur der Wittwe und des Sohnes. Wäre ſogar der Honig Plato's den Lippen der Mrs. Hazeldean entſtröͤmt, ſo hätte er die Biterkeit des Herzens, auf welche er niederfloß, nicht in Süßigkeit ver⸗ wandeln können. Dazu war Mrs. Hazeldean bei aller ihrer ſonſtigen Vortrefflichkeit eine etwas derbe, gerad ausgehende Frat Sol geko ſelbe wor weg wen zu ü kläff daſſ Die Haz verg geni eine hatt Ren ſtell Nat Lent auf Geſ mit er d erhi dem nſo in rei her der etzt hen en, em lche ann npf ung die ihn ns, ver⸗ eine ige, en, oder des der des ver⸗ hrer 319 Fran, die ſich doch einer gewiſſen Parteilichkeit für den Sohn eines Gentleman, und noch obendrein eines herab⸗ gekommenen Gentleman, nicht erwehren konnte, nachdem der⸗ ſelbe, ſogar Lenny's eigenem Bericht zufolge, angegriffen worden war, ohne ihrer Anſicht nach einen auch nur halb⸗ wegs rechtfertigenden Anlaß gegeben zu haben. Ebenſo wenig gelang es ihrem geſunden Verſtand, Mrs. Fairſield zu überzeugen, daß ſie mit Unrecht dem unverſchämten Ge⸗ kläff einiger junger Köter ſolche Wichtigkeit beilege, da daſſelbe„bald aufhören werde, wenn man nicht darauf achte“. Die Wittwe beharrte feſt auf ihrem Entſchluß, und Mrs. Hazeldean mußte in großem Aerger und mit einigem Miß⸗ vergnügen wieder abziehen. Mrs. Fairfield nahm an, ihr Geſuch habe ſtillſchwei⸗ gend eine Genehmigung gefunden, und ſo traf es ſich, daß eines Morgens ihre Thüre geſchloſſen war. Den Schlüſſel hatte ſie bei einem Nachbar abgegeben, welcher ihn dem Rentbeamten bringen ſollte; und bei weiterer Nachforſchung ſtellte ſich heraus, daß ihre bewegliche Habe mitten in der Nacht durch das Botenwägelchen forgeſchafft worden war. Lenny hatte in der Nähe des Caſino eine kleine Wohnung aufgetrieben, in welcher er jetzt mit von Freude ſtrahlendem Geſichte der Ankunft der Mutter entgegenſah, damit er ſie mit einem Frühſtück bewillkommne und ihr zeigen könne, wie er die Nacht mit Ordnen ihres Möbelwerks zugebracht habe. „Pfarrer,“ rief der Squire, welcher von alledem Kunde erhielt, als er eben Arm in Arm mit Mr. Dale ſich nach dem Armenhauſe begab, um daſelbſt von einer vorgeſchlagenen Verbeſſerung Einſicht zu nehmen,„dies iſt ganz Eure Schuld. Warum ſeyd Ihr nicht hingegangen, um dieſem Buben ſeinen Stierkopf und der alten Närrin ihr Gehirn zurecht zu ſetzen? Es geht Euch doch ſonſt glatt genug vom Munde.“ „Als ob ich mich nicht gegen beide heiſer geſprochen hätte!“ erwiederte auf dieſe Beſchuldigung der Pfarrer im Tone vorwurfsvollen Staunens.„Aber es war Alles ver⸗ gebens. O Squire, hättet Ihr doch in Betreff der Stöcke meinem Rath Folge gegeben— quieta non movere!“ „Papperlapap!“ verſetzte der Squire.„Muß ich am Ende gar als ein Tyrann gelten, als ein Nero, als ein Richard III. oder als ein Großinquiſitor, blos weil ich meine Sachen hübſch und nett haben will. Mit dieſen Stöcken da! Euer Freund Rickybocky verſichert mir, in ſeinem ganzen Leben ſey es ihm nie ſo wohl geweſen, und er habe eine wahre Luſt daran gehabt, darin zu ſitzen. Und was der Würde Rickybocky's nichts anhaben kann, der, wenn er will, ein ganz feiner Gentleman iſt, ſollte doch den Junker Leon⸗ hard Fairfield nicht zu einem ſolchen Aufheben veranlaſſen. Doch das Reden hilft nichts mehr. Was iſt jetzt zu thun? Die Frau kann man doch nicht verhungern laſſen, und von dem Lohn, den Rickybocky an Lenny zahlt, werden gar ſchmale Biſſen für ſie abfallen. Beiläufig, ich hoffe, daß er nicht ſeinen und Schakeimo's Tiſch theilen muß, denn wie ich höre, beſteht ihre Koſt aus nichts als aus Eidechſen und Stichlingen— pfui Henker! Ich will Euch was ſagen, Pfarrer— eben fällt mir ein, daß hinter der Hütte, welche ure ſem hirn om chen im ver⸗ töcke am ein eine da! nzen eine der will, eon⸗ iſſen. hun? von gar daß nwie und agen, velche 324 Mrs. Fairfield gemiethet hat, einige Felder trefflichen Lan⸗ des erledigt ſind. Rickybocky möchte ſie haben und hat mich, als er kürzlich in der Halle war, über den Pachtſchilling ausgeholt. Ich ſagte ihm die Vorhand nur halb zu. Und er muß vier oder fünf Aker des beſten Landes um die Hütte herum an die Wittwe ablaſſen— ſo viel, als ſie bewirth⸗ ſchaften kann, denn ihre Milcherei ſoll nicht eingehen. Braucht ſie Capital, ſo ſoll ſie einiges haben; aber Ihr müßt den Darleher vorſtellen und dürft namentlich gegen Stirn nichts davon verlauten laſſen. Was den Pachtzins betrifft, ſo können wir ja davon reden, wenn wir wiſſen, wie ſie ſich fortbringt, obſchon ich vergeblich auf Dank zäh⸗ len werde bei dem ſtarrköpfigen Weibsbile. Ihr Mann nämlich,“ fügte der Squire bei, als ſage ihm ſein Inneres, daß er doch ſeiner Großmuth gegen eine Perſon, die in ſei⸗ nen Augen ſo undankbar erſchien, einen Vorwand leihen müſſe—„iſt ein treuer Diener von mir geweſen, und des⸗ halb— na, ſteht nicht her und guckt mich ſo an, daß ich ganz aus dem Concept komme, ſondern geht lieber gleich zu dem Weibsbild hin, ſonſt hat Stirn das Land an Ricky⸗ bocky verpachtet, eh' wir daran denken. Und hört, Dale, vielleicht könnt Ihr's, wenn etwa die Frau ſo verwünſcht halsſtarrig bleibt, ſo einleiten, daß ſie gar nicht erfährt, das Feld komme von mir oder ich wolle ihr eine Gunſt er⸗ weiſen. Kurz, macht Eure Sache ſo gut als Ihr könnt.“ Aber auch dieſer Liebesgang verfehlte ſeine Abſicht. Die Wittwe wußte, daß das Land dem Squire gehörte und der Aker davon wohl drei Pfund Zins werth war.„Sie Bulwer, meine Novelle. 21 322 dankte ihm unterthänig für dieſe und alle anderen Vergün⸗ ſtigungen, konnte es aber nicht erſchwingen, Kühe zu kaufen und wollte nicht darum angeſehen ſeyn, als lebe ſie auf anderer Leute Koſten. Ihrem Lenny ergehe es in Mr. Ricky⸗ bocky's Dienſt ganz gut und er mache in der Gärtnerei wunderbare Fortſchritte; auch zweifle ſie nicht, daß ſie durch Waſchen etwas verdienen könne, und da ihr Heuvorrath ein ſchönes Stück Geld einbringen werde, ſo hoffe ſie ſich ſchon ordentlich durchzuſchlagen und danke deshalb der gnädigen Herrſchaft für alle ihre Erbietungen.“ Auf unmittelbarem Wege ließ ſich alſo nicht weiter für ſie thun; aber die Bemerkung in Betreff des Waſchens gab einen Kanal an die Hand, durch welchen man mittelbar der Wittwe etwas zufließen laſſen konnte. Der Zufall wollte es, daß einige Zeit nachher die einzige Wäſcherin, welche ſich in der Nachbarſchaft aufhielt, mit Tod abging, und ein Wink des Squire veranlaßte die dem Caſino gegenüberwoh⸗ nende Wirthin, alle ihr zur Verfügung ſtehende Kundſchaft, die mitunter nicht unbeträchtlich war, an Mrs. Fairfield zu weiſen. Dieſer Verdienſt in Verbindung mit Lenny's Lohn, wie hoch oder niedrig ſich auch dieſer geheimnißvolle Poſten im Einnahmenbudget ſtellen mochte, ſetzten Mutter und Sohn in die Lage, ſich fortzubringen, ohne daß man eines von jenen phyſiſchen Merkmalen des Faſtens und der Ent⸗ haltſamkeit an ihnen wahrnahm, die ſich dem Erforſcher der thieriſchen Anatomie auf den erſten Augenſchein an Doctor Riccabocca und ſeinem Diener darboten. ün⸗ ifen auf cky⸗ erei urch ein chon igen für gab der ollte elche ein voh⸗ haft, d zu ohn, oſten und eines Ent⸗ r der octor 323 Vierzehntes Kapitel. Unter allen Tauſchwaaren, welche vornämlich die Ci⸗ viliſativn unſerer modernen Welt bilden, gibt es keine, welche ſo ſorgfältig abgewogen, ſo genau ausgemeſſen, ſo gründlich geeicht, ſo fleißig zuſammengeſcharrt, ſo ſehr in minima vertheilt und ſo gewiſſenhaft verglichen wird, als jener Hauptartikel im geſelligen Verkehr, den man eine „Entſchuldigung“ nennt. Wären die Chemiker im Verkauf ihrer Gifte nur halb ſo ſorgfältig, ſo würde man in der Durchſchnittsſumme derer, welche jährlich dem Arſenik oder der Oralſäure zum Opfer fallen, eine bedeutende Abnahme verſpüren. In Sachen der Entſchuldigung aber iſt es lei⸗ der nicht die zu große Doſis, ſondern die furchtſame, knau⸗ ſerige und filzige Art der Verabreichung, was ſo viele un⸗ ſeres armen Geſchlechtes den ſtygiſchen Gewäſſern zuführt. Wie oft hängt nicht ein Menſchenleben genau von dem Um⸗ fang einer Entſchuldigung ab! Iſt ſie nur eine Haaresbreite zu ſchmal für den Riß, den du damit bedecken willſt— mach dein Teſtament; du biſt ein todter Mann! Ein Leben ſage ich? Eine Hekatombe von Leben! Wie viele Kriege hätten vermieden werden können, wie mancher Thron ſtünde, wie manche Dynaſtie blühte und wie viele Staaten lärmten noch um ein Bema oder rüſteten Galeeren aus für den Handel mit Korn und Baumwolle, wenn einer oder zwei Zolle Entſchuldigung der beantragten Elle zugelegt worden wären! Aber die peſtartige, eiferſüchtige und argwöhniſche Ehre mit ihrem Eſſiggeſicht und ihr eben ſo filziger Aſſocis, 21 der Stolz mit ſeiner Quintchenweisheit und Pfundnarrheit haben das Monopol in dieſem Artikel, und was ſie nicht Zeit verlieren, bis ſie ihre Brillen geputzt und genau das Fächlein gefunden haben, in welchem die Waare nach ver⸗ langter Qualität ſteckt. Hat man dann die Quolität ermit⸗ telt, ſo geht erſt das Dingen und Mäkeln in Betreff der Quantität an, ob Civil- oder Apothekergewicht— ob eng⸗ liſche oder flämiſche Elle; und am Ende der Heiho, den ſie aufſchlagen, wenn der Kunde nicht vollkommen zufrieden iſt mit dem unendlich Wenigen, das er für ſein Geld kriegt. Es wundert mich nur, daß man darüber nicht die Geduld verliert und Stolz, Ehre und Entſchuldigung, alles mit einander zum Teufel ſchickt. Ariſtophanes führt in ſeiner„F riedens⸗ fomödie“ eine ſchöne Allegorie durch, indem er die Göttin Irene, obſchon ſie ſeine Heldin iſt, als ſtumm auftreten läßt. Sie nimmt ſich in Acht, je den Mund aufzuthun. Der ſchlaue Grieche wußte recht gut, daß ſie aufhören mußte, „der Friede“ zu ſeyn, ſobald ſie zu plaudern anfing. Drum, lieber Leſer, wenn je dein leichter Schuh unter die mit Eiſen peſchlagene Ferſe eines anderen Mannes geräth— gebe der Himmel, daß du den Mund halteſt und die Sache nicht über alle Ausdauer und Vergebung verſchlimmerſt, indem du eine Entſchuldigung forderſt! 6 325 allen Dingen, mit denen man es nicht ganz ſo genau nimmt. t t. Fünfzehntes Kapitel. Doch der Squire und ſein Sohn Frank waren in dem 6 Artikel der Entſchuldigung gar hochherzige und edelmüthige 1 Geſchöpfe— und zwar nicht nur hierin, ſondern auch in 4 Als ſie bemerkten, daß Leonhard Fairfield nicht zu bewegen 2 war, Randal Leslie ein Pflaſter zu bieten, ſuchten ſie ſeinen ſt Geiz durch ihre eigene Freigebigkeit gut zu machen. Der 6 Squire begleitete ſeinen Sohn nach Rood Hall, und da es rt Niemand von der Familie beliebte, ſich zu Hauſe treffen zu 3 laſſen, ſo faßte Mr. Hazeldean mit eigener Hand und eige⸗ nem Kopf eine Epiſtel ab, die völlig geeignet war, alle Wunden zu heilen, welche der Würde der Familie Leslie bei⸗ S ₰ gebracht worden ſeyn mochte. W Das Entſchuldigungsſchreiben ſchloß mit einer herz⸗ te⸗ lichen Einladung an Randal, einige Tage in Hazeldean Hall zuzubringen. Frank's Brief hatte denſelben Zweck, nur war 6 er weniger leſerlich und mehr im etonianiſchen Styl gehalten. be Es ſtund einige Tage an, eh' Randal's Antwort auf 6 die beſagten Schreiben einlief. Der junge Leslie befand ſich er eben in einem Dorf unfern von London und machte von hier aus die Meldung, daß er ſich unter der Anleitung eines Hofmeiſters auf den Bezug der Univerſität Orford vorbe⸗ reite und deshalb die an ihn ergangene Einladung nicht * annehmen könne. Im Uebrigen verrieth Randal's Schreiben zwar viel Verſtand, aber dafür um ſo weniger Edelmuth. Er ent⸗ 326 ſchuldigte ſeine Verſtrickung in eine ſo gemeine Rauferei mit einer kurzen aber bitteren Anſpielung auf den Starrſinn und die Unwiſſenheit des Bauerntölpels, ohne daß es ihm einfiel, das zu thun, was du, mein freundlicher Leſer, unter ähn⸗ lichen Umſtänden nicht verſäumt haben würdeſt— er legte nämlich kein Fürwort ein für ſeinen tapferen, wenn auch unglücklichen Gegner. Meiſtens gewinnt man einen Feind lieb, wenn man mit ihm gekämpft hat— das heißt, wenn man den Sieg davon trug; bei⸗Randal Leslie aber war dies nicht der Fall. Damit blieb nun, ſoweit der Etonianer in Frage kam, die Sache beruhen; und der Squire, den es ärgerte, dem jungen Gentleman für den erlittenen Schimpf nicht die geeignete Genugthuung bieten zu können, fühlte jetzt keine Gewiſſensbiſſe mehr, wenn er an Mrs. Fairfield's verlaſſener Hütte vorbeikam. Sechszehntes Kapitel. Lenny Fairfield erwarb ſich die volle Zufriedenheit ſei⸗ ner neuen Dienſtherrſchaft und zog aus der vertrauensvollen Güte, mit welcher er behandelt wurde, viele Vortheile. Riecaboeca, der ſich auf ſeine Menſchenkenntniß etwas zu gut that, hatte von Anfang an geſehen, daß in dem Charak⸗ ter und Geiſt des engliſchen Bauernknaben der Keim zu vie⸗ len nicht gewöhnlichen Eigenſchaften lag, und machte bei weiterer Bekanntſchaft die Wahrnehmung, daß ſich bei Lenny unter der unſchuldigen kindlichen Einfalt Regungen von ſei⸗ llen ile. zu rak⸗ vie⸗ bei nny Scharfſinn bargen, welche nur der Entfaltung und Leitung bedurften. Die Fortſchritte des Muſterknaben in der Dorf⸗ ſchule hatten, wie er bald bemerkte, eine tiefere Grundlage, als blos mechaniſche Gelehrigkeit und ſchnelle Faſſungsgabe. Lenny beſaß Durſt nach Wiſſen, und bei allen Nachtheilen der Geburt und der äußern Verhältniſſe waren die Anzeigen jenes natürlichen Genies vorhanden, das ſogar die ungün⸗ ſtigen Umſtände zu Mitteln der Anfeuerung verwandelt. Doch neben den Saatkörnern der guten Eigenſchaften lagen auch die Keime zu ſolchen, die ſchwer von erſteren zu tren⸗ nen, noch ſchwerer aber zu zerſtören ſind und deshalb oft den beſten Boden verderben. Mit einem merkwürdigen und edeln Stolze, dem der gute Ruf über Alles ging, verband ſich ein gewiſſer Starrſinn, und die zarte Empfänglichkeit für eine freundliche Behandlung war mit der nicht minder ſtarken Abgeneigtheit gepaart, einen erlittenen Schimpf zu vergeben. Dieſe gemiſchte Natur in der ungebildeten Bruſt des Bauernkindes hatte Intereſſe für Riccabocca, der, obſchon er ſich längſt zurückgezogen hatte aus dem Treiben des menſch⸗ lichen Geſchlechtes, gleichwohl im Menſchen das wechſel⸗ reichſte und unterhaltlichſte Buch ſah, welches dem philo⸗ ſophiſchen Forſchungsgeiſt Nahrung bot. Er gewöhnte den Knaben bald an einen Ton der Unterhaltung, welcher in Andeutungen den Scharfſinn weckte, und in Folge davon wurde Lenny's Sprache in kurzer Zeit feiner und weniger bäuriſch. Dann wählte der Doctor aus ſeiner kleinen Bib⸗ liothek Bücher aus, die ungeachtet ihrer elementaren Haltung doch weit gehaltreicher waren, als alle, die Lenny ſonſt im Bereich von Hazeldean hätte finden können. Riecaboeca kannte die engliſche Sprache genau und war mit ihrem Geiſt, ihrer Formenlehre und ihrer Syntar ſogar vertrau⸗ ter, als mancher nicht übel unterrichtete Engländer, denn er hatte ſie mit der Genauigkeit ſtudirt, mit welcher ſich der Gelehrte eine todte Sprache anzueignen pflegt, und unter ſeiner Sammlung befanden ſich manche Bücher, die ihm früher zu dieſem Zwecke dienen mußten. Solcher Art waren die erſten Werke, die er Lenny borgte. Zu gleicher Zeit weihte Schakeimo den Knaben in manche Geheimniſſe der Gärtnerei und des Feldbaus ein, denn in jener Zeit wurde, wenn man einige begünſtigtere Grafſchaften und größere Güter ausnimmt, in England die Agricultur lange nicht mit der Feinheit betrieben, wie dies ſeit unfürdenklichen Zeiten im nördlichen Italien der Fall iſt, wo man Stunden weit durch eine ununterbrochene Reihe von Marktgärten zu reiſen glaubt. In Anbetracht dieſer Dinge alſo hatten ſich Leon⸗ hard Fairfield's Verhältniſſe ſehr zum Beſſern gewendet, obſchon eine genauere Betrachtung das Vortheilhafte ſeiner Lage als zweifelhaft erſcheinen laſſen mochte. Aus demſel⸗ ben Grunde, welcher den Knaben veranlaßte, aus dem hei⸗ miſchen Dorfe zu entweichen, beſuchte er auch die Kirche von Hazeldean nicht mehr. Der alte vertrauliche Verkehr zwi⸗ ſchen ihm und dem Pfarrer wurde dadurch abgebrochen oder peſchränkte ſich auf gelegentliche freundliche Beſuche von Sei⸗ ten des Letzteren— Beſuche, die immer ſeltener ſtattfanden und an Herzlichkeit verloren, als Mr. Dale die Entdeckung — — — c—„— ——„S— 1—— im eea rem au⸗ enn der ter hm ren Zeit der rde, ere mit iten veit iſen on⸗ det, iner ſel⸗ hei⸗ von wi⸗ der ei⸗ den ung machte, daß der vormalige Zögling ſeiner Dienſte nicht län⸗ ger bedurfte und taub blieb gegen ſeine milden Bitten, er möchte das Vergangene vergeſſen, ein verſöhnliches Herz zeigen und ſeinen alten Platz in der Hazeldeaner Kirche wie⸗ der einnehmen. Gleichwohl verſäumte Lenny den Gottes— dienſt nicht, da er eine ſehr entlegene Nachbarkirche beſuchte. Aber die dortigen Predigten machten nicht den guten Ein⸗ druck auf ihn, wie die des Pfarrers Dale, und der Geiſt⸗ liche, dem ſeine eigene Heerde genug zu ſchaffen machte, ließ ſich nicht herab, dem verirrten Lamm aus einem anderen Pferche im Privatgeſpräch das Dunkle aufzuhellen und das Nützliche zu Gemüth zu führen. Ich muß es nun in Frage geſtellt ſeyn laſſen, ob Doe⸗ tor Riccaboeca's kluge Grundſätze, obſchon ſie oft ſehr mo⸗ raliſch und in der Regel ſehr weiſe waren, nur halb ſo gut dazu dienen konnten, die natürlichen guten Eigenſchaften des Bauernknaben zur Entwicklung zu bringen und die ſchlim⸗ men zu verbeſſern, als die wenigen einfachen, durchaus nicht macchiavelliſtiſchen Worte, welchen Leonhard einſt ſo ehrer⸗ bietig Gehör geſchenkt hatte, wenn er neben dem Stuhle ſeines Vaters ſtand, deſſen Stelle und Sitz für den Augen⸗ blick der einer ſolchen Vertretung nicht unwürdige Pfarrer einnahm; denn Mr. Dale hatte ein Herz, in welchem alle Verwaisten ſeines Kirchſpiels einen Platz fanden. Auch wurde der Verluſt dieſer zarten, innigen und geiſtigen Sprache durch das leichtere Auffaſſen bloſer das Wiſſen um⸗ faſſender Belehrung nicht in dem Grade aufgewogen, als unſere moderne Lichtfreundlichkeit uns gerne glauben machen 330 möchte; denn obſchon ich die Vortheile des Wiſſens im All⸗ gemeinen nicht in Abrede ziehen will, ſo iſt es doch für ſich betrachtet durchaus nicht geeignet, ein zufriedenes Herz zu ſchaffen. Naturgemäß zielt es darauf ab, die Begierden zu vergrößern und uns mit dem Beſtehenden in Hader zu bringen, damit an ſeine Stelle der Fortſchritt, welcher Art auch derſelbe ſeyn möge, trete; ach, und wie viele Märtyrer müſſen nicht dieſem Fortſchritt fallen— unglückliche Opfer, die, in ihren Hoffnungen getäuſcht und von dem weiter rollenden Rade zermalmt, unbeachtet am Wege liegen blei⸗ ben! In wie vielen werden nicht Begierden erweckt, die ſich nie erfüllen, und in wie vielen Seelen greift nicht die Unzu⸗ friedenheit mit einem Schickſal um ſich, über das ſie ſich nie zu erheben vermögen. Allons! Warum ſo lange haften an der dunkeln Seite der Frage? Ach, die Schuld liegt nur an dieſem verwünſchten Riccaboeca, welcher Lenny Fairfield bereits ſo weit gebracht hat, daß er ſich mißmuthig auf ſei⸗ nen Spaten ſtützt, den Blick umherſchweifen läßt und, da er Niemand in ſeiner Nähe ſieht, in den hadernden Seufzer ausbricht: „Bin ich denn nur dazu geboren, ein Kartoffelfeld um⸗ zugraben!“ * Pardieu, mein Freund Lenny, wenn du ſiebenzig Jahre alt würdeſt und in deiner eigenen Equipage ausführeſt, zur Verdauung deines Diners aber magenſtärkender Pillen be⸗ dürfteſt, würdeſt du dann nicht mit Seufzen an den Wohl⸗ geſchmack zurückdenken, der in einer Kartoffel liegt, welche du mit eigener kräftiger Hand aus der Erde grubſt und in der ger zer Er for die des zu Ju mã au der ſei der zu 331 Aſche brieteſt? Grabe fort, Lenny Fairſield, grabe fort! Doctor Riccabveca kann dir ſagen, daß es einmal eine ſehr hohe Perſon“ gab, die ſich in zwei ſehr verſchiedenen Be⸗ rufszweigen Erfahrungen ſammelte— das einemal herrſchte ſie über ein großes Reich und das anderemal pflanzte ſie Kohl; aber die letztere Beſchäftigung kam ihr bei weitem angenehmer vor, als die erſte. Siebenzehntes Kapitel. Doctor Riccabocea hatte jetzt Lenny Fairfield für ſich gewonnen, und man kann daher behaupten, daß er ſein höl⸗ zernes Rößlein in dem großen Carrouſſel mit Geſchick und Erfolg geritten. Aber Miß Jemima kutſchirte noch immer fort in ihrem Wägelchen, handhabte die Zügel und ſchwang die Peitſche, ohne dem Anſchein nach der fliehenden Geſtalt des Italieners auch nur einen Zoll breit näher gekommen zu ſeyn. In der That hatte die treffliche nur allzuempfindſame Jungfer mit all ihren Erfahrungen von der Schuftigkeit des männlichen Geſchlechts nie gedacht, der Elende ſey ſo ganz außer dem Bereich der Rückgewinnung, als es in der Zeit der Fall war, welche den Doctor wieder in die Einſamkeit ſeines Caſino's verpflanzte, ohne daß er ein Verlangen an den Tag legte, auf ſeinen verbrecheriſchen Cölibat förmlich zu verzichten. Einige Tage ſchloß ſie ſich in ihrem Gemach * Kaiſer Dioeletian. 332 ein und brütete mit mehr als gewöhnlichem düſterem Wohl⸗ behagen über der Gewißheit eines nahen Zuſammenbruchs der Welt. Manche Zeichen dieſes allgemeinen Unglücks waren ihr freilich während Doetor Riccabvera's Anweſenheit zweifelhaft geworden, gewannen aber jetzt den Charakter einer unfehlbaren Beſtimmtheit. Selbſt die Zeitung, welche während jener vertrauensvollen glücklichen Periode eine halbe Spalte den Geburten und Trauungen gewidmet hatte, brachte jetzt eine verhängnißvoll lange Liſte von Todesfällen, ſo daß es den Anſchein gewann, die Bevölkerung habe allen Muth verloren und verzweifle daran, den täglichen Ausfall wieder gut zu machen. Die leitenden Artikel ſprachen mit der Dunkelheit einer Pythia von einer bevorſtehenden Kriſis. Aus den Paragraphen, welche den allgemeinen Neuigkeiten gewidmet waren, ſproßten ungeheure Rüben hervor; Kühe brachten Kälber mit zwei Köpfen, Wallſiſche ſtrandeten in dem Humber und in der Hauptſtraße von Cheltenham reg⸗ nete es Schaaren von Fröſchen. Alle dieſe Symptome von der Hinfälligkeit und dem Siechthum der Welt, deren Urſprung und Bedeutung an der Seite des bezaubernden Riccabocca als zweifelhaft erſcheinen mochten, jetzt aber mit dem ſchlimmſten von allen vermehrt wurde, mit dem furchtbaren Fortſchritt der männlichen Schlechtigkeit, ließen Miß Jemima keinen andern Strahl der Hoffnung mehr, als den, welcher ihr die Betrachtung bot, daß ſie der endlichen Auflöſung der Materie ohne ein einziges Gefühl des Bedauerns entgegenſehen konnte. Mrs. Dale theilte übrigens keineswegs die Verzagtheit koſ we be da Er G di! iſt de kel gl lic od m hl⸗ ch cks eit ter che lbe tte, len, llen fall mit is. iten ühe in reg⸗ dem der nen ehrt chen rahl ung ein heit 333 ihrer ſchönen Freundin, und da ſie ausnahmsweiſe Zutritt zu Miß Jemima's Gemach hatte, ſo gelang es, freilich nicht ohne Schwierigkeit, ihren wohlwollenden Bemühungen, den ſinkenden Muth der weiblichen Menſchenhaſſerin wieder auf⸗ zuheitern. Auch war die Pfarrerin in ihrem freundlichen Beſtreben, Miß Jemima's Wägelchen in möglichſter Schnelle dem hymeneiſchen Ziele zuzuführen, gegen ihren männlichen Freund Doetor Riccabveca keineswegs ſo grauſam, als dies ihrem Gatten vorkam. Mrs. Dale war nämlich eine Frau von ſchlauem ſcharfblickendem Geiſte, wie dies meiſt bei Frauen von lebhaftem Temperament der Fall iſt, und kannte Miß Jemima als eine von jenen trefflichen Seelen, die einen Gatten in demſelben Verhältniß ſchätzen, als es ſie Mühe koſtet, ihn zu erringen. In der That müſſen meine Leſer, welchem Geſchlecht ſie auch angehoͤren mögen, im Lauf ihrer Erfahrungen oft jenem eigenthümlichen weiblichen Charakter begegnet ſeyn, welcher der Wärme des ehelichen Herdes be⸗ darf, um alle ihm inwohnenden guten Eigenſchaften zur Entwicklung bringen zu können. Auch verdient eine ſolche Gemüthsart keinen allzu ſcharfen Tadel, wenn ſie im unſchul⸗ digen Bewußtſeyn, daß dort die für ſie paſſende Atmoſphäre iſt, ſich ihr zuwendet und dabei einem Geſetze folgt, ähnlich dem, vermöge deſſen ſich die Sonnenblume der Sonne zu⸗ kehrt und die Weide das feuchte Flußufer aufſucht. Der⸗ gleichen Mädchen verfallen, wenn ſie ihre Zärtlichkeit beharr⸗ lich zurückgewieſen ſehen, allmälig in eine intellektuelle Leere, oder arten in jene regelloſen Ueberſpanntheiten aus, die man mit dem Allgemeinnamen„Wunderlichkeit“ oder„Charakter“ 334 bezeichnet. Befinden ſie ſich aber einmal auf dem ihnen angemeſſenen Boden, ſo muß man ſtaunen über die geſunde Veredlung, die an ihnen vorgeht, indem das arme Herz, das vorher ſchmachtend und verkümmert war, kräftig ſeine Wurzeln ausbreitet und die ſchönſten Blüthen und Früchte trägt. Von ſo mancher Schönen haben ſich die jungen Herrn entfernt, blos weil ſie in ihrer Lafferei glauben, man könne auf's erſte Wort bei ihr ankommen; ſpäter aber ſtau⸗ nen ſie darüber, daß ſie dieſelbe gering ſchätzen konnten, wenn ſie bemerken, daß ſie zu einer liebevollen Gattin und zärtlichen Mutter geworden iſt, und ſeufzen über die Härte und Blindheit des eigenen Herzens. Aller Wahrſcheinlichkeit nach faßte Mrs. Dale die Sache von dieſem Geſichtspunkte aus auf und rechnete auch neben den bis jetzt noch ſchlummernden Tugenden, die in Miß Jemima erwachen mußten, wenn ſie einmal Mrs. Riccabveca war, gewiſſermaßen auch auf den rein weltlichen Vortheil, der aus einer ſolchen Verbindung für den Verbannten er⸗ wachſen mußte. Eine ſo achtbare Verwandtſchaft mit einer der älteſten, reichſten und beliebteſten Familien im Bezirk hatte an ſich ſchon eine Stellung zu Folge, die ein armer Fremder in England nicht verachten durfte; und obſchon die Intereſſen von Miß Jemima's Morgengabe, in dem Lichte engliſcher(nicht mailändiſcher) Pfunde betrachtet, keine große Zahl ausmachten, ſo reichten ſie doch zu, den allmäligen Entkörperungsprozeß zu verhindern, der in Folge der Schmerl⸗ und Stichlingsdiät ſich bereits ſo lebhaft zu erkennen ₰ nen inde erz, eine chte igen man tau⸗ ten, und ärte die auch Miß occa heil, ner⸗ einer ezirk rmer ndie ichte roße ligen der nnen — 335 gab an der ſchönen, aber mehr und mehr ausdorrenden Ge⸗ ſtalt des Philoſophen. Wie alle Perſonen, die von der Zweckmäßigkeit einer Sache überzeugt ſind, war Mrs. Dale der Anſicht, daß zu Sicherung des Erfolgs nichts fehle, als eine paſſende Ge— legenheit. um dieſe herbeizuführen, erneuerte ſie nicht nur gegen den Doctor häufiger und dringlicher ihre Einladungen zu einem Abendthee, ſondern wußte auch den wunden Fleck des Squire, ſeine Gaſtfreundſchaft betreffend, ſo ſchlau zu ſtacheln, daß der Italiener jede Woche angelegentlich erſucht wurde, an einem Diner theilzunehmen und in der Halle zu übernachten.„ Anfangs brummte und puſtete der Doctor, ſagte Cospetto, Per Bacco und Piavolo und verſuchte der an ihn verſchwendeten Höflichkeit auszuweichen. Aber wie alle un⸗ verheiratheten Gentlemen ſtand er ein wenig unter dem tyranniſchen Einfluß ſeines treuen Dieners, und wenn auch Schakeimo im Nothfall den Hunger ſo gut ertragen konnte als ſein Herr, ſo hielt er es doch, wenn ihm die Wahl frei⸗ geſtellt wurde, lieber mit dem Roſtbraten und dem Roſinen⸗ pudding. Außerdem war, wie wir wiſſen, Ricrabocca früher die eitle und unvorſichtige Aeußerung entfallen, daß ihm eine ſo ungeheure Summe zur Verfügung ſtehe, ohne daß ihm eine ſchwerere Zugabe angemuthet werde, als eine ſo lie⸗ benswürdige Dame zu heirathen, wie Miß Jemima war — eine Dame, welche noch obendrein Schakeimo bereits unterſchiedliche kleine zarte Aufmerkſamkeiten erwieſen hatte. Dieſe vertrauliche Aeußerung nun hatte die Habſucht, die 336 in der italieniſchen Natur des Dieners lag, ſehr geſpornt, um ſo mehr, da ſein Erwerbſinn auf ein ſehr dürftiges Feld angewieſen geweſen und ſogar auf dieſem erlaubten Boden nur um des Herrn willen von ihm genährt worden war. So von dem Feinde verſucht und von dem eigenen Diener verrathen, fiel der unglückliche Riccabocca, obgleich mit nicht ungeblendeten Augen, in die gaſtlichen Schlingen, welche es auf den Untergang ſeines Cölibats abgeſehen hat⸗ ten. Er machte oft Beſuche im Pfarthaus ſowohl, als in der Halle, und allmälig begannen die Annehmlichkeiten eines geſelligen häuslichen Lebens ihren entnervenden Zauber zu üben auf den Stoicismus unſeres armen Verbannten. Frank war jetzt wieder nach Eton zurückgekehrt. Dann mußte noch eine unerwartete Einladung den Kapitän Higginbotham nach Bath berufen, wo er einige Wochen bei einem entfern⸗ ten Verwandten zubringen ſollte, der kürzlich ſo reich wie ein Cröſus von Indien zurückgekehrt war und ſich auf der heimathlichen Inſel ſo fremd und einſam fühlte, daß zum großen Erſtaunen des Kapitäns deſſen Introduetion als Verwandter eine günſtige Aufnahme fand. Und endlich hielt eine ſehr verlängerte Parlamentsverſammlung die gewöhn⸗ lichen Spätſommergäſte des Squire noch immer in London zurück, ſo daß Mr. Hazeldean bei der ſtatthabenden Lücke in ſeinem geſellſchaftlichen Kreiſe die Abwechslung oder Zer⸗ ſtreuung, welche ihm durch den Zuſpruch des Ausländers geboten wurde, mit keiner hohlen Herzlichkeit bewillkommte. So wurde denn zum Vergnügen für alle Theile der Verkehr zwiſchen Halle und Caſino, der in den beiden weiblichen Verſ ſiger die r bring ihm ſchlol das( ben denn Mor⸗ zeiche halb zu be Blick Stiri heit ſeine men. ſtrade lehnte koſun nt, eld den nen eich en, at⸗ in iten ber ten. ußte ham ern⸗ wie der zum als hielt öhn⸗ ndon ke in Zer⸗ nders unte. rkehr lichen 337 Verſchwörern lebhafte Hoffnungen weckte, häufiger und häu⸗ figer, obſchon Doctor Riccaboeca keine Sylbe fallen ließ, die man mit einem Eheſtandsgelüſte hätte in Verbindung bringen können. Ja, wenn ſich ein derartiger Gedanke in. ihm aufdrängte, ſo pflegte er ihn jedesmal mit einem ſo ent⸗ ſchloſſenen Piavolo fortzujagen, daß wohl, wenn auch nicht das Ende der Welt, ſo doch Miß Jemima's Ende in derſel⸗ ben hätte herankommen können, ohne die zarte Dame anders denn als Jungfrau zu treffen, wenn nicht an einem Dienſtag Morgen ein gewiſſer Brief mit einem ausländiſchen Poſt⸗ zeichen an den Doector eingelaufen wäre. Achtzehntes Kapitel. Der Diener bemerkte, daß etwas nicht recht war, wes⸗ halb er unter dem Vorwand, als habe er die Orangenbäume zu begießen, in der Nähe ſeines Gebieters zögerte und ſeine Blicke durch das ſonnige Laub nach Doctor Riecabocca's Stirne hingleiten ließ. Der Doctor ſeufzte ſchwer auf, ohne ſeiner Gewohn⸗ heit gemäß nach einigen derartigen Seufzern mechaniſch ſeine Zuflucht nach dem theuren Tröſter, der Pfeife, zu neh⸗ men. Obgleich der Tabaksbeutel neben ihm auf der Balu⸗ ſtrade lag und die Pfeife zwiſchen ſeinen Knien an der Wand lehnte, einem Kinde gleich ihre Lippen der gewohnten Lieb⸗ koſung entgegenbietend, achtete er doch weder des einen, Bulwer, meine Novelle, 22 noch der andern, ſondern legte ſchweigend den Brief in ſei⸗ nen Schooß und heftete das Auge auf den Boden. „Dies müſſen in der That ſchlimme Neuigkeiten ſeyn,“ vachte Schakeimo und ſtand von ſeiner Arbeit ab. An die Seite ſeines Gebieters tretend nahm er Pfeife und Beutel auf, füllte den Kopf der erſteren langſam und verwandte keinen Blick von dem finſteren gedankenvollen Geſichte, auf welchem ſich⸗ wenn es nicht eben von einem Ausdruck geiſtiger Lebhaftigkeit oder von dem Lächeln italieniſcher Höflichkeit erhellt war, die tiefen, abwärts laufenden Linien, die Merk⸗ zeichen des Kummers, zu erkennen gaben. Schakeimo wagte nicht zu ſprechen; aber das lange Schweigen ſeines Herrn beunruhigte ihn ſehr. Er legte den Zunder auf den Stein und ſchlug Feuer— noch immer kein Wort, und ebenſo we⸗ nig ſtreckte Riccabveta ſeine Hand aus. „Ich habe ihn früher nie ſo geſehen,“ dachte Scha⸗ zeimo und brachte das Pfeifenrohr zwiſchen die erſchlafften Finger der Hand, die rückwärts gebeugt auf den ruhigen Knien lag. Die Pfeife fiel auf den Boden. Schakeimo bekreuzte ſich und fing an, mit großer In⸗ brunſt zu ſeinem Namensheiligen zu beten. Der Doetor ſtand langſam auf und ging, als koſte es ihn große Anſtrengung, ein paarmal auf der Terraſſe hin und her. Dann machte er plötzlich Halt und ſagte:— „Freund!“ „Geſegneter Monſignore San Giacomo, ich wußte wohl, daß Du mich erhoͤren würdeſt!“ rief der Diener und führ wan zitte welc möck iſt d hein Ora ihm vern ich h und Die Pau keim eine m, die utel ndte auf tiger hkeit Rerk⸗ ate errn Stein o we⸗ Scha⸗ afften higen r In⸗ ſte es ſſe hin wußte er und 389 führte die Hand ſeines Gebieters an ſeine Lippen; dann wandte er ſich plötzlich ab und wiſchte die Augen. „Freund!“ wiederholte Riccabocca, diesmal mit einem zitternden Nachdruck und im weichſten Ton einer Stimme, welche nie ganz der Muſik des ſüßen Südens entbehrte,„ich möchte mit Dir von meinem Kinde reden.“ Neunzehntes Kapitel. „Der Brief bezieht ſich alſo auf die Signorina. Sie iſt doch wohl?“ „Ja, jetzt iſt ſie wohl. Sie befindet ſich in unſerem heimathlichen Italien.“ Schakeimo erhob ſeine Augen unwillkürlich zu den Orangenbäumen, und der vorüberfegende Morgenwind führte ihm den Geruch der Blüthen zu. „Sie ſind ſüß, auch hier, wenn man Sorge auf ſie verwendet,“ ſagte er, auf die Bäume deutend.„Ich denke, ich habe dies ſchon früher gegen den Padrone bemerkt.“ Aber Riccabocca's Blick haftete wieder auf dem Brief und achtete weder der Geberde noch der Bemerkung ſeines Dieners. „Meine Tante iſt nicht mehr,“ begann er nach einer Pauſe. „Wir wollen beten für ihre Seele!“ verſetzte Scha⸗ keimo feierlich.„Aber ſie war ſehr alt und hatte ſchon lang eine leidende Geſundheit. Der Padrone muß ſich nicht zu 22* 340 ſehr darüber grämen. In einem ſolchen Alter und bei ſolchen Gebreſten erſcheint der Tod als ein Freund.“ „Friede ſey mit ihrer Aſche!“ entgegnete der Italiener. „Wenn ſie ihre Mängel hatte, ſo mögen ſie jetzt für immer vergeſſen ſeyn; und in der Stunde meiner Gefahr und Noth ſchützte ſie mein Kind! Dieſer Schirm iſt jetzt dahin. Ihr Beichtvater gibt mir dieſe Nachricht. Du weißt, ſie beſaß nichts, was ſie meinem Kinde hätte vermachen können, und ihr Eigenthum geht an den männlichen Erben über— an meinen Feind.“ „Der Verräther!“ murmelte Schakeimo, und ſeine Rechte ſchien nach der Waffe zu greifen, welche der Italiener niedrigen Rangs häufig offen im Gürtel zu tragen pflegt. „Der Prieſter hat mit Umſicht gehandelt,“ nahm Ricca⸗ boeca ruhig wieder auf,„daß er mein Kind nicht als Gaſt in einem Hauſe weilen laſſen wollte, in das mein Feind als Herr einzieht.“ „Und wo iſt die Signorina?“ „Bei jenem armen Geiſilichen. Sieh⸗ Giacomo— hier, hier— dies am Ende des Briefs iſt ihre Handſchrift — die erſten Zeilen, die ſie je an mich richtete.“ Schakeimo nahm ſeinen Hut ab und betrachtete ehrer⸗ bietig die großen Buchſtaben einer Kinderhand. So groß ſie übrigens auch waren, ſchienen ſie doch undeutlich, denn das Papier war von den Thränen des Kindes benetzt worden; an einer Stelle aber, wo fie nicht hingefallen, ſah man den runden friſchen, feuchten Fleck der Thräne, die von dem Augenlid des Vaters niedergeträufelt war. „L Fr ma Ve Ei rau Go unk vor den ſtim bare das hoher erthe hen ner. mer oth Ihr eſaß und an ſeine ener t. ieca⸗ Gaſt d als — chrift hrer⸗ groß denn den; n den dem 341 „Der Prieſter empfiehlt ein Kloſter,“ nahm der Doctor wieder auf. „Zum Teufel mit dem Pfaffen!“ rief der Diener, der ſich dann raſch bekreuzte und beiſetzte—„ich habe nicht ſo reden wollen, Monſignore San Giacomo; vergib mir! Aber Eure Ereellenz“ denkt doch nicht daran, aus dem einzigen Kind eine Nonne machen zu wollen?“ „Und warum nicht?“ verſetzte Riccabocca traurig. „Was kann ich ihr in der Welt bieten? Iſt das Land des Fremdlings ein beſſerer Zufluchtsort für ſie, als die Hei⸗ math des Friedens in dem vaterländiſchen Klima?“ „In dem Land des Fremdlings ſchlägt das Herz ihres Vaters!“ „Und wenn dieſes Schlagen aufhörte— was dann? Ein Leben iſt übel daran, dem ein einziger Todesfall Alles rauben kann. In einem Kloſter— und der Einfluß des Gkiſtlichen kann ihr dieſes Aſyl ſichern unter ihres Gleichen und in der Mitte ihres Geſchlechtes— ſchützt ſie wenigſtens vor Verſuchung und Mangel bis zum Grabe.“ „Mangel? Ihr ſollt nur ſehen, wie reich wir ſeyn wer⸗ den, wenn wir auf Michaelis dieſe Felder pachten.“ „Pazzie!“(Thorheiten) entgegnete Riccaboeca ver⸗ ſtimmt.„Sind dieſe Sonnen heiterer, dieſe Felder frucht⸗ barer, als die unſrigen? Und doch ſagt in unſerer Heimath das Sprichwort: Wer den Acker anſät, erntet mehr Sorge, *Der Titel Ercellenz faßt in Italien nicht nothwendig einen hohen Rang in ſich, ſondern wird oft von den Dienern ihren Herren ertheilt. 342 als Getreide. Anders wäre es,“ fuhr der Vater nach einer Pauſe in unſchlüſſigerem Tone fort,„wenn ich auf ein kleines Vermögen bauen könnte, das mir eine unabhängige Stel⸗ lung ſicherte— ja, und wenn unter der ganzen Zunft meiner feinen Verwandten nur ein einziges Frauenzimmer wäre, das Violante begleiten möchte nach dem Herd des Vertrie⸗ benen. Jsmael hatte ſeine Hagar. Aber wie können zwei rauhbärtige Männer, wie wir, für die namenloſen Bedürf⸗ niſſe eines ſchwachen weiblichen Kindes Sorge tragen. Und ſie iſt ſo zart erzogen worden— das junge Mädchen bedarf der pflegenden Hand und des zärtlichen Auges einer Frau.“ „Und mit einem Worte,“ ſprach jetzt Schakeimo mit Entſchloſſenheit,„der Padrone fann ſeinem Kind Alles ver⸗ ſchaffen, was er braucht, um es Lor dem Grab eines Kloſters zu bewahren; und eh' das Herbſtlaub fällt, kann er es auf ſeinem Knie ſchaukeln. Padrone, glaubt nicht, daß es Euch gelingen wird, die Wahrheit vor mir zu verhehlen, daß Ihr Euer Kind mehr liebt, als Alles auf der Welt. Die Patria iſt jetzt ſo todt für Euch, wie die Aſche Eurer Väter, und das Herz würde Euch brechen, wenn Ihr Euch losreißen müßtet von dem Mädchen, um es einem Kloſter zu überant⸗ worten. Padrone, nie wieder ihre Stimme hören— nim⸗ mer zu ſehen ihr Antlitz! Gedenkt der kleinen Arme, die ſich um Euren Hals ſchlangen in jener dunkeln Nacht, als wir flüchteten, um Leben und Freiheit zu retten. Ihr ſagtet damals, als Ihr das ſanfte Anſchmiegen fühltet: Freund, Alles iſt noch nicht verloren'.“ „Giacomo!“ rief der Vater im Tone des Vorwurfs r c c— — li m ko iner ines Stel⸗ einer väre, trie⸗ zwei dürf⸗ Und edarf rau.“ o mit s ver⸗ oſters s auf Euch ß Ihr ßatria nd reißen ernt⸗ — nim⸗ die ſich ls wir ſagtet Freund, wurfs 343 und ſeine Stimme ſchien erſticken zu wollen. Er wandte ſich dann ab und ging mit langen, unregelmäßigen Schritten unruhig auf der Terraſſe hin und her, bis er endlich mit wilder Geberde ſeine Arme erhob und vor ſich hinmurmelte: „Ja, der Himmel iſt mein Zeuge, ich wollte Unglück und Verbannung ohne Murren ertragen haben, wenn es mir gegönnt geweſen wäre, in der Freinde dieſe junge Seele zur Genoſſin meiner Entbehrungen zu haben. Der Himmel iſt mein Zeuge, daß mein jetziges Zaudern nur darin ſeinen Grund hat, weil ich der Stimme meines ſelbſtſüchtigen Her⸗ zens kein Gehoͤr ſchenken will. Aber ſie nie— nie wieder zu ſehen— mein Kind! Und ich habe ſie nur als unmün⸗ diges Kind gekannt! O Freund— Freund—“ und er blieb mit einem Ausbruch nicht unterdruͤckbarer Erregung ſtehen, um ſein Haupt auf die Schulter ſeines Dieners zu ſenken— „Du weißt, was ich gelitten habe hier an meinem Herd ſo⸗ wohl, als in meinem Vaterlande— das Unrecht, die Treu⸗ loſigkeit, die— die—“ Abermals verſagte ihm die Stimme, und ſein ganzer Körper bebte, während er ſich an die Bruſt ſeines Dieners anklammerte. „Aber Euer Kind— das unſchuldige Weſen— denkt jetzt an nichts, als an dieſes!“ ſtotterte Giacomo, der ſein Schluchzen kaum zu unterdrücken vermochte. „Ja, nur an ſie,“ entgegnete der Verbannte, ſein Ant⸗ litz wieder erhebend—„nur an ſie. Laß alle Rückſicht auf mich bei Seite, Freund— rathe mir. Wenn ich Violante kommen laſſen wollte und wenn ſie, in dieſe rauhe Luft ver⸗ 344 pflanzt, hinwelkte und ſtürbe— ſieh, ſieh— der Prieſter ſagt, ſie bedürfe einer ſo ſorgfältigen Pflege! Oder wenn ich ſelbſt abgerufen würde von der Welt und ſie allein zurück⸗ laſſen müßte, freundlos, ohne Heimath, ohne Brod vielleicht, in einem Alter, wo das Weib am meiſten der Verſuchung ausgeſetzt iſt— müßte nicht ihr ganzes Leben ein einziger Klageruf ſeyn über die grauſame Selbſtſucht, welche ihrer kindlichen Unſchuld die Thore des Gotteshauſes verſchloß?“ Giacomo wurde beſtürzt ob dieſer Berufung— und in der That, nie zuvor hatte Riccabocca mit ſolcher Ehrerbie⸗ tung von einem Kloſter geſprochen. In den Stunden philb⸗ ſophiſcher Muße pflegte er ſonſt über Mönche und Nonnen, Pfaffenthum und Aberglauben zu ſpotten; aber jetzt, im Moment der Aufregung, behauptete die alte Religion ihre Rechte, und der zweifelſüchtige, weltkluge Mann ſprach und fühlte bei dem Gedanken an ſein Kind mit der Einfalt des Kinderglaubens. Zwanzigſtes Kapitel. „Ich muß wieder darauf zurückkommen,“ murmelte Schakeimo kaum hörbar nach einer langen Pauſe;„wenn der Padrone ſich entſchließen könnte— zu heirathen!“ Er erwartete, daß ſein Gebieter über dieſen Vorſchlag mit der gewohnten Entrüſtung losbrechen würde, und es wäre ihm nicht einmal unlieb geweſen, wenn in ſolcher Weiſe der Ideengang des Doctors in einen anderen Strom ein⸗ ſam nich eink gem derz vern nicht Dir ſagt ſter ich ick⸗ cht, ing ger rer 6?“ dein bie⸗ ild⸗ nen, im ihre und des nelte venn hlag d es Beiſe ein⸗ — 345 gebeugt hätte; aber der arme Italiener ſchlug nur leicht aus, entzog ſich ſanft dem unterſtützenden Arme ſeines Die⸗ ners und maß abermals mit ſeinen Schritten die Terraſſe, jetzt aber ſtill und ruhig. So verging eine Viertelſtunde. „Gib mir die Pfeife,“ ſagte endlich der Doctor und trat in das Belvedere. Schakeimo ſchlug nochmal Feuer und betete, wunder⸗ bar erleichtert durch den Umſtand, daß der Padrone zu ſei⸗ nem alten Tröſter zurückkehrte, im Geiſte zu ſeinem Schutz⸗ heiligen, er möchte den wohlthätigen Einflüſſen des Krautes eine doppelte Portion beruhigender Weisheit verleihen. ————————— Einundzwanzigſtes Kapitel. Doctor Riccabocca hatte ſich geraume Zeit in der Ein⸗ ſamkeit des Belvedere aufgehalten, als Lenny Fairfield, der nichts von der Anweſenheit ſeines Dienſtherrn wußte, her⸗ einkam, um ein geborgtes Buch der ihm ertheilten Weiſung gemäß nach dem Gebrauch an einer beſtimmten Stelle nie⸗ derzulegen. Als der Doctor den Fußtritt des Bauernknaben vernahm, blickte er auf. „Ich bitte Euer Ehren um Verzeihung— ich wußte nicht—“— „Schon gut. Leg das Buch hieher. Ich möchte mit Dir reden. Du ſiehſt gut aus, mein Kind. Die Luft hier ſagt Dir wohl eben ſo zu, wie die von Hazeldean?“ „O ja, Sir.“ t?“ „Aber der Platz liegt höher und iſt mehr ausgeſetz „Dies kann nicht wohl ſeyn, Sir“ verſetzte Lenny. „Es gibt hier viele Pflanzen, die bei dem Squire nicht ge⸗ veihen. Der Hügel dort hält den Oſtwind ab, und der Platz hat einen ſüdlichen Stand.“ „Lage, nicht Stand, Lenny. Von welchen Beſchwer⸗ den hört man hauptſächlich in dieſer Gegend?“ „Wie, Sir?“ „Welche Unpäßlichkeiten und Krankheiten vornehmlich hier herum vorkommen, meine ich.“ „Ich habe nie von etwas gehört, als von Flüſſen.“ „Von keinen Nervenfiebern— Auszehrungen?“ „Nie, Sir.“ Riecaborca athmete tief auf, Bruſt entnommen. „Die Familie in der Halle ſcheint ſehr gütig zu ſeyn?“ „ch will nichts gegen ſie ſagen,“ verſetzte Lenny derb. „Ich bin ungerecht behandelt worden; aber wie das Buch ſagt, Sir— nicht Jedermann kömmt mit einem ſilbernen Löffel im Mund auf die Welr.“ Der Doetor ließ ſich nicht einfallen, daß dieſes Sprüch⸗ lein ſehr bittere Betrachtungen zur Folge haben könnte, denn der Gegenſtand, welcher ihm vor Allem am Herzen lag, nahm ihn zu ſehr in Anſpruch, als daß er auf das Ueble hätte achten können, was im Innern des Knaben vorging. als ſey eine Laſt ſeiner „Ja, es iſt eine freundliche Familie mit ächt engliſcher Häuslichkeit. Haſt Du viel von Miß Hazeldean geſehen?“ „Nicht ſo viel, als von der Lady.“ ver Wi Mä gezi geb eben Haz Dal Dan 347 „Meinſt Du, ſie ſey im Dorf beliebt?“ „Miß Jemima? Ja. Sie thut nie Jemand ein Leides. Ihr kleiner Hund biß mich einmal— aber ſie verlangte nicht von mir, ich ſolle ihn um Verzeihung bitten— ſie bat mich um die meinige! Sie iſt eine recht hübſche junge Dame und auch recht geſprächig, wie die Mädchen ſagen. Und die Hochzeiten gehen nicht aus,“ fügte Lenny mit einem Lächeln bei,„wenn ſie in der Halle drunten iſt.“ „Oh!“ ſagte Riccabocca und fuhr nach einem langen Zug aus ſeiner Pfeife wieder fort.—„Haſt Du je geſehen, daß ſie mit kleinen Kindern ſpielte? Meinſt Du, ſie liebe die Kinder?“ „Herr Je, Sir, Ihr errathet doch Alles! Sie iſt nie ſo vergnügt, als wenn ſie mit den kleinen Kindern ſpielen kann.“ „Hum!“ brummte Riccabveca.„Mit kleinen Kindern — nun, das iſt mädchenhaft. Ich meine aber nicht gerade Wickelkinder, ſondern Kinder, wenn ſie älter ſind— kleine Mädchen.“ „Oh ich glaube dies wohl, Sir, aber,“ ſagte Lenny geziert,„ich habe mich nie mit den kleinen Mädchen abge⸗ geben.“ „Ganz recht, Lenny; ſey nur in Deinem übrigen Leben eben ſo verſtändig. Mrs. Dale iſt ſehr vertraut mit Miß Hazeldean— mehr als mit der Frau des Squire. Kannſt Du Dir nicht den Grund davon denken?“ „Wohl, Sir,“entgegnete Leonhard verſchmitzt.„Mrs. Dale hat ihre kleinen Launen, obſchon ſie eine ſehr gute Dame iſt, und Madam Hazeldean iſt etwas hoch und hat 348 einen Geiſt. Miß Jemima aber iſt ſo ſanft, und Jedermann kann mit ihr gut auskommen, wie Jve und die Bedienten in der Halle ſagen.“ „Wirklich? Hol' mir meinen Hut aus dem Wohnzim⸗ mer und— ja, bring auch eine Kleiderbürſte mit, Lenny. Ein ſchöner, ſonniger Tag für einen Spaziergang.“ Nach dieſer höchſt gemeinen und unehrenhaften Erkun⸗ digung über den Charakter und Ruf der Miß Hazeldean ſchien Signor Riccabocca ſo aufgeheitert und ſchwunghaft zu ſeyn, als hätte er eine ſehr edle That begangen, und ſchlug den Weg nach der Halle mit weit leichteren und leb⸗ hafteren Schritten ein, als die waren, mit welchen er vorhin die Terraſſe gemeſſen hatte. „Monſignore San Giacomo, durch deine und der Pfeife Beihilfe wird der Padrone wieder zu ſeinem Kind kommen!“ murmelte der Diener, welcher ihm vom Garten aus nachſah. ——————————— Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Dennoch übereilte ſich Riccabocca nicht. Wer ſich das Maß nehmen läßt zu ſeinem Hochzeitkleid, muß dem Schnei⸗ der Zeit gönnen⸗ damit es gut paſſe. Aber von dieſem Tag an trat in dem Benehmen des Doctors gegen Miß Hazel⸗ dean eine auffallende Veränderung ein. Er machte nicht mehr die Unzahl von Complimenten, welchen man vornweg anſehen konnte, daß teine Bedeutung dahinter liege, denn ihm ſchien in der That ein Compliment im Munde eines unvet die d tenfiſ Berei mehr Dam zu ve einlat ihre( Flosk getret undz hier Schat Bekar unden bier 1 war 2 jedenf Geſch Miß aucht (wie e los g überge Hand vollkor ehelich n das ei⸗ ag zel⸗ icht weg enn ines 349 unverheiratheten Gentleman keine andere Bedeutung, als die der ſchwarzen Flüſſigkeit zu haben, mit welcher der Tin⸗ tenfiſch das Waſſer trüb macht, um unbemerkt aus dem Bereiche ſeines Feindes zu kommen. Auch wich er nicht mehr, wie früher, einer längeren Unterhaltung mit dieſer Dame aus, und ebenſo wenig ſuchte er jene Gelegenheiten zu vermeiden, die ihn zu einem Einzelnſpaziergang mit ihr einladen konnten. Im Gegentheil zeigte er ſich jetzt ſehr um ihre Geſellſchaft bemüht, und an die Stelle der galanten Floskeln war einigermaßen der ernſte Ton der Freundſchaft getreten. Sein Geiſt ließ ſich herab, den ihrigen auszuholen und zu prüfen. Der Leſer entſchuldige mich, wenn ich mich hier eines Bildes aus der Schenke bediene: er blies den Schaum weg, welcher ſich auf der Oberfläche einer bloſen Bekanntſchaft namentlich vom anderen Geſchlecht aufwirft und während ſeines Vorhandenſeyns kaum geſtattet, Dünn⸗ bier von dem Doppel X zu unterſcheiden. Augenſcheinlich war Doctor Riccabveca mit ſeiner Forſchung zufrieden— jedenfalls zeigte ſich unter dieſem Schaume kein bitterer Geſchmack. Wenn er auch vielleicht keinen tiefen Geiſt bei Miß Jemima fand, machte er doch die Entdeckung, wenn auch verſtrickt in manche kleine Launen und Schwächen, die (wie er wohl wahrnahm) auch bei ihrem Fortbeſtand harm⸗ los genug, jedenfalls aber nicht ſo in Fleiſch und Blut übergegangen waren, daß ſich nicht durch eine liebevolle Hand ihre Beſeitigung hoffen ließ— beſitze Miß Hazeldean vollkommen genug Verſtand, um die einfachen Pflichten des ehelichen Lebens zu begreifen; oder wenn es auch hierin ein 35⁰ wenig fehlte, ſo leiſteten die Grundſätze einer guten eng⸗ liſchen Familienerziehung und der Inſtinkt eines liebenswür⸗ digen und liebevollen Gemüths hinreichenden Erſatz. Ich weiß nicht wie es kömmt, aber ſehr geſcheidten Män⸗ nern ſcheint nie ſo angelegentlich viel an einem hohen Geiſt bei ihren Lebensgefährtinnen zu liegen, als dies wohl bei minder begabten Sterblichen der Fall iſt. Gelehrte, Dich⸗ ter und Staatsmänner ſind weit öfter, als nicht, mit recht hausbackenen Frauen begabt und ſcheinen ſie um ihrer Män⸗ gel willen ſogar noch mehr zu lieben. Wie glücklich lebte nicht Racine mit ſeiner Frau; welchen Engel glaubte er in ihr zu beſitzen, und doch hatte ſie nie eines ſeiner Trauer⸗ ſpiele geleſen. Gewiß behelligte Göthe die Dame, welche ihn mit„Herr geheimer Rath“ anredete, nie mit Grillen über„Monaden“, mit Spekulationen über die„Farben“, oder mit jenen ſteifen metaphyſiſchen Problemen, über denen man im zweiten Theil des Fauſt die Beine bricht. Ich denke mir, ſolche große Geiſter wiſſen, daß in Vergleichung mit ihnen ein geringer Unterſchied ſtattfindet zwiſchen der ge⸗ ſcheidten und hausbackenen Frau, in ihrem Auge verſchmel⸗ zen ſich alle die kleinen Unterſchiede, und indem ſie alle doch ſtets unbefriedigend bleibenden Verſuche aufgeben, für den Ernſt ihres geiſtigen Schaffens eine entſprechende Sympathie heranzubilden, geben ſie ſich vollkommen zufrieden mit dem Bande, das am Ende am beſten aushält— ich meine das feſte heimiſche Band, das ein Menſchenherz mit dem anderen verknüpft. Ich vermuthe, daß dies auch die Gedankenkette war, welch nach hinm Deut geben Es le um d gel b Schl war, nen, ſorgſe Rice fältig den K tiſcher nun a metap In le trager Kopf fort ki liche( ein P eng⸗ vür⸗ än⸗ Heiſt l bei ich⸗ recht Nän⸗ lebte erin auer⸗ eche rillen ben“, denen denke mit r ge⸗ hmel⸗ doch rden athie tdem edas deren war, 351 welche Doctor Riccaborca verfolgte, als er eines Morgens nach einem langen Spaziergang mit Miß Hazeldean vor ſich hinmurmelte:— „Duro con duro Non face mai buon muro.“ Deutſch können wir dieſe Betrachtung mit den Worten geben,„Ziegel ohne Mörtel geben eine ſchlechte Mauer“. Es lag vollkommen genug in Miß Jemima's Gemüthsart, um dieſelbe zum trefflichen Mörtel zu machen, und die Zie⸗ gel bezog der Doctor auf ſich. Nachdem unſer Philoſoph mit ſeiner Prüfung zum Schluß gekommen, gab er das Reſultat, zu dem er gelangt war, ſymboliſch in einer ſehr einfachen Handlung zu erken⸗ nen, über deren Bedeutung einen Zeugen ſicherlich nur ein ſorgſames Nachdenken aufzuklären vermocht hätte. Doctor Riccabocca nahm ſeine Brille ab! Ex putzte ſie ſorg⸗ fältig, ſteckte ſie in das Fiſchhautfutteral und ſchloß ſie in den Kaſten ein: das heißt, er gab das Brillentragen auf. Man wird einſehen, daß in der Bedeutung dieſes kri⸗ tiſchen Symptoms eine wundervolle Tiefe lag, mag man es nun als ein äußeres, poſitives und beſtimmtes, oder als ein metaphyſiſches, myſtiſches und eſoteriſches Zeichen betrachten. In letzterer Hinſicht dentete es an, das Geſchäft des Brillen⸗ agens ſey vorüber; denn wenn ein Philoſoph ſich in den Kopf geſetzt hat, zu heirathen, ſo iſt es beſſer, er ſey hin⸗ fort kurzſichtig, ja ſogar etwas blind, als daß er das häus⸗ liche Glück, dem er ſich zu vertrauen Luſt zeigt, ſtets durch ein Paar kalter, unilluſoriſcher Brillengläſer zergliedere. 352 Und was die Dinge außerhalb des Herdes betrifft, wenn er nicht ohne Brille ſehen kann, iſt er nicht in Begriff, für ſein eigenes mangelhaftes Geſicht ein gutes ſcharfes Paar Augen zu Compagnonen zu gewinnen, die ſtets hell auf⸗ ſchauen, wo ſich's um ſeine Intereſſen handelt? Andererſeits vom Standpunkt des Poſitiven, Categoriſchen und Be⸗ ſtimmten betrachtet, bekundete Doctor Riccabocca durch Ablegung der Brille, daß es ihm beim Beginn ſeiner Freierei, nach dem Beiſpiele eines jeden Mannes, mag er nun Phi⸗ loſoph ſeyn oder nicht, darum zu thun war, ſo jung und ſchön auszuſehen, als Zeit und Natur es geſtatten. Ver⸗ geblich müht man ſich, der ſanften Sprache der Augen durch das Mittel jener gläſernen Dolmetſcher den gehörigen Nach⸗ vruck zu geben. Begegnete es mir doch einmal ſelbſt, als ich in Adelaide auf Beſuch war, daß ich ſehr Gefahr lief, mich in eine junge Dame zu verlieben, die mit ihrer Hand auch über ein ſchönes Vermögen zu verfügen hatte; da zog ſie aber plötzlich aus ihrem Strickbeutel ein ſehr hübſches Paar von Nummer 4, in Schildkrott gefaßt, hervor und ließ den Gorgonenblick derſelben auf mich fallen, ſo daß der erſtaunte Cupido plötzlich in Stein verwandelt wurde. Und ich halte es für einen ſtarken Beweis von Riccabocca's Weisheit und ſeiner umfaſſenden Menſchenkenntniß, daß er ſich nicht über die Berückſichtigung deſſen erhaben fühlte, was unſere Pſeudoweiſen als Lafferei und lächerliche Klei⸗ nigkeit betrachten. Jedenfalls war es eine nicht üble Vor⸗ bedeutung für jenes Glück, welches unſeres Daſeyns Ziel und Ende iſt, daß er, als er ſich herabließ, den Liebhaber ————— 2————— zu ſp Rieg mant ſchön er ei klar ſchier ſehen und unſer war, eine als d ein 2 ein G mim weit ziehe ſeyn B enn et 5 ii Paar l auf⸗ erſeits d Be⸗ durch eierei, Phi⸗ ig und Ver⸗ durch Nach⸗ ſt, als Hand da zog übſches or und aß der Und bocca's daß er e Klei⸗ e Vor⸗ ns Ziel bhaber 353 zu ſpielen, die unziemlichen Verſteinerer unter Schloß und Riegel legte. Und nun die Brille bei Seite geſchafft war, konnte Nie⸗ mand mehr in Abrede ziehen, daß der Italiener merkwürdig ſchöne Augen beſaß. Sogar durch die Gläſer, oder wenn er ein wenig über denſelben wegſchaute, waren ſie immer klar und ausdrucksvoll; aber ohne dieſe Bundesgenoſſen er⸗ ſchien ihr Glanz ſanfter und weicher: ſie hatten das Aus⸗ ſehen, das die Franzoſen velouté oder ſammtartig nennen, und er ſelbſt ſchien um zehn Jahre jünger zu ſeyn. Wenn unſer Ulyſſes, der alſo durch ſeine Minerva verjüngt worden war, ſich nicht ganz entſchließen kann, aus Miß Jemima eine Penelope zu machen, ſo will ich weiter nichts ſagen, als daß er ſchlimmer iſt, denn Polyphemus, der doch nur ein Anthropophag war.— Er erſieht zur Beute das ſchwächere Geſchlecht und iſt ein Gynopophagit! ————— Dreiundzwanzigſtes Kapitel. „Und Ihr beauftragt mich alſo, mit unſerer lieben Je⸗ mima zu ſprechen?“ ſagte Mrs. Dale ſcherzend. Doctor Riccabocca.—„Nicht doch; ehe wir ſo weit ſind, dürfte es doch paſſend ſeyn, Erkundigung einzu⸗ ziehen, in wie weit meine Werbung der Familie genehm ſeyn möchte.“ Mrs. Dale.—„Ah!“ Bulwer, meine Novelle. 23 354 Doctor Riccabveca.—„Der Squire iſt natürlich das Haupt der Familie.“ Mrs. Dale, zerſtreut.—„Der Squire— ja, ſehr wahr— ganz in der Ordnung.“(Dann aufſchauend und mit Naivetät.)—„Könnt Ihr's wohl glauben— an den Squire habe ich gar nie gedacht. Er iſt ein eigener Mann und hat ſo viele engliſche Vorurtheile, daß in der That— du mein Himmel, wie ärgerlich, daß es mir nie einfiel, Mr. Hazeldean könne auch ein Wort zu der Sache zu ſprechen haben! Freilich iſt auch die Verwandtſchaft ſo entfernt— durchaus keine Beziehung wie die eines Vaters. Und Je⸗ mima iſt volljährig und kann handeln, wie ſie will. Aber, wie Ihr ſagt, es iſt ganz in der Ordnung, daß man ihn als das Familienhaupt um Rath frage.“ Doctor Riccabocca.—„Und glaubt Ihr, der Squire von Hazeldean könne etwas gegen die Verbindung einzuwenden haben? Pah! Dies iſt in der That ein beher⸗ zigenswerthes Wort. Ich meine, er wird wohl viel Ver⸗ nünftiges vorzubringen haben gegen die Verehelichung ſei⸗ ner Couſine mit einem Ausländer, von dem er nichts wiſſen kann, als daß ein Makel auf ihm haftet, der nirgends em⸗ pfiehlt, in England aber, wie ich höre, als wirkliches Ver⸗ brechen gilt— die Armuth.“ Mrs. Dale, freundlich.—„Ihr beurtheilt uns arme Engländer falſch und thut namentlich dem Squire, den der Himmel ſegnen möge, großes Unrecht; denn wir waren arm genug, als er unter hundert anderen meinen Gatten aus⸗ las und ihn zum Pfarrer dieſes Kirchſpiels, zu ſeinem — Nach reden aber mein Ihr unter glaul nahm fühlte nicht nicht uns d erfind wiſſer einzig Kind die U mir i nichts unden läßt, pasſ türlich „eſehr d und n den Mann hat— einfiel, rechen rnt— nd Je⸗ Aber, an ihn der indung beher⸗ l Ver⸗ ng ſei⸗ wiſſen ds em⸗ s Ver⸗ s arme den der nam n aus⸗ ſeinem Nachbar und Freunde machte. Ich will furchtlos mit ihm reden—“ Doctor Riccabocca.—„Und offen. Nun ich mich aber dieſes Wortes bedient habe, erlaubt Ihr mir wohl, meine ſchöne Freundin, in dem Bekenntniß fortzufahren, das Ihr durch Eure wohlwollende Bereitwilligkeit ein wenig unterbrochen habt. Ich ſagte, als ich mich erkühnte, zu glauben, daß meine Aufmerkſamkeiten eine günſtige Auf⸗ nahme finden konnten bei Miß Hazeldean und der Familie, fühlte ich zu ſehr ihre liebenswürdigen Eigenſchaften, um nicht— um nicht—“ Mrs. Dale, mit ſchalkhafter Geſetztheit.—„Um nicht der glücklichſte der Männer zu ſeyn— ſo lautet bei uns die gewöhnliche Phraſe, Doctor.“ Riccabocca, galant.—„Ich wüßte keine beſſere zu erfinden. Aber“— fuhr er ernſt fort—„man muß zuvor wiſſen, daß ich— ſchon einmal verheirathet war.“ Mrs. Dale, erſtaunt.—„Schon verheirathet!“ Riccabocca.—„Und daß ich ein Kind habe— ein einziges Kind, das mir unausſprechlich theuer iſt. Dieſes Kind, meine Tochter, hat bisher in der Ferne gelebt, und die Umſtände machen es wünſchenswerth, daß ſie fortan bei mir ihre Heimath habe. Und ich geſtehe Euch offen, daß nichts mir eine ſolche Zuneigung zu Miß Hazeldean einfloßte und mich die Verbindung mit ihr ſo angelegentlich wünſchen läßt, als der Glaube, ſie habe ein Herz und ein Gemüth, pas ſie zu einer liebevollen Mutter für meine Kleine mache.“ 23* Mrs. Dale, mit Gefühl und Wärme.—„Ihr beur⸗ theilt ſie hierin ganz richtig.“ Riccabocca.—„Nun habe ich aber in pecuniärer Hinſicht, wie Ihr wohl aus meiner Lebensweiſe ſchon ent⸗ nehmen könnt, Miß Hazeldean nichts zu bieten, das ihrem Vermögen— welche Bewandtniß es damit haben mag— entſpräche.“ Mrs. Dale.—„Dieſe Schwierigkeit läßt ſich leicht dadurch beſeitigen, daß, wie es in ſolchen Fällen gewöhnlich iſt, das Vermögen ihr zugeſchrieben bleibt.“ Doctor Riccabveca's Geſicht verlängerte ſich.„Und mein Kind?“ ſagte er mit Gefühl. In dieſem Ausruf lag etwas, ſo fremd jeder ſchmutzigen oder blos gelogierigen Abſicht, daß Mrs. Dale nicht den Muth fand, ihm die ſehr vernünftige Vorſtellung entgegenzuhalten, daß das Kind nicht Jemima's ſey und Letztere wohl eigene Kinder bekom⸗ men könne. Sie war gerührt und erwiederte zögernd:—„Aber von dem, was Ihr mit Jemima gemeinſchaftlich beſitzt, könnt Ihr ja jährlich etwas erſparen und zu Gunſten dieſes Kindes Euer Leben verſichern laſſen. Wir hielten es eben ſo, als unſer Kind, das jetzt im Himmel iſt, geboren wurde“ — die Thränen ſtürzten in Mrs. Dale's Augen—„und ich fürchte, daß Charles noch immer um meinetwillen in die Verſicherungsbank zahlt, obſchon Gott weiß, daß— daß—“ Ihre Thränen ſtrömten reichlicher. Das kleine Herz, ſo ungeſtüm und eigenſinnig es auch bisweilen war, hatte keine Faſer von dem elaſtiſchen Muskelgewebe, mit welchem „ ſo w ſind. verſic dem er der kein S geme laſſen nach einen ſpruck ſäumt ſucher zuthe einer „Du erfreu dete; bocca Mr. wöhn es köt der m haben terlaſſ Farbe eur⸗ ärer ent⸗ rem — icht lich Und lag gen ehr ind m⸗ ber tzt, ſes en nd die 4 rz, tte m 357 ſo weislich die Herzen der prädeſtinirten Wittwen begabt ſind. Doctor Riccabocca konnte das Thema über Lebens⸗ verſicherungen nicht weiter verfolgen; aber der Gedanke, der dem Italiener früher nie zu Sinne gekommen war, obſchon er dem Engländer, der außer einem jährlichen Einkommen kein Vermögen beſitzt, geläufig genug iſt— gefiel ihm un⸗ gemein wohl. Ich muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, zu ſagen, daß eine ſolche Einrichtung weit mehr nach ſeinem Sinne war, als wenn er für ſich und ſein Kind einen Theil von Miß Hazeldean's Morgengabe hätte in An⸗ ſpruch nehmen ſollen. Bald nachher verabſchiedete er ſich, und Mrs. Dale ſäumte nicht, ihren Gatten in ſeinem Studirſtübchen aufzu⸗ ſuchen, um ihm den Erfolg ihres Verheirathungsplanes mit⸗ zutheilen, namentlich aber ihn über die Wahrſcheinlichkeit einer Zuſtimmung von Seiten des Squire zu befragen. „Du ſiehſt wohl,“ ſagte ſie zaudernd,„daß der Sauire zwar erfreut wäre, wenn ſich ein Engländer um Miß Jemima mel⸗ dete; wenn er aber fragt, wer und was dieſer Dortor Ricca⸗ bocca ſey, wie ſoll ich ihm antworten?“ „Dies hätteſt Du vorher bedenken ſollen,“ verſetzte Mr. Dale mit einer Schärfe, die man an ihm nicht ge⸗ wöhnt war;„und in der That, wenn ich je geglaubt hätte, es könne etwas Ernſtes herauskommen bei einem Handel, der mir ſo ungereimt ſchien, ſo würde ich Dich längſt erſucht haben, jede Einmengung in ſolche Angelegenheiten zu un⸗ terlaſſen. Gütiger Himmel!“ fuhr der Pfarrer fort und die Farbe ſeines Geſichtes wechſelte,„wenn wir ſo zu ſagen 358 unter der Hand mitgeholfen hätten, in die Familie eines Mannes, dem wir ſo viel verdanken, eine Perſon einzu⸗ ſchwärzen, die ihm mißſiele! Wie ſchnöde— wie undankbar wäre dies nicht von uns!“ Die arme Mrs. Dale erſchrack ſehr über dieſe Sprache und noch mehr ob der Beſtürzung und dem Unwillen ihres Gatten. Wir müſſen's ihr zur Ehre nachrühmen, daß ihre leinen Launen ſtets verſchwanden und ſie ſo ſanft wie ein Lamm wurde, wenn ſie ihren milden Ehegenoſſen entweder bekümmert oder gekränkt ſah. Sobald ſie ſich jedoch von der erſten Erſchütterung erholt hatte, zögette ſie nicht, die Beſorgniſſe des Pfarrers zu zerſtreuen, indem ſie ihm die Verſicherung gab, ſie ſey überzeugt, der Italiener werde, wenn der Squire ſeine Bewerbung mißbillige, unverweilt und in einer Weiſe zurücktreten, daß Miß Hazeldean nicht einmal etwas von ſeinen Abſichten erfahre. Dieſe beruhigende Erklärung ſtand im Einklang mit der guten Meinung, die der Pfarrer von der ſtrengen Ehren⸗ haftigkeit des Doctors unterhielt, und diente vollkommen dazu, den guten Mann zufrieden zu ſtellen. Meine ſchönen Leſerinnen deuten es ihm vielleicht übel, daß es ihm nicht Beſorgniſſe einflößte, Miß Jemima's Neigung könnte bereits unwiderruflich gefeſſelt ſeyn und durch eine abſchlägige Er⸗ wiederung des Squire ihr ganzes Lebensglück gefährdet wer⸗ den; aber wir müſſen den armen Pfarrer damit entſchul⸗ digen, daß es ihm nicht an einem theilnehmenden Herzen⸗ wohl aber an Erfahrung beim weiblichen Geſchlecht gebrach und er ſich deshalb der ſehr irrthümlichen Meinung hingab, nes zu⸗ bar iche res ihre ein eder von die die rde, veilt nicht mit hren⸗ umen önen nicht reits e Er⸗ wer⸗ ſchul⸗ erzen, brach ngab, — 359 Miß Jemima Hazeldean ſey nicht die Perſon, auf welche eine derartige zerſtörte Hoffnung einen bleibenden Eindruck machen werde. Nach einer Pauſe des Nachdenkens entgeg⸗ nete er daher freundlich:— „Schon gut; laß Dich's nicht weiter anfechten, denn ich verdiene eben ſo gut Tadel, als Du. Freilich hätte ich es für leichter gehalten, der Squire könne eine jener hohen Cedern in ſeinen Küchengärten verpflanzen, als daß es Dir gelingen würde, den Doctor Riccabveca zum Eheſtand zu verlocken. Einem Manne aber, der um des Verſuchs willen ſich freiwillig in den Gemeindeſtock ſperren kann, iſt Alles zuzutrauen. Doch ich denke, es iſt beſſer, wenn ich ſelbſt mit dem Squire Rückſprache nehme, als wenn Du es thuſt, und will mich daher unverweilt auf den Weg machen.“ ——— Vierundzwanzigſtes Kapitel. Der Pfarrer ſetzte ſeinen Dreiſpitz auf, welcher— neben andern eigenthümlich clericaliſchen Anzugsartikeln, die ſchon damals bei Kirchendienern aus der Mode zu kommen anfingen— dazu gedient hatte, ihm insbeſondere den würde⸗ vollen aber veralteten Styl und Beinamen eines„Paſtors“ zu verleihen, und ſchlug die Richtung geradewegs nach der Hausmeierei ein, wo er den Squire zu finden hoffte. Kaum war er jedoch auf dem Dorfraſen angelangt, als er des Mr. Hazeldean anſichtig wurde, welcher, beide Hände auf ſein Rohr geſtützt, angelegentlich den Gemeindeſtock betrachtete. 360 Ich bedaure, berichten zu müſſen, daß ſeit der Hegyra Lenny's und ſeiner Mutter der revolutionäre und ſtockfeind⸗ liche Geiſt, welchen die denkwürdige Predigt unſeres Pfar⸗ rers für eine Weile beſchwichtigt hatte, in Hazeldean wieder auf's Neue rumorte. Zwar hatte man Lenny, ſo lange man ihn verhöhnen und verſpotten konnte, durchaus kein Mitleid zu Theil werden laſſen; aber kaum war er von dem Schauplatz ſeiner Leiden abgetreten, als ſich mit einemmale eine allgemeine Theilnahme für ihn kund gab wegen der barbariſchen Behandlung, die er erfahren— mit einem Worte, man bemerkte jetzt die ſogenannte„Reaktion der öffentlichen Meinung.“ Nicht daß die Spötter und Höhner ihre ſchlechten Späſſe bereut oder dieſelben auch nur im mindeſten als die Urſache jener Erpatriation betrachtet hät⸗ ten— nein; ſie und alle anderen Dorfbewohner ſchoben die ganze Schuld auf die Stöcke. Unmöglich konnte man erwar⸗ ten, daß ein Knabe von ſo muſterhaftem Charakter ſich in dieſen Ort der Schmach ſtecken ließ, ohne den Schimpf tief zu empfinden. Und wer im Dorfe war noch ſicher, wenn man ſolche Dinge ſtillſchweigend und auf Koſten des beſten und ruhigſten Knaben, den das Dorf je beſeſſen, ſich gefallen ließ? So wurden denn einige Tage nach dem Abzug der Wittwe die Stöcke abermals ein Gegenſtand mitternächt⸗ licher Entweihung. Man hatte ſie mit Koth beſudelt und beklekst, mit Aerten daran herumgehauen und aller Orten Bemerkungen angeſchrieben, die bald Mitleid mit Lenny, bald lakoniſche Verwünſchungen über die Tyrannen ausdrück⸗ ten. Mit jeder Nacht erſchienen neue Inſchriften, welche % — Pr ſel die Fe M gel Se wa geh ter Mr däck hert ihn Sp beu Ein men gele Dar müſſ Schl Stir eiger ſoner kömn von hra nd⸗ ar⸗ der nge ein em ale der tem der ner im ät⸗ die ar⸗ in tief enn ſten llen der cht⸗ und ten ny, ück⸗ lche 364 Proben abgaben von dem farkaſtiſchen Witz und ber feind⸗ ſeligen Geſinnung der Dorfgemeinde. Und vielleicht blieben die Stöcke von der gänzlichen Zerſtörung durch Beil und Feuer nur um deswillen bewahrt, weil ſie der Bosheit der Mißvergnügten eine ſo gute Gelegenheit zu beliebiger Kund⸗ gebung lieferten; ſie wurden der Pasquin von Hazeldean. Da eine mißvergnügte Stimmung naturgemäß auf Seiten der Obrigkeit einen größeren Eifer zur Folge hat, ſo war auch letzter Zeit in Hazeldean die Polizei weit ſtrenger gehandhabt worden, als man dies unter dem milden Seep⸗ ter des Squire und ſeiner Vorgänger gewöhnt geweſen. Mr. Stirn hatte natürlich ein wachſames Auge auf die ver⸗ dächtigen Perſonen und berichtete über ſie bei ſeinem Brod⸗ herrn, welcher, zu ſtolz oder zu empfindlich berührt, um ihnen offen ihren Undank vorzuhalten, Anfangs auf den Spazierplätzen nur mit einer ſtummen und ſteifen Kopfver⸗ beugung an ihnen vorüberging, bis ſpäter des Vogts giftiger Einfluß allmälig ſo viel über ihn gewann, daß er zu brum⸗ men anfing,„er ſehe nicht ein, warum er ſich's immer an⸗ gelegen ſeyn laſſen ſolle, Leuten, von welchen er ſolchen Dank ernte, Dienſte oder Wohlthaten zu erweiſen; man müſſe einen Unterſchied machen zwiſchen den Rechten und Schlechten“. Durch dieſe Einräumung ermuthigt, übte Mr. Stirn mit der ehernen Fauſt, welche ſeinem Charakter eigenthümlich war, Gerechtigkeit gegen die verdächtigen Per⸗ ſonen und ihre ganze Sippſchaft. Einigen wurden die her⸗ fömmlichen Milchgaben aus der Sennerei und Schenkungen von Gemüſe aus den Gärten ſauertöpfiſch gekündigt, und 362 an andere erging das Bedeuten, daß ihre Schweine gegen das Verbot fortwährend in die Wälder liefen, um die Eicheln aufzuſuchen, oder daß ſie ſich durch Halten von Jagdhunden gegen die Forſtgeſetze verfehlten. Ein von der Nachbar⸗ ſchaft viel beſuchtes Bierhaus, in welchem ſich letzter Zeit namentlich die Unzufriedenen einzufinden pflegten— kein Wunder, da das Räſonniren Durſt macht— wurde mit der Drohung geängſtigt, daß man die Behörden um Zurück⸗ nahme der Wirthſchaftsbefugniß angehen werde. An einige alte Weiber, deren Enkel offenkundige Gegner der Stöcke waren, erließ man das Verbot, in den Alleen kein dürres Reis mehr ſammeln zu dürfen, unter dem Vorwande, daß ſie auch grüne Aeſte abbrächen; und was für die jugend⸗ lichen Gemeindegenoſſen weit anſtößiger war als jede andere Vergeltungsmaßregel— drei Kaſtanienbäume, ein Wallnußbaum und zwei Kirſchenbäume, die am Ende des Parks ſtanden und ſeit unfürdenklichen Zeiten ſtets von der Hazeldeaner Knabenwelt geleert werden durften, ſollten fortan feierlich als„Privateigenthum“ ſich des vollen Schutzes der Geſetze zu erfreuen haben. Der Ausrufer mußte ver⸗ kündigen, daß fortan jede Plünderung der Fruchtbäume in Copſe Hollow mit unnachſichtlicher Strenge beſtraft werden würde. Stirn empfahl ſogar noch nachdrücklichere Maß⸗ regeln, als die bereits erwähnten Kundgebungen eines vor⸗ angegangenen Politikwechſels waren, und meinte damit das Kirchſpiel bald zur Beſinnung zu bringen; namentlich trug er darauf an, die vielen kleinen nutzloſen Arbeiten einſtellen zu laſſen, welche ſo viele unbeſchäftigte Hände von —— 1* H rei ſo ar ſo der Ko ſtet die her reiz Taſ es n Erf weit hatt gehe und ihret weiß Argr als i untet Stöc mit e Galg en n en r⸗ in er ge cke aß 363 Hazeldean in Anſpruch nahmen. Da jedoch dies in den Be⸗ reich und unter den milderen Einfluß der gnädigen Frau ſiel, ſo zeigte ſich doch der Squire zu einem Eingehen auf der⸗ artige Anſinnen nicht hinreichend verhärtet. Ueberhaupt, ſo oft ſich's um eine Frage handelte, die abſolute Quantität der Laibe betreffend, welche von den undankbaren, auf ſeine Koſten zehrenden Mäulern verbraucht werden ſollten, brach ſtets die Milch des menſchlichen Wohlwollens, mit welcher die Vorſehung unſeren Squire nicht ſpärlich bedacht hatte, hervor und ſchwemmte allen Zorn des härteren Adam hinweg. Indeß iſt die Politik der halben Maßregeln, welche reizt, ohne ſeine Opfer zu zertreten, und mit dem ſeidenen Taſchentuch nach dem aufgeſtörten Wespenneſt ſchlägt, ſtatt es mit Pulver und Zündfaden zu zerſtören, ſelten von gutem Erfolg, und nachdem drei oder vier andere Perſonen, die weit ſchuldiger waren, als Lenny, in den Stöcken gebüßt hatten, war das Kirchſpiel von Hazeldean reif für jede Un⸗ geheuerlichkeit. Giftige jacobiniſche Tractätlein, ausgeheckt und gedruckt in den Schundgruben der Fabrikſtände, fanden ihren Weg nach dem populären Bierhaus— der Himmel weiß, wie? obgleich, mit Ausnahme Stirn's, der ſeinen Argwohn auf die Papiſten warf, Jedermann den Keſſelflicker als ihren Verbreiter im Verdacht hatte. Und endlich erſchien unter den anderen graphiſchen Verſchönerungen, welche den Stöcken zu Theil wurden, der rohe Umriß eines Gentleman mit einem breitrandigen Hut und Stulpſtiefeln, der an einem Galgen hing. Darunter las man die Worte:„Eine —— 2 — F 364 Warning vier ale Diranen— nehmd eire Gepf in 8!— underſeichned Gabidän stroh.“ Dieſes bedeutungsvolle ſinnbildliche Porträt war es, was der Squire eben betrachtete, als ſich der Pfarrer ihm anſchloß. „Schön, Pfarrer,“ begann Mr. Hazeldean mit einem Lächeln, das leicht und ſcherzend ſeyn ſollte, in der That aber recht grimmig und bitter war,„ich wünſche Euch Glück zu Eurer Heerde. Ihr ſeht, ſie hat mich da in efligie aufgehängt.