L b deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 6 Ednard Oltmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Keſebedingungen. 1 Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 6 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: Ze———— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf 2 M— Pf. 3„ „ 2 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe it auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Die Wiedererkennung. Tiburcio wünſchte ſich Glück dazu, daß er ſich in der Hoffnung, die ihm das zufällige Zuſammentreffen mit den beiden Jägern eingeflößt, nicht ganz getäuſcht ſah, als Roſenholz wieder das Wort nahm. „Wie Sie ſehen, hob er an,„ſo werden Sie in meinem Freunde Pepe einen Mann finden, der bereit iſt, mit Ihnen wider dieſen Don Eſtevan zu ſtehen, und daraus können Sie auch ſchließen, daß ich Ihnen gleichfalls nicht entſtehen werde, denn ſeine Feinde ſind die meinigen. Ich ſchätze mich daher glücklich, Ihnen unter dieſen Umſtänden mit einer guten Büchſe beiſte⸗ hen zu können, die nie ihr Ziel verfehlt; denn aus ganz beſondern Gründen hätte ich einen jungen Menſchen von Ihrem Alter nicht ſo bedroht ſehen können, wie man Sie bedroht hat, und ferner noch bedrohen wird, ohne ein lebhaftes Bedauern von meiner Seite, mich nicht auf ſeine Seite ſchlagen zu können; Sie können daher doppelt auf mich zählen, und Sie werden ſehen, daß der Himmel Ihnen einen Freund geſandt hat, der wohl ſo viel werth iſt, als jeder andere.“ Während der canadiſche Jäger alſo ſprach, ſchien er den Schaft ſeines langen Carabiners aufmerkſam zu betrachten, und zum erſten Male bemerkte Tiburcio, daß eine Menge hieroglyphiſcher Zeichen mit einer WMeſſerſpitze recht bizarr darguf gravirt waren Der Walvläufer. U.. 1 „Ah!“ ſagte Roſenholz, der den Jüngling über⸗ raſchte, wie er ſeinen Blick auf dieſe verſchiedenartigen Einſchnitte heftete,„Sie zählen ohne Zweifel meine Kopfhäute?“ „Ihre Kopfhäute!“ wiederholte Tiburcio erſtaunt, da er die Sitten der ſonderbaren Menſchenklaſſe, zu der der Jäger gehörte, nicht kannte. „Gewiß!“ antwortete der Canadier.„Die India⸗ ner, die Heiden ſind, zählen ihre Opfer nach den Kopf⸗ häuten, die in ihren Händen find, wir Waldläufer aber zählen unſere Trophäen, wie es Chriſten ziemt. Dieſe Einſchnitte da zeigen die Zahl der Feinde an, die ich auf dem Kriegspfade, wie die Indianer ſich ausdrücken, in loyaler Weiſe getödtet habe.“ „Aber ich ſehe ja wenigſtens zwanzig ſolche Ein⸗ ſchnitte,“ rief Tiburciv. Sie könnten doppelt ſo viel ſagen, und dennoch würden Sie ſich noch um einige ſtoßen: antwortete der Jäger lächelnd.„Sehen Sie, dieſe einfachen Kreuze bedeuten die Apachen, und Sie können deren ſo gegen zehn zählen. Dieſe doppelten Kreuze,— ſie find ſie⸗ ben an der Zahl,— bedeuten, daß eben ſo viele Siour⸗Indianer in's Gras gebiſſen haben. Dieſe drei⸗ fachen Kreuze find Pawnies, die ich ins Geiſterland geſchickt; wie Sie ſehen, ſo ſind es deren acht. Dieſe Sterne da, vier an der Zahl, ſind Raben, die jetzt nicht mehr auf dieſer Erde jagen. Ah!“ fuhr der Ca⸗ nadier fort, indem er neun parallele Einſchnitte zählte, „hier ſind eben ſo viele Plattköpfe, die es mir zu verdanken haben, wenn ſie jetzt Niemand mehr beſteh⸗ len; endlich kommen dieſe runden Punkte, die ich gar nicht zähle: es ſind eben ſo viele Schwarzfüße, die en Jagdgründen der Prairien auf ewig Lebewohl ge⸗ ſagt haben. Ich frage Sie nun, was ich mit allen dieſen Kopfhäuten hätte anfangen ſollen. Ich überlaſſe dieſe Trophäen der indianiſchen Eitelkeit,“ ſagte der Waldläufer naiv zum Schluſſe. * 3 Tiburcio hörte dieſen Siegesgeſang des ehrlichen Canadiers mit eben ſo vieler Ueberraſchung, als Schrei⸗ ber dieſer Linien nicht umhin konnte, an den Tag zu legen, bei einer Gelegenheit, wo einer dieſer India⸗ nertödter ihn auf dem Schafte ſeiner Büchſe zweiund⸗ fünfzig Einſchnitte zählen ließ, die er auf ſeinen Wan⸗ derungen und ſeinen Kämpfen zwiſchen den Grenzen der Vereinigten Staaten und denen Meriko's zu machen Anlaß gehabt hatte. „Wohlan!“ ſagte der Canadier weiter,„habe ich Unrecht gehabt, wenn ich Ihnen geſagt, daß Sie auf einen Freund rechnen koͤnnten, der ſo viel werth wäre, wie jeder andere?“ Die Geſte mit dem Worte verbindend, ſtreckte der Canadier Tibureio ſeine gewaltige Hand hin, mit einer Offenheit und Biederkeit, die beredter ſprachen, als ſein Mund, und im Bewußtſein ſeiner verzweifelten Lage dankte ihm der Jüngling auf's Wärmſte. „Eine geheime Vorahnung,“ ſetzte er hinzu,„ſagte mir, daß das Licht, das ich von der Hacienda aus im Walde glänzen ſah, für mich ein freundſchaftliches ſein würde.“ „Sie haben ſich nicht getäuſcht,“ ſprach Roſen⸗ holz mit vielem Feuer.„Aber verzeihen Sie einem alten Manne einige Fragen, die Ihnen vielleicht un⸗ beſcheiden vorkommen,“ fuhr er fort;„Sie ſind noch ſo jung, und haben doch ſchon keinen Vater mehr, bei dem Sie eine Zufluchtsſtätte hätten?“ Bei dieſer Frage überzog eine lebhafte Röthe die Wangen Tiburcio's, der einen Augenblick ſchwieg, und dann ſagte: „Warum ſollte ich Ihnen nicht geſtehen, daß ich, auf allen Seiten von Feinden umringt,— daß ich, verſchmäht von einem Frauenzimmer, das ich noch liebe, ganz allein auf dieſer Welt bin,— daß ich weder Vater noch Mutter habe?“ 4— „Sie ſind alſo todt?“ ſprach Roſenholz mit vieler Theilnahme. „Ich habe dieſelben nie gekannt,“ verſetzte der junge Menſch mit leiſer Stimme. „Sie ſagen, Sie haben ſie nie gekannt! Sagen Sie das wirklich?“ rief der Canadier, der plötzlich auf⸗ ſtand, ein noch brennendes Stück Holz ergriff, und es dem Geſichte Tiburcio's näherte. Dieſer Feuerbrand, ſo leicht er auch war, ſchien in der Hand des Rieſen centnerſchwer zu wiegen,— ſo convulſiviſch zitterte dieſe Hand, während der Cana⸗ dier nach einander alle Theile ſeines Geſichtes beleuch⸗ tete, und ihn mit einer Stimme, die ſeine Gemüthser⸗ ſchütterung ebenfalls zittern machte, fragte; „Aber Sie wiſſen doch wenigſtens, in welchem Lande Sie geboren ſind?“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete Tiburcio.„War⸗ um aber dieſe Fragen? Welches Intereſſe können Sie an Ereigniſſen nehmen, denen Sie fremd ſein müſſen, wie Sie auch dieſem Lande fremd ſind?“ „Fabian! Fabian!“ ſprach Roſenholz, indem er wider ſeinen Willen den Ausdruck ſeiner rauhen Stimme milderte, gleich als ob er ein kleines Kind anredete, „was iſt aus Dir geworden?“ „Fabian! ich kenne dieſen Namen nicht„. Fa⸗ bian!“ wiederholte Tiburcio, deſſen Staunen ſich bei dieſer Interpellation verdoppelte, während der Canadier die Augen gierig auf ihn heftete, und mit der Hand einen Rebel entfernen zu wollen ſchien, der ſeinen Blick trübte. „O mein Gott!“ ſprach Roſenholz traurig bei ſich, „da dieſer Name ihm Nichts in's Gedächtniß zurückruft, ſo iſt er es nicht. Warum habe ich auch einer ſo thö⸗ richten Hoffnung Raum gegeben? Und doch find dieſe Züge ſo, wie ſie bei zunehmendem Alter werden muß⸗ ſen. Aber verzeihen Sie mir, mein junger Freund, ₰ 2 ℳ 5 ich bin ein Narr,— bin ein Menſch, der ſeinen Verſtand verloren!“ Und der Canadier warf den Feuerbrand wieder in die Flamme, ſetzte ſich an den Fuß des Baumes, den er verlaſſen hatte, und kehrte dem Lichte den Rücken, ſo daß er ganz in dem dichten Schatien begraben war, den der ſtark belaubte Korkbaum, an welchen er ſich lehnte, verbreitete. Schon erleuchteten bläuliche Tinten die höchſten Wipfel des Waldes; der Tag konnte nicht mehr fern ſein, allein unter dem Laubwerk war noch Alles dunkel, obgleich auf dem benachbarten Meierhofe der Hahn krähete. Wie der Samen, welchen der Wind der Erde an⸗ vertraut, und der trotz der Gewitter aufkeimt, ſo war auch, ungeachtet des Sturmes von Ereigniſſen, in dem Tiburcio mit fortgeriſſen worden war, der Bericht, den ſeine Adoptivmutter ihm über ſeine Ankunft in Amerika noch einmal auf dem Todbette erſtattet hatte, in ſeinem Gedächtniſſe aufgegangen; ganz in die Anſchauung der Vergangenheit vertieft, ſchwieg er, gleich als wollte er in ſeinem Innern leſen,— gleich als wollte er die durch einen Zeitraum von achtzehn Jahren unterbrochene Kette ſeiner Erinnerungen wieder anknüpfen. Ohne daß er ſich noch Rechenſchaft darüber zu geben ver⸗ mochte, rief ihm dieſer vor ihm liegende Jäger dun⸗ kel den Rieſen in's Gedächtniß zurück, deſſen die Frau des Arellanos Erwähnung gethan hatte. Aber wie ſollte er auf den Gedanken kommen, daß der Matroſe ſich in einen Fiſchotterjäger umgewan⸗ delt! Sodann ſah er in den Fragen des Canadiers immer noch Nichts, als eine wohlwollende, uneigennützige Neugierde; und in der That hatte der Waldläufer ihm noch nicht geſagt, daß er einen Sohn ſuche. Dieſes einzige Wort würde Alles erklärt haben, allein Roſen⸗ holz hatte es nicht ausgeſprochen. „Vielleicht,“ ſagte Tiburcio, das Stillſchweigen brechend,„ſind unter meinen Erinnerungen aus einer längſtentſchwundenen Vergangenheit einige, die ſich wie⸗ der auffriſchen ließen; aber ach! Gott allein vermöchte das zu thun! Welcher Menſch wird dieſen vagen Re⸗ miniscenzen eine beſtimmte Form geben, denn es ſchwebt mir Alles nur noch in unbeſtimmten Umriſſen— vor.“ „Wie! Sie haben gar keine beſtimmten Erinne⸗ rungen mehr?“ antwortete der Canadier mit leiſer ſe und mit düſterer Miene, während er das Haupt enkte. „Und doch,“ fuhr Tiburcio fort,„hat in der Stille einer Nacht, wie dieſe iſt,— hat in der Nacht, wo ich neben dem Leichnam derjenigen wachte, die ich für meine Mutter gehalten hatte, ein zweifelhaftes Licht dieſe Dunkelheit erleuchtet, und da habe ich geglaubt, ich erinnere mich noch gewiſſer, höchſt trauriger Scenen; all⸗ ein es ſind dieß ohne Zweifel Träume, und zwar ent⸗ 1 ſetzliche Träume.“ Während Tiburcio ſo ſprach, hob der Canadier, der von Neuem zu hoffen anfing, den Kopf wieder langſam in die Höhe, wie eine Eiche, die ein heftiger Windſtoß gekrümmt hat. Tiburcio fuhr fort, ihm mit der Hand 4 ein Zeichen zu geben, daß er den noch unvollkommen 3 wieder angeknüpften Faden ſeiner Erinnerungen nicht unterbrechen ſolle, und ſeine Worte ganz langſam aus⸗ zuſprechen, wie ein Menſch, der eine durch die Jahr⸗ hunderte ausgelöſchte Inſchrift mit Mühe entziffert. „Es kommt mir vor,“ ſo ſprach er,—„es kommt mir vor, als befinde ich mich wieder in einem großen Zimmer, das ein Wind, kälter, als ich je einen geſpürt, 54 noch kälter machte; es ſcheint mir,— es ſcheint mir, ich höre Frauenzimmerſchluchzer, eine rauhe und drohende Stimme, und. ſonſt Nichts!“ Dieſe Worte täuſchten abermals die Erwartung des Canadiers, denn man erinnert ſich, daß er bloß den 3 Ausgang des Dramas von Elanchovi geſehen hatte. 7 „Es find wahrſcheinlich nur Träume,“ ſprach er traurig;„allein fahren Sie fort! fahren Sie fort! Iſt das Alles, was Ihnen im Gedächtniß geblieben? Erin⸗ nern Sie ſich nicht mehr an das Rauſchen des Meeres? Es iſt dieß ein Schauſpiel, das man nie vergißt, ſo jung auch der, ſo es geſehen, geweſen ſein mag.“ „Ich habe das Meer zum erſten Male erſt vor vier Jahren geſehen,— es war zu Guaymas,“ ver⸗ ſetzte Tibureio;„und doch muß iches, wenn ich gewiſ⸗ ſen Aufſchlüſſen Glauben beimeſſen darf, die man mir gegeben, zum erſten Male in meiner zarteſten Kindheit geſehen haben.“ „Wohlan!“ fuhr der Canadier fort, der ſich aber⸗ mals in ſeiner Hoffnung getäuſcht ſah, daß er den wie⸗ der finden würde, deſſen Verluſt er lange Jahre hin⸗ durch beweint,„knüpft ſich an dieſe Erinnerung keine andere?“ „Keine!“ „Keine?“ wiederholte der Canadier, ähnlich einem fernen Echo;„keine?“ „Keine beſtimmte wenigſtens; allein es ſind dieß wohl, wie Sie ſagen und wie ich denke, Träume, die ich für Realitäten halte.“ „Ohne Zweifel,“ verſetzte Roſenholz mit einem etwas bitteren Gefühle;„wo iſt das Kind, das ſich ſolcher Dinge noch erinnerte?“ „Und unter dieſen Träumen,“ ſprach Tiburcio, „ſehe ich zu dieſer Stunde ein gebräuntes, rauhes, aber in ſeiner Rauhheit gutmüthiges Geſicht.“ „Was für ein Geſicht?“ fragte Roſenholz, ſein Geſicht von Neuem dem Lichte zuwendend, das deſſen geſpannte Muskeln beleuchtete, während ſeine Bruſt ſich bergartig hob. „Dieſes Geſicht,“ erwiederte Tiburcio,„iſt das eines Mannes, der mich gar ſehr liebte; denn,“ ſetzte 3 lebhaft hinzu,„ich erinnere mich jetzt dieſes Mannes wieder!“ „Aber Sie,“ ſprach Roſenholz, während ſich auf ſeinen Zügen große Angſt malte,—„liebten Sie ihn auch?“ „Ach! er war mir ſo gut!“ Eine Thräne floß langſam über die bronzene Wange unſeres Freundes Roſenholz herab, der, ſich ſeiner Schwäche ſchämend, ſich wegwandte, um ſie zu verbergen, und, von Neuem den Schatten ſuchend, murmelte: „Ach! auch er liebte mich ſo zärtlich!“ Dann wich im Augenblicke, wo er entweder eine höchſt ſchmerzliche Ueberzeugung erlangen, oder das von ihm beweinte Kind wieder finden ſollte, dieſer rauhe Jäger unwillkührlich vor einer letzten Frage zurück, wo⸗ durch die Hoffnung, wovon ſeine Seele bewegt war, entweder in Erfüllung gehen, oder für immer ver⸗ nichtet werden mußte. Endlich wagte er mit gebrochener Stimme dieſe verhängnißvolle Frage, und faſt wollte ihm dabei das Herz berſten: „Können Sie ſich nicht vor allem Andern eines Umſtandes erinnern, in Folge deſſen dieſer Mann von Ihnen getrennt wurde? Es war bei.. S Mehr vermochte er nicht zu ſagen, und, den Kopf auf die beiden Knie ſtützend, erwartete der Coloß mit Zittern die Antwort auf ſeine Frage. Sei es, daß Tiburcio ſich dieſes Umſtandes nicht mehr erinnerte, ſei es im Gegentheil, daß dieß der Lichtſtrahl war, der in eine tiefe Nacht fällt, und Zwei⸗ fel und Ungewißheit zerſtreut,— ſo viel iſt gewiß, daß ein feierliches Schweigen auf dieſe Frage folgte, ein Schweigen, während deſſen das Kniſtern des Holzes am Feuer vor dem Keuchen des Canadiers nicht gehört wurde. „Hören Sie!“ rief Tiburcio,„Sie, der Sie der mich leitende Leuchthurm zu ſein ſcheinen,— hören Sie, was mir jetzt einfällt. Eines Tages floßen Blutſtröme um mich her;— der Boden zitterte unter meinen — h— F— 9 Füßen;— der Donner, oder vielleicht die Kanonen brüllten fürchterlich;— ich war in ein ſchwarzes Zim⸗ mer eingeſchloſſen, wo ich gewaltig Furcht hatte. Der Mann, von dem ich Ihnen geſprochen,— der Mann, der mich liebte, kam zu mir her..... Hier hielt Tiburcio einen Augenblick inne, gleich als wollte er den unbeſtimmten Geflalten, die vor ihm aufſtiegen, feſtere Umriſſe geben, oder als wollte er ſich die unbeſtimmten Töne in's Gedächtniß zurückrufen, die nach ſo vielen Jahren ſeine Ohren noch zu treffen ſchienen. „Warten Sie! fing er wieder an.„Der Mann, von dem ich Ihnen geſagt, ſprach zu mir:„„Knie nie⸗ der, mein Kind, und bete für Deine Mutter..... „Aber das Weitere iſt meinem Gedächtniſſe entſchwun⸗ den Während dieſer Zeit ſchien der Canadier, deſſen Körper durch den Schatten verhüllt war, während das Geſicht ſich bei ihm immer noch auf die Knie ſtützte, von einem convulſiviſchem Zittern ergriffen zu ſein. Es ließ ſich ein Schluchzer hören. Tiburcio fuhr, als er die ge⸗ brochene Stimme des Canadiers hoͤrte, zuſammenz Letz⸗ terer aber rief: „„Und bete für Deine Mutter, die ich neben Dir ſterbend gefunden habe.““ „Ja, ja,“ ſchrie Tiburcio, aufſpringend.„Das ſind die Worte! Aber wer ſind Sie, daß Sie ſo Alles wiſ⸗ ſen, was in jenem furchtbaren Augenblicke vorgegan⸗ gen iſt?“ Der Canadier ſtand auf, ohne ein Wort zu ſagen, kniete nieder, und rief, ſein männliches und rauhes Ge⸗ ſicht, über das Thränen herabrollten, von Neuem zei⸗ gend, in der Trunkenheit ſeines Herzens: „Ach, mein Gott! ich wußte wohl, daß Du ihn mir noch einmal zuſenden würdeſt, wenn ihm ein Vater nöthig wäre! Fabian! Fabian! ich bin's ich bin jener Mann„ 10 Hier unterbrach ihn plötzlich ein Schuß, dem ein das Geſträuche erleuchtender Blitz vorangegangen war, und es ſchlug neben Tiburcio eine Kugel pfeifend in den Boden. Pepe ſprang, vom Schlafe aufgeſchreckt, blitz⸗ ſchnell auf. Yreiundzwanzigſtes Rapitel. Worin das Sprüchwort, das den Stärkeren Recht behalten läßt, ſich immer noch bewahrheitet. Hier iſt eine Rückkehr zur Vergangenheit nothwen⸗ dig, um eine Lücke auszufüllen, die von dem Er⸗Kara⸗ binier und Ex⸗Küſtenwächter in ſeinen vertraulichen Mit⸗ theilungen an den Canaier gelaſſen worden iſt, und bieſe Lücke betrifft die Geſchichte ſeiner früheren Beziehungen zu Don Eſtevan. Pepe hätte ſagen können, daß jener Unbekannte, den er einſt in der Nacht an dem Ufer von Elanchovi hatte landen laſſen, kein Anderer geweſen ſei, als Don Antonio de Mediana, ein jüngerer Bruder vom Vater Fabians. Von einer langen Kreuzfahrt auf den ſüblichen Meeren zurückgekehrt, hatte Don Antonio die Heirath der Dona Luiſa mit ſeinem älteren Bruder erfahren. Vor ſeiner Rückkehr nach Spanien hatte Don Antonio auch, wie er ſchon dem Senator geſagt, gegen die meri⸗ kaniſche Unabhaͤngigkeit gekämpft. Die beregte Heirath aber war für ihn doppelt unheilvoll geweſen. Erſtlich hatte er Dona Luiſa mit der ganzen Leidenſchaft der Jugend geliebt; und zweitens hatte, in Folge einer faſt 1¹ väterlichen Zärtlichkeit, ſein älterer Bruder, der Graf von Mediana, ihrer Mutter das Verſprechen gegeben, ſich nie heirathen, und Don Antonio die Titel, ſo wie das Vermögen der Familie laſſen zu wollen. Aber das Gerücht von ſeinem Tode hatte durch ſeine lange Ab⸗ weſenheit eine Art Beſtätigung erhalten, und ſein älterer Bruder, der ſich nun ſeines Gelübdes entbunden glaubte, hatte ein altes Geſchlecht nicht erlöſchen laſſen wollen. Er hatte dem Andenken ſeines Bruders eine feier⸗ liche Huldigung darzubringen geglaubt, indem er die Perſon heirathete, die Letzterer ſelbſt hatte heirathen ſollen. Aus dieſer Heirath war ein Sohn entſproſſen. Don Antonio erfuhr zu gleicher Zeit den Ruin ſei⸗ ner ehrgeizigen Projekte, ſo wie den aller ſeiner Hoff⸗ nungen. Im Herzen der Ehrgeizigen nimmt die Leiden⸗ ſchaft nur wenig Platz ein; er hatte daher auch uur den Verluſt des Majorats von Mediana bedauert; in dem Wunſche, das Kind aus dem Wege zu räumen, das ihn ſein Lebenlang zu der Exiſtenz eines jüngeren Soh⸗ nes verurtheilte, ging jedes Rachegefühl auf. Mit dem Commando einer in der Südſee gemachten Priſe betraut, hatte Don Antonio de Mediana von dem genommenen Schiffe mit einer wenig zahlreichen Mann⸗ ſchaft Beſitz ergriffen, die der Commandant der Corvette, auf der er ſich ſelbſt befand, abgegeben hatte. Er hatte an verſchiedenen Orten, wo er anlegte, dieſe Mannſchaft bald mit etwa dreißig ſpaniſchen Abenteurern vermehrt, — mit Leuten, die vor keiner Unthat zurückſchauderten und im Brennen, Plündern und Morden gar wohl be⸗ wandert waren. An der Spitze dieſer wenig ſerupuls⸗ ſen Mannſchaft war er nach Spanien zurückgekehrt. Es würde uns zu weit führen, hier zu erzählen, wie er es angegriffen, um zu Elanchovi geheime Einverſtändniſſe zu unterhalten. Wir knüpfen wieder da an, wo er, der Verſchwiegenheit Pepe's, des Schläfers, gewiß, ſich von dem Ufer entfernte, und den Miquelete in ſeinem Kahne ließ. Die Gräfin führte, ſeitdem ſie Wittwe geworden, ein noch abgeſchiedeneres Leben, als früher. Sich ſtets mit ihrem Kinde einſchließend, rief ſie nur ſo ſelten wie möglich, und meiſtens nur zur Zeit ihrer Mahle, die ſie in ihrem Zimmer einnahm, eine ihrer Dienſtfrauen herbei. Um dieſelbe Stunde, wo zwiſchen Pepe, dem Schlä⸗ fer, und dem Unbekannten der bekannte Auftritt Statt fand, das heißt, gegen eilf Uhr Abends, befand ſich die Gräfin von Mediana wie gewöhnlich in ihrem Schlaf⸗ zimmer. Es war dieß ein ungeheures Zimmer, deſſen Möbeln, gleich denen des ganzen Schloſſes, ſeit faſt einem Jahrhunderte nicht erneuert worden waren„ und das jenen ernſten, den damaligen und jetzigen ſpaniſchen Sitten entſprechenden Charakter darbot. Eine Lampe, die in einer der Wandecken auf einem Tiſche brannte, beleuchtete nur einen Theil des Zimmers etwas lebhaft Der übrige Raum war in Schatten gehüllt, und in die⸗ ſem Dämmerlichte konnte man kaum große Familien⸗ Gemälde unterſcheiden, welche durch die feurigen Kohlen eines Braſero von unten röthlich beleuchtet wurden. Durch zwei Fenſter konnte man auf einen großen Balkon hinaustreten, der nur etwa zwanzig Fuß ſich über dem Boden befand. Durch die Scheiben hindurch bemerkte man einen ſchwarzen Himmel und die weiße Linie, die das Meer bildete, indem es ſich mit dem Him⸗ mel vermiſchte. Die Augen der Gräfin ſchweiften über dieſes düſtere Gemälde hin, und es lag in ihnen dabei etwas Nach⸗ denkendes und Betendes; ſodann ſuchten ſie wieder die Wiege, in der ihr ſchlafendes Kind ruhte. Sie ſchien kaum dreiundzwanzig Jahre alt zu ſein. Von Natur blaß, wie in der Regel die Andaluſierinnen ſind, war die Gräfin zu Granada geboren worden; und in der ſtrengen Trauer, die ſie als Wittwe trug, erſchien ſie noch bläfſer. Eine kleine perpendikuläre Falte, die zwiſchen ihren e— — 13 Augenbrauen ſich zu zeigen anfing, verrieth einen be⸗ ſonnenen Charakter; während ihr graziös gebogener Mund das ſüßeſte Lächeln verſprach. Ihre ſchwarzen Sammt⸗ Augen beſtätigten die Verſprechungen ihres Mundes; aber nichts deſtoweniger konnte man auf ihrer ſtarkge⸗ wölbten Stirne, ſowie in den Linien ihrer Naſe, die leicht an eine Adlernaſe erinnerte, ohne Mühe die Un⸗ beugſamkeit des Willens und die Heftigkeit der Leiden⸗ ſchaften leſen. Es war dieß einer jener unterſcheidenden Züge, die Tiburcio oder vielmehr Fabian von ſeiner Mutter ge⸗ erbt hatte. Die Haare der Dona Luiſa waren ſo ſchwarz, wie Ebenholz, und faßten mit zwei glänzenden Bandeaur ein Geſicht ein, das im Zuſtand der Ruhe verführeriſch, wenn belebt, bezaubernd, und im Zorne furchtbar ſchön ſein mußte. Endlich rechtfertigten noch Hände von blendender Weiße und von vollkommenſter Form, ſowie eine ele⸗ gante Taille, und allerliebſte Füßchen die Leidenſchaft, welche die beiden Brüder für die Gräfin empfunden hatten; denn wir müſſen wahrheitsgemäß hinzuſetzen, daß der Wunſch, ſeine Familie nicht erlöſchen zu laſſen, nicht der einzige Beweggrund zur Heirath Don Juan de Me⸗ diana's mit Dona Luiſa geweſen war. Nach einigen Augenblicken tiefen Nachdenkens nahm die Gräfin die Lampe und ſtellte ſie auf ein Leuchter⸗ Geſtell, ſo daß das Licht, welches dieſelbe verbreitete, die Züge ihres in ſeiner Wiege ſchlafenden Sohnes be⸗ leuchtete. Das Kind lag in jenem tiefen, ſeinen Altersge⸗ noſſen eigenen Schlafe, der dem Tode allzu ähnlich ſein würde, wenn man nicht das Leben mit dem Blute unter dem leichten Gewebe, das es bedeckt, ſo zu ſagen, eir⸗ culiren ſähe. Sie betrachtete lange Zeit das naive Ge⸗ ſicht des Kindes, das in einer Fülle von Haaren, jenem hellen Kaſtanienbraun angehörig, welches für ſpätere Jahre ein ſchönes ſchwarzes Haar verſpricht, halb be⸗ graben warz jedoch ihre Blicke ſchienen mit eben ſo viel Neugierde als Zärtlichkeit auf ſeinen roſigen Wangen und ſeinen kirſchrothen Lippen zu ruhen. Ein Zuſchauer hätte glauben können, ſie wolle auf den Zügen ihres Kindes die Zukunft leſen, die ihm vor⸗ behalten ſein möchte,— ein entſetzliches Studium, das eine Mutter bei dem Gedanken an die Kämpfe, welche ſpäter der ſchwachen, vor ihren Augen ruhenden Crea⸗ tur harren, beben macht. Die Gräfin machte es wie alle Mütter in ähnlichem Falle, das heißt, ſie drückte einen leidenſchaftlichen Kuß auf ſeine Wangen, gleichſam um ihren Sohn mit einem ſchützenden Zauber zu bewaffnen, oder um ihm die Verſicherung zu geben, daß wenigſtens die mütterliche Liebe ihm nie entgehen würde. Ueber der Wiege hing an der Wand eines der gro⸗ ßen Familien⸗Gemälde. Die Strahlen der Lampe be⸗ leuchteten es in dieſem Augenblicke vollſtändig. Die Per⸗ ſon, die es darſtellte, gehörte dem Ende des achtzehnten Jahrhunderts an. Es war ein Knabe von fünfzehn bis ſechzehn Jahren; obwohl aber ſein Blick ſtolz, und ſeine ganze Haltung eine vornehme war, ſo verrieth er doch jene Verſchlechterung der Race, die ein charakteriſtiſches Kennzeichen der dermaligen ſpaniſchen Ariſtokratie bildet. Er lehnte ſich mit dem Elbogen auf die Rücklehne eines ungeheuren Seſſels, in welchem ein junges Kind ſchlief. Der Stolz des nach ſeinem Bruder hin gekehrten Au⸗ ges,— denn die Familien⸗Aehnlichkeit war auffallend groß,— ſchloß einen Ausdruck lebhafter, zärtlicher Liebe nicht aus. Dieſe Gruppe ſchien die Allegorie, die be⸗ lebte Erklärung des Wappens zu ſein, das man an einer der oberen Ecken des Gemäldes ſah, und worauf die Deviſe:„Ich werde wachen“ zu leſen war. In Folge eines ſeltſamen Zuſammentreffens zeigte das in ſeiner Wiege ſchlafende Kind eine auffallende Aehnlichkeit mit demjenigen, das ſeit dreißig Jahren auf ſeinem gothiſchen Lehnſeſſel ſchlief. Nachdem die Gräfin 15 ihren Sohn, über den ſie ſich geneigt, geküßt hatte, hob ſie die Augen in die Höhe, und da ſchien ſie dieſe Aehn⸗ lichkeit zum erſten Male zu bemerken; denn eine düſtere Wolle zog ſich über ihre Phyſiognomie hin. Sie zitterte. „Armes Kind!“ ſprach ſie halblaut.„Möge Gott Dich von einem dem ſeinen ähnlichen Looſe bewahren!“ Sodann entfernte ſie die Lampe wieder, welche die brüderliche Gruppe mit ihrem Scheine erleuchtete; und dann verdunkelte ſich wieder das Gemälde. Man hätte ſagen können, es ſei geweſen, als ob eine Erſcheinung wieder verſchwunden wäre. Es gibt in der Stille der Nacht Augenblicke, wo Alles einen doppelten Werth eine doppelte Wichtigkeit erlangt. Man hört das geringſte, von außen kom⸗ mende Geräuſch: das Krachen eines Möbels jagt Einem Furcht ein. Ebenſo verhält es ſich mit den Stimmen in der Bruſt des Menſchen; diejenigen, ſo den Tag über ſchweigen, laſſen ſich während der Nacht hören,— diejenigen, welche den Tag über bloß murmeln, werden in der Nacht ſo laut, wie ſchmetternde Trompeten. Man muß ſie hören, man mag wollen oder nicht. Hatte die Einſamkeit, die Stille, oder hatte der An⸗ blick dieſes Gemäldes bei der Gräfin eine jener ſchla⸗ fenden Stimmen geweckt? War es ein Gewiſſensbiß? war es eine Vorahnung? So viel iſt gewiß, daß ſie von dem Augenblicke an noch bläſſer ſchien. Indeſſen nahm ihre Phyſignomie, gleich als ob die Reflexion aus ihrer Phantaſie eitle Schrecken verbannt, bald wieder den ſtolzen Ausdruck an, der gewöhnlich dar⸗ auf lag. Sie ſetzte ſich wieder an den Platz, den ſie an einem der Fenſter des Zimmers einnahm, und die Ruhe wurde jetzt nur noch durch die Windſtöße geſtört, welche von dem auf der Spitze der hohen Felſen von Elanchovi unaufhörlich murmelnden Meere herkamen. Plötzlich vermiſchten ſich ſchrillere Laute mit den Seufzern des Windes, und es trafen die Töne einer Seetrompete das Ohr der Dona Luiſa. Es iſt dieß ein ——————— 16 Signal, das oſt zwiſchen Schiffen gewechſelt wird, welche während der Nacht ſich an dieſen gefährlichen Küſten befinden; allein die Gräfin wußte es nicht. Für ſie lag etwas ſo Ungewöhnliches, ſo Außerordentliches in die⸗ ſem vom Meere herkommenden Tone, daß er ihr wie ein Echo aus der unſichtbaren Welt erſchien. Die Gräfin erhob ſich halb von ihrem Stuhle, mit einer ſolchen Angſt, daß ein Zuſchauer gedacht hätte, ſie mache ſich auf irgend eine furchtbare Erſcheinung gefaßt. Ihre erſte Bewegung war, daß ſie auf eine kleine Glocke zulief, die ſich auf einem neben ihr ſtehenden Tiſche be⸗ fand; aber bald gewann ihr Hochmuth wieder die Ober⸗ hand, und Dona Luiſa kniete neben der Wiege ihres Sohnes nieder, da ſie ſich ſchämte, ihre Schwäche vor einem ihrer Domeſtiken zu zeigen. Das Kind lag immer noch in ſeinem tiefen und ruhigen Schlafe, und träumte wahrſcheinlich von den Liebkoſungen ſeiner Mutter. „O mein Gott!“ rief ſie von Neéuem,„wie ſchwer zu tragen ſcheint mir jetzt der Name Mediana, der ſo lange das Ziel aller meiner Wünſche war! Da von dem einen oder dem andern der beiden Brüder dieſes Kind gezeugt werden ſollte, um den gräflichen Namen fortzupflanzen, ſo moge Dein Zorn, o Herr, wenigſtens nur mich treffen!“ Dieſes Gebet der Dona Luiſa ſchien ein im Lande cireulirendes Gerücht zu beſtätigen, wornach die Gräfin mehr ehrgeizig, als treu, den älteren Mediana ohne Liebe geheirathet, während ſie dem jüngeren, Don Antonio, den ſie für todt hielt, ihr Herz geſchenkt. Ihre Stimme verlor ſich abermals in einem ſtum⸗ men Gebete, und ließ ſich dann bald wieder hören, war dieſes Mal aber mit jener Langſamkeit accentuirt, die auf eine träumeriſche Zerſtreuung und ein Vergeſſen der äußeren Gegenſtände während der Wanderungen der Seele im Lande der Vorahnungen und der Erinnerungen deutet. * 17 Die Gräfin hörte, ganz in Träumereien verloren, ein dumpfes, von außen kommendes Geräuſch, das die vom Nachtwinde gegen die Fenſterſcheiben von Zeit zu Zeit gemurmelten Klagmelodien unterbrach, nicht. Dann ſchien dieſes anfänglich gedämpfte Geräuſch vom Balcon herzukommen, bis das Fenſter ſich heftig öffnete, der eindringende Wind ſich im Zimmer verfing, und das Licht der Lampe zu einer bis zur Mündung ihres Glas⸗ rohres aufſteigenden Feuerzunge geſtaltete. Bei der ſchwankenden Helle des im Zimmer bren⸗ nenden Lichtes ſah die vor Erſtaunen verſteinerte Gräfin einen Mann auf ſich zukommen. Ehe ich in der Erzählung fortfahre, glaube ich hier austrücklich bemerken zu müſſen, daß ich hier Nichts erfinde, ſondern mich einzig und allein auf die Rolle eines Erzählers beſchränke. Man hat ſich, gottlob! ähn⸗ licher Entwicklungen in Romanen ſchon ſo häufig be⸗ dient, daß ich mir ein Gewiſſen daraus gemacht haben würde, auf's Neue einen jener nächtlichen Helden ein⸗ zuführen, die eine Strickleiter einer ordentlichen Treppe vorzuziehen affectiren, um ſo unvermuthet in einen Ort einzudringen, wo man ſie am Wenigſten erwartet. Gewiß, wenn ich dieſe Erzählung aus dem Munde irgend eines andern Menſchen gehört hätte, als aus dem des Waldläufers, von dem ich ſie habe,— ich würde ihn im Verdacht haben, daß er in ſeine Erinnerungen die Erzählungen von Melodramen aus ſeiner Jugend miſche; aber der wackere Canadier war in den Wüſten geboren, und hatte faſt nur in ſolchen gelebt. Er war im Walde oder in der Wüſte nur ſelten Zuſchauer, um ſo häufiger aber eine handelnde Perſon bei jenen Dra⸗ men geweſen, deren Entwicklung raſch, wie der Pfeil oder die Mordkeule des Indianers, iſt, wenn ſie nicht ganze Tage dauern, wie deutſche Dramen, wo dann die Ueberlebenden allein die Einzelheiten erzählen können. Ich muß daher annehmen, er ſei bloß der wahrheits⸗ liebende Erzähler einer romanesken Realität geweſen. Der Waldläufer. l. 2 Der Leſer möge es, gleich mir, annehmen, ohne indeſſen aus einer Ausnahme zu ſchließen, daß das Melodrama in der Natur liege. Hätte der Blitz neben der Gräfin eingeſchlagen, ſo hätte ihre Betäubung nicht größer ſein können, als die war, die in ihrer Seele auf den erſten Schrecken folgte. Gleich als ob ihre Erinnerungen die Macht eines Zaubers beſeſſen hätten, und als ob es bei ihnen geſtanden hätte, ein Geſpenſt zu citiren, ſah ſie Don Antonio de Mediana ſelbſt in drohender Haltung vor ihr ſtehen. Beim Anblicke eines Mannes, der zur Nachtzeit ihren Balcon erſtiegen, empfand die Gräfin, wie ich bereits geſagt, einen gewaltigen Schrecken; ein noch gewaltigeres Erſtaunen folgte aber auf denſelben, als ein zweiter Blick ihr ſagte, wer dieſer ſeltſame Beſucher warz allein ſie hörte auf, ſich zu fürchten, als ſie Don Antonio erkannte. Alle Frauenzimmer legen der Liebe, die ſie einflöſ⸗ ſen, ſei es mit Recht, ſei es mit Unrecht, eine ungeheure Wichtigkeit bei. und in der That läßt, wenn, einer poetiſchen Alle⸗ gorie zu Folge, die Unſchuld der Jungfrau hinreicht, um einen Löwen einzuſchüchtern, die Erfahrung der Frau ihr ſtets die Zähmung des Mannes, der ſie ein⸗ mal geliebt, als eine leichte Aufgabe erſcheinen. In den Augen der meiſten Männer iſt zwar dieſe Wichtigkeit contagiös; allein zum Unglücke für Dona Luiſa gehörte diefer zu denen, welche die Liebe einer Frau nicht gar hoch anſchlagen, ſobald ſie von gewiſſen Umſtänden getrennt iſt. Ich drücke hier bloß die excep⸗ tionelle Anſicht Don Antonio de Mediana's aus. Das blaſſe Geſicht Don Antonio's zog die Gräfin nicht aus ihrem Irrthume, obwohl es zwei entgegenge⸗ ſetzte Gefühle, einen verhaltenen Zorn und eine anſchei⸗ nende Ironie, ausdrückte. Dona Luiſa ſah in ihm immer noch den Mann, der fie geliebt, und noch lieben müſſe. 19 „Rühren Sie ſich nicht,“ rief Antonio,„und geben Sie keinen Laut von ſich, um Hülfe herbeizurufen, wenn Ihnen dieſes Kind lieb iſt!“ Er deutete mit dem Finger auf die Wiege Fabian's. Es lag in dieſer Geſte ſo viel Macht und Autorität, daß die beſtürzte Gräfin mit graſſen Augen und vorge⸗ beugtem Körper ſtumm und unbeweglich blieb, und ihren ſeltſamen Beſucher zitternd und bebend anſah. Was ſie gehört, hatte ihr bewieſen, daß in den Augen dieſes Mannes die Vergangenheit Nichts mehr war. Dona Luiſa fühlte, daß ſie verloren, allein ſie fühlte auch, daß ihr Kind bedroht ſei. Sie bot daher alle ihre mütterliche Zärtlichkeit, und die ganze Energie ihres Willens und Stolzes auf, um dem Finger, der auh die Wiege ihres Sohnes hinwies, mit einem ſo gleichgiltigen Blicke zu folgen, als ob das Leben dieſes Kindes nicht hundert Mal koſtbarer geweſen wäre, als ihr eigenes. Gewiß bedurfte es dazu eines unerhörten Grades von Muth; denn das Geſicht Don Antonio's nahm plötz⸗ lich einen andern Ausdruck an. Seine Lippen, die ein nervöſes Zucken, dem ſein Willen keinen Einhalt zu gebieten vermochte, convulſiviſch bewegte, ließen von Zeit zu Zeit ſeine gewaltig gegen einander gepreßten Zähne ſehen; ſeine funkelnden Augen, die ſich auf die Gräfin hefteten, riefen in allen ihren Gliedern Todesſchauer hervor. Sie hatte klar darin geleſen, daß ſie weder Mitleid, noch Gnade von ihm erwarten dürfe. Indeſſen gelang es ihr endlich doch, ihren Schrecken einigermaßen zu bemeiſtern, worauf ſie mit feſter Stimme rief: „Wer ſind Sie,— Sie, der Sie wie ein Nacht⸗ dieb hier einzudringen wagen? Ziemt es einem Sohne, alſo in das Haus ſeiner Väter zurückzukommen? Iſt Don Antonio de Mediana nur noch ein Miſſethäter, der ſich vor dem Tageslicht ſcheut?“ „Geduld!“ antwortete Don Antonio ironiſch,„es 22 Ihrer Intriguen geweſen iſt, den Erſtgeborenen in die Schlingen zu verwickeln, die Sie dem Zweitgeborenen nur gelegt hatten, weil Sie das förmliche Verſprechen ſeines Bruders kannten?“ Die Gräfin antwortete keine Silbe. Kam es da⸗ her, daß die Anklagen des unerbittlichen Richters, deſſen Gerichtsbarkeit ſie ſo plötzlich anheimgefallen war, lau⸗ ter ſprachen, als ihr Gewiſſen? oder kam es daher, daß ſie es verſchmähte, auf dieſe Anklagen zu antworten, die ſie berechnender Habſucht bezichtigten? Don Antonio fuhr alſo fort: „Laſſen wir dieſe Gegenbeſchuldigungen, die bloß der Vergangenheit angehören; ich bin nicht hieher ge⸗ kommen, um mich in zärtlichen Vorwürfen zu ergehen, wie betrogene Liebhaber ſo oft thun; ich habe einen ernſteren Zweck.“ Antonio machte einen Schritt nach der Wiege hin. „Aber Sie ſehen doch wohl ein,“ rief die Gräfin, „daß mein Sohn Ihnen Nichts gethan hat!“ Es lagen in dieſem Schrei ſo viel mütterliche Angſt, ſo viel Heftigkeit, ſo viele Thränen, daß in der Seele Don Antonio's eine Reaction vor ſich zu gehen ſchien, ohne daß indeſſen ſeine Züge Etwas von jener kalten Strenge verloren hätten, womit er ſein Geſicht mas⸗ kirte; denn er hob mit minder drohender Stimme wie⸗ der an: „Wer hat Ihnen denn geſagt, daß ich der Mörder eines Kindes ſein wolle?“ „Ach! nehmen Sie meinen Dank für Ihre Gnade hin, Antonio!“ rief die Gräfin, die Hände faltend. Don Antonio fuhr fort: „Hören Sie zuerſt das Urtel an,— erfahren Sie zuerſt, was ich mit ihm vorhabe, und Sie werden dann ſehen, ob Sie Urſache haben, für eine Gnade zu danken. Auf dieſem Kinde laſtet keine andere Schuld, als daß ein Verrath, deren Frucht es iſt, es zwiſchen mich und ein Vermögen geſtellt hat, das ich ſammt den damit ————— 23 verbundenen Titeln als mein Eigenthum anzuſehen ge⸗ wohnt war. Ihr Kind weiß noch nicht, in welchem Stande Gott es hat geboren werden laſſen, und in einer unbekannten Welt lebend, in die ich es verſetzen werde, wird es„ „Oh, auch dann noch ſegne ich Sie, Antonio!“ rief ſie. „Nie wird es ſeinen Stand erfahren, denn Sie werden nicht mehr bei ihm ſein, um es ihm zu ſagen,“ fuhr der unerbittliche Richter fort. „Wie!“ rief die Gräfin mit einer Stimme, welche die Ueberraſchung, das Staunen, der Schrecken mit einem Male erſtickten....„Wie! Sie wollen mich von ihm trennen! Ach, nein! das werden Sie nicht thun, nicht wahr?“ fuhr ſie fort, indem ſie, mit ausgeſtreckten Armen und mit flehendem Auge, auf die Knie niederfiel. Don Antonio beobachtete ein düſteres Schweigen. Die Gräfin glaubte in ſeinem Herzen eine zartere Saite angeſchlagen zu haben, und Alles, was die Beredſamkeit einer Mutter Ueberzeugendes— Alles, was ihr Flehen Rührendes haben kann,— die flehentlichen, demüthigen Bitten, die die Wirkung haben konnten, den unverſöhn⸗ lichen Mann auf andere Gedanken zu bringen,— die Gerechtigkeit der Menſchen und die Gerechtigkeit Got⸗ tes, die ſie anrief, Alles wurde von ihr aufgeboten, um von ihm ſo Viel zu erlangen, daß er ihr ihren Sohn laſſe; aber Thränen, Bitten, Verſprechungen, Schwüre, Alles war vergebens. Ein eiskaltes Lächeln war die Antwort auf ihre Bitten. „Wie!“ ſprach er.„Wie! glaubt denn die Gräfin von Meviana, ich habe umſonſt tauſend Gefahren ge⸗ trotzt, um bis zu ihr zu gelangen? Glaubt ſie denn, ich habe an einem für die Augen der menſchlichen Juſtiz unſichtbaren Gewebe, in welchem ich ſie erſticken will, ohne daß ihr Schreien gehört wird, gearbeitet, um in dem Augenblicke, wo ſie endlich in meinen Händen iſt, wirv die Zeit kommen,— und ſchon iſt ſie nicht mehr fern,— wo ich, wie es ſich für mich ſchickt, in dieſes Schloß zurückkommen werde, das heißt, bei hellem Tage, durch das offene Gitterthor hindurch, inmitten der Jubel⸗ rufe, die meine Rückkehr begrüßen werden; allein heute Abend paßt es nun einmal in meinen Plan, nichts An⸗ deres, als ein Nachtdieb zu ſein, wie Sie ſich aus⸗ drücken.“ „Was wollen Sie denn?“ rief die Gräfin ängſilich. „Wie! ſehen Sie nicht,“ erwiederte Don Antonio mit ſeiner bisherigen Ruhe, die, dem Beben ſeiner Mus⸗ keln zum Trotze, eine entſetzliche Entſchloſſenheit verrieth, „ſehen Sie noch nicht, daß ich hieher komme, um mich zum Grafen von Mediana zu machen?“ So gewann in den Augen der Gräfin die Frage mit einem Male eine Entſetzen erregende Bedeutung. Es handelte ſich nicht mehr darum, einen getäuſchten Liebhaber zu beſchwichtigen, wie ſie anfänglich geglaubt; es galt jetzt, ihren Sohn zu retten! Pierundzwanzigſtes Rapitel. Die Prophezeiung. Bei dieſen Worten, die der Gräfin keinen Zweifel über die wahren Abſichten Don Antonio's ließen, war ihre erſte Bewegung die, daß ſie auf die Wiege ihres Sohnes zuſtürzte, um ihm aus ihrem Körper eine Schutz⸗ mauer zu machen; allein Don Antonio war ihr zuvor⸗ gekommen, und heftete auf ſie, indem er ſich zwiſchen ſie und die Wiege ſtellte, den kalten und eiſenfeſten ——— B ————— ——— Blick, den er ſeit dem Anfange dieſer Unterredung wie⸗ der gewonnen hatte. Er mußte tief erbittert, ſein Herz mußte gewaltig verhärtet ſein, daß ſeine wilde Entſchloſ⸗ ſenheit vor der Gräfin dieſelbe blieb,— vor der Gräfin, die mit weit geöffneten Naſenlöchern, mit heftig klopfen⸗ dem Buſen, die Todesangſt auf dem Geſichte, während ihre langen Haarflechten über ihre Schultern herabfie⸗ len, bald demüthig flehende, bald ſchreckenerfüllte Augen auf ihn heftete, denn ihr ſtolzes Geſicht nahm die ganze wilde Schönheit an, die es verſprach, während die Mut⸗ terliebe ihren Blicken einen ungekannten Reiz verlieh⸗ „Gnade für ihn!“ ſprach ſie endlich, als ſie wieder Worte finden konnte;„Sie können mich umbringen, Antonio,— aber was hat er,— was hat er Ihnen gethan?“ „Was er mir gethan?“ verſetzte Don Antonio; „iſt nicht er jetzt Graf von Mediana? Iſt er nicht ein legitimer Uſurpator eines Titels und eines Vermögens, die mir hatten bleiben ſollen, wie ſein Vater unſerer Mutter auf ihrem Todbette geſchworen? Iſt er nicht der Sohn derjenigen, die mir gelobt hatte, daß ſieR mand außer mir lieben würde,— iſt er nicht der St derjenigen, die keine Ruhe gehabt hat, als bis es ihr, mit Verletzung ihrer Schwüre, durch die Zauber ihrer Schönheit gelungen iſt, auch meinen Bruder zu einem Meineidigen zu machen?“ Die Gräſin verbarg den Kopf in ihren beiden Händen. „Hat man Sie nicht ſchon ſeit langer Zeit für todt gehalten?“ ſagte ſie mit erſtickter Stimme.„Ich habe den allgemeinen Irrthum getheilt.“ „Glauben Sie, Sie beſtechen mich mit dieſen Lü⸗ gen?“ Weiß ich nicht, daß beim erſten Entſtehen des Gerüchtes von einem Tode, der durch Nichts beſtätigt wurde, aber die zarte Sorge, womit der Graf von Mediana und das reiche mit dem Titel verbundene Ma⸗ jorat Sie erfüllt hatten, beunruhigte, es der Zielpunkt aller 24 auf meine Rache zu verzichten? Nein, nein! mein Plan ſoll ausgeführt werden, wie ich ihn ausgedacht, wenn anders nicht,“ ſetzte Don Antonio hinzu, indem er einen Dolch aus ſeiner Scheide riß, und mit der Spitze auf die Wiege des kleinen Fabian deutete,„ein Schrei, ein unnützer Widerſtand mich zwingt, dieſen Plan zu än⸗ dern... Und in dieſem Falle möge mein Bruder mir verzeihen, daß ich ſein Blut vergoſſen: Sie werden es dann ſein, die es ſo gewollt.... „O mein Gott!“ rief die Gräfin,„ſendeſt du mir keinen Retter in der Noth? Willſt du ein ſolches Ver⸗ brechen geſchehen laſſen?“ „Laſſen Sie mich das mit Gott abmachen, Madame; was die Menſchen betrifft, ſo laſſe ich, ich habe es Ihnen bereits geſagt, keine Spur hinter mir zurück; Sie wer⸗ den daher, glauben Sie mir, wohl daran thun, wenn Sie auf die Gerechtigkeit Gottes in ihrer Lethargie, — wenn Sie auf die menſchliche Juſtiz in ihrer Ver⸗ blendung nicht allzu ſehr rechnen.“ Die Gräfin wollte einen letzten Verſuch machen, den Mann zu erſchrecken, den all' ihr Flehen kalt gelaſ⸗ ſen hatte: mit einer Todtenbläſſe auf der Stirn, ging ſie auf ihn zu, und ſprach, mit von prophetiſchem Feuer belebten Augen: „Nehmen Sie ſich in Acht, daß, in Ermangelung der menſchlichen Juſtiz, die Sie verlachen, jene himm⸗ liſche, die Sie läſtern, am andern Ende der Welt, in den entfernteſten Wüſten, die vielleicht des Menſchen Fuß nie betreten wird, nicht einen Ankläger, einen Richter, und einen Henker erweckt!“ „Die Zeit der Wunder iſt vorüber,“ ſprach Don Antonio kalt,„und ich weiß gewiß, daß ſie nie wieder⸗ kehren wird!“ Sodann ſetzte er in ungeduldigem Tone hinzu: „Aber machen wir der Sache nun ein Ende,— das Kind da hat zum letzten Male unter dem Dache ſeiner Väter geſchlafen!“ „Gib, o Gott! daß dieß nicht geſchieht!“ rief Dona Luiſa, indem ſie das inbrünſtigſte Gebet, das je aus einer Mutter Bruſt gekommen, zu Gott aufſteigen ließ. Dann warf ſie ſich dem wieder zu Füßen, der ſie einſt geliebt hatte, und rief „O Antonio! Sie waren einſt ſo groß, ſo edel, ſo großherzig,— möchten Sie ſich nun mit einem Ver⸗ brechen beflecken? Ach nein! Sie wollen mich bloß erſchrecken,— nicht wahr?“ „Sie erſchrecken!“ erwiederte Don Antonio mit einem ſardoniſchen Lächeln;„bei Gott, das will ich nicht, denn wenn ich all' das geweſen bin, was Sie da ſagen, ſo iſt das ein ſo ſchöner Fond von Tugend, daß ich ihn wohl etwas ſchmälern kann, ohne ihn damit erheblich zu verringern. Aber,“ ſetzte er hinzu,„die Zeit vergeht, und meine Leute werden des Wartens müde.“ Auf dieſen kalten und grauſamen Hohn fand Dona Luiſa keine Antwort mehr. Der Menſch, der mit dem Verbrechen ſeinen Scherz trieb, mußte ein Herz beſitzen, das man nicht zu erweichen hoffen durfte. Von dieſem Augenblicke, und erſt von dieſem Au⸗ genblicke an, begriff die Gräſfin von Mediana, daß Alles aus ſei. Eine Betäubung, die wir nicht zu ſchildern vermögen, bemächtigte ſich ihres Geiſtes; ihr Körper verlor alle Spannkraft; ſie dachte nicht mehr, hanbelte nicht mehr, hatte keine Gedanken mehr, und erwartete, ſich in ihr Lvos ergebend, und ſich durchaus leidend ver⸗ haltend, den Urtheilsſpruch. Keine Sylbe kam mehr von ihrer Lippe. Die Reaction der ſtürmiſchen Leiden⸗ ſchaften, die ſie an dieſem Abende erſchüttert hatten, machte ſich in ihrer ganzen Furchtbarkeit geltend. In dieſem großen, ungleich erleuchteten Zimmer, worin der eindringende Wind ſich mit einem traurigen Murmeln verfing, indem er die langen Draperien ſchau⸗ dern machte, ſchien dieſe Frau, die das Haupt vor dem bald kalten, bald ſpottenden, bald zornigen, immer aber unverſöhnlichen Manne demüthig und rein paſſiv ſenkte, 26* eine arme Creatur, die ihr abgelaufener Vertrag dem Böſen in die Hände gab. Wie ſie, hatte die Gräfin geſleht, aber umſonſt: nicht nur hatte ſie keine Gnade erhalten, ſondern es war ihr auch jede Friſt abgeſchla⸗ gen worden; der Augenhlick war nun gekommen,— ihre Seele gehörte ihr nicht mehr. 5 Als ſie daher von Don Antonio ven Befehl erhielt, ihr Kind zu wecken und anzukleiden, ging ſie auf die Wiege zu, wie wenn ſie ſich ihrer Erxiſtenz nicht mehr bewußt geweſen wäre. Einen Augenblick kam ihr der Gedanke, einen Schrei zu thun, um Hülfe herbeizu⸗ rufen; allein es hielt ſie mehr noch der Inſtinkt, als die Reflerion zurück; der Tiger, der ſie mit ſeinen Klauen feſthielt, hatte auch ihr Kind in ſeiner Gewalt, und ſein großes Meſſer glänzte vor ihren Augen in unheimlicher, blutdürſtiger Weiſe. Schon ſah ſie es im Geiſte mit dem Blute desjenigen geröthet, den ſie mehr als ihr eigenes Leben liebte, und bei dem ent⸗ 4 ſetzlichen Gedanken, der ſich ihrer bemächtigte, näherte ſie ſich ihrem Sohne mit düſterem Auge und geſenktem Haupte: ihr Herz hatte in dieſem Augenblick aufgehört, zu ſchlagen. Ihre Augen ſahen nur noch durch einen Thränen⸗ ſchleier hindurch den reinen und tiefen Schlaf dieſes Kindes, das die in ſeiner unmittelbarſten Nähe vor ſich gehende Scene ruhig und ſorglos ließ, und das in einer nebeligen Oetober⸗Nacht dieſem Schlafe mit Ge⸗ walt entriſſen werden mußte, da es galt, ihm ein ewi⸗ ges Lebewohl zu ſagen. Die Gräfin fing daher mit ächt mütterlicher Sorg⸗ falt an, mit ihren zitternden Händen über das Geſicht ₰ ihres Sohnes hinzufahren, um die Locken zu entfernen,* durch die es verhüllt war. Das Kind fühlte den ſanften Contakt der Hände ſeiner Mutter, öffnete ſeine matt blinkenden Augen, und nahm, als es durch eine Wolke hindurch diejenige erblickte, die es jeden Abend an ſeinem „ 27 Kopfkiſſen ſah, ſein ſanfteſtes Lächeln an, und ſchlief dann wieder ein. Die Gräfin warf auf ihren Peiniger einen Blick, der anzeigte, daß ſie ganz außer ſich war; es fehlte ihr an dem nöthigen Muthe, das Befohlene zu thun, und ihre Arme fielen träg an ihrem Körper herunter. Don Antonio machte eine drohende Geberde, die Gräfin ſchauderte, neigte ſich auf's Neue über ihr Kind hin, und drückte auf ſeine Lippen einen Kuß, voll des fieber⸗ haften Feuers, das auf dem ihrigen brannte; bei dieſer Berührung wachte das Kind auf, und ſah erſtaunt um⸗ her. Seine ſchlaftrunkenen Augen ſchloßen ſich von Neuem, als ein heftiger Stoß von Don Antonio die Wirkung hatte, daß ſie ſich endlich ganz öffneten. Mit dieſem Stoße ſchwand auch ſeine Betäubung. Das Kind ſchauderte inmitten der eiskalten Luft, die durch das geöffnete Fenſter in Stößen in das Zim⸗ mer drang, und beim Anblicke eines Unbekannten, neben welchem ſeine todtblaſſe Mutter zitterte und in Thränen gebadet da ſtand, machte der Schrecken auch das Kind zittern. Es verbarg ſich weinend am Buſen ſeiner Mutter. Don Antonio ging ein wenig nich dem Fenſter hin, nachdem er Dona Luiſe mit einer gebieteriſchen Geſte befohlen hatte, ſich zu ſputen; dabei hörte er aber nicht auf, die Augen auf die arme Gräfin zu hef⸗ ten. Die unglückliche Mutter unterbrach tauſend Mal eine Arbeit, die ihr ſonſt ſo angenehm geweſen, nun aber ſo peinlich war, um jedes Kleidungsſtück ihres ge⸗ liebten Sohnes zärtlich zu küſſen, und um Alles, was ihr Mund von ihm erhaſchen konnte, mit feurigen Küſſen zu bedecken. Sie irrte ſich in den Kleidungsſtücken, oder affektirte, ſich darin zu irren, um einige koſtbare Augen⸗ blicke zu gewinnen,— um den unglücklichen Augenblick hinauszuſchieben, wo ihr Kind aufhören ſollte, ihr zu gehören: deßhalb zögerte ſie ſo ſehr mit dem Ankleiden deſſelben. So lange es noch nicht völlig angekleidet 28 da ſtand, war ſie immer noch ſeine Mutter,— konnte ſie es immer noch küſſen;— noch einen Augenblick, dachte ſie, und Gott ſchickt mir vielleicht in ſeiner Barm⸗ herzigkeit einen Retter! Wenn aber auch Gott die Vollführung dieſes abſcheulichen Verbrechens geſtattete, — konnte ſie da nicht ihrem Kinde in jeder Minute noch hundert Küſſe geben* Bei der Freude, wie beim Schmerzen gibt es Gren⸗ zen, über welche die menſchliche Schwäche nicht hinaus kann; jenſeits dieſer Grenzen würden die Bande des Lebens reißen. Bei den großen Kriſen moraliſcher Leiden gibt es, ſo gut wie bei den phyſiſchen, einen Punkt, wo der Schmerz plötzlich ſtille ſtehen muß, weil es dem Körper an Organen fehlt, um deren vernichtenden Schlag zu empfangen. Und ebenſo verhält es ſich mit dem äußerſten Glücke. Die Natur verhindert da durch die Unempfindlichkeit der Materie die Auflöſung der Bande, die die Seele an den Koͤrper knüpfen. Gott hat es ſo gewollt, damit das von ihm angeordnete Gleichgewicht nicht geſtört und aufgehoben werde. Dieß geſchah auch in dem Augenblicke, wo die Mutter von ihrem vielgeliebten Sohne getrennt werden ſollte. Alles war beendigt, und es war kein Retter ge⸗ kommenz allein bei einem letzten Kuſſe, einer letzten innigen Umarmung bedeckten ſich die Augen der Dona Luiſa mit einem Schleier: die Unempfindlichkeit des Körpers ließ den Seelenſchmerz nicht weiter gehen; ſie ſtieß einen ſchwachen Schrei aus, und' ſank in tiefer Ohnmacht auf den Boden hin! Don Antonio hielt, ſei es, daß er dieſen Ausgang vorausgeſehen, ſei es, daß derſelbe ſeinen weiteren Pro⸗ jekten nicht im Wege ſtand, die Lampe kalt an das blaſſe und lebloſe Geſicht der Gräfin hin, um ſich von ihrem Athmen zu vergewiſſern; dann ſchob er, ohne ſich um die ſtillen Thränen des Kindes zu kümmern, das ſein großer Schrecken verhinderte, laut zu weinen, den 29 Riegel der Thüre vor. Nachdem er vieß gethan, öff⸗ nete er einen ſchwarzen Schrank von Eichenholz, den die Gräfin als Sekretär benützte, und nahm aus den Schubladen die Juwelen und das Geld, ſo ſich darin vorfandenz auch ſteckte er eiligſt einige Papiere in die Taſche; und endlich machte er aus ſämmtlicher Frauen⸗ i die er in andern Möbeln vorfand, einen ack. Während dieſer Zeit ſchluchzte das Kind fortwäh⸗ rend, und küßte dabei ſeine Mutter, deren kalte Unem⸗ pfindlichkeit es mit einem myſteriöſen Schrecken erfüllte. Bald bot das Zimmer den Anblick der einer großen Reiſe vorangehenden Unordnung dar. Die entleerten Schubladen lagen auf dem Boden herum; die Thüren der Schränke blieben halb offen,— mit einem Worte, Alles deutete auf eine jähe Abreiſe hin. Nachdem Antonio alle dieſe Anordnungen getroffen, ſetzte er ſich, während er ſich die Stirne abtrocknete, in den Lehnſeſſel, den die Gräfin zuvor eingenommen hatte, und warf einen aufmerkſamen Blick umher. Als dieſer Blick auf den Körper der immer noch leblos daliegenden Gräfin, und auf ihr Kind fiel, das ihre Hand in ſeinen beiden Händen hielt, ſchien ſich ein fürchter⸗ licher Gedanke ſeiner zu bemächtigen; ſchon erhob er ſich zur Hälfte; dann ſetzte er ſich wieder, wie wenn in ſeinem Herzen ein Kampf zwiſchen zwei ſich wider⸗ ſprechenden Gedanken Statt fände. „Nein!“ rief er endlich;„ein Opfer genügt mir; er er aber. iſt ſein Blut, und dieſes werde ich nicht vergießen!“ Und um ſeinen Gedanken eine andere Richtung zu geben, und einer unwiderſtehlichen Verſuchung zu ent⸗ gehen, ſtürzte er auf ein Feyſter zu, und ließ ein klei⸗ nes Pfeifen hören. Einige Secunden darauf erreichte ein Kopf den Balcon, erhob ſich über denſelben, und es trat einer der Männer, die Pepe bereits geſehen, in das Zimmer. — 30 Der Matroſe muſterte kalt die Scene, die ſich ſei⸗ 6 Augen darbot, und wartete auf die Befehle ſeines errn. „Wirf dieſe Päcke zum Fenſter hinaus! Juan wird ſie in Empfang nehmen.“ „Welche?“ ſprach der Matroſe mit einem rohen Lachen, indem er auf den Körper der Gräfin deutete⸗ „Dieſe da!“ ſprach Don Antonio. „Mit Ihrer Erlaubniß, Capitän!“ ſprach Joſe, indem er über einen kleinen ſilbernen Braſero herfiel, der am Fuße der Lampe ſtand. „Brauchſt Dich nicht zu geniren, mein Burſche, ſpute Dich aber!“ Nie wurde ein Befehl pünktlicher vollzogen; denn in einem Nu verſchwanden tauſend kleine, zum Gebrau⸗ che von Frauenzimmern beſtimmte Gegenſtände in der Taſche ſeiner Jacke, worauf die von Don Antonio ge⸗ machten Päcke zu dem unten wartenden Gefährten hin⸗ abbefördert wurden. Was Letzteren betrifft, ſo ließ er ſich ebenfalls hören, und es drang eine Stimme mit folgenden Worten herauf: „Hel Joſe, halbpart!“ „Nun kommt das Schwerſte,“ ſprach Don Anto⸗ nio; fühlſt Du Dich ſtark genug, es fortzuſchaffen?“ „Bah, Herr Capitän, Sie belieben zu ſpaßen; das iſt federleicht!“ Sofort hob der Matroſe die Gräfin vom Boben auf, wie wenn er es mit dem Körper eines Kindes zik thun gehabt hätte, nahm ſie unter ſeinen Arm, und ging damit auf den Balcon zu. „He! Juan!“ rief er,„zieh die Leiter ſtraff an: ich bringe die Beute.