— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Lite⸗ vo Cduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und geſebedingungen. 1. Ofrensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 26 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 Abonncment. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: M.— Pf. 1 Mk. 50 Pf.— 3 7** 7„„ 77 ti nen haben für Hin⸗ und Burückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Das Gemälde, das wir von den Sitten der Wüſte zu entwerfen ſuchen, würde unvollſtändig geblieben ſein, wenn wir zu denſelben nicht den traurigen Ausgang einer jener abenteuerlichen Expeditionen hinzugefügt hätten, die von den mexikaniſchen Goldſuchern ſo oft verſucht werden. Nach unſerer Anſicht iſt bloß die anglo⸗amerikani⸗ ſche Race ſtark genug, um, ſelbſt in geringerer Zahl, gegen die indianiſche Argliſt und Barbarei mit Erfolg zu kämpfen. Die canadiſche Race iſt die einzige, die mit derſelben in heroiſchen Thaten und in Erfindungs⸗ gabe wetteifert,— das Beiſpiel von Roſenholz hat es bewieſen; aber die Abkömmlinge der Spanier find, höchſt ſeltene Ausnahmen abgerechnet, für die furcht⸗ baren Feinde jeder Art zu ſchwach, auf die ſie in den Einöden der neuen Welt ſtoßen. Der Durſt und der Hunger ſind die einzigen Feinde, denen ſie gewachſen ſind. Als die beiden Indianer in das mexikaniſche La⸗ ger eindrangen, hatten ſie den Kopf weder rechts noch küks gedreht; ſie hatten jene Maske impaſſibler Gleich⸗ gültigkeit beibehalten, die bei den Vorfahren der In⸗ dianer nicht einmal der erſte Kanonendonner hatte fal⸗ len machen können, der bei der Eroberung von Nord⸗ amerika ihre Ohren traf. Der Waldlänfer. MI. 1 Indeſſen war ihrer furchtbaren und untrüglichen Prüfung Nichts entgangen. Die Leichname der Ihrigen außerhalb des Lagers, — das leere Zelt Don Eſtevan's,— die von Beſtür⸗ zung begleitete Bereitwilligkeit der Abenteurer, die keinen anderen Anführer hatten, als den armſeligen Go⸗ mez,— das Mißtrauen und die Furcht— ſie hatten Alles geſehen Sobald der Schwarzvogel und die Antilope im Lager waren, warfen ſie auf die ſie umgebende Gruppe einen ruhigen und ſtolzen Blick, etwa ähnlich dem zweier Löwen, die mit Wölfen einen Bund ſchließen möchten. In ſeiner Eigenſchaft als Häuptling nahm der Schwarzvogel zuerſt das Wort. Es war für ihn von großer Wichtigkeit, zu wiſſen, was aus dem wirklichen Anführer geworden,— aus dem kühnen Anführer, deſſen Klugheit und Tapferkeit— zwei Eigenſchaften, welche die Indianer ſo hoch ſchätzen, wenn ſie ſich bei⸗ ſammen finden— ihm der Läufer, während ihrer Rachtwache, gerühmt hatte. War Don Eſtevan, und war auch Pedro Diaz todt, deſſen Tapferkeit die Antilope in dem tödtlichen Kampfe mit dem Katzen⸗ parder hatte würdigen können,— dann mußte das Uuebrige eine leichte Beute ſein. Was war aus Beiden geworden? Das wollten die Parlamentäre nun herausbringen. „Wir bringen Friedensvorſchläge, die den Weißen, wie den Indianern angenehm ſein werden,“ ſprach der Schwarzvogel;„aber unſer Herz iſt traurig, denn man muß die Boten, die gute Nachrichten bringen, ehren, und da empfangen nun dieſe Brüder die indianiſchen Abgeſandten unter freiem Himmel, wo ſie der glühen⸗ den Sonne ausgeſetzt ſind, während doch das Zelt des Häuptlings(und hier deutete er auf das Zelt Don Eſtevan's) ſich öffnen ſollte, um ſie vor den brennend⸗ ſten Strahlen zu ſchützen. Von der Höhe dieſes Hü⸗ 3 gels herab wird man die Worte eines Häuptlings beſ⸗ ſer hören.“ Der Indianer machte Umſchweife, um ſeinen Zweck zu erreichen. Der improviſirte Anführer bebte vor die⸗ ſem offenbaren Beweiſe von Rückſichtsloſigkeit; allein er hatte nicht die gehörige Zeit gehabt, um ſeine Rolle gründlich zu ſtudiren. Gomez beeilte ſich, dem Wunſche der Parlamentäre zu willfahren, und ging ihnen voran, um ſie in das verlaſſene Zelt Don Eſtevan's einzuführen. Aber der Schwarzvogel hatte die furchtbare Rolle, die er ſpielen ſollte, gründlich ſtudirt, und obgleich das Drama, deſſen Prolog er ſpielte, überaus gefährlich war, ſo ſetzte er ſich doch mit ebenſo vieler Kaltblütigkeit, als ob er wirklich von der Redlichkeit und dem Geiſte des Frie⸗ dens erfüllt geweſen wäre, die er heuchelte. Gomez hob das die Thüre des Zeltes bildende Leinwandſtück in die Höhe, und befeſtigte es in ſolcher Weiſe, daß ſeine Falten die Indianer nicht bedeckten; und dann wartete er auf weitere Erklärungen von Sei⸗ ten der beiden Wilden. Die Indianer fuhren aber fort, dieſelbe Ruhe und daſſelbe Schweigen zu beobachten. Da glaubte Gomez das Wort nehmen zu müſſen. „Ich erwarte,“ ſprach er mit mehr Würde, als er bis dahin gezeigt,„die Friedensworte meiner Brüder aus der Wüſte. Die Ohren eines Häuptlings find geöffnet.“ Der arme Gomez beglückwünſchte ſich innerlich ſchon wegen dieſer Phraſe, die ganz im indianiſchen Geiſte war; allein der Schwarzvogel ließ ihm ſeine Freude nicht lange. Der wilde Krieger hob langſam den Kopf in die Höhe; ein Ausdruck verwundeten Stol⸗ zes gab ſich in ſeinen ſchwellenden Naſenlöchern zu er⸗ kennen, gleich als ob er jetzt zum erſten Male den Betrug des Weißen entdeckte, und ſein feuerſprühen⸗ der Blick machte ſeinen Zuhörer erblaſſen, während er mit einer Stimme, die lauter zu werden anfing, wie der Donner, der an einem heiteren Tage ploͤtzlich in der Ferne brüllt, rief: „Ich ſehe hier nur einen Häuptling(hier deutete er mit einem Finger auf ſeine nackte Bruſt)— und zwar einen indianiſchen Häuptling. Wo iſt der weiße Häuptling? Ich ſehe ihn nicht.“ Bei dieſer ſtolzen Antwort war der Abenteurer wie vernichtet: er fühlte, daß man ihm die Maske ab⸗ geriſſen. Während er ſich wieder zu ſammeln, und ſich ſeinerſeits die Haltung eines in ſeinem gerechten Stolze beleidigten Mannes zu geben ſuchte, ſetzte der Schwarz⸗ vogel hinzu: „Warum denn einen ehrlichen Indianer hinter das Licht führen wollen?“ „Gomez führt nie einen Menſchen hinter das Licht,“ ſtotterte der Mexikaner heraus:„ich habe es Dir geſagt, ich bin der Häuptling— der alleinige Häuptling.“ Der Schwarzvogel gab der Antilope ein Zeichen. Und nun ſtarrte auch der Läufer den Abenteurer an, den er vollends verwirren und beſchämen wollte. „Der alleinige Häuptling, ſagſt Du? der Herr die⸗ ſer Hütte von Leinwand— der Krieger mit dem ſtern⸗ beſäeten Banner, das auf dieſem Dache weht?“ „Das Alles bin ich,“ ſprach der Merikaner. „Ich häbe eine Lüge gehört,“ donnerte dieſes Mal der Schwarzvogel heraus;„ein Häuptling, wie ich, hört deren keine zwei!“ Die Antilope ſtellte ſich, ſich als Vermittler ge⸗ bahrend, zwiſchen den Zorn des indiſchen Häuptlings und das Unbehagen des Mexikaners. Der wilde Krie⸗ ger hielt den Schwarzvogel, der aufſtehen zu wollen ſchien, um die Conferenz gewaltſam abzubrechen, auf ſeinem Platze zurück. Dann wandte er ſich an Gomez und ſprach: „Der weiße Krieger hat ſeine Freunde, die India⸗ ner, entweder erheitern, oder ihren Verſtand auf die Probe ſetzen wollen. Er weiß wohl, daß er nicht der 1— S —— n 5 Häuptling mit der doppelläufigen Büchſe, mit dem ſchwarzen und ſilbergrauen Haare, mit dem aufwärts geſtrichenen Schnurrbarte, mit der hohen Statur, mit den breiten Schultern iſt.“ Hiemit gab der Indianer die Geſtaltsbezeichnung Don Eſtevan's. „Er weiß wohl, daß dieſe Hütte von Leinwand nicht die ſeinige iſt; und ebenſo wenig iſt ſein Name ein Name, den das Echo unſerer Wüſten wiederholt hat. Dieſer Name iſt der eines anderen Häuptlings. Die⸗ ſer Häuptling iſt ſchlank, wie mein Bruder; aber ſeine Statur iſt doppelt ſo hoch, als die ſeinige; ſein Koͤr⸗ per iſt gelenk, wie das Bambusrohr, aber ſtark wie der Stamm eines Eiſenbaumes.“ „Wer iſt dieſer Krieger?“ fragte Gomez, um Zeit zu gewinnen, und ſich ein wenig faſſen zu können. „Dieſer Häuptling iſt derjenige, welcher geſtern Abend hier,“ fuhr der Läufer fort, indem er den Platz zeigte, wo der Indianer den Lanzenſtichen des Diaz erlegen war,„den Katzenparder getödtet hat. Er heißt Pedro Diaz; unſere Kinder haben ſeinen Namen bis⸗ weilen zitternd genannt. Sind die zwei Krieger, von denen ich erſt jetzt geſprochen, nicht Eure Häuptlinge, und iſt die Wahrheit nicht auf meinen Lippen?“ Was konnte der arme Gomez machen, als er durch das Gewicht der Realität der vom Indianer gezeichne⸗ ten Porträts erdrückt wurde? Es blieb ihm Nichts übrig, als ſich in das Un⸗ vermeidliche zu ergeben, die Bezauberung über ſich er⸗ gehen zu laſſen, und,— von der Furcht zurückgehalten, eine friedliche Unterhandlung vor der Ankunft Don Eſtevan's abzubrechen,— zugegeben, daß der perfide Läufer die Wahrheit ſpreche! Dies that er auch. Richts deſto weniger würde er jede Unterredung abgebrochen haben, wenn er den flammenden Blick hätte ſehen können, den die beiden Wilden wechſelten. Der Schwarzvogel unterdrückte plötzlich unter ſei⸗ nen Augenlidern den Ausdruck wilder Freude, den er der Antilope gezeigt; dann richtete er wieder auf Gomez ſein ernſtes Auge, und ſprach: „Warum willſt Du denn Dir einen Titel anmaßen, der nicht der Deinige iſt? Ich will meine Friedens⸗ worte nur dem Häuptlinge mit der Doppelbüchſe, und dem Häuptlinge mit dem Körper von Eiſenholz mit⸗ theilen. Wo ſind ſie alle Beide?“ „Alle Beide haben ſich mit einem Theile unſerer Leute entfernt, um auf die Biſonjagd zu gehen, und unſere Soldaten zu ernähren,“ antwortete Gomez mit ziemlich vieler Geiſtesgegenwart; allein er hatte es mit Gegnern zu thun, denen er nicht gewachſen war. „Die Antilope und der Schwarzvogel werden ihre Rückkehr abwarten,“ verſetzte der Indianer entſchloſſen, „bis dahin wird der Mund der zwei Krieger ſtumm ſein.“ In der That ſchloſſen die Indianer verächtlich die Augen, während ſie ihren Mantel von Büffelfell über ihre Schultern herzogen, und thaten, als ob der Wei⸗ ße, deſſen Gaſtfreundſchaft ſie genoſſen, gar nicht da wäre. . Wie verletzend dieſer Entſchluß auch für die Eigen⸗ liebe des angeblichen Häuptlings ſein mußte, ſo ſetzte er wenigſtens den Verlegenheiten deſſelben ein Ziel. Die Laſt des Commando's ſchien ihm allzu drückend, und ſeine improviſirte Rolle dünkte ihm allzu ſchwer, als daß er ſich nicht⸗gerne derſelben bis zur Rückkehr Don Eſtevan's und Diaz' entledigt hätte, die, wie er dachte, uicht mehr lange auf ſich warten laſſen konnten. „Meine Brüder dort unten möchten gerne die Worte der indianiſchen Häuptlinge hören,“ ſprach Go⸗ mez;z„ich werde ihnen dieſelben überbringen.“ „Geh!“ ſagte der Schwarzvogel. Gomez ließ ſich das nicht zwei Mal ſagen, und ging den Hügel hinab, ſo froh, wie ein Schüler, —— 7 der endlich mit einer ſchweren Aufgabe zu Stande gekommen. Er erzählte die Einzelheiten der Unterredung, wobei er jedoch einige für ſeinen Stolz wenig ſchmei⸗ chelhafte Umſtände ausließ, und ſtellte den unſchätzba⸗ ren Vortheil, daß es ihm gelungen ſei, die beiden In⸗ dianer bis zur Rückkehr Don Eſtevan's zu vertröſten, als ein Reſultat der Feſtigkeit und Schlauheit hin, die er an den Tag gelegt. Es wurde immer ſpäter, und noch kam Don Eſte⸗ van nicht. Unterdeſſen fand zwiſchen den zwei im Zelte Are⸗ chiza's zurückgebliebenen Indianern eine ſehr lebhafte Discuſſion Statt: es wurde dabei aber ganz leiſe ge⸗ ſprochen. Der Schwarzvogel hatte, ſeitdem er ſich vergewiſ⸗ ſert, daß der wirkliche Häuptling abweſend, und daß er in der Perſon des Gomez nur ein blaſſes und trauriges Abbild deſſelben vor ſich gehabt, einen küh⸗ nen Plan entworfen; dabei wollte er alle mit der Ausführung verbundenen Gefahren auf ſich nehmen. Die Antilope widerſetzte ſich dem aber, und wollte alle Gefahren der Ausführung des Projekts für ſich in Anſpruch nehmen. Der Plan ſelbſt aber beſtand in Folgendem: Irgend eine Urſache, ein Zufall, eine allzu ſehr verlängerte Jagd würden vielleicht, dachte der Schwarz⸗ vogel, die Anführer viel länger von ihrem Lager ent⸗ fernt halten, als ſie ſelbſt dachten. Man konnte einen Haufen Indianer in den Hinterhalt ſtellen, um bei ihrer Rückkehr über ſie herzufallen. Verlängerte ſich dieſe Abweſenheit bis in die Nacht hinein, ſo ſollten die Apachen, geführt von dem Läufer, die durch die Entfernung ihrer Anführer entmuthigten Weißen über⸗ fallen. Nicht nur bot ſo der Schwarzvogel den trau⸗ rigen Folgen einer möglichen Niederlage Trotz, ſondern er wollte auch als Parlamentär, als Geißel im Lager zurückbleiben, um ihre Wachſamkeit einzuſchläfern. Griffen die Indianer das Lager unter für die Me⸗ rikaner ſo ungünſtigen Umſtänden an, ſo waren Letztere ganz von der Gnade der Erſteren,— von der india⸗ niſchen Gnade abhängig. Zwar hatte dabei der Gei⸗ ßel, deſſen Anweſenheit ſie mit Friedenshöffnungen ge⸗ täuſcht, mit Friedenshoffnungen, welche während des Mordens ſobald wieder erlöſchen mußten, die gewiſſe Ausſicht, ſein Leben zu opfern; aber was iſt der Tod für einen indianiſchen Häuptling, wenn ſeiner Nation ſein Blut nützlich ſein kann? Die Antilope billigte dieſen Plan vollkommen, wollte aber ſelbſt als Geißel zurückbleiben. Es lag wenig daran, wenn der Stamm einen gemeinen Krie⸗ ger verlor, ſobald er einen mit Recht ſo berühmten Häuptling behielt. Es war dieß ein Kampf der Groß⸗ muth, der lange dauerte. „Der Körper des Schwarzvogels wird wieder hei⸗ len,“ ſprach die Antilope feierlich.„Bald wird er einen träftigen Leib und eine große Seele im Dienſte der Nation haben. Stirbt der Häuptling, ſo wird das Trauergeheul der Krieger mehrere Monde dauern: wer aber wird ſich erinnern, daß die Antilope gelebt, wenn es ihr beſchieden iſt, zu ſterben?“ Der Schwarzvogel weigerte ſich immer noch, auf das Anerbieten des Läufers einzugehen. „Mein Leib iſt von Eiſen,“ hob der Läufer wieder an;„das Gummi des Feigenbaums iſt nicht elaſtiſcher, als die Kniekehle der Antilope. Im Augenblicke der Gefahr wird die Antilope mit einem Satze über die Verſchanzung der Weißen hinwegſpringen. Von dieſem Hügel herab wird die Antilope mitten unter ihre Lands⸗ leute hinabſpringen. Was wird der Schwarzvogel mit ſeiner zerſchmetterten Schulter thun?“ „Er wird unbeweglich, und mit auf die Feinde 9 gehefteten Augen den Tod erwarten, und ihres Zornes, ſowie ihrer Meſſer ſpotten!“ Der Läufer aber wollte ein für ſein Volk ſo koſt⸗ bares Leben erhalten, und drang noch ſtärker in den Häuptling. „Die Antilope,“ antwortete der Läufer,„wird, wie der Schwarzvogel, der Wuth ihrer Feinde ſpotten. Die Antilope wird den Stößen und Stichen der Feinde eine eben ſo ſtandhafte Seele entgegen ſetzen; allein es wird ihr dabei eine Kraft zur Seite ſtehen, die keine Wunde zu ſchwächen im Stande iſt. Während es ſo die beiden Apachen einander an Großmuth zuvorzuthun ſuchten, zählten die Mexikaner mit einer töotlichen Unruhe alle Minuten, die verſtrichen, ohne daß ſie Don Eſtevan zurückbrachten. Indeſſen wünſchte von ihnen Keiner ſeine Rückkehr ſehnlicher, als Gomez, der, ungeachtet ſeiner Windbeuteleien, Nichts ſo ſehr fürchtete, als den beiden Indianern, ſei es als Unterhändler, oder als Anführer, noch einmal gegenüberſtehen zu müſſen. Eine düſtere Stille herrſchte im ganzen Lager, als man, nach Verfluß von etwa einer Stunde, den Schwarz⸗ vogel aus dem Zelte heraustreten, den Hügel hinab⸗ ſteigen, und auf die Gruppe zukommen ſah, zu der Go⸗ mez gehörte. „Meine Krieger,“ ſprach der Indianer,„brennen ebenfalls vor Ungeduld, die Friedenshoffnungen und die Verſicherungen der Freundſchaft, die ſie bald mit den Weißen verbinden wird, aus dem Munde ihres Häupt⸗ lings zu vernehmen. Bald wird der Schwarzvogel, inmitten ſeiner Freunde zurückkommen: er läßt ſeinen Gefährten als Geißel zurück.“ „Geh'!“ ſprach Gomez in einem Tone majeſtätiſchen Ernſtes, wbrauf er ſich vor ſeinen Kameraden nicht wenig zu Gute that. Der Indianer ging hinaus, wie er herein gekom⸗ men war, das heißt, ohne auch nur den Kopf umzu⸗ — drehen, und ohne daß er die geringſte Neugie rde zu ver⸗ ſpüren ſchien. Nachdem der Häuptling wieder zu den vier Krie⸗ gern geſtoßen war, die auf ihn warteten, unterhielt er ſich einige Augenblicke mit denſelben. Er ſchien mit dem Finger auf das Zelt hinzudeuten, neben welchem der Läufer unbeweglich und ernſt, wie eine Statue ſaß. Nach Verfluß von einigen Minuten fahen die Wei⸗ ßen, die Alles dieſes beobachtet hatten, wie einer der apachiſchen Reiter davon ſprengte. Die anderen India⸗ ner blieben, den Zügel ihrer Pferde in den Händen haltend, eben ſo ruhig auf dem Boden ſitzen, wie der Läufer neben dem Zelte Don Eſtevan's. Unterdeſſen wurde es immer ſpaäͤter. Die Sonne war am Horizonte verſchwunden. Einige Wolken, deren helle Farben bläſſer zu werden unfingen, zeigten das Herannahen der Nacht an. Immer noch wartete man im Lager vergebens auf Don Eſtevan, Diaz, Baraja und Oroche. Die Mexi⸗ kaner wiederholten in jedem Augenblicke dieſe Namen. Endlich kam die Nacht, und verdoppelte die Un⸗ ruhe bei Allen. Die Indianer ſind ganz veränderlich und launenhaft; im Lager wußte das Jedermann; ein plötzlicher Angriff konnte auf Friedensvorſchläge folgen, die nur ſehr unbeſtimmt formulirt worden waren. Gomez bekämpfte dieſe ängſtliche Stimmung. „Was habt ihr zu fürchten, ſo lange der Indianer bei uns iſt? Iſt ſeine Ruhe für Euch nicht ein Zeichen ſeiner redlichen Geſinnungen?“ Die ſchwarze Silhonette der im Lager gebliebenen Antilope zeigte ſich noch, trotz der Nacht, dem Auge⸗ Der Läufer hatte dieſelbe Stellung beibehalten; nur hätte man, wenn es Tag geweſen wäre, ſehen können, wie er den Kopf ein wenig neigte, gleich als wollte er dem Geräuſche, das die Stille der Wüſte ſtören würde, ein aufmerkſames Ohr leihen. Dieſe Stille war impoſant. Dieſe großen undu⸗ 11 lire nden Ebenen, die der ſchwarze Himmel, an dem ein Stern nach dem andern zum Vorſchein kam, bedeckte, waren ſtumm, wie er. Sobald auf die Helle der Son⸗ ne die Finſterniß folgt, nimmt die Wüſte einen Cha⸗ rakter wilderer Größe an, und die Nacht war mit ihrem »Gefolge von Schrecken hereingebrochen. Im Lager wurde die Schrecken einflößende Stille der Wüſteneien, von denen es umgeben war, durch das Flüſtern einiger Abenteurer-Gruppen, oder durch den halblauten Geſang eines unruhigen Goldſuchers geſtört. Alle warfen von Zeit zu Zeit mißtrauiſche Blicke auf die Gruppe der neben ihren Pferden auf dem Boden ſitzenden Apachen. Dieſe ſchienen eben ſo unbeweglich zu ſein, wie die Steinblöcke, denen die Dunkelheit bis⸗ weilen eine menſchliche Form leiht. Indeſſen ſchienen ſie, vielleicht in Folge dieſer Dunkelheit, jede Minute weiter entfernt. „Es iſt doch ſonderbar,“ ſprach einer der Aben⸗ teurer zu Gomez, und ſah dabei recht nachdenklich aus, „dieſe Indianer ſchienen mir ſo eben noch näher an dieſem Hügelabſatze zu ſein.“ „Es iſt Nichts, als optiſche Täuſchung,“ ant⸗ wortete Gomez, der Alles in roſafarbenem Lichte ſehen wollte. „Schau, Gomez,“ ſetzte ein Anderer hinzu,„es geht kein Lüftchen, und doch ſcheint dort unten der Wind vor den Indianern her Sandwirbel zu erregen.“ „Dieß kommt daher, daß wir durch unſere Wagen vor dem Winde geſchützt ſind; dort unten dagegen hat der Wind freien Spielraum.“ Indeſſen ſchien, nach dem immer undeutlicheren Hervortreten der Figuren der Indianer zu urtheilen, die Finſterniß zuzunehmen; dann fragten ſich in der Gruppe, der Gomez vergebens das Vertrauen mitzutheilen ſuchte, welches ihm ſein Geißel einflößte, Mehrere, ob die ent⸗ fernten Silhouetten, welche man nur mit Mühe ſehen konnte, die der Indianer, oder die von Nopal⸗Gebüſchen wären. Bald wurde in dieſem Betreffe die Ungewißheit ſo groß, daß einer der Abenteurer den Entſchluß faßte, die Sache näher zu unterſuchen, und ſich, mit der Büchſe auf der Schulter, entfernte. Es waren wirklich Nopalgebüſche, und keine Men⸗ ſchen und Pferde. Die Indianer hatten die zunehmende Dunkelheit benützt, um ſich ſachte zu entfernen, ohne eine andere Stellung anzunehmen. Die Sandwirbel, die ſie in die Luft emporſteigen ließen; hatten ihnen zu gleicher Zeit zur Verdeckung ihrer Bewegungen gedient, und ſie waren nun zu ihren Kameraden geſtoßen. Als der Kundſchafter an den Ort kam, wo die Apachen geſeſſen hatten, fand er denſelben ganz verlaſ⸗ ſen; und ſo weit ſein Blick reichte, war Alles öde und leer. Er kam eiligſt in das Lager zurück, um das Ver⸗ ſchwinden der Indianer zu melden. Dieſer Zwiſchenfall war ein bedenkliches Symptom. Von der Anhöhe herab, welche der Antilope ge⸗ nannte Läufer immer noch einnahm, war demſelben auch nicht eine Bewegung ſeiner Landsleute entgangen. Von den Abenteurern gedrängt, daß er doch in dieſer Hinſicht von dem Indianer eine Erklärung verlangen ſolle, begab ſich Gomez, obwohl nur ungern, zu ihm hinauf. „Warum hat der Häuptling ſeinen Kriegern nicht befohlen, in der Nähe der Weißen zu bleiben?“ fragte der Mexikaner. „Was will mein Bruder ſagen?“ entgegnete der Indianer, der den Unwiſſenden ſpielte,„und von was für Kriegern will er ſprechen?“ „Von denen, die ſo eben noch wie Freunde dort unten ſaßen, und nun wie Feinde verſchwunden ſind.“ „In der Finſterniß iſt die gft der Augen nur ſchwach; die Weißen haben nicht tächt hingeſehen; ſie mögen ihre Feuer anzünden, und dann wird die Flamme M 13 ſte diejenigen ſehen laſſen, ſo ſie ſuchen. Was liegt übrigens auch daran? Haben ſie nicht den Häuptling eines ganzen Stammes, der die Rückkehr ſeiner Boten abwartet, in den Händen? Unſere Krieger werden ihnen ſagen wollen, daß ſie ſich zu beeilen haben.“ Dieſe Antwort des argliſtigen Indianers weckte im Geiſte des Gomez eine plötzliche Erinnerung. Er fuhr zuſammen, und der Läufer bemerkte es. Gomez erinnerte ſich nämlich jetzt, daß am vorhe⸗ rigen Abende alles zur Beleuchtung des Lagers beſtimmte dürre Holz verzehrt worden war, und daß man, von anderen Sorgen in Anſpruch genommen, den Tag über vergeſſen hatte, neues Holz zu ſammeln. Es war nun zu ſpät dazu. Dieſer für ſeine perfiden Anſchläge ſo günſtige, für die Weißen aber ſo beunruhigende Umſtand war ebenſo wenig, wie die anderen, dem Auge des Läufers entgan⸗ gen, und er hatte der Zweifel, die er in dieſer Beziehung noch hegte, quitt werden wollen. Jetzt zweifelte er nicht mehr. Beim bloßen Gedanken an dieſe unverzeihliche Nach⸗ läſſigkeit rannte Gomez ein kalter Schweiß über die Stirne herab. Sein einziger Troſt war, daß die Flucht der Indianer keine Treuloſigkeit verbergen könne, da ja der Häuptling als Geißel zurückgeblieben. Indeſſen be⸗ ſchloß er, denſelben ſchärfer bewachen zu laſſen. „Ein Häuptling darf bei ſeinen Freunden nicht al⸗ lein bleiben, und ich werde daher ſechs von unſeren Leu⸗ ten den Befehl geben, in ſeiner Nähe zu bleiben,— wie es ſich geziemt. Sie werden ſeine Schlachtgeſchich⸗ ten anhören.“ Gomez verließ die Antilope, ohne die ſtolze Ver⸗ achtung zu bemerken, welche den Mund des Indianers verzog, und er gab ſechs ſeiner Kameraden die Weiſung, ſich um den Läufer herumzuſetzen, und ihn beim gering⸗ ſten Anſchein von einem Verrathe zu erdolchen. Der Mexikaner ſing an, ſich an das Befehlen zu gewöhnen. ——— 14 Einen Augenblick glaubte er, die Unvorſichtigkeit, deren er ſich ſchuldig gemacht, und die ein ſo furchtba⸗ rer Hilfsgenoſſe der Indianer geworden war, dadurch wieder gut machen zu können, daß er einen Theil ſeiner Mannſchaft ausſchickte, um neue Holzvorräthe zu ſam⸗ meln; allein ſeine Truppe würde dadurch allzu ſehr ge⸗ ſchwächt worden ſein, und er verwarf daher dieſe Idee bald wieder. Das Lager blieb daher ganz in Dunkelheit gehüllt. Dieſe Dunkelheit war nicht blos für die Abenteurer ſelbſt eine Gefahr; vielleicht waren diejenigen, deren Abweſenheit ſo peinich gefühlt wurde, auf Abwege ge⸗ rathen, und dann hatten dieſelben gar kein Mittel, ſich in der Wüſte wieder zurechtzufinden. Die Gedanken des Menſchen nehmen beſtändig die Färbung der Scenen an, von denen er umgeben iſt, und die Finſterniß, die allüberall herrſchte,— die weißen Dünſte, die langſam aus dem Schooße der Erde emporſtiegen, und die Sterne verſchleierten, trugen dazu bei, die Gedanken ſämmtlicher Be⸗ wohner des Lagerszu verdüſtern, Sie fingen an, zu zwei⸗ feln, ob ihr Anführer und ſeine vier Gefährten je zu ihnen zurückkehren würden. In ſolchen Fällen iſt die Diſtanz zwiſchen der Befürchtung und der Gewißheit gar klein, und bald wurde Don Eſtevan ſammt ſeiner Escorte als verloren angeſehen und aufgegeben. Die leiſe geführten Geſpräche wurden unterbro⸗ chen; jeder verſchloß ſeine Unruhe in ſich, und im La⸗ ger, wie auf der endloſen Ebene, hatte ſich eine unheim⸗ liche Stille eingeſtellt. Indeſſen wurde dieſe feierliche Ruhe bald durch ein unbeſtimmtes Getoͤſe geſtört. Man glaubte eine Art Gewieher zu hören,— ein noch durch die Entfernung geſchwächtes Gewieher. Gomez, der ſich nun ſchon mit der Autorität etwas mehr familiariſirt hatte, die ihm ſo unverhofft zugefallen war, beeilte ſich dieſes Mal, durch die herannahende Gefahr, die Alle ahnten, ohne ſie noch zu ſehen, geſpornt, aus eigenem Antriebe wie⸗ W M M M 8——— 15 der den indianiſchen Läufer aufzuſuchen, den er für einen wirklichen Häuptling hielt. Umringt von den Leuten, die Gomez zur Bewachung des Läufers beſtellt hatte, behauptete dieſer immer noch ſeine frühere Kaltblütigkeit. „Die Ohren eines Weißen,“ ſprach der Mexikaner, ſich zu dem Apachen wendend,„ſind nicht ſo fein, wie die eines Indianers. Könnte der Häuptling mir ſagen, ob das, was ſich dort unten auf der Ebene hören läßt, das Gewieher der Pferde ſeiner Boten iſt?“ Der Indianer horchte einige Sekunden mit viel Aufmerkſamkeit. „Es find die Boten,“ antwortete erz„ſie wollen ſich erkundigen, ob der Häuptling mit der doppelläufi⸗ gen Flinte, und der andere, Pedro Diaz genannt, end⸗ lich zurückgekommen ſind.“ „Die Indianer wiſſen vielleicht beſſer, als die Wei⸗ ßen, daß dieſe zwei Häuptlinge nicht mehr zurückkommen werden; wenn ſie aber dieſes Mal mit Demjenigen, den ſeine Kameraden gewählt haben, um ihn zu erſetzen, das heißt, mit mir, wegen des Friedens nicht unter⸗ handeln wollen, ſo iſt es ein Beweis, daß ſie den Krieg wünſchen.“ „Gut!“ ſprach der Indianer.„Der Schwarzvogel iſt ein gefürchteter Häuptling, der bei andern nicht erſt fragt, ob er Etwas thun, oder laſſen ſoll.“ Während dieſes kurzen Zwiegeſprächs hatte das ferne Getöſe zugenommen. Der Boden erdröhnte dumpf unter dem Hufſchlage der herangaloppirenden Pferde, die in der Finſterniß aber noch unſichtbar waren. Ein dumpfes Beben durchlief das ganze Lager; aber die Goldſucher dachten, aus der Anweſenheit der Antilope Vertrauen ſchöpfend, noch nicht daran, ſich in Verthei⸗ digungsſtand zu ſetzen. Schon wollte Gomez den Be⸗ fehl dazu geben, als der Indianer ihm ein Zeichen gab, daß er horchen ſolle. —— ———————— 16 Der Indianer neigte ſelbſt den Kopf vor, um mit dem Beiſpiele voranzugehen. „Es ſind noch nicht die Boten,“ ſprach die Anti⸗ lope,„ſieh ſelbſt hin!“ Ein Pferdetrupp ſprang auf der Ebene umher, und zwar ſo nahe beim Lager, daß man wohl ſehen konnte, daß keines einen Reiter trug. „Es ſind wilde Pferde,“ fuhr der Indianer fort, „und meine Krieger wollen dieſelben einfangen. Gelingt dieß ihnen, ſo werden unſere Freunde mit den weißen Geſichtern ihren Beute⸗Antheil bekommen. Der Schwarz⸗ vogel wird bald wieder erſcheinen, um die Beute unter ſie auszutheilen.“ Und in der That galoppirten zwei bis drei Indianer hinter den herrenloſen Pferden her, die voller Schrecken zu fliehen ſchienen. „Die weißen Geſichter können ruhig ſein,“ rief die Antilope, um den Argwohn des Feindes zu beſchwichti⸗ gen.„Endlich kommt der Schwarzvogel, um mit ſeinen neuen Freunden zu unterhandeln. Sieh doch hin, er kommt ohne Furcht über ihre Jagdgründe her.“ Der Indianer ſprach mit Leuten, deren Mißtrauen durch dieſes Schauſpiel nicht im Entfernteſten erregt wurde. Die meiſten Mexikaner ſahen hierin nur ein Unterpfand ihrer Sicherheit. Es ſchien ihnen, die Zu⸗ traulichkeit und die Zuverſicht, welche einige iſolirte In⸗ dianer an den Tag legten, die bis vor die Verſchanzun⸗ gen der Weißen hin wilde Pferde verfolgten, ſeien das Anzeichen eines bald zu Stande kommenden Friedens. Keiner von ihnen bemerkte, wie der Läufer ganz ſachte ſeinen weiten Mantel aufband, und wie ſeine Hand unter den Falten des genannten Kleidungsſtücks eine ſcharfe, am Gürtel befeftigte Art hervorzog; ihre Aufmerkſamkeit war von der neuen Scene in Anſpruch genommen, die ſich ihren Blicken darbot. Der Pferdetrupp war in der von ihnen verfolgten Richtung im Beßriffe, an den rings um das Lager her 3 nz 3 17 aufgeſtellten Wagen hinzufliegen. Unter den Indianern, die hinter den auf der Ebene umherſpringenden Thieren herangaloppirt waren, wurde der Schwarzvogel bald ſichtbar. Die Abenteurer ſahen, wie er die fliehende Colonne überholte, und den Verſuch machte, ihr den Rückzug abzuſchneiden. Und in der That machten die Pferde mit einem Male vor der Oeffnung Halt, die einige Stunden zuvor gemacht worden war, um vie Parlamentäre durchzulaſſen.— Plötzlich, und zwar im Augenblicke, wo das thoͤ⸗ richte Vertrauen, das die Anweſenheit des Läufers und die friedliche Erſcheinung der jagenden Indianer den Mexikanern eingeflößt hatte, keine Grenzen mehr kannte, erhob ſich unter ihnen ein Schrei des Entſetzens und der Beſtürzung. In einem Nu, und wie in Folge eines jener Wun⸗ der, die man nur im Traume ſieht, richteten ſich düſtere und ſchwarze Geſtalten, die von der Finſterniß geboren zu ſein ſchienen, vor den Augen der Mexikaner auf. Auf den Pferden, die bis daher herrenlos geſchienen hatten, ſaßen mit einem Male Reiter mit wallenden Federbüſchen,— Reiter, die ihre Mäntel ſchüttelten, ihre Waffen ſchwangen, und ein abſcheuliches Geheul hören ließen. Ein unglücklicher Zwiſchenfall vermehrte noch den Tumult und das Schreckenhafte dieſes Ueberfalls. Durch das Geheul, das mit einem Male inmitten der Stille die Luft erſchütterte, erſchreckt, gaben ſich die Pferde, welche ihr Inſtinkt ſchon ſeit einigen Augenbli⸗ cken von der Anweſenheit der Indianer benachrichtigte, einem jener wilden Schrecken hin, denen ſie ausgeſetzt ſind, und die von den Mexikanern Eſtampida genannt werden. In einem Augenblicke waren die Bande, womit ſie an die Räder und Deichſeln der Wagen feſtgebunden waren, zerriſſen,— und die Pfaͤhle, woran ſie gleichfalls gebunden waren, ausgeriſſen. Der Waldläufer. IMI, 2 — — — — 18 Die erſchrockenen Thiere fingen an, in dem Lager hin und her zu ſpringen, und ihre Herren, die ſie nicht mehr zu bändigen vermochten, zu Boden zu werfen, und auf ihnen herumzutreten. Die einen rannten blind gegen die Verſchanzung, andere ſetzten über die Wagen, oder ſtürzten durch die bereits erwähnte Oeffnung aus dem Lager hinaus. Schmerzens⸗ und Wuthſchreie vermiſchten ſich mit dem Gewieher der Pferde und dem Geheule der India⸗ ner, und machten die Tapferſten unſchlüſſig oder beſtürzt. Bald waren keine andere Pferde mehr da, als die⸗ jenigen, die, in ihrem blinden Schrecken, ſich an den Wagen irgend ein Glied zerſchmettert hatten, oder, von dem Anpralle betäubt, auf dem Boden lagen; die andern galoppirten ſchon auf der Ebene fort. Dieſe neue Kataſtrophe, die über die Mexikaner her⸗ einbrach, wäre ihnen indeſſen beinahe günſtig geweſen. Die Indianer, die ſich ſo plötzlich in den Sattel geſchwungen hatten, wußten nicht, ob ſie nicht dieſe le⸗ bende Beute, die ihnen entfloh, verfolgen ſollten. Schon ſetzten einige den zerſtreuten Thieren nach; zum Unglück für die Weißen hielt die Stimme des Schwarzvogels ſie zurück. Ein Wort wird jetzt die unerwartete Anweſenheit der Wilden erklären. Die Apachen hatten gegen die Mexikaner eine Liſt gebraucht, deren ſich nur ſo kühne Reiter, wie ſie ſind, mit Glück bedienen können. Mit einem Beine an ihrem Sattel befeſtigt, und mit hinter den Flanken ihres Pferdes verborgenem Körper können ſie beträchtliche Diſtanzen durchlaufen. Die Finſterniß hatte die Aus⸗ führung dieſer Kriegsliſt erleichtert, und die mexikani⸗ ſchen Abenteurer hatten bloß wilde Pferde geſehen, ohne die Reiter, die ſie lenkten, zu bemerken. Gleich einem Staubwirbel, den der Wind fortjagt, ſtürzten die Reiter durch die freigebliebene Oeffnung ins Lager hinein. Bald erzitterte der Boden unfer dem Ga⸗ 6 lopp der indianiſchen Hauptmaſſe, die herbeiritt, um ſich mit den erſten zu vereinigen, als Gomez den Dolch nach dem neben ihm ſitzenden Indianer zückte; aber die Antilope kam ihm zuvor. Plötzlich glitt dem Läufer der Mantel auf die Füße herab, und mit einem Arthiebe ſpaltete er den Schä⸗ del des unglücklichen Goldſuchers bis auf die Augen herab. In demſelben Augenblicke ertönte ganz in der Nähe des Zeltes Don Eſtevan's ein Kriegsgeſchrei, das ſo plötzlich kam, und ſo ohrenzerreißend war, daß es eher aus der Kehle eines Teufels, als aus einer menſchlichen Bruſt hervorgekommen zu ſein ſchien. Die Antilope,— denn es war der Läufer, der das Signal zum Morden gegeben,— ſprang, dem dem Schwarzvogel gemachten Verſprechen gemäß, von der Anhöhe herab, und fiel, wie ein Donnerkeil, mitten unter die Weißen. Ein hundertfaches Geheul beantwortete zu gleicher Zeit das Geheul des Läufers. „Die Weißen ſind nicht einmal Hunde,“ rief der Indianerz„ſie ſind, was den Muth betrifft, Haſen, und, was den Verſtand anlangt, unvernünftige Thiere.“ Während der Läufer dieſe Schimpfworte ausſtieß, hatte er ſchon wieder einen Anlauf genommen, und ſetzte, flink wie das Thier, deſſen Namen er führte, in einem Satze über die Verſchanzung. Er war wieder bei ſeinen wilden Genoſſen ange⸗ angt. Eine abſcheuliche Verwirrung herrſchte, mehr denn je, im Lager der Mexikaner. In der Finſterniß und in der Beſtürzung rannte man gegen einander; Einige zogen gegen einander das Meſſer, indem ſie in ihren Genoſſen Feinde erblickten. Die Stunde des Todes hatte für die Leute im Lager geſchlagen. Vergebens empfingen Flintenſchüſſe die Indianer: 8 20 ₰ kein Schuß traf, da den Schießenden das Auge getrübt war, und die Hand zitterte. Die Apachen verſchmähten es ſogar, dieſes Flintenfeuer zu erwiedern. Die wilden Krieger ſtürzten, mit dem Spieße und der Mordkeule in der Hand, heran, nicht unähnlich einer jener wilden Wogen, die brauſend ſich an dem umſchlagenden Schiffe brechen. Sechzig Pferde, die mit einem Male mit dem wil⸗ den, ihnen und ihren Herren eigenthümlichen Ungeſtüm, auf die Verſchanzung zugeſprengt kamen, ſtürzten ſich durch dieſelbe hindurch, gleich den Wogen des Oceans, die ſchäumend das in Stücke gehende Schiff umgeben, womit wir das mexikaniſche Lager verglichen haben. An der Spitze dieſer furchtbaren rothhäutigen Rei⸗ ter, inmitten des betäubenden Geheuls, das ſie aus⸗ ſtießen, war der Schwarzvogel, an ſeiner hohen Statur und der Unbeweglichkeit ſeines rechten Armes zu erken⸗ nen. Als unerſchrockener Häuptling hatte der Indianer ſich an ſeinen Sattel feſtbinden laſſen, um ſeine Krieger anzuführen, und ſeine Augen an dem Gemetzel zu wei⸗ den,— wir ſagen, ſeine Augen, denn ſeine linke Hand diente ihm dazu, ſein Pferd zu lenken. Er konnte die Kämpfenden bloß durch die Füße ſeines Pferdes zer⸗ treten laſſen. In einigen Minuten hatten die Art,, das Meſſer, die Lanze, in den Händen der Indianer furchtbar ge⸗ wüthet. Die Leichname lagen in Haufen herum. Noch kämpften einige Mexikaner mit dem Muthe der Ver⸗ zweiflung; die meiſten von denen, die am Leben waren, ſuchten zu fliehen; allein die noch im Lager gebliebenen Pferde lagen neben ihren Herren todt auf dem Sande herum. Indeſſen ſiegte die Furcht: die Weißen verließen ihren letzten Zufluchtsort, um ſich über die Ebene hin zu zerſtreuen. Die Niederlage der Mexikaner war mehr denn zur Hälfte entſchieden, als den noch im Lager Kämpfenden ein Hoffnungs⸗Strahl ſich zeigte. N Von den Nebelbergen her kamen zwei Reiter mit verhängtem Zügel herangeſprengt. Einige Flüchtlinge geſellten ſich ihnen bei. Dieſer unvorhergeſehene Zwiſchenfall konnte die Lage der Dinge ändern; aber unglücklicher Weiſe waren ſämmtliche Flüchtlinge, denen die Indianer hart zu⸗ ſetzten, unberitten, und konnten ſich gegen ihre hoch zu Roß ſitzenden Feinde nicht lange behaupten. Vergebens hieb einer der ſo unvermuthet heran⸗ gekommenen Reiter, den man in der Finſterniß nicht erkennen konnte, und der mit einer einem Apachen ent⸗ riſſenen Art bewaffnet war, auf jeden Streich einen Feind nieder. Er ſtand in den Steigbügeln, und wurde von ſeinem Gefährten, den man aber in der Dunkelheit eben ſo wenig erkennen konnte, wie ihn ſelbſt, wacker unterſtützt. Bald waren ſie von einem Haufen ſcheuß⸗ licher Korper umringt, die von allen Seiten auf ſie ein⸗ drangen. Indeſſen ſetzte, nach Verfluß von einiger Zeit, ein Pferd mit ſeinem Reiter in einem ungeheuren Sprunge über dieſe lebende Mauer hinweg, und bald verſchwanden beide, mit Wuth verfolgt, wieder in die Richtung, in der ſie herangekommen waren. Was den andern Reiter betrifft, ſo benachrichigte ein fürchterliches Siegesgeheul die im Lager umringten Abenteurer, daß derſelbe getödtet oder gefangen worden. Dieß war der letzte Akt des kläglichen Dramas. Jeden Augenblick fiel einer der zerſtreuten Flücht⸗ linge, oder einer der wenigen, noch im Lager befind⸗ lichen Kämpfer unter der indianiſchen Lanze, um nicht mehr aufzuſtehen. Bald verloren ſich Verfolger und Verfolgte in der Finſterniß, wo die Musketenſchüſſe immer ſeltener wurden, und die Verminderung der Anzahl den Kämpfenden anzeigten. Und dann hörte man Nichts mehr. Einige Augenblicke darauf fanden ſich die ſiegrei⸗ chen Indianer wieder vereinigt; diejenigen, welche den Flüchtlingen nachgeſetzt, hielten Alle Kopfhäute in der Hand, die noch von Blut troffen. Die im Lager ermordeten Weißen aber waren auf gleiche Weiſe verſtümmelt worden. Von der ganzen zahlreichen Truppe war Niemand übrig geblieben, als der lebendig ſkalpirte Gambufino, und einige wenige Flüchtlinge, die in der Finſterniß dem gräßlichen Gemetzel entronnen waren. Was die andern betrifft, ſo waren ſie nur noch ihrer Haare beraubte, und hundertfach verſtümmelte Leichname, die unter den todten Mauleſeln und Pferden herumlagen. Eine Stunde nach dem Ende dieſes blutigen Kam⸗ pfes erleuchtete das Feuer der zu einem ungeheuren Scheiterhaufen vereinigten Wagen weithin die mit Tod⸗ ten oder Sterbenden überſäete Ebene. Die Flamme ließ auch einen weißen Gefangenen ſehen, der an den Stamm eines Eichenbaumes feſtge⸗ bunden war. Um den Gefangenen her führte eine Gruppe von Indianern einen wilden Rundtanz aus. Jetzt ſaßen auch wieder, wie vor einigen Stunden, der Schwarzvogel und die Antilope vor dem Zelte Don Eſtevan's. Sie glichen zweien Todesengeln, hergeſandt, um die Zerſtörung und das Gemetzel zu leiten. Sie ſchienen ihre Augen an dem düſtern Schauſpiele des Todes zu weiden; ihre Ohren ſchienen mit Wonne dem Geächze zu lauſchen, das der letzte Todeskampf eini⸗ gen Verwundeten entriß, und ihre Naſen ſchienen mit Entzücken den faden und Ekel erregenden Geruch des Blutes einzuziehen, deſſen Dünſte zu ihnen auf⸗ iegen. t Ein düſterer, und da und dort durch den Wieder⸗ ſchein des Feuers gerötheter Himmel dehnte ſich über dieſer unheimlichen Scene aus. Die beiden Indianer hatten wieder ihre ruhige. Haltung angenommen, wie wenn ſie beide Allem fremd geblieben wären, was bis daher geſchehen war. Beide S 23 beobachteten ein ernſtes Schweigen: die Antilope brach es zuerſt. „Was hört jetzt der Schwarzvogel?“ fragte der Läufer ſeinen Gefährten. „Zwei Stimmen,“ antwortete der Häuptling:„die des Fiebers das im Mark der Knochen glüht, und ihn mahnt, daß er fich den Händen des Arztes der Nation übergeben ſolle. Auch hörte er noch drei Krieger aus Mitternacht, die fliehen, und die Stimme eines Freun⸗ des, der zum verwundeten Häuptling ſpricht:„„Ein Freund wird Dich rächen!““ „Es iſt gut,“ antwortete die Antilope einfach— „morgen werde ich mit dreißig unſerer beſten Krieger ihnen nachſetzeu.“ Einundvierzigſtes Rapitel. Das Goldthal. Wir müſſen nun auf den Morgen des nämlichen für die Merikaner ſo unheilvollen Tages zurückkommen, an welchem die auf ihrem ſchwimmenden Inſelchen ſo wunderbar geretteten Jäger in das. Goldthal einzudrin⸗ gen im Begriffe find. Eine Dunkelheit, welche bereits nicht mehr die der feierlichen Stunden der Nacht in den Wüſten war, um⸗ hüllte die Landſchaft, und zeigte ſie nur in großen Um⸗ riſſen. Am Himmel, den die Sterne nach einander verließen, malten ſich die Spitzberge der Sierra wie Thürme und phantaſtiſche Zinnen, womit ein graulicher Nebel deren Spitze bekränzte. Dichte Schatten deuteten auf den Abdachungen der Sierra tiefe Spalten an. Am Fuße des Gebirges er⸗ hob ſich ein iſolirter Felſen, wie eine vorgeſchobene Ba⸗ ſtion: er war von der Maſſe der nahe liegenden Berge getrennt. Hinter der Oberfläche ſeiner Spitze ſtürzte ſich ein Waſſerfall mit impoſantem Brauſen in einen endloſen Abgrund. Dieſſeits des iſolirten Felſens, der ſich in Form eines abgeſtumpften Kegels erhob, zeigte eine bewegliche Linie von kleinen Weiden⸗ und Baum⸗ woll⸗Bäumen die Nähe eines laufenden Waſſers oder die Einfaſſung eines Alluvialbodens an. Dann erſtreckte ſich die ungehe ure Ebene des Delta, welches durch die Gabeltheilung des Rio Gila gebildet wurde— des Gilafluſſes, der ſich, öſtlich und weſtlich, durch die Kette der Nebelberge hindurch einen Durch⸗ gang erzwang— bis zur Spitze dieſes Triangels in ihrer ganzen düſteren Majeſtät. Das von dem Fluſſe umgebene Delta war von der Baſis bis zur Spitze kaum über eine Stunde lang; allein zwiſchen ſeinen beiden Seiten, die durch den dop⸗ pelten Arm des Gilafluſſes begrenzt wurden, hatte ſeine Bafis eine faſt dreimal ſo große Ausdehnung. Dieß waren in der Finſterniß für den Reiſenden, der von dem Orte herkam, wo ſich der Fluß gabelför⸗ mig theilte, die Hauptzüge der Landſchaft. Die Dunkelheit wich dem Tage; das bläuliche Licht des Morgens folgte an den Bergzacken auf die Finſterniß. Wie aus der erſten verworrenen Anlage eines Gemäldes tauchten die Spitzen der Berge nach einander aus der düſteren Tinte der Morgendämme⸗ rung. Allmählig drang eine unbeſtimmte Helle in die Schluch⸗ ten der amphitheatraliſch über einander aufgethürmten Hü⸗ gel ein. Nach und nach wurde es hell. Auf der Ober⸗ fläche des iſolirten Felſens dehnten zwei Fichten, wie zwei ſichtbar gewordene Phantome, ihre gewaltigen Wurzeln ——— 8„. n— — M vN Nv 25 aus, und neigten ihre ſchiefen Stämme und ihre ſchwar⸗ zen Nadeln über den Abgrund hin. Am Fuße dieſer Bäume, die durch verborgene Bande ſtehend erhalten wurden, zeigte das Skelett eines Pferdes auf ſeinen gebleichten Gebeinen die rohen Zier⸗ rathen, die es früher getragen. Bruchſtücke von einem Sattel umgaben noch ſeine alles ihres Fleiſches be⸗ raubten und durchſichtigen Flanken. Das Dämmerungslicht beleuchtete bald unheimli⸗ chere Embleme; auf Pfoſten, die in gewiſſen Entfer⸗ nungen angebracht waren, flatterten Menſchenhaare im Morgenwinde. Dieſe ſcheußlichen Trophäen zeigten das Grab eines barbariſchen Kriegers an. Und in der That ruhte ein durch ſeine Heldenthaten einſt berühm⸗ ter indianiſcher Häuptling auf der Spitze dieſer natür⸗ lichen Pyramide. In ſeinem Grabe liegend, beherrſchte der Häupt⸗ ling, wie der Genius der Verwüſtung, die Ebenen, auf denen ſein Kriegsgeſchrei ſo oft erſchallt war, und die er auf dem nämlichen Schlachtpferde durcheilte, deſſen Gebeine nun neben ihm von dem Thaue der Nächte und der glühenden Hitze des Tages gebleicht wurden. Raubvögel ſiogen krächzend über dieſem ſtumwen Grabe hin und her, gleich als ob ihr Gekrächze den hätte aufwecken ſollen, der für immer ſchlief, und deſſen kalte ihre blutigen Feſtmahle nicht mehr bereiten ollte. Einige Minuten darauf erſchien der den Nebelber⸗ gen entgegengeſetzte Horizont in blaſſem Lichte; roſen⸗ farbene Wolken ſtiegen gegen den Zenith empor; bald darauf traf, ähnlich dem erſten Funken einer im Ent⸗ ſtehen begriffenen Feuersbrunſt, ein Sonnenſtrahl, wie ein goldener Pfeil, den dunklen Nebel der Sierra, und Lichtſtröme übergoßen die Tiefen der Thäler wie mit einem Flammenteppiche. Der Tag war nun da, aber ein Nebelmantel ver⸗ hüllte noch die Hügelmaſſe. 26 Nach und nach zertheilten ſich dieſe Nebel, von dem Morgenwinde wie eine wallende Draperie empor⸗ gehoben. Dunffflocken blieben capriciös an den Blät— tern der Geſträuche hangen, oder hüpften, Gemſen ähn⸗ lich, von Gipfel zu Gipfel; ließen nach einander tiefe Engpäſſe ſehen, an deren Eingange die Opfergaben womit der indianiſche Aberglaube die Genien der Berge bedacht hatte, ſich in großer Menge zeigten, und ent⸗ hüllten dem Auge wilde Abgründe, und an deren Sei⸗ ten ſchäumend herabſtürzende Wafſerfälle. Ueber dem Grabe des indianiſchen Häuptlings ſandte die Cascade einen feuchten Staub empor, und bildete hinter den Gebeinen des Schlachtpferdes flüchtige Regenbogen. Endlich konnte man ſehen, wie am Fuße der Pyramide, auf dem ſich das Grabmal befand— umgeben einerſeits von den ſteil abfallenden Felſen, von denen lange Draperien von Grün herabhingen, und andererſeits von einem See mit ſtehendem Waſ⸗ ſer,— und, zwiſchen den Felſen und dem See, geſchloſſen durch einen Gürtel von Weidenbäumen mit ihrem blaſ⸗ ſen Laube, und von Baumwollbäumen mit ihren offe⸗ nen Schoten— ein enges Thälchen ſich ausdehnte: dieß war das Goldthal. Auf den erſten Blick bemerkte das Auge nur die düſtere und bizarre Decoration, die es umgab— den mit Tannen und Nebeln begrenzten Berg, der auf ſei⸗ ner Spitze ein gebleichtes Skelett trug— die ſcheußli⸗ chen aus Menſchenhaaren beſtehenden Trophäen— ſchäumende Cascaden— und den unter einem Mantel von Waſſerpflanzen kaum ſichtbaren See; aber ein Gambuſino würde bald noch Anderes entdeckt oder er⸗ rathen haben. Noch verrieth an dieſem einſamen Orte Nichts die Anweſenheit lebender Weſen, als drei Männer, die, bis daher durch die Unebenheiten des Bodens verbor⸗ gen, ganz in der Nähe des Goldthales erſchienen. on r⸗ t⸗ fe v— W N — 27 Alle drei ſchienen erſtaunte, faſt furchtſame Blicke umherzuwerfen. „Wenn der Teufel in dieſer Welt irgendwo ein Ab⸗ ſteigquartier hat,“ ſprach Pepe, indem er ſeine beiden Gefährten ſtille ſtehen hieß, und ihnen den die Berg⸗ kette bedeckenden Nebelmantel zeigte,„ſo iſt es gewiß hier, in dieſen wilden Schluchten.“ „Wenn es wahr iſt, wie man wohl nicht bezwei⸗ feln kann, daß es das Gold iſt, das zu den meiſten Verbrechen auf dieſer Welt Anlaß gegeben hat, ſo muß man vielmehr glauben, daß der böſe Geiſt dieſes Gold⸗ thal, das, nach Deiner Ausſage, Fabian, ſo viele Reich⸗ thümer enthält, daß damit eine ganze Generation dem Teufel in die Hände geſpielt werden kann, zu ſeinem Aufenthaltsorte erkoren hat.“ „Sie haben Recht,“ antwortete Fabian, der feier⸗ lich und blaß ausſah:„vielleicht iſt an dem Orte, auf dem ich jetzt ſtehe, der unglückliche Marcos Arellanos von dem ihn begleitenden Manne ermordet worden. Ah! könnte dieſer Ort ſprechen, ſo würde ich den Na⸗ men deſſen erfahren, den zu verfolgen ich geſchworen; aber Wind und Regen haben die Spur der Tritte des Opfers ebenſo gut verwiſcht, wie die des Mörders, und die Stimme der Wüſte iſt ſtumm geblieben.“ „Geduld, mein Kind, Geduld!“ antwortete Roſen⸗ holz ernſt.„Ich habe im Laufe eines langen Lebens das Verbrechen nie unbeſtraft bleiben ſehen; oft findet man Spuren wieder, die man ſchon längſt verwiſcht glaubt; bisweilen erhebt ſich ſogar die Stimme der Wüſte wider den Schuldigen. Iſt der Mörder noch nicht todt, ſo wird ihn die Habſucht abermals an die⸗ ſen Ort führen— was nicht lange anſtehen dürfte, da er ſich vielleicht im mexikaniſchen Lager befindet. Wol⸗ len wir nun, Fabian, den Feind hier erwarten, oder wollen wir unſere Taſchen mit Gold füllen, um dann wieder die Wohnungen der Menſchen aufzuſuchen? Darüber haſt Du nun zu entſcheiden.“ Bei dieſen Worten ſeufzte der arme Roſenholz. „Ich weiß nicht, wozu ich mich entſchließen ſoll,“ antwortete Fabian;„ich komme faſt wider meinen Wil⸗ len hierher; ich gehorche zwar Ihrem Einfluſſe; allein ich möchte beinahe ſagen, einem Willen, der ſtärker iſt, als der meinige und der Ihrige. Ich fühle, daß eine unſichtbare Hand mich treibt, wie an dem Abende, wo ich, ohne mir Rechenſchaft von meinen Gedanken abzulegen, zu Euch kam, und mich an Euren Feuer⸗ herd ſetzte. Warum ſetze ich, der ich nicht einmal weiß, was ich mit dieſem Golde anfangen ſoll, mein Leben der Geſahr aus, um mich des Metalls zu bemächti⸗ gen? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur Eines, und das iſt, daß ich mit traurigem Herzen und mit von grauſamer Ungewißheit gepeinigter Seele hier ſtehe.“ „Zwar iſt der Menſch nur ein Spielzeug in der Hand der Vorſehung,“ ſprach Roſenholz;„was aber die Traurigkeit betrifft, die Dich befallen hat, ſo iſt ſie durch das Ausſehen dieſer Gegend vollkommen ge⸗ rechtfertigt, und was das Hier unterbrach ein heiſerer Schrei, eine Art menſch⸗ lichen Gebrülls den Canadier, und vermiſchte ſich mit dem Rauſchen des Waſſerfalls. Dieſer Schrei ſchien aus dem indianiſchen Grabe hervorzukommen, und wie eine gegen die unbefugten Betreter der Stätte der Todten ſich erhebende Stimme zum Himmel aufzuſteigen. Die drei Jäger richteten überraſcht den Kopf zu gleicher Zeit nach der Spitze der Pyramide hin; allein dort zeigte ſich kein lebendes Weſen. Die Sonne ſpielte zwiſchen den Rippen des Pferdeſkelettes, und der Wind fuhr fort, die Menſchenhaare an dem äußerſten Ende der Stangen, die ſie trugen, ſchauern zu machen. Das Auge eines der über dem Felſen ſchwebenden Raub⸗ vögel hätte allein den Urheber des den Echos der Wüſte ſo plötzlich hingeworfenen Schreies entdecken können. Die düſtere Feierlichkeit der Gegend, in der ſie „„ 8„ 8 —— l“ il⸗ ein ker aß de, ken er⸗ iß, en ti⸗ ind on e. der ber ge⸗ . nit be ten me zu ein lte ind nde as b⸗ ſte ſie 29 ſich befanden; die blutigen Erinnerungen, die ſie für Fabian heraufzauberte; und die abergläubiſchen Ge⸗ danken, die ſie in der Seele Pepe's weckte, erfüllten, in Verbindung mit dem ſeltſamen und myſteriöſen Schreie, die drei Freunde mit einem an Schrecken gren⸗ zenden Gefühle. Es lag in dem Tone der Stimme, die ſie gehört, etwas ſo Unerklärliches, daß ſie einen Augenblick zwei⸗ felten, ob hier nicht eine Sinnentäuſchung Statt ge⸗ funden. „War es wirklich die Stimme eines Menſchen?“ fragte Roſenholz ganz leiſe, indem er Fabian und Pepe anhielt.„Oder aber iſt es nur eines jener ſelt⸗ ſamen Echos, die in vergangener Nacht in dieſen Ber⸗ gen hallten?“ „Wenn es eine menſchliche Stimme iſt, ſo frage ich mich, woher ſie kommen fann,“ antwortete Fabian, denn ich habe, wie Sie, einen Schrei über unſeren Kö⸗ pfen gehört. Er ſcheint mir von der Spitze dieſer An⸗ höhe zu kommen, und doch ſehe ich Niemand.“ „Möge Gott geben,“ ſprach der Carabinier ſeiner⸗ ſeits, indem er ein Kreuz ſchlug,„daß wir in dieſen Bergen, wo unerklärliche Geräuſche ſich hören laſſen, wo Blitze einen heiteren Himmel durchfurchen, es mit nichts Schlimmerem, als mit Menſchen zu thun haben! Sollten aber auch dieſe Nebel eine Legion von Teufeln verbergen,— es thut Nichts, ſobald dieſes Thal, wie Sie ſagen, ſoviel Gold enthält, daß der König von Spanien die Ausgaben ſeines ganzen Hofſtaates meh⸗ rere Jahre damit beſtreiten koͤnnte. Seien Sie doch ſo gut, Don Fabian, und ſagen Sie uns, ob wir noch weit— von dem rechten Orte entfernt find.“ Fabian ſchien ſeine Erinnerungen firiren zu wollen; dann warf er abermals einen aufmerkſamen Blick um⸗ her, von der Spitze der Nebelberge und dem Gipfel der Pyramide bis zu den fernen Dünſten, die aus dem Fluſſe emporſtiegen. Dieſe bizarre Landſchaft war in eba diejenige, welche man ihm genau beſchrieben hatte. Zufrieden mit dieſer Unterſuchung, beantwortete er die Frage des Spaniers alſo: „Ohne Zweifel ſind wir nicht mehr weit davon; denn das Thal muß am Fuße des Grabes des indiani⸗ ſchen Häuptlings ſein, und dieſe barbariſchen Verzierun⸗ gen zeigen hinlänglich an, daß dieſe Felſenmaſſe das Grab ſelbſt iſt. Wir haben keine Minute zu verlieren. Während Sie mit Roſenholz um dieſen Felſen herum⸗ gehen werden, will ich durch dieſe Baumwoll⸗ und Wei⸗ denbäume ein Bischen hindurchblicken, und ſehen, ob ich Nichts entdecke.“ „Alles, was mich an dieſem myſteriöſen Orte um⸗ gibt, flößt mir Mißtrauen ein,“ verſetzte Roſenholz. „Der Schrei, den wir ſo eben gehört, verräth die An⸗ weſenheit eines menſchlichen Weſens; mag es ein wei⸗ ßes oder rothes ſein,— immerhin iſt es zu fürchten. Ehe wir uns daher trennen, will ich den uns zunächſt umgebenden Strich unterſuchen.“ Alle drei muſterten nun den Boden mit Augen, die gewohnt waren, auf der Oberfläche deſſelben ſo gut wie in einem offenen Buche zu leſen. „Was habe ich Euch geſagt!“ rief der Canadier zu⸗ erſt.„Hier ſind die Fußſpuren eines Weißen, und ich wollte darauf ſchwören, daß er vor nicht länger denn zehn Minuten hier war.“ Und in der That konnte man im Sande menſchliche Fuß ſpuren ſehen; durch einen Tritt war ſogar der Schaft eines wilden Portulaks umgetreten worden, und nach und nach richteten ſich die Stengelchen deſſelben wieder auf. Dieſe Spuren gingen nach dem Hage von Baum⸗ wollbäumen zu. „Auf jeden Fall iſt er allein!“ ſprach Fabian. Und er ging auf den Hag zu, als Roſenholz ihn zurückhielt. „Laſſ' mich machen;z dieſer undurchdringliche Hag n; ni⸗ n⸗ s en. m⸗ ei⸗ ich m⸗ z. ln⸗ ei⸗ en. chſt die wie zu⸗ enn iche aft ach der um⸗ ihn ag fann den Feind verbergen. Aber nein,“ ſetzte er hinzu, „der Menſch, deſſen Tritte wir hier ſehen, hat bloß die wilden Reben, welche ſich von einem Baume zum an⸗ dern hinziehen, entfernt, um einen Blick auf den Ort zu werfen.“ Mit dieſen Worten entfernte Roſenholz gleichfalls die Zweige und das Ranken⸗Netz, das dieſelben um⸗ ſchlang; allein nach einer kurzen Prüfung, deren Reſul⸗ tat ihm nichts Bemerkenswerthes darbot, zog er ſich zu⸗ rück und ließ den Vorhang von ſaftigem Grün ſich von ſelbſt wieder ſchließen. Der Jäger verfolgte die Spuren, die von da nach dem Felſenhügel mit der abgeſtumpften Spitze gingen; allein der Boden wurde nun kalkartig und war mit flachen Steinen überſäet, ähnlich den Grabſteinen auf Kirchhöfen. Von einer Fußſpur war Nichts mehr zu ſehen. „Wir wollen um dieſen koniſchen Felſen herum⸗ gehen,“ fing Roſenholz wieder an;„vielleicht können wir da mehr ſehen. Komm, Pepe; und Du, Fabian, wirſt uns hier erwarten.“ Die beiden Jäger entfernten ſich; Fabian blieb all⸗ ein und nachdenkſam zurück. Das Goldthal, von deſſen Eroberung er zu einer Zeit geträumt hatte, wo ſein Herz von ſo ſüßen Hoffnungen erfüllt war,— dieſes Goldthal war nun in ſeiner Nähe. Der Traum, dem er früher nur wie einer Chimäre nachzuhangen wagte, war jetzt eine Realität; und Fabian war unglücklicher, als zu der Zeit, wo die hoffende Liebe noch ihre lächeln⸗ den Blicke in ſeine urſprüngliche Armuth warf. So ent⸗ fernt ſich das Glück immer in dem Augenblicke, wo man es feſtzuhalten glaubt. Bisweilen leiht in der Stille der Wälder der Rei⸗ ſende den durch die Entfernung geſchwächten, melodi⸗ ſchen Tönen des Cenzontle ein aufmerkſames Ohr. Er geht vorſichtig auf den Ort zu, wo, unter dem Laub⸗ werke verborgen, der Vogel der Einöden für dieſe allein ſeine zarteſten Liever ſingt. Der Reiſende hofft, er werde keinen einzigen Laut des geflügelten Sängers mehr ver⸗ lieren, indem er ſich demſelben nähert. Aber dieſer Sänger flieht vor dem Menſchen. Eitle Hoffnung! So⸗ weit auch der Reiſende geht,— die Stimme des Cen⸗ zontle iſt immer gleich fern, der Vogel ſelbſt immer gleich unſichtbar. So ſingen auch im Leben dem Menſchen ferne Stimmen von ſeinem Glücke; er lauſcht, geht auf den Geſang zu,— und ſiehe, das Glück iſt nicht mehr da. Und ſo vergeht ſein Leben, und ſo verfolgt er ohne Un⸗ terlaß Melodien, die ohne Unterlaß vor ihm fliehen. Was Fabian betrifft, ſo war das Glück für ihn nicht mehr im Goldthale; es war nirgend mehr. Jetzt ſang keine ferne Stimme in der Einöde ſeines Lebens; der Reiſende hatte kein Ziel mehr zu verfolgen,— konnte kein fliehendes, obwohl ſtets erſehntes Bild mehr zu er⸗ reichen und feſtzuhalten hoffen. Fabian befand ſich in einem jener glücklicher Weiſe ſeltenen Augenblicke des Lebens, in denen Alles in Finſterniß gehüllt iſt, wie auf dem Meere, wenn der den Seemann leitende Leuchtthurm ſein Licht nicht mehr zeigt. Traurig und niedergeſchlagen, wie ein Menſch, der keine Hoffnung mehr hat, ging Fabian maſchinenmäßig auf den Gürtel dichter Gebüſche zu, der vor ihm ein faſt undurchdringliches Dickicht bildete. Kaum hatte er aber unter den in einander verſchlungenen Zweigen ſei⸗ nem Auge einen Weg gebahnt, ſo betrachtete er, ſtarr vor Erſtaunen, das Schauſpiel, das ſich ihm darbot. Der bläuliche Schatten, der noch im Thalgrunde herrſchte, ſchwand vor der Sonne, und ließ nach und nach unzählige und myſteriöſe Blitze hervortreten. Die Kieſel, aus denen dieſe Blitze hervorſprüheten, waren ſo zahlreich wie die Kieſel am Ufer des Meeres, und hät⸗ ten in einem Tage nicht gezählt werden können. Jeder andere Menſch, nur ein Goldſucher nicht, de r⸗ er 0 n⸗ er ne en . n⸗ ihn etzt 8; nte er⸗ eiſe der ehr der ßig ein er ſei⸗ tarr nde und Die n ſo hät⸗ icht, 33 hätte ſich durch das Ausſehen dieſer Kieſel täuſchen laſ⸗ ſen, die den am Fuße der Vulkane ſo dicht geſäeten Vitrificationen ähnlich waren; allein das geübte Auge Fabian's brauchte dieſelben nur einen Augenblick zu er⸗ ſpähen, um unter ihrer Thonhülle das gediegene Gold, das Jungfergold, wie die Bäche es von den Bergen auf die Ebene herabflößen, zu erkennen. Vor ſeinen Augen lag der reichſte Schatz ausge⸗ breitet, der ſich je einem Menſchen gezeigt. Indeſſen würde der junge Graf von Mediana alle dieſe Schätze freudig verlaſſen haben, wenn der Wind über die Wüſten hin ihm die Laute der Stimme Roſarita's, wie ſie ihn einige Tage zuvor nach der Ha⸗ cienda zurückrief, zugeführt hätte. Wie gern würde er dann zu ihr zurückgeeilt ſein! Aber der Wind blieb ſtumm, und es liegt im Golde ein ſolcher Zauber, daß Fabian, ſeiner tödtlichen Trau⸗ rigkeit zum Trotze, von einem Schwindel befallen wurde, den er nicht zu bemeiſtern vermochte. Allein dieſer Schwindel dauerte nicht lange: die Seele Fahian's gehörte zu denen, die das Glück nicht berauſcht; und nach einigen Minuten einer Exaltation, der das uneigennützigſte Herz ſich nicht zu enthalten ver⸗ mocht hätte, rief er ſeinen beiden Gefährten. Der Jäger und Pepe waren bald wieder bei ihm. „Haben Sie ihn gefunden?“ rief der Excarabinier. „Den Schatz wohl, nicht aber den Menſchen. Da, ſehen Sie ſelbſt!“ ſprach Fabian einfach, indem er mit ſeinem Carabiner das Lianen⸗Netz entfernte, welches das Thal verdeckte. „Wie!“ fragte Pepe,„dieſe funkelnden Steine „Sind reines Gold,— ſind die Schätze, die Gott ſeit Jahrhunderten hier verbirgt.“ „Jeſus,— Maria!“ rief Pepe ſtarr vor Erſtaunen. Dann fiel er, während er die Augen eifrig auf Der Waldläufer. III. 3 ——¼——— 34 dieſe Schwindel verurſachende Maſſe von Reichthümern heftete, auf ein Knie nieder. Leidenſchaften, die lange zurückgedrängt und mit Füßen getreten worden waren⸗ ſchienen nach ſeinem Herzen zurückzuſtrömen; es ging eine vollſtändige Umwandlung in ihm vor, und der un⸗ heimliche Ausdruck ſeines Geſichtes erinnerte plötzlich an den Banditen, der vor zwanzig Jahren um den Blut⸗ preis gehandelt,— der eine Geldſumme erpreßt hatte, an der das Blut eines Menſchen klebte. „Jetzt,“ ſuhr Fabian fort, der mit melancholiſcher Miene das Spiel des Lichtes auf den Goldkieſeln be⸗ trachtete, und bei ſich dachte, daß alle dieſe Reichthümer für ihn nicht ſo viel werth wären, als ein Lächeln, als ein Blick von derjenigen, die ihn verſchmäht,—„jetzt erkläre ich mir erſt, wie die zwei Flüſſe bei ihrem jähr⸗ lichen Steigen, und die Bäche, die von den Nebelbergen herabkommen, das Gold der Placers und der Hügel in dieſes enge Thal ſpülen, indem ſie daſſelbe überſchwem⸗ men: die Lage dieſes Thales iſt auf dieſer Welt viel⸗ leicht einzig in ihrer Art.“ Allein der Spanier hörte die Stimme Fabian's nicht. Die Reichthümer, die ihn die harte Lection, ſo er⸗erhalten, die ihn das unabhängige und glückliche, wenn auch rohe Leben, das er ſeit zehn Jahren führte, verſchmähen gelehrt hatte, hekamen in ſeinen Augen ihren ganzen zauberhaften Einfluß wieder. Wie eine jener verderblichen Leidenſchaften, die in dem Herzen, das ſie zerriſſen, nur unvollkommen ge⸗ dämpft worden, und bei einem bloßen Worte, bei einer zufälligen Erinnerung ſo heftig, als je, wieder erwachen, entwickelte ſich beim Anblicke dieſer Schätze in der Seele des Jägers urplötzlich der Golddurſt mit erneuter Hef⸗ tigkeit wieder. „Nicht wahr, Pepe, Sie konnten ſich nicht denken, daß ſo viel Gold an einem einzigen Orte beiſammen wäre,“ ſprach Fabian immer noch nachdenkſam;„ich be⸗ greife es. Ich felbſt, deſſen urſprüngliches Gewerbe doch 35 das eines Goldſuchers geweſen iſt, hätte es nicht zu träumen gewagt, was man mir auch darüber geſagt hätte.“ Pepe antwortete immer noch nicht. Sein Auge hörte nicht auf, über die Goldblöcke gierig hinzuſchwei⸗ fen; nur warf er dann und wann einen verſtohlenen, aber unheimlichen Blick auf Fabian, der die, ſo ihn um⸗ gaben, nicht mehr zu ſehen ſchien, ſowie auf Roſenholz, der unbeweglich daſtand, mit dem Arme auf dem Laufe ſeiner Büchſe,— das heißt, in der Stellung, die er am Meiſten liebte, und der von allen dieſen Schätzen nur den betrachtete, der ſeinen Augen am Theuerſten war, — den Jüngling nämlich, den ihm der Himmel wieder geſchenkt hatte. Der eine der Männer, die ſich hier eingefunden, war der alte Genoſſe des Spaniers, und hatte alle Ge⸗ fahren mit ihm getheiit; in hundert Kämpfen hatten ſie ihr Kriegsgeſchrei mit einander ertönen laſſen, wie jene Waffenbrüder des alten Ritterthums, die immer unter demſelben Banner fochten; Kälte, Durſt, Hunger,— Alles hatten ſie mit einander getheilt: ihre Tage wa⸗ ren unter derſelben Sonne, ihre Nächte unter demſelben Sternenzelte verſtrichen. Der Andere war das durch ſeine Schuld zur Waiſe gewordene Kind,— für ihn die Urſache zwanzigjähriger Gewiſſensbiſſe: auf der anderen Seite das Leben, die Liebe des einzigen Freundes, den er auf dieſer Welt beſaß. Aber der Teufel der Habſucht, der ihm keine Ruhe ließ, verwiſchte bei ihm alle dieſe Erinnerungen: ihn waren dieſe zwei Menſchen nun zu viel auf der elt. Ein Schauder des Entſetzens ſchüttelte den Körper des Spaniers, als dieſe Gedanken durch ſeinen Geiſt hinfuhren. Ein heftiger Kampf ging in ihm vor,— der Kampf der Inſtinkte der Jugend wider die edleren, welche das Schauſpiel der wilden Natur, in der ſich der Menſch Gott näher fühlt, entwickelt hatte. Aber dieſer ſo furchtbare Kampf war von kurzer Dauer. Der frühere Miquelete war mit einem Male ver⸗ ſchwunden, und als Pepe ſich von ſeinen abſcheulichen Gedankfen Rechenſchaft geben konnte, trug die edle Natur, die er wieder errungen, den Sieg davon: der alte Menſch war für immer überwunden, und es blieb nur noch der durch die Reue und die Einſamkeit gereinigte Waldläufer übrig. Pepe hatte, immer noch mit einem Knie auf der Erde ruhend, die Augen geſchloſſen; eine verſtohlene Thräne,— eine Thräne, die von ſeinen beiden Gefähr⸗ ten ebenſo wenig bemerkt wurde, wie der Kampf, aus dem er als Sieger hervorging, drängte ſich aus ſeinem Augenlide hervor, und rollte auf ſeine broncefarbene Wange herab. „Herr Graf von Mediana,“ rief er, ſich erhebend, „Sie ſind von nun an ein reicher und mächtiger Herr, denn all dieſes Gold gehört Ihnen allein!“ Bei dieſen Worten entblößte er ſeine Stirn, und verneigte ſich, in Folge einer letzten heroiſchen Anſtren⸗ gung, ehrerbietig vor demjenigen, der von nun an ihm Nichts mehr zu verzeihen hatte. „Da ſei Gott für,“ ſprach Fabian lebhaft,„daß Sie nicht dieſes Gold mit mir theilen ſollten, nachdem Sie meine Gefahren getheilt haben. Was ſagen Sie dazu, Roſenholz? Freut es Sie nicht auch, daß Sie in Ihrem Alter ebenfalls ein reicher und mächtiger Herr werden können?“ Aber immer und ruhig auf den Lauf ſeines Cara⸗ biners geſtützt, ſchüttelte Roſenholz, vor ſo vielen Reich⸗ thümern ebenſo impaſſibel, wie der Felſen, welcher ſich über denſelben erhob, einfach den Kopf, während ein von unausſprechlicher Zärtlichkeit durchdrungenes Lächeln, mit dem er Fabian anſah, von dem einzigen Intereſſe Zeugniß gab, das er an dieſem wunderbaren Schauſpiele nahm. 37 „Ich denke, wie mein Freund Pepe,“ verſetzte der Canadier;„was würde ich mit all dem Quark da an⸗ fangen, nach dem alle Welt trachtet? Wenn dieſes Gold für uns einen unſchätzbaren Werth hat, ſo kommt dieß daher, daß es Dir gehört; der Beſitz des kleinſten von dieſen Kieſeln würde in ſeinen, wie in meinen Augen dem Dienſte, den wir Dir etwa geleiſtet, all ſeinen Werth nehmen. Allein es iſt nun der Augenblick gekommen, wo wir, anſtatt zu ſprechen, handeln müſſen; ſicherlich ſind wir nicht allein in dieſen Einöden.“ Dieſe letzte Reflexion mahnte die drei Freunde, daß die Zeit in der That koſtbar ſei. Pepe drang zuerſt, die Zweige der Baumwollbäume auf die Seite drückend, durch den Hag ein; allein kaum hatte er einen Fuß im Goldthale, als in den Bergen ſich ein Schuß hören ließ. Nach einigen Sekunden voll peinlicher Angſt wur⸗ den die beiden Freunde durch die Stimme Pepe's wie⸗ der beruhigt. „Es iſt der Teufel, der uns von ſeinem Gebiete abhalten will,“ rief der Carabinier;„aber auf jeden Fall iſt es ein Teufel, der nicht am Beſten zielt!“ Ehe der Canadier und Fabian ihrerſeits in das Thal eindrangen, ſahen ſie zum zweiten Male nach der Spitze der Pyramide auf, von wo der Schuß, ſo wie die Stimme, die ſie gehört, gekommen zu ſein ſchien. Aber ein dicker Nebei, der durch den Wind vom Gipfel der Hügel weggeführt worden war, ließ ſie in dieſem Augenblicke die Plattform des Felſens, ſowie deſſen phan⸗ taſtiſche Decoration nicht ſehen. Bald waren Roſenholz und Fabian wieder bei dem Carabiniere, und alle drei gingen nun, ohne ſich erſt zu berathen, gemeinſchaftlich auf den iſolirten Felſen los. Dort lag ohne Zweifel der Feind verborgen, der ſie bedrohte. Die Wände der Pyramide waren, obwohl ſteil, mit Geſträuchen bedeckt, die deren Erſteigung möglich mach⸗ ten. Indeſſen war es ein gefährlicher Verſuch, denn der Nebel ließ nicht errathen, wie viele Feinde ihnen gegenüber ſtehen konnten. Fabian wollte vorangehen, aber der kräftige Arm des Canadiers hielt ihn zurück, während Pepe bereits auf der halben Höhe angelangt war. Dann folgte Ro⸗ ſenholz, ſein vielgeliebtes Kind mit ſeinem Körper, wie mit einem Schilde ſchützend, nachdem er Fablan inſtän⸗ dig gebeten, daß er ihm nur nachgehen möchte. Indeſſen wallte die Nebelmaſſe über der Spitze des Felſen immer noch hin und her, und bedeckte, da ſie unter dem Einfluſſe des Windes ihren Platz wechſelte, dieſelbe ungleich mit einem undurchdringlichen Schleier, ähnlich dem der Wolken, die den Blitz verbergen. Ohne ſich durch den Gedanken an die Gefahr er⸗ ſchrecken zu laſſen, die hinter dieſer von dem Winde düſter hin und her gejagten Dunſtmaſſe verborgen ſein konnte ſtieg der kühne Carabinier immer bergan⸗ Bald verſchwand er ſelbſt im Nebel. Fabian und Roſenholz verloren ihn in dem Augen⸗ plicke aus dem Geſichte, wo ſie einige Sekunden ſtehen blieben, um wieder Athem zu ſchöpfen; und dann ſetz⸗ ten ſie, voll peinlicher Ungewißheit, ihr gefährliches Auf⸗ ſteigen fort. Ein Schrei des Triumphes, von Pepe ausgeſtoßen, bewies ihnen, daß er unbeſchädigt oben angekommen war. Seine beiden Gefährten beantworteten den Schrei, und ſetzten ſelbſt bald den Fuß auf die Plattform. Es befand ſich Niemand darauf. In dem Augenblicke, wo die drei Freunde, etwas ärgerlich darüber, daß ſie Nichts gefunden, und inmit⸗ ten der Nebelmaſſe für einander ſelbſt faſt unſichtbar, ſich bereit machten, wieder in die Ebene herabzuſteigen, jagte ein plötzlicher Windſtoß den Nebel fort, und ge⸗ ſtattete ihnen einen Blick in die Ebene hinab. Rechts und links hatten ſie das vollſtändigſte Bild der Wüſte in ihrer ganzen düſteren Pracht vor ſich; dürre Ebenen, auf denen Sandwirbel in unerfreulicher Weiſe ihre Kreisbewegungen ausführten, eine glühende teppichartige Maſſe von Licht und Dürre,— überall Stille,— überall Unbeweglichkeit, ausgenommen auf einer Seite. Weit von dem aus den Weiden⸗ und Baumwoll⸗ Bäumen beſtehenden Hage, der von der Ebene her den Eingang zum Goldthale maskirte, und faſt noch in dem Nebel des Fluſſes begraben, aus dem ſie emporzutauchen ſchienen, kamen vier Reiter, mit dem Carabiner in der Hand, und dicht an einander gedrängt, heran. Indeſſen war die Diſtanz, welche die Herankommenden von den drei Freunden trennte, noch ſo groß, daß Letztere, von der Plattform des Felſens herab, den Anzug der Rei⸗ ter, ſowie die Hautfarbe derſelben nicht zu unterſchei⸗ den vermochten. „Werden wir auch hier noch eine Belagerung aus⸗ halten müſſen?“ rief Roſenholz.„Sind es Weiße? Oder ſind es Rothhäute?“ „Ob Rothhäute oder Weiße, iſt im Grunde hier gleichgültig: immerhin ſind es Feinde,“ ſprach Pepe. Während die drei Abenteurer ſich bückten, um nicht geſehen zu werden, ging eine Perſon, die für beide Theile bis daher unſichtbar geweſen war, ſachte in den See hinein. Sie entfernte vorſichtig die ſchwimmenden Blätter der Seeblumen, machte ſich aus ihren glänzen⸗ den Scheiben eine Art Dach, und blieb unbeweglich. Der See hatte einen unerwarteten Gaſt aufgenom⸗ men, aber ſeine Oberfläche hatte ihr Ausſehen nicht verändert. Dieſe Perſon war Cuchillo,— der unreine Schakal, der, von ſeinem Schickſale übel berathen, auf dem Jagd⸗ grunde der Löwen jagen wollte. 