0— — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Keſeßedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für ochetlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————————— auf 1 Mynat.— 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. ** 1„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Der Waldläufer. Roman von Gabriel Ferry. A us dem Franzöſiſchen von Dr. Chr. Fr. Grieb. Vierzehntes bis achtzehntes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1851. pfan nahme und R Fruhr b Abends 1. Ofensein der 2 2. Eesepreis. 2 Tag 5 Pf. be 3 den angenommen.„ Caution. Unb nes Buches, eine 1 52 hir— wird S X E * ſl auß von mir gelie 3. 2 Einundſechzigſtes Rapitel. Das weiße Prairie⸗Roß. Zur großen Freude des jungen Vaquero hielt die Neugierde die Büffeljäger, die zur Abreiſe ſchon bereit waren, zurück, und er hoffte, daß Encinas bis zur An⸗ kunft der Rriſenden aus den Erinnerungen ſeines aben⸗ teuerlichen Lebens ihm noch eine oder die andere india⸗ niſche Geſchichte zum Beſten geben könnte. Unglücklicher Weiſe ſchloß Encinas, ſei es, daß er mit ſeinen Geſchichten wirklich zu Ende war, oder daß er nicht mehr von der Vergangenheit ſprechen wollte, bald die Augen, die eine mühevolle Nacht außerdem ſchon ziemlich ſchwer gemacht. Es ſtand nicht lange an, ſo ſchlief der Büffeljä⸗ ger feſt. Wir wollen dieſen Augenblick benützen, um über die Pferdejagd im Nordweſten Mexikos einige unbekannte Einzelheiten zu geben, die durch ihre Reuheit vielleicht nicht ganz ohne Intereſſe ſein werden, und ihre Stel⸗ lung ganz natürlich in einer Erzählung finden, die den Zweck hat, die ſeltſamen Sitten der amerikaniſchen Gren⸗ zen kennen zu lehren. Dieſe Jagden, die eines der anziehendſten und in⸗ tereſſanteſten Schauſpiele ſind, welche dieſe fernen Ge⸗ genden darbieten, und von denen auch die feurigſte Be⸗ ſchreibung keinen vollſtändigen Begriff zu geben vermag, Der Walvläufer, 1v. will. offensein nothwendig weit entfernt iſt. Wäldern verurſacht. *) Ein Trupp verlaufener Pferde. platz; Lieblingsaufenthalt. finden gewöhnlich im Monate November oder Dezember ſtatt, das heißt, zu einer Zeit, wo die ſündfluthlichen Regen und der auf den Bergen geſchmolzene Schnee die Aguages erneuert, und auf den Ebenen und am Fuße der Mezquites eine Art Gras hervorgerufen ha⸗ ben, das die Pferde ungemein gern freſſen. Liſt, Geduld und jene Art wilden Inſtinkts, die man die Wiſſenſchaft der Wüſte nennen kann, ſind drei Eigenſchaften, die bei einem Jäger unentbehrlich ſind, wenn er ſeine Zeit und ſeine Mühe nicht verſchwenden Gewöhnlich vereinigen ſich aber ſechzig bis hun⸗ dert entſchloſſene, gut berittene Männer, die mit gezähm⸗ pfanßnahme ten Pferden und mit Lebensmitteln auf zwanzig bis nphnhen dreißig Tage verſehen ſind, zu ſolchen Erperitionen, Sepreis deren Schauplatz von den Wohnungen der Menſchen In kleine Trupve von ſechs bis ſieben Mann ge⸗ theilt, machen die Jäger ſich auf den Weg. Zehn bis zwölf Tage lang— wenn es erforderlich iſt— durchſtreifen ſie die ungeheuren Ebenen und die Einöden der Wüſte bis zu dem Augenblicke, wo ſie die Spuren einer Cavallada Meſtena*) erkannt haben,— welche Spuren übrigens leicht an den Verwüſtungen zu erkennen find, welche das Fliehen dieſer Pferde in dieſen Sobald ſich die Jäger von dem Vorhandenſein der Querencia*) verſichert haben, ſuchen ſie die Aguage auf, die nothwendig in der Nähe ſein muß; denn der wilde Trupp kann ſich nicht lange in einer Gegend auf⸗ halten, wo es an Waſſer fehlt, da letzteres ihnen nicht allein zum Stillen ihres Durſtes nothwendig iſt, ſondern **) Der gewöhnliche Weideplatz des Viehes; Lieblings⸗ auch zur Heilung einer Unzahl von Krankheiten, gegen welche es kein anderes, beſſeres Mittel gibt. Die Tränke aufzufinden, iſt eine neue Schwierig⸗ keit, und in den dürren Ebenen oder in den undurch⸗ dringlichen Wäldern würde ein Europäer vielleicht vor Durſt ſterben, bevor er eine ſolche entvecken würde.. Die durch den merkwürdigen Inſtinkt, womit ſie begabt ſind, geleiteten Pferde, wählen gewöhalich einen faſt unzugänglichen Teich; allein eine beſtändige Beo⸗ bachtung der Natur verleiht den Grenzbewohnern einen Inſtinkt, der nicht minder wunderbar iſt, als der der Thiere, auf die ſie Jagd machen. Dieſen Inſtinct nennen wir die Wiſſenſchaft der Wüſte. Hat einer der Jägertruppe den Ort gefunden, wo die Pſferde ſaufen, ſo vereinigen ſich, da es am Tage liegt, daß letztere mit Sonnenuntergang jeden Tag da⸗ hin kominen müſſen, die verſchiedenen Brigaden vermit⸗ telſt ausgemachter Signale und im Voraus beſtimmter Zeichen in der Nähe der Aguage. Und dann beginnen die Jagdvorbereitungen. Wie wir in dem voran ſtehenden Kapitel geſagt, fällen die Jäger zuerſt dicke Baumſtämme, woraus ſie einen ſoliden Corrals) bilden. Letzterer hat einen Ein⸗ gang gegenüber dem Eſtero“*), das als Tränke dient. Eine ſolche Operation dauert, je nach der Anzahl und der Thätigkeit der Jäger, zehn bis zwölf Tage, während welcher Zeit ſie unter dem dichten Laubwerke der Bäume lagern. Glücklich der Reiſende, der ſich für die Legenden der Wüſte intereſſirt, und den um dieſe Zeit ſein Stern mit dieſen wilden Jägern in einem ſolchen Lager zuſammenführt! Der Reiſende wird, die Pinole⸗ und Cecina⸗Ration der Jäger theilend, die Abende, in der Nähe der vom *) Zaun, Umzäunung. **) Lagune, Bucht, See⸗Arm. Edna 6 1. offensein d pfangnahme und 7 Uhr bis Abend 2. Lesepreis. jedem Tag 5 Pf. den angenyommen 3. Caution. 1 eines Buches, ein hinterlegen, welc wird. 4. Abonnement beträgt: für wöchentlich auf 1 Mynat.— 5. Auswärtige der Leſer zum Erf der Böcher auf ih 6. Schudenersa defecte Bücher(nc Ladenpreis erſetzt lorene oder 7. Ausleihezei beſonders darauf der Bücher nicht ſelben von mir ge —— Feuer blendend hell erleuchteten Eichen, immer zu kurz finden, denn er wird es nie müde, aus dem Munde die⸗ ſer Jäger die aufregenden Berichte über ihre Jagden, ihre Kämpfe, und ihre abergläubiſchen Meinungen an⸗ zuhören. Wir wollen über die Erbauung des Corral u. ſ. w. Nichts weiter ſagen, um nun den Verſuch zu machen, von einer Reihe von Scenen, deren Zauber und Wirklichkeit der Mithülfe der Phantaſie nicht bedürfen, einen vollſtändige⸗ ren und lebendigeren Begriff zu geben. Wir wollen nur noch ſo viel hinzoſetzen, daß, wenn die Aguage einmal ge⸗ funden iſt, die Jäger, da tie Pferde die Anweſenheit des Menſchen gar bald bemerken, indem die Landſchaft ein anderes Ausſehen gewinnt, nach der Erbauung der Eſtrade, um die Zeit zu ſparen, und um nicht erſt ab⸗ zuwarten, bis die Thiere ſich allmählig an das neue Ausſehen der Gegend gewöhnen, ſich abermals in ge⸗ trennte Detachements auflöſen, um, in einem Umkreiſe von mehreren Stunden, eine Treibjagd anzuſtellen, und die erſchrockenen Pferde zu zwingen, ſich auf ihr Que⸗ rencia zu werfen. Außer den acht Vaqueros, die auf die Ankunft Don Aguſtin's warteten, waren noch zwanzig andere, je fünf an einem der vier Cardinalvunkte des Himmels, in der Umgegend zerſtreut, ſo daß ſie ein großes Kreis⸗ Segment bildeten, wovon der rothe Fluß die Chorde war, und dieſe Treib⸗Jagd erforderte noch einige Tage, während welcher die in der Nähe des Corral verſteckten Vaqueros, Tag für Tag, ſich die Stunde merken muß⸗ ten, um welche die Manadas*) ans Waſſer kommen. Während Eneinas, zum großen Aerger des jungen Vaquero, ſchlief, hatten die Domeſliken Don Aguſtins unter den dicken Eichen⸗Aeſten, am düſterſten Orte, die Zelte aufgeſchlagen, damit die Pferde weniger erſchrecken möchten. Und kaum war dieſes Geſchäft beendigt, als . Pferdetruppe. ——.—.— „— 2— — urz ie⸗ en, n⸗ on der e⸗ e⸗ eit aft er b⸗ e⸗ iſe nd 1e⸗ —— 5 einer der zwei Domeſtiken vom Gefolge des Hacendero herangeſprengt kam, um die Ankunft der Herrſchaften anzuzeigen. Einige Minuten darauf zeigte ſich die Cavalcade in der Lichtung, die den dichten Waldſaum von dem See trennte. Es war etwa ein Uhr, und die Sonne ſchoß in ſenkrechter Richtung auf die große Waſſerfläche Büſchel rennenden Lichtes herab. Es war um die Stunde, wo, unter dem Einfluſſe der Tageshitze, mit Ausnahme der Baumgrillen, die ſo zahlreich ſind, wie die Grashalme, und durch ihr Zirpen ein klirrendes Geräuſch, ähnlich dem von hundert Poſt⸗Pferden, hervorbringen, Alles ſchweigt, und, ſowohl im Walde als auf der Ebene, eingeſchlummert zu ſein ſcheint. Ungeachtet ſeiner Müdigkeit beeilte ſich der Sena⸗ tor, abzuſteigen, um Dona Roſario die Hand zu geben, die mit, ſei es durch den heißen Mittagswind!“ oder durch irgend eine andere Urſache, purpurroth gefärbten Wangen halb traurig, halb lächelnd, ſich von dem Sat⸗ tel ihres Pferdes in die Arme von Tragaduros herab⸗ gleiten ließ. Von da hüpfte ſie leicht auf den Boden herab. Während ſie, auf den Arm des Senators geſtützt, nach dem für ſie aufgerichteten ſeidenen Zelte hinging, fragte der Hacendero die herbeigekommenen Vaqueros. Er unterſuchte mit dem Auge eines Kenners den Zaun und die Lage des Sees. Dann trat er, befriedigt von den Antworten, die er erhalten, ebenfalls in ſein Zelt, um dort Sieſta zu halten. Dona Roſario konnte, während ſie den Raum durch⸗ ſchritt, der ſie von ihrem Zelte trennte, nicht umhin, auf den ſeltſamen Anzug und die wilde Haltung der Biſonjäger einen Blick der Ueberraſchung, ja faſt des Schreckens zu werfen; allein die Tochter der Wüſte war mit deren Sitten und deren verſchiedenen Gäſten zu ſehr deutſcher, Sdna — 0 pfangnahme und 7 Uhr bis Abend 2. Lesepreis. jedem Tag 5 Pf den angenommen 3. Caution. U ernes Buches, ein hinterlegen, welc wird. 4. Abonnement beträgt: für wöchentlich auf 1 Monat * 5. Auswärtige der Böcher auf ih 6. Schadenersg defecte Bücher(n Ladenpreis erſetzt lorene oder defect der Leſer zum Er 7. Ausleihezeit beſonders darauf; der Bücher nicht ſelben von mir g 1. Offensein 6 6 vertraut, um nicht die Hanthierung des Enecinas und ſeiner rohen Geſellen augenblicklich zu erkennen. Und über ihren Schrecken ſelbſt lächelnd, hob ſie den blauen, als Thüre dienenden Zeltvorhang in die Höhe, und verſchwand vor Aller Augen, wie der Vogel, der ſich in die Azurflächen des Himmels verliert. „He, Senor Eneinas! was halten Sie von un⸗ ſerer jungen Herrin?“ fragte den Biſonjäger der junge Voquero, der zum erſten Male die Tochter Don Agu⸗ ſtins ſah. „Sie iſt eine wahre Blume der Wüſte,“ antwor⸗ tete Encinas,—„eine Blume, die Alle, welche in der Wüſte ſich herumtreiben, ſich mit größerer Erbitterung ſtreitig machen dürften, als irgend eine Blume der Städte;— ſie iſt eine Blume, die der Indianer in ſeine Hütte, wie der Jäger in ſein Zelt bringen möchte.“ „Wohlan! ohne Zweifel wird dieſer junge Herr fie in ſeinen Palaſt bringen,“ ſprach der junge Vaquero, auf den Senator Tragaduros deutend, lachend. „Wer weiß?“ antwortete Encinas;„ich habe mehr als einen Biſon tödtlich verwundet, den ich ſchon—in den Händen zu haben glaubte, und den dann, weit von mir weg, Indianer oder Wölfe in Stücke riſſen.“ In dieſem Augenblicke ließ Oſo ein eigenthümli⸗ ches Knurren hören. Es war nicht mehr jenes kläg⸗ liche Geheul, das, wie der Biſonjäger ſich ausgedrückt, eine zärtliche Erinnerung an einen abweſenden Kamera⸗ den zu ſein ſchien. Es lag in der Stimme des Hundes gleichſam ein Ausdruck verhaltenen Zornes. „Was ſoll das bedeuten, Meiſter Encinas?“ fragte der junge Vaquero unruhig. „Nichts!“ antwortete der Jäger, nachdem er einen Blick auf Oſo geworfen, deſſen Auge einen Augenblick glänzte und dann erloſch,„Oſo wird es von einem Indianer geträumt haben, und ſein Knurren iſt eine Verwünſchung, die er, in ſeiner Sprache, an ſie richtet.“ N M F Es war etwa fünf Uhr Nachmittags, als die Rei⸗ ſenden, nach ihrer Sieſta, aus dem Zelte traten, wo ſie der Ruhe gepflegt hatten. Der Büffelſee bot da einen minder wilden, aber nicht minder pittoresken Anblick dar. Das ſeidene Zelt Roſarita's erhob ſich an den Ufern des Teiches in einiger Entfernung von dem für den Senator und den Hacendero aufgeſchlagenen, und ſpiegelte ſeine azurblauen Falten auf der klaren Fläche inmitten der Waſſerpflanzen, der vom Waſſer vervielfäl⸗ tigten Bilder, der knorrigen Eichen, und eines Stücks von dem blauen Mantel des Himmels. Die unter den Arkaden des dichten Waldes um⸗ herirrenden Relais⸗Pferde,— die Pferde der ſo ſonder⸗ bar gekleideten Biſonjäger, die ihre Köpfe über die Pal⸗ liſaden herausſtreckten, von denen ſie eingeſchloſſen wa⸗ ren,— und endlich die beiden Reiſenden, und Dona Roſarita, die ihr Reitkleid durch ein weißes Gewand erſetzt hatte, und eine der weißen Lilien der vielen See⸗ blumen zu ſein ſchien,— Alles dieß bildete an den Ufern des Sees ein Gemälde, das ein Maler gerne reprodueirt haben würde. Bereit, ihr mühevolles Tagewerk zu beginnen, fin⸗ gen in dem Augenblicke, wo die Reiſenden das ihrige beendigt, die Biſonjäger an, ihre Pferde zu ſatteln um weit von do, an den Ufern des Fluſſes, ihr coloſſales Wild aufzuſuchen. „Was haſt Du denn, Oſo?“ ſagte Encinas zu ſei⸗ ſem Punde, der abermals heulte,„iſt ein Indianer um den Weg?“ „Indianer!“ rief Roſarita erſchrocken,„ſind denn ſchon welche hierher gekommen?“ „Nein, Madame,“ ſprach Encinas,„es iſt in der Umgegend keine Spur von ihnen zu ſehen: ſie müßten nur, wie Eichhörnchen oder wilde Katzen, von einem Baume zum andern geſprungen ſein; aber dieſer Hund. Und der Biſonjäger folgte mit dem Auge den Be⸗ deutſcher, e 6dua 6 1. Offensein 6 Sfthiahrie und 7 Uhr bis Abend 2. esepreis. jedem Tag 5 Pf. den angenommen 3. CQaution. 1 eines Buches, ein hinterlegen, wele wird. Wonnemen beträgt 6 für chentlich auf 1 MWonat: 3 5. Auswürtige der er auf ih 6. Schadeners defecte Bücher(nf Ladenpreis erſetzt lorene oder defectk der Leſer zum Erz 7. Ausleihezeit beſonders darauf! der Bücher nicht; ſelben von mir g — wegungen Oſo's, deſſen Augen einen Augenblick roth wurden, und deſſen Haare ſich ſträubten. Dann machte der Hund einige wüthende Sprünge vorwärts, worauf er zurückkam und ſich ruhiger, obwohl immer noch knurrend, im Graſe begrub. Der Hund heulte nicht ohne Grund alſo. that Encinas ſein Möglichſtes, um ſeine Zuhorer zu beruhigen. „Dieſer Hund.“ hob er wieder an,„iſt zur Bekäm⸗ pfung der wilden Indianer abgerichtet, und er wittert dieſelben von Weitem; indeſſen hat er geſchwiegen, und es iſt dieß ein Zeichen, daß er einen Augenblick ſich durch ſeinen Inſlinkt hat täuſchen laſſen. Und nun bleibt uns nur noch übrig, uns bei Ew. Senorias zu ver⸗ abſchieden, und Ihnen eine gute und glück⸗ liche Jagd zu wünſchen.“ Während Encinas ſein Pferd gürtete, und,— nach⸗ dem er dem jungen Vaquero die Hand geſchüttelt, der ganz ſtolz war, eine für die Indianer ſo unheilvolle Hand drücken zu dürfen,— ſich nebſt ſeinen drei Gefährten bereit machte, ſich in den Sattel zu ſchwingen, ſagte Roſarita ihrem Vater Etwas angelegentlichſt ins Ohr. Don Aguſtin zuckte zuerſt die Achſeln; dann warf er auf das flehende Geſicht ſeiner Tochter einen Blick der Zärtlichkeit, und lächelte und ſchien öberzeugt. „Sagen Sie mir doch, Freund,“ ſetzte er ganz laut hinzu, indem er ſich an Encinas, als den angeſehenſten unter den Biſonjägern, wandte,„vermuthlich haben Sie ſchon mit den wilden Indianern einen Strauß gehabt, und wahrſcheinlich kennen Sie auch ihre Liſten?“ Der junge Vaquero machte eine Bewegung, die gar Vieles bedeutete, und unter Anderem auch das, daß ſein Herr ſich an keinen beſſeren Mann wenden könne. „Erſt vor fünf Tagen,“ antwortete Encinas,„habe ich mit dieſen unverſöhnlichen Feinden der Weißen auf Leben und Tod gekämpft.“ „Sie ſehen, Vater!“ rief Roſarita. Indeſſen —————————— „Und wo das?“ fragte Don Aguſtin. „In der Nähe des Preſidio Tubac.“ „Kaum zwanzig Stunden von hier!“ antwortete das Mädchen erſchrocken. „Hier iſt ein Mädchen,“ ſprach der Hacendero, auf Dona Roſario deutend,„das, ſeitdem es vor acht Ta⸗ gen im Walde zwei Indianern vom Stamme der Papa⸗ gos begegnet iſt.. „O Vater!“ fiel ihm das Mädchen ins Wort,„noch nie haben zwei Papagos ſo unheimlich ausgeſehen; es war wohl nur eine Vermummung,— es waren, wie Don Vicente ſagte, Wölfe in Schaafskleidern.“ „Don Vicente iſt eine Memme, wie Du,“ ſagte der Hacendero lächelnd. „Wenn man mit dem reichſten Schatze der Welt reist, kann man nicht allzu vorſichtig ſein,“ entgegnete der Senator galant. „Meinetwegen!“ ſagte Don Aguſtin. Dann wandte er ſich an den ſtarken Biſonjäger. „Wie viel verdienen Sie bei Ihrem gefährlichen Handwerk, einen Tag in den andern gerechnet?“ „Je nach dem,“ antwortete Encinas:„bald verdie⸗ nen wir an einem Tage Wiel, bald haben wir wieder viele Tage, wo wir gar Nichts verdienen.“ „So daß Sie 2 „Wir können einen Tag in den andern zwei Piaſter verdienen, vz man ein gutes Büffelfell zu fünf an⸗ ſchlägt.“ Sie, wenn ich Ihnen und Ih⸗ ren drei Genoſſen, jedem drei Piaſter per Tag gäbe, bis ans Ende unſerer Jagd bei uns bleiben?“ Die Genoſſen des Encinas nahmen den Vorſchlag des Hacendero voller Freude an. „Auch darf jeder von Euch,“ fuhr der Hacendero fort,„ein vortreffliches Pferd unter denen, die wir fan⸗ gen, auswählen.“ „Meiner Treu! es iſt ein wahres Vergnügen, einem ſo großmüthigen Herrn, wie Sie ſind, zu dienen,“ rief Encinas. „Hoffentlich,“ ſagte Pena,„wird bei achtundzwanzig Vaqueros und vier ſo tapferen Jägern, wie dieſe ſind, das heißt, bei zweiunddreißig Vertheidigern im Ganzen, Surct Deine Freuden nicht mehr vergiften, mein ind!“ Anſtatt aller Antwort küßte Roſarita ihren Vater, und da, nachdem dieſer Handel zu Jedermanns Zufrieden⸗ heit abgemacht war, die Sonne nur noch einen kleinen Roum zu durchlaufen hatte, um hinter die höchſten Gipfel der Bäume hinabzugleiten, beſchäftigte man ſich mit den Vorbereitungen zur Jagd. Es waren dieſelben für dieſen Tag noch ſehr ein⸗ Sie beſtanden einzig und allein darin, daß man die Pferde der Biſonjäger wieder abſattelte,— daß man die Relais⸗Pferde zuſammen- und in den Corral hineintrieb,— und daß man, mit Ausnahme der zwei Zelte, die Ufer des Sees von Allem befreite, was die wilden Pferde erſchrecken konnte. Es nahte die Stunde, wo dieſe Thiere, die ſeit langer Zeit von ihrer Tränke, und auch, ſo viel wie möglich, von den Ufern des Fluſſes abgehalten worden waren, dem Teiche vielleicht näher kamen. Don Aguſtin erkundigte ſich bei ſeinen Vaqueros, S. oob ſeit den drei Tagen, welche ſeit der Vo lendung des ete Vücher n Zaunes verfloſſen, ſich ſchon einige Pferde bei der Tränke r ett; eingefunden hätten. „Nein, gnädigſter Herr,“ antwortete einer von ihnen, „und doch iſt ſeit drei Tagen Fimenez mit ſeinen drei Leuten an den Ufern des Fluſſes thätig, um die Thiere davon abzuhalten.“ „Dann,“ ſprach der Hacendero,„wagen ſich heute Albend wahrſcheinlich einige dieſer Thiere in die Nähe ihrer Tränke.“ DDie nun halb trockenen Büffelhänte wurden von ¹ —— — 11 den Pfählen abgenommen, auf denen ſie ruhten, die Zäume, die Sättel, ſo wie das Kochgeſchirr wurden an einen abgelegenen Ort gebracht. Dann wurden noch einmal Zweige abgehauen, um mit ihrem friſcheren Laube die zu überdecken, welche die Sonne bereits welk gemacht. Nur zwei Pferde wurden geſattelt. Es waren dieß die zwei geſchwindeſten, und wurden von denen unter den Vaqueros des Hacendero geritten, die wegen der Geſchicklichkeit, womit ſie den Lazo oder die Schleife zu werfen wußten, am berühmteſten waren. Dann ſetzte ſich Don Auguſtin mit ſeiner Tochter und mit dem Senator an den Eingang ſeines Zeltes, ſo daß der als Thüre dienende Vorhang ſich über ihnen ſchloß, und ſie dem unruhigen Atzge der wilden Pferde entrückt waren, ohne daß ihnen dadurch die Ausſicht auf den See benommen worden wäre. Die Vaqueros und die Biſonjäger ſtellten ſich an der Seite des Ufers auf, welche derjenigen, wo die von den Thieren zurückgelaſſenen Spuren den Weg anzeigten, den ſie gewöhnlich verfolgten, um bis zur Tränke zu gelangen, entgegengeſetzt war. Die zwei andern allein gebliebenen Vaqueros hiel⸗ ten ſich mit ihren Pferden in dem Corral, in der Nähe der freigelaſſenen Oeffnung, die, im Nothfalle, durch lange bewegliche Stangen geſchloſſen werden konnte, ſo viel wie möglich verborgen. Und es warteten nun die Jäger. Rechnete man die Zelte der drei Reiſenden ab, ſo erſchienen der See und deſſen Umgebung ganz öde. Die Sonne war ſo eben hinter den Bäumen ver⸗ ſchwunden; ſchon drangen lange purpurrothe Strahlen durch das Laubwerk derſelben hindurch, und färbten die Waſſer des Teiches. Die weißen Kelche der Seeblumen färbten ſich roſaroth, und gleich als ob keine Spur von einem Menſchen mehr vorhanden geweſen wäre, fingen die Waldvögel überall an, ihre Abendmelodien zu ſingen⸗ —— . 1 deutſcher, e Edna pfangnahme und 7 Uhr bis Abend 2. Eesepreis. jedem Tag 5 Pf. den angenommen 3. Caution. 1 eines Buches, ein hinterlegen, wels wird.„ 4. Abonnemen beträgt für wöchentlich auf 1 Mynat: 4 5. Auswärtige der Bücher auf i 6. Schadeners; defecte Bücher(n Ladenpreis erſetzt lorene oder defect der Leſer zum Er 7. Ausleihezeit beſonders darauf der Bücher nicht ſelben von mir g S. lag etwas wild Majeſtätiſches. 12 Nachdem man einige Minuten gewartet, während welcher die Ungeduld den blaſſer gewordenen Wangen Roſarita's eine Färbung verlieh, die derjenigen zu ver⸗ gleichen war, womit die Waſſerlilien ſich unter den Strahlen der untergehenden Sonne ſchmückten, ließ ſich aus der Ferne des Waldes ein dumpfes Krachen höͤren. Allein anſtatt, wie das Getöſe der Lawine, zuzu⸗ nehmen, wenn zwei bis dreihundert durſtige Pferde auf ihre Tränke zueilen, die jungen Bäume zu Boden drücken, und die Erde unter ihren Tritten erzittern machen, hörte das ferne Geräuſch plötzlich auf. Der wilde Trupp hatte ohne Zweifel das ſeltſame Ausſehen der von Menſchen betretenen Orte bemerkt, und blieb ſchreckerfüllt ſtehen. Nur ein Gewieher, hell und durchdringend wie der Ton eines Clarins, drang bis zu den Ohren der in dem Hinterhalte liegenden Jäger. Bald aber krachten die Gebüſche von Neuem, und es zeigten ein halbes Dutzend Pferde, die kühner als die übrigen waren, am Saume der Lichtung ihre in die Höhe gerichteten Köpfe, ihre rothen und offenen Nüſtern, ſo wie ihre glänzenden Augen. Ihre Mähnen wallten einen Augenblick unter ihren ungeſtümen Bewegungen, dann ſprangen in einem Nu fünf derſelben zurück, und verſchwanden, wie eben ſo viele Blitze, in dem grünen Waldſaume. Ein einziges von den ſechs Pferden war zurückge⸗ blieben; es zitterte auf ſeinen Beinen, und ſtreckte den Hals nach dem See zu. Es war ein Pferd, ſo weiß wie der Schnee;z mit dem Halſe eines Schwans, deſſen Glanz es auch zu haben ſchien, verband es eine breite Bruſt und ein rundes Kreuz. Ein weißer Haarbüſchel zitterte, zwiſchen zwei wilden Augen, auf ſeiner Stirn, und ſein Schweif ſchlug an ſeinen ſehnigen Kniekehlen hin und her. In ſeiner ganzen, zugleich furchtſamen und ſtolzen Haltung — 5 13 „Gott verzeihe mir!“ ſagte Enecinas dem jungen Voquero, der ſeine guten Gründe gehabt hatte, ſich neben den Büffeljäger zu ſtellen, ganz leiſe ins Ohr, „es iſt das weiße Prairie⸗Roß.“ „Das weiße Prairie⸗Roß?“ wiederholte der junge Vaquero.„Was iſt das?“ „Ein weißes Pferd wie dieſes,“ antwortete Enci⸗ nas,—„ein Schimmel, dem man nur ſelten nahe kom⸗ men kann,— von dem diejenigen, ſo ihn zu weit ver⸗ folgen, nicht mehr ſprechen können,— und der ſich nie fangen läßt.“ „Bah! das wollen Sie mir weis machen?“ „Stl erſchrecken Sie das Pferd nicht; ſehen Sie es aber mit allen Ihren Augen an,— Sie werden nie ein anderes ſehen das ihm gleicht.“ Es war in der That ſchwer, ein ſchöneres Exem⸗ plar von jener prächtigen, wilden Race zu ſehen, die in gewiſſen Theilen Mexico's ſo häufig geſehen wird. Es harmonirten bei dieſem Schimmel die Stärke und die Leichtigkeit ſo ſchön mit einander, daß wohl kein Reiter ſich des ungeſtümen Wunſches, ihn zu beſitzen, erwehren konnte. Einige Sprünge brachten ihn dem See nahe, und dieſe Sprünge waren ſo elaſtiſch und ſo leicht, daß er wie eine Nebelflocke auf dem Graſe zu ſchweben ſchien. Mit einem andern Sprunge erreichte das edle Thier das dicht vor dem Teiche liegende Ufer. Bebend machte es in dem Augenblicke Halt, wo vie kryſtallhelle Fläche des Sees ſeinen ſtolzen und feinen Kopf, ſo wie ſeine kleinen, nach vorn geſpitzten Ohren nach Art eines Spiegels zuruckwarf. Dann verlängerte es mit der ganzen Koketterie einer Nymphe, die ſich allein glaubt, den Kopf, um ſich beſſer zu ſehen, und ſilellte vorſichtig ſeine zwei Beine ins Waſſer. Dieſe Bewegung war noch eine ſo leichte, daß keine Schlammwolke die Klarheit der Waſſer⸗ deutſcher, e Edna 7 . — c 1. Offensein 6 pfangnahme und 7 Uhr bis Abend 2. Lesepreis. jedem Tag 5 Pf. den angenommen 3. Caution. eines Buches, ein hinterlegen, wele wird. 3 Wonnemen 5 beträgt: S 2 für wöchentlich auf 1 Mynat: * 5. Auswärtige der Böcher auf it 6. Schadeners? defecte Bücher(n Ladenpreis erſetzt lorene oder defect der Leſer zum Er 7. Ausleihezei beſonders darauf der Bücher nicht ſelben von mir g fläche trübte, welche die ganze ſtolze und wilde Majeſtät ſeiner Formen zurückwarf. „Ah, Senor Encinas,“ ſagte der junge Vaquero ganz leiſe,„jetzt oder nie muß man ihm den Lazo überwerfen.“ „Ich zweifle daran,— ich zweifle daran; faſt im⸗ mer paffirt dem Etwas, der das Prairie⸗ Roß fangen will, denn dieſes iſt es wirklich,— ſehen Sie nur hin; es allein iſt unter allen Söhnen der Wälder ſo ſchön.“ Das Ruß mit dem weißen Schwanenhalſe warf ſich im Waſſer auf die Knie, ließ über die Oberfläche ein lautes Geſchnaube hingehen, und fing an, zu ſaufen, wobei es von Zeit zu Zeit den Kopf in die Höhe hob, und die Tiefen des Waldes mit gierigem Auge befragte. Die Jäger konnten ſehen, wie an den Palliſaden der Körper eines der Vaqueros ſich erhob, dieſelben überragte, und wie dann ſeine Büſte ſich auf dem Sattel beugte. Der Kamerad dieſes Vaquero that ein Gleiches. Plötzlich machte das furchtſame Thier einen Schreckensſprung, der eine ſprudelnde Schaumwolke hervorrief und in die Luft empor ſandte. Das Pferd ſchien aus der Wolke hervorzugehen, und ſprang auf das ufer zurück. In dem nämlichen Augenblicke galoppirte, ſeinen ledernen Lazo ſchwingend, einer der Vaqueros auf das Thier zu. Der geflochtene Riemen pfiff in der Luft, jedoch nicht ohne daß das Pferd des Reiters, in Folge eines zu ſtarken Anlaufs, die ſteile Böſchung hinabglitt, und Reiter und Pferd rollten über einander weg in den See hinab. „Ich hatte es Ihnen ja geſagt,“ rief der Biſon⸗ jäger, den dieſer unvorhergeſehene Unfall in ſeinen abergläubiſchen Meinungen beſtärkte.„Sehen Sie doch, wie das ungreifbare Roß ſich von der Schlinge losmacht!“ In der That ſchüttelte das Pferd ſeinen ſchönen 8 — Kopf und ſeine lange triefende Mähne, während es floh. Der wilde Stolz des Thieres war über die un⸗ reine Berührung des von der Hand des Menſchen ge⸗ worfenen Riemens empört, und bald hatte es denſelben weit von ſich geworfen. Es verließ den See auf einer entgegengeſetzten Seite. Schon war der zweite Vaquero dem flüchtigen Thiere nachgeeilt. Während einiger kurzen Augenblicke konnte man von einem wunderbaren Kampfe zwiſchen dem wilden Pferde und dem ungeſtümen Reiter, der es mit dem Lazo in der Hand verfolgte, Zeuge ſein. Es war ſchwer zu ſagen, auf welcher Seite die Flinkheit und die Ge⸗ ſchicklichkeit größer waren. Nichts ſchien den Reiter aufzuhalten, weder die Baumſtämme, an denen er ſich Arme und Beine brechen zu müſſen ſchien, noch die niederen Aeſte, die ihm den Schädel einzuſchlagen drohten. Wie ein flinker Cen⸗ taur vermied der Reiter alle dieſe dem Anſcheine nach unüberſteiglichen Hinderniſſe. Bald lag er auf dem Sattel, bald hing er an den Flanken ſeines Pferdes, bald war er faſt unter dem Bauche deſſelben, wobei ſeine langen Sporen ſeinen Körper auf dem Sattel erſetzten; wie eine Schlange glitt er unter den Aeſten, und zwiſchen den Baumſtämmen hin. Und bald entſchwanden der Schimmel und der Vaquero Aller Augen. Sämmtliche Jäger kamen zu gleicher Zeit aus ihrem Hinterhalte hervor, und ſtießen Freudenſchreie und ermuthigende Hurrahs aus. Das Schauſpiel, das ſie geſehen, war allein faſt ſo viel werth, als wenn zwanzig wilde Pferde gefangen worden wären. Während der Vaquero, triefend und die Kleider mit Schlamm beſudelt, aus dem See herauskam, ging Eneinas auf ihn zu, um ihn zu tröſten. 16 „Sie können von Glück ſagen, daß Sie ſo leichten Kaufes davon gekommen ſind,“ ſagte er.„Ich wollte, ich könnte von Ihrem Kameraden ein Gleiches ſagen; denn man ſieht die, welche das weiße Prairie⸗Roß zu ſcharf verfolgen, nie mehr zurückfommen. Pweiundſechzigſtes Rapitel. Der Verſicherer und der Verſicherte. Als die erſte Verwirrung vorüber war, ſchickte Don Aguſtin vier von den heim Büffelſee lagernden Vaqueros ab, um jedem der vier Truppe, die in der Ebene und im Walde umherſtreiften, den Befehl zu überhringen, daß ſie, in der folgenden Racht, den Kreis zu verengen hätten, den ſie um die Tränke her bildeten. Man zweifelte jetzt nicht mehr daran, daß der Pferdetrupp, den man fangen wollte, ſich in der Nähe befände, und zu gleicher Stunde mußte am kommenden Tage dieſes Geſchäft abgethan werden. — Als die vier Boten abgegangen waren, um den er⸗ haltenen Befehl auszuführen, beſchäftigten ſich die bei Don Aguſtin gebliebenen Diener damit, daß ſie das zur Anzündung und Unterhaltung der Feuer, welche zur Bereitung des Abendmahls dienen ſollten, nöthige Holz fällten. Dieſe Feuer ſollten die ganze Nacht brennen, um das Lager zu erleuchten. Die Büffeljäger gingen bei dieſem Geſchäfte den Vaqueros Don Aguſtins an die Hand. Eine Ausnahme machte jedoch Encinas, mit dem Dona Roſario einen Aungenblick zu ſprechen gewünſcht hatte, während ihr . — ———— 17 Vater und der Senator in einiger Entfernung auf⸗ und abgingen, ohne Zweifel, um von ihren Zukunfts⸗Plänen zu ſprechen. Das Mädchen entblätterte, am Ufer des Sees ſitzend, mit zerſtreuter Hand die Blüthen der Waſſer⸗ lilien, die der Senator für ſie gepflückt hatte. Eine friſche Briſe faltete die ruhige Oberfläche des Sees, auf die ſie nachdenkende Blicke warf. Weiß und graziös, wie eine Undine, träumte Ro⸗ ſarita, während ſie den Biſonjäger anhörte, von den Gefahren, welche die vereinzelten Reiſenden in der Wüſte umgeben. Sie dachte dabei nicht an die ihrigen; alle ihre Gedanken richteten ſich auf den Jüngling, der ſich in der bekannten Nacht ſo plötzlich entfernt, und von dem ſie ſeit vierzehn Tagen nicht mehr ſprechen gehört hatte. Auf einige ſchüchterne Erkundigungen, die ſie ein⸗ gezogen, war geantwortet worden, daß man weder auf dem Wege von Guaymas, noch auf dem von Ariſpe den Adoptivſohn des Arellanos gefunden. Ein Vaquero hatte ſeine Hütte verlaſſen geſehen, und an dem Orte, wo ſeine Jugendzeit verfloſſen, hatte ſich keine Spur von ſeiner Rückkehr gezeigt. Er hatte daher nur nach Tubac gehen können, und bei Tubac fingen die Ge⸗ fahren an, die ſie für Tiburecio fürchtete. Eneinas kam nun aber vom Preſidio her, und bas Mädchen hoffte, daß er ihr vielleicht einige Nachrichten über den würde geben können, mit dem fie ſich bis da⸗ her unabläſſig beſchäftigt hatte. Schon verdüſterte die Dämmerung die Oberfläche des Sees, welche die von der untergehenden Sonne am Himmel zurückgelaſſenen rothen Tinten wiederholte. Es war die Stunde, wo die aus den Seen aufſteigenden Dünſte ſich über den Wälbern zu condenſiren anfangen, wo die Vögel ihre, in Form eines Lebewohls, an den 1 ſcheidenden Tag gerichteten Geſänge unterbrechen, und Der Waldläufer. 1w. * 1 offense pfangnahme 7 Uhr bis Aß 2. Lesepré iedem Tag 5 den angenom 8. gäutior eines Buches hinterlegen, wird. 8 4. Abonne für wöchentli Wat 5 Auswä der Böcher a 6. Schade defecte Büchch Ladenpreis e lorene oder 2 der Leſer zun 7. Ausleih beſonders da ſ der Bücher ſelben von L. der Abendwind drang mit ſeinem vagen Geflüſter von den Ohren Roſorita's bis in ihr Herz, und ihr Herz ſandte ihren Ohren Melodien zurück, ſo ſanft und melancholiſch, wie die Dämmerungsbriſe. Das Mädchen hörte ganz ruhig der Stimme des Windes zu, aber ſie zitterte, und fühlte ſich beengt bei den Antworten, die ihr Herz auf den ſanften Hauch der Briſe gab. Wir wollen die Liebe nicht materialifiren, allein Roſarita— ſollen wir die Sache in anderen Worten ausprücken?— Roſarita liebte, und die plötzlich ge⸗ weckten Sinne des den tropiſchen Gegenden angehören⸗ den Mädchens miſchten in die Regungen ihrer Seele ihr erſtes und myſteriöſes Geflüſter. Glücklich derjenige, deſſen Andenken dieſe berauſchenden Empfindungen in dem Buſen der Jungfrau weckt, die ſich ſelbſt noch nicht kennt, wie die Blume, die ſich kaum geöffnet, ihre Wohl⸗ gerüche nicht kennt,— aber noch weit glücklicher, wenn er da iſt, um den erſten Duft der ſich entfaltenden Blüthe einzuathmen! „Das Preſidio war, wie ich die Ehre gehabt habe, Ihnen zu wiederholen, Madame,“ ſprach Encinas, der die Zerſtreutheit Roſarita's bemerkte,„in dem Augen⸗ blicke, wo ich dort war, ſo einſam, wie ſonſt, und mit Ausnahme der Goldſucher, deren Anweſenheit es einen Augenblick belebt hatte, erinnerte man ſich nicht, daß ſeit einem ganzen Monate auch nur ein einziger Reiſen⸗ der daſelbſt angekommen.“ „Sie wurden nicht weit vom Preſidio von den In⸗ dianern angegriffen?“ „In einer Entfernung von kaum drei Stunden, als ein tapferer und ſchöner Jüngling ankam Roſarita fuhr unwillkürlich zuſammen. „Ach! ja,“ ſagte ſie traurig, als ſie ihren Irrthum einſah,„es iſt wahr, es war der junge Comanche, der Sie befreite.“ Das Mädchen hatte, einen Augenblick, ohne es zu wollen, den tapferen, ſchönen jungen Mann, von hem —— v 5½ Eneinas ſprach, mit demjenigen verwechſelt, den ihr Herz ganz leiſe nannte. „Aber dieſe wilden Krieger ſind wirklich gräßlich anzuſehen!“ „Es kommt dabei ganz auf den Augenblick an, in dem man ſie ſieht,“ verſetzte Encinas lächelnd!„der, welchen ich meine, kam mir ſchön, wie ein Engel vom Himmel, vor.“ Roſarita unterbrach den Biſonjäger durch einen ſchrillen Angſ⸗Schrei, der zur Folge hatte, daß Don Aguſtin, der Senator, und ihre Leute eiligſt herbeige⸗ laufen kamen. Die Worte des Erzählers ſchienen das Phantom eines jener farchtbaren Indianer, von denen er geſpro⸗ chen, heraufbeſchworen zu haben. Encinas folgte mit dem Auge erſtaunt der Rich⸗ tung, die Dona Roſario mit züternder Hand und mit todblaſſem Geſichte anzeigte. Der Gegenſtand, oder vielmehr die Perſon, ſo ſie bezeichnete, war in der That ſo beſchaffen, daß ihr Schrecken vollkommen gerechtfertigt war. Unter dem grünen runden Gewölbe über dem düſte⸗ ren Kanale, in dem ſich die Waſſer des Sees verloren, näherte ſich vorſichtig ein menſchliches Geſchöpf. Sein ſchreckeneinflößender und zugleich bizarrer Kopfſchmuck, ſein bemaltes Geſicht, und ſeine tattowirte Haut verriethen einen Indianer. Eneinas ſelbſt theilte einen Augenblick die mit Ent⸗ ſetzen vermiſchte Ueberraſchung der Zeugen dieſer ſeltſa⸗ men Erſcheinung. Bald aber beruhigte er durch eine Geſte Don Aguſtin, der auf die am Eingange des Zel⸗ tes aufgehängten Waffen zuſprang, ſo wie den Senator wieder, den, ſowie das Mädchen ſelbſt, der Schrecken an ſeinen Platz bannte. „Es iſt Nichts,“ ſprach der Biſonjäger,„es iſt ein Freund, wenn auch ein ſchrecklich anzuſehender Freund;z beträgt: — — S — H3 — — 1. Offenseii pfangnahme 7 Uhr bis Abt 2. Leseprei jedem Tag 5 den angenom 3. Caution. eines Buches, hinterlegen, wird. ₰ 4. Abonnen für wöchentlich auf 1 Mynat es iſt der Mann, dem ich, wie ich Ihnen, Madame, ſo eben ſagte, ſo außerordentlich verbunden bin.“ Um bei ſeinen Zuhörern einen Reſt von Mißtrauen zu verbannen, ſtand Encinas ruhig auf, um auf den Indianer zuzugehen. Dieſer aber hatte, als er die am Ufer des Sees ſitzenden Perſonen bemerkte, die Büchſe, die er in der Hand hielt, wieder umgehängt. Er ging um den Teich herum, um bis zum Biſonjäger zu gelangen. Es war ein junger Krieger von eleganten und ſehnigen Formen; ſein Tritt war elaſtiſch und ſtolz. Seine breiten Schultern und ſeine gewaltige Bruſt waren nackt, und um ſeine engen, eingebogenen Lenden ſchlang ſich ein feiner Zarape von Saltillo, an dem die glän⸗ zenden und verſchiedenartigen Farben auffielen. Kamaſchen von ſcharlachrothem Tuche bedeckten ſeine Beine; geſtickte Kniebänder von Thierhaaren, und ſelt⸗ ſam gearbeitete Eicheln von Stachelſchweinborſten hielten dieſe Kamaſchen über den Knöcheln feſt; und endlich waren die Füße des Indianers mit Halbſtiefeln beklei⸗ det, woran die Arbeit nicht minder merkwürdig war, als an den Kniebändern.. Sein Kopf, der mit Ausnahme eines kurzen Haar⸗ büſchels, welcher gleichſam einen Helmſchmuck bildete, glatt rafirt war, war ſeltſam geſchmückt. Auf demſelben bemerkte man eine Art ſchmalen Turbans, beſtehend aus zwei pittoresk um die Stirne gewunpenen Halstüchern. Die getrocknete und glänzende Haut einer ungeheuren Klapperſchlange vermiſchte ſich mit den Falten des Turbans, und der noch mit ſeinen Klappern verſehene Schwanz hing auf einer ſeiner Ach⸗ ſeln, der Kopf aber mit ſeinen ſpitzigen Zähnen auf der anderen herab. Was das Geſicht des Indianers betrifft, ſo würde es, hätte man es von den Malereien befreit, die deſſen Regelmäßigkeit und Grazie entſtellten, die Lobſprüche des Encinas vollkommen gerechtfertigt haben. 21 Die römiſche Naſe des jungen Kriegers, ſeine hohe Stirn, auf der die Tapferkeit und die Bitterkeit thron⸗ ten, ſein feiner und zugleich kühner Mund, ſowie end⸗ lich ſeine Wangen, deren faſt unermerkliches Vorſpringen der Harmonie der Züge keinen Eintrag that, erſchienen als die Reproduction irgend einer untadelhaften antiken Büſte in florentiniſchem Bronze. Selbſt unbeſorgt und ruhig, nahte ſich der junge Krieger. Er verſchmähte es, den Schrecken zu ſehen, den er einflößte; indeſſen heftete er einen Augenblick einen erſtaunten und zugleich entzückten Blick auf die Geſtalt Roſarita's, die ſo blaß war, wie der weiße Mouſſelin ihrer Robe. Die Turteltaube, die keinen Anſtand nimmt, ſich unter die ſpitzigen Dornen der Nopale zu flüchten, um dem auf ſie herabſtürzenden Raubvogel zu entgehen, zittert und hebt nicht mehr, als Roſarita, die voller Schrecken ſich an den wilden Biſonjäger hindrängte. Auch iſt die Turteltaube nicht graziöſer, und der bezau⸗ berte Indianer antwortete, während er ſein feuriges Auge auf die Tochter Don Aguſtin's heftete, auf die fragenden Blicke des Encinas, nur mit den zwei folgen⸗ den Fragen, jin welcher ſich die ganze orientaliſche Ueber⸗ treibung der indianiſchen Sprache kund gibt. „Hat es heute Morgen an den Ufern des Sees geſchneit? Oder ſprießen jetzt die Waſſerlilien aus dem Boden des Woldes hervor?“ ſagte der Indianer. Wir vermögen nicht zu ſagen, ob der junge Krie⸗ ger dem Mädchen immer noch ſo gräßlich vorfam; ſo viel aber iſt gewiß, daß ſie aufhörte, ſich an den Büffeljäger hinzudrängen. Indeſſen war der Letztere denn doch nicht ganz ruhig. Er antwortete daher auf die galanten und hyperbo⸗ liſchen Fragen des indianiſchen Kriegers mit anderen. „Was gibt es?“ fragte ihn Eneinas in ſpaniſcher Sprache;„bringt mir der Comanche irgend eine üble Nachricht, und glaubte derſelbe, in Feindes Land zu 1. Offenseim pfangnahme u 7 Uhr bis Abe 2. Leseprei jedem Tag 5 ½ den angenomn 3. Caution. eines Buches, hinterlegen, wird. 4. Abonnem beträgt: für wöchentlich auf 1 Monat: * 5. Auswär der Bücher au 6. Schadene defecte Büche Ladenpreis er lorene oder des der Leſer zum 7. Ausleihe beſonders darc der Bücher nih ſein, da er mit dem Carabiner in der Hand herankam, — ganz ſo, wie dann, wenn er einem Apachen auf der Spur iſt?“ Dieſe Frage richtete Encinas auch darum an den Indianer, damit die Tochter Don Aguſtin's über die Abſichten des Indianers und insbeſondere über die ſelt⸗ ſame Weiſe, in der er ſich gezeigt, vollſtändig beruhigt werden möchte. Er wollte den Indianer zwingen, ſich kategoriſch zu erklären. Brennſtrahl lächelte verächtlich. „Hinter den Apachen,“ ſprach er,„geht ein Krie⸗ ger vom Stamme der Comanches nur mit der Peitſche in der Hand her. Nein! Der Comanche hat nicht weit von hier die Spuren von Büffeln geſehen, und er hat dieſelbe am Waſſer dieſes Sees zu überraſchen gehofft.“ Encinas hatte nicht vergeſſen, daß der Indianer ihm verſprochen, die Spur der zwei Prairie Räuber zu verfolgen; auch wußte er, daß der junge Krieger nicht der Mann war, der einem ſolchen Projecte wieder entſagte. „Ihr habet ſonſt Nichts geſehen?“ ſetzte der Biſon⸗ jäger hinzu. „Unter den Spuren der Weißen habe ich die Red⸗ Hand's und Miſchbluts unterſchieden, und ich bin ge⸗ kommen, um Freunde zu benachrichtigen, daß ſie auf der Hut ſein müſſen.“ „Wie! dieſe Spitzbuben auch hier!“ rief der Jäger unruhig. „Was ſagt er?“ fragte der Hacendero. „Nichts, Senor Pena,“ antwortete Encinas.„Könnt Ihr Euch denken,“ fragte er den Comanche,„in welcher Abſicht Rothhand und Miſchblut hierher kommen?“ Der junge Comanche muſterte ſchweigend alle um den See herum gruppirten Perſonen. Seine Augen hefteten ſich abermals mit Wohlgefallen auf die am Arme ihres Vaters hangende Dona Roſario. W 23 „Sie kommen wegen der Seeblume, die ſo weiß iſt, wie der erſte Schnee,“ ſprach er ernſt. „Glaubt Ihr das wirklich?“ antwortete Encinas. „Wären die Augen Brennſtrahl's,“ antwortete der junge Wilde,„nicht voll von dem Bilde des Weibes, das ſeine Hütte beſorgt, ſo würden ſie durch den Glanz derjenigen geblendet werden, die ein aus einem Stücke des Himmels gemachtes Zeit bewohnt. Es iſt eine ihrer würdige Wohnung, und Miſchblut will die See⸗ blume für ſich.“ Dieſe poetiſche Anſpielung auf die Schönheit Ro⸗ ſarita's, und auf die Azurfarbe ihres ſeidenen Zeltes war mit der edlen Leichtigkeit und Ungezwungenheit eines Hoͤflings gemacht worden, und die Tochter Don Aguſtin's blieb ſchweigend und erröthend dem Feuerblicke des Waldſohnes ausgeſetzt. „Habt Ihr nicht zwei Krieger bei Euch?“ ſprach Encinas. „Beide ſind zu ihrem Volke zurückgekehrtz Brenn⸗ ſtrahl iſt allein; allein er hat geſchworen, den Tod der⸗ jenigen zu rächen, die ſeinem Worte vertraut hatten, auch wird er über die Seeblume wachen; und mein Bruder wird ſeinerſeits darüber wachen. Und jetzt geht Brennſtrahl, froh darüber, daß er ſeine Freunde benach⸗ richtigt, allein auf den Spuren wieder fort, die er einen Augenblick verlaſſen hat.“ Während der junge Comanche dieſe Worte mit einer Emphaſe voller Einfalt— wenn dieſe zwei Worte nicht auf einander paſſen, wie die Fauſt auf's Auge— ſagte, reichte er dem Biſonjäger die Hand hin, und nachdem er abermals einen Blick naiver Bewunderung auf Roſarita geworfen, entfernte er ſich ſchweigend, wie er gekommen war, und es ſchien, als glaube er, keine außerordentliche Heldenthat zu verrichten, wenn er allein die Spur der zwei furchtbaren Banditen verfolge. In⸗ deſſen weiß der Leſer, ob einiger Muth erforderlich war, oder nicht, um dieſes Wageſtuͤck zu unternehmen. — 1 offensei pfanname 7 Uhr bis Ab 2. escprei jedem Tag 5 den angenomn 3. Caution. eines Buches hinterlegen, wird. 8 4. Abonnen beträgt: für wöchentlick auf 1 Myonat 6. Schaden defecte Büchert Ladenpreis er lorene oder d der Leſer zum er über die zwei Wüſtknräuber erfahren. gerührt, als dieſer junge und edle Krieger herankam; hatten ihr Abendeſſen beinahe beendigt, als Letzterer zu⸗ Als der Indianer am äußerſten Ende des Sees hinter den Bäumen verſchwunden war, fragte der Se⸗ nator, nicht ohne geheimes Gefühl der Eiferſucht: „Was will dieſer junge Wilde mit ſeinen Rede⸗ blumen?“ „Ew. Senoria weiß, daß die Indianer nur in Parabeln ſprechen,“ antwortete Encinas,„aber er hat uns ebenſo treu die Gegenwart der zwei Taugenichtſe angezeigt, die für zwei oder drei vereinzelte Reiſende wirklich gefährlich wären, dreißig Perſonen aber, wie wir hier oder in der Umgegend vereinigt ſind, Nichts anhaben können.“ Er erflärte dann dem Hacendero das Wenige, was Don Aguſtin aber war ein Mann, deſſen erſte Jugend unter Kämpfen ₰ wider die Indianer verſtrichen war, und ſein kriegeriſcher— Stolz hatte mit dem zunehmenden Alter ſich nicht ver⸗ mindert.. „Und wären ihrer noch zehn,“ ſagte er,„ſo wäre es eine Schande, ſich wegen ſolcher Spitzbuben zu be⸗ unruhigen, oder ihretwegen ſeine Vergnügungen zu unterbrechen; im Uebrigen ſind wir, wie Sie richtig bemerken, zu zahlreich, um Etwas zu fürchten zu haben.“ „Nun erkläre ich mir auch das Gebell Oſo's,“ ant⸗ wortete der Biſonjäger; er hatte die Feinde und die Freunde gewittert. Sehen Sie doch, er hat ſich nicht W Sie kännen ſich auf ſeinen Inſtinkt verlaſſen.“ Indeſſen nahm Encinas ehe die Nacht ganz herein⸗ brach, ſeine Büchſe, pfiff ſeinem treuen und wackeren Hund, und durchſtrich mit ihm die Umgegend des Büffel⸗ ſees. Doch ließ Don Aguſtin in ſeiner Vorſicht das c Zelt ſeiner Tochter, ſowie ſein eigenes nach der Mitte der Lichtung, zwiſchen die brennenden Wachtfeuer, d bringen. n Die Vaqueros und die Kameraden des Encinas 25 rückkam. Er hatte Nichts geſehen, was Urſache zur Unruhe hätte geben können, und ſein Bericht beruhigte ſowohl die Herrſchaften, als die Diener wieder voll⸗ kommen. Während die erſteren ein kaltes Nachteſſen zu ſich nahmen, das ihnen die mitgenommenen Vorräthe liefer⸗ ten, unterhielten ſich die andern, in einiger Entfernung um ihre Feuer her Gruppirten, mit leiſer Stimme über die Ereigniſſe des Tages. * Der ſtarke Biſonjäger ſetzte ſich zu ihnen hin. Die Feuer verbreiteten eine lange Helle bis unter die erſten Waldbäume hin, und ſpiegelten ſich im See; ihre rothen Reflexe verliehen dem pittoresken Coſtume der Vaqueros und der Biſonjäget einen ſeltſamen Zau⸗ ber, und das Gemälde des Sees mitten in der Nacht gab an Intereſſe dem Nichts nach, das er bei hellem Tage darbot. „Ich habe Ihnen Etwas aufgehoben, damit Sie beim Nachteſſen nicht leer ausgehen,“ ſagte der junge Vaquero zu Encinas;„denn es iſt nur billig, daß Jeder ſeinen Theil bekommt, und insbeſondere Sie dürfen nicht vergeſſen werden, da Sie ſo wunderbare Geſchichten zu erzählen wiſſen.“ Encinas hieb tüchtig ein, nachdem er dem jungen Voquero für ſeine Aufmerkſamkeit gedankt; allein er aß mit ebenſo viel Schweigſamkeit, als Appetit, und der junge Vaquero fand bei dieſem Schweigen ſeine Rech⸗ nung nicht. „Sie haben älſo in der Nähe nichts Neues geſe⸗ hen?“ ſagte er, um das Geſpräch zu eröffnen⸗ Der Jäger machte ein verneinendes Zeichen, öffnete aber den Mund nur zum Eſſen. „Bei Allem dem aber hob der junge Menſch wie⸗ der an,„iſt Francisco, der dem weißen Prairie⸗Roſſe nachgeſetzt, noch nicht zurück.“ „Dem weißen Prairie⸗Roſſe?“ ſagte einer der Va⸗ queros.„Was iſt das für ein Thier?“ deutſcher, Edu 1 1. Offensei pfangnahme u 7 Uhr bis Abe 2. Leseprei jedem Tag 5 2 den angenomn 3. Caution. eines Buches, hinterlegen, w wird. 4. Abonnem beträgt für wöchentlich auf 1 Mynat. „ 5. Auswärti der Bücher au 6. Schadene defecte Büchert Ladenpreis er lorene oder deß der Leſer zum 7. Ausleihe beſonders d der Bücher ſelben von mit „Ein wunderhares Thier,“ antwortete der junge Vaquero;„aber meiner Treu! ich weiß weiter Nichts von demſelben. Senor Encinas wird es Ihnen ſagen.“ „„Sie haben es ja geſehen!“ antwortete der Biſon⸗ jäger.„Sie haben es ja verfolgen wollen, und haben ſich dabet beinahe den Hals gebrochen. Das geſchieht ſtets, ich habe es Ihnen geſagt.“ Wäre mein Pferd nicht ſo hitzig geweſen, ſo würde es nicht ausgeglitten ſein, und wäre es nicht ausge⸗ glitten „So wären Sie nicht gefallen. Aber Ihr Thier iſt nun einmal ausgeglitten, und damit punktum!“ „Bah! das iſt nun auch bei anderen paſſirt. Die iſt nur, daß ein Vaquero mit ſeinem Pferde ällt. „Das iſt wahr; hätten Sie ſich aber gleich mir auf den Prairien des Weſten umhergetrieben,“ erwiederte Encinas ganz ernſt,„ſo würden Sie wiſſen, daß man dort von Zeit zu Zeit einem Schimmel begegnet,— ſo ſchön, daß man ſeines Gleichen nicht ſieht,— ſo geſchwind, daß er im Trabe weiter kommt, als ein anderes Pferd im vollſten Galopp, und ich fordere Sie auf, mir zu ſagen, ob Sie je ein prächtigeres, leichteres Pferd ge⸗ ſehen, als den Schimmel, der ſich uns heute Abend ge⸗ zeigt hat.“ „Ich geſtehe, daß mir nie ein ſolches Pferd vorge⸗ kommen iſt.“ „Wohlan! dieſes Pferd iſt ohne Zweifel dasjenige, das man das weiße Prairie⸗Roß nennt.“ „Was mich betrifft, ſo glaube ich es,“ rief der zunge Vaquero in einem Tone tiefer Ueberzeugung. „Wohlan! Was iſt denn an dieſem Pferde Beſonde⸗ res?“ fragte der Vaquero. „Erſtlich ſeine unvergleichliche Schönheit, zweitens, ſeine beiſpielloſe Leichtigkeit, und drittens„. Nun, für wie alt halten Sie es wohl?“ — v S 8S— — — „Das Pferd hat die Kennung noch lange nicht ver⸗ loren,“ rief Alles einſtimmig. „Darin täuſcht Ihr Euch gewaltig,“ antwortete Encinas ernſt,„dieſer Schimmel iſt ſo an die fünfhun⸗ dert Jahre alt!“ Alles proteſtirte mit einem Schrei wider die Be⸗ hauptung des Büffeljägers. „Es iſt aber ſo, wie ich die Ehre habe, Euch zu ſagen,“ verſetzte er mit einer Beſtimmtheit, die ſeine Zuhörer beinahe überzeugte. „Aber,“ hielt ihm ein Vaquero entgegen,„ich habe, wie ich glaube, ſagen hören, es ſei noch keine dreihun⸗ dert Jahre, daß die Spanier Pferde nach Amerika gebracht.“ „Bah!“ ſchrie der junge Vaquero,„zweihundert Jahre mehr oder weniger,— was thut das? Dreihun⸗ dert Johre ſind ſchon ein recht hübſches Alter.“ „Und,“ hob Eneinas, den der Einwurf des Vaquero nicht aus der Faſſung gebracht hatte, wieder an,„glaubet Ihr denn, dieſes Pferd ſei je aus dem Leibe einer Stute gekommen? Es ſelbſt verſchmäht die Stuten, weil es das einzige ſeiner Att iſt, und ſich nicht wiedererzeu⸗ gen kann.“ Ueberall ſind die Menſchen von Natur geneigt, an das Wunderbare zu glauben, und hauptſächlich gilt dieß von denen, die in Einöden leben, wo die menſchliche Inferiorität der Natur gegenüber ſtärker hervortritt, als in Städten. Und ſo kam es, daß die Zuhörer des En⸗ einas dieſen baten, ihnen über das weiße Prairie⸗Roß Einzelheiten, die zu ſeiner Kenntniß gelangt, zu geben.— „Alles, was ich Euch ſagen kann,“ fuhr der Büffel⸗ jäger fort,„iſt, daß ſeit vielen, vielen Jahren alle Va⸗ gueros von Texas vergebens verſucht haben, es ein⸗ Juholen; daß dieſes Thier Hufe hat, härter, als der Kieſels daß, wenn man es aus zu großer Ferne verfolgt, man es bald aus den Augen verliertz und daß, wenn man deutſcher, eines Buches, wird. beträgt: 1. Offensei pfangnahme 7 Uhr bis Ab 2. Lesepret jedem Tag 5 den angenomm 3. Caution. hinterlegen, w 4. Abonnen für wöchentlic Gedächtniß!“ „Dieſer junge Menſch iſt voll trefflicher Gedan⸗ ken,“ rief der Jäger.„Ich will Ihnen alſo ſagen, was ich weiß.“ „Ein Engländer, ein ziemlich drolliger Burſche, ein Original, meiner Treu, reiſte mit einer Art Hof⸗ meiſter, der nicht minder originell war, als er⸗ „Es hatte derſelbe dem texaniſchen Jäger tauſend Piaſter angeboten, wenn er ihm das famoſe Prairie⸗ Roß bringen könnte, von dem er hatte ſprechen hören⸗ „Man wollte dem Texaner von einem ſo gefähr⸗ lichen Vorhaben abrathen; nichts deſto weniger aber beharrte er darauf, und beſchäftigte ſich damit, ſich das geſchwindeſte und kräftigſte Pferd unter allen denen, ſo er kannte, zu verſchaffen. „Als er hatte, was er wollte, erkundigte er ſich nach dem Wege, den er einſchlagen müßte, um die lieb⸗ lings⸗Querencia des weißen Prairie⸗Roſſes zu finden. „Ihr müßt wiſſen, daß dieſes Roß, den Gewohn⸗ heiten der übrigen Pferde zuwider, die an dem Orte, den ſie einmal lieb gewonnen haben, leben und ſterben, mehrere ſolcher Querencias hat. „Der Jäger machte ſich alſo auf den Weg und be⸗ merkte das fragliche Thier, nachdem er es einige Tage geſucht, denn ich muß Euch ſagen, daß es ſo leichtfüßig zu nahe bei ihu bleibt, man Niemand mehr fieht, und daß ebenſo wenig Jemand den Verfolgenden mehr zu Geſicht bekommt. Ich koͤnnte gar Vieles darüber ſagen. „Sollten Sie es etwa ſchon verfolgt haben?“ rief der junge Vaquero. „Ich nicht, wohl aber ein texaniſcher Jäger, der es mir erzählt hat.“ „Und nun müſſen Sie uns es wieder erzählen,“ ſagte der junge Burſche eifrig, indem er ſich die Hände rieb.„Hollal Sanchez, geben Sie doch Senor Encinas einen Schluck Branntwein; Nichts ſtimulirt beſſer das . 29 iſt, daß man es morgen hundert Stunden von dem Orte ſieht, wo man es heute getroffen. „Der Teraner hatte ein überaus geſchwindes Pferd, und glaubte, wie ich Euch bereits geſagt, gar wenig an die ſeltſamen Geſchichten, die er über den Schimmel gehört. Er hoffte, die verſprochene Summe zu gewinnen. „Sobald er alſo das Thier erblickte, das er ſuchte, ſetzte er ihm nach, ſchwang ſeinen Lazo, ſetzte über Erd⸗ ſpalten und Felſen, und flog über die Ebenen hin, denn ſein Pferd war ſo leicht wie der Wind, und jeden Au⸗ genblick kam er dem Schimmel näher. „Es kam dieß, wie mir der Texaner verſicherte nicht daher, daß die Kraft des benannten Roſſes ſich zu erſchöpfen ſchien; ſondern daher, daß der Schimmel von Zeit zu Zeit den Kopf nach ihm umwandte, und ſo eine Zeit verlor, die der Reiter nur zu ſeiner Verfolgung benützte. „Die Kräfte des verfolgten Thieres erſchöpften ſich nicht nur nicht, ſondern ſchienen im Gegentheil ſich zu verdoppeln. In der That erliſcht das Auge eines Pfer⸗ des immer mehr mit der zunehmenden Müdigkeit, und im Gegentheile ſchienen die Augen, die unter dem auf die Stirne herabfallenden Haarbüſchel und unter der weißen Mähne des Roſſes glänzten, von Minute zu Minute feuriger zu werden. „Gleichwohl ſchwand die Entfernung immer mehr, obgleich die Augen des Pferdes feurigere Blitze ſchoſſen, ſo daß, je mehr es dem Abend zuging, und je mehr der Raum zwiſchen dem Schimmel und dem Jäger ſich verminderte, die Augenſterne des erſteren ſtets feuer ſprühender wurden. „Es war dieß nicht die einzige beunruhigende That⸗ ſache, die dem Texaner auffiel,— und dieſer mußte, um wieder Muth zu gewinnen, ſich immer wieder einen ſchönen Haufen von tauſend Piaſtern, die auch in tau⸗ ſendfachem Lichte glänzen, vorſtellen. Die Nacht war herangekommen, ohne daß es ihm deutſcher, ſ 1. Offensei Siishüe 4 Uhr bis Ab 2 Leseprei jedem Tag 5 den— 3. Caution eines Buches hinterlegen, wi defecte Bücher Ladenpreis erſ der Leſer zum 73 Ausleihe gelungen wäre, dem Roſſe ſo nahe zu kommen, daß er ihm hätte mit dem Lazo beikommen können. „Auch war der Teraner nicht wenig darüber er⸗ ſtaunt, daß die Hufe des Schimmels die doch nicht be⸗ ſchlagen waren, aus dem ſteinigen Boden lange Funken⸗ ſtreifen hervorſprühen machten, ſo daß, da es noch fin⸗ ſterer geworden war, der Jäger es nur dieſer ſeltſamen Helle verdankte, wenn er das Thier nicht aus dem Auge verlor. „Obgleich der Texaner es ſich nicht recht zu erklären vermochte, wie Hufe von Horn dieſe Funken hervorbrach⸗ ten, wie die Augen des Thieres ſo ſeltſam leuchteten...“ Hier unterbrach das Gebell Oſo's, zum großen Leidweſen der Zuhörer, die Erzählung des Büffeljägers. Indeſſen legte ſich der Hund bald wieder zum Feuer hin, wo er dem Berichte des Eneinas ein ebenſo auf⸗ merkſames Ohr zu leihen ſchien, wie die Vaqueros ſelbſtz und da Oſo gewiß nicht die Nähe eines Indianers an⸗ zeigen wollte, ſo fuhr Encinas alſo fort: „Der Texaner vermochte ſich alſo die Urſache dieſer Funken, und des aus den Augen hervorſprühenden Feuers nicht zu erklären. Da er aber zu gut bezahlt war, um lange Furcht zu haben, ſo betrieb er die Verfolgung nur noch eifriger. „Bald hatte er die Befriedigung, zu bemerken, daß die Geſchwindigkeit des Schimmels allmählig abnahm. Und dann ſah er es plötzlich halten, winden, wiehern und den Hals nach dem Horizonte hinſtrecken. „Der Teraner gab ſeinem Pferde die Sporen, denn auch dieſes fing an, etwas müde zu werden. Dann ſprengte er, den Lazo in der Hand, auf den Schimmel zu. Plötzlich ging die Schleife in der Luft auf, und der Teraner ſchwang über dem Haupte des Pferdes nur noch einen geraden Strick, der Nichtg feſthalten konnte. Nichts deſto weniger war ſein Pferd nun im Schuſſe, ohne daß es ihm eingefallen wäre, dasſelbe zurückzu⸗ halten; und nun befand er ſich ſo nahe bei dem weißen — 31 Prairie⸗Roß, daß er es mit ausgeſtreckter Hand beinahe hätte berühren können. „Der Texaner fluchte wie ein Heide, als er ſah, daß er ſeinen Lazo nicht gebrauchen konnte; ſein Bedau⸗ ern hatte aber bald ein Ende. Der Schimmel ſchlug hinten aus, und traf das Pferd des Reiters mitten auf die Bruſt, und zwar ſo heftig, daß beide über einander purzelten, wie Sie ſo eben im See,“ ſetzte Encinas, zu dem Voquero gewandt, der ſeine Kleider trocknete, hinzu. „Als der Texaner wieder aufſtand, war weit und breit kein Schimmel mehr zu ſehen. „Was das Pferd des Vaquero betrifft, ſo ſtand es nicht mehr auf. Die eiſernen Hufe des plötzlich unſicht⸗ bar gewordenen Thieres hatten ihm die Bruſt total ein⸗ geſchlagen, und es war dieß noch ein Glück für den Teraner, denn, ritt er auch nur einen Schritt weiter, ſo ſtürzte er in einen bodenloſen Abgrund, an deſſen Rand der Schimmel Halt gemacht hatte. „Ich begegnete ihm, wie er zu Fuß zurückkam,“ endigte der Erzähler,„und er erzählte mir, was Ihr gehört.“ Dieſe Geſchichte, von der ein Theil unſtreitig das Gepräge der Wahrſcheinlichkeit trug, fand auch nicht einen Ungläubigen in dem ganzen Kreiſe der um En⸗ einas her gruppirten, noch halb wilden Leute. „Ihr ſeht alſo,“ ſagte der mehr erwähnte junge aquero, der zuerſt ein Schweigen von einigen Minu⸗ ten brach, während deſſen das Kniſtern des Feuers ſich allein in der Stille des Waldes hören ließ,„daß es dem armen Francisco, der dieſes wunderbare, trotz ſei⸗ nes fünfhundertjährigen Alters ſo jung ſcheinende Roß verfolgt hat, übel genug gehen wird!“ „Ich befürchte es,“ antwortete der Büffeljäger kopf⸗ ſchüttelnd,„es ſei denn, daß ich mich getäuſcht, und daß das prächtige Pferd, das wir Alle geſehen, nicht das weiße Prairie⸗Roß iſt.“ „Es kann aber gewiß nur dieſes ſein,“ antworteten deutſcher, 1 ſ i 1. Offensei pfangnahme 1 7 Uhr bis Ab 2. Lesepret jedem Tag 5 den angenom“ 3. Caution. eines Buches, hinterlegen, wird. 4. Abonnen beträgt: für wöchentlich auf 1 Nnat * 5. Auswärt der Bücher ai 6. Schaden; der Leſer zum 7. Ausleihe beſonders dart der Bücher ni ſelben von mi ſämmtliche Vaqueros, die ganz entzückt waren, ſpäter ſagen zu können, daß ſie das wunderbare Thier, das auf den Prairien etwas Traditionelles geworden, auch einmal in ihrem Leben geſehen. Die Zuhörer des Encinas waren, ſeinem Beiſpiele folgend, eben im Begriffe, ſich, um ihr Feuer her, ins Gras zu ſtrecken, denn ihre Herrſchaften hatten ſich ſchon längſt unter ihre Zelte zurückgezogen, als die Stimme des Hundes ſich abermals hören ließ. „Es iſt wohl ein Reiſender,“ ſagte Eneinas nach⸗ läſſig, indem er ſich auf den Elbogen ſtützte, und ziem⸗ lich gleichgültig umherſchaute, um glauben zu machen, daß er ſeiner Sache gewiß ſei. Einige Minuten darauf kamen an dem Orte, wo das Licht der Feuer erſtarb, zwei berittene Männer aus dem Walde in die Lichtung heraus. Der erſte der zwei Reiſenden hielt ſein Pferd an, und ſchien überraſcht das ſonderbare Gemälde, das der Büffelſee darbot, die an dem Ufer aufgeſchlagenen Zelte, den Reflex der auf der ſchwarzen Waſſerfläche zitternden Feuer, und die wilden Reiter zu betrachten, die um die Feuer herumlagen, und auf einer Seite halb im Schat⸗ ten begraben, auf der andern aber von einer feuerrothen Helle übergoſſen waren. Der zweite Reiſende hatte eine lange Büchſe in einer Hand, und führte an der andern ein mit verſchie⸗ denem leichtem Gepäck beladenes Pferd nach. Dieſes Gepäck beſtund aus zwei kleinen ledernen Mantelſäcken, von denen je einer auf einer Seite des Packſattels herabhing, ferner aus einem Zelte und einer Schachtel, die eben ſo gut ein Herbarium, als eine Far⸗ benſchachtel ſein konnte. Während der erſte Reiſende nur mit der Betrach⸗ tung der pittoresken Seite der Scene, die er ſo plötzlich erblickt, beſchäftigt ſchien, ſchien der andere den Auftrag zu hahen, dieſelbe von ihrer reellen Seite zu betrachten. —— 33 „Thun Sie Ihre Pflicht!“ ſagte der Erſte zum Zweiten in engliſcher Sprache. „Meine Pflicht iſt ſchon gethan,“ antwortete der Letztere;„Ew. Gnaden ſind hier vollkommen in Sicher⸗ heit.“ Bei dieſen Worten ritt er auf die Schlafenden zu, nachdem er ſeine Büchſe wieder umgehängt. Darauf fragte er in ziemlich ſchlechtem Spaniſch die am Feuer Liegenden, der Gewohnheit der Wüſte ge⸗ mäß, um Erlaubniß, ſich zu ihnen hinſetzen zu dürfen. Die Erlaubniß wurde ihm mit der den Mexikanern aller Stände eigenen Artigkeit ertheilt. Während er abſtieg und das Packpferd ablud, nä⸗ herte ſich ſeinerſeits der dahinten gebliebene Reiſende ſchweigend; dann grüßte er leicht die Vaqueros und die Biſonjäger, die ihrerſeits ihn aufmerkſam betrachteten, und endlich ſtieg er ab, ohne den Mund zu öffnen. Seine edle Haltung abgerechnet, lag in ſeiner Per⸗ ſon durchaus nichts Bemerkenswerthes. Sein Anzug war ganz und gar der der Mexikaner und die Dunkel⸗ heit verbarg ſeine Züge. Erſt als er ſich ſeines Hutes bediente, um ſich zu fächeln, konnte man ein Geſicht ſehen, welches ganz das Gepräge des engliſchen Typus trug. Der Anzug ſeines Reiſegefährten war von dem ſei⸗ nigen ganz und gar verſchieden, und die amerikaniſchen Jäger, die man in Texas jetzt ſo häufig trifft, konnten einem Fremden allein ein vollkommen ähnliches Bild bieten Er war in eine olivenfarbige Jagdblouſe von ziem⸗ lich ſchlecht gegerbter Damhirſchhaut gekleidet; ſeine langen Kamaſchen aber waren von fahlem Leder. Seine Statur war die mittlere; ſein Alter mochte etwa fünfzig Jahre erreichen; es ließen dieß wenigſtens ſein halbkahler Kopf und einige auf ſeinem Hemdfragen liegende Haarlocken ſchließen. Der Waldläufer. W. 3 1. onene pfangnahme 7 Uhr bis Ah 2. Lesepre jedem Tag 5 den angenvm 3. Caution eines Buches, hinterlegen, wird. 4. Abonnen für wöchentlic 34 Seine Glieder ſchienen die Kraft des Eiſens zu haben; ſeine Haare dagegen waren grau. Ein in einem Wehrgehenk ſteckendes Jagdmeſſer, ein Pulverhorn, und ein großer Filzhut mit vielen ſelt⸗ ſamen Riſſen, vervollſtändigten einen Anzug, den, mit Ausnahme der Biſonjäger, die übrigen zum erſten Male ſahen. * Obgleich der Amerikaner ſeinem Reiſegefährten offen⸗ bar zu Gebot ſtand, ſo beſchäſtigte er ſich doch nicht im Mindeſten mit dem Pferde des Letzteren, der es ſelbſt abſattelte und abzäumte. Als er mit dieſem Geſchäfte, das er, ohne auch nurs ein Wort zu ſagen, abmachte, zu Ende war, hob der Engländer einen neben ſeinem Mantelſacke auf dem Bo⸗ den liegenden Gegenſtand auf. Er zeigte denſelben den herumliegenden Vaqueros, und ſprach: ½ „Sollte etwa dieſer Hut Einem von Ihnen ge⸗ hören?“ „Ja,“ antwortete einer der Mexikaner überraſcht, „es iſt der Hut, den Francisco noch vor einigen Stun⸗ den trug.“ Der Hut ging von einer Hand zur andern, und alle erkannten ihn für den des Vaquero, deſſen Rückkehr ſie erwarteten, oder vielmehr nicht mehr erwarteten. „Was habe ich Euch geſagt!“ rief Eneinas,„wird ein Mann, der das weiße Prairte⸗Roß zu ſcharf ver⸗ folgt, nicht verhext?“ Dieſer letztere Vorfall würde bei allen Zuhörern des Biſonjägers vollends einen unbedingten Glauben an die Wahrheit ſeiner Erzählung erzeugt haben, wenn auch, bei dem Namen des weißen Prairie⸗Roſſes, der Engländer nicht ausgerufen hätte: „Eben dieſes Prairie⸗Roß verfolge ich vom Lande Texas bis hieher. Haben Sie es geſehen?“ „Es hat heute Abend an dem See geſoffen, den Sie hier ſehen. Sind denn Sie es, der einem texani⸗ ——„ W— W* MW* N — 5„—— ſchen Vaquero tauſend Piaſter anbot, wenn er es Ihnen brächte?“ fragte Encinas. „Der bin ich, und ich biete ſie immer noch Jedem an, der mir das Thier fängt, denn ich habe geſchworen, ohne dieſes Wunderroß nicht in mein Vaterland zurück⸗ zukehren. Laßt einmal ſehen! Iſt Einer unter Euch, der die verſprochene Belohnung verdienen möchte?“ Die Vaqueros ſchüttelten den Kopf, und auch nicht Einer erhob die Stimme, um ſich zu nennen. „Man weiß zu gut, was es Einem koſtet, wenn er ein Pferd zu fangen ſucht, deſſen unbeſchlagene Hufe aus den Kieſelſteinen der Ebenen Funken hervorſprühen machen,“ warf der junge Vaquero ein, den unſere Leſer bereits kennen. Der Engländer zuckte die Achſeln und antwortete Nichts. „Herr Fremder!“ ſprach Encinas, pes iſt nicht Ei⸗ ner unter uns, der nicht jeden Tag um einige Pigaſter ſein Leben bei Unternehmungen aufs Spiel ſetzt, die ein Menſch zu erwünſchtem Ende führen kann,— nicht aber bei ſolchen, wo die Kühnheit und die Liſt an einer über⸗ natürlichen Macht ſcheitern.“ „Gut!“ ſprach der Engländer kalt,„morgen mit Tagesanbruch werden Sie mir die Spur des weißen Prairie⸗Roſſes zeigen, damit ich es allein verfolgen kann.“ „Vielleicht würden Sie beſſer daran thun, auf eine Verfolgung zu verzichten, bei der Gefahren jeder Art Sie ſtets umgeben werden.“ „Gefahren?“ ſagte der Engländer lächelnd;„ich habe den Kentuckier Jäger dafür bezahlt, daß er die⸗ ſelben von mir fern hält; ihn allein gehen alſo die Gefahren an.“ „Ja,“ ſetzte der Kentuckier phlegmatiſch hinzu,„ich habe die Gefahren dieſes Reiſenden in Bauſch und Bo⸗ gen übernommen.“ „Und Sie fürchten Nichts, ſo lange Sie ihn bei ſich haben 2“ „He! Habe ich nicht mein ſchönes Geld hingege⸗ ben, um Nichts zu befürchten zu haben 2“ Dieſe Worte beendigten das Geſpräch, und die zwei ſeltſamen Kumpane, wovon einer ſo thöricht tapfer war, daß er ſich auf die Clauſeln ſeines Aſſecuranzvertrags vollkommen verließ, ſtreckten ſich auf das Gras hin, ohne ihr Zelt aufzuſchlagen. Auch die Vaqueros hatten ſich wieder hingelegt, und bald herrſchte die tiefſte Stille im Walde und an dem graſigen Uufer des Büffelſees. Yreiundſechzigſtes Kapitel. Die Pferdejagd. Mit dem erſten Morgenlichte waren die Büffeljä⸗ ger, die Vaqueros, und die Reiſenden ſchon auf den Bei⸗ nen. Auf einem tragbaren Feldſtuhle, ähnlich demjeni⸗ gen, deſſen ſich die Maler im Freien bedienen, ſitzend, ſkizzirte der Engländer, der ſich hatte die Richtung an⸗ geben laſſen, in welcher der Schimmel eutflohen war, den Encinas beharrlich mit dem wunderbaren weißen Prairie⸗ Roſſe verwechſelte, die Hauptzüge der pittoresken Land⸗ ſchaft, die ihn umgab, um ſein Album mit einer weiteren Rarität zu ſchmücken. In einer Entfernung von einigen Schritten ging der Kentuckier Jäger, die Büchſe auf der Schulter, ſchweigend auf und ab, nach Art einer Schildwache, die einem gegebenen Befehle nachkommt. 2 pelee—,——— i — 37 Plötzlich entfiel der Bleiflift den Händen des Zeich⸗ ners, deſſen Augen von einer plötzlichen Wolke bedeckt wurden. An ihrem Zelte ſtand Roſarita, weiß und leicht, wie eine Flocke des Morgennebels am Azur des Himmels: fie war durch die Falten des ſeidenen Thürvorhangs halb verborgen. Ihre aufgeflochtenen Haare bedeckten ihre nackten Schultern mit einer Garbe ſchwarzer, wellen⸗ förmig gelockter Haare. Beim Anblicke des Fremden, deſſen von Bewunde⸗ rung erfüllte Augen ſich auf ſie hefteten, verſchwand ſie alsbald wieder hinter dem Vorhang von blauer Seide; allein dieſe zauberhafte Erſcheinung ſchwebte nichts deſto weniger vor den geblendeten Augen des jungen Eng⸗ länders. Er packte ſein Album, ſowie ſeine Bleiſtifte zuſam⸗ men, und rief ſeinen Leibwächter herbei. „Wilſon!“ ſagte der Engländer. „Sir!“ antwortete Wilſon, indem er ſich näherte. „Es iſt eine Gefahr, die mich bedroht, in der Nähe.“ „Iſt ſie in unſerem Contract vorgeſehen?“ fragte der an den Formalitäten hangende Amerikaner. Der Engländer deutete mit dem Finger auf das Zelt der Dona Roſariv. „Die ſchönen Augen dieſes Mädchens?“ ſprach Wilſon. „Ja.“ „Bei Jeſus Chriſtus und bei General Jackſon!“ rief der Jäger,„ich zweifle, ob das auf unſerem Pa⸗ piere ſteht.“ „Sehen Sie einmal nach!“ Und nun zog der Amerikaner aus einer ſeiner vie⸗ len Taſchen ein zerknittertes, beſchmutztes Papier, das an den Falten ganz abgenützt war. Nachdem er das Vertragsprotokoll hergemutmelt, las er es ganz laut: 38 Es lautete alſo: „Unter den vorgenannten Bedingungen macht ſich der benamste William Wilſon verbindlich, Sir Frederick Wanderer vor den Gefahren der Reiſe zu bewahren, als da ſind: Feindſelige Indianer, Panther, Jaguare, Bären jeder Gattung und jeder Größe, Klapper⸗ und andere Schlangen, Alligatoren, Durſt, Hunger, Wald⸗ und Savanen⸗Brände u. ſ. w. u. ſ. w., ſo wie über⸗ haupt vor allen und jeglichen Gefahren, die einen Rei⸗ ſenden in den Wüſten Amerika's bedrohen können....“ „Sie ſehen,“ ſprach Sir Frederick, den Amerikaner anhaltend, ohier ſteht's ſchwarz auf weiß:„„So wie überhaupt vor allen und jeglichen Gefahren, die einen Reiſenden in den Wüſten Amerika's bedrohen können.““ „Dieß iſt aber eine Gefahr, die in den Städten vorkommt.“ „Sie iſt aber noch hundertmal gefährlicher in der Wüſte. Wären Sie auch nur ein Mal in Ihrem Le⸗ ben auf einem Balle geweſen, ſo würden Sie wiſſen, daß hundert halbnackte Frauen unendlich weniger zu fürchten ſind, als eine einzige von ihnen in der Tiefe eines Waldes,— und wäre dieſelbe auch auf das Keu⸗ ſcheſte bis an die Angen verſchleiert.“ 8 „Das iſt möglich, geht mich aber Nichts an.“ Und der impaſſible Amerikaner trat wieder ſeine ſtille Promenade an. „Dann bleibt mir nichts Anderes übrig, als daß ich mich ſelbſt ſchütze,“ ſagte Sir Frederick.„Satteln Sie alſo die Pferde, wir müſſen dem weißen Prairie⸗ Roſſe nachſetzen, und da unter den aufgeführten Be⸗ dingungen, die nicht enthalten iſt, daß Sie das meinige zu ſatteln haben „Ich bin Ihr Leibwächter und nicht Ihr Diener; das iſt eine ausgemachte Sache.“ „Ich werde es ſelbſt ſatteln. Ah! ich bitte Sie, ſich zu erinnern, daß ich auf heute Abend zu meinem M v———— *— M 39 Eſſen etwas Wildpret brauche,— welcher Art daſſelbe immer ſein mag.“ Bald waren die Pferde parat, und Sir Frederick dankte dem Hacendero für ſeine Gaſtfreundſchaft, als ſich Roſarita ihrem Vater näherte. Dann verneigte ſich, wie den Tag zuvor der junge Comanche mit der dem Wilden natürlichen Würde ge⸗ than, der Engländer vor dem ſchonen Mädchen mit all' der raffinirten Leichtigkeit eines der beſten Geſellſchaft und der höchſten Civiliſationsſtufe angehörenden Mannes. „Senvrita,“ ſagte er zu ihr⸗„ich hatte gelobt, daß ich mich durch keine der Gefahren, die den Reiſenden ſo oft aufhalten, von meinem Wege würde abbringen laſſen; allein es iſt, wie ich ſeit heute Morgen ſehe, eine Ge⸗ fahr, der ich mich nur durch die Flucht entziehen kann.“ Die Schönheit Roſarita's hatte auf zwei Männer, wovon der eine auf der höchſten, der andere auf der letz⸗ ten Stufe der menſchlichen Geſellſchaft ſtand, dieſelbe Wirkung hervorgebracht. Roſarita lächelte bei dieſen Worten, deren verſteck⸗ ter, aber transparenter Sinn ihr nicht entging. Sie be⸗ griff, daß es eine ihrer Schönheit dargebrachte Huldi⸗ gung ſei; dann konnte ſie ſich nicht enthalten, lächelnd zu erröthen; denn in ihrer tiefen Abgeſchiedenheit von der Welt war ſie in Beziehung auf dieſe holden Befrie⸗ digungen der weiblichen Eigenliebe nicht blaſirt worden⸗ Der Engländer und ſein amerikaniſcher Leibwächter ſchwangen ſich in den Sattel und entfernten ſich. Nach dieſer kurzen, von der engliſchen und ameri⸗ kaniſchen Originalität gelieferten Epiſode wollen wir den Reſt des Tages überſpringen, bis zu dem Augenblicke, wo die Sonne ſich abermals dem weſtlichen Horizonte zuneigt. Erſt um dieſe Stunde des Tages kam ein Reiter mit verhängtem Zügel zu dem Büffelſee herangeſprengt: ſein Haupt war entblößt, ſein Geſicht von Dornen zer⸗ riſſen, und auch ſein lederner Anzug trug die Spur der . * 3 4 1 L. deutſcher, * pfangnahme 7 Uhr bis Abz 2. Leseprei jedem Tag 5 den angenomm 3. Caution. eines Buches, hinterlegen, n wird. 4. Abonnen beträgt: für wöchentlich auf 1 Monat 3„ 5. Auswärt der Bücher au 6. Schaden; deſecte Bücher Ladenpreis erß lorene oder de der Leſer zum 7. Ausleihe beſonders da der Bücher ſelben von — —— 40 Gebüſche, die er in der Geſchwindigkeit der Verfolgung hatte durchreiten müſſen. Es war Francisco, der Vaquero, den ſeine Kamera⸗ den bereits aufgegeben hatten. Obgleich vielleicht Alle in ihrem Herzen ärgerlich darüber waren, daß der Vaquero ganz geſund zurück⸗ kam,— das menſchliche Herz iſt ſo ſonderbar!