“ Der Pfarrer machte große Augen und entſetzte ſich nicht wenig, unterdrückte aber ſeine Aufregung und ver⸗ ſuchte mit der Weisheit der Schlange und der Einfalt der Taube ein anderes Original für die Zeichnung zu finden. „'s iſt freilich arg,“ bemerkte er,„aber doch nicht ſo gar arg, wie Ihr's macht, Squire; denn dies iſt nicht die Form Eures Hutes. Augenſcheinlich ſoll das Bild den Mr. Stirn vorſtellen.“ „Meint Ihr?“ verſetzte der Squire etwas beſänftigt. „Aber die Stulpenſtiefel— Stirn trägt nie Stulpenſtiefel.“ „Auch Ihr nicht— wenn Ihr nicht etwa auf die Jagd geht. Und bei näherer Vetrachtung finde ich, daß dies keine Stulpen ſind, ſondern Gamaſchen— Stirn trägt Ga⸗ maſchen. Außerdem iſt der Schnörkel, welcher die Naſe vorſtellen ſoll, eine Art Hacken, wie Stirn's Naſe, während die Eurige, ohne gerade eine Mopsnaſe zu ſeyn, ſich ein wenig aufwärts dreht, wie die des Apollo an der Gypsbüſte in Riccabveca's Wohnzimmer.“ in mi iſt die eir jet W N Pr ha die au aus ton ſeh Ha mei Ra frie ſo! es, hm tem hat uch igie 8 ſich ver⸗ der „ t ſo t die Mr. fel.“ Jagd keine Ga⸗ Naſe rend h ein büſte 365 „Der arme Stirn!“ ſagte der Squire in einem Tone, in welchem ſich Selbſtgefälligkeit, mit einigem Mitleid ge⸗ miſcht, kundgab.„Dies iſt der Weltdank, wenn man eifrig iſt in ſeinem Dienſt und treulich ſeine Pflicht erfüllt gegen die Herrſchaft. Ihr ſeht übrigens, daß die Dinge ſich zu einer ſeltſamen Höhe geſteigert haben, und es frägt ſich jetzt, was zu thun iſt. Bisher haben die Elenden aller Wachſamkeit Trotz geboten, und Stirn meint, man ſolle Nachts einen regelmäßigen Wächter aufſtellen mit einem Prügel und einer Laterne.“ „Dies würde allerdings die Stöcke ſchützen; aber reicht es zu, die abſcheulichen Traktate von dem Bierhaus fern zu halten?“ „Bei den nächſten Sitzungen trage ich darauf an, daß die Schenke geſchloſſen wird.“ „So tauchen die Hetzſchriften an einem anderen Platz auf. Die Verſtimmung iſt ſchon in's Blut übergegangen.“ „Ich habe halb Luſt, nach Brighton oder Leamington auszuwandern— es gibt ein gutes Jagdrevier zu Leaming⸗ ton— auf ein Jahr wenigſtens, nur damit die Spitzbuben ſehen, wie es ihnen ergehen wird ohne mich.“ Die Lippe des Squire bebte. „Mein lieber Mr. Hazeldean,“ ſagte der Pfarrer, die Hand ſeines Freundes ergreifend,„ich will nicht prunken mit meiner überlegenen Weisheit, aber hättet Ihr nur meinem Rath gefolgt— quieta non movere. Gab es je ein ſo friedliches Kirchſpiel wie dieſes, oder einen Gentleman, der ſo beliebt geweſen wäre, wie Ihr, eh' Ihr Euch auf ein Unterfangen einließet, das ſchon Könige entthront und Staa⸗ gut ten zu Grunde gerichtet hat— ich meine auf ein nicht Ge rechtfertigbares Zurückgreifen nach dem Alterthümlichen, ſey es in der Abſicht einer unnöthigen Auffriſchung oder der den Neueinführung in Abgang gekommener Bräuche.“ Dieſem Verweiſe folgte von Seiten des Squire nicht Au das gewöhnliche Aufbrauſen, da im Gegentheil ſeine Ant⸗ ſah wort ganz zahm lautete. offe „Wenn mir die Sache wieder vorkäme,“ ſagte er,„ſo Zur wollte ich ja gerne dem Kirchſpiele den angenehmen Beſitz der ſchäbigſten Paar Stöcke gönnen, die je ein Dorf entſtellt auft haben. Jedenfalls war meine Abſicht gut— ich wollte dem Raſen eine Zierde verleihen. Da die Stöcke aber ein⸗ ſie n mal ſtehen, ſo muß ich ſie beſchützen. Will Hazeldean iſt jetzt nicht der Mann, der vor einer Bande undankbarer Hallun⸗ zu fi ken ſeine Flagge ſtreicht.“ dar. „Ich denke,“ entgegnete der Pfarrer,„Ihr ſeyd mit Anle mir einverſtanden, daß das Haus Tudor, was auch ſeine iſt e Fehler ſeyn mochten, eine hinreichend entſchloſſene Regenten⸗ erfre familie lieferte, die den Kopf und das Herz am rechten Flecke Könt hatte. Ein Tudor wäre nie in die Calamitäten gerathen, in die ſich der arme Stuart verſtrickte.“ redſa „Was zum Henker hat denn das Haus Tudor mit mei⸗ würd nen Stöcken zu ſchaffen?“ dieſer „Sehr viel. Heinrich VIII. fand eine Hülfsſteuer ſo unpopulär, daß er von ihr abſtand, und zum Danke er⸗ die K laubte ihm das Volk, ſo viel Köpfe abzuſchneiden, als ihm beliebte, abgeſehen von denen ſeiner eigenen Familie, Die Couſi taa⸗ nicht chen, der nicht Ant⸗ 8„ſo Beſitz ſtellt ollte ein⸗ an iſt llun⸗ d mit ſeine enten⸗ Flecke then, t mei⸗ ner ſo e er⸗ s ihm Die 367 gute Königin Beß, die, wie ich weiß, Euer Abgott in der Geſchichte iſt—“ „Verſteht ſich— ſie ertheilte meinem Ahnherrn bei dem Tilburyfort die Ritterwürde.“ „Die gute Königin Beß hatte einen harten Kampf in Aufrechterhaltung eines gewiſſen Monopols, und als ſie ſah, daß es damit nicht gehen wollte, ſtand ſie mit der offenen Herzlichkeit, die einem Souverän ziemt und das Zurücktreten als einen Gnadenakt erſcheinen läßt, davon ab.“ „Ha! Und Ihr verlangt von mir, daß ich die Stöcke aufgeben ſoll?—“ „Es wäre mir weit lieber, Ihr hättet ſie gelaſſen, wie ſie waren, ehe Ihr Hand an ſie legtet. Wie aber die Sachen jetzt ſtehen, handelt ſich's nun darum, einen guten Vorwand zu finden— und es bietet ſich von ſelbſt ein ganz trefflicher dar. Die ſtrengſten Könige öffnen bei beſonders erfreulichen Anläſſen Gefängniſſe und ertheilen Gnadenbeweiſe. Nun iſt eine Vermählung in der königlichen Familie ſtets ein erfreuliches Ereigniß— und dies ſollte es auch für den König von Hazeldean ſeyn.“ Wer bewundert nicht dieſe ſchlaue Wendung in der Be⸗ redſamkeit des Pfarrers?— Sie war Riccabocca's ſelbſt würdig. Ueberhaupt hatte Mr. Dale in dem Umgang mit dieſem macchiavelliſtiſchen Geiſte viel gelernt. „Eine Vermählung— ja. Aber Frank hat kaum erſt die Knabenſchuhe ausgetreten.“ „Ich hatte auch nicht Frank im Auge, ſondern Ente Couſine Jemima.“ ———— 368 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Der Squire wankte, als ſey ihm mit einemmal aller Athem benommen, und ließ ſich in Ermangelung eines beſſern Sitzes auf dem Stock nieder. Alle Weiberköpfe in den benachbarten Bauernhäuſern guckten, ſelbſt ungeſehen, hinter den Gardinen hervor durch die Fenſter. Was führte der Squire wohl im Schild, und welcher neue Unfug brütete in ſeinem Kopfe? Beabſichtigte er, die Stöcke zu einer Feſtung zu machen? Der alte Gaffer Solomons, der eine unbeſtimmte Vorſtellung von der geſetzlichen Gewalt des Squire hatte und während der letzten zehn Minuten unter ſeiner Thüre auf der Lauer ſtand, ſchüttelte den Kopf und ſagte: „Die da den Gehängten hingemalt haben, ſind Schuld⸗ daß es dem Squire in den Kopf gekommen iſt.“ „Was iſt ihm in den Kopf gekommen?“ fragte ſeine Enkelin. „Der Galgen!“ antwortete Solomons.„Er wird jetzt gleich den großen Ulmenbaum dazu gebrauchen wollen. Und der Pfarrer, der gute Mann, will's ihm mit Schrift⸗ ſtellen ausreden— Du ſiehſt, er zieht ſeine Handſchuhe ab und legt die Hände zuſammen, wie er thut, wenn er für einen Kranken betet, Hanne.“ Die Schilderung von der Miene und Haltung des Pfarrers, welche Gaffer Solomons mit ſeiner gewöhnlichen ſcharfen Beobachtungsgabe alſo entworfen hatte, mag dem Leſer einen Begriff von dem Ernſt beibrinden⸗ mit welcher Mr das vor inde eing geſc Doe Pfli blick werb dean ner läng hatte Nebe ſey, Hand ſo we die 2 ſpäte Squi dürfte ſchens Mam ſich n einer als d Kuror Bu aller eines äuſern r durch d, und ichtigte er alte ng von end der Lauer te ſeine wird wollen. Schrift⸗ huhe ab ner für ng des hnlichen tag dem welcher 369 Mr. Dale der Sache, die er zu vertreten ſich vorgenommen, das Wort redete. Er verweilte namentlich bei der Achtung vor dem Anſtand, welchen der Italiener an den Tag legte, indem er wünſchte, daß zuvor das Gutachten des Squire eingeholt werde, eh' eine förmliche Erklärung an die Couſine geſchehe, und wiederholte Mrs. Dale's Verſicherung, wie Dvetor Riccabveca's Gefühl für Ehre und für die heiligen Pflichten eines Gaſtes ſo zart ſey, daß er zuverläſſig augen⸗ blicklich zurücktreten werde, im Falle der Squire ſeine Be⸗ werbung nicht billige. In Anbetracht nun, daß Miß Hazel⸗ dean, um am allerwenigſten zu ſagen, zu den Jahren eige⸗ ner Urtheilsfähigkeit gekommen war und der Squire ihr längſt ihr Vermögen zu freier Verfügung anheimgegeben hatte, ſah ſich Mr. Hazeldean genöthigt, ja zu ſagen zu der Nebenbemerkung des Pfarrers,„daß dies ein Zartgefühl ſey, das man nicht von jedem engliſchen Bewerber um die Hand der Dame erwarten dürfe.“ Nachdem der Boden in ſo weit gelichtet war, ging Mr. Dale mit vielem Takt auf die Andeutung über, da Miß Jemima doch früher oder ſpäter heirathen werde— eine Wahrſcheinlichkeit, die der Squire unmöglich zu hindern beabſichtigen könne— ſo dürfte es für alle dabei intereſſirten Perſonen am wün⸗ ſchenswertheſten ſeyn, wenn die Verbindung mit einem Manne geſchehe, der, obſchon ein Ausländer, in der Nähe ſich niedergelaſſen habe, und deſſen Charakter man nur von einer vortheilhaften Seite kenne; ſicherlich ſey dies beſſer, als daß man das Mädchen der Gefahr ausſetze, an den Kurorten, die ſie allzährlich beſuche, in die Hände eines Bulwer, meine Novelle. 24 370 Abenteurers oder eines iriſchen Glücksjägers zu kommen, der ſie nur um ihres Vermögens willen heirathe. Er be⸗ rührte dann leicht die angenehmen geſelligen Eigenſchaften des Doctors und ſchloß mit einer gewandten Standrede über die treffliche Gelegenheit, welche durch eine ſolche Ver⸗ bindung geboten werde, um die Halle und das Kirchſpiel vurch ein freiwilliges Brandopfer, zu dem die Stöcke das Material liefern ſollten, zu verſöhnen. Am Schluſſe dieſer Rede klärte ſich die Stirne des Squire, die vorher wenn nicht gerade finſter doch gedanken⸗ voll geweſen war, wohlwollend auf. Die Wahrheit zu ſagen, Mr. Hazeldean verzehrte ſich faſt vor Begier, ſich die Stöcke vom Halſe zu ſchaffen, ſofern es nur in geziemen⸗ der Weiſe und mit Würde geſchehen konnte; und wenn alle Sterne im aſtrologiſchen Horoscop ſich vereinigt hätten, um Miß Jemima„die Gewißheit eines Mannes“ zu geben, ſo würden ſie ihr bei dem Squire doch keinen ſo weſentlichen Vorſchub geleiſtet haben, als dies durch die von dem Pfar⸗ rer ſo geſchickt eingeleitete Beziehung des Altars zu den Stöcken geſchehen war. Als daher Mr. Dale zum Schluß kam, antwortete der Squire mit großer Ruhe und vieler Einſicht, daß Mr. Ricky⸗ bocky ſich ganz wie ein Gentleman benommen habe und man ihm dies Dank wiſſen müſſe; er(der Squire) ſey nicht be⸗ fugt, ſich anders denn als berathend in die Sache einzu⸗ mengen, da Jemima in einem Alter ſtehe, welches ſie zu einer ſelbſtſtändigen Wahl befähige, und ſie am Ende, wie der Pfarrer ganz richtig bemerkt habe, bei längerem Zun lich noch ſtehe hätt fang doch Mei Win auch gent brill höre ihr ſ Arm ſchaf Haze ſtöcke abzu und und beilä einer oft i mmen, Er be⸗ chaften de über e Ver⸗ rchſpiel ce das rne des danken⸗ heit zu er, ſich ziemen⸗ enn alle hätten, u geben, entlichen m Pfar⸗ zu den rtete der r. Ricky⸗ und man nicht be⸗ e einz⸗ es ſie zu nde, wie längerem 37 Zuwarten noch viel ſchlechter fahren könne, ja, vorausſicht⸗ lich ſogar viel ſchlechter fahren werde, wenn ſie ihre Wahl noch weiter hinaus ſchiebe.„Ich für meinen Theil muß ge⸗ ſtehen,“ fuhr Mr. Hazeldean fort,„daß ich nie gedacht hätte, Jemima werde ſich durch Rickybocky's langes Geſicht fangen laſſen, obſchon mir der Mann ſonſt nicht übel gefällt; doch in Geſchmackſachen darf man Niemand etwas einreden. Meine Harry war freilich geſcheidter und gab mir manchen Wink, aber ich lachte ſie nur aus. Ich hätte allerdings auch etwas merken können, denn es nahm ſich wunderlich genug aus, als der Musje zu der Maskerade des Ohne⸗ brillengehens griff— ha! ha! Ich bin nur begierig, zu hören, was Harry ſagen wird. Wir wollen zu ihr und mit ihr ſprechen.“ Der Pfarrer, welcher ſehr erfreut war, daß ſein Vor⸗ ſchlag eine ſo gute Aufnahme gefunden hatte, legte ſeinen Arm in den des Squire, und ſie wandelten in aller Freund— ſchaft der Halle zu. Schon im Garten trafen ſie auf Mrs. Hazeldean, welche damit beſchäftigt war, von ihren Roſen— ſtöcken die abgeſtorbenen Blätter und die welken Blüthen abzuſchneiden. Der Squire ſchlich verſtohlen hinter ſie hin und erſchreckte ſie, indem er den Arm um ihren Leib ſchlang und ihrer Sammtwange einen kräftigen Kuß aufdrückte— beiläufig bemerkt, eine eheliche Freiheit, die er ſich in Folge einer Ideenanknüpfung gewöhnlich zu erlauben pflegte, ſo oft im Dorf eine Hochzeit im Wurf war. „Pfui, William!“ ſagte Mrs. Hazeldean zimpferlich 24* 372 und erröthete hoch, als ſie des Pfarrers anſichtig wurde. „Wer ſoll jetzt wieder heirathen?“ „O Himmel, hat man je eine ſolche Frau geſehen! Wie ſie es ſo ſchnell errathen hat!“ rief der Squire mit großer Bewunderung.„Erzählt ihr die ganze Geſchichte, Pfarrer.“ Der Pfarrer gehorchte. Wie ſich der Leſer leicht denken kann, legte Mrs. Hazel⸗ dean weit weniger Ueberraſchung an den Tag, als es bei ihrem Gatten der Fall geweſen war. Sie nahm die Kunde ſehr gnädig auf und gab ſo ziemlich dieſelbe Antwort, wie der Squire, nur mit etwas mehr Modification und Zurück⸗ haltung.„Signor Riccobocea hatte ſich ſehr ſchön benom⸗ men, und obſchon eine Tochter der Hazeldeane von Hazel⸗ dean, vom weltlichen Geſichtspunkt aus betrachtet, auf eine viel beſſere Partie Anſpruch machen durfte, war es doch nach dem langen Zögern der in Frage ſtehenden Dame eben ſo eitel, als ungebührlich, ihre Wahl zu tadeln— voraus⸗ geſetzt, daß ſie ſich entſchließen konnte, auf Signor Ricca⸗ bocca's Anträge einzugehen. Was das Vermögen betraf, ſo war dies eine Sache, welche außer den contrahirenden Partien Niemanden etwas anging. Gleichwohl ſollte man Miß Jemima darauf aufmerkſam machen, daß die Intereſſen ihres Kapitals nur ein ſehr kleines Einkommen abwürfen. Der Umſtand, daß Doctor Riccabocca ein Wittwer ſey, ver⸗ diente gleichfalls Berückſichtigung, und es ſchien etwas ver⸗ dächtig, daß er bisher über Alles, was mit ſeinem früheren Leben in Verbindung ſtand, ſich ſo zurückhaltend benommen hatte lange Hauf geleg ſich n ſtand dern, war. der g konnt muth Groß ſchen der S falls müſſe „Ihr Was haben weit ſ len ite nach daß er Schut milie Wenn wir di wurde. eſehen! re mit chichte, Hazel⸗ es bei Kunde t, wie Zurück⸗ benom⸗ Hazel⸗ uf eine ch enach eben ſo voraus⸗ Ricca⸗ betraf, irenen lte man itereſſen würfen. ey, ver⸗ as er⸗ rüheren nommen 373 hatte; allerdings ſprach ſein Benehmen für ihn, und ſo lange er blos ein Miethsmann oder auch ein Bekannter des Hauſes war, hatte Niemand ein Recht, ſeinen Privatan⸗ gelegenheiten nachzuſpüren; da er aber nun Willens war, ſich mit einer Hazeldean von Hazeldean ehelich zu verbinden, ſtand es dem Squire zu, ein Bischen mehr Auskunft zu for⸗ dern, und namentlich ſich zu erkundigen, wer und was er war. Warum hatte er ſein Vaterland verlaſſen? Englän⸗ der gingen auf Reiſen, um zu ſparen; aber in dieſer Abſicht konnte kein Ausländer nach England kommen. Sie ver⸗ muthete, daß ein ausländiſcher Doctor nichts beſonders Großes ſey, und wahrſcheinlich habe er auf einer italieni⸗ ſchen Univerſität eine Profeſſorſtelle begleitet. Wenn nun der Squire ſich überhaupt einmengen wolle, ſo ſeyen jeden— falls dies die Punkle, über die er ſich Aufklärung verſchaffen müſſe.“ „Meine liebe Madame,“ nahm der Pfarrer das Wort, „Ihr habt in Allem, was ihr da ſagt, vollkommen Recht. Was die Urſachen betrifft, die unſeren Freund bewogen haben, ſein Vaterland zu meiden, ſo werden wir ſie nicht weit ſuchen müſſen. Er iſt augenſcheinlich einer von den vie⸗ len italieniſchen Flüchtlingen, welche durch politiſche Wirren nach dem Boden getrieben wurden, der ſich rühmen kann, daß er jedem Verbannten, welcher Partei er auch angehöre, Schutz biete. Für die Achtbarkeit ſeiner Geburt und Fa⸗ milie ſollte er allerdings eine Gewährleiſtung beibringen. Wenn übrigens dies der einzige Einwurf iſt, ſo hoffe ich, wir dürfen Miß Hazeldean bald zu ihrer Verbindung mit einem Manne Glück wünſchen, der, wenn er auch arm iſt, Entbehrungen ohne Murren ertragen lernte, der lieber Man⸗ gel litt, als Schulden machte, und der es verſchmähte, durch den Verſuch einer heimlichen Heirath ſich ſelbſt herabzu⸗ würdigen— mit einem Manne, ſage ich, welcher ſich ſo auf⸗ richtig und ehrenhaft benahm, daß ich hoffe, mein lieber Freund hier wird ihm vergeben, wenn er nur ein Doctor— wahrſcheinlich der Rechte— und nicht(was die meiſten Ausländer zu ſeyn vorgeben) ein Marquis oder zum min⸗ deſten ein Baron iſt.“ „Was dies betrifft,“ rief der Squire,„ſo gefällt mir an Rickybocky nichts ſo ſehr, als daß er es nicht verſuchte, uns mit ſolchen ausländiſchen Schalkſtreichen anzuführen. Dem Himmel ſey Dank, die Hazeldeane von Hazeldean waren nie Titeljäger und Ordensnarren und ich, der ich nie einem engliſchen Lord nachlief, würde mich wahrhaftig in den Erdboden hinein ſchämen, wenn ich einen Schwager Marquis oder Graf nennen müßte. Ich könnte mich in der That nie des Gedankens erwehren, daß er ein Jäger oder ein entlaufener Walleh Dſchamber ſey. Wer wollte die Naſe rümpfen über den Doctor, Harry! Pah, es iſt ein guter engliſcher Titel: Doctor! Meine Tante heirathete einen Doctor der Gottesgelahrtheit— einen vortrefflichen Mann — trug eine Perrücke und wurde ſpäter Dechant. So lange Rickybocky kein Arzneiendoctor iſt, kümmere ich mich keinen Knopf darum. Wäre er dies, dann klänge es freilich ver⸗ dächtig; denn ſeht Ihr, die ausländiſchen Arzneidoetoren ſind QOuackſalber, die ſich mit dem Wahrſagen abgeben und zieh Ide den eine Doe verk Kau ſagt bock eine durt Ga wat fort oder für ein Bil rm iſt, Man⸗ „durch rabzu⸗ ſo auf⸗ lieber etor meiſten m min⸗ illt mir rſuchte, führen. zeldean ich nie ftig in hwager h in der oder ein ie Naſe n guter e einen Mann o lange h keinen lich ver⸗ doctoren abgeben 375 und mit einem Hanswurſt auf den Märkten umher⸗ ziehen.“ „Herr Je, Hazeldean, wo auf Erden haſt Du dieſe Idee aufgefangen?“ entgegnete Harry lachend. „Aufgefangen?— Ei, ich ſah ſelbſt einen ſolchen Kerl — voriges Jahr auf dem Viehmarkt, als ich die Kühe mit den kurzen Hörnern kaufte— mit einer rothen Weſte und einem Dreiſpitz, faſt wie der des Pfarrers. Er nannte ſich Doctor Phoscophorino— trug eine weiße Perrücke und verkaufte Pillen. Der Hanswurſt war ein gar närriſcher Kauz— in ſalmfarbigen Hoſen— machte Purzelbäume und ſagte, er komme von Timbuktu. Nein, nein; wenn Ricky⸗ bockh ein Arzneidoctor iſt, ſo ſehen wir Jemima noch in einem Anzug mit Goldfranſen, wie ſie mit einer Caravane durch's Land zieht!“ Ueber dieſe Vorſtellung lachten der Squire und ſeine Gattin ſo herzlich, daß der Pfarrer die Ueberzeugung ge⸗ wann, die Sache ſey im Reinen, und in aller Stille ſich fortmachte, um an Riccaboeca Bericht zu erſtatten. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Die Nachricht, daß von den engliſchen Vorurtheilen oder den weltlichen Abſichten der Familie kein Hinderniß für die Werbung zu befahren ſtand, brachte den Italiener ein wenig aus ſeinem gewohnten anſprechenden und von Bildung zeugenden Gleichmuth. Nicht daß er ſo niedrig 376 geſinnt oder feige geweſen wäre, zurückzuſchrecken vor der nahen und ungetrübten Ausſicht auf ein Glück, dem er ohne Brille mit nacktem furchtloſem Auge hatte in's Geſicht ſehen wollen— nein, in dieſer Beziehung ſtand ſein Entſchluß feſt; aber er hatte im Leben nur wenig Wohlwollen erfahren und fühlte ſich deshalb gerührt nicht nur von dem Intereſſe an ſeiner Wohlfahrt, das ihm ein ketzeriſcher Geiſtlicher zu erkennen gab, ſondern auch von dem Edelmuth, mit dem ihm ungeachtet ſeiner bekannten Armuth und ſeiner fremden. Abkunft der Eintritt in eine angeſehene und reiche Familie geſtattet wurde. Völlig ſachgemäß fand er die einzige Be⸗ dingung, welche ihm der Pfarrer mit dem ganzen Zartgefühl eines Mannes eröffnete, der von Berufswegen ſo vielfach mit den empfindlicheren Seiten des Menſchengeſchlechts in Berührung kömmt— daß nämlich aus Riccabocca's Ver⸗ wandtſchaft eine Perſon namhaft gemacht werden möchte, deren Ruf geeignet ſey, der Ueberzeugung, welche man in der Gegend von der Achtbarkeit des Doctors hege, Nachoruck zu geben— ich ſage, er erkannte dieſes Anſinnen als völlig in der Ordnung, obſchon dies nicht mit dem Eifer geſchah, den man hätte erwarten ſollen. Seine Stirne umwölkte ſich. Der Pfarrer beeilte ſich, ihm die Verſicherung zu geben, daß der Squire kein Mann ſey, qui stupet in titulis,“ indem derſelbe von ſeinem künftigen Verwandten nach Rang und Abkunft eine Stellung weder erwarte noch verlange, die ſich über jene achtbare Mittelſtufe erhebe, welcher Doctor Riccaboeca vermöge ſeiner Bildung und Kenntniſſe augen⸗ * Der in Titel vernarrt iſt. ſchei leich in ſe läche meh unſe er ſi Wen Miß natü nicht der wie beide deng des( mich don ein 2 und Nam ſeyn, zeich loſer or der r ohne tſehen tſchluß fahren tereſſe her zu t dem emden. amilie e Be⸗ gefühl ielfach s in Ver⸗ öchte, an in hdruck ſchah, e ſich. tdaß indem und ie ſich octr ugen⸗ 377 ſcheinlich angehöre, weshalb er auch ſeine Anſprüche daran leicht müſſe nachweiſen können.„Und obgleich der Squire in ſeinem Lande ein warmer Politiker iſt,“ fügte Mr. Dale lächelnd bei,„und, wie ich fürchte, ſeine Verwandte nie mehr anſehen würde, wenn ſie einen überwieſenen Feind unſerer glücklichen Staatsverfaſſung heirathete, ſo kümmert er ſich doch keinen Strohhalm um die ausländiſche Politik. Lenn daher Euer Exil ſeinen Grund hat in irgend einer Mißhelligkeit mit Eurer Regierung, die ſeiner Anſicht nach natürlich eine unerträgliche ſeyn muß, ſo werdet ihr von ihm nicht anders angeſehen ſeyn, als wie der Sachſe, welcher der eiſernen Hand Wilhelms des Eroberers entfloh, oder wie der Laneaſtrier, der in unſeren Kriegen zwiſchen den beiden Roſen von den Anhängern Yorks vertrieben wurde.“ Der Italiener lächelte.„Mr. Hazeldean ſoll zufrie⸗ dengeſtellt werden,“ ſagte er einfach.„Aus den Zeitungen des Squire entnehme ich, daß ein engliſcher Gentleman, der mich in meinem Vaterlande kennen lernte, kürzlich in Lon⸗ don angekommen iſt. Ich will ihm ſchreiben, daß er mir ein Zeugniß gebe— wenigſtens über meine Rechtſchaffenheit und meinen Charakter. Wahrſcheinlich iſt er Euch dem Namen nach bekannt— nein, ſicherlich muß dies der Fall ſeyn, denn er hat ſich im letzten Krieg als Offizier ausge⸗ zeichnet. Ich meine den Lord L'Etrange.“ Der Pfarrer ſtutzte. „Ihr kennt Lord LEtrange?— Ein ſchlimmer, ruch⸗ loſer Mann, wie ich fürchte.“ „Schlimm?— Ruchlos?“ rief Riccabocca.„In der 378 That, ſo ſchmähſüchtig auch die Welt iſt, ſo würde ich's doch nicht für möglich gehalten haben, daß man ſolche Eigenſchaften einem Manne beilegt, welcher mich zuerſt den engliſchen Namen ehren und lieben lehrte, obſchon ich ihn nur wenig und hauptſächlich aus dem Dienſte kenne, den er mir einmal geleiſtet hat.“ „Vielleicht hat er ſich geändert ſeit—“ Der Pfarrer hielt inne. „Seit wann?“ fragte Doctor Rieccaboeca mit ſicht⸗ licher Neugierde. Mr. Dale ſchien verlegen. „Entſchuldigt mich,“ ſagte er.„Es ſind ſchon viele Jahre darüber verfloſſen, und— kurz, die Anſicht, die ich mir über den fraglichen Gentleman gebildet habe, gründet ſich auf Umſtände, die ich nicht mittheilen kann. Der feine Italiener verbeugte ſich ſchweigend, obſchon man ſeiner Miene anſah, daß er gerne die Frage weiter verfolgt hätte. Nach einer Pauſe ſagte er: „Welche Anſicht Ihr auch über Lord LEtrange haben möget, ſo hoffe ich doch, daß nichts gegen ihn vorliegt, was Euch veranlaſſen könnte, einen Zweifel in ſeine Ehrenhaf⸗ tigkeit zu ſetzen oder ſein Zengniß zu meinen Gunſten zu verwerfen?“ „Wenn man den Sittlichkeitsmaßſtab der vornehmen Welt anlegt,“ verſetzte Mr. Dale mit ziemlicher Entſchie⸗ denheit,„ſo iſt mir nichts bekannt, was mich auf die Ver⸗ muthung bringen könnte, Lord LEtrange werde in dieſem Falle nicht die Wahrheit ſagen. Auch unterliegt es keiner Bea er it Ein unte erhe bere Ita nen unn eine bloſ Ma erka von voll des wirl res zug voll ſtell ein ſolle liſe ſont Wit Pfa e ich's ſolche rſt den ich ihn den er ſicht⸗ nviele die ich ründet bſchon weiter haben „was enhaf⸗ ten zu ehmen tſchie⸗ Ver⸗ dieſem keiner 379 Beanſtandung, daß er als tapferer Offizier gilt und daß er in der Welt eine angeſehene Stellung einnimmt.“ Nach dieſen Worten verabſchiedete ſich der Pfarrer. Einige Tage ſpäter ſandte Doctor Riccaboeca dem Squire unter Couvert einen Brief, den er von Harley L'Etrange erhalten hatte. Das Schreiben war augenſcheinlich darauf berechnet, Mr. Hazeldean vorgelegt zu werden und dem Italiener als eine Beglaubigigung ſeiner Achtbarkeit zu die⸗ nen; indeß war dieſer Zweck nicht in der rohen Form eines unmittelbaren Zeugniſſes, ſondern mit einem Takt und einem Zartgefühl bewerkſtelligt worden, welche mehr als die bloſe feine Bildung anzudeuten ſchienen, die ſich von einem Manne in Lord LEtrange's Stellung erwarten ließ. Man erkannte in dem Briefe jenen ungemein angenehmen Zug von Höflichkeit, der vom Herzen kommt. Ein Ton achtungs⸗ voller Wärme, der ſogar in dem nicht ſehr feinen Geiſte des Squire inſtinktartig weit mehr zu Riccabocca's Gunſten wirkte, als das beſte Zeugniß über Eigenſchaften und frühe⸗ res Leben, waltete in dem Ganzen und würde an ſich ſchon zugereicht haben, ſogar einen mißtrauiſcheren und anſpruchs⸗ volleren Sinn, als den des Mr. Hazeldean zufrieden zu ſtellen. Aber ſiehe— nun ſtieß plötzlich der Pfarrer auf ein Hinderniß, das ihm freilich ſchon längſt hätte einfallen ſollen— der Italiener bekannte ſich nämlich zur katho⸗ liſchen Religion. Freilich war dieſer Umſtand früher nicht ſonderlich aufgefallen, denn der Doctor erhob ſo wenig Widerſpruch gegen die Bemerkungen über Aberglauben und Pfaffenthum, welche nach proteſtantiſcher Vorſtellung die weſentlichen Charakterzüge des katholiſchen Gemeinweſens ſind, daß zuvor Hymens Fackel, die alle Fehler an's Licht bringt, den Altar erhellen mußte, ehe das Gewiſſen des Pfarrers ſich dieſes ſehr anrüchigen Punktes erinnerte. Der feſte Gedanke, der Mr. Dale dabei zu Sinne kam, war ein ganz ordnungsmäßiges Erzeugniß ſeines Berufs und hatte Doctor Riccaboeca's Bekehrung zum Gegenſtand. Er eilte nach ſeinem Studirzimmer, holte vom Sims her⸗ unter die lang vernachläſſigten Werke über apologetiſche Theologie, bewaffnete ſich mit einem Arſenal von Autvritä⸗ ten, Beweiſen und Schriftſtellen, griff nach ſeinem Drei— ſpitz und brach nach dem Caſino auf. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Wie eine Lawine ſtürzte der Pfarrer gegen den Philo⸗ ſophen los! Er war ſeines Gegenſtandes ſo übervoll, daß er ihn nicht in vernünftigen Tröpfchen entſtrömen laſſen konnte. Nein, hurr, hurr ging es nieder auf den erſtaun⸗ ten Doctor— „Tremendo, Jupiter ipse ruens tumultu.“ Riccabocca, der ſich tiefer in ſeinen Lehnſtuhl hinein⸗ drückte und den Schlafrock dicht um ſich herzog, ließ den Pfarrer drei Viertelſtunden lang fortreden, bis dieſer ſeinen Faden vollſtändig abgewickelt hatte und nun, wie Brutus „ſchweigend einer Antwort harrte“. rung ſchick verrä Glau an bi weil Beſte ſo, d den o h ſtanti daß f dem Miſch betru dem 2 Eurer „glüc welch ten C kräfti einem Ricca aber s ſollte mima nachh eſens Licht des nerte. war und tand. her⸗ tiſche ritä⸗ Drei⸗ hilo⸗ daß aſſen aun⸗ lein⸗ den inen utus 381 „Ich bin nicht abgeneigt,“ lautete die milde Erwiede⸗ rung des Doectors,„Alles zuzugeben, was Ihr mir ſo ge⸗ ſchickt und ſo unverhofft auseinandergeſetzt habt; aber es verräth einen ſehr niedrigen Sinn, wenn ein Mann den Glauben, den er von ſeinen Vätern erbte und von der Wiege an bis zu den Jahren der Reife bekannte, förmlich abſchwört, weil der Anlaß zum Wechſel ſich ihm in der Form einer Beſtechung darbietet. Die menſchliche Natur iſt nun einmal ſo, daß ſie die Forderungen der Vernunft kaum unterſchei⸗ den oder loswirren kann von den Verlockungen des Intereſſe's — hier ein Text und dort ein Beibringen!— hier Prote⸗ ſtantismus und dort Jemima! Geſteht nur, mein Freund, daß ſelbſt der nüchternſte Caſuiſt doppelt ſehen würde unter dem trunkenmachenden Einfluß eines ſolchen polemiſchen Miſchtrankes. Mein lieber Mr. Dale, Ihr müßt von dem betrunkenen Philipp an den nüchternen appelliren— von dem Riccabocca, der noch berauſcht iſt von der Verſicherung Eurer trefflichen Gattin, daß er auf dem Punkte ſtehe, der „glücklichſte der Männer“ zu werden, an den Riccabocea, welcher an dieſes Glück gewöhnt iſt und es mit dem gereif⸗ ten Gleichmuth eines Mannes zu tragen weiß, dem auch kräftige Reizmittel nichts mehr anhaben können— mit einem Worte, appellirt von Riccaboeca, dem Freier, an Riccabveca, den Ehemann. Ich bin vielleicht bekehrbar, aber Bekehrung iſt ein langſamer Prozeß, und das Werben ſollte ein ſchneller ſeyn⸗— fragt darüber nur Miß ZJe⸗ mima. Finalmente, copulirt mich zuerſt und bekehrt mich nachher.“ ————FTY+ñů˖— 382 „Ihr nehmt die Sache zu ſcherzweiſe,“ begann der Pfarrer,„und ich ſehe nicht ein, wie bei Eurem trefflichen Verſtand ſo einfache und augenfällige Wahrheiten Euch nicht auf der Stelle einleuchten ſollen.“ „Wahrheiten,“ unterbrach ihn Riccabveca mit Tiefe, „ſind Pflanzen, die in der Welt den allerlangſamſten Wuchs haben. Vom Beginn unſerer Zeitrechnung an waren 1500 Jahre erforderlich, um Euren Luther hervorzubringen, und nachdem er dem Teufel ſein Tintenfaß an den Kopf gewor⸗ fen hatte— ich ſah ſelbſt noch die Kleckſe an der Wand ſei⸗ nes Gefängniſſes in Deutſchland— entführte er eine Nonne: ein Betragen, das heutzutage ſicherlich kein prote⸗ ſtantiſcher Geiſtlicher für gebührend und recht anſehen würde.“ Dann fügte er mit Ernſt bei:„Ihr begreift ſelbſt, mein theurer Sir, daß ich mich aller Selbſtachtung begeben müßte, wenn ich Euch jetzt auch nur die zum Verſtändniß erforderliche Aufmerkſamkeit zollen wollte— ich muß ſo ſprechen, falls ich Euch dahin zu verſtehen habe, daß der Glaube, zu dem ich mich bekenne, meinem Vortheil im Weg ſtehen dürfte. Wäre dies der Fall, ſo müßte ich eben mei⸗ nen Glauben behalten und den Vortheil aufgeben. Wenn Ihr aber— wie äich mir dies von Euch nicht nur als von einem Chriſten, ſondern auch als von einem Ehrenmanne verſpreche— dieſe Verhandlung aufſchieben wollt, ſo gebe ich Euch die Zuſage, daß ich Euch ſpäter Gehör ſchenken werde. Um offen zu ſeyn, will ich Euch geſtehen, daß ich nicht glaube, Eure Bekehrungsverſuche werden viel an mir fruchten, aber dies verſpreche ich Euch feierlich, daß meine gen ger übe ja, Mi daß unt wä ren dur gro hin ma ein Uel Ge ſo ſ als pun abe unn der efflichen u Euch t Tiefe, Wuchs n1500 en, und gewor⸗ and ſei⸗ er eine nprote⸗ würde.“ „mein begeben tändniß muß ſo daß der m Weg en mei⸗ Wenn als von manne ſo gebe chenken daß ich an mir meine 383 Gattin ungehemmt ihrer religiöſen Ueberzeugung ſoll fol⸗ gen dürfen.“ „Und die Kinder, welche der Ehe entſproſſen?“ „Kinder!“ rief Doctor Riecaboeca zuſammenſchreckend —„Ihr begnügt Euch nicht damit, mir Eure Taſchenpiſtole gerade ins Geſicht abzubrennen, ſondern müßt mich auch über den ganzen Leib mit Schroten pfeffern. Kinder? Nun ja, wenn's Mädchen ſind, mögen ſie dem Glauben ihrer Mutter folgen, die Knaben aber ſollen ſich damit begnügen, daß ſie Chriſten zu ſeyn lernen. Sind ſie dann erwachſen und urtheilsfähig, ſo können ſie für ſich ſelbſt die Form wählen, welche ihnen am beſten dünkt, um die großen Leh⸗ ren, die alle Sekten mit einander gemein haben, in Anwen⸗ dung zu bringen.“ „Aber,“ begann Mr. Dale abermals, indem er ein großes Buch aus der Taſche zog— Doctor Riccabocca riß das Fenſter auf und ſprang hinaus. Es war die ſchnellſte und memmenhafteſte Flucht, die man ſich nur denken kann; der Pfarrer aber erkannte darin ein großes Compliment für ſeine ſchlagende Beweisführung. Uebrigens hielt er es gleichwohl für räthlich, über den Gegenſtand, um deſſen willen ſein beabſichtigter Convertit ſo ſchmählich durchgegangen war, mit dem Squire ſowohl als mit Miß Jemima eine lange Rückſprache zu nehmen. Der Squire war zwar von ſeinem politiſchen Stand⸗ punkt aus ein entſchiedener Feind des Pabſtthums, hegte aber einen ebenſo tiefen Haß gegen Ueberläufer und 384 Abtrünnige, ſo daß er Riccabocca aus tiefſter Seele verach— tet haben würde, wenn derſelbe im Stande geweſen wäre, ſeine Religion ebenſo leicht abzulegen, wie ſeine Brille. Er ſagte daher einfach:—„Es iſt freilich recht Schade, daß Rickybocky nicht der Kirche von England angehört; aber man kann dies vernünftiger Weiſe nicht von einem Manne erwarten, der unter der Naſe der Inquiſition geboren und erzogen wurde.“— Der Squire glaubte nämlich ſteif und feſt, die Inquiſition ſtehe noch mit Peitſche, Folter und Daumſchrauben in voller Kraft durch alle italieniſchen Staaten, und verdankte überhaupt ſeine Kenntniſſe über die dortigen Verhältniſſe nur dem Umſtande, daß er in früher Jugend den einhändigen Mönch geleſen hatte.„Was er übrigens über ſein Weib und ſeine Kinder ſagt, gefällt mir nicht übel. Die Sache iſt jetzt ſchon zu weit gediehen, als daß man zurücktreten könnte, und die Schuld liegt an uns, weil wir nicht früher daran gedacht haben. Auch bin ich jetzt mit mir im Reinen, wie ich es mit jenen verwünſch⸗ ten Stöcken halten will.“ Was Miß Jemima betrifft, ſo entließ ſie der Pfarrer mit einem frommen Dankgebet, daß Riccabocca wenigſtens ein Chriſt und nicht ein Heide, ein Muhamedaner oder ein Jude ſey. mein der S niede Miß Unte ſein konnt ware in de an R junge ſtrahl meier herzli ſich d mit fi Die. den E das J daß et thun, e pular Bn verach⸗ wäre, le. Er e, daß ; aber Manne en und if und e n niſchen ber die früher „Was iehen, et a ch bin ünſch⸗ farrer gſtens er ein 385 Achtundzwanzigſtes Kapitel. Im Heirathen liegt etwas, was ein Recht auf allge⸗ meine Sympathie hat. Kein anderes Ereigniß im Leben der Höhergeſtellten erregt ein ähnliches Aufſehen unter den niedereren Klaſſen. Sobald ſich die Kunde durch das Dorf verbreitete, daß Miß Jemima eine Braut ſey, trat nach der zeitweiligen Unterbrechung die alte Anhänglichkeit an den Squire und ſein Haus nur um ſo lebhafter wieder an's Licht. Wer konnte auch zu einer ſolchen Zeit an die Stöcke denken? Sie waren ganz aus der Mode und fanden ſo wenig Platz mehr in der Erinnerung, wie die Repealfrage oder der Gedanke an Rebellion in den warmen Herzen der Irländer, als das junge Antlitz der föniglichen Frau auf der Schweſterinſel ſtrahlte. Wenn der Squire auf ſeinem Weg nach der Haus⸗ meierei an den Bauernhäuſern vorbeikam, gab es wieder herzliche Knire und Kratzfüße unter den Thüren, und wenn ſich die ſonnverbrannten Köpfe entblößten, geſchah es nicht mit finſterer Förmlichkeit, ſondern mit freundlichem Nicken. Die Kinder begannen ſogar ihren alten Sammelplatz bei den Stöcken wieder aufzuſuchen, als habe man ſich jetzt an das Phänomen gewöhnt oder die Ueberzeugung gewonnen, daß es unter der allgemeinen Freude ſeine Macht, Böſes zu thun, verloren habe. Der Squire koſtete abermals die Süßigkeit jener Po⸗ pularität, deren Beſitz ſo werthvoll iſt und deren Verluſt Bulwer, meine Noyelle, 25 386 der Weiſe mit Recht beklagt, ich meine die Popularität, welche daraus entſpringt, daß man von der Güte des Gegen⸗ ſtandes derſelben überzeugt iſt und uur ungern ſeine Mängel ſich ins Gedächtniß ruft. Wie jeder Genuß um ſo köſtlicher iſt, je länger man ihn hat entbehren müſſen, ſo erfrente ſich der Squire dieſer wiederkehrenden Beliebtheit, als ſey ihm ein neues Daſeyn geſchenkt. Sein braves Herz ſchlug kräftiger, ſein feſter Tritt war ſchwunghafter, ſein hübſches engliſches Geſicht ſah noch hübſcher und engliſcher aus, als je zuvor, und wer in den Bereich ſeines fröhlichen Lachens kam, mußte ſich auf eine Woche hinein aufgeheitert fühlen. Und wie dankbar er es gegen Jemima und Riccabveca anerkannte, daß die Vorſehung ſich ihrer als Mittelsper⸗ ſonen für dieſe integratio amoris bedient hatte. Wenn man ihn ſo anſah, hätte man glauben ſollen, der Squire ſelbſt ſey der Bräutigam und trete zum zweitenmal mit ſei⸗ ner Harrh zum Altar. Man kann ſich denken, daß dies ein für die theologi⸗ ſchen Bedenken des Pfarrers Dale ſehr ungünſtig gewählter Augenblick war. Jetzt noch die Hochzeit rückgängig zu machen— all den Sonnenſchein auszulöſchen, der ſich über das Dorf hingoß— wieder die langen finſteren Geſichter um ſich ſehen zu müſſen— nein; obſchon nie ein beſſerer Freund von Kirche und Staat auf den Huſtings“ geſtanden hat, ſo glaube ich doch, ehe ſich der Sauire zu etwas Derartigem hätte bewegen laſſen, würde er nach allen möglichen * Die Tribüne, von welchen die Candidaten für eine Reprä⸗ ſentantenſtelle im Parlament ihre Anſprachen an die Wähler halten. jeſu hab dung Sch Trat bens einet Sta Haz Bau dem für Bret Feie Stir Glüt dann ja achtu Vogt heira tigen ſich! Pfan Steit man letzte larität, Gegen⸗ Mängel ſtlicher rfreute als ſey ſchlug übſches is, als achens fühlen. aboeca elsper⸗ Wenn Squire nit ſei⸗ eologi⸗ vählter gig zu ch über te m Freund hat, ſo rtigem glichen Reprä⸗ hälten. 387 jeſuitiſchen Ausftüchten zu Gunſten der Hochzeit gegriffen haben, und wenn Riccaboeca der Pabſt ſelbſt in Verklei⸗ dung geweſen wäre. Was die Stöcke betraf, ſo war ihr Schickſal unwiderruflich beſiegelt. Mit einem Worte, die Trauung wurde zuerſt ins Geheim nach dem Ritus des Glau⸗ bensbekenntniſſes, welchem der Bräutigam angehörte, durch einen katholiſchen Geiſtlichen, der in einer nahgelegenen Stadt wohnte, und nachher öffentlich in der Dorfkirche von Hazeldean vollzogen. Es war ein recht herzliches ländliches Hochzeitfeſt. Bauernmädchen beſtreuten den Weg mit Blumen, und auf dem hübſcheſten Punkt des Parkes am Rande des Sees war für den Tanz, welcher am Abend ſtattfinden ſollte, aus Brettern ein Pavillon errichtet worden. Zu Erhöhung der Feierlichkeit wurde ein ganzer Ochſe gebraten. Sogar Mr. Stirn— nein, Mr. Stirn war nicht zugegen, denn ſo viel Glück mit anſehen zu müſſen, wäre ſein Tod geweſen! Und dann der Papiſt, der Lenny aus dem Stock herausgehert, ja, der ſelbſt darin geſeſſen hatte, um denſelben in Ver⸗ achtung zu bringen— der Papiſt! Ja, der Anſicht des Vogts gemäß hätte Miß Jemima eben ſo gut den Teufel heirathen können, und am Ende kam es mit der gegenwär⸗ tigen Hochzeit auf das Gleiche heraus. Mr. Stirn hatte ſich daher Urlaub erbeten, um ſeinen kranken Onkel, den Pfandleiher, zu beſuchen, an welchem eine ſchmetzliche Steinvperation vorgenommen werden ſollte. Frank hatte man ausdrücklich von Eton her beſchieden; er war ſeit den letzten Ferien wenigſtens um zwei Zoll größer geworden, 25* „ von denen einer auf Rechnung des natürlichen Wachsthums, der andere auf die eines neuen Paars prächtiger Welling⸗ tonſtiefel kam. Die Freude des Knaben zeigte ſich jedoch weniger augenfällig, als die der übrigen, da er Jemima ſehr zugethan war— kein Wunder; es wäre jedem Knaben ſo ergangen, denn ſie war ſehr fanft und freundlich und brachte viele hübſche Geſchenke mit, wenn ſie von ihren Bad⸗ reiſen zurückkehrte. Frank fühlte daher, daß er ſie ſehr ver⸗ miſſen werde, und meinte, ſie habe eine ſehr ſonderbare Wahl getroffen. Kapitän Higginbotham war n worden; aber zu Miß Jemima's großem Erſtaunen beantwortete er dieſe Aufmerkſamkeit mit einem Brief an ſie ſelbſt, den er mit „privat und vertraulich“ bezeichnete.„Sie müſſe längſt ſeine aufrichtige Zuneigung zu ihr bemerkt haben,“ ſagte das Schreiben.„Nur Beweggründe des Zartgefühls und die Hochherzigkeit ſeiner Geſinnung hätten ihn, der ſich blos eines kleinen Einkommens erfreuen dürfe, von einem förmlichen Antrage abgehalten; nun er aber in Erfahrung bringe(kaum vermöge er ſeinen Sinnen zu glauben, oder ſeine Leidenſchaft zu bewältigen), daß es in der Abſicht ihrer Verwandten liege, ſie zu zwingen zu einer barbariſchen ehelichen Verbindung mit einem Ausländer von höchſt abſchreckendem Aeußern und den erbärmlichſten Verhältniſſen, ſäume er keinen Augenblick mehr, ihr ſeine Hand und ſein Vermögen zu Füßen zu legen. Er thue dies um ſo vertrauensvoller, da ihm Miß Jemima's ge⸗ heime Gefühle gegen ihn nicht hätten entgehen können; auch dürfe Shar welch tigter ten, des zugez währ denſel ſie be dieſen dies In de Ricca unbed konnte Allerd ein; auf, noch e weiher Kapit bung von P Gentl. thums, elling⸗ jedoch emima Knaben ch und n Bad⸗ hr ver⸗ derbare zaber er dieſe er mit müſſe aben,“ gefühls der ſich einem ahrung t, oder t ihrer ſchen höchſt chſten r ſeine rthue ge⸗ önnen; 389 auch ſey er ſtolz darauf und ſchätze ſich glücklich, ſagen zu dürfen, daß ſein lieber und vortrefflicher Vetter, Mr. Sharpe Currie, ihn mit einer Liebe und Achtung behandle, welche zu den glänzendſten Erwartungen berech⸗ tigten— Erwartungen, die ſich recht bald erfüllen könn⸗ ten, denn ſein hochgeehrter Verwandter habe ſich im Dienſte des Vaterlandes ein ſehr bedenkliches Leberleiden zugezogen und werde es nicht mehr lange treiben.“ So ſeltſam es auch erſcheinen mag, hatte Miß Jemima während ihrer vieljährigen Bekanntſchaft mit dem Kapitän denſelben nie wegen anderer, als brüderlicher Gefühle gegen ſie beargwöhnt. Wollten wir behaupten, die Kunde von dieſem Irrthum habe ihr nicht Freude gemacht, ſo hieße dies ſagen, ſie ſey mehr geweſen, als ein Frauenzimmer. In der That mußte ihr der Gedanke, daß ſie ihrem theuren Riecabocea die Uneigennützigkeit ihrer Zuneigung durch ein unbedingtes Ablehnen dieſes glänzenderen Antrags beweiſen konnte, zur Quelle eines nicht unedeln Triumphes werden. Allerdings bettete ſie den Korb in die tröſtendſten Ausdrücke ein; aber der Kapitän nahm ihn augenſcheinlich ſehr übel auf, denn er gab auf ihr Schreiben weder eine Antwort, noch erſchien er bei der Hochzeit. Wir müſſen hierorts den Leſer in ein Geheimniß ein⸗ weihen, mit welchem Miß Jemima nie bekannt wurde— Kapitän Higginbotham hatte ſich nämlich bei ſeiner Bewer⸗ bung um die Hand der Dame weit weniger von Cupido als von Plutus leiten laſſen. Er gehörte zu jener Klaſſe von Gentlemen, die ihr Haupthuch bei dem Scheine jener 390 Leichenlichter oder Irrwiſche prüfen, die man Ausſichten nennt. Seit ihm— er war damals noch Knabe— der Großvater des Squire ein Legat von fünfhundert Pfunden vermacht hatte, pflegte er ſeine Zukunft mit Ausſichten zu beleben. Er ſprach von denſelben, wie ein Mann von ſei⸗ nen Aktien bei einer Rentenanſtalt ſpricht— ſie ſchwankten vielleicht ein wenig, ſanken oder ſtiegen; aber wenn er am Leben blieb, ſo war es gar nicht anders möglich, als daß er es mit der Zeit bis zum Millionär brachte. Obgleich Miß Jemima gute fünfzehn Jahre jünger war, als er, ſtand ſie voch immer als eine gute runde Summe in den geſpenſtiſchen Büchern des Kapitäns. Sie galt ihm als eine Ausſicht im vollen Betrag ihrer viertauſend Pfund, denn Frank war nur ein Kind, und es hieß Waſſer ins Meer ſagen wenn ſie dieſem etwas vermachen wollte. Eh' Kapitän Higginbotham ſich plötzlich eine ſo nam⸗ hafte Ziffer ſtreichen laſſen wollte aus ſeinem träumeriſchen Hauptbuch— eh' er gutwillig zuſah, daß ſo viel Geld rein aus der Familie verſchwand, griff er zu jenem, wie er meinte, unfehlbaren, wenn auch verzweifelten Schritt, um ſein Eigenthum zu retten. Konnte er das goldene Horn nicht ohne die Kuh kriegen, ſo mußte er eben die Kuh mit in den Kauf nehmen. Freilich hätte er ſich nie vorgeſtellt, daß eine ſo ſanfte Kuh ſtoßen und ihn niederwerfen könne. Der Schlag war betäubend. Aber Niemand hat Mitleid mit dem Unglürk der Habſüchtigen, obſchon vielleicht Wenige des Mitleids bedürftiger ſind. Wir überlaſſen es daher dem armen Kapitän Higginbotham, ſo gut es gehen will, ſich für ſ welch eines müth das Kapi treffe wie d ausn und tereſſ hebt, und Men ländl dean haari riefen Gege Man bei H und d dem blos anlaf Sege chten — der unden en zu on ſei⸗ ankten er am daß er Miß ind ſie tiſchen ſicht k war wenn nam⸗ riſchen d rein reinte, ſein nicht in den 5 daß Der d mit ge des r dem l, ſich 394 für ſeinen Verluſt unter den Ausſichten zu enſſchädigen, welche die Geſtalt des Mr. Sharpe Currie umgeben— eines Mannes von der unfreundlichſten, tyranniſchſten Ge⸗ müthsart, auf deſſen Tiſch nie ein Gericht erſcheinen parf, das nicht mit Reis gemiſcht wäre, ſo daß die Kräfte des Kapitäns mit jedem Tage mehr in Abnahme kommen. Ich kehre zu der Hochzeit von Hazeldean zurück und treffe daſelbſt gerade zu rechter Zeit ein, um Zeuge zu ſeyn, wie der Bräutigam, der ſich bei dieſer Gelegenheit recht gut ausnimmt, die Braut, welche mit ihren ſonnigen Thränen und ihrem zärtlichen Lächeln in der That eine recht in⸗ tereſſante und ſogar hübſche Braut iſt, in einen Wagen hebt, den ihnen der Squire zum Geſchenk gemacht hat, und mit ihr unter den Segenswünſchen der verſammelten Menge die orthodore Fahrt zur Trauung antritt. Ein gedankenloſer Leſer wundert ſich vielleicht, daß die ländlichen Zuſchauer der ehelichen Verbindung einex Hazel⸗ dean von Hazeldean mit einem armen, ausländiſchen, lang⸗ haarigen Fremden Beifall zollten und Segenswünſche nach⸗ riefen; aber abgeſehen davon, daß Riecabocca ja in der Gegend ſeßhaft war und allgemein als ein ſehr höflicher Mann galt, iſt es eine allgemein bekannte Thatſache, daß bei Hochzeiten die Braut das Intereſſe, die Bewunderung und die Neugierde in einem Grade auf ſich vereinigt, welcher dem Bräutigam wenig oder nichts übrig läßt. Letzterer iſt blos ein paſſives Vermittlungsglied, die unbeachtete Ver⸗ anlaſſung der allgemeinen Freude. Der Beifall und die Segenswünſche galten nicht Riccabveca ſelbſt, ſondern dem“ 392 Gentleman in ber weißen Weſte, der Miß Jemima— zur dann Madame Rickybocky gemacht hatte! fürt Auf den Arm ſeiner Gattin gelehnt— denn der Squire bei! wählte, namentlich wenn er vergnügt war, weit lieber den ſeyn Arm ſeiner Harrh als den eigenen zur Stütze, und es lag Notl etwas Rührendes in dem Anblick dieſer kräftigen Geſtalt, Erm welche in den Stunden des Glücks ſo ahnungslos Beiſtand gewt ſuchte bei dem ſchwachen Arm des Weibes— ich ſage auf der 6 den Arm ſeiner Gattin gelehnt, trat Mr. Hazeldean um ſen, Sonnenuntergang den Weg an nach dem Pavillon am See. dies Das ganze Kirchſpiel— Jung und Alt, Mann, Weib Land und Kind— war hier verſammelt, und in der gemein⸗ arbei ſamen Aufregung ſchien ſich auf allen Geſichtern der näm⸗ Jahr liche Familienzug abzuprägen, als ſie des offenen väterlichen weite Lächelns im Antlitz des Squire gewahr wurden. Mr. Hazel⸗ dean ſtand oben an dem langen Tiſch und füllte aus dem Rede ſchäumenden Kruge neben ihm ein Horn mit Ale. Dann ihm ſchaute er umher, erhob die Hand, um zum Schweigen ſich aufzufordern, und ſtieg, um von Allen geſehen zu werden, aber auf einen Stuhl. Männiglich fühlte Jeder, daß der Squire unter im Begriff war, eine Rede zu halten, und ver Ernſt der berei Aufmerkſamkeit ſtand im Verhältniß zu der Seltenheit eines ſolchen Unterfangens; denn obſchon der Squire in der Rhetorik der Huſtings nicht ungeübt war, hatte er doch nur dreimal in ſeinem Leben vor den Dorfbewohnern von Hazel⸗ dean einen Vortrag gehalten, den man eine„Rede“ nennen konnte— das erſtemal bei einer ähnlichen feſtlichen Gelegen⸗ heit, als er den Hazeldeanern ſeine Braut vorſtellte— zur quire r den 8 lag ſtalt, ſtand e auf tum See. Weib nein⸗ näm⸗ ichen azel⸗ dem Dann eigen rden, quire t der eines der nur azel⸗ nnen gen⸗ e— 393 dann bei einer zweifelhaften Wahl für die Grafſchaft, die für ihn mehr als gewöhnliches Intereſſe hatte, ein Anlaß, bei welchem er nicht ganz ſo nüchtern war, als er hätte ſeyn können— und endlich während einer Periode großer Noth unter den Landbauern, als die Farmer ungeachtet der Ermäßigung der Pachtzinſe eine bedeutende Anzahl ihrer gewöhnlichen Arbeiter entlaſſen mußten. Damals ſagte der Squire:„Ich habe meinen Hundezwinger eingehen laſ⸗ ſen, weil ich ein hübſches Stück Waſſer im Park haben“— dies war der Urſprung des Sees—„und all das niedrige Land in der Umgebung trocken legen möchte. Jeder, der arbeiten will, ſoll zu mir kommen!“ Und in jenem traurigen Jahr betrug die Armenſteuer des Kirchſpiels keinen Schilling weiter als ſonſt. Jetzt erhob ſich der Squire zum viertenmal, um eine Rede zu halten. Zu ſeiner Rechten ſtand Harry, links von ihm Frank, und unten am Tiſch als Vicepräſident befand ſich Pfarrer Dale— hinter ihm die Frau Pfarrerin, die aber nur undeutlich wahrzunehmen war. Letztere gehörte unter die thränenreichen Damen und hatte ihr Taſchentuch bereits vor den Augen. Nennundzwanzigſtes Kapitel. Die Rede des Squire. „Freunde und Nachbarn, meinen herzlichen Dank, daß ihr euch heute um mich verſammelt und ſo viel Theilnahme S — S —— 394 gegen mich und die Meinigen an den Tag gelegt habt. Meine Muhme iſt nicht unter euch geboren, wie ich; aber ihr habt ſie von Kindheit an gekannt. Es iſt ein trauliches Geſicht, das nie zürnen konnte, und ihr werdet es vermiſſen an den Thüren eurer Hütten, wie ich es mit den Meinigen noch lange vermiſſen werde in der alten Halle—“ Einige der Weiber begannen jetzt zu ſchluchzen, und von Mrs. Dale ſah man gar nichts mehr, als das weiße Taſchentuch. Der Squire ſelbſt hielt inne und wiſchte ſich mit dem Handrücken die Thräne ab. Dann begann er wieder mit einem plötzlichen Wechſel in ſeiner Stimme„der wahrhaft elektriſch wirkte:— „Denn Niemand von uns weiß einen Segen nach Ge⸗ bühr zu ſchätzen, bis man ihn verloren hat. Nun hatte es vor Kurzem noch den Anſchein, als habe ſich ein Geiſt des Grolls im Dorf eingeſchlichen— Freunde und Nachbarn, ein Geiſt des Grolls zwiſchen euch und mir! Wie kömmt dies? Sieht dies meinen Hazeldeanern gleich?“ 8 Die Zuhörer ließen die Köpfe ſinken. Nie hat man Leute geſehen, die ſich ſo vor ſich ſelbſt ſchämten. Der Squire fuhr fort:— „Ich will nicht ſagen, daß die Schuld ganz an euch ſey; vielleicht trifft ſie mich ebenfalls.“ „Nein— nein— nein!“ erſcholl es im allgemeinen Chorus. „Freunde,“ nahm der Squire demüthig und in einem jener beleuchtenden Aphorismen wieder auf, welche zwar nicht ſo fein waren, wie die des Doctor Rieccabocca, dafür aber „wir pferd weile mau lein ten; nage Woc — e gute fall. wied brin ihr! darit wo ſeyn jetzt desh dem könn man Urſa lebe zins euch meh habt. aber liches niſſen nigen „und weiße e ſich m er „der Ge⸗ te es t des barn, mmt man Der euch inen nem war afür 395 aber der Faſſungsgabe der Zuhörerſchaft näher lagen— „wir ſind alle Menſchen und jeder Menſch hat ſein Stecken⸗ pferd; bisweilen wird nun der Menſch über den Gaul, bis⸗ weilen aber auch der Gaul, beſonders wenn er recht hart⸗ maulig iſt, über den Menſchen Meiſter. Des Einen Röß⸗ lein hat vee üble Gewohnheit, immer am Wirthshaus hal⸗ ten zu wollen!(Gelächter.) Eines Andern Gaul iſt nicht nagelsbreit über die Thüre hinaus zu bringen, wo ihm eine Woche früher eine ſchmucke Dirne den Hals geſtreichelt hat — ein Steckenpferd, das ich ſelbſt oft ritt, als ich meiner guten Frau da den Hof machte!(Viel Gelächter und Bei⸗ fall.) Andere haben träge Gäule, die nie vorwärts wollen, wieder Andere kollerige Thiere, die man nicht zum Halten bringen kann. Um übrigens die Sache kurz zu machen— ihr wißt's ja ſelber— mein Lieblingsſteckenpferd beſteht darin, daß ich auf meinem Eigenthum überall ſeyn will, wo mir das Auge und die Hand des Herrn erforderlich zu ſeyn ſcheint. Ich kann es nicht leiden(rief der Squire, der jetzt warm wurde), wenn Dinge vernachläſſigt werden und deshalb verfallen und zum Henker gehen. Das Land, auf dem wir leben, iſt eine gute Mutter gegen uns, und wir können für ſie nicht zu viel thun. Ich verdanke ihr freilich manchen ſchönen Acker, Nachbarn, und habe deshalb wohl Urſache, gut von ihr zu ſprechen; aber was iſt's denn? Ich lebe unter euch, und was ich mit der einen Hand als Pacht⸗ zins von euch nehme, das theilt die andere wieder unter euch aus.(Dumpfes, aber beifälliges Gemurmel.) Je⸗ mehr ich mein Eigenthum verbeſſere, deſto mehr Munde ———————FÜñůÜ˖ÜFÜF 396 finden darauf ihre Nahrung. Mein Urgroßvater hielt ein Feldbuch, in welchem nicht nur die Namen aller Farmer und der Umfang des von jedem Einzelnen bewirthſchafteten Lan⸗ des, ſondern auch die Durchſchnittszahl der für die Güter verwendeten Knechte und Taglöhner aufgezeichnet war. Mein Großvater und mein Vater, beide führten das Feld⸗ buch fort, und auch ich bin nicht von dieſem Vorgang abge⸗ wichen. Ich finde nun, Nachbarn, daß ſeit der Zeit, als mein Urgroßvater das Buch anlegte, der Ertrag an Pacht⸗ zinſen ſich verdoppelt hat. Ja; es ſind aber dafür mehr denn viermal ſo viel Arbeiter, die noch obendrein viel höhe⸗ ren Lohn beziehen, auf den Gütern beſchäftigt. Seht ihr, nun, ihr Leute, wie viel davon abhängt, daß man ſein Eigenthum zu verbeſſern ſucht und nichts zu Schanden gehen läßt?(Beifall.) Und deshalb werdet ihr mir wohl mein Steckenpferd zu gut halten, Nachbarn, da es ja doch nur Korn auf eure Mühle führt.(Wiederholter Beifall.) Gut — aber ihr werdet ſagen: auf was zielt denn der Squire ab? Einfach darauf, meine Freunde: es war nur ein ein⸗ ziges verwahrlostes und dem Einſturz nahes Ding im Kirch⸗ ſpiel Hazeldean, und es that meinen Augen weh, einen Gegenſtand in ſo ſchlechtem Zuſtand ſehen zu müſſen. Da ſattelte ich nun mein Steckenpferd und ritt danach hin. Oho! ihr wißt nun, was ich meine. Ja; aber ihr hättet euch die Sache nicht ſo zu Herzen nehmen ſollen, Nachbarn. Es war ein ſchuftiger Streich von einem unter euch, mich in effigie, wie man's nennt, aufzuhängen.“ dem abe von allg keit Ma ren Koſ mit Sch den eine mei verl nen der Kirt ruht kein Ste nich lich ſage wiet lt ein rund Lan⸗ Füter war. Feld⸗ abge⸗ „als acht⸗ mehr höhe⸗ ihr, ſein een mein nur Gut uire ein⸗ irch⸗ inen Da hin. ittet arn. mich 397 „Das ſeyd nicht Ihr geweſen,“ rief eine Stimge aus dem Sußen⸗„ſondern Nick Si 1 aber iein er ſich jetzt konnte, wer der von Allem war, ſo benahm er ſich doch an dieſem Tage allgemeiner Amneſtie mit ſo viel Klugheit und Hochherzig⸗ keit, daß er nicht rief:„Tritt hervor, Sprott; Du biſt der Mann“. Gleichwohl vertrug es ſich nicht mit ſeinem wacke⸗ ren engliſchen Geiſt, daß er die eigene Ehrenerklärung auf Koſten ſeines Dieners hinnahm. „Wenn ihr Nick Stirn damit gemeint habt,“ ſagte er mit großem Ernſt,„ſo iſt es nur eine um ſo größere Schande für euch. Es verriethe wenigſtens einigen Muth, den Herrn zu hängen; aber zum Henkersknecht zu werden an einem armen Dienſtmann, der ſeine Pflicht zu erfüllen meinte und ſich nichts daraus machte, ob er auch dadurch verhaßt wurde— dies war ein gemeiner Streich, der mei⸗ nen Hazeldeanern ſo wenig gleich ſieht, daß ich eher glaube, der Menſch, welcher ſie dazu verführte, ſey gar nicht im Kirchſpiel geboren. Doch aſen wir das Vergangene be⸗ ruhen. So viel iſt klar, daß ihr an meinen neuen Stöcken keine Freude habt. Sie ſind euch zum Aerger und zum Stein des Anſtoßes geworden, und man kann allerdings nicht läugnen, daß auch ohne ſie im Kirchſpiel Alles ordent⸗ lich von ſtatten ging; ja, wir ſind ſogar, trotz derſelben, ſpäter wieder zuſammengekommen. Und ich kann euch nicht ſagen, wie wohl es mir that, als ich ſah, daß eure Kinder wieder auf dem alten Raſen ſpielten und eure ehrlichen — . 358 Geſichter, ungeachtet der Stöcke und der hölliſchen Traktate, die ihr in letzter Zeit ſo gerne laſet, ſich aufheiterten bei dem Gedanken, es gehe in der Halle etwas Erfreuliches vor. Nachbarn) ihr habt mich damit an eine alte Ge⸗ ſchichte erinnert, die ſich, abgeſehen von der Nutzanwendung auf das Kirchſpiel, alle wohl ins Gedächtniß ſchreiben dür⸗ fen, welche verheirathet ſind oder ſich zu verheirathen geden⸗ ken. Ein würdiges Paar, Namens John und Hanne, hatte ſchon manches Jährlein glücklich mit einander gelebt, als es ihnen zu einer unſeligen Stunde einfiel, eine neue Ma⸗ tratze zu kaufen. Hanne meinte, ſie ſey zu hart, und John ſagte, ſie ſeh zu weich. Dieſe Meinungsverſchiedenheit gab natürlich Anlaß zu Streit. Nachdem ſie den ganzen Tag mit einander geſchmollt hatten, beſchloſſen ſie endlich, Nachts die Matratze zwiſchen ſich zu legen.(Schallendes Gelächter nnter den Männern; die Weiber dagegen wußten nicht, wo⸗ hin ſie ſchauen ſollten, die einzige Mrs. Hazeldean ausge⸗ nommen, welche, obſchon ihr Geſicht mehr als gewöhnlich roſig anzuſehen wat, ihr unſchuldiges gemüthliches Lächeln beibehielt, als wollte ſie ſagen:„Es liegt nichts Arges in den Späſſen des Squire.“) Der Redner fuhr fort:— „Nachdem ſie eine Weile ſo getrennt dagelegen hatten, ohne daß Eines dem Andern eine Rede gönnte, wandelte John ein Nieſen an. Helf Gott! ruft Hanne über die Matratze herüber. Haſt du zur mir„Helf Gott“ geſagt'? entgegnete John. Nun, ſo ſoll die Matratze zum Henker gehen!“ Lange anhaltendes Gelächter und ſtürmiſcher Beifall. „Freunde und Nachbarn,“ nahm der Squire wieder auf Tri dig hak alte wol daß und dan der ner geko Ges hor und geſc Geſ tate ten: Arb wen als wyf revp aktate, ten bei uliches te Ge⸗ ndung ndür⸗ geden⸗ hatte t, als e Ma⸗ John it gab n Tag Nachts lächter t, wo⸗ ausge⸗ hnlich ächeln ges in — „ohne John tratze egnete F ifall. vieder 399 auf, indem er, nachdem wieder Stille eingetreten wat, das Trinkhorn erhob,„ich mache mir die Freude, euch anzukün⸗ digen, daß ich zu Abbrechung der Stöcke Befehl ertheilt habe. Man ſoll eine Bank für den Kaminwinkel unſeres alten Freundes Gaffer Solomons dört daraus machen. Aber wohlgemerkt, ihr Jungen, wenn ihr je Anlaß dazu gebt, daß das Kirchſpiel den Verluſt ſeiner Stöcke bereuen muß — wenn die Aufſeher mit langen Geſichtern zu mir kommen und ſagen, die Stöcke müſſen wiederhergeſtellt werden, dann— Die ganze Dorfjugend erhob jetzt ein ſolches Geſchrei der Verwahrung, daß der Sguire der ſtümperhafteſte Red⸗ ner von der Welt hätte ſeyn müſſen, wenn es ihm zu Sinne gekommen wäre, auch nur eine Sylbe weiter über den Gegenſtand zu verlieren. Er ſchwenkte daher das Trink⸗ horn über ſeinem Kopfe und rief:— „Ja, das iſt mein altes Hazeldean wieder! Geſundheit und langes Leben euch Allen!“ Der Keſſelflicker hatte ſich aus der Verſatmlung fort⸗ geſchlichen und ließ im Laufe der nächſten ſechs Mölate ſein Geſicht nicht wieder im Dotfe blicken. Und was die Trak⸗ tate betraf, welche ungeachtet ihrer verlockenden Aufſchrif⸗ ten:„des armen Mannes Freund“, oder„dis Rechte der Arbeit“ verderbliches Gift enthielten, ſo fand man ſie ſo wenig mehr in den Küchenkäſten von Hazeldean verſteckt, als ſich der tovtbringende Rachtſchatten mter den Blumen⸗ töpfen im Beſuchzimmer der Halle blicken ließ. Auch die revolutionäre Bierſchenke machte es nicht mehr nöthig, daß 400 man die Behörden um Zurücknahme der Wirthſchaftsgerech⸗ tigkeit anging, denn ſie ſchloß ſich von ſelbſt, noch eh' eine Woche um war. O junges Haupt des großen Reiches Habsburg, welch ein Hazeldean hätteſt du aus Ungarn machen können! Welch ein Moriamur pro rege nostro würde dein junges Regiment begrüßt haben, wenn du eine Rede gehalten hätteſt, wie die des Squire war! Piertes PBuch. Einleitungs⸗Kapitel: enthält Mr. Carton's Anſichten über den Eheſland, unter- ſtützt von gelehrten Autoritäten.. „Es war kein übler Gedanke von Dir, Piſiſtratus,“ ſagte mein Vater gnädig,„die geſteigerte Zuneigung und die ernſten Abſichten des Signor Riccabocca in einen ein⸗ zigen Zug zuſammenzufaſſen— Erlegte ſeine Brille ab! Gut.“ „Und doch,“ bemerkte mein Onkel,„läßt, wenn ich nicht irre, Shakſpeare einen Liebhaber lieber in ſchlampichte Gewohnheiten verfallen, ſein Aeußeres vernachläſſigen und in herunterhängenden Strümpfen herumgehen, als daß er hm jene Aufmerkſamkeit auf ſeine Perſon beilegt, welche — „ den und Pha eine der f — v Hert das nor! über fend. die ſ entſch die V lich: allzu ſehr mein an de daher das wohl Seite Br gerech⸗ h' eine „welch Welch giment vie die unter- tus, g und n ein⸗ rille m ich pichte n und aß er welche 401 den Signor Rieccabocea veranlaßte, ſeine Brille einzuſperren und ſich ſo ſchön zu machen, als es die Natur geſtattete.“ „Die Leidenſchaft hat verſchiedene Grade und viele Phaſen,“ verſetzte mein Vater.„Shakſpeare ſpricht von einem mißhandelten, ſchmachtenden und gebeugten Liebhaber, der ſich über die Grauſamkeit ſeines Gegenſtandes abhärmt — von einem Liebhaber, der gefunden hat, daß ihn das Herausputzen nichts nützt und deshalb verzweiflungsvoll in das entgegengeſetzte Ertrem verfallen iſt, während ſich Sig⸗ nor Riccabveca von Seiten Miß Jemima's durchaus nicht über Barbarei zu beklagen hat.“ „Freilich nicht!“ rief Blanche, das Köpfchen aufwer⸗ fend.„Sie iſt ein allzuwillfähriges Geſchöpf.“ „Du haſt Recht, meine Liebe,“ ſagte meine Mutter, die ſich Mühe gab, recht ſtattlich auszuſehen.„Ich bin entſchieden der Anſicht, daß in dieſer Beziehung Piſiſtratus die Würde unſeres Geſchlechtes gekränkt hat. Abſichtlich frei⸗ lich nicht“— ſetzte ſie milde bei, da ſie fürchtete, etwas allzu Bitteres geſagt zu haben;„aber es iſt für einen Mann ſehr ſchwer, uns Frauen zu ſchildern.“ Der Kapitän nickte beifällig, Mr. Squills lächelte, und mein Vater nahm ruhig den Faben ſeiner Rede wieder auf. „Um fortzufahren— Riccaboeca hat keinen Grund, an dem Erfolg ſeiner Werbung zu verzweifeln, und es kann daher nicht in ſeiner Abſicht liegen, in ſeiner Geliebten das Gefühl des Mitleids hervorzurufen. Er kann daher wohl ſeine Strumpſbänder anlegen und ſeine Brille bei Seite thun. Was fagt Ihr dazu, Mr. Squills? denn das Bulwer, meine Novelle, 26 402 Verliebtſeyn iſt ohne Frage eine ſchwere Krankheit, und es erſcheint mir deshalb paſſend, die Anſicht eines erfahrenen Mannes vom Fach einzuholen.“ „Mr. Carton,“ verſetzte Squills, der ſich augenſchein⸗ lich durch dieſe Berufung geſchmeichelt fühlte,„Ihr habt vollkommen Recht. Wenn ein Mann ſich verliebt, befinden die Organe der Selbſtachtung und der Beifallsliebe ſich in einem ſehr gereizten Zuſtande, und er ſucht ſich ſo vortheil⸗ haft als nur möglich herauszuſtaffiren. Ihr bemerktet von dem Shakſpeare'ſchen Liebhaber ganz richtig: erſt, wenn er das Verliebtſeyn als ein ſchlechtes Geſchäft aufgegeben hat und ſein Ganglienſyſtem von dem ſchweren Schlag betroffen „worden iſt, den ihm die Grauſamkeit der Geliebten verſetzte, vernachläſſigt er ſeine Außenſeite. Die Vernachläſſigung rührt nicht von dem Verliebtſeyn, ſondern von dem Um⸗ ſtand her, daß ſein Nervenſyſtem niedergedrückt iſt. Wenn Ihr Euch erinnert, war dies auch der Fall bei dem armen Major Prim. Nachdem Suſanne Smart ihn abgewieſen hatte, trug er ſtets ſeine Perrücke verkehrt; aber ich brachte ihn wieder ganz zurecht.“ „Dadurch, daß Ihr Miß Smart zur Reue veranlaßtet, oder weil Ihr ihm ein neues Schätzchen ſchafftet?“ fragte nein Onkel⸗ „Pah!“ antwortete Squills,„durch Chinin und kalte Bäder.“ „Wir können daher als allgemeine Regel zugeben,“ fuhr mein Vater fort,„daß der Prozeß des Freiens eine Reigung zur Putzſucht und ſogar der Geckenhaftigkeit in ⸗ . dem recht ſogar auch ſeite Neu mexik Dein Dich, dings denn! ſo wir werde nen'! ſcheide fand, fel mu loſoph PTapet: ſicherli armez gegnet natürli men zi Aber el für dief und es hrenen iſchein⸗ rhat efinden ſich in theil⸗ tet von ener en hat troffen rſetzte, ſigung 1Um⸗ Wenn armen wieſen rachte laßtet, fragte kate ben,“ eine eit in 403 dem darin verſtrickten Individuum gebiert, wie Voltaire recht hübſch irgendwo bewieſen hat. Die Mexikaner waren ſogar der Anſicht, daß wenigſtens das weibliche Geſchlecht auch nach der Verheirathung die Sorgfalt für die Außen⸗ ſeite fortzuſetzen habe. In Sahaguns Geſchichte von Neuſpanien finden wir den Rath einer aztekiſchen oder mexikaniſchen Mutter, die zu ihrer Tochter ſagt: Damit Dein Gatte nicht eine Abneigung gegen Dich faſſe, ſchmücke Dich, waſche Dich und halte Deine Kleidung rein. Aller⸗ dings fügt die gute Frau bei: Thu' es mit Mäßigung, denn wenn Du jeden Tag Dich und Deine Kleider wäſcheſt, ſo wird die Welt ſagen, Du ſeyeſt überfein, und namentlich werden Dich die Leute TAPETZON TINEMAXOCH nen⸗ nen! Was dieſe Worte bedeuten,“ fügte mein Vater be⸗ ſcheiden bei,„kann ich nicht ſagen, da ich nie Gelegenheit fand, die alte Aztekenſprache zu lernen— aber ohne Zwei⸗ fel muß es etwas ſehr Schimpfliches und Schreckliches ſeyn.“ „Ich kann mir denken,“ ſagte mein Onkel,„ein Phi⸗ loſoph, wie der Signor Riccabveca, war ſelbſt nicht ſehr Tapetzon tine— oder wie das Ding heißt— und verdiente ſicherlich nicht ein ſo herzgutes engliſches Weib, wie es die arme zärtliche Jemima war.“ „Roland, Du kannſt die Ausländer nicht leiden,“ ent⸗ gegnete mein Vater;„ein achtbares Vorurtheil und ganz natürlich für einen Mann, der ſein Beſtes gethan, ſie zuſam⸗ men zu hauen und fetzenweiſe in die Luft fliegen zu laſſen. Aber ebenſowenig biſt Du ein Freund von Philoſophen, und für dieſe Abneigung haſt Du nicht denſelben guten Grund.“ 26* ——— 404 „Ich deutete blos an, daß ſie in der Regel nicht ſon⸗ derlich auf Seife und Waſſer erpicht ſind,“ verſetzte Onkel Roland. „Dies iſt ein ſchwerer Irrthum, denn es hat viele große Philoſophen gegeben, die ihr Aeußeres in keiner Weiſe vernachläſſigten. Bekanntermaßen hat es Ariſtoteles in dieſer Beziehung ſogar arg übertrieben, und wenn Buffon ſich zum Schreiben niederſetzte, pflegte er ſeine beſten Spitzen⸗ manſchetten anzulegen, woraus man ſchließen kann, daß er zuerſt ſeine Hände wuſch. Pythagoras legt den häufigen Waſchungen ſogar eine heiligende Weihe bei, und Horaz, welcher in ſeiner Art ein ſo guter Philoſoph war, als irgend einer, der ſich unter den Römern aufthat, verſäumt nicht, uns wiſſen zu laſſen, welch ein nettes, geſchniegeltes und flinkes Herrlein er war. Ich denke übrigens nicht, daß Du je die Apologie des Apulejus' geleſen haſt?“ „Nein, gewiß nicht— von was handelt ſie?“ fragte der Kapitän. „Von gar Mancherlei. Sie iſt die Rechtfertigung die⸗ ſes Weiſen gegen mehrere boshafte Anſchuldigungen— unter anderen hauptſächlich gegen die, daß er als Philoſoph viel zu geziert und weibiſch ſey. Nichts übertrifft die rhetho⸗ riſche Gewandtheit, mit welcher er ſich entſchuldigt, weil er Gebrauch macht von— einem Zahnpulver. Darf ein Phi⸗ loſoph etwas Unteines an ſich dulden, ruft er aus,'na⸗ mentlich in ſeinem Munde— in dem Munde, der die Vor⸗ halle der Seele, das Thor der Rede und der Portikus des Gedankens iſt? Aber Aemilianus(der Ankläger des Apnlejus) öffn Sch bei eine pult ſein Und gere ein Rac ſein den Me Gra dig ſehr als forn Kin Ma gebe das gebi Hat emp wich icht ſon⸗ te Onkel at viele er Weiſe teles in Buffon Spitzen⸗ n, daß äufigen Horaz, s irgend t nicht, tes und daß Du fragte ing die⸗ gen— hilofoph rhetho⸗ weil er in Phi⸗ s, na⸗ ie Vor⸗ kus des mlejus) 405 öffnet freilich ſeinen Mund zu nichts Anderem, als zu Schmähreden und Läſterungen, und ſo wäre ein Zahnpulver bei ihm ganz am unrechten Platz. Oder wenn er auch eines gebraucht, ſo iſt es nicht mein gutes arabiſches Jahn⸗ pulver, ſondern Holzkohle und verbranute Lumpen. Ja, ſeine Zähne ſollten ſo häßlich ſeyn, wie ſeine Sprache! Und doch liebt es ſogar das Crocodil, daß ſeine Zähne gereinigt werden; Inſekten kriechen hinein, und obſchon es ein ſchreckliches Unthier iſt, öffnet es doch arglos ſeinen Rachen gegen einen zahnkünſtleriſchen Vogel, der freiwillig ſeinen Schnabel zum Dienſte eines Zahnſtochers anbietet.“ Mein Vater war ob ſeinem Gegenſtand warm gewor⸗ den und ſchwang ſich meilenweit auf über Riccabocca und Meine Novelle'. „Und habt Acht,“ rief er—„habt Acht, mit welcher Gravität dieſer treffliche Platoniker ſich zu der Anklage ſchul⸗ dig bekennt, daß er einen Spiegel beſitze. Was verdient ſo ſehr die Betrachtung eines menſchlichen Weſens', ſagt er, als ſein eigenes Bild? Mihil respeetabilius homini quam formam suam!) Iſt nicht Jedem dasjenige von ſeinen Kindern das liebſte, das man ſeines Vaters Ebenbild nennt? Mag ſich ein Künſtler mit einem Porträt noch ſo viele Mühe geben, ſo kann es dem Urbild doch nie ſo gleich ſehen, wie das Abbild im Spiegel. Sollte es ſchimpflich ſeyn, mit gebührender Aufmerkſamkeit ſich im Spiegel zu betrachten? Hat nicht Socrates dieſe Aufmerkſamkeit ſeinen Schülern empfohlen— und behandelte er nicht den Spiegel als ein wichtiges morgliſches Mittel? Der Schöne, welcher ſeine 406 Schönheit barin bewundert, ſollte badurch ermahnt werden, daß derjenige ſchön iſt, welcher ſchön handelt, und je mehr der Häßliche ſein Abbild anſtierte, deſto mehr müßte ihm natürlich daran gelegen ſeyn, die Garſtigkeit ſeines Geſichts durch Lieblichkeit ſeines inneren Werthes zum Vergeſſen zu bringen. Stand nicht Demoſthenes immer vor ſeinem Spiegel? Sprach er nicht vor ihm ſeine Reden, als ſey derſelbe ein Meiſter in der Kunſt, welcher ihn abhöre? Seine Beredſamkeit hatte er von Plato, die Dialektik von Eubuli⸗ des gelernt; was aber den Vortrag betraf— in dieſem Punkte wurde er der Schüler ſeines Spiegels'.“ „Deshalb“— ſchloß Mr. Caxton, der jetzt unerwar⸗ tet wieder auf den früheren Gegenſtand zurückkam—„des⸗ halb iſt kein Grund für die Annahme vorhanden, Riccabveca habe, weil er ein Philoſoph war, nichts auf Reinlichkeit und ein anſtändiges Auftreten gehalten. Ueberhaupt zeigte er, in Anbetracht aller Dinge, ganz beſonders den Philo⸗ ſophen, als er ſeine Brille ablegte und ſo gut wie möglich auszuſehen verſuchte.“ „Gut,“ ſagte meine Mutter.„Ich hoffe nur, daß es glücklich ausfalle. Aber lieber wäre es mir geweſen, wenn Piſiſtratus den Doctor Rieccabveca nicht zu einem ſo wider⸗ haarigen Freier gemacht hätte.“ „Sehr wahr,“ bemerkte der Kapitän.„Der Italiener fömmt mir gar nicht wie ein Liebhaber vor. Wirf ein Bischen mehr Feuer in ihn, Piſiſtratus— etwas mehr Galanterie und Ritterlichkeit.“ „Feuer— Galanterie— Ritterlichkeit?“ rief mein Vat Scht ganz doch ſtürz Sch daß den witzi Mar ſoph er d maße könnt (eä richte nicht liebe im A der( hatte ſchwi mens zollei laſſer Schn werden, je mehr ßte ihm Geſichts eſſen zu ſeinem als ſey 2 Seine Eubuli⸗ dieſem nerwar⸗ —„des⸗ cabveca nlichkeit tzeigte Philo⸗ möglich daß es „wenn wider⸗ aliener irf ein mehr f mein 407 Vater, der den Doctor Rieccabveca unter ſeinen beſonderen Schutz genommen hatte—„ſiehſt Du denn nicht, daß der ganze Mann als Philoſoph gehalten iſt? und ich möchte doch wiſſen, wann ſich ein Philoſoph je in den Eheſtand ſtürzte, ohne daß ihn beträchtliche Bedenken und kalte Schauer anwandelten. Ueberhaupt kömmt es mir faſt vor, daß Riccabocca— vielleicht ehe er ein Philoſoph war— den Verſuch wirklich machte und durch die Erfahrung ge⸗ witzigt wurde. Sogar jener einfache, verſtändige, praktiſche Mann, Metellus Numidicus, der nicht einmal ein Philo⸗ ſoph, ſondern nur ein römiſcher Cenſor war, hat ſich, als er das Volk zum Ehelichwerden ermunterte, folgender⸗ maßen ausgeſprochen: Wenn wir ohne Weiber auskommen könnten, Quiriten, ſo wären wir Alle einer großen Laſt ledig (eã molestiã careremus); nun es aber die Natur ſo einge⸗ richtet hat, daß die Weiber uns Unluſt bringen und wir doch nicht ohne ſie zu leben im Stande ſind, ſo laßt uns dabei lieber das menſchliche Geſchlecht als unſer zeitliches Glück im Auge haben'.