6 ——5 Zweiundvierzigſtes Rapitel. Die Qual des Tantalus. * Als in Folge ſeines Jagens Cuchillo in der Nähe der Nehelberge angekommen war, hielt er von Neuem an. Der Bandit hatte die Configuration der Gegend, die er ſchon einmal geſehen, nicht vergeſſen; allein ſein von Furcht und Freude erfülltes Herz, und das ihm in den Ohren ſauſende Blut beraubten ſeine Augen ihres gewöhnlich ſo ſcharfen Blicks. Er mußte einen Augen⸗ blick Halt machen, um ſich zu orientiren. Erſt nach Verfluß von einigen Minuten konnte er einen ruhigeren Blick umherwerſen. Es war noch ganz dunkel, als er in der Nähe der über dem Goldthale ſich erhebenden Pyramide ankam, und die feuchten Ausdünſtungen des Sees verhüllten ſowohl das Thal, als den ſteilen Hügel, auf dem ſich das indianiſche Grabmal befand, mit einem dichten Schleier. Das dumpfe Rauſchen der Cascade, deſſen er ſich noch erinnerte, war für ihn ein Signal, das ſeiner Un⸗ gewißheit ein Ende machte. Er hatte nicht vergeſſen, daß der Waſſerfall nicht weit von dem Placer in einen Abgrund ſtürzte. Er ſtieg hun ab, um einen Augenblick auszuruhen, und den Anbruch des Tages zu erwarten. Kaum hatte er ſich aber geſetzt, als ein Gefühl des Schreckens ihn aufſpringen machte, wie wenn er ſich in der Nähe einer giftigen Schlange befunden hätte. Der Zufall hatte es ſo gewollt, daß er genau an demſelben Orte anhielt, an dem er Marcos Arellanos ermordet hatte. Der Bandit ſah, zu ſeinem Schrecken, mit der Geſchwindigkeit des Blitzes die geringſten Einzelheiten dieſes tödtlichen Kam⸗ pfes wieder vor ſeinen Augen ſpielen. Cuchillo verſpürte ein Gefühl tiefen, aber kurze Schreckens. n⸗ Unter dem reinen Himmel Amerika's hat der Aber⸗ glaube noch nicht, wie in unſern Nebelländern, wo die Abendnebel den Gegenſtänden ein phantaſtiſches Aus⸗ ſehen verleihen, und den Geiſt natürlich zur Träumerei geneigt machen, Gelegenheit gefunden ſeinen Sitz auf⸗ zuſchlagen. Aus der Träumerei iſt jene düſtere nordiſche Poeſie entſtanden, die unſere von der Natur ſchon ſtiefmütter⸗ lich genug behandelten Länder mit Geiſtern und Phan⸗ tomen bevölkert hat, gleich als ob die Seelen derjeni⸗ gen, die ihr Leben lang verdammt waren, unter Nebeln und Eis zu leben, ſich nicht allzu glücklich ſchätzen müß⸗ ten, denſelben endlich für immer entgangen zu ſein. In den amerikaniſchen Einöden fürchtet der ver⸗ einzelte Reiſende die Lebenden mehr, als die Todten, und Cuchillo hatte die Weißen, oder die Indianer zu ſehr zu fürchten, als daß er Zeit gehabt hätte, ſich lange mit Arellanos zu beſchäftigen. Nach und nach kamen dem Banditen andere Gedan⸗ fen, welche in ſeiner Seele an die Stelle derjenigen traten, die ſie einen Augenblick unruhig bewegt hatten. Wenn er auch nicht ſeine Seelenruhe wieder erlangte, — denn die Nähe des Goldlagers war zu aufregend für ſeinen Geiſt,— ſo hörte er doch auf, an ein Ver⸗ brechen zu denken, das ſich mit allen denjenigen ver⸗ mengte, deren er ſich ſchuldig gemacht hatte. Er dachte ſchon lange nicht mehr an Arellanos, als die erſte Morgendämmerung ihn in der Trunkenheit überraſchte, womit die Habfucht ſein Gehirn erfüllte. Obgleich Cuchillo ſo ziemlich gewiß war, daß ihn Niemand aus dem Lager hatte fliehen ſehen können, und daß ihm noch viel weniger Jemand gefolgt war, ſo be⸗ ſchloß er doch, die Pyramide zu erſteigen, die ſich vor ihm erhob, und, von dieſer Anhöhe herab, die Wüſte zu vefragen. Die zwei Tannen, deren düſteres Grün das Grab s apachiſchen Häuptlings bekränzte, ſchienen gar gut geeignet, ihn den Augen der Indianer zu entziehen, wenn ſich ſolche zufällig in der Nachbarſchaft finden ſoll⸗ ten, und er ging daher nach dem Fuße des Hügels hin. Indeſſen konnte er ſich nicht enthalten, im Vorüber⸗ gehen einen zugleich gierigen und ängſtlichen Blick auf das Thal zu werfen, das mit den Goldkieſeln überſäet war. Ein plötzlicher Gedanke hatte ſeiner Extaſe einen Augenblick gewaltig Abbruch gethan. War das Placer immer noch von Menſchenhänden ſo unberührt, wie vor zwei Jahren, als er es hatte verlaſſen müſſen? Ein einfacher Blick beruhigte ihn aber. Es hatte ſich im Ausſehen des Goldthales Nichts verändert; es waren immer noch dieſelben ſtrahlenden Lichtbüſchel, welche von dem in ganzen Haufen daliegenden koſt⸗ baren Metalle ausgingen. Ein halbverdurſteter Rei⸗ ſender ſieht nicht mit größerer Freude die friſche, von laufenden Waſſern durchſchnittene Haſe, die ſich in⸗ mitten des unabſehbaren und glühenden Sandmeeres ſeinen Blicken darbietet; nie warf in den mythologiſchen Zeiten ein Faun oder ein Satyr auf eine Nymphe, die er im Bade unter dem verſchwiegenen Schatten des Laubes überraſchte, verzehrendere Blicke, als Cuchillo auf die Haufen von Jungfergold, die durch den Hag von Baumwollbäumen hindurch ſchimmerten. Jeder andere Abenteurer, den ſein glücklicher Stern an dieſen Ort geführt hätte, würde ſich beeilt haben, ſich mit ſo viet Gold zu beladen, als er hätte tragen können, und würde dann mit ſeiner Beute geflohen ſein. Aber bei Cuchillo war, wie bei einem Geizhalſe, die Habſucht eine bis zu ihren äußerſteu Grenzen ent⸗ wickelte Leidenſchaft. Der Bandit wollte, ehe er einen Schatz antaſtete, der ſeine Gedanken ſeit zwei Jahren N*8*— beſchäftigt, und wegen deſſen er das Leben ſeiner Ge⸗ noſſen ſo muthwillig geopfert, an demſelben ſein Auge weiden. Seinem verſchmitzten Weſen gemäß nahm der Ban⸗ dit, nachdem er der Befriedigung des theuerſten ſeiner Wünſche einige Augenblicke gegönnt, ſein Pferd beim Zügel, ging raſch auf die Berge zu, und band es an einem der Geſträuche feſt, die in einer ſo tiefen Schlucht wuchſen, daß das Thier allen Augen verborgen bleiben mußte. Sofort erſtieg er die Pyramide. Auf der Spitze angekommen, hatte er die Einöden, von denen er umgeben war, befragt: er hatte ſich ver⸗ gewiſſern wollen, ob er wirklich allein wäre. Eine auf⸗ merkſame Unterſuchung von einigen Minuten hatte ihn von Neuem beruhigt, denn Don Eſtevon mit ſeinen drei Gefährten einerſeits, und der kanadiſche Jäger mit ſeinen zwei Freunden andererſeits, mußten ſich erſt zu⸗ recht finden, und waren daher für ihn noch durch die Hügel verdeckt. Beruhigt durch die rings umher herr⸗. ſchende Stille, hatte Cuchillo, nachdem er den zu ſei⸗ nen Füßen liegenden Schätzen einen Augenblick alle ſeine Gedanken zugewandt, ſeine Augen maſchinznmä⸗ ßig nach der Cascade hingekehrt. Das Waſſer, das, indem es hinter der Pyramide herabfiel, eine Brücke von flüchtigem Silber über den Abgrund zu dehnen ſchien, oscillirte bisweilen in ſeinem Fall. Dann funkelte durch die irifirten Dünſte hin⸗ durch, die der Wind auseinander jagte, ein durch die hundertjährige Wirkung des Waſſers bloßgelegter Gold⸗ block in den Strahlen der Sonne. Die größte Frucht, die ſich je an den Zweigwinkeln eines Kokosbaumes gewiegt, übertraf ihn nicht an Volum. Durch den feuchten Staub der Cascade unabläſſig gewaſchen, erſchien dieſer Goldblock in ſeinem ganzen Glanze. Jeden Augenblick ſchien er ſeine Kieſel⸗ hülle verlaſſen zu wollen; und doch drohte er, viel⸗ leicht ſeit Jahrhunderten, den Werth des Löſegelds ei⸗ nes Königs mit ſich im Abgrunde zu begraben. Beim Anblicke des Blocks, den er durch das bloße Ausſtrecken des Armes erreichen zu können glaubte, hatte ſich plötzlich eine wahnſinnige Freude des Herzens Cuchillos bemächtigt. Mit gierigen Blicken über den Abgrund hingeneigt, ſtreckte er die Hände aus; ſeine Bruſt ſchwoll bis zum Berſten, und er wäre der ge⸗ waltigen Gemüthsbewegung erlegen, wäre nicht ein Schrei, der ein Schrei des Schmerzens und der Freude zugleich war, ſeinem Munde entfahren. Es war dieß der Schrei, den der Canadier, und deſſen zwei Gefährten gehort hatten. Bald aber entriß ihm ein Schauſpiel, das er in dieſer Einöde nicht erwartet hatte, einen andern Schreiz dieſes Mal aber war es ein Wuthſchrei. Der Bandit hatte ein menſchliches Geſchöpf be⸗ merkt— hatte einen Menſchen geſehen, der das Ge⸗ heimniß ſeines Lebens kannte; der mit unheiligem Fuß auf ſeinen unbefleckten Schatz trat. Roſenholz und Fabian waren für ihn unſichtbar, da ſie hinter dem dichten Gürtel des Goldthales ſtan⸗ den. Cuchillo glaubte, der Ercarabinier ſei allein, und hatte, ohne weiter nachzudenken, und faſt ohne ſich Zeit zum Zielen zu gönnen, auf ihn gefeuert. Dieß war der Urſprung des Büchſenſchuſſes, der gehört worden war;z die Kugel war an Pepe's Ohren pfeifend vorübergefahren. Wir müſſen darauf verzichten, die Wuth und die Beſtürzung des Banditen zu ſchildern, als er, hinter den Aeſten der Tannen verborgen, zwei Männer zu Pepe ſtoßen ſah; ais er in einem derſelben einen der beiden furchtbaren Jäger, die er an der Poza mit den Tigern im Kampfe geſehen, und in dem andern Fabian — den Menſchen, der ſchon zweimal ſeinen Nachſtellun⸗ gen entgangen war, wieder erkannte. Der erſtere war —— an ſeiner hohen Statur ſo deutlich zu erkennen, daß über ſeine Identität kein Zweifel übrig ſein konnte. Ein Todesſchauer machte einen Augenblick das Herz in ſeiner Bruſt erſtarren. Cuchillo wankte be⸗ täubt: noch einmal mußte er aus dieſem Goldthale ent⸗ fliehen, von dem ihn ein furchtbares Schickſal für im⸗ mer entfernt halten zu müſſen— das bei ihm nur un⸗ erſättliche Wünſche hervorrufen zu müſſen ſchien. Zum Glück für den Banditen entzog ihn der dicke Nebel, der noch auf der Spitze der Pyramide ſchwebte, und deſſen dichte Flocken unter dem Einfluſſe des Win⸗ des ſich hin und her wiegten, den Blicken der drei Feinde, die zu ihm heraufgeſtiegen kamen. Bis ſie oben auf dem Hügel ankamen, hatte Cu⸗ chillo an dem entgegengeſetzten Abhange unbemerkt hinabſteigen können. Zuvor aber hatte er noch in der Ferne Don Eſtevan mit ſeinem Gefolge herankommen ſehen. Es war dieß eine neue Urſache der Ueberraſchung für den Banditen, der, ſchlangenartig an Felſen herab⸗ gleitend, ſich im Waſſer des Sees unter den Blättern der Seeblumen verbarg, mit dem feſten Entſchluſſe, den Ausgang ſeines ſeltſamen Abenteuers abzuwarten. Cuchillo war Aller Augen verborgen, und gedachte, aus dem Kampfe Nutzen zu ziehen, der ſich zwi⸗ ſchen Don Eſtevan ſammt ſeinen drei Begleitern einer⸗ ſeits, und Fabian ſammt ſeinen zwei Freunden anderer⸗ ſeits entſpinnen mußte. Ein Schauer diaboliſcher Freude vermiſchte ſich mit dem, welchen die Kühle der Waſſer des Sees ihm verurſachte. Er war da, wie der Raubvogel, der, in den Wolken ſchwebend, wartet, bis das Schlachtfeld ihm ſeine Opfer überläßt. Cuchillo konnte gar leicht einen Kampf auf Leben und Tod zwiſchen Fabian und dem Herzog von Armada vorausſehen. Er berechnete raſch die günſtigen Chan⸗ cen, die ihm noch blieben. Blieben die drei Jäger Sieger, ſo hatte er Wenig, ———————— — 46 oder Nichts von Fabian zu befürchten, der in ſeinen Augen immer noch Tiburcio Arellanos war. Die Me⸗ rikaner aus den niedern Ständen ſehen einen Meſſer⸗ ſtich als eine Bagatelle an, und er hoffte, für denje⸗ nigen, womit er Tiburcio bedacht, Verzeihung zu er⸗ langen, wenn er das Gehäſſige ſeines Benehmens auf Don Eſtevan warf. Behauptete dagegen Letzterer das Feld, ſo ſchmei⸗ chelte er ſich, ſeine Deſertion durch irgend einen plau⸗ ſiblen Vorwand bemänteln zu können. Er wollte da⸗ her dem Kampfe eine Weile zuſehen und ſich im ent⸗ ſcheidenden Momente auf die Seite des Stärkern ſchla⸗ gen, und ſo mußte dann, auf welcher Seite auch der Sieg blieb, ſeine Intervention zu ſeinen Gunſten ſpre⸗ chen, und ihm ſeinen Prozeß vollends gewinnen helfen. Während Cuchillo in ſeinem Unglücke ſich ſo mit Gründen zu tröſten ſuchte, die auf den erſten Blick nicht ſo ganz zu verwerfen ſchienen, hatte Roſenholz die Farbe der heranſprengenden Reiter unterſcheiden können. „Es ſind vier Reiter aus dem merikaniſchen La⸗ ger“ ſprach er. Ich hatte es wohl vorausgeſehen,“ rief Fabian: „wir werden die ganze Truppe auf den Nacken bekom⸗ men, und werden uns hier, wie wilde Pferde inner⸗ halb eines Pfahlwerks, gefangen finden.“ St!“ antwortete Roſenholz,„überlaßt mir die Sorge, euch aus dieſer ſchlimmen Lage zu befreien. Nichts beweist, daß hinter dieſen noch andere Reiter kommen, und auf jeden Fall könnten wir keinen günſtigeren Poſten wählen, als dieſe Anhöhe, wo wir einer ganzen Horde von Wilden Trotz zu bieten ver⸗ möchten; auch beweist uns Nichts, daß ſie die Abſicht haben, hier zu bleiben. Unterdeſſen werde ich ſie über⸗ wachen.“ Indem der Canadier dieſe Worte ſprach, legte er ſich auf den Bauch, und zwar ſo, daß er ſeinen Kopf 47 zwiſchen den Steinen verbarg, die, wie Zinnen, die Spitze der Pyramide bedeckten. Dabei aber verlor er die vier Reiter keinen Augenblick aus den Augen. Schon fing man an, inmitten der auf der Ebene herr⸗ ſchenden Stille die Hufſchläge ihrer Pferde zu hoören. Der alte Jäger ſah ſie einen Augenblick Halt ma⸗ chen und ſich berathen, allein ihre Stimme drang nicht bis zu ihm hinauf⸗ „Warum dieſe Verzögerung, Diaz?“ ſprach der Herzog von Armada zu ſeinem Vertrauten, und zwar nicht ohne einige Ungeduld;„die Zeit drängt, und wir haben ſchon allzu viel Zeit verloren.“ „Die Klugheit erheiſcht, daß wir uns nicht ſo vor⸗ wagen; erſt wollen wir eine Recognoscirung vorneh⸗ men.“ „Sind die Lokalitäten nicht ganz ſo, wie Cuchillo ſie uns beſchrieben?“ „Das iſt wahr, aber der Spitzbube muß hier ir⸗ gend wo verborgen ſein, da wir ſo eben noch ſeine Spuren in der Richtung dieſes Felſen gefunden haben; vielleicht iſt er nicht allein, und wir haben von ihm Alles zu fürchten.“ Don Eſtevan machte eine Geſte, die ſeine Gering⸗ ſchätzung ausdrücken ſollte. „Diaz hat meiner Anſicht nach Recht,“ ſagte Ba⸗ raja;„ich laſſe mir es nicht nehmen, daß ich den Schat⸗ ten eines Menſchen auf der Spitze dieſes Felſen geſe⸗ hen habe.“ „Alle die Opfergaben, die von den Indianern am Eingange dieſer Engpäſſe niedergelegt worden ſind, beweiſen, daß dieſer Ort von ihnen ſtark beſucht wird,“ ſetzte Oroche hinzu;„die Einſamkeit iſt vielleicht nicht ſo vollſtändig, als es den Anſchein hat. Die Indianer ſind noch mehr zu fürchten, als Cuchillo, und das Le⸗ ben unſeres gnädigen Herrn darf am Wenigſten bloß geſtellt werden.“ Don Eſtevan gab dieſen Gründen nach, und hinter der Art Bruſtmauer, die ihn verbarg, ſah Roſenholz, wie Oroche, der die Lokalitäten unterſuchen ſollte, ab⸗ ſtieg, und ſich von der Gruppe entfernte. „Ah!“ ſagte Roſenholz leiſe,„ich erkenne jetzt un⸗ ter dieſen Reitern eine der Perſonen, die ich ſchon wäh⸗ rend der bekannten Nacht an der Poza geſehen habe. Es iſt die Perſon, die ſich Don Eſtevan nennen ließ, und die Niemand anders iſt, als Don Antonio de Mediana. den ſein Stern endlich in unſere Hände gibt!“ „Don Antonio de Mediana!“ wiederholte Fabian. „Iſt es möglich? Irren Sie ſich nicht?“ „Er iſt es, ſage ich Dir!“ „Ah!“ rief Fabian,„ich ſehe ihn nun; es war der Finger Gottes, der mich wider meinen Willen bis an dieſen verfluchten Ort trieb. Manen meiner Mut⸗ ter,“ ſetzte er ganz leiſe hinzu,„freuet euch in eurem Grabe!“ Pepe ſchwieg, aber bei dem Namen, den er hatte ausſprechen hören, richtete auch er den Kopf in die Höhe. In ſeinem Blicke war ein unendlicher Haß ausgedrückt, und ſein Auge ſchien die Diſtanz zu meſ⸗ ſen, die ihn noch von dem Gegenſtande ſeines Haſſes trennte. Ein ſo geſchickter Schütze, wie Roſenholz, würde ſchwerlich einen der Reiter haben treffen können, und Pepe verbarg ſich von Neuem hinter der Firſte des Felſen. „So richte Dich doch nicht ſo in die Höhe, Pepe,“ ſprach der Canadier,„ſonſt ſieht man Dich.“ „Sehen Sie hinter dieſen keine andern Reiter?“ fragte Fabian. „Niemand. Von der Spitze dort unten, wo der Fluß ſich in zwei Arme theilt, bis hierher, ſehe ich nur Nebel und Sonnenſchein, aber kein lebendes We⸗ ſen es ſei denn,“ fuhr Roſenholz fort, nachdem er einen Augenblick geſchwiegen, gleich als ob er ſich von der Erſcheinung eines fernen Gegenſtandes Rechen⸗ W— W*e Nu „ — S MSR — 4 h ſchaft geben wollte,„es ſei denn, daß jene ſchwarze Maſſe, die ich auf dem Fluſſe ſchwimmen ſehe, kein abgeſtorbener Baum iſt, wie ich vermuthe. Auf jeden Fall aber folgt die ſchwarze Maſſe, mag ſie nun ein Baumſtamm, oder ein Kahn aus Rinde ſein, der Strö⸗ mung, und entfernt ſich alſo von uns.“ „Was liegt daran?“ ſprach Fabian, der lieber Antonio überwachen, als eines der Myſterien der Ent⸗ fernung aufklären wollte;„beſchreiben Sie mir die Reiter, die bei Don Antonio ſind, vielleicht erkenne ich ſie an der Beſchreibung, die Sie mir von ihnen geben werden.“ „Ah!“ fuhr der Canadier fort,„der Rindenkahn, oder der Baumſtamm.... „So laſſen Sie doch ums Himmels Willen dieſen fernen Gegenſtand,“ rief Fabian, von einer raſenden Ungeduld verzehrt:„was brauchen wir uns darum zu bekümmern?„ „So frag' doch den Matroſen, der auf einem fernen Meere ausgucken muß, ob er ſich um die Felſenriffe zu bekümmern hat? Wohlan! Jene ſchwarze Maſſe kann, wenn ich Dir es ſagen ſoll, ein Rindenkahn ſein, und Gott gebe, daß er hier nicht einige jener Räuber ans Land ſetzte, deren es in dieſen Wüſten ſo viele gibt. Gut! der Kahn verſchwindet im Nebel.“ „Und die Reiter? die Reiter?“ fragte Fabian wieder mit dumpfer Stimme. „Was die drei andern Reiter betrifft, ſo kenne ich ſie nicht. Es iſt einer darunter, der ſich durch ſeine ge⸗ rade Statur,— eine Statur, ſo ſchlank, wie ein Rohr, auszeichnet; welch ſchönes Pferd reitet er nicht!“ „Einen Rothbraunen— Goldborten an ſeinem Filzhute,— ein edles Geſicht?“ „Ganz richtig.“ „Es iſt Pedro Diaz.“ „So wahr Gott lebt!“ hob Roſenholz wieder an, Der Waldläufer. M. 4 6 es iſt einer unter ihnen, der ſich darin gefallen zu haben ſcheint, daß er ſeinen Mantel zu Riemen geſchnitten hat.“ „Es iſt Oroche,“ unterbrach ihn Fabian,„und was thun ſie nun? Aber es wäre eine Feigheit, wenn wir uns nicht zeigen würden, jetzt, da Gott uns Antonio faſt allein ſchickt.“ „Geduld,“ ſagte Pepe,„es liegt mir ebenſo viel daran, wie Ihnen, daß er uns nicht entkommt, allein eine einzige Uebereilung kann Alles verderben; wenn man fünfzehn Jahre gewartet hat, ſo kann man wohl noch eine Minute warten. Sind ſie allein, Roſenholz? oder ſiehſt Du in der Ferne den Reſt ihrer Escorte?“ „Es dreht ſich dort unten der Sand in großen Wirbeln, allein es iſt der Wind, der ihn in die Höhe treibt; ſie ſind allein. Ah! nun halten ſie an, gleich als ſuchten ſie ſich zu orientiren. Sie ſehen umher. Dort ſteigt der Mann mit dem in Riemen geſchnittenen Man⸗ tel ab, und geht auf den Hag von Weidenbäumen zu⸗“ „Ja,“ ſagte Fabian,„ſie können den Weg wohl wiſſen: iſt aber nicht ein in Gamuza*) gekleideter, und einen Apfelſchimmel reitender Mann darunter? Iſt er darunter, ſo iſt es kein anderer Menſch, als Cuchillo.“ „Er iſt nicht darunter,“ antwortete der Jäger, „aber halt! der Mann mit dem Mantel bückt ſich, hebt Sand auf, und wannt ihn in ſeiner Hand. Er ſchiebt den Lianenvorhang ein wenig auf die Seite, und ver⸗ ſchwindet hinter dem Hag.... Ah! der Spitzbube hat das Goldlager gefunden,“ ſetzte der Jäger hinzu, „allein ich müßte mich ſehr täuſchen, wenn ihm nicht bald ſeine Freude verderbt werden ſollte.“ Es folgte nun ein kurzes Schweigen, während deſſen die drei Freunde ſogar ihren Athem zurückhielten. Indeſſen fuhr der Jäger bald wieder mit ſeinen Beo⸗ bachtungen fort. *) Gegerbte Damhirſchhaut. —„—— e—— „Es ſcheint mir, als ob das Waſſer des Sees ſich bewegte,“ ſagte er.„Ah! der Mann mit dem Mantel kommt wieder hinter dem Hage hervor, er ſpricht mit einem ſeiner Kameraden, und beide fangen an, ganz närriſch zu hüpfen und zu ſpringen; die Freude macht ſie verrüͤckt, ich glanbe es wohl; ſelten haben dieſe Leute, die nur Gold ſuchen, ein Lager gefunden, wie dieſes; allein ſie ſind allein, und es iſt nun der Augen⸗ blick gekommen, ihnen zu zeigen, daß dieſer Schatz Nie⸗ mand, als uns, gehört. Wir können Chriſten nicht ſo tödten, wie wir Hunde, oder Apachen, was dasſelbe iſt, — tödten; wir werden ſie daher auffordern, ſich auf Gnade und Ungnade zu ergeben.“ Bei dieſen Worten erhob ſich Roſenholz langſam, ähnlich dem Adler, der ſeine gewaltigen Flügel bewegt, ehe er ſie in ihrem ganzen Umfange entfaltet,— ſeine Flügel, mit denen er, wie der Blitz, von der Höhe der Luft auf die Ebene herabſtürzt. Beruhigt durch die Unterſuchung der Localitäten, welche vollkommen verlaſſen zu ſein ſchienen, hatten Oroche und Baraja, nachdem ſie wieder ihre Pferde beſtiegen hatten, Don Eſtevan und Pedro Diaz, die zurückgeblieben waren, ein Zeichen gegeben, daß ſie zu ihnen herkommen möchten. Die zwei vorangeſchickten Männer hatten, obwohl durch das funkelnde Ausſehen des Goldthals geblendet, doch die von Cuchillo im Sande zurückgelaſſenen Fuß⸗ ſpuren ſehen müſſen, Sie erwarteten die Ankunft des Anführers, um die Befehle, die er in dieſem Betreff geben würde, entgegen zu nehmen. Wie Cuchillo und Pepe vor ihnen, ſo waren auch die beiden Goldſucher zu gleicher Zeit vom Dämon der Habſucht gepackt worden. Der düſtere Ort, die einſamen Schluchten, die Ge⸗ wißheit, die Einzigen im ganzen Lager zu ſein, die mit Don Eſtevan und Diaz das Geheimniß dieſes Schwindel verurſachenden Placer theilten,— Alles murmelte ihnen unheimliche Rathſchläge ins Ohr. Ohne Zweifel haben die mythologiſchen oder chriſtlichen Legenden die Ver⸗ brechen, zu denen der Anblick eines Schatzes den Anſtoß gibt, unter der Grſtalt von wüthenden Drachen, die in deſſen Nähe wachen, darſtellen wollen. Wenn Don Eſtevan, wenn Pedro Diaz nicht mehr ins Lager zurückkehrten, ſo blieben Baraja und Oroche allein. Später konnte man dann ſehen, wer im Stande war, den andern aus dem Wege zu ſchaffen. Dieß waren die Gedanken, die Oroche und Baraja beſchäftigten, als die Reiter wieder zu ihnen ſtießen. Dieß drückte ein zwiſchen Baraja und Oroche gewechſelter Blick aus. „Wir haben die Spuren Cuchillo's geſehen,“ ſagte Baraja,„und wenn wir ihn fangen wollen, ſo müſſen wir vieſe Berge ſorgfältig durchſuchen.“ „Cuchillo hat den Schatz geſehen, und darf nicht entkommen,“ ſetzte Oroche hinzu.„Ich bin mit Baraja der Anſicht, daß er ſich nur in dieſen Schluchten hat verbergen können, wo er unverfolgt zu bleiben hofft.“ Die beiden Schlingel wußten, daß die Nebelberge viele Myſterien ſür immer würden verbergen können. „Senor Eſtevan,“ ſprach Pedro Diaz,„ich glaube, wir ſollten jetzt ins Lager zurückkehren.“ Don Antonio war einen Augenblick unſchlüſſig, und während dieſer Zeit ſchlug das Herz Baraja's, ſo wie das Oroche's heftig. Der Rath, den Diaz gegeben, war ein guter, und die zwei Schlingel fühlten es beſſer, als ſonſt Jemand; allein es war zu ſpät. Von der Pyramide herab konnten die drei im Hin⸗ terhalte liegenden Jäger diejenigen, deren ſämmtliche Bewegungen ſie beobachtet hatten, mit ihren Büchſen erreichen; eine Flucht war nun unmöglich. Ein fürchterliches Erwachen ſollte die goldenen Träume Baraja's und Oroches vernichten. „Es iſt nun Zeit, zu handeln 1 ſprach Roſenholz. „Ich muß Don Antonio lebendig haben,“ ſagte Fabian kurz;„nehmen Sie ihre Maßregeln darnach; ß am Uebrigen liegt mir wenig.“ Während Fabian ausſprach, richtete ſich der Cana⸗ dier in ſeiner ganzen Höhe auf; er ſtieß einen Schrei r aus, der plötzlich in den Ohren der vier Neuangefom⸗ e menen ertönte, und ihnen einen Ausruf der Ueberraſchung 6 entriß, welche die rieſige Statur des Canadiers, ſo wie n deſſen ſonderbarer Anzug noch vermehrte. „Wer ſind Sie? und was wollen Sie 2“ rief eine 3 Stimme, die Fabian als die Don Antonio's erkannte. „Wer wir ſind?“ antwortete der Jäger,„ich will te es Ihnen ſagen. Vorerſt aber will ich Sie an eine 3 en Wahrheit erinnern, die in meinem Vaterlande und in 5 der Wüſte nie beſtritten wird: es iſt die Wahrheit, daß ht ein Land demjenigen gehört, der es zuerſt in Befitz ja nimmt; und, wenn Sie uns nicht haben herankommen 3 at ſehen, ſo kommt dieß daher, daß wir ſchon vor Ihnen . hier waren. Wir allein ſind daher die Herren dieſes 3 ge Orts. Was wir wollen, iſt, daß ihr euch gutwillig 3 zurückziehet, und daß der vierte ſich uns auf Gnade und 3 e, hngnade ergebe, damit wir ihm ein zweites Geſetz der 5 Wuſte ins Gedächtniß zurückrufen können,— das Geſetz⸗ 6 nd das Blut für Blut fordert.“ 3 65„Es iſt irgend ein Waldbruder, dem die Einſam⸗ keit den Kopf verrückt hat,“ ſprach Pedro Diaz, der den 3 b mit einem Carabiner und einem Meſſer bewaffneten 3 d; Mann mit einem friedlichen Cinſiedler verwechſelte. „Nehmen Sie ſich in Acht!“ ſprach Baraja,„ich in⸗ kenne dieſen Mann; es iſt der furchtbarſte Tigertödter, che den ich in meinem Leben noch geſehen. Schauen Sie, ſen Diaz, wir haben kein Glück.“ „Was liegt mir daran?“ rief Pedro Diaz. et„Was? der Mann verlangt, wir ſollen ihm, ohne auch nur einen Schuß zu thun, ein Placer überlaſſen, lz. wie es nie eines gegeben hat! Wenn man einen ſolchen gie Schatz vor ſich hat, Freund,“ rief Oroche, auf das Goldthal hinzeigend,„ſo läßt man ſich eher die Einge⸗ ———zz—‧—— z——˙— weide aus dem Leibe reißen, als daß man ihn einem Andern überläßt.“ „Ihr wollt es alſo nicht anders,“ antwortete der Canadier phlegmatiſch. „Wartet,“ ſagte Pedro Diaz,„ich will der Con⸗ ferenz mit einem Flintenſchuſſe ein Ende machen!“ „Nein,“ rief Mediana, indem er ihm Einhalt that, „wir wollen zuerſt ſehen, wie weit die Verrücktheit dieſes Fremden geht, und wer derjenige unter uns iſt, Freund,“ rief er mit ironiſcher Miene,„den Sie das Geſetz der 1 Wüſte lehren wollen?“ „Sie wollen wir es lehren, wenn es Ihnen ge⸗ fällig iſt,“ rief die Stimme Fabians, der ſich plötzlich 2 demſelben Augenblicke zeigte, wo auch Pepe auf⸗ and. 1„Ah! Sie ſind es wieder?“ antwortete Mediana mit einer Stimme, welche die Wuth, und die Ueber⸗ raſchung erſtickten. Fabian verneigte ſich feierlich. „Und ich bin es, der Sie nun ſeit vierzehn Tagen Schritt für Schritt verfolgt,“ ſchrie Pepe, und der Gott dankt, daß er endlich eine über vierzehn Jahre alte Rechnung berichtigen kann.“ „Wer ſind Sie?“ fragte Don Eſtevan, der ver⸗ gebens zu errathen ſuchte, mit wem er es zu thun hatte,— ſo ſehr hatten die Jahre, und das Coſtüm, das er jetzt trug, den ehemaligen Miquelete und Küſten⸗ wächter verändert. „Ich bin Pepe, der Schläfer, der ſeinen Aufen⸗ thalt im Preſido von Ceuta nicht, wie Sie, vergeſſen . t.“ Bei dieſem Namen, der ihm die Drohung Fabians an der Brücke des Salto⸗de⸗Agua erklärte, verlor Don Eſtevan miteinem Male denverächtlichen Ausdruck, den ſeine Phyſiognomie gehabt hatte. Ein plötzliches Vorgefühl ſagte ihm, daß ſein Stern im Sinken begriffen ſei. Er warf einen unruhigen Blick umher. Die hohen Felſen, die auf einer Seite das Gold⸗ thal umſchloſſen, konnten ſie vor dem Feuer der Jäger, welche die Plattform beſetzt hielten, ſchützen. Ein kur⸗ zer Raum trennte ihn von dieſen Felſen, und einen Au⸗ genblick rieth ihm die Klugheit, dieſer Zufluchtsſtätte zu⸗ zuſtürzen; allein ſein empörter Stolz ließ ihn nicht von der Stelle. „Wohlan! So rächen Sie ſich denn an einem Feinde, der es verſchmäht, zu fliehen!“ rief der ſpaniſche Edel⸗ mann dem Jäger Pepe ſtolz zu. „Habe ich Ihnen nicht geſagt,“ erwiederte Letz⸗ terer kalt,„daß wir Sie nur lebendig fangen wollen?“ Dreiundvierzigſtes Kapitel. Der Gefangene. Im ganzen Verlauf ſeines abenteuerlichen Lebens, als Soldat und Seemann, hatte der Herzog von Ar⸗ mada ſich in keiner furchtbareren Gefahr befunden, als in dieſem Augenblicke. Die Ebene bot ihm keinen Zufluchtsort, bot ihm keinen Schutz vor dem Carabiner des kanadiſchen Jä⸗ gers, und dem des Spaniers. Was waren die Feuerwaffen ſeiner Reiter, in ihren ungeſchiclten Händen, gegen die gezogenen, doppelt ſo weit reichenden Büchſen der zwei Jäger, deren Auge ſich nie käuſchte, und deren Arm nie zitterte? Und ferner hatten dieſe furchtbaren Gegner den Vortheil, daß ſie ſich in einer uneinnehmbaren Stel⸗ ——— waren. lung befanden, und daß ſie durch Felſenzinnen gedeck Sobald einer der Reiter auch nur eine Bewegung, auch nur eine feindliche Geſte machte, war es wenig⸗ ſtens um zwei von ihnen geſchehen. Don Antonio verbarg ſich nicht die ganze Größe der Gefahr, in der er ſchwebte; indeſſen müſſen wir, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, ſagen, daß ſein Muth nicht wankte. Gleichwohl konnte dieſer Zuſtand nicht lange dauern: Jeder fühlte es, ſowohl die Männer auf dem Felſen, als die in der Ebene. „Machen wir, daß die Sache einmal ausgeht,“ ließ die donnernde Stimme des Canadiers ſich hören, deſſen Edelmuth es widerſtrebte, aus einer vortheilhaf⸗ ten Stellung Nutzen zu ziehen, und der ſich ein Ge⸗ wiſſen daraus machte, Blut zu vergießen, wenn es ohne Blutvergießen abgehen konnte;„ihr Alle habt gehort, daß wir nur mit eurem Anführer ein Wort ſprechen wollen, und daß ihr euch entſchließen müſſet, ich will nicht ſagen, uns denſelben auszuliefern, ſondern uns den⸗ ſelben fangen zu laſſen. Ziehet euch daher gutwillig zurück, wenn ihr nicht wollt, daß wir euch wie Apachen oder Jaguare behandeln.“ „Nie! nie werden wir uns einer ſolchen Feigheit ſchuldig machen,“ ſchrie Diaz.„Ihr waret zuerſt auf dem Platze, ich will es zugeben; wir werden daher den⸗ ſelben räumen; aber Don Eſtevan wird ſich, ſo gut, wie wir, mit allen Kriegsehren zurückziehen!“ „Kann nicht ſein!“ ſchrie Pepe ſeinerſeits,„wir müſſen den Mann, den ihr Don Eſtevan nennt, haben.“ „Widerſetzet euch nicht der Gerechtigkeit Gottes“ ſetzte Fabian hinzu:„eure Sache kann nicht die dieſes Menſchen ſein. Wir geben euch fünf Minuten Bedenk⸗ zeit; nach deren Verfluß werden unſre Büchſen und das gute Recht zwiſchen uns entſcheiden.“ „Sagen Sie doch, Don Tiburcio,“ rief Okoche cio zeigend. „Ehre, dem Ehre gebührt!“ ſprach Oroche, indem er Fabian mit einem Ausdrucke des Haſſes und des Neides grüßte, welche dieſes fabelhafte Glück in ihm erweckten. Pepe benützte das augenblickliche Schweigen, das auf die letzten Worte des langhaarigen Gambuſino folgte, um dem Canadier ganz leiſe zu ſagen: „Deine Großmuth kann Dir theuer zu ſtehen kom⸗ men, Roſenholz! dieſe gierigen Geier in ihr Lager zu⸗ rückgehen laſſen, heißt, uns die ganze Bande auf den Hals laden, denn es ſcheint, daß die Indianer von ihnen geſchlagen worden ſind; ich ſage Dir, dieſe Leute dür⸗ fen nicht mehr fort,— ſie müſſen hier bleiben. Gott, daß ſie ſich nicht gutwillig zurückziehen! Deßwe⸗ gen dürfen ſie auch keinen Gran von dieſem Golde mit fortnehmen.“ „Du magſt Recht haben,“ antwortete Roſenholz nachdenklich,„aber ſie haben nun einmal mein Wort, und ich werde daſſelbe nicht zurückziehen. Pepe hatte ſich nicht geirrt. Oroche's und Baraja's hätte Angeſichts des ungeheuren Schatzes, den ſie flüchtig geſehen, nicht lange Stand gehalten, wenn ſie ihren Antheil hätten nehmen dürfen, und die Weigerung des Spaniers erregte bei den bei⸗ den Abenteurern eine Wuth, die als ein Erſatz der feh⸗ lenden, ihrem Anführer ſchuldigen Treue gelten konnte⸗ dem jungen Fabian zu,„iſt es uns nicht erlaubt, eine Tracht von dieſem Golde mit fort zu nehmen, wenn wir uns dazu verſtehen, uns gutwillig zurückzuziehen?“ „Jeder einen Hut voll?“ ſetzte Baraja hinzu. „Nicht ein Atom,“ entgegnete Pepe.„Dieſes Gold gehört Don Fabian allein.“ „Und wer iſt der glückliche Sterbliche, den Sie Don Fabian nennen?“ fragte Oroche. „Hier ſteht er,“ antwortete Roſenholz, auf Tibur⸗ Die wankende Treue „Eher ſterben, als einen Fußbreit zurückweichen!“ rief Oroche erbittert. „Gut,“ ſagte Pepe bei ſich. „Ihr habet nur noch zwei Minuten, euch zu ent⸗ ſcheiden,“ rief Roſenholz, deſſen genau auf die drei Rei⸗ ter gerichteter Büchſenlauf die dürren Pflanzen der Platt⸗ form zerdrückte;„glaubet mir und erſparet uns ein unnützes Blutvergießen; es iſt jetzt noch Zeit.“ „Ziehet euch zurück, ziehet euch zurück, die Zeit drängt.“ Mediana, deſſen Stirne fortwährend ſtolz in die Höhe gerichtet war, beobachtete ein düſteres Stillſchweigen. Unerſchütterlich in ſeinen Gefühlen voll ritterlicher Ehre, warf Pedro Diaz, entſchloſſen, mit dem Anführer zu ſterben, deſſen Leben in ſeinen Augen zur Wiederge⸗ burt ſeines Vaterlandes ſo nothwendig war, einen fra⸗ genden Blick auf Don Eſtevan. „Kehren Sie in das Lager zurück,“ ſprach der ſpa⸗ niſche Edelmann,„überlaſſen Sie einen für Ihre Sache nunmehr unnützen Mann ſeinem Schickſale, und kommen Sie dann zurück, um meinen Tod zu rächen!“ Aber Diaz blieb unbeweglich, wie eine Reiterſtatue; ſodann näherte ſich der geſchickte Reiter Don Eſtevan, ohne daß man ſah, wie ſein Bein oder ſeine Hand ſei⸗ nem Pferde ſich fühlbar machte. Als ſein Knie das Don Eſtevan's berührte, verſiel er wieder in ſeine frühere Unbeweglichkeit. In dieſer Stellung fand er, ohne daß ſeine Lippen ſich zu bewegen ſchienen, und während er den Blick auf den canadiſchen Jäger heftete, die Gele⸗ genheit, ſeinem Chef in die Ohren zu murmeln: „Setzen Sie ſich in Ihrem Sattel feſt nehmen Sie Ihr Pferd zuſammen..... und laſſen Sie mich machen.“ Der ehemalige Carabinier folgte indeſſen den ver⸗ ſchiedenen Bewegungen ſeiner Gegner mit wachſamen Augen. Don Eſtevan machte ein Zeichen mit der Hand, gleich als wollte er ſich eine längere Friſt erbitten. „Oroche, Baraja,“ ſprach er zu ihnen ſo laut, daß ſeine Worte wohl auf der Plattform des Felſen gehört werden konnten,„das Lager bedarf all ſeiner Vertheidi⸗ ger, eilet in daſſelbe mit dem edlen und wackeren Diaz zurück, welcher von nun an Euer Anführer ſein wird; Ihr werdet den Leuten, die ich commandirte, ſagen, daß dieß mein letzter Wille ſei.“ Oroche und Baraja hörten, anſcheinend unſchlüſſig, die Ermahnungen Don Eſtevan's; aber in dem Grunde ihrer Seele dachten die beiden Abenteurer, daß, obwohl es kaum zu verſchmerzen, daß ſie ihre gierigen Hände nicht in die faſt vor ihren Füßen liegenden Goldhaufen ſtecken dürften, es dennoch beſſer wäre, ſich auf Gnade und Ungnade zu ergeben und das Leben zu behalten, mit der Hoffnung, früher oder ſpäter nach dem Gold⸗ thale zurückzukommen. Sie waren daher entſchloſſen, ſich wo möglich nicht tödten zu laſſen, und Beide woll⸗ ten, ohne daß ſie ſich zuvor mit einander verſtändigt, den Anſchein edleren Zögerns Anſtands halber ſo viel wie möglich verlängern. „Ich möchte eine Wette eingehen,“ ſprach Pepe, „daß jener Schlingel, der mit der Hand durch ſeine langen Haare fährt, gleich als wenn es ihm wider⸗ ſtrebte, das Weite zu ſuchen, den Befehlen ſeines An⸗ führers noch nie eifriger gehorcht hat, als er jetzt zu thun bereit iſt. Genau in derſelben Lage iſt auch ſein Kamerad,— der Mann mit dem Lederwammſe dort. Aber bei allen Teufeln der Hölle! Iſt das nicht einer der zwei Spitzbuben, die im Walde der Hacienda auf uns geſchoſſen haben?“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete Roſenholz,„ich war zu weit von ihnen entfernt, als daß ich hätte ihr Ge⸗ ficht ſehen können; aber was liegt daran?“ In dieſem Augenblicke machte Baraja gleichfalls ein Zeichen mit der Hand. ——— —— 60 „Der Gehorſam gegen die Befehle unſeres Anfüh⸗ rers iſt für uns das Höchſte,“ ſagte er,„und ſo ſehr es auch unſerem Stolze zuwider iſt, ſo capituliren wir doch.“ „Die Geſchichte iſt voller Capitulationen,“ ſetzte Oroche hinzu,„und ich wüßte nicht, daß man ſich da⸗ durch entehrte, wenn man ſich, vom Kriegsglücke ver⸗ laſſen, ergibt. Wir bitten Sie alſo, Senor Fabian, ſowie Ihre beiden Freunde, uns gehen zu laſſen und empfehlen uns Ihnen.“ Ohne den Blick der Verachtung zu bemerken zu ſchei⸗ nen, den Diaz ihnen zuwarf, ſchwenkten die beiden wür⸗ digen Kameraden mit einer Hand ihre Hüte, und wand⸗ ten mit der andern ihre Pferde um. Und ſchon entfernten ſie ſich, als auf der Plattform die Büchſe Pepe's unheimlich ertönte. „Con mil rayos*)!“ ſchrie der ehemalige Cara⸗ binier mit ſchrecklicher Stimme;„ſind wir denn über⸗ daß Ihr mit Waffen und Gepäck abziehen dürfet?“ „So haben wir die Sache verſtanden,“ ſchrie Oroche; dürften wir Sie im entgegengeſetzten Falle bitten, uns die Waffen abzunehmen?“ „Werft ſie in den See dort unten, und macht, daß Ihr fortkommt!“ antwortete Pepe. „Meinethalben, wenn Sie es einmal ſo haben wol⸗ len,“ ſagte Baraja, der mit einer Hand ſeinen Carabi⸗ ner erfaßte, gleich als wollte er denſelben weit fortwer⸗ fen, dann aber raſch anſchlug und nach der Spitze des Felſen hinauffeuerte. „Schau', ſchau'!“ rief Pepe mit höhniſcher Miene, und ohne auch nur eine Bewegung zu machen, als Oroche ebenfalls Miene machte, ſeinem Kamergden nachzuahmen. Allein der Gambuſino wollte ſeine Zeit nicht mit Zielen verlieren, ſondern ſpornte ſein Pferd tüchtig hin⸗ *) Millionenſakerment! 61 ter dem Baraja's, das einen Seitenſprung gemacht hatte, und alle Beide verſchwanden hinter der Felſenmauer, die eine der Seiten des Goldthales bildete. „Das iſt Deine Schuld, Roſenholz! Du biſt zu großmüthig, und wir werden nun die zwei Schlingel früher oder ſpäter aus ihrer Feſtung vertreiben müſſen. Ah!l die Sachen würden anders ſtehen, wenn ich nur meinem erſten Antriebe gefolgt wäre!“ Der Canadier zuckte die Achſeln, und murmelte Et⸗ was von Ungeziefer und Canaillen, als Don Eſtevan plötzlich einen verzweifelten Entſchluß zu faſſen ſchien. „Bücke Dich, um Gottes willen, Fabian!“ rief der Canadier,„der Spitzbube will abdrücken.“ „Vor dem Mörder meiner Mutter? Nie!“ ſagte Fabian, aufrecht ſtehen bleibend. Aber, raſch wie der Gedanke, ſank der Arm des Canadiers auf ſeine Schulter, und drückte ihn auf die Knie nieder. Don Eſtevan ſuchte für ſeine doppelläufige Flinte vergebens einen Zielpunkt. Man ſah auf der Plattform nur noch die furchtbare, auf ihn gerichtete Büchſe des Canadiers, obgleich der Jäger, um den Bitten Fabian's nachzukommen, den Kampf nicht durch die Erſchießung des Mannes endigen wollte, den ſein Sohn lebendig zu fangen wünſchte. Diaz ſprang mit ebenſo vieler Tapferkeit, als Klug⸗ heit und Behendigkeit von ſeinem Pferde auf das Don Eſtevan's hinüber, der, wie ihm empfohlen worden, an ſeiner Seite geblieben war. Diaz war entſchloſſen, eine Dispoſition zu benützen, von der er bloß das Reſultat ſah, ohne den furchtbaren Beweggrund zu ahnen. Der kühne Anhänger warf, auf dem Kreuze des Pferdes ſitzend, die Arme um den Reiter, den der Stoß erſchüt⸗ tert hatte, ergriff den Zägel des Pferdes, nahm daſſelbe raſch zuſammen, wandte es um, und fing an zu fliehen, wo⸗ bei er den Anführer, um ihn mit eigener Lebensgefahr zu retten, mit ſeinem Körper, wie mit einem Schilde deckte⸗ Während Fabian und Pepe, von der gleichen Lei⸗ denſchaft beſeelt, ſich mit augenſcheinlicher Lebensgefahr an dem ſteilen Felſen herabgleiten ließen, folgte Roſen⸗ holz mit ſeiner Büchſe, deren ſchwerer und langer Lauf in ſeinen Händen wie auf einer eiſernen Gabel zu ruhen ſchien, den Sprüngen des Pferdes auf der Ebene. Die zwei Reiter, die in gerader Linie vor ihm flo⸗ hen, ſchienen nur einen und denſelben Körper zu bilden⸗ Das Kreuz des Pferdes, die Schultern des Pedro Diaz, — das war das einzige Ziel, das ſeiner Kugel erreich⸗ bar war; kaum kam, von einem Augenblicke zum anderen, der Kopf des Pferdes zum Vorſchein. Diaz opfern, hieß einen unnützen Mord begehen, denn Don Eſtevan entkam dann dennoch; noch einen Augenblick, Flüchtlinge waren außer dem Bereiche ſeiner ugel. Aber der Canadier gehörte zu jener Claſſe von Schützen, die eine Fiſchotter oder einen Biber ins Auge ſchießen, um das Fell nicht zu verderben, und es galt, den Kopf des Pferdes zu treffen. Nur eine Seecunde lang wandte das edle Thier, das zwei Reiter fortrug, dem Zügel gehorchend, den Kopf ein wenig ſeitwärts: dieſe Secunde genügte dem Ca⸗ nadier. Eine plötzliche Explofion, eine Kugel, die ſo nahe an ihrer Wange vorbeipfiff, daß es ſie kalt über⸗ lief,— das war Alles, was die beiden Reiter hörten. In demſelben Momente ſtürzte ihr Pferd todt auf den Boden: ſie mit ihm. Durch ihren heftigen Sturz noch halb betäubt und mit Quetſchwunden bedeckt, ſtanden Don Antonio de Me⸗ diana und Pedro Diaz kaum auf, als ſchon Fabian und der Spanier, mit der Büchſe in der Hand und dem Dolche zwiſchen den Zähnen, auf fie zugeſprungen kamen. Weit hinter ſeinen beiden Freunden kam der Canadier, der, en er Rieſenſchritte machte, ſeine Büchſe wie⸗ der lud. — Als er mit dem Laden fertig war, blieb er unbe⸗ weglich, wie eine abgeäſtete Eiche, ſtehen. Bis zum letzten Augenblicke ſeiner Pflicht treu, ſprang Pedro Diaz auf die Don Eſtevan entfahrene Flinte zu. Sie lag weit weg, und Diaz gab ſie dem Anführer zurück. „Wir wollen uns bis auf den Tod vertheidigen!“ rief er, indem er aus dem Knieriemen ſeiner Reitkama⸗ ſchen ein langes, ſcharf geſchliffenes Meſſer hervorzog. Der ſpaniſche Edelmann, der unterdeſſen wieder feſter auf den Beinen ſtand, ſchlug an, und ſchien einen 4 Augenblick unentſchloſſen zu ſein, ob er mit dem erſten 1 Schuſſe Fabian oder Pepe darnieder ſtrecken ſollte: aber 6 der Canadier beobachtete ihn aus der Ferne. Don Eſtevan hatte noch nicht auf Fabian abge⸗ drückt, den er ſich endlich als Opfer auserkoren hatte, als eine Kugel aus der Büchſe des Canadiers in den Händen des Spaniers die Waffe traf, deren er ſich be⸗ dienen wollte. Die Kugel zerſchmetterte die Flinte an dem 6 Punkte, wo der Lauf ſich mit dem Holze verbindet. Die Flinte entſank den Händen Don Eſtevan's, der 1 nun ſelbſt auch das Gleichgewicht verlor und auf den end hinſtürzte. „Endlich! nach fünfzehn Jahren!“ ſchrie Pepe, auf Don Antonio losſtürzend, und ihm ein Knie auf die 5 Bruſt ſetzend. Vergebens verſuchte der Spanier, ſich zu wehren. Sein durch den heftigen Schlag, in Folge deſſen ihm die Flinte entfahren, empfindungslos gewordener Arm verſagte jeden Dienſt. In einem Nu hatte Pepe den wollenen Gürtel, der ihm mehrere Male um den Leib ging, losgemacht. Er band damit die Glieder ſeines Feindes feſt zu⸗ ſammen. 6 Diaz konnte ihm nicht zu Hülfe kommen. Er mußte ſich gegen Fabian vertheidigen. Fabian kannte Pedro Diaz faſt gar nicht. Er hatte M—„„ N— ihn nur einige Stunden auf der Hacienda del Venado geſehen; allein ſein edelmüthiges Betragen hatte im Herzen des Jünglings eine lebhafte Sympathie erweckt, und er wollte ſein Leben ſchonen. „Ergeben Sie ſich, Diaz!“ rief er, indem er einem Dolchſtiche auswich, den ihm der Abenteurer beizubrin⸗ gen ſuchte, da Letzterer entſchloſſen war, zu ſterben und ſich nicht zu ergeben. Während der wenigen Augenblicke, die der ſpaniſche Jäger brauchte, um Don Antonio zu knebeln, fand zwi⸗ ſchen Fabian und Diaz ein Kampf ſtatt, in dem es Einer dem Andern an Behendigkeit und Gewandtheit zuvorzu⸗ thun ſuchte. Zu loyal, um ſeine Feuerwaffe gegen einen Feind zu gebrauchen, deſſen einzige Waffe in einem Dolche be⸗ ſtand, ſuchte Fabian bloß ſeinen Gegner zu entwaffnenz und Diaz, der vurch ſeinen Rachedurſt geblendet war, ſah die edelmüthigen Anſtrengungen des jungen Grafen von Mediana nicht. Letzterer, der den Lauf ſeiner Flinte in einer Hande hielt, und ſich des Kolbens wie einer Keule bediente, ſuchte den Arm zu treffen, der den Dolch hielt, da die raſchen Evolutionen des letzteren ihn in jedem Augen⸗ blicke bedrohten. Allein er hatte es mit einem Gegner zu thun, der ebenſo flink und kräftig war, wie er ſelbſt. Diaz ſprang bald auf die rechte, bald auf die linke Seite, und wich ſo den Streichen Fabian's aus; in dem Augenblicke, wo der Jüngling den Arm des Mexikaners glaubte, that er mit ſeiner Waffe einen Fehl⸗ ag. Das Meſſer umblitzte von Neuem den Körper des Jünglings. Roſenholz kam, ohne ſeine Büchſe wieder geladen zu haben, herbeigelaufen, um einem Kampfe ein Ende zu machen, in welchem Fabian, in Folge ſeiner Groß⸗ muth, zu unterliegen im Begriffe war. Auch Pepe kam auf die Kämpfenden zugeſtürzt, WN en de zt⸗ ß⸗ 65 nachdem er es Don Antonio unmöglich gemacht, ſich bei dem Kampfe zu betheiligen. Von drei Männern bedroht, die im Begriffe waren, mit vereinter Kraft über ihn herzufallen, wollte der Merikaner nicht ſterben, ohne ſich gerächt zu haben. Er fuhr mit dem Arme zurück und warf das ſcharf ſchnei⸗ dende Meſſer, womit er bewaffnet war, blitzſchnell gegen Fabian. Aber Fabian hatte die Bewegungen ſeines Gegners nicht aus dem Auge verloren, und in dem Augenblicke, wo der Dolch der Hand des Diaz pfeifend entfuhr, be⸗ gegnete der Carabiner Fabian's, der zu gleicher Zeit gegen die Bruſt Pedro's geſchleudert wurde, in ſeinem Laufe der mörderiſchen Waffe des Letzteren. Der Dolch, der ſo von ſeiner Bahn abgelenkt wor⸗ den war, fuhr in einiger Entfernung von Fabian in den Sand, während der Flintenkolben, einem Streitkol⸗ ben ähnlich, Diaz mitten auf den Leib traf. „Demonio!“ ſchrie Pepe, indem er mit ſeinen kräf⸗ ligen Armen die des nun ohnmächtigen Diaz umſchlang, „muß man Sie denn umbringen, damit Sie ſich er⸗ geben?„ Sie ſind nicht verwundet, Don Fabian, dem Himmel ſei gedankt! Sonſt. He, Freund! was ſollen wir nun mit Ihnen anfangen?“ „Was Ihr mit dem edlen Cavaliere da anfangen werdet,“ antwortete der Mexikaner keuchend, und mit dem Auge auf Don Eſtevan zeigend, der auf dem Sande lag und in ſeinen Banden vor Zorn bebte. „Verlangen Sie nicht von uns, daß wir Sie ſein Loos theilen laſſen ſollen,“ antwortete Pepe mit düſterer Miene:„die Tage dieſes Menſchen ſind gezählt!“ „Welcher Art auch dieſes Loos ſein mag, ich will es theilen,“ antwortete Diaz, indem er einen vergeb⸗ lichen Verſuch machte, gegen die überlegene Stärke des ſpaniſchen Jägers zu kämpfen; ich mag von Euch keinen Pardon, keine Gnade annehmen.“ Der Waldläufer. M. — — „Spielen Sie nicht mit unſerem Zorne!“ ſchrie Pepe, deſſen heftige Leidenſchaften entflammt waren. „Ich bin nicht gewohnt, meinen Feinden zwei Mal Par⸗ don anzubieten.“ „Ich kenne ein Mittel, ihn zur Annahme des Par⸗ dons zu bewegen,“ ſprach Fabian, der das Meſſer des Diaz vom Boden aufhob.„Laſſen Sie ihn frei, Pepe; mit einem Mann von Herz, wie Diaz, kann man ſich immer verſtändigen!“ Der Ton Fabian's ließ keine Eutgeguung zu. Pepe öffnete daher die Arme und entließ den Mexikaner aus den eiſernen Banden, die ihn umfangen hielten⸗ Letzterer ließ erſtaunt, aber mit höhniſchem Munde, ſeine Feuer⸗ augen umherlaufen, und muſterte bald dieſen, bald jenen ſeiner drei Gegner. „Hören Sie einmal, Diaz,“ fuhr Fabian fort, wäh⸗ rend er ſeinen Carabiner weit von ſich warf,„nehmen Sie Ihre Waffe wieder und leihen Sie mir auf einige Augenblicke ein aufmerkſames Ohr!“ Während Fabian dieſe Worte in ſo hochherziger und edler Weiſe ſprach, daß der Abentenrer ſelbſt dar⸗ über betroffen war, reichte er ihm ſeinen Dolch hin, wo⸗ bei er ohne jede Waffe ſo nahe zu ihm hinging, daß ſeine Bruſt von dem Arme des Diaz erreicht werden konnte. Letzterer nahm ſein Meſſer wieder, allein ſein Geg⸗ ner hatte ſich in ihm nicht geirrt. Vor der heroiſchen Einfachheit Fabian's war ſein Zorn verſchwunden. „Ich höre Sie an,“ ſagte Diaz, indem er ſeinen Dolch auf den Boden gleiten ließ. „Gut!“ ſagte Fabian mit einem Lächeln, das ihm das Herz des Diaz gewann;„ich wußte wohl, daß es ſo kommen würde.“ Und bald fuhr er alſo fort: „Sie ſtellen ſich, ohne es zu wiſſen, zwiſchen das Verbrechen und die gerechte Rache, die daſſelbe verfolgt. Wiſſen Sie auch, wer der Mann iſt, den Sie mit eige⸗ en 82 en en hm ß das gt. ge ner Lebensgefahr zu retten ſuchen, und wiſſen Sie, wer die Männer ſind, die in edelmüthiger Weiſe Ihr Leben⸗ erhalten wollen? Wiſſen Sie, ob wir nicht das Recht haben, von dem Anführer, den Sie ohne Zweifel nur als Don Eſtevan de Arechiza kennen, eine furchtbare Rechenſchaft über eine Vergangenheit zu verlangen, die Sie nicht kennen? Antworten Sie in der ganzen Ehr⸗ lichkeit Ihres Gewiſſens auf die Fragen, die ich an Sie richten werde, und entſcheiden Sie dann, auf welcher Seite die Gerechtigkeit, auf welcher Seite das gute Recht iſt!“ Ueberraſcht von dieſer Sprache, hörte Diaz ſchwei⸗ gend zu, und Fabian fuhr alſo fort: „Hätte der Zufall Sie in einem privilegirten Stande geboren werden laſſen; wären Sie der Erbe eines gro⸗ ßen Vermögens und eines berühmten Namens geweſen, und hätte ein Menſch, um Ihnen dieſes Vermögen und dieſen Namen zu rauben, und um dieſelben ſich zuzueig⸗ nen, Sie ohne Ihr Wiſſen in den großen Haufen der⸗ jenigen zurückgeſchleudert, venen der Schweiß ihrer Stirne nicht einmal das tägliche Brod ſichert,— würden Sie dann der Freund eines ſolchen Menſchen ſein?“ „Ich würde ſein Feind ſein,“ antwortete Diaz „Und wenn dieſer Menſch,“ fuhr Fabian fort,„um ſogar die Erinnerung an das, was die Geburt aus Ih⸗ nen gemacht, zu vertilgen, Ihre Mutter ermordet hätte, — was hätte er dann verdient?“ „Das Gleiche. Auge um Auge, Zahn um Zahn, Blut um Blut,— ſo lautet das Geſetz.“ „Und wenn, nach einer hartnäckigen Verfolgung wäh⸗ rend langer, glühender Tage, und inmitten ſich ſtets er⸗ neuernder Gefahren, das Schickſal der Waffen den Mann, der Ihren Namen geraubt und Ihre Mutter ermordet, in Ihre Hände gegeben hätte,— würden Sie dann das Geſetz, das Sie anführen, auf ihn anwenden?“ „Ich würde mich an Gott und den Menſchen zu verſündigen glauben, wenn ich es nicht thäte.“ — „Wohlan, Diaz!“ verſetzte Fabian mit vielem Nach⸗ vrucke,„man hat mir meinen Namen, man hat mir mein Vermögen geſtohlen,— man hat mir meine Mut⸗ ter ermordet; von dem Abgrunde aus, in den man mich geſchlendert, habe ich ſeit Kurzem die Höhe meſſen kön⸗ nen, von der man mich herabgeſtürzt. Ich habe den Mörder meiner Mutter,— ich habe den Menſchen, der mir meinen Namen geſtohlen, verfolgt; das Schickſal der Waffen hat ihn in meine Hände gegeben,— und hier iſt dieſer Menſch!“ Bei dieſen Worten, die nicht bis zu den Ohren vdes Gefangenen gedrungen waren, zeigte Fabian mit dem Finger auf den Grafen von Mediana, den die Vor⸗ ſehung in ſo wunderbarer Weiſe in ſeine Hände gege⸗ ben hatte. Eine Wolke des Schmerzens verdunkelte die Augen des Abenteurers beim Anblicke des Anführers, deſſen urtheil er ſelbſt, ohne es zu wiſſen, geſprochen; denn das Gefühl unerbittlicher Gerechtigkeit, das Gott in das Herz des Menſchen gelegt, ſagte ihm, daß Don Eſtevan ſein Schickſal verdient, wenn Fabian ihn nicht ungerecht anklagte. Diaz ließ traurig den Kopf finken, unterdrückte einen Seufzer, und ſchwieg. Während dieſes in einem Winkel der ungeheuren Einöde geſchah, hätten die handelnden Perſonen in dem Drama, das nun aufgeführt werden ſollte, ſehen kön⸗ nen, wie Cuchillo die ſchlammige Decke über ſeinem Haupte in die Höhe hob, einen gierigen Blick auf das Goldthal warf, und ganz triefend aus dem See heraus⸗ kam, ähnlich einem jener böſen Genien, denen der in⸗ vianiſche Aberglaube dieſe Berge als Wohnort anweist. Allein die Feierlichkeit des Augenblicks nahm die Aufmerkſamkeit des Diaz, ſowie die des Canadiers und ſeiner beiden Gefährten ganz in Anſpruch. Pierundvierſigſtes Rapitel. Worin die Schakale mit den Löwen theilen wollen. Durch die im voranſtehenden Kapitel geſchilderten Ereigniſſe,— Ereigniſſe, die ſich ſo raſch entwickelt hat⸗ ten,— beherrſcht, hatten Roſenholz und der ſpaniſche Jäger während einiger Augenblicke Baraja und Oroche ganz und gar vergeſſen. Man hat die geheimen Gedanken, die in dem Her⸗ zen der beiden Taugenichtſe einige Augenblicke vor der Kataſtrophe keimten, wodurch ſie ſich von ihren Gefähr⸗ ten getrennt fanden, ſo weit durchſchaut, daß man wohl ahnen kann, welchen Gefühlen ſie ſich überlaſſen mußten, als ſie wieder allein waren. Der erſte Schuß, den ſie auf ihrer Flucht hörten (es war der Schuß, der das Pferd Don Eſtevan's zu Boden geſtreckt), fand in ihrem Herzen einen frendigen Wiederhall. Eine der Perſonen, die das wunderbare Ge⸗ heimniß kannten, war nun ohne Zweifel zu einem ewi⸗ gen Schweigen verurtheilt. Und wahrſcheinlich mußte die andere ihr Geheimniß eheſtens in eine beſſere Welt mitnehmen, wo man ſich um alles Gold der Erde nicht mehr kümmert. Als Beide ſich hinter den ſteilen Felſen geborgen ſahen, die auf der Weſtſeite das Goldthal umſchließen, hatten ſie keinen Augenblick verloren, um ſich von dem Orte zu entfernen, der um ein Haar ſo unheilvoll für ſie geweſen wäre. Dieſe Felſenkette ſenkte ſich ſanft nach der Ebene zu, und verband ſich wieder mit den Nebel⸗ bergen, wie eine auf ihre Seiten hingeworfene Geldkiſte. Indem die beiden Abenteurer die Felſenmauer entlang ritten, war es ihnen leicht, die undurchdringli⸗ — —— — * 70 chen Schlupfwinkel der Sierra zu erreichen. Sie hielten pald in einer tiefen Schlucht, in welcher ſie, durch die über ihren Köpfen hangenden Dünſte verborgen, voll⸗ kommen in Sicherheit waren. Dort ſtrömte ihr Herz von Freude über, und die Gefühle, von denen ſie bewegt wurden, waren anfäng⸗ lich zu ſtark, als daß ſie im erſten Augenblicke auch nur ein Wort zu wechſeln im Stande geweſen wären. „Erlauben Sie mir, Senor Oroche,“ ſagte Baraja, der zuerſt wieder ſprechen konnte,„daß ich Ihnen meine beſten Glückwünſche wegen Ihres Entrinnens aus der Gefahr, die uns von den Büchſen jener unumgänglichen Tigertödter drohte, darbringe.“ „Ich laſſe es um ſo lieber geſchehen, Senor Baraja, als es Ihnen ſehr ſchwer geworden ſein würde, mich zu becomplimentiren, wenn Ihnen eine Kugel den Schädel zerſchmettert hätte(denn dieſe eingefleiſchten Teufel zie⸗ len immer mit beſonderer Vorliebe nach den Köpfen der Leute),— und als es mich unendlich freut, Sie am Le⸗ ben zu ſehen.“ Hierin erlaubte ſich Oroche, von der Wahrheit ſich ein klein wenig zu entfernen. Im Grunde ſeiner Seele, und ohne daß er recht wußte, warum, hätte er es faſt vorgezogen, allein zu ſein. Die Nähe eines Schatzes erweckt bei den Leuten ziemlich gewöhnlich eine ſo plötz⸗ liche und ſo ſehnſüchtige Liebe zur Einſamkeit. Vielleicht waren die Glückwünſche Baraja's nicht viel aufrichtiger, als die Oroche's, und wir zweifeln, ob die Gewohnheit der Tigertödter, ſtets nach den Köpfen ihrer Feinde zu zielen, ihm ebenſo ärgerlich erſchienen wäre, wie dem Gambuſino, wenn dieſer das Opfer der⸗ ſelben geworden ſein würde. So viel iſt gewiß, daß die beiden Schlingel, in Folge der Conformität ihrer Gedanken,— einer Con⸗ ſormität, welche ihre innige Freundſchaſt herbeigeſührt, — plötzlich nachdenkend geworden waren. — — Ein Schuß, den das Echo der Berge wiederholte, unterbrach ihre ſympathetiſchen Träumereien. „Es iſt der zweite Schuß, der die tiefe Stille dieſer Einöde ſtört. Der erſte hat Diaz den Schädel zerſchmettern müſſen, und es wäre für mich etwas Pein⸗ liches, denken zu müſſen, der zweite Schuß habe auf gleiche Weiſe den Campagnen Don Eſtevan's für immer ein Ende gemacht,“ rief Oroche, der ſeinen lebhaften Wunſch, um das Goldthal allein zu wiſſen, ziemlich ſchlecht verhehlte. „Ich begreife,“ antwortete Baraja zerſtreut,„daß dieſe Einöden für zwei ſo vereinzelte Menſchen, wie wir nun bald ſein werden, etwas ſchauerlich ſind.“ „Caramba!“ dachte Oroche,„ſollte mein Freund Baraja mich dennoch für überflüſſig halten?“ „Warum ziehen Sie denn den Hahn auf, Senor Oroche?“ fragte Baraja lebhaft ſeinen Freund. „Weiß man, was in dieſen Wüſten geſchehen kann? Schauen Sie, man muß auf alle Fälle parat ſein.“ „Sie haben Recht; man weiß nicht, was ge⸗ ſchehen kann.“ NMit dieſen Worten ſpannte Baraja, wie ſein Freund, ſein Gewehr, und ſetzte ſich in Vertheidigunszuſtand. Gleich als ob der dieſe Berge bewachende Dämon des Goldes,— jener Dämon, deſſen mörderiſcher Athem Beide vor Angſt beben machte,— ſich über die zügel⸗ loſen Leidenſchaften und die hartnäckigen Kämpfe ge⸗ freut hätte, zu denen das Goldthal Veranlaſſung geben ſollte, ließ ſich ein dumpfes, unterirdiſches Geräuſch unter dem Miſte der Nebelberge hören. „Ei! was werden wir nun anfangen,“ ſprach Oroche, deſſen Anfangs vages Verlangen nach Einſam⸗ feit in ſchrecklicher Weiſe immer beſtimmter wurde. „Sind wir ſtark genug, um jene drei verteufelten Jäger aus ihrer Feſtung zu treiben? Nein. Wohlan! wir müſſen in das Lagrr zurücklehren,“ erwiederte Ba⸗ raja,„und mit großer Uebermacht zurückkommen, um über die Kerls herzufallen, welche die in dem bekannten Thale liegenden Schätze für ſich allein in Anſpruch zu nehmen ſich erlauben.“ ſ„Machen wir uns eiligſt auf!“ rief Oroche unge⸗ iüm. „Wir haben keine Minute zu verlieren,“ ſetzte Bara⸗ ja hinzu. Aber weder der Eine, noch der Andere rührte ſich, aus dem ganz einfachen Grunde, weil Oroche dem Fluge der gefräßigen Geier, die im Lager zurückgeblieben waren, den Weg zum Goldthale ebenſo wenigöffnen wollte, wie ſein edler Freund. Sie dachten ganz vernünftig, daß die drei Jäger, wenn auch jeder derſelben ſo viel Gold mit forttrüge, als er ſchwer wäre, für denjenigen von ihnen zweien, der den Andern überlebte, immerhin mehr zurückließen, als wenn die ganze Truppe der Abenteurer, von ihnen geführt, über die reiche Beute herſtürzte. Beide ſtellten ſich bebend das jungfräuliche Gold⸗ thal mit ſeinem blendenden Funkeln vor, wie es, von ihren habgierigen Genoſſen überfluthet und profanirt, auf einer beſieckten Oberfläche nur noch die unreine Spur behielt, die anzeigte, daß dieſelben hier gehaust. Wie hungrige Schakale, die auf den Rückzug des geſättigten Löwen warten, um über die von ihm ver⸗ ſchmähten Ueberreſte herzufallen, wollten Oroche und Baraja, ohne es zu geſtehen, den Weggang der Jäger, vor denen ſich Beide nicht zu zeigen wagten, allein ab⸗ warten. „Hören Sie,“ ſagte Baraja,„ich will Ihnen meine Meinung offen ſagen.“ „Was wird mir der Schlingel jetzt vorlügen?“ dachte Oroche ganz leiſe.„Ich erwartete von Ihrer Biederkeit nicht weniger,“ antwortete er laut. „Sie fürchten, wir möchten, während wir nach dem Lager zurückfehren, entdeckt werden?“ =—— „Sie zeigen einen Scharfſinn, der mich wirklich in Er⸗ ſtannen ſetzt,“ entgegnete Oroche. „Es iſt das auch ganz natürlich,“ fuhr Baraja in einem Tone allerliebſter Gutmüthigkeit ſort:„zwei Menſchen ziehen die Aufmerkſamkeit mehr auf ſich, als nur einer.“ „Man kann im Herzen eines Menſchen nicht ſchöner leſen,“ antwortete Oroche ſeinerſeits mit einer Ungezwungenheit, die Baraja einen Augenblick ernſtlich erſchreckte. „Wohlan! da Sie meine Gedanken ſo vollkommen theilen, ſo werden Sie wohl auch meine Meinung in Betreff deſſen, was zu thun iſt, theilen.“ „Ich bin ſchon ganz dafür, ehe ich noch dieſelbe tenne; ich ſchenke meinen Freunden nie ein halbes Vertrauen.“ „Soll das heißen, daß Sie denſelben immer ganz mißtrauen?“ „Oh, Senor Baraja!“ rief Oroche, indem er ſich mit einer Miene beleidigter Offenherzigkeit in den Lum⸗ pen hüllte, den er ſeinen Mantel nannte,„ich ſündige ſtets dadurch, daß ich ein übermäßiges Vertrauen in die Menſchen ſetze.“ „Ich glaube daher, daß, um das Lager ſicherer zu erreichen, und um von den Jägern, die Einem immer nach dem Kopfe zielen, nicht bemerkt zu werden, es gut iſt, wenn jeder von uns einen verſchiedenen Weg einſchlägt.“ „Sie geben goldene Lehren, Senor Baraja.“ „Es kommt dieß von dem Boden her, auf dem wir uns befinden, und ich beeile mich, Ihnen mit gutem Beiſpiele voranzugehen.“ „Warten Sie noch einen Augenblick!“ ſprach Oroche. „Wo werden wir einander wieder treffen? „Da, wo der Fluß ſich gabelförmig theilt. Der⸗ jenige, der zuerſt ankommt, wartet auf den andern.“ — 74 „Und wird er lang auf ihn warten?“ fragte Oroche mit einer Naivetät, die Nichts zu wünſchen übrig ließ. „Es wird das von der Ungeduld des zuerſt Ange⸗ kommenen, ſowie von dem Grade der Zuneigung ab⸗ hangen, die er für ſeinen Freund verſpürt.“ „Der Teufel!“ antwortete Oroche,„wenn ich alſo zuerſt ankäme, und ein Sturz in einen Abgrund oder eine Kugel Sie unglücklicher Weiſe verhinderte, zu mir zu ſtoßen, ſo müßte ich Sie bis zum jüngſten Tage er⸗ warten?“ „Dieſes Uebermaß von Hingebung würde mich bei einem Manne, wie Sie ſind, gar nicht in Erſtaunen ſetzen,“ antwortete Baraja im Tone tiefſter Rührung⸗ „allein ich darf ſolches nicht annehmen. Selbſt die Freundſchaſt muß ihre Grenzen haben. Wenn es Ihnen convenirt, ſo wollen wir eine Stunde beſtimmen, bis zu welcher das Warten dauern ſoll: kommt der andere nicht. ſo begibt ſich der zuerſt Angekommene in's Lager zurück, und beweint ſeinen Freund.“ Nun ſchlugen die beiden Schlingel in ſchieſer Rich⸗ tung einen Weg mit divergirendem Winkel ein, ritten einige Zeit, ohne einander aus dem Auge zu verlieren, fort, und verſchwanden dann, jeder auf ſeiner Seite, in dem ewigen Miſt der Nebelberge. Als Baraja den Gambuſino aus den Augen ver⸗ loren hatte, deſſen Mantel von dem Morgenwinde, wie die Lumpen, die in einem Kornfelde als Vogelſcheuche dienen, hin und her bewegt wurde, hielt er, um ſich zu orientiren. Er that das nicht, um den nächſten Weg zu dem Puncte des Fluſſes zu ſuchen, wo ſich derſelbe in zwei Arme theilte. Wir werden Niemand überraſchen, wenn wir ſagen, daß er ebenſo wenig daran dachte, in das Lager zurück⸗ zukehren, als ſich den Jägern auszuliefern, vor denen er floh. Baraja war nicht ſo dummz er ſuchte ganz einfach einen bequemen und ſichern Ort, um eine kurze — „ — Sieſta zu halten, und wollte Oroche an dem bekannten Zuſammenkunſtsorte warten laſſen, ſo lange es demſel⸗ ben beliebte. Indeſſen wollte der habſüchtige Goldſucher ſich nicht allzu weit entfernen. Es war ihm ſeit dem Morgen Alles ſo nach Wunſch gegangen, daß er beinahe auf eine neue Gunſt des Glückes rechnete, um von dieſem Garten der Heſperiden die fürchterlichen Drachen fern zu halten, welche die goldenen Früchte deſſelben be⸗ wachten. Aber Baraja rechnete ohne die drei furchtbaren Gäſte der Wüſte, ſowie ohne die Sympathie ſeines Freundes, und man weiß, daß man in ſolchem Falle zwei Mal rechnen muß. Nicht weit von ihm bildete eine Vertiefung in dem Felſen eine Art Neſt, deſſen Boden mit langem, dürrem Graſe bedeckt war. Dieſes Gras zeigte die Spur der Gemſe, die ohne Zweifel noch in der vergangenen Nacht darauf gelegen. Baraja ſtieg ab, zäumte ſein Pferd ab, damit daſſelbe ungehindert freſſen konnte, zog aus einer kleinen ledernen Taſche, die an ſeinem Sattel hing, eine Handvoll gro⸗ ben Maismehls heraus, und hatte, mit Hülfe einiger Waſſertropfen, die er aus ſeinem Schlauche in eine Kür⸗ bisflaſche goß, bald ein frugales Frühſtück bereitet. Die Raben krächzten traurig in den Nebeln; die durch die ewige Feuchtigkeit der magnetiſchen Spitzberge der Sierra gebildeten kleinen Bäche ließen auf den Fel⸗ ſen ihren Klagegeſang ertönen: bisweilen durchbrach ein Blitz in düſterer Weiſe die Nebelmaſſen; aber dieſe wilden Harmonien verurſachten dem von ſeinem Man⸗ tel umwickelten Abenteurer nur einen Schauer habgieri⸗ ger Wolluſt. Fünfundvierzigſtes Rapitel. Fortſetzung. Baraja hatte ſich vergebens damit geſchmeichelt, daß er würde einen Augenblick ſchlafen können; unter ſeinen geſchloſſenen Augenlidern ſprühte das Gold des Thales tauſend Funken, die den Schlaf verjagten; Irr⸗ lichter tanzten in der Dunkelheit um ihn her, wie jener betäubende Schein, den die Sonne in den Augen zurück⸗ läßt, welche einen Augenblick in dieſelbe geſchaut und davon geblendet worden ſind. Und dann machte ihn ein plötzlicher und furchtbarer Gedanke erbeben: vielleicht lauerte Oroche, um ein augenblickliches Schlummern zu einem Ueberfalle und einem Morde zu benützen. Baraja ſtand auf; er warf einen aufmerkſamen Blick umher, aber Alles war ruhig, und der Wind der Wüſte murmelte allein ſeinen Klagegeſang in ſeine Ohren. „Bah!“ ſagte er bei ſich, indem er ſich wieder hin⸗ legte,„Oroche wird mich fünf Minuten lang erwarten, und dann geht er zum„ Baraja unterbrach den angefangenen Satz: der Wind hatte ihm ein ganz deutliches Gewieher zuge⸗ tragen. „Oh, oh!“ dachte er,„ſollte Oroche in dieſen Ber⸗ gen geblieben ſein, um ſich nicht der Gefahr auszuſetzen, dort unten bis zum jüngſten Tage auf mich warten zu müſſen?“ Baraja zäumte raſch ſein Pferd auf, das, geſcheid⸗ ter als ſein Herr, das dürre Gras, das es abweidete, allen Reichthümern des Goldthales vorzog, und ſchwang ſich, den Karabiner in der Hand, in den Sattel. Er war noch keine Minute geritten, als er ein ebenſo beunruhigendes, als unerwartetes Schauſpiel faſt vor ſeinen Füßen ſah. Der Ort, an dem Baraja angekommen, war eine aus einem einzigen Bogen beſtehende Brücke, welche die Natur über einen der Arme des Fluſſes gebaut hatte. Wir müſſen hier nämlich bemerken, daß einer der beiden Arme ſich durch die Kette der Nebelberge hindurch ſeinen Weg bahnte. Dieſes nicht ſehr breite und nicht ſehr tiefe Waſſer verſchwand unter den Füßen Baraja's, und bildete, und ſpeiste den See in der Nähe des Goldthales, nachdem ts einen ziemlich langen unterirdiſchen Weg gemacht hatte. Ein Kahn aus Birkenrinde, worin zwei Männer ſaßen, folgte der Strömung, und der Abenteurer konnte ohne Zweifel von Glück ſagen, da im Augenblicke, wo er auf dieſe zwei Perſonen einen raſchen Blick warf, ihr Fahrzeug unter dem Felſenbogen verſchwand. Baraja hatte indeſſen ſo viel Zeit, daß er das ſon⸗ derbare Coſtüm dieſer Unbekannten im Einzelnen betrach⸗ ten konnte. Da man ſie bald eine eben ſo hervorragende, als furchtbare Rolle ſpielen ſehen wird, ſo werden wir erſt dann eine detaillirte Schilderung von ihnen geben, wenn der Augenblick gekommen iſt. Es ſchien, als ob dieſe Einöden, die bis daher ſo menſchenleer geweſen, mit einem Male der Zuſammen⸗ „ tunfts⸗Ort eines oder mehrerer Repräſentanten jeder Klaſſe von Meuſchen, welche die amerikaniſchen Wüſten durchſtreifen, geworden wären. Baraja war aber noch nicht am Ende ſeiner Ge⸗ müthsbewegungen und ſeiner Verwunderung angelangt. Kaum waren die zwei ſchweigenden Schiffer verſchwun⸗ den, als ſich vor dem Goldſucher eine neue Quelle von 3 Schrecken eröffnete. Unruhig gemacht durch das Gewieher, das er ge⸗ hört, fing Baraja wieder an, ſich umzuſehen. Und es war in der That hohe Zeit. In dem Nebel kam ein Mann, mit dem Karabiner in der Hand, langſam auf ihn zu. Der Lauf ſeiner Waffe war gegen den Körper Baraja's gerichtet. Und dieſer Mann war ihm gar wohl bekannt: es war Niemand anders, als Oroche. Baraja ſprang vom Pferde herab, um dem Schuſſe zu entgehen, der ihn bedrohte, und um ſelbſt bequemer zielen zu können. Ein ſchallendes Gelächter drang in ſein Ohr, und er hörte ſeinen Freund ausrufen: „So wahr Gott lebt, Senor Baraja, Sie aleichen von ferne Cuchillo ſo ſehr, daß ich im Begriffe war, mir gegen Ihre Perſon einen Fehler zu Schulden kom⸗ menzu laſſen, den ich ernſtlich bedauert haben würde.. 4 „Bis zum jüngſten Tage, nicht wahr 2“ unterbrach ihn Baraja ironiſch. „Und vielleicht noch länger. Aber, Senor Baraja, wie wäre es, wenn wir jetzt, da wir nicht mrhr in Feindesland ſind, die Waffen ablegten! Was halten Sie davon?“ „Ganz damit einverſtanden!“ antwortete Baraja, der eben ſo ungern, wie ſein Freund, ſich auf ein ge⸗ fährliches Duell einließ, das er ſpäter durch einen heim⸗ tückiſchen Ueberfall erſetzen konnte. Und beide warfen ihren Karabiner wieder auf die Schulter, und ritten auf einander zu,— allein ganz in der Haltung eines bewaffneten Friedens. „Wem, beim Teufel, wäre es auch eingefallen, daß Sie ſich hier befänden?“ rief Oroche. „Aber ſagen Sie mir doch, wie es kommt, daß ich Sie hier treffe?“ ſagte Baraja. „Die Bergluft bekommt mir ſo gut„o antwortete Oroche unverſchämt. „Und was mich betrifft, ſo hat mich ein plötzlicher Anfall von Schwindel verhindert, meinen Weg fortzu⸗ ſetzen. Ich bin ſolchen... Anfällen von Schwindel † 79 gar ſehr ausgeſetzt,“ erwiederte Baraja in kläglichem Tone. Die beiden würdigen Genoſſen gaben zu, daß Jeder die triftigſten Gründe gehabt, ſich nicht allein vom Gold⸗ thale zu entfernen, und ſchworen einander auf's Neue unerſchütterliche Treue. Dann erzählte Baraja dem Oroche die ſonderbare Begegnung, von der wir weiter oben berichtet. „Wohlan!“ ſagte er,„Sie ſehen, daß unſer Inter⸗ eſſe es mehr, denn je erfordert, daß wir zuſammen hal⸗ ten. Kehren wir mit einander in das Lager zurück; ſpäter kommen wir wieder, um die Bergluft zu genie⸗ ßen.“ „Sie haben alſo gar keinen Schwindel mehr?“ „Es kam derſelbe von dem Kummer her, den mir die Trennung von Ihnen verurſacht.“ „Reiten wir alſo zu!“ Ein neuer Zwiſchenfall verſpätete den Weggang der beiden Schlingel. Von dem Orte aus, wo die beiden Freunde einan⸗ der wieder getroffen, und Halt gemacht hatten, ſchlän⸗ gelte ſich ein ſchmaler, von den Gemſen gebahnter Pfad an den Bergen hinauf. Ging man auf demſelben fort, ſo konnte man in den Felſen leicht unbemerkt hinter dem Grabe der Pyramide weggehen, und fern von den Augen, oder wenigſtens außer dem Bereiche der Büchſen des Canadiers und Pepe's die Ebene erreichen. „Schlagen wir dieſen Pfad ein,“ ſagte Oroche zu Baraja,„warum wollen wir noch lange zögern? Zei⸗ gen Sie mir gefälligſt den Weg, und ich folge Ihnen.“ „Das werde ich bei Leibe nicht thun,“ ſagte Ba⸗ raja:„ich thue mir zu viel auf meine Höflichkeit zu gut, um mir ſo Etwas zu Schulden kommen zu laſſen, ſo wahr Gott lebt!“ „Oh!“ antwortete Oroche,„macht man unter Freun⸗ den ſo viele Umſtände?“ „Mein Pferd iſt ziemlich furchtſam, Senor Ba⸗ raja, und zudem habe ich ein furzes Geſicht. Auf Chrel Sie werden mir einen Dienſt erweiſen, wenn Sie vor⸗ ausreiten, da dieſer Pfad zu ſchmal iſt, als daß zwei neben einander reiten könnten.“ „Nun! Seien Sie offen; Sie mögen nicht in's Lager zurückkehren,— nicht einmal in meiner Geſell⸗ ſchaft,“ ſagte Baraja. „Und Sie ebenſo wenig, wie ich.“ „Sie möchten mich bei allen Teufeln ſehen, Senor Oroche.“ „Und Sie möchten mich dahin ſchicken, Senor Baraja.“ Baraja heftete einen ironiſchen Blick auf ſeinen Genofſen. „Läugnen Sie es nicht, Senor Hroche,“ ſagte er, Sie wollen mich voranreiten laſſen, um von hinten auf mich einen Karabinerſchuß zu thun.“ „Oh, wie können Sie nur ſo Etwas vermuthen 2“ erwiederte Oroche. „Ei, zum Kuckuck 1«„Ich vermuthe es, weil ich ſelbſt Sie umbringen möchte.“ „Dieſe Offenheit iſt eine andere werth,“ antwortete ver langhaarige Gambuſino.„Ich habe mich unterſtan⸗ den, mich mit dieſem mörderiſchen Gedanken zu tragen, allein es will mich bedünken, daß, wenn ich Sie auch aus dem Leben geſchafſt hätte, ich darum gegen den verdammten Canadier nicht ſtärker wäre, und deßhalb verzichte ich darauf.“ „Und ich auch.“ „Spielen wir offen,“ fuhr Hroche fort:„wir wol⸗ len nicht in's Lager zurückkehren⸗ ſondern in dieſen Ber⸗ gen uns in den Hinterhalt legen. Es wird ſich heute Nacht wohl eine Gelegenheit zeigen, uns der fremden Eindringlinge zu entledigen, während ſie ſchlafen⸗ Da vann nur noch unſer zwei ſein werden, um das Gold⸗ thal zu theilen, ſo werden wir nicht mehr nöthig haben, einander zu ermorden. Pfui! Leute, die ſo reich ſind, 8¹ wie wir dann ſein werden, müſſen im Gegentheil ihr Leben nur zu verlängern ſuchen. Um Ihnen zu zeigen⸗ wie offen und arglos ich bin, reite ich nun voran.