“ Und er verſchwand langſam unter dem Balcon. Don Antonio that ein Gleiches, indem er das Kind, das vor Schrecken ſtumm war, mit fortnahm, und nun auch ſeinerſeits das Zimmer verließ. Einige Minuten darauf warf die Lampe einen 31 letzten und lebhaften Schein auf die Kleider, die auf der leeren Wiege herumlagen, ſowie auf die offen⸗ ſtehenden Schränke, und erloſch. Dann brachte inmitten des fernen Gemurmels des Oceans, der ſich an ſeinen rieſigen Dämmen brach, ein pfeifender Stoßwind Et⸗ was, das wie ein Schluchzer, wie ein letzter Schrei der Verzweiflung und der Angſt tönte; und Pepe, der Schläfer, der dieſen Schrei hörte, glaubte, es ſei bloß eine der düſtern und unheimlichen Modulationen des Felſenwinds. Bringen wir dieſen traurigen Bericht zu Ende. Die unglückliche Mutter wurde, immer noch bewußtlos, von ihrem Entführer in den Kahn gelegt, der ihn an's Ufer gebracht hatte. In ſeinem unverſöhnlichen Ehr⸗ geize hatte Don Antonio die Mutter verurtheilt; ein Gewiſſensſkruppel verhinderte ihn allein, den jun⸗ gen Fabian zu tödten, den er, dem Wind und den Wo⸗ gen ausgeſetzt, in dem Fahrzeuge ließ, worin einer ſeiner Matroſen die Gräfin erdolchte. Uebrigens hoffte Don Antonio zuverſichtlich, daß der Hunger, die Kälte, oder der Sturm es übernehmen würde, den Sohn ſei⸗ nes Bruders von der Erde zu vertilgen. Was Mediana und ſeine beide Mitſchuldigen be⸗ trifft, ſo hatten ſie ſich, als ſie ihr Schiff nicht mehr ſehr ferne ſahen, in das Meer geworfen, und den Reſt des Weges ſchwimmend zurückgelegt. Als ſie wieder an Bord waren, erklärten ſie durch die Fabel eines Schiffbruches den Umſtand, daß ſie den Kahn verlaſſen, in dem nur noch eine todte Frau und ein armes Kind lagen, welches letztere der Kälte einer Mitternacht höchſt wahrſcheinlich erliegen mußte. Don Antonio kam in das väterliche Schloß zurückz man kennt ſein Leben bis zu dem Abende, wo Cuchillo um ein Haar den jungen Menſchen vor ihm erdolcht hätte, den die Vorſehung auf ſeinen Weg geführt. Man hat ſo eben geſehen, was dem neuen Mordverſuche vorangegangen war, deſſen Opfer beinahe Tiburcio in dem in der Nähe der Hacienda gelegenen Walde ge⸗ worden wäre. Fünfundſwanzigſtes Kapitel. Die Brücke über den Waldſtrom. Während Cuchillo in dem Dickichte, in welchem er fich niedergekauert hatte, den günſtigen Augenblick er⸗ ſpähete, um ſeinen Carabiner auf den Feind loszuſchie⸗ ßen, für deſſen Blut er von dem ſpaniſchen Edelmann bezahlt wurde, verfolgte Letzterer, kalt und energiſch, wie alle Ehrgeizigen, welche den Werth des Augenblicks kennen, und ohne ſich mit dem Drama weiter zu be⸗ ſchäftigen, welches faſt vor ſeinen Augen vor ſich ge⸗ hen ſollte, und deſſen Ausgang er als ſicher anſah⸗ unabänderlich die Ausführung ſeiner Entwürfe. Das Wenige, was Cuchillo ihm von Diaz gefagt, und das zurückhaltende Benehmen des Letztern gegen⸗ über den beiden andern Abenteurern, die bei dem Ban⸗ diten waren, war für Don Eſtevan, der ſeine Leute raſch zu beurtheilen verſtand, genug geweſen, um eine ziemlich günſtige Meinung von ihm zu faſſen. Einige Worte, die Diaz entfallen waren— Worte, die ein biederes Herz andeuteten, wenn auch das Ge⸗ wiſſen nicht zu den zarteſten gehörte, hatten in der Seele des Spaniers dieſe gute Meinung beſtätigt. Arechiza, oder, wenn man lieber will, der Herzog von Armada verhehlte ſich nicht, daß die Abenteurer, von denen er während ſeiner Expedition umgeben ſein —. ſollte, unter ſich Viele zählen müßten, die in fittlicher Beziehung gar nicht höher ſtänden, als Cuchillo und deſſen beide Freunde. Ein Menſch, der für ſo ziemlich ehrlich gelten konnte, war daher ein köſtlicher Fund für ihn; was ſeine Tapferkeit betraf, ſo konnte ſie wohl nicht bezweifelt werden, da Jedermanns Mund davon voll war. Don Eſtevan beſchloß daher, ſich des Diaz zu bedienen, und ihn deßhalb an ſich zu feſſeln. Man hat wohl nicht vergeſſen, daß der Spanier in ſeinen politiſchen Entwürfen die Eroberung des Goldthals nur als ein Mittel anſah, den höheren Zweck zu errei⸗ chen, den er im Auge hatte. Während Don Eſtevan den ihm von Cuchillo an⸗ gegebenen Weg langſam fortritt, hatte er es verſucht, die Geſinnungen ſeines neuen Recruten, deſſen Tapfer⸗ keit und Geſchicklichkeit ihm vom Hacendero bereits ge⸗ rühmt worden waren, zu erforſchen. Indeſſen reichten die beiden letzteren Eigenſchaften in den Augen Don Eſtevan's noch nicht hin, um Diaz zu der Stelle eines Lieutenants und eines Vertrauten zu berechtigen. Er lenkte das Geſpräch ganz natürlich auf die gegen die Metropole vorliegenden Gründe der Unzufrie⸗ denheit, deren Keime ihm während ſeines Aufenthalts im Staate Sonora nicht entgangen waren. Bei den erſten Worten, die Pedro Diaz antwortete, ſah Don Eſtevan, daß pies der Menſch war, den er zu finden wünſchte; allein es war der Augenblick noch nicht ge⸗ kommen, ihm den ganzen Plan zu enthüllen. Nur ſo viel war ihm gewiß, daß Diaz in ſeinen Händen zu gleicher Zeit ein mächtiges Werkzeug und ein trefflicher Gehulfe ſein würde, und er begnügte ſich daher, ihm zu verſtehen zu geben, daß die Erpedition von Tubge, wenn ſie glücklich abliefe, eine Trennung zwiſchen dem Staate von Sonora und dem ſouveränen Congreſſe von Merxico erleichtern könnte. Der Knall, den das Abſchießen des Carabiners Cuchillo's verurſachte, unterbrach Don Eſtevan. Der Wildläufer. U. 3 — ge 34 Hätte dem Banditen ſeine Habſucht es erlaubt, ſeine beiden Genoſſen, Oroche und Baraja, die nun wieder ganz zur Beſinnung gekommen waren, an der Belohnung, die er von Don Eſtevan erwartete, theil⸗ nehmen zu laſſen, ſo unterliegt es wohl keinem Zwei⸗ fel, daß Tiburcio wenigſtens von einem der drei zu gleicher Zeit auf ihn gerichteten Carabiner getroffen worden wäre. Aber Cuchillo hatte die von dem Spa⸗ nier verſprochenen zwanzig Unzen Gold allein gewinnen wollen, und die plötzliche Bewegung, die Tiburcio bei der Enthüllung des Canadiers gemacht hatte, war Schuld, daß er der vereinzelten Kugel des Mörders entging. Sobald Cuchillo den Schuß gethan, beeilte er ſich, ſeinem Verſprechen gemäß, zu ſeinen beiden Gefährten zurückzukommen. Er nahm ſich nicht einmal ſo viel Zeit, um ſich davon zu vergewiſſern, ob denn ſeine Ku⸗ gel auch getroffen. Indeſſen konnte Cuchillo, da die Furcht ſein Auge ein wenig trübte,(denn er zweifelte gar nicht, daß, wenn er auch den erreicht hätte, den er auf's Korn ge⸗ nommen, immer noch zwei Jäger, deren Geſchicklichkeit und Unerſchrockenheit er den Tag zuvor ſchätzen gelernt hatte, übrig blieben, um ſeinen Tod zu rächen) nicht auf der Stelle den Ort wieder finden, wo er ſein Pferd angebunden hatte. Obgleich er ſich bald wieder zurecht fand, ſo hätte ihm doch ſeine Unſchlüſſigkeit das Leben koſten können, wenn Roſenholz ſammt ſeinen beiden Freunden über dieſen plötzlichen Angriff nicht ebenfalls ein Bischen betroffen geweſen wäre. DDer unerwartete Schuß, der gerade in dem Au⸗ genblicke ſiel, wo Tiburcio und der Canadier noch von de ewaltigſten Gemüthsbewegung beherrſcht waren, he e für ſie, ſo zu ſagen, eine betäubende Wirkung. „Caramba!“ rief Pepe,„ich möchte wohl wiſſen,“ für wen dieſe Kugel gemünzt geweſen, ob für mich, oder 35 für Sie, junger Menſch; denn ich habe Euer Geſpräch gehört, und ich, der ich dieſer Geſchichte von Elanchovi nicht ganz fremd bin „Der Geſchichte von Elanchovi!“ rief der Canadier, „wief Du weißt um.2“ „Aber es iſt jetzt nicht der Augenblick, den Senti⸗ mentalen zu ſpielen,“ verſetzte Pepe raſch⸗„wir werden ſpäter wieder einmal davon ſprechen, denn das Ganze iſt ein Geheimniß, das Ihr ohne mich wohl nicht ent⸗ hüllen könnt. Ah! Du biſt es, wie es ſcheint, der den jungen Grafen gefunden hat; für den Augenblick ge⸗ nügt das. Und jetzt, Roſenholz, vorwärts! Geh' Du gerade nach der Seite hin, von der der Schuß hergekom⸗ men; ich dagegen will mich mit dieſem jungen Men⸗ ſchen auf der entgegengeſetzten Seite in einen Hinter⸗ halt legen, denn der Spitzbube, der den Schuß gethan, iſt vielleicht jetzt im Begriffe, unſern Lagerplatz zu um⸗ gehen, und dann fällt er uns in die Hände.“ Mit dieſen Worten ſtürzte Pepe, der ſeinen Cara⸗ biner in der Hand hatte, mit Tiburcio, der mit ſeinem Meſſer bewaffnet war, nach einer Seite hin, während der große Canadier, ſich mit außerordentlicher Geſchick⸗ lichkeit bückend, unter den niedrigſten Zweigen weg ebenſo geſchwind, als geräuſchlos, in der Richtung hin⸗ glitt, die Pepe ihm angegeben hatte. Auf dem Lagerplatze blieb daher für den Augen⸗ blick allein das von dem Carabinier gefangene Pferd zurück, und dieſes verdoppelte, durch den Knall der losgeſchoſſenen Büchſe erſchreckt, ſeine Anſtrengungen, um den Lazo, der es feſthielt, zu zerreißen. Es erwürgte ſich beinahe dabei. Unterdeſſen begann das erſte Tageslicht durch die Zwiſchenräume der Bäume zu dringen: die Helle des Feuers ſchwand nach und nach vor der der Sonn ie im Begriffe war, über den Horizont heraufzuſt n⸗ Die Natur erwachte in der ganzen Pracht der tropi⸗ ſchen Wälder. 36 Der auf den blaublüthigen Lianen ſitzende Huaco ließ die zwei Sylben hören, die ihm ſeinen Namen verſchafft haben, und bei denen die Schlangen zitternd ſich verbergen; der Choyero ſchwebte an den Wipfeln der Bäume, und ſuchte die unter dem Dickichte ſchla⸗ fenden Reptilien zu erſpähen. Der Morgenwind brachte vom Felde das ferne Gewieher der Pferde und das dumpfe Gebrüll der Stiere herüber, welche die aufgehende Sonne begrüß⸗ ten,— die Sonne, deren Strahlen ſich bald im Walde Durchgang verſchafften. Die Windepflanzen mit ihren roſenfarbigen und weißen Glöckchen, die in allen Tönen des verſchiedenar⸗ tigſten Grüns ſchillernden Blätter funkelten unter dem Thaue, womit die Nacht ſie beladen hatte; die runzeli⸗ gen Stämme der Bäume nahmen eine prächtige Gold⸗ farbe an, und zeigten hier und da an den engen Win⸗ keln ihrer Zweige abgeſtreifte Schlangenbälge. Die nämliche Sonne enthüllte zu gleicher Zeit die Schrecken und die Pracht der wilden Natur. „Bleiben wir hier,“ ſprach Pepe zu Tiburcio,(den wir von nun an Fabian nennen wollen), als ſie nach einem ſchnellen Laufe ein Dickicht erreicht hatten, wo⸗ rin ſie ſich verbergen konnten, ohne daß ſie dabei ſelbſt den engen Fußpfad aus dem Geſichte verloren, der nach der Brücke über den Salto de Agua führte;„ich bin gewiß, der Spitzbube, der ſo ſchlecht zielt, kommt in einem Augenblicke hier vorbei, und ich hoffe ihm zu zeigen, daß ich in der Handhabung des Carabiners einige Fortſchritte gemacht habe, ſeitdem ich den Dienſt des Königs von Spanien verlaſſen, und bei dem Ca⸗ nadier in die Schule gegangen bin.“ Fabian und Pepe machten hinter einem aus klei⸗ nen Sumachſtauden beſtehenden Geſträuche Halt. Dem jungen Grafen, der von den Mittheilungen des Canadiers noch ganz erſchüttert war, war dieſe kurze Friſt gar nicht unwillkommen, indem er hoffte, ——— —— 37 daß der Exmiquelete ſie benützen würde, um dieſe ver⸗ worrene Enthüllung zu vervollſtändigen, da derſelbe ja vorgegeben, er wäre einem Ereigniſſe nicht fremd, das für Fabian des Dunkeln noch ſo Viel hatte. Aber der ſpaniſche Jäger ſchwieg beharrlich. Der Anblick desjenigen, den er hatte zu einer Waiſe machen — den er hatte ſeines Vermögens und ſeines Namens berauben helfen, weckte Gewiſſensbiſſe, welche zwanzig Jahre nicht zu erſticken vermocht, wieder in ihrer gan⸗ zen Stärke. Beim Lichte des anbrechenden Tags be⸗ trachtete Pepe, ohne den Mund aufzuthun, den jungen Menſchen, den er einſt als ein Kind an dem Ufer von Flanchovi hatte ſpielen ſehen. Der Stolz im Blicke ſeiner Mutter lebte in den Augen des Sohnes wieder auf; ſeine Haltung, ſein elegantes und männliches Geſicht erinnerten an Don Juan de Mediana, ſeinen Vater; aber eine harte und arbeitſame Jugend hatte aus Fabian einen Mann ge⸗ macht, der demjenigen, von dem er das Leben erhalten, an phyſiſcher Stärke weit überlegen war. Pepe entſchloß ſich endlich, das Stillſchweigen zu brechen, das bittere Erinnerungen ihn beobachten ließen. „Wenden Sie, gleich mir, das Auge nicht von dem Pfade weg, der ſich unter dieſe Bäume verliert, und drehen Sie den Kopf nicht um,“ ſprach er:„in Augen⸗ blicken der Gefahr ſprechen wir, Roſenholz und ich, ſo mit einander; und hören Sie nun meine Worte auf⸗ merkſam an.“ „Ich höre,“ antwortete Fabian, indem er that, was Pepe verlangt hatte. „Haben Sie aus Ihrer Kindheit keine beſtimm⸗ teren Erinnerungen, als die, die Sie dem Canadier mit⸗ getheilt haben?“ fuhr der ehemalige Carabinier fort „Vergebens habe ich meine Erinnerungen in die⸗ ſer Beziehung befragt, ſo bald ich gewußt habe, daß Marcos Arellanos nicht mein Vater ſei; und obgleich — 38 dieß ſchon lange her iſt, ſo erinnerte ich mich doch ſelbſt deßjenigen nicht, der für mich in meiner erſten Kindheit geſorgt hat.“ „Und der Mann, der ſich ſo Ihrer, als eines hilfloſen Kindes, annahm, weiß eben ſo wenig, wie Sie,“ ſetzte Pepe hinzu; ich aber kann Ihnen ſagen, was Sie nicht wiſſen.“ „So ſprechen Sie doch, um's Himmelswillen!“ rief Fabian. „St! nicht ſo laut!“ ſagte Pepe.„Dieſer Wald birgt ohne Zweifel, ſo öde er auch iſt, die Feinde Ihres Geſchlechts, vorausgeſetzt, daß es nicht mir allein gilt; auch iſt es ja wohl möglich, daß er Sie ebenfalls nicht wieder erkannt hat; habe ich doch ſelbſt anfänglich Sie nicht wieder erkannt.“ „Wer? von wem ſprechen Sie?“ fragte Fabian lebhaft. „Vom Mörder Ihrer Mutter,— von dem Manne, der Ihre Titel, Ihre Ehren, Ihre Reichthümer, und Ihren Namen geſtohlen hat.“ „So bin ich denn reich und von Adel?“ rief Fa⸗ bian, deſſen erſter Gedanke wieder Dona Roſario war, gleich als wollte er ihr einen Adel und einen Reich⸗ thum, die für ihn ſonſt keinen Werth hätten, als Hul⸗ digung anbieten.„Ach! warum habe ich es nicht bäl⸗ der, warum habe ich es nicht ſchon geſtern gewußt!“ Die Mutter Fabians kam in ſeinen Gedanken erſt in zweiter Reihe. „Adelig! Sie ſind es noch,“ ſprach Pepe, indem er den Lauf ſeines Carabiners erfaßte, und letzteren raſch an ſeine Schulter drückte, da er glaubte, er habe die goldene Galone eines Hutes unter den Bäumen an Wege funkeln ſehen. Es war aber nur ein Sonnenſtrahl; und der Jä⸗ ger ließ ſeine Waffe von Neuem auf ſeinen Knien ruhen. „Man hat Ihnen zwar das Blut nicht nehmen 39 können, das in Ihren Adern rinnt; allein reich ſind Sie nicht mehr.“ „Was liegt mir daran!“ antwortete Fabian trau⸗ rig;„es wäre jetzt zu ſpät.“ „Oh! es liegt viel daran. Ich kenne unter an⸗ dern zwei Männer, die Ihnen das, was Sie verloren haben, entweder wieder verſchaffen, oder darüber zu Grunde gehen werden.“ „Und meine Mutter?“ fragte Fabian. „Ah! die Erinnerung an Ihre Mutter, und an Sie, Senor Fabian, hat den Mann, von dem ich Ihnen ſpreche, gar oft nicht ſchlafen laſſen. Gar oft hat er in der Stille der Nächte,— hat er, inmitten der Wälder, in der Stimme des Windes den Angſtſchrei wieder zu hören geglaubt, der eines Abends in ſein Ohr drang, und den er damals für das Pfeifen des Felſenwindes hielt.... Es war der letzte Schrei Ihrer unglück⸗ lichen, mit dem Tode ringenden Mutter.“ „Von was für einem Menſchen ſprechen Sie mir denn da wieder?“ fragte Fabian. „Von einem Menſchen, der, obwohl ohne es ſelbſt zu wiſſen, dem Mörder Ihrer Mutter Vorſchub geleiſtet hat. Ah! Don Fabian„fuhr der Jäger lebhaft fort, gleich als wollte er auf eine Geberde des Entſetzens, die er bei dem jungen Grafen von Mediana bemerkte, antworten,„verfluchen Sie ihn nicht; ſein Gewiſſen hat ihm ſchon längſt weit mehr geſagt, als Sie ihm ſagen könnten, und jetzt iſt er bereit, all' ſein Blut für Sie zu vergießen.“ Die wilden Leidenſchaften, die erſt ſeit einigen Stunden im Herzen Fabians eingeſchlummert waren, wachten wieber auf, wie eine jener langen Feuerzungen, die bisweilen aus einer Brandſtätte, wo alles Feuer er⸗ loſchen zu ſein ſcheint, plötzlich emporſteigen⸗ Er hatte ſchon den Tod des Arellanos zu rächen, — hatte den Mörder deſſelben zu verfolgen und vorerſt kennen zu lernen,— und nun erfuhr er mit einem Male —— 40 noch, daß das Blut ſeiner Mutter,— daß das Blut derjenigen, die ihn unter ihrem Herzen getragen, eben⸗ falls um Rache ſchreie. Die holde Geſtalt Roſarita's verſchwand unter den blutigen Bildern, welche die Hitze ſeines Blutes vor ihm aufſteigen ließ, wie bei dem rothen Wiederſcheine eines nächtlichen Brandes die roſenfarbigen Tinten der Mor⸗ genröthe, die das Auge ſo gern, unter dem Nebel her⸗ vor, am fernen Horizonte ſich malen ſah, erblaſſen und verſchwinden. „Und Sie kennen den Mörder meiner Mutter?“ rief Fabian mit feuerſprühendem Auge. „Sie kennen ihn auch; Sie haben mit ihm beim Hacendero, deſſen Haus Sie vor Kurzem verlaſſen, an einem und demſelben Tiſche geſeſſen.“ Wir wollen nun Fabian von Pepe die traurige Ge⸗ ſchichte erzählen laſſen, die der Leſer bereits kennt, um den canadiſchen Jäger wieder aufzuſuchen. Roſenholz, der an die Gefahr dachte, die den jun⸗ gen Menſchen, der ihm durch ein zweites Wunder wie⸗ der geſchenkt worden war, bedrohen könnte, drang im⸗ mer noch raſch vorwärts; allein vergebens ließ er ſein geübtes Auge durch die wenigen lichteren Stellen dieſes unentwirrbaren Labyrinthes dicht neben einander ſtehen⸗ der Baumſtämme, in einander verwickelter Lianen und dichten Lanbes hinſchweifen: es ließ ſich kein Feind blicken. Vergebens mußte ſein kundiges Ohr allen Geräu⸗ ſchen lauſchen, die man in einem Walde hören kann; außer denen, von denen wir geſprochen, ließ ſich aber kein anderes hören, es ſei denn, daß man das Krachen der Geſträuche hieher rechnen will, die er mit ſeinen ſchweren Füßen zu Boden drückte, und die ſich, ſobald er vorüber war, wieder aufrichteten. Er lief ſo noch einige Minuten fort; dann warf er ſich auf den Boden hin, legte das Ohr an denſelben, und ſchloß die Augen, um die Kraft ſeiner Sinne mehr 41 zu concentriren. Nach einigen Sekunden hörte er ein dumpfes Geräuſch, ähnlich dem eines in entgegengeſetzter Richtung fortgaloppirenden Pferdes. „Pepe hat ſich nicht geirrt,“ murmelte er, indem er aufſtand und raſch zurücklief;„der Schlingel gewinnt mir mit Hilfe ſeines Pferdes den Vorſprung ab, und umgeht unſern Lagerplatz; ich aber habe den Vortheil, daß eine gute amerikaniſche Büchſe mir zu Dienſten ſteht, und ein Gleiches iſt bei Pepe der Fall. Bei ſeinem raſchen Laufe flogen die Bäume rechts und linfs an ihm vorbei; da er eine ganz gerade Linie verfolgte, und da, nach den ganz richtigen Vermuthungen ſeines Kameraden, der Feind eine krumme Linie beſchrieb, ſo bemerkte er während eines Augenblicks, obwohl in einer ungeheueren Entfernung, ein falbes Lederwamms, das ſich an einer Stelle, wo das Laub dünner ſtand, genau in der Höhe eines Reiters zeigte. Dieſes faſt un⸗ ſichtbare Ziel reichte für ihn hin, und er drückte, plötz⸗ lich ſtille ſtehend, ſeine Büchſe ab. Das Lederwamms verſchwand; da aber bei Leuten ſeiner Art Viſiren gleichbedeutend mit Treffen iſt, ſo zweifelte der Canadier keinen Augenblick, daß ſein Feind todt oder doch ver⸗ wundet auf dem Boden läge. Der durch den Schuß erzeugte weißliche Rauch wir⸗ belte noch in der Höhe der niederſten Baumzweige, und ſchon war Roſenholz weit von dem Orte entfernt, wo er ſtille geſtanden hatte, um ſein Gewehr abzuſchießen. Einen Augenblick kam ihm der Gedanke, ſeinen Cara⸗ biner wieder zu laden; allein bei dem heftigen Rache⸗ gefühle, das ihn trieb, befürchtete er, er möchte durch dieſe Operation Zeit verlieren, und für den Fall, daß, aller Wahrſcheinlichkeit entgegen, der Mörder nicht allein ſein ſollte, verließ er ſich auf die Stärke ſeiner Glie⸗ der, wodurch er dann die Chancen wieder gleich zu ma⸗ chen hoffte. Da Roſenholz jetzt jede Vorſicht vernachläßigte, in⸗ dem ja ſeine Büchſe ſeine Gegenwart dargethan hatte, ——— 6* 42 drückte er, gleich dem Jäger, der, um ſich des Wildes zu bemächtigen, welches ſein Gewehr zu Boden geſtreckt, über Gehäge und Gräben ſetzt, auf ſeinem Wege junge Bäume, die einen gewöhnlichen Menſchen aufgehalten hätten, wie Gräſer darnieder. Die Geſträuche, die jun⸗ gen Bäumchen, die Lianen, die durch ſeine Füße zu Bo⸗ den gedrückt, und durch ſeinen Körper zerriſſen und ge⸗ knickt wurden, krachten überall. Indeſſen war es ihm vorgekommen, als hörte er ein Thier gleichfalls Gebüſche niederdrücken. Und in der That bemerkte er ein ſich bäumendes Pferd, das ohne ſeinen Reiter von einer Seite nach der andern ſprang, und deſſen Schrecken noch durch die Baumzweige, die es trafen, ſo wie durch die Steigbägel, die an ſeine beiden Flanken ſchlugen, vermehrt wurde. Offenbar hatte da⸗ her die Kugel des Canadiers zur Folge gehabt, daß der Reiter nicht mehr im Sattel ſaß. Plötzlich ließ ſich ein ganz eigenihümliches Pfeifen hören: das Pferd ſtand ſtille, ſpitzte die Ohren, reckte den Kopf in die Höhe und blies die Nüſtern auf: dann flog es dem Orte zu, woher das Geräuſch kam. Roſen⸗ holz folgte dem Pferde; allein bald hatte dieſes ihn weit hinter ſich zurückgelaſſen, dann ſtand es wieder ſtill. Noch einige Sprünge, und Roſenholz langte an der Stelle an, wo er den abgeworfenen Reiter zu fin⸗ den glaubte. Er hatte im Sinne, ihn ohne Mitleid aus der Welt zu ſchaffen, um Tiburcio vor neuen An⸗ griffen zu ſichern. Schon hörte er das Keuchen eines Verwundeten; bald ſah er durch das Laub hindurch, wie das Pferd eine gebückte Stellung annahm, und wieder àufſprang; dieſes Mal aber ſaß der Reiter mit dem Lederwamms wieder im Sattel, und in einem Augen⸗ blicke verſchwanden Mann und Pferd in den Tiefen des Waldes. Als Roſenholz ſeinen Racheplan vereitelt ſah, lud er eiligſt ſeinen Carabiner wieder; dabei ſtieß er ener⸗ giſche Flüche gegen den fliehenden Feigling aus, und 43 endlich drückte er, den Lauf ſeiner Kugel beiläufig ſchätzend, ab; allein es war zu ſpät, und ſeine Beute entging ihm. Dann ahmte er dreimal das Kläffen des Coyote nach, um Pepe zu benachrichtigen, daß etwas Außeror⸗ dentliches vor ſich gehe, und ging ſeufzend nach dem Orte hin, wo er das Pferd ſich hatte bücken und wie⸗ der aufrichten ſehen. Das Gras war dort, wie durch den Fall eines ſchweren Körpers, zu Boden gedrückt; dort mußte der Reiter zu Boden gefallen ſein, wie ein Sumachzweig anzeigte, der ſo hoch hing, daß ihn ein Reiter erreichen fonnte; die Blätter deſſelben waren zerknittert, oder abgeriſſen, wie wenn eine unmächtige Hand ſich daraus eine Stütze zu machen verſucht hätte. Indeſſen war weder auf dem Graſe, noch auf den untern Blättern eine Blutſpur zu entdecken; es war in der Eile der Flucht bloß ein Carabiner zurückgelaſſen worden. Roſen⸗ holz bemächtigte ſich deſſelben. „Mein armer Fabian,“ ſagte er bei ſich,„wird ſo wenigſtens eine leidlich gute Waffe gewonnen haben, denn ein Meſſer allein iſt in unſern Wäldern nicht viel werth.“ Durch dieſen Fund über den geringen Erfolg ſei⸗ ner Erpidition ein wenig getröſtet, ging Roſenholz nach dem Lagerplatze zurück. Unterwegs ließ ſich im Walde ein neuer Schuß hören. Es iſt der Carabiner Pepe's: ich kenne ihn. Sollte er etwa glücklicher geweſen ſein, als ich?“ Und abermals fiel ein Schuß. Dieſes Mal hallte er im Herzen des Canadiers ſchmerzlich wieder; dieſer Ton war für ſein Ohr ein fremder. Voll grauſamer Ungewißheit in Betreff des Reſultats dieſes Schuſſes, der das Kind, das er eben erſt wieder gefunden, ge⸗ troffen haben konnte, ging er eiligſt nach dem nächtlichen Lagerplatze zurück. Während Roſenholz mit Rieſenſchritten nach dem 3 3 3 Orte zurückging, wo er Fabian und Pepe zu finden glaubte, ließ ſich ein neuer Schuß hören, was die fürch⸗ terliche Angſt, die er bereits ausſtand, noch vermehrte. Auch dieſes Mal war es nicht der wohlbekannte Ton des Pepe'ſchen Carabiners. Indeſſen ließ ſich bald die Stimme des Exmique⸗ lete in der tiefen Stille hören, die auf die gefallenen Schüſſe folgte. Es lag aber inmitten der Ruhe des Waldes etwas Unruhiges in der Intonation die⸗ ſer Stimme, was abermals die Angſt des Canadiers ſteigerte. „So kommen Sie doch um's Himmelswillen zurück, Don Fabian!“ rief der Exmiquelete.„Was nützt es, wenn man.. Ein dritter Schuß unterbrach hier ſeine Worte, und als das entfernteſte Echo den letzten verhallenden Fun wiederholt hatte, lauſchte der alte Jäger verge⸗ ens. Es ſchien, als hätte derſelbe Schuß ſowohl die Stimme desjenigen, welcher eben geſprochen hatte, als die des jungen Menſchen, an den jene ſich gerichtet, für immer zum Schweigen gebracht. Die tiefe Stille, hatte, einen Augenblick geſtört, ſich wieder hergeſtellt, — majeſtätiſch, feierlich, ſchrecklich. Nur der Spottvogel warf plötzlich in dieſe Stille eine ironiſche und unvollkommene Nachahmung der menſchlichen Worte hinein, gleich als ob er die letzten, aus dem Munde eines Sterbenden gekommenen Töne hätte wiederholen wollen; doch ließ er gleich darauf einen ſanften und klagenden Geſang hören, der einer Trauerhymne glich. Während eines Augenblicks ſetzte der Canadier ſeinen eiligen Lauf fort. Dann rief er, ohne zu be⸗ denken, daß er ſich irgend einen verborgenen Feind da⸗ durch auf den Hals ziehen könne, mit einer Stimme, die im Walde furchtbar dröhnte: „Holla, Pepe! wo biſt Du? biſt Du.„ — 45 „Hier! gerade vor Dir antwortete die Stimme Pepe's: wir find hier, Don Fabian und ich.“ Ein Ausruf der Freude entwand ſich der Bruſt des Canadiers, als er Tiburcio und Pepe, die Ihn zu erwarten ſchienen, wieder erblickte. „Der Schlingel muß verwundet ſein,“ rief er, auf ſie zueilend,„denn er hat vergebens verſucht, ſich an einem Zweige feſtzuhalten; auch war deutlich zu ſehen, daß er auf dem Graſe gelegen; biſt Du glücklicher ge⸗ weſen, als ich,, da Dein Carabiner ſich gleichfalls hat hören laſſen?“ Pepe ſchüttelte verneinend den Kopf. „Wenn Du von einem mit einem Lederwammſe be⸗ kleideten Manne ſprichſt, ſo muß ihn der Teufel be⸗ ſchützen; denn anch ich habe auf ihn geſchoſſen, ohne ihn zu treffen; allein es waren noch vier Reiter bei ihm, und in einem derſelben habe ich den wieder er⸗ fannt, der ſich hier Don Eſtevan nennen läßt, aber Niemand anders iſt, als.... „Ich habe bloß den Mann mit dem Lederwammſe geſehen,“ fiel Roſenholz ein,„und hier iſt der Cara⸗ biner, den er bei ſeinem Falle zurückgelaſſen. Aber biſt Du nicht verwundet?“ rief er lebhaft, zu Tiburcio gewandt. „Nein, nein, mein Freund, mein Vater,“ antwor⸗ tete Tiburcio, indem er ſich in die offenen Arme des Canadiers warf, der ihn, mit naſſen Augen, an ſein Herz drückte, und, gleich als ob er ihn zum erſten Male ſähe, ausrief: „Ahl wie groß iſt er! wie ſchön iſt er jetzt, der kleine Fabian!“ Dann fragte er voller Sorgfalt das Kind, das er wieder gefunden, um die Urſache ſeiner Bläſſe und ſeines feierlichen Ausſehens. „Pepe hat mir Alles geſagt,“ antwortete Tiburcio; „ich weiß, daß der Mörder meiner Mutter ſich unter dieſen Menſchen befindet!“ „Ja!“ ſagte Pepe, der Thunſiſcher;„aber bei der heiligen Jungfrau von Atocha! wollen wir ihn denn entkommen laſſen?“ „Da ſei Gott für;“ rief Tiburcio. Die drei Freunde rathſchlagten nun in der Eile, und kamen zu dem Entſchluſſe, daß man ſo geſchwind, wie möglich, die fragliche hölzerne Brücke erreichen Denn dieß war der einzige Weg, der nach Tubac ührte. gechsundzwanzigſtes 4 tel. Das Blut der nin Nachdem ſie ihre Carabiner mehrere Male ver⸗ gebens und aus zu großer Ferne abgeſchoſſen hatten, als daß ihre Kugeln hätten gefährlich ſein können, waren Oroche und Baraja wieder zu Cuchillo geſtoßen. Der Bandit war todblaß. Die Kugel, die ihm der Canadier auf gut Glück nachgeſchickt, hatte Cuchillo den Schädel ſo ſtark geſtreift, daß der Reiter vom Pferde geſtürzt war. Ohne Zweifel hätte ihn da Roſenholz mit dem Fuße, wie eine giftige Schlange, zertreten, wenn nicht ſein Pferd ſo trefflich abgerichtet geweſen wäre. Als das edle Thier ſah, daß ſein Herr ſich nicht in den Sattel ſchwingen konnte, ſo bückte es ſich vor ihm, und ſo gelang es Cuchillo, mit Hülfe der Mähne des Thieres den Sattel wieder zu erreichen. Als das Pferd fühlte, daß der Reiter wieder feſt ſaß, und die Füße in den Steigbügeln hatte, ſchlug es einen ſo — 47 ſtarken Galopp an, daß es ſeinen Herrn dem Meſſer des herbeieilenden Canadiers entriß. Es war dieß nicht die einzige Gefahr, welcher der Bandit ſich ausgeſetzt ſah. Als er wieder zu ſeinen beiden Mitſchuldigen, Oroche und Baraja, geſtoßen war, und alle drei ſich wieder mit Don Eſtevan und Diaz vereinigt hatten, die ſie an dem angegebenen Orte erwarteten, brauchte der Spa⸗ nier Cuchillo nicht erſt zu fragen, um zu erfahren, daß Fabian noch einmal ſeinem Haſſe entronnen. Die verlegene Miene der beiden Schlingel, ſo wie die Todtenbläſſe des noch betäubt in ſeinem Sattel wankenden Banditen hatte Don Efſtevan Alles geſagt, was er wiſſen wollte. In ſeiner Erwartung getäuſcht, fühlte der Spanier in ſeinem Buſen anfänglich eine ſtille Wuth, die bald zum Ausbruche kam. Er trieb ſein Pferd an Cuchillo hin, und rief mit einer Donnerſtimme: „Feiger und ungeſchickter Schlingel!“ Und in ſeiner blinden Wuth hatte er aus ſeinen Halftern eine Piſtole herausgezogen, ohne zu bedenken, daß Cuchillo allein die Gegend kannte, in der das my⸗ ſteriöſe Goldthal lag. Zum Glücke für den Banditen warf ſich Pedro Diaz plötzlich zwiſchen ihn und Don Eſtevan, deſſen Wuth ſich allmählig legte. „Und wer ſind die Männer, die ſich bei ihm be⸗ finden?“ fragte der Spanier. „Es ſind die zwei Tigertödter,“ antwortete Ba⸗ a. Nun rathſchlagten Don Eſtevan und Pedro Diaz eine Weile, wobei ſie ſich von den Uebrigen entfernten, und nur leiſe ſprachen. Endlich ließen ſie die nachſte⸗ henden Worte hören, die ſo laut geſprochen wurden, daß Alle ſie hören konnten: „Wir werden die Brücke am Salto de Agua zer⸗ ſtören,“ ſprach Diaz,„und es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn ſie vor uns nach Tubac kämen!“ Die Reiter galoppirten davon. Tiburcio hatte den Tag zuvor gehört, wie Don Eſtevan zu Cuchillo ſagte, daß er vor ſeiner Abreiſe nach dem Preſidio nur wenige Stunden auf der Ha⸗ cienda bleiben würde. Die letzten Ereigniſſe, die am vorangegangenen Abend im Hauſe Don Aguſtin's Statt gefunden, mußten dieſe Abreiſe noch beſchleunigt haben. Es durfte daher keine Zeit verloren werden. Das Pferd Pepe's wurde ein treffliches Mittel, die Flüchtlinge zu verfolgen, und ihnen vielleicht den Weg abzuſchneiden; es war jetzt nur noch die Frage, wer daſſelbe beſteigen ſolle, um ſich mit einem ſo gefährlichen Unternehmen zu befaſſen. Denn es galt, ſich der Flucht fünf bewaffneter Reiter allein zu widerſetzen. „Ich ſetze ihnen nach!“ ſprach Fabian. Mit dieſen Worten ſprang er auf das Pferd zu, das voller Schrecken zurückwich; den Halfterriemen er⸗ greifend, mit dem es angebunden war, warf er ihm ſein Taſchentuch über die Augen. Am ganzen Leibe zitternd, blieb das Pferd unbeweglich. Fabian holte den Sattel Pepe's herbei, und ſchnallte ihn feſt, wie ein Mann, der ſich auf dieſes Geſchäft ver⸗ ſteht; fodann befeſtigte er über den Nüſtern den Lazo dergeſtalt, daß er zu gleicher Zeit einen Zügel und einen Kappzaum bildete, und ohne das Taſchentuch zu entfer⸗ nen, womit das Pferd, ſo zu ſagen, verkappt war, war er ſchon im Begriffe, ſich in den Sattel zu ſchwingen, als auf ein Zeichen des Canadiers Pepe dieſes plötzlich zu hindern ſuchte. „Sachte, ſachte,“ ſprach er;„wenn irgend Jemand hier ein Recht hat, dieſes Pferd zu reiten, ſo bin ich es, der es erbeutet,— der es eingefangen.“ „Sehen Sie nicht,“ entgegnete Fabian ungeduldig, „daß dieſes Pferd noch nicht das Zeichen ſeines Eigen⸗ thümers trägt,— ein Beweis, daß es noch nicht ge⸗ ritten worden; und wenn Ihnen Ihr Leben lieb iſt, 49 wenn Ihnen an Ihren geſunden Gliedern Etwas liegt, ſo werden Sie es nicht probiren.“ „Darüber habe ich zu entſcheiden,“ antwortete Pepe, der nun ſeinerſeits herankam, um einen Fuß in den Steigbügel zu ſetzen. Kaum hatte aber das Pferd, ob⸗ wohl ihm die Augen verbunden waren, gefühlt, wie eine Hand ſich ſtark auf den Sattelknopf ſtützte, und wie ein Fuß den Steigbügel erfaßte, als ein wüthender Seiten⸗ ſprung, begleitet von Sätzen, den Crkarabinier zehn weit fortſchleuderte, und halbbetäubt zu Boden warf. Pepe hatte noch nicht ſo viel Zeit gehabt, um einen gewaltigen Fluch zu Ende zu bringen, und Roſenholz, um ſich dem Unternehmen Fabians zu widerſetzen, als Letzterer ſich in den Sattel ſchwang, ohne den Steig⸗ bügel zu berühren. „Bleib' da, Fabian! bleib' da!“ rief Roſenholz mit angſtvoller Stimme;„willſt Du ſo allein in ihre Hände fallen?“ Aber ſchon hatte Fabian das Taſchentuch von den Augen des Pferdes weggenommen, das, als es plötzlich wieder ſehen konnte, mit zornig bebenden Nüſtern drei ungeheure Sätze hinter einander machte, um ſich der Laſt zu entledigen, die es zum erſten Male auf ſeinem Rücken fühlte; dann aber blieb es unbeweglich ſtehen, und zitterte gleichſam vor Scham, als es ſich beherrſcht fühlte. Roſenholz benützte dieſen Augenblick, um den als Zügel dienenden Strick zu ergreifen; allein es war ſchon zu ſpät, und ſo ſtark auch der Canadier war, ſo wußte ſich doch das Pferd durch einen anderen Satz von ihm zu befreien, worauf es erſchrocken in blindem Ungeſtüm, den keine menſchliche Macht mehr hemmen, ſondern höch⸗ ſtens noch lenken konnte, dahin raste. Der Canadier konnte dem kühnen Reiter noch einige Augenblicke fol⸗ gen; er konnte zu ſeinem Entſetzen ſehen, wie Fabian Der Waldläufer. U. 4 3 ————— gegen die Wuth ſeines Thieres ankämpfte; wie ſich der⸗, ſelbe unter den Sattel bog, um⸗ die Berührung der Baumäſte zu verhindern; und dann ſah ihn Roſenholz nicht mehr. „Sie werden ihn umbringen!“ rief er mit ſchmerz⸗ erfüllter Stimme.„Fünf gegen Einen! der Kampf iſt allzu ungleich. Wir wollen ſo viel wie möglich in ſei⸗ ner Nähe bleiben, Pepe, um noch einmal dieſes Kind zu ſchützen, das mir ſeit ſo kurzer Zeit wieder geſchenkt worden!“ Schon hatte Roſenholz ſeinen Karabiner auf die Schulter geworfen: in einem Nu hatten ihn, da er nicht auf die Antwort ſeines Freundes wartete, einige Rieſen⸗ ſchritte in der von Fabian genommenen Richtung ſo weit entfernt, daß Pepe ihn nicht mehr hören konnte. „Dieſes Pferd iſt nicht leicht zu lenken,“ rief Pepe, der ihm nachfolgte.„Ich weiß gewiß, daß er nicht den geraden Weg verfolgen wird; ſei ohne Furcht, wir kom⸗ men vielleicht ebenſo bald an, wie er! Ah, Don Eſte⸗ van! Dein böſer Stern hat Dich unter dieſe Banditen geführt!“ Unterdeſſen flog Fabian, wie in den Mährchen die phantaſtiſchen Reiter, die kein Hinderniß aufhält, mit furchtbarer Geſchwindigkeit über die Unebenheiten des Bodens, über Waldſtröme, Schluchten und über alte Baumſtämme hin, die auf dem Boden herumlagen; ſeine ſchien mit der des Thieres ganz im Einklange zu ehen. Pepe hatte ſich nicht getäuſcht, und ohne Zweifel würde er die, ſo er verfolgte, trotz des Vorſprungs, den ſie gewonnen hatten, bald erreicht haben, wenn er ſein ungeſtümes Pferd hätte nach ſeinem Willen lenken können. Unglücklicher oder vielleicht glücklicher Weiſe brachte ihn das noch ungebändigte Thier bisweilen von dem rechten Wege ab, und erſt nach ungeheuren Anſtrengungen gelang es ihm, es auf den ſchmalen Pfad zurückzubrin⸗ gen, der ſich im Walde fortſchlängelte, und auf welchem — ——— „ die Spur der fünf Fliehenden deutlich zu ſehen war. Oft kam er plötzlich an eine Stelle zurück, an der er ſchon vorher geweſen war, und verlor ſo wieder den ge⸗ wonnenen Vorſprung. Indeſſen fing, nachdem dieſes unordentliche Ren⸗ nen und dieſer furchtbare Kampf eine Stunde gedauert hatte, das Pferd zu fühlen an, daß es einen Mann trage, der es zu beherrſchen wiſſe; auch erſchöpften ſich ſeine Kräfte allmälig. Der Kappzaum, der durch die ſtarke Hand des Reiters heftig angezogen wurde, com⸗ primirte ſeine Nüſtern, die nur noch einen pfeifenden Athem hören ließen; nach und nach verminderte ſich ſeine Geſchwindigkeit; ſeine Sprünge wurden minder haſtig und unregelmäßig; und endlich gehorchte es dem Impulſe, der ihm gegeben wurde. Mann und Pferd ruheten, gleichſam in Folge einer Vereinbarung, einen Augenblick aus, um wieder zu Athem zu kommen; der Schweiß rann an beiden hinab, und es dampften die Flanken des Thieres auf's Heftigſte. Fabian benutzte dieſe kleine Ruhezeit, um ſich zu orientiren; der Nebel, der ſeine Augen umſchleierte, fing an, ſich zu zerſtreuen, und die raſchen Schläge ſeines Herzens horten auf, in ſeinen Ohren zu ſauſen: er konnte wieder ſehen und hören. Zerdrückte und zerknitterte Blätter, kleine, friſch ab⸗ geriſſene und zerbrochene Zweige, Spuren von mehreren Pferdehufen im Graſe oder im Sande, zeigten den ge⸗ übten Augen Fabians auf's Unzweideutigſte, daß die Fliehenden an dem Orte, an dem er ſich befand, vor⸗ beigekommen. Plötzlich traf das ferne Geräuſch eines Waſſerſturzes ſein Ohr. Noch einen Augenblick und es kamen die Fliehenden vor ihm auf der rohen Brücke an, die über das breite und tiefe Bett führte, in welchem der Waldſtrom dahinbrauste; ſie konnten, wenn ſie ihre Anſtrengungen vereinigten, die Brücke zerſtören. Dann aber wurde jede Verfolgung unnütz, denn während der Zeit, die es ihm koſten mußte, eine Furt zu ſuchen, — konnte Don Eſtevan die ungeheuren Ebenen erreichen, die ſich bis nach Tubae ausdehnten. Dieſe Gedanken weckten die Leidenſchaften Fabians aufs Neue; er gab daher ſeinem Pferde die Sporen, und galoppirte den Pfad entlang, deſſen Biegungen ihm noch die Feinde verbargen, die er verfolgte. Dieſes Mal fügte ſich ſein Pferd der höheren Gewalt, und es ſchwand unter ſeinen Schritten raſch der Weg, den es gehorſam verfolgte. Schon fing das Brauſen des Waldſtroms an, den lauten Galopp des Pferdes zu übertönen, und obgleich dieſes dahin zu fliegen ſchien, ſo trieb es doch Fabian noch mehr an. Bald ließen ſich inmitten des Brauſens der Waſſer auch menſchliche Stimmen hören. Dieſe Stimmen brachten auf ihn eine eben ſo mächtige Wir⸗ kung hervor, wie ſeine verdoppelten Schläge auf die Flanken des Thieres; noch einige Augenblicke, und er befand ſich mitten unter den Feinden, die er um jeden Preis einholen wollte. Die ungeſtümen Sprünge eines Pferdes haben die Wirkung, daß ſie die menſchlichen Leidenſchaften auf's Höchſte ſteigern; Pferd und Mann reagiren auf einan⸗ der; das Herz des Menſchen verfügt über ſtählerne Knie⸗ kehlen, das Thier aber erhebt ſich bis zum Verſtändniß der Gefühle des Menſchen. Da bei Fabian die Aufre⸗ gung des wilden Jägers ſich mit dem aufregenden Ge⸗ danken einer nahen Rache verband, ſo verſchwand die Ungleichheit der Zahl vor ſeinen Augen. Daher verur⸗ ſachte ihm auch das Schauſpiel, das ſich ihm bald dar⸗ bot, vor Aerger einen wahren Schwindel. Wie wir bereits geſagt, ſo verband eine aus grob behauenen Baumſtämmen beſtehende Brücke die beiden ſteilen Ufer mit einander, zwiſchen denen der Salto de Agua dahinbrauste. Die beiden Enden dieſer großen Balken, deren Vereinigung ſo viel Breite darbot, daß ein Pferd dar⸗ über gehen konnte, ruhten auf dem nackten Felſen, und waren ſonſt durch Nichts feſtgehalten; einige ſtarke Män⸗ e- k⸗ 53 ner konnten daher dieſe Brücke zerſtören, und wegen der Entfernung der beiden Ufer den Uebergang an dieſer Stelle unmöglich machen. In dem Augenblicke, wo Fabian im Begriffe war, die Brücke zu erreichen, zogen vier von ihren Reitern angetriebene Pferde aus Leibeskräften an den Balken, die durch Lazos mit den Sattelknöpfen verbunden waren. Endlich ſetzten ſich die Balken, unter den An⸗ ſtrengungen der Pferde, in Bewegung, trennten ſich, und ſtürzten in den Strom hinab, wobei das Waſſer hoch aufſpritzte, während die Stricke, welche die Reiter plötz⸗ lich frei machten, ßtifeit dem Impulſe der beiden un⸗ geheueren Maſſen folgten. Fabian ſtieß einen Wuthſchrei aus. Bei dieſem Schrei wandte ſich ein Mann um: es war Don Eſtevan,— aber der durch einen unüberſchreitbaren Raum von ihm ge⸗ trennte Eſtevan. Letzterer, der ſich nun vor jeder Ver⸗ folgung geſchützt ſah, blickte Fabian höhniſch an,— Fabian, der mit ſeinen durch die Bäume zerriſſenen Klei⸗ dern, mit blutendem Geſichte, und mit durch die Wuth ganz entſtellten Zügen, ſein Pferd wie ein Raſender an⸗ ſpornte, um über den Waſſerſturz zu ſetzen. Am Rande des Abgrunds angekommen, bäumte ſich jedoch das er⸗ ſchrockene Thier heftig, und fuhr zurück. „Feuert auf ihn!“ ſchrie Don Eſtevan,„feuert auf ihn! ſonſt vereitelt dieſer Raſende alle unſere Pläne: feuert, ſage ich Euch!“ Schon richteten ſich drei Carabiner auf Fabian, als ſich in einiger Sientt von Letzteren eine Donner⸗ ſtimme vernehmen ließ. In demſelben Augenblicke traten zwei Individuen aus dem Dickicht hervor: es waren der Canadier und Pepe, die, da Fabian ſo oft vom Wege abgefommen war, noch rechtzeitig hatten eintreffen können. Beim Anblicke der zwei gefürchteten Büchſen zöget ten die Banditen. Fabian nahm auf ſeinem Pferde eineß neuen Anlauf; allein das erſchrockene Pferd bäumte i S abermals und warf ſich, von einem unüberwindlichen Schrecken beherrſcht, heftig zurück. „Feuert! feuert!“ brüllte Don Eſtevan. „Wehe Euch!“ ſchrie der Canadier mit angſtvoller Stimme:„wehe dem, der ſchießt; und Du, Fabian, geh' ums Himmelswillen dieſen Banditen aus dem Wege!“ „Fabian!“ wiederholte Don Eſtevan echoartig, beim Anblicke des Jünglings, welcher, ohne auf die Bitten des Canadiers zu achten, ſein bald auf die linke, bald auf die rechte Seite ſpringendes Pferd, deſſen Flanken mit Schaum bedeckt waren, und das vor Schrecken bebte, von Neuem anſpornte, um über den Waldſtrom zu ſetzen. „Ja, Fabian!“ ſchrie er mit einer Stimme, die den Donner des Waſſerſturzes und das Geſchrei der beiden Jäger übertönte,—„ja, Fabian iſt es, der von Ihnen Rechenſchaft verlangt über das Blut ſeiner Mutter, Don Antonio de Mediana!“ Während dieſe Stimme ſich mit dem Brauſen des Waldſtroms vermiſchte, und wie eine furchtbare Vor— bedeutung in den Ohren Mediana's klang, den zum er⸗ ſten Male in ſeinem Leben der Schrecken feſtbannte, zog der ungeſtüme Jüngling ſein Meſſer, ließ deſſen Spitze ſein Pferd fühlen und trieb es mit neuer Wuth an⸗ Jetzt ſprang das Pferd pfeilſchnell über den Abgrund weg, und fiel auf das entgegengeſetzte Ufer. Allein einer ſeiner Hinterfüße glitt auf dem feuch⸗ ten Abhange aus. Einen Augenblick, nur einen Augenblick, ſuchte das Pferd das Gleichgewicht wieder zu gewinnen: der Fel⸗ ſen knirrte unter ſeinen Hufen, eine unbeſiegliche Ge⸗ walt machte, daß ſeine Kniekehlen ſich bogen, ſein Auge erloſch; es ließ ſich ein angſtvolles Gewieher hören, und endlich verſchwand es mit ſeinem Reiter. Beim Ziſchen des Waſſers, das über das Ufer hinausſpritzte, entwand ſich ein herzzerreißender Schrei der ungeheuren Bruſt des Canadiersz von dem entgegen⸗ ————————— 55 geſetzten Ufer aber ging ein Triumphgeſchrei aus. Bald aber übertönte Alles die donnernde Stimme des Wald⸗ ſtromes, der ſich über ſeiner doppelten Beute ſchloß. ₰. Siebenundjwanzigſtes Rapitel. Die Wüſte aus der Vogelſchau. Etwa vierzehn Tage nach dem letzten, von uns er⸗ zählten Ereigniſſe, das heißt, nach dem Verſchwinden des Tiburcio Arellanos, oder, richtiger, des Fabian de „ Mediana, im Salto de Agua, fanden in einem Theile der Wüſten, die ſich von dem Preſidio Tubac bis nach den amerikaniſchen Grenzen hin ausdehnen, andere Auf⸗ tritte ſtatt. Bevor wir aber die Perſonen wieder auf⸗ ſuchen, die dort handelnd auftreten, wollen wir den Schauplatz beſchreiben, auf dem ſie wieder mit einander zuſammentreffen werden. Die ungeheuren Ebenen, die in dem vom Rio Gilo und deſſen Nebenflüſſen am Wenigſten bewäſſerten Theile Mexiko von den Vereinigten Staaten trennen, ſind faſt nur durch die ziemlich unbeſtimmten Berichte der Jäger und Goldſucher bekannt. Der von uns genannte Fluß, der in den entfernten Gebirgen des Nordens entſpringt, vurchläuft unter verſchiedenen Namen allein eine unge⸗ heure Strecke ſandigen Bodens, wo man weit und breit keinen Baum ſieht. Die dürre Monotonie deſſelben wird bloß durch die vom Regenwaſſer ausgehöhlten Schluch⸗ ten unterbrochen; aber dieſes Waſſer befruchtet nicht, ſondern verwüſtet bloß. Der ſteinige Boden zeigt dem Reiſenden nur die . 5 56 Abgründe und ausgetrockneten Strombetten, die ihn auf ſeinem Wege hindern, ohne ihm oder ſeinem Pferde ir⸗ gend welche Nahrung zu bieten. Der Damhirſch und der Büffel fliehen dieſe Einsden, wo nur ungern ein dünnes Gras zu wachſen ſcheint, das, ehe es noch recht aufgeſproßt, bereits wieder verdorrt iſt; die Indianer ſelbſt erſcheinen dort nur dann, wenn der brennende Wind aufgehört hat, der während eines Theils des Jahrs in dieſen Wüſten weht. Der geneigte Leſer wolle ſich nun an einen der Punkte verfügen, die etwa ſechzig Stunden vom Preſi⸗ dio Tubac, und einige hundert Stunden von den Gren⸗ zen der Vereinigten Stgaten entfernt ſind. Schon warf die Sonne, indem ſie ſich dem Weſten zuneigte, ſchiefere Strahlen. Es war um die Stunde, wo der Wind, obwohl noch durch die Reverberation des brennenden Sandes erhitzt, nicht mehr aus einem Feuerofen zu kommen ſcheint. Es mochte vier Uhr Rachmittags ſein. Dünne, weiße Wolken, die eine Roſenfarbe anzunehmen begannen, zeigten an, daß die Sonne zwei Drittel ihres Laufes zurückgelegt hatte. An dem ſich endlos ausdehnenden Himmelsgewölbe, deſſen tiefes Azurblau da und dort unter Wolkengrup⸗ pen verſchwand, ſchwebte ein Adler, ohne die Flügel zu rühren. Es war dieß der einzige Bewohner der Lüfte, der ſich über der Wüſte zeigte. Von der Höhe herab, in der der König der Vögel ſich majeſtätiſch wiegte, konnte ſein durchbringendes Auge menſchliche Geſchöpfe erblicken, die auf dem Bo⸗ den der Wüſte zerſtreut waren,— die einen beiſammen, die anbern ſo weit von einander, daß ſie nur für ihn ſichtbar waren, ſich gegenſeitig aber nicht ſehen konnten. Gerade unter ihm dehnte ſich eine Art Circus aus, der durch einen natürlichen, obgleich unregelmä⸗ ßigen Hag von großen mit ſcharfen Spitzen verſehe⸗ nen Cactus, und von dornigen Nopalpflanzen gebildet —— und Cactuspflanzen. 57 war. Einige wenige, aus Eiſenbäumchen beſtehenden Gebüſche vermiſchten ihr blaſſes Laub mit den Nopal⸗ An einem Ende wurde dieſe Art Ringmauer durch einen um einige Fuß höheren, oben ganz flachen Hügel beherrſcht. Um dieſes ganze Feſtungswerk her, deſſen Erbauung die Hand des Menſchen fremd geblieben war, dehnten ſich kalkhaltige Flächen, ſandige Steppen, oder Reihen kleiner Hügel aus, die in dieſem Sandmeere als feſte Wellen erſchienen. O Eine aus etwa ſechzig Reitern beſtehende Men⸗ ſchentruppe war in dem von den Cactuspflanzen und den Gebüſchen gebildeten Kreiſe abgeſtiegen. Die Flanken der Pferde dampften, wie nach einem Eilmar⸗ ſche. Man konnte ein verworrenes Geräuſch von Men⸗ ſchenſtimmen hören, daneben ein Wiehern von Pferden, und ein Klirren von Waffen jeder Art; denn dieſes Reitercorps ſchien kein regelmäßiges zu ſein. Lanzen mit flatternden rothen Fähnchen, Musketen, Carabiner, voppelläuſige Flinten, waren noch an den Sattelbögen befeſtigt. Von den Reitern beſorgten einige ihre Pferde; andere lagen auf dem Sande unter dem kargen Schat⸗ ten der Cactuspflanzen, und dachten, nach einem ermü⸗ denden Tagmarſche, während deſſen die brennende Sonne der heißen Zone die Glieder, ganz wie die Kälte des Nordens, ſteif macht, vor Allem an's Ausruhen. In einiger Entfernung zeigten ſich beladene Saum⸗ thiere, welche gleichfalls auf den Raſtort zukamen, und noch weiter hinter ihnen konnte man ſchwer beladene Wagen bemerken, die, zwanzig an der Zahl, eine krum⸗ me Linie bildeten, und von Mauleſeln gezogen, ſich gleichfalls, obwohl langſamer näherten. Was endlich das Auge keines der Reiter oder der Wagenlenker ſehen, ſondern bloß das Auge des Adlers ohne Mühe noch entdecken konnte, waren, in der Rich⸗ tung, die von den Reiſenden hatte verfolgt werden müſſen, Leichname von Menſchen und Thieren, die auf —— 58 dieſen dürren Ebenen zerſtreut umherlagen, und den blutigen Weg dieſer Erpedition von Abenteurern inmit⸗ ten beſtändiger Kämpfe und unter einem glühen⸗ den Himmel bezeichneten. Man hat wohl ſchon die Truppe der Goldſucher unter den Befehlen Don Eſte⸗ van's erkannt. Als die Maulthiere mit den Wagen am Raſtorte angelangt waren, trat eine augenblickliche Verwirrung ein. Indeſſen dauerte dieſelbe bloß einige Minuten. Bald waren die Pagen abgeladen, die Maulthiere aus⸗ geſpannt, und die Pferde abgeſattelt. Alsdann wurden die Wagen, Deichſel gegen Deichſel, durch eiſerne Ket⸗ ten mit einander verbunden; die Saum- und Pferde⸗ Sättel wurden auf einander geſchichtet, und füllten mit den Cactus⸗ und Nopalpflanzen die leeren Räume zwiſchen den Rädern aus, ſo daß plötzlich eine furcht⸗ bare Barrikade daſtand. Im Innern des Lagers wurden die Thiere an die Wagen gebunden, und Küchengeräthe neben Reisbün⸗ deln aufgeſtellt, die in den Wagen herbeigebracht wor⸗ den waren. Sodann wurde eine Feldſchmiede aufgeſtellt, und bald war dieſe Colonie, die, wie durch ein Wunder, der Erde zu entſchlüpfen ſchien, in voller Thätigkeit. Der Ambos hallte von den Hammerſchlägen wie⸗ der, die Hufeiſen oder Radſchienen formten. Ein reich gekleideter Reiter, deſſen Anzug aber durch den Staub und die Sonne gelitten hatte, ſaß allein noch mitten im Lager, das ſein Auge mit vieler Sorgfalt nach allen Seiten hin durchlief, auf einem ſchönen Schweißfuchſe. In dieſem Reiter konnte man ohne Mühe das Haupt der Truppe, den Herzog von Armada, erkennen. Während dieſer Zeit waren drei Männer damit beſchäftigt, auf der Spitze des Hügels die Stangen eines Leinwandzelts im Boden zu befeſtigen. Als das Zelt fertig daſtand, und oben auf demſelben eine Fahne 59 im Winde jlatterte, die in himmelblauem Felde ſechs goldene Sterne ſammt dem Wahlſpruche:„Ich werde wachen,“ zeigte, ſtieg nun auch der Reiter ab. Er ſchien einen ſeiner Leute mit einem Auftrage abzu⸗ ſchicken, denn baid ſtieg derſelbe zu Pferd, und entfernte ſich vom Lager. Darauf trat der bemeldete Führer nachdenkſam in das Zelt. Alle dieſe Vorbereitungen hatten kaum eine halbe Stunde erfordert, ſo ſehr ſchien die Gewohnheit dieſel⸗ ben vereinfacht zu haben. Zur Rechten des Lagers, nach Oſten zu, aber weit hinter den Undulationen der Hügel, erhob ſich im Sande ein großes und dichtes, aus-Gummi⸗ und Eiſenbäumen beſtehendes Gehölz. Andere Bäume brachten dieſe Wüſten nicht hervor. Ein zweiter Reitertrupp hatte unter dem Schatten dieſes Gehölzes Halt gemacht. Da waren weder Wa⸗ gen, noch Saumthiere, noch Verſchanzungen irgend einer Art zu bemerken. Allein es war dieß nicht der einzige Contraſt, den letzterer Trupp mit dem erſteren bildete. Er ſchien doppelt ſo ſtark zu ſein. An der das floren⸗ tiniſche Bronze nachahmenden Geſichtsfarbe der Reiter, wovon die einen faſt nackt, die andern mit fliegenden Kleidungsſtücken aus Leder und wallenden Federbüſchen von Adlerfedern bedeckt waren,— an dem hellen Zi⸗ noberroth, und an dem gelben Ocher, womit ihre Ge⸗ ſichter bemalt waren, an dem ſeltſamen und wilden Schmucke ihrer Pferde, konnte man leicht einen krieg⸗ führenden Indianerhaufen erkennen. Zehn von dieſen Söhnen der Wildniß, ohne Zwei⸗ fel die Häuptlinge, ſaßen ernſt um ein Feuer herum, das mehr rauchte, als brannte, und ließen unter ſich die lange Pfeife circuliren, die bei allen ihren Bera⸗ thungen eine ſo große Rolle ſpielt. Die vollſtändige Rüſtung eines jeden der Häuptlinge, das heißt, ein lederner Schild, um deſſen ganzen Rand eine dichte Franſe von Federn herumlief, die denen ihres bewegli⸗ 60 chen Kopfſchmuckes ähnlich waren, ein langer Spieß, eine Mordkeule, und ein Meſſer, lagen auf dem Sande neben ihnen. In einiger Entfernung von dem Feuer des india⸗ niſchen Raths, ſoweit davon, daß ſie das, was bera⸗ then wurde, nicht hören konnten, ſtanden fünf Krieger, von denen jeder zwei Pferde an der Hand hielt. Letztere trugen ſeltſam ausſehende hölzerne Sättel, die mit ungegerbtem Leder überdeckt waren; das Kreuz der Pferde ſchmückten Fuchsfelle. Es waren die zehn Pferde der Häuptlinge, und die fünf Krieger ſchienen nur mit vieler Mühe die lebhaften Thiere im Zaume halten zu können. Während einer der Häuptlinge dem neben ihm ſitzenden die Pfeife überreichte, zeigte er mit dem Fin⸗ ger auf einen Punkt am Horizonte hin. Die Augen eines Europäers hätten an dem azur⸗ nen Himmel nur ein weiteres gräuliches Wölkchen er⸗ blickt, allein das Auge des Indianers nahm daſelbſt gar wohl eine kleine Rauchſäule wahr, die aus dem Lager der Weißen in Wirbeln emporſtieg. In dieſem Augenblicke brachte ein indianiſcher Bote eine ohne Zweifel wichtige Nachricht, denn ſämmtliche Reiter bildeten eine Gruppe um ihn her. Nun entdeckte zwiſchen dem Raſtorte der Indianer und der Verſchanzung der Weißen das Auge des Ad⸗ lers einen andern Reiter, der aber ganz allein, und ſowohl den Blicken der Weißen, als denen der India⸗ ner entrückt war. Ohne Zwe! war es der Reiter, den der, welchen wir das Lager r Goldſucher haben verlaſſen ſehen, aufſuchen ſollte. Der fragliche Reiter ritt einen Apfelſchimmel; er hielt, und ſein Pferd ſchien, mit geſtrecktem Halſe und offenen Nüſtern, ſo gut, wie der, der es ritt, eine noch unſichtbare Spur zu ſuchen. Der Reiter trug die lederne Kleidung der Weißen; außerdem aber bezeich⸗ nete ihn auch ſeine, obwohl bräunliche Geſichtsfarbe, — ₰ 61 ſo wie ſein dichter ſchwarzer Bart hinlänglich als einen zur weißen Race gehörenden Menſchen. Plötzlich galoppirte der Reiter,— es war Cu⸗ chillo— wieder über die Wüſte hin; ſodann ließ er ſein Pferd den Gipfel einer der Anhöhen der Ebene erſteigen. Dort ſchien ſein Auge von zwei Gegenſtän⸗ den betroffen zu ſein; denn es wandte ſich balb nach der Rauchſäule, die aus dem Lager der Abenteurer aufſtieg, bald auf den Lagerplatz der Indianer hin. Aber die Indianer bemerkten ihn ebenfalls, denn plötzlich ſtieg ein lang anhaltendes Gebrüll, das dem von hundert Panthern gleichkam, zum Himmel empor, und der König der Vögel verlor ſich bald, durch die⸗ ſen Lärm erſchreckt, wie ein ſchwarzer Punkt in den Wolken. Der Bandit floh mit verhängtem Zügel nach der Rauchſäule zu, als er die Indianer ihm nacheilen ſah, ſie hungerige Wölfe, wenn ſie einen Damhirſch ver⸗ folgen. Endlich zeigte ſich, noch ein wenig tiefer am Ho⸗ rizonte und in einer Stellung, die mit dem rothen und dem weißen Lager ein Dreieck bildete, eine andere Menſchengruppe inmitten eines leichten Nebels, doch nur ſo, daß ſelbſt der Adler Mühe hatte, ſie zu erſpä⸗ hen. Dieſer Nebel war durch die Ausdünſtungen eines ziemlich großen Fluſſes erzeugt, deſſen Ufer von Bäu⸗ men beſchattet waren, und der in ſeinem Laufe eine Art Inſelchen beſpülte, das durch ſein üppiges Grün auffiel. Auf der Mitt dieſes Inſelchens befanden ſich für den Augenblick w letzterwähnten Perſonen. Ob es aber zwei, drei behr vier waren, ließ ſich bei dem Nebel nicht unterſcheiden. Indeſſen überſchritt ihre Zahl wohl nicht die zuletzt angegebene. Jener Theil der Wüſte, deren verſchiedene Gäſte wir unſern Leſern vorgeführt haben, endigte an dem ge⸗ nannten Fluſſe. Dieſer ſtrömte von Oſten nach We⸗ ſten, theilte ſich, eine Stunde weſtlich von der Inſel, in 62 zwei Arme, und bildete ein großes Delta, dem eine Gebirgskette zur Grenze diente; allein ein dicker Nebel bedeckte dieſe Hügel, und Gottes Auge allein hätte dieſen Dunſtſchleier durchdringen können, der immer lebhaftere violette und himmelblaue Tinten darbot, je mehr die Sonne ſich dem Horizonte zuneigte. In dieſem Delta, das einen Flächenraum von mehr denn einer Quadratmeile hat,— etwa in gleicher Entfer⸗ nung von der Hügelkette und der von vem Fluſſe ge⸗ bildeten Gabel, liegt das Goldthal. Um die Aufmerkſamkeit des Leſers nicht länger zu ermüden, und um ſeinen Augen nicht länger ſtille Schat⸗ ten vorzuführen, wollen wir dieſe denken, ſprechen und endlich zugleich handelnd auftreten laſſen. Auf daſſelbe Ziel hingetrieben, ſei es durch ein entgegengeſetztes In⸗ tereſſe, oder durch eine nebenbuhleriſche Abſicht, werden dieſe verſchiedenen Menſchengruppen, theilweiſe oder alle zuſammen, bald feindlich zuſammenſtoßen, wie Wellen, von entgegengeſetzten Winden getrieben, auf dem end⸗ loſen Ocean auf einander treffen, und ſich an einander brechen. In Folge einer geſchickten, von Pedro Diaz aus⸗ geführten Bewegung hatte die Expedition, die nun ſo nahe am Goldthale angekommen war, den Indianern die Richtung verbergen können, die ſie ſeit zwei Tagen verfolgte. Allein der Gedanke, mit ſechzig Genoſſen theilen zu müſſen, war dem Banditen Cuchillo nichts weniger, als angenehm; es mußte die Zahl derſelben vermindert werden, und unter dem Vorwande einer Recognoscirung hatte er ſich ſeit zwei Tagen von ſei⸗ nen Kameraden getrennt. Voller Vertrauen auf die Geſchwindigkeit ſeines Pferdes, und auf die praktiſche Kenntniß dieſer Wüſten, wollte Cuchillo die Indianer abermals auf den rechten Weg bocken. Um ihm, im Falle ihm Etwas zuſtoßen ſollte, die Route anzuzeigen, hatte man im Lager ein Feuer an⸗ gezündet, deſſen Rauchſäule ihm ſtatt eines Führers 63 dienen ſollte, und Antonio de Mediana hatte einen ſei⸗ ner Leute, der, wie wir ſahen, aus dem Lager ſich entfernte, um die Ebene zu durchſtreifen, beauftragt, den Führer der Expedition aufzuſuchen. Ein noch ver⸗ wegenerer Gedanke faßte auch im Herzen Cuchillo's Wurzel; aber die Ausführung dieſes Projekts ſollte ihn nur einer ſchrecklichen Strafe entgegenführen, die er ſo ſehr verdiente. Es iſt übrigens noch nicht Zeit, davon zu reden. Im Lager der Indianer war, wie wir geſagt ha⸗ ben, ein Bote mit einer, dem Anſchein nach, ſehr wichtigen Botſchaft angekommen. Dieſer Bote war, um die von ihm verfolgten Weißen aufzuſuchen, bis zu dem Ufer des Stromes fortgegangen; unter den das Ufer entlang ſtehenden Weidenbäumen verborgen, hatte er mitten einer kleinen Inſel drei ihrer weißen Feinde er⸗ blickt. Dieſe drei Männer konnten, nach der Beſchreibung des Indianers, Niemand anders ſein, als der Canadier Roſenholz, der Spanier Pepe, und Fabian de Mediana, welche die abenteuerliche Fahrt mit einander unternom⸗ men hatten. In der That es war das Kleeblatt, das man wohl gewiß nicht ohne einige Befriedigung wie⸗ der finden wird. Wir haben Roſenholz und Pepe, den Schläfer, vierzehn Tage vor dieſem Zeitpunkte, an dem Rande des Abgrunds gelaſſen, in welchem der junge Spanier, der ſich dem blinden Ungeſtüm ſeines Alters überlaſſen, und durch den Bericht des Ermiquelete über den Mord ſeiner Mutter übermäßig aufgeregt worden war, um ein Haar ſein Grab gefunden hätte. Glücklicher Weiſe war der Sturz nur fuͤr das Pferd tödtlich geweſen, und der Reiter war, wie durch ein Wunder gerettet, dem Looſe entgangen, das ſeiner im Saltv de Agua wartete. Die drei Freunde hatten die Verfolgung, welche in Folge des Sturzes Fabian's nothgedrungen unter⸗ hrochen worden war, wieder aufgenommenz aber da ſie denſelben Weg zu Fuß zurückzulegen hatten, den ihre Feinde zu Pferde zurücklegten, kamen Fabian und die beiden Jäger in Tubac erſt an dem Tage an, an dem die Expedition ſich weiter bewegte, das heißt, ſie hat⸗ ten, nachdem ſie in Folge des Sturzes Fabians einen Tag verloren, nur fünf gebraucht, um etwa ſechzig Stunden zu Fuß zurückzulegen. Dort wurde es ihnen leichter, der Abenteurer⸗ colonne zu folgen, die durch die ſchwer beladenen Wagen in ihrem Marſche nicht wenig aufgehalten wurdez zehn Tagmärſche hatten daher die drei unerſchrockenen Ge⸗ fährten an denſelben Punkt geführt, an dem ſich die Erpedition nun befand. Obgleich die Sorge für ihre Sicherheit ſie gezwungen hatte, einen von dem der Ex⸗ pedition verſchiedenen Weg zu verfolgen, ſo hatten ſie doch, ſeit dem Abgang der letzteren vom Preſidio, nur ſelten ihre Bivouaefeuer aus dem Auge verloren. In⸗ deſſen war Antonio, von ſo vielen Leuten umgeben, eine Beute, deren man ſich nicht ſo leicht bemächtigen konnte. Als der indianiſche Bote, von dem wir geſprochen, ſeinen Bericht geendigt, rathſchlagten die den Rath bil⸗ denden apachiſchen Krieger von Neuem über den zu faſſenden Entſchluß. Bis daher hatten ſich unter den Feinden, die ſie während der letzteren Campagne be⸗ kämpft, keine zwei Männer gefunden, auf welche die Beſchreibung paßte, die der Spion von Roſenholz und von Pepe, dem Schläfer, gegeben hatte. Als der jüngſte der zehn Häuptlinge aufgefordert wurde, zuerſt ſeine Meinung zu ſagen, zog er langſam den Rauch ſeiner langen Pfeife ein, und ſprach: „Die Weiß en haben bald die Füße des Hirſches, bald den Muth des Puma, bald die Liſt des Schakals. Sie haben ſeit zwei Tagen ihre Spur Augen zu ver⸗ bergen gewußt, welche die des Adlers in den Lüften zu erkennen im Stande wären; es iſt eine neue Liſt von ihrer Seite, daß ſie ihre Krieger ſo auf der Ober⸗ fläche der Wüſte zerſtreuen; wir müſſen auf die Inſel im Gilafluſſe zugehen, und ſie dort aufſuchen. Ich habe geſprochen.