— daß ein Mann wieder zum Vorſchein kam, den ſie ihr Leben⸗ lang als den Helden einer phantaſtiſchen Legende bei ihren Nachtwachen, am Feuer ihrer Bivouaks hätten anführen können, ſo umringten ihn doch mit vielem Ei⸗ fer die Vaqueros und die Büffeljäger. Jeder beſtürmte ihn mit Fragen über ſeine Aben⸗ teuer während der Verfolgung des Prairie⸗Roſſes. Sein Bericht bot durchaus nicht die merkwür⸗ digen Einzelheiten dar, die man erwartete. In ganz gewöhnlicher Weiſe hatte ein großer, dicker Aſt, den er nicht hatte zu rechter Zeit vermeiden können, ihm den Hut vom Kopfe geriſſen. Der Vaquero hatte aber mit dem Aufheben keine Zeit verlieren wollen und hatte die Verfolgung fortgeſetzt. Auch war es ihm in eben ſo natürlicher Weiſe unmöglich geweſen, im Walde von ſeinem Lazo Gebrauch zu machen. Hundert Mal hatte Francisco die Spur des Schim⸗ mels verloren und wieder gefunden, und es hatte ihn ſeine hartnäckige Verfolgung ſo weit geführt, daß er, als endlich das Thier vollkommen verſchwunden war, ſich genöthigt geſehen hatte, ſeinem eigenen Pferde einige Stunden der Ruhe zu gönnen: Herr und Pferd hatten die Nacht fern vom See zugebracht. Was den darauf⸗ folgenden Tag betraf, ſo hatte er ihn dazu benützt, um mit ſeinen übrigen Genoſſen die wilden Pferde, die vom Büffelſee nicht mehr weit entfernt waren, noch enger zu umkreiſen. Dieſer Bericht hatte die Erwartungen der Zuhörer noch mehr herabgeſtimmt. Da ſich indeſſen der Menſch nicht leicht dazu ent⸗ — —„—.—.—.—— — N nv S X N 8S— X * 41 ſcheidet, das Wunderbare durch die Wirklichkeit zu er⸗ ſetzen, ſo waren die Vageros nichts deſto weniger ein⸗ ſtimmig der Anſicht, daß Francisco ſeinem Schutzpatron eine Kerze dafür ſchuldig wäre, daß er ihn vor den Schlingen des Teufels bewahrt. „Das iſt gleich,“ ſprach der mehr genannte junge Vaquero.„Alles beweist, daß es wirklich der tera⸗ niſche Schimmel iſt.“ „Dieſer Vaquero, der ins Waſſer fällt und gleich im Anfange Gefahr läuft, ſich den Hals zu brechen!“ „Franeisco, ein Burſche, der mit dem Lazo ſo ge⸗ ſchickt umzugehen weiß, und doch das Pferd nicht hat einholen können!“ ſetzte ein Anderer hinzu. „Und dieſer ketzeriſche Engländer mit ſeinen tauſend Piaſtern, die er uns noch anbot,“ ſetzte Enecinas hinzu, „— Alles das iſt gar nicht natürlich.“ Dieſe Ueberzeugung bemächtigte ſich endlich Francis⸗ co's ſelbſt, dem ſeine Kameraden die abergläubiſche Le⸗ gende des Encinas mittheilten, und der Vaquero bekreuzte ſich mehrere Male, während er dem Himmel dafür dankte, daß er der Gefahr nicht unterlegen, der er, ohne es ſelbſt zu wiſſen, ausgeſetzt geweſen. Die Nachrichten, die der Vaquero Don Aguſtin überbrachte, beſagten, daß während der Nacht der Kreis der Treiber ſich verengt, daß der Tag wie die Nacht angewandt worden, und daß man ſich bereit halten müſſe. Man ließ daher die Legenden in Ruhe, um die Vorbereitungen fortzuſetzen. Es wurden die Zelte von Neuem zuſammengelegt, und die Pferde vom See und vom Corral entfernt. Die anweſenden Vaqueros vertheilten ſich, und ſtell⸗ ten ſich an großen Baumſtämmen aufz die vier Büffel⸗ jäger aber nahmen ihren Platz hinter den Palliſaden, bereit, den Eingang zu dem Corral vermittelſt ſchwerer, obgleich handlicher Stangen wieder zu ſchließen, ſobald 1. Offenseit pfangnahme 7 Uhr bis Ab 2. eseprei jedem Tag 5 den angenom 3. Caution. eines Buches, hinterlegen, n auf 1 Monat: 5 Auswärt der Bücher ac 6. Schaden; defecte Bücher Ladenpreis erſ lorene oder des der Leſer zum 42 der wilde Trupp ſich in das Innere der Verzäunung geflüchtet haben würde. Die Gefahr, von den erſchrockenen Pferden geſchla⸗ gen und zu Boden getreten zu werden,— faſt die ein⸗ zige Gefahr, der man bei dieſer mehr pittoresken, als gefährlichen Jagd ſich auszuſetzen hat, fiel daher den Büffeljägern zu. Eine Art roher Brücke war über den Kanal ge⸗ macht worden, durch den die Waſſer des Büffelſees ab⸗ floſſen, und unter der grünen Arcade, welche die Baum⸗ äſte bildeten, konnten der Hacendero, ſeine Tochter und der Senator ſich in aller Sicherheit auſſtellen, ohne von dem wundervollen Schauſpiele, das man ſich ver⸗ ſprach, auch nur das Geringſte zu verlieren. Als Jeder ſeinen Poſten eingenommen hatte, er⸗ wartete man unbeweglich und ſtill die Ankunft der Ca⸗ vallada. Das Gekrächze einer Weihe, die über die Lichtung hinflog, hatte die Vögel unter den Bäumen zum Schwei⸗ gen gebracht, und es herrſchte um den See her die voll⸗ ſtändigſte Ruhe. Bald drang inmitten dieſer tiefen Stille ein ſchril⸗ les Pfeifen, ähnlich dem, ſo die Vaqueros und Hirten hören laſſen, bis zu den Ohren der Jäger. Es war dieß ein Zeichen, daß die Treiber ſich in Bewegung ge⸗ ſetzt, um die Cavallada ſich zuzutreiben. Und dann miſchte ſich ein Geſchrei in das Gepfeife; rechts und links, und von allen Seiten her näherte ſich dieſes Gepfeife und dieſes Geſchrei raſch. Bald darauf ertönte ein noch ferneres Gewieher in der Tiefe des Waldes; allein es war dasſelbe ſo ſtark, daß es einen großen Trupp wilder Pferde anzeigte. Dieſes Gewieher ließ ſich in der Richtung des ro⸗ then Fluſſes hören, das heißt, in ganz gerader Linie, von ſeinen Ufern bis zu dem Orte, wo der Hacendero, ſeine Tochter, und der Senator auf ihrer fliegenden Brücke ſtanden, um die Jagd zu ſehen. ng la⸗ n⸗ s en e⸗ b⸗ n⸗ nd ne r⸗ a= 8 l⸗ 43 Es war ein Ungluͤck zu befürchten, wenn der wilde Trupp dorther kam. Die jungen Bäume wären nicht im Stande geweſen, dem wüthenden Anlauf dieſer Thiere Einhalt zu thun, die auf ihrer Flucht Verwüſtungen anrichten, welche denen des Orkans in einem Walde ähnlich ſind. Don Aguſtin ſah die Gefahr voraus, und rief einige Vaqueros herbei, die ihren Poſten verließen, um zu ihm heranzukommen. „Glaubt Ihr,“ fragte der Hacendero einen von ihnen,„die Cavallada konne von dieſer Seite her kommen?“ „Es iſt möglich,“ antwortete der Vaquero,„und ich dachte ſchon an die Gefahr, die Sie laufen könnten, wenn man nicht die gehörigen Vorſichtsmaßregeln da⸗ gegen ergriffe. Wenn Sie es alſo für gut finden, ſo verlaſſe ich mit meinen zwei Kameraden den Platz den ſie uns angewieſen, um uns hinter Ihnen, dieſen Kanal entlang, aufzuſtellen.“ „Wir würden lieber,“ antwortete Don Aguſtin, „unſern Platz verlaſſen, als Euch einer unützen Gefahr ausſetzen.“ Die drei Vaqueros antworteten als Leute, die ge⸗ wohnt waren, allen mit ihrem Gewerbe verbundenen Gefahren zu trotzen, auf die liebevollen Beſorgniſſe ihres Herrn damit, daß ſie nach einander vorſichtig an dem Ufer des engen Ausfluſſes des Sees fortgingen, um ſich, als vorgeſchobene Schildwachen, etliche hundert Schritte von da in der Richtung des Fluſſes aufzuſtellen. Dieß war die letzte Anordnung, die man noch tref⸗ fen konnte, denn es nahte der Augenblick, der über das Schickſal der edlen Thiere entſcheiden ſollte, welche von den Jägern dem verhängnißvollen Corral zugetrieben wurden, wo Knechtſchaft und Gefangenſchaft ſie erwar⸗ teten. Das Getöſe jeder Art, das man bis daher gehört, nahm bald noch zu. 1. oflensei pfangnahme 7 Uhr bis Ab 2. Eesepret jedem Tag 5. den angenomm 3. Caution eines Buches, hinterlegen,„ für wöchentlich auf 1 Monat 5 Auswärf der Bücher u 3 6. Schaden der Leſer zum 7. Ausleihe 44 Anfänglich waren es die durchdringenden Schreie, und das ſchrille Pfeifen der Vaqueros, die im Walde umhergaloppirten, einander riefen, und einander ant⸗ worteten. In den ſeltenen und kurzen Zwiſchenräumen, wo wieder ein augenblickliches Schweigen eintrat,— wenn man das Geräuſch der zahlreichen Echos der Wüſten, welche die menſchlichen Stimmen wiederholten, ſo nen⸗ nen darf,— ertönte das Gewieher der erſchrockenen Pferde, und das ihren Nüſtern entfahrende dumpfe Ge⸗ ſchnaube, wie das Blaſen des noch nicht zum Ausbruche gekommenen Sturmes.„ Alle Bewohner des Waldes fuhren erſchrocken auf. Schwärme von Vögeln flogen ſchreiend und kräch⸗ zend von dem Gipfel der Bäume fort,— Eulen flogen unbehülflich, weil von dem Tageslichte geblendet, be⸗ ſtürzt und furchtſam in die Tiefe ihrer Höhlen zurück, — die Hirſche ſchrien, und flohen weit von dem Getöſe weg. Bald krachten die Gebüſche; die jungen Bäume ächzten unter den Tritten der Pferde, und das laute Gewieher der letzteren, ſowie das immer mehr zuneh⸗ mende Geſchrei der Jäger vermiſchte ſich mit dem don⸗ nerähnlichen Getöſe der unterirdiſchen Höhlen. Während einiger Augenblicke konnte das Geſchrei der Vögel, das Geheul der Vaqueros, das Gewieher der Pferde, das Krachen der Bäume,— konnte das von den Echos wiederholte Geräuſch glauben machen, eine Legion von Dämonen heule und galoppire unter den düſteren Gewölben des Waldes hin. Wir bedauern unendlich, die folgenden Scenen nur unvollkommen ſchildern zu koͤnnen. Die donnernd herabrollende Lawine,— das durch ſeine durchbrochenen Schleuſen ſtrömende Waſſer,— der plötzlich angeſchwollene Bach, wenn er von den Bergen in ſein ausgetrocknetes Bett herabſtürzt, vermögen keinen vollſtändigen Begriff von dem furchtbaren Getöſe zu — — den getreten zu werden, zu achten. 4⁵ geben, das aus dem Walde in dem Augenblicke hervor⸗ drang, wo der grüne Vorhang, der die Lichtung um⸗ gab, an hundert Stellen zumal zerriß. Aus einem jeden dieſer Riſſe ſah man ein Menge wilder Köpfe mit vor Schrecken feuerſprühenden Augen, mit rothen Nüſtern, mit wallenden Mähnen hervor⸗ dringen. Dann vereinigte ſich dieſe Menge von Köpfen wie⸗ der, um ein bewegtes, vielfarbiges Meer zu bilden, über dem, gleich Wellen, die ſich ſchäumend brechen, wallende Mähnen, fliegende Schweife ſich hin und her bewegten, und ſich drängten, ähnlich der hohlen See. Bald erſchienen auch an den durch die Bruſt der Pferde gemachten weiten Oeffnungen die Vaqueros, die mit feurigem Auge, und durch das Geſchrei, das ſie hören ließen, gleichſam betrunken gemacht, hin und her ſprengten, und hin und her galoppirten, während ſie ihre Lazos in der Luft ſchwangen. Es trat ein Augenblick ein, wo das unruhige Pferde⸗ meer ſich trennte, ungewiß in Betreff der Richtung, die es nehmen ſollte. Und nun ſprangen zwölf Männer, die Hüte ſchwen⸗ kend, pfeifend und wilde Schreie ausſloßend, auf die Pferdemaſſe, die ſich einen Augenblick aufgelöst hatte, zu, ohne der Gefahr, von zwei hundert Pferden zu Bo⸗ Vorn und hinten von zahlreichen und lärmenden Feinden gedrängt, machten die Pferde einen Augenblick Halt, und während dieſes Augenblicks hörte die Erde auf, zu zittern, und das Waſſers des Büffelſees, ſich zu falten, und an die Ufer desſelben zu ſchlagen. Es war ein Augenblick furchtbarer Ungewißheit. Nahm die Pferdemaſſe rechts oder links hin ihren Weg, ſo wurden ſowohl die berittenen, als die unberit⸗ tenen Vaqueros zerquetſcht und zermalmt, wie die Korn⸗ ähre unter dem Flegel. „Nicht nachgelaſſen, Kinder!“ ſchrie Don Aguſtin, ——————— ——,k— den angen 3. Cautio eines Buch wird. 4 6 1 4. Abonn 1 beträgt für wöchentl auf 1 Mon 5. Auswi der Bücher 6. Schad defecte Büch Ladenpreis e lorene oder der Leſer zu 7. Ausleil beſonders d der Bücher ſelben von n 46 der, von ſeinem Eifer fortgeriſſen, an den Rand des Sees ſprang, und ein gewaltiges Geſchrei hören ließ. Ein wüthendes Geſchrei beantwortete das ſeine. Dann ſtürzte das Pferd, das an der Spitze der Co⸗ lonne ſtand, und ſchon ſeit einiger Zeit ſeine feurigen Augen auf den mit grünen Zweigen bedeckten Zaun, ſowie auf die in demſelben angebrachte Oeffnung hef⸗ tete, jählings auf letztere los. Der ganze Trupp folgte nach, und ſtürzte hinein, wie das Waſſer in das zu ſeiner Aufnahme gegrabene Baſſin. „Hurrah! Hurrah!“ ſchrie der Hacendero,„wir haben ſie!“ Von allen Seiten her erhob ſich ein Freudenge⸗ ſchrei in dem Augenblicke, wo Encinas und ſeine Ka⸗ meraden, die von dieſer lebenden Lawine einen Augen⸗ blick verdeckt geweſen waren, durch die Zwiſchenräume der feſt verzapften Balken hindurch aus dem Corral hinausglitten. Es verfloſſen einige Minuten, bevor dieſe ſtolzen Kinder der Wälder ihre Gefangenſchaft gewahr wur⸗ denz als ſie aber, zum erſten Male in ihrem Leben, ſich von einem Zaun von Baumſtämmen umſchloſſen fühlten, den der Kopf des größten unter ihnen kaum überragte, brach mit dem Geſchmetter von hundert Cla⸗ rinen ein Gewieher wüthenden Schmerzens los. Es war ein prachtvolles Schauſpiel um dieſes Meer wüthen⸗ der Thiere, die wieherten, ſchnaubten, und blieſen, mit einem Geräuſche, das dem des im Walde brauſenden Windes zu vergleichen war,— es war ein prachtvolles Schauſpiel um dieſe Gruppen von Köpfen, die erſchrocken hin und her fuhren, deren Augen überall Feuer ſprühten, deren Mäuler Schaummaſſen entſandten,— und um dieſe Körper, die ſich in einander verſchlangen, ſich kreuzten, oder in die Höhe ſprangen. Ein Triumphgeſchrei von Seiten der Vaqueros war die Antwort auf das Wuthgeſchrei der Pferde. Ww N M 47 „Ah! es iſt darin! es iſt darin!“ ſchrie Encinas. „Was iſt darin?“ ſchrien zwanzig andere Stimmen. „Das weiße Prairie⸗Roß!“ antwortete der Biſon⸗ äger. In der That war das ſchönſte und edelſte unter dieſen edlen und ſchönen Pferden der Wüſte,— das wildeſte unter dieſen wilden Thieren,— das zornigſte und das flinkſte von allen, ein Roß von untadelhafter Weiße,— ein Roß, ſo weiß, wie die Blüthen der Seeroſen. Es war das Thier, das man den Tag zuvor ver⸗ gebens verfolgt hatte. Das prachtvolle Thier mit den Feueraugen ſprang von einem Ende des Corral zum anderen, und warf in dem Zorne, von dem es beherrſcht war, alle diejenigen ſeiner Unglücksgenoſſen zu Boden, die den Stoß ſeiner Bruſt nicht vermeiden konnten. So öffnete ſich um das Thier her ein weiter Raum, in welchem es umherſprang, und ſein wüthendes Klag⸗Gewieher ertönen ließ, während ſeine weiße Mähne am Halſe auf und nieder wallte. „Dort, dort!“ ſchrie Encinas, auf den Ort zu⸗ ſtürzend, wo der Schimmel ſich bereit machte, über die ihn umgebenden Schranken zu ſetzen. Allein es war bereits zu ſpät. Der Kreis, der ſich um das Thier her geöffnet hatte, erlaubte dieſem, einen Anlauf zu nehmen, und nun ſahen die Jäger eine weiße Linie die Luft pfeil⸗ artig durchſchneiden. Das Pferd ſiel, über den Corral hinaus, auf ſeine gelenken und vibrirenden Beine, und dann verſchwand es abermals unter dem Gewölbe der Bäume. Ein Wuthſchrei der Männer begleitete die Flucht des Pferdes. Jedoch befanden fich immer noch etwa zweihundert andere in dem Corral, und dieß war genug, um die Jäger für den Verluſt des ſchönſten zu entſchädigen⸗ beträgt 63 1. offens pfangnahme 7 Uhr bis A 2. Lesepr jedem Tag 5 eines Buchet hinterlegen, wird. 4. Abonn für wöchenth; auf 1 Mona 6„. 5. Auswä der Bücher ½ 6. Schade defecte Büch Ladenpreis e lorene oder der Leſer zut 7. Ausleil beſonders da der Bücher ſelben von n —— den angenvn 3. Cautio! „Wohlan! zweifelt Ihr jetzt noch daran, daß dieſes Pferd der Teufel ſei?“ ſchrie Eneinas. Niemand antwortete; Alles war überzeugt. Der einen Augenblick leere Kreis füllte ſich bald wieder aus, und die gefangenen Pferde konnten durch ihr Hin⸗ und Herſpringen nur ſich ſelbſt ſchaden, und bildeten ein immer von einem zum andern Ende des Corral ſich wälzende Maſſe. Einen Augenblick ſtürzte dieſelbe ſich gegen den Zaunz aber die ſtarken Pfähle, die denſelben bildeten, krachten bloß, ohne nachzugeben. Dunſtwirbel wiegten ſich über allen dieſen keuchen⸗ den Körpern. Die einen biſſen voller Wuth in dieſe nicht zu er⸗ ſchütternden Palliſaden; andere wühlten mit ihren Hufen die Erde auf, und endlich ſtürzten einige, ein Opfer der wüthenden Leidenſchaften, die ſie belebten, wie vom Blitze getroffen, auf den Boden hin, von dem ſie nicht mehr aufſtanden. Dann hörte allmählig die Cavallada, gleich einem kochenden Lava⸗Meere, das nach und nach erkaltet, auf, wider die Schranken anzuſtürmen. Beſtürzung folgte auf die Wuth, und eine düſtere Unbeweglichkeit auf die tollen Sprünge. Die wilden Waldbewohner waren beſiegt. Wir haben über dieſen Gegenſtand jetzt nur noch einige Worte zu ſagen. Bisweilen geſchieht es, daß ein ſchlecht gebauter Zaun unter dem wüthenden Anpralle von zwei bis drei⸗ hundert Brüſten, die zu gleicher Zeit darauf losſchießen, nachgibt. Dann iſt es ein Strom, den Nichts mehr aufzuhalten vermag,— weder das Geſchrei, noch die Anſtrengungen, noch die Lazos von tauſend Jägern. Die Pferde werfen dann Alles, was ihnen in den Weg kommt, darnieder,— Menſchen und Bäume. Die wüthenden, beſtürzten Thiere fliehen, wie der Wind, und das Krachen, und Raſen, und Toben iſt ſo gewaltig, ld nd es en n, r⸗ en er m ht f⸗ te ie ie ie d, g, 49 daß man glauben könnte, es verſinke ein ganzer Wald in die Erde, oder es ſtoßen zwei Berge gegen einänder. Eine dicke Staubwolke wirbelt hinter den Pferden her, und die Stille, die bald auf das Gekrache folgt, zeigt an, daß die Thiere in einer Minute Stunden zwiſchen ſich und ihre Verfolger geſtellt haben. Solcher Art ſind gar oft die Kataſtrophen, die aller Vorſicht, aller Bemühungen der Jäger ſpotten: und Letztere dürfen ſich noch glücklich ſchätzen, wenn nicht viele von ihnen unter den Hufen der Pferde zermalmt, oder wenigſtens ſchwer verwundet worden ſind! Und nun kennt der Leſer die gewöhnlichen Ent⸗ wickelungen ſolcher Jagden. Wir haben geſagt, daß die wilden Waldbewohner beſiegt geweſen; allein es erübrigte noch, ſie durch den Hunger zu zähmen, ehe man ſie vermittelſt zahmer Stuten auf die Agoſtaderos*) führen konnte. Dieſe Operation erheiſchte von Seiten der Jäger noch fünf bis ſechs Tage, während welcher ſie die Fort⸗ ſchritte des Hungers, der allein die ihre Freiheit viel⸗ leicht am Eiferſüchtigſten ſchützenden Thiere zähmen, und ſie mit der Gegenwart des Menſchen ausſöhnen kann, von Stunde zu Stunde verfolgten. Die Nacht breitete ihren düſteren Mantel von Neuem über die Natur aus. Es war eine Feſt⸗Nacht für die triumphirenden Vaqueros, die eine jener Jagdheldenthaten ausgeführt, wovon man in den Savanen, während durchwachter Nächte, lange ſpricht. Don Aaguſtin hatte unter ſeine Leute eine ſtarke Ration cataloniſchen Branntweins aus⸗ theilen laſſen, und, um einen ungeheuren Feuerherd herumſitzend, an dem ein ganzes Reh briet, ſprachen noch die Jäger von ihren Heldenthaten, als die Sterne bereits Mitternacht anzeigten. *) Weiden. Der Waldläufer. W. 4 1. 0ffens pfangnahme 7 Uhr bis W 2. Lesep jedem Tag den angeno hinterlegen ird 4. Abonn beträgt: — für e 3 auf 1 Mon 1 defecte Büch Ladenpreis lorene oder er Leſer ze 7. Auslei beſonders d der Bücher ſelben von 3. Cautic eines ku Allerdings muß zugegeben werden, daß eine Jagd, bei der das übernatürliche weiße Prairie-Roß ſigurirt hatte, nichts Gewöhnliches war. Es läßt ſich leicht denken, daß Eneinas gebeten wurde, den Neuange⸗ kommenen die Verfolgung des teraniſchen Reiters mit ihren wunderbaren Umſtänden, ſowie noch eine Menge anderer Geſchichten zu örzählen, die der cataloniſche Branntwein dem Büffeljäger in's Gedächtniß zurückrief. „Und noch heute Morgen,“ ſetzté der angehende Vaquero hinzu,„ſaß der fragliche Engländer an dieſem Platze. Es iſt derſelbe gewiß mit dem Teufel im Bunde,“ fuhr er fort,„und ſein Geſicht kam mir gleich Anfangs verdächtig vor.“ Auf ſolche Weiſe wurden Sir Frederick Wanderer und der an den Formen hangende Wilſon, ſein ameri⸗ kaniſcher Leibwächter, eines Bundes mit dem Teufel an⸗ geklagt und überwieſen. Wir dürfen nun nicht länger vergeſſen, daß viele andere Perſonen, die in dieſer Erzählung vorkommen, unſer Intereſſe in Anſpruch nehmen; daß Diaz noch in den Wüſten umherirrt; daß der Comanche die Spur der zwei Banditen verfolgt, und daß endlich Roſenholz e ſeiner Abweſenheit entführten Sohn beweint. Ehe wir indeſſen der Perſon folgen werden, die uns die übrigen wieder finden laſſen wird, wollen wir einen letzten Blick auf den Büffelſee werfen.. Noch lange erſchallte der Wald von dem fröhlichen Gelächter der Jäger, das ſich mit dem Klage⸗Gewieher der wilden Pferde in dem Corral vermiſchte. Als dann die Flaſchen geleert, und von dem Rehe nur noch die Knochen übrig waren, an denen ſich der gewaltige Hund des Büffeljägers abarbeitete, wurde das Geſpräch matter und matter, bis es endlich verſiegte. Dann warfen die Vaqueros friſches Holz in das Feuer, und ſtreckten ſich, in ihre Wolldecken gehüllt, in das dichte Gras der Lichtung. ——— 51 Sodann überließen ſie ſich dem Schlafe, den ſie ſo wohl verdient, ohne daran zu denken, daß verdächtige Spuren im Walde geſehen worden. Inmitten der Stille der Nacht, die nur durch die Thiere unterbrochen wurde, welche bald das demüthigende Joch der Peitſche und des Sporns tragen ſollten, ver⸗ miſchte der Mond ſpäter auf der ruhigen Waſſerfläche des Biſonſees ſeinen blaſſen Schein mit dem röthlichen Reflexe des Lager⸗Feuers. Seine Strahlen und der Schein des Feuerherdes fielen auf die Zelte der Herr⸗ ſchaften, ſowie auf die zahlreichen Diener, die um ſie her im Graſe lagen. Noch nie hatte der See einen pittoreskeren und zugleich ruhigeren Anblick dargeboten, als in dieſer Nacht. Pierundſechzigſtes Rapitel. Der Geheimort auf der Büffel⸗Inſel. Am zweiten Abende, der auf die letzten Scenen der Pferdejagd folgte, gingen fünf Perſonen, in ge⸗ trennten Gruppen, den rothen Fluß aufwärts. Von dem Orte an, wo ſich dieſe verſchiedenen über einen Raum von etwa einer halben Stunde zerſtreuten Perſonen befanden, war es etwa ein Tagemarſch bis zum Goldthale, und bis zum Büffelſee ſo weit, daß ein guter Fußgänger den Weg in zwei weiteren Tagen zurücklegen kann. Der Rio Gila ſtrömt in dem von uns bezeichneten Theile des Landes, das heißt, von ſeinem Austritte aus den Rebelbergen bis zum Fork des rothen Fluſſes, durch pfangnahme 7 Uhr bis A 2. Lesepr jedem Tag den angenom 3. Cautio eines Buche hinterlegen wird. 4. Abonne beträgt: für auf 1 Mona defecte Büche Ladenpreis lorene oder der Leſer zu 7. Ausle beſonders dar der Bücher n ſelben von m Gegenden hin, die, in Betreff der Abwechſelung des Bodens, die größte Mannigfaltigkeit darbieten. Bald fochen und brauſen ſeine Waſſer, zwiſchen ſteil abfallen⸗ den Felſen, auf einem ſteinigen Boden hin, wo ſie Strom⸗ ſchnellen bilden, die der Jäger und der Indianer allein in ihrem Rinden- oder Büffelhaut⸗Kahne paſſiren können; bald fließen ſie ruhig und tief zwiſchen zwei niederen Ufern dahin, die mit ſo hohem Graſe bedeckt ſind, daß man dort die Anweſenheit des Biſons oder des grauen Bären nur vermittelſt der Undulationen der langen Stengel errathen kann, welche dieſe Thiere durch ihre Bewegungen hervorbringen. An anderen Orten ſchlängelt ſich der Fluß, zwiſchen ſandigen Ufern, an grünen Inſeln, einer Art undurch⸗ dringlicher HOaſen, hin,— ſo ſtark verweben ſich die wilde Weinrebe und das ſpäniſche Moos mit der Vege⸗ tation, die ſich ganz in die Mitte des Waſſers geflüchtet zu haben ſcheint. Weiter hin ſcheinen ſeine ſchläfrigen Waſſer ſich darin zu gefallen, daß ſie unter den Gewölben, welche die Bäume an ſeinen Ufern bilden, langſam dahin fließen. Dieſe Lauben verbreiten in der That einen dichten und kalten Schatten, der die brennende Hitze, womit die Sonne die Ebenen entzündet, vergeſſen läßt, über den Fluß. Die vom Büffelſee am Weiteſten entfernten Per⸗ ſonen waren zwei Männer, die in einem leichten Kahne aus Birkenrindenſtücken, den Fluß hinauf fuhren. Die genannten Rindenſtücke waren durch Tannen⸗ faſern unter einander verbunden, und mit dem Harze des gleichen Baumes kalfatert. So ſchwach auch der Kahn zu ſein ſchien, ſo war er dennoch ſo ſchwer beladen, daß ſeine oberen Ränder mit dem Waſſer, das an ſeinen Seiten hinbrauſte, faſt in gleicher Höhe ſtanden. Die Laſt, womit das ſchwache Fahrzeug beladen war, verhinderte daſſelbe nicht, unter dem von den Ru⸗ n e, t, * ne 1* 53 derern gegebenen Impulſe den Strom ziemlich raſch hin⸗ aufzufahren. Die Ladung des Kahns war eine höchſt mannig⸗ faltige; man bemerkte auf demſelben Pferde⸗Sättel, verſchiedene Kleidungsſtücke, Decken von jeder Farbe, Waaren⸗Ballen, und kleine Kiſten von europätiſcher Arbeit, ſowie endlich Säbel, Meſſer, und etwa ein halbes Dutzend Büchſen von verſchiedener Länge. Ohne den eigenthümlichen Anzug und die unheim⸗ liche Phyſiognomie der beiden Ruderer, die man an einigen Worten wieder erkennen wird, hätte man ſie für zwei ehrliche, herumziehende Kaufleute halten können, die es, auf einen Geleitsbrief hin, wagen, die india⸗ niſchen Stämme in der Wüſte aufzuſuchen, um mit ihnen Handel zu treiben. Einer der beiden Ruderer war ein Greis mit grauen Haaren; der andere ein Jüngling mit einem kangen, gagatſchwarzen Haupthaare.. Wenn wir ſagen, daß ſie den den Papagos⸗In⸗ dianern eigenen Kopfputz trugen, ſo wird man Roth⸗ hand und Miſchblut nennen⸗ die, wie wir wiſſen, an dem Abende, wo ſie Don Aguſtin Pena, ſeiner Tochter, und dem Senator im Walde ſo plötzlich begegnet waren, ſich alſo verkleidet hotten. Nach dem kühnen Zuge, deſſen Reſultat die Be⸗ raubung und der Tod des Kaufmanns vom Preſidio geweſen war, wie bereits vom Büffeljäger erzählt wor⸗ den, war im Lande Alles unruhig geworden. Um den Nachforſchungen zu entgehen⸗ hatten die beiden Banditen ſich der Verkleidung bedient, in der ſie auf die Caval⸗ cade ſtießeu. Der Zufall, der Schuld geweſen war, daß der Hacendero ſeine Abreiſe um vierzehn Tage ver⸗ ſchoben hatte, war daher die alleinige Urſache dieſer verdrießlichen Begegnung. Im Uebrigen iſt die Zukunft für die Augen des Menſchen mit dichten Wolken bedeckt. Weiß er, worüber er ſich zu freuen, oder worüber er ſich zu betrüben hat? * jedem Tag wird. beträgt der Leſer z 7. Ausle beſonders 1. or pfangnahm 7 Uhr bis 2. Eesep! den angeno 3. Cautic eines Buche hinterlegen für wöchenti 6. Schade defecte Büch Ladenpreis lorene oder der Bücher ſelben von n Wie viele Gewitter brechen nach einem ſchönen Morgen los! Wie viele Gewitter folgen auf einen Abend, an dem die Sonne ſtrahlend an einem reinen Himmel unter⸗ gegangen iſt! Indeſſen hatte der Meſtize(der Leſer weiß es be⸗ reits) Roſarita nicht ſehen können, ohne den Eindruck zu verſpüren, den ihre Schönheit gewöhnlich hervor⸗ brachte, und ohne zu wünſchen, daß es ihm vergönnt ſein möchte, ſie wieder zu ſehen. Er war ihr bis an den Büffelſee gefolgt, und um ſie, ihres zahlreichen Gefolges ungeachtet, zu entführen, finden wir ihn auf dem Wege nach den Rebelbergen, in deren Nähe er eine zahlreiche Schaar apachiſcher Krieger zu finden gewiß war. Die zwei Wüſtenräuber waren nicht allein wegen ihres Muthes und ihrer Geſchicklichkeit furchtbar. Man hat geſehen, wie ſie in einigen Stunden thaten, was die Indianer, in der Nähe der ſchwimmenden Inſel, während eines ganzen Tags und einer ganzen Nacht vergebens verſucht hatten, das heißt, wie ſie die zwei beſten Schützen, welche nach ihnen die Wüſte vielleicht hatte, durchaus kampfunfähig machten. Auch waren ſie wegen ihrer unermüdlichen Thätigkeit, und der Geſchwin⸗ digkeit, und Spontaneität ihrer Bewegungen zu fürch⸗ ten, welche mit denen der Raubvögel zu vergleichen waren, die ihre Flügel in einem Nu von einem zu dem andern Horizonte tragen.* Während ſich beide über das Ruder hinbeugten, durchſchnitt der Kahn raſch einen Raum, wo der Fluß faſt immer zwiſchen grünen Hügelchen hinſtrömte, die man in unſern europäiſchen Ländern für friſche Heuſcho⸗ ber gehalten haben würde. Das vage und unruhige Auge des alten, weißen Renegaten irrte von einem Ufer des Fluſſes zum andern, befragte ſorgfältig jeden Boden⸗Wechſel, und fiel dann wieder mit gieriger Zärtlichkeit auf die Ladung des Kahns, — 55 „Wohlan! alter Spitzbube,“ ſprach der Meſtize in einem Augenblicke, wo Rothhand, um den Lauf des Kahns zu berichtigen, neben dem letzteren herſchwamm, „ſiehſt Du am Horizonte irgend etwas Verdächtiges?“ „Ich ſehe nur Deine Thorheit,“ antwortete der Amerikaner im grämlichen Tone,„und was den Namen betrifft, den Du mir zu geben beliebſt, ſo ſehe ich nur Deinen dummen Hochmuth. Was iſt der Sohn eines Hundes? Ein Hund. Und der Sohn eines Spitzbuben?“ „Das Bild ſeines Vaters,“ antwortete Miſchblut. „Aber Du biſt ein größerer Spitzbube, als Dein Sohn, weil Du lange vor ihm angefangen haſt, es zu ſein.“ „Davon weiß ich Nichts, Du Sohn eines weißen Renegaten und einer indianiſchen Wölfin,“ antwortete Rothhand zornig.„Wenn Du einmal ſo alt biſt, wie ich.. Aber ſo alt wirſt Du nie.“ Niſchblut war an jenem Tage bei guter Laune, und lächelte bloß über die Schimpfworte und die düſtere Prophezeiung ſeines Vaters. „Ja,“ ſprach der Letztere,„wenn das Pferd und der Hirſch verliebt ſind, dann verläßt ſie die Klugheit.“ „Könnteſt Du Deinen Sohn nicht mit einem edle⸗ ren Thiere vergleichen?“ ſagte der Meſtize mit hoch⸗ müthigem Lächeln. „Was liegt daran 2 Wir haben zwei Mal die Spu⸗ ren des Comanche wieder in der Nähe der unſrigen ge⸗ funden, und anſtatt nun auch die ſeinigen zu verfolgen, läßt Dich Dein ungeduldiges Verlangen⸗ Dich eines Spielzeugs,— Dich dieſes weißen Täubchens zu bemäch⸗ tigen, jede Vorſicht vernachläſſigen. Ich ſage es Dir.⸗ in der Wüſte werden die, ſo die auf dem Boden zu le⸗ ſenden Warnungen und Nachrichten nicht beachten, nie alt.“ „Dieß könnten ſo viele Trappers, Reiſende, und Indianer bezeugen, die Deine Fußſpuren nicht geſehen, oder nicht beachtet haben. Schweig' nun aber davon, Alter! Alles, was zum Zwecke hat, mich darum zu ta⸗ pfangnahme 7 Uhr bis 2 eines Buche hinterlegen, defecte Büch Ladenpreis e lorene oder der Leſer zu eſonders da * ſelben von n 7. Ausleil 1 der Bücher 1 3 veln, weil ich, ſo bald wie möglich, den Liebesdurſt zu befriedigen ſuche, den mir dieſe weiße Wolke, dieſe Schnee⸗ flocke, dieſe Seeroſe einflößt, klingt nicht gut in meinen Ohren,— vergiß es nichtl“ Bei dieſen Worten ſprüheten die Augen des Meſti⸗ zen Flammen, ähnlich denen des Tigers, wenn der Wind auf ſeinen heißen Flügeln ihm die myſteriöſen Emanationen eines weiblichen Tigers zuträgt. Der Vater ſchwieg, und beive fuhren fort, ſchwei⸗ gend zu rudern. Eine der Inſeln, womit der Fluß überſäet war, dehnte ſich in der Ferne auf dem Waſſer, wie ein ein⸗ geſchlafener Seevogel, aus. Es war dieß die ſogenannte Büffelinſel. In einiger Entfernung von den beiden Räubern, und durch die grünen Undulationen des rechten Ufers verborgen, ging ein vereinzelter Menſch. Sein Tritt war der elaſtiſche, kraftvolle, dem Indianer eigene Tritt, und es kann derſelbe nur mit unſerem gymnaſtiſchen Schritte, wenn man ſich dieſen in ſeiner höchſten Voll⸗ kommenheit denkt, verglichen werden.. Es war der junge Comanche, Brennſtrahl, der den Kriegspfad allein verfolgte. Es war dem biederen jungen Manne daran ge⸗ legen, ſeine Ehre zu rächen, die er ſeit der Ermordung der Weißen, welche ſeinem Worte vertraut hatten, für befleckt hielt, und er führte nun allein eine jener aben⸗ teuerlichen Heldenthaten aus, welche an die alten Zeiten erinnern, und von dem fahrenden Ritter der Wüſte wieder in's Leben gerufen worden zu ſein ſcheinen. An dem Orte, an dem er angekommen war, ver⸗ barg ihm eine ſtumpfe Krümmung, die der Fluß machte, den Kahn, der den Fluß aufwärts fuhr. Der Indianer näherte ſich dem Ufer, packte ſeine Munition zuſammen, und wickelte ſie in ſeinen aus einer Büffelhaut beſtehenden Mantel. Vermittelſt einiger Riemen, die unter dem Kinne hinliefen, befeſtigte er ⸗—— . — 7 2 57 dieſen Pack auf ſeinem Kopfe. Auf denſelben aber hatte er ſeine Büchſe gebunden, und er ging nun ſachte in den Fluß hinein, den er mit träftigem Arme durchſchnitt. Einige Minuten darauf ſetzte er den Fuß auf das linke Ufer. Mit unendlicher Geſchicklichkeit alle Uneben⸗ heiten des Bodens, alle ſchützenden Orte benützend, be⸗ fand ſich der für die Ruderer im Kahne unſichtbare Comanche letzterem bald gegenüber; dann ließ er den⸗ ſelben hinter ſich zurück, und langte an der der Büffel⸗ inſel gegenüber liegenden Stelle des Fluſſes an. Er ſchien den rothen Fluß gar gut zu kennen, denn ohne einen Augenblick zu zaudern oder zu ſuchen, fand er die vom Ufer nach der Inſel führende Furt. Bald war dieſelbe überſchritten, und es trat der Indianer unter die Weidenbäume, welche die Ufer der Inſel beſchatteten. Dort verſchwand er, und auch das geübteſte Auge würde die ganze Oberfläche der Inſel durchlaufen haben⸗ ohne den Indianer zu bemerken, der auf der Spitze verborgen war, an der ſich die Strömung des Fluſſes brach. Rothhand und Miſchblut ſteuerten offenbar auf die Büffelinſel zu, wo ſie, faſt im Mittelpunkte, bald an⸗ hielten. Brennſtrahl war auch nicht eine ihrer Bewegungen entgangen. Er ſah ſie ihren Kahn anbinden, und den Fuß auf die Inſel ſetzen, nachdem ſie ſo worſichtig ge⸗ weſen waren, eine Wolldecke über den Ort zu breiten, den ſie betreten wollten. Eine kleine Lichtung öffnete ſich vor ihnen, und vermittelſt anderer Decken, womit ſie im Ueberfluſſe verſehen waren, bedeckten ſie faſt die ganze Oberfläche derſelben mit einem großen und weichen Teppiche. Ein Menſch, der nicht mit allen Vorfällen des Wüſten⸗Lebens vertraut geweſen wäre, hätte nicht ge⸗ wußt, was er von dieſen myſteriöſen Vorbereitungen halten ſolle. Der Indianer aber wußte, was die zwei pfangnahme 7 Uhr bis 2 2. Lesep jedem Tag defecte Büchz Ladenpreis eh lorene oder der Leſer 3 7. Ausleil beſonders der Bücher 2 ſelben von Räuber zu thun im Begriffe waren, und hörte, bis zum Augenblicke ihres Weggehens, nicht auf, ſie zu beob⸗ achten, um ſich beſſer zu verbergen zu ſuchen. Da wir wohl annehmen dürfen, daß der Leſer in die Myſterien des wilden Lebens minder eingeweiht ſei, als der Indianer, ſo wollen wir, zu ſeinem Nutz und Frommen, alle Operationen, die Rothhand und Miſch⸗ blut vornehmen, einzeln aufführen. Es iſt dies aber⸗ mals eine jener Einzelheiten, womit diejenigen, die uns die Ehre erweiſen, Nachſtehendes zu leſen, noch nicht bekannt ſein dürften. Die Büffelinſel ſchien ſo vollkommen öde zu ſein, daß die zwei Banditen ſich kaum die Mühe gaben, um⸗ herzublicken. Nur in Folge des Mißtrauens, das in der Wüſte Einem zur zweiten Natur wird, oder nur⸗ um ſich Nichts vorzuwerfen zu haben, ſchienen ſie dieſe einfache Vorſichtsmaßregel zu ergreifen. Die Geſträuche, welche die kleine, mit einem zarten und dichten Raſen bedeckte Lichtung umgaben, wurden gleichfalls durch Decken geſchützt, ſo daß ſie bei ihrem Hin⸗ uud Hergehen es vermeiden konnten, auch nur einen Zweig zu verletzen. Dann machte Rothhand mit ſeinem Meſſer einen Kreis, der etwa drei Fuß im umfange hatte, und ver⸗ mittelſt einer Schaufel, die er aus dem Kahne nahm, ſtach er geſchickt den Raſen mit der an den Wurzeln hängenden Erde ziemlich tief aus, und legte ihn ſorg⸗ fältig auf eine der vor ihnen ausgebreiteten Decken. Riſchblut kam nun auch mit einer Hacke bewaffnet heran, um ſeinem Vater zu helfen, und alle beide aru⸗ ben nun weiter, und jede Schaufel voll Erde wurde auf eine neben ihnen liegende Büffelhaut gelegt. Als ſie eine Tiefe von etwa drei Fuß erreicht hatten, fingen ſie nach und nach an, das Loch ganz kreisrund zu machen, und in Form eines unterirdiſchen Doms eine Aushöhlung zu bilden. Dieſe Arbeit koſtete ihnen einige Stunden, nach 2 d MW— n, n et u⸗ de ht nz en ch 59 deren Verfluß ſie eine Art Silo, ähnlich denen der Araber, fertig hatten. Während dieſer Zeit war die Ladung des Kahns der Sonne ſorgfältig ausgeſetzt geweſen, um ſie von aller Feuchtigkeit zu befreien. Bald brachten die zwei Banditen nach einander alle am Ufer liegenden Gegenſtände in das von ihnen gegrabene Loch. Dann wurde Alles mit einem dicken Leder, und darauf mtt dürren Zweigen und Kräutern bedeckt. Als dieſes geſchehen war, fingen, Todtengräbern ähnlich, welche Erde auf den Sarg hinabwerfen, Roth⸗ hand und deſſen Sohn an, den gebliebenen leeren Raum auszufüllen. Nach und nach erreichte die von ihnen ſtark zu⸗ ſammengetretene Erde den Rand der kreisrunden Mündung. Einer der beiden Räuber beſprengte dieſe Erde mit etwas Flußwaſſer, um den Geruch, den ſie für die wil⸗ den Thiere behalten konnte, zu zerſtreuen. Sodann legten ſie mit der größten Sorgfalt das runde Raſen⸗ ſtuͤck wieder an den Platz, den es einige Stunden vor⸗ her eingenommen hatte. „Wohlan, Miſchblut!“ ſprach der alte Renegat, indem er die kleinſten, während ihrer Operation zu Boden gedrückten Gräſer mit beiden Händen ſorgfältig wieder aufrichtete,„glaubſt Du, dieſer Geheimort ſei ſo beſchaffen, daß unſere Beute darin in Sicherheit iſt?“ „Ich hoffe es wenigſtens,“ antwortete der Meſtize, der die Decken, eine nach der andern, wieder wegnahm, ſobald ſie eine ſolche überſchritten hatten, um wieder ihren Kahn zu erreichen. Um die Operation zu heendigen, mußte man ſich jetzt nur noch der ausgegrabenen Erde entledigen, deren Ort, wie wir wiſſen, die Waaren einnahmen⸗ Zu dieſem Zwecke wurde die Erde in den Kahn gebracht, und in die Decke gehüllt, auf welche ſie ge⸗ worfen worden war. 60 Als die Ruderer die Mitte des Fluſſes erreicht hatten, verſchlang das Waſſer mit dieſen Erdüberreſten die letzten Spuren, die hitten verrathen können, daß ein Menſch auf der Inſel geweſen. Weder an den Ufern, noch in der Lichtung war Etwas zu bemerken, was Solches hätte vermuthen laſſen können. Solcher Art ſind die Magazine, welche die Trap⸗ pers, die Indianer, und die Kaufleute in der Wüſte unter der Erde errichten, um ihre Habe, ihre Beute, oder ihre Waaren in Sicherheit zu bringen. Bald fuhr der alſo gelichtete Kahn der beiden Räuber wieder ſchnell auf dem Fluſſe, in der Richtung der Nebelberge, hin. Dort ſollte, drei Tage darauf, Roſenholz auf ihre Erſcheinung aufmerkſam werden, und Baraja ſie in ihrem Kahne bemerken, und dann ſie am Abende dieſes dritten Tages wieder finden, wo, Dank dem Meſtizen, ſein Tod um einige Stunden ver⸗ ſchoben worden war. „Gut!“ ſagte der junge Comanche, als ſein Luchs⸗ auge die zwei Schiffer nicht mehr bemerkte,„ihre Seele liegt darin begraben; ſie werden bald zurückkommen.“ Dann ging der indianiſche Krieger noch einmal über den Fluß, und ſchlug wieder den Weg ein, auf dem er hergekommen war, bis er, nachdem er etwa eine halbe Stunde ſo fortgegangen, in einer Schlucht ankam, in der ein ſchnelles und kräftiges Pferd ange⸗ bunden war, welches bei der Annäherung ſeines Herrn wieherte.. Brennſtrahl ſtreichelte es mit der Hand, ſchwang ſich auf ſeinen Rücken, und galoppirte davon. Plötzlich hielten das Pferd und der Reiter; beide fingen an, zu winden, wie zwei gut dreſſirte Spürhunde. Es war Nichts; nur zwei vereinzelte Menſchen waren in der Ferne zu ſehen. Wir haben zu Anfang dieſes Kapitels von fünf — W MW — — M————* N Perſonen geſprochen, und es ſind nun die zwei letzten, die wir am Ende deſſelben wieder finden. Die zwei Männer hatten ihrerſeits den berittenen Jndianer bemerkt. „Wilſon!“ ſprach Einer von ihnen, welcher zeichnete. „Sir!“ antwortete der Amerikaner. „Dieſes Mal geht die Sache Sie an, wenn ich mich nicht täuſche.“ Und Sir Frederick, der es ſich ſein gutes Geld koſten ließ, um ſich um alle die kleinen Gefahren der Wüſte nicht kümmern zu dürfen, dachte nur noch an die Anſicht, die er gerade zeichnete. Die Bewegungen des Amerikaners und des Co⸗ manche, bis es zwiſchen ihnen zu einer Unterredung kam, gaben Zeugniß von dem Grade des in den Be⸗ ziehungen des wilden Lebens herrſchenden Vertrauens. Wilſon gab mit der Hand ein Zeichen, daß er eine freundſchaftliche Unterredung wünſche, und warf ſich in ein Erdloch, das ſein Kopf allein überragte. Der Indianer ſtieg, von dieſem Verfahren gerührt, ab, verbarg ſich faſt ganz hinter ſeinem Pferde, und rückte, daſſelbe vorwärts treibend, ohne daß man von ſeiner Perſon mehr ſehen konnte, als die Spitze ſeines Kopfes und ſeinen Carabiner, der auf dem Sattel, gleich einer Wallbüchſe, aufgepflanzt war, auf den Amerikaner zu. Als endlich der Indianer und der Weiße einige Worte mit einander gewechſelt, und ſich überzeugt hatten, daß Keiner dem Anderen Etwas anhaben wolle, hängten ſie ihre Büchſe wieder um. Der Erſte ſtieg wieder aus ſeinem Loche heraus, der Zweite ſchwang ſich wieder auf ſein Pferd, und Beide ſchüttelten einander die Hand. „Welchem Stamme gehört mein junger Freund an?“ fragte Wilſon. „Der Nation der Comanches, und er iſt im Be⸗ griffe, wieder zu ſeinen Brüdern zu ſtoßen, um ſie auf 2. Lesep jedem Tag den angenon 3. Cautio; eines Buchel hinterlegen, wird. 4 4 6. Sch defecte B Ladenpreis beſonders d der Bücher ſelben von die Spur eines Feindes zu führen. Was macht mein weißer Bruder in der Wüſte?“ Und als der Indianer mit ungläubiger Miene lächelte, ſprach Sir Frederick: „Wir reiten ſpazieren, mein Lieber!“ „Die Jagdgründe Red⸗Hand's, Miſchblut's, und der Apachen ſind voller Gefahren,“ ſprach der In⸗ dianer ernſt. „Das geht mich Nichts an; das mußt Du Wilſon agen.“ „Dieſe oder andere,— es iſt gleichgültig!“ ant⸗ wortete der Mankee phlegmatiſch. „Meine weißen Brüder find nun benachrichtigt.“ Als der Indianer dieſe Worte geſprochen, brach er die Unterredung ab, und galoppirte davon. Wanderer folgte mit dem Auge dem jungen Krie⸗ ger, der auf einem Pferde, welches nicht minder wild und ungeſtüm war, als er, über die Wüſte hinſprengte. Pferd und Reiter waren von Wonne erfüllt, als ſie fühlten, wie der freie Wind,— der Wind in all ſeiner, nur der ihrigen zu vergleichenden Freiheit, an ihren Ohren vorbeipfiff:— ein impoſantes und poetiſches Schauſpiel, das nur mit dem des mit vollen Segeln dahinfahrenden, den endloſen Ocean durchſchneidenden Schiffes verglichen werden kann. Jetzt, da wir die Lücken der Vergangenheit aus⸗ gefüllt, iſt es Zeit, daß wir zu Pepe und dem Kanadier in das Goldthal zurückkehren⸗ S„ *— — M —*— ———— M Fünfundſechzigſtes Rapitel. Zwei Höllenqualen ausſtehende Seelen. Am Himmel war keine Spur von dem Gewitter mehr zu ſehen, das die ganze Nacht, in der Fabian verſchwand, gewüthet hatte: jedoch trug die Erde noch die Spuren davon. Der Regen hatte den Boden ge⸗ peitſcht, zuſammengedrückt und gleich gemacht; jede menſchliche Spur war verſchwunden, und Stimmen, die den Tag zuvor ſtumm geweſen waren, ſangen in den Bergen. Es waren dieß ſchlammige Cascaden, ſchmutzige Ströme, die den Boden, die trockenen Kräuter und die Bäumchen, welche von den Felſen losgeriſſen worden waren, in die Ebene hinab wälzten. Ueber dieſen Scenen der Verwüſtung(denn dieſe gelben Fluthen beſpülten Leichname von Indianern, die auf dem Boden lagen) ſchien die Sonne an einem Him⸗ mel, der ſo rein war, wie gewöhnlich. Ein Mann, auf deſſen energiſchem Geſichte der Schmerz in einer Nacht Furchen, ſo tief wie die durch das Gewitter am Fuße der Nebelberge hervorgebrachten Riſſe, gegraben zu haben ſchien, ſaß, mit geſenktem Haupte, in der Nähe der Pyramide, auf der ſich das Grabmal befand, allein auf einem Felsblocke. Seine grauen Haare hingen über die Wangen herab, deren ſchwärzliche Farbe bläſſer geworden war: er ſchien die Feuerſtrahlen nicht zu bemetken⸗ die auf ſeine nackte Stirn fielen. Es war der arme cauadiſche Jäger. Die gewohnte Seelenſtärke, die durch die in Be⸗ treff Fabian's ſchon vorher ausgeſtandene Angſt er⸗ ſchüttert war, ſchien unter dem letzten Stoße ganz und 5. Aus der Bücher 6. Schade defecte Büch Ladenpreis lorene ode der Bücher ſelben von 64 gar verſchwunden zu ſein. Er war unbeweglich, und ſein Auge gleichſam ohne Blick; die Verzweiflung hatte bei ihm ihren höchſten Grad erreicht, das heißt, den Punkt, wo ſie ſtumm wird. Bei ſtarken Herzen iſt dieß aber auch der Augenblick, der dem Wiedererwachen der Energie voran geht. In dieſer furchtbaren Kriſe verharrte er gar lange, denn die Bäche, die durch den nächtlichen Regen ge⸗ bildet worden, hatten zuerſt aufgehört, zu brauſen,— hat⸗ ten darauf ſanft gemurmelt, und waren endlich ganz ver⸗ ſtummt, ohne daß Roſenholz unterdeſſen eine andere Haltung angenommen hätte. Indeſſen richtete wieder der alte Waldläufer lang⸗ ſam den Kopf in die Höhe, gleich einem in gänzliche Lethargie verſunkenen Manne, wenn der einzige Lebens⸗ funken, der ſich in das Herz, wie in die letzte Citadelle einer mit Sturm eroberten Stadt geflüchtet hat, ſich allmählig fortpflanzt, und wieder anfängt, das Blut und das Leben ſelbſt in den Extremitäten des Körpers cireuliren zu machen. Er ſtreckte maſchinenmäßig den Arm aus, und es öffnete ſich ſeine Hand, gleich als wollte er die gewohnte Waffe ſuchen und erfaſſen; allein ſeine Finger trafen nur auf den leeren Raum. Es war der erſte Stoß, der ihn in das äußere Leben zurückrief,— er erinnerte ſich wieder des Ver⸗ gangenen. Dann hob er ſeine zwei entwaffneten Arme zum Himmel empor. In dieſem Augenblicke bog ein Mann um die Felſenkette, von der ſchon ſo oft die Rede geweſen, und zeigte ſich. Roſenholz ſah ihn, fuhr zuſammen, und ſein Geſicht wurde durch einen matten Freudenſtrahl aufgeklärt. Es war Pepe. Iſt das Geſicht eines Freundes nicht immer wie ein Refler der wachenden Vorſehung? Eine finſtere Wolke bedeckte auch die Stirn des ſorgloſen ſpaniſchen Jägers. Ein raſcher, auf ſeinen „ „ ——„——— nd tte en er e e⸗ t⸗ r⸗ re g⸗ he le ch ut rs n 16 in re * 1e ie d d hl — 65 alten Kameraden geworfener Blick beruhigte ihn wieder, denn Roſenholz kam auf ihn zu. Die Stirne Pepe's heiterte ſich auf; er fühlte, daß die Eiche noch zu tief in der Erde wurzelte, um zu fallen, und es freute ihn, dieſelbe wieder befeſtigt zu finden. In den alten Zeiten hatte ein ſtarker und tapferer Ritter, der durch den Einſturz einer Zinne, oder durch den Schlag einer Streitart in ſeiner Rüſtung faſt zer⸗ drückt worden, Augenblicke des Schwindels und der Ohnmacht, wie die waren, die der Kanadier durchge⸗ macht,— und Roſenholz war, wie der Ritter, nun wieder erwacht. „Nichts?“ fragte er kurz. „Nichts!“ antwortete mit feſter Stimme der Mi⸗ quelete, der, die Faſſung des Jägers gewahrend, ganz entſchloſſen jeden alltäglichen Troſt bei Seite ließ; „allein wir werden noch Etwas finden.“ „Das denke ich auch. Suchen wir alſo zu finden.“ Der Name Fablans wurde von keinem von Beiden ausgeſprochen; ihr Herz war zu voll von ihm, jeder dachte an ihn, ohne es ſich ſelbſt zu ſagen. Indeſſen wollte Fabian die Rückkehr ſeines Kame⸗ raden zur Energie auf die Probe ſtellen. Nur wenn fie Beide ihre Chancen kalt berechneten,— nur wenn ſie zwei Intelligenzen vereinigten, die der Schmerz nicht trübte, erwartete ſie ein glücklicher Erfolg, und Pepe legte unbarmherzig den Finger auf die friſche, brennende Wunde, um ſich von der Stärke des Patienten zu ver⸗ gewiſſern. „Er iſt entweder todt oder lebendig,“ ſagte er, den Kanadier feſt anſchauend;„und ſowohl in dem einen, als in dem andern Falle müſſen wir ihn wieder finden.“ Der Patient verhielt ſich ganz ruhig. „Es iſt dieß auch meine Anſicht„„ antwortete er kalt, ſo vollſtändig war die Reaction.„Finde ich ihn todt, ſo bringe ich mich um; finde ich ihn noch lebend, Der Waldläufer. IV. 5 66 ſo will auch ich leben. In dem einen, wie in dem an⸗ dern Falle werde ich nicht lange zu leiden haben.“ „Gut!“ ſagte Pepe, nicht ohne geheimen Vorbe⸗ halt, und auf die wohlthätige Zeit rechnend, die alle Schmerzen heilt, was auch die Dichter,— natürlich die der Lake⸗Schule angehörenden, die allein von unheil⸗ baren Schmerzen fingen,— ſagen mögen.„Wir müſſen nun,“ jetzte er hinzu,„von Neuem die Richtung ver⸗ folgen, in der der ſpitzbübiſche Miſchblut geflohen iſt, der mein oder Dein Meſſer bälder in ſeiner Bruſt fühlen wird, als er glaubt; denn dieſe Freude will ich mir ein⸗ mal gönnen,— ich ſetze mehr denn je den Kopf dar⸗ auf.“* „Suchen wir vorerſt, hier irgend eine Spur zu fin⸗ den, die uns erklären kann, wie Fabian den Indianern in die Hände gefallen iſt,“ antwortete Roſenholz.„Sieh, Pepe, Du erkennſt, wie ich, dieſen flachen Stein für einen derjenigen, die uns da oben als Verſchanzung dienten. Es iſt alſo derſelbe bei einem Kampfe, wo die Streiten⸗ den ſich umſchlungen hielten, hinabgeſchleudert worden; und die beiden Kämpfenden, ſei es, daß ſie ſtanden oder lagen, haben mit dem Steine hinabrollen müſſen.“ „Das iſt faſt gewiß, und ich will auf der Platt⸗ form nachſehen, ob es möglich iſt, in Betreff der Stel⸗ lung, in der der Kampf Statt gefunden, ſich eine Gewiß⸗ heit zu verſchaffen. Du wirſt leicht einſehen, daß dieß ein wichtiger Punkt iſt. Iſt Don Fabian, den Kopf voran,— was unvermeidlich iſt, wenn man ſteht und ausgleitet— hinabgefallen, ſo hat er ſich den Schädel zerſchmettert; iſt er aber liegend und ſeinen Feind um⸗ ſchlungen haltend hinabgerollt, ſo kann er mit einigen Quetſchungen weggekommen ſein.“ Pepe wollte die Pyramide erklettern, als Roſenholz ihn zurückhielt. „Sachte,“ ſagte er zu ihm,„ſteigen wir Beide hin⸗ auf, ohne uns, wenn es möglich, an den Geſträuchen zu halten; ich habe in dieſer Hinſicht ſo meine Gedan⸗ — ————. 67 ken, und wir müſſen die Zweige und Stämme ſorgfältig unterſuchen.“ Die beiden Jäger fingen daher an, hinaufzuſteigen, und beobachteten die geringſten Indicien mit vieler Auf⸗ merkſamkeit. Sie brauchten aber nicht über einige Fuße zu ſteigen. Wie Roſenholz gehofft, zeigte ihm die Be⸗ ſichtigung der Büſche, was ſie zu wiſſen wünſchten. „Siehſt Du,“ ſprach der Canavier, auf zwei Ge⸗ büſche deutend, die an dem Abhange der Pyramide in gleicher Höhe, und etwa drei Fuß von einander entfernt, wuchſen,„dieſe kleinen, zerbrochenen Zweige an den zwei Gebüſchen beweiſen, daß ein wenigſtens ſo langer Körper in ſeinem Falle ſie abgeknickt hat. Offenbar ſind die zwei Kämpfenden quer hinabgerollt. Sieh, hier iſt ein Loch, das vor vierundzwanzig Stunden einen Kieſelſtein enthalten hat; ohne Zweifel ragte derſelbe mit der Spitze hervor, und es werden die beiden Kör⸗ per, indem ſie auf ſeinem äußerſten Ende laſteten, ihn aus dem Boden geriſſen haben. Ich wette, wir finden dieſen Kieſelſtein wieder.“ „Das iſt unnütz,“ antwortete Pepe.„Für mich wie für Dich iſt ſo viel gewiß, daß Fabian nicht mit dem Kopfe voran hinabgefallen iſt; folglich lebt er noch.“ „Ja, aber als Gefangener, und in den Händen welcher Feinde!“ „Die Hauptſache iſt, daß er noch lebt; ſind wir nicht da?“ „Oh!“ rief Roſenholz, ein Beben des Entſetzens unterdrückend,„an welchem Orte wird der Marterpfahl ſich für ihn erheben?“ „Du wareſt einmal daran, Roſenholz, und„ „Du haſt mich befreit; ich verſtehe, was Du ſagen willſt,— wir werden ihn auch befreien.“ „Die Hauptſache iſt, daß er noch lebt, ſage ich ir Roſenholz nahm dieſen Troſt an, denn es gab Nichts, A hinterlege wird. 6. Schad defecte Bü ſelben von 2 68 wozu er ſich nicht fähig fühlte, ſobald es galt, Fabian zu befreien. „Da wir in Betreff dieſes Punktes im Reinen wä⸗ ren, wollen wir nun ſehen ℳ Der Kanadier unterbrach Pepe, indem er deſſen ſo ſtark drückte, daß er ihm denſelben beinahe zer⸗ rach. „Dieſer Punkt iſt noch zweifelhaft,“ rief er, wie wenn ihm plötzlich ein Licht aufgegangen wäre.„Wo ſind die Leichname der von uns getödteten Indianer? Ohne Zweifel in dieſem Abgrunde; wer ſagt Dir nun, daß der Fabians nicht auch dabei iſt?“ „Und ſeit wie langer Zeit hätten dieſe Hunde von Indianern, und insbeſondere dieſer verdammte Meſlize die Gewohnheit, ſich um die Leichname ihrer Feinde ſo viel zu bekümmern? Ohne Zweifel haben dieſe Spitz⸗ buben ihre Todten den Profanationen der Lebenden ent⸗ zogen— es iſt das ſo ihre Gewohnheit. Nein, nein, wäre Don Fabian todt, ſo würden wir ihn, ſeines Haupt⸗ haares beraubt, hier wieder gefunden haben. „Verlaß Dich darauf, der Meſlize hat die Bela⸗ gerung nicht umſonſt ſo plötzlich aufgehoben. Er weiß, daß Don Fabian den Ort kennt, an dem der von mir ſo glücklich verborgene Schatz liegt, und das Leben des Jünglings wird dem Banditen heilig ſein, ſo lange die⸗ ſer das Goldthal kennt.“ Das Raiſonnement Pepe's hatte viel für ſich, und der Kanadier fühlte ſich glucklich, es als unfehlbar an⸗ nehmen zu können. Indeſſen ſtrafte ein beunruhigendes Zeichen den Schluß Pepe's plötzlich Lügen. Roſenholz hatte ſich dem Abgrunde genähert, in welchem das Waſſer der Cascade ſich begrub. Er ſuchte am Rande vergebens menſchliche Fußſpuren, die der Re⸗ gen verwiſcht hatte, als mit einem Male ein Gegenſtand ſeine Blicke auf ſich zog. ————— —— — ,——— M— M N* NM S——,— — vWw*— 69 Er bückte ſich eiligſt und zeigte das Ding mit dü⸗ ſterer Miene dem Spanier. Es war das Meſſer Fabians. Das Waſſer des Himmels hatte es nicht ſo rein gewaſchen, daß an den kupfernen Nägeln, die das hör⸗ nene Heft deſſelben zierten, nicht einige Spuren ge⸗ ronnenen Blutes übrig geblieben wären. „Wie kam das Meſſer Fabians ſo nahe an den Abgrund hin?“ Pepe beantwortete dieſe Frage ſeines Kameraden nicht. Sein erfinderiſcher Geiſt ſuchte einen Augenblick vergebens eine natürliche Erklärung, und es blieben die beiden Jäger in einer entſetzlichen Ungewißheit. Indeſſen gab ſich der Exmiquelete nicht überwun⸗ den, ſondern ging auf den Ort zu, wo ſie Beide an den Verletzungen der Geſtrauche die Richtung erkannt hat⸗ ten, und der die Kämpfenden von der Pyramide hinab⸗ gerollt, und beſchrieb, die Hand ausſtreckend, im Mittel⸗ punkte des Raumes, der die beiden Gebüſche trennte, eine imaginäre Linie. Dieſe Linie ging, in geringer Entfernung von der Oeffnung des Abgrundes, nach dem Fuße des abge⸗ ſtumpften Hügels hin. „Es iſt Don Fabian bei ſeinem Sturze ohne Zwei⸗ fel das Meſſer entſchlüpft, und es wird daſſelbe bis an den Ort hin gerollt ſein, an dem Du es gefunden⸗ Nimm nun, was wahrſcheinlich iſt an, es ſeien bei dem Kampfe, der ſich am Fuße der Pyramide fortgeſetzt ha⸗ ben wird, zwei oder drei dieſer Spitzbuben ihrem Ka⸗ meraden zu Hülfe gekommen,— dann wird Don Fa⸗ bian in einem Nu umringt, und bevor er noch ſeine Waffe wieder aufheben konnte, zum Gefangenen gemacht worden ſein.“ Roſenholz mußte ſich mit dieſer Erklärung abermals begnügen, denn er hatte wieder eifrigſt zu hoffen an⸗ gefangen, nachdem er über die Niedergeſchlagenheit, die ihn beherrſcht, triumphirt hatte. Große Schmerzen neh⸗ „„ 5. Auswt der Bücher 6. Schad defecte Bück Ladenpreis lorene oder der Leſer zu 7. Ausle beſonders d der Bücher ſelben von 70 men oft Grünbe, die nicht ſo gut ſind, wie der Pepe's, mit einer Ueberzeugung an, die der Kanadier nicht um⸗ hin konnte, zu theilen. Es verließen dann die beiden Jäger das Feld ihrer Unterſuchungen, um die Spitze der Felſenkette zu er⸗ reichen. „Siehſt Du, Roſenholz, ich komme auf meine Mei⸗ nung zurück,“ fuhr Pepe fort, während Beide die My⸗ ſterien eines Ereigniſſes zu durchdringen ſuchten, für das der durch die Regenſtröme abgewaſchene Boden ſie keine beſſere Erklärung finden ließ;„Don Fabian wird in den Händen des abſcheulichen Miſchblut ein Gefangener ſein, den man bald durch Furcht, bald durch Verſprechungen zu gewinnen ſuchen wird, und da der muthige Jüng⸗ ling der Furcht ſpotten und die Verſprechungen verach⸗ ten wird, ſo werden wir immerhin ſo viel Zeit haben, um ihn noch am Leben zu treffen.“ „Ah!“ rief Roſenholz bitter,„ein alter, ausgelern⸗ ter Fuchs wie ich— ſich ſo entwaffnen laſſen!“ „Es gibt noch Waffen, die man uns nicht entreißen wird,— ein gutes Meſſer, ein unerſchrockenes Herz, ich kann es wohl ſagen, und das Vertrauen auf Gott, der Dich nicht in ſo wunderbarer Weiſe Fabian hat wiederfinden laſſen, um ihn Dir auf immer zu nehmen. Hierauf wirſt Du mir erwiedern, daß der Hunger uns bedroht, und das iſt wahr.. „Was thut es? Wir machen es wie jene armen Teufel von wurzelfreſſenden Indianern, die uns im ver⸗ gangenen Jahre in den Felſenbergen beherbergt haben, und nur von wilden Früchten oder von Wurzeln leben.“ „Es macht mir Freude, Roſenholz, Dich wieder ſo zu finden, wie an jenem Tage, wo ich Dich in einer, meiner Treu! ſehr heikeln Lage, während Du an dem bekannten famoſen Pfahle feſtgebunden wareſt, ganz ruhig rauchen ſah. Bei dem Knalle einer gewiſſen Büchſe, den Du ſo gut kannteſt, wandteſt Du den Kopf, ohne zu erſtaunen, in dem Augenblicke um, da der Indianer, ———. 71 der ſchon die Haut Deiner Stirne abzulöſen anfing, wie ein vom Blitze getroffener Hund zu Boden ftürzte.. „Ohne zu erſtaunen, das iſt wahr, Pepe; ich erwar⸗ tete Dich,“ antwortete der Kanadier einfach. „Ich ſage das nicht, um Dich an jenen kleinen Dienſt zu erinnern, ſondern weil Dir dieß beweiſen muß, daß man in dieſer ſublunariſchen Welt nie verzweifeln darf.“ Die beiden Jäger waren nun an demſelben Orte angekommen, den die Indianer den Tag zuvor beſetzt gehalten. Roſenholz ſtellte ſich auf dem Abhange auf, der die Böſchung bekränzte, und konnte ſich nicht enthalten, einen melancholiſchen Blick auf die Plattform der gegen⸗ überliegenden Pyramide zu werfen, auf der ſie ſich, ſtark in ihrer Vereinigung und in ihrem Muthe, verſchanzt hatten. Und nun war ihre Verbindung zerriſſen, ihre Kraft gebrochen, und es blieb ihnen allein der Muth übrig. „Ah!“ rief der Canadier,„mein Herz ſchlägt ſeit geſtern Abend nun zum erſten Male wieder vor Freude!“ *„Was gibt es?“ ſagte Pepe, ſich ſeinem Kamera⸗ den nähernd. „Sieh her!“ Roſenholz zeigte dem Spanier einen Fetzen von! dem zitzenen Wammſe Fabians, den die Gewalt des Windes ohne Zweifel in eines der Gebüſche geführt atte. „Er iſt bis hieher gekommen,“ fing der Kanadier mit trauriger Freude wieder an,„und dieſer Fetzen wird ihm, während er ſich vertheidigte, vom Leibe geriſſen worden ſein.“ „Das Wamms des armen Jungen iſt nicht mehr im beſten Zuſtand, ſo reich er auch hätte ſein können,“ antwortete Pepe lächelnd;z„allein das beweist auch, daß * ich mich nicht täuſche, wenn ich ſage, daß er lebt. Und weil wir nun gerade an dieſem Kapitel ſind, ſo muß deutſch pfangnahm 7 Uhr bis 6. Scha defecte Bü Ladenpreis lorene oder der Leſer 7. Ausle beſonders d der Bücher ſelben von1 72 ich Dich fragen, ob Du noch glaubſt, daß die Indianer ſich um die Leichname der Weißen ſo ſehr kümmern?“ „Du haſt Recht,“ antwortete Roſenholz,„es war mir nicht eingefallen, den Beweis dafür hier zu ſuchen.“ Ein trauriges Schauſpiel ſprach beredt zu Gunſten der letzten Behauptung Pepe's: es war der Körper Baraja's, der an dem Orte lag, wohin er, von der Ku⸗ gel des Kanadiers getroffen, gefallen war. Der Unglück⸗ liche ſchien noch mit unverwandtem Blicke auf ſeinem Schatze zu ruhen. „Hätte dieſer Hund von einem Meſtizen ſich ſo um die Todten bekümmert, wie Du glaubteſt,“ ſprach der Spanier,„ſo würde der Beſitz dieſes Goldes ihn für ſeine Mühe ſplendid belohnt haben. Ah! Don Fabian verdankt ſein Leben dem mir von Gott eingegebenen Ge⸗ danken, das Thälchen mit Zweigen zu bedecken; denn ſo iſt das Gold allen Blicken verborgen geblieben.“ Pepe ſagte die Wahrheit; denn wie oft im Leben hat man es nicht zu bereuen, oder hat man ſich nicht dazu Glück zu wünſchen, daß man jene plötzlichen In⸗ ſpirationen vernachläßigt, oder daß man jenen Inſpira⸗ tionen gefolgt, deren einer Pepe, wie wir geſagt, ge⸗ horcht hatte? „Wollen wir jetzt, da wir keine andern Waffen mehr haben, ein Wenig von dieſem Golde nehmen, Ro⸗ ſenholz?“ „Wozu nützt das Gold in der Wüſte? Werden ſich beim Anblicke deſſelben die wilden Thiere von uns ent⸗ fernen? Werden die auf den Prairien umherſpringen⸗ den Büffel und Rehe es uns abnehmen? Laſſen wir dieſes Goldthal, ſo wie es iſt,— mit dieſem Leichname, als einem Beweiſe von der Beſtrafung des Böſen. Die⸗ ſer Zitzfetzen iſt für mich koſtbarer, als alle dieſe un⸗ nützen Reichthümer.“ Die beiden Jäger hatten an dieſem Orte alle die Geheimniſſe entdeckt, die ſie da zu erfahren hoffen konnten, und es gingen dieſelben nun von dem Ab⸗ * hange der Felſen nach den Nebelbergen zu, deren N velbaldachin die Erklärung noch gar vieler Myſterien unter ſeinen Falten verbergen konnte. „Halten wir hier einen Augenblick!“ ſagte Pepe, als ſie nicht ohne Mühe die ſteilen Pfade hinaufgeklet⸗ tert waren, die Rothhand und Miſchblut verfolgt haben konnten; denn der Hunger hatte ſich bei den beiden Jä⸗ gern ſchon lange eingeſtellt. Sie theilten die wenigen noch übrigen Lebensmittel mit einander. Es war dieß ihr erſtes und einziges Mahl ſeit dem, welches ſie am vergangenen Tag in Ge⸗ ſellſchaft Fabians eingenommen hatten. Von welch' heftigem Schmerz man immer betroffen ſein mag, ſo erlaubt doch Gott nicht, daß die Rechte der Natur über eine gewiſſe Zeit hinaus verkannt werden, weil das Leben des Menſchen nur eine lange Reihe von vorübergehenden Schmerzen, und von Freuden, eben ſo flüchtig wie die Schmerzen, ſein ſoll,— eine Reihe, deren Dauer im Voraus beſtimmt iſt. Auch kann ſich Niemand dieſen Schmerzen entzie⸗ hen. Deßhalb iſt der Menſch, weil er ſich gegen ſeine eigene Schwäche empört, gezwungen, ſeine Verzweiflung zu nähren. Als dieſes Mahl beendigt war, nahmen der Kana⸗ dier und der Spanier, ohne vorauszuſehen, wie ſie, der Hülfe ihrer Büchſen entbehrend, am darauf folgenden Tage würden eſſen können, ihre geduldigen Nachfor⸗ ſchungen wieder auf. Da war es aber noch ſchwerer, die durch das Ge⸗ witter verwiſchten Spuren wieder zu finden. Den dicken Dünſten, welche die magnetiſchen Gipfel der Nebelberge, jenes ewige Waſſerſchloß, wo Bäche und Flüſſe deſtil⸗ lirt und gebildet werden, anzogen, ſchienen unaufhörlich neue Dünſte aus dem Schooße der durchfeuchteten Erde nachzufolgen; und es ſtiegen dieſelben in dicken Spiralen aus den tiefen Schluchten der Sierra empor. Eine genaue Unterſuchung auf dem Theile des Bo⸗ ens, den Jeder zu erforſchen übernommen hatte, zeigte ihnen Nichts, was ſie hätte leiten können. In einen dichten Nebelkreis eingeſchloſſen, ſahen die Jäger ein⸗ ander nicht mehr; da glaubte Pepe dem Kanadier rufen zu müſſen, um ihn zu Rathe zu ziehen. Er wartete vergebens auf eine Antwort, und als er ein zweites Mal gerufen, hörte er eine menſchliche Stimme, die ihm aütwortete. Allein es war eine andere Stimme, als die des Ka⸗ nadiers. Erſtaunt, in dieſen Bergen nicht allein mit Roſen⸗ holz zu ſein, rief Pepe mit demſelben Tone, als ob er zu ſeiner Büchſe gegriffen hätte: „Wer iſt da, bei allen Teufeln der Hölle?“ „Mit wem ſprichſt Du denn ſo?“ ſagte die Stimme des Kanadiers inmitten des Nebels. Roſenholz, Senor Don Pepe, wo ſeid hr 2“ „Hieher!“ antwortete Pepe, Gayferos' Stimme er⸗ kennend. „Gott ſei gedankt, endlich finde ich Euch wieder, um in dieſen verfluchten Bergen nicht Hungers zu ſter⸗ ben,“ ſagte der ſealpirte Gambuſino, aus dem Dunſt⸗ ſchleier hervortretend, der ihn bis daher verborgen hatte. „Gut!“ ſagte Pepe bei ſich,„es iſt nun ein wei⸗ terer Koſtgänger mit Wurzeln zu nähren. Wohlan! wackerer Junge, Sie haben dieſes Mal entſchieden Un⸗ gluck,“ ſetzte er laut hinzu;„Jäger ohne Flinten find gar armſelige Hülfsgenoſſen.“ „Und Don Fabian?“ rief Gayferos lebhaft, der nicht vergeſſen hatte, daß er den Bitten des Jünglings ſo zu ſagen das Leben verdankte;„iſt denn das Unglück, das ich ahnte, wirklich geſchehen?“ „Er iſt von den Indianern gefangen, und Sie ſehen uns ſelbſt ohne Lebensmittel, ohne Munition— ſehen uns, wie Kinder den reißenden Thieren, den Indianern, und was noch ſchlimmer iſt, dem Hungertode ausgeſetzt; —— 8— 75 aber, mein Junge, laſſen Sie mich, ehe ich Jmen all⸗ das Unglück erzähle, das uns getroffen hat, Ronnhol Etwas fragen.“ Der Spanier zeigte dem alten Jäger am Fu eines dicken Büſchels hohen Wermuths Fußſpuren, die der Regen unter dem Laubwerk, das ſie ſchützte, nicht ganz hatte verwiſchen können. „Waren Weiße unter ihnen?“ ſagte er.„Hier find indianiſche Moccafins, und hier ſind Schuhſohlen eines Weißen, wenn ich mich nicht täuſche.“ Der Waldläufer brauchte die Fußſpuren, die Pepe ihm zeigte, nicht lange zu unterſuchen. „Dieſe letzteren Spuren hat der Fuß Fabian's nicht zurückgelaſſen,“ antwortete Roſenholz.„Erinnerſt Du Dich nicht der Fußſpuren, die wir erſt vor einigen Ta⸗ gen noch verfolgten, als das arme Kind hitziger als wir uns voranging, um das letzte Reh, das wir getödtet haben, zu verfolgen? Ich hoffe auf Gott; allein Nichts beweist noch, daß Fabian noch am Leben i. „Zweifeln Sie noch daran?“ fragte Gayferos mit vieler Theiln ahme. Zum erſten Male, ſeitdem er zu ihnen geſtoßen, warf Roſenholz einen Blick des Willkomms auf den Gambuſino. Er war über die Veränderung betroffen, die eine achtundvierzigſtündige, faſt vollſtändige Enthalt⸗ ſamkeit, ſowie eben ſo lange Leiden in ſeinem Aeußern hervorgebracht hatten. „Ob wir noch daran zweifeln,“ rief Pepe,„ja ge⸗ wiß! Wir hatten ihn nur einen Augenblick verlaſſen, und haben ihn nicht wieder gefunden. Aber was ſagten Sie denn ſo eben von einem Unglücke, das Sie befürch⸗ tet hätten?“ „Geſtern Abend,“ antwortete Gayferos,„beſchloß ich, mir ſelbſt zu helfen, da ich Euch Eurem Verſpre⸗ chen zuwider, nicht mehr zurückkommen ſah,— da die wenigen Lebensmittel, die ihr mir gelaſſen, verzehrt waren,— und da ich endlich befürchtete, ſo hülflos dem „ 76 Tode—sgeſetzt zu ſein. Ich verfolgte einen Augenblick Eur⸗ Fußſpuren, die ich in der Nähe dieſer Berge ver⸗ n habe. Ich irrte bei einbrechender Nacht auf gut ück umher, als ich, an einem Orte angekommen, von wo ich ein großes laufendes Waſſer ſah, unter mir einen Strohhut bemerkte, der auf dem Waſſer ſchwamm, und den ich als ein Eigenthum Fabian's erkannt.“ „Wo denn?“ rief Roſenholz, einen Freudenſchrei ausſtoßend.„Pepe, mein alter Freund, wir ſind den Räubern auf der Spur. Der Kahn, den ich ſignali⸗ ſirt gehört ohne Zweifel dieſen Menſchen. Führen Sie uns doch an jenen Punkt des Fluſſes!“ Man wird bereits bemerkt haben, daß Roſenholz in der Feierlichkeit ſeines Kummers weder den In⸗ dianer, noch ihren Alliirten die Beiwörter Spitzbuben und Dämone, womit er ſie gewöhnlich bezeichnete, mehr gab. Das Unglück ſcheint gleich dem Feuer, das Alles reinigt, was es nicht verzehret hat, Alles, was es be⸗ rührt, größer zu machen. Die Freude kehrte in das Herz des alten Jägers ein, und während ſie hinter Gayferos hergingen, erkun⸗ digte ſich Roſenholz angelegentlichſt nach dem, was ihm während der Abweſenheit paſſirt wäre. „Es iſt mir Nichts paſſirt,“ antwortete der ſcalpirte Gambuſino,„nur hatte Gott ohne Zweifel gewollt, daß es in meiner Nähe an jenem wunderbaren Kraute nicht fehlen ſolle, das man in meiner Heimath Apachenkraut nennt, und deſſen Saft die Wunde faſt auf der Stelle cicatriſirt. Ich machte aus dieſen Kräutern, nachdem ich ſie zwiſchen zwei Steinen zerdrückt, eine Compreſſe, und ſo erleichtert fühlte ich mich dadurch nach Verfluß von einigen Stunden, daß ich Hunger hatte und die Lebensmittel aß, die Ihr mir zurückgelaſſen hattet.“ „Und während Sie hierherkamen, um wieder zu uns zu ſtoßen, haben Sie den Hut Don Fabian's ge⸗ ſehen?“ rief Pepe. „Ja, und dieſe Entdeckung ließ mich ein Unglück 77 befürchten, das, wie ich zu meinem Leidweſen ſehe, wirk⸗ lich geſchehen iſt.“ Der Spanier theilte dem neuen Genoſſen, den der Zufall ihnen zuſandte, raſch die Belagerung, die ſie ausgeſtanden, ſowie das traurige Ende derſelben mit. „Und wer ſind denn dieſe Männer, die tapferer, muthiger, geſchickter geweſen ſind, als Ihr?“ fragte Gayferos mit einem Erſtaunen, das deutlich genug zeigte, wie hoch er die Stärke und die Unerſchrockenheit ſeiner Befreier anſchlug. „Spitzbuben, die weder Gott, noch den Teufel fürch⸗ ten, von denen wir aber eine furchtbare Genugthuung verlangen müſſen,“ antwortete Pepe, indem er die zwei furchtbaren Gegner nannte, mit denen ihr böſer Stern ſie zum zweiten Male, zuſammengeführt.„Wir werden ſie ein drittes Mal ſehen!“ ſetzte der ſpaniſche Jäger hinzu.— In dieſem Augenblicke kamen die drei Fußgänger nach vielen Umwegen, woran das mangelhafte Gedächt⸗ niß des Gambuſino Schuld war, ganz in der Nähe des Ortes an, wo er ihnen begegnet war,— an demſelben Orte, wo Baraja den Kahn mit den zwei Wüſten⸗ räubern in dem unterirdiſchen Kanale hatte verſchwin⸗ den ſehen. Nur mit unendlicher Mühe gelang es den drei Männern, die ſteilen Felſen hinäbzuſteigen, welche dieſen in den Bergen ſich verlierenden Flußarm beherrſchten, an deſſen Ufern die beiden Jäger Indicien zu finden hofften, womit ſie diejenigen vervollſtändigen könnten, die ſie bereits entdeckt. HSechsundſechzigſtes Rapitel. Der Hunger. Als die beiden Jäger mit dem Gambuſino an dem Ufer des Fluſſes angekommen waren, bemerkten ſie bald, daß in ziemlich kurzer Entfernung von dem Orte, an dem fſie ſich befanden, ein leichter zu gehender Weg war, der ſich vom Gipfel des Felſen bis zum Waſſer herab⸗ ſchlängelte. „Ohne Zweifel iſt dieß der Weg, den die Spitz⸗ buben mit ihren Gefangenen eingeſchlagen haben,“ ſprach Pepe,„und unten an dieſem Pfade müſſen wir ihre Spuren ſuchen. „Ich bin nur über Eines erſtaunt,“ antwortete eines Bu Roſenholz, als er die Localitäten aufmerfſam unterſuchte, „daruͤber nämlich, daß Fabian bei ſeiner ungeſtümen Natur ſo ganze ruhig und willig dieſen Felſenweg herabgegangen iſt. Dieſe Sträuche, dieſe Wermuth⸗ büſchel verrathen durchaus keinen Widerſtand von ſeiner Seite.“ „Wäre es Dir lieb die ihn umgaben, von d geweſen, wenn er ſich mit denen, dien Felſen herabgeſtürzt hätte?“ „Gewiß nicht, Pet antwortete Roſenholz;„aber Du haſt, ſo gut wie ich, eſehen, wie er ſich mit größ⸗ ter Lebensgefahr in den Salto de Agua geſtürzt,— wie er weder die Zahl derjenigen, die er verfolgte, noch den Abgrund beachtete, über den er mit ſeinem Pferde ſetzen wollte,— und in dieſer paſſiven Unterwerfung von ſeiner Seite liegt Etwas, was mich beunruhigt. Ohne Zweifel war das Kind verwundet, vielleicht war es ohnmächtig, und dies erklärt mir.... „Ich ſage nicht das Gegentheil,“ unterbrach ihn Pepe,„Deine Anſicht hat Viel für ſich.“ der Böcher 6. Schade defecte Büch Ladenpreis lorene oder er Leſer zu der Bücher n von — 6 79 „Mein Gott! mein Gott!“ rief Roſenholz kummer⸗ erfüllt,„warum mußte dieſes Gewitter jede Blutſpur abwaſchen,— warum mußte es alle Fußſpuren verwi⸗ ſchen? Es wäre ſonſt ſo leicht geweſen, ſie wieder zu ſinden, und ſich über ſo Vieles Rechenſchaft zu geben, was wir wiſſen müſſen. Sie haben nicht geſehen, Gay⸗ feros, ob an dem Hute, den Sie im Waſſer ſchwimmen ſahen, Blut war?“ „Nein“, ſagte der Gambuſino,„ich war zu weit entfernt; die Felſen, auf denen ich ſtand, find ſehr hoch, und es wurde finſter.“ „Wollte man als gewiß annehmen, daß er, weil verwundet, habe keinen Widerſtand leiſten können,— würde das dann nicht beweiſen, daß dieſe Spitzbuben ſich von Don Fabian ein reiches Löſegeld verſprechen? Oder hätten ſie ſich ſonſt die Mühe gegeben, ihn bis zu ihrem Kahne zu tragen?“ Roſenholz nahm mit einem Blick des Dankes dieſe wahrſcheinliche und troſtreiche Vermuthung des ſpani⸗ ſchen Jägers auf. In der That war Fabian während einer langen Ohnmacht, die auf ſeinen Sturz folgte, und, wie man vielleicht noch nicht vergeſſen, durch das Schlagen ſeines Kopfes wider die Ecke des flachen Steins verurſacht worden war, der mit ihm hinabrollte, bis zum Kahne ſortgetragen worden. Einer der Indianer, der ſich ſeines Hutes bemächtigt, hatte dieſen, wegen ſeines üblen Zu⸗ ſtandes, bald verächtlich ins Waſſer geworfen. Bis daher hatten ſich alſo die beiden Jäger in keiner ihrer Vermuthungen getäuſcht, und ohne zu wiſ⸗ ſen, daß ſie faſt die ganze Wahrheit errathen, ſetzten ſie ihre Nachforſchungen mit neuem Eifer fort. Sie gingen hier nicht den Fluß aufwärts, denn das Waſſer ſchien da ſtille zu ſtehen, ſondern bis an die Oeffnung zu ihrer Rechten. An dieſem Orte war das Waſſer nicht über zwei Fuß tief; und faſt überall war der Grund mit Schilf bewachſen. 1. oflen pfinznahni 7 Uhr bis 2. esep jedem Tag den angeno 3. Cauti eines Buch' binterlegen wird. für wöchent auf 1 Mon S defecte B Ladenpreis lorene oder der Leſer zu 7. Auslei beſonders d der Bücher ſelben von —— S 80 Plötzlich fiel Roſenholz Etwas ein: er lief nach dem engen Kanale hin, und verſchwand unter dem finſte⸗ ren Gewölbe. Während dieſer Zeit befragten Pepe und Gayferos ihrerſeits die Ufer, die Gebüſche, ja ſogar die Ober⸗ fläche des Waſſers, ohne daß ihnen Etwas verrathen hätte, daß ſeit der Erſchaffung der Welt menſchliche Weſen hier geweſen. Da ließ ſich unter dem unterirdiſchen Kanale die donnernde Stimme des Kanadiers hören, und auf ſein Hurrah liefen ſie nach dem Orte hin, wo er ſich befand. Roſenholz hatte nicht umſonſt einen Triumphſchrei ausgeſtoßen. Tiefe, wohlerhaltene Fußſpuren auf einem ſchlammi⸗ gen Boden,— die einen zur Hälfte von dem aus dem Boden ſickernden Waſſer bedeckt, andere deutlich, und wie abſichtlich in dem feuchten Boden abgeformt, boten ſich überall den Augen der beiden Jäger und des Gam⸗ bufino dar. Dieß war der Ort, wo Rothhand und Miſchblut ihren Kahn angebunden hatten. „Ah!“ rief Roſenholz,„jetzt brauchen wir nicht mehr blind umher zu irren. Gott verzeihe mir! Was ſehe ich in dieſem Schilf? iſt es ein Stück trockenen Schilfs, oder ein Stück Leder? Sieh doch her, Pepe, denn die Freude trübt meine Augen.“ Pepe hob, nachdem er einige Schritte im Waſſer gemacht, einen Gegenſtand auf, den er dem alten Jä⸗ ger zeigte. „Es iſt ein Stück von einem Riemen, der den Kahn an dieſem Steine feſthielt, und den die Spitzbuben ab⸗ geſchnitten haben, anſtatt denſelben aufzubinden,“ ſprach der Spanier,„und während ich daran bin, will ich unter dieſem Gewölbe ein Bischen weiter fortgehen, denn es ſcheint mir, ich ſehe in einiger Entfernung von hier einen graulichen Lichtſtreifen auf der Oberfläche des Fluſſes zittern.