“ Bei dieſen Worten brachen die Frauen in einen Sturm der Entrüſtung aus, ſo daß Roland und ich alle Mühe hatten, ihren Zorn durch die eifrige Verſicherung zu be⸗ ſchwichtigen, es falle uns nicht entfernt ein, der verdam⸗ menswürdigen Lehre des Metellus Numidicus Beifall zu zollen. Ohne ſich im geringſten aus der Faſſung bringen zu laſſen, nahm mein Vater, nachdem endlich ein unmuthiges Schweigen hergeſtellt war, wieder auf— 408 „Glaubt nicht, meine Damen, daß euer Geſchlecht in jenen Tagen keinen Fürſprecher hatte, denn viele Römer waren galant genug, dem Cenſor Vorwürfe zu machen über eine Anrede, welche ihnen eben ſo unhoöflich als unverſtän⸗ dig vorkam. Wenn Numidicus wirklich zum Heirathen aufzumuntern wünſchte, ſagten ſie, nicht ohne den Schein des Rechtes, ſo habe er nicht nöthig, mit ſolcher Beſtimmt⸗ heit auf die Unluſt im ehelichen Leben hinzuweiſen, denn dadurch flöße man den Leuten keine Luſt zum Eheſtand, ſon⸗ dern eine Abneigung dagegen ein. Aber dieſen Kritikern hielt ein Ehrenmann, Titus Caſtricius, deſſen Namen die Nachwelt nicht vergeſſen ſollte, die Behauptung entgegen, daß Metellus Numidicus ſehr ſachgemäß geſprochen habe. Man müſſe wohl im Auge behalten, ſagte er, daß Metellus ein Cenſor und kein Redner ſey. Dem Redner zieme es, auszuſchmücken, zu maskiren und eine Sache im beſten Lichte darzuſtellen; Metellus aber, sanetus vir— ein heiliger und fleckenloſer Mann, ernſt und bieder bis auf's Kleinſte hin⸗ aus, der das römiſche Volk in ſeiner gewichtigen Eigenſchaft als Cenſor anrede— ſey verpflichtet geweſen, unumwunden die Wahrheit zu ſagen, namentlich da es ſich um einen Gegenſtand handelte, in Vetreff deſſen der tägliche Angen⸗ ſchein und die gewöhnliche Lebenserfahrung über die Ge⸗ ſinnung ſeiner Zuhörerſchaft keinem Zweifel Raum ließ. Nachdem übrigens Riccabocca einmal den Entſchluß gefaßt hatte, zu heirathen, war er ohne Zweifel darauf vorbereitet, die im Gefolge des Eheſtands kommenden Beſchwerlichkeiten über ſich ergehen zu laſſen, wie es einem Weiſen ziemt, und ich We paß erſch weil „Ni Eig Geg ſchei als Hro 5 0 die heir ſo if ſie n Poi ich d daß befin einet liche einer form 409 lecht in ich bewundere nur die Kunſt, mit welcher Piſiſtratus das Römer Weib gerade ſo gezeichnet hat, wie es für einen Philoſophen n über paßt.“ erſtän⸗ Piſiſtratus verbeugt ſich und blickt ſelbſtgefällig umher, irathen erſchrickt aber vor zwei ſehr empfindlichen und unzufriedenen Schein weiblichen Geſichtern. timmt⸗ Mr. Carton, der ſeinen Satz zu Ende bringt.— „denn„Nicht nur, was milde Gemüthsart und andere häusliche d, ſon⸗ Eigenſchaften, ſondern was namentlich das Aeußere des itikern Gegenſtandes ſeiner Wahl betrifft. Du haſt dabei augen⸗ en die ſcheinlich an die Antwort des Bias gedacht, Piſiſtratus, gegen, als man ihn um ſeine Meinung über den Eheſtand befragte: habe. Hrot najw k6eic, 7 aioxocin nal eĩ nanjn, öteig xomhw 6 tellus d aloxocv, ks1g mowfv. ne es Piſiſtratus ſucht ein Geſicht zu machen, als könne er Lichte die Anſicht des Bias auswendig, und nickt zuſtimmend. er und Mr. Carton.„Das heißt, meine Lieben, entweder hin⸗ heirathet man eine Schöne, oder eine Häßliche; iſt ſie ſchön, ſchaft ſo iſt ſte Koineh— in unſerer Mutterſprache: Du wirſt unden ſie nicht für Dich allein haben— iſt ſie häßlich, ſo iſt ſie einen Poineh— zu Deutſch; eine Furie. Aulus Gellius, dem ugen⸗ ich dieſes Citat entnehme, bemerkt übrigens ganz richtig, Ge⸗ daß ſich zwiſchen ſchön und häßlich ein großer Zwiſchenraum ließ. befindet, und Ennius braucht in ſeiner Tragödie Menalippus efaßt einen bewundernswürdigen Ausdruck, um jenen Grad ehe⸗ eitet, licher Anmuth zu bezeichnen, welchen ein Philoſoph an eiten einem Weibe vorziehen dürfte. Er nennt dieſen Grad stata und forma— eine vernünftige Art Schönheit von mittlerem 410 Schlag, die weder zum Koineh noch zum Poineh Anlaß gibt, und Favorinus, ein merkwürdig verſtändiger Mann, der aus der Provence ſtammte, wo die Männer ſich ſtets viel zu gut thaten auf ihre Kenntniß der Weiber und der Liebe, nennt die beſagte stata forma die Schönheit der Ehefrauen oder die eheliche Schönheit. Ennius ſtellt die Anſicht auf, daß Frauen von einer stata forma faſt immer treu und beſcheiden ſeyen. Nun ſeht ihr wohl, daß Je⸗ mima dieſe Form beigelegt iſt, und dieſe Schilderung, Pi⸗ ſiſtratus, zeugt von einer beſonders feinen Beobachtung. Deine Auffaſſung von dem Charakter der Braut eines Phi⸗ loſophen erſcheint mir, mit Ausnahme des Weglaſſens der Brille, als das Beſte im Ganzen, denn ſie beweist mir, wie richtig Du die Anſicht des Bias aufgefaßt und alle ge⸗ gentheiligen Meinungen gewürdigt haſt, die im fünften Buch und eilften Kapitel des Aulus Gellius ſtehen.“ „Bei alle dem,“ bemerkte Blanche halb ſchalkhaft, halb ſpröde, mit einem Lächeln im Auge und einem Schniol⸗ len auf der Lippe,„erinnere ich mich nicht, daß mir Piſiſtra⸗ tus in den Tagen ſeiner komplimentenreichſten Aufmerkſam⸗ keit die Verſicherung gegeben hätte, ich beſitze eine stata forma— eine vernünftige Schönheit vom Mittelſchlage.“ „Und ich denke,“ ſagte mein Onkel,„wenn er einmal an ſeine eigentliche Heldin kömmt, ſo wird er, wer immer ſie auch ſeyn mag, ſich den Kopf nicht viel weder mit Bias noch mit Aulus Gellius beſchweren.“ Leb Fre ſie Mr zuer ſpre der ſoga thei Anſt jetzt zu G abge einzt Ord ſchw bliel Läch Hoch und am? nicht Frat ſchwe Anlaß Mann, ſtets nd der it der t die mmer ß Je⸗ tung. Phi⸗ s der mir, le ge⸗ Buch haft, miol⸗ iſtra⸗ ſam⸗ tata e. mal mer Bias 41¹ Zweites Kapitel. Der Eheſtand iſt ſicherlich ein bedeutender Wechſel im Leben, und man bemerkt mit Erſtaunen, wie auffallend ein Freund oder eine Freundin ſich verändert hat, wenn er oder ſie nur eine Woche verheirathet war. Bei Doctor und Mrs. Riccabocea machte ſich dieſer Wechſel bemerkbar. Um zuerſt, wie es die Galanterie gebietet, von der Dame zu ſprechen, Mrs. Riccabveca hatte jene Melancholie, welche der Miß Jemima eigen war, ganz aufgegeben; ſie wurde ſogar heiter und lebhaft, eine Veränderung, die ſehr vor⸗ theilhaft auf ihre Außenſeite wirkte. Sie nahm keinen Anſtand, gegen Mrs. Dale ehrlich einzuräumen, ſie ſey jetzt der Anſicht, daß es mit der Welt doch noch nicht ſo bald zu Ende gehe. Aber obſchon ſie ihrem früheren Glauben abgeſagt hatte, vernachläſſigte ſie die Pflicht nicht, die er einzuſchärfen geeignet war—„ſie brachte ihr Haus in Ordnung.“ Die kalte, hungrige Eleganz des Caſino ver⸗ ſchwand wie durch einen Zauber— das heißt, die Eleganz blieb, aber das Kalte und Hungrige flüchtete ſich vor dem Lächeln des Weibes. Gleich dem geſtiefelten Kater nach der Hochzeit ſeines Herrn fing Schakeimo nur noch Stichlinge und Schmerlen zu ſeiner Unterhaltung. Der Diener legte am Fleiſche zu.und auch der Doetor blieb in dieſer Beziehung nicht zurück. Kurz, die ſchöne Jemima war eine treffliche Frau geworden. Riccabveca hielt ſie im Geheim für ver⸗ ſchwenderiſch, verſchmähte aber als weiſer Mann die Prüfung ver Haushaltungsrechnungen, und verzehrte ſeinen Braten in nicht mäkelndem Schweigen. In der That lag auch in Mrs. Riccabocca's Weſen ſo viel ungekünſtelte Güte und unter ihrer ruhigen Außenſeite ſchlug das Herz der Hazeldeane ſo warm, daß ſie die gün⸗ ſtige Vorherſagung der Pfarrerin vollkommen rechtfertigte. Und obgleich ſich der Doctor nicht prunkend ſeines Glückes rühmte und ebenſowenig nach dem Beiſpiel mancher Neu⸗ vermählten es kränkend den nimis unctis naribus, zu deutſch: den höhniſchen Naſen ſauertöpfiſcher Chekrüppel, oder grell und ſchreiend den neidiſchen Augen der Junggeſellen vor⸗ hielt, konnte man doch ſehen, daß er heiterer und leichther⸗ ziger geworden war. In ſeinem Lächeln lag weniger Ironie, in ſeiner Höflichkeit weniger Berechnung; den Macchiavelli ſtudirte er nicht mehr ſo fleißig, und auch zum Gebrauch der Brille kehrte er nicht wieder zurück, ein Umſtand, den man ſchon für ein recht günſtiges Zeichen anſehen kann. Außerdem gab ſich der Einfluß des niedlichen engliſchen Wei⸗ bes in ſeinem ganzen äußeren oder künſtlichen Menſchen zu erkennen. Seine Kleider ſchienen ihm beſſer anzuliegen und waren überhaupt neu. Mrs. Dale konnte nicht länger die Bemerkung machen, daß an ſeiner Manſchette ein Knopf fehle, eine Thatſache, die ihr zu großer Befriedigung ge⸗ reichte. Demungeachtet aber blieb der Weiſe ſeiner Pfeife, ſeinem Mantel und dem rothſeidenen Regenſchirme treu. Wir müſſen es Mrs. Riccabocea zur Ehre nachrühmen, daß ſie aller geziemenden weiblichen Kriegsliſt gegen die drei Ueberreſte des alten unverheiratheten Adam aufbot, aber 1 tor das Ach nug tief ſein herr früh fügt der liche viel Ruh gere der ſchö eben wo unte und Kug ſeine Haa ihn! flug Braten ſen ſo enſeite e gün⸗ rtigte. lückes Neu⸗ eutſch: r grell n vor⸗ chther⸗ Fronie, iavelli brauch d, den kann. nWei⸗ hen zu en und ger die Knopf g ge⸗ Pfeife, treu. n, daß e drei „aber 413 vergeblich.„Anima mia— meine Seele,“ ſagte der Doe⸗ tor zärtlich,„der Mantel, der Schirm und die Pfeife ſind das einzige, was mir von meinem Vaterlande geblieben iſt. Achte und ſchone ſie.“ Mrs. Riccabveca war gerührt und beſaß Verſtand ge⸗ nug, um zu begreifen, daß der Mann, mag er auch noch ſo tief in den Banden des Eheſtandes ſtecken, gewiſſe Zeichen ſeiner alten Unabhängigkeit beibehalten will, und auch die herrſchſüchtigſte Frau thut gut, ſolche Erinnerungen an das frühere Ich nicht anzutaſten. Sie ſagte ja zu dem Mantel, fügte ſich in den Regenſchirm und verbarg ihren Abſcheu vor der Pfeife. Dabei geſtand ſie ſich in Anbetracht der natür⸗ lichen Schlechtigkeit unſeres Geſchlechts ein, daß ſie eine viel ſchlimmere Wahl hätte treffen können. Doch bei aller Ruhe und Heiterkeit war an dem Doctor eine gewiſſe Auf⸗ geregtheit nicht zu verkennen; ſie begann zwei Wochen nach der Hochzeit und ſteigerte ſich mehr und mehr, bis an einem ſchönen ſonnigen Nachmittag— Rieccabveca befand ſich eben auf der Terraſſe und ſchaute nach der Straße hinunter, wo Schakeimo ſich aufgepflanzt hatte— eine Poſtkutſche unter dem Caſino Halt machte. Der Doctor ſprang auf und drückte beide Hände an's Herz, als ſey er von einer Kugel getroffen; dann ſetzte er über das Geländer weg, und ſeine Frau ſah von ihrem Fenſter aus, wie er, die langen Haare im Winde ſtrömend, den Hügel hinunter flog, bis ihn die Bäume vor ihren Blicken verbargen. „Ach,“ dachte ſie mit einem natürlichen peinlichen An⸗ flug ehelicher Eiferſucht,„fortan werde ich nur die Zweite 414 ſeyn an ſeinem Herd. Er iſt hingegangen, um ſein Kind willkommen zu heißen.“ Und bei dieſem Gedanken ſtrömten Mrs. Riccabocca Thränen über die Wangen. Aber ihre Gemüthsart war ſo liebenswürdig, daß ſie haſtig ihre Aufregung erſtickte und ſo gut als möglich jede Spur von dem Schmerz der Stiefmutter zu vertilgen ſuchte. Nachdem dies geſchehen war und die gute Frau ein leiſes Gebet des Selbſtvorwurfes gemurmelt hatte, ſtieg ſie hurtig die Treppe hinunter, bot ihrem beſten Lächeln auf und zeigte ſich auf der Terraſſe. Sie blieb nicht unbelohnt; denn kaum war ſie in die freie Luft gekommen, als ein Paar kleine Arme ſich um ſie ſchlangen und die ſüßeſte Stimme, die je von den Lippen eines Kindes kam, in gebrochenem Engliſch die Worte hauchte: „Gute Mama, liebe mich ein wenig.“ „Dich lieben? Von ganzem Herzen!“ rief die Stief⸗ mutter mit der ganzen ungekünſtelten Wallung einer rechten Mutter, als ſie das Kind an ihre Bruſt drückte. „Gottes Segen über Dich, meine Gattin!“ ſagte Riccabocea in erſticktem Tone. „Habt die Güte, dies auch zu nehmen,“ fügte Scha⸗ keimo in italieniſcher Sprache ſo gut bei, als ſein Schluch⸗ zen es geſtattete. Und er brach einen langen Zweig voll ſchöner Blätter von ſeinem Lieblingsprangenbaum und drückte ihn ſeiner Gebie ſtellu ein K unſter Umar Thrär an iht hinhã Stirn einer leicht deswi welch glatte allerli Herzc gekleid farbe dern n eine„ Schlei Kind oeca ß ſie jede ichte. leiſes urtig eigte ndie m ſie ppen Porte Stief⸗ chten ſagte Scha⸗ luch⸗ lätter ſeiner Gebieterin in die Hand. Sie hatte nicht die mindeſte Vor⸗ ſtellung von dem, was er damit ſagen wollte. Drittes Kapitel. Violante war in der That ein bezauberndes Kind— ein Kind, für das eine harte Stiefmutter zu ſeyn ſelbſt der unſterblichen Mrs. Caudle ſchwer geworden wäre. Betrachtet ſie jetzt, wie ſie, frei von jener liebevollen Umarmung, daſteht, die großen dunkeln Augen in glücklichen Thränen ſchwimmend, während ſie ſich mit der einen Hand an ihre neue Mutter anklammert und die andere Rieccabocca hinhält. Welch ein liebliches Lächeln— welche edle freie Stirne! Sie ſieht ſo zart aus; augenſcheinlich bedarf ſie einer ſorgſamen Pflege— bedarf ſie der Mutter. O, nicht leicht würde es eine Frau gegeben haben, die ſie nicht um deswillen deſto inniger hätte lieben müſſen. Gleichwohl, welch ein unſchuldiges kindliches Roth auf dieſen klaren, glatten Wangen— und in der ſchmächtigen Geſtalt welche allerliebſte natürliche Anmuth! „Und dies iſt. vermuthlich Deine Pflegerin, mein Herzchen?“ ſagte Mrs. Riccabveca, als ſie eine ſehr ſeltſam gekleidete ausländiſche Frauengeſtalt von dunkler Geſichts⸗ farbe bemerkte, die weder einen Hut noch eine Haube, ſon⸗ dern nur einen großen ſilbernen Pfeil in den Haaren und eine Kette oder ein Halsband von Filigran über ihrem Schleiertuch trug. 416 „Ah, die gute Annetta,“ verſetzte Violante italieniſch „Papa, ſie ſagt, ſie gehe wieder zurück; aber nicht wahr, ſie ſoll nicht?“ Ricraboeca, welcher die Fremde vorher kaum beachtet hatte, ward ob dieſer Frage betroffen und wechſelte einen haſtigen Blick mit Schakeimo. Nachdem er eine unverſtänd⸗ liche Entſchuldigung gemurmelt hatte, näherte er ſich der Wärterin, winkte ihr, daß ſie ihm folgen möchte, und ging mit ihr weiter in's Freie hinaus. Es währte über eine Stunde, bis er zurückkehrte, und die Fremde kam nicht mit ihm. Gegen ſeine Gattin erklärte er, daß die Wärterin unverweilt wieder abreiſen müſſe und im Dorf unten die Poſtkutſche erwarte; ſie ſey überhaupt im Hausweſen von keinem Nutzen, da ſie kein Wort Engliſch verſtehe, obſchon er beſorgt ſey, daß ſich Violante ſehr um ſie grämen werde. Und allerdings vermißte die Kleine ihre Pflegerin Anfangs ſchmerzlich; aber für ein Kind iſt es etwas ſo Großes, Eltern und eine Heimath zu finden, daß ſie ungeachtet ihres zärtlichen und dankbaren Herzens nicht untröſtlich ſeyn konnte, ſo lange ſie einen Vater hatte, der ihr Troſt zuſprach. Während der erſten Paar Tage durfte faſt Niemand um die Tochter ſeyn als Riccabveca; ja, er mochte ſie nicht einmal mit Jemima allein laſſen. Sie gingen miteinander aus oder ſaßen ſtundenlang zuſammen in dem Belvedere. Dann begann er allmälig das Kind mehr und mehr Je⸗ mima's Sorgfalt und Unterricht zu überlaſſen, letzteres namentlich in Betreff der engliſchen Sprache, von der Vio⸗ lante: kannte 8 X die we Ankun Lenny Hofme von R der W rohen Werbr Lenny Schüle Unterg Ankun rein ve faſt au noch ir in der oder L Seele welcher keimo tereſſe Buln lieniſch. twahr, eachtet e einen erſtänd⸗ ſich der d ging er eine cht mit ärterin ten die ſen von obſchon werde. nfangs roßes, t ihres konnte, . iemand ie nicht nander vedere. hr Je⸗ etzteres rVio⸗ lante nur wenige, wahrſcheinlich auswendig gelernte Sätze kannte, ſo daß ſie ſich nicht gut verſtändlich machen konnte. Viertes Kapitel. In Doctor Ricecaborca's Haushalt gab es eine Perſon, die weder mit der Verehelichung des Herrn, noch mit der Ankunft Violantens zufrieden war— nämlich unſer Freund Lenny Fairfield. Vor den Alles verdrängenden Pflichten des Hofmachens hatte ſich der Bauernknabe eines großen Theils von Riccaboeca's Aufmerkſamkeit zu erfreuen gehabt, denn der Weiſe intereſſirte ſich ſehr für die Entfaltung dieſes rohen nach Licht ringenden Verſtandes. Aber dann kam die Werbung, und dann die Hochzeit, Verhältniſſe, unter denen Lenny Fairfield gar viel von ſeiner künſtlichen Stellung als Schüler verlor und mehr und mehr in die natürliche eines Untergärtners zurückgedrängt wurde. Und nach Violantens Ankunft mußte er die bittere Entdeckung machen, daß er rein vergeſſen war, nicht nur von Doctor Riccabveea, ſondern faſt auch von Schakeimv. Allerdings borgte ihm der Herr noch immer Bücher und der Diener ertheilte ihm Unterricht in der Gartenkunſt; aber Riccabocca hatte nicht mehr 3 Zeit oder Luſt, Unterhaltung darin zu ſuchen, daß er in der Seele des Knaben den Wirrwarr von Gedanken aufflirie, welchen die Bücher hervorgerufen hatten. Und wenn Scha⸗ keimo ſchon vor der Ankunft der jungen Dame und im In⸗ tereſſe ihrer künftigen Morgengabe ſehr begierig geweſen Bulwer, meine Novelle. 27 418 war nach den Goldminen, die unter den vom Squire erſtan⸗ denen Aeckern begraben lagen— Mr. Hazeldean verzichtete auf den Pachtzins, um zu der Mitgift ſeiner Verwandten einen weiteren Beitrag zu ſteuern— ſo ſteigerte ihre wirk⸗ liche Gegenwart den Fleiß des treuen Dieners in ſo hohem Grade, daß er an nichts anderes denken konnte, als an das Land und an die Revolution, die er in den natürlichen engliſchen Ernten zu erzielen hoffte. Mit Ausnahme der Orangenbäume blieb der Garten gänzlich Lenny überlaſſen, während für das Felogeſchäft zugäbliche Arbeiter aufgeboten wurden. Schakeimo hatte die Entdeckung gemacht, daß der eine Theil des Bodens für Lavendel, der andere für Kamillen paſſen würde. Ein ſchönes Stück Feld mit reichem Lehm⸗ boden beabſichtigte er mit Lein anzubauen; aber gegen die⸗ ſes Vorhaben erhob der Squire unerbittliche Einrede. Die⸗ ſer Kulturzweig, der vielleicht der einträglichſte iſt von allen, wenn er mit Geſchicklichkeit betrieben wird und der Boden dazu taugt, iſt, wie es ſcheint, früher in England weit allgemeiner in Nutzung gekommen, als es gegenwärtig der Fall iſt, denn man findet nur wenige alte Pachtver⸗ träge, die nicht eine Verwahrung gegen den Anbau von Flachs enthalten, weil derſelbe das Land zu ſehr ausſauge. Und obgleich Schakeimo ſich alle Mühe gab, dem Squire mit großer Gelehrſamkeit zu beweiſen, daß die Leinſaat Theile enthalte, welche, wenn man ſie dem Boden wieder zurückgebe, alles wieder erſetzten, was durch die Benützung auf Flachs demſelben entzogen wurde, ſo hatte doch Mr. Hazeldean über dieſen Gegenſtand ſeine altmodiſchen Vor⸗ urthe men ſchrät aufg comn Sohr ten, in ei um d zehn wollt flache Bäm daß verw Fairf zu eit gen, ſind, in ho verſti Mutt zuſan eerſtan⸗ rzichtete wandten re wirk⸗ o hohem an das ürlichen hme der erlaſſen, geboten daß der amillen Lehm⸗ gen die⸗ Die⸗ iſt von und der ngland wärtig chtver⸗ au von sſauge. Squire einſaat wieder ützung ch Mr. 1Vor⸗ 419 urtheile, gegen die man mit keinerlei Vorſtellung aufkom⸗ men konnte.„Meine Ahnen,“ ſagte er,„haben dieſe Be⸗ ſchränkung nicht ohne guten Grund in ihre Pachtverträge aufgenommen, und da die Ländereien des Cafino's Fidei⸗ eommiß ſind, ſo bin ich nicht befugt, auf Koſten meines Sohnes auf Eure ausländiſchen Grillen einzugehen.“ Um ſich für den Verluſt des Flachſes ſchadlos zu hal⸗ ten, beſchloß Schakeimo, ein hübſches Stück Waidelandes in ein Baumgut zu verwandeln, das ſeiner Berechnung nach um die Zeit, wenn Miß Violante heirathsfähig war, netto zehn Pfund für den Aker ertragen mußte. Auch dieſer Plan wollte dem Squire nicht recht einleuchten; da es jedoch auf flacher Hand lag, daß der Boden durch die darauf ſtehenden Bänme an Werth gewinnen müſſe, ſo ließ er ſich's gefallen, daß das„Grasland“ theilweiſe zu dem gedachten Zwecke verwendet wurde. Alle dieſe Veränderungen hatten zur Folge, daß Lenny Fairfield viel ſich ſelbſt überlaſſen blieb— und dies gerade zu einer Zeit, in welcher die neuen und fremden Vorſtellun⸗ gen, die eine Folge der Einführung in das Bücherwiſſen ſind, die beſtändige Leitung durch einen überlegenen Geiſt in hohem Grade wünſchenswerth gemacht hätten. Eines Abends, als Lenny Fairfield um Feierabendzeit verſtimmt und ärgerlich nach der Hütte ging, wo ſeine Mutter wohnte, traf er plötzlich mit dem Keſſelflicker Sprott zuſammen. 27 8 420 Fünftes Kapitel. Der Keſelflicker ſaß unter einer Hecke und hämmerte auf einen alten Keſſel los; vor ihm brannte ein kleines Feuer und ihm zur Seite erfreute ſich der Eſel eines ruhigen Schlummers. Als Lenny vorbeiging, ſchaute Mr. Sprott auf, nickte freundlich und ſagte: „Guten Abend, Lenny; freut mich, daß Ihr einen ſo ſpektabeln Platz erhalten habt bei dem Musje.“ „Ach!“ antwortete Lenny, dem es noch immer in der Erinnerung wurmte.„Ihr ſchämt Euch alſo nicht, mit mir zu reden, nun ich nicht mehr in Schimpf ſitze. Und doch war's ein Schimpf, den ich nicht verſchuldete und um deswillen ein rechter Gentleman gerade beſonders gütig gegen mich war.“ „Pr—r, Lenny,“ verſetzte der Keſſelflicker mit einem langen Raſſeln in dem gedachten Pr—r, das nicht ohne große Bedeutung war.„Aber Ihr ſeht, der rechte Gentleman, der ſein Brod nicht verdienen muß, kann ſich's wohl heraus⸗ nehmen, ſeinen Charakter in der Welt herunter zu wür⸗ digen. Ein armer Keſſelflicker muß zimpferlich und wählig ſeyn in ſeinem Umgang. Doch ſetzt Euch ein wenig her zu mir, Lenny; ich habe Euch etwas zu ſagen.“ „Mir—?“ „Ja, Euch? Schiebt den Grauen nur ein wenig aus dem Weg und nehmt neben mir Platz, ſage ich.“ Lenny blickte hochmüthig auf den Keſſelflicker nieder, ging ladur fort, welch Ihr nune ſack— Penn Auge auf d er vor leſen komm aus und G Milto nunft Grun liche 2 Lernbe laſſen ſelben die B Poeſie unſchu hämmerte nkleines s ruhigen r. Sprott einen ſo er in der cht, mit eUnd und um rs gütig it einem ne große ntleman, heraus⸗ zu wür⸗ dwählig gher zu nig aus nieder, 42¹ ging aber doch nach einigem Widerſtreben auf die Ein⸗ ladung ein. „Ich höre,“ fuhr der Keſſelflicker mit einer Stimme fort, die etwas undeutlich wurde durch ein Paar Nägel, welche er zwiſchen den Zähnen feſthielt—„ich höre, daß Ihr ein ſo großer Freund vom Leſen ſeyd. Da habe ich nun einige hübſche, wohlfeile Bücher in meinem Schnapp⸗ ſack— es ſind welche darunter, die nicht mehr als einen Penny koſten.“ „Die möchte ich ſehen,“ ſagte Lenny mit funkelnden Augen. Der Keſſelſticker ſtand auf, öffnete einen der Brodkörbe auf dem Rücken des Eſels und zog einen Pack heraus, den er vor Lenny mit dem Bemerken hinlegte, daß er hier aus⸗ leſen könne. Dem Banernknaben konnte nichts erwünſchter kommen. Er breitete den Inhalt des Packs auf dem Raſen aus— eine buntgemiſchte Koſt für den Geiſt, Nahrung und Gift, Serpentes avibus, Gutes und Schlimmes. Hier Miltons verlorenes Paradies, dort das Zeitalter der Ver⸗ nunft— hier methodiſtiſche Traktätlein, dort die ächten Grundſätze des Socialismus— Abhandlungen über nütz⸗ liche Wiſſensgegenſtände, im wohlverſtandenen Intereſſe des Lernbegierigen abgefaßt— Aufrufe an die Arbeiter, er⸗ laſſen von den ſeichteſten Köpfen und eingegeben von dem⸗ ſelben Ehrgeiz, welcher den Eratoſtratus veranlaßt hatte, die Brandfackel in einen Tempel zu werfen; Werke der Poeſie, ſo bewundernswürdig wie Robinſon Eruſoe oder ſo unſchuldig wie der alte engliſche Baron neben ſchlechten 5 422 Ueberſetzungen jenes Unflaths, der unter Ludwigs XV. Re⸗ gierung die Verderbniß unter Frankreichs Jugend warf. Mit einem Wort, das Gemengſel war ein Auszug aus der gemiſchten Welt der Bücher, aus der ungeheuren Stadt der Poeſie mit ihren Paläſten und Spelunken, mit ihren Waſſerleitungen und Klvaken, die ſich in gleicher Weiſe dem nackten Auge und dem neugierigen Sinne derjenigen aufthut, zu welchen man in des Keſſelflickers unbekümmerter Phraſe ſagt, daß ſie„da ausleſen können“. Aber es liegt nicht im erſten Drang einer geſunden und noch reinen Natur, in einer Spitzbubenherberge Woh⸗ nung zu nehmen oder ſich in Klvaken zu verlieren. Lenny Fairfield's Blick ſtreifte daher unſchuldig über die ſchlechten Bücher hin und blieb an zwei oder drei der beſten haften. Der Knabe brachte ſie dem Keſſelflicker und fragte nach dem Preis. „So?“ ſagte Mr. Sprott, der ſeine Brille aufſetzte. „Ihr habt da gerade die allertheuerſten herausgeſucht. Es ſind viel wohlfeilere da, und obendrein ſchönere.“ „Aber ſie gefallen mir nicht,“ verſetzte Lenny.„Ich verſtehe nicht, was ſie wollen, und hier ſcheint mir be⸗ ſchrieben zu ſeyn, wie eine Dampfmaſchine gemacht wird; auch ſind ſchöne Bilder dabei. Und dies iſt der Robinſon Cruſoe, den mir Pfarrer Dale einmal verſprochen hat— aber ich will ihn lieber von meinem eigenen Gelde kaufen.“ „Nun, nach Belieben,“ entgegnete der RKeſſelflicker. „Ihr ſollt die Bücher haben für vier Bobe und könnt mir ſie im nächſten Monat zahlen.“ Sut mir Spr „Ih Dut mei von ließ über werk ande mac aus zum ſie ſi nicht Dan Glut XV. Re⸗ end warf. g aus der en Stadt mit ihren Weiſe dem naufthut, er Phraſe geſunden rge Woh⸗ 1. Lenny ſchlechten nhaften. nach dem aufſetzte. icht. Es mir be⸗ ht wird; Robinſon — kaufen.“ ſelflicker. nnt mir 423 „Vier Bobe— vier Schillinge? Dies iſt eine große Summe,“ erwiederte Lenny.„Aber da Ihr ſo gut ſeyd, mir zu borgen, ſo will ich ſparen. Guten Abend, Mr. Sprott.“ „Haltet noch ein Bischen,“ ſagte der Keſſelflicker. „Ihr müßt noch dieſe zwei Traktätlein drein nehmen. Das Dutzend koſtet nur einen Schilling— alſo blos zwei Pence — und wenn Ihr dieſe geleſen habt, werdet Ihr erſt mein regelmäßiger Kunde werden.“ Der Keſſelflicker warf Lenny Nummer 1 und Nummer 2 von den Aufrufen an die Arbeiter zu, und der Bauernknabe ließ ſich die Zugabe dankbar gefallen. Der junge Forſcher nach Erkenntniß ging ſeines Weges über die grünen Felder und durch das ſtille herbſtliche Laub⸗ werk der Gehäge. Zuerſt betrachtete er das eine, dann das andere Buch, ohne zu wiſſen, mit welchem er den Anfang machen ſollte. Der Keſſelflicker ſtand auf und fachte ein Feuer an aus Laub, Pfriemkraut und Reiſern, die zum Theil dürr, zum Theil noch grün waren. Lenny hat von den Traktätlein Nummer 1 geöffnet; ſie ſind am kürzeſten zu leſen, und ihr Verſtändniß braucht nicht ſo viele geiſtige Arbeit, wie das einer Beſchreibung der Dampfmaſchine. Der Keſſelflicker hat ſeine rußige Leimpfanne auf die Gluth geſtellt, und del Leim kocht gelinde. — 424 Sechstes Kapitel. Sobald Violante ſich in ihre neue Heimath gefunden hatte und auch ihre Umgebung mit ihr vertraut geworden war, fiel bald an ihr eine gewiſſe Stattlichkeit in Haltung und Benehmen auf, wie man ſie nicht an der Tochter eines armen Verbannten hätte erwarten ſollen und wie man ſie ſelbſt bei gleichjungen Kindern von den ſtolzeſten Anſprüchen nur ſelten trifft. Sah ſie doch wie eine kleine Prinzeſſin aus, wenn ſie ihr zartes Händchen zu einem freundlichen Druck ausſtreckte oder ihre ruhige klare Wange ſich einen dreiſten Kuß gefallen ließ. Demungeachtet war ſie ſo an⸗ muthig und ſogar ihre Stattlichkeit ſo hübſch und bezau⸗ bernd, daß man ſie bei all dieſem vornehmen Weſen lieben mußte. Und in der That, ſie verdiente geliebt zu werden; denn obſchon ſie jedenfalls ſtolzer war, als es Mrs. Dale recht finden konnte, zeigte ſie doch in ihrem Stolz durchaus keine Selbſtſucht, und dies iſt gewiß kein gewöhnlicher Stolz. In Beziehung auf Andere war ſie mit einer Art inſtinktartiger Vorſorge begabt. Man konnte ſehen, daß ſie jenes edlen weiblichen Hervismus, der Selbſtverläugnung, fähig ſey, und obgleich man ſie ein vriginelles Kind nennen mußte, an welchem ſich oft Ernſt, Nachdenkſamkeit und ſo⸗ gar ein Anflug von Melancholie bemerklich machte, war ſie doch bei aller Tiefe in ihrem Charakter nicht über die glück⸗. liche gemüthliche Heiterkeit ihres S„ters erhaben— nur klang ihr ſilbernes Lachen gedämpfter und ihre Geberdung erſchien ruhiger, als dies bei Kindern der Fall iſt, welche an gefi Ern ſehr beſo mar wel Haz geré Put zug. daß friſe Toc gro ſehr Vio fühl Bilt auf ihr ſeyn Hau Ber hohe ſetzer räun gefunden geworden Haltung ter eines man ſie nſprüchen Brinzeſſin undlichen ich einen ſie ſo an⸗ d bezau⸗ en lieben werden; rs. Dale durchaus öhnlicher einer Art „daß ſie iugnung, d nennen t und ſo⸗ war ſie ie glück⸗. — nur berdung „welche an viele Spielgefährten gewöhnt ſind. Mrs. Hazeldean gefiel ſie am beſten, wenn ſie ernſt war, da ſie daraus die Erwartung ſchöpfte,„die Kleine werde mit der Zeit eine ſehr verſtändige Frau werden“. Mrs. Dale dagegen lobte beſonders ihre Heiterkeit und meinte,„ſie ſey dazu geboren, manches Herzweh zu verurſachen“— eine Anſicht, für welche ſie von dem Pfarrer gebührende Rüge erntete. Mrs. Hazeldean ſchenkte ihr einen kleinen Vorrath von Garten⸗ geräthſchaften, Mrs. Dale ein Bilderbuch und eine ſchöne Puppe. Eine Zeit lang hatten Buch und Puppe den Vor⸗ zug. Als jedoch Mrs. Hazeldean gegen Riccabocca bemerkte, daß das arme Kind blaß ausſehe und ſich mehr in der friſchen Luft umtreiben ſollte, machte der weiſe Vater der Tochter die ſchlaue Vorſtellung, daß Mrs. Riccaboeca eine große Freude an dem Bilderbuch habe, er ſelbſt aber ſo gar ſehr die Puppe zu beſitzen wünſche— ein Wink, der Violante bewog, beides ſogleich wegzuſchenken; und nie fühlte ſie ſich nachher ſo glücklich, als wenn die Mama das Bilderbuch bewunderte und Riccaboeca mit ernſter Gravität auf ſeiner Hand die Puppe tanzen ließ. Letzterer verſicherte ihr ſodann, daß ſie im Garten ihm von großem Nutzen ſeyn könne, und Violante ſäumte nicht, ihren Spaten, ihre Haue und ihren Schubkarren in Bewegung zu ſetzen. Die letztere Beſchäftigung brachte ſie in unmittelbare Berührung mit Mr. Leonard Fairfield. Die letztgenannte hohe Perſon bemerkte nes Morgens zu ſeinem großen Ent⸗ ſetzen, daß Miß Violante faſt ein ganzes Sellerybeet abge⸗ räumt hatte, weil ſie die jungen Pflänzchen für Unkraut hielt. 426 Lenny war über die Maßen aufgebracht. Er riß dem Kind die Haue aus der Hand und ſagte zornig: „Dies dürft Ihr nicht thun, Miß. Ich werde es Eurem Papa ſagen, wenn Ihr—“ Violante warf ſich in die Bruſt, und da, wenigſtens ſeit ihrer Ankunft in England, nie zuvor ſo mit ihr ge— ſprochen worden war, ſo drückte ſich in dem Staunen ihrer großen Augen ebenſogut etwas Komiſches, als in der Würde ihrer beleidigten Miene eiwas Tragiſches aus. „Es iſt ſehr garſtig von Euch, Miß,“ fuhr Leonard in milderem Tone fort, denn die Augen hatten ihn ſanfter geſtimmt und die Miene eingeſchüchtert,„und ich hoffe, Ihr werdet es nicht wieder thun.“ „Non capisco,“(ich verſtehe nicht) murmelte Violante, und die dunkeln Augen füllten ſich mit Thränen. In dieſem Moment kam Schakeimo heran. Violante deutete auf Levnard und ſagte, während ſie ihre Aufregung zu unterdrücken bemüht war— „I fanciullo e molto grossolano,“(der Knabe iſt ſehr grob). Schakeimo warf Leonard einen Blick zu wie ein wüthen⸗ der Tiger. „Wie kun Du Dich unterſtehen, du Abſchaum der Erde,“ rief er,*„wie kannſt Du Dich unterſtehen, die Sig⸗ norina zum Weinen zu bringen?“ * Es iſt kaum nöthig, zu bemerken, daß Schakeimo in der Unterhaltung mit ſeinem Herrn und mit Violante, oder in ſeinen Selbſtgeſprächen, ſich der italieniſchen Zunge bedient. Wir über⸗ ein ſtür auf eine klas kein ſie glei Arr voll nich mit gan dent ital beet Pfl We möc Erd ſetzer dene Lant riß dem verde es nigſtens ihr ge⸗ en ihrer in der 8. Levnard ſanfter ffe, Ihr iolante, ziolante fregung iſt ſehr vüthen⸗ um der o in der n ſeinen ir über⸗ 427 Und da ihn ſein engliſcher Wörtervorrath nicht mit einer zureichenden Menge von Schimpfnamen verſah, ſo ſtürmte er mit einem ſolchen Schwall italieniſcher Ekelreden auf Lenny los, daß dieſer vor Zorn und Verwirrung in einem Athem weiß und roth wurde. Violante hatte jetzt Mitleid mit dem Opfer ihrer An⸗ klage und begann mit ächt weiblicher Launenhaftigkeit Scha⸗ keimo wegen ſeines Zornes auszuzanken. Dann näherte ſie ſich Levnard, legte mit einer Freundlichkeit, die ſich zu⸗ gleich kindlich und königlich ausnahm, die Hand auf ſeinen Arm und ſagte in einem ſo allerliebſten Gemiſch von un⸗ vollkommenem Engliſch und weichem Italieniſch, daß ich nicht im Stande bin, es wieder zu geben, und mich deshalb mit der Ueberſetzung begnüge: „Kehre Dich nicht an ihn. Die Schuld liegt wohl ganz an mir, und ich habe Dich nur nicht verſtanden. Iſt denn dies nicht Unkraut?“ „Nein, meine herzige Signorina,“ verſetzte Schakeimo italieniſch, indem er mit einer Jammermiene das Sellery⸗ beet betrachtete—„dies iſt kein Unkraut, ſondern eine Pflanze, welche man um dieſe Jahreszeit gut verkaufen kann. Wenn es Euch aber Freude macht, ſie auszuraufen, ſo möchte ich den ſehen, der Euch aran hindern darf.“ Lenny ging von hinnen. Er war ein„Abſchaum der Erde“ genannt worden, und noch obendrein von einem Aus⸗ ſetzen hier, und es fallen deshalb die Sprachverſtöße aus, zu denen er ſich veranlaßt ſehen würde, weil er die Sprache des Landes reden mußte, in dem er nur ein Gaſt iſt. 428 länder! Alſo auf's Neue Mißhandlung für ein Benehmen, zu dem er durch ſeine Pflicht aufgefordert zu ſeyn glaubte. Er fühlte abermals den Unterſchied zwiſchen Reich und Arm und meinte, derſelbe bedinge einen Krieg auf Leben und Tod, denn er hatte jene fluchwürdigen zwei Traktätlein, mit welchen er von dem Keſſelflicker beſchenkt worden war, von Anfang bis zu Ende geleſen. In Mitte der grimmigen Aufregung ſeines Geiſtes aber fühlte er die ſanfte Berüh⸗ rung durch die Hand der Kleinen; ihre verſöhnenden Worte übten einen beſchwichtigenden Einfluß, und er ſchämte ſich halb, daß er ein Kind ſo rauh angelaſſen hatte. Da er ſich gleichwohl nicht zu ſprechen getraute, ſo ging er hinweg und ſetzte ſich in der Entfernung nieder. „Ich ſehe nicht ein,“ ſagte er,„warum es Reiche und Arme, Herren und Diener geben muß.“ Der Leſer wird ſich er— innern, daß Lenny der politiſchen Predigt des Pfarrers nicht angewohnt hat. Eine Stunde ſpäter, nachdem ſich der Knabe wieder gefaßt hatte, kehrte er zur Arbeit zurück. Schakeimo be⸗ fand ſich nicht mehr im Garten, da die Felder ſeine Thä⸗ tigkeit in Anſpruch nahmen; aber Riccabocca ſtand bei dem Sellerybeet und hielt den Regenſchirm über Violante aus⸗ gebreitet, die auf dem Voden ſaß, während ihre Augen, jetzt ſchon ſo voll Geiſt, Liebe und Seele auf ihrem Vater hafteten. „Lenny,“ ſagte Riccabocca,„mein Mädchen erzählt mir eben, daß ſie ſehr garſtig und Giacomo ſehr ungerecht gegen Dich geweſen ſey. Vergib ihnen Beiden.“ Eri verſ Er Her es dens Der für die lehrt Unkt daß man len! den Dier ſchw die i Spr gege ſack gefül nemen, glaubte. eich und uf Leben ktätlein, den war, immigen Berüh⸗ n Worte imte ſich aute, ſo nieder. id Arme, ſich er⸗ ers nicht wieder imo be⸗ ne Thä⸗ bei dem te as⸗ Augen, nVater erzählt ngerecht 429 Lenny's Unmuth ſchmolz in einem Nu dahin, und die Erinnerung an die Traktätlein Nummer 1 und Nummer 2 verſchwand gleich den Schattengeſtalten eines Traumes. Er richtete das Auge, in welchem ſeine ganze angeborne Herzensgüte glänzte, zu dem weiſen Mann empor und ließ es dankbar niederſinken zu dem Antlitz der kindlichen Frie⸗ densſtifterin. Dann wandte er ſein Geſicht ab und weinte. Der Pfarrer hatte Recht:„O ihr Armen, habt Mitgefühl für die Reichen; o ihr Reichen, achtet die Armen!“ Siebentes Kapitel. Von dieſem Tag an wurden der geringe Lenny und die königliche Violante Freunde. Mit welchem Stolz be⸗ lehrte er ſie nicht über den Unterſchied zwiſchen Sellery und Unkraut— und wie ſtolz war nicht ſie, wenn man ihr ſagte, daß ſie nützlich ſey. Kindern und namentlich Mädchen kann man keine größere Freude machen, als wenn man ſie füh⸗ len läßt, daß ſie bereits von Werth ſeyen in der Welt, und den Schutz, den man ihnen zu Theil werden läßt, durch Dienſte vergelten können.— Wochen und Monate ent⸗ ſchwanden und Lenny las noch immer nicht nur die Bücher, die ihm der Doetor borgte, ſondern auch die, welche er von Sprott gekauft hatte. Was die Bomben und Granaten gegen die Religion betraf, die der Keſſelflicker im Schnapp⸗ ſack mit herumführte, ſo hatte Lenny noch keine Verſuchung gefühlt, ſich ſelbſt damit in die Luft zu ſprengen. Von der Wiege an war er erzogen worden in einfältiger Liebe und Ehrfurcht zu dem göttlichen Vater und dem treuen Erlöſer, deſſen Leben alle Berichte über menſchliche Vortrefflichkeit weit übertrifft und deſſen Tod über die poetiſchſten Schilde⸗ rungen ſterblichen Heldenmuths ſo hoch erhaben iſt, daß kein Weſen, deſſen Jugend gelehrt wurde, zu dem Barm⸗ herzigen zu flehen und den Heiligen anzubeten, ſelbſt wenn es ſich im ſpätern Leben verſtrickt haben ſollte in die Dornen eines verödenden Scepticismus, je darüber höhnen und ſpot⸗ ten hören kann, ohne ſich im tiefſten Herzen empört und im Gewiſſen erſchüttert zu fühlen. Wie der Hirſch inſtinkt⸗ mäßig zurückbebt vor dem Tiger oder ſchon der Anblick des Scorpions Jeden, der ſogar nie zuvor ein ſolches Thier geſehen hat, von der Berührung abhält, ſo ließ auch ſchon die erſte Zeile in einer gottesläſterlichen Schrift, an welche der Keßler ſeine rußigen Finger legte, unſerem Lenny das Blut eiskalt durch die Adern rinnen. Eben ſo ſicher war der Bauernknabe gegen jede Verlockung zu Schriften, welche die Lüſternheit und Sinnlichkeit anregten, nicht nur um der glücklichen Unwiſſenheit ſeines ländlichen Lebens willen, ſondern weil eine dauerndere Wache ihn behütete— das Genie. Der Genius, ſo geſund, ſtark und mannhaft er auch ſeyn mag, braucht lange Zeit, bis er die ihm inwoh⸗ nende doriſche Beſcheidenheit verliert, und wird leicht ſcham⸗ roth, weil er ſo empfänglich für den Ruhm iſt; und wenn k er es auch liebt, zu träumen, ſo will er dazu einen Veil⸗ chenvaſen haben, nicht aber einen Düngerhaufen, ſo daß er ſelbſt in der Verirrung der Sinne aus dem Bereich des Taſt ſucht die fürt iſt A Fren Gen ſilbet in ei verei bald zu ſt dem Geni und: eigen den Knal ſiſche eine kauft dieſe alle kümn die T habt, nicht ebe und Erlöſer, fflichkeit Schilde⸗ ſt, daß Barm⸗ ſt wenn Dornen nd ſpot⸗ und im inſtinkt⸗ blick des s Thier ich ſchon welche nny das her war „welche um der willen, — das nhaft er inwoh⸗ t ſcham⸗ nd wenn en Veil⸗ ſo daß reich des 431 Taſtbaren in ſeine ätheriſchen Phantaſiewelten zu entwiſchen ſucht. Abgeſehen von den Leidenſchaften iſt wahres Genie die praktiſchſte von allen menſchlichen Begabungen. Wie für den Apollo, den die Griechen als ihren Typus verehrten, iſt Arkadien für daſſelbe keine Heimath, ſondern nur eine Fremde. Bald des Getändels in Tempe ſatt, erhebt ſich der Genius, um ſeine Sendung zu erfüllen— ein Träger des ſilbernen Bogens und ein Lenker des Lichtwagens. Oder in einfacherer Rede— er iſt die Begeiſterung für Selbſt⸗ veredelung und hört auf zu ſeyn oder entſchlummert, ſo bald er abläßt, nach einem vermeintlich werthvollen Ziele zu ſtreben, in welchem unbewußt der eigene Fortſchritt mit dem der Welt zuſammenfällt. Vorläufig lag in Lenny's Genius keine Hinneigung zu etwas Anderem, als was poſitiv und nützlich war, weshalb er ſich auch naturgemäß ſeiner eigenen Sphäre und den Bedürfniſſen derſelben zuwandte, den Künſten nämlich, welche wir mechaniſche nennen. Der Knabe war begierig, ſich über Dampfmaſchinen und arte⸗ ſiſche Brunnen zu unterrichten, und zu dieſem Ende war eine Vorſchule in der Mechanik und Hydroſtatik nöthig. Er kaufte ſich daher verſtändlich gehaltene Elementarwerke über dieſe myſtiſchen Wiſſenſchaften, und ſetzte bei Experimenten alle Kräfte ſeines Geiſtes in Thätigkeit. O ihr edeln und hochherzigen Geiſter, die ihr, unbe⸗ kümmert um Ruhm und nur dürftig durch Geld entſchädigt, die Thore des Wiſſens für den Verſtand des Armen geöffnet habt, wie ſchätze und verehre ich euch. Glaubt übrigens nicht, ſchon Alles gethan zu haben, was nöthig iſt, ſondern 432 zieht, ich bitte euch, in ernſte Erwägung, ob eine ſo gute Wahl aus dem Packe des Keſſelflickers einem Knaben mog⸗ lich geweſen wäre, den die Religion nicht weggeſcheucht hätte von dem Verpeſteten und in dem der Genius nicht nach Selbſtveredlung rang. Auch entging Lenny nicht ganz den giftigen Theilen der gemiſchten Elemente, aus denen ſein erwachender Geiſt Nahrung holte. Man darf nicht glau⸗ ben, daß Alles Sauerſtoff war, was ſeine athmende Lippe einſog, denn immerhin befanden ſich ja jene zündenden Traktätlein in ſeinen Händen. Ich kann ſie keine politiſchen Schriften nennen, denn unter Politik verſteht man die Kunſt des Regierens, und die Flugblätter, von denen ich ſpreche, zogen gegen alle Regierungen, die je von dem menſchlichen Geſchlechte anerkannt wurden, zu Felde. Dem geſunden Denker in ſeinem Lehnſtuhl mochten ſie freilich als erbärmliches Geſchmiere erſcheinen— eben ſo dem er⸗ fahrenen Staatsmann auf ſeinem Poſten im Kabinet, dem ſtillen Würdenträger einer gelehrten Kirche oder dem Rich⸗ ter, der vielleicht oft von den Schranken ſeines Gerichtshofs nach dem grauſen Orkus von Norfolks Isle die Geiſter von Menſchen ſchickte, welche durch dieſes Geſchmier, wenn es gleichzeitig ſeinen Einfluß übte auf die Organe der Kampf⸗ luſt und des Erwerbs, vor der Zeit erſchlagen wurden. Für euch iſt es wohl erbärmliches Gewäſche; ob es aber auch dem armen Manne ſo erſcheint, dem es gegen die leichte Bedingung, daß er die ganze Welt umſtürzen helfe, ein Paradies verſpricht? Denn man muß wiſſen, daß der⸗ gleichen„Aufrufe an die Arbeiter“ das Weltumſtürzen als die ei — a brau wacke Freil Lüpft „Auf ten Kleri Söht heille zum und einen über ob ſi ſchni dies bean abgi mag Geſe zum niſſe Sto geſch gabe B ſo gute en mög⸗ cht hätte cht nach ganz den nen ſein cht glau⸗ ide Lippe ündenden vlitiſchen man die denen ich von dem de. Dem ie freilich o dem er⸗ inet, dem dem Rich⸗ richtshofs eiſter von „wenn es er Kampf⸗ n wurden. es aber die leichte helfe, ein „daß der⸗ ſtürzen als 433 die einfachſte Sache darſtellen, die man ſich nur denken kann — als eine Art Zweimalzweiiſtvieraufgabe. Der Arme braucht nur ſeine kräftige Hand an die Achſe zu legen und wacker zu lüpfen; dann geht's hurrah das Unterſte zu oberſt! Freilich muß man ein Bischen geſunde Wuth in das wackere Lüpfen bringen, und es iſt ſo leicht, die Beredſamkeit der „Aufrufe“ mit einer Art gallerregender Statiſtik zu beglei⸗ ten—„Mißbräuche der Ariſtokratie“—„Aemterjagd der Kleriſei“—„Koſten der Armee, welche wegen der jüngeren Söhne von Pairs unterhalten wird“—„Kriege, in der heilloſen Abſicht unternommen, die Renten der Landbeſitzer zum Steigen zu bringen“— alles arithmetiſch aufgetiſcht und mit Anekdoten gewürzt über alle Gentlemen, die ſich einen ſchlechten Streich zu Schulden kommen ließen, oder über jeden Geiſtlichen, der ſeinem Rock Unehre machte, als ob ſolche Beiſpiele paſſende Belege ſeyen für den durch⸗ ſchnittlichen Gehalt des Adels und der Geiſtlichkeit! Alles dies leidenſchaftlich vorgetragen— und wohlgemerkt, nie beantwortet, da dieſe Literatur ſich nicht mit Controverſen abgibt und der Schriftſteller vollkommen freies Feld hat— mag nun wohl erbärmliches Geſchmier ſeyn; aber dieſes Geſchmier entflammte die Arbeiter, Barrikaden zu bauen zum Angriff, und zwang die Hüter des Geſetzes, Gefäng⸗ niſſe herzuſtellen zur Abwehr. Unſer armer Freund Lenny ſog viel ein von dieſem Stoff aus des Keßlers Pack. Er hielt die Aufrufe für ſehr geſcheidt und beredt; auch meinte er, die ſtatiſtiſchen An⸗ gaben ſeyen ſo wahr, wie mathematiſche Beweiſe. Bulwer, meine Novelle 25 434 Ein berühmter Kenntnißverbreiter ſieht mir über die Schulter und ſagt mir:„Verbeſſere die Erziehung und mache gute Bücher wohlfeil, ſo wird all' dieſes Geſchmier verſchwinden.“ Sir, ich glaube kein Wort davon. Wollte man von Riccardo oder Adam Smith den Band für einen Farthing verkaufen, ſo würden dieſe Werke dennoch von den Arbeitern ſo wenig geleſen, als jetzt eine große Zahl ſehr gebildeter Perſonen ſie nicht leſen mag. Und nichts wird mir den Glauben benehmen, daß ſo lang die Preſſe arbeitet, Angriffe auf die Reichen und Vorſchläge zum wackern Lüpfen ſtets eine ſehr beliebte Abtheilung in der Literatur der Ar⸗ beiterwelt ſeyn werden. Lenny Fairfield liest da eine Ab⸗ handlung über Hydraulik und baut ſich obendrein ein Modell zu einem Springbrunnen; dies hindert ihn aber nicht, jedem Vorſchlag zu Beſeitigung der Nationalſchuld beizutreten, die ſeiner Anſicht nach natürlich nie bezahlt werden ſoll, und von der er gehört hat, daß ſie den Zucker und den Thee ſo ſchamlos vertheuere. Dagegen will ich dem Leſer ſagen, was in dem vorliegenden Fall eine kleine Gegenwirkung gegen dieſen beredten Zündſtoff übt und Anlaß gibt, daß der arme Lenny nicht den Kopf einſtößt an den feſten Mauern des ſocialen Syſtems— ich meine den Umſtand, daß er zwei Augen im Kopf hat, welche nicht immer mit Leſen be⸗ ſchäftigt ſind. Die Druckſchriften haben ihm freilich ge⸗ ſagt, die Herren ſeyen Tyrannen, die Pfarrer Heuchler Bder Drohnen im Bienenſtand, und die Landeigenthümer Vam⸗ pyre und Blutſauger; allein er betrachtet ſich ein wenig die kleine Welt um ihn her und muß zuvorderſt das Zugeſtändniß mache leicht gar e Dale. weder eine g politi genöt ärmer thun, ſpiel taucht die Ci ſich ir der S Blutſ nur je Volk, Fairfi ſeine; mit de habe. nachde zu ver Mode mir d einen: bloſes r über die hung und Geſchmier Wollte für einen ch von den Zahl ſehr ichts wird e arbeitet, ern Lüpfen ir der Ar⸗ eine Ab⸗ in Modell cht, jedem eizutreten, oll, und n Thee ſo ſer ſagen, enwirkung gibt, daß Mauern , daß er Leſen be⸗ eilich ge⸗ chler oder ter Vam⸗ wenig die eſtändniß machen, daß ſein Herr nicht zu den Tyrannen gehört(iel⸗ leicht weil er ein Ausländer, ein Philoſoph oder vielleicht gar ein Republikaner iſt). Aber dann kömmt der Pfarrer Dale. Obgleich Hochkirchler bis in's Mark, iſt er doch weder ein Heuchler noch eine Drohne. Allerdings hat er eine gute Pfründe— eine weit beſſere, als ihm nach den politiſchen Anſichten jener Traktate gebührt; aber Lenny iſt genöthigt zu bekennen, wenn Pfarrer Dale um einen Penny ärmer wäre, müßte er auch für einen Penny weniger Gutes thun, und wenn er die verſchiedenen Kirchſpiele, zum Bei⸗ ſpiel Roodhall und Hazeldean, miteinander verglich, ſo tauchte ihm doch die unbeſtimmte Idee auf, daß am Ende die Civiliſativn doch am beſten fortſchreite, wo der Pfarrer ſich in guten Verhältniſſen befindet. Ferner gehört auch der Squire Hazeldean ſicherlich nicht zu den Vampyren oder Blutſaugern, trotzdem, daß er ein ſo heilloſer Tory iſt, wie nur je einer in Schuhleder ſtak. Er lebt nicht von dem Volk, aber Viele aus dem Volke leben von ihm; Lenny Fairfield geräth daher in nicht geringe Verlegenheit, denn ſeine praktiſche Erfahrung zeigt ihm, welche Bewandtniß es mit der Evangeliumswahrheit ſeiner theoretiſchen Dogmen habe. Aber, ihr Herren Pfarrer und Landeigenthümer, nachdem ich euch eben, auf die Gefahr hin, alle Popularität zu verlieren, gewiſſen Weiſen, die zur Zeit ungemein in Mode ſind, einen coup de patte habe geben laſſen, ſollt ihr mir doch nicht aus den Händen kommen, ohne daß ich euch einen mahnenden Floh in's Ohr geſetzt habe. Glaubt nicht, bloſes Schreiben und Druckenlafſen reiche zu, das Geſchreibſel 28* 436 zu widerlegen, das auf ruren Untergang erpicht iſt— ihr könnt jenes Geſchmier nicht durch eure Feder unſchädlich machen, wohl aber durch euer Leben. Seyd ihr reich, wie der Squire Hazeldean, ſo thut Gutes mit eurem Geld; ſeyd ihr arm, wie der Signor Riccabocca, ſo wirket Früchte mit eurem Wohlwollen. Seht, da iſt Lenny, der jetzt ſeinen Wochenlohn erhält; und obgleich er weiß, daß er ſchon im nächſten Kirchſpiel einen höhern Lohn erzielen könnte, funkeln doch ſeine blauen Augen vor Dankbarkeit nicht ob dem Klimpern des Geldes, ſondern weil der arme Verbannte ſich ſo freundlich über Dinge mit ihm unterhalten hat, die außer dem Bepeich ſei⸗ nes Dienſtes liegen. Und Violante ſteigt die Treppe der Terraſſe herab, in der Hand ein Körbchen mit Sago und ähnlichen Leckereien, das ihr die Stiefmutter für Mrs. Fair⸗ field gegeben hat; denn die gute Frau iſt während der letzten Paar Tage krank geweſen. Lenny wird auf dem Heimwege dem Keſſelflicker be⸗ gegnen und einen neuen Demoſtheniſchen„Aufruf“, einen Traktat aller Traktate über die„Ungebühr körperlicher Züch⸗ tigung“ und den„Geiz der Dienſtherren“ kaufen. Indeß meine ich doch, einige Worte von Signor Riccabocca, welche dieſen keinen Heller koſteten, und der Hinblick auf das Lächeln ſeiner Mutter über den Inhalt des Korbchens, der gleich⸗ falls nicht thener war, werden dazu dienen, die Wirkungen dieſes„Aufrufs“ in weit nachdrücklicherer Weiſe aufzuheben, als wenn Brougham oder Mill die heſten Artikel über ieſe Gegenſtand geſchrieben hätten. —— — 3 ſchöner Sprin hatte. gürtel Vögel der Ar funkelt noch ſt ſchlang C es hil knapp mant auffall mann der Al ſicht u ſtütztes ausgel Probe des S nützun Felder Stichl iſt— ihr nſchädlich eich, wie ed; eyd üchte mit nerhält; Kirchſpiel ne blauen Geldes, lich über ereich ſei⸗ reppe der ago und rs. Fair⸗ er letzten flicker be⸗ f“, einen her Züch⸗ . Indeß a, welche Lächeln er gleich⸗ irkungen fzuheben, ber dieſen „ 437 Achtes Kapitel. Der Frühling war wieder gekommen, und an einem ſchönen Maitag ſaß Lenny Fairfield neben dem kleinen Springbrunnen, den er nun wirklich im Garten angelegt hatte. Die Schmetterlinge gaukelten über dem Blumen⸗ gürtel, den er um ſeine Fontäne hergezogen hatte, und die Vögel ſangen über ſeinem Haupte. Leonard ruhte aus von der Arbeit des Tages, um neben dem kühlen Spiel des funkelnden Wafſers ein kleines Mahl einzunehmen; aber noch ſtärker war ſein Hunger nach Belehrung, und er ver⸗ ſchlang ſein Buch, während er an ſeinen Brocken kaute. Ein Pennhkraktätlein iſt das Schuhhorn der Literatur; es hilft ſehr viele Bücher anziehen, die manchmal viel zu knapp ſind, als daß man ſich gut darin ergehen könnte. Der Pennytraktat eitirt einen berühmten Schriftſteller, und man trägt ein Verlangen, ihn zu leſen; er unterſtützt eine auffallende Behauptung mit einem gewichtigen Gewährs⸗ mann, und man möchte die Stelle vergleichen. Während der Abende des vergangenen Winters hatte Leonards Ein⸗ ſicht ungeheure Fortſchritte gemacht; er war durch ununter⸗ ſtütztes Selbſtſtudium über die Elemente der Mechanik hin⸗ ausgekommen und hatte die erlernten Grundſätze bereits die Probe der Prarxis erſtehen laſſen, nicht blos in Anlegung des Springbrunnens und durch die noch denkwürdigere Be⸗ nützung ſeines Wiſſens zu künſtlicher Bewäſſerung zweier Felder vermittelſt des Stromes, in welchem Schakeimo ſeine Stichlinge zu fangen pflegte, ſondern auch in unterſchied⸗ lichen ſinnreichen Vorkehrungen zu Erleichterung oder Ab⸗ kürzung der Arbeit, denen er das Lob und die Bewunderung der ganzen Nachbarſchaft verdankte. Aber anderer Seits kamen wieder die wüthenden Traktate, die über die Beſtim⸗ mung des Menſchengeſchlechts ſo über Bauſch und Bogen verfügten. Zwar war Lenny's Verſtand allmälig hin⸗ reichend erſtarkt, und der junge Menſch hatte ſich ſchon viel zu ſehr in claſſiſcheren oder logiſcheren Werken umgeſehen, als daß er nicht die unwiſſenſchaftliche Haltung jener Flug⸗ ſchriften hätte erkennen und die Wahrnehmung machen ſol⸗ len, wie ſie von Vorderſätzen zu Schlüſſen mit einer Ge⸗ ſchwindigkeit überſprangen, die ſo ſehr im Widerſpruch ſtand mit den ſorgfältigen Folgerungen der Mechanik als Wiſſenſchaft; aber die Citate und Andeutungen, von denen ſie wimmelten, verlockten ihn zum Leſen der Schriften von Philoſophen, die angeſehen und deshalb um ſo gefährlicher waren. Der Pack des Keſſelflickers lieferte ihm eine Ueber⸗ ſetzung von Condorcet's menſchlichem Fortſchritt und eine andere von Rouſſean's Geſellſchaftsver⸗ trag. Dieſe hatten ihn bewogen, von den Traktaten in des Keſſelflickers literariſcher Garküche ſolche auszuleſen, welche am meiſten von philantropiſchen Phraſen gen über ein künftiges goldenes Zeitalter wimmelten, gegen welches das des alten Saturn nur eine Poſſe wäre— Trak⸗ tätlein, ſo mild und mütterlich in ihrer Sprache, daß es einer weit praktiſcheren Erfahrung, als die unſeres Lenny war, bedurfte, um wahrzunehmen, daß man vorher über einen Strom von Blut ſetzen mußte, ehe man auch nur im minde Ufer Trakt ſchmi es ei Balle vorfli ſatz a an di ſymm niſche handl als) des L da? die S flücht ſchwe Prob mons welch der Ab⸗ nderung r Seits Beſtim⸗ Boen lig hin⸗ chon viel geſehen, er Flug⸗ hen ſol⸗ iner Ge⸗ erſpruch anik als on denen ften von ährlicher e Ueber⸗ ſchritt ftsver⸗ n in des „welche hezeiun⸗ n, gegen — Trak⸗ „daß es es Lenny her über hnur im 439 mindeſten hoffen durfte, einen Fuß auf die blumenreichen ufer zu ſetzen, nach denen ſie zum Ausruhen einluden— Traktätchen, welche dem armen Chriſtenthum die Wangen ſchminkten, ihm eine Lilienkrone auf's Haupt klappten und es einen pas de zéphyre tanzen ließen in dem idylliſchen Ballet, in welchem Saint Simon der Heerde, die er ſchiert, vorflötet; oder aber, nachdem zuerſt als Einleitungsgrund⸗ ſatz aufgeſtellt wurde, daß Die prächtigen Paläſte und die Thürme, Die in die Wolken ragen, und die Tempel, Die feierlichen, und der Erdball ſelbſt, Sammt Allem, was darauf iſt, ſoll vergehen!— an die Stelle der entſchwundenen Erde Monſieur Fourier's ſymmetriſches Phalanſterium oder Mr. Owen's architekto⸗ niſches Parallelogram ſetzen. Mit einer derartigen Ab⸗ handlung würzte eben Lenny ſeine Brodkruſten und Radieschen, als Riccabveca, der ſein dunkles Antlitz über die Schulter des Leſenden ſchauen ließ, plötzlich in die Worte ausbrach: „Diavolo, mein Freund! Was auf Erden haſt Du da? Laß mich doch ſehen— willſt Du?“ Leonard ſtand achtungsvoll auf und erröthete bis über die Schläfe, als er Riccabocca den Traktat hinreichte. Der Weiſe las die erſte Seite aufmerkſam, die zweite flüchtiger und ließ über die anderen den Blick nur leicht hin⸗ ſchweifen. Er hatte ſchon eine zu lange Kette von politiſchen Problemen durchgemacht, um nicht über jenen ehrwürdigen mons asinorum des Socialismus gekommen zu ſeyn, auf welchem mit geſpreizten Beinen die Herren Fourier und 440 Saint Simon ſitzen und laut rufen, daß ſie an der letzten Gränze der Erkenntniß angelangt ſeyen. „Alles dies iſt ſo alt, wie jene Berge,“ bemerkte Riceca⸗ boeca verächtlich;„aber die Berge ſtehen noch und dies— geht ſo dahin!“ Und der Weiſe deutete auf eine Rauch⸗ wolke, die ſeiner Pfeife entſtrömte.„Haſt Du je die Schrift des Sir David Brewſter über optiſche Täuſchungen geleſen? Nein? Gut, ich will ſie Dir borgen. Du wirſt darin eine Geſchichte von einer Frauensperſon finden, die immer eine ſchwarze Katze auf ihrem Herdfries ſah. Die ſchwarze Katze exiſtirte nur in ihrer Einbildungskraft; aber die Sinnentäuſchung war doch natürlich und vernünftig— nun— was denkſt Du?“ „Ei, Sir,“ verſetzte Leonard, der nicht begriff, was der Italiener damit ſagen wollte,„ich ſehe nicht ein, was da Natürliches oder Vernünftiges ſeyn ſoll.“ „Thörichter Knabe, warum nicht? Schwarze Katzen ſind doch Dinge, die man kennt und die in den Bereich der Möglichkeit gehören; aber wer hat auf Erden je eine ſolche Gemeinſchaft von Menſchen geſehen, wie ſie auf den Herd⸗ frieſen der Herren Owen und Fonrier ſitt? Wenn die Hallucination jenes Frauenzimmers nicht vernünftig ſeyn ſoll, was iſt dann die desjenigen, welcher an ſolche Traum⸗ geſichte glaubt?“ Lenny biß ſich in die Lippen. „Mein lieber Knabe,“ fuhr Riecabvera freundlich fort, „das einzige Sichere und Greifbare von dem, zu was der⸗ gleichen Schriftſteller Dich verleiten wollen, liegt ſchon an der 6 nenn wenn dazu Blick welch des volle Revr auch Dure ſehen von! Verſ niß z ſchlir Ban wie Wah viele Frag lich d gema des 6 kämp in de rletzten e Ricca⸗ dies— Rauch⸗ je die ſchungen Du wirſt en, die h. Die ft; aber nftig— iff, was in, was e Katzen reich der ne ſolche nHerd⸗ enn die tig ſeyn Traum⸗ lich fort, vas der⸗ ſchon an 441 der Schwelle und iſt das, was man gemeiniglich Revolution nennt. Run weiß ich, was dies iſt. Wenigſtens habe ich, wenn auch nicht eine Revolution, ſo doch einen Verſuch dazu mitgemacht.“ Leonard erhob die Augen zu ſeinem Herrn mit einem Blick tiefer Achtung und großer Neugierde. „Ja,“ fuhr Riccabveca fort, und das Geſicht, von welchem der Knabe kein Auge verwandte, zeigte jetzt ſtatt ves gewöhnlichen wunderlichen und bitteren, einen ſeelen⸗ vollen, edeln und herviſchen Ausdruck.„Ja, nicht eine Revolution für Hirngeſpinnſte, ſondern für eine Sache, die auch die Kälteſten für gut anerkennen und deren glückliche Durchführung zu allen Zeiten als etwas Göttliches ange⸗ ſehen wurde— die Befreiung unſeres heimiſchen Bodens von der Herrſchaft der Fremden! Ich habe an einem ſolchen Verſuch Theil genommen. Nun ich mir aber in's Gedächt⸗ niß zurückrufe,“ fuhr der Italiener wehmüthig fort,„welche ſchlimme Leidenſchaften dadurch geweckt werden, wie alle Bande ſich löſen, welche Ströme von Blut fließen müſſen, wie alle geſunde Induſtrie zum Stocken köͤmmt; wie dem Wahnſinn die Waffe in die Hand gegeben wird und wie viele Bethörte als Opfer fallen— wirft ſich mir die ernſte Frage auf, ob ein wirklich ehrenhafter, reiner und menſch⸗ lich denkender Menſch, der einmal eine ſolche Orvalie durch⸗ gemacht hat, ſich je wieder darauf einlaſſen würde, wenn er des Sieges nicht ſicher iſt— ja, und das Ziel, um das er kämpft, ihm nicht wieder aus der Hand geriſſen werden kann in dem Aufruhr der Elemente, die der Kampf entfeſſelt hat.“ 442 Der Italiener hielt inne, beſchattete ſeine Stirne mit der Hand und blieb eine Weile ſtumm. Dann fuhr er in ſeinem gewöhnlichen Tone wieder fort— „Revolutionen ohne ein beſtimmtes Ziel, das klar ge⸗ worden iſt durch die poſitiven Erfahrungen der Geſchichte — mit einem Worte, Revolutionen, welchen es nicht ſo faſt darum zu thun iſt, eine Staatsgrundlage oder eine Dynaſtie gegen eine andere zu vertauſchen, ſondern ſich eine Verände⸗ rung der ganzen geſellſchaftlichen Ordnung zur Aufgabe ſtellen, ſind von wahren Staatsmännern nur ſelten verſucht worden. Sogar Lykurgus hat erwieſenermaßen nie exiſtirt und fällt daher in das Reich der Sage. Wenn ſie ſtatt⸗ finden, gehen ſie in letzter Quelle von Philoſophen aus, welche abgeſchieden leben von der wirklichen Welt und in der Regel recht wohlwollende Menſchen ſind, die einen blühenden poetiſchen Styl zu ſchreiben verſtehen in ihren Anſichten aber ſo wenig das Thatſächliche des Lebens vertreten, als man in Virgil's Eklogen eine treue Schilderung der ge⸗ wöhnlichen Freuden und Leiden der Bauern, welche unſere Schafe hüten, zu finden hoffen darf. Liest man ihre Schrif⸗ ten, wie man die eines Dichters liest, ſo ſind ſie oft ſehr angenehm; wollte man jedoch verſuchen, die Welt danach zu modeln, ſo wäre man reif für ein Tollhaus. Je weiter ab von der möglichen Verwirklichung ſolcher Projekte ein Zeitalter liegt, deſto mehr haben die armen Philoſophen darin geträumt. So war es mitten in der traurigſten Ver⸗ derbniß der Sitten durch den Hof in Paris Mode, ſich mit einer Sichel in der Hand als Aleris und Daphne porträtiren zu le Alex imm alle Plat ten engl ihm Und der uns aufg die Dies Lenn kann nen da de ſterit arbei induf nung keit eben einer weſet ſchaf deter rne mit rer in klar ge⸗ ſchichte ſo faſt ynaſtie erände⸗ lufgabe erucht exiſtirt e ſtatt⸗ n aus, in der henden nſichten n, als der ge⸗ unſere Schrif⸗ ft ſehr danach weiter kte ein oſophen en Ver⸗ ich mit trätiren 443 zu laſſen. Als die Freiheit Griechenlands im Sterben lag, Alexanders Nachfolger ihre Monarchien gründeten und Rom immer mächtiger wurde, bis es mit ſeiner eiſernen Fauſt alle Staaten zerdrückte, den eigenen ausgenommen, wandte Plato ſein Auge ab von der Welt, um es an ſeiner geträum⸗ ten Atlantis zu laben. In der grauſenvollſten Periode der engliſchen Geſchichte gibt uns Sir Thomas More, während ihm das Schwert über dem Haupte ſchwebte, ſein Utopien. Und in dem Moment, in welchem die Welt im Begriff iſt, der Schauplatz für einen neuen Seſoſtris zu werden, ſagen uns die Träumer von Frankreich, das Jahrhundert ſey zu aufgeklärt für den Krieg; der Menſch könne ſich fortan durch die Vernunft leiten laſſen und in einem Paradieſe leben. Dies iſt alles recht hübſch zu leſen für einen Mann, wie ich, Lenny, der ſolche Dinge bewundern und darüber lächeln kann. Aber für Dich— für den Mann, der durch Fleiß ſei⸗ nen Lebensunterhalt gewinnen muß— für den Mann, der da denkt, es ſey angenehmer, gemächlich in einem Phalan⸗ ſterium zu leben, als acht oder zehn Stunden des Tags zu arbeiten— für den Mann von Talent, Thatkraft und induſtriellem Sinn, deſſen Zukunft von der Ruhe und Ord⸗ nung eines Staates abhängt, in welchem Talent, Thätig⸗ keit und Erfindungsgeiſt ein ſicheres Kapital ſind— nein, eben ſo gut könnten die großen Bankiere Meſſrs. Coutt's einer Theorie Vorſchub leiſten, welche das Syſtem des Bank⸗ weſens umzuſtürzen beabſichtigt. Was immer die Geſell⸗ ſchaft beunruhigt, ja, und wäre es nur ein ganz unbegrün⸗ deter Schrecken, um wie viel mehr nicht ein wirklicher 444 Kampf, fällt zuerſt auf den Markt der Arbeit und wirkt von da aus auf alle Zweige geiſtiger Thätigkeit zurück. In ſolchen Zeiten liegt die Kunſt brach und die Literatur wird vernachläſſigt, denn die Leute find zu ſehr in Anſpruch ge⸗ nommen, um etwas anderes zu leſen, als Schriften, die ihren Leidenſchaften ſchmeicheln. Das Kapital, bas ſeine Sicherheit bedroht ſieht, wagt ſich nicht mehr keck durch das Land, alle Thatkraft des Fleißes und Unternehmungsgeiſtes aufbietend und jedem Arbeiter ſeinen Lohn bringend. Merke nun auf meinen Rath, Lenny. Du biſt jung, verſtändig und ſtrebſam. Selten gelingt es den Menſchen, die Welt anders zu machen; aber in der Regel erreicht man ſeinen Zweck, wenn man die Welt gehen läßt und ſie eben auf's Beſte zu benützen ſucht. Du ſtehſt mitten in der großen Kriſis Deines Lebens, gebildet durch den Kampf zwiſchen den Begierden, welche aus einer Erweiterung der Erkenntniß entſpringen, und jenem Gefühl der Armuth, welches ſolche Begierden entweder in Hoffnung und Wetteifer oder in Neid und Verzweiflung verwandelt. Ich gebe zu, es liegt ein an⸗ ſtrengendes Feld der Thätigkeit vor Dir; aber meinſt Du nicht, es ſey unter allen Umſtänden leichter, einen Berg hinan zu klettern, als ihn abzutragen? Solche Bücher for⸗ dern Dich auf, den Berg eben zu machen, und der Berg iſt das Eigenthum anderer Leute, getheilt unter gar viele Be⸗ ſitzer und geſchützt durch das Geſetz. Sobald Einer ſeinen Spaten einſetzt iſt zehn gegen eins zu wetten, daß er wegen Vergreifung an fremdem Gut gefaßt wird. Aber der Pfad nach dem Gipfel hinauf iſt ein unbeſtrittenes Wegrecht. Du gem nur der ſeit der? ausg über winn Erei Rich heit richt zeng ſich auft das ſorgi ein E ganz dieſer da d irkt von i ur wird ruch ge⸗ en, die s ſeine irch das sgeiſtes Merke rſtändig ie Welt nſeinen n auf's großen wiſchen enntniß s ſolche in Neid ein an⸗ inſt Du n Berg e fr⸗ Berg iſt ele Be⸗ ſeinen wegen er Pfad egrecht. 445 Du biſt oben, eh' Du, ſogar wenn die Eigenthümer Narren genug wären, Dich ungehindert fortmachen zu laſſen, auch nur ein Paar Kubikſchuh abgetragen haſt. Cospetto!“ fügte der Doctor bei,„es iſt ſchon mehr als zweitauſend Jahre, ſeit der aume Plato den Ebnungsprozeß begonnen hat, und der Berg zeigt noch immer die alte Höhe.“ Während Riccabocca ſo ſprach, war ihm ſeine Pfeife ausgegangen. Gedankenvoll begab er ſich von hinnen und überließ es Leonard Fairfield, zu verſuchen, ob er Licht ge⸗ winnen könne aus dem Rauch. ——— Neuntes Kapitel. Kurz nach dieſer Belehrung durch Riccabocca fand ein Ereigniß ſtatt, welches dazu diente, Leonards Geiſt in neue Richtungen zu führen. Eines Abends war er in Abweſen⸗ heit ſeiner Mutter eben mit einer neuen mechaniſchen Vor⸗ richtung beſchäftigt, als unglücklicherweiſe eines der Werk⸗ zeuge zerbrach, die er dazu nöthig hatte. Der Leſer wird ſich erinnern, daß Lenny's Vater der Hauptzimmermann auf des Squire's Gütern geweſen war. Die Wittwe hatte das Handwerkszeug, welches ihrem armen Mark gehörte, ſorgfältig aufbewahrt und borgte gelegentlich wohl Lenny ein Stück davon, ließ ſich aber nicht bewegen, daſſelbe ihm ganz abzutreten. Der junge Menſch wußte, daß er unter dieſem Vorrath finden werde, was ihm nöthig war, und da die Vorrichtung Intereſſe für ihn hatte; wollte er nicht warten, bis ſeine Mutter nach Hauſe kam. Die Werkzeuge nebſt anderen kleinen Hinterlaſſenſchaften des Verſtorbenen befanden ſich in einer großen Truhe, die in Mrs. Fairfield's Schlafkammer ſtand, und da dieſer Aufbewahrungsort nicht verſchloſſen war, ſo machte ſich Lenny kein Bedenken daraus, das Erforderliche ſelbſt abzulangen. Während er nach dem Geräth ſpähete, fiel ſein Blick auf einen Bund Manuſcripte, und er erinnerte ſich dabei plötzlich, wie ſeine Mutter ihm, als er noch ein bloſes Kind war, das nichts von dem Unter⸗ ſchied zwiſchen Proſa und Verſen verſtand, das Paket mit den Worten gezeigt hatte:„Wenn Du einmal ordentlich leſen kannſt, Lenny, ſollſt Du dies anſehen dürfen. Mein armer Mark ſchrieb ſo ſchöne Verſe— ach, wie er geſchult war!“ Leonard hatte nun alles Recht zu der Annahme, daß die Zeit gekommen ſey, welche ihn würdig machte, die väter⸗ lichen Ergießungen zu leſen, und löste daher mit lebhaftem, aber wehmüthigem Intereſſe die Schnur des Bündels Er erkannte ſeines Vaters Handſchrift, die er oft in den Haus⸗ büchern und auf anderen Gedenkblättern geſehen hatte, und las mit Spannung einige gereimte Spielereien, die nicht ſonderlich viel Genie und ebenſowenig Meiſterſchaft in Sprache und Versbau verriethen; es waren mit einem Worte Gedichte, wie ſie ein Mann, der ſich ſelbſt gebildet hat und bei dem wohl poetiſcher Geſchmack und Gefühl, kei⸗ neswegs aber poetiſche Begeiſterung und künſtleriſche Aus⸗ bildung zu finden iſt, mit Ehren vorweiſen kann, ohne jedoch auf Ruhm Anſpruch machen zu dürfen. Aber beim Durchblättern dieſer„Gelegenheitsgedichte“ ſtieß er auf andet und ſchon volle den überl ſönlie dern rade Auch ſonde der d Verh melod charal der b aus e vielen geiſter obglei freund L als M Dum Mutte daß ich rkzeuge orbenen irfield's rt nicht daraus, ach dem ſcripte, er ihm, Unter⸗ ket mit dentlich Mein geſchult me, daß ie väter⸗ haftem, Er nHaus⸗ tte, und die nicht chaft in iteinem gebildet ühl, kei⸗ che Aus⸗ n, ohne ber beim er auf 447 andere von einer kleinen und ſchönen weiblichen Handſchrift, und er hatte kaum ſechs Zeilen davon geleſen, als er ſich ſchon unwiderſtehlich gefeſſelt fühlte. Sie waren viel werth⸗ voller, als die des armen Mark, und trugen unverkennbar den Stempel des Genie's. Wie die Poeſie der Frauen überhaupt waren auch die vorliegenden Ergüſſe dem per⸗ ſönlichen Gefühl geweiht— kein Spiegel der Welt, ſon⸗ dern die Betrachtungen eines einſamen Herzens. Und ge⸗ rade dieſe Art von Poeſie ſpricht die Jugend beſonders an. Auch hatten die fraglichen Verſe für Leonard noch eine be⸗ ſondere Anziehung; ſie ſchienen einen Kampf auszudrücken, der dem ſeinigen verwandt war— eine Klage gegen die Verhältniſſe, in welchen die Dichterin lebte, ein ſüßes, melodiſches Murren gegen das Schickſal. Im Uebrigen charakteriſirten ſie ſich durch einen Schwung des Gefühls, der bei einem Manne als Uebertreibung erſchienen wäre; aus einer weiblichen Feder aber ſtammend wurden ſie von ſo vielen ächten Offenbarungen einer aufrichtigen, tiefen, be⸗ geiſterten Seele getragen, daß ſie ſtets natürlich klangen, obgleich ihr Urſprung aus einer Natur, der das Glück nicht freundlich zur Seite ſtand, nicht zu verkennen war. Leonard war noch in das Leſen dieſer Gedichte vertieft, als Mrs. Fairfield in das Zimmer trat. „Was machſt Du da, Lenny?— Warum durchſtörſt Du meine Truhe?“ „Ich wollte nach des Vaters Handwerkszeug ſehen, Mutter, und fand dieſe Papiere, von denen Ihr mir ſagtet, daß ich ſie mit der Zeit leſen ſollte.“ 448 „Nun wundert's mich nicht, daß Du mich nicht eintre⸗ ten hörteſt,“ verſetzte die Wittwe ſeufzend.„Ich konnte ſtundenlange ſtill daſitzen, wenn der arme Mark mir ſeine Gedichte vorlas. Es iſt ein ſo ſchönes darunter, des Land⸗ manns Herd', Lenny; haſt Du dies noch nicht gefunden?“ „Ja, liebe Mutter, und die Anſpielung auf Euch ent⸗ ging mir nicht; ſie brachte mir Thränen in's Auge. Aber dieſe Verſe ſind nicht von meinem Vater— von wem ſonſt? Die Schrift iſt eine Weiberhand.“ Mrs. Fairſield ſah ſelbſt zu, wechſelte die Farbe, fühlte eine Schwächeanwandlung und ſetzte ſich nieder. „Die arme, arme Nora,“ ſagte ſie ſtockend.„Ich wußte nicht, daß ſie da wären. Mark bewahrte ſie auf, und ſo kamen ſie wohl unter ſeine—“ Leonard.—„Wer war Nora?“ Mrs. Fairfield.—„Wer?— Kind— wer? Nora war— war meine— meine Schweſter.“ Leonard, der mit großem Erſtaunen ſein Ideal von der Verfaſſerin dieſer mit ſo zierlicher Hand geſchriebeneu muſikaliſchen Zeilen mit ſeiner einfachen, unerzogenen Mut⸗ ter vergleicht, die weder leſen noch ſchreiben kann.—„Eure Schweſter— iſt es möglich? Alſo meine Tante. Wie kömmt es, daß Ihr mir nie zuvor etwas von ihr geſagt habt? O, und Ihr ſolltet ſo ſtolz ſeyn auf ſie, Mutter!“ Mrs. Fairfield, die Hände zuſammenſchlagend.— „Wir waren freilich ſtolz auf ſie, wir alle— Vater, Mut⸗ ter und Alle! Sie war ſo ſchön und ſo gut und durchaus nicht O N ausg rücke: Lady zu ih wohn ſie in ſie d ſprich aus i brech Todt einen unſer Herz verſu anſte licher Bt t eintre⸗ nnte nir ſeine s Land⸗ unden?“ Fuch ent⸗ . Aber m ſonſt? Farbe, der. ſie auf, er? Nora ſdeal von chriebenen nen Mut⸗ —„Eure te. Wie ihr geſagt Rutter!“ lagend.— ter, Mut⸗ d durchaus 449 nicht ſtolz, obſchon ſie ausſah wie die erſte Labh i im Land? O Nora! Nora!“ Leonard, nach einer Pauſe.—„Aber ſie muß eine ausgezeichnete Erziehung genoſſen haben.“ Mrs. Fairfield.—„Ja wohl hatte ſie.“ Leonard.—„Wie kam dies?“ Mrs. Ftiele⸗ auf ihrem Seſſel hin und her rückend.—„O, die gnädige Frau war ihre Pathin— die Lady Lansmere meine ich— und gewann eine Zuneigung zu ihr, als ſie erſt ſo groß war. Und ſie mußte im Park wohnen und der gnädigen Frau aufwarten; und dann wurde ſie in die Schule geſchickt, und Nora war ſo geſcheidt, daß ſie durchaus nach London mußte als Gouvernante. Aber ſprich nicht weiter davon, Knabe— ſprich nicht mehr davon!“ Leonard.—„Warum nicht, Mutter?— Was iſt aus ihr geworden?— Wo iſt ſie?“ Mrs. Fairfield, in einen Strom von Thränen aus⸗ brechend.—„Im Grab iſt ſie— in ihrem kalten Grabe! Todt— todt!“ Leonard fühlte ſich über die Maßen erſchüttert. Von einem Dichter glaubt man, daß er immer leben, immer unſer Freund ſeyn müſſe. Es war Leonard, als ſey ſeinem Herzen plötzlich ein theures Weſen entriſſen worden. Er verſuchte ſeine Mutter zu tröſten; aber ihr Schmerz war, anſteckend, und er weinte mit ihr. „Und wie lange iſt ſie ſchon todt?“ fragte er in ſchmerz⸗ lichem Tone. „Schon manches, manches lange Jahr; aber“— fügte Bulwer, meine Novelle. 29 Mrs. Fairfield bei, indem ſie aufſtand und ihre bebende Hand auf Levnards Schulter legte—„Du mußt nicht mehr von ihr mit mir reden— ich kann's nicht ertragen— es pricht mir das Herz. Viel lieber rede mit mir von Mark — komm mit hinunter, komm!“ „Darf ich dieſe Verſe nicht behalten?— Laßt mir ſie, Mutter.“ „Ach, dieſe Paar Fetzchen Papier ſind Alles, was von ihr noch übrig iſt. Ja, behalt ſie— aber die von Mark mußt Du wieder in die Truhe legen. Sind alle da?— gewiß?“ Und die Wittwe, obgleich ſie die Verſe ihres Mannes nicht leſen konnte,muſterte eiferſüchtig die Blätter, die mit ſeinem unregelmäßigen großen Gekritzel beſchrieben waren, ſtrich ſie mit Sorgfalt glatt, verwahrte ſie in der Truhe und legte wieder einige Lavendelzweigchen darüber, die der unachtſame Leonard in Unordnung gebracht hatte.“ „Aber,“ ſagte Leonard, während ſein Auge auf der ſchönen Handſchrift der ſo früh verſtorbenen Tante ruhte— „Ihr nennt ſie Nora, und ich ſehe, daß ſie ſich mit L. unter⸗ zeichnet.“ „Leonora war ihr Name. Ich ſagte, ſie ſey das Pa⸗ thenkind der gnädigen Frau geweſen. Kürze halber nannten wir ſie Nora—“ „Leonora— und ich heiße Leonard— bin ich um ihrer Willen zu dieſem Namen gekommen?“ „Ja, ja— doch ſchweige, ſchweige, Knabe,“ ſchluchzte die arme Mrs, Fairfield, und kein Bitten und Schmeicheln konn ihn! Scht welch ken! gerin kämp kennt Mat verla grabe deren und Jahr leider die it welch erfüll Er h denke in ih auger eſſe bebende h mehr — es n Mark mir ſie, vas von n Mark da?