“ Hier trat ein kurzes Schweigen ein, bis ein ande⸗ rer Häuptling das Wort nahm. „Die Weißen gebrauchen ohne Zweifel tauſenderlei Liſten,“ ſprach er;„allein haben ſie die, ihre Statur zu erhöhen? Nein. Wenn es im Gegentheile in ihrer Macht ſtände, ſich ſo klein zu machen, daß ein indiani⸗ ſches Auge ſie nicht mehr zu ſehen vermöchte, ſo wür⸗ den ſie es gewiß thun. Unſere Feinde kommen von Mittag, und, die man ſoeben entdeckt, kommen von Mitter⸗ nacht; wir dürfen daher nicht auf die Inſel zugehen.“ Während dieſe zwei entgegengeſetzten Meinungen ausgeſprochen wurden, erſchallte plötzlich beim Anblicke Cuchillo's das Gebrüll der Indianer; die apachiſchen Häuptlinge ſetzten daher ihre Berathung bis zu dem Augenblicke aus, wo die Krieger, die ihn verfolgt hat⸗ ten, mit der Nachricht zurückkamen, daß ſie wieder die Spur der Weißen gefunden und ihr Lager erſpäht hät⸗ ten. Dann ſprach der zweite Häuptling, der bereits ſeine Anſicht kund gegeben,— es war derſelbe ein Mann von hohem Wuchſe, und von dunklerer Geſichtsfarbe, als die meiſten ſeiner Landsleute, ein Umſtand, der ihm den Namen„Schwarzvogel“ verſchafft hatte,— wieder: „Ich habe geſagt, daß die von Mitternacht kommenden Männer nicht zu den von Mittag kommenden gehören können. Stets habe ich den Süden und den Morden einander bekämpfen ſehen, wie die Winde, die aus die⸗ ſen zwei Himmelsgegenden blaſen. Wir wollen an die drei Krieger auf der Inſel einen Boten abſchicken, da⸗ damit ſie ſich mit uns gegen die Krieger, welche die Wagen mitführen, verbünden, und es wird der In⸗ dianer ſich über den Tod der Weißen durch die Weißen freuen.“ Allein dieſer Bund, den die Klugheit und die Menſchenkenntniß geboten, fand in dem Rathe keine Der Waldläufer. n. 5 —— 66 Unterſtützung. Der Schwarzvogel mußte, da ſeine An⸗ ſicht von keinem der Häuptlinge getheilt wurde, nach⸗ geben, und es wurde beſchloſſen, daß der größere Theil der Truppe auf das Lager zumarſchiren ſolle, während eine kleine Abtheilung nach der Inſel abgehe. Eine Viertelſtunde darauf gingen hundert Krieger in der Richtung des Lagers ab, während ſich zwanzig andere bewährte Krieger nach dem Inſelchen hinbeweg⸗ ten, und vor Verlangen brannten, das Blut der drei Perſonen zu vergießen, denen es für den Augenblick eine Zufluchtsſtätte darbot. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Das Lager der Goldſucher. Laſſen wir einen Augenblick Fabian mit ſeinen zwei Gefährten allein auf dem Inſelchen, wo ſie eine Zu⸗ fluchtsſtätte geſucht haben, und ſagen wir ein Wort über die Truppe der Abenteurer und deren Chef. Wir ſinden ſie gegen das Ende ihres zehnten Tage⸗ marſches wieder, nachdem ſie auf ihrem Wege den In⸗ dianern und den Hinderniſſen der Wüſte einen ziem⸗ lich ſtarken Tribut bezahlt, das heißt, nachdem ſie vier⸗ zig der Ihrigen unterwegs verloren. Allein obgleich ſie durch dieſe Verminderung ihrer Anzahl bereits geſchwächt waren, ſo waren doch zwiſchen dieſen Abenteurern und den zur Vertheidigung ihres Territoriums ſtets bereiten Indianern die Chancen ſo ziemlich gleich. Auf beiden Seiten entwickelte man dieſelbe Schlauheit, und war man in Verfolgung faſt unſichtbarer Spuren gleich geſchickt. ————— ————— — 67 Auch hielt die Habſucht der Einen der Grauſamkeit der Andern das Gegengewicht. Indeſſen war der Enthuſiasmus nicht mehr ſo feurig, wie an dem Tage, wo die Abenteurer, nachdem ſie im Preſidio Tubae die unter freiem Himmel celebrirte Meſſe, wodurch der Segen des Himmels auf die Expe⸗ dition herabgerufen werden ſollte, gehört, unter Kano⸗ nendonner, und dem freudigen Zurufe der Einwohner und der Beſatzung des Preſidio, hurrah ſchreiend und voller Siegeshoffnungen, abgezogen waren. Gleichwohl war von Don Eſtevan, der mit merk⸗ würdigem Takte Alles vorauszuſehen ſchien, keine Vor⸗ ſichtsmaßregel aus dem Auge gelaſſen worden. Bis daher hatte auf ſolchen Expeditionen ein Jeder, ſo zu ſagen, auf eigene Fauſt gehandelt, und ſich in Betreff ſeiner Vertheidigung nur auf ſich ſelbſt und ſein Pferd verlaſſen. Der Spanier dagegen hatte dieſe Abenteurer disciplinirt, und dieſelben zum Gehorſam gezwungen; die Wagen, die er gekauft hatte, dienten als Trans⸗ port⸗ und Vertheidigungsmittel. So wanderten einſt die Völker des Nordens, wenn ſie ſich auf den Sü⸗ den Europa's zuwälzten. Don Eſtevan hatte dieſe Taktik aus den Vereinigten Staaten eingeführt, deren Bewohner dazu beſtimmt ſcheinen, die Wüſten des ameri⸗ kaniſchen Continents zu durchziehen und zu bevölkern. Und ſo war denn auch unter der geſchickten und kraft⸗ vollen Leitung des Spaniers die Expedition, mit der wir es hier zu thun haben, ſo weit in die Wüſte vor⸗ gedrungen, wie noch nie eine zuvor. Die Verantwortlichkeit, ſo auf Don Eſtevan laſtete, den wir ſo eben nachdenklich in das für ihn errichtete Zelt haben treten ſehen, hätte allein hingereicht, um Wolken auf ſeiner Stirne anzuſammeln; vielleicht aber dachte Don Eſtevan mehr an die Vergangenheit, als an die Gegenwart und an die Zukunft. Der Spanier hatte Gelegenheit gehabt, die Ener⸗ gie Fabian's mit dem Kleinmuthe des Senators Traga⸗ — ———˖——————. v„ 66 duros zu vergleichen. Durch den Gang der Ereigniſſe fortgeriſſen, hatte er auf Wege und Mittel gedacht, ſeinen Neffen aus dem Wege zu ſchaffen. Als derſelbe in dem Abgrunde verſchwunden war, nachdem er dem Bruder ſeines Vaters eine ſchmachvolle Drohung hin⸗ geworfen, hatte Don Eſtevan plötzlich eine ungeheure Leere in ſeinem Herzen gefühlt. Eine nur unvollkommen verharſchte Wunde war in ſeinem Herzen wieder aufgeriſſen worden. Auf der Spitze der Herrlichkeiten dieſer Welt angelangt, fühlte er, daß ihm Etwas fehlte. Obgleich er Alles gethan hatte, um ſich dieſes Factum zu verhehlen, lebte doch der Stolz ſeines Geſchlechtes wieder in ihm auf. Sobald er ſeinen Neffen todt wußte, hatte ſich ſeiner eine lebhafte Sym⸗ pathie zu Gunſten des Jünglings bemächtigt, der, feurig, unerſchrocken, von Dona Roſario geliebt, bei der Aus⸗ führung ſeines kühnen Planes den Senator vielleicht erſetzen konnte. Er bedauerte, daß er ſich von den Ereig⸗ niſſen hatte beherrſchen laſſen, und in dem Augenblicke, wo der letzte der Mediana, nach ihm, vor ſeinen Augen verſchwunden war, beklagte er aus Stolz das unglück⸗ liche Ende des Erben ſeines Namens,— des Erben, den er ſo unerwartet wieder gefunden, und der ſo wür⸗ dig geweſen wäre, den Namen der Mediana zu tragen⸗ Nach ſeinem Tode ſollte dieſer Name nun erlöſchen. Am Vorabende der Eroberung des Goldthals, das er in ſeiner Nähe wußte,— im Augenblicke, wo er aber⸗ mals um eine Sproſſe ſteigen ſollte, bedauerte er noch lebhafter, als zuvor, das Geſchehene. So weiß der Ehr⸗ geiz im Herzen bloß eine Leere zu machen, um eine andere auszufüllen. Indeſſen war dieß nicht die einzige Sorge, die Don Antonio de Mediana's Geiſt beſchäftigte. Das Ausbleiben Cuchillo's war für ihn ebenfalls ein Gegenſtand der Unruhe. Eeine perfide Abſicht, die er vor Antonio anfäng⸗ lich zu verbergen gewußt, die Letzterer aber zu durch⸗ 69 ſchauen anfing,— und dieß war ein weiterer Grund, um ihm eine nachdenkliche Miene zu verleihen,— hatte den Banditen aus dem Lager geführt. Cuchillo hatte den ihn verfolgenden Indianern einen bedeutenden Vorſprung abzugewinnen gewußt. So lange er ſich vom Lager Don Antonio de Media⸗ na's entfernt geſehen, hatte er ſeinem Pferde den Zügel ſchießen laſſen; ſobald er aber durch das Hag von Cactuspflanzen und Eiſenbäumchen hindurch die Ver⸗ ſchanzung ſeiner Genoſſen erblickte, ritt er langſamer, um die Verfolgung, deren Gegenſtand er war, nicht zu entmuthigen. Die Entfernung, die ihn von dem Lager trennte, war noch ſo beträchtlich, daß er von keiner der ausge⸗ ſtellten Schildwachen bemerkt werden konnte. Als er die Indianer, die ihm nachſprengten, beim Anblicke der die Anweſenheit der weißen Krieger ſicher anzeigenden Rauchſäule ihre Pferde anhalten ſah, ließ er ſein Pferd ganz ſtille ſtehen. Es gehörte mit zu ſeinem Plane, nur ſo ſpät wie möglich zu den Seinigen zurückzukehren, um dieſelben erſt im letzten Augenblicke auf die Gefahr aufmerkſam zu machen. Er kannte die Gewohnheiten der Indianer hinlänglich, um dieſes gefährliche Spiel ganz kaltblütig zu ſpielen. Er wußte, daß die Wilden faſt nie einen Angriff wagen, wenn ſie ſich nicht in einer dem Feinde überlegenen Zahl beiſammen finden; er ſchloß daher, daß erſt noch einige Stunden verſirei⸗ chen würden, bevor ſie ſich dazu entſchieden, das Lager anzugreifen, und daß die ihn verfolgenden Indianer, zufrieden, die Spur ihrer Feinde wieder gefunden zu haben, wieder umkehren würden, um ihre Waffenge⸗ fährten von ihrer Entdeckung zu benachrichtigen. Auch hatte er ſich nicht getäuſcht. Es ſtand nicht lange an, ſo ritten die Rothhäute nach dem Gehölze zurück, das ihre Truppe beſetzt hielt. Höchſt zufrieden, daß ihm ſeine Liſt gelungen, legte ſich der Bandit, nachdem er die Feinde hatte verſchwin⸗ —————————„— 70 den ſehen, hinter eine kleine Anhöhe, und horchte auf⸗ merkſam, um ſeine Flucht fortzuſetzen, ſobald ihm ſeine geübten Sinne die Wiederkehr der Gefahr anzeigen würden. Auch hoffte er, wenn er erſt einige Minuten vor dem Kampfe das Lager erreichen würde, während der dem Zuſammenſtoße vorangehenden Verwirrung den Fragen Don Antonio's auszuweichen, deſſen Scharfblick er fürchtete. „Es wären morgen unſer ſechszig, die ſich in dieſe Schätze zu theilen hätten,“ ſprach er bei ſich,„wenn ich die Sache nicht ſo geordnet hätte, daß morgen, bis Tages⸗Anbruch, ein ſtarkes Viertel nicht mehr zu den Lebenden gezählt werden kann. Und dann werde ich, während dieſe rothen und weißen Beſtien einander auf⸗ iben Plötzlich unterbrach ein ferner Knall, ähnlich dem eines Carabiners, die Spekulationen Cuchillo's. Es ſchien vieſes durch die Entfernung geſchwächte Geräuſch von Norden herzukommen. Es war dieß in der That die Richtung des Fluſſes, in deſſen Mitte ſich das Inſelchen befand, das Roſen⸗ holz mit ſeinen beiden Genoſſen beſetzt hielt. „Es iſt doch ſonderbar, daß ein ſolcher Schall von vort unten kommt,“ ſprach Cuchillo bei ſich, indem er ſein Auge nach Norden ſchweifen ließz„denn das Lager der Weißen liegt öſtlich, und das der rothen Krieger weſtlich.“ Es ließ ſich noch ein zweiter Schuß, und, nach einem ziemlich langen Zwiſchenraum, ein dritter hören, worauf ein wohlgenährtes Flintenfeuer folgte. Einen Augenblick wurde es Cuchillo bange ums Herz; er glaubte ſchon, eine andere, zahlreiche Partie von Weißen, die von der von ihm geführten Expedition unabhängig ſei, wolle ſich der Schätze bemächtigen, die den Gegen⸗ ſtand ſeiner Sehnſucht bildeten. Und dann beſchlich ihn wieder die Furcht, es möchte Don Antonio aus ſeiner eigenen Truppe Leute ausgewählt, und dieſelbe abge⸗ „— 7¹ ſchickt haben, um ſich des Goldthals zu bemächtigen, und ſich dort feſtzuſetzen. Allein bei einigem Nachdenken fand er bald, wie ungegründet ſeine Befürchtungen waren. Eine Partie Weißer hätte ſich durch eine hinterlaſſene Spur ver⸗ rathen, und doch hatte er während ſeines zweitägigen Umherreitens keine ſolche geſehen; auch war es gar nicht wahrſcheinlich, daß Don Antonio es gewagt, ſeine Truppe durch eine Theilung zu ſchwächen. Cuchillo faßte daher wieder Muth, und zog, während er hinter der kleinen Anhöhe lag, die ihn und ſein Pferd un⸗ ſichtbar machte, endlich den Schluß, daß die Schüſſe von einer Partie amerikaniſcher Jäger ausgehen müß⸗ ten, die auf dem Wege nach der mexicaniſchen Grenze von den Apachen überfallen worden wären. Wir wollen nun Cuchillo ſeinen Gedanken über⸗ laſſen, und, unſerem Verſprechen gemäß, nach dem La⸗ ger Don Antonio's zurückkehren, und die Ordnung be⸗ folgen, die wir zu unſerer Richtſchnur nahmen, als wir den Anblick, den die Wüſte aus der Vogelſchau darbot, ſo wie die Stellung der verſchiedenen dieſelbe beleben⸗ den Perſonen beſchrieben. Im Laufe des Nachmittags hatte das Flintenfeuer lange angedauert, und es war ſogar in demLager ge⸗ hört worden, wo es zu einer Menge von Vermuthun⸗ gen Anlaß gegeben hatte. Es war Abend. Rothe Wolken bezeichneten noch im Weſten die feurige Spur der Sonne. Die Erde fing an, durch die Friſche der Nacht ſich abzukühlen, und je mehr die letzten Reflexe im Weſten verblichen, um ſo lichter wurde die Sichel des Mondes, bis das Verſchwinden der Abenddämmerung der Helle des Mon⸗ des es möglich machte, das Sonnenlicht plötzlich zu er⸗ ſetzen. Das Lager bot im Mondſchein wirklich einen pit⸗ toresken Anblick dar. Auf dem Hügel, der das ganze Lager beherrſchte, ——————————— 72 erhob ſich, wie von uns bereits geſagt worden, das Zelt des Hauptes der Erpedition mit ſeinem himmelblauen Banner und ſeinen goldenen Sternen, ähnlich denen des Himmels, der ſich über demſelben ausdehnte. Ein ſchwa⸗ ches Licht, das durch die Leinwand des Zeltes hindurch⸗ ſchimmerte, zeigte an, daß der Chef für Alle wachte. Einige Feuer, deren Herd entweder ein in die Erde ge⸗ grabenes Loch, oder aber von Steinen umringt war, um die Helle der Glut zu verbergen, die den Lager⸗ platz hätte verrathen können, verbreiteten über den Bo⸗ den hin einen roͤthlichen Schein. Im Falle eines nächtlichen Angriffes konnten Hau⸗ fen von Reisbündeln, die in gewiſſen Entfernungen auf⸗ geſtapelt waren, zu gleicher Zeit angezündet werden, und eine Helle verbreiten, die das Tageslicht erſetzen konnte. Gruppen von Abenteurern, die entweder auf dem Boden lagen, oder mit der Bereitung des Abendeſſens be⸗ ſchäftigt waren, befanden ſich zwiſchen den Pferden und Saumthieren, die aus Trögen von Leinwand ihre Ration Mais fraßen. Die Sorgloſfigkeit und die Entſchloſſen⸗ heit, die man beim Mondſchein auf dem broneefarbigen Geſichte der Männer las, bewieſen, daß ſie in Betreff ihrer Vertheidigung ſich ganz auf die Wachſamkeit des von ihnen gewählten Oberhauptes verließen. Am Fuße des Zeltes lag ganz ſorglos ein Menſch, nach Art eines Hundes, der in der Nähe ſeines Herrn wacht. An ſeinen langen Haaren, an der Guitarre, die neben ſeinem Carabiner lag, an den Mantel-Ueber⸗ reſten, in die er ſich gar majeſtätiſch gehüllt hatte, konnte man ohne Mühe den Gambuſino Oroche erkennen. Seine Zeit ſchien zwiſchen die Betrachtung eines ſternen⸗ beſäten Himmels, und die Unterhaltung eines kleinen Feuers vermittelſt grüner Zweige, deren Rauch ſich in Form einer perpendikulären, vom Monde verſilberten Säule erhob, getheilt zu ſein. Der genannte Feuer⸗ herd aber befand ſich am Fuße des kleinen Hügels. Jenſeits der Verſchanzung verſilberten die Strah⸗ ——— 73 len des großen Nachtgeſtirns auch die Ebene, wo die Cackus⸗ und Nopal⸗Pflanzen gewaltige Schatten warfen. Das Nachtgeſtirn irifirte den Nebel, der weſtlich vom Lager, am Horizonte, die Spitzen einer Bergkette be⸗ deckte. Endlich beieuchtete es hinter den Wagen die Schild⸗ wachen, die mit ihrem Carabiner im Arme und mit Späheraugen auf und ab gingen. Unter den zunächſt bei den Wagen liegenden Män⸗ nern finden wir Benito, den Domeſtiken Don Eſtevans, Baraja, und Pedro Diaz wieder. Alle drei ſprachen leiſe miteinander. „Senor Benito,“ fragte Baraja den alten Diener, „Sie ſind ſo geſchickt im Erklären aller Geräuſche der Wüſte und der Wälder; könnten Sie uns nun wohl ſagen, was die Flintenſchüſſe bedeuten, die wir den gan⸗ zen Nachmittag gehört haben?“ „Ich kenne die Sitten der Indianer nur wenig; indeſſen„„ „Nun, nun,“ ſprach Baraja,„halten Sie dieſes Mal mit ihren Enthüllungen nur nicht ſo hinter dem Berge, und erſchrecken Sie uns nicht ſo, wie in der be⸗ kannten Tigernacht!“ „Indeſſen,“ fuhr der Diener fort,„bin ich in mei⸗ ner Jugend ihr Gefangener geweſen; und wenn ſie nicht irgend einen unglücklichen Menſchen, der in ihre Hände gefallen, martern, wie ſie mich gemartert, ſo kann ich mir das Flintenfeuer, das wir gehört haben, fürwahr nicht erklären.“ „Halten Sie es alſo für möglich, daß ſie in dieſer Wüſte irgend einen Fang gethan?“ „Warum ſollte das nicht möglich ſein?“ antwor⸗ tete der alte Hirte auf dieſe neue Frage Baraja's. „Seit zwei Tagen fehlt unſer Freund Cuchillo, und ich fürchte, dieſe Teufel treiben mit ihm ihren Spaß. Gehen ſie mit ihm um, wie ſie mit mir umgegangen ſind, ſo möge Gott ſich ſeiner erbarmen.“ „Von welcher Behandlung wollen Sie denn aber 74* ſprechen? die Marter muß doch nicht ſo fürchterlich ſein, da Sie noch leben.“ „Sie glauben? Wohlan! ich erkläre Ihnen, daß die Abziehung der Kopfhaut, daß die Zerreißung des Körpers in Stücke, daß eine langſame Verbrennung, mit einem Worte, daß alle Qualen, die ſie erfinden, Nichts dagegen ſind.“ „Demonio!“ erwiederte Baraja,„hoffentlich mar⸗ tern Einen die Indianer nur dann ſo abſcheulich, wenn ſie erbittert ſind?“ „Mit nichten! ſie thun dieß im Gegentheil, wenn ſie bei gutem Humor ſind; denn es kommt ſehr ſelten vor, daß ſie nicht zufrieden ſind, wenn ſie einige Gefangene gemacht haben. Sollte daher das Unglück es wollen, daß Sie in ihre Hände fielen, Freund Baraja, ſo flehen Sie zu Gott, daß dann die Apachen gerade recht luſtig ſein mögen, und dann kommen Sie bloß mit einer zwar abſcheulichen, aber doch ganz kurzen Marter weg. „Es wird dieſelbe wohl fünf bis ſechs Minuten dauern?“ „Sagen Sie, fünf bis ſechs Stunden, bisweilen dauert es auch ein Bischen länger, allein.... Hier wurde Benito durch die Ankunft Oroche's unter⸗ brochen. „Senor Diaz,“ ſprach Letzterer,„Don Eſtevan wünſcht einen Augenblick mit Ihnen zu ſprechen, und erſucht Sie daher, ſich in ſein Zelt zu bemühen.“ Diaz ſtand auf, folgte Oroche, und ließ Baraja und Benito ihr Geſpräch fortſetzen. „Ich habe die ſorgenvolle Miene Don Eſtevans be⸗ merkt,“ ſagte Benito.„Obgleich er ſeit der Abreiſe von der Hacienda, und insbeſondere ſeit dem Angen⸗ blicke, wo der junge Menſch mit ſeinem Pferde in den Strom geſtürzt iſt, nie recht fröhlich geweſen, ſo iſt er mir doch heute nachdenklicher und befangener vorgekom⸗ men als ſonſt.“ Baraja ſchlug bei dieſer Gelegenheit das Gewiſ⸗ ſen auch ein Bischen; denn der Abenteurer war, wenn man ſich noch des von Pepe, dem Schläfer, an Roſen⸗ holz erſtatteten Berichtes erinnert, einer von denen ge⸗ weſen, die ihrerſeits auf den Spanier und auf Fabian gefeuert hatten. Er gab daher dem Geſpräche eine andere Wendung, um es auf den Punkt zurückzuführen, wo es abgebrochen worden war. „Wie Sie alſo ſagten,“ wiederholte er,„ſo könnte dieſe Marter fünf bis ſechs Stunden dauern,— bis⸗ weilen auch darüber; allein„ 5 „Allein nie darunter. Im Uebrigen werden Sie nach meinem Berichte ſelbſt urtheilen können, ob eine ſechsſtündige Marter einer vierundzwanzigſtündigen bis⸗ weilen nicht vorzuziehen iſt; denn unter allen mögli⸗ chen Todesarten iſt diejenige am Grauſamſten, welche darin beſteht, daß man den Betreffenden vor Furcht ſterben läßt.“ „Zum Teufel mit Ihren Geſchichten!“ rief Baraja. „Ich weiß in der That nicht, warum ich ein ſolcher Thor bin, daß ich Sie ſo frage.“ „Was ich geſagt, iſt zwar entſetzlich⸗ aber lehrreich; und da Sie alle Augenblicke den Indianern in die Hände fallen können, ſo iſt es doch gewiß gut, daß Sie wiſſen, was Ihrer in einem ſolchen Falle wartet; es ſ das immer ein Troſt, in Ermangelung eines beſ⸗ ſeren.“ „So ſchweigen Sie doch einmal!“ ſagte Baraja ächzend.„Ich ſehe, daß das Handwerk eines Goldſu⸗ chers, im Ganzen genommen, ein recht abſcheuliches iſt.“ „Mit Recht oder mit Unrecht, habe ich immer ge⸗ dacht,“ fuhr der Erzähler fort,„daß nie etwas Ande⸗ res geſchieht, als was geſchehen muß, und daß man ſich daher vor Nichts fürchten darf. Als ich daher den Indianern in die Hände fiel, ſagte ich bei mir ſelbſt, daß ich, ſie moͤchten thun, was ſie wollten, nicht ſterben würde, wenn ich nicht ſterben ſollte. Nun aber waren die Indianer an dem fraglichen Tage in einer * —— 76 verteufelt ſchlechten Laune, da wir ihnen in einem Scharmützel eine ſchöne Anzahl von Leuten getödtet hatten. Sie rathſchlagten daher zuerſt, und ich konnte aus ihren Geberden gar gut ſehen, ob ich ſcalpirt oder lebendig geſchunden oder in eine Menge von Stücken zerſchnitten werden würde. Endlich drang ein Häupt⸗ ling, deſſen Erbitterung außerordentlich war, bei ſeinen Kriegern mit der Anſicht durch, daß es das Beſte wäre, wenn man mich an einen Pfoſten bände, um ihnen bei ihren Schießübungen als Ziel zu dienen.“ R „Sie hatten einen ganzen langen Tag zu verlie⸗ ren, und nun ſollte ich herhalten, und ihnen als Ge⸗ genſtand der Beluſtigung dienen. Ich hatte von ihren Reden einige Worte aufgefangen, und ich ſagte bei mir ſelbſt, daß ich, da ich, aller Gewohnheit zuwider, weder ſcalpirt noch lebendig gebraten werden ſollte, vielleicht noch meine Haut retten könnte. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang diente ich ihren Carabinern als Zielſcheibe. Es kam jeder der Krieger herbei, zielte auf meinen Kopf, und feuerte. So mußte ich nicht weniger als zweihundert vierundachzig Flintenſchüſſe, nicht mehr und nicht weniger, aushalten: ich zählte ſie, um mich ein Bischen zu zerſtreuen, denn ich lang⸗ weilte mich fürchterlich.“ „Ich glaub' es wohl,“ rief Baraja in einem Tone, aus dem die Ueberzeugung ſprach.„Aber Senor Be⸗ nito, Sie binden uns da einen Bären auf mit Ihren zweihundert vierundachtzig Carabiner⸗Schüſſen!“ „Ich muß ſchlechterdings bei der genannten Zahl bleiben, und kann auch nicht einen nachlaſſen. Ich habe Ihnen geſagt, daß die Indianer fürchterlich erbit⸗ tert geweſen ſeien; um nun ihren Muth an mir zu kühlen, ſuchten ſie, mich durch die bloße Furcht zu töd⸗ ten. Die ſchlechteſten Schützen, die mich hätten zu Boden ſtrecken können, hatten nur blind geladen. Ich habe es ſeitdem erfahren. Alle beſſeren Schützen da⸗ gegen hatten ſcharf geladen. Mehr denn zweihundert 77 Mal fühlte ich, wie das Pfeifen des Bleies meine Haare ſträuben machte. Als ſie aber ſahen, daß dieſe entſetzliche Furcht mich nicht getoͤdtet hatte, ließen Sie mich wieder los. „Zwölf Stunden war ich an dem Pfoſten angebun⸗ den geweſen, und ich kann wohl ſagen, daß ich zwei⸗ hundert vierundachtzig Mal erſchoſſen worden war. Glauben Sie nicht,“ endigte der Erzähler,—„glau⸗ ben Sie nicht, daß dieß eine unendlich grauſamere Be⸗ handlung war, als ein wirkliches Erſchießen,— und glauben Sie nicht, daß es, wenn ſchon das Heranna⸗ hen eines einmaligen Todes auch den Muthigſten bis⸗ weilen ſo verzagt macht, und ſo bänglich ſtimmt, eine Höllentortur iſt, ſeine Seele dem lieben Gott zwanzig Mal in einer Stunde, das heißt, alle drei Minuten empfehlen zu müſſen? Denn jeden Augenblick glaubte ich, daß dieſes barbariſche Spiel ſein Ende erreichen, und daß jeder Schuß der letzte ſein würde.“ Es trat nun zwiſchen den beiden Sprechenden ein augenblickliches Schweigen ein: Benito verſetzte ſich wieder in die Zeit ſeiner Jugend und hing ſeinen Ge⸗ danken nach; Baraja dagegen lauſchte, ſo zu ſagen, der Stille der Wüſte, in der ſo fürchterliche Dramen zur Aufführung kamen. Der Gedanke an eine ſo grauſame Marter, die fünf bis ſechs Stunden, bisweilen darüber, nie aber darunter, dauern konnte; die zweihundert vierundachtzig Carabiner⸗Schüſſe, von denen der alte Hirte auch nicht einen nachlaſſen wollte,— Alles das rief bei Baraja düſtere Gedanken hervor. Und doch trieb ihn eine unbeſiegbare Neugierde wider ſeinen Willen, an den Greis noch weitere Fra⸗ gen zu ſtellen. „Sie glauben alſo,“ ſprach Baraja, indem er wie⸗ der das Wort nahm,„es ſei vielleicht einer der Unſeri⸗ gen, mit dem die Indianer ihren Spaß getrieben?“ „Es iſt entweder Cuchillo, oder Gayferos,— der Mann, den man Erſterem nachgeſchickt hat,— vielleicht ſind es auch Beide,“ antwortete Benito,„und gebe Gott, daß ſie ſo ſtandhaft geweſen, um unſere Anweſen⸗ heit an dieſem Orte nicht zu verrathen!“ „Befürchten Sie das wirklich?“ ſagte Baraja. „Die Indianer ſind verteufelt neugierig; auch be⸗ ſolgen ſie, um Einem ein Geheimniß zu entreißen, ein Verfahren, gegen welches das der heiligen Inquiſition ein pures Kinderſpiel war; und obgleich ſie, Dank der Gewandtheit unſeres Petro Diaz, unſere Spur verlo⸗ ren haben, ſo kann ſie doch ein unbeſonnenes Wort von Seiten eines der beiden Gefangenen in unſer La⸗ ger führen.“ „Was Sie mir da ſagen, iſt in der That entſetzlich!“ murmelte Baraja. „Aber lehrreich, ich wiederhole es Ihnen. Sie er⸗ innern ſich doch noch der Jaguar⸗Nacht?“ „Wollte Gott, ich wäre noch an der Poza! Da⸗ mals hatten wir es wenigſtens nur mit zwei Ti⸗ gern zu thun; aber mit wie vielen rothen Teufeln wer⸗ den wir es hier aufzunehmen haben? Ich mag kaum daran denken.“ „Es ſind ihrer wohl kaum hundert,“ verſetzte der ehemalige Hirte phlegmatiſch;„nur ſelten ſind ſie in größerer Zahl beiſammen. Wohlan! um wieder auf die Nacht an der Poza zurückzukommen, muß ich Ihnen ſagen, daß der Schrecken unſerer Pferde Ihnen ſelbſt Furcht einjagte; allein er benachrichtigte Sie doch von der Gefahr. Die Furcht abgerechnet, von der ich nicht geplagt bin, ſpielte ich Ihnen gegenüber die Rolle der Pferde, die ihr Inſtinkt,.. Hier hielt der alte Vaquero plötzlich inne, um den Kopf rechts und links zu drehen. „Die ihr Inſtinkt nie trügt,“ fuhr er fort.„He, ſehen Sie doch! die Maulthiere hören auf, ihr Mais zu freſſen, und ſcheinen zu horchen.“ Baraja fuhr zuſammen und bebte ſichtlich. „Sehen Sie doch das edle Schlachtpferd des Pe⸗ dro Diaz an! Es ſtreckt den Hals vor, gleich als wittere es die Gefahr, die ihm und ſeinem Herrn ſo erwünſcht zu ſein ſcheint.“ „Wohlan! was beweist es?“ „Noch Nichts; wenn aber dieſe Thiere ſich nicht mehr damit begnügen, daß ſie ihr Futter ſtehen laſſen, und wenn dieſes Pferd da nicht mehr bloß die Nüſtern öffnet und den Hals vorſtreckt, ſondern wenn ſie alle ſchauern und dumpf ſchnauben,— vann bedeutet es ſo viel, daß die Indianer nicht mehr ferne ſind. Wie beim Jaguar⸗Geruche ſchauern die Hausthiere, ſobald ſie nur Indianer riechen. Sie erkennen in ihnen Her⸗ ren! Denn man kann nicht in Abrede ſtellen, daß dieſe Teufel allein das wilde und majeſtätiſche Ausſehen von Königen der Schöpfung bewahrt haben.“ „Caramba!“ ſagte Baraja,„wollen Sie nun das Lob Indianer, wie früher das der Tiger anſtim⸗ men?“ „Warum denn nicht? Ich laſſe im Nothfalle mei⸗ nen Feinden Gerechtigkeit widerfahren. Aber beruhi⸗ gen Sie ſich: die Maulthiere freſſen nun wieder, und das Pferd des Diaz ſcheint ſich ohne Grund beunru⸗ higt zu haben. Sehen wir einmal, was um das La⸗ ger her vorgeht!“ Mit dieſen Worten ſtand Benito auf, und es folgte ihm Baraja, den die Erzählungen des Vaquero zugleich erſchreckten und bezauberten. Letzterer ſchlüpfte unter die Wagen, um die ſtille Unendlichkeit, die ihn umgab, zu befragen. Allein Nichts ließ die Nähe einer Ge⸗ fahr ahnen. Einer der als Schildwachen ausgeſtellten Reiter kam, mit der Muskete im Arm, vorüber. „Haben Sie Nichts geſehen, nichts gehört?“ fragte der Ex⸗Hacendero. „Habe Nichts geſehen,“ antwortete die Schildwa⸗ che.„Ich habe nur geglaubt, ich höre ein Pferdege⸗ wieher von einem der Thälchen, die Sie dort unten ſehen, herkommen; allein ich habe mich ohne Zweifel getäuſcht. Indeſſen bin ich doch erſtaunt, daß weder Cuchillo, noch Gayferos zurückkommt.“ Hier entfernte ſich der Reiter wieder, um, wie zu⸗ vor, auf⸗ und abzugehen; die beiden Plauderer aber ſetzten ſich wieder an ihren früheren Platz⸗ „Es iſt doch recht unklug von Don Eſtevan de Arechiza,“ hob Benito wieder an,„daß er bei allen Vorſichtsmaßregeln, die er bis daher ergriffen, den gan⸗ zen Nachmittag dieſe Rauchſäule geduldet hat und ſo⸗ gar noch jetzt duldet. Bei ſo heiterem Himmel iſt das ein Zeichen, das man in weiter Ferne ſieht.“ „Ich gebe es zu,“ antwortete Baraja;„aber Sie wiſſen, daß Cuchillo, unſer Führer, irgend ein Zeichen brauchte, um ſeinen Weg wieder leichter finden zu kön⸗ nen. Die Menſchlichkeit einerſeits, und unſer perſon⸗ liches Intereſſe anderſeits, forderten von unſerem Chef dieſe Vorſichtsmaßregel, ſo gefährlich dieſelbe auch ſein mag.“ „Ich will nicht läugnen, daß die Menſchlichkeit dieſelbe erforderte; aber unſer perſönliches Intereſſe, wie konnte dieſes ſie erwünſcht machen? Was geſchieht dem Reiſenden, der in der Nacht den Irrlichtern in die Sümpfe folgt? Er fällt in einen unfeſten Schlamm, in dem er unterfinkt. Wohlan! Cuchillo ſcheint mir, unter uns geſagt, nach ſeiner ganzen Phyſiognomie einer jener Führer zu ſein, mit denen man, anſtatt zu Goldminen, in Sumpflöcher kommt.“ „Haben Sie Nichts von den Gerüchten gehoͤrt, die unter den Leuten unſerer Erpedition gehen?“ „Wie? Meinen Sie das Gerücht, daß dieſe Expe⸗ dition nicht, wie die früheren, blindlings unternommen worden, und daß Don Eſtevan in dieſen Wüſten ein ungeheures Placer kenne 7“ „Ohne Zweifel weiß er von einem ſolchen, und ich möchte eine Wette eingehen, daß dieſe Gerüchte nicht 81¹ ohne Grund ſind; allein er weiß nicht, wo es ſich be⸗ findet, und ich habe gute Gründe, zu glauben, daß Cu⸗ chillo mehr weiß, als er ſagen mag, und daß ſein Tod für uns ein unerſetzlicher Verluſt wäre.“ „Ich bezweifle⸗es,“ antwortete der alte Diener kopfſchüttelnd;„das Geſicht Cuchillos gehört zu denen, die ein geübtes Auge nicht trügen. Im Uebrigen wünſche ich, Unrecht zu haben.“ „Bah! Sie ſehen eben Alles in einem ſchwarzen Lichte.“. „Ich muß Ihnen freilich wie einer jener unglück⸗ verkündenden Vögel erſcheinen, die ſtets nur ſchlimme Nachrichten bringen. Niemand fürchtet die Gefahr weniger, als ich, und doch ſcheint es mir, daß mir Gott einen ſchärferen Sinn gegeben, um dieſelbe zu ahnen; ich weiß nicht, welche innere Stimme mir ſogar heute Abend ſagt, daß ich auf meiner Hut ſein ſollez und warum denn, wenn man die Sache beim Lichte betrach⸗ tet? Wer kann hindern, was geſchehen muß? Ah! ſehen Sie doch die Thiere an: ſie hören abermals auf, zu freſſen, und horchen!“ „Wenn ſie nur nicht anfangen, zu ſchauern!“ ſagte Baraja. „Was können wir machen, wenn ſie es auch thun?“ antwortete der alte Hirte.„Was mich betrifft, ſo will ich mich, wenn Sie es für gut finden, auf meine Ma⸗ traze hinlegen und ſchlafen.“ Und die Ausführung unmittelbar mit ſeinen Wor⸗ ten verbindend, hüllte ſich Benito in ſeinen wollenen Teppich gerade ſo, wie er ſich in ſeinen Fatalismus hüllte, und ſtreckte ſich auf den Boden hin, indem er ſeinen Kopf auf einen der Sättel ſtützte, die am Fuße der Verſchanzung aufgehäuft lagen. Baraja hingegen war weit entfernt, der Lehre des alten Hirten zu huldigen. Seine Einbildungskraft malte ihm tauſend furchtbare Phantome vor, die in Der Waldläufer. U. 6 3 ——— ————————————— — dem immer ſo feierlichen Dunkel der Wüſte aufſtiegen. Jeden Augenblick glaubte er durch das Geheul der Indianer die tiefe Stille geſtört, welche Gefahren barg, deren kleinſte hinreichten, um ihm die Haare auf dem Kopfe ſträuben zu machen. Die Nacht bringt über⸗ haupt auch über den muthigſten Mann Augenblicke der Schwäche, und der zu Grunde gerichtete Hacendero war, wenn er auch keinen allen Gefahren Trotz bieten⸗ den Muth beſaß, immerhin weit entfernt, ein feiger Menſch zu ſein. Er machte, wiewohl vergeblich, Verſuche, die Re⸗ ſignation ſeines Genoſſen nachzuahmen, und auch ſei⸗ nerſeits einzuſchlafen; aber er war auf der Bahn der Gefahren und der Abenteuer noch zu ſehr Neuling, als daß er die philoſphiſche Ruhe Benito's beſeſſen hätte. Weit entfernt, wie Letzterer, zu glauben, man brauche vor einer unvermeidlichen Gefahr ſich nur zu ducken, war der Ex⸗Hacendero vielmehr der Anſicht, das beſte Mittel zu ihrer Vermeidung ſei, ſie zu fliehen. Indeſſen wäre es in dieſen Wüſten, welche der Mond gleich einem See, auf dem der Tod Einen überall überraſchen konnte, mit Glanz übergoß, ebenſo gefährlich geweſen, aus dem Lager zu fliehen, als ein dem Untergang nahes Schiff zu verlaſſen, um ſich in die unbekannten Tiefen des Oceans zu ſtürzen, die dem hungerigen Hai als Wohn⸗ ort angewieſen ſind. Nach dem langen Tagmarſche ſchliefen alle Aben⸗ teurer, auf den Sand hingeſtreckt; nur das Auge der Schildwachen war nicht geſchloſſen und es knirrte un⸗ ter ihren Tritten der Kies. Endlich machte die durch Nichts geſtörte Stille auch Baraja ſicher, als der Abend⸗ wind noch einige jener fernen Knalle zu ihm herüber⸗ trug, die man während des Tages gehört hatte. Die⸗ ſer Umſtand ſtrafte die Behauptungen Lügen, welche der alte Vaquero in Betreff der Hinrichtung der Ge⸗ fangenen aufgeſtellt hatte. 83 Baraja ſtieß den alten Domeſtiken mit dem El⸗ bogen. „Man ſchießt noch dort unten,“ ſagte er. Der Vaquero horchte. „In der That,“ erwiederte er.„Wenn das in⸗ deſſen nicht anzeigt, daß Cuchillo oder Gayferos die Zielſcheibe der indianiſchen Carabiner iſt, ſo ſoll es mich ſehr freuen, und ich wünſche Ihnen eine gute Nacht. Schlafen auch Sie, Freund Baraja; in den Wüſten muß man die zum Schlafen beſtimmte Zeit nicht verpaſſen, wenn man auch in jeder Minute Gefahr läuft, für immer einzuſchlafen.“ Nach dieſem ſchreckenvollen Aphorismus hatte der alte Vaquero ſeinen wollenen Mantel wieder über die Augen gezogen, um ſie gegen die todtlichen Strahlen des Mondes zu ſchützen, als er in dem dumpfen Schnau⸗ ben der Saumthiere abermals einen Anlaß fand, den Kopf aufzurichten. „Aha!“ ſagte er,„die rothen Teufel ſtreichen in der Nähe herum.“ Ein Gewieher, das von dem entfernteſten Theile der Ebene herkam, und von einem Alarmruf begleitet war, ließ ſich in der Ferne in dem nämlichen Augen⸗ blicke hören, wo ein Reiter mit verhängtem Zügel her⸗ beigaloppirt kam. Und gleich als ſollte dieß ein letztes Zeichen ſein, daß eine Gefahr im Anzuge ſei, ließ der Inſtinkt die Thiere ſchweigen; ihrem dumpfen Schnauben folgte ein Schreckensſchauer, welchen der Abendwind von We⸗ ſten zu ihnen herüber zu bringen ſchien. „Es iſt Cuchillo!“ rief der Vaquero beim An⸗ blicke des Reiters, welcher heran galoppirt kam. Sodann ſetzte er ganz leiſe, ſo daß es nur Baraja hören konnte, hinzu: „Der Reiſende nehme ſich in Acht, wenn das Irr⸗ licht in der Ebene tanzt!“ UMeunundzwanzigſtes Kapitel. Die Bekehrung eines Republikaners. An dieſem Abende wachte Don Eſtevan de Arechiza, ſeiner Gewohnheit gemäß, in ſeinem Zelte, während ſeine Leute ausruhten. Beim rauchigen Lichte einer Unſchlittkerze ſchien der Spanier, dem beſcheidenen Ausſehen ſeiner Lein⸗ wandwohnung, und ſeinen beſtaubten Kleidern zum Trotze, von der Würde ſeiner Haltung, und von ſeinem ganzen vornehmen Weſen Nichts verloren zu haben. Seine Geſichtsfarbe, die jetzt noch gebräunter war, als in dem Augenblicke, wo wir ſie zum erſten Male ſahen, verlieh ſeiner Phyſiognomie einen noch energiſcheren Charakter. Er ſchien ebenſo nachdenklich, wie in dem Augen⸗ blicke, wo er vom Pferde geſtiegen und in das für ihn errichtete Zelt getreten war; allein ſeine Gedanken hatten nicht mehr einen ſo ſorgenvollen Charakter. An dem Vorabende des Tags, wo er nach tauſend Gefahren anfangen ſollte, ſeine großen Plane auszuführen, war es Don Antonio de Mediana endlich gelungen, die Niedergeſchlagenheit, die frühere Ereigniſſe bei ihm er⸗ zeugt hatten, wenn auch nur auf einen Augenblick, ab⸗ zuſchütteln. Er fand ſich wieder geſtärkt durch die Hoffnung eines glücklichen, von nun an gegen alle Zu⸗ fälle geſicherten Erfolgs. Er hatte das Stück Leinwand, das an ſeinem Zelte als Thüre diente, in die Höhe gehoben, um einen Blick auf die unter ſeiner Obhut ſchlafenden Leute, ſo wie auf die am Horizonte aufgehäuften Nebel zu werfen, unter denen ſich die Nebelberge verbargen; erſchien 85 die ihm zu Gebote ſtehenden Mittel mit dem Zwecke zu vergleichen, den er verfolgte. Der Anblick der ſeinen Befehlen gehorchenden ſech⸗ weckte indeſſen eine andere Gedankenreihe in ihm. „So,“ ſprach der Spanier bei ſich,„ſo befehligte ich vor zwanzig Jahren eine faſt gleich große Anzahl von Seeleuten; auch waren dieſelben ebenſo entſchloſſen, wie die vor mir ruhenden Abenteurer. Zu jener Zeit war ich Nichts, als ein obſcurer jüngerer Sohn; und jene Leute haben mir mein Erbe wieder erobern hel⸗ fen ja. es war mein Erbe. Aber damals ſtand ich in der Blüthe der Jahre,— ich mußte mich emporarbeiten, und ich habe dieſen Zweck erreicht Ja, ich habe ſogar noch Viel mehr erreicht, und doch irre ich jetzt, wo ich Nichts mehr zu wünſchen habe, — irre ich noch in meinem reiferen Alter in den Wüſten herum, wie ich einſt auf den Meeren herumirrte, und dort meine Flagge zeigte! Warum das? Das Gewiſſen rief Mediana zu, daß er es thue, um einen Tag ſeines Lebens zu vergeſſen, aber in dieſem Augenblicke mochte Don Antonio ſeiner Stimme kein Gehör ſchenken. Der Mond warf ſeinen Silberſchein auf die im Lager pyramidenförmig aufgeſtellten Carabiner; er be⸗ leuchtete ſechzig Männer, die keine Gefahr kannten,— ſechzig unermüdliche, des Durſtes und der Soune ſpot⸗ tende, durch ihre Mäßigkeit ausgezeichnete Männer. In der Ferne ſpielte ein lichter Dunſt, blaſſem Golde ähnlich, in dem Nebel der Berge, in deren Nähe das Goldthal lag. „Warum?“ fragte Don Antonio abermals. Und er beantwortete ſeine Frage ſelbſt alſo: „Weil ich noch einen ungeheuren Schatz und ein großes Königthum erobern muß.“ Die Augen Mediana's funkelten voh Siolz; aber bald erloſch dieſer feurige Glanz wiedet, und dann — — — 3 3 —————— 86 heftete der Herzog einen melancholiſchen Blick auf den Horizont. „Und doch,“ fuhr er fort,„was wird mir von dieſem ganzen Schatze bleiben? Nichts. Dieſe Krone, ich werde ſie einem andern auf das Haupt ſetzen. Und ich werde zum Lohne nicht einmal einen Sohn haben,— werde nicht einmal einen Nachkommen haben, der das Ge⸗ ſchlecht der Mediana fortpflanzt; der ſich einſt vor meinem Bilde verneigt, und, es anblickend, ſagt:„„Dieſer hat weder durch einen Schatz, noch durch einen Thron in Verſuchung geführt werden können..„.50—„Man wird es nur zu meinen Lebzeiten ſſagen... Indeſſen iſt auch das noch ein ziemlich ſchoͤnes Loos.“ Pedro Diaz, den, wie man geſehen, Don Eſtevan hatte herbeirufen laſſen, hob das Leinwandſtück am Zelte in dem nämlichen Augenblicke in die Höhe, wo Letzterer es hatte wieder fallen laſſen. Der Chef hatte ſeine feſte und entſchloſſene Haltung wieder angenommen. „Sie haben mich herufen laſſen, Senor Eſtevan, und hier ſtehe ich,“ ſprach der Abenteurer, indem er ſeinen betreßten Filzhut abnahm. „Ich muß mit Ihnen über einige wichtige Dinge ſprechen, die ich Ihnen geſtern nicht mittheilen konnte, von denen ich nun aber nicht länger ſchweigen darf,“ hob Arechiza an;„und dann muß ich Sie auch Einiges fragen. Obgleich es nun Zeit iſt, auszuruhen, ſo werden wir uns doch der Ruhe noch nicht ſo bald überlaſſen dürfen. Täuſche ich mich nicht, Diaz, ſo gehören Sie zu jenen Menſchen, die nur dann ſchlafen, wenn ſie nichts Beſſeres zu thun haben. So ſind nun einmal die Ehr⸗ geizigen,“ ſetzte Don Eſtevan Lächelnd hinzu. „Ich bin kein Ehrgeiziger, Senor de Arechiza,“ antwortete der Abenteurer ruhig. „Sie ſind es, ohne es ſelbſt zu wiſſen, Diaz, und ich werde es Ihnen in einem Augenblicke beweiſen. Vor Allem aber, Diaz, ſagen Sie mir, was Sie von dem fernen Flintenfeuer halten?“ 87 „Es begegnen ſich die Menſchen auf dem Meere⸗ deſſen Oberfläche ohne allen Vergleich größer iſt, als die dieſer Wuſten; es darf daher gar nicht auffallen, daß ſie einander hier begegnen. Reiſende und Indianer ſtehen wohl einander gegenüber, und ſchlagen ſich.“ „Das dachte ich auch,“ ſprach der Chef.„Noch eine Frage.... und dann wollen wir von der Sache ſprechen, die ich auf dem Herzen habe. Iſt Cuchillo wieder zum Vorſchein gekommen?“ fragte der Spanier. „Nein, Senor, und Alles läßt mich befürchten, daß wir den Führer verloren, der bis daher unſere Schritte gelenkt hat. „Welcher Urſache ſchreiben Sie dieſes ſeltſame Aus⸗ bleiben zu?“ verſetzte Don Eſtevan mit einer Miene, die ſorgenvoller war, als er vielleicht ſelbſt wußte. „Wahrſcheinlich iſt er den Apachen zu weit gefolgt; da wird er von einigen dieſer Räuber überfallen worden ſein; in dieſem Falle könnte ſeine Abweſenheit gar wohl ewig dauern, trotz der Feuer, die wir ſeit zwei Tagen anzündeten, damit die zum Himmel emporſteigende Rauchſäule ihm unſer Lager anzeige.“ „Iſt das wirklich Ihr Gedanke? denn ich muß Ihnen ſagen, daß Cuchillo zu jenen Leuten gehört, die man ſelten mit Unrecht einer Treuloſigkeit beſchuldigt. Und doch kann ich mir nicht denken, in welcher Abſicht er uns verrathen haͤtte.“ Don Eſtevan hob ein Stück Leinwand an ſeinem Zelte in die Höhe, und zeigte Pedro Diaz mit dem Finger den Nebelſchleier, der die Spitze der Berge am Horizonte verbarg. „Die Nähe dieſer Berge,“ ſprach der Spanier in nachdenklichem Tone,„könnte uns die Abweſenheit Cuchillo's erklären.“ Dann nahm er plötzlich einen andern Ton an, und ſprach: 88 „Und iſt der Geiſt unſerer Leute immer noch der nämliche?“ „Immer noch, Senor,“ erwiederte Diaz,„mehr denn je vertrauen ſie dem Chef, der für ſie wacht, wenn ſie ſchlafen, und dennoch, wie der Geringſte unter ihnen, kämpft.“ „Ich habe mich auf allen Punkten des Erdballs ein Bischen geſchlagen,“ ſagte Arechiza, geſchmeichelt von einem Lobe, deſſen Aufrichtigkeit er nicht bezweifelte, „und ſelten habe ich Männer unter meinen Befehlen gehabt, die entſchloſſener waren, als dieſe. Wollte Gott, es wären ihrer fünfhundert, anſtatt ihrer ſechzig; denn es ließen ſich dann, nach Beendigung dieſes Unterneh⸗ mens, meine weiteren Projecte gar leicht ausführen.“ „Ich weiß nicht, welcher Art die Projecte ſind, wo⸗ von Ew. Senoria zum erſten Male mit mir ſpricht,“ antwortete Diaz zurückhaltend;„hält mich aber viel⸗ leicht Senor de Arechiza nur darum für ehrgeizig, weil er mir die Ehre erweist, mich nach ſich zu beur⸗ theilen?“ „Es iſt das wohl möglich, Freund Diaz,“ entgeg⸗ nete der Herzog von Armada lächelnd.„Sobald ich Sie ſah, dachte ich, daß wir für einander paßten. Wir werden einander verſtehen: ich kann mich von dieſer Ueberzeugung nicht trennen.“ Der Mexikaner hatte all' den lebhaften Verſtand, wodurch ſeine Landsleute ſich auszeichnen. Er hatte Arechiza richtig beurtheilt; allein er wolite dieſen die Initiative ergreifen laſſen; er verneigte ſich daher gar höflich und ſchwieg. Der Spanier hob ein zweites Mal das an ſeinem Zelte als Thüre dienende Leinwandſtück in die Höhe, und ſagte, auf den Horizont hindeutend: „Noch einen Tagemarſch, und morgen Abend ſchlagen wir am Fuße der Berge dort unten unſer La⸗ ger auf.“ 89 „In der That, kaum ſechs Wegſtunden trennen uns noch von denſeiben,“ erwiederte Diaz. „Das will ich nicht ſagen,“ ſetzte Don Eſtevan hinzu;„wiſſen Sie aber auch, was dieſer Nebelhimmel, der die Spitze derſelben begränzt, während an ihrem Fuße der Mond die Ebenen beleuchtet und verfilbert,— wiſſen Sie, was dieſer Nebelhimmel bedeckt?“ „Nein,“ ſprach der Mexikaner. Der Herzog von Armada warf auf Diaz einen Blick, der bis auf den Grund ſeines Herzens dringen zu wollen ſchien. In dem Augenblicke, wo es ſich dar⸗ um handelte, dem Abenteurer das Geheimniß zu ent⸗ hüllen, das er bis daher ſo ganz für ſich behalten, wollte der ſpaniſche Edelmann ſich verſichern, ob der, den er im Begriffe war, zu ſeinem Vertrauten zu ma⸗ chen, dieſes Beweiſes von Zutrauen auch würdig wäre. Das biedere Geſicht des Diaz, auf dem man keine der von Habſucht zeugenden Leidenſchaften leſen fonnte, welche ſeine Genoſſen leiteten, beruhigte ihn wieder. Alsbald nahm der Spanier wieder das Wort: „Wohlan! ſeitdem wir Tubac verlaſſen, marſchiren wir auf dieſe Berge zu. Ich will Ihnen ſagen, warum ich die Expedition auf dieſes Ziel hingelenkt, wie der Steuermann das Schiff auf einen Punkt im Ocean führt, den er allein kennt. Dieſen Abend ſollen Sie meine Gedanken leſen,— ſollen Sie meine Gedanken kennen lernen, ſo gut als ich ſie ſelbſt kenne. Wir paſſen für einander,— wir werden einander verſtehen, ſage ich Ihnen. Der Nebelhimmel dort, den ſelbſt die Sonne morgen durch ihren Aufgang nicht zerſtreuen wird, verhüllt Schätze, die Gott, vielleicht ſeit der Welt Anfang, dort aufgehäuft hat. Seit Jahrhunderten flößt das Regenwaſſer dieſe Schätze in die Ebene herab; die weiße Race hat immer nur eine Ahnung davon gehabt, und die indianiſche hat ſie reſpectirt; morgen aber wer den dieſe Schätze uns gehören. Dieß iſt der Zweck, den ich verſolge. Wohlan! Diaz, Sie fallen nicht auf die Knie nieder, um dem Himmel dafür zu danken, daß Sie einer derjenigen ſind, die das Schickſal berufen hat, ſie zu heben?“ „Nein,“ antwortete der Abenteurer in ungekünſtel⸗ ter Weiſe;„die Habſucht hätte mich nie den Gefahren Trotz bieten laſſen, die ich aus Rachſucht aufgeſucht habe. Ich hatte von meiner Hände Arbeit erlangt, was ſo viele Andere auf leichteren, aber minder ſicheren Wegen ſuchen. Die Indianer haben meine Felder ver⸗ wüſtet, haben meine Herden geraubt, haben meinen Vater und meine Brüder ermordet: ich allein bin ihrer Wuth entgangen. Seit jener Zeit habe ich eine Ord⸗ nung der Dinge verflucht, die unſere reichen Provinzen nicht zu ſchützen weiß; ich habe gegen die Indianer einen Krieg auf Leben und Tod geführt,— habe eine dreifache Anzahl derſelben ermordet,— habe die Kin⸗ der dieſer Hunde zu Dutzenden verkauft; die Hoffnung der Rache hat mich auch hieher geführt, nicht der Ehr⸗ geiz, nicht die Habſucht; allein ich liebe mein Vater⸗ land, und möchte dieſe Schätze nur beſitzen, um noch einmal den Verſuch zu machen, gegen jenen fernen Congreß, der uns tyranniſirt und nicht zu ſchützen weiß, Repreſſalien zu ergreifen!“ „Ganz gut, Freund Diaz, ganz gut!“ rief der Spanier, dem Abenteurer die Hand hinreichend. Letzterer fuhr mit großer Heſtigkeit alſo fort: „Stark durch den Beiſtand, den dieſes Gold mir ſichern würde, würde ich meine Beſchwerde zu der jener ſechzig Männer machen, die dort unter Ihrem Auge ſchlafen. Bei unſerer Rückkehr wäre es der in ſeinem Laufe angeſchwollene Strom, und ſo würden wir das Joch einer Hauptſtadt abſchütteln, die nie Etwas Ande⸗ res zu thun weiß, als jeden Augenblick Menſchen und Prinzipen zu wechſeln.“ Don Eſtevan hatte aus früheren Geſprächen, die er mit Diaz gepflogen, bereits halb und halb erſehen, 91 daß Letzterer einen ſtillen Haß gegen das Förderalſy⸗ ſtem hegte; allein noch nie hatte ſich der tiefe Groll des Mexikaners ſo deutlich kund gegeben. Der Spanier wollte wiſſen, ob derſelbe bloß auf perſönlichen Beweg⸗ gründen beruhe, ähnlich denjenigen, die Diaz ſo eben auseinandergeſetzt. „Der Congreß iſt gar weit von Euch entfernt,“ ſprach Don Eſtevan mit geheuchelter Gutmüthigkeit; „die Regierung in Mexiko ermangelt der nöthigen Truppen und des nöthigen Geldes, um Provinzen zu ſchützen, die ſo weit entfernt ſind, wie die Eurigen. Ohne Zweifel iſt dieß der ernſteſte Vorwurf, den Sie der Centralregierung zu machen haben?“ „Der alleinige Vorwurf? gebe Gott, daß dem ſo wäre! Wir haben noch andere Beſchwerden. Die Un⸗ abhängigkeit iſt für uns Nichts, als ein Wort ohne Sinn, und wir haben bloß die Laſten dieſer fernen Centraliſation. „Kaum läßt man uns unſere Alcalden wählen. Unſere Douanen, unſere Finanzen, unſer Militär ſind Werk⸗ zeuge in den Händen ehrgeiziger Agitatoren geworden, die heute in der Hauptſtadt ein Prinzip proklamiren, das andere ſiegreiche Agitatoren morgen mit Füßen treten werden. So geſchieht es, daß die, welche am vorher⸗ gehenden Tage auf dem Schilde emporgehoben worden waren, am nachfolgenden geächtet ſind! Menſchen und Prinzipien,— Alles iſt abgenützt. Die ſo oft gewech⸗ ſelten Fahnen üben keinen Zauber mehr; wir wollen weder die einen, noch die andern. Unſere Frauen ſind ſchöner, unſere Felder fruchtbarer, unſere Minen reicher, und unſere Männer tapferer, als die ihrigen: was ha⸗ ben wir da von den im Mittelpunkte gelegenen Staa⸗ ten zu erwarten?“ Arechiza betrachtete mit ſtolzer Freude den Aben⸗ teurer, deſſen Enthuſiasmus ſeine ehrgeizigen Abſichten ſo trefflich unterſtützte. „Fügen Sie zu dem noch hinzu,“ unterbrach ihn der Spanier,„daß Geſetze, ausgegangen von einem lenk⸗ ſamen Congreſſe, die Fremden herbeilocken würden, an⸗ ſtatt dieſelben ferne zu halten, wie bis jetzt geſchehen. Die europäiſchen Schiffe würden ſich in Menge in En⸗ ren Häfen einfinden; eine wackere Bevölkerung würde ſich auf Eurem Boden anſiedeln, und aus einem unter⸗ geordneten Staate,— aus einem einer auseinander⸗ fallenden Conföderation angehörenden Staate würde gar bald ein reiches und mächtiges Land werden.“ Arechiza hielt inne, und beobachtete aufmerkſam die Wirkung, die ſeine Worte auf die edle Seele des Aben⸗ teurers hervorbrachten. Auch würde dieſer Eindruck je⸗ dem Auge erkennbar geweſen ſein, wenn dasſelbe auch nicht den Scharfblick des Spaniers beſeſſen hätte. Die Ausſicht, zur Erhebung ſeines Vaterlandes mitzuwirken, verlieh, verbunden mit der andern, welche die Abſchütte⸗ lung des ihm gehäſſig ſcheinenden Bundesjoches betraf, der Phyſiognomie des Diaz einen Ausdruck des Enthu⸗ ſiasmus, woraus der Herzog Nutzen zu ziehen beſchloß. „Und wie kommt es,“ rief der Mexikaner über⸗ raſcht,„daß Ihre Gedanken in dieſem Punkte ganz mit den meinigen übereinſtimmen?“ „Ich habe oft über die glänzenden Geſchicke nach⸗ gedacht, die ein Abfall von den Centralſtaaten dem Staate Sonora bereiten könnte,“ antwortete Arechiza gleichgiltig. „Und Sie glauben alſo, wie ich, daß die Lage der Sonora, daß ihre Fruchtbarkeit, ihre Reichthü⸗ mer ihr eine glänzende Zukunft ſichern können?“ „Aber,“ fuhr der Spanier fort,„ſoll aus der Sonora ein Staat werden, der den europäiſchen Völkern an Macht und Stärke gleichkommt, ſo iſt es nothwendig, daß ſie ihre Glückselemente aus derſelben Quelle ſchöpft. Hat einmal die Sonora ihre volle Freiheit wieder er⸗ langt, ſo braucht ſie nur noch Eines, um große Dinge auszuführen, und dieſes Eine iſt ein Mann, deſſen in⸗ telligente und feſte Hand die jetzt zerſtreuten Elemente 93 der Stärke zu concentriren vermag. Unter dieſer Be⸗ dingung werde ich, den Sie jetzt nur unter dem Na⸗ men Arechiza kennen, Ihnen dieſe Schätze zur Verfü⸗ gung ſtellen, Senor Diaz.“ „Sie wollen damit ſagen, daß wir ein Oberhaupt brauchen, Senor Eſtevan?“ „Die Sonora braucht mehr, als ein Oberhaupt: ſie braucht einen König!“ Bei dieſem Worte fuhr der Abenteurer zuſammen, wi ein wildes Pferd, das zum erſten Male den Sporn fühlt. „Ja, einen König!“ fuhr der Spanier fort, um mit einem Male ein republikaniſches Ohr an dieſen ſeltſa⸗ men Namen zu gewöhnen;„Europa hat es bloß ſeinen Königen verdankt, wenn es den ganzen Erdball unter⸗ worfen, und vann civiliſirt hat.“ „Einen König!“ wiederholke der Abenteurer lang⸗ ſamz„aber ein König iſt ja die Plage eines Volkes!“ „Irrthum, Irrthum!“ rief der Spanier feierlich. „Als gegen das Ende des letzten Jahrhunderts ein bis dahin unbekannter Schwindelgeiſt das alte Europa ergriffen hatte, deſſen Verfall bereits angefangen, ver⸗ läugneten einige von den Völkern, die es zählt, ähn⸗ lich dem Wahnſinnigen, der ſeine eigenen Hände dazu gebraucht, um in ſeinen Eingeweiden zu wühlen, ihre Vergangenheit, und ſchrien, gleich Ihnen:„„Die Kö⸗ nige find die Plagen der Völker 1““ Ihre ganze Ge⸗ ſchichte verwerfend, verzichteten ſie auf die glorreichen Frinnerungen, die auf den Seiten derſelben verzeichnet ſtehen. Unfähig, von nun an Etwas zu bauen und zu erhöhen, wollten ſie Alles einreißen und ernie⸗ drigen. „Sie ſprachen alſo zu den Söhnen derjenigen, deren Namen an Tugend, an Muth, an Ruhm erinnern: „„Ihr dürft die eitlen Titel nicht länger tragen, die ihr von Euern Vätern ererbt habt; die Ehren, womit Ihr umgeben waret, die Vorrechte, die Ihr genoſſet, müſſen ſich künftig vor dem großen Prinzipe beugen, das alle Menſchen gleich macht!““ Arm, nicht im Stande, Deiner Familie ein anderes Erbgut zu hinter⸗ laſſen, darfſt Du dieſe Titel nicht länger führen; dieſe Auszeichnung iſt denen ein Aergerniß, deren Väter un⸗ ter dem Schatten ihrer Bude oder der Bäume ihres Feldes ruhten, während der Vater des Mannes, den ſie ausziehen, auf den Schlachtfeldern ſein Blut vergoß, um die Bude oder die Furche der Väter der Räuber zu ſchützen. Wie! Diaz, wenn Sie Ihr Land regene⸗ riren, wenn Sie es einer Knechtſchaft entreißen, unter der es ſeufzt,— ſoll da Ihr Sohn kaum noch das Recht haben, Ihren Namen führen zu dürfen?“ Wiet hörte dem Spanier zu. Dieſer fuhr alſo ort: „Wiſſen Sie auch, was ein König iſt? Ich will es Ihnen ſagen: ein König iſt ein Felſendamm, iſt das granitene Hinderniß, das Gott dem Ocean als Grenze und Schranke anweist. Wie die Wogen des Oceans ſich an dem Felſen brechen, ſo bricht ſich auch der ſub⸗ verſive Ehrgeiz, deſſen Opfer die Völker immer werden, an dem königlichen Throne. „Die Volkswogen, die in der Hauptſtadt Eurer Republik unaufhörlich toſen, und in ihrem Laufe we⸗ der auf einen Damm, noch auf einen Felſen treffen, der ſie aufhält, überfluthen Euer Territorium bis an deſſen äußerſte Grenze, und führen, Alles verwüſtend, den Ruin mit ſich. Wiſſen Sie, was ein König iſt? Hören Sie mich. Ein König iſt die mächtige Hand, die condenſirt,— iſt die Hand, welche die Elemente der Stärke, die eine große Nation beſitzt, vereinigt— iſt die Hand, die, unter dem Schatten ihrer Autorität, den entfernteſten Provinzen, wie den zunächſt bei der Hauptſtadt liegenden Schutz gewährt, und Jedem mit dem gleichen Maaße mißt;— ein König iſt ein Va⸗ ter, der alle Provinzialunterſchiede verwiſcht,— der aus den Söhnen einer und derſelben Religion, eines 95 und deſſelben Vaterlandes Brüder macht, die durch ihre Verbindung ſich ſtark und mächtig fühlen;— ein Konig iſt die große Pulsader, die im ſocialen Körper das Blut vertheilt;— ein König iſt die Einheit,— iſt die Stärke,— iſt der Wohlſt and.“ „Und wer ſind Sie denn, Sie, der Sie ſich in Amerika zum Vorkämpfer der Könige machen, die Eu⸗ ropa zurückſtößt?“ „Ein Mann, der die Könige in der Nähe geſehen hat,“ antwortete der Herzog von Armada,—„ein Mann, der es für ſich verſchmähen würde, ſich mit dem Dia⸗ dem zu bekleiden, der aber Europa dem demokratiſchen Geiſte überläßt, der es tödtet, weil nach den Rath⸗ ſchlüſſen Gottes Alles ſeine Zeit haben muß, und weil es nun ag Amerika iſt, die alte Welt zu beherrſchen, indem es ſelbſt das Princip annimmt, das Europa verwerfen zu wollen ſcheint.“ „Das demokratiſche Princip, das tödtet! ſagen Sie,“ rief Diaz.„Sie ſagen da in Wahrheit ſonder⸗ bare Dinge. Europa iſt alt, ich gebe es zu; iſt es aber nicht unter ſeinen Königen alt geworden? Schlägt einmal die Stunde der Auflöſung für daſſelbe, kann es dann nicht ſeine Wiedergeburt in der Demokratie ſu⸗ chen, und kann es ſich dann nicht mit Hilfe des großen Princips wieder verjüngen, das Alles um uns her be⸗ lebt? Können Sie, wenn, wie Sie glauben, dieſe Demokratie für ein abgelebtes Volk ein Gift iſt, auf der andern Seite läugnen, daß ſie ein Lebenselement für ein junges Volk iſt?— für ein Volk, das vor noch nicht langer Zeit das Joch abgeworfen, und in deſſen Athem ein reiches und edles Blut rinnt? Sehen Sie Nordamerika an: es blüht unter dem Schatten dieſes lebensvollen Princips.