“ i⸗ nd en n⸗ ut hr he ie d* n b⸗ ch n, on es 8¹ Peve ging in dem bis an die Knie reichenden Waſ⸗ ſer vorſichtig bis an den Ort fort, wo am Ende des unterirdiſchen Kanals eine zweifelhafte Helle ſich zu zeigen ſchien. Wie groß war nicht ſein Erſtaunen, als, nach Entfernung der Schilf⸗ und Binſenbüſchel, ſein Blick auf einen See fiel, deſſen Configuration ihm be⸗ kannt war. Es war dieß wirklich der Kanal, der unter dem Felſen mit dem See des Goldthales in Verbindung ſtand. Pepe kam zum Kanadier zurück, um ihm über ſeine Entdeckung Bericht zu erſtatten, obgleich dieſelbe jetzt ohne alle Wichtigkeit war. Indeſſen konnte Roſenholz ſich nicht enthalten, ſei⸗ nem Unmuthe und ſeinem Grame Luft zu machen, als er bedachte, daß der Körper des Indianers, den er durch ſeine Kugel vom Felſen herunter geſchoſſen, ſeinen Augen dieſes nach dem See zu gehende Gewölbe entdeckt, und ihm, ohne daß es ihm eingefallen, Nutzen daraus zu ziehen, in providenzieller Weiſe einen Weg angezeigt hatte, um mit Fabian und Pepe zu entfliehen. „Und da,“ endigte er, ſich mit der Fauſt auf die Stirne ſchlagend,„hätten wir dieſen Kahn gefunden, um aus dieſen Bergen hinauszukommen. Wir hätten dabei nur dem Laufe des Waſſers zu ſolgen gebraucht!“ „Gehen wir daher zu Fuß an dem Waſſer fort,“ rief Pepe,„dann werden wir zu gleicher Zeit dem ver⸗ dammten Meſtizen auf die Spur kommen.“ „Wohlan! Benützen wir den Augenblick, wo der Hunger unſere Beine noch nicht gelähmt, und unſer Auge nicht geſchwächt hat. Wir werden ſchon vor Sonnenuntergang eine ſchöne Strecke Weges zurückge⸗ legt haben.“ Mit dieſen Worten machte ſich Roſenholz, obgleich er nur ſo vage Indicien hatte, muthig auf den Weg⸗ Ihm folgten ſeine zwei Genoſſen. Ihr Weg war äußerſt mühſam, denn ſie mußten Der Waldläufer. 1v. 6 Ladenpreis lorene oder der Leſer 3 7. Ausle beſonders d der Bücher ſelben von ——— S— — 82 das Waſſer entlang den ſteilen Ufern folgen, die das⸗ ſelbe eindämmten, und mußten Felſen erſteigen, die vor ihnen überhingen. Ein einziger Vorfall bezeichnete die erſten Stun⸗ den. Es war die Auffindung des Strohhutes des armen Fabian, den der Sturmwind vor ſich her getrieben hatte, und der, an den dornigen Zweigen eines Gebüſches han⸗ gend, unter dem Einfluſſe des Windes zitterte. Roſenholz muſterte mit thränenfeuchtem Auge dieſen traurigen Ueberreſt des Kindes, das er nun zum zweiten Male verloren hatte. Im Uebrigen war keine Blutſpur darauf zu erblicken. Der Kanadier befeſtigte den Hut an ſein Wehrge⸗ henk und bewahrte ihn auf, wie ein Pilger eine heilige Reliquie aufbewahrt haben würde, und ſetzte ſchweigend ſeinen Weg fort. „Es iſt das ein gutes Zeichen,“ ſprach Pepe, indem er eine Anſtrengung machte, um ſeinerſeits die Traurig⸗ keit, die ſich ſeiner bemächtigte, abzuſchütteln,„wir haben ſeinen Dolch und ſeinen Hut wiedergefunden. Gott wird uns auch ihn ſelbſt wieder finden laſſen.“ „Ja,“ ſagte der Kanadier mit düſterer Miene,„und finden wir ihn nicht wieder, ſo Roſenholz beendigte in Gedanken die angefangene Phraſe. Der alte Walvläufer dachte leiſe an jene un⸗ ſichtbare Welt, wo ſich, um einander nicht mehr zu verlaſſen, diejenigen wieder finden, deren gegenſeitige Liebe das Grab überleben ſoll. Obgleich die Sonne noch ziemlich weit von dem Horizonte entfernt war, hinter dem ſie verſchwinden ſollte, ſo erloſch doch nach und nach das Tageslicht auf dem über den Bergen condenſirten Nebel, als die drei Reiſenden an einem Orte anlangten, wo das Waſſer eine Art Strudel bildete, der, laut der Verſicherung des Kanadiers, von einem andern Flußarme herrühren mußte, der ſich weit davon mit dem erſteren verband. Roſenholz hatte ſich nicht ganz geirrt; allein, an⸗ 6 83 ſtatt eines Flußarmes, waren zwei vorhanden, und der Fluß, an dem ſie bis daher fortgegangen, war in der Wirklichfeit Nichts, als zurückgeſtautes Waſſer, das mehrere Stunden weit, das heißt bis zu dem See reichte, von dem ſie ausgegangen waren⸗ Die fleine Geſellſchaft machte an dieſem Orte Halt. Eine neue Schwierigkeit zeigte ſich hier. Welche Richtung hatte der Kahn eingeſchlagen? War er dem öſtlichen oder weſtlichen Flußarme gefolgt? Die drei Reiſenden rathſchlagten unter einander, ohne zu einem Entſchluſſe zu kommen. Sie ſuchten überall eifrigſt eine Spur, die ſie leiten könnte. Die graue und düſtere Oberfläche des Waſſers konnte ihnen eben ſo wenig ſagen, als der an den Ufern murmelnde Schilf.— Und dann brach die Nacht, traurig und ſchwarz⸗ unter einem Baldachin dicken Nebels herein; ſelbſt der Nordſtern glänzte nicht am Himmel, deſſen Gewölbe von Blei zu ſein ſchien. Man mußte ſich, wohl oder übel, dazu entſchließen, die Fortſetzung der Nachforſchungen bis auf den näch⸗ ſten Tag zu verſchieben, und bis zur Morgenröthe lie⸗ gen zu bleiben, um keinen falſchen Weg einzuſchlagen. Auch war die Mattigkeit ein Hinderniß, das ſich dem Weitergehen in den Weg ſtellte, und ohne daß es einer der Reiſenden dem andern geſtand, rief der Hunger in ihren Eingeweiden immer lauter. Sie legten ſich alle drei ſchweigend auf das Gras nieder. Allein ihre geſchloſſenen Augenlider ſuchten ver⸗ gebens den Schlaf. In dem beſtändigen Antagonismus zwiſchen der Zerſtörung und dem Leben, deſſen Schlachtfeld der menſchliche Körper iſt, gibt es eine furchtbare Phaſe, wo der Schlaf beim Ruſe des Hungers entflieht, wie der Damhirſch, ſobald er dze Stimme eines Tigers hört, ſcheu wird, und in großen Sprüngen davon eilt, pfluana Uhr bis eines Bu hinterlege wird. defeete Bich Ladenpreis lorene ode der Leſer 7. An beſonders der Bücher ſelben von 84 Dann macht das Leben eine letzte verzweifelte An⸗ ſtrengung; der Schlaf führt endlich dem erſchöpften Körper einige ſtärkende Säfte zu, und von dieſem Augenblicke an ſchreitet die Zerſtörung raſch fort, bis die ſchwache menſchliche Maſchine den Angriffen des innern Feindes, der an ihr frißt, bald erliegt. Die drei Reiſenden befanden ſich erſt in jenem Stadium des innerlichen Kampfes, wo der Hunger lange den Schlaf verjagt, der der letzte ſein ſoll, denn der Schlummer, der dann folgt, iſt nichts Anderes, als der Todeskampf. Erſt nachdem ſie ſich auf ihrem Raſenlager gar oft umgewendet hatten, konnten die drei Reiſenden einige Stunden lang die Augen ſchließen; und es wurde da⸗ bei die Stille der Nebelberge noch zu verſchiedenen Malen durch Angſtſchreie geſtört, die den Träumen des Schlafenden entriſſen waren. Es war noch ganz finſter um ſie her, als Roſen⸗ holz in aller Stille aufſtand. Dem nagenden Hunger zum Trotze fühlte der ka⸗ nadiſche Rieſe, daß ſeine Kräfte ſich noch nicht vermin⸗ dert; daß aber die Stunden koſtbar wären. Er warf einen traurigen Blick auf die düſtere Landſchaft, die ihn umgab,— auf die öden Berge, deren Zacken kein belebtes Weſen zu beherbergen ſchienen,— auf das ſchwarze Waſſer des Fluſſes, in deſſen Schooß die Bewohner in ihren Schlupflöchern ſchliefen. Dann weckte er, überzeugt, daß der Hunger der alleinige Gaſt dieſer Wüſte ſei, den ſpaniſchen Jäger. „Ah! Du biſt es, Roſenholz„ ſagte Pepe, die Augen öffnend;„haſt Du mir für den Traum, den Du mir raubſt, Etwas zu eſſen zu geben? Ich träumte...“ „Wenn man eine ſolche Aufgabe hat, wie wir, ſind die Stunden zu koſtbar, um ſie zu verſchlafen,“ ant⸗ wortete Roſenholz in feierlichem Tone.„Wir haben kein Recht, den Schlaf dicſes Menſchen zu ſtören,“ ſetzte 85⁵ er, auf Gayferos deutend, hinzu;„er hat keinen Sohn zu retten; wir aber müſſen Tag und Nacht fortgehen.“ „Das iſt wahr, aber wohin ſollen wir gehen?“ „Jeder geht ſeinen Weg,— Du gehſt an dem Ufer des einen Fluſſes fort, ich dagegen durchſuche die Ufer des andern; überall Spuren zu ſuchen, und uns dann mit Tagesanbruch hier wieder zuſammen zu fin⸗ den,— das iſt unſer Geſchäft.“ „Wie öde doch Alles um uns her ausſieht!“ ſprach Pepe, den die Muthloſigkeit zum erſten Male erfaßte, mit leiſer Stimme. Im Stolze ſeiner durch den Hunger noch unge⸗ bändigten Kraft bemerkte der Kanadier nicht, daß die Energie ſeines Kameraden einen Augenblick gewankt hatte. Und ſeinerſeits hatte Pepe bald wieder ſeine männ⸗ liche Sorgloſigkeit gewonnen. „Haſt Du mir in dieſer Beziehung Etwas mitzu⸗ theilen?“ ſetzte er raſch hinzu. „Ja; als ich zum erſten Male den Kahn der zwei Menſchen, die für uns ſo unheilvoll geworden, für einen ſchwimmenden Baumſtamm hielt, da fuhr er in nord⸗ weſtlicher Richtung um die Spitze dieſer Berge herum. Wahrſcheinlich iſt er nun in derſelben Richtung zu⸗ rückgefahren, hätte ich inmitten dieſer Nebel den Ort unterſcheiden können, wo die Sonne untergegangen, ſo würde ich Dir ohne Weiteres auf die rechte Spur helfen, allein ſogar der Nordſtern funkelt nicht am Himmel. Bemerkſt Du daher nach einſtündigem Gehen die Ebene nicht vor Dir, ſo ſuche mich wieder hier auf; ich werde ſie dann ohne Zweifel gefunden haben.“ Die zwei Jäger entfernten ſich in zwei verſchiedenen Richtungen. Bald verloren ſie einander aus den Augen. Der ſcalpirte Gambuſino ſchlief noch, und als er endlich aufwachte, bemerkte er, daß er allein war. Indeſſen dauerte ſein mit Unruhe untermiſchtes Erſtaunen nicht lange, denn Pepe fand ſich bald wieder 2. Lese jedem Tag den angen 3. Cauti eines Buch hinterlegen wird. defecte Bü Ladenpreis der Bücher ſelben von 1 bei ihm ein. Die erſten Strahlen des Tageslichtes mußten ſchon die Ebene erleuchten, obgleich unter dem Nebel der Berge die Morgendämmerung kaum erſt an⸗ gefangen hatte. Pepe war zurückgekommen, nachdem er, fortwährend umringt von ſteilen Felſen, drohenden Spitzbergen, und hohen Hügeln, den Fluß abwärts gegangen war; der Kahn hatte alſo nicht dieſe Richtung eingeſchlagen, ſo weit man dieſes wenigſtens in Abweſenheit jedes An⸗ zeichens ſchließen konnte, das gewiſſer geweſen wäre, als die Vermuthungen des Kanadiers. Es blieb nun noch zu wiſſen übrig, ob letzterer glücklicher geweſen. Noch war keine andere halbe Stunde verfloſſen, als Roſenholz ſeinerſeits zurückkam. „Auf!“ rief er, ſobald er ſeiner beiden Gefährten anſichtig wurde.„Ich bin auf der Spur,— auf der allein guten Spur.“ „Gott ſei gelobt!“ ſprach Pepe. Und ohne den Kanadier weiter zu fragen, folgte er ihm ſo raſch, als es ihm bei der Schwäche, die er zu verſpüren anfing, möglich war. Es war in dem Augenblicke Tag geworden, wo die kleine Truppe endlich den Fluß ſich erweitern, ihn in einer ungeheuren Ebene dahin fließen, und die Strahlen der Sonne auf der Waſſerfläche funkeln ſah. Voran ging der Kanadier, dem Anſcheine nach un⸗ empfindlich gegen die Schmerzen des Hungers, die ihn eben ſo wenig verſchonten, als ſeine beiden Gefährten. Dieſe folgten ihm in einiger Entfernung, und zwar Pepe zuerſt,— Pepe, der vergebens einen Kriegsmarſch zu pfeifen ſuchte, um ſeinem Magen einige Zerſtreuung zu verſchaffen. Zwanzig Schritte hinter dem Spanier ſchleppte ſich endlich der Gambuſino, der ein ſchmerz⸗ liches Aechzen unterdrückte, fort. Nachdem ſie ſo eine Stunde fortgegangen, rief der Kanadier, der immer voranging, Pepe zu ſich heran⸗ 87 Roſenholz hatte nämlich unter einigen großen Bäumen, in hohem, dürrem Graſe, das der Jäger nur mit der Hälfte ſeines Körpers überragte, Halt gemacht. „Komm doch herbei!“ rief Roſenholz im Tone freudigen Vorwurfs,„man ſollte meinen, Du habeſt Deine Beine in den Bergen gelaſſen.“ „Sie ſind in offener Empörung wider mich be⸗ griffen,— ich meine die Beine,“— antwortete Pepe, ſich ſputend. Und er ſah den Kanadier ſich bücken, und, durch das Gras verdeckt, verſchwinden. Als er wieder bei Roſenholz war, fand er dieſen auf dem Boden knieend, und mit größter Sorgfalt zahl⸗ reiche Fußſpuren unterſuchend, die um die Ueberreſte eines Feuers her zerſtreut waren, von welchem noch einige Brände rauchten. „Der Gewitterregen,“ ſprach der Kanadier,„der in den Bergen die Spuren verwiſcht, hat dieſe erhalten, weil ſie, anſtatt vor dem Regen gemacht worden zu ſein, dem ſchon durchnäßten Boden aufgedrückt wurden. Sieh dieſe Tritte an, deren Svpuren die Sonne hart gemacht,— ſind es nicht die Red⸗Hand's, Miſchblut's, und ihrer Indianer?“ „Bei Gott! der Räuber aus Illinois hat Büffel⸗ füße, die man leicht aus hundert heraus kennt; allein ich ſehe die Fußſpuren des armen Fabian nicht.“ „Ich danke Nichts deſto weniger dem Himmel, daß er uns hieher geführt. Wir haben weder den Marter⸗ pfahl, noch die Spuren eines Mords irgend wo gefun⸗ den. Glaubſt Du denn, die Banditen, die Fabian ent⸗ führt, werden ſich während der Nacht, die ſie hier zu⸗ gebracht, ein Gewiſſen daraus gemacht haben, ihn in ihrem Kahne gefeſſelt zu laſſen? Deßhalb iſt hier noch keine Spur von dem armen Kinde zu erblicken.“ „Das iſt wahr, Roſenholz; ich glaube und fühle ſogar, daß der Hunger mir den Kopf verwirrt. Ahl! beträgt: für wöchent auf 1 Mon Ladenpreis lorene oder der Bücher ſelben von 1 die Spitzbuben! die Räuber!“ ſchrie Pepe plötzlich in einem Wuthanfalle, der den Kanadier zittern machte. „Siehſt Du die Dämone?“ fuhr Pepe fort.„Sie haben gegeſſen,— haben ihren Magen mit Hirſch⸗ oder Reh⸗Fleiſch gefüllt, während ehrliche Chriſten, wie wir, nicht einmal die Knochen davon abzunagen haben, wenn ſie ſich anders nicht mit dem begnügen wollen, was dieſe Hunde verſchmäht haben!“ Während Pepe dieſe Verwünſchungen ausſprach, ſtieß er mit einer Miſchung von Verachtung und Neid Knochen mit dem Fuße fort, an denen noch Muskeln und Fleiſchfetzen hingen. In dieſem Augenblicke kam der Gambufino herbei, und nicht ſo ſtolz, wie der Spanier und Kanadier, fiel er gierig über dieſe Ueberreſte her. „Er hat im Grunde Recht,“ ſprach der Kanadier, „und unſer Stolz iſt vielleicht höchſt albern.“ „Das iſt möglich; allein lieber möchte ich Hungers ſterben, als mein Leben den Brocken verdanken, die dieſes Ungeziefer übrig gelaſſen.“ Beruhigt in Betreff der Richtung, die ſie verfolgten, ließen die beiden Jäger Gayferos ſeine Rehknochen mit gewiſſenhaftem Enthuſiasmus abnagen, um unter den Kräutern einige eßbare Wurzeln zu ſuchen, die ſie auch in kleiner Anzahl fanden, und, vermittelſt welcher ſie wenigſtens einige Augenblicke ihren ungeſtillten Hunger täuſchen konnten.„ Die kleine Truppe ging bald wieder an dem Fluſſe fort. Spuren von Büffeln zeigten ſich allenthalben; Schwärme von Krammetsvögeln und wilden Gänſen fingen an, nach den kälteren Seen hin zu wandern, und durchſchnitten die Luft; Fiſche zeigten ſich über dem Waſſer, und ließen einen Augenblick ihre an der Sonne glänzenden Schuppen ſehen. Bisweilen ſprang auch ein Elenthier, oder ein Damhirſch über die Wüſte hin; mit einem Worte, Him⸗ mel, Erde und Waſſer ſchienen vor den Augen der 89 hungrigen Reiſenden ihren Reichthum nur zu entfalten, um ſie den Verluſt ihrer Feuerwaffen noch lebhafter fühlen zu laſſen. Es war eine in jedem Augenblicke ſich erneuernde Tantalusqual. „So geh' doch nicht ſo geſchwind, bei allen Teufeln der Hölle!“ rief Pepe, der ſchon ſeit einigen Augen⸗ blicken hinter dem Kanadier her ging, und wie ein Heide fluchte.„Laß mich doch darüber nachdenken, wie wir auf die prachtvollen Büffel Jagd machen könnten, die wir dort unten ſehen!“ „Zuerſt wollen wir den Banditen, die Fabian ent⸗ führt, die Waffen entreißen,“ antwortete Roſenholz. „Wir befinden uns in einer Lage, die nicht beſſer ſein könnte: wir müſſen mit Glück kämpfen. In einigen Stunden wird der Hunger wüthende Tiger aus uns machen; erwarten wir daher nicht den Augenblick, wo er uns ſo ſchwach wie Lämmer, die ihrer Mutter nach⸗ blöken, machen müßte.“ So machte der alte Karabinier, nicht erſchreckend bei dem Gedanken, mit dem bloßen Dolche in der Hand ſo furchtbare Feinde, wie die, welche ſie drei verfolgten, anzugreifen, ſondern bald einer unüberwindlichen Fühl⸗ lofigkeit, die mit jeder Stunde zunahm, erliegend, bald durch den Kanadier geſtützt und angefeuert, mit Letzterem noch einen langen und ermüdenden Tagmarſch. Was Roſenholz betrifft, ſo ſchienen ſeine athletiſche Körperbeſchaffenheit, ſeine Rieſenſtärke, und vor Allem das unauslöſchliche Feuer ſeiner väterlichen Liebe, aus ihm einen für die phyſiſchen Schwächen der Menſchheit unzugänglichen Menſchen zu machen. Nichts deſto we⸗ niger war ſein Herz von Unruhe verzehrt; es fürchtete für Fabian; aber, gleich der ſtets wieder nachwachſenden Leber des Prometheus, ſchien dieſes Herz unter den Biſſen des daran nagenden Geiers jeden Augenblick feuriger aufzuleben. Die Sonne neigte ſich noch nicht merklich dem für wöchent auf 1 Mon Ladenpreis lorene ode der Leſer z 7. Ausle beſonders der Bücher ſelben von 90 Horizonte zu, als Roſenholz, mehr aus Mitleiden mit dem müden Pepe, als weil er ſich ſelbſt ermattet fühlte, an dem Ufer des rothen Fluſſes, an dem fſie ſchon ſo lange fortgingen, Halt machte. Ihnen gegenüber erhob ſich eine der Inſeln, wo⸗ mit der Fluß überſäet iſt, in der Mitte des letzteren, der Schatten, den die drei Reiſenden bemerkten,— die bis in das Waſſer hinabhangenden Lianen, die ſich in üppiger Fülle mit dem Laubwerk der domartig über der Inſel ſich rundenden Bäume vermiſchten, vermehrten nur noch die Leiden der unglücklichen Hungernden. Es war einer jener Schutzorte, wovon der Reiſende in den Wüſten träumt, um dort das Feuer anzuzünden, woran er ſein Mahl bereitet, und um, nach Befriedigung des Hungers, dort den Schlaf zu ſchmecken, der ſeine Kräfte vollends wieder herſtellt. Die beiden Jäger hatten vierundzwanzig Stunden vorher eine Handvoll Maismehl gegeſſen, und es war nun der zweite Tagmarſch, den ſie faſt nüchtern been⸗ digten. Durch das magere Mahl, das er am Feuer der Indianer gefunden, wieder ein wenig geſtärkt, hatte Gayferos noch nicht allen Muth verloren; auch der Spanier noch nicht, jedoch waren bei ihm die Kräfte dem Willen nicht angemeſſen. Roſenholz konnte ſich nicht verhehlen, daß Pepe in jene kritiſche Phaſe eintrat, wo die Zerſtörung dem Leben in fürchterlicher Weiſe den Vortheil abgewinnt, und daß ſeine kräftige Körperbeſchaffenheit ihn ſelbſt kaum ver⸗ hinverte, in dieſe Phaſe einzutreten. Er verſuchte daher nach einer etwa einſtündigen Ruhe ſeine zwei Gefährten zum Weitergehen zu bewe⸗ gen. Es war vergebens. Aus den leeren Eingeweiden des armen Pepe ſtiegen blendende Schimmer in ſein Gehirn auf, und machten beinahe ſeine Augen blind, deren Schärfe noch den Tag zuvor mit der des Falken⸗ auges gewetteifert hatte. *6 *6₰ 91 „Meine Beine haben keine Kraft mehr,“ antwortete der Spanier auf die Ermahnungen des Kanadiers:„Alles ſcheint ſich mit mir zu drehen. Ich fange an, überall um mich her Fiſche zu ſehen, die lachend aus dem Waſ⸗ ſer herausſpringen, und Damhirſche, die ſich vor mich hinſetzen, um mich anzuſehen; was willſt Du aber auch,“ ſetzte der Excarabinier, in dem die ironiſche Fröhlichkeit zum letzten Male aufblitzte, hinzu,„daß Jäger ohne Flinte anfangen ſollen? Sind ſie nicht der Spott der Büffel und der Damhirſche?“ Und Pepe ſtreckte ſich auf den Sand hin, wie der vom Windhunde forcirte Haſe, wenn er den tödtlichen Schuß erwartet. Der Kanadier betrachtete ihn, und unterdrückte einen Seufzer. „Oh!“ ſagte er bitter, aber ganz leiſe,„was iſt doch der energiſchſte Menſch, wenn er ſich dem Hunger gegenüber befindet?“ „Und zum Beweiſe,“ fuhr der Spanier fort,„daß ich in der Wüſte Dinge erblicke, die für Euch unſichtbar ſind, kann ich Euch ſagen, daß ich in der Ferne einen auf uns zukommenden Büffel zu ſehen glaube.“ Der Kanadier fuhr fort, ſeine melancholiſchen Blicke auf den zu heften, deſſen Vernunft unter dem Einfluſſe des Hungers zu ſchwinden anfing. Indeſſen ſah er die Augen Pepe's ſixer werden. „Du ſiehſt nicht,— nicht wahr?“ Roſenholz verſchmähte es, ſich umzuwenden. „Wohlan! Ich ſehe ihn, den verwundeten Büffel, — ich ſehe, wie er, Ströme Blutes verlierend, auf mich zukommt;— ſein Blut iſt hochroth.— ſchöner, als das ſchönſte abendliche Purpurroth, wie wenn Gott ihn her⸗ ſendete, um mein Sterben zu verhindern,“ fuhr der Ex⸗ miquelete fort, deſſen Augenſterne zu funkeln anfingen⸗ Plötzlich ſtieß der Spanier eine Art Gebrüll aus. In demſelben Augenblicke ſprang er auf, und ſtürzte blitzſchnell fort. 92 den Augen zu folgen. ähnlich dem des Spaniers, nicht enthalten. umher, die es mit ſeinem Blute röthete. wie ein hungriges reißendes Thier herrannte. Hiebenundſechzigſtes Kapitel. Eine Jagd auf Leib und Leben. Entſchloſſen, die unerwartete Gunſt zu benützen, eſche die Vorſehung ihnen erwies, ſprang Roſenholz hinter dem Karabinier her. Ihm folgte Gayferos, der ſo gut wie die belden Jäger einſah, daß ihr Leben von dem glücklichen Erfolge dieſer Jagd abhange. Es war dieß in der That keine jener Jagden mehr, wobei die Eigenliebe allein im Spiele iſt; es galt, vas ſchwindende Leben dem Hungertode mit ſeinem Gefolge von Schmerzen zu entreißen; man mußte, nach Art der fleiſchfreſſenden Thiere, mit Eingeweiden, in denen der Hunger wüthete,— man mußke mit blutigem Auge und der Bücher ſelben von Roſenholz hatte der Bewegung Pepe's nicht zuvor⸗ kommen können,— ſo plötzlich war ſie geweſen. Von Schrecken erfaßt bei dem Gedanken, daß der Karabinier wahnſinnig geworden, wandte er fich um, um ihm mit Und als er ſo hinſah, konnte er ſich eines Geheuls, Ein ſeltſames monſtröſes Thier, größer als der ſchönſte zahmſte Stier, ſprang, eine ungeheure ſchwarze Mähne ſchüttelnd, inmitten welcher zwei Flammenaugen, wie zwei Feuerkugeln rollten, und mit ſeinem nervigen Schwanze ſich in die Flanken ſchlagend, auf der Ebene Es war ein verwundeter Büffel, hinter dem Pepe c+ — — 8 8„ 93 keuchend jagen. Aber inmitten der endloſen Wüſte hat⸗ ten die Männer, denen anſtatt aller Waffen nur ein Meſſer zu Gebot ſtand, ein Thier zu verfolgen, das ſo flink war, daß es ihrer Anſtrengungen ſpottete, während es zu furchtbar war, als daß man ſich ihm hätte un⸗ geſtraft nähern können. Beim Anblicke der herankommenden Feinde blieb der Biſon einen Augenblick ſtehen, ſcharrte zurückweichend mit dem Fuße auf dem Boden, ſchlug ſich unter dump⸗ fem Gebrüll mit dem Schwanze in die Flanken, fegte den Boden mit ſeiner langen wallenden Mähne, und wartete, gleichſam hinter dem Walle ſeiner drohenden Hörner verſchanzt. „Umgehe das Thier von hinten, Pepe!“ ſchrie der Kanadier mit einer Stimme, die faſt eben ſo furchtbar war, wie die des brüllenden Büffels.„Gayferos, gehen Sie auf die rechte Seite,— wir müſſen ihn umzingeln und einſchließen.“ „Pepe war derjenige der drei Jäger, der den größ⸗ ten Vorſprung hatte. Er führte den Befehl des Ka⸗ nadiers mit einer Geſchwindigkeit aus, deren man ſeine matten Beine wohl kaum noch für fähig gehalten hätte; ſeinerſeits lief Gayferos rechts, während Roſenholz links ſprang. Bald hatten ſie um den verwundeten Biſon her die Winkel eines Dreiecks gebildet. „Vorwärts jetzt, und zwar alle auf einmal! Hur⸗ rah! hurrah!“ ſchrie der Spanier, mit dem Meſſer in der Hand auf den Büffel losſtürzend, und mit den Augen das Blut trinkend, welches das Thier wie einen purpur⸗ rothen Regen umherſchüttelte. „Nicht ſo geſchwind, ums Himmels willen!“ ſprach der Kanadier, ganz erſchreckt von dem Eifer des der Gefahr trotzenden hungrigen Karabiniers.„Laß uns doch zu gleicher Zeit mit Dir das Thier erreichen!“ Allein Pepe, deſſen Auge brannte, und deſſen Zähne convulſiviſch geſchloſſen waren, hörte nicht auf ihn. —— 6 1. ofen pfangnahm 7 Uhr bis 3 2. Hesep jedem Tag den angeno 3. Cauti eines Buch hinterlegen wird. 6. Scha defecte Bü Ladenpreis e ſelben von 94 Wo Roſenholz eine Gefahr ſah, erblickte Pepe nur eine zu verſchlingende Beute, und ſchon berührte er beinahe den Büffe!, als dieſer, eingeſchüchtert durch die Feinde, deren Kreis ſich immer enger um ihn her ſchloß, in dem Augenblicke, wo ſich der Arm des Spaniers erhob, um auf ihn zuzuſtoßen, zurückwich und die Flucht ergriff. Pepe, der ſchon zum Zuſtoßen ausgeholt hatte, traf nur die Luft, verlor das Gleichgewicht, und ſtürzte auf den Boden hin. Als er, unter Wuthſchreien, wieder aufſtand, war der Biſon ſchon weit fort, und der Kanadier mit Gay⸗ feros ihm ſelbſt voraus. „Schneid' ihm doch den Weg nach dem Fluſſe ab, Roſenholz!“ rief der Spanier, als er ſah, daß der Biſon eine letzte Zufluchtsſtätte im Waſſer zu ſuchen ſchien. „Wir dürfen ihn Fabian's wegen nicht entkommen laſ— ſen: unſer Aller Leben ſteht auf dem Spiele!“ Roſenholz hatte auf die Mahnung Pepe's nicht gewartet, um auf die Bewegungen des fliehenden Büffels aufmerkſam zu werden. Als der Kanadier ſah, daß ihnen die einzige Lebens⸗Hoffnung ſchwand, ſprang er in der Verzweiflung, gleich einem Jagdhunde, nach dem Flußufer hin, und als er ſich etwa in gerader Linie mit dem Biſon befand, ſtürzte er unter gewaltigem Ge⸗ ſchrei auf ihn los. Dann ſchlug das Thier eine ent⸗ gegengeſetzte Richtung ein, und als es ſich dem Gam⸗ buſino gegenüber fand, der ihm den Weg abſchnitt, ſo rannte es auf Pepe zu. Als geſchickte Jäger, deren Verſtandeskräfte durch den Hunger verdoppelt wurden, ſetzten der Kanadier und Gayferos ihre Verfolgung fort, und verdoppelten ihr Geſchrei, während Pepe im Gegentheil unbeweglich blieb, ſchwieg, und in gebückter Stellung das Thier erwartete. Es ſtellte ſich bald heraus, daß der Biſon ſich durch den ſtarken Blutverluſt geſchwächt fühlte: das Blut ſtrömte bei ihm fortwährend aus einer großen Wunde zwiſchen den beiden Schultern hervor. ch d r ch t e 95 Seine Bewezungen hatten ihre nervige Elaſticität verloren; Ströme blutigen Schaumes ſtürzten aus ſei⸗ nen großen und ſchwarzen Naſenlöchern hervor, und ſein rauh tönendes, abgeſtoßenes Gebrüll verrieth ſeine Mattigkeit. Eine Wolke ſchien vor ſeinen Augen zu ſchweben, denn in ſeinem Laufe mußte er beinahe an den Körper des im Hinterhalte liegenden Spaniers ſtoßen, und doch entfernte er ſich nicht von der geraden Linie. Der Karabinier erfaßte mit einer Hand eines der Hörner des Büffels, der ihm nicht aus dem Wege ging; mit der andern ſtieß er ihm da, wo der Bug aufhört, ſeinen Dolch bis an das Heft zwei Mal in die Bruſt. Das Thier ſtürzte auf die Knie nieder, ſtand aber bald wieder auf, und trug den Spanier mit fort. Der Karabinier hatte ſich nämlich, eine jener kühnen Be⸗ wegungen ausführend, welche die Toreadores*) ſeines Vaterlandes bisweilen wagen, auf dem Rücken des Thieres an deſſen große wallende Mähne angeklammert. Roſenholz und Gayferos, die eilends herbeikamen, konnten einen Augenblick ſehen, wie der Reiter, den der Hunger verzehrte, ſeine Beute ſchlangenartig umſchlun⸗ gen hielt, und bald den Arm in die Höhe hob, um zu⸗ zuſtoßen, bald ſich herabbückte, um mit ſeinen gierigen Lippen das Blut aufzufangen, das jeder ſeiner Dolch⸗ ſtöße hervorſpritzen machte. Der Hunger hatte den Menſchen in ein reißendes Thier umgewandelt. Von nun an kümmerte ſich der Miquelete nicht mehr um die Richtung, die der in ſeinem letzten Todes⸗ kampfe umherſpringende Büffel nahm: er fuhr fort, das warme Blut zu trinken, welches ihm das Leben zurück⸗ gab; er heulte, ſtieß zu und ließ ſich forttragen. „Tod und Teufel!“ ſchrie der Kanadier keuchend, und von den Qualen des durch ſeinen unerſchütterlichen *) Stierfechter, Stierkämpfer. ſelben vo —— Willen ſo lange zurückgedrängten Hungers bewältigt, „ſo bring ihn doch vollends um, Pepe; willſt du ihn denn in den Fluß ſpringen und dort entkommen laſſen?“ Der Spanier heulte, und ſtieß immer zu, ohne zu ſehen, daß der Büffel auf den Fluß zuſtürzte, um ſich des Feindes zu entledigen zu ſuchen, der ſich an ſeine Seiten angeklammert hatte. In dem Augenblicke, wo Roſenholz einen zweiten Wuthſchrei ausſtieß, raffte das verwundete Thier alle ſeine Kräfte zuſammen, und ſtürzte ſich mit einem ver⸗ zweifelten Sprunge, gleich dem in die Enge getriebenen Hirſche, in das Waſſer. Mann und Büffel verſchwanden in einer ungeheuren Schaummaſſe, und wälzten ſich einen Augenblick mit einander herum; allein das Leben hatte den Rieſen der Prairien verlaſſen: er fiel, und blieb, wie ein in der Strömung eines Fluſſes geſtrandetes Felsſtück, unbe⸗ weglich liegen. In dem Augenblicke, wo Pepe wieder feſten Fuß faßte, ſtürzten ſich der Kanadier und Gayferos, gleich dem Spanier nach Blut dürſtend, ebenfalls in den Fluß. „Ungeſchickter Metzger,“ ſchrie der Kanadier Pepe zu,„hat man je ein edies Thier alſo metzeln und ſchin⸗ den ſehen!“ „Ta, ta, ta!“ antwortete Peve,„ohne mich ging vieſes edle Thier für Euch verloren, und nun habt Ihr es, Dank meiner Ungeſchicklichkeit.“ Während der Spanier dieſe Worte mit ſeiner gan⸗ zen guten Laune, die er endlich wieder gewonnen, ſprach, ſprang er in wilder Freude um den mitten in der Strö⸗ mung liegenden Biſon herum. Die vereinten Anſtrengungen der drei Jäger ver⸗ mochten den ungeheuren Körper kaum bis an das Fluß⸗ ufer zu bringen. Als es ihnen endlich gelungen, ſchritten ſie ſogleich zu der Zerſtückelung des Büffels, und unterbrachen ihr ——— 97 Geſchäft nur dann und wann, um ſich den Ausbrüchen einer Freude⸗Trunkenheit zu überlaſſen, die ſie nicht zu bemeiſtern vermochten. „Lebensmittel für eine ganze Compagnie,“ wieder⸗ holte Pepe zum zehnten Male,„ein Rieſenmahl, und Sieſta unter dieſen ſchöneu Bäumen,“ endigte er, auf den Schatten der ihnen gegenüber liegenden Inſel deu⸗ tend. „Ein Mahl, eilig, wie das eines im Felde ſtehen⸗ den Soldaten,— eine Stunde dem Schlaf geweiht, und dann den Indianern nach!“ antwortete der Kanadier ernſt. „Ich vergaß Nichts, Roſenholz; nur baben wir vom Hunger ſo Viel gelitten!“ Zum Gefühl ihrer Pflicht und ihrer Liebe zurück⸗ gebracht, ſetzten die drei Jäger ihre Arbeit ſtiller fort, bis dieſelbe durch ein klägliches Geheul unterbrochen wurde. „Sieh doch,“ ſprach Pepe, auf dem entgegenge⸗ ſetzten Ufer der Inſel zwei Wölfe zeigend, denen der Hunger dieſes Gebell entriß, und die ihnen gierige Blicke zuwarfen,„hier ſind zwei arme Teufel, die ihren Antheil am Büffel verlangen, und, meiner Treu, ſie ſollen ihn ſo gut wie wir haben.“ Bei dieſen Worten nahm der Karabinier einen der Vorderfüße des Büffels, und warf denſelben, ihn über dem Kopfe ſchwingend, mit kräftigem Arme über den Fluß hinüber. Die Beute der Wölfe fiel, einige Schritte von ihnen weg, zu Boden, und die zwei hungrigen Thiere ſtürzten ſich ins Waſſer, um ſie dort zu ſuchen. „Dieß gehört ſpäter ihnen und ihren Kameraden,“ ſagte Roſenholz, als die edleren Theile des Thieres, das heißt der Buckel, der das ſaftigſte Stück eines wegen ſeines köſtlichen Geſchmacks ſchon an ſich mit Recht ge⸗ ſchätzten Fleiſches iſt, und das zu langen und dünnen Der Waldläufer. Iw. 7 Streifen geſchnittene Lendenſtück bei Seite gelegt wa⸗ ren;„und nun wollen wir uns mit der Bereitung un⸗ ſeres Mahles beſchäftigen.“ „Ich glaube nicht,“ ſagte Pepe,„daß dieſer Büffel ſich ſelbſt umgebracht, um das Vergnügen zu haben, ſich von uns verſpeiſen zu laſſen; wahrſcheinlich iſt er der Verfolgung irgend eines indianiſchen Jägers entgangen: wir dürfen uns daher nicht wundern, wenn wir in Kurzem den Beſuch eines oder mehrerer dieſer unum⸗ gänglichen Landſtreicher bekommen, und wenn ſich die⸗ ſelben eine Pflicht daraus machen, uns wie dieſen Büf⸗ fel zu behandeln „Es ſind noch in der kleinen Lichtung dort unten, die ihr von hier auf der Inſel ſeht, die zwei Wölfe, welche die Erde durchwühlen,“ ſetzte Pepe, ſeine ſcharf⸗ ſinnigen Schlüſſe unterbrechend, hinzu,„und es legen dieſelben dabei einen Eifer an den Tag, den ich mir nach dem großen Stücke, das ich ihnen hingeworfen, nicht recht erklären kann.“ Die Warnung, die vom Karabinier ausgegangen, hatte bei ſeinen beiden Gefährten wieder das Gefühl einer Lage geweckt, die ſo kritiſch war, daß ihr unver⸗ hofftes Glück allein ſie dieſelbe während einiger Augen⸗ blicke hatte vergeſſen laſſen können. Eine krumme, gelbfarbige Linie ſtach gegen die azur⸗ blaue Schattirung des Fluſſes ſtark ab, und zeigte den Jägern eine Furt an. Sie beſchloſſen alſo, der größern Sicherheit wegen einen mit ſtarken Bäumen bewachſenen Ort auf der Inſel aufzuſuchen, um dort ein Feuer an⸗ zuzünden, und unter dem dichten Schatten der Bäume ihr Mahl zu bereiten. Als die kleine Truppe die Furt des rothen Fluſſes durchwatete, hörten die zwei Wölfe auf, in der Erde zu wühlen, und einer von ihnen trug in eiligem Laufe und heulend das Stück fort, das ihnen der Karabinier hingeworfen hatte. Der andere Wolf folgte nach. Als die drei Jäger den Fuß auf die Inſel geſetzt, — „— S c 8 S c S 8 wa⸗ un⸗ üffel ſich der en: in um⸗ die⸗ üf⸗ ten, ölfe, arf⸗ egen mir fen, gen, fühl ver⸗ gen⸗ zur⸗ den ßern enen an⸗ iume ufſes Erde aufe inier ſetzt⸗ 95 fanden ſie, faſt in der Mitte der kleinen Lichtung, ein einige Zoll tiefes Loch, das die Wölfe geſcharrt hatten. „Ohne Zweifel liegt da irgend ein Leichnam,“ ſprach Pepe, der ſich in der Regel eine Meinung nicht ſo bald wieder nehmen ließ,„und doch ſcheint dieſer Raſen, der die Erde bedeckt, nicht anzuzeigen, daß die⸗ ſelbe ſeit Kurzem umgewühlt worden.“ Indeſſen fiel dem Spanier bei ſeiner Unterſuchung nur Eines auf: es war dieß der Umſtand, daß in dem Raume, den die Klauen der Wölfe von dem Raſen entblößt hatten, ſich ein Platz befand, wo dieſer Raſen, wie mit einem Gartenwerkzeuge, ausgeſtochen worden zu ſein ſchien. Die Stimme des Kanadiers, die ihn mahnte, ihnen an dem Orte, wo ſie Halt gemacht, zu helfen, entriß Pepe ſeinen Nachforſchungen; indeſſen beſchloß er, zu⸗ rückzukommen, und weiter zu unterſuchen, ſobald jein Heißhunger befriedigt ſein würde. Obgleich in der verhängnißvollen Nacht, in der Fabian ihnen entriſſen worden war, der Regen das Palver der zwei Jäger verderbt hatte, war letzteres doch noch ſo trocken, daß ſie das zur Bereitung ihres Mahles beſtimmte Feuer leicht anzünden konnten. An dürrem Holze mangelte es auf der Inſel nicht, und bald konnten die hungrigen drei Jäger in Erwartung des Augenblicks, wo ſie endlich ihren Hunger, der nun den höchſten Grad erreicht hatte, zu befriedigen ver⸗ mochten, ſich an dem köſtlichen Geruche laben, den der Buckel des Biſons, welchen man über den Kohlen ganz braten ließ, verbreitete. Wohl hundert Mal mußte der Kanadier, der ſich mehr zu beherrſchen vermochte, als ſeine zwei Gefähr⸗ ten, mit ſeinem Machtworte einſchreiten, um ſie von der Verzehrung des noch blutigen Buffelfleiſches abzuhalten. Endlich aber erſchien der Augenblick, wy ſie ihrer brennenden Ungeduld nicht länger den Zügel anzulegen brauchten. 2 L jedem T den ang 3. 03 eines B hinterle 4. Ab beträgt: für wöchs 100 „Sachte, ſachte, ſachte!“ rief Roſenholz, als Gay⸗ feros und Pepe wie wüthend über den Buckel des Bi⸗ ſons herſielen.„Wenn Ihr ſo darein haut, kommt Ihr erſtlich in Gefahr, zu erwürgen, und dann, zu erſticken; dieſer Braten iſt, ohne Salz genoſſen, ſo unverdaulich, wie Kieſelſtein.“ „Möglich,“ antwortete Pepe, der die Worte ſparte; „allein er iſt zart, wie der Thau des Himmels.“ Und ein furchtbares Geräuſch zuſammenſchlagen⸗ der Kinnbacken ließ ſich inmitten der Stille der Inſel allein hören. „Die da unten thun ſich auch gütlich,“ ſprach der Kanadier, indem er auf das Flußufer hindeutete, das ſie ſo eben verlaſſen; es waren dort zwei andere Giſte, die über die blutigen Ueberreſte des Biſons ebenſo gierig herfielen, wie ſie ſelbſt. Es waren die zwei Wölfe, die, nachdem ſie, durch den Geruch des Büffels angezogen, das Waſſer durch⸗ ſchritten, denſelben mit großer Gier zerriſſen,— einer Gier indeſſen, die der der drei Jäger nichtgleich kam, denn dieſe reißenden Thiere hätten aufgeſchnitten, wenn ſie vorgegeben hätten, ihr Hunger ſei ein Menſchenhunger. Der Buckel des Biſons war gänzlich verſchwunden, und Pepe warf noch einen gierigen Blick auf das in Streifen zerſchnittene Lendenſtück, das Roſenholz auf den Kohlen faſt calcinirte, um das alſo getrocknete Fleiſch noch einige Tage aufbewahren zu können. Dieſer Theil wurde beiſeit gelegt. „Und jetzt eine Stunde geſchlafen!“ ſagte der Kana⸗ dier. Dann müſſen wir uns wieder auf den Weg ma⸗ chen; der Tod und die Indianer warten nicht.“ Der Waldläufer ſtreckte ſich nun ſelbſt ins Gras, um ſeinen Gefährten mit dem Beiſpiel voranzugehen, und nachdem eine gewaltige Anſtrengung ſeines Willens die püſtern Gedanken, die ihn umlagerten, verſcheucht, ſchlief der Rieſe ein, um ſeine Kräfte und die Energie — 12 ð —— 2 * 101 zurückzurufen, deren er bedurfte, wenn er ſein Kind retten wollte. Gayferos machte es wie der Kanadier. Pepe aber mußte ſich, ehe er einſchlief, noch von dem Umſtande Rechenſchaft geben, der bei der Untier⸗ ſuchung des von den Wölfen im Mittelpunkte der klei⸗ nen Lichtung gegrabenen Loches ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen hatte. Der Karabinier unterſuchte mit der Geduld eines Indianers von Neuem den Ort, wo der Raſen ſo ſorg⸗ fältig abgeſtochen zu ſein ſchien. Dieſes Mal war er ruhiger, und ſo gewann er denn bald die Ueberzeugung, daß es keine Thierklaue ſein könne, die den thonigen Boden alſo abgeſtochen. Bald aber glaubte er auf dem Boden eine jener glatten, und metalliſchen Spuren zu unterſcheiden, die denjenigen ähnlich find, welche die eiſerne Pflugſchär an der Seite der Furchen zurückläßt, die ſie öffnet. Sofort zog Peve ſein Meſſer heraus. Er ſteckte die Klinge desſelben in den Schnitt hinein, den er ſich nicht zu erklären vermochte, und trieb ſie in gerader Linie in den Boden hinab. Bald glitt die Klinge des Meſſers, wie in eine Art Falz, mit Leichtig⸗ keit hinab, und beſchrieb ſo einen großen Kreis. Pepe fühlte ſein Herz ſtärker ſchlagen. Er ahnte einen jener in den Wüſten ſo oft ange⸗ brachten Geheimorte, und in dieſem Geheimorte be⸗ fanden ſich ohne Zweifel Biberfallen, Munition, und Waffen. Wenn wir nun ſagen, was man bereits errathen, daß ein glücklicher Zufall die drei Jäger auf die Büffel⸗ inſel geführt, wo der Meſtize ſeine Beute vergraben hatte, ſo wird man zugeben, daß, was das Herz des Spaniers ſchlagen machte, keine eitle Hoffnung war. Mit ſeinen Nägeln und ſeinem Meſſer durchwühlte Pepe den Boden mit krampfhaftem Eifer. Was ſollte er in dieſem Geheimorte finden? Waaren, die er nicht — —— 102 benützen konnte, oder aber Waffen, das heißt, das Leben und die Freiheit Fabian's, ihre Stärke und ihre Energie, die bis daher gebrochen geweſen? Nachdem Pepe, von einer furchtbaren Ungewißheit beherrſcht, einen Augenblick inne gehalten hatte, ſetzte er ſeine Arbeit fort. Bald fühlte er unter der noch weichen Erde das weiche Leder, das die verborgenen Gegenſtände umhüllte. Er warf das Leder weit fort; ein Sonnenſtrahl drang vor den geblendeten Augen des Spaniers in den Ge⸗ heimort hinab. Denn wir müſſen ſagen, daß Pepe unter den hier durcheinander liegenden Gegenſtänden nur Eines geſehen hatte,— Feuerwaffen von jeder Größe, Pulverhörner, die an den Büchſen befeſtigt waren, und durch das halbdurchſichtige Material hindurch, woraus ſie verfertigt waren, das körnige und glänzende Pulver ahnen ließen, womit ſie angefüllt waren. Zum erſten Male ſeit langer, langer Zeit kniete Pepe nieder, ſprach ein inbrünſtiges Gebet, und rannte, wie verrückt, zu Roſenholz hin. Der Kanadier lag in dem leichten Schlafe des dem Feinde gegennüber ſtehenden Soldaten. „Was gibt es Pepe?“ rief er, durch das Geräuſch der Tritte ſeines Kameraden aufgeweckt. „Komm doch, Roſenholz,“ antwortete Pepe freudig; „kommen Sie doch, Gayferos,“ ſchrie er, den ſchlafenden Gambuſino mit dem Fuße ſtoßend. Dann rannte er wieder nach dem Geheimorte zu⸗ rück, gefolgt von ſeinen beiden Kameraden, die ver⸗ gebens Fragen an ihn ſtellten. „Waffen! Waffen die Hülle und Fülle!“ ſchrie der Spanier.„Schaut! ſchaut! ſchaut!“ Und bei jedem Worte tauchte der ſich über das Loch hinbückende Pepe ſeinen Arm in die gähnende Oeff⸗ nung, und warf dem erſtaunten Roſenholz eine Büchſe hin. „Danken wir Gott, Pepe!“ rief Roſenholz.„Er . 103 ſchenkt uns die Stärke wieder, die er unſern Armen entzogen hatte.“ Jeder der drei Jäger wählte ſich eine Waffe aus, die ihm gefiel. Was Roſenholz betrifft, ſo nahm er eine vierte für Fabian, denn nach dem Fange des in ſo providen⸗ zieller Weiſe ihnen in die Hände gelaufenen Biſons hatte dieſer unerwartete Fund ſein Herz von Neuem der Hoffnung erſchloſſen. „Legen wir das Uebrige wieder hinein, Pepe,“ ſagte der Kanadier,„entziehen wir dem Eigenthümer dieſer Waffen und dieſer Waaren die koſtbaren Hülfsquellen nicht, die er hier verborgen hat. Es hieße ſonſt gegen den Himmel undankbar ſein.“ Bald hatten die drei Jäger den Geheimort wieder ausgefüllt, und deſſen Exiſtenz, ſo viel wie möglich, Aller Augen vorborgen, ohne es ſich einfallen zu laſſen, daß ſie das Intereſſe ihrer Todfeinde in ſo edelmüthiger Weiſe wahrten. „Jetzt auf den Weg!“ fuhr der Kanadier fort. „Jetzt gehen wir Tag und Nacht fort, nicht wahr, Pepe?“ „Ja, denn jetzt ſind drei Krieger den Banditen auf der Spur, und Don Fabian„ Ein unerwartetes Schauſpiel machte hier das Wort auf ſeinen Lippen erſterben; eine furchtbare Realität drohte abermals, den Träumen der beiden Jäger ein Ende zu machen, oder wenigſtens die Ausführung ihrer Pläne hinauszuſchieben. Roſenholz und Gayferos hatten ſo gut, wie Pepe, die Urſache ſeines plötzlichen Abbrechens geſehen. Auf vem entgegengeſetzten Ufer ſchien ein indiani⸗ ſcher Krieger, der, wie an einem Schlachttage, ſorgfäl⸗ tig bemalt war, das am Uſer liegende Biſongerippe aufmerkſam zu betrachten. Obgleich der Indianer die drei Weißen bemerkt —— der Leſer ſelben vo jedem Te den ange 3. 0à Sch defecte B Ladenprei lorene od 7. Aus beſonders der Büchſ Burſche iſt auf dem Kriegspfade. denn die Augenblicke ſind zu koſtbar, um Liſt zu ge⸗ 104 haben mußte, ſo ſtellte er ſich doch, als ob er ſie gar nicht ſähe. „Es iſt unſer Amphikryon,“ hob Pepe wieder an; „darf ich, um ihm zu danken, die Güte meiner neuen Büchſe an ihm probiren 2“ „Thu' das bei Leibe nicht, Pepe; ſo tapfer auch die⸗ ſer Indianer ſein mag, ſo zeigt doch ſeine Ruhe,— denn er ſieht uns, ohne uns ſeiner Aufmerkſamkeit zu würdigen,— an, daß er nicht allein iſt.“ Und in der That ſetzte der Indianer ſeine Unter⸗ ſuchung mit einer Kaltblutigkeit fort, die einen uner⸗ ſchütterlichen, oder doch einen aus dem Vertrauen auf die numeriſche Ueberlegenheit entſpringenden Muth an⸗ zeigte, und ſeine Büchſe, die er bandelierartig umhängen hatte, ſchien für ihn mehr ein Schmuck, als eine An⸗ griffswaffe zu ſein. „Ah! es iſt ein Comanche,“ fuhr Roſenholz fort. „Ich ſehe es an ſeinem Kopfſchmucke, und an den Verzierungen ſeines Büffelmantels. Der Comanche iſt der unverſöhnliche Feind des Apachen. Dieſer junge Ich will ihm rufen, brauchen, ſteuern.“. Der Kanadier beeilte ſich, ein Project, das gar gut zu ſeinem biederen Charakter vaßte, auszuführen. Er ſchritt feſten Trittes auf das Ufer zu, ebenſo bereit zum Kampfe, wenn es ein Feind war, den der Zufall ihnen zuführte, als mit dem Indianer einen Bund zu ſchließen, wenn er an dem jungen Krieger von dem Stamme der Comanches einen Freund finden ſollte. „So ruf ihn doch in ſpaniſcher Sprache an, Roſenholz!“ ſprach Pepe.„Auf dieſe Weiſe werden wir bälder wiſſen, woran wir uns zu halten haben.“ Der Kanadier hob den Kolben ſeiner Büchſe in die Höhe, während der Indianer noch das Büffelgerippe und die Fußſpuren neben deniſelben betrachtete. und um nicht gerade auf das Ziel loszu⸗ „Drei Krieger ſtarben vor Hunger, als der große Geiſt ihnen einen verwundeten Biſon zugeſchickt hat,“ rief der Waldläufer.„Mein Sohn will unterſuchen, ob es wirklich der iſt, den ſeine Lanze getroffen. Will er den Theil nehmen, den wir für ihn zurückgelegt haben? Auf dieſe Art wird er den drei weißen Kriegern bewei⸗ ſen, daß er ihr Freund iſt.“ Endlich richtete der Indianer den Kopf in die Höhe. „Ein Comanche,“ antwortete er,„iſt nicht der Freund aller Weißen, denen er begegnet. „Ehe er an ihrem Feuer Platz nimmt, muß er wiſ⸗ ſen, woher ſie kommen, wohin ſie gehen, und wie ſie heißen.“ „Caramba!“ ſagte Pepe halblaut,„der Kerl iſt ſo ſtolz, wie ein Häuptling.“ „Mein Sohn ſpricht mit dem Hochmuthe eines Häuptlings,“ antwortete Roſenholz, die Phraſe des Ka⸗ rabiners in artigerer Weiſe wiederholend„Ohne Zwei⸗ fel beſitzt er auch den Muth eines ſolchen; allein er iſt noch gar jung, um Krieger auf dem Kriegspfad zu führen;— gleichwohl werde ich ihm antworten, wie ich dem Häuptling eines Stammes antworten würde. „Wir haben das Land der Apachen durchſtreift, und verfolgen bis zum Fork des Red River die Spur zweier Banditen. „Dieſer hier iſt Pepe, der Schläfer,— der dort iſt der Goldſucher, dem die Indianer die Haut über den Kopf gezogen haben, und ich bin der Waldläufer aus Unter⸗Kanada.“ Der Indianer hatte die Antwort des Kanadiers ernſt angehört. „Mein Vater,“ antwortete er,„hat die Klugheit eines Häuptlings, deſſen Alter er auch hat; allein es ſteht nicht in ſeiner Macht, die Augen eines Kriegers vom Stamme der Comanche blind und deſſen Ohren taub zu machen. Unter den drei Kriegern mit weißer ——— beträgt: hinterleg wird. 4. Abo auf 1 Mr 3 5. 4 106 Haut ſind zwei, deren Namen ſein Gedächtniß behalten hat, und es find nicht die, welche er ſo eben gehört.“ „Ei, eil“ antwortete Roſenholz lebhaft,„es iſt dieß eine höfliche Art, mich einen Lügner zu heißen, und meine Zunge hat, weder aus Furcht, noch aus Freundſchaft, jemals zu lügen vermocht.“ Dann fuhr der Kanadier in gereiztem Tone alſo ort: „Wer Roſenholz der Lüge beſchuldigt, wird ſein Feind. Zurück alſo, Comanche, und zeiget Euch meinen Augen hinfort nicht mehr! Die Wüſte iſt von nun an zu enge für uns Beide!“ Während der Kanadier dieſe Worte ſprach, zog er ſeine Flinte auf; allein der Indianer blieb ganz ruhig, und machte mit der Hand ein Zeichen. „Brennſtrahl,“ rief er, ſich ſtolz auf die Bruſt ſchlagend,„ſuchte am rothen Fluſſe den Adler der Schnee⸗ berge, und den Spottvogel. Er glaubte, ſie würden den Sohn ſuchen, den die apachiſchen Hunde ihnen geraubt haben.“ „Den Adler! den Spottvogel!“ rief Roſenholz höchſt überraſcht.„Ah! es iſt wahr, ich vergaß.. Aber ſaget mir doch, mein Junge,— ſaget mir doch,“ fuhr der alte Jäger lebhaft fort,„habt Ihr meinen Fabian,— habt Ihr das Kind geſehen, das ich ſuche S Und plötzlich warf der Kanadier ſeine Büchſe weit fort, ſtürzte ſich in die Furt des Fluſſes, und durch⸗ watete dieſelbe mit Rieſenſchritten. „Ja, ja! der Adler und der Spottvogel, das ſind wir Beide; es ſind dieß die Namen, die uns die Apa⸗ chen gegeben haben, und die ich vergeſſen hatte,“ fuhr der Kanadier fort, indem er um ſich her das Waſſer aufſpritzen machte, das er mit ſeinen gewaltigen Schrit⸗ ten peitſchte.„Wartet, Brennſtrahl, wartet, ich bin Euch, was das Eiſen dem Pfeile, was die Klinge dem Hefte iſt. ein Freund auf Leben und Tod — en iſt n, 18 in n in — — 107 Der junge Indianer lächelte, während er den Wald⸗ läufer erwartete, der bald den Fuß auf das Ufer ſetzte. Dort angekommen, ſtreckte der Kanadier dem india⸗ niſchen Krieger ſeine gewaltige und biedere Hand hin, und Letzterer legte ſeine Hand darein, wie in den ge⸗ ſpaltenen Stamm eines Baumes, der ſich ſofort wieder geſchloſſen hätte. „So ſeid Ihr denn,“ rief der Kanadier, der kaum vem Wunſche, den jungen Indianer in die Arme zu ſchließen, zu wiberſtehen vermochte,„— ſo ſeid Ihr denn der Feind Red⸗Hand's, Miſchbluts's und jener ganzen. Wer hat aber unſere Namen dem Krie⸗ ger geſagt, den die Seinigen Brennſtrahl genannt ha⸗ ben, denn mein Sohn ſcheint furchtbar, wie die Feuer⸗ zungen, die aus den Wolken hervorkommen?“ „Vom Preſidio Tubac bis zum Büffelſee, wo die Seeblume ſich im Waſſer ſpiegelt,“ antwortete der Indianer, auf Dona Roſario anſpielend, deren Bild fich, wider ſeinen Willen, ſeinem Gehirne eingeprägt hatte,„von dem Büffelſee bis zu den Nebelbergen, und von den düſteren Bergen bis zu dem Geheimort, den ſie hier angebracht, hat Brennſtrahl die Spuren derje⸗ nigen verfolgt, die ihm ſeine Ehre geraubt.“ „Ahl es ſind dieſe Teuf.. Aber fahret fort, Brennſtrahl!“. „Die Räuber,“ fuhr der Indianer fort,„haben kein Geheimniß für ihn gehabt, und nach ihren Worten hat Brennſtrahl die zwei weißen Krieger auf der Büffelinſel erkannt. Sind die zwei weißen Krieger ſo tapfer, wie man ſagt?“ endigte er, die Augen auf den fernen Hbri⸗ zont heftend. „Warum dieſe Frage 7“ fragte Roſenholz mit einem ruhigen Lächeln, das lauter ſprach als alle Proteſtativnen. „Ich frage,“ antwortete der Indianer ruhig,„weil ich von hier aus im Oſten den Rauch der Feuer des Schwarzvogels und ſeiner dreißig Krieger,— im We⸗ ſten den Rauch der Feuer der zwei Wüſtenräuber,— —.— —— —— defecte Ladenpr lorene o der Leſer 108 im Norden den Rauch der Feuer von zehn Apachen ſehe, und weil der Comanche⸗Indianer und die zwei wei⸗ ßen Geſichter zwiſchen drei feindlichen Haufen ſich be⸗ nden.“ „Beim Himmel! das iſt wahr! Dieſe Indianer ſehen entſchieden beſſer, als wir,“ rief der Kanadier, den Comanche mit dem Blicke fragend, nachdem er in der Ferne eine leichte Rauchwolke bemerkt, die ein indiani⸗ ſches Lager anzeigte. Achtundſechzigſtes Rapitel. Die Schiffer auf dem rothen Fluſſe. Der junge Comanche begriff die Bedeutung des Blickes des Kanadiers, als derſelbe die Anweſenheit einer der drei feindlichen Parteien erkannt, deren der Erſtere Erwähnung gethan hatte. „Die Gefahr iſt noch fern,“ antwortete Brenn⸗ ſtrahl, indem er mit dem Finger nach der Gegend im Oſten hindeutete, wo der Rauch der indianiſchen Bi⸗ vouacs in faſt unſichtbaren Spiralen aufſtieg.„Der Comanche wird ſeinen neuen Freunden auf die Büffel⸗ inſel folgen, und da werden ſie das Rathsfeuer anzün⸗ den, um zu entſcheiden, was zu thun iſt. Gehen wir!“ Der Waldläufer und der Indianer durchwateten die Furt des Fluſſes, um zu Pepe und dem Gambuſino zu ſtoßen, die um ſo ungeduldiger das Reſultat dieſer Unterredung erwarteten, als ſie auch nicht ein Wort da⸗ von hören konnten.— Der Indianer berührte ceremoniös die Hand der 6 — — NMNe 8 u —— 109 zwei Weißen, und alle vier gingen nach dem Feuer hin, an dem die drei Jäger ihr homeriſches Mahl eingenom⸗ men hatten. Jetzt aber befanden ſich Letztere in einer gar ver⸗ ſchiedenen Stimmung. Die Nahrung hatte ihren mü⸗ den Gliedern die frühere Kraft und Gelenkigkeit wieder geſchenkt, und der Beſitz der neuen Waffen in ihrem Herzen, wo die Niedergeſchlagenheit eingekehrt war, die frühere Zuverſicht und Energie wieder geweckt. Der junge Indianer nahm in der Eile ein Stück Büffelfleiſch zu ſich; er ſagte, das Thier ſei von einem zur Bande Miſchblut's gehörenden Indianer verwundet worden, und Roſenholz benützte dieſen Augenblick, um ſeinen beiden Gefährten mitzutheilen, was er ſelbſt ſo eben erfahren. „Es ſind ernſte undärgerliche Verwickelungen,“ ſprach der Kanadier zuletzt;„einen Feind zu verfolgen, wenn man doch ſelbſt verfolgt iſt, iſt eine ſchwierige Aufgabe.“ „Ja,“ verſetzte der Karabinier;„iſt es uns aber am Ende jetzt, wo wir bewaffnet ſind, wie es Kriegern ziemt, unmöglicher, unſern Endzweck zu erreichen, als damals, wo wir, von den ſpitzbübiſchen Apachen ſelbſt blokirt, Don Antonio de Mediana verfolgten?“ Der Kanadier hatte, gleich dem Spanier, jenes un⸗ erſchütterliche Selbſtvertrauen, welches diejenigen, ſo es beſitzen, Wunder verrichten läßt. Denn im Laufe des Lebens ſind gar viele Projecte nur darum unausführ⸗ bar, weil ſie uns ſo erſcheinen. Die beiden Jäger fanden, daß die Aufgabe ihre Kräfte nicht überſteige. „Wie dem auch ſein mag,“ rief der rachſüchtige Pepe,;„ich leere von Neuem den Geheimort des ver⸗ dammten Meſtizen, den wir mit ſo vieler Mühe Aller Augen wieder verborgen hatten. Kommen Sie, Gay⸗ feros; während Roſenholz hier mit dieſem jungen Krie⸗ ger rathſchlägt, wollen wir die ganze Beute dieſer ————————— —— * A eines B hinterleg 6. 8e defecte 2 Ladenpre lorene o 110 Viper,— nur die Feuerwaffen nicht,— ins Waſſer werfen.“ Und der der Stimme ſeines Grolles ſo gern fol⸗ gende Spanier entfernte ſich, gefolgt von dem Gam⸗ bufino. Als der Indianer gegeſſen und getrunken hatte, ſprach der Canadier zu ihm: „Wird mir jetzt mein Sohn ſagen, was er allein, und ſo weit von ſeinem Stamme auf den Jagdgründen der Apachen thut?“ Der Comanche erzählte Roſenholz die Ereigniſſe, die der Leſer bereits kennt: den Angriff, deſſen Opfer Encinas und er um ein Haar geworden,— die Erſchei⸗ nung der beiden Wüſtenräuber in der Nähe des Büffel⸗ ſees,— und endlich ſeine abenteuerlichen Wanderungen bis nach der Büffelinſel, wo er, ihre Spur verfolgend, ſie in den Eingeweiden der Erde hatte ihre Beute ver⸗ graben ſehen. In dieſem Augenblicke kamen Gayferos und Pepe von ihrem Geſchäfte zurück. Decken, Sättel, Waaren, — ſie hatten Alles in den Fluß geworfen, mit Aus⸗ nahme einer Anzahl von Büchſen, die ſie herbeiſchleppten. „Gut!“ ſprach der Comanche,„dieſe Gewehre kön⸗ nen die Krieger meines Stammes brauchen, die ſtatt aller Waffen nur ihre Bogen und Pfeile haben. So werden ſie den Donner der weißen Geſichter ebenfalls in die Hand bekommen.“ Brennſtrahl nahm dann ſeine Erzählung wieder auf, welche die drei Jäger aufmerkſam anhörten. Wir glau⸗ ben dieſelbe nur ganz ſummariſch wiedergeben zu müſ⸗ ſen. Der Comanche hatte die Büffelinſel verlaſſen, in der Hoffnung, rechtzeitig dahin zurückzukommen, um die beiden Wüſtenräuber bei dem Beſuche zu überfallen, den ſie in Kurzem an dem Orte machen mußten, wo, wie der Indianer ſich ausdrückte, die Banditen ihre Seele vergraben hatten. Allein die Zeit, die er gebraucht, um das ferne Lager ſeines Stammes zu erreichen, und die —„—————„—— —————————,„— ——— e— ——— 14¹ Raſchheit der Bewegungen Miſchblut's und des alten Banditen hatten ſeine Vorausſehung getäuſcht. Als er an der Spitze von bloß zehn Kriegern, die der Häuptling ſeines Stammes ſeiner Klugheit und ſei⸗ nem Muthe anvertraut, wieder an dem Ufer des rothen Fluſſes angelangt war, hatte der junge Comanche an verſchiedenen Orten Spione ausgeſtellt. Dieſe berich⸗ teten ihm bald, daß die zwei Krieger, die er verfolgte, bereits die Büffelinſel verlaſſen, auf der er ſie überfallen zu können hoffte, und daß dieſelben, nachdem ſie den Fluß verlaſſen, auf dem ſie bis daher in ihrem Kahne fortgeſchwommen, am Ufer zu Lande bis zum Fork in der Nähe des Biſonſees fortgingen. Der Comanche und ſeine zehn Krieger, die in dem Kahne, der ſie hergeführt, eine ziemlich raſche Strömung hatten überwinden müſſen, hatten alſo nicht mehr zu rechter Zeit ankommen können, um auf die beiden Prai⸗ rien⸗Räuber zu ſtoßen. Und es war dieß vielleicht ein Glück für den jun⸗ gen Anführer, denn die Truppe der beiden Banditen hatte ſich unterwegs durch indianiſche Herumſtreicher, wie es deren in der Wüſte ſo viele gibt, verſtärkt. Dieſer Bericht, den Brennſtrahl einem ſeiner Spione verdankte, war durch einen andern vervollſtändigt wor⸗ den, den ihm ein Anderer von ſeinen Leuten erſtattete. Der Letztere hatte ſich zu nahe an das Lager Miſchblut's hingewagt und war gefangen worden. Er hatte bei dem Meſtizen und deſſen Vater einen halben Tag zugebracht, und in dem Augenblicke, wo er ſeine letzte Stunde ge⸗ kommen glaubte, hatte ihn Miſchblut mit Worten des Friedens und der Freundſchaft für den jungen Anführer zu Brennſtrahl zurückgeſchickt, und Letzterem noch mel⸗ den laſſen, daß er in ſeinem Lager gut aufgenommen ſein würde,— was der Comanche aber ſich wohl hü⸗ tete zu glauben, und zwar mit Recht, wenn man die Abſichten, die der Meſtize gegen ihn hegte, nicht vers geſſen hat. 112 Durch dieſen freigelaſſenen Gefangenen hatte der 6 Comanche die Namen erfahren, welche die Indianer den 3 beiden weißen Jägern gegeben, und er hatte dieſe auf der Büffelinſel mit Hülfe der Beſchreibung erkannt, 9 welche der zurückgeſchickte Spion von ihnen gegeben 6 hatte. „Brennſtrahl,“ ſetzte der Indianer, ſeine Erzählung ſ beendigend, hinzu,„will von ſeinen zwei Feinden Nichts, 3 als ihr Blut, um ſeine Ehre rein zu waſchen,— und 3 . 3 ihre Kopfhaut, um den Vordertheil ſeiner Hütte damit d zu ſchmücken. Auch iſt er ein Tovfeind der Apachen, die 6 einſt ſeine Brüder waren.“ „Wir werden Euch mit aller Macht unterſtützen,“ f erſetzte Pepe, der in den funkelnden Augen des jungen d Comanche deſſen unverſöhnlichen Haß gegen ſeinei alten ſ Stamm las;z„aber mein Bruder,“ ſetzte er hinzu,„iſt alſo nur ein adoptirter Comanche?“ 8 „Brennſtrahl,“ erwiederte der Indianer,„erinnert 5 ſich nicht mehr, daß er ein geborner Apache iſt, ſeitdem 6 der Schwarzvogel ihn in ſeinem Theuerſten verletzt und B beſchimpft hat.“ 3 Dieſe letztere Gemeinſchaft des Haſſes gegen den 5 indianiſchen Häuptling knüpfte die neuen Freundſchafts⸗ a bande zwiſchen dem jungen Comanche und den beiden w 2 Jägern noch feſter. Es wurde beſchloſſen, die wenigen u noch übrigen Augenblicke des Tages zu benützen, um, die Inſel zu verlaſſen und ſich wieder auf den Weg zu 2 machen, um das gemeinſchaftliche Ziel je bälder je lie⸗ m ber zu erreichen. u „Sind Eure Krieger weit von hier?“ fragte Roſen⸗ ze holz den Indianer. ke „Einer derſelben bewacht meinen Kahn an der Spitze m itt der Büffelinſel; die andern ſind auf dem linken Ufer des rothen Fluſſes zerſtreut; Rothhand und Miſchblut w aber befinden ſich auf dem entgegengeſetzten Ufer. Zwei V 2 Büchſenſchüſſe von dem Pfade weg, den ſie verfolgten, der den auf nt, ben ing s, ind mit die 113 hätten der Adler und der Spottvogel die Spuren der⸗ ſelben gefunden.“ „Wir haben ſie nun einmal nicht gefunden,“ rief Roſenholz;„dafür aber haben wir uns Waoffen, Lebens⸗ mittel, ſowie einen tapfern und biedern Verbündeten ver⸗ ſchafft. Gott ſei gelobt! Es iſt Alles auf's Beſte ge⸗ gangen.“ Mit dieſen Worten warf der Canadier ſeine Büchſe auf die eine Schulter und nahm auf die andere die aus dem Geheimorte hervorgezogenen Waffen. Pepe und Gayferds bepackten ſich mit den Lebensmitteln und der Munition, und alle drei folgten, von einem Feuer er⸗ füllt, das dieſe glücklichen Umſtände noch vermehrten, dem jungen Comanche, der ſie nach der Spitze der In⸗ ſel zuführte, wo der zur Bewachung des Kahns zurück⸗ gelaſſene Krieger verborgen lag. Dieſer Kahn war eines jener Fahrzeuge, wie ſie bei den Indianern in dieſem Theile von Amerika im Gebrauche ſind. Sein ſeltſamer Bau erfordert eine kurze Beſchreibung. Der Kahn des Comanche beſtand aus zwei Büffel⸗ häuten, die roh gegerbt zuſammengenäht waren, und auf einem leichten, eſchenen Gerüſte ruheten, Die Nähte waren vermittelſt eines gehärteten Gemiſches von Talk und Aſche waſſerdicht gemacht worden. Dieſe ſchwache Barke mochte etwa zehn Fuß in der Länge, und drei und einen halben Fuß in der Breite meſſen. Das Vorder⸗ und das Hintertheil waren ſpitzig, und der runde Bauch, ſowie die Farbe verlieh dem Fahr⸗ zeuge, wenn auch in rieſigem Maßſtabe, einige Aehnlich⸗ keit mit einer jener Kappen von geſottenem Leder, deren man ſich früher auf Reiſen, wie eines Glaſes, bediente. Vermittelſt ſolcher Fahrzeuge unternehmen gleich⸗ wohl die Indianer lange Fahrten auf Flüſſen, die voller Waſſerfälle, Untiefen, und Felſen ſind, und ſo kurz auch die Dauer dieſer ſchwachen Fohrzeh ſo muß Der Waldläufer⸗ IV. 3 114 man ſich doch wundern, wie ſie den Stößen, die ſie erleiden, und der Heftigkeit des Waſſers, wogegen ſie zu kämpfen haben, noch ſo lange zu widerſtehen ver⸗ mögen. Im Uebrigen bewahrt ſie ihr leichter Bau ſelbſt vor tauſend unglücklichen Zufällen, die ein flärkeres Fahrzeug unfehlbar ſeinem Untergange zuführen würden; und eben dieſer leichte Bau macht es an Orten, die nicht befahren werden können, den Schiffern möglich, ganze Tage hindurch dos Schiff ohne viele Mühe auf den Achſeln weiter zu tragen. Auf einem ſolchen Kahne ſchiffte ſich die kleine Truppe ein. Der Comanche ſtieß vermittelſt ſeiner Ruder ab, und bald folgte die ſchwache Maſchine raſch der Strö⸗ mung. Brennſtrahl und der ihn begleitende Krieger trieben den Kahn nach dem lenken Ufer hin, und fuhren ſo nahe wie möglich an demſelben fort, um ſich unter dem Schatten der Bäume zu verbergen, der ſich bereits über den Fluß ausbreitete. „Wie weit glaubt ihr, daß wir noch von dem Fork des rothen Fluſſes ſeien?“ fragte der Kanadier, dem es immer noch zu langſam ging, ſo raſch auch der Kahn hinfuhr. „Wenn wir ſo die ganze Nacht fortſchiffen, dann ſind wir morgen Abend, wenn die Sonn am Horizonte an dem nämlichen Platze ſteht, wo ſie jetzt iſt, an dem Red⸗Fork,“ antwortete der Comanche. Somit mußte man einen ganzen Tag und eine ganze Nacht fortſchiffen, unter der Vorausſetzung, daß der kleinen Truppe auf ihrem Wege ſich kein Hinderniß entgegenſtellte,— was aber kaum wahrſcheinlich war, wenn man in Betracht zog, daß die fünf Reiſenden von Feinden jeder Art umgeben waren. Während Roſenholz mit ſeinen Gefährten das eine buſchige, und das andere kahle Ufer muſterte„an dem er Miſchblut ſammt ſeiner Bande vermuthete, überdachte ſie fie bſt es n5 ie —— ẽ e W— 1¹⁵5 er nochmals alle Einzelheiten des Berichts des Comanche, um ihre Chancen, den Meſtizen noch einzuholen, zu be⸗ rechnen. In dem Berichte Brennſtrahl's ſchien im Einiges nicht recht klar, und dann war das Fabian vorbehaltene Schickſal für ihn ein Gegenſtand peinlicher Unruhe. „Welcher von Euren Leuten,“ fragte der Kanadier den Comanche,„iſt bis in das Lager Red⸗Hands ge⸗ drungen?“ Der Indianer bezeichnete mit dem Kopfe den Krie⸗ ger, der neben ihm ruderte. „Ah!“ rief der Waldläufer bebend,„warum habt Ihr es mir nicht früher geſagt? Comanche,“ fuhr er⸗ mit ungemein bewegter Stimme zum Ruderer gewandt, fort,„Ihr habt den jungen Krieger aus Mittag ge⸗ ſehen, wie ſie meinen armen Fabian nennen: habt Ihr ihn geſehen,— habt Ihr mit ihm geſprochen? Was that er? War er gefaßt? Wandte er ſeine Augen oft nach dem Horizonte hin, um in den Wolken den Flug des Adlers der Schneeberge, ſo wie den Flug deſſen zu ſuchen, den ſie beſſer den Schiffadler nennen wür⸗ den? Sprechet, Comanche, die Ohren eines Vaters ſind geöffnet, um von einem vielgeliebten Sohne ſpre⸗ chen zu hören.*. Allein der wilde Krieger antwortete auf dieſe Flut von Fragen Nichts; er verſtand vas Spaniſche nicht, und andererſeits war dem Kanadier der Dialect des Comanche unbekannt. Brennſtrahl übernahm es, die Fragen des Kana⸗ diers dem Comanche zu verdolmetſchen, und ebenſo überſetzte er die Antworten des Letzteren. „Der junge Krieger aus Mittag,“ ſprach er,„war ruhig und traurig wie die Abendämmerung in den Ber⸗ gen, wenn der Nachtvogel zu ſingen beginnt.“ „Hörſt du, Pepe?“ rief der⸗Kanadier mit feuchten Augen. „Sein Geſicht,“ fuhr der Dolmetſcher, was er ———— 115 horte, getreu überſetzend, fort,„war blaß, wie ein Mondſtrahl auf einem See; aber ſeine Augenſterne hatten den Glanz eines Leuchtkäfers in dem düſteren Graſe der Prairien.“ „Ja, ja,“ ſagte der Kanadier;„wenn man wiſſen will, ob Jemand tapfer iſt, muß man nicht ſeine Wangen anſehen, ſondern ſeine Augen.“ „Aber,“ fuhr der Dolmetſcher fort,„was bedeuteten die Bläſſe der Wangen des jungen Kriegers aus Mit⸗ tag, und das Feuer ſeiner Augen? Daß ſein Fleiſch un⸗ ter dem Hunger litt, daß aber die Qualen ſeiner Ein⸗ geweide ſeine Seele nicht erreichten! Die Seele eines Kriegers leidet nie unter den Uebeln ſeines Körpers.“ Der alte Jäger hatte zu lange unter den India⸗ nern gelebt, um einen unerſchütterlichen Muth nicht über Alles zu ſchätzen; und eine wilde Freude glänzte in ſeinen Augen, als er hörte, wie der Indianer das Lob ſeines Kindes ſang. „Der junge Krieger aus Mittag,“ hob der In⸗ dianer wieder an, der Fabian vielleicht ſeine eigenen Eindrücke lieh,„ſuchte am Himmel nicht den Flug der Adler, ſeiner Freunde, zu unterſcheiden; er ſah in ſich hinein, und das Todesgeſchrei der Feinde, die er ge⸗ tet hatte, klang harmoniſch in ſeinen Ohren, und er te dem Tode entgegen.“ —————— — —————— Seid Ihr nur ruhig, Comanche, der junge Menſch ſagte nicht, was er dachte. Er weiß wohl, daß ſein alter Roſenholz Und,“ fuhr der Kanadier mit einer Stimme, der er vergebens einige Feſtigkeit zu verleihen ſuchte, fort,„weiß der Comanche„ auf welche Stunde man die Hinrichtung des jungen Kriegers aus Mittag feſtgeſetzt hatte?“ „Auf die Stunde, wo der große Häuptling, genannt der Schwarzvogel, ſich am Red⸗Fork mit Miſchblut ver⸗ einigt haben wird.“ „Ihr Beide ſeid nun müde; laßt Pepe und mich in e en 1¹7 jetzt rudern,“ ſprach der Kanadier mit flammenden Augenz„der Adler iſt den Geiern auf der Spur.“ Unter dem Impulſe der zwei neuen Ruderer glitt der aus Büffelhäuten verfertigte Kahn raſcher über die Oberfläche des Fluſſes hin. Indeſſen hatte nun Roſenholz eine gewaltige Laſt weniger auf dem Herzen; er wußte, daß Fabian lebte, und daß deſſen Hinrichtung bis auf den Augenblick der Vereinigung des Schwarzvogels mit dem Meſtizen ver⸗ ſchoben war;— er wußte, daß die Truppe des Erſteren hinter ihnen war, und daß er vor ihr am Red⸗Fork ankommen würde. Indeſſen konnte Miſchblut den Ort ſeiner Beſtim⸗ mung ändern, oder doch nicht ſo lange daſelbſt verwei⸗ len, daß dem Kanadier die nöthige Zeit und Gelegen⸗ heit blieb, ihn dort mit einiger Ausſicht auf einen günſtigen Erfolg anzugreifen. „Iſt der Red⸗Fork von dem Orte, den Ihr den Büffelſee nennt, weit entfernt?“ fragte der Kanadier Brennſtrahl, um ſeines Zweifel quitt zu werden. „Die Entfernung beträgt eine halbe Stunde.“ „Und was will Miſchblut am Büffelſee thun, wo Ihr ſeine Spur gefunden habt? Weiß es mein Sohnk“ „Er will die Seeblume pflücken, die eine himmel⸗ blaue Hütte bewohnt,“ ſprach der junge Indianer mit einem Feuerblicke. „Ich verſtehe Euch nicht, Brennſtrahl.“ „Die Seeblume,“ verſetzte der Comanche, indem er den Glanz ſeiner Augenſterne zu verſchleiern ſuchte,„iſt eine Tochter der Weißen; fie ſelbſt iſt weiß und ſchön, wie die Blüthe des Magnolienbaums, die Morgens halb geöffnet iſt, und die man Mittags ſieht; ſie iſt ſchöner, als der Abendſtern, der„bis daher für die Augen eines Kriegers ſchöner geweſen war, als alle indianiſchen Mädchen.“ „Und was thut dieſes Mädchen fern von den Woh⸗ nungen?“ fuhr Roſenholz fort, der nicht im Entfernte⸗ 2 , N 1. 0½ pfangn 7 Uhr 2 jedem Ladenp lorene ſelben 118 ſten daran dachte, daß es das Mädchen ſein könnte, das im Herzen Fabians einen ſo großen Platz einnahm. „Die Seeblume begleitet ihren Vater, und zwei und dreißig Pferdejäger.“ „Zwei und dreißig Jäger! Ah!“ rief der Kanadier voller Freude,„das wollte uns Pedro Diaz ſagen. „Dort werden wir ihn ohne Zweifel wieder finden. „Aber dann wird es einen tüchtigen Kampf geben; ſechzig Indianer und vierzig bis fünfzig Indianer und Weiße gegen dieſelben!“ fuhr der Jäger fort, deſſen Geſicht von dem Schlachtenfeuer belebt war.„Der Red⸗Forf wird viel Blut fließen ſehen. „Wir werden im Tumulte Fabian retten, und dann zerſchmettern wir den zwei Prairienräubern die Schädel mit unſern Flintenkolben.“. „Wir kreuzigen ſie, Roſenholz, rief Pepe, den wil⸗ den Leidenſchaften ſich überlaſſend, die ſein Haß gegen Rothhand und Miſchblut in ihm weckte.„Dieſes Dä⸗ monenpaar verdient kein beſſeres Loos.“ Der biedere Waldläufer, der mehr zu lieben, als zu haſſen verſtand, und der unverſöhnliche Karabinier, der haſſen konnte, wie er zu lieben wußte, beugten ſich mit noch mehr Eifer über ihre Ruder. Die Waſſer des Fluſſes färbten ſich ſchwarz, als die Ufer ſich engten, und hundert Schritte jenſeits der Berge einen engen Kanal bildeten, der von den Gipfeln der in einander verſchlungenen Bäume bekränzt war. Ein letzter Purpurſtrahl der untergehenden Sonne ſpielte, indem er weithin einen lichten Streif warf, noch in dem grünen Dome und vermiſchte ſich mit dem dun⸗ keln Schatten, der über die Oberfläche des Fluſſes ver⸗ breitet war. Ehe es in dieſen finſteren Durchpaß hineinging, gab Brennſtrahl dem neben ihm ſitzenden Krieger ein Zeichen, und es nahmen nun Beide wieder die Ruder aus den Händen der Jäger, die dann zu ihrer Büchſe griffen. ——— —— 74— NnM—„* *— 1¹9 Bald darauf ließen die zwei Indianer zwei Schreie hören, welche dem Pfeifen der an dem Waſſer hinſtrei⸗ fenden Schwalben ähnlich war. Einige Augenblicke darauf fuhr der Kahn unter dem dichten Gewölbe der Bäume hin. Der letzte Sonnen⸗ ſtrahl ſchien im Fluſſe erloſchen zu ſein, und kaum ver⸗ mochte man inmitten der Dunkelheit vom Hintertheil des Fahrzeuges bis nach dem Vordertheil zu ſehen. „Würde die Finſterniß bisweilen nicht ſo ſeltſame Illuſionen hervorbringen,“ ſagte der Kanadier,„ſo würde ich ſchwören, daß ich dort unten, auf der Gabel der über das Waſſer ſich hinneigenden Eſche, Etwas, wie eine menſchliche Geſtalt, ſehe.“ Der junge Comanche that hier dem Kanadier, der bereits das Gewehr anſchlug, Einhalt. „Der Adler und der Spottvogel find hier in Freun⸗ desland,“ ſagte er; Krieger ſind weithin auf deren Weg aufgeſtellt, um ihn ſicher zu machen.“ Bei dieſen Worten gab Brennſtrahl dem Indianer den Befehl, daß er einen Augenblick zu rudern aufhören ſollte, und, rückwärts rudernd, oder, wie die Seeleute ſich ausdrücken, fägend, kam er mit dem Kahne raſch unter den geneigten Stamm der Eſche, die der Kana⸗ dier bezeichnete. In demſelben Augenblick glitt, noch ehe Pepe und Roſenholz ſich von ihren Eindrücken Rechenſchaft zu ge⸗ ben gewußt, ein ſchwarzer Körper an dem Baume herab. Der Kahn erhielt einen Stoß, der ihn zittern machte, und es nahm ein Indianer neben dem indianiſchen An⸗ führer Platz. Der Neuangekommene erſtattete einen kurzen Be⸗ richt, den die weißen Jäger nicht verſtanden, während der Kahn ſeine Fahrt in der Finſterniß fortſetzte. Bald beobachtete der aufgenommene Indianer ein eben ſo tiefes Schweigen, wie die übrigen Paſſagiere. Nachdem man ſo etwa eine Stunde ſchweigend fort⸗ gefahren war, wiederholte ſich dasſelbe Factum⸗ defecte Ladenp lorene der Bü ſelben 120 Ein anderer Indianer ließ ſich in den Kahn hinab⸗ gleiten, der bald zu klein zu werden drohte, wenn die Anzahl der Paſſagiere ſo jede Stunde vermehrt wer⸗ den ſollte. Auch der Neuaufgenommene ſagte im Dialect der Comanches einige Worte zu Brennſtrahl. Dieſes Mal hoben die beiden Indianer, anſtatt fortzurudern, ihre Ruderſtangen aus dem Waſſer heraus, und ließen eine Zeit lang den Kahn der Strömung des Fluſſes folgen. Auch fing ein fernes Gemurmel an, ſich unter dem ſonoren Gewölbe, das den Fluß bedeckte, hören zu laſſen. Bald nahm das Getöſe zu; man hörte das Waſſer wie über eine Untiefe hinrauſchen; allein die Dunkelheit machte es unmöglich, über den Kahn hinauszuſehen. Dann fing die ſchwache Barke an, ſich langſam um ſich ſelber zu drehen, ohne daß die beiden Indianer einen Verſuch machten, ſie zu lenken. Dann ſchwamm ſie überzwerch fort, wobei ſie das Vorder⸗ und das Hintertheil den beiden Flußufern zu⸗ wandte, und endlich glitt ſie wieder raſcher in einer mit der Strömung parallelen Richtung fort. Bald wurde die Geſchwindigkeit ſo groß, daß der Kahn pfeilſchnell über das Waſſer hinflog, während er wie auf einer geneigten Fläche hinabfuhr. Es war eine der Stromſchnellen des Fluſſes, welche die beiden Comanches, durch die Dunkelheit verhindert, ihre Barke allein überwinden ließen. Einen Augenblick kochte und ſchäumte das Waſſer unter dem ſchwachen Kahne, der auf Schaummaſſen zu ſchwimmen ſchien. Plötzlich wurde er durch einen fürchterlichen Stoß erſchüttert, wie wenn ſeine Seiten berſten und das Waſ⸗ ſer einlaſſen müßten. Und dann blieb er unbeweglich ſitzen. Man war glücklich über die gefährliche Stelle weg⸗ gekommen, und Brennſtrahl und ſein Genoſſe griffen, —— G 1—— 8 c„— 5⸗ ie r⸗ tt 3, m 1 13 it r . — — 424 nachdem ſie während dieſer ganzen Zeit ausgeruht, wieder zu ihrer Ruderſtange, um die Fahrt fortzuſetzen. Als die Stromſchnelle überwunden war, kamen die Reiſenden bald aus dem dunklen Durchpaß heraus, der faſt ohne Unterbrechung einige Stunden lang gewe⸗ ſen war. Dann kam man an einen offenen Ort, wo man landen mußte, um den Kahn trocknen zu laſſen, der ein Bischen leck geworden war. Einige Gruppen von Baumwollbäumen abgerechnet, die an dem entgegengeſetzten Ufer wuchſen, hatten die Reiſenden eine faſt ganz nackte Ebene vor ſich. „Der Adler und der Spottvogel können einen Augenblick ſchlafen, während ich mit meinen zwei Krie⸗ gern das Feuer anzünden werde, um unſern leck ge⸗ wordenen Kahn wieder auszubeſſern,“ ſprach Brennſtrahl. „Mit Eurer Erlaubniß, junger Freund,“ rief Pepe, „will ich zuerſt Etwas eſſen, und dann erſt ſchlafen, wenn die Zeit reicht.“ Bald hatten die Comanche⸗Krieger ein Feuer an⸗ gezündet, an dem die drei weißen Jäger zu ihren Sei⸗ ten Platz nahmen, und es lieferten die Ueberreſte des Biſons den ſieben Gäſten ein Nachteſſen, das eben ſo köſtlich war, wie das Mittageſſen, das man auf der Büffelinſel, im Schatten, eingenommen hatte. Als man den Kahn umgewandt hatte, um den Leck zu entdecken, bemerkte der Comanche, daß die Stellen, wo die Büffelhäute zuſammengenäht waren, einen Theil ihres Ueberzugs verloren hatten, und daß das Waſſer dort eindrang. Es ſollten nun vermittelſt des mit Aſche ver⸗ miſchten Büffelfetts die genähten Stellen von Neuem kalfatert werden, als der Indianer auf ein fernes Ge⸗ räuſch lauſchte. „Höret Ihr irgend ein verdächtiges Geräuſch?“ fragte Pepe den Indianer. 