“ „Ich laſſe mir dieſe Ehre nicht nehmen,“ rief Ba⸗ raja. „Ich will ihnen ſchlechterdings meine Reue bewei⸗ en.“ „Ich bin von dem lebhafteſten Wunſche beſeelt, daß Sie doch meine Verirrung vergeſſen möchten.“ Die zwei Spitzbuben beharrten um ſo mehr auf dem Entſchluſſe, den jeder gefaßt, als ſie mehr, denn je, Luſt hatten, einander aus dem Wege zu ſchaffen; nur verſchoben ſie die Ausführnng ihres mörderiſchen Planes auf ſpäter. Es war die Fortſetzung der leb⸗ haften Sympathie, die ſie beſeelte. Oroche ritt endlich voran. Er ſchien aus ſeinen eigenen Gedanken die Baraja's ſo gut herauszuleſen, daß er ohne alles Mißtrauen vor ihm her ritt, und nicht einmal daran dachte, den Kopf umzuwenden. Er hielt ſich verſichert, daß ſein Gefährte, ſo gut, wie er ſelbſt, auf Wege und Mittel denken würde, ſeine Dienſte zu nützen, ehe er das Werkzeug zerbräche, deſſen er ſich bediente. Veide hatten nun tiefer nachgedacht, und hatten endlich der Hoffnung Raum gegeben, daß es ihnen ge⸗ lingen würde, vorerſt Roſenholz ſammt ſeinen beiden Gefährten aus der Welt zu ſchaffen. Dann wollten ſie fich wieder beſinnen und ſehen, was zu thun wäre. Und kannten ſie dann in der That nicht allein das Ge⸗ heimniß, wenn die drei Jäger während ihres Schlafs ermordet wurden, da Diaz und Don Eſtevan nach ihrer Meinung bereits todt waren? Obgleich der Weg bis zu dem Orte, wo die Cas⸗ cade, nicht weit von ihnen, ſich in den Abgrund hinter dem indianiſchen Grabmal ſtürzte, nicht lang war, ſo bot er ihren Pferden dennoch tauſend Schwierigkeiten dar, Der Waldläufer. U. 6 ——— ——— 82 welche die Gemſen, die ihn gebahnt hatten, gar nicht zu achten ſchienen. Der Boden zeigte viele Spuren vulkaniſcher Ausbrüche, die, nach dem dumpfen Geräuſche zu ſchließen, das noch aus den Eingeweiden der Berge hervorkam, einer noch nicht lange vergangenen Zeit angehören mußten. Jeden Augenblick boten zuſammengeſtürzte Felſen, die durch den dichten Nebel, welcher ſtanbartig ſich unter den Füßen ihrer Thiere hinwälzte, ſchlüpfrig geworden waren, Hinderniſſe dar, die ſich unabläſſig erneuerten; bisweilen zog ſich auch der feuchte Fußpfad an tiefen Schluchten hin, in die ſie der kleinſte Fehltritt ihrer Pferde hinabſtürzen konnte. Ein vor ihren Augen ſich ausbreitender Dunſiſchleier ließ ſie kaum und nur ver⸗ worren die Gegenſtände ſehen, welche ſich ein wenig vor dem Kopfe ihrer Pferde befanden. In dieſem ſchwimmenden Nebel verwandelten ſich, in den erſchrockenen Augen der Reiter, dornige Ge⸗ ſträuche, und verkrüppelte Bäume, die in den Spalten, in denen ihre Wurzeln ruhten, ein kümmerliches Leben fri⸗ ſteten, in im Hinterhalte liegende Indianer, oder in reißende Thiere von ſeltſamer Geſtalt, die ihnen auf ihrem Wege aufzupaſſen ſchienen. Eine in ihrer ein⸗ ſamen Zufluchtsſtätte überraſchte Gemſe ſprang auf und davon, bis ſie ſich im Nebel verlor. Und inmitten die⸗ ſer wilden Landſchaft, die der Fuß eines Menſchen viel⸗ leicht noch nie betreten, ließ der immer noch unſichtbare Waſſerſturz ſeine Donnerſtimme hören. Mit einem Male hielt Oroche ſein Pferd ſo plötz⸗ lich an, daß das Baraja's von hinten gegen dasſelbe ſtieß. „Was gibt es?“ fragte Letzterer den Hroche leiſe. Dieſer aber ſah ſtarr vor ſich hin, und bedeutete ihm durch ein Zeichen mit der Hand, daß er ſchweigen ſolle. Baraja brauchte ſeine Frage nicht zu wiederholen, In dem graulichen und halb durchſichtigen Nebel zeigte ſich ein Menſch, der, mit von Waſſer triefenden Haaren — 6 83 und mit ſchlammbedeckten Kleidern, auf dem Bauche lag, und ſo den ſchmalen Pfad vor ihnen verſperrte. Dieß war Alles, was man inmitten der Nebelmaſ⸗ ſen, die in jeder Richtung gegen einander ſtießen, ſehen konnte. War dieſe verworrene Geſtalt die eines Indianers oder die eines Weißen? War dieſer Körper, deſſen Um⸗ riſſe durch den Nebel verwiſcht waren, lebendig, oder war es nur ein Leichnam?“ Dieß konnte Oroche nicht unterſcheiden. Um die Verlegenheit noch größer zu machen, zog ſich der Fußpfad an dem Orte, wo die beiden Aben⸗ teurer ſich gezwungen geſehen hatten, anzuhalten, eines Theils an dem perpendiculären Felſen über einem Ab⸗ grunde, und anderen Theils an einer ſteilen Felſenwand hin, die es einem Reiter unmöglich machte, ſein Pferd umzuwenden. Oroche wagte es nicht, weiter zu reiten, da es ihn überraſcht, und zugleich mit Schrecken erfüllt hatte, an einem ſo einſamen Orte, wo bloß Adler und Gem⸗ ſen hauſen konnten, ein menſchliches Geſchopf zu ſinden. Er betrachtete mit vieler Unruhe die ſeltſame Er⸗ ſcheinung. Der Kopf des fraglichen Menſchen war über den Abgrund hingeſtreckt, und, als der Nebel ſich in dem⸗ ſelben Augenblicke ein wenig zertheilte, konnte Oroche ſehen, wie der Menſch ſich mit den Armen am Felſen ſeſt hielt, und damit beſchäftigt war, daß er einen Ge⸗ genſtand, der ſich unter ihm befand, aufmerkſam be⸗ trachtete. Der Waſſerſturz donnerte an dieſem Orte ſo laut, daß er die Stimme Oroche's übertäubte. „Es iſt Cuchillo!“ rief er, ohne ſich nach ſeinem Geſährten umzuwenden. „Cuchillo?“ wiederholte Baraja erſtaunt⸗„Und was zum Teuſel thut der denn hier?“ „Ich weiß es nicht.“ — E 6 ———— 84⁴ „So erfreuen Sie ihn mit einer Flintenkugel: die gehört ihm wenigſtens.“ „Ja,“ entgegnete Oroche,„damit der Knall dem Canadier zeigt, daß wir hier ſind.“ Er dachte nicht daran, daß er dadurch zu gleicher Zeit ſich unbedingt in die Hände ſeines Freundes gebe. In dieſem Augenblicke verdichtete der Wind die eine kleine Weile zertheilten Dünſte wieder, und es verſchwand Cuchillo hinter dieſem beweglichen Vor⸗ hange. Während einiger Augenblicke konnten die beiden Reiſenden kaum einander ſehen. Es wurde gefährlich, ja ſogar unmöglich, weiter zu reiten. Man mußte jeden Augenblick gewärtig ſein, in den Abgrund hinabzurollen. Im Uebrigen wollten die beiden Goldſucher ihre Anweſenheit Cuchillo um keinen Preis verrathen. „Reiten Sie keinen Schritt weiter, Senor Oroche,“ ſagte Baraja gerade ſo laut, daß er inmitten des Brau⸗ ſens des Waſſerfalls nur von ſeinem Freunde gehört werden konnte.„Bedenken Sie doch, daß ich einen un⸗ geheuren Werth auf Ihr koſtbares Leben lege.“ „Auch werde ich mich wohl hüten, daſſelbe der Ge⸗ fahr auszuſetzen; Sie finden, daß dieſe Einnöden für einen einzigen Menſchen ſchauerlich genug ſind, und ich will Ihnen daher einen Kameraden am Leben erhalten.“ „Es iſt dieß ein Verfahren, deſſen Edelmuth ich nach ſeinem vollen Werthe ſchätze. Was mich betrifft, ſo zweifeln Sie hoffentlich nun nicht länger an meiner Redlichkeit. Schauen Sie, wollte ich nur etwas heftig mit der Bruſt meines Pferdes gegen das Kreuz des Ih⸗ rigen ſtoßen, ſo würde ich mich ganz allein befinden.“ Baraja ſprach die Wahrheit, und zum erſten Male überlief es Oroche eiskalt, als er ſo bedachte, daß ſein Freund ihn, ohne alle Gefahr für ſich ſelbſt, in den Ab⸗ grund hinabſtürzen könne. „Aber,“ fuhr Baraja fort,„wir ſind zu zweien nicht em er zu ſtark, um mit Vortheil gegen unſere drei Feinde zu kämpfen.“ Oroche fand ſich bei dieſen Worten für den Augen⸗ blick wieder beruhigt, und war nun gewiß, daß Baraja⸗ gerade wie er ſelbſt, aus der Anweſenheit ſeines Gefähr⸗ ten zuerſt Nutzen ziehen wolle. „Einheit macht ſtark,“ ſagte der langhaarige Gam⸗ bufino mit vielem Feuer. Aber trotz dieſes Aphorismus wünſchte er lebhaft, bei ſeinem Freunde die Verſuchung, die Anwendung zu vergeſſen, nicht allzu ſehr zu ver⸗ längern. Nach Verfluß von einigen Augenblicken, während welcher der Schwindel mit dem feuchten Dunſte des hinabſtürzenden Waſſers aus der Tiefe des Abgrundes bis zu Oroche aufzuſteigen ſchien, zerriß ein Windſtoß abermals den Nebel. „Ah! Gott ſei gedankt!“ rief Oroche, nach dieſem peinlichen Augenblicke wieder Athem ſchöpfend;„dieſer Spitzbube von Cuchillo iſt verſchwunden.“ Auf dieſer Seite war der Weg frei und die Ein⸗ ſamkeit wieder vollſtändig. Droche trieb ſein Pferd raſch an den Ort hin, den Cuchillo ſo eben verlaſſen. Die ſeltſame Landſchaft, in der die zwei Flüchtlinge auf gut Glück umherirrten; die Nähe des Schatzes, von dem ein Jeder Etwas geſehen zu haben ſich erinnerte; und die Gemüthsbewegungen jeder Art, denen ſie ſeit dem Morgen ausgeſetzt geweſen waren,— Alles hatte zu heftiger Ueberreizung ihrer Phantaſie beigetragen. Unter ſolchen Umſtänden ſtellt man über den gering⸗ fügigſten Zwiſchenfall eine Menge Vermuthungen an⸗ Die Aufmerkſamkeit, womit Cuchillo vor ihren Augen einen unſichtbaren Gegenſtand betrachtet, erregte die Neu⸗ gierde der beiden Abenteurer auf's Lebhafteſte. An dieſem Orte erweiterte ſich der Weg hinläng⸗ lich, um einem Reiter das Abſteigen zwiſchen dem Ab⸗ grunde und der Felſenwand moglich zu machen, und 86 ohne daß ſie deßhalb einander ihre Gedanken mitgetheilt, ſtiegen Oroche und Baraja zu gleicher Zeit ab. „Was haben Sie im Sinne zu thun?“ fragte der Erſtere. „Sie wiſſen es wohl, bei Gott! da Sie ja mir nachahmen,“ antwortete Baraja;„ich will es einmal probiren, ob ich nicht ſehen kann, was Cuchillo ſo eben ſo beharrlich anſchaute. Es muß ein recht intereſſanter Gegenſtand ſein, wenn ich mich nicht täuſche.“ „Nehmen Sie ſich in Acht, dieſe Felſen ſind ver⸗ teufelt ſchlüpfrig.“ „Seien Sie ohne Furcht, und machen Sie es ganz ſo, wie ich es mache: Sie brauchen ſich nicht zu ge⸗ niren.“ Bei dieſen Worten kniete Baraja nieder, um ſich über dem Abgrunde zu poſtiren. Sechs Schritte von ihnen weg ſtürzte die Cascade aus einer Art Kellerloch hervor, während der Fußpfad ſich über dieſem gähnen⸗ den Schlunde fortſchlängelte, und eine Art natürlicher Brücke bildete. Oroche nahm ſein Pferd beim Zügel und führte es über die ſteinerne Brücke hinweg, die ſich in Form eines Bogens über den Waſſerſturz hindehnte. Es war dieß eine Vorſichtsmaßregel, die er nicht vernachläßigen zu dürfen glaubte, und einige Augenblicke darauf blick⸗ ten die beiden, für einander unſichtbaren Freunde gierig in den Abgrund hinab, wobei beide auf dem Bauche la⸗ gen und wie Cuchillo den Kopf vorſtreckten. Ungeachtet ihres Entſchluſſes, zu temporiſiren und einander noch eine Zeitlang zu dulden, war es Jedem wohler, wenn er von ſeinem Gefährten etwas ent⸗ fernt war. Doſſelbe Schauſpiel erregte zu gleicher Zeit ihre Bewunderung, und rief in ihnen von Neuem Mordge⸗ danken hervor, die einen Augenblick hatten zurückweichen müſſen. Der zwiſchen der Cascade und dem Felſen funkelnde — — M— M—— . ℳ— 87 Golbblock, der Schuld geweſen war, vaß Cuchillo einen wilden Schrei ausgeſtoßen hatte, war auf dem Punkte, ihnen einen gleichen Schrei zu entreißen;z allein es galt, ſich zu verſtellen und ſich zu mäßigen. Es geſchah dieß nicht ohne eine übermenſchliche Anſtrengung. Wie einer jener funkelnden Diamanten, die in die Krone eines Königs von Golkunda eingeſügt ſind,— wie ein Strahl, der ſich von der Sonne losgemacht und im Felſen eine feſte Form angenommen hat,— wie ein bezauberndes Auge, das ſich über dem Abgrunde geöff⸗ net, ſandte das koloſſale Goldſtück Garben fahlen Lichtes aus, und ſchien die Hand des Menſchen aufzufordern, daß ſie dieſes wunderbare Geſchenk der Natur von dem gäh⸗ nenden Abgrunde nicht verſchlingen laſſen ſolle. Aber furchtbarer, als der zum Wächter des golde⸗ nen Vließes beſtellte Drache, vertheidigte der bodenloſe Abgrund ſeinen Schatz, den er mit den aus ſeinem Schooße aufſteigenden feuchten Dünſten,— dem Athem des ſtets wachenden Ungeheuers zu vergleichen, das die Ar⸗ gonauten tödten ſoliten,— umgab. Die beſtändige Feuchtigkeit hatte die ſteil abſallen⸗ den Felſenwände mit einem Mantel grünen Mooſes be⸗ deckt. Unter einem Goldblocke ſchien ein leichter Vor⸗ ſprung, obwohl er durch die Waſſerdünſte mit einer klebrigen Schichte bedeckt worden war, den Fuß zu er⸗ warten, der kühn genug wäre, um ſich dieſem gefährlichen Stützpunkte anzuvertrauen; aber eine Perſon allein konnte ſo Etwas nicht wagen. Dieß war auch der Grund geweſen, weßhalb Cu⸗ chillo ſich zurückgezogen, der ſo eben noch vor den zwei Abenteurern ſeine Augen an dem Glanze des wirklich unſchätzbaren Goldblockes geweidet hatte. Baraja war der Erſte, der ſich den ſchreckenvollen Ertaſen entriß, welche dieſes Schwindel verurſachende Schauſpiel in ihm hervorrief; denn es wurde ihm enge um's Herz bei dem bloßen Gedanken, daß das Goldſtück 88 jeden Augenblick in den Abgrund rollen könne, ähnlich der reifen, dem Pomeranzenbaume entfallenden Frucht. Oroche machte es bald wie ſein Gefährte, und Beide ſtanden faſt zu gleicher Zeit wieder aufrecht da, ungewiß, was ſie thun ſollten, und durch die Felſenar⸗ cade, aus der der ſchäumende Wafſerfall donnernd her⸗ vorſtürzte, von einander getrennt. „Wohlan! was haben Sie geſehen?“ fragte Ba⸗ raja zuerſt. „Und Sie?“ antwortete Oroche. „Einen bodenloſen Abgrund.“ „Dunſtwirbel, die aus dem Abgrunde emporſteigen.“ „Einheit macht ſtark,“ wiederholte Oroche, der mit einem Male zu einem Entſchluſſe gekommen war⸗ „Zu zweien iſt man doppelt ſo ſtark.“ „Was Sie da ſagen, iſt unbeſtreitbar,“ rief Oroche. „Wohlan, wenn wir zuſammenſtünden, ſo könnten wir ihn bekommen.“ „Was?“ ſagte Baraja, ſich ganz unwiffend ſtellend. „Demonio! ich meine den Goldblock, den Sie ſo gut geſehen haben, wie ich.“ „Wie iſt es anzugreifen?“ fragte Oroche. „Wir wollen unſere zwei Lazos als ein Sinnbild unſeres Bündniſſes zuſammenknüpfen; dann läßt man einen von uns an dem Felſen hinab, und entreißt ſo vem Abgrunde ſeinen Schatz,“ rief Baraja mit feurigen Augen. „Wer von uns zweien gibt ſich dazu her?“ „Das Loos ſoll darüber entſcheiden, und wenn es Sie trifft„ „Wenn es mich trifft, ſo laſſen Sie mich fallen, und ich zerſchmettere mir dann den Schädel.“ Baraja zuckte die Achſeln. „Sie ſind ein Einfaltspinſel, mein lieber Oroche: ein Freund läßt einen anderen, und einen dreimal könig⸗ lichen Schatz nicht ſo auf einmal fallen. Was den Freund betrifft„„ ſo wäre ich vielleicht unſchwer „—————————— 89 zur Aufgebung veſſelben zu bewegen; was aber den Schatz betrifft... ſo möchte ich den um keinen Preis verlieren.“ „Mein lieber Baraja, Sie machen die ehrwürdig⸗ ſten Dinge, ſogar die Freundſchaft zum Gegeuſtand Ih⸗ rer Scherze,“ antwortete Oroche mit ſo vicler Zerknir⸗ ſchung, daß Baraja mehr denn je von Schrecken erfaßt war⸗ Indeſſen hörten die zwei Abenteurer, dem Rauſche ſich hingebend, der ſie bemeiſterte, bald auf, mit einander an Schlauheit zu wetteifern. Sie beſchloſſen, ihre An⸗ ſtrengungen zu vereinigen, um den Goldblock ſeiner Felſenhülle zu entreißen. Baraja zog aus ſeiner Taſche ein Kartenſpiel her⸗ aus, und es wurde beſtimmt, daß der, welcher die höchſte Karte bekäme, das Recht hätte, die Rolle zu wählen, der er den Vorzug geben würde. Oroche ſiel dieſes Recht zu, und er hatte alſo zu beſtimmen. Nicht nur hatte der Schluß Baraja's dem Gam⸗ bufino eingeleuchtet, ſondern es dachte derſelbe auch, daß der Beſitz des Schatzes ein allmächtiger Talisman gegen alle ſchlimmen Gedanken ſein würde, die ſein Gefährte haben könnte. Er wählte daher, der Erwartung Bara⸗ ja's zuwider, den gefährlichen Vortheil, ſich über dem Abgrunde am Lazo halten zu laſſen. Dem Vorſchlage Baraja's gemäß machten die zwei Spitzbuben, als ſie wieder bei einander waren, von ihrem Sattelbogen den Lazo los, den jeder mexikaniſche Ni mit ſich führt, und an der genannten Stelle be⸗ eſtigt. Die zwei Stricke wurden zuſammengeflochten, ſo daß ſie eine noch ſchwerere Laſt, als die eines Menſchen tragen konnten. Eines der beiden Enden wurde Oroche uin den Leib befeſtigt; das andere, um den Stamm einer jungen, aus einer Felſenſpalte hervorwachſenden ——— grünen Eiche mehrfach gelegte Ende aber wurde von Baraja gehalten. In der That wäre ohne den Stützvunkt, den der noch ſchmächtige Stamm der Steineiche darbot, die Rolle Baraja's eben ſo gefährlich geweſen, wie die Oroche's, deſſen Gewicht den Erſteren wider ſeinen Willen hätte in den Abgrund hinunterziehen können. Als der doppelte Strick unter ſeinen Achſelhöhlen ſolid befeſtigt war, fing Oroche an, ſich allmählig hin⸗ abzulaſſen, wobei er ſich an den Vorſprüngen des Fel⸗ ſen hielt, und für ſeine Füße in den Spalten deſſelben eine feſte Grundlage ſuchte. Ein dumpfes Gebrüll ſtieg aus dem Abgrunde em⸗ por,— unterirdiſche Stimmen ſchienen ihm zuzurufen, und die Attraction des leeren Raumes ſich des Aben⸗ teurers zu bemächtigen. Aber die Habſucht brüllte ſtär⸗ ker in ſeinen Ohren, als der Abgrund. Nach Verfluß einer Minute kamen ſeine Füße beim Goldblocke an, dann ſein Körper und endlich ſeine Hände. Er konnte ſeine runden Umriſſe befühlen und die Soli⸗ dität ſeiner Kieſelbänder probiren. Der Abgrund brüllte nicht mehr unter ihm, ſondern ſang lieblich, wie ein murmelnder und zu den angenehm⸗ ſten Träumereien einladender Bach. Die krampfhaft zuſammengepreßten Finger des Gam⸗ buſino erſchütterten den Goldblock; anfänglich wollte es nicht gehen, aber bald bewegte er ſich in den Eingewei⸗ den des Felſen, wie das Kind, das aus dem Leibe ſei⸗ ner Mutter herauskommt und zum erſten Male das Licht der Welt erblickt. Zwei habgierige Hände reichten kaum hin, um den Goldblock zu umſchließen; eine ungeſchickte Anſtrengung konnte, während ſie ihn dem Felſen entriß, worin er, ſo zu Fagen, gefaßt lag, ihn in den Abgrund hinabfallen machen. Oroche athmete nicht mehr, und Baraja, der ſich über ihn neigte, theilte ſeine Angſt. 91 Das Echo des Abgrundes wiederholte zwei Mal zwei Schreie,— den Triumphſchrei Oroche's und dann den ſeines Kameraden; die Goldmaſſe funkelte in den Händen des Gambuſinv. Gleich dem Adler, wenn er ſieht, daß ihm ſein Junges aus dem unzugänglichen Horſte genommen wird, worin er es verborgen hatte, ſchien der Abgrund, ſeine Schreie zurückwerfend, die⸗ Beute zu beweinen, die man ihm entriß. „Ziehen Sie mich, um Himmelswillen, geſchwind hinauf!“ rief Oroche mit bebender Stimme.„Ich trage ein Gewicht von ſechzig Pfunden Jungfergold. Ah! ich hielt mich nicht für ſo ſtark!“ Baraja zog Anfangs mit einem wahrhaft convul⸗ fiviſchen Eifer an dem Stricke; bald aber ging es viel langſamer, bis er mit einem Male ganz zu ziehen auf⸗ hörte. Die Hände Oroche's konnten das Niveau der Platt⸗ form noch nicht erreichen. „Eiſ Baraja, ſo ziehen Sie doch noch ein Bischen!“ rief Oroche.„Ziehen Sie den Strick ſtraff an, und ich bin bei Ihnen!“ Allein Baraja blieb unbeweglich. Ein diaboliſcher Gedanke durchzuckte ſeine verwor⸗ renen Ideen blitzartig. „Geben Sie mir dieſen Goldblock,“ ſagte erz„er lähmt Ihre Kräfte, und was mich betrifft, ſo bin ich total erſchöpft.“ „Nein, nein, tauſend Mal nein,“ rief der Gambu⸗ ſino, dem plötzlich der Angſiſchweiß über die Stirne her⸗ ablief, und der ſeinen Schatz mit den Armen umſchloſ⸗ ſen hielt,„lieber gäbe ich Ihnen meine Seele. Ah E fuhr er fort,„Sie würden den Strick dann fahren laſſen!“ „Wer ſagt Ihnen, daß ich nicht ſchon jetzt ihn fah⸗ ren laſſe?“ ſprach Baraja mit dumpfer Stimme. „Ihr Intereſſe!“ antwortete der Gambuſinv, deſſen Stimme zitterte. 6„Wohlan! ich laſſe den Strick nicht fahren. Aber nur unter einer Bedingung. Ich muß bieſes Gold allein haben.... ganz allein:— verſtehen Sie mich? Geben Sie mir es. ſonſt laſſe ich Sie in den Ab⸗ grund hinabfallen.“ Oroche ward von einem Angſtſchauer erfaßt, der ihm durch Mark und Bein drang. Einen Augenblick verfluchte der Unglückliche, als er das livide Geſicht Ba⸗ raja's ſah, ſein thörichtes Vertrauen. Er wollte einen Verſuch machen, um die Plattform zu erreichen, allein die Laſt, die er trug, lähmte ſeine Arme. Er blieb unbeweglich, wie der Mann, der ſein Leben in ſeinen Händen hielt. „Ich muß dieſes Gold haben: verſtehen Sie mich?“ ſagte Baraja abermals;„ich will es haben, ſonſt laſſe ich den Strick fahren. wenn ich ihn nicht ab⸗ ſchneide.“ Und er zog einen ſcharf geſchliffenen Dolch aus ſei⸗ ner Scheide hervor. „Lieber ſterbe ich!“ rief Oroche;„lieber ſoll der Abgrund mich und dieſes Gold mit mir verſchlingen!“ „Sie haben die Wahl,“ wiederholte der Elenbe: „entweder Ihr Gold, oder Ihr Leben.“ „Ah! Sie würden mich auch umbringen, wenn ich es Ihnen gäbe.“ „Das kann wohl ſein,“ ſagte Baraja, der langſam eine der ſechs Litzen des doppelten Stricks durchſchnitt, und während dieſer Operation dem Unglücklichen zurief, daß es noch Zeit ſei, ſich zu entſcheiden. Kechsundvierzigſtes Rapitel. Die beiden Mediana. Kommen wir auf einen Theil unſerer Erzählung zurück, den wir einen Augenblick unterbrochen haben. Diaz riß ſich bald wieder aus der peinlichen Nie⸗ dergeſchlagenheit und dem außerordentlichen Staunen auf, die ihn einen Augenblick beherrſcht hatten. „Ich bin Ihr Gefangener, nach dem im Kriege geltenden Geſetze,“ ſprach er, indem er den Kopf lang⸗ ſam aufrichtete,„und es verlangt mich nun, zu wiſſen, was Sie mit mir vorhaben.“ „Sie find frei, Diaz,“ antwortete Fabian,„frei unter einer Bedingung— einer Bedingung jedoch, die Ihre Freiheit nicht beeinträchtigen wird.“. „Unter welcher Bedingung?“ fragte der Aben⸗ teurer. „Sie kennen jetzt, ſo gut wie wir,“ antwortete Ro⸗ ſenholz,„ein Geheimniß, um das wir ſchon längſt wuß⸗ ten. Ich habe meine Gründe, zu wünſchen, daß dieſes Geheimniß mit denen ſterbe, deren unglückliches Loos es geweſen iſt, daſſelbe zu theilen. Sie allein,“ ſetzte der Canadier hinzu,„werden von dieſer Regel eine Aus⸗ nahme machen, weil ein Mann, der ſo tapfer iſt, wie Sie, der Sklave ſeines Wortes ſein muß. Ich fordere alſo, ehe wir Ihnen die Freiheit wieder ſchenken, daß Sie ſich bei Ihrem Ehrenworte verpflichten, nie Jemand die Exiſtenz des Goldthales zu enthüllen.“ „Ich hatte,“ erwiederte der edle Abenteurer ſchwer⸗ müthig,„von der Eroberung dieſes Schatzes nur die Beſreiung und die Größe meines Vaterlandes gehofft. Das jraurige Lvos, das dem Manne droht, von dem 94 ich die Erfüllung meiner Hoffnungen erwartete, macht ⸗aus Allem dieſem nur noch einen Traum. Mögen alle Reichthümer des Goldthals für immer in dieſen Wüſten begraben bleiben:— mir liegt jetzt wenig daran. Ich ſchwöre daher, und mache mich bei meinem Ehrenworte verbindlich, keinem lebenden Menſchen die Eriſtenz die⸗ ſes Thales zu verrathen. Ich werde ſogar vergeſſen, daß ich dieſe Reichthümer einen Augenblick geſehen.“ „Dieß genügt,“ ſprach Roſenholz:„Sie können nun gehen.“ „Noch nicht, wenn Sie es erlauben wollen,“ ant⸗ wortete der Gefangene⸗„Es liegt Allem, was vor mei⸗ nen Augen vorgegangen, ein Myſterium zu Grunde, das ich mir nicht zu erklären ſuche Aber.... „Ei der tauſend! das iſt ganz einfach,“ ſiel Pepe ein,„dieſer Jüngling..“ Hier deutete er auf Fabian. „Noch nicht,“ ſetzte Letzterer feierlich hinzu, indem er dem ſpaniſchen Jäger durch ein Zeichen bedeutete, daß er ſeine Erklärungen vor der Hand noch zurückhal⸗ ten ſolle;„vor dem Gerichtshofe, der nun bald, im An⸗ geſichte des oberſten Richters, hier ſitzen wird(hier deu⸗ tete Fabian nach dem Himmel hin), wird ſowohl durch die Anklage, als durch die Vertheidigung Diaz Alles klar werden, wenn er bei uns bleiben will. In der Wüſte ſind die Minuten koſtbar, und wir müſſen uns durch Nachdenken und Schweigen auf das furchtbare Werk vorbereiten, das wir werden vollbringen müſſen.“ „Ich möchte mir gerade die Erlaubniß erbitten, hier bleiben zu dürfen. Ich weiß nicht, ob dieſer Mann unſchuldig, oder ſchuldig iſt. Alles, was ich weiß, iſt, daß er der Führer iſt, den ich frei gewählt habe, und daß ich bis zu ſeinem letzten Augenblicke bei ihm blei⸗ ben werde, bereit, ihn um den Preis meines Lebens ge⸗ gen Euch zu vertheidigen, wenn er unſchuldig iſt,— und⸗ bexeit, mich dem Urtheile zu ſügen, das ihn verdammen wird, wenn er ſchuldig iſt.“ „Es iſt gut! Sie werden hören, und ſelbſt urthei⸗ len,“ ſagte Fabian.„ „Dieſer Mann iſt einer der Großen der Welt,“ fuhr Diaz traurig fort,„und da liegt er im Staube, gekne⸗ belt, wie ein gemeiner Verbrecher,— wie ein Verbre⸗ cher aus der Hefe des Volkes.“ „Löſen Sie ſeine Bande, Diaz,“ antwortete Fabian, „aber ſuchen Sie nicht der Rache eines Sohnes den Mörder ſeiner Mutter zu entziehen, und laſſen Sie ſich von Antvnio ſein Ehrenwort geben, daß er nicht fliehen wolle: wir verlaſſen uns in dieſer Hinſicht ganz auf Sie.“ „Ich verpfände meine Ehre ſür ihn, daß er nicht fliehen wird,“ erwiederte der Abenteurer,„und ebenſo wenig werde ich ſelbſt ihm zur Flucht behülflich ſein.“ Und Diaz ging mit raſchen Schritten auf Don Eſtevan zu. Während dieſer Zeit ſetzte ſich Fabian, von trau⸗ rigen und feierlichen Gedanken erfüllt, beiſeit, und ſeufzte über ſeinen ſchmerzlichen Sieg. Pepe wandte den Kopf weg, und ſchien die Spiele des Nebels auf dem Gipfel der Nebelberge aufmerkſam zu betrachten. Was Roſenholz betrifft, ſo concentrir⸗ ten ſich, während er wieder ſeine gewöhnliche Haltung angenommen, und im Zuſtande der Ruhe verharrte, ſeine liebevollen Blicke auf den Jüngling, und ſeine Phyſio⸗ gnomie ſchien die Wolken zurückzuwerſen, die ſich auf der Stirne ſeines vielgeliebten Kindes anhäuften. Diaz befand ſich wieder bei Don Eſtevan. Wer vermöchte die wild durch einander wogenden Gedanken zu ſchildern, die in der Seele des auf dem Sande lie⸗ genden ſpaniſchen Edelmanns entſtanden und ſtarben! Seine Augen hatten noch denſelben Stolz beibehalten, wie in den Tagen des Glückes, wo er ſich mit dem Ge⸗ vanfen trug, dem verdrängten Erben der ſpaniſchen Monarchie einen Thron zu octroyiren und zu erobern. Indeſſen malte ſich beim Anblicke Diazens, der ihm —.——— 96 untreu geworden zu ſein ſchien, auf dem männlichen Geſichte des Spaniers ein Ausdruck des Schmerzens. „Kommen Sie als Freund, oder als Feind zu mir, Diaz?“ ſprach er.„Sollten ſie auch zu den Menſchen gehoͤren, die ein geheimes Vergnügen daran finden, wenn ſie die Menſchen erniedrigt ſehen, die ſie in den Tagen des Glücks und der Macht mit ihren Schmeicheleien „Ich gehöre zu denen, die bloß gefallenen Größen 1 — 1 ſchmeicheln,“ verſetzte Diaz,„und die durch die Bitterkeit der Sprache, die von einem großen Unglück eingegeben wird, ſich nicht beleidigt ſinden.“ Bei dieſen Worten, die ſeine Haltung und die Trau⸗ rigkeit ſeines Blickes vollkommen beſtätigten, machte Diaz eifrigſt den Gürtel los, womit die Arme des vor⸗ nehmen Gefangenen umgeben waren. 11„Ich habe mein Wort verpfändet, daß Sie keinen Verſuch machen werden, ſich dem Schickſale zu entziehen, das Sie in den Händen dieſer Männer, die ein ſo un⸗ heilvoller Zufall uns entgegen geſtellt hat, erwartet, 7— welcher Art immer dasſelbe ſein mag,“ ſetzte Diaz hinzu. „Ich habe geglaubt, daß die Flucht ein Ihnen unbe⸗ 1 kanntes Ding ſei.“ „Und Sie haben wohl daran gethan, Diaz, ant⸗ wortete Don Eſtevan;„aber ahnen Sie auch das Schick⸗ ſal, das dieſe Schlingel mir bereiten wollen?“ „Sie ſprechen von einem Morde, der gerächt werden müſſe„von einer Anklage„ von einem Ur⸗ theile.“ „Von einem Urtheile?“ antwortete Don Antonio mit einem bittern und hochmüthigen Lächeln;„man kann nntch ermorden, nie aber richten.“ 1„Im erſten Falle werde ich mit Ihnen ſterben,“ ſprach Diaz einfach;„im zweiten Allein wozu nützt es, von Etwas zu ſprechen, was nicht ſein kann? Sie haben keine Schuld an dem Verbrechen, deſſen man 13 Sie anklagt,“ — —————— — MW W* W* N ** 9 97 „Ich ahne das mir vorbehaltene Lvos,“ antwortete Don Gſtevan, ohne auf die Behauptung des Abenteurers zu antwotten,„König Don Carlos I. verliert an mir einen treuen Unterthanen. Allein Sie werden die Wie⸗ vergeburt der Sonora bewirken. Sie werden zu dem Senator Tragaduros zurückkehren; er weiß, was er zu thun hat, und Sie werden ihn unterſtützen.“ „Ah!“ rief Diaz ſchmerzerfüllt,„ein ſolches Werk könnte nur von Ihnen verſucht werden. In Ihrer Hand würde ich ein mächtiges Werkzeug geweſen ſein; ohne Sie ſinke ich in meine frühere Unmacht zurück, und werde wieber der frühere obſcure Menſch: die Hoffnung mei⸗ nes Vaterlandes erliſcht mit Ihnen.“ Währenv dieſer Zeit hatten Fabian und Roſenholz den Ort verlaſſen, an dem die voranſtehenden Scenen ſo raſch geſpielt hatten. Sle hatten den Fuß der Pvra⸗ mide wiever erreicht. Dort ſollte das feierliche Schwur⸗ gericht ſitzen, bei welchem Fabian und der Herzog von Armadä, der eine die Rolle eines Richters, der andere die eines Angeklagten, ſpielen ſollte. Pepe gab Diaz ein Zeichenz Don Eſtevan ſah und verſtand es. „Es genügt nicht, daß ich nicht fliehe,“ ſagte er; „ich muß auch meinem Schickſale entgegen gehen; der Beſiehte muß dem Sieger gehorchen. Kommen Sie!“ Bei den letzteren Worten ging der ſpaniſche Edel⸗ mann, mit dem Stolze bewaffnet, der ihn nie verließ, feſten Schrittes auf das Goldthal zu. Pepe hatte ſich wieder bei ſeinen zwei Gefährten eingefunden. Der Anblick Don Eſtevans, der ohne Frechheit, wie ohne Schwäche herankam, ſonbern eine unerſchro⸗ ckene und ruhige Stirne zeigte, entriß ſeinen drei Fein⸗ ven, die auf den wahren Muth ſich ſo gut verſtanden, einen Blick der Bewunderung. Dann ſtand Fabian auf, Der Waldläufer. Ul. 7 98 um ſeine m Gefangenen die Hälfte des Weges zu er⸗ ſparen. Einige Schritte hinter dem ſpaniſchen Edelmann kam Diaz geſenkten Hauptes, und mit von düſteren Ge⸗ danken erfülltem Geiſte. Das ganze Benehmen der Sie⸗ ger ſagte ihm, daß dieſes Mal das Recht auf Seiten 1 der Stärke ſei. „Herr Graf von Mediana, Sie ſehen, daß ich Sie kenne,“ ſprach Fabian, indem er ſich mit entblößtem 1 Haupte bis auf zwei Schritte dem Spanier näherte, der gleichfalls ſtehen geblieben war,„und Sie wiſſen Ihrer⸗ ſeits, wer ich bin.“ 1 Der Herzog von Armada blieb ganz gerade und unbeweglich ſtehen, ohne die Höflichkeit ſeines Neffen zu erwiedern. 1„Ich habe das Recht, vor dem König von Spanien das Haupt zu bedecken; ich werde daher auch bei Ihnen von meinem Vorrechte Gebrauch machen,“ erwiederte erz„auch habe ich das Recht, nur dann zu antworten, wenn ich es für gut halte, und es iſt dieß abermals ein 1¹ Recht, von dem ich Gebrauch zu machen gedenke. Ich muß das Ihnen zum Voraus ſagen.“ 1 Ungeachtet ſeiner ſtolzen Antwort mußte dem ehe⸗ maligen jüngeren Sohne des Hauſes Mediana einfallen, 3. daß jetzt ein gar großer Unterſchied zwiſchen dem Jüng⸗ ling, der ſich zu ſeinem Richter aufwarf, und dem Kinde ſei, das zwanzig Jahre vorher im Schloſſe von Elan⸗ chovi vor ihm gezittert und geweint hatte. Der ſchüch⸗ terne junge Adler war zu einem gewaltigen Vogel ge⸗ worden, der ihn nun ſeinerſeits in ſeinen mächtigen Klauen gefangen hielt. Die Blicke der beiden Mediana kreuzten ſich, wie zwei Schwerter, und Diaz betrachtete mit einem Erſtau⸗ —nen, in das ſich eine gewiſſe Ehrerbietung miſchte, den Adoptivſohn des Gambufino Arellanos, der mit einem Male ſo groß geworden war, und ſich ſo verwandelt, und — v v— v — 99 ſich über die niedrige Sphäre erhoben hatte, in der er ihn eine Zeitlang gekannt. Der Abenteurer ſehnte ſich, das Räthſel gelöst zu ſehen. Die Stirne Fabians waffnete ſich mit einem Stolze, der dem des Herzogs von Armada gleich kam. „Es mag alſo ſein!“ antwortete er.„Vielleicht aber ſollten Sie nicht vergeſſen, doß das Recht des Stär⸗ keren hier kein ſinnloſes Wort iſt.“ „Das iſt wahr,“ antwortete Don Antonio, dem trotz ſeiner anſcheinenden Reſignation, jede Fiber vor Wuth und Schmerz zitterte, als er ſich ſo elend im Ha⸗ fen ſcheitern ſah.„Ich werde daher auf Ihre Frage antworten, aber nur um Ihnen zu ſagen, daß ich von Ihnen bloß ſo viel weiß, daß ein Dämon Sie mir er⸗ weckt hat, auf daß Sie Ihre Lumpen ſtets zwiſchen mich und den Zweck, den ich verfolge, werfen möchten.. Ich weiß Die Wuth ließ ihn nicht weiter ſprechen. Der ungeſtüme Jüngling verſchluckte erblaſſend dieſe grobe Beleidigung von Seiten des Mörders ſeiner Mutter, von dem er außerdem vermuthete, daß er der Mörder ſeines Adoptivvaters ſei. Gewiß war dieß eine wirklich herviſche Mäßigung, worüber derjenige nicht genug würde ſtaunen können, der da weiß, wie wenig das Leben eines Menſchen in dieſen Wüſten gilt, wo das Geſetz den Arm nicht zu erreichen vermag; aber ſeit ſeiner Verbindung mit dem alten canadiſchen Jäger war mit Fabian eine große Umwandlung vorgegangen. Es iſt ein ziemlich ſonderbares Faktum, daß in Amerika die Geſittung ſich nur mit denen und durch die ausbreitet, die ſie, ſo zu ſagen, fliehen. Es gibt unter dieſen Vorläufern der Civiliſation gar viele, die, von der Geſellſchaft ausgeſtoßen, oder das Joch des Ge⸗ ſetzes zu unerträglich findend, Wüſten aufſuchen, wo ihre Leidenſchaften und ihre Laſter einen unbeſchränkten Spiel⸗ raum finden. 100 Allein es find auch andere darunter, die, ohne es ſelbſt zu wiſſen, edleren Inſpirationen folgen. Es ſind Leute darunter, die, nur von ihrem Jägerhandwerke le— bend, daſſelbe da nicht länger ausüben können, wo frü⸗ her herrenloſe Wälder das Eigenthum eines oder mehre⸗ rer Conceſſionäre werden. Dieſe Jäger ſehen ſich ge— zwungen, dem Thiere bis in die Wüſten zu folgen, in welche die Nähe des Menſchen es zurückdrängt. Es ſind auch Leute darunter, deren poetiſches Ge⸗ müth, unter einer rohen Außenſeite, ſich an eèin Leben voller Gefahren gewöhnt hat, wie der Matroſe, dem der Aufenthalt auf dem feſten Lande zuwider iſt, und veſſen Herz nur in den envloſen Weiten des Oceans frei und luſtig ſchlägt. Roſenholz gehörte zu der zuletzt geſchilderten Klaſſe von Menſchen. Das Leben auf dem Meere hatte in ihm den Sinn für die großen Scenen der Wüſte entwickelt; indeſſen trug er, wie die nordamerikaniſche Race im Allgemeinen, die Achtung vor dem Naturrechte auch da, wo das geſchriebene Geſetz ihn nicht erreichen konnte, im Herzen. Während er das indianiſche Blut bisweilen muthwillig vergoß, ſchonte er die Weißen, es ſei denn, daß die Nothwendigkeiten der Vertheidigung ein ent⸗ gegengeſetztes Verfahren erforderten. Dann, und nur dann vergoß er das Blut eines der weißen Race ange⸗ hörenden Menſchen. Obgleich Fabian entgegengeſetzte Grundſätze einge⸗ ſogen, ſo hatte doch der Canadier mit den ſeinigen auf ihn eingewirkt. Er war nicht länger der junge Menſch, der ſeine wilden Leidenſchaften einer blinden Rache dienſt⸗ bar machte; er hatte gelernt, daß die Stärke gnädig ſein kann; mit einem Worte, er hatte, indem er die Ideen des Canadiers annahm, ohne es zu wiſſen, den ganzen Zeitraum überſprungen, der noch erforderlich ſein wird, bis die Race, aus der er hervorgegangen, in der anglo⸗ſächſiſchen aufgehen wird. Dieß war das Geheimniß einer Mäßigung, die bis 101 daher ſeinem Temperamente ſo ſern geweſen war. In⸗ deſſen konnle man an ſeinen krampfhaft zuſammenge⸗ zogenen Zügen leicht ſehen, wie viele Mühe es ihn koſtete, ſich zu überwinden. Seinerſeits verbiß der ſpaniſche Edelmann ſeine Wuth. „Sie wiſſen alſo von mir nichts Weiteres?“ hob Fabian wieder an.„Kennen Sie weder meinen Namen, noch meinen Stand? Bin ich denn ſonſt Nichts, als was ich zu ſein ſcheine?“ „Vielleicht ein Mörder,“ antwortete Mediana, Fa⸗ bian den Rücken zuwendend, um anzuzeigen, daß er nicht mehr antworten wolle. Während dieſes Zwiegeſprächs zwiſchen dieſen zwei Menſchen, in deren Adern daſſelbe Blut floß, und die von gleich unbezähmbarer Natur waren, hatten der Jä⸗ ger und Pepe beiſeit geſtanden. „Kommen Sie heran,“ ſprach Fabian zum Erkara⸗ binier,„und ſagen Sie,“ ſetzte er mit erzwungener Ruhe hinzu,„wer ich bin! Sagen Sie es dem Menſchen, deſſen Mund mir einen Namen gibt, den er allein ver⸗ dient hat!“ Hätte Don Antonio noch einen Zweifel in Betreff der Geſinnungen derjenigen hegen können, in deren Hände er gefallen war, ſo mußten dieſelben vor der düſteren Miene verſchwinden, mit der Pepe auf den Be⸗ fehl Fabians herankam. Die Anſtrengungen, die er augenſcheinlich machte, um die Wuth und den Haß zu unterdrücken, die der Anblick des ſpaniſchen Edelmanns in ihm hervorrief, erfüllten Letzteren mit düſteren Ahnungen. Don Antonio ſchauerte zuſammen, ſchlug aber die Augen nicht ukeder, und antwortete, in ſeinem unbe⸗ zwinglichen Stolze, mit anſcheinender Ruhe, bis Pepe das Wort nahm. „Ei, ei!“ ſagte Letzterer in einem Tone, den er ver⸗ —,— ——————— —————— ℳ 102 gebens zu einem ſcherzhaften zu machen ſuchte,„es war wohl der Mühe werth, mich als Thunſiſcher an die Ufer des mittelländiſchen Meeres zu ſchicken, um am Ende mir, und dem Neſfen, deſſen Mutter Sie getödtet haben, drei tauſend Stunden von Spanien weg zu be⸗ gegnen. Ich weiß nicht, ob Don Fabian de Mediana geneigt iſt, Sie zu begnadigen; was mich betrifft,“ ſetzte er hinzu, während er den Kolben ſeiner Büchſe auf den Sand fallen ließ,„ſo habe ich geſchworen, daß Sie von mir keine Gnade zu erwarten hätten.“ Fabian warf auf Pepe einen gebieteriſchen Blick, der ihm zu befehlen ſchien, daß er ſeinen Willen hier einem andern unterordnen ſolle. Dann wandte ſich der Jüngling an den Spanier, und ſprach: „Herr von Mediana, Sie ſtehen hier nicht vor Mördern, ſondern vor Richtern, und Pepe wird das⸗ nicht vergeſſen.“ „Vor Richtern!“ rief Don Antonio,„ich erkenne nur Leuten meines Gleichen das Recht zu, mich zu richten, und verwerſe als ſolche einen entronnenen Galeeren⸗ ſträfling, und einen Bettler, der ſich einen Titel an⸗ maßt, der ihm nicht gehört. Hier iſt kein Mediana außer mir, und ich habe Nichts zu antworten.“ „Und doch werde ich Ihr Richter ſein,“ erwiderte Fabian;„jedoch ein unparteiiſcher Richter, denn ich rufe den Gott, deſſen Sonne uns erleuchtet, zum Zeugen auf, daß mein Herz, von dieſem Augenblick an, keine Erbitterung und keinen Haß mehr gegen Sie hegt.“ Es lag in dem Tone Fabian's ſo viele überzeugende Rechtlichkeit, daß das Geſicht Mediana's mit einem Male von ſeinem düſtern Mißtrauen verlor. Ein Hoff⸗ nungsſtrahl durchzuckte es, denn der Herzog von Armada wußie, daß er dem Erben gegenüberſtand, den ſein Stolz einen Augenblick beweint hatte. Er ſagte minder rauh: 103 „Welches Verbrechens bin ich denn angeklagt?“ „Sie werden es in einem Augenblicke erfahren,“ antwortete Fabian. Siebenundvierzigſtes Kapitel. Das Lynchgeſetz. Es beſteht an den amerikaniſchen Grenzen ein furcht⸗ bares Geſetz,— ein Geſetz, das nicht gerade durch den einzigen Artikel furchtbar iſt, der es bildet, und ſagt: „Auge um Auge, Zahn um Zahn, Blut um Blut:“ Die Anwendung dieſer Marime iſt für den, der den Lauf der Dinge hienieden beobachtet, im ganzen Wirken der Vorſehung ſichtbar; wer mit dem Schwerte drein ſchlägt, wird durch das Schwert umkommen, ſpricht das Evan⸗ gelium,— aber das Geſetz der Wüſte iſt durch den Anſchein impoſanter Legalität furchtbar, womit es ſich umgibt, oder ſich zu umgeben vorgibt. Dieſes Geſetz iſt nicht allein, wie alle Blutgeſetze, dadurch ſurchtbar, daß diejenigen, die es anwenden⸗ eine Gewalt urſurpiren, die ihnen nicht zukommt, ſon⸗ dern auch dadurch, daß der betreffende Theil ſich zu gleicher Zeit zum Richter, zum Beſtimmer der Strafe, und zum Vollſtrecker des urtheilsſpruchs aufwirft. Dieſes Geſetz führt den Namen Lynch⸗Geſetz. Inmitten der Wüſten, welche die amerikaniſchen⸗ Grenzen umgeben, handhaben daſſelbe mit unerbittlicher Strenge die Weißen unter ſich, die Indianer gegen die Weißem und die Weißen gegen die Indianer. Die civiliſirten Geſellſchaften haben die Anwendung 104 dieſes Geſetzes dahin abgeändert, daß ſie es in ſeiner ganzen Strenge nur bei der Todesſtrafe walten laſſen; aber die barbariſche Geſellſchaft der Wüſte wendet dieſes ins graueſte Alterthum zurückgehende Geſetz immer noch in unbeſchränkter Weiſe an. Iſt es nicht der Ort, hier zu bemerken, daß dieſer Berührungspunkt zwiſchen der Civillſation und der Barbarei ein Schandfleck für die erſtere iſt; daß er eine betrübende und peinliche Aehnlichkeit bildet, welcher die ite Ehren halber ein Ende zu machen ſuchen muß? Die Geſellſchaft hat Geſetze aufgeſtellt, die alle ſchützen. Der Menſch, der ſich bei uns ſelbſt Recht ver⸗ ſchafft, verfällt, wenn er dieſe Geſetze verletzt, der Ge⸗ richtsbarkeit derjenigen, denen die Geſellſchaft die Voll⸗ macht gegeben hat, zu richten und zu ſtrafen. Wir zweifeln nicht, daß die Geſellſchaften ſpäter, wenn ſie ſich mehr vervollkommnet haben, einſehen wer⸗ den, daß, wenn ſie bei einem Schuldigen das Angen⸗ licht auslöſchen, das Niemand wieder anzünden kann, ſie ſich eine gleiche Sünde wider die großen Geſetze zu Schulden kommen laſſen, die das ganze Weltall regieren, und die Gott vor den unſrigen aufgeſtellt hat. Es wird eine Zeit kommen,— wir gefallen uns in dieſem Glauben,— wo die Geſetze von dem Ver⸗ gehen oder dem Verbrechen nur das hinwegnehmen wer⸗ den, was ſie der Reue werden geben können. Dieſe Geſetze werden das Leben achten, das ſie nicht zurück⸗ geben können; neben den entehrenden Geſetzen, die heut zu Tage einen Menſchen auf immer ehrlos machen, wird es Geſetze geben, die den durch die Reue gereinigten Menſchen rehabilitiren, und wieder in den Rang ein⸗ ſetzen werden, deſſen er durch die Strafe verluſtig ge⸗ gangen iſt. Es iſt im Himmel, ſpricht das Evangelium, mehr Freude über einen Sünder der Buße thut, als über neun und neunzig Gerechte, die der Buße nicht be⸗ — 105 dürſen. Warum ſollten die Geſetze der Menſchen die göttlichen Geſetze in dieſem Punkte nicht zu ihrem Vor⸗ bilde nehmen? Aber heut zu Tage kann die Geſellſchaſt demjenigen⸗ der durch einen Fehltritt oder durch das Unglück ſeiner Freiheit verluſtig gegangen iſt, nur ſeine Freiheit wie⸗ der ſchenken. Wir ſagen das Unglück; gibt es nicht in der That ein Geſetz, das einem ehrlichen Schuldner, der nicht be⸗ zahlen kann, einem Verbrecher gleich ſetzt, und ihn der nämlichen Behandlung in ſeinem Kerker unterwirft? Nach dieſen Bemerkungen kommen wir auf das Lynch⸗Geſetz zurück. Vor einem Tribunal, das in erſter und letzter In⸗ ſtanz ſprach,— vor einem Tribunal, deſſen Richter zu⸗ gleich Ankläger waren, ſollte nun Don Antonio de Me⸗ diana erſcheinen, und die Juſtiz der Städte mit all' ihrem Furcht einflößendem Gepränge hätte dem Aſſiſen⸗ gericht es nicht an Feierlichfeit gleich thun können, das in dieſer Wüſte eben eröffnet werden ſollte, und. wo drei Männer die menſchliche Gerechtigkeit mit ihren Irrthümern repräſentirten. Wir haben geſagt, welch' impoſante und bizarre Decoration die Scene umgab, deren Anblick bei dem Herzoge von Armada hätte den Glauben erwecken kou⸗ nen, daß er einen entſetzlichen Traum träume. In der That nahmen die düſteren, nebelbedeckten Berge,— nahm das dauernde unterirdiſche Geräuſch,— nahmen die im Winde flatternden Menſchenhaaxe,— nahm das durch⸗ ſichtige indianiſche Pferd⸗Skelett in den Augen des ſpaniſchen Edelmanns einen ſeltſamen und phantaſtiſchen Charakter an.„ Man hätte einen Augenblick glauben können, man wohne einer Aufnahme in einer der geheimen Geſell⸗ ſchaften des Mittelalters bei, wobei man, wie bekannt, vor den Angen des Aufzunehmenden Alles, was ihm — ———— — 5 Furcht einſlößen konnte, in der Abſicht, ſeinen Muth auf die Probe zu ſtellen, entfaltete. Und doch war Alles dieſes Nichts, als eine furcht⸗ bare Realität. Fabian zeigte dem Herzoge von Armada mit dem Finger einen der flachen Steine, die auf der Ebene herumlagen, und Grabſteinen ähnlich waren, und ſetzte ſich dann auf einen andern, ſo daß er mit dem Cana⸗ dier und dem ſpaniſchen Jäger ein Dreieck bildete, deſſen Spitze er einnahm. „Es ſchickt ſich für den Angeklagten nicht, daß er ſich vor ſeinen Richtern ſetzt,“ ſprach der ſpaniſche Edel⸗ mann mit bitterem Lächeln.„Ich werde daher ſtehen bleiben.“ Fabian antwortete nicht. Er wartete, bis Diaz, faſt der einzige nicht Partei nehmende Zeuge, welcher der Verhandlung anwohnte, einen paſſenden Platz aus⸗ gewählt hatte. Zwar blieb der Abenteurer von den bei dieſer Scene handelnd auſtretenden Perſonen fern; jedoch war er ſo nahe, daß er Alles ſehen, und hören konnte. Er behielt die kalte, aufmerkſame Haltung eines Geſchwo⸗ renen bei, der ſeine Ueberzeugung nach den Verhand⸗ bilden will, die ſich vor ſeinen Augen entrollen ollen. Dann ergriff Fabian wieder das Wort. „Sie ſollen hören,“ ſprach er,„welches Verbrechens man Sie anklagt. Was mich betrifft, ſo bin ich hier bloß Richter, der das Vorgebrachte anhört, und den Angeſchuldigten entweder verurtheilt, oder frei ſpricht.“ Nach dieſen Worten ſchien er eine Weile nachzu⸗ denken. Vor Allem mußte die Iventität des Angeklagten conſtatirt werden. „Sind Sie wirklich,“ hob er endlich wieder an, „Don Antoniv, den die Menſchen bis daher Graf von Medviana genannt haben?“ „Nein!“ antwortete der Spanier mit feſter Stimme. — ———. l⸗ z, er 6 ſer ar Er RE d⸗ len ns ier en t.“ zu⸗ ten an, on mne. * „Wer ſind ſie dann?“ fuhr Fabian mit einem faſt ſchmerzlichen Staunen fort,— einem Staunen, das er nicht zu verbergen mochte, denn es widerſtrebte ihm, an⸗ nehmen zu müſſen, daß ein Mediana zu einer feigen Ausflucht greife. „Ich bin Graf von Mediana geweſen,“ antwortete Don Antonio mit hochmüthigem Lächeln,„bis zu dem Augenblicke, wo mein Schwert mir andere Titel errungen hatz jetzt nennt man mich in Spanien nie anders, als Herzog von Armada. Es iſt dieß der Name, den ich demjenigen meines Geſchlechtes, welchen ich an Kindes Statt annehmen würde, hinterlaſſen könnte.“ Dieſe letzte Phraſe, die der Angeklagte nur ſo hin⸗ geworfen, ſollte bald ſein einziges Vertheidigungsmittel bilden. „Gut!“ ſprach Fabian.„Der Herzog von Armada ſoll nun erfahren, welches Verbrechens Don Antonio de Mediana beſchuldigt iſt. Sprechen Sie, Roſenholz, ſagen Sie, was Sie wiſſen, und kein Wort mehr oder weniger.“ Dieſer Zuſatz war unnütz. Es lag auf dem unſanf⸗ ten und männlichen Geſichte des rieſigen Abkömmlings der normänniſchen Race, der, mit der Büchſe auf der Schulter, unbeweglich neben ihm ſtand, ſo viel Ruhe und Biederkeit, daß ſeine Erſcheinung nicht einmal den Gedanken an einen Verrath aufkommen ließ. Roſenholz erhob ſich, nahm langſam ſeine Pelzmütze ab, und eniblößte ſeine breite und edle Stirn. Ich werde nur ſagen, was ich weiß,“ fing er an. „In einer nebeligen Novembernacht des Jahres 1808 war ich Matroſe auf dem Albatros, einem ſranzöſiſchen Lugger, der halb ein Korſaren⸗, halb ein Schmuggel⸗Schiff war. Einem mit dem Hauptmanne der Miqueletes von Elanchovi getroffenen Uebereinkom⸗ men gemäß, hatten wir an der Küſte von Biscaja ge⸗ landei. Ich will nicht erzählen(und bei dieſen Worten ſiog ein Lächeln über die Lippen Pepe's hin), wie wir ———— — 108 mit Flintenſchüſſen von einer Küſte vertrieben wurden, wo wir als Freunde landeten; es mag genügen, wenn ich ſage, daß, als wir unſer Schiff wieder zu erreichen ſuchten, Kinderſchreie, die aus dem Ocean ſelbſt hervor⸗ zudringen ſchienen, meine Aufmerkſamkeit auf ſich zogen. Dieſe Schreie kamen von einem verlaſſenen Kahne her. Ich ruderte mit dem meinigen darauf zu, und zwar mit eigener Lebensgefahr, denn ein lebhaftes Feuer war auf das fragliche Fahrzeug gerichtet. „In dieſem Kahne ſchwamm eine ermordete Frau in ihrem Blute. Dieſe Frau war todt; neben ihr be⸗ ſand ſich ein Kind, das am Sterben war. Ich habe das Kind zu mir genommen: dieſes Kind iſt der hier ſtehende Mann.(Hier deutete er auf Fabian.) „Ich habe das Kind zu mir genommen, und habe die ermordete Frau an das Ufer gelegt. Wer das Ver⸗ brechen begangen, weiß ich nicht; weiter habe ich Nichts zu ſagen.“ Bei dieſen Worten bedeckte ſich Roſenholz wieder, und ſetzte ſich ſchweigend. Ein feierliches Schweigen folgte auf dieſe Ausſage. Fabian ſenkte eine Weile die Blitze ſeiner Augen, dann richtete er ſie wieder, kalt und ruhig, auf den Mique⸗ lete, an dem es nun war, zu ſprechen. Fabian hielt ſich auf der Höhe ſeiner furchtbaren Rolle, und in dem Geſichte, ſo wie in der ganzen Hal⸗ tung des in Lumpen gehüllten Jünglings lebte der ganze Adel eines alten Geſchlechtes mit aller Impaſſibilität des Richters auf. Er warf auf Pepe einen Blick voller Autorität, und der wilde Jäger vermochte nicht, ſich der Gewalt deſſelben zu entziehen. Der Miquelete ſtand auf, und trat zwei Schritte vor. Auch in ſeinem Geſichte war nur noch der feſte Entſchluß zu leſen, einzig und allein nach Pflicht und Gewiſſen zu ſprechen. „Ich verſtehe Sie, Graf von Mediana,“ ſagte er, au e es uf be r⸗ e. nn en al⸗ ize tät ler ich tte ſte ind 109 indem er ſich zu Fabian wanbte, der in ſeinen Augen allein das Recht hatte, dieſen Titel zu führen.„Ich werde es vergeſſen, daß der hier ſtehende Menſch Schulb geweſen iſt, daß ich in einem Preſidio lange Jahre un⸗ ter dem Auswurfe der menſchlichen Geſellſchaft zubrin⸗ gen mußte. Gott kann mir, wenn ich einſt vor ihm er⸗ ſcheine, die Worte wiederholen, die ich jetzt ſprechen werde: ich werde ſie anhoͤren, und es wird mich nicht reuen, dieſelben geſprochen zu haben.“ Fabian machte eine Geſte der Zuſtimmung. „In einer Novembernacht des Jahres 1808,“ fuhr Pepe ſort,„war ich Carabinier oder Königlicher Mi⸗ quelete im Dienſte Spaniens; ich ſtand an der Küſte von Glanchovi Wache. „Drei Männer, die von der hohen See herkamen, landeten an der Küſte. „Der uns commandirende Anführer hatte an einen von ihnen das Recht verkauft, an emer Küſte zu landen, wo das Landen verboten war. Ich habe mir den Vorwurf zu machen, daß ich der Mitſchuldige dieſes Menſchen geweſen bin: ich habe von ihm den Preis meiner verbrecheriſchen Schwäche erhalten. „Den Tag darauf waren die Gräfin von Mediana, und ihr junger Sohn aus ihrem Schloſſe verſchwunden; ſie haiten es zur Nachtzeit verlaſſen. „Die Gräſin wurde ermordet gefunden; was den jungen Grafen betrifft, ſo kam er nicht wieder zum Vorſchein. „Kurze Zeit darauf eiſchien der Oheim des Kin⸗ des. Er nahm die Güter, ſowie die Titel ſeines Nef⸗ ſen für ſich in Anſpruch: Alles wurde ihm gegeben⸗ Ich hatte geglaubt, daß ich mich bloß zu einer Intrigue hergegeben; aber ich hatte einen Mord begünſtigt. „Ich habe vor Zeiten dem neuen Grafen von Me⸗ viana dieſes Verbrechen vorgeworfen: eine Galeerkn⸗ ſtrafe von fünf Jahren, die ich zu Ceuta erſtehen ſollte, iſ der Lohn meiner Kühnheit geweſen. 11⁰ „Jetzt, fern von dem Tribunal jener beſtochenen Richter, im Angeſichte Gottes, der uns ſieht,— jetzt klage ich, wie damals, den hier ſtehenden Mann, der ſich den Namen eines Grafen von Mediana angemaßt hat, an, die Gräfin ermordet zu haben! Er war einer der drei Männer, die, während der Nacht, in das Schloß eingeſtiegen ſind, das die Mutter Fabian's nicht mehr ſehen ſollte. „Weiter habe ich Nichts zu ſagen. Der Mörder möge mich Lügen ſtrafen, wenn er kann!“ „Sie hören es,“ ſprach Fabian;„was haben Sie zu Ihrer Vertheidigung zu ſagen?“ In dem Augenblicke, in welchem Fablan dieſe Frage ausgeſprochen hatte, ließ ſich ein Angſtſchrei von der Seite her hören, wo das Waſſer in einem Bogen in den Abgrund ſtürzte. Alle ſahen alsbald nach dieſer Seite hin, und glaubten, durch den transparenten Schleier des Waſſer⸗ falls hindurch eine menſchliche Geſtalt zu ſehen, die über dem Abgrunde ſchwebte, und beim Fallen eine ſchwärz⸗ liche Linie beſchrieb. Hätten die Perſonen, welche Zeugen dieſer furcht⸗ baren Epiſode waren, die Exiſtenz des Goldblocks ge⸗ kannt, ſo würden ſie denſelben nicht mehr an dem Orte gefunden haben, an dem er ſo lange Zeit im Felſen ge⸗ ruht hatte. Er war verſchwunden, und der, welcher ihn in den Händen hielt, war mit ihm im Abgrunde verſunken. Eine Todtenſtille folgte auf den Schrei, der ſich hatte hören laſſen, während unter dem Miſt der Nebel⸗ berge dumpfe Knalle düſtere Echos weckten. Die Scene harmonirte ganz mit den handelnden Perſonen. Schwarze Geier kreisten über ihren Häup⸗ tern, und gleich als ob ſie erriethen, daß ſie nächſtens eine Beute bekämen, oder als ob ſie das Verſinken des Leichnams in dem Abgrunde bedauerten, vermiſchten ſich ihre ſchrillen Töne mit dem fernen Donner der Berge. en er 8⁰ er in 1. er 3⸗ t⸗ e⸗ te e⸗ r de 11¹¹ Als die erſte Bewegung der Ueberraſchung, die ein Schauſpiel, auf das man ſich ſo wenig gefaßt gemacht, vollfommen rechtfertigte, vorüber war, wiederholte Fa⸗ bian die zuletzt von ihm geſprochenen Worte: „Was haben Sie zu ihrer Vertheidigung zu ſa⸗ en?“ 2 Ein heftiger Kampf fand in der Seele Medianua's, zwiſchen ſeinem Gewiſſen und ſeinem Stolze, Statt. Der Stolz trug den Sieg davon. „Nichts,“ antwortete Don Antonio. „Nichts,“ erwiederte Fabian.„Begreifen Sie viel⸗ leicht nicht die entſetzliche Pflicht, die mir noch zu erfül⸗ len übrig bleibt?“ „Ich begreife ſie.“ „Und ich,“ rief Fabian laut,„werde ſie zu erfüllen wiſſen. Und doch bitte ich Sie, ſich zu rechtfertigen; ich werde Ihre Worte ſegnen, obgleich das Blut meiner Mutter um Rache ſchreit. Schwören Sie mir bei dem Namen Mediana, den wir Beide führen,— ſchwören Sie mir bei Ihrer Ehre, bei dem Heile Ihrer Seele, daß Sie nicht ſchuldig ſind, und ich werde mich allzu glücklich ſchätzen, Ihnen zu glauben.“ Und nun erwartete Fabian mit unbeſchretblicher Angſt die Antwort Mediana's; aber Mediana ſchwieg, un⸗ beugſam und düſter, wie der gefallene Erzengel. In dieſem Augenblicke trat Diaz zu den Richtern und zu dem Angeklagten hin. „Ich habe,“ ſprach er,„mit ungetheilter Aufmerk⸗ ſamkeit die Beſchuldigung angehört, die gegen Don Eſte⸗ van de Arechiza, von welchem ich auch wußte, daß er den Titel eines Herzogs von Armada führt, vorgebracht wird. Darf ich hier frei ausdrücken, was ich davon halte?“ „Sprechen Sie!“ antwortete Fabian. „Ein Punkt ſcheint mir zweifelhaft. Ich weiß nicht, ob das Verbrechen, das man dieſem edlen Cava⸗ liere vorwirft, von ihm wirklich verübt worden iſt; will man dieſes aber auch zugeben, ſo entſteht die Frage, ob Ihr das Recht habet, ihn zu richten. Nach den Ge⸗ ſetzen unſerer Grenze, wo keine ordentlichen Gerichte Recht ſprechen, dürfen nur die nächſten Verwandten des. oder der Getödteten das Blut des Schuldigen verlangen. Don Tlburcio hat ſeine Jugendzeit in dieſem Lande ver⸗ lebt; ich habe ihn als den Adoptivſohn des Gambuſino Marcos Arellanos gekannt. Wer beweist, daß Tibur⸗ cio Arellanos der Sohn der ermordeten Frau iſt? Wie hat, nach ſo vielen Jahren, der ehemalige Matroſe,— der jetzt hier anweſende Jäger in der Tiefe dieſer Wüſten den vor mir ſtehenden Jüngling wieder als das Kind zu erkennen vermocht, vas er nur einen Augenblick in einer nebeligen Nacht geſehen?“ „Antworten Sie, Roſenholz,“ ſprach Fabian kalt. Der Canadier ſtand von Nenem auf. „Füͤr's Erſte muß ich Ihnen ſagen,“ fing der alte Jäger an,„daß ich das fragliche Kind nicht bloß wäh⸗ rend eines einzigen Augenblicks in einer nebeligen Nacht geſeheh habe. Zwei Jahre lang, nachdem ich es einem gewiſſen Tode entriſſen, habe ich mit ihm am Bord des Schiſſes gelebt, wohin ich es gebracht. Die Züge eines Sohnes köunen in das Gedächtniß eines Vaters nicht tiefer gegraben ſein, als die dieſes Kindes in das mei⸗ nige gegraben waren. „Soll ich nun ſagen, wie ich es wieder erkannt? Wenn Sie in der Wüſte reiſen, wo kein gebahnter Weg zu finden iſt, richten Sie ſich da nicht nach dem Laufe der Bäche, nach dem Ausſehen der Bäume, nach der Beſchaffenheit ihrer Stämme, nach dem ſie bebeckenden Mooſe, und nach den Sternen des Himmels? Wenn Sie in der darauf folgenden Jahreszeit,— wenn Sie zwanzig Jahre nachher, oder zu einer anderen Stunde der Nacht wiederkehren, erkennen Sie da nicht immer den Stern, den Baum, oder den Bach wieder, ob auch der Regen den Bach angeſchwellt, oder die Sonne ihn zur Hälfte ausgetrocknet; ob auch Blätter den Baum ————— S S—— — 113 bebecken, den Sie im Winter kahl geſehen haben; ob auch ſein Stamm dicker geworden; ob auch ſein Moos ſich verdichtet; ob auch der Polarſtern ſeinen Platz ver⸗ ändert?“ „Ohne Zweifel,“ antwortete Diaz,„ein Mann, der mit der Wüſte vertraut iſt, läßt ſich dadurch nicht be⸗ irren. Aber Hier fiel der Canadier dem Abenteurer in's Wort, und fuhr fort, wie folgt: „Wenn Sie in den Savanen einem Unbekannten begegnen, der das Geſchrei des Vogels,— die Stimme des Thieres, die Ihnen oder Ihren Freunden als Wieder⸗ vereinigungsmittel dient, mit Ihnen austauſcht, ſagen Sie da nicht:„„Dieſer Mann iſt einer der Unſrigen?““ „Gewiß.“ „Wohlan! ich habe das Kind in dem ausgewach⸗ ſenen Manne wieder erkannt, wie Sie das Bäumchen in dem groß gewordenen Baume, wie Sie den Bach wieder erkennen würden, der einſt murmelte, und nun, durch den Regen angeſchwellt, wild dahin braust; ich habe das Kind mit Hülfe eines Loſungswortes wieder erkannt, das zwanzig Jahre ihn nur zur Hälfte hatten vergeſſen laſſen.“ „Iſt dieſes Zuſammentreffen wenigſtens nicht ſelt⸗ ſam?“ ſetzte Diaz, von der Wahrheitsliebe des Cana⸗ diers ſo gut wie überzeugt, hinzu. „Kann Gott,“ ſetzte Roſenholz feierlich hinzu,— „kann Gott, der dem Winde beſiehlt, dem weiblichen Dattelbaum den befruchtenden Staub des männlichen über weite Räume zuzuführen;— kann Gott, der dem verheerenden Winde, dem verwüſtenden Strome, dem wandernden Vogel den Saamen der Bäume und der Pflanzen anvertraut, welche zum Unterhalte der Men⸗ ſchen nöthig ſind, um dieſelben, hundert Stunden von der Pflanze oder von dem Baume weg, denen ſie ihr Daſein verdanken, wieder zu erzeugen,— kann der Der Waldläufer. M. 8 — 114 Gott nicht eben ſo leicht zwei nach ſeinem Ebenbilde geſchaffene Geſchöpfe zuſammenführen?“ Diaz ſchwieg einen Augenblick; und da er gegen die mit vieler Wärme geſprochenen Worte des Cana⸗ diers, deſſen biederes Geſicht, und deſſen das Gepräge der Wahrheit tragende Behauptungen eine unwiderſtehliche Ueberzeugungskraft hatten, Nichts mehr einzuwenden wußte, ſo ſprach er, zu Pepe gewandt: „Haben Sie in dem Adoptivſohne des Gambuſino Arellanos den Sohn der Gräfin von Mediana wieder erkannt?“ „Man müßte nie die Mutter deſſelben geſehen haben, um ihn länger als einen Tag für einen Andern zu halten,“ erwiederte Pepe;„übrigens möge der Herzog von Armada mich Lügen ſtrafen.“ Don Antonio, zu ſtolz, um zu lügen, konnte die Wahrheit nicht leugnen, ohne ſich in den Augen der drei Mitglieder des improviſirten Tribunals zu ernie⸗ drigen; ohne das einzige Vertheidigungsmittel zu ver⸗ nichten, zu dem ihm ſein Stolz und der geheime Wunſch ſeines Herzens zu greifen erlaubte. „Es iſt wahr,“ ſprach er,„dieſer Menſch gehört zu meinem Blute; ich kann es nicht leugnen, ohne meine Lippen mit einer Lüge zu beflecken. Die Lüge iſt eine Tochter der Feigheit.“ Diaz ließ den Kopf ſinken, ging an ſeinen Platz zurück, und ſagte Nichts mehr. „Ihr habt es gehört,“ ſprach Fabian,„ich bin wirklich der Sohn der Frau, die von dem hier ſtehen⸗ vden Manne ermordet worden iſt. Ich habe alſo das Recht, dieſelbe zu rächen. Was ſpricht nun aber das Geſetz der Wüſte?“ „Auge um Auge!“ ſagte Roſenholz. „Zahn um Zahn!“ ſetzte Pepe hinzu. „Blut um Blut!“ ſagte zuletzt Fabian,„Tod um Tod!“ — 11⁵ Sovann wandte er ſich zu Don Antonio, und ſprach, ſeine Worte langſam accentuirend: „Sie haben Blut vergoſſen und gemordet, es wird Ihnen gethan werden, wie Sie Andern gethan. Gott hat es geſagt: Gott will es!“ Fabian zog ſeinen Dolch aus der Scheide; die Sonne goß die Ströme ihres Morgenlichts über die Wüſte aus, und die Gegenſtände warfen lange Schatten auf deren Oberfläche. Ein lebhafter Blitz ſprühete aus der bloßen Klinge hervor, als der jüngere der beiden Mediana ſie in der Hand hielt. Fabian ſiteckte den Dolch mit der Spitze in den Sand. Der Dolch warſ einen ſeiner Länge gleichen Schatten. „Die Sonne,“ rief er,„ſoll die Augenblicke meſſen, die Sie noch zu leben haben. Sobald der Schatten dieſes Dolches perpendiculär iſt, werden Sie vor Gott erſcheinen,— und wird meine Mutter gerächt ſein!“ Eine Todtenſtille folgte auf die letzten Worte Fa⸗ bians, der, unter der Laſt peinlicher, lange bewältigter Gemüthsbewegungen, ſich mehr hinfallen ließ, als daß er ſich auf den grabſteinartigen Block ſetzte. Roſenholz und Pepe waren gleichfalls ſitzen ge⸗ blieben, ohne eine Silbe zu ſprechen, ſo daß ſie, um den Verurtheilten her, ein Carabinerdreieck bildeten, wovon Jeder einen Winkel einnahm. Und dann blieben alle vier unbeweglich. Diaz ſah nun, daß Alles aus war. Er wollte der Vollſtreckung des Urtheils nicht anwohnen. Ohne ein Wort zu ſprechen, näherte er ſich dem Herzog von Armada, beugte ein Knie vor ihm, und er⸗ griff ſeine Hand, die er küßte, ohne ein Wort zu ſagen. „Ich will für das Heil Ihrer Seele beten,“ ſprach er endlich leiſe.„Herr Herzog von Armada, entbinden Sie mich meines Eides?“ „Ja,“ antwortete Don Antonio mit feſter Stimme; 116 „gehen Sie, und möge Goit Ihnen für Ihre Treue lohnen!“ Der edle Abenteurer entfernte ſich ſchweigend. Sein Pferd ſtand in der Nähe. Diaz ging auf daſſelbe zu, nahm den Zügel in die Hand, und ging langſam nach dem Orte zu, wo der Fluß ſich gabelförmig theilte. Unterdeſſen beſchrieb, unter einem heiteren Himmel, die Sonne ihre ewige Parabel; die Schatten verkürzten ſich langſam; die ſchwarzen Geier kreisten immer noch über den Häuptern der auf der Ebene Verſammelten, und dumpfe Erploſionen verbreiteten, wie einen Angen⸗ blick zuvor, unter dem Miſt der Nebelberge ein donner⸗ artiges Geräuſch, ähnlich dem eines fernen Sturmes. Bleich, aber ſich in ſein Schickſal ergebend, war der unglückliche Graf von Mediana ſtehen geblieben. In eine letzte Träumerei verſenkt, ſchien er es nicht zu bemerken, wie der Schatten immer mehr abnahm. Die äußeren Gegenſtände verſchwanden vor ſeinen Augen zwiſchen einer Vergangenheit, die ihm nicht mehr ge⸗ hörte, und der Ewigkeit, die ſich zu öffnen im Begriffe waär. Indeſſen kämpfte ſein Stolz noch in ihm, und er beobachtete ein hartnäckiges Schweigen. „Herr Graf von Mediana,“ hob Fabian endlich an, der einen letzten Verſuch machen wollte,„in fünf Minuten wird der Dolch keinen Schatten mehr werfen.“ „Ueber die Vergangenheit habe ich Nichts zu ſa⸗ gen,“ antwortete Don Antonio;„ich habe mich bloß mit der Zukunft meines Namens zu beſchäftigen. Täuſchen Sie ſich nun nicht in Betreff der Worte, die Sie vernehmen werden; ſchieben Sie denſelben keinen andern Sinn unter; unter welcher Geſtalt auch der Tod ſich mir zeigen mag,— er hat Nichts Erſchrecken⸗ des für mich.“ „Ich höre,“ ſagte Fabian ſanft. „Sie find noch gar jung, Fabian,“ fuhr Mediang ie en er . * fort;„das Blut, das Sie vergießen werden, wird nur um ſo länger Ihr Gewiſſen belaſten.“ Fabian entfuhr eine Geſte der Angſt. „Warum wollen Sie ein Leben, das kaum erſt anfängt, ſchon ſo bald beflecken? Warum wollen Sie nicht den Weg verfolgen, den Ihnen eine unverhoffte Gunſt der Vorſehung öffnet? Geſtern waren Sie noch arm,— geſtern waren Sie noch ohne Familie: Gott hat Sie wieder eine Familie finden laſſen, während er Sie mit Reichthümern überhäuft. Das Erbe Ihres Namens iſt in meinen Händen nicht geringer geworden; während eines Zeitraumes von zwanzig Jahren habe ich den Namen Mediana zu einem der berühmteſten ganz Spaniens gemacht, und ich bin bereit, Ihnen denſelben mit all' dem Glanze zurückzugeben, wodurch ich ihn erhöht habe. Nehmen Sie alſo ein Gut zurück, vas ich Ihnen mit Freuden, mit wahrer Wonne ab⸗ trete, denn meine vereinzelte Stellung im Leben kam mir gar drückend vor; erkaufen Sie es aber nicht durch ein Verbrechen, von dem eine illuſoriſche Juſtiz Sie nicht frei zu ſprechen vermöchte, und das Sie bis an's Ende Ihrer Tage beweinen müßten.“ „Der Richter, der auf ſeinem Richterſtuhle ſitzt, hat nicht das Recht, die Stimme ſeines Herzens zu hören. Nur ſeinem Gewiſſen folgend, von dem wich⸗ tigen Dienſte überzeugt, den er der Geſellſchaft leiſtet, kann er wohl den Schuldigen beklagen; allein ſeine Pflicht erheiſcht, daß er ihn verurtheile. In dieſen Wüſten repräſentiren dieſe zwei Männer und ich die menſchliche Gerechtigkeit. Widerlegen Sie die auf Ihnen laſtenden Beſchuldigungen, Don Antonio, und der Glück⸗ lichſte von uns Beiden werden nicht Sie ſein, denn nur mit Zittern und mit Beben klage ich an; jedoch darf ich mich der verhängnißvollen Miſſion nicht entziehen, die Gott mir auferlegt.“ „Ueberlegen Sie es wohl, Fabian, nicht Verzeihung verlange ich von Ihnen, wohl aber ein Vergeſſen des 118 Geſchehenen; Dank einem ſolchen Vergeſſen, würde es nur von Ihnen abhangen, in dem Sohne, den ich an Kindesſtatt annehmen würde, der Erbe eines fürſtlichen Hauſes zu werden; nach meinem Tode werden dieſe Titel Nichts, als ein bloßes Wort mehr ſein.“ Bei dieſen Worten bedeckte eine Todtenbläſſe die Stirne des Jünglings; allein die Verſuchungen des Stolzes in die Tiefe ſeines Herzens zurückdrängend, verſchloß Fabian dieſer Stimme, die ihm einen reichen Antheil an der Groͤße und Herrlichkeit dieſer Welt an⸗ bot, ſein Ohr, gleich als ob er nur das eitle Gemurmel Windes in dem Laube der Weidenbäume gehört ätte. „O Mediana! warum haben Sie meine Mutter ge⸗ tödtet?“ rief Fabian, indem er ſich mit beiden Händen das Geſicht bedeckte. Dann warf er einen Blick auf den im Sande ſteckenden Dolch, und ſetzte in feierlichem Tone hinzu: „Herr Herzog von Armada, der Dolch hat keinen Schatten mehr!“ Don Antonio fuhr wider ſeinen Willen zuſammen. Frinnerte er ſich da der prophetiſchen Drohung, die zwanzig Jahre vorher die Gräfin von Mediana hatte hören laſſen2 „Vielleicht,“ hatte ſie zu ihm geſagt,„wird der Gott, den Sie läſtern, Sie in der Tieſe einer Wüſte, welche des Menſchen Fuß noch nie betreten, einen An⸗ kläger, einen Zeugen, einen Richter, und einen Henker finden laſſen. Ankläger, Zeuge und Richter,— war nicht Alles da2 Allein wer ſollte der Henker ſein? Und doch ſollte die furchtbare Prophezeiung Wort für Wort in Erfüllung gehen. Ein Geräuſch geknickter Zweige machte die han⸗ delnden Perſonen des Dramas aufſchauen, deſſen Aus⸗ gang die Sonne bezeichnen ſollte. Plötzlich trat ein Mann mit von Waſſer triefenden s n ſe ie 6 d en R el rt e. n de n n⸗ 8 1¹9 und ſchlammbedeckten Kleidern hinter den Baumwoll⸗ bäumen hervor⸗ Es war Cuchillo. Der Schlingel trat mit einer in der That bewun⸗ derungswürdigen Ungenirtheit heran, obgleich er ein Bischen zu hinken ſchien. Keiner der vier Männer zeigte ſich bei ſeinem An⸗ blicke überraſcht, da ſie von anderen Gedanken ſo ſehr in Anſpruch genommen waren. „Caramba! Ihr erwartetet mich alſo?“ rief er⸗ „Und ich verlängerte ſo hartnäckig das unangenehmſte Bad, das ich in meinem Leben noch genommen, in der Furcht, Ihnen allen eine Ueberraſchung zu bereiten, wodurch meine Eigenliebe gelitten hätte(Cuchillo ſprach nicht von ſeiner Excurſion in die Berge), allein das Waſſer dieſes Sees iſt ſo eiskalt, daß ich, um darin nicht vor Kälte umzukommen, einer größeren Gefahr Trotz geboten haben würde, als der, mit alten Freun⸗ den wieder zuſammenzukommen. Hiezu füge man noch, daß ich eine Wunde wieder aufgehen fühlte, die ich an meinem Beine habe die ich ſchon lange, ſchon ſehr lange„ſchon ſeit meiner Jugend habe. Senor Eſtevan, Senor Tiburcio ich bin Ihr gehorſamſter Diener.“ Ein tiefes Schweigen folgte auf dieſe Worte Cuchil⸗ los. Er fühlte wohl, daß er die Rolle des Haſen ſpielte, der bei den Windhunden eine Zufluchtsſtätte ſucht; allein er ſuchte durch Frechheit eine mehr als precäre Lage zu regulariſiren. 4 Der Jäger allein warf Fabian einen Blick zu, der nach dem Grunde des Eindringens dieſer durch ihre freche und unheilverkündende Miene, ſo wie durch ihren ſchlammigen und grünlichen Bart bemerklichen Perſon zu fragen ſchien.. „Es iſt Cuchillo,“ ſprach Fabian auf den Blick des Canadiers antwortend. „Cuchillo, Ihr unwürdiger Diener,“ antwortete der 120 Schlingel,„der Zeuge Ihrer tapferen Thaten geweſen iſt, Herr Tigertödter.“ „Meine Anweſenheit iſt ihnen entſchieden nicht ſo unangenehm, als ich geglaubt,“ dachte Cuchillö. Da er ſofort ſeine Unverſchämtheit bei dieſem, wenn auch froſtigen, Empfange und bei dieſem Schwei⸗ gen, das demjenigen ähnlich war, welches in einem Todtenhauſe bei der Ankunft jedes neuen Menſchen ein⸗ tritt, ſich verdoppeln fühlte, ſo fuhr er, das feierliche Ausſehen Aller bemerkend, mit lauter Stimme alſo fort: „Ihr ſeid ja aber beſchäftigt, bei Gott, wie ich ſehe, und vielleicht bin ich unbeſcheiden, wenn ich mich hier eindränge: ich ziehe mich alſo zurück. Es gibt Augenblicke, wo es Einem nicht lieb iſt, wenn man ge⸗ ſtört wird: ich weiß es aus Erfahrung.“ Bei dieſen Worten machte Cuchillo Miene, noch einmal den grünen Hag des Goldthales zu durchſchreiten; allein die rauhe Stimme des Canadiers hielt ihn zurück. „Bleiben Sie hier, wenn Ihnen an Ihrem Seelen⸗ heil Etwas liegt, Senor Cuchillo!“ ſprach der Jäger zu ihm. „Der Rieſe hat wohl von meinen geiſtigen Mit⸗ teln ſprechen hören,“ ſprach Cuchillo bei ſich.„Sie brauchen mich. Am Ende iſt es doch noch beſſer, wenn ich mit ihnen theile, als wenn ich gar Nichts bekomme; aber ſicherlich iſt dieſes Goldthal verhext. Sie erlauben, Herr Canadier?“ ſetzte er hinzu, indem er ſich zu dem Jäger wandte. Und beim Anblicke ſeines Chefs eine Ueberraſchung heuchelnd, die er nicht verſpürte, ſagte er: „Ich habe zu. Eine gebieteriſche Geſte Fabians ſchnitt dieſe Frage Cuchillo's kurz ab. „Stille!“ ſagte er,„ſtören Sie nicht die letzten Ge⸗ danken eines Chriſten, der im Begriffe iſt, zu ſterben!“ Wie bereits von uns geſagt worden, ſo warf der in den Boden geſteckte Dolch keinen Schatten mehr. ——— „Herr von Mediana,“ ſetzte Fabian hinzu,„ich frage Sie noch einmal, bei dem Namen, den wir Beide führen, bei Ihrer Ehre, bei Ihrem ewigen Seelenheil: Sind Sie an der Ermordung meiner Mutter unſchul⸗ 5i Auf dieſe letzte Frage antwortete Don Antonio ſtandhaft: „Ich habe Nichts zu ſagen: ich erkenne bloß Män⸗ nern meines Gleichen das Recht zu, mich zu richten⸗ Es möge mein Schickſal und das Ihrige in Erſüllung gehen!“ „Gott ſieht und hört mich,“ ſprach Fabian. Dann nahm er Cuchillo beiſeits. „Ein feierliches Urtheil iſt über dieſen Mann er⸗ gangen, und er iſt als des Todes würdig erfunden worden,“ ſprach er zu ihm.„Als Repräſentanten der menſchlichen Gerechtigkeit in dieſer Wüſte legen wir das Amt des Henkers in Ihre Hände. Die Schätze, welche dieſes Thal enthält, ſollen die Erfüllung dieſer furchtbaren Pflicht bezahlen. Mögen Sie nie einen un⸗ gerechteren Mord verübt haben!“ „Man hat keine vierzig Jahre gelebt, ohne einige kleine Sünden auf dem Gewiſſen zu haben, Senor Ti⸗ burcio. Indeſſen würde ich Don Eſtevan nicht um we⸗ niger getödtet haben, und es erfüllt mich mit Stolz, zu ſehen, daß Sie meine Talente nach ihrem vollen Werthe zu ſchätzen wiſſen. Sie ſagen alſo, das Gold, das im Goldthale liegt, gehöre mir?