“ „Was Sie da in Beziehung auf Nordamerika ſa⸗ gen, mag wahr ſein,“ antwortete der Spanier;„allein Eure Sitten ſind Nichts weniger, als republikaniſch, ſondern ziehen Euch im Gegentheil zur Monarchie hin. —— F —— —— 56 Laſſen wir Eure nordiſchen Nachbarn unter einer Re⸗ gierungsform groß werden, die den Keim der Auflöſung in ſich trägt, und ſich ſpäter tödten wird; Euer Geiſt iſt nicht derſelbe; dadurch, daß Ihr ihre Bahn einge⸗ ſchlagen habt, habt Ihr nichts Anderes erreicht, als ein frühes Alter. Ihr gehet der Auflöſung entgegen, weil Ihr keine Einheit habt; Ihr Merxikaner ſeid alt, ohne jung geweſen zu ſein, und wir müſſen die So⸗ nora wieder verjüngen. Dieſe iſt Ihr Vaterland: was kann Ihnen am Uebrigen liegen? Geben wir den verbündeten Staaten ein Beiſpiel: früher oder ſpäter werden ſie es nachahmen. Ja,“ fuhr Don Eſtevan fort, indem er den Republikaner bei ſeiner Vaterlands⸗ liebe packte,—„die andern Provinzen werden ſich un⸗ ter unſer königliches Banner ſchaaren; ſie werden ihren lächerlichen winzigen Adler vor dem Löweh neigen, den wir aufpflanzen werden, und ſo wird die Sonora aus einem Staate zweiten und dritten Ranges die Hauptſtadt eines ſtets ſich vergrößernden Koͤnigreiches werden.“ Der Mexikaner ſchüttelte den Kopf mit einer Miene des Zweifels. „Nein,“ ſagte er,„unſer ganzes Land hat zwiſchen dem republikaniſchen und dem monarchiſchen Syſteme einen Vergleich anſtellen können. Eine dreihundertjäh⸗ rige Knechtſchaft erinnert es nur zu ſehr an die Män⸗ gel und Gebrechen der letzteren; die Republik allein hat ihm die Unabhängigkeit geſchenkt. Eine Trennung, ein Abfall von der Metropole iſt daher leicht für uns; die Gründung eines Königreiches aber iſt unmöglich. Sie ſagen, ein König ſei eine Perſon, in deren Hän⸗ den die Kräfte einer Nation vereinigt ſeien,— ſei eine Perſon, welche dieſe Kräfte zuſammen halte; allein ein Mann, der ſämmtliche zerſtreute Elemente der Macht eines Volkes in ſeinen Händen concentrirt, iſt immer nur zu ſehr geneigt, dieſelben zu ſeinem Nutzen zu neutralifiren. Deßhalb wollen auch die Völker Nichts 97 mehr von Königen wiſſen, und zwar immer weniger, je größer ihre politiſche Reife iſt. Sie ſagen, wir hätten keine Jugend gehabt, aber gerade deßwegen haben wir uns von denſelben losgemacht. Ein Volk iſt reif, ſobald die Republik einmal daſteht; die Könige allein hatten ein Intereſſe bei der Verlängerung der Kindheit der Nationen.“ „Wir aber haben zwölfhundertjährige Monarchien, und Ihr habt keine einzige Republik, die auch nur hundert Jahre alt wäre. Glauben Sie nicht, eine In⸗ ſtitution, die zwölfhundert Jahre dauern kann, enthalte allein für die Voͤlker die Keime des Lebens und der Macht?“ „Der eiferſüchtige Geiſt der Könige hat die Re⸗ publiken nie aufkommen laſſen,“ erwiederte der Mexi⸗ kaner;„das Problem der Monarchie hat allein gelsst werden können; die Erfahrung wird die Monarchie definitiv verdammen— wird definitiv den Stab dar⸗ über brechen; das Problem der Republik iſt noch zu löſen. Und was darf man nicht von der Vervollkomm⸗ nung einer Lehre erwarten, deren älteſte noch keine hundert Jahre alt iſt, und deren Reſultate gleichwohl ſchon ſo großartig ſind?“ Bei einer Erörterung von Principien, worüber der Spanier lange und eifrig nachgedacht, mußte die⸗ ſer den Vortheil über den Mexikaner haben, der ſich plötzlich auf einen Boden verſetzt ſah, zu deſſen Son⸗ dirung er keine Zeit gehabt. Zudem ſtellte der Herzog von Armada die Um⸗ wandlung des neuen Staates in eine Monarchie als unerläßliche Bedingung hin, wenn er die Einwohner mit ſeinen Reichthümern, ſeiner Erfahrung und ſeinen aus Europa erwarteten Hilfsquellen unterſtützen ſolle. Diaz wünſchte vor Allem die Unabhängigkeit ſeines Landes, und machte daher keine Einwürfe mehr. Dann ging der Spanier ſämmtliche Beſchwerden einzeln durch, worüber der Abenteurer ſich mit ſo vieler Der Waldläufer. I. 7 Bitterkeit beklagt hatte; er intereſſirte ſeinen Zuhörer ſo ſehr für die Sache, die er als die ſeines Landes hinſtellte; enthüllte ihm ſo geſchickt ſeine Miſſion, ſei⸗ nen Namen und ſeine Titel; entwickelte die Superiori⸗ tät des monarchiſchen Princips in Beziehung auf Me⸗ rico mit ſo vieler Beredſamkeit und ſo vieler Autorität, daß er das Mißtrauen des Republikaners endlich ganz zum Schweigen brachte, oder doch zum Schweigen zu bringen ſchien. Wie früher gegenüber dem Senator, ſo ließ er jetzt auch, nur mit mehr Schonung und Zartheit, um einen edleren Character für ſich zu ge⸗ winnen, in ſeine allgemeinen Betrachtungen Bemer⸗ kungen mit einfließen, wodurch der perſönliche Ehrgeiz ſeines Zuhörers ſich gekitzelt fühlen mußte; und ehe noch eine halbe Stunde verfloſſen war, ſo hatte er, wenn auch in der Seele des Diaz keine vollſtändige Ueberzeugung geweckt, ſo doch den Abenteurer vollſtän⸗ dig auf ſeine Seite gebracht. Sodann ging er von den Prinecipien zu den Per⸗ ſonen über, und nannte den Konig Don Carlos als den Mann, deſſen Vorläufer der Abenteurer und ſeine Freunde ſein müßten. „Ein König,— König Carl, der Erſte, meinetwegen!“ antwortete Diaz,„allein wir werden gar viele Hinder⸗ niſſe zu beſiegen haben.“ „Nicht ſo viele, als Sie glauben,“ entgegnete der Spanier.„Auf jeden Fall wird das Gold dieſe Hin⸗ derniſſe aus dem Wege räumen, Freund Diaz. Mor⸗ gen werden wir ganze Maſſen von dieſem Metall ſam⸗ meln, und dann können wir dem neuen Königthum eine goldene Brücke bauen, und die Gründer, die Hüter eines Thrones, der nur noch eines Königs harren wird, kaufen und ſplendid bezahlen.“ Der kühne Anhänger des Königthums entwarf ſo, wie er es ſeinem Herrn verſprochen, ſelbſt in der Tiefe der Wüſte die Grundlagen einer künftigen Dynaſtie. Was der ariſtokratiſche Einfluß des Senators im Con⸗ — 99 greſſe zu Ariſpe thun konnte und ſollte, das ſollte der untergeordnete Einfluß eines durch ſeine Heldenthaten berühmten Mannes von Seinesgleichen erlangen. Spitze und Grundlage,— der Spanier hatte Alles erobert. Der Erreichung ſeines Zieles von nun an gewiß, trat der große Herr die zwiſchenliegenden Hinderniſſe ſtolz mit Füßen. Im Begriffe, den Ort des Lagers wieder aufzu⸗ ſuchen, wo er ſchlafen ſollte, um von einem langen Marſche auszuruhen, und ſich auf die Strapatzen des kommenden Tages vorzubereiten, war Diaz aus dem Zelte Don Eſtevans getreten. In demſelben Augenblicke, wo Benito und Baraja ſich auf den Boden hingelegt hatten, um gleichfalls zu ſchlafen, beherrſchten der Spanier und der Merxikaner von der Anhöhe herab, auf der ſie ſich befanden, die ganze ſich vor ihnen ausdehnende Ebene. Die Nebelberge erhoben ſich in der Ferne, bedeckt mit ihrem myſteriöſen, aus ewigen Nebeln beſtehenden Schleier. In dieſe dichte Dunſtkrone, die ſo viel Gold verbarg, ſchien der Mond lange Silberſtrahlen zu werfen. So nahe an dem Ziele der Erpedition, ſo nahe, daß er, ſo zu ſagen, von ſeinem Zelte die Hand bis zu den Nebelbergen ausſtrecken konnte, warf Don Antonio Mediana einen Blick ruhigen Stolzes auf den Ho⸗ rizont. Alle Hinderniſſe waren überwunden. Die unauf⸗ hörliche Wachſamkeit der Indianer war durch die Kunſt⸗ griffe deſſelben Diaz,— dieſes energiſchen, dem Willen des Herzogs von Armada blindlings gehorchenden In⸗ ſtruments,— getäuſcht worden. Ein ungeheurer Schatz, der ſeit der Welt Anfang noch unberührt dalag, wartete nur noch auf die Hände, die ihn heben ſollten. „Sehen Sie,“ ſprach der Spanier zu Pedro Diaz, „aus jenen Nebeln dort unten werden die Elemente eines neuen Königreichs hervorgehen, und unſer Name 100 gehört von dieſem Augenblicke der Geſchichte an. Ich hege jetzt nur noch eine Furcht, und dieſe iſt, daß Cu⸗ chillo uns einen Streich geſpielt; auch werden Sie dieſelbe mit mir theilen, wenn ich Ihnen ſage, daß er es iſt, der mir das Geheimniß, das dieſe Berge in ſich ſchließen, verkauft hat.“ Diaz betrachtete nachdenkend die ungeheure Ebene, die ſich vor ihren Füßen ausbreitete. Er ſchien noch einen unſichtbaren Punkt in der Entfernung in's Auge zu faſſen. „Ah!“ ſagte er,„ich bemerke einen Reiter, der im Galopp herankommt: es iſt entweder Gayferos oder Cuchillo.“ „Gebe Gott, daß es Letzterer iſt,“ ſprach Arechiza, indem er dem herannahenden Reiter mit dem Auge folgte. „Cuchillo iſt ein Spitzbube, den ich lieber in meiner Nähe, als in der Ferne weiß.“ „Ich glaube ſeinen Schimmel zu erkennen,“ ant⸗ wortete der Mexikaner. In der That kam nach Verlauf einer Minute ein Reiter mit verhängtem Zügel angeſprengt. Im Mond⸗ ſchein erkannten ſie Cuchillo. „Zu den Waffen! Zu den Waffen!“ ſchrie Cuchillo, „es kommen die Indianer!“ und während er dieſes Alarm⸗Zeichen gab, ſprengte er durch die Oeffnung herein, welche die Schildwachen in der Verſchanzung gemacht hatten. „Cuchillo! die Indianer! zwei unheilverkündende Namen!“ rief der Herzog von Armada. Yreißigſtes Rapitel. Der Angriff auf das Lager. Bei dem Alarmrufe Cuchillo's, der im ganzen Lager gehört wurde, wechſelten der Spanier und Pedro Diaz einen bedeutſamen Blick, gleich als ob derſelbe Ge⸗ danke ſich ihrem Geiſte darböte. „Es iſt doch ſonderbar, daß die Indianer unſere Spur wieder gefunden,“ ſagte Don Eſtevan. „Sonderbar in der That,“ antwortete Diaz. Und ohne ein anderes Wort zu ſprechen, traten Beide aus dem Zelte, um von der Höhe herabzuſteigen, auf der daſſelbe ſtand. In einem Augenblicke war das ganze Lager auf den Beinen. Einige Minuten dauerte die Verwirrung in ihrer ganzen Ausdehnung. Es hatte ſich eine all⸗ gemeine Aufregung dieſer unerſchrockenen Leute, die doch an der dergleichen Dinge gewöhnt waren, und ſich ſchon mehr denn einmal mit ihren unverſohnlichen Feinden gemeſſen hatten, bemächtigt. Die Carabiner⸗Pyramiden nbe in einem Nu, indem Jeder ſich bewaff⸗ nete. Die Pferde und die Maulthiere bebten und zitter⸗ ten, wie Benito bemerkt, als ſie die Indianer witterten; ſie zerrten an den Riemen und Seilen, an denen ſie an⸗ gebunden waren, ganz wie bei der Annäherung des Löwen und des Tigers,— ſo gewaltig iſt der ſchrecken⸗ erregende Einfluß, den dieſe Söhne der Wüſte auf die Thiere ausüben; allein die durch den Alarmruf Cuchillo's verurſachte Verwirrung hörte bald auf, und Jeder nahm den Poſten ein, den ihm der Chef, für den Fall eines Angriffs, im Voraus angewieſen hatte. 102 Die Erſten, die an Cuchillg Fragen ſtellten, waren der alte Hirte und Baraja, der früher noch nie im Feld geſtanden hatte, und, wie wir geſehen haben, von den Erzählungen und düſteren Prophezeiungen ſeines Ge⸗ fährten höchſt unangenehm berührt worden war. „Wie haben die Indianer uns entdecken können, wenn Sie denſelben nicht aufdie Spur geholfen haben?“ ſagte der alte Vaquero, dem Banditen einen argwöh⸗ niſchen Blick zuwerfend. „Ich habe ſie wirklich hieher gelockt,“ ſprach Cu⸗ chillo frech, während er abſtieg.„Ich hätte Euch von hundert ſolcher Teufel verfolgt ſehen mögen, um zu ſehen, ob Ihr nicht, gleich mir, im Galopp bis zum Lager geritten wäret, um dort eine Zufluchtsſtätte zu ſuchen.“ „In ſolchem Falle,“ entgegnete Benito ernſt,„flieht man, um ſeine Gefährten zu retten, nicht, und läßt ſich eher die Haut über den Schädel ziehen, als daß man ſie verräth. Ich wenigſtens hätte das gethan,“ ſetzte er einfach hinzu. „Das hält ein Jeder, wie er mag,“ ſagte Cuchillo; „ich aber habe bloß meinem Chef, und nicht ſeinen Dienern Rechenſchaft über meine Handlungen abzu⸗ legen.“ „Ja, ja,“ murmelte der alte Diener,„es geſchieht immer nur, was geſchehen muß; ein Feigling oder ein Verräther kann nur durch feige oder perfide Handlungen ſich bemerklich machen.“ „Sind die Apachen zahlreich?“ fragte Baraja ſei⸗ nen alten Freund, denn ſeit ihrem Streite auf der Ha⸗ cienda hatten ſie weniger mit einander verkehrt. „Ich habe nicht ſo viel Zeit gehabt, um ſie zu zählen,“ antwortete Cuchillo, ohne ſich zu beſinnen. „Alles, was ich ſagen kann, iſt, daß ſie nicht mehr weit von hier ſein müſſen.“ Und ohne noch ein Wort zu verlieren, durchſchrilt 3 er das Lager, und ging auf Don Eſtevan zu. Dieſer wartete, nachdem einmal die erſten und wichtigſten Maßregeln ergriffen waren, an ſeinem Zelte auf Cu⸗ chillo, um ſich über das Reſultat ſeiner Unterſuchung, ſowie über das nahe Bevorſtehen der Gefahr Bericht erſtatten zu laſſen. In dem Augenblicke, wo Cuchillo ſich aus dem Lager entfernte, ohne auf die zahlreichen Fragen zu ant⸗ worten, womit man ihn von allen Seiten beſtürmte, ſchritt ein Mann, mit einem Feuerbrande in der Hand, vor, um die in gewiſſen Entfernungen aufgeſtapelten Reisbündel anzuzünden. Da ließ ſich mit einem Male die Stimme Don Eſtevan's hören: „Noch nicht!“ rief der Chef;„vielleicht iſt es nur ein blinder Lärm, und ſo lange wir noch nicht die Ge⸗ wißheit erlangt, daß wir angegriffen werden, dürfen wir das Feld nicht erleuchten, um uns nicht zu ver⸗ rathen.“ Bei den Worten„blinder Lärm,“ hätte man ein unheimliches Lächeln über die Lippen Cuchillo's hinflie⸗ gen ſehen können. Der Mann warf ſeinen Feuerbrand in das große Lagerfeuer. „Auf jeden Fall ſattle ein Jeder ſein Pferd, und mache ſich parat!“ ſagte Don Eſtevan. Don Eſtevan trat wieder in ſein Zelt, und bedeu⸗ tete Diaz durch ein Zeichen, daß er ihn begleiten ſolle. „Das bedeutet ſo viel, Freund Baraja,“ ſprach Benito,„daß, wenn der Befehl gegeben wird, die Feuer anzuzünden, wir mit Gewiß heit einen Angriff erwarten können. Hauptſächlich bei Nacht iſt das etwas Schrecken⸗ volles.“ „Wer weiß das beſſer, denn ich?“ erwiederte Ba⸗ raja. „Sind Sie ſchon einmal Nachts bei einem ſolchen Feſte geweſen?“ fragte Benito. „Nie, und darum fürchte ich ſo ſehr einen nächt⸗ lichen Angriff.“ — —— —— 104 „Wohlan! wenn fſie ſchon ſolche geſehen hätten, ſo würden Sie dieſelben 4 „Nicht mehr fürchten,“ beeilte ſich Baraja hinzu⸗ zuſetzen. „Würden Sie dieſelben noch mehr fürchten,“ ver⸗ beſſerte Benito. Auf ſeinem Wege zum Zelte Don Eſtevan's nahm Cuchillo eine ganz verſtörte Miene an. Er warf ſeine langen Haare nach hinten zurück, wie wenn der Wind einer wilden Jagd dieſelben auf ſeinem Kopfe hin und her getrieben hätte; dann trat er in das Zelt, wie ein Menſch, der eben wieder zu Athem kommt, und trocknete einen nicht vorhandenen Schweiß von ſeiner Stirne ab. Uebrigens hatte er ſein ganzes freches Weſen beibe⸗ halten. Oroche, dem insbeſondere die Aufgabe geworden zu ſein ſchien, Don Eſtevan perſönlich zu bewachen, hatte ſich an Diaz hingeſchlichen. Der Bericht Cuchillo's war kurz: beauftragt, die Zugänge zu dem Orte zu recognosciren, auf den die Er⸗ pedition zugehen mußte, hatte er ſeine Recognosecirung weiter ausgedehnt, als mit der Klugheit vereinbar ge⸗ ſen Hier unterbrach ihn Diaz. „Ich hatte ſolche Vorſichtsmaßregeln ergriffen,“ ſprach er,„um vermittelſt falſcher Spuren unſern Marſch den Indianern zu verbergen, und ich hatte dieſe in der That ſo ſehr vom rechten Wege abgebracht, daß Sie die Linie, der Sie folgten, haben verlaſſen müſſen, um bald links, bald rechts zu gehen.“ „Es iſt wahr,“ antwortete der Bandit,„ich habe mich verirrt, getäuſcht durch die Monotonie dieſer endloſen Ebenen, wo jeder Hügel dem andern gleicht.“ „Jeder Hügel gleicht dem andern!“ antwortete Diaz ironiſch.„Ich begreife, wie ein Städter ſich da⸗ durch irre machen laſſen kann; aber bei Ihnen läßt ſich das nicht wohl annehmen. Legte die Furcht einen Nebelſchleier vor Ihre Augen?“ „Die Furcht?“ antwortete Cuchillo,„ich kenne ſie ebenſo wenig, wie Sie.“ „Dann verliert Ihr Auge an Schärfe, Senor Cuchillo;— dann werden Sie kurzſichtig.“ „Wie dem nun ſein mag,“ fuhr der Bandit fort, —„ich verirrte mich, und ohne die Rauchſäule, die mir als Führerin diente, hätte ich ohne Zweifel meinen Weg nicht ſo leicht wieder finden können, als es der Fall geweſen, aber ich bemerkte einen herumſchwärmen⸗ den Invianerhaufen, und ich mußte einen Umweg machen, um denſelben zu vermeiden. Während ich dieſen Umweg machte, wurde ich von den Herumſtreichern endeckt, und nur meinem kräftigen Pferde verdanke ich den Vorſprung, den ich ihnen abgewonnen.“ Als er mit dieſem Berichte beinahe zu Ende war, während deſſen Don Eſtevan mehr denn ein Mal die Augenbrauen gerunzelt hatte, trat Oroche aus dem Zelte. Alsbald aber kam er wieder herein. „Die Indianer ſind dort unten,“ ſprach er. Sehen Sie nur die ſchwarzen Schatten, die über die Ebene hineilen; der Mond beleuchtet ſie in der Ferne,— es ſind ihre Streifreiter, die mit der Recognoscirung unſeres Lagers beſchäftigt ſind.“ Auf der weißen Oberfläche der Wüſte konnte man in der That Reitergeſtalten ſich nähern, und im Schat⸗ ten der Sanddünen verſchwinden ſehen. Pedro Diaz fragte durch einen Blick Don Eſtevan, und rief dann mit einer Stimme, die wie ein Schlachtruf erſcholl: „Zündet überall die Feuer an, wir müſſen unſere Feinde zählen können!“ B Einige Augenblicke nach dieſen Worten überfluthete eine rothe Helle, faſt ebenſo lebhaft, wie die der Sonne, das ganze Lager, und zeigte die Abenteurer auf ihrem Poſten, mit dem Carabiner im Arme, und mit ihren geſattelten und aufgezäumten Pferden neben ſich. Letz⸗ 106 tere warteten nur noch auf ihre Reiter, um für den Fall, daß ein Ausfall nothwendig würde, das Lager zu verlaſſen. Dann ſank das Zelt Don Eſtevan's zuſam⸗ men, und fiel auf die von Oroche ausgeriſſenen Stan⸗ gen Eine feierliche Stille war auf den Tumult ge⸗ folgt. Die Wüſte war ſtill und ſchweigſam, wie das Feld. Der Mond beleuchtete nicht mehr die Evolutionen der indianiſchen Streifreiter. Sie waren ſämmtlich ver⸗ ſchwunden, ähnlich den unheimlichen Träumen, welche die Wiederkehr des Lichts verſcheucht; es war die Wind⸗ ſtille, die dem Sturme vorangeht. Dieſe Stille hatte übrigens etwas Furchtbares. Sie kündigte keinen jener Ueberfälle an, wobei ein numeriſch ſchwächerer Feind ſeine Schwäche durch den Ungeſtüm ſeines Angriffs verdeckt, ganz bereit, zu fliehen, wenn man ihm Widerſtand leiſtet. Es war die vor dem Kampfe gewährte Gnadenfriſt,— eine Gnadenfriſt, ge⸗ währt von unverſöhnlichen Feinden, die ſich einen Augen⸗ blick ſammeln, um um ſo ſicherer einen Kampf auf Leben und Tod anzufangen. „Ja, ja, da haben wir's nun,“ ſagte der alte Benito zu Baraja;„in einer Viertelſtunde werden Sie das Gebrüll dieſer rothen Teufel, wie die Poſaunen des jüngſten Gerichts in Ihren Ohren tönen hören. Ich ſage es Ihnen, obgleich ich die Sitten der Indianer nur wenig kenne.“ „Gehen Sie mir doch,“ ſprach Baraja niederge⸗ ſchlagen,„Sie ſind der beſte Tiger- und Indianer⸗Ken⸗ ner, den ich in meinem Leben kennen gelernt, obgleich Sie, wenn ich die Wahrheit geſtehen ſoll, troſtreicher ſein könnten⸗Wollte Gott, ich könnte an der Wahrheit Ihrer Worte zweifeln!“ „Es gibt Dinge, die ſich immer leicht vorausſehen laſſen. Dem Reiſenden, der in dem ausgetrockneten Bette eines Waldſtroms einſchläft, kann man vorausſagen, daß bei ſeinem Erwachen die Fluthen des Stromes ihn mitfortreißen werden; daß die Indianer, welche die Stellung ihrer Feinde kennen, und ſich einen Augenblick entfernen, bloß ihre Krieger zählen, um jene anzugreifen. Man kann mit Beſtimmtheit vorausſagen, daß mehr denn einer unter ihnen ſeinen Todesſchrei ertönen laſſen wird, wie auch Mancher von uns ſein„in manus“ wird beten müſſen; wer aber dieſe ſein werden, das vermag Niemand vorherzuſagen. Wiſſen Sie irgend ein Sterbegebet, Senor Baraja?“ „Nein,“ ſprach der Abenteurer düſter. „Das thut mir wirklich Leid, denn dann könnten Sie ihren Freunden einen jener kleinen Liebesdienſte er⸗ weiſen, die nicht ganz unerwünſcht kommen, und wenn, wie wir uns darauf gefaßt machen müſſen, das Un⸗ glück es wollte, daß ich die Indianer Sie ſfkalpiren, und dann erwürgen ſehen müßte..... Hier wurde der alte Vaquero durch ein Gebrüll unterbrochen, das aus der Ferne kam, ſich aber dem Lager immer mehr näherte. Ungeachtet der immer unglücksſchwangeren Bedeu⸗ tung der Worte des alten Hirten hielt dennoch deſſen ſich auch bei den größten Gefahren nie verrathende Kaltblütigkeit, ſowie deſſen Entſchloſſenheit, die ſo ſehr das Gepräge eines troſtreichen Fatalismus hatte, den minder bewährten Muth Barajas aufrecht. In dem Augenblicke, wo Letzterer bei dieſem Kriegsgebrüll, das man gehört haben muß, um ſeine entſetzliche Harmonie gehörig würdigen zu können, wider ſeinen Willen ſchau⸗ dern mußte, warf er einen Blick auf Benito, um aus deſſen Haltung ein Bischen von der Philoſophie zu ſchöp⸗ fen, die den Greis nie verließ. Die Helle der Feuer beleuchtete ſeine welken Wan⸗ gen lebhaft. Zum erſten Male in ſeinem Leben ſchien eine Wolke reſignirter Traurigkeit über ſeine gebeugte Stirn verbreitet. Seine Augen waren feucht, wie wenn eine Thräne im Begriffe wäre, daraus hervorzudringen. 4* ————— —— —— 108 Baraja war über dieſe Veränderung ganz betroffen. Er ſtützte ſeine Hand auf den Arm des alten Hirten. Da richtete Benito den Kopf in die Höhe, und prach: „Ich verſtehe Sie; allein der Menſch hat ſeine ſchwachen Augenblicke. Was wollen Sie? Ich bin wie der, den der Schall der Trompete in dem Augenblicke ſeinem Herde entreißt, wo er am Wenigſten glaubt, den⸗ ſelben verlaſſen zu müſſen. Inmitten dieſes Gebrülles höre ich da oben den Schall der Trompete, die mich ruft, und ſo alt ich auch bin, ſo verlaſſe ich meinen Herd doch ein wenig ungern. Ich habe weder Frau, noch Kin⸗ der, die mir ein längeres Leben erwünſcht machten, oder die mich beweinen könnten; allein ich habe einen alten Gefährten, von dem ich mich nicht ohne Schmerz zu trennen vermag, da er ſo innig mit meinem einſamen Leben verwachſen iſt: ich kann ſelbſt den Gedanken an eine Trennung von ihm nicht ertragen. Für den indiani⸗ Krieger iſt es wenigſtens ein Troſt, zu wiſſen, daß ſein Schlachtpferd ſein Grab theilen wird, und zu glauben, daß er es auf dieſe Weiſe im Lande der Geiſter wie⸗ der finden werde. Wie oft haben wir nicht die Wälder und die Savanen mit einander durchſtreift! Wie oft haben wir nicht Beide die Sonnenhitze, wie oft haben wir nicht Durſt und Hunger mit einander getragenk Dieſer alte and treue Freund iſt, Sie werden es be⸗ reits errathen haben, mein Pferd. Ich ſchenke es Ihnen, Freund Baraja; behandeln Sie es gut; lieben Sie es, wie ich es geliebt, und es wird Sie wieder lieben, wie es mich liebt. Es iſt ein Kamerad von dem, welches von dem bewußten Tiger erwürgt worden iſt: von uns Dreien wird es jetzt allein noch übrig ſein.“ Mit dieſen Worten deutete der Greis auf ein al⸗ tes und edles Pferd, das in der Gruppe geſattelter Pferde noch ſtolz an ſeinem Gebiſſe kaute, während ſein Hals durch den am Sattelknopfe befeſtigten Zügel 109 gebogen war. Benito ging auf dasſelbe zu, und ſtrei⸗ chelte deſſen ſtark gebauten Rücken. Als dieſer Augenblick der Schwäche vorüber war, nahm das Geſicht des Vaquero wieder die gewohnte Impaſſibilität an. Als der alte Hirte ſo ſeine Kaltblütigkeit wieder erlangt, hatte er auch wieder die Fähigkeit erhalten, Alles vorauszuſehen, wenn er auch denjenigen, die ihm zuhörten, vor Furcht das Blut in den Adern gerinnen machte. „Hören Sie nun,“ ſagte er zu Baraja,„um Ihnen* für all' die Liebe zu danken, die Sie meinem alten Freunde zuwenden werden, kann ich Sie, ſo lange es noch Zeit iſt, ein Verschen aus dem Sterbepſalm lehren, es kann dieß Ihnen von Nutzen ſein....“ „Wohlan!“ rief Baraja, als er ſah, daß der Greis nicht ausredete,„haben Sie mir irgend eine entſetzliche Nachricht zu melden?“ Der alte Vaquero ſagte Nichts; aber alsbald fühlte der Abenteurer, wie der Arm Benito's den ſei⸗ nigen krampfhaft drückte. Das Schauſpiel, das ſich dem Auge des erſtaunten Baraja darbot, war noch furcht⸗ barer, als die furchtbarſte Antwort des Greiſes hätte ſein können. Die Augen des Letzteren rollten in ihren Höhlen, und eine ſeiner Hände ſuchte vergebens das Blut zu ſtillen, das aus einer großen Wunde floß. Ein pfeifend herangekommener Pfeil hatte ſich in ſeinem Halſe begraben. Benito fiel zu Boden, mit den Worten: „Es geſchieht nur, was geſchehen muß. Gehen Sie,“ ſetzte er hinzu, indem er die Bemühungen Ba⸗ raja's, ihn zu pflegen, zurückwies,—„gehen Sie, mein Stündlein iſt gekommen denken Sie an mei⸗ nen alten Freund.. Die Ströme Bluts, die aus ſeiner Wunde hervor⸗ drangen, ließen ihn nicht mehr weiter reden⸗ In dieſem Augenblick zeigten ſich die beſtberittenen 110 unter den Apachen auf der vom Monde erleuchteten Ebene. Solche Reiſende, die nur mit Manſas⸗Indianern (d. h. mit civilifirten Indianern) zuſammen getroffen find, können ſich nach denſelben kaum einen Begriff von den wilden Indianern machen. Nichts glich dem ausgearteten Geſchlechte der ſtädtebewohnenden Indianer weniger, als dieſe ungezähmten und ungeſchlachten Söhne der Wüſte, die, ähnlich dem Raubvogel, der in der Luft ſeine kreisförmigen Evolutionen ausführt, ehe er auf ſeine Opfer herabſtürzt, unter einem abſcheu⸗ lichen Gebrüll ihre Pferde ganz in der Nähe des Lagers herumtummelten. Auf dieſe mit rother Farbe häßlich beſchmierten Geſichter warfen von Zeit zu Zeit die Feuer ein grelles Licht. Die langen Haare, die wild im Winde flatterten, die Riemen ihrer Kleider, die, während ihres Jagens, wie Schlangen um ſie herpfiffen, ihr durchdringendes, trotzig herausforderndes Geſchrei ließen ſie den Dämonen gleichen, mit welchen man ſie ſo richtig verglichen hat. Unter den Merikanern befanden ſich nur wenige, die nicht wegen irgend einer Beſchwerde an dieſen uner⸗ müdlichen Räubern Rache zu nehmen hatten; aber kei⸗ ner von Ihnen war gegen die Wilden von einem ſo glühenden Haſſe beſeelt, wie Pedro Diaz. Der An⸗ blick ſeiner Feinde wirkte auf ihn genau, wie der An⸗ blick eines ſcharlachrothen Fähnchens auf den Stier, und kaum ſchien er ſeinen Haß bemeiſtern zu können. Nur mit Mühe ſchien er der Verſuchung zu widerſtehen, ſich durch eine jener Heldenthaten auszuzeichnen, die ſeinen Namen den Wilden ſo furchtbar gemacht hatten. Allein es war durchaus nothwendig, in Betreff der Disciplin mit einem guten Beiſpiele voranzugehen, und ſo bezähmte der Abenteurer ſeine brennende Unge⸗ duld. Zudem war der Augenblick nicht mehr ferne, wo die Indianer angreifen mußten. Dieſes Mal wenigſtens mußte bei den Mericanern die vortheilhafte Stellung, die wahrſcheinliche Ungleichheit der Anzahl compenſiren. Nachdem Don Eſtevan Jedem ſeinen Poſten hinter den Wagen angewieſen hatte, ſtellte er auf der Anhöhe, die ſo eben noch ſein Zelt eingenommen hatte, diejeni⸗ gen ſeiner Leute auf, deren Carabiner am Weiteſten trugen, und die am Beſten zielten. Die Feuer verbrei⸗ teten eine ſo große Helle, daß ſie ihre Feinde ziemlich gut auf's Korn nehmen konnteu. Was den Chef ſelbſt betrifft, ſo war er überall gegenwärtig. Indeſſen hatten die Indianer ihr ſcharfes Auge, ſowie die Berichte derjenigen unter ihren Leuten, die ſich am Weiteſten vorgewagt hatten, ohne Zweifel von der Stellung der Weißen unterrichtet; denn nach der zum Zwecke der Schreckung ihrer Feinde gemachten De⸗ monſtration ſchien eine augenblickliche Unſchlüſſigkeit unter ihnen zu herſchen. Allein ſie dauerte nicht lange. Nach einer augenblicklichen Stille erſcholl mit einem Male ein hundertſtimmiges Kriegsgeſchrei mit ſeinen furchtbaren Modulationen; es zitterte der Boden unter einer Lawine von Pferden, die ſo ſchnell rennen muß⸗ ten, als ſie nur konnten, und inmitten eines Kugel,⸗ Stein⸗ und Pfeil⸗Hagels fand ſich das Lager durch eine unordentliche Menge von Kriegern mit flatternden Haaren auf drei Seiten umſchloſſen. Indeſſen ließ ſich von dem Hügel herab ein wohlgenährtes Feuer hören, und das Auge, das ſich dorthin richtete, konnte von dort ohne Unterlaß lange Blitze ausgehen ſehen. Unter dieſem mörderiſchen Feuer galoppirten herren⸗ loſe Pferde auf der Ebene umher, während andererſeits Reiter ſich von der Laſt ihrer geſtürzten Pferde frei⸗ machten, und bald fand ein Kampf Mann gegen Mann Statt, während die Mexikaner hinter ihren Wagen auf⸗ geſtellt waren und die Apachen letztere zu erſteigen ſuchten. Oroche, Baraja, und Pedro Diaz ſtanden hart neben einander; bald wichen ſie zurück, um die langen 112 Spieße ihrer Feinde zu vermeiden, bald rückten ſie wie⸗ der vor, um ihrerſeits zuzuſtoßen und zuzuhauen; da⸗ bei munterten ſie einander mit Worten und Geberden auf, und warfen von Zeit zu Zeit einen Blick auf ihren Führer. Wir haben geſagt, daß ſich ein unbeſtimmtes Gerücht verbreitet hatte, wornach der Spanier eiues der reichſten Goldlager im Staate kennen ſollte; die Habſucht wirkte bei Oroche und Baraja ebenſo ſtark, wie bei einem Andern die begeiſtertſte Hingebung. „Caramba!“ rief Baraja,„ein Mann, der ein großes Geheimniß beſitzt, ſollte eigentlich unverwundbar ſein.“ „Unſterblich ſollte er ſein!“ rief Oroche,„oder aber ſollte er nur ſterben, nachdem.„„ Ein Schlag, der mit einer Macana*) gegen den Schädel Oroche's geführt wurde, ließ den Abenteurer nicht weiter reden, und ohne ſeinen ſoliden Hut und ſein üppiges Haupthaar war es um ihn geſchehen. Der Gambufino ſtürzte auf den Boden hin. Während er, noch ganz betäubt, wieder aufzuſtehen ſuchte, ſtützte ſein Gegner, durch die Heftigkeit des Schlages fortgeriſſen, eine Hand auf die die Kämpfen⸗ den trennende Deichſel, um ſich zu halten. Diaz faßte den Indianer beim Arme und zog ihn, ſich auf die Radnabe ſtützend, mit unwiderſtehlicher Gewalt vom Pferde herab; der apachiſche Krieger fiel in das Lager hinein. Er hatte noch nicht den Boden berührt, und ſchon hatte der ſcharfſchneidende Dolch des Mexikaners beinahe den Kopf des Wilden von dem Rumpfe getrennt. Da die auf der Anhöhe poſtirten Schützen nun un⸗ nütz geworden waren, weil ihre Kugeln in dem dichten Gedränge den Ihrigen eben ſo viel Schaden zufügen konnten, wie den Apachen, ſo waren ſie wieder herab⸗ gekommen, um ſich in die Reihe der Kämpfenden zu ſtellen *) Mordkeule, wie im Mittelalter etwa der Morgenſtern. 113 ₰* In der Eile der Verſchanzung, wo Don Eſtevan und Cuchillo ſtanden, hatten dieſe einen nicht minder wüthenden Anfall auszuhalten. Der Erſtere warf, wäh⸗ rend er an ſeine perſönliche Vertheidigung dachte, denn in einem ſolchen Falle, muß ein Anführer ſich wie ein gemeiner Soldat ſchlagen, einen Blick auf die ganze Verſchanzungslinie; allein nur mit vieler Mühe konn⸗ ten inmitten ves Gebrülls, das die Kämpfenden betäubte, die Befehle, die er gab, gehört werden. Mehr denn einmal entfernte eine leichte, engliſche Dopypelflinte, die er ebenſo geſchwind, als geſchickt lud und abſchoß, das drohende Meſſer, die ſchon erhobene Art, oder die ſich in Schwung ſetzende Mordkeule von einem der Seini⸗ gen. Hurrahs, die dem Gebrüll der Apachen entſprachen, begrüßten ſolche Reſultate ſeines ſichern Blickes. Er war mit einem Worte das, als was er ſeit dem Be⸗ ginne dieſes gefährlichen Zuges den Abenteurern er⸗ ſchienen war, das heißt, der Chef, der beim Comman⸗ diren an Alles dachte, und der Soldat den während des Kampfes Nichts ſchreckte. Von ſeinem noch ganz geſattelten, den Bewegungen ſeines Herrn mit dem Verſtande eines Hühnerhundes folgenden Pferde begleitet, ſtand Cuchillo hinter ſeinem Chef, und mit weniger Tapferkeit, als Klugheit, ſo viel wie möglich abſeits. Er ſchien mit ſorgenvollem Auge den Wechſelfällen des Kampfes zu folgen, als er plötz⸗ lich taumelte, wie tödtlich verwundet zurück wich, und in einiger Entfernung von den Wagen auf den Boden hinplumpte. Dieſer Zwiſchenfall wurde während des Kam⸗ pfes faſt kaum bemerkt; es hatte ein Jeder ſo viele Gefahren von ſich ſelbſt abzuwenden, daß er nicht au Andere denken konnte. „Wir haben nun einen Feigling weniger,“ begnügte ſich Arechiza kalt zu ſagen, wobei wir bemerken müſſen, daß er die klugen Kunſtgriffe Cuchillo's beobachtet hatte, während deſſen Pferd eiligſt herankam, und beim An⸗ blicke ſeines Herrn erſchrocken die Nüſtern aufblies, Der Waldläufer, I, 8 114 Einige Augenblicke blieb Cuchillo unbeweglich; dann richtete er nach und nach den Kopf in die Höhe, um einen Blick, deſſen Schärfe ſein bevorſtehender Tod keinen Eintrag gethan hatte, auf ſeine Umgebung zu werfen. Einige Secunden darauf ſtand der Bandit wieder auf den Beinen, wie ein Menſch, dem der Todeskampf eine auf kurze Zeit wiederkehrende Kraft verleiht; dann machte er, dem Anſcheine nach tödtlich verwundet, mit der Hand auf der Bruſt, und ſcheinbar den Verſuch machend, das entſchwinden wollende Leben zurückzuhalten, taumelnd einige Schritte, und ſank allmählig, aber ziemlich weit von dem Orte, wo er das erſte Mal zu Boden gefallen war, auf der dem Angriffe entgegenge⸗ ſetzten Seite zuſammen. Sein Pferd folgte ihm, und beroch ihn von Neuem. Wären nun in dieſem Augenblicke nicht alle Abenteurer von ihren Feinden zu ſehr bedrängt geweſen, ſo hätten ſie ſehen können, wie der Bandit ſich nach einem Punkte der Verſchanzung hinwälzte, den die Indianer frei ließen. Nachdem dieß geſchehen war, wartete er noch einen Augenblick, und ſchlüpfte endlich, unter den Rädern der Wagen weg, aus dem Lager hinaus. Dort richtete er ſich auf, und ſtand wieder ſo feſt auf den Beinen, wie in den Tagen ſeiner Stärke. Ein düſteres Lächeln der Freude flog über ſein Geſicht hin. Die Dunkelheit und der Tumult begünſtigte ſein Unternehmen. Ganz behutſam löste er die eiſernen Ketten zweier Wagen, und öffnete ſo einen Durchgang. Dann pfiff der Bandit, und es ſtand nicht lange an, ſo ſchlüpfte ſein Pferd ſelbſt durch die Oeffnung hin⸗ durch. In einem Nu ſaß er im Sattel, beinahe ohne daß er den Steigbügel berührte. Dann gab er, nach⸗ † dem er ſich einen Augenblick beſonnen, dem Thiere die Sporen, worauf daſſelbe ſich pfeilſchnell entfernte, und † Beide in der Finſterniß verſchwanden. Auf beiden Seiten der Verſchanzung lagen Leich⸗ name umher. Die halb verbrannten Reisbündel warfen ——„ S——— N N 11⁵5 ein röthliches Licht auf die blutigen Scenen dieſes nächtlichen Kampfes; das Brüllen wüthender Feinde, das Sauſen der Pfeile, die Schüſſe folgten ohne Unter⸗ laß auf einander. Die ſcheußlichen Geſichter der india⸗ niſchen Reiter ſahen beim Lichte der Feuer noch ſcheuß⸗ licher aus, und verſchwanden dann wieder in der Finſter⸗ niß, ohne daß es möglich geweſen wäre, ihre Anzahl während der raſchen Licht⸗ und Finſternißwechſel zu ſchätzen. Indeſſen waren an einem Punkte der Verſchanzung die Vertheidiger gewichen, indem ſie wüthenden und ſtets erneuerten Angriffen ausgeſetzt geweſen waren. Sie waren entweder todt, oder verwundet, und mit jedem Augenblicke ſchienen auf dieſem Punkte der Wagenlinie die Feinde zahlreicher und wüthender aus dem Boden herauszuſchlüpfen. Es war ein Augenblick entſetzlicher Verwirrung, ein Durcheinander von Körpern, die ſich umſchlungen hielten,— ein Durcheinander, das die Federbüſche der indianiſchen Krieger beherrſchten, und durch welches die Bruſt ihrer Pferde ſich einen Weg bahnte. Bald bildete ſich, wie das Waſſer, das ſich wie⸗ der vereinigt, nachdem es ſich getrennt, die einen Augen⸗ blick durchbrochene Linie der Abenteurer wieder, und hieb und ſtieß auf eine Gruppe von Apachen ein, die man, gleich wilden Thieren, mitten im Lager ſich herum⸗ tummeln ſah. Oroche, Baraja, und Pedro Diaz kamen von dem Punkte, den ſie noch vertheidigten, herbeigelaufen, und fanden ſich gerade ihren Feinden gegenüber, ohne daß ſie dieſes Mal Etwas von denſelben trennte. Mit Blut und Staub beſudelt, und mitzeriſſenen Kleidern, wollten die drei Abenteurer alle noch übrigen Kräfte aufbieten, um den Feind zurückzuwerfen. In der Gruppe der Indianer, deren Spieße und Mordkeulen auf die Pferde, die erſchrockenen Maulthiere, und die Menſchen ohne Unterſchied, wie es eben kam, ſielen, machte ſich ein Häuptling durch ſeine hohe Statur, ———— ———— —— 116 ſein eigenthümlich bemaltes Geſicht, und die gewaltigen Schläge und Stöße, die er austheilte, bemerklich. Es war zum zweiten Male, daß der apachiſche Häuptling ſeit dem Beginne des Feldzugs ſich den Weißen gegenüber befand. Sein Name war Letzteren bekannt. „Hieher, Diaz!“ ſchrie Baraja, der, nachdem Benito gefallen, denſelben auf dem Kampfplatze hatte liegen laſſen, wo ſeine Dienſte ihm von nun an unnütz waren, um zu Oroche und Pedro Diaz zu ſtoßen.„Drauf, Freunde! wir wollen es mit dem Katzenparder auf⸗ nehmen!“ Als der indianiſche Häuptling den Namen Diaz hörte, den die Fama ſchon früher bis zu ſeinen Ohren getragen hatte, ſuchte er mit dem Auge den Mann, der denſelben führte. Die Augen des wilden Kriegers ſchienen zu flammen, und ſchon fuhr er mit der Lanze zurück, um den auf den Ruf Baraja's herbeigeeilten Diaz zu durch⸗ ſtoßen, als ein Meſſerſchnitt Oroche's dem Pferde des Wilden die Kniekehlen verletzte. Der Indianer ſtürzte mit ſeinem Pferde zu Boden, und ließ den Spieß fallen, den er in der Hand hielt. Diaz bemächtigte ſich deſſelben, und während der Apache ſich auf ein Knie warf, und ein ſcharfes Jagdmeſſer aus der Scheide riß, begrub ſich die Spitze der ſeiner Hand entſunkenen Waffe in feiner nackten Bruſt, und drang ganz blutig zwiſchen den Schultern durch. Tödtlich verwundet ließ der In⸗ dianer keinen Schrei hören; ſeine Augen verloren Nichts von ihrem ſtolz drohenden Ausdrucke; ein einziger Wunſch malte ſich auf ſeinen ſchon ganz verzerrten Zügen. „Der Katzenparder hat ein zähes Leben!“ ſprach er. Und der indianiſche Häuptling faßte mit einer Hand, welcher der nahe Tod noch Nichts von ihrer Kraft ge⸗ nommen hatte, den Schaft der noch immer von Diaz gehaltenen Lanze. Es entſtand ein letzter Kampf. Bei jeder Anſtren⸗ gung, die der Apache machte, um ſeinen Feind an ſich heran zu ziehen, ihn zum letzten Male zu unſchlingen, und ihn zu Tode zu drücken, drang die Lanzenſpitze immer weiter auf ihrem blutigen Wege durch ſeine Ein⸗ geweide vor. Bald aber gingen ihm die Kräfte aus⸗ und heftig aus dem Körper des Wilden herausgeriſſen, „ kam der Spieß ganz roth in die Hände des Diaz zu⸗ rück; der Indianer ſank zuſammen, warf ſeinem Feinde einen herausfordernden Blick zu, und rührte ſich nicht mehr. Nachdem einmal unter der Hand des Pedro Diaz ihr Häuptling gefallen war, traf die übrigen Apachen bald ein gleiches Lvos, während die Genoſſen derſelben 3 vergebens verſuchten, die Linie der mit einander ver⸗ 5 bundenen Wagen ein zweites Mal zu durchbrechen. Ein Opfer ihrer Verwegenheit, waren die indianiſchen Krie⸗ ger, ohne um einen Pardon zu flehen, den ſie nie zu geben wiſſen, ganz wie ihr Häuptling geſtorben,— waren 3 ſie geſtorben, wie ſie ſterben mußten, mit dem Feinde zugekehrtem Geſichte, und umgeben von den Leichnamen Solcher, die ihnen auf der großen Reiſe nach dem Lande —— der Geiſter vorangegangen waren. Von allen Wilden, die in das Lager eingedrungen, war nur noch Einer am Leben geblieben. Eine Minute lang ließ er ſeine feurigen Augen umherſchweifen, wie der von den Jägern umringte Tiger. Weit entfernt, ſeine Anweſenheit zu verheimlichen zu ſuchen, ließ der Indianer von Neuem ſein Kriegsgeſchrei hören; aber dieſes Geſchrei vermiſchte ſich mit dem, das draußen die Echos der Ebene gällen machte. Dann benützte der Apache eine augenblickliche Verwirrung, während wel⸗ cher die draußen angegriffenen Abenteurer die Breſche in der Verſchanzung des Lagers faſt unbeſetzt ließen, ſprengte mit ſeinem Pferde hinüber und befand ſich ſo wieder unter den Seinigen. Pedro Diaz hatte, vielleicht allein im Lager, den Indianer bemerkt, welcher, dem Tode entgangen, glück⸗ lich aus dem Lager weggekommen war. Es war dieß — ———— — 118 eine Beute, deren Verluſt der unverſöhnliche Feind der Indianer nicht verſchmerzen konnte, und er war nicht gewohnt, ſich einem unnützen Bedauern zu überlaſſen. Der Abenteurer hatte ſich auf das Schlachtpferd geſchwungen, das er der Fteigebigkeit Don Aguſtin Pe⸗ na's verdankte. An ſeiner linken Hand hing, durch eine Quaſte feſtgehalten, ein langer und breiter toleder De⸗ gen, worauf die ſtolze ſpaniſche Deviſe zu leſen war: No la saques sin razon, No la empaines sin honor, Zu deutſch: Zieh' ihn nicht ohne Grund, Steck ihn nicht ohne Ehre wieder in ſeine Scheide. — Die Klinge des Degens war von Blut gerothet. Der rechten Hand, die er in der Höhe der Augen aus⸗ gebreitet hielt, bediente er ſich wie eines Schirmes ge⸗ gen das Licht des Feuers; dabei ſuchte er mit ſeinem Blicke die ferne Finſterniß zu durchdringen. Plötzlich be⸗ merkte er am Ende des lichten Gürtels, den die dem Se nahen Feuer noch erzeugten, einen indianiſchen Reiter. Es war der Mann, den Diaz ſuchte. Der Indianer ließ in ſeiner Wuth ſein Pferd tauſend verſchiedene Evo⸗ lutionen ausführen, und ſtieß ein herausforderndes Ge⸗ ſchrei aus. Der Abenteurer erinnerte ſich der Worte, die der Hacendero zu ihm geſprochen hatte, als er ihm das Pferd ſchenkte:„Der Indianer, den Sie mit dieſem Pferde verfolgen werden, muß auf den Flügeln des Windes reiten, wenn Sie ihn nicht einholen, wie groß auch der Vorſprung ſein mag, den er vor Ihnen hat,“ und beſchloß es zu erproben. 2 v * Das edle Thier ſetzte, durch den Sporn angefeuert, über die von den Indianern über den Haufen geworfe⸗ ₰ nen Verſchanzungen, und in einem Nu befanden ſich die 119 beiden Pferde und die beiden Reiter neben einander. Der Indianer ſchwang ſeine Mordkeule, der Weiße zielte mit ſeiner gerötheten Klinge auf ihn. Einige Sekunden lang konnte man einen merkwürdigen Kampf beobachten, bei welchem die beiden Reiter es einander an Kühnheit und Gewandtheit zuvorzuthun ſuchten. Beide behaup⸗ teten den Ruf, der in den Mexikanern und in den In⸗ dianern die erſten Reiter der Welt bezeichnet; die Streit⸗ art des Apachen ſchlug den Degen des Merxikaners in Stücke, ſo daß dieſelben weit weg flogen. Dann um⸗ ſchlangen die beiden Reiter einander, um den Verſuch zu machen, ob ſie einander nicht aus dem Sattel heben könnten; aber beide ſchienen mit dem Pferde, das ſie ritten, verwachſen zu ſein. Endlich gelang es Diaz, ſich von ſeinem Feinde loszumachen. Er ließ ſein Pferd zurückhufen, ohne auf⸗ zuhören, den Indianer ſich gegenüber zu behalten; als er aber einige Schritte von Letzterem entfernt war, gab er ſeinem Pferde ein Paar Mal die Sporen, und zwar ſo wüthend, daß daſſelbe, während es ſich bäumte, einen Augenblick über der Gruppe des Indianers und ſeines Thieres zu ſchweben ſchien. In demſelben Momente hob der Mexikaner, ohne daß ſein Fuß dabei den Steigbügel verließ, das rechte Bein in die Höhe, und zerſchmetterte durch einen Stoß mit dieſem großen, ſchweren, mit Eiſen beſchlagenen, holzernen Steigbügel dem Indianer den Schädel, ſo daß derſelbe von ſeinem Pferde todt, aber immer noch im Sattel ſitzend, davon getragen wurde. Dieſe letzte hervorragende Heldenthat war gleich⸗ ſam das Ende des ſchon ſo lange dauernden Kampfes. Es jlogen einige Pfeile um Diaz her, ohne ihn aber zu treffen, und ſeine Gefährten empfingen ihn mit einem Freudengeſchrei, das in Betreff der wilden Modulationen dem Gebrülle der Apachen Nichts nachgab. Diaz erſetzte ſeinen zerbrochenen Degen durch einen andern, und ſchöpfte wieder Athem. Es folgte nun, wie 120 „ in Folge einer gegenſeitigen Verabredung, ein Augen⸗ blick der Ruhe, der für beide Theile gleich erwünſcht ſein mußte. Man konnte nun Fragen an einander rich⸗ ten und ſich wieder erkennen. „Der arme Benito!“ rief Baraja,„möge Gott ſeine Seele in Gnaden aufnehmen! Er iſt ein Verluſt 2 für uns. Ich glaube, ich vermiſſe ſogar ſeine furcht⸗ baren Geſchichten...„ „Und was noch mehr zu bedauern,“ unterbrach ihn Oroche,„iſt der Tod des erlauchten Cuchillo, des Füh⸗ rers der Expedition.“ „Ihre Gedanken ſind noch ein Bischen verwirrt von dem Schlage, den Sie mit der Mordkeule auf den Schädel bekommen haben,“ ſagte Diaz ſeinerſeits, indem er an ſeinem Steigbügel die Biegſamkeit des neuen De⸗ gens probirte, womit er ſich verſehen hatte. Wäre der erlauchte Cuchillo, wie Sie ihn nennen, nicht geweſen, ſo würden wir heute Abend nicht die tapferen Kamera⸗ den— und es ſind ihrer wenigſtens zwanzig— ver⸗ loren haben, die wir morgen werden einſcharren müſſen. Cuchillo hat unrecht daran gethan, daß er einen Tag zu ſpät geſtorben iſt. Was ihn betrifft, ſo wage ich nicht zu ſagen: möge Gott ſeine Seele in Gnaden auf⸗ nehmen!“ Unterdeſſen rathſchlagten die Indianer unter ſich. Die letzte Heldenthat des Diaz; der Tod, den mehrere von den Ihrigen im Lager der Weißen gefunden; die⸗ jenigen, welche die mexikaniſchen Kugeln kampfunfähig gemacht, hatten ihre Reihen gelichtet. Die Indianer be⸗ harren nie auf der Ausführung von Dingen, die ſie einmal für unmöglich erkannt haben. Ein ſonderbares 3 Gemiſch von Klugheit und Todesverachtung zeichnet dieſe außerordentliche Race aus. Die Klugheit rieth ihnen zum Rückzuge; und ſo führten ſie denn denſelben ebenſo raſch aus, wie zuvor den Angriff. Allein die Abenteurer mußten eine andere Taktik befolgen. Es galt, einen Sieg zu nützen, deſſen Gerücht bis in die Tiefe 12¹ der Wüſte dringen und von nun an ihren Marſch ſichern mußte. Es wurde deßhalb auch der von Don Eſtevan gegebene Befehl zur Verfolgung der Flüchtlinge mit lau⸗ ten Freudenrufen aufgenommen. Etwa zwanzig Reiter ſchwangen ſich auf ihre Pferde. Pedro Diaz war nicht unter den Letzten. Bald verſchwand er, mit dem Degen in einer und dem Lazo ſammt dem Zügel in der andern Hand, und mit ihm entſchwanden ſeine Gefährten den Augen der im Lager gebliebenen Merxikaner. Letztere beſchäftigten ſich, obgleich ſie Alle mehr oder minder ſchwer verwundet waren, ehe ſie ſich zur Ruhe begaben, damit, daß ſie, für den Fall eines neuen Angriffs, ihre Verſchanzungen an den Orten, wo fie durchbrochen worden waren, ſorgfältig wieder ausbeſſer⸗ ten; und dann legte ſich ein Jeder, durch die gemachten Anſtrengungen erſchöpft, von Hunger und Durſt ge⸗ quält, und ohne vorher das Innere des Lagers von den überall herumliegenden Leichnamen zu befreien, auf den von Blut durchfeuchteten Boden hin, um einige Augen⸗ blicke auszuruhen. Bald beleuchtete, inmitten der feier⸗ lichen Stille der Nacht, der Mond, ſo wie das allmäh⸗ lig erſterbende Licht der Holzfeuer diejenigen, die nur einen kurzen Schlaf machten, ſo gut wie die, ſo nicht veht aufwachen ſollten, und um die Erſteren herum⸗ agen. Cinunddreißigſtes Kapitel. Der Fataliſt. Indeſſen ſtand etwa nach einer Stunde inmitten der augenblicklichen Stille, die auf das Getümmel und den Lärm der Schlacht gefolgt war, und während der durſtige Boden all' das Blut trank, das ſeine Ober⸗ fläche näßte, ein einziger Mann langſam auf. Mit einem Feuerbrande in der Hand, befragte er mit Hülfe des ungewiſſen Lichts, das derſelbe verbreitete, alle zu ſeinen Füßen liegenden Leichname. Er ſchien auf dieſen ſchwarzblauen oder blutigen Geſichtern den Namen leſen zu wollen, den ſie zu ihren Lebzeiten geführt hatten. Bald beleuchtete der Feuerbrand die bizarre Malerei eines indianiſchen Leichnams, bald das blaſſe Geſicht eines dicht daneben dem ewigen Schlafe anheimgefallenen Weißen; bisweilen wurde er durch ein dumpfes Geächze oder durch das Geröchel des Todes zu einem verwun⸗ deten Abenteurer hingeführt; allein immer machte der nächtliche Sucher wieder eine Geberde der Unzufriedenheit. Plötzlich zog, inmitten dieſer Todesſtille, welche ſo⸗ wohl die Lebenden, als diejenigen beobachteten, deren Körper nicht länger von einer Seele bewohnt waren, eine ſchwache Stimme die Aufmerkſamkeit des nächtlichen Suchers auf ſich. In dem Halbdunkel, das ihn umgab⸗ ſuchte er ausfindig zu machen, von welchem Punkte die Stimme ausging, die ihn herbeirief. Endlich machte eine ſchwache Handbewegung⸗ die er unter den vor ihm liegenden Cadavern bemerkte, ſeiner Ungewißheit ein Ende. Er näherte ſich dem Sterbenden, und mit Hilfe des ſpärlichen Lichtes, das der Feuerbrand, womit er über das Geſicht des vor ihm auf dem Boden Liegenden hinfuhr, verbreitete, erkannte er ſeinen Mann. . 123 „Ah! Sie ſind es⸗ armer Benito,“ ſprach der Mann, während ſein Geſicht ein Gefühl tiefen Mitleidens aus⸗ drückte. „Ja,“ ſprach der alte Hirte, es iſt der alte Benito, der in der Wüſte ſtirbt und darin faſt immer gelebt hat Waos mich betrifft, ſo weiß ich nicht, wer Sie ſind, meine Augen ſind verdunkelt: iſt Baraja immer noch unter den Lebenden?“ „Ich glaube ſo,“ antwortete der Mann,„er ſetzt jetzt den Indianern nach, und wird hoffentlich bald ge⸗ nug wieder hier ſein, um Ihnen ein letztes Lebewohl zu ſagen⸗“ „Ich möchte es bezweifeln,“ antwortete Benito. „Ich hatte ihn ein letztes Verschen aus dem Gebete für Sterbende lehren wollen...„jetzt kann ich mich deſſelben ſelbſt nicht mehr erinnern; wiſſen Sie keines?“ „Auch nicht ein Wörtchen eines ſolchen,— muß es zu meiner Schande ſagen antwortete der Mann dem Sterbenden. „Dann werde ich es zu entrathen wiſſen,“ verſetzte Benito, den auch in dem letzten Augenblicke ſeines Le⸗ bens ſein philoſophiſcher Stoizismus nicht verließ. Dann fuhr er mit noch ſchwächerer Stimme alſo „Ich habe Baraja einen alten Gefährten, einen alten Freund vermacht; wer Sie immer ſein mögen, legen Sie ihm meinen letzten Wunſch an's Herz: er ſoll ihn lieben wie mich. 10 „Einen Bruder ohne Zweifel?“ „Noch mehr als das:— mein Pferd.“ „Ich werde ihm Ihre letzten Herzenswünſche mit⸗ theilen: zweifeln Sie nicht daran!“ „Ich danke Ihnen!“ erwiederte der Greis;„was mich betrifft, ſo haben meine Züge nun ein Ende. Die ndianer haben mich in meiner Jugend nicht um's Le⸗ ebracht, als ich ihr Gefangener war; ſie haben .— — W 124 mich in meinen alten Tagen getödtet, ohne mich zu fangen, das... 6 Hier hielt er inne. Es war das letzte Mal, daß der Greis Etwas verſchwieg. „Das compenſirt ſich,“ ſetzte der alte Hirte mit ſo ſchwacher Stimme hinzu, daß der Ton kaum bis zu dem Ohre des Mannes, der ihn anhörte, drang. Es war dieß auch das letzte Wort, das von den Lippen Benito's kam. Er war in dem optimiſtiſchen Fa⸗ talismus eingeſchlafen, der einen Grundzug ſeines Cha⸗ rakters bildete. „Er war ein wackerer, treuer Diener,“ ſprach der nächtliche Sucher bei ſich.„Friede ſei mit ihm!“ Indeſſen fuhr er fort, dieſe blutigen, auf dem Sande herumliegenden Leichname zu befragen. Dann kam er, mit ſorgenbeladener Stirne und ermüdet von einer fruchtloſen Unterſuchung, nachdenklich an den Ort zu⸗ rück, den er eingenommen hatte. Und nun ſchien die kalte und gleichförmige Unbeweglichkeit des Todes ſich abermals über das ganze Lager verbreitet zu haben, gleich als ob der letzte lebende Menſch ſich wieder hin⸗ gelegt hätte, um ebenfalls zu ſterben. Die Feuer verbreiteten kaum noch einen ſchwachen Schein, als ein Geräuſch von Pferden und Stimmen die Rückkehr der Abenteurer anzeigte, die den Apachen nachgeſetzt hatten. Der nämliche Mann, der ſchon ein⸗ mal aufgeſtanden war, ging ihnen entgegen und fragte ſie Verſchiedenes. Während mehrere Reiter abſtiegen, um ſich durch die Barrikaden hindurch einen Weg zu bahnen, ging Pedro Diaz auf ihn zu. Ein blutiger Schweiß troff von ſeiner Stirne herab. „Senor Eſtevan,“ ſagte er zu ihm, wir ſind in unſerer Verfolgung nicht glücklich geweſen. Kaum haben wir ein Paar Flüchtlinge mit unſern Lanzen durchbohren können; und dabei haben wir noch einen unſerer Leute verloren. Indeſſen bringe ich einen Gefangenen: wollen wir ihn in's Verhör nehmen?“ — — 6 — Mit dieſen Worten machte Diaz ſeinen Lazo von ſeinem Sattelbogen los, und deutete auf eine ungeſtalte Maſſe hin, die durch einen Schleifknoten zuſammenge⸗ ſchnürt war. Es war ein Indianer, welcher durch die Steine und die Brombeerſtauden der Ebene unbarmher⸗ zig hingeſchleppt worden war, und bei jedem Schritte einen Fetzen Fleiſch gelaſſen hatte, ſo daß er, ſo zu ſagen, keine Spur von menſchlicher Geſtalt mehr an ſich hatte. „Er war gleichwohl noch vollkommen am Leben, als ich ihn gefangen habe,“ rief der Abenteurer;„aber dieſe Hunde von Indianern ſind einmal ſo, daß dieſer da wahrſcheinlich lieber darauf gegangen iſt, nur um nicht ſprechen zu müſſen.“ Ohne dieſen grauſamen Scherz eines Lächelns zu würdigen, gab Don Eſtevan dem Pedro Diaz ein Zeichen, daß er ihn an einen Punkt des Lagers begleiten möchte, wo ſie, ohne gehört zu werden, ſich berathen könnten. Als die zuletzt Zurückgekommenen ſich gleichfalls auf den Boden gelegt hatten und es abermals ſtill war, ſprach Arechiza: „Diaz, wir ſtehen nunmehr nahe am Ziele der Er⸗ pedition; wir werden morgen, wie geſagt, am Fuße je⸗ ner Berge unſer Lager aufſchlagen; aber damit der Er⸗ folg unſere Bemühungen kröne, muß es dem Verrathe unmöglich gemacht werden, dieß zu verhindern. Deß⸗ halb will ich Sie heute Abend noch zu Rathe ziehen, und will ich Ihnen meine Gedanken ruckhaltslos offen⸗ baren. Sie kennen Cuchillo ſchon ſeit langer Zeit,“ fuhr Don Eſtevan fort,„aber noch nicht ſo lange, und gewiß nicht ſo gut, wie ich. Schon als ein blutjunger Menſch hat er ein Gewerbe daraus gemacht, diejenigen zu ver⸗ rathen, denen er am Meiſten ergeben zu ſein ſchien. Ich weiß nicht, welches Laſter,— und er hat deren eine Menge— bei ihm prädominirt; mit einem Worte, ſein Geſicht verräth zwar nicht viel Gutes, iſt doch aber im⸗ mer nur ein ſchwacher Refler der Schwärze ſeiner Seele. Was das reiche und myſteriöſe Placer betrifft, wohin 126 ich Euch führe, und deſſen Gold die glorioſe Wiederge⸗ burt der Sonora bewirken ſoll, ſo hat er, wie ich Ihnen bereits geſagt, dieſes wichtige Geheimniß an mich ver⸗ kauft; ich habe in Erfahrung gebracht, wie er ſich in den alleinigen Beſitz deſſelben zu ſetzen gewußt hat: es iſt ihm dadurch gelungen, daß er den Freund ermordete, der es ihm umſonſt mitgetheilt hatte, während dieſer Un⸗ glückliche in ihm einen treuen Gefährten in Noth und Gefahr zu finden glaubte. „Ich habe daher Cuchillo immer überwacht; heute Abend hatte mich ſein Verſchwinden beunruhigt, allein es konnte daſſelbe das Reſultat eines in dieſen Wüſten ſich häufig erneuernden Zufalls ſein; der Angriff, der uns beinahe Allen das Leben gekoſtet hätte, hat meinen, Argwohn beſtätigt. Er war unter unſerem Schutze abermals bis an den Ort vorgedrungen, wo er die Hand nach einem Theile dieſer unermeßlichen Schätze ausſtrecken konnte. Es waren ihm Hülfsgenoſſen nöthig, um ſechzig entſchloſſene Männer zu ermorden; die Apa⸗ chen ſind heute bloß ſeine Werkzeuge und Mitſchuldigen geweſen.“ „Auch mir,“ antwortete Diaz,„kam das unſchlüſ⸗ ſige Weſen, das er, während er ſeinen Bericht erſtat⸗ tete, einige Male an den Tag legte, verdächtig vor; allein es gibt hier ein ganz einfaches Mittel: man kann einen Kriegsrath verſammeln, Cuchillo ausfragen, ihn des Verraths überführen, und angenblicklich er⸗ ſchießen.“ „Schon zu Anfang des Kampfes hatte ich ihm einen Poſten in meiner Nähe angewieſen, um ihn um ſo leichter überwachen zu können; er wußte nicht, was er thun ſollte, bis ich ihn, dem Anſcheine nach tödtlich verwundet, zu Boden fallen ſah; ich habe mir zu dem Zufalle, der mich von einem Verräther und einem Feiglinge befreite, Glück gewünſcht; allein ſo eben habe ich die Todten gezählt und wieder gezählt, ohne von Cuchillo auch nur eine Spur finden zu können⸗ ——— 6 ———— — 5———- * Es iſt daher abſolut nothwendig, daß wir ihm unver⸗ weilt nachſetzen; er kann noch nicht weit von hier ſein. Sie ſind an dergleichen Expeditionen gewöhnt; wir müſſen, ohne einen Augenblick zu verlieren, dem Schur⸗ fen nach, und ihn für ſeinen Verrath raſch und ſtreng ſtrafen. Er ſoll denſelben mit ſeinem Leben büßen.“ Diaz ſchien einige Augenblicke nachzudenken; plötz⸗ lich aber kam er zu einem Entſchluſſe, und ſprach: „Es wird nicht ſchwer halten, ſeine Spur zu fin⸗ den; wir werden nicht lange zu ſuchen haben. Cuchillo kann nirgend anders ſein, als auf dem Wege nach dem Goldthale; in dieſer Richtung müſſen wir ihn ſuchen.“ „Ruhen Sie eine Stunde aus,“ verſetzte der Chef, „denn Sie müſſen von ihrer Blutarbeit müde ſein. Ah, Diaz, wären alle dieſe Leute, wie Sie, wie leicht würden wir uns mit dem Gold in der einen, und dem Schwert in der andern Hand einen Weg öffnen!“ „Ich habe mein Möglichſtes gethan,“ antwortete der Abenteurer ganz einfach. „Sagen Sie unſern Leuten, es ſei durchaus noth⸗ wendig, daß wir eine kleine Recognoscirung in der Nähe des Lagers vornehmen. Sie werden unſeren Soldaten anempfehlen, auf ihrer Hut zu ſein, und un⸗ ſere Rückkehr abzuwarten; und dann nehmen Sie Ba⸗ raja und Oroche mit, damit wir vier zuſammen in der Richtung des Goldthales abgehen.“ „Gewiß iſt Cuchillo da,“ antwortete Diaz, und ungeachtet des Vorſprungs, den er vor uns voraus hat, werden wir ihn auf dem Heimwege oder dem Rückwege wieder finden.“ „Wir werden ihn im Goldthale wieder finden,“ ſagte Don Eſtevan;„wenn Sie daſſelbe geſehen ha⸗ ben, werden Sie mir ſagen, ob es ein Ort iſt, den ein Menſch, wie Cuchillo, leicht wieder verlaſſen kann, wenn er einmal dort iſt.