— Mannes die mit waren, r Truhe „die der auf der tuhte L. unter⸗ das Pa⸗ nannten ich um ſchluchzte meicheln 451 konnte ſie bewegen, über einen Gegenſtand fortzufahren oder ihn wieder aufzunehmen, der ihr augenſcheinlich ſo bittern Schmetz bereitete. Zehntes Kapitel. Es iſt ſchwer, erſchöpfend die Wirkung zu ſchildern, welche dieſe Entdeckung in der Kette von Leonards Gedan⸗ ken hervorbrachte. Ein Weſen alſo, das ſeinem eigenen geringen Stamme angehörte, war ihm vorangegangen im kämpfenden Aufſchwung nach den höheren Regionen der Er⸗ kenntniß und des Verlangens. Es erging ihm wie dem Matroſen, der in Mitte eines unbekannten Meeres auf einer verlaſſenen Inſel einen bekannten theuern Namen einge⸗ graben findet. Und dieſe geiſtvolle Trägerin ihres Kummers, deren Daſeyn er erſt aus ihrem Lied kennen gelernt hatte, und deren Tod noch nach Abfluß einer langen Reihe von Jahren in dem einfachen Herzen der Schweſter einen ſo leidenſchaftlichen Gram hervorrief— lieh der Romantik, die in ſeinem jungen Herzen erwachte, das Ideal, nach welchem er forſchte, ohne es ſelbſt zu wiſſen. Mit Freude erfüllte ihn die Kunde, daß ſie ſchön und gut geweſen war. Er hielt inne in ſeinen Bücherſtudien, um über ſie nachzu⸗ denken und in ſeiner Phantaſie ihr Bild zu entwerfen. Daß in ihrem Schickſal etwas Geheimnißvolles lag, war ihm augenfällig, und während dieſe Ueberzeugung ſeinem Inter⸗ eſſe mehr Tiefe verlieh, gewann das Geheimniß ſelbſt 29* allmälig einen Zauber, den zu zerſtreuen er ſich eben nicht beeilte. Gegen Mrs. Fairfield's hartnäckiges Schweigen war nichts zu thun, und er begnügte ſich daher, die Ver⸗ ſtorbene in die Reihe jener heiligen und unausſprechlichen Bilder zu ſtellen, die wir nicht zu entſchleiern ſuchen. Ju⸗ gend und Phantaſie bergen manchen geheimen Ideenſchatz, den ſie ſelbſt ſolchen nicht mitzutheilen verlangen, welchen ſie am meiſten Vertrauen ſchenken. Ich ſetze gerechten Zwei⸗ ſel in die Gefühlstiefe eines Menſchen, der in ſeiner Seele nicht gewiſſe Kämmerchen hat, zu welchen Niemand der Eintritt geſtattet iſt. Wie ich bereits bemerkte, waren Leonard Fairfield's Talente bisher mehr dem Poſitiven als dem Idealen zu⸗ gewendet geweſen— mehr der Erkenntniß und Erforſchung von Thatſachen, als der Poeſie und jenen untaſtbareren Wahrheiten, die das Element der Dichtkunſt ſind. Er hatte zwar unſere beſſeren Dichter geleſen, aber nie war ihm der Gedanke einer Nachahmung gekommen, da ihn bei ſeiner Lektüre mehr die allgemeine Begierde, die berühmteren Mo⸗ numente des menſchlichen Geiſtes kennen zu lernen, als jene Vorliebe für Verſe leitete, welche im jugendlichen Alter zu häufig vorkömmt, um als ein ſicheres Merkmal eines in⸗ wohnenden Dichtergeiſtes gelten zu können. Jetzt aber ſetz⸗ ten dieſe Melodien, welche der ganzen übrigen Welt unbe⸗ kannt waren, in ſeinen Ohren klangen und ſeine Gedanken durchdrangen, ſo zu ſagen ſein ganzes Leben in Muſftk. Er las fortan Gedichte mit einem ganz anderen Sinn— es war ihm, als habe er erſt jetzt das Geheimniß der Poeſie erfa Leid müt ſchaf ßen Cha läßt Men nicht ſiſche Hom einm der die ſe Einf time: zu ei zugs Geiſt derne hervo wohl Pflar Einfl Kran weich n nicht weigen ie Ver⸗ chlichen n. Ju⸗ nſchatz, lchen ſie n Zwei⸗ r Seele and der irfield's alen zu⸗ orſchung tbareren Er hatte ihm der ei ſeiner ren Mo⸗ als jene Alter zu ines in aber ſetz⸗ elt unbe⸗ Sedanken ſik. Er in— es er Poeſie 45⁵3 erfaßt. Und während er ſo las, bemächtigte ſich ſeiner die Leidenſchaft und die Verſe kamen von ſelbſt. Ich bin Vandale genug, zu glauben, daß für viele Ge⸗ müther am Beginn unſerer großen und gewichtigen Pilger⸗ ſchaft die Liebhaberei für Poeſie und poetiſche Träume gro⸗ ßen und bleibenden Schaden ſtiftet, denn ſie dient dazu, den Charakter zu entnerven, erzeugt falſche Lebensanſichten und läßt die edeln Anſtrengungen und Pflichten des thätigen Menſchen als knechtiſche Plackerei erſcheinen. Freilich hat nicht alle Poeſte dieſe Wirkung, namentlich nicht die klaſ⸗ ſiſche in ihren erhabeneren Meiſtern— nicht die Poeſie des Homer, des Virgil, des Sophokles— ja vielleicht nicht einmal die des läſſigen Horaz. Aber die Poeſie, welche von der Jugend am meiſten geſucht und geliebt wird— ich meine die ſentimentale Poeſie, muß nothwendig einen nachtheiligen Einfluß üben auf Gemüther, die ſchon vornweg zum Sen⸗ timentalen ſich hinneigen und einer Stählung bedürfen, um zu einer geſunden Mannheit heranzureifen. Andererſeits paßt die letztere Art von Poeſie, die vor⸗ zugsweiſe als die moderne bezeichnet werden kann, für viele Geiſter von anderm Guß— für Geiſter, wie ſie unſer mo⸗ dernes Leben mit ſeinen harten, poſitiven Formen ſo gerne hervorbringt. Und wie in gewiſſen Himmelsſtrichen die wohlwollende Fürſorge der Natur reichlich den Samen der Pflanzen und Kräuter ausſtreut, welche gegen die unter dem Einfluß der dortigen Atmoſphäre vorzugsweiſe herrſchenden Krankheiten als Heilmittel dienen, ebenſo mag auch die ſo weichere und romantiſchere Gattung der Dichtkunſt ſich als 454 Heilmittel und Gegengift erweiſen gegen die Auswüchſe einer harten, geldfüchtigen, unromantiſchen Zeit. Wir ſind heut zu Tage ſo viel von der Welt in Anſpruch genommen⸗ daß wir etwas haben müſſen, was mit uns von dem Mond und den Sternen plandert, wenn es auch in etwas zu über⸗ ſchwenglicher Weiſe geſchieht. Jedenfalls ließ ſich auf Leonard Fairfield in einer Pe⸗ riode ſeines geiſtigen Lebens die Milde unſeres Helikon wie ein heilender Thau nieder. In ſeinen ſtürmiſchen, unge⸗ regelten Ehrgeiz in ſein unklares Ringen mit den rieſigen Formen politiſcher Wahrheiten, in ſeinen Drang, die Wiſ⸗ ſenſchaft unmittelbar zu praktiſchen Zwecken zu verwenden, trat dieſes liebliche Traumbild der Muſe im weißen Ge⸗ wande der Friedenbringerin, deutete mit erhobener Hand nach dem heiteren Himmel, ſchloß ihm das Schaugebiet des Schönen auf, das dem Bauern ſo zugänglich iſt wie dem Fürſten, und ließ ihn erkennen, daß es auf der Oberfläche der Erde etwas Edleres gibt, als Reichthum, und daß Der, welcher die Welt betrachtet mit vichteriſchem Geiſte, in ſei⸗ ner Seele ſtets ein König iſt. Aber auch für praktiſche Zwecke erſetzte der umfaſſendere Erfindungsgeiſt, welchem die Poeſie als Sporn dient, die Großartigkeit des Entwurfs und die Gründlichkeit der Anſchauung, ſo daß er ſich gehoben über den bloſen Scharfſinn des Mechanikers fühlte, und die Materie mit ihrer Trägheit ihm als ein Ding erſchien, das ſich der geiſtigen Gewalt des Erfinders fügen mußte. Vor Allem aber verzehrte ſich die Unzufriedenheit, die in ihm Luft ſuchte, nicht in einem vorſätzlichen Krieg mit der wirklichen Wel ſtete gewi in e läßt faſſe oder ſein troff Scht ſah gehe ſie to und gung Miß es di einer das e ſicher ewig dun Leber Geda name wüchſe Lir ſind ommen, Mond u über⸗ ner Pe⸗ ikon wie „unge⸗ rieſigen die Wiſ⸗ rwenden, ißen Ge⸗ er Hand auebiet wie dem berfläche daß Der, e, in ſei⸗ praktiſche welchem Entwurfs h gehoben , und die chien, das ßte. Vor n ihm Luft wirklichen 455 Welt, ſondern in den reinigenden Kanälen des Liedes, dün⸗ ſtete in Luft aus und war dahin. Wenn man ſich daran gewöhnt, alle Dinge mit einem Geiſt aufzufaſſen, der ſie in einem lieblicheren und großartigeren Lichte erſcheinen läßt, ſo bildet ſich unmerklich in uns eine Philoſophie um⸗ faſſender Toleranz gegen das, was wir vorher mit Haß oder Geringſchätzung betrachtet haben. Leonard blickte in ſein Herz, nachdem es die Zauberin mit ihrem Hauch ge⸗ troffen, und durch die Nebel der flüchtigen und reichen Schwermuth, welche ſich kund gaben, wo ſie geweilt hatte, ſah er eine neue Sonne der Luſt und des Entzückens auf⸗ gehen über der Landſchaft des menſchlichen Lebens. So hatte alſo dieſe geheimnißvolle Verwandte, obgleich ſie todt und nie von ihm gekannt war, als„eine Stimme und weiter nicht“ mit ihm geſprochen, Worte der Beruhi⸗ gung, Erhebung und Freude ihm zugeflüſtert und jeden Mißklang in Harmonie aufgelöst; und in der That, wäre es dieſem lieblichen, rettenden Geiſte geſtattet geweſen, aus einer ruhigeren Sphäre niederzuſchauen auf das Leben, auf das er einen ſo eigenthümlichen Einfluß übte, ſo würde er ſicherlich mit noch heiligerer Luſt hingeglitten ſeyn in dem ewigen Fortſchritt. Wir nennen die große Mehrzahl menſchlicher Leben dunkel. Welche Anmaßung! Wiſſen wir denn, wie viele Leben ſich zum Ruhm aufſchwangen durch einen einzigen Gedanken, der übrig geblieben iſt von dem Staub der namenloſen Gräber? 456 Eilftes Kapitel. Ungefähr ein Jahr nachdem Leonard das erwähnte Familienmanuſ cript entdeckt hatte, borgte Pfarrer Dale den ruhigſten Paßgänger aus den Ställen des Squire, um zu Pferd einen Ausflug zu machen. Er ſagte, er habe Ge⸗ ſchäfte bei ſeinen alten Pfarrkindern in Lansmere; denn wie wir bereits in einem früheren Kapitel angedeutet haben, war er, eh' ihm die Pfründe von Hazeldean übertragen wurde, Hilfsgeiſtlicher in dem gedachten Wahlſtädtchen ge⸗ weſen. ſo ſeltene Erſcheinung, daß dieſe Reiſe nach einer über acht Wegſtunden entlegenen Stadt ſowohl in der Halle als in dem Pfarrhaus als ein höchſt wagehalſiges Abenteuer be⸗ trachtet wurde. Mrs. Dale konnte vor lauter Denken daran die ganze Nacht vorher keine Minute ſchlafen; aber obgleich ſie an dem ereignißvollen Morgen ein ganz ſchlimmes Ner⸗ venkopfweh hatte, duldete ſie doch nicht, daß eine weniger gedankenvolle Hand, als die ihrige, ſich mit dem Packen der Sattelſäcke befaßte, welche der Pfarrer zugleich mit dem Roſſe geborgt hatte. Ja, ſie argwöhnte ſo ſehr die Mög⸗ ichkeit, der gute Mann fönnte in ihrer Abweſenheit eine Spur von geſundem Menſchenverſtand zeigen, daß ſie, wäh⸗ rend ſie ſelbſt mit der Operation des Einpackens beſchäftigt war, ihn nicht von der Seite ließ und ihm genau das Plätz⸗ chen zeigte, wo das reine Hemd ſtak oder wo ſie ſeine alten Pantoffeln in eine von ſeinen Predigten eingewickelt hatte. Den Pfarrer ſein Dorf verlaſſen zu ſehen, war eine —— Sie b zu ve ſorgfé habe, ander S Mant ander ſchnit: hörte Mann nicht Lebew Fuß i Perſo: traute als M Reitkt bezwe zweim 2 ſtand terne die laf 7 Staun ähnte le den um zu be Ge⸗ nn wie haben, tragen hen ge⸗ ar eine ber acht als in uer be⸗ ndaran obgleich es Ner⸗ weniger acken der mit dem ie Mög⸗ heit eine ſie, wäh⸗ eſchäftigt as Plätz⸗ ine alten elt hatte. 457 Sie beſchwor ihn, die Röſiſchnitten nicht mit der Raſirſeife zu verwechſeln, und machte ihn darauf aufmerkſam, wie ſorgfältig ſie ihn gegen ein derartiges Verſehen geſchützt habe, indem ſie dieſe beiden Gegenſtände ſo weit von ein⸗ ander unterbrachte, als es die Natur der Sattelſäcke zuließ. Der arme Pfarrer, der keineswegs ein geiſtesabweſender Mann war und von dem man ſo wenig als von irgend einem anderen Sterblichen erwarten konnte, er werde ſich mit Röſt⸗ ſchnitten raſiren und die Seife ſich zum Imbiß auserſehen, hörte mit ehelicher Geduld zu und dachte, daß nie zuvor ein Mann ein ſolches Weib gehabt habe; auch lief es ſeinerſeits nicht ganz ohne Thränen ab, als er ſich losriß aus der Lebewohlumarmung ſeiner weinenden Carrh. Ich geſtehe übrigens, daß er mit einiger Beſorgniß den Fuß in den Steigbügel ſetzte und nicht ohne Furcht ſeine Perſon der Gnade eines ihm unbekannten Thieres anver⸗ traute. Denn was immer Mr. Dale's kleinere Begabungen als Menſch und Pfarrer ſeyn mochten, jedenfalls war die Reitkunſt nicht ſeine ſtarke Seite. Ueberhaupt möchte ich bezweifeln, ob er im Laufe ſeines ehelichen Lebens mehr als zweimal die Zügel in die Hand genommen hatte. Mat, des Squire's ſauertöpfiſcher alter Reitknecht, ſtand mit der Stute bereit und gab auf des Pfarrers ſchüch⸗ terne Frage, ob ſie auch gewiß ein zuverläſſiges Thier ſey, die lakoniſche Antwort: „Ei wohl; laßt ihr nur den Kopf.“ „Wie— den Kopf?“ erwiederte Mr. Dale mit einigem Staunen; denn er hatte nicht entfernt die Abſicht, von dem —— 458 Leibe des Rößleins jenen Theil abzutrennen, der für die Oeconomie des Lebens ſo nothwendig iſt.—„Ich ſoll ihr den Kopf laſſen?“ „Ja, ja, und nicht ſo zerren am Zaum, wie Ihr jetzt thut, ſonſt wird ſie einen Tanz auf den Hinterbeinen auf⸗ führen.“ Der Pfarrer ließ ſchnell die Zügel nach, und Mrs. Dale, die zurückgeblieben war, um ihrer Thränen Herr zu werden, ſtürzte jetzt wieder zu„noch ein Paar letzten Wor⸗ ten“ aus der Thüre. Da winkte er ihr mit muthiger Hei⸗ terkeit zu und ließ ſein Thier im Schritt durch den Hecken⸗ weg gehen. ² Unſer Reiter war anfänglich damit beſchäftigt, die Eigenheiten der Stute zu ſtudiren, und verſuchte dadurch zu einer Vorſtellung über ihren Allgemeincharakter zu gelangen. So machte es ihm zum Beiſpiel Kopfzerbrechen, warum ſie wohl ein Ohr aufrichtete und das andere legte— warum ſie ſich ſo ſehr links hielt, daß ſein Bein an den Hecken ſtreifte — und warum ſie, im Felde draußen an einem kleinen Sei⸗ tenthore angelangt, das nach der Hausmeierei hinführte, ganz und gar ſtehen blieb und ihre Nüſtern gegen das Ge⸗ länder rieb— eine Beſchäftigung, von der ſie der Pfarrer, nachdem alle ſeine höflichen Vorſtellungen vergeblich geweſen waren, endlich durch eine ſchüchterne Anwendung der Peitſche abbrachte. Nachdem dieſe Kriſis am Weg glücklich vorübergegan⸗ gen, ſchien die Stute zu begreifen, daß es ſich um eine Reiſe handelte; ſie peitſchte ſich unmuthig mit dem Schwanze und Pfarr ſino's führt beſcha c . las, Letztet wagte wende und S Furch im ger ich für ängſtli 1 ſtreiche S Erſtau Regen Anläſſ welche zog, 1 ſchritt Docto: für die ſoll ihr Ihr jetzt ien auf⸗ d Mrs. Herr zu en Wor⸗ ger Hei⸗ Hecken⸗ tigt, die adurch zu gelangen. varum ſie — warum en ſtreifte inen Sei⸗ hinführte, das Ge⸗ r Pfarrer, ch geweſen er Peitſche ibergegan⸗ eine Reiſe wanze und 459 beſchleunigte ihren Schritt zu einem kurzen Trab, der den Pfarrer bald auf die Landſtraße und in die Nähe des Ca⸗ ſino's brachte. Hier ſaß unter dem Thore, das zu ſeiner Wohnung führte, der Doctor Riceabocca, von ſeinem Regenſchirm beſchattet. Der Italiener erhob den Blick von dem Buch, das er las, und ſah den Pfarrer mit großen Augen an, während Letzterer nur halb nach dem Doctor hinſchielte; denn er wagte es nicht, ſeine Aufmerkſamkeit von der Stute abzu⸗ wenden, die bei Riccabocca's Anblick beide Ohren ſtellte und Symptome jener Ueberraſchung und der abergläubiſchen Furcht vor unbekannten Gegenſtänden kund gab, welche man im gemeinen Leben„Scheuen“ nennt. „Ich bitte, rührt Euch nicht,“ ſagte der Pfarrer,„oder ich fürchte, daß Ihr dieſes Thier erſchreckt. Es ſcheint ein ängſtliches, ſcheues Ding zu ſeyn— ſo⸗ho— ſachte, ſachte.“ Und er begann das Rößlein mit großer Salbung zu ſtreicheln. So ermuthigt überwand die Stute ihr erſtes natürliches Erſtaunen über den Anblick Riccaboeca's und des rothen Regenſchirms. Sie war ſchon früher bei unterſchiedlichen Anläſſen in dem Caſino geweſen, und da ſie weislich Plätze, welche in den Bereich ihrer Erfahrung fielen, anderen vor⸗ zog, über die ſie ſich keine Muthmaßung bilden konnte, ſo ſchritt ſie gravitätiſch auf das Thor zu, unter welchem der Doctor ſaß, und blieb ſtehen, nachdem ſie denſelben zuvor 6 460 einen Augenblick betrachtet hatte, als wollte ſie ſagen:„Es wäre mir lieb, wenn du aus dem Wege gingeſt.“ „Euer Rößlein ſcheint mir mehr Höflichkeit erweiſen zu wollen, als Ihr, Mr. Dale,“ nahm der Italiener das Wort,„und ich benütze deshalb die Gelegenheit dieſer Eurer unfreiwilligen Pauſe, um Euch Glück zu wünſchen zu Eurer Erhebung im Leben und in meinem Innern freundſchaftlich für Euch zu beten, daß der Hochmuth nicht zum Falle kom⸗ men möge.“ „Bſt!“ verſetzte der Pfarrer mit erkünſtelter Ruhe, obſchon er noch immer kein Auge von der Stute verwandte, die in einen ſanften Schlummer zu verfallen ſchien;„es iſt wahr, daß ich in den letzten Jahren nicht viel geritten bin, und des Squire's Pferde ſind gar feurig, da ſie in gutem Futter ſtehen. Es iſt aber eben ſo wenig Arges in ihnen, wie in ihrem Herrn, wenn man nur einmal ihre Art kennt.“ „Chi va piano, và sano, Pt chi vd sano vh lontano,“ ſagte Riccaboeca, auf die Sattelſäcke deutend,„Ihr reitet langſam und daher ſicher; und wer ſicher geht, kann weit kommen. Ihr ſcheint es auf eine Reiſe abgeſehen zu haben?“ „Ja,“ entgegnete der Pfarrer,„und zwar in einer An⸗ gelegenheit, die auch Euch ein wenig betrifft.“ „Mich?“ rief Riccaboeca.—„Die mich betrifft?“ „Ja, in ſo weit es ſich um die Möglichkeit handelt, daß Ihr eines Dieners beraubt werdet, den Ihr zu achten und zu lieben vorgebt.“ „Oh,“ ſagte Riccabveca,„ich verſtehe. Ihr habt mir ſchon zuſam dorbet er hal etwas brauch vorder meines nicht: ruhige ſind ſe mit Kr ſelbſtſü zutrag führen fügte d geſteig feil! D Ich bi Sonne ( 7 bocca, heilloſe W welcher mus ge. n„Es erweiſen ener das er Eurer zu Eurer ſchaftlich alle kom⸗ Ruhe, rwandte, ;„es iſt itten bin, in gutem in ihnen, rt kennt.“ Ihr reitet kann weit nhaben?“ meiner An⸗ rifft?“ it handelt, zu achten r habt mir 461 ſchon ſehr oft angedeutet, ich oder das Wiſſen, oder beides zuſammen, hätte Leonard Fairfield für das Dienen ver⸗ dorben.“ „So habe ich mich nicht gerade ausgedrückt. Ich ſagte, er habe durch Euch Eigenſchaften gewonnen, die ihn für etwas Beſſeres befähigen, als für das Dienen. Doch braucht Ihr ihm davon nichts kund zu thun. Ich kann Euch vorderhand nicht weiter mittheilen, da ich über den Erfolg meines Vorhabens noch ſehr im Zweifel bin; und es wäre nicht recht, den armen Leonard mit Hoffnungen zu beun⸗ ruhigen, wenn wir nicht gewiß wiſſen, daß wir im Stande ſind ſeine Lage zu verbeſſern. „Dies könnt Ihr nie gewiß wiſſen,“ bemerkte der Weiſe mit Kopfſchütteln.„Und ich kann nicht ſagem, ich ſey un⸗ ſelbſtſüchtig genug, um Euch nicht einen Groll dafür nach⸗ zutragen, daß Ihr mir einen unſchätzbaren Diener zu ent⸗ führen ſucht; denn er iſt treu, geſetzt, verſtändig und“— fügte der Doctor mit größerer Wärme bei, als er zu dem geſteigerten Eigenſchaftsworte überging—„ungemein wohl⸗ feil! Doch geht meinetwegen, und der Himmel ſey mit Euch. Ich bin kein Alexander, der zwiſchen den Menſchen und die Sonne tritt.“ „Ihr ſehd ein Mann von edlem Herzen, Signor Ricca⸗ boeca, trotz Eurer kaltblütigen Sprichwörter und Eurer heilloſen Bücher.“ Während der Pfarrer ſo ſprach, ließ er die Hand, in welcher er die Peitſche hielt, in ſo unbeſonnenem Enthuſias⸗ mus gegen die Schulter ſeines Roſſes ſinken, daß das arme Thier aus ſeinem unſchuldigen Schlummer aufſchrack, einen Satz vorwärts machte, der den Doctor von ſeinem Zaun⸗ balken faſt heruntergeworfen hätte, und drehte ſich raſch⸗ um, das Gebiß zwiſchen den Zähnen faſſend, weil der Pfar⸗ rer verzweifelt an den Zügeln gezerrt hatte, im Galopp da⸗ von zu ſprengen. Mr. Dale hatte beide Steigbügel verloren, deren er erſt wieder mächtig wurde, als die Stute ihren Schritt ermäßigte. Wie er nunmehr Zeit gewann, zu Athem zu kommen und umherzuſchauen, war von Ricca⸗ bocca und dem Thore nichts mehr zu ſehen. „In der That,“ ſagte Pfarrer Dale mit großer Selbſt⸗ gefälligkeit vor ſich hin, denn es erfüllte ihn mit einem ge⸗ wiſſen Triumph, daß er noch immer auf dem Rücken des Thieres ſaß—„es liegt Wahrheit in dem Satz, daß das Pferd die edelſte Eroberung ſey, die der Menſch je machte. Es iſt ein ſchönes Geſchöpf— ein ſehr ſchönes Geſchöpf— und ungemein ſchwer darauf zu ſitzen— namentlich ohne Steigbügel.“ Der Pfarrer pflanzte die Füße feſt in ſeine Bügel, und das Herz in ihm fühlte hohen Stolz. Zwölftes Kapitel. Lansmere lag in der Grafſchaft, welche an diejenige ſtieß, in der ſich das Dorf Hazeldean befand. Spät am Nachmittag kam der Pfarrer über das Flüßlein, das die beiden Grafſchaften ſchied, und gelangte zu einem Wirths⸗ * haus nach Vor beide vorg der 2 Reite haber reicht verwe beſtre einem ( vertri ſtark Fliege ſamm und n geiſtli dem YV den M beugur 3 men, l an's 2 k, einen Zaun⸗ er Pfar⸗ lopp da⸗ erren, te ihren inn, zu Ricca⸗ rSelbſt⸗ inem ge⸗ icken des daß das machte. ſchöpf— lich ohne igel, und diejenige Spät am „das die Wirths⸗ 463 haus an einer Scheidung der Straßen, von denen die eine nach Lansmere, die andere unmittelbar nach London führte. Vor dieſem Wirthshaus machte die Stute Halt und ließ beide Ohren mit der Miene eines Rößlein ſinken, das ſich vorgenommen hat, jetzt eine Mahlzeit einzunehmen. Und der Pfarrer ſelbſt, dem es ſehr warm war, und der ſich vom Reiten etwas wund fühlte, ſagte wohlwollend zu der Stute: „Nicht mehr wie billig— du ſollſt Futter und Tränke haben.“ Er ſtieg ab, und da er ſich, als er die terra ferma er⸗ reichte, ſehr ſteif fühlte, ſo überantwortete er die Stute un⸗ verweilt dem Hausknecht und begab ſich in die mit Sand beſtreute Gaſiſtube des Wirthshauſes, um eine Weile auf einem ſehr harten Windſorſtuhle auszuruhen. Er war etwas mehr als eine halbe Stunde allein und vertrieb ſich die Zeit mit Leſen einer Graſſchaftszeitung, die ſtark nach Tabak roch, während er zugleich bemüht war, die Fliegen von ſich abzuwehren, die ſich in Schwärmen um ihn ſammelten, als hätten ſie nie zuvor einen Pfarrer geſehen und wären deshalb begierig, ſich zu überzeugen, wie das geiſtliche Fleiſch ſchmecke. Da machte eine Poſtkutſche vor dem Wirthshaus Halt und ſetzte einen Reiſenden ab, der, den Mantelſack in der Hand, in die beſandete Gaſtſtube trat. Der Pfarrer ſtand höflich auf und machte eine Ver⸗ beugung. Der Reiſende langte an ſeinen Hut, ohne ihn abzuneh⸗ men, betrachtete Mr. Dale vom Kopf bis zu den Zehen, trat an's Fenſter und pfif eine lebhafte ungeduldige Weiſe. 464 Nach einer Weile begab er ſich nach dem Kamin und zog die Klingel, worauf er auf's Neue mit großen Augen den Pfar⸗ rer maß. Da dieſer höflich ſeine Zeitung niedergelegt hatte, ſo griff der Reiſende danach, warf ſich auf einen Stuhl, ſchlenkerte den einen Fuß auf den Tiſch, den andern auf den Kaminſims und begann die Zeitung zu leſen, während er zugleich den Stuhl mit einer ſo dreiſten Mißachtung der ge⸗ wöhnlichen Stellung von Stühlen, wenn Jemand darauf ſitzt, auf den Hinterbeinen ſchaukeln ließ, daß der Pfarrer jeden Augenblick mit Schaudern erwartete, der wagehalſige Menſch werde ſich rücklings überſtürzen. Durch ſeine Beſorgniß zum Mitleid bewogen, nahm der Pfarrer in mildem Tone das Wort:— „Dieſe Stühle ſind ſehr heimtückiſch, Sir. Ich fürchte, Ihr werdet herunter kommen.“ „Wie?“ verſetzte der Reiſende, mit großem Erſtaunen aufſchauend.„Herunter?— Oh, Ihr ſeyd ſatyriſch, Sir.“ „Sathriſch, Sir? Auf mein Wort, nein,“ rief der Pfarrer eifrig. „Ich denke, jeder freigeborne Mann hat ein Recht, in ſeinem Hauſe zu ſitzen, wie er mag,“ nahm der Reiſende mit Wärme wieder auf,„und ein Wirthshaus iſt ſein Haus, ſchätz ich, ſo lang er ſeine Zeche zahlt. Betty, meine Liebe Denn das Stubenmädchen war jetzt auf den Ruf der Klingel erſchienen. „Ich bin nicht Betty; verlangt Ihr etwas von ihr?“ „Nein, Sally— kalten Grog— und einen Zwieback.“ mät ſo ſi nah der, zu l Beſ mer Reif zum eine ja, Wen Part zog die en Pfar⸗ gt hatte, Stuhl, auf den hrend er gder ge⸗ d darauf Pfarrer gehalſige n, nahm h fürchte, Erſtaunen ch, Sir.“ rief der Recht, in rReiſende ſein Haus, ty, meine en Ruf der von ihr?“ Zwieback.“ 465 „Ich heiße auch nicht Sally,“ murmelte das Stuben⸗ mädchen. Als übrigens der Reiſende ſich umwandte und ſie eine ſo ſchmucke Halsbinde und ein ſo hübſches Geſicht wahr⸗ nahm, lächelte ſie erröthend und ging ihres Weges. Der Reiſende ſtand jetzt auf und warf die Zeitung nie⸗ der, nahm ein Federmeſſer heraus und begann ſeine Nägel zu beſchneiden. Aber plötzlich unterbrach er dieſe liebliche Beſchäftigung, denn er hatte des Pfarrers Dreiſpitz be⸗ merkt, der in der Ecke auf einem Stuhle lag.“ „Ihr ſeyd ein Geiſtlicher, rechne ich, Sir,“ ſagte der Reiſende mit einem leichten Hohne. Mr. Dale verbeugte ſich abermals— verbeugte ſich zum Theil entſchuldigend, zum Theil mit Würde. Es war eine Verbeugung, welche ſagte:„Nichts für ungut, Sir, ja, ich bin ein Geiſtlicher und ſchäme mich deſſen nicht.“ „Ihr reist weit?“ fragte der Fremde. Pfarrer.—„Nicht ſehr.“ Reiſender.—„In einer Chaiſe oder in einem Fly2 Wenn dies der Fall iſt und wir einen Weg machen— halb Part.“ Pfarrer.—„Halb Part?“ Reiſender.—„Ja; ich zahle die Hälfte der Koſten — die Weggelder eingerechnet.“ Pfarrer.—„Ihr ſeyd ſehr gütig, Sir. Aber“— mit Stolz—„ich bin zu Pferd.“ Reiſender.—„Zu Pferd? Na, dies hätt' ich nicht Bulwer, meine Novelle, 30 . 466 etrathen. Ihr ſeht mir nicht ſo aus. Wohin habt Ihr ge⸗ ſagt, daß Ihr gehet?“ „Ich ſagte Euch gar nicht, wohin ich gehe, Sir,“ ver⸗ ſetzte der Pfarrer trocken, denn die unbeſtimmte und un⸗ grammatiſche Bemerkung über ſeine Reitkunſt, daß er„nicht ſo ausſehe,“ hatte ihn verletzt. „Er hält an ſich,“ ſagte der Fremde lachend.„Ein alter Reiſender, rechne ich?“ Der Pfarrer gab keine Antwort, ſondern nahm ſeinen Spitzhut auf, machte eine majeſtätiſchere Verbeugung als früher, und ging hinauf, um zu ſehen ob die Stute mit ihrem Futter fertig ſey. Das Thier hatte mit dem Wenigen, was ihm verab⸗ reicht worden war, wohl zu Stande kommen können, und einige Minuten nachher nahm Mr. Dale ſeine Reiſe wieder auf. Er hatte etwas über eine Wegſtunde zurückgelegt, als ihn das Raſſeln von Rädern veranlaßte, ſich umzuſehen; bei dieſer Gelegenheit bemerkte er, daß eine Chaiſe ſehr ſchnell herangefahren kam, aus deren Fenſtern ein Paar menſchliche Beine in befremdlicher Weiſe herausbaumelten. Wie die Stute den Hufſchlag der Poſtpferde hinter ſich ver⸗ nahm, begann ſie zu tänzeln und brachte dadurch den Pfar⸗ rer ſo ſehr in Noth, daß es ihm nur unbeſtimmt und wie im Traume vorkam, als ob über den Beinen ſich ein menſch⸗ liches Geſicht befinde. Der Reiſende ſchaute, während er vorbeiwirbelte, nach Mr. Dale hetaus, der in ſeinem Sat⸗ tel auf⸗ und abflog, und rief: „Was macht das Leder?“ ſich Ein ihm mer nen nied Por von höfl und wag Sir. reist ihn: hübf war als einm ſich it ein bühr: Ihr ge⸗ r ver⸗ und un⸗ r„nicht „Ein m ſeinen zung als tute mit n verab⸗ nen, und ſe wieder äckgelegt, zuſehen; aiſe ſehr ein Paar aumelten. eſich ver⸗ den Pfar⸗ nd wie im in menſch⸗ ährend er nem Sat⸗ 467 „Leder?“ ſagte der Pfarrer zu ſich ſelbſt, als ſein Thier ſich wieder beruhigt hatte.„Was meint er damit? Leder! Ein ſehr gemeiner Mann. Aber ich bin voch geſchickt von ihm abgekommen.“ Ohne weiteres Abenteuer langte Mr. Dale in Lans⸗ mere an. Er ſtellte im Hauptgaſthauſe ein, erfriſchte ſei⸗ nen Körper durch eine allgemeine Abwaſchung und ſetzte ſich nieder, um mit gutem Appetit ſein Beefſteak und eine Pinte Porter zu verſorgen. Der Pfarrer verſtund ſich beſſer auf die Phyſiognomie von Menſchen, als auf die von Pferden. Ein Blick auf den höflichen, ſchmunzelnden Wirth, der den Tiſch auftäumte und den Wein aufſetzte, befriedigte ihn ſo weit, daß er es wagte, eine Unterhaltung anzuknüpfen. „Iſt der gnädige Herr in dem Park?“ Der Wirth, noch höflicher als zuvor.—„Nein, Sir. Seine Gnaden und die Lady ſind nach London ge⸗ reist, um mit dem Lord L'Etrange zuſammen zu treffen.“ „Mit Lord L'Etrange? Er iſt alſo wieder in England?“ „So hörte ich,“ verſetzte der Wirth.„Hier ſehen wir ihn nie. Ich kann mir ihn nur noch denken als einen recht hübſchen jungen Mann. Jedermann hatte ihn gern und war ſtolz auf ihn. Aber welche Streiche machte er nicht, als er noch ein Jüngling war! Wir hofften, er würde ſich einmal für unſern Bezirk wählen laſſen; aber er liebt es, ſich im Ausland umzutreiben— Schade darum. Ich bin ein ächter und gerechter Blauer, Sir, wie ſich's auch ge⸗ bührt. Der blaue Candidat erweist mir ſtets die Ehre im 30* 468 Lansmere⸗Wappen Quartier zu nehmen. Nur die gemeine Partei hält es mit dem Eber,“ fügte der Wirth mit einem Blick unausſprechlicher Geringſchätzung bei.„Ich hoffe, der Wein hat Euren Beifall, Sir?“ „Er iſt ſehr gut und ſcheint alt zu ſeyn.“ „Seit achtzehn Jahren auf Flaſchen gezogen, Sir. Ich that das Faß ein für die große Wahl von Daſhmore und Egerton.'s iſt nur noch wenig davon übrig, und ich gebe ihn nur alten Freunden, wie— denn ich denke, Sir, obgleich Ihr ſtark geworden ſeyd und großartiger ausſeht, ſo darf ich doch ſagen, daß ich ſchon früher das Vergnügen hatte, Euch zu ſehen“ „Dies iſt allerdings wahr, obſchon ich fürchte, daß ich nie ein beſonders guter Kunde geweſen bin.“ Wirth.—„Ah, Ihr ſeyd alſo Mr. Dale. Ich dachte mir's gleich, als ich Euch in die Flur eintreten ſah. Hof⸗ fentlich iſt doch die Frau Pfarrerin wohl— und auch der Squire— ein Gentleman mit gutem Mundſtück, und an ihm lag die Schuld nicht, daß es mit Mr. Egerton ſo ſchlecht ausfiel. Wir haben ihn ſeit jener Zeit nie wieder geſehen — ich meine den Mr. Egerton; und es wundert mich auch nicht, daß er wegbleibt. Aber der Sohn des gnädigen Herrn, der doch hier erzogen wurde— es iſt ſehr unnatür⸗ lich von ihm, daß er uns den Rücken kehrt.“ Mr. Dale gab keine Antwort. Erſt als der Wirth im Begriff war, ſich wieder zu entfernen, füllte er noch ein Glas mit Portwein und ſagte:— „Es müſſen große Veränderungen im Städtchen vor hier nah ſcho mal nen er hab Joh lich Glä ihn men verſe nicht nenn der Ich buch meine einem e, der Sir. hmore nd ich Sir, sſeht, nügen aß ich dachte Hof⸗ ch der nd an hlecht eſehen ach idigen natür⸗ th im ch ein dtchen 469 vorgegangen ſehn. Iſt Mr. Morgan, der Wundatzt, noch hier?“ „Nein. Ihr waret ſchon fort, als er ſich ein Plom nahm und ein regelmäßiger Doctor wurde. Auch hatte er ſchon eine recht hübſche Praxis; aber da verfiel er mit einem⸗ mal auf eine neumodiſche Art zu kuriren— ich glaube man nennt's Homi— ſo etwas—“ „Homöopathie!“ „Ja, ganz recht— etwas gegen allen Verſtand. Und er verlor hier ſeine Praris und zog nach London. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört.“ „Haben die Avenele ihr altes Haus noch?“ „O ja— und es geht ihnen recht gut, höre ich ſagen. John iſt immer kränklich; aber dennoch wandelt er gelegent⸗ lich zu den wunderlichen Käuzen' und läßt ſich dort ſein Gläschen ſchmecken. Da kömmt denn ſein Weib und holt ihn fort, eh' er über die Schnur hauen und zu Schaden kom⸗ men kann.“ „Mrs. Avenel iſt wohl noch dieſelbe, wie immer?“ „Sie trägt ihren Kopf ſogar noch höher, glaube ich,“ verſetzte der Wirth lächelnd.„Sie war immer— ich will nicht gerade ſagen hochmüthig, aber doch protzig, wie ich's nennen möchte.“ „Ich habe dieſes Wort nie vorher gehört,“ entgegnete der Pfarrer, indem er Meſſer und Gabel niederlegte.„Protzig? Ich glaube, man findet dieſen Ausdruck in keinem Wörter⸗ buch— trotzig, das kenne ich wohl.“ „Trotzig iſt trotzig und protzig iſt protzig,“ erwiederte der Wirth, welcher ſich an der Verlegenheit des Pfarters ergötzte.„Unſer Stadtbüttel iſt trotzig und Mrs. Avenel iſt protzig.“ „Sie iſt aber doch eine ſehr achtbare Frau,“ bemerkte Mr. Dale im Tone des Verweiſes. „Natürlich, Sir; das ſind alle protzigen Leute. Sie bilden ſich gar viel ein auf ihre Achtbarkeit und ſchauen auf ihre Nebenmenſchen herunter.“ Pfarrer, noch immer philologiſch beſchäftigt.— „Protzig— protzig. Ich denke, ich erinnere mich noch des Zeitworts von der Schule her— aber nicht, daß ich es von dem Lehrer gehört hätte. Protzen will ſo viel heißen, als ſchmollen oder eine trotzige Miene machen.“ Wirth, hartnäckig.—„Ein anderes iſt Protzen und ein anderes Protzigſeyn. Protzen iſt ein trutziges Weſen; wenn ich aber von Jemand ſage, er ſey protzig, ſo meine ich damit— obſchon dies ordinärer klingt— daß einer ſich ſelbſt nicht für Dünnbier halte. Verſteht Ihrs jetzt, Sir?“ „Ich denke ſo,“ verſetzte der Pfarrer halb lächelnd. „Wenn ich nicht irre, ſo ſind von den Avenel'ſchen Kindern nur noch zwei am Leben— eine Tochter, welche den Mark Fairfield heirathete, und ein Sohn, der nach Amerika ging?“ „Ja; und er hat ſein Glück dort gemaht und iſt wie⸗ der zurückgekommen.“ „Wirklich? Ei, das freut mich. Hat er ſich in Lans⸗ mere niedergelaſſen?“ „Nein, Sir. Wie ich höre, hat er ſich weit von uns ein Eigenthum gekauft. Aber er kömmt ziemlich oft zu — 471 farters ſeinen Eltern auf Beſuch— ſo viel weiß ich wenigſtens von enel iſt„ John— aber ich kann nicht ſagen, daß ich ihn je geſehen hätte. Wie ich mir denke, mag ſich Dick nicht blicken laſſen merkte vor Leuten, die ihn noch im Straßengraben ſpielen ſahen.“ „Nicht unnatürlich,“ entgegnete der Pfarrer entſchuldi⸗ Sie gend.„Aber da er ſeine Eltern ſo fleißig beſucht, muß er ten auf wohl ein guter Sohn ſeyn?“ „Ich habe nichts gegen ihn einzuwenden. Dick war igt.— ſonſt wohl ein wilder Burſche, eh' er in die Fremde ging, och des und ich hätte nie gedacht, daß er's ſo weit bringen würde, es von aber die Avenele ſind ein geſcheidter Schlag. Erinnert Ihr en, als Euch noch der armen Nora, der Roſe von Lansmere, wie man ſie nannte? Ach, nein; ich glaube, ſie zog nach London tzen und vor Eurer Zeit, Sir.“ Weſen;„Hum,“ erwiederte der Pfarrer trocken.„Nun, ich eine ich denke, Ihr könnt jetzt abräumen. Es iſt bald dunkel, und ich ſelbſt ich möchte mich draußen ein wenig umſehen.“ 2„Da kömmt noch eine recht hübſche Torte, Sir.“ lächelnd.„Danke, Sir; ich bin ſchon fertig mit meinem Diner.“ Kindern Der Pfarrer nahm ſeinen Hut auf und wanderte durch en Mark die Straßen. Er betrachtete die Häuſer zu beiden Seiten ging?“ mit dem gedankenvollen, wehmüthigen Intereſſe, mit wel⸗ iſt wie⸗ chem man im mittleren Lebensalter die Schauplätze zu be⸗ ſuchen pflegt, die uns in der Jugend theuer geweſen ſind, in Lans⸗ indem man ſich bald über die wenigen, bald über die vielen Veränderungen wundert und da oder dort entſchwundene Er⸗ von uns eigniſſe oder Gefühle in die Erinnerung zurückruft. Die h oft zu lange Hauptſtraße, auf welcher er dahin giug, begann jetzt 472 ihren lebhaften Charakter zu verlieren und allmälig den einer Vorſtadtſtraße anzunehmen. Auf der linken Seite hör⸗ ten die Häuſer ganz auf und machten der Umzäunung von Lansmerepark Platz, während rechts die Wohnungen durch Gärten von einander getrennt waren und den lieblichen An⸗ blick von Villen gewannen— von Villen, wie ſie Gewerbs⸗ leute, nachdem ſie ihr Geſchäft aufgegeben, die Wittwen derſelben, alte Jungfern oder penſionirte Offiziere für den Abend ihrer Tage zum Wohnplatz auszuwählen pflegen. Mr. Dale betrachtete dieſe Landhäuſer mit der ge⸗ dankenvollen Aufmerkſamkeit eines Mannes, der die Kraft ſeiner Erinnerung zu ſpornen ſucht, und machte endlich vor einer Wohnung Halt, die faſt am Ende der Vorſtadt und mit der Vorderſeite dem breiten Raſen gegenüber lag, wel⸗ cher ſich an das Pförtnerhäuschen von Lansmerepark an⸗ ſchloß. In der Nähe ſtand eine alte Zwergeiche, von der herab ſich ein dumpfes mißtöniges Geſchrei, das von hung⸗ rigen jungen Raben, vernehmen ließ, welche die verſpätete Rückkehr der Eltern erwarteten. Mr. Dale legte die Hand an die Stirne, blieb eine Weile ſtehen und ſchritt dann haſtig durch den kleinen Garten, um an die Thüre des Hauſes zu klopfen. In der Wohnſtube brannte ein Licht, und Mr. Dale erblickte durch das Fenſter die unbeſtimmten Umriſſe von drei Geſtalten. Auf ſein Pochen wurde es im Innern lebhaft. Eine der Geſtalten erhob ſich und verſchwand. Dann erſchien ein ſauberes Dienſtmädchen von mittlerem Alter unter der Thüre und fragte in unfreundlichem Tone den Fremden nach ſeinem Begehren. — — ihn ſie leh wie her lad ein ſein den Anz ver: kalt Da hab glei uml nich den hör⸗ von durch An⸗ erbs⸗ ttwen rden . r ge⸗ Kraft h vor un wel⸗ k an⸗ nder hung⸗ ätete Hand haſtig ſes zu Mr. mriſſe nnern wand. lerem Tone 473 „Ich möchte Mr. oder Mrs. Avenel ſprechen. Sagt ihnen, ich habe eine Reiſe von acht Stunden gemacht, um ſie zu beſuchen, und bringt ihnen dieſe Karte.“ Das Dienſtmädchen nahm die Karte in Empfang und lehnte die Thüre an. Es währte mehrere Minuten, bis ſie wieder zurückkam. „Miſſis ſagt, es ſey ſchon ſpät, Sir; aber kommt nur herein.“ Der Pfarrer entſprach dieſer nicht ſehr gnädigen Ein⸗ ladung und ging über die kleine Flur nach dem Wohnzimmer. Der alte Avenel, ein Mann von mildem Ausſehen, der ein wenig gelähmt zu ſeyn ſchien, erhob ſich langſam aus ſeinem Lehnſtuhl. Mrs. Avenel, in einer achtunggebieten⸗ den ſteifen, reinlichen Calviniſtenhaube und hellfarbigem Anzug, von dem jede Falte Reſpektabilität und Geſetztheit verrieth, ſtand aufrecht da, muſterte den Pfarrer mit einem kalten, vorſichtigen Blicke und begann: „Ihr erweist unſeres Gleichen eine große Ehre, Mr. Dale— nehmt einen Stuhl! Ihr habt ein Anliegen?“ „Von dem ich Euch ſchon brieflich in Kenntniß geſetzt habe, Mr. Avenel.“ „Mein Mann iſt ſehr übel daran.“ „Ein armes Geſchöpf,“ ſagte John mit matter Stimme, gleichſam voll Mitleid mit ſich ſelbſt.„Ich kann nicht mehr umhergehen wie ſonſt. Aber es iſt jetzt keine Wahlzeit— nicht wahr, Sir?“ „Nein, John,“ verſetzte Mrs. Avenel, den Arm des 474 Gatten in den ihrigen legend.„Du mußt jetzt ein wenig niederliegen, während ich mit dem Gentleman ſpreche.“ „Ich bin ein ächter guter Blauer,“ ſagte der arme John;„aber ich bin nicht mehr der Mann; der ich war.“ Und er lehnte ſich ſchwerfällig auf ſeine Frau, die ihn aus dem Zimmer führte. Auf der Schwelle wandte er ſich noch einmal um und ſagte mit großer Höflichkeit:—„Kann ich Euch mit etwas einen Gefallen erweiſen, Sir?“ Mr. Dale war gerührt; denn er hatte John Avenel als den hübſcheſten, rührigſten und heiterſten Mann von Lansmere gekannt— groß in fröhlicher Geſellſchaft und beim Ballſpiel, größer(obſchon dies erſt bei reiferem Alter) in der Verſammlung der Kirchengemeinde, und anerkannt am größten bei den Wahlen. „Der letzte Act,“ murmelte der Pfarrer;„und wie gut kann man hier nach dem Dichter mit dem ungläubigen Phi⸗ loſophen ausrufen—'arme, arme Menſchheit.“* Einige Minuten ſpäter kehrte Mrs. Avenel wieder zu⸗ rück. Sie nahm in einiger Entfernung von dem Pfarrer einen Stuhl, ſtützte die eine Hand auf der Lehne deſſelben auf, ſtrich mit der anderen ſteif das ſteife Gewand zurecht und begann:— „Nun, Sir?“ In dem Tone dieſes„Nun Sir?“ lag etwas Finſteres und Kriegeriſches, das der ſchlaue Pfarrer mit ſeinem „ Mr. Dale ſpielt hier wahrſcheinlich auf die Worte an, deren ſich Lord Bolingbroke bediente, als er am Sterbebette des Pabſtes ſtand. Sein Gedächtniß iſt übrigens nicht ganz wortgetreu. —,— gen näl ent Mr tref ger ſchu daß mü wu dag drü wer Ert mir das er! Eu Leh venig arme var.“ naus nch nn ich [venel von t und Alter) kannt ie gut Phi⸗ er zu⸗ farrer ſſelben zurecht nſteres ſeinem ,ederen Pabſtes — 475 gewöhnlichen Takt ſchnell bemerkte. Er rückte ſeinen Stuhl näher zu Mrs. Avenel, legte ſeine Hand auf die ihrige und entgegnete:— „Ja, ſo ſey es denn— und wie Freund zu Freund.“ Dreizehntes Kapitel. Mr. Dale hatte ſich ſchon über eine Viertelſtunde mit Mrs. Avenel unterhalten, aber dem Anſcheine nach in Be⸗ treff des Gegenſtandes ſeiner diplomatiſchen Sendung nur geringe Fortſchritte gemacht, denn als er endlich die Hand⸗ ſchuhe anzog, ſagte er:— „Es ſchmerzt mich, denken zu müſſen, Mrs. Avenel, daß Ihr Euer Herz ſo gar verhärtet habt. Ja— Ihr müßt mir verzeihen— es liegt in meinem Berufe, ernſte Wahrheiten auszuſprechen. Ihr könnt mir nicht zum Vor⸗ wurf machen, daß ich nicht Wort gegen Euch gehalten habe; dagegen muß ich Euch daran erinnern, daß ich mir aus⸗ drücklich das Recht vorbehielt, bei ſpäteren Gelegenheiten, wenn es die Intereſſen des Kindes forderten, nach eigenem Ermeſſen zu handeln. Unter dieſer Uebereinkunft gabt Ihr mir das Verſprechen, dem Ihr jetzt ausweichen wollt— das Verſprechen nämlich, für ihn ſorgen zu wollen, wann er herangewachſen wäre.“ „Ich will ja auch für ihn ſorgen. Ihr hört, daß ich Euch ermächtige, ihn in irgend einer entlegenen Stadt als Lehrling unterzubringen, und mit der Zeit wollen wir ihm einen Laden einrichten. Was wollt Ihr weiter von Leuten unſeres Gleichen, Sir, die ſelbſt in einem Handelsgeſchäft es vorwärts gebracht haben? Ihr verlangt nichts Ver⸗ nünftiges, Sir.“ „Meine liebe Freundin,“ verſetzte der Pfarrer,„ich verlange von Euch vorderhand nichts, als daß Ihr ihn ſehet — ihn ſprechen höret— und dann mögt Ihr ſelbſt urthei⸗ len. Es muß uns Beiden daran gelegen ſehn, daß Euer Enkel ſich aufſchwinge im Leben und Euch Ehre mache. Nun zweifle ich ſehr, ob uns dies gelingen wird, wenn wir ihn zu einem Krämer beſtimmen.“ „Und hat Jane Fairfield, die einen gemeinen Zimmer⸗ mann heirathete, ihn dazu erzogen, daß ihm die Krämer zu gering ſind?“ rief Mrs. Avenel aufgebracht. „Verhüte der Himmel dies! Einige der erſten Männer Englands ſind die Söhne kleiner Handelsleute geweſen. Aber wollt Ihr's ihnen oder ihren Eltern zum Verbrechen anrechnen, wenn ſie ihren Talenten einen Rang oder Ruf verdankten, um den ſie der ſtolzeſte Herzog beneiden konnte? England wäre nicht England, wenn der Sohn da ſtehen bleiben müßte, wo der Vater begann.“ „Gut!“ ſagte oder grunzte vielmehr eine beifällige Stimme, die übrigens weder von Mrs. Avenel noch von dem Pfarrer gehört wurde. „Alles ſehr ſchön,“ entgegnete Mrs. Avenel derb. „Aber einen Knaben, wie dieſer iſt, auf die Univerſität ſchicken— woher ſoll das Geld kommen?“ „Meine liebe Mrs. Avenel,“ erwiederte der Pfarrer einf Ca dav ſelb etw Gel fort thei gan ſich nem akat bis habe die Soh wir wen hat, ihm von deſſe nicht uten chäft Ver⸗ „ich ſehet thei⸗ Euer ache. wir mer⸗ er zu änner eſen. echen Ruf nnte? ſtehen ällige n derb. rſität farrer — ——— 477 einſchmeichelnd,„der Aufwand in einem kleinen College von Cambridge iſt nicht ſo groß, und wenn Ihr die eine Hälfte davon beſtreitet, nehme ich die andere auf mich. Da ich ſelbſt keine Kinder habe, ſo kann ich dies wohl erſchwingen.“ „Dies iſt ſehr ſchön von Euch,“ ſagte Mrs. Avenel etwas gerührt, obſchon noch ziemlich ungnädig.„Aber das Geld iſt nicht der einzige Punkt.“ „Iſt er einmal in Cambridge,“ fuhr Mr. Dale raſch fort—„in Cambridge, wo man ſich namentlich für Ma⸗ thematik ausbilden kann— ein Studium, für das er ein ganz beſonderes Talent zeigt— ſo zweifle ich nicht, daß er ſich auszeichnen wird. Und in dieſem Fall wird er bei ſei⸗ nem Abgang Collegialmitglied— das heißt, er erhält eine akademiſche Würde mit einem Einkommen, das ihn ernährt, bis er ſich im Leben Bahn gebrochen hat. Ihr ſeyd wohl⸗ habend, Mrs. Avenel, und habt keine nähere Verwandte, die Eurer Unterſtützung bedürften. Wie ich höre, iſt Euer Sohn ſehr glücklich geweſen.“ „Sir,“ unterbrach Mrs. Avenel den Pfarrer,„wenn wir mit Recht auf unſern Sohn Richard ſtolz ſeyn können, wenn er ein guter Sohn iſt und ein Vermögen erworben hat, ſo iſt dies kein Grund, ihm das zu entziehen, was wir ihm hinterlaſſen können, und es einem Jungen anzuhängen, von dem wir nichts wiſſen und der uns ungeachtet alles deſſen, was Ihr ſagt, doch keine Ehre machen kann.“ „Warum nicht? Ich ſehe dies nicht ein.“ „Warum nicht!“ rief Mrs. Avenel ungeſtüm.„Warum nicht! Ihr wißt dies ſelbſt recht gut. Nein, ich will nicht 8 6 haben, daß er ſich auſſchwinge im Leben— ich will nicht, daß die Leute wegen ſeiner ſpioniren und fragen. Meiner Anſicht nach iſt es ſehr gewiſſenlos, daß man ihm mit ſchoͤ⸗ nen Ausſichten den Kopf verrückt hat, und ſicherlich kann dies nicht von meiner Tochter Fairfield ausgegangen ſeyn. Und nun gar von mir zu verlangen, ich ſolle meinen Richard berauben um eines Jungen willen, der ein Gärtner, ein Ackerknecht oder ſo etwas geweſen iſt— ich ſolle Geld an ihn rücken, damit er einem Gentleman Unehre mache, der ſeine eigene Equipage hat, wie mein Sohn Richard— nein, Sir, ich ſage Euch: ich thu' es nicht, und damit hat die Sache ein Ende.“ Während der letzten zwei oder drei Minuten, unmittel⸗ bar nach dem beifälligen„Gut“, das auf die volksthüm⸗ liche Geſinnung des Pfarrers geantwortet hatte, war eine Thüre, die zu einem innern Zimmer führte, ſachte aufge⸗ gangen und ſtand halb offen, ohne daß es von den Sprechen⸗ den wahrgenommen worden wäre. Jetzt aber wurde die Thüre keck vollends zurückgeworfen, und der Reiſende, wel⸗ chen der Pfarrer im Wirthshauſe getroffen, trat mit den Worten auf Letzteren zu:— „Nein; damit hat die Sache kein Ende. Ihr ſagt, der Knabe ſey ein ſcharfer, geſcheidter Burſche?“ „Richard, haſt Du gehorcht?“ rief Mrs. Avenel. „Nun, ſchätz wohl, ja— die letzten Paar Minuten.“ „Und was haſt Du gehört?“ „Ei, daß dieſer ehrwürdige Gentleman um der guten Meinung willen, die er von dem Sohne meiner Schweſter — hã der ein lich ter unt auf ihn büc am Der was und verſ meh geh Har nicht, Meiner it ſchö⸗ ch kann n ſeyn. Richard er, ein Geld an che, der — nein, hat die mmittel⸗ lksthüm⸗ war eine te aufge⸗ Sprechen⸗ vurde die nde, wel⸗ mit den Ihr ſagt, enel. Minuten.“ der guten Schweſter 479 Fairfield hat, ſich erbot, ſeinen Unterhalt in dem College hälftig zu beſtreiten. Sir, ich bin Euch dafür ſehr verbun⸗ den, und hier iſt meine Hand, wenn Ihr ſie nehmen wollt.“ Der Pfarrer ſprang hoch erfreut auf, warf Mrs. Avenel einen triumphirenden Blick zu und drückte Mr. Richard herz⸗ lich die Hand. „Setzt jetzt nur Euren Hut auf, Sir,“ ſagte der Letz⸗ tere;„wir wollen miteinander einen Spaziergang machen und die Sache weiter beſprechen. Weiber verſtehen ſich nicht auf Geſchäftsſachen, und deshalb ſollte man ſich nie mit ihnen darüber einlaſſen.“ Mit dieſen Worten zog Mr. Richard eine Cigarren⸗ büchſe aus der Taſche, las ſich eine Cigarre aus, zündete ſie am Licht an und verließ das Zimmer. Mrs. Avenel faßte den Pfarrer am Rock. „Sir, Ihr werdet gegen Richard auf Eurer Hut ſeyn. Denkt an Euer Verſprechen.“ „Er weiß alſo nichts davon?“ „Er? Nein! Und Ihr ſeht, er hörte nicht weiter, als was er ſagt. Ich bin überzeugt, Ihr ſeyd ein Ehrenmann und werdet Euer Wort nicht brechen.“ „Ich habe mein Wort nur bedingungsweiſe gegeben, verſpreche Euch aber, ſo lange zu ſchweigen, als ich nicht mehr Grund zum Gegentheil habe. Ueberhaupt ſcheint mir Mr. Richard Avenel die Nothwendigkeit eines weiteren Ein⸗ gehens auf die Verhältniſſe zu erſparen.“ „Kommt Ihr nicht, Sir?“ rief Richard, als er die Hausthüre öffnete. „ Vierzehntes Kapitel. Der Pfarrer ſchloß ſich Mr. Richard Avenel auf der Straße draußen an. Es war eine ſchöne Nacht; der Mond ſtand hell und klar am Himmel. „Die arme Jane,“ ſagte Mr. Richard gedankenvoll, „die ſtets der Waidrüpel in der Familie war, hat's alſo doch ſo weit gebracht, ihren Sohn gut zu erziehen— und der Junge iſt wirklich ſo, wie Ihr ſagt?— Er würde Figur machen in einem College?“ „Ich bin davon überzeugt,“ verſetzte der Pfarrer, den Arm annehmend, welchen ihm Mr. Avenel darbot. „Ich möchte ihn wohl ſehen“ ſagte Richard.„Hat er Manier? Iſt er gentil— oder ein bloſer Bauernlümmel?“ „Er ſpricht ſehr anſtändig und hat, möcht' ich ſagen, ſo viel beſcheidene Würde an ſich, daß mancher reiche Gent⸗ leman ſtolz darauf ſeyn würde, wenn er einen ſolchen Sohn hätte.“ „Sonderbar, gibt,“ bemerkte Richard.„ was es für Unterſchiede in einer Familie Da iſt die Jane, die weder leſen noch ſchreiben kann und blos zum Weib eines Handwerkers taugte— nicht ein einziger Gedanke in ihr, der ſie über eine ſolche Stellung erhoben hätte. Und wenn ich an meine arme Schweſter Nora denke— Ihr werdet's nicht glauben, Pfarrer, aber ſie war in der That das eleganteſte Geſchöpf von der Welt— ja, ſchon als Kind; denn ſie war noch ein Kind um die Zeit meiner Abreiſe nach Amerika. Und als es mir gut ging im Leben⸗ ſagte ich oft und oft zu mir ſelbſt: V ge au ſey Na leic bin von Inz ich ein ich mer dem paſſ wie if der Mond nvoll, o doch nd der Figur r, den Hat er mel?“ ſagen⸗ e Gent⸗ n Sohn Familie der leſen dwerkers ſie über an meine glauben, Geſchöpf noch ein Und als nir ſelbſt: * 481 Meine kleine Nora ſoll mir am Ende doch noch eine vor⸗ nehme Frau werden. Das arme Ding— ſie hat ſo jung ſterben müſſen.“ Der Pfarrer drückte freundlich den Arm, auf den er ſich lehnte und ſagte nach einer Pauſe: „Nichts wirkt ſo veredelnd auf uns, als die Erziehung, Sir. Ich glaube, Eure Schweſter hatte einen guten Unter⸗ richt genoſſen und wurde durch ihre Talente in den Stand geſetzt, ihn gut zu benützen. Derſelbe Fall findet bei Eurem Neffen ſtatt.“ „Ich will ihn ſehen,“ ſagte Richard, mit dem Fuß feſt auf den Boden ſtampfend,„und ihm ſo gut wie ein Vater ſeyn, wenn er mir gefüllt. Schaut, Mr— wie iſt Euer Name, Sir?“ Dhle“ „Mr. Dale, ſchaut, ich bin ein lediger Mann. Viel⸗ leicht heirath' ich eines Tages, vielleicht auch nicht. Ich bin nicht der Mann, der ſich wegwirft. Kann ich eine Frau von Stand kriegen, gut— doch dies gehört nicht hieher. Inzwiſchen bin ich froh, wenn ich einen Neffen habe, deſſen ich mich nicht zu ſchämen brauche. Ihr ſeht, Sir, ich bin ein neuer Mann, der Schöpfer meines Glückes, und obſchon ich mir— weiß ſelbſt nicht wie's zuging, während meines Weiterkletterns ein Bischen Erziehung aufgeleſen habe, ſo merke ich doch, nun ich wieder im alten Lande bin, daß ich demungeachtet nicht recht für dieſe verdammten Ariſtokraten paſſe. Ich nehme mich eben nicht ſo aus in einem Salon, wie ich es wünſchen könnte. Wenn's mir darum zu thun Bulwer, meine Novelle. 31 wäre, könnte ich ins Parlament kommen; aber da müßte ich wohl ein rechter Narr ſeyn. Wenn ich alſo in Anbe⸗ tracht aller Dinge eine Art jüngeren Partners kriegen könnte, der das feine Geſchäft übernähme und die Waaren zur Schau ſtellte, ſo denk ich, das Haus Avenel und Comp. könnte den Brittiſchern zur Ehre gereichen. Ihr verſteht mich, Sir?“ „O, ſehr gut,“ antwortete Mr. Dale lächelnd, ob⸗ ſchon mit einigem Ernſt. „Na,“ fuhr der neue Mann fort,„ich ſchäme mich nicht, daß ich durch meine eigenen Verdienſte mich im Leben aufgeſchwungen habe, und will deshalb nicht mit dem ge⸗ heim thun, was ich geweſen bin. Und wenn ich in meinem eigenen prächtigen Hauſe ſitze, ſage ich gerne: Ich landete u New⸗York mit zehn Pfunden im Beutel, und jetzt ſteht's ſo mit mir. Es ginge aber nicht an, daß ich die alten Leute zu mir nähme. Seyd Ihr reich, ſo nimmt man Euch mit all' Euren Fehlern; aber Eure Familie will man doch nicht ſo leicht mit verſchlucken. Wenn ich daher ſchon meinen Vater und meine Mutter nicht brauchen kann, obgleich ich ſie ſehr liebe und gar gern an meinem Tiſch ſehen würde, während die Bedienten hinter ihren Stühlen aufwarten, ſo paßt Schweſter Jane noch weniger in mein Haus. Ich er⸗ innere mich ihrer noch recht gut, und ſie kann mit dem zu⸗ nehmenden Alter nicht gentiler geworden ſeyn. Ich muß Cuch deshalb erſuchen, ſie nicht auf den Gedanken zu brin⸗ gen, daß ſie mir nachkommen will, denn dies ginge unter keinen Umſtänden an. Ueberhaupt— ſprecht lieber über mich gar fein Wort mit ihr. Aber ihren Knaben könnt Ihr El ab ha ſtet ge ner zu. Ve ⸗ ten ſor wa hat Va viel ein Lar Ge ner ſcha ſie ſo! ihr üßte lnbe⸗ nnte, chau e den ir?“ „ob⸗ mich Leben n ge⸗ einem andete ſteht's Leute ch mit nicht neinen ich ich würde, en, ſo Ich er⸗ em zu⸗ h muß u brin⸗ unter eüber mt Ihr 483 zu ſeinem Großvater ſchicken, bei dem ich ihn dann in der Stille ſehen kann. Ihr verſteht mich?“ „Ja; aber es wird ſie ſchwer ankommen, ſich von ihrem Sohne zu trennen.“ „Poſſen! Alle Jungen müſſen ſich losreißen von ihren Eltern, wenn's in die Welt hinaus geht. Dies wäre alſo abgethan. Sagt mir aber jetzt— ich weiß, die alten Leute haben die Jane immer hart angelaſſen— die Mutter wenig⸗ ſtens hat's ſtets ſo gehalten; denn von meinem armen lieben Vater kann ich nicht ſagen, daß er je hart geweſen wäre gegen eines von uns. Allein wir wollen ihr deswegen kei⸗ nen Vorwurf machen, denn die Sache ging ganz natürlich zu. Wir waren unſerer ein ziemliches Häuflein, als der Vater und die Mutter ihren Laden in der Hauptſtraße hat⸗ ten, und ſo mußte denn für uns in irgend einer Weiſe ge⸗ ſorgt werden. Da nun die Jane ſehr brauchbar und arbeitſam war, ſo kriegte ſie ſchon als kleines Mädchen einen Platz und hatte alſo keine Zeit zum Lernen. Später wollte meinem Vater das Glück, daß er nach einer Wahl, in welcher er viel für die Blauen that— denn mein armer Vater war ein weit bekannter Wahlagitator— die Kundſchaft des Lord Lansmere kriegte. Die gnädige Frau ſtand bei Nora zu Gevatter, und nachdem im Laufe der Zeit die meiſten mei— ner Geſchwiſter geſtorben waren, gab mein Vater das Ge⸗ ſchäft auf. Als er Jane aus dem Dienſt zurücknahm, hatte ſie eben die Bildung einer gewöhnlichen dienenden Perſpn, ſo daß meine Mutter nothwendig Vergleichungen zwiſchen ihr und Nora anſtellen mußte. Ihr ſeht, Jane ſiel in die 31* 484 Zeit, als ſie arme kleine Handelsleute waren, welche die Köpfe kaum über dem Waſſer halten konnten; Nora aber war ihr Kind, als es ihnen gut ging und ſie gentil leben fonnten, ohne mehr auf ihr Gewerbe angewieſen zu ſeyn. So etwas macht einen großen Unterſchied. Und die Mutter ſah ſie nicht ganz an⸗ wie ihr Kind. Doch dies war Jane's eigene Schuld, denn die Mutter würde ſich ſchon in ſie ge⸗ funden haben, wenn ſie den Sohn unſeres Nachbars, des reichen Leinwandhändlers, geheirathet hätte, der um ihre Hand warb; ſo aber ſetzte ſie den Mark Fairfield durch, einen gemeinen Zimmermann. Eltern lieben diejenigen von ihren Kindern am meiſten, die ſich am beſten fortbringen im Leben. Natürlich. Auch um mich kümmerten ſie ſich nicht, bis ich als der Mann zurückkam, der ich bin. Um übrigens auf Jane zurückzukommen— ich fürchte, ſie iſt ſehr vernach⸗ läſſigt worden. Wie geht es ihr?“ „Sie arbeitet für ihren Unterhalt und iſt zwar arm, aber zufrieden.“ „So habt die Güte, ihr dies zu geben“(und Richard nahm eine Banknote von fünfzig Pfunden aus ſeinem Ta⸗ ſchenbuch).„Ihr könnt ja ſagen, die alten Leute ſchicken's ihr— oder es ſey ein Geſchenk von Dick, ohne daß Ihr nöthig habt, ihr mitzutheilen, daß ich aus Amerika zurück⸗ gekommen ſey.“ „Mein theurer Sir,“ ſagte der Pfarrer,„ich kann Gott nicht genug danken, daß ich Eure Bekanntſchaft ge⸗ macht habe. Euer Geſchenk iſt ſehr freigebig; aber es wird am beſten ſeyn, wenn Ihr's durch die Hand Eurer Mutter ihr trat nich übe zen thur wah Lüg wäh viell unut Euch 7 Thut mich dieſer Aber mit( erfrer einen an de Ariſti „der mache die ber ben yn. tter e's ge des ihre rch, von mim icht, gens ach⸗ arm, chard Ta⸗ cken's Ihr urück⸗ kann ft ge⸗ s wird Rutter 485 ihr zugehen laßt. Ich möchte nämlich nicht gerne das Ver⸗ trauen verletzen, das Ihr in mich ſetzt, und wüßte doch nicht, was ich antworten müßte, wenn mich Mrs. Fairfield über ihren Bruder auszufragen begänne. In meinem gan⸗ zen Leben habe ich's nur mit einem einzigen Geheimniß zu thun gehabt, und Gott möge mich vor einem weiteren be⸗ wahren. Ein Geheimniß ſieht ſo ziemlich aus wie eine Lüge.“ „Ihr hattet alſo ein Geheimniß?“ entgegnete Richard, während er die Banknote wieder an ſich nahm. Er hatte vielleicht das Neugierigſeyn in Amerika gelernt und fügte unumwunden bei.„Und was war dies?“ „Ei, das was es nicht mehr ſeyn würde, wenn ich's Euch ſagte,“ verſetzte der Pfarrer mit erzwungenem Lachen —„ein Geheimniß!“ „Na, ſchätz wohl, wir ſind in einem freien Lande. Thut, wie Euch beliebt. Ich kann mir denken, daß Ihr mich für einen kurioſen Menſchen halten werdet, weil ich in dieſer unumwundenen Weiſe aus meiner Schale herauskomme. Aber Ihr geſielt mir ſchon, als ich in jenem Wirthshaus mit Euch zuſammentraf. Und juſt vorhin war ich ungemein erfreut, zu finden, daß Ihr, obſchon Ihr ein Pfarrer ſeyd, einen Menſchen, der etwas in ſich hat, nicht mit der Naſe an den Ladentiſch bannen wollt. Ihr ſeyd keiner von den Ariſtokraten—“ „Wahrhaftig,“ rief der Pfarrer mit unkluger Wärme, „der Ariſtokratie von England darf man nicht den Vorwurf machen, daß ſie das Volk in der Niedrigkeit erhalten wolle, und die Mitglieder derſelben machen unter ſich Platz für jeden, welcher Abkunft er ſey, der Talent und Thatkraft genug beſitzt⸗ ſich zu ihnen aufzuſchwingen. Dies iſt die Glanzſeite der prittiſchen Conſtitution, Sir.“ „Ah⸗ dies ſind alſo Eure Anſichten?“ verſetzte Mr. Richard, mit ſaurer Miene den Pfarrer betrachtend.„Und wahrſcheinlich habt Ihr auch den jungen Menſchen darin er⸗ zogen. Nun, ſo behaltet ihn meinetwegen und laßt die Ariſtokratie für ihn ſorgen.“ Mit einemmal war des Pfarrers edle, patriotiſche Wärme verdunſtet, als dieſer kalte Windſtoß die Unterhaltung traf. Er bemerkte, daß er einen ſchrecklichen Bock geſchoſſen hatte; und da es ſich im gegenwärtigen Augenblick nicht darum handelte, die brittiſche Conſtitution zu vertheidigen, ſondern Leonard Fairfield einen Dienſt zu leiſten, ſo ließ er vie Sache der Ariſtokratie auf die ſchimpflichſte, memmenhafteſte Weiſe im Stich. Er griff wieder nach dem Arme, den ihm Mr. Avenel entzogen hatte, und rief: „Ihr ſeyd in der That ſehr im Irrthum, Sir; denn ich habe nie verſucht, auf die politiſchen Anſichten Eures Neffen einen Einfluß zu üben. Im Gegentheil, wenn man von einem Menſchen in ſeinem Alter ſagen kann, er habe ſich überhaupt eine Anſicht gebildet ſo fürchte ich ſehr— das heißt, ich halte ſeine Anſichten keineswegs für geſund— will ſagen für conſtitutionell. Ich meine— ich meine—“ Und der arme Pfarrer hielt zuletzt in kläglicher Ideen⸗ verwirrung ganz und gar inne, da er nicht wußte, welche Worte er wählen ſollte, um ſeinen Zuhörer nicht zu beleidigen. s für tkraft iſt die Mr. „Und rin er⸗ ßit die Wärme gtraf. hatte; darum ſondern er vie hafteſte den ihm rz denn n Eures nn man er habe ſehr— eſund— eine—“ rIdeen⸗ „ welche eleidigen. 487 Mr. Avenel ergötzte ſich eine Weile an dieſer Verlegen⸗ heit, die ihm ein finſteres Lächeln entlockte, und ſagte ſo⸗ dann— „Na, ich rechne, er iſt ein Radicaler. Natürlich genug, ſo lang er keine ſechs Pence zu verlieren hat— wird aber ſchon recht mit der Zeit. Ich bin kein Radicaler— wenig⸗ ſtens kein deſtructiver— viel zu geſcheidt für das, hoffe ich. Aber ich wünſche, daß es ganz anders werde mit den Din⸗ gen, als es jetzt iſt. Glaubt ja nicht, daß ich das gemeine Volk, das nichts hat, verhetzen möchte, ſich Gewalt anzu⸗ maßen über beſſere Leute, weil ich's nicht mit anſehen mag, daß ein Haufen Schelme, die ſich Lorde und Squire ſchelten laſſen, das Regiment führen. Ich denke, Sir, Männer wie ich ſollten oben auf dem Baum ſitzen, und dies iſt das Lange und Kurze von meiner Politik. Was ſagt Ihr dazu?“ „Ich habe nicht das Mindeſte dagegen einzuwenden,“ verſetzte der verdutzte Pfarrer ſchnöder Weiſe: um ihm übrigens Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, muß ich bei⸗ fügen, daß er gar nicht wußte, was er ſagte. Fünfzehntes Kapitel. Ohne eine Ahnung von dem Wechſel in ſeinem Schick⸗ ſal, welchen die Diplomatik des Pfarrers zu erzielen bemüht war, erfreute ſich Leonard Fairfield der erſten jungfräulichen Blüthen des Ruhms. In der Hauptſtadt des Bezirks war nämlich nach der Mode des Zeitalters eine Gewerbſchule 488 errichtet worden, und einige angeſehene Perſonen, welche ſich für die Gründung dieſes Provincialathenäums intereſ⸗ ſirten, hatten einen Preis für die beſte Abhandlung über die Verbreitung des Wiſſens ausgeſchrieben— ein ſehr abge⸗ vroſchener Gegenſtand, über den manche Perſonen nie genug ſagen zu können vermeinen und über den gleichwohl noch recht viel zu ſagen wäre. Der Preis war Leonard Fair⸗ field zuerkannt worden. Der Schulrath belobte öffentlich ſeine Arbeit, ließ ſie auf Koſten der Geſellſchaft drucken und belohnte den Verfaſſer mit einer ſilbernen Medaille, den Apollo darſtellend, welcher das Verdienſt krönt.—(Das arme Verdienſt hatte keinen Fetzen auf dem Leibe; aber frei⸗ lich, wenn es blos den Apollo zum Verſorger hat, iſt es nicht ſonderlich in der Lage, den Schneider in Nahrung zu ſetzen!) Außerdem verkündigte die Grafſchaftszeitung, daß Britannien abermals ein Wunder hervorgebracht habe in Doctor Riccabvcca's autodidactiſchem Gärtner. Jetzt erregten auch Leonards mechaniſche Arbeiten Auf⸗ merkſamkeit. Der Squire, der fort und fort an ſeinen Gütern verbeſſern wollte, hatte einen Ingenieur herbeibe⸗ ſchieden, der Einſicht nehmen ſollte von des jungen Men⸗ chen Bewäſſerungsſyſtem, und der Mann vom Fach ſtaunte nicht wenig über die einfachen Mittel, durch die eine ſehr bedeutende techniſche Schwierigkeit überwunden worden war. Die benachbarten Farmer nannten jetzt Leonard„Mr. Fair⸗ field“ und luden ihn wie ihres Gleichen in ihre Häuſer ein. Als Mr. Stirn ihm einmal auf der Landſtraße begegnete, griff er an ſeinen Hut und meinte,„der junge Herr werde iht bet Let der nu Pf rau ein in! ihn ein ſtac ſo der hat in d nich bere mit Apo Rice wen dieſe hatt eche tereſ⸗ r die abge⸗ en noch Fair⸗ ntlich und „den (Das frei⸗ iſt es ng zu „daß be in Auf⸗ ſeinen beibe⸗ Men⸗ aunte e ſehr war. Fair⸗ r ein. gnete, werde 489 ihm doch keinen Groll nachtragen.“ Alles dies war, wie ich bemerkte, die erſte Süßigkeit des Ruhmes, und wenn es Leonard Fairfield je zu einem großen Mann bringt, ſo wer⸗ den ihm die ſpäteren Früchte nicht mehr denſelben Hochge⸗ nuß bereiten. Der glückliche Ausgang der Preisbewerbung hatte den Pfarrer zu dem jüngſten Schritt veranlaßt, der ihm ſchon ge⸗ raume Zeit im Kopf herumgegangen war, da er ſchon über ein Jahr mit der Wittwe und dem jungen Menſchen wieder in dem alten guten Einvernehmen ſtand. Dadurch wurde ihm Gelegenheit geboten, Zeuge der ſchnellen Entwickelung eines Verſtandes zu ſeyn, der kühn und unharmoniſch ab— ſtach gegen die Niedrigkeit der ihn umgebenden Verhältniſſe — eine Wahrnehmung, die den wackern Mr. Dale mit eben ſo großen Hoffnungen als Beſorgniſſen erfüllte. Am Abend nach ſeiner Ankunft im Pfarrhaus machte der Geiſtliche einen Spaziergang nach dem Caſino. Er hatte bei dieſer Gelegenheit Leonard Fairfields Preisſchrift in die Taſche geſteckt, weil er fühlte, daß er den Jüngling nicht in die Welt hinausziehen laſſen konnte ohne eine vor⸗ bereitende Lektion. Demgemäß ſollte das arme Verdienſt mit demſelben Lorbeerkranze gegeißelt werden, den es von Apollo empfangen hatte. Für dieſen Zweck war ihm jedoch Riccabveca's Beiſtand nöthig— oder vielmehr, er fürchtete, wenn er den Philoſophen nicht auf ſeine Seite bringe, werde dieſer Alles wieder vereiteln, was der Pfarrer gut gemacht hatte. 490 Sechszehutes Kapitel. Ein ſüßer Ton drang durch die Orangenzweige bis zu den Ohren des Pfarrers, als dieſer den ſanften Abhang hinanſtieg— ein Ton ſo ſüß und ſilberklingend, daß er ent⸗ zückt ſtehen blieb. Unglücklicher Mann, mahnt dich nicht dein Inneres, daß du dadurch papiſtiſchen Irrthümern hul⸗ digſt? Sanft und ſüß hallte es nieder, ſanfter und ſüßer— „Ave Maria!“ Violante ſang die Abendhymne an die jungfräuliche Mutter. Der Pfarrer unterſchied endlich die Worte und ſchüttelte den Kopf mit der frommen Unzufrie⸗ denheit eines orthodoren Proteſtanten. Entſchloſſen den Zauber brechend, ging er feſten Schrittes weiter, und als er die Terraſſe erreichte, fand er die kleine Familie unter einer Zeltdecke verſammelt. Mrs. Riecabveca ſtrickte und der Doetor hatte die Arme auf der Bruſt gekreuzt; das Buch, in welchem er einige Augenblicke vorher geleſen, lag auf dem Boden, und ſein dunkles Auge war ſanft und träu⸗ meriſch. Violante hatte ihre Hymne zu Ende gebracht und ſaß zwiſchen den Beiden auf dem Boden, den Kopf im Schvoß der Stiefmutter wiegend und die eine Hand auf dem Knie des Vaters ruhen laſſend, während ihr Blick liebevoll auf ſeinem Antlitze haftete. „Guten Abend,“ grüßte Mr. Dale. Violante ſchlich ſich an ſeine Seite, zupfte ihn, daß er ſein Ohr ihrer Lippe näher brachte, und flüſterte ihm zu— „Sprecht mit Papa— aber von etwas Heiterem; er iſt traurig.“ — — ſich den Au Pfe die mu je* gan ſieh dieſ lich hab wel veté nie, es f gele er v len leſer zu ng nt⸗ icht ul⸗ die die rie⸗ den als nter und das lag räu⸗ und im dem voll ß er zer 491 Nach dieſen Worten huſchte ſie von ihm weg und ſtellte ſich an, als begieße ſie Blumen, die auf Poſtamenten um den Zeltraum her ſtanden, obſchon ihre hellen ſchwimmenden Angen fortwährend Blicke nach dem Vater entſandten. „Wie geht es Euch, mein theurer Freund?“ begann der Pfarrer in theilnehmendem Tone und legte ſeine Hand auf die Schulter des Italieners.„Ihr müßt keine Verſtim⸗ mung bei ihm aufkommen laſſen, Mrs. Riccabocca.“ „Ich würde ſehr undankbar gegen ſie ſeyn, wenn ich je verſtimmt wäre,“ ſagte der arme Italiener mit ſeiner ganzen natürlichen Galanterie. Manche Hausfrau, die einen Vorwurf für ſich darin ſieht, wenn ihr Gatte je„verſtimmt“ iſt, würde ſich bei dieſer Rede, die mehr zierlich als aufrichtig war, verdrieß⸗ lich abgewandt und ſo das Uebel noch ſchlimmer gemacht haben. Aber Mrs. Riecaboeca ergriff liebevoll die Hand, welche ihr der Doctor hinbot, und ſagte mit großer Nai⸗ vetät— „Ihr ſeht, ich bin ſo einfältig, Mr. Dale; ich wußte nie, wie einfältig ich bin, bis ich geheirathet hatte. Aber es freut mich ſehr, daß Ihr kommt. Ihr könnt über einen gelehrten Gegenſtand mit ihm anbinden, und dann vermißt er vielleicht nicht ſo ſehr ſeine—“ „Seine?“ entgegnete Riccaboeca fragend. „Seine Heimath. Glaubſt Du nicht, daß ich biswei⸗ len Deine Gedanken leſen kann?“ „Oh⸗ ſehr oft; aber diesmal haſt Du nicht recht ge⸗ leſen. Die Zunge ſtößt an, wo der Zahn ſchmerzt, aber der beſte Zahnarzt kann den kranken Zahn nicht errathen, wenn man nicht den Mund aufthut.— Basta! Dürfen wir Euch etwas Wein anbieten— eigenes Gewächs, Mr. Dale? Er iſt rein.“ „Ich möchte mir lieber eine Taſſe Thee ausbitten,“ entgegnete der Pfarrer haſtig. Mrs. Riccabveca, die nie glücklicher war, als wenn ſie ſich auf dem ihr natürlichen Boden der Hauswirthſchaft nütz⸗ lich machen konnte, eilte hinein, um das für den Engländer ſo wichtige Getränk zuzubereiten. Der Pfarrer, der ſich auf ihrem Stuhl niederließ, fuhr fort— „Ihr ſeyd alſo niedergeſchlagen? Pfui! Wenn's in der Welt eine gute Eigenſchaft gibt, der wir ohne Unterlaß nachtrachten ſollten, ſo iſt dies die Heiterkeit.“ „Ich will dies nicht beſtreiten,“ verſetzte Riccabveca mit einem ſchweren Seufzer.„Aber obgleich einmal ein Grieche ſagte, auf den ſich Euer Liebling Seneca beruft, daß ein weiſer Mann ſein Vaterland an den Sohlen ſeiner Füße mit herumtrage, ſo läßt ſich doch nicht daſſelbe von ſei⸗ nem Sonnenſchein behaupten.“ „Ich kann Euch ſagen, wo der Fehler liegt,“ fuhr der Pfarrer derb heraus.„Ihr würdet weit empfänglicher ſeyn für das Glück, wenn Ihr die Philoſophie nicht ſo hoch an⸗ ſchlügt.“ „Cospetto!“ verſetzte der Doctor, ſich aufraffend. „Darf ich um eine nähere Erklärung bitten?“ „Weckt nicht das Forſchen nach Weisheit Begierden, die in dem kleinen Kreiſe, auf welchen unſer Leben beſchränkt geg „Di am hun tet, deſto ſpitz Zuſe deſſe Mitt das( Meit Bildt äußer dem den n wir d macht am L then, nwir Dale? tten,“ nn ſie nütz⸗ länder er ſich n's in terlaß abocca nal ein beruft, ſeiner on ſei⸗ uhr der er ſeyn och an⸗ affend. zierden, ſchränkt 493 iſt, keine Befriedigung finden? Es iſt nicht ſo faſt das Vaterland, nach dem Ihr Euch ſehnt, ſondern vielmehr der Spielraum für Euren Geiſt, ein Thätigkeitsfeld für Eure Gedanken und ein Ziel für Eure Beſtrebungen.“ „Ihr habt den Zahn errathen, welcher ſchmerzt,“ ent⸗ gegnete Riccabocca mit Verwunderung. „Dies iſt ſo ſchwer nicht,“ erwiederte der Pfarrer. „Die Weisheitszähne kommen zuletzt und verurſachen uns am meiſten Schmerz. Wenn Ihr nun den Geiſt ein wenig hungern laſſen und dafür das Herz um ſo beſſer nähren woll⸗ tet, ſo wäret Ihr vielleicht etwas weniger Philoſoph, aber deſto mehr—“„ Der Pfarrer hatte das Wort„Chriſt“ auf der Zungen⸗ ſpitze, unterdrückte aber den Ausdruck, welcher in ſolchem Zuſammenhang ſehr hätte verletzen können, und ſetzte ſtatt deſſen—„deſto mehr ein glücklicher Mann.“ „Ich laſſe in Allem, was ich thue, dem Herzen ſeine Mitwirkung.“ „Nicht doch; denn ein Mann mit einem Herzen wie das Eurige, ſollte nie den Mangel des Sonnenſcheins fühlen. Mein Freund, wir leben in einem Zeitalter übergeiſtiger Bildung und vernachläſſigen zu ſehr das einfache, geſunde äußere Leben, das doch ſo viel poſitive Genüſſe bietet. In⸗ dem wir uns der Welt in unſerem Inneren zukehren, wer⸗ den wir blind gegen dieſe ſchöne äußere Welt, und während wir das menſchliche Ich zum Gegenſtand unſerer Studien machen, vergeſſen wir beinahe, himmelwärts zu blicken und am Lächeln Gottes zu erwarmen.“ 494 Der Philoſoph zuckte mechaniſch die Achſeln, wie er ſtets zu thun pflegte, wenn ein Anderer moraliſirte und na⸗ mentlich dieſer Andere ein Geiſtlicher war. Es lag jedoch keine Ironie in ſeinem Lächeln, als er gedankenvoll er⸗ wiederte— „Es liegt etwas Wahres in dem, was Ihr ſagt. Ich geſtehe, daß wir viel zu viel leben, als ob wir nur aus Ge⸗ hirn beſtünden. Das Wiſſen hat ſo gut ſeine Bußen und Schmerzen, als ſeine Belohnungen.“ „Und dies iſt's gerade, was Ihr meiner Anſicht nach Leonard ſagen ſolltet.“ „Wie weit ſeyd Ihr mit dem Zweck Eurer Reiſe ge⸗ kommen?“ „Ihr ſollt dies erfahren, wenn Ihr mich nach dem Thee zu ihm hinunter begleiten wollt. Vorderhand bin ich zu ſehr von Euch ſelbſt in Anſpruch genommen.“ „Von mir? Der Baum iſt ausgewachſen. Verſucht es meinetwegen mit den jungen Zweigen.“ „Bäume ſind Bäume und Zweige ſind Zweige,“ ent⸗ gegnete der Pfarrer mit Beharrlichkeit;„aber der Menſch wächst fort, bis er in's Grab ſinkt. Wenn ich nicht irre, ſagtet Ihr einmal, es habe Euch nahgeſtanden, in's Ge⸗ fängniß geworfen zu werden.“ „Sehr nahe.“ „Denkt Euch nun, Ihr ſeyet in jenem Gefängniß und eine Fee führe Euch die Ausſicht auf Eure dermalige ruhige Heimath in einem ſicheren Lande vor. Ihr ſehet die Oran⸗ genbäume blühen, fühlt, wie der Abendwind Eure Wange beh⸗ dem miſc wie aber Euck bare und dem nung wohl er un desn Gart undr Dein biſt u Vöge Leben ſchließ 7. ie er d na⸗ jedoch U er⸗ Ich 8 Ge⸗ en und ht nach iſe ge⸗ ich dem bin ich Verſucht ent⸗ Menſch icht irre, in's Ge⸗ igniß und ge ruhige ie Oran⸗ te Wange 495 behaucht, und ſeht Euer Kind heiter oder traurig, je nach⸗ dem Ihr lächelt oder die Stirne furcht. In dieſes Geſicht miſcht ſich das Bild einer Frau— ſie iſt allerdings nicht, wie die romanhafte Phantaſte Eurer Jugend geträumt hat, aber liebevoll und treu und jeder Schlag ihres Herzens gilt Euch. Würdet Ihr nicht aus der Tiefe Eures Kerkers rufen — O Fee, ſolch ein Wechſel wäre ein Paradies'? Undank⸗ barer Mann! Ihr verlangt einen Verkehr für Euren Geiſt, und das Herz kann Euch doch Alles erſetzen.“ Riccabveca war gerührt und blieb ſtumm. „Komm hieher, mein Kind!“ fuhr Mr. Dale fort, in⸗ dem er ſich nach Violante umwandte, welche in einer Entfer⸗ nung unter den Blumen ſtand, daß ſie zwar nichts hören, wohl aber Alles beobachten konnte.„Komm hieher,“ ſagte er und breitete ſeine Arme aus. Violante eilte herzu und ſchmiegte ſich an die Bruſt des wackeren Mannes. „Sprich, Violante— wenn Du allein biſt in Feld und Garten und kurz zuvor das Antlitz Deines Vaters heiter und ruhig geſehen haſt, ſo daß um ſeinetwillen keine Sorge Dein Herz bedrückt— ſprich, Violante, wenn Du ſo allein biſt und die Blumen zu Deinen Füßen und die ſingenden Vögel über Deinem Haupte haſt, erſcheint Dir dann das Leben als Glück oder als Kummer?“ „Als Glück!“ antwortete Violante, halb ihre Augen ſchließend und mit abgemeſſener Stimme. „Kannſt Du mir ſagen, welche Art von Glück es iſt?“ „O nein, unmöglich! Auch iſt es nie das nämliche. 496 Bisweilen iſt es ſo ſtill— ſo ſtill— und bisweilen ſo ſtür⸗ wer miſch, daß ich Flügel haben möchte, um mich zu Gott auf⸗ Zäh zuſchwingen und ihm zu danken.“ „O Freund,“ nahm der Pfarrer wieder das Wort, bei „dies iſt die wahre Sympathie zwiſchen Leben und Natur, dem und ſie würde uns ſtets erfüllen, wenn wir es uns mehr Elec angelegen ſeyn ließen, ob der Geſundheit und Unſchuld eines Kindes zu wachen. Wir ſind belehrt, daß wir werden müſſen obſc wie die Kinder, wenn wir in das Himmelreich eingehen ſol⸗ len; aber mich dünkt, wir ſollten auch wie Kinder werden, dean um zu wiſſen, welche Wonne auf Erden unſer Erbtheil iſt.