“ „Alles, bis auf des letzte Stäubchen.“ „Caramba! Trotz meiner wohlbekannten Gewiſſens⸗ ſerupel muß ich geſtehen, daß es ein guter Preis iſt;z daher werde ich auch nicht lange handeln; und ſollten Sie zufällig noch einen andern kleinen Dienſt von mir verlangen wollen, ſo geniren Sie ſich nicht: es geht in den Kauf.“ Was wir weiter oben geſagt haben, rechtfertigt die unerwartete Erſcheinung Cuchillo's. Der Bandit, der —,— — — —— 122 in dem Waſſer des nahen See's verborgen geweſen war, hatte es wieder verlaſſen, während der Prolog des Dra⸗ ma's, in dem er nun gleichfalls eine Rolle übernehmen ſo llte, ſtattfand. Das Zuſammentreffen mit Baraja und Oroche auf dem Berge hatte ihn auf ſeinen früheren Gedanken zu⸗ rückgebracht, der darin beſtand, daß er ſich mit dem Sieger verbinden wolle. Alles zuſammen genommen, ſah er, daß die Dinge eine beſſere Wendung nahmen, als er ſelbſt gedacht. Indeſſen verhehlte er ſich nicht die Gefahr, die für ihn darin lag, daß er ſich zum Henker des Mannes machte, der alle ſeine Verbrechen kannte, der ihn mit einem einzigen Worte der in den Wüſten geltenden ſtren⸗ gen und unerbittlichen Juſtiz überliefern konnte. Er begriff, daß, um die verſprochene Belohnung zu bekommen, um Antonio das Sprechen für immer unmög⸗ lich zu machen, er damit anfangen müſſe, daß er den Edelmann täuſche. Und wirklich fand er das Mittel, dem Verurtheilten leiſe in's Ohr zu ſagen: „Fürchten Sie Nichts ich halte es mit Ihnen!“ Die Zuſchauer dieſer furchtbaren Scene beobach⸗ teten unter dem verſchiedenen Eindrucke, den dieſelbe auf ſie hervorbrachte, ein tiefes Schweigen. In dem Geiſte Fabian's war eine völlige Erſchlaffung auf die Energie des Willens gefolgt, und ſeine Stirne ſenkte ſich, ſo bleich und ſo livid, wie die des Mannes, deſſen Urtheil durch ſeine Juſtiz geſprochen worden. Roſenholz, bei dem die täglichen Gefahren des Ma⸗ troſen⸗ und Jägerlebens jenes phyſiſche Entſetzen abge⸗ geſtumpft hatten, womit die Zerſtörung den Menſchen erfüllt, ſchien einzig und allein in die melancholiſche Be⸗ trachtung des Jünglings vertieft zu ſein, den er wie einen Sohn liebte, und der dadurch, daß er wie ver⸗ nichtet vaſtand, ſeinen Seelenſchmerz hinlänglich be⸗ kundete. Seinerſeits ſuchte Pepe die wilden Empfindungen einer befriedigten Rache durch eine impaſſible Maske zu verdecken. Wie ſeine zwei Gefährten beobachtete er ein ſtrenges Schweigen. 5 Cuchillo allein, deſſen Rache⸗Inſtinkte hingereicht hätten, um ihn zu der unentgeltlichen Uebernahme der gehäſſigen Henkerrolle zu bewegen, und dem es nie recht wohl war, wenn er ſeinen Blutdurſt nicht befriedigen fonnte, vermochte bei dem Gedanken an die ungeheure Summe, die dieſer Mord ihm einbringen würde, ſeine Freude kaum zu unterdrücken. Und außerdem hatte, ſon⸗ derbar und pikant genug, Cuchillo zum erſten Male in ſeinem Leben einen Anſchein von Legalität auf ſeiner Seite. „Caramba!“ ſprach er bei ſich, indem er aus den Händen Pepe's ſeinen Carabiner nahm und zu gleicher Jeit Don Antonio ein Zeichen gab, daß er ruhig bleiben könne;„das iſt einmal ein Fall, wo der Alcalde von Ariſpe ſelbſt vor Wuth berſten würde, weil er mir die Abſolution geben müßte.“ Und er ging auf Don Antonio zu. Bleich und mit funkelnden Augen ſtand der Spa⸗ nier da und rührte ſich nicht, da er nicht wußte, ob er in Cuchillo einen Retter oder einen Henker erblicken ſolle. „Es iſt mir prophezeit wotden, daß ich einſt in der Wüſte ſterben würde; ich bin, was Ihr ſo nennt, ge⸗ richtet worden; ich bin verurtheilt worden. Behält mir Gott als letzten Schimpf die Strafe vor, durch die Hand dieſes Menſchen ſterben zu müſſen? Senor Fabian, ich verzeihe Ihnen; möge aber dieſer Bandit für Sie nicht ſo unheilbringend ſein, wie er in einem Augen⸗ blicke für den Bruder Ihres Vaters ſein wird, wie er Ein Schrei Cuchillo's, ein Schrei des Entſetzens unterbrach den Herzog von Armada. g 124 „Zu den Waffen! zu den Waffen! da kommen die Indianer!“ ſchrie er. Es herrſchte nun eine augenblickliche Verwirrung. Fabian, Roſenholz und Pepe griffen nach ihren Cara⸗ binern. Cuchillo benützte dieſen kurzen Augenblick, ſtürzte auf Don Antonio los, der mit geſtrecktem Halſe die endloſe Ebene gleichfalls befragte, und ſtieß ihm ſeinen Dolch zweimal durch den Hals. Der unglückliche Mediana fiel zu Boden, während ihm Stroͤme Blutes aus dem Munde drangen. Ein Lächeln flog über die Lippen Cuchillo's hin. Don Antonio hatte das Geheimniß des Banditen mit ſich in's Grab genommen. Achtundvierzigſtes Rapitel. Das Gericht Gottes. Ein Angenblick der Beſtürzung folgte auf dieſen ſo raſch ausgeführten Mord. Don Antonio rührte ſich nicht mehr. Fabian ſchien zu vergeſſen, daß der Bandit nichts Anderes gethan, als daß er die Vollziehung des Urtheils beſchleunigt, das er— Fabian— geſprochen. „Unglücklicher!“ rief er, auf Cuchillo zuſtürzend, wobei er den Lauf ſeines Carabiners in der Hand hielt, gleich als hätte er es verſchmäht, ſich eines anderen Theils deſſelben, als des Kolbens, gegen den Henker zu bedienen. „Nun, nun,“ ſprach Cuchillo, zurückweichend, wäh⸗ rend Pepe, nachſichtiger gegen den Mörder Don Anto⸗ nio's geſtimmt, ſich zwiſchen die Beiden warf,„Sie ſind lebhaft und gleich oben hinaus, wie ein wildes Füllen, und jeden Augenblick ſind Sie bereit, mit dem Horne zuzuſtoßen, nach Art eines Novillo“). Die Indianer ſind anderwärts zu ſehr beſchäftigt, um an uns zu den⸗ ken. Es war nur eine Kriegsliſt, um Ihnen ſo geſchwin⸗ der den großen Dienſt erweiſen zu können, den Sie von mir verlangt hatten. Seien Sie daher nicht undankbarz denn ſo eben— warum ſollten Sie es nicht geſtehen? — waren Sie noch, als Neffe Ihrem Oheime gegen⸗ über, in der peinlichſten Stellung, die es je gab„ Sie ſind gut, Sie find edel, Sie ſind großmüthig: Sie würden es Ihr Lebenlang bedauert haben, daß Sie die⸗ ſem Oheime nicht verziehen,— als ich die Frage gewalt⸗ ſam entſchied; ich habe die Gewiſſensbiſſe auf mich ge⸗ nommen, und damit baſtal“ „Der Schlingel iſt gleich beſonnen, und hat eine ſichere Hand,“ ſagte der Erxkarabinier. „Ja,“ verſetzte Cuchillo, offenbar geſchmeichelt,„ich thue mir Etwas zu Gute darauf, daß ich kein Dumm⸗ kopf bin, und daß ich weiß, wie ein zartes Gewiſſen beſchaffen ſein muß; ich habe die Serupel des Ihrigen auf mich genommen. Wenn ich Leute gern habe, ſo opfere ich mich immer für dieſelben,— das iſt mein Hauptfehler. Als ich ſah, daß Sie mir die kleine Schramme, die Sie mir verdankten, großmüthig ver⸗ ziehen hatten, wollte ich Ihnen einen neuen Dienſt er⸗ weiſen; und ich habe die Sache, meiner Treu, ſo ge⸗ ſchickt wie möglich angegriffen. Was das Uebrige betrifft, ſo habe ich das mit meinem Gewiſſen abzumachen.“ „Ah!“ ſeufte Fabian,„ich hoffte, ihm noch ver⸗ zeihen zu können.“ „Was iſt nun aber zu thun?“ unterbrach ihn der Erkarabinier.„Dem Mörder Brep Senor Fa⸗ *) Junger Stier. 126 blan, zu verzeihen, wäre eine Niederträchtigkeit geweſen; einen wehrloſen Menſchen umzubringen, wäre beinahe einem Verbrechen gleichgekommen,— ich muß es ge⸗ ſtehen, ſelbſt nach fünf Jahren Preſidio; unſer Freund Cuchillo hat uns daher die Verlegenheit erſpart, wählen zu müſſen. Was halten Sie davon, Roſenholz?“ „Bei Beweiſen, wie die ſind, ſo wir haben, hätte das Gericht jeder Stadt den Mörder zur Strafe der Wiedervergeltung verurtheilt; die indianiſche Juſtiz würde ihn eben ſo wenig haben laufen laſſen; Gott iſt es, der Dich der Nothwendigkeit überheben wollte, das Blut eines Weißen zu vergießen. Ich ſage, wie Du, Pepe: es iſt Cuchillo's Sache.“ Dieſem Verdict des alten Jägers unterwarf ſich Fabian, obſchon ſchweigend, gleich als ob er, in der Tiefe ſeines Herzens, bei den widerſprechenden Stim⸗ men, die ſich dort geltend zu machen ſuchten, nicht hätte unterſcheiden können, ob er ſich über dieſe unerwartete Kataſtrophe freuen oder betrüben ſolle. Indeſſen war ſeine Stirn von einer Wolke bitterer Traurigkeit umhüllt. Weniger, als ſeine zwei wilden Gefährten an Blutſce⸗ nen gewöhnt, billigte er, obwohl ſeufzend, ihre nnerbitt⸗ liche Logik. Unterdeſſen hatte Cuchillo ſeine ganze frühere Frech⸗ heit wieder erlangtz es nahm für ihn Alles eine überaus günſtige Wendung. Der Bandit warf auf den Leichnam deſſen, der nicht mehr ſprechen konnte, einen Blick befriedigten Haſ⸗ ſes und murmelte halblaut: „An wie wenig hängt doch das Schickſal eines Menſchen! Vor zwanzig Jahren hat mein Leben nur won dem Nichtvorhandſein eines Baumes abgehangen.“ Dann wandte er ſich zu Fabian und ſprach; „Es iſt alſo ausgemacht, daß ich Ihnen einen gro⸗ ßen Dienſt erwieſen habe. Ah! Don Tiburcio, Sie müſ⸗ ſen ſich entſchließen, ewig mein Schulbner zu bleiben; aher halt! ich glaube, Ihnen das Mittel angeben zu N — NM M 127 fönnen, ſich Ihrer Verbindlichkeit mir gegenüber voll⸗ kommen zu entledigen. Es liegen ungeheure Reichthü⸗ mer hier, und Sie dürfen ſich nun bloß des Wortes noch erinnern, das Sie dem Manne gegeben haben, welcher Ihnen zu Liebe, ich kann es wohl ſagen, zum erſten Male in ſeinem Leben ſich nicht geſcheut hat, ſich mit ſeinem Gewiſſen offen zu entzweien.“ Und Cuchillo, der, ungeachtet des Verſprechens Fa⸗ bian's, daß er ihm das Gold, den Gegenſtand aller ſei⸗ ner Wünſche, laſſen wolle, wußte, daß Verſprechen und Halten zweierlei iſt, wartete voller Angſt auf die Ant⸗ wort Fabian's. „Ah! es iſt wahr, ich habe Ihnen das Blutgeld noch nicht bezahlt,“ ſagte er zum Banditen. Cuchillo ſtellte ſich empört. „Wohlan! Sie ſollen glänzend bezahlt werden,“ antwortete der Jüngling mit einer Miene der Verach⸗ tung.„Allein es ſoll nicht geſagt werden, daß ich mit Ihnen getheilt; das Gold dieſes Placer gehort Ihnen.“ „Alles!“ rief Cuchillo, der ſeinen Ohren nicht zu trauen wagte. „Habe ich es Ihnen nicht geſagt?“ „Das iſt eine Thorheit,“ rieſen der Carabinier und der Jäger zu gleicher Zeit: der Schlingel hätte ihn um⸗ ſonſt umgebracht.“ „Sie ſind ein Gott!“ rief Cuchillo,„und Sie all⸗ ein wiſſen meine Serupel nach ihrem wahren Werthe zu ſchätzen. Wie! all' dieſes Gold?“ „Alles bis auf das letzte Stäubchen,“ antwortete Fabian einfach:„ich will mit Ihnen Nichts gemein ha⸗ ben, nicht einmal dieſes Gold.“ Und er gab Cuchillo ein Zeichen. Der Bandit ſtürzte, anſtatt durch den aus Baum⸗ wollbäumen beſtehenden Hag zu gehen, nach den Ne⸗ belbergen, nach dem Orte hin, wo er ſein Pferd ange⸗ bunden hatte. Einige Minuten varauf kam er, ſeinen Zarape in der Hand, zurück. Er ſchob die in einander 128 verſchlungenen Zweige, welche das Goldthal ſchloßen, weg, und verſchwand bald vor Fabian. Die in der Mitte ihres Laufes angelangte Sonne verbreitete ein ſchimmerndes Licht, und ließ das im Thale umherliegende Gold tauſendfach blitzen. Ein Schauer durchlief die Adern Cuchillo's. Das Herz klopfte ihm beim Anblicke des fahlen Scheins, der durch die Strahlen des Tages hervorgerufen wurde, und er glich dem Tiger, der in einen Schaſfſtall einfällt und nicht weiß, welches Opfer er wählen ſoll; er muſterte mit ſtierem Auge die zu ſeinen Füßen liegenden Schätze, und es fehlte nicht viel, ſo wälzte er ſich in ſeinem un⸗ finnigen Entzücken in dieſen Goldmaſſen umher, wie der Hirſch, wenn er ſich nicht mehr anders zu helfen weiß, in dem Waſſer eines Sees. Indeſſen wurde er, eben in Folge der Heftigkeit der Leidenſchaften, die in ſeinem Herzen kochten, und in der Habſucht ihren Grund hat⸗ ten, bald wieder etwas kaltblütiger. Er breitete ſeinen Mantel auf den Boden hin, und warf bei der Unmög⸗ lichkeit, alle Reichthümer des Goldthales mit fortzuneh⸗ men, einen ruhigeren Blick umher. Cuchillo wählte mit dem Auge. Unterdeſſen hatte Diaz, der in ziemlich weiter Ent⸗ fernung immer noch in der Ebene ſaß, faſt keine der Einzelheiten dieſer Scene verloren. Er hatte geſehen, wie Cuchillo plötzlich zum Vorſcheine kam,— hatte die Rolle geahnt, die man ihn ſpielen laſſen würde,— hatte den Alarmruf des Banditen gehört, und endlich war ihm auch der blutige Ausgang des Dramas nicht entgangen. Bis dahin war er unbeweglich geblieben, ähnlich der Statue eines Mauſoleums: er beweinte das Schick⸗ ſal ſeines Chefs und die Vernichtung ſeiner theuerſten Hoffnungen. Cuchillo war eben im Goldthale verſchwunden, als die drei Jäger ſahen, wie Diaz aufſtand, und auf fie zukam. Er näherte ſich mit langſamen Schritten, wie — — —— v* — — — — N u v —— — S — M die Gerechtigkeit, deren Werkzeug er gleichfalls ſein ſollte. Er hielt den Zügel ſeines Pferdes mit dem Arme umſchlungen, und ſeine durch den Schmerz verdüſterte Stirn war geſenkt. Der Abenteurer warf einen Blick voller Traurigkeit auf den in ſeinem Blute ſchwimmen⸗ den Herzog von Armada; der Tod hatte in dem Aus⸗ drucke unbezwingbaren Stolzes, der ſeinem Geſichte eigen geweſen, Nichts verändert. „Ich tadle Euch nicht,“ ſprach er.„An Eurer Stelle hätte ich ebenſo gehandelt. Wie viel indianiſches Blut habe ich nicht vergoſſen, um meinen Rachedurſt zu ſtillen!“ „Das iſt ein Herreneſſen!“ fiel Roſenholz ein, wäh⸗ rend er mit der Hand durch ſein dickes graues Haar fuhr, und einen Blick der Sympathie auf den Aben⸗ teurer warf.„Was Pepe und mich betrifft, ſo können wir ſagen.. „Ich mache Euch keine Vorwürfe, ich wiederhole es abermals, wohl aber weine ich, weil ich faſt vor mei⸗ nen Augen habe einen Mann fallen ſehen, der ein ſtar⸗ kes Herz hatte,— einen Mann, der die Zukunft der Sonora in ſeinen Händen hielt, und weil der Ruhm meines Vaterlandes mit ihm dahin iſt.“ „Er war, wie Sie ſagen, ein Mann von ſtarkem Herzen,— ein Mann von felſenhartem Herzen,“ ſprach Roſenholz;„möge Gott ſeine Seele in Gnaden an⸗ nehmen!“ Das Herz Fabians war ſchmerzlich bewegt. Diaz fuhr in der Grabrede fort, die er dem Herzoge von Ar⸗ mada hielt. „Er hatte mit mir von der Befreiung einer mächti⸗ gen Provinz und von Tagen des Glanzes geträumt; weder er, noch ich, noch irgend Jemand wird ſie leuch⸗ ten ſehen. Ah! warum habe ich nicht für ihn das Le⸗ ben laſſen können! Niemand würde jetzt nach mir fra⸗ Der Waldlänfer. M. 9 4* 3 130 gen: ein Kämpe weniger würde die Sache nicht gefähr⸗ det haben, der wir Beibe vienten; aber der Tod des Anführers richtet ſie für immer zu Grunde. Die Schätze, die hier aufgehäuft liegen ſollen, ſollten uns dazu dienen, die Wiedergeburt der Sonora zu bewirken; denn Ihr wiſſet vielleicht nicht, daß ganz nahe bei dieſer Stät⸗ „Wir wiſſen es,“ unterbrach ihn Fabian. „Gut!“ erwiederte Diaz.„Ich beſchäftige mich nicht mehr mit dieſem ungeheuren Placer;„tets habe ich den Anblick eines durch meine Hände getödteten In⸗ dianers einem ganzen Sack voll Goldſtaub vorgezogen.“ Dieſer gemeinſchaftliche Haß gegen die Indianer vermehrte bei Roſenholz noch die Sympathie, welche ihm die Uneigennützigkeit und der Muth des Abenleurers eingeflößt hatten. „Wir ſind im Hafen geſcheitert,“ fuhr Diaz im Tone bitteren Nachgefühls fort,„und zwar nur durch die Schuld eines Verräthers, den ich Eurer Gerechtig⸗ keit überantworten werde, nicht, weil er Euch täuſchte, ſondern weil er das Werkzeug zerbrochen hat, deſſen ſich Gott bedienen wollte, um aus meinem Vaterlande ein mächtiges Königreich zu machen.“ „Was meinen Sie damit?“ rief Fabian.„Sollte Cuchillo...* „Dieſer Verräther, der zwei Mal den Verſuch ge⸗ macht hat, Sie zu tödten,— das erſte Mal auf der Hacienda del Venado,— das andere Mal in dem Walde, der ſich in deren Nähe befindet, war unſer Füh⸗ rer auf unſerem Wege nach dem Goldthale.“ „Cuchillo hatte Euch alſo das Geheimniß ver⸗ kauft? Ich war deſſen faſt gewiß; Sie aber, ſind Sie Ihrer Sache gewiß?“ „So gewiß, als ich einſt vor Gott erſcheinen werde; der arme Don Eſtevan hat mir erzählt, wie Cuchillo das Vorhandenſein des Schatzes, und den Ort, an dem er ſich befand, erfahren hatte: der Bandit ermordete v**— v — M 15 131 ſeinen Gefährten, der den Schatz zuerſt endeckt hatte. Wenn Wir nun glauben, der Menſch, der Ihnen zwei Mal nach dem Leben getrachtet, verdiene eine exempla⸗ riſche Strafe, ſo haben Sie ſich darüber auszuſpre⸗ chen.. Während Pedro Diaz dieſe Erklärung abgab, ſchnallte er den Sattelgurt ſeines Pferdes feſter, und machte ſich bereit zum Wegreiten. „Noch ein Wort,“ rief Fabian.„Beſitzt Cuchillo den Schimmel, der mit dem rechten Vorderfuße ſtolpert, ſchon lange?“ „Schon über zwei Jahre, wie ich ihn habe ſagen hören.“ Dieſe letzte Scene war Cuchillo entgangen; der aus Baumwollbäumen beſtehende Hag hatte ihn das, was zuletzt vorgegangen, nicht ſehen laſſen; allein der Blitz hätte neben ihm einſchlagen können, ohne daß er ein Auge von dem Schauſpiele verwandt hätte, das ihn ſo ſehr entzückte. Mit im Sande begrabenen Knien kroch er auf dem mit Goldkieſeln bedeckten Boden fort,— und es lagen letztere ſo gedrängt beiſammen, wie die Sterne am Himmelsgewölbe. Seine Stirnadern waren aufgeſchwollen,— ſein Geſicht mit Schweiß bedeckt, und er ſchien mehr das Opfer einer moraliſchen Tortur, als der alleinige Herr und Beſitzer ſo großer Reichthümer, — 4 Zwecks, den ſeine Träume unabläſſig verfolgt, zu ſein. Diaz kam mit ſeiner furchtbaren Enthüllung gerade in dem Augenblicke zu Ende, wo Cuchillo, ſeiner Em⸗ pfindung etwas mehr Herr geworden, auf ſeiner Decke endlich eine funkelnde Pyramide aufhäufte. „Ah! es iſt ein furchtbarer, verhängnißvoller Tag!“ ſagte Fabian, in deſſen Augen der letzte Theil der Ent⸗ hüllung des Diaz dem Zweifel keinen Raum mehr gönnte;„was ſoll ich mit dieſem Menſchen anfangen? Saget es mir, Ihr Beide, die Ihr wiſſet, was er mei⸗ nem Adoptivvater gethan? Pepe, Roſenholz, geht mir 132 mit gutem Rathe an die Hand, denn ich kann nicht mehr; es ſind der Gemüthsbewegungen zu viele für einen Tag!“ „Verdient der niederträchtige Schurke, der Deinen Vater ermordet mehr Rückſicht, als der tapfere Edel⸗ mann, der Deine Mutter getödtet, mein Kind?“ ant⸗ wortete der Canadier entſchloſſen. „Möge es Ihr Adoptivvater, oder Jemand anders geweſen ſein, der ſein Opfer geworden,— immerhin verdient dieſer Bandit den Tod,“ ſetzte Diaz hinzu, wäh⸗ rend er ſich in den Sattel ſchwang.„Ich überlaſſe ihn Eurer Juſtiz.“ „Nur ungern ſehe ich Sie gehen,“ ſprach Roſen⸗ holz zum Abenteurer;„ein Mann, der, wie Sie, der erbitterte Feind der Indianer iſt, wäre ein Kamerad ge⸗ weſen, deſſen Geſellſchaft ich hochgeſchätzt hätte.“ „Meine Pflicht ruft mich in das Lager zurück, das ich, unter dem Einfluſſe des böſen Sterns des unglück⸗ lichen Don Eſtevan, verlaſſen habe,“ antwortete der Abenteurer.„Zwei Dinge aber werde ich nie vergeſſen: erſtens, daß ich es mit großmüthigen Feinden zu thun gehabt, und zweitens, daß ich Euch geſchworen, Nie⸗ manden auf der Welt Etwas von dieſen ungeheuren Reichthümern zu ſagen.“ Als der biedere Diaz dieſe Worte geſprochen, ent⸗ fernte er ſich raſch, und ſann dabei über die Mittel nach, wie er ſein gegebenes Ehrenwort mit der Sorge für die Sicherheit der Expedition vereinigen könnte, deren Commando ihm von dem Anführer, ehe dieſer ſtarb, übertragen worden war. Die drei Freunde hatten ihn bald aus den Augen verloren. Während er ſich entfernte, kehrte ein anderer, für ſie gleichfalls unſichtbarer Reiter, der an einem der bei⸗ den Flußarme hingaloppirte, in's mexikaniſche Lager zurück. Es war Baraja. 133 Dieſer hatte, noch erfüllt von den abſcheulichen Leidenſchaften, denen er ſeinen Kameraden geopfert, und mehr denn je vom Golddurſte geplagt, ſich endlich ent⸗ ſchloſſen, die Beute zu theilen, und galoppirte fort, um Verſtärkung zu holen. Natürlich ließ er ſich nicht im Eutfernteſten träu⸗ men, daß er das Lager mit Feuer und Schwert verheert ſinden würde. Die Sonne ſtieg höher, und beleuchtete im Thale nur noch Cuchillo, der mit gierigen Blicken über ſeine Goldernte gebeugt war, ſo wie die drei Jäger, welche rathſchlagten, was mit dem Banditen anzufangen wäre. Fabian hatte den Rath des Canadiers, ſo wie den von Diaz bei ſeinem Weggehen gegebenen ſchweigend angehört, und wollte nun auch die Meinung des ehe⸗ maligen Carabiniers hören. „Sie haben,“ ſprach Letzterer,„ein Gelübde gethan, deſſen Sie Nichts entbinden kann; die Frau des Arel⸗ lanos hat es auf ihrem Todbette empfangen; Sie haben den Mörder Ihres Mannes in Ihrer Gewalt; Sie können nicht umhin, Ihren Schwur zu halten.“ Und als er auf dem Geſichte Fabian's eine gugſt⸗ volle Unſchlüſſigkeit bemerkte, ſetzte er mit der beißenden Ironie, die den Grund ſeines Charakters bildete, hinzu: „Wenn Ihnen aber dieſe Rolle ſo ſehr zuwider iſt, ſo werde ich dieſelbe übernehmen; denn, da ich gegen Cuchillo nicht den geringſten Groll hege, ſo kann ich ihn ohne eine Spur von einem Gewiſſensſerupel hängen. Sie werden ſehen, Don Fabian, daß der Spitzbube über das, was ich ihm ſagen werde, gar nicht erſtaunt iſt. Leute, die ein Geſicht haben, wie das Cuchillo's, ſind auf das Gehängt werden immer gefaßt.“ Nach dieſer ſcharfſinnigen Reflexion ging Pepe auf den Hag zu, der ihn von Cuchillo trennte. Dieſer, der Allem, was um ihn her vorgegangen, fremd geblieben war, hatte, geblendet durch den goldenen Schein, der im Sonnenlichte das Thal erfüllte, Nichts geſehen, und 134 Nichts gehört. Seine krampfhaſt zuſammengepreßten Finger wühlten in dem Sande mit der Gier des heiß⸗ hungrigen Schakals, der einen Leichnam aus dem Boden ſcharrt. „Senor Cuchillo! Ich möchte ein Wörtchen mit Ihnen ſprechen,“ rief Pepe, während er die Zweige der Baumwollbäume auf die Seite ſchob. Senor Cuchillo!“ Aber Cuchillo hörte Nichts. Erſt bei der dritten Anfforderung wandte er den Kopf um, und zeigte dem Carabinier ſein entflammtes Geſicht, nachdem er, in Folge einer unwillkührlichen Regung des Mißtrauens, einen Zipfel ſeines Mantels über das Gold hingeworfen, das er geſammelt hatte. „Senor Cuchillo!“ fing Pepe wieder an,„ich habe Sie vor einigen Augenblicken eine philoſophiſche Marime preisgeben hören, welche mir einen überaus hohen Be⸗ griff von Ihrem Charakter gibt.“ „Zum Kuckuck!“ ſagte Cuchillo bei ſich, während er ſeine ſchweißbedeckte Stirn abtrocknete,„da iſt noch Einer, der meiner bedarf, dieſe Leute werden nachgerade etwas unbeſcheiden; indeſſen bezahlen ſie, ſo wahr Gott lebt, überaus gut.“ Und dann ſetzte er, während er eine Handvoll Sand, deren Inhalt ſonſt überall einen Goldſucher glücklich gemacht haben würde, verächtlich wegwarf, mit lauter Stimme hinzu: „Eine philoſophiſche Marime! Welche? Ich ſpreche ſolche oft aus, und es gehören dieſelben gewiß nicht zu den ſchlechteſten: ich thne mir auf meine Philoſophie Etwas zu Gute.“ Pepe, der dieſſeits des Goldthales in einer durch ihre Nachläſſigkeit prachtvollen Stellung, und mit der unerſchütterlichſten Kaltblütigkeit auf ſeine Büchſe ge⸗ ſtützt war, und Cuchillo, deſſen Kopf jenſeits den grünen Vorhang des Thälchens überragte, ſahen aus, wie zwei Feldnachbarn, die über den Witterungs-Wechſel mit einander ſprechen. Niemand, der Beide ſo geſehen hätte, würde den furchtbaren Ausgang dieſer frierlichen Unterredung geahnt haben. Das Geſicht des Excarabiniers zeigte ein überaus graciöſes Lächeln. „Ich ſage es ja,“ antwortete er.„„Wyran,““ haben Sie geſagt,„hängt doch das Schickſal eines Menſchen! Vor zwanzig Jahren hat mein Leben bloß von dem Nichtvorhandenſein eines Baumes abge⸗ hangen.““ „Das iſt wahr,“ antwortete Cuchillo zerſtreut: „lange Zeit habe ich die Geſträuche vorgezogen; ſeitdem aber habe ich mich wieder mit den großen Bäumen aus⸗ geſöhnt.“ „Ich ſagte es ja.“ „Und dann iſt eine andere meiner Lieblings⸗Maxi⸗ men die, daß ein weiſer Mann ſich über viele kleine Unannehmlichkeiten hinwegſetzen müſſe.“ „Ich ſagte es ja.“ „Und da wir gerade davon ſprechen ſetzte Pepe nachläſſig hinzu,„ſo muß ich Ihnen bemerken, daß hier oben, auf dieſem ſteilen Hügel, zwei prächtige Tannen⸗ bäume ſind, die ſich über den Abgrund hinneigen, und Ihnen vor etlichen zwanzig Jahren eine überaus leb⸗ hafte Unruhe eingeflößt haben würden!“ „Ich leugne es nicht; allein jetzt kümmere ich mich darum eßen ſo viel, als um einen Büſchel Oregano⸗ Kraut.“ „Ich ſagte es ja.“ „Ich ſagte es ja?“ wiederholte Cuchillo etwas ungeduldig.„Sie erwieſen mir alſo die Ehre, von mir zu ſprechen? Und aus welcher Veranlaſſung?“ „Oh! Es war eine einfache Bemerkung. Meine bei⸗ den Freunde, ſo wie ich hatten einige Gründe zu ver⸗ muthen, daß ſich in der Nähe dieſer Berge ein gewiſſes Golvthal beſinde; indeſſen haben wir es erſt nach langem Suchen gefunden. Sie kannten es alſo auch, und ſogar 136 beſſer, als wir, da ſie alsbald und ohne einen Augen⸗ blick zu verlieren, das ſogenannte Placer gefunden, und, meiner Treu! ſchon ſo Viel geſammelt haben, daß Sie Ihrem Schutzpatron eine Kirche bauen laſſen könn⸗ Cuchillo fühlte bei dieſem indirekten Angriffe, und bei der Erinnerung an die Unvorſichtigkeit, die er ſich hatte zu Schulden kommen laſſen, wie ſeine Beine un⸗ ter ihm zuſammenbrachen. „Auch iſt es wirklich meine Abſicht, dieſes Gold nur zu gottſeligen Zwecken zu verwenden„ ſagte er, ſeine Angſt, ſo gut er konnte, verhehlend.„Was dieſes wunderſame Thal betrifft, ſo verdanke ich die Kenntniß desſelben„dem dem Zufalle.“ „Der Zufall kommt der Tugend doch immer zu Hülſe,“ antwortete Pepe phlegmatiſch.„Wohlan! An Ihrer Stelle würde ich gleichwohl in Betreff der Nähe dieſer zwei Tannenbäume nicht ganz ruhig ſein.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ rief Cuchillo er⸗ bleichend. „Oh! Nichts, ich wollte nur andeuken„ daß dieſe Bäume für Sie eine jener kleinen Unannehmlichkeiten bilden könnten, von denen Sie ſo eben ſagten, daß ein Mann ſich nicht darum kümmern dürfe. So wahr Gott lebt! Sie haben ja da einen Schatz, der den Reiv eines Königs erregen könnte!“ „Ich habe dieſes Gold ehrlich und reblich verdient. Um es zu verdienen, habe ich einen Mord begangen; was ich gethan habe, war gewiß nicht weniger Werth. „Zum Teufel!“ Ich bin nicht gewohnt, die Leute um⸗ ſonſt umzubringen,“ rief Cuchillo erbittert. Wir müſſen hiebei bemerken, daß der Bandit dem Carabinier andere Abſichten unterſchob, und in der be⸗ unruhigenden Zurückhaltung deſſelben bloß das Be⸗ dauern der getäuſchten Habſucht erblickte. Dem Kaufmanne gleich, ver in einem Sturme einen Theil der Ladung dem Meexe preisgibt, um den andern ———— zu retten, beſchloß Cuchillo ſeufzend, die Geſahr von der er ſich in unbeſtimmter Weiſe bedroht ſah, durch Aufopferung eines Theils bes Schatzes abzuwenden. „Ich wiederhole Ihnen,“ ſprach er leiſe,„daß der Zufall allein mich dieſes Placer hat finden laſſen; in⸗ deſſen fühle ich den ganzen Egoismus meines Betragens; es iſt nicht meine Abſicht, Ihren Antheil auch zu nehmen. Hören Sie,“ ſetzte er hinzu,„es beſindet ſich an einem andern Orte ein Goldblock von unſchätzbarem Werthe: ehrliche Leute bekommen nie mit einander Streit, und dieſer Block ſoll Ihnen gehören. Ah! Ihr Antheil wird noch ſchöner ſein, als der meinige.“ „Ich hoffe es,“ ſprach Pepe;„und an welchem Orte ſoll ich meinen Antheil ſuchen?“ „Dort oben!“ ſprach Cuchillo auf die Spitze der Pyramide deutend. „Dort oben? bei den Tannenbäumen? Ah, Senor Cuchillo! Wie ſehr freut es mich, daß Sie einen al⸗ bernen Scherz nicht übel aufgenommen, und daß dieſe Bäume Ihnen eben ſo wenig Beſorgniß einflößen, wie ein Büſchel Oregano-Kraut. Don Tiburcio, den Sie ſcheinbar ſo ganz in ſich verſunken ſehen, bereut, unter uns geſagt, wirklich Nichts, als den ungeheuren Lohn, den er Ihnen für ein Geſchäſt gegeben, das er ſelbſt hätte eben ſo gut beſorgen können.“ „Einen ungeheuren Lohn! Es war dieß der ge⸗ naueſte Preis, und hätte ich weniger erhalten, ſo würde ich bei dem Geſchäfte verloren haben,“ rief Cuchillo, ver ſeine gewohnte Frechheit wieder erlangte, als er die Veränderung ſah, die im Tone und in den Manieren des Excarabiniers Statt gefunden hatte. „Ich bin mit Ihnen einverſtanden,“ verſetzte Letzterer, „aber es konnte ihn der Handel dennoch reuen, und ich muß Ihnen geſtehen, daß, wenn er mir den Befehl gäbe, Ihnen eine Kugel durch den Kopf zu jagen, um denſelben wieder aufzuheben, ich ihm gehorchen müßte. Erlauben Sie mir daher, ihn herrufen zu dürfen, um 1hn zu beruhigen, oder aber, 138 was noch beſſer iſt,— zeigen Sie mir den Antheil, den Ihre Freigebigkeit für mich beſtimmt hat. Wir werden dann, Jeder für ſich, ſo Viel als möglich zu bekommen ſüchen, und was Sie auch ſagen mögen, der Ihnen zufallende Antheil wird alle Ihre Erwartungen übertreffen.“ „Gehen wir alſo!“ antwortete Cuchillo, der ganz glücklich war, eine Unterhandlung, deren Reſultat ihn ernſtlich zu beunruhigen anfing, auf eine für ihn ſo vortheilhafte Weiſe ſich beendigen zu ſehen. Und er ging, auf den auf ſeiner Decke liegenden Goldhaufen einen Blick leidenſchaftlicher Zärtlichkeit werfend, auf die Anhöhe zu. Kaum war er auf der Spitze angekommen, als, auf die Einladung Pepe's, Fabian und Roſenholz auf der andern Seite gleichfalls heraufgeſtiegen kamen. „Niemand kann ſeinem Schickſale entgehen,“ ſprach Pepe zu Fabian,„und ich hatte Ihnen ja im Voraus geſagt, daß der Schlingel nicht einmal die Miene ver⸗ ändern würde. Wie dem aber auch ſei, erinnern Sie ſich, daß Sie geſchworen haben, den Tod Ihres Adoptiv⸗ vaters zu rächen, und daß Sie in dieſen Wüſten die Juſtiz der Städte beſchämen müßten, die das Ver⸗ brechen unbeſtraft läßt. Wenn man es mit ſolchen Spitzbuben zu thun hat, iſt die Nachſicht ein Verbrechen gegen die Geſellſchaft. Roſenholz, ich werde der Hülſe Deiner Arme bedürfen,“ Der kanadiſche Jäger befragte mit dem Blicke den, ſür welchen ſeine blinde Hingebung keine Grenze kannte. „Marcos Arellanos hat um Gnade gefleht, und hat ſie nicht erhalten,“ ſprach F abian, deſſen Unſchlüſſig⸗ keit nun ein Ende hatte.„Es möge nun auch dieſem gethan werden, wie er Andern gethan!“ Und die drei unerbittlichen Männer nahmen in ſeierlicher Weiſe auf der Spitze der Pyramide Platz, wo Cuchillo ſie ſchon erwartete. Als Letzterer das ernſte Geſicht der Männer ſah, ———————————————— die er innerlich aus ſo vielen Gründen fürchten mußte⸗ fühlte er, wie alle ſeine Befürchtungen wiederkehrten. Indeſſen ſuchte er ſein zuverſichtliches Weſen wieder zu erlangen. „Sehen Sie,“ ſprach er hinter dem Waſſer, deſſen imponirendes Murmeln an ihre Ohren hallte, den Ort zeigend, wo bis daher der Goldblock ſeinen blendenden Schimmer geworfen hatte, und von dem nur noch eine Spur an der Seite des Felſen zurück blieb. Das gierige Auge des Banditen hatte bald be⸗ merkt, daß der Goldblock verſchwunden war, und er ſtieß plötzlich einen Wuthſchrei aus, den er aber alsbald wieder unterdrückte. Aber ſeine Richter ſahen nicht nach der Richtung hin, die er angezeigt hatte. Fabian erhob ſich langſam; ſein Blick hatte die Wirkung, daß ein Schauer des Schreckens unter der Oberhaut Cuchillos hinlief. „Cuchillo,“ ſprach er,„Sie haben mich verhindert, vor Durſt zu ſterben, und Sie haben keinem Undank⸗ baren einen Dienſt erwieſen. Ich habe Ihnen den Dolch⸗ ſtich verziehen, den Sie mir auf der Hacienda del Ve⸗ nado gegeben. Ich habe Ihnen neue Mordverſuche, die Sie in der Nähe des Salto de Agua gewagt, verziehen; ich habe Ihnen den Schuß verziehen, den Sie allein, von der Spitze dieſer Pyramide herab, haben thun können, und der uns galt; ich hätte Ihnen endlich alle Mordverſuche verziehen, die nur zum Zwecke gehabt hätten, mir das Leben wieder zu nehmen, das Sie mir erhalten; nicht zufrieden, Ihnen verziehen zu haben, hatte ich Sie ſogar bezahlt, wie kein König den Voll⸗ ſtrecker ſeiner Blutbefehle bezahlt.“ „Ich leugne es nicht, aber dieſer ehrenwerthe Jä⸗ ger, der mir mit unendlich vieler Zartheit Ihre Be⸗ denklichkeiten auseinandergeſetzt hat, hat Ihnen wohl ſchon geſagt, wie nachgiebig er mich in dieſer Be⸗ ziehung geſunden hat.“ „Ich habe Ihnen verziehen,“ verſetzte Fabian, „allein es liegt unter Andern ein Verbrechen vor, von dem Ihr Gewiſſen Sie wohl nicht freigeſprochen hat.“ „Ich komme mit meinem Gewiſſen immer gar gut zurecht,“ antwortete Cuchillo mit einem graciös un⸗ heimlichen Lächeln;„allein es ſcheint mir, wir ſchweifen ein Bischen ab.“ „Der Freund, den Sie niederträchtiger Weiſe er⸗ mordet haben...„ „Machte mir meinen ehrlichen Gewinnſt ſtreitig, und, meiner Treu! die Branntweinconſumtion war ſehr ſtark,“ ſiel Cuchillo ihm ins Wort.„Aber er⸗ lauben Sie mir..4 „Stellen Sie ſich nicht, als ob Sie mich nicht verſtänden,“ rief Fabian, über die Frechheit des Spitz⸗ buben erbittert. Cuchillo ſuchte ſeine Erinnerungen zu jixiren, und ſprach: „Wenn Sie von Tio Tomas ſprechen, ſo iſt das eine Geſchichte, die man nie genau erfahren, indeſſen....“ Fabian öffnete den Mund, um die Beſchuldigung, daß Cuchillo Don Arellanos ermordet, Flar zu formu⸗ liren, als Pepe das Wort nahm. „Ich möchte die Geſchichte des Tio Tomas genau wiſſen,“ ſagte er;„vielleicht hat' Senor Cuchillo nicht ſo viel Muße, um ſeine Memoiren ſchreiben zu können, was wirklich Jammerſchade wäre.“ „Auch mir,“ verſetzte Cuchillo, der ſich durch das Compliment geſchmeichelt fühlte,„liegt daran, der Welt zu beweiſen, daß es wenige Menſchen gibt, die ein zarieres Gewiſſen haben, als ich. „Die Sache verhält ſich alſo: Tio Tomas, mein Mann, hatte einen Neffen, der den Augenblick des An⸗ fangs der Erbſchaft nicht erwarten fonnte, was recht undankbar von ihm war, wenn man bevenkt, vaß Tio ein ſo ſchönes Trſtament gemacht. „Es war ſo undankbar von ihm, daß ich Tio —. Tomas von der Sache benachrichtigte. Ich erhielt zwei⸗ hundert Piaſter von ihm, damit ſein Neffe ihn nie be⸗ erben möchte. Ich beging den Fehler, daß ich den Neffen, ohne ihm vorher Etwas davon zu ſagen, wie ich vielleicht hätte thun ſollen, aus dieſer Welt.. ſchickte. Da fühlte ich, wie unbequem ein ſo krittliches Gewiſſen, wie das meinige, iſt; ich griff daher zu dem einzigen Auskunftsmittel, das mir noch zu Gebot ſtand. Das Geld des Neffen lag mir auf dem Gewiſſen; ich beſchloß, mich deſſelben zu entledigen.“ „Des Geldes?“ „Bei Leibe nicht!“ „Und Sie ſchickten den Oheim gleichfalls aus der Welt?“ rief Pepe. Cuchillo verneigte ſich. „Nun konnte mir mein Gewiſſen nicht den ge⸗ ringſten Vorwurf mehr machen. Ich hatte mit der finnreichſten Biederkeit dreihundert Piaſter verdient.“ Cuchillo lächelte noch, als Fabian rief: „Hatte man Sie auch für die Ermordung des Mar⸗ cos Arellanos bezahlt?“ Bei dieſer ſo unerwartet und ſo blitzſchnell kom⸗ menden Anklage entſtellte eine livide Bläſſe die Züge Cuchillo's. Er konnte ſich in Betreff des Schickſals, das ihn erwartete, nicht länger täuſchen. Die Binde, die ſeine Augen bedeckte, fiel plötzlich ab, und auf die Illuſionen, die er ſich gemacht, folgte plötzlich eine furcht⸗ bare Wirklichkeit. „Marcos Arellanos,“ ſtotterte er mit maiter Stimme heraus,„wer hat es Ihnen geſagt? Ich habe ihn nicht umgebracht!“ Fabian lächelte bitter. „Wer ſagt,“ rief er,„dem Hirten, wo die Höhle des ſeine Herden zerreißenden Jaguar ſich befindet? Wer ſagt dem Vaquero, wohin ſich das Pferd geflüchtet, das er verfolgt? Wer zeigt dem Indianer den Feind, den er ſucht? Wer dem Goldſucher das Gold, das Gott verbirgt? Die Oberfläche des Sees allein behält die Spur des Vogels nicht, der über deſſen Waſſer, und über die ſich darin ſpiegelnde Wolke hinfliegt! Aber der Boden, die Kräuter, das Moos, Alles behält für unſere, der Wüſte Söhne, Augen die Spur des Jaguars, des Pferdes, des Indianers; wiſſen Sie es nicht ſo gut, wie ich?“ „Ich habe Arellanos nicht umgebracht,“ wieder⸗ holte der Mörder. „Ich ſage Ihnen, Sie haben ihn umgebracht! Sie haben ihn bei dem gemeinſchaftlichen Feuer getödtet; Sie haben ſeinen Körper in den Fluß geworfen; der Boden hat mir Alles erzählt— von dem Fehler des Sie tragenden Pferdes bis zu der Wunde am Beine, die Sie im Kampfe erhalten haben!“ „Gnade, Gnade, Senor Tiburcio!“ rief Cuchillo, der durch die plötzliche Enthüllung dieſer Thatſachen, wovon nur Gott Zeuge geweſen, wie vernichtet war. „Nehmen Sie alles Gold, das Sie mir gegeben, nur laſſen Sie mir das Leben, und als Dank dafür will ich Ihnen alle Ihre Feinde umbringen:— immer und überall werde ich auf ein bloßes Zeichen von Ihnen morden„. umſonſt...„ſelbſt meinen Vater, wenn Sie es befehlen,— aber im Namen des allmächtigen Gottes, deſſen Sonne uns beleuchtet, laſſen Sie mir das Leben, laſſen Sie mir das Leben!“ fuhr er fort, während er zu den Knien Fabian's heranktoch. „Arellanos bat Sie auch um Gnade,— haben Sie aber ſeine Bitte erhoͤrt?“ fragte Fabian, ſich um⸗ wendend. „Ich hatte ihn ja aber nur getödtet, um mich allein alles dieſes Goldes zu bemächtigen, und jetzt gebe ich dieſes Gold für mein Leben hin; was wollen Sie weiter?“ fuhr er fort, während er Pepe, der ihn zurückhalten wollte, Widerſtand leiſtete, um Fabian die Füße zu küſſen. Rit durch den Schrecken verzerrten Zügen, einen — — weißlichen Schaum vor dem Munde, die Augen weit aufgeriſſen, aber ohne Blick, flehete Cuchillo noch um ſein Leben, indem er bis zu Fabian heranzukriechen ſuchte. Der Bandit war ſo endlich am Rande der Platt⸗ form angekommen. Hinter ſeinem Kopfe ßlürzte ſich das Waſſer ſchäumend in den Abgrund. „Gnadel Gnade!“ wiederholte er,„Gnade im Namen Ihrer Mutter, Gnade im Namen der Dona Roſarita, die Sie liebt; denn ich weiß, ſie liebt Sie „„ich habe es gehört „Wie?“ rief Fabian, auf Cuchillo zuſtürzend, allein die Frage erſtarb ihm auf den Lippen. Durch den Fuß des Carabiniers fortgeſtoßen, ſtürzte Cuchlllo rückwärts in den Abgrund. „Was haben Sie gethan, Pepe?“ rief Fabian. „Der Schlingel,“ ſprach der Ercarabinier,„war weder den Strick, an dem er hätte aufgehängt werden ſollen, noch den Schuß Pulver werth, der ihm das Garaus gemacht hätte.“ Ein herzzerreißender Schrei,— ein aus dem Ab⸗ grunde emporſteigender Schrei übertönte ihre Stimmen, und beherrſchte das Geräuſch der Cascade. Fabian buͤckte ſich über den Abgrund hin, und wich, wie von Entſetzen ergriffen, zurück. Er hatte an den Zweigen eines Geſträuches, deſſen Wurzeln unter ihrer Laſt allmählig ſich von dem Felſen losmachten, Cuchillo geſehen,— Cuchillo, der vor Angſt brüllte, und über dem leeren Raume hing. „Steht mir doch bei!“ ſchrie er;„ſteht mir doch beil wenn Ihr noch ein menſchliches Herz habt!“ Die drei Freunde wechſelten einen nicht in Worte zu überſetzenden Blick; Jeder wiſchte ſich den Schweiß von der Stirne. Alle drei lauſchten ängſtlich. Ein kurzes Schweigen folgte auf die flehentlichen Bitten Cuchillo's. Das Uebermaß des Schreckens er⸗ 144 ſtickte ohne Zweifel ſeine Stimme, oder aber erloſch ſeine Vernunft unter der furchtbaren Erſchütterung. Wirklich überlief es ſie auch plötzlich eiskalt, als ein noch ſcheußlicheres Gelächter in ihre Ohren drang. „Ah!... ah! ſchrie der Bandit,„warum funkeln die Augen Don Eſtevan's ſo?.... Warum ſchimmert dieſer Goldblock ſo außerordentlich?... Ah! ich erkläre mir es... Don Eſtevan„das Gold ſeine Augen Ahl! Lhl Der Abgrund brüllte einen Augenblick gewaltiger; es war das Zeichen, daß der Körper endlich in den See gefallen war, den der Waſſerfall bildete. Bald aber nahm die Cascade die ganze feierliche Monotonie ihrer Stimme wieder an. „Ah!“ rief Fabian,„Sie haben dem Gerichte der Menſchen ſeinen erhabenen Charakter genommen.“ „Vielleicht!“ antwortete Pepe,„allein das Gericht Gottes, von dem wir ſo eben Zeugen geweſen, iſt noch furchtbarer!!“ Meunundvierzigſtes Rapitel. Innere Stimmen. Unterdeſſen verlängerten ſich die von den Bergen geworfenen Schatten unmerklich nach Oſten hin, und nahmen allmählig die Ebene ein. Unter dieſen Schat⸗ ten, die immer größer wurden, je mehr die Sonne, wäh⸗ † rend ſie ihre ewige Ellipſe beſchrieb, nach Weſten rückte, —— erloſchen die ſchimmernden Lichter des Goldthales wie eine täuſchende Fata Morgana. Noch einige Stunden, und es umhüllte die gleiche Finſterniß, die gleiche Stille von Neuem die Einöden, in welchen alle dieſe Ereigniſſe ſich zugetragen. Noch eine Pflicht blieb zu erfüllen: es war die Pflicht, Don Antonio de Mediana ſtandesgemäß zu be⸗ graben. Pepe und der canadiſche Jäger übernahmen dieſes Geſchäft, und der Körper Don Antonio's, der auf ihren Armen bis auf die Spitze der Pyramide getragen wurde, fand im Grabe des indianiſchen Häuptlings ſein letztes Aſyl. Der Aberglaube, der dieſen Ort ſchützte, ſicherte ihn vor einer Profanation durch Menſchenhände; der Wind, der über die Höhen wegblies, mußte den Todten⸗ geruch weithin zerſtreuen und denſelben dem Geruchsſinne der reißenden Thiere entziehen; die Steine, die ihn be⸗ deckten, ſchützten ihn hinlänglich vor den Raubvögeln. „Wie oft,“ rief der canadiſche Jäger melancholiſch, —„wie oft habe ich mich nicht, ſeitdem ich eine Flinte oder einen Carabiner zu tragen vermag, in ſolchen feier⸗ lichen Augenblicken befunden, wo man ſeine Todten zählt! Ah! was man auch ſagen mag, der Inſtinkt des Blut⸗ durſtes wird beim Menſchen nie erlöſchen; mag er ſeinen Mitmenſchen in den endloſen Räumen des Oceans, oder in den großen Wüſten des feſten Landes begegnen, — ſtets iſt das Reſultat das gleiche: Blut röthet das Meer oder trinkt der Sand ein,— und doch ſcheint Goit die Erde und das Meer nur darum ſo groß ge⸗ macht zu haben, daß für Jedermann Platz darauf ſei.“ „Wollen Sie mir da einen indirekten Vorwurf ma⸗ chen?“ fragte Fabian in ſchmerzlichem Tone.„Ich habe dem Mörder meiner Mutter das Todesurtheil verkün⸗ digt, und die Hand eines Andern ſei meiner Juſtiz nur zuvorgekommen,— werden Sie ſagen. Ich hatte auch den Mörder meines Adoptivvaters verurtheilt, wie ich Der Waldläuſer M. 10 146 den Ihrigen gerichtet haben würde: ein Anderer hat die Vollziehung des Urtheilsſpruches gleichfalls übernommen. Was ich gethan habe, würde ich noch thun,“ ſetzte er ſtundhaft hinzu;„hätte ich das Recht gehabt, dem Ei⸗ nen oder dem Andern zu verzeihen?“ „Es iſt in Deiner Seele Bitterkeit, mein liebes Kind,“ rief Roſenholz.„Nein, nein, ich würde unge⸗ recht und unvernünftig ſein. Hätte ich auch ſelbſt nicht in dieſer furchtbaren Sache eine der Deinigen ähnliche Anſicht ausgeſprochen, ſo hätte ich dennoch nicht das Recht, Dich anzuklagen. Gott behüte mich davor, daß ich Dein Benehnmen tadle! Ich habe zwar in der Bibel geleſen:„„Die Rache iſt mein, ſpricht der Herr!““— Auch habe ich darin geleſen:„„Wehe dem, der in mei⸗ ner Hand der Stab meiner Gerechtigkeit und die Ruthe meines Zorns ſein wird!““—„Aber.... „Wir haben uns die Rache des Herrn angemaßt, wir ſind der Stab ſeiner Gerechtigkeit geweſen,“ unter⸗ brach ihn Fabian in düſterem Tone;„ſollen wir darum geſtraft werden?“ Roſenholz hörte auf, mit dem Hahn ſeiner Büchſe maſchinenmäßig zu ſpielen, und warf auf Fabian einen. Blick zärtlicher Liebe. Es war leicht zu ſehen, daß der Jüngling eine der geheimen und peinlichen Befürchtungen ſeines Herzens laut überſetzt hatte. „Das habe ich nicht ſagen wollen,“ hob der Cana⸗ dier wieder an, der durch den prophetiſchen Sinn ſeiner eigenen Worte unwillkürlich ſelbſt traurig geſtimmt wor⸗ den war;„dieſes Verbot und dieſe Drohung ſind nicht auf die regelmäßige Juſtiz der Menſchen anwendbar, und heute haben wir das Gericht der Städte repräſentirt, das Gott ſelbſt repräſentirt. Es war eine jener tran⸗ rigen Nothwendigkeiten, welche die Vorſehung uns auf⸗ erlegt und die man zu tragen wiſſen muß. Du haſt ſie getragen, wie es einem edlen Herzen ziemt. Haſt Du nicht den Glanz und die Herrlichkeiten dieſer Welt, welche e 1. r — 6 der Mörder Deiner Mutter Dir anbot, in edler Weiſe zurückgewieſen? Hätteſt Du anders gehandelt, ſo hät⸗ teſt Du Dich einer Feigheit, einer Niederträchtigkeit ſchuldig gemacht. „Ich bin ſtolz auf Dich, mein vielgeliebter Sohn⸗ Erblicke alſo in meinen Reflerionen über die Erbitterung, womit die Menſchen einander vertilgen, Nichts als einen peinlichen Gedanken, der mir eigen iſt. „Die Zeit kommt heran, wo ich allein ſein werde, und ich habe mich nicht enthalten können, zu denken, ich werde, wenn einſt mein Stündlein geſchlagen, vielleicht keinen Freund finden, der meinen Körper den reißenen Thieren und den Beſchimpfungen der Menſchen entzieht.“ Fabian antwortete nicht, und der Jäger fuhr, einen Seufzer unterdrückend, alſo fort: „Ehe ich Dich wievergefunden, Fabian, wagte ich nicht, an die Vergangenheit zu denkenz nun aber wage ich nicht, an die Zukunft zu denken.“ Und der Jäger ſeufzte von Neuem⸗ „Aber wozu nützt es, ſich mit dem zu beſchäſtigen, was nicht mehr iſt, oder mit dem, was noch nicht iſt? Was kann ich für den Augenblick mehr wünſchen? Biſt Du nicht bei mir, und habe ich nicht das Kind noch zu beſchützen, das mich der Himmel hat wieder ſinden laſſen? „Wohlan, wenn Du nicht mehr da biſt, werde ich bei mir ſelbſt ſagen:„Wenn Gott, der ihn zweimal mir zugeſandt hat, ihn mir nicht wieder ſchenkt, ſo kommt dieß daher, weil er reich, glücklich iſt, und weil keine Gefahr ihm droht.““— Und dieſer Gedanke wird mich in meiner Einſamkeit tröſten.“ Der Jäger wandte ſich ab, um die Gemüthsbewe⸗ gung zu verbergen, die ſich auf ſeinem Geſichte malke, und ſich ſeiner Stimme mittheiltez er ſchien eine Ant⸗ wort Fabian's zu erwarten. Aber Fabian blieb ſtumm⸗ 148 „All' dieſes Gold gehört Dir, mein Sohn,“ fuhr Roſenholz fort;„es iſt dieß das Erbe, das Dein Adop⸗ tivvater Dir hinterlaſſen. Ich werde mit Pepe ſo viel davon wegtragen, als mit unſeren Kräften vereinbar iſt. Wir haben ſchon viel Zeit verloren!“ „An die Arbeit, Pepe!“ hob nach einer Weile der Canadier wieder an, indem er ſich zu dem Spanier wandte, der, das Geſicht auf die Hand geſtützt, eben⸗ falls melancholiſche Blicke auf die Wüſte warf, denn die Befriedigung einer Leivenſchaft läßt im Herzen ſtets den Platz leer, den ſie dort einnahm. „Noch nicht,“ ſagte mit ſanfter Stimme der Jüng⸗ ling, der durch den zärtlichen Ton des Canadiers ſanſt geſtimmt worben war.„Wenn es Ihnen recht iſt, ſo wollen wir die Nach t hier zubringen. Ich muß mich ſammeln; furchtbare Ereigniſſe haben meinen Geiſt ge⸗ waltig erſchüttert, und ich werde die Stille der Nacht und der Wüſte über das befragen, was ich thun ſoll. Und morgen werde ich es Euch ſagen.“ „Ueber das, was Du thun ſollſt?“ fragte Roſen⸗ holz mit der Miene eines Ueberraſchten. jeder weitere Tag iſt mir koſtbar, den ich bei Dir bin. Du hoͤrſt es, Pepe, meine Anſicht geht alſo dahin, daß wir unſer Lager da oben auf dem Hüge laufſchlagen müſſen. Dieſe Anhöhe wird uns vor einem Ueberfalle ſichern ½ „Ja,“ ſprach Fabian,„aus der Nähe des Mannes, der ſeit einer Stunde neben dem indianiſchen H ich Nutzen ziehen werde.“ Die Sonne neigte ſich je mehr und mehr dem Hori⸗ zonte zu, und die drei Freunde beſtiegen von Neuem Von der Spitze pes Hügels herab heherrſchte das 149 Auge weithin die Wüſte, und der Anblick berſelben war ſo beſchaffen, daß man auf eine ruhige Nacht hoffen durfte. Eine feierliche Ruhe herrſchte überall. Mit Aus⸗ nahme eines Geierſchwarmes, der über dem Pferde Don Eſtevan's ſchwebte, welches leblos auf der Ebene liegen geblieben, während ſein Herr in ſeinem Grabe lag, und welches an eine blutige Kataſtrophe erinnerte, hatte Alles daſſelbe Ausſehen düſterer Ruhe wieder ange⸗ nommen. Dieſe ruhigen Abendſtunden verſetzen Einen auf dem Lande in eine träumeriſche Stimmungz in der Wüſte aber vermiſcht ſich ſtets ein Gefühl der Furcht mit den Gedanken, die ſie wecken. Pepe, der weniger in Gedanken vertieft war, als ſeine beiden Gefährten, warf allein von Zeit zu Zeit ſorgenvolle Blicke auf den Horizont.* „Nach meiner Anſicht,“ ſprach er endlich,„begehen wir eine große Unklugheit, indem wir heute Nacht hier bleiben.“ „Warum das? Wo können wir eine feſtere und vortheilhaftere Stellung finden, als auf dieſer Höhe 2“ fragte der Canadier. „Wir haben zwei Spitzbuben entkommen laſſen, deren Groll uns noch einen uͤblen Streich ſpielen wird.“ „Wiel die zwei Lumpen? Erinnerſt Du Dich nicht, daß wir einen dieſer Taugenichtſe in denſelben Abgrund haben ſtürzen ſehen, wohin Du ihm Cuchillo nachge⸗ ſchickt haſt?“ „Das iſt wahr, und ich werde mich noch lange der herzzerreißenden Schreie des Unglücklichen erinnern,“ verſetzte Pepe, der bei dieſer furchtbaren Erinnerung ſchanderte;„allein der Andere wird in das Lager zu⸗ rückkehren, und vielleicht bekommen wir noch heute Abend ſechzig Mann auf den Nacken.“. „Ich glaube es nicht. Derjenige, der vor unſern Augen in den Abgrund der Cascade geſtürzt iſt, iſt wohl 150 nicht aus Zufall hinuntergefallen. Ich möchte darauf wetten, daß ſein Gefährte ihn in denſelben hinabgeſto⸗ ßen. Warum? Um allein im Beſitze des Geheimniſſes zu ſein, und wenn er daſſelbe mit ſeinem Freunde nicht hat theilen wollen, wird er dann ſechzig gierige Gold⸗ ſucher zu dem Gaſtmahle einladen, das er ſich verſpricht? Weit entfernt, das Lager wieder aufgeſucht zu haben, liegt der Schlingel um dieſe Stunde wahlſcheinlich in irgend einer Schlucht verborgen, um die hereinbrechende Nacht zu erwarten. Sobald die Finſterniß die Wüſte bedecken wird, werden wir ihn um den Schatz herum⸗ ſchleichen ſehen, wie wir die Wolfe um das Aas, das dort unten liegt, werden heulen hören.“ Der Canadier täuſchte ſich in ſeinen Vermuthungen S ſo weit es wenigſtens das Schickſal Droche's betraf. „Alles, was Du da ſagſt, iſt recht wahrſcheinlich,“ antwortete Pepe, ohne ſich überzeugen zu laſſen;„deſſen ungeachtet aber beharre ich auf meiner Anſicht. Wir ſollten, da wir noch zwei Stunden Tag vor uns haben, Zeder dreißig bis vierzig Pfund von dieſem Golde mit fortnehmen. Es iſt dieß leicht, und macht, wenn ich mich nicht täuſche, eine ziemlich hübſche Summe. Wir würden in der Richtung des Preſidio Tubac die ganze Nacht fortgehen; wir würden an irgend einem Orte unſeren Schatz vergraben, um zurückzukommen und ein neues Quantum zu holen. Würde auch der Schlingel, dem wir ſo freien Spielraum ließen, ſo viel Gold mit⸗„ fortnehmen, als er ſchwer iſt, ſo würde er dennoch mehr zurücklaſſen, als Fabian braucht. Iſt dieſe Maſſe von Reichthümern in dieſem Thale nicht ein Wunder Gottes 24 Während dieſe Worte geſprochen wurden, warfen die beiden Jäger einen Blick nach unten. Der Schatten verlängerte ſich allmählig auf dem Goldthale, und der magiſche Schimmer verſchwand nach und nach in dem zunehmenden Schatten. „Ich ſage Dir, der Mann wird nicht in das Lager 4 151 zurückkehren, es iſt das nicht ſein Intereſſe,“ fuhr Ro⸗ ſenholz fort,„und übrigens werden wir in einigen Stunden fortgehen.“ „Und, wollen wir bis worgen warten, um den ar⸗ men Teufel wieder aufzuſuchen, den wir dort unten ge⸗ laſſen haben?“ „Würden wir nicht noch länger warten, wenn wir Deiner Anſicht folgten? Ich antworte, daß das Fieber ihn, wie eine Ratze, hat heute den ganzen Tag ſchlafen laſſen,“ hielt ihm Roſenholz entgegen.„Er iſt in Sicherheit; er hat Waſſer; wir könnten bis morgen Nichts für ihn thun. Meine Anſicht geht dahin, daß wir ihn liegen laſſen ſollten, wo er iſt; es iſt dieß viel⸗ leicht hartherzig,“ ſetzte er ganz leiſe hinzu;„allein Du wirſt einſehen, daß er um den Schatz, oder wenigſtens um den Ort, wo er liegt, ſchlechterdings nicht wiſſen darf. Wir werden ihn für das gezwungene Alleinlaſſen entſchädigen, indem wir ihm einige von dieſen Goldkie⸗ ſeln geben, und dann wollen wir. Ah! da iſt der Haken: was werden wir mit ihm anfangen?“ „Wir werden Rath zu ſchaffen ſuchen; allein ich vermuthe, daß er, ſobald er ſpürt, daß er einige Pfunde Gold in der Taſche hat, nichts Eiligeres zu thun haben wird, als uns zu danken, um den Wohnungen der Men⸗ ſchen zuzueilen.“ Dieſe Unterredung zwiſchen den beiden Jägern fand in dem Augenblick Statt, wo Fabian auf eine Weile in die Ebene hinabgeſtiegen war, um freier nachdenken zu können. „Das Klarſte bei all' dieſem iſt,“ endigte Pepe, „daß Du meine Anſicht theilſt, daß aber bei Don Fa⸗ bian ſich die gefährliche Caprice feſtgeſetzt hat, die Nacht hier zuzubringen, und daß dieſe für Dich das höchſte Geſetz iſt.“ Der Cahadier lächelte, antwortete aber keine Sylbe. In dieſem Augenblicke kam Fabian wieder bei ſei⸗ nen zwei Gefährten oben auf den Hügel an⸗ „Ich will nun auch,“ ſprach der Carabinier,⸗„einen Blick hinter dieſe Felſen werfen.“ Pepe entfernte ſich mit der Büchſe auf der Schulter. Eine halbe Stunde darauf erſchien er wieder. Er hatte die Spuren Baraja's und Oroche's in der Rich⸗ tung der Berge gefunden, jedoch es nicht für angemeſſen erachtet, dieſelben über einige hundert Schritte zu ver⸗ folgen. Dann war er die kleine Felſenkette hinaufge⸗ klettert, hinter der die beiden Abenteurer ihren Büchſen⸗ ſchüſſen entgangen waren. „Der Gipfel dieſer Felſen,“ ſetzte der Miquelete, ſeinen Bericht beendigend, hinzu,—„und Ihr könnt es Beide von hier aus ſehen,— iſt wit ſo dichten Ge⸗ ſträuchen bedeckt, daß fünf bis ſechs Männer uns auf dieſer Plattform viel Schaden zufügen können, und ich wäre faſt der Anſicht, dieſen Poſten zu verlaſſen und den anderen zu beſetzen.“ Ein einziger Umſtand verhinderte den Canadier, die Meinung Pepe's zu theilen. Es beſtand berſelbe darin, daß im Falle einer Belagerung die Cascade ſo nahe bei ihnen war, daß ſie mit Hülfe einer an einem Aſte be⸗ feſtigten Kürbisflaſche ſich ſtets mit Waſſer verſorgen konnten. Es war dieß eine Hauptſache, denn unter einer glühenden Sonne war das Waſſer faſt immer nothwen⸗ diger, als Lebensmittel. Die drei Jäger beſchloſſen daher einſtimmig, auf der Plattform, die ſie beſetzt hielten, zu bleiben, und ſich gegen vier Uhr Morgens auf den Weg zu machen. Der Canadier hatte die ferne Erſcheinung des myſteriöſen Kahns, die ihm im Laufe des Morgens auf⸗ gefallen war, nicht vergeſſen. Auch verhehlte er ſich nicht, daß es, wie Pepe ſich ausgedrückt, von Seiten Fabian's eine gefährliche Caprice ſei, die Nacht ſchlechterdings an einem Orte zubringen zu wollen, von dem in irgend einer Weiſe im Lager der Goldſucher Ctwas konnte be⸗ kannt worden ſein! Allein für den guten Canadier war es genug, daß ſein Kind ſeinen Wunſch ſo beſtimmt aus⸗ geſprochen: er mußte ſich demſelben gelehrig fügen. Alles in Allem genommen, war die Plattſorm, worauf das indianiſche Grab ſich befand, höher gelegen, als die Felſenkette. Zwei von den großen flachen Stei⸗ nen, die in der Ebene ſo häuſig vorkamen, und ſich nahe bei ihnen befanden, wurden als Vertheidigungs⸗ Mittel benützt, und es bildeten dieſelben, in Verbindung mit den natürlichen Zinnen des abgeſtumpften Hügels, pald eine Verſchanzung, hinter der die drei Jäger im Nothfalle vor den Kugeln geſchützt waren. Nachdem dieſe Vorſichtsmaßregel ergriffen worden, warf der Canadier einen Blick ruhiger Befriedigung umher. Ihr Pulver- und Bleivorrath war mehr denn hinreichend, und was das Uebrige betraf, ſo verließ ſich der Jäger auf ſeinen guten Stern,— auf die Uner⸗ ſchrockenheit ſeines Herzens, auf die Richtigkeit ſeines Blicks, und auf ſein Talent, ſich Alles zu nutze zu machen, — ein Talent, das ihn aus ſo vielen Fährlichkeiten, die dem Anſcheine nach der Hoffnung keinen Raum mehr ließen, gerettet hatte. „Und nun,“ ſprach Pepe,„wollen wir uns vor der erſten Nachtwache damit beſchäftigen, daß wir einen Biſſen eſſen. Haſt du noch ein Stück trockenem Fleiſches in Deinem Ranzen, Roſenholz? Was mich betrifft, ſo habe ich kaum noch einige Broſamen, die einander nachſpringen, ohne ſich gegenſeitig einholen zu können.“ Als man die Mundvorräthe muſterte, ſtellte es ſich heraus, daß, mit Ausnahme eines noch auf zwet Tage reichenden Pinole-Quantums*), gerade noch ſo viel an der Sonne gedörrtes Fleiſch übrig war⸗ als zu einem armſeligen Mahle reichte. Da aber Fabian erklärte, *) Pinohe= ein grobes Mehl aus zerſtoßenem Mais, das iit einem Quantum zerſtoßenen Zuckers und Zimmvermiſcht iſt. ——— — — 154 vaß er ſich mit einer Handvoll mit Waſſer angefeuchteten Maismehls begnügen würde, ſo beſchloſſen die beiden Jäger, ſich mit ihrer Cecina, wie ſie ſich eben in der Jagdtaſche des Canadiers vorfand, zu begnügen. „Weißt Du auch,“ ſprach Pepe, als er ſich an die Arbeit des Eſſens machte,„daß wir ſeit unſerer Ab⸗ reiſe von der Hacienda gar mager geſpeist haben, wenn wir den Rehbock abrechnen, deſſen Heberreſte Du an der Sonne gedörrt haſt?“ „Was willſt Du?“ antwortete der Canadier; wenn ſich drei Männer allein in einer Wüſte befinden, ſo dür⸗ fen ſie es nicht wagen, ein Feuer anzuzünden, oder einen Damhirſch zu ſchießen, wenn ſie ſich nicht ver⸗ rathen wollen.“ „Das iſt wahr, aber, was auch daraus entſtehen mag, wehe dem erſten Reh, das ſich mir auf Schuß⸗ weite nähert.“ Während der Jäger und Pepe ihr frugales Mahl beendigten, war die Sonne verſchwunden, die Sterne fingen nach einander zu funkeln an, und es fiel der Nebel ſtärker und kälter auf dem Gipfel der Nebelberge. „Wer wird die erſte Nachtwache übernehmen?“ fragte Pepe. „Ich,“ antwortete Fabian,„Sie und Roſenholz werden ſchlafen; ich will für Euch wachen, denn der Schlaf iſt gar weit von meinen Augen.“ Vergebens wollte der Jäger haben, Fabian, als der Jüngſte, ſollte zuerſt einige Augenblicke ausruhen; der Jüngling beharrte auf ſeinem Entſchluſſe. Roſenholz legte ſich daher neben den Carabinier hin, und beide hatten bald die Ereigniſſe des Tages vergeſſen. Fabian, der allein wach geblieben war, hüllte fich in ſeinen Mantel, kauerte ſich zuſammen, das Auge nach Weſten hingerichtet, von wo die Gefahr vornämlich kommen konnte, und rührle ſich eben ſo wenig, wie die, welche heben ihm ſchliefen.. — 62 38 ————— Jumitten der Stille der Nacht, in der Nähe des Grabes, deſſen Erde noch friſch war, befragte er, dem Wahlſpruche ſeines Haufes:„Ich werde wachen,“ ohne es zu wiſſen, getreu, nach einander drei Rathgeber, die Einen nie trügen: die Einſamkeit, den Tod, und Gott. Er dachte lang und tief nach, denn der Mond war ſchon aufgegangen, und übergoß in der Ferne ſchon die Ebene mit ſeinem weißen Lichte. Als er den Platz verließ, an dem er ſo lange unbeweglich geblieben war, um an den Rand der Plattform zu treten. Der Mond entlockte bläuliche Blitze den in dem engen Thälchen herumliegenden Goldblöcken. Ein ziem⸗ lich voluminöſer Gegenſtand hob ſich noch unter allen funkelnden Steinen hervor, womit der Boden überſäet war. Es war der Schatz, den Cuchillo zu ſammeln an⸗ gefangen hatte, und der jetzt herrenlos auf dem Zarape des Banditen lag. Fabian betrachtete lange dieſe ungeheuren Reich⸗ thümer, in deren Nähe ſo vieler Ehrgeiz geſcheitert war. Es befand ſich da vor den Füßen des Jünglings, deſſen Kleidungsſtücke armſelig und zerriſſen waren, ein ganzes Leben voller Macht und Luxus, das ſelbſt den Neid des Reichſten erregen konnte. 2 Mit einem Theile dieſer Goldſteine fonnte er alle Wünſche befriedigen, die im Herzen des Menſchen auf⸗ ſteigen können,— konnte er alle Pläne, deren Ausfüh⸗ rung dem Menſchen möglich iſt, mit Erfolg krönen. Das Gold iſt faſt ſtets ein ebenſo ſchlechter Rath⸗ geber, wie der Hunger. Plötzlich⸗drang eine furchtbare Phraſe, eine ſchon vergeſſene Phraſe ſeiner auf dem Todbette liegenden Adoptivmutter mit einer Donner⸗ ſtimme ins Ohr Fabiau's „Verſprich mir,“ hatte pie Sterbende geſagt,„Arel⸗ lanos zu rächen, ſo theile ich Dir ein Geheimniß mit, das dich ſo reich machen wird, daß, wenn es Dir gefällt, auf eine Stunde, auf einen Tag, auf einen Monat den Gegenſtand Deiner PPörichten Leidenſchaft zu kaufen, Du lei es kaunſt, bis zu dem Augenblicke, wo Du, befriedigt, ar ſie befleckt einem Manne in die Arme wirfſt, der ſich allzu glücklich ſchätzen wird, ſie mit dem Schatze zu nehmen, womit Du ihren Beſitz bezahlt.“ 3 Einen Augenblick hlieb Fabian, den der Gedanke an ſeine verſchmähte Liebe mit Wuth erfüllte, bei dieſem unglückſeligen Einfalle ſtehen; ein blendender Schwindel umhüllte ſein Auge. Dann hörte ſein Herz auf, heftig zu ſchlagen, und bald erfüllte, im Anblicke dieſes Gold⸗ haufens, ein unendlicher Ekel das Herz Fabians: eine bittere Traurigkeit bemächtigte ſich ſeiner, wie wenn ſ das Leben Nichts mehr hätte, was ihn in Verſuchung führen könnte. Er fühlte bitter, wie aller Zauber des Lebens von%; ihm gewichen,— er befand ſich in einem Zuſtande, ähnlich dem jener Mächtigen der Welt, denen Gott zu ihrem Unglücke die Mittel in die Hand gegeben, die Lichter auszulöſchen, die im menſchlichen Leben als Leuchtthurm dienen, die Furcht, das Verlangen, die Hoffnung,— und denen Nichts mehr zu wünſchen übrig bleibt, als das Unmögliche. Plötzlich ſchien es Fabian, er fühle, wie die Hand des Alters das feurige Herz, das bis dahin in ſeiner Bruſt geſchlagen, eiskalt mache. Und doch bezauberte der blaſſe Schimmer, der auf dem vor ſeinen Füßen liegenden Golde tanzte, das Auge des jungen Grafen, wie Irrlichter, die Nachts Einen bloß in den Abgrund führen. f Einen Augenblick belebte ſich ſein düſteres Auge vbn Neuem; das Blut färbte ſeine Wangen flärker purpurroth, allein es dauerte dieß nur einen Augen⸗ blick. Es ſchien ihm, als ſehe er über dieſen bezaubern⸗ den Schimmer die weißen Rhantome ſeiner Jünglings⸗ illuſionen ſich neigen,— die Phantome ſeiner durch die, aus der Ueberſättigung entſehende, unheilbare Ver⸗ zweiflung erſtickten Illuſionen. „Nein,“ ſagte er bei ſich,„zu hoffen, wenn man zu in m ——— . 157 leidet; zu genießen, wenn man gelitten, wenn man ge⸗ arbeitet hat; das Gute mittelſt Vergleichung mit dem Böſen ſchätzen zu lernen; ſich in verführeriſche Träumereien zu verlieren, welche die Wirklichkeit ihres blendenden Zaubers enikleiden müßte,— das iſt das Leben, das Gott für den Menſchen beſtimmt hat! Vielleicht ſind die Reichſten die Soͤhne, denen er ſeine Liebe verſagt hat. Weiche von mir, verſuchender Satan der Reich⸗ thümer!“ rief er. Und der Jüngling ſchloß die Augen. Dann kam er wieder an ſeinen Platz zurück, und ſetzte ſich. Sein Entſchluß war nun gefaßt, und zwar anabänderlich gefaßt. Unterdeſſen hatte Roſenholz bereits wieder ausge⸗ ſchlaſen, und öffnete die Augen, während Fabian noch in Gedanken vertieft war. Die Stimme des Jägers entriß ihn denſelben⸗ „Nichts Neues?“ fragte Roſenholz. „Nichts,“ antwortete Fabian.„Warum aber unter⸗ brechen Sie Ihren Schlaf ſo bald?“ „Sobald? die Sterne haben nicht weniger denn vier Stunden gebraucht, um den Weg zurückzulegen, den ſie durchlaufen. Es iſt wenigſtens Mitternacht.“ „Schon! Ich glaubte nicht, daß es ſchon ſo ſpät wäre.“ „Schlaf nun auch Du, mein Kind,“ ſprach Roſen⸗ holz:„Es iſt nicht gut, daß die Jugend gleich dem Alter wacht.“ „Schlafen!“ antwortete Fabian, mit dem Finger den Rrm des alten Jägers berührend.„Iſt es klug j. wenn man um ſich her ein ſolches Geräuſch Es ſtieg ein klägliches Geheul aus der Mitte der Ebene empor,— gerade an dem Platze, wo das Pferd Don Eſtevan's unter der Kugel des Kanadiers gefallen war, um nicht mehr aufzuſtehen. 158 Schwarze Geſtalten zeigten ſich verworren in dem ungewiſſen Lichte des Mondes. „Dieſe Wölfe,“ antwortete Fabian,„heulen um eine Beute, die ſie vor den Menſchen nicht zu verzehren wagen. Vielleicht ſind wir es nicht allein, die ſie er⸗ ſchrecken.“ Ferne Knalle ſchienen die Befürchtungen Fabian's plötzlich zu beſtätigen. Als ein Mann, der gewohnt war, aus dem gering⸗ ſten Zeichen, wie aus dem leiſeſten⸗Geräuſche der Ein⸗ öde, gewiſſe Schlüſſe zu ziehen, brauchte der Jäger nur eine Minute, um ſich die fernen Schüſſe zu erklären. „Die Mexikaner,“ ſprach er,„liegen den Apachen abermals in den Haaren, und zwar weit von hier. Was die Wölfe betrifft, ſo erſchreckt ſie einzig und allein unſer Anblick! Schlaf' daher, mein Kind, und ſchlaf' ohne Sorgen, ſo oft ich für Dich wache; Du mußt des Schlafes bevürfen.“ „Ach!“ antwortete Fabian,„ſeit einiger Zeit ſind meine Tage ganze Jahre; heute habe ich, wie das hohe Alter, das Privilegium der Schlafloſigkeit. Und wie kann ich auch nach dem verfloſſenen Tage auf Ruhe hoffen?“ „Wie furchtbar dieſer Tag auch geweſen ſein mag, o kann man doch immer ſchlafen, wenn man ſeine Pflicht muthig erfüllt hat,“ verſetzte Roſenholz;„glaub' in dieſem Stücke einem erfahrenen Manne, deſſen Urtheil durch die Einſamkeit gereift worden.“ 2 „Ich werde es verſuchen,“ erwiederte Fabian. Und mehr, um Roſenholz zu gefallen, als um ein Bedürfniß, das er nicht fühlte, zu befriedigen, legte er ſich gleichfalls auf den Boden hin. Bald verloren, unter der Reaction der furchtbaren Gemſithsbewegungen des Tages, ſeine über die Maßen angeſtrengten Muskeln ihre Spannung; ſeine Augen ſchloſſen ſich unwillkürlich, und ein tiefer Schlaf,— . in ne es b 6 d e ——— ein Schlaf, wie ihn nur die Jugend kennt, that plötz⸗ lich dem Laufe ſeiner Gedanken Einhalt. Wie in den Tagen der Kindheit Fabian's neigte ſich der fanadiſche Rieſe über das von dem blaſſen Lichte des Mondes beleuchtete Geſicht des Jünglings. „Blondhaariges Kind, bei dem ich einſt ſo oft ge⸗ wacht,“ ſagte er bei ſich, indem er' ſich mit dem Wohl⸗ gefallen der Greiſe in die Zeit ſeiner Jugend zurück⸗ verſetzte,—„Du, der Du jetzt in Deiner Stärke einſchläſſt, — Du, deſſen Geſicht die Sonne gebräunt, und deſſen Haare die Zeit geſchwärzt hat,— Du, der Du mir jetzt wie der Anfang, und wie das Ende eines unterbrochenen Schlafs vorkommſt, ſchlaf' noch einmal ruhig unter dem Auge des Jägers, der Dich reich gemacht, wie Du einſt von dem Matroſen, der Dir das Leben gerettet, bewacht ſchliefeſt; der Augenblick kommt immer näher, wo unſere Pfade von Neuem auseinander gehen werden, um nie wieder zuſammenzutreffen; der Weg zu den Städten iſt nicht der, ſo in die Wüſten führt; die Eiche und der Palmbaum können nicht unter demſelben Himmel leben.“ Während Roſenholz dieſe Worte in einem Tone tiefer Melancholie ſprach, hob er den Kopf des Jüng⸗ lings, den dieſe Bewegung nicht aufweckte, ſanft in die Höhe, ſtützte denſelben auf ſeine Knie, und ſtellte ſich zwiſchen die Strahlen des Mondes und die geſchloſſenen Augen Fabian's. neber ihnen funkelte am Himmel ein Sternenheer. Seit den dreißig Jahren ſeines Matroſen⸗ und Jägerlebens hatte der Canadier dieſe in ſteter Be⸗ wegung begriffene Endloſigkeit, wo jeder Stern eine Welt iſt,— wo ſo viele Millionen Welten ſich bewegen⸗ ohne an einander zu ſtoßen, noch nie ohne Rührung betrachtet. Eine unbeſtimmte und traurige Träumerei be⸗ mächtigte ſich des Greiſes, der den irdiſchen Harmonien lauſchte, welche ſich mit der ſtummen Harmonie der obern Regionen verbanden. Die Cascade donnerte dumpf — —— 160 in dem Abgrunde, in den ihre Weſſer ſtürzten; bisweilen murmelte der Wind in den Tannnebäumen: aus den Nebelbergen ſchien ein myſteriöſes Getöſe zu kommen, und es wurde daſſelbe von der Ebene zurückgeworfen. „Wie ſehr,“ ſagte Roſenholz bei ſich, indem er ſeinen Gedanken ihren Lauf ließ,—„wie ſehr gleicht doch der Ocean der Wüſte! „Ich höre hier ein Geräuſch, ähnlich dem des ſich brechenden Meeres,— ich höre hier ein Getöſe, ähn⸗ lich dem der aus weiter Ferne erdröhnenden Kanone. „Wie oft hat mich nicht das Krachen dieſer großen Bäume an das der Maſten erinnert! Wie oft habe ich nicht, wenn die Bäume durch den Wind erſchüttert wurden, geträumt, ich hoͤre die Maſten des Albatros ächzen! „Der Ocean, die Wüſte, Fabian,— das ſind die drei Dinge, die ich im Leben lieb gewonnen. „Die Wüſte allein hat mich das Meer vergeſſen laſſen. „Wer wird mir jetzt die Wüſte erſetzen? „Fabian, ohne Zweifel. „Wohlan, ich werde es verſuchen,“ ſetzte der Jäger ſeufzend hinzu;„auch iſt der Menſch ja nicht geſchaffen, ſein Leben lang in den Wäldern, fern von ſeinen Mit⸗ menſchen, zu bleiben. Ja, ich werde auf mein unſtetes Leben verzichten, und Fabian wird mir für dieſes Opfer Dank wiſſen.“ Dann ließ der Jäger ſeinen Geiſt in einer ſchon lange vergeſſenen Welt umherſchweifen. Plötzlich ward ſein Herz von einer ſchmerzlichen Befürchtung ergriffen. „Aber,“ höb er wieder an,„damit mir Fabian für ein Opfer Dank wiſſen könnte, das ohne Zweifel mein Leben verkürzen wird, müßte er es erſt von mir ver⸗ langen. Zweimal habe ich auf unſere nahe bevorſtehende Trennung angeſpielt, und zweimal hat mir ſein Schweigen n n n, v M— 161 das Herz zerriſſen. Ach, mein Gott, welche letzte Prüfung behältſt du noch für mich auf?“ Und dann richtete der Jäger, gleich allen denen, welche die Zukunft zu ergründen ſuchen, ſeine naſſen Augen nach dem Firmament empor, wo den Menſchen ſein Inſtinet ſtets hat die Beſchlüſſe Gottes ſuchen laſſen. Der Wagen neigte ſich dem Norden zu, und war im Begriffe, hinter den Hügeln zu verſchwinden; und⸗ wie ein trauriges Vorzeichen, erſtarben, ähnlich der Hoff⸗ nung, die einen Augenblick glänzt, und dann erliſcht, ſchießende Sterne, während ſie das Himmelsgewölbe als Feuerſtreifen durchfurchten. Das Haupt Fabian's ruhte noch auf den Knien des Canadiers. Fünfzigſtes Rapitel. Vom Becher bis zu den Lippen. Unterdeſſen ſtieg aus der Umgebung des Goldthales und vom Fuße der Pyramide ein unbeſtimmtes Geräuſch auf. Der Jäger legte das Haupt des Jünglings ſanft auf den Boden nieder, und kroch, den Karabiner in der Hand, an den Rand der Plattform hin. Seine Augen beſtätigten, was ihm ſein Ohr ge⸗ ſagt, und er war im Begriffe, an ſeinen Platz zurück⸗ zugehen, als er Fabian auf den Beinen fand. „Was gibt es?“ fragte der Jüngling. „Nichts,“ es iſt nur ein halbes Dutzend Schakale da unten am See: ſie ſcharren die Erde auf, durch den Blutgeruch angelockt.“ Der Waldläufer. m. 11 162 „Ah! es iſt wahr, es iſt dort Blut vergoſſen wor⸗ den,“ antwortete Fabian in gedrückter Stimmung. Beide ſetzten ſich ſchweigend, und Fabian deutete mit dem Finger auf Pepe, der, auf ver bloßen Erde liegend, mit aller Macht ſchlief, gleich als läge er auf der weichſten Matratze. „Der arme Kerl weiß, daß ich für ihn woche,“ ſprach der Canadier,„und ſchläft ruhig. Auch hat er jetzt, da ſein Schwur erfüllt, da er Dir zurückgegeben, was er hatte Dir rauben helfen, eine Laſt weniger auf dem Gewiſſen. Mach' es, wie er, mein Kind, Du haſt noch zwei Stunden bis vier Uhr zu ſchlafen.“ „Ich habe genug geſchlafen, und muß mit Ihnen, ſo lange Pepe noch ſchläft, von wichtigen Dingen ſprechen.“ Das Herz des Canadiers ſchlug, bei dieſer Er⸗ öffnung Fabian's, heftig in der großen Bruſt. Er er⸗ wartete ängſtlich den Augenblick, wo Letzterer das Wort wieder ergreifen würde. „Ich habe viele Nächte, wie dieſe, unter freiem Himmel zugebracht,“ ſprach Fabian.