“ Diaz entfernte ſich, u m die Befehle ſeines Chefs 128 auszuführen. Dieſer ließ ſein Zelt wieder aufrichten, domit ſelbſt in ſeiner Abweſenheit ſein Sternenbanner, als ein Zeichen ſchützender Autorität, über dem Lager wehete; dann warf er ſich auf ſein Bett, und ſchlief, wie ein Soldat, der, nach einem an Strapatzen reichen Tage, das Schlachtfeld ſich zu ſeinem Bette auserſieht. Eine Stunde darauf ſtand Diaz vor ihm. „Senor Eſtevan,“ ſprach er,„Alles iſt marſchfer⸗ ig.“ Der Herzog von Armada ſtand auf, denn er hatte ſich in ſeinen Kleidern auf's Bett gelegt. Sein geſat⸗ teltes Pferd harrte ſeiner. Oroche und Baraja ſaßen ebenfalls ſchon zu Pferde. „Diaz,“ ſagte Don Eſtevan halblaut, ehe er ſich auf den Weg machte,„fragen Sie doch die Schildwa⸗ chen, ob Gayferos zurückgekommen iſt.“ Diaz wiederholte die Frage des Chefs bei einer der Schildwachen, die, mit dem Carabiner im Arme, hinter den Wagen auf- und abgingen. „Herr Hauptmann,“ antwortete der Soldat, an den die Frage geſtellt worden war,„der arme Junge fehrt wohl nie wieder. Die Indianer haben ihn wahr⸗ ſcheinlich überfallen, und erſchoſſen, ehe fie uns ange⸗ griffen haben. Dieß war wohl, wie der alte Benito ſagte, die Urſache der Schüſſe, die wir den ganzen Nachmittag gehört haben.“ „Es iſt nur zu gewiß, daß Gayferos ermordet worden,“ erwiederte Pedro Diaz;„was aber die Flin⸗ tenſchüſſe betrifft, die das Echo bis zu unſern Ohren getragen, ſo haben ſie höchſt wahrſcheinlich einen andern Urſprung.“ Während Diaz die letzten Worte ſagte, war Don Eſtevan gleichfalls zu Pferde geſtiegen, und es gingen nun, während im Lager die Schildwachen allein auf den Beinen waren, alle vier im ſcharfen Trabe in der Richtung der Nebelberge ab. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Scenen aus der Wüſte. In derſelben Tagesſtunde, in welcher die Indianer ſich um das Feuer ihres Rathes verſammelt hatten, und ſich über die Mittel beriethen, das Lager der Gold⸗ ſucher anzugreifen, müſſen wir uns wieder drei Män⸗ ner aufſuchen, die wir, wie man uns vorwirft, ſchon allzu lange vergeſſen haben. Es iſt etwa vier Uhr Nachmittags. In der Wüſte iſt noch Alles ſtill; der Nebel fängt an, langſam vom Fluſſe emporzuſteigen, in deſſen Mitte ſich das Inſelchen befindet, das dem Jäger⸗Trio Roſenholz, Fabian und Pepe als Zufluchtsſtätte dient. Es ſianden große Weidenbäume und Zittereſpen an den Ufern des Rio Gila, einen Flintenſchuß von der fraglichen Inſel. Die Bäume ſtanden ſo nahe am Waſſer, daß ihre Wurzeln durch den Boden am Ufer hindurchdrangen, und ſich im Fluſſe tränkten. Auch war der freie Raum zwiſchen den Bäumen durch kräftig treibende Bandweiden oder andere in einander ver⸗ ſchlungene Pflanzen ausgefüllt. Faſt dem Inſelchen gegenuber aber befand ſich ein ziemlich großer, von Vegetation ganz entblößter Raum. Dieſer Weg war von den Haufen wilder Pferde oder von den Büffelheerden gebahnt worden, die am Fluſſe ſaufen wollten. Man konnte daher von dem Inſelchen aus über dieſen freien Raum weg einen Blick auf die Ebene werfen. Das Inſelchen, auf dem ſich die drei Jäger be⸗ fanden, war urſprünglich durch Baumſtämme gebilde Der Waldläufer. U. 9 S 3———— 130 worden, die ſich mit ihren Wurzeln im Bette des Fluſ⸗ ſes feſtgeſetzt hatten. Andere Bäume waren an dieſes Hinderniß hingetrieben, und von demſelben aufgehalten worden; die einen hatten noch ihre Aeſte und ihr Laub, die andern waren ſchon ſeit langer Zeit verdorrt; und da ihre Wurzeln ſich mit einander verſchlungen hatten, ſo hatte ſich gleichſam eine Art rohen Floßes gebildet. 3 Seit dieſer Bildung waren wohl viele Winter und viele Sommer verſtrichen; denn trockenes Gras, das durch das angeſchwollene Waſſer von den Ufern losge⸗ riſſen und zwiſchen die Aeſte geſpült worden war, hatte die leeren Räume auf dieſem Floße nach und nach ausgefüllt. Und ferner hatte der Staub, den der Wind vor ſich hertreibt, und in ferne Gegenden führt, dieſes Gras mit einer Erdkruſte bedeckt, und bildete ſo auf dieſer ſchwimmenden Inſel eine Art feſten Bodens. An den Ufern des Inſelchens waren Waſſerpflan⸗ zen aufgeſchoſſen. Ueber dem kräftig treibenden jungen Holze, das, neben dem Schilfrohre und dem Pfeilkraute, dieſes Inſelchen mit einem grünen Saume umgab, wel⸗ cher mit den Baumſkeletten oder den großen, von ihrer Rinde entblößten Aeſten in bizarrer Weiſe verbunden war, hatten ſich Weidenſtämme erhoben. Dieſe Art Flöße konnte fünf bis ſechs Fuß im Durchmeſſer haben, und ein liegender, oder auch nur kniender Menſch verſchwand, wie groß er ſonſt ſein nochte, gänzlich hinter dem durch das junge Holz und die Weidenäſte gebildeten Vorhang. Die Sonne neigte ſich dem Horizonte zu, und ſchon verlängerte ſich der von dem Blätter⸗ und Kräuter⸗ Saume geworfene Schatten ein wenig auf dem Boden des Inſelchens. Die angenehme Kühle, die dieſer ent⸗ ſtehende Schatten, ſo wie die Ausdünſtungen des Fluſ⸗ ſes verbreiteten, hatte Fabian veranlaßt, ſich hinzulegen und zu ſchlafen. Roſenholz ſchien dieſen kurzen Schlaf, den ſich der Jüngling, nach den Mühen eines langen Marſches und inmitten unaufhörlicher Gefahren, gönnte, — 131 zu überwachen. Pepe ſuchte ſich abzukühlen, indem er die Beine in das Waſſer tauchte. Wir wollen den augenblicklichen Schlaf Fabian's benützen, um den Schleier zu lüften, womit der junge Graf ſeine geheimſten und ſüßeſten Gedanken vor den Augen ſeiner beiden Freunde verbarg. Im Augenblicke, in welchem Fabian in den Wald⸗ ſtrom ſtürzte, hatte Pepe vergeſſen, daß der Feind, dem er Rache geſchworen hatte, ſeinem Haſſe entging. Er war mit dem Canadier nur darauf bedacht, Fabian ſchnelle Hülfe zu leiſten. Als Fabian, dem das Herz noch ob dem Berichte des Ermiquelete blutete, wieder zu ſich kam, war ſeine erſte Bewegung die geweſen, eine unterbrochene Ver⸗ folgung fortzuſetzen. Die Eroberung des Goldthals und die ſtets gegenwärtige Erinnerung an Dona Ro⸗ ſario waren einen Augenblick vor dem gebieteriſchen Bedürfniſſe, ſeine Mutter zu rächen, zurückgetreten. Pepe ſeinerſeits war nicht der Mann, der ſeinem Schwure untreu wurde. Was Roſenholz betrifft, ſo concentrirte ſich ſeine ganze Liebe auf ſeine beiden Begleiter, und er wäre ihnen bis ans Ende der Welt gefolgt. Dieſer Unfall hatte, weit entfernt, ſie zu entmu⸗ thigen, ihren Eifer nur noch angefacht. In der Liebe, ſowie im Haſſe, ſind die Hinderniſſe für die energiſchen Gemüther nur ein mächtiges Reizmittel. Allmählig hatte dieſe Verfolgung Fabian ein zweifaches Ziel vor Augen geführt. Sie brachte ihn jenem Goldthale näher, welches in den Wüſten lag, in die Antonio vor⸗ dringen wollte, und er nährte eine unbeſtimmte Hoff⸗ nung: vielleicht war das Placer, welches man ihm enthüllt hatte, nicht das, deſſen Eroberung die von dem Herzoge von Armada geleitete Erpedition ſich vorſetzte. Zu vernünftigeren Gedanken zurückgekommen, ſagte ſich Fabian, daß die Tochter Don Aguflin's ohne Zweifel nur den ehrgeizigen Abſichten ihres Vaters 132 ſich füge, und daß es ihm, wenn er reich und von Adel wäre, ein Leichtes ſein würde, über einen Ne⸗ benbuhler, wie der Senator Tragaduros, zu trium⸗ phiren. Aber nach und nach war Fabian wieder in Muth⸗ loſigkeit verſunken. Er liebte die Tochter des Hacen⸗ dero von ganzer Seele. Es wäre ihm unendlich lieber geweſen, das Herz Roſarita's allein zu beſitzen, als ihre Perſon ohne ihre Liebe zu erkaufen, und der Ge⸗ danke, daß er dieſe Liebe nur den Schätzen verdanken würde, denen er nachjagte, hatte die Entmuthigung zur Folge gehabt, deren Opfer er war. Ebenſo hatte Fabian gar bald eingeſehen, daß die leidenſchaftliche und eiferſüchtige Liebe des Canadiers aus ihm ihren alleinigen Lebenszweck gemacht; daß, ähnlich dem Adler, der ſein Junges der Hand des Men⸗ ſchen entreißt, um es in ſeinen nur ihm zugänglichen Horſt zu tragen, Roſenholz, der dem civilifirten Leben, gleich andern Waldläufern, ſeinen Genoſſen, für immer Lebewohl geſagt, aus ihm einen unzertrennlichen Ge⸗ fährten in den Wüſten machen wollte, und daß er, wenn er dieſer Hoffnung nicht entſpräche, auf die Zukunft des Greiſes einen Trauerſchleier werfen würde. In⸗ deſſen hatte zwiſchen Fabian und Roſenholz noch keine vertrauliche Mittheilung in Betreff ihrer weiteren Pläne Statt gefunden. Allein Angeſichts ſeiner Liebe, die er für hoffnungslos hielt, Angeſichts der feurigen, obwohl geheimen Wünſche des Mannes, der zwei Jahre lang Vaterſtelle bei ihm vertreten hatte, und deſſen Herz durch eine Trennung gebrochen werden mußte, hatte Fabian ſeine Neigungen und Hoffnungen, die ſchlechter⸗ dings nicht ſterben wollteh, edelmüthig und ſchweigend geopfert. Wir könnten, mit einem Worte, die Lage Fabian's, der, ſo zu ſagen, nach Gütern, nach welchen Jeder⸗ mann trachtgt, das heißt, nach Reichthümern, Titel und Ehren nür die Hand anszuſtrecken brauchte, mit 133 Nichts beſſer vergleichen, als mit der eines Menſchen, deſſen Leben durch eine unglückliche Liebe ſeines ganzen Zaubers entkleidet worden iſt, und der nun, die Zu⸗ kunft verſchmähend, in einem Kloſter die Vergangenheit zu vergeſſen ſucht. Für Fabian de Mediana war die Wüſte das Kloſter; und ſobald ſeine Mutter gerächt war, blieb ihm Nichts mehr übrig, als ſich auf immer darin zu begraben. Es war ein trauriges und un⸗ wirkſames Heilmittel um die Wüſte mit ihren myſteris⸗ ſen Stimmen, mit den glühenden Betrachtungen, die ſie hervorruft, und mit den endloſen Extaſen, die ſie weckt, wenn man bedachte, daß es galt, eine Leiden⸗ ſchaft zu heilen, welche die Einſamkeit ſelbſt in dem jungen Herzen Fabian's ſo mächtig entwickelt hatte. Eine einzige Hoffnung blieb ihm noch: es war die, daß, inmitten der ſich ſtets erneuernden Gefahren eines abenteuerlichen Lebens, der Tag vielleicht nicht ferne wäre, wo ſich ſein Leben in einem Kampfe mit den Indianern, oder aber bei einem der verzweifelten Verſuche, die er gegen den Mörder ſeiner Mutter ma⸗ chen wollte, endigen würde. Er hatte dem Canadier die Liebe, die ſein inner⸗ ſtes Herz erfüllte, ſorgfältig verborgen, und nur in der Stille der Nächte, wo er wachte, wagte Fabian, flüch⸗ tige Blicke in die geheimen Falten ſeiner Seele zu werfen. Da zeigte ſich, gleich dem lichten Reflexe, der, bei der Dunkelheit des Himmels, am Horizonte ſich über den großen Städten bildet, von denen ſich der Verbannte entfernt, den Augen Fabians ein ſ Schein in der endlos ſich ausdehnenden Wüſte; da ſah er ein ſtets ſtrahlendes Bild auf jener Lücke der Hacienda⸗ Mauer, an die ſich ſeine letzten Erinnerungen hefteten. Oder aber murmelte, gleich einem lebendig Begrabenen, deſſen dumpfe Stimme durch das Geränſch des Tages erſtickt wird, eine vergebens bekämpfte Liebe, während dieſer langen und trautigen Klagen gewgihten Nächte, Fabian in's Ohr. 134 Allein den Tag über ſuchte der heroiſche Jüngling unter einer anſcheinenden Ruhe die Melancholie zu ver⸗ bergen, die ihn verzehrte. Er begnügte ſich, mit einer traurigen Reſignation über die die Zukunft betreffenden Pläne zu lächeln, die der Canadier bisweilen vor ihm entrollte, glücklich, den wieder gefunden zu haben, und immer noch fürchtend, den wieder zu verlieren, deſſen Hand ihm einſt die Augen zudrücken ſollte, wenn er für immer in den Wüſten einſchliefe, in denen er ein⸗ mal zu leben und zu ſterben beſtimmt war. Die blinde Liebe unſeres Freundes Roſenholz dachte nicht an den Abgrund unter der ruhigen Oberfläche des Sees. Pepe allein ſchien ſchärfer zu ſehen. Dieſe Gedanken beſchäftigten die drei Freunde auf der Infel des Gilafluſſes im Augenblicke, wo wir ſie wieder finden. „Gewiß,“ ſagte der ſpaniſche Jäger,„würden die Einwohner von Madrid Viel darum geben, wenn ihr Manzanares ſolches Waſſer hätte; allein es bleibt nichts deſto weniger wahr, daß wir einen ganzen Tag verloren haben, den wir vielleicht nützlicher hätten dazu verwenden können, daß wir uns dem Goldthale mehr genähert hätten, wovon wir jetzt nicht mehr weit ent⸗ fernt ſein können.“ „Ich gebe es zu,“ erwiederte Roſenholz;„aber das Kind,“— und mit dieſem Worte bezeichnete er den kräftigen Jüngling, der vor ſeinen Augen ſchlief, —„kann keine ſo langen Fußreiſen machen, wie wir, und obgleich ſechzig Wegſtunden in zwölf Tagen für uns keine Heldenthat ſind, ſo muß doch er, der nur zu Pferde größere Reiſen auszuführen gewohnt iſt, etwas müde ſein. Er braucht 1 nur ein Jahr lang bei uns zu bleiben, ſo wird er im Stande ſein, eben ſo lange zu Fuße zu gehen, wie wir.“ Pepe konnte ſich nicht enthalten, über dieſe Au⸗ wort des Canadiers zu lächeln; allein dieſer bemerkté S. es S es. der Exmiquelete ſort⸗„i 3 3 im friſchen Waſſer des Fluſſes eifrig hin und her zu bewegen. „Sieh doch,“ ſetzte der Spanier hinzu, indem er auf den ſchlafenden Fabian deutete,„wie der arme Burſche in einigen Tagen ſich verändert hat. Auch be⸗ greife ich es gar leicht; in ſeinem Alter hätte ich das hübſche Geſichtchen einer Manola, ſowie die Puerta del Sol zu Madrid allen Herrlichkeiten der Wüſte vorge⸗ zogen. Die Müdigkeit allein hat bei ihm dieſe Ver⸗ änderung nicht hervorgebracht. Es iſt hier ein Geheim⸗ niß mit im Spiele, das uns der junge Menſch nicht an⸗ vertrauen mag; allein ich werde doch noch dahinter kommen,“ ſetzte Pepe in Gedanken hinzu. Bei dieſen Worten wandte ſich der Kopf des Ca⸗ nadiers raſch nach dem vielgeliebten Kinde hin, und ein Lächeln der Freude verjagte die plötzliche Wolke, die ſich auf ſeine Stirne gelagert hatte. Auch Fabian lächelte: er träumte, er höre, vor Roſarita auf den Knien liegend, die holde Stimme des jungen Mädchens, die ihm ihre Angſt während ſeiner lan⸗ gen Abweſenheit erzählte, und Roſenholz ſtehe, auf ſeinen Carabiner geſtützt, hinter ihm, und betrachte ſie Beide ſegnend. Aber es war nur ein Traum. Die beiden Jäger betrachteten einen Augenblick ſtillſchweigend den ſchlummernden Fabian. „Das iſt alſo der letzte Sproſſe der Mediana,“ ſagte der Spanier ſeufzend. „Was haben die Mediana und ihr mächtiges Ge⸗ ſchlecht hier zu ſchaffen?“ unterbrach ihn der Canadier. „Ich kenne hier nur Fabian ſchlechtweg. Als ich ihn gerettet, als ich ihm meine Liebe zugewandt, wie wenn er mein eigenes Kind geweſen wäre, habe ich mich da um ſeine Ahnen bekümmert?“ „Du weckſt ihn auf, wenn Du ſo laut ſprichſt; Deine Stimme gleicht dem Brauſen eines Waſſerfalls,“ ſprach Pepe. —— —— . „Du haſt Recht.“ Und der Rieſe fuhr mit leiſerer Stimme alſo fort: „Aber Du erinnerſt mich immer an Dinge, die ich nicht wiſſen, oder die ich wenigſtens vergeſſen möchte. Ich weiß wohl, daß ein Aufenthalt von einigen Jahren in der Wüſte ihn gewöhnen wird.... „Du machſt Dir in der That ſeltſame Illuſionen, Noſenholz,“ unterbrach ihn ſeinerſeits der Spanier; „Du irrſt Dich, wenn Du glaubſt, bei den glänzen den Ausſichten, die Don Fabian in Spanien hat, und bei den Rechten, die er dort wieder für ſich in Anſpruch nehmen kann, werde ſich dieſer junge Menſch entſchließen, bis an ſein Lebensende in der Wüſte zu bleiben. Das iſt ſchon recht für uns, die wir weder Dach, noch Fach haben, aber er!“ „Was für einfältiges Zeug ſchwatzeſt Du da! Iſt die Wüſte nicht den Städten vorzuziehen?“ antwortete lebhaft der alte Matroſe, der, ſo ſehr er es auch ver⸗ hehlen wollte, ſich doch ſagen mußte, daß der Spanier Recht habe.„Ich werde es bei ihm ſchon noch dahin bringen, daß er ein unſtätes Leben einer ſitzenden Le⸗ bensart vorzieht: ich nehme die Sache auf mich. Iſt der Menſch nicht dazu geboren, daß er ſich bewege, daß er ſein Leben lang kämpfe, daß er die gewaltigen Ge⸗ müthsbewegungen erfahre, die mit dem Aufenthalte in der Wüſte verbunden ſind?“ „Gewiß,“ ſprach Pepe ernſt;„deßhalb ſind auch die Städte ſo menſchenleer, und die Wüſten ſo bevölkert.“ „Scherze nicht, ich ſpreche von ernſten Dingen,“ antwortete der Canadier.„Fabian mag ganz ſeinen Neigungen folgen; nichts deſto weniger wird es mir gelingen, ihm dieſes durch ſeine Mühen und Gefahren ſo bezaubernde Leben theuer zu machen. Sieh doch einmal: iſt dieſer kurze Schlaf, den wir in der Wüſte, von Gefahren umringt, uns haben ſo herrlich ſchmecken laſſen, nicht demjenigen vorzuziehen, den man in einer 137 Stadt nach einem in träger Ruhe verlebten Tage ge⸗ nießt? Würdeſt Du ſelbſt, Pepe, jetzt in Deine Hei⸗ math zurückkehren wollen, nachdem Du den Zauber eines nomaviſchen Lebens kennen gelernt?“ „Es iſt zwiſchen dem Erben der Mediana,— und ich übernehme es, ihn mit Eſtevan zum Erben ſeines Onkels zu machen,— und dem ehemaligen Miquelete ein merklicher Unterſchied. Er wird ſchöne Ländereien, einen großen Namen, ein ſchönes gothiſches Schloß mit Thürmchen, ſo prächtig verziert, wie die Kathedrale von Burgos, wieder erhalten, während man mich eiligſt wie⸗ der nach Ceuta ſchicken würde, um dort Thunfiſche zu fangen, was gewiß das abſcheulichſte Leben iſt, das ich kenne, und dem ich nur dadurch entgehen könnte, daß ich eines ſchönen Morgens zu Tunis, oder zu Tetuan als Sklave unſerer Nachbarn, der Mauren, wieder auf⸗ wachte. Ich habe hier zwar alltäglich Ausſicht, von den Indianern ſkalpirt, oder lebendig geſchunden zu wer⸗ den, was mich vielleicht noch veranlaſſen könnte, zu ſa⸗ gen, daß die Städte für mich ebenſo gefährlich ſeien, wie die Wüſten; was aber Don Fabian betrifft....“ „Fabian hat ſtets in der Einſamkeit gelebt,“ fiel ihm der Canadier in's Wort,„und ich hoffe, er wird noch die Stille der Wüſte dem Geräuſche der Städte vorziehen. Wie ſtill und feierlich doch Alles um uns her iſt! Sieh doch(und bei dieſen Worten deutete er auf den ſchlafenden Jüngling hin) das Kind hier an, wie es ſo ſanft ſchläft, gewiegt von dem Murmeln der dieſes Inſelchen beſpülenden Fluthen, oder von dem in den Weidenbäumen ſäuſelnden Winde. Sieh doch(und er deutete auf den Horizont hin) den Nebel dort unten an, den die Sonne zu färben anfängt; und ſieh doch dieſen endlos ſich ausdehnenden Raum, wo der Menſch in ſei⸗ ner urſprünglichen Freiheit umherſchweift, gleich dem in den Luftregionen ſchwebenden Vogel!“ Der Spanier ſchüttelte den Kopf mit einer Miene, in der ſeine Zweifel deutlich genug ausgedrückt waren, 138 obgleich er die Ideen des Canadiers ziemlich gerne theilte, und die Gewohnheit das umherirrende Leben auch für ihn mit unendlich vielen geheimen Reizen ausgeſtattet hatte. „Sieh einmal,“ fuhr der alte Jäger fort,„die Staubwolke, die dort an den Ufern des Fluſſes aufſteigt; es iſt ein Haufen wilder Pferde, die ſaufen wollen, ehe ſie ihre fernen Weiden wieder aufſuchen, um dort die Nacht zuzubringen. Dort kommen ſie in all' der ſtol⸗ zen Schönheit, die Gott den freien Thieren gibt: ihr Auge flammt, ihre Nüſtern ſind roth und geöffnet, ihre Mähne flattert im Winde. Ah! ich habe Luſt, Fa⸗ kich aufzuwecken, damit er ſie ſehen und bewundern ann „Laß ihn doch ſchlafen, Roſenholz! vielleicht hat er in ſeinen Träumen,— in den Träumen, wie ſie ſeinem Alter eigen ſind,— graziöſere Erſcheinungen, als die Wüſten ihm je darbieten werden,— Erſcheinungen, die in unſern ſpaniſchen Städten auf den Balkonen oder hinter den vergitterten Fenſtern ſo häuſig ſind.“ Der alte Jäger ſeufzte. „Und doch iſt dieß ein prachtvolles Schauſpiel!“ ſetzte er hinzu.„Ah! wie freudig ſpringen dieſe edlen Thiere in ihrem Freiheitsrauſche umher!“ „Ja, bis zu dem Augenblick, wo die Indianer ſie verfolgen, und ſie dann vor Schrecken ſpringen.“ „Siehſt Du, jetzt ſind ſie ſo ſchnell davon geeilt, wie die Wolke, die der Wind jagt,“ fuhr der Canadier fort, der noch gegen die Vernunft ankämpfte.„Jetzt ändert ſich die Scene: ſiehſt Du dort den Hirſch, der von Zeit zu Zeit ſeine großen glänzenden Augen und ſein ſchwarzes Maul in den Zwiſchenräumen der Bäume zeigt? Er muß etwas wittern, er horcht. Ahl da kommt er herbei, um ebenfalls zu ſaufen. Er hat ein Geräuſch gehört,— er richtet den Kopf in die Höhe: ſollte man nicht die Waſſerfädchen, die aus ſeinem Maul hervorfommen, für flüſſiges Gold halten, wenn M man die Sonne ſo dieſelben färben ſieht? Nun aber darf mir das Kind nicht länger ſchlafen!“ „Laß ihn ſchlafen, ſage ich Dir! Vielleicht hat er jetzt einen Traum, in dem er, anſtatt dieſes ſchönen Thieres, ſchwarze Augen und roſige Lippen ſieht, welche hinter den Weidenbäumen lächeln; vielleicht ſieht er auch eine am Ufer eines klaren Baches ſchlafende Nymphe,— eine Nymphe, ähnlich einer aus einem Strauße gefallenen und auf dem Graſe liegen gebliebenen Blume.“ Der alte Canadier ſeufzte von Neuem. „Iſt dieſer Hirſch nicht auch ein Sinnbild der un⸗ begrenzten Unabhängigkeit?“ „Bis zu dem Augenblicke, wo die Wölfe ſich ver⸗ ſammeln werden, um ihn zu verfolgen und zu zerreißen. Vielleicht wäre ſein Leben in unſern königlichen Parken geſicherter. Alles hat ſeine Zeit, Roſenholz: das reifere Alter liebt die Stille und die Ruhe, während es der Jugend nur im Geräuſche und im Getümmel wohl iſt.“ Bei Roſenholz kämpfte noch die Illuſion gegen die Wirklichkeit. Es war der Wermuth⸗Tropfen, den Gott jedem Glücksbecher beimiſcht: er will nicht, daß es ein vollkommenes Glück gebe, denn man würde ſonſt gar zu ungern ſterben,— wie er auch kein Unglück ohne Compenſation will, denn ſonſt würde man gar zu ungern leben. Der Canadier ließ den Kopf nachdenklich auf die Bruſt herabſinken, und überließ ſich traurigen Träume⸗ reien, während er einen verſtohlenen Blick auf ſeinen ſchlafenden Sohn warf. Pepe dagegen zog ſeine büffel⸗ ledernen Halbſtiefeln wieder an.. „He! was habe ich Dir geſagt! hörſt Du nicht das Gebrüll, faſt ſollte ich ſagen, das Gebelle(denn die jagenden Wölfe geben Töne von ſich, die denen des Hundes gleichen), das aus der Ferne zu unſern Ohren dringt? Der arme Hirſch! Er iſt, wie Du ſagteſt, das Sinnbild des Lebens in der Wüſte.“ „Soll ich jetzt aber Fabian nicht aufwecken?“ fragte der Canadier mit triumphirender Miene. „Ja, gewiß!“ antwortete der Spanier,„denn wenn ſeine Träume von der Art geweſen ſind, wie ich ſie mir denke, ſo iſt nach einem Liebestraum das Schauſpiel einer ſchöuen Jagd eines großen Herrn, wie er ſein wird, am Würdigſten,— auch wird er wohl ſelten eine ähnliche wieder zu ſehen bekommen.“ „So viel iſt gewiß, daß er in keiner Stadt eine ähnliche zu Geſicht bekommen wird,“ rief der Canadier höchſt zufrieden:„ſolche Scenen werden ihm die Wüſte über Alles lieb und werth machen.“ Und der alte Jäger rüttelte den Jüngling ſanft, nachdem er ihn bei ſeinem Namen genannt, um ihm jedes allzu plötzliche Aufwachen und jeden Schreck zu erſparen. Mit dem Geweihe auf den Lenden, mit geſchwol⸗ lenem Halſe, mit zurückgeworfenem Kopfe, um durch die offenen Naſenlöcher die für ſeine große Lunge nöthige Luft leichter einathmen zu können, floh der Hirſch pfeil⸗ ſchnell über den endloſen Raum hin. Hinter ihm her war eine hungerige Meute von Wölfen zu bemerken; einige waren weiß, die meiſten aber ſchwarz. Dieſe Thiere verfolgten den Hirſch mit der Geſchwindigkeit von Kugeln, die auf einer Ebene ricochetiren. Der Hirſch hatte einen ungeheuren Vorſprung vor ihnen voraus; allein auf den Sand⸗Dünen, womit die Savane bedeckt war, und die ſich faſt mit dem Horizonte vermiſchten, konnte das ſcharfe Auge eines Jägers an⸗ dere als Schildwachen aufgeſtellte Wölfe unterſcheiden, welche die Bemühungen ihrer Genoſſen, den Hirſch ihnen zuzutreiben, beobachteten. Das edle Thier ſchien ſie aber nicht zu ſehen, oder doch ihre Anweſenheit nicht hoch anzuſchlagen, denn es floh immer noch nach ihrer Seite hin. In einer gewiſſen Entfernung von den ihm den 1 5 Durchgang verſchließenden Schildwachen angekommen, blieb es einen Augenblick ſtehen. Und in der That fand ſich der Hirſch in einem Kreiſe von Feinden eingeſchloſſen, der immer enger wurde: er blieb endlich ſtehen, um ein Bischen Athem zu ſchöpfen. Plötzlich wandte er ſich gegen die verfol⸗ genden Wölfe um, und machte einen letzten Verſuch, über dieſe Gruppe von Feinden wegzukommen. Allein es gelang ihm nicht, über dieſe Maſſe heulender Köpfe wegzuſetzen, und er fiel mitten unter ſeine Verfolger⸗ Einige der letzteren ſtürzten unter ſeinen Füßen zuſam⸗ men; zwei bis drei beſchrieben, während ſie ihre Ein⸗ geweide verloren, in der Luft eine Parabel. Dann ging das arme Thier mit einem Wolfe, der ſich in ſeine Beine feſtgebiſſen, mit blutenden Flanfen und weit hervorge⸗ ſtreckter Zunge den Ufern des Fluſſes zu, den drei Zu⸗ ſchauern dieſer ſeltſamen Jagd gerade gegenüber. „Das iſt ſchön, das iſt prächtig!“ rief Fabian, in die Hände klatſchend, und von jener Jagdluſt hingeriſ⸗ ſen, die in faſt aller Menſchen Herzen der Stimme der Menſchlichkeit Stillſchweigen gebietet. „Iſt das nicht ſchön?“ rief ſeinerſeits der alte Ca⸗ nadier, überglücklich in ſeiner Jägerfreude, und ganz glücklich, Fabian ſo froh zu ſehen.„Warte nur, mein Kind, wir werden noch ganz andere Sachen ſehen. Du ſiehſt hier nur die häßliche Seite der amerikaniſchen Ein⸗ öden; wenn Du aber einmal mit Pepe und mir am Ufer der großen Flüſſe und der großen Seen des Nor⸗ dens biſt. „Das Thier hat ſich von ſeinem Feinde freigemacht,“ fiel ihm Fabian in's Wort:„e ſpringt gleich in den Fluß.“ Das Waſſer ziſchte und kochte, als der Hirſch in den Fluß ſprang; und es kochte und ziſchte etwa noch zehn Mal; dann ſah man aus einer Maſſe Schaum den Kopf und das Geweih des Hirſches emportauchen, und ebenſo die Köpfe der verfolgenden, vor Hunger und Gier 142 heulenden Wölfe mit ihren blutigen Augen: die andern aber, die ſchüchterner geweſen waren, und wie toll an dem Ufer auf und abrannten, ließen ein klägliches Ge⸗ kläffe hören. Der Hirſch war nun ganz nahe bei dem von den Zeugen ſeines Todeskampfes beſetzten Inſelchen, wäh⸗ rend die an dem Ufer zurückgebliebenen Wölfe ihr Gekläffe unterbrachen, um jählings zu fliehen. „Ei, was iſt das?“ rief Pepe;„woher kommt die⸗ ſer paniſche Schrecken, der ſie ergreift?“ Der Ermigquelete hatte dieſe Worte kaum geſpro⸗ chen, als das ſich ihm plötzlich darbietende Schauſpiel ſeine Frage von ſelbſt beantwortete. „Bück' Dich doch! bück' Dich doch, um Gotteswil⸗ len! verſteckh' Dich hinter dem Gras!“ ſprach er, indem er mit dem Beiſpiele voranging;„die Indianer jagen gleichfalls.“ Und in der That zeigten ſich nun andere, furcht⸗ barere Jäger auf dem großen Kampfplatze, der in die⸗ ſen herrenloſen Wüſteneien dem erſten Beſten geöffnet iſt. Etwa zwölf von den wilden Pferden, die der Ca⸗ nadier und Pepe hatten kommen ſehen, um an dem Fluſſe zu ſaufen, galoppirten ganz beſtürzt über die Ebene hin. Indianiſche Reiter, die auf Pferden ohne Sattel⸗ritten, um dieſelben um ſo leichter und flinker zu machen, ſprengten hinter den erſchrockenen Thieren her. Die Reiter waren auf ihren Pferden zuſammen⸗ gekauert, ſo daß ihnen die Knie faſt bis an das Kinn reichten, wodurch den Thieren die Möglichkeit einer durchgus freien Bewegung gegeben werden ſollte. An⸗ fangs konnte man nur drei Indianer ſehen, aber nach und nach tauchten etwa zwanzig am Horizonte auf. Die einen waren mit Spießen bewaffnet, die andern ſchwangen ihre Lazos aus geflochtenem Leder in der Luft, und alle ſtießen jenes Geſchrei aus, womit ſie ihre Freude oder ihren Zorn bezeigen. 5 Pepe warf einen fragenden Blick auf den Canadier, * —————————— v gleich als wollte er an dieſen die Frage ſtellen, ob er 4 dieſe fürchterlichen Chancen gezählt habe, um Fa⸗ bian ihr abenteuerliches Leben lieb und werth zu machen. Zum erſten Male war unter ſolchen Umſtänden die Stirne des kühnen Jägers mit einer Todtenbläſſe bedeckt. Ein düſterer, aber beredter Blick war die Antwort des Canadiers auf die ſtumme Frage des Spaniers. „Dieß bedeutet,“ dachte Pepe,„daß eine allzu ſtarke Liebe im Herzen eiſes Menſchen dieſen, wenn er auch noch ſo tapfer und unerſchrocken iſt, für denjenigen zit⸗ tern läßt, den er mehr als ſich ſelbſt liebt, und es be⸗ weist dieß ſonach, daß ein Abenteurer, wie wir, auf dieſer Welt kein Band haben muß. Da haben wir nun Roſenholz: es ſinkt ihm der Muth, wie wenn er ein Weib wäre.“ Indeſſen war er faſt gewiß, vaß ſelbſt das geübte Auge der Indianer das Geheimniß ihrer Zufluchtsſtätte nicht durchdringen könne. Die drei Jäger beobachteten daher, als der erſte Schreck vorüber war, die Evolutio⸗ nen der Indianer mit kälterem Blute. Einen Augenblick verfolgten die wilden Reiter noch die vor ihnen herfliehenden Pferde. Die zahlloſen Hin⸗ derniſſe, womit dieſe, dem Anſcheine nach, ſo ebenen Flächen überſäet ſind, die Schluchten, die Hügel, die Cactus⸗Pflanzen mit ihren ſcharfen Spitzen vermochten ſie nicht aufzuhalten. Ohne ihren ungeſtümen Lauf zu mäßigen, und ohne dieſe Hinderniſſe zu umgehen, ſetz⸗ ten die indianiſchen Krieger mit einer Kühnheit darüber weg, der Nichts Einhalt thun konnte. Selbſt ein kühner Reiter, beobachtete Tiburcio mit wahrer Begeiſterung die Reiterkunſtſtücke dieſer unerſchrockenen Jäger,sallein die Vorſichtsmaßregeln, welche die drei Freunde ergrei⸗ fen mußten, um ſich dem Auge der Indianer zu entzie⸗ hen, ließen ſie einen großen Theil des zugleich impoſan⸗ ten und furchtbaren Schauſpieles einer indianiſchen Jagd, deren Gegenſtand man ſelbſt werden kann, verlieren. Die ungeheuren Savanen, die ſo eben noch ganz öde geweſen waren, halten ſich plötzlich in eine Scene voller Verwirrung und voller Tumult verwandelt. Der in die Enge getriebene Hirſch fuhr, nachdem er ſich ge⸗ nöthigt geſehen, auf dem Ufer wieder feſten Fuß zu faſ⸗ ſen, fort, ſo geſchwind, wie der Wind, zu fliehen, wäh⸗ rend die Wölſe, durch die gemachten Anſtrengungen auf⸗ geregt, ihn heulend verfolgten. Die wilden Pferde galop⸗ pirten vor den Indianern her, deren Geheul dem der Raubthiere Nichts nachgab, und beſchrieben große Kreiſe, um der Lanze oder dem Lazo zu entgehen. Zahlreiche Echos wiederholten das Quieken der Wölfe, ſowie das verworrene und entſetzliche Geheul der Apachen. Beim Anblicke Fabian's, der allen dieſen wilden und geräuſchvollen Evolutionen mit feurigem Auge folgte, ohne, dem Anſcheine nach, ſich wegen einer Gefahr zu beunruhigen, der er zum erſten Male Trotz bot, rief Roſenholz vergebens jenes Selbſtvertrauen an, das ihn aus weit drohenderen Gefahren gerettet hatte, als die ohne Zweifel nur wenig wahrſcheinliche Gefahr ihrer Entdeckung war. „Ah!“ ſing er an,„das ſind ſolche Scenen, wie die Städtebewohner ſie nie ſehen; ſo Etwas kann man nur in der Wüſte zu Geſicht bekommen.“ Allein ſeine Stimme zitterte wider ſeinen Willen, und er hielt inne; denn er fühlte, daß er ein Jahr von ſeinem Leben hingegeben hätte, wenn er ſeinem Kinde dieſen Anblick hätte erſparen können. Seine Angſt wurde noch durch etwas Anderes vermehrt, was ihn noch weit mehr beunruhigte. Die Scene wurde, ohne gerade einen andern Anblick darzubieten, noch feierlicher; ein neuer Schauſpieler, ein Schauſpieler, deſſen Rolle ebenſo kurz, als furchtbar ſein ſollte, war ſo eben aufgetreten. Es war ein Rei⸗ ter, den die drei Freunde an ſeinem Coſtüme bebend als einen Weißen, als einen Chriſten erkannten. Der Unglückliche war, bei einer der Cvolutionen t indianiſchen Jagd plotzlich entdeckt, ſeinerſeits der Get 145 ſtand einer ausſchließlichen Verfolgung geworden. Die wilden Pferde, die Wölfe, der Hirſch waren in dem fer⸗ nen Nebel verſchwunden. Es waren nur noch die zwan⸗ zig indianiſchen Reiter übrig geblieben, die auf allen Punkten eines ungeheuren Halbkreiſes zerſtreut waren, deſſen Mittelpunkt der weiße Reiter einnahm. Einen Augenblick konnte man ſehen, wie er, allein unter ſo vielen Feinden, auf alle Punkte des Horizontes einen Blick der Verzweiflung und der höchſten Angſt warf. Aber die Indianer waren allenthalben, nur nicht am Fluſſe. In dieſer frei gebliebenen Richtung mußte er alſo fliehen, und plötzlich jagte er daher auf die dem Inſelchen gegenüberſtehenden Bäume zu. Allein der Augenblick, während deſſen er unſchlüſſig geweſen war, nach welcher Seite hin er fliehen ſollte, hatte hingereicht, um unter den Indianern ein gegen⸗ ſeitiges Näherrücken zu bewirken. „Der Unglückliche iſt verloren, was er auch anfan⸗ gen mag,“ rief Roſenholz,„es iſt jetzt zu ſpät, um über den Fluß zu ſetzen.“ „Roſenholz, Pepe,“ rief Fabian,„wollen wir einen Chriſten vor unſern Augen ermorden laſſen, wenn wir ihn zu retten vermögen?“ Pepe fragte Roſenholz mit einem Blicke. „Ich ſtehe für Dein Leben, ſo wahr ein Gott im Himmel iſt,“ ſagte der Canadier feierlich;„allein ich könnte es nicht, wenn wir nicht gedeckt wären, da wir bloß drei gegen zwanzig ſind. Das Leben dreier Män⸗ ner und hauptſächlich das Deinige, Fabian, iſt koſtbarer, als das eines einzigen Menſchen; wir müſſen daher die⸗ ſen armen Teufel ſeinem Schickſale überlaſſen.“ „Aber verſchanzt, wie wir find?“ fuhr der edelmü⸗ thige Fabian fort. „Verſchanzt, wie wir ſind?“ entgegnete Roſenholz; „heißeſt Du dieſe ſchwache Schutzwand, beſtehend aus Weiden, Schilf, und Pfeilkraut, eine Verſchanzung? Der Waldläufer, 1l. 10 146 Glaubſt Du, dieſe Blätter da ſeien kugelfeſt,— laſſen keine Kugel durch? Und wenn auch jetzt die Indianer. nur zwanzig Köpfe ſtark ſind, ſo darf doch bloß eine Kugel aus unſern Carabinern einen der rothen Teufel zu Boden ſtrecken, um hier alsbald hundert andere zu verſammeln. Gott verzeihe mir meine Hartherzigkeit; allein ſie iſt nothwendig.“ Fabian beſtand nicht länger auf ſeinem Verlangen, als Roſenholz den letztgenannten Grund geltend machte. Auch war derſelbe nur zu plauſibel, und Fabian wußte nicht, daß die Hauptmaſſe der indianiſchen Truppe auf das Lager Don Eſtevan's losgegangen war. Während dieſer Zeit floh der weiße Reiter, wie ein Menſch, dem kein anderes Hülfsmittel mehr übrig bleibt, als die Geſchwindigkeit ſeines Pferdes. Er floh in der Richtung der zwiſchen den Bäumen gegenüber der ſchwim⸗ menden Inſel befindlichen Oeffnung. Schon konnte man ſeine Geſichtszüge ſehen, die durch den Schrecken* ganz verſtört waren. Er war nur noch zwanzig Schritte vom Fluſſe entfernt, als der Lazo eines Indianers ihn erfaßte, und der Unglückliche, mit Heftigkeit aus dem Sattel gehoben, das Gleichgewicht verlor, und auf den Sand geſchleudert wurde. V Preiunddreißigſtes Rapitel. * Ein indianiſcher Diplomat. Nach dem Triumph⸗ und Freudengeſchrei, welches vie Gefangennehmung und den Sturz des unglücklichen weißen Reiters bezeichnete, trat einen Augenblick eine . 147 tiefe Stille ein. Die drei Männer auf der Inſel wech⸗ ſelten einen Blick der Beſtürzung und des Mitleids. „Gott ſei gedankt!“ ſprach Fabian,„ſie haben ihn doch nicht umgebracht.“ Und in der That ſtand der Gefangene, obwohl in Folge ſeines jähen Sturzes mit Quetſchwunden bedeckt, wieder auf, worauf ihn einer der Apachen von dem Lazo befreite, in dem er noch ſtak. Roſenholz und Pepe ſchüttelten den Kopf. „Um ſo ſchlimmer iſt es für ihn, denn er hätte jetzt ausgelitten,“ ſagte der Spanier;„das Schweigen⸗ das dieſe Indianer beobachten, iſt ein Zeichen, daß jeder von ihnen ſich ſammelt, um an die Todesart zu denken, die ſie ihm auferlegen wollen. Der Fang eines Weißen iſt in ihren Augen von größerem Werthe, als der des ganzen Pferdehaufens, dem ſie nachſetzten.“ Ohne abzuſteigen, umringten die Indianer den Gefangenen, der, beſtürzt ſich umſehend, allenthalben nur bronzene Geſichter mit unbeweglichen Muskeln erblickte. Dann fingen die Apachen an, unter einander zu rath⸗ ſchlagen. Während dieſer Zeit ſprang ein Indianer, der der Anführer der Truppe zu ſein ſchien, und den ſeine dunklere Geſichtsfarbe, ſowie die ſchwarzen Federn ſeines Kopfputzes vor den übrigen Kriegern auszeichneten, von ſeinem Pferde herab, gleich als ob er dieſe werthloſe Berathſchlagung verſchmähete, um etwas Ernſteres zu thun. Er warf den Zügel einem der Apachen zu, der ihn ehrerbietig empfing. Dann ging der Führer gerade auf die Inſel zu. Auf dem dieſer gegenüberliegenden ſ angekommen, ſchien er auf dem Sande Spuren zu uchen. Roſenholz klopfte das Herz gewaltig in der Bruſt, venn das, was der Indianer that, verrieth deutlich ge⸗ nug, daß ihm Etwas nicht ganz richtig vorkam. „Sollte etwa dieſer Hund,“ ſagte Roſenholz leiſe 148 „ zu Pepe,„das friſche Fleiſch riechen⸗ wie der Wehrwolf . in unſeren Feenmährchen?“ 13„Quien sabe?“ ſprach der Spanier, ſich eines Ausdrucks bedienend, womit man in ſeinem Vaterlande . auf Alles antwortet. Allein der durch die Hufe der wilden Pferde, die. 18 an den Fluß gekommen waren, um dort zu ſaufen, 5 tauſend Mal ausgehöhlte Sand zeigte den Augen des Indianers keine Menſchenſpur. Dann ging er am Fluſſe weiter hinauf, um ſeine Nachſuchungen fortzuſetzen. „Der Teufelskerl hegt Verdacht,“ ſprach Roſen⸗ holz,„und in dieſem Falle wird er die Spuren ſin⸗ den, die wir eine halbe Meile von hier zurückgelaſſen haben, als wir in das Flußbett getreten ſind, um dieſe Inſel zu erreichen. Ich habe es Dir doch geſagt, Pepe,“ fuhr der Canadier mit einer Art Bitterkeit fort,„wir hätten zwei Meilen weiter oben in daſſelbe treten ſollen; aber weder Fabian, noch Du haſt es gewollt, und ich habe Euch, wie ein Thor, nachgegeben.“ Während der wackere Canadier dieſe Worte ſprach, ſchlug er ſich mit einer Kraft auf die Bruſt, die im Stande geweſen wäre, die Wände eines gewöhnlichen menſchlichen Körpers einzuſchlagen. Während dieſer Zeit war die Berathſchlagung in Betreff des Schickſals des Gefangenen ohne Zweifel beendigt worden; denn plötzlich ließ ſich, in Folge eines von einem der Indianer ausgegangenen Vorſchlags, ein großes Freudengeſchrei hören. Allein es mußte erſt die Rückkehr und die Zuſtimmung des Anführers abgewartet werden. Und dieſer war fein Anderer, als der Krieger, den wir bereits als„Schwarzvogel“ kennen. Letzterer hatte ſeine Nachſuchungen an dem Ufer † fortgeſetzt, und war den Gilafluß aufwärts gegangen. Bei der Stelle angekommen, wo Roſenholz mit ſeinen beiden Gefährten den Sand verlaſſen hatte, um in den Fluß zu treten, und das Inſelchen zu erreichen, das ihnen als Zufluchtsſtätte diente, zweifelte er nicht länger —— S ————— g ——— 149 an der Genauigkeit des Berichtes der Streifreiter, und beſchloß, Nutzen daraus zu ziehen. Er hatte ſeine eigene Politik, und beſchloß, dieſelbe zu befolgen. Sobald der Schwarzvogel der Anweſenheit der drei weißen Krieger einmal gewiß war, kam er mit abgemeſſenen Schritten zu ſeiner Truppe zurück. Er hörte das Reſultat der Berathſchlagung der Indianer ganz ernſt an, und antwortete einige Worte, wobei er ſeinen Kriegern mit der Hand ein Zeichen gab, daß ſie warten ſollten; ſodann ging er, immer mit demſelben abgemeſſenen Schritte, auf das ufer des Fluſſes zu, nachdem er fünf von den Reitern mit leiſer Stimme einen Befehl gegeben. Es entfernten ſich dieſelben im Galopp, um den erhaltenen Auftrag auszuführen. Die Waſſerpflanzen zeigten ihr feſtliches Grün; die Luft bewegte die zarten Zweige des Weidenbaums an den ufern des Inſelchens, das allem Anſcheine nach ebenſo unbewohnt war, wie in den Tagen, wo der Fluß noch einzig und allein für die Vögel des Himmels, ſowie für die Büffel und die wilden Pferde der Prai⸗ rien dahinfloß. Nur einen Indianer konnte dieſe ſchein⸗ bare Ruhe nicht irre machen. Der Schwarzvogel machte aus ſeiner Hand ein Sprachrohr, und ſchrie in einer halb indianiſchen, halb ſpaniſchen Sprache: „Die weißen Krieger aus Mitternacht können ſich zeigen; der Schwarzvogel iſt ihnen ein Freund, wie auch die Krieger, die er befehligt!“ Bei dieſen Worten, die der Wind bis zu den Ohren des Canadiers und ſeiner beiden Gefährten trug, packte Roſenholz den ſpaniſchen Jäger feſt beim Arm. Roſenholz und Pepe hatten den gemiſchten Dia⸗ lect des Indianers verſtanden. „Was wollen wir dieſem Hunde antworten?“ ſprach er. „Nichts,“ antwortete Pepe lakoniſch. Auch war der im Schilfe des Fluſſes murmelnde 150 Wind die einzige Antwort, die der indianiſche Anführer bekam. Der Schwarzvogel aber fuhr alſo fort: „Der Adler kann dem Auge eines Apachen ſeine Spur in den Lüften verbergen, und der Salm, der über die Waſſerfälle hinaufgeht, läßt im Waſſer des Fluſſes keine Furche zurück; aber ein Weißer, der über die Wüſte hingeht, iſt weder ein Adler, noch ein Salm.“ „Und auch keine Gans,“ murmelte Pepe, der Schläfer;„und nur eine Gans könnte ſich dadurch verrathen, daß ſie ihre Stimme probirte.“ Der Indianer horchte von Neuem; allein die Antwort des Spaniers war ſo leiſe geſprochen worden, daß ſie nicht bis zu ihm hatte dringen können. „Die weißen Krieger aus Mitternacht,“ hob der Schwarzvogel ganz getroſt wieder an,„ſind nur drei an der Zahl“(und er legte den Nachdruck auf dieſes Wort, um ſeinen Zuhörern deutlich zu zeigen, daß er ſowohl ihre Anzahl, als ihre Stellung kenne);„die weißen Krieger aus Mitternacht ſind nur drei gegen zwanzig, und die rothen Krieger geben ihr Ehrenwort, daß ſie ihnen Freunde und Verbündete ſein wollen.“ „Ah!“ ſagte der Canadier leiſe zu Pepe,„zu welcher Treuloſigkeit will uns der Indianer benützen?“ „Laſſen wir ihn nur fortſprechen, dann werden wir es erfahren,“ antwortete Pepe;„er iſt noch nicht fertig, wenn ich mich nicht ſehr täuſche.“ „Wenn die weißen Krieger die Abſichten des Schwarzvogels erfahren, werden ſie aus ihrem Verſtecke hervorkommen,“ fuhr der apachiſche Häuptling fort; „ſie ſollen dieſelben erfahren. Die weißen Männer aus Mitternacht ſind die Feinde der weißen Männer aus Mittag: ihre Sprache, ihr Gott find nicht die nämliche Die Apachen haben ein ganzes Lager von Kriegern au Mittag in den Händen.“ 151 „Dann wird es den Golbſuchern ſchlecht gehen ſagte Roſenholz. „Wenn die Krieger aus Mitternacht ihre tange Carabiner mit gezogenem Laufe denen der Indianer 5 geſellen wollen, ſo werden ſie mit ihnen die Kopfhäuks, die Schätze, die Pferde der Männer aus Mittag theilen, und es werden dann die Indianer und die Weißen um die Leichname ihrer Feinde herumtanzen.“ Roſenholz und Pepe ſahen einander erſtaunt an. Auch Fabian begriff mit Hülfe ihrer Erklärung, daß man ihnen ein Bündniß vorſchlug, das ihr Gewiſſen verdammte; und die aus ihren Augen Hervorſchießenden Blitze, ſowie die geringſchätzige Aufblähüng ihrer Naſen⸗ löcher bewieſen, daß das edle Kleeblatt in dieſer Hin⸗ ſicht nur einen Gedanken hatte,— den Gedanken näm⸗ lich, lieber zu Grunde zu gehen, als den Indianern zu einem Triumphe über Weiße, ſelbſt wenn dieſe ihre Todfeinde wären, zu verhelfen. „Hört Ihr den Heiden?“ ſprach Roſenholz, den der Zorn übermannte. Dann ſetzte er, ſich eines der indianiſchen Sprache eigenen Bildes bedienend, hinzu: „Er hält Jaguare für Schakale. Ah! wäre Fa⸗ bian nicht da,“ endigte er ganz leiſe,„ſo würde die Ku⸗ gel eines guten gezogenen Büchſenlaufes der Bote mei⸗ ner Antwort ſein.“ Der Indianer aber ließ ſich durch das Schweigen der drei Männer aus Mitternacht nicht beirren: er war ihrer Anweſenheit auf dem Inſelchen gewiß. Indeſſen fing er doch an, die Geduld zu verlieren, denn die Be⸗ fehle der Häuptlinge, die den Rath gebildet hatten, wa⸗ ren peremptoriſch. Dieſe Befehle gingen dahin, daß die Weißen angegriffen werden müßten; allein der india⸗ niſche Diplomat hatte, wie wir bereits geſagt, ſeine ei⸗ gene Politik, und dieſer wollte er zum Siege verhelfen. Er wußte, daß die Kugel eines Amerikaners und eines Canadiers ihr Ziel nie verfehlt; und wie groß auch die 152 Anzahl der Indianer gegenüber von den Mexikanern war, ſo ſchienen ihm doch drei Bundesgenoſſen aus dem Norden ein nicht zu verſchmähendes Hülfscorps. Er hatte daher den Verſuch gemacht, ſie für ſeine Sache zu ge⸗ winnen. „Der Büffel der Prairien,“ hob er wieder an,„iſt nicht leichter der Spur nach zu verfolgen, als der Weiße. Die Spur des Büffels zeigt dem Indianer ſein Alter, ſeine Fettigkeit oder ſeine Magerkeit, das Ziel ſeines Laufes, ja ſelbſt den Tag, an dem er vorbeigekommen, an. Sonach muß hinter dem Schilfe der ſchwimmenden Wiege ein Mann ſein, ſtark, wie ein Biſon, und größer, als der längſte Carabiner; bei ihm iſt ein Krieger, der der Race nach halb dem Mittag und halb der Mitter⸗ nacht angehört, ſo wie ein junger Krieger von der rei⸗ nen Race des Mittags; aber der Bund der beiden Letz⸗ teren mit dem Erſteren zeigt an, daß ſie die Feinde der Weißen aus Mittag ſind, denn die Schwächeren ſuchen die Freundſchaft der Stärkeren, und halten es ſtets mit Letzteren.“ „Der Scharſſinn dieſer Hunde iſt doch bewunderns⸗ würdig,“ ſagte Roſenholz zu Pepe. „Das iſt ſo Deine Meinung, weil ſie Dir ſchmei⸗“ chelt,“ entgegnete der Exmiquelete, deſſen Eigenliebe verletzt ſchien. ℳ „Ich erwarte die Antwort der Weißen,“ fuhr der Schwarzvogel fort. ier horchte er.)„Ich höre,“ ſagte er dann weiter,„nur den brauſenden Strom und den Wind, der zu mir ſpricht:„Die Weißen bilden ſich tauſend Dinge ein, die falſch ſind: ſie glauben, der In⸗ dianer habe ſeine Augen hinten am Kopfe, die Spur des Biſons ſei unſichtbar, der Schilf ſei kugelfeſt.““— „Der Schwarzvogel lacht der Antwort des Windes.“ „Ei, ſchaut doch!“ ſagte Pepe,„der Indianer ſpricht ſeine wahre Sprache,— ſpricht, wie es ihm um's Herz haben wollte.“ iſt; es war nicht ſo dumm von ihm, daß er uns 3 „Ah!“ rief der Canadier ſchmerzerfüllt,„wären wir doch nur zwei Meilen weiter oben in den Fluß ge⸗ treten!“ „Aus einem verſchmähten Freunde,“ ſprach hier der indianiſche Häuptling recht ſentenziss,„wird ein furchtbarer Feind.“ „In meiner Heimath ſagt man etwas Aehnliches,“ ſetzte Pepe mit leiſer Stimme hinzu: „Ni pastel recalentado, Ni amigo reconciliado.“ Zu gleicher Zeit bedeutete der Schwarzvogel dem Gefangenen durch ein Zeichen, daß er zu ihm herankom⸗ men ſolle. Dieſer that, wie man ihn geheißen. Der Häuptling zeigte ihm ſodann die Inſel mit dem Finger und deutete Panz beſonders auf den freien Raum zwi⸗ ſchen zwei Schilfbüſcheln hin. „Verſteht es der Carabiner des weißen Geſichts,“ — es war dieß bei dem Indianer keine Anſpielung auf die Todtenbläſſe, welche die Stirn des Unglücklichen be⸗ deckte ſondern eine ganz gewöhnliche Bezeichnung der Haut⸗ farbe des Weißen,—„eine Kugel in den freien Raum zu werfen, der das hohe Gras dort unten trennt?“ Allein der Gefangene hatte bloß die wenigen, mit dem indianiſchen Dialekte vermiſchten ſpaniſchen Worte verſtanden, und blieb ſtumm und zitternd ſtehen. Als⸗ dann ſagte der Schwarzvogel einige Worte zu einem ſeiner Krieger, der dem Weißen den Carabiner in die Hand gab, deſſen ſie ſich bemächtigt hatten, und nun gelang es ihm, durch Geſten dem Gefangenen verſtänd⸗ lich zu machen, was er von ihm erwarte. Der unglück⸗ liche Goldſucher legte an; allein der Schrecken machte ihn am ganzen Leibe zittern, und es ſchwankte der Ca⸗ rabiner in ſeiner Hand von der Rechten zur Linken, und von oben nach unten. „Der arme Kerl wird nicht einmal das Inſelchen treffen, ſprach Pepe unbekümmert,„und wenn der In⸗ vianer kein beſſeres Mittel hat, uns zum Sprechen zu bringen, ſo ſoll mich der Teufel holen, wenn ich bis morgen auch nur ein Wort ſage.“ Der Weiße feuerte, und in der That ſchlug die ſei⸗ nen zitternden Händen entfahrene Kugel pfeifend in's Waſſer, einige Zoll jenſeits der Inſel. Der Schwarzvogel machte eine Geſte der Verach⸗ tung, dann wandte er ſich um, und ließ ſein Auge um⸗ herſchweifen, offenbar um Etwas zu ſuchen. „Ja,“ ſprach Pepe,„ſuch' Du nur Pulver und Kugeln unter den Lanzen und Lazos Deiner Krieger!“ Während der Ermiquelete mit dieſer troſtreichen Re⸗ flerion zu Ende kam, erſchienen die fünf Reiter, die auf den Befehl des indianiſchen Häuptlings ſich entfernt hatten, auf ihren mit Waltrappen verſehenen Pferden wieder: ſie ſelbſt waren von Kopf bis zu Fuß bewaffnet, und hatten entweder Carabiner oder von Pfeilen ſtrotzende Köcher. Sie hatten wieder zu ihren Waffen gegriffen, die ſie abgelegt, um die wilden Pferde deſto leichter ver⸗ folgen zu können. Und nun entfernten ſich fünf andere Krieger. „Die Sache fängt an, bedenklich zu werden,“ ſprach Roſenholz traurig. „Wenn wir ſie angriffen, ſo lange ſie nur fünfzehn Mann ſtark ſind?“ ſagte Pepe. „Nein,“ antwortete der Canadier,„bleiben wir ſtumm und verhalten wir uns ruhig! Noch zweifelt der Indianer, ob wir wirklich hier ſeien.“ „Wie Du willſt.“ Und Pept fuhr fort, durch die Baumſtämme hin⸗ durchzuſehen. Der indianiſche Häuptling hatte nun ſelbſt einen Carabiner ergriffen und ging von Neuem auf's Ufer zu. „Die Hände des Schwarzvogels zittern nicht, wie das unter dem Einfluſſe des Windes verwelkte Gras,“ ianer, der ſeinen Carabiner in die Höhe Lauf auf die Inſel hinrichtete,— den Lauf, * 155 der in ſeinen kräftigen Händen feſt und unbeweglich ruhte. „Aber ehe der Indianer Feuer gibt,“ fuhr er fort, „wird er die Antwort der auf der Inſel verborgenen Weißen erwarten: er wird bis auf hundert zählen.“ „Such' Dir einen Platz hinter mir, Fabian!“ ſagte Roſenholz. „Nein, ich bleibe hier,“ ſprach Fabian entſchloſſen. „Ich bin jünger, und an mir iſt es daher, der Gefahr zu trotzen und Sie zu decken.“* „Kind!“ ſprach der Canadier.„Siehſt Du nicht, daß mein Körper nach allen Seiten hin den Deinigen um ſechs Zoll überrsgt? Wollte ich alſo Deinem Ver⸗ langen willfahren, ſo würden wir der Kugel des In⸗ dianers nur einen doppelten Zielpunkt darbieten.“ Ohne auch nur ein einziges Schilfrohr in dem grünen Saume um das Inſelchen her zittern zu ma⸗ chen, rückte der Canadier vor und kniete vor Fabian hin. „Laſſen Sie es geſchehen, Don Fabian,“ ſprach Pepe ruhig;„nie hat ein Menſch einen Schild gehabt, der edler war, als das Herz dieſes Rieſen— als dieſes Herz, das nur wegen Ihrer ängſtlich ſchlägt.“ Der indianiſche Häuptling horchte, während er, den Carabiner in der Hand, fortzählte; allein mit Ausnahme des brauſenden Waſſers, welches das Schilfrohr zu ſeinen Füßen beugte, und des warmen Windes, der an dem Ufer murmelte, herrſchte weit und breit tiefe Stille. Der Schwarzvogel drückte ab, und es flogen Pfeil⸗ krautſtücke in die Luft; da aber die drei Jäger hinter einander knieten, ſo boten ſie keinen ſehr großen Ziel⸗ punkt dar, und ſo pfiff denn die Kugel in einiger Ent⸗ fernung an ihnen vorüber. Der Schwarzvogel ließ eine Minute verſtreichen; dann rief er von Neuem mit lauter Stimme: „Der Indianer hat ſich getäuſcht; er ſieht ſeinen Irrthum ein und wird die weißen Fric anbtißw ſuchen.“ „Glaub' das und ſauf' Waſſer,“ ſprach Pepe;„der Hund iſt ſeiner Sache gewiſſer, denn je. Der Verſucher wird uns endlich einige Augenblicke Ruhe laſſen, bis er mit dem armen Teufel dort unten fertig iſt,— was nicht lange anſtehen wird, denn die Hinrichtung eines Weißen iſt ein Schauſpiel, das ein Indianer ſich nie bald genug verſchaffen kann.“ „Wäre es dann aber nicht am Platze, irgend Etwas für den Ungläcklichen zu thun, den eine furchtbare Mar⸗ ter erwartet?“ rief Fabian. Roſenholz zog ſeinen Gefährten mit einem Blicke zu Rathe, und antwortete dann Fabian: „Wir ſind es nicht in Abrede; aber doch hoffe ich immer noch, es werde ein unerwarteter Umſtand uns zu Hülfe kommen. Was auch Pepe ſagen mag, der In⸗ dianer kann noch einen Zweifel hegen, während er, wenn wir uns zeigen, nicht länger zweifeln wird.“ Der Greis nahm eine Haltung an, in der ungemein viel Träumeriſches lag. „Ein Bündniß mit dieſen Teufeln eingehen, und wäre es auch gegen Don Eſtevan, hieße ſich einer ſchänd⸗ lichen Feigheit ſchuldig machen. Was iſt aber zu thun? Was iſt zu thun?..„ ſetzte der Cana⸗ dier ſchmerzerfüllt hinzu. Noch eine andere Furcht quälte ihn. Er hatte Fa⸗ bian in Gefahr geſehen, als ſein Blut unter dem Ein⸗ fluſſe der wilden Leidenſchaft kochte. Beſaß aber Fabian die Kaltblütigkeit,— beſaß er den ruhigen Muth, der dem Tode trotzt, ohne ſich von dem Zorne hinreißen zu laſſen? Hatte er jene ſtoiſche Reſignation, wovon der Spanier und er, Roſenholz, tauſend Proben abgelegt hatten? Plötzlich entſchied ſich der Canadier. mich, Fabian!“ ſprach er.„Kann ich mit t einem Manne ſprechen? Werden die Worte, ren Deinem Herzen überantworten werden, ſtarr vor Schrecken machen?“ 157 „Warum wollen Sie an meinem Muthe zweifeln?“ antwortete Fabian ganz einfach, wobei er einen ſanft tadelnden Ton annahm.„Was Sie auch ſagen mögen, ich werde es hören, ohne zu erblaſſen; was Sie auch itt mögen, ich werde es gleichfalls thun, ohne zu zittern.“. „Don Fabian ſpricht die Wahrheit, Pepe!“ rief der Canadier.„Sieh doch, wie ſtolz ſein Auge die Ein⸗ fachheit ſeiner Sprache Lügen ſtraft!“ Und in der Freude ſeines Herzens drückte er Fa⸗ bian an ſich, worauf er mit einer gewiſſen Feierlichkeit alſo fortfuhr: „Noch nie haben ſich drei Männer in größerer Ge⸗ fahr befunden, als wir: unſere Feinde ſind ſieben Mal zahlreicher, als wir. Wenn auch Jeder von uns ſechs von dieſen Hunden zu Boden ſtreckt, ſo ſind ſie immer⸗ hin noch faſt ebenſo zahlreich, als wir.“ „Wir haben es ſchon einmal gethan,“ unterbrach ihn Pepe. „Wohlan! wir werden es noch einmal thun!“ rief Fabian. „Gut, Kind, gut!“ verſetzte Roſenholz;„was aber auch geſchehen mag,— dieſe Teufel dürfen uns nicht lebendig in ihre Hände bekommen. Schau', Fabian,“ ſetzte der Greis mit einer Stimme hinzu, der er noch mehr Feſtigkeit verleihen wollte, und während er ein langes, breites Meſſer mit hörnernem Griffe aus ſeiner Scheide hervorzog,„wenn wir ohne Pulver, ohne Mu⸗ nition dieſen Hunden preisgegeben, und auf dem Punkte wären, ihnen in die Hände zu fallen,— und wenn die⸗ ſer Dolch in meiner Hand das einzige Rettungsmittel wäre,— was würdeſt Du da ſagen?“ „Ich würde zu Ihnen ſagen:„„Stoßen Sie zu, Vater, wir wollen mit einander ſterben!““ „Ja, ja,“ rief der Canadier, mit einem Blicke un⸗ ausſprechlicher Liebe den verzehrend, der ihn Vater —— 3 158 . nannte,„es wäre dieß abermals ein Mittel, uns nicht mehr von einander zu trennen.“ Und er reichte Fabian ſeine vor Aufregung zitternde Hand hin. e Der Jüngling küßte dieſe heroiſche Hand ehrer⸗ ietig. Das Auge des Canadiers erglänzte von ſtolzer Zärtlichteit. ſö„Was nun auch geſchehen mag,“ ſprach er,„wir 1 3 werden uns nicht mehr trennen. Gott wird das Ueb⸗ rige thun: wir wollen dieſen Unglücklichen zu retten ſuchen!“ „An die Arbeit alſo!“ rief Fabian. „Noch nicht, noch nicht, mein Kind; zuerſt wollen wir ſehen, was dieſe rothen Teufel mit ihrem Gefange⸗ nen anzufangen gedenken.“ Während dieſes Zwiegeſprächs hatten die Indianer den Gefangenen fortgeführt, ihm dabei aber immer den freien Gebrauch ſeiner Glieder geſtattet. Zwei Büchſen⸗ ſchüſſe vom Ufer weg hatten ſie eine gerade Linie ge⸗ bildet. Der Weiße ſtand in einiger Entfernung dieſſeits ſeiner in einer Linie aufgeſtellten Peiniger. „Ich ſehe ſchon, was ſie thun wollen,“ ſprach Ro⸗ ſenholz:„ich weiß es ſo gut, als ob ich bei ihrer Be⸗ rathung zugegen geweſen wäre. Sie wollen probiren, ob die Kniekehlen dieſes Unglücklichen ſolider ſind, als ſeine Hand. Dieſe Teufel wollen ſich das Vergnügen einer Hetzjagd gönnen.“ „Wie ſo?“ fragte Fabian. „Sie werden ihren Gefangenen einen kleinen Vor⸗ ſprung gewinnen laſſen, nachdem er, auf ein gegebenes Zeichen hin, ſich in Lauf geſetzt haben wird. Dann wer⸗ den die Indianer ihm nachrennen, mit dem Spieße oder der Mordkeule in der Hand. Hat der Weiße gelenke Beine, ſo wird er vor ihnen am Fluſſe ankommen, und vann wollen wir ihm zurufen, er ſolle zu uns herüber⸗ ſchwimmen. . 1 159 „Einige Schüſſe aus unſern Carabinern werden ihn ſchützen, und ſo wird er mit heiler Haut auf die Inſel kommen. Das Uebrige iſt unſere Sache. Wenn aber der Schrecken ſeine Beine lähmt, wie er ſo eben ſeine Hand zittern machte, dann wird der erſte Indianer der ihn erreicht, ihm mit ſeiner Mordkeule den Schädel zerſchmettern, oder ihn mit ſeinem Spieße durchſtoßen. Auf jeden Fall aber werden wir unſer Möglichſtes thun.“ In dieſem Augenblicke kehrten die fünf Indianer, die ſich entfernt hatten, wie die früheren von Kopf bis zu Fuß bewaffnet, zurück. Die neuangekommenen In⸗ dianer vereinigten ſich mit den Letzteren. Fabian warf, wäh er den Lauf ſeines Cara⸗ biners heftig an ſich drieinen Blick tiefen Mitlei⸗ dens auf den unglückliche Weißen, der, mit graſſem Auge, und mit durch die ßurcht verzerrten Zügen, in entſetzlicher Angſt wartete, bis von dem indianiſchen Häuptlinge das Signal gegeben würde. Es war ein feierlicher Augenblick, denn die Menſchen⸗Jagd ſollte nun anfangen. Auf dem Inſelchen, wie auf der Ebene wartete Alles in ängſtlicher Spannung auf dieſen Augenblick, als der Schwarzvogel mit der Hand eine Geſte machte, um den Anfang dieſer abſcheulichen Jagd noch einen Augenblick hinauszuſchieben. Er deutete mit einem Finger auf die nackten Füße ſeiner Krieger, und dann zeigte er auf die ſaffianenen Halbſtiefeln, welche die Füße des Weißen beſchützten. Nun ſah man den Weißen ſich auf den Sand ſetzen, und ſich ſeiner Fußbekleidung langſam und zögernd ent⸗ ledigen; vielleicht wollte derſelbe noch einige Secunden gewinnen. „O die Hunde! O die Teufel!