“ Wor ausſ Flar Siebenzehntes Kapitel. Da ſich Schakeimo auf dem Feld befand, ſo brachte dürft das Dienſtmädchen den Tiſch unter das Zelt, und mit ihm kamen neben dem engliſchen Hochgenuß des Thee's andere ſam wohlfeile Getränke, die an Sommerabenden recht lieblich ab u ſchmeckten— Getränke, welche Schakeimo den Gewohnhei⸗ Ricce ten des Südens entnommen hatte, zum Beiſpiel ungeiſtige rend Gemiſche aus den Säften von Früchten, mit Honig verſüßt dem und köſtlich mit Eis gekühlt; denn das Eis darf nichts koſten wand in einem Lande, in dem man die Hälfte des Jahrs einge⸗ Kirſe froren iſt. Auch hatte er als Beigabe zu unſerem guten lief, feſten, ſchweren engliſchen Brod viel leichteres und beſſer wußt endli verdauliches Waizengebäck und jene röſchen Hippen angefer⸗ tigt, die ſich darüber zu freuen ſcheinen, daß ſie gegeſſen — 497 o ſtür⸗ werden, wenn man anders ihr luſtiges Kniſtern zwiſchen den tt auf⸗ Zähnen ſo deuten darf. Der Pfarrer fand ſtets einen Hochgenuß in einem Thee Wort, bei der Familie Riccabveca; denn das einfache Mahl auf Natur, dem Tiſche des Verbannten zeigte eine gewiſſe Anmuth und s mehr Eleganz, die ſowohl auf das Auge als auf den Gaumen ld eines einen angenehmen Eindruck machten. Sogar die Geräthe, müſſen obſchon ſie nur aus Wedgewoodthon beſtanden, waren in hen ſol⸗ einer ſo claſſiſchen Einfachheit gehalten, daß Mrs. Hazel⸗ werden, dean's altes indiſches Steingut und Mrs. Dale's beſtes eil iſt.“ Worceſterporcellän dagegen ganz flitterig und barbariſch ausſah. Denn die Zeichnungen zu dem Wedgewood hatte Flarman gefertigt, und in Vergleichung mit dieſen Fabri⸗ katen nehmen ſich, wenn man von dem Material abſieht, die Erzeugniſſe unſerer ausgezeichneten Porcellänfabriken nur brachte dürftig aus. mit ihm Bei dem kleinen Mahle ging es Anfangs etwas ſchweig⸗ s andere ſam her; aber bald warf Rieccaboeca ſeine trübe Stimmung t lieblich ab und wurde heiter und lebhaft. Auch die arme Mros. wohnhei⸗ Riccabveca lächelte jetzt und nöthigte ihre Hippen auf, wäh⸗ ungeiſtige rend Violante, all ihrer Stattlichkeit vergeſſend, lachte und 8 verſüßt dem Pfarrer Poſſen ſpielte, indem ſie ihm, wenn er ſich ab⸗ chts koſten wandte, die Taſſe warmen Thee's wegſtahl und dafür geeisten ts einge⸗ Kirſchenſaft hinſtellte. Dann ſtand der Pfarrer auf und — guten lief, ein böſes Geſicht machend, ihr nach; Vibolante aber 66 beſſer wußte ihm ſtets allerliebſt auszuweichen, ſo daß Mr. Dale efer⸗ endlich ermüdet um Frieden bat und wieder zu ſeinem Kir⸗ nu ſchenſaft zurückkehrte. So entſchwand die Zeit, bis ſie endlich Bulwer, meine Novelle. 32 498 den Schlag der fernen Kirchenuhr vernahmen und Mr. Dale mit dem Ruf aufſprang: „Wir werden für Leonar garſtiges kleines Mädchen, und brin dzu ſpät kommen. Geh, Du g Deinem Vater ſeinen Hut.“ „Und den Regenſchirm!“ ſagte Riccaboceg, nach dem wolkenloſen mondhellen Himmel auſſchauend. „Einen Regenſchirm gegen die Sterne?“ fragte der Pfarrer lachend. „Die Sterne ſind nicht meine Freunde, bocca, und Niemand weiß, was kommen kann.“ „verſetzte Rigea⸗ Der Philoſoph und der Pfarrer gingen freundſchaftlich mit einander weiter. „Eure Worte haben einen guten Eindruck auf mich gemacht,“ ſagte Riccabveca;„aber ich hoffe, ich bin nicht immer ſo unvernünftig melancholiſch, als Ihr zu vermuthen ſcheint. Die Abende kommen eben bisweilen einem Mann, der die Gedanken an die Vergangenheit faſt zu ſeinen ein⸗ zigen Gefährten hat, gar lang und langweilig vor.“ „Zu ſeinen einzigen Geſährten?“— Und Eure Tochter?“ „Sie iſt ſo jung.“. „Eure Gattin?“ „Sie iſt ſo—,“ der geſchmeidige Italiener ſchien hier ein anſtößiges Eigenſchaftswort zu unterdrücken und fügte in mildem Tone bei:—„ſo gut, ich gebe dies zu; aber Ihr werdet mit einräumen, daß wir nicht viel miteinander gemein haben können.“ Hat gen zah here lich Koh wie boec Daf ſind —1 der das einer umſe der 2 nicht geſet einat gleich lolog arme wenn N Dale „Du ſeinen h dem e der Rigea⸗ aftlich f mich in nicht muthen Mann, en ein⸗ chter ien hier nd fügte u; aber einander 499 „Ich räume nichts dergleichen ein. Ihr habt Euer Haus und Eure Intereſſen, Euer Glück und Euer Leben gemeinſam. Wie ungenügſam doch die Männer ſind! Wir zählen auf ideale Nymphen und Göttinnen, wenn wir uns herablaſſen, eine Sterbliche zu heirathen, und ginge es wirk⸗ lich nach unſerem Wunſch, ſo würden unſere Hühner zur Kohle zuſammenbraten oder unſere Hammelkeulen ſo kalt wie Schnee auf den Tiſch kommen.“ „bPer Bacco, Ihr ſeyd ein Orakel,“ verſetzte Ricca⸗ boeca lachend.„Aber ich bin nicht ſo ſteptiſch, wie Ihr. Dafür verehre ich das ſchöne Geſchlecht viel zu ſehr. Es ſind viele Frauen, die das Ideal der Männer verwirklichen — in den Dichtern zu finden!“ „Da iſt zum Beiſpiel meine eigene liebe Frau,“ fuhr der Pfarrer fort, der dieſes ſarkaſtiſche Compliment gegen das Geſchlecht nicht beachtete, wohl aber ſeine Stimme zu einem Flüſterton dämpfte, während er ſich zugleich vorſichtig umſah,—„meine liebe Mrs. Dale iſt die beſte Frau von der Welt— ein Engel, würde ich ſagen, wenn dieſes Wort nicht ſo oft entweiht würde; aber—“ „Was iſt's mit dieſem Aber? fragte der Doctor mit geſetzter Miene. „Aber auch ich könnte ſagen, daß wir nicht viel mit einander gemein haben,“ wenn ich blos Geiſt mit Geiſt ver⸗ gleichen und von dem Standpunkt der Logik und der Phi⸗ lologie verächtlich auf ſie herablächeln wollte, ſo oft die arme Carry etwas ſpricht, was vielleicht nicht ſo tief iſt, als wenn es aus dem Munde der Madame de Stael gekommen 32* 500 wäre. Rufe ich mir übrigens alle die kleinen Leiden und Freuden, die wir mit einander theilten, ins Gedächtniß, und vergegenwärtige ich mir, wie einſam ich ſeyn würde ohne ſie— o dann wird mir mit einemmale klar, daß wir in der That etwas unendlich Innigeres und Beſſeres mit einander gemein haben, als wenn uns der nämliche Studiengang gleiche Ideen eingeflößt hätte und ich genöthigt wäre, mich ſtets gewaffnet zu halten für einen geiſtigen Kampf, wie dies der Fall iſt, ſo oft ich mit einem ermüdenden Philo⸗ ſophen von Eures Gleichen zuſammentreffe. Ich will aller⸗ dings nicht behaupten, daß Mrs. Riccabocca eine Mrs. Dale iſt,“ fügte der Pfarrer mit ſtolzer Aufrichtigkeit bei— „denn es gibt nur eine einzige Mrs Dale in der Welt; aber doch habt Ihr aus dem Glücksrad des Eheſtands einen Tref⸗ fer gezogen. Denkt an Socrates. Er war zufrieden ſogar mit ſeiner— Nantippe!“ Doctor Riccabveca, der Mrs. Dale's„kleine Launen“ kannte, freute ſich in ſeinem Innern, daß es keine zweite Mrs. Dale gab, die ihm hätte zu Theil werden können. Seine gefällige, ruhige Jemima gewann durch die Ver⸗ gleichung. Indeß mochte er ſich dies doch nicht anmerken laſſen, weßhalb er erwiederte: „Socrates war ein Mann, der nicht ſeines Gleichen hat, und dennoch glaube ich, daß er ſeine Abende nur ſelten zu Hauſe zubrachte. Doch revenons à nos moutons; wir haben nicht mehr weit bis zu Mrs. Fairfield's Hütte, und noch immer weiß ich nicht, was Ihr in Betreff Leonards ausgerichtet habt.“ kno nac wa in! zu füg wat „ich ſen mot dem ruft Wa Poſ jun Euc ſoga dete ſetzt Rice hant und tniß, ohne nder mder gang mich „wie hilo⸗ aller⸗ Mrs. bei— ;aber Tref⸗ ſogar munen“ zweite önnen. e Ver⸗ merken leichen r ſelten 8; wir te, und eonards 501 Der Pfarrer machte Halt, nahm Riccabocca beim Rock⸗ knopf und theilte ihm in möglichſter Kürze mit, daß Leonard nach Lansmere reiſen ſollte, um daſelbſt mit einigen Ver⸗ wandten bekannt zu werden, welche, wenn ſie wollten, wohl in der Lage wären, ſeinen Fähigkeiten ein geeignetes Feld zu eröffnen. „Inzwiſchen aber dürfte es von großem Belang ſeyn,“ fügte Mr. Dale bei,„ihn ein wenig über das aufzuklären, was er— Aufklärung nennt.“ „Ah!“ verſetzte Riccabocca heiter die Hände reibend, „ich werde voll Theilnahme mit anhören, was Ihr über die⸗ ſen Gegenſtand zu ſagen habt.“ „Aber Ihr müßt mithelfen. Der erſte Schritt in dieſem modernen Gang der Aufklärung beſteht darin, daß man von dem armen Pfarrer nichts mehr wiſſen will, und wenn er ruft: Halt und ſieh dieſen Wegweiſer an', ſo ſputet ſich der Wanderer nur um ſo mehr und ſpricht vor ſich hin: Pah, Poſſen! Nur der Pfarrer hat gerufen. Wenn aber mein junger Herr auch Zweifel in mich ſetzt, ſo wird er doch Euch Gehör ſchenken— Ihr ſeyd ein Philoſoph.“ „So ſind die Philoſophen doch hin und wieder nützlich, ſogar für die Pfarrer.“ „Wenn ihr nicht ſchon vornweg ſo dünkelvolle, verblen⸗ dete, arme Geſchöpfe wäret, ſo würde ich Ja' ſagen,“ ver⸗ ſetzte der Pfarrer großmüthig, griff ſodann nach Doctor Riecaboeca's Regenſchirm und bediente ſich ſeiner Meſſing⸗ handhabe, um an der Hüttenthüre anzuklopfen. ——— 502 Achtzehntes Kapitel. Ohne Frage⸗ iſt der Durſt nach Wiſſen ein rühm⸗ liches Fieber, und es gibt in der moraliſchen Welt wenige Anblicke, die ſo echaben wären, als der, welchen manches Dachſtübchen darbieten würde, wen“ Asmodeus zum Behuf ſſen die Häuſer abdecken wollte— einer Muſterung der Inſaſſ ich meine den eines braven, geduldigen eifrigen menſchlichen Weſens, das ſich durch die ehernen Wände des Mangels nicht abhalten läßt, ſeinen mühſamen Weg fortzuſetzen in das großartige Unendliche, deſſen Himmel erhellt iſt von ſterngleichen Seelen. So ſitzt Leonard, der Autodidact, allein in der kleinen Hütte; denn obſchon kaum die Stunde vorüber iſt, um welche die vornehmen Leute zu ſpeiſen pflegen, wäre es doch für die geringen jetzt an der Zeit, zu Bette zu gehen, und Mrs. Fairfield hat dies auch bereits gethan, während Levnard noch bei ſeinen Büchern ſitzt. Er hat den Tiſch an's Fenſter gerückt, ſchaut von Zeit zu Zeit auf und erfreut ſich des ſtillen Mondes. Ein Glück für ihn, daß, um die der Nacht abgeſtohlenen Stunden wie⸗ der gut zu machen, die kräftigende körperliche Anſtrengung mit dem Tage wieder beginnt. Die Gelehrten wären keine ſo kläglichen Schwächlinge, wenn ſie ſo viele Stunden in der freien Luft arbeiteten, wie unſer lernbegieriger Bauernjunge. Aber auch bei ihm fonnte man ſehen, daß der Geiſt ange⸗ fangen hatte, von dem Körper zu zehren, denn alle ange⸗ ſtrengte geiſtige Arbeit nimmt an der Materie Rache. In der wet füß und ihn Lev und fran Iſt Spr Räſ iſten behe wärt müſſ hm⸗ nige ches ehuf — ichen ngels en in tvon leinen „um s doch n ährend n Zeit Glück en wie⸗ engung en keine nin der njunge. ſt ange⸗ e ane⸗ he. In 503 der That, es würde ſchlimm ausſehen in dieſer Alltagswelt, wenn es überall nur auf's Leſen erpichte, ſtudirende Zwei⸗ füßler gäbe, die ſich den Henker um die Geſundheit ihres Ganglienſyſtems kümmern. Leonard ſchrack auf, als er an die Thüre klopfen hörte, und nur die wohlbekannte Stimme des Pfarrers beruhigte ihn wieder. Mit einiger Ueberraſchung öffnete er den ſpäten Gäſten die Thüre. „Wir ſind gekommen, um uns mit Euch zu unterhalten, Leonard,“ begann Mr. Dale;„aber ich fürchte, daß wir Mrs. Fairfield ſtören werden.“ „O nein, Sir! Die Thüre zur Treppe iſt geſchloſſen, und ſie hat einen tiefen Schlaf.“ „Ah, das iſt ja ein franzöſiſches Buch— lest Ihr franzöſiſch, Leonard?“ fragte Riccabocca. „Ich habe das Franzöſiſche nicht ſchwer gefunden, Sir. Iſt man einmal über die Grammatik hinaus, ſo wird die Sprache ſo klar. Es kömmt mir vor, als ob ſie für das Räſonniren erfunden ſey.“ „Ganz richtig. Schon Voltaire ſagt: Was dunkel, iſt nicht Franzöſiſch/ bemerkte Doctor Riecabveca. „Ich wollte, man könnte vom Engliſchen das Gleiche behaupten,“ bemerkte der Pfarrer. „Aber was iſt dies?— Auch Lateiniſch?— Virgil?“ „Ja, Sir. Aber ich finde, daß es hier nicht recht vor⸗ wärts gehen will ohne Lehrer. Ich werde es wohl aufgeben müſſen.“(Und Leonard ſeufzte.) Die beiden Gentlemen wechſelten gegenſeitig Blicke und 504 ſetzten ſich. Der junge Landmann blieb beſcheiden ſtehen. In ſeiner Miene und Haltung lag etwas, was das Herz rührte, während es das Auge anſprach. Er war nicht län⸗ ger der ſcheue Knabe, der ſich vor Mr. Stirn's finſterem Blicke verkroch, und eben ſo wenig die rohe Verkörperung phyſiſcher Kraft, die, zu ungeregelter Tapferkeit geſpornt, auf dem Dorfraſen von Hazeldean eine ſo kränkende Nie⸗ derlage erlitten hatte. Die Macht des Gedankens lagerte auf ſeiner Stirne— zwar noch etwas unſtet, aber doch mild und ernſt. Die Züge hatten jenen edeln Schnitt angenom⸗ men, den man vft für ein Geſchlechtsabzeichen hält, obſchon er in Wahrheit ſeinen Grund hat in der Schönheit der Ideen, die entweder von den Eltern aufgegriffen oder aus Büchern erlernt wurden. In ſeinem reichen braunen Haar, das leicht von den Schläfen niederfiel und ſich faſt bis auf die Schultern herunter lockte— in ſeinem großen Auge, deſſen Blau ſich unter den dunkeln Wimpern zur Farbe des Veilchens vertiefte— in der Feſtigkeit der Lippe, die von dem Ringen mit Schwierigkeiten herrührt, lag eine merk⸗ würdige Schönheit, aber nicht mehr die Schönheit des blo⸗ ſen Landmanns. Dabei zog ſich um ſein ganzes Antlitz jener Ausdruck von Reinheit und Herzensgüte, den der Maler gerne ſeinem Ideal von einem ländlichen Liebhaber verleiht — etwa ſo, wie ihn ſich Taſſo in dem Aminta dachte oder wie ihn Fletcher an der Seite der treuen Schäferin gezeich⸗ net haben würde. „Ihr müßt einen Stuhl herbeirücken und in unſerer Mitte Platz nehmen, Leonard,“ ſagte der Pfarrer. ——————— Rie wäh zukö lich nicht gewä auf di er geh Meiſte wieder len Er thut, Satz t Band mit M andern —„A crimin man de rismus Freiheit 505 ſtehen.„Wenn Jemand ein Recht zu ſitzen hat,“ bemerkte Herz Rieccabveca,„ſo iſt's derjenige, der eine Predigt anhören ſoll, t län⸗ während dagegen mit allem Fug dem Prediger das Stehen ſterem zukömmt.“ erun„Erſchreckt nicht, Levnard,“ ſagte der Pfarrer freund⸗ pornt, lich,„es handelt ſich nur um eine fritiſche Beleuchtung, Nie⸗ nicht um eine Predigt.“ agerte Und er zog Leonards Preisabhandlung aus der Taſche. h mild enom⸗ S bſchon Neunzehntes Kapitel. it der 3 Pfarrer.—„Ihr habt zum Motto den Aphorismus* Haar, gewählt— Wiſſen iſt Macht. Bacon. is auf Riccabocca.—„Von Bacon ſollte ein ſolcher Auge,* Dieſer Aphorismus wurde dem Lord Bacon wahrſcheinlich be des auf die bloſe Autorität eines Regiſters ſeiner Werke zugeſchrieben; er gehört alſo dem Regiſtermacher an, keineswegs aber dem großen n Meiſter der inductiven Philoſophie. Allerdings hat ſich Bacon merk⸗ wiederholt über die Macht des Wiſſens verbreitet, aber mit ſo vie⸗ s blo⸗ len Erklärungen und Unterſcheidungen, daß man ihm ſehr Unrecht jener thut, wenn man von ihm annimmt, er verſuche in einen einzigen Satz zuſammen zu drängen, was zu erklären ihn einen ganzen Maler zu eäreni ganz Band gekoſtet hat. Wenn er zum Beiſpiel auf einer Seite Wiſſen rleiht mit Macht gleichbedeutend zu nehmen ſcheint, ſtellt er ſie auf einer e oder andern ſich auf's Schroffſte gegenüber, wie aus den Worten erhellt zeich⸗—„Adéo, signanter deus obera potentiae et sapientiae dis- criminavit.“ Aber es wäre ebenſo ungerecht gegen Bacon, wollte man den Satz, der zwiſchen Macht unterſcheidet, in einen Apho⸗ nſerer rismus umwandeln, als wenn man im Gegentheil ſich die nämliche Freiheit mit Sätzen nähme, die beides miteinander verwechſeln. 506 Aphorismus hertühren? Pah! Er wäre der letzte Mann in der Welt, der eine ſo dreiſte und ſeichte Behauptung hin⸗ werfen könnte.“ Leonard, erſtaunt.—„Ihr wollt damit doch nicht ſagen, Sir, daß der Aphorismus nicht von Bacon ſey? Ich habe ihn doch als von ihm herrührend faſt in jeder Zeitung und beinahe in ſämmtlichen Reden, welche für die Volkser⸗ ziehung das Wort nehmen, aufgeführt gefunden.“ Riccabocca.—„So laßt Euch dies zur Warnung dienen, damit Ihr nie wieder in den Irrthum der Gelehrt⸗ thuer verfallet und ein Citat auf Treu und Glauben aus zweiter Hand nehmt. Lord Bacon ſchrieb ein großes Buch, um zu zeigen, in wie fern das Wiſſen Macht ſey, wie dieſe Macht abgegränzt werden müſſe und in welchen Stücken ſie fehlgreifen könne. Und mit Erlaubniß, glaubt Ihr wohl, ein ſo verſtändiger Mann werde ſich die Mühe genommen haben, über dieſen Gegenſtand ein großes Buch zu ſchreiben, wenn er alles, was er zu ſagen hatte, in das Weſten⸗ taſchendogma packen konnte.— Wiſſen iſt Macht'? Pah! Mag man die Schriften Bacon's von der erſten Seite bis zur letzten durchblättern, ſo wird man einen ſolchen Aphorismus finden.“ Pfarrer, aufrichtig.—„Na, ich glaubte ſelbſt, daß er von Bacon herrühre, und freue mich deshalb, daß der Aphorismus nicht die Weihe ſeiner Auctorität hat.“ Leonard, von ſeiner Ueberraſchung ſich erholend.— „Aber warum dies?“ End fecht! folgt nicht Grif der Y Mach hat. und v Schul angeri durch ſtand ſ nichten mer ſet als die R in Gri wurden ſchafter Lernen Mann g hin⸗ mnicht 2 Ich eitung olkser⸗ rnung elehrt⸗ naus Buch, e dieſe ken ſie wohl, mmen reiben, Beſten⸗ Pah! ite bis ſolchen ſt, daß aß der — 507 Pfarrer.—„Weil er entweder zu viel ſagt, oder am Ende— gar nichts.“ Leonard.—„Mir wenigſtens ſcheint er ganz unan⸗ fechtbar zu ſeyn, Sir.“ Pfarrer—„Ich will Euch dies zugeben; aber was folgt daraus für das Wiſſen ſelbſt? Iſt die Unwiſſenheit nicht auch eine Macht?“ Riccabocca.—„Und zwar eine Macht die den Griff des Degens in der Hand hat.“ Pfarrer.—„Alles nebel iſt Macht, und wird es um der Macht willen in irgend etwas beſſer?“ Riccabveca.—„Fanatismus iſt Macht— eine Macht die oft wie eine Windsbraut alles Wiſſen weggefegt hat. Der Muſelmann verbrennt die Bibliothek einer Welt, und von Byzanz bis Hindoſtan räumt das Schwert die Schulen aus, auf daß der Koran Platz finde.“ Pfarrer, der mit einer neuen illuſtrirenden Colonne angerückt kömmt.„Hunger iſt Macht. Die Barbaren, durch ihre eigene unſtete Bevölkerung in ihrem Nahrungs⸗ ſtand ſchwer beeinträchtigt, überſchwemmen Italien und ver⸗ nichten die Wiſſenſchaften. Wie tief geſunken auch die Rö⸗ mer ſeyn mochten, beſaßen ſie doch jedenfalls mehr Wiſſen, als die Gallier und die Weſtgothen.“ Riccabocca, die Nachhut aufbietend.„Und ſogar in Griechenland, wo der Grieche den Griechen befehdete, wurden die Athener, unſere Lehrmeiſter in allen Wiſſen⸗ ſchaften, von den Spartanern geſchlagen, welche nichts vom Lernen wollten.“ 508 Pfarrer.—„Daraus könnt Ihr entnehmen, Leonard, daß das Wiſſen, wenn es auch Macht iſt, in dieſer Eigen⸗ ſchaft doch nicht allein ſteht, indem man daſſelbe von anderen Dingen eben ſo gut oder in noch höherem Maße ſagen kann. Der Satz enthält alſo eine unfruchtbare Binſenwahrheit, die keiner ſo oftmaligen Wiederholung werth iſt, oder man will etwas hineinlegen, was zu beweiſen ſehr ſchwer fallen dürfte.“ Leonard.—„Eine Nation kann freilich durch eine andere geſchlagen werden, die mehr phyſiſche Kraft und mehr militäriſche Zucht beſitzt; letztere iſt aber, wenn ich ſo ſagen darf, Sir, auch eine Art Wiſſen—“ Riccabocca.—„Ja; aber die Wiſſenſchäftler unſe⸗ rer Tage fordern uns auf, die militäriſche Zucht und die Eigenſchaften, aus welchen ſie hervorgeht, zu ſtreichen aus der Liſte der nützlichen Künſte. Ja, in Eurer eigenen Ab⸗ handlung iſt das Wiſſen dargeſtellt als eine Potenz, die der militäriſchen Zucht feindlich gegenüber ſteht und alle Armeen auflöſen möchte.“ Pfarrer.—„Laßt den jungen Mann fortfahren. Ihr ſagt, Nationen können geſchlagen werden durch andere, die weniger unterrichtet und civiliſirt ſind?“ Leonard.—„Das Wiſſen dagegen erhebt eine Klaſſe, und ich lade die Genoſſen meines niedrigen Standes ein, ſich Wiſſen zu erwerben, weil ſie dadurch zu Macht gelangen.“ Riccabocca.—„Was ſagt Ihr dazu, Mr. Dale?“ Pfarrer.—„Erſtlich ſtelle ich es in Frage, ob es wahr iſt, daß diejenige Klaſſe,welche am meiſten weiß, auch am m ſophen daß be Aber herrſch darübe uns ge Art vo P Regel! Wiſſen wir die Narren zuzuwer Ich den ſagen, niger C Sie wif eigenthü ihnen ei Parlame „E „S ſpäter b. bleiben, wir nun Klaſſe in 509 onard, am meiſten Macht beſitzt. Ich möchte vermuthen, Philo⸗ Figen⸗ ſophen, wie mein Freund Riccabveca, ſeyen der Anſicht, nderen daß bei ihnen das Wiſſen vorzugsweiſe zu finden ſeyn dürfte. kann. Aber in welchem Zeitalter haben Philoſophen die Welt be⸗ hrheit, herrſcht? Brummen ſie nicht im Gegentheil unaufhörlich rman darüber, daß Niemand auf ſie achtet?“ fallen„Per Bacco!“ rief Riccabocca,„wenn die Leute auf uns geachtet hätten, ſo müßte es jetzt eine ganz poſſirliche h eine Art von Welt geben.“ mehr Pfarrer.—„Wohl möglich. Aber als allgemeine ſagen Regel kann angenommen werden, daß diejenigen am meiſten Wiſſen beſitzen, die vorzugsweiſe darum bemüht ſind. Laſſen unſe⸗ wir die Philoſophen aus dem Spiel, die oft nur ſinnreiche n die Narren ſind, um unſer Augenmerk den Gelehrten vom Fach zuzuwenden, den Profeſſoren, Hofmeiſtern und Collegiaten. n Ab⸗ Ich denke, das nächſte beſte Parlamentsmitglied würde uns ie der ſagen, daß es keine Klaſſe von Menſchen gebe, welche we⸗ töen niger Einfluß übten auf die öffentlichen Angelegenheiten. Sie wiſſen allerdings mehr als die Fabrikanten, Schiffs⸗ . Ihr eigenthümer, Squire und Farmer; aber findet Ihr, daß e, die ihnen eine Gewalt zuſteht über die Regierung oder über die Parlamentswahlen?“ Klaſſe,„Es ſollte wenigſtens ſo ſeyn,“ bemerkte Leonard. s ein,„Sollte?“ verſetzte der Pfarrer.„Wir wollen dies igen.“ ſpäter betrachten. Vorderhand müßt Ihr bei Eurem Satz ale bleiben, daß Wiſſen Macht ſey, nicht ſeyn ſollte. Wenn 6 wir nun auch Eure Folgerung zugeben, daß die Macht einer „auch Klaſſe im Verhältniß ſtehe zu ihren Kenntniſſen— meint 5¹0 Ihr denn, wenn Euer Stand, der der Arbeiter, um Beleh⸗ rung bemüht iſt, werden alle übrigen Angehörigen des Ge⸗ meinverbandes ſtehen bleiben? Mögt ihr Kenntniſſe ver— breiten, ſo viel ihr wollt, nie wird es euch gelingen, eine Gleichheit des Wiſſens zu erzielen. Wer Zeit, Fleiß und Geſchick hat, wird es immerhin am weiteſten darin bringen. Ja, es liegt in der Natur der Sache, daß, je allgemeiner ſich der Hunger nach Kenntniſſen verbreitet, deſto mehr auch die zunehmende Concurrenz dirjenigen begünſtigt, welche durch ihre Anlagen oder durch die Verhältniſſe in den Stand geſetzt ſind, ſich auszuzeichnen. In unſeren Tagen iſt unendlich mehr Wiſſen unter die Geſellſchaft vertheilt, als in den Zei⸗ ten des Mittelalters; aber beſteht nicht am Ende ein noch größerer Unterſchied zwiſchen dem hochgebildeten Gentleman und dem verſtändigen Handwerker, als ehedem zwiſchen dem Ritter, der ſeinen Namen nicht ſchreiben konnte und dem Kerl am Pflug?— zwiſchen dem gründlich durchgebildeten Staatsmann, der in allen Zweigen der Geſchichte bewandert iſt, und dem Wähler, der ſeine Politik aus den Zeitungen holt, als ſeiner Zeit zwiſchen dem Geſetzgeber, der die Hexen verbrennen ließ, und dem Bürger, der ſeine Gilde gegen die Anmaßungen des Adels vertheidigte?— zwiſchen dem er⸗ leuchteten Gelehrten und dem Duns von heute, als zwiſchen dem in der Zelle gebildeten Alchymiſten und dem Schöps von ehedem? Die Bauern, Wahlmänner und Dunſe in un⸗ ſerem Jahrhundert ſind ohne Zweifel weiſer oder wiſſender, als die Pflugknechte, Bürger und Schöpſe im zwölften; aber die Gentlemen, die Staatsmänner und die Gelehrten unſerer Zeit 1 zu den thume wird; Kapite die Un Klaſſe Klaſſer und ar richtet mäßige nicht n mich de den and D ſophen die Ent ſey; er Seite ut F nicht im fahrt des Pf ſen verſte Reich des Leo Rie dies iſt Beleh⸗ es Ge⸗ ſe ver⸗ t, eine iß und ringen. ner ſich uch die e durch geſetzt endlich en Zei⸗ in noch tleman en dem d dem ildeten ammdert tungen Heren gen die em er⸗ wiſchen Schöps in un⸗ ſender, tz aber unſerer 5¹1 Zeit bilden zum mindeſten einen ebenſo günſtigen Gegenſatz zu den Goldköchen, Hexenverbrennern und Rittern des Alter⸗ thums. Was die fortſchreitende Bildung bisher gethan hat, wird ſie zu allen Zeiten thun. Das Wiſſen gleicht dem Kapital; je mehr davon in einem Lande iſt, deſto größer iſt die Ungleichheit des Beſitzes. Wenn daher die arbeitende Klaſſe an Kenntnißſchätzen zulegt, ſo werden die übrigen Klaſſen nicht zurückbleiben, und wenn die erſtere friedlich und auf geſetzlichem Weg ſich zur Macht aufſchwingt, ſo richtet ſich die Anerkennung, daß eine ſolche verhältniß⸗ mäßige Machterweiterung gerecht, räthlich und weiſe ſey, nicht nach dem Umfang ihres Wiſſens allein, ſondern, wie mich däucht, vielmehr nach dem Grad der Bildung unter den anderen Ständen des Gemeinweſens.“ Da Leonard ſich zwiſchen den Pfarrer und den Philo⸗ ſophen eingezwängt ſah, fühlte er wohl, daß ſeine Lage für die Entfaltung ſeiner Streitkräfte nicht beſonders günſtig ſey; er rückte deshalb unwillkürlich ſeinen Stuhl etwas bei Seite und ſagte traurig: „Ihr ſeyd alſo der Anſicht, daß das Reich des Wiſſens nicht im Stande ſey, die Geſammtfreiheit und die Wohl⸗ fahrt des Menſchen ſonderlich zu fördern?“ Pfayrer.—„Wir müſſen unterſcheiden. Unter Wiſ⸗ ſen verſteht Ihr die geiſtige Ausbildung und unter dem Reich des Wiſſens die Herrſchaft der gebildeten Geiſter?“ Leonard, nach einer Pauſe.—„Ja.“ Riccaboccg.—„O unbeſonnener junger Menſch, dies iſt ein unglückſeliges Zugeſtändniß. Die Herrſchaft 512 ver gebildetſten Geiſter würde eine ſchreckliche Oligarchie ſeyn!“ Pfarrer.—„Vollkommen wahr! Und nun antwor⸗ ten wir auf Euern Ausruf, daß Männer, die von Berufs⸗ wegen am meiſten Wiſſen beſitzen, mehr Einfluß haben ſoll⸗ ten, als die Squire, die Kaufleute, die Farmer und die Handwerker. Bemerkt wohl, daß alle Kenntniſſe, die wir Sterblichen erringen können, kein poſitives und vollkomme⸗ nes, ſondern nur ein verhältnißmäßiges Wiſſen und demge⸗ mäß allen menſchlichen Irrthümern und Leidenſchaften aus⸗ geſetzt ſind. Und nehmen wir auch an, es ſey gewiſſen Perſonen anheimgegeben, die Verhältniſſe zu ordnen— glaubt Ihr, wenn ſich's darum handelte, daß ſie der höchſten geiſtigen Befähigung die Palme der Gewalt zuwieſen, ſie würden nicht dieſe Gewalt zu ſehr lieben, um nicht zu Er⸗ ringung derſelben für ſich ſelbſt alle Mittel aufzubieten, die ihnen ihre überlegene Einſicht zur Verfügung ſtellte? Der Verſuch wurde ehedem von den Prieſtern Aegyptens gemacht, und im chineſiſchen Reich wählt man noch heut zu Tage die Ariſtokratie aus der Zahl derjenigen, die ſich an gelehrten Collegien Auszeichnung erworben haben. Wenn ich mich übrigens ſelbſt als ein Mitglied der großen Körperſchaft Volk bezeichnen darf, ſo will ich doch lieber als Engländer von trägen Miniſtern und ſich vergaloppirenden Parlamenten mich ärgern laſſen, als ich ein Chineſe ſeyn möchte unter dem Regiment der auserleſenſten Weiſen des himmliſchen Reiches. Mein lieber Levnard, zum Glück werden Völker gußer dem ſogenannten Wiſſen noch von gar vielen Dingen gelen ſtocle ſücht von e haber über ſchaft der V 4 ſelbſt S um di gegen des V nicht t Art gi als gl nch h Vielen allen Z rend wi uns nic des Gl ſagt Il allein d fühl ein ſchwind braucht Bulw igarchie antwor⸗ Berufs⸗ en ſoll⸗ und die die wir komme⸗ demge⸗ en aus⸗ ewiſſen nen— höchſten ſen, ſie zu Er⸗ en, die e? Der emacht, age die elehrten ich mich erſchaft gländer menten e unter mliſchen Völker Dingen 513 gelenkt, und die größten praktiſchen Miniſter, die wie Themi⸗ ſtocles kleine Staaten groß gemacht haben, oder die herrſch⸗ ſüchtigſten Stämme, die gleich den Römern ihren Scepter von einem Dorf aus über vden halben Erdball hinſtreckten, haben ſich durch verſchiedene Eigenſchaften ausgezeichnet, über die ein Philoſoph ſpotten und die ein Mann der Wiſſen⸗ ſchaft als traurige Vorurtheile' und Flägliche Verirrungen der Vernunft' bezeichnen würde.“ Leonard, bitter.—„Sir, Ihr benützt das Wiſſen ſelbſt als Waffe gegen das Wiſſen.“ Pfarrer.—„Ich benütze das Wenige, was ich weiß, um die Thorheit des Götzendienſtes zu beweiſen. Nicht gegen das Wiſſen kämpfe ich, ſondern gegen die Anbetung des Wiſſens. Ich erſehe aus Eurer Abhandlung, daß Ihr nicht damit zufrieden ſeyd, das menſchliche Wiſſen zu einer Art göttlichen Allmacht zu erheben, denn Ihr fellt es ſogar als gleichbedeutend mit der Tugend dar. Eurer Anſicht nach hätten wir nur die Kenntniſſe der Wenigen unter den Vielen zu verbreiten, und das Ziel, dem die Prediger zu allen Zeiten nachſtreben, wäre erreicht. Ja, noch mehr; wäh⸗ rend wir armen Geiſtlichen, ungleich den heidniſchen Stvikern, uns nicht zu behaupten erdreiſten, daß hienieden die Tugend des Glückes ſicher ſey, obſchon ſie der beſte Weg dazu iſt, ſagt Ihr uns ganz dürr heraus, Euer Wiſſen verleihe nicht allein die Tugend eines Heiligen, ſondern auch das Hochge⸗ fühl eines Gottes. Vor den Fußſtapfen Eures Götzen ver⸗ ſchwinden die nebel des Lebens. Wenn man Euch hört, brauchte man nur zu wiſſen', um befteit zu ſeyn von den Bulwer, meine Novelle. 33 5¹4 Sünden und Leiden der Unwiſſenden. Iſt dies je ſo ge⸗ weſen? Nehmen wir an, Ihr verbreitet alle die Kenntniſſe, welche je von den Wenigen erreicht wurden, unter die Menge — iſt die kleine Zahl der Weiſen wirklich frei von Irrthum geblieben und kann man ſie wirklich glücklich nennen? Ihr meintet, Euer Motto ſey treu dem Bacon entnommen. Wer war Bacon ſelbſt? Der Dichter ſagt es Euch— Der Menſchen glänzendſter, voll Weisheit und Gemeinheit! Könnt ihr hoffen, der ungeheuern Maſſe, aus der Euer Stand beſteht, die umfaſſenden Kenntniſſe dieſes Lord⸗Kanz⸗ lers der Natur beizubringen? Und wenn auch— welche Bürgſchaft habt Ihr dafür, daß das Geſchenk wirklich von der Tugend und dem Glücke begleitet ſey, von dem Ihr träumt? Betrachtet Bacon ſelbſt: welcher ſchwarze Undank — welche erbärmliche Selbſtſucht— welche wedelnde Krieche⸗ rei— welcher ſich wegwerfende und jämmerliche Geiſt! Alſo weit gefehlt, daß das Wiſſen in ſeiner höchſten Ausbildung Tugend und Glück zur nothwendigen Folge hätte, kömmt es vielmehr ſehr häufig vor, daß eine umfaſſende Geiſtes⸗ kultur mit großer ſittlicher Verderbniß gepaart iſt.“(Bei Seite zu Riccabocca:—„Wollt nicht jetzt Ihr fort⸗ machen 7) Riccabocca.—„Dieſe auffallende Paarung findet man eben ſo gut an Zeitaltern als an Individuen. Petro⸗ nius enthüllt uns in Mitten einer Geſellſchaft, deren in⸗ tellektuelle Bildung ſicher weit höher ſtand, als die der Perioden, welche einen Regulus oder die Horatier hervor⸗ brachten, einen Zuſtand der Moral, ob dem ein ganz ort lie dat die da mei Abe hab wen mic den es w Rel ſchm nicht Sim 8 i ſie ni friedl e ſo ge⸗ nntniſſe, eMenge Irrthum Ihr en. Wer nheit! e Euer d⸗Kanz⸗ — welche lich von em Ihr Undank Krieche⸗ iſt! Alſo sbildung „kömmt Geiſtes⸗ “(Bei hr fort⸗ g findet Petro⸗ eren in⸗ die der hervor⸗ in ganz 515 ordinäret Teufel erröthen würde, und in dem modernen Ita⸗ lien waren es gerade die gelehrteſten Zeitabſchnitte, welche das Laſter mit der gräßlichſten Feinheit ausbildeten.“ Leonard, erhebt ſich in großer Aufregung und ſchlägt die Hände zuſammen.—„Ich kann nicht mit euch ſtreiten, da ihr gegen ein ſo dürftiges und rohes Wiſſen, wie das meinige, Vorräthe entfaltet, die mir unzugänglich waren. Aber ich fühle, daß dieſer Schild noch eine andere Seite haben muß, obſchon ihr ſeinen Werth ſo ſehr anfechtet. Ach, wenn ihr ſo von dem Wiſſen ſprechen könnt, warum habt ihr mich ermuthigt, darnach zu ringen?“ Zwanzigſtes Kapitel. „O, mein Sohn,“ entgegnete der Pfarrer,„falls ich den Werth der Religion zu beweiſen wünſchte, glaubt Ihr, es wäre gerathen, wenn ich den Satz zum Motto wählte— Religion iſt Macht'? Wäre dies nicht eine ſehr ſchnöde und ſchmutzige Auffaſſung ihrer Vortheile— und würdet Ihr nicht ſagen, wer die Religion als Macht betrachte, habe im Sinne, ſie im Geiſt des Pfaffenthums auszubeuten?“ „Gut geſagt,“ verſetzte Riccaboecca. „Haltet einen Augenblick— laßt mich nachdenken! Ah — ich ſehe, Sir!“ entgegnete Leonard. Pfarrer.—„Wenn die Sache heilig iſt, darf man ſie nicht ſchätzen mit der Wage des Marktes; hat man einen friedlichen Zweck vor Augen, ſo bedarf man nicht der Waffen 33* 516 des Kampfes, und will man die Geſellſchaft inniger ver⸗ ketten, ſo muß man ſich nicht auf den Triumph einer Klaſſe gegen die andere berufen.“ Leonard, mit Offenheit.—„Ihr habt mich edel zu⸗ recht gewieſen, Sir. Das Wiſſen iſt allerdings eine Macht, aber nicht in dem Sinne, in welchem ich es gedeutet habe.“ Pfarrer.—„Ja, es iſt eine von den Gewalten in der ſittlichen Welt, eine Macht, die in ihrem unmittelbaren Reſultat dem Beſitzer nicht immer den größten weltlichen Vortheil ſichert. Seine Wirkſamkeit iſt ſehr langſam, dafür aber um ſo nachhaltiger, und es kann tauſend Jahre an⸗ ſtehen, bis ein Gedanke zu einer Macht wird; der urſprüng⸗ liche Denker aber iſt vielleicht in Lumpen oder Feſſeln ge⸗ ſtorben.“ Riccabocca.—„Ein italieniſches Sprichwort ſagt: Der Lehrer gleicht der Kerze, die Anderen leuchtet, ſich ſelbſt aber verzehrt'.“ Pfarrer.—„Wer daher von dem wahren Ehrgeiz des Wiſſens beſeelt iſt, darf nur die Macht ſeiner Idee, nicht aber die Macht, welche ſie ſeiner Perſon verleihen könnte, im Auge haben. Sie muß in dem Bewußtſeyn lie⸗ gen und darf, gleich dieſem, keinem gewiſſen Lohn entgegen⸗ ſehen dieſſeits des Grabes. Und da das Wiſſen gleich ver⸗ wendbar iſt für das Gute und für das Böſe, wäre es nicht beſſer, wenn man ſagte: Wiſſen iſt ein anvertrautes Gut'?“ „Ihr habt Recht, Sir,“ entgegnete Leonard erfreut. „Ich bitte, fahrt fort.“ Pfarrer.—„Ihr fragt mich, warum wir Euch ermt es, welt weit ligio eben ſprec blos ſung richti nüſſe, des 9 ſteht neben hornh welche laßt J den er Eitelk heit— wird— Gefüh wenn ſ der oft die hie gehöret Zugan, Le r ver⸗ Klaſſe el zu⸗ Nacht, abe ten in baren lichen dafür e an⸗ rüng⸗ n ge⸗ ſagt: „ſich hrgeiz Idee, leihen n lie⸗ een⸗ hver⸗ nicht ut'?“ freut. Euch 517 ermuthigt hätten, nach Wiſſen zu ringen. Erſtlich, weil es, wie Ihr ſelbſt in Eurer Abhandlung ſagt, abgeſehen von weltlichem Vortheil, an ſich ein Hochgenuß iſt, aber noch zu weit mehr werden kann. Gleich der Freiheit und der Re⸗ ligion iſt es dem Mißbrauch zugänglich; indeß ſteht mir eben ſo wenig ein Recht zu, dem Armen das Wiſſen abzu⸗ ſprechen, als ich ſagen darf, der Reiche allein ſoll frei und blos die Geiſtlichkeit befugt ſeyn, die Wahrheiten der Erlö⸗ ſung kennen zu lernen. Ihr habt in Eurer Abhandlung ganz richtig bemerkt, das Wiſſen ſchließe uns ganz andere Ge⸗ nüſſe, als die der Sinne, ein ganz anderes Leben, als das des Augenblicks auf. Unſere Meinungsverſchiedenheit be⸗ ſteht nur darin, daß Ihr vergeßt, wie dieſelbe Bildung neben neuen Freuden uns auch neuen Leiden ausſetzt. Die hornharte Hand des Landmanns fühlt nicht die Neſſeln, welche auf der zarten Haut des Gelehrten brennen. Auch laßt Ihr außer Acht, daß Alles, was den Kreis der Begier⸗ den erweitert, denſelben auch neue Verſuchungen bereitet. Eitelkeit, Beifallsdurſt, Stolz, das Gefühl der Ueberlegen⸗ heit— nagender Verdruß, wenn letztere nicht anerkannt wird— krankhafte Reizbarkeit, die im Geleite aller neuen Gefühle auftritt— die Geringſchätzung einfacher Freuden, wenn ſie nicht zugleich geiſtigen Genuß bieten— das Jagen der oft ungebührlich geſteigerten Phantaſie nach Dingen, die hienieden nicht erreichbar ſind— alle dieſe Momente gehören zuverläſſig zu den erſten Verſuchungen, welche den Zugang zum Wiſſen belagern.“ Leonard beſchattete ſein Geſicht mit der Hand. 518 „Statt alſo zu glauben,“ fuhr der Pfarrer wohlwollend fort,„daß wir alles thun, was erforderlich iſt, um uns als Menſchen zu vervollkommnen, wenn wir nur den Verſtand ausbilden, ſollten wir vielmehr ſtets eingedenk ſeyn, daß wir dabei fortwährend den Kreis unſerer Begierden und des⸗ halb auch den unſerer Verſuchungen erweitern. Darum iſt's auch unſere Pflicht, zu gleicher Zeit jenen Zug des Her⸗ zens zu pflegen, durch den der Unwiſſende ſo gut wie der Weiſe ſeine Kindſchaft Gottes erweist, und die ſittlichen Eigenſchaften zur Entwickelung zu bringen, durch welche die Menſchen groß und gut wurden, als man vom Leſen und Schreiben kaum etwas wußte— ich meine die Geduld und Standhaftigkeit unter Armuth und Leiden, die Beſcheiden⸗ heit und Wohlthätigkeit in Reichthum und Größe, und als Gegengewicht jener Selbſtſucht, welche jede Ueberlegenheit, mag ſie nun eine geiſtige oder weltliche ſeyn, einzuflößen geeignet iſt, die Gerechtigkeit, aus der alle gediegeneren Tugenden ſtammen, geſänftigt durch die Liebe zu ſeinem Nächſten. In ſolchem Geleite wird das Wiſſen zu einer herrlichen Krone der Menſchheit— nicht zum herrſchſüch⸗ tigen Deſpoten, ſondern zum edeln Lenker der Seele.“ Der Pfarrer hielt inne. Leonard näherte ſich ihm und faßte ſchüchtern mit dem liebevollen, dankbaren Drange eines Kindes ſeine Hand. Rircabveea.—„Und wenn Ihr noch nicht zufrieden ſeyd mit unſeres Pfarrers trefflicher Auseinanderſetzung, Leonard, ſo lest nur, was Lord Bacon ſelbſt geſagt hat über den wahren Zweck des Wiſſens. Ihr werdet dann begr Dale welch gen ten1 Mac Deu Wei die zuerſ Wiſſe anzut warn haft nicht Lader Vorr Erlei 5 Zweck anwei ſamkei mal a weil 1 iſt Pr andern häufig des G lich in ſey.) ollend ns als erſtand daß d des⸗ Darum s Her⸗ vie der tlichen che die nund ld und heiden⸗ nd als enheit, flößen eneren ſeinem teiner chſüch⸗ m und eeines frieden etzung, gt hat dann 519 begreifen, wie ſcharf der arme große Maun, welchen Mr. Dale ſo hart behandelt, mit denen verfahren ſeyn würde, welche ſeine treffliche Erklärungen und vorſorgliche Warnun⸗ gen in jenen läppiſchen kleinen Aphorismus zuſammendräng⸗ ten und allem, was er im Intereſſe des Einfluſſes und der Macht des Wiſſens zu beweiſen beabſichtigt, eine falſche Deutung gaben. Denn—“ fügte der Philoſoph bei, in der Weiſe eines Mannes aufblickend, der ſein Gedächtniß auf die Probe ſetzt—„wenn ich mich recht erinnere, ſpricht er zuerſt davon, daß es der größte Jrrthum ſey, den Zweck des Wiſſens falſch aufzufaſſen oder ihm eine unrichtige Stellung anzuweiſen. Nachdem er nun die verſchiedenen Gründe, warum es von dem gewöhnlichen Geiſt geſucht wird, nam⸗ haft gemacht hat, fährt er, wofern anders mein Gedächtniß nicht trügt, folgendermaßen fort.... das Wiſſen iſt kein Laden für den Gewinn oder Verkauf, ſondern ein reiches Vorrathsmagazin für den Ruhm des Schöpfers und zu Erleichterung der Lage der Menſchheit.“ * Doch der allergrößte Irrthum iſt es, wenn man den letzten Zweck des Wiſſens falſch auffaßt und ihm eine unrichtige Stellung anweist. Denn der Menſch gibt ſich dem Verlangen nach Gelehr⸗ ſamkeit und Erkenntniß aus verſchiedenen Gründen hin: das eine⸗ mal aus natürlicher Neugierde und Forſchbegier, das anderemal, weil man Abwechslung und Genuß für den Geiſt ſucht; bisweilen iſt Prunkſucht und Ruhmliebe das veranlaſſende Moment; ein andermal ſoll es im Streite des Witzes zum Siege verhelfen, am häufigſten aber gibt man ſich damit ab von Berufs wegen und um des Gewinnes willen.(Dieſen Punkt haben diejenigen hauptſäch⸗ lich im Auge, welche ſo vft den Spruch ecitiren, daß Wiſſen Macht ſey.) Nur ſelten geht man darauf ein mit aufrichtigem Sinne 520 Pfarrer(reuig).—„Sind dies Lord Bacows Worte? Es thut mir ſehr leid, daß ich ſo lieblos von ſeinem Leben ſtande geſprochen habe. Ich muß es doch noch einmal prüfen—— vielleicht finde ich Entſchuldigungsgründe, die mir entgingen, ſo köt als ich mein erſtes Urtheil bildete. Damals war ich noch— an ein unvergorener Jüngling zu Orford. Aber ich ſehe, digern Leonard, daß Ihr noch etwas auf dem Herzen habt.“ was Leonard.—„Das iſt wahr, Sir. Ich möchte nur ſagen fragen, ob wir denn nicht durch das Wiſſen zu den Eigen⸗ Mang ſchaften und Tugenden gelangen, die Ihr ſo gut ſchildert. Aufme Ihr ſcheint wenigſtens anzunehmen, daß ſie uns durch an⸗ Er, d dere Kanäle zufließen.“ Beſtin Pfarrer.—„Wenn Ihr unter dem Ausbruck Wiſen nichtz etwas ganz anderes verſteht, als Eure Abhandlung daraus den, n machen will— und diejenigen, welche geiſtige Ausbildung ewiges verlangen ohne Rückſicht auf Religion und Moral, ſcheinen Allwei ihn eben ſo aufzugreifen— ſo habt Ihr Recht. Aber ver⸗ ausgeſ geßt nicht, wir ſind bereits darüber einig geworden, daß der ath unter dem Wort Wiſſen rein intellektuelle Cultur zu ver⸗ Thatſa ſtehen ſey.“ net vor Wiſſen und in der Abſicht, die Gaben der Vernunft treulich anzuwenden wie lei zu Nutz und Frommen der Menſchheit. Man ſollte faſt meinen, Erlöſer das Wiſſen ſey ein Polſter, darauf ein forſchbegieriger raſtloſer Geiſt ausruhen möge, eine Terraſſe mit ſchöner Ausſicht, auf der wäre in er luſtwandeln kann, ein Prunkthurm für den Stolz, eine Feſtung Arm, 1 für den Kampf der Eiferſucht oder ein Laden für den Gewinn 9 liche Pl und den Verkauf, nicht aber ein reiches Vorrathsmagazin für den Seligk Ruhm des Schöpfers und zu Erleichterung der Lage der Menſch⸗ 1te heit.—„Das Fortſchreiten der Gelehrſamkeit.“( Buch) heiſcht 524 s Worte? Leonard.—„Ganz richtig. Darin ſind wir einver⸗ em Leben ſtanden.“ wüfen— Pfarrer.—„Wenn alſo der große Lord Bacon irrte, atgingen, ſo könnt Ihr ſagen, er habe geirrt aus Mangel an Wiſſen ich noch— an jenem Wiſſen, das man von den Moraliſten und Pre⸗ ich ſehe, digern lernen kann. Aber Lord Bacon hat alles geleſen, e was Moraliſten und Prediger über dergleichen Dinge zu ch nr ſagen im Stande waren, und er irrte ſicherlich nicht aus n Eigen⸗ Mangel an intellektueller Cultur. Ich möchte nun Eure ſchildert. Aufmerkſamkeit auf den Umſtand lenken, mein Sohn, daß uch an⸗ Er, der unſere menſchliche Herzen und unſere unſterbliche Beſtimmung am beſten kannte, dieſe intellektuelle Cultur k Wiſſen nicht zu einem weſentlichen Erforderniß macht für die Tugen⸗ daraus den, welche hienieden unſere Wohlfahrt und dereinſt unſer sbildung ewiges Heil begründen. Wäre ſie nothwendig, ſo hätte der ſchginen Allweiſe nicht geringe Fiſcher zu Verkündigung ſeiner Lehre ber ver⸗ ausgeſandt, ſondern unter dem römiſchen Portikus oder auf en, daß der atheniſchen Academie ſeine Jünger geſammelt. Und dieſe zu ver⸗ Thatſache, welche das Evangelium ſo merkwürdig auszeich⸗ net vor der Ethik der heidniſchen Philoſophie, welche das Wiſſen zu einer Bedingung der Tugend macht, iſt ein Beweis, i wie leicht die heidniſchen Weiſen im Gegenſatz zu unſerem Erlöſer die menſchliche Natur aufgefaßt haben; denn es auf der wäre in der That hart für Hoch oder Nieder, Reich oder Feſtung Arm, wenn Wiſſenſchaft und Gelehrſamkeit oder beſchau⸗ Gewinn liche Philoſophie die einzigen Wege zum Frieden und zur für den* 2 Menſch⸗ Seligkeit wären. Denn unſere dermalige Prüfungsſchule Buch) heiſcht thätige Pflichten und ein Zeitalter hat unter Vor⸗ 522 nehmen oder Geringen, unter Reichen oder Armen ſtets nur wenige aufzuweiſen, die ihre Zeit blos der geiſtigen Aus⸗ bildung widmen wollen oder können. Chriſtus ſchildert uns den Himmel nicht als ein Collegium für die Gelehrten. Des⸗ halb ſind auch die Regeln der himmliſchen Geſetzgebung eben ſo klar für den einfachſten wie für den tiefſten Verſtand.“ Riccabocca.—„Und was weder Plato, noch Zeno, weder Pythagoras noch Soerates gelang, wurde ausgeführt durch Leute, deren Unwiſſenheit in den Schulen der Griechen Anlaß zu einem Ekelnamen gegeben haben würde. Die Göt⸗ ter des großen Haufens waren herabgeſtürzt von ihren Thro⸗ nen, und die Oberfläche der Welt gewann eine ganz andere Geſtalt. Dieſer Gedanke dürfte uns wohl zu der Einräu⸗ mung zwingen, daß es gewaltigere Hebel gibt, als das bloſe Wiſſen, und die Frage iſt am Ende nicht am unrechten Ort, welche Aufgabe denn das Wiſſen zu erfüllen habe.“ Pfarrer.—„Auch hierüber gibt uns die heilige Schrift Aufſchluß; denn nachdem wir die Wahrheit ermittelt haben, daß das Wiſſen für die Menge keine weſentliche Bedingung des Glückes und der Wohlfahrt iſt, finden wir doch, daß die Wiſſenſchaft eine erhabene Rolle zu überneh⸗ men hat in der Darlegung und Verkündigung des geoffen⸗ barten Wortes. Als die Zwecke Gottes ein Werkzeug von mehr als gewöhnlichem Verſtand forderten und das Evan⸗ gelium, das verkündigt wurde von den Einfältigen, zur Erklärung eines ſcharfen, und zur Bekräftigung eines ent⸗ ſchiedenen Geiſtes bedurfte, damit die Zweifel der Gelehrten eine Widerlegung fänden, verband der Wille des Höchſten mit de den Ge heiliger ſten un alle un daß Vi auf Er der We wie die die Mü Ich ha in Gefe in Gefe Gefahr unter d nicht de baren— deln, e windent Macht ſinnt— theilt,: Hunger dennoch von ihn durch d gend u — bete 523 ſtets nur mit dem Eifer der früheren Apoſtel die Gelehrſamkeit und gen Aus⸗ den Genius des heiligen Paulus— eines Mannes, der nicht ldert uns heiliger war, als die anderen— der ſich ſelbſt den Gering⸗ n. Des⸗ ſten unter ihnen nannte, obſchon er mehr arbeitete denn ſie un een alle und der Jedermann ſich in allerlei gefällig machte, auf and.“ daß Viele ſelig würden. Der Unwiſſende kann eben ſo ſicher och Zeno, auf Erlöſung zählen, wie der Weiſe; aber da kömmt nun usgeführt der Weiſe hinzu, welcher die Aufgabe vollbringen hilft. Und Griechen wie die Fülle der Gottesnähe und die unüberwindliche Kraft Die Göt⸗ die Mühe zu beleben und das Werk zu fördern ſcheint!— ren Thro⸗ Ich habe oft gereiſet; ich bin in Gefahr geweſen zu Waſſer, nz andere in Gefahr unter den Mördern, in Gefahr unter den Juden, rEinräu⸗ in Gefahr unter den Heiden, in Gefahr in den Städten, in als das Gefahr in der Wüſte, in Gefahr auf dem Meer, in Gefahr unrechten unter den falſchen Brüdern. Sieh, mein Sohn, ſcheint habe.“ nicht der Himmel hier den ächten Typus des Wiſſens zu offen⸗ ie heilige baren— eine ruheloſe Thätigkeit, ein unermüdliches Han⸗ ermittelt deln, einen furchtloſen Heldenmuth und einen Alles über⸗ veſentliche windenden Glauben?— eine Macht— in der That eine inden wir Macht— eine Macht, die nicht auf Selbſtvergrößerung überneh⸗ ſinnt— eine Macht, welche dem, der ſie beſitzt und aus⸗ s geoffen⸗ theilt, nichts einbringt, als Mühe und Arbeit, viel Wachen, kzeug von Hunger und Durſt, viel Faſten, Froſt und Blöße— aber as Ean⸗ dennoch eine Macht, verſchieden von blos menſchlicher, die igen, zur von ihm ausfährt wie Strahlen von der Sonne, getragen eines ent⸗ durch die Luft und ſie in Licht kleidend— in die Erde drin⸗ Gelehrten gend und die Ernte hervorrufend. Bete nicht das Wiſſen Höchſten— bete nicht die Sonne an, o mein Kind! Die Sonne ver⸗ 524 herrlicht nur den Schöpfer; ſo möge denn Dein Wiſſen den Dienſt des Herrn verherrlichen!“ Hingeriſſen von dem eigenen tiefen Ernſt hielt der wackere Mann inne. Sein Haupt war niedergeſunken auf die Bruſt des jungen Lernbegierigen, und von den Dreien unterbrach geraume Zeit keiner das Schweigen. Einundzwanzigſtes Kapitel. Wie lächerlich auch der Witz des aufgeklärten Mr. Dale's Ergießung finden mag, jedenfalls machte ſie auf Leonard Fairfield einen bedeutenden und, wie ich glaube, wohlthä⸗ tigen Eindruck, der den Leſer vielleicht weniger überraſchen wird, wenn er bedenkt, daß der junge Mann nur wenig an's Diſputiren gewöhnt war und noch viele Vorurtheile, die in ſeiner ländlichen Erziehung ihren Grund hatten, in ſich barg. Ja, er hielt es ſogar für möglich, daß Riccaboeca und Mr. Dale, die mehr als das Doppelte ſeiner Lebenszeit zählten und daher Gelegenheit hatten, nicht blos zweimal ſo viele Bücher zu leſen, ſondern auch in viel weiteren Kreiſen Lebenserfahrungen zu ſammeln, beſſer als er bekannt ſeyn konnten mit den Eigenthümlichkeiten und Vorzügen des Wiſ⸗ ſens. Immerhin waren die Worte des Pfarrers in ſo fern an ihrer Stelle, daß ſie in Leonard ſo ziemlich jenen Gemüth zuſtand hervorriefen, den Mr. Dale zu erzielen beabſichtigte, eh' er ihm die erſtaunliche Kunde mittheilte, er müſſe jetzt Verwandte beſuchen, die er nie geſehen und von denen er nur wenig g erwarten und über 3 tung in benen V beſondere die ein V jetzt Mr Verſuchs nicht allz er ſie mit Stimmur Die hinter iht gungslos die Thüre weit vorg nenheers. der Man den Wort daſtand u daß ich z1 und See „So r. Dale Hazeldeat rung übe iſſen den hielt der unken auf en Dreien tr. Dale's f Leonard wohlthä⸗ erraſchen mur wenig rurtheile, hatten, in iccaborca ebenszeit weimal ſo n Kreiſen annt ſeyn des Wiſ⸗ in ſo fern Femüths⸗ bſichtigte, nüſſe jetzt en er nur 525 wenig gehört hatte, und es ſiehe von dieſem Beſuche zu erwarten, daß ihm für ſeine Studien größere Leichtigkeit und überhaupt eine höhere Stellung im Leben geboten werde. Ich fürchte, Leonard wäre ohne eine ſolche Vorberei⸗ tung in die Welt hinausgegangen mit einer ſehr übertrie⸗ benen Vorſtellung von ſeinen erworbenen Kenntniſſen, ins⸗ beſondere übertrieben in Betreff der Anſicht von der Gewalt, die ein Wiſſen, wie er es beſaß, erringen müſſe. Als aber jetzt Mr. Dale ihm die Kunde von der ihm bevorſtehenden Verſuchsreiſe unter der Verwarnung mittheilte, daß er ſich nicht allzu ſanguiniſchen Hoffnungen hingeben möchte, nahm er ſie mit ernſter Beſcheidenheit und in einer edeln feierlichen Stimmung auf. Die Gäſte entfernten ſich. Nachdem die Thüre ſich hinter ihnen geſchloſſen hatte, blieb Leonard eine Weile re⸗ gungslos und in tiefem Nachdenken ſitzen. Dann öffnete er die Thüre und ſchlich ſich in's Freie. Die Nacht war ſchon weit vorgerückt und der Himmel funkelte im Licht des Ster⸗ nenheers. Und oft erinnerte ſich noch im ſpäteren Leben der Mann jenes Wendepunkts in ſeiner Beſtimmung mit den Worten:„Ich glaube, damals war es, als ich ſo allein daſtund und mich doch umgeben ſah von zahlloſen Welten, daß ich zum erſtenmal den Unterſchied fühlte zwiſchen Geiſt und Seele.“ „Sagt mir doch,“ bemerkte Riecabveca, als er ſich von Mr. Dale verabſchiedete,„ob Ihr glaubt, wir hätten Frank Hazeldean bei ſeinem Eintritt in's Leben dieſelbe Beleh⸗ rung über den Zweck und die Gränzen des Wiſſens 526 ertheilen können, die wir bei Leonard Fairfield für paſſend hielten.“ „Mein Freund,“ verſetzte der Pfarrer mit einem An⸗ flug menſchlicher Eigenliebe,„ich habe ſchon Pferde geritten und weiß, daß die einen des Zügels, die anderen des Spor⸗ nes bedürfen.“ „Cospetto!“ rief Rieccabocca.„Ihr wißt doch allen Guren Erfahrungen eine nützliche Seite abzugewinnen— ſogar Eurer Reiſe auf Mr. Hazeldean's Stute. Und ich ſehe jetzt, wie es Euch ſelbſt in der kleinen Welt eines Dorfes möglich wurde, das Leben im Allgemeinen ſo gut kennen zu lernen.“ borne geleſen?“ „Nein.“ „Lest ſie, und Ihr werdet finden, daß Ihr nicht zu weit gehen braucht, um die Lebensweiſe der Vögel und den Unterſchied zwiſchen einer S chwalbe und einer Spyre kennen zu lernen. Ein Dorf reicht dafür zu, und die Unterſchei⸗ dungszeichen werden Euch auffallen, wo immer Schwalben oder Spyren durch die Luft ſtreichen.“ „Schwalben und Spyren— wohl wahr. Aber Men⸗ ſchen—“ „Sind das ganze Jahr um uns her— und dies iſt mehr, als ſich von Schwalben und Spyren behauptz lßt.“ „Mr. Dale,“ ſagte Riecaboces, mit großer Förmlich⸗ teit ſeinen Hut abnehmend,„wenn ich mich je wieder in „Habt Ihr je White's Naturgeſchichte von Sel⸗ einem len ſt bes E Irrth 8 des P S redun Mühe auf C den K wäre die we wachſe zu ihr hinfäl wie ih gegnet 7 Ehre kenne mich b zu ſcho vpaſſend inem An⸗ geritten es Spor⸗ doch allen innen— d ich ſehe Dorfes kennen zu on Sel⸗ ht zu weit und de yre kennen Unterſchei⸗ Schwalben Aber Men⸗ id dies iſt behaupten Förmlich⸗ wieder in 527 einem Dilemma befinde, will ich mich bei Euch Raths erho⸗ len ſtatt bei Maechiavelli.“ „Ah!“ rief der Pfarrer,„wenn ich mich nur ein hal⸗ bes Stündchen ruhig mit Euch beſprechen könnte über die Irrthümer der papiſtiſchen Relig—“ Aber Riccabocca war fort— enteilt mit der Schnelle des Pfeiles. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Amn andern Tag hatte Mr. Dale eine lange Unter⸗ redung mit Mrs. Fairfield. Anfangs koſtete es ihn einige Mühe, über ihren Stolz Herr zu werden und ſie zu bewegen, auf Erbietungen von Eltern einzugehen, welche ſo lange den Knaben und ſie geringſchätzig behandelt hatten. Ja es wäre ſogar vergebliche Mühe geweſen, die gute Frau durch die weltlichen Vortheile zu ködern, die Leonard daraus er⸗ wachſen konnten. Als jedoch der Pfarrer faſt mit Strenge zu ihr ſagte:„Eure Eltern ſind alt und Euer Vater iſt hinfällig; ihr letzter Wunſch muß für Euch ſo bindend ſeyn, wie ihr Befehl,“ hengte die Wittwe ihr Haupt und ent⸗ gegnete: „Gott behüte ſie, Sir, es war ſehr ſündhaft von mir. Ehre Vater und Mutter. Ich bin nicht geſchult, aber ich kenne die zehn Gebote. Lennh ſoll gehen. Aber er wird mich bald vergeſſen, und am Ende lernt er gar ſich meiner zu ſchämen.“ 528 „In dieſer Beziehung baue ich auf ihn,“ entgegnete der Pfarrer, dem es nun leicht gelang, ſie zu beruhigen und zufrieden zu ſtellen. Nun erſt zog Mr. Dale einen ungeſiegelten Brief heraus, den Mr. Richard Avenel ſeinem Wink gemäß ihm als von Leonards Großeltern herrührend übergeben hatte, und ſagte: „Dies iſt für Euch. Es enthält einen Beiſchluß von einigem Werth.“ „Wollt Ihr mirs leſen, Sir? Wie ich ſchon vorhin ſagte, ich bin nicht geſchult.“ „Aber Levnard iſt's und kann Euch den Brief vorleſen.“ Als Leonard Abends nach Hauſe zurückkam, zeigte ihm Mrs. Fairfield das Schreiben. Es lautete, wie folgt: „Liebe Jane, „Mr. Dale wird Dir ſagen, es ſey unſer Wunſch, daß Leonard zu uns komme. Es freut uns, zu hören, daß Du wohl biſt. Wir ſenden Dir durch Mr. Dale eine Banknote von fünfzig Pfunden, die Dir Dein Bruder Richard ſchickt. Vorderhand nicht weiter von Deinen Dich liebenden Eltern John und Margaret Avenel.“ Der Brief war von einer ſteifen Weiberhand geſchrie⸗ ben, und Leonard bemerkte, daß zwei oder drei Schreibfeh⸗ ler entweder mit einer andern Feder oder von einer andern Hand verbeſſert worden waren. „Der liebe Bruder Dick— wie gut er iſt!“ rief ve Wittwe.„Als ich ſah, daß Geld darin ſey, dachte ich mir ſogleich, es müſſe von ihm kommen. Wie würde es mich — freue glau ich K kaſſe Vera Thee fönnt denn Herr ich n eben Knal Bitte Mutt von von d Leben drück in de ſteht, Weg Bu gegnete gen und Brief äß ihm hatte, luß von vorhin rleſen.“ igte ihm gt: daß Du anknote d ſchickt. n Eltern nel.“ geſchrie⸗ hreibfeh⸗ r andern rief die e ich mir es mich 529 freuen, wenn ich Dick wieder ſehen könnte. Aber er iſt, glaub' ich, noch immer in Amerika. Recht ſo; damit kann ich Kleider für Dich kaufen.“ „Nein, Ihr müßt es ganz behalten und in die Spar⸗ kaſſe legen.“ „So einfältig bin ich nicht,“ rief Mrs. Fairfield mit Verachtung. Und ſie ſteckte die Banknote in eine zerbrochene Theekanne. „Da darf ſie nicht bleiben, wenn ich fort bin. Man könnte ſie Euch ſtehlen, Mutter.“ „Ach, du mein Himmel, dies iſt wahr. Was ſoll ich denn damit thun?— Und zu was brauch' ich's überhaupt? Herr Je, wenn man mir's lieber nicht geſchickt hätte, denn ich werde nicht mehr ruhig ſchlafen können. Du nußt's eben in Deine Taſche ſtecken und ſie recht feſt zuknöpfen, Knabe.“ Lenny lächelte und nahm die Note, welche er mit der Bitte zu Mr. Dale brachte, er möchte das Geld für ſeine Mutter in der Sparkaſſe anlegen. Am andern Tag begab er ſich nach dem Caſino, um von ſeinem Herrn, von Schakeimo, von der Fontaine und von dem Garten Abſchied zu nehmen. Aber ſchon das erſte Lebewohl, welches Schakeimo galt— der arme Menſch drückte ſein Leid in allen den lebhaften Geſtikulationen aus, in denen zur Hälfte die Beredſamkeit ſeiner Landsleute be⸗ ſteht, und eilte dann unter einem eigentlichen Heulen hinweg — griff unſeren jungen Freund dermaßen an, daß er ſeinen Weg nach dem Hauſe nicht fortzuſetzen vermochte. Er blieb Bulwer, meine Novelle. 34 530 neben der Fontaine ſtehen und gab ſich Mühe, ſeine Thränen zurückzuhalten. „Seyd Ihr's, Leonard— und Ihr wollt fort?“ ſagte eine ſanfte Stimme. Und ſeine Thränen fielen reichlicher, denn er erkannte Violantens Stimme. „Ihr müßt nicht weinen,“ fuhr das Mädchen mit einer Art zärtlichen Ernſtes fort.„Ihr verlaßt uns freilich, aber Papa ſagt, es wäre ſelbſtſüchtig, wenn wir uns darüber grämen wollten, denn es dient zu Eurem Beſten. Wir ſoll⸗ ten uns eher darüber freuen. Doch ich bin ſelbſtſüchtig, Leonard, und ich gräme mich. Ich werde Euch ſehr ver⸗ miſſen.“ „Ihr, Fräulein— Ihr mich vermiſſen?“ „Ja. Aber ich weine nicht, Levnard. Ich beneide Euch vielmehr und wünſchte, daß ich ein Knabe wäre. Könnte ich nur auch handeln, wie Ihr.“ Das Mädchen ſchlug die Hände zuſammen und richtete ihre ſchmächtige Geſtalt mit einer Art leidenſchaftlicher Würde auf. „Handeln wie ich und Euch trennen von Allen, die Ihr liebt?“ „Ihr thut es, um denen zu dienen, die Ihr liebt. Eines Tages werdet Ihr zurückkehren zu der Hütte Eurer Mutter und zu ihr ſagen: Wir haben das Glück bezwungen. O daß ich fort könnte und wieder kommen, wie Ihr. Aber mein Vater hat kein Vaterland, und ſein einziges Kind iſt nur ein unnützes Mädchen.“ — getro Köpft Das ich w Leona große auffie ſtalt ſanft Maje Muſe liches melte ihn n ſchwa ihm d mit ei lehrte ein Y Herze verlor Thränen 2“ ſagte erkannte nit einer freilich, darüber Wir ſoll⸗ ſehr ver⸗ beneide e wäre. richtete aftlicher die Ihr hr liebt. Eurer vungem. Aber Kind iſt 531 Während Violante ſprach, hatte Leonard ſeine Thränen getrocknet; ihre Aufregung verdrängte ſeine eigene. „O,“ fuhr Violante fort, indem ſie abermals ſtolz das Köpfchen erhob,„was iſt es Schönes, ein Mann zu ſeyn! Das Weib ſeufzt:'ich möchte'; aber der Mann kann ſagen: ich will.“ Schon öfters und namentlich in der letzten Zeit hatte Leonard an dem italieniſchen Kind aufzuckende Blitze einer großen herviſchen Natur wahrgenommen, die um ſo mehr auffielen wegen ihres Gegenſatzes zu der äußerſt zarten Ge⸗ ſtalt und einem lieblichen Gemüth, das ſogar ihren Stolz ſanft erſcheinen ließ. Jetzt aber hatte das Kind mit der Majeſtät einer Königin und faſt mit der Begeiſterung einer Muſe geſprochen. Den Jüngling durchzuckte ein eigenthüm⸗ liches und neues Gefühl von Muth. „Möge ich ſtets dieſer Worte eingedenk ſeyn!“ mur⸗ melte er halb hörbar vor ſich hin. Das Mädchen wandte ſich gegen ihn und betrachtete ihn mit Augen, die wegen der Feuchtigkeit, in welcher ſie ſchwammen, nur um ſo glänzender erſchienen. Sie reichte ihm dann mit raſcher Bewegung die Hand, und als er ſich mit einer Anmuth, welche ihn die Innigkeit ſeines Gefühls lehrte, darüber hinbeugte, ſagte ſie: „Und wenn's der Fall iſt, ſo werde ich, obſchon ich nur ein Mädchen oder Kind bin, denken, ich habe einem wackern Herzen in dem Ringen nach Ehre Beiſtand geleiſtet!“ Sie zögerte einen Augenblick, lächelte vor ſich hin und verlor ſich dann ſchwebenden Schrittes unter den Bäumen. 34* 532 Nach einer langen Pauſe, während welcher Leonard ſich allmälig von der Ueberraſchung und Aufregung erholte, in welche Violante ſeinen ſchon vorher ſehr geſpannten Geiſt verſetzt hatte, ging er, vor ſich hinmurmelnd, dem Hauſe zu. Riecaboeca war abweſend. Der Jüngling trat mecha⸗ niſch auf die Terraſſe hinaus und machte ſich mit den Blu⸗ men zu ſchaffen. Aber Vivlantens dunkle Augen leuchteten durch ſeine Gedanken und ihre Stimme klang in ſeinem Ohre. Endlich erſchien Riccabveca, von einem Arbeiter be⸗ gleitet, der einen nicht unterſcheidbaren Gegenſtand unter dem Arme trug. Der Italiener winkte Levnard, daß er ihm nach dem Wohnzimmer folge, und unterhielt ſich daſelbſt lange und freundlich mit ihm. Nachdem der Philoſoph ihm ſo zu ſagen einen beträchtlichen Vorrath Weisheit in der tragbaren Ge⸗ ſtalt von Aphorismen und Sprichwörtern aufgepackt hatte, ließ er ihn eine Weile allein und kehrte dann, einen kleinen Reiſeſack tragend, mit Mrs. Rieraboeca wieder zurück. „Es iſt nicht viel, was wir für Euch thun können, Levnard, und wenn ſich's um ein Andenken handelt, iſt Geld die ſchlechteſte Gabe von der Welt; aber ich und meine Gattin, wir haben uns über eine kleine Ausſtattung für Euch be⸗ rathen. Giacomo, der mit im Geheimniß war, verſichert mich, daß die Kleider paſſen werden, und hat, wie ich glaube, zu dieſem Ende einen Eurer Röcke geſtohlen. Legt ſie an, wenn Ihr zu Euren Verwandten kommt. Es iſt erſtaunlich, welchen Unterſchied es in der Vorſtellung ausmacht, die ſich die Leute von uns bilden, wenn unſer Rock ſo oder ſo geſchn mich i Wort, bemerk ſack zu / der Pl Begrij Leonar noch n meinig den Ar ein Fl mit de 2 die ein ſich en war u äußere Ziffern beſtant Ungea im Eit des E etwa d 7 „geht ard ſich lte, in n Geiſt Hauſe mecha⸗ n Blu⸗ chteten Ohre. ter be⸗ uter ich dem ge und u ſagen en Ge⸗ kleinen evnard, eld die Hattin, uch be⸗ rſichert glaube, ſie an, aunlich, die ſich oder ſo 533 geſchnitten iſt. In meinem dermaligen Anzug könnte ich mich in London nicht wohl zeigen, und es iſt ein wahres Wort, daß der Schneider oft den Mann macht.“ „Auch die Hemden ſind gute holländiſche Leinwand,“ bemerkte Mrs. Riccabocca, die im Begriff war, den Reiſe⸗ ſack zu öffnen. „Laſſen wir die Einzelnheiten, meine Liebe,“ verſetzte der Philoſoph,„denn Hemden gehören zu dem allgemeinen Begriff Kleidung. Und mehr als perſönliches Andenken, Levnard, nehmt dies, das ich viele Jahre trug, als die Zeit noch wichtig für mich war und edlere Geſchicke, als das meinige, von einem Augenblick abhingen. Wir verfehlten den Augenblick oder mißbrauchten ihn, und da bin ich nun, ein Flüchtling auf fremdem Ufer. Mich dünkt, ich bin fertig mit der Zeit.“ Mit dieſen Worten legte der Italiener eine Uhr, über die ein Alterthümler entzückt geweſen wäre und ein Stutzer ſich entſetzt hätte, in Leonards widerſtrebende Hand. Sie war ungemein dick und hatte ein doppeltes Gehäuſe, das äußere emaillirt, das innere von Gold. Die Zeiger und Ziffern hatten urſprünglich aus einer Brillanteneinfaſſung beſtanden; aber die edeln Steine waren längſt verſchwunden. Ungeachtet dieſer Beraubung ſtand übrigens die Uhr mehr im Einklang mit dem Charakter des Gebers, als mit dem des Empfängers, da ſie für Letzteren ſo wenig paßte, als etwa der rothſeidene Regenſchirm. „Sie iſt zwar altmodiſch,“ ſagte Mrs. Riccabveca, „geht aber beſſer, als irgend eine Uhr in der Grafſchaft. 534 Ich glaube wahrhaftig, ſie wird ausdauern bis an's Ende der Welt!“ „Carissima mia!“ rief der Doetor,„ich glaubte Dich überzeugt zu haben, daß die Welt noch nicht auf den letzten Beinen geht.“ „O, ich meinte eigentlich nichts mit dieſer Redensart, Alphonſo,“ verſetzte Mrs. Riccabveca erröthend. „Und ſo ergeht's uns immer, wenn wir über Dinge ſprechen, von denen wir nichts wiſſen können,“ ſagte der Doector, weniger galant als gewöhnlich, denn das Beiwort „altmodiſch“ in ſeiner Anwendung auf die Uhr hatte ihn verdroſſen. Wir bemerken, daß Leonard ſich dieſe ganze Zeit über ſtumm verhalten hat. Es war eine buchſtäbliche Wahrheit, daß er nicht ſprechen konnte. Wie er ſich ſeiner Verlegen⸗ heit entwand und wie er aus dem Zimmer kam, vermochte er mir nie genügend zu erklären. Aber einige Minuten ſpäter ſah man ihn raſchen Schrittes die Straße hinab eilen.— Riccabocca ſtand mit ſeiner Gattin am Fenſter und ſchaute ihm nach. „In dem Herzen des Knaben iſt eine Tiefe,“ ſagte der Philoſoph,„die das größte Schiff flott machen könnte.“ „Der liebe arme Junge! Ich denke, wir haben ihm Alles in den Reiſeſack geſteckt, was er möglicherweiſe brau⸗ chen kann,“ bemerkte Mrs. Riccabveca gedankenvoll. Der Doctor, der in ſeinem Selbſtgeſpräch fortfährt. —„Sie ſind ſtark, aber nicht in die Augen fallend.“ ———— „ gehör lung Du, Hemd den C zärtli haſte bemer gemei nur a Mr. Dood werde s Ende e Dich letzten ensart, Dinge gte der eiwort te ihn it über hrheit, rlegen⸗ mochte inuten hinab er und gte der e“ en ihm brau⸗ tfährt. 535 Mrs. Riccaboeca, das ihrige wieder aufnehmend⸗ —„Sie befinden ſich unten im Reiſeſack.“ Der Doctor.—„Und werden lange dauern.“ Mrs. Riccabveca.—„Wenigſtens ein Jahr bei gehöriger Schonung und Behandlung in der Wäſche.“ Der Doctor, betroffen.—„Schonung und Behand⸗ lung in der Wäſche. Um's Himmels Willen von was ſprichſt Du, Frau?“ Mrs. Riccaboeca, mild.—„Natürlich von den Hemden, mein Lieber. Und Du?“ Der Doetor, mit einem ſchweren Seufzer.—„Von den Gefühlen, Madame!“ Nach einer Pauſe ergreift er zärtlich die Hand ſeiner Gattin und fährt fort:„Aber Du haſt ganz recht, daß Du an die Hemden denkſt. Mr. Dale bemerkt ſehr richtig—“ Mrs. Riccabocca.—„Was?“ Der Doetor.—„Daß wir ſehr viel miteinander gemein hätten— ſelbſt wenn ich an Gefühle denke und Du nur an Hemden.“ Dreinndzwanzigſtes Kapitel. Mr. und Mrs. Avenel ſaßen in dem Wohnzimmer, Mr. Richard ſtand auf dem Herdfries und pfiff den Mankee Doodle. „Der Pfarrer ſchreibt, daß der Junge heute kommen werde,“ begann Richard plötzlich.—„Laßt mich den Brief 536 ſehen— ja, heute. Wenn er bis N. die Kuiſche benützt, ſo kann er den Reſt des Weges in zwei oder drei Stunden zu Fuß zurücklegen. Er ſollte nicht mehr weit ſeyn. Ich habe gute Luſt, ihm entgegen zu gehen. Es wird ihm viele Fragen über mich erſparen. Ich kann durch die hintere Thüre den Stadtweg umgehen und auf die Landſtraße kommen.“ „Aber Du kennſt ihn ja nicht,“ bemerkte Mrs. Avenel. „Ei, da ſehe man! Ich einen Avenel nicht kennen! Wir haben alle den gleichen Schnitt des Klüvers— oder nicht, Vater?“ Der arme John lachte ſo herzlich, daß ihm die Thrä⸗ nen über die Wangen rollten. „Wir ſind immer eine wohlgebildete Familie geweſen,“ ſagte John, ſich wieder ſammelnd.„Da war der Luke, aber er iſt todt; und Harry, aber der iſt auch todt; und Dick, aber der iſt in Amerika— nein, er iſt hier; und mein Herzblätt⸗ chen Nora, aber—“ „Bſt!“ unterbrach ihn Mrs. Avenel.„Bſt, John!“ Der alte Mann ſah ſie mit großen Augen an und brachte dann ſeine zitternde Hand an die Stirne. „Und Nora iſt auch todt,“ ſagte er im Tone tiefen Schmerzes. Seine Hände fielen auf die Kniee nieder und ſein Haupt ſenkte ſich auf die Bruſt. Mrs. Avenel erhob ſich, küßte ihren Gatten auf die Stirne und trat an das Fenſter. Richard griff nach ſeinem Hut und bürſtete mit ſeinem Taſchentuch ſorgfältig die Haare glatt, aber ſeine Lippen bebten. nicht Wir und( den„ hinau ſtieß, Land fortge eine( war d Weſte von 3 nenſch eine e plötzli Stral ſam u einem 7 Mann enützt, tunden Ich n viele hintere ſtraße [venel. nnen! — oder Thrã⸗ eſen,“ ,aber , aber zblätt⸗ hn!“ n und tiefen rund uf die ſeinem ig die 537 „Ich gehe jetzt,“ ſagte er abgebrochen.„Vergeßt nicht, Mutter, vorderhand kein Wort von Onkel Richard. Wir müſſen vorher ſehen, wie wir uns gegenſeitig gefallen, und(flüſternd) ſorgt dafür, daß Ihr dies auch dem Vater in den Kopf bringt.“ „Ja, Richard,“ verſetzte Mrs. Apenel ruhig. Richard ſetzte den Hut auf und ging zur Hinterthüre hinaus. Er ſchlich das Feld entlang, das an die Stadt ſtieß, und hatte nur einmal die Straße zu kreuzen, um die Landſtraße zu erreichen. Nachdem er ſeinen Weg bis zum erſten Meilenſteine fortgeſetzt hatte, nahm er auf demſelben Platz, zündete eine Cigarre an und erwartete ſeinen Neffen. Die Sonne war dem Untergang nahe und der Weg vor ihm führte nach Weſten. Die Augen mit der Hand beſchattend muſterte er von Zeit zu Zeit die Straße, bis er endlich, als die Son⸗ nenſcheibe ſich ſchon halb hinter den Horizont geſenkt hatte, eine einſame Geſtalt des Weges kommen ſah. Sie tauchte plötzlich an einer Straßenwindung auf. Die röthlichen Strahlen färbten die ganze Athmoſpäre um ſie her. Ein⸗ ſam und ſchweigend bewegte ſie ſich weiter, als käme ſie aus einem Land des Lichtes. Vierundzwanzigſtes Kapitel. „Ihr habt wohl einen weiten Weg gemacht, junger Mann?“ redete Richard Avenel den Wanderer an. 538 „Nein, Sir, nicht ſehr weit. Was dort liegt iſt wohl Lansmere?“ „Ja, es iſt Lansmere. Ihr haltet dort, ſchätz' ich?“ Leonard nickte bejahend und ging einige Schritte wei⸗ ter. Als er bemerkte, daß der Fremde, der ihn angeredet hatte, noch immer an ſeiner Seite war, ſagte er: „Wenn Ihr in der Stadt bekannt ſeyd, Sir, ſo habt Ihr vielleicht die Güte, mir zu ſagen, wo Mr. Avenel wohnt.“ „Ich kann Euch auf dem geradeſten Weg über die Fel⸗ der führen. Dies bringt Euch unmittelbar hinter das Haus.“ „Ihr ſeyd ſehr gütig; aber ich will Euch nicht von Eurem Wege abbringen.“ „Nein, es liegt an meinem Weg. Ihr wollt alſo zu Mr. Avenel— Ein guter alter Gentleman.“ „Ich habe dies immer gehört. Und Mrs. Avenel—“ „Eine beſonders würdige Frau,“ ſagte Richard.„Wollt Ihr ſonſt nach Niemand fragen? Ich kenne die Familie genau.“ „Nein, ich danke Euch, Sir.“ „Sie haben einen Sohn, glaube ich; aber er iſt in Amerika— habe ich Recht?“ „Ich glaube ſo, Sir.“ „Ich ſehe, der Pfarrer hat Wort gehalten,“ mur⸗ melte Richard vor ſich hin. „Wenn Ihr mir von ihm etwas ſagen könntet, ſo würde es mich ſehr freuen,“ fuhr Leonard fort. ſcho mir nete ware ſoll hat richt gebig hatte mit eine verſu bühr gewö gleite erſtat ſich e braue nehm neuet boeca jegt iſt ich?“ te wei⸗ geredet ſo habt Avenel ie Fel⸗ Haus.“ cht von alſo zu nel—“ „Wollt Familie r iſt in “mur⸗ 539 „Warum dies, junger Mann? Vielleicht hängt er ſchon irgend wo an einem Galgen.“— „Am Galgen?“ „Wenigſtens war er ein arger Galgenſtrick, habe ich mir ſagen laſſen.“ „Dann ſeyd Ihr ſehr falſch berichtet worden,“ entgeg⸗ nete Leonard erröthend. „O freilich, ein arg wilder Burſche. Seine Eltern waren froh, als er ausriß und nach den Staaten ging. Er ſoll ſich Geld gemacht haben; wenn es aber wahr iſt, ſo hat er ſeine Verwandten ſchamlos vernachläſſigt.“ „Ich ſage Euch noch einmal, daß Ihr ganz falſch be⸗ richtet ſeyd, Sir,“ erwiederte Leonard.„Er war ſehr frei⸗ gebig gegen eine Verwandte, die nicht viel Anſpruch an ihn hatte, und ich hörte ſeinen Namen nie anders nennen als mit Lob und Liebe.“ Richard begann den Yankee Doodle zu pfeifen und ging eine kleine Strecke weit, ohne ein Wort zu ſagen. Dann verſuchte er eine kleine Entſchuldigung wegen ſeiner Unge⸗ bühr, hoffte, nicht beleidigt zu haben, und begann in ſeiner gewöhnlichen dreiſten, aber ſchlauen Redeweiſe ſeinem Be⸗ gleiter ein wenig auf den Zahn zu fühlen. Er war ſichtlich erſtaunt über die Klarheit und Bündigkeit, womit Leonard ſich ausdrückte, zog mehr als einmal überraſcht die Aug⸗ brauen in die Höhe und ſah ihm aufmerkſam und ange⸗ nehm berührt voll in's Geſicht. Der Jüngling hatte die neuen Kleider angezogen, mit denen er von Doctor Rieca⸗ bocca und ſeiner Gattin verſehen worden und die von der 54⁰ Art waren, wie in der Provinz wohlhabende junge Ge⸗ werbsleute ſie zu tragen pflegen; da er aber nicht an ſeinen Anzug dachte, ſo bewegte er ſich darin ſo ziemlich mit der Leichtigkeit eines Gentleman. Sie kainen nun in die Felder, und Leonard machte vor einem Streifen Land Halt, der mit Roggen angeblümt war. „Ich hätte gedacht, in ſo großer Nähe der Stadt wäre Grasland beſſer am Platz,“ ſagte er. „Ohne Zweifel,“ entgegnete Richard,„aber man iſt hier herum noch kläglich zurück. Ihr ſeht jenen Park dort auf der anderen Seite des Wegs? Dort wäre der Anbau des Roggens lohnender, als der von Gras; aber was würde dann aus den Hirſchen des gnädigen Herrn werden? Die Ariſtokratie zehrt uns auf, junger Mann.“ „Aber die Ariſtokratie hat doch nicht dieſes Stück mit Roggen angeſät, denk' ich?“ verſetzte Leonard lächelnd. „Und was folgert Ihr daraus?“ „Daß man jeden in ſeinem Hauſe ſchalten laſſe müſſe“, ſagte Leonard mit treffender Kürze, die er dem Doector Rieca⸗ bocca abgelernt hatte. „Ein geſcheidter Junge, Ihr,“ erwiederte Richard. „Na, wir wollen ein andermal über dieſe Dinge ſprechen.“ Sie wurden nun des Hauſes von Mr. Avenel anſichtig. „Ihr könnt durch den Riß in der Hecke, dort bei der alten Zwergeiche, ſteigen,“ ſagte Richard.„So kommt Ihr nach der Vorderſeite des Hanſes. Wie, Ihr fürchtet Euch doch nicht— he?“ die e zuſa jung aber über unte: ſtehe unter den, ling ſere e zimm Stim arme Avene e Ge⸗ ſeinen it der nachte blümt twäre an iſt k dort Anbau würde Die ick mit . nüſſe“, Ricca⸗ ichard. echen.“ ſichtig. bei der nt Ihr t Euch 541 „Ich bin fremd.“ „Soll ich Euch einführen? Ich ſagte Euch ja, daß ich die alten Leute kenne.