„In der Einöde erzogen, kenne ich alle nächtlichen Geräuſche derſelben; jedoch hat es mir heute Abend geſchienen, als hörte ich Stimmen. Stimmen, die ich noch nie gehört!“ „Es iſt möglich,“ unterbrach ihn der über dieſen Eingang erſtaunte Jäger;„man hört in der Wüſte Dinge, die man in den Städten nicht horen kann; in der Wüſte ſteht man Gott näher.“ „Zwei Chriſten ſind an dem Tage, der ſo eben ab⸗ gelaufen, durch unſere Hände umgekommen; die Juſtiz würde ihnen die nöthige Zeit zur Reue gegönnt haben; ſie haben dieſelbe nicht gehabt. Glauben Sie, daß Gott ihnen vergeben? Sind die Stimmen, die ich ge⸗ hört habe, nicht die zweier gepeinigten Seelen?“ Der Jäger ſchwieg einen Augenblick. Darauf ſprach er zu Fabian: mehr denn zwanzigjä 163 „Du kannſt Dir wohl denken, daß ich im Laufe eines Lebens, wie das, ſo ich ſtets geführt, und während welches ich nie darauf zählen fonnte, ob ich die Sonne, die ich hatte aufgehen ſehen, auch würde niedergehen, oder ob ich auf die Nacht wieder den Tag würde fol⸗ gen ſehen, oft über den Uebergang aus dieſem Leben ins andere nachgedacht habe. Was auch Pepe darüber ſagen mag, daß er nie anders, als aus Speculation geſchlafen, immerhin bleibt es wahr, daß ich häufiger und länger gewacht habe, als erz ich habe daher viele Stunden der Nacht dazu verwendet, daß ich mir über dieſen Gegenſtand Fragen vorlegte. Wohlan! Stets habe ich geſehen, daß ein guter Tod beſtändig ein gutes Leben krönte, und daß die Abbüßung ſtets nach dem Verbrechen kam. „Ich habe daraus geſchloſſen, daß ſchon in dieſer Welt die Rechnung eines Jeden abgeſchloſſen wird, und daß, wenn die Seele ſich von dem Körper trennt, ſei es nun die eines Gerechten oder eines Boſen, das heißt, ſei es, daß die Seele ſich in ihrer urſprünglichen Rein⸗ heit befindet, oder daß ſie durch die Büßungen des Lebens gereinigt iſt, ſie alle beide vor Gott gleich, und alle beide berufen ſind, an demſelben Glücke und an derſelben Wonne Antheil zu nehmen. Ob dieſes nun in der Welt der Geiſter, wie die Indianer glauben, oder im Paradieſe der Chriſten geſchieht, darüber maße ich mir nicht an, zu entſcheiden. „Betrachte einmal den Tod dieſer zwei Menſchen,“ fuhr der Canadier fott.„Der eine hatte nur ein Ver⸗ brechen begangen; zwanzigjährige Gewiſſensbiſſe hatten es ohne Zweifel abgebüßt, denn als Gott ihn, um ihm eine letzte Buße aufzuerlegen, verurtheilt hat, iſt der Tod gekommen, ohne daß er daran dachte. „Der Andere, der ſich mit allen möglichen Ver⸗ brechen beſudelt hatte, und den ſein Gewiſſen nie plagte, hat in der raſchen Pein eines furchtbaren Todes eine hrige Tortur ausgeſtanden; einige ———————. ——————— 164 Secunden dieſer Qual haben hingereicht, um ſeine Vernunft zu zerſtören. Nein, Fabian, Du haſt nicht die Stimmen zweier gepeinigten Seelen gehört: die Seele des Böſen wird einzig und allein in ihrem Körper gepeinigt.“ „Ich muß Ihnen glauben,“ antwortete Fabian; „ich habe nur wenig gelebt, habe nur wenig geſehen, und Sie ſtehen an der Grenze des Greiſenalters; Sie haben Vieles geſehen, ſind viel gereiſ't, und die Lehren Ihrer Erfahrung haben meinen Geiſt ſchon mit neuen Ideen bereichert. Verlaſſen wir alſo dieſen traurigen Gegenſtand!“ „Wohlan!“ rief Roſenholz,„ſprechen wir alſo von der Zukunft, die uns die Reichthümer, in deren Beſitz Du kommen, ſo wie der Name, den Du wieder er⸗ langen wirſt, verſprechen. O Fabian! Wirſt Du in dem Strudel dieſes neuen Lebens auch noch bisweilen an den Greis denken, den Gott berufen hat, daſſelbe Dir zu erhalten,— in deſſen Herz er die Zärtlichkeit einer Mutter, und die männliche Liebe eines Vaters ge⸗ legt hatte, und wovon er Dir ſo gerne Beweiſe ge⸗ geben hätte?“ „Beweiſe!“ antwortete Fabian mit einer Wärme, die das Herz des Canadiers vor Wonne erbeben machte⸗ „Haben Sie mir nicht bereits ſolche Beweiſe gegeben, 3 auch die feurigſte Dankbarkeit faſt nur noch Undank iſt 2“ 8 „Ah!“ ſprach der Jäger,„als kh in dem Jüng⸗ linge, der mit einer durch Leiden und Müdigkeit gebro⸗ chenen Stimme mich an meinem Herde um eine gaſt⸗ freundliche Aufnahme bat, das Kind wieder erkannte, das ich ſtets beweinte, da wagte ich zu hoffen, daß ich Etwas für Dich würde thun können. Ich ſollte zu Ariſpe die Frucht einer zweijährigen Campagne, in der jeder Schritt eine Gefahr geweſen war, erhalten; ich dachte mit Wonne daran, daß ich Dir dieſes Geld würde zu⸗ wenden können; allein ein einziger dieſer Goldkieſel iſt ———c— — 165 zehnmal mehr werth! Was könnte ich jetzt dem Beſitzer derſelben anbieten? Nichts mehr,— ich könnte nur noch für ihn ſterben,“ fuhr der Jäger mit bitterem Ge⸗ fühle fort. Und als er ſah, daß Fabian noch Nichts ſagte, rief er, ſich in Betreff des Schweigens des jungen Mannes vielleicht täuſchend, auf die Gefahr hin, ſeine theuerſte und letzte Illuſion ſchwinden zu ſehen, aus: „Fabian, mein Kind, iſt das Alles, was Du mir zu ſagen haſt!“ In dem Augenblicke, wo Fabian antworten wollte, ſchien das ferne Geräuſch, das ſich unter dem Rebel der Berge hören ließ, in der Ebene ein deutliches Echo zu finden. Der Wind trug den Ohren der beiden Spre⸗ chenden Exploſionen zu, die nicht ſo dumpf waren, wie die des unterirdiſchen Feuers der Nebelberge. Bisweilen näherte ſich dieſes ferne Geräuſch in ungleichen Zwi⸗ ſchenräumen: es war dann einem Flintenfeuer zu ver⸗ gleichen. Die Nacht verleiht ſolchen Trauertönen, von denen Jeder den Todeskampf einer menſchlichen Creatur zu bezeichnen ſcheint, ſtets einen feierlichen Charakter. Einen Augenblick den Gang ſeiner Gedanken unter⸗ brechend, um aufmerkſam zu lauſchen, gab der Jäger Fablan mit der Hand ein Zeichen, daß er mit ſeiner Antwort warten ſolle. In demſelben Augenblicke richtgte ſich der Exkara⸗ bükier auf, und näherte ſich Roſenholz. „Es iſt das nämliche Geräuſch,“ ſprach er,„das wir in der vergangenen Nacht gehört haben; aber horcht: das Feuer zerſtreut ſich über die Ebene. Ah! die Un⸗ glücklichen ſind nicht mehr durch ihr Lager geſchützt,— wahrſcheinlich ſind die Verſchanzungen erſtürmt; dann muß jeder Schuß einen fallenden Menſchen bezeichnen, und es werden nun die Apachen eine reiche Ernte von Kopfhäuten bekommen! Wehe uns, wenn die Indianer ſie alle vertilgen, denn bis jetzt iſt die Nähe der Expe⸗ 2 166 vition unſer Glück geweſen. Wir ſind eine Nacht zu viel hier geblieben, Roſenholz.“ Die drei Freunde horchten abermals und beobach⸗ teten ein tiefes Schweigen. Wie Pepe geſagt, ſo hatte ſich die ganze Aufmerkſamkeit der indianiſchen Horden auf die Truppe der Abenteurer concentrirt, und, Dank dieſer Diverſion, hatten drei vereinzelte Männer ſo tief in die Wüſte vorzudringen vermocht. Im Uebrigen war dieß, wie bereits geſagt worden, nicht die einzige, ſo gefahrvolle Expedition, die der cana⸗ viſche Jäger und Pepe zu erwünſchtem Ende geführt; auch hatten vor ihnen ſchon Andere dieſe gefährlichen Ebenen glücklich durchſtreift. Allein ſo unerſchrocken man auch ſein mag, ſo hat doch, und insbeſondere bei Nacht, die Annäherung der Gefahr etwas Feierliches, und es lag auf der Hand, daß die Gefahr näher kam. Stunde und Ort waren geeignet, traurige Gedanken einzuflößen; die Nacht, welche Fallſtricken als Schleier dient,— die unheimlichen Trophäen, die in ihrer Nähe hingen, zeigten das Loos an, das von Feinden ohne Mitleid den Beſiegten vorbehalten war. Die Schüſſe ſchienen immer näher zu kommen, und jeden Augenblick konnte ein Flüchtling, welcher der den drei Jägern als Zufluchtsſtätte dienenden Pyramide zu⸗ ſloh, etliche zwanzig Indianer herbeiziehen. „Wären ſie nur zwanzig Mann ſtark,“ antwortete Roſenholz auf die von dem Erkarabinier ausgeſprochene Befürchtung,„ſo würde, bei unſerer vortheilhaften Stel⸗ lung, keiner dieſer Spitzbuben den Fuß auf die Platt⸗ form ſetzen, und bei dieſer Gelegenheit muß ich, Fabian, einen guten Rath wiederholen, den Du nicht verſchmähen varfſt. Du biſt zu hitzig, mein Kind, und die Gefahr macht Dich ganz berauſcht; man kommt durch allzu viele Tapferkeit eben ſo gut um, wie durch allzu viele Feig⸗ heit, merke Dir das wohl. „Ein junger Menſch widerſteht, ſobald er fühlt, daß er eine geladene Büchſe in der Hand hat, dem Wunſche — 167 nicht, davon Gebrauch zu machen. Erinnere Dich aber, daß Jeder von uus erſt nach dem Andern ſeuern darf, ohne übermäßig zu eilen, und daß der Dritte, ehe er ab⸗ drückt, warten muß, bis die beiden Anderen wieder ge⸗ laden haben. „Es iſt dieß ein Taktik, deren Vortrefflichkeit Freund Pepe eben ſo gut eingeſehen hat, wie Du, und auf ſolche Weiſe nimmt es Jeder von uns leicht mit ſechs Feinden auf, wenn dieſelben gleich zuſammen achtzehn machen. Erſt dann wird die Sache ein Bischen ernſt, wenn letz⸗ tere Zahl überſchritten iſt, denn nach ſechs Schüſſen wird der Flintenlauf heiß, und es ſammelt ſich in demſelben Schmutz an, ſo daß die Kugel nicht mehr ſo gerade läuft. Bei ſolchen Gelegenheiten iſt es mir vorgekom⸗ men, daß ich auf das rechte oder das linke Ange ſolcher Spitzbuben zielte, und daß ich ſie gleichwohl zu meinem großen Erſtaunen auf die Augenbraue traf. Was Dich betrifft, ſo brauchſt Du nicht ſo eigenliebig zu ſein: ziel' bloß auf die volle Bruſt. Es iſt zwar minder ſchmei⸗ chelhaft, aber um ſo ſicherer.“ Während Roſenholz dieſen Rath mit der Kaltblü⸗ tigkeit und der Präciſion eines auf dem Katheder fitzen⸗ den Profeſſors gab, hatte ſich das Flintenfeuer wieder entfernt, und es war noch keine Viertelſtunde verfloſſen, ſo hatte es gänzlich aufgehört. „Es wird friſcher,“ hob der Canadier wieder an; „der Wind bringt einen Laubgeruch mit, und die Scha⸗ kale haben aufgehört, zu heulen; es beweist dieß, daß die Morgendämmerung nicht mehr ferne iſt. In einer halben Stunde werden wir uns auf den Weg machen müſſen; das Tageslicht wird uns anzeigen, welchen Weg wir einſchlagen müſſen, um nicht mitten unter die In⸗ dianer zu gerathen; an Spuren kann es nicht fehlen. Es iſt die auf den Tagesanbruch folgende Stunde zur Erkennung derſelben beſonders günſtig; denn der durch den hau erweichte Boden behält ſie alle. Zuvor aber können wir wieder eſſen, um uns zu ſtärken.“ ————— ———— 168 Und kaum waren einige Augenblicke verfloſſen, ſo war, ganz der Gewohnheit gemäß, bei Männern, die nur die gegenwärtige Gefahr achteten, die vollſtändigſte Sicherheit auf die Furcht gefolgt. Während das aus einer Handvoll Pinole beſtehende frugale Mahl eilig eingenommen wurde, fühlte Fabian, daß endlich der Augenblick gekommen ſei, dem Manne, den die Dankbarkeit ihn faſt wie einen Vater betrachten ieß, ſeine Zukunftspläne mitzutheilen. In den republi⸗ aniſchen Sitten eines Landes, das er ſo lange für ſein. Vaterland gehalten, beſtand die Achtung des väterlichen Anſehens und der Familie noch in ihrer ganzen Heilig⸗ keit, und der junge Graf von Mediana unterwarf ſich wider ſeinen Willen den Einflüſſen ſeiner Erziehung. „Roſenholz! Vater!“ ſprach Fabian. Bei dieſem Rufe fuhr der Jäger zuſammen. Und dann erſah er aus einer gewiſſen Feierlichkeit in der Geſte, ſowie aus der etwas bewegten Stimme des Jüng⸗ lings, daß er an einem der Wendepunkte ſeines Lebens angekommen ſei, und ſein Herz klopfte noch heftiger, als bei der Annäherung der Gefähr, die ihn ſo eben noch bedroht. Pepe fühlte auch, daß ſeine Anweſenheit in dieſem Augenblicke für die Sprechenden ſtörend ſein möchte, und ging beſcheiden einige Schritte von ihnen weg. „Mein Vater,“ fing Fabian wieder an,—„denn dieſen Namen werde ich ſtets mit Wonne ausſprechen, — Sie haben in den großen Städten Europa's und in den Wüſten gelebt, und Sie können den Unterſchied, der zwiſchen den erſteren und letzteren iſt, würdigen.“ „Ja,“ antwortete Roſenholz,„während meiner ſünf⸗ zig Lebensjahre habe ich den Pomp der Städte mit der Pracht der Wüſte vergleichen können.“ „Es muß ein ſchönes Schauſpiel um jene großen Städte ſein, in denen ſich Tauſende von Menſchen zu⸗ ſammendrängen; es muß etwas Herrliches um jene Pa⸗ läſte ſein, die ſich ſtolz neben einander erheben; man fühlt 169 ſich glücklich, dort leben zu können,— nicht wahr? denn der Tag, der da auf den vergangenen folgt, muß im⸗ mer anders ſein!“ „Es iſt in der That,“ antwortete der Jäger iro⸗ niſch,„etwas gar Schönes um jene großen Straßen, in denen die geſchäftige Menge ſich unaufhörlich Elbo⸗ genſtöße gibt, und in denen das Geräuſch der Wagen Einen betäubt; ich ſage Dir, es iſt etwas Schönes um jene Häuſer, wo die Luft und das Licht, die Gott in den Wüſten ſo verſchwenderiſch austheilt, Einem ſpär⸗ lich zugemeſſen ſind; wo der Arme auf ſeinem elenden Lager vor Hunger ſtirbt, während neben ihm ein Praſſer ein geräuſchvolles Gelag gibt; wo Roſenholz hielt plötzlich inne; er begriff, daß er ſich verirrte, und daß er auf den Lippen Fabian's das An⸗ erbieten, dort mit ihm zu leben,— ein Anerbieten, das er von dem Jünglinge erwartete,— zu erſticken im Be⸗ griffe war. Es iſt ſo natürlich, zu hoffen, was man ſehnlichſt wünſcht! Der Jäger hielt alſo plötzlich inne, und ſetzte, ohne einen Uebergang zu ſuchen, hinzu: „Was mich betrifft, ſo mochte ich dort wohl mein Leben beſchließen!“ Bei den letzten Worten des Canadiers ließ Pepe einen entſetzlichen Huſten hören. Fabian glaubte nicht recht gehört zu haben. „Das Leben der Wüſte hat alſo die Reize verloren, die Sie daran rühmten?“ ſprach der Jüngling. „Hm!“ entgegnete Roſenholz,„es wäre ein recht ſchönes Leben, wenn man ſich nicht ſtets gefaßt machen müßte, bald vor Hunger, bald vor Durſt umzukommen, — von der Gefahr, dort unter dem Meſſer der Indianer Leben und Kopfhaut zu verlieren, gar nicht zu reden.“ Der Huſten Pepe's ſchien einen convulſiviſchen Cha⸗ rakter anzunehmen. richtete. „Ich werde wider Deinen Willen ſprechen!“ rief der Spanier. fort Und dann wandte er ſich zu Fabian und fuhr alſo aufhält. „Seine großen Lungenflügel bebürfen der Luft der Wüſte,— der von wilden Wohlgerüchen geſchwängerten, bisweilen mit indianiſchem Geheul vermiſchten Luft.. Nein, nein,“ fuhr der Spanier fort,„der alte Löwe kann nicht auf der Streu ſterben, wie ein reher Maul⸗ eſel.“ „Und doch habe ich Sie oft ganz anders ſprechen hören!“ antwortete Fabian erſtaunt. „Glauben Sie ihm doch nicht!“ unterbrach ihn der herantretende Erkarabinier plötzlich.„Glauben Sie doch nicht, der Fiſchotter⸗ und Biberjäger ziehe den Aufent⸗ halt in den Städten dem freien Leben in der Wüſte vor! Sehen Sie nicht, daß der arme Roſenholz da eine jäm⸗ merliche Komödie ſpielt? Sehen Sie nicht, daß er ſich einbildet, es werde, weil er nicht ohne Sie leben kann, für einen jungen und brillanten Herrn, wie Sie zu Mad⸗ rid ſein werden, ein gar großes Vergnügen ſein, ſein Leben in der Geſellſchaft eines alten Graubarts, wie er iſt, zuzubringen?“ „Pepe!“ donnerte der Koloß heraus, während er ſich wie eine aus der Erde emporſteigende Eiche auf⸗ „Roſenholz ſich in eine Stadt einſchließen,— Ro⸗ ſenholz ſich in den ſteinernen Käſig eines Hauſes ein⸗ ſperren laſſen! das iſt ihm unmöglich. Er will Sie nur täuſchen, ohne ſich ſelbſt täuſchen zu können! Der Unglückliche! er weiß wohl, daß es ihm das Leben ko⸗ ſten würde! Wiſſen Sie, was er braucht? Er muß den endloſen Raum vor ſich haben,— muß gehen können wie die Sonne,— das heißt, ohne daß ihn Etwas „Das iſt wahr, das iſt wahr!“ murmelte der Cana⸗ — 171 dier ſeufzend,„allein es würde mir wenigſtens ſeine Hand die Augen zudrücken!“ Und der Greis ließ in der Qual ſeines Herzens den Kopf auf die Bruſt herabſinken. „Und ich!“ rief Pepe, von dieſem ſtillen Schmerze gerührt,—„bin ich nicht auch da, ich, der ich ſeit zehn Jahren nicht aufgehört habe, Dich wie ein Bruder zu lieben; ich, der ich ſeit zehn Jahren mit Dir ge⸗ kämpft und gelitten habe?“ Und er ſchüttelte die Hand des Jägers, die an deſſen Körper herabhing, derb. Fabian kam ihm zu Hülfe. „Hören Sie,“ ſprach er:„höret beide. Ich habe mir zu viel moraliſche Kraft zugetraut,“ fuhr er fort! „ich habe geglaubt, ich könne meiner Rache und meinem „Ehrgeize zugleich dienen. Meine Rache iſt befriedigt, und mein Ehrgeiz erloſchen. Die Nacht und die Ein⸗ ſamkeit ſind meine Rathgeberinnen geweſen, und ich habe aus einem furchtbaren Beiſpiele Nutzen gezogen. . Der vornehme Herr iſt hier eines obſkuren Todes ge⸗ ſtorben; der habgierige Bandit hat neben den Schätzen, nach denen es ihn gelüſtete, ſein Grab gefunden. Was iſt dem Einen, wie dem Andern geblieben?“ Der Greis heftete auf Fabian ein Auge, in dem die Rührung mit einer ſanften Ueberraſchung vermiſcht war. Er ſing an, zu begreifen, ohne es noch zu wagen, ſich Hoffnungen hinzugeben. „Fahr fort!“ ſagte er mit zitternder Stimme. „Der Reichthum,“ hob Fabian wieder an,„iſt — ich fange an, es einzuſehen, nur nach Verhältniß des Schweißes, den er gekoſtet, von Werth,— und mit .. welchem Preiſe hätte ich denſelben bezahlt? Ich habe e nnicht mit Ihnen gelebt, ohne die ganze Weisheit Ihrer „ Lehren einzuſehen; dieſes Gold würde mir odiös erſchei⸗ nen, denn ich würde Blut vergoſſen haben, um aus * dem Gute der Todten Nutzen zu ziehen. Ich werde es daher nicht anrühren. 172 „Meine Kindheit, ſagen Sie, iſt von Lurus um⸗ geben geweſen. Ich habe es vergeſſen, und erinnere mich nur noch der Tage meiner harten und arbeitſamen Jugend. Ich bin der einzige meines Geſchlechts, bin Herr meiner Handlungen, und habe ſchon, obwohl noch ſo jung, die Todten und die Lebenden zu vergeſſen. O Vater! O Freund! Ich verlange von Ihnen als eine Gunſt, in dieſen Wüſten bei Ihnen bleiben, Ihre Ge⸗ fahren theilen, und mit Ihnen dieſes unabhängige Leben führen zu dürfen, wofür kein anderes mir einen Erſatz zu bieten vermöchte. Sprechen Sie, Roſenholz,— ſpre⸗ chen Sie, Pepe, iſt es Euch recht?“ „Der Teufel! ob es mir recht iſt?“ antwortete der Erkarabinier mit einer Stimme, die er, um ſeine Ge⸗ müthsbewegung zu verbergen, furchtbar zu machen ſuchte. „Und Sie, mein Vater, ſagen Nichts?“ fragte der Jüngling ſanft. Der alte Jäger blieb in der That ſtumm, und un⸗ beweglich; unter der Herrſchaft einer ihn übermannenden Freude konnte er nur die Arme öffnen, und mit gebro⸗ chener Stimme rufen: „Mein Sohn, mein Fabian! Hieher, an meine Bruſt!“ Und der Jüngling fühlte, wie die Arme des Rieſen ihn convulſiviſch umſchloſſen. Ein neues Leben fing jetzt für Roſenholz an. Erſt jetzt fand er das Kind ſeiner Liebe wieder, um es nicht mehr zu verlaſſen. Dann hob er Fabian langſam von der Bruſt auf ſeine ſtarken Arme, und gen Himmel empor, wie ein eitoene Kind, das ein Vater Gott darbringt, und rief: „Ach Gott! vergib mir; aber ich hatte nicht die Kraft, ihm abzurathen.“ „Es iſt dieß ein Entſchluß, den Sie noch bereuen können,“ ſprach Pepe zu dem Jüngling, den der Cana⸗ —————— —— W M 173 dier wieder ſanft auf den Boden niedergelaſſen hatte, und der von der derben Umarmung noch ganz zer⸗ j war; beſinnen Sie ſich, ſo lange es noch Zeit iſ A „Ich habe reiflich darüber nachgedacht! Was würde ich in einer Welt thun, die ich nicht kenne?“ antwor⸗ tete Fabian.„Ich habe einen Augenblick nach Reich⸗ thümern und Ehren getrachtet,— nicht für mich, ſon⸗ dern um dieſelben mit Jemand zu theilen. Vor einigen Tagen hoffte ich noch, jetzt aber hoffe ich nicht mehr, und ich müßte erröthen, wenn ich nur meinem neuen Stande das verdankte, was ſie demjenigen abgeſchlagen hat, der damals ihr nichts Anderes geben konnte, als eine feurige Liebe.“ Roſenholz und Fabian, die ganz in Gedanken ver⸗ tieft waren, hatten nicht bemerkt, wie der Exkarabinier, nachdem er einen Augenblick ſich hinter die zwei auf dem Gipfel der Plattform wachſenden Tannenbäume ge⸗ ſetzt, langſam in die Ebene hinabſtieg, wobei derſelbe einem jener plötzlichen Impulſe zu folgen ſchien, von denen man ſich, ohne daß man ſich darüber Rechenſchaft zu geben vermag, beſtimmen läßt, und deren Reſultate bisweilen doch von jo mächtigem Einfluſſe auf das Leben eines Menſchen ſind. Der Mond warf, im Begriffe, zu verſchwinden, ſeine letzten magiſchen Lichter auf das Goldthal, als Pepe ſachte durch den grünen, aus Baumwoll⸗ und Weidenbäumen beſtehenden Vorhang drang. Der Carabinier betrachtete einige Augenblicke mit melancholiſcher Aufmerkſamkeit die iriſirte Helle, wel⸗ che die Goldkieſel verbreiteten, deren erſter Anblick für ihn die Quelle ſo furchtbarer Gedanken geweſen war. Pepe konnte es ſich noch nicht verzeihen, daß er denſelben einen Augenblick Raum gegeben, obgleich er mit Recht darauf ſtolz ſein konnte, daß er ſie bewälltigt. „So Viel auch Fabian von dieſen Reichthümern mitnehmen mag,“ ſagte er bei ſich,„ſo wird davon — dennoch ſo Viel zurückbleiben, daß viele Seelen, die nicht ſo ſtark, wie die ſeinige, ſind, dadurch zu Grunde gerichtet werden können. Da ich dieſes Thal ſeiner Schätze nicht berauben kann, ſo werde ich wenigſtens den Reflex derſelben denjenigen verbergen, die der Zufall hieher führen wird. In Zukunft wird der Reiſende an dieſem Golde vorbeigehen, ohne deſſen Vorhandenſein zu ahnen, Vielleicht mache ich viele Verbrechen dadurch unmöglich,— vielleicht bewahre ich viele Seelen vor ihrem ewigen Verderben.“ Indem Pepe dieſe Worte ſprach, warf er mit dem Fuße den Goldhaufen aus einander, den Euchillo auf ſeinem Zarape aufgehäuft hatte, und als er in gering⸗ ſchätziger Weiſe die Oberfläche des Thales geebnet hatte, warf er den Mantel des Banditen über den Hag hinüber, dann zog er ſein Meſſer heraus, ſchnitt einige Arme voll Gras, Lianen und Binſen ab, und bedeckte den Schatz ſorgfältig damit. Fortan verrieth dem Auge Nichts mehr das Vor⸗ handenſein des Goldes unter dieſem grünen Schleier; der letzte Refler war verſchwunden, und gleich als ob der Mond bedauert hätte, dieſes Wunder des Schöpfers nicht mehr mit ſeinen Strahlen küſſen zu können, ver⸗ ſchwand auch er in dem Augenblicke, wo Pepe mit ſeiner Arbeit fertig wurde, hinter den Hügeln. Hierauf ſetzte ſich Pepe wieder ſchweigend hinter die Tannen auf der Plattform, wo der Canadier und Fabian folgende Worte wechſelten: „Du haſt das rechte Theil erwählet, mein Kind,“ unterbrach Letzteren der alte Jäger.„Die Stirn, die Gott dem Menſchen gegeben, damit er ſie aufrecht trage, ſoll ſich weder über Bücher, noch über die Erde neigen, — nicht einmal, um von ihr ſeine Nahrung zu ver⸗ langen. Der Reichthum vertrocknet das Herz, der Aufent⸗ halt in den Städten verweichlicht den Menſchen, und ſchwächt den Körper ab. „Auch Du biſt vom Geſchlechte des Löwen, Fabianz ——— „————— — ——.—— S S w — — v r d ie e⸗ — * * d indem er ihn ſanft an den Elbogen ſtieß.„Ich habe 175 und die Wüſte iſt für ſolche geſchaffen. Ein wildes Pferd zu bändigen, an Flüſſen und Waſſerfällen zu fiſchen, in den Wäldern und Ebenen zu jagen, die weder Grenzen, noch Herren haben; mit ſeinen Feinden an Liſt zu wetteifern, und ſie mit der Stärke zu bekämpfen; und dann Abends, beim Schein des Feuers, unter einem ſternenhellen Himmel zu träumen, die Stimme des Win⸗ des und der Bäume, das Murmeln der Waſſer,— jene unaufhörliche Melodie zu hören, welche die Natur dem Menſchen vorſingt, und die das Geräuſch der Städte nicht bis zu ſeinen Ohren dringen läßt,— das iſt das Loos, das Gott ihm anweist. O mein Sohn! iſt dieſes Loos nicht eines Abkömmlings der Mediana würdig?“ „Sie hören es, Pepe,“ rief der Jüngling;„haben Sie mir etwas Höheres vorzuſchlagen?“ „Nein, meiner Treu!“ ſprach der Spanier.„Nicht einmal den Hauptmannsgrad in dem königlichen Kara⸗ binierregimente, der einſt der Gegenſtand meiner ſehn⸗ ſüchtigſten Wünſche war, möchte ich Ihnen als Zielpunkt Ihrer Wünſche hinſtellen.“ „Sei ruhig, Fabian,“ fuhr der Jäger fort,„das erſte Fiſchotterfell, das Du verkauſſt, wird Dir mehr Freude machen, als die Scheffel Goldes, die Du hier ſammeln könnteſt. Ich werde aus Dir, wie ſchon aus Pepe, einen tüchtigen Schützen machen, und dann ſind wir drei die reichſten Leute von der Welt. Es fehlt Dir jetzt nur noch eine gute Kentuckybüchſe, und es wird ſich wohl eine gute Seele finden, die uns eine ſolche auf Kredit gibt,“ ſetzte der Jäger hinzu. „Warum gehen wir alſo nicht ſogleich von hier weg?“ ſprach Fabian mit einem Lächeln, das ſeiner Rührung durch die Offenherzigkeit des ehrlichen Kana⸗ diers entriſſen wurde, welcher nicht bedachte, daß er einen Schatz von unendlichem Werth unberührt zurück⸗ „Laſſen Sie ihn ſprechen, Don Fabian,“ ſagte Pepe, ließ. 176 dort unten ſo viel genommen, daß ich Ihre Büchſe bald bezahlen kann.“ Und Pepe zeigte Fabian mit triumphirender Miene ein nußgroßes Goldſtück,— das einzige, das er ſich erlaubt hatte, von dem wunderharen Goldhaufen wegzu⸗ nehmen, als er ihn mit Füßen getreten, um ihn jedem menſchlichen Auge zu entziehen. In dem Augenblicke, wo das edle Kleeblatt im Begriffe war, den Hügel hinabzuſteigen, um nach dem Orte hinzugehen, wo ſie den armen Gayferos zurückge⸗ laſſen hatten, geſtattete ihnen die Stille der Nacht, ein Pferd über den die Töne hell und deutlich verbreitenden Boden der Ebene hingaloppiren zu hören. Der Kanadier war peinlich aufgeregt; allein er verbarg die Unruhe, die er innerlich fühlte. „Ohne Zweifel iſt es,“ ſagte er, ohne daß er es ſelbſt zu glauben wagte,„ein Mann aus dem mexi⸗ kaniſchen Lager, der hieher flieht.“ „Gebe Gott, daß es nichts Schlimmeres iſt!“ ant⸗ wortete Pepe;„mich wundert nur Eines,— das näm⸗ lich, daß die Nacht ſo ruhig geweſen, während nicht weit von hier Indianer herumſchwärmen, und Weiße, die noch habgieriger find, als die Indianer,— und dieſe ver⸗ dammten Schätze ſich ſo nahe bei uns befinden.“ „Ah! ich ſehe den Reiter,“ ſprach Fabian mit lei⸗ ſer Stimme;„aber es iſt, ſeitdem der Mond unterge⸗ gangen, ſo dunkel, daß ich nicht zu unterſcheiden vermag, ob es ein Freund, oder ein Unbekannter iſt; ſo viel iſt für mich wenigſtens gewiß, daß es ein Weißer iſt.“ Der Reiter galoppirte immer noch fort, und er ſchien die Pyramide weit auf der Seite laſſen zu wollen, als er plötzlich ſein Pferd umwandte, und auf das indianiſche Grabinal zugeſprengt kam.. „Holla, Freund! wer ſeid Ihr?“ rief Roſenholz auf ſpaniſch. „Ein Freund, wie Ihr ſagt,“ antwortete der Reiter, —————. * 177 deſſen Stimme von Jedem der drei Jäger erkannt wurde. Es war die des Pedro Diaz⸗ „Höret mich, Ihr drei,“ rief er,„und machet Euch zu Nutzen, was ich Euch ſagen werde.“ „Sollen wir zu Ihnen hinabkommen?“ fragte der Kanadier. „Nein, vielleicht hättet Ihr nicht ſo viel Zeit, um wieder in Eure Citadelle hinaufzukommen. Die India⸗ ner ſind Herren der Ebene; unſere Kameraden ſfind faſt Alle ermordet. Nur mit vieler Mühe bin ich ſelbſt mit dem Leben davongekommen.“ „Wir haben das Flintenfeuer gehört,“ ſprach Pepe. „Unterbrechen Sie mich nicht,“ verſetzte Diaz:„die Sache hat Eile. Der Zufall hat mich ſo eben einen Spitzbuben entdeken laſſen, den Ihr nicht hättet entkom⸗ men laſſen ſollen. Es iſt Baraja. Er führt zwei Wü⸗ ſtenräuber und apachiſche Indianer hieher, die ich aus Mangel an Zeit nicht habe zählen können. „Ich bin ihnen nur einige Minuten voraus⸗ Sie folgen mir auf dem Fuße. Lebet wohl! Ihr habt meiner verſchont, als ich Euer Gefangener war: möge die Nachricht, die ich Euch gebe, meine Schuld tilgen! Was mich betrifft, ſo will ich in einiger Entfernung von hier Freunde benachrichtigen, die gleichfalls in Gefahr ſchwe⸗ ben, denn die Räuber, die mich verfölgen, verhehlen ihre Plane nicht. Wenn Ihr ihnen entkommt, dann ſuchet den rothen Fluß an dem Punkte, wo er ſich ga⸗ belförmig theilt, zu erreichen: dort werdet Ihr Tapfere finden, die„ Ein von einer unſichtbaren Hand abgeſchoſſener Pfeil flog pfeifend ganz nahe an Diaz vorbei, und ließ ihn nicht weiter reden. Wie man ſieht, ſo hatte die Sache allerdings Eile. Nachdem Diaz den drei Jägern dieſe unvollſtändige Nachricht hingeworfen, ſpornte er ſein Pferd mit aller Der Waldläufer. M. 12 Macht, und ſchrie, um ſeinen Freunden eine letzte War⸗ nung zukommen zu laſſen, und um den ihn verfolgenden Feinden ein letztes Mal Trotz zu bieten: „Schildwache, aufgemerkt!“ Und das Echo wiederholte noch dieſen Alarmruf, als Diaz in der ungeheuren Einöde, durch die Dunkelheit geſchützt, bereits verſchwunden war. Zu gleicher Zeit heulten von verſchiedenen Seiten der Ebene her Wölfe. „Es ſind die Indianer,“ ſprach Roſenholz,„ſie ha⸗ ben Wölfe das Aas des dort unten liegenden Pferdes zerreißen ſehen, und ahmen nun die Stimme derſelben nach, um ſich ein Signal zu geben. Aber dieſe Teufel können alte Jäger, wie wir ſind, nicht hinter das Licht führen!“ Einundfüntzigſtes Rapitel. Worin Baraja aus dem Regen in die Traufe kommt. Um den Urſprung und die Natur der neuen Gefahr zu erklären, welche den drei Jägern drohte, müſſen wir auf den Augenblick zurückkommen, wo wir den unglück⸗ lichen Oroche haben über dem Abgrunde hangen laſſen, — wo derſelbe den Goldblock krampfhaft umſchloß, den er dem Felſen, deſſen Zierde er ſeit ſo vielen Jahren gebildet, entriſſen, und wo die Furcht vor einem entſetz⸗ lichen Tode einerſeits, und die, der glücklich ergriffenen Beute entſagen zu müſſen, andererſeiis, ihm die Befin⸗% nung geraubt hatte. Er hätte Baraja ebenſo gern ſein Leben, als ſeinen Schatz gegeben; ſein eigenes Herz ————————— ——— 179 ſagte ihm, daß er an ſeiner Stelle das Gold genommen, und den Menſchen dem Abgrunde überantwortet haben würde; und er zog es vor, den Gegenſtand der wilden Habgier ſeines Gefährten mit ſich in die Tiefe zu neh⸗ men.— Baraja hatte unbarmherzig die Litzen des Strickes nach einander durchſchnitten, und dieſes ſein furchtbares Geſchäft mit wüthenden Bitten und flehenden Verwün⸗ ſchungen untermiſcht. Die letzte Litze, die den Gambu⸗ ſino noch über dem Abgrunde hielt, war von ſelbſt ab⸗ geriſſen; es war daher wirklich der Körper Oroche's, den die Jäger, gleich einer ſchwarzen Wolke, hatten den transparenten Schleier des Waſſerfalls durchſchneiden ſehen. Erſchrocken über das, was er gethan, nicht über den Mord, den er verübt, ſondern über das Verſchwin⸗ den des Goldblocks, warf Baraja einen beſtürzten Blick in den Abgrund. Allein es war zu ſpät; was der Abgrund einmal verſchlungen hatte, gab er nicht mehr zurück. Er donnerte und brüllte wie ein unerſättliches Ungeheuer, und das Auge des Elenden begegnete nur der Finſterniß. Zum erſten Male bedauerte Baraja die vollſtändige Einſamkeit, in die ihn der Tod Oroche's verſetzte. Mit Letzterem verſchwand die Hoffnung eines gleichen Kam⸗ pfes mit den dermaligen Beſitzern des Goldthals. Zwar war ihm der Gedanke gekommen, die Abreiſe derſelben abzuwarten; allein außerdem daß Nichts bewies, daß dieſe Abreiſe ſehr bald ſtattfinden müſſe, erlaubte ihm der wilde Golddurſt, der ſich ſeiner bemächtigt hatte, nicht, lange auf dieſelbe zu warten⸗ Eine heimliche Wuth vermiſchte ſich mit ſeiner Un⸗ geduld. Die vrei Jäger waren der Gegenſtand derſelben, und er beſchloß, ſelbſt auf Koſten ſeiner Habgier, dieje⸗ nigen von ihrem Poſten zu verjagen, die ſich in ſo an⸗ maßender Weiſe für die alleinigen Herren des Goldthals erklärt hatten. Die Heftigkeit der Leidenſchaften, deren ſteigende Progreſſion wir bei den zwei untergeordneten Spitzbu⸗ ben haben verfolgen müſſen, war es daher allein, die gegen die Hauptperſonen dieſer Erzählung die größte Gefahr heraufbeſchworen hatte, welcher dieſelben in ihrem Leben ausgeſetzt geweſen. Baraja, der bis daher ſo verblendet geweſen war, daß er die Anweſenheit Oroche's als für ſeine Intereſſen nachtheilig angeſehen hatte, entſchloß ſich, von ſeiner Habſucht beſſer berathen, endlich, ins Lager zurückzukeh⸗ ren, um dort Verſtärkung zu holen. Er hatte in dieſer Hinſicht einen Mittelweg ausfindig gemacht, der ihm zur Löſung dieſer doppelten Schwierigkeit geeignet ſchien: er wollte nämlich ſeine Entdeckung höchſtens nur fünf bis ſechs Abenteurern mittheilen, darauf mit denſelben und die Andern ihrem guten Sterne über⸗ laſſen. Zwei Hinderniſſe, die er nicht in ſeine Rechnung mit aufgenommen, ſollten dieſen Entſchluß unausführbar machen: es war dieß erſtlich die Zerſtreuung und totale Niederlage der Abenteurer, und zweitens die Anweſen⸗ heit des Diaz, deſſen Tod er ſich ſchmeichelte, beweint zu haben, und den man hat wieder zu Pferde ſteigen ſehen, um anſtatt Don Eſtevan's das Commando der Erpedition zu übernehmen. Es war ſchon ziemlich ſpät, als Baraja ſich ent⸗ ſchloſſen hatte, das Goldthal auf kurze Zeit zu verlaſ⸗ ſen. Er verfolgte ganz nachdenklich den Weg, den er am Morgen mit Don Eſtevan, Oroche und Diaz gemacht hatte, und ließ es ſich nicht entfernt einfallen, daß Letz⸗ terer in einiger Entfernung hinter ſeinem Pferde her⸗ galoppirte. Wir brauchen nicht zu ſagen, daß es ihm, da er in den Nebelbergen einen neuen Umweg machte, ein Leichtes geweſen war, die Ebene zu erreichen, ohne von 181¹ den Jägern, oder von Diaz bemerkt zu werden. Es war etwa in demſelben Augenblicke, wo die Niederlage der Mexikaner anfing. Es war ſchon ganz dunkel geworden, als ein in einer Entfernung von etwa einer Stunde vom Lager ausgehendes Flintenfeuer ſein Ohr traf, Baraja horchte unruhig, und fühlte, wie ein kalter Schweiß raſch ſeine Stirne bedeckte. Bald wurde das Flintenfeuer noch heftiger. Voller Angſt hielt Baraja an. Vorwärts oder rück⸗ wärts zu gehen war gleich gefährlich; aber da es, im Ganzen genommen, vielleicht gefährlicher war, vorwärts zu gehen, ſo entſchloß ſich Baraja zum Rückzug. Schon wollte er ſeinen Entſchluß in Ausführung bringen, als das Geräuſch eines Pferdegalopps, das ſich hinter ihm hören ließ, ſeine Befürchtungen verdoppelte. Bald ſteigerte eine Stimme, die in der Finſterniß ſich mit dem abgemeſſenen Tritte des Pferdes vermiſchte, dieſe Befürchtung bis zum Schrecken. Dieſe Stimme war die des Pedro Diaz. Es war teine Täuſchung möglich, denn ſie ſchrie ihm in die Ohren: „Es iſt Oroche, wenn ich mich nicht täuſche?“ Für Baraja war dieß die Stimme eines Todten, der einem Andern rief. Es ſiel dem Elenden in ſeiner Verwirrung nicht ein, daß Diaz ihn in der Dunkelheit für Oroche anſehe, und er ſprengte daher davon. Dann wurde der Galopp des Pferdes hinter ihm raſcher, und die Stimme drohender. Baraja floh, dem Flintenfeuer zum Trotze, nur um ſo raſcher dem Lager zu. Indeſſen gab es einen Augenblick, wo die Lebenden, welche um ſich her die dem Gemetzel im Lager entron⸗ nenen Flüchtlinge niedermachten, ein ſo furchtbares Schat⸗ ſpiel darboten, daß Baraja ſich vor den Todten nicht mehr fürchtete, und ſein Pferd umwandte. Auch haben ter von den Apachen umringt, und ganz 182 wir ſchon geſagt, daß die Mexikauer nicht lange aber⸗ gläubiſch ſind. Das zufällige Zuſammentreffen mit Diaz, den er ſeit dem verfloſſenen Morgen für todt hielt, hatte ſeinen durch den Mord Oroche's ſchon erſchütterten Geiſt noch mehr aufgeregt. Der Anblick der Indianer hatte ihn in die wirkliche Welt zurückgerufen. Unglücklicher Weiſe fand ſich Baraja, als er ſein Pferd umwandte, Diaz gegenüber, den das Ausreißen vom verfloſſenen Morgen nicht gar günſtig für ihn ge⸗ ſtimmt hatte. „Feigling!“ ſchrie Diaz, ihm den Weg verſperrend, in meiner Gegenwart nicht zum zweiten Male fliehen!“ In demſelben Augenblicke wurden die beiden Rei⸗ wider ſeinen Willen mußte ſo Baraja an dem tödtlichen Kampfe An⸗ theil nehmen, den er vermeiden wollte. Es waren die zwei Reiter, deren herviſche Anſtren⸗ gungen die Mexikaner, die noch im Lager kämpften, ge⸗ ſehen hatten. Diaz hatte den Händen eines Indianers die Mord⸗ keule entriſſen, und bediente ſich derſelben mit ſchauer⸗ lichem Erfolge. Ihn hat man auch am Ende Feinden entfliehen ſehen, die zu zahlreich waren, als daß eine Flucht nicht gerechtfertigt geweſen wäre. Der Mann dagegen, deſſen Gefangennehmung von einem wilven Triumphſchrei begleitet war,— der Weiße, der an dem Baume feſtgebunden war, bis er zu Tode gemartert werden ſollte, war kein Anderer, als Baraja, gegen den die Vorſehung, nach unſerer Anſicht, ſich nicht ungerecht zeigte. All' die ſinnreichen Combinationen Baraja's hatten alſo nur das Reſultat gehabt, daß er ſich an den dor⸗ nigen Stamm eines Eiſenbaumes feſtgebunden, und inmitten einer Art hölliſchen Rundtanzes, des Vorläit⸗ fers der ihn erwartenden Qualen, ſah. Eine furchtbare Erpiation ſollte nun für den Mör⸗ — W— w W 183 der Oroche's beginnen. Der Unglückliche, dem die un⸗ heimliche Erzählung des alten Benito wieder einfiel, ſah ein, daß er in die Hände von Feinden gefallen, die noch unbarmherziger waren, als er ſelbſt gegen den Gambuſino geweſen, und daß ihm jede Gnade, ja ſogar ein Waſſertropfen, um während der Qualen ſeinen Durſt zu löſchen, verweigert werden würde. Baraja beneidete in der Angſt ſeines Herzens das Loos des Gefährten, den er ſeiner unerſättlichen Hab⸗ ſucht in ſo unmenſchlicher Weiſe geopfert; das Schweben Oroche's über dem Abgrunde, wobei derſelbe ſtiere Augen auf das Seil heftete, das bei jedem Meſſerſchnitte krachte, und ſich je mehr und mehr lockerte, erſchien dem Elen⸗ den als ein Roſenbett im Verhältniß zu ſeiner Lage, wenn er zitternd und bebend bedachte, daß ſeine eigene Todesqual ebenſo viele Stunden dauern würde, als die Oroche's Minuten gedauert hatte. Oroche war wenig⸗ ſtens, wie ein morgenländiſcher König, mit ſeinem Schatze begraben worden, und lag in ſeinem tiefen naſ⸗ ſen Grabe, wogegen Baraja nicht einmal ein Stückchen von all' dem Golde hatte befühlen können, das ihm mit dem Leben entging. Der Abenteurer mußte ſich dem Reſultate jener unerbittlichen Logik unterwerfen, welche die Dinge die⸗ ſer Welt regiert, und die da will, daß aus dem Böſen unfehlbar das Böſe hervorgehe, wie ſie auch will, daß das Gute ſtets Gutes erzeuge. Vielleicht würde es unter den Menſchen weniger Verbrecher geben, wenn mit der Furcht vor den menſch⸗ lichen Geſetzen, deren Wachſamkeit man ſtets zu täuſchen hofft,— wenn mit der Furcht vor einer jenſeitigen Strafe, die durch ihren fernen Verfalltag die Ungläu⸗ bigkeit zu einem Hohnlachen bewegen kann, ſich als eine Vervollſtändigung der religisſen Erziehung die Lehre von dem von der Vorſehung geltend gemachten Wieder⸗ vergeltungs⸗Geſetze verbände,— jenem Geſetze, dem ſich Niemand zu entziehen vermag. Wie manches Unglück, 184 deſſen Urſache uns unerklärbar zu ſein ſcheint, trifft uns, und iſt im Grunde nichts Anderes, als eine Expiationi Steht nicht geſchrieben:„Es wird Dir gethan werden, wie Du Andern gethan?“ Bei dem Scheine der brennenden Wagen, der ſich über die Ebene verbreitete, konnte man ſehen, wie der Gefangene in ſeinen Banden, die allein ſeine zitternden Beine verhinderten, unter der Laſt des Körpers ganz zuſammenzubrechen, hingeſunken war„und Blicke tödt⸗ licher Angſt umherwarf. Die Erpiation fing ſchon vor der Tortur an, und ſeine moraliſchen Leiden waren der ſeines Opfers gleich. Es befand ſich in ſeinem ganzen Weſen auch nicht eine Fiber, die beim Anblicke der wil⸗ den Geſtalten, die ſich über die Tobesangſt des weißen Geſichtes freuten, nicht ſchmerzlich bebte. In dieſem peinlichen Augenblicke hätte Baraja die Kenntniß einiger früheren Thatſachen gerne mit allen Reichthümern des Goldthals bezahlt:— wie viel hätte er nicht darum gegeben, wenn er um den Haß des in⸗ dianiſchen Häuptlings mit der zerſchmetterten Schulter gegen die drei Jäger, deren Zufluchtsort er kannte, ge⸗ wußt hätte, denn dieſer Häuptling ſollte jetzt das Sig⸗ nal zu ſeinem Tode geben. Allein er wußte Nichts da⸗ von, und ſeinerſeits vermuthete der Schwarzvogel eben⸗ ſo wenig, wie der Läufer, daß der Gefangene ihre Krie⸗ ger hätte denen entgegen führen können, deren Spur ſie verloren. In der Erwartung, daß der Schwarzvogel bald das Signal der Eröffnung des Feſtes geben würde, ver⸗ wandelten ſeine Krieger das von dem Wagen abgeriſ⸗ ſene Beſchläge in Werkzeuge der Tortur, indem ſie das⸗ ſelbe an den Feuern glühend machten. Die, welche ſich keine ſolchen Inſtrumente hatten verſchaffen können, ſpitzten Pfähle, oder ſchärften ihre Meſſer. Nach dem vollſtändigen Siege, den die Indianer errungen, mußte die qualvolle Tödtung eines Gefangenen den Freuden des Tages die Krone aufſetzen. Die den . 2—— g —— S—— 5————— — 3 185 Tag zuvor dem alten Benito entſchlüpften Worte klangen wie eine furchtbare Prophezeiung in ſein Ohr, es waren die Worte:„Sollte das Unglück es wollen, daß Sie in ihre Hände fallen, ſo bitten Sie Gott, daß die Apachen an jenem Tage guter Laune ſein mögen, dann kommen Sie mit einer zwar furchtbaren, aber doch ganz furzen Todesqual weg.“ Nun aber konnte es ſich der traurige Baraja nicht verhehlen, daß die Indianer an jenem Abende eine furchtbare Froͤhlichkeit entwickelten, und ebenſo wenig konnte er vergeſſen, daß dieſe kurze Todesqual fünf bis ſechs Stunden dauerte, bisweilen darüber, nie aber dar⸗ unter. Ein Indianer mit überaus grimmigem Geſichte trat zuerſt an den Unglücklichen hin, und ſprach zu ihm: „Die weißen Geſichter ſind, wenn ſie ſich in großer Anzahl beiſammen befinden, geſchwätzig, wie Papageie, und wenn ſie einmal an den Marterpfahl gebunden worden, ſind ſie ſtumm, wie die Salme an den Waſſer⸗ fällen. Wird der Weiße es wagen, ſeinen Todesgeſang zu ſingen?“ Baraja verſtand nicht, was der Wilde wollte, und ein dumpfes Aechzen war ſeine alleinige Antwort. Ein anderer Indianer trat zu dem Opfer hin. Eine große, vom Dolche eines Weißen herrührende Wunde drang durch ſeine Bruſt, von einer Seite der Schulter bis zur andern; das Blut ſtrömie, ungeachtet des Rindenverbands, noch daraus hervor. Der Apache tauchte einen Finger in ſein Blut, malte auf das Geſicht Baraja's eine Demarkationslinie, von der Stirn bis zum Kinn, und ſprach: „Dieſe ganze Seite des Geſichtes, die Hälfte der „Stirn, das Auge, und vdie Wange ſind mein Antheil, und ich bezeichne ſie zum Voraus für mich; ich allein werde das Recht haben, ſie dem Weißen, ſo lange er noch am Leben iſt, abzureißen.“ 186 Und da Baraja dieſe furchtbare Drohung ebenſo wenig verſtand, ſo machte ſie ihm der Indianer ver⸗ mittelſt einiger ſpaniſcher Worte, und mit Hülfe der Pantomime ſeines Meſſers vollkommen lar. Dem Unglücklichen erſtarrte das Blut in den Adern. Ein dritter Indianer trat, durch dieſes Beiſpiel angeregt, aus dem wilden Kreiſe, der ſich um den Ge⸗ fangenen gebildet hatte. „Die Kopfhaut gehört mir!“ ſprach derſelbe. „In dieſem Falle,“ ſetzte ein Vierter hinzu,„werde ich allein das Recht haben, auf den entblößten Schädel des Weißen das kochende Fett zu gießen, das uns die Leichname ſeiner Brüder liefern werden.“ Es war Baraja faſt unmöglich, alle dieſe furcht⸗ baren Einzelheiten nicht zu verſtehen, denn höchſt aus⸗ druckſame Geſten gaben ihm⸗die Erklärung derſelben. Dann ließen ſie ihm einen Augenblick Ruhe. Während dieſer kurzen Gnadenfriſt führten die In⸗ dianer wieder den Skalpirungstanz aus: es iſt derſelbe eine Art Bourrée, wie man ſie in der Auvergne tanzt, die man aber als von Teufeln getanzt anſehen könnte. Bald ließ ſich ein Geheul hören, das von ganz anderer Art war, als das, welches die Erheiterung und die Trauer der Indianer begleitet; denn der Wilde, das grimmigſte unter den Thieren der Wüſte, kann in ſeiner Freude, wie in ſeiner Trauer, nur heulen. Es war das Gebrüll der Ungeduld, das dieſe ſtets heulenden Tiger hören ließen Dann erhob ſich der verwundete Häuptliug, der mit der Antilope auf der Spitze der Anhöhe geblieben war, langſam, um zu ſagen, daß der Augenblick nun gekommen wäre, wo ſeine Krieger mit der Zerfleiſchung ihrer Beute beginnen könnten. Allein die Stunde Baraja's war noch nicht ge⸗ kommen; es war dieß nur die moraliſche Erpiation. e —— „——— ſo 3 er en en iel e⸗ de el ie t⸗ 8⸗ der en un 187 In dem Augenblicke, wo der Schwarzvogel das furchtbare Drama beginnen laſſen wollte, war ein un⸗ erwartetes Ereigniß Schuld, daß das Signal nicht er⸗ folgte. Plötzlich erſchien eii Krieger, deſſen Koſtüm, ob⸗ wohl es indianiſch war, doch dem der Apachen in Nichts glich, in dem Lichtkreiſe, den das Feuer der Wagen bil⸗ dete. Seine Erſcheinung ſchien indeſſen Niemand zu überraſchen; nur lief der Name El⸗Meſtizo von Mund zu Mund. Der Unbekannte grüßte die verſammelten Indianer in ernſter Weiſe mit der Hand, und ging auf den Ge⸗ fangenen zu. Die Flamme beleuchtete die Züge Baraja's ſo ſtark, daß der Neuangekommene die Todesbläſſe ſehen konnte, ſo ſie bedeckte. In dem Geſichte des Indianers war eine tieſe Ver⸗ achtung, ohne die geringſte Beimiſchung von Mitleid, zu leſen; aber Baraja machte eine ſeine Uebetraſchung bekundende Bewegung. Er hatte in dem Wilden die myſteriöſe Perſon wieder erkannt, die er im Laufe des Tages in ihrem Rindenkahne ganz ſtill auf dem Waſſer nach den Nebelbergen hatte fortgleiten ſehen. El⸗Meſtizo redete Baraja in engliſcher Sprache an, der ihn aber nicht verſtand, dann in franzöſiſcher und endlich in ſpaniſcher Sprache. Baraja ſtieß dann einen Freudenſchrei aus. „Oh!“ ſchrie er,„wenn Sie mir das Leben retten, ſo gebe ich Ihnen ſo viel Gold, als Sie nur tragen können!“ Baruja hatte dieſe Worte in einem ſo überzeugen⸗ den Tone geſprochen, daß der Fremde, wir könnten ſa⸗ gen, der Indianer(denn er ſchien eher der indianiſchen, als der weißen Race anzugehören) ganz von Eyſtaunen betroffen zu ſein ſchien. In ſeiner düſteren Phyſtogno⸗ mie leuchtete eine von Habgier zengende Freude auf⸗ 5 188 „Iſt es wahr?“ ſagte er, während ſeine Augen fun⸗ elten. „O Herr!“ fuhr Baraja fort, indem er die Hände rang,„es iſt eben ſo wahr, als daß ich hier einen gräß⸗ lichen Tod ſterben muß, wenn Ihre Dazwiſchenkunft mich nicht retten kann. Hören Sie: Sie werden mit mir kommen; nehmen Sie zehn, zwanzig, dreißig Krieger mit, wenn Sie es für paſſend erachten, und wenn ich Sie morgen mit Tagesanbruch nicht dem reichſten Gold⸗ lager auf der Welt gegenüber ſtelle, dann dürfen Sie mir die furchtbarſten Qualen auferlegen,— Qualen, wo möglich noch entſetzlicher, als die, ſo hier meiner warten.“ „Ich werde es verſuchen,“ ſagte der Unbekannte mit leiſer Stimme;„ſagen Sie Nichts mehr, denn Indianer dürſen nicht wiſſen, was Sie mir vorſchlagen, obgleich ſie das Gold der Weißen gar nicht hochſchätzen. Stl man hört uns zu.“ Und in der That ſchloß ſich der Kreis der Wilden, die vor Verlangen brannten, ihr Feſt zu beginnen, immer enger um ſie her; dabei ließ ſich ein dumpfes Murmeln hören. „Gut!“ ſetzte der Unbekannte laut und auf India⸗ niſch hinzu,„ich werde den Ohren des Häuptlings die 5 Worte des Gefangenen mit der weißen Haut mittheilen.“ Während die myſteriöſe Perſon dieſe Worte ſprach, warf ſie einen gebieteriſchen Blick umher, der die Er⸗ bittertſten zurückweichen machte, und ging auf den Schwarz⸗ vogel zu. Und als der Fremde die Spitze der Anhöhe er⸗ reicht hatte, auf der der Häuptling ſaß, rief er aus: „Kein Indianer rühre den Gefangenen an, bis die zwei Häuptlinge mit ihrer Berathung zu Ende ge⸗ kommen!“ Ein Strahl der Hoffnung glänzte vor den Augen Baraja's, und während ſeine Peiniger einen Blick blut⸗ 1 lechzender Ungeduld auf ihn warfen, fühlte der Unglück⸗ liche, deſſen Geſicht dem Manne zugekehrt war, von dem H e—0— —„—— ——„—— 3 — er ſeine Rettung erwartete, wie das Herz ihm bald vor Freude hüpfte, bald in ſeiner Bruſt wieder zu ſchlagen aufhörte. In ſeiner Todesangſt ward Baraja von jenen ſtür⸗ miſchen Empfindungen verzehrt, die im Laufe weniger Stunden das Haar eines Menſchen weiß machen können. Der Mörder hatte ſchon mehr ausgeſtanden, als Opfer. Die Unterredung der beiden Häuptlinge dauerte lange. Der Schwarzvogel ſchien ſchwer zu überzeugen. Uebrigens drang keines ihrer Worte bis zu den Ohren der Indianer, und ihre Geſten waren nicht leicht zu deuten. El⸗Meſtizo zeigte mit der ausgeſtreckten Hand auf ſein die Kette der Nebelberge. Er beſchrieb mit ſeinem Finger eine Curve, die ohne Zweifel bedeutete, daß man die⸗ ſelben überſteigen müſſe. Dann beſchrieb er mit ſeinen beiden Armen eine Art Kreis, vielleicht um eine große Ebene anzudeuten, zeigte auf die im Lager getödteten Pferde, und ahmte den Galopp ſpringender Pferde nach. Indeſſen war der indianiſche Häuptling immer noch unentſchloſſen, als Baraja, deſſen Auge die beiden Spre⸗ chencen verſchlang, ſah, wie derjenige, der für ihn ſprach, eine traurige und träumeriſche Miene annahm, und dem Schwarzvogel ganz leiſe einige Worte in's Ohr murmelte. Ungeachtet ſeines Stoicismus konnte der Indianer ſich nicht enthalten, zuſammenzufahren; auch konnte er einen Wuthblick nicht unterdrücken, der in Funken, ähn⸗ lich denen, welche das glühende Eiſen unter dem Ham⸗ mer ſprüht, aus ſeinen Augen drang. Endlich ſetzte El⸗Meſtizo ganz laut hinzu, damit es Jeder hören moͤchte: „Was iſt dieſer furchtſame Haſe“(und bei dieſen Worten deutete er auf den zitternden Gefangenen) gegen den Indianer mit dem ſtarken Herzen und mit den ſtählernen Muskeln, den ich in Eure Hände ge⸗ ben werde? Wenn die Sonne, die auf die morgende 5 6 190 folgt, drei Mal geleuchtet haben wird, werden Rothhand und Miſchblut an dem Punkte, wo der Gila ſich mit dem rothen Fluſſe vereinigt, beim Biſonſee zum Schwarz⸗ vogel ſtoßen. Dort werden auch die Apachen Pferde finden, welche die weißen Jäger ſich die Mühe gegeben haben werden, für ſie zu fangen: damit können die Apa⸗ chen die ihrigen erſetzen. Dort befindet ſich auch der, welcher„ Der Schwarzvogel unterbrach den Fremden, indem er ſeine Hand in die des neu Angekommenen fallen ließ. Der Handel war abgeſchloſſen. Dann kam der Fremde langſam von der Anhöhe herab, und warf einen feſten und ſicheren Blick auf die in ihrer Erwartung getäuſchten Indianer. Endlich zog er ſein Meſſer heraus und durchſchnitt die Bande, die Baraja feſthielten. DOhne auf die halb wahnſinnigen Dankſagungen des Abenteurers zu hören, führte er ihn beſeit, und ſagte zu ihm in einem Tone hochmüthiger Drohung: „Spielen Sie nicht mit meiner Leichtgläubigkeit: ein Kamerad erwartet mich dort unten“(und er deutete nach den düſteren Hügeln hin);„ich werde noch eilf apa⸗ chiſche Krieger mitnehmen.“ „Ah!“ rief Baraja, das iſt ſehr wenig. Der Schatz iſt von drei Männern bewacht, von denen zwei wahrhaft furchtbar ſind. Nie verfehlen ihre Büchſen das Ziel, das ſie ſich gewählt.“ Ein Lächeln voll unheimlichen Stolzes faltete die Lippen des Fremden. „Rothhand und ich haben nie umſonſt nach einem Feinde gezielt, und wenn man von ſeinem Körper auch nur die Größe eines Maiskorns ſah,“ ſprach er, auf ſeine ſchwere Büchſe deutend.„Der Falke iſt blind und langſam neben uns Beiden.“ Dann verließen die Indianer das brennende Lager der Goldſucher. Mit der Hauptmaſſe ſeiner Truppe ging „— —— NM W M—— m ch uf d er 8 191 der Schwarzvogel, trotz ſeiner Wunde, nach dem Biſon⸗ ee ab. Die zwei Boten ſeiner Rache ſchlugen einen andern Weg ein. Die Antilope ging mit zehn Kriegern nach dem Punkte hin, wo der Fluß ſich gabelfoͤrmig theilte, um daſelbſt die Spuren der drei Jäger zu ſuchen. El⸗Meſtizo und Baraja verfolgten mit zwölf an⸗ deren Indianern den nach dem Goldthale führenden Weg, während die letzten Ueberreſte der Wagen einen Feuerregen bildeten, und ziſchend in dem Blute erloſchen, das der Boden noch nicht ganz hatte einſaugen koͤnnen. Zweiundfüntzigſtes Rapitel. Zwei Wüſten⸗Räuber. ⸗ Es iſt zu Anfang dieſer Erzählung geſagt worden, wie, aus Anlaß der Jagd nach Pelzen und edlen Me⸗ tallen, in den Wäldern und Wüſten Amerika's, von den Tiefen Canada's bis zu den Ufern des ſtillen Ocean's, das heißt, bis zu dem ungeheuren, von den Nordameri⸗ kanern eroberten Oregon⸗Gebiete, ſich eine neue und ſon⸗ derbare Claſſe von Menſchen gebildet hat. Wir haben es verſucht, die Waldläufer und Gam⸗ buſinos ſo gut zu ſchildern, als es uns möglich geweſen. Die Vorfahren dieſer Abenteurer, deren Sitten und Charakter der Ganadier und der ſpaniſche Jäger getreu abſpiegeln, ſowie die Väter der Goldſucher hatten an⸗ fänglich nur mit den rechtmäßigen Beſitzern der Wälder oder Wüſten zu kämpfen, die ſie unterſuchten⸗ Heut zu * 192 Tage haben ihre Abkömmlinge mit Feinden zu kämpfen, die noch furchtbarer ſind, als die Indianer. Die Weißen, welche das wilde Leben annahmen und zu Renegaten der Civiliſation wurden, ſchloßen mit den indianiſchen Reiſenden häufige und vorübergehende Verbindungen, und ſo riefen dieſe Abenteurer eine ge⸗ kreuzte oder gemiſchte Race in's Leben. Dieſe Meſtizen erben, wie es faſt immer der Fall iſt, die Laſter der weißen Race, während ſie die der indianiſchen behalten. Gleich den Indianern unermüdlich im Rauben,— furchtbar, wie ihre Väter in der Handhabung der Feuer⸗ waffen,— zugleich civiliſirt und wild,— die Sprache ihrer Väter und die ihrer Mütter ſprechend, ſtets bereit, dieſe Kenntniſſe zu mißbrauchen, um die Indianer und die Weißen zugleich zu betrügen, ſind dieſe Meſtizen der Schrecken der Wüſten, und die furchtbarſten Feinde, denen man da begegnen kann Zu dieſen furchtbaren Hülfsgenoſſen der Indianer rechne man noch die Weißen, die ihre Verbrechen aus den Städten verbannt haben, und in den Wüſten neben der Strafloſigkeit jede Gelegenheit finden, ihren unheil⸗ vollſten Leidenſchaften freien Spielraum zu verſchaffen, — ſo hat man die neuen Gegner, mit denen die Jäger, die Trapper und die Goldſucher es heutzutage aufzu⸗ nehmen haben. Ein träumeriſcher Dichter, der ſich in eine lachende und ruhige Einöde verirrt hat, und damit beſchäftigt iſt, die fliehende Wolke am Himmel, den die Oberfläche eines Sees kräuſelnden Wind zu beobachten, den Stim⸗ men der Natur zu lauſchen, die um ihn her ſingen, und deren Harmonien er niederzuſchreiben ſucht, wird, wenn er in dem Dickicht plötzlich die blutigen Augen eines reißenden Thieres erglänzen ſieht, ſeinen Träumereien nicht unſanfter entriſſen, als Roſenholz ſeinen Glücks⸗ träumen entriſſen wurde. Die Nachricht, die ihm Diaz gebracht, überraſchte den Waldläufer inmitten ſeiner Zukunftspläne wie ein 1⸗ id in es en 5 te in 193 trauriges Vorzeichen, daß dieſelben nie in Erfüllung gehen würden. Er ſchwieg, wie Fabian, und wie Pepe, der einen Kriegsmarſch pfiff. Gewiß wären die Vorahnungen des Canadiers noch duſterer geweſen, und gewiß würde Pepe die Nachricht von einer ſo nahen Gefahr nicht ſo leicht aufgenommen haben, wenn Diaz ihm hätte ſagen können, daß unter den herannahenden Feinden ſich zwei von den furchtba⸗ ren Gegnern befänden, von denen ſo eben die Rede ge⸗ weſen iſt. Schon hatten, ohne daß die drei Jäger es vermu⸗ thet, die zwei Räuber, die Baraja gefangen hielten, ihren Rindenkahn in dem unterirdiſchen Canal, der von dem See des Goldthales nach den Nebelbergen führte, vor jeder Entdeckung geſichert. Dieſe zwei Wüſtenräuber waren Vater und Sohn. Wir haben Letzteren unter dem Namen El⸗Meſtizo bereits eingeführt. So nannten ihn die Mexikaner und die Apachen. Die Jäger franzöſiſchen Urſprungs, ſei es, daß dieſelben aus Canada, oder aus den Miſfiſſippi⸗ Ebenen kamen, hießen ihn Sang-Meèlé, die Amerikaner aber gaben ihm den Namen Half-Breed; denn ſo groß war der Ruf dieſes Mannes, daß er die von dieſen ver⸗ ſchiedenen Racen beſuchten Wüſten durchlaufen hatte. Was den Erſteren betrifft, der, je nach der Sprache der in dieſen Einöden umherirrenden Abenteurer, bald Main-Rouge, bald Red-Hand, bald Mani-Sangriento genannt wurde, ſo konnte ſein furchtbarer Ruf nur durch den ſeines Sohnes verdunkelt werden. Mit einem kein Mitleid kennenden Herzen, einer Mordgier, die ſich durch Nichts Einhalt thun ließ, einer diaboliſchen Geſchicklichkeit, und einem Muthe, den Nichts einzuſchüchtern vermochte, verbanden Vater und Sohn den Vortheil, daß ſie das Engliſche, das Franzöſiſche, das Spaniſche, ſo wie die meiſten an den Grenzen üb⸗ lichen indianiſchen Dialekte geläufig ſprachen. Der Waldläufer. M. 4 8 194 Wit werden übrigens, im Verfolge dieſer Erzäh⸗ lung, dieſe beiden Männer näher kennen lernen,— dieſe Männer, die, bald Feinde, bald Freunde der Weißen und der Indianer, welche ſie abwechſelungsweiſe ihren ſchrankenloſen Leidenſchaften dienſtbar machten, in Folge der Verbindungen, die ſie unter beiden Racen hatten, von den Indianern ebenſo gefürchtet waren, wie von den Weißen. Der, wenn auch ziemlich kalte, Empfang von Seiten des Schwarzvogels und ſeiner Krieger, das hochmüthige Gebahren des Meſtizen, und die Ueber⸗ laſſung eines Kriegsgefangenen von Seiten des rothen Häuptlings können uns ſchon einen kleinen Begriff von dem geheimen und mächtigen Einfluſſe dieſes Menſchen auf die indianiſchen Stämme geben. „Wohlan!“ ſprach Pepe, indem er zu pfeifen auf⸗ hörte, während ſeine beiden Kameraden keinen Augen⸗ blick verloren, um die Verſchanzung zu vollenden, die ſie bei hereinbrechender Nacht zu bauen angefangen hatten,„hatte ich Recht, wenn ich behauptete, es ſei eine gefährliche Phantaſie, hier die Nacht zubringen zu wollen? Nun ſitzen wir ſchön in der Patſche!“ „Bah!“ antwortete Fabian mit der männlichen Re⸗ ſignation, die auf ſeine Unentſchloſſenheit gefolgt war, „muß nicht unſer Leben eine faſt ununterbrochene Reihe von Kämpfen ſein, und iſt es nicht einerlei, ob wir uns hier oder anderswo ſchlagen?“ „Das war ſchon gut für Pepe und für mich,“ ſagte der Canadier traurig,„aber Deinetwegen, mein Kind, wollte ich, ohne gerade auf das Leben in der Wüſte zu verzichten, doch dieſe einſame Exiſtenz auf⸗ geben, welche die Gefahren deſſelben verdoppelt. „Meine Abſicht war, mit Euch zu den Reiſenden meiner Nation zu ſtoßen, die auf dem oberen Miſſouri Schifffahrt treiben, oder mit Euch bei den Trappers oder den Bergjägern im Oregon⸗Gebiete Dienſte zu nehmen, Da hat man immer an die hundert Kameraden, —— und obgleich man von den Städten weit entfernt iſt, ſo hat man doch kaum je Etwas zu fürchten, ſobald man unter einem wachſamen und intelligenten Führer dient, wie es in den weſtlichen Staaten ſo viele gibt.“ „Ich fürchte,“ ſetzte Pepe nach einem kurzen Schwei⸗ gen ſeiner Kameraden hinzu,„dieſer Ort iſt zur Ver⸗ theidigung nicht ſo gut, als ich anfänglich glaubte. Von dieſem Gipfel aus, von dem die Cascade herab⸗ ſtürzt, kann man uns leicht im Schach halten, und be⸗ ſchießen.“ „Das Waſſer der Cascade fällt aus den Nebeln herab, und die Spitzbuben, die da im Hinterhalte lägen, wo es ſich in dieſen Schlund ſtürzt, wären für uns ſo unſichtbar, wie wir für ſie. Sieh nur, wir ſind hier ſogar in einen dicken Nebel gehüllt; die Sonne wird ihn in einer kleinen Weile zerſtreuen; indeſſen hat ſie den nicht zu zerſtreuen vermocht, der dieſe Berge bedeckt.“ „Du haſt Recht,“ antwortete Pepe auf den Ein⸗ wurf des Canadiers;„ſobald ſich aber nur der Nebel auf einige Minuten zerſtreut, ſchießt man auf uns, wie auf eine Scheibe.“ „Wir hangen von der Gnade Gottes ab,“ ſprach Fabian. „Ja, und von der der Apachen, mit andern Worten, von der der rothen Teufel.“ Die drei Jäger konnten ſich nicht verhehlen, daß ihr Leben möglicher Weiſe von einem Winde abhing, der auf einen Augenblick die Nebelmaſſe zerſtreute, wo⸗ mit die Höhen bekränzt waren; ſo lange aber ein An⸗ griff ſo nahe bevorſtand, konnten ſie keinen anderen Ort wählen. „Ah!“ rief Pepe,„mir fällt Etwas ein, und ich will.„Stl ich glaube, ich höre da oben laufen.“ Ein Stein, der ſich von den Höhen abgelöst hatte, ſiel in demſelben Augenblicke mit großem Getöſe in den Abgrund. 196 „Die Spitzbuben ſind da oben; es iſt gewiß,“ ſprach der Canadier.„Horchen wir!“ Die impoſante Stimme des Waſſers ließ ſich allein in dem Abgrunde hören, der es aufnahm. „Die Teufel ſind auf den Höhen und auf der Ebene,“ ſagte Pepe;„aber ich muß hinabſteigen, um meine Idee auszuführen. Ich gehe unter dem Schutze Eures Feuers; alſo aufgepaßt!“ Der Canadier hatte die Gewohnheit, ſich unbe⸗ dingt auf den Muth und die ſo oft erprobte Geſchick⸗ lichkeit ſeines Kameraden zu verlaſſen, wie Letzterer un⸗ bedingt ſich auf Roſenholz verließ. Dieſer verlangte daher von ſeinem Gefährten auch keine weiteren Aufſchlüſſe. Fabian und Roſenholz ſetzten ein Knie auf den Boden, ſchlugen an, und hielten ſich bereit, im Noth⸗ falle zu feuern. Der Spanier ließ ſich, mit quer über die Knie gelegter Büchſe, auf den Ferſen an dem ſteilen Hügel hinabgleiten, und verſchwand einen Augenblick in der Finſterniß. Roſenholz und Fabian waren nur einen Augen⸗ blick unruhig geweſen, denn bald ſahen ſie wieder den Karabinier am Fuße der Pyramide anlangen, und dieſelbe erſteigen. Pepe hielt den dicken wollenen Zarape in der Hand, der Cuchillo als Mantel gedient hatte. „Ah! das iſt ein guter Gedanke,“ ſprach Roſenholz einfach, dem die Abſicht Pepe's nicht entging. „Ja, ja, hinter dieſer wollenen, durch die Decke Don Fabian's verdoppelten Verſchanzung, kann uns keine Kugel erreichen: ich wenigſtens kenne keine, die es könnte.“ Die oberen Zipfel der beiden Zarapes wurden mannshoch an den Stamm der Tannenbäume geknüpft, welche die Plattform beherrſchten, und es boten ihre vicken und wallenden Falten eine Schutzwehr dar, an der die Kugel eines Karabiners unfehlbar ihre Kraft verlieren mußte. „Von dieſer Seite haben wir alſo Nichts mehr zu fürchten,“ ſprach Pepe, ſich froh die Hände reibend; und auf dieſer da ſchützen uns die flachen, von uns aufgehäuften Steine hinlänglich. „Wir können alſo den Feind getroſt erwarten, und uns mit ihm, wenn er es für zweckmäßig erachtet, in Unterhandlungen einlaſſen. „Ach, mein Gott! ich könnte Euch ſchon jetzt ihren ganzen Angriffsplan entwickeln!“ ſetzte der Spanier mit der Sicherheit eines großen Feldherrn hinzu, der die ſtrategiſchen Bewegungen des Feindes, den er zu ſchlagen im Begriffe iſt, im Voraus kennt. „Laſſen Sie einmal ſehen!“ ſprach Fabian, über die Kaltblütigkeit des Exmiquelete lächelnd, der ſich hinter der wollenen Verſchanzung ruhig auf den Rücken hingelegt hatte, und die im Nebel funkelnden Sterne ganz gemüthlich betrachtete. „Recht gerne; aber legen Sie ſich, gleich mir, vorerſt hin, und auch du, Roſenholz, thu' ein Gleiches, denn Du bieteſt ihnen einen Zielpunkt dar, der eben ſo groß iſt, wie der Stamm dieſer Tannenbäume.“ Beide gehorchten ihrem Kameraden ſchweigend, und bald hätte man von der Ebene aus nur noch die phan⸗ taſtiſche Silhouette des durchſichtigen Pferdeſkeletts, die menſchlichen Haupthaare oben an den Stangen, ſowie die langen Aeſte der dunkelgrünen Tannenbäume ſehen können, die ſich über dieſe düſteren Embleme ausſtreckten. „Für's Erſte,“ ſprach der ſpaniſche Jäger,„iſt es, da die mexikaniſchen Abenteurer— und es ſind wohl mehrere darunter— ſowie die indianiſchen Herum⸗ ſtreicher von dem Schlingel, den Ihr Baraja nennt, ge⸗ führt find, ganz natürlich, daß er ſie hat denſelben Weg einſchlagen laſſen, den er ſelbſt genommen hat, um uns zu entgehen, und darum haben ſie die Höhen erſtiegen. Allein der Spitzbube, der ſie führt, hat ohne Zweifel ——————— 198 noch einen anderen Grund gehabt, um nicht von der Ebene aus hieher zu kommen. „Wenn es wahr iſt, daß er ſeinen vertrauten Freund von dieſem Felſen in den Abgrund geſtürzt hat, um von der goldenen Beute einen größeren Antheil zu erhalten, ſo wird er gewiß ſeinen neuen Verbündeten den Roſentopf nicht entdecken wollen. Nun aber hat er gefürchtet, ſie möchten ſeinen Schatz entdecken, wenn er ſie durch die Ebene hieher führte. „Es möchte ſcheinen,“ ſetzte Pepe nach einer kurzen Unterbrechung hinzu,„daß die Vorſehung mir den Ge⸗ danken eingegeben, die ganze Oberfläche des Thales mit Grasſtengeln und Zweigen zu überdecken⸗ „Allein ich komme auf dieſen Angriffsplan zurück. „Die Spitzbuben werden daher die uns gegenüber⸗ liegenden Felſen erſteigen, und von da werden ſie uns, einen nach dem anderen, zu tödten ſuchen, um ſich ſpäter, wenn es ſich um die Theilung unſeres Erbes handeln wird, gegenſeitig aufzureiben. „Schaut, ſchaut,“ ſagte Pepe zuletzt mit vieler Lebhaftigkeit,„im Falle es zu Feindſeligkeiten kommt, müſſen wir dieſem Spitzbuben von Baraja zuerſt den Kopf zurecht ſetzen.“ Unter den drei Jägern befand ſich einer, der weit entfernt war, die Ruhe und die Zuverſichtlichkeit des ehemaligen Carabiniers zu theilen. Es war dieß Roſenholz. Seit dem Augenblicke,— und wie wir wiſſen, ſo war dieſer Augenblick kaum erſt verfloſſen,— wo dem canadiſchen Waldläufer ſich die Möglichkeit gezeigt hatte, den Abend ſeines Lebens, wie er es wünſchte, in der Wüſte und in Geſellſchaft des Kindes zuzubringen, das verſprochen hatte, ihn nicht mehr verlaſſen zu wollen, hatte in ſeiner Seele, und ohne daß er es ſelbſt wußte, eine plötzliche Revolution Statt gefunden. Die Gefahren jeder Art, welche die Wüſte denen parbietet, die daraus ihr Vaterland gemacht haben, und welche bis daher, wie Pepe geſagt, für Roſenholz ein überaus mächtiges Reizmittel geweſen waren, hatten ihn nun zum erſten Male in unbeſtimmter Weiſe er⸗ ſchreckt. Auf dem Inſelchen im Rio Gila hatte ſein Muth ihn nicht verlaſſen, obgleich er, bei dem Gedanken an die Fabian drohende Gefahr, wehmüthig geſtimmt worden war. Auf der Plattform der Pyramide bemächtigte ſich ſeiner ein geheimes Unbehagen. Seine Augen ſchienen nicht mehr den blitzſchnellen Blick zu haben, der ihn, wenn er ſich in Gefahr befand, den Weg entdecken ließ, derſelben zu entgehen. Sein Erfindungsgeiſt erſchien wie eine Quelle, die plötzlich verſiegt iſt. Während Pepe ſich darin geſiel, den Feldzugsplan ihrer Feinde zu entwickeln, hatte der Canadier mehrere Male den Mund geöffnet, und eben ſo oft hatte er, er⸗ ſtaunt über die Gefühle, die ſein Mund überſetzen ſollte, ſeine Worte wieder unterdrückt. Der Schluß Pepe's machte ihn kühner. „Aber,“ warf Roſenholz ein, der aus den Worten ſeines Kameraden einen troſtreichen Gedanken heraus⸗ griff,„entweder kennen die Banditen alle, die ſich bereit machen, über uns herzufallen, das Geheimniß dieſes Placer, oder aber kennen ſie es nicht: natürlich nehme ich einen unter ihnen aus, Baraja nämlich, denn der kennt es; und da Fabian das Gold ebenſo wenig will, wie wir, ſo wollen wir ihnen die Exiſtenz des Placer verrathen, und ſowohl in dieſem, als in dem anderen Falle, wo wir ihnen Nichts zu enthüllen hätten, wer⸗ den wir das Feld räumen, und, ohne einen Schuß zu wechſeln, abziehen. Was ſagſt Du dazu?“ Pepe beobachtete ein eiſiges Schweigen. „Es iſt das einzige Mittel, das wir anwenden kön⸗ nen,“ rief der Canadier, der ſich, ungeachtet des Schwei⸗ gens ſeines rohen Gefährten, in ſeinem Entſchluſſe im⸗ mer mehr befeſtigte. 200 Eine plötzliche Röthe, die er auf der Stirne Pepe's bemerkte, zeigte ihm deutlich genug die Urſache des Schweigens des Exmiquelete an. Pepe fing wieder an, den Marſch zu pfeifen, den er unterbrochen hatte. Fabian ſchwieg gleichfalls, und der unerſchrockene Greis, dem die Liebe zu ſeinem Kinde zu einer Feig⸗ heit rieth, wandte ſich ſeufzend um, um, trotz der Nacht, * Schamröthe zu verbergen, die ſein Geſicht be⸗ deckte. „Es wäre vielleicht auch paſſend,“ ſprach endlich der Carabinier mit einer Ironie, die der alte Veteran der Wüſte wie einen Dolchſtich fühlte,„daß wir uns ihnen als Laſtthiere anböten, um ihnen die Mühe zu erſparen, ihre Beute ſelbſt tragen zu müſſen. Es wird gar ſchön ſein, nicht wahr, zwei weiße Krieger zu ſehen, die einſt, ohne zu erblaſſen, einem ganzen Indianer⸗ ſtamme gegenüber ihr Kriegsgeſchrei haben erſchallen laſſen, und nun vor dem Abſchaum der Wüſte ſich in den Staub werfen! „Ah! Don Fabian,“ ſetzte der ſpaniſche Jäger in ver Bitterkeit ſeines Herzens hinzu,„was haben Sie aus meinem tapferen und ritterlichen Roſenholz ge⸗ macht?“ „O mein Fabian, Du ſtrahlender Stern, der Du über dem Abende meiner Tage aufgegangen biſt,“ rief Roſenholz,„Du, der Du mir das Leben ſo werth und ſo leicht gemacht haſt, hör' nicht auf dieſen Menſchen: er hat ein felſenhartes Herz.— er hat nie geliebt!“ Während der Rieſe, auf dem Boden liegend, dieſe Worte ſprach, warf er ſich unruhig hin und her, wie Enkelados unter dem Feuer ſpeienden Aetna; denn in ſeinem Herzen kämpften die mit einander wachſende Liebe und der unbengſame Muth, der, wie er fühlte, immer mehr abnahm. „Roſenholz,“ ſprach Pepe in ſchmerzerfülltem Tone, —„ 8* 201 „wir haben einen Tag zu viel bei einander zugebracht, da Du ſchon vergeſſen haſt„ „Ich habe Nichts vergeſſen, Pepe, ich ſchwöre es Dir,“ unterbrach ihn der Canadier:„ich habe nicht vergeſſen, daß das Skalpirmeſſer um meinen Kopf her bereits eine blutige Furche gegraben hatte, als Du mich mit eigener Lebensgefahr retteteſt; es iſt keine ſeit zehn Jahren von uns gemeinſchaftlich verlebte Stunde der Angſt oder der Freude, die meinem Gedächtniſſe nicht vorſchwebte! Entſchuldige die Bitterkeit meiner Sprache, Du kannſt nicht wiſſen, was die Zärtlichkeit eines Va⸗ ters iſt, denn ich ich„. der alte Waldläu⸗ fer. mochte um für mein Alter eine Stütze zu haben.... Flieht nicht ſelbſt der Löwe vom Atlas mit ſeinem Jungen?“ ſetzte der Jäger entſchieden hin⸗ zu, ohne ſeine herviſche Schwaͤche länger zu verbergen zu ſuchen. Fabian ergriff die Hand deſſen, der ihn mehr liebte, denn ſeine Ehre als auf dem Kriegspfade ergrauter Veteran. „Roſenholz, mein Vater,“ rief er,„habe ich Ihnen geſtern nicht geſagt, daß wir, wenn es nöthig wäre, mit einander ſterben würden? Allein Pepe und ich wer⸗ den thun, wie Sie es für gut halten.“ „Hm!“ ſagte Pepe, der ſich von der Rührung Fa⸗ bians und des Canadiers nun gleichfalls anſtecken ließ, „die Sache. hml. läßt ſich vielleicht fried⸗ lich abmachen.. hm! bei allen Teuſeln der Hölle! es iſt zwar hart... aber... da, wie Du ſagſt, die Löwen vom Atlas. Wohlan! Caramba! ſie befaſſen ſich da mit einem traurigen Geſchäfte, es ſei denn, daß ſie, ehe ſie fliehen, ein halbes Dutzend Jäger zerreißen. Nun! machen wir die Sache kurz ab,— rufen wir das Ungeziefer herbei, und laßt uns kapituliren!“ Und während der Carabinier dieſe Worte ſprach, richtete er ſich mit der raſchen Entſchloſſenheit, die ihn charakteriſirte, und aus ihm einen ſo trefflichen Gefähr⸗ 202 ten in der Gefahr machte, auf der Plattform kerzenge⸗ rade auf. Roſenholz dachte nicht daran, ſich dieſem plötzlichen Entſchluſſe zu widerſetzen, als Fabian ihm Einhalt that. „Ihr Beide möget ohne Schamgefühl fliehen, oder kapituliren, ich ſage es Euch,“ antwortete der Jüng⸗ ling:„auf jeden Fall muß man Euch eine Capitulation zuerſt anbieten, wenn ſie ehrenvoll und leicht ſein ſoll. Wollen wir nicht wenigſtens den Tagesanbruch abwar⸗ ten, um zu ſehen, mit wie vielen und mit welchen Fein⸗ den wir es zu thun haben?