1 beträgt Ladenp lorene der Leſ 7. A beſonden der Büc 122 lauſchte dem Geheul des weiſſagenden olſs. „Wohlan! mein Junge, Ihr habt ein feines Ohr, Ihr könnt Euch deſſen rühmen. Was weiſſagt Euch das Geheul des kleinen Prairie⸗Wolfs, das meines Erach⸗ tens nur ſein Hunger anzeigt?“ „Wenn die Indianer auf der Jagd ſind,“ antwor⸗ tete der Comanche ernſt,„folgen ihnen die großen Prairie⸗Wölfe ſchweigend, feſt überzeugt, daß ſie ihren Antheil an der Beute erhalten werden; die kleinen Wölfe, als die ſchwächeren, begleiten heulend die grö⸗ ßeren, gleichſam um den ihrigen zu verlangen. Ich habe die Stimme des weiſſagenden Wolfes im Norden gehört; die Bande des Schwarzvogels befindet ſich im Oſten. Im Norden muß daher die andere Bande ſein, die un⸗ ſere Spione nicht geſehen haben, und es fliehen die Büffel vor ihr. Mein Vater kann fie hören.“ Und in der That ließ ſich in der Ferne bald ein unbeſtimmtes dumpfes Geräuſch hören. Nun nahm der Comanche einen Feuerbrand, und bediente ſich deſſelben, um den Boden in einiger Ent⸗ ſernung von dem Orte, wo das Feuer angezündet war, zu beleuchten. Ein breiter Bodenſtreifen, der wie eine Rennbahn zuſammengetreten war, lief vom Fluſſe weit in die Ebene hinein. „Wir ſind hier auf einer Büffelſpur,“ rief der In⸗ dianer;„es iſt ein gefährlicher Ort, den wir eiligſt verlaſſen müſſen; kaum werden wir noch ſo viel Zeit haben. Eine Heerde wird auf den Spuren, die fie ſchon zurückgelaſſen, hieher zurückkommen.“ Bald vermiſchte ſich ein Gebrüll mit dem dumpfen Dröhnen der Erde. Brennſtrahl ſagte einige Worte zu ſeinen zwei Kriegern, und dieſe zerſtreuten das Feuer raſch, und löſchfen es aus, mit Ausnahme eines einzigen Feuer⸗ brandes, den der Anführer behielt. NMWW* 8 N Dann beeilten ſich die zwei Comanches, unterſtützt von den Jägern, den Kahn Brennſtrahl nachzutragen. Der junge Anführer wählte, um wieder Halt zu machen, die Spitze einer jener kleinen Hügel, von denen das Land voll iſt. Dort wurde ein znderes Feuer angezündet, worauf die drei rothen Krieger mit dem Kalfatern fortfuhren. Kaum waren ſie wieder an der Arbeit, als, dem Orte gegenüber, den ſie ſo eben verlaſſen, und auf dem entgegengeſetzten Ufer des Fluſſes eine lange und breite Reihe heranſpringender Büffel, ſich in der Ebene zeigte. Unter dem unwiderſtehlichen Drucke der monſtröſen Prairie⸗Bewohner ſah man die Gruppe von Baum⸗ wollbäumen krachend zuſammenfinken, und wie ein Bund trockenen Graſes ſich auf den Boden legen. Ein betäubendes Gebrüll vermiſchte ſich mit dem geräuſchvollen Schnauben der wilden Heerde, die an dem Waſſer herumroch, über das ſie ſetzen wollte. Dann brauste das Waſſer unter einer Menge von Brüſten, die mit langen Mähnen bedeckt waren; und wie wenn in den Fluß während des Aequinoctiums eine plötzliche Fluth eingebrochen wäre, brauste er, und trat er aus ſeinen Ufern. Die ganze Heerde war hinüber; es ſchäumten aber die hin⸗ und herſchlagenden Waſſer des Fluſſes noch in dem Augenblicke, wo das ganze Geräuſch auf der Ebene allmählig ſich wieder verlor. 1 Mennundſechzigſtes Rapitel. Läſtige Uferbewohner. Der koloſſale Maßſtab, nach dem die amerikaniſche Natur von dem Schöpfer gebildet worden zu ſein ſcheint, — ihre fünfzehnhundert Stunden langen und meerbrei⸗ ten Flüſſe,— ihre oceaniſchen Seen,— ihre rieſigen Bäume,— ihre baumhohen Prairie⸗Gräſer,— ihre koloſſalen Häfen, worin, wie z. B. in dem von San Fran⸗ eisco, ſämmtliche vereinigte Flotten Europa's Platz genug fänden,— weiſſagt das Alles Amerika einen Grad von Glanz und Macht, den Europa nie erreicht hat? Wir gehören, ſei es, daß wir Recht oder Unrecht haben, zu Denjenigen, die das glauben, wenn es wahr iſt, daß die Zukunft, die ſtets aus der Gegenwart hervor⸗ geht und mit dieſer ſolidariſch verbunden iſt, die kühnen Anſtrengungen eines Volkes glorreich krönen muß, das mit jedem Tage ſo groß zu werden ſtrebt, wie die Natur, die es umgibt. Zu gewiſſen periodiſchen Zeiten wimmeln die Flüſſe, die Bäche der Prairien, ja ſogar die kleinſten Neben⸗ bächchen von ungeheuren Salmen, die ſo dicht gedrängt ſind, wie unſere Härings⸗ und Sardellenbänke; das Waſ⸗ ſer hat nicht mehr Raum genug für dieſelben, und wirft ſie aus, und dann theilen ſich die auf dieſen endloſen Ebe⸗ nen umherirrenden Indianer mit den fleiſchfreſſenden Thieren der Wüſte in das Mahl, das ihnen die Vor⸗ ſehung ſendet. Zu andern Zeiten durchſtreichen, zahlreich, wie die Salmen in den Flüſſen, Heerden von Büffeln, die ſich in Betreff der Größe zu unſern Stieren verhalten, wie der Miſſiſſippi zum Rhein, die Prairien, und fliehen he t, i⸗ en re n⸗ 8 on ht hr r en 18 r, n⸗ ſ⸗ ft e en r⸗ ie ie en ſe, vor dem Indianer, der ſie verfolgt, ſo wie vor dem grauen Bären, der ſie bekämpft. Mit welchem jagenden Thiere kann man auf der ganzen Welt den grauen Bären vergleichen? Mit keinem, denn ſeine Größe kommt beinahe der des Büffels gleich; mit langen Klauen bewaffnet, die ſo ſcharf ſind, wie die Hauer des wilden Ebers, trägt der graue Bär, an dem die Kugeln der Jäger abprallen, wie der Hagel an einem Ziegeldache, in ſtarkem Trabe einen ganzen Büffel nach ſeiner Höhle fort. Die Niedermachung eines dieſer furchtbaren Coloſſe iſt derjenige Sieg, auf den der rothe Krieger der Prairien am meiſten ſtolz iſt. Eine ſolche wandernde Büffelheerde hatten die Rei⸗ ſenden in einiger Entfernung von dem Orte, wo ſie anfänglich ſich gelagert hatten, über den rothen Fluß ſetzen ſehen. „Mein Sohn glaubt alſo an Träume und Vorzei⸗ chen? ſprach Roſenholz zum Comanche, als man das ferne Getöſe der fliehenden Biſon nicht mehr hörte. „Die Stimme des weiſſagenden Wolfes trügt nie,“ antwortete Brennſtrahl mit einer Miene, in der ſo viel Ueberzeugung lag, daß der Kanadier ſich nicht enthalten konnte, zu lächeln.„Die Träume, die der große Geiſt dem ſchlafenden Krieger ſchickt, täuſchen denſelben eben⸗ falls nie. Glaubt der Adler der Schneeberge, daß die Büffel um dieſe Stunde der Nacht ihrem Schlafe in dem hohen Graſe entſagen, um während der nächtlichen Kühle ſich auf den Weg zu machen?“ „Es iſt das nicht wahrſcheinlich: Gott ſendet wäh⸗ rend der Nacht den Thieren, wie uns, den Schlaf. Büffel ſind weder Wölfe, noch Tiger, die in der Finſterniß umherſtreichen, und den Tag über ſchlafen; und wahrſcheinlich haben Indianer die Thiere aufgejagt, die ſo eben vorübergekommen ſind.“ „Wohlan! Die Träume ſind für meinen Geiſt, was das Geheul des weiſſagenden Wolfes für meine Ohren,— was die Flucht der Büffel während der Nacht ———— für meine Augen iſt: das heißt, ein gewiſſes Zeichen, daß die Gefahr uns umgibt.“ „Wenn Ihr die Wahrheit ſprechet,“ antwortete Roſenholz,„wie ich glaube,— denn obwohl Ihr kaum halb ſo alt ſeid, wie ich, ſo ſtehen Euch doch die erſten Eindrücke Eurer Jugend, ſowie die Erfahrung Eurer Väter zur Seite, die man in der Wüſte nicht, wie in den großen Städten, verſchmäht,— wenn Ihr die Wahr⸗ heit ſagt, ſo will es mich bedünken, daß wir wohlthun, wenn wir unſere Fahrt ſo bald wie möglich fortſetzen.“ „Der Kahn iſt parat; allein wir müſſen erſt noch einige Vorſichtsmaßregeln ergreifen. Wir werden hinter dieſen Hügeln ſechs Feuer in einiger Entfernung von einander anzünden. „Vom entgegengeſetzten Ufer des Fluſſes aus, wo die Truppe, die unſere Spur verfolgt, ſich gelagert hat, von dem Orte aus, wo der Schwarzvogel Halt gemacht hat, werden die Apachen die Feuer ſehen, ohne unter⸗ ſcheiden zu können, ob wachende Krieger um dieſelben her gelagert ſind, und während ſie ihre Zeit damit ver⸗ lieren, daß ſie ein Mittel ausfindig machen, unbemerkt heranzukommen, werden Brennſtrahl, der Adler, und der Spottvogel dem Feinde, den ſie verfolgen, den Vorſprung abgewinnen.“ Die Weisheit dieſes Raths ſiel Roſenholz und dem Spanier auf. Es wurden hinter Gebüſchen und kleinen Hügeln Feuer angezündet, ſo daß anſtatt des Feuerherdes nur der Wiederſchein geſehen werden konnte. Darauf wurde der aus Büffelhäuten verfertigte Kahn, der nun wieder waſſerdicht gemacht worden war, wieder in den Fluß hinabgelaſſen, und es nahm die kleine Truppe die etwa zwei Stunden lang unterbro⸗ ſchene Fahrt wieder auf, wobei ſtark gerudert wurde. Die drei weißen Jäger benützten, voll Vertrauen auf die vier Comanches, die abwechſelnd ruderten und ausruhten, dieſe Zeit, um ſich im Kahne niederzulegen, und ein Bischen zu ſchlafen zu ſuchen. So Tag und Nacht fortreiſend, fühlten Pepe und Roſenholz, daß ſie die verlorene Zeit wieder einbrachten, und, durch dieſen beruhigenden Gedanken getröſtet, hörten ſie nebſt Gay⸗ feros bald auf, gegen den Schlaf anzukämpfen, der ihre Augenlider niederdrückte. Schon lange waren die Feuer, die ſie an dem Ufer angezündet, um den Feind zu täuſchen, in der Ferne verſchwunden. Die drei Jäger waren, ermüdet, in einen tiefen Schlaf verſunken. An dem Hintertheile des Kahns ſitzend, hörte der junge Comanche, während die zwei Indianer ſchweigend ruderten, nicht auf, mit dem Auge alle Punkte der Einöde zu befragen, die ſie paſſirten. Brennſtrahl ſchien für den Schlaf unzugänglich zu ſein, obgleich die Baum⸗ ſtämme oder die Felſen am Ufer nicht unbeweglicher waren, als er. Sein Geſicht voll energiſchen Ausdrucks, ſeine fun⸗ kelnden Augen, und die nervige Büſte, die ſein Mantel von Büffelhaut in ihrer Nacktheit ſehen ließ, die voll⸗ kommene Symmetrie ſeines Kopfes, und ſeine breiten Schultern, machten aus dem jungen apachiſchen Rene⸗ gaten ein ſchönes Muſter der menſchlichen Race in ihrem Naturzuſtande. Sah der junge Krieger in ſich hinein, um da das Bild der Seeblume, oder das des Abendſterns, wegen deſſen er das Land ſeiner Väter verlaſſen hatte, wieder⸗ zufinden? Wir wiſſen es nicht; auch liegt für jetzt nicht Viel daran. So abſorbirt er indeſſen ſchien, ſo blieb er doch keinem der Geräuſche fremd, die ſich nur in langen In⸗ tervallen hören ließen, wenn man das Rauſchen des über den Schilf des Fluſſes hingleitenden Kahnes, ſo wie das Geräuſch, das die Ruderſtangen im Waſſer machten, abrechnete. Indeſſen folgten auf die Unbeweglichkeit ſeiner Po⸗ 128 ſitur, die bewies, daß alle Geräuſche der Wüſte nur das waren, was ſie ſein ſollten, allmählig einige Körper⸗ oder Kopfbewegungen, wie wenn andere Anzeichen ſich mit den Stimmen der Nacht und der Wüſte vermiſchten. Bald beſtätigte eine Art dumpfen Schnarchens, das von dem Winde hergetragen wurde, und von der Mitte des Fluſſes herzukommen ſchien, den Verdacht des Apa⸗ chen. Er gab ſeinen beiden Indianern ein Zeichen, daß ſie aufhören ſollten zu rudern; und dann neigte er ſich über den Körper des Kanadiers, der, als er fühlte, daß man ſeine Achſel berührte, die Augen öffnete, und um⸗ her blickte. Er ſah, wie die zwei Indianer ihre Ruder⸗ ſtange unbeweglich in den Händen hielten; er errieth, daß eine noch verborgene Gefahr ſie bedrohe. Der Fluß, der an dem Orte, wo er eingeſchlafen war, durch eine Ebene hinſtrömte, war an dem Orte, wo er wieder aufwachte, zwiſchen zwei ziemlich hohe ufer eingezwängt⸗ „Soll ich Pepe rufen?“ ſprach der Waldläufer. „Laßt ihn ſchlafen,“ entgegnete der Comanche, „wir werden ihn aufwecken, wenn es nothwendig iſt. Ich habe ſagen hören, die Kugel des Adlers der Berge verfehle nie ihr Ziel.“ „Ja,“ mein Junge, dieß war ſo, ſo lange ich die Büchſe hatte, die ich mir in der Hand habe zerſchmet⸗ tern laſſen; bei dieſer aber könnte ich wirklich für den erſten Schuß nicht ſtehen, da ich ſie noch nicht probirt habe. Warum aber habt Ihr mich aufgeweckt?“ Ein noch längeres Gebrumme, ähnlich dem Bla⸗ ſen eines großen Schmiedebalgs, autwortete für den Indianer. „Ah!“ ſprach der Kanadier,„ich brauche nicht weiter zu wiſſen. Was liegt übrigens daran? Machen wir, daß wir über dieſe Stelle hinwegkommen, und laßt mich fortſchlafen, wenn Ihr anders durch das viele Rudern nicht zu ermüdet ſeid.“ — 3 . te d= 5 aß r⸗ h fen te, he he, ge die et⸗ den birt la⸗ den icht chen und iele 1²9 „Wir können ohne ſeine Erlaubniß dieſe Stelle nicht paſſiren. Hinter dieſer Krümmung iſt der Fluß ſehr ſchmal, und es nimmt das Thier ein mitten im Waſſer gelegenes Inſelchen ein. Was Brennſtrahl ein⸗ mal geſehen hat, vergißt er nicht mehr. Er kennt jede, auch noch ſo kleine, Krümmung des rothen Fluſſes.“ Inzwiſchen ſchwamm der Kahn immer fort, und drehte ſich dabei im Kreiſe. Da man aber einen Entſchluß faſſen mußte, ehe man ſich in den gefährlichen Durchpaß hineinwagte, auf den der junge Indianer aufmerkſam machte, ſo nahm Roſenholz die Ruderſtangen, und trieb den Kahn wieder den Fluß aufwärts. „Wir dürfen in der That,“ ſprach er, ihn unbe⸗ weglich haltend, nachdem er ihn einige Klafter rückwärts gerudert hatte,„inmitten dieſer Einöden, die Feinde ganz in unſerer Nähe verbergen können, unſere Schüſſe nicht verſchwenden, wenn wir jene nicht auf uns auf⸗ merkſam machen wollen. Ein einziger Schuß würde ſogar hinreichen, um dieſelben uns über den Hals zu bringen⸗ Wohlan, Comanche! meine Meinung geht dahin, daß wir, ohne ſo viele Umſtände zu machen⸗ und alle Eigen⸗ liebe bei Seite laſſend, mit dem Kahne auf dem Rücken ans Land ſteigen, nur um mit dieſem verteufelten Thiere keinen Streit anfangen zu müſſen. Weiter unten ſchif⸗ fen wir dann fort.“ „Die drei Indianer haben eine ſcharfe Art und ſtarke Arme; die weißen Jäger aber haben ihre ſpitzi⸗ gen und ſchneidenden Meſſer,“ antwortete Brennſtrahl. „Die Eigenliebe eines jungen Mannes mag Nichts von einer Flucht wiſſen, ich weiß es. Wollt Ihr lie⸗ ber unſern Kahn ſcheitern machen,— was am Ende ſo arg nicht wäre; oder wollt Ihr ihn wie eine tro⸗ ckene Kürbisflaſche zerplatzen machen,— was ein nicht wieder gut zu machendes Unglück wäre? Horcht, Brenn⸗ ſirahl! opfert einem Vater zu Liebe, welcher einen Der Waldläufer. IV. 9 130 Sohn ſucht, deſſen Augenblicke gezählt ſind, einen klei⸗ nen Ruhm:— ein Greis, deſſen Haare grau find, deſſen Herz voller Traurigkeit iſt, bittet Euch, den Jüngling, darum.“ „Die Seeblume,“ ſprach der Indianer, der die Eindrücke ſeines jungen Herzens nicht verbergen konnte, „würde gezittert und gebebt haben, wenn ſie das Fell des monſtröſen Thieres geſehen hätte,— ſie wüͤrde dem jungen Krieger zugelächelt haben, der es ihr ge⸗ bracht hätte. Das Herz Brennſtrahls würde ſich gefreut haben.“ „Ja, mein Kind, es iſt etwas Wonniges um ein Lächeln, ſo man von der erhält, die man liebt; es iſt, wie für den Indianer, ſo für den Weißen, etwas gar Süßes; es iſt aber auch ſüß, ſich den Greis zu ver⸗ pflichten, der ſeinen Sohn beweint, der große Geiſt wird Eure Jagden ſegnen.“ Der junge Comanche antwortete Nichts mehr. Man weckte Pepe und Gayferos, um ihnen zu ſagen, daß ein grauer Prärie⸗Bär einen engen Durchpaß be⸗ wachte, über den man nicht würde wegkommen können, ohne mit dem Thiere anzubinden, und daß es nöthig wäre, mit der Ladung und dem Kahne einen Umweg zu Lande zu machen, und ſo den gefährlichen Lärm eines Kampfes gegen den furchtbaren Wächter der Inſel zu vermeiden. Die Nachricht, daß ein grauer Bär den Durchpaß verſperre, verſetzte Pepe in eine gar üble Laune. „Der Teufel drehe dem Ungeziefer den Hals um!“ ſprach er gähnend, und in ſeinem Zorne den furchtbar⸗ ſten und kolofſalſten der Prärie⸗Bewohner mit einem Ausdrucke der Verachtung bedenkend, den die Jäger nur auf kleinere Thiere anwenden:„Ich ſchlief ſo ruhig!“ Der Kanadier hatte unterdeſſen den Kahn an eines der Ufer getrieben. Dort beſchloß der ſtets kluge Greis, einen Blick„ — ——— e„8—— — e lei⸗ ſen ng, die S 6 8 c — 131 über die Ebene hin zu werfen, ehe er die ganze Truppe ausſteigen ließ. Er erſtieg langſam das den Fluß eindämmende ufer. Hohe Gräſer begränzten die Spitze deſſelben, und ſetzten dem Auge einen unüberſteiglichen Wall ent⸗ egen. Der Kanadier bahnte ſich alſo, den Karabiner in der Hand, ganz behutſam durch das Gras hindurch einen Weg, und verſchwand für ſeine Gefährten auf einige Augenblicke. Die im Kahne Zurückgebliebenen waren auf ihrer Hut; denn es genügte nicht, daß man das wilde Thier zu vermeiden ſuchte, um vor einem Angriffe von ſeiner Seite geſichert zu ſein. Offenhar roch der Bär die menſchlichen Emana⸗ tionen, und fühlte derſelbe ſich in ſeinem öden Reiche nicht mehr allein. Es ſtand zu befürchten, daß das Thier⸗ gleich jenen furchtbaren Burgherren, die einſt von ihrem Felſen oder ihrem Thurme herab den Lauf eines Fluſſes beherrſchten, ſich einen Jäger oder einen Indianer als den ihm zukommenden Tribut auserſah, wenn es in ſeinem Leben ſchon das Fleiſch eines Wilden oder eines Weißen gekoſtet hatte. Mit dem ſchnellen, aus ſeinen Naſenlöchern her⸗ vorkommenden Schnarchen vermiſchte ſich von Zeit zu Zeit das Knirſchen ſeiner furchtbaren Zähne, und das Kratzen ſeiner Klauen, die auf dem Felſen des Inſel⸗ chens ſich zu ſchaffen machten. In dieſem Augenblicke kam der Kanadier in eili⸗ gem Laufe zurück. „Fort! fort!“ ſprach er leiſe, ſobald er wieder bei der kleinen Truppe angelangt war.„Es ſind ein Du⸗ tzend berittener Indianer da, welche die Ebene durch⸗ ſtreifen.“ „Die weiſſagenden Wölfe trügen nie,“ autwortete der Indianer.„In welcher Richtung durchſtreifen die apachiſchen Hunde die Ebene?“ 132 „Rechts und links; jedoch ſcheinen ſie von der Seite her zu kommen, wo wir unſere brennenden Feuer zurück⸗ gelaſſen haben. Auf, Brennſtrahl, nun müſſen wir, ohne länger zu zögern, zu den Aerten und zu den Meſſern greifen, um den grauen Bären zu bekämpfen.“ „Was auch daraus entſtehen mag, wir können ohne Gefahr keine Minute länger hier bleiben. Jeden Augenblick kann einer der Reiter an den Fluß heran⸗ kommen.“ Der Kahn wurde von Neuem mitten in den Fluß, nach dem Inſelchen hin, getrieben, des furchtbaren Brummens ungeachtet, das ſich dort hören ließ. Unter allen andern Umſtänden würden die Schiffer trotz der Stärke und der Wildheit des Thieres, das, wie der Indianer ſich ausdrückte, auf der kleinen Inſel ſich inſtallirt haben mußte, und den engen Durchpaß be⸗ herrſchte, den dieſelbe, jedem Ufer gegenüber, übrig ließ, durch ein ſolches Zuſammentreffen nur wenig beunruhigt worden ſein. Gayferos ausgenommen, hatten Alle ihr Leben in der Wüſte zugebracht, ſie waren daher auch gewohnt, die Gefahren derſelben zu bekämpfen. Indeſſen ſchien der Gambufino ſich nicht mehr zu fürchten, als ſeine Genoſſen, und es kam dieß daher, weil er nicht wußte, mit welchem Feinde ſie es zu thun hatten. Die beiden Jäger und die Indianer aber wußten es; es entging ihnen nicht, wie ſehr die Nähe der Apa⸗ chen die Gefahr eines Kampfes vermehrte, der an ſich ſelbſt ſchon ſo gefährlich war.. Im Falle das Thier ſie nicht ruhig paſſiren laſſen wollte, war die blanke Waffe die einzige, die ſie an⸗ wenden konnten. Das dicke Fell, womit der graue Bär verſehen iſt, machte aber den Ausgang dieſes Kampfes ſehr un⸗ gewiß. Wurde der Bär verwundet, ſo konnte ſein Ge⸗ heul die jagdluſtigen Indianer herbeiziehen; ſobald das — — n er 8—2 —. 133 Thier mit ſeinen ſcharfen Klauen den Kahn berührte, war dieſer zerriſſen; er mußte wenigſtens unter ihnen umſchlagen,— das war beinahe unvermeidlich. Der größeren Sicherheit wegen, und um den Co⸗ manche zu verhindern, das Thier anzugreifen, bat Ro⸗ ſenholz Brennſtrahl, eine der Ruderſtangen in die Hand zu nehmen; er ſelbſt ergriff die andere. Dann trieb er, ohne zu bedenken, welcher Gefahr er ſich dadurch ſelbſt ausſetzte, den Kahn nach dem rech⸗ ten Ufer hin, ſo daß er, um den engen Kanal zu paſ⸗ ſiren, dem wilden Thiere am nächſten war. Bald hatte der Kahn, der ziemlich ſtarken Strö⸗ mung folgend, die Diſtanz wieder gewonnen, die er durch das Zurückrudern des Kanadiers verloren hatte. Es war ein feierlicher Augenblick, wo er um das Knie bog, das der Fluß machte. Auf dem Vordertheile des Fahrzeugs ſtanden die drei Indianer mit der Axt in der Hand, bereit, einen dreifachen Schlag gegen den Coloß zu führen; hinten ſtanden Pepe und der Gambufino, jeder mit ſeinem Meſſer bewaffnet. Die kleine Barke glitt ſtill über das Waſſer hin, und ein lautes Schnarchen kam fortwährend von der Mitte des Fluſſes her, wie wenn ein Seeungehener vort auf einer Untiefe geſtrandet wäre. Bald zeigte ſich, auf der düſteren Oberfläche des Fluſſes, den Augen der Schiffer das Inſelchen, und auf dem aus Sand und Felſen beſtehenden Inſelchen konnte man eine ungeheure ſchwarze Maſſe ſehen. „Jeſus⸗Maria!“ ſagte ganz leiſe der Gambufino, der beim Anblicke des Feindes, von deſſen gigantiſcher Größe er keine Ahnung hatte, gewaltig erſchrak. „Verlaſſen Sie ſich mehr auf Ihr Meſſer, als auf ein Gebet!“ ſagte Pepe lebhaft. Der Kahn ſchwamm langſam fort, und beim An⸗ furchthares Brummen hören. blicke der Männer, die darauf waren, ließ der Bär ein 134 Eine ſeiner monſtröſen Pfoten machte, indem ſie über den Boden hinfuhr, eine Sandlawine in den Fluß hinabfallen. Dann fing die Beſtie an, ſich, gleich einem ſich nif Büffel, langſam auf die Hinterbeine zu ellen. Der Kahn befand ſich nun in dem verhängnißvollen Durchpaſſe. Die Schiffer hielten ſich parat. „Auf! Comanche, ein Paar tüchtige Ruderſchläge! das Leben von ſieben Menſchen hängt vielleicht davon ab!“ ſagte Roſenholz. Und der unerſchrockene Waldläufer ſtieß mit feſtem Arme ſein Ruder in das Waſſer, um das Fahrzeug möglichſt raſch und möglichſt weit von dem Thiere weg, das, aufrecht daſtehend, mit dem Angriffe zu zögern ſchien, hingleiten zu machen. Der Indianer unterſtützte den Jäger kräftigſt, und hob ſeine Ruderſtange in dem Augenblick in die Höhe, wo die Barke, kaum ein Klafter von dem gigantiſchen t n Wächter der Inſel weg, pfeilſchnell dahin oß. Der Bär ſchien noch unentſchloſſen zu ſein, ob er ſich auf den Kahn ſtürzen ſollte, und Roſenholz hoffte ſchon über die gefährliche Stelle weggekommen zu ſein, als, ſo geſchwind, daß der alte Jäger es nicht zu hin⸗ dern vermochte, einer der Comanches, der ſeine Art hatte fahren laſſen, auf das Thier einen Pfeil abſchoß, der ſich tief in deſſen Bauch begrub. Roſenholz konnte einen Schrei des Zorns nicht unterdrücken, das verwundete Thier aber ein Wuthge⸗ brüll, ähnlich dem eines von einem Spieſe getroffenen Biſons. Der Bär ſchlug ſeine zwei ungeheuren Kinnladen furchtbar zuſammen, und ſprang in das Waſſer hinab, einem großen, vom Ufer hinunterſtürzenden Fels⸗ ücke. — S— c 8 — — MW—* M*—— —— 135 Der Kanadier war ebenſo geſchwind geweſen, als der Comanche, und ein zweiter Ruderſchlag machte das Fahrzeug noch raſcher über das Waſſer hinfliegen. Der Bär erreichte nur den leeren Raum, und ſeine zwei Pfoten trafen nur auf die Oberfläche des Fluſſes. „Hurrah! rief Pepe, durch die Schaummaſſen, die ſein Geſicht peitſchten, halb erſtickt,„ſtandhaft, Roſen⸗ holz! ſtandhaft, Comanche! Ihr habt wie zwei tüchtige Seeleute manövrirt. He! Ihr dort, haltet Eure Aexte parat, wenn Ihr nicht wollt, daß dieſes Ungeziefer uns in den Grund bohre!“ Die drei Indianer waren zwiſchen den zwei Rude⸗ rern hindurch vom Hinter⸗ nach dem Vordertheile des Schiffes geſchlüpft, und in dem Augenblicke, wo das wüthende, heulende, vor Wuth ſchäumende, keuchende Thier mit ſeinen Flammenaugen nur noch einen halben Fuß von dem Kahne entfernt war, der auf dem un⸗ ruhig bewegten Waſſer hin und her tanzte, waren ſie am Hintertheil, und es blitzte die geſchwungene Art in ihrer Hand. „So haut doch zu!“ brüllte Pepe. Die Indianer bedurften ſeiner Mahnungen, die ſie zudem nicht verſtanden, nicht, und die drei Aexte ſielen auf den Kopf des Koloſſes, wie drei Hämmer auf einen Amboß, nieder. „Noch einmal! noch einmal!“ ſchrie Pepe von Neuem. „Still doch, ſtill doch, um Gottes Willen!“ ſagte Roſenholz.„Die Indianer ſind nicht„ Ein Blitz warf plötzlich ſeine breite Flamme über den mit Blut gefärbten Fluß, ſowie über den von Neuem verwundeten Bären⸗ Das Wuthgehenl des letzteren vermiſchte ſich mit einem Knalle, der in den Ohren der am Hintertheil des Kahnes beſchäftigten Indianer und Jäger klang, wie wenn die Poſaune des jüngſten Gerichts über ihrem Haupte ſich hätte hören laſſen. ſelben 2 der B 136 „Demonio!“ rief der Spanier beim Anblicke eines Körpers, der an dem Ufer hinabglitt und neben dem Thiere ins Waſſer ſiel. Letzteres ſchäumte und kochte immer noch unter den Anſtrengungen des Ungeheuers, während der Kahn immer noch dahin flog. „Was iſt das?“ fuhr Pepe fort. „Was iſt ein Apache, der in das Waſſer fällt? Ein hungriger Hund, der erſäuft,“ antwortete der In⸗ dianer. Bald ließ ſich auf der Ebene, über den hohen Ufern des Fluſſes, ein furchtbares Geheul hören; die Comanches beantworteten daſſelbe, und es war ein furchtbarer Tumult, als dieſe ſo ſonderbar modulirten menſchlichen Stimmen mit der des koloſſalen Prairie⸗ Bewohners, der einer den Fluß entlang ſich bewegen⸗ den Waſſerſäule ähnlich war, ſich vermiſchten. Der Pfeil, der in die Eingeweide des grauen Bä⸗ ren eingedrungen war,— die drei Arthiebe, die ſeinen Schädel getroffen hatten, ſchienen die Wuth der Beſtie nur noch vermehrt zu haben. „Muthig, Roſenholz, muthig!“ rief Pepe, der am Hintertheile des Schiffes niedergekniet war, und mit den Indianern die beunruhigenden Fortſchritte des Thieres überwachte, welches jeden Augenblick eine ſeiner Pfoten in die Höhe hob, um damit, wie mit einer Katapulte, das ſchwache Fahrzeng in den Grund zu bohren.„So wahr Gott lebt! wir ſind mit genauer Noth ihm ent⸗ gangen,“ fuhr er in dem Angenblicke fort, wo das Waſſer von Neuem ſein Geſicht peitſchte.„Noch ein Bischen ſcharf gerudert, Comanche, dann find wir außer Gefahr. Roſenholz, haſt Du ſo eben geſchoſſen?“ „Ja,“ ſagte der Kanadier, immer noch über die Ruderſtange geneigt;„auch iſt die Waffe nicht allzu ſchlecht. Schieß nun aber auch Du auf den verteufelten Bären, und ziel' nur aufs Maul!“ Und in der That brauchte man jetzt nicht mehr 137 behutſam zu Werke zu gehen. Die Indianer kannten die Anweſenheit der Flüchtlinge, und es war hohe Zeit, ſich des nachſchwimmenden Feindes zu entledigen, um dem bevorſtehenden Angriffe der von der Ebene her⸗ kommenden Feinde gehörig begegnen zu können. „Wohlan! Gayferos, ſind Sie bereit? Sie hören, was Roſenholz ſagt! Man muß auf das Maul des Thieres zielen!“ „Ja,“ antwortete der Gambufino. Es ließen ſich nun, die Ufer des Fluſſes entlang, zu gleicher Zeit zwei Schüſſe hören; aber der Kahn machte auf dem unruhigen Waſſer des Fluſſes ſo hef⸗ tige Bewegungen, daß die Kugeln den Bären nicht an dem bezeichneten Orte trafen. Das Ungeheuer ſchüttelte nur ſeinen coloſſalen Kopf, aus dem indeſſen ein blu⸗ tiger Thau hervorſpritzte. „Das verfluchte Thier!“ rief Pepe ärgerlich. Noch einige Augenblicke dauerte dieſer furchtbare nächtliche Kampf zwiſchen dem wüthenden Bären und dem Kahne, der jenem ſtets wieder entſchlüpfte. Die Menſchen ſchwiegen dabei, die verfolgende Beſtie dage⸗ gen heulte furchtbar. Pepe und Gayferos luden abermals ihre Flinte, um zum zweiten Male zu feuern. Indeſſen war dieß bei den Oscillationen und dem Hin⸗ und Herfahren des durch die kochenden Waſſer des Fluſſes geſchüttelten Fahrzeugs keine leichte Aufgabe. Gleichwohl war es den Schützen gelungen, ſich wieder ſchußfertig zu machen, als ein weiterer Raum, der zwiſchen dem Hintertheile des Kahns und dem co⸗ loſſalen Maul des hartnäckigen Schwimmers geblieben war, bewies, daß derſelbe anfange, müde zu werden, oder den Muth zu verlieren. „Nur brav zugerudert!“ rief der Spanier von Neuem,„das Ungeziefer bleibt allmählig zurück.“ Die Ruderer verdoppelten noch ihre Anſtrengungen, und die Diſtanz nahm immer mehr zu⸗ 138 „Noch nicht nachgelaſſen, noch nicht nachgelaſſen! So iſt's recht.— Gut!— Haltet einen Augenblick an, wenn es möglich iſt, der Kahn tanzt nicht mehr auf dem Waſſer, und ich kann auf dieſen wüthenden Teufel ſicher zielen. Ich will es verſuchen, ihn auf ſein ſchwar⸗ zes Maul zu treffen; ich ſehe es unter den langen Haa⸗ ren hervorglänzen.“ „Bei Leibe nicht, bei Leibe nicht!“ rief der Kana⸗ dier lebhaft, und ohne ſeinem Kameraden zu willfahren. „Heb' Deine Kugel für den Indianer auf, der im Ga⸗ lopp auf uns zukommt.“ In dieſem Augenblicke ſchwamm der Kahn zwiſchen niedrigeren Ufern, die es trotz der Finſterniß den Schif⸗ fern möglich machten, einen Blick über die Ebene hin zu werfen. Es ſprengten in dem hohen Graſe ſchwarze Geſtalten daher, und es waren dieſelben nichts Ande⸗ res, als Pferde und Reiter. Eine andere, unmittelbarere Gefahr ſollte die pre⸗ caire Lage der Schiffer noch gefahrvoller machen. Der Bär hatte, wie von uns geſagt worden, ſeine Anſtrengungen vermindert; allein es geſchah dies nur, um eine andere Taktik zu befolgen. Er hatte ſich in ſchiefer Linie nach dem ufer hin bewegt. „Land' in ſchräger Richtung, Roſenholz!“ rief Pepe, der allen Bewegungen des wüthenden Thieres folgte,„ſonſt ſchneidet uns das Thier den Weg ab, und greift uns von vorn an.“ Brennſtrahl blickte ſeitwärts, und ſah in der That, wie der Bär in einiger Entfernung vom Lande das Waſſer durchſchnitt. Der Comanche trieb das Fahrzeug nach der rech⸗ ten Seite hin, wobei ihn Roſenholz kräftigſt unter⸗ ſtützte. Der Kahn flog ebenfalls in ſchiefer Linie dem Ufer zu, und in dem Augenblicke, wo der Bär an's Land 139 ſprang, ſprang auch der junge Comanche, den Karabl⸗ ner in der Hand, ans Ufer. „Weg vom Ufer!“ ſagte er zu Roſenholz.„Der Adler laſſe einen furchtloſen Krieger gewähren!“ Der Indianer und der Bär hatten etwa zwanzig Schritte von einander den Fuß auf daſſelbe Ufer ge⸗ ſetzt. Die Kampfvorbereitungen des Comanche waren zu 1 um ihn mehr als einige Secunden verlieren zu laſſen. Während der Bär in jenem der ganzen Gattung eigenthümlichen Trabe herankam, ſetzte ſich Brennſtrahl mit einer Ruhe, welche ſogar die Bewunderung des Kanadiers erregte,— denn das Leben des jungen In⸗ dianers hing von der geringſten falſchen Bewegung, vom Abbrennen des Zündpulvers ſeiner Flinte, und an⸗ dern Umſtänden ab, die auch der unerſchrockenſte Menſch nicht in ſeiner Gewalt hat,— auf den Sand hin, gleich einem müden Fußgänger, wenn er ausruht,— ſchlug an, und wartete unbeweglich. Dem Biſon an Größe faſt gleich, näherte ſich das gigantiſche und wilde Thier, der Schrecken der Prairien. Zwiſchen ſeinen blutigen, in die Höhe ſtehenden Lippen ſah eine Reihe furchtbarer, weißer Zähne hervor, und es flammten unter dem dicken Pelze zwei Feueraugen. Die Flinte des Comanche folgte den Bewegungen des Bären langſam, und als der Flintenlauf das ver⸗ worrene Haar des Kopfs des Thieres beinahe berührte, knallte es. Der Koloß ſank zuſammen; indeſſen würde er durch ſeine Maſſe den Indianer erdrückt haben, wenn dieſer nicht, nachdem er abgedrückt, mit der wunderbaren Elaſticität eines Clowns mit einigen Purzelbäumen zu⸗ rückgewichen, und ſechs Schritte von da, mit dem Meſ⸗ ſer in der Hand, wieder dageſtanden wäre. Der Indianer warf einen ſtolzen Blick auf ſeinen Feind, der auf dem blutigen Sande lag. Raſch und 140 mit all der Fertigkeit eines geſchickten Jägers ſchnitt er die ungeheure Pfote des grauen Bären an dem erſten Gelenke ab, und nahm ſeinen Platz im Kahne wie⸗ der ein. „Brennſtrahl iſt tapfer, wie ein Häuptling,“ ſprach Roſenholz, dem Comanche die Hand drückend.„Der Adler und der Spottvogel ſind ſtolz auf ihren jungen Freund. Sein Herz kann froh ſein, denn die See⸗ wird lächeln, wenn ſie die Beweiſe ſeines Muthes eht.“ Die Augen des jungen Comanche erglänzten von einem freudigen Stolze, den das Compliment des Ka⸗ nadiers und hauptſächlich die erregte Hoffnung in ſeinem Herzen weckte.. Dem Indianer entfuhr ein kurzer Ausruf, und dann fing derſelbe wieder an, zu rudern, denn die im Galopp über die Ebene herkommenden Apachen ſchienen, wie vorher der graue Bär, den Schiffern den Weg abſchnei⸗ den zu wollen. Siebenzigſtes Rapitel. Zwiſchen zwei Feuern. Der Ort, nach dem die Indianer ſich hinzube⸗ wegen ſchienen, um den Kahn, bis er vorüberkommen würde, zu erwarten, war von zahlreichen Weiden⸗ und Eſchengebüſchen bedeckt, unter denen es ihnen ein Leich⸗ tes ſein mußte, ohne irgend eine Gefahr für ſie ſelbſt, die Schiffer anzugreifen. Es mußte daher Alles auf⸗ geboten werden, um dieſen Poſten vor den Apachen zu 141 erreichen. Setzten ſich Letztere dort vennoch zuerſt feſt, ſo mußte man einen ſo gefährlichen Ort um jeden Preis vermeiden. Die beiden Comanches hatten den Kanadier und Brennſtrahl abgelöst, die im Verein mit Gayferos und Pepe die beiden Ruderer, mit der Flinte in der Hand, beſchützten. Die Apachen hatten einen ungeheuren Halbkreis zu beſchreiben, auf deſſen ſämmtlichen Punkten ſie faſt alle außer dem Erreiche der Kugeln ſich befanden. Der Kahn hatte, ſo zu ſagen, nur eine gerade Linie, die Sehne dieſes Bogens, zu durchlaufen. „Wenn ich Dir ſage, daß dieſe Indianer auf den Flügeln des Windes in die Prairien getragen worden zu ſein ſcheinen, wie ich auf meinen Reiſen an der afri⸗ kaniſchen Küſte habe ſagen hören, der Samum trage Heuſchrecken fort,— habe ich da Unrecht?“ fragte der über dieſes neue Hinderniß erzürnte Kanadier den Er⸗ miquelete. „Wenn ich mich nicht täuſche,“ antwortete der Spanier,„ſo dürfen wir, obgleich ich nicht läugne, daß dieſe Spitzbuben wie eine der ägyptiſchen Plagen ſind, uns nicht wundern, dieſe unſere Spur verfolgen zu ſehen. Sieh doch den Schecken dort unten an, deſſen Farbe man trotz der Finſterniß unterſcheiden kann, und der ohne ſeinen Reiter umherſpringt,— kommt es Dir nicht vor, als habeſt Du ihn ſchon um das Inſelchen des Gilafluſſes her galoppiren ſehen?“ „Ich habe furchtbare Gründe, mich daran zu er⸗ innern,“ ſetzte Gayferos hinzu.„Der Indianer, der mir zuerſt ſeinen Lazo um den Körper geworfen, und mich vom Pferde herabgeriſſen hat, ritt ein Pferd, das dem dort vollkommen ähnlich war.“ „Und,“ hob der Karabinier wieder an,„ſollte man, nach der Biſonmähne, womit ſein Kopf geſchmückt zu ſein ſcheint, nicht darauf ſchwören, es ſei der Indianer, den wir am Ufer des Fluſſes als Schildwache aufge⸗ —— 142 ſtellt ſahen, als unſer Inſelchen denſelben langſam hin⸗ abſchwamm? Ach, es iſt dieß einer jener Umſtände un⸗ ſeres abenteuerlichen Lebens, woran ich mich ſtets er⸗ innern werde. Meiner Anſicht nach iſt hundert gegen eins zu wetten, daß die Spitzbuben die nämlichen ſind, die uns belagert, und daß ſie unſere Spur an dem Orte gefunden haben, wo wir ans Ufer geſtiegen find, um uns nach dem Goldthale zu begeben.“ „Ich will Dir nicht widerſprechen,“ antwortete ſeuf⸗ zend Roſenholz, den die letzten vom ſcalpirten Gambu⸗ ſino, ſowie vom Spanier erwähnten umſtände noch bit⸗ terer an den Verluſt Fabian's erinnerten. Drei Theile der Diſtanz bis zu den Gebüſchen hin waren nun etwa zurückgelegt. Der Kahn war alſo den Indianern näher gekommen, die ihrerſeits das Ende ihres Halbkreiſes beſchrieben, und, vorausgeſetzt, daß die neuen Waffen der drei Weißen ziemlich weit trugen, durfte man hoffen, einige der Reiter auf der Ebene herunter⸗ zuſchießen. Der Kahn glitt, obgleich durch den Impuls der Ru⸗ derſtangen kräftig vorwärts getrieben, auf dem Fluſſe doch ſo gerade und ruhig hin, daß die Hand eines Schützen durch das Schaukeln nicht unſicher gemacht wurde. „Laßt doch Eure zwei Krieger dem Kahne keine ſo ſtarken Schneller geben,“ ſagte Roſenholz zum jungen Comanche. Dann ſtreckten der Kanadier und der Spanier noch einmal ihren für die Indianer ſo unheilvollen Arm aus und feuerten. „Dieſe zwei werden nun Niemands Spur mehr ver⸗ folgen,“ ſagte Pepe;„ich ſtehe dafür, daß ſie uns künf⸗ tig mit ihren Schmähreden verſchont laſſen werden.“ „Vielleicht ſind ſie nur verwundet 2“ meinte Gay⸗ ſeros, der zu ſeiner großen Freude, wie zu ſeiner größ⸗ ten Ueberraſchung ſah, daß man aus ſo weiter Ferne und noch dazu in der Dunkelheit Feinde treffen könne. „Ich bezweifle es,“ antwortete Roſenholz.„Jeden⸗ 143 falls aber ſind ſie außer Stand, uns zu ſchaden; aber,“ ſetzte er ärgerlich hinzu,„wir können die Ueberlebenden nicht hindern, ſich vor uns in den Gebüſchen feſtzuſetzen. „Genug! genug!“ fuhr der Kanadier fort, indem er mit der Hand ein Zeichen gab, daß nicht mehr gerudert werden ſollte. Die letzten indianiſchen Reiter waren in dem Dickichte verſchwunden; indeſſen hatte der Karabiner des Comanche, der plötzlich knallte, noch einen Dritten getödtet und vom Pferde herabgeworfen. Kaum waren einige Augenblicke verfloſſen, als ein Flintenfeuer den Kahn begrüßte. Glücklicher Weiſe hatte dieſe Entgegnung der In⸗ dianer keine nachtheiligen Folgen, wenn man abrechnete, daß einer der Ruderer am Arme getroffen wurde, und daß eine andere Kugel an die Seite des Fahrzeugs über der Waſſerlinie einſchlug. Der Comanche bewegte mit ſeinem geſunden Arme den andern, ſo eben von der Kugel getroffenen; der Knochen war nicht verletzt, nur das Fleiſch war rings umher zerfetzt. Der Kanadier ergriff nun ſtatt ſeiner das Ruder, und lenkte den Kahn, in den Fluß aufwärts treibend, nach einem kleinen Kreek hin, den ein dichter Schilfgürtel mehr ſchützte als die Bodenerhöhung, die ihn bildete. Indeſſen war dieß noch der beſte Schutzort, den es in der Nähe gab. Die Reiſenden konnten in dem erſten Augenblicke, der auf den ihres Rückzugs folgte, ſich nicht verhehlen, daß ſie, wenn ſie die Indianer aus dem günſtigen Po⸗ ſten vertreiben wollten, von wo aus dieſelben den Fluß beherrſchten, oder wenn ſie den Durchgang erzwingen wollten, der Gefahr ausgeſetzt waren, eine koſtbare Zeit, ja ihr Leben ſelbſt zu verlieren. Man mußte ſich daher, um dieſe zwei Alternativen zu vermeiden, entſchließen, entweder den Kahn im Stiche zu laſſen, was der Aufgebung eines koſtbaren Hülfs⸗ mittels,— des Mittels, ſchnell und ohne Mühe die Reiſe fortzuſetzen, gleichkam; oder aber mußte man den Verſuch machen, das Fahrzeug weit über den von Fein⸗ den beſetzten Ort hinaus fortzutragen. Kaum hatten ſie angefangen, das Fahrzeug auf dem Ufer, nach dem ſie hingefahren waren, behutſam ſtranden zu laſſen, als an dem Gipfel der Bäume, un⸗ ter welche die Indianer ſich zurückgezogen hatten, ein lebhaftes und plötzliches Licht den Fluß und deſſen Ufer um fie her erleuchtete. In demſelben Augenblicke zerſchnitten und zerſchmet⸗ terten in geringer Entfernung von dem Kahne einige Kugeln den Schilf. Es war vieß ohne Zweifel ein Feuerſignal, das die Indianer einer andern noch entfernten Indianergruppe aben. Die Haufen dürren Graſes, ſo man auf der Ebene geſammelt hatte, verbreiteten einen eben ſo flüchtigen als blendenden Schein. Indeſſen zeigte ſich die gigantiſche Silhouette des Kanadiers, ſowie eine andere, ziemlich merkwürdige, die des ſpaniſchen Jägers nämlich, inmitten des rothen Scheins, der ſich ziemlich weit verbreitete, ganz deutlich⸗ Mit einem Male verrieth das Geſchrei:„Der Ad⸗ ler der Schneeberge! der Spottvogel! der blutige Schä⸗ vel!“— drei Namen, womit die Indianer den Kana⸗ dier, den Karabinier und den ſcalpirten Gambufino bezeichneten,— den drei weißen Jägern, daß man ſie erkannt. „Warum nennt ſich der große Jäger mit dem wei⸗ ßen Geſichte einen Adler,“ rief eine höhniſche Stimme, „da er von den Nebelbergen und dem Ufer des Rio Gila bis zu den Ufern des rothen Fluſſes ſeine Spur nicht hat verbergen können 2“ „Antworte ihnen nicht, Pepe,“ ſprach der Kanadier, „ein Kampf mit der Zunge iſt gut, wenn man Zeit zu — c— 8 fortkommen können?“ „Was brauchen wir da lange nach Kriegsliſten zu 1 ſuchen?“ antwortete der Comanche.„Was haben wir Beſſeres und Einfacheres zu thun, als den Kahn zwei Büchſenſchüſſe weit von dieſem kleinen Kreek fortzu⸗ tragen?“ e Schon ſchlugen die drei Krieger des jungen An⸗ führers, mit dem leichten Fahrzeuge auf dem Rücken, e auf dem linken Ufer den Weg nach der Ebene ein, als e einer von ihnen einen gutturalen Ausruf hören ließ. Obgleich der Mond, der erſt in der letzten Stunde ne der Nacht aufgehen ſollte, noch nicht glänzte, ſo ver⸗ en breiteten doch die Sterne des Himmels und die lichten Strahlen der Milchſtraße ſo viel Helle, daß man einen es andern, etwa zwanzig Mann ſtarken Indianertrupp zu ie unterſcheiden vermochte. en Drei bis vier waren zu Pferde; indeſſen regelten ch. ſie ihren Marſch nach dem ihrer fußgehenden Genoſſen. d⸗ Man durfte nun nicht länger zögern. ä⸗„Der Karabiner Brennſtrahls iſt, obgleich das Herz 1a⸗ unſeres Freundes ſo ſtark, in ſeiner Hand nicht ſo ſicher, ino wie der meinige und der Pepe's,“ rief Roſenholz.„Der ſie junge Anführer und Gayferos werden den Kahn ſo ge⸗ ſchwind fortragen helfen, als ihre Beine es ihnen ge⸗ ei⸗ ſtatten; ich dagegen will mit meinen Kameraden alle me, ſchützen, während ſie waffenlos ſind.“ zila„Gut!“ ſagte der Indianer,„ein Krieger kann ſich icht auch auf andere Weiſe als kämpfend nützlich machen.“ . Nach dieſen wenigen beiſtimmenden Worten fügten ier, ſich der Comanche und Gayferos dem Befehle des Ka⸗ tzu nadiers. Letzterer ſtellte ſich auf die eine Seite der Trä⸗ Der Waldläufer. 1V. 40 verlieren hat, wie wir, als wir auf dem Inſelchen wa⸗ ren; allein hier müſſen wir handeln: der Reſt der Bande ſteckt ohne Zweifel hinter dieſen Gebüſchen. Wohlan, Brennſtrahl! gibt Euch Eure indianiſche Phantaſie eine Kriegsliſt an die Hand, vermittelſt welcher wir von hier 146 ger, Pepe auf die andere, und nun ging es in eiligem Lauſe über die Ebene hin. In der Haltung der Neuangekommenen zeigte Nichts an, daß die kleine Truppe von ihnen bemerkt worden. Nicht ſo verhielt es ſich aber mit den Indianern, die hinter den Weidenbäumen im Hinterhalte lagen. Dieſe ließen ein Alarmgeheul hören, das zugleich ihren Aerger ausdrückte. „Könnte ich doch nur das Auge eines dieſer Heuler unterſcheiden!“ ſprach Pepe, der ſich zwiſchen dem Fluſſe und den Kahnträgern hielt. „Ueberwache vielmehr die zu Deiner Linken, Pepe,“ antwortete der Kanadier.„Ah! dieſe haben uns nun auch bemerkt! Hörſt Du ſie nun auch heulen? „Keiner aber möge mir auf Schußweite ſich nähern, bei Gott! „Siehſt Du, Pepe, was man auch ſagen mag, die Infanterie iſt im Prairien⸗Kriege, wie in den Kriegen civiliſirter Völker, der Cavallerie vorzuziehen. „Ehe einer dieſer Reiter,— es ſei denn, daß er auf gut Glück ſchießen will,— von ſeinem Pferde ſo viel Ruhe erhalten hat, daß er ordentlich zielen kann werde ich Bei dieſen Worten blieb Roſenholz ſtehen, und ſchien in dem Boden Wurzel zu faſſen. „Ja, ich weiß, was er ſagen will,“ brummelte Pepe, indem er ſeinen gymnaſtiſchen Schritt neben dem mit dem Kahne beladenen Indianer her fortſetzte.„Ich werde ſtehen geblieben ſein„ werde gezielt haben nd Das Knallen des Karabiners des alten Jägers un⸗ terbrach das Selbſtgeſpräch des Spaniers. „Und,“ hob er halblaut wieder an,„ein Indianer wird vom Pferde herabſtürzen, wie eine Laſt, die durch Nichts mehr feſtgehalten wird„ Es iſt wahr, bei Gott! da purzelt eben einer von ſeinem Thiere herab⸗“ „ „Geſchwind!“ ſagte der Kanadier, der nach dieſer — S c— ————— — em hts n. rn, en ren uler uſſe e, nun ern, die gen ß er e ſo ann hien epe, mit Ich ben un⸗ aner urch bei letzten Heldenthat herbeigelaufen kam, während von der Ebene her, wo ſeine Kugel, der Entfernung zum Trotze, ein Opfer gefunden hatte, zwei Schüſſe den ſeinigen unnütz beantworteten.„Ihr ſehet, Brennſtrahl, daß in den Händen eines guten Schützen eine gewohnliche Büchſe noch einmal ſo weit zu tragen ſcheint, als eine andere, obgleich die Kugeln meiner früheren Büchſe für dieſe zu klein ſind,— was ihnen viel von ihrer Kraft nimmt.“ Bis daher hatten die Krümmungen des linken Ufers, an dem die kleine Truppe hinging, dieſelbe vor dem Feuer der⸗hinter den Bäumen auf dem rechten Ufer im Hinterhalte liegenden Indianer ſo ziemlich geſchützt; allein die Flüchtlinge kamen nun an einen Ort, wo die Ufer des Fluſſes eben und flach waren. Es war dieß die gefährlichſte Stelle, die man zu paſſiren hatte, und ungeachtet der Aufmerkſamkeit des Kanadiers und des Spaniers, und ihren Anſtrengungen, hinter den Bäumen einen Zielpunkt zu unterſcheiden, empfing ſie auf ihrem Wege ein von unſichtbaren Fein⸗ den ausgehendes Flintenfeuer. Einer der Kahnträger ſtürzte zu Boden, zu ſchwer verwundet, um wieder aufſtehen zu konnen. Zwei ſeiner Kameraden kamen ihm zu Hülfe. In der Furcht, ſich ſelbſt den furchtbaren Büchſen der zwei weißen Jäger auszuſetzen, von deren außer⸗ ordentlicher Geſchicklichkeit ſie ſchon ſo viele Beweiſe ge⸗ habt, hatten die Indianer es vermieden, ſich bloß zu ſtellen, und hatten zwiſchen den Baumſtämmen hindurch auf gut Glück gefenert. Eine Kugel abgerechnet, welche Pepe die Haut aufritzte und nur ein Stück ſeines Aermels wegriß, fügte das Flintenfener den Flüchtlingen keinen Schaden zu. Indeſſen liefen die Kahnträger, die nur noch zu zwei waren, das heißt, Gayferos und der Comanche, nicht mehr ſo geſchwind. Mit ihrem ſterbenden Kameraden beladen, kamen ———— 148 auch die zwei Indianer nur mit Mühe fort, und ſchon fing der andere Apachentrupp, der mehr zu fürchten war, weil er, der ſtärkere, auf dem nämlichen Ufer ſich befand, wie die Flüchtlinge,— an, merklich Feld zu gewinnen. Zweimal hielten die unerſchrockenen Jäger, die den ganzen Schlachthaufen der kleinen Truppe bildeten, an, um dem Feinde mit jener Kühnheit, welche die Gefahr zu reſpectiren ſcheint, die Stirn zu bieten,— und zwei⸗ mal ſiel ein Indianer unter ihren Kugeln. Während dieſes Löwenrückzuges gingen die beiden Waldläufer, durch ihr eigenes Pulver, ſowie durch die um ſie her pfeifenden Kugeln und Pfeile aufgeregt, und dicht an einander gedrängt, rücklings, beinahe mit ge⸗ meſſenen Schritten weiter. Schon beeilten ſich, fern von ihnen, ihre Gefähr⸗ ten, die vor dem Feuer des andern Ufers durch die Di⸗ ſtanz geſchützt waren, die ſie zwiſchen ſich und die im Hinterhalte liegenden und ihre Gewehre wieder laden⸗ den Apachen geſtellt hatten, den Kahn wieder flott zu machen. Roſenholz und Pepe, die dem Feinde auf der Ebene das Geſicht und dem Fluſſe den Rücken zuwandten, be⸗ merkten nicht, wie die indianiſchen Reiter die Gebüſche verließen und ihre Pferde mitten in den Fluß hinein⸗ ſprengten, um ihnen den Rückzug nach dem Kahne hin ganz und gar abzuſchneiden. Die Donnerſtimme des Comanche, die von einem Büchſenſchuſſe gefolgt war, unter dem das tödtlich ver⸗ wundete Pferd eines der Indianer mitten in dem Strome, der es fortriß, ſich bäumte, benachrichtigte ſie von der Gefahr, in der ſie ſich befanden. Pepe wandte ſich raſch um, überzeugte ſich von der Größe der Gefahr, und ließ Roſenholz mit ſeiner furcht⸗ baren Waffe die Feinde im Reſpect halten, die auch auf ihn immer näher zukamen. Der Spanier glitt, mit gebücktem Körper und an⸗ — je eil vie en an, hr ei⸗ en die ge⸗ hr⸗ Di⸗ im en⸗ zu ene be⸗ in⸗ hin em er⸗ ne, der der cht⸗ auf an⸗ geſchlagenem Gewehre, wie eine Schlange an das ufer hin, und rief dem Kanadier zu: „Zieh' Dich auf den Kahn zurück, Roſenholz: ich folge Dir nach, ſobald ich einen dieſer Burſche herunter⸗ geſchoſſen und ins Waſſer geſtürzt habe.“ Hier knallte es. Der Spanier ſchwieg, fiel fluchend, und verſchwand im Graſe. Ein Schrei des Schmerzens, der der Bruſt des Kanadiers entfuhr, begleitete den Fall des Mannes, der ihm ein Gefährte in allen ſeinen Freuden und allen ſeinen Gefahren geweſen war,— und erſtarb alsbald in der Kehle des alten Jägers, der nun ſeinen Bruder verlor, nachdem er ſeinen Sohn verloren. Seine heftige Gemüthserſchütterung erlaubte dem Kanadier nicht, zu bemerken, daß in ganz geringer Ent⸗ fernung von dem Orte, wo Pepe verſchwunden war, ein apachiſcher Reiter das Ufer erreichte. Noch eine Minute, und es war um den unbeweg⸗ lichen und betäubten Roſenholz geſchehen. Glücklicher Weiſe ſchien, wie in Folge eines Wun⸗ ders, ein Feuerſtrahl aus der Erde hervorzudringen; und der Knall, der alsbald auf den Blitz folgte, war noch nicht verhallt, als der Indianer ſchon⸗ von ſeinem Sattel herab, in den Fluß ſlürzte. In demſelben Augenblicke zeigte ſich der Kopf Pepe's, z ſpöttiſch, halb furchtbar, in gleicher Höhe mit der ene. Es war Pepe in ſeiner ganzen Lebensfülle. „Komm doch herbei, Roſenholz!“ rief der ſpaniſche Jäger.„Nimm doch Deinen Platz in dem Loche ein⸗ in das mich die Vorſehung hat fallen laſſen. Es iſt ein uneinnehmbarer Poſten, und keiner dieſer Spitz⸗ buben wird demſelben mit ganzen Gliedern nahe kommen.“ In zwei Sprüngen ſtand der Kanadier bei Pepe. Er verſchwand gleich ſeinem Freunde in einem jener natürlichen Gräben, die durch das Gras verdeckt ſind, deſſen Spitze mit der des Graſes auf der Ebene in gleicher Höhe ſteht. Solcher Gräben gibt es auf den Prairien gar viele. Wie früher an der Poza, wo die beiden Jäger mit einander zugewandtem Rücken den Angriff der Ti⸗ ger erwarteten, ſtanden nun Pepe und Roſenholz, die ihre Feinde einige Augenblicke vergebens geſucht hatten, Rücken gegen Rücken gewandt, da,— in welcher Stel⸗ lung der Erſtere die Ebene, der Zweite das Flußufer beobachtete. Pepe hatte wieder geladen, und die zwei Wald⸗ läufer folgten mit funkelnden Augen, während ihr Kopf in gleicher Höhe mit dem Voden ſiand, allen Bewegungen ihrer Feinde. Durch die erlittenen Verluſte entmuthigt, ſuchten die Indianer die Bäume wieder zu erreichen, die ſie geſchützt hatten. Sie ſchwammen mit ihren wiehernden Pferden hin⸗ über, während der Reiter, dem von Brennſtrahl das Pferd unter dem Leibe weggeſchoſſen worden war, das andere Ufer zu erreichen ſuchte. „Und nun, Roſenholz,“ ſagte der Spanier,„können wir uns wieder in den Kahn ſetzen; er iſt wieder flott, und wartet nur noch auf uns. Da kommen die Spitz⸗ buben aus dem Waſſer heraus,— beſchämt und durch⸗ näßt, wie Pudel, die man durchgeprügelt hat. Auf dieſer Seite iſt die Gefahr nun faſt verſchwundenz vor⸗ wärts alſo! auf den Kahn zu!“ „Sachte, ſachte, Pepe!“ rief der von ſeinem Eifer hingeriſſene Kanadier,„je mehrere von dieſen Spitz⸗ buben wir heute in das Gras beißen laſſen, um ſo wenigere werden wir zu bekämpfen haben. Iſt der Fluß rein gefegt, ſo drehe Dich nach meiner Seite hin um: wir bekommen da genug zu thun.“ Ueber die Ebene zerſireut, überall die zwei Feinde ſuchend, die ſie hatten verſchwinden ſehen, kamen die * n⸗ 6 16 en tt, tz⸗ uf r⸗ er tz⸗ uß n: de ie Indianer auf den Graben zu, worin die beiden Jäger ſtanden. Letztere ſahen die Einen die Gebüſche durchſuchen, und die Anderen, Berittenen, das Gras mit ihren lan⸗ gen Spießen durchſtöbern⸗ Alle aber näherten ſich ganz behutſam. „Büchſen wir zuerſt die Reiter herab,— es iſt ſicherer,“ ſprach der Kanadier,„und feuern wir Beide zugleich! Wir werden nicht mehr ſo viel Zeit haben, um wieder zu laden. Biſt Du ſchußfertig 2 „Ja; Du rechts; die linke Seite geht mich an.“ Zwei aus dem Graſe hervorſprühende Blitze gingen zwei Knallen voraus, die faſt in einen zuſammenfielen⸗ Und abermals ſtürzten zwei Reiter vom Pferde herab. Roſenholz und der Spanier hatten nur noch ſo viel Zeit, um ſich hinter der Böſchung ihres Grabens zu ducken; ein Kugelregen bedeckte ſie mit Erde, und Pfeile ſchlugend pfeifend neben ihnen ein. „Flink!“ ſprach der Spanier,„jetzt iſt der rechte Augenblick gekommen.“ Er ſprach noch, und ſchon hatte er mit Roſenholz den Graben verlaſſen. Die Feinde waren einen Augenblick unſchlüſſig; bald aber rannten ſie, das Meſſer und die Mordkeule in der Hand, hinter den beiden Jägern her. Gayferos, Brennſtrahl und die beiden Indianer, die ſich hinter dem Kahne zuſammengekauert hatten, unterhielten gegen die unter den Weidenbäumen am andern Ufer verborgenen Feinde ein ſtetes Feuer, das dieſelben nicht wenig beunruhigte. Das Geheul, das die Comunches ohne Unterbrechung ausſtießen,— das viele Schießen, das einen weit ſtärkeren Feind vermuthen laſſen konnte, beunruhigte die Apachen auf der Ebene nicht weniger. Dieſer Augenblick der Unſchläſſigkeit in der Ver⸗ ſolgung, deren Gegenſtand ſie waren, kam den beiden — —— 2 —— ——. 8, — 152 Flüchtlingen trefflich zu Statten; geſchützt durch das Feuer Brennſtrahls und ſeiner Genoſſen, konnten ſie das offene Ufer entlang laufen, und den Kahn mit heiler Haut erreichen. Die Apachen am linken Ufer ſahen in dem Augen⸗ blicke, wo die kleine Truppe ſich in den Kahn ſetzte, wie wenig zahlreich ſie war, und nahmen ihre Ver⸗ folgung mit allem Eifer wieder auf. Allein es war zu ſpät; die Comanches erreichten ſchon die Mitte des Fluſſes. Die Reiter allein hätten, nachdem ſie durch ihre augenblickliche Unſchlüſſigkeit zurückgeblieben waren, den Kahn einholen können; allein die Klugheit, oder, rich⸗ tiger geſprochen, die Furcht vor den ſicher treffenden Büchſenſchützen hielt ſie zurück. „Gib mir die Hand!“ rief Roſenholz lebhaft, Jo⸗ bald er mit Pepe wieder hinten in dem Fahrzeuge ſaß, das den Fluß raſch hinabglitt.„Der Teufel! welche Furcht haſt Du mir eingejagt, als Du ſielſt. Ich hielt Dich ſchon für todt. Gott ſei tauſend Mal gelobt, daß er mir dieſes neue Unglück erſpart!“ „Dadurch, daß ich fiel, bin ich im Gegentheil dem Tode aus dem Wege gegangen,“ antwortete Pepe, dem Kanadier einen, wenn auch nicht ſo derben, doch eben ſo warmen Handdruck zurückgebend. Ein langes Schweigen folgte auf dieſen Austauſch von Glückwünſchen, denn die zwei wackern Jäger fühlten ſich glücklich, während der Kahn geräuſchlos über den Fluß hinglitt, die nächtlichen Stimmen der Wüſte, die ſie im Laufe ihres Lebens ſo oft bezaubert hatten,— das Gewieher des Elenthiers, das ferne Brüllen der Büffel, die melancholiſchen Töne der großen Nachtvögel, und von Zeit zu Zeit das laute Geſchrei des Schwans, mit dem Gemurmel des Fluſſes und dem Brauſen des Windes vermiſcht, noch einmal mit einander zu hören. Indeſſen war ihre Lage eine derjenigen, wo die Sicherheit von keiner langen Dauer iſt. So lange in⸗ deſſen der Kahn zwiſchen zwei niedrigen und ſandigen ufern fortſchwamm, an denen ſich kaum einige Gebüſche zeigten, oder in großen Zwiſchenräumen iſolirte Bäume ſich erhoben, ſo lange Nicht das Auge verhinderte, in die Tiefe der Ebene zu tauchen, ließen die Schiffer ſich von dem Fluſſe ſanft wiegen. Als aber der Fluß ſich zwiſchen zwei bewaldeten Ufern begrub, deren Schatten den erbitterten Feind verbergen konnte, der ſie verfolgte, folgte auf die Sicherheit die Unruhe, und es durch⸗ ſpäheten, den Karabiner in der Hand, die beiden Jäger mit argwöhniſchem Blicke die Gehölze, die den Fluß verdüſterten. Pepe hatte ſich nicht getäuſcht, wenn er behauptete, die hinter den Weidenbäumen im Hinterhalte liegenden Indianer, mit denen ſich ein Theil der Truppe des Schwarzvogels vereinigt hatte, ſeien dieſelben Krieger, die ſie auf dem Inſelchen des Gilafluſſes belagert. Es war in der That das kleine Detachement, von dem unſere Leſer ſich noch erinnern werden, daß es aus dem brennenden Lager der Mexikaner abging, um die Spuren der drei ihrem Haſſe entgangenen Jäger auf⸗ zuſuchen. Eine genaue Unterſuchung, die wegen der Zer⸗ trümmerung des ſchwimmenden Floſſes ſehr ſchwierig war, und zwei ganze Tage erforderte, hatte die Auti⸗ lope von dem Fork des Gilafluſſes bis zum Goldthal, an die Ufer des rothen Fluſſes, und endlich bis an deß Ort geführt, wo Roſenholz, Pepe und Gayferos ſich auf dem Kahn des jungen Comanche eingeſchifft hatten. Es war daher nicht wahrſcheinlich, daß der Läufer Antilope durch die erlittene Niederlage ſich zurückhalten ließ, ſobald er ſich mit dem zahlreichen Haufen des Schwarzvogels vereinigt hatte.— Inmitten der Wälder, welche der Fluß durchſchnitt, wurde die Schifffahrt gefahrvoll, langſam und müh⸗ ſam;— gefahrvoll wegen der Indianer, die an den Ufern im Hinterhalte liegen konnten;— langſam und mühſam, in ſo fern man zu gleicher Zeit das Auge 154 überall haben mußte,— als man die dichtſtehenden Bäume am Ufer, und das Waſſer ſelbſt beobachten mußie, das jeden Augenblick durch Baumſtämme, deren ſcharfe Spitzen den Kahn durchbohren konnten, und vurch ſchwimmende Bäume verſperrt war, deren Aeſte den Lauf des Fahrzeugs hemmten. Eine zweiſtündige Fahrt hatte den Kahn nur eine Stunde von dem Orte entfernt, wo die Flußufer an⸗ gefangen hatten, ſich mit großen und finſteren Baum⸗ maſſen zu bedecken. Endlich ging der Mond auf. Es war dieß ein Zeichen, daß der Tag nicht mehr fern war; indeſſen bedeckte die Finſterniß noch immer den Fluß. Kaum ließ der Mond, der die Gipfel der Bäume verſilberte, hie und da einen blaſſen und verſtohlenen Strahl auf den Fluß fallen. Oft verwickelten ſich auf der Waſſerfläche, welche dieſer flüchtige Schimmer nicht zu erleuchten vermochte, die Ruderſtangen in das Aeſte⸗ Netz eines am Ufer liegenden Baumes, oder aber glitten ſte über das untergetauchte Laubwerk deſſelben hin; und ließen einen dumpfen und traurigen Ton hoͤren. Die beiden Jäger ſprachen leiſe mit einander, während ſie den Schatten der beiden ufer, ſo wie die Waſſerfläche durchſpäheten. „Wenn die Spitzbuben, denen wir ſo eben eine blutige Lecktion gegeben,“ ſprach Pepe, mit einer ge⸗ wiſſen Unruhe den Kopf ſchüttelnd,„ihr Landſtreicher⸗ handwerk verſtünden, ſo könnten ſie ſich hier, wo der verdammte Fluß durch ſchwimmende Stämme ſo ſehr geſperrt iſt, Genugthuung verſchaffen. Fürwahr, von allen Flüſſen, die wir durchſchifft haben, iſt dieſer der einzige, den ich mit dem Arkanſas vergleichen kann. „Seitdem wir in dieſes Labyrinth von Wäldern hineingekommen ſind, haben wir kaum eine Stunde zurückgelegt, und kaum iſt es wieder eine Stunde zwiſchen dem Anfang dieſer dichten Baummaſſen und dem Orte, 155 wo wir uns geſchlagen haben; mithin haben wir in zwei Zeitſtunden im Ganzen nur zwei Wegſtunden zurückgelegt. „Wenn nun die Spitzbuben, wie ich Dir geſagt, ihr Handwerk verſtehen, ſo hat jeder Reiter einen Fuß⸗ gänger hinten aufſitzen laſſen,— und dann können ſie uns ſchon ſeit einer Stunde in einiger Entfernung von hier aufpaſſen.“ „Hierauf habe ich Nichts zu erwiedern, Pepe,“ antwortete Roſenholz.„Es iſt gewiß, daß dieſe finſteren ufer ſehr geeignet ſind, im Hinterhalt liegende Feinde zu verbergen, und es will mich bedünken, daß wir we⸗ nigſtens unſern Weg auf dem Fluſſe beleuchten müſſen, um ihn raſcher zurückzulegen. Ich will mit dem Co⸗ manche ein Paar Worte darüber ſprechen.“ In Folge einer kurzen Berathung, die nun Statt fand, trieben die Ruderer den Kahn ans Ufer. Die Indianer nahmen von Letzterem ein großes Raſenſtück weg, das, auf zwei ſtarken Baumäſten ruhend, auf das Vordertheil des Schiffes gelegt wurde. Sodann wurden Zweige von rothem Cedernholz auf das Raſenſtück, wie auf den Stein eines Herdes, gelegt Darauf wurde das Holz angezündet, und bald ver⸗ breitete ſich ein lebhaftes Licht, ähnlich dem einer brennenden Pechpfanne, ſo weit hin, daß der bis jetzt zwewiſe Lauf des Schiffes darnach geregelt werden onnte. ₰ — Einundſiebenzigſtes Rapitel. Der Durchpaß. Von Zeit zu Zeit unterſuchte der Kanadier ver⸗ mittelſt eines der brennenden Cedernzweige den hinter den Schiffern liegenden Theil des Fluſſes, während das auf dem Vordertheile des Schiffs brennende Feuer den vor ihnen liegenden Theil beleuchtete. Der röthliche Schein, der ſich über den Fluß ver⸗ breitete, verlieh den Indianern ein phantaſtiſches Aus⸗ ſehen, und es glichen dieſelben Statuen von noch in⸗ candescentem Bronze. Nicht minder phantaſtiſch erſchie⸗ nen die drei weißen Jäger mit ihren durch die Reiſe in der Wüſte hart mitgenommenen, zerriſſenen Kleidern, ſo wie die Ufer ſelbſt, auf die das Feuer einen röthli⸗ chen Schein warf. Aus dem dunkeln Schatten dieſer Ufer ſah man die Phantome der Bäume, der ſlillen Zeugen der nächt⸗ lichen Fahrt, auſtauchen, und dann in der Finſterniß wieder verſchwinden: die einen mit ihren vom Winde hin und her gewiegten Moosguirlanden, die andern mit ihren in einander verſchlungenen Llanen,— während die Waſſer des Fluſſes nach dem Lichtgürtel, der darüber verbreitet war, die ſchwimmenden Aeſte und Bäume S hintrugen, die ſich in einem Feuermeere zu befinden ſchienen. Es war die Stunde der Nacht, wo in den Wäl⸗ dern Alles ſchläft,— wo die reißenden Thiere nach ihrer nächtlichen Jagd, und die furchtſamen, ehe ſie am Morgen den Schlaf abſchütteln, ruhen,— wo die Nacht⸗ eule, der erſte der Vögel, der die Morgenröthe begrüßt, — in der Höhle eines abgeſtorbenen Baumes noch träge liegt. Die tiefe Stille der ſchlumernden Natur war da⸗ her nur durch das monotone Geräuſch der Ruder ge⸗ ſtört, welche die ſonoren Waſſer des Fluſſes trafen. Ein trauriger Vorfall erhöhte noch die traurige Majeſtät dieſer feierlichen Stunden. Im Kahne liegend, fing der verwundete Comanche, der bis daher bewegungslos geblieben war, an, von Zeit zu Zeit ein dumpfes Aechzen hören zu laſſen, wie wenn ſeine Seele gegen die letzten Bande, die ſie noch an den Körper knüpften, kämpfte. „Wah⸗Hi⸗Ta hört die Stimme ſeiner Väter,“ mur⸗ melte der Indianer, der ſich in der Barke ein Bischen hin und her bewegte. „Was ſagen ſie ihm?“ fragte Brennſtrahl, der einen Augenblick zu rudern aufhoörte. „Sie ſagen ihm, daß er ſeinen Todesgeſang an⸗ ſtimmen ſolle,“ antwortete der Comanche.„Aber Wah⸗ Hi⸗Ta hat nicht mehr ſo viel Kraft; auch rufen ihm dieſe Stimmen, und es ſagen dieſelben zu ihm, daß er kommen ſolle.“ „Brennſtrahl wird für Wah⸗Hi⸗Ta fingen,“ ſagte der junge Anführer, deſſen Stimme in der Schlacht ſo laut erſcholl, ſanft,„allein er wird ſingen, wie man auf dem Blutpfade ſingt.“ Dann ließ er in leiſem und dumpfem Tone eine Art klagender Melopöe hören, wozu das Geräuſch der Ruder den Takt ſchlug. Dieſer Todtengeſang, in dem ſich alle Heldenthaten vereinigt fanden, die von der Klugheit und Kühnheit eines Prairie⸗Kriegers bei Biſonjagden oder in den Wechſelfällen des Krieges zeugen, entlehnte von der Stille der Nacht eine noch traurigere Harmonie. Die weißen Jäger verſtanden dieſen Todtengeſang nicht ganz; allein er weckte in dem Herzen des Kana⸗ diers nicht minder traurige Geſänge. Er fragte ſich, 2 ob ſein junger Fabian auch einen Freund ſinden würde, um ſo ſeine letzten Augenblicke zu verſüßen. Mehr denn ein Mal brachten dieſe bitteren Ge⸗ vanken ſtille Thränen in die Augen des Kanadiers. Er wandte ſich ab, um dieſelben zu verbergen. Während dieſer Zeit verbreitete der Kahn immer noch über den Fluß und die beiden Ufer den röthlichen Schein ſeines Feuers, das anfing, ein minder helles Icht von ſich zu geben, und es vergaß der Waldläufer, ſowie auch Pepe, die düſteren Waſſer hinter ihm zu durchſpähen. Die Helle des Feuers erſtarb allmählig, als der junge Anführer zu ſingen aufhörtez die Nacht nahm ihre majeſtätiſche Stille wieder an. Es ſchien, als habe der Indianer nur auf dieſen Augenblick gewartet, um zu ſterben. Eine letzte Con⸗ vulſion zeigte an, daß das Leben im Begriffe war, ihn zu verlaſſen. „Wah⸗Hi⸗Ta iſt zufrieden,“ murmelte er von Neuem; „er hat durch den Mund eines Freundes auf die Stim⸗ me ſeiner Väter geantwortet. Er wird ſeinen Brüdern nicht lange mehr überläſtig ſein; Brennſtrahl wird“ — hier ſchien der Indianer die Lage ſeines Dorfes zu bezeichnen—„die Nachricht von dem Tode, den ein Krieger auf dem Kriegspfade gefunden, dorthin brin⸗ n.“ Während der Indianer dieſe Worte ſo leiſe ſprach, daß man ſie kaum hören konnte, verſchied er in den Armen des jungen Anführers. Der Kahn ſetzte ſeine Fahrt noch einige Minn⸗ ten fort. Und als dann Brennſtrahl ſich überzeugt hatte, daß der Odem des Lebens auf den Lippen Wah⸗Hi⸗Ta's wirklich erloſchen, trieben die Ruderer das Fahrzeug an eines der Ufer hin. 6 Zwei von den Indianern ſtiegen, die Wolldecke des Todten in der Hand, aus. „ * 159 Als dieſelbe mit ſchweren Steinen angefüllt, und ein neuer Vorrath von dürrem Holze geſammelt war, ſetzte der Kahn ſeine Fahrt fort. Dann wurde der Mantel Wah⸗Hi⸗Ta's um ſeinen Körper her befeſtigt, und darauf letzterer von den drei Indianern in den Fluß geworfen, um ihn jeder Pro⸗ fanation zu entziehen. Das wiederbelebte Feuer verbreitete einen helleren Schein; der Lichtkreis erweiterte und öffnete ſich,— und der Körper verſank langſam in eine lichte Waſſer⸗ maſſe, die ſich wieder über ihm ſchloß. „Der große Geiſt hat die Seele eines Tapſfern aufgenommen,“ ſprach Brennſtrahl;„der Koͤrper des⸗ ſelben iſt vor den Beſchimpfungen der apachiſchen Hunde geſichert. Setzen wir unſere Fahrt ſort!“ Der Kahn erhielt einen raſcheren Impuls, ver⸗ wiſchte im Vorüberfahren unter einer breiten Furche das Kochen der Waſſer über dem Leichname, und das naſſe Grab Wa⸗Hi⸗Ta's wurde wieder eben und ſchwarz, wie einen Augenblick vorher, ehe es denſelben noch auf⸗ genommen. Als noch einige andere Minuten verfloſſen waren, ſprach Roſenholz zu dem jungen Anführer: „Comanche, gebt mir einen der brennenden Zweige; ich muß ſehen, ob meine Augen mich nicht täuſchen. Es ſcheint mir, ich ſehe mehr Bäume hinter uns her ſchwim⸗ men, als wir vermieden haben.“ Brennſtrahl nahm einen Feuerbrand und überreichte ihn dem Kanadier. Dieſer wandte ſich um, um auf das Waſſer hinter dem Kahne einen Blick zu werfen. Waldläufer ſchien nicht Alles in der Ordnung zu ſein. „Bei allen Heiligen der Legende!“ rief er,„un⸗ moͤglich haben wir durch den Wald, der hinter uns ſchwimmt, hindurchfahren können. Ich ſage es Euch; 160 indianiſche Hände haben allein den Fluß ſo mit Holz anfüllen können; dieſe Bäume ſind nie vor dem Kahne geweſen, der uns trägt!“ Bweiundſiebenzigſtes Rapitel. Fortſetzung. In der That ſchien in einiger Entfernung hinter dem Fahrzeuge die Waſſerfläche, im wörtlichen Sinne des Wortes, von ſchwimmenden Aeſten und von Bäu⸗ men zu ſtarren, deren ſchwärzliche Stämme die Flamme beleuchtete. „Das iſt doch ſonderbar!“ ſetzte Gayferos hinzu. „Nein, es iſt nichts Sonderbares für einen Men⸗ ſchen, der alle die Liſten kennt, welcher die Indianer fähig ſind,“ antwortete Roſenholz.„Fragen Sie ein⸗ mal Pepe!“ Auch Pepe durchſpähete hinten im Kahne den rothen Fluß, und es ſchien ihm gerade wie Roſenholz materiell unmöglich, daß ihr ſchwaches Fahrzeug durch dieſe ſchwim⸗ mende Maſſe von in einander verſchlungenen Baumſtäm⸗ men und Aeſten hindurchgefahren ſein könne, ohne zer⸗ riſſen zu werden. „Ich bin ganz Deiner Anſicht,“ antwortete der Spanier,„die Hände dieſer Spitzbuben haben allein alle dieſe abgeſtorbenen Bäume in das Waſſer werfen kön⸗ nen. Sie haben dieſelben an den Ufern gefunden. Und wahrſcheinlich ſind die Bäume, während wir ausgeſtie⸗ gen waren, uns ſo nachgeſchwommen. Dieß würde be⸗ weiſen, daß die rothen Teufel— Nichts für ungut, ————— r e 1. e 1. r 18 n . E r⸗ er n⸗ d e 3 1 161 Comanche!— im Sinne haben, uns weiter unten an⸗ zugreifen, und daß ſie uns den Räckzug abſchneiden wollen.“ Die Anſicht Pepe's, die nur zu viel für ſich hatte, wurde weder von Roſenholz, noch von dem jungen Co⸗ manche widerſprochen. Es ſchien gewiß, daß die India⸗ ner vorangegangen, um ſich in dem Walde in den Hin⸗ terhalt zu legen, und daß der Landweg minder gefährlich, als der Waſſerweg. Die drei Verbündeten beſchloſſen daher, ihre Fahrt nicht länger fortzuſetzen, ſondern durch den Wald hin⸗ durch einen großen Umweg zu machen, um den Angriff zu vermeiden, von dem ſie bedroht waren, wenn ſie auf dem Fluſſe fortfuhren. Die lederne Barke wurde nun abermals aus dem Waſſer herausgezogen, und unter die Bäume, wo die⸗ ſelben am Dichteſten ſtanden, fortgetragen. Darauf wurde ſie unter den niederen Zweigen mit all' der von den In⸗ vianern gewöhnlich angewandten Vorſicht verborgen. Die Reiſenden nahmen nur ſo viel Kriegsmunition und Mundvorrath mit, als jeder, ohne im Gehen ge⸗ nirt zu ſein, tragen konnte. Das Uebrige wurde der Obhut des ſchweigenden Dickichts anvertraut. „Ihr, die Ihr dieſe Einöden ſchon durchſtrichen habt,“ ſagte der Kanadier zu Brennſtrahl,„werdet unſer Führer ſein; Euer junger Kopf hat all' die Erfahrung eines Mannes, deſſen Haar auf dem Kriegspfade grau geworden, und wir verlaſſen uns ganz auf Euch.“ „In einer Entfernung, die ein Elenthier von hier aus zurücklegen könnte, ohne erſt wieder Athem zu ho⸗ len,“ antwortete der junge Krieger,„werden wir eine Stelle im Fluſſe finden, wo derſelbe ſo ſchmal iſt, daß er unter einem Gewölbe hinzuſtrömen ſcheint. Paſſen uns die Indianer irgendwo auf, ſo iſt es gewiß am Durchpaſſe.“ Rachdem der Comanche ſich einen Augenblick orien⸗ Der Walbläufer. W. 11 —— —— 162 ürt hotte, ging er feſten Trittes voran. Begleitet war er von den zwei Kriegern ſeiner Nation; die drei Wei⸗ ßen folgten nach. Die ſchiefen Strahlen des Mondes, die zwiſchen en Bäumen hindurchdrangen, beleuchteten den Wald hinlänglich, um den Lauf der Reiſenden ſo raſch zu ma⸗ chen, als die Klugheit es nur geſtattete. Es war in der That nothwendig, zu verſchiedenen Malen Halt zu machen, um mit Auge und Ohr die Stille und Tiefe des Waldes zu befragen, in dem Indianer verborgen ſein konnten. Die kleine Truppe ſetzte daher ihren Marſch erſt nach ſolchen Halten wieder fort. Bisweilen zwangen undurchvringliche Dickichte,— ſo ſtark waren die paraſitiſchen Mooſe der Cedern und Lianen des wilden Weinſtocks mit den Aeſten und Stäm⸗ men der Bäume verſchlungen,— die Flüchtigen, große Umwege zu machen. Und nach dieſen Umwegen mußte man ſich von Neuem orientiren, um nicht zu weit vom Fluſſe wegzukommen. Nach Verfluß von etwa einer Stunde, während welcher die Flüchtlinge in Anbetracht aller dieſer Hin⸗ verniſſe gar nicht weit gekommen waren, zeigte ein fri⸗ ſcherer Wind, der von Zeit zu Zeit zwiſchen den Bäu⸗ men hindurchblies, an, daß der Fluß nicht mehr weit entfernt war. Bald konnte man, wenn man aufmerkſam horchte, das Murmeln ſeiner Waſſer hören, das durch die Näherung der Ufer ſtärker wurde. Dann ließ der Indianer die kleine Truppe in ge⸗ rader Linie fortgehen, wobei er von Zeit zu Zeit den feuchten Wind gegen ſeine Wange ſtreichen ließ, und dem Rauſchen des Waſſers lauſchte, um nicht von der Richtung abzukommen, die er verfolgen wollte. Als der junge Comanche einige Zeit ſo fortgegan⸗ gen war, hörte er auf, das Moos der Bäume und die friſchen Emanationen des Fluſſes zu befragen, um in⸗ mitten der großen Platten weißen Lichtes, die der Mond Halt machen, und entfernte ſich, gefolgt von ſeinen zwei 163 auf das Gras und das dürre Laub auf⸗dem Boden fal⸗ len ließ, Fußſpuren zu ſuchen. Die drei Jäger folgten ſchweigend allen Bewegun⸗ gen ihres Führers,— gingen weiter, wenn er wieder zu gehen anfing, hielten an, wenn er ſiehen blieb⸗ Insbeſondere betrachtete der Kanadier mit melan⸗ choliſchem Vergnügen den jungen Krieger, deſſen Alter und Wuchs ihn an Fabian erinnerten,— den jungen Krieger, der bald aufrecht daſtand, bald ſich über den Boden hinbückte, und, um die Myſterien der ſtummen Wälder zu durchdringen, bald den Inſtinct des Thieres, bald die hohe Intelligenz des Menſchen zu Hülfe zu rufen ſchien. „Dieſer junge Burſche wird einmal noch ein mäch⸗ tiger Häuptling bei ſeinem Volke,“ ſagte Roſenholz dem Ermiquelete in's Ohr.„Sieh, er iſt auf dem blutigen Wege, und doch vermag Nichts die Ruhe ſeiner Augen und die Helle ſeines Verſtandes zu trüben, Wohlan, Brennſtrahl!“ fuhr der Kanadier, zum Comanche ge⸗ wandr, fort,„findet ihr die Spuren, die Ihr ſuchet 2“ „Sehet,“ antwortete Brennſtrahl, auf einige dürre Blätter deutend, die im Mondſchein glänzten,„meine Krieger find hier geweſen; vielleicht ſind ſie nicht mehr weit von hier. Dieſer Fuß hat ſeine Spur dem Boden aufgedrückt, als der Nachtthau den letzteren bereits er⸗ weicht hatte.“ „Und wer ſagt Euch, daß es die Spur eines Eu⸗ rer Krieger iſt?“ „Möge der Adler ſich bücken,— dann wird er ſehen, daß an dieſer Fußſpur die große Zehe fehlt.“ „Er hat meiner Seel' Recht,“ ſagte Pepe, ſich bü⸗ ckend,„und ich ſchäme mich, es nicht ſchon bälder ge⸗ ſehen zu haben.“ Andere Fuß ſpuren wurden nach einigen Minuten ge⸗ funden und beſtätigten den Comanche in ſeinem Glauben⸗ Bald ließ der junge Anführer die kleine Truppe 164 Genoſſen, nachdem er die weißen Jäger gebeten, auf ſie zu warten, bis ſie weiterhin eine letzte Recognoscirung vorgenommen hätten. Die Indianer zerſtreuten ſich bald hinter den Bäu⸗ men, und gingen ſo behutſam und ſo leicht fort, daß auch nicht das geringſte Kniſtern des Laubes, wenn man ſich daſſelbe auch als ſo unmerkbar denkt, wie das wel⸗ ches die Iguana hören läßt, wenn ſie in einem Mond⸗ ſtrahle auf dem Mooſe ſich hin und her wirft,— daß kein Krachen eines Gebüſches ſich mit den Seufzern des Nachtwindes vermiſchte. Die drei Jäger warteten inmitten des tiefſten Schwei⸗ gens auf die Rückkehr ihrer Verbündeten, und Roſen⸗ holz hütete ſich, an den mooſigen Stamm einer Buche gelehnt und von traurigen Gedanken bewegt, wohl, dieſe mit ſeiner Traurigkeit harmonirende Ruhe zu ſtören. Ein Mondſtrahl ſiel auf das Geſicht des Kanadiers, und ließ auf demſelben die Spuren der Sorgen ſehen, von denen er verzehrt war, ſeitdem er ſeinen Fabian verloren hatte. Er berechnete ängſtlich alle ſchlimmen Chancen, die ſich auf ſeinem Wege zu vervielfältigen ſchienen. Der ſpaniſche Jäger näherte ſich ihm und ſagte mit einer Stimme, die er mit der ſchwachen Briſe, die das Lauh der Bäume bewegte, in Einklang ſetzte: „Rothhand und Miſchblut dürfen ſich wohl in Acht ehmen, denn dieſer junge Comanche iſt ein furchtbarer Feind, der ihnen wohl noch gewaltig zu ſchaffen machen wird, ſelbſt wenn man annehmen wollte, daß er zwei Jäger, deren Erfahrung und Muth nicht zu verſchmähen ſind, nicht zu Verbündeten habe. Du wirſt mir zwar varauf antworten, daß die fraglichen zwei Jäger im Kampfe mit dieſen verdammten Wüſtenräubern ſchon zweimal unterlegen find, aber bei Gott!.. Das werde ich nicht ſagen, Pepe; das Woffenglück iſt gar veränderlich, und wie furchtbar auch die zwei Menſchen ſein mögen, die Du bezeichneſt, ſo werde ich ——— ———— 165 doch nie Anſtand nehmen, mich abermals mit ihnen zu meſſen. „Hätten wir für uns ſelbſt an dem Meſtizen Rache zu nehmen, und fäme es dabei nicht ſo genau auf die Zeit an, ſo würdeſt Du ſehen, wie ich die beiden Ban⸗ diten unverdroſſen ganze Monate verfolgen würde; aber die Tage Fabian's,— was ſage ich, ſeine Tage? ſeine Minuten find gezählt, und ich fürchte, zu ſpät zu kom⸗ men. Dieß iſt ein furchtbarer Gedanke, mein armer 3„Wir kommen noch eben ſo bald, wie dieſe ſpitzbü⸗ biſchen Indianer, beim Red⸗Fork an„.. Aber es graut der Tag; ich höre von dort unten, aus weiter Ferne, die Eule, welche die Morgendämmerung verkündet.