“ „O nein, Sir! Ich möchte lieber allein mit ihnen zuſammentreffen.“ „So geht, und— wartet noch ein wenig— hoört, junger Mann, Mrs. Avenel iſt eine ziemlich kalte Frau; aber Ihr braucht Euch dadurch nicht einſchüchtern zu laſſen.“ Leonard dankte dem wohlmeinenden Fremden, ging über das Feld und durch den Heckenriß und blieb eine Weile unter dem kargen Schatten der alten, hohlherzigen Eiche ſtehen. Die Raben kehrten in ihr Reſt zurück. Als ſie unter dem Baum einer menſchlichen Geſtalt anſichtig wur⸗ den, kreisten ſie um die Eiche her und bewachten den Fremd⸗ ling von ferne. Aus den dichten Zweigen tönte das hei⸗ ſere Geſchrei der jungen Raben hernieder. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Der junge Mann trat in das reinliche, nette Wohn⸗ zimmer. „Du biſt willkommen!“ fagte Mrs. Avenel mit feſter Stimme. „Der Gentleman iſt herzlich willkommen,“ rief der arme John. „Es iſt Dein Enkel, Leonard Fairfield,“ ſagte Mrs. Avenel, 542 Aber John, der ſich mit wankenden Knien aufgerichtet hatte, faßte ihn ſcharf in's Auge, fiel ihm dann an die Bruſt und ſchluchzte laut.— „Nora's Augen! Er hat einen Blick in ſeinem Auge wie Nora.“ Mrs. Avenel trat feſten Schrittes heran und zog den alten Mann ſanft zurück. Er iſt ein armes Geſchöpf,“ flüſterte ſie Leonard zu, „und Dein Anblick hat ihn aufgeregt. Komm mit; ich will Dir Dein Zimmer zeigen.“ Leonard folgte ihr die Treppe hinauf und kam in ein reinliches und ſogar geſchmackvoll möblirtes Gemach. Der Teppich und die Vorhänge, von altmodiſchem Muſter, waren von der Sonne gebleicht, und das Zimmer ſah aus, als ob es lange nicht benützt worden ſey. Mrs. Avenel ſank, ſobald ſie eingetreten war, auf den nächſten Stuhl nieder. Leonard ſchlang liebevoll ſeinen Arm um ihren Leib und ſagte: „Ich fürchte, ich mache eine große Störung im Hauſe, liebe Großmutter.“ Mrs. Avenel entzog ſich haſtig ſeinen Armen und ihr Geſicht verrieth große Aufregung, da ſo zu ſagen jede Mus⸗ kel darin zuckte; dann legte ſie ihre Hand auf ſein Locken⸗ haupt, rief leidenſchaftlich:„Gott ſegne Dich, mein Enkel!“ — und verließ das Zimmer. Leonard legte ſeinen Reiſeſack auf den Boden und ſah ſich gedankenvoll in dem Zimmer um. Das Gemach ſchien frühe Auf fande Bänd Fran dort — de das e Anmu heit e ter Sper franzö Vorſe deren Er kü lichkeit ihren C geweſe und ih 8 Gattin Der a über ſe Dann ton ver über un richtet Bruſt Auge g den rd zu, ch will in ein Der waren als ob uf den n Leib Hauſe, und ihr Mus⸗ Locken⸗ Fnkel!“ ind ſah ſchien früher von einem Frauenzimmer bewohnt worden zu ſeyn. Auf der Commode ſtand ein Arbeitskorb, und darüber be⸗ fanden ſich einige Bücherbretter, an verblichenen blauen Bändern aufgehangen und die einzelnen Fächer durch mit Franſen verſehenen Seidenſtoff geſchützt, während da und dort eine verzierende Quaſte oder Schleife bemerklich war — der Geſchmack einer Frau oder vielmehr eines Mädchens, das auch den gewöhnlichſten Dingen in ihrer Umgebung Anmuth zu verleihen ſucht. Mit der mechaniſchen Gewohn⸗ heit eines Bücherfreundes nahm er ein Paar Bände herun⸗ ter, die ſich noch auf dem Simſe befanden. Sie enthielten Spenſer's Feenkönigin, die Werke des Racine in franzöſiſcher Sprache und den Taſſo italieniſch. Auf dem Vorſetzblatt eines jeden Bandes war in jener feinen Hand, deren er ſich ſo gut erinnerte, der Name„Leonvra“ zu leſen. Er küßte die Bücher mit einem Gefühl, in dem ſich Zärt⸗ lichkteit mit Ehrfurcht miſchte, und ſtellte ſie wieder an ihren Ort. Er mochte etwa eine Viertelſtunde allein im Zimmer geweſen ſeyn, als das Dienſtmädchen an die Thüre klopfte und ihn zum Thee abrief. Der arme John hatte ſich wieder geſammelt. Seine Gattin ſaß neben ihm und hielt ſeine Hand in der ihrigen. Der alte Mann war ſogar heiter. Er ſeellte viele Fragen über ſeine Tochter Jane, wartete aber nie eine Antwort ab. Dann ſprach er von dem Squire, den er mit Andley Eger⸗ ton verwechſelte, ging auf die Wahlen und die blaue Partei über und drückte die Hoffnung aus, Leonard werde ſtets ein 544 guter Blauer ſeyn. Enblich fiel er über ſeinen Thee und ſeine Röſtſchnitten her, die ihm wirkſam den Mund ſtopften. Mrs. Avenel redete nur wenig, ſchielte aber von Zeit zu Zeit nach Leonard hin, und nach einer ſolchen ſchrägen Muſterung begannen die Muskeln des ernſten Geſichtes wie⸗ der zu zucken. Ein wenig nach neun Uhr zündete ſie eine Kerze an, gab ſie Leonard in die Hand und ſagte: „Du mußt müde ſeyn. Du weißt jetzt, wo Dein Zim⸗ mer iſt. Gute Nacht.“ Leonard nahm das Licht und küßte, wie er bei ſeiner Mutter zu thun pflegte, Mrs. Avenel auf die Wange; dann ergriff er Johns Hand und küßte ſie gleichfalls. Der alte Mann war halb im Schlaf und murmelte träumeriſch: „Das iſt Nora.“ Leonard mochte ſich etwa eine halbe Stunde auf ſeinem Zimmer befinden, als Richard Avenel ſich in das Haus ſchlich und ſeine Eltern aufſuchte. „Nun, Mutter?“ ſagte er. „Du haſt ihn geſehen, Richard?“ „Ja; und er gefällt mir. Wißt Ihr auch, daß er viel von der armen Nora hat— weit mehr als von Jane?“ „Ja; er iſt ſchöner, als Jane je war, hat aber am mei⸗ ſten Aehnlichkeit mit Deinem Vater. John war ein hübſcher Mann. Du willſt Dich alſo des Knaben annehmen?“ „Das will ich. Sagt ihm nur morgen, er habe mit einem Gentleman zu gehen, der ſein Freund ſeyn wolle— weiter braucht's nicht. Nach dem Frühſtück ſoll die Kutſche vor d außer geben Auge Mäde war; große Nach beme ſeiner eh' e ganz litz ſe Ausd Arme Aven drück wied aufu der f Aus ee nd opften. on Zeit chrägen es wie⸗ an, gab n Zim⸗ i ſeiner ; dann er alte neriſch: ſeinem ſchlich er viel e am mei⸗ hübſcher 2 * abe mit volle— Kutſche W vor der Thüre ſtehen. Laßt ihn einſteigen; ich erwarte ihn außerhalb der Stadt. Welches Zimmer habt Ihr ihm ge⸗ geben?“ „Die Stube, die Du nicht nehmen wollteſt.“ „Ah, Nora's Schlafgemach! O, nein; ich hätte kein Auge darin ſchließen können. Welch' einen Zauber das Mädchen hatte— und wie wir alle ſie liebten! Aber ſie war zu ſchön und zu gut für uns— zu gut für die Erde.“ „Niemand von uns iſt zu gut,“ ſagte Mrs. Avenel mit großem Ernſt,„und ich bitte Dich, nicht ſo zu reden. Gute Nacht!— ich muß Deinen armen Vater zu Bett bringen.“ Als am anderen Morgen Leonard die Augen aufſchlug, bemerkte er zuerſt das Geſicht der Mrs. Avenel, die ſich zu ſeinem Kiſſen niedergebeugt hatte. Aber es ſtund lange an, eh' er dieſes Geſicht erkannte, da der Ausdruck deſſelben ſo ganz anders, ſo zärtlich und mütterlich war. Ja, das Ant⸗ litz ſeiner eigenen Mutter ſchien ihm nie zuvor dieſen weichen Ausdruck mütterlicher Innigkeit gehabt zu haben. „Ah!“ murmelte er, halb ſich aufrichtend und ſeine Arme um ihren Nacken ſchlingend. Von der Ueberraſchung hingeriſſen, erwiederte Mrs. Avenel jetzt zum erſtenmal mit Wärme die Umarmung; ſie drückte ihren Enkel an die Bruſt und küßte ihn wieder und wieder. Endlich riß ſie ſich plötzlich los, ging im Zimmer auf und ab und preßte feſt ihre Hände zuſammen. Als ſie wie⸗ der ſtehen blieb, hatte ihr Geſicht wieder den gewöhnlichen Ausdruck von Strenge und kalter Förmlichkeit angenommen. Pulwer, meine Novelle. 35 546 „Es iſt Zeit zum Aufſtehen, Leonard,“ ſagte ſie.„Du wirſt uns heute verlaſſen. Ein Gentleman hat uns die Zu⸗ ſage gegeben, er wolle für Dich ſorgen und mehr für Dich thun, als in unſerer Macht liegt. Die Kutſche wird bald vor der Thüre ſeyn— drum tummle Dich.“— John war nicht beim Frühſtück. Mrs. Avenel ent⸗ ſchuldigte ihn damit, daß er erſt ſpät aufzuſtehen pflege und ſo bald nicht geſtört werden dürfe. Das Frühmahl war kaum vorüber, als eine zweiſpän⸗ nige Kutſche vor dem Hauſe anfuhr. „Du darſſt nicht lange auf Dich warten laſſen— der Gentteman iſt ſehr pünktlich.“ „Aber er iſt ja noch nicht da.“ „Nein; er ging voraus und wird vor der Stadt draußen einſteigen.“ Wie heißt er und was veranlaßt ihn, ſich um mich zu kümmern, Großmutter?“ „Dies wird er Dir ſelbſt ſagen. Komm jetzt.“ „Aber Ihr ſegnet mich doch noch einmal, Großmutter. Ihr ſeyd mir ſchon ſo lieb geworden.“ „Ich ſegne Dich,“ ſagte Mrs. Avenel mit feſter Stimme.„Sey ehrlich und rechtſchaffen und hüte Dich vor dem erſten falſchen Schritte.“ Sie drückte ihm mit krampfhafter Heftigkeit die Hand und führte ihn nach der Hausthüre. Der Poſtillon ließ die Peitſche knallen und die Kutſche rollte von hinnen. Levnard ſteckte den Kopf zum Schlag hi w di an e.„Du die Zu⸗ ür Dich id bald nel ent⸗ lege und weiſpän⸗ n— der draußen mich zu 7 ßmutter. it feſter Dich vor die Hand Kutſche Schlag 547 hinaus, um der alten Frau noch einen Ahſchiedsblick zuzu⸗ werfen; aber der knorrige morſche Stamm und die Aeſte der Zwergeiche verbargen ihre Geſtalt. Er guckte ſich faſt die Augen aus bis zur Wendung der Straße, ohne etwas anderes zu ſehen als den trübſeligen Baum. Fünftes PBuch. — Einleitungs⸗Kapitel. „Ich hoffe, Piſiſtratus,“ ſagte mein Vater,„Du haſt doch nicht die Abſicht, langweilig zu erſcheinen?“ „Gott verhüte dies, Vater! Wie kommt Ihr zu dieſer Frage? Ob ich eine ſolche Abſicht habe! Wenn ich lang⸗ weilig bin, ſo geſchieht's in heller Unſchuld.“ „Du haſt da eine gar lange Abhandlung über das Wiſſen,“ bemerkte mein Vater—„eine ſehr lange. Ich würde ſie herausnehmen.“ Ich faßte meinen Vater in's Auge, wie es etwa ein byzantiniſcher Weiſer einem Vandalen gegenüber gethan haben würde. „Herausnehmen?“ „Sie hält die Handlung auf, Sir,“ entgegnete mein Vater, auf ſeiner Anſicht beharrend. * 35* 8 548 „Die Handlung? Eine Novelle iſt ja kein Schau⸗ ſpiel.“ „Nein, ſie iſt viel länger— zwanzigmal länger, möchte ich ſagen,“ erwiederte Mr. Carton mit einem Seufzer. „Wohl, Sir— wohl! Aber ich denke meine Vernehm⸗ laſſung über das Wiſſen ſteht in enger Beziehung zu dem Gegenſtand und bildet einen höchſt weſentlichen Beſtand⸗ theil deſſelben. Weit entfernt, daß ſie die Handlung auf⸗ hielte, dient ſie ihr vielmehr zur Erklärung und Beleuch⸗ tung. Ich bin in der That erſtaunt, Vater, wie Ihr, ein Gelehrter und ein Förderer des Wiſſens—“ „Halt— halt!“— rief mein Vater abbittend—„ich ziehe ein— ich gebe mich gefangen. Was kann ich Beſſeres erwarten, wenn ich mich zum Kritiker aufwerfe! Hat es je einen Schriftſteller gegeben, der nicht in Feuer und Flammen gerathen wäre, wenn ſich Jemand, wäre es auch der eigene Vater, ihm zu ſagen unterfängt— laß dies weg“ Pacem imploro“— Mrs. Caxton.—„Mein lieber Auſtin, ich bin überzeugt, Piſiſtratus wollte Dich nicht beleidigen, und ohne Zweifel wird er Deinen—“ Piſiſtratus(haſtig).—„Rath künftig beachten— ſicherlich. Ich will die Handlung einen raſcheren Gang neh⸗ men laſſen und—“ „Mach nur fort mit der Novelle,“ flüſterte Roland, von dem verzweifelten Hausbuch aufblickend.„Wir haben an unſerer Gerſte zweihundert Pfund verloren.“ Und ich tauchte meine Feder in das Tintenfaß, während * me ſch hau⸗ öchte ehm⸗ dem tand⸗ auf⸗ euch⸗ ein „ich ſſeres es je mmen igene acem h bin und ten— g neh⸗ d, von hen an ährend 549 meine Gedanken in das„ſchöne Reich der Schatten“ ent⸗ ſchwebten. ——————— Zweites Kapitel. „Halt!“ rief eine Stimme, und Leonard war nicht wenig überraſcht, als der Fremde, welcher ihn am Abend zuvor angeredet hatte, in die Kutſche ſtieg. „Na, ich bin wohl nicht der Mann, den Ihr erwartet habt, he?“ begann Richard.„Laßt Euch Zeit, Euch zu erholen.“ Und mit dieſen Worten zog Richard ein Buch aus der Taſche, lehnte ſich im Wagen zurück und begann zu leſen. Leonard warf unterſchiedliche verſtohlene Blicke auf das verſchmitzte, kühne und ſchöne Geſicht ſeines Gefährten und erkannte darin allmälig eine Familienähnlichkeit mit der des armen John, in deſſen Zügen ungeachtet des Alters und der Gebrechlichkeit noch unverkennbare Reſte einer nicht ge⸗ wöhnlichen körperlichen Schönheit ſich bemerklich machten. Und mit jener raſchen Gedankenanknüpfung, die eine Eigen⸗ thümlichkeit des mathematiſchen Talents ſind, kam der junge Forſcher ſchnell zu dem Schluß, daß er ſeinen Onkel Richard vor ſich habe. Er beobachtete jedoch die Rückſicht, dieſem Gentleman die Wahl anheimzuſtellen, wann er es für paſſend finden werde, ſich zu erkennen zu geben, und hing ſchwei⸗ gend den Gedanken nach, welche der Neuheit ſeiner Lage entquollen. Mr. Richard las mit merkwürdiger Geſchwin⸗ 550 digkeit, wobei er bisweilen die Blätter des Buchs mit dem Federmeſſer aufſchnitt, gelegentlich aber auch nur durch einen Riß mit dem Zeigefinger trennte, wenn er es nicht etwa vorzog, mehrere Seiten ganz zu überhüpfen. So ging es im Galopp bis zum Ende der Schrift; dann warf er ſie bei Seite, zündete ſeine Cigarre an und begann zu ſprechen. Er ſtellte an Leonard viele Fragen über ſeine Er⸗ ziehung und namentlich über die Art, wie er zu ſeiner Aus⸗ bildung gekommen war. Unſer junger Freund wurde da⸗ durch in der Vorausſetzung bekräftigt, daß er mit einem Verwandten zu thun habe, und antwortete ihm ohne Rückhalt. Richard Avenel fand es nicht befremdlich, daß Leonard ohne eigentlichen Unterricht ſo viele Kenntniſſe erworben hatte, da er ja gleichfalls die Ausbildung, die er errungen, nur ſich ſelbſt verdankte. Er hatte zu lange unter unſeren überſtürzenden Brüdern, die auf der anderen Seite des atlantiſchen Ocean mit den Siebenmeilenſtiefeln des Rieſen⸗ tödters durch die Welt ſchreiten, gelebt, um nicht von ihrem rühmlichen Leſeſieber angeſteckt zu werden, obſchon die Lek⸗ türe, welche ihn intereſſirte, eine ganz andere war, als die, in welcher ſich Leonard umgethan hatte Was er las, mußte neu ſeyn, denn mit alten Büchern verband er ſtets die Vor⸗ ſtellung von einem Rückſchreiten in der Welt, während er andererſeits die Anſicht feſt hielt, daß neue Bücher auch noth⸗ wendig neue Ideen enthalten— ein Irrthum, der freilich häufig genug vorkömmt. Mit einem Worte, unſer vom Glücke gekrönter Abenteurer war der Mann ſeiner Zeit. chen, buch rechn um f die z1 ware von j Werk welch geeig weil unſer Woh Riche verſe ſich a ſellſc gen inder „Ihr iſt, dem iſt ſe 554 dem Nachdem er genug geplaudert hatte, warf er das Werk⸗ nen chen, das er durchblättert, Leonard zu, zog ſein Taſchen⸗ twa buch ſammt Bleiſtift heraus, und unterhielt ſich mit Be⸗ es rechnungen über einzelne Punkte in ſeinem Geſchäftsverkehr⸗ ſie um ſich zuletzt in eine Kette von Gedanken zu vertiefen⸗ hen. die zum Theil gewinnſüchtiger, zum Theil ehrgeiziger Natur Er⸗ waren. lus⸗ Leonard fand das Buch anſprechend. Es war eines da⸗ von jenen zahlloſen halb ſtatiſtiſchen, halb declamatoriſchen nem Werkchen über den Zuſtand der arbeitenden Klaſſen, durch hne welche ſich unſer Jahrhundert auszeichnet, und die wohl geeignet wären, Reich und Arm an einander zu ketten⸗ nard weil ſie den Beweis liefern, welche ernſte Aufmerkſamkeit rben unſere moderne Geſellſchaft Allem ſchenkt, was auf die gen,. Wohlfahrt der letzteren Bezug hat. eren„Langweiliges Zeug— Theorie— Gedreſche,“ ſagte des Richard.„Es kann kein Intereſſe für Euch haben.“ eſen⸗„Alle Bücher haben Intereſſe für mich, meine ich,“ hrem verſetzte Leonard,„und dieſes insbeſondere, denn es bezieht Lek⸗ ſich auf die arbeitenden Klaſſen— eine Ordnung in der Ge⸗ die, ſellſchaft, der auch ich angehöre.“ ußte„Dies war vielleicht geſtern der Fall, kann aber mor⸗ Vor⸗ gen ſchon anders ſeyn,“ entgegnete Richard gut gelaunt, d er indem er ſeinen Reiſegefährten auf die Schulter klopfte. noth⸗„Ihr werdet einſehen, mein Junge, daß es die Mittelklaſſe eilich iſt, welche im Land das Steuer führen ſollte. Was in vom dem Buch über die Unwiſſenheit der Dorfmagiſtrate ſteht, iſt ſehr gut, aber der Mann bringt conſiderabel viel Gewäſch⸗ 552 wenn's ihm darum zu thun iſt, die Stunden zu reguliren, während welcher ein freigeborener Knabe in einer Fabrik arbeiten ſoll— nur zehn Stunden des Tags. Pah, ſo gingen ja zwei für die Welt verloren! Arbeit iſt Reichthum, und wenn wir Leute kriegen könnten, die vierundzwanzig Stunden im Tag arbeiteten, ſo wären wir gerade noch ein⸗ mal ſo reich. Wenn der Lauf der Civiliſation fortſchreiten ſoll,“ fügte Richard in gehobenem Tone bei,„ſo darf weder Mann noch Knabe die ganze Nacht im Bett liegen und nichts thun, Sir.“ Dann fuhr er ſelbſtgefällig fort:„Wir müſſen noch zu den vierundzwanzig Stunden kommen, oder wir können nicht auf die Dauer die Europäer ausſtechen, wie es jetzt der Fall iſt.“ Vor dem Wirthshauſe, in welchem Richard zuerſt die Bekanntſchaft des Mr. Dale gemacht hatte, fanden unſere Reiſenden, daß die Kutſche, die ſie zu der Fortſetzung ihrer Fahrt zu benutzen wünſchten, voll war. Richard entſchloß ſich deshalb, die Poſtchaiſe beizubehalten, aber nicht ohne einiges Brummen über den größeren Aufwand, für den er ſich dadurch zu entſchuldigen ſuchte, daß er unabläſſig den Poſtknechten einſchärfte, ſie ſollten ihre Roſſe tüchtig aus⸗ greifen laſſen. „Ein langſames Land dies, trotz all' ſeiner Groß⸗ thuerei,“ ſagte er—„ſehr langſam. Zeit iſt Geld. In den Staaten weiß man dies wohl, denn dort iſt alles Ge⸗ ſchäftsmann. Wie ſollt's auch anders als langſam ſeyn in einem Lande, wo es ſolche Haufen gibt von faulen, müßig⸗ gängeriſchen Herren, von Herzogen und Baronen, welche der gnü bild ruh war ſchn zup und des nito dare und mit lich linkt dent Sät von Pei das kleir auft tliren, Fabrik h, ſo thum, anzig ch ein⸗ reiten weder en und „Wir „oder n, wie erſt die unſere g ihrer tſchloß t one den er ſig den igaus⸗ Groß⸗ d. In es Ge⸗ ſeyn in müßig⸗ welche 553 der Anſicht zu ſeyn ſcheinen, die Zeit ſey nur um des Ver⸗ gnügens willen da.“ Gegen Abend näherte ſich die Poſtkutſche dem Weich⸗ bild einer ſehr großen Stadt, und Richard begann jetzt un⸗ ruhig zu werden. Mit ſeiner cavaliermäßigen Nonchalance war es zu Ende. Er zog die Beine, die er behaglich ſchwelgend zum Schlag hinaus hatte hängen laſſen, herein, zupfte ſeine Weſte abwärts, ſchnallte ſeine Halsbinde feſter, und es war klar, daß er ſich Mühe gab, eine achtbare ſtan⸗ desmäßige Würde anzunehmen. Man konnte ihn mit einem Monarchen vergleichen, der nach einer glücklichen Incog⸗ nitoreiſe wieder in ſeine Reſidenz zurückkehrt. Leonard zog daraus den Schluß, daß ſie ſich dem Ziel ihrer Reiſe näherten. Beſcheidene Fußgänger ſchauten jetzt nach dem Wagen und griffen an ihre Hüte. Richard erwiederte die Begrüßung mit einem Kopfnicken, das ſich eher herablaſſend als freund⸗ lich ausnahm. Die Kutſche machte raſch eine Biegung nach links und hielt vor einem hübſchen, ganz neuen und blen⸗ dend weiß getünchten Pförtnerhäuschen, das zwei doriſche Säulen in Stuck zur Verzierung hatte und zu beiden Seiten von Flügel⸗Thoren begränzt war. „Hollah!“ rief der Poſtknecht und klatſchte mit ſeiner Peitſche. Zwei Kinder ſpielten vor dem Häuschen, und über das Gehäg ſowohl als an den Pfählen, die das zierliche kleine Gebäude umgaben, war einige Leinwand zum Trocknen aufgehangen. „Zum Henker mit den Bälgen! Da ſpielen ſie wahr⸗ 554 haftig,“ brummte Dick.„So wahr ich lebe, das Weibs⸗ ſtück hat wieder gewaſchen! Halt, Burſche!“ Während dieſes Selbſtgeſprächs kam eine gutausſehende Frauensperſon zur Thüre herausgeeilt, klapste die Kinder, welche bei dem Anblick der Kutſche dem Hauſe zurannten, öffnete eines der Flügelthore und machte dabei einen ſo tiefen Knir, daß ſie in den Boden einſinken zu wollen ſchien, zit⸗ ternd vor Schrecken ob dem grimmigen Geſicht, das der Herr jetzt zum Kutſchenfenſter hinaus ſteckte. „Hab' ich Euch nicht ſchon oft geſagt,“ begann Dick, „ich könne es nicht leiden, daß dieſe Eure horribel disreputir⸗ lich ausſehende Brut juſt vor meinem Portale ſpiele?“ „Haltet zu Gnaden, Sir—“ „Keine Widerrede. Und habe ich Euch nicht geſagt, wenn Ihr das nächſte Mal meine Hecken wieder zum Wäſche⸗ trocknen benützt, ſo werfe ich Euch das Unterſte zu oberſt zum Hauſe hinaus?“ „Oh, haltet zu Gnaden, Sir—“ „Ihr verlaßt nächſten Sonnabend das Pförtnerhäus⸗ chen. Fahr' zu, Schwager! Die Undankbarkeit und Un⸗ verſchämtheit dieſes gemeinen Volks iſt eine Schmach für die Menſchennatur,“ brummte Richard im Tone des bitterſten Menſchenhaſſes. Die Kutſche rollte auf den glatteſten und friſcheſten Kieswegen dahin durch Felder des ſchönſten Landes, das im blühendſten Zuſtande der Kultur ſich befand. Leonards Blicke flogen darüber hin; aber auch dieſe kurze Muſterung ließ ſein in wirthſchaftlichen Dingen geübtes Auge die — WMerkz waril endetſt verma ſehr k dieſem ſelbe d niſſe a zu Ta zwang maleri Ertra, Getrei durch die in Ausſch den K und ä lichen wenn Aber nichts ten Ze daß ſi entſpr kalten unben diebiſe eibs⸗ ende nder, nten, iefen zit⸗ der Dick, utir⸗ ſagt, iſche⸗ oberſt häus⸗ Un⸗ h für erſten heſten as im nards erung ge die 555 Merkzeichen der Meiſterſchaft im Feldbau erkennen. Bisher war ihm die Muſterfarm des Squire nahezu als das Voll⸗ endetſte erſchienen, was eine gute Feldwirthſchaft zu bieten vermag, da man Schakeimos geſchmackvolle aber nur in ſehr kleinem Maßſtab ausgeführte Gartenanlagen nicht mit dieſem Namen bezeichnen konnte; aber gleichwohl war die⸗ ſelbe durch viele altmodiſche Vorſtellungen und Zugeſtänd⸗ niſſe an die Launen des Auges verkümmert, die man heut zu Tage an keiner Muſterfarm mehr findet— durch hohe zwangloſe Hecken zum Beiſpiel, die, wenn ſie auch zu den maleriſchſten Schönheiten Altenglands gehören, doch dem Ertrag ſtark Abbruch thun, durch große Bäume, die das Getreide überſchatten und ven Vögeln zur Herberge dienen, durch unbenützte Raſenſtreifen und durch Waldausläufer, die in die Felder hereinragen und mit dem Nachtheil einer Ausſchließung des Sonnenlichts den weiteren verbinden, daß den Kaninchen eine gelegene Herberge geboten wird. Dieſe und ähnliche Mängel in der Bewirthung der grundherr⸗ lichen Farm waren Leonards Verſtand nicht entgangen, ſelbſt wenn ihn Schakeimo nicht darauf aufmerkſam gemacht hätte. Aber von alle Dem war auf Richard Avenels Beſitzthum nichts wahrzunehmen. Die Felder lagen da in ausgedehn⸗ ten Zelgen, und die Hecken waren ſo beſchnitten und geſtutzt, daß ſie blos ihrer natürlichen Beſtimmung einer Grenzmarke entſprachen. Kein Waizenhalm verkümmerte unter dem kalten Schatten eines Baumes; keine Fußbreite Landes war unbenützt; nirgends ſah man Unkraut und Diſteln, die ihren diebiſchen Samen in die Luft ſtreuten, und einige junge 7 556 Pflanzungen waren nicht an Stellen, wo ſie ein kunſtge⸗ rechter Parkgärtner hingeſetzt hätte, ſondern da angelegt⸗ wo der Farmer einen Schirm gegen den Wind haben wollte. Lag hierin nicht auch eine Schönheit? Ja, und zwar eine Schönheit eigener Art, die der Eingeweihte im Augenblick zu würdigen wußte— eine Schönheit in Nutzbarkeit und Ertrag, die eine ungeheure Rente abzuwerfen verſprach. Leonard ſtieß einen Ruf der Bewunderung aus, der Richard Avenel in's innerſte Herz drang. „Das nenne ich Wirthſchaften!“ ſagte der junge Dörfler. Na, ich ſchätze wohl,“ verſetzte Richard, deſſen üble Laune mit einem Mal verſchwunden war,„Ihr hättet das Land ſehen ſollen, wie ich es kaufte. Aber wir neuen Leute, wie ſie uns nennen— verdammt ſey ihre Unverſchämtheit — ſind das neue Blut von England.“ Richard Avenel hatte nie ein wahreres Wort geſpro⸗ chen. Möge dieſes neue Blut lange kreiſen durch die Adern der gewaltigen Rieſin, möge aber auch das große Herz das⸗ ſelbe bleiben, wie es eine ſtolze Reihe von Jahrhunderten geſchlagen hat! Die Kutſche fuhr jetzt durch ein hübſches Geſträuch, und allmälig wurde man des Hauſes anſichtig— eines Ge⸗ bäudes mit einem Portikus, deſſen Neben⸗ und Wirthſchafts⸗ bauten ſorgfältig dem Auge entrückt waren. Der Poſtillon ſtieg ab und zog die Klingel. „Ich glaube faſt, man will mich warten laſſen,“ ſagte . . Mr. zehnte Die 2 kam; cheln ſchenſ fragte ſo vot als n aller e währe tracht Richa die V und z Halle und f alle ſah d gewöl tapezi ſtge⸗ elegt, ollte. eine nblick und rach. ichard junge üble et das Leute, ntheit eſpro⸗ Adern z das⸗ derten träuch, es Ge⸗ chafts⸗ „ſagte 557 WMr. Richard, nahezu mit den Worten Ludwigs des Vier⸗ zehnten. Aber dieſe Beſorgniß wurde nicht zur Wirklichkeit. Die Thüre ging auf und ein wohlgenährter Livreebedienter kam zum Vorſchein. Auf ſeinem Geſicht lag nicht das Lä⸗ cheln eines herzlichen Willkomms; aber er öffnete den Kut⸗ ſchenſchlag mit ſtummer, feierlicher Ehrerbietung. „Wo iſt Georg? Warum kömmt er nicht heraus?“ fragte Richard, der langſam aus dem Wagen ſtieg und ſich ſo vorſichtig auf den dargebotenen Arm des Dieners ſtützte, als wäre er mit der Gicht behaftet. Zum Glück wurde jetzt auch Georg ſichtbar, der ſich mit aller Eile in ſeine Livree geworfen hatte. „Seht nach meinen Sachen, ihr beide,“ ſagte Richard, während er den Poſtillon auszahlte. Leonard blieb auf dem freien Kiesplatze ſtehen und be⸗ trachtete das im Geviert gebaute weiße Haus. „Schöne Front— claſſiſch, ſchätz' ich— he?“ ſagte Richard, der ihm an die Seite trat.„Aber Ihr müßt erſt die Wirthſchaftsgebäude ſehen.“ Mit zutraulicher Freundlichkeit nahm er Leonards Arm und zog ihn mit ſich in das Haus. Dort zeigte er ihm die Halle mit einem geſchnitzten Mahagonyſtänder für die Hüte und führte ihn dann nach dem Beſuchzimmer, um ihn auf alle Schönheiten deſſelben aufmerkſam zu machen. Freilich ſah dieſes ſehr kalt aus, obſchon es Sommer war, wie es gewöhnlich der Fall iſt bei allen neu möblirten und neu⸗ tapezirten Zimmern in neu gebauten Häuſern. Die Möbel 558 warten ſchön und dem Rang eines reichen Geſchäftsmannes angemeſſen— keine Großthuerei, und deshalb auch keine Gemeinheit, ein Lob, das ſich nicht immer auf die Häuſer ſo mancher ehrenwerthen Mrs. Soundſo in Mayfair anwenden läßt, wenn ſie ihre zwölf Fuß im Geviert haltenden Gemächer ſo mit Rockoko anfüllt, als gälte es einen Salon in den xuillerien zu möbliren. Dann zeigte ihm Richard ſeine Bibliothek, wo die ſchöngebundenen Werke faſhionabler Schriftſteller hinter Spiegelglas in Mahagonykäſten ſtanden. Die neuen Leute ſind weit beſſere Freunde noch lebender Autoren, als die alten Familien auf ihren Landſitzen, welche meiſt nur bei einem Leſeclub abonniren. Richard führte nun unſeren jungen Freund in das obere Stockwerk und durch die Schlafgemächer, die insgeſammt ſehr reinlich und behaglich waren und jede moderne Bequemlichkeit dar⸗ poten, bis er endlich in einem ſehr hübſchen Zimmer für einen einzelnen Gaſt Halt machte. „Dies iſt Eure Höhle,“ ſagte er.„Und nun— könnt Ihr errathen, wer ich bin?“ „Niemand anders als mein Onkel Richard kann ſo freundlich ſeyn,“ verſetzte Leonard. Aber Richard fühlte ſich nicht geſchmeichelt durch dieſes Kompliment. Die getäuſchte Erwartung machte ihn ärger⸗ lich, denn er hatte gehofft, wenigſtens für einen Lord ange⸗ ſehen zu werden, trotz dem, daß er ſich früher ſo gering⸗ ſchätzig über dieſe Stellung im Leben ausgeſprochen. „Puh!“ ſagt er endlich, ſich in die Lippen beißend— „ſo ſehe Anj der Eut wüt wir Hä wer ſtie Bli plat den der den um zuk die jedo den char bis annes keine iſer ſo enn nächer n den ſeine nabler anden. bender dſitzen⸗ tichard ckwerk einlich it dar⸗ reinen könnt ann ſo dieſes ärger⸗ dange⸗ gering⸗ en. — — —,— 559 „ſo glaubt Ihr alſo nicht, daß ich wie ein Gentleman aus⸗ ſehe? Na, ſprecht Euch ehrlich aus.“ Lenonard bemerkte mit Verwunderung, daß er hier Anſtoß erregt hatte, und entgegnete mit dem feinen Takt, der inſtinktartig aus einem guten Herzen quillt— „Ich beurtheilte Euch nach Eurem Herzen und nach Eurer Aehnlichkeit mit meinem Großvater, Sir— ſonſt würde ich mich nie zu der Vermuthung erdreiſtet haben, daß wir Verwandte ſeyn könnten.“ „Hum!“ erwiederte Richard.„Ihr könnt jetzt Eure Hände waſchen und dann zum Diner hinunterkommen. Ihr werdet in zehn Minuten den Gonggong anſchlagen hören. Dort iſt der Glockenzug. Läutet, wenn Ihr etwas braucht.“ Mit dieſen Worten wandte er ſich der Thüre zu und ſtieg die Treppe hinunter. Im Vorbeigehen warf er einen Blick in das Speiſezimmer und weidete ſein Ange an dem platirten Präſentirteller auf dem Seitentiſch, wie auch an den ſilbernen Löffeln und Gabeln, die nach Muſtern auf der königlichen Tafel angefertigt waren. Dann trat er vor den Spiegel über dem Kaminſims und ſtieg auf einen Seſſel, um den Effekt ſeines ganzen Körpers im Abbild beurtheilen, zu können. Er verſuchte eben, eine Haltung anzunehmen,“ die ihm imponirend däuchte, als der Schenk eintrat, der jedoch, als ein gebildeter Londoner, ſo viel Klugheit beſaß, den Rückzug zu verſuchen, eh' er bemerkt würde. Aber Ri⸗ chard hatte ihn bereits im See und erröthete bis über die Schläfen. „Jarvis,“ ſagte er in mildem Tone—„Jarvis, 560 erinnert mich varan, daß mir der Schneider dieſe Beinkleiber verändern muß.“ Drittes Kapitel. Da eben von Beinkleidern die Rede iſt, ſo muß ich be⸗ merken, daß Mr. Richard nicht vergaß, ſeinen Neffen mit einer Garderobe zu verſehen, die nicht in Doktor Rieccabocca's Torniſter Platz gefunden haben würde. Die Stadt beſaß einen ſehr guten Schneider, und die Kleider waren ausge⸗ zeichnet gearbeitet. Ueberhaupt hätte jetzt Leonard, wäre nicht ſeine unſchuldige Miene und die Wange geweſen, wel⸗ cher ſogar Studien und Nachtwachen nicht ganz die ſonn⸗ verbrannte Röthe des Bauernjünglings zu benehmen ver⸗ mochten, faſt an White's Bogenfenſter vorbeigehen können, ohne eine geringſchätzige Bemerkung auf ſich zu ziehen. Richard brach in ein unmäßiges Gelächter aus, als er zum Erſtenmal die Uhr ſah, die der arme Italiener Leonard ge⸗ ſchenkt hatte; um jedoch ſein Lachen wieder gut zu machen, begabte er ihn mit einer recht hübſchen Stellvertreterin und hieß ihn„ſeine Rübe in den Kaſten ſperren.“ Unſeren jungen Freund kränkte der Scherz über die von ſeinem früheren Beſchützer erhaltene Abſchiedsgabe weit mehr, als ihn das Geſchenk ſeines Onkels freute; aber Richard Avenel hatte keine Vorſtellung von den Rückſichten, die das Gefühl for⸗ derte, und es ſtund überhaupt eine geraume Zeit an, eh' ſich Leonard mit dem Benehmen deſſelben verſöhnen konnte. Rick gew beur wir, faſt Ma Sot Ave und und char bert ſont zart alle die geh ſo d Se nich und geb ſelb dac Gr er eiber h be⸗ mit eca's beſaß usge⸗ wäre wel⸗ ſonn⸗ ver⸗ nnen, ehen. zum d ge⸗ achen, n und ungen cheren ndas hatte hl for⸗ h ſich onnte. 564 Richt daß er bei ſeiner ländlichen Erziehung in der Lage geweſen wäre, die rein conventionellen Mängel darin zu beurtheilen; aber es gibt eine ſchlechte Bildung, gegen die wir, wie auch unſer Rang und unſere Erziehung ſeyn mag, faſt gleich empfindlich ſind— ich meine die, welche aus dem Mangel an Rückſicht für Andere hervorgeht. So war der Squire in ſeiner Art eben ſo ungezwungen, wie Richard Avenel; aber die Derbheit des erſteren verletzte nur ſelten, und wenn es geſchah, ſo bemerkte es Mr. Hazeldean ſchnell und beeilte ſich, den Fehler wieder gut zu machen. Mr. Ri⸗ chard jedoch, mochte er nun mürriſch oder freundlich ſeyn, berührte bei ſeiner Umgebung oft genug in wehthuender Weiſe irgend eine zarte Saite— nicht aus böſem Willen⸗ ſondern einfach deshalb, weil in ſeinem eigenen Weſen keine zarte Saiten vorkamen. In vielen Beziehungen war er allerdings ein vortrefflicher Mann und ein ſehr werthvoller Bürger; aber ſeinem Verdienſte fehlte das feine Colorit und die leichte Wellenlinie, die zur Schönheit des Charakters gehören. Er war ehrenhaft, dabei aber durchaus praktiſch⸗ ſo daß er ſein eigenes Intereſſe nie aus dem Auge verlor. Seine Gerechtigkeit war geſchäftsmäßiger Natur und wußte nichts von Zugeſtändniſſen; der weite Saum von Nachſicht und Mitleid hatte für ihn keinen Sinn. Wenn er ſich frei⸗ gebig erwies, ſo geſchah dies mehr deshalb, weil er es ſich ſelbſt ſchuldig zu ſeyn glaubte, als weil er an das Glück dachte, das er Anderen damit bereitete, denn auch ſeine Großmuth erſchien ihm in dem Lichte eines Kapitals, das er auf Intereſſen ausborgte, Er verlangte dafür ſehr viel Bulwer, meine Novelle. 36 562 Dankbarkeit, und wenn er Jemand eine Wohlthat erwies, ſo glaubte er damit einen Sklaven gekauft zu haben. Jeder bedrängte Stimmberechtigte wußte wohl, wohin er gehen mußte, wenn er eine Unterſtützung oder ein Anlehen brauchte; aber wehe ihm, wenn er ſich unterſtand zu zögern, im Falle Mr. Avenel ihm erklärte, wie er abzuſtimmen habe. Richard hatte ſich nach ſeiner Rückkehr aus Amerika, wo er ſowohl durch ſeinen Geiſt, als durch ſeine Thätigkeit, namentlich aber durch ſein Glück in kühnen Spekulationen, reich geworden war, in dieſer Stadt niedergelaſſen, um ſein Kapital nutzbringend umzutreiben. Er betheiligte ſich bei einem großen Brauereigeſchäft, kaufte aber bald ſeine Aſſocie's aus und wurde dann Hauptaktionär bei einer mit ſtarkem Abſatz verſehenen Kunſtmühle. So vermehrten ſich ſchnell ſeine Mittel und er ſah ſich bald in die Lage verſetzt, ein Grundſtück von zwei bis dreihundert Aker zu erwerben, auf dem er ein Haus baute. Jetzt beſchloß er, ſich gütlich zu thun und eine Figur zu machen. Er war nachgerade die Hauptperſon in der Stadt geworden, und man konnte ihm wahrlich keine übertriebene Prahlerei vor⸗ werfen, wenn er ſich gegen Audley Egerton rühmte, daß es in ſeiner Macht ſtehe, einen, wo nicht beide der Stadtab⸗ geordneten durchzuſetzen. Auch war die Bedingung, die er für Verwendung ſeines Einfluſſes ſtellte, nach ſeinen Anſich⸗ ten keineswegs ſo grundſatzlos, als es dem Staatsmann vor⸗ kam. Er hatte gegen die beiden ſtädtiſchen Repräſentanten einen Widerwillen gefaßt, welcher bei einem verſtändigen Manne von gemäßigter politiſcher Geſinnung, der etwas zu Sle Sc die An fäh libe ſeir zu mit när er ſeh gel ſich daf den wö tau daf ſtu ihr ſie keit wil wü leit ies, eder ehen chte; Falle „wo keit, nen, um ſich ſeine mit hrten Lage rzu ß er, war und vor⸗ aß es dtab⸗ ie er nſich⸗ vor⸗ mten digen twas 563 zu verlieren hatte, vollkomen natürlich war; denn Mr. Slappe, der Volksmann, welcher bis über die Ohren in, Schulden ſtack, war einer von jenen wüthenden Demokraten, die vor der Reformbill nur ſelten auftauchten und deren Anſichten ſogar der Maſſe einer liberalen Wählerſchaft ge⸗ fährlich erſcheinen müſſen, während Mr. Sleekie von der liberalen Herrenpartei, der jedes Jahr von dem Ertrag ſeiner Papiere fünftauſend Pfund bei Seite legen konnte, zu jenem Schlag von Männern gehörte, die Mr. Richard mit Recht als„Trockenwäſcher“ bezeichnete. Er pflegte nämlich dadurch um die Gunſt der Ultras zu buhlen, daß er bei Maßregeln, deren Undurchführbarkeit ſich voraus ſehen ließ, mit Ja ſtimmte, während er ſtets von einem gelegenkommenden Catarrhſieber befallen wurde, wenn es ſich auch nur im Geringſten um die Möglichkeit handelte, daß durch einen Beſchluß der Geldmarkt beeinträchtigt wer⸗ den könnte. Dergleichen Politiker ſind heut zu Tage ge⸗ wöhnlich genug. Verlangt man von ihnen, ſie ſollen dem tauſendjährigen Reich entgegen rücken, ſo ſind ſie Männer dafür, aber will man von ihnen, daß ſie nur eine Viertel⸗ ſtunde weit gehen, ſo wandelt ſie eine Angſt an wegen ihres Geldſacks, und die Furcht vor Straßenräubern erfüllt ſie mit Zittern.— Nie fühlen ſie ſich behaglicher, als wenn keine Ausſicht auf einen Sieg vorhanden iſt, und wenn un⸗ willkürlich durch ihre Stimmen das Miniſterium geſchlagen würde, ſo müßte man ſie in einer Sänfte nach Hauſe tragen. Richard Avenel, der dieſe beiden Gentlemen nicht leiden konnte und auch gegen die Whigs nicht die freund⸗ 36* lichſte Geſinnung hegte, da ihre Hauptführer aus Lords be⸗ ſtanden, neigte ſich der damaligen Regierung zu und hatte namentlich ein großes Vertrauen zu Audley Egerton, dem lichtvollen Vertreter der Handelsintereſſen. Wenn er aber für Audley und deſſen Collegen aus innerer Ueberzeugung ſeinen Einfluß aufbot, ſo hielt er es auch für ganz in der Ordnung, daß er ein quid pro quo erhalte, und es gehörte nun einmal zu ſeinen Grillen, ſich zu einem„Sir Richard“ aufzuſchwingen. Dieſer ehrenwerthe Staatsbürger ſchimpfte nämlich aus demſelben Grunde auf die Ariſtokratie, aus welchem die ſchone Olivia über den Squire Thornhill ſo geringſchätzig abſprach“— er hätte um's Leben gern ſeyn mögen, was er in den Staub trat. Die Geſellſchaft von Screwstown beſtand, wie alle Provinzialhauptſtädte, aus zwei Klaſſen, der Handelswelt und den Ereluſiven. Die letzteren wohnten meiſt abgeſchloſſen um die Ruinen einer alten Abtei her, auf deren Alterthümlichkeit ſie ſich in ihren Stammbäumen viel zu gut thaten, obſchon auch ihre Fi⸗ nanzen ziemlich ruinirt ausſahen. Wittwen von Dorfthanen aus der Nachbarſchaft, alte gnädige Fräulein, penſionirte DOffiziere, jüngere Söhne von reichen Squiren, die jetzt als alte Hageſtolzen vegetirten— kurz, ein ſehr achtbarer, ſtol⸗ zer, ariſtokratiſcher Schlag, der größere Stücke auf ſich ſelbſt hielt, als alle Gower⸗ Howarde, Courtenay und Seymoure zuſammen genommen. Mr. Richard Avenel hatte früher dem Ehrgeiz Raum gegeben, in dieſe ſublime Coterie Zutritt zu erhalten, und man wird ſich wohl wundern⸗ „ Goldſmiths Landprediger von Wakefield. wer erſe als nie Ve den Erſ Me u in ein par hal Dr die vel gle ſche Rie Une ſche diet hei ſche Luf er! jen † 565 atte wenn ich ſage, daß es ihm auch gelang, theilweiſe dieſes dei erſehnte Ziel zu erreichen. Er fühlte ſich nie glücklicher, bit als wenn er zu ihren Spielpartien eingeladen wurde, und in nie unglücklicher, als wenn er wirklich daran theilnahm. pii Verſchiedene Umſtände wirkten zuſammen, um Mr. Avenel örte den Zugang zu dieſen hohen Kreiſen aufzuſchließen. Für's ard“ Erſte war er unverheirathet und noch immer ein ſehr ſchöner pfte Mann, während es in dieſer Geſellſchaft eine große An⸗ zus zahl von noch unverſorgten Damen gab. Zweitens war er Ul ſo in Screwstown der einzige reiche Bürgerliche, welcher auf jeyn einen guten Koch hielt und im Rufe ſtand, daß er Diner⸗ vbn partien gebe; die Halbſoldkapitäne und Obriſten bißen des⸗ halb herzhaft in den ſauren Apfel um des Wildprets willen. Die Drittens und vornämlich verabſcheuten alle dieſe Exeluſiven eet die beiden Parlamentsmitglieder, und„idem nolle, idem ihren velle de republicä, ea firma amicta est,“ das heißt eine e Fi⸗ gleiche politiſche Geſinnung verbindet Porcellain und Hafen⸗ hanen ſcherben inniger, als der beſte Demantkitt. Der mannhafte wiiie Richard Avenel, der ſich ſo viel auf ſeine amerikaniſche t als Unabhängigkeit zu gut that, hatte einen wahrhaft bramini⸗ „ſtol⸗ ſchen Reſpekt vor dieſen Damen und Gentlemen. Kam ſelbſt dies daher, daß in England alle Begriffe, ſelbſt die der Frei⸗ moure heit, hiſtoriſch, traditionell und ſoeial mit jenem ätheri⸗ früher ſchen Element gemiſcht ſind, welches gleich der Preſſe die irtie Luft iſt⸗ die wir athmen; oder bildete ſich Richard ein, daß ſern, er wirklich magnetiſch durchdrungen werde von den Tugenden jener Silberpennies und goldenen Siebenſchillingſtücke, die ſo ganz anders ausſehen, als die gewöhnlich kurſirende 566 Münze?— dies iſt ſchwer zu ſagen. So viel übrigens hat ſeine Richtigkeit, Richard Avenel war darum bekannt, daß ihm nichts über vornehme Geſellſchaft ging. Er hatte große Luſt, ſich aus derſelben eine Gattin zu wählen, ob⸗ ſchon ihm noch kein Gegenſtand zu Geſicht gekommen war, deſſen hohe Geburt und feine Bildung dem ehrgeizigen Flug ſeiner Wünſche entſprochen hätte. Mittlerweile war ihm flar geworden, daß ſich die Sache leicht genug machen dürfte, wenn er in der Lage wäre, der Dame ſeiner ſchließlichen Wahl den Titel„WMy Lady⸗ anzubieten, und er fühlte, es würde eine ſtolze Stunde in ſeinem Leben ſeyn, wenn einmal der Ruf„Sir Richard“ ihm den Vortritt geſtattete vor dem ſteifen Obriſten Pompley. Wie tränkend übrigens auch der ſchlechte Erfolg ſeiner plumpen Diplomatie bei Mr. Egerton für ihn ſeyn mochte— man kann ſich vorſtellen, daß er die⸗ ſem Gentleman die derbe Abweiſung zu gedenken Willens war— ſo ſchwor er doch nicht aus perſönlichem Groll ſeine politiſche Ueberzeugung ab, ſondern nahm ſich vor, noch immer die undankbare Regierung, die es nicht um ihn verdient hatte, zu unterſtützen. Da außerdem Audley Egerton den Vorſtellungen des Majors und der Abgeord⸗ neten volle Rechnung getragen und ſeinen Geſetzesentwurf im Sinne der Antragſteller ausgefertigt hatte, ſo war Avenel ſammt der Regierung um ein Namhaftes in der guten Meinung der Bürger von Screwtown geſtiegen. um übrigens Richard Avenels Bedeutſamkeit im Gegen⸗ ſatz zu allen ſeinen Schwächen nach Gebühr zu würdigen, hätte man ſehen ſollen, welchen Einfluß er auf die Stadt —— geü rüh wie raſc bra ſein der wal mel ang Dr dies Be ma ſtra laſſ ſché jen zur Leo zue gro 567 gens geübt hatte. Wohl durfte er ſich des„neuen Blutes“ nnt, rühmen, denn er hatte für die Stadt ebenſoviel gethan, hatte wie für ſeine Felder. Sein thatkräftiger Geiſt und ſeine ob⸗ raſche Auffaſſung Alles deſſen, was der Stadt Vortheil war, brachte, hatte in Verbindung mit ſeinem Reichthum und Flug ſeinem kühnen, trotzigen, gebieteriſchen Charakter das Werk ihm der Civiliſation ſozuſagen mit der Schnelligkeit und der Ge⸗ ürfte, walt einer Dampfmaſchine gefoͤrdert. lichen Wenn die Stadt ſo gut gepflaſtert und beleuchtet war te, es— wenn an der Stelle eines halben Dutzends ſchmutziger inmal Gäßchen eine ſtattliche Straße ſich zeigte— wenn ſich nicht r dem mehr die Hälfte der Einwohnerſchaft auf Eiſternenwaſſer ch der angewieſen ſah, und wenn die Armenſteuer nur noch ein gerton Drittel des früheren Betrags ausmachte, ſo mußte man er die⸗ dies dem raſchen neuen Blut danken, das Richard Avenel dem illens Gemeinde⸗ und Stiftungsrath eingegoſſen hatte. Und ſein Groll Beiſpiel ſelbſt war ſo anſteckend.„Als ich hieher kam, ſah h vor, man in der ganzen Stadt keine Scheibe Spiegelglas,“ um ihn ſagte Richard Avenel,„und jetzt ſehe man einmal die Haupt⸗ Audley ſtraße an!“ Er betrachtete ſich ſelbſt als die Veran⸗ bgeord⸗ laſſung dazu, und zwar mit Recht, denn obſchon ſein Ge⸗ ntwurf ſchäft keiner Spiegelglasfenſter bedurfte, hatte er doch Avenel jenen Unternehmungsgeiſt geweckt, der einer ganzen Stadt guten zur Zierde gereicht. Es ſtund mehr als vierzehn Tage an, eh' Mr. Avenel Gegen⸗ Leonard ſeinen Freunden vorſtellte. Der Jüngling ſollte ürdigen, zuerſt ſeinen Roſt ein wenig abſchleifen. Dann gab er ein e Stadt großes Diner, bei welchem er ſeinen Neffen förmlich vor⸗ — 568 ſtellte, obſchon Letzterer zu ſeinem großen Zorn und Aerger bei dieſer Gelegenheit nie die Lippen öffnete. Wie hätte auch der arme Junge dies angreifen ſollen, da Miß Clarina Mowbrey ohne Unterlaß nur von der vornehmen Welt ſprach, bis der ſtolze Obriſt Pompley einen prunkhaften Vortrag über die Geſchichte der Belagerung von Seringa⸗ patam begann! Viertes Kapitel. Während Leonard ſich allmälig an die ihn umgebende Pracht gewöhnt und oft mit Seufzen der mütterlichen Hütte und des funkelnden Springquells in dem blumigen Garten *pes Italieners gedenkt, will ich Dich, lieber Leſer, in raſchem Flug nach der Hauptſtadt entführen und mitten unter den lebhaften Gruppen niederlaſſen, die über den ſtaubigen Grund von Hydepark wandeln oder ſich über deſſen Wegegeländer lehnen. Die Saiſon iſt noch in ihrer Höhe, aber der kurze Tag des Londoner faſhionablen Lebens, der zwei Stunden nach Nittag erſt beginnt, nähert ſich ſeinem Ende. Das Gewühl in Rotten⸗Row beginnt ſich zu lichten. Unfern der Achillesſtatue und abgeſondert von allen übrigen Spazier⸗ gängern blickte gleichgültig ein Gentleman, deſſen eine Hand in der Weſte ſtack, während ſich die andere auf ein Meer⸗ rohr ſtützte, auf die Reiter und Equipagen des prächtigen Kreiſes. Er ſtand noch in der Blüthe des Lebens, in jenem Alter, in dem der Mann am geſelligſten iſt: die Bekannt⸗ —— — ſcha eine woh ſchaf Alte ſaße gegl äuß wele zu b dieg im ihm in i Klu einl uns näh Pof gege Erk Bea ſam Lebe ten 569 rger. ſchaften der Jugend ſind zur Freundſchaft herangereift, und ätte eine Perſon von einigem Rang und Vermögen iſt zu einem rina wohlbekannten Zug in dem beweglichen Geſicht der Geſell⸗ Welt ſchaft geworden. Aber obgleich dieſer Gentleman, als ſeine aften Altersgenoſſen noch als junge Bürſchlein in den Collegien nga⸗ ſaßen, als der vorderſte unter den Tonangebern der Modewelt geglänzt hatte, und trotzdem, daß er durch Natur und äußere Verhältniſſe noͤch immer die Eigenſchaften beſaß, welche im Stande ſind, eine ſolche Stellung bis auf's Letzte zu behaupten oder ihre falſche Herrlichkeit gegen einen ge⸗ diegeneren Ruf zu vertauſchen, ſtand er doch als Fremdling ende im Gedränge ſeiner Landsleute. Schönheiten wirbeln an ütte ihm vorbei zu ihrer Toilette, Staatsmänner kehren zurück arten in ihren Senat, Dandies machen ſich auf den Weg in ihre chem Klubbe; aber Niemand nickt oder winkt ihm zu, und kein den einladendes Lächeln ſagt dem einſamen Zuſchauer:„Folge rund uns— Du biſt einer von den Unſrigen.“ Hin und wieder inder nähert ſich ein in mittlerem Alter ſtehender Beau dem kurze Poſten des müßigen Mannes und ſchaut, wenn er vorüber nden gegangen, nach ihm um; aber der zweite Blick ſcheint die Das Erkennung des erſten für Täuſchung zu erklären, und der n der Beau ſetzt ſchweigend ſeinen Weg fort. zier⸗„Bei den Gräbern meiner Väter!“ ſagte der Ein⸗ Hand ſame zu ſich ſelber,„ich weiß jetzt, wie es einem Todten zu Neer⸗ Muth ſeyn mag, wenn er wieder zurückkehrte und unter den tigen Lebenden Umſchau hielte.“ enem Die Zeit rückte vor und die Schatten des Abends lager⸗ annt⸗ ten ſich über der Gegend. Unſer Fremdling in London befand 570 ſich nahezu noch allein im Park. Er ſchien freier zu athmen, als er bemerkte, daß der Platz ſo gelichtet war. „'s iſt jetzt Sauerſtoff in der Atmoſphäre,“ ſagte er halblaut,„und ich kann mich ergehen, ohne das Stickgas der Menge athmen zu müſſen. O dieſe Chemiker— was ſind ſie nicht für Thoren! Sie ſagen, große Maſſen verderben die Luft, können aber nicht den Grund errathen. Pah, nicht der Hauch der Lungen iſt's, was das Element vergiftet, ſondern der QOualm aus den ſchlechten Herzen. Wenn ein ſolcher Perrückenkopf mich anathmet, ziehe ich einen ganzen Mund voll Sorge ein. Allons, mein Freund Nero— jetzt einen Spaziergang.“ Er berührte mit ſeinem Stock einen großen Neufound⸗ länder Hund, der zu ſeinen Füßen ausgeſtreckt lag, und Thier und Menſch wandelten nun langſam im zunehmenden Zwie⸗ licht über den braunen, dürren Raſen. Endlich machte unſer Spaziergänger Halt und warf ſich auf eine Bank unter einem Baum. „Halb neun vorüber,“ ſagte er, auf ſeine Uhr ſchauend. „Man kann jetzt doch eine Cigarre rauchen, ohne der Welt Aergerniß zu geben.“ Er nahm ſeine Cigarrendoſe heraus, ſchlug Feuer und hatte ſich im nächſten Augenblick der Länge nach auf die Bank ausgeſtreckt, wie es ſchien, ganz in Betrachtung der Rauchwölkchen vertieft, die, kaum entſtanden, ſchon wieder in der Luft verſchwanden. „Dieſe gerühmte Freiheit des Menſchen iſt die teuſir⸗ nigſte Lüge in der Welt, mein Nero,“ ſagte er, ſeinen Hund ,—— anred und e Pöbe halb Ciga die T einen Geſet um h Verb aber Nero deine iſt ni abzul erſetzt garn lange Nero ſuchte Zähn hatte ein 2 faden Rock von1 nen, e er der ſind rben icht ftet, ein nzen jetzt und⸗ hier wie⸗ achte Bank tend. Welt und die der ieder kſtir⸗ Hund ——— 571 anredend.„Da bin ich nun, ein freigeborener Engländer und ein Weltbürger, der ſich keinen Deut um Kaiſer oder Pöbel kümmert; und doch getraue ich mich ſo wenig, um halb ſieben Uhr, wenn Alles hier außen iſt, im Park dieſe Cigarre anzuſtecken, als ich mich unterfänge, dem Lordkanzler die Taſche zu bemauſen oder dem Erzbiſchof von Canterbury einen Naſenſtüber zu geben. Gleichwohl iſt mir durch kein Geſetz in England meine Cigarre verboten, Nero. Was um halb neun Uhr recht iſt, kann auch um halb ſieben kein Verbrechen ſeyn. Brittannia ſagt: Menſch, Du biſt frei, aber ſie lügt damit wie ein gemeines Weibsbild. O, Nero, Nero, beneidenswerther Hund! Dein Dienſt folgt nur deiner Neigung, und was auch die Welt denken mag, ſie iſt nicht im Stande, dir damit ein einziges Schweifwedeln abzulocken. Dein wackeres Herz und Dein treuer Inſtinkt erſetzt dir Vernunft und Geſetz, und zu deinem Glücke würde gar nichts fehlen, als daß Du in ſolchen Augenblicken der langen Weile eine Cigarre rauchen könnteſt. Verſuch es, Nero— verſuch' es!“ Und aus ſeiner liegenden Haltung ſich aufrichtend, ver⸗ ſuchte er, das Ende der Cigarre dem Hund zwiſchen die Zähne zu bringen. Während er in dieſer ernſten Weiſe beſchäftigt war, hatten ſich zwei Geſtalten dem Platze genähert: die eine ein Mann von ſchwächlichem, krankem Ausſehen, deſſen fadenſcheiniger, über der eingeſunkenen Bruſt viel zu weiter Rock bis an's Kinn zugeknöpft war, die andere ein Mädchen von ungefähr vierzehn Jahren, auf deſſen Arm ſich der Lei⸗ 572 dende ſchwerfällig ſtützte. Ihre Wange war blaß, und in ihrem Geſicht machte ſich ein geduldiger, wehmüthiger Zug von ſo beſtimmtem Charakter bemerklich, daß man noth⸗ wendig dem Gedanken Raum geben mußte, die Kleine habe wenig von den Freuden der Kindheit erfahren. „Papa, ich bitte, ruht hier aus,“ ſprach das Mädchen in ſanftem Tone, und deutete dabei auf die Bank hin, ohne auf den frühern Inhaber derſelben zu achten, der auf die eine Ecke des Sitzes beſchränkt, faſt ganz im Schatten des Baumes verborgen war. Mit einem matten Seufzer ſetzte ſich der Mann nieder; da er aber jetzt den Fremden bemerkte, lüpfte er ſeinen Hut und ſagte in jenem Ton der Stimme, welcher die Bekannt⸗ ſchaft mit den Bräuchen einer feinen Geſellſchaft verrieth— „Verzeiht mir, wenn ich beläſtige, Sir.“ Der Fremde blickte von ſeinem Hund auf, und als er bemerkte, daß das Mädchen ſtand, erhob er ſich von der Bank, um ihr Platz zu machen. Noch immer hatte die Kleine kein Auge für ihn. Sie ſchmiegte ſich an ihren Vater an und wiſchte ihm zärtlich mit einem kleinen Tuch, das ſie zu dieſem Zweck von ihrem Hals genommen hatte, die Stirne ab. Nero, der froh war, nicht mehr mit der Cigarre be⸗ helligt zu werden, machte der Aufregung, in welche ihn das Anſinnen ſeines Herrn verſetzt hatte, durch einige lin⸗ kiſche Sprünge Luft, kehrte aber dann wieder zurück, näherte ſich mit einem ſcheuen Blick voll Verwunderung der Bank und ſeine ihn: det, jetzt Furc im Q die ſt Liebe ſein wußt verän er ſie war fragt verlo erthe komm ggen Der! † 573 und beſchnüffelte die Eindringlinge, welche die Einſamkeit 3* ſeines Gebieters ſtörten. 35„Da her, Burſch,“ ſagte der Fremde.„Ihr braucht habe ihn nicht zu fürchten,“ fügte er, gegen das Mädchen gewen⸗ det, bei. äbchen Die Kleine aber, ohne ſich nach ihm umzukehren, rief e jetzt mit einer Stimme, in welcher ſich eher Schreck als af Furcht kund gab: en des„Er iſt unmächtig geworden! Vater— Vater!“ Der Fremde ſtieß mit dem Fuß ſeinen Hund, der ihm rieder; im Wege ſtand, bei Seite, und ſchnallte dem armen Mann n Hut die ſteife militäriſche Halsbinde auf. Während er in dieſem kannt⸗ Liebesdienſt beſchäftigt war, brach der Mond hervor, und eth— ſein Licht fiel voll auf das blaſſe, kummervolle Antlitz des be⸗ * wußtloſen Kranken. „Dieſes Geſicht ſollte ich kennen, obſchon es ſich traurig verändert hat,“ ſagte der Fremde vor ſich hin. Dann beugte er ſich zu dem Mädchen nieder, das auf die Kniee geſunken war und ſeinem Vater die Hände rieb.„Mein Kind,“ Sie fragte er,„wie iſt der Name Eures Vaters?“ zärtlich„Digby,“ antwortete die Kleine, die faſt alle Faſſung ihrem verloren zu haben ſchien; und während ſie dieſe Auskunft ertheilte, begann der Kranke wieder zur Beſinnung zu rre be⸗ kommen. che ihn Einige Minuten ſpäter hatte er ſich ſo weit erholt, um ge lin⸗ 3₰ gegen den Fremden ſtammelnd ſeinen Dank auszudrücken. näherte Der Letztere nahm ihn jedoch bei der Hand und ſagte mit Bank beruhigender Stimme, obſchon ſich darin die innere Bewe⸗ gung des Sprechers nicht verkennen ließ: ſt's möglich, daß ich wieder einmal einen alten Waffenbruder ſehe? Algernon Digby, Ihr ſteht bei mir noch in gutem Gedächtniß; aber es ſcheint, daß England Euch vergeſſen hat.“ Eine hektiſche Gluth flog über das Geſicht des Sol⸗ daten, und er wandte ſich ab von dem Fremden, als er ant⸗ wortete: „Ich heiße allerdings Digby, Sir, kann mir aber nicht denken, daß ich Euch je begegnet wäre. Komm, He⸗ lene, ich fühle mich jetzt wieder hinreichend gekräftigt. Wir wollen nach Haus gehen. „Spielt ein wenig mit dem großen Hund, mein Kind,“ ſagte der Fremde—„ich möchte mit Eurem Vater ſprechen.“ Die Kleine nickte unterwürfig mit dem Köpfchen und trat zurück, obſchon ſie die Aufforderung, ſich mit dem Hunde zu unterhalten, unbeachtet ließ. „Ich ſehe, ich muß mich Euch in aller Form vorſtellen,“ bemerkte der Fremde.„Ihr dientet mit mir im nämlichen Regiment, und mein Name iſt LEstrange. „Mein Lord,“ verſetzte der Soldat, ſich erhebend— „vergebt mir, daß ich—“ „Ich denke nicht, daß es üblich war, am Offizierstiſch mich„Mein Lord“ zu nennen. Sprecht— was iſt Euch zugeſtoßen?— Auf Halbſold?“ Mr. Digby ſchüttelte traurig den Kopf. ———,——————— borg rade unve Kna daß merk gewe Börſ Lebet Freu krank auf u Stin — ve Rand einzig dann Graf ich gl in der Bewe⸗ talten ei mir ngland 8 Sol⸗ er ant⸗ ir aber n, He⸗ Wir „ mein n Vater hen und n Hunde ſtellen,“ ämlichen — zierstiſch iſt Euch —,—————————— 575 „Digby, alter Freund, könnt Ihr mir hundert Pfund borgen?“ ſagte Lord LEstrange, ſeinen vormaligen Kame⸗ raden auf die Schulter klopfend und mit einer Stimme, ſo unverſchämt und unbekümmert, daß ſie ſich wie die eines Knaben ausnahm.„Nicht? Nun, ſo trifft ſich's glücklich daß ich Euch dieſe Summe borgen kann—“ Mr. Digby brach in Thränen aus. Lord LEstrange ſchien die Bewegung nicht zu be⸗ merken. „Wir ſind ſeiner Zeit traurig verſchwenderiſche Burſche geweſen,“ ſagte er,„und ich kann mir denken, daß ich Eure Börſe reichlich in Anſpruch nahm.“ „Die meinige? Oh, Lord LEstrange!“ „Ihr habt alſo ſeitdem geheirathet und ein geordnetes Leben angefangen, wie ich mir denke. Sprecht, alter Freund; erzählt mir Alles.“ Mr. Digby, dem es inzwiſchen gelungen war, ſeine krankhafte Erregtheit einigermaßen zu beruhigen, ſtand jetzt auf und begann in kurzen Sätzen, aber mit klarer, feſter Stimme— „Mein Lord, es iſt nutzlos, von mir ſelbſt zu ſprechen — vergebliche Mühe, mir helfen zu wollen. Ich ſtehe am Rande des Grabes. Aber mein armes Kind da— mein einziges Kind“— er hielt einen Augenblick inne und fuhr dann raſch fort:—„Ich habe Verwandte in einer entlec genen Grafſchaft. Wenn ich nur zu ihnen kommen könnte— ich glaube, ſie würden wenigſtens für ſie ſorgen. Dies iſt in den letzten meine Hoffnung, mein Traum und mein Gebet geweſen. Ich kann die Reiſe nicht erſchwingen ohne Eure Beihülfe. Ich ſchämte mich nicht, für mich ſelbſt zu betteln; ſollte ich mich ſchämen, wenn ich's für ſie thue?“ „Digby,“ ſagte LEstrange mit einer ernſten Ver⸗ änderung in ſeinem Weſen,„redet mir nicht von Sterben oder Betteln. Ihr waret dem Tode näher, als bei Wa⸗ terloo die Kugeln um Euch ſausten. Wenn ein Soldat dem andern begegnet und zu ihm ſagt: Freund, Deine Börſe, ſo iſt dies kein Betteln, ſondern Kameradſchaft. Schämen! Bei der Seele des Beliſar, wenn ich Geld brauchte, würde ich mit meiner Waterlov⸗Medaille auf der Bruſt an einen Kreuzweg hinſtehen und zu jedem geſchnie⸗ gelten Spießbürger, den ich vor dem Degen des Franz⸗ manns bewahrt habe, ſagen: Schmach über Dich, wenn ich Hunger ſterbe. Stützt Euch auf mich— ich ſehe, Ihr verlangt nach Hauſe. Welchen Weg?“ Der arme Soldat deutete nach der Orfordſtraße und nahm mit Widerſtreben den ihm dargebotenen Arm an. „Und wenn Ihr von Euren Verwandten zurückkommt, ſo werdet Ihr mich doch beſuchen? Wi Verſprecht mir's.“ „Ihr habt meine Zuſage.“ „Auf Ehre?“ „Auf Ehre, wenn ich lebe.“ „Ich wohne zur Zeit bei meinem Vater, unfern von Knightsbridge; doch könnt Ihr ſtets meine Adreſſe erfahren in Grosvenor⸗Square Nummer—, bei Mr. Egerton. Ihr habt alſo eine lange Reiſe vor Euch?“ i e— Ihr zaudert? lang eifer übrig fuhr eigen der 2 leicht hatte nicht mit d wohl nachd abgeſ Eing men! die G vermt haft Schat ſchme Bu ingen ſelbſt e Ver⸗ terben Wa⸗ Soldat Deine ſchaft. Geld uf der ſchnie⸗ Franz⸗ wenn e, Ihr ße und n. kommt, audert? ern von erfahren n. Ihr 577 „Eine ſehr lange.“ „Ihr müßt Euch dabei nicht zu ſehr anſtrengen. Reist langſam. Ho, Du thörichtes Kind— ich ſehe, Du biſt eiferſüchtig auf mich. Dein Vater hat ja noch einen Arm übrig für Dich.“ So ſprechend, obſchon er nur kurze Antworten erhielt, fuhr Lord LEstrange fort, jene launenhaften Charakter⸗ eigenthümlichkeiten an den Tag zu legen, welche ihm in der Welt den Ruf der Herzloſigkeit zugezogen hatten. Viel⸗ leicht iſt der Leſer der Anſicht, daß die Welt hierin Unrecht hatte; aber wenn ſie je dem Charakter eines Mannes, der nicht für die Welt lebt, nicht für die Welt ſpricht und nicht mit der Welt fühlt, Gerechtigkeit widerfahren läßt, ſo mag wohl ſchon manches Jahrhundert darüber hingegangen ſeyn, nachdem die Seele des Harley L'Estrange ihre Rechnung abgeſchloſſen hat mit dieſem Planeten. Fünftes Kapitel. Lord LEstrange trennte ſich von ſeinem Gefährten am Eingang der Orfordſtraße. Der Vater und das Kind nah⸗ men hier ein Cabriolet. Mr. Digby wies den Kutſcher an, die Edgewareſtraße hinunter zu fahren. Er war nicht zu vermögen, ſeinem alten Waffengefährten ſeine Adreſſe nam⸗ haft zu machen, obſchon ihn dieſe Weigerung, die dem Schamgefühl militäriſchen Stolzes entquoll, augenſcheinlich ſchmerzlich genug ankam, und LEstrange konnte über dieſen Bulwer, meine Novelle. 37 578 Punkt nicht weiter in ihn dringen. Harley erinnerte den Soldaten an den zugeſagten Beſuch, drückte ihm ein Taſchen⸗ buch in die Hand und entfernte ſich haſtig in der Richtung von Grosvenor Square. Er erreichte Audley Egerton's Thüre, als dieſer Gent⸗ leman eben aus ſeinem Wagen ſtieg, und die beiden Freunde betraten mit einander das Haus. „Macht die Nation heute Nacht ein Schläfchen?“ fragte LEstrange.„Die arme alte Frau! Sie hört ſo viel von ihren Angelegenheiten, daß ſie wohl Urſache hat, ſich ihrer Konſtitution zu rühmen. Sie muß wahrhaftig von Eiſen ſeyn.“ „Das Haus iſt noch beiſammen,“ antwortete Audley ernſt und ohne auf den Witz ſeines Freundes ſonderlich zu achten.„Da aber kein Regierungsantrag auf der Tages⸗ ordnung iſt und die Abſtimmung erſt ſpät ſtattfinden wird, ſo bin ich nach Hauſe gegangen. Hätte ich Dich nicht hier gefunden, ſo würde ich Dich im Park aufgeſucht haben.“ „Ja— man weiß immer, wo man mich um dieſe Stunde treffen kann. Neun Uhr Abends— Cigarre— Hyde⸗Park. Es gibt Niemand in England, der ſo regel⸗ mäßig wäre in ſeinen Gewohnheiten.“ Die Freunde hatten das Beſuchzimmer erreicht, in welchem ſich das Parlamentsmitglied nur ſelten aufhielt, denn ſeine Privatgemächer befanden ſich insgeſammt im Erd⸗ geſchoß. „Es iſt doch eine ſehr ſonderbare Grille von Dir, Har⸗ ley,“ hegann Mr. Egerton. ————————— ſcho An der kon ſo drei es du Ar 579 es gibt doch kein menſchliches Weſen, das weniger Einbil⸗ „Har⸗ dungskraft beſitzt, als ein hochgeſtelltes Parlamentsmitglied. En Antworte mir, Du ſteifer ſehr Ehrenwerther— haſt Du 37* den„Wask⸗ B hen⸗.„Daß Du Dich anſtellſt, als könneſt Du die Erdge⸗ ung ſchoße nicht leiden.“ „Anſtellen? O ſophiſtiſcher Menſch, von Erde, irdiſch! ent⸗ Anſtellen!— Gibt es etwas, was ſich weniger vertrüge mit der Natur der Seele, als ein unterer Stock? Wir ſind voll⸗ kommen weit genug vom Himmel ab, ſelbſt wenn wir noch n2“ ſo viele Treppen hinaufſteigen, und brauchen nicht noch oben⸗ t ſo drein uns in den Staub zu ducken.“ ſich„Nach dieſer ſymboliſchen Anſicht von der Sache ſollteſt ½ bö Du nie anders wohnen, als in einem Dachſtübchen,“ be⸗ — merkte Audley. udley„Dies würde ich auch, wenn ich nicht einen ſolchen ch zu Widerwillen gegen neue Pantoffeln hätte. In Betreff der ages⸗ Haarbürſten wollte ich mir weniger daraus machen.“ rd, ſo„Aber was haben Pantoffeln und Haarbürſten mit hier einem Dachſtübchen zu ſchaffen?“ „Verſuch' es einmal Dein Bett in einem Dachſtüb⸗ dieſe chen aufzuſchlagen, und Du wirſt finden, daß Du am Morgen weder Pantoffeln noch Haarbürſten mehr haſt.“ Be„Und was ſollte ich damit angefangen haben?“ t, in„Sie nach den Katzen geworfen.“ fhielt,„Was Du für wunderliche Einfälle haſt, Harley.“ n Erd⸗ 3„Wunderlich? Beim Apollo und ſeinen neun Jungfern, 580 Dich ſchon in die Höhen eineb erhabenen Contemplation verſtiegen? Haſt Du ſchon die Sterne betrachtet mit dem entzückten Auge des Liedes? Haſt Du geträumt von einer Liebe, wie ſie nur den Engeln bekannt iſt, oder in dem Un⸗ endlichen das Geheimniß des Lebens zu erfaſſen geſucht?“ „Nein, gewiß nicht, mein armer Harley.“ „Dann nimmt es mich nicht Wunder, armer Audley, wenn Du Dir nicht vorſtellen kannſt, warum Derjenige, der ſein Lager in ein Dachſtübchen verſetzt, in ſeinem Auf⸗ ſchwung durch eine ſchnöde Katzenmuſik geſtört, ſeine Pan⸗ toffeln nach den Muſikanten wirft. Nimm' Deinen Stuhl auf den Balkon hinaus. Nero hat mir heute Abend meine Cigarre verderbt. Ich will jetzt rauchen. Du rauchſt nie, glaube ich; ſo kannſt Du ja auf das Gebüſch im Square hinunterſchauen.“ Audley zuckte leicht die Achſeln, folgte aber dem Rath und Beiſpiel ſeines Freundes und ſchaffte ſeinen Stuhl auf den Balkon hinaus. Nero kam auch mit, zog ſich aber beim Anblick und Geruch der Cigarre zurück und ſuchte eine Zu⸗ flucht unter dem Tiſche. „Audley Egerton, ich möchte mir eine Vergünſtigung erbitten von der Regierung.“ „Es freut mich ſehr, dies zu hören.“ „In meinem Regiment war ein Cornet, der beſſer da⸗ ran gethan haben würde, wenn er dem Kriegsdienſt fern geblieben wäre. Wir waren, wenigſtens die meiſten von uns, Zierbengel und Laffen.“ „Gleichwohl habt Ihr alle wacker gefochten.“ „—— we bi un mi zw un Tr eir ſch me To gel filz wi an Ab ein dal En kan wä unt tag on m n⸗ da⸗ fern von 581 „Dies iſt bei ſolchem Volk gern der Fall. Eitelkeit und Bravvur gehen in der Regel Hand in Hand. Cäſar kratzte ſich nur mit gebührender Vorſicht in ſeinen ſpärlich vorhan⸗ denen Locken und dachte ſelbſt im Sterben an die Falten ſeiner Toga; Walter Raleigh konnte keine zwanzig Schritte weit gehen wegen der Edelſteine an ſeinen Schuhen; Alci⸗ biades lungerte auf der Agora mit Tauben in ſeinem Buſen und einem Apfel in der Hand; Murat ſtaffirte ſich heraus mit Goldſtickerei und Pelzwerk; Demetrius, der Städtebe⸗ zwinger, donnerte ſich auf wie ein franzöſiſcher Marquis— und dabei waren alle recht wackere Burſche, wenn's in's Treffen ging. Ein ſchlampichter Held, wie Cromwell, iſt ein Paradoron in der Natur und ein Wunder in der Ge⸗ ſchichte. Um übrigens wieder auf meinen Cornet zu kom⸗ men— wir waren reich und er arm. Wenn der thönerne Topf mit eiſernen Keſſeln ſtromabwärts getrieben wird, ſo geht er ſicherlich in Scherben. Man ſchrie den Digby für filzig aus; aber ich ſah, daß er über Kräfte that. Freilich wird, wie ich fürchte, Jeder lieber für filzig als für arm angeſehen ſeyn.— Ich verließ die Armee und ſah ihn heute Abend zum Erſtenmale wieder. Nie habe ich auf der Bühne einen ſchäbigen armen Gentleman ſo furchtbar ſchäbig und dabei ſo pathetiſch geſehen. Doch ſieh', dieſer Mann hat für England gefochten. Es war kein Kinderſpiel bei Waterloo, kann ich Euch ſagen, Mr. Egerton, und ohne ſolche Leute wäret Ihr jetzt im beſten Fall irgend wo ein souspréfet, und ſtatt des Parlaments hättet Ihr einen Provinzialland⸗ tag. Ihr müßt etwas für Digby thun. Was ſoll's ſeyn?“ 582 „Ah, in der That, mein lieber Harley— dieſer Mann war doch kein beſonderer Freund von Dir, oder?“ „Wenn es der Fall wäre, ſo brauchte er keine Unter⸗ ſtützung von der Regierung. Er würde ſich dann nicht ſchä⸗ men, Geld von mir anzunehmen.“ „Das iſt Alles ſehr ſchon, Harley; aber wir haben ſo viele arme Offiziere und ſo wenig zum Geben. Was Du von mir verlangſt, hat Schwierigkeiten, die nicht zu über⸗ winden ſind. Ich weiß in der That nicht, was da zu thun wäre. Er hat doch ſeine Penſion?“ „Ich glaube nicht, oder wenn er eine hat, wird Alles an ſeine Gläubiger kommen. Doch das geht uns nichts an. Der Mann iſt am Verhungern mit ſeinem Kind.“ „Aber wenn es ſeine eigene Schuld— die Folge eines unklugen Benehmens iſt?“ „Ah, wohl, wohl. Wo zum Teufel iſt Nero?“ „Es thut mir leid, daß ich Dir in dieſem Falle nicht dienen kann. Wenn es etwas Anderes wäre—“ „Ich habe allerdings noch etwas. Mein Kammer⸗ diener— ich mag ihn nicht gerade fortſchicken; er iſt ein vortrefflicher Kerl, nur betrinkt er ſich zuweilen. Kannſt Du ihm einen Platz im Stempelbureau verſchaffen?“ „Mit Vergnügen.“ „Doch nein; wenn ich's beſſer überlege, der Menſch fennt meine Art und Weiſe, und ich will ihn deshalb lieber behalten. Aber mein Weinhändler— ein höflicher Mann, der mir nie mit ungeſtümem Mahnen zuſetzte— iſt bankrutt geworden. Ich habe große Verbindlichkeiten gegen ihn und er nic tra der wo iſt, rie 583 63 er iſt der Vater einer ſehr hübſchen Tochter. Meinſt Du * nicht, Du könnteſt ihm ein Pöſtchen in den Kolonien über⸗ ſr⸗ tragen, ihn zu einem königlichen Kurier machen oder etwas ſi⸗ der Art?“ „Wenn Dir ſo viel daran gelegen iſt, ſo glaube ich ſo wohl, Deinem Wunſch entſprechen zu können.“ Du„Mein lieber Audley, ich ſondire blos. Das Wahre iber⸗ iſt, daß ich etwas für mich ſelbſt herausſchlagen möchte.“ thun„Ah, dies macht mir in der That ein Vergnügen!“ rief Mr. Egerton mit Lebhaftigkeit. Alles„Der Geſandtſchaftspoſten in Florenz wird bald erledigt z j werden, wie ich aus Privatnachrichten weiß. Dieſe Stelle würde mir zuſagen. Eine angenehme Stadt, die beſten eines Feigen in Italien— ſehr wenig zu thun. Du könnteſt ja in dieſer Angelegenheit bei Lord M— auf den Buſch klopfen.“ nicht„Ich will Dir zum Voraus ſagen, was ſeine Antwort ſeyn wird. Nichts kann ihm eine größere Freude machen, ſt⸗ als wenn er einen ſo begabten Mann und den Sohn eines ſt ein Peers, wie es der Lord Lansmere iſt, für den öffentlichen iſt Du Dienſt zu gewinnen vermag.“ Harley LEstrange ſprang auf und warf ſeine Ci⸗ garre einem ſtattlichen Polizeidiener, der nach dem Balkon Renſch heraufſchaute, in's Geſicht. „Schändlicher, einfältiger Scherge!“ rief er, und fuhr lieber i. dann gegen ſeinen Freund fort:„So, Du könnteſt alſo krutt ein Unterkommen finden für einen kupfernaſigen Lakaien— hn und für einen Weinhändler, der ſeiner Majeſtät Unterthanen 584 mit Bleizucker und Schlehenſaft vergiftete— für einen müßiggängeriſchen Sybariten, der ſich über ein verwelktes Roſenblatt beklagen würde; aber in der ganzen weiten Pro⸗ tektionſchaft Englands findeſt Du nichts für einen unglück⸗ lichen Soldaten, deſſen furchtloſe Bruſt dem Land zum Boll⸗ werk diente?“ „Harley,“ verſetzte das Parlamentsmitglied mit ſei⸗ nem ruhigen geiſtvollen Lächeln,„das gäbe wohl einen hüb⸗ ſchen Knalleffekt für ein kleines Theater; aber nirgends ver⸗ langt das Parlament eine größere Sparſamkeit, als in der militäriſchen Abtheilung des öffentlichen Dienſtes. Für Niemand läßt ſich ſchwerer etwas herausſchlagen, als für einen Subalternoffizier, der weiter nichts als ſeine Schul⸗ digkeit that, denn dies iſt ein Verdienſt, das er mit allen Soldaten gemein hat. Da Du Dich übrigens des Mannes ſo ernſtlich annimmſt, ſo will ich ſehen, wie weit mein Ein⸗ fluß beim Kriegsminiſterium reicht. Vielleicht läßt ſich der Poſten eines Kaſernenverwalters für ihn erringen.“ „Das ſoll Dein Glück ſeyn, denn wenn Du's nicht thuſt, ſo ſchwöre ich Dir, daß ich ein Radikaler werde und unter der Mitwirkung von Hunt und Cobbett in Deiner eigenen Stadt als Wahlbewerber gegen Dich auftreten will.“ „Es würde mich ungemein freuen, Dich im Parlament zu ſehen, ſelbſt wenn Du als Radikaler und auf meine Un⸗ koſten hineinkämeſt,“ verſetzte Audley im Tone großen Wohl⸗ wollens.„Aber die Luft wird kalt und Du biſt nicht an unſer Klima gewöhnt. Oder wenn Dich auch Deine Poeſie für iſt d ſeine nebe tete ausd zu ihrer bere An( leich wuß er ſit ſcheu läſſi Mar dern ten g Geſt Nort niget aus. nicht einen elktes Pro⸗ glück⸗ Boll⸗ it ſei⸗ hüb⸗ s ver⸗ in der Für für chul⸗ allen annes Ein⸗ ch der nicht en einer treten ament e Un⸗ Wohl⸗ ht an Poeſie 585 für Catarrhe und Rheumatismen unzugänglich macht, ſo iſt dies wenigſtens bei mir nicht der Fall— komm' herein.“ ————— Sechstes Kapitel. Lord LEstrange warf ſich auf ein Sopha und ſtützte ſeine Wange gedankenvoll auf die Hand. Audley nahm neben ihm Platz, ſchlug die Arme über einander und betrach⸗ tete das Antlitz ſeines Freundes mit einem weichen Geſichts⸗ ausdruck, den man in dem feſten Umriß ſeiner Züge ſelten zu ſehen gewöhnt war. Die beiden Männer waren in ihrem Aeußern eben ſo verſchieden, als— wie dem Leſer bereits klar geworden ſeyn muß— in ihrem Charakter. An Egerton war Alles ſo ſtarr, an LEstrange Alles ſo leicht. In jeder Geberde Harley's drückte ſich die unbe⸗ wußte Anmuth eines Kindes aus. Sogar in der Art wie er ſich kleidete ſah man, daß er alles Gezwungene verab⸗ ſcheute. Seine Kleider waren weit und los, und das nach⸗ läſſig geknüpfte Halstuch bedeckte nur zur Hälfte den Hals. Man ſah ihm an, daß er viel in warmen und ſüdlichen Län⸗ dern gelebt und dort die leidigen Conventionalitäten verach⸗ ten gelernt hatte; denn weder in ſeinem Anzug noch in ſeinem Geſpräch gab ſich viel von der förmlichen Pünktlichkeit des Nordens zu erkennen. Er zählte drei oder vier Jahre we⸗ niger, als Audley, ſah aber wenigſtens um zwölf jünger aus. In der That war er einer von jenen Menſchen, die nicht altern zu können ſcheinen. Stimme, Blick, Geſtalt 586 — Alles hatte den Zauber der Jugend, und vielleicht war eben dieſe anmuthige Jugendlichkeit Schuld— jedenfalls bedingte ſie die eigenthümliche Art von Liebe, die er ein⸗ flößte— daß weder ſeine Eltern, noch die wenigen Freunbe, mit denen er einen vertraulicheren Umgang unterhielt, im gewöhnlichen Verkehr ihn je mit ſeinem Titelnamen anredeten. Er war für ſie nicht LEstrange, ſondern Harley, und mit dieſem traulichen Taufnamen will fortan auch ich ihn bezeich⸗ nen. Er gehörte nicht unter die Männer, die ein Schrift⸗ ſteller oder Leſer nur aus der Ferne zu betrachten wünſcht, weil er den Titel„Mein Lord“ führt, denn dieſes Umſtandes war er ja ſelbſt nur ſo ſelten eingedenk. Im Uebrigen be⸗ merkte einmal ein Witzling über ihn, er ſeye'ſo natürlich, daß Jedermann ihn der Ziererei beſchuldige. Harley LEs⸗ trange war im Auge der Kritik nicht ſo ſchön, wie Audley Egerton, und ein gewöhnlicher Beobachter ſprach ihm viel⸗ leicht nur ein gutes Ausſehen zu; aber die Frauen ſagten, er habe ein wirklich ſchönes Geſicht, und hatten darin nicht Unrecht. Das hellkaſtanienbraune Haar fiel ihm lang und in freien Locken auf die Schulter herab, und ſtatt des eng⸗ liſchen Backenbarts trug er den ausländiſchen Lippenbart. Sein Teint war zart, aber nicht weibiſch, eher der eines Studenten als eines Mädchens; aber in ſeinem klaren grauen Auge ſprach ſich eine wunderbare Lebensfriſche aus. Ein geübter Phyſiolog hätte nur einmal in dieſes Auge zu ſchauen gebraucht, um darin eine ſeltene Kraft der Kon⸗ ſtitution, eine ſo reiche Natur zu erkennen, daß bei all' ihrer leichten Erregbarkeit doch die volle Wirkung der Zeit B* oder Leide geger obſch trirt Audl Geſa imme Seit in L dem Ich meid unte Spr habe Str daß weil ſaiſe nen in G 587 cht war per vat z ſs o a ganze ſchnoͤde Zuſammenwirken von Schmerz und Leidenſchaft nöthig war, um ſie zu erſchöpfen. Sogar im — gegenwärtigen Moment war die Strählung dieſes Auges, obſchon es wehmüthig und gedankenvoll ausſah, ſo concen⸗ eten. trirt und ſtätig, wie das Feuer des Diamanten. nit„Es war alſo nur ein Scherz von Dir,“ begann bezeich⸗ Audley nach einem langen Schweigen,„als Du von dem Sriſt⸗ Geſandtſchaftspoſten in Florenz ſprachſt, und Du denkſt noch vüſcht, immer ic in's öffentliche Leben einzutreten?