“ rief Fabian. Aber Roſenholz legte ihm die Hand auf den Mund. „Schweig' doch,“ ſagte er,„nimm doch nicht da⸗ durch, daß du Deine Gegenwart zu hald verräthſt, die⸗ 160 ſem Unglücklichen die letzte Chance, die ihm bleibt! Raube ihm doch nicht unſern Schutz,— den Schutz, den wir ihm gewähren können, ſo bald er nur noch auf Schußweite von uns entfernt iſt!“ Fabian ſah ein, daß der Canadier Recht hatte, und ſchloß die Augen, um nicht das entſetzliche Schan⸗ ſiie ſehen zu müſſen, das vor ihm aufgeführt werden ollte. Endlich ſtand der Weiße zum zweiten Male auf⸗ recht da, und es verſchlangen ihn die Indianer, wäh⸗ rend ſie ſchon einen Fuß vorgeſetzt hatten, mit den Blicken. Der Schwarzvogel ſchlug ſeine beiden Hände gegen einander. Das Geheul, das auf dieſes Signal folgte, läßt ſich mit nichts Anderem vergleichen, als mit dem Ge⸗ brülle einer Meute von Jaguaren, die einer Anzahl von Damhirſchen nachſetzen. Zwar ſchien der unglückliche Ge⸗ fangene die Füße eines Hirſches zu haben; allein ſeine Verfolger ſchienen, jagenden Tigern ähnlich hinter ihm her und aufzuſpringen. Dank dem Vorſprunge, den er vor ihnen voraus gehabt, durchlief der Gefangene, ohne daß ihm etwas zuſtieß, einen Theil der Diſtanz, die ihn vom ufer des Fluſſes trennte. Aber bald machten ihn die Kieſelſteine, die ſeine Füße zerriſſen, ſo wie die ſcharfen Spitzen der Nopal⸗Pflanzen, welche dieſelben durchdrangen, wanken. Indeſſen hatte er immer noch einen kleinen Vorſprung vor ſeinen Verfolgern, als einer der Indianer mit einem Satze ihn erreichte, und ihm einen wüthenden Stoß mit ſeiner Lanze beibrachte. Die Waffe drang zwiſchen dem Körper und den Armen des Unglücklichen hindurch, und der Indianer ſchlug, durch die Gewalt dieſes verfehlten Stoßes das Gleichgewicht verlierend, auf den Sand hin. Gayferos— wir müſſen hier bemerken, daß dieß der Name des Weißen iſt,— ſchien einen Augenblick unſchlüſſig zu ſein, ob er die der Hand des Indianers hei ſeinem Sturze entfallene Lanze aufheben ſolle. Der 161 Inſtinkt der Selbſterhaltung aber ließ ihn ſeinen Lauf fortſetzen. Dieſes Zögern wurde für ihn verderblich. Die drei Jäger folgten, mit angelegtem Carabiner ängſtlich den verſchiedenen Chancen dieſes Kampfes, wo Einer gegen Zwanzig ſtand. Mit einem Male glänzte inmitten der Staubwolke, die durch dieſen verzweifelten Lauf erregt worden war, eine Axt über dem Kopf des unglücklichen Gayferos, der nun auch hinſtürzte, und in Folge des ſtarken von ihm genommenen Anlaufs faſt bis an das Ufer fortſchoß. Der Canadier wollte Feuer geben; nur die Furcht, den zu tödten, den er beſchützen wollte, hielt ſeinen Finger am Drücker zurück. Einen Augenblick, nur einen Augen⸗ blick zerriß der Wind den Staubſchleier ein wenig. Roſenholz feuerte nun, aber zu ſpät; der Indianer, der durch die Kugel des Jägers zu Boden geſtreckt ward, ſchwang das blutige Haupthaar des unglücklichen Ge⸗ fangenen, der verſtümmelt am Ufer lag, in der Hand. Auf dieſen unerwarteten Schuß, der von einem zu gleicher Zeit vom Canadier und vom Spanier ausgehen⸗ den Kriegsgeſchrei gefolgt war, antwortete das vereinte Geheul der Indianer. Die Apachen entfernten ſich von dem, der nur noch ein Cadaver zu ſein ſchien. Indeſſen ſah man bald den Leichnam blutbedeckt, und mit blos⸗ gelegtem Schädel, ſich vom Boden erheben, dann zwei Schritte fortſtürzen, und endlich, geblendet durch das in Strömen fließende Blut, erſchöpft wieder zuſammen ſinken. Der canadiſche Jäger bebte vor Zorn. „Ah!“ rief er,„wenn er noch einen Funken Leben hat, wenn er nur ſcalpirt iſt— denn davon ſtirbt man nicht,— dann können wir ihn noch retten! Ich rufe Gott zum Zeugen an.“ Der Waldläufer. U. 11 Pierunddreißigſtes Kapitel. Indianiſche Liſten. Während der Canadier den edlen Schwur that, den ihm die Indignation entriſſen hatte, ſchien es ihm, als ob eine flehende Stimme bis zu ihm dränge. „Fleht nicht der Unglückliche unſern Beiſtand an2“ ſprach er. Und zum erſten Male erhob er den Kopf über den durch den Schilf gebildeten Saum. Beim Anblicke der Fuchspelz⸗Mütze, die den Kopf des Rieſen bedeckte, und der langen und ſchweren Büchſe, die ſeine Hand wie eine Weidengerte zu handhaben ſchien, erkanuten die Apachen einen ihrer furchtbaren Feinde aus Mit⸗ ternacht, und alle wichen bei dieſer plötzlichen Erſchei⸗ nung, ſtarr vor Erſtaunen, zurück. Man darf nicht vergeſſen, daß, mit Ausnahme des Schwarzvogels, keiner der indianiſchen Krieger den Jäger der Geſtalt nach kannte. Letzterer heftete einen feſten und ſichern Blick auf das Ufer, wo Gayferos lag, und von dem die Apachen zurückgewichen waren. Er bemerkte den unglücklichen Scalpirten, der mit geſchwächter Stimme um Hilfe rief und nach dem Canadier ſeine zitternden Hände ausſtreckte. Der Indianer, der ihn ſealpirt hatte, hielt noch das Haar des weißen Kriegers in ſeinen durch den Tod krampfhaft zuſammen gepreßten Fingern. Bei dieſem furchtbaren Anblicke erhob ſich der Ca⸗ nadier, und ließ ſeine gigantiſche Statur in ihrer ganzen Höhe ſehen. „Rottenfener wider die Hunde!“ ſprach er,„und nicht, daß ſie uns nicht lebend greifen dür⸗ en!“ 163 Während Roſenholz dieſe Worte ſagte, ging er ganz entſchloſſen ins Waſſer hinein. Jeder andere Menſch würde bis zum Kopfe von demſelben bedeckt geweſen ſein; aber der Canadier ragte noch mit der ganzen Schulter über daſſelbe empor. Seine Büchſe erhielt die Feinde im Reſpekt. „Schießen Sie erſt nach mir,“ ſagte Pepe zu Fa⸗ bian,„ich habe eine ſicherere Hand, als Sie, und meine Kentuckier Büchſe trägt noch ein Mal ſo weit, als Ihre Lütticher Flinte. Auf jeden Fall aber machen Sie es wie ich, und ſchlagen Sie an! Sobald einer dieſer Hunde ſich rührt, müſſen Sie mir die Sorge überlaſſen, ihm die Luſt, uns zu ſchaden, zu vertrei⸗ ben.“ Der Spanier ließ ſein funkelndes Auge über die Feinde hinſchweifen, die ſich entfernt hielten, und be⸗ drohte mit dem Laufe ſeiner Büchſe jeden einzelnen Apachen,— bereit, beim geringſten Zeichen einer Feind⸗ ſeligkeit von ihrer Seite Feuer zu geben. Während dieſer Zeit ging der Canadier immer vorwärts, und das Waſſer nahm allmählig um ihn her ab, als ein Indianer ſein Gewehr anſchlug, um auf den kühnen Jäger zu feuern. Aber ein anderer Schuß verhinderte ihn daran, und der Indianer ließ nicht nur ſeine Waffe auf den Sand fallen, ſondern ſtürzte ſelbſt auf das Geſicht hin. „Nun iſt's an Ihnen, Don Fabian!“ ſprach Pepe, ſich auf den Boden werfend, um, der amerikaniſchen Gewohnheit in ſolchen Fällen gemäß, auf dem Rücken liegend ſeine Büchſe wieder zu laden. MNun drückte auch Fabian ab; aber ſein Schuß war nicht ſo ſicher, und die Tragweite ſeines Gewehrs nicht ſo beträchtlich: deßhalb ließ der Indianer, den er auf's Korn genommen hatte, nur einen Wuthſchrei hören, ohne zu Boden zu ſtürzen. Einige Pfeile umflogen den Canadier; aber Roſenholz bückte ſich entweder, oder wies ſie mit der Hand ab, und in dem Augenblick, 164 wo er mit einer Kaltblütigkeit, die ſich mit Nichts vergleichen ließ, den Fuß auf das Ufer ſetzte, hatte Pepe ſeine Büchſe wieder geladen, und war bereit, ein zweites Mal Feuer zu geben. Die Indianer wußten einen Augenblick nicht, was ſie thun ſollten, und es benützte ihn der Jäger, um den Körper des Gayferos aufzuheben. Der Unglückliche hatte, an die Schultern ſeines Retters feſtgeklammert, noch ſo viel Geiſtesgegenwart, um die Arme des Canadiers in ihren Bewegungen frei zu laſſen. Roſenholz aber ging, mit ſeiner Bürde auf dem Rücken, wieder in das Waſſer,— dieſes Mal jedoch rückwärts. Nur einmal ließ ſich die Büchſe des Canadiers hören, und ein Indianer antwortete mit einem Todesſchrei auf den Knall. Endlich imponirte dieſer Rückzug des Löwen, der durch das Feuer Fabians und Pepe's unterſtützt war, ihren Feinden, und einige Minuten darauf legte der ſiegreiche Roſenholz den armen, faſt ohnmächtigen Gayferos auf der Inſel nieder. „Nun wären drei von dieſen Hunden kampfunfähig gemacht!“ ſprach der Rieſe.„Wir werden einen Waf⸗ fenſtillſtand von einigen Minuten haben. Wohlan, Fabian, ſiehſt Du nun die Vortheile eines guten Rot⸗ tenfeuers? Die Spitzbuben haben vor der Hand ge⸗ nug. Dein Debüt iſt ſo übel nicht, und ich kann Dich verſichern, daß Du ein recht ordentlicher Schütze wer⸗ den wirſt, wenn Du, gleich uns, eine Kentuckier Büchſe haſt.“ Der augenblickliche Sieg, den ſie davon getra⸗ gen, ſchien die düſteren Gedanken des Canadiers ver⸗ ſcheucht zu haben. Sich zu Gayferos wendend, der ein dumpfes Geſtöhne hören ließ, ſagte er: „Wir ſind ein Bischen zu ſpät gekommen, um die Haut Ihres Schädels zu reiten, mein Junge; aber tröſten Sie ſich,— die Sache hat nicht gar viel zu bedeuten. Ich habe eine Menge Freunde, die ganz in 165 demſelben Falle ſind, wie Sie, und dabei ſich ſo übel nicht befinden; man erſpart damit nur einen Haarkräus⸗ ler: das iſt Alles. Vorderhand ſind Sie noch am Le⸗ ben, und das iſt die Hauptſache: wir wollen jetzt Sorge tragen, daß dieſe Rettung eine definitive wird.“ Einige Fetzen von den Kleidern des Gayferos wurden dazu benützt, um über ſeinen entblößten Schä⸗ del her eine rohe Compreſſe von zerdrückten und ſtark mit Waſſer genäßten Weidenblättern feſtzuhalten. Nach⸗ dem dieſer erſte Verband angelegt war, wurde das Geſicht des Mexikaners durch Waſchen von dem Blute befreit, das über daſſelbe herabgelaufen war, und ließ ſo von der gräßlichen Wunde Nichts mehr ſehen. „Siehſt Du,“ ſprach der Canadier, der ſich immer noch in dem Gedanken gefiel, daß er ſeinen Fabian würde bei ſich behalten können,„Du mußt die Gewohn⸗ heiten der Wüſte und die indianiſchen Sitten fennen lernen. Die Spitzbuben, die nun auf Koſten von Dreien ihrer Leute wiſſen, mit welchem Holz wir uns wärmen, haben ſich zurückgezogen, um den Verſuch zu machen, ob ſie nicht durch Liſt das zu Stande bringen könnten, was ſie mit Gewalt nicht haben zuwege brin⸗ gen können. Sieh doch nur, wie nach einem ſolchen Lärm Alles ſo ſtill iſt.“ Und in der That hatte die Wüſte wieder ihre dü⸗ ſtere Unbeweglichkeit angenommen. Die Blätter der Zittereſpen murmelten, bewegt durch den Abendwind, und unter den Strahlen der dem Untergange nahen Sonne fingen die Waſſer des Fluſſes an, die lebhaf⸗ teſten Farben anzunehmen. Jenſeits der Eng⸗Ausſicht, die der freie Raum zwiſchen den Bäumen geſtattete, zeigte die vor einem Augenblicke noch ſo geränſchvolle Ebene Nichts mehr, als eine ruhige Sandfläche, ähn⸗ lich der eines Sees. „Nun, was iſt Deine Meinung, Pepe? Sie ſind jetzt nur noch ſiebzehn Mann ſtark,“ ſagte der Canadier in naiv triumphirendem Tone. 166 „Wenn ſie nur ſiebzehn Mann ſtark ſind,“ ent⸗ gegnete Pepe,„dann könnten wir, meiner Seel', mit ihnen noch fertig werdenz wenn ſie aber Verſtärkung erhalten.... „Wir müſſen es darauf ankommen laſſen, obſchon das Wagniß nicht anders als ein furchtbares genannt werden kann; indeſſen ſteht unſer Leben in der Hand Gottes,“ verſetzte Roſenholz, der in ſo trauriger Weiſe auf ſeine Befürchtungen in Betreff Fabians zurückge⸗ führt wurde.„Ei, ſagen Sie uns doch, Freund,“ fuhr' er, ſich zu Gayferos wendend, fort,„gehören Sie nicht zu dem Lager Don Eſtevans?“ „Sie kennen alſo den Mann?“ ſprach der Ver⸗ wundete mit ſchwacher Stimme. „Ohne Zweifel. Und wie kommt es, daß Sie ſich von Ihrem Lager ſo weit entfernt haben?“ Der Verwundete erzählte, wie er ſich, auf den Befehl Don Eſtevan's, aufgemacht, um den verirrten Führer aufzuſuchen, und wie, nachdem er ſich ſelbſt verirrt, ſein böſer Stern gewollt habe, daß er von den Indianern bemerkt worden, die damit beſchäftigt gewe⸗ ſen, wilde Pferde einzufangen. „Wie nennen Sie dieſen Führer?“ fragte Fabian. „Cuchillo.“ Fabian warf Roſenholz einen ſchlauen Blick zu. „Ja,“ meinte der Jäger,„höchſt wahrſcheinlich iſt der Argwohn, den Du gegen dieſen in einer weißen Haut ſieckenden Teufel hegſt, nicht ganz ungegründet, und, Allem nach, führt er die Ervedition in's Gold⸗ thal; aber, mein Kind, ſind wir nicht ganz nahe dabei, wenn wir dieſen Spitzbuben von Indianern entrinnen? Haben wir aber einmal dort Poſto gefaßt, ſo werden wir leicht mit ihnen fertig, und ſollten ihrer es auch hundert ſein.“ Dieß war Fabian leiſe in's Ohr geſagt worden. „Noch ein Wort,“ ſagte der Canadier wieder zum 167 Verwundeten,„und dann wollen wir Sie ruhen laſſen: wie viel Leute hat Don Eſtevan noch bei ſich?“ „Etwa ſechzig,“ antwortete Gayferos. Nachdem er ſo erfahren, was er hatte wiſſen wol⸗ len, kühlte der Canadier zum zweiten Male den bren⸗ nenden und entzündeten Schädel des Verwundeten ab, wobei er ſich abermals friſchen Waſſers bediente; dann ſiel der Unglückliche, augenblicklich erleichtert, und dar⸗ auf durch die heftigen Gemüthsbewegungen und den großen Blutverluſt geſchwächt, in einen faſt lethargi⸗ ſchen Schlaf. „Jetzt wollen wir an unſere Angelegenheiten den⸗ ken,“ ſprach der Canadier.„Vorerſt aber wollen wir uns eine Verſchanzung bauen, die den Kugeln oder den Pfeilen mehr Widerſtand zu leiſten vermag, als dieſer ſich ſtets bewegende Blätter⸗ und Schilf⸗Saum. Habt Ihr gezählt, wie viele Carabiner dieſe Indianer haben?“ „Sieben, wenn ich mich nicht täuſche,“ antwortete der Exmiquelete. „Demnach ſind zehn unter ihnen minder zu fürch⸗ ten. Die Spitzbuben können uns weder rechts, noch links auf dieſem Floße angreifen, wenn ſie dem Laufe des Waſſers folgen. Wir dürfen uns alſo nur auf einen Angriff von beiden Ufern aus gefaßt machen; denn wahrſcheinlich machen ſie nun einen Umweg, um über den Fluß zu gehen und uns zwiſchen zwei Feuer zu nehmen.“ Die dem Ufer, an dem die indianiſchen Krieger ſich gezeigt hatten, entgegengeſetzte Seite war durch ungeheure Wurzeln, die, wie ſpaniſche Reiter, oder wie die Palliſaden einer Verſchanzung in die Höhe ſtanden, hinlänglich geſchützt; allein die Seite, auf der der An⸗ griff wahrſcheinlich erneuert werden ſollte, war bloß durch eine dichte, aber wenig ſolide Einfaſſung von Schilf und jungen Weiden gedeckt. Dank der außergewöhnlichen Kraft ſeiner Arme, 168 konnte der Canadier, unterſtützt von Pepe, an ven bei⸗ den Enden des Inſelchens, die gerade in der Richtung des Stromes lagen, einige große dürre Aeſte, ſowie Baumſtämme, die erſt ſeit kürzerer Zeit angeflößt wor⸗ den waren, ausreißen. In einigen Minuten hatten die zwei gewandten Jäger die ſchwächſte und am meiſten bedrohte Seite durch eine rohe, aber ſolide Verſchanzung geſchützt, die den Vertheidigern des In⸗ ſelchens mehr, als eine tödtliche Wunde erſparen konnte. „Siehſt Du, Fabian,“ ſagte Roſenholz,„Du biſt jetzt hinter dieſen Baumſtämmen ſo geſchützt, wie in einer aus lauter Steinen aufgeführten Feſtung. Du wirſt alſo einzig und allein den Kugeln ausgeſetzt ſein, die von den am Ufer ſtehenden Bäumen herab zu uns herüber kommen könnten, allein ich werde es ſchon zu machen wiſſen, daß keiner dieſer leibhaftigen Teufel die Spitze derſelben erreichen kann.“ Der Canadier rieb ſich die Hände, aus lauter Freude darüber, daß er zwiſchen Fabian und den Tod eine hinreichende Schranke geſtellt, und dann wies er dem Jünglinge ſeinen Poſten hinter dem am Beſten verſchanzten Orte an. 3 „Haſt Du auch ſchon bemerkt,“ fragte Roſenholz ſeinen Freund Pepe,„wie bei jeder Anſtrengung, die wir machten, um einen Aſt zu zerbrechen, oder ein Stück Holz loszureißen, das ganze Inſelchen zitterte?2“ „Ja,“ ſagte Pepe,„man hätte glauben können, es wolle ſich vom Grunde losreißen, um dem Laufe des Waſſers zu folgen.“ Aber die zwei Jäger fühlten jetzt, daß der Augen⸗ blick der Gefahr herannahte, und daß der Waffenſtillſtand zu Ende ging, um einem langen und mörderiſchen Kampfe Platz zu machen. Der Canadier empfahl ſeinen beiden Gefährten, ihre Munition ſo viel wie möglich zu ſparen. Dann gab er Fabian die zum beſſeren Treſfen nöthigen An⸗ . 169 leitungen. Nachdem dieß geſchehen, drückte er mit ſei⸗ ner lebhaft erregten Hand die des Spaniers, der ihm durch einen ſtillen Druck antwortete; und endlich drückte er Fabian mit unruhiger Zärtlichkeit, wie an dem Tage, wo er auf der See, während des Kampfes, von ihm getrennt worden war, an ſein Herz. Nachdem der menſchlichen Schwäche dieſer Tribut bezahlt war, ſtell⸗ ten ſich die drei Vertheidiger der Inſel ganz ruhig und mit einem Stoicismus, der von keinem Indianer hätte übertroffen werden können, auf ihren Poſten. Es verſtrichen einige Augenblicke, während welcher die gedrückte Reſpiration des Verwundeten, ſowie das Schlagen des Waſſers gegen den im Strome liegenden Floß das einzige Geräuſch war, welches das tiefe Schweigen der Natur zu der Stunde, wo die Sonne im Begriffe iſt, zu verſchwinden, ſtörte. Die Oberfläche des Fluſſes, der Gipfel der am ufer ſtehenden Zittereſpen, das Ufer ſelbſt mit ſeinem Schilfe,— Nichts entging der aufmerkſamen Prüfung der Jäger, denn die Nacht mit ihren vielen Fallſtricken rückte raſch heran. „Wir ſind nun in der Stunde, wo die Teufel der Nacht ihre Schlingen legen werden,“ ſprach Roſenholz ernſt:—„es naht nun die Stunde, wo dieſe menſch⸗ lichen Jaguare umherſtreichen, und ihre Beute ſuchen. Sie hat die heilige Schrift bezeichnen wollen.“ Niemand antwortete auf dieſe Phraſe des Cana⸗ diers, die mehr ein laut überſetzter Gedanke war, als eine Warnung, daß ſie ſich in Acht nehmen ſollten. Unterdeſſen wurde es allmählig vunkler. Die am ufer ſtehenden Geſträuche begannen die phantaſtiſchen Formen anzunehmen, die das ungewiſſe Licht der Däm⸗ merung den Gegenſtänden auf dem Lande verleiht. Das Grün der Bäume ging in kalte, ſchwarze Töne über; aber die Gewohnheit hatte den beiden Jägern, dem Canadier und dem Spanier das ſcharfe Auge der Indianer ſelbſt verliehen, und bei der Wachſamkeit, die 1 1 3 — —— ———————— — lee 17⁰ fie an den Tag legten, wäre Nichts im Stande gewe⸗ ſen, ihre geübten Sinne irre zu führen. „Pepe,“ hob der Jäger mit leiſerer Stimme wieder an, gleich als ob die erwartete Gefahr ſich plötzlich zeigte,„kommt es Dir nicht auch ſo vor, als habe der Strauch dort(bei dieſen Worten deutete er mit einem Finger, durch den Schilf hindurch, auf einen Weiden⸗ buſch) eine andere Geſtalt angenommen, und als habe er ſich vergrößert?“ „Ja,“ antwortete der Spanier,„der Buſch hat nicht mehr die nämliche Form.“ „Laß einmal ſehen, Fabian,“ fuhr der canadiſche Jäger fort,„kommt es Dir bei dem ſcharfen Blicke, den Du haſt, und den auch ich in Deinem Aiter hatte, nicht vor, als ob dieſer Weidenbuſch an ſeinem linken Ende ſeine Blätter nicht mehr ſo in die Höhe richte, wie man es bei denen ſieht, die der Saft der Wurzeln noch nährt?“ Der Jüngling drückte ein wenig den Schilf auf die Seite, und betrachtete den von Roſenholz angegebenen Punkt mit aufmerkſamem Auge. „Ich möchte darauf ſchwören,“ ſagte er,„aber... uſ Hier ſchwieg er, um ſein Auge weiter ſchweifen zu aſſen. „Wohlan!“ fragte der Canadier,„ſiehſt Du noch etwas Anderes, ja oder nein?“ „Ich ſehe dort unten,“ verſetzte Fabian,„zwiſchen jenem Weidenbaume und jener Zittereſpe, zehn Schritte von dem Weidenbuſche weg, einen Strauch, der vor einer Stunde gewiß noch nicht dort war.“ „Ah!“ ſagte der Canadier,„ſo geht es, wenn man fern von den großen Städten lebt: man merkt ſich die kleinſten Dinge in einer Landſchaft, und es werden die⸗ ſelben oft koſtbare Indizien; Du biſt geſchaffen, um ein Jägerleben zu führen, Fabian“. Pepe ſchlug in der Richtung des angegebenen Bu ſches an. „Pepe braucht man nicht mit dem Holzſchlägel zu 17¹ winken,“ ſprach Roſenholz:„er weiß ſo gut wie ich, daß die Indianer ihre Zeit dazu benützt haben, um dieſe Zweige abzuhauen, und ſich daraus einen tragba⸗ ren Schirm zu machen; allein es heißt dieß in Wahr⸗ heit die Weißen doch gar zu ſehr verachten, von denen vielleicht zwei ſie mit Liſten bekannt machen können, die ſie noch nicht kennen. Laß dieſen Buſch da Fabian,“ fuhr der Canadler, zu Pepe gewandt, fort.„Es wird dieß für ihn ein leichterer Zielpunkt ſein; ſchieß' Du ſelbſt aber auf die Zweige, deren Blätter zu verwelken anfangen. Hinter ihnen ſteckt der Indianer. In der Mitte, in der Mitte, Fabian!“ endigte er lebhaft. Es wurden zu gleicher Zeit zwei Schüſſe von der Inſel ſo abgefeuert, daß es nur einer zu ſein ſchien. Der fünſtliche Buſch ſank zuſammen, nicht ohne daß das Auge der beiden Jäger einen rothen Körper bemerkt hätte, welcher hinter den Blättern zappelte, und die zu dem andern Weidenbuſche hinzugefügten Zweige beweg⸗ ten ſich convulſiviſch. Pepe, Fabian und Roſenholz hatten ſich auf den Rücken geworfen. Die beiden Erſten luden ihre Gewehre wieder, während der Dritte bereit war, von dem ſeini⸗ gen Gebrauch zu machen. Es ſchlugen nun mit einem Male über den Köpfen der Jäger Kugeln ein, die Blätter und dünne Zweige zerſchmetterten. Letztere flogen um die Jäger her, wäh⸗ rend das Kriegsgeſchrei der überraſchten Indianer ihnen die Ohren zerriß. „Wenn ich mich nicht täuſche, ſo ſind es ihrer jetzt nur noch fünfzehn,“ ſprach der Canadier, indem er ein dürres Zweigchkü in fünf Stücke brach, und dieſe in den Boden ſteckte:„es iſt gut, wenn wir ihre Todten zählen.“ Roſenholz verließ ſeine horizontale Poſitur, um eine fniende Stellung anzunehmén. Die Sonne warf ihre letzten Tinten auf die Gipfel der Bäume. „Anfgepaßt, Kinder!“ ſprach er,„ich ſehe, wie die 172 Blätter einer Zittereſpe dort ſich bewegen, und gewiß iſt es nicht der Wind, der ſie ſo bewegt. Ohne Zwei⸗ fel iſt es einer von dieſen Schlingeln, der auf den Gipfel hinauſſteigt, oder ſchon hinauf geſtiegen iſt.“ Eine Kugel, die einen der die Flöße bildenden Stämme durchlöcherte, bewies, daß der Jäger nicht falſch gerathen hatte. „Der Teufel! wir müſſen die Sache pfiffiger an⸗ greifen, und den Indianer zwingen, ſich mehr bloß zu ſtellen.“ Mit dieſen Worten nahm er die ſeinen Kopf bede⸗ ckende Mütze ab, und zog ſein Wamms aus, um beide Kleidungsſtücke, durch die freien Räume zwiſchen den Aeſten hindurch, den Augen der Feinde ein wenig aus⸗ zuſetzen. Fabian ſah ſeinem Thun aufmerkſam zu. „Hätte ich nun,“ ſprach Roſenholz,„einen weißen Soldaten vor mir, ſo würde ich mich geradezu neben meinem Wammſe aufſtellen, denn der Soldat würde dar⸗ auf zielen; wenn ich es aber mit einem Indianer zu thun habe, dann muß ich mich hinter daſſelbe ſtellen, denn der rothe Krieger verfällt nicht in den Irrthum des Soldaten, ſondern ſchießt neben meine Kleider. Leg' Dich hin, Fabian, und auch Du, Pepe, laſſ' mich jetzt machen, in einer Minute werdet Ihr, links und rechts von der Zielſcheibe, die ich ihnen darbiete, Kugeln vor⸗ beipfeifen hören.“ Der Canadier kniete von Neuem hinter ſeinem Wammſe nieder, bereit, auf die Zittereſpe zu feuern. Er hatte ſich in ſeinen Vermuthungen nicht getäuſcht. Ehe noch eine Minute verſtrichen war, zerhackten die indianiſchen Kugeln die Blätter auf beiden Seiten des Wammſes und der Mütze, ohne aber den Canadier und ſeine zwei Gefährten zu treffen, die, links und rechts, beiſeit gegangen waren. Der Jäger ſchoß aufeine der Gabeln der Zittereſpe, wo ſich eine rothe Tinte zeigte, die für jedes andere Ange der der 173 Blätter im Herbſte ähnlich war, und noch war der Schuß nicht verhallt, als ein Indianer von Aſt zu Aſt rollte, wie eine Frucht, die von einem Hagelkorn getroffen worden. Ein wüthendes Geheul war die Antwort auf die⸗ ſen geſchickten Schuß des Canadiers, und es hallte daſ⸗ ſelbe ſo entſetzlich, daß man eiſerne Muskeln haben mußte, um bei dieſen ohrenzerreiſſenden Modulationen nicht vor Schrecken zu beben. Der Verwundete ſelbſt, die die bisherigen Schüſſe nicht aufzuwecken vermocht hatten, ſchüttelte einen Augenblick ſeine Lethargie ab, um mit zitternder Stimme zu murmeln: „Virgen de los Polores! Sollte man nicht glau⸗ ben, es heule ein Haufen Tiger in der Finſterniß? Heilige Jungfrau! erbarme Dich meiner!“ „Danken Sie ihr lieber,“ unterbrach ihn der Ca⸗ nadier,„die Spitzbuben könnten mit ihrem Rottenge⸗ heul“ einen Neuling täuſchen, wie Sie ſind, nicht aber einen alten Waldläufer. Sie haben Abends in den Wäldern Schakale gehört, die heulten und einander antworteten, als ob es ihrer hundert wären, und doch ſind es ihrer oft nur drei bis vier. Die Indianer ah⸗ men die Schakale nach, und ich wollte eine Wette dar⸗ auf eingehen, daß ſie jetzt hinter dieſen Bäumen nicht über zwölf Mann ſtark ſind. Ach! könnte ich es ſo weit bringen, daß ſie durch das Waſſer herüberkämen, ſo würde auch nicht einer von ihnen übrig bleiben, um ihre Niederlage in ſeinem Dorfe zu melden.“ Gleich als ob ihm plötzlich ein Gedanke durch den Kopf gefahren wäre, ließ Roſenholz ſeine beiden Gefähr⸗ ten auf den Rücken niederliegen. Der erhabene Rand des Inſelchens und die Baumſtämme ſchützten ſie hin⸗ länglich, ſo lange fie auf dem Boden lagen. „So lange wir ſo da liegen, ſind wir in Sicher⸗ heit,“ fuhr er fort,„es handelt ſich nur darum, daß wir auf die Gipfel der Bäume achten: nur von dort aus können ſie uns treffen. Wir wollen nur dann ſchießen, wenn wir Einige auf die Weidenbäume hinaufklettern — F 1 — 174 ſehen; für den andern Fall aber wollen wir uns mauſe⸗ todt ſtellen. Die Spitzbuben werden nicht ohne unſere Kopfhäute heimgehen wollen, und darum werden ſie ſich noch entſchließen, zu uns herüberzukommen.“ Dieſer Entſchluß ſchien dem Jäger vom Himmel eingegeben worden zu ſein, denn kaum hatten ſie ſich auf den Boden gelegt, als ein Kugel⸗ und Pfeil⸗Hagel die Schilfeinfaſſung durchlöcherte und zerhackte; auch die Aeſte, hinter denen ſie eine Minute vorher geweſen wa⸗ ren, wurden zerriſſen. Indeſſen traf ſie kein Pfeil und keine Kugel in ihrem horizontalen Laufe. Plötzlich riß der Canadier ſein Wamms und ſeine Mütze weg, gleich als ob er ſelbſt unter den Schüſſen ſeiner Feinde ge⸗ fallen wäre, und es herrſchte nach dieſem ſcheinbar ſo mörderiſchen Feuer auf dem Inſelchen die tiefſte Stille. Ein wildes Triumphgeſchrei folgte auf dieſe Stille, die erſt einen Augenblick darauf durch ein neues allge⸗ meines Feuer geſtört wurde. Aber auch dieſes Mal blieb das Inſelchen ſo düſter ſtumm, wie der Tod. „Steigt nicht noch einer dieſer Hunde auf den Wei⸗ denbaum dort hinauf?“ fragte Pepe. „Jaz beantworten wir aber ſein Feuer nicht, und rühren wir uns nicht, gleich als wären wir todt. Wir wollen es in Gottes Namen riskiren. Dann wird er herab⸗ ſteigen, und zu ſeinen Genoſſen fagen, er habe die Cadaver der vier blaſſen Geſichter auf dem Boden liegen ſehen.“ Ungeachtet der Gefahr, die mit dieſer Kriegsliſt verbunden war, wurde der Vorſchlag des Canadiers an⸗ genommen, und es blieb Jeder unbeweglich auf dem Boden liegen, nicht ohne Angſt alle Manipulationen des Indianers beobachtend. Nur mit äußerſter Behutſam⸗ keit hißte ſich der rothe Krieger von Aſt zu Aſt, bis er endlich die nöthige Höhe erreicht hatte, um das Innere des ſchwimmenden Inſelchens zu beherrſchen. Es war noch ſo weit Tag, daß man auf der Inſel keine der Bewegungen des Indianers verlor, wenn ihn das Laub nicht ganz verbarg. Als er endlich die ge⸗ — v——— ——„ 8*» E ⸗ er re el n * 175 wünſchte Höhe erreicht hatte, kauerte der Indianer auf einem dicken Aſte nieder; ſodann ſtreckte er den Kopf vorſichtig heraus. Der Anblick der auf dem Boden der Inſel liegenden Cadaver ſchien ihn nicht zu über⸗ raſchen. Indeſſen vermuthete er vielleicht doch eine Liſt, denn mit einer Kühnheit, die das Beiſpiel eines ſeiner Kameraden, der auf demſelben Baume getödtet worden war, nicht ermuthigen konnte, zeigte ſich der Apache mit dem ganzen Körper, und ſchlug in der Richtung der Inſel an; ſein Auge ſchien, gleich dem der Schlange, ſeine Feinde bezaubern zu wollen; plötzlich hob er den Lauf ſeiner Waffe noch einmal in die Höhe, und zielte abermals; dann wiederholte er dieſelbe Manipulation verſchiedene Male hinter einander, aber die Jäger rühr⸗ ten ſich ſo wenig, als ob ſie wahre Leichname geweſen wären. Da ſtieß der Jäger einen Triumphſchrei aus. „Aha! der Hai beißt an!“ ſprach Roſenholz. „Ich werde dieſe Hundeſeele wieder erkennen,“ ſprach Pepe ſeinerſeits, und wenn ich dem Kerl nicht einen ebenſo unbehaglichen Augenblick bereite, wie er mir, ſo wird die Schuld nur daran liegen, daß die Kugel, die er zu uns herüberſchickt, mich daran hindert.“ „Es iſt der Schwarzvogel,“ antwortete Roſenholz; „er iſt zu gleicher Zeit tapfer und klug, wie ein Häupt⸗ ling.“ Der Indianer richtete den Lauf ſeines Gewehrs abermals auf die Körper, die dem Anſchein nach leblos da lagen; dabei zielte er mit eben ſo viel Ruhe, wie der Schütze, der an einem Kirchweihfeſte den erſten Preis zu gewinnen ſucht, und endlich beſchloß er, zu feuern. In demſelben Augenblicke traf ein Splitter, der von einem Baumſtamme, zwei Linien vom Kopfe des Spa⸗ niers weg, losgeriſſen wurde, die Stirne des Letzteren, und verletzte dieſelbe. Pepe rührte ſich eben ſo wenig, wie das abgeſtor⸗ 176 bene Holz, gegen das er ſich lehnte, und begnügte ſich damit, daß er ſagte: „Vermaledeite Rothhaut! Ich werde bald genug mit Dir abrechnen!“ Einige Blutstropfen waren dem Canadier in's Ge⸗ ſicht geſpritzt.* „Iſt Jemand verwundet?“ fragte er mit bebender Stimme. „Ein leichter Ritz, weiter Nichts!“ antwortete der Ermiquelete. „Gott ſei gelobt!“ Der Indianer ſtieß nun einen neuen Schrei der Freude aus, und ſtieg von ſeinem Baum herab. Die drei Jäger athmeten wieder frei. Indeſſen war der Erfolg ihrer Liſt noch nicht voll⸗ ſtändig. Es mußten den Indianern noch verſchiedene Zweifel bleiben, denn eine lange und feierliche Stille folgte auf den letzten Schuß des Apachen. Die Sonne ging unter; eine kurze Dämmerung verbreitete über die ganze Natur eine matte Farbe; die Nacht kam heran, und der Mond glänzte auf dem Fluſſe, ohne daß die rothen Krieger ein Lebenszeichen von ſich gegeben hätten. „Sie möchten gar zu gern unſere Kopfhäute haben; allein ſie trauen noch nicht recht!“ ſprach Pepe, indem er ein Gähnen der Langweile unterdrückte. „Geduld!“ antwortete der Canadier,„die Indianer ſind wie die Geier, die den Leichnam eines Menſchen erſt dann zu zerhacken wagen, wenn derſelbe anfängt, in Fäulniß überzugehen,— ſich am Ende aber dennoch dazu entſchließen. Die Apachen werden es wie die Geier machen. Und jetzt wollen wir uns wieder auf unſere Poſten hinter den Schilf ſtellen.“ Die Jäger ſtützten ſich langſam wieder auf ein Knie, und fingen von Neuem an, die Bewegungen der Apachen zu überwachen. Einen Augenblick ſchien das ihnen gegenüberliegende Ufer noch verödet; indeſſen ließ 177 ſich bald ein Indianer blicken, obwohl unter Anwendung aller möglichen Vorſicht, um vorerſt die Geduld des Feindes auf die Probe zu ſetzen, im Falle hinter ſeiner Unbeweglichkeit irgend eine Liſt ſtecken ſollte; dann trat ein anderer Krieger zu ihm heran, und es gingen nun beide mit wachſendem Vertrauen auf das Waſſer zu; endlich zählte der Canadier nicht weniger, als zehn Krie⸗ ger, deren bemalte Haut der Mond beleuchtete. „Die Indianer werden, wenn ich ſie recht kenne, hinter einander durch den Fluß waten,“ ſagte Roſen⸗ holz;„Du, Fabian, nimmſt den erſten auf's Korn; Pepe zielt auf die Mitte, und ich will dem vorletzten ſeinen Theil geben. Auf ſolche Weiſe können ſie, da ſie durch Lücken von einander getrennt ſind, uns nicht auf einmal borden; und wir werden dann leichter mit ihnen fertig. Es wird ein Kampf Mann gegen Mann ſein, Fabian, mein Kind; während Pepe und ich ſie mit dem Meſſer in der Hand erwarten, brauchſt Du bloß unſere Büch⸗ ſen wieder zu laden, und uns dieſelben zu überreichen. Was Dich betrifft, Fabian, ſo verbiete ich Dir, beim Geiſte Deiner Mutter, Dich bloß mit blanker Waffe mit dieſen Hunden zu meſſen!“ Während der Canadier mit Ertheilung dieſer verſchie⸗ denen Verhaltungsbefehle fertig wurde, ging ein Krie⸗ ger von hohem Wuchſe in den Fluß hinein, und es be⸗ leuchtete der Mond nach und nach noch zehn Indianer. Alle wateten mit ſo vieler Vorſicht fort, daß kein Ge⸗ räuſch ihre Schritte verrieth. Man hätte glauben kön⸗ nen, es ſeien die Schatten von aus dem Lande der Gei⸗ ſter zurückgekommenen, und auf dem Waſſer ſtille ein⸗ herſchleichenden Kriegern. Der Waldläufer. M. 12 Fünfunddreißigſtes Kapitel. Der Schwarzvogel. Der Tod ſchien den Augen der Indianer, inmitten der ſtillen Finſterniß, über der Inſel zu ſchweben, denn die Jäger hielten ſogar ihren Athem zurück, und doch näherten ſich die Apachen nur mit unendlicher Vorſicht. Der erſte in der Reihe war an einem Orte angekommen, wo das Waſſer anfing, tiefer zu werden. Es war der Schwarzvogel, und der letzte Indianer verließ kaum das entgegengeſetzte Ufer. Es war nun der Augenblick gekommen, die Befehle des Canadiers auszuführen. Eben wollte Fabian auf den Führer der Indianer⸗ reihe feuern, zum großen Bedauern Pepe's, der dem⸗ ſelben Revanche zu geben hatte, als der Schwarzvogel, ſei es daß er einige Gefahr ahnte, ſei es daß ein auf den Gewehr⸗Lauf eines der Jäger gefallener Mondſtrahl ihn warnte, plötzlich untertauchte. „Feuer!“ rief Roſenholz. Zu gleicher Zeit ſtürzte der die Reihe ſchließende Indianer im Waſſer zuſammen, um nicht wieder auf⸗ zuſtehen; zwei andere, die Fabian und der Spanier, ſo zu ſagen, recht behaglich auf's Korn genommen hatten, zappelten ſich noch einige Augenblicke im Waſſer ab, das ſie aber bald bewegungslos mit fortriß. Pepe und der Canadier hatten ihre Carabiner raſch hinter ſich geworfen, damit ſie, der Verabredung ge⸗ mäß, von Fabian wieder geladen würden. Sie ſelbſt ſtanden dieſes Mal aufrecht am Rande der Inſel, mit vorgeſtrecktem Beine, und mit dem Meſſer in der Hand, um nun Mann gegen Mann zu kämpfen. „Die Apachen ſind noch ſieben an der Zahl,“ rief 179 mit einer Donnerſtimme der Canadier, der vor Begierde brannte, ihnen das Garaus zu machen, und deſſen An⸗ tipathie beim Anblicke der Indianer neu erwachte. „Werden ſie es wagen, die Kopfhäute zweier Weißen zu holen?“ Aber das Verſchwinden ihres Führers, ſo wie der Tod dreier der ihrigen hatte die Indianer außer Faſ⸗ ſung gebracht: ſie ſtohen zwar nicht, aber doch blieben ſie unentſchloſſen, und unbeweglich, wie ſchwarze, durch das mondbeglänzte Waſſer des Fluſſes halb bedeckte Felſen. „Können die rothen Krieger nur Leichname ſkal⸗ piren?“ ſetzte Pepe mit verächtlichem Lachen hinzu. „Sind die Apachen wie die Geier, die bloß Todte zer⸗ hacken? So kommt doch heran, ihr Hunde, ihr Geier, ihr feige Weiber!“ brüllte der Spanier beim Anblicke ſeiner Feinde, die dieſes Mal raſch ans Ufer zurück⸗ gingen. Plötzlich bemerkte er in einiger Entfernung einen ſchwarzen, auf dem Rücken ſchwimmenden Körper; al⸗ lein funkelnde, und noch ſchwärzere Augen bewieſen, daß es kein Leichnam war, obgleich die ausgeſtreckten Arme und die Unbeweglichkeit des Körpers es hätten glauben laſſen können. „Don Fabian, ums Himmelswillen, meinen Cara⸗ biner her! Es iſt der Schwarzvogel, der ſich todt ſtellt und von der Strömung forttragen läßt. Der Hund konnte mir keine beſſere Revanche geben.“ Pepe nahm den Carabiner aus den Händen Fa⸗ bians und zielte auf den ſchwimmenden Körper. Allein mit Ausnahme der Augen des Kriegers, die in ihren Höhlen wie feurige Kohlen brannten, bewegte ſich auch nicht einer ſeiner Muskeln. Pepe ſenkte ſeinen Carabiner. „Ich habe mich geirrt,“ ſprach er lautz„die Wei⸗ ßen verſchießen ihr Pulver nicht unnütz, wie die India⸗ ner, und feuern nicht auf Leichname,“ 180 Der Körper ſchwamm immer noch auf dem Rücken, mit weit auseinander ſtehenden Beinen und gekreuzten Armen, die Strömung trieb ihn ſanft dem Ufer zu. Pepe nahm wieder ſeine Büchſe, und zielte abermals, und zwar noch ſorgfältiger, als das erſte Mal; dann ließ er den Schaft ſeines Carabiners von Neuem auf den Boden fallen, und als der Spanier glaubte, daß der invianiſche Häuptling Angſt genug ausgeſtanden, feuerte er, worauf der Leichnam zu ſchwimmen auf⸗ hörte. „Haſt Du ihn getödtet?“ ſagte der Canadier. „Nein; ich habe ihm bloß eine Schulter zerſchmet⸗ tern wollen, damit er des Schauders, den er mir ver⸗ urſacht, und des Verraths, den er uns vorgeſchlagen, ſtets eingedenk ſein möge. Wäre er todt, ſo würde er immer noch ſchwimmen.“ „Du hätteſt beſſer gethan, wenn Du ihn getödtet hätteſt,“ antwortete Roſenholz.„Ah!“ rief er mit dem Fuße auf den Boden ſtampfend,„was iſt jetzt zu thun? Ich hoffte, daß es uns gelingen würde, dieſen Teufeln, einem nach dem andern den Bauch außzuſchlitzen, und nun iſt Alles wieder von vorn anzufangen. Wir können nicht durch den Fluß waten, um ſie anzugrei⸗ fen.“ „Und doch wäre dieß das Klügſte.“ „So lange ich Fabian bei mir habe, werde ich mich nie dazu entſchließen,“ antwortete Roſenholz mit leiſer Stimme;„ſonſt wäre ich ſchon auf das andere Ufer geflohen,— auf das Ufer, das dem von den Indianern beſetzten gegenüberliegt; denn Du kennſt ſie zu gut, um nicht zu wiſſen, daß ſie, gleich hungerigen Wölfen, dort nur Rache ſchnauben.“ Der Spanier zuckte mit einer heroiſchen Reſig⸗ nation die Achſeln. Er kannte ebenſo gut, wie der Ca⸗ nadier, die unbezwingliche Rachſucht der Indianer.* „Du haſt wohl Recht,“ antwortete erz„allein wir 181 müſſen uns entweder zum Fliehen oder zum Dableiben entſchließen.“ „Wären wir zwei allein, ſo würden wir gewiß keine Minute brauchen, um die andere Seite des Fluſſes zu erreichen. Zwar würden uns die ſieben übriggebliebenen indianiſchen Reiter einholen, allein wir zwei würden ſie meiſtern, da wir ſchon Schwierigeres ausgeführt haben.“ „Das wäre beſſer, als hier blockirt zu bleiben,— wie Füchſe, die man in ihrem Loche durch Rauch er⸗ ſticken kann.“ „Ganz einverſtanden!“ antwortete Roſenholz, in Gedanken verſunken;„aber Fabian! aber der unglück⸗ liche Skalpirte, den wir nicht ſo den Schindern über⸗ laſſen können, von denen er bereits ſo grauſam ver⸗ ſtümmelt worden! Warten wir wenigſtens, um unſern Fluchtverſuch auszuführen, bis der untergehende Mond der Nacht ihre gewöhnliche Finſterniß wieder ſchenkt.“ Und der Greis ließ ſeinen Kopf mit einem Aus⸗ vrucke der Entmuthigung, der auf den Spanier einen traurigen und peinlichen Eindruck machte, auf die Knie herabſinken. Der Canadier entſagte ſeiner düſteren Hal⸗ tung nur, um einen ängſtlichen Blick auf den Himmel zu werfen, allein der Mond glitt, wie immer, nur lang⸗ ſam über die ſternenbeſäete Azurfläche hin. „Es ſei!“ ſprach Pepe, indem er neben ſeinem Ge⸗ noſſen Platz nahm.„Aber ſiehe da! Es ſtecken hier fünf Stücke Holz im Boden,— es ſind fünf todte Apachen; fügen wir noch drei andere hinzu, ſo ſind es ihrer acht. Es mußten daher noch zwölf am Leben ſein. Warum haben wir nun aber bloß zehn im Fluſſe gezählt? Ich glaube daher mich nicht zu täuſchen, wenn ich annehme, daß der Schwarzvogel die zwei, welche fehlten, abge⸗ ſchickt hat, um Verſtärkung zu holen.⸗ „Das iſt möglich,“ verſetzte Roſenholz.„Es ſind zwei fürchterliche Alternativen: hier bleiben oder fliehen zu müſſen.“ 182 Als indeſſen die drei Jäger ein frugales, aus an der Sonne gedörrtem Fleiſche und ein wenig grobem Maismehl beſtehendes Mahl beendigt hatten, fielen die Mondſtrahlen ſchon ſchiefer auf die kleinen Wirbel im Waſſer; ſchon hatte ſich der Schatten über einen Theil des Gipfels der Bäume gelagert. Es war ſeit dem Verſuche der Indianer über eine Stunde verfloſſen, und obgleich kein Geräuſch die Stille der Nacht ſtörte, ſo horchte doch Pepe, der weniger in Gedanken verſunken war, als Roſenholz, bisweilen mit einem an Unruhe ſtreifenden Gefühle. „Dieſer vermaledeite Mond will denn nie unter⸗ gehen!“ ſagte er.„Ich bin unruhig; es ſcheint mir, ich höre das Waſſer gleichſam unter unſern Füßen hin und herſchlagen, und dieſes Geräuſch iſt nicht das der Wir⸗ bel des Fluſſes; auch kommen die Büffel nicht um dieſe Stunde der Nacht an das Waſſer, um da zu ſaufen.“ Mit dieſen Worten ſtand der Spanier auf, und neigte ſich, um ſowohl den Fluß hinauf, als denſelben hinab, das heißt, rechts und links in der ganzen Aus⸗ dehnung ſeines Laufes hin, zu ſehenz allein ſowohl ſtromab⸗, als ſtromaufwärts breiteten Nebelſäulen, die wirbelnd emporſtiegen, in ganz kurzer Entfernung von dem Auge des Jägers einen undurchdringlichen Schleier aus. Die Kühle der amerikaniſchen Nächte, welche auf die glühende Hitze des Tages folgt, condenſirt ſo die Ausdünſtungen der Erde und des durch die Sonne erhitzten Waſſers zu dicken Wolken. „Ich ſehe Nichts, als den Nebel,“ ſprach Pepe ärgerlich. Indeſſen erſtarb nach und nach das unbeſtimmte Geräuſch, das bis zu dem Ohre des ſpaniſchen Jägers gedrungen war, und es wurde in der Luft wieder ruhig und ſtill. Es verſtrich abermals ein langer Augenblick; der Mond ſenkte ſich immer mehr; die wandelnden Stern⸗ bilder ſtanden nicht mehr im Mittelpunkte des Himmels; die Natur ſchlummerte unter ihrem weißen Dunſtbal⸗ 183 dachin, als die Vertheidiger der Inſel mit einem Male zuſammen fuhren, und einander beſtürzt anſahen. Auf beiden Ufern hatte ſich zu gleicher Zeit ein ſo gewaltiges, ſo durchdringendes, ſo lange anhaltendes Geheul erhoben, daß, als die Mäuler, die es hatten hören laſſen, ſich bereits wieder geſchloſſen hatten, die Echos der beiden ufer noch fortheulten. Nun war es aus mit der Flucht: die Indianer hielten die Inſel von heiden Seiten umſchloſſen. Die beiden Jäger waren zu erfahren, um daran noch zu zweifeln. „Der Mond kann nun untergehen!“ rief Pepe⸗ indem er die Fäuſte wüthend ballte.„Ah! ich ſagte es doch, daß ich den beiden Abweſenden und dem Geräu⸗ ſche, das ich hörte, nicht traute; es waren Indianer, die auf das andere Ufer hinübergingen. Wer weiß nun, von wie vielen Feinden wir umringt ſind?“ „Was liegt daran,“ antwortete der Canadier mit vuſterer Miene,„ob hundert Geier unſere Leichname zerhacken, wenn wir zu beben aufgehört haben; ob hun⸗ dert Indianer um dieſelben herheulen?“ „Du haſt Recht: unter ſolchen Umſtänden liegt Nichts daran, ob die Zahl größer oder kleiner iſt; aber es muß ein Tag des Triumphes für die Indianer ſein: gewiß verlieren die Geier dabei.“ „Du wirſt doch nicht Deinen Todesgeſang anſtim⸗ men wollen, wie die Indianer, die, wenn ſie an den Pfahl gebunden ſind, die Kopfhäute aufzählen, die ſie ihren Opfern abgeſchunden haben?“ „Und warum denn nicht? Es iſt das eine ſehr löbliche Gewohnheit; man ſtirbt leichter als ein Held, wenn man ſich erinnert, daß man als Mann gelebt hat.“ „Denfen wir lieber daran, wie wir es anzufan⸗ gen haben, um als Chriſten zu ſterben,“ antwortete Roſenholz. 184 Dann zog er Fabian zu ſich hin und ſprach weiter: „Ich kann mir nicht genau Rechenſchaft von dem geben, mein vielgeliebtes Kind, was ich in meinen Träumen Dir zudachte. Ich bin halb wild und halb civilifirt, und meine Träume geſtalteten ſich darnach. „Bald wollte ich Dir die Herrlichkeiten der Welt, Deine Ehren, Deine Titel zurückgeben, und uoch alle Schätze des Goldthales denſelben beifügen; bald ſah ich für Dich nichts Beſſeres, als die Herrlichkeiten der Wüſte, als die majeſtätiſchen Harmonien, die den Menſchen beim Schlafengehen einwiegen, und beim Er⸗ wachen wieder begrüßen; was ich aber ſagen kann, iſt, daß der Gedanke, der mein Herz beherrſchte, der war, daß ich Dich nie verlaſſen würde. Müſſen wir uns denn nun im Tode vereinigt finden? Mußt Du, noch ſo jung, ſo tapfer, ſo ſchön, ein und daſſelbe Schickſal erleiden mit einem Manne, den man morgen in dieſer Welt entbehren könnte?“ „Wer auf dieſer Welt würde mich lieben, wenn Sie nicht mehr da wären?“ antwortete Fabian mit einer Stimme, der das Verzweiflungsvolle dieſer Lage Nichts von der gewohnten Sanftheit und Feſtigkeit nahm.„Ehe ich Sie wieder fand, hatte ſich die Erde über Allem, was ich liebte, geſchloſſen, und das einzige lebende Weſen, welches mir das erſetzen konnte, waren Sie. Was ſollte mich noch an dieſe Welt feſ⸗ ſeln?“ „Die Zukunft, mein Kind, die Zukunft, in welche die Jugend ſich zu ſtürzen ſtrebt, wie ein vom Durſte gequälter Hirſch das Waſſer eines Sees ſucht Hier unterbrachen Schüſſe, deren Knall durch die Entfernung gebämpft wurde, die trüben Reflexionen des alten Jägers. Es war die Stunde, um welche die Indianer das Lager Don Eſtevan's angriffen. Sie deuteten auf einen erbitterten Kampf zwiſchen den Weißen und den Indianern hin. Der Leſer kennt den — 5 — — * 185 Ausgang deſſelben. Eine ſtarke Stimme, die ſich auf dem den Jägern gegenüber liegenden Ufer hören ließ, vermiſchte ſich mit dieſen wiederholten Schüſſen. „Mögen die Weißen ihre Ohren öffnen!“ ſprach die Stimme. „Es iſt abermals der ſpitzbübiſche Schwarzvogel,“ bemerkte Pepe, der die Stimme des von ihm verwun⸗ deten Häuptlings wieder erkannte. Und in der That hielten ihn zwei Krieger auf ihren Armen. „Wozu ſollen wir die Ohren öffnen?“ ſchrie Pepe mit einer Stentorſtimme, indem er ſich eines Gemiſches von ſpaniſchen und apachiſchen Wörtern bediente;„die Weißen lachen der Drohungen des Schwarzvogels, und verachten ſeine Verſprechungen.“ „Gut,“ antwortete der Indianer,„die Weißen ſind tapfer, und ſie werden ihre ganze Tapferkeit von⸗ nöthen haben. Die Weißen aus Mittag werden in dieſem Augenblicke angegriffen; warum ſtehen die Män⸗ ner aus Mitternacht nicht auch wider dieſelben?“ „Weil Du da biſt, Pechvogel; weil Löwen nicht mit Schakalen jagen; weil Schakale nur heulen kön⸗ nen, während der Löwe zerreißt und verſchlingt. Nimm dieſes Compliment hin, Du Schlingel! es iſt die feinſte indianiſche Redeblume!“ ſetzte Pepe in erbittertem Tone hinzu. „Es iſt gut!“ antwortete der Häuptling.„Die Wei⸗ ßen machen es wie der beſiegte Indianer, der ſeinen Beſieger inſultirt. Aber der Adler lacht der Schimpf⸗ worte des Spottvogels, der alle Stimmen nachahmt, und der Adler verſchmäht es, mit dem Spottvogel zu ſprechen.“ Mit wem will er denn ſprechen?“ rief Pepe, den dieſer Vergleich nicht ſanfter ſtimmte. „Er will mit dem Rieſen ſprechen, mit ſeinem Bru⸗ der, mit dem Adler aus dem Schneegebirge, der es ver⸗ ſchmäht, die Sprache der andern Vögel nachzuäffen.“ 186 „Was willſt Du von ihm?“ ließ ſich die Stimme des Canadiers hören. „Der Indianer möchte hören, wie der Kriege aus Mitternacht ihn um ſein Leben bittet,“ verſetzte der Häuptling. „Ich habe eine entgegengeſetzte Bitte an Dich zu richten,“ ſprach Roſenholz. „Ich höre,“ erwiederte der Indianer. „Wenn Du bei der Ehre eines Kriegers, bei den Gebeinen Deiner Väter ſchwörſt, daß Du meinen drei Gefährten das Leben laſſen willſt, ſo gehe ich allein und ohne Waffen zu Dir hinüber, und bringe Dir meine juckende Kopfhaut. Dieß wird ihm Luſt machen!“ ſetzte der arme Roſenholz leiſer hinzu. „Biſt Du toll, Roſenholz?“ ſchrie Pepe, gleich einem verwundeten Tiger aufſpringend. Fabian ſtürzte auf den Canadier zu. „Sobald Sie einen Schritt thun, um zu den In⸗ dianern hinüber zu gehen, erdolche ich mich,“ ſagte der Jüngling mit vieler Wärme. Dem rauhen Jäger ging bei den Lauten dieſer zwei Stimmen, die er ſo ſehr liebte, das Herz auf. Der In⸗ dianer ſchwieg, wahrſcheinlich um ſich zu beſinnen. Nachdem das Schweigen einen Angenblick gedauert hatte, hob der Indianer wieder an: „Der Schwarzvogel verlangt, daß der Weiße aus Mitternacht ihn um ſein Leben bitte, und der Weiße aus Mitternacht verlangt von ihm den Tod. Sie kön⸗ nen einander nicht verſtehen. Mein Wille iſt der: der Mann aus Mitternacht ſoll ſeine Gefährten verlaſſen, und dann ſchwöre ich ihm bei der Ehre eines Kriegers, bei den Gebeinen meiner Väter, daß ihm, aber nur ihm allein Nichts geſchehen ſoll: die drei Andern aber müſ⸗ ſen ſterben!“ Roſenholz verſchmähte es, auf dieſes Anerbieten zu antworten, da es noch ſchimpflicher war, als das erſte, das, wie unſere Leſer wiſſen, darin beſtand, daß der * 187 Häuptling ſich mit den Jägern verbinden wollte, um gemeinſchaftlich gegen die Merikaner zu ziehen. Der in⸗ dian„Häuptling wartete daher vergebens auf die An⸗ nahme oder Zurückweiſung der Vorſchläge, die er dem Canadier gemacht. Dann fuhr er alſo fort: „Die Weißen werden nun, bis ihre Todesſtunde herannaht, die Stimme eines Häuptlings zum letzten Male hören. Meine Krieger hatten das Inſelchen, wie den Fluß, von vier Seiten umſchloſſen. Es iſt indiani⸗ ſches Blut gefloſſen, daſſelbe ſchreit um Rache: das Blut der Weißen ſoll nun auch fließen. Aber der Indianer will dieſes Blut nicht, ſo lange es durch die Aufregung des Kamofes erhitzt iſt: er will es nur dann, wenn es durch den Schrecken eiskalt geworden und durch den Hunger geſchwächt iſt. Er wird die Weißen lebendig fangen; und wenn er ſie in ſeinen Klauen hält, nicht mehr als Krieger, ſondern als hungrige Hunde, die um einen dürren Büffelknochen heulen, behandelnz dann wird der In⸗ dianer ſehen, was Menſchen in ihren Eingeweiden haben, die durch die Entbehrung und die Furcht zum Vieh her⸗ abgeſunken ſind. Der Indianer wird aus ihrer Haut einen Sattel für ſein Schlachtpferd machen, und jede ihrer Kopfhäute wird er an ſeinen Steigbügeln und auf dem Rücken ſeines Pferdes wie eine Trophäe ſeiner Rache befeſtigen. Meine Krieger werden die Inſel vier⸗ zehn Tage, und wenn es nöthig iſt, eben ſo viele Nächte umſchloſſen halten, um ſich des Auswurfs der weißen Race zu bemächtigen.“ Nach dieſen furchtbaren Drohungen verſchwand der Indianer hinter ben Bäumen und ließ ſich nicht mehr hören. Pepe aber wollte nicht, daß der Indianer ſie für eingeſchüchtert halte, und ſchrie ſo kalt, als der in ihm kochende Zorn es zuließ: „Hund, der Du Nichts als bellen kannſt, die Wei⸗ ßen verachten Deine eitlen Reden, ſo trotzig dieſelben auch ſein mögen; ſchon der Anblick des Skeletts der Weißen würde Deinen Schlaf ſtören! Schakal, unflä⸗ 188 thiges iniihee ich verachte Dich! Ich„ich Aber die Wuth erſtickte die Stimme des Ermique⸗ lete, und in Ermangelung der Worte, die er nicht mehr ausſprechen konnte, machte er eine Geſte, die er für die verächtlichſte hielt. Ein ſchallendes Gelächter begleitete dieſe Antwort Pepe's, den dieſe beſchimpfende Geſte wieder ein wenig beſänftigt hatte, und der in ſeiner Freude, daß ihm das letzte Wort geblieben, ſich ganz erleichtert wieder ſetzte⸗ Was Roſenholz betrifft, ſo erblickte er in den Drohungen des Indianers nur eine Zurückweiſung ſeines heroiſchen Opfers. „Ah!“ ſagte der edelmüthige Greis ſeufzend,„hät⸗ tet Ihr mich machen laſſen, ſo hätte ich Alles zur all⸗ gemeinen Zufriedenheit geregelt. Nun iſt es zu ſpät: ſprechen wir daher nicht mehr davon!“ Der Mond war um dieſe Zeit untergegangen; das ferne Krachen des Flintenfeuers hatte aufgehört; die Stille, die Finſterniß, die überall herrſchte, ließ die drei Freunde noch lebhafter fühlen, wie leicht es ihnen, ohne dieſen Zuzug von Indianern, geweſen wäre, das entgegengeſetzte Ufer zu erreichen und ſogar den ver⸗ ſtümmelten Goldſucher in ihren Armen mit fort zu neh⸗ men. Dieſer, der für Alles, was um ihn her vorging, todt war, verharrte immer noch in ſeinem lethargiſchen Zuſtande. „Wir haben alſo,“ ſprach Pepe, indem er zuerſt das unheimliche Schweigen brach, das auf der Inſel herrſchte, „vierzehn Tage vor uns. Zwar haben wir keinen ſehr großen Ueberfluß an Lebensmitteln. Ich weiß aber ſchon, was wir thun können, um unſerer Noth abzuhelfen: wir fiſchen, um Etwas zu beißen zu haben, und um uns zu zerſtreuen.“ Aber die Scherze Pepe's waren nicht im Stande, die ſorgenvolle Stirne des Canadiers zu entrunzeln. „Wir wollen jetzt nur die wenigen Stunden nütz⸗ 189 lich anwenden, die uns bis Tagesanbruch bleiben,“ ſprach Roſenholz. „Wozu?“ fragte Pepe. „Zum Entfliehen: wozu denn ſonſt?“ „Und wie das angreifen?“ „Ahl da liegt der Haſe im Pfeffer!“ antwortete Roſenholz.„Das eben iſt das Schwierige. Du kannſt wohl ſchwimmen, Fabian?“ „Hätte ich mich ſonſt aus den reißenden Fluthen des Salto de Agua gerettet?“ „Du haſt Recht! Ich glaube, die Furcht verwirrt mir den Kopf! Wohlan! es iſt uns vielleicht nicht un⸗ möglich, mitten durch dieſe Inſel ein Loch zu graben, und uns durch dieſe Oeffnung hindurch der Strömung zu überlaſſen. Es iſt nun ſo dunkel, daß die Indianer, wenn ſie uns nicht in den Fluß tauchen ſehen, uns einen von ihnen entfernten Ort erreichen laſſen. Halt, ich will es probiren, ehe wir zuſammen es wagen.“ Mit dieſen Worten riß der Canadier, nicht ohne einige Mühe, einen Weidenſtamm aus dem natürlichen Floße, der ihnen als Zufluchtsſtätte diente; das knorrige Ende dieſes Stammes glich ſo ziemlich einem menſch⸗ lichen Kopf. Der alte Jäger legte das Stück Holz ganz behutſam auf die Oberfläche des Fluſſes, und bald ſchwamm die ſchwarze Maſſe langſam flußabwärts. Die Freunde folgten ihr einige Minuten lang auf ihrem ſtil⸗ len Wege mit vielem Intereſſe, und erſt, als ſie in der Dunkelheit verſchwunden war, nahm der Canadier wieder das Wort. „Ihr ſehet,“ ſprach er,„daß ein geſchickter und kluger Schwimmer ebenſo wenig bemerkt werden würde, wie dieſer Baum. Es hat ſich auch nicht ein Indianer gerührt.“ „Das iſt wahr,“ ſprach Pepe;„allein wer verſichert uns, daß das Auge der Apachen einen Menſchen nicht von einem Holzſtücke zu unterſcheiden vermag? Und dann iſt unter uns Einer, der nicht ſchwimmen kann.“ 190 „Wer denn?“ Der Spanier deutete mit dem Finger auf den Ver⸗ wundeten, der, obwohl ſchlafend, auf ſeinem Schmerzen⸗ lager doch ächzte, gleich als ob ſein Schutzengel ihm ſagte, daß es ſich darum handle, ihn ganz allein ſeinen Feinden zu überlaſſen. „Was liegt daran!“ ſprach Roſenholz mit einigem Zögern,„iſt das Leben dieſes Menſchen das des letzten Sproſſen der Mediana werth?“ „Nein,“ antwortete der Spanier;„aber ich, der ich ſo eben faſt der Anſficht war, daß wir dieſen Unglück⸗ lichen ſeinem Schickſale überlaſſen ſollten, glaube nun, daß dieß eine Feigheit wäre.“ „Dieſer Menſch,“ ſetzte Fabian hinzu,„hat viel⸗ leicht Kinder, die ebenfalls ihren Vater beweinen wür⸗ den, wie ich in einem ähnlichen Falle den meinen be⸗ weinen würde.“ „Es wäre eine ſchlechte Handlung; ſie würde uns Unglück bringen, Roſenholz!“ fuhr der Spanier fort. Die abergläubiſche Zärtlichkeit des Canadiers be⸗ unruhigte ſich plötzlich bei dieſen Worten ſeines Kame⸗ raden, und er hörte auf, ſeinen Vorſchlag ferner gel⸗ tend zu machen. Indeſſen ſprach er: „Wohlan! Fabian! folg' dem Dir offen ſtehenden Wege, da Du ein guter Schwimmer biſt; ich bleibe mit Pepe hier, um dieſen Menſchen zu beſchützen, und wenn wir hier umkommen, ſo ſterben wir mit dem ſüßen Gedanken, unſere Pflicht gethan und Dir zur Flucht verholfen zu haben.“ Fabian ſchüttelte verneinend den Kopf. „Ich wiederhole Ihnen,“ ſprach er,„daß ich ohne Euch zwei nicht leben mag; ich bleibe daher bei Euch.“ „Was iſt aber zu thun?“ fragte der Canadier ſchmerzerfüllt. „Laßt uns ſuchen,— laßt uns nachdenken!“ ant⸗ wortete Fabian und Pepe zu gleicher Zeit. Unglüchlicher Weiſe war es einer jener Fälle, wo 2 — 191 alle menſchlichen Anſchläge ſich als unmächtig erweiſen; es war eine jener verzweifelten Lagen, woraus ſie bloß ein Arm retten konnte, der ſtärker, als der des Menſchen war. Vergebens wurde die Nacht unter dem Einfluſſe des dicker werdenden Nebels dunkler: der feſte Ent⸗ ſchluß, den Verwundeten nicht ſeinem Schickſale zu über⸗ laſſen, ſtellte der Flucht der drei Jäger ein unüberſteig⸗ liches Hinderniß entgegen. Bald warfen Feuer, die von den Indianern überall auf beiden Ufern angezündet wur⸗ den, ein röthliches Licht auf das Waſſer, und dieſes er⸗ leuchtete bis auf eine ziemlich große Entferunng den gan⸗ zen Lauf des Fluſſes. Bei dieſer Helle wurde auch das letzte vom Cana⸗ vier vorgeſchlagene Rettungsmittel unmöglich⸗ ſelbſt wenn ſie zu demſelben hätten greifen wollen; allein es dachte keiner mehr daran. Wären die Feuer nicht geweſen⸗ deren Refler den Fluß färbte, ſo hätte man bei der voll⸗ ſtändigen Stille, die auf beiden Ufern herrſchte, glauben können, es ſeien dieſelben durchaus von Menſchen ver⸗ laſſen; denn an den Feuern ließ ſich kein Feind blicken, und keine menſchliche Stimme ſtörte die Stille der Nacht. Indeſſen verdichteten ſich die aus dem Fluſſe auf⸗ ſteigenden Dünſte allmählig, und umſchloſſen das Inſel⸗ chen immer mehr. Die Ufer des Flyſſes ſchienen immer weiter in die Ferne zu rücken, bis ſie verſchwanden, und bald glänzten, inmitten der Nebelwirbel, die Feuer nur noch wie ein unbeſtimmter und blaſſer Schein, während das Dunſtbild der im Nebel begrabenen Bäume darüber ſchwebte. 