“ Das traurige und ferne Huhu! des Nachtvogels ließ ſich in der That im Walde hören und drang zu den Ohren des Jägers. „Da ſind ja noch andere, welche noch aus weiterer Ferne antworten!“ ſagte Gayferos.„Es ſcheint ein ganzer Schwarm in der Umgegend zu ſein.“ „Es können auch Wiedererkennungszeichen ſein,“ antwortete der Kanadier als ein Mann, der gewohnt war, in allen Stimmen der Einöde die wahre Bedeu⸗ tung zu ſuchen, die ſie haben koͤnnen.„Die Eulen ſind ein Bischen wie die Adler: ſie wohnen ſelten beiſammen.“ Indeſſen verrieth Nichts, daß die Nachtvögel ein⸗ ander nicht antworteten, wie die Hähne eines Landguts denen des andern antworten, und daß dieſe melancholi⸗ ſchen Schreie Signale ſein könnten. Zeigten ſie auf jeden Fall die Vereinigung ihre Freunde oder ihrer Feinde an? Der Knall einer Büchſe, der aus eben ſo großer Ferne kam, wie das Geſchrei der Eulen, machte die Jäger zuſammenfahren. Ihre Zweifel aber wurden das durch nicht gelöst. „Ich kenne den Knall dieſer Waffe nicht,“ ſprach Roſenholz;„jedenfalls aber iſt der Feind in der Nähe, 166 und ſei es, daß die Büchſe des Comanche oder die eines Apachen geknallt, ſo iſt doch ſo viel gewiß, daß wir in Betreff deſſen, was wir zu thun haben, nicht im Zwei⸗ fel ſein können.“ Bei den letzten Worten, die der Kanadier ſprach, ging er, gefolgt von ſeinen zwei Gefährten, raſch nach der Seite hin, von wo der Flintenſchuß gekommen war. Sie waren nur erſt wenige Minuten ſo fortge⸗ gangen, als ſie nach einander zwölf andere Schüſſe zähl⸗ ten, die ihnen bewieſen, daß ein mörderiſcher Kampf an dem Orte Statt fand. Der Kanadier hielt mit der Hand den Carabinier zurück, der vorangehen wollte. „Sachte, Pepe,“ ſagte er zu ihm,„es iſt durchaus nothwendig, daß, falls unſere drei Verbündeten ſich auf uns zurückziehen ſollten, ſie uns nicht verfehlen. Wir haben kein Looſungszeichen, das uns mit den Comanches gemeinſchaftlich wäre; es iſt dieß ein großer Fehler, den wir ſo viel wie möglich wieder gut machen müſſen. Gehen wir daher nicht, nach Indianer Art, hinter ein⸗ ander fört, ſondern in gleicher Linie und ziemlich weit auseinander, um dieſelbe auszudehnen, ohne daß wir dabei aufhören, eine Stellung einzunehmen, die uns geſtattet, uns gegenſeitig zu Hülfe zu kommen.“ Die Jäger vereinigten ſich mit der Anſicht des Ka⸗ nadiers, und entfernten ſich von einander ſo, daß ſie neben einander eine Linie von hundertfünfzig Schritten bildeten, in welche ihre Verbündeten fallen mußten, wenn fie ſich auf den bewußten Vereinigungsort zurück⸗ zogen. Sie hielten gleichen Schritt mit einander und gingen raſch auf den Ort zu, von wo noch andere Schüſſe herkamen. Gayferos nahm den Mittelpunkt der Linie ein, während Pepe auf der linken, und der Kanadier auf der rechten Seite die zwei äußerſten Punkte bil⸗ deten. 167 um nicht Gefahr zu laufen, ſich zu verlieren, lie⸗ ßen Pepe und Roſenholz von Zeit zu Zeit den Schrei hören, der ihnen in den Wäldern, wo ſolche Thiere ſich in großer Anzahl vorfinden, gewöhnlich als Wiederverei⸗ nigungsſignal diente,— das heißt, ſie ahmten das Ge⸗ ſchrei des Coyote oder Schakals nach. Es iſt eine Gewohnheit der Indianer und der weißen Jäger, ihre Signale, um keinen Verdacht zu erregen, nach dem Geſchrei der Vögel oder Thiere zu variiren, welche die verſchiedenen Orte, finden, am Häufigſten beſuchen. Und wo ſie ſich be⸗ ſo mußte der zwiſchen den zwei Waldläufern ſtehende Gambuſino ei⸗ nen dem ihrigen parallelen Weg verfolgen. Roſenholz war der erſte, der die friſchere Luft des Fluſſes auf ſeiner linken Wange ſpürte. In einer Entfernung von einigen Schritten bemerkte er, durch das Dickicht hindurch, die Waſſermaſſe, die, ſchwarz und ſtille, die hineingeworfenen Bäume dahin wälzte. Er ſchloß daraus, daß der Kampf auf dem Fluſſe ſelbſt, oder doch an ſeinen Ufern Statt finden müſſe. Gin neuer und plötzlicher Knall, deſſen Blitz er eine Secunde lang auf der Oberfläche des Fluſſes ſich wie⸗ derholen ſah, beſtärkte den Waldläufer muthungen. in ſeinen Ver⸗ Dann ging er noch weiter vorwärts, ohne von der mit dem Fluſſe parallelen Linie abzuweichen. Ein Kriegsgeheul, vas vor ihm erſcholl, und in dem er das des jungen Anführers zu erkennen glaubte, ver⸗ anlaßte den Kanadier, den Carabinier und Gayferos herbeizurufen, um Brennſtrahl, deſſen genaue Stellung er jetzt kannte, zu Dreien zu Hülfe zu kommen. Das vorher ausgemachte Vereinigungsſignal war das Gekläffe des erſchrockenen Schakals, Derholt. — Roſenholz ſtieß den erſten Schrei — —— drei Mal wie⸗ aus, den der 168 Spanier beantwortete. Zu gleicher Zeit kam derſelbe näher. Dann ſtieß er den zweiten Schrei aus, den die Pepe's in etwas geringerer Entfernung wieder⸗ holte. Der dritte Schrei blieb, kaum artikylirt, dem Ka⸗ nadier in der Kehle ſtecken. Zwei kräftige Hände drückten ihm den Hals zu⸗ ſammen, während aus einer Truppe ſchwarzer Körper heraus, die aus der Erde emporzutauchen ſchienen, funkelnde Meſſer ihm düſter entgegen blitzten. Es war um Roſenholz geſchehen, wenn er in Folge eines ſo plötzlichen Ueberfalls eine augenblickliche Schwäche zeigte; aber der unerſchrockene Waldläufer konnte einen Augenblick wohl überraſcht, nicht aber erſchreckt werden. Der Kanadier ſprang zurück, und riß den Indianer mit ſich fort, deſſen beide Hände ihn zu erwürgen ſuch⸗ ten. Mit der linken Hand ſeine Büchſe weit wegdrü⸗ cken, mit der rechten ſeinen Feind bei der Kehle packen, und denſelben⸗ unter dem unwiderſtehlichen Drucke ſeiner eiſernen Finger leblos auf den Boden hinſchleudern, war für den Rieſen die Sache eines Augenblicks. Roſenholz ſchöpfte wieder Athem und ſchrie, laut aufathmend, mit ſeiner donnernden Stimme: „Hieher! Pepe!“ Zu gleicher Zeit fiel der ſchwere Kolben ſeiner Flinte auf den Kopf eines zweiten Feindes nieder, der auf den Boden hinſtürzte, um nicht mehr aufzuſtehen. Zu gleicher Zeit öffneten ſich in Folge eines ge⸗ waltigen Druckes die Gebüſche neben ihm. Es trat der Spanier daraus hervor. „Der Hund wird nicht mehr bellen,“ ſagte Pepe, dem Indianer, den Roſenholz zu Boden geſtreckt, den Hals abſchneidend. „Zum Henker! Du verlierſt deine Zeit, ſchrie 169 der Kanadier;„bin ich gewohnt, zu treffen, ohne zu tödten?“ Während er ſo ſprach, legte er auf einen der an⸗ dern Indianer an, welche flohen; Pepe that ein Glei⸗ ches. Die beiden Schüſſe knallten zu gleicher Zeit, jedoch ohne Reſultat;z die Apachen waren in den Dickichten ver⸗ ſchwunden. Als die zwei Jäger, ärgerlich darüber, ihnen auf gut Glück nachſprangen, warfen ſich drei ſchwarze Kör⸗ per ins Waſſer, und verſchwanden unter den ſchwim⸗ menden Stämmen im Fluſſe. „Der Teufel ſoll mich holen, wenn die wieder her⸗ auskommen,“ ſagte Pepe, um ſich zu tröſten. „Vorwärts, dort unten!“ ſchrie der Kanadier in dem Augenblicke, wo Gayferos zu ihnen ſtieß, und eine Gruppe indianiſcher Reiter auf dem entgegengeſetzten ie an dem Fluß hinaufritt,„dort unten braucht man uns!“ Es ließen ſich immer noch Flintenſchüſſe hören⸗ in die ſich ein Kriegsgeſchrei miſchte, welches das Ge⸗ räuſch desſelben dominirte. „Hörſt du den Schlachtruf des unerſchrockenen Jünglings!“ „Ja,“ antwortete Pepe,„laſſen wir auch den unſe⸗ rigen hören, um ihm zu zeigen, daß wir ihm zu Hülfe kommen.“ Und nun ließen der Kanadier und Pepe ihrerſeits ihr Schlachtgeheul ertönen. „ Dann warfen ſie, gleich den Helden des Alterthums, ihre Namen in das Schlachtgetümmel. „Der Adler der Schneeberge!“ ſchrie Roſenholz mit einer Stentor⸗Stimme. „Der Spottvogel!“ heulte Pepe mit einem ohren⸗ zerreißenden Schrei, einer ſpöttiſchen Nachahmung des Geſchreies des Vogels, deſſen Namen ihm ſeine Zunge, 170 die ſo ſchneidend, wie ein Rafirmeſſer, war, verſchafft atte. Gayferos allein warf den Echos weder ſein Kriegs⸗ Beheul, noch ſeinen furchtbaren Namen„Blutiger Schä⸗ del“ hin; der arme Gambufino begnügte ſich, ganz beſtürzt das Geheul anzuhören, das ihn an den Ver⸗ luſt ſeines Haares, ſowie an die fürchterlichen Qua⸗ len, die er ausgeſtanden, erinnerte. Nur nach und nach härtet man ſich am Feuer dieſer Schlachten, wo Mann gegen Mann kämpft. Nach ihnen wiederholten mehrere Stimmen die Namen„Adler der Schneeberge“ und„Spottvogel,“ während die drei Krieger um ein Knie, das der Fluß machte, bogen. Dort wurden ſie von einem neuen Schauſpiel über⸗ raſcht. An dieſem Orte war der Fluß zwiſchen zwei Ufer. eingezwängt, die allmählig eine Höhe von vierzig Fuß über dem Niveau des Waſſers erreichten, aber kaum ſechs Fuß aus einander waren. Das gegenſeitige Aufſteigen dieſer zwei Abhänge nach ihrer Spitze hin ſchien anzuzeigen, daß die zwei Ufer einſt mit einander verbunden waären, und daß eine große Zückung im Innern der Erde das Gewölbe ge⸗ öffnet hatte, unter dem der Fluß, wie durch einen un⸗ terirdiſchen Kanal hindurch, hindurchſtrömen mußte. Es war dieß der enge Durchpaß. Der Mond beleuchtete lebhaft die Spitze der beiden 5 Ufer, und die Neuangekommenen konnten ſehen, was oben auf dieſem Schwibbogen, ver zerriſſen war, wie wenn ein Schlußſtein fehlte, vorging. Was vor den Augen der Jäger geſchah, geſchah ſo geſchwind, daß ſie nur mit dem Blicke einen Augen⸗ blick Theil daran nehmen konnten. Auf jeder Seite des zerriſſenen Schwibbogens ſuchte ein Krieger den Raum zu überſpringen, der die Beiden voneinander trennte. altet, haltet, Comanche!“ ſchrie der Kanadier, * 174 während er und Pepe ihre Büchſen wieder luden, was ſie in ihrem raſchen Laufe nicht hatten thun können; „laßt mich machen, da bin ich!“ Brennſtrahl— denn ſo hieß einer der zwei Krie⸗ ger,— blieb, als er die Stimme ſeines Verbündeten hörte, einen Augenblick ſtehen. Dieſen Augenblick benützte der andere Indianer, der ſchrie: „Die Antilope kann weiter ſpringen!“ Und der Läufer überſprang den Raum, der ihn von Brennſtrahl trennte, und fiel, den Körper ſeines Fein⸗ des umſchlungen haltend. Roſenholz war bereit, zu feuern, allein bei dieſem Kampfe, wo ſich die beiden Gegner umſchlungen hielten, war es eine Unmöglichkeit, auf den Apachen zu zielen. Die drei Jäger konnten bloß ſtumme Zeugen der Anſtrengungen ſein, welche die beiden Krieger machten, um einander in den Fluß hinabzuſtürzen. Heftig klopfte bei dieſem Schauſpiele den Jägern das Herz. Indeſſen dauerte der Kampf nicht lange. Raſch endigte er, wie er endigen mußte, das heißt, vamit, daß die beiden Kämpfenden in den Fluß hinab⸗ ſtürzten. — — Preiundſtebzigſtes Kapitel. Ein neuer Freund, und ein alter Feind. Der Fluß kochte noch über dem Orte, wo die zwei Feinde verſchwunden waren, und es warfen die beiden Jäger erſtaunte und unruhige Blicke umher, ohne ſich von den Ereigniſſen Rechenſchoft geben zu können, die ſo eben Statt gefunden. Sie wußten nicht, ob ſie von Feinden oder Freun⸗ den umringt wären, als, von mehreren Orten des Ufers aus, ein halbes Dutzend ſchwarzer Körper ſich faſt zu gleicher Zeit in den Fluß ſtürzte. Es war dieß ein neuer Gegenſtand des Staunens für Pepe und den Kanadier, deren Augen die Finſterniß bis dahin dieſe Krieger verborgen hatte; jedoch war ihr Erſtaunen ſehr peinlicher Art, denn ſie befürchteten, es möchten vieſelben für ihren jungen Verbündeten Feinde ſein. Auch wagten ſie nicht, mit ihrer Büchſe an dieſem blutigen Kampfe Antheil zu nehmen, da ſie mit ihren Kugeln Freunde zu treffen fürchteten. Der Kampſplatz war nun vom Ufer mitten in den Fluß verſetzt. Unter der unglaublichen Menge ſchwim⸗ mender Bäume, die, da ſie zu äſtig waren, um durch die ſchmale Oeffnung des verhängnißvollen Durchpaſſes hindurchgehen zu können, nach und nach an den engen Ufern ſtrandeten, kamen die Taucher bald wieder hervor: man ſah ſie wieder über dem Waſſer. Den Karabiner in der Hand, von tauſend verſchie⸗ denen Empfindungen bewegt, folgten die beiden Jäger mit feurigem Auge den ſchwarzen und ſtillen Schatten der Schwimmer. Die Einen ſuchten das Netz von Aeſten zu entfernen, das ihre Bewegungen lähmte; die Andern erreichten mit vieler Anſtrengung einen Ort am Fluſſe, wo Körper, die ſich verzweiflungsvoll umſchlungen hiel⸗ ten, auf der düſtern Oberfläche des rothen Fluſſes bald erſchienen, bald wieder verſchwanden. Das Erſtaunen der beiden Jäger nahm bald noch zu, wenn es auch beim Anblick einer neuen Perſon ein anderes wurde. Dieſe neue Perſon war ein Weißer, wie ſie. Derſelbe kam plötzlich von dem Orte hergerannt, wo er bis daher verſteckt geweſen war, und rief in gutem Spaniſch: „Muth, Kinder, Muth! Er iſt da. Seht, da zeigt er ſich wieder über dem Waſſer!“ Und mit der Spitze eines langen Degens, den er in der Hand hielt, deutete er auf den Ort im Fluſſe, wo die zwei Krieger, für welche er ſich intereſſirte, nach⸗ dem ſie in dem kochenden Waſſer verſchwunden, wieder zum Vorſchein kamen. Es hielten dieſelben einander immer noch um⸗ ſchlungen. „Ah, Demonio! Es iſt Pedro Diaz!“ rief Pepe lebhaft. „Gott ſei gelobt! Wir find unter Bekannten,“ ſetzte der Kanadier hinzu, während er⸗ gleich ſeinem Waffen⸗ genoſſen, ſeinen ungeheuren Lungenflügeln einen gewal⸗ tigen Seufzer der Erleichterung entlockte. „Wer ruft mir?“ antwortete Pedro Diaz Genn er war es wirklich), jedoch ohne ſich umzuwenden und fortwährend mit der Spitze ſeines Degens auf die zwei mit einander ſchwimmenden Krieger deutend. Es antwortete Niemand; die Aufmerkſamkeit der beiden Jäger war ganz und gar von dem Schauſpiel in Anſpruch genommen, das ſich ihren Augen darbot. Endlich hatten drei von den Schwimmern die zwei erbitterten Kämpfer erfaßt, und zu gleicher Zeit tauchten drei Meſſer in den Körper Eines derſelben. Dieſer öffnete die Arme und verſchwand unter dem Waſſer, 8 ß 174 während der Andere einen dumpfen Schrei ausſtieß, und ſich nach dem Ufer hinziehen ließ,— ganz unbe⸗ weglich, wie der Feind, der leblos in die Waſſer des Fluſſes hinabgeſunken war. Auch war es wirklich hohe Zeit, denn der junge Comanche, der einige Augenblicke darauf auf das Ufer gelegt wurde, gab, ein ſchwaches Zittern abgerechnet, kaum ein Lebenszeichen mehr von ſich. Alle neigten ſich mit dem höchſten Jutereſſe über ſeinen Körper und harrten des Augenblicks, wo die Le⸗ bensluft ſeine Lungenflügel von Neuem beleben würde. Brennſtrahl war mehr von ſeinem Feinde erwürgt, als durch das Waſſer erſtickt worden, und allmählig zeigte ſich das Leben wieder in ſeiner Bruſt. „Ah! Sie ſind es, Senor Roſenholz, und auch Sie, Don Pepe!“ rief Pedro Diaz, als er in Betreff des Schickſals des Comanche nun beruhigt war;„Ihr ſeid alſo den Banditen entkommen? Und auch Sie, Gay⸗ feros? Wohlan! es iſt dieß ein glücklicher Tag. Aber,“ fuhr Mericaner fort,„wen ich nicht bei Euch ſehe, iſt Und Diaz ſchien mit dem Auge Jemand zu ſuchen, der bei dieſem Zuſammentreffen fehlte. „Die Hand Gottes hat ſich über mich ausgereckt,“ ſprach der alte Waldläufer;„er hat den Vater von dem Sohne getrennt.“ „Er iſt geſtorben?“ rief Diaz. „Er iſt gefangen!“ ſetzte Pepe kummervoll hinzu. „Aber, Gott ſei Dank! wir haben die Spur Don Fabian de Mediana's gefunden,“ fuhr der Karabinier lebhaft fort,„und zu gleicher Zeit haben wir dieſe Spitzbuben, während wir ſie verfolgten, dergeſtalt geſchwächt, daß wir ihn ihren Klauen entreißen werden.“ Die Stimme Pepe's, ſein Vertrauen auf das Ge⸗ lingen ihres Verſuchs, war für ſeinen alten Kampfge⸗ noſſen ſtets wie ein Balſam, der auf die Wunden des⸗ ſelhen gegoſſen worden wäre, und nach dieſem Augen⸗ 7 F ——— 175 blick der Traurigkeit gewann Roſenholz bald wieder ſein energiſches Selbſtvertrauen, ſowie ſeine ſtoiſche Re⸗ fignation. Rechnet man eine lange, aber nicht ſehr tiefe Wunde auf der Bruſt des jungen Comanche ab, ſo hatte dieſer keinen weiteren Schaden genommen. Er war gerettet, obwohl er noch zu ſchwach war, um alsbald ſich wieder auf die Beine machen zu können. Von den zehn Krie⸗ gern, die er mitgebracht, waren ihm noch ſieben übrig geblieben, und es fanden ſich dieſelben von Neuem unter ſeinem Befehle vereinigt. Der junge Anführer und die vier Weißen bildeten vaher eine kriegstüchtige und entſchloſſene Truppe von zwölf Kämpfern. Nachdem man an den Ufern des Fluſſes eine Stunde geſchlafen, fingen die erſten Tinten der Mor⸗ gendämmerung an, den Wald zu erleuchten. Brennſtrahl war jetzt vollkommen wieder hergeſtellt, und die Truppe beſchloß, ihren Weg fortzuſetzen. Da die Apachen, ihrer Flucht ungeachtet, in der Nähe zerſtreut ſein und auf Rache ſinnen konnten, ſo war Roſenholz der Anſicht, daß man, anſtatt die kleine Truppe durch Abſendung einiger Männer, die nach dem Kahn zu ſehen hätten, zu ſchwächen, aus Furcht vor einem Ueberfalle, zuſammen am Ufer hinaufgehen müſſe. Obgleich der Kahn für zwölf Paſſagiere zu klein war(er hatte nur mit Mühe zehn tragen kännen), ſo war dieß, in Ermangelung von Pferden dennoch die raſcheſte und bequemſte Art zu reiſen. Handelt es ſich von bedeutenden Diſtanzen, ſo war dieſelbe allerdings nicht ſo raſch, als die Beine eines kräftigen Läufers; indeſſen bot ſie doch den Vortheil, daß die Reiſenden abwechſelungsweiſe ſchlafen konnten, ohne ſich aufzuhal⸗ ten und eine koſtbare Zeit zu verlieren. Dieſem unſchätzbaren Vortheil verdankte es Roſen⸗ holz, daß er Tag und Nacht die Spur Fabians hatte verfolgen, und daß er die Zeit hatte wieder einbringen * 1 — „ —— 176 önnen, die er verloren, ehe er eine Verfolgung unter⸗ nahm, die aklem Anſchein nach mit dem nächſten Son⸗ nenuntergang ihr Ende erreicht. Mit einer Miſchung inniger Freude und nicht min⸗ der lebhafter Furcht ſah daher der Kanadier die Sonne den Wald durchbrechen, die bei ihrem Untergange ohne Zweifel einen langen und blutigen Kampf, deſſen un⸗ ſchätzbarer Preis das Leben Fabians war, beſchei⸗ nen ſollte. An dem Fluſſe fort gehend, deſſen Waſſer im Mor⸗ genlicht glänzten, brauchte die kleine Truppe nicht mehr, denn eine halbe Stunde, um wieder den Weg zu machen, der ihr in der Nacht und bei ſo vielen Umwegen, zu denen die Klugheit rieth, beinahe zwei Stunden geko⸗ ſtet hatten. Der Kahn befand ſich noch unverſehrt unter den Gebüſchen, denen man ihn anvertraut; man ließ ihn wieder ins Waſſer hinab. Zwei Indianer gingen an den Ufern des Fluſſes poraus, und die acht Kämpfer nahmen in dem büffel⸗ ledernen Kahne Platz. Pepe und der Kanadier ruderten, und die Barke glitt von Neuem über das Waſſer hin; einige Minuten aber, bevor man an dem Orte ankam, wo der Fluß ſich verengte und den ſchmalen Durchpaß bildete, mußte man das Fahrzeug noch einmal aus dem Waſſer heraus⸗ nehmen. Zwiſchen die beiden ſteilen Uer eingezwängt, verſperrten die von den Indianern in das Waſſer ge⸗ worſenen Bäume, wie ein ſchwimmender Gehau, den ganzen Lauf des Fluſſes, der um das unvorhergeſehene Hinderniß her brauste, auf das er ſtieß. Als die Reiſenden an dem Durchpaſſe ankamen, zonnten ſie die ganze Größe der Gefahr beurtheilen, welcher der Scharfſinn des alten Waldläufers ſie ent⸗ riſſen hatte. Der büffellederne Kahn hätte ſich, hinten von dem ſchwimmenden Walde umringt, den der Fluß ſtill nach⸗ 3 4 — v—*— — 6 ke en te 8⸗ t e⸗ en ne en, en, nt⸗ em ch 177 führte, in der Unmöglichkeit befunden, vorwärts oder rückwärts zu gehen; eine ſtarke Barrikade von andern Baumſtämmen, die am Durchpaſſe quer über den Fluß gelegt waren, hätte ihn verhindert, ſeine Fahrt fortzu⸗ ſetzen. Auf den beiden Seiten des zerriſſenen Schwib⸗ bogens und an den beiven Ufern verborgen, hielten die Indianer das Leben der Paſſagiere in ihrer Hand, und ſie hätten dieſe mit Pfeilen oder Kugeln bis auf den letzten Mann getödtet, da es ihnen unmöglich geweſen wäre, aus der Falle zu entkommen, in der ſie ſich wür⸗ den befunden haben. „Siehſt Du,“ ſagte Roſenholz zu Pepe, indem er einen Blick auf das Netz von Aeſten und Baumſtämmen warf, das den Durchpaß verſperrte.„Die Indianer haben die Verheerungen des vorgeſtrigen Gewitters benutzt, um die durch das Ungeſtüni des Windes ent⸗ wurzelten Bäume in das Waſſer zu werfen. Sie haben dieſelben nur an den Fluß zu ſchleppen gebraucht. Die Sache war nicht ſo übel angelegt,— dieſe Gerechtigkeit müſſen wir ihnen widerfahren laſſen.“ Es blieb nun noch zu wiſſen übrig, wie Brenn⸗ ſtrahl ſich wieder mit ſeinen Kriegern vereinigt hatte, und wie es gekammen, daß die Apachen ſelbſt ſich in der Falle gefangen, die ſie Andern geſtellt hatten. Während die Schiffer den rothen Fluß hinabfahren, nachdem ſie, hundert Schritte vom Durchpaſſe entfernt, den Kahn auf den Schultern fortgetragen, und während ſie dem Red⸗Fork zurudern, wo ſie die zwei Prairie⸗ Räuber zu überfallen, und denſelben ihren Gefangenen noch lebend zu entreißen hoffen, wollen wir einen ge⸗ drängten Bericht von dieſen Ereigniſſen geben. Nachdem Brennſtrahl die. Spuren ſeiner Krieger wieder gefundẽn, und ſich von den drei Jägern, ſeinen Verbündeten, getrennt hatte, war er, dieſe Spuren, wie ein Spürhund verfolgend, fortgegangen. Je weiter er fortging, um ſo friſcher deutlicher Der Waldläufer. W. — ———— 178 wurden die Fußſpuren, deren Datum die Indianer, wie die weißen Waldläufer, mit bewunderungswürdiger Ge⸗ nauigkeit beſtimmen können. Der junge Comanche hatte, als er nicht mehr weit von dem Orte war, wo die Apachen im Hinterhülte lagen, die trockenen Blätter gefunden, die unter der Laſt des Fußes, der darüber hingegangen, ſo zu ſagen, noch zitterten. Dann hatte er das Eulengeſchrei hören laſſen, das die Verbündeten für eines der der Morgenröthe vorangehenden Zeichen gehalten hatten. In dieſem nächtlichen Geſchrei waren gewiſſe Mo⸗ dulationen, die dem Ohre des Kanadiers entgingen, und nur für die verſtändlich waren, deren Aufmerkſam⸗ keit ſie wecken ſollten. Brennſtrahl hatte ſich nicht geirrt, wenn er ſeine Rrieger nicht weit entfernt glaubte. Die Comanches hatten die Spur der Apachen entdeckt und verfolgten dieſelbe, als die eigenthümlichen Modulationen, welche die Stille des Waldes bis zu ihnen gelangen ließ, ſie von der Ankunft ihres Anführers bengchrichtigten. Die Antwort ließ nicht lange auf ſich warten, und nach Verfluß von einigen Minuten waren ſechs In⸗ dianer wieder zu ihrem Anführer geſtoßen. Dieſer hatte ſeine Truppe in drei Detaſchements abgetheilt. Das erſte, aus zwei Mann beſtehende war an das Flußufer hingegangen. Beide hatten ſich unter einem der Baumſtämme, die das Waſſer mit fort führte, zu⸗ ſammengekauert, und ließen ſich ganz unerſchrocken von der Strömung in die Mitte der Feinde tragen, die ſie angreifen wollten. Während dieſer Zeit paſſirte Brennſtrahl mit zwei andern Kriegern jenſeits des Durchpaſſes den Fluß, und legte ſich, auf dem linken Ufer, am Fuße einer der hohen Böſchungen in den Hinterhalt, die dem durch die zwei Ufer gebildeten, zerriſſenen Schwibbogen gleich⸗ ſam als Pfeiler dienten. Endlich ſtellten ſich die vier andern Comanches auf dem andern Ufer in ähnlicher Weiſe auf. Als der junge und tapfere Anführer glaubte, daß die zwei Indianer, die ſich von dem Fluſſe hatten fort⸗ tragen laſſen, in geringer Entfernung von dem Durch⸗ paſſe, wo nicht am Durchpaſſe ſelbſt, angelangt wären, hatte er mit ſeinen Kriegern leiſe die Höhe der beiden ufer erſtiegen, wo die Apachen, ohne Etwas zu ahnen, der Ankunft des Kahns harrten. Einige Schüſſe, von denen jeder einen Feind tödtete oder verwundete, ſowie das Geheul der An⸗ greifenden, das wenigſtens von zwanzig Kriegern aus⸗ geſtoßen zu ſein ſchien, hatten unter den Indianern einen gewaltigen Schreck verbreitet. Die meiſten hatten, über dieſen eben ſo unvorhergeſehenen, als wüthenden Angriff beſtürzt, fliehen wollen; da ſie ſich aber den Rückzug durch Feinde abgeſchnitten fanden, deren kleine Anzahl ſie in der Dunkelheit nicht bemerkten, ſo hatten ſie ſich in den Fluß geſtürzt. Dort hatten die zwei Indianer, die ſich auf ihrem geſtrandeten Baumſtamme aufgeſtellt, zwei bis drei Feinde getödtet und den nächtlichen Schrecken der Apachen bis aufs Höchſte geſteigert. Indeſſen hatte auf der Seite, welche derjenigen ent⸗ gegengeſetzt war, ſo Brennſtrahl, die Art in der Hand, allein hinanſtieg, während ſeine Krieger unkluger Weiſe den Flüchtlingen nachgeſetzt hatten, der Läufer Antilope, der zurückgeblieben, endlich vie Feinde zählen können, mit denen er es zu thun hatte. Der Apache beſchloß, ſich wenigſtens an dem Re⸗ negaten zu rächen, deſſen Feindſchaft ſeinem Volke ſchon ſo viel Schaden gebracht, und es wäre ihm, wie man geſehen hat, wirklich gelungen, wenn die Comanches, eine vergebliche Verfolgung aufgebend, ihrem Anführer nicht ſo raſch und ſo rechtzeitig zu Hülfe gekommen wären. Nachdem Roſenholz dem jungen Comanche zu ſeinem iege von Neuem Glück gewünſcht, hatte er Pedro Diaz über die Abenteuer befragt, denen er ſeine Ver⸗ einigung mit den Kriegern Brennſtrahls verdankte. Diaz ſtellte ihn mit wenigen Worten zufrieden. Nachdem er den drei Jägern auf der Pyramide die wenigen warnenden Worte zugerufen hatte, welche die Wirkung gehabt, daß ſie auf ihrer Hut waren, war er, faſt aufs Gerathewohl, in der Richtung des Red⸗ Fork umhergeirrt. Auf ſich ſelbſt beſchränkt, hatte der Abenteurer, der mehr ein kühner Parteigänger, als ein geſchickter Jäger war, bald auch die Qualen des Hun⸗ gers empfunden. Am Ende des zweiten Tages hatte er in der Verfolgung der Büffel und Hirſche, ohne daß er dabei einen erreichen konnte, die Kräfte ſeines Pfer⸗“ des beinahe erſchöpft. Allen Qualen des Hungers Preis gegeben, ruhte der Abenteurer am Abende dieſes zweiten Tages nicht weit von dem rothen Fluſſe aus, deſſen wahre Richtung er verloren hatte. Glücklicher als ſein Reiter, der vergebens einige wilde Früchte oder einige Wurzeln ſuchte, um ſeinen Hunger zu täuſchen, weidete das Pferd ruhig in einiger Entfernung, als Diaz, zwei bis drei Büchſenſchüſſe von ſich weg, ein Thier bemerkte, das er, der Größe wegen, einen Augenblick für einen verirrten Büffel hielt. Die Dunkelheit ſing ſchon an, die Ebene zu be⸗ decken, und der Abenteurer dankte ſchon dem Himmel für den glücklichen Zufall, der ihm eines der Thiere entgegengeführt, die er bis daher ſo vergebens verfolgt, als ein furchtbares Gebrumme ihn mit einem Male enttäuſchte. Plötzlich verwandelte ſich für das erſchrockene Auge Diazens der Büffel in einen coloſſalen grauen Bären. In Folge einer Metamorphoſe, die nur die natür⸗ liche Folge der erſten war, war der Jäger mit einem Male das Wild geworden, das der furchtbare Wüſten⸗ Pewohner erreichen wollte. Der Bär kam auf Diaz zugetrabt, und ſo ſchwer⸗ fällig auch dieſer Trab ſchien, ſo war er doch in Wirk⸗ lichkeit ein ſehr raſcher. Der Abenteurer zog ſich auf ſein Pferd zurück⸗ das vermittelſt eines langen und ſtarken Riemens an einen Baum feſtgebunden war. Das arme Thier, das noch mehr Furcht hatte, als der Menſch, machte verzweifelte Anſtrengungen um vieſen Riemen zu zerreißen und dann zu entfliehen. Ehe der Mexikaner ſich in den Sattel ſchwang, feuerte er auf den Bären, der unterdeſſen ganz nahe zu ihm herangekommen war⸗ Die Kugel, die von ſeinem ſtark behaarten Körper abprallte, brachte keine andere Wirkung auf ihn her⸗ vor, als die, welche der Sporn auf ein Pferd hervor⸗ bringt, das heißt, ſie vermehrte noch den Verfolgungs⸗ eifer des Bären⸗ Diaz hatte nur noch ſo viel Zeit, ſich auf ſein Pferd hinaufzuſchwingen, nachdem er den daſſelbe feſt⸗ haltenden Strick abgeſchnitten hatte, und nun floh, wie es bisweilen geſchieht, der Jäger vor dem wilden Thiere, auf das er hatte Jagd machen wollen. Der Bär wur mit dieſem Triumphe, den ſeine Eigenliebe feierte, nicht zufrieden, ſondern verfolgte in ſeinem dem Anſcheine nach ſo ſchwerfälligen, in Wirk⸗ lichkeit aber ſo raſchen Trabe den Reiter und das Pferd, und hielt ſich immer in geringer Entfernung von den⸗ ſelben. Entfernte auch oft ein ſchneller Galopp des Pferdes den Reiter ſo weit, daß er kaum mehr zu ſehen war, ſo zeigte ſich der Bär doch immer bald wieder, indem er den unverſöhlichen und hartnäckigen Trab, den er angeſchlagen, fortſetzte. Auf den Tag war die Nacht gefolgt, und während eines Augenblicks war der hartnäckige Verfolger des Abenteurers verſchwunden, als auf dem weißlichen und falkhaltigen Boden der Ebene noch einmal ein monſtröſer ſchwarzer Körper ſich Zeigte, deſſen einförmiger Gang und rauhe Stimme beim Reiter keinen Zweifel übrig 182 käſſen konnte. Es war dieß das letzte Mal, daß er ihn aus den Augen verlor. Wie jene glänzenden Sterne, die man ſtets an demſelben Orte des Himmels bemerkt, wie groß auch die Geſchwindigkeit ſein-mag, die man anwendet, um ſie zu überholen; wie der Schatten, der dem fliehenden Körper folgt, wie jene Phantome, die in den öden Haidengegenden für den erſchrockenen Reiſenden ſtets fichtbar bleiben, weil das Auge des Reiſenden ſie er⸗ zeugt,— ſo war der Bär beſtändig hinter dem Reiter her. Indeſſen fing die Diſtanz, die ſie trennte, an, ſich zu vermindern; der Bär hatte ſeine Geſchwindigkeit nicht verdoppelt, die des Pferdes dagegen nahm ab. Schweiß bedeckte die Flanken des letzteren;— der Athem kam aus ſeinen durch den Schrecken erweiterten Nüſtern ſchwerer hervor,— ſeine nervigen Knie brachen allmählig zuſammen, und der Bär lief nicht langſamer. So vergingen zwei Stunden,— zwei Stunden, von denen jede Minute wieder eine Stunde zu ſein ſchien, und ſchon vermiſchte ſich ſeit einigen Augen⸗ blicken das freudig⸗ironiſche Geſchnüffel des Bären mit dem Athem des zu Tode geängſtigten Pferdes, als letzteres ganz kraftlos, und, durch ſeine Wunde, noch mehraber durch den Schrecken erſchöpft, zuſammenſtürzte. Diaz ſah dieſen Sturz voraus und fiel auf die Füße. Ein glücklicher Zufall wollte, daß dieß ganz in der Nähe eines hohen Ahornbaumes geſchah. Auf vieſen kletterte er, mehr inſtinctartig, als in Folge eines kalt überlegten Entſchluſſes, alsbald hinguf⸗ Seine Abſätze befanden ſich in einiger Entfernung über dem Boden, als der Bär, der offenbar dem Men⸗ ſchen den Vorzug zu geben ſchien, ſich auf die Hinter⸗ beine ſtellte, und die Sporn des Reiters mit ſeinen furchtbaren Zähnen berührte, die kaum minder lang, aber gewiß ſchärfer waren, als die Sporen ſelbſt.. Dieſem feindſeligen Verſuche des ungeheuren Thieres mit heiler Haut entgangen, erinnerte ſich Diaz plötzlich — der Flinkheit, womit Bären auf Bäume hinaufklettern, um dort die Honigwaben der wilden Bienen zu ſuchen⸗ Auf der Gabel eines großen Aſtes faßte nun der Abenteurer ſo bequem, wie möglich, Poſto. Beſpornt, geſtiefelt, den Degen in der Hand, erwartete der Reiter auf ſeinem ſonderbaren Poſten den Feind,— zwar nicht gerade in Angſt, denn Diaz fürchtete ſich weder vor Thieren, noch vor Menſchen, jedoch klopfte ſein Herz ungewöhnlich ſtark. Allein Diaz kannte eine Eigenthümlichkeit in den Sitten des grauen Prairie⸗Bären nicht. Der graue Bär, der, nach der fabelhaften Länge ſeiner ſcharfen Klauen zu ſchließen, als der letzte von jener gigantiſchen Race vorſündfluthlicher Grabethiere erſcheint, deren Gattung ausgeſtorben iſt, kann nicht, wie die Thiere derſelben Familie, auf die Bäume hinauf⸗ flettern. Das fragliche Thier begnügte ſich damit, daß es auf den Reiter und dann auf das verendende Pferd einen Blick warf. Dann ſchleppte der Bär, deſſen Appetit durch di⸗ ſtarke Bewegung geſchärft worden war, und der einſt⸗ weilen eine angenehme Beſchäftigung haben wollte, vas Pferd zum Baume hin, und fing an, daſſelbe zu zerreißen. Dieß verhinderte indeſſen den monſtröſen Gaſt nicht, die Vugen von Zeit zu Zeit nach dem Abenteurer empor zu richten, um ihm deutlich zu zeigen, daß er das Pferd zur als eine Abſchlagszahlung anſehe, und daß der Merikaner das Fehlende ergänzen müſſe. Während eines Theils der Nacht hörte Diaz die fürchterliche Harmonie, die das Zerbeißen der Knochen ſeines unglücklichen Pferdes von Seiten des Koloſſes verurſachte.. Dann ſah er eine ungeheure ſchwarze Maſſe ſich it vieler Sorgfalt am Fuße ſeines Baumes lagern. Endlich fühlte er, wie der Schlaf ſeine Augenlider träge machte. 184 So oft er aber die Augen wieder öffnete traf die⸗ jelbe Melodie, traf daſſelbe Schauſpiel ſeine Augen und ſeine Ohren, bis der Abenteurer, von Miüdigkeit überwältigt, ſich mit ſeiner Leibbinde aus chineſiſchem Krepp an den Baum feſtband, die Fauſt in das Gefäß ſeines Degens ſteckte, und endlich, trotz des Hungers und der Friſche der Nacht, ruhig einſchlief. Sobald der Tag graute, wachte er auf. Das Erſte, was er that, war, daß er unter ſich blickte. Da zeigte ſich ſeinen Augen noch die ſchwarze Maſſe, aber ſo verworren, daß der Abenteurer auf den Gedanken kam, eine Viſion möchte an die Stelle der Wirklichkeit getreten ſein. Der Bär war wirklich verſchwunden, und ebenſo war das Pferd ſammt ſeinem ganzen Lederwerk ver⸗ ſchwunden, welches das Thier vielleicht in der Zer⸗ ſreuung verſchlungen, oder doch in ſeine Höhle gebracht hatte. Während des ganzen grauſamen Tages, der auf dieſe grauſame Racht folgte, ließen furchtbare Erſcheinun⸗ gen imaginärer Bären hinter den Gebüſchen dem Aben⸗ teurer keinen ruhigen Augenblick. Bei Sonnenuntergang bemerkte er endlich den Rauch eines unſichtbaren Feuers. Und nun beſchloß der halbverhüngerte Mexikaner, auf den Rauch zuzugehen, ſelbſt auf vie Gefahr hin, daß derſelbe von einem Bankette von Bären oder von Indianern— was nicht weniger zu fürchten war— herrührte. Sechs Indianer ſaßen um ein Feuer herum, ohne daß ſich die geringſte Spur eines Mahles in ihrer Nähe zeigte. Diaz erſchrak über die ſcheinbar ſo hungrige Küche, und ſuchte ſich aus dem Staube zu machen; allein das Falkenauge der Wilden hatte ihn bemerkt, und der Abenteurer mußte, durch eine drohende Geberde bedeutet, fich nähern. Es waren die ſechs Comanches Brennſtrahls. ——— F 5 2 5 Für den Augenblick mit den Weißen verbündet, nahmen die indianiſchen Krieger ihren unfreiwilligen Gaſt friedlich auf, und fragten ihn in ſchlechtem Spaniſch, wohin er ginge. Diaz nannte den Büffelſee. Es war dieß das Reiſeziel der Comanches ſelbſt, und der Abenteurer ſetzte ſich an das Feuer, wo er ſich mit einer Pfeife Tabak, als dem einzigen Mahle, das ihm geboten wurde, begnügen mußte. Der Taback aber war mit Sumachblättern vermiſcht. Indeſſen ſchien, ſei es, daß es eine Illufion ſeines hungernden Magens, oder daß es eine Wirklichkeit war, ein lieblicher Geruch gebratenen Fleiſches die Atmoſphäre um den Mexikaner her zu erfullen. Als er ausgeraucht, erhob ſich einer der Indianer, entfernte ſich einige Schritte von der Gruppe, und kniete an einem Orle des Bodens nieder, der friſch durchwühlt ſchien. Diaz folgte den Bewegungen deſſelben mit einem Intereſſe, von dem er ſich ſelbſt nicht Rechenſchaft zu geben vermochte. Dann ſah er den Indianer mit ſei⸗ nem Meſſer in der Erde wühlen. Es war keine Illuſion mehr: ein lieblicher, balſamiſcher, ſtarker Geruch drang aus dem halbgeöffneten Boden hervor. Der Abenteurer ſtieß ein Geheul wie ein reißendes, nüchternes Thier in dem Augenblicke aus, Wo der In⸗ dianer einen Klotz aus der Erde hervorzog, der ſo ſchwarz war, wie caleinirtes Leder, und als der Wilde die ver⸗ kohlte Hülle aufmachte. Und dann ſiel er beinahe in Ohnmacht, als er einen Berg wohlduftenden, roſigen Fleiſches erblickte, das ſo ſaftig war, wie das incarnat⸗ rothe und zerfließende Fleiſch der Waſſermelone,— und als der wilde Koch die Fleiſchmaſſe in ihrer ſchwärz⸗ lichen Hülle auf den Boden hin legte. Was der Indianer aus dem unterirdiſchen Ofen herausgenommen hatte, war nichts Anderes, als ein Biſonbuckel. Die lederne Hülle, und dann die Eyde ſelbſt hatten die ganze Subſtanz, ſowie den ganzen Wohlgeruch deſſelben concentrirt.*) Während Diaz ein ſo gebieteriſches Bedürfniß mit unendlicher Wonne befriedigte, theilten ihm die India⸗ ner ihr Vorhaben mit, welches darin beſtand, daß ſie Rothhand und Miſchblut angreifen wollten. Von die⸗ ſem Augenblick an bis zu dem Kampfe, der ſo eben ſtatt gefunden, blieb er in ihrer Geſellſchaft. Wir endigen damit, daß wir ſagen, daß Diaz nicht ohne ein gewiſſes Vergnügen die indeſſen wahrſcheinliche Möglichkeit, daß die ungeheure, haarige, mit monſtröſen Klauen bewaffnete Pfote, welche er in einer Ecke des Kahns liegen ſah, dem grauen Bären gehört habe, dem er ſo furchtbare Empfindungen verdankt,— als eine Gewißheit annahm. In dem Augenblicke, wo Diaz mit ſeiner Erzählung zu Ende kam, bedeutete der Comanche dem Kanadier und dem Spanier durch ein Zeichen, daß ſie aufhören ſollten, zu rudern. Zu gleicher Zeit deutete er auf eine Rauchſäule hin, die vor dem Kahne, am Flußufer, und zwiſchen dicken Gebüſchen emporwirbelte. „Es iſt nur ein Feuer,“ ſagte Roſenholz⸗ indem er den Kahn auf dem Fluſſe Kreisbewegungen aus⸗ führen ließ,„und doch erfordert es die Klugheit, daß wir einige Leute vorausſchicken, um die Anzahl und die Hantirung derer zu erfahren, die an dieſem Feuer ruhen.“ Der junge Comanche gab den zwei Indianern, die dem Kahne auf dem rechten ufer folgten, den Befehl, eine Recognoscirung vorzunehmen,— was auch alsbald geſchah. ²) Diejenigen unſerer verehrten Leſer, die es intereſſiren möchte, mit einer Tademada nähere Bekanntſchaft u machen, verweiſen wir auf das bereits angeführte Werk Voyage et aventures au Mexique⸗ Charpentier, 1847. Inzwiſchen hielt Jeder ſeine Waffen in Bereit⸗ ſchaft. Einige Augenblicke, bevor man ſich dem Ufer ge⸗ genüber befand, wo die Rauchſaäule über die Bäume emporſtieg, fühlte ſich eine der unſichtbaren Perſonen durch das Geräuſch der Ruderſtangen ohne Zweifel etwas beunruhigt; denn man hörte eine ſtarke Stimme rufen: „Wilſon!“ „Sir!“ rief eine zweite Stimme in geringer Ent⸗ fernung von der erſten. Und dann hob, während die Jäger einander erſtaunt anſahen, die Stimme wieder an: „Sie machen aus Ihrem Amte eine Sinecur; hören Sie Nichts?“ „Einen Kahn? Ich ſehe ihn ſchon ſeit einer halben Stunde.“ „Dann iſt Alles gut! Fortan iſt es Ihre Sache: ich befaſſe mich nicht weiter damit.“ Während der Engländer, den der Leſer ohne Zwei⸗ fel bereits wieder erkannt hat, die letzten Worte ſprach⸗ kam der Kahn einer kleinen Lichtung gegenüber an, in deren Mitte unſere ſeltſamen Bekaunten, der Engländer und ſein Leibwächter, phlegmatiſch auf dem Boden lagen. Unweit von ihnen hing das Vordertheil eines Reh⸗ bocks an einem kleinen Baume, und an einem Feuer briet eine Keule von demſelben Thiere knitternd über den Kohlen. An dem Ende der Lichtung weideten drei Pferde vas üppige Gras ab, das die Feuchtigkeit des Fluſſes hervorrief. Sir Frederick zeichnete ruhig, während in der Nähe des Feuers der Amerikaner den Rehſchlegel überwachte. Rechnete man einen prächtigen Schimmel ab, deſſen glänzende Haare mit Blut beſudelt waren, und der an einem Baume feſt gebunden, und mit Spannſtricken an —e ven Beinen, ſich hin und her warf, ſo war dieſes Bi⸗ vouac in einem an Gefahren reichen Land ganz ſo ruhig un friedlich, wie der Heerd einer holländiſchen Haus⸗ rau. Pierundſtebzigſtes Rapitel. Der Gefangene. Die Reiſenden hielten einen Augenblick, um dieſes ruhige Gemälde zu betrachten. „Sir!“ rief Wilſon, der, wie er ſich ausdrückte, in dem Kahne ſchon ſeit einiger Zeit die Haltung und die Geſichtszüge des jungen Comanche, mit dem er zum zweiten Mal zuſammentraf, erkannt hatte,„wir haben— hier einen tapfern Krieger, deſſen Hand die Ihrige ſchon einmal gedrückt hat.“ 8 „Ich komme ſogleich,“ antwortete Sir Frederick Wanderer, ohne den Kopf aufzurichten.„Und wer iſt denn dieſer Freund? denn Sie ſind Schuld daran, daß ich nie auf einen Feind ſtoße, was in die Länge wirklich— monoton wird.“ „He, Sir!“ antwortete der Amerikaner,„was ge⸗ 6 ſchrieben iſt, iſt geſchrieben, ich kenne ſonſt Nichts. Wenn übrigens es Ew. Herrlichkeit erwünſcht ſein ſollte, daß ich Sie einer tüchtigen Gefahr gegenüber ſtelle, ſo müſſen wir erſt unſerem Vertrage eine Clauſel beifügen; ohne eine ſolche aber kann ich Sie werden es wohl ſelbſt einſehen, Sir Frederick, Ihrem Wunſche nicht willfahren, ohne mich einem Prozeſſe oder den Vorwür⸗ ſen weines Gewiſſens auszuſetzen.“ Wir werden ſehen, wie das zu machen iſt,“ ſiel — 189 ihm der auſſtehende Engländer ins Wort.„Ah! es iſt mein tapferer, junger Comanche,“ ſetzte Sir Frederick lebhaft hinzu;„es freut mich unenblich, ihn wieder zu ſehen.“ Brennſtrahl drückte dem Engländer die Hand, wäh⸗ rend der Kanadier und Pepe, ſowie die zwei Mericaner ſich die zwei ſonderbaren Reiſenden, mit denen der Zu⸗ fall ſie zuſammenführte, nicht ohne Staunen anſahen. „Durchwandert Ew. Herrlichkeit ſchon längſt die Ufer des rothen Fluſſes?“ fragte Roſenholz in engliſcher Sprache. „Seit ſechs bis ſieben Tagen,“ antwortete Sir Fre⸗ derick,„verfolge ich den ſchönen Schimmel, den Sie dort unten ſehen, und ich bin im Begriffe, dieſen Ufern Lebe⸗ wohl zu ſagen, an denen man, meiner Treu, eben ſo ſicher reist, wie an denen der Themſe.“ „Wohlan!“ unterbrach ihn der Karabinier,„in bieſer Hinſicht theile ich gar nicht Ihre Meinung. Fragen Sie Roſenholz!“ „Fragen Sie Wilſon!“ antwortete Sir Frederick. 4— Amerikaner lächelte ſtolz und warf ſich in die Bruſt. „Sie könnten Recht, und Sir Frederick ein Bis⸗ chen Unrecht haben,“ ſagte er zu Pepe. „Wenn es Sir Frederick erwünſcht ſein ſollte,“ ſetzte Pepe hinzu,„ſo mache ich mich anheiſchig, ihm bis heute Abend eine ganz andere Meinung beizu⸗ bringen.“ Roſenholz unterbrach die Diseuſſion, die ſich zur großen Freude Wilſons belebte. „Sind Sie alſo,“ fragte er den Engländer,„nicht zwei Banditen begegnet, die ein Gefolge von eiwa zehn Indianern hatten, und einen jungen Gefangenen mit⸗ führten?“ „Banditen? Sie ſetzen mich in Erſtaunen, mein Freund,“ antwortete Wanderer.„Hier eriſtiren nur in 190 Ihrer Einbildung Banditen, Wilſon, ſagen Sie doch, haben wir Banditen geſehen?“ Der amerikaniſche Jäger blinzelte mit einem Auge und ſprach: „Sir Frederick, laut unſeres Vertrages bin ich nicht allein gehalten, Sie aus jeder Gefahr, welche die Schuld der Wüſte iſt, zu retten, ſondern auch, Sie zu verhindern, daß Sie in eine ſolche gerathen. Nun aber waren erſt dieſen Morgen noch, bei Tagesanbruch„ Die verzweifelten Anſtrengungen des Schimmels, die Spannſtricke zu zerreißen, die ihn gefangen hielten, zwangen den amerikaniſchen Jäger, auf das Pferd zu⸗ zugehen, um es zu verhindern, daß es ſich verletze. Während er es mit Worten zu beruhigen ſuchte, warſ Diaz auf den prachtvollen Schimmel Blicke der Be⸗ wunderung, des Neides, und zugleich des Mitleids, als er das Blut bemerkte, womit ſeine ſchneeweißen Haare beſudelt waren. „Wer iſt der Barbar,“ fragte der Abenteurer mit ſchlecht verhohlener Indignation,„der es gewagt hat, das Eiſen oder die Büchſe gegen ein ſo ſchönes Thier anzuwenden, das ein König mit Stolz reiten würde?“ „Das edle Pferd, das Sie hier ſehen,“ antwortete Wanderer,„iſt das Thier, das die texaniſchen Vaqueros vas weiße Prairie⸗Roß nennen⸗ Ich verfolgte es mit Wilſon ſchon von Texas her, und geſtern hat mein Be⸗ gleiter, da er der Sache endlich müde war, das Mittel angewandt, deſſen man ſich in ſeinem Lande bedient, um die Pferde zu erreichen, die dem Lazo entgehen: er hat nämlich dem Pferde eine Kugel in den Hals gejagt. Es iſt zwar ein grauſames und gewagtes Mittel; allein es hat angeſchlagen, denn da haben wir nun den Schim⸗ mel. Seine Wunde hat Nichts zu bedeuten, und ich werde zu London mit dem Thiere einiges Aufſehen machen.“ „Wenn Sie ſo weit kommen,“ murmelte Diaz. „Wie ich die Ehre hatte, Ihnen zu ſagen,“ fuhr Wilſon, zur Gruppe wieder herantretend, fort,„habe ich erſt geſtern um vier Uhr, während Ew. Herrlichkeit ſchlief, ohne ſich von der Sache auch nur träumen zu laſſen, einen Kahn den Fluß herabkommen ſehen. Der⸗ ſelbe hatte eine Ladung von Paſſagieren, welche die „Anſichten Ew. Herrlichkeit in Betreff der Sicherheit dieſer Ufer hätten ändern können, wenn ich nicht gewiſſe Vorſichtsmaßregeln ergriffen hätte, um Sie den Augen der Schiffer zu entziehen.“ Der Kanadier hörte nun aufmerkſamer zu. „In dem Kahne befand ſich ein gewiſſer Half⸗Breed, ſowie ein anderer Bandit, den ich kenne, und der den Namen Red⸗Hand führt.“ „Half⸗Breed und Red⸗Hand!“ rief Roſetholz, als er, unter ihren engliſchen Namen, Miſchblut und Roth⸗ hand erkannte.„Geſtern haben Sie dieſelbe geſehen, ſagen Sie?“ „Bei einbrechender Nacht; ſie kamen in einem Kahne den Fluß herab.“ „Waren Sie allein?“ fragte Pepe lebhaft, als er den Kanadier anſah, der vor Aufregung ganz blaß war. „Ach nein, es waren etwa zehn Indianer bei ihnen; dieſe Spitzbuben verſtehen es, in den Wüſten eine Menge Banditen ihrer Art zu recrutiren.“ „War nicht auch ein junger weißer Mann bei ihnen?“ rief der Kanadier, der den raſchen Schlägen ſeines Herzens Einhalt zu thun ſuchte. „Ich möchte die Frage weder bejahen, noch ver⸗ neinen,“ entgegnete Wilſon. Dieſe ausweichende Antwort ſchlug Roſenholz ganz darnieder, und das Geſicht des Kanadiers verrieth ſeinen Schmerz. „Er war im Kahne, er mußte darin ſein,“ rief Pepe ungeſtüm. f war nicht darin,“ murmelte Roſenholz ſchmerz⸗ erfüllt. 192 Er war darin,“ ſag' ich Dir,“ erwiderte der Spa⸗ nier;„es dämmerte ſchon, der Jäger wird nicht ganz gut geſehen haben.“ „Das iſt möglich,“ antwortete der Pankee phleg⸗ matiſch. „Ihr hört es, Comanche,“ fuhr Pepe voller Feuer fort,„geſtern Abend find Miſchblut und Rothhand, dieſe zwei Teufel, im Kahne den Fluß herabgekommen. Aufl in einigen Stunden werden wir ſie eingeholt haben. Tod und Teufel! ſie ſo nahe bei uns zu wiſſen! Sir Frederick,“ fuhr der Spanier fort,„kommen Sie mit uns, wenn Sie Luſt haben: Sie werden einer blutigen Schlacht anwohnen.“ „Wenn Sie für eine heilige Sache kämpfen wol⸗ len,“ rief Roſenholz, der nun ſeiner Niedergeſchlagenheit ſchon wieder einigermaßen Herr geworden war,„wenn Sie einem Vater zu Hülfe kommen wollen, der den Sohn, den ihm Gott genommen, einem furchtbaren Tode zu entreißen ſucht, ſo kommen Sie mit uns, Gott wird Ihnen einſt lohnen, was Sie für den Vater und für das Kind thun werden.“ „Das geht wider unſern Vertrag,“ bemerkte Wil⸗ ſon.„Sir Frederick, dieß geht Sie dann ſelbſt an, und Sie werden mich meiner Verbindlichkeiten durch ein Paar Buchſtaben entheben.“ „Ich enthebe Sie derſelben vor dieſer ganzen Geſell⸗ ſchaft,“ ſprach der Engländer, den der Schmerz und der Ton des alten Waldläufers gerührt hatten;„es ſoll nicht geſagt werden, daß ich einem Vater in der Noth entſtanden ſei.“ „Es ſei ſo!“ antwortete Wilſon,„denn wir führen ein wahres Faullenzer⸗Leben.“ Es wurden die Pferde raſch geſattelt und beladen, und als man den Schimmel mit den Nüſtern an den Schweif des Pferdes Wilſon's angebunden hatte, ging es raſch den Fluß abwärts, wohei die Indianer zu Fuße gingen, die zwei neuen Reiter das Ufer entlang ritten, und der Reſt der Truppe ſich in den büffelledernen Kahn ſetzte. Wenn man ſich in Gedanken in den Augenblick zurückverſetzt, wo die zwei unerſchrockenen Jäger, ohne Waffen, und vor Hunger ſterbend, die Spur Fabians verfolgen wollten, mit Gayferos zuſammengetroffen wa⸗ ren, und ſich neue Waſſen verſchafft hatten; wenn man bedenkt, daß die drei Freunde Fabians nun neun furchtbare Verbündete an den Kriegern Brennſtrahls gewonnen; daß fortwährende Scharmützel die Apachen geſchwächt hatten; daß Diaz da war; daß zwei andere Kampfgenoſſen ſich mit Pepe und dem Kanadier verei⸗ nigt hatten; daß mit einem Worte, die ganze Truppe aus fünfzehn Kämpfern beſteht, ſo glauben wir, dieſelbe ſo getreu begleitet zu haben, daß es uns erlaubt iſt, ihr auf dieſem letzten Zuge nicht weiter zu folgen. Wir haben den Gefangenen, welcher der Gegen⸗ ſtand ſo tiefer Bekümmerniß und ſo vieler Anſtrengungen war, in ſeinem Unglück zu lange vergeſſen; eine ge⸗ bieteriſche Pflicht, ein Gebot der Liebe führt uns zu Fabian de Mediana zurück. Wir müſſen zuerſt mit einigen Worten ſagen, was ſeit dem Augenblick, wo, in ſeinem Kampfe mit Wind⸗ ſeufzer, die zwei einander umſchlungen haltenden Feinde an den Fuß des abgeſtumpften Hügels hinabrollten, aus ihm geworden war. Die Büchſe des jungen Spaniers lag neben ihrem unbeweglichen, dem Anſcheine nach lebloſen Herrn. Da die Belagerer nun gewiß waren, daß die zwei, ihrer Feuerwaffen beraubten Jäger ſie nicht würden erreichen können, ſo hatten ſie ſich auf Fabian geſtürzt, und wenige Augenblicke hatten hingereicht, um ihn zu packen und mit dem Indianer, der nur noch ein Leichnam war, fortzuſchleppen. Die drei gefallenen Indianer warf man in den Abgrund der Cascade; was Fabian betrifft, ſo konnte man leicht ſehen, daß er noch lebte. Der Waldläufer. W. 13 *. Mit dieſem Erfolge zufrieden, fing der Meſtize dennoch an, ſeine Todten zu zählen. Von den eilf Indianern, die er mitgebracht, waren, — die, welche das Loos getroffen, mit inbegriffen,— ſechs getödtet worden; Baraja bildete das ſiebente Opfer. Plötzlich ertönte auf der Ebene ein Geheul, und einer der vier Krieger, die dort im Hinterhalte lagen, kam eiligſt herbei, um dem Meſtizen zu erzählen, wie 194 Prei ſeiner Kameraden ermordet worden. Der Meſtize ſtampfte mit dem Fuße wüthend auf den Boden, zauderte dann aber nicht länger. Rothhand erhielt den Befehl, den immer noch ohnmächtigen Ge⸗ fangenen in den Kahn zu bringen, der in dem unter⸗ irdiſchen Kanale des Sees angebunden lag. Der alte amerikaniſche Renegat, der Gemsbock, und der dem Kanadier entkommene Indianer trugen Fabian fort, und erwarteten den Meſtizen, der bald wieder zu ihnen ſtoßen ſollte. In dem Augenblicke, wo der Räuber allein geblie⸗ ben war, wurde er mit einem Male durch die Anweſen⸗ heit des Kanadiers, der, von ſeiner Expedition zurückge⸗ kommen, oben auf der Plattform ſtand, überraſcht. Der Schmerz des Kanadiers zeigte dem Meſtizen, daß der⸗ ſelbe zu Grunde gehen mußte, wenn Fabian ſeiner Zärtlichkeit entzogen wurde. Indeſſen ſuchte Miſchblut dem Kanadier eine ſchmerz⸗ liche, wenn auch nicht tödtliche Wunde beizuhringen, um den Blutdurſt zu befriedigen, der ihn verzehrte⸗ Als er ſich aber von der Unmacht der Feuerwaffen bei dem ſtrömenden Regen überzeugt hatte, zog er ſich zu⸗ rück, oder ergriff, richtiger geſprochen, die Flucht. In der zunehmenden Dunkelheit, durch den doppel⸗ ten Nebel⸗ und Regenſchleier verhüllt, war es dem Meſtizen ein Leichtes, ſeine Spur den verfolgenden Jägern zu verbergen. Das Ufer des Fluſſes, deſſen Umgegend er genau kannte, lag ſo tief in den Bergen daß man dasſelbe unmöglich alsbald finden konnte, unt 195 Roſenholz irrte mit Pepe noch lange, und weit von da auf gut Glück umher, als der Meſtize ſchon wieder zu ſeinen Genoſſen geſtoßen war, die ihn mit Ungeduld erwarteten. „Wer auf ein Mal zu Viel erreichen will, etreicht gar Nichts,“ ſprach Rothhand in einem Tone, der ſeine üble Laune verrieth, während er mit ſeinem Sohne ruderte, um raſch fortzukommen:„Du haſt immer zwan⸗ zig Projecte im Kopfe, von denen Du nie eines zu Ende führſt.“ Der Meſtize deutete ſchweigend auf den im Kahne liegenden, geknebelten Fabian, um gegen die Anklage ſeines Vaters zu proteſtiren. Rothhand fuhr alſo fort: „Und die zwei Andern, die Du an den Schwarz⸗ vogel ausliefern ſollteſt! Und der Schatz, den wir im Stiche laſſen, während wir in der Dunkelheit, und bei den Waffen, die wir beſitzen, in einem Nu uns der Menſchen und des Goldes bemächtigen konnten.“ „Höre, Rothhand, wenn ich mich herablaſſe, mein Benehmen zu rechtfertigen, ſo geſchieht dieß, damit Du mir mit deinen Vorwürfen nicht länger im Ohre liegſt. Wir ſind nur noch vier gegen zwei. „Bei einem ſolchen Wetter iſt eine Büchſe nicht mehr werth, als ein Meſſer. „Um das Ende des Gewitters abzuwarten, hätten wir bis Sonnenaufgang warten müſſen, und ſo viel Zeit habe ich nicht. „Was die Männer betrifft, ſo haben wir hier ſchon einen derſelben; von heute über drei Tage werde ich ihn dem Schwarzvogel übergeben. Die zwei Andern kommen gar nicht mehr in Anſchlag; auf den Prairien iſt ein Jäger ohne Waffen ein verlorener Menſch. Der Hunger und die Bären werden uns von ihnen befreit haben, ehe wir noch am Red⸗Fork anlangen. „Was den Schatz betrifft, ſo brauchſt Du deßhalb at in Unruhe zu ſein. Es fliegt derſelbe nicht davon, „ — und noch vor dem Ende des Mondes kommen wir zu⸗ rück, während ein einziger Tag, den wir verlieren, mich um die Gelegenheit bringen kann, einen andern Schatz zu erobern,— die weiße Taube am Büffelſee nämlich, die Flügel hat, um davon zu fliegen. „Haſt Du auf dieſe Gründe Etwas zu erwiedern? Sprich geſchwind, auf daß keine Rede mehr davon ſei.“ „Was liegt mir an allen Tauben der Welt, mögen dieſelben weiß oder roth ſein? die zwei Jäger werden den Schatz heben, und bei unſerer Rückkehr werden wir den Vogel ausgeflogen finden.“ Der Meſtize zuckte verächtlich die Achſeln. „Kann man ſich in der Wüſte mit Gold Lebens⸗ mittel verſchaffen?“ ſprach er.„Denkt man an das Sam⸗ meln von Schätzen, wenn man, mehr als achtzehnhun⸗ dert Meilen von jedem Etabliſſement entfernt, Hungers ſtirbt? Dieſe zwei ihrer Waffen beraubten Vagabunden ſchätzen das Gold gerade ſo hoch, wie das von Wölfen rein genagte Skelett eines Biſons. Ich habe mehr als einen Jäger, der mit einer guten, ſicher treffenden Büchſe verſehen war, auf den Prairien vor Hunger faſt ver⸗ gehen ſehen.„ „Was werden nun gar dieſe ohne Feuergeſchoſſe machen? „Um dieſe Stunde ſuchen ſie unſere Spuren, und ſinden dieſelben nicht: der Tod wird ſie bei ihren Nach⸗ ſuchungen überraſchen. „Was die weiße Taube betrifft, ſo liegt mir ſehr Viel an derſelben; und ſollte ich über deinen eigenen Leichnam hinweggehen müſſen, um bis zu ihr zu ge⸗ langen, ſo werde ich es dennoch thun. Laß es Dir ein für alle Mal geſagt ſein.“ „Mögeſt du einen Sohn bekommen, der einſt die⸗ ſelbe Sprache gegen Dich führt!“ rief der alte Renegat, indem er vor dem funkelnden Auge Miſchbluts, als derſelbe die angeführten entſetzlichen Worte ſprach, die ſeinigen niederſchlug.„Allein du wirſt keinen Sohn he⸗ v 197 kommen; er müßte nur ein noch großerer Böſewicht werden, als Du.“ „Haſt Du mir ſonſt Nichts zu erwiedern?“ ſprach der Meſtize mit höhniſcher Stimme. Rothhand ſchwieg, und die beiden Banditen fuhren fort, langſam zu rudern. Indeſſen mußte der Amerikaner die Wuth, die ihn beinahe erſtickte, an Jemand auslaſſen. „Wo haſt Du den Schatz hingethan, Hund?“ ſprach der Bandit, den Körper Fabian's in dem Augenblicke mit dem Fuße ſtoßend, wo dieſer zum erſten Male wie⸗ der die Augen öffnete. „Willſt Du mir antworten, Vagabund?“ fuhr der ungeduldige Renegat fort. „Wer ſeid Ihr?“ ſagte Fabian, der ſich nun an ſeinen Sturz von der Pyramide herab erinnerte, ſeine Lage aber noch nicht in ihrer ganzen furchtbaren Wahr⸗ heit begriff. „Er fragt, wer ich ſei?“ rief Rothhand wild lachend. „Du mußt mir zuerſt antworten: wo haſt Du den Schatz hingethan?“ Bei dieſer zweiten Frage war Fabian endlich wie⸗ der ganz zu ſich gekommen. Er ſuchte Roſenholz und den Spanier mit dem Auge; allein ſein Blick traf nur auf das Geſicht der zwei Prairie⸗Räuber, und auf die zwei bemalten Apa⸗ chen. Was war aus den beiden Jägern geworden? Dieß wußte Fabian nicht, und dieß wollte er nun wiſſen. „Ihr ſprecht mir von einem Schatze!“ ſprach er, „ich habe nie von einem ſolchen ſprechen hören. Roſen⸗ holz und Pepe waren nicht gewohnt, mir ihre Geheim⸗ niſſe anzuvertrauen. Fraget ſie ſelbſt!“ „Ich ſoll dieſe Vagabunden ſelbſt fragen!“ rief der alte Renegat.„Frag die Wolke, die wir geſtern ge⸗ ſehen, und die wir nicht wieder erblicken werden,— was wird die Wolke Dir antworten?“ 5 „Die Todten freilich ſprechen nicht mehr,“ ſagte Fabian. „Die Vagabunden ſind nicht todt, doch ſind ſie deßhalb nicht beſſer daran. Wozu wird ihnen die Frei⸗ heit ohne ihre Waffen nützen? Dazu, daß ſie eine Beute des Hungers werden. Wozu dient Dir jetzt das Leben? Dazu, daß Du die Beute des Schwarzvogels wirſt, deſ⸗ ſen Krallen Dir ein Stück nach dem andern aus dem Körper reißen werden.“ Die beiden Jäger waren alſo frei und noch am Leben, und ein verächtliches Lächeln lief über die Lip⸗ pen Fabian's hin, als er dieſe Gewißheit erlangt hatte. „Es gibt Jäger, die ohne Waffen noch die Räuber der Wüſte vor ſich herjagen, obgleich dieſe ſich ſtellen, als verachteten ſie dieſelben,“ ſagte er, den beiden Ban⸗ diten ins Geſchicht ſchauend. „Wir fliehen nicht, hörſt Du, Hund,“ ſagte der Renegat zähneknirſchend.„Siehſt Du, Miſchblut, wie unverſchämt der junge Schlingel iſt. Ich weiß nicht, was mich abhält, ihm ſeine Inſulten wieder in den Ra⸗ chen hinabzuſtoßen,“ endigte er, ſein Meſſer aus der Scheide ziehend. Die Ausſicht auf eine furchtbare Todespein ließ Fabian einen raſchen Tod den Martern vorziehen, von denen er ſich bedroht wußte. „Ich will Euch ſagen, was Euch davon abhält,“ antwortete der Jüngling feſt;„es iſt die Furcht vor dem Schwarzvogel, der Euch zu ſeinen Jagdhunden ge⸗ macht, und Euch auf drei Männer gehetzt hat, die ihn und ſeine zwanzig Krieger beinahe einen ganzen Tag und eine ganze Nacht ſiegreich bekämpft haben.“ Vielleicht wären dieſe Worte, welche die Wuth des alten Rothhand auf's Höchſte ſteigerten, die letzten ge⸗ weſen, die Fabian geſprochen, hätte der Meſtize nicht die zum Zuſtoßen bereite Hand ſeines Vaters zurückge⸗ halten. „Der junge Krieger aus Mittag fürchtet ſich vor ——— v 1 vermehrten, während, ohne daß ſie auf den ſtrömenden Regen zu achten ſchienen, die zwei Räuber und die In⸗ dianer ſich im Rudern ablösten, und unter ihren Woll⸗ decken ſchliefen. Es war dieß eine traurige, furchtbare Nacht. Indeſſen hatte der Meſtize den wunden, ſchmerzen⸗ den Gliedern Fabians einige Erleichterung verſchafft, indem er die Bande, in denen ſie gefangen lagen, ein Bischen lockerte. Als das Wetter ſich wieder aufgeheitert hatte, mach⸗ ten die beiden Räuber, am Ufer des Fluſſes, an einem Orte Halt, wo eine Gruppe großer Bäume ſich in dem hohen Graſe erhob. Die erſten Tinten der Dämmerung fingen an, eine unbeſtimmte Helle zu verbreiten, und einer der In⸗ dianer benützte dieſen Augenblick, der den Tag von der Nacht trennt, um in geringer Entfernung von dem La⸗ ger auf wilde Thiere Jagd zu machen. Es war dieß die rechte Stunde, um den an dem Fluſſe herabkommen⸗ den Damhirſchen oder Rehen aufzupaſſen. Fabian wurde in einem der Vernichtung nahe kom⸗ menden Zuſtande der Erſtarrung im Kahne zurückgelaſ⸗ ſen, und der Hunger verdoppelte das Unbehagen, das er empfand, ſowie die traurigen Gedanken, die ihn umla⸗ gerten. Während dieſer Zeit beſchäftigten ſich der Me⸗ ſtize, deſſen Vater, und der bei ihnen gebliebene India⸗ ner damit, daß ſie ein großes Feuer anzündeten, um ihre naſſen Kleider zu trocknen. Bald kehrte der Jäger, mit einem getödteten Dam⸗ hirſche auf der Schulter, zurück, und während er die fetteſten und zarteſten Theile bratete, um daraus für Alle ein Frühſtück zu bereiten, legten ſich die drei Ge⸗ fährten wieder hin, um zu ſchlafen. Als der Braten fertig war, wachten die Schläfer auf und fingen an zu eſſen. Die Sonne war aufge⸗ gangen und glänzte an einem Himmel, an dem von dem furchtbaren Sturme, welcher den Tag zuvor ge⸗ wüthet, keine Spur zurückgeblieben war. ————————— 5—————— 201 Der alte Renegat peſchäftigte ſich zuerſt mit dem Gefangenen, und zwar mit einer Sorgfalt, welche den wilden Groll verrieth, den die Worte Fabians in ihm geweckt und erhalten hatten. „Was wird der Schwarzvogel denken,“ ſagte er zu Miſchblut,„wenn Du ihm einen Gefangenen übergivſt, der vor Hunger und Noth und Leiden jeder Art ſchon halb todt iſt? Wie kann dieſer junge Vagabund am Marterpfahl ſich gut ausnehmen, wenn er nicht einmal ſo viel Kraft hat, ſich aufrecht zu halten?“ „Er wird nicht ſo lange zu leiden haben,“ antwor⸗ tete der Meſtize gleichgültig. Was liegt mir daran?“ „Aber mir liegt daran„ ſchrie der blutlechzende Amerikaner;„ich will, daß er lange leide; ich will ſein Fleiſch beben und ihn verzagen ſehen; ich will ihn um Gnade bitten hören, um ihm meinerſeits ſagen zu koön⸗ nen, daß er nur ein Feigling iſt.“ „Thu, was Du willſt und laß mich in Ruhe,“ ant⸗ wortete der Meſtize, deſſen jedem Mitgefühl unzugäng⸗ liches Herz die Liebe vielleicht weicher ſtimmte, unge⸗ duldig. Rothhand nahm ein Stück Wildpret in die Hand und ging auf den Kahn zu, der, unweit vom Feuer, am Ufer angebunden lag. „Hat der Gefangene Hunger?“ ſprach er. „Ja,“ antwortete Fabian ſtandhaft;„allein ich werde nicht eſſen, und morgen wirſt Du nur noch den Leichnam Deines Gefangenen ins Waſſer zu werfen haben.“ „Der Gefangene iſt weiter Nichts, als ein Bramar⸗ bas,“ ſagte Rothhand ärgerlich. „Und Du biſt ein wahrer Feigling. Schweig', Deine Stimme iſt für meine Ohren odiös, wie der Geruch des Stinkthiers für meine Naſe.“ „Oh!“ ſchrie der Renegat,„ich werde Dich mit meinen eigenen Händen martern, und werde Dir mit dem Fleiſche Deines Leibes den Widerruf Deiner Lügenworte entreißen. Ja, der Gefangene iſt weiter Nichts, als ein Bramarbas; wäre er ſeines Muthes ſo gewiß, ſo würde er eſſen, um bei Kräften zu bleiben.“ „Ich werde Dich Lügen ſtrafen und werde eſſen,“ antwortete Fabian;„auch verfolgen jetzt meine Spur zwei Jäger, welche wollen, daß ich am Leben bleibe; allein ich eſſe nicht wie ein angebundener Hund.“ „Ah, ah! der Gefangene will Bedingungen vor⸗ ſchreiben!“ „Ja,“ antwortete Fabian kaltblütig,„ich werde nicht eher eſſen, als bis meine Arme frei ſind.“ „Gut! Es ſoll gethan werden, wie Du wünſcheſt.“ Während der athletiſche Red⸗Hand dieſe Worte ſprach, nahm er den geknebelten Fabian aus dem Kahne heraus, legte ihn unweit vom Feuer auf das Gras, und feſſelte nun ſeine Beine um ſo ſtärker. Der arme Jüngling konnte nun zum erſten Male ſeit zwölf Stunden ſeine Arme frei ausſtrecken, worauf er, an den Stamm eines Baumes gelehnt, das Stück Wildpret annahm, das ihm ſein Peiniger hinreichte. Bald gab Miſchblut das Zeichen zur Abreiſe, und Fabian wurde von dem alten Renegaten auf's Neue in den Kahn getragen, welcher Umſtand es erklärt, warum die zwei Freunde des Gefangenen, als ſie den Tag darauf etwa um dieſelbe Stunde die Spuren unterſuch⸗ ten, die am Feuer und am Ufer des Fluſſes zu⸗ rückgeblieben waren,— die Fußſpuren Fabians nicht fanden. Die Abſicht des Meſtizen war, die Fahrt nur bis zur Büffelinſel fortzuſetzen. Der Bandit wollte ſich ver⸗ gewiſſern, ob der Geheimort, der ihre Beute enthielt, unverſehrt geblieben. Hatte er dann dieſe Unterſuchung beendigt, ſo erheiſchte es ſein wohlverſtandenes Intereſſe, während des folgenden Tages die Reiſe zu Lande fort⸗ zuſetzen, um die vielen Krümmungen des Fluſſes zu ver⸗ meiden, welche die Diſtanz bis zum Red⸗Fork beinahe verdoppelte. — 3 203 Rothhand und Miſchblut nahmen die in die Hand, und als ſie nach Verfluß einer ziemlich kurzen Jeit von Weitem die wohlbekannte Configuration der Büffelinſel erblickten, trieben ſie das Fahrzeug auf letz⸗ tere zu, ſo daß es hart am Ufer der Inſel vorbeikam. Die zwei Banditen konnten alſo im Vorüberfahren die kleine Lichtung ſehen, welche ihren Raub verbarg: es war dieſelbe noch ganz in dem Zuſtande, in welchem ſie ſie drei Tage vorher verlaſſen hatten. Hätte den zwei Prairie⸗Räubern Jemand voraus⸗ geſagt, daß vierundzwanzig Stunden darauf dieſer Ge⸗ heimort entdeckt und geöffnet werden,— daß die koſt⸗ baren Waaren, daß die Waffen, welche er verbarg, theils in den Fluß geworfen, theils herausgenommen und ge⸗ gen ſie ſelbſt gewendet werden würden, und zwar von den zwei Jägern, von denen ſie vorausſetzten, daß ſie dem Hunger erliegen würden, ſo hätte dieſer Unglücks⸗ prophet eine Kugel in den Schädel oder einen Meſſer⸗ ſtich in die Gurgel bekommen können; ſicherlich aber würde ſeine Prophezeiung nur Ungläubige gefunden haben. Sobald der Meſtize die Ueberzeugung gewonnen⸗ hatte, daß der Geheimort unverſehrt ſei, ruderte er dem andern Ufer zu. Ein Gefühl des Mißtrauens ſchien ihm zu ſagen, daß er den mit Bäumen beſetzten Durchpaß, wo wir Brennſtrahl und ſeine Verbündeten unter dem. Laubgewölbe haben hinabfahren ſehen, vermeiden ſolle. Fr landete daher an einem Orte, wo dichte Ge⸗ büſche und das hohe Gras es ihm möglich machten, den Rindenkahn zu verbergen, den er zurückließ. Miſchblut wußte, daß er auf den Jagdgründen der Lipanes*), der Verbündeten des Stammes der Gile⸗ *) Es iſt hier der Ort, zu ſagen, daß man in den weiten, zwiſchen„dem Californiſchen Meerbuſen, und der Bay de lo Esſpiritu⸗Santo(Geiligen Geiſt Bucht)“ liegenden Ländereien mit dem generiſchen Namen 204 nos, welchem der Schwarzvogel angehörte, angekom⸗ men ſei, und daß er von der Büffelinſel bis zum Red⸗ Fork in aller Sicherheit fortreiſen könne. Und er hatte in der That kaum einige Stunden zurückgelegt, als er auf etwa zehn Strolche vom Stamme der Lipanes ſtieß, die ſich voller Freude zu ihm geſellten, ſobald ſie er⸗ fuhren, daß es ſich davon handle, weiße Jäger anzu⸗ greifen, und denſelben die Pferde zu entreißen, die ſie ſelbſt nur mit vieler Mühe hätten fangen können. Die Räuberbande, die ſo vierzehn Mann ſtark ge⸗ worden war, blieb bis zum Einbruche der Nacht liegen, 1 in der Kühle und der Dunkelheit ihren Weg fort⸗ zuſetzen. Rothhand hatte Fabian die Feſſeln an den Beinen abgenommen, und der Jüngling war mit auf den Rü⸗ cken gebundenen Händen dem Banditen nicht ohne Mühe gefolgt. Müde, aber nicht niedergeſchlagen, hatte ſich der junge Gefangene in einiger Entfernung vom Feuer in das Gras geſetzt, und war von zwei Indianern ſcharf bewacht, als drei Indianer vom Stamme der Li⸗ panes einen andern Indianer herbeibrachten, den ſie in einiger Entfernung vom Lager aufgegriffen hatten. Dieſer aufgegriffene Indianer war ein Comanche. Als Sohn eines feindlichen Stammes war er gefe ſſelt neben Fabian hingeworfen worden. Er ſollte dem jun⸗ gen Weißen als ein furchtbares Exempel dienen, denn der Weiße ſollte an ihm ſehen, wie ein Krieger gemar⸗ tert wird. Der Comanche verſtand etwas Spaniſch, und die Gefangenen, von denen der eine dem andern den bluti⸗ gen Weg des Todes zeigen ſollte, konnten einige Worte. mit einander wechſeln. „Apachen“ neun kriegeriſche Stämme bezeichnet, von denen die Gilenos, die Mescaleros, die Lipa⸗ nes, die Mimbrenos die furchtbarſten ſind. Die letzten vier Stämme zählen etwa 1,400 Krieger. —— — — — — ——— 8 WW NM M einzuſchläfern, und es bei ihm dahin zu bringen, daß Fabian nannte die zwei Jäger bei ihren indiani⸗ ſchen Namen, und rühmte den Muth, die Stärke, die Geſchicklichkeit, und vor Allem die grenzenloſe Selbſtauf⸗ opferung des„Adlers der Schneeberge“ und des„Spott⸗ vogels.“ „Und wie nennen dieſe Hunde den jungen Weißen, der nach mir ſterben wird?“ fragte der Indianer. „Sie nennen mich den jungen Krieger aus Mit⸗ tag, den Sohn des Adlers der Schneeberge,“ antwor⸗ tete Fabian. Hier unterbrach Miſchblut das düſtere Zwiege⸗ ſpräch. Die Stunde des Comanche hatte geſchlagen. Dieſer erhob ſich und folgte dem Meſtizen mit feſtem Tritte. Zugleich ſtimmte er ſeinen Todesgeſang an, in den er den Namen und das Lob Brennſtrahls, ſeines Rächers, mit einfließen ließ. Als Miſchblut dieſen Namen hörte, änderte er ſei⸗ nen Plan. Er hatte dem Schwarzvogel verſprochen, ihm den apachiſchen Renegaten auszuliefern, und die Gele⸗ genheit war günſtig, um ſich gegenüber von dem jungen Comanche einen Anſchein von Edelmuth zu geben, und ſich als deſſen ergebenſten Freund hinzuſtellen. „Mein Bruder,“ ſprach er zum Indianer,„iſt einer der Krieger Brennſtrahl's; er iſt frei, weil die Freunde des Comanche auch die Miſchbluts ſind.“ Und nun verabſchiedete er den Comanche mit fol⸗ genden Worten: „Miſchblut und ſeine Gefährten werden den Tag bei dieſem Feuer zubringen; geh' und ſag' dem jungen Anführer, daß er willkommen ſei, und daß er hier fri⸗ ſchen Hirſchbraten, ſowie Herzen finde, die bei ſeinem Anblicke freudig ſchlagen werden.“ Der liſtige Meſtize wußte wohl, daß Brennſtrahl nicht kommen würde, um ſich an ſein Feuer zu ſetzen; allein er hoffte wenigſtens, ihn durch trügeriſche Worte er in ihm nur noch einen dienſtfertigen, wo nicht treu ergebenen Freund erblickte. Der Reſt des Tages verſtrich, und Brennſtrahl hü⸗ tete ſich wohl, zu kommen. Als der Abend herangekommen war,— die Sonne war noch nicht untergegangen,— beſtand der Anführer der Räuber vom Stamme der Lipanes darauf, daß die ganze Truppe in ſeinem Kriegskahne auf dem rothen luſſe weiter fahren ſolle. Es war dieß eine Piroge, aus dem Stamme eines Cedernbaums verfertigt,— lang⸗ leicht und flachbodig. Es konnte dieſelbe leicht zwanzig Paſſagiere aufnehmen, und ihr raſcher Lauf mußte die Länge der Krümmungen des Fluſſes compenſiren. Die zwei Wüſtenräuber nahmen das Anerbieten an, und Fabian folgte ihnen mit leichterem Herzen, ſeitdem er wußte, daß ein Feind Miſchbluts ihn geſehen, ſeinen Namen erfahren, und zu ſeinem Anführer zurückkehrte, ohne ſich durch die Friedensworte des Meſtizen tänſchen zu laſſen. Wenn, wie er nicht zweifelte, Roſenholz und Pepe ſeine Spur verfolgten, ſo konnte ſie der Zufall mit dem Comanche zuſammenführen. Und wirklich begünſtigte ihn der Zufall über alle Erwartung. So geſchah es, daß die zwei Jäger die bekannte Nachricht erhielten, und an Brennſtrahl einen Verbün⸗ deten fanden, ohne den ſie wahrſcheinlich in den letzten Scharmützeln unterlegen wären. Indeſſen legte die indianiſche Kriegspiroge, unge⸗ achtet ihres raſchen Laufes, die Diſtanz, die ſie von dem Red⸗Fork trennte, nicht ſo geſchwind zurück, als man erwartet hatte. Einer der Lipanes⸗Indianer halte einen Schlauch bei ſich, der mit Mescal gefüllt war. Dieſen Saft deſtilliren die Indianer aus der Alöewurzel, und .. dieſelben deßhalb den Namen Mescateros er⸗ halten. So kam es, daß Scenen der Verwirrung und Trun⸗ —— —— e——„ „—— ———————— kenheit die Reiſe mehr denn einmal faſt zu einer bluti⸗ gen machten; auf jeden Fall aber wurde der Lauf des Fahrzeugs dadurch viel langſamer. Auf die wüthende Trunkenheit folgte bald der Schlummer, und während eines Theils der Nacht kam die Piroge unter dem Impulſe ihrer Ruderer, die ſich mit Feuerwaſſer betrunken, mehr denn einmal von der Richtung ab, die ſie verfolgen ſollte. Erſt bei Sonnenaufgang konnte endlich die Truppe Miſchbluts die Stelle erreichen, wo der rothe Fluß ſich gabelförmig theilt. Dieſe Stelle wird ſchlechtweg der Red⸗Fork genannt. Fünfundſtebzigſtes Kapitel. Der Red⸗ Fork. Das Thal des Red⸗Fork bietet einen impoſanten und wilden Anblick dar. Eine doppelte Kette hoher Berge umgibt es von beiden Seiten. Nördlich ſieht man die große Cordillera, mit ihren blauen Zacken, ihren hohen Spitzbergen, die entweder Wolken, welche durch die ſpitzen Gipfel in ihrem Laufe aufgehalten werden, oder, je nach der Jahreszeit, ein Diadem blen⸗ denden Schnees bekränzt, der einen Winter dauert und unter dem Einfluſſe des warmen Windes ſchmilzt, welcher von dem Thale ausgeht. Südlich ſchweift das Auge über eine andere Reihe von Bergen hin, die zwar nie⸗ driger ſind, deren zerriſſene Abhänge aber gähnende Ab⸗ gründe und Felſen von düſterem Granit ſehen laſſen, e cact c30tente re deren rauhe Umriſſe das Azur der Entfernung kaum ſanfter macht. Zehn Wegſtunden etwa trennen dieſe zwei Sierras. Zwiſchen denſelben fließen, von Weſten nach Oſten, zwei Arme des rothen Fluſſes hin, wovon der eine faſt im⸗ mer ausgetrocknet iſt, der andere aber ſeine Waſſer ru⸗ hig an dem hohen Graſe fortwälzt, das eines ſeiner Ufer bedeckt, und wie eine hohle grüne See erſcheint, die ſich am Saume des großen Waldes, in deſſen Mitte der Büffelſee liegt, bricht. Der Raum zwiſchen den beiden Flußarmen, der in der Regenzeit von dem Hauptarme des rothen Fluſſes überſchwemmt wird, und in den die Baue der Biber auch das Waſſer des ſchmaleren, die Cordillera entlang lau⸗ fenden Armes geleitet haben, iſt ein feuchter und ſum⸗ pfiger Landſtrich. Schlammige und tiefe Lagunen entfalten ihre trä⸗ gen Waſſermaſſen unter einer dem Anſcheine nach feſten, grünen Schicht; andere Lachen, welche klareres Waſ⸗ ſer enthalten, werfen im Sonnenlichte einen ſchillernden Schein zurück, und ſind von undurchdringlichen Weiden⸗ dickichten umgeben. In dem trockenſten Theile bieten dichte Gehölze von Weidenbäumen, deren Aeſte in ein⸗ ander verſchlungen ſind, Baummaſſen dar, wo nur der Indianer oder der Jäger ſich vermittelſt ſeiner Axt einen ſchmalen Weg öffnen kann. Nur hoöchſt ſelten zeigt ſich der Menſch in dieſem einſamen und ſtillen Thale. Nur von Zeit zu Zeit zeigt ſich auf dem Gipfel der Felſen der ſüdlichen Sierra ein bergbewohnender Trapper, mit ſeinen Fallen und ſeiner langen Büchſe auf der Schulter, einen Augenblick um ſich zu orientiren und einen Blick auf die Baue der Biber zu werfen. Bisweilen gleitet auch der Indianer in ſeinem Rindenkahne geräuſchlos über den Fluß hin; er ſucht dann entweder den Trapper oder die Spur der Büffel. Den Wind abgerechnet, der beſtändig in dem hohen Graſe bläst, oder in den Weidengebüſchen ächzt, ſtört d* M NM M—— — — —„ 209 nur ſelten ein Geräuſch die Ruhe des Red⸗Fork⸗Tha⸗ les. Nur in langen Intervallen ſinkt ein von den Zäh⸗ nen des Bibers zernagter Baum krachend zuſammen; nur ſelten läßt ſich dort das Gebrüll des Biſons hören; nur ſelten unterbrechen die auf dem ſchwimmenden Kör⸗ per eines Buffels ſitzenden Raubvögel die Stille des Thales durch ihr unheimliches Gekrächze. Wir beſchreiben den Ort ſo genau, um den Leſer dort nicht lange umherirren zu laſſen, und wiederholen, was wir zu Anfang dieſes letzten Theils unſerer Er⸗ zählung geſagt haben, das heißt, daß es von dem Sau⸗ me des Waldes, deſſen dichter Schatten den Büffelſee verbirgt, bis zum rechten Ufer des Fluſſes, wo die in⸗ dianiſche Räuberbande endlich angekommen iſt, und wo die des Schwarzvogels ſich bald mit derſelben vereinigen wird, etwa eine Stunde iſt, ſowie daß der Boden nur eine gelbliche Oberfläche von hohem, wogendem Graſe darbietet. Jenſeits dehnt ſich, von dem linken Ufer an, der ſumpfige Landſtrich aus, deſſen wir weiter oben Er⸗ wähnung gethan. Die Jäger und die Trappers erzählen ſich heute noch die blutigen Scenen, von denen das Red⸗Fork⸗ Thal Zeuge ward, und hoffentlich wird man uns ent⸗ ſchuldigen, daß wir das Theater deſſelben ſo genau be⸗ ſchrieben haben. Die berauſchenden Dünſte des Mescal verdunkel⸗ ten noch die Augen des alten amerikaniſchen Renegaten, als die Piroge in einen kleinen Creek des Fluſſes ein⸗ fuhr. Miſchblut war in dieſer Nacht allein der Völle⸗ rei fremd geblieben, was, wir müſſen es bemerken, al⸗ len ſeinen Gewohnheiten widerſtrebte. Allein er hatte eingeſehen, vaß ſeine ganze Kaltblütigkeit erforderlich ſein würde, um ſeine Entführungs⸗ und Raubprojecte auszuführen. Als der Vater und der Sohn ausſtiegen, hatte der Zorn des Meſtizen gegen Rothhand noch nicht aus⸗ Der Waldläufer. Iv. 14 210 getobt, ogbleich derſelbe ſich ſchon gehörig Luft gemacht atte. „Wohlan!