“ „Nein. 1„Ich hoffte auf eine beſſere Entſchließung von Deiner türiich, Seite, als ich Dir das Verſprechen abgewann, eine Saiſon „LEs⸗ in London zuzubringen. So haſt Du denn Deine Zuſage Audley dem Wortlaut nach gehalten, um ſie im Geiſt zu brechen. n viel⸗ Ich konnte nicht vorausſetzen, Du werdeſt alle Geſellſchaften ſagten, meiden und hier ebenſo den Einſiedler ſpielen, wie nur je unter den Weingärten von Como.“ „Ich bin auf der Fremdengallerie und habe eure großen Sprecher mit angehört; ich ſaß im Parterre der Oper und habe eure ſchönen Damen geſehen; ich ſpazierte durch eure 6 Straßen und lungerte in euren Parken, muß aber geſtehen, tn daß ich mich nicht verlieben kann in eine verblichene Wittwe, weil ſie ihre Runzeln mit Roth ausfüllt.“ 8„Von welcher Wittwe ſprichſt Du?“ fragte der pro⸗ ſaiſche Audley. pei al„Sie hat ſo viele und große Titel. Die Einen nen⸗ nen ſie die vornehme Welt, die Anderen Politik: ſie iſt Alles der Zeit in Einem, ränkevoll und betrogen. Ich meine das Londoner 588 Leben. Nein, ich kann mich nicht verlieben in die ſchmach⸗ tende alte Metze!“ „Ich wünſchte, Du könnteſt Dich in Etwas verlieben.“ „Auch ich— von ganzem Herzen.“ „Aber Du biſt ſo blaſirt.“ „Im Gegentheil, ich bin ſo friſch. Schau zum Fenſter hinaus— was ſiehſt Du?“ „Nichts.“ „Nichts?“ „Nichts als Häuſer und ſtaubige Fliederbüſche, meinen Kutſcher, der auf dem Bock ſchläft, und zwei Weiber, die in Schlappſchuhen über die Gaſſe ſchreiten.“ „Von der Stelle aus, wo ich liege, bemerke ich nichts von alledem. Ich ſehe nur die Sterne, und mein Gefühl für ſie iſt noch das nämliche, wie in der Zeit, als ich in der Kna⸗ benſchule von Eton war. Du biſt der Blaſirte, nicht ich. Doch genug davon. Du vergißſt doch nicht mein Anliegen in Betreff. des Flüchtlings, der in die Familie Deines Bruders geheirathet hat?“ „Nein; aber Du legeſt mir damit ein Geſchäft auf, das noch ſchwieriger iſt, als die Verſorgung Deines Cornets beim Kriegsminiſterium.“ „Ich verkenne die Schwierigkeiten nicht, denn der Gegeneinfluß iſt ſtark und wachſam; aber andererſeits iſt der Feind ein ſo fluchwürdiger Verräther, daß man wohl auf die geneigte Mitwirkung der Faten und Laren zählen kann.“ „Gleichwohl bin ich der Anſicht,“ bemerkte der praktiſche . Audley, beugent Gegner „2 entgegn Unrecht zu ſuch offenen daß me ſchurkiſe Meineid ſich für ſogar— 6 die Wel Entſchu Freund Auswur ſelbſt we De dem ſee genug u auf ſein „C „Y über die nicht. chmach⸗ lieben.“ Fenſter meinen „die in h nichts fühl für er Kna⸗ icht ich. nliegen Deines ift auf, Jornets nn der eits iſt n wohl zählen aktiſche —,— 589 Audley, ſich über ein auf dem Tiſche liegendes Buch nieder⸗ beugend,„daß es am beſten wäre, wenn man mit dem Gegner ein gütliches Abfinden verſuchte.“ „Wenn ich Andere nach mir ſelbſt beurtheilen darf,“ entgegnete Harley mit Feuer,„ſo iſt es weniger bitter, ein Unrecht zu ertragen, als durch Liſt und Ränke Erſatz dafür zu ſuchen. Und noch dazu ein ſolches Unrecht! Mit einem offenen Feind läßt ſich etwa ein Vergleich abſchließen, ohne daß man ſeiner Ehre etwas vergibt; aber mit einem ſchurkiſchen Freund— das hieße Nachſicht tragen mit dem Meineid.“ „Du biſt zu heftig,“ ſagte Egerton.„Vielleicht laſſen ſich für den Freund Entſchuldigungsgründe finden, die ſogar—“ „Stille, Audley, ſtille— oder ich muß glauben, daß die Welt in Wahrheit auch Dich verderbt hat. Welche Entſchuldigung kann es geben für den Schurken, der den Freund verräth? Nein, ein ſolcher Wicht iſt der wahre Auswurf der Menſchheit, und die Furien umſchweben ihn, ſelbſt wenn er im Tempel ſchliefe.“ Der Mann der Welt richtete langſam ſeine Augen zu dem ſeelenvollen Antlitz des Freundes, der noch natürlich genug war, um leidenſchaftlich zu werden, blickte dann wieder auf ſein Buch und ſagte nach einer Pauſe: „Es wäre Zeit, daß Du heiratheteſt, Harley.“ „Nein,“ entgegnete LEstrange mit einem Lächeln über dieſe plötzliche Wendung in dem Geſpräch—„noch nicht. Ich habe gegen eine ſolche Veränderung in meinem 590 Leben hauptſächlich den Umſtand einzuwenden, daß die heu⸗ tigen Damen zu alt ſind für mich, oder ich für ſie zu jung bin. Einige darunter ſind allerdings ſo kindiſch, daß man ſich ſchämen müßte, ihr Spielzeug zu ſeyn, die meiſten aber verdienen die Bezeichnung ſchlau in einem ſo hohen Grade, daß man ein Narr ſeyn müßte, wenn man ſich von ihnen wollte bethören laſſen. Die Erſteren, wenn ſie ſich herab⸗ laſſen einen Mann zu lieben, ſehen in demſelben nur die größte Puppe, mit der ſie bis jetzt geſpielt haben, und lieben ihn nur wegen Eigenſchaften, die jede gute Puppe hat— wegen der hübſchen Augen und dem ſchönen Anzug; Letztere aber, wenn ſie klüglich darauf eingehen, einen Verehrer anzu⸗ nehmen, handeln dabei ganz nach arithmetiſchen Grund⸗ ſätzen. Der Freier iſt für ſie nur das£ oder das Y, wel⸗ ches ein gewiſſes Aggregat von Eheſtandsgütern repräſentirt — Stammbaum, Litel, Renten, Diamanten, Nadelgeld, Opernloge. Der künftige Ehgemahl wird mit Hülfe der Mamma aufgegriffen, und wenn er eines Morgens er⸗ wacht, ſo findet er, daß plus Weib und minus Liebe gleich iſt— dem Teufel.“ „Unſinn!“ ſagte Audley mit ſeinem ruhigen, ernſten Lachen.„Ich gebe zu, daß Männer in Deiner Stellung leicht in die unglückliche Lage kommen, nicht um deſſen willen, was ſie ſind, ſondern wegen deſſen, was ſie haben, geheirathet zu werden; aber Du beſitzeſt einen leivlichen Scharfblick und haſt wohl nicht zu fürchten, daß Du Dich täuſcheſt in dem Charakter der Dame, welcher Du den Hof machſt. *— Ak der D Weib Schul findet in den delt. — ne bezaul einma in ihr Briefe unden öffnet. art w ſo ver Dun men h ihr ve liebe t ſie hit Cirkel hört habt! pi. e heu⸗ mjung ß man naber Frade, ihnen herab⸗ größte en ihn wegen e aber, anzu⸗ Grund⸗ D, wel⸗ äſentirt delgeld, ilfe der ens er⸗ e gleich ernſten Stellung ndeſſen ehaben, eidlichen Du Dich den Hof . 591 „Der Dame, welcher ich den Hof mache?— Nein. — Aber es wäre recht wohl möglich, daß mir dies bei der Dame begegnete, die ich zu meiner Frau machte. Das Weib iſt ein veränderliches Geſchöpf, wie wir ſchon in der Schule aus unſerem Virgil lernten, und dieſe Veränderung findet vorzugsweiſe ſtatt beim Uebergang vom Brautſtand in den Ehſtand, welcher oft die Fee in einen Kobold verwan⸗ delt. Nicht daß die Perſon eine Heuchlerin geweſen wäre — nein, der Grund liegt in der Umgeſtaltung. Sie malt bezaubernd und ſpielt wie die heilige Cäcilia; hat ſie aber einmal den Ring am Finger, ſo kömmt kein Bleiſtift mehr in ihre Hand, es ſey denn, daß ſie Luſt hätte, auf einem Briefcouvert die Carricatur ihres Mannes zu entwerfen, und nach den Flitterwochen wird das Piano nicht mehr ge⸗ öffnet. Du heiratheſt ſie um ihrer angenehmen Gemüths⸗ art willen; aber ſchon im nächſten Jahr ſind ihre Nerven ſo verſtört, daß Du ihr nicht widerſprechen darfſt, wenn Du nicht einen wahren Sturm von hyſteriſchen Paroris⸗ men herbeiführen willſt. Du haſt Dich zu dem Bund mit ihr verlocken laſſen, weil ſie ſagt, ſie haſſe die Bälle und liebe die Ruhe; aber es iſt Zehn gegen Eins zu wetten, daß ſie hintendrein eine Patronin von Almacks wird und ihre Cirkel kein Ende nehmen.“ „Und doch heirathen die meiſten Männer, und man hört nicht oft, daß einer von dieſer Operation den Tod ge⸗ habt hätte.“ „Wenn ſich's dabei einfach um das phyſiſche Leben handelte, ſo wäre dieſe Betrachtung allerdings tröſtlich und 592 ermuthigend. Aber im Frieden, in Würde und Freiheit, in Harmonie mit ſeinen Gedanken, Gewohnheiten und Be⸗ ſtrebungen zu leben— und dies im ununterbrochenen Um⸗ gang mit einer Perſon, der wir die Macht ertheilt haben, unſeren Frieden zu ſtören, unſere Würde anzufechten, unſere Freiheit zu verkrüppeln, uns unſere Denk⸗ und Lebensweiſe zu vergällen und uns zu den gemeinſten Einzelnheiten der Erde herabzuziehen, wenn wir das arme Geſchöpf einladen ſich mit uns in höhere Sphären aufzuſchwingen— wenn man dies bedenkt, ſo darf man wohl ausrufen: Seyn oder Nichtſeyn; was iſt die Frage!“ „Wenn ich an Deiner Stelle wäre, Harley, ſo würde ich dem Beiſpiel des Verfaſſers von Sandfort und Merton folgen, der dem Vernehmen nach ſich ein Kind ausgeleſen hatte, um es ganz nach ſeinem Herzen zu bilden.“ „Du haſt's getroffen,“ entgegnete Harley ernſt.— „Dies iſt ſchon lang meine Idee geweſen, obſchon ich ge⸗ ſtehe, daß ſie mir immer nur unklar vorſchwebte. Freilich fürchte ich, daß ich alt werde, eh' ich auch nur ein ſolches Kind gefunden habe.— Ach!“ fuhr er im Tone großer Wärme fort, während in ſeinem wechſelvollen Antlitz ſich ein ganz neuer Ausdruck kundgab—„ach, wenn ich in der That entdecken könnte, was ich ſuche— ein Weſen, das mit dem Herzen eines Kindes den Geiſt eines Weibes verbände — das einen Sinn hätte für die Abwechslung in der Natur, für ihren Zauber und für die nie fieberiſche, ſondern ſtets geſunde Aufregung, welche andere vergeblich ſuchen in der unäch falſch Anſch die S ſprich oder! mir e dann . Hand ches C mir, Mein allein ( den kre die Er Jahre knaber befren Wage Du n ( . Freun Bu heit, in id Be⸗ en Um⸗ haben, unſere isweiſe ten der inladen wenn Seyn würde t und Kind zen zu nſt.— ich ge⸗ Freilich ſolches großer itz ſich in der as mit rbände Natur, nſtets in der 593 unächten Sentimentalität eines durch künſtliche Formen falſch gewordenen Lebens— das gleichſam aus innerer Anſchauung die reiche Poeſie zu faſſen vermag, in welche die Schöpfung gekleidet iſt, eine Poeſie, die ſich ſo klar aus⸗ ſpricht gegen das Kind, wenn es ſich über eine Blume freut oder bewundernd zu den funkelnden Sternen aufblickt. Wenn mir eine ſo herrliche Geſellſchaft vorbehalten wäre— ja, dann—“ Er hielt inne, ſeufzte tief, bedeckte das Antlitz mit der Hand und fuhr dann in gebrochenen Lauten fort— „Nur einmal— aber auch nur einmal tauchte ein ſol⸗ ches Geſicht des Schönen verkörpert vor mir auf— erſchien mir, mitten in den goldenen Dünſten des Morgenroths. Mein Leben wurde zum Bettler, als es Du allein— nur Du weißſt— wie— wie—“ Er ſenkte das Haupt, und Thränen quollen ihm unter den krampfhaft verſchlungenen Fingern hervor. „So lang ſchon!“ ſagte Audley voll Theilnahme für die Erregtheit ſeines Freundes.„Dieſe Reihe von trüben Jahren, und noch immer das ſtarre Feſthalten an einer knabenhaften Erinnerung!“ „Alſo weg damit!“ rief Harley aufſpringend und mik befremdlicher Heiterkeit in ein Lachen ausbrechend.„Dein Wagen wartet. Setz' mich vor meinem Hauſe ab, während Du nach dem Parlament zurückkehrſt.“ Dann legte er die Hand leicht auf die Schulter ſeines Freundes und fügte bei— „Steht es Dir zu, Andley Egerton, höhnend von Bulwer, meine Novelle, 38 594 knabenhaften Erinnerungen zu ſprechen? Was ſonſt als ſie ſind das Band zwiſchen uns? Könnte etwas Anderes mein Herz erwärmen, wenn ich mit Dir zuſammentreffe? Und iſt's nicht eben dieſe Erinnerung, was Deine Gedanken von den blauen Büchern und Biertaren abzieht, um ſie an einen ſo unſteten Menſchen, wie ich bin, zu verſchwenden? Gib mir die Hand! O Freund meiner Knabenjahre, denk' an unſere Flußfahrten, an die Ballſpiele, die wir in alten Zeiten mit einander machten, oder an die halblauten Ge⸗ ſpräche auf der Moosbank, als wir beiſammen ſaßen und in die Sommerluft Schlöſſer bauten, prächtiger als das von Windſor. Ach, glaube mir, dieſe knabenhaften Erinne⸗ rungen ſind ſtarke Bande! Ich entſinne mich noch, als wäre es von geſtern her, meiner Ueberſetzung jener lieblichen Stelle im Perſius— wart— wie fängt ſie doch an— Quum primum pavido custos mihi purpura cessit, jene Stelle über die Freundſchaft, welche ſo kraftvoll aus dem ernſten Herzen des Satyrikers hervorbricht. Und als der alte B— mir ein Kompliment machte über meine Verſe, ſuchte mein Auge das Deinige. Sehr wahr ſage ich jetzt wie damals: Nescio quod, certe est quod me tibi temperet astrum. Audley wandte das Antlitz ab, als er den Händedruck des Freundes erwiederte, und während Harley mit leichtem 4 5 „ Welch' ein Stern unſere Herzen verſchmolz, nicht weiß ich's, doch ſicher War es ein Stern. eie. elaſt wen ten zu e ſtreb in d Mat Aber mu im E ihrer Stir Und weili kein — w mont Flut! ſich begal loſen in iht und trieb Wohl —— 595 uls ſie elaſtiſchem Schritt die Treppe hinabſtieg, blieb Egerton ein mein wenig zurück. Als er in dem Wagen neben ſeinem Gefähr⸗ Und ten Platz nahm, war in ſeinem Geſicht keine Spur mehr n von zu erkennen, die den Weltmann verrieth. einen Zwei Stunden ſpäter verſank der Ruf des Ueberdruſſes Gib—„Schluß! Schluß! Abſtimmung!“— in ein wider⸗ denk' ſtrebendes Schweigen, als Audley Egerton ſich erhob, um alten in der Frage das letzte Wort vorzubringen. Da ſtand der n Ge⸗ Mann der Männer, um als Letzter zu ſprechen an dieſem und in Abend vor ungeduldigen Bänken, ein Mann, den man hören s von mußte und den kein losgelaſſenes Tollhaus niederzubrüllen rinne⸗ im Stande geweſen wäre— da ſtand er, eine Geſtalt, ſo feſt wäre ihren Grund behauptend wie ein Kirchthurm, und mit einer lichen Stimme ſprechend, ſo klar und kräftig, wie Glockengeläute. Und während Audley Egerton in ſolcher Weiſe für die lang⸗ it, weiligſte von allen langweiligen Fragen, die für ihn ſelbſt aus kein ſehr lebhaftes Intereſſe hatte, Aufmerkſamkeit erzwang nd als— wo war Harley L'Estrange? Er ſtand einſam bei Rich⸗ Verſe, mond an dem Fluſſe, ſchaute in die vom Mond erhellte h jetzt Fluth hinab und murmelte ſchwärmeriſche Gedanken vor ſich hin. Als er von Audley vor ſeinem Hauſe verlaſſen wurde, m.“ begab er ſich zu ſeinen Eltern, erfreute ſie mit ſeiner ſorg⸗ dedruck loſen Heiterkeit und blieb bei den altmodiſchen Leutchen, die ichtem in ihm vielleicht ſchon wieder den Polarſtern der Ballſäle bs und der Clubbe ſahen, bis ſie ſich ſchlafen legten. Dann trieb er ſich um in der ſanften Sommernacht unter den Wohlgerüchen der vielen Gärten und der Kaſtaniengruppen, 38* ohne ein anderes Ziel vor Augen zu haben, als den lieblich⸗ ſten Punkt von Englands lieblichſtem Fluſſe, und zwar in einer Stunde, in welcher der Mond am hellſten ſtrahlte und die Nachtigall am ſüßeſten flötete. Und von ſo ex⸗ eentriſcher Launenhaftigkeit war dieſer Mann, daß mich däucht er erfreute ſich, während er ſo herumſchlenderte, ohne daß Jemand in der Nähe gerufen hatte— Wie rührend“ oder Wie romantiſch! der ihn umgebenden Scene weit mehr, als wenn in dem heißeſten Londoner Salon die höflichſten Wie geht's Euch? mit ihm gewechſelt worden wären, oder er, mit Lord R— als Partner, im Whiſt ſeine Hunderte auf den Trick geſetzt hätte. Siebentes Kapitel. Leonard hatte ſich ungefähr ſechs Wochen bei ſeinem Onkel aufgehalten und dieſe Zeit gut angewendet. Er war von Mr. Richard auf ſein Comptoir genommen und in das Geſchäftsleben wie auch in die Geheimniſſe der doppelten Buchhaltung eingeführt worden, und zum Dank für den Eifer und die Bereitwilligkeit des jungen Mannes für Dinge, die ſichtlich nicht nach ſeinem Geſchmack ſeyn konnten, hatte der ſcharfblickende Geſchäftsmann den beſten Lehrer der Stadt angeworben, daß er in den Abendſtunden ſeinem Neffen Unterricht ertheile. Dieſer Gentleman, der erſte Hülfslehrer an einer großen Schule, konnte nach acht Uhr über ſeine Zeit verfügen und fand nach dem langweiligen Einet übun der ſi macht mehr viel diren biswe garte von k Wenr ſchaft Büche Wähl Freun damit möcht funde auf de nur u gegen am E mit bi ſtigen zu ein 7 blich⸗ ar in rahlte ſo ex⸗ mich „ohne rend!“ mehr, ichſten „oder nderte ſeinem t. Er und in ppelten ür den tes für onnten, Lehrer ſeinem er erſte cht Uhr veiligen 597 Einerlei des zwangsmäßigen Unterrichts ſogar in der Ein⸗ übung der lateiniſchen Grammatik einem Schüler gegenüber, der ſo trefflich auffaßte, eine genußreiche Erholung. Leonard machte ſchnelle Fortſchritte und lernte in dieſen ſechs Wochen mehr, als ſonſt mancher gelehrige Knabe in zweimal ſo viel Monaten. Die Stunden, welche Leonard dem Stu⸗ diren widmete, brachte Mr. Richard meiſt außer Haus zu— bisweilen bei ſeinen vornehmen Bekannten in dem Abtei⸗ garten, gelegentlich aber auch in den Leſezimmern, welche von demſelben ariſtokratiſchen Kreiſe unterhalten wurden. Wenn er zu Hauſe blieb, ſo geſchah dies meiſt in Geſell⸗ ſchaft ſeines erſten Buchhalters und in der Abſicht, ſeine Bücher zu vergleichen oder die Namen der zweifelhaften Wähler zu muſtern. Natürlich war es Leonards Wunſch, ſeine alten Freunde von ſeinen veränderten Ausſichten zu unterrichten, damit ſie ſeine Mutter mit der guten Botſchaft erfreuen möchten. Aber er hatte ſich kaum zwei Tage im Haus be⸗ funden, als ihm Mr. Richard jeden derartigen Briefwechſel auf das Strengſte unterſagte. „Ihr ſeht ein,“ ſagte er—„vorläufig handelt es ſich nur um einen Verſuch. Wir müſſen ſehen, wie wir uns gegenſeitig gefallen. Je nachdem es nun kömmt, habt Ihr am Ende bei Eurer Mutter nur Erwartungen erregt, die mit bitterer Täuſchung endigen würden, während es im gün⸗ ſtigen Falle immer noch Zeit iſt, zu ſchreiben, ſobald wir zu einem beſtimmten Entſchluß gekommen ſind. „Aber die Angſt und Sorge meiner Mutter—“ 508 „Seyd um veswillen unbekümmert. Ich werde regel⸗ mäßig an Mr. Dale ſchreiben, und er kann ihr ſagen, daß Ihr geſund ſeyd und es Euch gut geht. Alſo kein Wort mehr darüber, junger Menſch— wenn ich etwas ſage, ſo bleibt's dabei.“ Als er bemerkte, daß Leonard kleinmüthig und nieder⸗ geſchlagen ausſah, fügte er mit gutmüthigem Lächeln bei— „Ich habe meine guten Gründe dafür, die Ihr ſpäter kennen lernen ſollt. Und ich will Euch noch etwas ſagen. Wenn Ihr meinem Geheiß entſprecht, ſo habe ich die Abſicht, Eurer Mutter etwas Schönes auszuwerfen andernfalls aber ſoll ſie nicht einen Heller von mir erhalten.“ Mit dieſen Worten kehrte er ſeinem Verwandten den Rücken zu, und einige Augenblicke ſpäter hörte man ihn mit lauter Stimme über einen von ſeinen Leuten fluchen. Leonard mochte ſich ungefähr vier Wochen in ſeiner neuen Stellung befunden haben, als ſich in Mr. Avenels Benehmen eine gewiſſe Veränderung kund zu geben anfing. Er war nicht mehr ſo herzlich gegen ſeinen Neffen und zeigte auch weniger Theilnahme an deſſen Fortſchritten. Um dieſelbe Zeit ertappte ihn auch der Londoner Schenk zu öfle⸗ ren Malen vor dem Spiegel. Mr. Richard hatte ſtets auf einen ſauberen Anzug gehalten, nahm es aber jetzt in die⸗ ſem Punkte ganz beſonders genau. Wenn er Abends aus⸗ ging, ſo konnte er drei weiße Halsbinden zerknittern, ehe er über den Knoten mit ſich einig wurde. Er hatte auch ein Adelshandbuch gekauft, in welchem man ihn manche Stunde mit Eifer blättern ſah. Alle dieſe Symptome gingen von ei Frau. E ſonen v aber M Kraft ſ dien, bindun der Laſ zubrach eigene unterſti Kopf at unabhã klingent Seite g ſatze, erhöht Verwar nete, o zu find garier gerade Obriſt — gel⸗ daß ort ſo der⸗ br äter gen. ſicht, falls den mit einer enels fing. eigte Um öfle⸗ s auf n die⸗ aus⸗ „ehe ch ein tunde ingen 599 von einer urſache aus, und dieſe Urſache war— eine Frau. Achtes Kapitel. Die Pompley galten unbeſtritten als die erſten Per⸗ ſonen von Shrewstown. Obriſt Pompley trug die Naſe hoch⸗ aber Mrs. Pompley noch höher. Der Obriſt war ſtattlich Kraft ſeines militäriſchen Ranges und ſeiner Dienſte in In⸗ dien, Mrs. Pompley majeſtätiſch Kraft ihrer Familienver⸗ bindungen. In der That hätte ſogar Obriſt Pompley unter der Laſt der Würde erliegen müſſen, die ihm ſeine Gnädige zubrachte, wenn er nicht in der Lage geweſen wäre, ſeine eigene Stellung gleichfalls durch Familienverbindungen zu unterſtützen. Nie hätte er ſich unterfangen dürfen ſeinen Kopf aufrecht zu tragen oder in ariſtokratiſchen Dingen eine unabhängige Anſicht preiszugeben, wäre ihm nicht der wohl⸗ klingende Name ſeiner Verwandten,„der Digby“, zur Seite geſtanden. Vielleicht folgte der Obriſt dem Grund⸗ ſatze, daß Dunkelheit die natürliche Größe der Gegenſtände erhöht und ein Element des Erhabenen iſt, wenn er dieſe Verwandten nicht allzu beſtimmt als„die Digby“ bezeich⸗ nete, obſchon er gelegentlich andeutete, daß ſie im Debrett zu finden ſeyen. Nur wenn irgend ein vorlauter Vul⸗ garier(ein Lieblingsausdruck des Pompley'ſchen Ehepaars) gerade aus fragte, ob er den„Lord Digby“ meine, pflegte der Obriſt mit ſtolzer Miene zu erwiedern—„den ältern 600 Zweig, Sir.“ MNiemand in Shrewstown hatte je dieſe Digby geſehen— ſie lagen, ſelbſt für Mrs. Pompley's Bu⸗ ſen, in der Ferne, im Verborgenen. Bei gelegentlichen Hin⸗ weiſungen auf den ſchnellen Lauf der Zeit und den Unbeſtand menſchlicher Neigungen konnte er ſagen—„Als der junge Digby und ich noch als Knaben beiſammen waren“— und in ſolchen Fällen pflegte er mit einem Seufzer beizufügen: „Aber wir werden uns in dieſer Welt nie wiederſehen. Der Einfluß ſeiner Familie verſchaffte ihm einen ſehr ein⸗ träglichen Poſten in einem entlegenen Theil der britiſchen Beſitzungen.“ Die Digby wirkten immer etwas einſchüch⸗ ternd auf Mrs. Pompley, und ſie mußte wohl an dieſe Ver⸗ wandtſchaft glauben, da die Mutter des Obriſten wirklich eine Digby war und Letzterer das Digbywappen mit dem ſeinigen verbunden führte. En revanche, wie der Franzoſe ſagt, für dieſe eheherrlichen Connexionen hatte Mrs. Pom⸗ pley ihre eigene Lieblingsverwandtſchaft, die ſie, wenn ſie beſonderen Eindruck zu machen wünſchte, aus allen übrigen hervorhob, und ſogar bei ganz gewöhnlichen Anläſſen ſchwebte der Name der„ehrenwerthen Mrs. M Catchley“ unwill⸗ kürlich ſtets auf ihren Lippen. Wurde der Schnitt ihres Kleides oder ihres Hutes bewundert, ſo hatte ihre Muhme, Mrs. M'Catchley, ihr das Muſter unmittelbar von Paris aus zugeſchickt. Handelte ſich's um die Frage, ob das Miniſterium bleiben oder abdanken werde, ſo war Mrs. M'Catchley mit im Geheimniß, hatte aber Mrs. Pompley gebeten, doch ja nichts weiter zu ſagen. Gab es ſtarkes Eis, ſo hatte„meine Muhme, Mrs. M Catchley geſchrieben, man unſere Wärn „Sir weger Alles, auch, ehren gante König wunde ihm d Laſter Freun ley ar liche für ei von V jedoch glaub ren, d ihrer ſchöne antra aber ſ ihm ſt gegen die u 601 dieſe man glaube, die Eisberge des Polarmeeres zögen ſich in s Bu⸗ unſere Richtung.“ Schien die Sonne mit ungewöhnlicher Hin⸗ Wärme, ſo hatte ſie von Mrs. M Catchley die Nachricht, eſtand„Sir Henry Halford ſey entſchieden der Anſicht, daß dies junge wegen der Cholera geſchehe.“ Die guten Leute wußten — und Alles, was in London, am Hof, in dieſer Welt— ja, faſt ügen: auch, was in der anderen vorging durch Vermittlung der ſehen. ehrenwerthen Mrs. M'Catchley, die noch obendrein die ele⸗ r ein⸗ ganteſte Frau und das liebſte und witzigſte Weſen war. tiſchen König Georg der Vierte war ſo dreiſt geweſen, ſie zu be⸗ ſchüch⸗ wundern, aber obſchon ſie nicht die Spröde ſpielte, gab ſie Ver⸗ ihm doch zu verſtehen, daß ſie geſtählt ſey ſelbſt gegen die irklich Laſter eines Thrones. Die Ohren von Mrs. Pombley's t dem Freunden waren ſo lange mit dem Ruhm der Mrs. M'Catch⸗ anzoſe ley angefüllt worden, daß man zuletzt im Geheim das leib⸗ Pom⸗ liche Vorhandenſeyn einer ſolchen Perſon für eine Mythe, enn ſie für ein Geſchöpf der Elemente, für eine poetiſche Ausgeburt brigen von Mrs. Pompley's Einbildungskraft hielt. Richard Avenel hwebte jedoch, der ſonſt nicht unter die Leichtgläubigen gehörte, mwill⸗ glaubte ſteif und feſt an Mrs. M'Catchley. Er hatte erfah⸗ ihres ren, daß ſie eine Wittwe war, die Kraft ihrer Geburt und uhme, ihrer erſten Ehe den Titel„ehrenwerth“ führte, von einem Paris ſchönen Leibgeding lebte und faſt jeden Tag einen Heiraths⸗ b das antrag zurückzuweiſen hatte. Ich weiß nicht, wie es kam, Mrs. aber ſo oft Richard Avenel an eine Gattin dachte, mußte ſich mpley ihm ſtets der Name der ehrenwerthen Mrs. M Catchley ver⸗ ſtarkes gegenwärtigen, und dieſe romantiſche Anhänglichkeit an rieben, die unſichtbare Schöne war vielleicht der Grund, daß er 602 herzganz blieb in den Verlockungen von Shrewstown. Plötzlich bewies Mrs. MCatchley zum großen Erſtaunen der Abteigärten ihre Wirklichkeit dadurch, daß ſie eines Tages in einem ſchönen Reiſewagen, von einem Kammer⸗ mädchen und einem Bedienten begleitet, vor der Wohnung des Obriſten Pompley anfuhr. Sie war gekommen, um ihre Muhme auf einige Wochen zu beſuchen, und es wurde ihr zu Ehren eine Theepartie gegeben. Mr. Avenel und ſein Neffe wurden gleichfalls eingeladen. Obriſt Pompley⸗ der in Mitte der größten Aufregung den Kopf klar behielt, hätte gerne ein ſtädtiſches Grundſtück, das an ſeinen Garten ſtieß, in Pacht übernommen, und ſah Richard Avenel kaum eintreten, als er ihn ſchon am Rockknopf faßte und mit ſich in eine ruhige Ecke zog, um ſich ſeine Verwendung bei der Corporation zu ſichern. Leonard wurde mittlerweile vom Strom fortgeſpült, bis ihm durch einen Sophatiſch Halt geboten wurde, an welchem neben der Herrin des Hauſes die berühmte Mrs. M Catchley ſelbſt ſaß. Für dieſe be⸗ deutungsvolle Gelegenheit hatte die Wirthin den ihr ziemen⸗ den Poſten am Eingang aufgegeben und— ſey es⸗ weil ſie dadurch ihre Verehrung für Mrs. M'Catchley zeigen, oder gegen dieſe Dame ihre feingebildete Verachtung der Shrews⸗ towner an den Tag legen wollte— in vollem Putz an der Seite ihrer Freundin Platz genommen, dem ausgezeichneten Gaſt gegenüber nur die Elite der Stadt einer Vorſtellung würdigend. Mrs. M'Catchley war eine ſehr ſchöne Frau— eine Frau, welche den Stolz, den Mrs. Pompley auf ſie hatte, vollkom dings e ihrer ea blenden ſchöne Frauen Sie mo Luſt hat ein Fra heißt⸗ der Fall Ei Pomple ein Eng Leonard Miene beaux b der ma hinreich ſoweit t — wer „ raſchun, dem ich „2 „2 own. unen ines mer⸗ nung um urde und hielt, arten kaum mit g bei vom Halt auſes e be⸗ men⸗ eil ſie oder rews⸗ n der neten Uung — eine hatte, 603 vollkommen rechtfertigte. Ihre Wangenknochen waren aller⸗ dings etwas hoch, aber dies bekundete nur die Reinheit ihrer ealedoniſchen Abſtammung; im Uebrigen hatte ſie eine blendendweiße Haut, erhöht durch ein soupgon von Roth, ſchöne Augen und Zähne, eine edle Figur, und alle Frauen von Shrewstown erklärten ihren Anzug für tadellos. Sie mochte bei dem Alter angelangt ſeyn, in welchem man Luſt hat, die nächſten zehn Jahre zu unterdrücken; aber ſelbſt ein Franzoſe würde ſie nicht passée genannt haben— das heißt, für eine Wittwe. Bei einem Mädchen wäre freilich der Fall ein anderer geweſen. Einer Lorgnette ſich bedienend, von welcher Mrs. Pompley zu ſagen pflegte, daß„Mrs. M Catchley ſte wie ein Engel zu brauchen wiſſe,“ bemerkte dieſe Dame plötzlich Leonard Fairfield, deſſen ruhige, einfache, gedankenvolle Miene und Haltung einen ſo ſcharfen Gegenſatz zu den beaux bildete, denen ſie vorgeſtellt worden war, daß ſie, von der man doch als von einer Frau der vornehmen Welt hinreichende Erfahrung erwartet hätte, in Wirklichkeit ſich ſoweit täuſchen ließ, um Mrs. Pompley zuzuflüſtern: „Dieſer junge Mann hat in der That ein air distingué — wer iſt er?“ „Oh,“ verſetzte Mrs. Pompley mit ungekünſtelter Ueber⸗ raſchung,„das iſt der Neffe des reichen Vulgariers, von dem ich Euch dieſen Morgen erzählte.“ „Ah, und Ihr ſagt, daß er Mr. Arundel's Erbe ſey?“ „Avenel— nicht Arundel, meine ſüße Freundin.“ 604 „Avenel iſt kein übler Name,“ ſagte Mrs. M Caichley. „Aber iſt der Onkel wirklich ſo reich?“ „Der Obriſt hat erſt heute ſich auf Kundſchaft gelegt, wie ſchwer er wohl wiegen möge; aber er ſagt, es ſey un⸗ möglich, ihn zu ſchätzen.“ „Und der junge Mann iſt ſein Erbe?“ „Man glaubt ſo. Er bereitet ſich für ein Collegium vor und ſoll ſehr talentvoll ſeyn.“ „Stellt ihn mir vor, meine Liebe. Ich habe ein Wohlgefallen an talentvollen Leuten,“ ſagte Mrs. M Catch⸗ ley, indem ſie ſich nachläſſig in den Sopha zurückwarf. Als etwa zehn Minuten nachher Richard Avenel, der ſich endlich des Obriſten erwehrt hatte, in Folge des Ge⸗ flüſters der bewundernden Menge ſeinen Blick nach dem Sophatiſch richtete, bemerkte er ſeinen Neffen in lebhafter Unterhaltung mit dem langerſehnten Abgott ſeiner Träume. Ein Stich der Eiferſucht drang ihm durch die Bruſt. Sein Neffe hatte nie ſo ſchön und geiſtvoll ausgeſehen. In der That war es auch das Erſtemal, daß ihm die Gelegenheit geboten wurde, mit einer Weltdame ſich zu unterhalten, die ihr weniges Wiſſen auf's Beſte zu benützen wußte. Und da die Eiferſucht nach Art eines Blaskalgs auf glimmendes Feuer wirkt, ſo ſetzte der erſte Anblick des Lächelns, das die ſchöne Wittwe unſerem Leonard ſchenkte, Mr. Avenels Herz in hellauflodernde Flamme. Er trat mit weniger zuverſichtlichem Schritt, als gewöhnlich, heran, horchte auf Leonards Geſpräch und wun⸗ derte ſich höchlich über die Keckheit des jungen Menſchen. Mrs. Novell er kan ſamkei unſer werden ſeiner bisher weiter hörte: Achtun ihm he 6 Höflich wie die zu gut „ Lorgne L Richart Ladye Vorſtel hatte. „ ſinken 1 Begeiſt chley. elegt, y un⸗ egium be ein Catch⸗ f. l, der s Ge⸗ dem hafter äume. Sein n der enheit en, die Ind da nendes , das venels „ als wun⸗ nſchen. — 605 Mrs. M Catchleh hatte von Schottland und den Waverleh⸗ Novellen geſprochen, von denen Leonard nichts wußte; aber er kannte Burns, über den er ſich in ungekunſtelter Bered⸗ ſamkeit ausließ. Burns, der Dichter und Landmann— unſer junger Freund hatte wohl Urſache, über ihn beredt zu werden. Mrs. M'Catchley fand großes Wohlgefallen an ſeiner Friſche und Natürlichkeit, ſo ungleich Allem, was ſie bisher geſehen und gehoͤrt hatte, und riß ihn weiter und weiter fort, bis Leonard in's Citiren kam, und Richard hoͤrte nun eine Stelle vortragen, welche ihn nicht mit der Achtung für den Inhalt erfüllte, die man doch wohl von ihm hätte erwarten ſollen— „Der Rang iſt nur des Goldſtücks Stempel, Der Menſch jedoch das köſtliche Metall.“ „Wohl!“ rief Mr. Avenel.„Ein ſauberes Stückchen Höflichkeit das, etwas Solches zu einer Dame zu ſagen, wie die ehrenwerthe Mrs. M Catchley iſt. Ihr müßt's ihm zu gut halten, Ma'am!“ „Sir!“ ſagte Mrs. M Catchleh erſtaunt und ihre Lorgnette vor das Auge haltend. Leonard ſtand etwas verwirrt auf und bot ſeinen Sitz Richard an, der ſich ohne Umſtände darauf niederließ. Die Lady entnahm daraus, ohne daß ſie einer förmlichen Vorſtellung bedurfte, daß ſie den reichen Onkel vor ſich hatte. „Ein füßer Dichter— Burns!“ ſagte ſie, ihr Glas ſinken laſſend.„Und es iſt erfriſchend, ſo viel jugenbliche Begeiſterung zu finden,“ fügte ſie bei, mit ihrem Fächer nach 606 Leonard hinwinkend, der ſich ſchnell in dem Gewühl unſicht⸗ bar machte. „Na, er iſt wohl jugendlich, mein Neffe— ziemlich grün dabei.“ „Sagt nicht grün,“ verſetzte Mrs. M Catchley, und eine Scharlachröthe überflog Mr. Richards Geſicht, denn er fürchtete, ſich durch einen gemeinen, anſtößigen Ausdruck eine Blöße gegeben zu haben.„Sagt unſophiſtiſch.“ „Ein verteufelt langes Wort,“ dachte Richard; aber klüglich behielt er dieſe Anſicht für ſich und antwortete nur mit einer Verbengung. „Die heutigen jungen Männer thun ſo alt,“ fuhr Mrs. M'Catchley fort, während ſie ſich's auf dem Sopha wieder bequem machte.„Sie tanzen nicht, leſen nicht, ſprechen wenig, und viele davon tragen toupets, noch ehe ſie Zweiund⸗ zwanzig ſind.“ Richard fuhr mechaniſch mit der Hand durch ſeine dich⸗ ten Locken, verharrte aber noch immer in ſeiner Schweig⸗ ſamkeit und ſtellte reuige Betrachtung über das Beiwort Grün an. Welche ſchreckliche geheime Bedeutung mochte es wohl für ein gebildetes Ohr haben? Warum ſollte er nicht grün ſagen? „Ein ſehr ſchöner junger Mann, Euer Neffe, Sir,“ nahm Mrs. M Catchley wieder auf. Richard grunzte. „Und ſcheint voll Talent zu ſeyn. Noch nicht auf der Univerſität? Wir er nach Orford oder gehen?“ auf ei rief 2 der ju des re reiche Reich ſchwol Worte Blond ſchloſſi heraus ſchämt voll er 2 weg. die De erhob. zwiſche T 5 unſicht⸗ ziemlich ley, und denn er Ausdruck rd; aber tete nur hr Mrs. a wieder ſprechen zweiund⸗ eine dich⸗ Schweig⸗ Beiwort gmochte ſollte er Sir“ uicht auf ambridge 607 „Ich bin noch nicht entſchloſſen, ob ich ihn überhaupt auf eine Univerſität ſchicken will.“ „Wie, einen jungen Mann von ſeinen Ausſichten?“ rief Mrs. M'Catchley, ſchlau ausholend. „Ausſichten?“ wiederholte Richard aufbrauſend.„Hat der junge Menſch mit Euch von ſeinen Ausſichten geſprochen?“ „Nein, gewiß nicht, Sir. Aber iſt er nicht der Neffe des reichen Mr. Avenel? Ah, Ihr wißt, man ſpricht von reichen Leuten ſo viel; es iſt die Strafe, die ſich an den Reichthum heftet, Mr. Avenel!“ Richard fühlte ſich ſehr geſchmeichelt. Der Kamm ſchwoll ihm. „Und man ſagt,“ fuhr Mrs. M Catchley fort, die Worte langſam fallen laſſend, während ſie ſich mit ihrer Blondenſchärpe zu ſchaffen machte,„Mr. Avenel ſey ent⸗ ſchloſſen, nicht zu heirathen.“ „Zum Teufel, wer ſagt dies, Ma'am?“ platzte Richard heraus, biß ſich aber dann, über dieſen lapsus lingune be⸗ ſchämt, wüthend in die Lippen und ſtierte mit einem Auge voll entrüſteten Feuers nach der Geſellſchaft hin. Mrs. M Catchley beobachtete ihn über ihrem Fächer weg. Richard wandte ſich plötzlich wieder gegen ſie, worauf die Dame züchtig ihre Augen niederſchlug und ihren Fächer erhob. „Sie iſt eine wahre Schönheit,“ murmelte Richard zwiſchen den Zähnen. Der Fächer ſetzte ſich in ſchwingende Bewegung. Fünf Minuten ſpäter ſchienen die Wittwe und der 608 Junggeſelle ſo gut ſich mit einander zu unterhalten, daß Mrs. Pompley, die ihre Freundin hatte verlaſſen müſſen, um die Frau Dechantin zu empfangen, bei ihrer Rückkehr zum Sopha ihren Augen kaum trauen wollte. Von dieſem Abend an trat jene Veränderung in Mr. Avenel's Benehmen ein, deren ich früher Erwähnung ge⸗ than habe. Und von jenem Abend an enthielt er ſich, Leonard mit zu den Geſellſchaften in den Abteigärten zu nehmen. Neuntes Kapitel. Einige Tage nach dieſer denkwürdigen Svirée ſaß Obriſt Pompley allein in ſeinem Beſuchzimmer, das eine angenehme Ausſicht auf einen altmodiſchen Garten bot, und machte ſich mit den Haushaltungsrechnungen zu ſchaffen; denn er über⸗ ließ dieſen Theil der Wirthſchaft nicht ſeiner Gattin, die wahrſcheinlich dafür zu hoch war. Mit der eigenen kräftigen Stimme beſtellte er die Hammelskeulen und verfügte mit eigener herriſcher Hand über die Vorräthe. Um dem Obriſten Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, müſſen wir auf die Gefahr hin, bei dem ſchonen Geſchlecht mannigfachen Anſtoß zu erregen, beifügen, daß es in keinem Shrewstowner Hausweſen ſo geordnet herging, wie in dem ſeinigen, und daß man es nirgends ſonſt in der ſchwierigen Kunſt, die Prunkſucht mit Sparſamkeit zu paaren, ſo weit gebracht hatte. Es wäre eine verzweifelte Aufgabe, dem geneigten Leſer einen richtigen Begriff von dem Umfang beizubringen, in w wußte zu G Verbr türlic zehrte wende aber a ſich V L wohla zuſamt Beinkl unter erſpart Pompl beide 1 ſtande, D ſtarken? Geſicht ſchien. einen B wie eine und Be ſichte de Bulw , daß nüſſen, ückkehr n Mr. ig ge⸗ eonard en. Obriſt nehme hte ſich r über⸗ in, die äftigen te mit m dem ſen wir afachen stowner en, und nſt, die gebracht eneigten hringen, 609 in welchem der Obriſt mit ſeinem Einkommen auszureichen wußte, denn obſchon ihm nur jährliche ſiebenhundert Pfund zu Gebot ſtanden, gab es doch viele Familien, die bei einem Verbrauch von dreitauſend hinter ihm zurückſtanden. Na⸗ türlich hatten die Pompley keine Kinder, die an ihnen zehrten, und was ſie beſaßen, konnten ſie auf ſich ſelbſt ver⸗ wenden. Sie überſchritten ihr Einkommen nie, erſparten aber auch nichts davon, und wenn das Jahr um war, hatten ſich Verbrauch und Einnahme vollkommen ausgeglichen. Obriſt Pompley ſaß an ſeinem Pult. Er hatte ſeinen wohlausgebürſteten blauen Frack an, der über der Bruſt zuſammengeknöpft war, und ſeine knappanliegenden grauen Beinkleider wurden durch ein gekettetes Drahtband, das unter den Stiefelſohlen weglief, ſtramm gehalten. Dadurch erſparte er viel an Hoſenſtegen. Nie ſah man den Obriſten Pompley in Schlafrock und Pantoffeln. Er und ſein Haus, beide waren ſtets in gleicher Ordnung und in einem Zu⸗ ſtande, daß ſie ſich immer konnten ſehen laſſen— „Vom Morgen bis zum Mittag, Vom Mittag zum thauigen Abend. Der Obriſt war ein kleiner unterſetzter Mann mit einer ſtarken Anlage zur Wohlbeleibtheit und hatte ein ſehr rothes Geſicht, das nicht nur raſirt, ſondern ſogar gefeilt zu ſeyn ſchien. Er trug das Haar kurz geſchoren und ließ nur vorn einen Buſch ſtehen, der aber ſo ſteif und feſt war, daß er ſich wie eine Drahtbürſte ausnahm. Ueberhaupt war Feſtigkeit und Beſtimmtheit ein charakteriſtiſcher Zug in dem Ge⸗ ſichte des Obriſten, auf dem man unabänderlich dieſelbe Bulwer, meine Novelle. 39 6¹⁰ entſchloſſene Spannung bemerkte, gleichſam als gehöre dieſe Starrheit mit zur Oekonomie des thieriſchen Lebens. So ſaß er vor ſeinem Hausbuche, in der Hand die Stahlfeder, mit welcher er da und dort Kreuze oder Frage⸗ zeichen anbrachte.„Mrs. M Catchley's Kammerjungfer,“ ſagte er vor ſich hin,„muß auf Rationen geſetzt werden. Himmel, was ſie nicht Thee trinkt! Thee und wieder Thee!“ WVon der äußeren Thüre her ließ ſich ein beſcheidenes Klingeln vernehmen. „Zu früh für einen Beſuch!“ dachte der Obriſt.„Viel⸗ leicht will man die Waſſerſteuer holen.“ Der geſchniegelte Bediente, den man im Hauſe nie anders ſah, als in grande tenue, wie Sammt glänzend und gepudert, trat ein und verbeugte ſich. „Ein Gentleman wünſcht Euch zu ſprechen, Sir.“ „Ein Gentleman?“ wiederholte der Obriſt mit einem Blick nach der Uhr.„Wißt Ihr auch gewiß, daß es ein Gentleman iſt?“ Der Bediente zögerte. „Ich bin darüber nicht ganz mit mir im Reinen, Sir; aber er ſpricht wie ein Gentleman. Er ſagt, er komme von London, um Euch zu beſuchen, Sir.“ Es fand gerade damals ein langer und intereſſanter Briefwechſel zwiſchen dem Obriſt und einem Adminiſtrator des Vermögens ſeiner Frau, die ſichere Anlegung von Capi⸗ tglien betreffend, ſtatt. Es könnte— nein, es mußte dieſer Admit Beſuc tlingle ſeine? der Be T ſelbſt b T der M welchen Soldat Dinge mit Lo gedrück des Be Gerecht nung at „6 einigerr habe m De in einen 611 dieſe Adminiſtrator ſeyn. Er hatte geſchrieben, daß er ſelbſt einen Beſuch machen wolle. d die„Er ſoll kommen,“ ſagte der Obriſt.„Und wenn ich Frage⸗ klingle— Sandwiches und Sherty.“ gfer,“„Beefſteaks, Sir?“ eden„Schinken.“ wieder Der Obriſt legte das Hausbuch bei Seite und wiſchte ſeine Feder aus. idenes Im nächſten Augenblick ging die Thüre wieder auf und der Bediente meldete— Viel⸗„Mr. Digby.“ 8 Das Geſicht des Obriſten verlängerte ſich, während er ſelbſt betroffen in ſeinem Stuhl zurückfuhr. uſe nie Die Thüre wurde zugedrückt, und Mr. Digby ſtand in nd und der Mitte des Zimmers, an dem großen Schreibtiſch, auf welchen er den Arm lehnte, Unterſtützung ſuchend. Der arme ₰ Soldat ſah elender, ſchäbiger und dem Ende aller zeitlichen teinem Dinge näher aus, als um die Zeit ſeines Zuſammentreffens es ein mit Lord LEstrange, der ihm das Taſchenbuch in die Hand gedrückt hatte. Gleichwohl mußte man der Weltkenntniß des Bedienten, der ihn einen Gentleman genannt hatte, Sir; Gerechtigkeit widerfahren laſſen, da keine andere Bezeich⸗ me von nung auf ihn gepaßt haben würde. „Sir,“ begann Obriſt Pompley, nachdem er ſich reſſanter einigermaßen erholt hatte, mit großer Feierlichkeit,„ich niſtrator habe mich dieſer Ehre nicht verſehen.“ nCapi⸗ Der arme Mann ſtierte ſchwindlich um ſich her, fank te dieſer in einen Stuhl und athmete tief auf. Der Obriſt zeigte 39* 612 eine Miene, wie man ſie nur einem armen Verwandten gegen⸗ über an den Tag legen kann, und knöpfte zuerſt die eine, dann die andere Hoſentaſche zu. „Ich war der Meinung, Ihr ſeyet in Canada,“ ſagte endlich der Obriſt. Mr. Digby war jetzt ſo weit zu Athem gekommen, um ſprechen zu können, und entgegnete kleinlaut— „Das Clima hätte meinem Kind den Tod gebracht. Ich bin ſchon vor zwei Jahren wieder zurückgekehrt.“ „Ihr müßt einen ſehr guten Platz in England gefunden haben, daß Ihr den in Canada dafür aufgeben mochtet.“ „Der Arzt hatte erklärt, daß ſie keinen Winter in Ca⸗ nada mehr durchmachen könne.“ „Pah!“ bemerkte der Obriſt. Mr. Digby athmete ſchwer auf.. „Ich mochte nicht zu Euch kommen, Obriſt Pompley, ſo lang Ihr glauben konntet, es geſchehe, um für mich etwas zu erbitten.“ Die Miene des Obriſten wurde milder. „Eine ſehr ehrenhafte Geſinnung, Mr. Digby.“ „Ich that es nicht, obſchon ich viel durchmachte; aber Ihr ſeht, Obriſt,“ fügte der arme Verwandte mit einem matten Lächeln bei,„der Feldzug iſt nahezu vorüber und der Friede vor der Thüre.“ Der Obriſt ſchien gerührt. „Sprecht nicht ſo, Digby— ich kann dies nicht leiden. Ihr ſeyd jünger als ich— nichts iſt unangenehmer, als eine ſo düſtere Anſchauung der Dinge. Ihr habt genug für Eure ich fr daß So i ſcher denno Kind chen. viel ke ſprech Euch wandt wende für Er war.“ L Geſich Anſpra verglic 7 Tone t unterge ſoll ſei einem! und vie Es iſt nicht it gegen⸗ e eine, ſagte n„ um pley, ſo etwas . ; aber t einem ber und t leiden. er, als nug für 613 Euren Unterhalt— wenigſtens verſtehe ich Euch ſo— und ich freue mich, dies zu horen, denn es liegt ſo viel auf mir, daß ich Euch in der That keinen Beiſtand ſeiſten könnte. So iſt es alſo ganz gut, Digby.“ „Oh, Obriſt Pompley,“ rief der Soldat, mit fieberi⸗ ſcher Heftigkeit ſeine Hände zuſammenpreſſend—„ich komme dennoch als Bettler, aber nicht für mich, ſondern für mein Kind! Ich habe nur eines— nur ein einziges— ein Mäd⸗ chen. Sie iſt ſo gut gegen mich geweſen und wird Euch nicht viel koſten. Nehmt ſie zu Euch, wenn ich todt bin— ver⸗ ſprecht mir ein Obdach, eine Heimath für ſie, und ich will Euch nicht weiter beläſtigen. Ihr ſeyd mein nächſter Ver⸗ wandter, und ich habe ſonſt Niemand, an den ich mich wenden könnte. Ihr ſeyd kinderlos. Sie wird ein Segen für Euch ſeyn, wie ſie auch mir mein ganzes Erdenglück war.“ Wenn ſchon in gewöhnlichen Stunden Obriſt Pompley's Geſicht roth genannt werden mußte, ſo konnte nach dieſer Anſprache die Farbe deſſelben nur mit dem dunkelſten Purpur verglichen werden. „Der Menſch iſt verrückt,“ ſagte er endlich mit einem Tone des Erſtaunens, gegen welches der Zorn nur eine untergeordnete Stelle einnahm—„total verrückt. Ich ſoll ſein Kind zu mir nehmen— Koſt und Wohnung geben einem herangewachſenen ausgehungerten Kind! Wie oft und vielmehr, Sir, habe ich nicht zu Mrs. Pompley geſagt: Es iſt ein Segen, daß wir keine Kinder haben. Wir könnten nicht in dem Style leben, den wir unſerer Stellung 614 ſchuldig ſind, wenn wir Kinder hätten— es würde nirgends ausreichen. Ja wohl, ein Kind! Ein Kind iſt das koſt⸗ ſpieligſte Ding von der Welt und wohl im Stande, Einen zu Grund zu richten.“ „Sie iſt an das Hungern gewöhnt,“ verſetzte Mr. Digby mit kläglicher Stimme.„Oh⸗ Obriſt, geſtattet mir mit Eurer Gattin zu ſprechen. Ihr Herz hoffe ich zu rüh⸗ ren— ſie iſt ein Weib.“ Unglücklicher Vater! Die Schickſalsmächte hätten dir keine unzeitigere und ungeſchicktere Bitte auf die Lippen legen können! Mrs. Pompley ſollte den vielgerühmten Digby ſehen — ſollte die Lage kennen lernen von des Obriſten hoher Verwandtſchaft! Der Obriſt wäre nie wieder Herr ſeiner ſelbſt geworden. Schon bei dem bloſen Gedanken daran hätte er vor Scham in die Erde ſinken mögen. Voll Un⸗ ruhe machte er einen Schritt gegen die Thüre hin, in der Abſicht, den inneren Riegel vorzuſchieben. Gütiger Him⸗ mel, wenn Mrs. Pompley hereinkäme! Und der Menſch war noch obendrein mit ſeinem Namen eingeführt worden. Mrs. Pompley hatte vielleicht ſchon erfahren, daß ſich ein Digby bei ihrem Gatten befand— war am Ende eben daran⸗ ſich ſtattlich herauszuputzen, um einen ſolchen Gaſt würdig zu empfangen. Es war kein Augenblick zu verlieren. Der Obriſt platzte heraus: „Sir, ich wundere mich über Eure Unverſchämtheit. Mrs. Pompley ſprechen! Stille, Sir— ſtille! Keinen Laut mehr! Ich habe mich losgeſagt von der Verwandt⸗ ſchaf eine gera Pom Hau rathe Vern Geſck eines Man Eure dem( mich, gegar waret eigene konnte mir n mir d gen, deſſen bärml Haus hin— 1 führte Euch 61⁵5 irgends ſchaft mit Euch und will nicht haben, daß meine Frau— 6 koſt⸗ eine Frau aus den erſten Familien— durch ſie in Schande Einen gerathe. Ja; Ihr habt nicht nöthig, aufzubrauſen. John Pompley iſt nicht der Mann, der ſich in ſeinem eigenen te M. Hauſe etwas gefallen läßt. Ich ſagte— in Schande ge⸗ ttet mir rathe. Habt Ihr Euch nicht in Schulden geſtürzt und Euer zu rüh⸗ Vermögen durchgebracht? Habt Ihr nicht ein gemeines Geſchopf geheirathet— eine Vulgarierin— die Tochter itten dir eines Handwerkers? Und Euer Vater war ein ſo achtbarer Lippen Mann— ein bepfründeter Geiſtlicher! Habt Ihr nicht Eure Offiziersſtelle verkauft? Der Himmel weiß, was aus y ſehen dem Gelde geworden iſt. Seyd Ihr nicht— es ſchaudert n hoher mich, wenn ich daran denke— unter die Komödianten rr ſeiner gegangen, Sir? Und dann, als Ihr auf den letzten Beinen n daran waret, habe ich Euch nicht zweihundert Pfund aus meiner Voll Un⸗ eigenen Börſe gegeben, damit Ihr nach Canada gehen , in der konntet? Und nun ſeyd Ihr wieder da— und verlangt von ger Him⸗ mir mit einer Keckheit— die mir den Akhem benimmt— Menſch mir den— Athem benimmt, Sir— für das Kind zu ſor⸗ worden. gen, das zu zeugen Euch angemeſſen dünkte— ein Kind, ſich ein deſſen Verwandtſchaft von mütterlicher Seite ſich in der er⸗ en daran, bärmlichſten und verächtlichſten Lage befindet. Verlaßt mein ſt würdig Haus— fort von hier! Gütiger Himmel, Sir, nicht dort⸗ ren. hin— da hinaus!“ Und der Obriſt öffnete die Glasthüre, die in den Garten hämtheit. führte. Reinen„Ich will Euch auf dieſem Wege hinauslaſſen. Wenn gerwandt⸗ Euch Mrs. Pompley ſehen würde!“ — 616 Dieſer Gedanke wirkte ſo aufregend auf ihn, daß er ſeinen unglücklichen Verwandten am Arm nahm und haſtig mit ſich fort in den Garten zog. Mr. Digby ſprach kein Wort, verſuchte aber dem Arm des Obriſten ſich zu entwinden, der dafür nur um ſo feſter hielt, ſo vaß ſeine Anſtrengung vergeblich blieb. Der arme Mann wurde bald blaß, bald roth, ein Wechſel, der ſo ſchnell ſtattfand, daß man wohl bemerken konnte, wie in den welken Adern noch immer einige Tropfen Soldatenblut ſloßen: Der Obriſt hatte jetzt ein kleines Pförtchen in der Gartenmauer erreicht. Er drückte auf die Klinke und ſchob den armen Vetter hinaus. Dann ſchaute er den langen ge⸗ raden, ſchmalen Heckenweg hinab. Er bemerkte, daß Nie⸗ mand in der Nähe war, und als ſein Blick zurückfiel auf die Jammergeſtalt des Unglücklichen, regte ſich doch etwas in ihm, wie Gewiſſensbiſſe. Für einen Augenblick milderte ſich in ihm die herbſte Art von Geiz, der gentile, und die unerträglichſte von allen Formen des Stolzes, diejenige, die ſich auf falſche Anſprüche gründet, kam für einen Moment zum Schweigen. Der Obriſt zog ſeine Börſe heraus. „Da,“ ſagte er.„Dies iſt Alles, was ich für Euch thun kann. Verlaßt die Stadt, ſo ſchnell Ihr könnt, und nennt gegen Niemand meinen Namen. Euer Vater war ein ſo achtbarer Mann— ein bepfründeter Geiſtlicher!“ „Uund hat Euch Eure Offiziersſtelle gekauft, Mr. Pompley. Mein Name! ich ſchäme mich deſſen nicht. Aber fürchte mache 6 — rück, Schri 8 Auger das G heraut 8 verbar Richel Recht Mr. 2 erſtere den ei Pfund ſpäter wir D aber g doch 6 ſpielte vas ei daß er haſtig n Arm o feſter r arme der ſo wie in tenblut in der d ſchob gen ge⸗ ß Nie⸗ auf die was in nilderte e, und ejenige, Noment 8. ir Euch it, und e war er!“ t, Mr. t. Aber fürchtet nicht, daß ich von unſerer Verwandtſchaft Gebrauch machen werde. Nein; ich ſchäme mich Eurer.“ Der arme Vetter ſtieß mit Verachtung die Boörſe zu⸗ rück, die ihm immer noch hingeboten wurde, und ging feſten Schrittes den Heckenweg hinab. Obriſt Pompley blieb unſchlüſſig ſtehen. In dieſem Augenblicke öffnete ſich ein Fenſter ſeines Hauſes. Er hörte das Geräuſch, wandte ſich um und ſah Mrs. Pompley herausſchauen. Obriſt Pompley ſchlich durch das Geſträuch zurück und verbarg ſich unter den Bäumen. Zehntes Kapitel. „Unglück iſt eine bétise,“ ſagte der große Cardinal Richelieu, und ich fürchte, daß am Ende ſeine Eminenz Recht hatte. Könnte man zum Beiſpiel Dick Avenel und Mr. Digby mitten in der Orfordſtraße niederſetzen— den erſteren im Zwilchkittel, den letzteren in ſuperfeinem Anzug, den einen mit fünf Schillingen, den anderen mit tauſend Pfunden in der Taſche— und würde man ſich zehn Jahre ſpäter wieder nach beiden Männern umſehen, ſo würden wir Dick auf dem Weg zu einem großen Vermögen, Digby aber gerade ſo finden, wie wir ihn hier geſehen haben. Und doch ging Digby keinem Laſter nach; er trank nicht und ſpielte nicht. Was war er alſo? Hülflos. Man hatte vas einzige Söhnchen verhätſchelt und zum„Gentleman“, 618 das heißt, zu einem Menſchen erzogen, von dem man nicht erwarten konnte, daß er zu irgend etwas Hand anlege. Wie wir bereits wiſſen, hatte man ihn bei einem ſehr koſtſpieli⸗ gen Regiment untergebracht, in welchem er noch ſtand, als ſein Vater ſtarb und ihm bei ſeiner Unfähigkeit„Nein“ zu ſagen die Summe von viertauſend Pfunden hinterließ. Er war nicht von Natur aus verſchwenderiſch, aber ohne eine Vorſtellung von dem Werth des Geldes und dabei der ſorg⸗ loſeſte, ſanfteſte und gutmüthigſte Menſch, der je durch das Beiſpiel Anderer auf Abwege geführt wurde. Dieſer Theil ſeiner Laufbahn umfaßte eine ſehr alltägliche Geſchichte— die eines armen Mannes, der mit dem Reichen auf gleichem Fuße leben will. Es gab Schulden; er mußte zu den Wucherern ſeine Zuflucht nehmen, welche die Wechſel, die er bisweilen für Andere unterzeichnete, gegen zwanzig Procent erneuerten, und ſo ſchmolzen die viertauſend Pfund dahin wie der Schnee. Nun folgen pathetiſche Bittſchreiben an die Verwandten, die ſelbſt Kinder haben und nur unter Be⸗ dingungen und mit großem Widerwillen ſpärliche Hilfe ſpen⸗ den, dabei aber um ſo freigebiger mit ihrem Rathe ſind. Unter den Bedingungen iſt eine ſehr ſachgemäße und verſtän⸗ dige— Verſetzung in ein weniger koſtſpieliges Regiment. Die Verſetzung findet ſtatt. Es iſt Friede. Schlechte Land⸗ quartiere, Langeweile, Flötenblaſen und Müßiggang. Mr. Digby weiß außer ſeinem Flötenſpiel an regneriſchen Tagen nichts anzufangen. Ein hübſches Mädchen von geringem Stand— alle Offiziere ſind hinter ihr her. Digby ver⸗ liebt. Das hübſche Mädchen iſt ſehr tugendhaft. Digby trägt nunge Frau Digbl verſto Regir und Liebh und e maniſ cialſte lichert der„ Stim er ſch verſta auf u ſinkt zweif an di ſeiner verſch jährli Ungl taugt Tag, Kind Seel 619 an nicht trägt ſich mit ehrenhaften Abſichten; vortreffliche Geſin⸗ e. Wie nungen; unkluge Heirath. Digby kömmt herunter; die oſtſpieli⸗ Frau Obriſtin will keinen Verkehr unterhalten mit Mrs. nd, als Digby, und Digby wird von ſeiner ganzen Verwandtſchaft Rein“ zu verſtoßen. Viele unangenehme Umſtände im Leben beim eß. Er Regiment; Digby verkauft ſeine Stelle, liebt in einer Hütte hne eine und fällt in derſelben dem Erecutionsamt anheim. Auf der ſorg⸗ Liebhabertheatern hat er als Dilettant viel Beifall geerntet, urch das und er denkt an die Bühne. Gentile Truppe— gentle⸗ ſer Theil maniſcher Beruf. Er macht den Verſuch in einer Provin⸗ ichte— cialſtadt unter angenommenem Namen und findet unglück⸗ gleichem licherweiſe Beifall. Leben eines Schauſpielers; Erwerb von zu den der Hand zum Mund; Krankheit; Bruſtleiden. Digby's el, die er Stimme wird ſchwach und heiſer, ohne daß er es bemerkt; Procent er ſchreibt den mangelnden Beifall auf Rechnung des Un⸗ d dahin verſtands unter dem Provincialpublikum, tritt in London eiben an auf und wird ausgepfiffen. Rückkehr in die Provinz. Er nter Be⸗ ſinkt zu unbedeutenden Rollen herab. Gefängniß; Ver⸗ ilfe ſpen⸗ zweiflung; Tod der Gattin. Abermalige flehentliche Bitten the ſind. an die Verwandtſchaft; Eröffnung einer Subſeription, um verſtän⸗ ſeiner los zu werden. Man ſchickt ihn aus dem Lande und egiment. verſchafft ihm eine Gutsaufſehersſtelle in Canada, die ihm te Land⸗ jährlich hundertundfünfzig Pfund einbringt. Fortwährendes g. Mr. unglück. Da er ſich nie für's Geſchäftsleben befähigte, ſo en Taen taugt er auch jetzt nicht dazu. Er iſt zwar ehrlich, wie der geringem Tag, aber ungeordnet in Führung der Rechnungen. Das gby ver⸗ Kind kann den Winter in Canada nicht ertragen und ſeine Digby Seele hängt an dem Mädchen. Er kehrt in die Heimath 620 zurück. Geheimnißvolles Leben während zweier Jahre. Die Kleine iſt geduldig, denkend, voll Liebe, hat arbeiten gelernt, ſpart für den Vater und unterſtützt ihn oft durch den Fleiß ihrer Hände. Seine Geſundheitsumſtände werden immer ſchlimmer; Gedanken über das künftige Loos ſeines Kindes— eine Qual, die noch ſchlimmer iſt, als alle Krank⸗ heit. Der arme Digby! Nie in ſeinem Leben ließ er ſich eine ſchlechte, liebloſe oder grauſame Handlung zu ſchulden kommen, und da geht er nun hin burch den Heckenweg vor dem Hauſe des Obriſten Pompley. Hätte er die von Lord LEstrange erhaltenen hundert Pfund auf Effektmacherei verwendet, ſich und die hübſche Helen vornehm heraus⸗ geputzt und auf der letzten Station eine ſchöne Equipage mit ein Paar entſprechenden Pferden gemiethet, ſo wäre er doch in der Lage geweſen, ſich dem Obriſten Pompley in einer Weiſe vorzuſtellen, die denſelben nicht in Mißeredit brachte bei ſeinen Verwandten. Hätte er ferner, ſtatt um Schutz und ein Obdach zu bitten, den Obriſten erſucht, für den Fall ſeines Todes der Vormund ſeines Kindes zu wer⸗ den, ſo zweifle ich kaum, daß bei einem ſolchen Auftreten der Obriſt ungeachtet ſeines Geizes wohl Rath gefunden haben würde, um ſein Einkommen auch für Heken ausreichend zu machen. Aber unſer armer Freund wußte nichts von ſol⸗ chen Kunſtgriffen. Von den hundert Pfunden war in der That nur wenig mehr übrig; denn vor ſeinem Abzug von London hatte er eine— nach Sheridan— unverzeihliche Verſchwendung begangen, indem er ſein Geld mit Bezah⸗ lung ſeiner Schulden verplemperte, und wenn ihm auch je der G putzen dem C er ſeit ſchlim kann. zwei& und d er am 2 er Hel das M die ſch die dor Spielz gegen. Digby denn e Lächelt die erſi 2 dieſem ihm d Jahre. arbeiten irch den werden ſeines Krank⸗ er ſich chulden e er on Lord racherei heraus⸗ uipage wäre er pley in ißeredit att um t, für u wer⸗ ten der haben end zu on ſol⸗ in der ig von ihliche Bezah⸗ auch je der Gedanke aufgeſtiegen wäre, ſich und Helen herauszu⸗ putzen, ſo würde er ihn als thöricht verworfen haben, unter dem Eindrucke, daß er um ſo mehr Mitleid errege, je mehr er ſeine Armuth zur Schau trage. Dies iſt freilich der ſchlimmſte Irrthum, der einem armen Verwandten begegnen kann. Nach Theophraſt hat das paphlagoniſche Rebhuhn zwei Herzen. Daſſelbe iſt der Fall bei den meiſten Menſchen, und der Unglückliche begeht in der Regel den Mißgriff, daß er am unrechten anklopft. Eilftes Kapitel. Mr. Digby kehrte nach dem Wirthshaus zurück, wo er Helen gelaſſen hatte. Als er in das Zimmer trat, ſaß das Mädchen an dem Fenſter und ſchaute gedankenvoll in die ſchmale Straße hinunter— vielleicht nach den Kindern, die dort ſpielten, denn für Helen Digby hatte es nie eine Spielzeit gegeben. Sie ſprang auf und ihrem Vater ent⸗ gegen. Sein Kommen war ihr Feiertag. „Wir müſſen wieder nach London zurück,“ ſagte Mr. Digby, kraftlos auf den Stuhl niederſinkend, und fuhr dann, denn er war ſogar gegen ſein Kind höflich, mit einem matten Lächeln fort:„Willſt Du ſo gut ſeyn, nachzufragen, wann die erſte Kutſche abfährt?“ Alle thätigen Sorgen ihres ſorgenvollen Lebens lagen dieſem ruhigen Kinde ob. Helen küßte ihren Vater, brachte ihm die Arznei gegen den Huſten, welche ſie von London 622 aus mitgenommen hatten, und verließ ſchweigend das Zim⸗ mer, um die nöthigen Erkundigungen einzuziehen und Vor⸗ bereitungen zur Rückreiſe zu treffen. Abends um acht Uhr ſaßen Vater und Kind in der Nachtkutſche, in welcher ſich außer ihnen nur noch ein ein⸗ ziger, bis ans Kinn eingemummter Reiſender befand. Nach kurzer Fahrt ließ der Fremde das eine Fenſter nieder. Un⸗ geachtet des Sommers war die Luft kalt und rauh. Digby fröſtelte und huſtete. Helen legte ihre Hand auf das Fenſter, beugte ſich gegen den Fremden vor und flüſterte etwas. „Wie?“ fragte der Reiſende.„Das Fenſter aufziehen? Ihr habt Euer eigenes— dieſes gehört mir. Sauerſtoff, mein gutes Mädchen“— fügte er feierlich bei—„Sauer⸗ ſtoff iſt die Luft des Lebens. Alle Welt,“ fuhr er fort, ein ungeduldiges Aufbrauſen niederkämpfend—„alle Welt, Kind, meint Ihr, ich wolle nicht leben und athmen?“ Helen war eingeſchüchtert und zog ſich ſcheu zurück. Ihr Vater, der dieſe Zwieſprache nicht gehört oder nicht beachtet hatte, drückte ſich in die Ecke, ſchlug ſeinen Kragen in die Höhe und huſtete wieder. „Es iſt kalt, mein Kind,“ ſagte er in natiein ⁊ Tone zu Helen. Der Fremde fing dieſe Bemerkung auf und ſprudelte unwillig, als ſpreche er nur für ſich hin, heraus— „Kalt?— Hu! Ich glaube die Engländer ſind das luftſcheueſte Volk von der Welt. Man darf nur ihre Vier⸗ pfoſtenbetten anſehen! Alle Vorhänge zugezogen, die Läden geſchlo Haus 4 recht i S Fenſter Mr. L ſeines Laune wird r Leute, Kutſch und J 7 Digby „wenn Fenſter Recht, gegen beugte viel zu S2 16 Zim⸗ d Vor⸗ in der ein ein⸗ . Nach Un⸗ Digby gte ſich ziehen? nerſtoff, Sauer⸗ ort, ein Welt, . ück. rt oder ſeinen Lone zu rudelte nd das e Vier⸗ e Läden 523 geſchloſſen, ein Schirm vor dem Kamin— nicht ein einziges Haus mit einem Ventilator! Kalt— ja wohl da!“ Das Fenſter in der Nähe von Digby paßte nicht recht in die Fugen. „Es iſt hier ein trauriger Zug,“ ſagte der Kranke. Helen war ſogleich bemüht, die Spalten zwiſchen Fenſter und Rahmen mit ihrem Taſchentuch zu verſtopfen. Mr. Digby warf einen kläglichen Blick nach dem Fenſter ſeines Nachbars— einen Blick, ſo beredt, daß die üble Laune des Fremden noch mehr geſteigert wurde. „Das iſt luſtig!“ ſagte er.„Beim Himmel, nächſtens wird man mir zumuthen, auf den Bock hinauszuſitzen. Leute, die mit Lohnkutſchern reiſen, ſollten auch das Kutſchenrecht kennen. Ich will nichts von Eurem Fenſter, und Ihr ſeyd nicht befugt, das meinige anzufechten.“ „Sir, ich habe mich nicht beſchwert,“ entgegnete Mr. Digby in ſanftem Tone. „Ihr nicht, aber die Miß da.“ „Ach, Sir,“ verſetzte Helen mit erſtickter Stimme, „wenn Ihr wüßtet, wie leidend der Papa iſt.“ Und ihre Hand bewegte ſich wieder nach dem anſtößigen Fenſter hin. „Nicht doch, meine Liebe, der Gentleman iſt in ſeinem Recht,“ ſagte Mr. Digby und fügte bei, während er ſich gegen den Fremden mit ſeiner gewohnten Höflichkeit ver⸗ beugte—„Ihr müßt es ihr zu gut halten, Sir. Sie denkt viel zu viel an mich.“ Der Fremde erwiederte nichts, und Helen ſchmiegte 624 ſich inniger an ihren Vater an, um ihn gegen die kalte Abendluft zu ſchützen. Ihr Reiſegefährte bewegte ſich unruhig hin und her. „Na,“ ſagte er mit einer Art entrüſteten Schnaubens —„Luft iſt Luft und Recht iſt Recht. Doch ſey es darum.“ Und er zog haſtig das Fenſter auf. Helen warf ihm einen Blick voll Dankes zu, der ſogar in der Dunkelheit des Abends zu bemerken war. „Ihr ſeyd ſehr gütig, Sir,“ ſagte der arme Mr. Digby.„Ich bin beſchämt, daß—“ Sein Huſten unterdrückte den Reſt des Satzes. Der Fremde, der ein vollſaftiger ſanguiniſcher Mann war, fühlte ſich unbehaglich in der eingeengten Luft. Er ſchlug jedoch ſeinen Mantel zurück und verzichtete auf den Sauerſtoff wie ein Held. Dann rückte er dem Leidenden näher und legte ſeine Finger an deſſen Handgelenk. „Ihr habt Fieber, wie ich fürchte. Bst!— Eins— zwei. Alle Welt, Ihr ſolltet nicht reiſen. Es paßt nicht für Euren Zuſtand.“ Mr. Digby ſchüttelte den Kopf. Er war zu ſchwach um etwas zu erwiedern. Der Reiſende ſteckte die Hand in ſeine Rocktaſche und zog etwas heraus, das wie ein Cigarrenfutteral ausſah, in Wirklichkeit aber ein lederner Behälter war, in welchem ſich eine Anzahl winziger Fläſchchen befand. Aus einem ſolchen Fläſchchen ſchüttelte er zwei kleine Kügelchen auf die Hand. „Macht den Mund auf— legt „Da,“ ſagte er. Ich bin ein Arzt. augen— dies a und de beſſer f der Rr Hyos ſchlank — Sch War d „( einfälti Euch je „2 Wie un Anſicht, erſcheine „E mord iſ derart, „C „V Waſſer aber das jagen, mangel, Ol ſtellung Bulwe ie kate her. naubens arum.“ , der . ne Mr. rMann ft. Er auf den te ſeine in Arzt. t reiſen. ſchwach che und ſah, in em ſich ſolchen Hand. — legt 625 dies auf die Zungenſpitze. Es wird den Puls ermãßigen und dem Fieber Einhalt thun. Ihr werdet Euch ſchnell beſſer fühlen— aber Ihr ſolltet nicht reiſen. Ihr bedürft der Ruhe und ſolltet Euch zu Bett legen. Aconit!— Hyoschamus!— Hum! Euer Vater iſt hager und ſchlank— ein melancholiſcher Charakter, möcht' ich ſagen — Schen vor Arbeit vielleicht. Wie iſt dies, Kind?“ „Sir!“ ſtotterte Helen erſtaunt und beunruhigt.— War der Mann ein Zauberer, daß er Alles ſo wußte? „Ein Fall für Phosphor!“ rief der Fremde.„Der einfältige Browne würde geſagt haben— Arſenik. Laßt Euch ja nicht überreden, Arſenik zu nehmen.“ „Arſenik, Sir?“ wiederholte der ſanfte Digby.„Nein. Wie unglücklich auch ein Menſch ſey, Sir, ſo bin ich der Anſicht, daß der Selbſtmord— mag er noch ſo verlockend erſcheinen— ein ſchweres Verbrechen t „Selbſtmord,“ verſetzte der Fremde ruhig—„Selbſt⸗ mord iſt meine Liebhaberei! Ihr verſpürt kein Symptom derart, ſagt Ihr?“ „Gütiger Himmel, nein, Sir.“ „Wenn Ihr Euch je gewaltſam gedrungen fühlt, ins Waſſer zu ſpringen, ſo nehmt Pulſatilla. Wandelt Euch aber das Verlangen an, Euch eine Kugel durchs Gehirn zu jagen, verbunden mit Schwere in allen Gliedern, Appetit⸗ mangel, trockenem Huſten und Druckſchmerz in den Hühner⸗ augen— ſo Antimonium. Vergeßt dies nicht.“ Obgleich in dem armen Digby die unbeſtimmte Vor⸗ ſtellung aufſtieg, es müſſe bei ſeinem Reiſegefährten nicht Bulwer, meine Novelle. 40 626 ganz richtig unter dem Hute ſeyn, ſo verſuchte er doch, höflich zu erwiedern, daß er ihm danke für ſeinen Rath und deſſelben eingedenk ſeyn wolle; aber die Junge verſagte ihm den Dienſt, und ſeine eigenen Gedanken verwirrten ſich. Sein Kopf ſank ſchwer zurück, und er verfiel in ein Schweigen, welches das des Schlafes zu ſeyn ſchien. Der Fremde faßte Helen ſcharf ins Auge, als ſie ſanft den Kopf des Vaters mit ihrer Schulter unterſtützte und ihm va mit einer Zärtlichkeit, welche eher die einer Mutter als die eines Kindes war, ein Bette bereitete. „Mildes Gemüthe— ängſiliche Sorgfalt! Ein gutes Kind. Ganz ein Pulſatillacharakter.“ Helen erhob ihren Finger und blickte von ihrem Vater auf den Fremden, dann wieder zurück auf ihren Vater. „Fehlt nicht— Pulſatilla!“ murmelte der Homöo⸗ pathiker, der ſich in ſeine Ecke drückte und gleichfalls zu ſchlafen ſuchte. Nach einigen vergeblichen Verſuchen aber, die von unruhigen Geberden und Bewegungen begleitet waren, fuhr er plötzlich auf und zog wieder ſein Arzneien⸗ futteral heraus. „Was zum Henker gehen mich dieſe Leute an!“ mur⸗ melte er.„Ueberempfindlichkeit gegen Eindrücke— Cof⸗ fea? Nein!— Begleitet von ärgerlicher Heftigkeit— Nur!“ Er brachte ſeinen Behälter an das Fenſter, wo es ihm gelang, die Aufſchrift auf einem ſeiner Miniaturfläſchchen zu leſen. gelchen 5 ich mie Leute. H S diesma D ruhen, Der He ſog mit kräftige in die K „ er in ſat im Zim Ab ihr Vat Ohnma aus dem fing au einen B An h höflich deſſelben ihm den . Sein chweigen, ſie ſanft und ihm utter als Fin gutes em Vater ater. r Homöo⸗ chfalls zu chen aber, begleitet Arzneien⸗ n“ mur⸗ — Cof⸗ tigkeit— wo es ihm rfläſchchen 1 „Nur! da iſt es,“ ſagte er und verſchluckte ein Kü⸗ gelchen. „Gut,“ fuhr er nach einer Pauſe fort.„Jetzt kümmere ich mich keinen Strohhalm mehr um das Unglück anderer Leute. Ja, ich hätte gute Luſt, das Fenſter nieder zu laſſen.“ Helen blickte auf. „Aber ich will nicht,“ fügte er entſchloſſen bei; und diesmal gelang es ihm, ordentlich in Schlaf zu kommen. — Zwölftes Kapitel. Die Kutſche hielt um eilf Uhr an und ſollte ſo lange ruhen, bis die Reiſenden ihr Nachteſſen eingenommen hatten. Der Homöopathiker erwachte, ſtieg aus, ſchüttelte ſich und ſog mit ſichtlichem Wohlbehagen die friſche Luft in ſeine kräftigen Lungen ein. Dann wandte er ſich um und ſchaute in die Kutſche hinein. „Helft Eurem Vater ausſteigen, meine Liebe,“ ſagte er in ſanfterem Tone als gewöhnlich.„Ich möchte ihn gerne im Zimmer ſehen— vielleicht kann ich ihm nützlich werden.“ Aber man denke ſich Helens Schrecken, als ſie fand, daß ihr Vater kein Lebenszeichen von ſich gab. Er lag in tiefer Ohnmacht und war noch immer beſinnungslos, als man ihn aus dem Wagen hob. Mit der Rückkehr des Bewußtſeyns fing auch ſein Huſten wieder an, und die Anſtrengung hatte einen Bluterguß zur Folge. An Fortſetzung der Reiſe war nicht zu denken. Der 628 Homöopathiker half dem Kranken beim Auskleiden und brachte ihn zu Bette. Nachdem er ihm wieder eines von ſeinen geheimnißvollen Kügelchen beigebracht hatte, fragte er die Wirthin, wie weit es bis zum nächſten Arzte ſey, denn das Wirthshaus, das vereinzelt an der Straße lag, gehörte nur zu einem kleinen Dörfchen. Eine Stunde davon befand ſich die Bezirksapotheke. Als er aber hörte, daß die vor⸗ nehmeren Leute den Doctor Doſewell, der gute drei Stunden von dem Dorfe wohnte, zu berathen pflegten, ſo ſeufzte der Homöopathiker tief auf. Die Kutſche hielt nur eine Viertelſtunde an. „Alle Welt,“ ſprach er unmuthig zu ſich ſelbſt,„die Nurx hat nicht angeſchlagen. Meine Reizbarkeit iſt chro⸗ niſch. Ich muß einige antipſoriſche Mittel brauchen, um ſie mir vom Leibe zu ſchaffen. He, Condukteur— gebt mir meinen Reiſeſack heraus. Ich will heute Nacht hier bleiben.“ Und der gute Mann begab ſich, nachdem er ein ſehr einfaches Nachteſſen zu ſich genommen, wieder die Treppe hinauf zu dem Leidenden. „Soll ich nach dem Doctor Doſewell ſchicken, Sir?“ fragte die Wirthin, ihn unter der Thüre anhaltend. „Hum! Zu welcher Stunde kömmt morgen die erſte Kutſche nach London vorbei?“ „Nicht vor acht Uhr, Sir.“ „Gut. So laßt den Doctor wiſſen, er ſolle um ſieben uhr ſich einfinden. Wir halten dann doch noch einige Stun⸗ den All manns V Homöo unterſti und de geholfe Medicit ſeine J allmäli der Do⸗ Rippen ſodann auf ſein trachtur ſtört. ſinniges ganzen 58 nach ein an, eh' ach Lo ihnen ſe „ erröthen ſchon al funden- — =————————————— 629 hrachie den Allopathie und Mord ab,“ grunzte der Jünger Hahne⸗ manns, als er in das Zimmer trat. S War es nun das Kügelchen, das dem Kranken von dem denn das Homöopathiker gereicht wurde, oder hatte die von Ruhe S unterſtützte Natur eine Stillung des Bluterguſſes bewirkt sfan und dem armen Leidenden wieder einigermaßen zu Kräften br geholſen— bies iſ eine Fenge, über ie ſich ein Laie in der Medicin kein Urtheil anmaßen darf. So viel hatte übrigens pflegten⸗ ſeine Richtigkeit, daß ſich Mr. Digby beſſer befand und che hielt allmälig in einen tiefen Schlaf verfiel. Zuvor hatte jedoch der Doctor ſeine Bruſt unterſucht, mit der Hand auf die bſt,„die Rippen geklopft und mehrere Fragen geſtellt. Er zog ſich iſt chro⸗ ſodann in eine Ecke des Zimmers zurück, ſtützte das Geſicht hen, um auf ſeine Hand und ſchien nachzudenken. Aus ſeinen Be⸗ gebt trachtungen wurde er durch eine leiſe Berührung aufge⸗ acht hier ſtört. Helen kniete zu ſeinen Füßen. „Iſt er ſo gar krank?“ fragte ſie, und ihr liebevolles, ein ſehr ſinniges Auge ruhte auf dem Antlitz des Arztes mit dem Treppe ganzen Ernſt der Verzweiflung. „Ja, Euer Vater iſt ſehr krank,“ verſetzte der Doctor „Sir?“ nach einer kurzen Pauſe.„Es ſteht wenigſtens einige Tage an, eh' er von hier fortgeſchafft werden kann. Ich gehe dietietſit ach London— ſoll ich Eure Verwandten aufſuchen und ihnen ſagen, daß Jemand herauskommen ſoll?“ „Nein, ich danke Euch, Sir,“ antwortete Helen erröthend.„Aber ſeyd unbeſorgt, ich kann dem Papa ſchon abwarten. Ich glaube, er hat ſich ſchon übler be⸗ funden— das heißt, er hat mehr geklagt.“ um ſieben ge Stun⸗ 630 Der Homöopathiker ſtand auf und machte einige Schritte durch das Zimmer; dann blieb er bei dem Bette ſtehen und horchte auf den Athem des Schlafenden. Er ſchlich zu dem Kind zurück, das noch immer da kniete, nahm es in ſeine Arme und küßte es: „Zum Henker,“ ſagte er, indem er ſie wieder losließ, „geht jetzt zu Bett. Man braucht Euch nicht mehr.“ „Verzeiht, Sir,“ entgegnete Helen,„ich kann ihn ſo nicht verlaſſen. Wenn er erwacht, würde er mich ver⸗ miſſen. Des Doctors Hand zitterte. Er griff nach ſeinen Kü⸗ gelchen. „Angſt— unterdrückter Gram,“ murmelte er.„Müßt Ihr nicht weinen, meine Liebe?— So weint doch!“ „Ich kann nicht,“ murmelte Helen. „Pulſatilla!“ rief der Doector, faſt im Triumph. „Ich ſagte es ja von Anfang an. Macht den Mund auf — da! Gute Nacht. Mein Zimmer iſt gleich da drüben, Nummer 6. Ruft mich, wenn er aufwacht.“ Dreizehntes Kapitel. Um ſieben Uhr langte Doctor Doſewell an und wurde in das Zimmer des Homöopathikers gewieſen, der bereits auf und angekleidet war und ſchon bei ſeinem Patienten einen Beſuch gemacht hatte. „Mein Name iſt Morgan,“ ſagte der Homöopathiker. „Ich bi den, w Kommt D Mr. Di und ma „C ſagte er D allopatl Kranken ſuchte u Blick v Auge ſt angeneh 52 3 „C an die C „L wieder Di „C Doſewe eine ſeh 6 ſind ver D ———————————— 631¹ „Ich bin ein Arzt und überlaſſe Euren Händen einen Kranken, e eini em den, wie ich fürchte, keiner von uns beiden herſtellen kann. Kommt und ſeht nach ihm.“ mmer da Die beiden Aerzte begaben ſich in das Krankenzimmer. Mr. Digby war ſehr ſchwach, aber bei vollem Bewußtſeyn r losließ, und machte eine höfliche Kopfbeugung.“ r.“„Es thut mir Leid, daß ich ſo viel Mühe verurſache,“ kann ihn ſagte er. nich ver⸗ Der Homöopathiker zog Helen bei Seite, während ſein allopathiſcher College neben dem Bette Platz nahm, den Kranken ausfragte, den Puls befühlte, die Lungen unter⸗ inen Kü⸗ ſuchte und die Zunge beſichtigte. Helen verwandte keinen „Müßit Blick von dem fremden Doctor. Ihr Antlitz glühte und ihr . Auge ſtrahlte, als der Arzt wohlgemuth aufſtand und mit angenehmer Stimme ſagte: Triumph.„Ihr könnt etwas Thee genießen.“ Nund auf„Thee!“ brummte der Homöopathiker.„Barbariſch!“ drüben,„Es iſt alſo beſſer, Sir?“ fragte Helen, auf den Zehen an die Seite des Allopathikers tretend. „O ja, meine Liebe— gewiß; und es wird ſchon wieder gut werden, hoffe ich.“ Die beiden Aerzte verließen das Zimmer. „Er wird's noch eine Woche treiben,“ ſagte Doctor nd wurde Doſewell mit einem angenehmen Lächeln und zeigte dabei r bereits eine ſehr weiße Zahnreihe. iten einen„Ich würde einen Monat ſagen; aber unſere Syſteme ſind verſchieden,“ verſetzte Doctor Morgan. pathiker. Doctor Doſewell(höflich).—„Wir Landdoe⸗ 632 toren beugen uns vor ber überlegenen Kunſt der Londoner Aerzte. Was rathet Ihr? Vielleicht würdet Ihr es wa⸗ gen, den Verſuch mit einer Aderläße zu machen?“ Doctor Morgan(ſprudelnd, und, wie er ſtets in der Aufregung zu thun pflegte, in den Dialekt ſeiner waleſiſchen Heimath verfallend).—„Aderlaſſen! Gott im Himmel! Haltet Ihr mich für einen Schlächter— für einen Scharf⸗ richter? Aderlaſſen! Unter keinen Umſtänden!“ Doctor Doſewell.—„Ich halte es auch nicht mehr für angemeſſen, wenn beide Lungen hin ſind. Aber vielleicht ſeyd Ihr für Einathmungen?“ Doctor Morgan.—„Firlefanz!“ Doctor Doſewell(mit einigem Mißvergnügen).— „Nun, was würdet Ihr in dieſem Falle rathen, um das Leben des Patienten noch einen Monat zu erhalten?“ Doctor Morgan.—„Die Hämoptyſis zu ſtillen — ihm Rhus zu geben.“ Doctor Doſewell.—„Rhus, Sir? Rhus! Ich kenne dieſe Arznei nicht. Rhus?“ Doctor Morgan.—„Rhus Toricodendron.