192 Sechsunddreißigſtes Kapitel. Die ſchwimmende Inſel. Werfen wir nun einen Blick auf das von dem Schwarzvogel beſetzte Flußufer. Die Feuer, welche die Indianer auf beiden Ufern angezündet hatten, um das Waſſer zu beleuchten, ver⸗ breiteten ein ſo lebhaftes und ſo weithin ſich erſtrecken⸗ des Licht, daß die Feinde, die ſie enge blockirt hielten, keinen Fluchtverſuch machen konnten. Bei jedem Feuer war ein Indianer als Schildwache aufgeſtellt: derſelbe mußte es unterhalten und durfte keine der Bewegungen unbeachtet laſſen, die auf der Inſel Statt fanden. Am Fuße eines Baumes ſitzend und ſich an dieſen lehnend, ver⸗ rieth der Schwarzvogel, dem Pepe durch ſeine Kugel die Schulter zerſchmettert hatte, welche nun durch Rie⸗ men zuſammengehalten wurde, in ſeinem Geſichte Nichts, als einen Blutdurſt, der ſeiner Befriedigung ſicher iſt; was den Schmerz betrifft, den ihm dieſe Wunde verurſachte, ſo verſchmähte es der Indianer, hierin einen alten Phi⸗ loſophen nachahmend, der den Schmerz läugnete oder nicht anerkannte, duich irgend ein Zeichen zu erkennen zu geben, daß er einen ſolchen empfinde. Daſſelbe thun übrigens alle zu ſeiner Race gehörenden Individuen. Sein feuriges Auge heftete ſich unabläſſig auf die düſtere Maſſe der Inſel, wo, wie er glaubte, die drei Männer, nach deren Blut er ſo ſehr dürſtete, in entſetz⸗ licher Angſt ſchwebten. Während der erſten Stunden der Nacht konnten die Indianer leicht ſehen, was vorging; je dicker aber der Nebelſchleier um das Inſelchen her wurde, um ſo kleiner wurde der Lichtgürtel, den die Feuer auf den 193 Fluß warfen. Bald wurden die Dünſte ſo ſtark, daß die Wachenden das entgegengeſetzte Ufer nicht mehr ſe⸗ hen konnten; dann hörten auch die Feuer auf, dort zu glänzen, und am Ende verſchwand das Inſelchen ſelbſt im Nebel. Der indianiſche Häuptling fühlte, daß es durchaus nothwendig ſei, die Aufmerkſamkeit zu verdoppeln. Et rief zwei Krieger zu ſich her, auf deren Treue er rech⸗ nen konnte. Den einen wies er an, über den Fluß zu waten, den andern, an dem Ufer auf und ab zu gehen, an dem er ſich befand, um den Schildwachen auf beiden ufern die gleichen Befehle zu geben, und ihnen die glei⸗ chen Drohungen zu überbringen. „Geht,“ ſagte der Häuptling zu den zwei Kriegern, „und ſagt den Leuten, die mit der Ueberwachung dieſer Chriſten, deren Haut und Haupthaar unſeren Pferden als Schmuck dienen werden, beauftragt ſind, daß von den Söhnen des Waldes jeder vier Ohren haben müſſe, um die Augen zu erſetzen, die der Nebel verblendet. Sagt ihnen, daß ſie in dieſem Falle auf die Dankbar⸗ keit eines Häuptlings zählen dürfen, daß aber in dem Falle, wo der Schlaf ihre Ohren taub machen ſollte, die Mordkeule des Schwarzvogels ſie in das Land der Geiſter befördern wird, wo ſie dann ewig ſchlafen können!“ Die beiden Boten entfernten ſich, um den ihnen gewor⸗ denen Auftrag auszurichten, und kamen bald zurück, um den ſchwarzen Häuptling zu verſichern, daß er auf die genaue Vollziehung ſeiner Befehle rechnen könne. In der That verdoppelten die Schildwachen ihre Wachſamkeit, da ſie zu gleicher Zeit durch ihren Haß gegen die weiße Race, und durch die Hoffnung auf eine Belohnung angefeuert wurden. Auch fürchteten ſie, wenn der Schlaf ſie überraſchte, zwar nicht den Tod, denn ein Indianer kennt keine Todesfurcht, oder doch nur ſelten,— aber doch ein Aufwachen auf den Jagdgrün⸗ Der Waldläufer. I. 1³ 194 den des Geiſterlandes, wo, nach dem Glauben der In⸗ dianer, der Krieger, den der Schlaf übermannt hat, vor Scham nicht aufblicken darf. Es gibt faſt kein nächtliches Geräuſch, das dem wunderbaren Gehöre der Indianer entgeht, wie auf der anderen Seite ihrem durchdringenden Auge nur wenige Dinge entgehen können; allein bei dieſer Gelegenheit machte der Nebel die Luft minder ſonor, und entzog zu gleicher Zeit dem Auge die umgebenden Gegenſtände. Nur die geſpannteſte Aufmerkſamkeit konnte die durch den Nebel und die Dunkelheit der Nacht beeinträchtigte Schärfe der Sinne einigermaßen wieder erſetzen. Mit geſchloſſenen Augen, mit offenen Ohren, ſtan⸗ den die indianiſchen Krieger unbeweglich an ihren Feuern, und ſuchten, während die ganze Natur in Schlaf ver⸗ ſunken war, munter zu bleiben; von Zeit zu Zeit warf jeder einen Baumaſt in das Feuer, um daſſelbe zu un⸗ terhalten, und nahm dann alsbald wieder ſeine ruhige und aufmerkſame Haltung an. So verfloß eine geraume Zeit, während welcher ſo⸗ wohl an den beiden Ufern, als auf der Inſel, das ein⸗ zige Geräuſch, das ſich in der Nacht hören ließ, das geſchwächte Toſen eines entfernten Waſſerfalls im Fluſſe, ſowie das Murmeln des vom Waſſer in ſeinem Laufe gebeugten Schilfes war. Der indianiſche Häuptling befand ſich auf dem lin⸗ ken Ufer. Die Nachtluft, die ſeine Schmerzen vermehrte, erregte ſo den Groll ſeines Herzens noch mehr. Das Licht des Feuers, das neben dem Baume brannte, an den er ſich lehnte, beleuchtete ſeine Züge, die in Folge des erlittenen Blutverluſtes unter ihrer ſchwärzlichen Haut bleicher geworden waren. Sein Geſicht, das mit ſcheußlichen Malereien bedeckt und durch den Schmerz verzerrt war, den er nicht zeigen wollte, ſeine feurigen und wilden Augen ließen ihn wie eines der blutdürſti⸗ gen Götzenbilder aus den barbariſchen Zeiten erſcheinen. Indeſſen ſenkten ſich, ungeachtet der Herrſchaft des 195 Indianers über ſeine Sinne, ſeine ſchweren Augenlider, und es umſchleierten ſich ſeine Augen, bis der Schwarzvogel unwillkürlich vom Schlafe übermannt ward. Nach einigen Augenblicken ſchlief er ſo feſt, daß er das dürre Holz nicht unter einem Moccafin krachen hörte, und daß er nicht ſah, wie ein zu ſeinem Stamme ge⸗ hörender Indianer auf ihn zukam. Unbeweglich und kerzengerade, wie der Schaft eines Bambusrohres, wartete ein apachiſcher, mit Blut bedeck⸗ ter Läufer, deſſen Naſenlöcher weit offen ſtanden, und ver keuchte, wie ein Menſch, der lange und ſchnell ge⸗ laufen iſt, zwei Schritte vor dem ſchlafenden Indianer weg, bis der gefürchtete Häuptling, vor dem er ſtand, die Augen öffnen, und ihn fragen würde. Indeſſen beſchloß der Läufer, als er ſah, wie der Kopf des Häuptlings ſich nach und nach auf die Bruſt herabſenkte, ſeine Anweſenheit kundzuthun. Mit hohler Gutturalſtimme ſprach er folgende Worte: „Wenn der Schwarzvogel die Augen öffnet, wird er aus meinem Munde eine Botſchaft hören, die den Schlaf von ihm weit weg jagen wird.“ Der Indianer zog bei den Tönen, die ſeine Ohren trafen, die Augenlider in die Höhe, und ſeine Willens⸗ kraft reichte hin, um den Schlaf plötzlich zu verſcheu⸗ chen, dem er erlegen war. Sich ſchämend, daß ein Häuptling, gleich einem mittelmäßigen Krieger, ſchlafend gefunden worden, glaubte der Indianer, ſich entſchuldi⸗ gen zu müſſen. „Der Schwarzvogel hat viel Blut verloren; er hat ſo viel verloren, daß die nächſte Sonne es nicht auf der Erde trocknet, und ſein Körper iſt ſchwächer, als ſein Wille.“ „So iſt der Menſch!“ antwortete der Bote in ſen⸗ tenzisſer Weiſe.. Der Schwarzvogel fuhr dann alſo fort: „Ohne Zweifel haſt Du mir etwas ſehr Wichtiges zu melden, da der Katzenparder den ſchnellſten ſeiner 196 Läufer gewählt hat, um mir die Botſchaft zu über⸗ ringen.“ „Der Katzenparder läßt Nichts mehr melden,“ ant⸗ wortete der Indianer mit ſeiner Gutturalſtimme.„Der Spieß eines Weißen iſt in ſeine Bruſt gedrungen, und der Häuptling jagt jetzt mit ſeinen Vätern im Lande der Geiſter.“ „Was thut es? er iſt als Sieger geſtorben: er hat, ehe er geſtorben iſt, geſehen, wie die weißen Hunde auf der Ebene nach allen Seiten hinflohen.“ „Er iſt als Beſiegter geſtorben; es ſind im Gegen⸗ theil die Apachen, die fliehen mußten, nachdem ſie ihren Anführer und fünfzig berühmte Krieger verloren hatten.“ Es fehlte nicht viel, ſo wäre der Schwarzvogel, ungeachtet des brennenden Schmerzes ſeiner Wunde, und trotz der Selbſtbeherrſchung, die von einem indianiſchen Häuptling verlangt wird, bei dieſer unerwarteten Nach⸗ richt aufgeſprungen. Indeſſen wußte er ſich zu beherrſchen. Er antwortete, obwohl ſeine Lippen zitterten, ernſt: „Und wer ſchickt Dich denn zu mir, Unglücksbote 2“ „Krieger, die einen Anführer nöthig haben, um ihre Niederlage wieder gut zu machen. Der Schwarz⸗ vogel war bis jetzt bloß das Haupt eines Stammes; jetzt iſt er das Haupt eines ganzen Volkes.“ In dem ſchwarzen Auge des Indianers glänzte ein befriedigter Stolz. Einerſeits nahm ſeine Gewalt zu, andererſeits bewies die Niederlage, von der er ſo eben Nachricht erhalten, die Klugheit des Rathes, den er ge⸗ geben, und den die andern Häuptlinge verworfen hatten. „Hätten ſich die Büchſen aus Mitternacht mit denen unſerer Krieger vereinigt, ſo würden die Weißen aus Mittag nicht Sieger geblieben ſein.“ Und da er ſich in dieſem Augenblicke der beleidi⸗ genden Weiſe erinnerte, in der die beiden Jäger ſeine Vorſchläge zurückgewieſen, ſo vermiſchte ſich ein Blitz des Haſſes mit denen, die der Stolz in ſeinen Augen 197 leuchten ließ. Dann fuhr er, mit dem Finger auf ſeine Wunde deutend, alſo fort: „Was kann ein verwundeter Häuptling thun? Seine Beine verſagen ihren Dienſt; kaum wird er ſich im Sattel ſeines Pferdes halten können.“ „Man wird ihn feſtbinden,“ antwortete der India⸗ ner.„Ein Häuptling iſt zu gleicher Zeit Kopf und Arm: iſt der Arm unmächtig, ſo handelt der Kopf; der Anblick des Bluts ihres Anführers belebt die Krieger immer. Das Feuer des Raths iſt ſeit der Niederlage von Neuem angezündet worden; man erwartet den Schwarzvogel, damit er ſeine Stimme hören laſſe; ſein iſt parat; machen wir uns alſo auf den eg!“ „Nein!“ antwortete der Schwarzvogel,„nein, meine Krieger halten an dieſen beiden Ufern die weißen Krie⸗ ger umſchloſſen, die ich zu Verbündeten zu haben wünſchte; jetzt ſind es Feinde; die Kugel eines derſelben hat auf ſechs Monde den Arm gelähmt, der im Kampfe ſo thä⸗ tig war, und würde man mir jetzt auch den Oberbefehl über zehn Völker antragen, ſo würde ich ihn doch aus⸗ ſchlagen, um hier die Stunde abzupaſſen, wo das Blut, nach dem ich dürſte, vor meinen Augen fließen wird.“ Der Schwarzvogel erzählte hier kurz die Gefangen⸗ nehmung des Gayferos, deſſen Befreiung durch den Ca⸗ nadier, die Verwerfung ſeiner Vorſchläge, und endlich den Schwur, den er gethan, daß er ſich rächen wollte. Der Bote hatte ihn ernſt angehört. Er fühlte die ganze Wichtigkeit eines neuen Kampfes mit den Goldſuchern in dem Augenblicke, wo dieſe, in ihrem Siegesrauſche, ſich vor einem ſo plötzlichen Angriffe mehr geſichert glauben mußten. Er ſchlug daher dem Schwarz⸗ vogel vor, er ſolle ſich bei ſeiner Blokade durch einen von ihm ſelbſt gewählten Anführer erſetzen laſſen. Der Indianer war unerſchütterlich. Indeſſen gab ſich der Läufer noch nicht überwunden. „Es iſt gut,“ ſprach er:„der Augenblick iſt nicht 198 mehr ferne, wo die Sonne wieder leuchten wird; ich werde bis Tagesanbruch warten, um den Apachen zu melden, daß der Schwarzvogel die Verfolgung ſeiner Privatrache der Ehre ſeiner ganzen Nation vorzieht. Unſere Krieger werden ſo weniger Zeit haben, den Ver⸗ luſt des Tapferſten zu bedauern.“ „Meinethalben,“ ſprach der Indianer in um ſo ern⸗ ſterem Tone, je angenehmer dieſe geſchickte Schmeichelei ſeinen Stolz kitzelte;„aber ein Läufer muß nach einer Schlacht, auf die ein langer und ſchneller Lauf gefolgt iſt, ausruhen. Während dieſer Zeit werde ich den Be⸗ richt über die Schlacht anhören, in der der Katzenparder ſein Leben verloren.“ Der Bote ſetzte ſich an das Feuer, mit über ein⸗ ander geſchlagenen Beinen, mit einem Elbogen auf dem Knie, und mit dem Kopfe in der hohlen Hand. Nach einigen Minuten der Ruhe, während welcher die Aufre⸗ gung ſeines ſtürmiſch ſchlagenden Herzens ſich legte, brach der Indianer das Schweigen, und lieferte einen umſtändlichen Bericht über den durch ſein Volk ausge⸗ führten Angriff auf das Lager der Weißen. Er vergaß keine Thatſache, die geeignet war, den Haß des Schwatz⸗ vogels gegen Mexikaner noch zu erhöhen. Als der Läufer mit ſeinem Bericht zu Ende war, legte er ſich neben das Feuer hin, und ſchlief ein, oder ſchien wenigſtens einzuſchlafen. Dieſes Mal aber erhiel⸗ ten die wilden und einander widerſprechenden Leiden⸗ ſchaften, die in dem Herzen des Schwarzvogels tobten, — das heißt, der Ehrgeiz auf der einen und der Rache⸗ durſt auf der andern Seite,— den Häuptling wach, ohne daß es ihm irgend welche Anſtrengung koſtete, über den Schlaf Herr zu werden. Auf dem Ufer, auf dem der Schwarzvogel bivona⸗, kirte, wurde es ſo ruhig, wie auf der im Nebel begra⸗ benen Inſel. Etwa nach einer Stunde erhob ſich der Läufer zur Hälfte von ſeinem Raſenbette; den Theil ſeines aus 199 einer Büffelhaut beſtehenden Mantels, den er über ſeinen Kopf hingezogen hatte, um ſich vor dem Nebel zu ſchü⸗ tzen, entfernend, bemerkte er den Schwarzvogel, der ganz Haltung beibehalten und die Augen weit offen hatte. „Die Stille der Nacht hat zu meinen Ohren ge⸗ ſprochen,“ ſprach er,„und ich habe gedacht, ein ſo be⸗ rühmter Häuptling, wie der Schwarzvogel, müſſe bei Sonnenaufgang ſeine Feinde in ſeiner Gewalt haben, und ihren Todesgeſang hören.“ „Meine Krieger können auf dem Waſſer, nicht wie auf dem Kriegspfade laufen,“ antwortete der Häupt⸗ ling;„die Männer aus Mitternacht gleichen nicht denen aus Mittag, in deren Händen ein Carabiner nur ein hohles Schilfrohr iſt.“ „Das Blut, das der Schwarzvogel verlor, hat die Helle ſeines Geiſtes getrübt, und ſeine Augen umdüſtert. Wenn er es mir erlauben will, ſo werde ich für ihn handeln, und es wird dann ſeine Rache morgen vollſtän⸗ dig ſein.“ „Thu' es,“ antwortete der Häuptling;„woher auch die Rache kommen mag, ſie wird mir willkommen ſein, wie ein Gaſt an meinem Herde.“ „Gut! bald werde ich die drei Jäger, ſo wie den⸗ jenigen, deſſen Kopfhaut ſie euch laſſen mußten, hierher bringen.“ Mit dieſen Worten ſtand der Läufer auf, und ver⸗ ſchwand bald im Nebel, vor den immer noch nach dem Inſelchen hin gerichteten Augen des Schwarzvogels. An dem zuletzt genannten Orte wenigſtens waren edlere Leidenſchaften im Spiele. Während über die Natur rings umher die feierliche Stille der Nacht ver⸗ breitet war, floh auch die drei Jäger der Schlaf. Wenn es im Leben kritiſche Momente gibt, wo auch den tapferſten und unerſchrockenſten Menſchen der Muth ſinken kann, ſo befanden ſich die Jäger jetzt ge⸗ wiß in einer ſolchen Lage. Nicht nur war die Gefahr 200 furchtbar und unvermeidlich, ſondern ſie bot nicht ein⸗ mal die Ausſicht, in der Hitze des Kampfes zu unter⸗ liegen, noch auch die, das Leben theuer zu verkaufen, — eine Ausſicht, die von dem Betreffenden gewöhnlich wie ein letzter Troſt begrüßt wird. Siebenunddreißigſtes Kapitel. Fortſetzung. Von Feinden umringt, welche die am Ufer ſtehen⸗ den Bäume den Schüſſen der drei Jäger entrückten, durften Letztere nicht hoffen, daß es ihnen, wie an dem verfloſſenen Abende, gelingen würde, die Wuth der Wilden dadurch zu erregen, daß ſie einige derſelben durch ihre Kugeln niederſtreckten. Roſenholz und der Spanier kannten die unverſöhnliche Hartnäckigkeit der Indianer zu gut, um ſich der Hoffnung zu überlaſſen, daß der Schwarzvogel, einer unnützen Blokade müde, ſeinen Kriegern nicht verbieten würde, ihre Angriffe zu erwiedern, und ſie unter einem mörderiſchen Flinten⸗ feuer zu begraben. Dieſer Soldatentod auf dem Schlachtfelde wäre dem Haſſe des apachiſchen Häuptlings als zu gelinde erſchienen. Er wollte ſeine Feinde lebendig fangen,— wollte ſie, durch den Hunger an Leib und Seele abge⸗ ſchwächt, haben. Unter dem Eindrucke dieſer traurigen Gedanken ſprachen die drei Jäger nicht mehr, und ſie ergaben ſich lieber in ihr Schickſal, als daß ſie daran gedacht hätten, einen Fluchtverfuch zu machen, wobei ſie den unglück⸗ ————— 201 lichen Verwundeten hätten zurücklaſſen müſſen. Fabian ſah dem Tode eben ſo gefaßt entgegen, als ſeine beiden „Gefährten,— war nicht minder entſchloſſen zu ſterben, als ſie; ſeine getäuſchten Hoffnungen, die tiefe Ent⸗ muthigung, die ſich ſeiner bemächtigt, ließen ihm den Tod ohne ſein gewöhnliches Gefolge von Schrecken er⸗ ſcheinen; indeſſen ließ ihn ſein heißes Blut einen raſchen Tod, einen Tod mit den Waffen in der Hand, dem ſchimpf⸗ lichen und langſamen Tode vorziehen, der ſie alle am Pfahle der Indianer erwartete. Er entſchloß ſich, zuerſt die Todenſtille zu unter⸗ brechen, die inmitten des nächtlichen Nebels über der Inſel ſchwebte. Die tiefe Ruhe auf dem Fluſſe und an ſeinen Ufern war, in den Augen des erfahrenen Canadiers und ſeines ſpaniſchen Genoſſen, nur ein um ſo gewiſſeres Anzeichen von der durch Nichts zu beſiegenden Entſchloſſenheit ſeiner Feinde; Fabian aber erſchien ſie als ein beruhi⸗ gendes Symptom,— als eine Gunſt des Himmels, die man benützen müſſe. „Alles um uns her ſchläft jetzt,“ ſagte er;„nicht allein die Indianer an dem Ufer, ſondern Alles, was in dem Walde und in der Wüſte lebt! ſelbſt der Fluß ſcheint ſeinen Lauf verlangſamt zu haben. Seht doch, das Licht der Feuer verliſcht in weiter Ferne. Wäre der Augenblick nicht günſtig, um an das eine oder das andere der beiden Ufer zu gehen?“ „Die Indianer ſchlafen!“ fiel Pepe bitter ein,„ja, wie dieſes Waſſer, das ſlille zu ſtehen ſcheint, nichts deſto weniger aber ſeinen Lauf bis zu den unbekannten Abgründen fortſetzt, in die es ſich verliert. Sie wer⸗ den im Fluſſe noch keine drei Schritte gemacht haben, bevor Sie die Indianer ſich gleichfalls in denſelben ſtürzen ſehen werden, um Sie zu verfolgen,— wie Sie erſt vor einigen Stunden die Wölfe, dem Hirſche nach, ſich haben in daſſelbe ſtürzen ſehen. Haſt Du nichts Beſſeres vorzuſchlagen, Roſenholz?“ 202 „Nein,“ antwortete der Canadier kurz, während ſeine Hand ſtill die Fabian's ſuchte. Und dann deutete er mit der andern auf den Ver⸗* wundeten, der fortfuhr, ſich unruhig hin und her zu bewegen, ohne daß er auf ſeinem Schmerzenlager auf⸗ gehört hätte, zu ſchlafen. Dieſe Geſte beantwortete alle Einwürfe Fabian's. „Bliebe uns auch keine andere Chance,“ antwortete Letzterer,„ſo hätten wir doch die, ehrenvoll, und neben einander, wie es unſer Wunſch iſt, zu ſterben. Bleiben wir Sieger, ſo können wir dieſem Ungläcklichen zu Hülfe fommen, der nur noch uns zu Beſchützern hat. Unter⸗ liegen wir,— wird uns dann Gott ſelbſt, bei unſerem Erſcheinen vor ſeinem Richterſtuhle, vorwerfen können, daß wir das Leben des Menſchen geopfert, den erunſerer Obhut anvertraut, wenn wir, im Intereſſe Aller, unſer eigenes Leben in die Schanze geſchlagen haben?“ „Nein, gewiß nicht,“ ſprach Roſenholz;„aber bauen wir noch auf den Gott, der uns ſo wunderbar wieder zuſammengeführt; was heute nicht geſchieht, kann mor⸗ gen geſchehen; die Lebensmittel gehen uns noch nicht ſo bald aus. Auf irgend einem Punkte an's Ufer gehen, hieße, einem gewiſſen Tode entgegen gehen, da die Zahl der Indianer wahrſcheinlich ſich jetzt ſchon verdreifacht hat. Das ſterben ſelbſt wäre eine Kleinigkeit, denn der Tod iſt ſtets ein letztes Hülfsmittel, über das wir ver⸗ fügen können, ſo lange wir ein Meſſer in Händen haben. Aber vielleicht würden wir gefangen, und ich ſchaudere, und bebe bei dem Gedanken an die fürchterlichen Qua⸗ len, die ſie in ſolchem Falle für uns in Bereitſchaft halten werden. O vielgeliebter Fabian, dieſe Indianer verlängern wenigſtens durch ihre Abſicht, uns nur lebendig zu fangen, das Glück, bei Dir zu ſein, noch um einige Tage für mich!“ Es herrſchte in der beſtürzten Gruppe abermals ein düſteres Schweigen. Der Gedanke, noch bei ſeinem Kinde bleiben zu dürfen, war für den Canadier, wie 203 die dem Schuldigen vor der Hinrichtung gewährte Friſt; bald aber zerrte Roſenholz, gleich dem Verurtheilten, der bei dem Gedanken an den verhängnißvollen Augen⸗ blick, welcher auf die Friſt folgen muß, an den eiſernen Stangen ſeines Gefängniſſes voller Wuth rüttelt,— bald aber, ſagen wir, zerrte Roſenholz, ſich in Gedanken in die Stunde verſetzend, wo er auf dieſen, wenn auch noch ſo furchtbaren Troſt würde verzichten müſſen, krampfhaft an einem der Stämme des Inſelchens. Unter ſeinem gewaltigen Arme erzitterte die Inſel, gleich als würde ſie aus dem Grunde geriſſen. „Ah, die Hunde! die Teufel!“ rief in demſelben Augenblicke der Spanier, der einen Wuthſchrei nicht unterdrücken konnte.„Seht doch!“ Allmählig drang ein röthlicher Schein durch den über den Fluß gebreiteten Dunſtiſchleier, und ſchien, wie der Wiederſchein einer ſich ausbreitenden Feuersbrunſt zunehmend, näher zu kommen. Und, o Wunder! das Feuer glitt über das Waſſer hin.— So dick auch der faſt mit Händen zu greifende Nebel war, der aus dem Fluſſe auſſtieg, deſſen warme Aus⸗ dünſtungen die Kühle der Nacht condenſirte, ſo zerſtreute ihn doch die auf dem Waſſer ſchwimmende Feuermaſſe, wie die Sonne die Finſterniß zerſtreut. Die drei Jäger hatten noch nicht ſo viel Zeit ge⸗ habt, um ihr Erſtaunen über die Erſcheinung dieſes plötzlichen Lichtes auszudrücken, und ſchon konnten ſie die Urſache deſſelben errathen. Eine lange Vertrautheit mit dem Leben der Wüſte und mit den damit verbundenen, ſich ſtets erneuernden Gefahren hatte dem Canadier eine Muskel⸗Feſtigkeit gegeben, die der Spanier noch nicht erlangt hatte. An⸗ ſtatt ſich, wie Pepe, vom Zorn hinreißen zu laſſen, war Roſenhoiz ſeiner gewohnten Ruhe treu geblieben. Er wußte, daß eine Gefahr, der man kaltblütig in's Geſicht ſieht, faſt zur Hälfte überſtanden iſt, ſo furchtbar 6 3 3 3 5 3 3 5 204 dieſelbe auch ſcheinen mag,— und ſeine Kaltblütigkeit verdoppelte ſich gewöhnlich beim Herannahen einer Gefahr. „Ja,“ ſagte er, auf den Ausruf des Exmiquelete antwortend;„ich ſehe, was es iſt, und zwar ebenſo gut, als ob die Indianer mir es zuvor geſagt hätten. Du haſt ſo eben von Füchſen geſprochen, denen man in ih⸗ rem Loche mit Rauch zuſetze; wohlan! die Spitzbuben wollen uns in dem unſerigen verbrennen.“ Der Feuer⸗Körper, der daher ſchwamm, nahm mit furchtbarer Geſchwindigkeit zu, und beſtätigte die Worte des Canadiers. Schon wurden, inmitten des durch die Flamme gerötheten Waſſers, der Schilf und die jungen Weidenbäumchen, die, ſowohl oben, als unten, um das Inſelchen her einen Saum bildeten, von dem Lichte des ſchwimmenden Feuers erleuchtet. „Es iſt ein Brander,“ ſchrie Pepe,„womit ſie unſere Inſel in Brand ſtecken wollen!“ „So wahr Gott lebt!“ ſprach Fabian,„noch weit beſſer iſt es, gegen das Feuer anzukämpfen, als ſo ohne Kampf den Tod zu erwarten.“ „Du haſt Recht,“ ſagte Roſenholz,„aber das Feuer iſt ein furchtbarer Feind. Ah, wenn ich ein Gegenfeuer anzünden könnte; unglücklicher Weiſe befinden wir uns auf keiner Prairie, und ſo iſt der Vortheil ganz auf Seiten dieſer Teufel.“ Der Canadier ſpielte hier auf eine Kriegsliſt an, die von den Indianern auf den Prairien oft gegen ihre Feinde angewandt wird. In den ungeheuren Steppen Amerika's, wo, unter dem Einfluſſe des Windes, das hohe Gras wie die Wellen des Oceans, auf und nieder wallt, verbreitet ſich die Flamme mit der Geſchwindig⸗ keit des Pulvers. Aber der weiße Jäger, oder der er⸗ fahrene Indianer, den das Feuer zu verſchlingen droht, bekämpft es durch ein anderes. Er beeilt ſich, ebenfalls eine große Strecke ſolchen dürren Graſes anzuzündenz und wenn das durch ſeiue 205 Hand angezündete Feuer alle brennbaren Stoffe um ihn her verzehrt hat, dann bleibt die feindkiche Flamme vor dem leeren Raume ſtehen, den er hergeſtellt. Hier aber konnten die Belagerten der Flamme nicht wieder die Flamme entgegenſetzen, und der von den In⸗ dianern ſtromabwärts geſchickte Brander mußte das ſchwimmende Floß verbrennen, ohne daß denen, die da⸗ rauf waren, eine andere Chance blieb, dem Brande zu entgehen, als indem ſie ſich in das Waſſer warfen. Dort konnten aber die Indianer ſie entweder durch Flin⸗ tenſchüſſe tödten, oder lebendig fangen. So hatte der indianiſche Läufer auch ealculirt. Auf ſeinen Befehl hatten die Apachen die Aeſte einer Harztanne abgehauen, dieſelben auf einen noch mit ſei⸗ nem Laube verſehenen Baumſtamm gelegt, und ſie an⸗ gezündet, worauf ſie ihre Brandmaſchine hatten ſtrom⸗ abwärts gehen laſſen. Und ſo gut hatten ſie ge⸗ rechnet, daß die ſchwimmende Flamme gerade auf das Inſelchen zuſchwamm. Pepe warf einen etwas bitteren Blick auf Roſen⸗ holz und Fabian. Man ſah, wie das Rachegefühl des Spaniers mit der Gefahr zunahm. Sein Blick traf auf das ruhige und heitere Geſicht des Canadiers und die durch ihre Ruhe ſich gleichfalls auszeichnende Phy⸗ ſiognomie Fabians. Der edle Jüngling hatte in ſeinem Herzen bereits ein Opfer gebracht, das für ihn ſchmerzlicher ſein mußte, als das ſeines Lebens. Das Kniſtern des harzigen Holzes auf der Ober⸗ fläche des Fluſſes machte einen gar düſtern Eindruck, und unter dem Baldachin von ſchwarzem Rauche, der ſich mit dem des Nebels vermiſchte, waren die Ufer des Fluſſes und das Inſelchen ſo ſchön erleuchtet, als ob es heller Mittag geweſen wäre. Indeſſen waren die Män⸗ ner auf dem Floße unſichtbar, da ſie durch den aus Laubwerk und Schilf beſtehenden Saum verdeckt wurden; 206 von Zeit zu Zeit konnte man die rothe Silhonette einer indianiſchen Schildwache ſehen. Pepe konnte einèr plötzlichen Verſuchung nicht widerſtehen. „Halt, Du Teufel der Hoͤlle!“ ſagte er halblaut; „Du wenigſtens ſollſt in Deinem Dorfe Nichts über die letzten Augenblicke des Todeskampfes eines Chriſtenmen⸗ ſchen berichten.“ Bei dieſen Worten konnte man, durch den Schilf hindurch, den Büchſenlauf des jähzornigen Spaniers in rothem Lichte erglänzen ſehen; und in demſelhen Augen⸗ blicke, in dem der Knall des abgefeuerten Gewehrs die Stille unterbrach, die ſchon ſo lange unter dem Mantel der Nacht herrſchte, ſank auch der Federbuſch eines in⸗ dianiſchen Kriegers langſam auf den Boden hin. „Eine traurige und verſpätete Rache!“ ſprach Ro⸗ ſenholz feierlich, als er den Indianer fallen ſah. Und gleich als ob die Apachen ſich aus den Schüſ⸗ ſen eines beſiegten Feindes Nichts machten, blieb das Ufer in ſeine düſtere Stille verſenkt, ohne daß, was doch ge⸗ wöhnlich geſchah, ein einziges Geheul die letzten Seuf⸗ zer eines Kriegers begleitete. Die Flamme des brennenden Holzes, das jetzt nur noch in ganz geringer Entfernung von der Inſek war, und gerade auf ſie zuſchwamm, ließ die Züge des Spa⸗ niers ſehen, die durch ſeine ohnmächtige Wuth verzerrt waren. „Demonio!“ rief er, mit dem Fuße auf den Boden ſtampfend,„ich werde um ſo ruhiger ſterben, je größer die Zahl der rothhäutigen Teufel iſt, die ich zuvor in die andere Welt befördert haben werde.“ Und während er ſeine Büchſe wieder lud, ſuchte er mit dem Auge allenthalben, auf beiden Ufern, ein Opfer, um ſeinen Ruchedurſt zu ſtillen. Während dieſer Zeit beobachtete der Canadier ganz kalt die Feuermaſſe, die, wenn ſie näher kam, und an 207 dem Inſelchen hangen blieb, die dürren Baumſtämme woraus es beſtand, entzünden mußte. „Wohlan!“ ſchrie Pepe, außer ſich vor Wuth,„Du magſt dieſen Brander noch ſo lange anſehen,— haſt Du irgend ein Mittel, den ſchwimmenden Scheiterhau⸗ fen wegzutrelben, der ſich an die Inſel feſthängen wird?“ „Vielleicht,“ antwortete lakoniſch der Canadier, ſeine Unterſuchung fortſetzend. Der Exmiquelete fing an, mit einer Miene der Gleichgültigkeit, die er vergebens affectirte, um ſeinen Zorn zu verhehlen, zwiſchen den Zähnen zu pfeifen. „Und ſieh doch,“ hob Roſenholz wieder an,„da bemerke ich Etwas, was mir beweist, daß die Schlüſſe dieſer Söhne des Waldes nicht ſo ganz untadelhaft ſind; müßten wir nicht befürchten, es werde uns in einer bis zwei Minuten ein Kugel⸗ und Pfeil⸗Hagel begrüßen, um uns zu zwingen, verborgen zu bleiben, während der Brander unſere Inſel anzündet, und um uns an der Abtreibung deſſelben zu verhindern, ſo würde ich mich um dieſes brennende Floß ſo viel bekümmern, wie um einen Feuerkäfer, der im Graſe hin und her fliegt.“ Auf einem dicken Lager naſſen Graſes, das in den Aeſten des Baumes gleichſam einen Fußboden bildete, um die Maſſe der harzigen Reisbüſcheln zu tragen, rückte ver ſchwimmende Feuerherd gegen die Inſel heran. Die Indianer hatten die Dicke dieſes Grasbodens ſo berech⸗ net, daß er etwa in dem Augenblicke, wo der Brander an die Inſei antriebe, durch den Contact des Feuers getrocknet ſein und ſich ſammt den darauf ruhenden Baumäſten von ſelbſt entzünden ſollte. Aber das Gras tauchte oft in's Waſſer, und die Feuchtigkeit, womit es in jedem Augenblicke geſchwän⸗ gert wurde, hatte ſeine Verbrennung verſpätet. Die dicken Aeſte des Baumes hatten ebenfalls noch nicht ſo viel Zeit gehabt, um in Flammen zu gerathenz nur die kleinen Aeſte waren ſammt dem Laube verzehrt worden. Dieſer Umſtand war dem ſpähenden Auge des Ca⸗ 208 nadiers nicht entgangen. Er beſchloß daher, mit einer langen Stange das aus naſſem Graſe beſtehende Bett zu verſtreuen, wie man beim Heumachen das abgemähete Gras aus einander wirft; aber in demſelben Augenblicke, wo er ſich anſchickte, dieſen gefährlichen Verſuch zu wa⸗ gen, ging ſeine Prophezeihung in Erfüllung. Einige Kugeln und Pfeile flogen pfeifend in den kleinen, zwiſchen der Inſel und dem Brander leer geblie⸗ benen Raum. Dieſe Schüſſe ſollten, wie es ſchien, mehr die Jäger erſchrecken, als ſie treffen. „Sie wollen,“ ſprach Roſenholz mit leiſer Stimme, „uns alſo um jeden Preis lebendig fangen. Wohlan! es kommt auf einen Verſuch an.“ Die Feuermaſſe berührte jetzt faſt die Inſel; noch einige Augenblicke, und ſie mußte im Feuer aufgehen. Schon umhüllte ein glühend heißer Dunſt die Jäger, als der Canadier ſich blitzſchnell in das Waſſer hinab⸗ ließ, und ganz verſchwand. Auf beiden Ufern des Fluſſes ließ ſich ein gewal⸗ tiges Geheul hören, und ſowohl die Indianer, als der Spanier, und Fabian, die nun allein waren, ſahen den ſchwimmenden Baum, unter dem mächtigen Drucke des Canadiers, oscilliren. Der ungeheure Feuerherd ver⸗ breitete ein noch blendenderes Licht; dann ziſchte das Waſſer mit einem Male: die Feuermaſſe zertheilte ſich, und verſchwand in den ſchäumenden Fluthen. Die tiefſte Finſterniß folgte plötzlich auf das helle vom Brander verbreitete Licht; die Dunkelheit und der Nebel hatten ihren düſtern Baldachin von Neuem über den ganzen Lauf des Fluſſes ausgeſpannt. Der Baum mit den vom Feuer geſchwärzten Aeſten ging, von ſeinem Wege abgelenkt, vorbei, und beſchä⸗ digte den Schilfſaum der Inſel, als, inmitten des Ge⸗ heuls der vor Erſtaunen faſt erſtarrten Indianer, Roſen⸗ holz wieder bei ſeinen Gefährten anlangte. Das Inſelchen zitterte noch unter den Anſtrengungen, 209 die der Canadier gemacht, um wieder feſten Fuß dar⸗ auf zu faſſen. „Heult, ſo lange Ihr wollt,“ ſprach Roſenholz, als er wieder zu Athem gekommen war;„heult nach Her⸗ zensluſt, Ihr habt uns noch nicht, aber,“ ſetzte er ganz leiſe hinzu,„werden wir immer ſo glücklich ſein?“ Und in der That, wie viele Gefahren hatten ſie noch abzuwenden, nachdem ſie dieſe überſtanden? Wer konnte die neuen Liſten vorausſehen, welche die Indianer gegen ſie gebrauchen würden? Dieſe Reflexionen hatten gar bald dem erſten Sie⸗ gesrauſche ein Ende gemacht, und es war ein düſteres Schweigen auf die Glückwünſche gefolgt, welche die beiden Jäger an Roſenholz gerichtet hatten. Plötzlich hüpfte Pepe auf, indem er einen Schrei und zwar ausnahmsweiſe einen Freudenſchrei unter⸗ drückte. „Roſenholz, Don Fabian,“ rief er,„wir ſind ge⸗ rettet; ich ſtehe Euch dafür!“ „Gerettet!“ wiederholte der Canadier mit zittern⸗ der Stimme.„O ſprich doch, Pepe, ſprich geſchwind!“ „Haſt Du nicht bemerkt,“ fuhr der Exmiquelete fort,„wie vor einigen Stunden das ganze Inſelchen unter unſeren Händen zitterte, als wir einige große Aeſte ausriſſen, um uns zu befeſtigen? Wie haſt Du ſelbſt es eben jetzt noch zittern gemacht, Roſenholz! Wohlan! ich hatte einen Augenblick dem Gedanken Raum gegeben, ob wir nicht aus den Baumſtämmen unter unſern Füßen einen Floß bilden könnten; allein nun verzichte ich darauf; unſer ſind drei, und wir können, wenn wir alle unſere Kräfte aufbieten, die Inſel ſelbſt aus dem Grunde reißen, und ſie flott machen. Der Nebel iſt dick, die Nacht ſehr dunkel, und morgen, bei Tagesanbruch„ „Werden wir ſchon weit von hier ſein, rief Roſen⸗ holz.„An's Werk, an's Werk! Der kühlere Wind Der Waldläufer. U. 14 210 deutet die Annäherung des Morgens an; wir haben nicht zu viel Zeit vor uns. Habe ich meinen Seemanns⸗ blick nicht verloren, ſo läuft unſer Fahrzeug nicht mehr als drei Knöpfe in einer Stunde.“ „Um ſo beſſer,“ ſprach Pepe:„man wird unſer Fortrücken weniger bemerken.“ Der wackere Canadier ließ ſich nur ſo viel Zeit, um ſeinen beiden Gefährten die Hand zu ſchütteln, und ſtand dann auf. „Was wollen Sie thun? fragte Fabian.„Können wir nicht zuſammen die Inſel aus dem Grunde reißen, und unſere Anſtrengungen vereinigen, wie Pepe vorge⸗ ſchlagen hat?“ „Wohl können wir ſie aus dem Grunde reißen, Fabian; allein wir laufen auch Gefahr, ſie wie ein Reisbündel, deſſen Wiede zerriſſen wird, aus einander zu ſtreuen, und unſere Rettung hängt von der Erhal⸗ tung der Inſel in ihrem jetzigen Zuſtande ab. Viel⸗ leicht wird ſie durch eine große Wurzel, oder einen dicken, die Kette eines Pflichtankers vertretenden Baum⸗ aſt auf dem Grunde feſtgehalten. Es müſſen ſchon viele Jahre verſtrichen ſein, ſeitdem dieſe Bäume hier feſtſitzen: der Boden, der ſich darauf gebildet hat, ſagt es mir. Das Waſſer muß dieſe Wurzeln oder dieſe Aeſte mit der Zeit in Fäulniß gebracht haben, und da⸗ von will ich mich nun vergewiſſern.“ In dieſem Augenblicke unterbrach das unheimliche Geſchrei eines Nachtvogels den Canadier. Dieſe Klage⸗ töne, die mit einem Male die tiefe Stille der Nacht ſtörten,— die ſich gerade in dem Augenblicke hören ließen, wo den Jägern wieder eine Hoffnung aufging, klangen in den Ohren Pepe's wie eine Unheil verkün⸗ dende Muſik. „Ah!“ ſprach der Spanier, deſſen abergläubiſche Gedanken durch die Gefahr wieder geweckt wurden, trau⸗ rig,„die Stimme der Eule zeigt in ſolchem Falle nicht Gutes an.“ 5 2¹¹ „Die Nachahmung iſt eine höchſt gelungene, ich gebe es zu,“ antwortete Roſenholz;„aber Du ſollteſt Dich nicht ſo täuſchen laſſen. Es iſt eine indianiſche Schildwache, die dieſes Geſchrei hören läßt, ſei es, um die Andern zur Wachſamkeit aufzufordern, oder aber iſt es,— was wahrſcheinlicher— eine Erfindung ihrer teufliſchen Bosheit, um uns zu verſtehen zu geben, daß ſie nicht aufgehört haben, uns zu überwachen. Es iſt eine Art Todtengeſang, womit ſie uns regaliren wollen.“ Kaum hatte der Canadier geendigt, als auf dem entgegengeſetzten Ufer dieſelbe Harmonie ſich mit bald ſpöttiſchen, bald kläglichen Modulationen wiederholte, welche die Vermuthung des alten Jägers Punkt für Punkt beſtätigte. Aber dieſe Stimmen waren deßhalb nicht minder furchtbar, denn ſie offenbarten alle Ge⸗ fahren und Fallſtricke, welche die Dunkelheit der Nacht verbarg. „Ich habe große Luſt, ihnen zuzurufen, daß ſie lie⸗ ber wie Tiger, die ſie ſind, brüllen ſollen,“ ſagte Pepe. „Thu' das bei Leibe nicht! Dadurch würdeſt Du ihnen genau die Stelle anzeigen, an der wir uns be⸗ finden. Die Spitzbuben wiſſen es nicht mehr ſo ganz Mit dieſen Worten ging Roſenholz mit der größten Vorſicht in's Waſſer. Die beiden auf der Inſel zurück⸗ gebliebenen Jäger folgten, nicht ohne einige Unruhe, den Unterſuchungen des Canadiers mit dem Auge. Letz⸗ terer verſchwand von Zeit zu Zeit unter der Oberfläche des Fluſſes, wie der Taucher, der längs der Seiten des Schiffes den Leck ſucht, welcher demſelben den Unter⸗ gang droht. „Wohlan!“ fragte Pepe lebhaft, als der Canadier wieder zum Vorſcheine kam, um Luft zu ſchöpfen,„find wir durch mehrere Anker feſtgehalten?“ „Es geht, glaube ich, Alles gut,“ antwortete Ro⸗ ſenholz;„bis jetzt ſehe ich nur einen, der das Inſelchen feſthält, aber es iſt der Nothanter!“ —— 212 „Vor Allem aber hüten Sie ſich, zu weit hinunterzu⸗ dringen!“ rief Fabian,„Sie könnten ſich in das Netz von Aeſten und in die Wurzeln unter dem Waſſer verwickeln.“ „Sei unbeſorgt, Kind!“ antwortete der Canadier. „Ein Walfiſch würde eher an einem Fiſcherkahne, den er zwanzig Fuß hoch in die Luft ſchleudern kann, han⸗ gen bleiben, als ich unter dieſer Inſel, die ich durch einen Druck mit der Schulter auseinander treiben könnte.“ Der Fluß ſchloß ſich von Neuem brauſend über dem Kopfe des Canadiers. Es verfloß eine geraume Zeit, während welcher, gleich als ob das in Erfüllung gehen ſollte, was Fabian vorhergeſehen, man an den ſich um die Inſel her bildenden Wirbeln ſehen konnte, daß Ro⸗ ſenholz unter dem Waſſer war. Bald oscillirte und zit⸗ terte der ganze Floß, wie ein Fahrzeug inmitten einer hohlen See. Man fühlte, daß der Rieſe eine letzte und gewaltige Anſtrengung machen müſſe. Fabian wurde es einen Augenblick enge um's Herz bei dem Gedanken, daß Roſenholz vielleicht mit dem Tode kämpfe,— als ein dumpfes Krachen, ähnlich dem des Fugen werks eines Schiffes, das an einem Felſen zerſchmettert wird, ſich faſt unter ſeinen Füßen hören ließ. In demſelben Augenblicke erſchien der Canadier wie⸗ der über der Oberfläche des Waſſers mit triefenden Haaren und mit flammrothem Geſichte, da das Blut bei ihm gewaltſam nach dieſem Theile des Körpers hinge⸗ trieben worden war. Mit einem Satze faßte er wieder auf der Inſel feſten Fuß, die anfing, ſich langſam um ſich ſelbſt zu drehen, und dann ſanft ſtromabwärts ſchwamm. Eine ungeheure Wurzel, die ziemlich tief im Bette des Fluſſes ſtak, war von den kräftigen Händen des Co⸗ loſſes, der in ſeiner Verzweiflung eine zehnfache Stärke gefunden hatte, abgebrochen worden. 4 „Gott ſei gelobt!“ rief er,„das letzte und einzige Hinderniß, das uns noch zurückhielt, iſt beſeitigt: jetzt find wir flott.“ Und in der That rückte, während er ſo ſprach, das W— 213 Inſelchen, von der Strömung getrieben, fort, und wenn es auch faſt nur unmerklich ſtromabwärts ging, ſo fand doch immerhin ein Fortrücken Statt. „Jetzt ruht unſer Schickſal in der Hand Gottes,“ fuhr Roſenholz fort.„Bleibt das Inſelchen in der Mitte des Fluſſes, ſo ſind wir, Dank dem Nebel, der über deſſen Oberfläche gelagert iſt, bald den Augen und den Händen der Indianer entrückt. Ach, mein Gott!“ rief er inbrünſtig,„nur noch einige Stunden lang Nacht und Deine Geſchöpfe ſind gerettet!“ Die drei Jäger beobachteten ein tiefes Schweigen. Sie folgten den Bewegungen der ſchwimmenden Inſel mit unruhigem Auge, um auch nur den Verſuch zu ma⸗ chen, ein Wort zu wechſeln. Zwar mußte der Tag bald anbrechen; aber unter dem Einfluſſe der Nachtkälte, die, wie gewöhnlich, einige Stunden vor Sonnenaufgang zunahm, wurden die dem Fluſſe entſteigenden Dünſte noch dicker. Die Feuer an den beiden Ufern erſchienen nur noch wie Sterne, die bei wiederkehrender Morgendämmerung am Firmamente erblaſſen. In dieſer Hinſicht war die Gefahr minder groß, und man konnte mit ziemlicher Sicherheit dem Auge der indianiſchen Schildwachen zu, entgehen hoffen; aber eine andere Gefahr drohte den drei Jägern. Die ſchwimmende Inſel folgte, wenn auch noch ſo langſam, dem Strome, wobei ſie ſich aber beſtändig drehte, und es war deßhalb zu befürchten, ſie möchte bei dieſen beſtändigen Wendungen von der geraden Linie abweichen und an einem der Ufer ſitzen bleiben. Rechts, links, überall waren die Indianer. Gleich den Matroſen eines Schiffes, das Ruder und Maſten verloren und von einer Woge nach Felſen hin⸗ getrieben wird, an denen es in Stücke gehen muß, folg⸗ ten die drei Jäger mit angſterfülltem Auge der unge⸗ wiſſen und ſtillen Fahrt des Floßes. Bisweilen ſäuſelte ein vom Lande herkommendes Windchen in dem aus Wei⸗ — 214 den, abgeſtorbenen Zweigen und aus Schilf beſtehenden Saume, womit er umgeben war. Die ſchwimmende Inſel ſchien ſich rechts⸗ und linkshin zu neigen, indem es einen großen Kreis beſchrieb; bisweilen ergriff auch eine der durch die Ungleichheit des Flußbettes gebildeten Strö⸗ mungen den Floß und trieb ihn in gerader Linie zurück; aber auf keinen Fall konnten die Anſtrengungen derer, die darauf fuhren, ſeinen Lauf verbeſſern. Das geringſte Geräuſch hätte hingereicht, um das Echo an den Ufern zu wecken und die Indianer alle auf die Beine zu bringen. Glücklicher Weiſe war der Nehel ſo dick, daß ſelbſt die den Fluß beſchattenden Bäume aufgehört hatten, ſichtbar zu ſein. „Laſſen wir den Muth nicht ſinken,“ ſagte Pepe, „ſo lange die Bäume an den Ufern unſeren Augen ver⸗ borgen bleiben, dürfen wir uns darauf verlaſſen, daß wir den rechten Weg einhalten. Ah! wenn Gott uns in ſeiner Gnade abermals begünſtigt,— welches Ge⸗ heul wird dann an den jetzt ſo ruhigen Ufern erſchallen, ſobald die Indianer bei Tagesanbruch weder Inſel, noch Jäger mehr ſehen werden!“ „Ja,“ antwortete der alte Jäger,„Du haſt da eine gute Idee gehabt, Pepe; bei der Verwirrung, die ſich meiner Sinne bemächtigt hatte, wäre ich nie auf dieſen Gedanken gekommen, und doch war derſelbe ſo einfach!“ „So geht es immer; die einfachſten und beſten Ge⸗ danken kommen immer zuletzt; aber weißt Du, was das beweist, Roſenholz?“ ſetzte der Ermigquelete, ſeinem Ka⸗ meraden leiſe in's Ohr ſprechend, hinzu.„Es beweist dieß, daß in der Wüſte die Todesfurcht Einem ſchon hin⸗ länglich zu ſchaffen macht, und dgß es unklug iſt, ſich auf längere Zeit mit denen, welche man mehr als ſein eigenes Leben liebt, in dieſelbe zu wagen; dieſe neue Chance ſetzt Einen der Gefahr aus, den Kopf ganz zu verlieren. Ich ſag' es Dir frei, Roſenholz: es iſt ſchon eine Weile, daß ich in Dir gar nicht mehr den Alten erkenne.“ 215 „Du haſt Recht, ich ſelbſt kenne mich nicht mehr,“ antwortete der Canadier in ſeiner ſchlichten Weiſe leiſe, „und doch.„ Roſenholz vollendete ſeine Phraſe nicht, denn es hatte ſich ſeiner eine tiefe Träumerei bemächtigt, wäh⸗ rend deren er, wie ein Menſch, deſſen Körper anweſend iſt, während ſeine Seele an einem andern Orte weilt, es aufgegeben zu haben ſchien, den ungewiſſen Bewe⸗ gungen der ſchwimmenden Inſel zu folgen. Denn für den Jäger, der nun ſchon ſeit zwanzig Jahren in der ſchrankenloſen Freiheit der Wüſten lebte, kam eine Ver⸗ zichtung auf dieſes Leben einem wirklichen Tode gleich; ſobald er aufhören mußte, Fabian täglich zu ſehen,— ſobald er dem Troſte entſagen mußte, daß ihm einſt ſein Adoptivſohn die Augen zudrücken werde, mußte er auch dem Glücke für immer Lebewohl ſagen. Fabian und die Wüſte waren das, was ihn an's Leben feſſelte; von Fabian oder von der Wüſte ſich zu trennen, ſchien ihm eine Unmöglichkeit. In der Seele des Jägers fand ſo ein Kampf zwiſchen dem civiliſirten Menſchen und dem Manne ſtatt, den eine lange Gewohnheit faſt in den Zu⸗ ſtand der Wildheit zurückgeführt hatte. Es ſtand nicht lange an, ſo unterbrach Pepe die Träumereien des Canadiers. Schon ſeit einigen Augen⸗ blicken warf der Erſtere unruhigere Blicke in der Rich⸗ tung eines der Flußufer. Er glaubte durch den Nebel hindurch die weißen und phantaſtiſchen Formen, als welche die Bäume im Nebel erſchienen, dunkel zu er⸗ blicken. Sie glichen Phantomen, welche in noch unbe⸗ ſtimmten Umriſſen ſich zeigend, und mit langen, dunſti⸗ gen Draperien bedeckt, ſich klagend über den Fluß hin zu neigen ſchienen. „Wir treiben ab, Roſenholz,“ ſagte Pepe ganz leiſe; „dieſe Nebelmaſſen, die dort unten dichter ſcheinen, kön⸗ nen nur die Gipfel der am Ufer ſtehenden Weidenbäume ein.“ „Du haſt Recht!“ antwortete der Canadier, der 216 ſich ſeinen Träumereien entriß,„an den Feuern, die noch links und rechts glänzen, kann man leicht ſehen, wie klein der Weg iſt, den wir ſeit einer halben Stunde zu⸗ rückgelegt haben.“ An dieſem Orte ſchien die ſchwimmende Inſel einen raſcheren Impuls zu erhalten. In einigen Secunden hatte ſie zwei der Curven beſchrieben, die ſie vorher nur innerhalb eines weit größeren Zeitraums beſchrieb, und bald zeigte ſich der Gipfel der fernen Bäume min⸗ der verworren. Die zwei Jäger wechſelten einen Blick der Unruhe. Der Floß trieb immer nach dem Ufer hin. Eines der Feuer, das ſo eben noch im Mebel ganz ſchwach ge⸗ glänzt hatte, vergrößerte ſich nach und nach vor den Augen des ſchaudernden Roſenholz. Das noch unbeſtimmte Licht des Feuerherd's ließ eine der indianiſchen Schildwachen ſehen; dieſelbe ſtand unter ihrem furchtbaren Kriegscoſtüme aufrecht und un⸗ beweglich da. Eine lange Biſonmähne bedeckte das Haupt des Indianers, über welchem ein Federbüſchel, gleich dem Schmucke eines römiſchen Helms, hin und her wallte. Der Canadier zeigte Pepe mit dem Finger den ſich auf ſeine Lanze ſtützenden Krieger. Glücklicher Weiſe war der Nebel noch zu dick, als daß der Apache, der bloß durch das Feuer ſichtbar wurde, die dunkle Maſſe der Inſel ſchon hätte bemerken können,— der Inſel, die wie ein Seevogel ſanft auf der Oberfläche des Fluſſes fortſchwamm. Indeſſen richtete der Wilde, gleich als ob der In⸗ ſtinkt ihm ſagte, daß die Kühnheit und Geſchicklichkeit ſeiner Feinde ſeine Wachſamkeit täuſchen würden, ſein geſenktes Haupt in die Höhe, wobei er die wallende Mähne, womit es geſchmückt war, ſchüttelte. „Sollte der Kerl Verdacht hegen?“ ſprach der Ca⸗ nadier zu Pepe. „Ah! würde eine Büchſe kein größeres Geräuſch 217 machen als ein Pfeil, wie ſehr würde ich mich alsdann beeilen, dieſen menſchlichen Biſon in die andere Welt zu expediren, damit er dort Wache ſtehe!“ antwortete der Spanier. Bald ſahen die beiden Jäger, wie der indianiſche Krieger den Spieß, auf den er ſich ſtützte, in den Bo⸗ den ſteckte, den Körper vorneigte und ſeine beiden Hände über den Augen ründete, um den durchvringenden Blick derſelben zu concentriren. Das Herz der Flüchtlinge ſchlug ängſtlich, und während eines Augenblicks wagten ſie nicht mehr, Athem zu holen. Der wilde Krieger war, während er ſo, gleich einem reißenden Thiere, im Hinterhalte lag, den Körper ſtark vorbeugte, und ſein von den langen Biſonhaaren, als ſeinem Kopfſchmucke, halb verdecktes Geſicht zeigte, furcht⸗ bar und gräßlich anzuſchaueu. Ein Mann von gewöhn⸗ lichem Muthe hätte ihn nicht ohne Beben ſehen können. Allein die drei Flüchtlinge würden dieſe furchtbare Erſcheinung nicht mehr geachtet haben, als die eines Kindes, wenn in dieſem kritiſchen Augenblicke ein Kind nicht ebenſo zu fürchten geweſen wäre, wie der Indiauer. Bei dem dicken Nebel erleuchtete der Feuerherd, an dem die wilde Schildwache aufgeſtellt war, nur einen ſehr beſchränkten Kreis. Plötzlich machte der Apache, nachdem er einige Au⸗ genblicke in der Stellung eines Mannes verharrt war, deſſen Auge in der Finſterniß einen fernen Gegenſtand zu unterſcheiden ſucht, in der Richtung des Waſſers ei⸗ nige Schritte und verſchwand.. Der Morgenwind trieb nur noch die menſchlichen Kopfhaare hin und her, die wimpelartig am Holze des Spießes befeſtigt waren. Letzterer war an dem Orte ſtecken geblieben, den er zuvor einnahm. Es war ein noch angſtvollerer Augenblick, denn die Nacht ließ jetzt die Bewegungen des Indianers nicht mehr ſehen. 8 218 Die Flüchtlinge hielten ſogar ihren Athem zurück, und das Floß glitt immer noch ſtill über die dunkle Fläche des Fluſſes hin. „Sollte der Teufelskerl uns bemerkt haben?“ mur⸗ melte Pepe dem Canadier in's Ohr. „Es iſt zu befürchten,“ antwortete Roſenholz. Ein kläglicher Schrei machte die Jäger zittern, und es wurde der Schrei auf beiden Ufern wiederholt: es waren die Signale, welche die Schildwachen einander übermachten, indem ſie die Stimme der Nachtvögel nach⸗ ahmten. Und dann wurde Alles wieder ſtill. Endlich entfuhr Roſenholz ein Seufzer der Erleich⸗ terung, indem er Fabian mit dem Finger das am Ufer brennende Feuer zeigte. Der Indianer war in den Lichtkreis wieder einge— treten; und er nahm ſeine Lanze wieder, ſtützte ſich, ganz in der vorherigen Weiſe, auf dieſelbe. Es war ein blinder Lärm; allein nichts deſtoweni⸗ ger fuhr die Inſel fort, ſich dem Ufer zu nähern. „Wenn es ſo fortgeht,“ ſprach Roſenholz.„ſo fal⸗ len wir in zwei Minuten in das Bivouac dieſes india⸗ niſchen Teufels. Ah! könnten wir doch mit Hülfe dieſes Aſtes ein wenig rudern, dann wären wir gar bald wie⸗ der auf dem rechten Wege; aber das Geräuſch des Waſſers würde unſere Flucht verrathen.“ „Und doch werden wir das thun müſſen; vielleicht iſt es beſſer, wenn wir uns der Gefahr ausſetzen, uns ſelbſt zu verrathen, als wenn wir uns an unſere Feinde ausliefern. Zuerſt aber wollen wir ein Bischen ſehen, ob die Strömung, in der wir uns befinden, nach dem Ufer hinführt; iſt Letzteres wirklich der Fall, ſo dürfen wir nicht länger zögern, und obgleich ein Baumaſt im Waſſer ein größeres Geräuſch macht, als ein mit Lein⸗ wand umwundenes Ruder, ſo wirſt Du doch es Dir, ſo viel wie möglich, angelegen ſein laſſen, leiſe zu rudern.“ Während Pepe dieſen guten Rath gab, brach er ganz ſachte ein kleines Stück abgeſtorbenen Holzes ab, 219 und warf daſſelbe in den Fluß⸗ Sich vorbeugend, be⸗ fragten Pepe und Roſenholz die Richtung, die das Holz im Begriffe war, zu nehmen. Es war an dieſem Orte ein ſtarker Strudel, der vurch ein tiefes Loch im Flußbette verurſacht wurde. Einen Augenblick drehte ſich das Stück Holz wir⸗ belnd, wie wenn es hätte unterſinken wollen; und dann nahm es plötzlich eine dem ufer entgegengeſetzte Rich⸗ tung. Den beiden Jägern entfuhr ein Seufzer der Er⸗ leichterung und dann ein ſtiller Ausruf der Freude, auf den aber alsbald wieder ein Blick der Beſtürzung folgte. Das Stück Holz ſchwamm, von einer Unterſtrömung zurückgetrieben, mit einem Male dem Ufer zu. Man durfte es ſich nicht länger verhehlen: das Schickſal des Holzſtücks war auch das Schickſal der Inſel, und erſteres war bloß der Vorläufer der letzteren. In der That ſchien auch die ſchwimmende Inſel einen Augenblick unbeweglich zu bleiben; nichts deſto weniger aber folgte ſie dem Impulſe der erſten Strö⸗ mung, und entfernte ſich bald wieder vom Ufer. Der Nebelvorhang, der ſich rechts und links gleichmäßig con⸗ denſirte, bewies den beiden, nun wieder beruhigten Jä⸗ gern, daß das Floß nun wieder eine günſtige Richtung genommen. So verfloß etwa eine Stunde unter überaus pein⸗ lichen Furcht- und Hoffnungswechſeln; dann verloren ſich die Feuer der indianiſchen Bivouacs in der Ent⸗ fernung und im Nebel; die Flüchtlinge waren jetzt ſo ziemlich der Gefahr entronnen. Indeſſen durfte man immer noch nicht die Hände in den Schvoß legen. Durch die Entfernung, in der man ſich jetzt vom Feinde befand, beruhigt, ſtellte ſich der alte Matroſe hinten an das Floß, und fing an, mit dem Baumaſte aus Leibeskräften zu rudern. Wie ein Pferd, das lange Zeit ſeinen Launen über⸗ laſſen worden iſt, und endlich die Hand und den Sporn eines geſchickten Reiters fühlt, folgte die ſchwimmende 2— 220 Inſel, indem ſie aufhörte, ſich nach allen Richtungen hin zu drehen, der Strömung raſcher, Durch den Cana⸗ dier im tiefſten Fahrwaſſer gehalten, hatte ſie bald eine ſchöne Strecke Weges zurückgelegt. Und nun konnten die drei Freunde ſich als geſicherter, wenn auch noch nicht als völlig geborgen und gerettet anſehen. „Es muß nun bald Tag werden,“ ſagte Roſen⸗ holz:„wir müſſen jetzt an einem der beiden Ufer lan⸗ den, und das Weite zu gewinnen ſuchen, denn wir werden zu Fuß noch einmal ſo weit kommen, als auf dieſem Floße, das noch langſamer läuft, als ein hol⸗ ländiſcher Hucker,— was gewiß viel ſagen will.“ „Wohlan! thu' das Land an, wo es Dir beliebt, Roſenholz,“ antwortete Pepe;„von dort an folgen wir dann zu Fuße dem Laufe des Waſſers, um den India⸗ nern unſere Spur zu verbergen; nöthigen Falls tragen wir den Verwundeten auf den Armen, und dann können wir wenigſtens zwei Wegſtunden in einer Zeitſtunde zu⸗ rücklegen. Glauben Sie, Don Fabian, wir haben noch weit bis zum Goldthale?“ „Sie haben,“ antwortete Fabian,„ſo gut, wie ich, die Sonne hinter den Nebelbergen, die es ver⸗ decken, untergehen ſehen; wir können höchſtens noch einige Wegſtunden davon entfernt ſein, und ohne Zweifel erreichen wir es noch vor Tag.“ Roſenholz gab, unterſtützt von Pepe, dem Floße eine ſchiefe Richtung nach der linken Seite hin, und etwa nach Verfluß einer Viertelſtunde ſtieß das Inſel⸗ chen ſo heftig auf dem Flußufer auf, daß dadurch ein großer Riß in dem Boden entſtand. Während Pepe und Fabian den Fuß auf ein Ufer ſetzten, worauf keine Feinde mehr waren, nahm der Canadier den noch im⸗ mer unbeweglich da liegenden Gambuſino in die Arme, und legte ihn in das Gras am Ufer. Dort wachte der Verwundete auf. Beim Anblicke einer Gegend, die ſo ganz verſchieden war von derjenigen, wo er eingeſchlafen, ————— 221 und deren Veränderung, trotz Nebel und Nacht, fühl⸗ bar genug war, ſah er erfreut um ſich. „Virgen santa!“ rief er,„werde ich noch ein⸗ mal das furchtbare Geheul hören müſſen, das meinen Schlaf ſtörte?“ „Nein, mein Junge; die Indianer ſind ferne von uns, und wir in Sicherheit. Gott ſei gelobt, daß er mir geſtattet, Alles zu retten, was mir werth und theuer iſt,— meinen Fabian, und meinen alten Gefährten in Kampf und Gefahr!“ Bei dieſen Worten entblößte der Canadier ehr⸗ furchtsvoll ſeine grau werdende Stirn, und ſtreckte Pepe und Fabian de Mediana in herzlicher Weiſe die Hand hin. Nachdem die drei Jäger dem ſtalpirten Gambufino einige Augenblicke gegönnt, um wieder etwas zur Be⸗ ſinnung zu kommen, ſchickten ſie ſich an, ihren Weg fortzuſetzen. „Wenn Sie nicht im Stande ſind, mit uns gleichen Schritt zu halten,“ ſagte Pepe zum Skalpirten,„ſo wollen wir eine Art Tragbahre für Sie machen. Wir haben keine Zeit zu verlieren, wenn wir dieſen Land⸗ ſtreifern entgehen wollen, die, ſo bald der Tag graut, uns ſo wüthend verfolgen werden, wie nur je Chriſten von Leuten ihrer Art verfolgt worden ſind.“ So lebhaft war der Wunſch des Gayferos, ein neues Zuſammentreffen mit den Indianern zu vermeiden, daß er faſt die Höllenſchmerzen vergaß, die er ausſtand. Er erklärte, daß er ſeinen drei Befreiern ſo geſchwind folgen würde, als ſie nur wollten, und ſchlug vor, daß man ſich alsbald auf den Weg machen ſollte. „Vorher haben wir noch einige Vorſichtsmaßregeln zu ergreifen,“ ſprach Roſenholz;„ruhen Sie noch einige Augenblicke aus, bis wir das Floß, das uns ſo nütz⸗ lich geweſen, in Stücke geriſſen, und dem Strome über⸗ geben haben. Die Indianer dürfen durch aus keine Spur von uns finden.“ Und nun gingen die drei Gefährten ans Werk. 222 Durch die Abreißung der Wurzel, die ſie auf dem Fluſſe feſthielt, und durch den gewaltigen Stoß, als ſie auf dem Ufer ſitzen blieb, in ihrem Zuſammenhange bereits gelockert, konnte die ſchwimmende Inſel den vereinigten Armen der drei Jäger keinen langen Widerſtand ent⸗ gegenſetzen. Die Baumſtämme, woraus ſie beſtand, wurden nach einander losgeriſſen, und in den Strom hinausgetrieben, der ſie fortführte; und bald war von dem Floße, an deſſen Bau die Natur ſo viele Jahre gearbeitet hatte, keine Spur mehr übrig. Als vor den Augen der Jäger der letzte Aſt ver⸗ ſchwunden war, ließen Roſenholz und Pepe es ſich ange⸗ legen ſein, die Grasſtengel wieder aufzurichten, und die Spur, die ihr Fuß dort zurückgelaſſen haben konnte, zu vertilgen. Dann gab der Canadier das Zeichen zum Aufbruche. Als der größte und ſtärkſte unter den vier Flücht⸗ lingen, ging er zuerſt in's Waſſer, und zwar ſo weit vom Ufer weg, daß die Fluth die Spur ihrer Füße be⸗ deckte, und daß die Indianer ſo vermuthen konnten, es ſei von ihnen die Fahrt auf dem Floße fortgeſetzt wor⸗ den. Ihr Weg war zn mühevoll, als daß ſie hätten ſehr raſch gehen können, und doch kamen ſie, nach Ver⸗ fluß von einer Stunde, in dem Augenblicke, wo, unge⸗ achtet der Fußbekleidung, die ſie beibehalten, ihre wun⸗ den Füße ſie zum Ausruhen zwingen mußten, an dem Orte an, wo die zwei Flüſſe aus einander liefen, welche das Delta bildeten, in dem das Goldthal liegen mußte. Der Tag war nicht mehr fern; ſchon fing die Morgenröthe an, den Horizont, im Oſten weiß zu ſtrei⸗ fen. Eine graue Tinte folgte auf die Dunkelheit. Glück⸗ licher Weiſe war der Flußarm, den man überſchreiten mußte, nicht ſehr tief. Die Hauptmaſſe des Waſſers floß nach dem andern Arme ab. Es war dieß ein gün⸗ ſtiger Umſtand; denn es hätte viel Zeit gekoſtet, den verwundeten Gambuſino ſchwimmend hinüberzubringen. 