“ ſagte Miſchblut in barſchem Tone zu dem Alten,„fahr', wenn du noch zu etwas Anderem gut biſt, als um dich wie ein Rekrute mit Feuerwaſſer zu berauſchen, mit dem Gefangenen wieder über's Waſ⸗ ſer. Leg' ihn, bis ich zurückkomme, in einem Dickicht von Baumwollbäumen nieder, und vergiß nicht, daß Du dem Schwarzvogel für ihn ſtehſt.“ „Ach, ja,“ antwortete Rothhand mit einem dumm ironiſchen Lächeln,„die Taube vom Büffelſee. Ein zorniger Blick des Sohnes verhinderte den Ame⸗ rikaner, fortzufahren. „Ich nehme den Vorſchlag, meiner Treu! an,“ hob der Alte wieder an,„denn meine Augenlider ſind ſchwer, wie die ledernen Thüren meiner Hütte, und ich will bei dem Gefangenen ſchlafen, nachdem ich ihn mit einem weiteren Riemen geziert.“ Den Befehlen des Meſtizen zu Folge fuhr die Pi⸗ roge, in die man Fabian, an Händen und Füßen ge⸗ bunden, geworfen hatte, mit drei anderen Ruderern an das entgegengeſetzte Ufer des Fluſſes. Rothhand trug, obwohl er nicht ganz feſt auf den Beinen war, den Körper des Gefangenen hinter eine dichte Baumgruppe, welche, mit kleineren Bäumen unter⸗ miſcht, einige Schritte vom Ufer weg ſtand. Einer der Indianer legte ſich mit ihm neben Fa⸗ bian hin, und als die zwei andern Räuber wieder über den Fluß geſetzt hatten, um zum Meſtizen zu ſtoßen, hätte man unmöglich errathen können, daß drei Männer im Schatten der Baumwollbäume verborgen lagen. Nachdem dieſe Vorſichtsmaßregel für alle Fälle er⸗ griffen war, ließ man die Piroge am Ufer ſtranden, und es wurde dieſelbe, nicht ohne Mühe, auf den Armen der ganzen Truppe, in das Gras hineingetragen, das man ſorgfältig darüber hinlegte, ſo daß das Fahrzeug Aller Angen verborgen war, und man glauben konnte, 2¹1 es habe allein ein Windſtoß die Stängel dieſer mäch⸗ tigen Vegetation alſo geneigt. Miſchblut ſtellte dann an den ufern des Fluſſes, faſt dem Orte gegenüber, wo Fabian, von dem Renegaten bewacht, lag, zwei Indianer als Schildwachen auf. Dann zerſtreute er die übrigen in gewiſſen Ent⸗ fernungen über die Ebene, mit dem Befehle, daß ſie ihn von der Ankunft des erwarteten Verbündeten be⸗ nachrichtigen ſollten. Als das Thal, dem Anſcheine nach, ſein früheres, ruhiges, ödes Ausſehen wieder gewonnen hatte, beſchäftigte er ſich mit der Ausführung des Planes, den er ausgeheckt. Der Meſtize begann damit, daß er die ſein Haupt⸗ haar ſchmückenden rothen Bänder entfernte. Dann tauchte er ſein Geſicht in das Waſſer des Fluſſes, und wuſch die Malereien ab, womit er es nach indianiſcher Weiſe ver⸗ ziert. Ferner zog er ſein ſcharlachrothes Jagdhemd aus, ſowie auch ſeine mit kleinen Schellen verzierten ledernen Kamaſchen, ſo daß er von ſeinem ganzen Koſtüme nur die geſtickten Moccaſins beibehielt, deren der Büffeljäger, welcher mit Don Aguſtin am Ufer des Sees zurückge⸗ blieben war, ſich gleichfalls bediente. Endlich zog er aus einem kleinen Mantelſacke ein blau und roth earrirtes Taſchentuch heraus, unter das er ſein langes, wallendes Haupthaar gefangen legte. Ebenſo nahm er Beinkleider von ſchwarzbrauner Lein⸗ wand, ſowie ein zitzenes Wamms daraus, und bekleidete ſich damit, und als er, mit Ausnahme des breitrandi⸗ gen mexikaniſchen Hutes, ſo ziemlich das Koſtüm eines Weißen geborgt, warf er ſeine Büchſe auf die Schulter und ging nach dem Büffelſee hin. Es war der ſiebente Tag nach ſeinem Weggange von demſelben Orte. Don Aguſtin war kaum angekommen, als Miſch⸗ blut den Ort verlaſſen hatte, und Letzterer wußte gar wohl, daß die letzten Vorbereitungen, welche die Pferde⸗ jagd erheiſchen würde,— daß das Treiben, und die⸗ Zeit, weſche nöthig ſein würde, um durch den Hunger und vermittelſt der Hausthiere die ihren Wäldern entriſſenen Pferde zu zähmen, etwa zehn Tage erforderten. Indem daher der Meſtize nach dem See hin ging, an dem ſich die Mexikaner gelagert hatten, war er ge⸗ wiß, daß er ſie dort noch finden würde. Als daher auch Miſchblut, nachdem er die Ebene durchſchritten, und einige Augenblicke im Walde fortgegangen war, ein Pferdegewieher und ein verworrenes Geräuſch menſch⸗ licher Stimmen hörte, empfand er nur eine ſehr lebhafte Freude, ohne eine Beimiſchung von Staunen. Dann ließ er auf ſeinen vorſichtigen und katzen⸗ artigen Gang einen raſchen Schritt folgen. Er hängte ſeine Büchſe um, und ging, ohne ſich im Geringſten zu verbergen, feſten Schrittes, und wie ein müſſiger Jäger pfeifend, auf den Ort zu, wo ſich das Geräuſch hören ließ. Indeſſen konnte er, da Niemand auf ihn aufmerkſam geworden, dem Wunſche nicht widerſtehen, das zu beobachten, was vor ſeinen Augen vorging, als er in einer Lichtung des Waldes angekommen war, von wo aus er Alles ſehen konnte, ohne ſelbſt geſehen zu werden. Plötzlich verdunkelte eine Wolke heftigen Aergers die düſtere Phyſiognomie des Meſtizen. Ein halbes Dutzend geſattelter Pferde, von denen drei durch ihr reiches Geſchirr, an welchem das Silber, der Sammt, und goldene und ſeidene Stickereien verſchwendet waren, ſich als die der Herrſchaften ankündigten, ſchienen darauf hinzudeuten, daß eine alsbaldige Abreiſe beabſichtigt werde. Indeſſen wurde das Geſicht des Meſtizen bald wieder heiter. Das ſeidene Zelt der Dona Roſario, ſo wie das des Hacendero ſtand immer noch da; die Packeſel weideten ruhig in einiger Entfernung, und das Küchen⸗ geräth, die Sättel, ſo wie ſämmtliches Gepäck ſah man unweit von den Zelten ſorgfältig geordnet. Es war doher höchſt wahrſcheinlich nur ein Ausflug in die Umgegend, vielleicht an den Ufern des Fluſſes hin, oder auch eine Hirſchjagd, welche die Weißen beabſichtigten⸗ Bald erſchien auch, auf den Ruf ihres geſtiefelten, beſpornten, reiſefertigen Vaters, Roſarita vor ihrem kleinen, himmelblauen, ſeidenen Zelte,— reizender noch, als der Meſtize ſie ſich während der verfloſſenen Woche vorgeſtellt hatte. Es kam dieß daher, daß ſich mit der Schönheit der Züge des Mädchens noch jene unbeſchreib⸗ liche Harmonie verband, die ſich dem Gedächtniſſe nur unvollkommen einprägt,— gleich einem jener Wohl⸗ düfte, woran der Geruchfinn ſich ergötzt, wenn er davon afficirt wird, deren köſtliche Ausdünſtungen aber er nicht aufbewahren kann. Dieſe nicht mit Händen zu greifende, aber ſich allenthalben geltend machende Schön⸗ heit iſt es, die gewiſſe Geſichter umſtrahlt, und die der Pinſel nicht darzuſtellen vermag⸗ weil ſie ſtets neu iſt. Dieſe Unmacht des Pinſels, den magnetiſchen Zauber zu reproduciren, erklärt es, warum wir vor den Portraiis gewiſſer, wegen ihrer Schönheit berühmter Frauen kalt bleiben. Die Urſache liegt darin, daß der Maler, ſeiner Geſchicklichkeit ungeachtet, der Nachwelt nur die For⸗ men und die Farbe der Blumen hat überliefern können, nicht aber ihren Wohlduft und ihr Zittern auf dem Schafte, auf dem ſie ruhte. Das wilde Auge des Meſtizen, das an indiahiſche Schönheiten gewöhnt war, funkelte unter ſeinen ſchwarzen Brauen, und eine diaboliſche Freude leuchtete auf ſeinen bronzefarbenen Zügen: der Zufall ſollte ihm den Gegen⸗ ſtand einer Leidenſchaft in ſeine Hände geben, die ſo ungezügelt war, wie alle Wünſche, welche das indianiſche Blut, das er von ſeiner Mutter geerbt, in ſeinen Adern entflammte. Der Meſtize beſchloß nun, ſich nicht zu zeigen. Mit beharrlich auf das Mädchen geheftetem Auge z08 Miſchblut ſich Schritt für Schritt zurück, ohne ſich ab⸗ zuwenden, und als die Geſträuche und das Laub ihm 214 das Sehen allmählig faſt ganz unmöglich gemacht, kauerte er ſich in aller Stille zuſammen, und blieb un⸗ beweglich. Indeſſen konnte er die Stimmen der Perſonen hören, denen er auflauerte. „Don Franeisco,“ ſagte Eneinas zu einem der Domeſtiken des Hacendero,„wenn Sie einige friſche Büffelſpuren an dem Ufer des Biberteiches bemerken, dann theilen Sie mir es bei Ihrer Rückkehr gefälligſt mit. Meine Kameraden und ich werden Euch dann für das Schauſpiel einer Pferdejagd, welches Ihr uns ge⸗ geben, das einer Büffeljagd geben, das auch nicht ohne Intereſſe iſt. Und nun will ich Ihnen den Weg zeigen, den Ihr einſchlagen müßt, um aus dem Walde hinaus⸗ zukommen.“ In demſelben Augenblicke ſtiegen der Senator, Don Aguſtin und ſeine Tochter auf, und es kam nun die kleine Cavalcade, geführt von dem ſtarken Büffel⸗ jäger, und gefolgt von drei Domeſtiken, auf einen ſchmalen Pfad, der auf die Ebene auslief und ſich durch das hohe Gras hindurchſchlängelte. Dort trennte ſich Encinas von der Cavalcade, nachdem er ihr viel Glück gewünſcht und eine durch den Fluß führende Furt, ſowie den Weg angezeigt hatte, der ſie nach dem Biberteiche führen ſollte, den das Mädchen ſeiner Merkwürdigkeit halber zu ſehen wünſchte. „Senor Aguſtin,“ rief Francisco dem Hacendero zu, nachdem ſie auf dem von den Büffeln betretenen Pfade einige Augenblicke fortgeritten waren, es könnte gar wohl ein Büffel oder ein wildes Pferd dort unten ſein. Man ſieht ſich das hohe Gras bewegen, wie wenn es von der Bruſt eines dieſer Thiere getroffen würde.“ Und in der That lief, in einiger Entfernung von der Cavalcade, eine wellenförmige Linie durch das hohe Gras hin, wie wenn ein Pferd oder ein Biſon auf ſeiner Flucht daſſelbe niedergedrückt hätte⸗ Das Thier, wenn es ein ſolches war, mußte den Weg, den die Cavalcade verfolgte, in einem rechten Winkel durchſchneiden, denn die Linie, die es im Graſe beſchrieb, bildete einen Halbkreis vor den Pferden her, und dieſer Kreis näherte ſich dem Pfade. Plötzlich verſchwand die bewegliche Furche, die ſich bis dahin im Graſe hingezogen hatte, und man ſah dann nur noch die weichen und regelmäßigen Undula⸗ tionen, welche ein gelinder Wind in demſelben hervor⸗ brachte. „Es iſt ein durch unſere Anweſenheit ſcheu gemachter Damhirſch,“ ſprach der Hacendero,„denn dieſes Gras iſt nicht hoch genug, um die Sprüngk eines wilden Pferdes und eines Biſons ganz und gar zu verbergen.“ Man ritt vorüber, und erſt lange nach dieſem un⸗ bedeutenden Vorfalle zeigte fich überall eine Furche in dem Graſe, und es lief dieſelbe nach dem Orte zu, wo die von dem Meſtizen als Schildwachen aufgeſtellten Indianer im Hinterhalte lagen. Die Diener Don Aguſtin's waren jetzt zu weit entfernt, um Miſchblut zu ſehen, deſſen hoher Körper ſich aufgerichtet hatte, und der pisweilen das Taſchentuch zeigte, womit ſein Kopf be⸗ deckt war. Man ritt langſam, wie man ſiets Morgens thut, wo das Herz unter dem Einfluſſe einer Briſe ſich zu erweitern ſcheint, die mit allen Wohlgerüchen des Lebens geſchwängert iſt, welches rings umher wieder erwacht. Der Sonnenaufgang und der Sonnenuntergang find im Freien die Stunden der ſüßen Gedanken,— die Morgens friſcher, Abends ernſter ſind; die erſteren lächeln gerne die Zukunft, die anderen aber die Ver⸗ gangenheit an. In der Zeit der Jugend ſind dieſe Träumereien gleich ſüß, denn die Jugend hat ja kaum eine Vergangenheit, und dann hat ſie eine ſo lange Zukunft vor ſich! Roſarita befand ſich unter dem Zauber dieſer ſanften Cindrücke. Ihre Vergangenheit zählte kaum zwanzig ——— 216 Tage. Daher war ſie auch in dieſem Augenblicke, zwiſchen einer ſo nahen Vergangenheit und einer ſo großen Zukunft ſtehend, nicht unſchlüſſig, und gefiel ſich, während ſie ihr Pferd im Schritte gehen ließ, darin, daß ſie den Moment voraus ſah, wo Fabian eben ſo verliebt, und vielleicht etwas ſcharfſichtiger, als früher, nach der Hacienda zurückkommen würde. Während das Mädchen ſo ihren Träumen nachhing, befand ſich Fabian geknebelt, und einem entſetzlichen Tode entgegenſehend, ganz in ihrer Nähe; eine furcht⸗ bare Gefahr bedrohte ſie ſelbſt, und Roſarita lächelte immer noch ihre Gedanken an. In dem Augenblicke, wo die Cavalcade endlich vom Pfade an das Flußufer kam, ſchienen der Geſellſchaft die großen Waſſer des Fluſſes ſo tief, daß man auf den Gedanken kam, es möchte ſich Encinas geirrt haben, als er verſichert, daß man in einiger Entfernung eine Furt finden würde, um über das Waſſer zu ſetzen. Als Don Aguſtin und der Senator deßhalb rath⸗ ſchlagten, rief Erſterer: „Gott verzeihe mir, dieſe Ufer, die ich ſo öde glaubte, ſind bewohnt; ich ſehe dort unten einen Menſchen!“ „Es iſt ein Weißer, wie wir,“ ſprach Roſarita, welche die Stimme ihres Vaters beben machte, als die⸗ ſelbe ſie ihren Gedanken entriß,„Gott ſei gelobt!“ „Es iſt ein Weißer, wenn ſein Coſtüm nicht trügt,“ ſetzte der Senator hinzu. Don Aguſtin gab, Alles Mißtrauens baar, Fran⸗ cisco den Befehl, den Mann zu fragen, wo die Furt ſich befände. Wir haben geſagt, daß der Hacendero ohne alles Mißtrauen geweſen ſei, denn welches Mißtrauen konnte eine ſo vereinzelte Perſon erregen, die an dem Ufer eine einſamen Fluſſes in friedlicher Weiſe ſich damit be⸗ ſchäftigte, daß ſie Hüpfſteine über das Waſſer hinwarf? Als der Diener bei dem fraglichen Manne ankam, deſſen Kopf mit einem carrirten Taſchentuche bedeckt war, und der ganz ruhig, und ohne daß er die An⸗ weſenheit des Reiters zu bemerken ſchien, fortfuhr, ſich in der genannten Weiſe zu beluſtigen, fragte er denſelben. Was der Mann antwortete, konnte von den auf⸗ merkſamen Herrſchaften nicht gehört werden, ſie ſahen bloß den Unbekannten herankommen, der mit den Armen ſchlenkerte, einen linkiſchen Gang und ein von Apathie umſchleiertes Auge hatte. „Um Verzeihung, mein Herr,“ ſagte er, indem er mit einem ſtarken engliſchen Aecent Don Aguſtin an⸗ redete;„aber ein vereinzelter Trapper muß wiſſen, mit wem er in dieſen Wüſten ſpricht. Sie fragen, ſagen Sie, wo eine Furt über den rothen Fluß führe?“ „Ja, mein Freund,“ erwiederte der Hacendero, mit ſcharfem Auge den ſonderbaren Ausdruck des Geſichts des Unbekannten prüfend. Dieſes aber verlor unter dem mißtrauiſchen Blicke Don Aguſtins Nichts von ſeiner anſcheinenden indolenten Gutmüthigkeit. „Sollten Sie nach dem Biberteiche gehen wollen?“ ſprach er. „Errathen!“ antwortete der Senator.„Dieſe junge Dame wünſcht jenes merkwürdige Schauſpiel zu ſehen.“ „Hm!“ murmelte der Unbekannte,„ich habe dort meine Fallen geſtellt. Die Fallen eines armen Jägers, — ſie ſind ſein Leben und ſein Vermögen; und wenn,“ ſetzte er hinzu,„die Herrſchaften bloß ſehen wollen, ſo will ich ſie dahin führen,— jedoch unter einer Be⸗ dingung.“ Der Hacendero fuhr fort, den amerikaniſchen Trap⸗ per, deſſen Geſicht ihm nicht unbekannt ſchien, ſcharf anzuſehen. „Sie haben wahrſcheinlich noch nie einen Trapper geſehen,“ ſprach der Biberjäger mit einem gellenden, gutlaunigen Gelächter,„und deßhalb ſehen Sie mich ſo aufmerkſam an. Was den Biberteich betrifft, ſo werde ich Sie dahin führen, wenn Sie mir verſprechen, daß Sie nur ſehen, und daß Sie ſich alles Schießens enthalten wollen. Die Furt iſt auf dieſer Seite, zur Linken.“ „Zur Linken?“ unterbrach ihn Don Aguſtin.„Man hatte uns geſagt, ſie ſei auf der andern Seite.“ „Es iſt wohl einer jener Schwätzer und Prahl⸗ hanſen geweſen, wie es deren ſo viele gibt; ſolche Leute bilden ſich ein, ſie kennen die Orte, die ſie noch nie geſehen, beſſer, als die, welche ſich immer da auf⸗ halten. Wenn übrigens Ew. Senoria eine andere Furt aufſuchen will, als die einzige, die eriſtirt, ſo ſteht es Ihnen frei.... Ich bin Ihr ergebenſter Diener.“ Und der Unbekannte fing dann ganz ſorglos wieder an, harmloſe Hüpfſteine über das Waſſer hinzuwerfen, ohne ſich weiter mit den Reitern zu beſchäftigen. „Encinas hat ſich wohl getäuſcht,“ ſagte der Se⸗ nator zu Don Aguſtin.„Holla, Freund!“ rief er dem Trapper, auf eine Geſte des Hacendero hin, zu,„wir wollen Ihnen folgen, und mit Ihnen gehen.“ „Da thun Sie wohl!“ rief der Unbekannte, indem er mit dem Auge aufmerkſam dem weiten Sprunge folgte, den der letzte Stein, ſo er geworfen, auf dem Waſſer machte;„ich ſtehe Ihnen zu Dienſten. Hierher,“ hob er wieder an, als der von ſeinem kräftigen Arme geſchleuderte Kieſelſtein ſich ziſchend im Waſſer be⸗ graben hatte. Dann nahm der Trapper ſeinen linkiſchen, aber raſchen Gang wieder an, und ging den Fluß aufwärts, anſtatt an demſelben abwärts zu gehen, wie der Büffel⸗ jäger der Geſellſchaft anempfohlen hatte. Die Reiſenden folgten ihm. „Haben Sie dieſes Geſicht noch nirgends geſehen?“ ſagte der Hacendero leiſe zum Senator,„ich ſuche ver⸗ gebens mich zu erinnern.. „Wo wollen Sie dieſen Lümmel geſehen haben 2 hoh der Senator in demſelben Tone wieder anz„es „—„— — iſt einer jener halb barbariſchen Jäger, ähnlich denen, die ich eines Abends an der Poza getroffen habe.“ „Sie mögen mir ſagen, was Sie wollen; auf dieſem Geſichte liegt ſo Etwas, wie eine Maske, die den wahren Ausdruck deſſelben nicht erkennen läßt. Ich moͤchte dar⸗ auf wetten. Was liegt im Uebrigen daran?“ Die Cavalcade folgte dem Trapper ſchweigend einige hundert Schritte weit, nicht ohne daß die ſie bildenden Perſonen über die Diſtanz erſtaunten, welche die Furt von dem Pfade zu trennen ſchien, der ſich im Graſe der Ebene hinzog. Roſarita ſprach kein Sterbenswörtchen; ſie ſetzte ihre angefangenen Träumereien fort, welche das Ge⸗ murmel des Schilfs im Fluſſe, das Geſchrei der in den Sümpfen fiſchenden Sichler, und alle jene Morgenſtim⸗ men fanft wiegten, die große Flüſſe entlang ſingen. Der Trapper ſchien die Reiſenden, die er führte, pei Geduld erhalten zu wollen, und brach, zum erſten Male ſeit einigen Augenblicken, das Schweigen. Die Stimme erhebend, ſagte er: „Ah! es iſt ein gar induſtriöſes Thier um den Biber, und gar oft habe ich in dem einſamen und ge⸗ fahrvollen Leben, das ein armer Trapper führt, lange, lange Augenblicke damit zugebracht, daß ich ſie ſchwei⸗ gend beobachtete. Mehr denn einmal hat, in der Stille der Wüſte, das Geräuſch ihrer Schwänze, die ihre Bauten von Pfählen und Thon feſtſchlugen, mich an das wohl⸗ bekannte Geräuſch des Bläuels der Wäſcherin an den Ufern des Illinvis erinnert, und ich habe gar viele Seufzer ausgeſtoßen, indem ich an mein fernes Hei⸗ mathland dachte.“ „Sie ſind in der That weit von Ihrem Heimath⸗ lande entfernt,“ ſagte Roſarita, welche der Ton des Trappers in einem jener Momente, wo das Herz fich ſo leicht dem Mitleid öffnet, gerührt hatte⸗ „Ich bin aus Illinois, Madame,“ antwortete der Trapper in ernſtem Tone. 220 Und er ſetzte ſeinen Weg fort. „Horchen Sie einmal!“ fuhr er nach einem neuen Schweigen fort.„Hören Sie das Geräuſch, von dem ich Ihnen ſo eben geſagt?“ Und wirklich konnten auch die Reiſenden ein ent⸗ ferntes Geräuſch hören, ähnlich dem von Bläueln, wo⸗ mit die naſſe Wäſche geſchlagen wird. „Aber,“ fuhr der Trapper fort, nachdem er ſelbſt aufmerkſam gehorcht,“ wenn die Biber ſo arbeiten, ſo denken ſie nicht daran, ſich zu beluſtigen, und in meine Fallen zu gehen; ich will ſie ein Bischen erſchrecken, um fie zu ſtören.“ Indem der Trapper alſo ſprach, holte er, ziemlich raſch nach einander, drei tiefe, dicke Töne aus ſeiner Bruſt hervor, die ſeine Zuhörer unwillkürlich beben machten. Man hätte dieſelben für die zugleich lauten und rauhen Töne halten können, die der amerikaniſche Löwe den Einöden hinwirft. Alle fernen Geräuſche hörten plötzlich auf; ſelbſt die Stimme der Sumpfvögel verſtummte. Der Trapper lächelte über das Staunen der Reiter. Dann blieb er ſtehen. „Wir ſind an der Furt angelangt,“ ſagte er.„Hier iſt der Red⸗Fork.“ Sie waren an dem ſpitzen Winkel angekommen, den die zwei Arme bilden, indem ſie ſich trennen. Zur Rechten der Reiſenden, die den Fluß entlang ritten, ver⸗ barg ihnen das höhere und dichtere Gras die Ebene; zu ihrer Linken erhoben ſich dichte Weidengebüſche am entgegengeſetzten Ufer. „Der Fluß ſcheint mir hier, wo eine Furt ſein ſoll, gar tief zu ſein,“ bemerkte Don Aguſtin. „Das Waſſer iſt trüb, und man kann nicht bis auf den Grund ſehen,“ antwortete der Trapper mit vieler Feſtigkeit.„Da es nicht billig wäre,“ fuhr er fort,„daß ich, um den Herrſchaften einen Dienſt zu er⸗ weiſen, bis über die Knie ins Waſſer müßte, ſo werde ich —— * — c— 5— ——.— v M — — 221 einen von Ihnen um die Erlaubniß bitten, hinter ihm aufſitzen zu dürfen. Dann will ich Ihnen den Weg zeigen, obgleich ein Trapper nur ein ziemlich ſchlechter Reiter iſt.“ Francisco erbot ſich, den Führer hinter ſich auf's Pferd zu nehmen. Der Amerikaner nahm das Anerbieten an, und hißte ſich nicht ohne viele Mühe auf das Kreuz des Pferdes hinauf. Als er feſt ſaß, ſagte er: „Treiben Sie Ihre Thiere in gerader Linie fort Allein das Pferd ſchlug hinten aus, und wollte ſchlechterdings nicht vorwärts gehen, ſei es, daß es ſich fürchtete, oder daß die Abſätze des Trappers ſeine Flan⸗ ken unangenehm kitzelten. Dann ſteckte der Trapper ſeinen linken Arm unter dem Francisco's durch, und nahm den Zügel in die Hand.— Aber es blieb das Pferd gleich ſtätig.— „Kommen Sie mit Ihrem Thiere neben das unſe⸗ rige,“ ſagte der Amerikaner zu einem der anderen Do⸗ meſtiken;„wenn die zwei Pferde neben einander laufen, werden ſie einander ermuthigen.“ Der Bediente gehorchte, und nun gingen, wie der Trapper ihn verſichert hatte, die zwei Thiere in den Fluß hinein. Plötzlich ließ ſich, hinter den Reitern, mitten im Graſe ein Gebrüll hören, ähnlich demjenigen, das der Trapper ausgeſtoßen, um die Biber zu erſchrecken. Das durch dieſen unerwarteten Vorfall verurſachte Staunen verwandelte ſich raſch in einen gewaltigen Schrecken. Der Meſtize— wir brauchen wohl nicht zu ſagen, wer der vermeintliche Trapper war,— antwortete mit einem ähnlichen Gebrüll, und dann tauchte ſein Meſſer pis an den Griff in den Rücken des unglücklichen Fran⸗ eisco, den die eiſerne Hand Miſchblüts aus dem Sattel 1 herausriß, in dem er ſich ſelbſt feſtſetzte, während der Domeſtike kopfüber in's Waſſer ſtürzte. Der Meſtize warf ſeine Büchſe hinter ſich, in das hohe am Ufer ſtehende Gras. Mit einer Hand ergriff er den Zügel des Pferdes, das ſich neben dem ſeinigen befand, und machte, daß es ſich bäumte. Und dann traf in dem Augenblick, wo der zweite Domeſtike aus dem Sattel gehoben wurde, der Arm des Meftizen den Reiter, der zu ſeinem Kameraden ins Waſ⸗ ſer hinabſtürzte. Alles das war ſo raſch ausgeführt worden, daß dem Senator und dem Hacendero nicht ſo viel Zeit blieb, ſich in Vertheidigungsſtand zu ſetzen, als die durch das Signal Miſchbluts benachrichtigten acht In⸗ dianer ſich ſchon auf ſie geſtürzt, ſie vom Pferde herab⸗ geworfen, und in das hohe Gras am ufer fortgeſchleppt atten. 8 Der dritte Diener allein hatte beim Anblick der wilden Herrn des Ufers ſein Pferd mitten in das Waſ⸗ ſer hineingeſprengt, das ihn mit fortriß,— denn die Furt war weit von da,— als auf ein Wort des Meſtizen ein von den Geſträuchen des entgegengeſetzten Ufers ausge⸗ gangener Schuß ihn gleichfalls in den Fluß ſtürzte. Was Roſarita betrifft, ſo fiel die Unglückliche in dem Augenblick, wo ein Indianer ſich in den Fluß warf, um ſich des herrenloſen Pferdes zu bemächtigen, blaſſer als die Blumen der Seeroſen des Büffelſee's, mit graſſem Auge, den Mund halb geöffnet, gleich einer Statue von Alahaſter, und ohne daß ein Schrei ihrer beklommenen Bruſt ſich entwinden konnte, vom Pferde herab. Sie wurde von dem vermeintlichen Trapper fortgetragen. Inmitten dieſer furchtbaren Ereigniſſe hatte ſie zum erſten Male das Bewußtſein des ihr vorbehaltenen Schickſals, gle die flammenden Augen des Meſtizen die ihrigen trafen, und als ſie ſich von odiöſen Armen feu⸗ rig umſchloſſen fühlte. ——— 5 ——— 223 Dann ſtieß ſie einen herzzerreißenden Schrei aus, und ſchloß halb ohnmächtig die Augen. Indeſſen glaubte ſie inmitten dieſer raſchen Tranſi⸗ tion zwiſchen Leben und Fühllofigkeit einen andern Angſtſchrei zu hören; die Luft trug ihr Etwas, wie die letzten Silben ihres Namens zu. Dieſe Stimme war nicht die ihres Vaters; es war der wohlbekannte Ton einer theuren Stimme, die eine Secunde lang wie ein Echo einer fernen Welt in ihren Ohren ſchallte. „Ich danke Dir, lieber Gott!“ murmelte ſie im tiefſten Grunde ihres Herzens, mit der Blitzesſchnelle des Gedankens,„Du haſt es gewollt, daß ich ſeine Stimme auf dieſer Welt zuletzt höre.... Die Fühlloſigkeit des Körpers erſtickte bei Roſarita bald jeden Gedanken. Der Schrei war wirklich vom andern Ufer des Fluſſes ausgegangen, wo der alte Renegat und ein In⸗ dianer unſern armen Fabian ſcharf bewachten. Sechsundſiebzigſtes Rapitel. Ein kritiſcher Augenblick. Kaum waren die drei Gefangenen in das dichte Gras gebracht worden, das die indianiſche Piroge und die zwei ſtark geknebelten Männer verbarg, welche eine kurze Entfernung von dem gleichfalls geknebelten Fabian trennte; kaum war die immer noch fühlloſe Roſarita von dem Meſtizen in die Nähe ihres Vaters gebracht worden, als einer der Indianer eine große Staubwolke ſigſaliſirte, die an dem Fluſſe herab kam. Die am Eiſen der Lanzen umherfliegenden Haupt⸗ haare, die Mäntel von Büffelhäuten, die in dieſer Staubwolke, durch welche die Strahlen der Sonne von Beit zu Zeit drangen, hin und her flatterten, das Pferde⸗ gewieher, das der Wind herantrug,— Alles zeigte an, daß der Schwarzvogel mit ſeiner Truppe ſich näherte. Reiter führten unter dem ſie umgebenden Staub⸗ baldachin wilde Evolutionen aus, und ließen zu gleicher Zeit ein durchdringendes Geſchrei hören. Alle dieſe mit grellen Farben bemalten Geſichter, der phantaſtiſche Schmuck dieſer Raubritter der Wüſte, die im Sonnen⸗ ſchein erglänzenden Aerte, die regelmäßigen Schläge, welche gegen die Schilde geführt wurden, verliehen dieſer ungeordneten Truppe das fürchterlichſte Ausſehen. Bald ließ ſich auf beiden Seiten das Geſchrei: „Der Schwarzvogel! Rothhand! Miſchblut!“ hören, und in einem Nu kamen die Verbündeten des Meſtizen, gleich als ob ſie einen wüthenden Angriff hätten aus⸗ führen wollen, herangeſprengt, wobei ſie ein ohrenzer⸗ reißendes Geheul ausſtießen.* Dann öffnete ſich die berittene Schaar, beſchrieb um Miſchblut und ſeine Indianer her blitzſchnell einen Kreis, und in einem Augenblicke ſtand jedes Pferd, auf ſeinen bebenden Kniekehlen ruhend, ſtill. Eine tiefe Stille war auf dey Lärm gefolgt. Der Meſtize erwartete aufrecht, und ohne einen Schritt zu thun, den Häuptling; dabei hatte er ſein erborgtes Coſtüm beibehalten. Der Schwarzvogel hielt ſich gerade und feſt auf dem Pferde, obwohl die Schmerzen, die ihm ſeine letzte Wunde verurſachte, auf ſeinem Geſichte deutliche Spuren zurück⸗ gelaſſen hatten. Er ritt auf den Meſtizen zu, den er trotz ſeiner Verkleidung alsbald erkannte, und reichte Sohne Red⸗Hands die Hand. — * mit einer Miene voll ruhiger und ſtolzer Würde dem ——.— 22⁵ „Der Indianer,— der Sohn eines Weißen,— erwartete ſeinen Verbündeten,“ ſagte der Meſtize. „Iſt heute nicht die dritte Sonne?“ entgegnete der Schwarzvogel.„El⸗Meſtizo hat ſeine Zeit gut benützt,“ ſetzte er hinzu, mit dem Finger auf die Gefangenen deutend.* „Es ſind nicht die einzigen; vort unten iſt einer von den Weißen, der Sohn des Adlers der Schne⸗ berge.“ „Und was iſt aus dem Spottvogel und aus dem Adler der Schneeberge geworden? Ich Jatte meinem Bruder eilf Krieger anvertraut; was hat er mit denſelben ge⸗ macht?“ fragte der indianiſche Häuptling in ſtrengem Tone, nachdem er die erſte Regung der Freude unter⸗ vrückt, die ihm die Gefangennehmung Fabian's ver⸗ urſachte. „Neun ſind todt,“ antwortete der Meſtize.„Warum aber runzelt der Häupling die Augenbrauen? Er hat einen Tag und eine Nacht die drei Weißen auf dem Inſelchen im Rio Gila belagert; was hat er mit ſeinen Kriegern gemacht, welche die Fiſche des Fluſſes gefreſ⸗ ſen haben? Der Arm des Schwarzvogels iſt auf lange gelähmt. El⸗Meſtizo hat in zwölf Stunden den jungen Krieger aus Mittag gefangen, und den Adler, ſowie den Spottvogel entwaffnet, deren jetzt die Büffel, die Damhirſche, und die indianiſchen Kinder ſpotten.“ „Der Adler der Schneeberge und der Spottvogel verfolgen unſere Spur; ſie haben neue Waffen, und haben ihren Weg mit neuen Leichnamen von unſern Kriegern beſäet.“ Dann erzählte der wilde Häuptling dem Meſtizen, was dieſer noch nicht wußte, die Kämpfe nämlich, die er ſeit ſeinem Weggange aus dem mericaniſchen Lager beſtanden,— und bei dieſem Berichte konnte der Meſtize ſich nicht enthalten, mehr denn einmal mit den Zähnen zu knirſchen. Der Waldläufer. Iv. 15 Indeſſen beobachtete der Schwarzvogel und Miſch⸗ blut, unter dem Eindrucke von Gefühlen gegenſeitiger Unzufriedenheit, ein bedeutſames Schweigen, als der Bericht beendigt war. Vielleicht würde es bei dieſer Zuſammenkunft bald zu bitteren Worten gekommen ſein, wenn nicht ſechs andere Krieger herbeigekommen wären; es waren die Ueberreſte der Truppe der Antilope, die dem Gemetzel am Durchpaſſe entronnen waren, wo der Läufer ſelbſt umgekommen war. Dann wandte ſich die ganze Wuth der Indianer gegen Fabian; es war dieß der natürliche Ausgang, den ſie ſinden mußte. „Wo iſt der Sohn des Adlers der Schneeberge?“ rief der Schwarzvogel. „Dort unten!“ antwortete der Meſtize, die Dickung am andern Ufer bezeichnend, wo Red⸗Hand ſeinen Ge⸗ fangenen bewachte. „Er muß ſterben!“ ſagte der Häuptling. Ein Freudengeheul empfing dieſen kurzen und furcht⸗ baren Ausſpruch. Als das Geſchrei vorbei war, ergriff der Meſtize wieder das Wort. „Brennſtrahl,“ ſagte er,„iſt uns auch auf der Spur; das weiße Mädchen, das hier liegt, zieht ihn nach dem Büffelſee hin. Allein er wird ſie nicht mehr finden; El⸗Meſtizo führt ſie mit ſich in ſeine Hütte, während der Schwarzvogel mehr als hundert Pferde finden wird, welche die Weißen innerhalb des Zaunes gefangen halten. El⸗Meſtizo überläßt dem Häuptlinge der Apachen ſeinen Antheil; die Seetaube hat für ihn mehr Werth, als alle wilden Pferde der Prairien.“ Die ruhige Unverſchämtheit, die bei dem Meſtizen aus dem Bewußtſein ſeiner Kraft, ſeiner Geſchicklichkeit und ſeiner unbezähmbaren Kühnheit entſtand, und wo⸗ mit derſelbe das dem Schwarzvogel gegebene Wort zu⸗ rücknahm, als dieſer ihm nicht mehr nützlich ſein konnte, brachte den indianiſchen Häuptling in Wuth. Indeſſen fühlte er, daß ſeine Wunde an der Schulter ihn eines Theils ſeiner Macht beraube, und daß zudem unter allen Umſtänden die Büchſen Red⸗Hands und Miſchbluts mächtige Hülfsgenoſſen ſeien. Der Schwarzvogel ver⸗ barg daher ſeinen Zorn, wie einſt die Könige, die in Fällen der Gefahr ſich in die Nothwendigkeit verſetzt ſahen, mit mächtigen Vaſallen zu unterhandeln. „El⸗Meſtizo,“ ſprach er,„will uns ſo geſchwind verlaſſen, daß er etwas Wichtiges vergißt. Sollte er ſich vor dem Krieger fürchten, deſſen Ziel der Büffelſee iſt, daß er ſich nicht mehr erinnert, wie er verſyrochen, den in meine Hände zu geben, welchen die Comanches Brennſtrahl nennen?“ Dieſe letzten Worte des indianiſchen Häuptlings hatten die Wirkung, daß der Meſtize, der nun wieder in ſeinem gewöhnlichen Coſtüme daſtand, und ſich mit ſeinen Gefangenen entfernen wollte, plötzlich alle Vor⸗ bereitungen zur Abreiſe einſtellte. „Es iſt gut, El⸗Meſtizo wird da bleiben, weil er fich vor Nichts fürchtet, nicht einmal vor den brennen⸗ den Strahlen des großen Geiſtes,“ antwortete der Me⸗ ſtize ſtolz, indem er auf den Kriegsnamen desjenigen anſpielte, den er, wie man ihn beſchuldigte, fürchten ſollte, und den er verſprochen hatte, an den Schwarz⸗ vogel auszuliefern. Die Truppe des Schwarzvogels beſtand, ungeachtet der verſchiedenen Verluſte, die ſie mit ihrem Marſche bis an den Red⸗Fork erlitten hatten, noch aus etwa vierzig Reitern. Zehn Indianer begleiteten die zwei Wüſtenräuber; ſechs andere hatten ſich ſveben noch mit dieſen fünfzig Kriegern vereinigt. Die Apachen waren alſo ſtark genug, um die Vaqueros⸗ von denen ſie übri⸗ gens glaubten, daß ſie ohne alles Mißtrauen wären, mit Vortheil anzugreifen, ſelbſt für den Fall, daß der junge Anführer der Comanches mit ſeinen Reitern recht⸗ zeitig herankäme. So ſchnell war der Marſch der indianiſchen Reiter geweſen,— denn es war kein einziger Fußgänger mehr unter ihnen,— daß es beinahe gewiß war, daß die Jäger mit ihren Verbündeten nicht vor Nacht, oder früheſtens nicht vor Sonnenuntergang beim Büffelſee eintreffen würden. Die Krieger der Wüſte haben aber die Unvorſich⸗ tigkeit der Kinder, deren wilde Laune ſie theilen. Ein Schauſpiel, das noch anziehender für ſie war, als der Raub der Pferde, war der Martertod eines Weißen. Die zwei Gefangenen, der Hacendero und der Se⸗ nator, waren das ausſchließliche Eigenthum Miſchbluts, der auf ihre Loskaufung die Hoffnung einer reichen Beute gründete; ihr Leben war alſo heilig; das des unglücklichen Fabian dagegen ſollte bei der grauſamen Beluſtigung, die ſich die Indianer verſprachen, geopfert werden. Es wurde ſofort beſchloſſen, daß man den Jüngling vor dem Kampfe als Sühnopfer abſchlachten wolle. Während die Aerte der Indianer einen jungen Weidenbaum abäſteten, der in der Nähe ſtand, um den Stamm in eine Art Marterpfahl zu verwandeln, hatte Roſarita den vollen Gebrauch ihrer Sinne wieder er⸗ langt. Als aber das unglückliche Mädchen ihren Vater und den Senator geknebelt, und die funkelnden Augen des Meſtizen ſah, die, von einem unzüchtigen Feuer lodernd, auf ſie geheftet waren, konnte ſie, ungeachtet der Stimme ihres Vaters, der ſie zu tröſten ſuchte, und, während er ihr Muth einſprach, ihre Peiniger ver⸗ fluchte, nicht verhindern, daß eine andere Ohnmacht auf die erſte folgte. „Stille, Freund!“ ſprach der Meſtize kalthlütig zu Don Aguſtin,„ſeien ſie wegen Ihres Lebens nicht in Sorgen: einige Säcke voller Piaſter, und etwa hundert Pferde werden Ihre Loskaufung aus meinen Händen bewirken. Was die Seetaube betrifft, ſo wird ſie zuerſt das Weib eines tapferen Kriegers werden; ſpäter wollen wir vann ſehen, welches Löſegeld wir für ſie fordern — geſchwächte Geräuſch abrechnete, das die Biber durch 229 ſollen. Ich habe ſagen hoͤren, die weißen Weiber fügen ſich ſo wenig dem Willen ihrer Männer, daß man ſich ihrer nach Verfluß einiger Zeit gerne entledigt,— wenn man auch Nichts dafür bekommt.“ Und dann betrachtete der Meſtize, ohne auf die Verwünſchungen des ungeſtümen Don Aguſtin und auf die demüthige Bitten des Senators zu achten, mit gleichgül⸗ tigem Auge die Vorbereitungen zum Martertode Fabian's. Wie einige Tage vorher Don Antonio de Mediana, deſſen Minuten gezählt waren, den vom Dolche Fabian's geworfenen Schatten allmählig abnehmen ſah, ſo be⸗ zeichnete jetzt jedes Weiterrücken der Sonne nach We⸗ ſten in der Exiſtenz Fabians einen Augenblick weniger. Wollte Gott gegen den Richter des ſpaniſchen Edelmanns das Wiedervergeltungsrecht in ſeiner vollen Strenge üben? Man konnte es befürchten, denn in den kurzen Augenblicken der Stille vermiſchte ſich kein fernes Geräuſch mit den Seufzern des Schilfs am Fluſſe; keine Staubwolke am Horizonte, keine kräftigen Ruder⸗ ſchläge auf dem Waſſer zeigten das Kommen ſeiner Freunde an. Noch einige Augenblicke, und die, welche ſeit zwei Tagen und zwei Nächten ſeine Spur verfolg⸗ ten, hatten nur noch ſeinen Tod zu rächen. Eine Hand voll dürren Graſes hatte einige abge⸗ ſtorbene Aeſte des Weidenbaumes entzündet; von den Indianern herbeigebrachte Reisbündel brannten in den angezündeten Feuern lichterloh. Die furchtbaren Zube⸗ reitungen zu dem Martertode waren beendigt; am Ho⸗ rizonte immer noch dieſelbe Stille, immer noch dieſelbe Unbeweglichkeit, wenn man den Regenvogel, der pfeil⸗ ſchnell über die Lagunen hinſlog,— wenn man das ihr Untertauchen in den fernen Sümpfen hervorbrachten. „Iſt der Augenblick nun gekommen?“ fragte der Meſtize den Schwarzvogel. „Meine Krieger warten nur noch auf den Gefan⸗ genen,“ antwortete der indianiſche Hänptling „Es ſoll der Wille meines Bruders geſchehen!“ Der Meſtize gab nun den Befehl, den Gefangenen mit ſeinen zwei Wächtern in der Piroge herbei zu holen. „Ah! ich bin herzlich froh, daß es nun ſo weit iſt,“ rief von dem andern Ufer, wo er die Zurüſtungen zu dem indianiſchen Schauſpiele geſehen, der alte Red⸗Hand herüber, indem er ſeine hohe Statur über den Gebüſchen zeigte;„die Rolle eines Wachhundes fing an, mich gewaltig zu langweilen.“ Der aite Renegat, an dem nur Haut und Knochen waren, ſtreckte ſich, während er dieſe Worte mit einem Gähnen der Langweile ſprach. „Wohlan, Burſche!“ ſagte er dann wieder, indem er ſich bückte,„Du wirſt dieſer Trödelei wohl ebenſo müde ſein, wie ich, denn ich bin derſelben herzlich müde, bei allen Teufeln der Hölle!“ Einen Augenblick darauf ſah man den Körper Fabian's, von den kräftigen Armen des Amerikaners in die Höhe gehoben, ebenfalls über dem Lonbe. „Halt Dich feſt 1 So iſt's recht!“ ſprach der unbarmherzige Greis, während der Gefangene, deſſen Glieder durch die Bande, die ſie umgaben, ganz em⸗ pfindungslos gemacht waren, ſich anſtrengte, um ſein Gleichgewicht zu behaupten, und ſich, wie ein Krieger, ver ſeine Ehre darein ſetzt, den letzten Augenblick auf⸗ recht zu erwarten, ſich gerade und feſt zu halten. „Und nun kannſt Du Etwas ſingen, wenn Du vich zerſtreuen willſt,“ fuhr der alte Räuber fort. Das blaſſe Geſicht Fabian's, deſſen Auge noch glänzte⸗ ohne daß die Nähe eines furchtbaren Todes das Feuer desſelben geſchwächt hatte, zeigte ſich nur einen Augen⸗ blick, der Körper des Gefangenen wankte auf den ange⸗ ſchwollenen Beinen, ſank, der Hülfe der Arme beraubt, zuſammen, und ſiel hinter die Gebüſche. „Befreie meine Arme von ihren Banden,“ ſagte er mit feſter Stimme zu Red⸗Hand,„was haſt Du zu be⸗ fürchten 2“ 231 „Nicht Viel; darauf ſoll es nicht ankommen. In einem Augenblicke wirſt Du ſehen, daß man Dir deß⸗ halb kein Stück weniger aus dem Leibe ſchneidet!“ Der Renegat zerſchnitt den Knoten der Riemen welche die Arme Fabian's feſſelten, und der Jüngling fonnte nun wieder auſſtehen und ſich aufrecht halten. Eine letzte Hoffnung, ein letzter Gedanke ſchien in ihm zu leben,— indeſſen war es mehr ein Gedanke, als ein Hoffnungsſtrahl, denn ſeine Augen warfen nur einen Blick auf den Horizont, um die in der Ferne immer noch ſtille Wüſte zu befragen, und concentrirten bald ihre ganze Aufmerkſamkeit auf das entgegenge⸗ ſetzte Ufer, von wo der Angſtſchrei, auf den er geant⸗ wortet, ausgegangen war⸗ Aber das dichte Gras entzog ſeinem Blicke die Gruppe der drei Gefangenen, unter denen der Senator und der Hacendero ſich ſchaudernd fragten, wer wohl der Unglückliche ſein könnte, der gemartert werden ſollte. Ihrerſeits konnten die zwei Gefangenen durch die grünen Maſſen hindurch, die ihre Blicke nicht weiter dringen ließen, Fabian nicht ſehen⸗ Endlich war die Piroge im Waſſer, und ſchon woll⸗ ten zwei Indianer in derſelben wegrudern, als ein furchtbares Geſchrei,— ein Geſchrei, ſo laut wie das⸗ welches Achilles hören ließ, als er aus ſeinem Zelte trat, um den Tod des Patroelus zu rächen,— die Luft gewaltig vibriren machte. Dieſes Geſchrei war vom Biberteiche ausgegangen⸗ Die Indianer konnten es nicht ohne Beben hören, und Fabian fühlte inſtinktmäßig, daß dieſe Stimme die eines Freundes ſei. Noch vibrirte die Luft unter dem Einfluſſe dieſes Geſchreies, als ein zweiter, der gewaltigen Bruſt des Waldläufers entſtiegener Schrei den erſten übertönte. Einen Augenblick darauf machte die Stimme des Karabiniers ebenfalls die Echos gellen⸗ Roſenholz und Pepe hatten den Echos den Namen SS Fabian's, als eine Schranke zwiſchen dem Tod und ihm, hingeworfen, und Fabian antwortete auf den Schrei, ohne zu zittern. „Verfluchter Hund!“ rief Rothhand, ſein Meſſer erhebend, um damit den Jüngling zu treffen. Fabian hielt den Arm des Renegaten auf, und ein kurzer Kampf, deſſen Ausgang die außerordentliche Stärke des Amerikaners nicht zweifelhaft gemacht hätte, fand nun zwiſchen dem Gefangenen und dem blutdür⸗ ſtenden Wächter Statt, als ſich mit den von drei ver⸗ ſchiedenen Seiten ausgegangenen Schreien des Kana⸗ diers, des Spaniers, und Brennſtrahls ein Geheul ver⸗ miſchte, das von allen Seiten, von Norden, Süden, und Oſten herkam. Inmitten dieſes Lärms hallte das wüthende Ge⸗ bell eines Hundes wie das Gebrüll eines gefeſſelten Löwen. Bei einer der Anſtrengungen, die Fabian machte, um das Meſſer Red⸗Hands von ſeiner Bruſt fern zu halien, ſchlug der Jüngling, der auf ſeinen durch die Riemen gelähmten Beinen nicht feſt ſtand, auf den Boden hin. Dieſer Sturz rettete ihm für einen Augenblick das Leben. Das in dem bis dahek ſo ſtillen Thale immer mehr zunehmende Getoͤſe nahm die Aufmerkſamkeit des alten Renegaten in Anſpruch, und gab den Gedanken des Wüthenden eine andere Richtung; er erinnerte ſich, daß das Leben des Gefangenen nur dem Schwarzvogel ge⸗ hörte, und ſuchte den Feind, der ſie bedrohte, zu ſehen. Allein der grüngelbe Vorhang, der ſich vor ſeinen Augen ausdehnte, verhinderte ihn daran. Alles, was er von ſeinem Poſten aus unterſcheiden konnte, waren einige Köpfe von Indianern, die ſich am Geſchwindeſten wieder auf ihre Pferde geſchwungen hatten; weiterhin bemerkte er ſo gewaltige Undulationen in dem hohen Graſe, das die erſchrockenen Geſichter der Reiter beherrſchte, daß man hätte glauben können, es würden dieſelben durch eine heranſtürmende Büffelheerde verurſacht. Zu gleicher Zeit kreuzten ſich fünf von der rechten und von der linken Seite kommenden Schüſſe hinter der Truppe der Apachen, und warfen die fünf Krieger, die ſich kaum im Sattel befeſtigt hatten, zu Boden. Der alte Renegat ſah dann, während er eine Mil⸗ lion furchtbarer Flüche ausſtieß, wie auf dem entgegen⸗ geſetzten Ufer ſich Alles zu flüchten anfing. Die Büchſe in der Hand, ſuchte er vergeblich einen der Feinde, die er hörte, und die er vor dem hohen Graſe nicht ſehen konnte. Einige Indianer, die von ihren Pferden zu weit enifernt waren, um einen Verſuch zu machen, ob ſie nicht den Ort erreichen könnten, wo die Thiere ange⸗ bunden waren, warfen ſich in die Piroge, und ruderten, des Geſchreies Red⸗Hand's, und der Flüche, ſowie der Befehle Miſchbluts ungeachtet, mit aller Macht dem entgegengeſetzten Ufer zu. Der groͤßere Theil der übrigen Apachen war unter⸗ veſſen aufgeſtiegen. Dieſe aber trieben ihre Pferde un⸗ geſtüm in den Fluß hinein, denn aus der hinter ihnen liegenden Ebene ſtieg ein dicker Rauch auf, und ſchon züngelten die Flammen durch das hohe Gras hin. Der Schrecken hatte die indianiſchen Krieger noch ſchneller ergriffen, als der Brand ſich über die Ebene hin verbreitete. Die andern, die nicht ſo viel Zeit gehabt hatten, um aufzuſitzen, ſuchten ſchwimmend über den Fluß zu kommen. „Krieger mit Weiberherzen, Feiglinge!“ heulte Miſchblut wüthend, indem er, obwohl vergebens, ver⸗ ſuchte, die fliehenden Indianer zurückzuhalten. Allein der vom Winde fortgetriebene Rauch, das Kniſtern des ſich entzündenden Graſes, und vor Allem der paniſche, durch den plotzlichen Angriff unſichtharer —— S. —— 8 Feinde verurſachte Schrecken, machten alle Anſtrengungen des Meſtizen zu Schanden. Er ſelbſt mußte eine koſtbare Beute in Sicherheit bringen. Er hörte daher auf, unnütze Vorſtellungen zu ma⸗ chen, ergriff den Zügel eines der Pferde, von dem der Reiter heruntergeſchoſſen worden war, und ſprang auf Roſarita in dem Augenblicke zu, wo dieſe endlich wieder die Augen öffnete. Das Knallen der Büchſen hatte ihrer Lethargie ein Ende gemacht, und der erſte Gegenſtand, ver ſich ihrem Blicke darbot, war wiederum der furcht⸗ bare Meſtize, den die Leidenſchaften, von denen er be⸗ ſeelt war, noch furchtbarer machten. Vergebens ſuchte ſie zu fliehen. Der Meſtize ergriff ihren Arm, und ungeachtet ihres Geſchreies, ungeachtet des Geſchreies ihres Vaters und des Senators, die ſich in ihren Banden nicht rühren konnten, nahm Miſchblut ſie in die Arme, warſ ſie quer über den Sattel, und ſprang ſelbſt hinten auf. Einen Augenblick darauf durchſchnitt ſein Pferd mit der Bruſt das Waſſer des Fluſſes, das noch vierzig andere Pferde durchſchwammen und kochen machten. Alles, was hier erzählt worden, war ſo raſch ge⸗ ſchehen, daß keiner von den Angreifenden dieſe letzte Epiſode hatte verhüten können. Eine Rauchwolke verbarg ihnen den Feind; aus dieſer ſchwarzen Rauchwolke aber drangen verworrene Stimmen. „Hierher, Roſenholz!“ rief die donnernde Stimme Pepe's.„Ich höre den Hund von einem Meſtizen heulen. Wo biſt Du, roth⸗weiße Viper?“ „Hülfe! Hülfe! im Namen aller Heiligen!“ ſchrien zu gleicher Zeit der Senator und der Hacendero, die ſich in ihren Banden hin und her warfen, von dem Orte aus, wo lange, ſchwarze, undulirende Rauchmaſſen ſich auf ſie zuwälzten. „Wilſon!“ rief eine Stimme. „Sir!“ antwortete eine andere. und der Rauch erhob ſich in dichten Wirbeln, und in dem Augenblicke, wo die Büchſen nicht knallten, fniſterte das Gras der Ebene unter den Flammen, die überall empor züngelten. In der vollſtändigen Verwir⸗ rung, die unter den Angreifenden, wie unter den Flie⸗ henden herrſchte, würde man den Senator und Don Aguſtin trotz ihres Geſchreies vergeſſen haben, wenn nicht die Stimme Sir Frederick's erſchallt wäre. „Wilſon!“ rief der Engländer,„hoͤren Sie auf, ſich mit meiner Perſon zu beſchäftigen; es find irgend⸗ wo, aber nicht weit von hier, zwei Unglückliche, die ſich in großer Gefahr befinden. Hören Sie ſie? Wohlan! denken Sie, ich ſei es.“ Zu gleicher Zeit ſprangen der Engländer und der Amerikaner, einen großen Umweg machend, um dem wallenden Feuer zu entgehen, nach dem Orte zu, von wo das Geſchrei und die Hülferufe ausgingen. Es war hohe Zeit, denn ſchon warfen die Flammen ein bren⸗ nendes Licht auf Don Aguſtin und ſeinen Unglücksge⸗ noſſen, als die zwei Retter herbeikamen und ihre Bande vurchſchnitten. Kaum war der unglückliche Vater frei, ſo ſtürzte er nach dem Ufer des Fluſſes hin. Einen Augenblick ſah er eine verworrene Maſſe von Pferden und Reitern, v die ſtarke Strömung ankämpften,— eine Maſſe von Menſchenköpfen und wie⸗ hernden Thieren, die ſich bei ihren raſchen Evolutionen gegenſeitig hinderten, indem jeder Reiter wieder dem andern zuvorzukommen ſuchte. Einige der Letzteren wur⸗ den vom Strome fortgeriſſen, Andere dagegen erreich⸗ ten glücklich das entgegengeſetzte Ufer⸗ Unter dieſen zeigte ſich einen Angenblick der mit ſeiner Bürde belaſtete Meſtize. Don Aguſtin ſah noch Etwas von dem flatternden Gewande Roſarita's; allein der Reiter, der ſie entführte, verſchwand plötzlich hinter den Baumwollbäumen In dem Augenblicke, wo der Hacendero, als er ſeine vielgeliebte Tochter aus den Augen verloren, einen Wuth⸗ und Schmerzensſchrei ausſtieß, fühlte er, wie er durch eine kräftige Hand zu Boden geworfen wurde. Don Aguſtin hatte noch nicht ſo viel Zeit gehabt, um ſich von dieſem neuen Zwiſchenfalle Rechenſchaft zu ge⸗ ben, als eine Kugel einige Zoll über ihm hinpfiff. „Sie ſind ſchön davongekommen,“ ſprach eine Stim⸗ me neben dem Hacendero phlegmatiſch. Es war Wilſon, der hinter ihn hingekrochen war, und ihn gerade in dem Augenblicke, wo Rothhand, ohne er es bemerkte, nach ihm zielte, heftig umgeworfen atte. „Sehen Sie,“ hob der Amerikaner wieder an, „ſehen Sie nur, der Spitzbube flieht, aus Scham dar⸗ über, daß er fehlgeſchoſſen! Ach! hätte ich ſo viel Zeit gehabt, um meine Büchſe wieder zu laden! Allein ich dachte an Nichts, als daran, wie ich Sie vor dem Feuer⸗ tode bewahren, und wie ich Ihnen Ihren Schädel un⸗ verſehrt erhalten könnte.“ Während dieſer Zeit hatte der letzte indianiſche Rei⸗ ter das andere Ufer erreicht. Rothhand verſchwand nun auch, er war aber nicht allein. Die zwei Wächter Fabian's ſchleppten dieſen ungeachtet ſeines Sträubens mit fort, und der alte Renegat unterſtützte ſie mit ſeiner unwiderſtehlichen Kraft. „Hoffen Sie auf Gott!“ ſprach die ernſte Stimme Sir Frederick's, der nun auch an das Ufer des Fluſſes herankam, wo ungeachtet der brennenden Hitze, die das Feuer vor ſich her verbreitete, dieſes auf einem feuchten und nackten Boden erloſch.„Es iſt dort unten Jemand, der über Ihre Tochter wacht. Wir ſchließen dieſe Spitz- buben von allen Seiten ein, und keiner ſoll entkommen“ Während der Engländer bieſe Worte ſprach, zeigte er Don Aguſtin auf jeder Seite des Ufers, an dem er ———— — ———.———„— ſich befand, etwa zwanzig ſeiner Vaqueros, die berit⸗ ten waren, und ſich am Ufer aufgeſtellt hatten. „Sehen Sie noch weiter hin, da und dort ſind treue und tapfere Hülfsgenoſſen,“ fuhr Sir Frederick fort. Bei dieſen Worten zeigte der Engländer auf Diaz und Pepe, die in einer Entfernung von zweihundert Schritten, am obern Theile des Fluſſes, zu Pferde und neben einander den Fluß durchſchnitten, und das ent⸗ gegengeſetzte Ufer erreichten. In derſelben Entfernung, am untern Theile des Fluſſes, ſetzten in einem Kahne, deſſen ſeltſamen Bau der Hacendero mit vielem Stau⸗ nen bemerkte, fünf Männer, unter denen zwei athletiſche, über ihre Ruderſtange geneigte Ruderer ſich befanden⸗ über den Fluß, während ein wüthender Hund ihnen nach⸗ heulte. Der Hacendero erkannte die vier Biſonjäger; wäs den fünften betrifft, gegen welchen der ſtarke Encinas nur wie ein Mann von gewöhnlicher Größe erſchien, ſo kannte Don Aguſtin ihn nicht. 3 „Es iſt Roſenholz,“ ſagte Sir Frederick,„der Waldläufer aus Untercanada, dem, wie Ihnen Don Aguſtin, ein Kind,— ein vielgeliebter Sohn, die Hoff⸗ nung und die Liebe ſeines Lebens, geraubt worden iſt. Dort unten, am Biberteiche befindet ſich noch ein junger, tapferer Krieger vom Stamme der Comanches,— er iſt ihr Verbündeter, und Alles, was ein Menſch thun kann, werden dieſe Männer thun.“ Der Waldläufer und der ſpaniſche Jäger bemerk⸗ ten einander zu gleicher Zeit, ungeachtet der Entfernung⸗ die ſie trennte. Sie gaben ſich mit der Hand ein be⸗ redtes und ſtilles Zeichen, wie Leute, die keine Worte zu wechſeln brauchen, um einander zu verſtehen⸗ „Ah! der, welcher meine Tochter rettet, ſoll ſein Leben lang reich ſein!“ rief der Hacendero, um ſie an⸗ zufeuern. Der reiche Don Aguſtin wußte nicht, daß in jeder dieſer Gruppen entſchloſſener Männer, die, demſelben Ge⸗ danken gehorchend, den Fluß in demſelben Augenblick paſſirten, ſich Einer befand, der Schätze verſchmäht hatte, gegen die ſein großer Reichthum faſt Armuth war. Und als der Hacendero ſein Verſprechen, den auf immer reich zu machen, der ihm Dona Roſario zu⸗ rückbringen würde, abermals wiederholte, wechſelten die beiden Jäger abermals einen Blick und ein Zeichen. Pepe trieb ſein Pferd, das unter ſeinem Reiter tüchtig ſchwamm, ſtärker an, und Roſenholz gab dem Kahne einen raſcheren Impuls. Der Hacendero dachte, es geſchehe dieß, um die verſprochene Belohnung zu erlangen; und Gott weiß, wie groß ſein Irrthum war. Ein Flintenfeuer, das plötzlich in der Richtung des Biberteiches losbrach, bewies, daß Brennſtrahl und Gay⸗ feros ebenfalls nicht müſſig blieben. Die Stimme des jungen Anführers drang auch bis zu dem Ufer herüber, das Wilſon und Sir Frederick bewachten, und um dem Comanche zu beweiſen, daß ſie ihn unterſtützten, ließen Diaz Pepe, Roſenholz, und Encinas gleichfalls ein furcht⸗ hares Geſchrei erſchallen. Bald ſah Don Aguſtin, wie ſie das andere ufer erreichten, und wie ſie auf den Ort zuſtürzten, an den ſie ſo theure Intereſſen riefen,— zwiſchen den Weiden⸗ und Baumwollbäumen hindurch, welche den ſumpfigen Landſtrich, wo die Indianer ſich nun vertheidigen muß⸗ ten, faſt ganz bedeckten. Als ſie verſchwunden waren, zeigte das Gebell des dem Büffeljäger Enecinas gehörenden Hundes, indem es ſich immer mehr entfernte, an, daß die tapferen Aben⸗ teurer immer weiter vorrückten,— ungeachtet der Schwie⸗ rigkeiten, welche das Terrain darbot, und ungeachtet der Gefahren, welche undurchdringliche Dickichte bargen⸗ ————— Siebenundſtebzigſtes Kapitel. ⸗ Der Biberteich Ehe wir in unſerer Erzählung fortfahren, müſſen wir mit einigen Worten das plötzliche Erſcheinen der Jäger und Indianer unter den Befehlen Brennſtrahls, ſowie das der Vaqueros Don Aguſtins am Red⸗Fork rechtfertigen. Man hat geſehen, daß, mit Ausnahme Reb⸗Händs und Miſchbluts, deren Truppe ziemlich weit voran war, die drei anderen Haufen, die ſich nach dem angegebenen Orte, als dem Punkte ihrer Vereinigung begaben, in kurzer Entfernung auf einander folgten. Entſchloſſen, denen, die er angreifen wollte, zuvorzukommen und die Unterſtützung der Vaqueros Don Aguſtins zu benützen, bat der Comanche Sir Frederick, ihm ſein Pferd zu leihen, und dann ſprengte der Indianer nach dem Büffel⸗ ſee hin, nachdem er ſich zuvor mit den beiden Jägern über den Poſten, den Jeder einnehmen ſollte, ſowie über die Zeichen und das Geſchrei verſtändigt hatte, welche die Wieververeinigung erleichtern ſollten. Der Comanche war, da er, einmal am Red⸗Fork angekommen, ſeiner Sicherheit wegen hatte einen Um⸗ weg machen, und den Flußarm umgehen müſſen, der wurch die Dämme der Biber, die ſein Waſſer ableiteten, faſt ausgetrocknet worden war, Don Aguſtin bei der Excurſion, die für dieſen ſo unglücklich abgelaufen, nicht begegnet. Nachdem Brennſtrahl den großen Fluß⸗ arm an der Furt paſſirt hatte, die Encinas dem Hacen⸗ dero angezeigt, langte er an dem Ufeß des Büffelſees eine Stunde, nachdem Don Aguſtin letzteren verlaſſen, an. macht hatte. Dort ſollten ſie, um anzugreifen, das Sig⸗ Er benachrichtigte den Büffeljäger in der Eile von den Abſichten, welche die Indianer und die zwei Prairie⸗ n Ränber nach dem Red⸗Fork führten; und es wurde En⸗ l cinas, der den Vaqueros die Gefahr ſchilderte, die ſie alle ſammt den Herrſchaften bedrohte, nicht ſchwer, alle 1 zum Aufſitzen zu bewegen, um die Ufer des Fluſſes zu umzingeln, während Brennſtrahl nach dem Fork zurück⸗ kehrte, um die Ankunft des Kanadiers und der ganzen Truppe, die er zurückgelaſſen, zu erwarten⸗ Der junge Comauche brauchte nicht lange zu warten. Dann erreichte Brennſtrahl mit Gayferos und ſechs Indianern vom kleinen Flußarm aus das Thal. Pepe, Roſenholz und die Uebrigen ſtiegen aus, ehe ſie den Fork erreichten, wo der Schwarzvogel Halt ge⸗ nal des Comanche erwarten. Der furchtbare Schrei, der die Echos des Red⸗Fork⸗Thales überraſcht hatte, war von dem Comanche ausgeſtoßen, und der Angriff, wie man geſehen, ungeſtüm begonnen worden. Nachdem wir dieſe Erklärungen gegeben, hindert ns Nichts mehr, Roſenholz und dem ſpaniſchen Jäger in ihren letzten Verſuchen, den Händen des Indianers ihren jungen und vielgeliebten Gefährten, ſowie die Tochter Don Aguſtins zu entreißen, zu folgen⸗ Diaz und Pepe waren etwa in demſelben Augen⸗ blicke am andern Ufer angekommen, wo Roſenholz mit Eneinas und den drei Biſonjägern in ihrem büffelleder⸗ nen Kahne dort landeten. Als die ſechs Kämpfer in ſchräger Richtung auf einander zugingen, um ſich wieder zu vereinigen, wobei⸗ ſie die Localitäten fleißig unterſuchten, beſchloß Sir Fre⸗ derick, dem ſein abenteuerlicher Geiſt die Rolle eines bloßen Zuſchauers unerträglich machte, mit einem Male, den Jägern bei ihrem Angriffe kräftigſt beizuſtehen, und es ward ihm leicht, Wilſon, ſeinen Leibwächter, zum Mitgehen zu bewegen⸗ n⸗ it L⸗ uf ei⸗ re⸗ es le, nd im 241 Don Aguſtin wollte am Kampfe gleichfalls Theil nehmen; allein er mußte den Vorſtellungen des Eng⸗ länders nachgeben, der ihm begreiflich machte, daß ſeine Anweſenheit am Ufer nöthig wäre, um unter ſeinen an indianiſche Kämpfe wenig gewöhnten Vaqueros die nö⸗ thige Ordnung zu erhalten. Nachdem dieſer Punkt in Ordnung war, beeilte ſich der Amerikaner, der Sir Frederick mehrmals wie⸗ derholte, daß er, Sir Frederick, ſich freiwillig der Ge⸗ fahr ausſetze, und daß Wilſon für den Augenblick aufhöre, für ſeine Perſon verantwortlich zu ſein, hinter dem Engländer her nach der Furt hinzulaufen. Während dieſer Zeit hatte ſich Pepe ſammt Diaz mit dem Waldläufer und den Biſonjägern vereinigt. Die zwei Waffengenoſſen wechſelten, aufgeregt von dem Gedanken an die Gefahr, die Fablan bedrohte, und an den entſcheidenden Kampf, der bevorſtand, einen ſtillen, aber vielſagenden Blick. „Er lebt noch, Roſenholz,“ ſprach Pepe, der die ſtumme Sprache ves Waldläufers verſtund;„frag' Diaz⸗ wir haben ſo eben hinter einem Weidengebüſche neben den büffelartigen Fußſpuren Red⸗Hand's die Fabian's geſehen; ſie gehen dorthin.“ Der Spanier deutete auf eines der großen, aus Baumwollbäumen beſtehenden Dickichte, womit die ſum⸗ pfige Ebene überſäet war. Diaz beſtätigte die Worte Pepe's. „Die Spitzbuben wollen ſich in pieſen Dickichten⸗ welche den Biberdamm und den halb ausgetrockneten Arm des rothen Fluſſes begrenzen, verſchanzen. Hörſt Du ſie?“ ſprach der Karabinier. Ein Geräuſch von Arthieben, die gegen Baumſtämme geführt wurden, drang aus der Ferne „Du haſt Recht,“ antwortete der Kanadier.„Fürch⸗ tete ich nicht für das Leben des armen Kindes, ſo würde ich dem Himmel danken, daß er uns dieſe reißenden Der Waldläufer, Iv. 16 Thiere ſo in die Hände gibt; allein es iſt ein ſchauder⸗ hafter Gedanke, daß das Leben meines Fabian von der Laune oder dem Zorne eines Indianers abhangen ſoll.“ „Sie werden es jetzt weniger als je wagen,— ich ſage es Dir,“ verſetzte Pepe;„der Tag wird nicht vergehen, ohne daß ſie zu eapituliren verlangen.“ Encinas hielt nur mit vieler Mühe ſeinen Hund zurück, der nach dem Orte hinſpringen wollte, wo er die Indianer roch. Da kam Roſenholz plötzlich der Gedanke, den In⸗ ſtinkt des Thieres zu benützen. Er zog unter ſeinem Wammſe den ſeines Bodens baaren Hut Fabian's her⸗ vor, und ſagte, während er denſelben Encinas über⸗ reichte: „Laſſen Sie doch Ihren Hund an dieſem Hute rie⸗ chen,— es iſt der Hut des jungen Mannes, den ich ſuche; ich habe in ähnlichen Fällen dieſe Thiere Leute aufſuchen ſehen, deren Spur man nicht mehr finden konnte.“ Der Biſonjäger nahm den Hut aus den Händen des Kanadiers und ließ Oſo das Innere deſſelben be⸗ riechen. Das verſtändige Thier ſchien zu errathen, was man von ihm erwartete, und ſprang, nachdem es die Ema⸗ nationen, welche dieſes Kleidungsſtück Fabians behalten, gierig eingeathmet hatte, vfeilſchnell in der Richtung fort, wo Pepe die Spuren des Jünglings gefunden hatte. Hinter einer ſchattigen Dickung angekommen, bellte der Hund, um ſeinen Herrn zu veranlaſſen, herbeizu⸗ kommen. Die Jäger liefen auf den Ort zu, wo die Spuren, auf die Pepe aufmerkſam gemacht, ſich wieder auf dem feuchten Boden fanden. „Gehen wir jetzt vorwärts!“ rief Roſenholz ſtand⸗ haft.„Wo er ſich auch, todt oder lebend, befinden mag, — immerhin müſſen wir ihn wieder finden.“ —„— 1 — c 6* ch te n n e⸗ in a⸗ n, en te u⸗ n, m ⸗ 8 243 Sir Frederick und ſein von ihm unzertrennlicher Begleiter kamen in demſelben Augenblicke herbei, und die ſieben Männer wollten vorwärts gehen, um eine Recognoscirung vorzunehmen, als ein Bote Brennſtrahls ankam, mit dem Auftrage, Verſtärkung zu holen. Es ſei, ſagte derſelbe, dem faſt undurchdringlichen Dickichte gegenüber, wo die Apachen ſich verſchanzten, eine ziem⸗ liche tiefe Schlucht, von wo aus man den Feind beun⸗ ruhigen könne, und die man zuerſt beſetzen müſſe. Nachdem der Indianer ſich ſo ſeines Auftrags ent⸗ ledigt, verließ er ſie, um die Vaqueros aufzufordern, über den Fluß herüberzukommen, und auf dem ihnen gegenüberliegenden Ufer Poſto zu faſſen, um im Noth⸗ falle die Blokade zu verſchärfen. Während dieſes Ma⸗ növer ausgeführt wurde, und die Vaqueros, ſei es auf ihren Pferden oder an der Furt, oder endlich in dem ledernen Kahne, über den rothen Fluß ſetzten, ſuchte die kleine, von Roſenholz angeführte Truppe einen vor dem feindlichen Feuer geſchützten Weg, um das düſtere Gehölz zu umgehen, wo die Indianer ſich fortwährend ver⸗ ſchanzten. Das Geräuſch der Aexte ließ ſich immer noch hören. um ſich bei ihren Evolutionen um die Verſchan⸗ zungen der Apachen her zu ſchützen, benützten die An⸗ greifenden die Baumſtämme und die Unebenheiten des Bodens, und ſchoßen auf's Gerathewohl in die finſteren Dickichte hinein, deren Ausſehen ſchon furchtbar war,— ſo enge und dicht waren die Netze, welche die ſtarke Vegetation der Weiden⸗ und Baumwollbäume) die wil⸗ den Reben, und die übrigen Lianen vom Gipfel der Bäume bis zum Mooſe ihrer hervorſtehenden Wurzeln gebildet hatten. Aus dem Dickichte kamen einige Schüſſe hervor; da aber nur aufs Gerathewohl geſchoſſen worden war, ſo trafen die Kugeln Niemand, und eben ſo wenig Scha⸗ den fügten wohl die Kugeln der Belagerer den Bela⸗ gerten zu. So kamen die Erſteren, als Tirailleurs zer⸗ ſtreut, in der Nähe des Ortes an, den Brennſtrahl mit ſeinen Kriegern beſetzt hielt. „Begreifſt Du es,“ ſagte Roſenholz zu Pepe in einem Augenblicke, wo die beiden Jäger ſich hinter eini⸗ gen Bäumen vereinigt fanden, unter deren Schutz der Kanadier den dem Anſcheine nach undurchdringlichen Saum des Gehölzes aufmerkſam betrachtete,„wie alle dieſe Indianer mit ihren Pferden ſo geſchwind durch dieſe Dickichte hindurchgekommen ſind?“ „Ich dachte eben daran,“ verſetzte der Karabinier. „Schon ein Mann allein ſcheint ſich einen Weg durch dieſe Lianen hindurch kaum anders bahnen zu können, als mit der Axt in der Hand, und dieſe Spitzbuben ſind in einem Nu ſammt ihren Pferden durch dieſelben hin⸗ durchgedrungen. Es muß irgendwo ein geheimer Weg ſein, und dieſen müſſen wir finden, ſonſt können wir die⸗ ſen Ort nicht erobern, und wollten wir ſie daraus ver⸗ treiben, ſo würden wir einer nach dem andern unſern Verſuch mit unſerer Haut bezahlen.“ „Es bleibt uns immer das Anzünden des Gehölzes übrig,“ antwortete Roſenholz;„allein unglücklicher Weiſe befinden ſich unter dieſen Indianern Perſonen, die keinen Schaden nehmen dürfen.“ Während die beiden Jäger dieſe Worte ſprachen, ſetzten ſie ihren raſchen Lauf in vielerlei Wendungen fort. Einige Augenblicke darauf kamen ſie bei dem jun⸗ gen Comanche an. „Die Seeblume iſt da,“ ſprach Brennſtrahl,„und der Sohn des Adlers der Schneeberge iſt nicht weit von ihr.“ Der von dem jungen Krieger klug gewählte Poſten war der Biberdamm, der über den ſchmäleren Arm des rothen Fluſſes ging. Unter allen andern Umſtänden würde man mit größ⸗ tem Intereſſe den von dieſen induſtriöſen Thieren auf⸗ geführten Damm unterſucht haben, der mit ſeinen ſorg⸗ fältig abgeborkten Baumſtämmen pon def Hand des ——„ S v v— 6 n n, n⸗ nd it en es ß uf⸗ es 245 Menſchen erbaut zu ſein ſchien, und, wie bekannt, zur Aufbewahrung der Wintervorräthe der Biber dient. Die Zwiſchenräume waren ſymmetriſch mit Letten ausgefüllt, dem durch Aſtholz eine größere Feſtigkeit gegeben wor⸗ den war. Allein es war einer von den Augenblicken, deren außerordentliche Wichtigkeit die ganze Aufmerkſam⸗ keit derjenigen abſorbirt, welche jede Minute zählen. Das durch den Damm abgeleitete Waſſer hatte ſich, ehe es auf der Ebene die Lagunen gebildet, welche dieſelbe an verſchiedenen Orten bedeckten, ein anderes Bett gegraben, das bald ganz trocken geblieben war. In dieſer Art Schlucht, die etwa vier Fuß tief und etliche zwanzig breit war, ſtellten ſich die neuen Hülfsgenoſſen des Comanche auf. Von dieſem Orte aus, der nur einen halben Büch⸗ ſenſchuß von dem dichten Saume entfernt war, hinter welchem die Feinde ſich verborgen hatten, konnten den⸗ ſelben geſchickte Schützen, wie der Kanadier, der Spa⸗ nier und der Amerikaner Wilſon unberechenbaren Scha⸗ den zufügen. „Encinas,“ ſagte der Kanadier zum Biſonjäger, „wenn Sie Ihren Hund einen Augenblick losließen, ſo könnte das Thier uns einen großen Dienſt leiſten; er kann uis das Leben eines Chriſten retten helfen.“ „Der arme Oſo iſt mir gar werth,“ antwortete Encinas,„und ihn in dieſe Dickichte hineinhetzen, heißt, ihn einem ſichern Tode ausſetzen; indeſſen können wir vielleicht, wie Sie ſagen, das Leben eines Chriſten ge⸗ gen das ſeinige eintauſchen.“ Mit dieſen Worten löste der Biſonjäger den Kno⸗ ten des Riemens, der am Halsbande Oſo's endigte. „Such', Oſo, ſuch'!“ fuhr Encinas fort, indem er Hut Fabians von dem Thiere aufs Neue beriechen ieß. Dann ließ er ihn abermals los. Der wackere Hund ſchien auch dieſes Mal den Wil⸗ len ſeines Herrn zu verſtehen, welcher mehr auf den . Inſtinkt, als auf den Muth des Thieres rechnete; und anſtatt wüthend zu bellen und fortzuſpringen, ſchlich daſſelbe leiſe durch die Gebüſche hindurch. „Wir wollen ihm folgen, Pepe,“ rief der Kanadier; „es ſoll nicht geſagt werden, ein Thier ſei klüger als ein Vater, der ſeinen Sohn, und als ein Freund, der ſeinen Freund ſucht.“ Der Spanier ließ ſich das nicht zwei Mal ſagen, — die beiden Jäger folgten vorſichtig dem Hunde nach. Aber Oſo ſchien allem Anſcheine nach bald auf einer falſchen Spur zu ſein. Er ſchnüffelte vergebens in dem Graſe herum, und plötzlich ſahen die zwei Jäger aus der Ferne ihn einen Umweg machen, und aus dem Dickicht herauskommen, in dem er geweſen war. „Glaubſt Du, das Thier habe verſtanden, was man ihm erwartet?“ fragte der Kanadier den Spanier eiſe. „Ohne allen Zweifel. Hier iſt Fabian mit den In⸗ dianern nicht in das Gehölz eingedrungen, und der Hund ſucht jetzt ganz natürlich den Urſprung der Spur, die er verfolgt.“ In der That verließ der Hund plötzlich den Saum des aus Baumwollbäumen beſtehenden Gehölzes, und es ſahen ihn die beiden Jäger wieder nach dem Weiden⸗ gebüſche hingehen, wo ſie bereits die Spuren Fabians gefunden haiten. Beide folgten Oſo ſo raſch wie mög⸗ lich, ohne ſich darum zu bekümmern, ob ſie geſehen wür⸗ den, und als ſie an dem von Bäumen entblößten Platze ankamen, fanden ſie Encinas, der, für ſeinen Lieblings⸗ hund fürchtend, um die Dickung herumging, um in der Nähe des Thieres zu ſein. „Laſſen wir ihn machen,“ ſagte er,„mein wackerer Oſo iſt eben ſo geſchickt als muthig. Ihr ſehet, daß er die Miſſton, die er erhalten, vollkommen begreift.“ Nachdem der Hund wieder auf die rechte Spur ge⸗ kommen war, ſßrang er bellend nach dem Fluſſe, das —— S W W nM N—— —— — 247 heißt, in paralleler Richtung mit den zwei großen, das Thal begrenzenden Bergketten, und an einer Seite des von den Indianern beſetzten dichten Gehölzes fort, das die beiden Jäger beim Herankommen zur Rechten hatten liegen laſſen. Als ſie nach einem langen Umwege, den ſie machen mußten, um das feindliche Feuer zu vermeiden, anka⸗ men, ſahen ſie den Hund des Encinas nicht mehr. In dieſem Theile des Gehölzes ſchien der Saum weniger dicht, ſo viel man wenigſtens nach dem Gipfel der Baumwollbäume urtheilen konnte, die das hohe Gras überragten. Durch die Abweſenheit ſeines Hundes beunruhigt, pfiff Encinas demſelben einige Minuten lang, ohne daß das Thier ſeinem Herrn geantwortet hätte. Da hörten ſie den Hund plötzlich bellen, ohne Zwei⸗ fel, um ſie zu benachrichtigen. Sein Gebell ſchien mehr die Freude, als die Nähe einer Gefahr anzukündigen; und die drei Jäger liefen, dem Appell Oſo's folgend, durch die dicken Zweige hindurch, die ihnen den Theil des Gehoölzes verdeckten, wo die Apachen ſich verſchanzt hatten. Bald fanden ſie einen kleinen Fußpfad, in deſſen ganzer Länge das Gras ſo friſch zu Boden getreten zu ſein ſchien, daß die geknickten Halme noch nicht ver⸗ welkt waren; dort, ſowie auf einem ſandigen Wege er⸗ blickten ſie auch Spuren von Pferden. Am Ende dieſes ſchmalen und krummen Pfades ließ ſich immer noch die Stimme Oſo's hören. Dann würde vas Gras minder dicht; auf den weichen Boden folgte ein härterer, und plötzlich blieben, während die Stimme des Kanadiers erſcholl, die drei Jäger ſtehen. „Bleibt, wo Ihr ſeid,“ ſagte der Kanadier.„Es iſt unnütz, daß wir den dort hinten verborgenen Büch⸗ ſen ein doppeltes Ziel darbieten. Ah! Pepe, wir hatten uns nicht geirrt; der Hund hat den Braten gerochen.“ Während Encinas den zurückgekommenen Oſo ſtrei⸗ 3 1 1 chelte und den büffelledernen Riemen wieder am Hals⸗ bande des Thieres befeſtigte, war Pepe, ohne auf die Warnung des Kanadiers zu achten und vor Begierde brennend, das zu ſehen, worauf Roſenholz aufmerkſam gemacht, bis zu ihm hingeſchlichen. Das letzte Gras des Pfades erſtarb auf einem ſtei⸗ nigen Boden, und etwa fünfundzwanzig Schritte von dem dünnen Saume weg, den es bildete, fing das Ge⸗ hölz an. Anſtatt aber hier, wie auf allen übrigen Punk⸗ ten, dem Auge einen unüberſteiglichen Wall von Lianen, enge ſtehenden Bäumen und von in einander verſchlun⸗ genen Aeſten darzubieten, ließ der durch das Waſſer ur⸗ ſprünglich ausgehöhlte Boden zwiſchen den Stämmen der Bäume einen vier Fuß breiten Durchgang. Auf jeder Seite dieſer Art Schlucht erhob ſich eine gerad⸗ wandige Böſchung; der Zwiſchenraum aber war mit Baumſtämmen und Aeſten angefüllt, die friſch abgehauen waren. „Auf dieſem Wege ſind die Spitzbuben wie durch ein Thor hineingeritten,“ ſagte Pepe. „Verlieren wir hier unſere Zeit nicht, Pepe, und da Du einmal da biſt, ſo wollen wir, jeder auf einer Seite vieſer Oeffnung, ſachte eindringen, um zu ſehen, was der Feind thut, wo Fabian iſt, auf welchem Punkte der erſte Angriff ſtattfinden muß. Sie, Encinas, machen Sie, daß Ihr Hund ſchweigt, ſeine Stimme könnte fuͤr Sie wie für uns die unangenehme Folge haben, daß wir einige Stücke Blei in den Leib bekämen; oder aber, was noch beſſer iſt, benachrichtigen Sie ſchnell Brennſtrahl und Don Aguſtin, daß wir den rechten Weg gefunden. Dann kommen Sie an der Spitze der Tapferſten kühn herbei; ich und mein Gefährte werden Euch vorangehen.