“ „Mit einigen mexikaniſchen Banditen ohne Zweifel, und einigen indianiſchen Herumſtreichern, die ebenſo er⸗ ſtaunt ſein werden, daß ſie uns in die Flucht getrieben haben, als wir, daß wir vor ihnen fliehen,“ ſprach Pepe mit einer Miene der Verachtung;„allein die Spitzbu⸗ ben brauchen, wie mir däucht, gar lange, um die nöthi⸗ gen Anordnungen zum Angriffe zu treffen.“ Der Spanier kroch an den Rand der Plattform hin, um einen Blick auf die Ebene und auf den Gipfel der Felſen zu werfen. Das erſte und unbeſtimmte Licht der Morgendäm⸗ merung beſchien eine Einöde, die dem Anſcheine nach ebenſo menſchenleer war, als vor vierundzwanzig Stun⸗ den, wo die drei Jäger in das Goldthal eingedrungen waren. Die Wüſte war ebenſo traurig und ebenſo düſter, wie am verfloſſenen Tage, und Nichts würde dem Auge der Männer auf der Plattform anders erſchienen ſein, wäre nicht das Grab, das ſich über dem Körper des Herzogs von Armada geſchloſſen, noch friſch geweſen,— hätte ſich nicht, obwohl in ziemlich weiter Entfernung von dem Leichname ſeines Pferdes, ein Geheul von Wölfen hören laſſen, und hätte ſich nicht in ihrem Ge⸗ dächtniſſe der herzzerreißende Schrei der beiden Ban⸗ diten, die im Abgrunde verſchwunden waren, mit der Stimme der Cascade vermiſcht. 203 „Auf der Ebene rührt ſich Nichts,“ ſprach der Mi⸗ quelete,„und es wäre, da wir uns einmal entſchloſſen haben, es wie die Löwen vom Atlas zu machen, ange⸗ meſſen, unſeren Rückzug anzutreten, ſo lange wir es noch fönnen. Es ſcheint mir etwas gefährlich, es auf den guten Willen dieſer Spitzbuben ankommen zu laſſen. Eine Kapitulation liegt ganz und gar nicht in den Sit⸗ ten der Wüſte, wie Ihr wißt.“ Ehe der Canadier auf den Vorſchlag Pepe's ant⸗ wortete, ging er gleichfalls an den Rand der Plattform hin, um den graulichen Schleier, der über die Ebene hingebreitet war, zu durchdringen zu ſuchen. Die Unebenheiten des Bodens, die Steine, womit derſelbe überſäet war, boten dem Auge noch Nichts, als unbeſtimmte Linien und Formen dar, und doch konnten an dieſen Steinen, oder in den Erdklüften Feinde unbe⸗ merkt hinrutſchen, und die Bewegungen der drei Jäger in aller Sicherheit beobachten. Roſenholz hätte vielleicht, getäuſcht durch die an⸗ ſcheinende Ruhe, die weithin herrſchte, die Anſicht ſeines Kameraden, daß man alsbald füehen müſſe, getheilt, wenn ſeine Ohren das Urtheil ſeiner Augen nicht be⸗ richtigt hätten. Die Wölfe fuhren fort, um das Aas des Pferdes zu heulen, als ein kläglicher Ton ſich mit dem Gewinſel vermiſchte, das ſie hören ließen. Dieſes Zeichen verſtand der Waldläufer. Er kam an ſeinen Platz zurück, und ſetzte ſich wieder. „Es iſt ſchier Thorheit, zu glauben, daß die Ebene frei ſei,“ hob Roſenholz an.„Hört doch, wie die Wölfe um ein Aas heulen, dem ſie ſich nicht zu nähern wagen. Ich erkenne das an der Art ihres Geheuls; ich wette, es liegen zwei bis drei Indianer hinter dem Aaſe.“ Als der Canadier ſo ſeine Anſicht ausgeſprochen, ging Pepe auf den Beobachtungspoſten zurück, den er verlaſſen hatte. „Du haſt Recht,“ ſprach er, gls er von Neuem hin⸗ 204 ſah,„ja, ich ſehe ſie auf dem Bauche liegen. Ah! wenn ich meinem Kopfe folgen wollte... aber gleichviel... ich bin immer noch dafür,“ fuhr der Spanier fort,„daß wir, im Falle es zu Feindſeligkeiten kommt, Baraja den Kopf zurecht ſetzen.“ „Aber es kann nicht dazu kommen,“ hielt der Ca⸗ nadier von Neuem entgegen.„Gewiß wollen ſie nicht unſer Leben, ſondern den Schatz haben.“ „Ich bin es nicht in Abrede, und doch haben die Weißen überall, wo es Indianer gibt, Feinde, die mehr nach Blut, als nach Gold dürſten.“ Da es indeſſen wahrſcheinlich war, daß Baraja, veſſen unverhoffte Allianz mit den Apachen der Cana⸗ dier ſich nicht recht zu erklären wußte, dieſe nur dadurch zu einem Angriffe beſtimmt hatte, daß er ſie durch die Hoffnung einer reichen Beute geködert, ſo dachte Roſen⸗ holz, daß ihre Habgier ihre Rechnung bei einer Capitu⸗ lation finden würde, wodurch ſie in den Beſitz der Schätze des Goldthals kämen. Der ehrliche Canadier wollte daher ruhig warten, bis es ihren Feinden belieben würde, ihre Anweſenheit endlich auf andere Weiſe, als durch ein wildes Geheul kundzuthun. Es folgte nun eine lange Pauſe des Schweigens, während welcher Roſenholz auf dem Wege innerlicher Unterhandlungen dahin gelangte, daß er das letzte Mur⸗ meln eines nach unſeren Begriffen allzu zarten Ehrge⸗ fühles unterdrückte. Seinerſeits ſuchte Pepe das Zugeſtändniß, das er ſeinem alten Kameraden machte, ſich als minder ſchwer vorzuſtellen, und Fabian bedauerte faſt die Abweſenheit einer Gefahr, die für den Augenblick den wilden Stim⸗ men, welche neben dem Grabe des Mediana, und ſo weit von der Hacienda del Venado, in ſeiner Bruſt tob⸗ ten, Stillſchweigen auferlegte. Faßten dieſe zwei Namen nicht ſein ganzes Leben zuſammen? ——— n—— e— 205 Wir wollen dieſen Augenblick benützen, um die Realität der Thatſachen den Vermuthungen Pepe's zu ſubſtituiren, oder vielmehr, um dieſelben theilweiſe zu beſtätigen; denn ſein Scharfblick hatte dem Spanier faſt die ganze Wahrheit enthüllt. Auch wollen wir den Grund angeben, warum die Angreifenden noch tempo⸗ rifirten. Indeſſen ſollten ſich dieſelben bald zeigen. Der erſte Gedanke Baraja's, als es ſich bei ihm darum handelte, das Leben zu retten, war geweſen, daß er den Meſtizen ohne Weiteres in das Goldthal führen wolle, um ihm alle dort liegenden Reichthümer zu über⸗ geben;— und Baraja ſchätzte ſich noch allzu glücklich, die Freiheit um einen ſo hohen Preis wieder zu erlangen. Als aber der erſte Freudenrauſch bei ihm ein Bischen vorüber war, fing er an, zu wünſchen, daß von dem Schatze auch ein Theil ihm zufließen möchte, wie klein derſelbe immer wäre. Und dann war, während des Rit⸗ tes bis zum myſteriöſen Thale, der Ehrgeiz des Aben⸗ teurers über die Maßen gewachſen; da er es unmöglich fand, Alles für ſich zu behalten, ſo war er dahin ge⸗ langt, für ſich den größten Theil in Anſpruch nehmen zu wollen. Es blieb nun nur noch zu wiſſen übrig, wie er die furchtbaren Genoſſen, die er ſich beigeſellt, würde theilweiſe täuſchen können. Anfangs ungläubig, hatte El⸗Meſtizo, indem er nur auf die Stimme ſeiner Habſucht hörte, auf das Mißtrauen ein unbedingtes Vertrauen folgen laſſen. Hat man einmal auf dieſem Wege einige Schritte ge⸗ macht, ſo wird das Vertrauen ein unerſchütterliches; die ſtark erregten Leidenſchaften ſind immer blind. Ba⸗ raja fühlte es, und beſchloß, Nutzen daraus zu ziehen. Baraja verlegte daher bei den Erklärungen, die er dem Meſtizen gab, nur den Ort des Schatzes, und verſetzte ihn auf die Spitze der Pyramide. In dem Grabe des indianiſchen Häuptlings hätten, verſicherte er, die * 206 Jäger, die man vertreiben müſſe, ganze Goldhaufen ver⸗ borgen. Uebrigens wollte der Meſtize nicht weiter wiſſen: das Geſagte war ihm genug. Aber für Baraja war es nothwendig, den Schlauen zu ſpielen, um das Goldthal nicht den profanen Blicken und den unreinen Händen derjenigen zu überantworten, deren Führer er war. Der Abeuteurer trug ſich eben mit ſolchen Ge⸗ danken, als die mit ihm ziehende Schaar einen neuen Zuwachs erhielt. Es war der weiße wilde Jäger, Roth⸗ hand, der Vater des Meſtizen, welcher das Ende der Conferenz ſeines Sohnes mit den Indianern erwartete. Wir wollen nunmehr, ohne länger zu zögern, angeben, welches der geheime Zweck derſelben war. Die Bande hatte einen Augenblick Halt gemacht, um unter einer dichten Steineichen⸗Gruppe auszuruhen, hinter der auch Diaz hatte anhalten müſſen, um ſeinem leichtverwundeten Pferde einige Ruhe zu gönnen. Es war der einzige Ort inmitten deroffenen Ebene, wo man mit einiger Sicherheit Halt machen konnte. Obgleich die Wüſtenräuber in ihrem unbeſtrittenen Reiche ſich ſicher fühlten, ſo wählten ſie doch denſelben Ort zum Ausruhen. Wider ſeinen Willen hörte alſo, oder errieth viel⸗ mehr Diaz, der als Grenzbewohner zu oft mit den Ameri⸗ kanern zuſammengetroffen war, um das Engliſche nicht zu verſtehen, folgendes Geſpräch: „Wohlan!“ ſprach eine Stimme,„warum haſt Du dem indianiſchen Häuptlinge nicht gleich ein Stelldichein an dem Punkte gegeben, wo ſich der rothe Fluß gabel⸗ förmig theilt, da ſich doch daſelbſt das weiße Mädchen befindet, die Du zu Deiner Frau machen willſt?“ „Zu meiner Frau während eines Monats, willſt Du ſagen. Warum habe ich dem apachiſchen Häuptlinge verſprochen, erſt in drei Tagen mit ihm zuſammenkom⸗ men zu wollen? Weil der weiße Hund, der uns führt, * 207 mir einen Schatz verſprochen hat, der ſich hier in der Nähe, am Fuße des indianiſchen Grabs, befinden ſoll, und weil ich zuerſt das Gold und dann erſt die Tochter vom Biſonſee will. Genügt Dir das?“ Diaz hörte nicht, was Rothhand ſeinem Sohne ant⸗ wortete. Letzterer verſetzte aber: 5 „Sei nur ruhig, Alter, der Feldzug, den wir er⸗ öffnst, iſt ein glücklicher, ich ſage es Dir; und wem wird man es zu verdanken haben? Kannſt Du es mir ſagen, Du, der Du, ehe ich das gehörige Alter erreicht, um Dich zu unterſtützen, Nichts zu thun wufßteſt, als irgend einen vereinzelten Trapper auf gemeine Weiſe zu ermorden, um ihm armſelige Felle und noch armſeli⸗ gere Fallen zu ſtehlen?“ Rothhand brummte einige Worte, wie ein Tiger, den ſein Wächter gezähmt. „Ja,“ fuhr der Meſtize fort, indem er ſeine dunk⸗ len Thaten beſang,„die zehn Pferde, das Gepäck und die Waaren des Kaufmanns vom Preſidio; das ſchöne Mädchen, mit dem der Zufall uns auf dem Rückwege zuſammengeführt, und deſſen Vater ſich allzu glücklich ſchätzen wird, ein ſchönes Löſegeld zu bezahlen, wenn....“ „Ja,“ fiel ihm der Renegat grinſend in's Wort, „zwei ehrliche und friedliche Papagos, die ihre Spur bis an den Biſonſee verfolgt haben..„ Hier konnte man die Stimmen nicht mehr deutlich ören. „Und wie haſt Du den indianiſchen Häuptling da⸗ zu bewogen, daß er ſich Deinem Entführungsprojecte anſchloß?“ fragte Rothhand;„haſt Du ihm auch ge⸗ ſagt, daß an den Ufern des Sees ſich zweiunddreißig Jäger befinden?“ „Ohne Zweifel, und ich habe ihm die Pferde ver⸗ ſprochen, welche die Weißen für ihn fangen werden.“ „Und er hat eingewilligt?“ „Noch unter einer andern Bedingung,— unter der 208 Bedingung nämlich, daß ich ihm den Comanche auslie⸗ fern würde, der ſich in der Nähe des rothen Fluſſes herumtreibt.“ Diaz hörte jetzt nur noch einige unzuſammenhan⸗ gende Worte, wie Brennſtrahl, Geheimort auf der Büffelinſel u. ſ. w. Dann ſetzten die Indianer mit den beiden Wüſtenräubern ihren Weg nach dem Goldthale fort. Sofort hatte der Abenteurer, nachdem er von ihrem Plane ſo Viel gehört, um denſelben ganz zu errathen, im Vorübergehen die drei Jäger von der Gefahr be⸗ nachrichtigen zu müſſen geglaubt, die ihnen drohte. Zu gleicher Zeit nahm er ſich vor, ſich eiligſt mit den Pferdejägern zu verbinden, die von den Banditen be⸗ droht' waren. Was Baraja betrifft, ſo ſtand ſein Plan feſt. Nach einem vierſtündigen Ritte an einem Orte angekommen, der ſo nahe am Goldthale lag, daß man die Pyramide des Grabes in der Finſterniß ſehen konnte, hatte er ſeine Begleiter Halt machen laſſen. Er hütete ſich wohl, ſeine Genoſſen auf der Felſen⸗ kette aufzuſtellen, die eine Seite des Goldthales bildete. Er befürchtete mit Recht, es möchte ein einfacher Blick nach unten dem Meſtizen den Ort verrathen, an dem ſich der Schatz wirklich befand. „Kommen Sie hieher,“ ſprach er zu Miſchblut, „von der Höhe dieſer Berge herab beherrſchen wir die Pyramide, auf der die Jäger das Gold verſcharrt ha⸗ ben, das ich Ihnen als Löſegeld verſprochen.“ Und Baraja deutete auf den ſchmalen Fußpfad, auf welchem er von den Nebelbergen in die Ebene hinabge⸗ ſtiegen war. „Führen Sie uns aber nur nicht hinter das Licht,“ rief der alte Red⸗Hand mit düſterer, drohender Miene; „ſonſt laſſe ich Ihnen auch nicht einen Riemen von Ih⸗ rer Haut auf dem Leibe.“ 6* es n⸗ er en le m ⸗ Zu en e ch n, de ne n⸗ te. ick em ut⸗ die a⸗ uf e⸗ t e; 209 „Seien Sie ohne Furcht,“ antwortete der Mexika⸗ ner;„von welcher Seite aber wollen Sie die Leute an⸗ greifen, die den Schatz bewachen, wenn nicht von dieſen Hügeln herab?“ „In der That, wir werden,“ ſprach Miſchblut,„ſo⸗ bald der Tag kommt und dieſe Rebel zerſtreut, über ihnen ſchweben, wie der Adler über ſeiner Beute.“ Die ganze Truppe war im Begriffe, den engen, von Baraja angegebenen Weg einzuſchlagen, als einer der Apachen, der ſich gebückt hatte, um die Spuren zu un⸗ terſuchen, die im Sande geblieben waren, einen Schrei ausſtieß und zwei ſeiner Kameraden zu ſich hinrief. „Was iſt das für eine Spur?“ ſagte er. „Es iſt die des Adlers der Schneeberge,“ antwor⸗ teten zu gleicher Zeit die zwei Indianer, und bezeichneten damit den canadiſchen Jäger. „Und dieſe da?“ „Es iſt die des Spottvogels, und die des jungen Kriegers aus Mittag.“ Es waren dieß die Namen, welche die Indianer während der Belagerung des Inſelchens Pepe und Fa⸗ bian gegeben hatten. „Gut!“ ſprach der Apache,„ich war deſſen auch gewiß.“ Dann wandte er ſich zu Miſchblut, und fuhr alſo fort: „El⸗Meſtizo wird die Goldkieſel ſür ſich behalten; die Avachen werden ſie ihm erkämpfen helfen, und dann wird auch er ſich für ſeine Brüder ſchlagen. Das Blut un⸗ ſerer Krieger ſchreit um Rache. Ihre Mörder ſind da oben, und wir müſſen ihr Haupthaar haben. Eilf Krie⸗ ger werden ſich nur unter dieſer Bedingung ſchlagen.“ „Iſt es weiter Nichts?“ antwortete Rothhand mit einem gräßlichen Lächeln;„die Apachen ſollen die Kopf⸗ häute bekommen, die ſie verlangen.“ Als dieſer Handel abgeſchloſſen war, bedeutelen die Der Waldläufer. U, 14 210 zwei Wüſtenräuber Baraja, daß er ihnen varangehen ſolle, und fingen an, den Fußpfad hinanzuſteigen, wäh⸗ rend die Indianer ſich über die Ebene verbreiteten, um die Jäger zu überfallen, wenn ſie unkluger Weiſe ſich beigehen laſſen ſollten, ihre Feſtung zu verlaſſen. „Jetzt befinden wir uns der Pyramide gegenüber,“ ſagte Baraja, als ſie nach Verfluß von etwa einer hal⸗ ben Stunde bei jener Art Kellerloch angekommen waren, aus dem die Cascade hervorſtürzte. Aber dicke Nebel⸗ maſſen verbargen den Zufluchtsort der drei Jäger, und die Augen der Indianer, ſowie die des Vaters und ſei⸗ nes Sohnes machten vergebliche Anſtrengungen, um durch dieſe Wolke zu dringen. „Der Nebel, der dieſe Berge umhüllt, zerſtreut ſich nie, nicht einmal bei Tage, Du weißt es ſo gut, wie ich,“ ſagte Rothhand zu Miſchblut,„und es ſoll mich der Teufel holen, wenn wir in einer Stunde heller ſehen, als jetzt. Da dieſe Hunde von Indianern Kopfhäute ha⸗ ben müſſen„ „Alter!“ unterbrachihn der Meſtize in drohendem Tone,„vergiß nicht, daß ich indianiſches Blut in den Adern habe ſonſt müßte ich Dich in anderer Weiſe daran erinnern.“ „Es iſt gut,“ antwortete der Vater barſch, ohne ſich ſonſt über den Ton ſeines würdigen Sohnes aufzu⸗ halten, denn er war ſchon längſt daran gewöhnt.„Ich ſage, daß wir, da dieſe Indianer die Kopfhäute einmal haben wollen, einen anderen Ort aufſuchen müſſen, um ſie ihnen zu verſchaffen.“ Dieſes Zwiegeſpräch war in engliſcher Sprache, der Mutterſprache des aus Illinois gebürtigen Jägers, ge⸗ führt worden, und weder die Indianer, noch Baraja hat⸗ ten auch nur ein Wort davon verſtanden. Bei dieſer Gelegenheit müſſen wir bemerken, daß der genannte Red⸗Hand ſeiner Verbrechen wegen ge⸗ zwungen worden war, aus ſeinem Staate, dem Staate Illinvis, zu fliehen. ————————————————— — —— N — W 211 „Ich werde ſchon einen Ort finden,“ hob Miſchblut wieder an;„paß Du nur auf dieſen Schlingel auf!“ ſetzte er hinzu, während er auf den Mexikaner deutete. Dann ſtieg er den über der Cascade ein Gewölbe bildenden Felſen hinan. „Der Sohn einer indianiſchen Wölfin wird ohne Zweifel einen Ort finden, der günſtiger iſt, als dieſer, um ſich das Gold zu verſchaffen zu ſuchen, das Sie uns verſprechen, Freund,“ ſprach der Amerikaner in ſchlech⸗ tem Spaniſch, und ließ zu gleicher Zeit ſeine ſchwere Hand auf die Schulter Barajas fallen, als der Meſtize ſich entfernt hatte.„Underdeſſen wollen wir auf dieſer Höhe Feuer anmachen; ſo werden die drei Füchſe, denen wir nachſtellen, wenn ſie den Schein des Feuers inmitten des Nebels bemerken, glauben, es ſei eine andere Ab⸗ theilung da, um ſie zu überwachen.“ Ohne den Mexikaner, dem er nicht traute, aus den. Augen zu verlieren, entfernte er ſich einen Augenblick von ihm, um in der Nähe der Cascade ein Feuer an⸗ machen zu laſſen. Unterdeſſen war Baraja von dem Ge⸗ danken beunruhigt, es möchte der Meſtize, um den An⸗ griff zu beginnen, gerade die das Goldthal beherrſchenden Felſen wählen. Dieß war die Urſache der Verzögerung des An⸗ griffs, worüber die drei auf der Spitze ihrer Peſie ſtill⸗ liegenden Jäger erſtaunt waren. Wie es gewöhnlich geſchieht, ſchmeichelte ſich Ro⸗ ſenholz gerade in dem Augenblicke, wo die Gefahr für ihn und ſeine beiden Gefährten immer drohender wurde, am Meiſten mit dem Gedanken, daß es ihm gelingen würde, den Sturm zu beſchwören, der ihn einen Augen⸗ blick erſchreckt hatte. „Anſtatt uns zu einer Capitulation zu entſchließen,“ ſagte Pepe, der zuerſt das Schweigen brach,„wäre es beſſer geweſen, wenn wir alsbald geflohen wären, oder wenn wir einem jeden der zwei Indianer, die hinter dem todten Pferde verborgen liegen, eine Kugel durch den 212 Kopf gejagt hätten. Dadurch wurbe unſere Stellung zu einer klaren, beſtimmten, denn die Mittelwege taugen Nichts und ſind immer gefährlich.“ „Kann man einen Poſten, wie der unſere iſt, ver⸗ laſſen, um ſich in die Finſterniß hinaus, um ſich an einen Ort hinzuwagen, wo jede Unebenheit des Bodens, wo jedes Geſträuch einen Feind verbergen kann,— wo⸗ hin die Indianer auf den Flügeln des Windes getragen worden zu ſein ſcheinen?“ antwortete Roſenholz;„wir wären einem gewiſſen Tode entgegen gegangen. Unſere Stellung iſt darum nur um ſo klarer und beſtimmter. Entweder eapituliren wir in ehrenvoller Weiſe, oder aber vertheidigen wir uns auf Leben und Tod. Indeſſen werden wir bald wiſſen, woran wir uns zu halten ha⸗ ben; die Spitzbuben denken nicht mehr daran, ihre An⸗ weſenheit zu verbergen: ſieh doch das Feuer da oben!“ Pepe folgte dem Finger des Canadiers; ganz oben an der Cascade ſchimmerte ein ſchwaches Licht im Nebel: es war das Feuer, das Rothhand, von Baraja unter⸗ ſtützt, auf dem Gipfel der Felſen angezündet hatte. „Oh!“ rief Pepe in verächtlichem Tone,„was die Kerls betrifft, die da oben ſitzen, ſo kümmere ich mich um dieſelben ſo viel, wie um einen Schwarm auf einem Felſen ſitzender Seemöven; ihre Pfeile können den Wall, den ich ihnen entgegengeſtellt habe, eben ſo wenig durch⸗ dringen, wie ihre Kugeln. Was die da unten betrifft,“ fuhr der Spanier fort, indem er wieder auf die Ebene hinabſah,„ſo ſind es behartliche Spitzbuben; ſie nähern fich allmählig.“ Während Pepe dieſe Worte ſprach, drehte er ſeinen Büchſenlauf nach dem Aaſe hin, und zeigte Roſenholz in einiger Entfernung, dieſſeits des Thieres, zwei ſchwarze, gleich indianiſchen Götzen unbewegliche Körper, die ganz zuſammengekugelt erſchienen. „Dieſe Leute verachten uns, und ſie haben bel meiner Seele Recht! Ah! Roſenholz, warum muß ich„ — Pepe endigte ſeinen Satz nicht; ein flehender Blick von ſeinem alten Gefährten machte den Vorwurf auf ſeinen Lippen erſterben. „Soll ich einmal für ihn oder für Dich ſterben, ſo ſollſt Du ſehen, Pepe!“ rief Roſenholz. „Ich weiß es, ich weiß es!“ murmelte Pepe.„Deſ⸗ ſen ungeachtet aber waren die zwei Körper, die wir zu⸗ ſammengekauert ſahen, hinter dem Pferde; und nun ſind ſie vor demſelben. Ich kann ſie doch nicht ſo unnütz ihre Zeit verlieren laſſen; aber ſei Du ruhig: ich will mit ihnen als Freund ſprechen, um ſie nicht zu reizen.“ „Du würdeſt beſſer daran thun, wenn Du ſchwie⸗ geſt,“ ſprach der Canadier; ich traue Deiner Zunge nicht, wenn ſie ſich an einen Feind wendet, am Wenig⸗ ſten aber, wenn ſie es mit Indianern zu thun hat.“ Und Pepe rief, den verſöhnlichſten Ton annehmend, worüber er gebieten konnte, mit einer Stimme, daß das Echo der Cascade furchtbar gellte: „Das Auge eines weißen Kriegers wünſchte nur ein Aas auf der Ebene zu ſehen, und es ſieht deren drei; es ſind zwei zu viel!“ Die verſöhnlichen Worte des Spaniers brachten auf die zwei indianiſchen Krieger die Wirkung eines ſpitzi⸗ gen Pfeils hervor. Beide ſprangen plötzlich auf die Beine, richteten ſich kerzengerade auf, und ließen ein Ge⸗ heul, ähnlich dem eines reißenden Thieres, hören. Und mit zwei anderen Sprüngen verſchwanden ſie hinter der Felſenkette. „Es ſind Teufel, die mit Weihwaſſer beſprengt. worden ſind,“ ſprach der Exmiquelete mit einem lauten Gelächter, in welchem die Verachtung ſich mit der Wuth verband. macht,“ rief Roſenholz, dem beim Anblicke der verab⸗ ſcheuten Feinde das Blut in den Adern kochte, und dem das Herannahen des Kampfes den Muth zurückgab, den ſeine zärtliche Liebe zu Fabian allein bezähmen konnte⸗ „Im Ganzen genommen, haſt Du es geſcheidt ge⸗ 214 „Hurrah! endlich finde ich meinen alten Walbläufer wieder,“ rief Pepe begeiſtert, und die eine Hand dem Canadier, die andere Fabian hinſtreckend.„Wohlan! wir haben weder Zinken, noch Trompeten; laſſen wir, wie früher, unſer Kriegsgeſchrei ertönen, wie es drei furcht⸗ loſen Kriegern, ſolchen Hunden gegenüber, ziemt. Ma⸗ chen Sie es, wie wir, Don Fabian, Sie, der Sie ſchon die Feuertaufe erhalten haben!“ Und dieſe drei unerſchrockenen Männer ſtießen, ſte⸗ hend, die Hand in die des Freundes gelegt, und mit — der, die ihnen frei blieb, die wilden Intonationen des indianiſchen Kriegsgeſchreies modulirend, ihrerſeits drei „———————— Schreie aus, die denen der Söhne der Wüſte an wil⸗ der Energie und ohrenzerreißender Harmonie nicht nach⸗ ſtanden. Nie warfen wackerere Krieger, als ſie die Lanze einlegten, um auf die Ungläubigen loszugehen, den Echos des heiligen Landes einen tapfereren Schrei der Befreiung hin, als die drei Jäger, indem ſie die india⸗ niſchen Heiden zum Kampfe herausforderten. Aehnliche Schreie drangen von der Cascade her, und von der Spitze der Felſen über dem Goldthale in die Ohren der Männer, welche die Pyramide beſetzt jelten. Die auf der Ebene umherirrenden Wölfe entflohen, als ſie die Menſchenſtimmen hörten, und die ganze weite Wüſte verſank nach dem letzten Gellen des Echos wieder in ihr Schweigen. Der Tag war angebrochen. Die erſten rothen Strahlen der Sonne erloſchen in den Dünſten der Nebelberge, wie ein glühendes Eiſen im Waſſer; aber der Sand der Ebene funkelte in gol⸗ denem Lichte; purpurfarbene Reflexe ſpielten an der Seite der Felſen, und wie Taucher, die ihr triefendes Haar ſchütteln, ſchüttelten die Wipfel der Tannenbäume unter dem Einfluſſe des Morgenwindes die letzten Flo⸗ cken des nächtlichen Nebels ab. — t⸗ 1⸗ n 8 ei * r „ t — N— v»8— Yreiundfünfzigſtes Kapitel. Rothhand und Miſchblut. Die drei Belagerten verloren keinen Augenblick, um ihre letzten Anordnungen in Betreff des Kampfes, der nun nicht mehr lange auf ſich warten laſſen konnte, zu treffen. Jede Idee einer Kapitulation war von nun an beſeitigt. „Sieg oder Tod! Du weißt, wie ich, Roſenholz,“ ſprach Pepe, während er auf die Pfanne ſeiner Büchſe neues Pulver aufſchüttete, und ſeine Freunde dieſelben Vorſichtsmaßregeln ergriffen,„daß eine Kapitulation mit dieſen unreinen Banditen um einen Grad gefähr⸗ licher iſt, als ein offener Kampf mit ihnen. Man ver⸗ läßt, auf den Vertrag ſich ſtützend, eine vortreffliche Stellung; wir zum Beiſpiel würden in die Ebene hin⸗ abſteigen, und dort könnten wir in dem Augenblicke, wo wir uns am Wenigſten darauf gefaßt machten, uns in einem Nu umringt, ermordet und ſcalpirt finden.“ „Im Falle der Mangel an Lebensmitteln uns dazu zwänge, machen wir einen Ausfall!“ rief der Ka⸗ nadier.„Dieß werden wir aber nur dann thun, wenn wir ihre Anzahl ſo gelichtet haben, daß es mit dem Teufel zugehen müßte, wenn ſo viele von ihnen übrig blieben, daß ſie uns umringen könnten.“ „Es iſt wahr, wir haben nur wenige Lebensmittel,“ ſprach Pepe, die Augenbraue ſtoiſch runzelnd,„und ich geſtehe, daß es mir immer hart vorgekommen iſt, ſich den ganzen Tag ſchlagen zu müſſen, ohne am Abende Etwas zu beißen zu haben. Indeſſen habe ich im Dienſte Seiner katholiſchen Majeſtät wohl erfahren, 21¹6 was der Hunger iſt, und ſeitdem habe ich meine Stu⸗ dien über dieſen Gegenſtand fortgeſetzt,— und Du auch; Don Fabian allein iſt nicht daran gewöhnt.“ „Ich gebe es zu,“ ſprach Roſenholz lebhaft,— Roſenholz, der ſtets ſeinem Syſteme getreu blieb, ſeinem Fabian dieſes furchtbare Wüſtenleben, ungeachtet der damit verbundenen Gefahren, theuer und werth zu machen;„allein es kommen auch Tage des Ueberfluſſes, wo der Tiſch der Gewaltigen dieſer Welt nicht ſo gut beſetzt iſt, wie der unſere. „Iſt es nicht hundert Mal vorgekommen, daß wir von dem unanſehnlichen Fiſchchen in den Bächen der Ebene bis zu dem monſtröſen Sglme der Waſſerfälle, von der Feldlerche bis zum großen Truthahn, von dem kleinſten der vierfüßigen Thiere, das der Menſch eſſen kann, bis zum Biſon der Prairien, dem koloſſalſten un⸗ ter denſelben, zu wählen hatten? Du wirſt es ſehen, Du wirſt es ſehen, wenn(Hier fiel der Kana⸗ dier plötzlich von der Höhe ſeines Enthuſiasmus herab, indem er der ſie Alle bedrängenden Wirklichkeit gedachte) —„wenn Gott dieſe neue Gefahr von uns abgewendet hat,“ ſetzte er mit bewegter Stimme hinzu. „Der Letzte der Mediang, der, welchem geſtern noch alle dieſe Schätze zu Gebote ſtanden, hat in dem Elende, dem man ihn überantwortet hatte, mehr denn einmal die derb mahnende Stimme des Hungers in ſeinen Ein⸗ geweiden gehört. Ich habe in meinem Leben keine beſſere Lehrzeit gehabt, als Sie,“ ſprach Fabian. „Armer Junge!“ ſetzte Roſenholz hinzu. „Und was wird unterdeſſen aus Gayferos werden?“ rief Pepe. „Er muß ſich ſo gut, wie wir, der Gnade Gottes empfehlen,“ verſetzte der Kanadier;„jetzt wollen wir nur an uns ſelbſt denken. Sollte ſich unter dieſen In⸗ dianern ein Freund, oder auch nur einige der Krieger des Schwarzvogels befinden, ſo wird es einen Kampf auf Leben und Tod geben. Noch in hundert Jahren —— 217 würden die Nachkommen der Letzteren von den unſrige Rechenſchaft über das indianiſche Blut fordern, das wir an den Ufern des Rio Gila vergoſſen haben; es iſt daher ganz am Flatze, daß wir keine Vorſichtsmaßregel vergeſſen.“ Die drei Jäger legten hinter den auf der Seite der Cascade aufgehängten Decken ihre gefüllten Pulver⸗ hörner— es waren dieſelben aus Büffelhorn— auf den Boden hin, damit eine Kugel, die ſie etwa träfe, ihnen dieſes letzte und koſtbare Vertheidigungsmittel nicht rauben möchte⸗ Ihre ledernen Taſchen, worin die Kugeln und die Lebensmittel aufbewahrt waren, wur⸗ den an demſelben Orte niedergelegt, und mit Steinen bedeckt, damit ſie vor dem Feuer des Feindes mehr ge⸗ ſichert ſein moͤchten. Nachdem dieſe Anordnungen getroffen waren, legten ſich der Kanadier und Fabian, ohne die Spitze der Felſen, die der Plattform der Pyramide gegenüber la⸗ gen, aus den Augen zu verlieren, hinter die flachen Steine, die ſie vor ſich aufgethürmt hatten; neben ihnen lagen ihre Büchſen. Was Pepe betrifft, ſo kniete er hinter den beiden Tannenbäumen nieder, Und nun erwarteten alle drei den Beginn der Feindſeligkeiten. Dieſer Augenblick war um ſo feierlicher, da die Belagerten noch nicht wiſſen konnten, mit welchen und mit wie vielen Feindin ſie es zu thun haben würden. Alles, was ſie durch die ſie ſchützenden Felſen⸗Schieß⸗ ſcharten hindurch dunkel unterſcheiden konnten, wax eine faſt unauſhörliche Bewegung der Gebüſche auf dem Si der der ihrigen gegenüber liegenden Art von eſte. Die Gebüſche ſchwankten nämlich beſtändig hin und her. Man erräth leicht, daß der Meſtize dieſen für den Angriff ſo günſtigen, obgleich tiefer als die Pyramide egenden Poſten ohne Mühe gefunden hatte. Er hatie alſo zum großen Schrecken Baraja's, der um ſeinen Schatz immer ängßilich beſorgt war, vor Tagesanbruch gerade über dem Goldthale Poſto gefaßt. Der Abenteurer hatte ſich beeilt, einen ängſtlichen Blick nach unten zu werfen. Wie groß war nicht ſein Erſtaunen geweſen, als er ſah, daß, gleich der Hand eines eiferſüchtigen Liebhabers, der Aller Augen die Schönheits⸗Schätze verbirgt, von denen er bezaubert iſt, eine unbekannte Hand mit einem Schleier von Zweigen die berauſchenden Herrlichkeiten verdeckt hatte, deren Schimmer das Thal erfüllte! Baraja dankte ſeinem guten Genius von Neuem für dieſe ausgezeichnete⸗Gunſtbezeigung, und ſann auf ein Mittel, in das Goldthal hinabzugleiten, um dem Meſtizen das verſprochene Löſegeld zu zahlen, ohne zu gleicher Zeit die faſt unerſchöpfliche Goldquelle zu ver⸗ rathen. Rothhand und Miſchblut waren, auf ihre Stärke und auf ihre Geſchicklichkeit vertrauend, mit einer Ungeduld, in die ſich ein Gefühl der Geringſchätzung miſchte, bei allen gewöhnlich ſo langſamen Vorbereitungen eines indianiſchen Angriffs zugegen geweſen. Als endlich diejenigen unter den Apachen, denen eine blutige Erfahrung einen Begriff von der Kalt⸗ blütigkeit und dem Muthe ihrer furchtbaren Gegner gegeben hatte, ſich hinter den aufgehäuften Reisbün⸗ deln, und hinter den dichten Gebüſchen, womit die Fel⸗ ſen auf ihrem Gipfel bekleidet waren, hinlänglich ge— fichert glaubten, ſtieß Rothhand mit dem Kolben ſeiner Büchſe auf den Boden, um das Zeichen zur Eröffnung des Feuers zu geben. „Wohlan!“ ſprach er mit einem entſetzlichen Fluche,„es iſt⸗Zeit, der Sache ein Ende zu machen. Ohne dieſe Hunde— ohne dieſe Indianer, will ich ſagen ohne dieſe Indianer mit ihrer dummen Vorliebe für Kopfhäute, die Nichts eintragen, würden 219 wir die Spitzbuben da oben zur Herausgabe ihres Schatzes auffordern; wir brauchten ihnen nur zu ſagen, wer wir ſind, um die Sache zu Ende zu führen; wir würden ſie wie Prairiehunde, deren Bau man zerſtört, Reißaus nehmen ſehen.“ „Ah! elender alter Tropf,“ ſprach der Meſtize mit einem Fluche, der an Energie dem ſeines odisſen Vaters nicht nachſtand, und auf ein Gerücht anſpielend, das unter den indianiſchen Stämmen über Rothhand im Umlaufe war,„Du mußt Kopfhäute haben, die Dir Etwas einbringen,— ſolche, welche die Gouverneure an den Grenzen Dir einſt, wie man ſagt, mit Gold aufwogen. Dieſe Indianer verlangen die Kopfhäute, und ſie ſollen ſie haben,— verſtehſt Du mich?“ Und Vater und Sohn warfen einander einen jener unheimlichen Blicke zu, die bei dieſen wilden und ge⸗ ſetzloſen Spitzbuben ſo oft in blutige Streitigkeiten aus⸗ geartet waren; dieſes Mal aber blieb es bei den bloßen Worten. Jeder von ihnen fühlte, daß der Augenblick übel gewählt wäre, um ihren ſcheußlichen Leidenſchaften freien Lauf zu laſſen. Der Vater verſchluckte daher ſeinen Aerger und antwortete bloß:„Wohlan! was ſoll dann geſchehen?“ „Was ſoll geſchehen?“ wiederholte Miſchblut, ſich an denjenigen von den Indianern wendend, der als der Einflußreichſte erſchien. „Der Schwarzvogel will ſeine Feinde lebendig haben; und der Wunſch eines ſolchen Häuptlings iſt für ſeine Krieger ein Geſetz.“. „Gut!“ rief Rothhand„das iſt noch ſchwerer, als drei Leichname zu ſcalpiren.“ Dann warf er auf Baraja einen Blick, der dieſen beben machte. „Spitzbube!“ ſprach er zu ihm,„haſt Du uns darum hieher geführt?“ „Habe ich Ew. Senoria nicht geſagt, daß der 220 Schatz von drei furchtbaren Jägern bewacht ſei?“ ant⸗ wortete Baraja. „Was liegt daran?“ ſprach Miſchblut,„der Mexi⸗ kaner wird uns ſein Gold, oder den letzten Streifen ſeiner Haut geben, wenn er uns getäuſcht hat. Roth⸗ hand und Miſchblut werden den Indianern die drei Weißen lebend übergeben, oder aber werden ſie dabei ſelbſt das Leben laſſen. Sie haben es verſprochen, und Beide ſind Sclaven ihres Wortes.“ Der perſide Meſtize hatte dieſe Worte halb in ſpa⸗ niſcher Sprache, damit Baraja fie verſtehen möchte, und halb in indianiſcher Sprache geſprochen, um von der Treue, womit er ſein Wort hielte, eine Idee zu geben, die ſeine Alliirten ſonſt nicht theilten. Dann wandte er ſich an den Indianer und ſprach zu ihm: „Heißt mein Bruder nicht Gemsbock?“ „Jaz er ſpringt gleich dieſem, von einem Felſen zum andern.“ „Wohlan! iſt der Gemsbock entſchloſſen, ſein Leben, ſowie das ſeiner Krieger zu opfern, um ſich der Weißen zu bemächtigen?“ „Vorausgeſetzt, daß drei derſelben übrig bleiben, um die Gefangenen nach der Hütte des Schwarzvogels zu führen, iſt der Gemsbock bereit, ſich denen beizuge⸗ ſellen, die ihr Dorf nicht wieder ſehen werden.“ „Gut!“ ſprach der Meſtize. Dann wandte er ſich zu Baraja und ſagte: „Und welche Rolle willſt Du, Schlingel, ſpielen, um Dein Verſprechen zu halten?“ Baraja wußte nicht, was er antworten ſollte. Nur ſo viel wußte er, daß er die Rolle eines Schakals ſpielte, der ſich mit einem Haufen Tiger verbündet, um zu jagen. Indeſſen ſuchte er ſich ſo viel wie möglich wieder zu faſſen, und erinnerte ſich, daß in den Augen des wilden Amerikaners, wie in denen des Meſtizen, ſein 221 Leben wenigſtens bis zu dem Augenblicke einigen Werth haben müſſe, wo er ſein Löſegeld bezahlt haben würde⸗ „Ew. Senoria,“ ſprach er,„wird in Betracht zu ziehen haben, daß, da ich allein weiß, wo der Schatz vergraben iſt, ich mein Leben nicht leichtſinnig aufs Spiel ſetzen darf.“ „Bleib alſo hinter dieſen Felſen!“ ſprach El⸗Meſtizo, indem er Baraja verächtlich den Rücken zukehrte. Und nun unterhielt er ſich während einiger Mi⸗ nuten mit ſeinem Vater in einem Dialecte, den von den Umſtehenden Niemand verſtehen konnte. Dieſe kurze Unterredung hatte auf einem von den Felſen gebildeten ſanften Abhange Statt gefunden. Auf dieſem Abhange liegend, der in eine Art mit Ge⸗ buſch bedeckter Staffel auslief, befanden die Indianer ſich in einer Stellung, die faſt ſo gut war, wie eine aufrechte: ihre Köpfe befanden ſich in der Höhe der erſten Zweige, und obwohl ihre Gegner höher ſtanden, als ſie, ſo konnten ſie ſelbſt doch, geſchützt, wie ſie waren, die leichteſte Bewegung benutzen, wodurch jene ſich ihrem Feuer ausſetzten. „Wenn wir ihnen das Leben verſprechen, ſo über⸗ geben ſie ſich,“ ſprach der Meſtize am Ende. „Und wir werden unſer Wort auch halten, da wir ſie ja den Indianern lebendig überliefern ſollen,“ ſetzte der Vater mit einem gräßlichen Lächeln hinzu. Zu gleicher Zeit erklommen Vater und Sohn die Böſchung zur Hälfte, und ſtreckten, ohne ſich ſelbſt zu zeigen, die Hand über die Gebüſche empor. „Aufgepaßt!“ ſprach Pepe, der ſich in kniender Stellung hinter den zwei Tannenbäumen befand,„die Feindſeligkeiten oder die Unterhandlungen beginnen jetzt, ich ſehe zwei Hände, die über den Gipfel der Felſen hinausragen, und als ein Zeichen des Friedens ſich hin und her bewegen. Aber was ſehe ich Dieſe Hände halten nicht die Friedenspfeife„„ und die Kleider, welche die Arme bedecken, gleichen nicht 222 denen der Apachen„. Mit wem haben wir es zu thun?“ Pepe hatte mit ungemeiner Geſchwindigkeit dieſe Worte geſprochen und dieſe Beobachtungen gemacht, als eine ſtarke Stimme ſie unterbrach: „Welches iſt derjenige,“ ſprach die Stimme,„den die Indianer den Adler der Schneeberge nennen?“ „Was iſt das?“ murmelte Roſenholz überraſcht; „und welcher von den Spitzbuben ſpricht engliſch?“ Und als Roſenholz nicht antwortete, ließ die Stimme ſich abermals hören: „Vielleicht verſteht der Adler der Schneeberge nur die Sprache, die man in Kanada ſpricht?“ Und die Stimme wiederholte die Frage in fran⸗ zöſiſcher Sprache. Roſenholz fuhr zuſammen. „Es iſt noch ſchlimmer, als ich dachte,“ fuhr ver Kanadier fort, doch ſo, daß Pepe allein ihn hören konnte;„es iſt ein Renegat von unſerer Farbe dar⸗ unter.“ „Ein Spitzbube, der die weiße Farbe mit der rothen vertauſcht hat,“ ſprach Pepe ſententiös:„es ſind dieß immer die wüthendſten.“ „Was will man von dem Abler?“ fragte ſeiner⸗ ſeits, und ebenfalls in franzöſiſcher Sprache, Roſenholz, der ſich des Namens erinnerte, den ihm der Schwarz⸗ vogel gegeben hatte. „Er zeige ſich, oder höre, wenn er aus Furcht nicht erſcheinen mag.“ „Und wer ſteht mir dafür, daß ich es nicht zu be⸗ reuen haben werde, wenn ich mich zeige?“ „Wir wollen ihm mit dem Vertrauen vorangehen,“ antwortete die Stimme. „Was ſagt er?“ fragte Pepe. „Ich ſoll mich zeigen und„ Roſenholz war beim Anblicke der zwei ſeltſamen Geſtalten, die auf der ihm gegenüber liegenden Bruſt⸗ 223 wehr ſich plötzlich emporrichteten, vor Erſtaunen ganz ſtumm. Er hatte zwei Männer erkannt, deren blu⸗ tiger und furchtbarer Ruf nicht allein bis zu ſeinen Ohren gedrungen war, ſondern der Zufall führte ſie auch zum zweiten Male auf ſeinen Weg. Schon das erſte Zuſammentreffen war für ihn ein ſehr unheilvolles geweſen. Beim Anblicke dieſer zwei Männer, die ihm nun abermals gegenüber ſtanden, bemächtigte ſich ein ſonder⸗ bares, ſchmerzliches, unbekanntes Gefühl des unerſchro⸗ ckenen Waldläufers; Fabian war da, und zum erſten Male in ſeinem Leben beſchlich Roſenholz eine gewiſſe Furcht! Seine ſtählernen Muskeln bebten, wie jene ſtarken Waldlianen Amerika's, die der gewöhnliche Wind nie hin und her zu bewegen vermag, die aber unter dem Einfluſſe eines Orkans plötzlich zittern. „Rothhand und Miſchblut! Erkennſt Du ſie?“ ſagte er zu Pepe. Pepe machte eine Geſte der Bejahung. Er hatte ſich eben ſo heftig erſchüttert gefühlt, wie Roſenholz. „Zeig' Dich nicht,“ rief er,„es iſt ein Tag der Trauer für alle die, welche mit ihnen zuſammentreffen.“ „Ich werde mich aber zeigen,“ verſetzte Roſenholz, „ſonſt käme es ſo heraus, als hätte ich Furcht; nur mußt Du jedes Blatt an den Geſträuchen genau beobachten, und keine einzige Geſte dieſer zwei amphibienartigen Dämone Dir enigehen laſſen.“ Während der Canadier dieſe Worte ſprach, entfal⸗ tete er auf der Plattform ſeine hohe Statur, die ſo ge⸗ rade und ſo feſt war, wie der Lauf ſeiner Büchſe. Auch bewies ſein klarer und ruhiger Blick, daß die Furcht ein Gaſt ſei, den das Herz des Canadiers nicht lange beherberge. Der Anblick Red⸗Hand's war zurückſtoßend. Es war ein großer, magerer Greis, mit backſteinrother Haut und graſſen Augen; ſeine Augenſterne waren von un⸗ gleicher Größe und gleichſam mit Blutflecken bedeckt; 224 ſeine Naſe ſaß ſchief in ſeinem eckigen Geſichte,— und Alles an ihm deutete auf einen vollendeten Böſe⸗ wicht hin. Sein langes, weißes Haar, das einſt feuerroth ge⸗ weſen, war, nach indianiſcher Art, oben auf dem Kopſe durch Riemen zuſammengebunden, die ein Fiſchotterfell geliefert hatte. Eine Art Jagdblouſe, verfertigt aus einem Damhirſchfelle, und durch Stickereien von ver⸗ ſchiedenen Farben herausgeputzt, ging ihm bis an die Knie herunter, und ließ lederne Kamaſchen ſehen, die mit einer Menge Franſen und kleiner Schellen geziert waren. Seine Füße waren mit olivengrünen Moccaſins befleidet, die mit Glasperlen von allen Nuancen ge⸗ ſchmückt waren. Ueber eine ſeiner Schultern war eine gelbfarbige Decke geworfen. Ein lederner Gurt zwängte ſeine ſchon ſo ſchmalen Weichen noch mehr zuſammen, und von einem rothen Schultergehenk hingen eine Mordkeule, ein langes Meſſer ohne Scheide, und das Futteral einer indianiſchen Pfeife herab. Niemand hätte an dem alſo herausgeputzten ameri⸗ kaniſchen Renegaten die unterſcheidenden Merkmale der weißen Race zu erkennen vermocht. Miſchblut glich ſeinem Vater ein wenig, und wenn ſeine Augen eben ſo viel Grauſamkeit verriethen, ſo zeigte der indianiſche Charakter ſeiner Phyſiognomie doch nicht die bei Rothand ſo ſichtbare Niederträchtigkeit an. Auch war der Meſtize größer und ſtärker gebaut, s ſein Vater. Er hatte die ungeheure Stärke geerbt, die das Alter bei dem alten Renegaten noch nicht ver⸗ mindert hatte. Mit einem Worte, der Meſtize hatte Etwas, was zugleich an den Tiger und an den Löwen erinnerte. Der Weiße dagegen erſchien mehr wie ein mit dem ameri⸗ kanuiſchen Schakal gekreuzter bengaliſcher Tiger. — * ſe ll 8 ie ie rt Das dicke und ſchwarze Haar El⸗Meſtizo's war, gleich dem ſeines Vaters, oben auf dem Kopfe zuſam⸗ mengebunden, jedoch nicht mit Riemen, ſondern mit ſcharlachrothen Bändern, ähnlich denen, die man biswei⸗ len den Pferden in die Mähne flicht. Sein Jagdkleid, das dieſelbe Form hatte, wie bei dem Amerikaner, beſtand aus rothem Tuch, und ſein üb⸗ riges Koſtüm unterſchied ſich von dem ſeines Vaters nur durch die Menge von Zierathen, womit ein junger indianiſcher Zierbengel die Reize ſeiner Perſon zu er⸗ höhen ſtrebt. Auf ſeiner Schulter ruhte eine lange Büchſe, deren Kolben und Schaft mit kupfernen Nägeln überſäet und mit zinnoberrothen Zierathen ſeltſam bemalt waren. Die Köpfe der kupfernen Nägel aber glänzten wie Gold. So war das Aeußere der zwei furchtbaren Wüſten⸗ räuber beſchaffen, deren Portrait wir erſt hier geben zu müſſen geglaubt haben. Obgleich dieſe zwei Banditen die feierliche Haltung der Indianer affectirten, ſo war doch ein himmelweiter Abſtand zwiſchen ihrer zurückſtoßenden Phyſiognomie, und der Haltung und Geſtalt des Canadiers, deſſen ath⸗ letiſcher Körper und deſſen Geſichtszüge den ſchönſten Ausdruck der biederen, auf die Tapferkeit ſich ſtützenden Stärke darboten. 5 „Was will man von dem Adler der Schneeberge, da dieß der Name iſt, womit man mich bezeichnet hat?“ fragte der Canadier ruhig. „He, he!“ ſprach der Räuber aus Illinois mit einem odiöſen Lächeln,„es ſcheint mir, wir haben ein⸗ ander ſchon einmal geſehen, und wenn mein Gedächtniß mich nicht trügt, ſo hätte der canadiſche Waldläufer ſein Haupthaar nicht behalten, ohne „Einen tüchtigen Schlag mit dem Flintenkolben, den Ihr vortreffliches Gedächtniß Ihrem Schädel in Er⸗ Der Waldläutzr. m. 15 226 innerung bringen muß,“ ſetzte Pepe hinzu, der an der in engliſcher Sprache Statt findenden Unterredung nun gleichfalls Antheil nahm. „Ah! Sie ſind auch da?“ antwortete der Ameri⸗ kaner. „Wie Sie ſehen,“ antwortete der Spanier mit einer Kaltblütigkeit, die ſeine haßſprühenden Augen Lügen ſtraften. „Es iſt der Mann, den meine indianiſchen Brüder den Spottvogel nennen,“ ſagte Miſchblut. Die Augenſterne des Spaniers, deſſen heftige und faſt grimmige Leidenſchaften wie der Dampf kochten, der im Begriffe iſt, zu explodiren, ſchoßen einen Blitz nach dem Meſtizen hin, und er öffnete ſchon den Mund, um einen jener Pfeile abzuſchießen, die friedliche Unterre⸗ dungen gewöhnlich in erbitterte Kriegserklärungen ver⸗ wandelten, als Roſenholz ihn inſtändig bat, zu ſchweigen. Roſenholz fühlte ebenfalls, wie die Geduld ihm raſch ſchwand, und der furchtbare Indianertödter, den wir kennen, wollte, obwohl er daran verzweifelte, daß er dem Strome des Haſſes, der durch alle ſeine Adern zu rinnen anfing, würde länger Widerſtand leiſten kön⸗ nen, doch ſo viel Ruhe behalten, um die Vorſchläge, zu denen er ſeine Feinde nicht aufgefordert, anzuhoͤren, für den(allerdings ſehr zweifelhaften) Fall, daß ſein wil⸗ des Ehrgefühl es ihm erlauben würde, dieſelben Fabian zu Liebe anzunehmen. „Ich bin gekommen, um Worte des Friedens zu hören, und ſchon entfernt ſich die Zunge Red⸗Hand's und Miſchblut's weit vom Ziele,“ ſprach er ernſt. „Es wird nicht dieler Worte bedürfen,“ antwortete der Amerikaner.„Sprich, Miſchblut!“ „Ihr tretet auf einem reichen Schatze herum,“ ſprach der Meſtize;„Ihr ſeid nur drei Mann, wir find fünf⸗ mal zahlreicher, als Ihr, und wir müſſen dieſen Schatz haben. Das iſt's, was wir wollen!“ „Kurz und bündig, klar und unverſchämt,“ dachte * Pepe.„Wollen einmal ſehen, wie Roſenholz das ver⸗ daut.“ Ein Menſch, der ſich auf die Ueberlegenheit, die ihm die Anzahl ſeiner Verbündeten, ſeine Geſchicklich⸗ teit, und ſeine phyſiſche Stärke verliehen, weniger ver⸗ laſſen hätte, würde bei dem momentanen Ausdrucke des Geſichts des athletiſchen Waldläufers gebebt haben. Denn Roſenholz fühlte, trotz ſeiner zärtlichen Liebe zu Fabian, nur noch ein heftiges Verlangen, die Frechheit des Ban⸗ diten zu züchtigen. „Hm!“ ſagte der Canadier mit einer Anſtrengung, die beim Anblicke des ſich trotzig auf ſeinen Büchſenlauf ſtützenden Meſtizen ihm ſchwer ankommen mußte,„und unter welchen Bedingungen wollt Ihr dieſen Schatz haben?“ „Unter der Bedingung, daß Ihr drei Euch alsbald aus dem Staube macht.“ „Mit Waffen und Gepäck?“ „Mit Gepäck, aber ohne Waffen,“ antwortete El⸗ Meſtizo, der wohl wußte, daß es ihm dann, trotz des gegebenen Wortes, ein Leichtes ſein würde, die drei Jä⸗ ger ſeinen wilden Hülfsgenoſſen auszuliefern. „Wenn die zwei Böſewichte nicht unſer Leben ha⸗ pen wollten, ſo würden ſie uns, da ſie ſo zahlreich find, unſere Waffen ohne Anſtand laſſen,“ blies Pepe dem Canadier in's Ohr. „Das iſt klar am Tage, aber laſſ' mich dieſe Spitz⸗ puben entlarven,“ antwortete Roſenholz ganz leiſe. Sodann ſetzte er, zu dem Meſtizen gewandt, ganz laut hinzu: „Iſt es an den Schätzen, die wir Euch überlaſſen würden, nicht genug? Wozu würden Euch drei Büch⸗ ſen bei fünfzehn Kriegern dienen?“ „Wir würden es Euch ſo unmöglich machen, uns zu ſchaden.“ Der Canadier zuckte die Achſeln. „Das heiße ich keine Antwort,“ ſagte er;„Ihr 228 habt es mit Männern zu thun, die Alles hören können, — die ſich durch Drohungen nicht erſchrecken und durch lügenhafte Worte nicht ködern laſſen. Wir müſſen ein für alle Mal wiſſen, woran wir uns zu halten haben,“ ſetzte er, zu Pepe gewandt, hinzu. Nun nahm der alte Renegat das Wort. „Wohlan!“ ſprach er hohnlächelnd,„Miſchblut vergißt bei der Gnade, die er Euch erweist, eine kleine Bedingung.“ „Welche?“ „Die, daß Ihr Euch auf Gnade und Ungnade er⸗ geben müſſet,“ antwortete der Meſtize. „Laſſ' mich doch dieſem Vipern⸗Paare mit weißem Schweife und indianiſchem Kopfe antworten,“ ſprach Pepe, Roſenholz mit dem Elbogen ſtoßend. „Pepe!“ ſprach der Canadier ernſt,„ſeitdem ein Sohn mich für ſein Leben ſorgen läßt, habe ich eine heilige Pflicht zu erfüllen, und im Falle uns ein Un⸗ glück zuſtoßen ſollte, will ich vor Gott rein daſtehen. Wir wollen alſo die Sache nicht ſo über das Knie ab⸗ brechen.“ Und Roſenholz warf auf Fabian, der Alles, was vorging, aufmerkſam beobachtete, einen Blick, worin ſeine ganze väterliche Zärtlichkeit ausgedrückt war. Ein ruhiges Lächeln ſeines Kindes lohnte ihm für ſeine heroiſche Geduld.. „Suchen Sie einmal, Miſchblut,“ hob der Canadier wieder an,„die Eingebungen des indianiſchen Bluts zu vergeſſen, und ſprechen Sie frei und offen, wie es einem furchtloſen Krieger und einem Chriſten ziemt. Was wollt Ihr von uns? Was wollt Ihr mit Euren Ge⸗ fangenen anfangen?“ Allein die Biederkeit wandte ſich vergebens an die Treulofigkeit. Miſchblut wollte ſeine Gedanken nur halb enthüllen. Obgleich er es ſo gut als gewiß anſah, daß er ſeinen Zweck erreichen würde, ſo wünſchte er, wenn auch nicht Blut, ſo doch Zeit zu erſparen, und ſchmei⸗ „ 7 chelte ſich thörichter Weiſe, daß die drei Jäger das un⸗ gewiſſe Loos der Gefangenſchaft einem Tode vorziehen würden, dem ſie, nach ſeiner Meinung, Nichts entreißen konnte. „Ich wüßte in der That nicht, was ich mit Euch Dreien anfangen ſollte,“ ſprach er;„allein es lebt ein gewiſſer Schwarzvogel, deſſen Krieger mich begleiten, und die Euch ſchlechterdings haben wollen, und, meiner Treu, ich habe Euch ihnen verſprochen.“ Der Meſtize hatte ſich bei ſeiner Antwort des india⸗ niſch⸗ſpaniſchen Dialekts bedient, und es ſahen bei den angeführten Worten die Jäger zwiſchen den niedern Zwei⸗ gen der Geſträuche Augen, ſo feurig, wie die eines im Hinterhalte liegenden Tigers, und ein Geſicht, das durch ſeine kriegeriſchen Malereien noch erſchrecklicher und ſcheuß⸗ licher war, als das des Tigers ſelbſt. „Ah! ich dachte mir es,“ ſprach Roſenholz.„Wohl⸗ an! was wird der Schwarzvogel uns thun?“ „Ich will es Euch ſagen,“ antwortete der Meſtize, der ſich zu ſeinem furchtbaren Verbündeten hinwandte. „Was wird der Schwarzvogel mit dem Adler, mit dem Spottvogel, und mit dem Krieger aus Mittag anfangen? Mein Bruder, antworte leiſe!“ „Dreierlei,“ antwortete der Apache mit fürchter⸗ licher Präciſion.„Zuerſt werden ſie die Hunde ſeiner Hütte ſein; dann wird er ihre Kopfhaut an ſeinem Feuer trocknen; und endlich wird er ihr Herz ſeinen Kriegern zu eſſen geben, denn es ſind drei tapfere Män⸗ uer, und es wird ihr Muth in das Herz derjenigen fahren, die von dem ihrigen gekoſtet haben.“ So lieblich ſind noch, in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, die indianiſchen Sitten auf den Prairien, und dieß war das den drei Jägern vorbehaltene Loos. wenn ſie dem Worte des Meſtizen trauten. Und doch ſind noch in dem Augenblicke, wo wir dieſe Erzählung niederſchreiben, die Prairien voll abenteuernder Jäger, die, nachdem ſie dieſes gefahrvolle Leben einmal ver⸗ ſucht haben, demſelben nicht mehr entſagen können. Und das läßt ſich leicht begreifen. Was ſind die armſeligen Freuden und Leiden des civiliſirten Lebens gegenüber von denen des wilden Le⸗ bens 2 Wir können es ſagen, wir, die wir ſie gekoſtet, — wir, die wir gar oft eingeſchlafen ſind, ohne zu wiſſen, ob wir wieder aufwachen würden. Sie ſind das, was für den durch die Flammen des Antillen⸗ Pfeffers und des indiſchen Curry tagtäglich verbrannten Gaumen die fade Koſt der zarten Kaſtanien und der ſchaumigen Milch der Virgil'ſchen Hirten wäre. „Gut!“ ſprach der Meſtize, nachdem er die Worte ſeines Verbündeten aufmerkſam angehört;„El⸗Meſtizo wird das, was ſein Brudver geſagt, getren wieder geben.“ Und der Bandit ſuchte, ſich zu Roſenholz wendend, ſeiner wilden Phyſiognomie vermittelſt eines lügneriſchen Lächelns einen ſanfteren Ausdruck zu geben. „Der große indianiſche Häuptling,“ ſprach er, in⸗ dem er ſich dieſes Mal ſorgfältig der engliſchen Sprache bediente, welche nur Fabian nicht verſtand,„verſpricht ſeinen Gefangenen die Freundſchaft, die ihm drei tapfere Männer eingeflößt haben,— verſpricht ihnen ſeine beſten Jagden, und ſeine ſchönſten Frauen.“ „Und das ewige Leben, Amen!“ antwortete Pepe, in deſſen Hirnſchädel der Dampf ein Ventil ſuchte, um ein Berſten zu vermeiden.„Pfui, pfui! Roſenholz,“ fuhr der Carabinier fort,„es iſt eine Schande, dieſen monſtröſen Auswurf von einem Weißen und einer Rothen länger anzuhören; ſiehſt Du nicht, daß er ſich über Deine Eyrlichkeit luſtig macht.“ „Was ſpricht der Spottvogel?“ fragte der alte Renegat frech. „Er ſagt,“ antwortete Pepg, deſſen Wuth nicht das nöthige Ventil gefunden, ſondern jetzt losbrach, —„er ſagt, er wolle ſich nicht minder großmüthig fin⸗ den laſſen, und er verſpreche Euch dreierlei; Dir einen 3 ₰ N — —— v8—— S 7 e t re e e, m 4 n er ch ht h, — 231 zweiten Schlag auf den Schädel vermittelſt des Flinten⸗ kolbens, Deinem Sohne einen Meſterſtich mitten in die Bruſt, und daß er deſſen lügneriſche Zunge den Raben hinwerfen wolle... wenn dieſe ſich nicht vor Ver⸗ giſtung fürchten.“ „Ahl“ ſchrie Miſchblut, der nur die Zähne fletſchen konnte, während er mit der Schnelligkeit des Gedankens ſein im Voraus geſpanntes Gewehr anſchlug. Der Bandit vergaß ſein Verſprechen, die drei Jä⸗ ger lebendig ausliefern zu wollen. Der Spanier und der Canadier hatten ſich nicht mehr zeitig genug bücken können, und es war um einen von ihnen geſchehen, da ihre Büchſen viel zu weit weglagen, wenn ſie, auf einen hinter ihnen ge⸗ thanen Schuß, den Meſtizen auf der Spitze der Böſchung nicht hätten taumeln ſehen. Fabian kannte die Heftigkeit Pepe's,— er wußte, wie wenig derſelbe in gewiſſen Augenblicken ſeine Zunge zu zähmen verſtand, und wachte, während er auf der Plattform auf dem Bauche lag, bereit, zu feuern. Dieſer glückliche Umſtand konnte allein einen der beiden Jäger retten. Zum Unglück für ſie Alle trug der Carabiner Fa⸗ bians nicht ſo weit, wie die der zwei Waldläufer, und ſeine Kugel verlor ſowohl an der auf der Schulter des Meſtizen hangenden Wolldecke, als an der ledernen Taſche deſſelben ihre Kraft. Nichts deſto weniger taumelte Miſchblut, als ihn die Kugel traf, wenn er auch ſo ſtark war, wie eine Eiche, die nicht auf einen Hieb fällt, und er wäre in das Goldthal hinabgeſtürzt, wo Roſenholz ihm vollends den Treff gegeben haben würde, wenn der Vater den Sohn nicht geſtützt hätte. Mit kräftigem Arme trug er ihn von der Böſchung weg. Der Indianer hinter dem Geſträuche und die zwei 232 . Wüſtenräuber, die bis dahin aufrecht dageſtanden waren, verſchwanden zu gleicher Zeit. Und dann folgte auf den Lärm der menſchlichen Stimmen die tiefſte Stille, die bloß durch das Brauſen des Waſſerfalls und das Rauſchen des grünen Vor⸗ hanges an den Seiten der Felſen geſtört wurde. Vierundtfüntzigſtes Kapitel. Worin das Gold eine Chimäre iſt. Die Spitze der Nebelberge war immer noch von einer dichten Nebelmaſſe umhüllt, obgleich die bereits hoch am Himmel ſtehende Sonne die Wüſte durch ihre Feuerſtrahlen entzündete. Das während der Nacht auf der Spitze der Fel⸗ ſen angezündete Feuer ſchimmerte noch durch den Dunſt hindurch, ohne daß die Belagerten hätten wiſſen können, ob einige ihrer Feinde da wären, um daſſelbe zu un⸗ terhalten. „Mein Gott, Du ſiehſt, ich habe Alles gethan, was ich konnte, um den Kampf zu vermeiden,“ ſprach der Canadier, der halb leiſe betete, indem er ſich nun wieder erinnerte, daß Fabian bei ihm war, und daß alle Stärke und aller Schutz von oben kommt;„aber Dein Wille geſchehe!“ Dann wandte er ſich mit größerer Ruhe, als er bis daher in ſich verſpürt, zu Pepe: „Du, der Du alle klaren und entſchiedenen Stel⸗ lungen liebſt,— Du mufßt jetzt zufrieden ſein. Es iſt flar, daß, außer dem Schatze, die Spitzbuben noch un⸗ —. —,— 233 ſere Körper haben wollen, und Du weißt, zu welchem Zwecke.“ „Ja, damit wir der Freundſchaft des Häuptlings mit den ſchwarzen Federn,— damit wir ſeiner beſten Jagden, und ſeiner ſchönſten Frauen theilhaftig,— mit anderen Worten, damit wir lebendig geſchunden, verbrannt und ſealpirt werden. Unſere Stellung iſt klar, — das iſt wahr.“ „Der Kampf wird ein langer, erbitterter ſein; Fa⸗ bian, mein Kind, der Haß des Feindes, der ſeinen Feind lebendig fangen will, iſt furchtbarer, als der, der, ihn tödten will,— wir wiſſen es wohl.“ Und in der That ſchlief— eine traurige Vorbe⸗ deutung— neben ihnen ein Mann in ſeinem Grabe, den ſie gleichfalls nur lebendig und in der ganzen Kraft ſeines Lebens hatten fangen wollen. Und jetzt drohte daſſelbe Schickſal, das Don Antonio ereilt, den drei Jägern, wie es ihnen ſchon vor zwei Tagen auf der Inſel gedroht. „Wir müſſen alſo,“ fuhr der Canadier fort,„un⸗ ſere Klugheit und unſere Kaltblütigkeit verdoppelnz jeder von uns darf nur dann ſchießen, wenn er gewiß iſt, ſeinen Mann nicht zu verfehlen; und Du, Fabian, mußt mit Deinem Leben ganz beſonders geizen, da Du es ganz einem Greiſe geweiht haſt, deſſen Freude Du jetzt, deſſen Segen Du in der Zukunft biſt, und da dieſes Leben Dir nicht mehr gehört;— es iſt mein Eigenthum. Du verſprichſt es mir, nicht wahr?“ „Aber unſer Leben iſt ja für den Augenblick nicht bedroht, da man uns, wie Sie ſagen, nur lebendig fangen will,“ antwortete Fabian. „Lebendig! ich ſehne mich keineswegs nach ſolcher Wohlthat,“ ſprach Roſenholz.„Wären wir auch Alle drei tödtlich verwundet, ſo würde uns dennoch immer ſo viele Kraft übrig bleiben, umuns in dieſen Abgzund zu ſtürzen, und darin ein Lvos zu finden, das, im Ver⸗ gleiche mit demjenigen, welches unſerer wartete, wenn wir gefangen würden, ein beneidenswerthes genannt müßte. Daran haben die Spitzbuben nicht ge⸗ da 4 „Dann müſſen wir noch Etwas in Betracht ziehen, Don Fabian,“ ſetzte Pepe hinzu.„Dieſe Wüſtenräuber und ihre Verbündeten haben nicht das nämliche Intereſſe. Die Erſteren wollen vor Allem Gold, und wenn die Ungeduld ſie packt, werden Sie nur noch einen Zweck haben, den nämlich, uns ſobald wie möglich zu tödten, und der Sache ein Ende zu machen. „Gebe Gott übrigens, daß ich mich nicht täuſche, venn, wenn ſie uns tödten wollen, ſo müſſen ſie ſich unſeren Kugeln ausſetzen; würden ſie aber auf der Ab⸗ ſicht beharren, die ſie an den Tag gelegt, ſo könnten Umſtände eintreten, wo wir, ungeachtet der furchtbaren Zufluchtsſtätte, die dieſer Abgrund uns darbietet, mit den Waffen in der Hand gefangen würden, ohne daß uns auch nur die Möglichkeit bliebe, uns gegenſeitig zu erdolchen, und uns in den Schlund hinabzuſtürzen.“ Angeſichts dieſer furchtbaren Wahrſcheinlichkeit, und Angeſichts der andern, nicht minder furchtbaren Wahr⸗ ſcheinlichkeit, daß einer von ihnen ihren mitleidloſen Feinden allein in die Hände fallen könnte, fühlten die Jäger einen Augenblick, daß es ihnen weich um's Herz wurde. Eine heilige und unauflösliche Freundſchaft knüpfte Pepe an Roſenholz: ſie verdankte zehn Jahren gemein⸗ ſchaftlicher Gefahren und Kämpfe ihr Daſein. Von den Uſern des atlantiſchen Oceans bis zu denen des ſtillen Meeres hatten die Büchſen der beiden Jäger ihre Knalle mit einander vermiſcht; in gar vielen ver⸗ zweifelten Kämpfen hatten ihre Hände ſich gegenſeitig gedrückt: die Freuden des Einen waren auch die des Andern geweſen. Der' Hunger, der Durſt, die Vater und Sohn ſo oft entzweien, hatten das Band, das ſie zuſamenhielt, nicht zu löſen vermocht, und ſie hatten ihren letzten Tropfen Waſſer, ſo wie ihren letzten Biſſen +—— MW—* 5—— — N — 7 2* 6 — 1* n 8 er r ig es er ſie en en Freundſchaft, wie man ſie nur in der Wüſte finden mit einander getheilt. Mit einem Worte, es war eine kann,— in der Wüſte, wo der Haß, die Rache, die Liebe, kurz alle Leidenſchaften mit dem endloſen Raume wachſen, dem ſie ihr Daſein verdanken. Nachdem die drei Freunde einen Augenblick jener Schwäche gegönnt, die auch ſtarke Männer beſchleicht, wurden ſie wieder, was die Vertrautheit mit den Ge⸗ fahren aus ihnen gemacht,— das heißt, unerſchrockene Abenteurer, die, wenn auch nicht ganz ohne Tadel, doch ohne Furcht, und biegſamen, ſtarken Toleder Klingen zu vergleichen waren, die, einen Augenblick gebogen, bald von ſelbſt wieder gerade werden. Als daher dieſer kurze Augenblick vorüber war, ſuchte jeder von ihnen mit ruhigem und aufmerkſamem Auge die Größe der ihnen drohenden Gefahr zu meſſen. Das Feuer, das inmitten des Nebels der Berge immer noch funkelte, zog zuerſt die Blicke des Canadiers auf ſich. „Der Schimmer da oben gefällt mir nicht,“ ſprach erz„obgleich uns von dieſer Seite die Decken hinläng⸗ lich ſchützen, ſo iſt es doch etwas beunruhigend, ſich von hinten mit Kugeln bedroht zu fühlen. Bei ihren fried⸗ lichen Abſichten werden die Spitzbuben das gewiß nicht unterlaſſen, um unſere Aufmerkſamkeit von ihrem Haupt⸗ angriffspunkte abzulenken. Der Nebel, der die Höhen bedeckt, verhindert die Indianer nicht, auſ's Gerathewohl auf uns loszupfeffern.“ „Du haſt Recht,“ ſetzte Pepe hinzu.„Ich glaube nicht, daß der alte Bandit und ſein würdiger Sohn ſich gegenüber dem Schwarzvogel verbindlich gemacht, uns mit allen unſeren Gliedern auszuliefern; und ſie werden den Augenblick, wo uns das von da oben kom⸗ mende Feuer beſchäftigen wird, benützen, um uns mit ihrer hölliſchen Geſchicklichkeit eine oder zwei Schultern zu zerſchmettern, oder um uns einen Arm oder einen Schenkel zu lähmen zu ſuchen.“ „Schau', Fabian,“ fuhr der Canadier fort,„hier iſt Dein Poſten. Sieh immer auf das Feuer hin, und richte den Lauf Deines Carabiners darauf. Sobald Du durch den Nebel hindurch ein Gewehr abblitzen ſiehſt, mußt Du kühn⸗ und ohne zu zittern, auf das Licht feuern, das von der Zünd⸗Pfanne aufſteigt.“ Der Weiſung des Canadiers zu Folge ſtellte Fa⸗ bian ſich hinter der wollenen Verſchanzung auf, mit nach oben gerichtetem Gewehrlaufe. Was die beiden andern Jäger betrifft, ſo lagen ſie, mit nach ihren Feinden hin gerichtetem Geſichte, auf dem Boden, und ohne daß, durch die ſteinernen Schieß⸗ ſcharten hindurch, der Lauf ihrer Büchſe über die Platt⸗ form der Pyramide auch nur eine Linie hinausragte, beobachteten ſie mit größter Aufmerkſamkeit alle Be⸗ wegungen der Angreifenden. Die Indianer haben die ungeſtüme Taktik der Eu⸗ ropäer nicht angenommen⸗ So zahlreich ſie immer ſein mögen, ſo opfern ſie doch nie das Leben ihrer Krieger zu dem Zwecke, eine wohl vertheidigte Stellung mit Sturm zu nehmen. Neben der Grauſamkeit des Tigers beſitzen die Wilden auch deſſen unermüdliche Geduld. Sie können, wenn es ſein muß, ihren Feind Tage lang beobachten, pis envlich die Ermüdung, der Hunger, der Mangel an Munition, oder irgend eine Unvorſichtigkeit ihn in ihre Hände gibt. Es ſind dieß Kriege, wo jeder Einzelne ſeinen Gegner zu vertilgen ſucht; ſobald aber von bei⸗ den Seiten dieſelbe Geduld, dieſelbe Liſt, mit einem Worte, dieſelbe Strategie entwickelt wird, müſſen dieſe Kriege begreiflicher Weiſe lange dauern. Unglücklicher Weiſe hatten die Belagerten kaum auf mehr als vierundzwanzig Stunden zu eſſen, und die Taktik der Belagernden mußte zum Verderben der Er⸗ ſieren ausſchlagen. Letztere dagegen brauchten nur einen ihrer Jäger auszuſchicken, um ſich in der Ebene und auf den Bergen Wildpret zu verſchaffen. e 1 re e i⸗ m ſe uf ie ⸗ en nd 237 „Wie wird all' das enden?“ ſagte der Canadier leiſe zu Pepe. „Ich weiß es wahrlich nicht; ich weiß nicht einmal, wenn es angeht. Ich kann es Dir wohl ſagen, daß ich mich behaglicher fühle, wenn ich eine oder zwei Patro⸗ nen verſchoſſen habe, und wenn ich die Schüſſe und das Kriegsgeſchrei durch die Echos um mich her wiederholen höre.“ „In der That, ſo angenehm die Stille der Wüſte iſt, ſobald man weiß, daß man allein iſt, ſo beunruhi⸗ gend iſt ſie, wenn man ſich von Feinden umringt weiß.“ Die Wünſche Pepe's ſollten bald erhört werden. Zwei auf einander folgende Schüſſe ſtörten die Ruhe der Luft. Der eine kam von den Bergen her, der andere ging von der Plattform aus, wo Fabian, ob⸗ wohl vergebens, auf den Feind gefeuert hatte, der auf der Höhe der Cascade Poſto gefaßt. Dreimal hinter einander wiederholten ſich dieſe Doppelſchüſſe, ohne daß ſie ein Reſultat gehabt hätten. Rindenſtücke und ein Regen von Nadeln, die an den Tannenbäumen abgeſchlagen worden, fielen auf die drei Kämpfer, und ohne Zweifel hatten die Kugeln Fabians dem Feinde eben ſo wenig Schaden zugefügt. „Tritt mir Deinen Platz ab, Fabian,“ ſprach Ro⸗ ſenholz,„und nimm den meinigen ein. Pepe, zeig' ihm doch, wie er den Lauf ſeines Carabiners halten muß, um ſich deſſelben zu bedienen, ohne ihn dem Feinde zu zeigen.“ Während der Canadier dieſe Worte ſprach, kroch er rückwärts, und es kreuzten ſich der alte Jäger und der Jüngling, als dieſer zu Pepe hinging. Sobald Roſenholz auf ſeiuem neuen Poſten ange⸗ kommen war, unterſuchte er mit der gewohnten Raſch⸗ heit ſeines Blickes ſowohl die Höhen, als die Ebene. Er war überraſcht, jenſeits des Sees, der ſich am Fuße der Pyramide ausdehnte, auf der der Felſenkette entge⸗ gengeſetzten Seite,— jenſeits des Sees, deſſen Waſſer 238 den ſtellen Abhang der Nebelberge beſpülten, einige flache, großen Platten ähnliche Steine zu ſehen, die, in ganz geringer Entfernung von einander, aufgerichtet waren. Der Waldläufer zählte vier ſolche aufgerichtete„ Platten, und es ſchien ihm keinen Augenblick zweifel⸗ haft, daß hinter denſelben eben ſo viele Feinde liegen müßten, um ihre— der Jäger— Flucht auf jener Seite zu verhindern. Sodann wandte ſich das Auge des Canadiers nach den Höhen hin, wo das Feuer immer noch ſchwach durch die Nebel hindurchſchimmerte. Und nun wartete er geduldig wie ein Indianer. Während dieſer Zeit wechſelten Fabian und Pepe, gleichfalls unbeweglich und nehen einander auf dem Bo⸗ den liegend, halblaut einige Worte „Sie haben unrecht darau gethan, Pepe,“ ſprach Fabian,„daß Sie dieſe zwei Männer durch nutzloſe und vielleicht unverdiente Schimpfworte alſo erbittert haben.“ „Dieſe Schimpfworte ſind eben ſo wenig nutzlos, als unverdient, Don Fabian; erſtlich, weil ſie mir dazu gedient haben, mein Herz zu erleichtern, das ſich ſo ge⸗ drückt fühlte, als ob ein Berg darauf laſtete, und zwei⸗ tens, weil dieſe zwei Menſchen die größten Spitzbuben ſind, die je die Prairien betreten, wo es doch der Schur⸗ ken ſo viele gibt. „Sie kennen dieſe vermaledeite, grundſchlechte Race weißer Renegaten und rother Meſtizen noch nicht. Dieſe zwei Banditen haben nur die Laſter der Weißen neben denen der Wilden. „Ich bin nebſt Roſenholz ſchon in den Händen die⸗ ſer Spitzbuben geweſen, und habe bei ihnen Dinge ge⸗ ſehen, die ich nie vergeſſen werde. Ich habe geſehen, wie Vater und Sohn, durch Feuerwaſſer berauſcht, vie Art in der Hand, auf einander losgingen, und wie Ei⸗ ner nach dem Blute des Andern lechzte.“ pi bebte, als er dieſe furchtbaren Einzelheiten örte. —— e c Sr e e— ——— — vS* 8 ſe . 3 ie i⸗ ee —— 239 „Ich habe geſehen,“ fuhr der Ermiaquelete fort, „wie dieſe zwei Ungeheuer wie Löwen kämpften, deren Stärke ſie beinahe beſitzen; wie ſie ſich im Staube wälz⸗ ten und einander mit den Zähnen zu zerreißen ſuchten Ich habe geſehen.... Ah!“ ſprach Pepe, ſeine Rede unterbrechend,„da iſt ein Schlingel, der mir Ge⸗ legenheit geben wird, mich wieder einzuſchießen. Es iſt dumm von ihm, daß er ſo neugierig iſt, und zu ſehen ſucht, was wir thun.... es iſt hauptſächlich dumm von ihm, daß er ſich einbildet, ich halte die prächtigen Malereien, womit ſein Geſicht bedeckt iſt, für durch den Herbſt geröthete Blätter, und ſeine Augen.... Pepe ſprach noch, als ſeine Büchſe plötzlich neben Fabian knallte. Ein wilder Schrei folgte auf den Schuß. „Der ſchreit gewiß nicht, ich ſtehe Ihnen dafür; ich wette, die Kugel iſt ihm durch die Augenhöhle in den Schädel gefahren, in welchem Falle es mit dem Schreien aus iſt. „Ja, Don Fabian,“ fuhr der Jäger fort, indem er ſeine Büchſe wieder lud,„ich habe geſehen, wie Vater und Sohn einander,— der Eine dem, von dem er es erhalten, der Andere dem, dem er es gegeben,— das Leben zu nehmen ſuchten! Ich habe geſehen, wie der Sohn auf ſeinem Vater kniete, der ihn um Gnade bat,— wie derſelbe ſein Skalpirmeſſer aus der Scheide zog, um ſeinem Vater die Kopfhaut abzulöſen, als ein Indianer herkam und mit eigener Lebensgefahr dieſes abſcheuliche Verbrechen verhinderte. „Puh!“ ſetzte der Carabinier energiſch hinzu,„was wollen Sie von einem ſolchen Ungeheuer erwarten? He! Roſenholz, wir haben einen Feind weniger.“ „Ich weiß es, da Du geſchoſſen haſt,“ antwortete der Canadier ganz einfach, und ohne ſich auch nur um⸗ um den Feind nicht aus den Augen zu ver⸗ ieren, den er beobachtete. Ein tiefes Schweigen folgte auf dieſen traurigen 240 Bericht Pepe's, und es blieben die drei Freunde, auf der Plattform liegend, eben ſo unbeweglich, wie das Pferdeſkelett, das den Gipfel derſelben bekränzte, und wie die Todten, die unter ihnen ruhten. Zwei Stunden, zwei lange Stunden verſtrichen ſo. Die Sonne, nun faſt ſcheitelrecht ſtehend, warf auf die Spitze der Pyramide Feuerſtrahlen, deren Hitze der ſenkrechte Schatten der zwei Tannen nicht zu mäßigen vermochte. Der Wind der Wüſte blies ſo heiß, wie wenn er aus einem Feuerofen gekommen wäre, und es ſtellten ſich bei den drei Jägern der Hunger und der Durſt ein. „Ei, ſag' voch einmal, Roſenholz, Du, der Du uns vor einigen Stunden eine ſo ſchöne Beſchreibung von den Tagen des Ueberfluſſes entwarfeſt,— was würdeſt Du jetzt wohl von dem beſcheidenſten Gerichte halten, womit Dein Gedächtniß unſern Tiſch belud?“ „Bah! Pepe, haben wir uns nicht ſchon vierundzwan⸗ zig Stunden lang alles Eſſen und Trinkens enthalten, während wir von einer Morgenröthe zur anderen fortkämpf⸗ ten? Haſt Du Hunger, ſo kau' an einigen der Tannen⸗ nadeln, welche die Kugel des Indianers abgeſchlagen, und der Teufel hole mich, wenn dann der bittere Harz⸗ geſchmack Dir nicht auf vierzehn Tage alle Eßluſt raubt.“ „Ich danke Dir, ich ziehe ein Stück Rehbraten oder ein Stück Biſonfleiſch vor,“ antwortete Pepe, der ſeine gute Laune wieder gewonnen hatte.„Aber Du biſt ja da unten ſo ruhig, wie ein ſteinerner Heiliger in ſeiner Niſche; zeigt ſich denn bei Dir Nichts? Siehſt Du auf der Ebene keinen Strolch, den Du mit Deiner Büchſe erreichen könnteſt?“ „Ei freilich,— ich ſehe deren nicht weniger, als vier; allein ſie verbergen ſich in Loͤchern hinter flachen Steinen, die denen ähnlich ſind, die uns auch ſchützen,“ antwortete der Canadier, einen verſtohlenen Blick nach dem Orte hinwerfend, wo er die aufgerichteten Platten — cn—— W N* 2 — — W—*— — —— bemerkt hatte; allein jetzt hatten dieſelben wieder ihre horizontale Lage angenommen.„Ah!“ fuhr Roſenholz fort,„die Spitzbuben haben die Steine auf ihren Schlupf⸗ winkel fallen laſſen. Merk' Dir das, und wenn nach Einbruch der Nacht die Füchſe ihr Loch noch nicht ver⸗ laſſen haben, ſo können wir Beide hinabgehen, um die⸗ ſes Ungeziefer zu vertilgen.“ Während der Canadier alſo ſprach, verlor er den Punkt auf der Höhe, wo das Feuer angezündet worden war, nicht aus den Augen. Er war faſt nur an einem dunkleren Streifen, den der Rauch des erlöſchenden Feuers bildete, durch den Nebelſchleier hindurch zu er⸗ fennen. Seinerſeits konnte Pepe durch die enge Schieß⸗ ſcharte der ſie ſchützenden Steine hindurch auf das Gold⸗ thal hinabſehen, ohne ſeine Stellung zu verändern. Wohl zum erſten Male ſeit Jahrhunderten vermiſchte die Sonne nicht mehr das Gold ihrer Strahlen mit dem unter ſchon wellen Zweigen verborgenen Golde des engen Thälchens. „Wie Sie ſehen, hatte ich mich nicht getäuſcht, als ich behauptete, der Schlingel von Baraja habe ſeinen Verbündeten nicht das wahre Goldlager verrathen,“ ſprach Pepe zu Fabian;„ſonſt würden wir dieſen Me⸗ ſtizen und dieſen Renegaten in das Thälchen hinabglei⸗ ten, oder wenigſtens neugierige Blicke in dafſelbe hinab⸗ werfen ſehen. „Es wäre dieß eine allerliebſte Gelegenheit, ihnen einiges Blei in den Kopf zu jagen. Ehrlichere Leute, denn ſie, haben, ich kann es wohl ſagen, dieſem Zauber des haufenweiſe daliegenden Goldes nicht zu widerſtehen vermocht. „Ich habe entſchieden unrecht daran gethan, daß ich es ihren Blicken entzogen. „Aher was zum Henker können ſie wohl auszuma⸗ chen haben, dieſe Teufel der Hölle, daß ſie ſich gar nicht Der Waldläufer, Ml. 16 242 rühren? Ich möchte es errathen können,“ ſetzte der Spanier nicht ohne einige Unruhe hinzu. „Vielleicht entſchließen ſie ſich dazu, unſere Stellung mit Sturm zu nehmen, und dann werden ſie die einbre⸗ chende Nacht abwarten wollen,“ antwortete Fabian. „Obgleich wir ihre Zahl nicht kennen, ſo wäre es doch zu wünſchen.