“ Die Länge des letzteren Wortes flößte Doctor Doſewell Reſpekt ein. Ein Wort von fünf Sylben— das ſah etwas gleich! Er verbeugte ſich ehrerbietig, machte aber noch immer eine verlegene Miene. Endlich begann er mit einem freimüthigen Lächeln— „Ihr großen Londoner Praktiker habt ſo viele neue Arzneien. Darf ich fragen, was Rhus Torico— Torico—“ „Dendron.“ baun jung Ihr Doſi gelch Vorſ die Hom Doct aber theke empft bezeic Man desha die in ondoner es wa⸗ s in der leſiſchen immel! Scharf⸗ h nicht Aber — um das ſtillen Rhus! dron.“ öſewell etwas er noch teinem le neue ico—“ 633 „Iſt?“ „Der Saft des Sumach“— gemeiniglich der Gift⸗ baum genannt.“ Doctor Doſewell machte große Augen. „Sumach— Giftbaum?— Schon die Berührung der jungen Sproſſen macht Rothlaufgeſchwulſt und Ausſchläge. Ihr gebt alſo Sumachſaft gegen Blutſpeien?— In welcher Doſis?“ Doctor Morgan grinste boshaft und brachte ein Kü⸗ gelchen von der Größe eines kleinen Stecknadelkopfs zum Vorſchein. Doctor Doſewell bebte mit Abſcheu zurück. „Oh,“ ſagte er ſehr kalt und nahm mit Einemmal die Miene ſtolzer Ueberlegenheit an—„ich habe einen Homöopathen vor mir, Sir?“ „Einen Homöopathen.“ „Hum!“ „Hum!“ „Ein ſonderbares Syſtem, Doctor Morgan,“ ſagte Doctor Doſewell, ſein heiteres Lächeln wieder annehmend, aber mit einem Zug von Verachtung darin,„und den Apo⸗ thekern würde es bald den Garaus machen.“ * Piſiſtratus Caxton läßt den Homöopathiker die von ihm empfohlene Arznei als Saft des Upasbaumes(strychnos Tieuté) bezeichnen— ein naturgeſchichtlicher Irrthum, der wohl nicht einem Mann der Wiſſenſchaft begegnen kann. Autor und Leſer werden deshalb dem Ueberſetzer eine kleine Abweichung vom Original, die im Weſentlichen nichts ändert, zu gut halten. 634 „Geſchieht ihnen Recht. Sie haben lang ben Pa⸗ tienten den Garaus gemacht.“ „Sir!“ „Sir!“ Doctor Doſewell(mit Würde).—„Ihr wißt viel⸗ leicht nicht, Doctor Morgan, daß ich ebenſogut Apotheker als Arzt bin. In der That“(fügte er mit einer gewiſſen großartigen Demuth bei)„ich habe noch kein Diplom ge⸗ nommen, und man nennt mich eben Doktor aus Höflichkeit.“ Doctor Morgan.—„Mir ganz gleichgültig, Sir. Der Doctor fertigt das Todesurtheil aus, und der Apotheker vollſtreckt es.“ Doctor Doſewell(mit vernichtendem Hohne).— „Gewiß rühmen wir uns nicht, einem ſterbenden Menſchen das Leben mit dem Saft des todbringenden Siſtines friſten zu können.“ Doctor Morgan(ſelbſtgefällig).—„Natürlich laßt Ihr das bleiben. Bei uns gibts keine Gifte. Dies iſt ge⸗ wade der Unterſchied zwiſchen Euch und mir, Doector Doſe⸗ well.“ Doctor Doſewell(auf die Reiſeapotheke des Ho⸗ möopathen deutend und mit erkünſtelter Offenheit).—„In der That, ich habe mich immer dahin ausgeſprochen, daß ihr, wenn ihr auch nicht zu nützen im Stande ſeyd, mit euren Deeillionen nicht ſchaden könnt.“ Doctor Morgan, welcher gegen den Vorwurf der Vergiftung ſtumpf geblieben iſt, geräth in's Feuer ob der Behauptung, daß er nicht ſchaden könne. Leut das geſur bens „Pre Ihr path dem auft ſpiel Doſe Doc von t viel⸗ theer wiſſen m ge⸗ hkeit.“ nd der e).— nſchen umes h laßt iſt ge⸗ Doſe⸗ 8 Ho⸗ 6„In „daß „mit f der b der „Ihr verſteht nichts davon! Ich könnte eben ſo viele Leute liefern, als Ihr, wenn ich wollte. Aber ich will nicht.“ Doctor Doſewell(die Achſeln zuckend.)—„Sir, das Disputiren führt zu nichts. Die Sache iſt gegen den geſunden Menſchenverſtand. Kurz, ich lebe des feſten Glau⸗ bens, daß es eine— eine vollſtändige—“ Doctor Morgan.—„Was— vollſtändig?“ Doctor Doſewell(auf's Aeußerſte gereizt).— „Prellerei iſt.“ Morgan.— Pet Gott im Himmel! Ihr alter—“ Doctor Doſewell.—„Was— alter, Sir? Doctor Morgan(herausſprudelnd). allo⸗ pathiſcher Menſchenwürger.“ Doctor Doſewell(fährt auf, faßt den Stuhl, auf dem er geſeſſen, bei der Lehne, und ſtößt ihn mit Ungeſtüm auf den Boden).—„Sir!“ Doctor Morgan(mit dem eigenen Stuhl das Bei⸗ ſpiel ſeines Collegen nachahmend).—„Sir!“ Doctor Doſewell.—„Ihr wollt mich beſchimpfen.“ Doctor Morgan.—„Und Ihr ſeyd unverſchämt.“ Doctor Doſewell.—„Sir!“ Doctor Morgan.—„Sir!“ Die zwei Nebenbuhler ſtanden ſich gegenüber. Beide waren baumſtarke, heißblütige Männer. Doctor Doſewell überragte zwar den Anderen an Größe, aber Doctor Morgan war breiter gebaut. Doctor Doſewell hatte von der Mutterſeite iriſches Blut in ſich, aber Doetor 636 Morgan war von beiden Seiten ein Waleſer. In Anbetracht aller Dinge hätte ich auf Doctor Morgan wetten mögen, wenn es zu einer Balgerei gekommen wäre. Zum Glück übrigens für die Ehre der Wiſſenſchaft klopfte jetzt die Stubenmagd an die Thüre und ſagte: „Die Kutſche kömmt, Sir.“ Bei dieſer Ankündigung ſammelte ſich Doctor Morgan wieder. „Doctor Doſewell,“ ſagte Doctor Morgan,„ich bin zu hitzig geweſen— ich bitte um Verzeihung.“ „Doctor Morgan,“ entgegnete der Allopath,„ich habe mich vergeſſen. Eure Hand, Sir.“ Doctor Morgan.—„Wir Beide ſtehen im Dienſte der Menſchheit, obſchon unſere Anſichten verſchieden ſind. Wir ſollten uns gegenſeitig achten.“ Doctor Doſewell.—„Wo ſollte man Freiſinnig⸗ keit ſuchen, wenn die Männer der Wiſſenſchaft unduldſam ſind gegen ihre Collegen?“ Doctor Morgan(bei Seite).—„Der alte Heuch⸗ ler! Er würde mich in ſeinem Mörſer zerſtampfen, wenn mich nicht das Geſetz ſchützte.“ Doctor Doſewell(bei Seite).— Der erbärmliche Marktſchreier! Wenn ich ihn nur unter meinem Stößel hätte!“ Doctor Morgan.—„Gott befohlen, mein ge⸗ ſchätzter und würdiger College.“ Doctor Doſewell.—„Lebt wohl, mein vortref⸗ licher Freund.“ gaß. reich — weit ein. dem Mr. „Abe vom daure Börſ daß Hont lente: welch war Er h gebli ſchaff ſpre tracht ögen, Glück t die organ h bin habe ienſte ſind. nnig⸗ dſam euch⸗ wenn lliche tößel ge⸗ tref⸗ 637 Doctor Morgan(haſtig zurückkehrend).—„Ich ver⸗ gaß. Wie mir ſcheint, iſt unſer armer Patient nicht ſehr reich. Ich vertraue ihn Eurem uneigennützigen Wohlwollen.“ —(Eilt fort.) Doctor Doſewell(oll Wuth).„Drei Stunden weit Morgens um ſechs Uhr, und vielleicht nicht einmal ein Honorar. Der Quackſalber! Der Schurke!“ Mittlerweile hatte ſich Doctor Morgan wieder nach dem Krankenzimmer begeben. „Ich muß Euch Lebewohl ſagen,“ redete er den armen Mr. Digby an, der aus zitternder Hand ſeinen Thee ſchlürfte. „Aber Ihr ſeyd in den Händen eines— eines— Gentleman vom Fach.“ „Ihr ſeyd allzugütig gegen mich geweſen— ich be⸗ daure ſchmerzlich,“ ſagte Mr. Digby.„Helen, wo iſt meine Boörſe.“ Doctor Morgan hielt inne. Er blieb, erſtlich, weil wir nicht verbergen können, daß ſeine Praris beſchränkt war und der Klang des Wortes Honorar nicht nur der Eitelkeit des nicht gewürdigten Ta⸗ lentes ſchmeichelte, ſondern auch den Reiz der Neuheit hatte, welcher der menſchlichen Natur ſo angenehm iſt. war er ein Mann der „Seines Rechts bewußt, es zu behaupten wagt.“ Er hatte einen Kutſchenlohn aufgegeben— war über Nacht geblieben und glaubte, ſeinem Patienten Erleichterung ver⸗ ſchafft zu haben; alſo war er befugt, ein Honorar anzu⸗ ſprechen. 638 Andererſeits hielt er inne, weil er, obſchon ſeine Praxis nicht groß war, doch ſein ordentliches Auskommen hatte und nicht auf Geld zu ſehen brauchte. Auch vermu⸗ thete er, daß ſein Patient kein Cröſus ſey.— Die Börſe war in Helen's Hand. Doctor arzan nahm ſie ihr ab und ſah nur einige Golbſtücke in dem ſehr verbrauchten Netzwerk. Er zog die Kleine ein wenig bei Seite. „Antwortet mir offen, meine Liebe— iſt Euer Papa reich?“ Er blickte nach den fadenſcheinigen Kleidern, die auf dem Stuhle lagen, und auf Helen's verblichenes Röckchen.* „Leider nein,“ verſetzte Helen und ließ den Kopf ſinken⸗ „Iſt dies Alles, was ihr habt?“ „Ja, Alles.“ „Ich muß mich ſchämen, daß ich Euch nur zwei Guineen anbieten kann,“ ließ ſich Mr. Digby's hohle Stimme von dem Bette her vernehmen. „Und ich würde mich noch mehr ſchämen, wenn ich Euch dieſes Geldes beraubte. Lebt wohl, Sir. Kommt her mein Kind. Behaltet Euer Geld und verſchwenbet an den anderen Doctor nicht mehr als eben ſeyn muß. Seine Arzneien können Eurem Vater nichts nützen; aber ich denke mir, daß er wird etwas einnehmen wollen. Er iſt kein eigentlicher Arzt, und es bedarf daher keiner beſonderen Ho⸗ norirung. Er wird ſeine Rechnung ſchicken— ſie kann nicht viel ausmachen. Ihr verſteht mich? Und nun, Gottes Segen über Euch.“ ſeine aber Seyd Doct Ruhe bald Kinde Seht ihr 2 Gran — die der H langt herau Mitte Aufge haltun Annal piel B ſeine mmen ermu⸗ organ ſehr ig bei Papa e auf hen.* inken. tineen e von m ich ommt et Seine denke kein Ho⸗ kann ttes Doctor Morgan war fort. Aber als er der Wirthin ſeine Rechnung bezahlte, ſagte er vorſorglich— „Die armen Leutchen droben können Euch bezahlen, aber nicht dieſen Doctor— und er iſt obendrein unnütz. Seyd liebreich gegen das kleine Mädchen und veranlaßt den Doctor dazu, daß er ſeinen Patienten— natürlich in aller Ruhe— auffordere, er ſolle an ſeine Freunde ſchreiben— bald— Ihr verſteht mich. Jemand muß ſich des armen Kindes annehmen. Und halt— gebt Eure Hand her. Seht zu— dieſe Kügelchen für das kleine Mädchen, wenn ihr Vater ſtirbt—(der Doctor murmelte vor ſich hin: Gram— Aconit)— und wenn ſie nachher zuviel weint — dieſe. Verwechſelt ſie nicht. Thränen— Cauſticum!“ „Kommt, Sir!“ „Sogleich!— Thränen— Cauſticum,“ wiederholte der Homöopathiker und eilte in den Wagen. Dort ange⸗ langt, zog er Taſchentuch und Reiſeapotheke miteinander heraus und verſchluckte haſtig ein Kügelchen von ſeinem Mittel gegen Thränen. Vierzehntes Kapitel. Richard befand ſich in einem Zuſtande großer nervöſer Aufgeregtheit. Er hatte ſich vorgenommen, eine Unter⸗ haltung preiszugeben, die etwas Unerhörtes wäre in den Annalen von Shrewstown. Mrs. M'Catchley hatte mit piel Beredſamkeit die dejeünés dansants ihrer faſhionahlen 640 Freunde beſchrieben, die in den eleganten Vorſtädten von Wimbledor und Fulham wohnten, und dabei erklärt, daß es nichts Angenehmeres gebe, als dieſe Partien. Ja, ſie ſagte ſogar geradeheraus gegen Mr. Avenel:„Warum gebt Ihr kein dejeüné dansant?“ und dies reichte zu, den Mann des jungen Bluts zu beſtimmen, eine ſolche Beluſtigung zu ver⸗ anſtalten. Der Tag war beſtimmt, und Mr. Avenel ging auf die erforderlichen Vorbereitungen mit der Thatkraft eines Man⸗ nes und der Sorglichkeit einer Frau ein. Eines Morgens ſtand er nachdenkend auf dem Raſen und ging eben mit ſich über den beſten Platz für die Zelte zu Rath, als Leonard mit einem offenen Brief in der Hand zu ihm kam. „Mein theurer Onkel,“ ſagte er mit ſanfter Stimme. „Ha!“ rief Mr. Avenel, aus ſeinen Betrachtungen auf⸗ ſchreckend.„Ha Nun— was gibts?“ „Ich habe eben einen Brief von Mr. Dale erhalten. Er ſchreibt mir, meine Mutter ſey ſehr unruhig und beküm⸗ mert, weil er ſie nicht überzeugen könne, daß er von mir etwas gehört habe, und ſein Brief fordert Antwort. In der That müßte ich ihm und Allen als ſehr undankbar er⸗ ſcheinen, wenn ich nicht ſchriebe.“ Richard Avenel zog ſeine Brauen zuſammen, ſtieß ein ungeduldiges„Pah!“ aus und wandte ſich ab. Dann kam er wieder zurück, heftete ſein klares Sperberauge auf Leo⸗ nard's offenes Geſicht, ſchlang einen Arm in den ſeines Reffen und zog ihn mit ſich in das Gebüſch. Zeit, ich mit — ſch her ge was N der W Pflicht. „ Burſch mir im mal da Ich we Euer e men ur hellen einem 9 ſichtigu könnt J reicher! habt. „2 heit, ol Anerbie treffen. ich mir Bulw en von daß es agte bt Ihr mn des zu ver⸗ auf die Man⸗ Raſen elte zu and zu timme. en auf⸗ halten. beküm⸗ n mir n bar er⸗ ieß ein n kam f Leo⸗ ſeines „Wohlan, Leonard,“ ſagte er nach einer Pauſe,„es iſt Zeit, daß ich Euch einen Blick thun laſſe in die Plane, die ich mit Euch vorhabe. Ihr kennt jetzt meine Lebensweiſe — ſchäs' wohl, ſie iſt ein Bischen anders, als Ihr's bis⸗ her gewohnt geweſen ſeyd. Ich habe jetzt an Euch gethan, was Niemand zuvor that, indem ich Euch gehoben habe in der Welt, und wo ich Euch hinſtelle, da müßt Ihr Euch ſelbſt forthelfen.“ „Dies iſt mein Wunſch, und ich erkenne darin meine Pflicht,“ verſetzte Leonard aus vollem Herzen. „Gut. Ihr ſeyd ein geſcheidter Burſch, ein gentiler Burſch, und werdet mir Ehre machen. Ich war nicht mit mir im Klaren, was das Beſte für Euch ſeyn werde. Ein⸗ mal dachte ich daran, Euch in ein Collegium zu ſchicken. Ich weiß, dies iſt Mr. Dale's Wunſch, und vielleicht auch Euer eigener. Aber ich bin von dieſem Gedanken abgekom⸗ men und habe etwas Beſſeres für Euch. Ihr habt einen hellen Kopf für's Geſchäftsleben und ſeyd ein Ausbund von einem Rechner. Deshalb bin ich Willens, Euch zur Beauf⸗ ſichtigung meines Geſchäfts heranzubilden. Gelegentlich könnt Ihr ſelbſt in daſſelbe eintreten, und Ihr werdet ein reicher Mann ſeyn, noch eh' Ihr Euer Dreißigſtes erreicht habt. Na, wie gefällt Euch dies?“ „Mein theurer Onkel,“ entgegnete Leonard mit Offen⸗ heit, obſchon nicht ohne Rührung bei dem großmüthigen Anerbieten,„es ſteht mir nicht zu, eine eigene Wahl zu treffen. Ich würde ein Collegium vorgezogen haben, weil ich mir dadurch eine unabhängige Stellung hätte erwerben Bulwer, meine Novelle. 41 können, die mich der Nothwendigkeit überhebt, Euch zur Laſt zu ſeyn. Außerdem drängt mich mein Herz zu Studien hin, die mehr im Einklang mit einem Collegium, als mit einem Comptvir ſtehen. Aber Alles dieſes kömmt in keinen Be⸗ tracht meinem Wunſche gegenüber, Euch nützlich zu werden und nach allen meinen Kräften, wie ſchwach ſie auch ſeyn mögen, den Beweis zu liefern, daß ich Euer Wohlwollen gegen mich auf's Dankbarſte anerkenne.“ „Ihr ſeyd ein guter, dankbarer, verſtändiger Junge,“ rief Richard herzlich,„und glaubt mir, obſchon ich kein ge⸗ ſchliffener Diamant bin, ſo liegt mir doch Euer wahres Wohl am Herzen. Ihr könnt mir wirklich von Nutzen werden, und wenn dies der Fall iſt, wird Euch ſelbſt am beſten damit gedient ſeyn. Um Euch die Wahrheit zu ſagen, ich habe im Sinne, eine Aenderung in meiner Lage eintreten zu laſſen. Es iſt da eine faſhionable Dame von Stand, die ſich viel⸗ leicht herabläßt, eine Mrs. Avenel zu werden, und in dieſem Fall werde ich wahrſcheinlich einen großen Theil des Jahrs in London zubringen. Mein Geſchäft möchte ich aber um deswillen nicht aufgeben, denn das Capital würde bei keiner anderen Verwendung ſolche Intereſſen abwerfen. Ihr werdet bald ſo weit in die Sache eingeweiht ſeyn, um an meiner Statt die Aufſicht zu führen, und wenn ich mich eines Tags zurückziehe, ſo könnt Ihr das Ganze übernehmen. Seyd Ihr einmal ein Angehöriger unſerer großen commerziellen Claſſe, ſo könnt Ihr bei Euren Talenten Alles werden— Parlamentsmitglied— und, wer weiß?— am Ende gar noch Miniſter. Und meine Frau— hem!— das heißt die zukür Ihr Aven von t kluge Ihr? frühe klagt Geſel lich n gung haupt dem d Unabl von A einige unſere kälten den F anſtell ſeine ihn ne wicklu mußte ſeiner Schm en hin, einem n Be⸗ werden ch ſeyn wollen unge,“ in ge⸗ s Wohl en, und damit ch habe laſſen. h viel⸗ dieſem Jahrs ber um i keiner werdet meiner 8 Tags Seyd rziellen rden— de gar eißt die ur Laſt zukünftige— hat bedeutende Familienverbindungen, und Ihr könnt eine gute Heirath treffen. Oh⸗ zuletzt werden die Avenels ihre Köpfe noch ſo hoch tragen, wie die Höchſten von dieſem Volk! Zum Henker mit der Ariſtokratie— wir klugen Burſche werden die Ariſtokraten ſeyn. Was meint Ihr?“ Und Richard rieb ſich die Hände. Leonard hatte allerdings, wie wir namentlich auf den früheren Stufen ſeiner geiſtigen Entwicklung bemerkten, be⸗ klagt, daß ſeine Stellung ſo tief ſtehe auf der Leiter der Geſellſchaft; er beſaß noch immer Ehrgeiz, und wäre ſicher⸗ lich nicht mit zufriedenem Sinn zu der niedrigen Beſchäfti⸗ gung zurückgekehrt, die er verlaſſen hatte. Wehe über⸗ haupt dem Jüngling, deſſen Puls nicht ſchneller ſchlägt, und dem das Auge nicht ſtrahlt, wenn er Worte hört, die ihm Unabhängigkeit in Ausſicht ſtellen und ihm mit der Hoffnung von Auszeichnung ſchmeicheln. Gleichwohl bemächtigte ſich einige Stunden nach dieſer Unterredung mit Mr. Avenel unſeres jungen Freundes die ganze Gegenwirkung einer er⸗ kältenden traurigen Selbſttäuſchung, als er ſich einſam in den Feldern erging und über ſeine Zukunft Betrachtungen anſtellte. Sein Herz hatte an dem Gedanken gehangen, ſeine geiſtige Ausbildung zu vollenden und die Kräfte, die ihn nach dem Kampfplatz der Literatur hindrängten, zur Ent⸗ wicklung zu bringen; der Mechanismus des Geſchäftslebens mußte alſo etwas Empörendes für ihn haben. Aber zu ſeiner Ehre ſey es geſagt, er widerſtand mannhaft ſeinem Schmerze und gewöhnte ſich allmälig daran, mit heitererem 41* 644 Sinne auf den Pfad hinzublicken, den ihm ſeine Pflicht auflegte, und den der männliche Sinn heiligte, welcher den Kern ſeines Charakters ausmachte. Ich glaube, dieſe Selbſtüberwindung zeigte, daß der Jüngling wahres Genie beſaß. Das falſche hätte Sonnette geſchrieben und wäre verzweifelt. Gleichwohl hatte Richard ſeinen Neffen der traurigen Verlegenheit über die häkliche Frage, von der man durch das Geſpräch über ſeine Zukunft abgekommen war, nicht enthoben. Sollte er an den Pfarrer ſchreiben und die Beſorgniſſe ſeiner Mutter beſchwichtigen? Wie konnte er dies thun ohne ſeines Onkels Zuſtimmung, nachdem ihm Richard auf's Beſtimmteſte erklärt hatte, daß in einem ſolchen Falle ſeine Mutter jede Ausſicht auf das verlieren würde, was der Bruder für ſie zu thun beabſichtigte? Während er über dieſen Punkt mit ſeinem Gewiſſen zu Rath ging und ſich dabei auf ein Wegkreuz lehnte, das einen Fußpfad nach der Stadt gegen das Begangenwerden von Pferden und Wagen ſchützte, wurde er plötzlich durch einen Ausruf aus ſeinen Betrachtungen aufgeſchreckt. Er ſchaute auf und ſah Mr. Sprott, den Keſſelflicker, vor ſich. Fünfzehntes Kapitel. Schwärzer und unheimlicher als je ſtierte der Keſſelflicker den alten Bekannten an, der in ſo veränderter Geſtalt vor ihm ſtand, und ſtreckte die rußigen Finger nach ihm aus, als wolle wirkl elega ihm g und ſi weg v „Ich Fairfi meine da her zu flic 2 den B Erleick Behag treten nachde gemuſt machte lernen. „ Euchen D zweckm flicht r den ß der mette rigen durch nicht d die nte er ihm einem lieren igte? en zu einen von einen haute flicker lt vor s, als 645 8 wolle er ſich auch durch den Gefühlsſinn überzeugen, daß es wirklich der leibhaftige Leonard war, der in ſo wunderbar eleganter Kleidung und in ſo übernatürlicher Säuberlichkeit ihm gegenüber ſich befand. Leonard bebte unwillkürlich vor der Berührung zurück und ſtotterte in großer Ueberraſchung heraus— „Ihr hier, Mr. Sprott. Was führt Euch ſo weit weg von der Heimath?“ „Von der Heimath?“ wiederholte der Keſſelflicker. „Ich hab' keine Heimath— oder vielmehr, ſeht Ihr, Maſter Fairfield— ich bin daheim, wo ich immer gehe. Du meine Güte, ich gehör' zu keinem Kirchſpiel. Ich wander' da herum, dort herum, und zu Haus bin ich da, wo's Keſſel zu flicken und Traktate zu verkaufen gibt.“ Mit dieſen Worten ließ der Keſſelflicker ſeine Körbe auf den Boden gleiten, drückte ſeine Zufriedenheit über dieſe Erleichterung durch ein Grunzen aus und ſetzte ſich mit großer Behaglichkeit auf das Drehkreuz, von dem Leonard zurückge⸗ treten war. „Aber alle Hagel,“ nahm Mr. Sprott wieder auf, nachdem er Leonard abermals vom Kopf bis zu den Füßen gemuſtert hatte—„wahrhaftig, Ihr ſeyd ja jetzt ein ge⸗ machter Gentleman. Ei, dieſen Pfiff möcht' ich auch lernen.“ „Pfiff?“ verſetzte Leonard mechaniſch.„Ich verſtehe Euch nicht.“ Dann beſann er ſich, daß es weder nothwendig noch zweckmäßig ſey, die Bekanntſchaft mit Mr. Sprott fortzu⸗ 646 führen, und da es ihm unklug ſchien, ſich der Fluth von Fragen auszuſetzen, welcher er bei längerem Verweilen ent⸗ gegenſah, ſo bot er dem Keſſelflicker eine Krone hin und ſagte mit einem halben Lächeln: „Ihr müßt mich entſchuldigen, wenn ich Euch verlaſſe — ich habe Geſchäfte in der Stadt. Erweist mir den Ge⸗ fallen, dieſe Kleinigkeit anzunehmen.“ Mit dieſen Worten wandte er ſich um und ging raſchen Schritts von hinnen. Der Keſſelflicker betrachtete lange das Geldſtück, ließ es dann in die Taſche gleiten und ſprach vor ſich hin— „Ho— das iſt auf's Schweigen gemünzt! Nein, geh' Du nur, mein ſauberer Patron.“ Nachdem er ſich dieſes kurzen Selbſtgeſprächs entledigt hatte, blieb er eine Weile ſchweigend ſitzen, bis ihm Leonard aus dem Geſicht gekommen war. Dann erhob er ſich, packte ſeine Bürde wieder auf und ſchlich raſch an den Hecken hin⸗ um unſerem jungen Freunde nach der Stadt zu folgen. Als er in dem letzten Feld über dem Gehäge wegſchaute, be⸗ merkte er, daß Leonard von einem ſtattlichen Gentleman mit ſtolzer Haltung angeredet wurde. Der Letztere verließ den Jüngling bald und kam laut pfeifend gerade den Weg herauf und auf den Keſſelflicker zu. Mr. Sprott ſah ſich um; aber die Hecke war zu ſauber beſchnitten, als daß ſie ihm einen guten Verſteck dargeboten hätte, weshalb er ſich kühn vor derſelben aufrichtete und wie ein Mann weiter ſchritt. Zum unglück für ihn war, noch eh' er den öffentlichen Pfad erreicht hatte, der Eigenthümer des Grundes, Mr. Richard Avene bereit worde ſich di und de dieſes ſieht. 6 — auf iht zu ſche wohl, in ſchi mannh Menſck Q hätten ſeinem dieſen Hoſent ſtreiche große hab' ich mir no / h on en ent⸗ d ſagte erlaſſe en Ge⸗ raſchen k, ließ n, geh' tledigt eonard packte n hin, . Als e, be⸗ an mit ß den herauf ;aber einen hn vor Zum Pfad ichard 647 Avenel(denn der Leſer hat in dem gedachten Gentleman bereits dieſe bedeutſame Perſon erkannt), ſeiner anſichtig ge⸗ worden und rief ihm ein„Heda, Kerl!“ zu, in welchem ſich die ganze Würde eines Mannes, der Landbeſitzer war, und der volle Zorn des Eigenthümers ausſprach, wenn er dieſes Land von unverſchämten Eindringlingen überlaufen ſieht. Der Keſſelflicker machte Halt, und Mr. Avenel ſchritt auf ihn zu. „Was zum Teufel habt Ihr auf meinem Eigenthum zu ſchaffen und hinter der Hecke herumzuſchleichen? Schätz' wohl, Ihr ſpionirt auf's Feuereinlegen?“ Ich bin ein RKeſſelflicker,“ verſetzte Mr. Sprott, nicht in ſchüchterner Erwiederung— denn Mr. Sprott war ein mannhafter Republikaner— ſondern wie ein Herr der Menſchheit, „Stolz in der Haltung, Trotz im Auge.“ Mr. Avenel fühlte ein Jucken in den Fingern, als hätten ſie gute Luſt, dem Keſſelflicker den ſchuftigen Hut von ſeinem jakobiniſchen Kopf zu ſchlagen; er unterdrückte jedoch dieſen unwürdigen Trieb, indem er beide Hände tief in ſeine Hoſentaſchen ſteckte. „Ein Keſſelflicker!“ rief er. heißt ein Land⸗ ſtreicher, und ich bin eine Magiſtratsperſon. Ich habe große Luſt, Euch in die Tretmühle zu ſchicken— ja, das hab' ich. Was Ihr hier ſucht, habe ich geſagt. Ihr habt mir noch nicht geantwortet auf meine Frage.“ „Was ich hier ſuche?“ entgegnete Mr. Sprott.„Ihr 648 thut wohl am Beſten, Euch nach meinem Charakter bei dem jungen Herrlein zu erkundigen, mit dem ich Euch eben ſpre⸗ chen ſah. Er kennt mich.“ „Was— mein Neffe kennt Euch?“ „Hu— i— ih!“ pfiff der Keſſelflicker.„So, das iſt Euer Neffe, Sir? Ich habe großen Reſpekt vor Eurer Familie und kenne ſchon gon vielen Jahren her Mrs. Fair⸗ ſield, die Wäſcherin. Ich bitte gehorſamſt um Verzeihung.“ Und diesmal nahm er ſeinen Hut ab. WMrr. Avenel wurde in einem Athem roth und weiß. Er murmelte etwas Unverſtändliches heraus, wandte ſich um und ſchritt von hinnen. Der Keſſelflicker verfolgte ihn mit ſeinen Blicken und ſchlich ihm nach, wie er früher bei Leonard gethan hatte. Ich maße mir nicht an, zu ſagen, daß dieſe Begegnung in urſächlichem Zuſammenhang ſtand mit dem, was in der nächſten Nacht vorfiel; aber es war doch ein eigenthümliches Zuſammentreffen, daß einer von Richard Avenels Heumieten ſo unmittelbar nach dem Verdachte eines Brandſtiftungsgelüſtes, den dieſer Gentleman gegen den Landſtreicher ausgeſprochen hatte, in Flammen aufging. Mr. Sprott war ein Mann von gar hohem Geiſte und vergab nicht leicht eine Beleidigung. Seine Natur war eine feurige, wie die jener Lichtbringer, die er in der Form von Traktaten und Löthpfannen ſtets mit ſich herumtrug. Am anderen Morgen wurde nach dem Keſſelflicker eine Streife angeſtellt, aber er war bereits aus der Gegend ver⸗ ſchwunden. 3 dem dé nicht e und pt Einbil bindun des Ke eben ſe Landſt ſchon Klaſſer brennu hatte, fordert noch fi Wie ſ mieten einem Richar mit de Uebrig hatte. chen L ſchreib er ink ei dem nſpre⸗ das iſt Eurer Fair⸗ ß. Er chm hn mit eonard ß dieſe t dem, ch ein ichard eines n den fging. vergab reine m von r eine d er⸗ Sechszehutes Kapitel. Zum Glück waren Mr. Richard Avenels Gedanken von dem déjeüné dansant ſo ſehr in Anſpruch genommen, daß nicht einmal der Brand ſeiner Heumiete die anmuthigen und poetiſchen Bilder zu verſcheuchen vermochte, die ſeine Einbildungskraft mit dieſer ländlichen Feſtlichkeit in Ver⸗ bindung brachte. Nicht einmal den Fragen, die er wegen des Keſſelflickers an Leonard ſtellte, gab er Nachdruck, und eben ſo wenig gewann er Zeit, die Gerechtigkeit gegen den Landſtreicher in Bewegung zu ſetzen. Ueberhaupt lag es ſchon in der Art Richard Avenels, ſich unter den geringeren Klaſſen Feinde zu machen, und obgleich er wegen Ver⸗ brennung ſeiner Heumiete Mr. Sprott ſtark im Verdacht hatte, ſo mußte er ſich doch geſtehen, daß er, wenn er aufge⸗ fordert würde, ſeinen Argwohn anzugeben, eben ſo gut noch fünfzig andere Perſonen hätts namhaft machen können. Wie ſollte auch ein Mann ſich durch Keſſelflicker und Heu⸗ mieten zerſtreuen laſſen, wenn all' ſein Thun und Sorgen einem déjeuné dansant gilt? Es war ein Grundſatz von Richard Avenel, ſich mit nichts Anderem zu befaſſen, bis er mit dem Einen fertig war, und deshalb verſchob er alles Uebrige, bis er einmal das déjeuns dansant hinter ſich hatte. Unter dieſes Uebrige gehörte auch der Brief, wel⸗ chen Leonard an den Pfarrer zu ſchreiben wünſchte. „Wartet noch eine kleine Weile; wir wollen Beide ſchreiben, ſobald das déjeüné dansant vorüber iſt,“ tröſtete er in heiterer Laune ſeinen Neffen. 65⁰ Man muß geſtehen, daß dieſes Feſt keine gewöhnliche Provinzialluſtbarkeit war, denn Richard Avenel gehörte zu den Männern, die Alles recht haben wollen, wenn ſie etwas anfangen. „Er ſparte nicht das Salz bei ſeinem Kohl.“ Nachgerade gewannen ſeine erſten Entwürfe eine ſolche Ausdehnung, daß aus dem urſprünglich beabſichtigten Zier⸗ lichen und Eleganten etwas Koſtbares und Großartiges wurde. Künſtler, die ein déjeüns dansant zu veranſtalten wußten, wurden bis von London verſchrieben, um mit Kopf und Hand an den Vorbereitungen mitzuwirken. Man warb ungariſche und Tyroler⸗Sänger und Sängerinnen, des⸗ gleichen Schweizer Bauernmädchen, welche den Kuhreigen vortragen, die Kühe melken oder Syllabubs machen ſollten. Das große Zelt wurde wie eine gothiſche Banketthalle de⸗ eorirt, und das Frühſtück ſelbſt ſollte aus„allen Leckerbiſſen der Jahreszeit“ beſtehen. Kurz, wie Richard zu ſich ſelbſt ſagte—„die Sache iſt einmal im Gang, und es kömmt mir dabei nicht drauf an, was ſie auch koſten mag, vorausge⸗ ſetzt, daß ſie was Rechtes wird.“ Es war ein Gegenſtand ernſter Ueberlegung geweſen, wie man es angreifen ſollte, um eine des Feſtmahls würdige Geſellſchaft zuſammenzubringen, denn Richard begnügte ſich nicht blos mit der Ariſtokratie der Stadt— ſein Ehrgeiz war mit den aufgewendeten Koſten gewachſen.„Da mich die Geſchichte ſo hoch zu ſtehen kömmt, ſo will ich auch ſo viel Leute haben, daß man in der ganzen Grafſchaft davon ſpricht.“ — u der Gr Manne ſind und welche d wennen prächtig die Alte es gew Familie eines ſe Richard den wan hohe P deuten, ſich ein den Och in alle im Umk rechnete das Pf begierig D dejeüne dern ha gefaßt, von der hnliche örte zu etwas ſolche Zier⸗ rtiges ſtalten t Kopf warb des⸗ reigen ollten. lle de⸗ biſſen ſelbſt tmir usge⸗ veſen, rdige e ſich rgeiz nich ch ſo avon „Allerdings war er mit den vornehmeren Familien in der Grafſchaft nicht viel bekannt; aber wenn auf einen Mann einmal die Augen einer ganzen großen Stadt gerichtet ſind und er ſo viel Einfluß hat, um eines der Mitglieder, welche dieſe Stadt in's Parlament ſchickt, durchzuſetzen— wenn noch obendrein ein ſolcher Mann ſich vornimmt, ein prächtiges und originelles Feſtmahl zu geben, bei dem die Alten ſchmauſen und die Jungen tanzen können, ſo gibt es gewiß auf der ganzen Inſel keine Grafſchaft, die nicht Familien genug aufwieſe, welche entzückt der Einladung eines ſolchen Mannes Folge geben würden. Als daher Richard fand, daß, nachdem ſein Vorhaben ruchbar gewor⸗ den war, die Frau Dechantin, Mrs. Pompley und andere hohe Perſonen ſich die Freiheit nahmen, darauf hinzu⸗ deuten, wie Squire So und So, Sir Wieheißterdochu. ſ. w. ſich eine Einladung zur Ehre rechnen würden, ſo faßte er den Ochſen gleich bei den Hörnern und ſchickte ſeine Karten in alle Parke, Hallen, und Rektoreien auf fünf Stunden im Umkreis. Ablehnungen liefen nur wenige ein, und er rechnete jetzt auf fünfhundert Gäſte. „Iſt man drinn mit dem Penny, ſo ſey's vollends um das Pfund,“ ſagte Mr. Richard Avenel.„Ich bin nur begierig, zu hören, was Mrs. M Catchley ſagen wird.“ Die Wahrheit zu ſagen, Mr. Richard Avenel gab ſein déjeüné dansant nicht blos zu Ehren dieſer Dame, ſon⸗ dern hatte auch im Innerſten ſeines Herzens den Entſchluß gefaßt, umgeben von all ſeiner Herrlichkeit und unterſtützt von den verführeriſchen Künſten der Terpſichore und des 652 natürlich Bacchus, Mrs. M'Catchley jene ſanften Worte in's Ohr Hohe, m zu flüſtern, die— doch warum ſoll ich hier nicht Mr. gedrängt Richard Avenels eigenthümliche, ungekünſtelte Aeußerung gebühren anführen?„Schockſchwerenoth,“ ſagte er zu ſich ſelber,„ich ihe will dann abprotzen.“ mädchen ertheilen ganzen 9 Siebenzehntes Kapitel. andere fi Der große Tag kam endlich heran, und Mr. Richard De Avenel blickte von dem Fenſter ſeines Ankleidezimmers auf am Himt den Schauplatz hinunter, wie etwa Hannibal oder Napoleon ſtrument von den Alpen aus auf Italien. Es war eine Scene, die anſtändie wohl den Gedanken an Eroberung und an den Lohn der eilten au Mühen des Ehrgeizes ſchmeicheln konnte. Auf einer kleinen und her. Anhöhe ſtanden die Sänger aus den Tyrolergebirgen, und Auge ar ihre hohen Spitzhüte, ihre Filigranknöpfe und ihre bunten dem Ra! Leibbinden glänzten in der Sonne. Von ſeinem Standort konnte ſi aus eben noch ſichtbar, aber vor zufälligen Blicken verborgen, ondlich v lagen die ungariſchen Muſiker unter einem kleinen Streifen ganzen! von Lorbeerbäumen und amerikaniſchem Geſträuch im Hin⸗ früher a terhalt. Weit nach rechts hin befand ſich der vormals Es (horresco referens) ſogenannte Entenweiher, wo— dulce wie Jem Sonant tenui gutture carmen aves. Der ſchonungsloſe Man hät Scharfſinn des Obertechnikers hatte dieſen Weiher in einen Sicherlic Schweizerſee umgewandelt, zum bitteren Schmerz und Leid⸗ der Sch weſen für das assuetum innocuumque genus— die trau⸗ Gentlem lichen und harmloſen bisherigen Bewohner, welche aus ihrem 6 Ohr ht Mr. ßerung er,„ich Kichard ers auf poleon te, die hn der kleinen „ und unten andort orgen, reifen Hin⸗ rmals dulce sloſe einen Leid⸗ trau⸗ hrem natürlichen Element vertrieben und verbannt worden waren. Hohe, mit Fichtenzweigen umwundene Stangen ſtacken dicht gedrängt um den See her und verliehen dem Waſſer das gebührende helvetiſche Düſter. Und hier ſtanden neben drei über und über mit Bändern bedeckten Kühen die Schweizer⸗ mädchen, welche den Schatten mit ihrem Kuhreigen Leben ertheilen ſollten. Zur Linken breitete ſich faſt über den ganzen Raſen das große gothiſche Zelt mit ſeinen zwei Ab⸗ theilungen aus, von denen die eine für die Tanzenden, die andere für das déjeüné beſtimmt war. Der Tag begünſtigte das Feſt. Kein Wölkchen ſtand am Himmel. Die Muſikanten ſtimmten bereits ihre In⸗ ſtrumente. Von Gunter gemiethete Kellner, ſchmuck und anſtändig in ſchwarzer Beinbekleidung und weißen Weſten, eilten auf dem Raum zwiſchen dem Haus und dem Zelt hin und her. Richard ſchaute und ſchaute, und während er ſein Auge an dieſem Anblick weidete, fuhr er mechaniſch mit dem Raſirmeſſer auf dem Streichriemen hin und her. Er konnte ſich nicht ſatt ſehen und trat nur mit Widerſtreben andlich vor den Spiegel, um ſich zu raſiren. Er hatte den ganzen lieben Morgen viel zu viel zu thun gehabt, um früher an dieſes Geſchäft denken zu können. Es liegt ungemein viel Charakteriſtiſches in der Art, wie Jemand die Operation der Bartabnahme vollbringt. Man hätte Richard Avenel in dieſem Geſchäfte ſehen ſollen! Sicherlich wäre jedem Zuſchauer, der Zeuge geweſen von der Schnelligkeit und Vollſtändigkeit, mit welcher dieſer Gentleman ſich ſelbſt raſirte, ſogleich klar geworden, wie er 654 erſt verſtehen müßte, ſeinen Nächſten zu raſiren— ein Hin⸗ ſtrich, ein Herſtrich, und tondenti barba cadebat! Kinn und Wangen waren ſo glatt wie ein Spiegel. Lieber Leſer, Du würdeſt unwillkürlich Deine Taſchen zugeknöpft haben, wenn Du ihn geſehen hätteſt. Mit Mr. Avenel's übriger Toilette ging es übrigens nicht ſo ſchnell. Auf ſeinem Bett, auf den Stühlen, auf dem Sopha und auf den Kommoden lagen Beinkleider, Weſten und Halsbinden in hinreichender Menge, um in der Wahl einen Stoiker zur Verzweiflung zu bringen. Zuerſt wurde ein Paar Hoſen anprobirt, dann ein anderes— dann eine Weſte, und wieder eine Weſte, und dann die dritte Weſte. Endlich gewann jenes chef d'oeuvre der Civiliſation— ein angekleideter Mann, Form und Entwicklung, und Mr. Richard Avenel befand ſich in der Lage, an's Licht des Tages aufzutauchen. Er war glücklich geweſen in der Wahl ſeines Koſtüms— dies fühlte er. Nicht an Jedem würde der Schnitt und die Farbe gut gelaſſen haben, bei ihm war dies der Fall. Und nun ſeine Kleibung— denn welcher Epiker würde nicht bei ſolchen Anläſſen auch das 2 kuß eines Helden ſchildern? Sein Rock— oder in der modernen Sprache, ſein Frack — war blau, reich blau— von einem Blau, wie es die hohen Brüder Georg des Vierten zu begünſtigen pflegten. Und dieſer Frack mit nicht wattirter Bruſt ſtand gallant offen, und in ſeinem zweiten Knopfloch ſtack eine Moosroſe. Die Weſte war weiß, und die perlgraue Beinbekleidung hatte, 1 Fall übe binde w baren„ Paar ci ſchlau a das Bil dem Me leichten, dem ſcha Muth, rakters gezeichne lieber Le wandern ſchlecht Avenel. Sc und ſich mit dem auf ſeine Un wirbeln. Gige,( Gäſte tr auf dem Rie ſeiner G ein Hin⸗ inn und r Leſer, haben, brigens n, au nkleider, um in Zuerſt — dann Weſte. ion— ng und icht des rWahl würde bei ihm würde Helden Frack es die legten. gallant osroſe. eidung 655⁵ hatte, wie die Schneider zu ſagen pflegen,„einen ſchönen Fall über die Stiefel.“ Die weiß⸗ und blauſeidene Hals⸗ binde war los und nachläſfig geknüpft; in dem breit ſicht⸗ baren Hemd ſtacken einfache goldene Knöpfchen, und ein Paar citronfarbige Glacéhandſchuhe nebſt einem etwas zu ſchlau auf die Seite gedrückten weißen Hut vervollſtändigte das Bild, das„der Welt die Verſicherung geben ſollte von dem Mann.“ Betrachtet man nun Alles dies neben der leichten, feſten, wohlgebildeten Geſtalt, dem lichten Teint, dem ſcharfen, blitzenden Auge und den Zügen, welche den Muth, die Beſtimmtheit und die Lebhaftigkeit ſeines Cha⸗ rakters bekunden— das heißt, kühnen, nicht zu großen, wohl⸗ gezeichneten und regelmäßigen Zügen— in der That, lieber Leſer, Du dürfteſt wohl weit durch Stadt oder Land wandern, eh' Dir ein ſchöneres Exemplar von dem Ge⸗ ſchlecht„Menſch“ aufſtieße, als unſer Freund Richard Avenel. Schön, und im Bewußtſeyn, daß er ſchön ſey— reich, und ſich als reichen Mann fühlend— Herr des Feſtes, und mit dem ganzen Stolz eines ſolchen, trat Richard Avenel auf ſeinen Raſen hinaus. Und nun begann die Straße entlang Staub aufzu⸗ wirbeln. In raſcher Reihenfolge konnte man die Karoſſen, Gige, Chaiſen und Kabriolette heranfahren ſehen. Die Gäſte trafen ſo ziemlich um die gleiche Zeit ein, wie es auf dem Lande Sitte iſt— gewiß ein höchſt löblicher Brauch! Richard Avenel fühlte ſich Anfangs beim Empfang ſeiner Gäſte nicht recht behaglich, namentlich ſolchen gegen⸗ 656 über, die er nicht perſönlich kannte. Aber als der Tanz be⸗ gann, und Mrs. M Catchley für die Eröffnungsquadrille ihm ihre ſchöne Hand zugeſagt hatte, gewann er ſeinen Muth und ſeine volle Geiſtesgegenwart wieder. Da er nebenbei die Bemerkung machte, daß diejenigen, welche er gar nicht bewillkommt hatte, ſich's doch recht wohl ſeyn ließen, ſo bemühte er ſich bei den Spätlingen nicht weiter mit einer Begrüßung, und dies war eine große Erleichterung für alle Theile. Mittlerweile betrachtete Leonard das lebhafte Gewühl mit ſtummer Schwermuth, die er vergeblich abzuſchütteln bemüht war— eine Schwermuth, die bei ſehr jungen Män⸗ nern unter ſolchen Scenen wohl viel häufiger vorkömmt, als man glauben ſollte. Er wußte ſich ſelbſt keinen Grund dafür anzugeben; aber die Beluſtigung ſtimmte ihn trübe. Er hatte freilich keine Mrs. M Catchley, welche ihm die⸗ ſelbe verſüßt hätte; und da er von den Anweſenden nur wenige Perſonen kannte, ſo war er ſchüchtern und befangen. Er fühlte, daß er im Hauſe ſeines Onkels eine ſehr zwei⸗ deutige Stellung einnahm; an Geſellſchaft war er nicht ge⸗ wöhnt, und da er gelegentlich ſpöttiſche Bemerkungen über das Feſt und ſeinen Onkel mit anzuhören bekam, ſo müſſen wir den Unwillen und Aerger, der in ihm auſſtieg, ſehr natürlich finden. Er war viel glücklicher geweſen, als er in Riccabveca's Garten neben dem kleinen Springbrun⸗ nen ſeine Radischen verzehrte und ein Buch dazu las. Einen abgelegeneren ruhigen Theil des Guts aufſuchend, ſetzte er ſich unter einen Baum, ſtützte die Wange auf ſeine Hand und ₰ — ——— ergir Gew dem ſchön und Unte mel, trieb auf d geher Lache lich weckt blos walte ſich hatte hafte kräfti näml befan dunke Bäut Eiget junge Br inz be⸗ adrille ſeinen Da er che er l ſeyn weiter terung ewühl ütteln Män⸗ ömmt, Hrund trübe. n die⸗ n nur ngen. zwei⸗ ht ge⸗ ungen m, ſo fſtieg, 1, als brun⸗ Einen tzte er dund erging ſich in ſinnenden Betrachtungen, die ihn bald dem Gewühl der Gegenwart entführten. Glückliches Alter, vor dem ſich, wie auch die Stunde ſeyn mag, die Zukunft ſo ſchön und ſo endlos aufthut! Aber nun war den erſten Tänzen das déjeüné gefolgt, und da der Champagner königlich ſtrömte, ſo gewann die Unterhaltung eine erſtaunliche Lebhaftigkeit. Die Sonne neigte ſich ſchon gegen den weſtlichen Him⸗ mel, und die Gäſte, die ſich bisher unter dem Zelt umge⸗ trieben hatten, benützten eine Pauſe des Tanzes, um ſich auf dem Raſen oder den anſtoßenden Spazierwegen zu er⸗ gehen. Der Anblick der prächtig geputzten Damen, das frohe Lachen, das ſich allenthalben vernehmen ließ, und der herr⸗ lich beleuchtete Abendhimmel, der über dem Ganzen ſchwebte, weckte auch in Leonard die Vorſtellung, daß jetzt nicht eine blos geheuchelte, ſondern eine wirkliche, geſunde Heiterkeit waltete. Er entſchlug ſich ſeiner Träumereien und miſchte ſich ſchüchtern unter die Gruppen. Aber Richard Avenel hatte mit der ſchönen Mrs. M Catchley, deren Antlitz leb⸗ hafter, deren Augen funkelnder und deren Gang ſchwung⸗ kräftiger war, als gewöhnlich, den bewegten Schauplatz im nämlichen Augenblick verlaſſen, als ihn Leonard betrat, und befand ſich jetzt an derſelben Stelle— ſie war abgelegen⸗ dunkel und erfreute ſich des Schattens der paar einzigen Bãäume von mehr als fünfjährigem Wuchs, die Mr. Avenels Eigenthum aufweiſen konnte— wo wir kurz vorher unſeren jungen Träumer belauſcht haben. Und dann— ach dann! In einem Augenblick, ſo Bulwer, meine Novelle. 42 658 geſchaffen für die ſüßeſte aller Fragen, und an einem Platze, ſo paſſend für das zarte, verſchämte, gemurmelte Abprotzen derſelben— ſchlug plötzlich von dem Raſen her und aus dem Getümmel der Gruppen ein unbeſchreiblich gemiſchter Ton, der Unheil zu verkünden ſchien, an Richard Avenels Ohr— ein Ton wie allgemeines Gekicher— ein ſchreck⸗ liches, boshaftes, obſchon nur gedämpftes Kichern. Und Mrs. M'Catchley ſtreckte ihren Sonnenſchirm aus und rief: „Ach, Himmel, Mr. Avenel, was mag es dort geben, daß Alles ſo zuſammenſtrömt?“ Es gibt gewiſſe Laute und Kennzeichen, aus denen wir bei all ihrer Unbeſtimmtheit und Räthſelhaftigkeit doch inſtinktartig erkennen, daß irgend ein boshafter Teufel bei unſeren Angelegenheiten im Spiel iſt. Und wenn Jemand eine Unterhaltung Preis gibt und von fern her ein allge⸗ meines, ſpöttiſches, ſchlechtunterdrücktes Gekicher vernimmt, bei welchem alle ſeine Gäſte einem einzigen Platze zueilen, ſo darf man wohl darauf wetten, daß dieſer Feſtgeber nicht ſtehen bleiben wird, gleichgiltig gegen das, was anderwarts vorgeht. Ja, ich fordere Jeden heraus, bei einer ſolchen Gelegenheit— wie ſonſt auch ſein Entſchluß geweſen ſeyn mag— vor der ſchönſten Mrs. M Catchley des ganzen Erden⸗ runds ſich anmuthig aufs rechte Knie niederzulaſſen und ſein Anliegen abzuprotzen! Richard platzte mit etwas heraus, das wie ein Fluch klang, und da er ſich dachte, es müſſe etwas vorgefallen ſeyn, das ſchwerlich unmittelbar für Mrs. M'Catchley's Augen paßte, ſo ſagte er haſtig zu ihr— „Entſchuldigt mich. Ich will hingehen und ſehen, —. wa kon vor der Ple ſcho und Unt hatt lein She ohne Und ihm ſehr laut latze, rotzen as ſchter enels hreck⸗ Und rief: eben, denen doch el bei mand allge⸗ mmt, eilen, nicht värts lchen ſeyn rden⸗ und raus, nüſſe Mrs. hen, 659 was es gibt. Ich bitte, bleibt hier, bis ich wieder zurück⸗ komme.“ Mit dieſen Worten eilte er fort und befand ſich noch vor Ablauf einer Minute in Mitte der Gruppe, die mit der verbindlichſten Gefälligkeit ſich getheilt hatte, um ihm Platz zu machen. „Aber was gibt's denn?“ fragte er ungeduldig, ob⸗ ſchon nicht ohne Beſorgniß. Keine Stimme gab Antwort. Er ſchritt weiter vor und erblickte ſeinen Neffen in den Armen eines Weibes! „Gott behüte mich!“ rief Richard Avenel. Achtzehntes Kapitel. Und welch eines Weibes! Sie trug ein Kattunkleid— ſehr nett zwar, für eine Untermagd nämlich— und ſo dicke Schuhe! Auf dem Kopf hatte ſie einen kleinen ſchwarzen Strohhut, und ein Tüch: lein, das vielleicht zehn Pence gekoſtet, war ſtatt eines Shawls kreuzweis über ihre Bruſt geheftet. Ihre im Ganzen ohne Zweifel achtbare Außenſeite zeigte reichlichen Staub. Und dieſe Frau hing an Leonards Hals und ſchmälte mit ihm, überhäufte ihn mit Liebkoſungen und ſchluchzte dabei ſehr laut. „Gott behüte mich!“ ſagte Richard Avenel. Und während er dieſe unſchuldige Selbſtbenediktion laut werden ließ, wandte ſich die Frau haſtig um, ſtürzte 42* von Leonard weg und warf ſich ſchnurſtracks auf Richarb Avenel, unter heftigem Schluchzen und lauten Ausrufungen blauen Frack, Moosroſe, weiße Weſte und Alles in ihrer Umarmung begrabend. „O Bruder Dick— lieber, lieber Bruder Dick! Und ich habe es erlebt, Dich wieder zu ſehen!“ Dann kamen zwei Küſſe— und welche Küſſe! Man hätte ſie auf eine gute Viertelſtunde Wegs hören können. Bruder Dicks Lage war ſchrecklich. Und die Menge, die früher nur höflich gekichert hatte, konnte jetzt dem Eindruck dieſer Umarmung nicht mehr widerſtehen. Es fand eine all⸗ gemeine Entladung— ein wahres Gebrüll ſtatt. Dieſes Gelächter würde einen ſchwachen Mann das Leben gekoſtet haben; aber für das ſtarke Herz Richard Avenels klang es wie der Hohn eines Feindes, gegen welchen im Nu der ächte Geiſt des Angelſachſen die conventionellen Schranken ſprengte. Er richtete plötzlich ſeinen ſchönen männlichen Kopf auf und betrachtete den Kreis ſeiner ungezogenen Gäſte mit einem ſtolzen Blick des Vorwurfs und der Ueberraſchung. „Ladies und Gentlemen,“ ſagte er dann ſehr kalt,„ich ſehe hier nichts zum Lachen! Ein Bruder und eine Schweſter ſehen ſich wieder nach vieljähriger Trennung, und das arme Ding von Schweſter weint darüber vor Freude. Ich für meine Perſon finde es ſehr natürlich, daß ſie weint, aber nicht, daß ihr lacht.“ Im Nu war alles Gefühl der Scham von Richard Avenel gewichen und laſtete jetzt mit Centnerwucht auf den ——— fält verf eine deß! gew ſein Abe ſchli brec ſchü ſchr — — — er eige mac dies cher harb igen hrer Und Ran nen. die ruck all⸗ ieſes oſtet g es der mnken Kopf mit ig. „ich eſter arme für aber chard f den 661 Umſtehenden. Es iſt unmöglich, zu beſchreiben, wie ein⸗ fältig ſich ihre langen Geſichter ausnahmen und wie Jeder verſuchte, ſich unbemerkt von dem Platze wegzuſtehlen. Richard benützte ſeinen Vortheil mit der Gewandtheit eines Mannes, der in Amerika vorwärts gekommen war und deßhalb wußte, wie er jeder Sache die beſte Seite abzu⸗ gewinnen hatte. Er legte Mrs. Fairfields Arm in den ſeinigen und führte ſie in das Haus. Leonard folgte ihnen. Aber als er die Schweſter ſicher in ſeinem Zimmer hatte, ſchloß er die Thüre ab und ließ nun ſeinen Zorn los⸗ brechen. „Du unverſchämte, undankbare, freche— Schlumpe!“ Ja, Schlumpe war das Wort. Der Ausdruck er⸗ ſchüttert mich ſelbſt; aber die Pflichten eines Geſchicht⸗ ſchreibers ſind ſtreng. Er ſagte wirklich: Schlumpe. „Schlumpe?“ ſtotterte die arme Jane Fairfield. Und ſie hielt ſich an Leonard feſt, um nicht niederzufinken. „Sir!“ rief Leonard aufbrauſend. Er hätte eben ſo gut einem ſtürzenden Bergſtrom ſein „Sir!“ zurufen können. Richard Avenel brauste fort, denn er war wüthend. „Du abſcheulicher, ſtaubiger Schmutzigel! Wie magſt Du Dich unterſtehen, hieher zu kommen und mir in meinem eigenen Haus, auf meinem Grund und Boden Schande zu machen, nachdem ich Dir fünfzig Pfunde geſchickt habe? Ja dies noch obendrein in einer Zeit, in welcher— in wel⸗ cher—“ Richard ſchnappte nach Luft. Das Gelächter ſeiner 662 Gäſte klang ihm in den Ohren, verfing ſich in ſeinen Lungen und benahm ihm den Athem. Jane Fairfield warf ſich in die Bruſt. Ihre Thränen waren getrocknet. „Ich bin nicht gekommen, um Dir Schande zu ma⸗ chen. Ich wollte nur meinen Knaben beſuchen und—“ „Ha!“ unterbrach ſie Richard.„Ihn beſuchen?“ Er wandte ſich an Leonard. „Ihr habt alſo dieſem Weibe geſchrieben?“ „Nein, Sir.“ „Ihr lügt mich an.“ „Nein, er lügt nicht. Er iſt ſo gut, wie Ihr, und noch beſſer, Richard Avenel,“ rief Mrs. Fairfield.„Und ich dulde es nicht, daß man ihn in meiner Gegenwart be⸗ ſchimpft— nein, gewiß nicht. Und was Eure fünfzig Pfund anbelangt— da ſind fünfundvierzig davon, und ich will mir die Finger bis auf's Bein abarbeiten, daß ich die anderen fünf zurückzahlen kann. Fürchtet nicht, daß ich Euch weiter Schande machen werde, denn ich will Euer Angeſicht meiden für alle Zukunft. Ihr ſeyd ein ſchlechter, bösartiger Menſch — ja, das ſeyd Ihr.“ Die Stimme des armen Weibes klang ſo laut und ſchrill, daß jedes andere, vielleicht edlere Gefühl, welches in Richard Avenel hätte aufſteigen können, durch die Beſorgniß erſtickt wurde, der Lärm möchte von den Dienſtboten oder gar von den Gäſten gehört werden— eine dem Mann ſo natürliche Beſorgniß, obſchon Frauenzimmer ſelten damit ſympathiſiren, indem ſie dieſelbe im Gegentheil eher als eine g Unter Aven⸗ „So bis ic einan Auftr Kopf. mit k gegen verwe um ſe geweſ zum G ſolche zuviel unden erſchr gekon verde: in na⸗ ind ind be⸗ ind nir ren ter den ſch ind in niß der ſo nit eine gemeine und feige Furcht von Seiten ihrer männlichen Unterdrücker zu betrachten geneigt ſind. „Bst! Stille mit deinem hölliſchen Gequiek,“ ſagte lvenel in einem Tone, der auf Beruhigung berechnet war. „So— ſetz Dich— und rühr' Dich nicht von der Stelle, bis ich wieder zurückkomme. Wir können dann ruhig mit⸗ einander ſprechen. Leonard, folgt mir und helft mir dieſen Auftritt den Gäſten erklären.“ Leonard wich nicht vom Platze und ſchüttelte leicht den Kopf. „Was ſoll das heißen, Sir?“ verſetzte Richard Avenel mit bedeutungsvollem Grollen.„Ihr ſchüttelt den Kopf gegen mich? Wie, Ihr hättet Luſt, mir den Gehorſam zu verweigern? Nehmt Euch in Acht!“ Leonards Stirne furchte ſich; er ſchlang den einen Arm um ſeine Mutter und ſprach, wie folgt: „Sir, Ihr ſeyd gütig und großmüthig gegen mich geweſen und dieſer Gedanke allein konnte meine Entrüſtung zum Schweigen bringen, als ich Euch meine Mutter in einer ſolchen Sprache anreden hörte; denn ich fühlte, daß ich zuviel ſagen würde, wenn ich ſpräche. Jetzt will ich reden und mich dabei kurz faſſen— „Stille, mein Kind,“ ſagte die arme Mrs. Fairfield erſchrocken.„Kümmre Dich nicht um mich. Ich bin nicht gekommen, um Unheil anzurichten und Deine Zukunft zu verderben. Ich will gehen.“ „Wollt Ihr ſie um Verzeihung bitten, Mr. Avenel?“ 664 ſprach Leonard mit Feſtigkeit, während er auf ſeinen Onkel zutrat. Richard, deſſen hitziges Temperament von Natur keinen Widerſpruch ertragen konnte, befand ſich eben in einem be⸗ ſonders aufgeregten Zuſtande nicht blos in Folge des Zorns, den man einem Manne, welcher in der Glanzhöhe ſeines Triumphs eine ſolche Kränkung erlitt, wohl zu gut halten mußte, ſondern auch in Folge des Weins, den er heute in übergewöhnlicher Menge genoſſen hatte. Als daher Leonard auf ihn zutrat, deutete er ſich dieſe Bewegung irrthümlicher⸗ weiſe als Drohung und Angriff. Er erhob ſeinen Arm. „Noch einen Schritt näher,“ ſagte er zwiſchen den Zäh⸗ nen,„und ich ſchlage Euch zu Boden.“ Lebnard that gleichwohl den verbotenen Schritt; aber als ihm Richard in's Auge ſah, erblickte er darin etwas— es war nicht Trotz oder Drohung, wohl aber kühne Furcht⸗ loſigkeit— das er anerkennen und achten mußte; denn dieſes Etwas war das Merkzeichen eines freien Mannes. Der Arm des Onkels ſank mechaniſch an der Seite nieder. „Ihr könnt mich nicht ſchlagen, Mr. Avenel,“ nahm Levnard wieder auf,„denn Ihr wißt wohl, daß ich mich an dem Bruder meiner Mutter nicht vergreifen darf. Als ihr Sohn ſage ich Euch noch einmal— bittet ſie um Ver⸗ zeihung.“ „Zehntauſend Teufel! Biſt Du toll— oder willſt Du mich toll machen, Du unverſchämter Bettler, den meine Güte gekleidet und genährt hat? Sie um Verzeihung bitten! — Weßhalb? Dafür, daß ſie mich zum Gegenſtand des Hohn damn Schu darin aber läßt. Nicht ſo la ein 2 ein h währ „Mu ich b wie; gung kinle zu ſr „Me ſchlei bis wem aus Sch hlick ——.———————— 3 S 665 nkel Hohns und des Gelächters gemacht hat mit dieſem ver⸗ dammten Kattunkleid und dieſen doppelt verdammten dicken inen Schuhſohlen? Ich will dafür ſtehen, ſie hat ſogar Nägel be⸗ darin! Hört, Sir, ich bin von ihr beſchimpft worden; rns, aber ich bin nicht der Mann, der ſich von Euch Trotz bieten ines läßt. Kommt augenblicklich mit mir, oder ich verſtoße Euch. ten Nicht einen Schilling von dem meinigen ſollt Ihr erhalten, e in ſo lang ich lebe. Ihr habt die Wahl— werdet ein Bauer, nard ein Arbeiter, oder—“ her⸗„Ein ſchnöder Abtrünniger an der natürlichen Liebe, ein herabgewürdigter Bettler, nicht wahr?“ rief Leonard, 3zäh⸗ während ſeine Bruſt ſich hob und ſeine Wangen glühten. „Mutter, Mutter, kommt fort von hier. Fürchtet nichts— aber ich bin jung und kräftig; wir wollen mit einander arbeiten, 3— wie zuvor.“ rcht⸗ Aber die arme Mrs. Fairfield war, von ihrer Aufre⸗ eſes gung überwältigt, in Richards eigenen ſchönen, mit Maro⸗ Arm kinleder überzogenen Lehnſtuhl geſunken und vermochte weder zu ſprechen, noch ſich zu rühren. hm„Zum Henker mit euch beiden!“ murmelte Richardi nich„Man darf nicht ſehen, daß ihr jetzt aus meinem Hauſe Als ſchleicht. Behalt ſie hier, du junge Viper— bleib' bei ihr, er⸗ bis ich zurückkomme; dann könnt ihr meinetwegen gehen, wenn ihr wollt, und zur—“ Du Ohne ſeinen Satz zu Ende zu bringen, eilte Mr. Avenel eine. aus dem Zimmer, ſchloß die Thüre ab und ſteckte den en! Schlüſſel in die Taſche. In der Halle blieb er einen Augen⸗ des blick ſtehen, um ſeine Gedanken zu ſammeln. Er gthmete — 666 drei oder viermal tief auf, ſchüttelte ſich dann kräftig und ſchüttelte ſo, treu ſeinem Grundſatz, das Angefangene vor⸗ her zu beendigen, eh' er an etwas Anderes ging, jede Er⸗ innerung an ſeine meuteriſchen Gefangenen rein ab. Ernſt wie Achilles, wenn er ſich den Trojanern zeigte, ſchritt Ri⸗ chard Avenel in ſeinen Hof hinaus. Neunzehntes Kapitel. Wie kurz auch ſeine Abweſenheit gedauert hatte, konnte er doch bemerken, daß während dieſes kleinen Zwiſchenraums in der Stimmung ſeiner Gäſte eine merkwürdige Verände⸗ rung ſtattgefunden hatte. Einige, die in der Stadt wohn⸗ ten, trafen augenſcheinlich Vorbereitungen, zu Fuß nach Haus zurückzukehren, während die aus der Umgegend, welche ihre Equipagen fortgeſchickt und auf eine beſtimmte Stunde wieder herbeſtellt hatten, ſich in kleine Häufchen und Grup⸗ ven ſammelten. Auf allen Geſichtern ſprach ſich Aerger und Mißvergnügen aus, und männiglich wandte ſich inſtinktartig ab, als der Wirth vorüber ging. Sie fühlten, daß ihnen der Tert geleſen worden war und ſie ſich mehr bloßgeſtellt hatten, als Richard. Vielleicht ſtand ihnen wieder ein Kapitel bevor. Dieſer gemeine Mann! Weſſen durfte man ſich nicht vor ihm verſehen? Richards ſchlauer Geiſt begriff mit einemmale alle Schwierigkeiten ſeiner Lage. Aber er ließ ſich nicht irren und ging geradenwegs auf Mrs. MCatchley zu, welche mit de des gr merkte Verwir in ſein Schaut weiter A „ ſeinen! zu ſpre D Mrs. noch in gerte e 7 ſetzte 2 Tert zu Beglei Gunſt flucht. von E ley 6 nte m6 de⸗ hn⸗ che nde 1p⸗ ind tig en Ut tel ich lle en he 667 mit den Pompleyen und der Frau Dechantin in der Nähe des großen Zeltes ſtand. Da dieſe hohen Perſonen be⸗ merkten, daß der Wirth keck auf ſie abhielt, ſo gab es einige Verwirrung. „Zum Henker mit dem Kerl!“ meinte der Obriſt, ſich in ſeiner Halsbinde verſchanzend,„er kömmt auf uns zu. Schauderhaft gemein! Was ſollen wir thun? Laßt uns weiter gehen.“ Aber Richard vertrat ihnen den Rückzug. „Mrs. M'Catchley,“ ſagte er ſehr ernſt, indem er ihr ſeinen Arm anbot,„geſtattet mir, nur drei Worte mit Euch zu ſprechen.“ Die arme Wittwe machte ein ſehr verlegenes Geſicht. Mrs. Pompley zupfte ſie am Aermel. Richard ſtand ihr noch immer mit ausgeſtrecktem Arme gegenüber. Sie zö⸗ gerte eine Minute und nahm dann den Arm an. „Ungeheuer unverſchämt!“ rief der Obriſt. „Laßt nur Mrs. M'Catchley machen, mein Lieber,“ ver⸗ ſetzte Mrs. Pompley.„Sie weiß wohl, wie ſie ihm den Tert zu leſen hat.“ „Madame,“ ſagte Richard, ſobald er ſich mit ſeiner Begleiterin außer Hörweite ſah,„ich muß Euch um eine Gunſt bitten, die Ihr mir nicht abſchlagen werdet.“ „Mich?“ „Ja, Euch— zu Euch allein nehme ich meine Zu⸗ flucht. Ihr habt Einfluß auf dieſe Leute, und ein Wort von Euch kann bewirken, was ich wünſche. Mrs. M Catch⸗ ley,“ fuhr er mit einer Feierlichkeit fort, die wirklich Ein⸗ 668 druck machte,„ich ſchmeichle mir, daß Ihr einige Freund⸗ ſchaft gegen mich hegt, und dies iſt mehr, als ich von irgend Jemand auf dieſem Platze behaupten möchte. Wollt Ihr mir dieſe Gunſt erweiſen— Ja oder Nein?“ „Was wünſcht Ihr, Mr. Avenel?“ fragte Mrs. M'Catchley verwirrt, aber doch etwas beſänftigt— denn ſie war keineswegs eine Frau ohne Gefühl und rechnete ſogar ſich ſelbſt unter die empfindſamen Dämen. „Veranlaßt um jeden Preis alle Eure Freunde— mit einem Wort, die ganze Geſellſchaft— wieder in das Zelt zu den Erfriſchungen zurückzukehren. Ich möchte einige Worte an ſie richten.“ S „Gott behüte, Mr. Avenel— einige Worte?“ rief die Wittwe.„Das iſts ja eben, wovor ſich alle fürchten. Ihr müßt mir verzeihen, aber Ihr könnt doch wahrhaftig nicht Leute zu einem déjeüné dansant bitten und hintendrein— ſie auszanken.“ „Von Auszanken iſt gar keine Rede,“ ſagte Mr. Avenel mit großem Ernſte.„Auf Ehre, nein. Ich möchte Alles wieder zurecht bringen und hoffe ſogar, daß nachher das Tanzen wieder fortgehen wird— und daß Ihr dabei mich nochmal mit Eurer Hand beehrt. Ich überlaſſe es Euch, die Sache einzuleiten, und ſeyd verſichert, daß ich kein un⸗ dankbarer Mann bin.“ Nach dieſen Worten verbeugte er ſich— nicht ohne einige Würde— und verſchwand in der Frühſtückabtheilung des Zeltes. Dort beſchäftigte er ſich damit, die Kellner wieder zu ſammeln, die ſeiner Anweiſung gemäß die Reſte der Ta M Cat vollzog Takt ei ſtunde der Ch gend, Muth fühlte werde. Freihe laden, einem der ſie ( Worte weſen Mr. werbs meine Urſac dete nahm Leben fand . 669 eund⸗ der Tafel ſo gut als thunlich wieder ordnen mußten. Mrs. e M Catchley, deren Neugierde und Theilnahme geweckt war, Wollt vollzog ihren Auftrag mit der ganzen Gewandtheit und dem Takt einer Frau von Welt, und in weniger als einer Viertel⸗ Mrs. ſtunde war das Zelt gefüllt. Die Pfröpfe flogen wieder— nn ſie der Champagner ſtrömte und perlte— man trank ſchwei⸗ ſogar gend, ſprach ein wenig den Früchten und Torten zu, faßte Muth in dem Bewußtſeyn, daß man nicht allein ſey, und fühlte ein großes Verlangen, zu hören, was da kommen ndas werde. Plötzlich erhob ſich Mr. Avenel oben am Tiſche— inige„Ladies und Gentlemen,“ ſagte er,„ich habe mir die Freiheit genommen, euch noch einmal in dieſes Zelt einzu⸗ ef die laden, um euch zu bitten, freundlichen Antheil zu nehmen an Ihr einem Vorfall, der, uns alle heut ein wenig überraſcht hat. nicht„Natürlich wißt ihr alle, daß ich ein neuer Mann bin, vir der ſich ſelbſt ſein Glück ſchaffen mußte.“ Eine Menge von Köpfen nickten unwillkürlich. Dieſe Mr. Worte wurden männlich geſprochen und flößten allen An⸗ öchte weſenden Achtung ein. chher„Wahrſcheinlich iſt euch nicht minder bekannt,“ fuhr abei Mr. Avenel fort,„daß ich der Sohn ſehr ehrlicher Ge⸗ uch, werbsleute bin. Ich ſage ehrlich, und ſie ſchämen ſich un⸗ meiner nicht— ich ſage Gewerbsleute, und habe dabei nicht urſache, zu erröthen. Meine Schweſter heirathete und grün⸗ ohne dete ſich entfernt von der Heimath einen Hausſtand. Ich lung. nahm ihren Sohn zu mir, um ihn zu erziehen und ins lner Leben einzuführen. Sie wußte aber nicht, wo ich mich be⸗ Reſte fand, ja, nicht einmal, daß ich aus Amerika zurückgekehrt 670 war. Sie hievon in Kenntniß zu ſetzen, wollte ich meine eigene Zeit wählen; ich wünſchte, ſie nicht nur mit einem reichen Bruder, ſondern auch mit einem Sohn zu über⸗ raſchen, den ich zu einem Gentleman zu machen gedachte, ſo weit dies durch Bildung und Erziehung geſchehen kann. Nun hat aber die liebe arme Frau mich früher aufgefunden als ich erwartete, und den Stiel umgedreht, indem ſie mir eine Ueberraſchung von ihrer eigenen Erfindung bereitete. Ich bitte, habt Nachſicht mit der Störung, welche durch dieſe kleine Familienſcene veranlaßt wurde. Ich muß zu⸗ geben, daß ſie ſich ſehr lächerlich ausnahm, und ich hatte Unrecht, wenn ich im erſten Augenblick anderer Anſicht war; aber ich bin überzeugt, ich muthe euren guten Herzen nicht zuviel zu, wenn ich euch bitte, zu bedenken, was ein Bruder und eine Schweſter, die ſeit den Tagen ihrer Kindheit fern von einander lebten beim Wiederſehen fühlen müſſen. Für mich“— Richard ſchluckte mit Macht, denn er fühlte, daß nur ein gewaltiger Schluck die abſcheuliche Lüge hinunter⸗ zuwürgen vermochte, die ihm auf der Zunge lag—„für mich iſt dies ein ſehr glückliches Ereigniß geweſen! Ich bin ein einfacher Mann, und Niemand kann übel nehmen, was ich geſagt habe. Mit dem Wunſche nun, alle Anweſen⸗ den mögen in ihrer Familie ſo glücklich ſeyn, als ich es in der meinigen bei all ihrer Anſpruchloſigkeit bin, erlaube ich mir, einen Trinkſpruch auf die Geſundheit meiner werthen Gäſte auszubringen.“ Unter allgemeinem Beifallsrufe nahm Richard ſeinen Platz wieder ein. Er hatte in ſeiner einfachen Art den Fall — treffli wenig Gefal plötzli ſeine ſeyn r ſeiner länder ſo hoe erhob Dela als de ſeine! Feſt keine auch: Er th Anwe laval genwe Freud unſer wenn als U liche tin fl 4 n 674 teine trefflich beleuchtet und ſeine Sache ſo gut gemacht, daß inem 6 wenigſtens die Hälfte der Anweſenden, die bisher keinen iber⸗ Gefallen an ihm gehabt und ihn halb verachtet hatten, chte, plötzlich zu der Ueberzeugung kamen, daß ſie ſtolz ſeyen auf ann. ſeine Bekanntſchaft. Denn, wie ariſtokratiſch auch England nden ſeyn mag, namentlich in den gentileren Claſſen und Sippen mir ſeiner Provincialſtädte, ſo gibt es doch nichts, was die Eng⸗ tete. länder, vom Höchſten bis zum Geringſten, in ihrem Innern urch ſo hoch achteten, als einen Mann, der ſich aus dem Nichts zu⸗ erhoben hat und es freimüthig zugeſteht. Sir Compton atte Delaval, ein alter Baronet, mit einem Stammbaum, ſo alt ar; als der eines Waleſers, der ſich nur mit Widerwillen durch icht ſeine drei unverheiratheten Töchter zur Theilnahme an dem ider Feſt hatte vermögen laſſen, obſchon von letzteren bisher ern. keine ſo herablaſſend geweſen war, ſich gegen ihren Wirth Für. auch nur zu verbeugen, erhob ſich jetzt von ſeinem Sitze. daß Er that dies Kraft ſeines Rechtes— er war unter allen ter⸗ Anweſenden nach Rang und Stellung die erſte Perſon. für„Ladies und Gentlemen,“ begann Sir Compton De⸗ Ich laval,„ich bin überzeugt, daß ich die Gefühle aller hier Ge⸗ en, genwärtigen ausdrücke, wenn ich ſage, daß wir mit großer en⸗ Freude und Bewunderung die Worte angehört haben, die in unſer vortrefflicher Wirth an uns richtete.(Beifall.) Und ich wenn einer von uns in dem, was Mr. Avenel ſo treffend en als Ueberraſchung des Augenblicks bezeichnet, eine unziem⸗ . liche Heiterkeit verrieth über— über—“(die Frau Dechan⸗ en tin flüſterte:„eines der—“)—„eines der— eines der ul—“ wiederholte Sir Compton verwirrt und blieb dann ganz 672 und gar ſtecken—(„heiligſten Gefühle,“ half ihm die Frau Dechantin weiter)—„ja eines der heiligſten Gefühle in unſerer Natur, ſo bitte ich ihn, unſer aufrichtiges Be⸗ dauern dafür entgegenzunehmen. Ich für meine Perſon kann nur ſagen, daß ich ſtolz darauf bin, Mr. Avenel unter die Gentlemen unſerer Grafſchaft zählen zu dürfen,“(hier gab Sir Compton mit ſeinem Daumen dem Tiſch einen ſchallen⸗ den Klaps)„und ihm meinen Dank ausdrücken zu können für eine der glänzendſten Unterhaltungen, denen anzuwohnen ich je Gelegenheit hatte. Wenn er ſein Vermögen ehren⸗ haft gewonnen hat, ſo weiß er auch, einen nobeln Gebrauch davon zu machen. Bbtſch! knallte eine friſche Champagnerflaſche. „Ich bin nicht gewöhnt, öffentlich als Redner aufzu⸗ treten, aber ich konnte meine Gefühle nicht unterdrücken und habe jetzt der geehrten Geſellſchaft nur noch einen Trink⸗ ſpruch vorzuſchlagen:— Auf die Geſundheit unſeres Wirthes, Richard Avenel, Esquire— und auf die Geſundheit ſeiner — ſehr intereſſanten Schweſter! Langes Leben ihnen beiden!“ Der Trinkſpruch wurde hälftig erſtickt durch begeiſterte Beifallsrufe und das dreimalige Hoch zu Gunſten des Ri⸗ chard Avenel und ſeiner ſehr intereſſanten Schweſter. „Hab ich da einen verwünſchten Narren ſpielen müſſen,“ dachte Richard;„aber die Welt will einmal zum Beſten ge⸗ halten ſeyn.“ Dann ſuchte ſein Blick Mrs. M Catchley, und et bemer Augen gedach hatte jetzt n Offen! etwas derung ſelber eines 3 noch e griff, Comp rief: tanzt, wohl ſ ſo ſtat noch A ſeinem Zeltes laufen einen Herzer cher V B Frau hle in Be⸗ kann er die rgab allen⸗ önnen ohnen hren⸗ rauch ufzu⸗ nund Trink⸗ rthes, ſeiner ihnen iſterte s Ri⸗ ſſen,“ en ge⸗ nd er 673 bemerkte mit großer Befriedigung, daß dieſe Dame ihre Augen wiſchte. Obwohl die ſchöne Wittwe ſchon an die Möglichkeit gedacht haben mochte, Mr. Avenel zum Gatten anzunehmen, hatte ſie doch nie einen Funken Liebe für ihn gefühlt; aber jetzt war das Letztere der Fall. In dem Muth und in der Offenheit— mit einem Worte, in der Mannhaftigkeit liegt etwas, was allen Frauen, ſogar den weltlichſten, Bewun⸗ derung einflößt, und obſchon Richard Avenel im Innern ſich ſelber einen Narren ſchalt, erſchien er ihr doch in dem Lichte eines Helden. Der Wirth ſah, daß ihm Alles gelungen war.„Nun noch einen Tanz,“ ſagte er fröhlich und war eben im Be⸗ griff, Mrs. MCatchley ſeine Hand anzubieten, als Sir Compton Delaval ſie faßte, herzlich drückte und dabei aus⸗ rief: „Ihr habt noch nicht mit meiner älteſten Tochter ge⸗ tanzt, und wenn Ihr ſie nicht auffordern wollt, muß ich wohl ſelbſt ſie Euch als Tänzerin anbieten. Hieher, Sarah.“ Miß Sarah Delaval, die fünf Fuß acht Zoll maß und ſo ſtattlich als groß war, verneigte ſich anmuthig, und eh' noch Mr. Avenel wußte, wie ihm geſchah, hing ſie ſchon an ſeinem Arme. Aher als er in die nächſte Abtheilung des Zeltes kam, mußte er zwiſchen den Gentlemen Spießruthen laufen, die ſich insgeſammt herandrängten, um mit ihm einen Händedruck zu wechſeln. Ihre warmen engliſchen Herzen konnten ſich erſt beruhigt fühlen, nachdem ſie in ſol⸗ cher Weiſe ihren früheren Hochmuth und Spott wieder gut Bulwer, meine Novelle. 43 gemacht hatten. Richard Avenel hätte jetzt ohne Bedenken ſeine Schweſter mit Kattunkleid, Halstüchlein, dicken Sohlen und Allem in die Geſellſchaft einführen können; aber dies fiel ihm nicht entfernt ein. Im Gegentheil dankte er dem Him⸗ mel inbrünſtig, daß er ſie wohlbehalten hinter Schloß und Riegel hatte. Erſt für den dritten Tanz wurde es ihm möglich, ſich Mrs. M'Catchleys Hand zu ſichern, und um dieſe Zeit war bereits die Dämmerung hereingebrochen. Die Wagen ſtanden an der Thüre, aber Niemand dachte ſchon an einen Aufbruch, da allgemein eine wahre Heiterkeit herrſchte. Mittlerweile hatte Mr. Avenel Zeit gehabt, alle ſeine Plane zu Vollendung des Triumphs, welchen ſein Takt und Muth der vorübergehenden Ungnade entrungen, zur Reife zu brin⸗ gen. Obſchon aufgeregt vom Wein und von der unter⸗ drückten Glut ſeiner Leidenſchaft, wurde ihm doch klar, daß der Gedanke an ſeine niedrig ſtehende Verwandtſchaft bei ruhiger Erwägung wiederkehren mußte, ſo bald der Glanz, der ihn jetzt umgab, verdunſtet und Mrs. MCatchley wie⸗ der in den Händen der Pompley war— in den Händen von Perſonen alſo, von denen er am allerwenigſten ſich eine Förderung ſeiner Intereſſen verſprach. Jetzt war's Zeit. Das Eiſen glühte— nun galt es, dauauf loszuhämmern und die unzerreißliche Kette zu ſchmieden. Als er Mrs. M'Catchley nach dem Tanz in's Freie hinaus führte, ſagte er zärtlich zu ihr: „Wie kann ich Euch genugſam danken für die Gunſt, die Ihr mir erwieſen habt?“ war ke 0) gefalle würde wäre. bin rei Mit E Welt, auchen ſtens ſt ſpreche Ich wi Art. gelegt: ſie zu n S Ach Gi ich— U ſchämtl e . den Ol geſchäf / ken hlen fiel im⸗ und lich, Zeit gen nen hte. ane uth rin⸗ ter⸗ daß bei anz⸗ vie⸗ von eine eit. ern reie nſt, „Oh,“ verſetzte Mrs. M'Catchley mit Wärme,„es war keine Gunſt. Ich freue mich ſo ſehr—“ Sie hielt inne. „Ihr ſchämt Euch alſo meiner nicht, trotz dem was vor⸗ gefallen iſt?“ „Ich mich Eurer ſchämen? Nein, im Gegentheil, ich würde ſtolz auf Euch ſeyn, wenn ich—“ „Beendigt den Satz und ſetzt hinzu— Eure Gattin wäre. So jetzt iſt's heraus. Meine theure Madame, ich bin reich, wie Ihr wißt, und liebe Euch von ganzem Herzen. Mit Eurer Hilfe kann ich, wie ich hoffe, in einer größeren Welt, als die unſerer Stadt iſt, Figur machen, und was auch mein Vater geweſen ſeyn mag, mein Enkel wenig⸗ ſtens ſoll— doch es iſt immer noch Zeit, von dieſem zu ſprechen. Was ſagt Ihr dazu? Ihr wendet Euch ab. Ich will Euch nicht quälen— dies liegt nicht in meiner Ard. Ich habe Euch ſchon einmal die einfache Frage vor⸗ gelegt: Ja oder Nein! Eure Güte macht mich ſo kühn, ſie zu wiederhohlen. Ja oder Nein?“ „Aber Ihr faßt mich ſo unverſehens— ſo— ſo— Ach Gott, mein lieber Mr. Avenel, Ihr ſeyd ſo haſtig;— Und die Wittwe erröthete wirklich, und ihre Ver⸗ ſchämtheit war keine Künſtelei. „Dieſe ſchrecklichen Pompley!“ dachte Richard, als er den Obriſten, mit Mrs. M'Catchleys Mantel auf dem Arm, geſchäftig herankommen ſah. „Ich muß auf eine Antwort dringen,“ fuhr der Freier 43* 676 in haſtigen Lauten fort.„Gebt Ihr ſie nicht, ſo werde ich morgen mein Gut verlaſſen.“ „Euer Gut verlaſſen— mich verlaſſen?“ „Ihr wollt alſo die Meinige ſeyn?“ „Ah, Mr. Avenel,“ verſetzte die Wittwe in ſchmachten⸗ dem Tone, ohne ihm ihre Hand zu entziehen,„wer kann Euch widerſtehen?“ Obriſt Pompley kam heran. Richard nahm ihm den Shawl ab und ſagte: „Es hat damit keine ſolche Eile, Obriſt. Mrs. M'Catchley fühlt ſich hier bereits ganz heimiſch. Richard Avenel wußte es einzuleiten, daß zehn Mi⸗ nuten ſpäter die ganze Geſellſchaft davon unterrichtet war, ihr Wirth ſey der begünſtigtſte Bewerber um die Hand der ehrenwerthen Mrs. M'Catchley. Und Jedermann ſagte: „Er iſt ein ſehr geſcheidter Mann und ein prächtiger Kerl—“ nur die Pompley ausgenommen, welche ob dieſer Nachricht faſt von Sinnen kamen. Mr. Richard Avenel hatte ſich Bahn gebrochen in die Ariſtokratie. Der Gatte einer Ehren⸗ werthen— verwandt mit dem hohen Adel des Reichs! „Er wird ſich für unſere Stadt wählen laſſen— der Vulgarier!“ rief der Obriſt. 2„Und ſeine Frau wird den Vortritt vor mir anſpre⸗ chen—“ rief die Frau Obriſtin.„Die abſcheuliche Per⸗ ſon!“ Die Gäſte waren nun fort, und Richard gewann Zeit, zu überlegen, was er mit ſeiner Schweſter und ihrem Sohn aufangen ſollte. D mtlder immer fields u nards daß ein vermeir einem( wort ir zwiſchet von bei teren A bisher Avenel ſcherin, Leonart ſeyn,“ zwiſcher ſchloß e Der ebe das Fen großen flogen. ſagte V D Mr. Av ch ⸗ ⸗ P 677 Der Triumph über ſeine Gäſte hatte ſein Herz viel milder geſtimmt gegen ſeine Verwandten, obſchon er noch immer einen ſchweren Aerger in ſich barg über Mrs. Fair, fields unzeitige Aufdringlichkeit und ſein Stolz ſich über Leo⸗ nards Keckheit empörte. Es wollte ihm nicht in den Kopf, daß ein Menſch, dem er Dienſte geleiſtet oder doch zu leiſten vermeint hatte, einen eigenen Willen haben oder auch nur einem Gedanken Raum geben könne, der mit ſeinem Macht⸗ wort im Widerſpruch ſtand. Auch begann er zu fühlen, daß zwiſchen ihm und Leonard Worte gefallen ſeyen, die keiner von beiden ſo leicht vergeſſen konnte und die einen vertrau⸗ teren Verkehr weniger angenehm machen mußten, als dies bisher der Fall geweſen war. Ihm, dem großen Richard Avenel, hatte man zugemuthet, Mrs. Fairfield, die Wä⸗ ſcherin, um Verzeihung zu bitten! Nein, an ihr und an Leonard war es, dies zu thun.„Das muß der erſte Schritt ſeyn,“ ſagte Richard Avenel,„und ich denke, ſie ſind in⸗ zwiſchen zur Beſinnung gekommen.“ In dieſer Erwartung ſchloß er die Thüre ſeines Zimmers auf, fand es aber leer. Der eben aufgegangene Mond ſandte ſeine Strahlen durch das Fenſter und erhellte jeden Winkel. Verwirrt und mit großen Augen ſah er ſich um— die Vögel waren ausge⸗ flogen.„Sind ſie denn durch das Schlüſſelloch entwiſcht?“ ſagte Mr. Avenel.„Ha, ich ſehe— das Fenſter iſt offen!“ Das Fenſter reichte bis auf den Boden hinunter, und Mr. Avenel hatte in ſeiner Aufregung vergeſſen, daß dieſer leichte Ausweg ſeine Haft ſehr unwirkſam machte. „Sey's d'rum,“ ſagte er, ſich in ſeinen Lehnſtuhl wer⸗ 678 fend;„ich denke, ich werde bald genug von ihnen hören, denn ohne Zweifel wird's eheſtens auf meinen Geldbeutel ab⸗ geſehen ſeyn.“ Er bemerkte jetzt einen Brief, der unverſiegelt auf dem Tiſche lag. Als er ihn entfaltete, begegneten zuerſt ſeinem Blicke Banknoten im Betrag von fünfzig Pfunden— fünf⸗ undvierzig Papiergeld von der Wittwe und eine neue Note der Bank von England, die er kürzlich ſeinem Neffen gegeben hatte. Dem Geld waren nachſtehende Zeilen von Leonards kühner, deutlicher Handſchrift beigeſchloſſen, obſchon da und dort ein Wort zeigt, daß die Hand des Schreibers gezittert hatte:— „Ich danke Euch für Alles, was Ihr an einem Men⸗ ſchen gethan habt, den ihr als einen Gegenſtand der Barm⸗ herzigkeit anſahet. Meine Mutter und ich, wir beide wollen das Vorgefallene verzeihen. Ich ſcheide mit ihr von hier. Ihr habt mich aufgefordert, meine Wahl zu treffen; dies iſt geſchehen. Leonard Fairfield.“ Das Papier entſank Richards Hand, und er blieb einen Augenblick ſtumm. Das Gewiſſen regte ſich in ihm. Bald aber fühlte er, daß er über die Sache nur hinweg kom⸗ men konnte, wenn er ſich ſelbſt in Zorn jagte. *„Von allen Menſchen in der Welt,“ rief er, mit dem 2 Fuß auf den Boden ſtampfend,„iſt Niemand ſo widerwärtig, unverſchämt und undankbar, als eine arme Verwandtſchaft. Ich waſche meine Hände!“