“ Encinas gefiel dieſe Anordnung, und es entfernte ſich derſelbe raſch, um zu thun, wie ihm geſagt worden. In einer Entfernung von zwanzig Schritten links und rechts vom Hohlwege gewann der Saum des Ge⸗ hölzes ſeine ganze Dichtigkeit wieder, und die beiden £ 2 in 1 te n. ks e. en 249 Jäger ſtanden nicht an, von zwei verſchiedenen Seiten her in denſelben einzudringen, um ihr Project auszu⸗ führen. So dicht war die Vegetation, daß ſie kaum ei⸗ nige Schritte weit ſehen konnten; ſo gefährlich aber auch ihr Unternehmen war, ſo mußte dennoch ein Ver⸗ ſuch gemacht werden, daſſelbe auszuführen. Der Kana⸗ dier drang alſo immer weiter vor, ſo ſtill und ruhig wie der Alligator, der durch den Schilf hinkriecht, um den ſaufenden Büffel zu überfallen. Indeſſen wurde das Gehölz allmählig lichter, und er konnte nicht allein unbeſtimmte und tauſendfach ge⸗ brochene Menſchen⸗ und Pferdegeſtalten unterſcheiden, ſondern auch einen Blick auf den Raum werfen, der von dieſem dichten Saume von Bäumen umſchloſſen war. Der Biberteich nahm eines der Enden dieſer gro⸗ ßen Lichtung ein, wo Pferde und Leute bequem Platz hatten. An den Ufern dieſes Teiches erhoben ſich etwa fünfzehn Hütten von ovaler Form. Die meiſten dieſer Biberbaue, in welcher die Indianer eingedrungen wa⸗ ren, tauchten beinahe ins Waſſer; zwei bis drei aber waren von dem Ufer des Teiches ſo weit entfernt, daß die Belagerten ſie in einen ſtarken Wall verwandelt hatten, deſſen Zwiſchenräume Pferdeſättel, Wolldecken und Mäntel von Büffelhäuten ausfüllten. Zwiſchen dem Rande des Teiches und dieſer Verſchanzung befand ſich die Hauptmaſſe der Indianer, während die übrigen hin und herliefen, um die ſchwächſten Punkte der grünen und undurchdringlichen Schranken, welche die Lichtung umgaben, zu befeſtigen. Uebrigens konnte der Kanadier weder Fabian, den ſeine durch die Wolken einer zärtlichen Beſorgniß oft getrübten Augen ſuchten, noch Rothhand, noch Miſchblut, noch die Tochter des Hacendero, noch endlich den Schwarz⸗ vogel ſehen.. Er vermuthete, die Gegenſtände ſeiner zärtlichen Beſorgniß, ſowie die ſeines Haſſes befänden ſich zwiſchen vem Teiche und den Biberbauen, die ſich nach dem Waſ⸗ ſer hin öffneten. Seinerſeits ſah Pepe nicht weiter, als Roſenholz. Die zwei Jäger mußten daher ihrem ſehnſüchtigen Wunſche, auf verhaßte Feinde zu feuern, Stillſchweigen auferlegen, da dieſe Feinde unter den feierlichen Um⸗ ſtänden, in denen ſie ſich befanden, ohne alle Bedeutung waren. Roſenholz lauſchte ängſtlich jedem Geräuſche, das bis zu ihm drang. Er hoffte, die Stimme Fabians oder die der Tochter des Hacendero zu hören, und zählte ängſtlich die Minuten, die ſeit dem Weggange der Ver⸗ ſtärkung holenden Encinas verfloſſen waren. Er war in der That furchtbar— der Augenblick, der einem verzweifelten Angriffe voranging, wo ſo viel Blut fließen mußte, und wo die Rache wilder Feinde ſein gefangenes Kind treffen konnte. Plötzlich erſchütterte in der Richtung des von dem jungen Comanche beſetzten Biberdammes ein von einem wilden Geheul begleiteter Knall, ſo wie ein halbes Dutzend weitere Schüſſe die Luft. Es fand nun eine große Bewegung in der Lich⸗ tung, unfern des Teiches, Statt, und einige Augen⸗ blicke darauf bot ſich dem Kanadier ein Schauſpiel dar, bei deſſen Anblick derſelbe das Blut in ſeinen Adern erſtarren fühlte. — ———————,— —————„—„— Achtundſtebzigſtes Rapitel. Brennſtrahl. Um die Scene zu erklären, die ſo eben Statt ge⸗ funden, und wovon Roſenholz in ſeinem Verſteck nur einen Theil ſah, müſſen wir uns einen Augenblick mit⸗ ten in die Verſchanzungen der Indianer verſetzen. Es war der ganze Haß, wovon der Schwarzvogel gegen Brennſtrahl beſeelt war, erforderlich geweſen, um ihn, trotz ſeiner Wunde, zu einem drei Tage langen, mühevollen Marſche, auf dem er ſo viele ſeiner Leute verlor, zu bewegen. Obgleich der apachiſche Häuptling dem Meſtizen nur wenig kraute, ſo hatte er doch, theils aus Rachſucht, theils aus Liebe zum Raube und wegen des Credits, in welchem der kühne Bandit bei den in⸗ dianiſchen Stämmen ſtand, den Einflüſterungen deſſelben Folge gegeben. In Folge des plötzlichen Angriffes, der die Apa⸗ chen in dem Augenblicke überraſcht hatte, wo dieſelben nur noch die Hand nach einer reichen Beute ausſtrecken zu dürfen glaubten,— wo der Schwarzvogel ſeinen Nebenbuhler in der Liebe, wo nicht entwaffnet, ſo doch unter günſligen Umſtänden überfallen zu können hoffte, war an die Stelle einer faſt thörichten Zuverſicht ein übermäßiger Schrecken getreten. Der Häuptling, der durch die vielen Schmerzen, die er ausgeſtanden, ſowie durch die vielen Strapatzen geſchwächt war,— die Krieger, deren Muthloſigkeit, eine Folge zahlreicher Niederlagen, kaum wieder anderen Gefühlen zu weichen angefangen hatte, glaubten es mit einem weit ſtärkeren Feinde zu thun zu haben, und alle hatten ſich, mit Ausnahme des mit fortgeriſſenen Meſtizen, einem pani⸗ —— 252 ſchen Schrecken hingegeben, deſſen Reſultate man ge⸗ ſehen hat. Indeſſen war es dem Meſtizen, indem er den In⸗ dianern die Stärke der Weißen ziemlich genau angab, gelungen, den Kriegern und dem Häuptlinge wieder einigen Muth einzuflößen. Nichts deſto weniger kochte ein ſtiller Zorn, eine Folge der Enttäuſchung, in dem Herzen des Schwarzvogels, und Miſchblut, der zu liſtig war, um denſelben nicht zu ahnen, faßte den Entſchluß, ſich bei den Apachen durch eine jener Combinationen, mit denen er ſo wohl vertraut war, und bei denen die Perfidie und der Muth ſich gegenſeitig unterſtützten, wieder in Anſehen zu bringen. Der Hohlweg, in dem die Indianer, durch das Gehölz hindurch, bis zum Biberteiche vorgedrungen waren, machte es ihnen möglich, gegen ihre zerſtreuten Feinde Ausfälle zu machen. Während Miſchblut Die⸗ jenigen, welche zunächſt bei ihm waren, durch trügeriſche Friedensunterhandlungen hinhalten wollte, ſollten die Indianer aufſitzen, und über die zerſtreuten Gruppen auf der Ebene unverſehens herfallen, wodurch es ihnen leicht werden mußte, dieſelben zu vernichten. Dieß war der Plan, deſſen Ausführung der Meſtize durchſetzte, während Roſenholz und Pepe ſich vorſichtig bis zu den indianiſchen Verſchanzungen heranſchlichen. Richtiger geſprochen, war dieß nur ein Theil ſeines Planes, denn er hatte denſelben hauptſächlich in ſeinem eigenen Intereſſe vorgeſchlagen. Rothhand ſollte, wie man alsbald ſehen wird, ihn unterſtützen. Wir brechen alſo hier den Bericht ab, um ihn bis an's Ende durch die Handlung zu erſetzen. Etwa vierzig Pferde waren, theils abgeſattelt, theils, und zwar zum größten Theile, mit allem Luxus der Wilden noch geſattelt und gezäumt, an den Bäu⸗ men angebunden, die dem Teiche am Nächſten waren. In dem Biberbaue, der dem von Brennſtrahl beſetzten Damme gegenüber lag, war Dona Roſario eingeſperrt. V. 253 Sie war bläſſer und niedergeſchlagener, als Fabian, der wenigſtens ſo viel wußte, daß der Tod ſeinen Leiden ein Ende machen würde. Vor dem Gefängniſſe Roſari⸗ ta's ſaß der alte amerikaniſche Renegat; er hatte ſeine lange Büchſe quer über die Knie liegen, und war für Roſenholz durch die Wolldecken und Mäntel verdeckt, womit man die Verſchanzung hatte ſtärker machen wollen. In dem Biberbaue, welcher von dem ſo eben ge⸗ nannten am Weiteſten entfernt war, ſagte Fabian, der noch nicht wußte, ob er nicht der Spielball eines Traums geweſen, und ob er wirklich die Stimme gehört, deren Klang er unter Tauſenden heraus erkannt haben würde, den theuerſten Erinnerungen ſeines kurzen Lebens ein letztes Lebewohl. Neue Bande verſetzten ihn von Neuem in einen Zuſtand vollkommener Unbeweglichkeit. Ihn bewachten zwei Indianer, welche den Befehl erhalten hatten, ihn auf der Stelle zu erdolchen, ſobald der beabſichtigte Ausfall nicht den Erfolg hätte, den der apachiſche Häuptling ſich verſprach. Krönte aber denſelben der Sieg, ſo wollte der Schwarzvogel die Süßigkeiten einer grauſamen Rache ganz behaglich ſchmecken. Fabian verdankte daher die Verlängerung ſeiner letzten, furchtbaren Augenblicke nur der Grau⸗ ſamkeit, nicht aber der Gnade ſeines Feindes. Im Uebrigen konnten Fabian und Roſarita in ihrer gegenſeitigen Lage nicht ahnen, daß ſie ſo nahe bei⸗ ſammen wären; noch viel weniger aber konnten ſie ein⸗ ander ſehen. So ſahen die Lichte und die Umgegend des Biber⸗ teiches aus, als Miſchblut auf den Bau zuging, an welchem ſein Vater Wache hielt. Es fand eine kurze und raſche Unterredung in engliſcher Sprache zwiſchen den beiden Räubern Statt. Dann ſtand Rothhand auf, und nachdem der alte Renegat Roſarita in furchtbarer Weiſe gebroht, worauf dieſelbe noch hläſſer, zitternder, und unheweglicher, als je, wurde, folgte er dem Meſtizen⸗ 254 Beide gingen nach dem Ende der Lichte hin, das Brennſtrahl am Nächſten war, und von Roſenholz am Weiteſten ablag, und öffneten ſich einen Durchgang zwiſchen den Bäumen hindurch. Nachdem die beiden Banditen einige Schritte ge⸗ macht, blieben ſie ſtehen, für die Ihrigen, wie für den Feind unſichtbar, und die Stimme Miſchbluts drang aus dem Dickicht hervor. „Die Ohren des tapfern Kriegers, den die Apachen Schwarzwolke nannten, und den die Comanches jetzt Brennſtrahl nennen, mögen ſich öffnen!“ ſchrie der Meſtize. „Brennſtrahl hat nie einen ſolchen Krieger gekannt,“ antwortete der junge Krieger.„Was will man von ihm? und wer ruft ihm?“ Miſchblut hatte dieſe Worte in ſo reinem, apachi⸗ ſchem Dialecte geſprochen, daß Brennſtrahl geglaubt hatte, er höre einen der Stammgenoſſen, die er ſogar in der Erinnerung verabſcheute. „Ich bin es, ich bin Miſchblut,“ antwortete der Meſtize;„es verlangt mich, die Hand eines Freundes zu drücken,“ „Wenn das Alles iſt, was El⸗Meſtizo verlangt, ſo mag er ſchweigen; ſeine Stimme iſt mir verhaßt, wie das Ziſchen oder das Geräuſch der Klapperſchlange,“ antwortete die Stimme Brennſtrahls. „Das iſt nicht Allesz El⸗Meſtizo hat den Sohn des Adlers, ſowie die weiße Seetauhe in ſeiner Gewalt, und erbietet ſich, diefelben zurückzugeben.“ Es fehlte nicht Viel, ſo wäre dem jungen Comanche ein Freudenſchrei entfahren, trotz der Herrſchaft, die er über ſeine wilden Leidenſchaften ausübte. Indeſſen konnte er fich ſo weit beherrſchen, daß er das ungemein leb⸗ hafte Intereſſe verbarg, das ihm die Seehlume einflößte, indem er bedachte, wie ſehr der Räuber ſeine Forderungen ſteigern würde, wenn er, Brennſtrahl, daſſelbe an den Tag legte. 3 — 255 Erſt nach einer kleinen Pauſe, während welcher er Alles aufbot, um ſeine wilde Freude zu bemeiſtern, konnte er kalt antworten: „Unter welchen Bedingungen wird Miſchblut den Sohn des Adlers der Schneeberge und die Seeblume herausgeben?“ „Er wird dieſe Bedingungen ausſprechen, wenn die eine ſeiner Hände zum Zeichen der Freundſchaft die des Adlers der Schneeberge ſelbſt, die andere aber die Brennſtrahls drücken wird. Häuptlinge ſind nicht ge⸗ wohnt, mit einander in Unterhandlung zu treten ohne einander zu ſehen, ohne einander ins Auge zu ſchauen.“ „Der Adler iſt nicht da, und Brennſtrahl wird nie die Hand El-Meſtizo's drücken, es ſei denn, um ihm dieſelbe zu zerdrücken.“ „Gut!“antwortete der Meſtize, deſſen haßeniflammtes Auge, und deſſen Aerger der Comanche nicht ſehen konnte.„Iſt nicht irgend ein anderer Anführer hinter dem Biberdamme?“ „Mit Eurer Erlaubniß, Comanche, werde ich mit ihm in Unterhandlung treten,“ rief Pedro Diaz.„He, Miſchblut, es ſteht hier der Anführer der mexikaniſchen Goldſucher, der wohl ſo gut iſt, wie ein Anderer, wenn man ihn nach einigen kühnen Thaten, die Niemand be⸗ ſtreitet, und nach dem indianiſchen Blute beurtheilt, vas er vergoſſen hat.“ „Wir werden mit einander unterhandeln,“ ſagte der Meſtize.„Darf ich, auf ſein Wort hin, allein, ohne Waffen, und mit einem einzigen bewaffneten Gefährten vorwärts gehen? Ihr aber könnt ein Gleiches thun.“ „Ja, ja,“ antwortete der biedere Abenteurer,„ich verpfände mein Ehrenwort, und will zuerſt vortreten⸗ Der Meſtize wandte ſich nach ſeinem Vater hin. Beide wechſelten ein odiöſes wildes Lächeln— „Aufgepaßt!“ ſagte Miſchblut zu ihm⸗ „Mein Bruder hat Unrecht,“ ſprach der Comanche ſeinerſeits.„Die Giftſchlange iſt nur um ſo mehr zu fürchten, wenn ſie bisweilen wie die Feldlerche pfeift. Wartet wenigſtens, bis er ſich zeigt,“ „Wilſon!“ 8 „Sir?“ „Sie ſchießen ja wie Wilhelm Tell,“ antwortete Sir Frederick.„Ich würde es mit Vergnügen ſehen, wenn Sie dieſen braven Burſchen begleiteten, um ihn im Nothfalle zu beſchützen.“ „Recht gern,“ antwortete der Amerikaner. Zu gleicher Zeit hörte man die Gebüſche krachen, und es erſchienen die beiden Prairie⸗Räuber am Saume des Gehölzes in demſelben Augenblicke, wo Diaz und der Amerikaner ſich ebenfalls allein auf dem Biber⸗ damme zeigten. Die vier Parlamentäre ſahen einander einen Augen⸗ blick ſchweigend an. Diaz ſah zum erſten Male, wie man ungeachtet eines früheren nächtlichen Zuſammentreffens, das in der Nähe des Goldthals Statt fand, wohl ſagen kann, die beiden Banditen; wenn aber ihre Phyſiognomie für ſeine Augen etwas Unheimliches hatte, ſo ließ er es doch nicht merken. Was Wilſon betrifft, ſo kannte er die zwei berüch⸗ tigten Banditen, die vor ihm ſtanden, ſchon von Geſichte. Miſchblut ging etwa ſechs Schritte über die letzten Bäume hinaus, Diaz etwa doppelt ſo weit. Der Ame⸗ rikaner blieb, auf ſeine Büchſe geſtützt, auf dem Damme ſtehen; Rothhand blieb in derſeiben Stellung am Saume der dichten Gebüſche, aus denen er hervorgetreten war⸗ Diaz ging feſten Trittes auf den Meſtizen zu, und ergriff die Hand, welche dieſer ihm hinreichte. Er fühlte zu ſpät, daß ſeine Biederkeit die Perfidie des Räubers, deſſen Finger ſich, gleich den Federn eines Wolfeiſens, über den ſeinigen ſchloſſen, nicht gehörig in Anſchlag gehracht. — — — 257 „Feuer!“ ſchrie der Meſtize, während er mit der andern Hand den Abenteurer bei der Schulter packte. Die Büchſe Rothhands erhob ſich, es knallte, und die Kugel flog pfeifend an den Ohren Miſchbluts vorbei. Mitten auf die Bruſt getroffen, war der unglück⸗ liche Diaz auf dem Punkte, auf den Boden hinzuſtürzen, als die kräftigen Arme des Meſtizen ihn aufrecht hielten. Der Räuber zog ſich, während er beim Rückwärts⸗ gehen ſich mit dem Körper des Abenteurers, der faſt ſchon ein Leichnam war, wie mit einem Schilde, be⸗ waffnete, zurückz; dabei heftete er ſein Auge auf die Büchſe Wilſons, der vergebens eine Stelle ſuchte, wo er ihn treffen konnte. Der Bandit hatte beinahe ſchon wieder den Saum des Gehölzes erreicht. Da zog Diaz vor dem Ver⸗ ſcheiden noch ſein Meſſer heraus, und ſtieß es Miſch⸗ blut am Schultergelenke in den Leib. Der Räuber ſprang, als er ſich verwundet fühlte, noch weiter, und zwar rücklings, zurück, und als er das Laub der Bäume hinter ſich ſpürte, ſchleuderte er den Abenteurer vor ſich hin, deſſen Leben nun vollends entfloh. Dabei ſchrie der Meſtize: „Seht, das iſt der Leichnam eines Anführers!“ Und er verſchwand in dem Dickicht, wo die Kugel Wilſon's nur die Zweige und das Laubwerk traf. Die durch dieſen odiöſen Mord hervorgebrachte Beſtürzung war auf der anderen Seite noch nicht ganz vorüber, als die zwei Prairie⸗Räuber ſchon weit fort waren. Doch hörte man noch die Stimme Miſchbluts rufen: „Wer wird es wagen, die Tochter der Weißen und den Sohn des Adlers den Händen El⸗Meſtizo's zu ent⸗ reißen 2“ „Bei Jeſus Chriſtus und General Jackſon! Ich werde es thun,“ ſchrie Wilſon den Banditen nachſtürzend. Der Waldläufer. 1v. 47 1 3 3 3 33 7 1 * 1 2 — Allein der junge Comanche war ihm mit der Schnelligkeit des Blitzes, nach dem er benannt war, zuvorgekommen, und ſchon drang er in das Dickicht ein, als der Amerikaner, Sir Frederick, und die neun Krie⸗ ger vom Stamme der Comanches, die Axt, die Büchſe und den Dolch in der Hand, ihm nacheilten. Miſchblut, der mit den Lokalitäten beſſer vertraut war, als ſte, kam lange vor den Angreifenden in der Lichtung an. Das Blut ſtrömte aus ſeiner Schulter hervor, allein ſeine außerordentliche Stärke ſchien da⸗ vurch nicht geſchwächt zu ſein. Als er an dem Ufer des Teiches wieder anlangte, warfen ſich die Apachen, vie durch den Schuß benachrichtigt waren, daß ihrem Verbündeten ſein perfider Streich gelungen, auf ihre Pferde, um den ſchon vorher verabredeten Ausfall aus⸗ zuführen. Es war dieß die Bewegung, die Roſenholz aufge⸗ fallen war, als eine für ihn noch furchtbarere Epiſode den Waldläufer vor Schrecken erſtarren machte, der nur noch die Gefahr ſah, von der Fabian bedroht war. Während Rothhand, um die Befehle Miſchbluts auszuführen, Roſarita, die vor Schrecken ganz außer ſich, ergriff, und das Pferd parat machte, auf dem er dieſelbe während des projektirten Ausfalls entführen ſollte, ging der Meſtize auf den Schwarzvogel zu, der hinter den Verſchanzungen geblieben war, da er an dem bevorſtehenden Kampfe nicht im Stande war, Theil zu nehmen. Er zeigte dem indianiſchen Häuptlinge ſeine blutige Schulter, „Jetzt muß der Sohn des Adlers ſterben,“ ſprach er raſch;„der Schwarzyogel darf ſeine Rache nicht länger verſchieben, ſonſt würde ſie ihm entgehen; mein Blut ſchreit nach dem eines Feindes. Miſchblut kann für den Sieg nicht garantiren.“ „Der Schwarzvogel wird zuerſt die Kopfhaut des Weißen nehmen,“ antwortete der Apache.„Meine Krieger werden ihm dann vollends den Treff geben.“ W— 259 „Gut geſprochen!“ Zwei Indianer hatten dieſes kurze Zwiegeſpräch gehört. Ohne Befehle zu erwarten, die ſie zum Vor⸗ aus erriethen, ſtürzten ſie, reißenden Thieren ähnlich, auf die Hütte zu, in der Fabian lag. Sie brauchten nicht länger, als eine Minute, um den Körper des un⸗ glücklichen Jünglings an den Füßen bis zu den Ver⸗ ſchanzungen hinzuſchleppen. Dann ſah Roſenholz, deſſen Beine zuſammenbrechen wollten, den Schwarzvogel auf Fabian zukommen. Zwei Mal legte der Kanadier auf den Indianer an, aber zwei Mal lagerte ſich eine dichte Wolke vor ſeine Augen. Die Büchſe zitterte in ſeiner Hand wie einer der langen Halme des Prairie⸗Graſes, wenn der⸗ ſelbe vom Winde hin und her bewegt wird. Der Schwarzvogel bückte ſich langſam; ein Meſſer blitzte in ſeiner linken Hand, dicht am Kopfe Fabians. In dieſem Augenblicke hörte die Hand des Ka⸗ nadiers auf, zu zittern. Da ließ ſich plötzlich ein Schuß hören, der ihn am ganzen Leibe beben machte. Der Schwarzvogel ſtürzte mit zerſchmettertem Schä⸗ del über Fabian hin, den er mit ſeinem Körper und mit blutigen Ueberreſten bedeckte. Zu gleicher Zeit ſchrie eine Stimme: „Das iſt mein letztes Wort, rothhäutiger Hund!“ Es war die Stimme Peve's. Ein zweiter Schuß ſtreckte einen anderen Indianer zu Boden. Dieſes Mal hatte die Büchſe des Kanadiers geknallt. Plötzlich ſtürzten die berittenen Apachen, gleich einem Strome, der in der Regenzeit in dem Bette ſich fortwälzt, das er während der vorangegangenen Jahres⸗ zeit trocken gelaſſen hat, aus der Schlucht hervor. Die Lichte, das üfer des Biberteiches waren faſt ganz leer, als Pepe und Roſenholz, mit der Büchſe in der Hand und ängſtlich ſchlagendem Herzen, dorthin ſtürzten, ohne 260 zu ſehen, wie auf der entgegengeſetzten Seite Rothhand, mit der ohnmächtigen Roſarita in den Armen, und Miſchblut in dem Dickicht verſchwanden. Der treuloſe Meſtize ließ ſo ſeine Verbündeten im Stiche, um ſeine Beute in Sicherheit zu bringen. Aber die beiden Jäger hatten nur für Fabian Augen. Auf ihn zuſtürzen,— mit zitternder, aber zugleich raſcher Hand die Bande durchſchneiden, die ſeine Glieder wund rieben, war für ſie das Werk eines Augenblicks. Und dann konnte der arme Kanadier, ſprachlos und durch eine Freude gelähmt, die, ſo zu ſagen, etwas Schlag⸗ artiges an ſich hatte, nur ſchweigend und feurig den jun⸗ gen Löwen in ſeine Arme drücken, der endlich dem alten Löwen der Wüſte wieder geſchenkt war. Auf ſeine Büchſe geſtützt, betrachtete der ſpaniſche Jäger dieſe glückliche Gruppe; er wagte es nicht, zu ſprechen, aus Furcht, die Thränen ſeiner Stimme zu verrathen. Indeſſen konnte er die nicht zurückhalten, die übereſeine ſonnenverbrannten Wangen herabrollten. Inzwiſchen ließ ſich auf beiden Seiten der Lichtung, ſowohl auf der, wo die zwei Wüſtenräuber verſchwunden waren, als auf der entgegengeſetzten, wo die Indianer ihren Ausfall gemacht hatten, ein furchtbarer Lärm hören, und bald ſpie— wie der Strom, womit wir ſo eben die indianiſche Reiterei verglichen haben, ſich zurück⸗ wälzt, wenn er auf einen unüberſteiglichen Damm ſtößt,— die Schlucht die wilde Fluth, die in ihm fort⸗ gebraust war, nach der Lichtung hin wieder aus. Encinas war dem erhaltenen Befehle nachgekommen, und die zwanzig Vaqueros Don Aguſtin's hatten, unter der Anführung des Hacende ro ſelbſt, die Avpachen in dem Hohlwege überfallen, und trieben dieſelben in wil⸗ der Flucht bis zu den verlaſſenen Verſchanzungen zurück. Reiſende, die ſich in eine Löwenhähle während der Abweſenheit ihrer furchtbaren Bewohner gewagt, und vurch die Rückkehr derſelben plötzlich überraſcht werden, können allein ein Beiſpiel der heftigen Empfindungen 261 darbieten, die ſich beim Anblicke der nach der Lichtung zurückſtürzenden Indianer der beiden Jäger und Fa⸗ bian's bemächtigten. So drohend aber auch dieſe Gefahr war, ſo fand ſich ihr der Muth der drei Waffengenoſſen doch bald gewachſen. Der Kanadier hatte ſein Kind wieder ge⸗ wonnen, das war die Hauptſache. Fabian erfaſſend, ſtürzte er hinter die vermittelſt der Biberbaue errichtete Verſchanzung zurück. Pepe eilte ihm nach. Dort luden die Beiden raſch ihre Büchſen wieder, und erwarteten, entſchloſſen, wenigſtens dieſes Mal zu⸗ ſammen zu ſterben, den Angriff des Feindes. Indeſſen nahmen die Dinge bald eine andere Ge⸗ ſtalt an. Auf das Getümmel des Rückzugs der Indianer folgten bald Schüſſe, und ein halbes Dutzend Reiter, die, von einer noch unſichtbaren Macht zurückgetrieben, in wilder Flucht heran kamen, ſtürzten, todt oder ver⸗ wundet, von ihren Pferden herab. „Muth gefaßt, Pepe!“ ſchrie der Kanadier,„unſere Leute find nun da, und greifen die Indianer im Rücken an. Fabian,“ fuhr er fort,„ſchlüpf' hinter die Bäume, wenn Dich die Beine tragen, wir haben noch einen Rieſenkampf auszukämpfen.“ Mit jeder Minute vermehrte ſich die Anzahl der Indianer. Sie zerſtreuten ſich über die ganze Lichtung hin, und endlich konnten die Vaqueros, die Don Aguſtin folgten, ſich leichter entfalten. Einige waren beritten, die meiſten aber nicht; unter den erſten befand ſich der Hacendero. „Feuer, Roſenholz! Feuer! während wir ein Kriegsgeſchrei ertönen laſſen, ſo gewaltig, als ob wir hundert Mann ſtark wären,“ ſchrie der Spanier, einem jener ungeſtumen Impulſe folgend, die er nie zu be⸗ herrſchen wußte. Dieſes Mal gehorchte der Waldläufer unbedingt, i und in dem Augenblicke, wo ihre zwei Büchſen aber⸗ mals knallten, und die zwei Reiter, die ſie ſich als Opfer auserkoren, zu Boden ſtreckten, ließen die drei Waffengenoſſen,— denn Fabian hatte, racheerfüllt, den Rath des Kanadiers nicht befolgt,— abermals vereint ein ſo gewaltiges Kriegsgeſchrei ertönen, daß man hätte glauben können, es ſeien noch zehn andere Krieger bei ihnen. Dann ſtürzten ſich, die Unordnung benutzend, wel⸗ che dieſer Angriff von hinten noch vermehrte, und den Schutz, den die Verſchanzung gewähren konnte, ver⸗ ſchmähend, Fabian mit dem Meſſer, das der Kanadier ihm zugeſtellt, Roſenholz mit der Axt eines Apachen, den er zu Boden geſtreckt, und Pepe, der ſeine ſchwere Büchſe beim Laufe hielt und in der Luft ſchwang, unter einem furchtbaren Geheul mitten in den Kampf. Der rieſige Waldläufer ſchien, ähnlich dem Mäh⸗ der, den es drängt, ſein Tagewerk zu vollenden, oder dem Holzhauer, deſſen Art ein junges Gehoöͤlz fällt, einen unüberſchreitbaren eiſernen Kreis um Fabian her zu beſchreiben, während er mit unwiderſtehlichem Arme auf ſeine Feinde einſchlug. Der Kanadier ſuchte bis zu Don Aguſtin vorzudringen, der, von Feinden um⸗ geben, mit ſeinem langen Degen zuhieb und zuſtieß, und endlich hatte er ſich eine blutige Bahn bis zum Hacendero geebnet, als das furchtbare Geſchrei einer ihm bekannten Stimme hinter ihm ertönte. Es war Brennſtrahl, der, blutig, entwaffnet, aber die ohnmächtige Roſarita in den Armen haltend, hinter dem Kanadier her auf Don Aguſtin zuſtürzte. Der junge Krieger konnte nur noch mit einer Art Triumph⸗ geheul dem Vater die Tochter in die Arme werfen. In demſelben Augenblicke ſtürzte er unter die Füße der Pferde. Während Roſenholz ſich bückte, um den zu be⸗ ſchützen, dem er ſo viel verdankte, ſchwang der Hacen⸗ dero um ſeine Tochter her, die er querüber ver ſich 263 hielt, ſeinen Degen, und verſchwand, ſeinem Pferde die Sporen gebend, bald im Hohlwege und aus der unheil⸗ vollen Lichtung. Furchtbar, wie der Schlachtenengel, hielt der Ka⸗ nadier, deſſen eines Bein gleich dem Bogen einer ſteinernen Brücke über den Körper Brennſtrahl's hin⸗ ging, welchem das Blut durch eine große Wunde ent⸗ ſtrömte, die aus der Faſſung gebrachten Feinde von ihm ab, und ſah neue Kämpfer nicht, die von dem Biber⸗ teiche her auf das mit Todten beſäete Schlachtfeld zu⸗ geſtürzt kamen. Es waren Rothhand und Miſchblut, die auf ihrer Flucht von Wilſon, Gayferos, Sir Frederick und den Comanches zurückgetrieben worden waren. Die zwei verwundeten Räuber waren, als ſie ſo zurückfliehen muß⸗ ten, in einigen wüthenden Sprüngen auf Degenlänge beim Kanadier und dem Spanier angekommen. Der Amerikaner, ſo tapfer er ſonſt war, Sir Fre⸗ derick, und die Krieger Brennſtrahls ſchienen den beiden Banditen nicht gern nahe kommen zu wollen, die der junge Comanche allein anzugreifen gewagt, und denen er, vielleicht auf Koſten ſeines eigenen Lebens, Roſarita wieder entriſſen hatte. Allein es ſtand nun vor dem Banditen ein Mann, den kein Feind, wer derſelbe immer ſein mochte, lange einſchüchtern konnte; es war Pepe, der zuerſt das plötz⸗ liche Herankommen des amerikaniſchen Renegaten und ſeines Sohnes bemerkt hatte. „Rechtsumkehrt, Roſenholz!“ rief der Spanier⸗ Roſenholz wandte ſich raſch um, und ſah ſich ſeinen beiden Todfeinden gegenüber. Während dieſer Zeit hatte das Schlachtfeld ſich einigermaßen gelichtet. Der Tod des Schwarzvogels, die wüthenden Angriffe des Kanadiers, des Spaniers, und Fabians, die Anſtrengungen der Vaqueros, die von ihrem Herrn angefeuert worden waren, den Banditen ihre koſtbare Beute wieder abzujagen,— Alles hatte dazu beigetragen, unter den Indianern abermals Schre⸗ cen zu verbreiten. Rothhand und Miſchblut, die zwei furchtbaren Alliirten der Apachen, kamen zu ſpät, die Meiſten waren ſchon geflohen und hatten ihre Todten auf dem blutigen Graſe der Lichtung zurückgelaſſen. Die Vaqueros aber, die ebenfalls zahlreich waren, hatten, als der Hacendero mit ſeiner koſtbaren Bürde verſchwun⸗ den war, den Fliehenden nachgeſetzt. Siebenundzwanzig Leichname, worunter achtzehn indianiſche, lagen auf dem Boden umher; nur einige Gruppen, etwa zwanzig Mann, ſchlugen ſich noch er⸗ bittert, als zum dritten Male in ihrem Leben der Ka⸗ nadier und Pepe den beiden Prairie⸗Räubern hart ge⸗ genüberſtanden. Roſenholz ſtürzte, von der Hitze des Kampfes noch berauſcht, mit erhobener Axt auf den Meſtizen los. Die⸗ ſer war der jüngere und ſtärfere der beiden Banditen, und gehoͤrte daher von Rechtswegen dem Kanadier. Aber Miſchblut war flinker, als der Waldläufer, während er eben ſo ſtark war, wie derſelbe. Der Meſtize wich dem Streiche aus, und war im Begriffe, auf Roſenholz zuzuſtürzen, um denſelben mit ſeinen nervigen Armen zu packen, als er beim Anblicke des ſeine Büchſe wieder ladenden Wilſon plötzlich ſein Vorhaben gufgab, und bis ans Ende der Lichtung fort⸗ ſtürzte. gin abgeſtorbener und eines Theiles ſeiner Aeſte beraubter Baum, wie es deren da viele gab, lag auf dem Boden. Er war von den Bibern gefällt worden. Die dürren Aeſte, die noch daran waren, bildeten eine dichte Verſchanzung. Hinter dieſen Stamm flüchtete ſich der Meſtize, und Roſenholz hatte, durch eine Gruppe von Kämpfern ver⸗ hindert, die ſich zwiſchen ihn und ſeinen Feind ſtellte, dieſem nicht den Rückzug abſchneiden können. Was Pepe betrifft, ſo hatte er, als ein Mann von Wort, gegen den Schädel des alten Renegaten ohne 265 Weiteres einen Streich mit ſeinem Flintenkolben ge⸗ führt; allein Rothhand hatte mit ſeiner erhobenen Axt den Streich glücklich parirt, und ſo war dem Spanier der Flintenkolben in der Hand zerbrochen worden. Der Bandit war einen Augenblick unſchlüſſig, ob er ſich auf ſeinen entwaffneten Gegner ſtürzen ſollte; da er aber Fabian mit dem Meſſer in der Hand neben dem Spanier ſah, ſo lief er nach dem Baumſtamme hin, hinter den Miſchblut ſich geflüchtet hatte. Letzterer lud ſeine lange Büchſe wieder, ohne hinter ſeiner Verſchanzung die Bewegungen der beiden Jäger aus den Augen zu verlieren. Schon glänzte ein Freudenſtrahl in dem Auge des Banditen, der in einigen Secunden ſein Opfer wählen konnte, als Pepe einen andern auf dem Boden liegen⸗ den Stamm erblickte. Obgleich dieſer keinen ſeiner Aeſte behalten, wie wenn die Axt ihn ſchon ſeit vielen Jahren zu Bauzwecken ſorgfältig zugehauen hätte, ſo war doch langes Gras um dieſen Stamm her gewachſen, der ſo dick war, daß er einen dahinter liegenden Menſchen ſchützen konnte. Auch überragte das Gras den Stamm um einige Zoll. „Hieher, Roſenholz, geſchwind, geſchwind!“ ſchrie epe. Der Kanadier beeilte ſich, der Stimme des Spa⸗ niers zu folgen; und in dem Augenblicke, wo er ſich neben Letzterem bückte, ſuchte der hinter ſeinem Baume zuſammengekauerte Meſtize denjenigen, auf den er zu⸗ erſt ſchießen ſollte, mit dem Auge. Fabian hatte ſich mit Wilſon hinter einen Biberbau geworfen, und Miſch⸗ blut ſah keinen der Feinde mehr, nach deren Blut er am meiſten dürſtete. Dann eröffneten die beiden Räuber, denen die Ku⸗ geln Nichts anhaben konnten, gegen die noch kämpfen⸗ den Vaqueros ein mörderiſches Feuer, ohne daß der Amerikaner, ſein Schützling und Fabian ſie daran hät⸗ ten hindern können. „Dieſe Spitzbuben dürfen doch aber weder da blei⸗ ben, noch uns entkommen, bei allen Teufeln der Hölle!“ ſagte Pepe zu Roſenholz. „Gewiß dürfen ſie das nicht, und ſollte mir es auch das Leben koſten, ſo will ich doch den Spitzbuben für die furchtbare Angſt lohnen, die ſie mir verurſacht 1 haben.“ Während der Kanadier dieſe Worte ſprach, ließ er zum zwanzigſten Male den Lauf ſeiner Waffe wieder finken, die gegen Feinde unnütz war, welche die Kugel nicht erreichen konnte. Zum zwanzigſten Male verließen auch ſeine Augen den die beiden Räuber ſchützenden Baumſtamm, um ſich voller Unruhe nach Fabian hin⸗ zuwenden. Obgleich das vielgeliebte Kind des Kanadiers bei Wilſon in Sicherheit war, ſo war es für ihn den⸗ noch ſtets ein Gegenſtand lebhafter Beſorgniſſe⸗ „Nein, nein,“ murmelte der Waldläufer,„ſo lange die zwei Spitzbuben am Leben ſind, werde ich nie ruhig ſein: wir müſſen kurzen Proceß mit ihnen machen.“ Zwei Schüſſe, welche Rothhand und Miſchblut tha⸗— ten, ſtreckten abermals zwei Vaqueros zu Boden. „Tod und Teufel! Wir müſſen mit dem Kerls kur⸗ zen Proceß machen, Pepe,“ antwortete der Kanadier mit wuthfunkelnden Augen.„Schau', es iſt dieß ein ganz einfaches Mittel, bis zu dieſen zwei Banditen zu gelangen.“ Während Roſenholz alſo ſprach, drückte er mit aller Gewalt wider den Baumſtamm, hinter dem ſie lagen, und die chlindriſche Maſſe rollte, dem Bette entriſſen, das ihr Gewicht in dem Graſe gegraben, einen Schritt in der Lichtung fort. „Hurrah!“ ſchrie Pepe begeiſtert.„Wilſon, Sir Frederick, Gayferos, wenn die Spitzbuben, während wir auf ſie zugehen, einen Schritt machen, um zu entfliehen, ſo tödtet ſie ohne alles Mitleid wie giftige Beſtien; Eure Flintenläufe dürfen keinen Augenblick aufhören, ihre verfluchten Schädel zu bedrohen.“ 8. *—— 267 Der Spanier vereinigte ſeine Anſtrengungen mit denen des Kanadiers, und die Zuſchauer waren nun Zeuge eines der ſeltſamſten Duelle, die es in den india⸗ niſchen Strauchkriegen geben kann. Hinter dem Baumſtamme auf dem Bauche liegend, rollten die beiden Jäger die rundliche Maſſe vor ſich her; dann blieben ſie hinter ihrem rollenden Schilde wieder ruhig liegen, beobachteten die geringſten Bewe⸗ gungen ihrer Feinde, und berechneten den zurückgeleg⸗ ten Weg. „Rothhand, Du alter Spitzbube!“ ſchrie Pepe, der den Strom von Verwünſchungen, der ſich beim Anblicke der zwei verabſcheuten Feinde in ſeiner Bruſt zuſammen⸗ drängte, nicht länger zurückhalten konnte,„und Du, Miſchblut, welches von den unreinen Thieren wird Eure Leichname wollen, die wir ihnen übergeben werden?“ Es war voll furchtbarer Seltſamkeit— das Schau⸗ ſpiel, das die zwei Männer darboten, die auf dem Bo⸗ den hinkrochen, ihre bewegliche Verſchanzung vor ſich her rollten, wieder ruhig liegen blieben, und, ohne ſich bloßzuſtellen, die Diſtanz zu meſſen ſuchten, die ſie noch von ihren Feinden trennte. Bekrachtete man die Angrei⸗ fenden oder die Belagerten, ſo waren die vier Kämpfer immerhin die tapferſten und beſten Schützen der Prairien. „Muth, Muth!“ rief Wilſon, um die beiden An⸗ greifenden anzufeuern.„Ihr berührt beinahe ſchon den Baum der zwei Halunken. Zeigt ſich der Schädel des Einen oder des Andern auch nur eine Linie über dem Holze, ſo ſoll er es zu bereuen haben,— ich ſage es. Bei Jeſus Chriſtus und General Jackſon! ich möchte an Eurer Stelle ſein.“ Und in der That waren nun die Baumſtämme ſo nahe bei einander, daß die zwei Banditen, die, während ihre Augen furchtbar rollten, kein Wort ſprachen und ſich nicht rührten, den Athem der keuchenden Jäger deut⸗ lich hören konnten. Miſchblut ließ eine Art Wuthgebrüll hören. „Schieß da hinauf, Rothhand!“ ſprach er. Und während der alte Renegat mit dem Auge einen hohen Baum bezeichnete, auf den zwei Comanches ge⸗ klettert waren, und von wo ſchon einer derſelben auf den Banditen feuern wollte, rief er mit ohnmächtiger Wuth: „Kann ich es? Ah! Miſchblut, wohin hat uns Deine unerſättliche Gier geführt?“ Ein Schuß, der plötzlich von dem hohen Poſten ausging, auf dem die Comanches ſich befanden, unter⸗ brach den alten Räuber, den einer der von der Kugel losgeriſſenen Holzſplitter auf die Stirne traf. Zu gleicher Zeit legte ſich der Meſtize, auf die Ge⸗ fahr hin, ſich dem Feuer der Indianer auf dem Baume auszuſetzen, auf den Rücken und ſchoß. Obwohl der Meſtize ſich ſo in einer höchſt unbequemen Lage befand, ſo krönte doch der vollſtändigſte Erfolg ſeinen Verſuch, und es ſtürzte einer der Comanches mit zerſchmetterten Len⸗ den auf den Boden herah. „Hierher, hierher!“ rief Rothhand lebhaft.„Siehſt Du nicht, daß der Baum, den dieſe zwei Vagabunden vor ſich her rollen, in einem Augenblick den unſern be⸗ rühren wird?“ Die von den Jägern vorwärts geſchobene, beweg⸗ liche Verſchanzung befand ſich jetzt kaum noch in einer ihrer Dicke gleichen Entfernung von dem Baume, der die Räuber ſchützte. Es war für die ängſtlichen Zu⸗ ſchauer ein Augenblick von höchſtem Intereſſe, als die Bäume, gleich zwei Fahrzeugen, die auf dem Meere gegen einander fahren, auf dem Punkte waren, an ein⸗ ander zu ſtoßen,— als Mann gegen Mann und mit blanker Waffe der noch dauernde Kampf ausgefochten, und die Todfeindſchaft der vier Kämpfer durch den Tod Einen oder der Andern ihre Endſchaft erreichen ollte. Miſchblut hatte noch nicht ſo viel Zeit gehabt, um wieder zu laden; Pepe hatte ſeine Waffe verloren, und 5 N 269 auf dieſer Seite waren alſo die Chancen gleich, wie andererſeits wieder zwiſchen Roſenholz und dem alten Red⸗Hand, die beide mit einer geladenen Büchſe be⸗ waffnet waren, womit ſie jeden Augenblick feuern konnten. Sie war ſeltſam und furchtbar die Alternative, die eine Folge der gegenſeitigen Lage des Kanadiers und des Räubers aus dem Staate Illinois war. Derjenige, der ſich zuerſt bloß ſiellte, mußte die volle Ladung der feindlichen Büchſe erhalten; und derjenige, der zuletzt auf die Beine ſprang, war einem gewiſſen Tode ge⸗ weiht. Die zwei Feinde begriffen in gleicher Weiſe, was ſie zu thun hatten. Kaum hatten die letzten Anſtren⸗ gungen der beiden Jäger die Wirkung gehabt, daß die Bäume an einander ſtießen, ſo ſtießen auch Rothhand und Roſenholz, den Gebrauch ihrer Büchſe verſchmähend, und gleich geſchwind aufſpringend, wie die zwei Baum⸗ ſtämme gegen einander und packten ſich gegenſeitig. Der Vulkan, deſſen Lava im Innern braust, ehe ſie hervor und weit fort ſtrömt, birgt kein heftigeres Feuer, als in dieſem Falle die Bruſt des Kanadiers barg, wäh⸗ rend derſelbe einen der zwei Männer erfaßte, die ihn entwaffnet,— die ihn dem ärgſten Schmerze, den däs Herz empfinden kann, ohne zu zerſpringen, preisgegeben, — die ihn allen Qualen des Hungers ausgeſetzt hat⸗ ten. Roſenholz machte eine jener menſchlichen Anſtren⸗ gungen, unter denen die Muskeln des Körpers zerrei⸗ ßen, oder über das Hinderniß triumphiren müſſen. Rothhand war verwundet,— war durch den ſtar⸗ ken Blutverluſt geſchwächt, und ſeine athletiſche Stärke mußte der des Waldläufers weichen. Es ließ ſich zwiſchen den Armen des Kanadiers ein dumpfes Krachen hören. In demſelben Augenblicke ſtürzte Roſenholz über den Renegaten hin, deſſen Rückgrat unter der unwider⸗ ſtehlichen Anſtrengung des kanadiſchen Rieſen zerbrochen war. ———————— Pepe hatte die Nothwendigkeiten der Politik anders begriffen. Er hatte den Meſtizen zuerſt aufſtehen laſſen, und kaum zeigte ſich deſſen Stirne über dem Baume, als er, in eben ſo kühner als unerwarteter Weiſe, dem Me⸗ ken mit Aufbietung aller Lebeshie ſeine Art an den Kopf warf. Pepe ließ dem Banditen ſo viel Zeit, um ſich von der Betäubung wieder zu etholen, die ihm das Ge⸗ wicht der ſcharf ſchneidenden Waffe verurſacht hatte, ſondern ſtürzte ſich auf ihn und klammerte ſich an ſei⸗ nen Leib feſt. Nach einem Augenblick ſtand Pepe wieder auf: der Meſtize rührte ſich nicht mehr. Der Vater und der Sohn lagen leblos neben ein⸗ ander. „Was man verſprochen, muß man halten!“ rief Pepe, dem Kanadier ſeinen Dolch zeigend, deſſen Griff allein die Bruſt des Meſtizen überragte. Dann zog er denſelben gewaltſam aus dem Kör⸗ per, in dem er ſtak, öffnete mit der Klinge die feſtge⸗ ſchloſſenen Zähne des todten Räubers, machte mit den Fingern eine unbeſchreibliche Bewegung, und warf ein blutiges Stück, das er herausriß, weit fort: „Puh! werden die Raben dieſe verfluchte Zunge freſſen wollen?“ ſetzte der pünktliche und unverföhnliche ſpaniſche Jäger hinzu. , —r ec— —————— v— N—* —1— M neunundſiebzigſtes Rapitel. Vach dem Siege. Von dem Augenblicke an, der auf den Tod Roth⸗ hands und Miſchbluts folgte, und wo das Triumphge⸗ ſchrei der Weißen und der Comanches die noch Wider⸗ ſtand leiſtenden Indianer benachrichtigte, daß ihre zwei furchtbaren Hülfsgenoſſen endlich gefallen, war es eigent⸗ lich kein Kampf mehr, ſondern nur noch eine blutige und vollſtändige Niederlage. Nur wenige von den Apachen durften die Ufer des Rio Gila wieder erblicken; aber auch auf Seiten der Weißen war der Verluſt von Menſchenleben höchſt be⸗ deutend. Die Hälfte der Vaqueros Don Aguſtins blieb auf dem Schlachtfelde liegen, wo von etwa achzig Käm⸗ pfern, die ſich mit einander gemeſſen, vierzig gefallen waren,— diejenigen ungerechnet, deren Leichtame auf der Ebene herumlagen, oder in den Dickichten verborgen waren. Unter den Todten befanden ſich auch zwei von den Biſonjägern und ſechs von den von Brennſtrahl befeh⸗ ligten Comanches. Der Anführer der Letzteren war ſelbſt ſchwer verwundet. Roſenholz und Pepe, die eine lange Erfahrung gelehrt hatte, wie Wunden, ſei es, daß dieſelben von blanken oder von Feuerwaffen herrührten, behandelt werden mußten, hatten dem jungen Krieger die erſte Pflege angedeihen laſſen. Die Begrabung der Todten, die man in ein nicht ſehr tiefes Loch, das man mit den Aerten an einem ſumpſfi⸗ gen Orte gegraben hatte, legte, ſowie die Fortſchaffung Ider Verwundeten nach dem Büffelſee nahm lange Stun⸗ ſden in Anſpruch. Die Sonne hatte zwei Drittheile ihres Weges durchlaufen, als auf den Schlachtlärm und auf das Ge⸗ räuſch der Vorbereitungen, welche die Begrabung der Todten erheiſchte, in der Lichtung die vollkommenſte Stille folgte. Dieß waren die verſchiedenen Phaſen des Tages geweſen, dem das Red⸗Fork⸗Thal die düſteren Erinne⸗ rungen ſeiner Chronik verdankte. Wir werden es nicht verſuchen, die Freude des Ka⸗ nadiers zu beſchreiben,— nicht als ob wir zu denjeni⸗ gen gehörten, die da behaupten, der Schmerz habe im menſchlichen Herzen mehrere Saiten, die Freude dage⸗ gen nur eine; denn Gott läßt unſerer Anſicht nach den Menſchen die Schmerzen und die Freuden, die ſich in ſein Leben theilen, in gleicher Weiſe empfinden; nur vibriren die erſten ſtärker und geräuſchvoller, als die zwei⸗ ten, gleichſam um die Seele dadurch zu erleichtern, daß ſie den Schmerz ausſchüttet, der ſie zerreißt. Die Freude dagegen iſt ſtiller, als der Schmerz, und es braucht das Herz dieſelbe nicht auszuſchütten, da ſie es ſanft vibriren macht und mit geheimnißvollen Melodien erfüllt. Und dieß iſt auch der Grund, weßhalb bei der Analyſe menſchlicher Leidenſchaften die Hand des Dich⸗ ters und des Erzählers die ſchmerzlichen Saiten leichter anſchlägt. Die Freude zu beſchreiben, die der Kanadier empfand, als er ſeinen jungen Fabian wieder bei ſich hatte, geht ganz einfach über unſer Vermögen, und deßhalb müſſen wir es dem Leſer überlaſſen, ſich dieſelbe, ſo gut er kann, vorzuftellen. Der junge Comanche ruhte in der Nähe des Biber⸗ teiches auf einem dichten Lager von Mänteln; um ihn her gruppirten ſich, unruhig und ſchweigend, Roſenholz, Fabian, und Pepe, ſowie Gayferos, Wilſon, Sir Fre⸗ derick, und die drei Indianer, die von den zehn Kriegern, ſo ihr Anführer mitgebracht, allein noch übrig waren. Dem Muthe, der Geiſtesgegenwart der Letzteren ver⸗ * Nur mit Hülfe der Augen ſeiner Phantaſie konnte Fabian, in Ermangelung jeder materiellen Spur, ſich das Bild der Dona Roſario zuſammenſetzen, deren flatterndes Gewand er einen Augenblick halb und halb geſehen, und die alsbald wieder verſchwunden war, wie die holden, von einem Traume ins Leben gerufenen Bil⸗ der beim Erwachen verſchwinden. Fabian war, während er den Kopf ſenkte, in die melancholiſche Betrachtung eines Ortes, der alle ſeine theuerſten Erinnerungen wieder aufleben machte, ſo vertieft, daß er den hinter ihm ſtehenden Kanadier nicht bemerkte. „Suchſt Du auch das indianiſche Kraut?“ ſagte Fabian eine Stimme ins Ohr, die ihn beben machte, indem ſie ihn plötzlich der Wirklichkeit zurückgab. Er wandte ſich lebhaft um, und ſah neben ſich den Waldläufer, der ein Lächoln zeigte, in dem ein Anflug von Traurigkeit zu bemerken war. „Nein,“ antwortete der Jüngling erröthend,„ich ſuchte mich an Etwas zu erintern, und doch würde ich vielleicht beſſer thun, wenn ich zu vergeſſen ſuchte.“ „Dieß ſagte ich mir auch, Fabian, als ich auf „dem Meere, als ich in den Wäldern ſtets an das Kind dachte, das ich verloren hatte; allein ich konnte mich immer nur wieder erinnern, nie vergeſſen und Goött hat mich für meine Standhaſtigkeit belohnt“ Es gibt Dinge, die das Herz nicht aus ſeinen Frinnerungen aus⸗ merzen kann; das Herz kann nicht, wie der Reiſende, der ein zum Tragen allzu ſchweres Gepäck zurüchkäßt, ſich gewiſſer Erinnerungen entledigen.“ Es lag in den Worten des Kanadiers eite Inten⸗ tion, die Fabian entging. War es eine Ermuthigung war es ein verſteckter Vorwurf? Errieth der Kanadier die Wahrheit, oder hatte erſo viel Reſignation, um in dem Fei des Jünglings nur die zweite Stelle einzuneh⸗ men Fabian vermochte es ſich nicht zu ſagen; aber die Klage des Abendwindes, der mit den Todesſeufzern des Schlachtfeldes geſchwängert ſchien, murmelte auf der Oberfläche des Teiches nicht trauriger, als der Ton der Stimme des alten Jägers, als dieſer mit Fabian ſprach. „Es iſt noch Tag,“ antwortete Roſenholz nach kur⸗ zem Schweigen,„willſt Du, daß wir mit einander bis zum Biſonſee gehen? Vielleicht finden wir. dort. Der Walvläufer endete den angefangenen Satz nicht; dieſes Mal aber hatte ihn Fabian verſtanden, und ohne— man iſt in ſeinem Alter entſchuldbar— den ſchmerzlichen Schatten zu ſehen, der plötzlich die S ſeines Adoptivvaters verdunkelte, rief er leb⸗ haft: „Gehen wir!“ Und Beide machten ſich auf den Weg, der Jüng⸗ ling voller Ungeduld, der Greis mit einem unterdrückten Seufzer. Die Sonne fing an hinter die Berge hinabzufinken, deren hohe Gipfel in goldenem Lichte glänzten, als Beide aus dem Hohlwege in die Ebete traten. Das hohe Gras, das letztere bedeckte, zitterte in⸗ mitten einer tiefen Stille, und Nichts würde an die noch vor wenigen Stunden ausgekämpfte Schlacht er⸗ innert haben, hätten nicht lange Oeffnungen in der rie⸗ figen Vegeition des Thales hier den Leichnam eines Indianers, dort den eines Pferdes, und wieder an einem andern Orte einen neben ſeinem Pferde liegenden Rei⸗ ter ſehen laſſen. Die wei Reiſegenoſſen gingen ſchweigend fort, mehr mit der Fnkunft als mit dem blutigen Gemälde der ver⸗ gangenen Kämpfe beſchäftigt. Es war dem Kanadier mit Hülfe der obwohl nur unvollkommenen Geſtändniſſe Fabians in Betreff einer verſchmähten Liebe, ſowie vermittelſt des Namens der Tochter des Hacendero ei Leichtes geweſen, etwaige Lücken auszufüllen, und derſelbe die Ueberzeu⸗ „ 3 277 gung gewonnen, daß Roſarita das dem Anſcheine nach hoffnungslos geliebte Mädchen wäre, und daß dieſe Liebe dennoch in ihrem ganzen Feuer fortdauerte. Seinerſeits fühlte Fabian ſein Herz bald von einer berauſchenden Freude, bald von einer peinlichen Furcht bewegt, wenn er daran dachte, daß er äus den Augen Roſarita's nur neue Nahrung für eine Leidenſchaft ſchö⸗ pfen würde, die er für eine unſinnige hielt. Immer ſchweigend überſchritten die zwei Fußgänger die Furt des rothen Fluſſes, und ſchlugen dann den durch das Gras führenden Fußpfad ein, der unweit vom Büffel⸗ ſee ſeinen Ausgangspunkt hatte. Es war derſelbe Pfad, den wenige Stunden zuvor Roſarita ebenfalls verfolgte, wobei ſie an Fabian gedacht, und dem ſtärkenden und verſchwiegenen Morgenwinde ihre ſüßen Zukunftsträume und die geheimſten Gedanken ihres Herzens anvertraut hatte. Der auf dem rechten Ufer des Fluſſes, auf dem Fabian und Roſenholz ſich befanden, ungefachte Brand war einige Klafter von da erloſchen, ohne Zweifel durch einen entgegengeſetzten Wind zurückgetrieben. Nur bis⸗ weilen wurden die beiden Reiſenden von ſchwarzen Rauchmaſſen umhüllt. „Gehen wir geſchwinder, Fabian!“ ſagte endlich der Kanadier.„Dieſer Rauch erinnert mich zu ſehr an die Todesangſt, die ich wegen Deiner ausſtand, als ich glauben konnte, der Brand umhülle auch Dich mit ſei⸗ nen Flammen.“ Fabian kam dieſes ganz erwünſcht, und nachdem ſie einige Minuten raſch im Walde fortgegangen wären, zeigte das Geheul Oſo's den Reifenden den weiteren Weg nach dem Büffelſee an⸗ „Hörſt Du, Fabian?“ rief Roſenholz,„es iſt die Stimme Deines Befreiers; ohne den Inſtinkt des edlen Thieres wären wir vielleicht zu ſpät gekommen; das Thier hat die Lücke und den Weg nach dem Mittel⸗ punkte der Lichtung entdeckt Pieſer Willkomm von Sei⸗ e— 278 ten eines treuen Freundes iſt von günſtiger Vorbedeu⸗ tung, mein Kind.“ Fabian nahm dieſes Zeichen als ein günſtiges an; indeſſen zitterte er vor Aufregung, denn ein dünner Laubvorhang, ein ſchmaler Saum von Bäumen war nun die einzige Schranke zwiſchen Roſarita und ihm. „Wer da?“ rief die rauhe Stimme des Enelnas. „Ein Freund,“ antwortete Roſenholz. Einige Minuten darauf befanden ſich die beiden Reiſenden am Büffelſee. Rechnete man Encinas, einen andern Büffeljäger, — den einzigen Kameraden, der ihm geblieben war,— ſowie ſeinen Hund ab, ſo war die Lichtung ganz öde. Das himmelblaue Zelt Roſarita's, ſowie das ihres Va⸗ ters und des Senators ſpiegelte ſich nicht mehr im Teiche: die Herrſchaften hatten mit den Dienern in aller Eile die Gegend verlaſſen, die für ſie ſo unheilvoll ge⸗ weſen war. Selbſt die Schranken des Corral waren geöffnet, und es waren die wilden Pferde ihren Wäldern und der Freiheit wieder geſchenkt worden. Fabian, dem es ſchwach ums Herz wurde, mußte ſich gegen einen Baum lehnen, um die Schwäche ſeiner itternden Knie zu verbergen, und Roſenholz wich zum erſten Male ſeinem Blicke aus. Wir werden es nicht verſuchen, in das Herz des Waldläufers hinabzuſteigen, um dort zu leſen; vielleicht würden wir dort eine heim⸗ liche Freude finden, die er ſich gewiß recht lebhaft vor⸗ warf, wenn er ſie je empfand. Der herzliche Empfang von Seiten des Biſonjägers ließ Fabian die nöthige Zeit, um ſeine ganze Willens⸗ kraft wieder zu erlangen. Nicht ſo geſchwind aber ver⸗ ſchwand die Bläſſe ſeiner Wangen. Roſenholz übernahm es anſtatt des Jünglings, den Biſonjäger über die Urſache der plötzlichen Abreiſe des Hacendero und ſeines Gefolges zu befragen, obgleich die Beweggründe ſo ſchwer nicht zu errathen waren. — „ „Als ich,“ antwortete Encinas,„auf die dringende Bitte Don Aguſtins mit einigen Vagueros ihn und ſeine Tochter hieher begleitet, ſo hatte Dona Roſarita kaum noch ſo viel Zeit, um ſich wieder ein Bischen zu erho⸗ len. Die Nähe der Indianer flößte ihm einen ſo ge⸗ waltigen Schrecken ein, daß er aus Furcht, ſeine Toch⸗ ter neuen Gefahren auszuſetzen, ſelbſt für ſie ein Pferd ſattelte, und ſie ſo bequem wie möglich auf einen Männer⸗ ſattel ſetzte, woraus wir vermittelſt einiger Stricke eine Art Damenſattel machten; und dann ſchlug Don Agu⸗ ſtin, vom Senator, der, wie ich vermuthe, für ſich ſelbſt zitterte, ſowie von ſeinen drei Dienern begleitet, im Galopp den Weg nach dem Preſidio ein. „Sie müſſen nun nicht mehr weit davon und außer aller Gefahr ſein. „Dort wird er die Vaqueros erwarten, die dem Tode entkommen ſind. Die armen Teufel haben gleich mir die Hälfte ihrer Kameraden verloren, und ihre Ver⸗ wundeten mitgenommen,“ ſetzte Encinas traurig hinzu. „Ach! der verfloſſene Tag iſt furchtbar geweſen, und die Erinnerung an denſelben wird ſich im ganzen Lande erhalten,“ ſprach der Kanadier;„vielleicht aber hätte Don Aguſtin ſich minder beeilen ſollen, die Nähe eines Schlachtfeldes zu verlaſſen, auf dem, wenn man die Sache beim Licht beſieht, tapfere Leute ſich nur für ihn und ſeine Tochter niedermetzeln ließen. „Meiner Treu! Senor Roſenholz, Sie ſprechen gerade wie das junge Mädchen, das eben ſo muthig, als ſchön zu ſein ſcheint,— was gewiß Viel heißen will. Allein ihr Vater wollte nicht auf ſie hören.“ „Sie hat alſo den Büffelſee wider ihren Willen ſo raſch verlaſſen?“ „Ja; ſie behauptete, man dürfe nicht ſo treue Die⸗ ner verlaſſen, die nach der Schlacht vielleicht der Pflege bedürften!“ „Und von dieſen Lruten, die ſo muthig ihr Leben für ſie in die Schanze ſchlugen,— ich ſpreche nicht von den Dienern, ſondern von denen, deren Hülfe eine uneigen⸗ nützige war,— hat Roſarita Niemand mit Namen ge⸗ nannt?“ ſetzte der Kanadier hinzu⸗ „O nein,“ antwortete Eneinas, ſie ſprach ganz allgemein.“ Fabian hörte dieſes Zwiegeſpräch mit dem dumpfen Zorne eines Mannes an, der noch nicht den Gedanken eines Weibes unter dem Schleier kluger Zurückhaltung zu errathen weiß, womit die Schüchternheit ſie zwingt, ſich zu umhüllen. Er wußte nicht, daß Roſarita, auch wenn ſie gewußt, daß er unter den Kämpfern geweſen, — auch wenn ſie die Güte ihres Vaters für Alle nach einander in Anſpruch genommen hätte, gerade den Ge⸗ genſtand ihrer Vorliebe nicht genannt haben würde. Der arme Fabian liebte mit dem ganzen Feuer, aber auch mit der ganzen Unerfahrenheit des jungen Comanche, ſeines wilden Nebenbuhlers. ſtürmten auf ihn ein,— tauſend unzuſammenhangende, unſinnige, widerſprechende, kaum geborene Projeete ſtar⸗ ben nach einander wieder in ſeiner Seele, ohne ihn über den einzigen zu verfolgenden Weg aufzuklären. Bei einem ſo gewitterſchwangeren Himmel kreuzen ſich die— Blitze von den entgegengeſetzteſten Punkten des Hori⸗ zontes her, ohne daß ihr blendender Glanz die Finſter⸗ niß zu zerſtreuen vermag, was doch der bläſſeſte Son⸗ nenſtrahl thun würde. „Als ich dann,“ hob Enecinas wieder an, während Fabian, anſtatt einfach den Entſchluß zu faſſen, ſich nach der Hacienda del Venado zu begeben, bald mit der Büchſe in der Hand den Senator, der ihm Roſario raubte, verfolgen, bald in der Tiefe der Wüſte fliehen wollte, um ſogar der Erinnerung an ſie Lebewohl zu ſagen,„als ich dann den Büffelſee verlaſſen ſah, ließ ich die Pferde, die wir gefangen hatten, wieder aus dem Corral heraus, und gerade als Sie hier ankamen, wollte ich ſelbſt nach dem Biberteiche gehen, um mich nach dem Tauſend bittere Gedanken 8 —— 5 281 jungen und edlen Comanche zu erkundigen, den ich wie einen Sohn liebe.“ „Gehen wir mit einander dahin zurück, wenn es Ihnen recht iſt,“ ſagte Roſenholz. 4 Eneinas nahm das Anerbieten des Kanadiers an, um Brennſtrahl, falls ſein Ende nahe war, ein letztes Lebewohl zu ſagen, oder um ihn, falls ſeine Wunde nicht tödtlich war, wieder ins Leben zurückfehren zu ſehen, und ſchon machten ſie ſich mit einander auf den Weg, als die Stimme Oſo's die Ankunft eines Frem⸗ den anzeigte, deſſen Pferd den Boden des Waldes er⸗ zittern machte. „Wer da?“ rief Encinas, an ſeine Büchſe ſchlagend. „Ich bin es, zum Kuckuck! Senor Encinas,“ ant⸗ wortete ein Reiter, der nach indianiſcher Weiſe in eine Büffelhaut gehüllt war, auf der man die Sonne und den Mond, mit Strahlen von gelbem Ocher und von Zinnober prächtig gemalt, ſehen konnte. „Ah! Sie ſind es, mein Junge,“ ſagte der Biſon⸗ jäger, über den Aufputz des Reiters lachend, der Nie⸗ mand anders war, als der junge Vaquero, der die Geſchichten des Eneinas ſo gerne gehört hatte,„und woher kommen Sie alſo herausgeputzt?“ „Caramba! Senor Encinas, ich komme ans der Tiefe des Thales, wo ich die Indianer tüchtig gejagt habe, ich ſtehe Ihnen dafür.“ „Und dort haben Sie dieſen Mantel erobert?“ „Ja,“ ſagte der junge Vaquero ſtolz, und nun kann auch ich famoſe Geſchichten über den blutigen Kampf am Red⸗Fork erzählen. Aber ſchau! wo find denn die Andern?“ „Diejenigen, welche nicht umgekommen, ſind auf dem Wegk nach dem Preſidio, wo Don Aguſtin ſie er⸗ wartet“ „Gut! Ich gehe dahin.“ „Wie? Sie fürchten ſich alſo nicht vor einem Zuſammenſtoße mit Indianern?“ „Ich? Laſſen Sie mich doch in Ruh'! Ich haue die Kerls ſammt und ſonders zu Fetzen.“ Mit dieſen Worten entfernte ſich der junge Vaquero, nachdem er von ſeinen Freunden Abſchied genommen, im Galopp, und ritt mit dem Selbſtvertrauen eines Veteranen der Wüſte, und ganz ſtolz auf die Feuertaufe, die er an dem Tage erhalten, in den Wald hinein. Auf dem Wege vom Biſonſee nach dem Biberteiche nahm Fabian an dem Geſpräche der beiden Jäger keinen Antheil. Eine düſtere Melancholie war in ſeiner Seele an die Stelle der ſanften Traurigkeit getreten, die ihn bis daher erfüllt; es kam dieß daher, daß er wieder angefangen hatte, zu hoffen, und daß er nun das in ſeinem Herzen ſtärker als je wieder angefachte Feuer von Neuem erlöſchen laſſen mußte. Mehr denn je glaubte Fabian, daß Roſarita ihn verſchmähe. Er dachte nicht daran, daß es dem Mädchen unmöglich geweſen, den Befehlen ihres Vaters zu wi⸗ derſtehen; er wagte nicht, zu glauben, daß ſie, während ſie den Biſonſee in ſolcher Eile verließ, die ſüße Ge⸗ wißheit mitgenommen, ihn jetzt, wo ſie ihn am Leben wußte, faſt zu gleicher Zeit mit ihr auf der Hacienda ankommen zu ſehen. Fabian, deſſen Herz durch eine ungerechte Ueber⸗ zeugung erbittert war, beſchloß in Geſellſchaft ſeiner zwei Gefährten ſeine hoffnungsloſe Liebe aufs Neue in der Tiefe der Wüſte zu begraben. Es war Nacht geworden, als Fabian nach der traurigen und unnützen Wallfahrt, die er unternommen, wieder beim Biberteiche ankam. Der junge Comanche war nun wieder ein wenig zu ſich gekommen, und hatte einen kleinen Theil ſeiner früheren Kraft wieder erlangt. Er konnte Encinas, den er erkannte, die Hand drücken, und dann ſchlummerte er wieder ruhig ein. Sir Frederich ließ ſein Zelt über dem jungen Verwundeten ausſpannen, um ihn vor der 23 — * 283 Nachtkühle zu ſchützen, worauf die Sieger ſich auf dem Schlachtfelde neben ihr Feuer hinlegten. Es bezeichnete dieſe Nacht kein anderer Vorfall, als der vorübergehende Lärm, der durch den von dem amerikaniſchen Jäger verwundeten Schimmel verurſacht wurde,— welches Thier Wilſon ſamint dem Gepäcke des Engländers aus einem im Thale liegenden Dickichte herbeigeholt hatte. Das edle Roß hatte ſeine Gefangen⸗ ſchaft nicht ertragen können; und trotz des ſtarken Rie⸗ mens, an dem es feſtgebunden war, hatte es, ſich bei⸗ nahe erwürgend, denſelben abgeriſſen. Als Wilſon her⸗ beikam, war es ſchon zu ſpät, und der Sohn der Wäl⸗ der hatte bereits ſeinen wildſchnellen Lauf nach der fernen Querencia hin genommen. Encinas, der durch das Geräuſch der Gebüſche, welche durch das ſich hin und her werfende Pferd zu Boden gedrückt, und geknickt wurden, insbeſondere aber durch den Chor von Flüchen, den Sir Frederick und der Amerikaner in edlem Wetteifer mit einander auf⸗ führten, plötzlich aufgeweckt worden war, verſuchte es, ſie zu tröſten, indem er ihnen vorſtellte, wie ſie eben ſo gut darüber lamentiren könnten, daß ſie den Wind nicht aufzuhalten, oder ſich der Wolken des Himmels nicht zu bemächtigen vermöchten. Allein die zwei Ketzer, wie ſie der Biſonjäger nannte, wollten ſich nicht tröſten laſſen. Kaum graute der Tag, ſo machten der Amerikaner und der Engländer ſich bereits wieder reiſefertig: ſie wollten dem weißen Prairie⸗Roſſe nachſetzen. Encinas ſchüttelte den Kopf, und ſprach: „Nehmen Sie ſich in Acht, Herr Engländer! Die⸗ jenigen, welche dieſem Wunderthiere zu hartnäckig nach⸗ ſetzen, ſehen ihr Vaterland und ihre Fomilie nie wie⸗ der.“ „Mein lieber Freund,“ antwortete Sir Frederick, wir Beide ſind ganz verſchiedener Anſicht. Sie glauben an den Teufel, ich aber glaube nicht an denſelben. „Was die gewöhnlichen Gefahren der Wüſte betrifft. — vorausgeſetzt, daß es dort andere gibt, als die, ſo man ſelbſt ſucht,— ſo kümmere ich mich von dieſer Stunde an gar nicht mehr darum, indem nun der Vertrag, den ich mit Wilſon geſchloſſen, wieder in Wirkung tritt. Ich fange nun wieder an, ſicherer zu reiſen, als wenn ich an den Ufern der Themſe wäre, wo man ſtets auf eine Menge von Taugenichtſen ſtößt, denen man nicht im⸗ mer aus dem Wege gehen kann. Wilſon!“ „Sir?“ „Habe ich Recht?“ „Ew. Herrlichkeit thut mir unendlich viele Ehre an, indem ſie ſich auf mich allein mehr verläßt, als auf ſämmtliche Policemen der guten Stadt London.“ „Sind Sie reiſefertig?“ Wilſon fand, daß er eine Antwort erſparen könne; er antwortete alſo einfach damit, daß er zu Pferde ſtieg. Sir Frederick Wanderer ahmte das Schweigen ſeines Leibwächters nach, drückte ſämmtlichen Umſtehen⸗ den die Hand, und ſchwang ſich in den Sattel. Bald waren die zwei ſchweigſamen Reiſegenoſſen im Hohlwege hinter den Bäumen verſchwunden. Oögleich man Nichts mehr von ihnen gehört hat, ſo gefallen wir uns doch in dem Glauben, daß die un⸗ heimliche Prophezeiung des Biſonjägers nicht in Er⸗ füllung ging. Wir mögen lieber glauben, daß, wenn der Engländer wenig ſprach, er noch weniger ſchrieb, Und dann iſt noch zu beachten, daß, hätte er auch ge⸗ ſchrieben, der Dienſt der Poſt in der Wüſte noch nicht vollkommen geregelt iſt.. Der Zuſtand des jungen Comanche, der ſchon den Tag zuvor befriedigender geworden war, hatte ſich ge⸗ gen Morgen noch verbeſſert. Als der Kanadier den erſten Verband abgenommen hatte, konute das Auge, in Ermangelung einer Sonde, nach dem Ausſehen der Wunden ſchließen, daß kein Lebenswerkzeug verletzt wor⸗ den; und das ſtufenweiſe Zurückkommen der Kräfte des Indianers beſtätigte dieſe Vermuthung. 05 Indeſſen konnte man erſt an dem darauf folgenden Tage hoffen, daß man würde den Verſuch wagen dürfen, ihn zu Waſſer bis nach dem Dorfe der Comanches zu bringen, das an dem Ufer des Fluſſes im Staate Texas lag. Zu dieſem Zwecke wurden die drei Krieger Brenn⸗ ſtrahls abgeſchickt, um den büffelledernen Kahn wieder zu ſuchen, der ſie bis zum Red⸗Fork gebracht hatte. Allein es war derſelbe von dem Fluſſe fortgeführt wor⸗ den. Die ſchwerere indianiſche Piroge dagegen war in dem Schilfe geſtrandet, und die Comanches nahmen ſür ihr ſchwaches Fahrzeug gern die ſolide und zugleich ge⸗ ſchwinde Barke, die ſie vorfanden. Es blieb nun noch der wichtigſte Punkt zu regeln. Welche Richtung ſollte das Jägerkleeblatt einſchlagen? Sollten ſie den verwundeten Krieger, dem ſie ſo Viel verdankten, bis nach ſeinem Dorfe begleiten? Hatte die letzte und furchtbare Feuerprobe, die ſie beſtanden, in den Anſichten und in dem Lebensplane Fabians eine Aenderung hervorgebracht? Sollte der Kanadier ſeinem Sohne abrathen, ein Leben voller Gefahren,— ein an Aengſten jeder Art ſo reiches Leben mit ihnen auch ferner zu theilen, und ſollte er ihm den Antrag machen, daß er eine ruhigere Exiſtenz in der Nähe ſeines Sohnes vorziehe? Dieß war der ernſte und feierliche Gegenſtand, worüber Roſenholz und der ſpaniſche Jäger während einer augenblicklichen Abweſenheit Fabian's debattirten. „Wir müſſen die Entſcheidung des Kindes ſelbſt erwarten.“ Dieß war der Schluß, zu dem der Waldläufer endlich gelangte, und auch dieſer Tag verfloß noch, ohne daß Fabian ſeinen Willen kund gegeben hätte. Der Grund war einfach der: er dachte, da er einmal be⸗ ſchloſſen, ſich aus einem Lande zu entfernen, das ihn zu lebhaft an Roſarita erinnerte, daß an dem im Gold⸗ thale gemeinſchaftlich gefaßten Entſchluſſe, ihr aben⸗ teuerliches Waldläuferleben fortzuſetzen, Nichts geändert „ — An dem darauf folgenden Tage ſtanden früh Mor⸗ gens, während man Brennſtrahl in die Piroge gebracht hatte, und die Indianer im Begriffe waren, wegzuru⸗ dern, Roſenholz und Pepe unbeweglich am Ufer: „Wohlan! wie! mein Vater,“ rief Fabian erſtaunt, „verlaſſen wir ſo den Mann, der für die Sache der Weißen ſein Leben auf das Spiel geſetzt hat? Beglei⸗ ten wir ihn nicht bis nach ſeinem Dorfe?“ „Willſt du das, mein Kind?“ ſprach der Kanadier. „Wollen Sie es nicht auch?“ fragte Fabian. „Gewiß, allein ſpäter. „Ueber eine ſpätere Zeit können wir nicht verfü⸗ en.“ . Dann ſetzte Fabian, ſich nach dem Ohre des Kana⸗ diers hinneigend, hinzu: „Ich mache mit dieſem jungen und edlen Krieger gemeinſchaftliche Sache; wir werden mit einander von der Seeblume ſprechen.“ Fabian hatte Brennſtrahl den Namen Seeblume murmeln hören, und war auf den Gedanken gekommen, daß es nur Roſarita ſein könne, die ein Anderer, gleich ihm, zu vergeſſen habe. Es ſetzten ſich alle drei in die Piroge neben die In⸗ dianer. Eneinas und ſein Gefährte nahmen Abſchied von ihnen, und folgten mit dem Auge lange dem Fahrzeuge, das auf dem rothen Fluſſe dahin flog. Die Silhouette des träumenden und am Hinter⸗ theile des Kahns ſitzenden Fabian verwiſchte ſich all⸗ mählig, ebenſo die rieſige Statur des Kanadiers; und dann war es nur noch ein kaum ſichtbarer Punkt in der Ferne. Einige Augenblicke darauf verbargen die durch einen Sonnenſtrahl gefärbten Dünſte des Fluſſes den Augen der Biſonjäger ganz und gar die drei Aben⸗ — — 287 teurer, die abermals, ohne zu zittern, in eine unbekannte Welt hineinſteuerten. Dann entfernten ſich die beiden Biſonjäger, und überließen die Lichtung den Todten, welche ſie beher⸗ hergte, ſowie den Teich den Bibern, die nun ihr altes Reich wieder in Beſitz nahmen. Schtzigſtes Rapitel. Der Mann mit dem rothen Tuche. Sechs Monde ſind nun verfloſſen, ſeitdem die drei Jäger, dem Laufe des rothen Fluſſes folgend, und ohne auch nur an die Schätze des Goldthales zu denken, ſich den Wüſteneien von Texas zugewendet haben. Die Re⸗ genzeit war auf die trockene Jahreszeit gefolgt, und der Sommer kehrte mit ſeiner brennenden Hitze zurück, ohne daß man von ihnen und von der Expedition Don Eſtevan de Arechiza's Etwas erfuhr. Diaz war geſtorben, und hatte das Geheimniß des Wunderthales mit ſich ins Grab genommen; Gayferos aber war ſeinen drei Befreiern gefolgt. Was war aus den kühnen Jägern geworden, die nun wieder die Mühen, die Entbehrungen, und die Ge⸗ fahrungen aufgeſucht hatten, anſtatt als reiche und mäch⸗ tige Männer, die ſie hätten werden können, in das civi⸗ liſirte Leben zurückzukehren? Hatte die Wüſte dieſe drei edlen Exiſtenzen, wie ſchon ſo viele andere, verſchlungen? Hatte Fabian, ähnlich den Religioſen, die in der Stille des Kloſters die Tänſchungen der Welt zu der⸗ geſſen ſuchen⸗ in der Pracht der Einöde die Vergeſſen⸗ heit derjenigen gefunden, die ihn liebte, und ihn, ohne daß er es wußte, ſtets erwartete? Das Nachfolgende wird uns auf dieſe Fragen ant⸗ worten. An einem heißen Nachmittage ritten zwei bis an die Zähne bewaffnete Männer auf dem einſamen Wege fort, der von der äußerſten Grenze des Staates Sonora nach dem Preſidio Tubac führt. Ihr Coſtüm, die rohe Beſchaffenheit des Lederwerks, das man an ihren Thieren bemerfte, und dann wieder die Schönheit der letzteren, bildeten im Ganzen einen auffallenden Contraſt, und ſchienen zwei untergeordnete Boten anzuzeigen, die von einem reichen Grundeigenthümer ausgeſchickt worden, um entweder eine Nachricht zu überbringen, oder um ſolche einzuholen. Der erſte der zwei Reiter war vom Kopf bis zu den Füßen wie die Vaqueros der großen Haciendas ge⸗ kleidet; der zweite, der ſchwarz und bartig wie ein Maure, obgleich minder einfach gekleidet war, als ſein Kamerad, ſchien einem weit höheren Stande anzugehören. Während einer mehrtägigen Reiſe— die weißen Häuſer des Preſido zeigten ſich ſchon in der Entfernung — hatten die beiden Reiter wahrſcheinlich alle Gegen⸗ ſtände der Unterhaltung erſchöpft, denn ſie trabten ſchwei⸗ gend neben einander her. Die wenige Vegetation, womit die Ebenen, durch die ſie hinritten, ſich nach dem Winterregen geſchmückt hatten, wurde unter dem Einfluſſe der Sonne von Neuem gelb, und das welke Gras ſchützte nur kleine Waſſer⸗ gräben, in denen unter dem brennenden Hauche des Südwinds das Waſſer ohne Unterbrechung fortrauſchte. Das Laub der peruaniſchen Bäume neigte ſich, gleich den Weidenbäumen am Ufer der Flüſſe, über einen bren⸗ nenden Sand. Die zwei Reiter kamen Abends am Preſidio an, als die Glocke der Kirche des Angelus. läutete. — v — 289 Tubac war damals ein Dorf mit zwei Straßen, von denen eine quer durch die andere lief; die Häuſer waren aus Stampferde erbaut, und hatten nur an der Fronte einige wenige Fenſter, wie man es gewöhnlich an Orten findet, die den plötzlichen Einfällen der In⸗ dianer ausgeſetzt ſind. Starke Barrieren von beweg⸗ lichen Baumſtämmen ſchützten die vier Punkte, an denen man ins Preſidio eindringen konnte Hinter jeder dieſen ſtarken Barrikaden ſtand ein Feldſtück auf ſeiner Laffette. Ehe wir mit den Neuangekommenen ins Preſido eindringen, müſſen wir von einem Vorfalle ſprechen, der, obwohl in Wirklichkeit unbedeutend, an einem ſo einſammen Orte, wie Tubach, nichts deſtoweniger die Bedeutung eines Ereigniſſes hatte. Seit etwa vierzehn Tagen hatte ſich eine myſteriöſe Perſon,— denn Niemand im Preſido kannte dieſelbe,— häufig, aber immer nur kurze Zeit gezeigt. Es war ein etwa vierzig Jahre alter, magerer, ausgedorrter, und nerviger Mann, deſſen Geſicht von gar vielen beſtan⸗ denen Gefahren ſprach, deſſen Zunge aber eben ſo ſchweig⸗ ſam, als ſeine Phyſiognomie ausdrucksvoll war. Er antwortete nur wenig; dagegen aber ſprach er viel. Hauptſächlich ſchien ihm viel daran gelegen zu ſein, zu erfahren, was auf der Hacienda del Venado vorging. Einige Bewohner des Preſidio kannten zwar den reichen Beſitzer der Hacienda dem Rufe nach; Nie⸗ mand aber wußte von Don Aguſtin Pena ſo Viel, daß er die Frage des Unbekannten in befriedigender Weiſe hätte beantworten können. Im Preſidio Tubac erinnerte ſich noch Jedermann an die Erpedition der Goldſucher, die vor ſechs Mona⸗ ten von da abgegangen war, und nach einigen vagen Antworten des Unbekannten vermuthete man, daß er über dieſelbe mehr wiſſen müſſe, als ihm zu ſagen beliebe. Der Ausſage des Unbekannten zufolge war Der Waldläufer. ww.. 19 290 derſelbe in den Wüſten des Landes der Apachen, und zwar in einem ſehr kritiſchen Augenblicke auf die von Don Eſtevan befehligte Truppe geſtoßen. Auch ſagte er, er hätte Urſache, zu glauben, daß die genannte Truppe da einen letzten und furchtbaren Kampf mit den Indianern gekämpft,— einen Kampf, der keinen gün⸗ ſtigen Ausgang verſprochen hätte. Endlich hatte er den Tag zuvor gefragt, welchen Weg er einſchlagen müßte, um zu Don Aguſtin zu kom⸗ men. Insbeſondere aber hatte er ſich mit einem ſchein⸗ bar noch lebhafteren Intereſſe erkundigt, ob Dona Ro⸗ ſarita noch nicht verheirathet wäre. Dieſer Mann trug beſtändig ein roth earrirtes Tuch, deſſen Falten ihm bis an die Augen herabreichten, auf dem Kopfe, und nach dieſem Kopfputze hieß man ihn nur den Mann mit dem rothen Tuche. Kommen wir nun zu den beiden Reiſenden zurück! Die zwei Reiter, deren Ankunft nicht wenig Aufſehen erregte, ließen ſich eine der Barrieren öffnen, unb ritten auf eines der Häuſer des Preſidio zu. Auf der Schwelle dieſes Hauſes ſaß ein Mann, der der ſich damit vergnügte, daß er Guitarre ſpielte. Einer der beiden Reiter redete ihn alſo an: „Santas tardes*), mein Herr! wollen Sie zwei Fremde einen Tag und eine Nacht in Ihr Haus auf⸗ nehmen?“. Der Muſiker erhob ſich und ſprach ganz höflich: „Steigen Sie gefälligſt ab, meine Herren, dieſe Wohnung gehört Ihnen, ſo lang es Ihnen beliebt, varin zu bleiben.“ Dieß iſt das ganze, einfache Ceremoniell der Gaſt⸗ freundſchaft, das in jenen fernen Ländern noch im Ge⸗ brauch iſt. Die Reiter ſtiegen ab, umgeben von den Müßig⸗ gängern, die ſich geſammelt hatten, um die zwei Frem⸗ *) Guten Abhend. N v 291 den anzuſtarren,— denn ein Fremder iſt im Preſidio Tubac immer eine große Seltenheit. Der Hausbeſitzer half ſeinen Gäſten ſchweigend die Pferde abſatteln; die Neugierigen aber waren nicht ganz ſo beſcheiden, ſondern ſtellten an die zwei Fremden eine Menge Fragen. „Es iſt gut! laſſet uns zuerſt unſere Pferde beſor⸗ gen, und dann einen Biſſen eſſen, darauf wollen wir mit einander ſchwatzen; ich bin mit meinem Kameraden nur in ſolcher Abſicht hierher gekommen.“ Während der bärtige Reiter dieſe Worte ſprach, ſchnallte er ſeine rieſigen Sporen los, und legte ſie auf den Sattel ſeines Pferdes, der ſammt den ſchon zu⸗ ſammengelegten Wolldecken unter dem Periſtyl des Hau⸗ ſes einen Platz fand. Das Eſſen der beiden Fremden dauerte nicht lange. Bald erſchienen ſie wieder auf der Thürſchwelle, wo ſie ſich neben ihren Hauswirth ſetzten. Die Neugierigen hatten ihren Poſten nicht ver⸗ laſſen. „Ich bin,“ hob der bärtige Reiſende an,„um ſo mehr geneigt, Euch allen den Zweck unſerer Reiſe mit⸗ zutheilen, als wir von unſern Herrſchaften abgeſchickt worden ſind, um Fragen von Eurer Seite hervorzurufen. Iſt das Euch recht?“ „Gewiß,“ ſprachen mehrere Stimmenz„und für's Erſte, darf man fragen, wer der Herr iſt, von dem Sie ſprechen?“ „Es iſt⸗Don Aguſtin Pena, von dem Ihr gewiß ſchon gehört habt.“ „Der Beſitzer der ungeheuren Hacienda del Venado, — ein Mann, der mehrere Millionen im Vermögen hat, — wer kennt den nicht?“ antwortete einer der Um⸗ ſtehenden. „Der iſt's. Den Reiter, den Ihr neben mir ſehet, iſt ein Vaquero, der das Vieh der Hacienda unter ſich hat. Was mich betrifft, ſo bin ich Haushofmeiſter im 292 Dienſte des Eigenthümers. Wären Sie wohl ſo gut, mir Feuer zu geben, mein lieber Freund?“ fuhr der bärtige Majordomus fort. Er ſchwieg nur ſo lange, bis er ſeine Cigarette i Maisſtroh angezündet hatte, und fuhr dann alſo ort:— „Vor ſechs bis ſieben Monaten iſt von hier eine Erpedition abgegangen, um Goldſtaub zu ſuchen. Dieſe Expedition war befehligt von einem gewiſſen„. wartet ein Bischen, ich habe ihm ſo viele Namen geben hören, daß ich habe keinen behalten können.“ „Don Eſtevan de Arechiza,“ fiel einer der Umſte⸗ henden ein,„— ein Spanier, wie noch nicht viele in Dieſes Land gekommen find,— ein Mann, der, nach ſeinem ſtolzen Blicke und ſeiner Achtung einflößenden Haltung zu ſchließen, ſein ganzes Leben über Andere geherrſcht zu haben ſchien.“ „Don Eſtevan Arechiza! ganzrichtig, ſo heißt er,“ ſagte der Majordomus,„und außerdem war er noch frei⸗ gebig, wie ein Spieler, der die Bank geſprengt. Aber ich komme auf die Erpedition zurück: aus wie viel Mann beſtand ſie? Weiß man die Zahl genau?“ „Es ſind ihrer mehr als achtzig von hier wegge⸗ gangen.“ „Sagen Sie über hundert,“ ſprach ein Anderer. „Sie täuſchen ſich; es waren ihrer nicht ganz hun⸗ dert,“ fiel ein Dritter ein. „Daran kann im Grunde meinem Herrn, Don Agu⸗ ſtin, wenig liegen. Die Hauptſache iſt, daß wir erfah⸗ ren, wie viele von ihnen zurückgekommen ſind.“ Auch darüber war man nicht einig. „Nicht Einer!“ ſagte eine Stimme. „Doch, doch, ein Einziger,“ antwortete eine andere. Der Majordomus rieb ſich vergnügt die Hände. „Gut,“ ſagte erz„denn ſoll ich die Wahrheit ſagen, ſo iſt das einer mehr, als wir erwarteten, wenn der ut, der tte lſo ine eſe en ſte⸗ n ach den ere r ei⸗ er iel 3e* in⸗ u h⸗ en, der Herr, der behauptet, alle Goldſucher ſeien nicht umge⸗ fommen, überhaupt Recht hat, wie ich hoffe.“ „Glauben Sie denn,“ ſagte einer der Diſſidenten, um ſeine Anſicht zu vertheidigen,„der Mann mit dem rothen Tuche ſei keiner von denjenigen, die wir vor ſechs Monaten haben von hier abgehen ſehen?. Ich möchte auf das Kreuz oder das Cvangelium einen Eid ablegen, daß dem ſo iſt.“ „Ach nein!“ antwortete der Andere.„Nie hat der Menſch, den Sie meinen, früher das Preſidio betreten.“ „Auf jeden Fall,“ ſiel ein Dritter ein,„hat der Mann mit dem rothen Tuche irgend ein Intereſſe, die Abgeſandten Don Aguſtin Pena's, nach denen er ſich ſo oft erkundigt, ſich geneigt zu machen. Der Unbekannte wird ſich wohl gegen dieſe Herrn näher erklären, als gegen uns.