“ Ein Vorfall unterbrach die Reflerionen Pepe's. Zwei Feuerſtreifen durchfurchten die Dunſthülle vor den Augen des alten Jägers, und es war der doppelte Knall noch nicht bis zu ſeinen Ohren gedrungen, als von ſeiner Büchſe ſchon ein ähnlicher Blitz aufſtieg. Die drei Knalle bildeten faſt nur einen, allein das Reſultat war ein verſchiedenes. Durch zwei Kugeln zu gleicher Zeit an dem Punkte, wo ſie feſtgebenden waren, getroffen, ſanken die wolle⸗ nen Decken auf die Plattform herab, während das Blei des Canadiers, das auf das Licht hin gerichtet geweſen war, welches dem Knalle voranging, einen der Schützen getroffen hatte. „Ah! Don Fabian,“ rief Pepe,„welch' ſchönes Schauſpiel entgeht Ihnen da! Nur dieſer verteufelte Roſenholz iſt im Stande, Einem eine ſolche Ueberraſchung zu bereiten.“ Ein Indianer, der von dem Gipfel des Berges herabſtürzte, machte vergebliche Anſtrengungen, um ſich an den ſcharfen Zacken des Felſen, auf die er in ſeinem Sturze traf, feſtzuhalten. Nachdem er in ſeinem Falle furchtbare Seitenſprünge beſchrieben, vermied ſein Kör⸗ per den Abgrund der Cascade, und plumpte in den See, deſſen Waſſer hoch aufſpritzte und unter der grünen Decke ſich unruhig hin und her bewegte. „Da kann man einmal ſehen, wie bald es um Ei⸗ nen geſchehen iſt!“ fuhr der Spanier, den Blick auf die Oberfläche des Waſſers geheftet, in ſeiner philoſophiſchen Weiſe fort. Es bildeten ſich auf dem See immer größere Kreiſe, bis dieſelben an den Ufern erſtarben; und dann nahm das Waſſer ſeine frühere Ruhe wieder an, und ſpiegelte wieder in friedlicher Weiſe den Himmel und die Felſen. Bald hörten die Jäger nur noch Kieſelſteine, die ſich von dem Berge losmachten und in den See langſam hinab⸗ glitten, wie der Sand einer Sanduhr, wie die Schaufel voll Erde, die man in das Grab wirft, nachdem es das Depoſitum erhalten, das es nicht mehr zurückgeben darf. „Jeder von uns darf nun in das Holz ſeiner Büchſe eine weitere Kerbe machen; es ſind nun ſchon zwei Spitz⸗ buben weniger da,“ ſprach Pepe in Form einer Leichen⸗ rede;„fürwahr, das iſt ein ſchöner Schuß!“ Aber Roſenholz dachte an etwas ganz Anderes: es lag ihm jetzt Nichts daran, ein weiteres Siegeszei⸗ chen auf einem Gewehrkolben anzubringen, auf dem es bald an Platz zu fehlen drohte. Zuerſt dachte er daran, daß ſie durch das Herab⸗ fallen der zwei Decken, von der Cascade her, den Kugeln ausgeſetzt wären; daß die Stämme der Tannenbäume ſie nicht mehr ſo wirkſam ſchützten, und daß man nicht daran denken dürfe, die darnieder geſchmetterte Verſchan⸗ zung wieder aufzurichten. Auch nahm ein Umſtand, aus dem er Nutzen zu ziehen ſuchte, ſeine Augen und ſeine Gedanken vollauf in Anſpruch. Der Indianer hatte, als er von dem Felſen herab in den See fiel, in ſeinem Sturze lange Kräuterbüſchel ausgeriſſen, die in den Spalten des Felſen faſt in der Höhe des Waſſers wuchſen; auch hatte er dicht ſtehende Schilfe zerdrückt, deren ſchwarze Rispen und grüne Platten mit den niederhangenden Stengeln der Kräuter ſich vermiſchten. Die Kräuter und die zerdrückten, zertheilten Schilfe ließen eine weite Oeffnung ſehen, die einem Kellerloche ähnlich war. Dieſes Gewölbe ſchien der Ausgang eines ziemlich weiten, obgleich ſehr dunfeln Kanals zu ſein. 244 Es war dieß, wie man ſich vielleicht noch erinnern wird, die Oeffnung des unterirdiſchen Kanals, in den Baraja, den Tag zuvor Rothhand und Miſchblut in ihrem Rindenkahne hatte hineinfahren ſehen. Der Canadier kannte dieſen Umſtand nicht; allein er dachte, mit dem Scharffſinn, den eine lange Erfahrung bei ihm entwickelt hatte an den Nutzen, den er würde daraus ziehen können, wenn mehr noch der Hunger, als der Feind ſie zu fliehen zwänge. Während aber Roſen⸗ holz über dieſe Entdeckung nachdachte, verlor er den Punkt nicht aus den Augen, wo die den Belagerern als Veſte dienende Felſenkette ſich mit den Nebelbergen verband, von denen ſie eine capricisſe Verlängerung zu ſein ſchien. Allem Anſchein nach mußte der Genoſſe des India⸗ ners, der durch die Kugel des Canadiers getroffen wor⸗ den, überzeugt von der Gefährlichkeit ſeines Poſtens, und von dem geringen Nutzen ſeines Wachdienſtes, ſich auf die übrigen Belagerer zurückziehen. Der ſchmale Pfad, der die Felſen mit den Bergen verband, war nicht ſo geſchützt, daß man auf einen darauf fortgehenden Men⸗ ſchen nicht zielen konnte. Roſenholz hatte ſich nicht getäuſcht. Bald erblickte ſein Adlerauge den wallenden Kopf⸗ ſchmuck eines indianiſchen Kriegers, der ſich bald höher, bald tiefer zeigte, und verſchwand, um gleich darauf wie⸗ der zu erſcheinen. Einen Augenblick blieb der aus Adlerfedern be⸗ ſtehende Buſch unbeweglich. Feſt überzeugt, daß ſein Feind ihn beobachte, rührte ſich der Canadier nicht, und es ſchien derſelbe den Kopf nach einer andern Seite hinzuwenden. Der wilde Krie⸗ ger zeigte ſich auf der Spitze des Felſens mit ſeinem ganzen Körper, ſei es, um einen Feind ſicherer treffen zu können, der nicht auf ſeiner Hut zu ſein ſchien, ſei es,— was wahrſcheinlicher iſt, um ſeinem Feinde in recht extravaganter Weiſe Trotz zu bieten, was die In⸗ dianer ungeachtet ihrer, dem Anſcheine nach, ſich durch Nichts irre machen laſſenden Ernſthaftigkeit bisweilen thun, da ihr Muth Gefallen daran findet. Und in der That ſchwang der Apache ſeinen Cara⸗ biner, ohne zu ſchießen; dabei ließ er ein inſultirendes und herausforderndes Geheul hören. Allein das kaum erſt angefangene Geheul endigte mit einem Todesſchrei. Die Kugel des Waldläufers hatte den Indianer getroffen. Der Carabiner entfiel ſeinen Händen; und der Krieger ſelbſt machte, einem jener ſonderbaren Impulſe des menſchlichen Körpers folgend, wenn der Tod ihn in ſeiner Kraft überraſcht, zwei Sprünge vorwärts, und rollte in das Goldthal hinab, wo er ſich nicht mehr rührte. „Ei, ei; das geht vortrefflich,“ ſprach Pepe:„Roſen⸗ holz verplämpert ſein Pulver nicht.“ Während dieſer Zeit war Roſenholz zu ſeinen zwei Gefährten hingekrochen, die ihm, als ein Zeichen ſtillen Triumphes und ſtummer Liebe, die Hand drückten. „Der Strolch dort,“ ſagte Roſenholz,„läßt ſich nicht träumen, daß er auf Goldhaufen liegt.“ „Ah! Roſenholz,“ verſetzte Pepe,„es iſt gar ſchmerz⸗ lich, denken zu müſſen, daß all dieſes Gold uns eben ſo unnütz iſt, als ihm, und daß es uns auch nicht einen Biſſen Nahrung zu verſchaffen vermag. Auch iſt es gar ärgerlich, daß man in einer ſo kritiſchen Lage, wie die unſrige iſt, eine Eßluſt behält, die man nicht be⸗ friedigen kann.“ „Denken wir vor Allem daran, wie wir unſere Haut retten können,“ ſagte Roſenholz ernſt.„Was liegt am Hunger, ſo lange er nicht unſere Augen trübt, und unſere Arme zittern macht? Vielleicht iſt unſere Lage keine ſo verzweifelte.“ Dann theilte der Canadier ſeinen beiden Genoſſen in einigen Worten die Nebenumſlände des Sturzes des Indianers mit; er ſagte Ihnen, wie ſich ſeinen Augen plötzlich eine unterirdiſche Oeffnung gezeigt, die zwiſchen 246 dem See und dem Innern der Nebelberge als Verbin⸗ dungsmittel zu dienen ſchiene. Roſenhoiz verhehlte es ſich ebenſo wenig, wie ſeine Zuhörer, daß dieſe Entdeckung, ſo glücklich dieſelbe im⸗ mer wäre, doch nur in einer ganz verzweifelten Lage benützt werden könnte. Der See war tief, und die Oeff⸗ nung ſchwimmend erreichen wollen, hieß, auch wenn man annehmen wollte, daß dieſelbe einen Ausgang habe, und daß die Indianer, welche die Ebene auf der andern Seite des Waſſers hüteten, ſie nicht bemerken würden, — ſich der Gefahr ausſetzen, das noch übrige Pulver zu durchnäſſen, und ſich jedes Vertheidigungsmittels zu berauben. In der Wüſte find Jäger ohne Waffen nicht allein der mitleidloſen Willkür der indianiſchen Räuber ausgeſetzt, ſondern es ſind dieſelben auch im Voraus zu i furchtbaren Tode, zum Hungertode nämlich, verur⸗ heilt. Die tiefe Stille, die auf der Seite der Belagerer fortwährend herrſchte, ſchien anzuzeigen, daß, ohne das Leben ſeiner wilden Allürten, wovon ſchon drei gefallen waren, länger auf's Spiel ſetzen zu wollen, Miſchblut, wie früher der Schwarzvogel, ſich dazu entſchloſſen, die Blokade fortzuſetzen, und ſie auszuhungern. Was den unerſchütterlich feſt ſtehenden Felſen be⸗ traf, ſo durfte man nicht hoffen, daß er, wie die ſchwim⸗ mende Inſel, würde aus dem Grunde geriſſen werden können. Fünfundfünfzigſtes Rapitel. Worin Baraja, der Wind geſäet, fortfährt, Sturm zu ernten. 3 * Nach dieſer Berathung, die den drei Belagerten kein neues Hoffnungslicht erſcheinen ließ, und wodurch fie um Nichts klüger geworden waren, ſchwieg Jeder, um ſich ſeinen Gedanken zu überlaſſen. Alle drei lauſch⸗ ten dem dumpfen Toſen der Cascade, deren impoſante Stimme ihnen wenigſtens ſagte, daß ihnen neben dem Hungertode und der noch entſetzlicheren Gefangenſchaft der Abgrund als letztes Mittel bliebe. Wir wollen die Belagerten einen Augenblick allein, und ſie alle Muskelkraft, allen moraliſchen Muth, und allen Scharfſinn, welche ein langes gefahrvolles Leben in ihnen entwickelt hat, aufbieten laſſen, um die Gefah⸗ ren genauer zu bezeichnen, die ihnen drohen, und in⸗ mitten des hartnäckigen Schweigens im Wachſen begrif⸗ fen ſind, welches von den Belagerern hinter den ſie ſchützenden Felſen beobachtet wird. Fünf Indianer,— es iſt dieß die Zahl, auf welche der Carabiner der Jäger und der Hinterhalt in der Ebene ſie beſchränkt haben,— liegen, von ihrem Federn⸗ ſchmucke und ihren fliegenden Mänteln aus Biſonhäu⸗ ten entblößt, hinter ihrer Verſchanzung; ihre von Rache⸗ durſt funkelnden Augen ſuchen durch die Zweige der Ge⸗ ſträuche hindurch jede Bewegung des Feindes eifrigſt zu erſpähen. Ihnen gegenüber erhebt ſich das indianiſche Grab mit ſeinen Zierathen und ſeinen Schießſcharten? die lee⸗ ren Räume zwiſchen den Fe lsſtücken, woraus die Ver⸗ ſchanzung der Belagerten gebildet iſt, laſſen Nichts ſehen. Der Wind bewegt einige dürre Kräuter auf der Spitze der Anhöhe, wo die drei Chriſten ſich zuſammen⸗ gekauert; die Tannenzweige wiegen ſich langſam über ihnen; das iſt Alles. Es zeigt ſich keine Spur von einem menſchlichen Körper; kein Flintenlauf erglänzt im Sonnenlichte. Und doch wiſſen die Apachen, daß bei der geringſten Unvorſichtigkeit, die ſie ſich zu Schulden kommen laſſen, aus dieſer düſtern Plattform plötzlich ein Blitz und mit ihm der Tod hervorſprühen wird. Unter ihnen rauchen der alte weiße Renegat und Miſchblut, ſitzend, die indianiſche, aus rother Erde ver⸗ fertigte Pfeife. Neben ihnen liegt ihre lange und ſchwere Büchſe. Von Zeit zu Zeit werfen ſie einen unheilver⸗ kündenden Blick auf den bleichen und unruhigen Baraja. Zu dem Schrecken, den ihm ſeine furchtbaren Ver⸗ bündeten einflößen, geſellt ſich noch die Unruhe, welche ihm die wahrſcheinliche Entdeckung des wunderbaren Goldlagers verurſacht. Baraja hatte geſehen, wie der letzte Indianer, von der Kugel des alten Waldläufers getroffen, mitten in das Goldthal hinabrollte. Er zitterte vor Furcht, es möchte der Apache, in den Zuckungen des Todes, die Zweige weggeſchoben haben, welche die Oberfläche des Thälchens bedeckten. So lange das Geheimniß ihm ge⸗ hörte, mußte, dachte er, ſein Leben in Sicherheit ſein, weil er ein unentbehrlicher Alliirter war; ſobald aber ein Blick von dem Felſen herab dem grauſamen Meſtizen den Ort verrieth, wo der Schatz wirklich lag, war ſeine Schurkerei am Tage. Und vielleicht machte ſich dann Miſchblut ein graufumes Spiel daraus, den Indianern das Opfer zurückzugeben, das ſie ſo ungern verloren hatten, und deſſen Exiſtenz ihm von nun an unnütz war. Der Unglückliche zitterte zu 8* der Zeit für ſein Leben und für ſeinen Schatz. „Hör' einmal, e Geſicht,“ zie awli der Meſtize mit all dem Hochmuthe der indianiſchen Race: „ich und Rothhand haben bis auf ghſen Augenblick die Indianer abſichtlich ihren alleinigen Pülfsmitteln über⸗ laſſen, um ihnen zu zeigen, daß ſe Peſen drei Weißen keineswegs gewachſen ſind; allein naht der Augen⸗ blick, wo wir dieſen Spitzbuben zeigen werden, welcher Unterſchied zwiſchen Weihen und Adlern iſt. Iſt das, was ich da ſage, nicht wahr?“ ſetzte Miſchblut hinzu, indem er Rothhand das in engliſcher Sprache wieder⸗ holte, was er zu Baraja geſagt. „Ganz gewiß,“ antwortete der alte weiße Renegat mit einem grauſamen Lächeln,„und ich und mein Sohn werden der Tortur des frechen Schlingels anwohnen, der unſere Zunge den Raben hinwerfen will.“ Miſchblut fuhr, auf die Sonne deutend, alſo fort: „Noch ehe die Sonne untergegangen iſt,“ ſprach er,„werden dieſe drei entwaffneten Jäger mein Mitleid anflehen; allein meine Ohren werden taub ſein,— vergiß es nicht, Freund!“ Baraja verneigte ſich ſchweigend und mit beklom⸗ menem Herzen. Der Meſtize warf dem Mexikaner einen grimmigen Blick zu, und hob wieder alſo an: „Wenn ich alſo merke, daß Du mich betrogen; wenn ich dort oben den Schatz nicht finde, den Du mir verſprochen, dann werden die Qualen, denen ich Dich entriſſen,— dann wird die Tortur, welcher dieſe Jä⸗ ger ſich werden unterwerfen müſſen, im Vergleich zu den Martern, deren Inſtrument ich ſelbſt ſein werde, und die Du von mir zu erwarten haſt, ſanft und lieb⸗ lich ſein, wie der Thau des Himmels nach einem glühend heißen Tage.“ „Wie!“ rief der unglückliche Mexikaner, deſſen ſämmtliche Rerven bei der bloßen Erinnerung an das Loos bebten, das ihm unter den Indianern einen Augen⸗ blick gedroht hatte,„wenn der Schatz zufälliger Weiſe nicht„nicht da oben wäre„ wenn ich mich in Betreff des Ortes geirrt hätte?... Rothhand hatte Baraja nicht recht verſtanden, und ſeine Augen ſprüheten Wuth. Er riß ſein Meſſer aus der Scheide. „Du geſtehſt alſo, daß Du uns wiſſentlich betro⸗ gen?„ ſprach er mit hohler Stimme.„Ah! es ſind keine Schätze mehr da!“ „Schweig! Schweig! Du Kerl, der Du mit in⸗ dianiſchen Kopfhäuten handelſt!“ donnerte der Meſtize ſeinerſeits heraus.„Das Alter trübt die Augen Deines Geiſtes. Dieſer Menſch ſagt nicht, daß der Schatz nicht ¹ vorhanden ſei. Und was kann im Grunde Dir auch daran liegen?“ ſetzte er hinzu;„wer ſagt Dir, daß ich geſonnen bin, ihn mit Dir zu theilen?“ „Ah!“ brüllte der Renegat,„Du willſt nicht mit mir theilen, Du Sohn einer indianiſchen Wölfin! Wohlan 4 Die beiden reißenden Thiere maßen einander einen Augenblick mit dem Auge, gleich als ob der entſetzliche, von Peve berichtete Kampf ſich erneuern ſollte. „Ruhig, ruhig!“ ſprach der Meſtize, der vielleicht der einzige Menſch auf der Welt war, der den wilden Amerikaner einigermaßen beherrſchte,„wenn ich mit Dir zufrieden bin, ſo werfe ich Dir einige Knochen zum Abnagen hin; allein der Löwenantheil fällt mir zu, verſtehſt Du mich?“ Der alte Renegat ließ ein dumpfes Brummen hören, und ſprach Nichts mehr. Dann legte ſich Miſchblut wieder auf den Boden hin und zog den Rauch ſeiner Pfeife ein. 3 Als der Meſtize die letzte Aſche aus ſeiner Pfeife geſchüttelt, ſtand er langſam auf, nicht unähnlich dem i Tiger, der, ſobald die Abenddämmerung ihre erſten Tinten zeigt, von ijn Lager, auf dem er geſchlafen, uufſteht, ſich ſtreckt, und windet, bereit, ſeine Jagd zu beginnen. — 251 „Es iſt nun Zeit, der Sache ein Ende zu machen,“ ſprach er zu dem alten Red⸗Hand, der nach dem ſo eben geſchilderten Sturme wieder in ſeine Apathie verſunken war.„Wir wollen einmal ſehen, ob der Tod von Dreien der ihrigen den Rachedurſt in der Seele unſerer Alliirten gelöſcht, oder noch brennender gemacht hat.“ „Sie werden nur noch um ſo hartnäckiger ihre drei Feinde lebendig wollen,“ antwortete der Amerikaner; „Du weißt es ſo gut, wie ich, und wer kann voraus⸗ ſehen, wann und ob es uns gelingen wird, uns ihrer zu bemächtigen? Die Zeit drängt, und meine Anſicht geht dahin, daß wir nicht ſo viele Umſtände machen, und ſie bald möglichſt tödten ſollten.“ „Ei, ei!“ antwortete Miſchblut mit ſpöttiſcher Miene,„der Golddurſt plagt Dich,— ganz gut; allein wie willſt Du es angreifen, um dieſe Füchſe aus ihrem Loche herauszutreiben, und ſie, ohne ſo viele Umſtände, zu tödten?“ Der Renegat ſuchte einige Augenblicke eine be⸗ friedigende Antwort auf die Frage ſeines Sohnes, und ſchwieg, da er eine ſolche nicht zu finden vermochte. „Du ſiehſt,“ fuhr Miſchblut fort, daß Du mit ihnen nicht ſo leicht fertig wirſt ohne die Hülfe dieſer Indianer, und deßwegen will ich wiſſen, ob ſie ſchlechterdings auf ihrem Vorhaben beharren, ihrem Häuptlinge die drei Feinde gebunden zu überliefern. Obgleich ich, was mich betrifft, das kleinſte Stück Gold, das dieſer weiße Luchs uns verſpricht, allem Blute, das in den Adern dieſer drei Jäger enthalten iſt, vorziehe„ „Miſchblut iſt heute wieder einmal recht gnädig geſtimmt,“ unterbrach ihn der amerikaniſche Bandit ironiſch,„es geſchehe Dein und dieſer.. Indianer Wille; aber machen wir der Sache nun ein Ende!“ Der Meſtize berührte alsbald einen der über ihnen auf dem Boden liegenden wilden Krieger mit dem Fin⸗ ger, denn dieſe Unterredung hatte am Fuße der böſchung Statt gefunden. 252 Der Indianer kehrte ſich um und kam zu ihm herab. Es war derjenige, der ſich ſelbſt mit dem Namen Gemsbock bezeichnet hatte. Er heftete auf Miſchblut zwei feurige Augen, in welchen man eine düſtere Rachbegierde leſen konnte. Ob dieſelbe aber eher dem Mißtrauen als der Unzu⸗ friedenheit zugeſchrieben werden mußte, war ſchwer zu ſagen; vielleicht drückte ſie beide Gefühle aus. „Was will El⸗Meſtizo von dem Indianer, der den Tod von dreien ſeiner Brüder beklagt?“ fragte der Krieger. „Ich möchte Etwas wiſſen, was mich in Verlegen⸗ heit ſetzt,“ ſprach Miſchblut:„ich möchte das Mittel finden, dieſe drei weißen Krieger, deren Hände von in⸗ dianiſchem Blut ſo roth gefärbt ſind, lebendig zu fan⸗ gen. Eine Wolke, die den Geiſt Miſchbluts umhüllt, verhindert ihn, ein ſolches zu finden. Es müſſen die drei Weißen getödtet werden!“ „Es gibt ein Mittel. Während wir in der Ebene jagen, während wir das Fleiſch der Elenthiere oder der Damhirſche eſſen werden,— während der Geruch un⸗ ſeres Wildprets bis zu der Spitze des Felſen empor ſteigen wird, auf dem die drei Weißen ſich befinden, wird der Hunger ſich bei ihnen einſtellen.“ „Das wird aber ſehr lange dauern,“ antwortete der Meſtize;„die Apachen werden mehrere Tage und mehrere Nächte zu zählen haben.“ „Sie werden ſo lange ausharren.“ „Die Stunden Miſchbluts und Red⸗Hands ſind koſtbarz ihre Geſchäfte rufen ſie über dieſe Berge hin⸗ über. Sie können nur noch bis zur nächſten Sonne da bleiben. Findet der Gemsbock kein beſſeres Mittel, als den Hunger?“ „Mein indianiſcher Bruder wird ein ſolches finden, weil er mit den Eigenſchaften des Indianers den Scharf⸗ finn der Weißen verbindet, denen Nichts unmöglich iſt. El⸗Meſtizo hat es verſprocheu: er hat nur ein Wort.“ — ————+ Nim b. en in e. u⸗ zu n er n⸗ el 1. — * ie le 2 1 P 1, d ⸗ e * . 253 „Auch der Gemsbock hat nur ein Wort,“ ant⸗ wortete der liſtige Meſtize,„und es hat derſelbe geſagt: „„Der Gemsbock opfert ſein Leben und das ſeiner Krieger, um die drei Weißen lebendig zu fangen.““ „Der Gemsbock hat nur ein Wort,“ antwortete der Indianer in edler Weiſe. Miſchblut ſchien einige Augenblicke nachzudenken, obgleich ſein Plan bereits fertig war. Er hatte einen Augenblick befürchtet, er möchte, der Prahlereien des Gemsbocks ungeachtet, feigherzige Krieger zu Alliirten bekommen haben; er wünſchte ſich alſo im Grunde ſeiner Seele Glück zu dem wirklichen und anſpruchsloſen Muthe, den er bei einem derſelben fand. Auch war der Gedanke, daß bloß indianiſches Blut fließen müſſe, um ſeine Habſucht zu befriedigen, weit entfernt, ihm zu mißfallen. „Mein Geiſt iſt jetzt wolkenlos wie der Himmel; meine Augen ſehen ganz klar die drei Jäger in den Händen ihrer Feinde; aber drei Krieger unter meinen Brüdern werden ſie nicht ſehen, denn der Tod wird über ihnen ſein.“ „Miſchblut, deſſen Geiſt ſo ſcharf blickt, hätte nicht ſchon drei andere tödten laſſen ſollen,“ ſprach der In⸗ dianer in vorwurfsvollem Tone. „Miſchblut kann ſeinem Geiſte Richts vorſchreiben, — er erwartet ſeine Inſpirationen, wenn ſie gerade kommen wollen. Ich ſage nochmals; drei Krieger müſſen hier ihre Gebeine laſſen, allein die Hand ihres Verbündeten wird über ſie wachen.“ „Was liegt daran!“ ſprach der Indianer heroiſch, „der Menſch iſt geboren, um zu ſterben. Wer ſind die unter uns, die ihr Dorf nicht wieder ſehen werden?“ „Das Loos wird darüber entſcheiden,“ antwortete der Meſtize. „Gut! Es iſt keine Zeit mehr zu verlieren, ſonſt würde der ſchwarze Vogel finden, daß ſeine Krieger ſich 254 gar lange bedacht haben, bis ſie ſich zum Sterben ent⸗ ſchloſſen.“ Der Gemsbock theilte alsdann ſeinen Kameraden die Abſichten des Meſtizen mit, und alle nahmen, mit mehr oder weniger Eifer, den furchtharen Vorſchlag an, der ihnen gemacht wurde. Es handelte ſich jetzt nur noch darum, den Plan des Meſtizen kennen zu lernen, und dieſer beeilte ſich, den⸗ ſelben zu entwickeln. Als die Indianer denſelben hörten, ließen ſie ein Freudengeheul hören, das nicht weniger als eine Mi⸗ nute dauerte. Die drei unerſchrockenen Jäger beantworteten daſſelbe. Was den Plan ſelbſt betrifft, deſſen Ausführung hei dem Hervismus der verbündeten Indianer, und bei der mit Recht berühmten Geſchicklichkeit Red⸗Hands und Miſchbluts eben ſo leicht, als furchtbar war, ſo ſoll der Leſer ſpäter darüber urtheilen. Wir wollen hier bloß ſo viel darüber ſagen, daß der Meſtize, nach⸗ dem er denſelben mitgetheilt, ſich in theatraliſcher Hal⸗ tung auf den Lauf ſeines mit Kupfernägeln beſchlagenen Karabiners ſtützte und den Aushruch der Freude der Wilden erwartete. Letztere ließen es auch, wie ſchon bemerkt, an Freudenbezeugungen nicht fehlen, und ein neues Geheul befriedigter Rache empfing die letzten Worte El⸗Meſtizos. Auch dieſes Mal antworteten die drei Jäger darauf. Sodann ſchritt man zur Ziehung der Todeslotterie. Die Leidenſchaft des Spiels iſt bei den wilden Völkerſchaften Amerika's weit mehr verbreitet, als man glaubt. Es iſt dieſelbe bisweilen ſo heftig, daß ſie, un⸗ geachtet der Vorliebe der Indianer für Thier⸗ und Menſchenjagden, bei ihnen oft den Sieg über den Blut⸗ durſt davon trägt. Es iſt ſchon mehr denn einmal geſchehen, vaß wilde Krieger, die im Hinterhalte lagen, oder im Be⸗ —+ e„———— +— — e 1——— 1— —— e— S 8S—.c — — 8 ——— S S— N — — 255 griffe waren, ihren Feind zu überfallen, denſelben ent⸗ kommen, oder ſich ſelbſt, während ſie mit Knöchelchen ſpielten— es iſt dieß ihr Lieblingsſpiel— überfallen ließen. Das Spiel, das einer der Indianer aus ſeiner Jagdtaſche hervorzog, war ein Spiel dieſer Art. Die Knöchelchen vertreten auch bei den Indianern die Stelle der Würfel, und es wurde ausgemacht, daß die drei Männer, die am Wenigſten werfen würden, ſich für die übrigen aufopfern müßten. Der Fatalismus der Indianer ſteht dem der Orientalen in Nichts nach, und der Tod erſchreckt ſie nur hoͤchſt ſelten. Bei dieſer außerordentlichen Race iſt die Feigheit eine Ausnahme. Es war eine jener feierlichen Gelegenheiten, bei welchen die Indianer gern den vollſtändigſten Stoicis⸗ mus an den Tag legen. Und hier ſtanden ſie noch vor einem Weißen; denn was den Meſtizen betrifft, ſo ſahen ſie ihn als einen Menſchen von ihrer Race an. Indeſſen würde man ſich täuſchen, wenn man, bei der im Allgemeinen düſteren und melancholiſchen Ge⸗ müthsart der Indianer, glauben wollte, ſie ſeien ſtets in ihren hochmüthigen Ernſt gehüllt. Dieſe Söhne der Natur haben auch ihre Augenblicke der Freude, wo die Kinder unſerer Städte nicht lärmender ſind, und ſich nicht mehr gehen laſſen, als die Krieger der Wüſte. Aber da ſah ein Weißer den rothen Kriegern zu. Auf dem Boden ſitzend, mit über einander ge⸗ ſchlagenen Beinen, auf ihren Knien den furchtbaren Karabiner haltend, der die letzte Scene dieſes par⸗ tiellen Dramas ſpielen ſollte, wozu der Tod dreier In⸗ dianer den Eingang zu bilden beſtimmt war, machten der Meſtize und Rothhand ſich bereit, die Anzahl der ge⸗ worfenen Augen zu markiren. Der Erſte, der ſein Glück verſuchte, war der Gemsbock. 256 Seine Hand ſchüttelte die Knöchelchen, und ließ dieſelben auf den Sand hin rollen. Seine ſchwarzen ugen folgten lebhaft allen Bewegungen derſelben; allein kein Muskel ſeines Geſichts hatte ſich bewegt. „Vierundzwanzig!“ ſprach der Meſtize, nachdem er gezählt hatte, während der Renegat, der etwas ge⸗ lehrter war, als ſeine wilden Kameraden, dieſe Zahl auf den Sand ſchrieb. Da es unmöglich war, die vier Indianer, welche die Ebene hüteten, zurückkommen zu laſſen, ohne ſie ¹ einem gewiſſen und unnützen Tode auszuſetzen, ſo waren ſie natürlich von der Ziehung befreit geblieben. Ein zweiter Krieger folgte auf den Gemsbock. Kaum achtete er es der Mühe werth, in ſeiner Hand die Knöchelchen zu rütteln. Zum zweiten Male rollten ſie auf dem Sand hin. „Sieben!“ rief Miſchblut. „Die Krieger werden den Tod des Felſenherzens beweinen,“ ſprach der Indianer, ſeine Trauerrede hal⸗ tend;„ſie werden ſagen, daß er ein Held geweſen.“ Der Indianer hatte mit jedem Knöchelchen nur ein Auge geworfen, und ſein Schickſal war daher nicht zweifelhaft; nachdem er aber alſo geſprochen hatte, that er, in Folge einer höchſten und letzten Anſtrengung ſeines Willens, den raſchen Schlägen ſeines Herzens Einhalt, das in der Bruſt eines Kriegers nicht mehr lange zu ſchlagen hatte. Während der Indianer, deſſen Schickſal ſo klar beſtimmt worden, mit bewunderungswürdigem Muthe eine Gleichgültigkeit affectirte, die ſeiner Seele ſo ganz fremd war, unterwarfen ſich die Uebrigen dem näm⸗ lichen Ceremoniell. Dieſelbe Ernſthaftigkeit, dasſelbe Schweigen. Jeder der Krieger wollte mit dem andern an Stoi⸗ cismus wetteifern, und es gehörte die ganze unbarm⸗ herzige Härte der zwei Zeugen, ſo wie dieſer Herois⸗ mus dazu, um nicht das Loos dieſer Tapfern zu bemit⸗ 257 leiden, die dem Deſpotismus eines Häuptlings und der Habſucht zweier Fremden zu Liebe ſterben ſollten. Die zwei Wüſtenräuber nahmen, jedem Mitleid fremd, an dieſem Schauſpiele all das Intereſſe, das den Römern einſt die blutigen Spiele des Cireus ein⸗ flößten. Sieben und zwölf war das Wenigſte, was bis dahin geworfen worden war, und es war jetzt nur noch ein Indianer übrig, der noch nicht um ſein Leben ge⸗ würfelt. Es war kaum wahrſcheinlich, daß er eben ſo un⸗ glücklich werfen würde, wie Felſenherz. Die höchſte Zahl nach zwölf war ſiebzehn. Er konnte daher hoffen, mehr zu werfen. Und wirklich konnte auch der Apache, aller ſeiner Anſtrengungen ungeachtet, nicht umhin, durch ein ner⸗ vöſes Zittern die Lebensluſt zu verrathen, die nie ganz untergeht. Der Amerikaner runzelte die Augenbrauen; der Meſtize legte verächtlich ſeine Lippen in Falten; die Indianer ließen ein dumpfes Gemurmel hören. Der Krieger that ſeiner Hand, die eben im Begriffe war, die Knöchelchen fallen zu laſſen, Einhalt, und ſagte, während er einen traurigen und nachdenkenden Blick umherwarf, um ſeine Schwäche zu entſchuldigen: „Es befindet ſich in der Hütte des Windſeufzers ein junges Weib, das erſt ſeit neun Monden dort iſt, ſowie der Sohn eines Kriegers, der heute erſt ſeine dritte Sonne ſieht.“ Und der Indianer ließ die Knöchelchen fallen. „Eilf! ſchrie der alte Räuber, der es erſtaunlich fand, daß man ſeine Frau und ſein Kind lieben könne, faſt im Tone der Freude. „Der Kummer und der Hunger werden die Gäſte der Hütte des Windſeufzers ſein,“ ſetzte der Indianer mit ſanfter und mußikaliſcher Stimme, die ihm auch ſeinen Namen verſchafft hatte, hinzu. Der Waldläufer. Ml. 17 Der Unglückliche wandte ſeinen letzten Gedanken den zwei ſchwachen Weſen zu, denen die Liebe und der Schutz eines Kriegers zu gleicher Zeit entgehen ſollten. Windſeufzer ſetzte ſich melancholiſch bei Seite und man beſchäftigte ſich nicht mehr mit ihm. Miſchblut warf einen Blick des Triumphes und der Superiorität nach ſeinem Vater hin, und dieſer be⸗ antwortete denſelben durch ein Lächeln, aus dem der gut aufgelegte Tiger herausſchaute,— denn es ſollte nun vor ſeinen Augen Blut fließen. Da nach dem Plane des Meſtizen jeder der drei Indianer ſich nur nach dem andern aufopfern ſollte, ſo wurde ausgemacht, daß man ein zweites Mal lvoſen wolle, um zu beſtimmen, wem die gräßliche Ehre, vor⸗ anzugehen, zu Theil werden würde. Der alte Räuber ſchien die Aufregung verlängern zu wollen, die dieſes Spiel ihm verurſachte, und er war es geweſen, der zu dieſer neuen Looſung aufforderte. Windſeufzer hatte den Vortheil, oder, ſo man lie⸗ ber will, den Nachtheil, daß er der letzte wurde. „Seid ruhig, Kinder,“ ſprach der Amerikaner mit einer Geſte des Hochmuths, die ihm ſeine Farbe eingab, und es verſchmähend, die Redeblumen der Indianer zu gebrauchen,„ich werde mir eine Pflicht daraus machen, eure Leichname in den Schlund des Waſſerfalls hinab⸗ zuwerfen, und der Teufel ſoll mich holen, wenn Jemand in Verſuchung kommt, dort eure Kopfhäute zu ſuchen.“ Unterdeſſen war Baraja ein ſtummer und unintelli⸗ genter Zuſchauer alles deſſen geweſen, was vorgegangen war. Der indianiſche Dialect war ihm ſo unverſtänd⸗ lich, wie das Hebräiſche, und er ſuchte vergebens zu errathen, warum die Apachen, inmitten der Operationen der Belagerung, mit einem Male ſo eifrig mit den Kns⸗ chelchen ſpielten. Zwei Gefühle kämpften in ſeiner Bruſt und nah⸗ men ihn ganz und gar in Anſpruch: die Furcht und die Habſucht ſchienen um die Wette ſeine Geiſtesfähig⸗ — ———.—— n er d E= te ei ſo —— M M 8 v 8 * d * 259 keiten zu trüben. Wohl hundertmal rieth ihm die Furcht, dem Meſtizen zu geſtehen, daß er den Schatz, nach dem ihn ſo ſehr verlangte, faſt mit Händen greifen könne, und eben ſo oft erſtickte die Habſucht das Wort auf ſeinen Lippen. Endlich kam er zu dem Entſchluſſe, Nichts zu ſagen. Ein glücklicher Gedanke bot ſich ihm plötzlich dar. Bemächtigten ſich die Indianer der Pyramide, auf der ſich das Grabmal befand, wie es ihre Anzahl hoffen ließ, ſo war es ihm, meinte er, während der Meſtize und der Amerikaner den Gipfel unterſuchten, ein Leich⸗ tes, in das Goldthal einzudringen, und daſelbſt unter dem Vorwande, gleichfalls zu ſuchen, ſo viel Gold im Voraus zu erheben, daß er für ſeinen Schreck und die Koſten der Campagne ſich entſchädigt fand. Allein es galt vorerſt, ſich davon zu verſichern, ob die über das Thälchen hingeſtreuten Zweige ſein Ge⸗ heimniß immer noch verbargen, und obgleich dieß ein gefährlicher Verſuch war, ſo entſchloß er ſich dennoch, denſelben zu wagen. Sechsundfünfzigſtes Rapitel. Worin es Baraja um kein Haar beſſer geht, als Oroche. Man kennt nun die Urſache des langen Schwei⸗ gens, das auf der Felſenkette herrſcht, und die Fallſtricke, die„s verbirgt.— Es iſt dieß ein furchthares Schwei⸗ gen, in ſo fern es diejenigen, welche von unbarmherzi⸗ gen Feinden werden angegriffen werden, Alles fürchten und Alles vorausſetzen läßt. 260 Inzwiſchen fing die Sonne an, ſich dem Weſten zu⸗ zuneigen; ein drückender und glühender Wind blies in ungleichen Stößen, und peitſchte und ſtreute große, weiße, am Horizonte aufgehäufte Wolken über die Azur⸗ fläche des Himmels hin. Dieſe Dunſtſtreifen wurden, während ſie ſich aus⸗ dehnten, immer ſchwärzer, und als Vorzeichen eines herannahenden Sturmes, zitterten die Tannenzweige, wenn der Wind ſchwieg. Die ſchwarzen Geier, die wandernden Gäſte der Wüſte, ſuchten in den Felſen Schutz. „Kannſt Du Dir, nach dem zweimaligen Geheul, das ſie haben hören laſſen, denken, wie ſtark dieſe In⸗ . ſein moͤgen?“ fragte Roſenholz den ſpaniſchen äger. „Nein, und außerdem frage ich mich noch mit nicht geringer Unruhe, welche hölliſche Kriegsliſt ihnen von dem ſchl auen Miſchblut und von dem grauſamen Red⸗ Hand eingegeben worden ſein mag; Du haſt ihre Stim⸗ men ſo gut gehört, wie ich. Etwas haben ſie gefunden, — ſo viel iſt gewiß— dieſes Triumphgeheul iſt der Beweis dafür.“— „Wir haben alle Vorſichtsmaßregeln ergriffen, die tapfere und kluge Männer erſinnen können,“ ſprach Fa⸗ bian;„hat man gethan, was man ſoll, ſo müß man ſich in Alles zu ſchicken wiſſen.“ „Ergeben wir uns alſo in unſer Loos,“ antwortete Pepe;„allein vor der Hand habe ich einen brennenden Durſt. Sie, der Sie am nächſten bei dem Waſſerfalle find, Don Fabian, ſehen Sie doch, ob Sie nicht, wenn Sie meine Kürbisflaſche an die Spitze meines Ladſtocks ſtecken, ohne Gefahr für Sie ſelbſt einige Tropfen Vaſ⸗ ſer hinein fallen laſſen können.“ „Geben Sie her,“ verſetzte Fabian,„es iſt ſiwt, und es iſt auch mir ſehr lieb, den Durſt, der mich ver⸗ zehrt, löſchen zu können.“ Fabian kroch zu dem Waſſerfalle hin, und füllte, in e, r* ie d an te en lle nn ks ſ⸗ t, r⸗ „ den Arm ausgeſtreckt haltend, die Kürbisflaſche, welche⸗ die drei Jäger herumgehen ließen. Dann nahmen ſie, ein Bischen erquickt, in möglichſt behaglicher Weiſe, ihre horizontale Stellung wieder an, ohne ein Auge von den Schießſcharten ihrer Verſchanzung zu verwenden. Als aber der Durſt geſtillt war, ſeellte ſich der Hunger von Neuem ein; denn es war beinahe vier Uhr, und es waren etwa zwölf Stunden verfloſſen, ſeitdem die Belagerten ihr frugales und unzureichendes Mahl von Maismehl zu ſich genommen hatten. Außerdem daß die Nothwendigkeit den Belagerten aus der Sparſamkeit ein gebieteriſches Geſetz machte, mußte erſt die Nacht abgewartet werden, um in aller Sicherheit, und geſchützt vor den Kugeln, die, wenn auch noch ſo einfachen, An⸗ ordnungen zu dem, was Pepe ein Nachteſſen zu nennen beliebte, treffen zu können. Die Schießſcharten ihrer Verſchanzung ſicherten ſie nur dann vollkommen vor den Kugeln ihrer Feinde, wenn ſie ſich hinter denſelben auf den Boden legten. Allein ſobald ſie ſich im Mindeſten von der horizontalen Linie entfernten, waren ihre Glieder den Schüſſen der Indianer ausgeſetzt. Nach abermaligem⸗ langem Warten kam ein Au⸗ genblick, wo die Augen der Jäger bemerkten, wie auf dem Gipfel der ihnen gegenüber liegenden Felſen eine Bewegung vor ſich ging. Wie man weiß, ſo lagen dieſelben einige Fuß tiefer, als ihre Plattform. Die Geſträuche, die den Gipfel des Felſens, auf dem ſich die Indianer befanden, bekränzten, bewegten ſich raſch. Bald entfaltete ſich ein Mantel von Büffelhaut über den Zweigen: es blieb derſelbe, vom Winde leicht be⸗ wegt, darauf liegen. „Ah! dieß iſt der Anfang der Ausführung irgend eines Planes,“ ſprach Roſenholz;„vielleicht ſoll dadurch unſere Aufmerkſamkeit von der Seite abgewandt werden, guf der die Gefahr wirklich iſt.“ „Sie kommt gewiß von dort, Du bvarfſt Dich dar⸗ auf verlaſſen,“ antwortete Pepe;„ſobald noch fünf bis ſechs Büffelhäute zu dieſer hinzukommen, können zwei Männer ſich kniend hinter einer Verſchanzung aufſtel⸗ len, die für die Kugeln unſerer Büchſen undurchdringlich ſein wird, ſo klein auch die Entfernung iſt, die uns von einander trennt.“ Während Pepe mit ſeiner Bemerkung zu Ende kam, beſtätigte ein zweiter Mantel, der von einer unſichtbaren über den erſten geworfen wurde, ſeine Behaup⸗ ung. „Wie dem auch ſein mag,“ ſetzte der Canadier hin⸗ zu,„ich überwache aufmerkſam die ganze Linie der Ge⸗ ſträuche, und es wird ſich kein Auge zwiſchen den Blät⸗ tern zeigen, ohne daß ich es alsbald ſehe.“ Es ſtand nicht lange an, ſo kam eine dritte Biſon⸗ haut zu den zwei anderen hinzu; und dann konnten die Jäger ſehen, wie noch fünf andere Häute ſich darauf legten, ſo daß die Haare bald nach innen, bald nach außen gerichtet waren. Und nun bildeten dieſe Mäntel mit ihrem langen Pelze einen Wall, der ebenſo undurchdringlich war, wie eine ſechs Schuh dicke Mauer. „Ohne Zweifel iſt dies ein Werk des ſpitzbübiſchen Meſtizen,“ murmelte Pepe;„alle unſere Augen werden nicht zu viel ſein, wenn uns Nichts von dem entgehen ſoll, was hinter dieſem Haufen von Büffel⸗Fellen paſſi⸗ ren kann. Schau, es könnte jetzt faſt ein Mann dort aufrecht ſtehen, und ein ſolcher Mann würde uns ſo ziemlich beherrſchen.“ „Ah!“ ſagte der Canadier,„ich ſehe, wie dort un⸗ ten, zur Linken, ſich die Geſträuche bewegen,— wenn auch ſo unmerklich, daß der Indianer, der ſie bewegt, glauben muß, wir ſuchen die Urſache der Bewegung im Winde.“ Der Ort, den Roſenholz bezeichnete, befand ſich am äußerſten Ende der Felſen, demjenigen gegenüber, wo — 263 der Wall aus Büffelhäuten ſich erhob. Ein Felſenvor⸗ ſprung deckte eine Oeffnung, durch welche ein Menſch ei ſich vorwagen, und, faſt ohne Gefahr, einen Blick nach „ unten werfen konnte. ch„Bah!“ ſprach Pepe,„bekümmere Dich nicht um n dieſen Schlingel, und mißtraue eher dem Meſtizen und ſeinem abſcheulichen Vater.“ n,„Nein, ſage ich Dir, der Himmel gibt den Menſchen en in unſere Hände, der an dieſem hölliſchen Hinterhalte p⸗ Schuld iſt,“ antwortete Roſenholz in einem Tone ver⸗ biſſener Wuth.„Siehſt Du ihn?“ 1⸗ Hinter dem Felſenvorſprunge war ein Menſch zu⸗ e⸗ ſammengekauert, den man durch einen dichten, grünen t⸗ Saum hindurch kaum bemerken konnte, und deſſen Stel⸗ lung das ſcharfe Aug des Canadiers mehr errieth, als i⸗ daß es dieſelbe ſah. ie Dieſer Menſch war unbeweglich, und wagte es noch uf nicht, den Laubvorhang ganz auf die Seite zu ſchieben. ch„Gib dem Laufe Deiner Büchſe eine ſchiefe Rich⸗ tung, Pepe,“ rief der Canadier.„Dal gut er n darf nicht über den Stein hinauskommen, der Dich ie deckt und nun.„ Hier unterbrach ein Schuß des ſpaniſchen Jägers n den Canadier, der, da ſeine Stellung nicht ſo gut, wie n die Pepe's war, dieſem das Geſchäft überlaſſen hatte, n ſie zu rächen. i⸗ Baraja, deſſen Kopf getroffen worden war, entfal⸗ et tete ſeinen Körper, wie eine verwundete Schlange, und ſé da er ſich nicht mehr zu halten vermochte, ſo glitt er an dem Felſen⸗Abhange hinunter, riß ein Stück des ⸗ grünen Vorhangs, der denſelben bedeckte, mit fort, und n fiel in das Goldthal. Dort bildeten die letzten Convulſionen ſeiner krampf⸗ m haft zuſammengepreßten Hände eine lange Furche in⸗ mitten des Goldes, das er mit ſeinem Blute bezahlte, m und in welches er ſterbend biß. In Folge eines faſt providenziellen Zufalles ver⸗ veckte das Stück Vorhang, das er mit fortgeriſſen, den Schatz von Neuem jedem Menſchenauge, das deſſen Exi⸗ ſtenz nicht konnte. Mit Ausnahme der drei Jäger und des Pedro Diaz hatte dieſes verhängnißvolle Geheimniß allen denen, ſo es kannten, das Leben gekoſtet. Was Baraja betrifft, ſo war ſeine Expiation eine vollſtändige geweſen. Die Strafe der Wieververgeltung hatte ihn in all' ihrer unerbittlichen Strenge ereilt. Die moraliſchen Qualen, die er an dem verhängnißvol⸗ len Pfahle ausgeſtanden, rächten die Oroche's hinläng⸗ lich, und gleich dem Gambuſino, der ſein Gold in den Abgrund mit hinabgenommen, hatte Baraja auf dem Schotze, nach dem er ſo lüſtern geweſen war, den letz⸗ ten Seufzer ausgeſtoßen. „Der Spitzbube ſteckt bis an den Hals im Golde,“ ſprach Pepe in recht philoſophiſcher Weiſe. „Gott iſt gerecht!“ ſetzte der Canadier hinzu. Und die drei Gerichtsherren der Wüſte wechſelten einen Blick befriedigter Rache. „Such' jetzt, wo der Schatz iſt, den man Dir ver⸗ ſprochen hatte, Du teufliſcher Meſtize,“ ſagte der Spa⸗ nier;„ich habe, wie ſich nun deutlich zeigt, wohl daran gethan, daß ich die Oberfläche des Thälchens verhüllte.“ Während dieſer neuen Cxecution hatte ſich der Himmel allmählig überzogen, und es wiederholte das Echo das erſte und dumpfe Rollen des fernen Donners. Dann folgte eine tiefe, majeſtätiſche Stille auf die Laute des herannahenden Sturmes. „Es iſt eine furchtbare Nacht im Anzuge,“ ſprach Roſenholz,„und wir werden ſowohl gegen die Menſchen, als gegen die entfeſſelten Elemente zu kämpfen haben. Fabtan, kriech' an den entgegengeſetzten Rand der Platt⸗ form hin, und ſieh nach, ob unſer Pulver gehörig ge⸗ ſchützt iſt, im Falle der Sturm noch vor Nacht losbre⸗ chen ſollte. Wirf zugleich einen Blick auf die Ebene unter Dir, und verſichere Dich, ob die vier Spitzbuben dort unten ihre Höhle nicht verlaſſen haben.“ —— M— — Me— — M — 265 Während der Jüngling, ohne eine Silbe zu ſagen, ſich entfernte, um dem Befehle des Canadiers zu gehor⸗ chen, ſtieß Letzterer einen Seufzer aus, und ſprach zum Spanier: „Meine Seele iſt düſter, wie dieſe Wolken, die den Regen und den Donner in ihrem Schooße bergen. Es iſt mir ſchwach um's Herz, wie einem Weibe; traurige Vorgefühle, von denen ich das Kind, das ſich an meiner Seite befindet, Nichts merken laſſen möchte, haben den Muth gebeugt, auf den ich bis daher ſo ſtolz geweſen war. Pepe, haſt Du nichts zu ſagen, um Deinen alten Kameraden in Noth und Gefahr zu tröſten?“ „Nichts, mein armer Roſenholz“ antwortete der Carabinier,„als daß, wenn, wovor Gott mich bewah⸗ ren möge, eine Kugel dieſer Teufel Dich träfe„ „Ach! ich ſpreche nicht von mir,“ fiel ihm der Wald⸗ läufer in's Wort;„wenn ich jetzt das Leben ſchätze, ſo thue ich es ein Bischen um Deinetwillen, und haupt⸗ ſächlich Fabians wegen. Werde nicht böſe über meine Aufrichtigkeit, denn ich ſetze hinzu, daß es mir ſcheint, ich würde in Eurer Geſellſchaft an das Ende meiner Tage kommen, wie auf einem jener großen und ſchönen Flüſſe mit lieblichen und blumenbeſäeten Ufern, an de⸗ nen wir, in unſerem Rindenkahne, ſo oft hingefahren ſind, während wir hier das Feuer unſeres nächtlichen Bivouacs unter dem Schatten der Sumache und der Magnolien anzündeten, dort liegen blieben, um Biber in Fallen zu fangen, oder um auf Damhirſche Jagd zu machen, die an die Tränke kamen. Ich fürchte etwas Anderes, als den Verluſt meines Lebens.“ „Ich verſtehe Dich,“ ſagte Pepe;„Du fürchteſt, von ihm getrennt zu werden, aber ohne zu ſterben,— wie es bereits der Fall geweſen.“ „Das iſt es, Pepe, Du haſt die Schmerzensſaite, die in meiner Bruſt vibrirt, mit dem Finger berührt. Sollte ich alſo dieſen Indianern in die Hände fallen, ſo verfolge nicht, wie Du ſchon gethan, ganze Wochen 6 meine Spur; überlaſſ' einen unnützen Greis ſeinem Schickſale. „Bring' dann Fabian nach Spanien zurück; hilf ihm das Verlorene wieder erobern; nur laſſ' ihn nicht vergeſſen,— denn die Jugend vergißt gar leicht— nur laſſ⸗ ihn nicht vergeſſen, Pepe, daß es auf der Welt einen Mann gegeben, für welchen ſein Anblick war wie der Schatten des Mezquite auf dem Sande der Wüſte, — wie die Rauchſäule, die den verirrten Jäger führt, — oder wie der Nordſtern, der aus dem Nebel empor⸗ taucht, und ihm den Weg zeigt.“ Der Greis ſchwieg und verſchloß ſeine düſteren Ge⸗ danken in ſeinem Herzen. Fabian hatte ſchweigend ſeinen Platz wieder einge⸗ nommen. „Unſere Munition iſt geſchützt,“ ſprach er;„allein ich habe in der Ebene Nichts geſehen.“ „Die Spitzbuben ſind in ihrem Loche geblieben, um, wie Schleier⸗Eulen, erſt bei Nacht aus demſelben hervorzukommen,“ verſetzte Pepe;„dann werden wir ſehen, wie ſie an den Fuß dieſes Hügels herankriechen, denn ſie warten jetzt ohne Zweifel nur noch, bis es finſter iſt, um uns anzugreifen.“ „Ich glaube es nicht,“ entgegnete der Canadier; „wenn aber die Nacht einbricht, ohne daß ſie den aus⸗ geheckten Plan ausgeführt, ſo kenne ich Einen, der, un⸗ ter Begünſtigung des Sturmes, ihnen die Hälfte des Weges erſparen wird. Dann machen wir zweimit einander einen Ausfall, Pepe, ganz wie in jener Nacht, wo wir, an den Ufern des Arkanſas jenen Indianern den Bauch aufgeſchlitzt haben, die ſich in den Biberbauen, worin ſie ſich verborgen hatten, ſo ſicher glaubten.“ „Ja,“ antwortete Pepe,„wenn man uns je ein⸗ mal an den Kriegspfahl bindet, und uns höflich bittet, unſeren Todesgeſang anzuſtimmen, dann werden wir ihnen eine lange Litanei zu ſingen häben.“ Indeſſen ſollte, wie es ſchien, der Angriff, unge⸗ achtet der Behauptung des Canadiers, ſich noch ver⸗ zögern. Seit einiger Zeit hatte eine Rauchwolke an⸗ gefangen, hinter der Felſenkette in dichten Spiralen aufzuſteigen. Anfangs konnte ſich der Jäger nicht recht erklären, warum die Belagernden das Feuer angezündet, von dem ſie den Rauch emporſteigen ſahen; indeſſen erriethen ſie, bei ihrem Hunger, bald den Beweggrund. Der Wind führte ihnen einen Wohlgeruch zu, deſſen Ur⸗ ſprung ihnen unmöglich verborgen bleiben konnte. „Man ſehe einmal dieſe Hunde!“ ſprach Pepe,„ſie werden ein gutes Stück Wildpret mitgebracht haben, und nun ſind ſie damit beſchäftigt, daſſelbe zu braten, während Chriſten, wie wir, ſich mit dem Geruche davon begnügen müſſen. Dieß zeigt an, daß ſie entſchloſſen ſind, uns hier zu blockiren, und durch den Hunger das zu bewirken, was ſie nicht durch Gewalt erlangen zu können hoffen. Ah! Caramba! ich hatte eine beſſere Meinung von dem Meſtizen und dem Vieh, das er ſei⸗ nen Vater nennt; denn trotz dem, daß ſie niederträch⸗ tige Banditen ſind, fehlt es ihnen doch gar nicht an Muth.“ Nach und nach hörte der Rauch auf über die Fel⸗ ſen emporzuſteigen, und plötzlich ließ ſich ein ſo wildes Geheul hören, daß man ſtarke Nerven haben mußte, um nicht vor Entſetzen zu ſchaudern. Dieſes Geheul vermiſchte ſich mit den allmälig näher kommenden Donnerſchlägen. Man hätte glauben können, es ſei das Danklied eines Chors von Dämonen nach einem Sabbathmahle. Indeſſen hielten die drei Jäger dieſe furchtbare Harmonie aus, ohne zu beben,— wie Thierbändiger, welche das Gebrüll ihrer Thiere nicht erblaſſen machen kann. Sie fürchteten einen Angriff noch weniger, als eine Blockade. 2 „Antworten wir darauf?“ fragt Pepe. „Nein,“ ſprach der Canadier, dieſes Mal ſollen unſere Büchſen antworten. Beobachte aber genau je⸗ den Zweig, jeden Grashalm, gleich als ob wir ein ganzes Neſt voll Klapperſchlangen vor uns hätten. Dieſes Ungeziefer will, noch ehe die Nacht herein⸗ und der Sturm losbricht, mit uns fertig werden.“ „Gebe Gott, daß Du Dich nicht täuſcheſt, denn der morgende Tag würde, die Dunkelheit abgerechnet, nur neue Gefahren bringen. „Der Spitzbube, den wir ſo eben auf ſein Gold⸗ bett hingeſtreckt, hat dieſe zwei reißenden Thiere, Roth⸗ hand und Miſchblut, ſowie deren Alliirte in keiner an⸗ deren Abſicht hierher geführt, als um ſich des Schatzes zu bemächtigen, und ohne zu wiſſen, daß derſelbe von den drei Kriegern des Rio⸗Gila⸗Inſelchens bewacht iſt. Wahrſcheinlich iſt der Schwarzvogel um dieſe Stunde von der Spur derjenigen unterrichtet, die ihm ſo viele Leute getödtet haben, und ohne Zweifel werden ſie hier morgen Alle wider uns ſtehen.“ „So eben hat ſich der Wall aus Büffelhäuten be⸗ wegt,“ ſprach Fabian, indem er Pepe in ſeinen wahr⸗ ſcheinlichen Vermuthungen unterbrach:— wir ſagen wahrſcheinlich, da wir wiſſen, daß die Antilope vom Schwarzvogel beauftragt war, die Spur der drei Jä⸗ ger wieder aufzufinden.„Auch habe ich hinter dieſem Haufen von Mänteln die rothen Bänder, die den Kopf Miſchbluts ſchmücken, ſich bewegen ſehen.“ PVon der Seite des Felſen, die ſich auf den Abfall der Nebelberge ſtützte, wo, geſchützt durch ihre aus büffelledernen Mänteln beſtehenden Schilde, Rothhand und Miſchblut eine kniende Stellung einnahmen, bis zu dem Orte, wo die abſchüſſige Fläche die Ebene berührte, ließ das Auge der Belagerten auch nicht einen Zoll breit unerforſcht. Um aber in dieſem letzteren Theile der Felſen einen Feind erreichen zu können, muß⸗ ten ſich die Büchſen der Jäger nothwendig ſchief richten; auch mußte der Schütze den Lauf ſeines Gewehres über —*** 3 1 7 r 209 die äußere Oberfläche der Schießſcharten hinausrichten, ohne indeſſen ſich ſelbſt bloßzuſtellen. „So wahr Gott lebt!“ ſagte Pepe plötzlich leiſe, „da iſt ein Indianer, der des Lebens überdrüſſig iſt, oder ebenfalls eine Recognoscirung nach der Mitte des Goldthals hin vornehmen will.“ Zu gleicher Zeit zeigte er mit dem Kopfe die Hand eines Indianers, welche ganz vorſichtig die Geſträuche, die die Felſenkette begrenzten, an dem äußerſten Ende, wo ſie ſich mit der Ebene vereinigten, auf die Seite drückte. „Weich' ein Bischen nach der Rechten hin zurück,“ ſagte der Canadier eilig zu Fabian:„Pepe befindet ſich ihm zu ſehr gegenüber, als daß er ihn, ohne ſich aus⸗ zuſetzen, leicht erreichen könnte.“ Fabian wich raſch, faſt bis an den Rand der Platt⸗ form, nach dem Wafſerfalle hin zurück, um Roſenholz es möglich zu machen, ſich ganz frei zu bewegen. „Der Indianer,“ ſetzte der Canadier hinzu,„iſt verrückt; ſeht doch, er ſcheint uns zu einem Schuſſe herausfordern, und ſeine Anweſenheit durchaus kund⸗ geben zu wollen.“ In der That bewegte der Feind, von dem man nur die Hand ſehen konnte, die Geſträuche mit einer entweder ſehr ungeſchickten, oder ſehr perſiden Ausdauer, denn man konnte nicht umhin, die Bewegung zu be⸗ merken. „Es iſt vielleicht eine Kriegsliſt, um unſere Auf⸗ merkſamkeit nach dieſer Seite hinzuziehen,“ ſprach Pepe; „ſei aber ruhig, ich habe überall meine Augen.“ „Kriegsliſt hin, Kriegsliſt her,“ entgegnete der Canadier,„der Kerl iſt mir ſo ganz im Schuſſe, und ich könnte ihm von hier aus den Arm zwiſchen dem Daumen und dem Fauſtgelenke zerſchmettern. Weich' noch ein Bischen zurück, Fabian, wenn es möglich iſt, ich muß meine Büchſe etwas mehr links richten, denn 270 wenn die Hand da iſt, ſo iſt ſein Körper weiter weg⸗ Gut! Jetzt bin ich in der rechten Stellung-“ Während der Canadier die letzten Worte ſprach, ſchien der ſchrille Schrei eines Raubvogels aus der Höhe der Luft in das Ohr der Jäger zu dringen, und mit einem Male ließ der Indianer das Geſträuch fahren. Es verſchwand ſeine Hand. Raubvögel ſchwebten in der Nähe der Wolken, und wurden, während ſie ſich auf die Erde herabſenkten, immer größer. Es war ſowohl Pepe als Roſenholz unmöglich, ſich den Schrei, den ſie gehört, genau zu erklären, und zu errathen, ob es ein Signal oder die Stimme einer der Weihen geweſen, welche über ihrem Haupte die Luft durchſchnitten. Ein Donnerſchlag, deſſen Knall die Nebelberge zurückwarfen, trieb die Vögel in die Flucht. Alle belebten Weſen ſchienen vor dem furchtbaren Gewitter, das im Begriffe war, loszubrechen, Schutz zu ſuchen. Die Erde ſelbſt ſchien vor der aus den Wolfen dringenden Stimme ihr Geficht zu verhüllen. Die Menſchen allein ließen ſich in ihrem Geſchäfte nicht ſtören, und ſuchten die Gelegenheit zu erſpähen, wo ſie einander würden morden können. „Der rothe Teufel kommt gewiß bald wieder,“ ſprach der Canadier,„denn es rührt ſich Niemand uns gegenüber, auch konnen ſie ja nur von der Ebene aus, und nicht von dieſem Felſen her zu uns gelangen.“ Bereit, den Erſten, der es wagen würde, den Raum zwiſchen der Felſenkette und dem Fuße der Pyramide zu durchſchreiten, niederzuſtrecken, lag die Büchſe des Canadiers unbeweglich da, die Mündung nach dem Geſträuche hin gerichtet, das ſogar der Wind nicht mehr bewegte. „Ah!“ ſprach der Canadier,„der Spitzbube kommt wieder: die Strafloſfigkeit hat ihn frech gemacht⸗ Aber hei allen Teufeln! noch nie habe ich einen Indianer ſich ſo benehmen ſehen. Es muß irgend ein verzweifelter Kerl von den Prairien ſein, der dus Gelübde abgelegt, ſich, bei der erſten beſten Gelegenheit, den Schädel zer⸗ ſchmettern laſſen zu wollen.“ Das Benehmen des Indianers ſchien in der That die Vermuthung zu rechtfertigen, daß es einer jener Menſchen ſein müſſe, die unter den Indianern noch heut zu Tage extravagante Gelübde, ähnlich denjenigen, die unſere galliſchen, den amerikaniſchen Indianern an Wild⸗ heit gleichen Väter ablegten, erfüllen. Der rothe Krieger war in einem Satze von den Felſen bis an den aus Baumwoll⸗ und Weidenbäumen beſtehenden Hag des Goldthales geſprungen, und dort überragte er, obgleich der übrige Theil ſeines Körpers durch den undurchdringlichen grünen Vorhang verborgen war, denſelben mit dem ganzen Kopfe. Seine Augen. glänzten aus ſeinem bemalten Geſichte ſo feurig her⸗ vor, daß man hätte glauben können, die Gewißheit des Todes ſei für ihn nicht vorhanden. Sie hefteten ſich auf die Büchſe des Canadiers, die aus der Steinſpalte langſam herausdrang, gleich als ob er den Schützen hätte bezaubern wollen. „Nun, der Kerl will's einmal nicht anders haben,“ ſprach der Canadier, der durch die Stellung des In⸗ dianers gezwungen war, von oben nach unten zu ſchießen, und das Rohr ſeiner Büchſe zu verlängern. Und wirklich ragte dieſe einen halben Fuß über den Felſen heraus. Faſt zu gleicher Zeit ließen ſich drei Knalle und zwei Schmerzensſchreie hören. Der erſte Knall war von der Waffe des Wald⸗ läufers und der erſte Schrei von dem Indiauer ausge⸗ gangen, der, um ſeinen Feinden Trotz zu bieten, ſein Todesgeheul hören ließ. Die zwei faſt gleichzeitigen Knalle zeigten die Schüſſe Rothhands und Miſchbluts an. Der zweite Schrei wurde von Roſenholz ausgeſtoßen. Zwei Ku⸗ 272 geln hatten zu gleicher Zeit den Lauf ſeiner Büchſe ge⸗ troffen, die, ſeinen Händen entriſſen, gegen den Felſen ſchlug und zu dem ſterbenden Indianer hinab rollte. „Felſenherz hatte noch die Kraft, ſich derſelben zu bemächtigen; ſeine erlahmende Hand ſchleuderte ſie bis an den Fuß der Felſen, und dann rührte er ſich nicht mehr. Ein wildes Freudengeheul folgte auf dieſe letzte That, während der Canadier, entwaffnet, auf Pepe und Fabian einen Blick tödtlicher Angſt warf. Während dieſer Zeit verfinſterte ſich der Himmel immer mehr. Siebenundfünfſigſtes Kapitel. Der Ausfall. In den Wüſten des Far⸗Weſt,— auf den fernen Prairien des weſtlichen Amerikas ſind drei Dinge abſolut nothwendig: erſtens ein der Furcht unzugängliches Herz, zweitens ein geſchwindes und kräftiges Pferd, und drittens eine erprobte Büchſe. Ein felſenfeſter Muth, wie der der drei Jäger, macht das Pferd oft unnütz; allein ohne ſeine Flinte iſt ein Mann von ſtarkem Herzen nur noch ein ſchwa⸗ ches Spielzeug, das der Hunger und die reißenden Thiere ſich ſtreitig machen, oder das die Laune eines herumſtreichenden Indianers zerbrechen kann. Beim Anblicke der ſchützenden Waffe, der treuen Gefährtin in ſo vielen Fährlichkeiten, die, den Händen entfahren, in denen ſie von den canadiſchen Wäldern M e d el ut es rd, er, nte va⸗ den nes uen den ern 273 bis zu den Nebelbergen ſo oft geknallt, herrenlos auf dem Sande lag, wurde es dem alten Waldläufer weich um's Herz, wie beim Anblicke des lebloſen Körpers eines recht theuren Freundes. Dem Canadier war nicht allein ſeine Stärke und ſein Leben, ſondern auch das Leben und die Stärke ſeines Kindes geraubt. Der graue Krieger der Prairien fühlte, wie ſeine Augen ſich befeuchteten; es ging ihm, wie dem Araber, der ſein Pferd beweint. Eine Thräne rollte auf ſeine Wange herab. „Jetzt ſeid Ihr nur noch zu zweien auf dieſem Felſen,— der alte Roſenholz zählt nicht mehr,“ ſagte er endlich, ſeine Schwäche zu verbergen ſuchend.„Ich bin jetzt nur noch ein Kind, mit dem ſeine Feinde an⸗ fangen können, was ſie wollen. Fabian, mein Sohn, Du haſt jetzt keinen Vater mehr, der Dich vertheidigen kanm Dann beobachtete er ein ungemein düſteres Schwet⸗ gen, ähnlich dem eines beſiegten Indianers, Seine zwei Gefährten thaten ein Glelches; Beide fühlten die ganze Größe des Unglücks, das ſie ge⸗ troffen. Eine Waffe, die durch den Anprall der Ku⸗ geln verderbt ſein konnte, wieder zu erobern zu ſuchen, war eine unnütze Tollkühnheit. Wollten ſie Solches verſuchen, ſo ſetzten ſie ſich der Gefahr aus, in einem Nu ſich von Feinden umringt zu ſehen, deren Anzahl ſie nicht kannten; ſo lieferten ſie ſich lebendig den In⸗ dianern aus, während, wenn ſie auf der Spitze der Pyramide blieben, ſie doch an dem nahen Abgrunde ein Rettungsmittel beſaßen, das heißt, ein Mittel, der Ge⸗ fangenſchaft durch den Tod zu entgehen. „Ich verſtehe Dich, Roſenholz,“ rief Peve, als er die Augen des Canadiers auf das Waſſer geheftet ſah, das einen Augenblick glänzte, um in dem Abgrunde zu verſchwinden;„aber bei allen Teufeln der Hölle! ſo Der Waldläufer. M. 18 274 weit iſt es noch nicht; Du biſt ein beſſerer Schütze, als ich, und meine Büchſe iſt in Deinen Händen beſſer aufgehoben, als in den meinigen.“ Dieſes ſprechend, ſchob Pepe ſeine Waffe auf dem Boden zu dem Canadier hin. „So lange wir drei noch eine Flinte haben, ge⸗ hört ſie Ihnen, Roſenholz,“ ſetzte Fahian hinzu.„Ich theile ganz die Anſicht Pepe's; welch edleren und treueren Händen könnten wir je unſer letztes Rettungsmittel an⸗ vertrauen?“ „Nein, ich danke Dir, mein Kind,— ich danke Dir, alter Waffengefährte; ich kann Euer Anerbieten nicht annehmen, denn das Glück will mir nicht.“ Und Roſenholz ſtieß die Buͤchſe zurück, die Pepe ihm hingeſchoben hatte. „Aber Gott ſei Dank,“ hob der Waldläufer wieder an, deſſen ſchmerzliche Niedergeſchlagenheit allmählig einem Löwenzorne, wie der Rieſe ihn bisweilen fühlte, Platz machte,„noch habe ich ein Meſſer, um ſo vielen dieſer Kerls, als ſich zeigen werden, den Bauch aufzu⸗ ſchlitzen, und Arme, die ſtark genug ſind, um ſie zu er⸗ würgen, oder ihnen den Kopf an den Felſen zu zer⸗ ſchmettern.“ Pepe hatte ſeine Büchſe noch nicht wieder ergriffen. „Wohlan! Du Hund von einem Meſtizen, Du Auswurf der weißen Race, ihr herumſtreichenden In⸗ dianer, werdet Ihr Euch unterſtehen, aus Eurer Höhle hervorzukommen, und heraufzuſteigen?“ rief der Canadier, einem jener Wuthausbrüche ſich überlaſſend, und zu gleicher Zeit Rothhand, Miſchblut, und deren Alliirte anredend,„es ſind unſer nur noch zwei, die hier auf Euch warten. Was iſt ein Krieger ohne Gewehr?“ Ein majeſtätiſches Rollen des Donners an dem verfinſterten Himmelsgewöͤlbe hin übertönte die Stimme des Canadiers; allein ſeine Herausforderung ſchien gehört worden zu ſein. Ein anderer Indianer, der faſt den nämlichen Weg verfolgte, wie der gefallene er e⸗ Indianer, war hinter dem grüanen Hage des Goldthals angekommen; nun verbarg er ſich ſo ſorgfältig, daß man Nichts, als ſeine Augen, die Spitze ſeines Kopfes, und die rothen Bänder ſah, die ſein Haar ſchmückten. „Ah! er iſt es, es iſt der Hund von einem Meſti⸗ zen,“ rief Pepe, ohne die Inſignien aus den Augen zu verlieren, die den Sohn Red⸗Hand's in der That aus⸗ zeichneten, und ſuchte mit der Hand die neben ihm liegende Büchſe. Aber Roſenholz war ihm zuvorgekommen. Durch das Rachegefühl, das er gegen Miſchblut hegte, verblendet, über den Verluſt ſeiner Büchſe er⸗ bittert, hatte der Canadier ſich der Waffe Pepe's be⸗ mächtigt, und in einem Augenblicke, wo der Zorn, der, wie der Donner am Himmel, in ſeiner Bruſt tobte, ihm alle Kaltblütigkeit raubte, zielte er nach dem Meſtizen. Da der Feind ſich dieſes Mal wieder in der näm⸗ lichen Stellung befand, die der Indianer vor ihm ein⸗ genommen hatte, ſo hatte er den Jäger, wenn dieſer ihn treffen wollte, gezwungen, ſich, wie beim erſten Male, bloßzuſtellen. Der Indianer ſlürzte, tödtlich verwundet, hinter dem Hage zuſammen. Aber zwei Schüſſe vermiſchten ſich abermals mit vem des Canadiers. „Schwernoth!“ ſchrie der Canadier mit donnernder Stimme, indem er ſich faſt ganz aufrichtete, und nach dem Leichname des von ihm getödteten Feindes hin ganz wüthend den unnützen Kolben ſchwang, der ihm in der Hand geblieben war. Der Koloß hatte ſeine Waffe mit ſolcher Kraft gefaßt, daß der Lauf ſich von dem Schafte losgemacht hatte, ohne ihn den Fingern entreißen zu können, die ihh krampfhaft umſchloſſen hielten. „Der Teufel hole Dich, Du ſchon lebendig ver⸗ dammter Meſtize!“ fuhr der Canadier fort, indem er mit der Fauſt auf den unbeweglichen Leichnam deutete. Ein Gelächter, das von einem mit der Vollziehung 276 des Fluches des Canadizrs beauftragten Teufel auszu⸗ gehen ſchien, erſchallte auf den den Jägern gegenüber⸗ liegenden Felſen, und blitzſchnell zeigte einen Augenblick der Meſtize in voller Lebenskraft ſeinen mit aufgelösten und flatternden Haaren bedeckten Kopf, ſowie ſein von teufliſcher Ironie erfülltes Geſicht über der aus Büffel⸗ häuten beſtehenden Verſchanzung. Dann verſchwand die Erſcheinung wieder eben ſo raſch, als ſie ſich gezeigt hatte. Der Indianer, der ſeine Rolle nun ausgeſpielt, hatte geſchickter⸗Weiſe den Kopfputz des Meſtizen ent⸗ lehnt, um deſto ſicherer den Haß ſeiner Feinde zu er⸗ regen, und hatte ſeinen Zweck nur zu gut erreicht. „Der Adler der Schneeberge iſt Nichts, als eine Eule bei hellem Tage; ſeine Augen vermögen bei hellem Sonnenſchein das Geſicht eines Häuptlings nicht von dem eines Kriegers zu unterſcheiden,“ rief die Stimme Miſchbluts, nachdem er den Jägern in der angegebenen Weiſe ſich gezeigt. „Ah! Pepe! Dieſer Menſch bringt uns Unglück; von nun an ſoll zwiſchen ihm und uns Krieg auf Leben und Tod ſein,“ rief Roſenholz;„und die Prairien, ſo groß ſie ſind, haben nicht mehr Raum für uns Beide.“ Der Canadier hatte ſeinen Poſten maſchinenmäßig wieder eingenommen. Dann murmelte er halblaut: „Wehe dem, ſpricht der Herr,— wehe dem, der in meinen Händen die Ruthe meines Zorns, und der Stab meiner Gerechtigkeit iſt! Peve, der Herr hat, nachdem er ſich unſer zu ſeinen Rachenzwecken bedient, das Werkzeug zerbrochen, deſſen er ſich hat bedienen wollen; er hat die Kraft in unſern Händen gebrochen.“ „Ich fange ſelbſt an, es zu glaubes,“ antwortete Pepe;„allein ich ſchwöre bei der Seele meiner Mutter, daß ich, ſo Gott mich am Leben erhält, noch einmal ſeinem Zorne dienen werde, indem ich meinen Dolch bis S S* — v in b m 18 te , al is an den Griff dieſem halb vothen und halb weißen Teufel in das Herz tauche.“ Gleich als ob der Himmel hätte anzeigen wollen, daß er dieſen Schwur gehört, bedeckte eine plötzliche Dunkelheit das Feld, das Feuerſtröme ähnliche Blitze von einem Horizonte bis zum andern durchfarchten, und es wüthete und brüllte der Donner, wie eine Batterie von hundert Kanonen, die mit einem Male, und mit aller Kraft zu ſpielen anfängt. Die Berge und die Ebene wiederholten in klagenden Echos die große Stimme des Gewitters, die auf den Prairien, wie auf dem endloſen Ocean, hallte. Das matte Licht der Blitze gab, indem es durch die vom Fleiſche entblößten Flanken des Pferdeſkelets drang, der Gruppe der Jäger ein ſeltſames und düſteres Ausſehen. Die Augen des Canadiers und Pepe's erglänzten von einem wilden Lichte, ähnlich den Augen zweier in die Enge getriebenen Löwen. Das furchtbare Unglück, das ſie getroffen, hatte ihren Muth nicht niedergeſchlagen, ſondern für einen Augenblick in eine düſtere und paſſive Reſignation ver⸗ wandelt. Indeſſen lag es am Tage, daß dieſe zwei Männer, die ſich einen Augenblick beugten, wie zwei Eichen, die der Wind in ihren Wurzeln erſchüttert, wie dieſe ſich bald wieder aufrichten mußten. Schon trat in der Seele des Canadiers das Gefühl der Demüthigung, das ein alter Soldat empfindet, wenn er ſich von Neulingen entwaffnet ſieht, an die Stelle des ungeſtümen Zorns. Allmählig erlangte Pepe ſeinen ſtets zum Angriffe und zu Spöttereien geneigten Muth wieder. Was Fabian berifft, ſo hatte er die Ruhe eines Mannes bewahrt, für den das Leben, ohne gerade all⸗ zu drückend zu ſein, eine unbequeme Laſt iſt, von der er, ohne ein Gefühl der Schwäche, erwartet, jeden Au⸗ genblick befreit zu werden. 278 „Fabian,“ ſprach der Canadier traurig,„ich hatte bis daher zu ſehr auf meine Kraft und meine Erfahrung gebaut; wozu haben wir dieſe Erfahrung und dieſe Kraft, auf die ich ſo ſtolz war, gedient? Meine Unbe⸗ ſonnenheit hat Euch ins Verderben geſtürzt. Fabian, Pepe, verzeiht Ihr mir es?“ „Wir wollen ſpäter davon ſprechen,“ antwortete der Miquelete;„Deine Waffen find in Deinen Händen zerbrochen worden, wie ſie in den meinigen zerbrochen worden wären,— und damit baſta. Glaubſt Du aber, wir haben nichts Beſſeres zu thun, als zu klagen, wie Weiber, oder als den Tod zu erwarten, wie zwei ver⸗ wundete Büffel?“ „Was ſoll Dir ein Jäger ſagen, dem jetzt ein Dam⸗ hirſch ohne Gefahr die Hände lecken könnte?“ antwor⸗ tete der Canadier gedemüthigt. „Es liegt am Tage, daß wir vor Nacht nicht von hier entfliehen können; wir wollen einen Ausfall gegen die Belagerer machen. Fabian wird uns von dieſem hohen Poſten herab mit ſeinem Carabiner ſchützen. Siehſt Du, Roſenholz, das ſind ſolche kühne Streiche, die bis⸗ weilen gelingen. Wohlan! Es liegen dort unten unter jenen Steinen vier Spitzbuben, die wir in ihren Löchern umbringen müſſen. Es iſt jetzt faſt ſo dunkel, wie wenn es Nacht wäre, und wir werden zwei gegen vier ſein, — das iſt genug.“ Dann fuhr der Spanier, zu Fabian gewandt, der den kühnen Plan Pepe's billigte, alſo fort: „Was Sie betrifft, ſo werden. Sie, ohne die Spitz⸗ buben auf dem Felſen zu viel aus dem Auge zu ver⸗ lieren, und hauptſächlich ohne ſich bloß zu ſtellen, die Spitzbuben auf der Ebene überwachen. Bemerken uns Letztere und rührt ſich einer derſelben, ſo ſchießen Sie auf ihn; wenn nicht„ dann geht das Uebrige uns an. Wohlan, Roſenholz, es iſt dieß ohne Zweifel auch Deine Meinung. Auf alſo! Don Fabian, wenn wir den Schlag geführt, werde ich zurückkommen, um * 0(8 S— er— er——— c — ⸗ ie n8 ie ge fel nn Sie abzuholen, und dann machen wir uns aus dem Staube.“ Der Canadier gab ſeine Zuſtimmung zu einem Plane, der ihm ſchon vermöge ſeiner Verwegenheit ge⸗ fiel, und den die Dunkelheit nicht unausführbar machte. Und dann mußte ſich auch Roſenholz, außerdem daß es die Rettung ſeines Sohnes galt, wegen einer bitteren Demüthigung rächen. Ein Blick, den ſie zuerſt auf die Ebene nach der den Felſen entgegengeſetzten Seite hin warfen, bewies ihnen, daß ſich in ihrer Nähe Nichts verändert hatte. Dann ließen ſich die beiden Jäger, mit dem Meſſer zwiſchen den Zähnen, von der Spitze der Pyramide ſo raſch hinabgleiten, daß Fabian glaubte, ſie wären kaum fort, als Beide ſchon gebückt an dem Schilfe des Sees hingingen. Fabian, der damit beſchäftigt war, ihren Bewe⸗ gungen zu folgen, und ihr Leben mehr als ſein eigenes zu beſchützen, ließ ſich von dem an furchtbarem Intereſſe ſo reichen Schauſpiele, das ihm die zwei kühnen Waffen⸗ brüder darboten, ganz hinreißen. Die großen Platten, welche die Indianer bedeckten, blieben ſo ganz unbeweglich, als wären ſie in Wirklich⸗ keit Grabſteine über Todten geweſen. Beruhigt durch die auf dieſer Seite herrſchende düſtere Stille, folgte Fabian mit minder ängſtlichem Auge allen Bewegungen des Canadiers und des Spaniers. Beide hatten Halt gemacht und ſchienen eine Se⸗ cunde zu rathſchlagen. Dann ſah man ſie ganz ſachte in den Schilf hin⸗ eingehen, womit die Ufer des Sees bedeckt waren. Bald verſchwanden die beiden Jäger⸗ Der Sturmwind bewegte das Schilfdickicht ſo hef⸗ tig, daß die durch das Gehen der zwei Jäger hervorge⸗ brachte Undulation den Indianern nicht auffallen konnte. Der Sorge überhoben, ſeine zwei Freunde zu über⸗ wachen, die unſichtbar geworden waren, und welche die 280 Dunkelheit ſowohl, als der dichtſtehende Schilf hin⸗ länglich ſchützte, und in Betreff des Reſultats ihres kühnen Wageſtücks beruhigt, beeilte ſich Fabian, ſeinen Poſten am entgegengeſetzten Ende der Plattform wieder einzunehmen. Es war hohe Zeit. Um aber durch Erzählung zweier gleichzeitigen Hand⸗ lungen nicht unklar zu werden, wollen wir uns einen Augenblick nur mit dem Waldläufer und dem ſpaniſchen Jäger beſchäftigen. Als Fabian fie in dem mit Schilf bedeckten Schlamme hatte verſchwinden ſehen, hatten ſie abermals Halt ge⸗ macht. Ihre Augen konnten nicht durch den ſie verhül⸗ lenden Vorhang von Waſſerpflanzen dringen; allein ſie wußten, daß Fabian von der Pyramide viel weiter ſehen konnte. Bei der Dunkelheit des Himmels, unter dem hohen Schilfe, deſſen grüne Rispen der Wind beugte, ſchienen die Ufer des Sees ganz öde zu ſein. „Wenn,“ ſprach der Canadier,„wir in einer Mi⸗ nute den Carabiner Fabians nicht knallen hören, ſo wird es beweiſen, daß die Indianer uns nicht von dem Hü⸗ gel haben herabſteigen ſehen; dann wollen wir, da ſie faſt in gleicher Linie und faſt in gleicher Entfernung von einander verborgen ſind, Jeder nach einem Ende hinſpringen. Erdolch' Du den Letzten, ich werde den Er⸗ ſten unter ſeinem Steine erdrücken, und was die beiden Andern betrifft, ſo werden wir, glaube ich, leicht mit ihnen fertig, da ſie über den Tod ihrer Gefährten erſchro⸗ cken ſein und ſich zwiſchen uns Beiden befinden werden.“ „Ich zähle darauf, Caramba!“ ſprach Pepe. Dieſer Plan war furchtbar einfach, und während einer Minute machten die beiden Jäger ſich jeden Au⸗ genblick darauf gefaßt, den Knall des Carabiners Fa⸗ bians zu hören. In dieſem Augenblicke rollte der Donner, und lie⸗ d⸗ en en me e⸗ il⸗ ſie en en en ti⸗ rd ſie de r⸗ en nit fen die Blitze wie Feuerſchlangen über die Ebene hin, und ſchoßen lange Strahlen durch den Schilf hindurch. Die Ungeduld verzehrte die beiden Jäger, und zu der durch die Aufregung der Gefahr verurſachten ner⸗ vöſen Ungeduld kamen bei Roſenholz noch die Unruhe und gleichſam ein Gewiſſensbiß darüber, daß er den Schatz ſeines Lebens, ſeinen vielgeliebten Fabian, ſelbſt da, wo es ſich offenbar um deſſen Rettung handelte, all⸗ ein einer furchtbaren Gefahr ausgeſetzt gelaſſen. Umſonſt hatte dieſer ſeit der kurzen Zeit, daß er der Zärtlichkeit des Canadiers wieder geſchenkt worden, einen Muth an den Tag gelegt, der dem des alten Jägers Nichts nachgab. Roſenholz fuhr inmitten ſeines gefahr⸗ vollen Lebens fort, in dem energiſchen und kräftigen Jüngling nur das Kind mit den langen und gelockten Haaren zu ſehen, deſſen Schwäche er zwei Jahre lang beſchützt hatte. Der Canadier zitterte und bebte bei dem Gedanken, daß er von dem Hügel herab den Angſtruf Fabians hören könnte, der ihn zu Hülfe riefe. Und in der That ließ ſich in der Ebene ein ſon⸗ derbares Getöſe hören. Der Wind pfiff klagend auf der Prairie. „Es iſt Zeit,“ ſprach Roſenholz,„denn das Kind iſt allein„Auf! Pepe,„Du weißt der Erſte und der Letzte.“ Der Schilf beugte ſich in einer ziemlich langen Strecke, wie unter einem der ungeſtümen Stöße des Südwinds, und wie zwei bengaliſche Tiger, die aus den Jungles, ohne zu brüllen, aber eben ſo flink als ſtill auf ihre Beute losſpringen, ſprangen die zwei Jäger auf die Ebene hinaus. Mit einer wunderbaren Präciſion, wie ſie faſt nur wilden Thieren eigen, ſprang jeder der furchtbaren Käm⸗ pfer gerade auf ſeinen Feind zu,— Röſenholz auf den erſten, Pepe auf den letzten. 