223 Roſenholz nahm ihn auf die Schultern. Alle drei gingen dann in das Waſſer, das ihnen kaum bis an's Knie reichte, und bald langten ſie am andern Ufer an⸗ Die Kette der Nebelberge war nur etwa noch eine Stunde von der Spitze des Delta entfernt, auf der ſie angekommen waren, und nach einigen der Ruhe gegoͤnn⸗ ten Augenblicken ſetzten ſie ihren Weg neu geſtärkt fort. Bald veränderte ſich das Ausſehen des Bodens. Auf den feinen Sand des Alluvial⸗Bodens(denn wäh⸗ rend eines Theils des Jahres, das heißt zur Regenzeit, war das durch die Verbindung der zwei Flüſſe gebil⸗ dete Dreieck überſchwemmt) folgten tiefe Krümmungen und um jene Zeit ausgetrocknete Betten, welche die Bäche während der Regenzeit, wo ſie von den Vergen herabſtürzen, ſich graben. Anſtatt des langen und ſchma⸗ len Saumes von Weiden⸗ und Baumwoll⸗Bäumen, die bis daher öde Ufer beſchattet hatten, erhoben ſich in gewiſſen Entfernungen grüne Eichen, und die neue, vom Waſſer durchwühlte Landſchaft war durch die Berg⸗ kette abgeſchloſſen, die man die Nebelhügel nennt. Dort machten die Reiſenden einen Augenblick Halt. In der Nähe ſah dieſe Landſchaft ſeltſam und impoſant aus. Selten hatten die Füße eines Weißen dieſe Wüſte betreten, die noch in ihrer ganz wilden Jungfräulichkeit daſtand. Marcos Arellanos und Cuchillo waren allein ſo weit vorgedrungen. Wie in jenen ungeheuren Baſiliken, die ganz von der Majeſtät Gottes erfüllt ſind, hatte ein vages Gefühl ehrfurchtsvollen Schreckens vor dem übernatürlichen Zauber, womit dieſe ernſte Landſchaft bekleidet ſchien, ſi. daß man unwillkürlich die Stimme finken ieß. Dieſe von einem ewigen Nebel umhüllten Hügel,— dieſe Hügel, die auch dann dunſtumfloſſen blieben, wenn die umherliegenden Ebenen im Glanze der Sonne leuch⸗ teten, ſchienen auf ihrer Spitze undurchdringliche Myſte⸗ rien zu verbergen. 224 Bisweilen durchdringen, nach den Ausſagen der Reiſenden, unter der Kuppel eines wolkenloſen Himmels blendende Blitze den über die Höhen hingeworfenen Nebelſchleier; die Echos ſchicken einander Geräuſche zu, dumpf, wie das eines fernen Donners, und übertönen in impoſanter Weiſe die Waſſerfälle, die ſich in gähnen⸗ den Schluchten herabſtürzen. Man wäre beinahe ver⸗ ſucht, zu glauben, es kämpfen unterirdiſche Geiſter, die unſichtbaren Wächter verborgener Schätze, in den Ein⸗ geweiden der Erde mit einander, und es verberge, dem indianiſchen Aberglauben zufolge, dieſer Dunſtbaldachin E heilige und unverletzliche Behauſung der Herren der erge. Achtunddreißigſtes Rapitel. Der Finger Gottes. Inzwiſchen war der arme Gambufino von den Stra⸗ pazen und Schmerzen ganz erſchöpft. Da es abſolut nothwendig war, ihn die Lage des Goldthales nicht wiſſen zu laſſen, und ihm nicht einmal deſſen Exiſtenz zu enthüllen, ſo beſchloßen Roſenholz und Pepe gemein⸗ ſchaftlich, ihn jetzt, wo er in Sicherheit war, auf einige Stunden zu verlaſſen, und dieſe Zeit zur Recognosci⸗ rung der Orte zu verwenden, die Fabian von ſeiner Adoptivmutter beſchrieben worden waren. „Hoͤren Sie einmal, Junge,“ ſagte Roſenholz zu Gayferos,„wir haben Ihnen, ohne daß Sie ſich davon Etwas träumen ließen, von unſerer Zuneigung und Selbſt⸗Aufopferung ſo viele Beweiſe gegeben, daß wir 225 Sie wohl einen halben, ja vielleicht einen ganzen Tag hier laſſen können. Wir haben einige Geſchäfte abzu⸗ machen, wozu drei entſchloſſene Männer nothwendig ſind. Sind wir heute Abend, oder morgen frühe noch auf die⸗ ſer Welt, ſo werden Sie uns wiederkehren ſehen; iſt Letzteres aber nicht der Fall: dann werden Sie wohl einſehen, daß die Schuld nicht an uns liegt. Inzwiſchen laſſen wir Ihnen hier Waſſer und getrocknetes Fleiſch zurück, und bei ſolchem Vorrathe ſind vierundzwanzig Stunden bald vorüber.“ Man kann ſich leicht denken, daß der arme Ver⸗ ſtümmelte nur ungern in dieſe Trennung willigte; in⸗ deſſen ergab er ſich in das Unvermeidliche, beruhigt durch ein neues und feierliches Verſprechen der großmü⸗ thigen Jäger, denen er ſchon ſo Viel verdankte. „Ehe ich Sie verlaſſe, habe ich Ihnen noch Etwas auf das Herz zu binden,“ ſprach der alte Jäger.„Sollte der Zufall die Gefährten hierherführen, von denen Sie in ſo unglücklicher Weiſe getrennt worden ſind, ſo ver⸗ lange ich für den Fall, daß der Dienſt, den wir Ihnen geleiſtet, in Ihren Augen von einigem Werthe wäre⸗ daß Sie, ſo lieb Ihnen Ihr ewiges Seelenheil iſt, kei⸗ nem derſelben unſere Anweſenheit an dieſem Orte ver⸗ rathen. Was die Ihrige betrifft, ſo können Sie dieſelbe in beliebiger Weiſe erklären.“ Gayferos verſprach zu thun, was der Jäger von ihm forderte, und nun entfernten ſich die drei Freunde raſchen Schrittes. In dem Augenblicke, wo Roſenholz einen ſeiner eifrigſten Wünſche ſollte in Erfüllung gehen ſehen, das heißt, in dem Augenblicke, wo er im Begriffe war, das Kind ſeiner Liebe zu bereichern, und das künftige Ver⸗ mögen Fabians durch unermeßliche Schätze noch zu ver⸗ größern, ſchien er in ſeinem Eifer zu vergeſſen, daß die Eroberung des Goldthales eine weitere Schranke zwi⸗ ſchen Fabian und ihm aufrichten müſſe. Der Waldläufer.. 226 ⸗ Pepe, der bereit war, das Unheil und den Schaden, zu dem er früher unwillkürlich mitgewirkt, ſo viel wie möglich wieder gut zu machen, war ebenfalls ganz glück⸗ lich, und ging mit erleichtertem Gewiſſen und elaſtiſchem Tritte einher. Fabian allein ſchien nicht ſo freudig erregt zu ſein, und nach Verfluß von einer Viertelſtunde bat er ſeine Gefährten, Halt zu machen, da er einen Augen⸗ blick ausruhen müſſe. Alle drei ſetzten ſich auf einen kleinen Hügel, von wo aus ſie die verwüſtete Landſchaft überſchauen konnten, die ſie umgab. „Ei, Don Fabian,“ ſprach Pepe im Tone freudigen Vorwurfs, während er mit dem Finger auf die ſich noch undeutlich zeigende Maſſe der Nebelhügel deutete,„ſollte die Nähe dieſer goldreichen Orte Ihren Kniekehlen nicht neue Kraft verleihen?“ „Nein,“ antwortete Fabian,„denn ich werde vor Sonnenaufgang keinen Schritt mehr in dieſer Richtung machen.“ „Ah!“ unterbrach ihn der Canadier plötzlich, um der Geſte des Erſtaunens, die er bei Pepe bemerkt, und ſeiner eigenen Verwunderung Worte zu leihen,„das iſt einmal'was Neues; und warum das? ſprich!“ „Warum? Weil dieß ein verfluchter Ort iſt,— ein Ort, wo der, den ich wie einen Vater liebte, ermor⸗ det worden iſt, Roſenholz; weil tauſend Gefahren Sie da umgeben, und weil ich Sie ſchon allzu ſehr der Ge⸗ fahr ausgeſetzt habe, indem ich Sie meine Sache ver⸗ theidigen ließ.“ „Welcher Art ſind denn die Gefahren, denen wir zu Dreien nicht ſollten Trotz bieten können? Sollten ſie etwa größer ſein, als die, der wir jetzt eben entronnen ſind? Und wenn es uns, Pepe und mir, gefällt, dieſe neuen Abenteuer in Deinem Intereſſe zu beſtehen?“ ant⸗ wortete der Canadier. „Die Gefahren, die uns erwarten, ſind Gefahren jeder Art,“ antwortete Fabian;„warum ſollten wir es uns länger verhehlen? Beweist in der der Erpedition ——————— 227 gegebenen geraden Richtung nicht Alles, daß Don An⸗ tonio de Mediana die Exiſtenz des Goldthals ſo gut kennt, wie ich? Der Führer, der die Erpedition leitet, geht ſicher: ich habe in Betreff deſſen jetzt alle Gewiß⸗ heit erlangt.“ „Wohlan!“ fragte Roſenholz,„welchen Schluß ziehſt Du daraus?“ „Den, daß drei Männer nicht gegen ſechzig käm⸗ pfen können,“ antwortete Fabian. „Höre, Kind,“ antwortete der Canadier mit eini⸗ ger Ungeduld,„dieſe Reflerionen wären am Platze ge⸗ weſen, ehe wir uns auf das Unternehmen einließen, nun aber kommen ſie zu ſpät; und warum denkſt Du heute nicht mehr, wie geſtern?“ „Weil mich geſtern die Leidenſchaft noch irre führte; weil die Reflerion an die Stelle des brennenden Eifers getreten iſt, der mich vorwärts trieb; weil ich endlich nicht mehr hoffe.... was ich geſtern noch hoffte.“ Die widerſprechenden Leidenſchaften, die ſein Herz bewegten, erlaubten Fabian nicht mehr, dem Canadier die Fluth und die Ebbe ſeines Willens deutlicher zu erklären. „Fabian!“ ſprach der Canadier feierlich,„Du haſt eine heilige und furchtbare Pflicht zu erfüllen, und mit der Pflicht läßt ſich nicht unterhandeln; ferner, wer ſagt Dir, daß die von Don Antonio befehligte Expedi⸗ tion dieſelbe Richtung verfolgt, wie wir? Allein ſollte dieß auch der Fall ſein, ſo iſt es ja nur um ſo beſſer: dann fällt der Mörder Deiner Mutter uns in die Hände.“ „Der Führer, der die Schritte der Goldſucher len⸗ ken ſoll,“ antwortete Fabian, der, in Folge ſeines edlen Opfers, Roſenholz ſeine wahren Gefühle zu verbergen ſuchte,„kann kein Anderer, als dieſer Schlingel von Cuchillo ſein. Habe ich Ihnen nicht die Spur ſeines Pferdes gezeigt, die oft von der ſeiner übrigen Gefähr⸗ ten ganz entfernt war? Wenn ich mich nun nicht 228 täuſche, ſo muß er das Thal, worin ſich der Goldſand befindet, kennen. Auf jeden Fall aber müſſen wir, ſo ſchwer es auch unſerer Ungeduld ankommen mag, die Rückkehr der Sonne abwarten, bevor wir blindlings in eine Gegend vordringen, die wir nicht kennen, und wo dieſe golddürſtenden Abenteurer für uns ebenſo furcht⸗ bare Feinde ſein können, wie die Indianer ſelbſt. Iſt das nicht auch Ihre Anſicht, Pepe?“ „Faſt die ganze Nacht hindurch hat der Wind das Gekrache eines Flintenfeuers bis zu unſern Ohren ge⸗ tragen, und dieſes Schießen bedeutet, daß die Haupt⸗ maſſe der Expedition mit den Indianern im Kampfe gelegen iſt; es iſt nicht wahrſcheinlich, daß Jemand uns ſchon voraus iſt; ich muß Ihnen daher frank und frei ſagen, daß meine Anſicht von der Ihrigen verſchieden iſt, und daß meine Meinung dahin geht, daß wir, ohne noch mehr Zeit zu verlieren, irgend einen Ort in die⸗ ſen Bergen zu erreichen trachten müſſen, wo wir einen letzten und unvermeldlichen Kampf gegen unſere Feinde, mit einiger Hoffnung auf Erfolg, wagen können.“ „Dieſen ungleichen Kampf will ich eben vermieden wiſſen,“ antwortete Tiburcio warm.„So lange ich hoffen konnte, daß ich die, welche die Vorſehung, in Folge eines wunderbaren Zufalls, meiner Rache als die zu treffenden Perſonen bezeichnet hatte, noch vor Er⸗ reichung des Preſidio Tubac einholen, und ſie, drei ge⸗ gen fünf, angreifen würde, verfolgte ich ſie, ohne wei⸗ ter darüber nachzudenken; ſo lange ich glauben konnte, ich hätte mich getäuſcht, und es wage ſich dieſe Expe⸗ dition, gleich allen früheren, in dieſelben Wüſtenen vor, ohne einen andern Zweck,— was man mir auch darüber geſagt,— als den, irgend ein unbekanntes Placer aufzufinden, bin ich ihr, Schritt für Schritt, gefolgt. Was iſt nun aber gefchehen? „Finden wir nach vier Tagen, während welcher wir eine verſchiedene Richtung eingeſchlagen, heute Nacht nicht denſelben Don Eſtevan mit ſeinen Leuten in der 229 Nähe der Nebelhügel wieder? Ihr Ziel iſt daher das nämliche, das wir verfolgen. Drei Männer können es nicht mit ſechzig aufnehmen; und deßhalb möchte ich um keinen Preis zwei edelmüthige Freunde opfern, deren Leben mir theurer iſt, als das meinige: opfern— war⸗ um? um meine Rache oder meine Habſucht zu befrie⸗ digen.“ „Kind,“ ſprach der Canadier,„wer ſieht nicht ein, daß Jeder für ſich allein hier ſteht, und daß dieſe drei Intereſſen dennoch nur eines ausmachen! Verfolgten wir nicht ſchon zwei Tage, ehe Gott dich zum zweiten Male in meine Arme führte, den Mann, der damals Deine Hoffnungen zu Grunde richtete, wie er einſt Deine Mutter ermordet, und Deinen Namen geſtohlen? Seit zehn Jahren bilden Pepe und ich nur eine Perſon; die Freunde des Einen ſind auch die Freunde des An⸗ dern geweſen, und Du biſt der Sohn Pepe's, weil Du der meinige biſt; Fabian, mein Kind, danken wir Gott, daß er es ſo gefügt, daß wir, während Pepe und ich derſelben Sache dienen, zugleich der Deinigen dienen. Was 6 geſchehen moge, wir gehen keinen Schritt zurück!“ „Und das,“ ſprach der Erxearabinier,„iſt noch nicht Alles. Achten Sie, Don Fabian, ganze Goldhaufen— achten Sie ein ganzes Leben des Ueberfluſſes für Nichts? Und warum ſollten wir Alles das verſchmähen,— einer eingebildeten Gefahr zu Liebe? Ich wiederhole es, wir müſſen zuerſt im Goldthale ankommen, und ein Vor⸗ ſprung von einem Tage, ja auch nur von einer Stunde [mnn uns für immer zu reichen Leuten machen; Sie ſehen daher, daß wir im Gegentheile Nichts, als ſchänd⸗ liche Egoiſten, und daß Ihre Freunde es ſind, die Sie gar leicht ihrem perſönlichen Intereſſe opfern dürften.“ „Pepe hat Recht,“ ſetzte der alte Jäger hinzu,„wir wollen Gold, und zwar viel Gold!“ „Und was wollen Sie mit dieſem Golde anfangen?“ fragte Fabian lächelnd. 230 „Was ich damit anfangen will?“ rief Roſenholz, den Excarabinier mit dem Elbogen ſtoßend,„hör' doch, das Kind fragt, was ich damit anfangen wolle!“ „Ja, ich will es durchaus wiſſen.“ „Was ich damit anfangen will?“ ſprach der ehrliche Canadier, den dieſe Frage nicht wenig in Verlegenheit ſetzte, weiter;„ei der tauſend.. ich werde ich werde. eine Menge Sachen daraus machen.. und wenn ich es auch nur dazu verwende, daß ich an meinem Carabiner einen ganz goldenen Lauf anbringen laſſe,“ ſetzte er mit triumphirender Miene hinzu. Fabian konnte ſich nicht enthalten, die Achſeln zu zucken und abermals zu lächeln. „Du lachſt,“ antwortete Roſenholz, wärmer wer⸗ dend:„glaubſt Du denn, es wäre nicht außerordentlich ſchmeichelhaft, einem Apachen, einem Sivux, oder einem Pawnie, dem man mit einem Dolchſtoße vollends den Treff gibt, ſagen zu können:„„Hundsfott, die Kugel, die Dir den Kopf zerſchmettert hat, kommt aus einem Laufe von maſſivem Golde?““—„Sei ruhig, mein Kind, wenige Caſtorjäger könnten ein Gleiches ſagen.“ „Ich gebe es zu,“ erwiederte Fabian. Sodann ſetzte er in ernſtem Tone hinzu: „Nein, meine Freunde, Don Eſtevan entgeht mei⸗ ner Rache, Dank den Soldaten, von denen er umgeben iſt; und das Placer, von dem ich glaubte, daß es mir gehöre, entgeht mir ebenfalls. Was liegt auch daran? Kann ich nicht den Namen und das Vermögen meiner Väter zurückverlangen, im Fall der Ehrgeiz ſich meiner bemächtigen ſollte? Gibt es in Spanien nicht Gerichte, die Jedem zu ſeinem Rechte verhelfen? Golt wird das Uebrige thun; allein ich mag zwei edle Leben nicht thörichter Weiſe auf's Spiel ſetzen; von dem meinigen mag ich gar nicht ſprechen,“ fuhr er melancholiſch fort: „habe ich nicht ſchon, ſo jung ich noch bin, den Kelch des Leidens bis auf die Neige geleert? Das iſt ge⸗ 231 nug, und Eure edelmüthigen Ausflüchte können mich nicht täuſchen.“ Bei dieſen Worten reichte Fabian den beiden Jä⸗ gern die Hände hin, und es wurden dieſe liebevoll und derb geſchüttelt. Der Canadier betrachtete, ſchweigend und gerührt, einige Minuten lang das edle Geſicht deſſen, den er ſtolz war, ſeinen Sohn nennen zu kön⸗ nen; dann rief er, während die Gezwungenheit, die in ſeiner Phyſiognomie einen Angenblick zu bemerken ge⸗ weſen war, den wahren Gefühlen ſeines Herzens wich: „Fabian, mein Kind, mein ganzes Leben iſt auf dem Meere und in der Wüſte verſtrichen; aber ich weiß von den Städten und deren Gebräuchen noch genug, um Dir ſagen zu können, daß bei den Menſchen die Gerechtigkeit mehr erkauft, als ehrlich errungen wird. Das Gold, mein Kind— das Gold, das dieſe Hügel bergen, werden wir dazu verwenden, um aus Dir das zu machen, wozu Dich die Vorſehung beſtimmt hatte; dieſes Gold wird die Hinderniſſe aus dem Wege räu⸗ men, an denen Dein gutes Recht ohne Zweifel zu Grunde gehen würde. Pepe wird mich nicht Lügen ſtrafen, wenn ich Dir ſage, daß wir unſer Leben in die Schanze ſchlagen wollen, um Dir wieder zu den Beſitzungen Deiner Vorfahren und zu dem berühmten zu verhelfen, den zu führen Du ſo würdig biſt.“ „Ja,“ verſetzte der Carabinier,„ich habe es Ihnen geſagt; der erſte Theil meines Lebens iſt nicht ſo be⸗ ſchaffen geweſen, wie ich es gerne gewollt hätte; es iſt ein Bischen die Schuld der ſpaniſchen Regierung, die mir meinen Sold nicht ausbezahlte; nichts deſto we⸗ niger laſtet die bekannte Nacht centnerſchwer auf mei⸗ nem Herzen. Oft habe ich meine Vergangenheit trau⸗ rig geprüft; allein Gott vergibt ſtets dem Schuldigen, weil, wenn eine ſeiner Hände das Verbrechen wägt, die andere die Gelegenheit zur Büßung deſſelben bietet. 232 Der Tag der Abbüßung iſt nun da; die Vergebung iſt nahe, und ich thue nur, was gerecht iſt, wenn ich, mit Gefahr meines Lebens, Ihnen das zurückerſtatte, was ich habe Ihnen rauben helfen.“ „Vorwärts alſo!“ ſagte der Canadier wieder. „Gott hat uns Allen unſere Bahn vorgezeichnet, und er wird das Uebrige thun, wie Du ſo eben geſagt haſt, Fabian. Willſt Du hier bleiben, ſo gehen wir ohne Dich!“ Bei dieſen Worten ſtand der Canadier auf, warf ſeinen Carabiner auf die Schulter, und forderte mit einer gebieteriſchen Geſte ſeinen Gefährten auf, ihm zu folgen. Fabian mußte dem unwiberruflichen Entſchluſſe ſeiner Freunde nachgeben. Und nun gingen alle drei voller Entſchloſſenheit auf die Nebelhügel zu. Es ſtand nicht lange an, ſo verſchwanden ſie hin⸗ ter den Krümmungen des Terrains. In dem Augenblicke, wo der canadiſche Jäger mit ſeinen beiden Gefährten den Poſten verließ, den ſie eingenommen, hatte die Dämmerung dem Tage noch nicht Platz gemacht. Und nun kam ein neuer Schauſpieler auf den Schauplatz der Scenen zu, welche die Sonne beſchei⸗ nen ſollte. Gleich dem Geiſte des Böſen, gleich dem Dämon der Finſterniß, kam dieſer allein. Sein Pferd machte, in ſeinem ungeſtümen Laufe, unter ſeinen Füßen den Sand und den Kies der dürren Ebenen auffliegen, die es verſchlingen zu wollen ſchien. Sein Reiter, in deſ⸗ ſen unheilverfündendem Geſichte die Leidenſchaft der Habſucht ſich ausbrückte(und in dieſem Reiter hat man wohl ſchon Cuchillo erkannt), ſchien indeſſen, von Zeit zu Zeit, von einem geheimen Schrecken erfaßt zu werden. Und in der That war es wohl möglich, vaß, ſelbſt im Schlachtgetümmel, ſeine Flucht aus dem Lager 233 von einem derjenigen bemerkt worden war, die er im Augenblicke dex Gefahr im Stich ließ; indianiſche Herumſtreicher konnten ſein Ausreißen gemeldet haben, und dieß war der Grund ſeiner Furcht. Indeſſen war Cuchillo nicht der Mann, der einen ſo kühnen Streich wagte, ohne auch deſſen günſtige Chancen abgewogen zu haben. Er hatte es gemacht, wie der Jäger, der die Jungen des Löwen oder des Tigers in der Höhle fangen will, in der ſie auf die Welt gekommen, und demſelben eine Beute überläßt, um ihn ferne zu halten, und von dem, was vor⸗ geht, abzuziehen. Die Beute, die er den Herren dieſer Wüſten hingeworfen, waren ſeine Gefährten. Seine früheren Execurſionen hatten, wie bereits berichtet worden, nur den Zweck gehabt, einen Haufen von Indianern, deren Spuren er erkannt, nach dem Lager Don Eſtevan's hinzuziehen. Allerdings ſpielte er ein gar gefährliches Spiel, und man hat geſehen, wie es ihm nur mit Mühe gelang, das Corps der Er⸗ pedition. wieder zu erreichen, und wie er den ihn hitzig verfolgenden apachiſchen Kriegern nur eine kleine Strecke voran war. Er hatte gedacht, daß der Kampf ſich verlängern, und den größeren Theil der Nacht über dauern; daß, Sieger oder beſiegt, die Abenteurer den ganzen folgen⸗ den Tag über es nicht wagen würden, aus ihren Ver⸗ ſchanzungen hervorzukommen, und daß er lange Stun⸗ den vor ſich hätte, während welchen er ſich eines Theils der Schätze des Goldthals bemächtigen, und dann, in's Lager zurückgekommen, ſeine Beute unter den Schutz ſeiner Gefährten ſtellen könnte; daß er endlich in dem Augenblicke, wo die ganze Erpedition im Goldthale anlangte, noch als Soldat und als Führer, einen wei⸗ teren Antheil bekommen würde. Es konnte ihm nicht an Vorwänden mangeln, um dieſe neue Abweſenheit zu bemänteln, und ſo würde er die Kenntniß eines Ge⸗ heimniſſes, das er bereits um eine große Summe ver⸗ 234 kauft, tüchtig ausgebeutet haben. Allein Cuchillo ver⸗ gaß, wie man geſehen hat, das Mißtrauen, das Don Antonio gegen ihn hegte, mit in Rechnung zu bringen. Ehe Cuchillo den Spanier hatte bewegen können, das bewußte Geſchäft mit ihm abzuſchließen, hatte er ihm über die Lage des Goldthales ſo genaue Nachwei⸗ ſungen geben müſſen, daß Don Antonio von dem Orte aus, wo die Expedition angekommen war, über den ferner zu verfolgenden Weg nicht im Zweifel ſein konnte. Letzterer hatte dieſe Berichte dem Pedro Diaz erſt an dem Abende mitgetheilt, wo ſein Mißtrauen durch die verlängerte Abweſenheit Cuchillo's erregt worden war. Die Klugheit verlangte es ſo, denn die Habſucht hätte Andere das thun laſſen, was der Bandit gethan. Cuchillo hatte ſich, nachdem er ſich geſtellt, als ob er eine tödtliche Wunde erhalten, und mitten im Lager zu Boden gefallen war, ganz in der Stille nach der Seite der Verſchanzungen hingeſchlichen, welche die Indianer nicht umringten; ſein Pferd war ihm gefolgt, wie es, in Folge einer trefflichen Dreſſur, ſchon längſt zu thun gewohnt war; und unter dem Schutze der Finſterniß war er nach den Hügeln hingeritten, zu de⸗ nen er den Weg kannte. Die Habſucht, die heftigſte ſeiner Leidenſchaften, hatte ihn gewiſſe mangelhafte Seiten eines Planes nicht erkennen laſſen, deſſen Ausführung nichts deſto weniger mit ſo vielen Gefahren verbunden war. Der Augenblick war daher nicht mehr fern, wo er hoffen durfte, ſeine Treuloſigkeit mit einem glücklichen Erfolge gekrönt zu ſehen: mit vor Verlangen funkeln⸗ den Augen, mit vor Hoffnung und Furcht heftig klo⸗ pfendem Herzen, eilte er mit verhängtem Zügel auf das Goldthal zu; aber wie der Geizige, der unaufhör⸗ lich befürchtet, es möchte ein unſichtbares und verbor⸗ genes Ange ſeinen Schritten bis zu dem Schatze hin folgen, von dem er weiß, daß er an einem nur ihm gllein bekannten Orte verſcharrt iſt, unterbrach er bis⸗ 5 weilen ſein ſchnelles Rennen, um dem unbeſtimmten Gemurmel der Wüſte ein aufmerkſameres Ohr zu lei⸗ hen. Und wenn er ſo die Tiefen der Wüſte mit dem Blicke befragt,— wenn er ſah, daß ſeine Befürchtungen ungegründet geweſen, ſetzte er ſeinen Weg mit neuem Vertrauen und mit neuem Eifer fort. Bisweilen weckte auch der Anblick der Orte, die er ſchon einmal geſehen, düſtere Erinnerungen in ihm. Sein Inſtinkt hatte ihn auf demſelben Wege trefflich geleitet; auf jenem Hügel hatte er mit Marcos Arel⸗ lanos ausgeruht; jener Nopal hatte ihnen ſeine erfri⸗ ſchenden Früchte dargeboten; und ſie Beide hatten mit einem myſteriöſen Schrecken die ſeltſam ausſehenden Nebelberge betrachtet. Cuchillo eilte immer vorwärts; der Wind pfiff durch ſeine Haare hin; ſein Pferd wieherte, und ſein raſcher Galopp brachte den Mörder in die Nähe des Ortes, wo ſein Opfer ſeinen Streichen unterlegen war. Dann folgte auf die Furcht vor den irdiſchen Feinden die Furcht, die unter dem Mantel der Nacht das Ge⸗ wiſſen einflößt, welches, wenn es auch den Tag über ſchlummert, in der Finſterniß nichts deſto weniger wacht. Die Geſträuche, die dornigen Nopale richteten ſich vor Cuchillo wie Phantome auf, und ſtreckten die Arme aus, um ſich ihm während ſeines Jagens entgegenzu⸗ ſtellen; ein kalter Schweiß befeuchtete ſeine Stirnez aber die Habſucht, die bei ihm noch ſtärker, als die Furcht war, ſpornte ihn, wie ſeine Sporen die Flan⸗ ken ſeines Pferdes peinigten, und trieb ihn blindlings nach dem Goldthale hin. Die Wirklichkeit folgte alsbald ſeinen Viſionen, und der Bandit lachte über ſeine Schrecken. „Die Phantome,“ ſprach er,„ſind wie die Alcal⸗ den, die arme Teufel, wie ich einer bin, nimmer in Ruhe laſſen; aber ſobald es mir gelingt, etliche Ar⸗ roben von dieſem Golde auf die Seite zu bringen, werde ich für die Ruhe der Seele des Arellanos ſo 236 viele Meſſen leſen laſſen, daß er ſich Glück wünſchen wird, von ſo großmüthigen Händen aus dieſer Welt befördert worden zu ſein.“ Cuchillo brach in ein Gelächter aus, und trieb ſein Pferd noch mehr anz nachdem er ſo einige Minu⸗ ten dahin gejagt, hielt er von Neuem an, um zu hor⸗ chen. Mit Ausnahme des Athems, der in ungeſtümer und geräuſchvoller Weiſe durch die Nüſtern ſeines Pfer⸗ des drang, ſtörte ſonſt kein Geräuſch die Stille der Wüſte. Der Bandit ließ ſeine ſchweißbedeckte Stirne durch den kühlenden Morgenwind einen Augenblick frei küſſen. „Ich bin allein, ja, ganz allein,“ hob er wieder an,„die viehiſchen Menſchen, die ich ſo gut geführt, ſchlagen ſich dort unten, damit ich ſo viel Zeit habe, um den Sand eines Theiles des Goldes zu berauben, das er leicht bedeckt, aber nicht verbirgt. Wer kann mich nun, ſobald der Tag graut, verhindern, ſo viel Gold aufzuleſen, als ich tragen kann, ohne mein Ge⸗ heimniß zu verrathen? Dieſes Mal wird es nicht mehr gehen, wie zur Zeit, wo Arellanos bei mir war: ich werde vor den Indianern nicht mehr zu fliehen brauchen; ich habe dieſen ihre Beute überliefert, damit ſie die Menſchen von meinem Wege ferne halten. Und dann komme ich mit denjenigen meiner Gefährten zu⸗ rück, die den Lanzen der Apachen entgangen find! Wie viele von ihnen werden noch übrig bleiben, um mit mir zu theilen? Oh, der Gedanke an dieſe Schätze entzündet das Blut in meinen Adern! Wird nicht das Gold mir gehören,— das Gold, das hienieden allein Ruhm, Vergnügen, alle Güter dieſer Welt verſchafft, und deſſen Gewalt, nach der Ausſage unſerer Prieſter, ſich noch über das Grab hinaus erſtreckt?“ Ein blendender Schwindel ging hier am Auge des Banditen vorüber, der ſeinem Pferde von Neuem die Sporen gab, und dem Goldthale zujagte. Während Cuchillo, von der Hoffnung einer reichen 237 Beute berauſcht, blindlings dahin eilte, wohin ihn das Schickſal rief, kamen, durch den Einfluß, dem er ſelbſt gehorchte, hinter ihm her in dieſe düſteren Einöden ge⸗ trieben, ihrerſeits die vier Reiter, die in aller Stille das mexikaniſche Lager verlaſſen hatten. Dieſe Reiter waren, wie wir wiſſen, Don Eſtevan, Pedro Diaz, Oroche, und Baraja. Wie wir geſehen haben, ſo waren die letzteren drei Perſonen unter allen Abenteurern diejenigen, auf die der Chef ſich am Meiſten verlaſſen zu können glaubte. Obgleich die Nebelhügel nicht über ſechs Stun⸗ den vom Lager entfernt waren, ſo hatte doch Arechiza, nicht wiſſend, wie viel Zeit die Erxpedition erfordern würde, den Befehl hinterlaſſen, ſeine Rückkehr hinter den Verſchanzungen abzuwarten. Und dann hatte er ſich, wie von uns bereits geſagt worden, unter dem Vorwande entfernt, daß er in der Umgegend eine Re⸗ cognoscirung vornehmen wolle. Zu gleicher Zeit hatte er die Abenteurer nicht einmal ahnen laſſen, daß ſie ſo nahe am Ziele wären. Oroche und Baraja kannten allein den wahren Zweck dieſer nächtlichen Erpedition, und folgten in eini⸗ ger Entfernung Don Eſtevan und Diaz, welche voran⸗ ritten. Die zwei Freunde ritten ſo in die Finſterniß hin⸗ aus, und es klopfte ihr Herz bei dem Gedanken, daß ſie bald das reichſte Placer, das je die Augen eines Goldſuchers geblendet, betreten würden. Auch brann⸗ ten ſie vor Begierde, Cuchillo den Weg abzuſchneiden. Aber ein zweiſtündiges Rennen hatte zu keinem Reſultate geführt, da Cuchillo wenigſtens zwei Stun⸗ den vor ihnen weggeritten war. So blieb er für ſeine Verfolger in den ungeheuren Ebenen unſichtbar, wo die Dunkelheit ſelbſt dem geübten Auge eines Indianers es unmöglich gemacht haben würde, die Spur deſſelben zu erkennen. 238 Mehr denn einmal ſtand Don Eſtevan auf dem Punkte, eine vergebliche Verfolgung aufzugeben, und das Verſchwinden Cuchillo's jedem andern Beweggrunde, nuv dem Verrathe nicht, zuzuſchreiben. „Es kann aber keinem Zweifel unterliegen,“ ſprach Pedro Diaz,„daß der Schlingel den Angriff der In⸗ dianer benützt hat, um dem Goldthale zuzufliehen, und von den Schätzen, die er an uns verkauft hat, ſo viel vorweg zu nehmen, daß wir vielleicht damit die Ma⸗ jorität im Congreſſe zu Ariſpe auf unſere Seite brin⸗ gen könnten; es iſt dieß ein Raub, dem wir zuvorkom⸗ men müſſen.“ „Es iſt dieß nicht die Sache, die ich am Meiſten fürchte,“ antwortete Don Eſtevan lächelnd;„hat Cu⸗ chillo in Betreff des Schatzes, den er an mich ver⸗ kauft hat, nicht übertrieben, ſo hätte der Senat von Ariſpe wohl nicht ſeines gleichen auf der Welt, wenn uns nicht ſo viel Gold ührig bliebe, um ihn mehrere Mal zu beſtechen. Allein ſo nahe an einem Ziele, dem zu Liebe ich durch Wüſten gezogen bin, und eine von Jedermann beneidete Stellung verlaſſen, dem zu Liebe ich mich allen Fährlichkeiten einer Expedition, wie die unſerige iſt, ausgeſetzt habe, fühle ich mich plötzlich, ich weiß nicht von welcher unbeſtimmten Furcht ergriffen, daß ich noch im Hafen ſcheitern werde. Die Wüſte iſt, wie das Meer, reich an Räubern jeder Art, und die Seele Cuchillo's iſt fruchtbar an Verrath; es däucht mir, der Bandit werde mir Unglück bringen.“ Und Don Antonio de Mediana ſetzte ſeinem Weg ſchweigend fort. In einer andern Stimmung befanden ſich die beiden Reiter, die Don Antonio folgten. Ihren Augen ſchien es, als ob ein goldener Nebel über dem Placer auf⸗ ſteige, dem ſie zueilten. „Möge ich,“ ſagte Baraja zu ſeinem Kameraden, „mein ganzes Leben nur einen dem Ihrigen gleichen Mantel zu tragen verdammt ſein, Senor Oroche, wenn ——— —— Cuchillo nicht der größte Spitzbube iſt, den ich je in meinem Leben gefunden! Und doch verzeihe ich ihm von ganzem Herzen die Treuloſigkeit, deren Opfer wir um ein Haar geworden wären; denn ihm werde ich es zu verdanken haben, wenn ich endlich den Fuß anf eines jener Placers ſetze, von denen ich ſo Viel habe ſprechen horen, und an deren Reichhaltigkeit, ich geſtehe es Ihnen offen, Ihr nicht im allerbeſten Zuſtande befindlicher Mantel mich oft hatte zweifeln laſſen.“ In dem Augenblicke, wo der langhaarige Gambu⸗ fino ſich bereit machte, Baraja wegen dieſer Anſpielung auf das namenloſe Kleidungsſtück, das man hoflichkeits⸗ halber einen Mantel nannte, mit einiger Bitterkeit ab⸗ zufertigen, hatte Don Eſtevan Halt gemacht, während Pedro Diaz abſtieg. Der Abenteurer bückte ſich, um einen ſchwärzlichen Gegenſtand von problematiſcher Form vom Sande auf⸗ zuheben; es war eine Art kleinen ledernen Mantelſacks, der für ein Eigenthum Cuchillo's erkannt wurde, „Dieß beweist uns, gnädiger Herr,“ ſprach Diaz, „daß wir wirklich auf der rechten Spur ſind, und daß der anbrechende Tag uns bald von der Anweſenheit eines Verräthers überzeugen wird „Und es wird dieß dann ſein letzter Verrath ſein, ich ſchwöre es!“ ſetzte Don Eſtevan hinzu. Die Reiter ſetzten darauf ihren Weg fort, über⸗ zeugt, daß Cuchillo ihnen voraus ſei, und ſich bald ihren Augen zeigen müſſe. In der That kamen, mit Sonnenaufgang,— und dieſer Augenblick war nicht mehr fern,— die Haupt⸗ perſonen in dieſem Drama, ohne daß ſie es wußten, vom Finger Gottes getrieben, und wie beſtellt, herbei, um in dem unzugänglichſten Theile dieſer Wüſteneien, inmitten einer ebenſo bizarren, als impoſanten Decora⸗ tion zuſammenzutreffen. ———————— Zweiunddreißigſtes Kapitel. Der Parlamentär. Schon hatten die vier Flüchtlinge den Fuß auf das Ufer geſetzt, auf dem ſie mit ihrem Floße aufge⸗ fahren, als der Bote, den die apachiſchen Häuptlinge abgeſandt hatten, um dem Schwarzvogel das oberſte Commando anzutragen, die Augen öffnete. Es graute der Tag. Einige Stunden der Ruhe hatten hingereicht, um ſeinen ermüdeten Gliedern neue Kraft zu verleihen; auf ſeinem harten Lager bedarf der Krieger der Wüſte keines langen Schlafes. Der Häuptling war immer noch unbeweglich, und ſchien, beim Lichte des verlöſchenden Feuers, ebenſo düſter, und ebenſo unverſöhnlich, wie am vorangegangenen Abende. „Die Vögel fangen an zu ſingen,“ ſagte der Läufer in der bilderreichen Sprache, welche die Indianer von den Orientalen überkommen haben,— von den Orien⸗ talen, von denen ſie abzuſtammen ſcheinen.„Der Nebel entflieht vor der Sonne. Hat die Nacht dem Häuptlinge zu Gunſten des Volkes, das ſeiner Ankunft harrt, noch keinen Rath gebracht?“ „Dem, der nicht ſchläft, ſagt die Nacht gar Vieles,“ antwortete der Häuptling,„und die ganze Nacht hin⸗ durch hat der Schwarzvogel das Geſtöhne und das Geächze ſeiner Opfer gehört; er hat dem Knurren des Hungers in ihren Eingeweiden gelauſcht; et hat allen Stimmen ſeines Geiſtes ein aufmerkſames Ohr geliehen, — aber er hat die Bitten der Krieger ſeiner Nation nicht gehört.“ „Gut! der Bote wird denjenigen, die ihn herge⸗ — S 241 5 geſanbt haben, getreulich die Worte hinterbringen, die er jetzt gehört hat.“ Der Läufer ſchnallte, im Begriffe, wegzugehen, den Riemen, den er um die Lenden trug, feſter, als der Häuptling ihn bat, ihm auf die Beine zu helfen. Der Apache gehorchte. Als der Häuptling wieder, obwohl nicht ohne Mühe, auf den Beinen ſtand, wobei er den Schmerz unterdrückte, den ihm das heftige Stechen, welches er in ſeiner zerſchmetterten Schulter fühlte, verurſachte, ſprach er, auf den Arm des Läufers geſtützt: „Wir wollen nun die Schildwachen vifitiren.“ Und begleitet und geſtützt vom Indianer, ging der Schwarzvogel mit langſamem, obwohl ziemlich ſicherem Schritte nach den verſchiedenen Feuern hin, die noch brannten. Andere Schildwachen hatten die erſten abgelöst, die nun ihrerſeits, in ihre Biſonhaut gehüllt, auf dem Boden herumlagen, und ſchnarchten. Unter allen Krie⸗ gern hatte der Schwarzvogel allein die Augen nicht geſchloſſen. Die Dienſt habenden Schildwachen ſtanden auf ihrem Poſten, unbeweglich, wie Statuen von flo⸗ rentiniſchem Bronze. Die erſte Schildwache, die über die Ereigniſſe der Nacht gefragt wurde, antwortete: „Der Nebel iſt nicht ſtiller, als der Fluß; die weißen Krieger, die dem Feuer entgangen ſind, hätten ſchwimmend nicht entfliehen können, es ſei denn, daß ſie ſtumm und ſtille geweſen wären, wie die Fiſche unter dem Waſſer.“ Alle übrigen antworteten in der gleichen Richtung. „Es iſt gut!“ ſprach der Indianer, in deſſen Auge eine wilde Freude glänzte. Dann wandte er ſich an den Boten, und fuhr, ihm den Verband zeigend, der ſeine Achſel umgab, alſo fort: „Die Rache ſpricht zu laut zu meinem Ohre, als daß daſſelbe eine andere Stimme hören koͤnnte.“ Der Waldläufer, M. 16 242 Es war dieß eine neue Beſtätigung des dem Boten bereits mitgetheilten Entſchluſſes. Letzterer führte den Schwarzvogel ſchweigend an ſein Feuer zurück. Indeſſen beeilte ſich der Läufer, ungeachtet dieſer wiederholten Benachrichtigung, nicht, wegzugehen. Sein Auge ſchien die dicke, über dem Fluſſe ſchwebende Nebel⸗ wolke durchdringen zu wollen. Der ſtärkere Wind, der dem Aufgange der Sonne vorangeht, zerriß ſie bisweilen an einigen Stellen. Es war leicht zu ſehen, daß dieſe compacte Nebelmaſſe jeden Augenblick ſich zertheilen konnte, wie das Eis, wenn ein Fluß aufgeht. Wie aufmerkſam auch der In⸗ dianer hinſchaute, ſo hatte er doch durch keine dieſer vorübergehenden Oeffnungen hindurch die vom Häupt⸗ linge beſchriebene Inſel zu entdecken vermocht. Der Gedanke, daß die Wachſamkeit der Schild⸗ wachen dennoch, in Folge einiger unbegreiflichen Um⸗ ſtände, habe getäuſcht werden können, fuhr dem Boten durch den Kopf, denn eine ſchlecht verhehlte Freude glänzte in ſeinem Blicke. „Ich habe geſagt, daß ich mich erſt mit Sonnen⸗ aufgang auf den Weg machen würde.“ Dieſe Reflexion des indianiſchen Läufers war die Folge der Vermuthung, der er ſo eben und ſo plötzlich Raum gegeben. Bald wurde das erſte Dämerungslicht etwas be⸗ ſtimmter. Die Nebelmaſſen wälzten ſich über einander her, wie die Staubmaſſen, die durch eine Büffelheerde erregt werden. Dann verliehen die noch ſchiefen Strahlen der Sri⸗ dieſem graulichen Schleier das rothe Feuer des Bald osecillirte der Nebelſchleier, wie eine unge⸗ heure Draperie, von der jeder Sonnenſtrahl und jeder Hauch des Morgenwindes ein grauliches Stück mit fortrißen. Noch ſchwebten einige Dunſtwölkchen über der azur⸗ 243 nen Oberfläche des Fluſſes, als der Schwarzvogel einen fürchterlichen Schrei der Enttäuſchung und der Wuth ausſtieß. Das Inſelchen war gänzlich verſchwundenz der Ort, den es am vergangenen Abende mitten im Waſſer eingenommen hatte, war ſo glatt, wie ein Spiegel; auch nicht eines der Schilfrohre, die es begrenzt, auch nicht eine der grünenden Wurzeln, die es umgeben hatten, zeigte ſich über dem Waſſer. „Die Hand des böſen Geiſtes hat ſich über das Waſſer ausgereckt,“ ſprach der indianiſche Läufer.„Er hat es nicht gewollt, daß die weißen Hunde, die ſeine Kinder find, in den Händen eines ſo berühmten Se wie der Schwarzvogel iſt, ihren Tod finden ollen.“— Aber der Indianer hörte nicht die geſuchten Bei⸗ leidsbezeigungen des Boten, der ſich innerlich zu dem Verſchwinden der Flüchtlinge Glück wünſchte. Dieſes Mal hatte ſich der wilbe Häuptling allein aufgerichtet; ſein Auge war groß, und ſein Geſicht hleich unter ſei⸗ ner Tättowirung und ſeinen Ochermaſſen; ſeine Hand ſchwang die Streitart, während er der zunächſt ſtehen⸗ den Schildwache zuſchwankte. Aber der bedrohte indianiſche Krieger rührte ſich nicht. Er blieb mit vorgeſtrecktem Kopfe, und halb in die Höhe gehobenen Armen ſtehen, und hatte ganz die Haltung eines Menſchen, der horcht., gleich als wollte er damit zeigen, daß er bis auf dieſen unglücklichen Augenblick nicht aufgehört habe, treu zu wachen. Indeſſen war die Streitart des Häuptlings bereits im Begriffe, auf den Kopf des indianiſchen Kriegers herabzufallen, als der Arm des Boten den des Schwarz⸗ vogels aufhielt. „Die Sinne des Indianers haben Grenzen,“ ſprach er,„er kann das Gras nicht wachſen hören;— ſein Auge konnte nicht die Wolken durchdringen, die den Fluß verſchleierten. Der Schwarzvogel hat gethan, 244 was er gekonnt hat,— er hat keine Vorſichtsmaßregel vernachläßigt, der große Geiſt hat nicht gewollt, daß ein Häuptling ſeine Zeit mit der Vergießung des Blu⸗ tes dreier Weißen verlieren ſolle, da er ihm Gelegen⸗ heit gibt, dort unten ganze Ströme zu vergießen.“ Der Indianer deutete mit dem Finger nach der Gegend hin, wo das merxikaniſche Lager ſich befand. Der Schwarzvogel vermochte, erſchöpft durch die gemachten Anſtrengungen und die ihn verzehrende Wuth, nicht, zu antworten. Seine Wunde hatte ſich wieder geöffnet, und ſein Blut floß von Neuem durch ſeinen mit Riemen ſeſtgebundenen Verband, hindurch. Er wankte, ſeine Kniekehlen bogen ſich, und der Bote mußte ihn auf das Gras hinſetzen, wo der Indianer das Bewußtſein verlor. Die Zeit, die bis zu dem Augenblicke verſtrich, wo der Schwarzvogel wieder zu ſich kam, rettete die vier Flüchtlinge, die bei ihrer langſamen Fahrt auf dem Fluſſe von den Apachen ohne Zweifel eingeholt worden wären. Ein lange anhaltendes Geheul, das ſich auf dem entgegengeſetzten Ufer erhob, bewies dem wilden Häupt⸗ linge in dem Augenblicke, wo er die Augen wieder öff⸗ nete, daß ſeine Gefährten das Verſchwinden der ſchwim⸗ menden Inſel nun gleichfalls bemerkten. „Wir wollen die Spur der Flüchtlinge aufſuchen,“ ſprach der Läufer;„und dann wird der Schwarzvogel der Stimme der Vernunft Gehör geben: ſeine Ohren werden nicht länger taub ſein.“ Die auf dem andern Ufer aufgeſtellten apachiſchen Krieger erhielten den Befehl, ſich mit ihrem Häupt⸗ linge zu vereinigen, und als ſie alle, etwa dreißig an der Zahl, beiſammen waren, hißte man denverwundeten Indianer auf ſein Pferd hinauf. Der Bote, der zu Fuß gekommen war,— denn es hatte derſelbe bei dem Angriffe vom verfloſſenen Abende 6 ₰ 245 ſein Pferd verloren,— ſetzte ſich hinter den Schwarz⸗ vogel, um ihn im Nothfalle im Sattel feſtzuhalten. Dann ging es flußabwärts. Als der erſte Augenblick der Ueberraſchung vorüber war, hatten die Indianer ſich geſtehen müſſen, daß nichts Anderes möglich geweſen, als daß die ſchwim⸗ mende Inſel aus dem Grunde geriſſen worden; ſie hofften daher, dieſelbe nicht weit von ihrem urſprüng⸗ lichen Orte geſcheitert zu finden. Die Indianer ritten lange fort, ohne eine Spur von den Perſonen zu finden, die ſie ſuchten. Zwar ſtieß einer der Krieger beim Anblicke der Spuren der Flücht⸗ linge, die den Ort zeigten, wo ſie den Fuß aufs Ufer geſetzt, einen Freudenſchrei aus; alle Vorſichtsmaßre⸗ geln des Canadiers hatten dem Auge der Apachen die Spuren der Weißen nicht verbergen können; allein die Sorgfalt, womit er und Pepe das Floß zertrümmert und ganz und gar vernichtet hatte, täuſchte ſie. Das Waſſer hatte das Gras, die Aeſte, die Wur⸗ zeln mit fortgeführt, und ſo weit die Indianer ſehen fonnten, waren ſie nicht im Stande, Etwas zu be⸗ merken, was ſie an die bekannte Form der Inſel erinnert hätte. Die Spuren am ufer gingen nur einige Schritte weit; offenbar hatten alſo die Flüchtlinge ihre Fahrt foctgeſetzt, und offenbar hatten ſie nun einen Vorſprung gewonnen, den man ihnen nicht mehr ſtreitig machen konnte. Ungeachtet ſeines Aergers bei dieſem neuen Be⸗ weiſe ſeiner Unmacht, die drei Jäger, die er mit ſeinem Haſſe verfolgte, zu erreichen, hatte der Schwarzvogel voch ſo viel Zeit gehabt, um ſeine Phyſiognomie wieder in ſeine Gewalt zu bekommen. Der Indianer blieb daher impaſſibel. Der bei ihm einmal erregte Blutdurſt war dadurch aber nicht geſtillt, ſondern zeigte ihm, nachdem die Flüchtlinge verſchwunden waren, einen andern zu ver⸗ 246 folgenden Zweck; mußte er ſich auch der Nothwendig⸗ keit fügen und ſeine Rache verſchieben, ſo ließ er auf der andern Seite ſeinem ungeſtümen Ehrgeize den Zügel ſchießen. Er fühlte ſich zum zweiten Male gedrungen, ſich vor dem Boten zu entſchuldigen. Der argliſtige India⸗ ner ſtieß einen Seufzer der Erleichterung aus, wie ein einer unheilvollen Hallucination zum Opfer gewordener Menſch in dem Augenblick, wo ihm die Augen aufgehen. Nachdem er einen langen Blick getäuſchten Haſſes flußabwärts geworfen, ſtreckte er den Hals nach der ent⸗ gegengeſetzten Seite hin aus, und blieb unbeweglich. „Was hört der Häuptling, deſſen Ohr ſo fein iſt?“ fragte der Läufer. „Der Schwarzvogel hört jetzt die Stille; die Stimme des Bluts ſaust nicht mehr an ſeinem Ohr.“ „Iſt das Alles, was er hört?“ fragte der Bote wieder. Der indianiſche Häuptling ſetzte ſeine diplomatiſche Komödie fort. Er antwortete nicht, aber ſeine Phyſio⸗ gnomie nahm einen lachenden Ausdruck an, wie wenn eine ferne Melodie ſeine Sinne träfe. „Meine Ohren,“ erwiederte der Häuptling,„ſind nicht mehr taub. Die Hand des böſen Geiſtes liegt nicht mehr darauf. Ich höre die Stimme der Krieger, die mich rufen, um die Ehre meiner Nation zu rächen: ich höre das Kniſtern des Feuers, um welches der Rath verſammelt iſt. Gelobt ſei der gute Geiſt, der die apa⸗ chiſchen Völkerſchaften beſchützt! Machen wir uns auf!“ Der Indianer wandte ſein Pferd nach dem Orte hin, wo, nach dem Berichte des Läufers, die verſammel⸗ ten Krieger auf ſeine Antwort warteten. Die Sonne goß Lichtſtröme über die Wüſte aus, als der Schwarzvogel mit ſeiner Truppe bei der Haſe von Gummibäumen ankam, wo wir einen Tag zuvpr die rathſchlagenden Indianer verſammelt geſehen haben. Nach der erlittenen Niederlage und nach der nächtlichen — Verfolgung, deren Gegenſtand ſie geweſen waren, hat⸗ ten die Indianer an demſelben Orte das Feuer ihres Rathes wieder angezündet. Beim Anblicke des gefürchteten Häuptlings, deſſen Rückkehr mit ſo vieler Ungeduld erwartet worden war⸗ brachen Alle in ein gewaltiges Freudengeſchrei aus. Der ehrgeizige Indianer nahm dieſe Zuruſe mit vieler Würde und als eine verdiente Huldigung auf. Dann wandte er ſich an ſämmtliche verſammelte Krieger und ſprach: „Der Geiſt des Schwarzvogels wird allein bei ſei⸗ nen RKriegern ſein, denn ſein Körper iſt krank und ſein Arm geſchwächt.“ Bei dieſen Worten zeigte er ſeine blutende Schulter⸗ Ein Klagegeheul folgte auf das Freudengeſchrei, und nachdem dieſe Demonſtration der Trauer ein wenig vor⸗ über war, half man dem Häuptlinge abſteigen. So⸗ dann führte man ihn zu dem Feuer hin, wo man ihn ſich ſetzen ließ. Als er ſich auf den Boden niedergelaſſen, verbeug⸗ 6 ſich ſeine Mithäuptlinge und nahmen rings umher latz. Der Schwarzvogel rauchte aus der Pfeife, die man ihm hinbot; dann gab er ſie einem Andern, und ſo ging die Pfeife, inmitten des tiefſten Schweigens, in der gan⸗ zen Rathsverſammlung herum. Alle bereiteten ſich durch ein ernſtes Nachdenken auf die Discuſſion vor, die nun ſtattfinden ſollte. Wir wollen die wilden Häuptlinge ernſt fortrauchen laſſen, wie es Kriegern geziemt, deren Geiſt langſam und deren Hand ſchnell ſein muß, um auf das mexika⸗ niſche Lager, das ohne Führer und ohne Oberhaupt ge⸗ blieben war, einen Blick zu werfen. Es herrſchte da eine große Verwirrung. Es hatte ſich, wie es faſt immer geſchieht, wie ſorgfältig man auch ein Geheimniß zu bewahren geſucht, das Gerücht verbreitet, daß die Goldſucher nicht mehr weit vom Ziele 248 ihrer Erpedition ſtänden; daß ganz in der Nähe des Lagers ein unermeßlich reiches Gold⸗Plarer ſich befände, und daß endlich die Recognoscirung, wegen deren Don Eſtevan de Arechiza ſich entfernt, keinen anderen Grund hätte, als die Lage deſſelben genauer zu beſtimmen. Während der erſten Morgenſtunden hatte die Ver⸗ wirrung im Lager keinen andern Grund, als die fieber⸗ hafte Ungeduld, womit Alles die Rückkehr des Chefs * erwartete,— des Chefs, der die glückliche Nachricht überbringen ſollte. Als aber die Sonne faſt die Hälfte ihres Laufes vollendet hatte, ohne daß einer der vier am Morgen abgegangenen Reiter zurückkam, folgte die Unruhe auf die Ungeduld. In dieſer zweiten Phaſe finden wir die Goldſucher wieder. Auf dem das Lager beherrſchenden Hügel iſt das auf Befehl des Chefs aufgeſchlagene Zelt verlaſſen. Die mit dem Wappen der Mediana geſchmückte Fahne hängt traurig an ihrem Schafte herab, anſtatt im Winde zu flattern; nicht ein Lüftchen bewegt, inmitten dieſes Sand⸗ ozeans, ihre Falten. Vergebens befragen die merikani⸗ ſchen Schildwachen jeden Augenblick den Horizont: ſie ſehen weder ihren Chef, noch ihren Führer, deſſen my⸗ ſteriöſes Verſchwinden ſie erſchreckt, noch die drei Be⸗ gleiter Don Eſtevan's zurückkommen. Die Pferde laſſen, an ihre Pfähle angebunden, un⸗ ter dem Einfluſſe des Durſtes, den Kopf finken; auch die Menſchen werden vom Durſte gequält, und außer⸗ dem bedroht ſie noch der Hunger, denn die Jäger wa⸗ gen es nicht mehr, Damhirſche oder Biſone zu ver⸗ folgen; es ſind die beſtimmteſten Befehle ergangen, daß Niemand über die Verſchanzungen hinausgehen dürfe. Jemehr die Zeit vorrückt, um ſo größer wird die Unruhe und die Unbehaglichkeit:— Solches geht im Lager vor. Vor den Verſchanzungen und nicht weit davon, ——— *— aber unter dem Winde, gehen die Leichname der Pferde und der Indianer auf dem Boden in Fäulniß über. Auf der Ebene, in einer entgegengeſetzten Richtung zeigt der friſch aufgegrabene Sand den Platz an, wo diejenigen Abenteurer, die am vorhergegangenen Tage kämpfend gefallen ſind, für immer ruhen. Dieſes traurige Gemälde trägt dazu bei, daß die ganze, ſchon ſo traurige Landſchaft ein noch düſtereres Ausſehen erhält. So viel über das Aeußere des Lagers. Es war etwa die Stunde herangerückt, um welche die Goldſucher den Tag zuvor an dieſem Orte Halt ge⸗ macht hatten, das heißt, es war etwa vier Uhr, als die Schildwachen in der Ferne eine leichte Staubwolke er⸗ ſpäheten. Alles ſtürzte nach dieſer Seite hin, in der Hoffnung, Don Eſtevan ſammt ſeinen Gefährten wieder⸗ zu ſehen. Die Illuſion dauerte aber nicht lange. Die indianiſchen Federbüſche und die mit Menſchen⸗ haaren wie mit Wimpeln geſchmückten Lanzen wurden inmitten der Staubwolke bald ſichtbar. „Zu den Waffen! zu den Waffen! Es kommen die Indianer!“ So lautete das Geſchrei, das ſich allenthalben hö⸗ ren ließ. Allein die bis jetzt ſchon ſo große Verwirrung war Nichts im Vergleich mit der, die ſich bei dieſer unvor⸗ hergeſehenen Nachricht des ganzen Lagers bemächtigte. Wer ſollte befehlen? Wer gehorchen? Indeſſen ſtellte ſich Jeder, ſo gut es eben gehen mochte, an den Poſten, der ihm am vorhergegangenen Tage angewieſen wor⸗ den war. Auf allen Geſichtern herrſchte die Angſt. Indeſſen kam ein Augenblick, wo Jeder wieder Muth faßte. Die indianiſchen Reiter waren nur ſechs an der Zahl, und anſtatt heranzugaloppiren und ihr Kriegsge⸗ ſchrei hören zu laſſen, kamen ſie ganz ruhig auf die 250 Verſchanzungen zu. Einer von den Indianern bewegte an der Spitze ſeiner Lanze einen weißen Fetzen umher, der das Friedensſymbol darſtellen ſollte, das, wie un⸗ ſere Leſer wiſſen werden, in allen Ländern eine weiße Fahne iſt. Als ſie ſich bis auf zwei Büchſenſchüſſe genähert hatten, entfernte ſich der Reiter, der die weiße Fahne S, von ſeinen Kameraden; Letztere blieben an ihrem Orte. Nach einigen Schritten machte der Parlamentär gleichfalls Halt und bewegte ſeine Fahne von Neuem hin und her. Einer der Abeuteurer, deſſen Heimath das Preſidio Tuhac war, hatte mit den apachiſchen Stämmen ein Bischen verkehrt, und kannte ihre Sprache hinläng⸗ lich, um den halb indianiſchen, halb ſpaniſchen Dialekt, der an der Grenze im Gebrauche iſt, zu verſtehen und zu ſprechen. Es war ein kleiner, magerer Mann, der in den Augen der Indianer, welche, wie alle Barbaren, große Bewunderer äußerer Schönheit find, die oberſte Gewalt ziemlich ſchlecht repräſentiren mußte. Auch weigerte er ſich lange auf's Heftigſte, dieſe Rolle zu übernehmen, bis er endlich nachgeben mußte. Die Abenteurer durf⸗ ten, im Intereſſe ihrer Rettung und um die Beſprechung, die Statt finden ſollte, einem glücklichen Ende zuzuführen, ihres Chefs nicht beraubt ſcheinen. Es wurde im mexikaniſchen Lager ein Taſchentuch, das einſt weiß geweſen war, genommen, um die parla⸗ mentariſche Fahne vorzuſtellen. Der Abenteurer,— er hieß Gomez,— verließ, ge⸗ waltig aufgeregt, die Verſchanzungen, um auf den In⸗ dianer zuzureiten, deſſen feſte Haltung mit ſeinem eige⸗ nen ſchüchternen Weſen contraſtirte. Indeſſen beruhigte er ſich wieder beim Anblicke der blutigen Riemchen, die eine der Schultern des apachiſchen Kriegers umgaben⸗ An dieſer Wunde hat man den Schwarzvogel wie⸗ der erkannt. Der Mexikaner und der Indianer grüßten einander, und der Schwarzvogel ergriff zuerſt das Wort. „Es ſind wohl zwei Häuptlinge, die jetzt mit ein⸗ ander ſprechen werden,“ ſagte der Indianer artig. Der Mexikaner antwortete nicht minder artig; all⸗ ein eine gewiſſe Verwirrung ſtrafte ſeine Behauptung ein Bischen Lügen. „Es wohnt bisweilen eine große Seele in einem ärmlichen Körper,“ ſprach der Indianer;„mein weißer Bruder muß ein großer Häuptling ſein.“ Es lag in dieſer zweideutigen Antwort mehr Iro⸗ nie, als Offenheit; allein der Ton des Indianers ver⸗ rieth nur eine vollſtändige Ueberzeugung, obgleich ſein feiner Takt durch den Goldſucher nicht hatte irre geführt werden können. Der Schwarzvogel heftete auf Gomez Augen, die bis auf den Grund ſeiner Seele dringen zu wollen ſchienen. Die Augen des Mexikaners konnten dieſen prüfen⸗ den und furchtbaren Blick des Indianers nicht aushal⸗ tenz er ſchlug ſie nieder, worauf der Indianer alſo fort⸗ fuhr: „Mein Bruder lügt nicht, wenn er ſich für einen Häuptling ausgibt; allein ohne Zweifel zählt das La⸗ ger der Weißen mehrere ſolche Häuptlinge, und er iſt wohl nur einer derſelben.“ „Ich bin der alleinige Häuptling,“ antwortete der Abenteurer in ſichtlicher Verlegenheit. Beim Anblicke eines ſo wenig impoſant ausſehenden Chefs fühlte der Schwarzvogel, daß er mit dem armen Teufel leicht fertig werden würde, der ſo unfähig war, es ihm an Verſchlagenheit und Feſtigkeit gleich zu thun, ſein Auge erglänzte von einem noch unheimlicheren Feuer. 252 Der Wilde beſchloß, ſich von der Wahrheitsliebe des angeblichen Chefs zu überzeugen. „Die Worte, die ich bringe,“ ſprach er,„find Worte des Friedens; alle Krieger aus Mittag müſſen ſich um mich verſammeln, um dieſelben zu hören. Die Indianer würden den Abgeſandten der Weißen am Rathsfeuer empfangen; er würde das Zelt des Häuptlings betreten. Warum hält der Häuptling der Weißen den Indianer, der zu ihm kommt, ſo vom Läger entfernt?“ Gomez wußte nicht, was er thun ſollte. Er mochte den Wolf nicht in den Schaſſtall hineinführen. Der Schwarzvogel ſah dieſe Unſchlüſſigkeit. Seine Augenbraue runzelte ſich; eine finſtere Wolke, ähnlich derjenigen, welche, während ſie ſich mit Elektrizität ſchwängert, ſchwarz wird, ging über die Stirn des In⸗ dianers hin, deſſen Augen leuchteten, wie die Blitze, die der Wolke entfahren. „Der Häuptling der Apachen iſt kein Häuptling, den man von ſeiner Hütte entfernt halten darf. Eine ſeiner Hände enthält den Krieg, die andere den Frie⸗ den; welche von beiden ſoll er öffnen?“ Dieſes Drohen mit einem Bruche, und der Ton, welche die Drohung begleitete, ſchüchterten den Mexi⸗ kaner vollends ein. Er war auf dem Punkte, zu ant⸗ worten, er wolle ſeine Gefährten zu Rathe ziehen; all⸗ ein er zügelte ſeine Zunge noch zur rechten Zeit. Der verſchmitzte Indianer fuhr in einem ruhigen Tone, der aber mit einiger Ironie untermiſcht war, alſo fort: „Ein einziger meiner Krieger wird mich begleiten. Sind die Weißen ſo wenig zahlreich, daß ſie zwei fremde Krieger in ihrem Lager fürchten müſſen? Iſt ihr Lager nicht befeſtigt? Haben Sie nicht große Pulver⸗ und Kugelvorräthe?“ Durch die diplomatiſche Geſchicklichkeit des India⸗ ners übertölpelt, fühlte der arme Gomez, daß er dem Parlamentär den Eintritt in's Lager nicht länger ver⸗ weigern könne, ohne ſich einerſeits der Gefahr auszu⸗ ſetzen, die Friedenshoffnungen ſchwinden zu ſehen, und ohne auf der andern Seite ein Mißtrauen an den Tag zu legen, das die günſtige Meinung Lügen ſtrafen müſſe, die der Indianer im Betreff ihrer Hülfsquellen ausge⸗ ſprochen. „Möge mein rother Bruder einen Begleiter, aber bloß einen einzigen auswählen!“ ſprach er. Mehr wollte der Schwarzvogel nicht. Sprach der Abenteurer die Wahrheit, indem er ſich für den Anfüh⸗ rer der Weißen ausgab, ſo ließ den rothhäutigen Krie⸗ ger ſein Takt errathen, wie beſchaffen Soldaten ſein mußten, die einen ſolchen Anführer hatten; log er, ſo mußte er wenigſtens den wahren Anführer der Weißen zu Geſicht bekommen, und darnach konnte er dann ſei⸗ nen Angriffsplan machen. In unſeren europäiſchen Kriegen iſt ein Parlamen⸗ tär ſtets eine unverletzliche und geheiligte Perſon, weil Herz und Mund bei ihm mit einander in Uebereinſtim⸗ mung ſind; allein bei wilden Nationen dient ein Frie⸗ densvorſchlag faſt immer nur dazu, eine baldige Treu⸗ loſigkeit zu maskiren. Der Indianer machte ein Zeichen, und derjenige ſeiner Krieger, der ſich auf ſeine Geſte näherte, war kein anderer, als der Läufer Antilope, den wir haben ebenſo diplomatiſch zu Werk gehen ſehen, wie den wil⸗ den Diplomaten ſelbſt, an den er abgeſchickt worden ſht⸗ um ihm die Herrſchaft über die Nation anzu⸗ ieten⸗ Außerdem war auch der Läufer von allen apachi⸗ ſchen Kriegern der einzige, der den wirklichen Chef, Don Eſtevan, welchen er nicht mehr finden ſollte, kannte, da er ihn geſehen hatte, wie er bei der Blutarbeit thä⸗ tig war. Die beiden Indianer folgten Gomez, und wechſel⸗ ten mit leiſer Stimme folgende Worte; 254 „Was iſt eiſ Schakal, der in einer Löwenhaut fteckt?“ ſprach der Läufer. „Dieſer Häuptling will das Auge des Schwarzvo⸗ gels täuſchen; aber das Auge des Schwarzvogels hatte ſchon unter ſeine Haut geſchaut,“ antwortete der ſchlaue Häuptling. Und beide drangen in das Lager ein, wie das Feuer und das Schwert, die ihre Verheerungen verei⸗ nigen wollen. —— Stuttgart. Aus dem visherigz Verlah iſt in den unſrigen übergegangen und kann durch alle Buchhandlun⸗ gen hezogen werden: Das Schaltjahr, welches iſt„der deutſch Kalender mit den Figuren und hat 366 Tag.“ 2 Durch J. Scheible. Mit einer großen Anzahl komiſcher, ſatyriſcher, magiſcher und anderer Abbildungen. 8. cart. 1—5. Band. Preis eines jeden Bandes 2 Thlr. oder 3 fl. 30 kr. Dieſes Werk iſt ſo pikanten Inhalts, und enthält ſo viele Curioſitäten und Seltenheiten in Wort und Bild, daß diejenigen, welche in vollem Maße ſich ergötzen und Raritäten geſammelt beſitzen wollen, die ſie einzeln ſelbſt zu enormen Preiſen gar nimmer bekommen könnten, es nicht werden eutbehren wollen. Unter einer Menge hier nicht aufzuzählender Rubriken find am reichſten folgende vertreten: Die heitern Feſte des ganzen Jahres: Eſelsfeſte, Faſtnachts⸗ gebräuche, Bohnenkönig, Narrenfeſte, Fiſcherſtechen, Scheibenſchießen u. ſ. w. Altdeutſcher Witz, Schwank und Spott von: Seb. Brandt, Geiler von Kaiſersberg, Fiſchart, Murner, Hans Sachs u. ſ. w.— Die Wundermänner und die Wundermittel: Theophraſtus Paracelſus, Albertus Magnus 2c.— Magie, Alchemie, Sympathie 24. —————— 7 „ 2 —— — — — Beſöndem, Sitten und Gebräuche: Die Frauenhäuſer und Frauenwirthe, Probenächte der deut⸗ ſchen Bauernmädchen ꝛc.— Volks⸗ und Fürſten⸗ luſt: Turniere, Aufzüge, Faſtnachtsſpiele ꝛc.— Spott⸗ ſchriften, Spottbilder und illuſtrirte flie⸗ gende Blätter.— Handwerker⸗, Künſtler⸗ und Studenten⸗Ceremoniel: Gebräuche, Lieder⸗ luſt c.— Häusliches Leben: Eſſen und Trinken, Küchen⸗ und Kellermeiſterei, Moden und Luxus 2c.— Abenteurer und Unholde: Fahrende Schüler, Va⸗ ganten, fahrende Fraueu, Goldmacher, Teufelsbeſchwörer, die Loſungen und Zeichtſ der Mordbrenner 2c.— Eurio⸗ ſitäten aus dem Gebiete der Juſtiz: Feuer⸗ und Waſſerproben, peinliches Halsgericht ꝛc.— Die mittel⸗ alterliche Kalenderweisheit in ihrem ganzen Umfange: Prognoſtikon, Aderlaß⸗, Schröpf⸗, Bad⸗ und andere medieiniſche Vorſchriften, Wetterregeln, Bauernphiloſophie u. ſ. w.— Franckh'ſche Verlagshandlung. — * ———————— „ „ 1— .—