“ „Das iſt ja vortrefflich,“ antwortete der Major⸗ domus.„Ich muß Euch alſo zu wiſſen thun, und ich kann es Euch wohl ſagen, ohne mir eine Indiseretion zu Schulden kommen zu laſſen, daß Don Aguſtin Pena, den Gott noch lange am Leben erhalten moͤge, der ver⸗ traute Freund des Senor Arechiza war, und daß er ſeit einem halben Jahr Nichts mehr von ihm gehort hat, was natürlich wäre, wenn er ſammt den Andern von den Indianern ermordet worden iſt. „Nun aber erwartet er ſeine Rückkehr, um die Hei⸗ rath der Dona Roſario, ſeiner Tochter, eines ſchönen und bezaubernden jungen Mädchens, mit dem Senator Don Vicente Tragaduros abzuſchließen. „Die Monate ſind verfloſſen, und da die Hacienda nicht an der Hauptſtraße von Ariſpe nach Tubac liegt, und wir über dieſe beklagenswerthe Erpedition Nie⸗ mand hefragen konnten, ſo hat mich mein Herr endlich nach dem Preſidio geſchickt, um nähere Erkundigungen einzuziehen. „Sobald er die Gewißheit erlangt haben wird, daß Don Eſtevan nicht mehr zurückkommt, wird er, da die 294 Mädchen in den Wüſten nicht immer Senatoren, und die Senatoren nicht ſo gar viele Mädchen finden, die eine Mitgift von zweimal hundertkauſend Piaſtern be⸗ kommen„ „Caramba! das iſt eine hübſche Summe.“ „Sie haben Recht,“ verſetzte der Majordomus. „Die projectirte Heirath wird zur gegenſeitigen Befrie⸗ digung beider Theile Statt haben. Dieß iſt der Grund, weßhalb wir nach Tubac gekommen ſind. Wenn Ihr mir daher den Mann bringen könnt, von dem Ihr ſaget, daß er von Allen denen, die ſich der Erpedition ange⸗ ſchloſſen, allein noch am Leben ſei, ſo werden wir von ihm vielleicht erfahren, was wir zu wiſſen wünſchen.“ Dieß wurde geſprochen, als in einiger Entfernung von dem Hauſe auf deſſen Schwelle Solches verhandelt wurde, ein Mann mit gebeugtem Kopfe vorüberging. „Schauen Sie,“ ſprach einer der Umſtehenden, mit dem Finger auf den fraglichen Mann deutend,„dort kommt gerade der Goldſucher, der allein mit dem Leben davon gekommen iſt.“ „In der That, es iſt dieß ein ziemlich myſteriöſer Menſch,“ ſetzte der Hauswirth hinzu.„Seit einigen Tagen geht er immer von einem Orte zum andern, ohne Jemand den Zweck oder den Beweggrund ſeiner Gänge anzuvertrauen. Wir wollen ihn fragen, ſo es Ihnen recht iſt.“ „He, Freund!“ rief einer der Neugierigen,„kommen Sie doch hieher: es iſt hier ein Herr, der Sie zu ſehen und zu ſprechen wünſcht.“ Der myſteriöſe Unbekannte kam heran. „Senor Caballero,“ ſagte der Majordomus überaus artig zu ihm,„es treibt mich keine eitle Neugierde, Fragen an Sie zu ſtellen; es veranlaſſen mich dazu die gerechten Beſorgniſſe, die meinem Herrn das Ver⸗ ſchwinden eines Freundes einflößt, deſſen Tod er fürch⸗ tet, beweinen zu müſſen. Was wiſſen Sie von Don Eſtevan de Arechiza?“ nd ie e —„„ 8— 295 „Gar Viel. Allein ſagen Sie mir gefälligſt, wie Ihr Herr heißt.“ „Er heißt Don Aguſtin Pena, und iſt Eigenthümer der Hacienda del Venado.“ Die Phyſignomie des Unbekannten ward hier von einem Blitze der Freude durchzuckt. „Ich werde,“ antwortete der Unbekannte,„Don Aguſtin Alles ſagen, was er zu wiſſen wünſcht. Wie viele Tagereiſen iſt die Hacienda von hier entfernt?“ „Drei Tagereiſen, wenn man ein gutes Pferd hat.“ „Ich habe ein vortreffliches, und wenn Sie bis mor⸗ gen Abend auf mich warten können, ſo begleite ich Sie, um Don Aguſtin ſelbſt Alles haarklein zu erzählen.“ „Es bleibt dabei,“ antwortete der bärtige Major⸗ domus. „Ganz gut!“ ſagte eifrig der Mann mit dem rothen Tuche,„morgen um dieſe Stundez dann können wir bei Nacht und in der Kühle reiſen.“ Er entfernte ſich, während der Majordomus ausrief: „Ich muß geſtehen, Caramba! daß man nicht ge⸗ fälliger ſein kann, als dieſer Caballero mit dem rothen Tuche.“ Damit war aber den Neugierigen nicht gedient, die ſich ſchon auf eine ſchöne und lange Geſchichte gefaßt gemacht hatten; allein es blieb ihnen Nichts übrig, als ſich zufrieden zu geben, denn ſie ſahen den Mann mit dem rothen Tuche vorüberreiten, und ſich in noördlicher Richtung raſch entfernen⸗ Der Unbekannte hielt Wort. Am nächſten, als dem zur Abreiſe bezeichneten Tage, fand er ſich wie⸗ der, als man das Angelus läutete, im Preſidio ein. Die zwei Diener Don Aguſtins verabſchiedeten ſich bei ihrem Hauswirthe, und verſicherten ihn zugleich, daß, wenn ihn je einmal ſeine Geſchäfte nach der Ha⸗ cienda del Venado führen ſollten, er dort des liebevoll⸗ ſten Empfangs gewiß wäre. In jenen noch primitiven Ländern würde auch der Aermſte ſich ſchämen, für ſeine 296 Gaſtfreundſchaft etwas Anderes anzunehmen, als einen aufrichtigen Dank, und das Verſprechen, daß nun auch er auf eine ähnliche gaſtfreundliche Aufnahme rechnen dürfe.— Dann ritten die drei Reiter in ſcharfem Trabe da⸗ von. Das Pferd des Unbekannten ſtand denen, welche die beiden Diener Don Aguſtins ritten, weder an Kraft, noch an Schönheit nach. Der Weg wurde raſch zurückgelegt, und als die Sonne des dritten Tages heraufkam, bemerkten die Reiſenden in der Ferne ſchon verworren den Thurm der Hacienda del Venado. Bald ſtiegen ſie im Hofe ab. Obgleich es um die Stunde war, wo die aufgehende Sonne ihre erſten freundlichen Strahlen herabſchießt, ſo lag doch über dem Gebäude und der Umgegend eine Art Traurigkeit verbreitet, die das Morgenlicht nicht ganz zerſtreuen konnte. Man wäre verſucht geweſen, zu ſagen, es ſei die Melancholie der Herrſchaften ge⸗ weſen, die ſich von innen nach außen verbreitet habe. Der Kummer verzehrte Dona Roſario, und die Unruhe nagte am Herzen des Hacendero, der ſie dahin⸗ welken ſah. Ungeachtet der furchtbaren Lage, in der ſich die Tochter Don Aguſtin's ſechs Monate früher, während der Schlacht am Red⸗Fork, befunden, hatte ſie die Ueberzeugung erlangt, daß Fabian noch lebe. Am Morgen des Schlachttages hatte ſie ſeine Stimme erkannt; einige Stunden darauf hatte Roſarita mit dem den Weibern eigenen wunderbar geſchwinden Blicke, während ſie in den Armen Brennſtrahls über das Schlacht⸗ feld hingetragen wurde, Fabian unter dem Schutze der Art eines Unbekannten kämpfen ſehen. Warum war Don Tiburcio, wie ſie ihn ſtets nannte, nicht nach der Ha⸗ cienda zurückgekehrt? Weil er entweder todt war, oder ſie nicht liebte, und aus dieſer Alternative entſtand der tiefe Kummer Roſarita's. Eine andere Urſache der Unruhe für den Hacenbero war das Ausleiben aller und jeder Rachricht über den 297 Herzog von Armada: und dann geſellte ſich noch einige Ungeduld zu dieſer Unruhe. Die projectirte Heirath zwiſchen ſeiner Tochter und dem Senator war ein Werk Don Eſtevan's; Tragaduros aber drang auf die Voll⸗ ziehung der Heirath. Don Aguſtin theilte das ſeiner Tochter mit; aber ihre Thränen allein antworteten ihm, und ſo geſchah es, daß der Vater noch wartete. Als indeſſen ſechs Monate verfloſſen waren, beſchloß Don Aguſtin Pena, der Sache ein Ende zu machen, und nach dem Preſidio Leute zu ſchicken, die dort nähere Nachrichten über die von dem ſpaniſchen Edelmann be⸗ fehligte Expedition einholen ſollten. Es war die letzte Friſt, welche die arme Roſarita ſich ausgebeten hatte. Der Senator war auf einige Tage verreist, und der Hacendero war ſchon lange auf, als der Majordo⸗ mus ihn von der Ankunft eines Fremden benachrichtigte, der ſeinen Zweifeln ein Ende machen würde. Sofort gab der Hacendero den Befehl, den Frem⸗ den in den nämlichen Saal einzuführen, den der Leſer bereits keunt; und Dona Roſario, die herbei gerufen wurde, fand ſich bald darauf bei ihrem Vater ein. Einige Augenblicke darauf erſchien der Unbekannte. Ein großer Filzhut, den er beim Hereintreten mit der Hand berührte, jedoch nicht abnahm, beſchattete ſein Geſicht, auf dem viele beſtandene Strapazen und Gefah⸗ ren zu leſen waren; unter der breiten herabfallenden Krämpe ſeines Hutes hing ein rothes, baumwollenes Tuch ſo weit über die Stirne herab, daß es ſeine Augenbrau⸗ nen ganz und gar verdeckte. Der Fremde betrachtete die Tochter Don Aguſtin's und konnte ſich an derſelben faſt nicht ſatt ehen. Einundachtzigſtes Rapitel. Der Bericht. Den Kopf mit ihrer ſeidenen Schärpe umſchlungen⸗ welche die langen Flechten ihrer ſchwarzen Haare hin⸗ durchdringen und auf ihren Buſen herabfallen ließ, trug Dona Roſario auf ihrem Geſichte die Spuren langer und geheimer Leiden. Als ſie ſich ſetzte, geſellte ſich, auf ihren Zügen, ein Zeichen entſchiedener Unruhe zu der Bläſſe ihres Geſichts. Das Mädchen ſchien zu befürchten, ſie ſtehe jetzt auf dem Punkte, wo ſie nicht länger von der Ver⸗ gangenheit träumen dürfe, ſondern wo ſie eine Zukunft annehmen müſſe, die ſie kaum in's Auge zu faſſen wagte. Als der Fremde ſich gleichfalls geſetzt hatte, ſagte der Hacendero zu ihm: 3 „Ich danke Ihnen, mein Freund, daß Sie ſich hie⸗ her bemüht haben, um mir Nachrichten zu bringen, ob⸗ gleich man mich hat ahnen laſſen, daß dieſelben gar traurig ſeien; allein wir müſſen Alles erfahren. Der Wille Gottes ſei gelobet!“ „Die Nachrichten ſind in der That traurig; aber es iſt, wie Sie ſagen, von Wichtigkeit(hier ſchien der Un⸗ bekannte, indem er auf ſeine Worte einen beſonderen Nachdruck legte, ſich ſpeciell an Dona Roſario zu wen⸗ denz), daß Sie Alles erfahren. Ich habe gar Vieles geſehen, und die Wüſte birgt vielleicht nicht ſo viele Ge⸗ heimniſſe, als man glauben könnte.“ Das Mädchen fuhr ein wenig zuſammen, und hef⸗ tete auf den Mann mit dem rothen Tuche einen klaren und durchdringenden Blick. „Sprechen Sie, mein Freund,“ ſagte Sie mit ihrer 299 melodiöſen Stimme,„wir werden den Muth haben, Alles anzuhören.“ „Was wiſſen Sie von Don Eſtevan?“ fing der Hacendero wieder an. „Er iſt todt, Senor Caballero.“ Don Aguſtin ſtieß einen Seufzer des Schmerzens aus, und ſtützte den Kopf auf beide Hände. „Wer hat ihn getödtet?“ fragte er. „Ich weiß es nicht, aher er iſt todt.“ Pedro Diaz, der Mann voller Uneigennützig⸗ eit?“ „Todt, wie Don Eſtevan.“ „Und ſeine Freunde, Cuchillo, Oroche, Baraja?“ „Todt, wie Pedro Diaz! Alle ſind todt, ausgenom⸗ men Wenn Sie es aber für gut finden, Senor, ſo werde ich ein Bischen weiter ausholen. Habe ich Ihnen nicht geſagt, daß Sie Alles erfahren müßten?“ 8 „Wir hören, mein Freund.“ „Ich werde,“ fing der Erzähler wieder an,„Ihnen Nichts von den Gefahren jeder Art, und von den Käm⸗ pfen ſagen, denen wir von dem Augenblicke unſeres Abganges an zu trotzen hatten. Unter einem Anführer, der uns unbegrenztes Vertrauen einflößte, achteten wir derſelben nicht.“„ „Der arme Don Eſtevan!“ murmelte der Hacen⸗ dero. „An dem letzten Raſtorte, von dem ich weiß, ſprach man im Lager allgemein davon, daß wir ganz in der Nähe eines ungeheuren Gold⸗Placer wären. Unſer Führer Cuchillo war aber ausgeblieben. Seit zwei Tagen war derſelbe abweſend. Gott wollte ohne Zweifel mich ret⸗ ten, denn er gab Don Eſtevan den Gedanken ein, mich nach dem Führer auszuſchicken: ich ſollte ihn in der Umgegend ſuchen. „Ich gehorchte trotz der damit verbundenen Ge⸗ fahren, und ſuchte die Spuren des Führers. „Nach einiger Zeit war ich ſo glücklich, dieſelben wirklich zu finden. „Ich verfolgte dieſelben, als ich in der Ferne einen Haufen Apachen bemerkte, die Büffel verfolgten. Ich drehte mein Pferd ſo raſch wie möglich um; allein ein von allen Seiten her kommendes wildes Geheul be⸗ wies mir, daß man mich geſehen hatte.“ Der Fremde, in dem der Leſer wohl ſchon den ſcal⸗ pirten Gambuſino Gayferos wieder erkannt hat, hielt hier einen Augenblick inne, wie von entſetzlichen Erin⸗ nerungen gepeinigt. Dann fuhr er fort, und erzählte die Art und Weiſe, wie er von den Indianern gefangen worden,— ſeine Todesangſt, als er an die Qualen gedacht, welche ſie für ihn in Bereitſchaft gehalten,— den verzweifelten Kampf, den er bei einem, mit bloßen Füßen ausge⸗ führten Laufe gegen ſie beſtanden,— ſowie endlich die Schmerzen, den dieſer Lauf ihm verur⸗ acht. „Von einem von Ihnen getroffen,“ ſagte er weiter, „und durch einen Schlag zu Boden geſtreckt, fühlte ich, wie die Schärfe eines Meſſers einen feurigen Kreis um meinen Kopf her beſchrieb. Dann hörte ich einen Schuß. „Eine Kugel pfiff an meinen Ohren vorbei, und dann verlor ich die Beſinnung ganz und gar. „Doch hatten neue Schüſſe die Wirkung, daß ich die Augen wieder öffnete, allein das Blut, das mein Geſicht bedeckte, ließ mich Nichts ſehen. „Ich fuhr mit der Hand nach meinem zugleich brennenden und eiskalten Kopfe; mein Schädel war ganz bloß gelegt. Der Indianer hatte mir das Haar mit der Schädelhaut abgeriſſen. „Und dieß iſt der Grund, Senor Caballero, weß⸗ halb ich jetzt Tag und Nacht dieſes Tuch auf dem Kopfe trage.“ Ein kalter Schweiß bedeckte während dieſer ganzen Erzählung das Geſicht des Gambufinv. 301 Die zwei Zuhörer bebten vor Entſetzen. Nach einem Augenblicke tiefen Schweigens, ſagte der Erzähler: „Vielleicht hätte ich Ihnen und mir ſelbſt ſo traurige Einzelheiten erſparen ſollen!“ Gayferos wiederholte, in ſeiner Erzählung fort⸗ fahrend, ſeinen Zuhörern, was wir bereits wiſſen, das heißt, wie die drei Jäger, die ſich auf das Inſelchen geflüchtet, ihm ganz unerwartet zu Hülfe gekommen. Er war bei dem Augenblicke angekommen, wo der Ka⸗ nadier ihn im Angeſicht der Feinde nach der Inſel hin⸗ übertrug. Dieſe heroiſche That entriß dem Munde Don Aguſtin's einen Ausruf der Bewunderung. „Es waren ihrer alſo wohl zwanzig auf dieſer Inſel, oder auf dieſem Floſſe 2“ unterbrach er ihn. „Den Rieſen mit inbegriffen, der mich in ſeinen Armen forttrug, waren ihrer nur drei,“ antwortete der Erzähler. „Bei Gott! tüchtige Kameraden; aber fahren Sie ort.“ Der Ganbufino fuhr alſo fort: „Die Gefährten des Mannes, der mich in ſeinen Armen fortgetragen hatte, waren ein anderer Mann, der mit ihm ſo ziemlich von gleichem Alter, das heißt, zwiſchen fünf und vierzig und fünfzig war,— und ein junger Mann mit blaſſem, aber ſtolzem Geſichte, mit funkelndem Auge und ſanftem Lächeln,— ein ſchöner junger Mann, meiner Treu! Madame, den ein Vater ſtolz wäre, ſeinen Sohn nennen zu können, und den ein Frauenzimmer ebenfalls ſtolz ſein dürfte, zu ihren Füßen zu ſehen. „In einem kurzen Augenblicke der Ruhe, den mir die entſetzlichen Schmerzen, die ich empfand, ließen, konnte ich meine Befreier über ihren Namen und ihren Stand befragen. „Allein ich konnte aus ihnen nicht weiter heraus⸗ bringen, als daß ſie Fiſchotterjäger wären, und zu ihrem 302 Vergnügen reisten. Es war dieß gar unwahrſcheinlich, indeſſen machte ich keine Bemerkung darüber.“ Dona Roſarita konnte einen Seufzer nicht ganz unterdrücken; vielleicht erwartete ſie einen Namen. Gayferos fuhr fort, die verſchiedenen Thatſachen zu erzählen, die der Leſer bereits kennt. Bei der Weg⸗ ſchleppung Fabian de Mediana's angekommen, rief er, ohne indeſſen von Rothhand und Miſchblut zu ſprechen, deren Erwähnung bei dem jungen Mädchen unangenehme Erinnerungen hervorrufen mußte, aus: „Ja, Madame, der arme Jüngling war von den Indianern gefangen worden, und ſein Tod ſollte den der gefallenen Wilden rächen.“ Hier hatten ſich die Wangen Roſarita's mit einer Todesbläſſe bedeckt. „Wohlan! und was iſt aus dieſem Jüngling ge⸗ worden?“ fiel der Hacendero ein, den dieſe traurige Kataſtrophe faſt eben ſo rührte, wie ſeine Tochter. Roſarita, deren Stimme während der Erzählung des Gambuſino erloſchen war, dankte ihrem Vater mit einem zärtlichen Blicke für das Intereſſe, das er an dem Jüngling nahm,— an dem Jüngling, für den ſie ſelbſt ſich ſo lebhaft und ſo unwillkührlich intereſſirte. Gayferos verbarg einen Blick der Freude, und fuhr, es abermals mit derſelben Delicateſſe vermeidend, auf den blutigen Kampf im Red⸗Fork⸗Thale auch nur an⸗ zuſpielen, alſo fort: „Drei Tage und drei Nächte verſtrichen unter furchibaren Aengſten, die von einigen ſchwachen Hoffnungs⸗ ſtrahlen durchzuckt waren. Endlich konnten wir am Morgen des vierten Tages die blutdürſtigen Räuber unverſehens überfallen, und nach einem hartnäckigen Kampfe war es dem rieſigen Krieger vergönnt, den⸗ welchen er ſein vielgeliebtes Kind nannte, an ſein Herz zu drücken: es hatte derſelbe keinen Schaden genom⸗ men.“ * —— e— 303 „Gott ſei gedankt!“ rief der Hacendero mit einem Seufzer der Erleichterung. Roſarita ſprach Nichts; aber ihr belebter Teint bezeugte hinlänglich ihre Freude. Ihre todblaß ge⸗ weſenen, nun aber wieder roſenroth gewordenen Lippen lächelten ſanft, als der Gambuſino ausgeſprochen hatte. Wir müſſen den weiteren Bericht des Gayferos einen Augenblick unterbrechen, um zu ſagen, daß der Angriff des Kanadiers und ſeiner Truppe am Ufer des rothen Fluſſes ſo raſch erfolgt, und daß Don Aguſtin ſammt ſeiner Tochter mit ſolcher Eile entflohen war, daß Beide, wenn ſie auch die Einzelheiten des Kampfes erfahren, doch die Namen derjenigen nicht kannten, die dabei eine Rolle geſpielt hatten. Roſarita hatte zwar Fabian neben Roſenholz kämpfen ſehen, allein ſie wußte nicht, wie der Jäger hieß, und eben ſo wenig wußte ſie, daß Fabian von den Prairie⸗ Räubern gefangen worden war. Indeſſen weckten ge⸗ wiſſe Analogien bei dem jungen Mädchen eine ſüße Hoffnung. „Fahren Sie ſöit,“ ſprach der Hacendero;„allein in dieſem Berichte, der einen Mann, welchen die In⸗ dianer vor einem halben Jahre ſelbſt gefangen hatten, lebhaft intereſſirt, vermiſſe ich die auf den Tod des armen Don Eſtevan bezüglichen Einzelheiten.“ „Ich kenne ſie nicht,“ fuhr Gayferos fort,„und ich kann Ihnen bloß die Worte des jüngſten der drei Jäger wiederholen, den ich eines Tages über dieſen Gegenſtand fragte. „„Er iſt geſtorben,““„ſagte er mir in ernſtem Tone.“„„Sie ſelbſt ſind der letzte Mann einer Expe⸗ dition, die ſo viele Mitglieder zählte. Wenn Sie nach Hauſe kommen, denn,““„ſetzte er ſeufzend hinzu,“„„ Sie haben vielleicht Jemand, der die Tage ihrer Abweſen⸗ heit ſchmerzerfüllt zählt, ſo wird man tauſend Fragen über das Schickſal Ihres Oberhauptes und Ihrer Führer an Sie ſtellen. Darauf haben Sie bloß zu 304 antworten: die Führer ſind im Dienſte geſtorben; was Don Eſtevan betrifft, ſo hatte ihn die Gerechtigkeit Gottes verurtheilt, und das Urtheil Gottes iſt in der Wüſte vollſtreckt worden. Don Eſtevan de Arechiza wird nicht mehr zu ſeinen Freunden zurückkehren.““ „Der arme Don Eſtevan!“ rief der Hacenderv. „Und Sie haben die Namen jener ſo freundlichen, ſo edelmüthigen, ſo tapferen Männer nicht erfahren fönnen?“ rief Dona Roſarita. „Im Augenblicke nicht,“ verſetzte Gayferos;„nur kam es mir ſonderbar vor, daß der jüngſte der drei Jäger mir von Don Eſtevan, von Diaz, Oroche und Baraja ſprach, als ob er ſie ganz genau gekannt hätte.“ Ein Angſtſchauer ſchüttelte den Körper Roſarita's unmerklich; ihr Buſen hob ſich, ihre Wangen färbten ſich purpurroth, um alsbald wieder ſo blaß zu werden, wie die Blüthe des Stechapfels. Ihr Mund aber blieb ſtumm. „Ich komme mit meiner Erzählung zu Ende,“ fuhr der Erzähler fort.„Nachdem wir den Sohn des tapferen Kriegers den Apachen wieder entrilſen hatten, begaben wir uns nach den texaniſchen Prairien. „Ich werde Ihnen nicht alle die Gefahren erzählen, die wir Fiſchotter⸗ und Biberjäger während eines ſechs Mynate langen, umherirrenden Lebens, das auch ſeine Reize hat, beſtanden haben. Allein es befand ſich Einer unter uns, der dieſe abenteuerliche Eriſtenz nicht ſo an⸗ genehm fand, wie wir dreiz es war der fragliche junge Mann. „Als ich ihn zum erſten Male ſah, war mir die melancholiſche Reſignaklon ſeines Geſichtes aufgefallen; ſeitdem aber ſchien ſeine Reſignation ab⸗, ſeine Me⸗ lancholie dagegen zuzunehmen. „Vergebens ergriff der alte Jäger, den ich für ſeinen Vater hielt(ich weiß nun, daß er es nicht iſt), jede Gelegenheit, ihn di Pracht der großen Wälder, in denen wir lebten, die impoſanten Scenen der Wüſte, —— 8——* ——— „ 305 ſowie den Zauber der Gefahren, denen wir trotzten, be⸗ wundern zu laſſen; der Jüngling vergaß ſeine Melan⸗ cholie immer nur dann, wenn wir uns in Gefahr be⸗ fanden. „Er ſehnte ſich ſogar nach Gefahren, und ſchien ſie eifrig zu ſuchen, wie ein Menſch, den die Laſt des Lebens zu ermüden anfängt. „In den Augenblicken der Ruhe hatte ſich nach und nach eine düſtere Stimmung bei ihm gezeigt. Ich ſagte zu dem alten Jäger gar oft: die Einſamkeit taugt nur für das reifere Alter,— die Jugend liebt das Ge⸗ räuſch, und das Zuſammenſein mit ihres Gleichen; kehren wir daher nach den Wohnungen der Menſchen zurück. „Und der Rieſe ſeufzte, ohne mir zu antworten. „Nach und nach verdüſterte ſich die Stirn der zwei Jäger, die den jungen Mann wie ihren Sohn liebten, gleichfalls. „Einſt wachte der junge Mann neben mir: es war Nacht. Ich erinnerte ihn an einen Namen, den ſeine Lippen, ſechs Monate vorher, während des Schlafes hatten entfahren laſſen. „Da erfuhr ich die Urſache des Kummers, der ihn langſam verzehrte. Er liebte, und die Einſamkeit hatte eine Erinnerung nur noch mehr aufgefriſcht, die er ver⸗ gebens gehofft hatte, austilgen zu können. „Ja, der arme Burſche liebte, und unglücklicher Weiſe fand er keine Gegenliebe.“ Der Erzähler ſchwieg hier einen Augenblick, und beobachtete mit ſcharfem Auge die Haltung ſeiner Zu⸗ hörer, hauptſächlich aber die der Dona Roſario, auf die er es bei der Herzählung aller Umſtände, die am Meiſten geeignet ſind, die Fibern eines Weiberherzens beben zu machen, beſonders abgeſehen zu haben ſchien. Krieger und Jäger zugleich, ſuchte der Hacendero die Freude, die ihm die Geſchichte dieſes Unbekannten verurſachte, nicht zu verbergen. Der Waldläufer. W. 20 306 Roſarita dagegen ſuchte unter einer anſcheinenden Kälte den Reiz zu verbergen, welchen dieſer ſo bewegte und zugleich ſo zum Herzen ſprechende Roman, deſſen rührendſte und aufregendſte Seiten der Gambuſino ihr mit ſo vielem Wohlgefallen vorlas, für ſie hatte. Indeſſen ſtrafte das Feuer ihrer großen, ſchwarzen Augen, ſowie das Colorit, das ihre Wangen wieder fanden, ihre Bemühungen Lügen. „Ah!“ rief Don Aguſtin,„wären dieſe drei tapferen Jäger bei dem armen Don Eſtevan geweſen, ſo würde die Expedition ohne Zweifel einen andern Ausgang ge⸗ habt haben.“ „Ich glaube es mit Ihnen,“ antwortete Gayferos. „Gott hatte es aber anders beſchloſſen. „Inzwiſchen,“ fuhr er fort,„drängte es mich immer mehr, meine Heimath wieder zu ſehen; aber die Dank⸗ barkeit verbot mir, dieß ihnen zu ſagen. „Der alte Jäger ſchien es zu errathen, und ſprach mit mir darüber. „Zu edelmüthig, um ihr Werk unvollendet zu laſſen, und mich allein den zahlloſen Gefahren der Rückkehr auszuſetzen, beſchloß der rieſige Jäger, mich bis nach Tubac zu begleiten. Sein Kamerad hatte wider dieſen Entſchluß Nichts einzuwenden, und ſo machten wir uns auf den Weg, nach der Gränze zu. Der Jüngling allein ſchien uns ungern in dieſer Richtung zu folgen. „Um das Preſidio zu erreichen, mußten wir die Kette der Nebelberge abermals überſteigen, und es brach gerade die Nacht herein, als wir uns in der Mitte derſelben befanden, und Halt machen mußten. „Es iſt einer der von den gileniſchen Indianern am Meiſten beſuchten Orte, und wir konnten nur mit der größten Vorſicht uns dort lagern. „Nichts gleicht, ich geſtehe es, der Behauſung der Geiſter des Abgrunds mehr, als die Berge, in denen wir die Nacht zubringen mußten. „Jeden Augenblick wurde unſer Schlaf durch ein 307 ſonderbares Getöſe, das aus den Höhlungen der Felſen hervorzudringen ſchien, unterbrochen oder geſtört; bald glich es dem unterirdiſchen Getöſe eines donnernden Vulcans,— bald der Stimme eines fernen, brauſenden Waſſerfalls,— bald dem Geheul der Wölfe,— und bald wieder einem kläglichen Geächze. „Von Zeit zu Zeit zerriſſen unheilverkündende Blitze den ewigen Nebelſchleier, der dieſe Berge bedeckt. „Ein peinlicher Traum vermehrte noch die Unbe⸗ haglichkeit, die dieſes unerklärliche Geräuſch mir ver⸗ urſachte. Ich träumte, ich ſei noch auf der Inſel; das Geheul der Indianer zerreiße meine Ohren; das Knallen der Büchſen erſchüttere in noch ſchmerzlicherer Weiſe, als ſechs Monate zuvor, meine geſchwächten Nerven. „Dieſer Traum bot eine ſo furchtbare Aehn⸗ lichkeit mit der Wirklichkeit dar, daß ich, obwohl ver⸗ gebens, mehrere Male den bleiernen Schlaf abzuſchütteln ſuchte, der zentnerſchwer auf mir laſtete. „Endlich wachte ich auf. Ich öffnete die Augen. Alles war ruhig um uns her, das übernatürliche Ge⸗ toͤſe abgerechnet, das ſich überall hören ließ. „Wir hatten uns auf einem Felſen gelagert, um vor einem Ueberfalle geſichert zu ſein. Ein Feuer hatten wir nicht anzünden können. „Der Felſen aber, wo wir ausruhten, überragte, wie ein Tiſch ein ziemlich breites, offenes Thal, das etwa fünfzig Fuß unter uns lag. Die zwei älteren Jäger ſchliefen in einiger Entfernung; der jüngſte allein wachte. Es war die Reihe an ihm, zu wachen, und wie immer, hatte er erſt verlangen müſſen, daß man ihn ſeinen Dienſt thun laſſe, denn ſeine Gefährten ſchienen ihn nur ungern ſo an ihren Strapazen Theil nehmen zu laſſen. „Haben Sie Nichts gehört? fragte ich den Jüng⸗ ling, der mit mir die Wache hatte. „„Nichts Neues,““„ſagte er zu mir,“„das unter⸗ irdiſche Getöſe der Vulcane abgerechnet.““ 308 „Sagen Sie lieber, daß wir hier an einem ver⸗ wünſchten Orte ſeien, entgegnete ich, und erzählte dann dem Jüngling meinen Traum. „„Vielleicht iſt es ein prophetiſcher Traum,““„ſprach er ernſt.“„„Ich erinnere mich, einſt einen ähnlichen Traum gehabt zu haben, als ℳ „Der Jüngling ſchwieg hier plötzlich. Er hatte ſich ganz auf den Felſen hinausgewagt, der das Thal beherrſchte. „Ich that maſchinenmäßig ein Gleiches. Ein und verſelbe Gegenſtand hatte zu gleicher Zeit unſere Augen überraſcht. „Einer der Geiſter der Finſterniß, welche dieſe Orte bewohnen müſſen, ſchien plötzlich eine ſichtbare Geſtalt angenommen zu haben. Es war eine Art Ge⸗ penſt mit einem Wolfskopfe und einer Wolfshaut. Das Geſpenſt aber hielt ſich, gleich einem menſchlichen Geſchöpfe, gerade auf den Beinen. Ich machte das Zeichen des Kreuzes, und ſprach ein Gebetlein; das Geſpenſt aber rührte ſich nicht⸗ „Es iſt der Teufel,“ murmelte ich. „„Es iſt ein Indianer,““„entgegnete der Jüng⸗ ling;“„ſchauen Sie, dort, in einiger Entfernung, find ſeine Gefährten.““ „Und in der That konnten unſere an die Finſterniß ſchon gewöhnten Augen etwa zwanzig Indtaner unter⸗ ſcheiden, die auf dem Boden herumlagen, und uns ge⸗ wiß nicht ſo nahe glaubten. „Ah! Madame,“ ſetzte der Gambuſino, zu Dona Roſario gewandt, hinzu,„es war eine jener gefährlichen Gelegenheiten, nach denen es den armen Jüngling, der uns begleitete, ſo ſehr verlangte, und es würde Ihnen, wie mir, in der Seele wehe gethan haben, wenn Sie die traurige Freude geſehen hätten, die in ſeinen Augen glänzte; denn je mehr wir uns den Wohnungen der Menſchen näherten, um ſo mehr ſchien ſeine Melancholie zuzunehmen. „ 309 „Wecken wir unſere Freunde!“ ſagte ich dann. „„Nein, laſſen Sie mich allein gehen: dieſe zwei Männer haben genug für mich gethan; jetzt muß ich mein Leben für ſie in die Schanze ſchlagen, und wenn ich umkomme„ wohlan! dann vergeſſe ich „Während der Jüngling dieſe Worte ſprach, ent⸗ fernte er ſich von mir. Er machte einen Umweg, und bald verlor ich ihn aus dem Geſichte. Dabei ſah ich aber immer noch die furchtbare, unbewegliche Geſtalt, und fünfzig Fuß unter uns... „Plötzlich ſah ich eine andere ſchwarze Geſtalt, die über ihn herſtürzte. Die zwei Körper verwuchſen zu einem einzigen, aber doch ſo ſtill, daß man glauben konnte, es ſei der Kampf zweier Geiſter. „Ich ſah ſie bald nicht mehr, da ſie hinter einem kleinen Hügel verſchwanden, und ich flehte zu Gott für den edlen Jüngling, der ſein Leben ſo kaltblütig und ſo kühn in die Schanze ſchlug. „Es ſtand nicht lange an, ſo ſah ich ihn zurück⸗ kommen; das Blut ſtrömte ihm über das Geſicht herab; er hatte eine große Wunde am Kopf. „O Jeſus⸗Maria! rief ich; Sie ſind verwundet. „„Es hat Nichts zu bedeuten,““„ſagte er;“„„ich will nun meine Gefährten wecken.““ „Was ſoll ich Ihnen weiter ſagen, Madame?“ fuhr der Gambuſino fort;„mein Traum war eine Warnung Gottes. Ein Haufen Indianer, den wir am Fork in Texas, will ich ſagen, vollkommen geſchlagen hatten, hatte wieder unſere Spur verfolgt, um das Blut der Ihrigen zu rächen, das an den Ufern des an dem Orte gefloſſen war, wo wir den Jüngling befreit hatten. „Allein die Indianer hatten es mit furchtbaren Gegnern zu thun. „Ihre Schildwache war vön dem muthigen Jüng⸗ linge ermordet worden, ohne daß ſie ſo viel Zeit gehabt, um einen Alarmruf hören zu laſſen; die Uebrigen aber Gayſeros fort, ohne die Unruhe des Mädchens zu be⸗ wurden während ihres Schlafs von den drei vereinigten Jägern überfallen. „Die Nacht war noch nicht zu Ende, als dieſe neue Heldenthat ausgeführt war. „Ich ſchlief wieder ein. „Ich wachte erſt mit Tagesanbruch wieder auf. Die zwei Jäger ſtanden auf dem Felſen, der das Thäl⸗ chen beherrſchte, und Beide ſahen auf den ſchlafenden Jüngling hin, den ſie ſo ſehr liebten. „Ich wollte von dem großen Jäger nähere Aus⸗ kunft über die Abenteuer der vergangenen Nacht ver⸗ langen; er legte mir aber den Finger auf den Mund, und deutete auf den ſchlafenden Jüngling. Es war ſein Sohn, deſſen Schlaf er ſchützte. „Ich ſah ein, daß ich denſelben nicht ſtören dürfe, und beobachtete, ohne ein Wort zu ſagen, die bleichen Züge des Jünglings und den blutigen Verband, der den Kopf desſelben umgab.“ „Der arme Jüngling!“ fiel hier Dona Roſarita ſanft ein,—„noch ſo jung ſein, und ein ſo gefahrvol⸗ les Leben führen! Der arme Vater! der jeden Augen⸗ das Leben eines vielgeliebten Sohnes zittern muß. „Ja, Sie ſagen mit Recht„„vielgeliebt,““ Ma⸗ dame,“ verſetzte der Erzähler.„Ein halbes Jahr lang habe ich jeden Augenblick die unendlich zärtliche Liebe ſehen können, welche dieſem furchtbaren Vater ſein Kind einflößt. „Der Jüngling ſchlief ruhig, und ſein Mund mur⸗ melte leiſe einen Namen, jedoch nicht ſo leiſe, daß ich nicht hätte hören können, daß es ein Frauenname war.“ Die ſchwarzen Augen Roſarita's ſchienen den Er⸗ zähler zu fragen; allein die Worte erſtarben auf ihren halbgeöffneten Lippen. Sie wagte nicht, zu ſagen, was ihr Herz ihr in die Ohren murmelte. „Aber ich darf Sie nicht ſo lange hinhalten,“ fuhr 311 merken zu ſcheinen.„Ich komme nun mit meiner Er⸗ zählung zu Ende. „Der Jüngling wachte gerade in dem Augenblicke auf, wo der Rieſe, nachdem er mich bei Seite genom⸗ men, im Begriff war, mir zu erzählen, was ich zu wiſ⸗ ſen wünſchte. „„Gehen Sie,““„ſagte er,“„„da hinunter, und zählen Sie die Todten, welche dieſe Hunde zurückgelaſſen haben.““ „Eilf Leichname,“ fuhr der Gambuſino fort,„lagen auf dem Boden herum, und außerdem gaben noch zwei eroberte Pferde Zeugniß von dem Siege dieſer uner⸗ ſchrockenen Indianertödter.“ „Ehre dieſen furchtbaren Unbekannten!“ rief Don Aguſtin enthuſiaſtiſch, während ſeine Tochter, ihre zwei Händchen zuſammenſchlagend, ihrerſeits ausrief: „Das iſt ſchön! das iſt prächtig! das iſt ſublim! Noch ſo jung, und ſchon ſo tapfer!“ Während das Mädchen dieſe Worte ſprach, waren ihre Wangen feuerroth, und es glänzte in ihrem Auge eine Begeiſterung, die der ihres Vaters nicht nachſtand. Das junge Mädchen hatte nur für den jungen Un⸗ bekannten Lobſprüche; vielleicht enthüllte ihr der feine Takt, der den Weibern eigen iſt, und der bisweilen der magnetiſchen Hellſichtigkeit nahe kommt, den Namen deſſelben. Den Erzähler ſchien das ſeinen Freunden geſpendete Lob zu freuen. „Aber Sie haben doch am Ende ihren Namen er⸗ fahren?“ fragte Dona Roſarita furchtſam. „Der älteſte hieß Roſenholz, der zweite Pepe oder Dormilon; was den Jüngling betrifft.. Gayferos ſchien ſich auf einen Namen zu beſinnen, ohne anſcheinend die Angſt zu bemerken, die ſich hei dem jungen Mädchen durch ihren ſich ungeſtüm bewegenden Buſen, ihre Bläſſe, und ihre aufgeblaſenen Naſenflügel kund gab. 3¹2 Die Lage Tiburcio's hatte mit der des jungen Unbekannten ſo viel Aehnlichkeit, daß Roſarita an der Identität derſelben gar nicht zweifelte, und das arme Mädchen bot alle ihre Kraft auf, um, wenn ſie den Namen des Jünglings ausſprechen hören ſollte, keinen Schrei der Freude und der Liebe ausſtoßen zu müſſen. „Was den Jüngling betrifft,“ hob der Gambuſino wieder an,„ſo hieß er„. Fabian.“ Bei dieſem Namen, der das junge Mädchen an Nichts gemahnte, und ſo ihre ſüßen Illuſionen zerſtörte, fuhr ſie ſchmerzerfüllt mit der Hand nach dem Herzen hin: ihre Lippen erblaßten; die Farben, welche die Hoffnung auf ihren Wangen wieder hervorgerufen hatte, verſchwanden, wie die roſigen Wolken, wenn die Sonne hinuntergegangen iſt. Dann konnte ſie nur noch maſchinenmäßig nach⸗ ſagen: „Fabian 1 Allein für ſie war Fabian nicht Tiburcio: Fabian war für ſie nur ein Unbekannter. In dieſem Augenblicke wurde die Erzählung des Gambuſino durch die Ankunft des Dieners unterbrochen. Der Kaplan ließ den Hacendero bitten, ſich wegen einer Sache, worüber er mit ihm zu reden hätte, einen Au⸗ genblick zu ihm zu bemühen. Don Aguſtin verließ den Saal mit den Worten, daß er in einem Augenblick zurückkommen würde. Der Gambuſino und das junge Mädchen blieben allein. Er betrachtete einige Augenblicke die beſtürzte und unter ihrem ſeidenen Schleier zitternde Roſarita ſchweigend, und mit einer Freude, die er nur mit Mühe verbarg. Ein geheimes Gefühl ſagte dem armen Kinde, vaß Gayferos mit ſeiner Erzählung noch nicht ganz zu Ende wäre. Und in der That ſagte der Gambufino mit ſanfter Stimme zu ihr: „Fabian führte einen andern Namen, Madame; 313 wollen Sie denſelben, während wir hier allein ſind, erfahren?“ Roſarita erbleichte. „Einen andern Namen! Oh! ſprechen Sie doch!“ ſagte ſie mit bebender Stimme. „Man hatte ihn lange Zeit Tiburcio Arellanos genannt.“ Ein Schrei der Freude entfuhr der Bruſt des jun⸗ gen Mädchens, das auſſtand, auf den Boten, der die frohe Nachricht gebracht, zuging, deſſen Hand ergriff, und in ihrer Freude dieſelbe an ihre Lippen preßte. „Ach, wie danke ich Ihnen! wie danke ich Ihnen!“ rief ſie,„obgleich mein Herz mir es bereits geſagt hatte.“ Dann ſchritt ſie wankend durch den Saal hin, und kniete vor einem Madonnabilde, das von einem goldenen Rahmen umgeben war, nieder. „Tiburcio Arellanos,“ fing der Gambuſino wieder an, iſt nur noch Fabian,— und Fabian iſt der letzte der Grafen von Mediana,— eines edlen und mächtigen ſpaniſchen Hauſes.“ Das junge Mädchen betete immer noch, ohne die Worte des Gayferos zu hören zu ſcheinen. „Ein ungeheures Vermögen, einen großen Namen, Titel, Ehren,— das legt er zu den Füßen der Frau nieder, die die ſeinige ſein wird.“ Das junge Mädchen fuhr in ihrem inbrünſtigey Gebete fort, ohne den Kopf umzuwenden. „Und doch,“ fuhr der Gambuſino fort,„hat das Herz Don Fabian de Mediana's von dem Nichts ver⸗ geſſen, was das Herz des Tiburcio Arellanos erfahren hatte.“ Roſarita unterbrach ihr Gebet. „Tiburcio Arellanos wird heute Abend hier ſein, wenn Sie ihn anhören wollen.“ W Nun war's mit dem Beten aus. Sie hatte Ti⸗ burcio, den armen und obſeuren Tiburcio„ſicht aber Fa. bian, den Grafen von Mediana, ſo ſehr beweint. Erſt — 314 bei dem Namen Tiburcio horchte ſie. Ehren, Titel, Reichthümer,— was lag ihr daran? Fabian lebte und liebte ſie immer; war das nicht genug? „Wenn Sie ſich heute Abend bei der Lücke der Hofmauer, wo er Sie verlaſſen hat, einfinden wollen, ſo werden Sie ihn dort finden. Erinnern Sie ſich noch des Ortes, den ich meine?“ „O, mein Gott!“ murmelte das junge Mädchen, „wie können Sie mich das nur ftagen? Jeden Abend gehe ich dahin!“ Und immer noch vor dem Madonnabilde auf den Knien liegend, fuhr das Mädchen in ihrem unterbroche⸗ nen Gebete fort. Der Gambuſino betrachtete einige Augenblicke dieſe feurige, ſchöne, auf den Knien liegende Evatochter,— ihren bis auf die Taille herabfallenden ſeidenen Schleier, — die bloßen Schultern, die von den langen Flechten ihrer Haare geküßt wurden, welche in geſchmeidigen Ringen auf den Boden des Saales herabfielen. Und dann ging auch er hinaus. Fnnagtzigſte⸗ Rapitel. Die Rückkehr. Ate Don Aguſtin Pena in den Saal zurückkam, fand er ſeine Tochter allein, und immer noch auf den Fnien liegen; er wartete bis ſie ihr Gebet beendigt. Die poſilive Nachricht von dem Tode Don Eſte⸗ van's beſchäftigte den Hacendero dermaßen, daß er der rymmen Handlung der Dona Roſarita natürlich einen — — *= — s ganz andern Beweggrund unterſchob. Er dachte, ſie ſchicke für die Ruhe der Seele desjenigen, deſſen myſte⸗ riöſes Ende man ſo eben erfahren, inbrünſtige Gebete zum Himmel empor. „Jeden Tag,“ ſprach der Hacendero,„wird auf mei⸗ nen Befehl der Kaplan, ein Jahr lang, eine Meſſe für Don Eſtevan leſen, denn dieſer Mann hat von dem Gerichte Gottes geſprochen, das in der Wüſte über ihn ergangen. Dieſe Worte ſind ſehr ernſter Art, und die Weiſe, in der er ſie geſprochen, läßt mich an ſeiner Wahrheitsliebe nicht zweifeln.“ „Gott erbarme ſich ſeiner Seele, wenn es nöthig!“ antwortete Roſarita aufſtehend. „Gott nehme ſeine Seele in Gnaden auf!“ ſprach Don Aguſtin ſeinerſeits in feierlichem Tone;„es war keine gewöhnliche Seele— die Seele des edlen Don Eſtevan de Arechiza, oder, damit ich Dir es endlich ſage, Roſarita,— des Don Antonio de Mediana, zu ſeinen Lebzeiten Marquis von Caſarcel und Herzog von Ar⸗ mada!“ „Mediana ſagen Sie, mein Vater!“ rief das Mäd⸗ chen.„Wie? er wäre alſo ſein Sohn?“ „Von wem ſprichſt Du?“ fragte Don Aguſtin er⸗ ſtaunt.„Don Antonio war nie verheirathet. Was willſt Du denn damit ſagen?“ „O, gar Nichts, Vater, gar Nichts: nur iſt Deine Tochter nun unendlich glücklich!“ Während Dona Roſarita dieſe Worte ſagte, um⸗ ſchlang ſie den Hals ihres Vaters mit beiden Armen, ließ ihren Kopf auf ſeiner Bruſt ruhen, und fing an, zu ſchluchzen, und dieſelbe mit Thränen zu überſchwem⸗ men. Aber ihr Schluchzen hatte nichts Bitteres an ſich; die Thränen des Mädchens floſſen ſanft, wie der Thau, den der amerikaniſche Jasmin Morgens aus ſeinen pur⸗ purrothen Kelchen fallen läßt. Der Hacendero, der das weibliche Herz nicht viel ſtudirt hatte, kannte die Wolluſt nicht, die für Frauen 6 * 3¹5 bisweilen in ihren Thränen liegt, und er verſtand von einem Glücke Nichts, das ſeiner Tochter Schluchzer entriß. Er fragte ſie abermals; allein ſie begnügte ſich, ihm mit lachendem Munde und noch feuchten Augen zu antworten: „Morgen werde ich Ihnen Alles ſagen, mein Vater!“ Der ehrliche Hacendero bedurfte in der That einer Erklärung, denn von dieſem ganzen Myſterium verſtand er auch nicht e in Wort. „Wir haben noch eine Pflicht zu erfüllen,“ hob er wieder an;„der letzte Wunſch, den Don Antonio gegen mich ausſprach, als er ſich von mir trennte, war, daß Du Dich mit dem Senator Tragaduros verheirathen möchteſt. Wir thun nur den Willen des Todten, wenn wir dieſe Heirath nicht länger hinausſchieben. Kennſt Du ein Hinderniß, das ſich derſelben entgegenſtellte, Ro⸗ ſarita?“ Das junge Mädchen fuhr bei dieſen Worten zuſam⸗ men, die ſie an eine verhängnißvolle Verlobung erinner⸗ ten, welche ſie aus ihrem Gedächtniſſe zu verbannen ge⸗ ſucht hatte. Ihr Buſen erhob ſich von Neuem und ihre Thränen fingen wieder an zu fließen. „Gut!“ ſagte der Hacendero lächelnd zu ihr;„es iſt abermals die Freude, die Dich ſo weinen macht,— nicht wahr?“ „Die Freude!“ wiederholte Roſarita in kläglichem Tone.„Ach nein! nein! mein Vater!“ Don Aguſtin wußte nun weniger, denn je, was er von der ganzen Sache halten ſollte; denn ſein ganzes Leben hindurch hatte er es ſich mehr angelegen ſein laſ⸗ ſen, die Liſten der Indianer, denen er ſein Gut lange hatte ſtreitig machen müſſen, zu errathen, als das Herz der Weiber zu ergründen. „O mein Vater!“ rief Roſarita,„dieſe Heirath wäre nun das Todesurtheil Ihres armen Kindes.“ Le! † ſar den „ gl lore doc mei ſich wu näh Zar Bli ter vät der r , n er d r ß * ⸗ . * re mn ſ⸗ tz Bei dieſer plötzlichen Erklärung, die er ſo wenig vorausgeſehen, war Don Aguſtin vor Staunen ganz außer ſich. Den Aerger, den ſie in ihm geweckt, mit Mühe bemeiſternd, rief er lebhaft: „Wie! hatteſt Du ſeit einem Monate nicht ſelbſt Deine Zuſtimmung zu dieſer Heirath gegeben? hatt Du zur Vollziehung derſelben nicht die Zeit beſtimmt, wo wir in Erfahrung bringen würden, ob Don Eſte⸗ van eet oder nicht? Er iſt todt, was willſt Du nun?“ „Es iſt wahr, ich hatte dieſen Termin feſtgeſetzt.“ „Und nun?“ „Damals wußte ich noch nicht, daß er noch am Leben iſt.“ „Don Antonio de Mediana?“ „Nein, Don Fabian de Mediana,“ antwortete Ro⸗ ſarita leiſe. „Don Fabian? Wer iſt denn dieſer Fabian„von dem Du mir da ſprichſt?“ „Der Jüngling, den Sie und ich. Tiburcio Arellanos nennen.“ Don Aguſtin war vor Erſtaunen ganz ſtumm. Seine Tochter benützte ſein Schweigen. „Als ich in dieſe Heirath willigte,“ ſagte ſie, „glaubte ich, daß Don Fabian auf immer für uns ver⸗ loren ſei; ich wußte nicht, daß er mich noch liebte, und doch„ beurtheilen Sie darnach, ob ich Sie liebe, mein Vater urtheilen Sie, welch' peinliches Opfer ſich meine zärtliche Liebe zu Ihnen zumuthete wußte ich wohl„ Während das arme Mädchen dieſe Worte ſprach, näherte ſie ſich ihrem Vater, das Auge mit all dem Zauber ihres ſanften, durch die Thränen verſchleierten Blicks bewaffnet. Dann lehnte ſie ſich an ſeine Schul⸗ ter und murmelte ganz leiſe, während ſie hinter dem väterlichen Kopfe ihre Wangen verbarg, welche die Farbe der halb offenen Granate hatten: —— 318 2„Und doch wußte ich, daß ich ihn immer noch „Aber wen meinſt Du denn?“ „Ich meine Tiburcio Arellanos,— den Grafen Fabian de Mediana, die nur eine und vieſelbe Perſon ſind.“ „Den Grafen von Mediana!“ wiederholte Don Auguſtin. „Ja! aber,“ rief Roſarita leidenſchaftlich,„ich liebe in ihm nur erſt Tibureio Arellanos, ſo hoch geboren, ſo mächtig, ſo reich auch jetzt Fabian de Mediana ſein mag.“ Hochgeboren, mächtig und reich,— ſind drei Worte, die in den Ohren eines ehrgeizigen Vaters immer einen guten Klang haben, wenn ſie einem jungen Manne gelten, den er achtet, aber für arm hält. Tiburcio Arel⸗ lanos würde von Don Aguſtin, wenn auch mit freund⸗ ſchaftlichen Worten, zurückgewieſen worden ſein; aber rt jetzt Fabian de Mediana nicht viele Chancen für ich? „Willſt Du mir ſagen, wie es kommt, daß Tibur⸗ cio Arellanos nun Fabian de Mediana ſein ſoll?“ fragte Don Aguſtin mit mehr Neugierde, als Zorn.„Von wem haſt Du dieſe Nachricht?“ „Sie ſind nicht bis ans Ende der Erzählung des Gambuſino dageblieben,“antwortete Dona Roſarita,„ſonſt würden Sie erfahren haben, daß jener junge Begleiter der zwei fühnen Jäger, deren Gefahren er in ſo edler Weiſe getheilt, kein anderer war, als Tiburciv Arellanos. Nur führte er damals den Namen Fabian. Wie es nun ge⸗ kommen, daß er, als er ſich allein und verwundet von der Hacienda entfernte, dieſe unerwarteten Beſchützer fand;— in wie fern Tiburcio und der Herzog von Ar⸗ mada mit einander verwandt waren,— das kann ich Ihnen nicht ſagen; der Mann aber, der uns Alles er⸗ zählt, wird uns wöhl auch das ſagen können.“ ——— en on be n, in e, en ne l⸗ ur M 5. 319 „Er ſoll auf der Stelle hier erſcheinen!“ rief Don Aguſtin lebhaft. Und er rief einem Diener, dem er befahl, den Gam⸗ buſino herbeizuholen. Don Aguſtin wartete mit äußerſter Ungeduld auf Gayferos; allein man ſuchte ihn vergebens. Der Gambuſino war verſchwunden. Wir werden in einem Augenblicke die Urſache des Verſchwindens mittheilen. Faſt in demſelben Augenblicke, wo man den Ha⸗ cendero und ſeine Tochter von dieſem Ereigniſſe benach⸗ richtigte, trat ein zweiter Diener ein, um ihnen zu mel⸗ den, daß Tragaduros im Hofe der Hacienda abſteige. Das Zuſammentreffen der Nückkehr des Senators und der demnächſtigen Ankunft Fabians war eines jener Ereigniſſe, die der Zufall öfter, als man zu glauben verſucht ſein möchte, im wirklichen Leben herbeizuführen liebt. Roſarita beeilte ſich, um an ihrem Vater einen ſichern Alliirten zu gebinnen, ihn zärtlich zu küſſen, und ſprach all' ihr Erſtaunen über ein Wunder aus, das aus dem Adoptivſohn eines Gambufino den Erben eines großen ſpaniſchen Hauſes gemacht.. Nachdem das junge Mädchen, einem Parther ähn⸗ lich, dieſe zwei Pfeile gegen den Senator abgeſchoſſen, entfloh es aus dem Saale ſo leicht wie der Vogel, der von Baum zu Baum fliegt. Tragaduros trat ein, wie ein Mann, der weiß, daß er ſtets gut aufgenommen wird. Sein ganzes Beneh⸗ men war das eines künftigen Schwiegerſohnes; er hatte das Wort des Vaters, ſowie die Zuſtimmung der Toch⸗ ter, wenn auch dieſe Zuſtimmung nur eine ſtumme ge⸗ weſen war. Indeſſen konnte der Senator, trotz ſeiner Selbſtzu⸗ friedenheit und ſeiner Siegesgewißheith zj unihin, das huſe und faſt feierliche Ausſehen Don Aguſtins zu be⸗ merken. 320 Er glaubte, ihn nach der Urſache deſſelben fragen zu müſſen. „Don Eſtevan de Arechiza, Herzog von Armada, iſt nicht mehr,“ ſagte der Hacendero;„wir Beide haben in ihm einen edlen, trefflichen Freund verloren!“ „Wiel todt!“ rief der Senator, ſein Geſicht mit ſeinem Taſchentuche von geſticktem Battiſt verhüllend. „Der arme Don Eſtevan! ich weiß wahrlich nicht, ob ich mich je tröſten werde.“ Die Zukunft des Senators ſollte indeſſen nicht vurch eine ewige Trauer verdüſtert werden, denn das Be⸗ dauern, das er ausdrückte, war gar nicht in Harmonie mit ſeinen geheimſten Gedanken. So ſehr er auch Don Eſtevan verpflichtet war, ſo konnte er doch nicht umhin, zu denken, daß derſelbe, wenn er gelebt hätte, ihn ge⸗ nöthigt haben würde, die halbe Mitgift ſeiner Frau zu politiſchen Umtrieben zu verwenden,„alſo eine halbe Million rein hinauszuwerfen! „Ich werde nun zwar,“ ſagte er bei ſich,„weder Graf, noch Marquis, noch Herzog werden; allein für einen Mann, wie ich bin, iſt eine halbe Million beſſer, als alle Titel, und es wird dieſelbe meine Genüſſe vermehren.„ Dieſes Ereigniß beſchleunigt außer⸗ dem noch meine Heirath„ Vielleicht iſt es am Ende kein ſo großes Unglück, daß Don Eſtevan umge⸗ kommen““ Und dann ſetzte er laut hinzu: „Der arme Don Eſtevan! welch' unerwarteter Schlag!“ * Tragaduros ſollte bald erfahren, daß es beſſ fir 3 geweſen wäre, wenn Don Eſtevan noch gelebt hätte Wir wpllen ihn aber bei dem Hacendero laſſen, und Gayferos folgen, denn wir glauben, es wird den Leſer freuen, denſelben wieder zu finden.— Der Gambuſino hatte ſein Pferd geſattelt, war, ohne von Jemand geſehen worden zu ſein, über die Ebene 5 en a, en üt ob ht e ie on n, e⸗ zu er ür er, er⸗ m e⸗ ter in te. nd ſer ar, ene 321 hingeritten, und hatte wieder den nach dem Preſidio führenden Weg eingeſchlagen. Er war ſchon lange fortgeritten, und nur auf we⸗ nige Reiſende geſtoßen zeigte ſich zufällig ein Reiter in der Ferne, ſo wechſelte der Gambuſino in dem Augen⸗ blicke, wo er an demſelben vorbeikam, mit ungeduldiger Miene einen Gruß. Es war offenbar nicht der Mann, den er ſuchte. So verſtrich der Tag, und erſt als es ſchon ziem⸗ lich ſpät war, ſtieß Gayferos einen Freudenſchrei aus. Er hatte drei Reiſende erblickt, die herangetrabt kamen. Die Reiſenden waren Niemand anders, als der Kanadier, Pepe und Fabian de Mediana. Der Rieſe ſaß auf einem jener ſtarken Mauleſel, die größer und ſtärker ſind, als das größte Pferd; und doch ſchien dieſes Thier für den rieſigen Reiter kaum groß genug zu ſein. Fabian und Pepe ritten die zwei trefflichen Roſſe, die ſie den Indianern abgenommen hatten. Der Jüngling hatte ſich gar ſehr verändert ſeit dem Tage, wo erzumerſten Male die Hacienda del Venado betrat. Unerbittliche Erinnerungen hatten die Wangen Fa⸗ bians abgemagert, und unter ſeiner Stirne, die von einigen frühzeitigen Runzeln durchfurcht war, ſchienen ſich ſeine Augen größer und feuriger zu öffnen. Das Feuer, das ſie belebte, war nicht mehr das der Jugend, das ſich an der Hitze des Blutes entzündet; es war ein düſteres Feuer, ähnlich dem, welches, vom Herde ver⸗ zehrenher Leidenſchaften ausgehend, in den Augenſternen ſich ausdrückt. Gewiß aber mußten die Bläſſe, die Magerkeit, und der krankhafte Glanz ſeines Blickes den jungen Graßen von Mediana in den Augen einer Frau intereſſanter und ſchöner erſcheinen laſſen. Mußte dieſes Geſicht, deſſen Linien die Sonne und Der Waldläufer. 1v. 2¹ —————————— 322 die Strapazen veredelt, Dona Roſarita nicht an eine Liebe erinnern, worauf ſie ſtolz ſein,— in der ſie ſich glücklich finden durfte? Mußte daſſelbe nicht ſo viele überſtandene Gefahren energiſch erzählen, und mußte es nicht von der doppelten Glorie des Ruhmes und des Leidens umgeben ſein? Was das männliche Geſicht der beiden Jäger be⸗ trifft, ſo hatten Sonne, Strapazen, und Gefahren jeder Art keine Veränderung in demſelben hervorgebracht. War auch ihre Geſichtsfarbe eine braunere geworden, ſo hatten doch weitere ſieben Monate eines abenteuerlichen Lebens, woran ſie ſchon längſt gewöhnt waren, auf ihren bronze⸗ farbenen Zügen keine Spur der Ermattung zurückge⸗ laſſen. Ihre Phyſiognomie drückte kein Staunen aus, als ſie den Gambuſino erblickten; jedoch malte ſich eine leb⸗ hafte Neugierde in ihren Augen. Ein Blick von Gay⸗ feros befriedigte dieſelbe alsbald, worauf ſich Freude auf ihren Geſichtern verbreitete. Dieſer Blick ſagte ihnen ohne Zweifel, daß Alles nach Wunſch gehe. Fabian legte allein einiges Staunen an den Tag, als er ſeinen alten Gefährten ſo nahe bei der Hacienda del Venado erblickte. „Haben Sie uns denn bei Tubac nur darum Lebe⸗ wohl geſagt, damit ſie uns hierher vorangehen könn⸗ ten?“ fragte er den Gambuſinv. „Gewiß; hatte ich es Ihnen nicht geſagt?“ ant⸗ wortete Gayferos. „Ich hatte es nicht ſo verſtanden,“ erwiederte Fa⸗ bian, der, ohne ſich ſcheinbar mehr um Alles das zu küm⸗ mern, was um ihn her geſagt werden oder geſchehen mochte, wieder in das düſtere Schweigen verfiel, das bei ihm etwas Gewöhnliches geworden war. Gayferos wandte ſein Pferd um, und es ſetzten nun die vier Reiter ihre Reiſe ſchweigend fort. Nach Verfluß von etwa einer Stunde, während 323 welcher Gayferos und der Kanadier allein einige Worte mit leiſer Stimme wechſelten, ohne daß der im⸗ mer noch abſorbirte Fabian darauf achtete, drängten ſich den drei Jägern Erinnerungen aus einer noch nicht gar fernen Vergangenheit in Menge auf. Sie kamen von Neuem über die jenſeits des Salto de Agua lie⸗ gende Ebene. Nach einigen Augenblicken kamen ſie bei dem Strome ſelbſt an, der immer noch zwiſchen den Steinmaſſen ſeiner Ufer dahinbrauste. Eine Brücke, ebenſo roh wie die frühere, hatte die erſetzt, welche die Männer, die jetzt in dem Goldthale, das der Gegen⸗ ſtand ihres Ehrgeizes geweſen, den ewigen Schlaf ſchliefen, in den Strom hinabgeſtürzt hatten. Der Kanadier ſtieg einen Augenblick ab: „Sieh, Fabian,“ ſprach er,„hier war Don Eſte⸗ van; die vier Banditen, zu denen ich indeſſen den ar⸗ men Diaz, den Schrecken der Indianer, nicht rechne, waren dort. Sieh, hier ſind noch die Fußſpuren Dei⸗ nes Pferdes, als es auf dem Felſen ausglitt, und in ſeinem Sturze Dich mit fortzog. Ach, Fabian, mein Kindl noch ſehe ich das Waſſer, das über Dir kochend zuſammenſchlug; noch ſcheint mir das Echo den Angſt⸗ ſchrei zu wiederholen, den ich damals ausſtieß. Welch ungeſtümer Jüngling warſt Du damals!“ „Und bin ich denn jetzt nicht mehr derſelbe?“ ſprach Fabian, traurig lächelnd. „O nein! Du haſt jetzt die männliche und ſtviſche Stirne eines indianiſchen Kriegers, der den Martern, die ſeiner am Pfahle warten, entgegenlächelt. Du ſiehſt an dieſem Orte ſo ruhig aus, und voch zerriſſen Dir, ich bin es gewiß, die Erinnerungen, die er bei Dir hervor⸗ ruft, das Herz. Nicht wahr, Fabian?“ „Sie irren ſich, mein Vater,“ entgegnete Fabianz „mein Herz iſt wie dieſer Felſen, auf dem ich, was Sie auch ſagen mögen, die Hufſpuren meines Pferdes nicht mehr erblicke; und mein Gedächtniß iſt ſtumm, wie das Echvo Ihrer eigenen Stimme, das Sie noch zu ———— 324 hören glauben. Ich habe es Ihnen geſagt, als Sie, bevor wir für immer in die Wüſte zurückkehren, mir als letzte Probe die auferlegten, daß ich alle Orte meiner Erinnerungen erſt wieder ſehen müſſe: dieſe Erinnerungen exiſtiren nicht mehr.“ Eine Thräne benetzte die Augen des Kanadiers; jedoch verbarg er dieſelbe, indem er Fabian den Rücken zuwandte, um wieder ſeinen Mauleſel zu beſteigen. Die Reiſenden ritten über die aus Baumſtämmen beſtehende Brücke. „Finden Sie hier, auf dieſem Mooſe, auf dieſem Boden, die Fußſpuren wieder, die mein Pferd zurück⸗ ließ, als ich Don Eſtevan und ſeine Bande verfolgte?“ fragte Fabian den Kanadier.„Nein: das im letzten Winter abgefallene Laub der Bäume hat ſie verborgen, — das Gras der Regenzeit hat ſie ſeitdem überwachſen.“ „Ah! wollte ich dieſes Laub,— wollte ich dieſes Gras entfernen, ſo würde ich dieſe Spuren wieder fin⸗ den, Fabian, und wollte ich in den Falten Deines Herzens ſuchen„ „So würden Sie Nichts darin finden, ſage ich Ihnen,“ fiel Fabian mit einiger Ungeduld ein.. „Doch ich irre mich, Sie würden dort eine Erinnerung aus meiner Kindheit finden,— eine jener Einbildungen, mit denen Sie verknüpft ſind, mein Vater!“ „Ich glaube Dir, Fabian,— ich glaube Dir,— Dir, der Du die Liebe meines ganzen Lebens geweſen biſt; allein ich habe Dir geſagt, daß ich Dein Opfer erſt morgen um dieſe Stunde annehmen werde, wenn Du Alles wieder geſehen haſt,— ſogar die Lücke der Hofmauer, über die Du geſtiegen biſt mit blutendem Herzen und bluten⸗ dem Körper.“ Ein Schauer, ähnlich dem des Verurtheilten, wenn er ein letztes und furchtbares Marterwerkzeug erblickt, durchzitterte den Körper Fabian's Endlich machten die Reiſenden in dem zwiſchen dem Salto de Agua und der Hacienda gelegenen Theile des 3 Waldes, und zwar gerade in der Lichtung Halt, wo Fabian den Kanadier und den Spanier wie Freunde gefunden hatte, die ihm Gott von den äußerſten Grenzen der Welt her zugeſandt. Dieſes Mal bedeckten nicht die Schatten der Nacht jene Orte; es herrſchte aber dort die Stille der Wäl⸗ der Amerika's,— jene feierliche Stille, wenn die Sonne im Zenith ihre glühend heißen Strahlen herabſchießt; wenn die Blüthe der Lianen ihren Kelch ſchließt; wenn der Grashalm ſich ſchmachtend nach der Erde hin ſenkt, gleichſam um dort Kühle zu ſuchen, und wenn die ganze Natur, ſtumm und in Erſtarrung verſenkt, leblos ſcheint. Das ferne Brauſen des Stromes war das einzige Ge⸗ räuſch, das um dieſe Stunde die impoſante Stille der Wälder ſtörte. Die Reiter zäumten und ſattelten ihre Pferde ab, die ſie in einiger Entfernung anbanden. Da ſie die ganze Nacht hindurch geritten waren, um die Hitze des Tages zu vermeiden, ſo hatten ſie beſchloſſen, ihre Sieſta unter dem Schatten der Bäume zu halten. Gayferos war der erſte, der einſchlief; die Liebe, die er gegen Fabian hegte, war in Betreff der Zukunft ganz ruhig. Pepe machte es bald wie der Gambuſino; nur der Kanadier und Fabian ſchloßen die Augen nicht. „Du ſchläfſt nicht, Fabian?“ ſprach Roſenholz leiſe. „Nein; aber warum ruhen Sie nicht ein wenig aus, warum machen Sie es nicht, wie unſere zwei Ge⸗ fährten?“ „Man ſchläft nicht an Orten, die Einem heilig ſind, Fabian,“ antwortete der alte Jäger;„dieſer Ort iſt für mich ein heiliger geworden. Iſt hier nicht ein Wunder geſchehen, als ich Dich in der Tiefe der ameri⸗ kaniſchen Wälder wieder fand, nachdem ich Dich auf dem endloſen Oeean verloren? Ich würde gegen Goit un⸗ dankbar zu ſein glauben, wenn ich, um auch nur den Schlaf zu ſchmecken, den er uns ſchenkt, hier Alles ver⸗ gäße, was er für mich gethan.“ „Ich theile ganz Ihre Anſicht, Vater, und lauſche Ihren Worten,“ antwortete der junge Graf. „Ich danke Dir, Fabian, aber ich danke auch Gott, der mich Dich hat wieder finden laſſen,— der mir Dein ebenſo edles, als liebevolles Herz geſchenkt hat. Schau, hier ſind noch die deutlichen Spuren des Feuers, an dem ich ſaß; hier find noch die Kohlenüberreſte, die, obgleich ſie durch das Waſſer einer ganzen langen Re⸗ genzeit gewaſchen worden, doch noch ſchwarz ſind; hier ſt der Baum, an den ich mich am Abend des ſchönſten Tages meines Lebens lehnte. „Mein Leben iſt durch Dich verſchönert worden, denn ſeitdem Du wieder mein Sohn geworden, iſt je⸗ der Tag ein Tag der Freude für mich geweſen,— bis zu dem Augenblicke, wo ich einſehen mußte, daß meine Liebe zu Dir nicht die iſt, nach der das Herz der Ju⸗ gend verlangt.“ „Warum denn aber immer auf dieſen Gegenſtand zurückkommen, mein Vater?“ antwortete Fabian mit jener ſanften Reſignation, die weher thut, als die bit⸗ terſten Vorwürfe. „Meinetwegen! ſprechen wir nicht mehr von dem, was peinlich für Dich ſein kann; wir werden ſpäter wieder davon reden,— nach der Probe, die ich Dir nicht habe erſparen können.“ Vater und Sohn,— denn wir können ſie wohl ſo nennen,— beobachteten abermals ein abſolutes Schwei⸗ gen, um nur noch den Stimmen der Einöde zu lauſchen. Wer vermöchte zu ſagen, was dieſe Stimmen Alles einer verwundeten Seele zumurmeln? Die Sonne ſenkte ſich am Horizonte; ein leiſer Zephyr küßte mit ſeinem Hauche das Laub der Bäume; ſchon fingen die von Aſt zu Aſt fliegenden Vögel wie⸗ der an, zu zwitſchern und zu ſingen; es bewegten ſich die Inſekten im Graſe umher; es ließ ſich in der Ferne das Gebrüll der Hausthiere hören; es waren die Gäſte — des Waldes, welche die Wiederkehr der Kühle begrüß⸗ ten. Die beiden Schläfer wachten auf. Nach einem kurzen kräftigen Mahle, wozu Gayfe⸗ ros alles Nöthige von der Hacienda del Venado ge⸗ bracht hatte, erwarteten die Reiſenden ruhig und mit geſammeltem Geiſte die Stunde der Prüfung. Es verfloſſen mehrere Stunden, bevor der azurne Himmel über der Lichtung ſich verdüſterte. Allmählig trat die Natur wieder in die Periode der nächtlichen Stille ein; es funkelten Tauſende von Sternen am Firmamente, wie ebenſo viele Funken, welche die Sonne nach Vollendung ihres Laufes aus⸗ geſtreut, und dann verſilberte der Mond, wie an jenem Abende, wo Fabian verwundet zum Feuer des Kanadiers hinkam, den Gipfel der Bäume und das Moos der Lichtungen. „Zünden wir ein Feuer an?“ fragte Pepe. „Gewiß. Was auch geſchehen mag, wir bringen die Nacht hier zu,“ antwortete Roſenholz.„Iſt das nicht auch Deine Meinung, Fabian?“ „Es liegt mir wenig daran, ob wir hier, oder dort unten ſind,“ antwortete der Jüngling.„Sind wir nicht immer beiſammen?“ Fabian hatte ſchon ſeit langer Zeit eingeſehen, wie von uns geſagt worden, daß der Kanadier, ſelbſt mit ihm, nicht im Schooße der Städte leben könnte, ohne die Freiheit und die Luft der Wüſte ſtets zu ver⸗ miſſen. Er wußte auch, daß Roſenholz ohne ihn gar nicht würde leben können, und wollte in ſeiner edelmü⸗ thigen Weiſe ſich ſelbſt zum Opfer bringen, um dem alten Jäger ſeine letzten Tage zu verſüßen. Roſenholz hatte die ganze Größe des Opfers, das der Jüngling brachte, eingeſehen, und war die Thräne, die er am Morgen deſſelben Tages verborgen hatte, nicht eine Thräne des Dankes? 1 it 3 3 37. † 3 Wir werden in dem Herzen des Kanadiers bald beſſer leſen. Die Sterne wieſen auf eilf Uhr. „Geh', mein Kind,“ ſagte Roſenholz zu Fabian, „Biſt Du in der Nähe des Ortes angekommen, wo Du Dich von einem Weſen getrennt, das Dich vielleicht liebte, dann leg die Hand auf's Herz; fühlſt Du es nicht ge⸗ ſchwinder ſchlagen, dann komm' zurück, denn dann haſt Du die Vergangenheit überwunden.“ „Ich komme zurück, Vater!“ antwortete Fabian in einem Tone melancholiſcher Standhaftigkeit;„die Er⸗ innerungen ſind für mich, wie der Hauch des Windes, der dahin ſtreicht, ohne ſtille zu ſtehen, und ohne eine Spur zurückzulaſſen.“ Er entfernte ſich mit langſamen Schritten. Eine friſche Briſe kühlte die heißen Ausdünſtungen der Erde ein wenig ab. Der glänzende Mond beleuchtete das Feld in dem Augenblicke, wo Fabian, nachdem er aus dem Walde getreten, auf dem unbebauten Felde ankam, das zwiſchen dem Saume des Waldes und der Hof⸗ mauer der Hacienda lag. Bis dahin war er mit feſtem, obgleich langſamem Schritte fortgegangen; als er aber inmitten des ſilber⸗ nen Nachtdunſtes die weißen Mauern erblickte, wo ſich die noch offene Lücke in der Mitte zeigte, wurden ſeine Schritte langſamer. Es zitterten die Beine unter ihm. War ſeine demnächſtige Niederlage, die er befürchtete, denn eine innere Stimme rief ihm im Voraus zu, daß er beſiegt ſei, oder waren ſeine Erinnerungen daran Schuld, die in dieſem Augenblicke lebhafter und pein⸗ licher, wie eine Meereswoge anſchwollen? Ees herrſchte eine tiefe Stille, und die Nacht war hell, obgleich dunſtig. Plötzlich blieb Fabian ſtehen, und fuhr zuſammen, wie der Reiſende, der ſich verirrt hat, und plötzlich ein Geſpenſt vor ſich zu ſehen glaubt. Eine ſchlanke und weiße Geſtalt ſchien ſich über —————————————— — ——————— — 329 der Lücke der Hofmauer zu zeigen. Sie war einer jener Feen aus den alten Legenden des Nordens ähnlich, die den heidniſchen Skandinaviern über den Nebeln ſchweb⸗ ten. Einem Chriſten war dieſe Geſtalt der Engel der erſten und alleinigen Liebe. Einen Augenblick ſchien Fabian dieſe graciöſe Er⸗ ſcheinung zu zerfließen; allein es war dieß nur ein Irr⸗ thum ſeiner Augen, die ſich wider ſeinen Willen mit einem Schleier bedeckten. Die Erſcheinung zeigte ſich immer noch an demſel⸗ ben Orte. Als er ſo viel Kraft verſpürte, um weiter zu gehen, trat er noch näher hinzu; die Erſcheinung verſchwand aber nicht. Dem Jüngling wollte einen Augenblick das Herz in der Bruſt zerſpringen, denn ein furchtbarer Gedanke fuhr ihm durch den Kopf: er glaubte, er hätte nur noch den Schatten Roſarita's vor ſich„ und es wäre ihm tauſend Mal lieber geweſen, zu wiſſen, daß ſie ihn unbarmherzig verſchmähe, aber noch am Leben ſei, als ſie todt, als eine graciöſe und wohlwollende Viſion vor ſich zu ſehen. Eine Stimme, deren herrlicher Klang ſein Ohr wie ein himmliſcher Ton traf, konnte ſeine Illuſion nicht zerſtreuen, denn dieſe Stimme ſprach: „Sind Sie es, Tiburcio? Ich erwartete Sie.“ War nicht die Hellſichtigkeit eines Geiſtes aus der andern Welt erforderlich, um ſeine Rückkehr aus ſo weiter Ferne zu errathen? „Sind Sie es, Roſarita?“ rief Fabian mit unge⸗ mein bewegter Stimme;z„oder iſt es nur eine trügeriſche Viſion, die wieder verſchwinden wird?“ Und Fabian blieb unbeweglich, und war wie an⸗ genagelt, ſo ſehr fürchtete er, das holde Bild wieder ver⸗ ſchwinden zu ſehen. „Ich bin es, ich bin es wirklich,“ ſagte die Stimme. — „O mein Gott! die Prüfung wird noch furchtbarer ſein, als ich zu denken wagte,“ ſagte Fabian bei ſich. Und er machte einen Schritt; dann blieb er wieder ſtehen. Der arme Jüngling hoffte Nichts mehr. „Welches Wunder hat der Himmel gethan, daß ich Sie hier wieder finde?“ rief er. „Ich komme jeden Abend hieher, Tiburcio,“ erwie⸗ derte das junge Mädchen. Und nun fing Fabian an, noch ſtärker zu zittern, aber hoffnung⸗ und liebeerfüllt. Roſarita hatte, als ſie Fabian zum letzten Male geſehen, dieſem, wie wir wiſſen, um keinen Preis ſagen wollen, daß ſie ihn liebte. Seit jener Zeit hatte ſie aber ſo Viel ausgeſtanden, hatte ſie ſo viel geweint, daß die Liebe dieſes Mal ſtärker war, als die Scham. Jungfrauen zeigen bisweilen eine außerordent⸗ liche Kühnheit,— eine Kühnheit, die ihre Keuſchheit heiligt. „Kommen Sie heran, Tiburcio,“ ſprach ſie:„hier haben Sie meine Hand.“ Fabian war in einem Sprunge bei ihren Füßen angelangt, und preßte convulſiviſch die Hand, die man ihm hinreichte. Vergebens aber ſuchte er zu reden. Das junge Mädchen heftete einen Blick unruhiger Zärtlichkeit auf ihn. „Laſſen Sie einmal ſehen, ob Sie ſich auch ver⸗ ändert haben, Tiburcio,“ hob ſie wieder an„Ach! ja, der Schmerz hat auf Ihrer Stirn ſeine Spur zu⸗ rückgelaſſen; allein der Ruhm hat dieſelbe veredelt. Sie ſind ebenſo tapfer, als ſchön, Tiburcio: mit Stolz habe ich erfahren, daß die Gefahr Sie nie erblaſſen machte.“ „Sie wiſſen, ſagen Sie?“ rief Fabian;„aber was wiſſen Sie denn?“ „Alles, Tiburcio, ſelbſt Ihre geheimſten Gedanken; ich habe Alles erfahren,— ich habe ſo gar erfahren, 331 daß Sie heute Abend hier ſein würden. Verſtehen Sie mich? und hier bin ich!“ „Wollen Sie, ehe ich Sie zu verſtehen wage, Ro⸗ ſarita, denn dieſes Mal würde mir ein Mißverſtändniß auf der Stelle das Leben koſten,“ antwortete Fabian, den dieſe Worte und die liebevolle Miene des Mädchens aufs Heftigſte aufgeregt hatten,„wollen Sie mir„ auf eine Frage„ antworten, wenn ich es wagen darf, dieſelbe zu ſtellen?“ „Wagen Sie es, Tiburcio,“ antwortete in zärtli⸗ chem Tone Roſarita, deren keuſche und reine Stirn der Mond beleuchtete,„ich bin hieher gekommen, um Sie anzuhören.“ „Hören Sie mich!“ ſprach der junge Graf.„Vor ſechs Monaten habe ich zu gleicher Zeit den Tod meiner Mutter, und den des Mannes rächen müſſen, der mir Vater geweſen war,— ich meine Marcos Arellanos; denn wenn Sie Alles wiſſen, ſo wiſſen Sie auch, daß ich nicht mehr 4 „Sie ſind für mich immer noch Tiburcio,“ ant⸗ wortete Roſarita;„Don Fabian de Mediana habe ich nicht gekannt.“ „Der Unglückliche, der im Begriffe war, ſein Ver⸗ brechen zu büßen,— der Moͤrder der Marcos Arella⸗ nos, mit einem Worte, Euchillo, bat um ſein Leben. Ich konnte ihm ſein Geſuch nicht gewähren; allein er rief:„„Ich bitte Sie um Gnade im Namen der Dona Roſarita, die Sie liebt, denn ich habe gehört Der Flehende hing über einem Abgrunde. „Schon wollte ich ihm, aus Liebe zu Ihnen, ver⸗ zeihen, als einer meiner Gefährten ihn in den Schlund hinabſtürzte. „Hundert Mal habe ich in der Stille der Nacht dieſe flehende Stimme gehört. Ich habe mich ängſtlich gefragt: Was hat er denn gehört? Ich frage heute Abend nun Sie, Roſarita: Was haben Sie ihm geſagt?“ „Ein Mal, nur ein Mal hat mein Mund das Geheimniß meines Herzens verrathen; es war hier ge⸗ rade an dieſer Stelle, als Sie unſer Haus verlaſſen. Ich will Ihnen wiederholen, was ich geſagt.“ Das junge Mädchen ſchien alle ihre Kräfte zu ſammeln, um einem Manne zu ſagen, daß ſie ihn liebe, und um es ihm in klaren und leidenſchaftlichen Aus⸗ drücken zu ſagen. Dann neigte ſich ihre keuſche Stirn, die in jener jungfräulichen Unſchuld erglänzte, welche Nichts fürchtet, weil ſie von Nichts weiß, über Tiburcio. „Ich habe in Folge eines Mißverſtändniſſes zu Viel ausgeſtanden, als daß ich ferner ein ſolches nicht fürchten ſollte,“ ſprach ſie;„ich will Ihnen daher, wäh⸗ rend ich meine Hände in die Ihrigen lege, und meine Augen auf die Ihrigen hefte, wiederholen, was ich ge⸗ ſagt habe. Sie flohen mich, Tiburcio; ich wußte, daß Sie ferne waren,— ich glaubte, Gott allein höre mich, — und ich habe gerufen;„„Komm' zurück, Tiburcio! fomm' zurück! Dich allein liebe ich!““ Fabian ſchauerte vor Liebe und Wonne zuſammen, und kniete andächtig vor dem Mädchen nieder, wie er vor einer Madonna gethan haben würde, die von ihrem Piedeſtal herabgeſtiegen wäre. In dieſem Augenblicke verſchwand die ganze Welt vor ſeinen Augen: Roſenholz, Vergangenheit, Zukunft, Alles verwiſchte ſich wie eine Viſion beim Erwachen. Mit gebrochener Stimme rief er aus: Dir gehöre ich auf immer, Dir gehört mein zu⸗ künftiges Leben!“ Roſarita ſtieß einen kleinen Schrei aus. Fabian wandte ſich um, und war wie verſteinert. Ruhig auf den Lauf ſeiner langen Büchſe geſtützt⸗ ſtand Roſenholz zwei Schritte hinter ihnen, und heftete Blicke voller Zärtlichkeit auf die Gruppe der zwei Liebenden. Es war die Verwirklichung des Traums, den er auf der Inſel des Rio Gila gehabt. „O mein Vater! rief Fabian ſchmerzerfüllt,„wirſt 8— „—— 8S———— ——„ bhcen ——1— —— Mw vN—— —— 333 Du mir es verzeihen, daß ich mich habe überwinden laſſen?“ „Wer wäre an Deiner Stelle nicht überwunden wor⸗ den, mein vielgeliebter Fabian!“ ſagte der Kanadier lächelnd. „Ich bin meinen Schwüren untreu geworden, Va⸗ ter!“ verſetzte Fabian;„ich hatte Ihnen verſprochen, daß ich nur noch Sie lieben wollte. Oh! verzeihen Sie mir, verzeihen Sie mir!“ „O Kind, warum bitteſt Du mich um Verzeihung, während ich Dich darum bitten muß?“ ſagte Roſen⸗ holz.„Du biſt großmüthiger geweſen, als ich, Fabian. Noch nie hat eine Löwin, die den Händen der Jäger ihr Junges entreißt, dasſelbe in ihre Höhle mit einer Liebe zurückgetragen, ſo wild, wie die, womit ich Dich von den Wohnungen der Menſchen wegzog, um mit Dir in die Wüſte zu gehen. Dort war ich glücklich, weil meine ganze Liebe ſich auf Dich concentrirte. Ich glaubte, daß auch Du es ſein müßteſt. „Du haſt nicht gemurmelt, Du haſt, ohne zu zö⸗ gern, die Schätze Deiner Jugend geopfert,— Schätze, die tauſend Mal koſtbarer ſind, als die des Goldthales. Ich habe nicht gewollt, daß dieß ſo fortgehe, und bin, anſtatt großmüthig zu ſein, abermals nur ein Egoiſt geweſen: denn wenn der Kummer Dich umgebracht hätte, würde ich gleichfalls geſtorben ſein.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ rief Fabian. „Was ich damit ſagen will, Kind? Wer hat lange Nächte hindurch Deinen Schlaf überwacht, um auf Deinen Lippen die geheimen Wünſche Deines Herzens zu leſen? „Ich bin es. „Wer hat den Mann, den ich wegen Deiner Für⸗ bitte aus den Händen der Apachen errettete, bis hierher begleiten wollen? Wer hat denſelben an dieſes ſchöne und graziöſe junge Mädchen abgeſandt, um zu erfahren, ob ihr Herz für Dich ſchlüge? — * —————— * „Ich bin es abermals, Kind: denn Dein Glück liegt mir weit mehr am Herzen, als mein eigenes. „Wer hat Dich bewogen, dieſe letzte Probe zu machen? „Ich,— Niemand, als ich, der ich wußte, daß Du dabei unterliegen würdeſt! „Morgen, ſagte ich zu Dir, nehme ich Dein Opfer an; aber Gayferos hatte in die geheimſten Herzens⸗ Falten dieſes keuſchen Kindes geblickt. „Was ſprichſt Du daher von einer Verzeihung, die ich gewähren ſolle, während, ich wiederhole es Dir, ich Dich darum anflehen muß.“ Der Kanadier ſtreckte, während er dieſe Worte ſprach, die Arme aus. Fabian ſtürzte ſich in dieſelben. „O mein Vater!“ rief er,„ſo viel Glück erſchreckt mich; denn nie war ein Menſch glücklicher, denn ich.“ „Die bitteren Stunden werden kommen, wenn Gott es beſchloſſen!“ ſprach der Kanadier feierlich. „Aber was wird aus Ihnen werden?“ fragte Fa⸗ pian ängſtlich.„Sollte Ihre Entfernung für mich der jedem Freudenbecher beigemiſchte Wermuthtropfen wer⸗ den?“ „„Da ſei Gott vor! mein Kind,“ rief der Kanadier. „Ich kann zwar nicht in den Städten leben; liegt aber dieſes Haus, welches das Deinige ſein wird, nicht an der Grenze der Wüſte? Habe ich nicht den endloſen Raum um mich her 2 Ich will mit Pepe bauen„ Holla, Pepe!“ rief der Jäger mit lauter Stimme,„be⸗ ſtätige doch mein Verſprechen!“ Pepe und Gayferos traten heran. „Ich will,“ fuhr Roſenholz fort,„mit Pepe auf dem Platze, wo ich Dich wiedergefunden habe, eine Hütte aus Baumſtämmen und Rinde bauen. Es iſt zwar wohl möglich, daß wir nicht immer dort ſein werden; wenn Du aber ſpäter ein Mal Luſt haben ſollteſt, den Na⸗ men und das Vermögen deiner Väter in Spanien zu⸗ — e——— —— . —„„ —— MWe* 2 335 rückzufordern, oder nach dem bekannten Thale zurückzu⸗ kehren, ſo wirſt Du ſtets Freunde finden, die Dir bis ans Ende der Welt folgen werden. Geh', Fabian, ich hoffe, noch glücklicher zu ſein, als Du, denn ich werde eines doppelten Glückes mich erfreuen, des meinigen... und des Deinigen.“ Warum ſollten wir ähnliche Scenen des Langen und Breiten erzählen? Das Glück iſt ſo flüchtig, ſo un⸗ greifbar, daß es weder die Analyſe, noch die Beſchrei⸗ bung aushält. „Jetzt iſt nur noch ein Hinderniß zu beſiegen,“ hob der Jäger wieder an: der Vater dieſes jungen Mäd⸗ chens„„ „Erwartet morgen ſeinen Sohn,“ unterbrach ihn mit leiſer Stimme Roſarita, deren vom Mond beleuch⸗ tete Wangen dieſes Mal feuerroth waren. „Wohlan! ich will den meinigen ſegnen!“ ſagte der Kanadier. Fabian kniete vor dem Jäger nieder. Letzterer zog ſeine Pelzmütze ab, hob zum Sternen⸗ himmel ſeine feuchten Augen empor, und ſprach: „O mein Gott! ſegne meinen Sohn, und laß ihn vön ſeinen Kindern geliebt werden, wie er ſelbſt ſeinen alten Roſenholz geliebt hat!“ ** ⸗***** ⸗.*** An dem darauf folgenden Morgen kehrte der Sena⸗ tor ziemlich traurig nach Ariſpe zurück. „Ich wußte wohl,“ ſagte er bei ſich,„daß ich den armen Don Eſtevan ewig zu beweinen haben würde. Ich hätte jetzt wenigſtens die Mitgift meiner Frau, einen Ehrentitel, und eine halbe Million. Seine Abweſen⸗ heit hat mir das ganze Spiel verderbt. Es iſt gewiß ein großes Unglück, daß Don Eſtevan geſtorben!“ 336 Einige Zeit darauf erhob ſich auf einer dem Leſer wohlbekannten Lichtung eine Hütte von Baumſtämmen und Rinde. Gar oft pilgerte voll kindlicher Ehrfurcht Fabian de Mediana mit der jungen Frau dahin, welche die ſeinige geworden war⸗ Haite ſpäter, viel ſpäter, eine dieſer Wallfahrten den Zweck, den Arm der beiden unerſchrockenen Jäger zu einer Excurſion nach dem Goldthale, oder zu einer Reiſe nach Spanien in Anſpruch zu nehmen? Vielleicht ſagen wir es ſpäter einmal; allein was liegt daran? Begnügen wir uns für jetzt, zu ſagen, daß, wenn das Gluͤck auf dieſer Welt keine eitle Illuſion iſt, man die Wirklichkeit desſelben hätte finden können auf der Ha⸗ eienda del Venado, bei Fabian und bei dem Waldläufer. —— — Ende. S= — — 7 6. ———— ———————— ——— 5