282 In dieſem Augenblicke ließ ſich der wohlbekannte Knall des Carabiners Fabians hören. Roſenholz fuhr zuſammen, konnte aber im Laufe nicht inne halten; der Carabiner Fabians hatte allein geknallt, und es galt, mit dem Feinde fertig zu werden. Der Canadier drückte, vertrauend auf die Kraft ſei⸗ ner Arme, in dem Augenblicke, wo der Indiander, durch das Geräuſch zu ſpät benachrichtigt, durch die enge Oeff⸗ nung, die ihm einer der Riſſe bes Bodens darbot, hinaus⸗ zukommen ſuchte, mit einem Fuße, ſo ſchwer wie ein Granitblock, auf den Körper des Apachen. In einem Nu hatte dann Roſenholz die Steinplatte vom Boden aufgehoben und dieſelbe auf den Wilden fallen laſſen. Dann ſprang er auf den Zweiten zu. Pepe hatte ſeinen Gegner auf eine andere Weiſe angegriſſen; er hatte ſich mit ſeinem ganzen Körper auf ihn geworfen, und eine Secunde lang bohrte ſein mit dem Dolche bewaffneter Arm unter dem Steine herum. Dann ſprang der Spanier plötzlich wieder auf und ſtieß wieder zu Roſenholz. Zwei Leichname, der eine durch den Stein erdrückt, der andere durch das Meſſer geliefert,— das war das Reſultat dieſes raſchen Angriffs geweſen; allein zwei andere lebenskräftige Indianer waren aufgeſprungen, erſtaunt, erſchrocken, unentſchloſſen, ob ſie fliehen oder kämpfen ſollten. „Zerdrück' doch die Schlange, ehe ſie ziſcht!“ ſchrie Roſenholz in dem Augenblicke, wo einer der Indianer, ſein Alarmgeheul hören laſſend, zurückwich, und von einem Bogen, den er in der Hand hielt, Gebrauch zu machen ſuchte, und der andere, gleichfalls heulend, auf Pepe zuſtürzte. Die zwei Feinde prallten, durch einen entgegenge⸗ ſetzten Impuls fortgeriſſen, gewaltig, aber nicht mit glei⸗ chem Erfolge gegen einander. Der Indianer ſchlug auf den Boden hin. — —— ₰ ——— —— 8—)—— —. —— —— —— Pepe ſtürzte ſich mit der Schnelligkeit des Blitzes auf ihn, und dann war es aus mit dem Apachen. Kaum behielt derſelbe noch ſo viel Kraft, um ſich eine Se⸗ cunde lang zu wehren; dann blieb er unbeweglich. Während dieſer Zeit bückte ſich Roſenholz, um den Pfeil zu vermeiden, der einige Linien über ſeinem Kopfe hinpfiff. Als der alte Jäger ſich wieder aufrichtete, war der Indianer ſchon fort; allein die Schlange hatte, wie er befürchtet, geziſcht. Das Geheul des Apachen hallte über die Ebene hin. „Geſchwind, geſchwind, Pepe, auf die Pyramide!“ ief Roſenholz. Beide ſchlugen in eiligem Laufe den Weg nach dem Orte ein, wo Fabian kaum zehn Minuten lang allein geblieben war,— ſo raſch hatten die beiden Jäger ihr Unternehmen ausgeführt. In dem Asgenblick, wo ſie, ſich mit den Händen an den Geſträuchen feſthaltend, faſt athemlos den ſteilen Hügel hinankletterten, erſchreckte ſie die düſtere Stille, die auf der Spitze der Pyramide herrſchte. „Fabian! Fabian!“ ſchrie der Canadier, vor Schre⸗ cken faſt außer ſich, während ſeine kräftigen Kniekehlen, durch die moraliſche Angſt gelähmt, zuſammen brechen zu wollen ſchienen;„Fabian, biſt du noch am Leben? Niemand antwortete. Der Sturmwind allein blies und tobte mit noch größerer Wuth in den Zweigen der Tannenbäume der Plattform. Achtundfünfzigſtes Rapitel. Die Stimme von Rama. In dem Augenblick, wo Fabian mit aufmerkſamem Auge die geringſte Bewegung ſeiner Gefährten beobach⸗ tete, glitt der letzte Indianer, der ſich dem Feuer der Belagerten in der angegebenen Weiſe ausſetzen ſollte, ganz vorſichtig an dem Hage des Goldthals hin. Es war Windſeufzer. Die Verhaltungsbefehle, die er von dem Meſtizen erhalten, waren ſehr beſtimmt. Da das Mißtrauen der drei Jäger nun erregt ſein mußte, ſo hatte der India⸗ ner, um die Kriegslieſt, die bis daher ſo gut gelungen war, nicht zu verrathen, den Befehl, ſich zu ſtellen, als verdopple er ſeine Vorſicht, um den Fuß der Pyramide zu erreichen. Indeſſen ſollte Windſeufzer auf ſeinem Wege, wo er durch den Hag von Weiden⸗ und Baumwollbäumen geſchützt war, nicht eine gewiſſe Grenze überſchreiten; er ſollte an einem Orte Halt machen, wo ihn der Ca⸗ rabiner des dritten Jägers nicht mehr erreichen könnte, ohne daß der Schütze genöthigt wäre, die Arme oder den Kopf über die Schießſcharten herauszuſtrecken. Miſchblut fing an, ſeine Todten mit einiger Un⸗ ruhe zu zählen. Ohne Baraja und die drei andern Indianer zu rechnen, die Pepe und der Canadier ſo eben unſchädlich gemacht, waren von eilf Kriegern, die er mitgebracht, nicht weniger als ſechs gefallen. Windſeufzer ſollte nun der ſiebente ſein, und der grauſame Meſtize wollte wenigſtens, daß dieſer der letzte ſein, und daß deſſen Tod ihm nützlich werden ſollte. ſeiner Hütte zurücklaſſen ſollte, das heißt, ſeinem jun⸗ Nun aber wußte Pepe, weit entfernt, zu vermu⸗ then, daß nur einer von den Belagerten auf der Spitze des Hügels geblieben, gar wohl, daß keiner der Jäger die Unklugheit begangen hätte, ſeine Glieder dem Feuer des Feindes auszuſetzen. Und in der That iſt in dieſen Grenzkriegen,— wo man wie ein Tiger ſchleichen, wie eine Schlange hin⸗ gleiten,— wo man den Tod, ohne daß man auch nur die Flinte ſieht, die denſelben ausſpeit, entſenden muß, — wo man den Körper ſchlechterdings nicht zeigen darf, wie ſehr man auch durch die Hoffnung, einen ſchönen Schuß zu thun, ſich dazu verſucht finden könnte, die Vorſicht das erſte Element der Wüſten⸗Strategie. Windſeufzer, der ganz erſtaunt war, ſich mit heiler Haut ſchon ſeit einigen Augenblicken an dem Orte zu ſehen, wo die zwei Krieger, die ihm vorangegangen, den Tod gefunden hatten, war dem erhaltenen Befehle gemäß ſtehen geblieben. Obgleich die dicken Wolken, die den Himmel be⸗ deckten, die Luft verdüſterten, ſo unterſchieden doch die ſtets wachſamen Augen des Indianers ſelbſt die klein⸗ ſten Felſenſpalten ganz deutlich, und es war ihm ein Leichtes, zu ſehen, daß der Lauf einer Büchſe ſeinen Bewegungen nicht folgte, wie es doch die zwei erſten Male der Fall geweſen war. Der Grund war einfach dieſer: Fabian, der anderwärts beſchäftigt war, vermuthete nicht einmal die Anweſenheit Windſeufzers, während letzterer dieſe Stille und dieſe Unthätigkeit, dem Feinde gegenüber, irgend einer Liſt zuſchrieb, die er nicht be⸗ greifen konnte. Nichts deſtoweniger erwartete er jeden Augenblick, von einer unſichtbaren Waffe zu Boden ge⸗ ſtreckt zu werden. Der rothe Krieger mußte alſo einen langen und furchtbaren Augenblick durchleben, und es hatte derſelbe ſo viel Zeit, um den zwei Waiſen, die er mittellos in 286 gen Weibe und dem Kinde, die erſt eine ſo kleine An⸗ zahl von Sonne zählten, eine ganze Welt von Ge⸗ danken zu ſchenken. Während es oben auf der Pyramide ſo ſtille war, kämpfte der Indianer, entſchloſſen zu ſterben, und unbe⸗ weglich an der verhängnißvollen Grenze ſtehend, die er nicht überſchreiten ſollte, wider die gebieteriſche Pflicht, die ihn an ſeinen Platz feſt bannte, und wieder den nicht minder gebieteriſchen Inſtinkt der Selbſterhaltung, der ihn zum Weitergehen antrieb, da er der Gefahr getrotzt, und dieſe ihn anſcheinend verſchmäht. Gewiß hatte der Krieger der Wüſte zur Befriedi⸗ gung ſeines Gewiſſens genug gethan; der Selbſterhal⸗ tungstrieb trug den Sieg davon. Der Indianer überſchritt die Grenze, die Miſchblut bezeichnet. Ueber ihm war es immer noch gleich ſtill, und der Apache hatte den Fuß der Pyramide erreicht, ohne daß ihn Etwas geſtört. Durch dieſes unerwartete Glück ermuthigt, wagte der Indianer der Hoffnung Raum zu geben, daß es ihm gelingen würde, den Feinden die letzte Waffe, die ihnen blieb, mit eigenen Händen, und ohne vaß er dieſe Hel⸗ denthat mit ſeinem Leben zu bezahlen hätte, zu entreiſ⸗ ſen. Im Uebrigen hatte er ja ſein Leben im Voraus geopfert, und ſein Loos konnte auf keinen Fall ſchlim⸗ mer ſein, als das, welches ihm beſtimmt worden war. Er wußte, daß das Auge der beiden Anführer al⸗ len ſeinen Bewegungen folgte, und nachdem er noch einen Augenblick Halt gemacht, gab er den zwei hinter den Büffelhäuten verſteckten Banditen ein Zeichen⸗ Dann fing er, nicht weniger als ſeine beiden An⸗ führer über die unerklärliche Unthätigkeit der Belagerten erſtaunt, an, den fteilen, abgeſtumpften Hügel langſam zu erklimmen. Windſeufzer ſtieg mit ſo vieler Vorſicht und ſö vie⸗ ler Leichtigkeit den Hügel hinan, daß auch nicht ein losgeriſſenes Steinchen,— daß auch nicht ein unter ſei⸗ nen Füßen abgelöster Erdkloß durch ſein Hinabrollen die Anweſenheit eines Feindes verrieth. In dem Augenblicke, wo der Indianer mit dem Kopfe das Niveau der Plattform überragte, horchte er, ohne ſich zu rühren. Kein Athemzug, kein Wort drang bis zu ſeinen Ohren. Dann wagte es der Indianer, einen Blick über einen der Steine hinzuwerfen, welche die Belagerten ſchützten. Es war der Augenblick, wo Fabian, auf der Spitze der Pyramide liegend, und den Bewegungen ſei⸗ ner beiden Gefährten mit aufmerkſamem Auge folgend, dieſelben hinter dem Schilfe des Sees verſchwinden ſah. Ehe der Jüngling, durch den ungeheuren Antheil, den er an dem Gelingen des kühnen Plans des Spa⸗ niers und des Canadiers nahm, von allem Uebrigen abgezogen, ſich umkehrte, um nun auch die auf der ent⸗ gegengeſetzten Seite befindlichen Feinde zu überwachen, hätte der Indianer ſo viel Zeit gehabt, daß er ihm mit ſeinem Beil hätte den Kopf ſpalten können; aber er war einer jener Menſchen, die dazu beſtimmt worden waren, ihr Leben zu opfern, um es dem großen Häupt⸗ linge möglich zu machen, ſeine Rache zu befriedigen; daher war auch das Leben Fabians dem Apachen heilig. Der Indianer wollte den Karabiner des weißen Jägers haben, und anſtatt den Arm auszuſtrecken und zuzuſchlagen, kroch er hin, um demſelben die Waffe, nach der ihn gelüſtete, zu entreißen. In demſelben Augenblicke wandte ſich Fabian um. Beim Anblicke dieſes mit Malereien bedeckten Ge⸗ ſichts, in dem zwei Augen, ähnlich denen einer wilden Katze, glänzten, fühlte Fabian, da er nicht wußte, ob nicht noch andere Feinde auf der Plattform wären, einen Schauer des Schreckens; indeſſen dauerte dieß nur eine Sekunde. Einen Hülferuf unterdrückend, der ſeine Gefährten hätte verrathen, und denſelben den Rückzug hätte un⸗ ——————— F— 7 möglich machen können; in die Unmöglichkeit verſetzt, ſich ſeines Karabiners zu bedienen, den der Indianer beim Laufe gepackt hatte, umſchlang der unerſchrockene Jüngling ſchweigend den Körper des rothen Kriegers. Es folgte ein erbitterter Kampf. Bei der Vertheilung ihrer Gaben unter die ver⸗ ſchiedenen Menſchenracen hat die Natur dem Indianer ſo gelenke und kräftige Kniekehlen gegeben, daß nur ſehr wenige Weiße es ihm an Flinkheit gleich thun; allein auf der andern Seite hat ſie den Armen des In⸗ dianers bei Weitem nicht die Kraft verliehen, die dem Weißen eigen iſt. Windſeufzer mußte in dieſer Beziehung eine bittere Erfahrung machen. Zweimal wälzten ſich die in einander verſchlungenen Gegner mit beſtrittenem Vortheil über die Plattform hin, und, in der Hitze des Kampfes ging der heftig ge⸗ rüttelte Karabiner los, ohne daß einer dercheiden Käm⸗ pfenden getroffen worden wäre. Dieß war der Schuß, den die beiden Jäger gehört hatten, welche ſelbſt einen nicht minder furchtbaren Strauß zu beſtehen hatten. Endlich gewann Fabian, der ſtärker war als der Indianer, die Oberhand: es gelang ihm, ſeinen Feind unten zu erhalten. Dann tauchte der junge Spanier mit einer Hand, deren Stöße Windſeufzer, welcher den ergriffenen Kara⸗ biner um keinen Preis wieder fahren laſſen wollte, nicht raſch genug pariren konnte, ſein Meſſer dem Apachen in die Bruſt. Unglücklicher Weiſe waren, von Anſtrengung zu Anſtrengung, der Weiße und der Indianer an einem der Enden der Plattform angelangt. Unter ihm toste dumpf der Abgrund; der feuchte Staub der Cascade, die ſich in der Tiefe des Abgrun⸗ des brach, vermiſchte ſich mit ihrem Athem, und die — 3— —— e—— — v MW—— — letzten Auſtrengungen des ſterbenden Indianers bezweck⸗ ten, Fabian mit hinabzureißen. Letzterer ſuchte ſich vergebens aus der verzweifelten Umarmung des rothen Kriegers zu befreien. Einen Augenblick fühlte der Jüngling, wie ſeine erſchlafften Muskeln nachgaben und ihren Dienſt ver⸗ ſagten; allein die Furcht vor einem entſetzlichen Tode weckte ſeine ſchon erlahmende Kraft wieder, und er konnte den Abgrund noch vermeiden. Indeſſen konnte er den Indianer nicht verhindern, ihn ganz nahe an den Abgrund hin mit fortzureißen⸗ Fabian, der Indianer, und der Karabiner, den die Hand des Letzteren nicht losgelaſſen, rollten mit einan⸗ der auf dem faſt ſenkrechten Abhange der Pyramide fort. Die beiden Feinde, die einander fortwährend um⸗ ſchlungen hielten, prallten mit einem Male furchtbar auf, als ſie den Grund der Schlucht berührten. Fabian fühlte, wie die Arme des Indianers, durch den Tod ge⸗ lähmt, ihre Beute fahren ließen. Dann fühlte er Nichts mehr. Sein Kopf war auf die Spitze eines der auf dem Boden liegenden Steine gefallen, und der junge Graf blieb, wie der Indianer, ohnmächtig liegen. Es waren alſo lange, lange Minuten verſtrichen, von dem Knalle des Karabiners bis zu dem Augen⸗ blicke, wo der Canadier, ohne auf ſeine verzweifelten Rufe eine andere Antwort, als das Pfeifen des Windes in den Tannenbäumen zu erhalten, mit dem Kopfe die Plattſorm erreichte. Ein Ausdruck höchſter Angſt verzerrte die Züge des alten Jägers. Als ſein Geſicht die Spitze der Pyramide überragte, als ſeine Augen auf dem noch friſchen Grabe Don An⸗ tonio's die tiefen Spuren eines erbitterten Kampfes ge⸗ wahrten; als er ſah, daß die ſteinerne Verſchanzung zerſtört auf dem Boden herumlag, ſtieß er einen furcht⸗ Der Waldläufer. M. 19 290 Schrei aus; Fabian war nicht mehr auf der Platt⸗ orm. In dieſem Augenblicke brach das Gewitter in ſei⸗ ner ganzen Heftigkeit los Der Donner rollte und machte alle Echos gellen. Raſch und dicht, wie der Hagel, ſolgten die Blitze ohne Unterbrechung auf einander. Die Erde bebte unter dem Zuſammenſtoße der ſchwar⸗ zen Wolken mit ihren electricitätsſchwangeren Seiten: dann ließen dieſe dunklen Maſſen Regenſtröme herabfal⸗ len, wie wenn alle Fenſter des Himmels ſich mit einem Male geöffnet hätten. Roſenholz rief ſeinem Kinde bald mit donnernder, bald mit gebrochener Stimme, während er, im ſtrömenden Regen, alle Winkel der Plattform mit graſſem Auge durchſuchte. Sie war verlaſſen! kein lebendes Weſen war dar⸗ auf zu finden. „Bück' Dich doch! bück Dich doch! Roſenholz,“ i Pepe, der nun ſeinerſeits die Pyramide erklommen hatte. Der Canadier hörte ihn nicht, und doch ſtand mit einem Male der Meſtize auf den Felſen, ihnen gegen⸗ über, ähnlich einem jener böſen Geiſter, die durch eine Zuckung der Elemente aus der Erde emporgerufen worden. „Aber bück Dich doch, ums Himmelswillen!“ wie⸗ derholte Pepe;„biſt Du denn lebensſatt?“ Ohne die Anweſenheit Miſchbluts, deſſen Büchſe gegen ihn gerichtet war, auch nur zu vermuthen, neigte ſich Roſenholz, und ſuchte ſein Kind mit dem Auge am Fuße der Pyramide. Selbſt der Leichnam des Indianers war nicht mehr ort. Als der Canadier den Kopf wieder aufrichtete, be⸗ merkte er zum erſten Male den Meſtizen. Beim Anblicke des Menſchen, den er mit vollem Rechte als den Urheber all' des Unglücks betrachtete, das ihn getroffen, fühlte ſich der Waldläufer von Haß er⸗ as r⸗ füllt; allein er fühlte auch, daß das Schickſal Fabians in den Händen des Meſtizen läge, und legte der ſeine Bruſt erfüllenden Wuth Stillſchweigen auf. „Miſchblut,“ rief mit flehender Stimme der Cana⸗ dier, deſſen Stolz die Angſt Stillſchweigen auferlegte, „ich laſſe mich vor Dir bis zur Bitte herab; wenn in Deinem Herzen noch ein Funken von Mitleid iſt, ſo gib mir das Kind zurück, das Du mir genommen.“ Während Roſenholz dieſe Worte ſprach, blieb er, dem Schuſſe des Banditen ausgeſetzt, aufrecht ſtehen, während Pepe, durch die Stämme der Tannenbäume geſchützt, ihm vergebens zurief, daß er ſich in Acht neh⸗ men ſolle. Ein Hohngelächter war die alleinige Antwort des Wüſtenräubers. „Sohn einer tollen Hündin,“ ſchrie Pepe ſeiner⸗ ſeits, indem er, mit entblößter Stirne und voller Wuth über die Demüthigung und den Schmerz ſeines alten Gefährten, dem Meſtizen gegenüber trat,„wirſt Du antworten, wenn ein Weißer von reiner Race Dir die Ehre anthut, mit Dir zu ſprechen?“ „Schweig, ich bitte Dich darum, Pepe,“ unterbrach ihn Roſenholz;:„reize den Menſchen nicht, in deſſen Hän⸗ den das Leben meines Fabian ruht. Hör' ihn nicht, Miſchblut: der Schmerz raubt meinem Gefährten die Beſinnung.“ „Auf die Knie nieder!“ ſchrie der Bandit,„dann höre ich Dich vielleicht an!“ Das Blut färbte in noch dunklerem Tone die ent⸗ blößte Stirne des Canadiers, den dieſe freche Sprache zittern machte, und der in dieſem Augenblicke einem der Tannenbäume zu vergleichen war, deren gewaltige Aeſte der Sturm über ihm beugte. „Der Löwe wird ſich nie vor dem Schakal beugen,“ ſagte Pepe dem Canadier lebhaft ins Ohr;„denn der Schakal würde den kriechenden Löwen verſpotten.“ 292 „Was thut es?“ antwortete Roſenholz mit pein⸗ licher Einfalt. Der Stolz des Kriegers, der nicht einmal eine Hand in die Höhe gehoben hätte, um ſein eigenes Leben zu retten, ward durch die zärtliche Liebe des Vaters beſiegt. Der alte Waldläufer kniete nieder. „Ah! das geht zu weit, Du Baſtard eines Ban⸗ diten und einer indianiſchen Hure,“ brüllte Pepe, deſſen Geſicht feuerroth war, während ſich ſeine Angen befeuch⸗ teten, als er den Canadier mit gebücktem Körper und gebeugtem Knie vor dem Wüſtenräuber ſah;„das heißt, ſich vor einem Banditen ohne Treu und Glauben und ohne Herz allzuſehr demüthigen. Komm, Roſenholz, wir werden uns dafür Genugthuung zu verſchaffen wiſ⸗ ſen, wenn auch hunderttauſend Teufel... Bei dieſen Worten ſprang der ungeſtüme Jäger, durch die Liebe, die er Fabian gelobt, und hauptſächlich durch die innige Freundſchaft für den Canadier hinge⸗ riſſen, wie eine Gemſe auf den Abhang der Pyra⸗ mide zu. „Ah! So iſt es!“ ſchrie der Meſtize. Und er feuerte auf Roſenholz, der ſein Mitleid für Fabian anflehte. Allein der Regen ſtrömte immer noch ſo ſtark herab, daß der Hahn der Flinte vergeblich auf der Zündpfanne aufſchlug. Zwei Mal machte der Flintenſtein unnütze Funken herausſprühen. Empört über dieſen mörderiſchen und perſiden Ver⸗ ſuch wider einen flehenden und entwaffneten Feind, und Nichts mehr von dem Mitleid des Meſtizen hoffend, folgte Roſenholz Pepe nach, ohne an die Anzahl von Feinden, welche die Felſen noch verbergen konnten, zu denken. Ebenſo wenig hatte Pepe daran gedacht. Roſenholz ſtieg aber erſt den Hügel hinab, während M — 8 N v— Pepe, den Dolch in der Hand, bereits um den Hag des Goldthals bog. „Komm doch herbei, Roſenholz!“ ſchrie der Spanier, der hinter der Felſenkette verſchwunden war.„Die Spitz⸗ buben haben ſich aus dem Staube gemacht!“ Dies war der Wahrheit ganz gemäß; abek in demſelben Augenblick fing der allein gebliebene Meſtize an, ſich nach der Spitze der Nebelberge hin zurück⸗ zuziehen. „Halt, wenn Du nicht ebenſo feig, als blutdürſtig biſt,“ ſchrie der Canadier, der vor Wuth bebte, als er ſah, wie der Mann, der ihm Fabian geraubt, ſeiner Rache entging. „Miſchblut iſt kein Feigling,“ antwortete der Me⸗ ſtize, ſeine indianiſchen Gewohnheiten wieder annehmend. „Der Avler der Schneeberge und der Spottvogel wer⸗ den ein drittes Mal mit ihm zuſammentreffen und dann wird es ihnen ergehen, wie dem jungen Krieger aus Mittag, den die Indianer umtanzen, und deſſen Fleiſch ſie den herumirrenden Hunden der Prairien hinwerfen werden.“ Der Canadier ſetzte ſeinen verzweifelten Lauf fort; pald hatte er den Spanier wieder eingeholt. Bei ihrer hoffnungsloſen Verfolgung ſchienen die beiden Jäger der Schwierigkeiten des Bodens, der ſchlüpf⸗ rigen Felſen, über die ſie ſteigen mußten, gar nicht zu achten. Durch den Regenvorhang hindurch war Miſchblut immer noch ſichtbar. Bald aber ſahen ſie ihn über den Gipfel der Berge wegſteigen, und in dem ewigen Nebel, der denſelben bedeckte, verſchwinden. „Ah! nicht einmal eine Flinte zu haben!“ ſchrie Pepe, mit dem Fuße wüthend auf den durch den Regen erweichten Boden ſtampfend. „Die Hoffnung meines Lebens iſt dahin!“ rief der alte Waldläufer mit gebrochener Stimme, als er einen Augenblick Athem ſchöpfte, während der Regen des 294 Himmels ſeine Stirne, auf der ſich ein düſterer und nagender Kummer malte, überſchwemmte. Beide fingen wieder an, die Felſen hinan zu ſteigen, um die Spuren ihrer Feinde aufzufinden; allein ein ſtrömender Regen ſtürzte auf die Erde herab, und ver⸗ wiſchte die kaum gebildete Spur ihrer Füße wieder. Die Dunkelheit verdoppelte ſich, denn die Nacht rückte raſch heran, und der Felſen verrieth keine menſch⸗ liche Spur. Der Spanier und der Canadier verſchwanden bald ſelbſt unter dem Dunſtbaldachin der Berge. Unter ihnen tobte der Sturm auf der Ebene: die Erde ſchien von den mit einem Male entfeſſelten Geiſtern der Finſterniß in Beſitz genommen zu ſein. Bald krachte der Donner fürchterlich, bald kniſterte der Blitz, wie die Funken des entzündeten Holzes, indem er den in Staub zerfahrenden Gipfel der Felſen traf; lange Blitze umſchloſſen mit ihren blendenden Lichtſtrö⸗ men Goldthal, Wüſte und Pyramide. Dieſes bläuliche Licht ließ das Pferdeſkelett, das wieder einen Anſchein von Leben erhielt, ſowie die zwei Tannenbäume ſehen, die unter dem Einfluſſe des heftigen Windes wie beſchei⸗ dene Gelbveilchen in einer Felſenſpalte zitterten⸗ Bei einem dieſer plötzlichen Lichter hätte man die zwei Jäger ſehen können, wovon der eine den andern traurig auf der Spitze eines Felſenſtückes ſitzenden ver⸗ gebens zu tröſten ſuchte. Beide warfen einen düſtern und kummervollen Blick auf die tiefen Schluchten, in denen der Wind ſich pfeifend verfing, oder auf die eie⸗ grauen Gipfel, die, wie die Pfeifen einer gigantiſchen Orgel, unter dem Athem des Ewigen zu brauſen ſchienen. Wäre nach Einbruch der Nacht irgend ein Reiſen⸗ der in den Nebelbergen umhergeirrt, ſo hätte er hören können, wie ſich mit dem Toſen des Sturmes, bald ein Gebrüll, ähnlich dem des Löwen, dem man ſein Junges geraubt, bald klagende Töne vermiſchten, ähnlich denen der in der Wüſte von Rama weinenden Rachel, die ———— — ſich nicht tröſten laſſen will, weil ihre Kinder nicht mehr ſind. Als endlich das Gewitter ausgetobt, liefen Pepe und Roſenholz noch in der Irre in den Bergen herum⸗ ohne ihren jungen und tapfern Gefährten,— ohne Waffen,— ohne Lebensmittel, eine jener fürchterlichen Phaſen des Lebens der Wüſte anfangend, wo der Jäger, jedes Mittel, gegen den Hunger zu kämpfen, beraubt, ſich ebenſo wenig vor der verächtlichen Grauſamkeit des Indianers, oder vor hungrigen reißenden Thieren zu ſchützen vermag. Und doch hatten dieſe zwei unerſchrockenen Männer ſich enſchloſſen, ihre Verfolgungen fortzuſetzen, denn die Sonne war im Begriffe, dieſe unheilvollen Einöden noch einmal zu erleuchten; und ſchon erloſchen von dem ſich aufhellenden Himmelsgewölbe, wie die erſterbenden Lichter eines mächtigen Feſtes, die Sterne nach einander in dem Morgennebel. Neunundfünfzigſtes Kapitel. Erinnerungen und Klagen. Es gibt Ereigniſſe, die, ſo nichtsbedeutend ſie auch manchmal dem Anſchein nach ſind, den raſchen Gang der Begebenheiten zu unterbrechen ſcheinen, ähnlich den Wolken unter gewiſſen Breitegraden der tropiſchen Zone. Dieſe Wolken, weiß und leicht, wie eine aus dem Flügel einer Möve geriſſene Feder, in der Luft über dem Ocean. Das Auge des Wanderers verſchmäht es, ſich mit 296 ihnen zu beſchäftigen, aber der Seemann folgt ihnen aufmerkſamen Blickes; denn oft wird das unbeachtete Wölkchen ſtärker, es breitet ſich aus, und bedeckt mit einem düſtern Schleier das Blau des Himmels; und jene ſchrecklichen Stürme, die das Meer aufwühlen und den Schiffen Takelwerk und Segel nehmen, entſtehen nur aus dem Schooße jener anfangs kaum bemerkbaren Dünſte. Und däs iſt die Geſchichte des Lebens. Wie viele unbedeutende Umſtände gibt es nicht, die ereignißſchwan⸗ ger find, und womit der Menſch ſich nicht beſchäftigen mag, oder womit er ſich doch nur einen Augenblick be⸗ ſchäftigt, um Alles alsbald wieder zu vergeſſen; wie es den drei Jägern mit dem Rindenkahne gegangen war, der für ſie die gewitterſchwangere Wolke der tropiſchen Gegenden geweſen. Im Begriffe, auf einen entfernteren Schauplatz die Scenen zu verſetzen, welche den letzten Act bilden werden, müſſen wir den Leſer bitten, ſich einige Vorfälle ins Gedächtniß zurückzurufen, weil ſie die Vergangenheit mit der Zukunft enge verknüpfen. Vielleicht hat man nicht vergeſſen, daß, bei der Unterredung des Meſtizen mit dem Schwarzvogel, der Räuber dem indianiſchen Häuptlinge einige Worte in's Ohr geflüſtert hatte, und daß bei dieſen Worten Blitze des Zornes aus den Augen des apachiſchen Kriegers hervorgeſprüht waren. Der Meſtize hatte damit geendigt, daß er den Schwarzvogel hoffen ließ, er würde Für Baraja, ſeinen Gefangenen, ihm einen Indianer von ſtarkem Herzen und mit ſtählernen Kniekehlen in die Hände geben. Ferner hatte er ihm verſprochen, daß er die ihm im Kampfe getödteten Pferde erſetzen würde, und endlich hatte er ihm, auf den dritten Tag, am rothen Fluſſe, in der Nähe des Büffelſees, ein Stelldichein gegeben. Nachdem wir dieſes vorausgeſchickt, wollen wir 1 P einen Augenblick auf die Ereigniſſe zurückkommen, die auf der Hacienda del Venado vor ſich gegangen waren. Dieſes Zurückgreifen iſt zum Verſtändniß der That⸗ ſachen, die wir nun erzählen werden, durchaus noth⸗ wendig. Auch iſt dasſelbe zur Harmonie des Ganzen erſorderlich, denn vielleicht haben wir uns ſchon allzu⸗ lang bei den wilden Scenen des Wüſtenlebens aufge⸗ halten, das bisweilen das unſere geweſen iſt. Eine Landſchaft iſt nach unſern Begriffen nur dann vollſtändig, wenn es nicht an gewiſſen Contraſten man⸗ geli. Die Phantaſie wird bald der Gegenden müde, die nur zerriſſene Felſen, jähe Berge, und düſtere Wäl⸗ der darbieten. Das Auge fühlt, gleich der Phantaſie, pald das Bedürfniß, ſich in ferne Horizonte in den Nebel unabſehbarer Ebenen zu verlieren. Es liebt es, auf einem Waſſerpfuhle inmitten der Landſchaft auszu⸗ ruhen,— auf einem Waſſerpfuhle, der ſich da befindet, um den Himmel zu ſpiegeln, ſei es daß dieſer ſein reines Blau entfaltet, ſei es daß Wolkengruppen, durch die Sonne gefärbt, über den irdiſchen Gegenſtänden durch die Luftebenen hinziehen. Der Menſch liebt es, daß man ihn an den Him⸗ mel erinnere. Iſt das Weib inmitten des Gemäldes der rohen Sitten der Wüſte nicht das, was für eine ſtrenge Land⸗ ſchaft das ſchattige Thal und der zu Träumereien auf⸗ fordernde Horizont find,— was endlich für die Felſen und Wälder der Pfuhl klaren Waſſers iſt, der die Har⸗ monien des Himm ls hier unten wiederholt? Nach der jähen Abreiſe des Don Eſtevan de Are⸗ chiza und ſeines Gefolges, nach der Flucht des Tiburcio Arellanos war die Hacienda del Venado, wo es den Tag zuvor noch ſo geräuſchvoll zugegangen war, wieder in die gewohnte Ruhe verſunken. Wie an dem Tage, wo der jetzt mit ſeinen Ge⸗ fährten in der Nähe der Nebelberge ſeinen ewigen Schlaf ſchlafende Spanier, bei Sonnenuntergang, an⸗ 298 gekommen war, bot die Hacienda bei Sonnenaufgang in dem Augenblick, wo wir dahin zurückkommen, ein Schauſpiel ruhigen Wohlſtands und Glücks dar. Die Herden ſprangen wie gewöhnlich auf der großen Ebene umher, in deren Mitte ſich das Haus Don Aguſtins erhob. Nur grünten jetzt auf dieſem fruchtbaren Boden neue Ernten anſtatt der alten; auch die Olivenbäume zeugten neue Blüthen, die der Wind hin und her bewegte. Die Arbeiter kamen aus ihren Hütten hervor, um die am verfloſſenen Tage unterbrochene Arbeit wieder aufzunehmen; aber in dem Hofe der Hacienda deuteten geſattelte Pferde und beladene Maulthiere darauf hin, daß eine Reiſe angetreten werden ſollte. Vielleicht hat man die Pferdejagd nicht vergeſſen, womit der Eigenthümer der Hacienda ſeinen Gäſten ein Vergnügen bereiten wollte, und welche dieſe, wie von uns berichtet worden, mit der Bereitwilligkeit ſo vieler Leute angenommen hatten, die da glauben, daß der morgende Tag Jemand gehoͤre. Die Ereigniſſe, die ſich ſo plötzlich entwickelt, hatten ihnen das Gegentheil bewieſen. Allein Don Aguſtin hatte, voll Vertrauen auf das Gelingen der Pläne Don Eſtevan's, und wenn auch über ſeine plötzliche Abreiſe betrübt, doch für den Senator, ſeinen künftigen Schwie⸗ gerſohn, ſowie für ſich ſelbſt nicht auf die Vergnügungen verzichten wollen, die er ſich verſprochen hatte. Alles war parat, und es ſollte daher die Jagd Statt finden. Die Pferde warteten auf ihre Reiter,— das der Dona Roſarita ſo gut, wie die übrigen. Der Senator, der ſich von der Anweſenheit eines gefürchteten Nebenbuhlers, und von der Don Eſtevan's befreit ſah— denn Letzterer genirte ihn durch die Art Vormundſchaft, die er ausübte — war freudeſtrahlend. NVicht ſo verhielt es ſich mit der Tochter des Ha⸗ cenderv. c—— 8 3 ———— —— Ihr blaſſes Geſicht zeigte noch die Spuren ihrer Thränen, und der ſchlaflos verbrachten Nacht. Verge⸗ bens affektirte ſie einen Anſchein von Heiterkeit, wie die Sonne die feuchten Dünſte zu durchdringen ſucht, die das Gewitter vom vergangenen Tage im Oſten gelaſſen hat; allein wie die im Nebel begrabene Sonne hatten ihre Augen nicht mehr den Glanz, den man am ver⸗ gangenen Tage an ihnen bemerkt. In dem Augenblicke, wo man zu Pferde ſteigen ſollte,— als Don Aguſtin das Zeichen zur Abreiſe gab, klagte Roſarita über ein plötzliches Unwohlſein, deſſen Wirk⸗ lichkeit ihre Bläſſe nur zu ſehr rechtfertigte. Sie bat ihren Vater um Erlaubniß, allein bleiben zu dürfen. Argerlich über dieſes neue Hinderniß, wollte der Hacendero, während er innerlich alle Frauenkrankheiten verwünſchte, nichts deſto weniger in Geſellſchaft des Senators Tragaduros auf die Jagd gehen, als ein Zwiſchenfall ſeine üble Laune noch vermehrte. In dem Augenblicke, wo er zu Pferde ſteigen wollte, kam ein Vaquero mit verhängtem Zügel herangeſprengt, um Don Aguſtin zu benachrichtigen, daß, da die Trei⸗ ber die Aguage*) ausgetrocknet gefunden, es nöthig wäre, eine andere aufzuſuchen, und daß deßhalb die Jagd erſt in acht Tagen Statt finden könnte. Don Aguſtin ſah ein, daß er ſeine Tochter den Mühen eines ſolchen Suchens nicht ausſetzen könne; er ſchickte daher den Vaquero mit dem Befehle zurück, daß er ihn benachrichtigen ſolle, ſobald er einen Teich gefunden, wo die wilden Pferde ihren Durſt ſtillten. Und ſo wurde die Jagdpartie aufgeſchoben. Der Senator war gar nicht ärgerlich über dieſen Zwiſchenfall, der, ſo einfach er auch war, doch ſehr ernſte Folgen haben ſollte. Die Mahnungen Don Eſtevan's, daß er ſich vor Dona Roſario durch irgend *) Tränke. — —=— 300 eine kühne That auszeichnen ſolle, hatten zwar die Wirkung gehabt, daß der Senator gar kriegeriſche Träume gehabt hatte. Sobald er, nach dem Weggang des ſpaniſchen Edelmanns, wieder eingeſchlafen war, hatte er in ſeinen Träumen alle Heldenthaten der Cen⸗ tauren weit überflügelt; allein ſein Erwachen hatte ihm das Mißliche der Wirklichkeit dargethan, und er hatte an dem Entſchluſſe feſtgehalten, bei der Rolle des zu den Füßen der Omphale ſpinnenden Herkules, als einer minder gefährlichen und leichter zu ſpielenden, zu bleiben. Was Roſarita betrifft, ſo war ihr Unwohlſein nichts Anderes, als ein gebieteriſches Bedürfniß, allein zu bleiben und zu träumen, und ſie hatte daſſelbe im Augenblicke der Abreiſe nur darum ſo plötzlich vorge⸗ ſchützt, daß eine Partie nicht aufgeſchoben werden möchte, die ihr die Einſamkeit verſchaffen ſollte, wonach es ſie ſo ſehr verlangte. S Für ein Weib, in deren Herz eine plötzliche Liebe ſich geltend macht, die ſie lange gehegt, ohne ihre Macht zu ahnen, liegt in den ungeſtümen Wallungen des Buſens Etwas von der Ueberraſchung, die es einem Gott verurſachen würde, wenn er die Strahlen, die ihn umgeben, nach einander verſchwinden ſähe; es liegt darin Etwas von jenem Staunen, das man bei der Betrachtung der an einem heitern Himmel ſich zeigen⸗ den Blitze, oder beim Anblicke der Flammen fühlt, die der Vulcan unter dem Schnee hervorſpeit, deſſen reine Weiße die untergehende Sonne bis dahin allein purpur⸗ roth färbte. Hat das Herz der Jungfrau, die ſich ſelbſt noch nicht kennt, nicht den Glanz der göttlichen Strah⸗ len? Hat daſſelbe nicht das Azurblau des Himmels und die Lubaſeäie Weiße des Schnees auf den hohen Ber⸗ en? Roſarita fragte ſich in der Stille von Neuem; Stimmen, die ihr bis daher unbekannt geweſen waren, ———— — e angen die keuſchen Melodien der entſtehenden Liebe ihr in das Ohr. Dann fühlte ſie eine unendliche Leere in ihrem Herzen, denn der, den dieſe Stimmen nannten, war ncht mehr da. e Wo war er? Und die Tage verfloſſen, ohne daß man es ihr ſa⸗ gen konnte. 3 Während dieſer ganzen Zeit hatte der Senaior, wir müſſen es geſtehen, den Platz, den er bis zur Ka⸗ pitulation treiben ſollte, ziemlich geſchickt belagert. Dank dem großen Credit, den Don Eſtevan ihm bei dem Harendero eröffnet, und wovon Tragaduros einen erſchöpfenden Gebrauch machte, war es ihm gelungen, das Mädchen anfänglich ein wenig zu zerſtreuen, und dann den tiefen Kummer deſſelben einigermaßen zu lindern. Geſchenke, Ueberraſchungen, in denen ſich eine eifrige Galanterie ausſpricht, üben, als Zeugniſſe eines ſtark verliebten Herzens, auf Weiber ſtets einen mächtigen Zauber aus, der ihre Eigenliebe titzelt, und allmählig den Weg zu ihrem Herzen öffnet. 7 Auch hatte der Senator ein unbegrenztes Ver⸗ trauen zu ſeinen eigenen Verdienſten. Es iſt eine gar nicht zu verachtende Taktik, wenn man ſich bei Frauen unabläſſig rühmt. Wenn ſie einen Mann ſtets ſein eigenes Lob ſingen hören, glauben ſie am Ende ſelbſt Etwas davon, denn jede tiefe Ueber⸗ zeugung iſt eontagiös. Tragaduros beſaß alſo die Kunſt, ſein eigenes Lob zu fingen, indem er die unübertrefflichen Eigen⸗ ſchaften, womit er ſich ſelbſtgefällig bedachte, der Liebe zuſchrieb, die er zu Dona Roſario fühlte. Sich davon nicht überzeugen laſſen wollen, heißt, bei einer Eva⸗ tochter, ihre eigene Macht verkennen, und wenige von den⸗ ſind gegen ſich ſelbſt bis zu dieſem Grade unge⸗ recht. MM— Nv NM NM v—— —————— 302 Und dann iſt man immer für die Frucht ſeiner Arbeit ein wenig eingenommen, und die Frau, die an ihrer Arbeit Gefallen zu finden anfängt, iſt nicht mehr weit entfernt, ſie an Andere gar nicht mehr abtreten zu wollen. Wohin kommt man nicht ſo von einer Fol⸗ gerung zur andern* Die Abweſenheit hat zwar ihre Vortheile. Sie verleiht dem Abweſenden, wie das ferne Azurblau der Landſchaft, einen unendlichen Zauber; allein es gilt dieß doch nur unter der Bedingung, daß ſie ſich nicht allzuſehr verlängere. Und die Abweſenheit des armen Fabian drohte, ſich über die Maßen zu verlängern. Sagen wir indeſſen, um diejenigen zu beruhigen, die ſo gütig ſind, ſich für ihn zu intereſſiren, daß der Abweſende noch mit Vortheil gegen die Verführungs⸗ künſte ſeines anweſenden Rivals kämpfte. So ſtanden die Dinge, etwa vierzehn Tage nach der Abreiſe Don Eſtevans, auf der Hacienda del Ve⸗ nado. Es iſt dieß ein wenig vor der Zeit, wo wir die vom ſpaniſchen Edelmann commandirte Erxpedition wie⸗ der gefunden haben, wie ſie in der Wüſte ihr Lager aufſchlägt. Don Auguſtin hatte der Einſamkeit allein, in der ſeine Tochter lebte, die Melancholie zugeſchrieben, die ſich auf ihrem Geſichte malte. Er ſelbſt fühlte die ganze Laſt einer mit ſeinem feurigen Charakter unvereinbaren Unthätigkeit, und die Rückkehr ſeines Vaquero, der ihm die Nachricht brachte, daß er eine Aguague, ſowie eine zahlreiche Heerde wilder Pferde entdeckt, war eine Ge⸗ legenheit, die er eifrigſt ergriff, um Dona Roſarita einige Zerſtreuung zu verſchaffen, und ſeine eigene Jagd⸗ luſt zu befriedigen. Die Gelegenheit war um ſo günſtiger, als die Aguage von der Hacienda ziemlich weit entfernt war. Es handelte ſich jetzt nicht mehr von einem kleinen Ausfluge, ſondern von einer viertägigen Reiſe. —— † — w W—„ Seit Jahren hatte man im Lande keine Spur von Indianern mehr geſehen; es waren daher nur einige an Strapazen reiche Tage, und dieſe Mühen wurden durch das aufregende Schauſpiel, das die Mexikaner dieſer fernen Gegenden eben ſo gierig, wie das eines Stiergefechts ſuchen, mehr denn aufgewogen⸗ An dem Morgen, wo dieſer Auszug Statt findet, finden wir uns wieder auf der Hacienda del Venado. Die Pferde piaffirten, geſattelt, in dem Hofe neben der Treppe. Die mit Matrazen, Gepäck und Lebensmitteln be⸗ ladenen Mauleſel waren, wie die Relais⸗Pferde, voran⸗ gegangen. Die zwei zur Bedienung ihrer Herrſchaften allein zurückgebliebenen Domeſtiken warteten nur noch auf die⸗ ſelben, um weg zu gehen. Die Sonne ſchoß kaum ihre erſten Strahlen herab, als der Hacendero, der Senator, und Dona Roſario im Reiterkoſtüm oben auf der in den Hof hinausgehen⸗ den Treppe erſchienen. Das Mädchen hatte nicht mehr jene friſchen Far⸗ ben, die es an Schmelz der halb offenen Granate gleich thaten; aber die Bläſſe ihres Geſichts, worin ſich die Melancholie ihrer Seele ſpiegelte, war lieblich zu ſchauen, wie die Morgentinten, die auf die Finſterniß der Nacht folgen, und dem blendenden Azurblau des amerikaniſchen Himmels um Mittag vorangehen. Die Cavalcade machte ſich auf den Weg. Als ſie an der Lücke der Umfaſſungsmauer vorüber⸗ kam, die der, den Roſarita ſtets Tiburcio Arellanos nannte, erſtiegen hatte, um nicht mehr der Gaſt ihres Vaters zu ſein, zog das Mädchen ihren Schleier über das Geſicht herab, um eine ihren Augen ſich entringende Thräne zu verbergen. Und doch hatte die Nacht ſie gar oft überraſcht, wie ſie an demſelben Orte träumte; aber als ſie die Hacienda verließ, kam es ihr vor, als 304 ſage ſie der theuerſten, wie der ſchmerzlichſten ihrer Er⸗ innerungen für immer Lebewohl. Hatte ſie nicht da eines Abends, ohne daß ſie es vermuthete, mit einem Male gefühlt, wie die Liebe in ihren Adern eirculirte? Fing mit dieſer Erinnerung ihr Leben, ſo zu ſegen, nicht erſt an? An einem fernern Orte konnte ſie ja Nichts mehr an Tiburcio erinnern. Ohne daher zu wiſſen, welche Gefahr den, welcher ihre Thränen fließen machte, in dieſem Walde, im Salto⸗de⸗Agua bedroht, ritt ſie durch den dichten Wald und über die rohe, über den Strom führende Brücke. Ungeachtet aller Bemühungen des Senators, ſie zu zerſtreuen, hatte die erſte Tagereiſe für ſie Nichts, denn Trauriges. Ein Paar Stunden von dem Raſtorte, wo die Ca⸗ valcade die Nacht zubringen ſollte, war der Schatten dichter geworden, und die Reiſenden beobachteten ein ernſtes Schweigen, denn der Einbruch der Nacht iſt in der Wüſte feierlich, und fordert immer zur Träumerei auf,— als plötzlich zwei Reiter an ihnen vorüberkamen. Das Ausſehen dieſer zwei Reiter war ſeltſam und unheimlich zugleich. Der eine war ein Greis, der an⸗ vere ein Jüngling. Das weiße Haar des einen, und das ſchwarze des anderen war hinter dem Kopfe durch Bänder von weiß⸗ lichem Leder zuſammengebunden, ſo daß es einen Chi⸗ gnon bildete. Eine Art engen, geſtrickten Käppchens von grobem Faden, das mit einem Federbuſche geſchmückt war, be⸗ deckte die Spitze ihres Kopfes, und war durch ein le⸗ dernes Sturmband feſtgehalten. Beide hatten nackte Beine, aber der Obertheil des Körpers war mit einer ganz grob ausſehenden Woll⸗ decke bedeckt. Es war dieß das Koſtüm der Papagos⸗Indianer; nur in einem Punkte zeigte es eine Verſchiedenheit. —— ———— B 305 Die zwei Reiter trugen nämlichmanſtatt der Pfeile und der Bogen, quer über den Sattel eine lange, ſchwere Büchſe, deren Kolben und Schaft mit Kupfer⸗ nägeln reich beſchlagen waren, und der wilde Blick ihres Geſichtes war gar weit entfernt von dem Ausdrucke ſanftmüthiger Güte, der die Race der ſehr friedlichen Indianer auszeichnet, deren Koſtüm ſie trugen. Dieſen Punkt abgerechnet, würde dieſe Begegnung nichts Beunruhigendes dargeboten haben; die Indianer vom Stamme der Papagos ſind durch ihre ſanften Sitten und durch ihre Ehrlichkeit überall bekannt. Aber dieſe zwei Geſichter gehörten zu denen, die man nicht ſehen kann, ohne ſich zurückgeſtoßen zu fühlen. Dona Roſario trieb ihr Pferd gegen das ihres Vaters hin, während der jüngſte der zwei Reiter das ſeinige anhielt,; um einen Feuerblick auf das Geſicht des Mädchens zu werfen, über deren Schönheit er be⸗ troffen zu ſein ſchien. Die zwei Reiter wechſelten in einer Sprache, die die Mericaner nicht verſtanden, einige Worte, und ritten vorüber, nicht ohne daß der jüngſte ſich mehrere Male umkehrte, um mit dem Auge dem flatternden Schleier und der ſchlanken Taille der Tochter Don Aguſtin's zu folgen. Und dann verſchwanden Beide in dem abendlichen Schatten. „Nie habe ich,“ ſprach Roſarita mit einem Ge⸗ der Unruhe,„zwei Papagos geſehen, die alſo aus⸗ ahen.“ ſo bewaffnet,“ ſetzte der Senator hinzu;„dieſe Burſche kommen mir wie zwei Wölfe in Schafskleidern vor.“ „Pah!“ antwortete Don Aguſtin,„es gibt überall unheimliche Geſichter, ſelbſt unter den Papagos. Was liegt am Ende aber an dieſen zwei Indianern? Mögen ſie ſein, wer ſie wollen,— wir ſind hier zahlreich ge⸗ nug, und auf jedem Fall ebenſo gut bewaffnet, wie ſie.“ Der Waldläufer. M.* 20 „Und gewiß waren auch die, ſo Sie geſehen, nicht — — — —— — 3— 3 3 — 4 6 F K Die Reiſenden ſetzten ihren Weg fort; deſſenun⸗ geachtet aber ſchienen die beiden Unbekannten in der Luft etwas Unheimliches und Unheilverkündendes gelaſſen zu haben. Während der Zeit, die verfloß, bis man das Nachtlager erreichte, vermiſchte ſich der abgemeſſene Tritt der Pferde auf dem trockenen, die Töne hell und deutlich zurückwerfenden Boden allein mit dem letzten Zirpen der Baumgrillen, welche die Finſterniß ſchweigen machte. Bald zeigte der Anblick eines angezündeten Feuers den Reiſenden den Ort an, den die vorangegangenen Do⸗ meſtiken auf dem Felde als Raſtort bis zum folgenden Tage auserſehen hatten. Ein kleines ſeidenes Zelt, das der galante Traga⸗ duros eigens für dieſe Reiſe hatte von Ariſpe kommen laſſen, wurde unter einer Baumgruppe für Dona Ro⸗ ſarito aufgeſchlagen. Als das Abendmahl eingenommen war, zog ſie ſich unter ihr Zelt zurück; allein das Mädchen ſuchte auf den Spitzen ihres Kopfkiſſens vergebens den Schlaf. Sie erinnerte ſich der Nacht, wo Tihurcio nicht weit von ihr ſchlief, als ſie ihn zum erſten Male geſehen, und, wie Tiburcio in jener Nacht ſelbſt gethan, lauſchte ſie, bald unter Thränen, bald lächelnd, dem Bache, der neben ihr murmelte, dem Glöckchen der Capitana⸗Stute, dem fernen Gekläffe der Schakale, dem Geſchrei des Nachtvogels, mit einem Worte, allen jenen vagen Har⸗ monien der Wüſte, die in einem zwanzigjährigen Herzen ſo viele Echos wecken. Was hätte nicht Fabian darum gegeben, wenn er an dem darauf folgenden Morgen, als die Tochter Don Aguſtin's mit Tagesbruch aus ihrem ſeidenen Zelte hervortrat, um wieder zu Pferde zu ſteigen, die bezau⸗ bernde Bläſſe hätte ſehen können, welche die Schlaf⸗ loſigkeit, deren Urſache er geweſen, auf ihrem Geſichte zurückgelaſſen hatte? Wie am vergangenen Tage, machte die Cavalcade ¹ — ſich wieder auf den Weg; Roſarita war noch mehr zer⸗ ſtreut, als den Tag zuvor. Die Erinnerungen, die ſie auf der Hacienda zurückgelaſſen zu haben glaubte, um⸗ gaben ſie überall; denn die Liebe iſt gar ſinnreich im Auffinden täuſchender Aehnlichkeiten, wenn die Analo⸗ gien auch äußerſt ferne genannt werden müſſen. Was auch gewiſſe mißmuthige Menſchen ſagen mögen,— die menſchliche Phantaſie iſt eben ſo geſchickt im Schaffen lieblicher Illuſionen, als im Schmieden troſtloſer Chimären. Auf der ganzen Reiſe, von der Hacienda bis zum Büffelſee— denn dahin begab ſich die Cavalcade— ſchien die Wirklichkeit Fabian zu begünſtigen, und ließ dieſelbe der Phantaſie nur ſehr Wenig zu thun übrig. Als man einige Stunden ſo fort geritten war, ſtieß der einige Augenblicke zurückgebliebene Senator wieder zur Cavalcade. Tragaduros brachte Roſarita triumphi⸗ rend einen Strauß von Lianenblüthen, den er unter⸗ wegs pflückt. GEin kleiner Schrei freudiger Ueberraſchung, der dem Mädchen durch den Anblick dieſer mit ſo glänzenden Farben ausgeſtatteten Glockenblumen entriſſen wurde, bezahlte den Senator für ſeine galante Aufmerkſamkeit. Als aber Roſarita ihm danken wollte, fühlte ſie, wie die Stimme ihr verſagte. Sie wandte ſich plötzlich ab, um nicht auf ihrem Geſichte eine heimliche Aufregung leſen zu laſſen, wäh⸗ rend ihre Hand die von dem Senator überreichten Blu⸗ men, eine nach der andern, fallen ließ. „Großer Gott, was iſt Ihnen?“ rief Tragaduros, der über dieſe unerwartete Bewegung ganz betroffen war⸗ „Es iſt Nichts, es iſt Nichts!“ antwortete das Mädchen, während ſie den ſo plötzlich verſchmähten Strauß in ihrer Hand feſtzuhalten ſuchte Mit dieſen Worten gab Roſarita ihrem Pferde einen Streich mit der Reitgerte, worauf dasſelbe pfeil⸗ 308 ſchnell davon eilte. Sie mußte dem in ihren Haaren pfeifenden Winde einen Schmerzensſeufzer anvertrauen, der ſie beinahe erſtickte. Roſarita hatte ſich erinnert, daß auch Tiburcio einſt auf ihrem Wege Lianenblüthen für ſie geſammelt. Die des Senators ſchienen ihr nun odiös; ſie zerknickte dieſelben convulſiviſch, und warf ſie weit weg. „War denn irgend ein giftiges Inſekt in dieſen Blumen?“ fragte ſie der Senator, als er ſie wieder eingeholt. „Ja,“ ſprach Roſarita mit einiger Anſtrengung, und fühlte ihre Wangen von der Purpurröthe der Blu⸗ men überflogen, die ſie ſo eben weggeworfen. Wir wiſſen jetzt von den geheimen Gefühlen der Dona Roſarita genug, um ihr auf dieſer Reiſe nicht weiter zu folgen. Wir wollen daher am Morgen des vierten Tages die Cavalcade ganz in der Nähe des Büffelſees ankom⸗ men laſſen, wohin wir derſelben vorangehen müſſeß. Sechzigſtes Rapitel. Der Büffeljäger. Der Gila⸗Fluß ergießt ſich, nachdem er die Kette der Nebelberge durchſchnitten, mit einem ſeiner Arme in den Red⸗R ver*), der, nachdem er Texas und die Jagh⸗ gründe der Caiguas⸗Indianer und der Comanches durch⸗ *) Rother Fluß. floſſen, ſich ſeinerſeits nach einem Laufe von etwa hun⸗ dert und achtzig Stunden in den mexikaniſchen Meerbuſen wirft. Sechzig Stunden von der Hacienda del Venado (man darf ſich über eine ſolche Diſtanz in einem Lande, wo Leute, die zwanzig bis dreißig Stunden von einan⸗ der weg wohnen, ſich noch als nahe Nachbarn behandeln, nicht wundern), und etwa eine halbe Stunde von dem Red⸗Fork*) dehnt ſich ein großer, aus Cedern, Kork⸗ eichen, Eichen, Sumachen und Wurzelträgern beſtehen⸗ der Wald aus. Von dem Saume dieſes Waldes bis zu dem Orte, wo der Fluß ſich gabelförmig theilt, bietet der Boden nur eine große Ebene dar, deren Gras ſo lang iſt und ſo dicht ſteht, daß ein Reiter auf ſeinem Pferde über dieſes wallende grüne Meer kaum mit dem Kopfe hin⸗ ausſieht. In einem der geheimſten Winkel des Waldes, und unter den düſterſten, durch den Gipfel ſeiner höchſten Bäume gebildeten Arcaden,— an dem Ufer eines Tei⸗ ches, der vermöge ſeiner Größe ein See genannt wer⸗ den konnte, ruhten etwa ein Dutzend Männer aus. Die einen lehnten ſich mit dem Rücken gegen die Stämme der mehrere hundert Jahre alten Eichen, wäh⸗ rend die andern, auf dem dichten Graſe liegend, womit die Ufer des Teiches bedeckt waren, ſchliefen. Der Teich bildete eine große, klare Waſſerfläche von unregelmäßiger Geſtalt, die ſich einem Trapeze näherte. An dem Ufer, das dem gegenüber lag, wo dieſe Perſo⸗ nen ſich aufhielten, und unter einem durch die Ver⸗ ſchlingung der Aeſte gebildeten Gewölbe verlor ſich ein ſchmaler Kanal inmitten eines Netzes von ſchönem Grün. *) Rothe Gabel. 310 Die Sonne, die erſt ihren Lauf begonnen, warf dieſen Kanal entlang Strahlen, deren Purpurfarbe ſich raſch in ein blaſſeres Goldgelb verwandelte. Das Morgenlicht entfaltete ſich büſchelförmig auf der Oberfläche des Sees, die ihm der grünliche Refler der Bäume, ſo wie der des Azurblaus des Himmels, den ſie wie ein fleckenloſer Spiegel wiederholte, ſtreitig machte. Breitblätterige Waſſerpflanzen,— Seeblumen, die ihre glänzende Oberfläche und ihre einſamen Blumen mit goldenen und ſilbernen Kelchen entfalteten,— lange Guirlanden von graulichem Mooſe, die ſich an den Ae⸗ ſten der großen Cedern wiegten, und bis in das Waſſer hinabreichten, durch deſſen Kryſtall ſie drangen, ver⸗ liehen vollends dieſem Teiche das wildeſte und pittores⸗ keſte Ausſehen. Dieß war der Büffelſee. Dieſen Namen hatte er von den Thieren bekommen, deren Lieblingstränke er früher war; durch die Nähe des Menſchen aber allmählig zurückgedrängt, hatten die Büffel ihn verlaſſen, um noch einſamere Gegenden auf⸗ zuſuchen. Indeſſen zog die iſolirte Lage dieſes Sees noch Herden wilder Pferde an deſſen Ufer, indem ſie ſeine unter tiefem Schatten verborgene Waſſer den offenen Ufern des benachbarten Fluſſes vorzogen. Die Vaqueros Don Aguſtin's hatten bis daher die Spuren einer zahlreichen Cavallada verfolgt, und er⸗ warteten, um mit der Jagd zu beginnen, nur noch die Ankunft des Herrn, die an dem Abende des Tages Statt S. ſollte, an dem wir ſie am Ufer des Büffelſees nden. Auf einer Seite des Sees war ein großer Raum, den die Arxt in der jüngſten Zeit von den Bäumen be⸗ freit hatte, die ihn bedeckten, mit einer dicken und ſtar⸗ ken Verpalliſadirung, beſtehend aus den Stämmen der gefällten Bäume, verſehen. Dieſe Stämme, die ſo tief in dem Boden ſtaken, daß ſie einen durch Nichts zu er⸗ 1 6 ſchütternden Zaun bildeten, waren unter einander noch feſter verbunden durch büffellederne Riemen, die aus noch friſchen Häuten geſchnitten waren, und, durch die Sonne getrocknet und ſo eingeſchrumpft, Bänder bilden, die eben ſo ſolid ſind, wie eiſerne Nägel oder eiſerne Haken. Dieſer Staketenzaun, der, wie die römiſchen Cir⸗ cuſſe, beinahe oval war, bot an einem Ufer des Sees nur eine einzige, ſchmale Oeffnung dar, und um die wilden Pferde durch den Anblick der Arbeiten des Men⸗ ſchen nicht zu erſchrecken, hatten die Jäger⸗Vaqueros den Staketenzaun vermittelſt grüner Zweige und Gräſer ſo gut wie möglich verdeckt. Man fieht leicht ein, daß zu allen dieſen Zurüſtungen die Vaqueros Don Aguſtin's die vierzehn Tage gar wohl gebraucht hatten, die ſeit der gezwungenen Verſchiebung dieſer Jagdpartie verfloſſen waren⸗ Unter den zwölf Männern, die am Ufer und in der Nähe des Büffelſees ausruhten, befanden ſich vier, die der Hacienda del Venado nicht angehoͤrten,— was man gleich beim erſten Blick kühn vermuthen konnte. Anſtatt des nationalen Koſtüms, das die Vaqueros Don Agu⸗ ſtin's trugen, hatten dieſe vier Perſonen der Gewohn⸗ heit jener Leute gemäß, die ihr Leben an den unbeſtimm⸗ ten Grenzen der indianiſchen und der weißen Race zubringen, eine von dieſen zwei feindlichen Racen ent⸗ lehnte Kleidung. Die Sonne hatte, indem ſie das Geſicht der vier Perſonen bronzirte, die Miſchung dermaßen vervollſtän⸗ digt, daß man nicht im Stande geweſen wäre, zu ſagen, ob dieſe mit Moecaſins bekleideten, ganz in Leder ſtecken⸗ den Männer civiliſirte Indianer, oder Weiße, welche die Gewohnheiten der Wilden angenommen, ſeien. Indeſſen hörte die Bizarrerie ihres Anzugs bald auf, poſſirlich zu ſein, denn es waren wenige Stellen an demſelben zu bemerken, die nicht durch Spuren getrock⸗ neten Blutes befleckt geweſen wären. Man hätte ſie 312 für aus dem Schlachthauſe kommende Fleiſcher halten können, wenn ihr wildes, ſtrenges, ſonnverbranntes Geſicht und ihre ganze Haltung nicht auf noch Schlim⸗ meres als auf Fleiſcher hingewieſen hätten. Beeilen wir uns indeſſen, zu ſagen, daß, ungeachtet dieſes unheimlichen Ausſehens, ein mit den Sitten der Wüſte vertrauter Reiſender ſie auf den erſten Blick als das erkannt haben würde, was ſie in der That waren, das heißt, als Büffeljäger, die von den Mühen ihres Gewerbes am Ufer des Teiches ausruhten, an dem dieſe Thiere früher ſich einzufinden pflegten, um zu ſaufen, und wovon er ſeinen Namen erhalten hat. Noch friſche Häute trockneten an der Sonne; ſie waren in einiger Entfernung vom Teiche, in einer klei⸗ nen Lichtung, durch Pfähle feſtgehalten, und bewieſen, daß die Thiere, die ſie jagten, ſich noch von Zeit zu Zeit in der Umgegend zeigten. Was die Jäger ſelbſt betrifft, ſo ſchienen ſie ſich gar wenig um die ſtinkenden Miasmen zu bekümmern, welche dieſe Häute verbreiteten, die die Morgenſonne allmählig härtete. Die tiefe Stille, die rund umher und unter den düſte⸗ ren Arcaden des Waldes herrſchte, wurde von Zeit zu Zeit bloß durch das klägliche Geheul eines großen Hundes unterbrochen, der in dem dichten Graſe beinahe begra⸗ ben war, und bisweilen den Kopf in die Höhe richtete, um ein Gebell des Schmerzens hören zu laſſen. Endlich ſtellte, um ein Gemälde zu vervollſtändigen, deſſen pittoreskes Ganzes der Pinſel beſſer zu reprodu⸗ ciren vermöchte, als die Feder, in der Mitte des durch das Alter ausgehöhlten Stammes einer großen Eiche, deren ſtarke Aeſte den See noch beherrſchten, eine kleine hölzerne Statue ziemlich roh eine Madonna vpr. Die kleine Statue war mit friſchen Blumen ge⸗ ſchmückt, die eine fromme Hand täglich zu erneuern ſchien. . 6 ℳ —— Einer der Jäger, der vor derſelben auf den Knien lag, verrichtete andächtig ſein Morgengebet. Es war ein Mann von hohem Wuchſe; dem An⸗ ſchein nach war er mit einer Stärke begabt, die der der Thiere gleichkam, aus deren Jagd er ein Gewerbe machte. Es ſchien in ſeinem Gebete eine außergewöhnliche Inbrunſt zu liegen. Auch war daſſelbe von Seiten des Büffeljägers wirklich die Erfüllung eines Gelübdes, das er in großer Gefahr abgelegt. In dem Augenblicke, wo der ſtarke und wilde Jä⸗ ger ſein inbrünſtiges Gebet beendigte, ließ der große, in dem Graſe liegende Hund ein neues Schmerzensge⸗ heul hören. „Ich glaube wahrhaftig,— der Teufel hole mich!“ ſprach der Jäger, indem er ſeine andächtige Stellung verließ und ſich der gewohnten Sprache wieder bediente, „Oſo“(ſo hieß der Hund)„hat, ſeitdem er unter den Indianern lebt, die Gewohnheiten derſelben angenom⸗ men. Sollte man nicht glauben, es ſei eine dieſer Roth⸗ häute, die am Grabe eines Todten heule?“ „So wahr Gott lebt! Encinas,“ ſagte ein anderer Jäger, der ſich am Teiche wuſch,„Du ſchmeichelſt den Hunden nicht; ich will zu ihrer Ehre lieber glauben, vaß im Gegentheil die Indianer es ſind, die dieſes Ge⸗ heul von den Hunden entlehnt haben.“ „Wie dem auch ſein mag,“ antwortete Encinas, „Oſo beweint ſeinen Kameraden, den einer dieſer ſpitz⸗ bübiſchen Apachen mit einem Lanzenſtiche an den Boden geheftet hat. Indeſſen muß ich ſagen, daß der Hund ſchon zwei von dieſen Apachen erwürgt hatte. Ah! mein armer Paseual, damals glaubte ich, daß ich weder mit Dir, noch mit Andern mehr auf die Büffeljagd gehen würde, als in dem Augenblicke, wo ich es am Wenig⸗ ſten erwartete„ Der Eneinas genannte Büffeljäger wurde durch ſeinen Kameraden unterbrochen, der befürchtete, noch 314 einmal eine Geſchichte hören zu müſſen, die er bis auf die geringſten Einzelheiten kannte. „Ei, ei, Eneinas!“ ſagte er,„jetzt, da Du Dein Gelübde, mit bloßen Füßen zur Madonna zu pilgern und dort zu heten, erfüllt haſt, und da dieſe Vaqueros un⸗ ſerer Dienſtleiſtungen nicht mehr bedürfen, wäre es, glaube ich, Zeit, wieder auf die Jagd zu gehen; ſchon haben wir drei Tage verloren, und unſere blutigen Häute werden die wilden Pferde verhindern, ſich ihrer Tränke zu nähern: ein doppelter Grund alſo, uns nicht länger hier aufzuhalten.“ „Wir haben bis zu Sonnenuntergang Nichts zu thun,“ antwortete Eneinas.„Bleiben wir alſo hier!“ „Oh, ihr hindert uns gar nicht!“ rief der jüngſte der zur Hacienda gehörenden Vaqueros, der mit der in Pascuals gar nicht zufrieden zu ſein ſchien. Dieſer Vaquers war ein junger Menſch, der auf dem Preſidio zu Hauſe war, und den ſein Vater aus⸗ ſchickte, um mit ſeinen alten Kameraden die rauhe Lehr⸗ lingszeit eines Abenteurer⸗Lebens zu erſtehen. Er hatte ſich erſt ſeit einigen Wochen mit denjenigen vereinigt, die ſeine Herren ſein ſollten, und war, gleich allen Neu⸗ lingen, welchem Gewerbe dieſelben immer angehören mögen, begierig, die Erzählungen der älteren Perſonen anzuhören, die das gefährliche Gewerbe, zu dem erſich ſelbſt beſtimmt, ſchon länger trieben. „Senor Encinas,“ ſagte er, indem er ſich den bei⸗ den Jägern in der Hoffnung näherte, durch allerlei Fra⸗ gen die Vorfälle der letzten Campagne zu erfahren, in der Eneinas um ein Haar das Leben verloren hätte, „ich mag Ihren Hund nicht ſo heulen hören. 55 Ein neues Geheul unterbrach nun auch den Neu⸗ ling, der nicht ohne einige Furcht fragte, ob Oſo nicht etwa Indianer witterte, da er ſo laut bolle. „Nein, mein Junge,“ antwortete Encinas,„er drückt — ———— .—=— 3 3¹⁵ auf dieſe Weiſe nur ſeinen Kummer aus. Würde ein Indianer in der Gegend herumſtreifen, ſo würden Sie ſein Haar ſich ſträuben und ſeine Augen ſo roth werden ſehen, wie feurige Kohlen; und er würde dann nicht ſo ruhig und unbeweglich bleiben, wie er jetzt iſt⸗ Seien Sie alſo ruhig!“ „Gut!“ ſprach der junge Menſch, indem er ſich ne⸗ ben Encinas auf das Gras hinſtreckte,„ich habe nur noch eine Frage an Sie zu richten. Haben Sie auf Ihren Exeurſionen jenſeits von Tubac Nichts über das Schickſal der Erpedition erfahren, die heute vor vier⸗ zehn Tagen von dort abgegangen iſt? Es war ein Oheim von mir, Namens Don Manuel Baraja, dabei; wir ſind in Betreff ſeiner etwas unruhig.“ „Nach den wenigen Worten, die ich von drei Biber⸗ jägern, welche der Erpedition auf dem Fuße folgten, gehört habe, muß ich glauben, daß die Spuren eines ſtarken Indianerhaufens, die Pascual und ich erkannt haben, als wir uns von den drei Jägern trennten, die auf einer kleinen Inſel Poſto faſſen wollten, für dieſe Expedition keine gute Vorbedeutung waren; ich befürchte ſehr, daß Sie bald werden ſagen müſſen: Mein ſeliger Oakel.“ „Ah! Sie glauben, er ſei— ſelig?“. antwortete der Neuling mit der naivſten und vollkom⸗ menſten Kaltblütigkeit. „Kurze Zeit darauf,“ antwortete Encinas,„hat der junge Comanche.. Der Neuling untetbrach den Büffeljäger abermals. „Wiſſen Sie auch, Senor Eneinas,“ ſprach er, daß Sie weit beſſer daran thäten, wenn Sie mir Alles das von Anfang bis zu Ende, und nicht bloß letzteres erzählten. Was hatten Sie denn im Lande der Wilden zu ſchaffen?“ „Was ich dort zu ſchaffen hatte?“ fragte Eneinas, der, wie alle Veteranen der Wüſte, froh war, einen aufmerkſamen und vielfragenden Zuhörer, wie der Neu⸗ 3¹6 ling war, und wie wir ſelbſt gelegentlich ſo oft geweſen, zu finden;„ich will es Ihnen ſagen. Es war, während ich mich auf dem Preſibio befand, ein Abgeſandter der Comanches dahin gekommen,— der Comanches, die, wie Sie wiſſen, Todfeinde der Apachen ſind. Der In⸗ dianer kam, um uns von Seiten des Häuptlings ſeines Stammes einen Tauſch von Cibolo⸗Häuten*) gegen kleine Glaswaaren, Meſſer, und Wolldecken vorzuſchla⸗ gen; und es befand ſich gerade zu Tubac ein Vian⸗ dante*6) von Ariſpe, der einen Pack von den Gegen⸗ ſtänden mitgebracht hatte, die der Indianer ſuchte.“ „Und er ſchlug Ihnen vor, ihn zu begleiten?“ „Er intereſſirte mich bei ſeinem Gewinnſte. Und dann war auch Don Mariano, mein Gevatter, da, dem die Indianer eine Herde prächtiger Pferde geſtohlen hatten, und der neun ſeiner Vaqueros mitnahm, um, mit Hülfe der Comanches, den Indianern wieder einen Theil der Beute abzujagen zu ſuchen. Alles wohl ge⸗ zählt, waren wir zwölf entſchloſſene Männer; dabei war der Bote nicht mitbegriffen, der von Seiten ſeines Stam⸗ mes nach dem Preſidio geſchickt worden wars“ „Dreizehn!“ fiel ihm der angehende Jäger ins Wort;„das war eine unheilvolle Zahl.“ „Wir hatten bloß acht bis zehn Wegſtunden zu machen, um bei dem Lager der Comanches anzukom⸗ men,“ fuhr Eneinas fort,„und wir waren gar nicht unruhig; erſt ſpäter erinnerte ich mich dieſer verhäng⸗ nißvollen Zahl. Wir ritten alſo ruhig fort, und gelei⸗ teten die beladenen Mauleſel des Viandante; der Co⸗ manche ritt voran... „Wohlan!“ unterbrach der Neuling, ungeachtet ſeiner Begierde, den weiteren Verlauf zu hören, ihn von Neuem,„es war auch von Seiten dieſes Kauf⸗ *) Büffelhäuten. **) Herumziehender Kaufmann. — ¹ — manns gar zu unvorſichtig, daß er, auf das Wort eines Indianers hin, ſich mit ſeinen Waaren in ſolche Gefahr begab!“ „Sie lieben es, wie mir ſcheint, Junge, daß man das Tüpfelchen auf dem I nicht vergißt. Ich vergaß, Ihnen zu ſagen, daß der Häuptling zwei ſeiner Krieger als Geißel hergeſchickt hatte. Wir waren alſo auch in Betreff dieſes Punktes ruhig, denn die Comanches ſind eine loyale Nation; der Bote ſelbſt flößte uns viel Vertrauen ein. Es war ein ebenſo ſchöner, als tapferer junger Krieger, wie Sie bald ſehen werden; auch war er, obgleich von Geburt ſelbſt ein Apache, ein er⸗ bitterter Feind ſeiner Stammgenoſſen.“ „Wohlan! Ich hätte ihm nicht getraut, meiner Treu!“ „Weil Sie ſeine Geſchichte nicht kennen. Wie es ſcheint, ſo hatte ein Häuptling ſeines Stammes ihm ein junges Weib, das er liebte, genommen 4 „Ei, ei! dieſe Wilden lieben alſo auch?“ „Wie Sie und ich, mein Junge, und oft noch ſtärker. So viel iſt aber gewiß, daß er an einem ſchö⸗ nen Morgen mit ſeiner Geliebten, die gezwungen die Frau des Häuptlings geworden, entflohen war, und daß er ſich zu den Comanches geflüchtet hatte, die ihn aufnahmen. „Er hatte alſo zu dem Volke, das ihn adoptirt, einen ſtarken Arm, und ein ebenſo unerſchrockenes, als gegen die Apachen von Haß erfülltes Herz mitgebracht, wie er es gar oft bewieſen. „Nachdem wir ſo einige Zeit fortgeritten waren, hörte ich den voranreitenden Führer zu meinem Gevatter ſagen: „„Ich habe auf der Ebene die Spuren El⸗Meſti⸗ zo's und Red⸗Hand's geſehen: aufgepaßt!““ „Wer war dieſer Red⸗Hand, und wer war El⸗ Meſtizo? Ich wußte es nicht. „Der Comanche ritt alſo auf einem, meiner Treu! — 318 ſehr werthvollen Pferde voran, und befragte mit Naſe und Auge die Ebene. „Ich hatte mit meinen zwei Hunden, Oſo und Tigre, die ich angebunden, und mit einem Maulforbe verſehen, in einiger Entfernung von ihm bleiben müſſen; denn dieſe Thiere, die ich zu Bekämpfung der Indianer abgerichtet hatte, wollten jeden Augenblick auf unſern Führer losſtürzen. „Indeſſen verlor ich Letztere nicht aus den Augen. „Wir ritten über die große Ebene hin, da, wo die Baumwollbäume, ſo zu ſagen, einen Wald bilden, als ich mit einem Male den Indianer ein fürchterliches Geheul ausſtoßen hörte. Mit dem Fuße an den Sattel⸗ knopf gebunden, drückte er ſich an ſein Pferd hin, und ſetzte es in Galopp. „In demſelben Augenblick hörte ich auch ein dem Ziſchen von hundert Schlangen ähnliches Geräuſch... „Der Ort war alſo voller Klapperſchlangen?“ rief der Neuling, die Augen weit aufreißend. Der ſtarke Büffeljäger brach bei dieſer Frage des Neulings in ein ſchallendes Gelächter aus. „Es war ein Pfeilhagel,“ antwortete er;„es miſch⸗ ten ſich, ähnlich den während eines Schloßenwetters herab⸗ fahrenden Blitzen, einige Flintenſchüſſe darein, und ich ſah, wie mein Gevatter Don Mariano, der Viandante, ſo⸗ wie neun Vaqueros zu Boden ſtürzten.“ „Das läßt ſich begreifen,“ antwortete der Neuling. „Ah! Sie begreifen das, Sie! Wohlan, ich konnte eine Secunde von All' dem Nichts verſtehen; ich glaubte mich unter dem Einfluſſe eines üblen Traumes zu befin⸗ den. Indeſſen nahm ich für alle Fälle meinen zwei vor Wuth heulenden Hunden den Maulkorb ab; allein ich hielt ſie noch am Stricke, und als ich das gethan, ſchlug ich die Augen auf. Mit Ausnahme der Pferde, die in der Ebene beſtürzt zwiſchen den Baumwollbäumen hin⸗ galoppirten, war Niemand mehr auf dem Wege zu ſehen,— nicht einmal eine Spur von denen, die vom — 4 4* 319 Pferde herabgeſtürzt waren. Ich ſchloß vatau in den Dickichten verborgenen Indianer ſie alsbald fort⸗ geſchleppt haben müßten.“ „Und war das wirklich ſo?“ „Ich habe ſie nie wieder geſehen. „Was mich betrifft, ſo blieb ich unbeweglich, da ich nicht wußte, ob ich vor⸗ oder rückwärts gehen ſollte; ich fühlte, daß ich von unſichtbaren Feinden umgeben war, die zugleich überall ſein konnten. „Allein meine Ungewißheit war von keiner langen Dauer. Sieben bis acht Indianer ſtürzten aus den Dickichten am Wege hervor und kamen zu mir heran⸗ geſprengt. „Wohlan! Sie, der Sie ſo leicht begreifen, werden es vielleicht nicht begreifen,— aber ich fühlte inmitten der Todtenſtille, die auf der Ebene herrſchte, eine ſo ge⸗ waltige Angſt, daß ich mich faſt glücklich ſchätzte, end⸗ lich meine Feinde zählen zu können.“ „Ich glaube indeſſen, daß ich es vorgezogen haben würde, wenn ich Nichts zu zählen gehabt hätte,“ ſagte der Neuling zögernd. „Ich ließ meine zwei Hunde los, die wie Löwen anf die Indianer losſprangen,— und meiner Treu! ich be⸗ ſchloß, es wie meine Hunde zu machen. „In jenem Augenblick ſchien mir das leichter zu ſein, als zu fliehen. „Ich zog, ſo geſchwind ich konnte, vom Leder, und während Oſo und Tigre zuerſt anpackten, ſtieß ich mei⸗ nem Pferde die Sporen in die Seiten. Ich hielt daſſelbe aber, ſo viel ich konnte, im Zaume, um verſichert zu ſein, daß es nicht zurückweichen würde, denn dieſe In⸗ dianer find furchtbar anzuſchauen; auch gab ich ihm mit meiner mit Blei ausgegoſſenen Reitpeitſche zwei bis drei Streiche auf den Kopf. „Unter den ſpitzigen Stacheln, die ſeine Seiten ver⸗ letzten, wiehernd, und wüthend über die Streiche, die es erhielt, ſtürzte das Pferd, dem ich nun den Zügel ſchie⸗ — — 6 320 wie toll fort, ſo daß ich glaubte, wir Beide würden an den Indianern zerſchellen. „Ich weiß kaum, was nun geſchah; Alles, was ich Ihnen ſagen kann, iſt, daß vor meinen Augen etwas einer rothen Wolke Aehnliches lag. „Durch dieſe Wolke hindurch ſah ich wilde Geſichter, ganz in der Nähe des meinigen; ich bemerkte Tigre, der durch einen Lanzenſtich auf den Körper zweier In⸗ dianer geheftet war, welche er erwürgt hatte. Ich ſah, wie Oſo mit blutigem Maul einen andern Indianer zu ſe riß,— und in einigen Minuten fand ich mich rei. „Demonio!“ rief der Neuling, höchlich erſtaunt,— „Sie hatten ſie alſo Alle getödtet?“ „Caramba! Man ſieht, daß Sie die Sache ein Bischen leicht nehmen,“ erwiederte der Büffeljäger lä⸗ chelnd.„Nein, wahrhaftig! Meine zwei Hunde hat⸗ ten mehr gearbeitet, als ich, und die Wahrheit iſt, daß ich an jenem Tage meine Campagnen beendigt haben würde, wenn ſich nicht, während ich den Indianern in den Haaren lag, an einem etwas weiter entfernten Orte andere Dinge zugetragen hätten, die ich erſt in dem Augenblicke ſehen konnte, wo ich allein blieb. „Ich warf dann einen Blick umher: zwei Apachen lagen neben meinem armen Tigre auf dem Boden, und ein dritter wehrte ſich noch unter dem Maule meines Oſo. Sie ſehen wohl ein, mein Junge, daß ich meine Zeit nicht damit verlor, daß ich ihn nach dem Zuſtand ſeiner Geſundheit fragte. „Ich hatte in der That Wichtigeres zu ſchaffen. „Zehn Schritte von mir weg fand ein fürchterlicher Kampf ſtatt; eine Staubwolke ſlieg über einer Pyra⸗ mide von Pferden mit aufgeſchlitzten Bäuchen, und von menſchlichen Körpern, die ſich umſchlungen hielten, auf. „Inmitten dieſes Gemetzels unterſchied ich wallende Federbüſche, funkelnde Lanzen, mit Ocher, Zinnober und Blut beſchmierte Geſichter, ſo wie feuerſprühende Augen. — — „Dann ſah ich dieſe Pyramipe nen, und ein Krieger ſchüttelte ſi wen, der einer Menge Wölfe das Kreuzge „In dem Aungenblicke, wo dieſer Mäl f ſah, ſprang er rückwärts, um den Kampf von Neuen zu beginnen:— und ich ſtürzte auf ihn zu.“ 83 „Aber,“ unterbrach ihn der Neuling nochmals,„der Indianer, mit dem Ihr Hund angebunden hatte, mußte Sie bei dieſer Gelegenheit hindern?“ „Der Teufel! Sie ſind krittlich, mein Freund,“ antwortete der Jäger;„brauche ich Ihnen aber zu ſa⸗ gen, daß ich denſelben zuerſt niederſtieß? „Ich ſiellte mich alſo auf die Seite des Kriegers; aber dieſes Mal dauerte der Kampf nicht lange; alle Indianer entflohen, wie ein Schwarm Fledermäuſe vor einem Sonnenſtrahl,— die Todten natürlich ausgenom⸗ men; denn bei Ihnen muß man Alles recht genau ſagen. „Im Uebrigen kann ich Sie verſichern, daß die Zahl derer, die auf dem Platze blieben, größer war, als die Zahl derer, welche ſich retteten. „Dann ſah ich den Mann vor mir, dem ich es ver⸗ danke, daß ich Ihnen jetzt die Geſchichte erzählen kann, mein Junge.“ „Es war alſo der Teufel?“ „Es war der Comanche, der, als der Kampf vor⸗ über war, unbeweglich vor mir ſtand. Er ſuchte, ob⸗ wohl vergebens, den indianiſchen Stolz zu unterdrücken, der wider ſeinen Willen ſeine Naſenlöcher ſchwellen und ſeine Augen blitzen machte. NRothhand und Miſchblut haben das gethan, um die Waaren der Weißen in Geſellſchaft der Apachen, ihrer Alliirten, zu plündern, ſprach endlich der In⸗ dianer. „Was iſt das,— was iſt Rothhand und Miſch⸗ blut? fragte ich den Comanche. 6 Der Waldläufer. MI. — 7 — 6. 5. —— 21 den iſt. 322 ber,— der eine ein Weißer von . ere der, Sohn des Weißen und Hündin don den Prairien des Weſtens. wenn Ihr auf dem Preſidio geſagt ha⸗ en werdet, was Brennſtrahl(es war dieß bei ihm ein wohlverdienter Name, ſo wahr Gott lebt,“ ſetzte Enci⸗ nas hinzu)„für die Weißen gethan hat, die ſeinen Worten vertraut, wird derſelbe mit den zwei Comanches, mit denen er ſich zu vereinigen gedenkt, den Räubern nachſetzen.“ „Gewiß! rief ich. Ich werde Eurer Biederkeit, wie Eurer Tapferkeit volle Gerechtigkeit widerfahren laſſen. „Nachdem ich Oſo, der immer noch brummte, den Maulkorb wieder angelegt,“ endigte der Büffeljäger, „kamen wir nach dem Preſidio zurück,— ich, mit dem Vorſatze, das abgelegte Gelübde zu erfüllen,— der In⸗ dianer ſtumm wie ein Fiſch. „Ich ließ ſeinem Benehmen die gebührende Ge⸗ rechtigkeit widerfahren,— die zwei Geißel wurden her⸗ ausgegeben,— ich kam, meinem Verſprechen getreu, hie⸗ her, und habe Brennſtrahl ſeitdem nicht wieder geſehen.“ „Es iſt Schade,“ ſprach der Neuling,„ich hätte gern wiſſen mögen, was aus dem jungen Kerl gewor⸗ „und wie viele Tage liegen zwiſchen heute und Ih⸗ rem Abenteuer?“ „Fünf,“ antwortete Encinas. In dieſem Augenblicke kamen die Domeſtiken des Hacendero und ſeines Gefolges an, um das Nachtlager der Reiſenden zu bereiten, denen ſie, wie ſie ſagten, nur eine halbe Wegſtunde voran waren. —— — —— — * 3— 8———Ü 3 —— *. 6— —